summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authorwww-data <www-data@mail.pglaf.org>2026-04-15 12:56:43 -0700
committerwww-data <www-data@mail.pglaf.org>2026-04-15 12:56:43 -0700
commit495fdaad5e446b35d03d07ac802aa98c1c1c60e2 (patch)
tree4a97015c5f8328429395057be131b1abbe3fcee4
Initial commit of ebook 78454 filesHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--78454-0.txt12479
-rw-r--r--78454-h/78454-h.htm13515
-rw-r--r--78454-h/images/cover.jpgbin0 -> 786016 bytes
-rw-r--r--78454-h/images/signet.jpgbin0 -> 6362 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
7 files changed, 26010 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/78454-0.txt b/78454-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..b7f1bdf
--- /dev/null
+++ b/78454-0.txt
@@ -0,0 +1,12479 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78454 ***
+
+
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Das Inhaltsverzeichnis ist zur besseren Übersicht an den Anfang des
+Textes verschoben worden.
+
+Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~.
+
+=======================================================================
+
+
+ Wenn ich die Sonne
+ grüße ...
+
+
+ Roman aus der Gegenwart
+
+ von
+
+ E. von Maltzahn
+
+
+
+
+ 34. bis 35. Tausend
+
+
+ [Illustration]
+
+
+ Berlin 1923
+ Verlag von Martin Warneck
+
+
+
+
+ +Copyright 1915 by Martin Warneck, Berlin+
+
+ Alle Rechte, einschließlich das der Übersetzung, vorbehalten
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichnis.
+
+
+ Seite
+
+ 1. Kapitel. Haus Kambach 5
+
+ 2. " Wir winden dir den Jungfernkranz! 19
+
+ 3. " Bodenständig 33
+
+ 4. " O Deutschland! 53
+
+ 5. " Adel 75
+
+ 6. " Gala 102
+
+ 7. " Trotz alledem 115
+
+ 8. " Allein 137
+
+ 9. " Bankrott 157
+
+ 10. " Ein Ton 170
+
+ 11. " Um die Volksseele 185
+
+ 12. " Der alte Krückstock 213
+
+ 13. " Eine Heimkehr 232
+
+ 14. " Jutta 244
+
+ 15. " Ein Frauenlos 267
+
+ 16. " Gold gab ich für Eisen! 277
+
+ 17. " Der getreue Eckart 299
+
+ 18. " Veteranen 312
+
+ 19. " »Wenn ich die Sonne grüße ...« 329
+
+ 20. " »O Deutschland, meine Freude« 347
+
+
+
+
+Deutschland!
+
+
+ Du deutsche Erde an Haff und Strom,
+ Es rauscht ein Lied durch den Föhrendom!
+ Wie Schildgetöne, so trutzhaft klingt's,
+ Durch Mark und Bein, durch die Seele dringt's:
+ Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht?
+ Seit wann vergaß er sein heilig' Recht?
+ Seit wann sind Zucht und Sitte gebannt?
+ Wer jagte die Treue aus deutschem Land?
+ Wer trieb mit dem Kreuze den ersten Spott?
+ Wer lehrte den Wahn: Es gibt keinen Gott!? --
+ Wie ein Brand flog's herein, wie giftiger Samen,
+ Und Deutschland -- sprach Amen. -- --
+ Mein Vaterland, was hast du getan!
+ Mein deutsches Volk! Einst warest du stark!
+ Sag', warum huldigst du Trug und Wahn?
+ Es hat dich getroffen bis tief ins Mark!
+ Nun liegst du blutend in deinen Wunden
+ Und kannst nicht gesunden! --
+ Doch! Du kannst es! Nach oben den Blick!
+ Zum Urquell zurück!
+ Zurück zum Kreuze mit all deiner Last,
+ Zu ihm, den du irrend verlästert hast!
+
+ Er nimmt dich an! Er zerbricht deine Ketten,
+ Er heilt deine Wunden und will dich erretten
+ Aus des Todes Feuer, aus all deiner Not --
+ Auch in der Tiefe bleibt er dein Gott! -- --
+ Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht?
+ Das Kreuz verbleibet dein heiligstes Recht! --
+ Zurück zum Urquell, so wirst du heil,
+ So wirst du stark, so leuchtet dein Schwert,
+ So sind gesegnet Heimat und Herd,
+ So hast du das beste himmlische Teil! -- --
+ Verwehte der ewigen Liebe Samen? --
+ Deutschland -- mein herrliches Vaterland,
+ Ich weiß es, -- es kann ja nicht anders sein --
+ Du schlägst in die heil'ge allmächtige Hand
+ Beichtend, betend und glaubend ein --
+ Und Gott spricht Amen.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Haus Kambach.
+
+ Das Land, das noch Liebe zur Scholle kennt,
+ Das noch Edelleute sein Eigen nennt,
+ Das die Treue pflegt und die Sitte noch ehrt,
+ Das Land ist die Schätze der Erde wert!
+ In den Stürmen der Zeit verbleibet es stark --
+ Das Land ist die Mark!
+
+
+Ein wundervoller Herbstabend geht zur Neige. Auf den Stoppelfeldern
+liegt des Tages letzter Strahl, Ebereschen voll glühender Frucht säumen
+die Landstraßen, Stockrosen und Gladiolen flammen in den Gärten.
+
+Drüben liegt die Heide in des Abends lichte Töne getaucht, seine tiefen
+Schatten auf dem weißen Sandweg, seinen bronzenen Glanz in den leise
+wehenden Zweigen der Birken. Am Horizont ein Waldstreifen, breit und
+dunkel; weiterhin einer Kieferngruppe krauses Gebilde.
+
+Um die kleine Dorfkirche, um den Kranz herbstlicher Linden spielen die
+scheidenden Lichter. Mücken tanzen, eine Schar Kinder dreht sich im
+Ringelreihen auf dem letzten sonnigen Fleckchen. Wie flüssiges Gold
+liegt's über dem Friedhof mit seinen Kreuzen und Grabsteinen. Es ist,
+als tränke die Sonne dies Gold aus dem Laub der vielhundertjährigen
+Bäume, als mische sie mit dem eigenen Blute den wundervollen
+Farbenton, um die leuchtende Schale über einen weltfernen Erdenwinkel
+auszugießen.
+
+Altweibersommer weht über den Acker, jener duftige Zauber später Tage,
+dem man an den Küsten des Meeres, wo die Sage bis spät in die Nächte
+spinnt, den lieblichen Namen Septemberseide gibt.
+
+Und weit im Lande ein Ahnen stiller Herrlichkeit: träumende Seen,
+sonnige Wiesen, dunkle Wasserstraßen im Schweigen bunter Wälder,
+altertümliche Kleinstädte mit ragenden Kirchen aus grauer Zeit,
+vornehme Edelsitze, vergessene Klöster -- es ist das Land fürstlicher
+Hochzeitsfeste und fröhlicher Kindtaufen, das Land treuer Arbeit
+und heißer Kämpfe, das, niedergedrückt und zertreten, immer wieder
+aufblühte, erstarkte, zu Macht und Ansehen gelangte, bis es das
+Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wurde, die Heimstätte der
+Zollern, Mark Brandenburg.
+
+ * * * * *
+
+Im letzten goldenen Tagesschein lag Haus Kambach. Ein breiter
+einstöckiger Bau mit efeuumsponnener Freitreppe. Ausgedehnte
+Rasenflächen, stolze Georginengruppen, einer Blutbuche purpurne
+Herbstgestalt, hier und da eine vornehme Auslandspflanze, -- keine
+Prachtanlage -- der schlichte, von den Vätern ererbte Edelsitz war's,
+das Landhaus des märkischen Adels.
+
+Der Altan bot ein wundervolles Stimmungsbild: im Kranz ihrer Linden
+grüßte die Kirche herüber. In breitem Ring lagen die strohgedeckten
+Häuser der Dorfbewohner um den Herrensitz, patriarchalische
+Verhältnisse und Verständnis für Heimatbrauch und -sitte bekundend.
+Das rein äußerliche Ansehen dieses märkischen Dorfes war ein schöner
+Beweis dafür, daß es noch gesundes Volksleben in Deutschland gibt:
+jene starke Zusammengehörigkeit von Gutsherrn und Arbeiterschaft,
+die einzig sichere Unterlage für den Großgrundbesitz, -- mit einem
+Wort, das Dorf, das keine Landflucht kennt, weder die Landflucht des
+Volkes, das unzufrieden und verhetzt den Weltstädten zuwandert, noch
+die Landflucht der oberen Stände, die immer eine Entfremdung zwischen
+der besitzenden und arbeitenden Klasse herbeiführen muß. Die Kambachs
+gehörten nicht zu dem altangesessenen Adel, der die Wintermonate in
+irgendeiner Hofstadt oder im Süden verbringt, der seine Hochzeiten in
+Berliner Gasthöfen feiert und damit sein soziales Interesse einschlafen
+läßt und seine gutsherrlichen Pflichten versäumt. Die Kambachs blieben
+zu Hause. Von den kaiserlichen Hoffesten, wo sie als königstreue Männer
+erschienen, kehrten sie nach drei bis vier Tagen zurück. Ihre Töchter
+zogen im Brautschmuck von der umkränzten Schwelle der Heimat in die
+schlichte Gutskirche hinüber, vom ganzen Dorf, wie von einer großen
+Familie begleitet. Sie pflegten die altehrwürdigen Heimatbräuche,
+Erntefeste, Silvesterabende mit ihren volkstümlichen Sitten, sie
+sorgten für gute Büchereien, für Unterhaltungsabende, sie hielten es
+für ihre Ehrenpflicht, bei solchen Gelegenheiten -- und nicht nur dann
+-- enge Fühlung mit ihren Leuten zu unterhalten. Sie teilten Leid
+und Freud' mit ihnen, sie hatten mit einem Wort sozialen Sinn, aber
+keinen künstlich gezüchteten, dem Zwange schwieriger Verhältnisse
+entsprungenen, sondern ererbten, angeborenen. Und weil sie dieses Erbe
+hochhielten, waren die Kambacher immer rechte Gutsherren gewesen.
+Das wußte aber auch das ganze Dorf. Und sein Dank war zähe Treue zu
+einer Zeit, da die Umsturzpartei an alle Türen klopfte, und die roten
+Verführer ihre Hetzblätter in jedes Haus trugen.
+
+Wer aus der Großstadt oder aus Fabrikbezirken kam, der staunte diese
+wundersamen, im besten Sinne vorsündflutlichen Verhältnisse an und
+wunderte sich, daß so etwas im zwanzigsten Jahrhundert im Königreich
+Preußen noch möglich war. Die braven Kambacher aber lachten sich ins
+Fäustchen und freuten sich ihrer patriarchalischen Verhältnisse.
+
+Drüben, wo der Park sich lichtete, schritten zwei Gestalten langsam den
+Wiesensaum entlang dem Gutshause zu. Die gebeugte Gestalt des Mannes
+erzählte von des Lebens Mühen, von manch hartem Spatenstich. Aber das
+kluge feingeschnittene Gesicht war jung geblieben, und in den hellen
+Augen glänzte ein fast kindlicher Frohsinn. Das war Franz Schenker, der
+Spreewälder, der schon zu Zeiten des alten Herrn als Gärtnerbursche
+nach Kambach gekommen war. Später rückte er zum Diener auf und war nun
+schon seit Jahren Hausverwalter und Kammerdiener in einer Person, das
+Bild eines ehrwürdigen Faktotums. Auf seinen eigenen Wunsch war ihm
+auch noch die Oberaufsicht über den Garten übertragen worden. Denn
+Obst- und Rosenzucht waren sein Steckenpferd. Herr von Kambach konnte
+seine Gärtnereien keinen besseren Händen anvertrauen. Seine einzige
+Sorge blieb die, daß der Alte sich, wie es von jeher seine Art gewesen,
+zuviel Arbeit auflud. Aber Franz Schenker beteuerte immer wieder, mit
+mehreren gutgeschulten Gärtnerburschen an der Hand sei die Sache ein
+Kinderspiel. Und dabei blieb es.
+
+Trotz all dieser wirtschaftlichen Vorzüge war er mehr wie ein Faktotum
+und eine außergewöhnliche Arbeitskraft. Man sah es Schenkersch olle
+Vadder, so hieß er allgemein, auf den ersten Blick nicht an, daß er
+mit dem ganzen Dorf in engster Fühlung stand, daß sein Einfluß viel
+weiter ging als der des Gutsherrn und des Pastors. Und doch war Herr
+von Kambach ein Gutsherr, wie man ihn selten fand, und Pastor Wendler
+versah sein Amt nach besten Kräften. Aber Franz Schenker war eben Franz
+Schenker, und oft fragte man sich, wie's werden solle, wenn der Alte
+einmal die Augen schlösse. Er war Ratgeber, Schiedsrichter, Freund und
+Seelsorger von ganz Kambach; ja man erzählte sich, die alte Exzellenz,
+die Mutter des gnädigen Herrn, bespräche oft wichtige soziale Fragen
+mit ihm.
+
+Die deutsche Frau zog's zu dem deutschen Manne, zu dem alten Diener
+ihres Hauses, der sein Vaterland über alles auf Erden liebte, die
+einfache fromme Bibelchristin zu der Seele, die eines Weges mit ihr
+wanderte. Der Standesunterschied störte Frau Sabine nicht, für sie war
+das Schlichte, solange es echt blieb, vornehm. Auch der naturgemäß
+engere Gesichtskreis des Mannes, die andere Auffassung mancher
+wichtiger Punkte wirkte nicht hemmend, sondern ergänzend. Eins lernte
+vom anderen. Franz Schenker lehrte Sabine von Kambach in das Herz
+seines und ihres Volkes schauen, sie aber erschloß dem Spreewälder den
+Blick für das Große, Allgemeine, für die Aufgaben der Zukunft. Es war
+ein feines eigenartiges Freundschaftsverhältnis zwischen der Edelfrau
+und dem alten Kammerdiener. --
+
+Franz Schenker war kirchlich. Er kannte den Unterschied zwischen
+positiv und liberal besser wie mancher Edelmann von Geblüt, und seine
+Beurteilung kirchlicher Einrichtungen bewies, daß er sich auch noch mit
+anderen Dingen, als den Edeltannen des Kambacher Parks beschäftigte.
+
+Langsam ging er neben der alten Exzellenz her.
+
+Frau von Kambach war die märkische Landedelfrau, wie sie leibte und
+lebte. Eine hohe kräftige ehrfurchtgebietende Erscheinung in der
+Krone des Alters. »Großmutters weißes Haar leuchtet durch den ganzen
+Garten,« hatte einmal ein Enkelkind stolz erklärt, und es war etwas
+Wahres daran. Als sie vor fünfzig Jahren in Kambach einzog, mochten
+strahlende Freundlichkeit, Frische und Anmut des Wesens, Schönheit
+der Farben, mit einem Wort jene blühende Gesundheit des Leibes und
+der Seele der Hauptreiz der jungen Frau gewesen sein, heut war's die
+Milde des Alters, verbunden mit seltener Klarheit des Geistes und
+dem gründlichen, wenn's not tat, auch rücksichtslosen Urteil eines
+scharfen Verstandes. Redensarten machte Großmutter Kambach nicht,
+sie widerstrebten ihrem geraden wahrhaftigen Sinn. Kam ihr aber ein
+aufrichtiger Mensch entgegen, so war der Weg zu dem liebewarmen
+mütterlichen Herzen der alten Frau nicht mehr weit. --
+
+»Das Pack, das aus den Großstädten herüberkommt, schmeißen wir einfach
+'raus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker. »Es is das einzige Mittel, was
+hilft!« Er wandte Frau Sabine das lebhafte Gesicht zu. »Exzellenz, wenn
+wir die Prügelstrafe noch hätten, stünd's nich so schlimm ums deutsche
+Vaterland. Die hätte nich abgeschafft werden dürfen!«
+
+Frau von Kambach blieb stehen und stützte sich auf den Krückstock.
+
+»Ich bin ganz Ihrer Meinung, Schenker! Aber sagen Sie, haben Sie keine
+Unannehmlichkeiten, wenn Sie so scharf vorgehen?«
+
+»Unannehmlichkeiten, Exzellenz? Wer soll mich was anhaben? Det dringt
+mit eine Frechheit in die Häuser und schmiert die Leute seinen Kram
+an, -- da werd' ick doch wohl das Recht haben, wenn so'n Schuft mit
+seinen Mitteln zur Geburtenverhütung zu meine Schwiegertochter in die
+Stube kommt, ihm das Jackleder vollzuhauen! Der versucht's kein zweites
+Mal, und von Anzeige is keine Rede! Das Pack kann froh sein, wenn's
+mit heilen Knochen aus Kambach raus is! ~Wir~ erstatten Anzeige,
+wenn's nur was hülfe! Aber man fängt ja jetzt oben an, hellhörig zu
+werden, Zeit wird's wahrhaftig!« Und Franz Schenker wischte sich den
+Schweiß von der Stirn. Bei diesem Gesprächsstoff lief ihm stets die
+Galle über.
+
+Die alte Exzellenz war weitergegangen. Ihr Gesicht war sehr ernst
+geworden.
+
+»Kommt das hier öfter vor?« fragte sie.
+
+»Diesen Sommer war's schlimm. Ick allein hab' Stücker acht in den
+Häusern verdreschen helfen.« Er lachte kurz. »Nie hab' ick solchen Spaß
+am Prügeln gehabt!«
+
+»Und -- und die Frauen?«
+
+Der Alte richtete sich kerzengerade in die Höhe.
+
+»Exzellenz -- keine Kambacherin is für diese Gemeinheiten zu haben
+gewesen! 's wär' ihnen auch schlecht bekommen; denn noch is Schenkersch
+olle Vadder da!« Er atmete schwer. »Der Menschenschlag in unsere Gegend
+is 'n gesunder! Wenn manches auch faul is -- allein durch die Nähe von
+Berlin, -- noch is die Mark die Mark!«
+
+»Gott gebe, daß Sie recht haben!«
+
+»Wir haben doch noch Religion, Exzellenz,« sagte Franz Schenker.
+
+Wieder blieb Frau Sabine stehen. Der Krückstock scharrte im Kies.
+
+»Noch« -- sie betonte das Wort -- »wie lange noch? -- Sind Sie auch ein
+Blinder, der die Größe der Gefahr nicht erkennt? Es geht ums Ganze,
+Schenker, der Geburtenrückgang ist nur ein Ausschnitt aus dem trüben
+Gesamtbilde.«
+
+Er blickte sie starr an. Das war nun das drittemal in kurzer Zeit, daß
+er dieser Auffassung begegnete.
+
+Gewiß, die Gefahr war groß, ein Tor, der sie geleugnet hätte! Die
+rote Flut wälzte ihren Giftstrom durchs deutsche Land, Glaube und
+Sittlichkeit untergrabend. Auf Kanzeln und Lehrstühlen führten
+Irrlehrer das Wort, und niemand dachte daran, ihnen ernstlich zu
+wehren. Die »Richtungen« waren ja gleichberechtigt. -- In allen
+Gesellschaftskreisen machte sich jüdischer Einfluß geltend, die
+Ansprüche wuchsen ins Ungeheuerliche, eine Üppigkeit, von der man
+früher nichts geahnt, zerrüttete das Familienleben.
+
+»Deutschland steht im Begriff, das Opfer des Goldes zu werden,« so
+hatte Frau von Kambach, als er vor einigen Wochen Rosen zur Zucht nach
+Dreilinden gebracht, geäußert und hinzugefügt: »Ehe der Liberalismus
+nicht durch entschiedenen Nationalismus und der Mammonismus nicht durch
+die Religion überwunden werden, eher werden wir nicht frei!«
+
+Franz Schenker hatte viel über dies Wort nachdenken müssen. Soviel
+stand fest: die alte Exzellenz sah und hörte mehr, als er in seinem
+stillen Kambach. Er hatte nur Fühlung auf dem Lande, sie dagegen
+in Stadt und Land. Alle Kreise standen ihr offen. Den Winter über
+verbrachte sie in Berlin. Aber nicht die Landflucht trieb sie aus
+ihrem geliebten Dreilinden, sondern lediglich das baufällige kalte
+Fachwerkhaus, welches der gichtisch Veranlagten den Winteraufenthalt
+unmöglich machte. Sobald die ersten Veilchen blühten, kehrte die
+Greisin zurück, und der alte Witwensitz rüstete sich zum Empfang
+fröhlicher Gäste. Denn von Anfang Mai bis Ende Oktober ward das Haus
+nicht leer. Verwandte, Erholungsbedürftige, Menschen aus dem großen
+Freundeskreise Frau Sabines kehrten an hellen Sommertagen bei ihr
+ein. Franz Schenker wußte, es waren nicht nur Männer aus leitenden
+kirchlichen Stellen darunter, sondern auch Persönlichkeiten, die
+in besonders enger Fühlung mit dem Volke standen, Laien und Frauen
+mit warmem Herzen und offenem Auge für Deutschlands Not. Sie alle
+trugen das Leben herein, das wahrhaftige Leben in seiner wirklichen
+Gestalt. Denn sie kannten es. Sie scheuten sich nicht, dem Feind
+ihres Vaterlandes furchtlos ins Auge zu schauen. Und doch -- immer
+wieder hatte Schenker sich fragen müssen: Ist die Gefahr so groß,
+wie sie sagen? Ist das Gesindel, welches sich herumtreibt, sind die
+Juden, die sich überall breit machen, sind Großstadterscheinungen und
+Lebemenschen, sind Theater, Kino, Presse wirklich jenes unbegrenzten,
+zersetzenden Einflusses fähig? Ihn schauderte bei dem Gedanken, daß
+er diese schwere Frage zu leicht genommen, daß jenes furchtbare
+Gespenst, das ihm in den letzten Wochen so oft begegnet, mehr als
+eine vorübergehende Gefahr bedeute, daß es eine Großmacht sei, der
+Feind deutscher Art, deutschen Lebens. Und immer mehr fühlte er's,
+diese Gefahr stand nicht allein. Sie hatte Verbündete. Eine starke
+geeinte Macht zog aus, dem deutschen Volke die Seele zu rauben. Darum
+der scharf einsetzende Kampf wider Religion und Sitte, wider Thron
+und Herrschaft, darum die Lockungen der Sozialdemokratie, die Sucht,
+das Familienleben zu zerstören, die Lüge auf allen Gebieten. Denn es
+ging ums Ganze, um Deutschlands Verfall. »Noch -- wie lange noch?« Das
+kurze Wort aus dem Munde der hochgestellten und doch so schlichten
+kerndeutschen Frau hatten dem Manne, dessen ganze Seele die Sorge um
+sein Volk erfüllte, die Binde von den Augen gerissen. Und wie bei allen
+stark empfindenden Naturen das heiße Fühlen des Augenblicks den Träger
+befreiender Taten, den Gedanken auslöst, so trugen auch seine Sinne
+geflügeltes Hoffen ans Licht. Um den Ausdruck ringend, gab er einem
+kaum gefaßten Gedanken die erste ungefüge Form. Denn die Sorge mahnte
+ihn, die Stunde zu nützen, und die Liebe trat ihr, alle Hindernisse
+überschreitend, zur Seite. Die Hoffnung aber unterstrich den Vorsatz
+der beiden: ›Noch ist's Zeit‹. Noch -- warum klopfte dies Wort immer
+wieder bei ihm an?
+
+»Exzellenz,« sagte er und eine tiefe Erregung durchzitterte seine
+Stimme, »wenn's wirklich so steht, is es dann nich 'n Unrecht, daß man
+ungenützt die Zeit verstreichen läßt? Noch is nich alles verloren. Wir
+haben doch noch Männer und Frauen, die treu zu Altar und Thron stehen
+und überall ihren Christenglauben bekennen würden. Dürfen sie müßig
+sein, wenn man das Vaterland verkauft? Ick bin nur 'n schlichter Mann
+und versteh' mich nich auszudrücken. Aber ick hab' neulich mal in'n
+Buch von einen Berliner Pastor gelesen, und der sagt, wenn alle die
+wirklichen Christen eine Mauer bildeten gegen den Feind, wenn sie ihm
+mit der Bibel in der Hand entgegenträten, dann müßte er zurückweichen.
+Eine Schar von wahrhaftigen Betern sei selbst dem Teufel ungemütlich,
+Exzellenz! Das fällt mir eben wieder ein. Es steht ja mit unseren
+Volk viel schlimmer, als man hier bei uns in Kambach ahnt. Und darum
+bin ick dankbar, daß ick manchmal auch was anderes höre und sehe
+und lese, und daß Exzellenz mir die Augen geöffnet haben. Ick hab'
+ja immer gedacht, es wär' nich so schlimm. Jetzt versteh' ick erst
+das Wort, das ick kürzlich in Drachenburg, wo ick meinen Wilhelm
+besuchte, in einer christlichen Volksversammlung hörte: ›Wann wird
+Deutschland seine Vogelstraußpolitik aufgeben und den Geburtenrückgang
+als eine Einzelerscheinung, eine vorübergehende Modekrankheit zu
+betrachten aufhören?‹ So hat der Mann gesagt. Ick hielt ihn für einen
+Schwarzseher. Jetzt weiß ick, was er gemeint hat, als er sagte:
+der Geburtenrückgang is 'n Glied in der langen Kette der deutschen
+Verfallserscheinungen.«
+
+Er schwieg. Auf den klaren Zügen lag tiefe Trauer.
+
+Langsam gingen sie durch den sinkenden Abend. Aus den Wiesen stiegen
+die Nebel, die ersten Sterne blitzten. Fern hinter dem weißen
+Herrenhause lag der Wald wie ein dunkles Geheimnis. Der Mond ging auf.
+Über der Dorfkirche stand die feine glänzende Sichel.
+
+Der Blick der alten Frau weilte auf dem friedlichem Bilde. Ihre
+Gedanken wanderten. In wenigen Tagen sollte dort drüben eine Kambach
+im Brautschmuck zum Altar treten, ein liebliches Kind, das Welt und
+Menschen nicht kannte.
+
+Ein Seufzer verklang. -- --
+
+Franz Schenker war noch bei seiner Idee.
+
+»Wenn Exzellenz die Sache einmal überlegen wollten,« begann er von
+neuem, »Exzellenz verstehen so etwas zu machen, und ...«
+
+Sie unterbrach ihn. »Aber Schenker, was denken Sie sich? Ein paar
+Missionsstunden hab' ich eingerichtet! Wie kann eine Frau eine so große
+Sache in die Hand nehmen! Das ist Mannesarbeit!«
+
+»Gewiß, aber die Frau is des Mannes Gehilfin! Wenn Exzellenz die Frage
+noch mal überlegten und dann einen oder mehrere Herren, die was davon
+verstehen, ins Vertrauen zögen« -- er sah sie erwartungsvoll an.
+
+Sie drohte ihm lächelnd.
+
+»Sie sind doch unverbesserlich, Schenker, -- immer muß Ihre alte
+Gnädige die Kastanien für Sie aus dem Feuer holen!«
+
+»Weil niemand besser dazu geeignet is,« entgegnete er mit bescheidener
+Würde. Zuversichtlich blickte er in das klare Gesicht. Er war seiner
+Sache gewiß.
+
+Sie waren am Teich hinter dem Gutshause angelangt. Herbstzauber webte
+um die leuchtende Pracht der Baumgruppen. Weiße Malven erschlossen
+ihre keusche Schönheit dem Mondlicht. Ein feiner Duft zog von den
+Resedabeeten herüber. Im Gartensaal strahlten die Kronleuchter hinter
+Rosengerank und wucherndem Geißblatt.
+
+»Genau wie vor fünfzig Jahren, als ich mit Fritz Karl den Ball
+eröffnete,« dachte Frau Sabine.
+
+»Ick muß noch ins Treibhaus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker und
+blieb, den weißen Kopf entblößend, stehen. »Exzellenz nehmen's nich
+übel, daß ick vorhin meine Meinung sagte?«
+
+Die alte Dame sah ihn voll an. »Schenker, machen Sie keine Redensarten!
+Sie wissen, daß ich große Stücke auf Sie halte. Sie sind ein
+Mann, der nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, ein
+Wort mitzusprechen. Es wäre ein Unrecht, wenn Sie's nicht täten.
+Deutschlands Not geht uns alle an. Denn hier handelt es sich nicht um
+Dinge, die am grünen Tisch gemacht werden, sondern um die Gesundung des
+Volkstums. Zweierlei fehlt uns: die Erkenntnis der Zeit und -- Männer.
+Wir brauchen einen Bismarck und einen Luther. Ob Gott sie uns geben
+wird?«
+
+»Vielleicht sind sie schon da, Exzellenz!«
+
+Sie zuckte die Achseln. »Gott hat verschiedene Eisen im Feuer. Wir
+haben es vielleicht nötig, daß die Geschichte uns vor eine harte
+Aufgabe stellt.«
+
+»Exzellenz meinen einen Krieg?«
+
+»Ich meine nichts Bestimmtes. Nur das ist mir klar, daß wir dem
+Untergang zutreiben. Es hat einmal einer gesagt, wir brauchten eine
+schwere Kolonisationsaufgabe, um zu gesunden. Die gelbe Gefahr ist
+nicht von heute, eine zweite Völkerwanderung nicht ausgeschlossen.
+Ich bin keine Schwärmerin -- unmöglich ist das nicht! Stellen Sie
+sich nicht nur eine starke Grenzverschiebung, stellen Sie sich einmal
+eine germanische Grenzerweiterung vor, und die harte schwere Aufgabe
+ist geboten. Da gilt's nicht nur die Urbarmachung russischer Sümpfe,
+da gilt's, entartetes Volksleben veredeln. Das wäre eine Arbeit, wie
+unsere kampfesscheue Zeit sie brauchte. Deutschland ist stärker,
+als sein Alltagleben verrät. Aber es ist ein Acker, der einer tief
+gehenden Pflugschar bedarf, um Edelfrüchte zu reifen. Denken Sie an
+1806 und dann vor allem an 1813! Der deutsche Volkscharakter braucht
+immer wieder den Gewaltherrn in irgendeiner Gestalt -- ob er Krieg
+oder Pestilenz heißt oder harte schwere Arbeit, -- ohne eine große Not
+findet unser Volk seinen Gott nicht wieder.«
+
+»Und wenn zehntausend übrig blieben, die nicht abgefallen wären?«
+fragte der Spreewälder.
+
+Sie antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte sie über die
+mondbeglänzten Wiesen.
+
+»Exzellenz,« sagte Franz Schenker leise, »wenn's fünftausend wären?«
+
+Sie schwieg noch immer.
+
+»Wenn's nur tausend wären!«
+
+Die Edelfrau breitete die Hand über die Augen.
+
+»Es heißt doch, ›Ihr seid das Salz der Erde‹, Exzellenz! Tun's nich oft
+schon 'n paar Körnchen?« fragte er. Die alte Stimme bebte.
+
+Da reichte Sabine von Kambach dem treuen Manne die Hand. »Gott geb's!«
+sagte sie und schritt dem Hause zu.
+
+Auf dem Altan blieb sie stehen und wandte noch einmal den Blick.
+Schweigend lagen die Lande im Mondlicht, ein Bild des Friedens.
+
+Da zog's durch ihre Seele: ›Du hast harte Worte geredet, und dein
+Schweigen war das härteste!‹ Die Tränen stiegen ihr brennend empor.
+
+Aber Heimatliebe ist wahrhaftig. Sie nennt die Sünde ihres Volkes bei
+Namen.
+
+Durch die Seele der Greisin zog das Wort eines Mannes, der wie wenige
+sein Volk geliebt -- das Wort Heinrich von Treitschkes: »Wer ein wenig
+über den nächsten Tag hinausdenkt, wird sich kaum der Ahnung erwehren
+können, daß vielleicht schon am Beginn des kommenden Jahrhunderts
+ein ungeheurer Kampf um das Christentum selber, um alle Grundlagen
+der christlichen Gesittung ausbrechen mag. Gewaltige Kräfte der
+Zersetzung und der Verneinung sind überall in Europa am Werke:
+Materialismus, Nihilismus, Mammonsdienst und Genußgier, Spötterei und
+wissenschaftliche Überhebung. Der Tag kann kommen, da alles, was noch
+christlich ist, unter einem Banner sich zusammenscharen muß.«
+
+Aber der Warner blieb ungehört, wie viele andere -- -- --
+
+Ein schwerer Fittich rauschte über Deutschland.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Wir winden dir den Jungfernkranz!
+
+ Wir schmücken singend Kirchlein und Saal,
+ Wir schmücken das stille sonnige Haus!
+ Wir winden dir in den Hochzeitskranz
+ Den vollen purpurnen Heidestrauß!
+
+ Wir sprechen den Heimatsegen dazu,
+ Den Festtagsgruß aus verklungener Zeit -- --
+ Ob wohl die träumende Ahnfrau erwacht,
+ Weil ein märkischer Junker sein Herzlieb freit?
+
+
+Auf dem Altan vor dem Herrenhause saßen die Brautjungfern,
+Hochzeitskränze windend. Ein anmutiges Bild, das jedes Geschlecht, jede
+Zeit kennt und liebt, das immer wieder erwachen und emporsteigen wird,
+-- ein Stück Heimatbrauch, wie er nicht lebensvoller gedacht werden
+kann: die Töchter der Mark, der scheidenden Gespielin den Ehrendienst
+leistend.
+
+Um die laubgefüllten Körbe saßen die schlanken Mädchengestalten,
+weithin leuchteten die Sommerkleider, die bunten Seidenbänder und
+Schärpen. Auf blendenden Schultern, auf fleißig schaffenden Händen
+flimmerte die späte Sonne, als sei's ein Strauß duftender Edelrosen,
+den sie abschiednehmend küßte. Mehr als eine blonde Schönheit war unter
+den Kranzwinderinnen. Manch eine beugte sich, heimlich von eigenem
+Liebesglück träumend, über die duftenden Mulden, aber keine war Braut,
+-- eine alte Sitte hätte sie von dem lieblichen Dienst ausgeschlossen.
+
+Und die purpurnen Wälder leuchteten, und die weiße Septemberseide flog
+über Acker und Heidstrecke, über blinkende Wasserspiegel. Vom Gutshaus
+aber klang's jubelnd und jauchzend ins weite Land:
+
+ »Wir winden dir den Jungfernkranz
+ Mit veilchenblauer Seide!
+ Wir führen dich zu Spiel und Tanz,
+ Zu lauter Lust und Freude!
+ Schöner grüner,
+ Schöner grüner Jungfernkranz!«
+
+Tieflandzauber wehte über Wald und Anger, über die altehrwürdige Heimat
+-- --
+
+Würden ums Abendgold die Flammen aus den Fenstern schlagen und der
+Jungfernschleier über das Kambacher Moor wehen?
+
+In den braunen und blauen Mädchenaugen stand heimliches Fragen.
+
+»Sibylle,« rief ein goldhaariges Fräulein von Seelow, »heut nacht
+brennt deine Kammer!« Und ein dunkeläugiger Schelm von siebzehn Sommern
+erklärte: »Ich will aber den langen Beelitz zum Trauführer haben!«
+
+Glutübergossen hatte sich die junge Gräfin Bühler über den
+Hochzeitskranz geneigt. Jetzt hob sie das schöne Antlitz: »Kleine
+Mädchen haben gar nichts zu wollen!«
+
+»Oho, ich sag's ihm heut abend!«
+
+»Tu', was du nicht lassen kannst!«
+
+Ein Blütenregen war die Antwort.
+
+»Höre, Esther Sophie, sei etwas sparsamer mit den Rosen,« mischte sich
+eine Adelsleben ein. »Franz Schenker hat sagen lassen, es seien die
+letzten!«
+
+»Schenkersch olle Vadder rückt nie mit etwas heraus, außer wenn
+Großmutter Kambach oder Eberhard kommen! Für andere Sterbliche hat
+seine schöne Seele kein Verständnis! Ich fürchte, er ist etwas
+überspannt!«
+
+»Wenn du nur nicht überspannt bist!« meinte Anna Bertha von Strohbeck.
+»Den Mann, der dich einmal bekommt, beneide ich nicht!«
+
+Alles lachte.
+
+»Du hast ja auch noch keine Gelegenheit dazu gehabt!« rief die Kleine
+schnippisch.
+
+»Ich bin fertig,« sagte Sibylle ruhig, als ginge die Sache sie nichts
+mehr an. Behutsam legte sie das Blumengewinde über den Stuhl. Hoch
+aufgerichtet stand sie in ihrem weißen Kleide da. Im dunklen Haar, das
+in schweren Flechten um den feinen Kopf gesteckt war, hingen ein paar
+Rosenblätter, -- lachend schüttelte sie sie ab. Alles sah sie an. Keine
+hatte sie je so schön gesehen.
+
+»Wenn er in diesem Augenblick käme,« begann die jüngste Kranzwinderin
+von neuem.
+
+Aber Sibylle Bühler drehte sich um und ging langsam ins Haus.
+
+»Jetzt ist's genug, Esther Sophie,« sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit.
+
+Da wurde die Kleine feuerrot und verstummte.
+
+Gleich darauf zogen Geigenklänge durchs Haus. Künstlerspiel.
+
+»Chopin!« sagte Sigrid Adelsleben. »Eins weiß ich: wenn ich so spielte,
+bliebe ich nicht daheim, und ob die ganze Verwandtschaft sich auf den
+Kopf stellte! Eine Kunst, wie diese, ist Allgemeingut und gehört in die
+Öffentlichkeit!«
+
+»Das liegt Sibylle nicht!«
+
+»Wer sagt das?«
+
+»Sie selbst hat mir gesagt, sie ginge nicht zur Bühne.«
+
+»Die Geige ist für den Konzertsaal.«
+
+Frage und Antwort flogen herüber und hinüber.
+
+»Wo mag Ilse nur stecken?«
+
+»Die ist mit ihrem Schatz in den Wald gegangen,« klang es zurück.
+
+»Streng genommen hätte sie Cercle halten müssen,« meinte Ursula von
+Dachow. »Während wir unsere zarten Finger opfern, streift sie mit dem
+Liebsten durchs Land! -- Wir hätten Handschuhe anziehen sollen,
+Kinder!«
+
+»Ja, man ist immer klüger, wenn man vom Rathaus kommt! -- Da sind ja
+die beiden!«
+
+Ein Fräulein von der Malwitz reckte den Hals. »Platz für die Königin!«
+
+Die Brautjungfern sprangen von den Sitzen. Wie auf Kommando hoben sie
+die Hochzeitskränze empor und hielten sie zurücktretend in weitem Bogen
+über den geschaffenen Durchgang. Die feinen Gestalten leicht geneigt,
+die weißen Arme emporgestreckt, die lachenden Gesichter auf die
+Kommenden gerichtet, standen sie da.
+
+Und wieder zog das alte Jungfernlied in den märkischen Herbsttag
+hinaus.
+
+Wolf Dietrich von Bühler und seine Braut standen still und lauschten
+der Huldigung. Ein frohes Lächeln lag auf Ilses lieblichen Zügen,
+während sie den Gespielinnen zuwinkte. Ihre edlen Formen hob ein
+schlichtes Sommerkleid besonders vorteilhaft hervor. Eine rote Rose im
+Gürtel, eine kostbare Perlenschnur, das Brautgeschenk Graf Bühlers,
+waren der einzige Schmuck der vornehmen Erscheinung. Etwas ungemein
+Zartes, Weibliches lag über ihrem ganzen Wesen, jene Milde, die, mit
+dem Starken gepaart, nach Schillers Ausspruch einen guten Klang gibt.
+
+Wolf Dietrich von Bühler spielte in der Gesellschaft eine Rolle. Sein
+gewandtes liebenswürdiges Wesen, sein feines Auftreten, seine ganze
+Art, sich zu geben, alles nahm für den schönen, aber leicht veranlagten
+Mann ein. Der Menschenkenner las in dem frauenhaften Gesicht allerdings
+manches, das besser nicht darin gestanden hätte, andere freuten sich
+des angenehmen, jederzeit gefälligen Kameraden. Wolf Dietrich hatte
+der Vater gefehlt. Sein Leichtsinn -- mütterliches Erbe -- war niemals
+weder erkannt noch bekämpft worden. Gräfin Bühler, eine geborene Gräfin
+Firlemont, eine bildhübsche gefeierte Frau, hatte zwar, wie sie sagte,
+um ihrer Kinder willen nicht wieder geheiratet, sich aber keineswegs
+der Erziehung derselben gewidmet. Wenigstens waren ihre Begriffe
+von Kindererziehung so oberflächliche, daß der Großvater Bühler,
+ein Edelmann vom alten Schlage, ihr oft in sehr entschiedener Weise
+entgegentrat. Aber die Gräfin war Wolf Dietrichs und Sibyllens einziger
+Vormund und ließ sich nicht dreinreden. Es gab die unerquicklichsten
+Auftritte, welchen die leidenschaftliche Frau eine solche Schärfe zu
+verleihen wußte, daß der alte Herr es schließlich aufgab, mit ihr
+zu verhandeln und seinen Einfluß in anderer Weise geltend zu machen
+suchte. Es kam hinzu, daß seine Schwiegertochter als Französin für die
+vornehme Einfachheit des märkischen Adels kein Verständnis hatte.
+
+Wolf Dietrich verehrte und liebte den Großvater auf seine Art; trotzdem
+war es Graf Bühler nicht gelungen, dem Enkel seinen grenzenlosen
+Leichtsinn auszutreiben. Er artete nach den Firlemonts. Der Sinn für
+ererbte Scholle und ehrwürdige Überlieferung fehlte ihm gänzlich.
+Seine religiösen Ansichten waren höchst oberflächlicher Art und
+verdienten eher den Namen einer sehr willkürlichen Weltanschauung.
+Nach außen wahrte er den guten Schein, schon um des Großvaters willen,
+dessen ritterliche Persönlichkeit er stets in Ehren gehalten. Er
+begleitete den alten Herrn in die heimische Dorfkirche und würde in
+seiner Gegenwart niemals in herabsetzender Weise über religiöse Dinge
+gesprochen haben. Aber im Grunde war er mit dem Christentum fertig. Es
+vertrug sich nicht mit den modernen Lebensanschauungen, war unvereinbar
+mit der Wissenschaft, war mit einem Worte rückständig. Die Frage des
+Ersatzes war ja längst eine schreiende. Ob man denselben in Kunst und
+Wissenschaft, in Moral oder Religiosität suchte, mußte jeder mit sich
+selbst abmachen.
+
+Obgleich der junge Offizier dem Großvater seine Ansichten nach
+Möglichkeit zu verbergen suchte, wußte jener doch, wie die Dinge
+standen. Aber er sagte sich: ›Viel reden nützt nichts. Das Leben muß
+ihn in die Schule nehmen‹, und trug seine Sorgen vor Gott.
+
+Mehr Freude als an dem verwöhnten Enkel, erlebte er an Sibylle, die
+ganz ihres Vaters Tochter war. Wochenlang war sie bei dem Großvater,
+während ihre Mutter Italien und die Schweiz bereiste. Gräfin Bühler
+kam ihrem Schwiegervater in diesem Punkte bereitwillig entgegen; denn
+es entsprach ganz ihren Wünschen, sich ab und zu ohne die schöne
+Tochter zu zeigen. Sibylle aber tat nichts lieber, als dem alten Herrn
+Gesellschaft zu leisten.
+
+ * * * * *
+
+Das Jungfernlied war verklungen, das Brautpaar betrat den Altan.
+Feierlich, als nahten zwei Fürstenkinder, senkten sich die
+Hochzeitskränze. Lachend ging Ilse auf den Scherz ein und schritt, nach
+allen Seiten grüßend, mit der Würde einer Herzogin an der Seite ihres
+Verlobten durch die Reihen der Gespielinnen.
+
+Es war ein Bild, wie es nicht anmutiger sein konnte, und über die
+ernsten Züge des Gutsherrn, der mit dem greisen Erblandmarschall aus
+einem Fenster des oberen Stocks auf die Gruppe niederblickte, ging ein
+Lächeln.
+
+»Das war meine selige Frau, wie sie leibte und lebte!« sagte er und
+beugte sich vor, um der Tochter nachzusehen.
+
+Graf Bühler nickte versonnen. »Wolf Dietrich kann sich glücklich
+preisen. Er verdient Ilse gar nicht.« Als der Hausherr schwieg,
+fuhr er fort: »Sie wissen ja, wie ich über diese Heirat denke,
+lieber Kambach, und ich will Ihnen am allerwenigsten heute das Herz
+schwerer machen, als es schon ist, aber ich muß es Ihnen noch einmal
+aussprechen: ich werde die Sorge nicht los! Und diese Sorge betrifft
+nicht nur Ihre Tochter, welche durch die Heirat mit meinem Enkel aller
+Wahrscheinlichkeit nach keiner leichten Zukunft entgegengeht, sie
+betrifft auch Ihren Sohn.«
+
+Er hielt inne, das feine geistvolle Gesicht beobachtend auf die Züge
+des anderen gerichtet.
+
+Herr von Kambach blickte noch immer auf die Stelle, wo die helle
+Gestalt seines Kindes im Sonnenschein gestanden. Eine tiefe Falte
+hatte sich in die hohe Stirn des alten Soldaten gegraben, und die
+schmalen bartlosen Lippen preßten sich fest aufeinander. Er fuhr mit
+der Rechten über das kurz verschnittene Haar. Diese Frage durfte
+außer seiner Mutter nur einer anschneiden, -- der Mann, der vor ihm
+stand. Trotzdem ging allemal ein Stich durch das Herz des Vaters und
+märkischen Edelmannes. Starb die alte Art aus? War die Rasse nicht
+mehr rein? Wahrlich, bisweilen kam ihm der Gedanke, daß die Mächte,
+vor denen er noch bis vor kurzem seine alte Mark sicher geglaubt, auch
+hier Fuß faßten. Denn immer wieder mußte er sich sagen, daß es nicht
+nur das Garnisonsleben war, das Eliteregiment mit seiner Üppigkeit,
+seinen unleugbaren Versuchungen, das dem Mann Gefahren brachte, wies
+doch neben diesen Nachtseiten gerade der Offizierstand Vorzüge auf,
+wie die strenge Zucht, die scharfe Fassung des Ehrbegriffs, den festen
+kameradschaftlichen Zusammenschluß, -- Vorzüge, die nicht nur geeignet
+waren, das sittliche Leben in hohem Maße zu festigen, sondern auch
+das Geschlecht, das in unentwegter Treue zu Altar und Thron stand,
+dem Vaterlande zu erhalten. Nein, der Schaden lag an anderer Stelle:
+der Offizierstand als solcher verschuldete den Niedergang nicht, --
+Deutschlands Söhne waren es, welche den Verfall in die Armee trugen.
+Ein erschütternd schwerer Vorwurf gegen Staat und Kirche, Gesellschaft
+und Familie! Das eiserne Pflichtgefühl, das die Väter stark gemacht,
+war den Enkeln verloren gegangen. Gottesfurcht und Gottvertrauen, jene
+felsenfesten Träger gesunden Volkslebens, lehnte der moderne Mensch in
+unfaßlicher Selbstüberhebung ab. Der Kapitalismus aber trug den Fluch
+des Goldes herein, Gesellschaft und Persönlichkeit vergiftend. Das war
+Deutschland hundert Jahre nach den Befreiungskriegen!
+
+Und der königstreue märkische Edelmann schaute blutenden Herzens die
+sichtbaren Spuren des großen allgemeinen vaterländischen Verfalls am
+eigenen Fleisch und Blut. Darum brach unter der leisesten Berührung von
+treuer Hand immer wieder die Wunde auf, -- ein Kambach verstand auf
+dem Schlachtfeld für seinen König zu sterben, mit gebundenen Händen
+Deutschland verbluten zu sehen, verstand er nicht. Das war mehr, als
+Manneskraft ertrug! --
+
+Harro stand bei den Drachenburger Ulanen. Es war Überlieferung bei den
+Kambachs, daß der älteste Sohn in dies Regiment trat. Er war etwas
+jünger als Wolf Dietrich Bühler, den er von klein auf kannte. Die
+Familiengüter grenzten aneinander; solange man denken konnte, hatten
+die Kambachs und Bühlers gute Nachbarschaft gehalten. Die Knaben
+hatten zusammen gespielt, das Kadettenhaus hatte sie zusammengeführt,
+später das Regiment. Die Kameradschaft war eine alte, die Freundschaft
+schien neueren Datums. Harro Kambach hatte im Regiment geäußert, die
+Verlobung seiner Schwester sei die Veranlassung gewesen. Aber man
+glaubte ihm nicht recht.
+
+Am wenigsten der Großvater Bühler. Und so sehr er den Enkel trotz
+seines Leichtsinns liebte, glaubte er, soweit es in seiner Macht
+stand, andere vor seinem Einfluß bewahren zu müssen. Er hatte vor Wolf
+Dietrichs Verlobung dem Oberstallmeister seine Bedenken ausgesprochen
+und dem Freunde nichts verhehlt. Aber belastende Dinge lagen nicht
+vor, und Ilse war mündig. Der Kambacher konnte seine Tochter
+daher nur warnen. Und er tat es mit aller ihm zu Gebote stehenden
+Überzeugungskunst. Er verhehlte ihr nicht, daß seines Erachtens
+ein ausnahmsweise starker gereifter, um nicht zu sagen männlicher
+Frauencharakter dazu gehöre, um dieser ungefestigten leichtherzigen
+Persönlichkeit den Rücken zu stärken, er sagte ihr ganz offen, daß
+ihre Veranlagung ihm selbst zwar die bei weitem liebere, aber nicht
+die für diese Vereinigung richtige sei. Denn ihrem Bunde mit Bühler
+werde die notwendige Ergänzung fehlen. Er hatte ihr endlich die letzten
+schwersten Folgen einer unglücklichen Ehe klargemacht, -- alles war
+vergeblich. In Tränen hatte sie vor dem Vater gestanden: »Ich lieb'
+ihn doch über alles!« Dabei war's geblieben. Denn der Oberstallmeister
+war der Ansicht, daß ausgewachsene Menschen ihr Schicksal selbst
+entscheiden müssen. So ward Ilse Kambach Bühlers Braut. --
+
+»Erlaucht,« sagte der Hausherr, »so schwer dies Gespräch für mich als
+Vater ist, bitte ich doch daran festzuhalten, daß es nicht nur die
+alte treue Freundschaft ist, die mir dasselbe ermöglicht, sondern das
+persönliche Bewußtsein: wir stehen als Christen und Edelleute auf
+demselben Boden. Die Ursache unseres großen völkischen Niedergangs ist
+dieselbe, die dem Verderben des einzelnen zugrunde liegt: der Abfall
+von dem lebendigen Gott. Das ist Hauptursache für alles andere, --
+für den sittlichen Niedergang aller Kreise, für das Absterben von
+Vaterlandsliebe und Königstreue!« Er schritt erregt durch den sonnigen
+Raum. »Sollen wir den Kindern einer in der Zersetzung begriffenen Zeit
+den allgemeinen Verfall zum Vorwurf machen? Kann der Apfel dafür, daß
+er wurmstichig ist? Erlaucht, das sind Fragen, die einen zermürben,
+wenn man Söhne hat, Fragen, die das Blut aufpeitschen und einen von
+Zwiespalt zu Zwiespalt hetzen. Und doch komme ich immer wieder zu dem
+schweren Ergebnis: der einzelne ist verantwortlich. Zumal der Sohn
+eines christlichen Hauses, dem Gottesfurcht und Königstreue ererbte
+Kleinodien sind. Ich sage damit nicht zuviel -- bei uns Söhnen der Mark
+gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und spreche stolz von einem
+Erbteil adligen Blutes. Wer das aber verleugnen kann, -- um Sinnenlust
+und Geldgier verleugnen kann, -- der ist nicht wert, ein Preuße zu
+heißen, der ist ein Lump!«
+
+Er blieb vor dem alten Herrn stehen. Die blauen Augen lohten: »Ich weiß
+ganz genau, was Erlaucht mir über meinen Sohn sagen wollen. Nichts, was
+ihn gesellschaftlich unmöglich macht -- Gott bewahre! Auslachen würde
+man mich, wollte ich Erkundigungen in dieser Richtung einziehen! Aber,
+-- dies Aber spricht Bände für mich! Meine Mutter kam neulich auf der
+Rückfahrt von Bühl hierher und hat mir gesagt, was Brelow erzählt hat!«
+
+Der Greis nickte still vor sich hin. Die feinen Nasenflügel bebten.
+
+»Sie wollte sich den Jungen vornehmen, -- keiner versteht's besser wie
+sie!«
+
+»Wenn's nur was hülfe!« entgegnete der Hausherr.
+
+»Wie Sie ja inzwischen erfahren haben,« fuhr der Erblandmarschall
+fort, »hat Joachim Brelow seinem Vater erzählt, man spräche in
+Offizierskreisen nicht gerade ablehnend, aber in verändertem Ton von
+den beiden. Etwas Greifbares hat er nicht gewußt -- fast wär's mir
+lieber gewesen! Denn man steht ja mit gebundenen Händen da. Und doch
+besagt dieser ›veränderte Ton‹ alles.«
+
+Kambach nickte finster vor sich hin, und der Graf fuhr fort: »Ich
+muß immer an das Urteil denken, das der Franzose über die erste
+Grenzüberschreitung der Frau fällt: ›+Un peu déclassée!+‹ Wieviel
+weiter darf der Mann gehen, ohne daß ihn der geringste Vorwurf trifft!
+Und ich bin überzeugt, daß nur diejenigen, welche wir schätzen, ihre
+kameradschaftliche Haltung verändert haben.«
+
+Kambach nickte: »Ich habe mir die Sache diese Tage viel durch den Kopf
+gehen lassen, sie auch mit meiner Mutter besprochen. Ilse muß sehen,
+wie sie fertig wird, gewarnt worden ist sie oft genug. Harro werde ich
+sagen, was ich über ihn gehört habe. Das Urteil der Kameraden wiegt
+manchmal schwerer, als der Rat des Vaters.«
+
+Sorgenvoll blickte er über die herbstliche Landschaft.
+
+Da legte sich eine Hand auf seinen Arm. »Sehen Sie nicht zu schwarz in
+die Zukunft, lieber Kambach!« sagte Graf Bühler. »Wenn wir Menschen
+nicht aus noch ein wissen, löst unser Herrgott mit einem Hauch seines
+Mundes die Fragen der Zeit.«
+
+Doch der andere stand unter dem Druck schwerer Verantwortung. »Er
+verlangt aber auch, daß wir an unserem Teil dazu beitragen! Wenn der
+Junge vergessen sollte, daß er ein preußischer Offizier ist, dann --
+gnade ihm Gott!« Die Reckengestalt straffte sich, wieder stand die
+Falte zwischen den Brauen.
+
+»Vielleicht gelingt es Ihnen zu verhüten, daß er es vergißt,« sagte
+der Erblandmarschall mit der Milde des Alters. »Ich habe mir Wolf
+Dietrich übrigens kürzlich noch einmal vorgenommen und sehr ernst mit
+ihm geredet. Er war zugänglich und weich wie immer, wenn ich ihm etwas
+vorhalte. Allerdings mußte ich, wie gewöhnlich, wenn ich ihn ermahne,
+an den Sohn im Evangelium denken, der dem Vater antwortet: ›Ich will's
+tun!‹ und tut's nicht. -- Ob Ilse irgendwelchen Einfluß auf ihn ausüben
+wird?«
+
+Kambach schüttelte den Kopf. »Ilse ist ein weiches hingebendes
+Geschöpf, zu jedem Opfer bereit, -- ein Charakter ist sie nicht. An
+diese Stelle hätte eine Frau wie Sibylle gehört.«
+
+Der Greis sah nachdenklich vor sich nieder, dann richtete er das kluge
+Auge fragend auf sein Gegenüber: »Ist Ihnen etwas von einer Neigung
+Harros zu Sibylle bekannt?«
+
+Herr von Kambach sah überrascht auf. »Nein.«
+
+»Ich möchte Sie doch auf diese Möglichkeit aufmerksam machen,«
+entgegnete der andere ernst.
+
+»Würden Erlaucht seiner Werbung zustimmen?«
+
+Der Graf zuckte die Achseln. »Ich komme nicht in Frage. Sibylle steht
+unter der Vormundschaft ihrer Mutter und wird in absehbarer Zeit
+mündig.«
+
+Ein Wagen rollte über den Fahrdamm.
+
+»Das sind Brelows,« sagte der Hausherr. »Verzeihung, Erlaucht!« Er
+wandte sich zur Tür, seinen Gästen entgegenzugehen.
+
+Der alte Herr hielt ihn zurück. »Nicht wahr, es ist alles beim alten
+zwischen uns?«
+
+Der Oberstallmeister blickte in das schöne ehrwürdige Gesicht.
+»Erlaucht!« Sie sahen sich fest ins Auge.
+
+»Solange die Bühlers und Kambachs noch eine märkische Ackerkrume
+besitzen, soll's wahr bleiben: Hie gut Brandenburg allewege!«
+
+Der Erblandmarschall umfaßte die Rechte des Gutsnachbarn mit kräftigem
+Druck. »Ich weiß es, wir stehen zusammen!«
+
+Der andere richtete sich hoch auf, als gälte es, seinem König den
+Fahneneid zu leisten. »Gott walt's!« antwortete er mit fester Stimme.
+-- --
+
+Auf dem Altan ward's lebendig. Mädchenlachen klang herauf,
+Willkommensrufe.
+
+Die beiden Männer hörten es nicht.
+
+So oft die Geschichte im Vorüberschreiten den Schleier von einer
+leuchtenden Vergangenheit hebt, wird in deutschen Herzen die Sehnsucht
+nach nationalem Reichtum, nach persönlichen Trägern großer Ideale wach.
+Ein Fragen nach den Zeichen der Zeit hebt an, der Alltag ist vergessen
+-- --
+
+Endlich brach der Kambacher das Schweigen. »Könnt' ich dem Jungen
+begreiflich machen, daß Gott, König und Vaterland mehr als wesenlose
+Begriffe, daß sie im höchsten Sinne Wirklichkeit, daß sie Leben und
+Wahrheit sind! Könnt' ich ihn mit einem Wort -- Geschichte lehren!
+Denn sonst wird er im ganzen Leben kein Mann! Aber es wird mir nicht
+gelingen!«
+
+»Vielleicht gelingt es einer Frau,« erwiderte Job Wilhelm von Bühler,
+als spräche er zu sich selber, und sein Blick flog über den Altan zu
+einer stolzen Mädchengestalt im weißen Sommerkleide, welche soeben Graf
+Brelow begrüßte. ›Der gelingt's,‹ fügte er in Gedanken hinzu, ›aber sie
+ist zu schade für ihn.‹
+
+»Guten Tag, Sibylle,« rief eine helle Stimme, »wie ich mich freue!«
+Und eine goldhaarige Frau, Mitte Dreißig, umarmte das junge Mädchen.
+»Wahrhaftig, Sie sind noch schöner geworden!« fügte sie halblaut hinzu.
+
+Sibylle wurde dunkelrot. »Helfen Sie mir, Graf Brelow,« sagte sie
+lachend. »Ihre Frau ist ja schlimmer, als die Drachenburger Ulanen!«
+Und sie wollte ins Haus schlüpfen. Aber sie kam nicht weit.
+
+»Tag, Billy!« Ein blutjunger Gardedragoner stand vor ihr.
+»Donnerwetter, Cousinchen, hast du dich seit meinem letzten Besuch in
+Bühl verändert!«
+
+»Glaub' nicht, daß du jünger geworden bist,« gab sie schlagfertig
+zurück und reichte ihm weitergehend die Hand.
+
+»Aber schöner!«
+
+Sie zuckte mit vielsagendem Gesicht die Achseln. --
+
+»Gestatten gnädigste Gräfin!« Ein Ulan verbeugte sich vor Sibylle.
+Freundlich begrüßte sie den Hünen.
+
+»Wie geht's Ihren Schwestern, Herr von Luckau?«
+
+»Danke, gut. Die jüngste kommt morgen.«
+
+»So, das ist ja hübsch!«
+
+Drei andere tauchten hinter ihm auf. Von Offizieren umringt, stand
+das junge Mädchen auf den Stufen. Einem nach dem anderen reichte sie
+kameradschaftlich die Hand; sie kannte die Herren von den Berliner
+Hofbällen. Mit derselben ruhigen Freundlichkeit begegnete sie jedem,
+der ihr nahte. Keiner unter den hochgewachsenen märkischen Edelleuten
+konnte sich einer Bevorzugung von seiten Sibylle Bühlers rühmen.
+
+Und dann kam ein Augenblick, wo flammende Röte in das schöne Gesicht
+stieg. Der Kreis öffnete sich, und ein junger Offizier neigte sich
+tief über die Mädchenhand: »Darf ich mich als Trauführer vorstellen,
+gnädigste Gräfin? Der Bruder der Braut hat das Recht, seine Dame zu
+wählen!« Sein leuchtender Blick tauchte in die nachtschwarzen Augen.
+
+Sie antwortete nicht. Langsam senkte sie die seidenen Wimpern.
+
+Der greise Menschenkenner am Fenster des oberen Stocks wußte genug.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Bodenständig.
+
+ Eh' du ein Edelgut vertauscht,
+ Geh still mit deinem Gott zu Rat,
+ Daß er dir in die Seele schreibt,
+ Was seine Huld gegeben hat.
+
+ Daß Heimatliebe, Heimatbrauch,
+ Daß Treue und Beständigkeit
+ Von Gott, dem Herrn, gesegnet sind
+ Zum großen Werk der Ewigkeit.
+
+
+Wieder ging ein sonniger Herbsttag zur Neige. Die märkische Heide lag
+im Goldglanz der Dämmerung, und die purpurnen Wälder rüsteten sich zur
+Nacht.
+
+Da jauchzten die Geigen durchs Kambacher Haus, und der Brautschleier
+wehte. Die neuvermählte Gräfin Bühler eröffnete mit ihrem jungen
+Gatten den Ball. Aller Blicke begleiteten die schönen hochgewachsenen
+Gestalten durch den kerzenhellen Gartensaal. Die Trauführer mit ihren
+Damen folgten.
+
+Die Neuvermählten stellten sich in der Mitte des Saales auf, die Paare
+schlossen einen Ring, und das sogenannte Abtanzen des Brautkranzes
+begann. Mit verbundenen Augen tastete die junge Frau hierhin und
+dorthin. Dann schritt sie auf ihre Schwägerin Sibylle zu. Harro
+Kambach erhielt den Strauß.
+
+Mehr als ein vielsagender Blick folgte dem Paar, das nach tiefer
+Verneigung vor den Neuvermählten den Abschiedsreigen eröffnete. --
+
+Die Jagdhörner klangen. Die Brautführer schritten, silberne Armleuchter
+tragend, voran, und, gefolgt von den Gespielinnen, betrat Ilse Bühler
+zum letzten Male den Raum, den sie als Mädchen bewohnt.
+
+Unten harrte der Viererzug, hinter sich, gleich einer langen funkelnden
+Kette, die Schar berittener Bauern, die der Tochter des Gutsherrn nach
+alter Sitte mit brennenden Fackeln bis zur Grenze das Geleit geben
+sollte.
+
+Über Sumpf und Sand, über des Tieflandes endloser Weite blaute die
+Mondnacht. Aus dem Hochzeitssaal lockte Walzermusik, und der Wind trug
+festliche Klänge vom Dorf herauf.
+
+Oben in dem hellen Raum standen die märkischen Edelfräulein in ihren
+langen seidenen Hofkleidern und leisteten der jungen Frau den letzten
+Dienst. Kein Wort wurde gesprochen. Sinnender Ernst lag auf allen
+Gesichtern. Wie ausgewechselt schien die fröhliche Schar.
+
+Dann stand Ilse Bühler im Reisekleid auf der Schwelle. Ein letztes
+Mal ging ihr Blick durch den freundlichen Raum, darin sie soviel
+erlebt, Frohes und Trübes. Noch war alles unverändert. Die Uhr tickte,
+die Blumen blühten am Fenster. Vom Schreibtisch grüßten die Bilder
+ihrer Lieben, auf der Staffelei stand eine eben vollendete Skizze,
+eine stille herbstliche Waldstraße. Sie hatte vor der Hochzeit alles
+einpacken wollen, aber Sibylle hatte gebeten: »Das besorg' ich, wenn du
+abgereist bist!« Ilse sagte nicht nein. Die schwesterliche Liebe tat
+der mutterlosen Braut wohl.
+
+Wie ein Traum zog das Leben an der Scheidenden vorüber -- --
+
+Ihr Blick fiel auf das Kleid, das sie soeben abgelegt, auf Kranz und
+Schleier. Sinnend ruhte ihr Auge darauf -- das war nun vorüber -- ein
+Schauer durchrann die schöne Gestalt.
+
+Es klopfte. Sie wurde gerufen. Es war Zeit.
+
+Leidenschaftlich umschlang sie Sibylle. Die übrigen Brautjungfern
+umringten sie. Schweigend küßte sie eine nach der anderen, dann schritt
+sie ihnen voran die Treppe hinab.
+
+Unten kam das Schwerste. Der Abschied von Vater und Großmutter, von
+den Brüdern. Unbemerkt hatten sie den Saal verlassen und erwarteten
+in der Halle die junge Frau. Sogar der alte Erblandmarschall hatte
+es sich nicht nehmen lassen, trotz eines Ischiasanfalles noch einmal
+herunterzukommen. Neben Frau Sabine, die sich auf Harros Arm stützte,
+stand er über seinen Krückstock gebeugt. Der kleine Eberhard Kambach,
+ein frischer hübscher Junge, der Ostern konfirmiert werden sollte,
+wollte Stühle holen, aber die beiden Alten wehrten ab. Ilse käme ja
+gleich, und sie wollten vom Altan die Abfahrt sehen.
+
+Neben der strammen soldatischen Erscheinung des Oberstallmeisters stand
+eine Gestalt, die nicht ganz in das Kambacher Gutshaus paßte. Eine
+überschlanke bildhübsche, aber nicht mehr junge Frau im sehr engen,
+tief ausgeschnittenen, spitzenüberrieselten türkisblauen Hofkleide.
+Man fragte sich unwillkürlich, warum eine Dame, die über solch eine
+Erscheinung verfügte, in ihrer Kleidung nicht wählerischer sei.
+
+»Hinreißend schön, aber nicht vornehm,« hatte der kleine Gardedragoner,
+der vor wenigen Stunden, in den Anblick der Tochter versunken, auf der
+Freitreppe gestanden, über Gräfin Bühler geurteilt, und seine Ansicht
+war die allgemeine. Der alte märkische Adel war für das Halbweltliche
+noch nicht reif.
+
+Ilse Bühler hatte den Umstehenden Lebewohl gesagt. Hastig küßte sie den
+kleinen Bruder. »Besuch' mich bald, Bubi!« Ihre Stimme erstickte. Sie
+wandte sich ab. Im nächsten Augenblick hing sie aufschluchzend am Halse
+des Vaters. Er preßte sie an sich. In tiefer Bewegung flüsterte er ihr
+etwas ins Ohr. Da faßte sie sich. Unter Tränen lächelnd beugte sie sich
+über seine Hände und küßte sie wieder und wieder. Dann nahm sie rasch
+entschlossen seinen Arm, nickte den Zurückbleibenden noch einmal zu und
+ließ sich an den Wagen führen.
+
+Dort wartete Wolf Dietrich, der das letzte Lebewohl nicht hatte
+stören wollen. Nachdem er seiner jungen Frau in den Wagen geholfen,
+verabschiedete er sich mit fast zu stark betonter, das Förmliche
+streifender Ehrerbietigkeit von seinem Schwiegervater. Dann stieg er
+ein.
+
+Der weit zurückgeschlagene Landauer glich einem Rosengarten.
+
+Dankend winkte Ilse den Brautjungfern zu. Ein letzter Händedruck, ein
+letzter Blick in die Augen des Vaters, und fort ging's, den breiten
+Kiesweg entlang, der Dorfstraße zu. In langem Zuge folgten die
+Fackelreiter. -- --
+
+Der Hochzeitswagen war längst im Dunkel der Herbstnacht verschwunden,
+nur die tanzenden Lichter glühten und flimmerten noch auf der Heide.
+Regungslos stand Herr von Kambach auf den Stufen. Der Himmel hatte sich
+bewölkt, ein feiner Sprühregen zog über die stillen Lande. Er merkte
+es nicht. Seine Gedanken waren bei seinem Kinde. Langsam rann ihm eine
+Träne die Wange herab, und er schämte sich ihrer nicht.
+
+Da legte sich eine Hand auf seinen Arm. Eine schlanke Mädchengestalt
+in rosa Seide stand im hellen Schein des Lüsters vor ihm. Ein dichter
+Kranz halb aufgebrochener Rosen blühte im dunklen Haar, eine Reihe
+echter Perlen umschloß den Hals. Allen anderen Schmuck hatte Sibylle
+Bühler verschmäht.
+
+»Es regnet,« sagte sie freundlich, und die schönen Augen sahen ihn
+bittend an. Sie glichen zwei anderen zum Verwechseln. In das Herz
+seines Kindes hatten diese nachtschwarzen Augen geschaut, und die junge
+Seele war unter ihrem Blick erschauert. Und nun sahen sie ihn an, diese
+samtweichen Augen der Bühlers! Aber in denen des jungen Weibes lag eine
+Ruhe und Klarheit, eine geistige Schönheit, die sich in Wolf Dietrichs
+Augen nicht widerspiegelte. Und wie so oft schon stieg's in der Seele
+des Mannes empor: ›Es ist das fremde Blut! Warum mußte Kaspar Heinrich
+die Firlemont freien!‹ -- Aber Sibylle war eine echte Bühler! --
+
+Und es lag etwas Warmes, Väterliches in seiner Art, als er den Arm des
+jungen Mädchens in den seinen zog. »Ja, Kind, Sie haben recht. Ich bin
+schon ganz naß!« Er strich über das feuchte Haar.
+
+Jetzt erst gewahrte er, daß sie so, wie sie den Saal verlassen, im
+ausgeschnittenen Kleide vor ihm stand.
+
+»Menschenkind, sind Sie toll? Schnell! Sie erkälten sich!« Er war
+wieder ganz der alte Kambach. »Marsch hinauf und zehnmal durch den Saal
+gewalzt und dann einen Punsch drauf! Verstanden?«
+
+Sie lachte. »Ich habe ja gar nicht im Regen gestanden!«
+
+Aber er ließ nicht locker.
+
+Auf der Treppe begegneten sie dem langen Malwitz.
+
+»Sind Sie schon für den Walzer versagt?« rief er ihm entgegen. »Nein?
+Gut. So sorgen Sie dafür, daß die Gräfin warm wird!« Und er erzählte
+ihm Sibyllens Leichtsinn.
+
+Sie aber lehnte alles ab.
+
+»Es wäre schlimm, wenn ein Landmädchen nicht mehr vertragen könnte!«
+Und sie folgte ihrem Tänzer in den Saal. --
+
+Das Wort von den ›fürstlichen Hochzeiten der Mark‹ bewahrheitete sich
+wie kein anderes. Was das Land an ererbtem Glanz und Reichtum barg, an
+hundertjährigem Brauch und edler Sitte, das trat an seinen Ehrentagen
+aus der Verborgenheit ans Licht und grüßte das Volk. Die schlichten
+Gutshäuser schmückten sich, als sollten Könige unter ihrem Dache
+rasten, die fleißigen blonden Landedelfrauen holten Perlen und Gestein
+aus den Truhen, goldgestickte Stoffe, kostbare Schleier, die ledigen
+Mägdlein rüsteten stolz das Hofkleid und pflückten im Park die Rosen
+zum Jungfernkranz.
+
+Fürstlich war auch die Hochzeitstafel. Im äußeren Schmuck, in
+allem, was sie bot. Vom goldenen hundertjährigen Tafelaufsatz
+und dem fein gewirkten Wappentuch bis zum kristallenen Kelch und
+seinem perlenden Inhalt war's fürstliche Gastfreundschaft, die das
+märkische Hochzeitshaus bot. Das großartigste aber war und blieb der
+patriarchalische Geist, der diese Gastfreundschaft beseelte. Freite die
+Herrentochter, so feierte der ärmste Knecht die Hochzeit fröhlich mit,
+so trank er des Edelmanns Wein und aß seinen Fisch. Kein Kind im Dorf,
+das nicht seinen Festkuchen erhielt, kein armes Mütterchen, dessen man
+nicht im Gutshause gedacht.
+
+Park und Gartensaal standen offen. Niemand war ausgeschlossen. Und
+wer des Schauens müde geworden, der ging in den herrschaftlichen
+Milchkeller hinüber, wo sich die Paare nach den Klängen der Fidel
+drehten, und wagte ein Tänzchen.
+
+Waren die festlichen Tage vorüber und die Hochzeitskränze verwelkt,
+herrschte Ebbe im Säckel des Gutsherrn. Doch gute Ernten füllten ihn
+wieder, und Treue lohnte die Treue. Ein starker zäher Kitt verband
+Herrn und Knecht. Denn es war nicht nur preußische Adelsehre, welche
+diese patriarchalischen wahrhaft fürstlichen Feste gebot, es war die
+Liebe zur Scholle, zu Volk und Vaterland, die immer wieder einen
+Markstein am deutschen Lebenswege aufrichtete. -- --
+
+Die Nacht war heraufgestiegen. Die letzten Regentropfen hingen an Busch
+und Baum, die Sterne funkelten. In leuchtender Klarheit stand der Mond
+über dem Altan.
+
+Drinnen klangen die Geigen. Die Paare schwebten über das Parkett. Eine
+wunderbare Ruhe lag über dem stimmungsvollen Bilde. Licht, Farbe, Töne
+schienen sich miteinander zu verschmelzen. Denn hier brannten noch
+Kerzen in den Kronleuchtern, wahrhaftige Kerzen wie in alter Zeit,
+als Gräfin Sabine Trach und der junge Kambacher Herr den Hubertusball
+eröffneten. Daher der zarte Schimmer, der feenhafte Glanz, der den
+Bildern aus den Tagen Friedrichs des Großen eigen, der das Flötenspiel
+des königlichen Künstlers mit seinen sanften Lichtern umspielte.
+
+Es war, als hätte die junge Frau, die unten in der Halle in heißem
+Abschiedsschmerz des Vaters Hände geküßt, ihren Dornröschentraum
+durch den Hochzeitssaal getragen, und die schönste Blüte sei langsam
+entblättert. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Sibylle Bühler tanzte den Tischwalzer mit dem Sohn des Hauses. Man
+hatte die Nachbarskinder an diesem Abend schon öfter beisammen gesehen,
+-- nun tanzten sie auch noch den Tischwalzer zusammen, -- die jungen
+Mädchen begannen zu tuscheln.
+
+Doch die beiden trugen eine solch eherne Ruhe zur Schau, daß der kleine
+Dragonerleutnant von Dachow, der seine Cousine vergötterte, sich
+erleichtert sagte, er habe sich gestern mittag wohl geirrt.
+
+Gräfin Brelow aber, die Sibylle seit ihrer Mädchenzeit kannte und
+liebte, sagte zu ihrem Manne: »Wenn ich nicht wüßte, sie ist die
+einzige, die ihm dazu verhelfen kann, ein rechter Kambach zu werden,
+ich würde alles tun, um die beiden Menschen zu trennen! Aber du wirst
+es erleben, Achim, sie bringt ihn zurecht!«
+
+»So kampflustig?« Er sah sie lächelnd an. Drei Körbe hatte sie
+ihm gegeben, und nun war sie glückliche Frau und Mutter von sechs
+Kindern. »Du irrst dich auch manchmal,« sagte er. »Außerdem betonst
+du doch sonst das Wort bei jeder Gelegenheit ›Ehen werden im Himmel
+geschlossen‹, und nun denkst du daran, die beiden zu trennen.«
+
+»Ich denke eben nicht daran!« entgegnete sie, mit ihrem kostbaren
+Spitzenfächer spielend.
+
+»Aber du würdest daran denken, wenn Sibylle nicht Sibylle wäre.«
+
+»Ja, das würde ich.« Sie rückte dicht an ihn heran. »Erinnerst du dich
+eines großen Marmorbildes in einer früheren Dresdener Kunstausstellung:
+›Mann und Weib‹? Sie schlafen. Seite an Seite liegen sie ausgestreckt,
+-- Idealgestalten deutschen Lebens. Ich sagte dir schon damals, daß die
+Frau Sibylle gleiche; Harro Kambach kannte ich noch nicht! Jetzt weiß
+ich, wer der Mann ist, -- seltsam, -- als ob die beiden dem Künstler
+vor Augen gestanden hätten!«
+
+»Und weil sie jenem Marmorbilde gleichen, sollen sie sich heiraten?
+Ursel, -- nimm's nicht übel!«
+
+»Ja, ja, ich weiß, ich bin eine Schwärmerin! Aber sei nur ganz still.
+Mein Haushalt geht am Schnürchen!«
+
+»Weil du eine vorzügliche Mamsell hast!«
+
+»Ach was! Hör' zu! -- Also erstens ist die Ähnlichkeit geradezu
+überwältigend. Außerdem habe ich niemals die Ergänzung der Seelen
+widergespiegelt gesehen, wie in diesen Gestalten!«
+
+»Und deshalb sollen sich Harro Kambach und Sibylle Bühler auch
+ergänzen, -- lieber Schatz!« Er lachte hell auf.
+
+»Sei still, da kommen sie.« Langsam schritten die zwei vorüber, ihrem
+Platz zu.
+
+Graf Brelows Augen folgten ihnen. »Sie ist überhaupt viel zu schade für
+ihn,« sagte er. »Zum Glück weiß der Großvater, was für ein Luftikus
+Kambach ist. Hoffentlich ist die Mutter vernünftig und Sibylle selbst
+...«
+
+»Sibylle liebt ihn,« unterbrach die Gräfin ihren Mann. »Zu schade,
+sagst du, sei sie für ihn?« fuhr sie dann fort. »Gibt's Größeres, als
+einen Menschen zu Gott zu führen?«
+
+»Wer sagt dir, daß ihr das gelingt? Ist nicht auch die Möglichkeit
+vorhanden, daß der Mann das Weib von Gott löst?«
+
+»Nein!« rief sie lebhaft, »das ist unmöglich -- bei Sibylle? Nein!«
+
+»Gesetzt den Fall, du behieltest recht, Ursel, aber sie brächte ihn
+trotzdem nicht auf den rechten Weg! Bitte stell' dir diese Ehe vor!«
+
+»Die Hölle auf Erden!« rief sie, und dann faßte sie seine Hand. »Bei
+uns war's auch nicht immer so, wie's heut' ist!«
+
+Er blickte glücklich auf sie nieder. »Aber jetzt bleibt es wie's ist,
+nicht wahr? Was wäre ein Brelow ohne das Kreuz?«
+
+Sie hob die strahlenden Augen zu ihm empor. »Darum gönn' ich's auch
+einem Kambach! Du sollst sehen, Achim, sie bringt es ihm.« -- --
+
+Der Kotillon begann.
+
+Harro Kambach verneigte sich vor der schönen Frau.
+
+»Verzeihung, Herr Graf!«
+
+Brelow nickte dem jungen Offizier freundlich zu. Dann erhob er sich, um
+seiner Frau Platz zu machen.
+
+Ein mit Rosen beladener Wagen wurde in den Saal gefahren. Zwei
+weißgekleidete kleine Mädchen aus der Nachbarschaft trugen Kissen mit
+weißen und roten Orden herein.
+
+Der Sohn des Hauses schlang den Arm um seine Dame. Die tanzende Jugend
+folgte dem eleganten Paar. Offiziere und junge Mädchen drängten nach
+der Mitte des Saales.
+
+Gräfin Brelow stand mit einer rotweißen Schleife vor dem alten
+Erblandmarschall. »Darf ich, Erlaucht?«
+
+Sie steckte ihm den Orden an den Frack.
+
+Er neigte den weißen Kopf über ihre Hand. »Wär' ich dreißig Jahre
+jünger, meine gnädigste Gräfin, so sollten Sie den langen Bühler kennen
+lernen! Aber das Alter!«
+
+Die braunen Augen sahen den bekannten ehemaligen Prinzessinnentänzer
+schelmisch an: »Ich komme doch aus Freundschaft, Erlaucht!«
+
+»Das weiß ich!« Er nickte ihr väterlich zu. »Setzen Sie sich zu mir,
+Ihr Tänzer ist beschäftigt, er wird Sie schon finden!«
+
+Sie nahm an seiner Seite Platz.
+
+»Das ist eine Hochzeit nach meinem Sinn,« begann der alte Herr in
+aufgeräumter Stimmung. »Die Kambacher verstehen's! Fürstliche Aufnahme,
+ausgezeichnete Bewirtung, -- und doch keine Protzerei, keine Berliner
+Üppigkeit! Wissen Sie, Gräfin, daß mich die Berliner Gasthofhochzeiten
+geradezu anwidern. Das gehört sich nicht für einen Landedelmann. Ein
+echter Junker feiert seine Feste auf der Scholle!«
+
+Sie nickte eifrig. »Das ist ganz meine Meinung, Erlaucht! Wo soll die
+Bodenständigkeit herkommen, wenn die Landflucht der höheren Kreise
+überhandnimmt! Meine Verwandten Klemm gehen jetzt für sechs Monate nach
+Ägypten, nur weil sie sich zu Hause langweilen. Sie sind alle beide
+kerngesund, es fehlt ihnen nichts als sozialer Sinn und das nötige
+Pflichtgefühl. Im Frühjahr heiratet die älteste Tochter, die Hochzeit
+ist natürlich in Berlin. Achim gerät ganz aus dem Häuschen, wenn ich
+davon anfange. Ich glaube, er ließe sich scheiden, wenn ich auf solche
+Gedanken verfiele.«
+
+»Das würde ich ihm durchaus nicht verdenken,« sagte der alte Herr.
+»Landedelfrauen, denen die Heimatliebe und damit der Sinn für das
+Ererbte fehlt, wissen gar nicht, welch ein Kleinod ihnen anvertraut
+ist. Die Frau ist die Hüterin der Volksseele, die Beschützerin des
+Familienlebens, der Sitte. Nirgends aber hat sie so Gelegenheit,
+ihrem hohen Beruf nachzugehen, wie auf eigenem Grund und Boden; denn
+keine andere Frau kann unmittelbarer, persönlicher, uneingeschränkter
+ihren Einfluß ausüben, als die Landedelfrau. Sie begeht darum nicht
+nur ein Unrecht, sie begeht eine grenzenlose Torheit, wenn sie auf
+diesen Einfluß verzichtet; denn sie verliert mit ihm die Liebe und
+Anhänglichkeit ihrer Untergebenen. Die Frau trägt eine Macht auf
+dem Haupte, gnädigste Gräfin, Sie werden das ja selbst am besten
+wissen! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: auf den Gütern, wo die
+Herrschaft keinerlei persönliche Fühlung mit den Leuten hat, blüht
+die Sozialdemokratie. Die Frauen und Töchter der Majoratsherren, die
+niemals auf Erntefesten mittanzen, niemals Krankenbesuche im Dorf
+machen, mit einem Wort, die die Leute nicht kennen, die schädigen,
+-- das klingt furchtbar hart, aber es ist nun einmal so, -- ich
+sage, die schädigen den Großgrundbesitz. Denn sie beschleunigen
+durch ihr Verhalten, durch ihren Mangel an Interesse die Landflucht.
+Die Herrschaft, die den Leuten keine Liebe entgegenbringt, kein
+Zusammengehörigkeitsgefühl in ihnen weckt, kann auch keine Treue von
+ihnen erwarten. Aber ich will nicht nur auf die Frauen schelten. Die
+Schuld des Mannes auf diesem Gebiet ist wahrhaftig nicht die geringere.
+Vom Hundertsten kämen wir ins Tausendste, wollten wir dem Kapitel
+Bodenständigkeit nachgehen, wollten wir ›Landflucht und Landsucht‹
+mit all ihren gefährlichen Auswüchsen betrachten. Wissen Sie das
+Neueste? ›Bodenständig ist rückständig!‹ Ein leichtfertigeres Wort ist
+selten geprägt worden. Gott bewahre uns vor diesem Schmarotzertum, vor
+dem Spiel mit ererbtem Gut und Besitz, vor der Verachtung von Glaube
+und Sitte, von Heimatgefühl und Beamtentreue! Lieber will ich ein
+bettelarmer Edelmann sein, als mit einem jener vaterlandslosen Gesellen
+an einem Tische sitzen, die nicht etwa durch die Not getrieben,
+sondern um Geld und Glanz und Genuß das Erbe der Väter an jüdische
+Grundstücksmakler verschachern!«
+
+Er hatte erregt gesprochen. Hastig fuhr er über die hohe Stirn.
+
+Besorgt blickte sie ihn an.
+
+Er seufzte. »Nirgends haben die Sozialdemokraten leichteres Spiel als
+da, wo die alten patriarchalischen Verhältnisse nicht mehr bestehen!
+Wo es nicht mehr Treue um Treue gilt, da sieht es schlimm aus!« Er
+hielt einen Augenblick inne. Sinnend ging sein Blick durch den Saal.
+»In unserer Gegend macht sich das noch nicht so fühlbar wie auf
+manchen anderen Gütern. Zumal Kambach hat ja geradezu einzigartige
+Verhältnisse, und die dankt es in erster Linie seinen Gutsherren! Hab'
+ich nicht recht?«
+
+»Ganz gewiß. Die Kambacher sind ein vorbildliches Geschlecht. Haben
+Erlaucht bemerkt, in wie wunderhübscher Weise heute das ganze Dorf
+teilnahm? Das Bild während der Trauung wird mir unvergeßlich sein!«
+
+»Gewiß. Diese Hochzeitsfeiern bilden ein wichtiges Stück in der
+Heimatkunde der Mark. Und Sie haben sehr recht. Gerade die Kambacher
+Feste haben einen eigenen Reiz. Das ganze Dorf war heute auf den
+Beinen. Überall begegnete man frohen Gesichtern. Der alte Schenker
+strahlte, als hätte er seine eigene Tochter verheiratet. -- Morgen ist
+ein großes Volksfest! ›Damit keiner zu kurz kommt!‹ sagt Kambach.«
+
+Gräfin Brelow lächelte.
+
+»Er denkt immer an seine Leute!« --
+
+»Nun, Ursel, du bist in deinem Fahrwasser, dann kann ich ja
+wieder gehen!« sagte eine bekannte Stimme. »Wenn meine Frau
+auf patriarchalische Verhältnisse gebracht wird, bin ich
+nämlich überflüssig, Erlaucht,« wandte sich Graf Brelow an den
+Erblandmarschall. »Es hat auch nicht den geringsten Zweck, ihr die
+heutigen sozialen Verhältnisse zu erklären, ich bin und bleibe in ihren
+Augen ein Umstürzler.«
+
+Graf Bühler lachte. »Sind Sie auch, mein lieber Brelow! Ihre Frau
+hat ganz recht. Sie vertritt das Alte, Angeborene, während Sie
+dem Neuen die Tür öffnen. Ich weiß ganz genau, was Sie für die
+volkswirtschaftliche Selbständigkeit ins Feld führen, weiß auch, daß
+Zeiten und Menschen sich in mancher Beziehung geändert haben, trotzdem
+muß ich bei all den an sich gewiß sehr lobenswerten, die Aufbesserung
+der ländlichen Arbeiterverhältnisse betreffenden Bestrebungen immer
+wieder an das Breysigsche Wort denken: ›Feste dauernde Bande voll
+tiefen Glückes werden heute nur zerschnitten, nie neu geknüpft‹.«
+
+Graf Brelow blickte den alten Herrn lächelnd an. »Erlaucht kennen
+meine Stellung doch! Die altehrwürdigen patriarchalischen Verhältnisse
+in hohen Ehren! Sie bilden zum großen Teil den Kitt, der unserem
+ländlichen Volksleben seinen letzten Halt gibt. Selbstverständlich
+sind Führerschaft und Gebietersinn im allerbesten Sinne notwendig,
+und darum ist auch das patriarchalische Verhältnis notwendig; denn es
+schafft nicht nur Bodenständigkeit, es stärkt dem Christentum, stärkt
+vaterländischem Sinn und Königstreue den Rücken. Ich gebe offen zu: es
+ist ein alter Führerirrtum, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse mit
+denen der Masse zu verwechseln. Denn es gibt ein geborenes Herrentum
+und gibt Kreise, die des Geführtseins nicht nur bedürfen, sondern die
+bewußt und unbewußt den Führer begehren, die viel lieber gelenkt werden
+wollen, als selbst die Last und Verantwortung des Lenkens übernehmen.
+Darin liegt durchaus keine Kraftverminderung für mich, Erlaucht,
+-- im Gegenteil: das Können der Seele, ihr Vermögen wird durch die
+Führerschaft eines Starken gesteigert.«
+
+Der alte Herr nickte.
+
+»Ja, ja, -- aber -- trotzdem, ich weiß schon, was kommt!«
+
+»Das schadet nicht. Erlaucht werden es noch einmal hören! Und meiner
+Frau schadet es auch nicht! -- Das, was Erlaucht fordern, und was
+jeder rechte Gutsherr grundsätzlich erstreben wird, ist die uralte
+väterliche Form der Herrschaft! Ein gesegnetes Erbe, welches noch heute
+da ein Segen bleibt, wo das Verhältnis zwischen Herrn und Knecht ein
+mustergültiges ist. Aber wir haben nicht nur mit dem Durchschnitt,
+sondern in den meisten Fällen mit Verhältnissen unter dem Durchschnitt
+zu rechnen. Bühl und Kambach stellen eine Auslese dar -- ich wollte,
+in Dambeck wär's auch so. Den Zeitgeist können wir nicht ändern, aber
+wir können die Verhältnisse in zeitgemäßer Weise zu bessern suchen. Ich
+meine nicht, daß das Alte an sich abgewirtschaftet hat, aber daß manche
+alte Form hinfällig geworden ist und darum mancher Wunsch nach Wandel
+und Neuschöpfung berechtigt ist, das muß ich gerade in bezug auf die
+ländlichen Arbeiterverhältnisse anerkennen! Wir dürfen nicht vergessen,
+daß der Fabrikarbeiter in äußerlich, wenn auch nur scheinbar, freieren
+Verhältnissen lebt als der Landarbeiter. Letzterer nimmt daher in den
+Augen des Volkes einen untergeordneteren Platz ein als jener, wenn auch
+seine Verhältnisse in Wirklichkeit vielleicht die günstigeren sind.
+Aber das soziale Gefühl spricht bei den Leuten zu stark mit, und wir
+haben die Pflicht, es zu berücksichtigen, sonst gehen uns vielleicht
+gerade ~die~ Werte verloren, die das patriarchalische Verhältnis
+vergangener Zeiten geschaffen hat.«
+
+Graf Bühler blickte auf seinen Krückstock nieder. Dann hob er die
+hellen Augen voll zu dem Sprecher empor.
+
+»Ich glaube, wir wollen im Grunde dasselbe, lieber Brelow,« sagte er
+freundlich, »nur müssen Sie dem Alter eine gewisse Rückständigkeit
+zugute halten. Es hängt am alten Brauch, an der alten überlieferten
+Form. Aber das eine möchte ich aussprechen, und auch Ihre Frau soll's
+hören: ich glaube nicht, daß die Kambacher und Bühler enger mit ihrer
+Gutsherrschaft verwachsen sind als die Dambecker!« Er schüttelte
+dem anderen die Hand. »Trotz allem, was mir am Neuen schwer wird,
+naturgemäß schwer werden muß, denn wir Alten leben immer in der
+Vergangenheit, die bekanntlich stets einen Heiligenschein trägt, --
+trotzdem, oder gerade darum soll das Neue mich mahnen, gerecht zu sein.
+In der Beziehung muß ich noch von Ihnen lernen, lieber Brelow!«
+
+Die Blicke der beiden Männer begegneten sich klar und fest. Aus Graf
+Brelows Augen leuchtete helle Freude.
+
+Dann sah er seine Frau an. ›Na, Ursel, was sagst du nun?‹ fragte sein
+Blick.
+
+Sie nickte ihm herzlich zu. »Sei nur ganz still,« lachte sie, und ein
+paar Grübchen traten in die rosigen Wangen, »ich schreib's mir hinter
+die Ohren!«
+
+»Das möcht' ich mir auch ausgebeten haben! -- Auf Wiedersehen,
+Erlaucht!« -- Mit einer leichten Verbeugung gegen den alten Herrn
+schritt er weiter.
+
+Gleich darauf sahen die beiden ihn mit Sibylle Bühler vorübertanzen.
+-- --
+
+ * * * * *
+
+Harro stand vor der Gräfin.
+
+»Ja, ja, ich bin Ihnen ausgerückt, Baron,« lachte sie. »Aber hier ist
+noch Platz, setzen Sie sich zu uns. Nachher kommt noch ein Tänzchen in
+Ehren!«
+
+Er verbeugte sich gegen den Erblandmarschall. »Gestatten, Erlaucht?«
+
+»Bitte, lieber Harro! Nicht wahr, dies ist ein gemütliches Eckchen,
+wir sind hier ganz unter uns! -- Übrigens sprachen wir gerade von den
+Vorzügen Ihres Hauses! Die Ohren müssen Ihnen geklungen haben!«
+
+Harro beugte sich vor. Eine Ahnung sagte ihm, was nun kommen werde:
+die Predigt über den vorbildlichen Landedelmann. Fürchterlich. Aber
+was half's? Man mußte andächtig zuhören. Hoffentlich tat der alte
+Herr keine persönlichen Fragen. Er verfügte über eine unversiegbare
+Gründlichkeit.
+
+»Sie brauchen keine Abhandlung über das Agrariertum zu befürchten,«
+sagte der Graf mit feinem Lächeln. »Ich habe nur meiner Hochachtung
+vor dem konservativen Sinn Ihres Vaters Ausdruck gegeben und die Treue
+bewundert, die in geradezu vorbildlicher Weise das patriarchalische
+Verhältnis aufrechtzuhalten sucht. Ein Tag wie der heutige zeigt das
+wahre Bild des Gutslebens. Ich rechne es Ihrem Vater sehr hoch an, daß
+er den Bitten meines Enkels, die Hochzeit in Berlin zu feiern, nicht
+nachgegeben hat!«
+
+Harro schwieg.
+
+»Sie scheinen anderer Meinung zu sein,« sagte der Erblandmarschall.
+
+Gräfin Brelow blickte gespannt auf den jungen Offizier.
+
+Der wollte dem ehrwürdigen Gast seines Vaters ungern widersprechen.
+»Verzeihung, Erlaucht ...« sagte er zögernd, »aber ...«
+
+»Hätten Sie die Hochzeit in Berlin gegeben?« unterbrach ihn Graf
+Bühler.
+
+»Ja,« erwiderte Harro. »Man muß doch zugeben, daß die Räumlichkeiten
+unserer Landhäuser für solche Gelegenheiten nicht genügen.«
+
+»Sie haben immer genügt; aber selbst wenn dem so wäre -- ist das das
+allein Ausschlaggebende für Sie?«
+
+Harro zuckte die Achseln. »Was soll denn sonst den Ausschlag geben,
+Erlaucht? Wir sahen doch heute wieder, daß der Tanzsaal viel zu klein
+ist! Kambach genügt überhaupt nicht den Anforderungen der Neuzeit.
+Außerdem ist es nicht mehr Mode, daß der Adel seine Hochzeiten auf dem
+Lande feiert! Das spricht doch alles mit!«
+
+»So. Aber eins scheint bei Ihnen nicht mitzusprechen: Heimatsitte und
+Heimatbrauch, patriarchalisches Verhältnis, -- mit einem Wort: sozialer
+Sinn.« Er zog die weißen Brauen in die Höhe. »Der hat freilich nur
+Wert, wenn er angeboren ist!«
+
+Harro biß sich auf die Lippen. ›Gut, daß uns hier wenigstens keiner
+hört,‹ dachte er und sah Sibylle Bühler nach, die mit Jaspar Malwitz
+vorübertanzte.
+
+Der Erblandmarschall beobachtete ihn scharf. »Nehmen Sie's einem alten
+Mann, der Sie außerdem noch über die Taufe gehalten hat, nicht übel,
+lieber Harro; aber solche Ansichten gehören sich nicht für einen
+märkischen Junker und preußischen Edelmann. Leider ist ja das Leben
+von heute nicht dazu angetan, die Liebe zur Scholle zu stärken, aber
+den Kambachern steckt sie im Blut. Man urteilt ja, wenn man jünger ist
+und noch keine Erfahrungen gesammelt hat, anders als ein Mann, der die
+Höhen des Lebens überschritt, -- darum vergessen Sie nicht, was Ihnen
+heute einer sagt, dessen Tage vielleicht gezählt sind: wer sein Gut nur
+als Sommeraufenthalt betrachtet, wird nie ein rechter Gutsherr!«
+
+»Verzeihung, Erlaucht, es gibt aber doch Verhältnisse ...«
+
+»Wenn Sie die Schwindsucht bekommen, und der Arzt behauptet, Sie
+könnten nur in Ägypten genesen, so reisen Sie in Gottes Namen, wenn
+Ihr Geldbeutel es erlaubt,« rief Graf Bühler. »Meine Frau hat sich
+unter stark vorgeschrittenen Krankheitserscheinungen in den Bühler
+Kiefernwäldern erholt -- man kann also über diesen Punkt streiten. Daß
+sie damals ganz gesund wurde, wissen Sie, ebenso, daß sie nicht an der
+Schwindsucht gestorben ist, -- aber wie gesagt, ich will da mit niemand
+rechten. Das, was ich meine, liegt an ganz anderer Stelle. Es handelt
+sich nicht um Zwangslagen, es handelt sich um willkürliche Entäußerung
+von Überlieferung und Besitz. Das erste ist eine Not, das zweite eine
+Schuld.«
+
+Harro fuhr herum.
+
+»Entäußerung, Erlaucht? Abwesenheit bedeutet doch nicht Entäußerung?«
+
+»Dauernde oder wiederholte längere Abwesenheit läuft schließlich auf
+Entäußerung hinaus. Darum braucht nicht Grund und Boden verkauft
+zu werden, es ist etwas Größeres, das mit der Preisgabe des
+patriarchalischen Verhältnisses verschachert wird: die Volksseele.
+Ihres Vaters großzügige Auffassung seiner gutsherrlichen Aufgaben ist
+mir stets vorbildlich gewesen. In den schwersten Tagen hat er nie
+vergessen, was er seinen Leuten schuldig war. Heute sehen Sie den
+Dank!«
+
+Harro blickte vor sich nieder. Er erkannte eine Wahrheit in den
+Worten seines greisen Paten, aber schoß der alte Herr nicht in seinen
+Einzelforderungen über das Ziel hinaus? Er scheute sich, an dieser
+Stelle und in diesem Augenblick seinen Widerspruch zu reizen; es war
+eben stets zu bedenken, daß er Sibyllens Großvater war. Nur eins
+ärgerte ihn: daß Gräfin Brelow einen so charakterlosen Eindruck von ihm
+bekam. Es war eine regelrechte Zwangslage, in der er sich befand.
+
+Seine Pflichten als Vortänzer fielen ihm ein. Er zog die Uhr und
+blickte auf die Gräfin. Der Ball sollte mit einem Huldigungsreigen vor
+dem Hausherrn und seiner Mutter beschlossen werden.
+
+Ein Regimentskamerad schien ihn zu suchen.
+
+Er erhob sich.
+
+Da klang die alte Stimme noch einmal an sein Ohr: »Sozialer Sinn ist
+keine Mache, sondern ein kostbares Eigengut aus einem Guß. Wer dies
+oder jenes Stück Heimatbrauch preisgibt, arbeitet am Verfall des
+Volkstums. Es geht ums Ganze! Darum ist es nicht nur Verhöhnung des
+patriarchalischen Verhältnisses, wenn die Tochter eines Landedelmannes
+ihre Hochzeit in der Großstadt feiert, -- es ist ein soziales
+Verbrechen!«
+
+Die letzten Worte waren mit ungewöhnlicher Schärfe gesprochen. Ein paar
+junge Mädchen sahen sich um, allgemeines Schweigen herrschte.
+
+Leichenblaß stand der junge Offizier da: »Erlaucht!«
+
+Ein breiter Schatten fiel auf die kleine Gruppe. Er wandte sich um.
+
+Vor ihm stand sein Vater, die Großmutter Kambach am Arm. Ein Blick
+sagte Harro, daß die beiden den größten Teil der Unterhaltung mit
+angehört hatten. Ein unsagbar peinlicher Augenblick folgte.
+
+»Nicht wahr, du mußt erst morgen abend wieder in Drachenburg sein?«
+wandte sich der Oberstallmeister mit undurchdringlicher Miene an seinen
+Ältesten. »Ich habe vorher noch mit dir zu reden.«
+
+Er ging an ihm vorüber auf Graf Bühler zu.
+
+Von der Galerie riefen die Jagdhörner. Noch einmal schwebte der Reigen
+durch den Saal. Hochgewachsene Junker, lichte Mädchengestalten
+verneigten sich vor dem Hausherrn und der greisen Edelfrau.
+
+Dann klang das Halali.
+
+Draußen schlug die Turmuhr halb zwei.
+
+»Nu is det och all wider vorbi,« sagte Franz Schenker, der neben seiner
+Frau in der offenen Saaltür stand, »aber 's ward och Tid!«
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+O Deutschland!
+
+ Gib Antwort, Deutschland, wo ist deine Ehr'?
+ Wo ist dein markiges Heldengeschlecht?
+ Wo ist deine Zucht, die strahlende Wehr?
+ Wo ist dein Glaube, dein heiligstes Recht?
+ Wo sind die Männer von dazumal?
+ Wo ist der starke adlige Sinn?
+ Wo sind die Beter, die Streiter des Herrn?
+ Gib Antwort: wo sind deine Frauen hin?
+ Schläfst du, Deutschland? Die Wachtfeuer glüh'n
+ Von Waffen starrt's, der Feind kommt zuhauf!
+ Drüben im nächtlichen Dom am Rhein
+ Da stehn deine Kaiser vom Schlafe auf!
+ Vernimmst du nichts vom Jammer der Zeit?
+ Vom Kampf der Geister ums Morgengrau'n?
+ Wach auf vom Schlafe! Antworte mir!
+ Deutschland, wo sind deine Männer und Frau'n?
+
+
+Der Gottesdienst war beendet. Unter den herbstlichen Linden standen
+die Kirchgänger in Gruppen, besprachen die Predigt und blickten der
+Gutsherrschaft und den letzten Hochzeitsgästen nach, die langsam dem
+Herrenhause zuwanderten.
+
+Die nächsten Nachbarn waren den Sonntag über noch geblieben, Graf und
+Gräfin Brelow, Graf Bühler mit seiner Tochter Nandine, Sibylle, die
+den Großvater nach Schloß Bühl begleiten sollte. Einige Drachenburger
+Herren, die mit dem Sohn des Hauses gekommen waren, ein Graf Luckau,
+zwei Malwitze und der Oberleutnant von Roselius, Harro Kambachs
+Freund, beschlossen den Kreis.
+
+Manch weißes Haupt entblößte sich ehrerbietig vor dem Gutsherrn, mehr
+als ein Blick voll Stolz und Dankbarkeit folgte der hohen soldatischen
+Erscheinung.
+
+Nach allen Seiten freundlich grüßend, schritt Herr von Kambach in
+eifrigem Gespräch mit der Gräfin Brelow der Dorfstraße zu.
+
+»Pastor Wendler tritt jeden Sonntag etwas deutlicher mit seiner wahren
+Ansicht hervor,« sagte die schöne Frau.
+
+Die Brelows waren in Kambach eingepfarrt.
+
+Der Oberstallmeister blickte vor sich nieder. »Eigentümlich, --
+erinnern Sie sich noch der Probepredigt?«
+
+»Ja, gewiß, sie war ganz positiv. Sollte er sein Mäntelchen damals
+schon nach dem Winde gehängt haben?«
+
+Herr von Kambach schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Aber er
+ist, besonders in den letzten Jahren, in liberales Fahrwasser geraten.
+Ich beklage das um so mehr, da ich ihn als Mensch sehr hoch stelle.«
+
+Er blieb stehen und blickte auf das schöne leuchtende Land zu seinen
+Füßen. »Wenn das, was die heutige Predigt befürchten läßt, sich
+bewahrheiten sollte, komme ich in eine schwierige Lage. Sie wissen,
+Eberhard soll Ostern konfirmiert werden.«
+
+Sie nickte. »Ja, und gerade der Unterricht ist eine so große Gefahr.
+Erinnern Sie sich, was Lieselotte damals aus der Berliner Pensionszeit
+alles mitbrachte? Wir lassen kein Kind wieder am städtischen
+Konfirmandenunterricht teilnehmen!«
+
+»Es ist nur die Frage, wie lange das Land noch positiv ist,« sagte er
+ernst. »Höre ich noch eine solche Predigt, so sehe ich mich gezwungen,
+den Jungen aus der Konfirmandenstunde zu nehmen, -- was spreche ich
+damit aber vor dem ganzen Dorfe aus? Die Leute sind hier sehr kirchlich
+und zum Teil schon hellhörig geworden! Der alte Schenker würde sonst
+auch wohl dafür sorgen, daß seine Kambacher nicht einschlafen!«
+
+Sie lachte. »Das glaube ich!«
+
+Eberhard kam hinter den beiden hergelaufen.
+
+»Vater, -- Großmutter ist noch mit Fräulein Eichel und Herrn von
+Roselius in der Kirche. Sie wollen das Bild von der Urgroßmutter
+besehen. Wir sollen nicht mit dem zweiten Frühstück auf sie warten.«
+
+»Schön, mein Junge!« sagte der Oberstallmeister. »Roselius kennt die
+Geschichte der Stradivariusgeige wohl noch nicht,« wandte er sich
+dann zu seiner Begleiterin, während sie die Dorfstraße überschritten.
+»Wir haben das alte Bühlersche Erbstück Sibylle geschenkt, was ja das
+Gegebene war. -- Ich habe übrigens selten solch ein Spiel gehört!«
+
+Gräfin Ursula nickte stumm zu seinen Worten. Ihre Gedanken wanderten
+in die kleine Dorfkirche zurück, wo die Frau, deren liebliches Bild
+im Chorstuhl der Kambachs hing, in der stillen Gruft ruhte. Eine
+königliche Mitgift hatte sie ins Haus gebracht, edle deutsche Kunst!
+-- --
+
+Man erzählte sich von Sophie Charlotte von Kambach, daß bei ihrem Tode
+ein leises Klingen die Saiten der Stradivariusgeige bewegt habe, wie
+das Schluchzen eines Kindes -- --
+
+Gräfin Brelows Blick schweifte zum Altan hinüber, wo zwei schöne junge
+Menschen in tiefem Gespräch beieinander standen -- ein Kambach und eine
+Bühler. -- --
+
+ * * * * *
+
+In dem freundlichen Studierzimmer Pastor Wendlers saß Exzellenz von
+Kambach auf dem grünen Ripssofa dem Hausherrn gegenüber. Sie hatte ihre
+Gesellschafterin, Fräulein Eichel, mit dem Oberleutnant ins Schloß
+geschickt und war den harten schweren Weg, den heißeste Sorge und
+Liebe sie antreten hießen, allein gegangen. Und nun saß sie dem Manne
+gegenüber, den sie von klein auf gekannt, der als junger Geistlicher
+mit seinen Nöten zu ihr gekommen und als reifer Mann die betagte
+geistvolle Frau um Rat gefragt, bis -- ja, bis -- -- Es war eben eine
+Zeit gekommen, da er den Weg nach dem stillen Dreilinden nicht mehr
+fand.
+
+Und heute kam die Greisin zu ihm. Mit einer Selbstverständlichkeit, als
+sei nichts zwischen sie getreten, war sie nach dem Gottesdienst auf der
+Pfarre erschienen und hatte ihn um eine Unterredung gebeten, wie jedes
+andere Gemeindeglied aus dem Dorf.
+
+Dreilinden war in Kambach eingepfarrt, und während der Sommermonate
+versäumte die alte Exzellenz keinen Gottesdienst. Pastor Wendler
+hatte sich oft im stillen gewundert, daß sie sich noch unter seine
+Kanzel setzte -- war's das gutsherrliche Vorbild, die Sitte, die sie
+hochhielt, er wußte es nicht. Aber eins wußte er. Hätte er heute die
+greise Frau um ihr Urteil über seine Wortverkündung gebeten, sie
+hätte ihm, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, erwidert: ›Es ist
+Irrlehre!‹
+
+Über ihren Krückstock gebeugt, saß sie in der Herbstsonne, und die
+blauen Augen blickten ihn mit der alten Freundlichkeit an. Aber in dem
+stillen Gesicht stand eine stumme Frage: ›Warum hast du mir das getan?‹
+
+In seiner Seele erwachte Widerspruch. Was hatte er denn getan? War
+es etwa ein Unrecht, der Wissenschaft den Platz zu geben, der ihr
+gebührte, und dem modernen Menschen nach Kräften die Steine des
+Anstoßes aus dem Wege zu räumen? Er veräußerte ja nichts, indem er die
+starre Form der Orthodoxie preisgab, das Kreuz blieb ja bestehen, --
+war es nicht heilige Pflicht, den Schutt der Jahrhunderte zu entfernen
+und die Wahrheit in vollem Glanze erstrahlen zu lassen? Seltsam, daß
+liberal und modern immer verwechselt wurden! Und dann kam's, worauf er
+gewartet -- kein Wort des Vorwurfs, -- aber eine tiefe schwere Klage,
+von banger Sorge um Volk und Vaterland getragen: wie's menschenmöglich
+sei, daß auch er, gerade er dem Subjektivismus der Jetztzeit verfallen
+sei, wie's habe geschehen können, daß von seinem Christusglauben, den
+er einst so freudig bekannt, nichts als bloße Jesusverehrung übrig
+geblieben sei?
+
+Ohne die geringste Schärfe kamen die schweren Worte über die Lippen der
+alten Edelfrau; aber die tiefe Trauer, die sie begleiteten, löste ein
+Empfinden in der Seele des Mannes aus, das er bisher nicht gekannt: den
+Schmerz des Unverstandenseins.
+
+Und doch war ~er's~ gewesen, der sich stillschweigend von ihr
+zurückgezogen, sie aber kam mit unveränderter Güte, mit ihrem klaren
+ungeschminkten Wort in sein Haus. Sie pochte nicht auf ihr reiches
+Wissen, um das sie manch einer hätte beneiden können, auf ihre große
+Kenntnis in kirchlichen Fragen, sie kam als schlichte Bibelchristin,
+die ihr Heiligstes angetastet sah. Aus dieser Sorge heraus, die im
+Blick auf ihre Kirche, ihr Volk und Vaterland ins Unermeßliche wuchs,
+trat sie vor ihn mit heiligem Ernst, mit großer tragender Liebe,
+mit der Hoffnung, die keinen aufgibt, die bis zur letzten Stunde an
+ihn glaubt. Das nahm der schweren Unterredung von vornherein die
+Schärfe, so stark die Gegensätze auch waren. Denn Frau von Kambach gab
+nicht eines Schritte Breite ihres alten heiligen Besitzes preis, und
+Pastor Wendler verteidigte mit zäher Ausdauer das im Schweiße seines
+Angesichts errungene Neuland.
+
+»Exzellenz sagten vorhin, ich kranke am Subjektivismus der Jetztzeit,
+wie soll ich das verstehen?« fragte er ernst.
+
+»Sie machten in Ihrer Predigt das Wunder als solches vom Glauben des
+einzelnen abhängig. Glaube er an das Wunder, so sei es vorhanden,
+glaube er nicht daran, so sei es hinfällig. Das Wunder wird so als
+etwas Unwirkliches, Zufälliges hingestellt und erhält außerdem durch
+diese Abhängigkeit vom menschlichen Urteil das Gepräge des Irdischen,
+Innerweltlichen.«
+
+Er schüttelte den Kopf.
+
+»Ich freue mich, Eurer Exzellenz dies Mißverständnis erklären zu
+können. Selbstverständlich wird das Wunder Tatsache, sobald der Glaube
+von ihm Besitz ergreift!«
+
+»Und wenn er es nicht tut?«
+
+»Dann ist das Wunder natürlich zwecklos, weil es seine Aufgabe nicht
+erfüllt.«
+
+»Nach dem, was Sie in der Predigt sagten, ist es in dem Falle
+überhaupt nicht vorhanden,« entgegnete Frau von Kambach. »Sie dürfen
+nur nicht vergessen, daß Ihr heutiger Text die Heilswunder in den
+Mittelpunkt stellte, daß sich der Begriff Wunder in diesem Falle mit
+der Person Christi deckt. Ich bin die letzte, welche die Wissenschaft
+auf religiösem Gebiet ablehnt. Es gibt eine berechtigte Bibelkritik.
+Nämlich die, welche Gottes Herrlichkeit mehr und mehr zu ergründen
+strebt, welche die vorhandenen Schwierigkeiten zu überwinden und die
+äußeren und inneren Fragen jener großen vergangenen Zeit immer tiefer
+zu erforschen sucht. Das ist die Bibelkritik, oder richtiger gesagt
+die Forschung, welche sich ~unter~ das Wort stellt. Sie darf
+nicht verwechselt werden mit jener anderen, welche sich zum Richter
+der Heiligen Schrift aufwirft und das Christentum und seine Grundlagen
+letzten Endes als ein Erzeugnis menschlicher Geistesentwicklung
+betrachtet. Man kann diese Art nicht entschieden genug ablehnen.«
+
+Er zuckte die Achseln. »So weit sind wir noch lange nicht, Exzellenz!«
+
+»So weit sind wir längst. Und Sie selbst befinden sich auf dem besten
+Wege dazu, lieber Wendler!«
+
+»Exzellenz erklärten vorhin die Forschung, ja selbst die Bibelkritik
+für berechtigt. Die Wissenschaft soll also nicht ausgeschaltet
+werden. Wo aber ist ihre Grenze? Meines Erachtens ist sie sehr schwer
+festzustellen.«
+
+»Meines Erachtens sehr leicht. Die Grenze ist die Person Jesu Christi.«
+
+Wieder zuckte er die Achseln. »Gerade dort hat die Kritik am meisten
+Grund, einzusetzen. Wenn Exzellenz an die Verschiedenheit der Berichte
+denken -- was ist echt, was unecht? -- Das ganze Neue Testament fordert
+geradezu den Subjektivismus heraus,« -- er seufzte -- »Exzellenz
+-- warum müssen wir von diesen Dingen reden? Ich sage es offen und
+ehrlich: ich bin nicht wieder nach Dreilinden gekommen, weil ich
+es nicht übers Herz brachte, die Frau, der ich so vieles danke,
+zu kränken; denn ich weiß es, was ich jetzt ausspreche, muß Eure
+Exzellenz verletzen. Aber meine heiligste Überzeugung kann ich nicht
+verleugnen. Alles ist im Fluß, im Werden. Die Hauptsache ist, daß wir
+die wunderbaren Möglichkeiten zur Erziehung des menschlichen Geistes
+und Willens in rechter Weise verwerten, daß unser Volk es lernt, seine
+religiösen Aufgaben zu erfüllen und die große Entwicklung, welche mit
+Gottes Hilfe angebahnt ist, zur vollen Entfaltung zu bringen. Die Zeit
+des Abfalls hat ihren Höhepunkt überschritten. Ein hungerndes Volk
+wartet sehnend auf lebendiges Brot. Aber dies Volk ist frei, es will
+keine Ketten, es will Leben, will sein eigenes persönliches Erlebnis.
+Und es hat vollkommen recht: die starre verknöcherte Orthodoxie
+bringt ihm dies Erlebnis nicht. Glaube kann nicht durch logische
+Beweise erzwungen werden; denn er ist der Ausdruck persönlichsten
+Fürwahrhaltens. Wir haben es mit Schwachen zu tun, mit Kindern, welche
+die schwere Kost des Apostolikums nicht vertragen, die langsam, langsam
+glauben ~lernen~ sollen, die wir nicht vor jenes übernatürliche,
+ihren Sinnen unfaßbare Christusbild des Supranaturalismus führen
+dürfen, -- das glimmende Fünklein würde ersticken! Wenn wir mit dem
+groben Geschütz der Orthodoxie auffahren wollten, würden wir alles
+verderben, das Dogma hat noch keinen Menschen zum Glauben gebracht! Wir
+müssen Jesum erleben, Exzellenz!«
+
+Frau von Kambach hatte ihr Gegenüber ruhig angehört. »Und Sie glauben
+wirklich, daß Sie diese hungernden Seelen satt machen?« fragte sie,
+»glauben wirklich, daß das Erleben, das Sie predigen, einem Menschen
+die Kraft gibt zum Leben und Sterben? Mißverstehen Sie mich nicht: ich
+will dies vielumstrittene Wort durchaus nicht verwerfen. Es ist die
+heißeste Tagesfrage: wie werde ich der christlichen Wahrheit gewiß? Und
+ich bin ganz der Ansicht, daß christliche Wahrheitsgewißheit nur durch
+persönliche Heilserfahrung möglich ist, -- und das ist der Punkt, wo
+unsere Ansichten auseinanderzugehen scheinen -- durch die Gewißheit,
+welche sich auf Heilstatsachen gründet, auf den Tatbestand göttlicher
+Offenbarung. So und nur so werde ich in Gottes Gemeinschaft gezogen,
+so nur erlebe ich diese Gemeinschaft -- auf Grund geschichtlicher
+Tatsachen, -- denn ein Glaube, dem die Wirklichkeit fehlte, wäre
+nicht lebensfähig! -- Was nützt mir die wunderbarste Hypothese? Davon
+wird eine hungernde Seele nicht satt, und die Vergebung der Sünden
+wird uns nur gewiß in dem felsenfesten Bewußtsein: Er trug unsere
+Krankheit. Nein, nein -- Sie mögen mir sagen, was Sie wollen, ohne die
+Gründung auf den Glauben an Krippe und Kreuz und die Ostertatsache kein
+persönliches Erleben, keine Heilsgewißheit! Und diesen Glauben bringt
+uns die Forschung nicht, so wichtig sie sonst auch ist, den bringt uns
+nur Gottes heiliger Geist, -- Gott selbst dringt auf uns ein, ergreift
+uns, -- es kommt nur darauf an, daß wir uns ergreifen lassen. Unsere
+Zeit hat unvereinbare Gegensätze in den Begriff Erleben hineingetragen.
+Die moderne Theologie erklärt: ›Wir müssen Jesum erleben, müssen in ihm
+leben.‹ Die Bibel sagt: ›Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus
+lebt in mir!‹ Es kommt wieder auf das hinaus, was ich vorhin sagte.
+Hier göttliche Gnadengabe, -- dort Menschenwerk. Ich muß immer wieder
+daran denken, daß der Herr, das Kommen des Heiligen Geistes verheißend,
+sagt: ›Er wird die Welt strafen um die Sünde, ~daß sie nicht glauben
+an mich~.‹ Daran krankt unsere Zeit. Den Heiland der Bibel will
+sie nicht, den Versöhner ihrer Sünde lehnt sie ab, sein Kreuz, sein
+leeres Grab versteht sie nicht, -- was aber der kleine Menschenverstand
+nicht erfaßt, das verwirft er, es muß ein neuer Weg zur religiösen
+Gewißheit gefunden werden. Glauben Sie wirklich, daß solch ein armes
+Menschenkind, das lebenslang nur Jesusverehrung gekannt, in vielleicht
+ganz plötzlicher Todesnot die Kraft findet, das Bild menschlicher
+Weisheit zu vergessen und mit brechendem Herzen und schwindendem Odem
+den Blick glaubensvoll auf ein anderes zu richten, auf das Bild des
+heiligen barmherzigen Heilandes, seines Herrn und Gottes? Es ist zum
+mindesten ein furchtbar gewagtes Spiel, das die moderne Theologie mit
+der Menschenseele treibt!«
+
+»Exzellenz!« -- In heißem Schmerz kam's von den Lippen des Mannes.
+Jetzt hatte sie ihn in tiefster Seele getroffen. Aber sie hielt seinen
+Blick aus. Sie wußte, nur die Wahrheit konnte ihm helfen.
+
+»Das Apostolikum ist eine Unmöglichkeit für unsere Zeit!« rief er
+erregt. »Es ist doch schließlich nichts weiter als eine menschliche
+Form! Ich verwerfe durchaus nicht das Ganze, der alte Most soll ja
+nur in neue Schläuche gefüllt werden. Gewiß, der Modernismus ist eine
+Gefahr, aber er ist notwendig und berechtigt. Und den Dienst der
+Aufrüttelung hat er uns geleistet. Es ist nun einmal nicht Gottes
+Wille, daß die Geschichte der Völker geradlinig fortgeht, darum ist
+auch die Kirchengeschichte Strömungen unterworfen. Herrschte nicht so
+viel Lehrstreitigkeit, so würde trotzdem alles seinen geordneten Gang
+gehen -- es ist ein großes Unrecht, immer wieder die Kluft zu erweitern
+und von unüberbrückbaren Gegensätzen zu sprechen. Auf diese Weise wird
+die Notlage nicht gebessert.«
+
+»Die Kluft würde nie entstanden sein, wenn die Grundwahrheiten der
+Kirche nicht angetastet worden wären,« erwiderte Frau von Kambach.
+»Mit jedem, der Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Sohn des
+ewigen persönlichen Gottes, als seinen Herrn und Versöhner bekennt,
+weiß ich mich im tiefsten Glaubensgrunde eins -- ~da~ gilt für
+mich die ›Gleichberechtigung der Richtungen‹, -- wo man aber seine
+Gottheit leugnet oder verschleiert, da hört für mich allerdings die
+Gemeinschaft auf, denn der Glaubensgrund ist ein anderer, es handelt
+sich letzten Endes nicht um Richtungen, sondern um verschiedene
+Religionen. -- Sie nennen das Apostolikum eine menschliche Form,
+vergessen aber, daß sein Inhalt ein göttlicher ist. Denn es faßt die
+Heilstatsachen der Schrift zusammen. Wenn Sie das Apostolikum ablehnen,
+lehnen Sie die Schrift ab.«
+
+»Ich denke nicht daran, Exzellenz! Ich lehne höchstens eine veraltete
+Auffassung der Schrift ab. Wozu sind wir Prediger des Evangeliums
+denn da? Doch ganz gewiß nicht dazu, um unerträgliche Irrtümer zu
+verbreiten! Es stünde wahrhaftig traurig um unsere Kirche, wenn die
+Gleichberechtigung der Richtungen nicht anerkannt würde.«
+
+Sie sah ihn mit tiefem Schmerz an. »Glauben Sie wirklich, daß die
+bibelgläubige Gemeinde sie anerkennt? Ich kann Ihnen sagen, das wird
+nie geschehen; denn es handelt sich, wie ich schon sagte, in Wahrheit
+nicht um verschiedene Richtungen, sondern um verschiedene Religionen!«
+
+Er war aufgestanden und ans Fenster getreten. Seufzend strich er
+das volle dunkle Haar aus der Stirn. »Ich wußte es, daß unsere Wege
+auseinandergingen, Exzellenz -- mußte dies Gespräch denn sein?«
+
+Sie wandte ihm das Antlitz voll zu. »Mein lieber Herr Pastor, würden
+Sie mich noch achten und ehren können, wenn ich Sie blind in Ihr
+Verderben rennen ließe? Und Sie sind's nicht allein! Eine Gemeinde ist
+Ihnen anvertraut, Sie sind berufen, an der Seele unseres Volkes zu
+arbeiten. Ich weiß es, Sie sind sich Ihrer großen Verantwortung bewußt,
+-- und doch, -- wie ist's menschenmöglich!«
+
+Er stand noch immer am Fenster und blickte hinaus. Eine heiße Ungeduld
+malte sich in dem geistreichen Gesicht. »Wenn Exzellenz zu verfügen
+hätten, würde also kein liberaler Theologe zum Amte zugelassen werden!«
+sagte er endlich. »Dann würde allerdings manche Gemeinde hirtenlos
+sein.«
+
+»Ich würde den Suchenden, Ringenden immer ordinieren,« erwiderte sie,
+»würde es ihm aber zur Pflicht machen, falls er im Laufe der Zeit
+nicht zum vollen Heilsglauben durchdringt, sein Amt niederzulegen. Den
+bewußten Irrlehrer, der in Christus nur den höchstbegnadeten Menschen
+sehen will, würde ich dagegen ablehnen. Er gehört nicht auf die
+Kanzel.«
+
+Pastor Wendler trat an den Tisch. »Ist das christliche Liebe?«
+
+»Das ist christliche Zucht,« erwiderte die alte Frau.
+
+»Exzellenz verlangen sehr viel.«
+
+»Nicht zuviel. Ich sagte Ihnen schon: mit jedem Suchenden würde ich
+Geduld haben. Die Ablehnung des bewußten Irrlehrers aber halte ich für
+eine zwiefache Pflicht: wir schulden sie der Gemeinde, deren Seelsorger
+er wird, und dem Manne selbst, weil man, ihn zulassend, der Hehler
+seiner bewußten oder unbewußten Unwahrhaftigkeit wird.«
+
+»Unwahrhaftigkeit?«
+
+»Gut. Sagen Sie Entstellung der Tatsachen. Es läuft auf eins hinaus.«
+
+Er schüttelte den Kopf. »Ich kann nur immer wieder fragen: wo ist die
+Grenze?«
+
+»Und ich kann nur immer wieder antworten: die Grenze ist die Person
+Jesu Christi.«
+
+Still war's im Zimmer. Ein tiefer heiliger Ernst lagerte auf der Stirn
+der weißhaarigen Frau. In dem ehrlichen Antlitz des Mannes arbeitete
+es.
+
+»Unwahrhaftigkeit? Entstellung der Tatsachen? Exzellenz!« Die Tränen
+standen ihm in den Augen.
+
+»Es sind harte Worte, ich gebe es zu, aber die Wahrheit fordert sie,«
+sagte sie traurig.
+
+Er tat einen Schritt auf sie zu, -- auf seinem Gesicht lag's wie eine
+flehende beschwörende Bitte. »Die Wahrheit! Gewiß! Aber ist Christus
+nicht wahrhaftiger Mensch?«
+
+»Er ist der menschgewordene Sohn Gottes, also zuerst wahrer Gott!«
+
+»Exzellenz dürfen nicht vergessen, daß von dem Glauben ausgegangen
+werden kann: Er ist wahrer Mensch!«
+
+Sie blickte ihn fest an.
+
+»Ist es nicht zuviel verlangt,« fuhr er mit bebender Stimme fort,
+»gleich bei der Ordination eine Entscheidung zu fordern, die mancher
+andere erst auf der Höhe des Lebens zu treffen vermag -- oder auch
+nicht?«
+
+»Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß ich einem aufrichtig Suchenden, der
+noch nicht alle Punkte des Glaubensbekenntnisses unterschreiben kann,
+Zeit lassen würde, wenn er in der Hauptsache auf ewigem Grunde steht,«
+entgegnete sie. »Nur den bewußten Irrlehrer würde ich bedingungslos
+ablehnen.«
+
+Er seufzte. »Was wird heutzutage nicht alles Irrlehrer genannt!«
+
+Doch die alte Dame ließ sich nicht irre machen.
+
+»Christus ist kein vergöttlichter Mensch, sondern der menschgewordene
+Gott. Nur als wahrhaftiger Gott konnte er uns erlösen; es war die
+Vorbedingung dafür, daß er es als wahrhaftiger Mensch getan hat. Wer
+daher in dem Glauben an den Menschen stecken bleibt, wird niemals über
+Jesusverehrung hinauskommen. Den Lebendigen, der ihn Tod und Teufel
+entreißt, lernt er nicht kennen, im besten Falle auf Umwegen. Ich sagte
+vorhin schon: dies Verfahren gleicht einem Glücksspiel.«
+
+»Wenn der Ordinand aber gar nicht weiß, ob er an die Gottheit Christi
+glauben will, oder ob er später daran glauben wollen wird -- wer kann
+das von sich selber wissen! Das Menschenherz ist wie eine Meereswoge.«
+
+»Mein lieber Wendler,« sagte die alte Exzellenz, und ihre Stimme bebte,
+»das läuft daraus hinaus, daß jeder nach seiner Fasson selig werden
+kann. Ich habe nur eine Antwort für Ihre, mir unfaßliche Anschauung,
+nämlich die: ein Mann und denkender Mensch weiß, was er will. Für uns
+aber käme einer solchen Unwissenheit gegenüber wohl nur die Pflicht,
+die Gemeinde vor Irrlehre zu bewahren, in Betracht. Wer in ~dem~
+Augenblick nicht weiß, was er will, sollte dem heiligsten Amte
+fernbleiben und sich erst einmal gründlich auf sich selbst besinnen.«
+
+Er antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte er in den
+herbstlichen Garten.
+
+Sie sah ihn nachdenklich an. »Welche weltliche Organisation würde
+Persönlichkeiten aufnehmen, die sich im Widerspruch zu ihren Satzungen
+befänden,« sagte sie endlich. »Stellen Sie sich bitte einen Juristen
+vor, der unter Ausschaltung der Gesetze nach eigenem Gutdünken
+arbeitet! Der bloße Gedanke wirkt lächerlich. Die christliche Kirche
+aber soll jedem ihre Tür öffnen, ob er sich zu den Heilswahrheiten
+bekennt oder nicht. Wer schließt Monisten, Pantheisten, wer schließt
+Atheisten aus? Niemand! Die Kirche wird zum Sprechsaal.«
+
+»Solange einer nicht zum Angriff übergeht, hat er meines Erachtens das
+Recht auf die Kanzel,« sagte Pastor Wendler.
+
+»So!? Meines Erachtens gehört er nicht auf die Kanzel, solange er mit
+vollem Bewußtsein die Heilstatsachen ablehnt. Denn bewußte Ablehnung
+ist Unglaube, ob er zum Angriff übergeht oder nicht. Die Predigt des
+Unglaubens enthält immer Irrlehre -- Irrlehre aber birgt den Tod.
+Haben Sie je gehört, daß sie die Frucht lebendigen Christenglaubens
+gezeitigt?«
+
+Wieder war's still in dem hellen Raum. In heißem Kampf stand der
+Geistliche am Fenster.
+
+»In der Enge der Orthodoxie, in den starren Grenzen des Dogmas kann die
+Menschenseele nicht gedeihen!« rief er erregt. »Christenglaube fordert
+Freiheit und darum in erster Linie ungehemmte Verstandesarbeit!«
+
+Frau von Kambach hatte sich erhoben. Auf ihren Krückstock gestützt,
+trat sie auf Pastor Wendler zu. Ihr ganzes Wesen trug den Stempel jener
+tiefen geheiligten Mütterlichkeit, die wahrhaftigen deutschen Frauen
+auch dem Manne gegenüber eigen ist. Leise legte sie die Hand auf seine
+Schulter, und während ihr Auge in tiefem Mitleid das seine suchte,
+sagte sie langsam, jedes Wort abwägend: »Auf dies Bekenntnis wollen Sie
+sich zum Sterben niederlegen, lieber Freund? Wissen Sie denn gar nicht,
+worauf Sie sich in letzter Linie gründen? Auf Selbsterlösung, auf ein
+Trugbild, das Ihnen unter den Händen zergeht! Fühlen Sie nicht, daß
+Ihre Seele dies Brot nicht sättigt? Die Forschung in hohen Ehren! Aber
+die Wissenschaft, die ihre Grenze nicht kennt, ist Scheinwissenschaft.
+Denn ein Wunder, das mein kleiner, armseliger Verstand in tausend
+Stücke zerlegen und wieder zusammensetzen kann, ist kein Wunder. Im
+Leben bietet solch ein Glaube keinen Halt, im Sterben verzweifelt man
+daran« -- wieder bebte die alte Stimme, »es gibt nur eine wahrhaftige
+Theologie: die Theologie des Kreuzes! Sehen Sie denn nicht, daß sich
+ohne sie alles auflöst?«
+
+Sie hielt einen Augenblick inne, als erwarte sie seine Antwort.
+
+Aber er schwieg. In hartem Kampf starrte er auf die goldene Pracht der
+Natur.
+
+›Er wird die Welt strafen um die Sünde, daß sie nicht glauben an mich!‹
+
+Wie ferner Wellenschlag zog das Wort an seiner Seele vorüber.
+
+Hatte sie recht? -- An den Jesus der Schrift glaubte das zwanzigste
+Jahrhundert nicht mehr. Aber bedeutete das eine Veräußerung ewiger
+Werte? Im Gegenteil! Es räumte den Schutt von den Kleinodien, lockte
+die Fernstehenden herzu, ebnete Grüblern und Zweiflern den Weg zum
+Kreuz.
+
+Zum Kreuz? Jawohl, zum Kreuz! Das heiligste Vorbild, die höchste
+Verkörperung göttlichen Willens stellte die Kreuzesgestalt dar, nicht
+etwa nur in der Form einer Regel oder Vorschrift, sondern lebendig,
+mit Fleisch und Blut umhüllt, Herz und Gewissen aufrüttelnd, -- aber
+-- an einem hielt er fest, mußte er festhalten: der Name Gottmensch
+kennzeichnete Jesus als den einen Menschen, bei dem die Ähnlichkeit mit
+Gott am stärksten hervortritt, kennzeichnete den Gottmenschen, auf den
+jeder Mensch angelegt ist, der aber bisher bei keinem anderen in so
+hervorragender Weise zutage getreten war. ›Die dem Lichte erschlossene
+und von der ewigen Sonne geküßte Blüte der Menschheit‹[1] -- mit
+diesen Worten hatte ein liberaler Führer die Christusgestalt gezeichnet
+und zugleich den feinen Unterschied, der den Streitpunkt zwischen den
+beiden großen kirchlichen Lagern bildete, klargestellt. Das Prädikat
+›Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht von Ewigkeit‹ erkannte
+der Liberalismus in dem Sinne, wie ihn die Orthodoxie forderte, nicht
+an.
+
+Wieder klang die Stimme der Greisin an sein Ohr. »Ich komme ja nicht
+um meinetwillen zu Ihnen. Mein Christenglaube steht und fällt mit
+dem zweiten Artikel. Aber das Herz brennt mir im Blick auf das arme
+irregeleitete Volk, im Blick auf Deutschlands religiösen und sittlichen
+Niedergang. Sehen Sie denn nicht, daß mit der christlichen Kirche die
+Sitte verfällt? Die Kirche ist die einzige wahre Volkserzieherin. Was
+soll werden, wenn sie versagt? Und sie muß versagen, wenn man ihr den
+Boden unter den Füßen entzieht. Denn eine Kirche, die sich nicht auf
+die geoffenbarten Heilstatsachen gründet, ist keine christliche Kirche.
+Daß Sie nicht mitschuldig werden an dem großen Verfall, daß Sie nicht
+unter das Wort vom Mühlstein fallen, darum komme ich!« Und dann legte
+sich ihre Hand schwer auf seinen Arm. »Mein eigener Enkel ist unter
+Ihren diesjährigen Konfirmanden« -- hier stockte sie -- »Herr Pastor,
+es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind nicht
+verführt werde!« Ihre Stimme brach -- sie wandte sich ab.
+
+Tief erschüttert stand er da.
+
+›Verführt!‹ Wie ein Peitschenschlag hatte ihn das Wort getroffen.
+
+Die Lippen zusammengepreßt, sah er wie geistesabwesend hinaus. Und
+doch war er mit all seinen Gedanken und Sinnen daheim, in der engen
+Studierstube bei der greisen Frau, die er noch heute trotz allem, das
+sie in dieser Stunde geredet hatte, wie eine Mutter verehrte. Denn eins
+fühlte er immer wieder: die Liebe hatte sie in sein Haus geführt, die
+große große Heimatliebe, die vom Himmel kommt, die die Sehnsucht nach
+der oberen Welt und ihrem heiligen Bürgerrecht hineintragen will in
+das irdische Vaterland. Selten war er einer Frau begegnet, so stark
+und mutig, so warmen treuen Herzens, so kindlichen Gemütes, wie seiner
+alten Exzellenz! Ja, so hatte er sie immer geheißen, -- dann war's
+allmählich anders geworden ... Und heute?
+
+Wie eine Mutter stand sie an seiner Seite, die Hand auf seine
+Schulter gelegt, in den klaren Augen die tiefe bange Frage nach dem
+Allerheiligsten seiner Seele. Ein herzliches Mitgefühl mit dem Manne,
+der ihrer Meinung nach in eine vom Glauben abweichende Strömung
+geraten, lag in ihren Worten, aber auch eine Festigkeit, eine Gewißheit
+des eigenen heiligen Besitzes, wie sie nur eine wirklich faßbare
+überweltliche Wahrheit in einer Menschenseele auszulösen vermag.
+
+Er wußte, ein Herzleiden bedrohte ihr Leben auf Schritt und Tritt; sie
+hatte oft davon gesprochen, aber nur wie von einer Begleiterscheinung
+des Tages, einem Wolkenschatten, der über einen blühenden Garten zieht.
+Mit dem, was Frau von Kambach unter Leben verstand, hatte diese Last
+nichts gemein; denn das Leben, das sie lebte, wurzelte nicht in dieser
+Erde.
+
+Aber Pastor Wendler hielt ihren Glauben trotzdem für die falsche
+Vorstellung einer orthodox erzogenen, in den Grenzen eines streng
+konservativen Elternhauses aufgewachsenen vornehmen Frau. Es gab auch
+eine anerzogene Bekenntnistreue. Die Sorge, sie zu kränken, hatte seine
+Auseinandersetzung beschränkt. Wie oft hatte er's erlebt, daß die
+klaffenden Gegensätze der beiden Richtungen einen unheilbaren Bruch
+geschaffen. Das sollte nicht sein! -- -- --
+
+Er merkte, sie hatte noch etwas auf dem Herzen. Zaudernd stand sie da,
+ganz gegen ihre sonstige Art. Aber dann wußte sie, was sie wollte.
+
+»Ich darf Sie nicht länger stören,« sagte sie. »Man kann keinem
+Menschen den Glauben einreden -- man darf's auch nicht. Nur warnen muß
+ich Sie; denn Sie jagen einem Schatten nach. Die Bibelkritik, die Sie
+vertreten, wird Sie nie auf die Höhe führen, weil sie in dieser Erde
+wurzelt. Sie fordert Erfahrungswissen, sie überträgt wissenschaftliche
+Ergebnisse auf das Gebiet des Glaubens -- und -- entgleist. -- Ich will
+gehen. Wir kommen nicht zusammen. So nicht. Ehe der Mensch sich nicht
+bankrott erklärt, wird er kein Christ. Und das soll mein letztes Wort,
+meine Abschiedsbitte an Sie sein. Tun Sie mir die Liebe, Ihre Seele zu
+erforschen, ob irgendwo in einem Winkel eine Sünde steckt, vielleicht
+eine alte halbvergessene, -- die aber doch noch lebendig ist, von der
+Sie nicht sagen können: sie ist in Gottes Schuldbuch ausgestrichen!
+Wenn dem so ist, wenn Sie diese Schuld nicht tilgen können, und der
+Jesus, den Sie mit solch glühender Sehnsucht verehren, Ihnen die
+große Gnade, die wir alle brauchen, nicht geben kann, -- dann -- dann
+beschwöre ich Sie, bleiben Sie nicht verzweifelt auf halbem Wege
+stehen, sondern gehen Sie zu dem, den uns die Schrift zeigt, zu unserem
+persönlichen Gott und Heiland. Denn wir werden nicht ohne ihn fertig,
+auch Sie nicht. Wenn Sie ihn aber gefunden haben, dann kommen Sie zu
+mir -- ich weiß, daß Sie kommen! Denn ich will Ihre Freude teilen! --
+Wollen Sie mir das versprechen?« Wieder sahen ihn die blauen Augen voll
+mütterlicher Liebe und Güte an.
+
+Pastor Wendler erwiderte diesen Blick. Sein Gesicht war aschfahl.
+
+»Ich verspreche es,« sagte er mit erstickter Stimme.
+
+Über das ehrwürdige Frauenantlitz ging ein heller Schein. Als käme der
+Mann vor ihr mit der Botschaft eines großen wundervollen Sieges, an den
+sie nie gedacht, traten ihr die Tränen in die Augen. Mit festem Druck
+umfaßte sie seine Hände:
+
+»Ich danke Ihnen!«
+
+Wieder stand er überwältigt vor der großen geheiligten Liebe.
+Schweigend beugte er sich über die Frauenhand und küßte sie. -- -- --
+
+In der Mittagsstille ging sie durch das friedliche Dorf.
+
+Franz Schenker saß vor seinem Häuschen und las.
+
+Ehrerbietig erhob er sich, sein Käppchen ziehend. »Ick lese eine
+Predigt, Exzellenz,« sagte er; »denn heute morgen war's zu erbärmlich.
+Was ist das nur mit unserem Herrn Pastor? Er predigte doch früher ganz
+anders.«
+
+Frau von Kambach zuckte die Achseln. »Der Glaube ist nicht jedermanns
+Ding!«
+
+Er merkte, sie wollte nicht weiter von der Sache reden. Aber in ihrem
+Gesicht lag jener stille klare Ausdruck, den er immer darin gewahrt,
+wenn sie einen schweren Weg hinter sich hatte. Und Franz Schenker
+dachte sich sein Teil.
+
+Sie aber wanderte weiter.
+
+Um das weiße Haupt wehte Septemberseide. Auf die kurz gemähten Wiesen
+fiel der Schatten der hohen Gestalt.
+
+Es war schön in Wald und Feld. Aber es gibt Zeiten, wo die Seele die
+Abgeschlossenheit des Raumes braucht, der ihr Eigenleben umschließt,
+das stillste heiligste Zusammensein mit Gott.
+
+So kam's, daß die Greisin, am Gartensaal vorüber, die alte eichene
+Treppe emporstieg in ihr eigenes Standquartier. -- --
+
+Am offenen Fenster saß sie und sann den letzten Stunden nach.
+
+Wie die Not der Zeit sich häufte! Was sie eben erlebt, war ja nur
+ein Ausschnitt aus dem großen erschütternden Gemälde. Aber dieser
+Ausschnitt bildete den Kernpunkt der schweren Gesamtlage. Der Grund des
+völkischen Niederganges war Gottentfremdung, die Sünde des Unglaubens.
+Aus dieser Saat sproßten die Giftfrüchte der Sittenlosigkeit, der
+Verweichlichung und Lüge, aus ihr gingen die Verbrechen hervor. Sie
+war's, welche den Verfall in die höchsten Kreise getragen, die, das
+Leben eines ganzen Volkes mit ihren Fäulniserregern durchseuchend,
+seinen sittlichen sozialen und politischen Niedergang planmäßig
+anbahnte. Wo wollt's hinaus?
+
+Eine heiße Angst überkam die alte Frau. Mit weitem Blick und offener
+Seele stand sie Deutschlands Not gegenüber. Ihren Familienschmuck hätte
+sie um ihres Volkes willen geopfert, ihr Festkleid, ihr weißes Haar,
+die Krone ihres Alters.
+
+Aber das zwanzigste Jahrhundert beging ein Verbrechen an der
+Volksseele, das Gold und Silber nicht gutmachten. Der alte Schenker
+hatte recht: hier wurde Größeres gefordert. Eine lebendige Mauer mußte
+die höchsten Werte schützen, Männer und Frauen mußten ausziehen, die
+deutsche Volksseele zu retten.
+
+Zum erstenmal in diesen bewegten Tagen fand sie Zeit, dem Gedanken
+des schlichten Spreewälder Häuslersohnes nachzugehen. Er war ihr ja
+nicht fremd, aber Schenker hatte ihn aufs neue angeregt. Und während
+sie sinnend dasaß, stieg eine vergangene Zeit vor ihr auf. Männer,
+von glühender Vaterlandsliebe und banger Sorge erfüllt, die ihren
+Weggenossen die gleiche Mahnung zugerufen, zogen an ihrem Geiste
+vorüber, ein Wichern, ein Stöcker. Zwei Starke, die Großes geschaffen
+und die Grundsteine zum Bauwerk kommender Geschlechter gelegt.
+Dann waren sie schlafen gegangen. Deutschland verlor zu früh zwei
+Volkserzieher, und keiner stand auf und trat in die Bresche. Die
+Arbeit der Inneren Mission zersplitterte. Überall lagen edle Kräfte
+brach, und das Unkraut wucherte. Nicht zum erstenmal war Exzellenz von
+Kambach dem Wunsche des Zusammenschlusses begegnet, aber nie war ihr
+das ursprüngliche, aus der Not herausgeborene heiße Begehr aus den
+Reihen des Volkes entgegengetreten, wie in jener Abendstunde auf der
+Waldwiese. Deutschland war müde geworden, aber noch besaß es Männer,
+die auf den Höhen seiner Berge die Ehrenwacht hielten, Männer und --
+Frauen. Ja, auch Frauen. Vielleicht waren sie sogar in der Überzahl.
+Jedenfalls hatte Franz Schenker, der zunächst natürlich an seine
+Kambacher dachte, ohne sich zu besinnen, das hoffnungsfreudige Wort
+gesprochen: ›Noch haben wir Männer und Frauen, die treu zu Altar und
+Thron stehen und überall ihren Christenglauben bekennen würden!‹ Und
+dann hatte er seine alte Exzellenz gebeten, die Sache in die Hand zu
+nehmen. Ein unglaublicher Einfall, und doch wurde sie das schlichte
+Wort, das mit echt Schenkerscher Selbstverständlichkeit bei ihr
+anklopfte, nicht wieder los. Sie hatte ja auch nicht nein gesagt. Nun
+stand sie vor der Riesenaufgabe.
+
+Ihr Blick fiel auf ein vielbenutztes Buch, eine Sammlung deutscher
+Dichtungen. Sie nahm es und blätterte darin. Und dann las sie die
+ergreifenden Worte, die Herder vor hundert Jahren an sein Volk
+richtete:
+
+›Unsere Väter, o Deutschland -- meine Sorge -- waren nicht, wie wir
+jetzt sind!‹
+
+Das war eine Anklage auf der ganzen Linie. War's nicht, als richte sie
+sich gegen das Geschlecht von heute? Eine innere Unruhe ergriff die
+Frau, deren ganzes Schaffen und Sinnen im Dienst ihres Volkes stand.
+Wenn eine die Pflichten der Gutsherrin und Edelfrau ernst nahm, war
+sie's -- --
+
+Aber ein echtes Weib trägt die Krone des Gottesgnadentums und mißt
+seine Arbeit mit ewigem Maß. Selbstzufriedenheit kennt es nicht. Auch
+die greise Kambacherin trug ihr Werk in die Fackelhelle des göttlichen
+Wortes und bekannte: ›Es hat Flecken und Makel!‹
+
+Durch die Feierstille des Sonntags zog das Beichtgebet: ›Wir haben
+gesündigt!‹ Die Schuld ihres Volkes war ihre Schuld. -- --
+
+»Wir haben das Bismarckwort vergessen,« sagte sie leise, während
+sie sich erhob und zum Fenster trat: »Wir sind nicht auf der Welt,
+um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Pflicht und
+Schuldigkeit zu tun!«
+
+Gedankenverloren blickte sie in die Weite. Über ihre Wange stahl sich
+eine Träne und tropfte auf die gefalteten Hände nieder. Ein Seufzer
+stieg aus der tiefsten Tiefe ihrer Seele: »O Deutschland, meine Sorge!«
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Adel.
+
+ Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht:
+ Ihr seid die Träger von Ehr' und Pflicht!
+ Ihr seid die Schirmherrn von Land und Herd,
+ Das Schwert, das ihr führt, ist ein adlig Schwert!
+
+ Die Scholle der Heimat ist euch vertraut,
+ Der deutsche Acker, den ihr bebaut,
+ Die Sitte, der alte heilige Kitt,
+ Der Glaube, darum euer Ahnherr stritt!
+
+ Adel des Blutes ist Vornehmheit,
+ Adel der Seele Persönlichkeit,
+ Adel des Schaffens ist Kraft und Zucht,
+ Adel ist's, der die Wahrheit sucht.
+
+ Adel kämpft für Altar und Thron,
+ Adel kennt keinen irdischen Lohn!
+ Adel ist Gottesdienst, Adel ist Pflicht, --
+ Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht!
+
+
+Es klopfte.
+
+Die alte Frau fuhr aus ihren Träumen auf.
+
+»Darf ich kommen, Großmama?« Harro stand auf der Schwelle. »Ich möchte
+dir Lebewohl sagen!« Er trat zu ihr und beugte sich über ihre Hand.
+»Stör' ich dich, oder darf ich mich einen Augenblick zu dir setzen?«
+
+»Durchaus nicht, mein Junge, bleib nur!« Sie fühlte, er hatte etwas
+auf dem Herzen. »Fahrt ihr jungen Herren zusammen?« fragte sie,
+sich setzend und auf einen Stuhl weisend. Sie freute sich allemal,
+wenn die Enkel zu ihr kamen. Wie manches Mißverständnis hatte sie
+schon beseitigt, wie oft schon war's ihrer großmütterlichen Liebe
+gelungen, zwischen Vater und Sohn zu vermitteln! Denn die herbe, ja
+strenge Soldatennatur Karl Heinrichs von Kambach, dessen ritterlicher
+Sinn kein Stäubchen auf dem Bilde des eigenen Lebens duldete, war
+dem leichtherzigen Sohne zu stark. Die väterliche Art hatte etwas
+Vergewaltigendes für ihn. Sie stählte ihn nicht, sie erdrückte ihn.
+Es war die Strenge altadliger Häuser, die nicht nur den Gehorsam aufs
+Wort fordert, sondern auch in vielen Fällen den erwachsenen Kindern
+die persönliche Rechtfertigung versagt, -- eine zu weit gehende, ihre
+Grenzen überschreitende, aber vielfach traditionell gewordene Strenge.
+Herr von Kambach war ein ganzer Mann, eine Persönlichkeit aus einem
+Guß. Seine edelmännische Gesinnung, sein strenges Pflichtgefühl, sein
+schlichtes biblisches Christentum erwarben ihm überall Anerkennung.
+Aber er war wie die meisten starken Charaktere heftig und vertrug
+von seinen Kindern keinen Widerspruch. Die Behauptung Harros, in
+Kambach dürfe nur ~eine~ Meinung herrschen, war daher nicht ganz
+unberechtigt.
+
+Frau Sabine mit ihrem klaren Blick für Menschen und Verhältnisse hatte
+schon oft die allzu schroffe Haltung ihres Sohnes seinen Kindern
+gegenüber beklagt. Sie wußte, ändern würde sie seine Art nicht, sie
+gehörte zur Herrennatur. Doch wo sie konnte, milderte und ebnete sie,
+und wenn's in des Vaters Arbeitszimmer scharf hergegangen war, kamen
+die Enkel zur Großmutter. In den meisten Fällen unterstrich dann Frau
+Sabine zwar des Sohnes Wort, aber die Jugend wußte ihre Angelegenheit
+wohlverwahrt. Immer wieder klopfte sie bei ihr an, ob es in dem stillen
+Dreilinden war oder in der Dorotheenstraße in Berlin oder in dem
+sogenannten Sirenenquartier in Kambach, welches der Oberstallmeister
+seiner Mutter zur Verfügung gestellt hatte. -- --
+
+Den Oberkörper leicht vorgebeugt, saß Harro, mit seinem Siegelring
+spielend, der Großmutter gegenüber. Er war eine angenehme Erscheinung,
+in vielem an den Vater erinnernd, aber doch kein ausgesprochener
+Kambach. Der Sellernsche Einschlag war unverkennbar, und im ganzen
+Wesen und Auftreten erinnerte er am meisten von allen Kindern an die
+früh verstorbene Mutter.
+
+Er schien mit einer Anwandlung von Verlegenheit zu kämpfen. Die langen
+Wimpern gesenkt, betrachtete er aufmerksam das Wappen seines Ringes.
+
+Sinnend blickte die alte Frau den Enkel an. Sie wußte, er hatte einen
+heiligen Respekt vor ihr.
+
+»Nun, Harro,« sagte sie endlich, »wo drückt dich der Schuh? Daß du
+nicht nur zum Abschiednehmen kommst, hab' ich auf den ersten Blick
+gesehen.«
+
+Der Ulan lachte. »Ja, Großmamachen, du bist furchtbar klug! Darum
+kommen wir ja auch immer zu dir!« Er rückte auf seinem Stuhl hin und
+her.
+
+»Nun also, was gibt's?« fragte sie.
+
+»Großmama, ich komme mit einer Riesenbitte. Du -- du sollst die Hände
+über mein Lebensglück breiten.«
+
+Frau Sabine wußte Bescheid. Aber sie verhielt sich abwartend.
+
+»Also kurz gesagt: ich liebe Sibylle!«
+
+»Das ist mir nichts Neues, mein Junge!«
+
+Er sah überrascht auf. »Aber ich bin doch kolossal vorsichtig gewesen!«
+
+Die alte Frau lachte. »Die Auffassung kann ich nicht gerade teilen,
+aber das schadet ja nicht. Die Hauptsache ist: du hast guten Geschmack!
+Und das freut mich! Ich wüßte keine zweite, die mir als Enkelin so
+willkommen wäre, wie Sibylle!«
+
+Harro strahlte. »Ich wußte es!«
+
+Sie nickte. »Es ist nur die Frage, ob sie dich nimmt!«
+
+Er sah die Großmutter voll an. »Sie nimmt mich.«
+
+Der klare ruhige Ernst seines Wesens gefiel ihr. Er erschien in diesem
+Augenblick gereifter und männlicher als sonst. Und zugleich sagte sie
+sich, warum er zu ihr kam, und freute sich dessen. Sie sollte seine
+Fürsprecherin sein. Bei seinem Vater und bei Sibyllens Großvater. Er
+wollte einen Menschen zur Seite haben, vor dem die beiden Familien
+Respekt hatten. Dieser Wunsch enthielt ein Zugeständnis der eigenen
+Mängel und zugleich den Beweis echt kindlicher Ehrerbietung. Denn
+berechnend war Harro nicht. Er war leichtsinnig und zum großen Kummer
+der Seinen religiös gleichgültig, aber im übrigen eine durchaus
+aufrichtige Natur. Sonst wäre sein Verhältnis zu der Großmutter
+unmöglich gewesen. Denn Frau von Kambach nahm gerade ihm gegenüber kein
+Blatt vor den Mund, und Harro mußte sich oft messerscharfe Wahrheiten
+sagen lassen. Aber er kam immer wieder.
+
+Auch heute sagte sich die alte Dame, daß sie den Augenblick nützen
+müsse, um dem Enkel einige Ermahnungen mit auf den Weg zu geben.
+
+»Ich soll die Hände über deine Liebe breiten?« sagte sie lächelnd.
+»Wie meinst du das? Du weißt, das Ehestiften liebe ich nicht. Es kommt
+nichts dabei heraus als Ärger und Aufregung, und klappt die Sache
+nachher nicht, so wird man verantwortlich gemacht. Das ist nichts für
+eine Frau mit weißen Haaren!«
+
+»Großmamachen, das sollst du ja auch gar nicht. Ich möchte nur, daß der
+alte Bühler eine etwas bessere Meinung von mir bekommt.« Er hielt inne
+und blickte auf seine Stiefelspitzen nieder. »Ich -- ich habe gestern
+abend einen kleinen Zusammenstoß mit ihm gehabt, und Papa ist ja leider
+nicht gerade mein Fürsprecher.«
+
+Frau von Kambach überhörte die letzten Worte.
+
+»Was hast du denn angestellt?«
+
+»Gott -- im Grunde nichts. Ich erlaubte mir zu äußern, daß ländliche
+Hochzeiten im allgemeinen nicht meinem Geschmack entsprächen -- da
+bekam ich's! Zuerst wurde die Unterhaltung halblaut geführt, nur Gräfin
+Brelow war Zeuge, aber dann muß ich wohl irgend etwas gesagt haben,
+was dem alten Herrn zu modern erschien, kurz und gut, er erklärte mit
+gereizter Stimme, es sei ein soziales Verbrechen, wenn die Hochzeit
+eines Landedelfräuleins in einem Berliner Gasthof gefeiert werde. Ein
+paar Regimentskameraden drehten sich um, die jungen Mädchen reckten
+die Hälse, -- du kannst dir denken, daß es ein höchst unangenehmer
+Augenblick für mich war! Ich konnte doch schließlich dem ältesten und
+vornehmsten Gast unseres Hauses nicht entgegentreten! -- Du kamst
+gerade mit Papa vorbei, als die letzten Worte gesprochen wurden. Die
+Folge war, daß wir eben eine endlose Auseinandersetzung über die
+Pflichten des Edelmannes und preußischen Offiziers hatten.«
+
+Exzellenz von Kambach lehnte sich zurück. »Harro, du weißt, daß ich
+in dem Punkt mit deinem Vater vollständig übereinstimme,« sagte sie
+ernst. »Er hat ganz recht, wenn er sagt, daß es dir noch am rechten
+Pflichtgefühl fehlt.«
+
+Harro blickte, an der Unterlippe nagend, vor sich nieder. »Ich bin
+gar nicht solch ein Luftikus, wie Papa denkt! Ich habe noch nichts
+Ehrenrühriges getan!«
+
+»Dann würden sie dich auch hoffentlich in Brandenburg nicht behalten.
+Deine Antwort ist übrigens sehr bezeichnend für dich. Zwischen dem, was
+unserem alten edelmännischen Begriff gegen die Ehre geht, und dem,
+was man heutzutage als ehrenrührig bezeichnet, liegt noch sehr, sehr
+viel. Aber das laßt ihr Jungen nicht mehr gelten, ihr kennt nur den
+modernen Ehrbegriff. Daß dein Vater das nicht vertragen kann, ist ganz
+natürlich!« Und die welke Hand, welche die beiden goldenen Trauringe
+trug, strich glättend über das schwarze Seidenkleid.
+
+»Er fordert sehr viel von seinen Söhnen,« sagte Harro.
+
+»Würde dein Vater so groß vor dir stehen, wenn er weniger von dir
+verlangte? Ein echter märkischer Junker wird immer einen vollen
+Lebenseinsatz fordern, die völlige Hingabe an Vaterland und Beruf,
+mit einem Worte: Mannentreue. Nur ganze Männer sind Persönlichkeiten.
+Aber was nennt sich heutzutage alles Mann! Nicht die Hälfte
+dieser weibischen, im Überfluß lebenden Tagediebe verdient diesen
+Namen. -- Lappen sind's! -- Sieh dir bitte die sogenannte erste
+Gesellschaft einmal näher an, -- wir sind heruntergekommen, furchtbar
+heruntergekommen!«
+
+»Großmama!« rief der Enkel in gekränktem Ehrgefühl.
+
+Aber die alte Exzellenz war in ihrem Fahrwasser. Wenn diese Frage
+angeschnitten wurde, regte sich die Vaterlandsfreundin und märkische
+Edelfrau in ihr. Und noch eine andere.
+
+»Bitte, laß mich ausreden,« rief sie. »Das muß doch jeder, der offenen
+Auges durch die Welt geht, erkennen, daß unserem Volke mit dem
+Christentum die Sittlichkeit mehr und mehr abhanden gekommen ist. Es
+herrscht bei der heranwachsenden Jugend eine geradezu erschreckende
+Auffassung von Pflicht und Verantwortlichkeit. Was früher ganz
+selbstverständlich war, ist heute unmodern und rückständig. ›Man muß
+sich ausleben,‹ ist das dritte Wort. Das verdanken wir Nietzsche.
+Es liegt ein Fluch auf seiner christusfeindlichen, widergöttlichen
+Philosophie, -- der Fluch der Unsittlichkeit!«
+
+»Aber Großmama, man kann doch nicht alles verwerfen, was er gesagt hat!
+Außerdem war er jahrelang schwer krank.«
+
+»Ich denke nicht daran, ihn zu verurteilen,« sagte Frau von Kambach.
+»Möglicherweise war er besser, als seine Lehre. Sogar christlich
+gesinnte Männer erklären, bei unbefangener Beurteilung manches Gute
+an ihm zu finden. Aber das schafft doch die Tatsache nicht aus der
+Welt, daß er die Lauge seines Spottes über Religion und Christentum
+ausgegossen hat, und daß seine Saat immer weiter aufgeht.«
+
+»Es ist keiner unter den Lebenden, der ihm an Geist und Begabung
+ebenbürtig wäre,« entgegnete der junge Offizier. »Seine Schimpfereien
+auf das Christentum finde ich natürlich unanständig, aber das sind eben
+Krankheitserscheinungen.«
+
+»Zum Teil, gewiß. Ob sie es durchweg sind, ist erwiesenermaßen
+zweifelhaft. Aber gesetzt den Fall, sie wären es, Harro -- ist's nicht
+ein trauriges Zeichen unserer Zeit, daß man die Geisteserzeugnisse
+eines Wahnsinnigen zum Evangelium erhebt? Ich habe immer das Gefühl,
+daß das, was er verkündigt, unserem verweichlichten kampfesscheuen
+Geschlecht so gut behagt, weil es sein schrankenloses Triebleben mit
+Nietzsches Namen decken zu können glaubt. Denn er entschuldigt nicht
+nur alles, er rechtfertigt es in sittlicher Hinsicht. Diese Weisheit
+ist das Evangelium Tausender geworden. Und eben dadurch ist uns die
+Sittlichkeit verloren gegangen.«
+
+»Wir stehen auf dem Höhepunkt der Kultur, Großmama!«
+
+»Jawohl -- und waten im Sumpf! Die höchste Blüte der Kultur ist immer
+die Sittlichkeit gewesen, und nur das Christentum hat sie den Völkern
+gebracht. Sieh dir doch die Geschichte an! Die alten Griechen und Römer
+standen, was Kunst und Wissenschaft anbelangt, doch gewiß auf der Höhe,
+und was war der Abschluß? Sie endeten im Morast, denn ihrer Kultur
+fehlte die sittliche Edelkraft. Gott sei's geklagt, -- so weit sind wir
+auch! Warum lehnen wir das Christentum ab!«
+
+Der Ulan antwortete nicht.
+
+»Es ist doch nicht nur die arbeitende Klasse,« fuhr Exzellenz von
+Kambach fort, »die ohne christliche Zucht verloren geht, -- die
+höchsten und allerhöchsten Kreise degenerieren in derselben Weise,
+das Fremdwort drückt es nur etwas feiner aus. Darum sollte gerade
+der Stand, der die höchste und schwerste nationale Pflichterfüllung
+fordert, sich fest auf das Christentum gründen. Denn nur wer seinem
+himmlischen König die Treue hält, vermag sie auch dem irdischen zu
+bewahren.«
+
+»Verzeih, Großmama, da muß ich dir widersprechen. Ich kann meinem
+König sehr gut die Treue halten, ohne an Gott zu glauben. Der Begriff
+Edelmann ist für mich durchaus nicht von dem des Christen abhängig.
+Wenn ich meinem König die Treue schwöre, dann halte ich sie ihm auch.«
+
+Die alte Dame schüttelte den Kopf. »Mein lieber Junge, ich möchte
+dir nicht wehe tun. Ich zweifle deine Aufrichtigkeit gewiß nicht
+an. Aber du siehst nicht klar in der Sache. Der Unglaube lehnt das
+Gottesgnadentum ab -- sonst wäre er eben kein Unglaube -- kann da
+noch von wahrhaftiger Königstreue die Rede sein? Gottesleugnung und
+Königstreue sind unvereinbar, du kannst es mir glauben, und wenn die
+alte preußische Zucht und der Geist eines vornehmen Offizierkorps
+die Frage auch äußerlich noch bejahen, der Kitt ist brüchig -- denn
+die Gesinnung steht nicht mit dem äußeren Verhalten im Einklang. Wie
+verträgt sich z. B. die Stellung des Gottesleugners zum Besuch des
+Gottesdienstes? Wenn du nicht an Gott glaubst, so ist dein Kirchgang
+eine Lüge. Versäumst du aber absichtlich den vorgeschriebenen
+Gottesdienst, so machst du dich des Ungehorsams gegen den obersten
+Kriegsherrn schuldig. Aus dieser Zwickmühle findet der Gottesleugner
+keinen Ausweg -- findest du einen?«
+
+»Das sind die letzten schwersten Folgerungen, Großmama! Ich muß
+offen gestehen, so bis ins kleinste bin ich der Frage noch nicht
+nachgegangen.«
+
+»Bis ins kleinste? Das liegt doch sehr nahe.«
+
+Er zuckte die Achseln.
+
+»Stelle dir einen Sozialdemokraten als Reichskanzler vor,« fuhr sie
+fort. »Das liegt auf derselben Linie. Kannst du dir einen tolleren
+Widerspruch denken: Anarchismus und Atheismus Wächter des Königtums von
+Gottes Gnaden? Es wäre Gotteslästerung!«
+
+»Aber Großmama, was denkst du eigentlich von mir, das würde ich doch im
+ganzen Leben nicht befürworten,« rief der Enkel erregt.
+
+»Gewiß, Harro, das glaube ich dir. Die Praxis des Wahnsinns befürwortet
+man nicht. Dagegen hat ihn schon mancher in der Theorie vertreten. Ich
+bin, wie gesagt, überzeugt, daß du ein königstreuer Mensch sein willst,
+aber das eine muß ich dir immer wieder aufs neue sagen: das Beste, die
+sittliche Lebenskraft fehlt dir -- das Christentum.«
+
+»Großmama, ich kann doch nichts dafür, daß es mich kalt läßt und mir
+nichts gibt!«
+
+Frau von Kambach sah ihren Enkel traurig an.
+
+»Als ob du dir jemals die Mühe gegeben hättest, dich eingehender damit
+zu beschäftigen, Harro! Es heißt: ›Wer da anklopft, dem wird aufgetan!‹
+-- Was gibt dir denn die Kunst? Würde die Musik dich trösten, wenn du
+alles, was dir lieb ist, verlörst? Denn so weit bist du doch noch nicht
+wie jene Tänzerin, die am Sarge Richard Wagners einen Kranz mit der
+Inschrift niederlegte: ›Lebe wohl, du Gott!‹«
+
+»Nein, so weit bin ich noch nicht!«
+
+»Noch nicht, Harro, aber du steuerst mit vollen Segeln auf die
+Vergottung des Künstlertums los!«
+
+»Wenn Sibylle ihre Stradivariusgeige spielt, fällt mir allerdings
+jedesmal der Ausspruch Novalis' ein: ›Der Künstler ist durchaus
+transzendental.‹ Und Novalis war doch gewiß ein frommer Mann.«
+
+»Das streite ich nicht ab. Aber er war von starker mystischer
+Veranlagung. Außerdem kann das Wort auch so gedeutet werden, daß jedes
+Künstlertum transzendentale Züge, d. h. Züge der göttlichen Gabe,
+trägt.«
+
+Er zuckte die Achseln. »Ich glaube, daß es anders gemeint ist!«
+
+»Dann beglücke nur nicht Sibylle mit deiner Weisheit, sie faßt ihre
+Kunst ganz anders auf und würde wahrscheinlich wenig erbaut von deiner
+Ansicht sein.«
+
+»Sibylle liebt mich,« entgegnete er stolz.
+
+»Mag sein, aber sie hat einen sehr bestimmten christlichen Standpunkt.
+Wenn du sie aufs Gewissen fragst, wird sie dir dasselbe sagen wie ich,
+nämlich, daß der Gottesleugner nur ein Gegner des Gottesgnadentums
+sein kann. Denn wenn sich seine Praxis nicht mit der antichristlichen
+und antimonarchischen Theorie deckt, so ist er eben kein waschechter
+Anarchist und Atheist. Und das glaube ich im Grunde von den meisten,
+auch von dir! Du bist im Grunde gar kein Atheist, mein lieber Junge,
+laß dir das von deiner alten Großmutter sagen!«
+
+Jetzt erwachte der junge Stolz.
+
+»Aber Großmama, ich bin doch kein Kind mehr, ich muß doch wissen, was
+ich will.«
+
+»Nein, Harro, du weißt es eben nicht, und es gibt ältere und
+erfahrenere Leute wie du, die nicht wissen, was sie wollen. Es ist
+einfach eine Torheit, nicht an einen persönlichen Gott zu glauben
+und dann seinen Unglauben wissenschaftlich begründen zu wollen.
+Wahrhaftige Wissenschaft lehnt den Glauben nicht ab. Ihr aber lest
+die Bibel gar nicht und behauptet dann, sie sei nicht mehr zeitgemäß,
+dagegen glaubt ihr unbesehen die tollste sogenannte wissenschaftliche
+Hypothese!«
+
+In dem hübschen jungen Gesicht zuckte Wettergeleucht. Es war wirklich
+nicht so ganz einfach mit der Großmutter. Und durch Harros frauenhaft
+eitlen Sinn flog der Gedanke: es spricht doch sehr für dich, daß du
+dich wie ein Schuljunge abkanzeln läßt und trotz alledem immer wieder
+kommst. Ein anständiger Charakter und eine gute Kinderstube sind doch
+unbezahlbar. Und die Kambachsche Freiherrnkrone schimmerte im
+Goldglanz.
+
+»Du mußt doch bedenken, Großmamachen, daß die Zeiten sich geändert
+haben,« sagte er. »Nicht nur die Bibel paßt nicht mehr in unsere
+Zeit, auch unsere ganzen sozialen kirchlichen und gesellschaftlichen
+Verhältnisse haben gewechselt. Das zähe Festhalten altadliger
+konservativer Häuser an Überlieferung und Sitte ist ja sehr schön, aber
+es kommt mir immer so vor wie eine Ruine, welche die verschlungenen
+Gewinde tausendjährigen Efeus zusammenhalten, bis ein Sturm das
+Ganze niederreißt. Und schließlich wirkt solche überlieferte Treue
+tragikomisch! So ist's auch mit dem Christentum, -- mein Gott, man
+sieht das doch alle Tage!«
+
+»Harro!« -- Ein tiefer Schmerz durchzitterte die alte Stimme. »Das sagt
+ein Kambach, ein preußischer Edelmann, ein Mann, dessen Vorfahren Gut
+und Blut für Altar und Thron geopfert, das -- das sagt mein Enkel?« Die
+Tränen stiegen ihr in die Augen, ihre Stimme brach. Sie stand auf und
+trat ans Fenster. »Das -- das ist zuviel!«
+
+Eine flammende Röte war in die Stirn des jungen Offiziers gestiegen.
+Tränen im Auge der Großmutter konnte er nicht ertragen. Mochte sie
+bisweilen schroff und hart, mochte sie altmodisch und einseitig in
+ihrem Urteil sein, sie war die Großmutter, die Frau, die ihm wie
+so oft schon die Mutter ersetzt, deren ehrwürdige geliebte Gestalt
+eine scheidende Generation vertrat, die -- man mochte sagen, was man
+wollte -- größer, stärker, opferwilliger war, als das Geschlecht von
+heute. Daß die Greisin den einzelnen für die Gebrechen der Gegenwart
+verantwortlich machte, war eine berechtigte Schwäche des Alters,
+welches bekanntlich immer nur die gute alte Zeit gelten ließ. Das
+durfte man ihr nicht verübeln.
+
+Er sprang auf und trat an ihre Seite.
+
+»Großmama,« rief er, die schmalen Hände an die Lippen ziehend, »verzeih
+mir, du weißt doch, daß es nicht schlimm gemeint ist! Ich bin doch kein
+Umstürzler; aber Zeiten und Menschen wechseln, und wir müssen uns ihnen
+anpassen -- es geht nun einmal nicht anders, wir kommen sonst nicht
+vorwärts im Leben, man geht an uns vorbei zur Tagesordnung über --
+bitte, versteh mich doch, Großmamachen! Du weißt doch, daß ich so nicht
+nach Drachenburg zurückkehren kann!«
+
+Er streichelte ihre Hände. Er bettelte und flehte, wie einst das schöne
+goldlockige Kind: »Sei wieder gut, Großmamachen!«
+
+Exzellenz von Kambach wandte dem Enkel das Antlitz zu. Aus den nassen
+Augen leuchtete die warme Mutterliebe ihres großen Herzens, -- um die
+Lippen aber lag noch der feste Zug unbeugsamen Willens und unentwegter
+Rechtlichkeit. Der strahlende Stolz der deutschen Edelfrau wachte über
+märkischer Ehre, über der Treue zu Altar und Thron.
+
+Und der junge Sproß des alten edlen Geschlechts verstand in den
+ehrwürdigen Zügen zu lesen und -- schwieg.
+
+Dann hörte er ihre Stimme. Es wirkte beruhigend auf ihn, daß sie
+wieder redete. Denn wenn Großmutter Kambach schwieg, standen die
+Dinge schlimm. Solange sie aber noch sprach, war Hoffnung auf einen
+erträglichen Ausgang der Sache vorhanden.
+
+»Ich will dir verzeihen,« sagte sie, und noch zitterte der Schmerz in
+ihren Worten nach, »aber eins merke dir: das Wort tragikomisch darf
+ein Edelmann in bezug auf Überlieferung und Sitte, vor allem aber in
+bezug auf das Christentum nicht in den Mund nehmen, Harro! Wer das
+tut, ist kein rechter Edelmann. Denn so eng der monarchische Gedanke
+mit dem Adel verknüpft ist, so eng sind beide mit dem Gottesgnadentum
+verbunden. Wer diese alte Wahrheit ablehnt, ist darum auch kein echter
+Vaterlandsfreund. Denn nicht das erlauchte Blut ist's, nicht Macht und
+Krone sind's, die dem Königtum seine unantastbare Würde verleihen,
+sondern das Prädikat: von Gottes Gnaden. Es ist darum ganz berechtigt,
+wenn man das Gottesgnadentum den Lebensnerv des Königtums nennt, und
+ebenso berechtigt, wenn man das Christentum als Träger und Grundstein
+des monarchischen Gedankens fordert. Denn wo soll die Achtung vor einer
+göttlichen Einrichtung herkommen, wenn man nicht an Gott und Ewigkeit
+glaubt?« Sie seufzte. »Es ist bezeichnend für unsere Zeit, daß sie auf
+dem Gebiet der Jugendpflege die Religion fast durchweg ausschaltet. Als
+ob Sport und Spiel den Menschen zur Persönlichkeit reiften!«
+
+»Sie sind aber sehr nötig, Großmama, und halten junge Leute, zumal
+Schüler, von manchen Dummheiten ab.«
+
+Sie schritt an ihrem Krückstock auf den verlassenen Platz zu und setzte
+sich wieder.
+
+»Gewiß, Harro. Ich kann das Wort ›Ertüchtigung‹ allerdings nicht
+leiden, aber ich beglückwünsche es trotzdem, daß mehr Gewicht auf
+diese Seite der Jugenderziehung gelegt wird wie früher. Nur darf man
+sich, wenn man die Hauptsache ausschaltet, nicht über einen halben
+Erfolg wundern. Denn Persönlichkeiten erzieht der Geist Gottes. Darum
+wird das Geschlecht, das wir auf diese Art großziehen, trotz seiner
+körperlichen ›Ertüchtigung‹ kein Heldengeschlecht werden. Denn ein Leib
+ohne Geist ist nun einmal tot.«
+
+Harro Kambach sah nachdenklich vor sich nieder. Ein Wort Kurt Breysigs
+zog ihm durch den Sinn: ›Persönlichkeit ist Kraft, Persönlichkeit ist
+Adel, Persönlichkeit ist Zucht!‹ Sollte sich dasselbe nicht ohne die
+Grundlagen des Christentums in die Tat umsetzen lassen? Anderenfalls
+hätte Breysig hinzufügen müssen: Adel ist Gottesgnadentum. Der Adel
+des Blutes wäre damit freilich hinfällig gewesen, -- allein der Adel
+des Schaffens und der Gesinnung wäre in Betracht gekommen. Dann hätte
+allerdings das, was die Großmutter behauptete, zu Recht bestanden:
+entartete dieser von Gottesbewußtsein belebte und Gottes Kraft
+gestählte Adel, so war eine Zersetzung von oben nach unten angebahnt.
+Aber das war eben Ansichtssache -- nichts weiter. Es kam alles auf die
+Auffassung des Weltgeschehens an.
+
+Er sagte es ihr.
+
+»Warum soll ich nicht stark und frei sein ohne Gott, warum soll ich
+nicht freiwillig Selbstzucht üben können, Großmama?«
+
+»Es mag sein, daß es einem Starken eine Zeitlang gelingt,« entgegnete
+sie ernst, -- »aber« -- sie sah ihn fragend an -- »ob du so stark
+bist, Harro? -- Außerdem müssen wir mit dem Durchschnitt rechnen und
+bedenken, was für Stürmen und Nöten ein Menschenherz oft ausgesetzt
+ist. Du bist noch jung! Stelle dir einmal die Zeit ohne Ewigkeit vor,
+ohne einen Schimmer von Hoffnung auf das Zukünftige und dich selbst in
+verzweifelter Lage -- glaubst du, daß dein Persönlichkeitsbewußtsein
+dadurch gefestigt werden würde?«
+
+Er schwieg.
+
+Da fuhr sie fort: »Genau so ist's im Blick auf das große Ganze. Ein
+ewigkeitsloses Geschlecht ist dem Verfall ausgeliefert. Es lebt ja
+nur für diese Zeit!« Sie nahm ein Buch von einem neben ihr stehenden
+Tischchen und blätterte darin. Es währte ein Weilchen, bis die alten
+Augen fanden, was sie suchten.
+
+Und dann las sie.
+
+»Was ist die Zeit ohne Ewigkeit, ohne den göttlichen Heilsgedanken, der
+das Irdische in den Glanz des Himmels rückt? Was sind Vaterland und
+Volksseele, die Einzelgestalt, die du liebst und ehrst? Was bist du
+selber mit dem heißen Leben deiner Sinne, der Sehnsucht deines Herzens?
+Eine Eintagsfliege, die morgen vermodert! Fasse es bis ins letzte,
+schwerste, und dann sage mir, ob du angesichts der entsetzlichen Leere,
+die dich erfüllt, der unsäglich tiefen grausen Hoffnungslosigkeit,
+noch den Wagemut hast, die Tollkühnheit, nicht nur zum handelnden oder
+geistigen Schaffen, sondern zum Kampf, zum Opfer deines Herzblutes,
+um -- ja, worum? Sind's nicht Erde und Asche, um die du streitest?
+Ist's aber eines freien deutschen Mannes würdig, das Leben für sie
+einzusetzen? Vaterlandsliebe und Mannentreue, die Arbeit, wie sie auch
+heiße, die Liebe, welche Züge sie auch trage, der Ehe geheiligte Last
+und Lust, Mutterglück mit seinen Schmerzen und Wonnen, -- was wären sie
+alle? Ein Nichts, ein Wolkenschatten auf der Heide, das krause Spiel
+eines pantheistischen Gedankens, einer Laune des Tages? Und hinter dem
+allem -- Tausenden vielleicht ein weltenferner, kaum gedachter Gedanke
+-- der Zweifel, die leise, immer dringender werdende Frage: wenn's
+anders wäre? Sie läßt dich nicht los, sie zermürbt dir die Sinne, sie
+hetzt dich hierhin und dorthin. Denn hinter dieser großen Frage, welche
+der moderne Mensch immer wieder auszuschalten sucht, steht unabweisbar
+die Schuld. Bis in die Ewigkeit reicht sie. Und die Ewigkeit gibt
+der Zeit Antwort. Jenes erkenntnistheoretisch Unerklärliche,
+Unbestimmbare, jene wunderbare Stimme, die lauter als alle anderen
+Stimmen redet, bezeugt dem Menschen unausgesetzt seine Schuld. Das ist
+das Gewissen. Die ewige Lampe der Seele hat es einer geheißen.«
+
+Schweigend legte sie das Buch auf den Tisch.
+
+Der Enkel stand am Fenster und schaute kopfschüttelnd hinaus.
+
+»Großmama, da kann ich nicht mit. Warum soll ich meine Persönlichkeit
+nicht für die Kleinodien einer begrenzten Zeit einsetzen, wenn sie
+meines Volkes Geschichte umschließt? Warum soll ich es bedauern, daß
+große Tage ihren Abschluß finden? Im Gegenteil! Gerade der Verzicht auf
+die Unsterblichkeit läßt uns das einmalige Geschenk des Lebens, das
+keine Aufhöhung erwarten läßt, höher werten, ja ich möchte sagen, es
+läßt es uns großzügiger, geschlossener, leidenschaftlicher auffassen,
+als wenn wir mit einer neuen verbesserten Auflage rechnen sollten. Das
+Ewige im Sinne der Bibel ist dem modernen Menschen zu unwirklich, er
+findet weder sein Glück noch seine Zukunft darin!«
+
+»So!? Ist etwa das Glück, das ihr sucht, ein wirkliches? Ist's nicht
+vielmehr ein Rausch? Was bleibt euch von Genuß und Überfluß, von
+Liebelei und Mode, von Sinnenlust und Spiel, von Rennen und Kabarett
+und Austernfrühstück, -- was trägt euch der Besuch in einem Hause ein,
+das ihr in Uniform nicht betreten dürft? Es gibt eine Wirklichkeit,
+Harro, vor der mir graut!« Die blauen Augen flammten.
+
+Der Enkel senkte den Blick. »Großmama, das gehört nun einmal zum Leben,
+man darf es nur nicht übertreiben und muß vor allem ein anständiger
+Mensch bleiben!«
+
+»So!? Du traust dir recht viel zu, mein Junge! Ich frage mich nur,
+woher du diese übermenschliche Seelenkraft nimmst. Was heißt das: ein
+anständiger Mensch bleiben? Willst du damit sagen, daß du dich bisher
+von groben Sünden rein gehalten, daß du noch nicht in unerlaubten
+Beziehungen zu einer Frau gestanden, daß du noch nicht gespielt hast?
+Mein Ehrbegriff ist ein anderer. Nicht, daß ich die ganze Welt mit
+dem Maß messe, das ich an meine Person lege, es wäre ungerecht und
+kurzsichtig, aber an meine Familie muß ich es legen,« sie hob das weiße
+Haupt stolz empor, »meine Kinder und Enkel dürfen nicht vergessen,
+daß sie den Namen Kambach tragen! Du aber bist auf dem besten Wege,
+dein Blut zu verleugnen, Harro. Ich habe in letzter Zeit verschiedenes
+über dich gehört, -- keine schwerwiegenden Tatsachen, sondern kleine
+Züge, die aber für deine ganze Persönlichkeit, für deine Stellung
+im Regiment bezeichnend sind. Einer Frau würde man in Frankreich in
+solchem Falle mit der Bemerkung ›+un peu déclassée+‹ das Urteil
+sprechen. Die Stellung des Mannes ist eine andere, -- ich möchte noch
+kaum von Grenzüberschreitung reden, -- und doch, für den Edelmann muß
+es bis ins kleinste gelten: mein Erstes und mein Letztes ist die Ehre!
+-- Wie ich höre, zieht man sich von dir zurück -- etwas Bedenklicheres
+kann man von einem preußischen Offizier nicht sagen, es sei denn, daß
+er als der einzige wahrhaft vornehme Mann in einem heruntergekommenen
+Regiment seine Stellung behaupte. Aber so stehen die Dinge nicht. Das
+Drachenburger Ulanenregiment vertritt die Elite. Es ist ein schlechtes
+Zeichen für einen jungen Offizier, wenn sich Männer wie Jobst Dachow,
+wie die Malwitze und Seelows von ihm zurückziehen.«
+
+»Das war wegen vorübergehender Meinungsverschiedenheiten, Großmama,«
+sagte Harro mit zerdrückter Stimme, »es ist alles wieder in Ordnung.«
+
+»Mein lieber Junge, ich bin genau so weit unterrichtet, wie dein
+Vater, der dir eben schon, wie ich annehme, mit echt Kambachscher
+Gründlichkeit den Standpunkt klargemacht hat. Ich will daher die Sache
+selbst nicht weiter berühren. Hättest du mich nicht um meine Fürsprache
+gebeten, so hätte ich überhaupt geschwiegen, aber diese deine Bitte
+fordert reinen Tisch. Ich muß daher nochmals auf den ›anständigen
+Menschen‹ zurückkommen. Du faßt diesen Begriff immer noch viel zu
+eng, und das liegt an deiner Stellung zum Christentum. Das, was ich
+dir eben vorlas, zeichnet klar und deutlich die heutige entgottete
+Weltanschauung -- einerlei wie sie heißt. Wir brauchen auf keine
+Einzelheiten einzugehen. Aber darüber müssen wir uns klar sein, daß
+der Mensch, der keinen Gott und keine Ewigkeit hat, mit vollem Recht
+in den Tag hineinleben kann, weil Pflicht und Verantwortlichkeit nicht
+für ihn vorhanden sind. Damit aber fällt die Sittlichkeit fort. Rede
+mir nicht darein, -- sie fällt fort. Vom schwersten dunkelsten Fall
+der Schande bis zur kaum angedeuteten Grenzüberschreitung fällt die
+Sittlichkeit fort. Wir entarten ohne den lebendigen Gott, wir verfaulen
+bei lebendigem Leibe. Das sind eiserne Worte, namenlos schwere
+Anklagen, aber sie sind berechtigt. Denn es geht ein Gespenst durch
+unser Vaterland: der deutsche Verfall!«
+
+Exzellenz von Kambach hielt inne. Ihre Augen blickten an ihm vorüber
+in den herbstlichen Park hinaus, in die strahlende Ferne, als wollte
+sie alle, die ihres Volkes waren, ob sie in den Hütten des Heidelandes
+wohnten oder in den Schlössern der Mark, warnen, beschwören: ›Kehrt
+um, noch ist's Zeit!‹ Es lag etwas Prophetisches in diesem Blick,
+etwas Weitschauendes, aber unsäglich Trauriges. Etwas, das von der
+Einsamkeit der letzten Edelgeborenen redete, von dem Herzleid der
+letzten Deutschen, die sich zum Kreuz bekennen, von dem Schmerz der
+Heimatliebe, die sterbend um ihr Vaterland trauert. Und doch war dies
+Leid untrennbar von dem eisernen Willen, von dem flammenden Stolz, von
+der unbesiegbaren Kraft dieser Frau. Beugen würde sich dieser Stolz
+nur vor einem Höheren, -- vor dem Haß der Welt, vor der Gemeinheit nie
+-- eher würde er unter dem Schwerte der Revolution verbluten. Harro
+Kambach kannte diesen Stolz und bewunderte ihn. Heimlich gestand er
+sich: ›Du besitzt ihn nicht!‹ Und der Gedanke stieg ihm auf: ›Wie
+kommt eine Frau zu solch starker freier wunderbarer Heimatliebe,
+woher wird ihr die Kraft, bis ins hohe Alter, so still und selbstlos
+an einem Werke zu bauen, das sie nach ihren eigenen Aussagen nur als
+ein verlorenes ansehen kann?‹ Bedeutete nicht jede Kulturarbeit für
+sie einen hoffnungslosen Einsatz edler Kräfte? Gewiß, aber nur die
+Kulturarbeit im Lichte moderner Weltanschauung -- jede von christlichem
+Geiste beherrschte Arbeit aber faßte sie anders auf! Und doch -- auf
+der ganzen Linie widersprach das biblische Christentum, das sie so
+stark betonte, der Wirklichkeit. Oder nicht? Ein leiser, leiser Zweifel
+erwachte in der Seele des Mannes, ob das, was gerade in den höchsten
+Kreisen vielfach für rückständig galt, wirklich rückständig sei. Die
+wenigen seiner Regimentskameraden, die sich das schlichte Christentum
+ihres Elternhauses bewahrt hatten, waren allgemein beliebt und
+geachtet. Sie waren durchaus keine Mucker, aber ihr Leben spielte sich
+in ganz bestimmten Grenzen ab. Harro glaubte, eine solche Unfreiheit
+nicht ertragen zu können, aber hochhalten und bewundern mußte er diese
+Persönlichkeiten aus einem Guß.
+
+Und wieder klang die Stimme, die er so liebte, an sein Ohr:
+
+»Wenn ihr nur hören wolltet! Den Glauben kann man niemand einreden,
+durch Menschenworte findet man nicht seinen Gott -- aber das solltet
+ihr offenen Auges erkennen, daß wir einen schweren völkischen
+Niedergang zu verzeichnen haben, daß eine furchtbare Zersetzung durch
+alle Kreise geht. Doch anstatt Hand anzulegen und die entsetzliche Flut
+einzudämmen, geht man mit bösem Beispiel voran. ›Genußsucht, Spiel,
+Frauen‹ -- der tausendjährige Totenspruch der Völker gilt auch uns. Ein
+wahrhaft christliches Volk wird diesen dreien immer die Tür weisen --
+das besagt alles. Aber die Zucht des Christentums paßt uns nicht, denn
+unser ganzes Wesen ist selbstsüchtig. Darum vergessen wir immer wieder,
+daß wir Glieder einer großen Kette sind, daß jeder einzelne seinen Teil
+an der vaterländischen Gesamtpflicht zu erfüllen hat und die Übernahme
+dieser Pflicht den ganzen Menschen, Leib und Seele fordert. Es ist
+eine Hauptaufgabe des deutschen Adels, eine germanische Rassenauslese
+darzustellen. Damit ist nicht nur vor der Verjudung des Adels, sondern
+vor sozialer kultureller und politischer Verschwommenheit, mit einem
+Worte, vor dem weibischen Geiste des zwanzigsten Jahrhunderts gewarnt.
+Wir haben keine Männer mehr, das ist Deutschlands Unglück!«
+
+Ein zweites Mal klang die zornige Anklage an Harros Ohr. Das Blut stieg
+ihm in die Stirn.
+
+»Großmama, das ist zu viel! Das darf sich ein preußischer Offizier
+nicht sagen lassen. Verzeih, -- aber --«
+
+Frau von Kambach sah ihn fest an. »Ich bin die erste, die Gott auf
+den Knien danken würde, wenn mein Enkel sich solche Worte nicht sagen
+zu lassen brauchte,« erwiderte sie, jedes Wort betonend, mit bebender
+Stimme. »Du kamst zu mir als ein Bittender. Über deine Liebe soll ich
+die Hände breiten. Einem Mädchen gegenüber, das -- ich sage es mit
+Schmerz -- viel, viel zu gut für dich ist, soll ich deine Fürsprecherin
+sein, aber die Wahrheit kannst du nicht ertragen!«
+
+Die Erregung übermannte sie. Schwer atmend erhob sie sich und trat auf
+ihn zu. Das edle Haupt im Witwenschleier stolz zurückgeworfen, stand
+sie da, und doch wußte er, daß ihre Seele blutete.
+
+Wieder kam das Weiche, Edle in ihm zum Durchbruch. Wieder sagte er
+sich: vergiß nicht, daß zwei Generationen miteinander ringen, daß dem
+Alten vor dem Neuen in jeder Form graut, daß es, das Beste wollend,
+irregeht, -- und ertrage die strenge, aber treu gemeinte Art der Frau,
+die mit mütterlicher Liebe deine Jugend behütete!
+
+»Großmama,« bat er, »versteh' mich, ich bitte dich, und verzeih' mir!«
+
+Sie sah ihn voll an.
+
+Auf dem abgeklärten Gesicht lag stille Trauer. Sie kannte ihn und
+wußte, daß ein weiches Gemüt und treue Anhänglichkeit ihn zu ihr
+zurückführten, daß aber ihre Worte in den Wind gesprochen waren. Es war
+ja die Verzweiflung ihres Sohnes, daß diese liebenswürdige, die Herzen
+im Sturm erobernde Art niemals hielt, was sie versprach.
+
+Und sie machte sich hart.
+
+»Du hast ja schon heute abend meine Worte vergessen! Ich kenne dich!«
+
+Aber er bat weiter. »Großmutter, du hast sehr hart zu mir gesprochen,
+aber ich will versuchen, dich zu verstehen und deine Wünsche zu
+beherzigen. Nur eins bitte ich dich, verlang' nicht zuviel von mir! In
+einem Regiment geht es anders zu als in einem ländlichen Gutshause.«
+
+»Das habe ich nie bestritten. Hier wie dort sind Gefahren. Hier wie
+dort soll man ihnen aus dem Wege gehen, aber,« -- sie zögerte einen
+Augenblick, -- »das tust du nicht!«
+
+»Das tue ich doch, Großmama!«
+
+»Harro!«
+
+Er blickte sie an. »Kein Mensch kann mir etwas nachsagen.«
+
+Sie zuckte die Achseln. »Eins wird dir mancher nachsagen können, daß
+du den alten kategorischen Imperativ: ›Du sollst! Du mußt!‹ nicht mehr
+kennst! Er bildet die erste Vorbedingung für den anständigen Menschen.
+Äußerer Disziplin mußt du dich freilich fügen, aber innere Zucht,
+Selbstzucht kennst du nicht, wie alle, die ihren Gott und Heiland
+verloren haben.«
+
+Er antwortete nicht.
+
+Totenstille herrschte.
+
+Da klang's durch den Park mit jauchzender Sehnsucht und tiefer
+Leidenschaft: Geigentöne.
+
+»Die kennt Disziplin, und ihre Liebe muß diese Tat innerer
+Selbstverleugnung fordern, sonst ist sie nicht echt,« sagte
+hinüberlauschend die alte Frau.
+
+»Großmama, vergib! Mehr will ich heute nicht! Ich will nichts
+versprechen, was ich nicht halten kann; ich bitte dich nur: breit' die
+Hände über mein Glück!«
+
+Sie zauderte noch immer.
+
+Da fuhr er fort: »Das eine kann und darf ich dir versprechen: soviel an
+mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer Sibylle Bühler würdig
+ist! Das schwör' ich dir!«
+
+Er sah sie fest an.
+
+Eine Sekunde lang war's ihr, als blicke sie in die treuen blauen
+Kambachaugen des Sohnes.
+
+Enttäuschung und Zweifel zurückdrängend, hob sie die Hand. Ehrerbietig
+neigte er das Haupt, und die zitternde Rechte der Greisin ruhte einen
+Augenblick segnend darauf.
+
+»Gott helfe dir!« sagte sie leise.
+
+Dann nahm er Abschied.
+
+Noch einmal küßte er ihre Hände: »Ich danke dir, Großmama!«
+
+Da umschlang sie ihn in aufwallender Liebe und küßte ihn.
+
+Tief und fest sah sie ihm in die Augen: »Auch für das, was ein
+preußischer Offizier nicht mit anhören darf?«
+
+Er erwiderte ihren Blick klar und ernst: »Auch für das, Großmama!«
+
+Dann ging er.
+
+Auf den Dielen verklang sein leichter Schritt.
+
+Sie aber trat zum Schreibtisch und nahm ein Kinderbildchen im goldenen
+Rahmen in die zitternden Hände. Lange, lange, betrachtete sie es. »Ganz
+wie Ilse!« sagte sie leise vor sich hin. »Ein liebevolles Gemüt, weich
+wie Wachs, kein Charakter! Nur Eberhard ist ein rechter Kambach!«
+
+Sie stellte das Bild an seinen Platz. Die Hände über den Knien
+gefaltet, blickte sie ins Land hinaus. »Ob ich's noch erleben werde?
+Franz Schenker hat Mut, eine Fünfundsiebzigjährige vor die Aufgabe zu
+stellen, die junge volle Kräfte fordert.«
+
+Es klopfte. Ein Diener trat ein. »Herr Oberleutnant von Roselius!«
+
+»Ich lasse bitten!«
+
+Sie ging dem jungen Ulanenoffizier entgegen der sich ehrerbietig über
+ihre Hand beugte.
+
+Man setzte sich.
+
+»Gestatten Ew. Exzellenz, daß ich mich ganz gehorsamst empfehle,«
+sagte er, ihrem Anerbieten, abzulegen, Folge leistend. »Darf ich
+zugleich meinen verbindlichsten Dank für alle widerfahrene Güte und
+Freundlichkeit aussprechen?«
+
+Die alte Dame blickte wohlgefällig in das offene männliche Gesicht.
+»Dafür, daß Sie mir zweimal die Freude machten, ein Stündchen bei mir
+zu verbringen, sollten Sie mir nicht danken, Herr von Roselius!« sagte
+sie herzlich. »Sie wissen, daß ich mich immer auf das Wiedersehen mit
+Ihnen freue. Hoffentlich sehe ich Sie diesen Winter, wenn Sie zu den
+Bällen kommen, öfter bei mir in der Dorotheenstraße!«
+
+Er verbeugte sich. »Danke gehorsamst, Exzellenz. Es ist eine große
+Ehre und Freude für mich, kommen zu dürfen!«
+
+Sie nickte ihm zu. Seine schlichte bescheidene, überaus feine Art hatte
+es ihr längst angetan.
+
+»Sie fahren mit Harro?« fragte sie. »Ich habe noch eine herzliche Bitte
+an Sie! Haben Sie ein Auge auf ihn! Ich weiß, er hält große Stücke auf
+Sie, und wenn ein Mensch ihn zu beeinflussen vermag, so sind Sie es. Es
+fehlt ihm jenes tiefinnerliche, edelmännische Pflichtgefühl, ohne das
+wahre Heimatliebe nicht lebensfähig ist.«
+
+»Gewiß, Exzellenz. Ich habe bis in die Nächte hinein mit ihm über
+diesen Punkt gestritten. Der gute Wille ist vorhanden, aber die
+Grundlage echt vaterländischer Gesinnung fehlt, das Christentum. Das
+künstlerische Ersatzmittel, das er sich erwählt, wird ihn nicht zum
+Manne reifen, -- noch niemals hat ein Wagnerrausch Persönlichkeiten
+gezeitigt. Harros häufige Bayreuthfahrten gefallen mir deshalb nicht.«
+
+»Mir auch nicht. Aber noch weniger gefallen mir die Gerüchte, die über
+ihn umlaufen. Graf Brelow hat neulich mit mir darüber gesprochen,
+wußte aber nichts Bestimmtes, nur, daß einige Herren sich von Harro
+zurückziehen. Aber das muß doch einen bestimmten Grund haben. Bitte,
+schenken Sie mir reinen Wein ein! Er steht doch nicht etwa in einem
+unerlaubten Verhältnis zu einer Frau?«
+
+»Nein,« entgegnete Roselius entschieden, »es ist mir wenigstens nichts
+davon bekannt.«
+
+Frau von Kambach blickte ihr Gegenüber fest an. »Spiel?« fragte sie
+leise.
+
+Er sah einen Moment vor sich nieder, dann richtete er den ehrlichen
+Blick voll auf die alte Dame. »Exzellenz, das ist eine sehr, sehr
+schwere Frage. Stellte sie ein anderer an mich, ich würde mit einem
+runden Nein antworten. Denn solange ich nicht mit meiner Person für
+eine Tatsache eintreten kann, ist der Wahlspruch meines Vaters auch der
+meine:
+
+ ›Es gibt im Heiligtum der Ehre
+ Ein Allerheiligstes, -- des andren Ehre!‹
+
+Zu meinem tiefsten Schmerz muß ich Ew. Exzellenz als Harros Großmutter
+eine andere Antwort geben. Von einem Freunde weiß ich, daß er in
+Drachenburg und Berlin häufig mit Herren aus anderen Regimentern
+zusammen gesehen worden ist, die in bezug auf Spiel und Damenverkehr
+keinen ganz einwandfreien Ruf haben. Der Beweis, daß er selbst -- das
+betone ich nochmals -- in irgendeiner Weise entgleist ist, hat bisher
+gefehlt. Aber dieser Umgang schadet ihm natürlich.«
+
+Er schwieg. Ein tiefer sittlicher Ernst lag auf den klaren Zügen.
+
+›Fänd' ich einmal in Harros Gesicht solchen Ausdruck,‹ zog es Frau
+Sabine durch den Sinn. »Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir
+sagen, wer du bist,« entgegnete sie und strich seufzend über das weiße
+Haar. --
+
+Es klopfte.
+
+»Herr Baron, der Wagen wartet,« meldete der Diener.
+
+Roselius erhob sich. »Ich verspreche Ew. Exzellenz, die Augen
+offenzuhalten und im übrigen zu tun, was in meinen Kräften steht und
+kameradschaftliche Pflicht mir gebietet!«
+
+»Haben Sie herzlichen Dank!« Sie geleitete ihn zur Tür »Gott befohlen!«
+
+Noch einmal beugte er sich über ihre Hand, und die dunklen Augen
+blickten sie ernst an.
+
+›Noch ernster als sonst!‹ dachte sie, während ihr Blick der vornehmen
+Erscheinung folgte. Sie wußte, was es ihn gekostet, Ilses Hochzeit
+mitzumachen, wußte, daß er noch immer einen heißen Kampf kämpfte!
+Warum konnte es nicht anders kommen? Die Enkelin war ihr ein Rätsel!
+
+Sinnend stand sie am Fenster und sah den Abfahrenden nach. Außer dem
+Hausherrn und Eberhard waren Brelows und die übrigen Gäste auf der
+Freitreppe versammelt. Sibylle stellte wie immer die jungen Mädchen
+der Umgegend in Schatten. Jedenfalls trug sie den Namen, den ihr
+das Drachenburger Ulanenregiment verliehen, mit Recht, und niemand
+mißgönnte ihr ihn. Denn ›Brandenburgs Rose‹ war aller Liebling. -- In
+ihrer natürlichen Anmut stand sie an das Gitter gelehnt und blickte
+lächelnd auf das fröhliche Bild. Ein großer Jagdwagen voll junger
+Offiziere stand zur Abfahrt bereit.
+
+Harros Blicke hingen an der schönen Erscheinung. Hinter der hellen
+Gestalt glühte der wilde Wein an der Mauer. Der Wind spielte mit dem
+schwarzen Haar, der duftige Stoff des eleganten Sommerkleides flatterte
+in leichten Volants um den blendenden Hals und die schlanken Arme. Eine
+Rose, die er ihr am Morgen gebracht, blühte an ihrer Brust.
+
+Sie fühlte den heißen Blick des Mannes und senkte befangen die Wimpern.
+
+Aber nicht nur der Kambach hatte Augen für weiblichen Liebreiz.
+
+In dem Augenblick, als die Füchse anzogen, klang's wie auf Kommando in
+den strahlenden Mittag:
+
+»Hoch Brandenburgs Rose!«
+
+Was auf der Treppe stand, stimmte in die fröhliche Huldigung ein.
+
+Sibylle wurde flammend rot, faßte sich aber rasch und wandte sich dem
+kleinen Eberhard, der sie wie eine Heilige verehrte, lachend zu: »Ihr
+meint ja doch nur meine Geige!«
+
+Er sah sie mit seinen blauen Kambachaugen ehrlich an: »Aber Billy, dann
+würden wir's doch sagen!«
+
+Alles blickte lächelnd auf Sibyllens ritterlichen kleinen Freund, der
+seiner Angebeteten auf Schritt und Tritt folgte, ihr Blumen brachte und
+den leisesten Wunsch von den Augen las. Dunkelrot stand er da.
+
+Aber Sibylle schlang den Arm um seinen Nacken und sagte: »Du hast ganz
+recht, Eberhard, so gehört sich's -- ihr würdet's mir sagen!«
+
+Ein leuchtender Blick dankte ihr.
+
+»Wir gehen nachher noch etwas in die Heide,« flüsterte sie ihm zu.
+-- --
+
+Unter Grüßen und Tücherschwenken fuhren die jungen Söhne der Mark durch
+die roten Ebereschenalleen ihren Garnisonen zu.
+
+Aber die Brautjungfern schlossen einen Kreis um Sibylle und sangen das
+alte Kranzlied.
+
+»Hoch Brandenburgs Rose!« jubelte es von der Dorfstraße herüber, und
+wie eine Antwort zog es in den klaren Herbsttag hinaus: »Wir winden dir
+den Jungfernkranz!«
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Gala.
+
+ Siehst du das Märchen um Mitternacht
+ In lichter Seide, im Spitzenschleier?
+ Rosen im Haar, wie ein Maientag
+ Tritt es herein zu glänzender Feier!
+
+ Schaut sich im festlichen Raume um,
+ Rafft den Goldsaum der weißen Schleppe,
+ Fragt den Heiduck nach dem alten Fritz, --
+ ›Kam er nicht über die Wendeltreppe?‹
+
+ Der aber schüttelt den weißen Kopf,
+ Weiset zum Reiterstandbild hinüber, --
+ ›Vielleicht erwacht er um Mitternacht, --
+ Vielleicht auch nicht, -- die Zeit ist vorüber!‹
+
+
+In Berlin schneite es. Weihnachten hatten graue Schleier die Straßen
+verhüllt, -- endlich, um Mitte Januar war's Winter geworden.
+Frostklarer weißer schimmernder Winter! Und er kleidete die Kaiserstadt
+gut. Denn Berlin bei Nebel, Berlin bei schlechtem Wetter war
+fürchterlich! Zumal in den Tagen der Hoffeste, wo das Land sich in der
+Reichshauptstadt traf. Es hatte einmal einer gesagt, zum Galaball mit
+seinem anmutigen Abendbilde gehörten verschneite Portale und weiße
+Gitter. Denn die Straße feiere mit. Eine Wahrheit steckte darin, aber
+eine feine aristokratische aus der Zeit Friedrichs des Großen. Ob das
+zwanzigste Jahrhundert sie verstehen würde, war eine andere Frage.
+
+Jedenfalls aber war dieser Wunsch heute voll und ganz erfüllt worden.
+Eine feenhafte Winternacht stieg über der Mark auf. In glitzernder
+Frostkrone, den weißen Pelz um die Schultern geschlagen, betrat eine
+Königin die stolze Heimstätte der Zollern und grüßte den Kaiser. Seinem
+Fest verlieh sie ihren Glanz, seinem Hause wob sie jenes märchenhafte
+weiße Gewand -- das Wunder des Winters. -- -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Karossen fahren an. Automobile. Taghell liegt das Schloßportal im
+Glanz elektrischen Lichtes. Um jede Gestalt der helle Schimmer der
+Frostnacht. Wie glitzernder Rauhreif blinkt's in Schleiern und
+Diademen, in seidenem Frauenhaar. Aber die Pelze verhüllten die
+Hofkleider, die goldgestickten Fracks und Uniformen. Nur die Helme
+funkeln mit den Brillanten um die Wette.
+
+Und dann fallen die Hüllen. In glänzendem Zuge bewegt sich die Schar
+erlauchter und edler Gäste die Marmortreppe hinan.
+
+Oben das Aufstrahlen neuen Lichts, neuen Glanzes. Gold- und
+Silbergefunkel, leuchtende Epauletts, blitzende Orden, Brokat,
+rosendurchwirkte Schleier, Smaragdkolliers, Brillanten -- Gala.
+Getragen von jener Feierstille, dem Vorspiel königlicher Feste, jenem
+feinen Zeremoniell souveräner Höfe. Endlich halblaute Unterhaltung.
+Leise ausgetauschte Verbindlichkeiten.
+
+Der Saal füllt sich. Immer interessanter und stimmungsvoller gestaltet
+sich das Bild, immer internationaler. Das Ausland sendet seine
+Botschafter, seine Frauentype. Eigenart im weitesten völkischen
+Sinne. Überall tauchen die fremden Gestalten auf, als gälte es,
+ihre Art mit deutschem Blute zu mischen. Hohe Offiziere stehen in
+Gruppen, Diplomaten, Attachés, Kammerherren. Dazwischen immer wieder
+Frauenschönheit. Botschafterinnen mit Brillantreifen im Haar,
+Landedelfrauen, Offiziersdamen, junge Mädchen, frisch, gesund, ein
+Strauß blühender Rosen. Drüben unterhält sich der Reichskanzler mit der
+Gemahlin des russischen Botschafters. Dicht daneben steht ein Chinese
+mit einem Edelfräulein aus der Uckermark. -- --
+
+Auf und nieder wogt die leise Unterhaltung. -- --
+
+Und dann klingt ein Ton durch die Stille: der Stab des
+Zeremonienmeisters klopft dreimal auf das Parkett.
+
+Unter dem Vortritt der Pagen und Hofchargen betreten die Majestäten,
+von drei Marschällen geleitet, unter den Klängen des +Grand marche
+festivale+ von Gounod den Saal. Der Kaiser in der Uniform des ersten
+Garderegiments, die Kaiserin in meergrünem silbergesticktem Brokat, ein
+flimmerndes Diadem im weißen Haar. Hinter den Majestäten die Prinzen
+und Prinzessinnen des Königlichen Hauses und das Gefolge.
+
+Die Gesellschaft versinkt in einer tiefen Verneigung. Liebenswürdig
+grüßt das Kaiserpaar nach allen Seiten. Während eines kurzen Cercles
+spielt die Kapelle. Der Oberzeremonienmeister gibt das Zeichen zum
+Beginn des Tanzes. Die Kapelle setzt mit dem Walzer Tesoro mio ein.
+Zwei Gardedukorps eröffnen mit Hofdamen der Kaiserin den Ball.
+
+Rundtänze wechseln mit Lançiers und den alten Tänzen, Menuett +à la
+reine+, Prinzengavotte, Gavotte der Kaiserin.
+
+Die Majestäten sehen den Tänzen zu, nehmen Vorstellungen entgegen und
+ziehen zahllose Anwesende ins Gespräch.
+
+Auf und nieder wogt das glänzende Bild.
+
+ * * * * *
+
+Die Souperpause ging ihrem Ende entgegen. Langsam leerte sich der Saal,
+wo die Jugend gespeist hatte, in Gängen und Nischen ward es lebendig.
+
+Der helle Schein des Vollmonds fiel in einen verschwiegenen
+Wintergarten. Wie heimliches Werben umflimmerte sein silberner Glanz
+die rosige Ampel. Kamelienbäume neigten die blütenschweren Äste,
+Flieder und Jasmin dufteten, ein Springbrunnen plätscherte. -- --
+
+Durch das dichte Grün der Myrten schimmerte eine helle Toilette.
+Halblaute Unterhaltung klang herüber.
+
+Ein weißhaariger Landstand lehnte im Eingang. Eine Rasseerscheinung.
+Ein Gesicht wie ein alter Adler. Der ganze Mann Aristokrat vom Scheitel
+bis zur Sohle. Uradel.
+
+Suchend blickte er sich um.
+
+»Sie glauben nicht, wie ich mich freue, daß Sie Großmama Gesellschaft
+leisten,« klang's hinter der Myrtenhecke. »Ich weiß, wie sehr sie diese
+Zeit genießen wird! Und dazu Ihr Geigenspiel, Gräfin!«
+
+Ein helles Lachen klang durch den Raum.
+
+»Wo denken Sie hin, Baron! Ich bin die Genießende! Ich jubiliere
+geradezu, daß mir die langweilige italienische Reise erlassen worden
+ist! Sechsmal bin ich in Italien gewesen, und leider fehlt mir jedes
+Verständnis für Mamas Art zu reisen. Wir sind eben ganz verschieden
+veranlagt. Ich will unterwegs Natur und Kunst genießen, und Mama fragt
+nichts danach. Wissen Sie, da traf sich's herrlich, daß ich Gesang-
+und Geigenunterricht nicht wieder unterbrechen durfte -- Mama reist ja
+außerdem gern allein, sie kann mich wirklich entbehren!«
+
+»Wann ist Ihre Frau Mutter abgereist?«
+
+»Gestern. Sie wollte eigentlich erst morgen fahren, um mich noch auf
+den Hofball begleiten zu können. Aber mein Onkel Firlemont drahtete, er
+wolle sich Montag mit ihr in Venedig treffen, da mußte sie ihre Pläne
+ändern.«
+
+»Es gibt doch auch genug Menschen, die Sie mit Wonne bemuttern würden,
+Gräfin,« sagte Harro Kambach lakonisch.
+
+Die leise Antwort verklang im Plätschern des Springbrunnens.
+
+Langsam trat der Landstand näher. Eine Falte stand zwischen seinen
+Brauen.
+
+»Wenn ich eine alte Exzellenz wäre, würde ich meine Staatskutsche
+bekränzen und ›Brandenburgs Rose‹ mit Musik zu Hofe fahren!« rief der
+Ulan.
+
+Wieder klang das helle Mädchenlachen: »Das würden Sie aus dem einfachen
+Grunde bleiben lassen, weil ›Brandenburgs Rose‹ Sie stechen würde, und
+die Polizei keinen groben Unfug duldet.«
+
+»Oho! ›Brandenburgs Rose‹ sticht nicht, und was die Polizei anbelangt
+...«
+
+»Das geht hier ja sehr kriegerisch zu!« Graf Bühler stand vor seiner
+Enkelin. Wohlgefällig ruhte sein Blick auf der eleganten Erscheinung.
+
+Sibylle und ihr Tänzer hatten sich erhoben.
+
+»Was sagen Sie dazu, lieber Kambach, daß der Ausreißer sein Quartier in
+der Dorotheenstraße aufgeschlagen hat?« wandte sich der alte Herr an
+den jungen Offizier.
+
+Sibylle errötete. »Ich komme doch Ende Februar zu dir, Großpapa,«
+sagte sie lächelnd, zwei Grübchen in den Wangen. »Es war so sehr gütig
+von Exzellenz von Kambach, mich einzuladen, außerdem verlernte ich ja
+alles, wenn ich jetzt fortginge!«
+
+»Ja, ja, schon gut!« Er nickte ihr lächelnd zu. »Kann's mir denken,
+mein Deern, daß du heilsfroh bist, nicht von Gasthof zu Gasthof gondeln
+zu müssen.«
+
+Sie senkte die Wimpern. Der Großvater war sonst nicht vor anderen so
+scharf. Ob er Harro schon mit zur Familie rechnete? Ein fragender Blick
+flog zu dem alten Herrn hinüber.
+
+Aber der nickte ihr ein zweites Mal zu. »Ja, ja, Billy, ich kann's mir
+denken!« -- --
+
+ * * * * *
+
+Eine Polka lockte. Sie traten in den Saal.
+
+»Haben Sie Ihren Vater gesehen, lieber Kambach?« fragt Graf Bühler im
+Gehen.
+
+»Papa ist von Seiner Majestät befohlen worden, Erlaucht!«
+
+»So, so. Danke.« Und fort war er. -- --
+
+»Bleiben Sie recht lange bei Großmama,« sagte Harro Kambach zu seiner
+Dame, während sie über das Parkett flogen. Sein Auge ruhte auf ihr.
+Sie fühlte, daß diesem Wunsch ein anderer zugrunde lag. War sie
+erst in Bühl, dann konnte er nicht alle Augenblicke kommen. In der
+Dorotheenstraße ging der Enkel Exzellenz von Kambachs ungehindert ein
+und aus.
+
+Eine tiefe Neigung zog sie zu dem schönen ritterlichen Manne, eine
+Neigung, wie sie sie nie zuvor empfunden. Aber Sibylle Bühler gehörte
+nicht zu den Frauen, die sich von einer großen Leidenschaft beherrschen
+lassen. Sie blickte auf Leben und Zukunft, abwägend, die Frage der
+Ergänzung in Betracht ziehend. Und doch war sie keine kühle Natur.
+Sie war eine echte deutsche Frau, mit deutschem Blut und deutscher
+Sehnsucht, zu der Liebe Opfern bereit. Aber sie hatte die klare
+zielbewußte Klugheit der Bühlers, die nach allen Seiten Umschau hielt,
+bevor sie handelte. Und diese Klugheit mahnte zur Vorsicht. Nur ihre
+bisherige Zurückhaltung, die sie sich bei aller Freundlichkeit bewahrt,
+hatte Harro Kambach noch von einer Werbung zurückgehalten. Es war
+das erstemal gewesen, daß sie dieselbe weniger betont. Und nun kam
+der Besuch bei seiner Großmutter dazu. Exzellenz von Kambach war in
+Sibyllens Augen das Ideal einer deutschen Frau. Wohl wußte sie, daß sie
+von vielen wegen ihres tatkräftigen Handelns, ihres scharfen Urteils,
+ihrer, wie es manchen scheinen wollte, allzu schroffen Stellung in
+Bekenntnisfragen angegriffen wurde, aber was die Menschen sagten, war
+für sie durchaus nicht maßgebend. Im Gegenteil. Die allgemeine Meinung
+hatte von jeher ihren Widerspruch herausgefordert. Die unglaubliche
+Oberflächlichkeit, mit welcher die höchsten Kreise den unerhörtesten
+Klatsch verbreiteten, hatte ihr Feingefühl stets beleidigt. Sie sah
+selbst und urteilte selbst. Das gab ihrem Wesen jene Sicherheit, die,
+mit angeborenem Takt gepaart, ihrer ganzen Persönlichkeit ihr Gepräge
+verlieh. -- --
+
+Als Exzellenz von Kambach gehört, daß Gräfin Bühler wieder, wie es
+hieß, wegen eines verschleppten Luftröhrenkatarrhs für längere Zeit
+nach dem Süden gehe, ihre Tochter aber wegen eben erneut begonnenen
+Musikunterrichts in Potsdam lassen werde, lud sie Sibylle ein,
+die nächsten Wochen bei ihr zu verbringen. Mit großer Freude und
+Dankbarkeit sagte das junge Mädchen zu. Gräfin Bühler war, obwohl sie
+ihrer Tochter nichts in den Weg legte, weniger entzückt.
+
+»Du bist sowieso schon auf dem besten Wege, eine ›Betschwester‹ zu
+werden,« sagte sie in ihrer spöttischen Art. »Wenn du vier Wochen bei
+der alten Kambach gewesen bist, werde ich dich wohl in irgendeinem
+Diakonissenhause wiederfinden. Die Schwesternhaube wäre nicht übel zu
+deinem Madonnengesicht, aber meine Einwilligung bekommst du vorläufig
+nicht, liebes Kind! Höchstens später, wenn der Anschluß als endgültig
+versäumt zu betrachten ist!«
+
+Sibylle kannte diese Redensarten und schwieg. Sie war froh, daß die
+Mutter ihr nicht verbot, der Einladung zu folgen. Daß sie nicht ihr
+zuliebe ja gesagt, als die alte Dame in eigener Person gekommen
+war, um ihren Liebling zu sich zu bitten, wußte sie nur zu gut. Da
+sprachen ganz andere Dinge mit, nicht zuletzt der Wunsch, häufiger
+ohne die in ihrer norddeutschen Zurückhaltung so unbequeme Tochter
+reisen zu können. Vielleicht folgten dieser Einladung andere. Aus
+Schicklichkeitsgründen konnte sie Sibylle nicht immer allein zu Hause
+lassen, und ob sie den ganzen Tag ihre Stradivariusgeige spielte, --
+sie war noch nicht alt genug und zu hübsch. Einmal ging das wohl, aber
+nicht öfter. Dazu wurde in Potsdam zuviel geklatscht. Gräfin Bühler kam
+die Einladung daher in gewissem Sinne nicht unwillkommen.
+
+Sibylle hatte sich längst daran gewöhnt, ihren Weg allein zu gehen.
+Ihre Kindesliebe zu der gefallsüchtigen oberflächlichen Frau beruhte
+lediglich auf Pflichtgefühl. Daß sie sich der Abwesenheit der Mutter
+heimlich freute, war daher kein Wunder. --
+
+Sie war ihrem Tänzer die Antwort schuldig geblieben. Die langen Wimpern
+gesenkt, ließ sie sich auf ihren Platz führen.
+
+»Nun?« fragte er endlich.
+
+»Fräulein Eichel wird eifersüchtig werden,« wich sie ihm aus.
+
+»Ach, die alte Landpomeranze, -- Verzeihung, Gräfin, -- die rechnet
+nicht mit!«
+
+Sibylle lachte ihm hell ins Gesicht. »Bitte, ich bin auch eine
+Landpomeranze! In Bühl hat meine Wiege gestanden, und die paar Jahre,
+die wir in Potsdam sind, haben mich nicht zur Städterin gemacht.«
+
+Er lächelte. »Mag sein, aber Sie haben Ihr Leben nicht unter alten
+Tanten und Landpastörchen verbracht. Sie haben anderes gelesen als
+Kreuzzeitung und Reichsboten und Missionsblätter, und ich weiß nicht
+was für gottseliges Zeug, haben anderes gesehen als Armenstrickstrümpfe
+und Wickelbänder! Ja, ja, verzeihen Sie, ich verfalle in Stallton, aber
+ist's nicht so? Mein Gott, was hockt alles auf den Gütern zusammen! Ich
+bewundere immer die Hausherren, die meist als Hahn im Korbe diesen
+Normalzustand ertragen, und kann nur sagen: Gott bewahre mich davor,
+zwei bis drei sechzigjährigen Tanten Altenteil gewähren zu müssen,
+abgesehen von der für den Landwirt sehr empfindlichen Mehrbelastung
+des Geldbeutels! Sehen Sie, Gräfin, diese heillose Jungfernwirtschaft
+ist mitschuldig am Niedergang des Großgrundbesitzes. Was diese alten
+Schmarotzer aufessen, soll der Grund und Boden abwerfen außer allem
+übrigen, was sonst ein Gut verschlingt! -- Papa ist ein Schlaumeier,
+der hat rechtzeitig dafür gesorgt, daß seine Schwestern die Welt zu
+sehen bekamen! Na ja, eine war immer hübscher wie die andere -- noch
+jetzt ist's eine Freude, diese drei schönen alten Frauen zu sehen,
+aber trotzdem, Papa hat dafür gesorgt, daß in Kambach unsere vornehmen
+Regimenter verkehrten, daß Leben in die Landschaft kam; und was war der
+Erfolg? Alle drei haben erste Partien gemacht! Ja -- Papa!« Und Harro
+sang seines Vaters Lob, als hätte er niemals seine Strenge erfahren,
+niemals in starrem Gegensatz zu seinen Auffassungen von Landhochzeiten
+und altmärkischer Gastfreundschaft gestanden.
+
+»Aber Fräulein Eichel ist doch kein Schmarotzer!« sagte Sibylle.
+»Ich glaube, Ihre Großmutter wäre unglücklich, wenn sie ihren treuen
+Hausgeist nicht hätte!«
+
+Harro Kambach schüttelte beinahe ungeduldig den Kopf. »Es ist möglich,
+daß sie ein Engel vom Himmel ist, der aus Versehen in dies entsetzliche
+mausegraue Kleid hineingeraten ist -- ich kann nun einmal Leute, die
+aus Frömmigkeit ewig Grau und Schwarz tragen, nicht leiden, Gräfin, --
+gewiß, eine Untugend von mir, aber ich kann's nicht! Und dann dieser
+glattgekämmte Scheitel, -- sie nimmt Wasser, behaupte ich! Wissen Sie,
+es ist wirklich ein Unrecht, wenn eine Frau sich so zurecht macht!
+Könnten Sie in dem Punkte nicht einen Wandel schaffen? Es ist wirklich
+ein Kreuz, ihr gegenüber bei Tisch zu sitzen! Nirgends sagt die Bibel,
+daß die Frauen sich zu Vogelscheuchen machen sollen, im Gegenteil, ich
+weiß ganz genau, daß irgendwo etwas von zierlichen Kleidern steht,
+ich wundere mich nur, daß Fräulein Eichel die Stelle nicht zu kennen
+scheint, -- aber ich will Sie nicht länger elenden!«
+
+»Ich kann Fräulein Eichels Haar beim besten Willen nicht so schlimm
+finden,« sagte Sibylle. »Das kommt Ihnen nur so vor, weil Sie
+immer gebrannte Frauenköpfe sehen -- ja, ja!« Sie lachte. »Und das
+Mausegraue? Gewiß, sie zieht sich meist dunkel an, aber ich habe sie
+doch auch schon in ganz hellen Kleidern gesehen!«
+
+»Ich nicht!« Er blickte sie von der Seite an. »Aber da kommt Graf Lier
+mit einem Kotillonstrauß!«
+
+Er sah der schlanken Mädchengestalt nach, wie sie im Arm des blauen
+Husaren durch den Saal schwebte. Nun hatte er ihr doch nicht gesagt,
+warum sie so lange bei der Großmutter bleiben sollte. Aber sie würde es
+sich schon denken können.
+
+Das Paar kehrte zurück. Mehr als ein bewundernder Blick ruhte auf dem
+jungen Mädchen. Sehr bekannt schien Sibylle nicht zu sein. In manchem
+Auge stand eine Frage.
+
+Und jetzt, -- was war das? Mitten durch den Saal kam ein schwarzer
+Husar, eine Teerose in der Hand, auf Sibylle Bühler zu -- der
+Kronprinz.
+
+Nach tiefer Verneigung folgte sie dem Thronfolger. Ein feines Rot lag
+auf ihren Wangen.
+
+»Wer ist das?« hörte Kambach seine Nachbarin ihren Tänzer fragen.
+
+»Uradel. Aus der Uckermark. Sechzehn Ahnen. Bildschöne Frau, nicht
+wahr?«
+
+Sie nickte. »Ja, wer ist es denn?«
+
+»Eine Frau von Riddeck; soviel ich weiß, steht der Mann bei der Garde!«
+
+Harro lachte in sich hinein. Mochten die beiden denken, was sie wollten
+-- sein Blick folgte Sibylle, -- warum wurde sie immer für eine Frau
+gehalten? Es ärgerte ihn. Ein Mädchen konnte gerade so gut Haltung
+haben, hatte manchmal mehr. Verdrehte Auffassung! Hinterpommern! Hier
+in Berlin war so etwas nicht lebensfähig.
+
+Sie tanzte noch immer.
+
+Und dann sah er sie plötzlich vor dem Kaiser stehen. Ein hübsches Bild:
+Seine Majestät im Gespräch mit der jungen Brandenburgerin. Der Kaiser
+sehr leutselig. Sibylle unbefangen und natürlich wie immer. Das liebten
+die Hohenzollern.
+
+Während Harro hinüberblickte, schlug die Unterhaltung des schwarzen
+Husaren mit dem pommerschen Landedelfräulein an sein Ohr.
+
+»'s ist ein Jammer, daß wir das Kronprinzenpaar nicht mehr in Danzig
+haben, gnädiges Fräulein! Die Zeit bleibt die schönste meines Lebens!
+-- Die ganze Bevölkerung trauert den hohen Herrschaften nach! Sie
+gehörten so ganz zu uns! Warum muß alles Schöne im Leben von so kurzer
+Dauer sein!«
+
+»Seien Sie doch zufrieden! Sie sind immerhin die Bevorzugten gewesen!«
+
+»Ja, ja, das sind wir. Aber gerade darum empfinden wir den Abstand.
+Allein die kleinen Prinzensöhne! Jeden Morgen sah ich sie beim
+Ausritt!«
+
+Er blickte gedankenverloren über das bunte Treiben hinweg. »Und die
+Frau Kronprinzessin!«
+
+Sie nickte. »Ich kann's mir denken, man braucht sie ja nur anzusehen!«
+-- --
+
+ * * * * *
+
+»'n Abend, Harro! Ganz allein? Ach so, -- Billy ist deine Dame! Sie
+sieht famos aus heute abend, von allen Seiten wird's einem gesagt.
+Jetzt heißt's den Anschluß erreichen!« Wolf Dietrich Bühler zwinkerte
+seinem Schwager zu. »Wie stehen die Aktien, alter Junge?«
+
+Dem anderen stieg das Blut ins Gesicht.
+
+»Sei nicht so laut,« sagte er scharf und zog die Stirn in Falten.
+
+Graf Bühler zuckte die Achseln. »Hab' dich nicht, in Drachenburg
+erzählen sich die Spatzen auf den Dächern deinen Roman. Und in
+Potsdam?« Er lachte.
+
+»Wie geht's Ilse?« fragte Kambach ablenkend.
+
+»Danke, gut! Sie hätte sich praktischer einrichten sollen. Alles fragt,
+warum sie nicht hier ist.« In der ihm eigenen burschikosen Art kam's
+heraus.
+
+Harro fühlte sich unangenehm berührt. Aber er sagte nichts. Seit Wolf
+Dietrich verheiratet war, hatte seine Freundschaft für den Kameraden
+eine merkliche Abkühlung erlitten. Er stand seiner Schwester sehr nahe.
+Um so mehr verletzte ihn die Art, wie Bühler ohne jede Rücksicht auf
+ihren schonungsbedürftigen Zustand die junge Frau behandelte. Einmal
+war es sogar zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen den beiden
+Schwägern gekommen. Die Stimmung war daher auf beiden Seiten eine
+gereizte. --
+
+»Wo steckt denn Roselius eigentlich?« fragte Bühler.
+
+»Seine Mutter ist schwer erkrankt!« klang es kurz zurück.
+
+»Und da muß der Ärmste Diakonisse spielen?«
+
+Harro drehte sich auf dem Absatz um und begrüßte einen Kameraden.
+
+Die Jagdhörner riefen. In hellen Fanfaren klang das Halali durch den
+Saal.
+
+Der Dittersdorfer Huldigungsreigen beschloß das Fest.
+
+Wieder zeigte der schimmernde Saal eine einzige tiefe Verneigung,
+wieder grüßten die Allerhöchsten Herrschaften nach allen Seiten. Die
+goldenen Türen taten sich auf und schlossen sich wieder. Die Majestäten
+hatten den Saal verlassen.
+
+Auf Treppen und Galerien ward's lebendig. Noch einmal belebte das
+farbenreiche wechselnde Bild das verschneite Portal. Dann verflog's
+wie ein anmutiger Traum, Licht um Licht erlosch, dunkel lagen die
+Fensterreihen des Zollernschlosses. --
+
+Durch die Winterstille klang das Schlagen der Uhren. Nicht lange
+mehr, und Berlin erwachte zur Arbeit. Aber noch war's Nacht. In
+tiefem Traum lag die Weltstadt. Der Schnee glitzerte. Drüben über der
+Friedrichstraße lag der berüchtigte Schein nächtlichen Lebens. Sonst
+winterliches Dunkel, schneeverwehte Straßenlaternen.
+
+Fern über den Havelseen stand eine dunkle Wolkenwand wie dräuendes
+Wintergewitter. Schwarz und gespenstisch hing es über Deutschland.
+
+Der Zeiger rückte. Im Osten dämmerte es.
+
+Da stieg die Zeit, die oben im Turm gewacht, den tausendjährigen
+Wendelstein hinab und zog den Strang:
+
+›Sechs hat die Glocke!‹
+
+Aber niemand hörte die Mahnerin.
+
+Deutschland schlief.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Trotz alledem ...
+
+ Auf keinen Menschen Rücksicht nehmen, --
+ Keinem Menschen sich anbequemen,
+ Niemand Zugeständnisse machen, --
+ Streng über Haus und Schwelle wachen, --
+ Nach keiner fremden Meinung fragen,
+ Wenn's heißt, des Kreuzes Banner tragen -- --
+ Im Geisteskampf, im Glaubensstreit,
+ Gilt's heil'ge Rücksichtslosigkeit!
+
+
+In der Dorotheenstraße in dem stillen Quartier der alten Exzellenz saß
+der Oberstallmeister von Kambach seiner Mutter gegenüber.
+
+Er war eben vom Lande hereingekommen. Wohlig umfing ihn die
+gleichmäßige Wärme.
+
+»Bei dir ist's gemütlich, Mama!« Er sah sich um. »Ist etwas verändert?«
+
+»Nein; nur die Blumenfülle von meinem Geburtstag!«
+
+»So.« Zerstreut flog sein Blick über die Frühlingspracht.
+
+Sie merkte, er kam mit etwas Besonderem zu ihr, mit etwas, das ihn
+drückte. Vor kaum vierzehn Tagen hatten sie sich ja erst gesehen.
+Allerdings nur flüchtig und nicht unter vier Augen. Trotzdem. Sie
+fühlte, er kam nicht nur in Geschäften oder um nach ihr zu sehen.
+
+Frau von Kambachs Arbeitszimmer war ein behaglicher Raum mit schönen
+alten Möbeln, mit kostbaren Gemälden und Stichen aus der Vergangenheit.
+In der Nähe des Fensters stand der breite Diplomatenschreibtisch ihres
+verstorbenen Mannes, darüber hing ein lebensgroßes Bild des alten
+Kambachers, -- ein Kunstwerk von großer Frische und Ursprünglichkeit.
+Das graue Haar kurz geschnitten, die blauen Augen sprühend, die Hand
+am Degen, schien Fritz Karl von Kambach aus dem breiten Goldrahmen
+heraustreten zu wollen in das stille Gemach seines im weißen Haar noch
+arbeitsfrohen Weibes, unter die Menschen, in den Reichstag, seinen
+alten Platz in der Welt wieder einzunehmen, den er sich erkämpft und
+mit Ehren behauptet.
+
+Unter dem Bilde saß der Sohn. Rassig vornehm energisch, wie der Vater.
+
+›Meinem Fritz Karl wie aus den Augen geschnitten,‹ dachte die Greisin,
+während sie den Vergleich zwischen dem Toten und Lebenden zog.
+
+Der alte Kambach hatte es bis zum Generalmajor gebracht und erst spät
+das väterliche Gut übernommen. Karl Heinrich, der ebenfalls, wie alle
+Kambachs, bei den Drachenburger Ulanen gedient, mußte krankheitshalber
+als Oberleutnant den Abschied nehmen. Er trat in den Hofdienst und
+rückte bis zum Oberstallmeister auf. Aber die Sehnsucht nach dem
+militärischen Beruf verließ ihn nicht. Noch niemals hatte es einen
+Kambach gegeben, der nicht mit Leib und Seele Soldat war. Königstreue
+und Vaterlandsliebe lagen dem stolzen Geschlecht im Blut.
+
+»So, Karl Heinrich, nun kram' aus,« sagte Frau Sabine, dem Sohne
+zunickend.
+
+»Es ist aber viel, Mama! Stör' ich dich wirklich nicht?« Er warf einen
+fragenden Blick auf den Schreibtisch. »Ich weiß ja, wie du überlaufen
+wirst, und dann noch so und so viele Wohltätigkeitsveranstaltungen in
+diesen Monaten!«
+
+»Das besorgt Fräulein Eichel,« entgegnete Frau von Kambach.
+
+»Ja, aber es geht dir doch auch sonst viel im Kopf herum, z. B. der
+Bund der bibelgläubigen Christen. Ich wäre deshalb sowieso in diesen
+Tagen zu dir gekommen. Wie weit bist du?«
+
+»Nachher, Karl Heinrich! Du wirst noch genug davon hören! Erst deine
+persönlichen Angelegenheiten! Wozu ist eine Mutter denn da? Ich bin
+keine Anhängerin der Frauenemanzipation, mein Junge!«
+
+Er lachte. »Das weiß ich.«
+
+»Na, also.« Sie setzte sich im Lehnstuhl zurecht.
+
+Auf seiner Stirn lagerten Sorgen. »Vielleicht ahnst du's schon, Mama:
+Ilse!«
+
+Er hatte die Worte rasch, beinahe heftig herausgestoßen. Seine Stirn
+rötete sich.
+
+»Ja, nun sag' ich wieder zuerst, was eigentlich zuletzt kommen sollte
+-- das da ist schuld daran,« er wies auf das Bild seiner Tochter, »na,
+es ist ja schließlich einerlei; wenn du beides gehört hast, sagst du
+vielleicht: ›Er kommt wenigstens mit dem Schlimmsten zuerst heraus!‹
+Ja -- Ilse!« Er seufzte. »Ich hab's ihr ja von Anfang an gesagt, daß
+sie eine Dummheit begehe. Deutlich bin ich, weiß Gott, gewesen, --
+sonst würde ich mir heute die wahnsinnigsten Vorwürfe machen! Aber
+dies hätte ich denn doch nicht für möglich gehalten! Ich kann eine
+ganze Menge vertragen und jede weibliche Zimperlichkeit ist mir
+fürchterlich, aber wenn ein junger Ehemann gleich im ersten Vierteljahr
+seine Frau derartig behandelt, weil es ihm gegen den Strich geht, daß
+er nicht mit ihr auf den Hofbällen glänzen kann, so hört denn doch die
+Weltgeschichte auf! Er hat weder Pietät noch Gefühl, Mama, da können
+wir noch etwas erleben! Ein-, höchstens Zweikindersystem! Und Gott
+weiß, was sonst noch alles! -- Ich habe mir Wolf Dietrich übrigens
+neulich vorgenommen und mir ausgebeten, daß er seine schlechte Laune
+nicht immer an Ilse ausläßt. Na ja, vor mir hat er Respekt, schon wegen
+der Zulage, denn der alte Bühler gibt dem Luftikus nicht viel, was ich
+ihm durchaus nicht verdenke -- also Wolf Dietrich entschuldigte sich
+und gelobte Besserung, aber ich gebe nichts darauf. So einen muß unser
+Herrgott erst mal feste beim Kragen nehmen und schütteln, daß ihm die
+Puste vergeht! Allein diese Gereiztheit mit den Dienstboten um nichts
+und wieder nichts, es ist ja unerhört! Sein Bursche möcht' ich nicht
+sein! Zum Donnerwetter!« Er schlug mit der Faust aufs Knie. »Verzeih,
+Mama! Aber es kribbelt einen in allen zehn Fingern, den Bengel einmal
+an die frische Luft zu setzen und gründlich zu verhauen!«
+
+Er seufzte. »Und bei alledem ist Ilse wie ein Lamm, das reizt ihn
+natürlich immer mehr. Sie scheint ihn für sehr nervös zu halten und
+schont ihn, wo sie kann!«
+
+»Für besonders nervös halte ich ihn durchaus nicht,« sagte die alte
+Dame nachdenklich. »Er spielt doch nicht etwa, Karl Heinrich,
+oder ....«
+
+Der Oberstallmeister fuhr empor. »Was meinst du, Mama?«
+
+»Ach, ich möchte keinen unbegründeten Verdacht aussprechen!«
+
+»Ist auch nicht nötig, ich kann's mir schon denken!« Er zuckte die
+Achseln. »Beweise fehlen mir auch.«
+
+In ihrem Gedächtnis war eine kleine Begebenheit lebendig geworden,
+-- nein, keine Begebenheit, nur ein flüchtiges Bild, ein kaum zutage
+tretender und doch ihrem scharfen Auge nicht unbemerkt gebliebener
+Zug, der mit kurzem Federstrich den ganzen Menschen zeichnete. Kein
+verhängnisvolles Wort, keine bezeichnende Bemerkung -- nichts --
+nichts weiter als die Art und Weise, wie der Drachenburger Ulan eine
+Berliner Schauspielerin begrüßt hatte. Es war keine von den vielen,
+allzu vielen, ein eisiger Blick hatte ihn in die Schranken gewiesen --
+aber die alte Exzellenz wußte genug. Ein Mann, der durch einen einzigen
+Blick eine Frau erniedrigen konnte, war kein Edelmann. Und Exzellenz
+von Kambach hatte es aufs tiefste beklagt, daß sie diesen Augenblick
+nicht vor der Hochzeit ihrer Enkelin erlebt. Geredet, gewarnt worden
+war viel, aber Tatsachen, Beweise hatten gefehlt.
+
+»Ja, Mamachen, du kannst es dir wohl denken, worauf ich hinaus will,«
+begann Herr von Kambach aufs neue.
+
+Sie blickte ihn ernst an. »Vermittlerin? Karl Heinrich, du weißt, ich
+halte nichts davon.«
+
+Er räusperte sich. »Es ist ein Unterschied, Mama, ob ein Mann das
+tut, oder eine Frau in deinem Alter und von deiner Art. Vor mir
+hat Wolf Dietrich Dampf, vor seinem Großvater Respekt, meinetwegen
+Hochachtung und einen Rest kindlicher Ergebenheit. Für dich aber hat
+er eine unbegrenzte Verehrung. Das liegt in deiner Person, -- in der
+wunderbaren Vereinigung von männlicher Kraft und zartestem weiblichen
+Empfinden. Verzeih, aber das mußte gesagt werden. Und dann noch eins
+-- es ist dein Christentum, das immer wieder Tat wird, meinst du, das
+mache ihm keinen Eindruck? Man braucht ja nur einen flüchtigen Einblick
+in dein Leben und Schaffen zu tun. Es ist der letzte Rest eines guten
+Kerns, der Bühler nicht nur kühle Hochachtung abnötigt, sondern ihm das
+Herz warm macht. Du könntest ihn um den Finger wickeln, Mama!«
+
+»Vorübergehend vielleicht, auf die Dauer nicht. Er ist zu leichtsinnig
+veranlagt! Unsere ganze gesellschaftliche Umwelt kommt dazu. Sie färbt
+ab. Nur ganze Menschen, Persönlichkeiten, die auf sich achten, die ihr
+Innenleben im Auge haben, die vor Gott wandeln, bleiben unberührt
+von den Einflüssen einer gefährlichen Umgebung, die anderen gehen
+zugrunde. Wolf Dietrich ist nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Er
+ist die Frucht einer Zeit, die mit dem Persönlichkeitsbegriff spielt.
+Denn sie bringt gerade das Gegenteil von dem hervor, was sie fordert:
+Determinismus. Ich wenigstens vermag die Arbeit, die im letzten
+Grunde nur zum Vorteil der Einzelperson geschieht, nicht mit meinen
+Persönlichkeitsidealen zu vereinen.«
+
+Der Sohn nickte zustimmend. »Ja, es ist eine Schande für uns, daß
+solche Leute des Königs Rock tragen. Eine größere Verkennung des
+monarchischen Gedankens gibt es kaum, wie die Verbreitung entgotteter
+Weltanschauungen in der Armee.«
+
+Beide schwiegen.
+
+»Ja, Karl Heinrich,« sagte die alte Dame endlich, »du kennst meine
+Ansicht. Ich glaube ja nicht, daß durch Reden und Vorstellungen viel
+geändert wird. Aber ich will, wenn die Gelegenheit sich bietet, gerne
+auf deinen Schwiegersohn einzuwirken versuchen.«
+
+»Danke, Mama.« Erleichtert klang's.
+
+»Wenn es nur hilft, Karl Heinrich!«
+
+Er sah nach der Uhr. »Um halb drei ist eine Sitzung des Bundes der
+Landwirte, nachher geselliges Zusammensein, -- verzeih, wir essen um
+halb zwei, nicht wahr?«
+
+»Gewöhnlich essen wir um halb zwei,« entgegnete Frau von Kambach, »aber
+bitte, bestimme ganz, wie es dir paßt. Willst du nicht überhaupt erst
+frühstücken?«
+
+»Nein, danke. Ich möchte erst alles mit dir besprechen. Ändere deine
+Tagesordnung ja nicht, es paßt alles sehr gut. -- Also, bitte,
+erschrick nicht -- ich habe Eberhard aus den Konfirmandenunterricht
+nehmen müssen!«
+
+Nein, sie erschrak nicht. Sie blieb sogar merkwürdig ruhig. Aber ein
+tiefer Schmerzenszug trat in ihr klares Frauengesicht. »Also wirklich?«
+sagte sie leise.
+
+»Du hast darauf gewartet?«
+
+Sie nickte.
+
+»Ich hätte es mir denken können,« meinte er.
+
+»Ich hatte am Tage nach Ilses Hochzeit ein Gespräch mit Pastor Wendler
+über seine Predigt,« sagte sie. »Und was ich da hörte, war derartig,
+daß ich mich auf alles gefaßt machte. Ich hätte gerne mit dir darüber
+gesprochen, aber damals hatten wir keinen ungestörten Augenblick, und
+während der kurzen Zeit, die ich im November in Dreilinden war, haben
+wir uns ja kaum gesehen. Schreiben wollte ich nicht in der Sache.
+Außerdem wußte ich, daß du in bezug auf Wendlers Konfirmandenunterricht
+längst Bedenken hegtest. Auch hattest du die Predigt ja gehört.«
+
+»Ja, gewiß. Wären meine Bedenken damals, als der Konfirmandenunterricht
+begann, so stark gewesen wie in letzter Zeit, ich hätte den Jungen
+gar nicht erst hingehen lassen. Der Anfang des Unterrichts liegt ja
+Fünfvierteljahr zurück, Mama! Gerade im letzten Jahr ist aber eine
+große Veränderung mit Wendler vor sich gegangen.«
+
+Sie nickte gedankenverloren.
+
+»Eberhard ist ja sehr verschlossen,« fuhr der Kambacher fort. »Zum Teil
+ist es auch angeborene Vornehmheit, daß sich der Junge niemals ein
+Urteil über seine Lehrer erlaubt. Ich weiß, daß er unter den beiden
+letzten Hauslehrern geradezu gelitten hat, -- trotzdem niemals ein
+Wort der Klage! Es hat mich wirklich gefreut!! Aber dies war zuviel.
+Ich hatte ihm schon ein paarmal angemerkt, daß nicht alles in Ordnung
+war, aber er sagte nichts. Und dann kam er plötzlich gestern zu mir,
+ganz aus dem Häuschen vor Kummer und Enttäuschung. Was war geschehen?
+Wendler richtet die Frage: ›Was ist Glaube?‹ an die Jungens, und
+Eberhard antwortet: ›Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, das man
+hoffet und nicht zweifelt an dem, das man nicht siehet!‹ Da schüttelt
+Wendler den Kopf: ›Mein guter Junge, das ist ein Bibelwort, es ist
+in diesem Falle aber nicht am Platz! Die Frage muß wissenschaftlich
+beantwortet werden!‹ -- Aber es kommt noch viel schlimmer! -- Nun
+stelle dir die armen Kinder vor, Mama! Es sind in diesem Jahr mehrere
+Knaben aus sogenannten besseren Familien darunter, Honoratiorensöhne,
+der Älteste von meinem Inspektor, dein Dreilindener hat auch einen
+dabei, -- alles Kinder aus guten christlichen Familien, die solche
+Ansichten zum mindesten irreführen müssen, abgesehen von Eberhard
+und dem kleinen Riddeck. Knaben von fünfzehn und sechzehn Jahren,
+welche nichts anderes kennen gelernt haben als das unumstößliche
+Christenbekenntnis eines frommen Elternhauses, sind natürlich wie
+vor den Kopf geschlagen, wenn ein Mann wie Wendler, zu dem sie
+emporgesehen, solche Behauptungen aufstellt. Ich mache mir heute die
+bittersten Vorwürfe, daß ich Eberhard nicht gleich damals im Herbst
+vorm Jahr fortgegeben habe. Dann wäre dieser Unterricht einfach
+weggefallen. Denn ich kann's nicht leugnen, ich hab' mir manchmal
+Sorgen gemacht, dann aber sagte ich mir: ›Du bist sehr streng positiv
+erzogen! Vergiß nicht, daß auch die Orthodoxie ihre Mängel hat, ihre
+Schärfen, ihre Engigkeit!‹ Das hab' ich mir gesagt, Mama! Und in
+diesem Bestreben bin ich in meiner menschlichen Rücksicht zu weit
+gegangen. Ich habe gerecht und milde sein wollen, aber ich war's am
+verkehrten Ende. Im Blick auf das große Ganze ist mein Urteil klar
+geblieben, was die letzten Ergebnisse des Liberalismus sind, hab'
+ich immer gewußt, aber ich habe die Folgerungen in bezug auf die
+Einzelperson nicht genügend gezogen. Denn es handelt sich nicht um
+irgendwelche Nebenfragen, sondern um den Kern unseres Bekenntnisses,
+um die Frage nach der Person des Herrn. Das hab' ich nicht scharf
+genug ins Auge gefaßt. Nun hab' ich die Bescherung. Gibt man dem
+Liberalismus den kleinen Finger, so nimmt er die ganze Hand. Zuerst
+war Wendler bescheiden und vorsichtig -- jetzt erklärt er in der
+Konfirmandenstunde, es stehe in der ganzen Bibel kein Wort davon, daß
+Christus der Sohn Gottes sei. Der Dreilindener Inspektorssohn hat ganz
+mutig den Finger aufgehoben und an das eidliche Bekenntnis vor Kaiphas
+erinnert. Da hat der Mensch die Stirn, dem Jungen zu antworten: ›Dann
+hat Jesus sich eben geirrt!‹« Er atmete schwer.
+
+»Jatho!« sagte seine Mutter.
+
+Er stützte den Kopf in die Hand. »Mama, das wäre mir nicht passiert,
+wenn Thea noch lebte,« sagte er gepreßt.
+
+Mit mütterlicher Liebe blickte die alte Exzellenz auf den Sohn. In
+gewissem Sinne hatte er recht. Aber doch nicht ganz. Gott hatte ihn
+doch diesen Weg geführt, das genügte ihr.
+
+Sie sagte es ihm.
+
+»Gewiß,« entgegnete er, »das ist auch mir die Hauptsache. Aber gerade
+in Glaubensfragen bedürfen wir der weiblichen Ergänzung. Du siehst es
+hier doch wieder. Thea hätte mich bestimmt verhindert, Eberhard in
+Kambach konfirmieren zu lassen. Und du hättest es, wärest du dauernd
+bei mir, auch getan. Wendler hat übrigens einen heiligen Respekt vor
+dir. In den paar Sommerwochen, wo du in Dreilinden bist, nimmt er sich
+in acht!«
+
+»Das konnte man an dem Sonntag nach Ilses Hochzeit nicht behaupten.«
+
+»Nee, eigentlich nicht. Er hat sich gegen den Inspektor sehr erfreut
+geäußert, daß du nach den anstrengenden Tagen noch zur Kirche gekommen
+seiest, er wird also wohl nicht damit gerechnet haben.«
+
+Sie lachte. »Also eine Überrumpelung?«
+
+»Scheint so. Du hattest dich ja auch so gesetzt, daß man dich von der
+Kanzel aus kaum sehen konnte.«
+
+»Die Sonne blendete mich.«
+
+Auf dem Schreibtisch schlug eine kleine bronzene Standuhr.
+
+»Willst du wirklich nicht frühstücken? Ein Glas Portwein? Es ist noch
+eine volle Stunde Zeit bis zum Essen.«
+
+»Danke, Mama, ich habe keinen Hunger. Auch liegt mir viel daran, erst
+alles mit dir durchzusprechen, wenn du erlaubst.«
+
+»Aber du hast heute noch viel vor. Ich finde, du siehst angegriffen
+aus.«
+
+»Bei der Hetzerei kein Wunder! Kaum war ich vom zweiten Hofball zurück,
+so kam dies! Ich hatte den Kopf voll wegen Ilse -- noch nicht einmal
+mit dir hatte ich davon sprechen können! Kaum weiß ich, welches von
+beiden mir schwerer wird, das mit ihr oder Eberhard! Hier sehe ich
+wenigstens einen Ausweg, in der Bühlerschen Sache nicht. Daher fällt
+sie mir so auf die Nerven!« Er seufzte.
+
+Zum erstenmal erschien der Mutter sein Gesicht gealtert, die Züge
+schlaff, die Augen müde. Diese sprühenden, trotzigen, sieghaften
+Kambachaugen! -- Ihre Gedanken wanderten. Wann hatte sie bei ihrem
+Fritz Karl zum erstenmal diese Müdigkeit bemerkt? Sie sann nach.
+Richtig -- als Bismarck ging! -- Gott! König! Vaterland! Das war's.
+Damit waren diese Männer verwachsen, das machte sie jauchzen, das
+war ihre Lust, aber auch ihre tiefste Herzenssorge! Mancher hätte
+gewiß gefragt, was das mit Familiennöten zu tun habe. Es handelte
+sich eben im letzten Grunde um mehr als Familiennöte, um Größeres,
+Überweltliches. In irdisches Gewand gehüllte Ewigkeitswerte standen
+auf dem Spiel. Ob die feinen goldenen Fäden, von einem Ufer zum
+anderen gespannt, auch fernerhin die Verbindung zwischen Himmel und
+Erde bilden würden, ob die drahtlose Telegraphie zwischen Gott und
+der Seele bestehen blieb oder jäh zerrissen ward, darum ging's!
+Dieselben Fäden aber schlangen sich um Thron und Altar. Königstreue und
+Vaterlandsliebe wurzelten im Gottesglauben, des Glaubens Pflegerin aber
+war die deutsche Familie. Ob dem behüteten Kinde des Landadels durch
+liberale Torheit der erste Zweifel in die junge Seele getragen wurde,
+ob eine zartgewöhnte Frau in ihrer Ehe unter den Folgen allgemeinen
+Niedergangs litt -- es kam auf dasselbe heraus, -- auf die riesenhafte
+Gesamtgefahr, die Deutschland bedrohte. Noch galt die alte heilige
+Losung -- wie lange noch? -- Durch die Seele der greisen Edelfrau zog
+Herders mahnendes Dichterwort. Immer wieder stand es über den großen
+völkischen und religiösen Fragen, immer wieder gab es dem Einzelleben
+seine ernste Unterschrift: ›Unsere Väter, o Deutschland -- meine Sorge
+-- waren nicht, wie wir jetzt sind!‹ Im eigenen Hause sah Sabine von
+Kambach das Unheil anheben -- wo wollt's hinaus? -- --
+
+»Ich komme nun mit einer großen Bitte, Mama,« begann der
+Oberstallmeister aufs neue. »Willst du Eberhard ein paar Tage bei dir
+aufnehmen, bis ich eine geeignete Unterkunft für ihn gefunden habe? Ich
+will ihn hier bei Jakobi konfirmieren lassen. Vielleicht nimmt er ihn
+selbst ins Haus, das wäre mir das liebste.«
+
+»Kann er nicht bei mir bleiben? Du weißt, welche Freude du mir damit
+machen würdest!«
+
+»Ich danke dir herzlich, Mama, ich habe den Gedanken selbst erwogen.
+Aber ein fast sechzehnjähriger Junge gehört in männliche Hände. Es
+wird mir schwer genug, ihn jetzt fortzugeben, doch was hilft's? Aber
+wenn du ihn aufnehmen willst, bis das Weitere geregelt ist, bin ich dir
+sehr dankbar!«
+
+Die alte Frau nickte dem Sohne freundlich zu. Natürlich verstand sie
+ihn. Er hatte ganz recht. Da mußte das Großmutterherz schweigen.
+
+»Was hat Wendler denn gesagt?« fragte sie.
+
+»Eigentlich nichts. Er gab sofort zu, die beiden Bemerkungen gemacht zu
+haben. Ehrlich war er ja immer, darauf setze ich überhaupt meine letzte
+Hoffnung. Ein ehrlicher Mensch kann nicht an der Wahrheit vorüber.
+Allerdings tut der Liberalismus ja alles, um sie seinen Anhängern zu
+verschleiern. -- Meine Aufgabe war natürlich keine leichte! Es ist
+sehr schwer, zu einem Geistlichen zu sagen: ›Was mein Kind von Ihnen
+empfangen hat, ist Irrlehre!‹ Tausendmal lieber hätte ich gesagt: ›Sie
+predigen unter aller Kanone!‹«
+
+Frau von Kambach lachte. »Das sieht dir ähnlich!«
+
+»Ja, ich bin nun einmal ein alter Soldat!«
+
+Ein rascher Schritt klang im Nebenzimmer auf dem Teppich.
+
+»Ach, bitte, Fräulein Eichel, einen Augenblick!« rief Exzellenz von
+Kambach.
+
+Die Gesellschaftsdame erschien auf der Schwelle. Ein frisches angenehm
+aussehendes Mädchen, Mitte der dreißig.
+
+Herr von Kambach erhob sich. »Guten Tag, Fräulein Eichel!«
+
+»Guten Tag, Herr Baron!«
+
+Sie schüttelten sich freundschaftlich die Hände.
+
+»Geht's Ihnen gut?« fragte er.
+
+»Danke, ausgezeichnet!«
+
+»Bitte, Fräulein Eichel,« sagte Frau von Kambach, »schicken Sie doch
+Friedrich vor Tisch noch einmal zu Frau von Schink hinüber, ich käme
+zwischen vier und fünf zu ihr.«
+
+»Er darf dann wohl gleich zur Post gehen, Exzellenz?« Die braunen Augen
+sahen auf die Standuhr. »Es ist noch früh genug!«
+
+»Dann geben Sie ihm bitte meine Briefe mit!« Frau Sabine sah zum
+Schreibtisch hinüber. »Einen an die Stadtmission, einen an Graf Bühler
+und zwei Karten! -- Danke!«
+
+Sie waren wieder allein.
+
+»So, Mama, nun aber endlich zu dir!« Der Oberstallmeister hatte seinen
+Platz wieder eingenommen. »Du siehst gut aus.«
+
+»Danke, ich bin auch recht frisch!«
+
+»Das freut mich! -- Und was macht der Bund? Ich habe mich leider bisher
+so wenig darum kümmern können.«
+
+»Vorläufig ist es noch keiner. Wir sammeln uns erst. Vor allen
+Dingen brauchen wir Geld. Eine hübsche Summe hat Frau von Schink uns
+zugesagt. Dann fehlt uns immer noch der Direktor. Jeden können wir
+nicht gebrauchen. Der Mann muß eine Persönlichkeit aus einem Guß sein,
+erste Bedingung ist natürlich: ganz positiv. Die leiseste Neigung zur
+Mittelpartei würde ihn für unsere Zwecke unmöglich machen. Daneben sind
+Organisationstalent, rednerische Begabung und der rechte Überblick
+auf sozialem, völkischem und kirchlichem Gebiet notwendig, vor allem
+aber volles Verständnis für den ganzen bitteren Ernst der Zeit und
+ein brennendes Herz für die Not unseres Volkes und unserer Kirche.
+Darum kann es nur ein Mann sein, dem sein Christenglaube Lebensbesitz
+geworden, der die Kämpfe der Zeit aus eigener Erfahrung kennt. Einen
+Träger toter Orthodoxie können wir nicht gebrauchen. An einer solchen
+Wahl würden gerade die Kreise, auf die wir rechnen, Anstoß nehmen!«
+
+»Das unterschreibe ich alles, Mamachen. Ich fürchte nur eins. Bei
+~den~ Anforderungen kannst du dir gleich den Engel Gabriel
+bestellen. Auf dieser Welt wirst du schwerlich finden, was du suchst!«
+
+»Doch, Karl Heinrich! Nur Geduld!«
+
+»Soll es ein Pastor sein?«
+
+»Das ist nicht nötig. Es muß vor allem ein ~Mann~ sein!«
+
+»Wir haben ja große Auswahl!«
+
+»Ach, Karl Heinrich, spotte nicht! Du selbst kommst unbedingt in den
+Vorstand, bitte, nimm die Sache also ernst.«
+
+»Das tue ich, Mama. Mein ganzes Interesse gehört ihr. Nur was die
+Männlichkeit von heute anbetrifft ...«
+
+»Gewiß, du hast ganz recht, wir haben mehr Waschlappen, als Männer!
+Aber die Männer, die wir haben, müssen heran. Mir ist übrigens gar
+nicht bange um die rechte Persönlichkeit. Wir müssen nur warten
+lernen. Alles, was bis jetzt in Vorschlag gebracht worden ist, scheint
+den Herren, welche die Sache vorläufig in die Hand genommen haben,
+ungeeignet, und ich kann ihnen nur zustimmen. Weißt du nicht jemand?«
+
+Er zuckte die Achseln.
+
+»Für den Direktorposten? Nein, Mama. -- In den engeren Vorstand würde
+ich Brelow wählen. Ich will mir aber die Sache durch den Kopf gehen
+lassen.«
+
+»Ja, bitte, tu das!«
+
+»Einfach ist die Geschichte nicht,« meinte er. »Es ist ja
+alles Friedenspartei -- zum Teil aus reiner Unklarheit und
+Begriffsverschwommenheit!«
+
+»Gerade deshalb ist ein fester Zusammenschluß der bibelgläubigen Kreise
+so nötig,« sagte Frau von Kambach.
+
+Er nickte. »Gewiß, Mama! Ich betrachte ihn sogar als eine
+Lebensbedingung für unser Volk. Diese Arbeit ~muß~ getan werden.
+Sie ist der letzte Sturmlauf, der letzte Rettungsversuch, das letzte
+Aufgebot. Mißlingt diese Mobilmachung, so liegt Deutschland im
+Chausseegraben! Das klingt sehr hochtrabend, als betrachteten wir uns
+als die einzigen Volkserretter. Aber nach Abstrich alles Persönlichen
+ist das Werk, das hier getrieben werden soll, die alleinige Handhabe
+gegen den deutschen Verfall. Denn das einzige, was uns noch wieder auf
+die Beine helfen kann, ist die Rückkehr zu dem lebendigen Gott und
+seinem Wort. Das aber wollen unsere Gegner naturgemäß verhindern. Zum
+Teil unbewußt. Die innerweltliche Weltanschauung hat leider schon viele
+Opfer gefordert. Darum heißt die Losung: Kampf! Und zwar Kampf bis
+aufs Messer. Gerade diesen Gesichtspunkt wird man im anderen Lager für
+unbiblisch erklären trotz des Herrenwortes: ›Ich bin nicht gekommen,
+den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹ -- Und nicht nur dort.
+Fromme Kreise, auf die wir gerne rechneten, werden uns mißverstehen.
+Kreise, welche mit vorbildlicher Treue Einzelseelsorge treiben, die
+aber in der Stille ihrer Friedensarbeit den Blick für das große Ganze
+verlieren, für das Elend der Massen; denen darum das Verständnis dafür
+abgeht, daß der Kampf gegen den großen völkischen Abfall mit anderen
+Waffen geführt werden muß, als der Kampf um die einzelne Seele,
+mit anderen Worten: daß es hier eine Arbeit gilt, die man nicht in
+Glacéhandschuhen tun kann. Wir würden ja auch nicht fertig, wenn wir
+jedem Landstreicher erst eine feierliche Einladung schicken wollten,
+-- die Leute kommen eben nur, wenn man sie ~holt~. Natürlich wird
+da manches Gelichter mit unterlaufen, -- mein Himmel, das ist nicht zu
+ändern, da tritt eben das Wort vom Unkraut unter dem Weizen in Kraft.
+Also -- ohne große Volksversammlungen in Riesensälen -- hier in Berlin
+am besten in einem großen Zentrumslokal, geschickt organisiert, vorher
+natürlich, -- verzeih den Ausdruck, -- die nötige Reklame in der großen
+Öffentlichkeit, -- ohne das alles kommen wir nicht vom Fleck, Mama!
+Man mag die Sache ansehen, wie man will. Christus hat gesagt: ›Gehet
+hin in alle Welt!‹, aber er hat nicht gesagt, daß Deutschland nicht
+mit dazu gehöre. Und wenn wir zu Hinz und Kunz gehen und bei Schulz
+und Müller Seelsorge treiben, so ist das alles recht schön und gut,
+aber den Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ erfüllen wir damit
+noch lange nicht! Und doch wird die Erfüllung dieses Befehls einmal von
+uns gefordert werden. Wir müssen also mit einer starken Gegnerschaft
+rechnen, mit mancher Ablehnung, -- nicht zuletzt mit der Ablehnung der
+Kirche!«
+
+»Mit der Ablehnung der Kirche?« unterbrach ihn seine Mutter.
+
+»Gewiß, Mama. Die Kirche ist -- mittelparteilich! -- Ich halte ihr die
+Treue, solange ich es mit meinem Bekenntnis vereinen kann, oder bis man
+mich hinaussetzt. Aber Zugeständnisse mache ich nicht. Der Liberalismus
+ist Luft für mich. Ich fordere als bibelgläubiger Christ reinliche
+Scheidung. Das sind ja auch die Grundforderungen der Bundessatzungen!«
+
+Sie nickte.
+
+»Na also. Glaubst du, daß man oben sehr entzückt davon sein wird, wo
+man nichts als ehrfurchtsvolle Leisetreterei gewöhnt ist?« Er zuckte
+die Achseln. »Das nächste wird sein, daß die Presse, -- vielleicht auch
+die paar großen konservativen Tageszeitungen, die wir noch haben, uns
+totschweigen! Wir stecken ja auch noch in den Windeln und können nichts
+verlangen! Macht nichts! Wird schon kommen! In zwei, drei Jahren sind
+wir den Herrschaften schon unbequemer, und in zehn Jahren? -- Wenn wir
+nur einen Luther hätten, der uns die Fahne vorantrüge!«
+
+Seine Augen blitzten. Er war wieder ganz der Alte.
+
+Sie sah ihn lächelnd an. »Parteipolitik darf aber nicht bei uns
+getrieben werden!«
+
+»Gott bewahre uns davor!«
+
+»Es ist aber nicht ganz leicht, sie völlig auszuschalten,« entgegnete
+sie.
+
+Er sah sie ernst an. »Es ist das erste, was die Satzungen betonen
+müssen, daß wir sie ausschalten!«
+
+»Und wenn ein Heißsporn sie trotzdem hineinträgt?«
+
+»Dann raus mit ihm an die frische Luft!«
+
+Der Diener erschien auf der Schwelle.
+
+»Karl Heinrich, wir müssen essen. Es wird sonst zu spät für dich!«
+
+Er stand auf und bot ihr den Arm. Auf den Krückstock gestützt, richtete
+sie sich zu ihrer ganzen Höhe empor und ließ sich von dem Sohne ins
+Speisezimmer führen, wo Fräulein Eichel wartete.
+
+»Sibylle ist nach Drachenburg zu den Geschwistern gefahren,« erklärte
+die Hausfrau die Abwesenheit des Gastes.
+
+»Möchte sie ihrem Bruder einmal gründlich den Kopf waschen,« murmelte
+der Oberstallmeister vor sich hin.
+
+Nach dem Tischgebet sagte seine Mutter: »Ist es dir recht, wenn wir in
+nächster Zeit eine größere Sitzung in der Bundesangelegenheit in meinem
+Hause anberaumen?«
+
+»Wann?«
+
+»Montag in acht Tagen.«
+
+»Ja. Das paßt.«
+
+»Am liebsten wär's mir, du hieltest einen kurzen zusammenfassenden
+Vortrag über Grundsätze und Gestaltung des Bundes. Das ist noch nicht
+klar ausgesprochen worden. Eine Frau kann das nicht.«
+
+»Aber Exzellenz!« Fräulein Eichels braune Augen blitzten schelmisch.
+
+»Nein, das muß ein Mann tun. Sie wissen recht gut, liebe Eichel, daß
+ich redende Frauen nicht leiden kann.«
+
+»Nun ja, in Volksversammlungen, Exzellenz.«
+
+»Ich gebe zu,« sagte die alte Dame, »daß die Frau unter bestimmten
+Voraussetzungen nicht nur reden darf, sondern muß -- überall da, wo
+bestimmte weibliche Arbeitsgebiete betreten werden, zumal da, wo nur
+das Weib zum Weibe sprechen darf, ist die Frau am Platze. Aber nicht
+da, wo sie dem Manne das Wort entzieht. Das ist Grenzüberschreitung,
+und von da ist's nicht mehr weit zur Frauenemanzipation! Ja, ja, liebe
+Eichel!« Sie nickte ihrem treuen Hausgeist, dessen Tatendurst ihr
+manchmal etwas zu viel wurde, freundlich zu. »Unser Arbeitsfeld ist
+groß genug, nur keine Gebietserweiterung!«
+
+Fräulein Eichel lachte. »Ich bin ja so bodenständig wie ein alter
+Krautjunker, Exzellenz.«
+
+»Ja, ich kenne Sie, Eichelchen!« -- --
+
+»Der Vortrag will mir nicht recht in den Sinn,« sagte Herr von Kambach
+nach kurzem Schweigen.
+
+»Nun, dann sag's in ein paar Worten. Ich möchte nur um der Sache selbst
+und um aller derer willen, die ihr dienen wollen, daß das Programm
+jetzt möglichst bis ins kleinste festgelegt wird.«
+
+Er nickte nachdenklich.
+
+»Man könnte das ganze Programm in das Wort zusammenfassen: ›Seid das
+Salz der Erde, seid die Kraft des Volkes, das Licht der Welt, das Blut
+der Kirche!‹ Das besagt alles. Aber du hast recht: Wir brauchen die
+irdische Form auch im Dienste der Ewigkeit. Kannst du mir vielleicht
+ein paar Aufzeichnungen machen, Mama? Heute abend wird's wohl spät
+werden, aber ich bin ja doch noch bis übermorgen hier, dann besprechen
+wir das Weitere, wenn es dir paßt!« Er sah auf die Uhr. »Darf Friedrich
+mir einen Kraftwagen holen? Ich komme sonst zu spät.«
+
+Sie drückte auf den Knopf der Elektrischen und gab dem eintretenden
+Diener ihre Befehle.
+
+Dann sprach sie das Dankgebet und hob die Tafel auf.
+
+Der Sohn küßte ihr die Hand. »Leb wohl, Mama, ich muß eilen! Auf
+Wiedersehen, Fräulein Eichel! Bitte, tu' mir die Liebe, Mama, und
+bleibe nicht etwa auf, es kann sehr spät werden, bis ich komme!«
+
+»Nein, ich gehe zu Bett, dafür sorgt schon Fräulein Eichel!«
+
+Er nickte der Gesellschafterin zu. »Ja, tun Sie das bitte, Fräulein
+Eichel!«
+
+»Sie können sich auf mich verlassen, Herr Baron!«
+
+Ȇbrigens, Mama, ehe ich's vergesse, darf ich Montag in acht Tagen
+Schenker mitbringen? Er ist Feuer und Flamme für die Sache, und wir
+dürfen nicht vergessen, daß er es war, der dem Gedanken zuerst Ausdruck
+gab. Wenn die Frage auch in der Luft lag, die erste Anregung danken wir
+ihm!«
+
+»Aber selbstverständlich, Karl Heinrich! Daß ich daran selbst noch
+nicht dachte! Er ist mir wichtiger als alle anderen, mit seinem
+gesunden Urteil, seinem schlichten Christentum!«
+
+»Und seiner Gründlichkeit, Exzellenz,« warf Fräulein Eichel ein. »Wenn
+er etwas durchsetzen will, läßt er nicht locker!«
+
+Herr von Kambach knöpfte sich den Pelz zu. »Ob Friedrich zurück ist?«
+
+»Er kommt gerade herauf.«
+
+»Herr Baron, der Kraftwagen wartet.«
+
+»Danke!« Er griff zum Zylinder. »Leb wohl, Mama! Fräulein Eichel, Sie
+sind dafür verantwortlich, daß meine Mutter um zehn zu Bett geht!« -- --
+
+ * * * * *
+
+Auf der verschneiten Straße lag der letzte Sonnenstrahl.
+
+Frau von Kambach stand am Fenster und sah dem Sohne nach. Eben schloß
+Friedrich den Kraftwagen und fort ging's.
+
+Da hob sie den Blick.
+
+Ein rosiger Hauch zog über Erker und First, wie ein feiner duftiger
+Schleier. Die alte Frau achtete nicht darauf. Ihre Gedanken waren noch
+ganz bei dem großen Werk, dem sie mit ihrer letzten Lebenskraft diente,
+bei dem Manne, dessen Feuergeist seine Zeit überflügeln wollte. Würde
+seine Führerschaft der still beginnenden Arbeit zum Segen werden? Würde
+die lohende Glut dieser starken Seele nicht verheerend wirken, wo mit
+ruhiger Hand gebaut werden sollte? Sie wollte ihn ja nicht anders.
+Er war ein ganzer Mann, ein ganzer Christ, einer, der sich zum Kreuz
+bekannte, wie wenige. Der, ohne rechts und links zu blicken, seinem
+Ziel entgegenwanderte, unbekümmert um das, was ihm in den Weg kam.
+Das Lied von dem tapferen Schwaben paßte auf ihn, aber dieser Schwabe
+verstand auch das Dreinschlagen, und wo sein Schwert hintraf, da wuchs
+kein Gras wieder. Das war die heilige Rücksichtslosigkeit der Kambacher
+in Glaubenssachen.
+
+Und trotzdem, heute zum erstenmal, aber immer wiederkehrend der
+Gedanke: ist er hier am Platz? Selbst ein Petrus mußte sich von
+seinem Herrn den Verweis erteilen lassen: ›Stecke dein Schwert in die
+Scheide!‹ -- Es gab mancherlei Gaben, Kräfte, Ämter, aber eins war
+nicht für alle! -- --
+
+Wenige Augenblicke, nachdem sie ihm gesagt, daß man ihm eine führende
+Stellung zugedacht, war der Zweifel in ihrer Seele aufgestiegen und
+raunte und flüsterte: ›ist's wohl getan?‹
+
+Und Mutterliebe und Mutterstolz kämpften mit Pflicht und Recht.
+
+Es war kein leichter Kampf. Es galt ein Abwägen, peinlich genau, vor
+dem Richtstuhl des Gewissens. Aber immer wieder kam die greise Frau
+zu dem Ergebnis: trotz alledem, und gerade darum! Doch sie traute
+dem eigenen Empfinden nicht, immer wieder machte sie sich hart, immer
+wieder sagte sie sich: du bist seine Mutter! Und ein heißes Gebet stieg
+aus ihrer Seele: ›Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib
+Ehre!‹
+
+Die Schatten dunkelten. Über die weiße Straße breitete sich der
+Dämmerung violetter Samt. Die Mondsichel glänzte silbern über den
+Dächern.
+
+»Trotz alledem und gerade darum!« -- Ja, sie brauchten einen Starken,
+einen, der im Namen des höchsten Gottes kam mit Schleuder und Stein.
+Einen, der glaubensstark, die Bibel in der Hand, Weltweisen und
+Kirchenfürsten entgegentrat mit einem unerschrockenen: ›Es stehet
+geschrieben!‹ Einen, der's nicht litt, daß sie das Kreuz antasteten,
+der in heiligem Zorn die angebotene Rechte fortstieß, die sich frevelnd
+nach des Heilandes Ehrenkrone ausstreckte und im selben Augenblick, als
+sei nichts geschehen, wahrer Jüngerschaft ihr Schutz- und Trutzbündnis
+anbot. Einen, der klipp und klar erklärte: ›Wir erkennen die
+Gleichberechtigung der Richtungen nicht an! Was ihr Richtungen nennt,
+sind verschiedene Religionen, die sich wie Wasser und Feuer scheiden!
+Hie Christentum, hie modernes Heidentum!‹
+
+›Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹
+-- Das war das strikte unumstößliche Herrenwort, die heilige Losung
+für die Eroberung der Welt im Zeichen des Kreuzes. Nein, -- mochte er
+manchem unbequem werden, mochte er viele vor den Kopf stoßen, hier
+waren keine Halben zu brauchen. Es schadete auch nichts, wenn er
+einmal wetterte und dreinschlug, schadete nichts, wenn er, wie heute
+mittag, erklärte: ›Wenn's so weiter geht, liegt Deutschland nächstens
+im Chausseegraben!‹, schadete nichts, wenn er noch ganz andere Sachen
+sagte! Das war alles nur Beiwerk, das dem einen gefiel und dem anderen
+nicht, die Hauptsache war die Persönlichkeit. Die aber war aus einem
+Guß: ein ganzer Mann, ein ganzer Christ!
+
+Sie atmete auf. Wie ein Alp fiel's ihr von der Seele.
+
+Mit glänzenden Augen sah sie dem scheidenden Tage nach.
+
+Da flammte drüben unter dem Dach ein Licht auf, und noch eins, und
+wieder eins. Ein verspätetes Christbäumchen, das die Absicht zu haben
+schien, oben in der kleinen Dachkammer der alten Näherin das Osterfest
+zu feiern, sandte der Edelfrau seinen leuchtenden Gruß.
+
+Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Wie eine Antwort auf ihr Fragen
+strahlten ihr die Lichter der Weihnacht entgegen. Sie aber trat mit
+befreiter Seele in den hohen Schein der Ewigkeit. ›Trotz alledem, und
+gerade darum!‹
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Allein.
+
+ Weißt du, wie's ist, wenn in tiefer Nacht
+ Kein Mensch noch Engel deiner gedenkt?
+ Wenn niemand nach deiner Seele fragt,
+ Wenn sich kein Herz in deines versenkt?
+ Wenn droben der Nebel das Kreuz verhüllt,
+ Wenn kein Blümlein duftet im Felsgestein, --
+ Verstehst du's, weißt du es, was das heißt:
+ Allein sein, -- mutterseelenallein?
+
+
+Eine weiße sternklare Nacht ging über der Mark auf, über ihren
+verträumten Schlössern und altertümlichen Kleinstädten, ihren
+Kiefernwäldern und stillen Seen.
+
+Kein Lüftchen regte sich. Leise hüllte der Rauhreif die schlafenden
+Dörfer in seinen weißen Spitzenschleier. -- --
+
+Über Haus Kambach stand der Vollmond, groß und klar. Breit und
+wuchtig lag das Herrenhaus da, wie ein starker Mauerwall schirmte
+es das schlafende Dorf und die ragende Kirche, -- ein Bild zäher
+Bodenständigkeit und treu bewahrten ehrwürdigen Erbes. Der Schnee
+flimmerte. Es war eiskalt. Auf der Dorfstraße keine Menschenseele.
+Alles saß drinnen um die Feuerstätten oder in den Spinnstuben.
+
+Eine schmale Spur führte zwischen den strohgedeckten Häusern auf die
+Pfarre zu. Die Sommerrose war bis unter das Dach geklettert, leise
+schwankten die zarten Zweige vor dem hellen Fenster der Studierstube.
+Sonst war's dunkel im Haus. Still und einsam lag es unter der Last des
+Schnees, vom breiten Geäst der alten Linde überdacht.
+
+Hinter den weißen Vorhängen sah man einen auf und nieder schreiten. Der
+immer wiederkehrende hastende Schatten brachte etwas Fremdes in die
+nächtliche Winterstille, etwas vom Kampf des Tages.
+
+Auf und nieder ging's, auf und nieder. -- --
+
+Es mußte etwas Sonderliches sein, das dem Manne drinnen die Ruhe nahm.
+Abend für Abend konnte man Pastor Wendler, über seine Bücher gebeugt,
+am Schreibtisch sitzen sehen, ohne seine Stellung im geringsten zu
+verändern, -- was trieb ihn heut in dem engen Raum hin und her?
+
+In den letzten Tagen waren allerhand Gerüchte über ihn verbreitet
+worden, -- der Gutsherr habe sich mit ihm überworfen, er verließe
+Kambach und dergleichen mehr. Dann hieß es wieder, an dem allen sei
+kein wahres Wort.
+
+Der rastlose Wanderer drinnen wußte nicht, was über ihn geredet
+wurde, und wollt's auch nicht wissen. Menschen, die durch den Sturm
+schreiten, fragen nicht nach fallendem Laube und welkenden Blüten. Sie
+brauchen ihre ganze Kraft, ihren ganzen Willen im Kampfe gegen die
+Naturgewalten. Das Kleine wird ihnen klein, das Große groß. Achtlos
+zertreten sie den Halm am Wege, erst wenn die greisen Schildträger
+verklungener Zeiten, vom Sturm gefällt, zur Rechten und Linken
+niederbrechen, wenn Bergbachgebraus und Föhrenrauschen verstummen und
+das große Schweigen die Toten ehrt, dann, erst dann verhalten sie den
+eilenden Schritt, und das Auge fragt, was der Mund verschweigt: ›Wann
+kommt die Reihe an mich?‹ Doch die Antwort bleibt aus; denn die Nacht
+ist noch nicht vorüber.
+
+Sie stürmen weiter. Mit fiebernden Sinnen, mit keuchender Brust, in
+den Adern die Siedeglut des Willens zur Macht, zum Leben. Aber an ihrem
+hörnernen Kleide haftet ein Verhängnis. Trifft der Wurfspeer des Todes
+die Schulter, ist er Sieger. -- -- --
+
+An der Bahre der Waldwächter erbeben die Sinne; ein heimlicher Sprung,
+fein wie Glasgespinst, geht durch die Seele, ein leiser Schmerzenslaut
+verweht -- regte der Wind zerrissene Saiten? -- --
+
+Kurt Wendler war des Wanderns müde geworden und hatte sich an seinen
+Schreibtisch gesetzt. Ein tiefer Schmerz lagerte auf seiner Stirn, eine
+Unrast beherrschte sein Wesen, die vergeblich nach einem Ausweg suchte.
+
+Vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel, aber er blickte darüber hinweg
+auf das Bild eines hübschen, etwa sechzehnjährigen Knaben. Ein echtes
+rechtes Jungensbild war's, voll Natürlichkeit und Frische: Eberhard
+Kambach. Wie die großen nachdenklichen Kinderaugen ihn vorwurfsvoll
+anschauten! Noch niemals war er diesem Ausdruck begegnet -- oder doch?
+Herrgott -- ja -- einmal vor drei Tagen, in der Konfirmandenstunde. Da
+hatten diese Augen ihn angeschaut, als ob er dem Kinde etwas geraubt
+hätte, etwas, das ihm heiliger war, als alles andere auf Erden, als
+Vater- und Mutterliebe, als der kleine fröhliche Kamerad, an den
+er sein Herz gehängt. Zum erstenmal hatten sie den Lehrer zornig
+angeblitzt, als wollten sie ihm zurufen: ›Glaub', was du willst! Ich
+glaub', was Vater und Mutter glauben, die wissen's ganz genau, wie's
+in der Bibel steht! Ich laß mir nichts wegnehmen!‹ Aber er hatte die
+stumme Mahnung unbeachtet gelassen, der Trotz war über ihn gekommen. Er
+hatte es bisher mit dem Worte gehalten:
+
+ ›Das Beste, was du wissen mußt,
+ Darfst du den Buben doch nicht sagen!‹
+
+Nun sollten sie's wissen, selbst auf die Gefahr hin, daß es ihn Amt
+und Brot kostete. Nichts Halbes wollte er ihnen mehr bringen, nichts
+Veraltetes, Versteinertes, sondern Leben, Entwicklung, Wirklichkeit!
+Vor allem fort mit dem alten orthodoxen Gottesbegriff, mit der
+Christusgestalt des Supranaturalismus, dieser Unmöglichkeit aller
+Unmöglichkeiten!
+
+Und dann war jene Szene gekommen. Die bloße Erinnerung daran trieb ihm
+das Blut zum Herzen. Seine Behauptung, Christus habe sich an keiner
+Stelle in der ganzen Bibel zu seiner ewigen Gottessohnschaft bekannt,
+war gefallen. Der kleine Inspektorssohn hatte auf das eidliche Zeugnis
+vor Kaiphas hingewiesen. Achtzig helle fragende Kinderaugen blickten
+erwartungsvoll zu ihm auf.
+
+»Dann hat Jesus sich eben geirrt!« Ja, so hatte er gesprochen. Es war
+ihm selbst eigen ums Herz gewesen, als er die Worte, die ein Jatho
+in öffentlicher Versammlung geredet, an dieser Stelle wiederholte.
+Die Kambacher Dorfbuben waren wahrhaftig die letzten, die für diese
+feine Philosophie reif waren. Doch das machte nichts. Borsdorfer Äpfel
+reiften auch nicht an einem Tage.
+
+Dann war's gekommen, was ihm an der Seele nagte.
+
+Dicht unter dem Lehrstuhl klang ein heißes bitterliches Schluchzen,
+ein Schluchzen aus allen Quellen der Seele. Der stille vornehme Knabe
+sprang auf und rief in leidenschaftlichem Schmerz dem Lehrer zu: »Das
+ist nicht wahr, Herr Pastor!« Damit stürzte er hinaus.
+
+Keiner hielt ihn zurück. Wie ein Bann lag's auf der kleinen Schar.
+
+Es blieb Pastor Wendler nichts anderes übrig, als die
+Konfirmandenstunde zu schließen.
+
+Das war vor wenigen Tagen gewesen.
+
+Eine Stunde nach dem Vorfall war Herr von Kambach im Pastorat. Kurz
+und bündig, wie es seine Art war, erklärte er Wendler, daß sein Sohn
+seine Konfirmandenstunden von nun an nicht mehr besuchen werde. In der
+Gesamtfrage werde er als Patron entscheiden. Nur so viel wolle er ihm,
+um jedes Mißverständnis auszuschließen, schon heute sagen, daß für sie
+beide nebeneinander kein Raum in der Kambacher Kirche mehr sei. Das war
+deutsch gesprochen.
+
+Aber eines berührte der Gutsherr mit keinem Wort: die Ungezogenheit
+Eberhards in Gegenwart der Klasse. Pastor Wendler wies darauf hin.
+
+Das Antlitz des Kambachers ward hart wie Stahl. »Dafür soll ich den
+Jungen schelten? Zum Kuckuck, Herr Pastor, ist bei mir 'ne Schraube los
+oder bei Ihnen? -- Wenn in einer Versammlung eine Majestätsbeleidigung
+ausgesprochen wird, so erklärt man -- vorausgesetzt, daß die
+Herrschaften nicht schon samt und sonders als Sozialdemokraten bekannt
+sind, -- den Betreffenden für einen Lumpen und befördert ihn an die
+frische Luft. Sie haben die allerhöchste Majestät vor unmündigen
+Kindern beleidigt, und man hat Sie hübsch auf Ihrem Lehrstuhl gelassen.
+Von Rechts wegen hätten Sie ihn räumen müssen. Tatsache ist, daß das
+nicht geschehen ist. Und nun verlangen Sie noch obendrein, daß Ihre
+Konfirmanden, die doch schließlich keine Wickelkinder mehr sind, Amen
+sagen, wenn Sie erklären, Christus sei nicht Gottes Sohn!«
+
+»Natürlich ist er Gottes Sohn, aber nicht in dem Sinne wie ..«
+
+»Ja, ja, ich weiß schon, ›die reinste Menschenblüte, von Gottes Sonne
+geküßt‹, -- ›höchste Vergöttlichung, unmittelbarste Vermittlung
+transzendenter Werte‹ -- ich danke für die liberalen Kamellen,
+Verehrtester! Ihren zurechtgestutzten Heiland kann unsereins im Leben
+nicht gebrauchen, und im Sterben erst recht nicht! Ihr Streben und
+Forschen in allen Ehren, -- aber wir Positiven forschen auch, --
+glauben Sie ja nicht, daß wir so in den Tag hineinleben, -- denkt
+nicht dran, wir vergessen nur nicht, wo unser kleiner armseliger
+Menschenverstand ein Ende hat, und bekrittelten nicht das Wunder der
+Wunder, die Person unseres Herrn. Das aber tun Sie! Und nun setzen
+Sie Ihrem Tun die Krone auf und tragen das Gift durch Predigt und
+Konfirmandenstunde ins Volk und verwahren sich dann noch dagegen,
+wenn ein armes Kind, dem Sie seinen Heiland nehmen wollen, Ihnen die
+Wahrheit ins Gesicht sagt.«
+
+»Es hätte nicht in dieser Form geschehen dürfen!«
+
+»Zum Donnerwetter! Form hin, Form her!« Er schlug auf den Tisch, daß es
+krachte. »Ich hätt's Ihnen gegönnt, daß die Bengels Sie ausgepfiffen
+hätten!«
+
+»Herr Baron, ich muß aber doch sehr bitten ...«
+
+»Daß ich das Lokal verlasse? Mit Vergnügen! Nehmen Sie's nicht
+übel, daß ich deutlich wurde, -- ich bin nun einmal nicht für die
+Leisetreterei von heutzutage. Die Kambacher sprechen lieber Deutsch
+wie Französisch. Eberhard steckt's ja, gottlob, auch im Blute, der
+Schlingel hat Rasse! So, nun wissen Sie's. Sagen mußt' ich die ganze
+Wahrheit schon deshalb, verehrter Herr Pastor, weil ich Ihnen gegenüber
+die Pflichten des Patrons nicht vergessen darf. Sie könnten mir sonst
+mit Recht die bittersten Vorwürfe machen, ganz davon abgesehen, daß ich
+für mich und mein Haus jede liberale Rutschpartie dankend ablehne.« Er
+reichte ihm, als sei nichts geschehen, die Hand. »Gott befohlen!« Und
+fort war er.
+
+Wie betäubt stand Pastor Wendler da. Immer zog er bei diesem Manne den
+kürzeren. War's die rasende Lebhaftigkeit, die Herrennatur, die keine
+andere Meinung aufkommen ließ? Aber er selber war doch auch nicht
+ums Wort verlegen und wußte was er wollte. Warum schrumpfte denn,
+sobald Herr von Kambach auf der Bildfläche erschien, sein leuchtender
+wissenschaftlicher Bau wie eine welkende ›Königin der Nacht‹ zusammen?
+Sonderbar! Eigentlich hätte er ihn doch auf Matt setzen müssen, weil
+er mit der Wissenschaft auf dem Gebiet des Glaubens nichts anzufangen
+wußte. Und doch erkannte er sie sonst an. Nur hier nicht. Er wußte
+eine ganze Menge, war sehr belesen, hielt ganz vorzügliche politische
+und soziale Reden, war in den modernen Weltanschauungsfragen stets auf
+dem laufenden, trotzdem -- Glaube und Wissenschaft blieben getrennte
+Gebiete. Anders tat es die alte Schule eben nicht. Aber das Christentum
+des Kambachers war ebensowenig tote Orthodoxie wie das seiner Mutter
+und des alten Schenker. Im Gegenteil! Was steckte für Leben darin! Er
+war fest davon überzeugt, daß diese drei Menschen um ihres Glaubens
+willen große schwere Opfer bringen würden! Warum mußten denn gerade sie
+seine Gegner sein, die einzigen Positiven seiner Bekanntschaft, die
+Eindruck auf ihn machten, die ihm unbegrenzten Respekt abzwangen!? Es
+war zum Tollwerden!
+
+Seine Gedanken wanderten. An die Seite der greisen Landedelfrau sah
+er eine junge kräftige Frauengestalt treten. Mit den Füßen stand sie
+auf der Erde, ihre Hände taten Werktagsarbeit, aber die klare Stirn
+umleuchtete Morgenglanz. Es gibt Sonntagskinder, die hellen Auges, ein
+Sträußchen am Hute über die Berge wandern und tausend Herrlichkeiten
+schauen, die anderen Sterblichen verborgen bleiben. Solch ein
+Sonntagskind war der treue Hausgeist der alten Exzellenz, Fräulein
+Jutta Eichel.
+
+Es war in jener Zeit gewesen, wo er noch viel in Dreilinden verkehrte,
+als Pastor Wendler plötzlich die Sehnsucht gepackt, den Sonnenschein,
+der von der schlichten freundlichen Gestalt ausging, in sein einsames
+Pfarrhaus zu tragen. An einem schönen Herbstabend betrat er den
+Dreilindener Gutshof. Die alte Exzellenz war ausgefahren. Sie, die
+er suchte, stand in der Halle, die letzten Rosen des Jahres in einer
+venetianischen Schale ordnend.
+
+Die Lichter des scheidenden Tages umspielten die Mädchengestalt und die
+purpurnen Blüten. Heimlich spann die Dämmerung ihre Schleier um den
+traulichen Kamin und das eichene Gestühl aus der Väter Zeiten. Ein paar
+Rosenblätter waren auf den breiten geklöppelten Einsatz der leinenen
+Tischdecke gefallen; wie Blutstropfen leuchteten sie in den goldenen
+Abend hinaus.
+
+Er aber stand im Türrahmen und betrachtete still das feine
+stimmungsvolle Bild. ›Wie ein Kunstwerk der alten niederländischen
+Schule!‹ zog es ihm durch den Sinn.
+
+Da hob sie den Kopf.
+
+Ihre Blicke trafen sich. Auf ihrem Antlitz lag's wie der Wiederschein
+der roten Rosen.
+
+Regungslos verharrte er im Schein des sinkenden Abends. Wie ein
+Schattenbild hob sich die hohe Gestalt vom lichten Himmel.
+
+Sie aber stand, die späten Blüten in den Händen, im dunklen Auge
+flehende Abwehr.
+
+Aber er merkte es nicht. Er sah nur das Ganze, das Bild des
+niederländischen Meisters.
+
+Dann trat er neben sie. Sie solle sich nicht stören lassen. Ganz
+obenhin sagte er's. Sie empfanden es beide. Zögernd steckte sie die
+letzte Knospe zwischen die schwellenden Blüten.
+
+»Ich darf's gleich hinübertragen?«
+
+Er folgte ihr in das Wohnzimmer der Hausfrau, wo sie die Rosenschale
+unter ein großes Kruzifix, eines jener herrlichen Schnitzwerke der
+Frauen Südtirols, stellte.
+
+»Lieben Sie die katholische Kunst?« fragte er.
+
+»Ich sah nie einen Kruzifixus wie diesen,« erwiderte sie, zu dem
+dorngekrönten Antlitz aufblickend. »Soll ich den Glauben verachten, der
+sich zu demselben Herrn und Heiland bekennt wie ich?«
+
+Er zuckte die Achseln.
+
+»Würden Sie je katholisch werden?«
+
+»Niemals,« rief sie lebhaft. »Das römische System stößt mich ab. Aber
+mit dem einzelnen Katholiken fühle ich mich, sofern er ein wahrhaftiger
+Christ ist, auf demselben Heilsgrunde stehend, einig in Glauben und
+Hoffnung.«
+
+Er sah sie mit einem eigenen Blick an. In seinen Augen stand eine heiße
+Frage. Bis in die Seele drang sie ihr.
+
+Wieder sah sie zum Kreuz empor. Und während sie sich in den Anblick der
+edlen Züge versenkte, kam ein heiliger Mut über sie, eine nie gekannte
+Kraft. Voll und klar wandte sie dem Manne das dunkle Auge zu und sagte
+mit fester Stimme: »Tausendmal näher steht mir der Katholik, der sich
+zu seinem Heiland und Erlöser als dem ewigen Gottessohn bekennt, als
+der Vertreter der modernen Theologie, der die Gottessohnschaft Christi
+leugnet!«
+
+Wie ein Schlag ins Gesicht traf ihn ihr Wort. Er hatte sie verstanden.
+Eine unüberbrückbare Kluft hatte sie zwischen ihnen aufgerichtet. Und
+doch wußte er's, daß sie ihn liebte. Trotzdem hieß sie ihn gehen.
+
+Eine grenzenlose Bitterkeit stieg in ihm auf, ein unbezwingbarer Neid
+nach dem Gut dieser stillen starken Menschen, die, ohne rechts und
+links zu blicken, ihrem Ziele zuwanderten. Eine Ruh' lag über diesen
+Gestalten, über diesen Trägern innerer Kraft und heiligen Segens. Warum
+besaß er sie nicht?
+
+Weil eine solche Ruh' unmöglich, weil diese Menschen Schwärmer waren.
+Trotzig gab er seiner Seele die Antwort.
+
+Arm und einsam war er ausgegangen, sein spätes Glück zu suchen, ärmer
+und einsamer noch kehrte er heim.
+
+Und dann kamen die langen Winter, und der geliebte Pfad lag verschneit!
+-- -- --
+
+Mutterseelenallein saß er mit seinen Büchern in dem kahlen
+Studiergemach.
+
+Nur die vorwurfsvollen Augen des kleinen Junkers blickten ihn an.
+
+Allein -- mutterseelenallein, und draußen der Pfad verschneit -- --
+Nach einem uralten Liebeslied klang's, nach der zarten poetischen
+Stimmung deutscher Vergangenheit! Im Kamin summte der Nachtwind die
+Melodie dazu, weich und sehnsüchtig, als klagte eine Äolsharfe.
+
+Dann klang's aus anderen Pfeifen, fremd und sieghaft, als fegte die
+wilde Jagd übers Dach. -- --
+
+Plötzlich Stille, kein Laut mehr auf weiter Heide. -- --
+
+Und dann, was war das?
+
+Er lauschte hinaus.
+
+Aus weiter Ferne zog's durch das große Schweigen herüber, wie
+Meeresbrausen, wie der Pilgerchor ausziehender Christen, Orgeltöne,
+tief und gewaltig, das uralte halbvergessene Kirchenlied, das die
+mittelalterliche Gemeinde in den heiligen Nächten gesungen:
+
+ ›Es kommt ein Schiff geladen
+ Bis an sein'n höchsten Bord --
+ Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,
+ Des Vaters ew'ges Wort!‹
+
+Er fuhr auf. Was hatte dies Lied mit seiner Einsamkeit, seiner
+Verlassenheit zu tun? Zum Tollwerden waren die Winternächte in dem
+hundertjährigen Pfarrhause mit seinen altmodischen Kaminen! Was Wunder,
+daß der Nachtwind sich drin verfing und droben seine Psalter sang!
+Wenn dann auch noch das verflixte Käuzchen seine Jeremiaden anfing, --
+um aus der Haut zu fahren war's! Aber heut' Nacht war's dem Totenvogel
+wohl zu kalt. So hatte er wenigstens davor Ruhe.
+
+›Daß nicht unter dir gefunden werde, der auf Vogelgeschrei achte!‹
+Ja, ja, er wußte es. Aber es war nun einmal nicht angenehm, wenn die
+Kreatur draußen die halbe Nacht wimmerte. -- --
+
+ ›Es kommt ein Schiff geladen
+ Bis an sein'n höchsten Bord -- --‹
+
+Wieder die Glockentöne!
+
+Es war doch vorhin ganz klar und still gewesen? Ob das Wetter umschlug?
+Nein, er kannte den Ton, das war Nordostwind. Oder doch nicht?
+
+ ›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,
+ Des Vaters ew'ges Wort!‹
+
+Die blauen Kambachaugen blickten herüber. Ja, gewiß, er leugnete es
+keinen Augenblick, er hatte es vor der ganzen Klasse gesagt und würde
+es, wenn's sein müßte, vor dem Konsistorium wiederholen: ›Dann hat
+Jesus sich eben geirrt!‹
+
+›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ -- -- Knabenlippen sprachen es
+trotzig und hart.
+
+ ›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,
+ Des Vaters ew'ges Wort!‹
+
+»Zum Donnerwetter!« Er sprang empor und riß das Fenster auf.
+
+Totenstill lag der weiße Garten in winterlicher Schönheit. Drüben
+träumte, tief eingeschneit, die Kirche im Kranz ihrer Linden, Hütt' an
+Hüttlein geschmiegt zu ihren Füßen, fern in bräutlicher Reinheit die
+märkische Heide.
+
+Aber hinter dem Gutshaus in den Kiefernforsten summte der Nachtwind in
+den Kronen. Immer dasselbe Lied, jenen uralten, längst verklungenen
+Choral. Seltsam, -- wie die Einbildung ihre Schleier wob, wie sie
+Menschengeist und Windeswehen in ihren Dienst zwang ...
+
+›Der Wind brauset, wo er will!‹
+
+Zum Kuckuck! Warum denn immer gleich die Bibel? Das war doch ein sehr
+natürlich zu erklärender Vorgang. Wetterumschlag -- Nerven, -- man war
+doch auch Stimmungen unterworfen -- das Nachtgespräch mit Nikodemus
+hatte zudem neben großer sprachlicher Schönheit den Vorzug, rein
+persönlichen Charakter an sich zu tragen. Man konnte es so oder so
+auffassen. Ja, gewiß, so oder so!
+
+Drüben holte die alte Turmuhr zum Schlage aus.
+
+Zwölf? Na, ja. Es war Zeit, daß man zu Bett ging. --
+
+Es kam alles von dem ewigen Alleinsein her. Warum hatte Jutta Eichel
+nicht ja sagen können? Sie liebte ihn doch. Er wußte es ganz genau. Die
+Folge war, daß sie sich und ihn unglücklich machte. War das recht?
+
+ ›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,
+ Des Vaters ew'ges Wort!‹
+
+Er schlug das Fenster zu. Was hatte das mit der Ehe zu tun? Gar nichts.
+Aber sie dachte anders. Er wußte es wohl.
+
+Und es hatte Stunden gegeben, wo er es Jutta Eichel sehr hoch
+angerechnet, daß sie die letzten Folgerungen ihrer Überzeugung zog.
+Trotzdem, -- wenn die Engigkeit der Positiven ihren Höhepunkt nicht
+bald überschritten hatte, hörte ja jedes Zusammengehen auf.
+
+Er zuckte die Achseln.
+
+Zwischen Kambach und Dreilinden hatte es bereits aufgehört.
+
+Ein Seufzer verwehte.
+
+Die Nacht breitete ihre Schatten über das heilige Buch -- --
+
+Er nahm die Lampe und ging hinaus. Als er die Diele überschritt, hörte
+er draußen ein Geräusch auf den Stufen. Nervös wandte er sich um.
+
+Da gellte auch schon die Nachtglocke durch das stille Haus.
+
+Er öffnete.
+
+Vor ihm stand in seinem großen Dienermantel der alte Schenker.
+
+»Kommen Sie mit, so rasch Sie können, Herr Pastor! Der junge Herr liegt
+schwer krank an Lungenentzündung und will Sie sprechen!«
+
+Sehr kurz und bestimmt klang's. Ganz Schenkersche Art. Aber ein
+gewisser Einschlag, den er sonst bei dem alten Manne noch nicht
+vermißt, fehlte: die Ehrerbietung vor dem geistlichen Amt. Oder kam es
+ihm nur so vor? In dieser Nacht war alles möglich.
+
+»Um Gottes willen, was ist denn geschehen?«
+
+»Bitte, Herr Pastor! Ick erzähl's Ihnen unterwegens!«
+
+Und Wendler fuhr in den Mantel, nahm den Schlapphut vom Nagel und ging
+mit Schenkersch Vadder in die Nacht hinaus. Als die Haushälterin, durch
+die Klingel geweckt, endlich zum Vorschein kam, fand sie ein paar
+Schneeabdrücke auf den Fliesen und den Platz, wo des Pastors Hut und
+Mantel hingen, leer.
+
+»Es wird die Frau des Häuslers sein, die schon seit drei Tagen im
+Sterben liegt,« murmelte sie vor sich hin. Und das flackernde Licht in
+der Rechten, wanderte sie müden Schrittes den Weg, den sie gekommen,
+über die alte knarrende Treppe zurück. -- --
+
+ * * * * *
+
+»Also Lungenentzündung?«
+
+»Ja, Herr Pastor. Herr Sanitätsrat Elsasser schüttelte gleich das
+erstemal, als er kam, den Kopf. Wir mußten sofort nach Berlin drahten.
+Herr Oberstallmeister wird mit dem Nachtzug erwartet. Als Herr
+Sanitätsrat vor einer halben Stunde noch Herrn Doktor Kruse mitbrachte,
+erklärten beide, es sei keine Hoffnung. Die Krankheit habe gleich
+zu heftig eingesetzt, gegen eine so schwere Lungenentzündung sei
+menschliche Kunst machtlos.«
+
+Hart und scharf klang Franz Schenkers Stimme.
+
+»Wie das Unglück geschehen is?« Er zuckte die Achseln. »In den
+Tagen, wo der junge Herr allein war, is nichts vorgefallen! Mamsell
+achtet auf ihn, als wär's 'n Prinz, und ick hab' auch meine Pflicht
+und Schuldigkeit getan. Der Gedanke wird dem gnädigen Herrn gar
+nich kommen, daß in den Tagen etwas versäumt worden is, das is
+ausgeschlossen, gänzlich ausgeschlossen!« Die weiße Kammerdienerweste
+strahlte.
+
+»Ja, aber, was ist denn geschehen?«
+
+Wieder jenes schweigende Achselzucken, jenes bedeutsame Wiegen des
+weißen Kopfes.
+
+»Mein Gott, so reden Sie doch!«
+
+»Ja, Herr Pastor, wenn ick offen und ehrlich meine Meinung sagen soll,
+und anders tu' ick's nich, -- das ganze Dorf weiß es, daß Schenkersch
+olle Vadder es nich anders tut -- dann kann ick nur sagen: das war
+vorige Woche nach die Konfirmandenstunde! Erst die furchtbare Aufregung
+-- ick hab' das Kind ja in meinen ganzen Leben nich so gesehen, --
+und dann is der junge Herr nachmittags bei den scharfen Ostwind noch
+Schlittschuh gelaufen. Da is das Unglück geschehen! Erst die Aufregung,
+und dann hinaus in den schneidenden Wind -- kein Wunder, Herr Pastor!«
+
+Schweigend ging Wendler neben dem Alten her.
+
+»Ick hab' das ja längst kommen sehen,« brummte Schenker vor sich hin.
+
+»Was haben Sie kommen sehen?«
+
+Schenker stellte sich trotz der bisherigen Eile mitten auf die
+Dorfstraße hin. Das bedeutete eine längere Rede mit erhobener Stimme.
+Denn das Schenkersche Organ war auf die Vorgänge des Lebens abgestimmt.
+Je wichtiger die Sache, desto durchdringender die Stimme. Es kam vor,
+daß Schenker einem guten Freunde mitten auf der Dorfstraße unter dem
+Siegel der Verschwiegenheit die tiefsten Geheimnisse ins Ohr brüllte,
+daß er sich vierundzwanzig Stunden später sehr wunderte, daß diese
+Geheimnisse ihren Weg durch alle Spinnstuben genommen und schließlich
+in der Herrenküche bei Mamsell angelangt waren, daß Mamsell sich den
+Alten vornahm und wegen seiner Redseligkeit gehörig herunterputzte, das
+alles konnte vorkommen und immer wieder vorkommen, und trotzdem blieb
+es beim alten.
+
+Pastor Wendler war schon mehr als ein Schenkersches Geheimnis auf der
+Kambacher Dorfstraße anvertraut worden. Doch in dieser Nacht hatte er
+eine entschiedene Abneigung gegen alles Vertrauliche.
+
+»Kommen Sie,« sagte er, »es ist gleich halb eins.«
+
+Aber Schenker blieb stehen.
+
+»Da Sie 's einmal durchaus wissen wollen, wo sich unser junger Herr
+die Lungenentzündung geholt hat, will ick's Ihnen nich verhehlen: in
+~Ihre~ Konfirmandenstunde! Mehr brauch' ick wohl nich zu sagen!
+Inspektors haben mir die Geschichte erzählt, die wissen alles von ihren
+Wilhelm!«
+
+Er stampfte weiter durch den Schnee.
+
+Jetzt blieb der Pastor stehen.
+
+»Und Sie glauben die Geschichte wirklich so, wie die dummen Jungens sie
+erzählen, Herr Schenker? Warum ist denn keiner zu mir gekommen und hat
+mich gefragt, wie die Sache sich verhält?«
+
+Schenker wandte erstaunt den Kopf. »Die Jungens lügen nich!«
+
+»So. Aber es sind Kinder.«
+
+»Mag sein. Wir Großen kennen Sie aber auch, Herr Pastor! Kurzum -- es
+wundert mich nich im geringsten, wenn Sie glauben, der Herr Christus
+habe sich geirrt, wenn er sich für Gottes Sohn gehalten hätte, -- so,
+wie Sie sind, können Sie es gar nich glauben, -- aber daß Sie so etwas
+unsere Kinder lehren, -- das is stark, das is unerhört! Wie Sie's vor
+Gott verantworten wollen, is Ihre Sache, aber das kann ick Ihnen sagen:
+Ihre Kirche is nächsten Sonntag leer!«
+
+Sie waren vor dem Gutshause angelangt.
+
+»Ich will Ihnen in Anbetracht der Erregung, in der Sie sich naturgemäß
+befinden, die Art und Weise, in der Sie zu mir gesprochen haben, nicht
+nachtragen,« sagte der Geistliche. »Später, wenn Sie ruhiger geworden
+sind, sprechen wir noch einmal darüber!«
+
+Er trat ein.
+
+»Ick wüßte nich, was Sie mir nachtragen sollten, Herr Pastor,« klang
+die alte Stimme neben ihm. »Ick hab' die Wahrheit gesagt! Wenn die hart
+war, is es nich meine Schuld!«
+
+Wendler zuckte die Achseln. Das Herz war ihm zum Zerspringen schwer. --
+-- --
+
+Oben in dem weiten, matt erhellten Raum lag Eberhard Kambach in hohem
+Fieber in den Kissen. Als Pastor Wendler eintrat, flog ein Lächeln über
+sein Gesicht, mühsam versuchte er sich aufzurichten.
+
+»Eberhard!« Der Geistliche hielt die heiße Hand in der seinen. Er
+wollte weitersprechen und konnte nicht.
+
+Da klang's mit matter Stimme zu ihm empor: »Herr Pastor, ich hätt'
+nicht so heftig werden dürfen neulich in der letzten Stunde! Das, was
+ich sagte, kann ich nicht zurücknehmen, denn, denn -- es ist doch wahr,
+daß der Herr Jesus Gottes Sohn ist!« Die großen Augen sahen flehend zu
+ihm auf. »Was sollt' ich jetzt wohl anfangen, wenn er's nicht wäre, er
+könnte ja nicht mein Erlöser sein.«
+
+Sein Atem ging schwer. Eine Pause entstand.
+
+»Aber mein Ton war ungehörig,« sagte er dann, »wollen Sie mir
+verzeihen?«
+
+Ermüdet lehnte er sich zurück.
+
+Tief erschüttert stand Wendler da.
+
+»Verzeihen Sie mir,« klang's ein zweites Mal aus den Kissen.
+
+Er wandte sich ab. -- »Eberhard -- ich -- ich hab' dir nichts zu
+verzeihen!«
+
+In die blauen Augen trat ein helles Leuchten. »Herr Pastor, wissen
+Sie's jetzt auch?« In atemloser Spannung hing der Blick des todkranken
+Knaben an dem geliebten Antlitz.
+
+»So wie du weiß ich's nicht, Eberhard!« Mühsam, als sei in der Seele
+etwas in Scherben gebrochen, kam's von den Lippen des Mannes.
+
+»Aber Sie müssen's wissen, Herr Pastor, so wie ich's weiß, daß der
+Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten brauche.«
+Die fieberheißen Hände umklammerten Wendlers Rechte. Die Stimme ward
+schwächer.
+
+Er kniete neben dem Kranken nieder.
+
+»Eberhard, vergib mir, daß ich jenes Wort sprach, ich hätt' es nicht
+sprechen dürfen -- ich wußte -- ich nahm dir etwas!«
+
+»Sie haben mir nichts genommen!«
+
+Wieder war's still.
+
+»Vergib mir,« bat der Pastor.
+
+Das Rot auf dem jungen Gesicht ward noch einen Schein dunkler. Leise
+drückte Eberhard Kambach die Hand seines Lehrers. Der verstand die
+zarte Art dieses Vergebens und dankte es schweigend dem sterbenden
+Kinde.
+
+»Ob die anderen Jungens wohl einmal für mich aufstehen würden?« klang
+es leise an sein Ohr. »Morgen früh ist's vielleicht zu spät! Ich möchte
+so gern noch ein Lied hören.«
+
+»Ich will's ihnen sagen!« Wendler erhob sich. »Was sollen sie denn
+singen, Eberhard?«
+
+»Das ew'ge Licht geht da herein ...«
+
+Wieder jenes wunderbare Aufleuchten der blauen Augen.
+
+Über die Züge des Mannes flog ein Staunen. War das der Tod? Woher kam
+dem Jungen in der schwersten Stunde der selige Glaube an das Licht
+der Weihnacht? Das Wort frommer Eltern allein konnte solchen Glaubens
+Grund nicht sein, und hätt' er fürs Leben gereicht -- im Tode? Nein.
+Autoritätsglaube war etwas Ehrfurchtgebietendes, -- Lebenskräfte barg
+er nicht. Er war kein Glaube im tiefsten wirklichsten Sinne. Und
+gewaltsam drängte es auf ihn ein: was hülf' dir dein Glaube, wenn du in
+diesem Augenblick sterben solltest? würdest du im Glanz deines Sterns
+still und unverzagt den letzten, dunklen Weg wandern?
+
+Eine große rücksichtslose Ehrlichkeit kam über ihn. »Nein, tausendmal
+nein,« rief er seiner Seele zu, seinen Sinnen, die sich selbst in
+dieser Stunde noch mit Fleisch und Blut besprechen wollten, mit
+Weltklugheit und Gelehrsamkeit, mit der Weisheit, die sich Theologia
+nannte.
+
+Kurt Wendler erklärte sich am Sterbelager eines Kindes bankrott. -- --
+
+Ein leises Geräusch an der Tür ließ ihn aufblicken. Auf der Schwelle
+stand eine hohe Gestalt im Pelz.
+
+»Vater!« rief Eberhard Kambach und richtete sich auf -- dann flog sein
+Blick von einem zum anderen, die blauen Augen baten für den Mann, den
+er vor wenig Tagen in heißem Schmerz bei dem Vater verklagt.
+
+Aber der Oberstallmeister trug den Kampf um sein Allerheiligstes nicht
+an das Sterbelager seines Kindes. Er hatte genug gesehen.
+
+Im Innersten erschüttert, aber äußerlich gefaßt, trat er an das Bett
+seines Lieblings und strich ihm in wortlosem Schmerz über den dunklen
+Kopf. Dann reichte er dem Geistlichen mit festem Druck die Hand. Eine
+Sekunde lang sahen sich die beiden Männer in die Augen. -- --
+
+ * * * * *
+
+Vom Kirchturm schlug es halb zwei, als Pastor Wendler von Haus zu Haus
+wanderte und den Knabenchor weckte. Dann ging er zum Kantor.
+
+Die hellen Tränen rannen dem treuen Manne über die Wangen, -- am
+heiligen Abend hatte der Sohn seines Gutsherrn das alte Weihnachtslied
+noch mitgesungen. Nun sollt's ihn auf der letzten Fahrt geleiten.
+
+Abschiednehmend reichte er dem Pfarrer die Hand und schritt seiner
+kleinen Sängerschar voran dem Schlosse zu.
+
+Eine Viertelstunde mochte vergangen sein. Da klangen die Knabenstimmen
+glockenhell zu den stillen Fenstern empor:
+
+ »Das ew'ge Licht geht da herein,
+ Gibt der Welt ein'n neuen Schein!
+ Es leucht't wohl mitten in der Nacht,
+ Und uns des Lichtes Kinder macht -- Kyrieleis!
+
+ Das hat er alles uns getan,
+ Sein groß' Lieb' zu zeigen an;
+ Dess' freu' sich alle Christenheit
+ Und dank' ihm das in Ewigkeit -- Kyrieleis!«
+
+Über die weiße Heide schwebten die letzten Akkorde, als wollten sie
+eines Kindes Seele, die in mondheller Nacht die Flügel gebreitet,
+hinübergeleiten ins ewige Licht. -- -- --
+
+Dann kein Laut mehr.
+
+Eine Sternschnuppe ging leuchtend nieder. Auf einem kurzen stillen
+Erdenwege blieb ihr heller Schein liegen.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Bankrott.
+
+ Gottesleugnung ist eine Entgleisung des Willens!
+ Wille, der weiß, was er will, sucht und erkennt seinen Gott.
+
+
+»So wie Sie sind, können Sie es nicht glauben!« Die stille verschneite
+Nacht hatte die Worte, die der Mann aus dem Volke mit schlichter
+Ehrlichkeit geredet, gehört und leise, leise nachgesprochen.
+
+Der Tauwind trug sie auf weichen Flügeln die Dorfstraße entlang und
+sang sie über einsamer Schwelle.
+
+Die Mauern des alten Hauses hatten sie vernommen und gaben sie weiter.
+
+Und eine unsichtbare heilige Hand schrieb sie im Sturmeswehen mit
+eisernem Griffel an die Wände eines engen Kämmerleins.
+
+Taghell ward's drinnen vom Schein der ewigen Lampe.
+
+›So wie du bist, kannst du es nicht glauben!‹
+
+Ein hartes unwiderrufliches Menetekel, eine Stimme, die kein Mensch zum
+Schweigen brachte!
+
+Männer und Frauen kamen vorüber und sahen die güldene Ampel, vom
+Nachtwind bewegt, und fragten, was sie bedeute.
+
+›Das ist das Gewissen!‹ erwiderte die Stimme. ›Auch in euren Seelen
+brennt die ewige Lampe -- seid ihr blind geworden?‹
+
+Aber sie zogen lachend weiter.
+
+Nur einer lachte nicht. Der Mann drinnen, den das Wort anging. Er
+trug es in die Stunden des Tages, in Leben und Arbeit. Auf seinen
+Krankenbesuchen begleitete es ihn, die Augen der Sterbenden riefen es
+ihm zu. Und tief im Grunde der Seele meißelten unsichtbare Hände, als
+wollten sie mit Gewalt die steinernen Wände sprengen: ›So -- wie -- du
+-- bist --, -- -- kannst du es nicht!‹
+
+Arbeiteten drinnen Berserkerfäuste? Spalteten Giganten hart und
+leidenschaftslos das Gestein? Er wußte es nicht. Aber das wußte er, daß
+ihn die Unrast der Seele zerrieb.
+
+Wieder war's Abend geworden. Er hatte gewartet, ob vom Herrenhause
+nach ihm geschickt werde, aber es kam niemand. Morgens früh war ihm
+der Todesfall gemeldet worden. Er war ins Schloß gegangen, hatte den
+Gutsherrn aber nicht getroffen. Dann hatte er zu Hause vergeblich
+gewartet. Ob man ihn nicht wollte? Vermutlich. Der Oberstallmeister
+zog die Folgerungen aus seinem Christentum. Hätte er -- Kurt Wendler
+-- in diesem Augenblick hungernd oder dürstend an seine Tür geklopft,
+er hätte ihn gespeist und getränkt, aber das Wort vom Auferstehen und
+Leben durfte der Irrlehrer nicht am Grabe seines Kindes sprechen.
+Auf dem Gebiet der Liebe würde Karl Heinrich von Kambach, ob's noch
+so schwer war, immer Zugeständnisse machen, auf dem Gebiet der
+Glaubenstreue und des Bekenntnisses nie. Darin lag aber auch seine
+Stärke. Und der Pfarrer nahm vor der rücksichtslosen und doch so
+vornehmen Gegnerschaft im stillen den Hut ab. Es lag etwas in dieser
+wurzelechten Treue, in dieser bodenständigen aufrechten wahrhaft
+innerlichen Kraft, das größer war, edler, als der Adel des Blutes.
+-- --
+
+Wenn Schenker doch wenigstens einmal käme! Der war an allem schuld.
+Der hatte ihn mit seinem übereilten Wort den Stock zwischen die Füße
+geworfen! Ja, er!
+
+Übereilt? Das war Schenker eigentlich nicht. Wenigstens vertrat er
+immer, was er sagte. Und lag nicht eine gewisse Wahrheit in seinem Wort?
+
+›So -- wie -- du -- bist -- kannst du es nicht glauben!‹
+
+Wieder das Feilen, das rastlose Hämmern. -- --
+
+Da -- was war das? Er schreckte auf.
+
+Eine Schneelast kam mit Donnergetöse das alte Giebeldach herunter. So
+weit war er schon, daß ihn so etwas zusammenfahren ließ. Nerven. -- --
+
+Unsinn! -- Er machte sich hart. Jetzt Schluß. So ging's nicht weiter.
+Mannesstolz und Manneskraft erwachten, die Sehnsucht, mit dem Feinde
+die Klingen zu kreuzen.
+
+›So, wie du bist!‹
+
+Herr Gott im Himmel, er wollt' es ja gar nicht glauben! Warum wurde
+ihm denn fortwährend vorgeworfen, er könne es nicht? Er konnte es
+wohl! Aber es wäre gegen seine Überzeugung gegangen. Nicht Eigensinn
+oder Mangel an Einsicht oder gar theologische Ungebildetheit --
+er wußte mehr wie mancher Positive -- hielten ihn zurück, sondern
+lediglich die Tatsache, daß er eine veraltete Form nicht anerkennen
+konnte und wollte. Denn wahres Christentum durfte nicht in dem Sinne
+christozentrisch aufgefaßt werden, wie der Supranaturalismus es tat.
+Entsprach das leuchtende, von oben verklärte, von Gott geweihte, von
+seinem Hauch erfüllte, den Menschen beseligende befreiende Jesusbild
+nicht tausendmal mehr der Wahrheit, als jene geheimnisvolle Vorstellung
+des Offenbarungsglaubens? Ganz gewiß! Hier herrschte Freiheit, dort
+Gebundenheit, hier Entwicklung, dort Formelwesen ohne Leben und Geist.
+Und eine Einseitigkeit, die sich jedem Fortschritt verschloß, sammelte
+sich zum Kreuzzug gegen die ›Irrlehre‹. Volk wider Volk! Darauf
+kam's hinaus! Das war das Traurige. Die starre ablehnende Haltung
+auf positiver Seite war daran schuld, die Weigerung, die angebotene
+Bruderhand zu ergreifen.
+
+Finster vor sich niederblickend, saß er da. Wenige Stunden noch und
+der Augenblick kehrte wieder, wo er sich vor vierundzwanzig Stunden
+am Sterbebett eines Kindes bankrott erklärt. Und heute? Das war eben
+Überreiztheit der Nerven gewesen! Kein Wunder! Was war gestern alles
+auf ihn eingestürmt! Jetzt, wo eine gewisse Entspannung eintrat, wo er
+Welt und Dinge mit anderen Augen zu betrachten anfing, konnte er diese
+Erklärung nicht aufrecht erhalten. Nein, nein, er war nicht bankrott,
+er dachte nicht daran. Die Glaubensgewißheit der Positiven war nicht
+größer, als die der Liberalen, -- zuletzt standen sie beide vor einer
+verschlossenen Tür.
+
+Oder nicht?
+
+›Aber Sie müssen es wissen, Herr Pastor, -- so wie ich es weiß, daß
+der Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten
+brauche!‹ So hatte ein fünfzehnjähriger Konfirmand angesichts des Todes
+gesprochen! -- --
+
+Pastor Wendler seufzte.
+
+›So -- wie -- du -- jetzt -- bist!‹? -- --
+
+Er sprang auf, griff zu Hut und Wettermantel und trat in die Dämmerung
+hinaus.
+
+Der Tauschnee spritzte. Aus den Dachrinnen kam das Wasser in Bächen
+herab. Es war ein Kunststück, aus dem Hause zu kommen.
+
+Ziellos wanderte er die Dorfstraße entlang, in der Richtung nach dem
+Gutshause zu. Er gestand sich's nicht ein, daß es ihn mit magnetischer
+Kraft in den stillen Raum zog, wo der kleine Junker den letzten Schlaf
+schlief. Und doch war's so.
+
+Als er sich dem Park näherte, sah er einen Wagen vorfahren. Im hellen
+Schein der Laterne erkannte er mehrere verschleierte Gestalten,
+darunter eine auffallend große, vom Alter gebeugte Frau, Exzellenz von
+Kambach. Ein Stich ging ihm durchs Herz, -- er kehrte um. -- --
+
+Mitten im Dorf blieb er stehen. Was hatte er dieser Frau eigentlich
+getan, daß er gewissermaßen die Flucht vor ihr ergriff?
+
+›So -- wie -- du -- bist -- --‹
+
+›Dann hat sich Jesus eben geirrt -- --‹
+
+Und drüben lag ein junges blühendes Menschenleben auf der Bahre --
+ihres Herzens Freude und Wonne.
+
+Das Hämmern und Feilen begann von neuem.
+
+›Das ist dein Werk -- --‹
+
+›Unsinn -- Lungenentzündung -- --‹
+
+›Und das andere -- das -- das!?‹
+
+›Mein eigener Enkel ist unter Ihren diesjährigen Konfirmanden, Herr
+Pastor, es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind
+nicht verführt werde!‹ Als sei es gestern gewesen, klang ihm die alte
+zitternde Stimme im Ohr.
+
+Und dann hörte er eine andere. Mühsam brachte sie die Worte heraus.
+Dem todkranken Kinde gehörte sie an, das sich still zum Sterben
+niedergelegt: ›Sie haben mir nichts genommen!‹ Ein sieghaftes
+königliches Wort, ein Bekenntnis heiliger Glaubensgewißheit, aber
+auch ein rückhaltloser Hinweis auf die Ohnmacht und Armseligkeit
+des Mannes, zu dessen Füßen dies Kind gesessen. Es war der Ertrag
+seiner Konfirmandenstunde: die Zurechtweisung aus dem Munde eines
+Fünfzehnjährigen: ›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ -- Die stolze
+Erklärung angesichts des Todes: ›Sie haben mir nichts genommen!‹ --
+Nichts gegeben -- nichts genommen! Wahrhaftig, eine reiche Ernte!
+Trotz der christlichen Weihe des jesuzentrischen Liberalismus, trotz
+seines reformatorischen Unterbaus, trotz des Hinweises auf den Vater im
+Himmel, auf die ewige Heimat und des Zeugnisses von Jesu von Nazareth!
+Trotz alledem! Er konnte diesen Mangel nicht leugnen.
+
+Den Kopf gesenkt, wanderte er raschen Schrittes die Dorfstraße entlang.
+Mancher der Vorübergehenden, der ihn trotz der Dunkelheit erkannte,
+blieb stehen und schaute seinem Pfarrer verwundert nach. -- --
+
+ * * * * *
+
+»Ja, sehen Sie, lieber Schenker, das ist eben die Gefahr an diesem
+jesuzentrischen Liberalismus! Den Kern des Christentums, den Glauben
+an Christi Kreuzestod und Auferstehen, den Frieden der Sündenvergebung
+durch sein Blut löst er heraus und reicht uns die leere Schale!«
+
+Schwer und wuchtig klangen die Worte durch die Nachtstille.
+
+Wie angewurzelt stand der Pfarrer. Hatte sich alles gegen ihn
+verschworen, waren die Geister der Mitternacht erwacht, ihn zu narren?
+-- Spuk? -- Unsinn! -- Und doch! Was war das? Was bedeutete das? Mitten
+in seine Grübeleien klang eine Antwort, die -- die --
+
+Dicht vor ihm wanderten zwei Männer durch den Schnee. Daß er sie nicht
+früher bemerkt hatte -- --
+
+Der alte Schenker war's und ein Geistlicher aus Drachenburg, der im
+Schloß verkehrte und mit dem Inspektor befreundet war. Wendler kannte
+ihn wenig. Pastor Krug gehörte dem äußersten Flügel der positiven
+Rechten an.
+
+»Herr Pastor, was heißt das eigentlich: Jesuzentrischer Liberalismus?«
+hörte Wendler jetzt Schenkersch Vadder fragen.
+
+»Dem bibelgläubigen Christentum ist Christus der ewige Sohn des
+lebendigen Gottes, der um unserer Sünde willen Gekreuzigte, und
+um unserer Gerechtigkeit willen Auferweckte, der Wesensinhalt und
+Mittelpunkt des Glaubens,« antwortete Pastor Krug. »Diese auf Tatsachen
+der Schrift gegründete Glaubensstellung ist ~christozentrisch~.
+Denn unser Heil steht und fällt mit Christo dem Gekreuzigten und
+Auferstandenen, dem ewigen und lebendigen Sohne Gottes. -- Im Gegensatz
+hierzu steht der jesuzentrische Liberalismus, der den Heiland wohl als
+höchstbegnadeten Gottmenschen ansieht, aber immer doch nur als den
+Gottmenschen, auf den jeder Mensch angelegt ist. In der Person Jesu,
+sagen die Liberalen, sei der Gottmensch am schärfsten herausgearbeitet,
+in ihm spiegele sich die Gottheit am klarsten wieder. Darum nennen sie
+ihn auch Gottes eingeborenen Sohn, d. h. den Träger göttlichen Lebens,
+weil sein menschliches Leben allein auf Gott gerichtet gewesen sei. Und
+doch kommt das alles auf Gottesleugnung heraus, auf die Leugnung der
+Gottheit Christi. Wer aber den Sohn nicht hat, der hat auch den Vater
+nicht! Das wird auf jener Seite so oft vergessen. Ich kann mir nicht
+helfen, es kommt mir immer vor, als fehle der Wille oder als sei ihm
+eine falsche Richtung gegeben worden!«
+
+»Ja, in Unordnung is da was, Herr Pastor! Ick versteh's auch nicht! Ick
+weiß doch, daß ick einen Heiland brauch', wie werd' ick denn so dumm
+sein und ihn nicht haben wollen!«
+
+»Oder ihn mir nach meinem eigenen kleinen Verstande zurechtmachen,«
+ergänzte Pastor Krug. »Als ob wir den Heiland der Liberalen gebrauchen
+könnten! Gott versöhnen kann er uns nicht, weil er ein Mensch ist und
+bleibt, und seine ganze Persönlichkeit der Vergangenheit angehört
+und darum nicht ewig ist. Wenn Jesus auch auf liberaler Seite als
+Helfer, Erretter und Heiland verehrt wird, so wissen wir darum doch
+ganz genau, was wir von dieser Jesusverehrung zu halten haben. Zu der
+Versöhnung durch sein Blut, zur Vergebung der Sünden bekennt sie sich
+nicht, von Leben und Seligkeit kann sie im ewigen Sinne nichts wissen.
+Diese Auffassung nennt man ~jesuzentrisch~. -- Habe ich mich klar
+ausgedrückt, Herr Schenker?«
+
+»Gewiß, Herr Pastor, ick danke Ihnen vielmals. Die Sache selbst
+wußt' ick natürlich. Nur den Unterschied zwischen jesuzentrisch und
+christozentrisch kannt' ick nich. Wo soll unsereins das auch her
+wissen!«
+
+»Sie sehen, warum die liberale Theologie keinen Boden unter den
+Füßen hat,« fuhr der Geistliche fort. »Sie wurzelt letzten Endes,
+wenn sie es auch nie zugeben wird, in dieser Erde. Daher ist sie
+auch zum Teil an der Entsittlichung unseres Volkes schuld. Denn wo
+keine Ewigkeitshoffnung ist, da ist auch keine Sittlichkeit. Das
+ist die natürliche Folge. Man kann sich daher gar nicht über die
+kirchlich-liberale Freundschaft mit den Monisten wundern!«
+
+»Monisten?« Schenkers Weisheit war am Ende. »Die glauben gar nichts!?«
+
+Pastor Krug lachte. »Sie behaupten, sehr viel zu glauben, aber wenn
+man's bei Lichte besieht, kommt allerdings wenig dabei heraus. Sie
+glauben jedenfalls an keinen persönlichen Gott.«
+
+»Det sei ick doch!« platzte Schenker heraus. »Verzeihen Sie, Herr
+Pastor, aber meine Frau und ick sprechen immer Platt, da geht's mich
+dann wie eben!«
+
+Der Geistliche nickte.
+
+»Und dann wundert man sich noch, wenn solche Sachen vorkommen, wie
+mit der armen jungen Lehrersfrau in Dambeck! Ick kann nur sagen, ick
+würd' mir bei der ersten besten Gelegenheit, ja, sobald mir das Leben
+irgendwie unbequem würde, eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn ick
+keine Ewigkeitshoffnung hätte, wenn ick nich wüßte: du bist um Christi
+willen bei Gott in Gnaden!«
+
+»Wann ist es denn geschehen?«
+
+»Heute nachmittag hat sie sich erschossen. Kein Mensch weiß, wo sie die
+Pistole herbekommen hat! Graf Brelow war vorhin im Schloß. Der Kutscher
+hat mir die Geschichte erzählt. Gewundert hab' ick mir ja weiter nich.
+Was die Frau für Zeug las, -- ach, du meine Güte! Warum unser Herr
+Pastor ihr auch solche Bücher gegeben hat?«
+
+»Wendler?«
+
+Der Alte nickte.
+
+»Was hat er ihr denn gegeben?« fragte der Geistliche. »Können Sie mir
+nicht die Titel nennen?«
+
+»Die hab' ick vergessen, Herr Pastor. In den Brief, den sie geschrieben
+hat, stand das ja alles drin, aber ick hab's wahrhaftig wieder
+vergessen. Da fällt mir ein, Herr Petzold soll von Volksbüchern
+gesprochen haben. Es müssen aber doch wohl Bücher gewesen sein, die
+unsereins, der die liberalen Schliche nich kennt, irreführen. Und dann
+hat er auch noch zu Mirow gesagt, wenn er 'ne blasse Ahnung gehabt
+hätte, daß seine Frau so was läse, so wäre er ganz gehörig dagegen
+eingeschritten. Er hätte wohl gewußt, daß sie viel und gern gelesen
+hätte, aber gegen die Bücher, die er bei ihr gesehen, hätte er nichts
+einwenden können. Det hätte sie ihm verheimlicht, daß sie solche Sachen
+im Hause gehabt hat. Es sei gar kein Wunder, daß es so gekommen sei.
+Eine Frau wie seine Louise, die schon von Haus aus nich gerade fromm
+gewesen sei, könne unmöglich, noch dazu in schwerer Zeit, durch solche
+Bücher zum Glauben kommen. Sie erregten nur Zweifel. Ja, Herr Pastor,
+wenn's so steht, hat er ja ganz recht! Is wahrhaftig kein Wunder, daß
+die arme Seele sich schließlich ein Leid angetan hat!« Und der Alte
+stampfte ingrimmig durch den Schnee. »Der hat schon mancherlei auf'n
+Gewissen. Bei unsern jungen Herrn is doch auch die Aufregung von wegen
+die Konfirmandenstunde mit schuld. Nee, Herr Pastor, allens was recht
+is, -- aber, wat to dull is, dat is to dull!«
+
+Einen Augenblick war's still, dann begann der Alte von neuem: »Was
+der Dambecker Kutscher is, der hat mir vorhin, wie Herr Pastor mit
+Herrn Grafen oben waren, die Petzoldsche Geschichte haarklein erzählt.
+Sein Großvater hat schon in Brelowschen Diensten gestanden, er kennt
+das ganze Dorf. Seine Enkel gehen bei Herrn Petzold in die Schule.
+So is es gekommen, daß er öfter mit ihm gesprochen hat, und daß Herr
+Petzold dem alten Mirow sein Herz ausschüttete. Der Frau war nichts
+gut genug. In mein' ganzen langen Leben hab' ich noch keine so feine
+Dorfschullehrerwohnung gesehen. Und dann die Kleider! Die Dambecker
+Frau Gräfin ging nich so fein angezogen wie Frau Petzold! -- Und
+die Leserei! Natürlich litt der Haushalt darunter; die Frau soll ja
+nich von die Bücher wegzubringen gewesen sein. So is das Unglück
+geschehen! -- -- Herr Pastor, wir Kambacher haben ja die Händler mit
+ihren schmutzigen Mitteln immer wieder an die frische Luft gesetzt
+und feste verhauen, -- ick hab' selbst dabei geholfen, und solange
+meine alten Knochen ihre Schuldigkeit tun, soll der olle Schenker
+nich dabei fehlen! In Dambeck scheinen sie nich so scharf vorgegangen
+zu sein. Daher is die Geschichte da wohl so eingerissen. Im Falle
+Petzold scheint die Sache so zu liegen. Er ist 'n fleißiger arbeitsamer
+Mann, der seine Freude an seinen beiden Kindern hat und so was nie
+mitmachen würde. Aber sie hat alles in Staat angelegt und sich nich
+um Gottes Ordnung gekümmert. Kurz und gut, Herr Pastor, Frau Petzold
+hat an ihren zwei Kindern genug gehabt. Und wie die Versuchung an sie
+herangetreten is, da hat sie nicht widerstehen können. Der Mann hat
+auch hiervon keine Ahnung gehabt. Wie die Frau dann kränker und kränker
+geworden is, hat er Verdacht geschöpft. Aber sie hat nich mit der
+Sprache herausgewollt. Erst in dem Brief, den sie vor ihrem Tode an ihn
+geschrieben hat, is alles gesagt -- -- das Schreiben soll eine schwere
+Selbstanklage enthalten, -- Herr Petzold hat es dem alten Mirow gezeigt
+-- ihres Gottes habe sie vergessen, schreibt die Frau, ihre heiligsten
+Pflichten habe sie versäumt. Schon als Mädchen habe sie allerlei
+zusammengelesen, besonders eine Menge Bücher von einen sehr berühmten
+Irrlehrer, -- ick hab' den Namen vergessen, mit 'n N fing er an ...«
+
+»Nietzsche?« fragte der Geistliche.
+
+»Is gerne möglich, Herr Pastor! Der alte Mirow wußte es selbst nich
+mehr genau! -- Na, das is jedenfalls ganz was Schlimmes gewesen,
+und Herr Pastor Wendler hat sie durch die Volksbücher davon heilen
+wollen. Was dabei herausgekommen is, sehen wir ja! Er hat es gewiß
+treu gemeint, aber was die liberale Lehre is, die hat nu mal keine
+Kraft. Traurig! Die Frau hat geschrieben, ihr Unglaube habe sie arm
+gemacht, so arm, daß sie nun, wo sie krank und siech sei, nich mehr
+leben könne. Das Leben habe ja auch keinen Zweck; denn nach dem, was
+Herr Pastor Wendler ihr gesagt, und was in den Büchern stehe, die er
+ihr geliehen, könne es, wenn man's recht bedenke, keine Ewigkeit geben.
+Es sei sonst ja alles recht schön und gut, was darin stehe, aber Trost
+biete es nich, wenigstens nich, wenn man so schwer gefehlt habe, und
+Ewigkeitshoffnung könne man erst recht nich daraus schöpfen! -- Dann
+hat sie noch einen Brief an Pastor Wendler geschrieben ...«
+
+Sie waren vor Schenkers Häuschen angelangt. Hinter blühenden
+Geranienstöcken saß eine weißhaarige Frau bei der Lampe am Spinnrad.
+Sie sah traurig aus. Das Leid drüben im Gutshause lastete auf der
+treuen Seele.
+
+Pastor Krug reichte dem alten Kammerdiener die Hand.
+
+»Gott befohlen, Herr Schenker! Ein trauriges Wiedersehen heute!« Er
+wandte sich um. »Was war das?«
+
+Schenker drehte den Kopf.
+
+Eine hohe Gestalt im Wettermantel enteilte im Nebel.
+
+»Um Gotteswillen, das is ja unser Herr Pastor!«
+
+»Der ist uns doch nicht begegnet,« meinte der Geistliche.
+
+»Nein, nein, er is uns nich begegnet,« rief der Alte erregt. »Er muß
+hinter uns hergegangen sein -- er hat alles gehört!«
+
+»Vielleicht sollte er's hören,« sagte Pastor Krug und ging den Weg, den
+er gekommen, dem Inspektorhause zu, wo sein Wagen wartete.
+
+Eine halbe Stunde später war er auf dem Heimwege.
+
+In den Tagelöhnerwohnungen war noch Licht. Heimlich glühte es hinter
+den kleinen Scheiben, hinter dem Grün der Myrten und den roten Stauden
+des ›fleißigen Lieschen‹. Nur die Pfarre lag dunkel und still unter der
+schirmenden Krone der Sommerlinde.
+
+Einen Augenblick war's ihm, als müsse er an die Tür des Mannes klopfen,
+der da drinnen den schwersten Kampf seines Lebens kämpfte, aber dann
+sagte er sich: ›Nein. In der Stunde, da Gott uns zerbricht, scheidet
+das Menschliche aus. Auch menschliche Treue. Es gibt Kämpfe, die der
+Mensch allein kämpft.‹ Und im Herzen das Gebet, daß der Wille eines
+Starken sich dem Stärksten beuge, fuhr er durch die feiernde Heide
+seiner abgeschiedenen Pfarre zu.
+
+Sein Entschluß reute ihn nicht. Er wußte es aus eigener, tief
+innerlicher Erfahrung: jenes heilige ›Ich will!‹ war das Größte,
+Ureigenste, Persönlichste im Menschen! Es war der höchste Freiheitsakt,
+den eine Seele vollzog, wenn sie erklärte: ›Ich will aus dem Staube,
+will ans Licht, will zu dir, näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!‹
+Eine Umwertung aller Werte barg diese Tat, und der oft mißdeutete
+alte Spruch ward Ewigkeitswahrheit: ›Des Menschen Wille ist sein
+Himmelreich!‹
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+Ein Ton.
+
+ Ich hab' eine Mutter und hab' sie nicht! --
+ An ihr Festgewand, an ihr schimmernd' Geschmeid
+ Denkt sie zu aller Stunde und Zeit;
+ An ihres Haares seidene Pracht,
+ An ihrer Augen leuchtende Nacht,
+ An die roten Rosen an ihrer Brust,
+ An Erdenliebe und Erdenlust,
+ An Glück und Liebe und Sonnenschein,
+ An tausend lachende Melodei'n,
+ An alles, was einst in Scherben bricht! --
+ Ob ihres Kindes verlassene Seele
+ Den Durst gestillt an lebendiger Quelle,
+ Danach fragt sie nicht!
+
+
+Ein weicher linder Tag war's, einer von jenen neuen Frühlingsboten, die
+alles versprechen und nichts halten. Um die Dächer flog der Tauwind,
+sein Lenzlied singend, und der Tropfenfall unten auf den Steinen schlug
+den Takt dazu. Aber in der südlich milden Luft lag's wie ein Traum von
+Veilchenduft und Zentifolienblüte, wie eine große Sehnsucht nach der
+bräutlichen Pracht weißer Narzissen. In den Blumenhallen standen sie in
+dichten Sträußen, auf dem Potsdamer Platz, an den Straßenecken lockten
+sie die Vorübergehenden. Schon küßte die Sonne drüben im Tiergarten
+ihre Schwestern wach. Von jeher hatte sich der Frühling beeilt, nach
+Berlin zu kommen. -- --
+
+Aus den offenen Fenstern eines hellen Gartenzimmers in der
+Dorotheenstraße klang eine Frauenstimme. Wie ein Trauerschleier lag's
+über dem Liede, über dem weichen vollen Alt. Ein seltsames Lied
+war's, auf einen einzigen Ton gestimmt. Aber die Klänge eines edlen
+Instruments gaben dem wunderbaren Sang ihr vielstimmiges Geleit, wie
+ein Kirchenchor der Stimme eines Engels. Es war das Lied des Meisters
+Peter Cornelius aus seinem ergreifenden Werk ›Trauer und Trost‹: ein
+Ton.
+
+Zart wie ein Hauch schwebte es durch den stillen Raum in den lachenden
+Vorfrühling hinaus, ein Allerseelenlied, von Tränen betaut, von
+Ewigkeitshoffnung getragen:
+
+ ›Mir klingt ein Ton so wunderbar,
+ In Herz und Sinnen immerdar.
+
+ Ist es der Hauch, der dir entschwebt,
+ Als einmal noch dein Mund gebebt?
+
+ Ist es des Glöckleins trüber Klang,
+ Der dir gefolgt den Weg entlang?
+
+ Mir klingt der Ton so voll und rein,
+ Als schlöß er deine Seele ein. --
+
+ Als stiegest liebend nieder du
+ Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹
+
+Der letzte Ton war verklungen. Sinnend blickte ein dunkeläugiges
+Mädchen auf die Noten. Die schlanken schmalen Hände ruhten auf den
+Tasten.
+
+ ›Als stiegest liebend nieder du
+ Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹[2]
+
+flüsterte sie und ihre Augen schimmerten in Tränen.
+
+Vor ihrer Seele stieg ein Bild auf: eine schlanke Knabengestalt mit
+blauen Augen und blondem Haar, mit hellem Sinn und klarem Blick
+-- der junge Adel, wie er leibte und lebte. Nun lag das blühende
+hoffnungsvolle Menschenleben im Grabe. Wie ein Held war dies Kind den
+letzten dunklen Weg gegangen, den Jubelpsalter der Weihnacht auf den
+Lippen.
+
+Wieder wurden die Töne unter dem Druck der Mädchenhände lebendig,
+wieder klang die helle Stimme. Aber über diesem Liede lag kein
+Schleier. Leise zwar, unter den Tränen frischen Schmerzes, aber dennoch
+froh wie ein Kind im Schein der Christnacht sang Sibylle Bühler, alles
+um sich her vergessend, das holde weihnachtliche Lied:
+
+ ›Das ew'ge Licht geht da herein,
+ Gibt der Welt ein'n neuen Schein!
+ Es leucht't wohl mitten in der Nacht
+ Und uns des Lichtes Kinder macht, -- Kyrieleis!‹
+
+Das Lieblingslied ihres kleinen frohen Kameraden war ja auch das ihre.
+Wie oft hatten sie es zusammen gesungen!
+
+ ›Und uns des Lichtes Kinder macht‹ --
+
+zog es in den goldenen Mittag hinaus. Dann war es still in der hellen
+Gartenstube der Dorotheenstraße.
+
+Träumend saß Sibylle Bühler im Schein der Märzsonne. Sie hatte es
+nicht bemerkt, daß sich leise die Tür öffnete, daß eine Frauengestalt
+in Trauerkleidern, auf den Krückstock gestützt, von der Schwelle
+herüberlauschte. Frau von Kambach war älter geworden in den letzten
+Wochen. Der Tod des jungen hoffnungsvollen Enkels hatte sie schwer
+getroffen. Die ersten Tage nach dem Begräbnis hatten Sibylle und
+Fräulein Eichel sogar einen körperlichen Zusammenbruch befürchtet.
+Aber der glaubensstarke Geist siegte über die Schwäche des Leibes.
+Nur die körperliche Widerstandskraft ging der Greisin in jenen
+Tagen verloren. Die Spannkraft des Geistes, die ihrem Wesen seine
+wunderbare Frische gab, kehrte mit der Teilnahme am Leben und an
+den Fragen des Tages zurück. Aber die geplante Bundessitzung hatte
+doch hinausgeschoben werden müssen, auch aus Rücksicht auf Herrn von
+Kambach, der an dem festgesetzten Tage nicht hatte kommen können.
+
+Die Rechte fest auf den Krückstock gestützt, stand Frau Sabine da. Über
+das welke Gesicht liefen die hellen Tränen. Leise schluchzte sie auf.
+
+Sibylle wandte den Kopf. Ein heißes Erschrecken flog über ihre Züge.
+
+»Exzellenz!«
+
+Sie sprang auf und eilte auf die alte Dame zu.
+
+»Verzeihung, Exzellenz!«
+
+Sie neigte sich über die zitternde Hand und küßte sie. »Was hab' ich
+getan, -- ich -- hatte ja keine Ahnung!«
+
+Frau von Kambach sah das junge Mädchen groß an.
+
+»Aber liebes Kind, was sollten Sie mir getan haben, ich wüßte es
+wirklich nicht!«
+
+Sibylle kämpfte mit den Tränen. »Ich hätte diese beiden Lieder nicht
+singen sollen, Exzellenz!«
+
+Die alte Dame schüttelte den Kopf.
+
+»Das versteh' ich nicht, liebe Sibylle! Kommen Sie, wir wollen uns ans
+Fenster setzen, die Sonne scheint so schön herein! Das Stehen wird mir
+noch schwer!«
+
+Sie legte den Arm in den ihres Gastes und ließ sich zu dem behaglichen
+weißen Peddigrohrsessel am Fenster führen. Dort nahm sie Platz, Sibylle
+aber setzte sich, wie sie es liebte, auf eine Fußbank und lehnte den
+dunklen Kopf an die Knie der alten Frau.
+
+Der Himmel blaute und der Goldlack duftete, die Sonne umspielte das
+feine stimmungsvolle Bild mit ihren Lichtern.
+
+»Ich hätt's nicht tun sollen,« sagte das Mädchen noch einmal und
+schmiegte die rosige Wange an die alten Hände, -- »es war zu früh --
+besonders das Lied vom ew'gen Licht,« sie stockte -- »Verzeihung,
+Exzellenz!« Und sie hob das schöne erregte Gesicht zu der Greisin empor.
+
+Freundlich strich Frau von Kambach über das duftige Haar. »Aber Billy,
+glauben Sie wirklich, daß es mich traurig macht, dies Lied zu hören?
+Die schönste Erinnerung an meinen lieben Jungen ist damit verknüpft.
+Ich hatte Sie schon bitten wollen, es einmal zu singen, Sie haben mir
+also einen Wunsch erfüllt!«
+
+»Ich dachte, Exzellenz ...« sie zauderte.
+
+»Was dachten Sie, Kind?«
+
+Sibylle errötete.
+
+»Ach -- ich mußte an Mama denken! Da hätt' ich's nicht gedurft! Als
+Papa damals in Bühl starb, ließ er sich vom Kirchenchor ›Wenn ich
+einmal soll scheiden‹ vorsingen. Ich fühlte es Mama an, daß es ihr
+schrecklich war. Hinterher haben wir es nie mehr singen dürfen, und
+es war doch Papas Lieblingslied. Ich glaube,« wieder stockte sie,
+»Mama will nicht an den Tod erinnert sein. Aber das sag' ich nur Eurer
+Exzellenz!«
+
+Über ihre Züge huschte ein schmerzliches Lächeln, als wollte sie das
+tiefste Vermissen verbergen, die große unerfüllte Sehnsucht: ›Ich hab'
+eine Mutter -- und hab' sie nicht!‹
+
+Und dann legte sie plötzlich den Kopf in den Schoß der alten Frau und
+weinte bitterlich.
+
+Die Greisin verstand dies Weinen. Wie ein lang zurückgehaltener Quell
+durchbrach es alle Dämme und überflutete alle Hindernisse. Unaufhaltsam
+trieb und drängte es empor aus der Enge innerer Gebundenheit zur
+Freiheit, aus der Heimatlosigkeit in den Hafen.
+
+Sibylle war ein Charakter, war trotz ihrer Jugend eine Persönlichkeit.
+Denn sie besaß wahres Christentum. Am Sterbebette des Vaters hatte
+sie zuerst seine Kraft erfahren und später, je länger je mehr erlebt,
+daß das alte heilige Erbteil der Bühlers Leben und Seligkeit barg.
+Unbewußt begann sie sich innerlich von der Mutter zu lösen. Schon das
+tief angelegte gemütvolle Kind hatte, ohne sich darüber klar zu werden,
+unter dieser Frau gelitten. Seine kleine Seele hatte gedarbt. Seinem
+Leben hatte nicht nur wahre Mutterliebe gefehlt, sondern das Heiligste,
+was Mutterliebe einem Kinde bringen kann: Religion. So kam es, daß
+sich das heranwachsende Mädchen, ohne sich dessen bewußt zu werden,
+immer mehr von der Frau entfernte, die von Weltlust und Vergnügen
+lebte. Aber das Weib, zumal das junge werdende, bedarf in Lust und
+Last des Lebens des Weibes. Die Liebe ihres Großvaters, dessen edle,
+wahrhaft christliche Persönlichkeit von jeher einen starken Einfluß
+auf sie ausgeübt, ersetzte Sibylle Bühler die Mutter nicht. Ganz davon
+abgesehen, daß ihr stark ausgeprägtes Pflichtgefühl sie immer wieder zu
+der oberflächlichen Frau zurücktrieb, sie immer aufs neue mahnte, ihr
+die Seele zu erschließen und bei ihr zu suchen, was sie brauchte. Sie
+mühte sich vergeblich. Gräfin Bühler hatte nichts zu vergeben. Aber die
+Bande des Blutes waren zu stark. Ganz kam Sibylle innerlich von ihrer
+Mutter nicht los. Immer wieder suchte sie die Ursache der Entfremdung
+bei sich, immer wieder glaubte sie, sie bei sich zu finden. Das brachte
+Zwiespalt und Unruhe in ihre Seele, das nahm ihr in vielen Fällen die
+Klarheit des Urteils und verschob die feinen Grenzlinien von Pflicht
+und Recht. Das brachte ihr die Gefahr sittlicher Begriffsverwirrung
+im zartesten innerlichsten Sinne. Sie gab und gab, aber ihre Schätze
+wurden nicht genommen. Das ließ sie irrewerden an weiblicher Eigenart,
+an dem wahren Wesen der Frau. Und es erstarrte etwas in ihr, als
+sie das, was jedem echten Weibe eigen, bei der Frau, die ihr das
+Leben gegeben, nicht fand, als sie erkannte, daß ihrer Mutter die
+Mütterlichkeit fehlte. Exzellenz von Kambach wußte dies alles, ohne daß
+man es ihr gesagt. Sie fühlte, daß die Kluft zwischen den beiden Frauen
+unüberbrückbar sei. Und ihre Liebe zu dem holden Geschöpf, das in den
+letzten Wochen ihr stilles Leben mit seinem Frohsinn verschönt, wuchs.
+
+»Es ist hier alles so anders als zu Hause,« klang es stockend zu ihr
+empor, »so wie ich's lieb', Exzellenz, und wie ich's mir im stillen so
+oft wünsche. Aber zu Hause wird es nie so sein. Mama ist ganz anders
+erzogen. Sie ist eben eine Firlemont, das entschuldigt ja alles.
+Wenn das ganze Leben bei uns nur einen Schmerz für mich bedeutete,
+ein Entbehren, so wär's ja ganz selbstverständlich, daß ich es, ohne
+ein Wort darüber zu verlieren, ertrüge; denn ich gehöre zu meiner
+Mutter, aber -- aber,« und Sibylle Bühler quälte sich um den Ausdruck,
+»es wirkt verflachend auf mich! -- Wenn ich in Bühl oder hier etwas
+innerlich empfangen habe, das wertvoller ist, als all der Tand und
+Schein, der uns umgibt, wenn ich reicher heimgekommen bin, als ich
+fortging, -- ein paar Wochen, Exzellenz, und ich hab's verloren! Es
+ist, als färbte die Umgebung auf mich ab!« Ein Beben ging durch den
+schlanken Körper. »Alles leidet darunter,« fügte sie leise hinzu, »mein
+ganzes Sein, mein Innenleben, mein Gebet ...«
+
+Sie schwieg. Den Kopf an die Knie der Greisin gelehnt, weinte sie leise
+vor sich hin.
+
+Frau von Kambach wußte, das war noch nicht alles. Aber sie konnte
+warten.
+
+»Wegen der beiden Lieder,« sagte sie freundlich, »dürfen Sie sich
+nicht grämen! Im Gegenteil, die möchte ich noch oft hören. Sehen Sie,
+Kind, Ihre Mutter tut mir leid. Rasse, Erziehung, Veranlagung haben sie
+zu dem gemacht, was sie ist. All der äußere Schimmer, der sie umgibt,
+all die Unrast, die sie hierhin und dorthin treibt, ihr ganzes Wesen
+ist für mich der Beweis dafür, daß sie mit heißer Sehnsucht etwas
+sucht, aber -- auf falsche Art, an verkehrten Stellen. Sie ersehnt,
+ohne es zu wissen, dasselbe wie wir, begnügt sich aber mit kümmerlichen
+Ersatzmitteln, weil der Weg zu der einen köstlichen Perle ihr zu steil
+ist.«
+
+»Wenn Mama nicht fortwährend Unterhaltung hat, ist sie todunglücklich,«
+sagte das junge Mädchen.
+
+»Sehen Sie! Das ist es. Irgendwo muß der Mensch seinen Durst stillen.
+Da sie aber die lebendige Quelle nicht kennt, läßt sie sich von tausend
+Stimmen locken. Unser Leben muß aber auf ~einen~ Ton gestimmt
+sein, gerad' wie das schöne Lied von Peter Cornelius, das Sie vorhin
+sangen. Wenn dieser eine Ton hindurchgeht, dann gibt's keinen Mißklang
+mehr, dann hat unser Leid seinen Stachel verloren und unsere Freude
+ist verklärt. Nicht wahr, jetzt verstehen Sie auch, warum ich das Lied
+vom ewigen Licht so liebe! Nicht nur, weil es Eberhards Lieblingslied
+war und ihn in der Sterbestunde erquickt hat, sondern weil seine
+Ewigkeitswahrheit auch mein Sterben erhellen wird!«
+
+Sie schwieg.
+
+Kein Laut ging durch den stillen Raum. Nur ein verirrtes Bienchen, von
+der Frühlingssonne wachgeküßt, summte über den Blumen. --
+
+Die Greisin wartete noch immer. Sie wußte, auf der jungen Seele lastete
+etwas, das sie nicht länger allein tragen konnte.
+
+Harro Kambach war zum Luftschifferbataillon abkommandiert und kam,
+seit er in Berlin war, fast jeden Tag in das Haus seiner Großmutter.
+Die alte Dame wußte, wem diese Besuche galten. Sie zu hindern, lag
+kein Anlaß vor. Aber manche Nacht lag sie wach und sann und sann, ob's
+ein Glück sei, wenn die Wege der beiden Menschen sich einen würden.
+Ihre Gedanken kamen nicht zum Abschluß. Was sie schon im Herbst
+gefürchtet, als der Enkel sie gebeten, die Hände über seine Liebe zu
+breiten, bestand noch heute. Dem Manne konnte diese Verbindung zum
+Segen gereichen, kam's anders, so war nicht nur ein Frauenherz seines
+Glückes beraubt, sondern auch das Allerheiligste der Ehe, die innerste
+seelische Gemeinschaft zerstört. Und was dann? -- --
+
+Noch eines kam hinzu. Sibylle war ihr nicht ganz klar. Sie hatte das
+Gefühl, hier ringt eine Seele um die Antwort auf eine große heilige
+Frage. Und diese Antwort blieb aus. Der greisen Frau ward's zur immer
+stärkeren Gewißheit: entweder treibt die Glaubensfrage hier Mann und
+Weib auseinander oder der Mann wird geheiligt durch das Weib. Aber
+einer Sibylle Bühler gegenüber durfte der Einfluß der Frau nicht zu
+stark betont werden und noch weniger die Möglichkeit seines Erfolges.
+Ihr starker zielbewußter Geist würde Gefahr laufen, eigene Kraft und
+eigenen Wert zu überschätzen. In dem Bewußtsein der Überlegenheit
+würde ihr verloren gehen, was dem Weibe gehörte. Und das durfte nicht
+sein! Der stille Wandel der Frau, der ungesucht und ungewollt einem
+schwankenden Manne Führerdienste leistet, durfte nichts von seiner
+Eigenart einbüßen. Damit wäre dem Manne nicht geholfen worden, die
+Frau aber hätte sich selbst und ihre heiligste Mitgift verloren.
+Und je länger die Lebenserfahrene die beiden Menschen beieinander
+sah, um so mehr ward ihr Sibyllens Zurückhaltung erklärlich -- ein
+unausgesprochenes Etwas im Wesen des Mannes ließ sie zaudern. Das
+machte sie unsicher. Das legte ihr einen Bann aufs Herz. Darum saß sie
+noch immer schweigend zu ihren Füßen, darum sprach sie nicht weiter.
+Nur ihre Zurückhaltung verhinderte Harros Werbung, das wußte Sibylle so
+gut wie Exzellenz von Kambach. Und eine las nach Frauenart in der Seele
+der anderen -- -- --
+
+Aber der Greisin ward das Schweigen schwer. In ihrem langen Leben war
+ihr viel Vertrauen geschenkt, die schwersten Lasten waren ihr auf Herz
+und Gewissen gelegt worden, nicht nur von Kindern und Enkeln. Und dies
+junge schöne Geschöpf, das sonst mit allem zu ihr kam, schwieg. Doch
+sie hatte ein feines Verständnis für dies Schweigen. Sie besaß nicht
+nur Lebensklugheit und Menschenkenntnis, sondern Herzenstakt.
+
+Geduldig wartete sie.
+
+Doch Sibylle Bühler brachte das Bekenntnis ihrer Liebe nicht über die
+Lippen.
+
+›Sie hat eine Mutter und hat sie nicht!‹ zog es der alten Frau durch
+die Seele, und sie ehrte den scheuen Stolz.
+
+Nachdenklich blickte sie hinaus. In ihrer Seele erwachte die
+Vergangenheit, die eigene Jugend mit ihrem Glück. Sie hatte es leichter
+gehabt als Sibylle Bühler. --
+
+Da klang wieder das heiße bitterliche Weinen zu ihr empor.
+
+Sie neigte sich über das junge Mädchen. »Nun, Billy, ist's denn so
+schwer zu sagen?«
+
+»Ach, Exzellenz, ich -- ich weiß ja nicht, ob ich's sagen darf!«
+
+Einen Augenblick war's still. Dann fragte Frau von Kambach mit weicher
+Stimme: »Harro?«
+
+Sibylle nickte.
+
+»Ja,« sagte sie leise und schmiegte ihr heißes Gesicht an die schmalen
+Frauenhände. Und dann kam eine Ruh' über sie, die sie nie gekannt. Sie
+wußte, jetzt konnte sie alles sagen und fragen. An dies Herz konnte
+sie getrost ihre Sorgen legen, aus diesen lieben Händen wollte sie den
+Segen empfangen für ihren Weg in Glück und Leid. Ja, auch im Leid!
+Und zagend kam sie von ihren Lippen, die bange schwere Frage nach dem
+Glauben des geliebten Mannes.
+
+Frau Sabine antwortete nicht sogleich. Vor ihrem Geiste stand das
+ritterliche Bild ihres Enkels, und in ihrer Seele klangen seine Worte
+wieder: ›Soviel an mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer
+Sibylle Bühler würdig ist! Das schwör' ich dir!‹
+
+Sie wußte, dieser Schwur war ihm heilig. Ob das Leben mit seiner Lust
+seine Sinne je und dann gefangen nahm, er war ihm heilig. Denn das,
+was ihn bisher gehindert hatte, ein ganzer Mann und ein Christ zu
+werden, war lediglich der Wille -- der angekränkelte verweichlichte,
+seiner Kraft beraubte Wille, der den alten kategorischen Imperativ ›Du
+sollst!‹ verneinte -- keine unedle Art, im Gegenteil, als ein rechter
+Kambach besaß er ein Stück wahrhaftiger innerer Vornehmheit -- was
+hier fehlte, war der Wille. Aber diese Tatsache sagte viel, alles.
+Sie war der Maßstab für den ganzen Menschen. Trotzdem stieg im Herzen
+der Großmutter immer wieder die Hoffnung auf, daß die gute alte Art
+auch hier ihr Recht geltend machen werde. Und diese Hoffnung sprach
+sie aus. Ohne das gegenwärtige Bild zu verschleiern. Ohne der Jungen
+zu verhehlen, daß ihres Enkels Weltanschauung eine höchst moderne
+sei, daß man von Religion wohl kaum bei ihm reden könne. Daß seine
+Wagnerverehrung ihn vielmehr zu Schopenhauer und Nietzsche treibe.
+
+Sibylle war sehr ernst bei ihren Worten geworden.
+
+»Und trotzdem hoffen Exzellenz?«
+
+»Ja, das tue ich. Er kann die gesunde Kambachsche Natur auf die Dauer
+nicht ganz verleugnen, einmal muß sie zum Durchbruch kommen. Außerdem
+nimmt unser Herrgott einen jeden von uns früher oder später in seine
+Schule!«
+
+Wieder war's still im Zimmer, nur die Biene flog summend von Kelch zu
+Kelch.
+
+»Und ich?« fragte das junge Mädchen.
+
+Frau Sabine zögerte. Sie fühlte die Riesenverantwortung, die das Weib
+dem Weibe auferlegte. Sie wußte, Sibylle würde sich an ihre Antwort
+klammern, mochte sie ausfallen, wie sie wollte, -- wußte, wie stark
+ihr Einfluß gerade auf junge Menschen war, wußte, wie stark er hier
+war, und hütete sich, ihn in einer Form geltend zu machen, die nur das
+eigene Gewissen vorschreiben durfte.
+
+»Sünde ist's nicht, wenn eine Frau einen Mann heiratet, der nicht
+mit ihr auf einem Glaubensgrunde steht,« erwiderte sie. »Ob's leicht
+ist, ob's glücklich macht, ist eine andere Frage. Jedenfalls ist's
+ein Wagnis, welches viel Mut und Gottvertrauen fordert. Keinenfalls
+aber soll die Frau ihrer Liebe die Kraft beimessen, den Unglauben des
+Mannes zu überwinden. Das hieße die Rechnung ohne den Wirt machen.
+Denn das ist kein Glaube, der einem anderen zuliebe seine Überzeugung
+zu wechseln wähnt, -- das ist eingebildeter Glaube. Mann und Weib sind
+keine Kinder, bei denen Autoritätsglaube den ersten Grund legt, sondern
+reife Menschen. Wer aber plötzlich einem Weibe zuliebe seine ganz freie
+Weltanschauung aufgibt und sich zu dem lebendigen Gott bekennt, darf
+sich nicht wundern, wenn einem Zweifel an diesem Glauben aufsteigen. Er
+ist zum mindesten eine überraschende Erscheinung. Ich für meine Person
+habe in derartigen Fällen gewöhnlich die Erfahrung gemacht, daß solche
+Männer überhaupt keine ordentlichen Männer waren!«
+
+Sibylle hatte mit gespanntester Aufmerksamkeit den Worten ihrer alten
+Freundin gelauscht. Ein schelmisches Lächeln huschte über ihre Züge.
+»Es ist aber auch ein Kunststück, in den Augen Eurer Exzellenz ein
+ordentlicher Mann zu sein!«
+
+Frau von Kambach lachte herzlich. »Ach wirklich, Billy? Desto besser!
+Auf diesem Gebiet müssen hohe Anforderungen gestellt werden. Sind sie
+denn aber soviel höher als die, welche ich an die Frau stelle?«
+
+»Ja,« klang die ehrliche Antwort.
+
+Die andere schüttelte den weißen Kopf. »Nein, Liebling, das ist ein
+Irrtum. Vielleicht haben die letzten Wochen mit ihren Kirchen- und
+Wahlkämpfen die Frage nach dem Manne in den Vordergrund gestellt und
+Bilder entrollt, die einem die Schamröte ins Gesicht treiben, -- aber
+meine Stellung zur Frauenfrage kann wohl kaum ernster sein, als sie
+ist. Ich will ganz von den Frauen absehen, -- ob sie aus den höchsten
+Kreisen stammen oder aus dem Volk, -- deren wir uns schämen müssen, --
+die scheiden, wo es den Kampf um die höchsten Güter gilt, aus, -- aber
+das wird sich keine von uns verhehlen, daß gerade ~die~ Frauen,
+mit denen wir rechnen müssen, vielfach nicht auf dem Posten sind. Die
+gebildeten christlich sein wollenden Frauen von heute sind oft von
+einer Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit, wie sie nicht schlimmer
+sein können. Und gerade die Frauen unserer Kreise sind es, -- es wird
+einem himmelangst, wenn man sich sagen muß: das sind deutsche Gattinnen
+und Mütter, das sind die, welche es werden wollen!«
+
+Sibylle senkte den Kopf. »Verzeihung, Exzellenz, ich seh's ein, wieviel
+ich noch lernen muß!« Sie küßte die Hand der Greisin. »Ich bin ja so
+dankbar, daß ich hier sein darf!« Und dann kam's wie ein Angstruf von
+den jungen Lippen: »Wenn ich nur nicht auch so werde!«
+
+»Noch sind Sie es nicht, und die Anlage dazu haben Sie, soweit ich
+es beurteilen kann, auch nicht, aber seien Sie auf der Hut, wir leben
+~in~ der Welt!«
+
+Sibylle nickte. »Ja, ich weiß, die Welt färbt ab! Wie oft hab' ich
+das schon gemerkt!« Zögernd setzte sie hinzu: »Mama sagt mir das ja
+nicht, die sieht nur darauf, daß ich gut angezogen bin und viel tanze.
+Aber wenn Exzellenz es mir sagten, wenn ich mich ändern soll, -- wenn
+Exzellenz wüßten, wie dankbar ich wäre, ich kann's nicht sagen, wie
+sehr!«
+
+Die alte Frau blickte still auf ihren Liebling. In ihren Augen glänzten
+Tränen.
+
+»Wollen Exzellenz es tun?« fragte die Junge.
+
+»Ja,« klang die schlichte Antwort.
+
+Und Sibylle Bühler war sie genug. -- -- --
+
+Die Dämmerung wob ihre Schleier um das Frühlingsbild in der großen
+Stadt, um ihre Gärten und Höfe.
+
+In das trauliche Hinterzimmer blickte die feine goldene Mondsichel.
+
+»Sünde ist's nicht?« klang's noch einmal hinter den Goldlackstauden,
+aber diesmal kam's fragend von scheuen Mädchenlippen.
+
+»Der ungläubige Mann ist geheiligt durch das Weib, schreibt Paulus den
+Korinthern,« erwiderte Frau Sabine. »Das bleibt bestehen, leugnet aber
+die Schwere der Frage nicht ab. Die Antwort muß die Liebe geben.«
+
+Sie nahm den dunklen Mädchenkopf in beide Hände und sah tief in die
+nachtschwarzen Augen.
+
+Sibylle Bühler war blaß geworden, aber ihre Stimme war fest und klar,
+als sie Harro von Kambachs Großmutter die Antwort gab. Es war die
+größte, die ein Frauenherz geben kann: »Ich liebe ihn!«
+
+ * * * * *
+
+Feierstille waltete. Auf dem jungen Haupt lagen segnend die alten Hände.
+
+Der Frühlingswind stahl sich durchs offene Fenster und huschte über die
+Saiten der Stradivariusgeige. -- --
+
+Und durch die Dämmerung zog klingend und singend, leise wie ein Hauch,
+-- ein Ton. -- --
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Um die Volksseele.
+
+ Sag' an, wo ist der streitbare Held,
+ Der stolz im Kampf deine Farbe trägt?
+ Der sein rotes Herzblut für dich verspritzt,
+ Der dir sein Leben zu Füßen legt?
+
+ Wem steht es geschrieben in Herz und Sinn,
+ Daß Heimatliebe im Himmel wohnt,
+ Daß sie im Glanze der Ewigkeit,
+ Über den goldenen Sternen thront?
+
+ Deutschland, ich wollte, ich wäre ein Mann, --
+ Bei Gott! Mein Schwert führt' ich ritterlich.
+ Und kämpfte als ein streitbarer Held
+ Um die Königskrone, -- um dich -- um dich!
+
+
+Schenkersch Vadder war in Berlin, oder richtiger gesagt in der
+Dorotheenstraße. Denn Berlin war ihm ein Greuel. Diese Überfülle auf
+Straßen und Plätzen, dieser Lärm Tag und Nacht, dies Treiben und Hasten
+entsprach nicht seinem gediegenen Kammerdienercharakter. Und vor allem
+diese Gesellschaft! Gewiß, man traf auch aristokratische Einfachheit,
+Menschen, die sich ins Privatleben zurückgezogen, Gestalten aus der
+Hofgesellschaft, Landadel, -- aber das war eben nicht das eigentliche
+Berlin, war nicht Berlin +W+! Was z. B. alles auf dem Potsdamer
+Platz und in der Leipziger Straße herumlief, -- man hätt' es nicht für
+möglich gehalten! Nun, ja, man kam eben vom Dorf, da gab es, Gott sei
+Dank, so etwas noch nicht! Und in Kambach würd's auch niemals so weit
+kommen! Frauen, wie er sie heute morgen bei der Ankunft auf dem Bahnhof
+gesehen, hätten sich nicht auf der Dorfstraße blicken lassen dürfen, --
+Kleider wie ein Futteral, -- er hatte heute morgen fortwährend auf den
+Augenblick gewartet, wo eine Naht platzen würde, -- himmelhohe Absätze
+mit ›Edelsteinen‹ besetzt, Patschuliduft, -- Schenker hatte von der
+Köchin der alten Exzellenz erfahren, das nenne man ›elegant-mondän‹.
+Das hieß jedenfalls soviel wie ›überelegant‹. Malvine wußte es nicht
+genau, man konnte sich ja schließlich auch sein Teil denken. Die Männer
+sahen dementsprechend aus. Schenker hatte nur immer den weißen Kopf
+geschüttelt, -- »na, denn man zu, det kann ja noch nett werden!« Der
+Alte war froh, als er glücklich in der Dorotheenstraße angelangt war.
+Aber als Sibylle Bühler in ihrer vornehmen Schönheit vor ihm stand
+und ihn freundlich begrüßte, konnt' er's nicht lassen, Vergleiche zu
+ziehen. Warum gab es so etwas nur noch vereinzelt, eigentlich nur noch
+auf alten märkischen Schlössern? Und während er Herrn von Kambachs
+Koffer auspackte, dachte er über die Frauenfrage nach. Es war doch
+eine heikle Sache! Gut, daß diese Weiber in Berlin wohnten und nicht
+in Kambach, -- na, der olle Schenker war schließlich auch noch da, und
+schlimmstenfalls gab's Reitpeitschen!
+
+Und das großstädtische Straßenbild blieb in der Seele des Greises
+haften. --
+
+Vor zwanzig Jahren wäre das alles nicht möglich gewesen! Und doch
+war's nur ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde. Ihn schauderte.
+Immer gewisser ward's ihm: sein schönes heißgeliebtes Vaterland war
+das reine Babel geworden. Vor einiger Zeit hatte er in Drachenburg
+in einer christlichen Versammlung gehört, Paris sei nichts gegen die
+Friedrichstraße. Damals hatte er sich über die übertriebene Äußerung
+geärgert, -- heut glaubte er sie. Herrgott, wo sollte das hinführen?
+Ging es so weiter, so verfaulte Deutschland bei lebendigem Leibe! Ein
+Glück und Segen, daß man endlich anfing, die Scheuklappen abzulegen,
+daß sich Männer und Frauen fanden, die auf die Pestbeule ihres Volkes
+hinwiesen und erklärten: ›Da hapert's!‹ Hoffentlich war's noch nicht zu
+spät!
+
+»Ach was! Daß du das schändliche Sorgen nicht lassen kannst,
+Schenkersch Vadder! -- Aber das viele Geld, das zur Gründung des Bundes
+nötig is, und was sonst drum und dran bummelt! -- Schenker, wat du da
+seist, is einfach Quatsch!! Du kennst genug Geschichten, wo Gott der
+Herr sich einfach seine Leute rangekriegt hat, und wenn das nötige Geld
+nich da war, hat er's ihnen geschenkt und dann wieder aus der Tasche
+geholt für seine Sache! Also -- bitte!«
+
+Und die treue Seele, die sich in den langen stillen Stunden im
+Kambacher Gutshause angewöhnt, in allen Tonarten Selbstgespräche zu
+führen, vergaß, daß die Wände in der Dorotheenstraße dünner waren, und
+hielt ihrem alten Adam eine Moralpredigt nach allen Regeln der Kunst.
+
+Aber nebenan saß ein dankbarer Zuhörer und freute sich, daß es noch
+solch kernige Art im deutschen Vaterlande gab, deren engere Heimat
+seine alte Mark war.
+
+Leise erhob er sich und öffnete die Tür zum angrenzenden Zimmer. Dort
+saß Exzellenz von Kambach rechnend am Schreibtisch.
+
+»Bitte, Mamachen, komm einen Augenblick herein und hör' dir Schenkers
+Selbstgespräch an! Es ist zu köstlich!«
+
+Sie sah überrascht auf. Zum erstenmal, seit sein Kind zu Grabe getragen
+war, hörte sie den alten fröhlichen Ton.
+
+»Von dem können wir lernen! 's ist doch was Prachtvolles um die
+märkische Art. Aber bitte, komm, sonst entgeht uns das Beste!« Der
+Oberstallmeister bot seiner Mutter den Arm. »Daß er uns nur nicht hört,
+der Kerl hat noch immer Ohren wie 'n Luchs!«
+
+Und dann standen sie vor der angelehnten Tür hinter dem Vorhang. --
+
+»Wenn Malwine das ›elegant-mondän‹ nennt, so is sie eben so'n Schaf,
+wie alle anderen,« sagte drinnen die alte Stimme in bestimmtem Ton.
+»Elegant? Was elegant is, weiß der olle Schenker ganz genau -- Gräfin
+Bühler is elegant -- das heißt die junge -- Gott bewahr' einen vor der
+aufgedonnerten Mama, -- is ja gar keine Bühler, is 'ne Firlemontsche!«
+Er lachte kurz in sich hinein. »Aber Gräfin Sibylle! Die sollten sie
+man ordentlich ran kriegen zur Bundesarbeit. Schade, daß sie noch
+so jung is! -- -- Ja -- und nu -- mondän! Eigentlich müßt' ick doch
+wissen, was das heißt, schon damit ick drüber reden kann!«
+
+Stille folgte. Ein paar Schritte.
+
+»Hier war doch sonst 'n Fremdwörterbuch, oder so was in der
+Fremdenstube!«
+
+Die Tür des Bücherschrankes ging. Ab und an ein Geräusch, als zöge eine
+unkundige Hand ein Buch aus dem Fach.
+
+Dann wieder die alte Stimme: »+Mondain, m.+ (sp. mongdäng) ein weltlich
+gesinnter Mensch! -- Na, das hab' ick doch von Anfang an geseit!
+Das gehört also mit zu den ganzen Kram. Die Geburtenverhütung, die
+Unsittlichkeit, die Frechheit gegen die Obrigkeit, die Verachtung
+von Gottes Wort, das alles is verwandt mit die Gesellschaft, mit die
+verrückte Kleidermode, mit die Edelsteine an den Stelzenabsätzen!
+Is ja Glas, nix weiter, aber es soll was vorstellen! Wenn so'n
+Frauenzimmer mal Kobolz aus der Straßenbahn schießt, -- daß du dich
+nich unterstehst, und die etwa aufsammelst, Schenker! Wenigstens wasch
+dir nachher die Hände, sonst denkt deine alte Exzellenz, du brauchst
+Patschuli, und wärst hier in Berlin +mong-+, +mong-+, +mongdain+
+geworden, elegant-+mongdain+!«
+
+Ein helles Gelächter ließ den Alten aufschrecken. Auf der Schwelle
+standen Mutter und Sohn.
+
+»Nein, mein guter Schenker, das wird Ihre alte Exzellenz niemals von
+Ihnen denken! Wir kennen uns!«
+
+Schenker war einen Augenblick regelrecht verlegen. Das kam selten vor.
+Aber wenn's vorkam, hatte es seinen guten Grund. Zu dumm, diese dünnen
+Wände in der Großstadt! Na, nu war's geschehen! -- Vielleicht war's
+seinem inwendigen Menschen nötig, daß er sich mal gründlich lächerlich
+machte. Es war dasselbe, als wenn Mamsell in Kambach von dem dösigen
+Hausmädchen sagte: ›Ab und an 'n tüchtiges Donnerwetter -- dann geht's
+wieder 'ne Weile!‹ Vielleicht dachte der liebe Gott ähnlich über ihn.
+Und aus dieser Empfindung heraus und mit der leisen Anwandlung eines
+schlechten Gewissens wegen seiner unbarmherzigen Gesinnung gegenüber
+der Berliner Halbweltsdame kämpfend, sagte er:
+
+»Exzellenz, ick bin doch auch man bloß 'n sündiger Mensch! Wenn ick
+dauernd mit die Gesellschaft verkehrte, dann weiß ick wahrhaftig nich,
+was dabei herauskäme!«
+
+Ein leichter Schritt klang im Nebenzimmer: Fräulein Eichel.
+
+»Frau von Schink läßt fragen, ob es dabei bliebe, daß die Sitzung um
+vier Uhr wäre, Exzellenz?«
+
+»Punkt vier Uhr. Können wir schon Tee bekommen, liebe Eichel? Es wird
+sonst zu spät!«
+
+»Es ist alles fertig, Exzellenz!«
+
+»Danke.« Sie nickte dem alten Diener freundlich zu. ›Um dich bin ich
+nicht bange,‹ sagten die hellen Augen.
+
+Und dann klappte der Krückstock auf den Dielen. -- --
+
+ * * * * *
+
+In dem hell erleuchteten behaglichen Salon Exzellenz von Kambachs
+hatte sich ein Kreis von etwa dreißig Personen zusammengefunden.
+Eine Gesellschaft aus allen Volksschichten. Hoher Adel, weißhaarige
+Generäle, einige Geistliche, Herren aus dem Kaufmannsstande, eine
+Anzahl Damen, ein paar schlichte bürgerliche Gestalten, mehrere Leute
+aus dem Volk. Ein scheinbar wahllos zusammengewürfelter Kreis. Nur
+der Eingeweihte wußte, daß die Einzelgestalt ihre besondere Bedeutung
+hatte, daß hier Persönlichkeiten und Werte abgeschätzt worden waren,
+daß keiner gekommen, und ob es der Bescheidenste, Geringste war, bei
+dessen Erscheinen man nicht des Wortes gedenken durfte: ›Es sind
+mancherlei Ämter.‹
+
+Ein eigenartiges interessantes Bild bot das schlichte Frauengemach
+dem, der gelernt, den Blick auf das Überweltliche zu richten, der
+die großen Tagesfragen in den hohen Schein der Ewigkeit rückte,
+der im Menschenantlitz zu lesen verstand, der nicht irgendeinen
+vaterlandslosen Gesellen in seinem Weggenossen erblickte, sondern
+die heilige Frage auf brennender Lippe trug: ›Von wannen bist du?‹
+Eine unausgesprochene Zusammengehörigkeit schien diesen Kreis zur
+festen Gemeinschaft zu verbinden, ein zäher Kitt das junge noch
+ungefestigte Werk zusammenzuhalten. Und an der Wiege des neugeborenen
+Kindes die ehrwürdigen Paten, zwei Menschen aus ganz verschiedenen
+Gesellschaftskreisen, ganz verschiedenen äußeren Verhältnissen,
+Gestalten aus einer Zeit, an der das Geschlecht von heute in großen
+Scharen achselzuckend vorüberging -- eine fünfundsiebzigjährige
+märkische Landedelfrau und ein einfacher Häuslerssohn aus dem
+Spreewald, der im Dienst seines Herrn in Ehren weiß geworden war.
+
+Schenker hatte sich zwar mit Händen und Füßen, und nicht zum wenigsten
+mit seinem schlagfertigen Mundwerk dagegen gewehrt, als man ihm einen
+regelrechten Ehrenplatz einräumen wollte; aber Frau von Kambach hatte
+kurz und bündig erklärt: »Keine Redensarten, Schenker! Es muß alles
+seine Ordnung haben. Sie sind der erste gewesen, der die Frage angeregt
+hat!«
+
+Und er hatte alles über sich ergehen lassen. Denn in einem früheren
+ähnlichen Falle hatte ihm seine alte Exzellenz, als er ihr zuviel
+geredet, einfach erwidert: ›Schenker, das ist Quatsch!‹ Und das wollte
+er nicht gern zum zweitenmal hören. Einmal hatte er es sich ja schon
+selber gesagt, das war aber etwas anderes. Schließlich hatte er doch
+auch weiße Haare und war ein alter Kammerdiener. --
+
+Allgemeine Überraschung und Freude herrschte, als sich in dem
+Augenblick, wo Herr von Kambach die Sitzung eröffnen wollte, noch
+einmal die Tür auftat, und der ehrwürdige Graf Bühler, auf dessen
+Erscheinen man wegen eines kaum überstandenen Ischiasanfalles nicht
+gerechnet hatte, auf den Arm seiner Enkelin gestützt hereintrat. Graf
+und Gräfin Brelow, die mit dem alten Herren zusammen gereist waren,
+folgten. Lächelnd winkte der Erblandmarschall den Anwesenden zu.
+
+»Guten Tag, alle miteinander! Sitzen bleiben! Leute, die zu spät
+kommen, gehören in den Winkel!« Eine Mahnung, die allerdings wenig
+Anklang zu finden schien, denn alles wollte dem greisen Standesherrn
+die Hand drücken.
+
+Dann endlich Stühlerücken, Stille, Erwartung der Dinge, die da kommen
+sollten.
+
+Einer der anwesenden Geistlichen sprach ein kurzes Gebet, worauf der
+Oberstallmeister die Erschienenen begrüßte:
+
+ »›Hüte, starkes Volk der Ehre
+ Manneswort und Weibesreinheit,
+ Kindeslust und Greiseslehre,
+ Kraft und Huld in steter Einheit!
+ Stolz und fest und treu bewache
+ Vaterland und Muttersprache!‹
+
+Mit diesen Worten Peter Roseggers heiße ich Sie, meine verehrten
+Anwesenden, in dieser Stunde im Namen meiner Mutter willkommen! Was
+uns hier zusammenführt, ist jedem von uns bekannt! Trotzdem ist der
+Wunsch laut geworden, daß, bevor wir die Grundforderungen des Werkes,
+das wir im Namen Gottes beginnen, festlegen, noch einmal klipp und und
+klar ausgesprochen werde, was wir eigentlich wollen. Manch einer wird
+denken: ›Wieder 'n neuer Verein, der sich berufen fühlt, Deutschland
+aus dem Morast zu ziehen, und nachher verläuft die Sache im Sande,
+oder es bleibt bei begeisterten Aufrufen und großartigen Tagungen, bei
+Beschlüssen, die niemals Wirklichkeit werden!‹ -- Lassen wir die Leute
+denken, was sie wollen! Erstens fahren wir niemand in die Parade, und
+zweitens sind wir kein neuer Verein, sondern ein Bund. Aus dem Morast
+ziehen wollen wir Deutschland allerdings mit Gottes Hilfe und der Hilfe
+anderer Leute. Denn wir wollen nicht trennen, sondern sammeln. Alles,
+was vorhanden ist, was seit Wichern und Stöcker auf dem Gebiet der
+Inneren Mission geleistet ist, wollen wir zusammenschließen zu einem
+großen starken Ganzen. Der ›Bund bibelgläubiger Christen‹ soll ein
+~Volksbund~ sein. Denn wir haben bisher wohl Offizierskompagnien,
+aber keine Soldatenregimenter. Ohne sie aber können wir nicht in den
+Kampf ziehen. Ungezählte Einzelgefechte haben stattgefunden, mit Mut
+und Ausdauer ist hier und dort gestritten worden. Aber unsere Zeit
+fordert große schwere Entscheidungskämpfe, welche keine Zersplitterung
+ertragen. Darum heißt es sammeln, was an Kräften vorhanden ist, darum
+heißt es in geschlossenen Reihen zum Angriff vorgehen. Wie vor hundert
+Jahren in dem heißen Ringen um äußere Freiheit, muß es auch heute im
+Kampf um Deutschlands heiligste ewige Güter heißen: das Volk steht auf.
+Ja, ~das Volk~ soll aufstehen, ~das Volk~ soll sich erheben
+wie ein Mann, ~das Volk~ soll dem Volke zeigen, daß es noch Mark
+in den Knochen hat, daß es noch wahrhaftiges Deutschtum, wahrhaftiges
+Christentum gibt, -- ~das Volk~ soll dem Volke helfen. Mit
+einem Wort -- wir brauchen eine christliche ~Volksmission~!
+Deutschland rühmt sich seiner blühenden Kultur, aber daß diese Kultur
+keine Sittlichkeit mehr kennt, daß unser Volk bei lebendigem Leibe
+verfault, scheint Nebensache zu sein! Es ist eine Schande, wie weit wir
+heruntergekommen sind! -- --
+
+Aus diesem Sumpf aber kann uns nur eines retten: der Neuaufbau des
+christlichen Familienlebens. Denn das Haus ist die Geburtsstätte
+kommenden nationalen Glücks oder Unglücks; es bildet die Grundlage
+zukünftiger Völkergeschichte. Sind die Familien aber entchristlicht, so
+setzt sofort der sittliche Bankrott und damit der völkische Verfall ein.
+
+Das Wort Roseggers, das ich Ihnen zurief, betont zwar nicht die
+Notwendigkeit christlicher Waffenrüstung, aber es schließt sie
+als heilige Selbstverständlichkeit ein. Denn echtes Deutschtum,
+Vaterlandsliebe, Mannesehre, Frauenreinheit, Schutz der Sitte und des
+Herdfeuers sind nur da vorhanden, wo das Christentum die Wurzel des
+Volkslebens ist. Wird es ausgeschaltet, geht die Sittlichkeit verloren,
+und das Volk versumpft. Bei uns in Deutschland ist diese Zersetzung
+im vollen Gange. Ich wiederhole: seit der Feind am Werke ist, die
+Grundlagen unseres Volkslebens zu untergraben, seit er mit allen ihm zu
+Gebote stehenden Mitteln das Christentum angreift, ist diese Zersetzung
+im vollen Gange. Daß unsere Gegner aber in der Wahl ihrer Mittel nicht
+ängstlich sind, ist nichts Neues. ›Die Verlästerung des Namens Gottes
+ist nötig, um der Religion den Garaus zu machen!‹ erklärt Liebknecht.
+Das ist deutlich geredet. Wir wissen wenigstens, mit wem wir es zu tun
+haben!
+
+Aber unsere Gegner sollen es auch wissen. Darum zugefaßt und aus
+dem Schlamm geholt, was sich noch herausholen läßt! Nur keine
+Glacéhandschuhe angezogen, -- sonst kommen wir nicht weit! Denn es
+geht ums Ganze. Wir brauchen Ellenbogenfreiheit! Ohne Püffe geht's
+nicht ab. Der Kampf, in den wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen
+Linie, eine Gegenmobilmachung wider die Mächte des Unglaubens und des
+Halbglaubens, des modernen Heidentums in all seinen Erscheinungen.
+Leicht wird's nicht sein! Aber wenn der Feind erklärt: ›Der Begriff
+›Gott‹ muß zerstört werden, denn er ist der Grundstein einer verderbten
+Zivilisation,‹[3] -- so haben wir ihm als Christen eine Antwort zu
+geben, die er sich nicht hinter den Spiegel steckt. Also hinein ins
+Gefecht! Nur keine Müdigkeit vorgeschützt, nur nicht an die eigene
+Bequemlichkeit gedacht! Wir können nur ganze Menschen brauchen, ganze
+Christen! Kein rechter Kämpfer, der abseits steht: ›was geht's mich
+an?‹ Es gilt unseren höchsten ~Gemeinbesitz~ schirmen, unsere
+~gemeinsamen~ völkischen sozialen und religiösen Kleinodien
+retten. Darum die zwingende Notwendigkeit der geschlossenen,
+festgefügten Macht des bibelgläubigen, deutschen Protestantismus.
+Das christliche Zusammengehörigkeitsbewußtsein ist eingeschlafen,
+-- unsere Sache ist es, unser Volk aus diesem verhängnisvollen
+Dornröschenschlummer zu erwecken! Das ist -- kurz zusammengefaßt --
+unsere Aufgabe!
+
+Über Form und Art unserer Kampfesweise, über die Einzelarbeit, vom
+Gesichtspunkt des großen Ganzen betrachtet, eine vorläufige Einigung zu
+erzielen, schlage ich Ihnen eine Besprechung vor.
+
+Ehe wir beginnen, erlaube ich mir, Ihnen als vorläufige Arbeitsziele
+des Bundes folgende Aufstellung der Hauptpunkte vorzulegen.« Herr von
+Kambach nahm ein vor ihm liegendes Blatt vom Tisch und las:
+
+»1. Es gilt die Zusammenfassung aller, im deutschen Volk noch
+vorhandenen biblisch-sittlichen Lebenskräfte zur Stärkung christlicher
+Weltanschauung und zum inneren Ausbau gesunden Volkslebens.
+
+2. Es gilt eine umfassende Aufklärungsarbeit über die Pflichten der
+gläubigen evangelischen Gruppe im christlichen nationalen und sozialen
+Sinne dem deutschen Volke gegenüber.
+
+3. Es gilt den Kampf gegen jede widerchristliche Weltanschauung,
+wie sie auch heiße, durch Volksversammlungen, Vorträge, Schriften,
+Flugblätter.
+
+4. Es gilt die grundsätzliche Ablehnung und Bekämpfung ja wenn möglich
+Ausrottung der widerchristlichen antimonarchischen Presse, der
+Schundliteratur, des Schmutzes in Wort und Bild.
+
+5. Es gilt die Förderung und Verbreitung der auf christlich-positiver
+Grundlage stehenden Tageszeitungen und die Gründung einer
+deutsch-evangelischen Volkspresse.«
+
+Er ließ das Blatt sinken. Die blauen Augen schauten blitzend über den
+kleinen Kreis.
+
+Da erhob sich Graf Bühler. Es schien, als sei er in den letzten Wochen
+älter, gebrechlicher geworden. Der Winter ist der Feind der Greise, und
+der Tod im Nachbarhause hatte seinen Schatten auf den Weg treuer Liebe
+geworfen. Aber die Adleraugen hatten nichts von ihrem Feuer verloren,
+und die Sprache war scharf und klingend wie vordem.
+
+»Ich glaube im Namen aller Anwesenden zu handeln, wenn ich Ihnen
+warm für Ihre Ausführungen danke, mein lieber Kambach,« sagte er
+herzlich. »Sie haben uns die große Frage in ihren Hauptzügen knapp und
+zielbewußt dargelegt, haben in schöner klarer Weise ausgesprochen, was
+wir wollen. Gestützt auf Ihre Ausführungen, auf die Grundforderungen
+des Arbeitsziels wird es uns möglich sein, das Riesenwerk immer
+vollkommener zu gestalten und die rechte Form für seinen Ausbau zu
+finden. Nebenbei gesagt können wir uns in bezug auf letztere den
+Katholizismus -- mag uns das römische System an sich auch abstoßen --
+in unseren späteren Verhandlungen zum Vorbild nehmen.
+
+Ich brauche wohl kaum zu betonen, wie wohltuend es mich berührt,
+daß der Bund sich unter das Banner der Weltmission stellt. Denn
+Familienmission und Volksmission sind Weltmission. Nicht nur draußen
+in den Heidenlanden werden Entscheidungsschlachten geschlagen. Auch
+unser Vaterland hat eine große heilige Volksmission dringend nötig.
+Was die Innere Mission in großzügiger Weise begonnen und fortgeführt,
+bedarf, wie vorhin schon gesagt wurde, des engeren Zusammenschlusses,
+nicht nur mit gleichartigen Vereinigungen, sondern mit dem Volksganzen,
+soweit es noch auf dem Boden des biblischen Evangeliums steht. Es geht
+ums Ganze. Darum gilt es Arbeit im großen Stil, -- Einzelseelsorge
+allein wird da nicht fertig. Darum dürfen wir, -- so wertvoll gerade
+uns die Treue im Kleinen, Alltäglichen ist, -- nie vergessen, daß wir
+Weltmission treiben, daß Deutschland ein Stück Weltgeschichte umfaßt,
+daß der Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ unser Vaterland nicht
+ausschließt.«
+
+Einen Augenblick schwieg der Sprecher. Die alten Augen hatten den
+weitschauenden Blick wandernder Ewigkeitsmenschen, die dem Ziele nahe
+sind. Und dann klangen seine Worte wie eine Prophezeiung durch den
+stillen Raum:
+
+»Eine Sage vom Oststrande steht mir vor der Seele. Jahrhunderte alt,
+grüßt sie wie eine Verheißung diese Stunde.«
+
+In grauer Zeit entsandte das Kloster Amelungsborn den Mönch Berno
+als Bischof von Schwerin und Apostel der Wenden in die heidnischen
+Obotritenlande. Aber an der Ostküste stand Satans Stuhl, und
+harte Arbeit wartete des Westfalen. Ein heißes Ringen begann, ein
+gewaltiges Roden, ein Kampf, Mann gegen Mann. Doch das Kreuz siegte.
+Junge Siedelungen winkten, aus dem Grün der Wälder ragten die
+Einödskirchlein. Hand in Hand mit der Urbarmachung des wilden Landes
+ging die stille Arbeit der Glaubensboten.
+
+Jahre waren ins Land gezogen. Die Macht des Heidentums war gebrochen.
+
+Am Sankt Johannistag im Jahre des Heils 1186 grüßte der junge
+Landesherr Heinrich Borwin seine geistlichen Untertanen im Kloster zu
+Doberan, und Bischof Berno vollzog die Abtweihe.
+
+Sommerschönheit lag über dem Lande, das Korn rauschte, und die Rosen
+blühten. Aber über der Küste gewitterte es.
+
+Die Nacht stieg herauf.
+
+In der Stunde, da der junge Konvent sich zum ersten Gottesdienst unterm
+eigenen Dache rüstete, empörte Luzifer die See und die Fürsten der
+Tiefe rüttelten an den Pforten der Abtei.
+
+Das Ostmeer schlug den schwarzgrünen Mantel um die leuchtenden
+Schultern und betrat, von der Hölle geführt, siegesgewiß das Land.
+Aber im Kloster lag der Konvent auf den Knien. Eine Macht, die Berge
+versetzte und dem Meere gebot, die den Willen des Allmächtigen
+wandelte, kämpfte wider den Fürsten des Abgrunds -- das Gebet. Näher
+und näher rauschte die Flut.
+
+»Vor den Stürmen der Nacht, vor dem Toben der Hölle wollest du deine
+heilige Kirche bewahren und schirmen!« betete Bischof Berno an den
+Stufen des Altars.
+
+»Von den Mächten der Finsternis, von den bösen Geistern aus der Tiefe
+wollest du uns erretten! Daß dein Kreuz den Sieg behalte in unseren
+Landen, wollest du eine Mauer bauen, lieber Herr und Gott, einen
+heiligen Damm wider alle deine Feinde!«
+
+Näher und näher kam die Flut. Der Sturm zersplitterte die Kirchpforte.
+
+›Einen heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹
+
+Die dritte Nachtwache ging vorüber. Im Glanz der Morgenröte stand der
+Abt vor dem Kirchenfürsten:
+
+»Komm herüber und schaue die Wunder des Höchsten!«
+
+Und dann standen Mönche und Schiffervolk vor dem Riesenwerk.
+
+Ein gewaltiger Damm schied Meer und Land, eine Mauer aus tausend und
+abertausend glattgespülten Kieselsteinen, ein Deich, wie ihn das
+Ostmeer nie geschaut, von unsichtbaren Händen gebaut -- ein Wunder!
+
+Die alte Stimme bebte vor innerer Bewegung.
+
+»Wissen Sie, was das Meer bedeutet?« rief er. »Es ist die zersetzende
+Macht des Unglaubens, die, von der Hölle aufgepeitscht, unser Volk
+bedroht. Die Obotritenlande sind Deutschland. -- Und der heilige Damm?
+Und die Kieselsteine? Das ist die Hauptsache, daß uns das klar ist! Der
+heilige Damm stellt die Gemeinde Jesu Christi dar, die glattgespülten
+Kieselsteine ihre durch sein Blut erlösten und gereinigten Glieder.
+Jeder einzelne Stein eine Menschenseele, ein Glied in der Kette, die
+den Unglauben eindämmen soll! -- Wie mir ums Herz war, als kürzlich
+meine Enkeltochter mit dieser Sage zu mir kam, und nach beendeter
+Lektüre zu mir sagte: ›Großvater, das ist der Bund bibelgläubiger
+Christen!‹ -- ich kann's Ihnen nicht sagen! Aber eines wünsche ich uns
+allen in dieser Stunde: daß wir ein heiliger Damm wider die Mächte des
+Unglaubens werden zur Ehre unseres Herrn und zum Heil unseres Volkes.«
+
+Er setzte sich.
+
+Besorgt ruhte Sibyllens Auge auf ihm. Seine Wangen waren gerötet, und
+die Hand, die sich auf den Krückstock stützte, zitterte.
+
+Ein Rechtsanwalt erhob sich.
+
+»Anknüpfend an das Wort des Herrn Oberstallmeisters, ›der Kampf, in den
+wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen Linie, eine Gegenmobilmachung
+wider die Mächte des Unglaubens und des modernen Heidentums in all
+ihren Erscheinungen‹, -- möchte ich, um jedes Mißverständnis über die
+Stellung des Bundes von vornherein auszuschalten, vorschlagen, diese
+Frage noch besonders zu erläutern. Denn hier gilt es nicht nur den
+Kampf mit unseren bewußten Gegnern, sondern -- Gott sei's geklagt --
+zum großen Teil mit Männern aus dem eigenen Lager. Nichts ist der
+Kirche der Reformation gefährlicher, als diese Friedenspartei. Denn
+sie unterstützt den jesuzentrischen Liberalismus, eine Richtung, die
+wie keine andere versteht, das Schafskleid zu tragen. Wenn unser
+Arbeitsziel wohl auch keinen Zweifel darüber aufkommen lassen wird, daß
+wir zum äußersten Flügel der positiven Rechten gezählt sein wollen, so
+erscheint es mir trotzdem geboten, unsere Stellungnahme nach dieser
+Richtung hin besonders klarzustellen. Vielleicht hat einer der Herren
+Geistlichen die Güte, meine kurzen Worte zu ergänzen.«
+
+Pastor Lehmann, ein starker Fünfziger, mit ausgeprägten Zügen und
+hellem Blick, ergriff das Wort.
+
+»Gestern abend war ich bei einem Freunde, auf dessen
+Bundesgenossenschaft ich bestimmt gerechnet hatte. Ich hatte mich
+getäuscht. Nach einer fast zweistündigen Unterredung erklärte er:
+›Nehmt euch nur in acht, daß ihr nicht zu sehr Farbe bekennt!‹ und
+lehnte es glatt ab, der Frage näherzutreten. Und das war ein positiver
+Geistlicher. Der Zug der Zeit geht auf Vermittlungspolitik, aus den
+landeskirchlichen Nöten herausgeboren. Dem heißen Wunsche, den äußeren
+Bestand der geschichtlich gewordenen Kirche zu retten, entspringt
+das immer dringender werdende Begehr: ›Schließt euch zusammen, ihr
+Positiven und Liberalen gegen den gemeinsamen Feind! Der Antichrist
+steht vor den Toren!‹ -- Aber wir können nicht gegen die Wahrheit!
+Zugeständnisse auf dem Gebiet der Liebe dürfen wir machen, auf dem
+Gebiet des Bekenntnisses nicht. Wir halten es mit dem Lutherwort:
+›Unsere Liebe ist bereit, für euch zu sterben; wer uns aber an den
+Glauben greift, der greift uns an den Augapfel.‹ Es ist schlimm genug,
+daß der antichristliche Geist moderner Weltanschauung eine mit sich
+selber zerfallene Kirche findet, daß er sich mit vollem Recht auf eine
+wesensverwandte Gruppe innerhalb der Kirchenmauern berufen kann. Die
+Antwort der Kirche auf den Angriff des Gegners ist daher eine halbe
+eingeschränkte, ein Zugeständnis, eine, ob auch unausgesprochene
+Versöhnung. Aber diese Versöhnung ist Truggold. In Wahrheit bedeutet
+sie eine Gebietsabtretung. -- Wir würden ja mit Freuden dem brennenden
+Wunsche des Zusammenschlusses nachkommen, wenn wir es mit unserem
+Gewissen vereinigen könnten. Es liegt uns darum auch gänzlich fern,
+über sie zu Gerichte zu sitzen, die von ihrem Standpunkt aus ihr Werk
+treiben, aber an einem Strang mit einem Subjektivismus ziehen, der,
+nur nach eigenem Maße messend, an den geoffenbarten Heilstatsachen
+vorübergeht und die Gestalt Jesu Christi ihrer ewigen Gottheit
+entkleidet, -- das können wir nicht. Denn es geht um die höchsten
+Güter, um eine Entchristlichung nicht nur der Kirche, sondern des
+Christentums.
+
+Wenn darum auch noch Männer aus unserer Mitte dieser
+Vermittlungspolitik zustimmen zu sollen glauben, so bleibt uns nichts
+anderes übrig, als uns, ob auch blutenden Herzens, von ihnen zu
+trennen. Es ist keine Frage, daß wir recht allein dastehen, ja, daß
+uns unsere eigenen Freunde nicht nur verlassen, sondern angreifen
+werden, und die offizielle kirchenregimentliche Gnadensonne uns
+niemals scheinen wird. Wir werden es ertragen um deswillen, der für
+uns das Kreuz trug. In seiner Kraft stehen wir fest und unentwegt auf
+dem Grunde unseres Heils, auf dem Boden des wirklichen Christentums.
+Des Christentums der Bibel, das die Sünde bei Namen nennt und von
+Gnade lebt! Das die Überwelt kennt, dessen Heiland und Erlöser nicht
+nur eine gottbegnadete Idealgestalt, sondern der ewige eingeborene
+Sohn des Vaters ist, Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht
+von Ewigkeit! Das sein Leben in sich trägt, und seine Wahrheit
+in alle Lande ruft! Das menschliche Umprägung göttlicher Werte
+nicht verträgt und für Falschmünzerei erklärt! Das darum auch eine
+~wirkliche evangelische~ Kirche fordert! Nicht als staatliche
+Kultusgemeinschaft, sondern als eine Kultusgemeinschaft, in welcher
+die Anbetung des Herrn lebendig ist, -- nicht als bloße religiöse
+Gesinnungsgemeinschaft, sondern als biblische Bekenntnisgemeinschaft.
+Diese Forderung muß die selbstverständliche Voraussetzung für unsere
+Arbeit bilden!«
+
+Tiefes Schweigen herrschte.
+
+Jeder ging seinen Gedanken nach.
+
+Da erhob sich ein schlichter Bürstenbinder. »Es ist eine hohe Ehre
+für uns, daß Christus unsere schwache Kraft in seinen Dienst stellt.
+Wollen wir aber unserer Arbeit froh und unseres Sieges gewiß bleiben,
+so gilt zuerst und zuletzt die Arbeit am eigenen Herzen, im eigenen
+Leben. Wir vergessen angesichts großer Aufgaben so leicht das Kleine,
+Unscheinbare, und doch ist es maßgebend für unsere Ewigkeit.«
+
+»Ganz recht,« klang's vom anderen Ende des Tisches herüber, »det sei
+ick doch immer!« Schenker war so mit Leib und Seele bei der Sache, daß
+er aus Versehen Platt sprach. Für gewöhnlich tat er das nicht im Salon
+der alten Exzellenz. Aber heute war's etwas anderes. Ganz gleichgültig
+war's, ob er Platt sprach oder Hochdeutsch. Streng genommen hätte hier
+ja überhaupt Platt gesprochen werden müssen; denn man war ja bei der
+Gründung eines Volksbundes. Darum war's auch ganz selbstverständlich,
+daß Schenker seinen Mund auftat, zumal nach allem, was er in Berlin
+gesehen. Die Herrschaften hier hatten sich schon daran gewöhnt, um so
+besser war's, wenn einer vom Lande kam und ihnen über die heillosen
+Zustände die Augen öffnete, um nicht einen ganz anderen Ausdruck zu
+gebrauchen. Aber der alte Schenker war ein feiner Kammerdiener, der
+in allem maßvoll blieb, -- trotz alledem -- besser gepaßt hätte ein
+anderes Wort --, aber abgesehen von den Kammerdienermanieren war man
+hier unter Damen.
+
+Hätte ihm einer vor drei Wochen gesagt, er werde in Berlin eine Rede
+halten, er hätte erwidert: ›Jau sin woll in'n Kopp all 'n bißken
+schwach?‹, und nun war's mit einemmal höchste Selbstverständlichkeit.
+
+»Exzellenz gestatten,« begann er, sich nach rechts verbeugend, und
+dann verbesserte er sich: »Exzellenz haben's ja selbst befohlen!« Er
+wandte sich an die Anwesenden: »Ick würd' ja nich die Unverschämtheit
+haben, wenn Exzellenz nich heute mittag gesagt hätten: ›Schenker, ich
+erwarte aber, daß Sie reden!‹ Ick tu' also man bloß meine verdammte
+Pflicht und Schuldigkeit! -- Lange will ick die Herrschaften auch nich
+aufhalten. Nur einen Wunsch hätt' ick. Und den muß ick aussprechen:
+nämlich, daß die Herren Vorstände gleich von vornherein in der
+Sittlichkeitsfrage scharf vorgehen. Denn det is 'n Morast, wo'n
+anständiger Mensch sich gar keine Vorstellung von machen kann. Herr
+Oberstallmeister hat ganz recht, wenn er sagt, für solche Arbeit
+taugten keine Glacéhandschuhe. Aber 'ne andere Frage is die, ob man
+nich lieber welche dazu anzöge.« Er blickte auf sein Gegenüber. »Ich
+tu's ja nich, gnädiger Herr, ick pack' zu, ick hab' die schmierigen
+Kerls mit ihren Geburtenverhütungsmitteln eigenhändig verhauen -- aber
+det muß ick doch sagen -- Schenkersch Vadder hat Reinlichkeitsgefühl,
+hinterher hab' ich mir gründlich gewaschen! -- Und um nu gleich auf die
+Großstadt zu kommen -- denn da kommt doch die ganze Geschichte her --
+das Weibervolk, was hier herumläuft, ick meine die Frauenzimmer mit den
+Florstrümpfen und edelsteinbesetzten Absätzen, die sollte der Bund man
+lieber gleich samt und sonders der Polizei übergeben, das Pack verführt
+ja nur die anständigen Frauen. Und was die Bundesarbeit anbelangt, so
+muß die christliche Frau feste rangekriegt werden; denn eher wird's
+nich anders! Von der Frau hängt's ab, wie das Hauswesen is, wie die
+Kinder erzogen sind, und ob der Mann ins Wirtshaus rennt oder nich. Das
+war vorhin sehr schön gesagt von die Familienmission, gnädiger Herr,
+ick bedanke mich ganz untertänigst für die Aufklärung, so halb und halb
+hatte ick mich das ja so vorgestellt, aber unsereins versteht nich,
+sich so fein auszudrücken. Und darum hab' ick noch eine ganz besondere
+Bitte.«
+
+Er wandte sich an Frau von Kambach.
+
+»Wir alle wissen, daß wir in dieser Sache ohne die Frau nich
+fertig werden. Es muß daher ganz genau gesagt werden, was wir
+von ihr erwarten. Und da mein' ick, keine könnte uns das besser
+auseinandersetzen, als Eure Exzellenz!« Und Schenkersch Vadder machte
+seine feinste Kammerdienerverbeugung und sagte mit einladender
+Handbewegung in seiner ehrerbietigen, aber bestimmten Art: »Darf ick
+bitten, Exzellenz?«
+
+Alles verkniff sich das Lachen.
+
+Drüben an der anderen Seite des Tisches scharrte der Krückstock.
+
+»Schenker! Schenker!« drohte die alte Dame, aber sie erhob sich und
+wandte sich, die Hände auf den Tisch stützend, ihren Gästen zu.
+
+»Ich bin gebeten worden, in der Frauenfrage das Wort zu ergreifen,
+und komme, entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit, in Versammlungen
+nicht zu reden, diesem Wunsche nach. Denn diese Versammlung ist nicht
+öffentlich,« -- ein vielsagender Blick streifte Fräulein Eichel --
+»auch stehe ich auf dem eigentlichen Arbeitsgebiet der Frau. Wir
+wurden vorhin ermahnt, der Treue im Kleinen nicht zu vergessen, der
+Arbeit am eigenen Herzen. Diese Mahnung gilt uns allen. Aber die
+Frau hat sie in besonderer Weise zu befolgen, weil sie die Hüterin
+des Familienlebens ist. Ich freue mich, hier nicht zu Frauen zu
+sprechen, die durch Reichsgottesarbeit glänzen wollen, sondern zu
+solchen, denen das Marienwort ›Siehe, ich bin des Herrn Magd!‹ der
+schönste Stein in ihrer Krone bleibt, deren Dienst Dank ist. Denen
+darum jeder Gedanke an die heutzutage allgemein gewordene, beliebte
+Grenzüberschreitung ferneliegt, die das Beste, was die Frau besitzt,
+ihre Würde und Reinheit, wie eine Königskrone hüten und bewahren. Ich
+will in dieser kurzen Stunde nicht die schweren Schäden aufdecken,
+welche die weibliche Grenzüberschreitung bereits geschaffen, -- das
+sind Dinge, deren Bekämpfung Sache eines besonderen Ausschusses sein
+werden, die ernsteste Ortsgruppenarbeit fordern, nur das eine will ich
+hervorheben, daß unser Volk sich an der Vermännlichung und Verbildung
+der Frau verbluten muß. Denn die Frau ist und bleibt die Pflegerin des
+Familienlebens und der Sitte, die Seele des deutschen Hauses. Begibt
+sie sich, dieses königlichen Vorrechts vergessend, auf das Ackerland
+des Mannes, so verwildert nicht nur ihr eigener Garten, sondern die
+großen Nationalgüter werden durch ihr Pflichtversäumnis geschädigt.
+Dann wird Eheirrung das geflügelte Wort, Ehescheidung steht auf der
+Tagesordnung. Die Weigerung der Mutterschaft führt zum Verbrechen am
+keimenden Leben. Unzucht verdrängt die Sittlichkeit. Und, Gott sei's
+geklagt, dahin kommt's nicht erst, so weit sind wir. Hier in die
+Bresche zu treten, ist Sache der bibelgläubigen deutschen Frau. Der
+Kampf an der breiten Öffentlichkeit ist Mannespflicht, die fein und
+still ergänzende Mitarbeiterschaft an dem großen Werk, das wir treiben,
+ist unsere Sache. Während die Männer das Kreuz in Deutschlands Gaue
+tragen, sollen wir die heilige Schwelle der Heimat hüten, sollen die
+Ewigkeitswerte schirmen, die unser irdisch Haus umschließt. Als Jesu
+Jüngerinnen sollen wir seine Liebe in die ärmste Hütte tragen, die
+eine köstliche Perle sollen wir unseren irrenden Schwestern bringen,
+eine starke unzerreißbare Kette sollen wir schließen und uns den
+unglücklichen Töchtern unserer Zeit entgegenstellen mit einem heiligen:
+›Bis hierher und nicht weiter!‹ ~Die Arbeit der Frau ist die vorhin
+schon erwähnte Familienmission.~ Wie wir sie treiben sollen? Durch
+Wort und Tat und Wandel, durch unentwegte Treue zu dem Gekreuzigten,
+durch das Vorbild der durch Gottes Geist geheiligten Persönlichkeit.
+Es kann darum nicht stark genug unterstrichen werden, daß die Arbeit
+am eigenen Herzen in erster Linie stehen muß, daß wir uns täglich mit
+unserem Tun und Lassen unter Gottes Wort stellen. Das muß gerade im
+Blick auf dies Werk unsere vornehmste Sorge sein, daß wir in Tat und
+Wahrheit Christen sind. ~Es ist viel wichtiger, daß unter hundert
+auch nur zehn Hausfrauen ihren Kindern treue betende Mütter, ihren
+Dienstboten gerechte liebevolle und fürsorgende Herrinnen sind, als daß
+eine große öffentliche Tagung glänzend verläuft.~ Wir können darum
+die persönliche Herzensstellung zu Gott und unserem Heilande nicht
+stark genug betonen. ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel
+in rechter Richtung‹, sagt Drummond. Ich möchte hinzufügen: daß wir
+immer mehr diese rechte Richtung gewinnen, ist unsere Lebensaufgabe.
+Es gibt auch eine heilige Einseitigkeit, nämlich die, welche den Blick
+unentwegt auf das Kreuz richtet!
+
+Das schöne Dichterwort: ›Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so
+frage nur bei edlen Frauen an‹, hat heute etwas von seinem guten Klang
+verloren. Unsere Sache ist es, die Saiten wieder auf den alten hellen
+Ton zu stimmen. Darum lassen Sie uns Sorge tragen, daß das Zeugnis des
+Altmeisters in unserem Leben, unserem Christentum Wahrheit werde, darum
+lassen Sie uns aber auch nie vergessen, daß nur ~die~ Frau im
+vornehmsten höchsten Sinne weiß, was sich ziemt, die sich die Antwort
+auf alle Fragen des Lebens unter dem Kreuz sucht.«
+
+Sie schwieg.
+
+Ehrerbietig stand der alte Schenker auf. »Ich danke untertänigst,
+Exzellenz!«
+
+Da erhob sich am anderen Ende des Tisches ein Großindustrieller, Herr
+Wehrmann.
+
+»Anknüpfend an das Drummondsche Wort, das Ew. Exzellenz eben
+gebrauchten: ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel in rechter
+Richtung‹, möchte ich daran erinnern, wie schwer es heutzutage, wo das
+Gold die Welt beherrscht, dem Kaufmann gemacht wird, sich die rechte
+Haltung der Seele zu bewahren und auf das Leben zu übertragen. Denn
+ein Christentum, das bloße Weltanschauung ist, und sich nicht durch
+die Tat bewährt, ist kein wahres Christentum. Nur wer sich nicht vom
+Geiste der Selbstsucht leiten läßt, wer Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit
+auch im Handel und Wandel durchsetzt, wer jene Fremdkörper, die unser
+Volk vergiften, erkennt und rücksichtslos bei Namen nennt, verdient
+den Namen eines ›Großindustriellen‹, eines wahrhaft ›königlichen
+Kaufmannes‹. Ich kann Ihnen aber sagen, meine verehrten Anwesenden,
+es kostet einen Kampf, im Erwerbsleben mit solchen Grundsätzen Ernst
+zu machen, zumal für den jungen ungefestigten Menschen, dem das Neue
+verlockend entgegentritt. Möchte es dem Bunde gelingen, auch in den
+vielversuchten Kreisen der Welthandelspolitik dem Christentum immer
+mehr Eingang zu verschaffen, daß der Glaube die Haltung der Seele
+werde, daß er Handel und Wandel die rechte Richtung verleihe. Nur
+die Krämerseele ist dem Golde dienstbar, der ›königliche Kaufmann‹
+beherrscht die Schätze der Erde; denn für ihn gilt das Wort: ›Dein,
+Herr, sind Silber und Gold!‹ Wer aber diesem Herrn dient, der regiert!«
+
+»Bravo! Das sollte unser Vorsitzender werden!« klang es gedämpft
+herüber und hinüber, während Herr Wehrmann sich setzte.
+
+Oberleutnant von Roselius hatte sich erhoben.
+
+»Darf ich mit ganz gehorsamsten Dank den Worten unserer hochverehrten
+Exzellenz von Kambach, die wohl uns allen aus der Seele gesprochen
+waren, die Bitte hinzufügen, daß die Arbeit der Frau die Theaterfrage
+umschließt? Ich meine nicht die Frage als solche, sondern die Frage
+weiblicher Fürsorge, den Theaterangestellten gegenüber. Sie ist sehr
+schwer zu lösen, ich möchte heute darum nur bitten, sich derselben
+später zu erinnern.«
+
+Ein biederer Bäckermeister empfahl, den Kinos zu Leibe zu gehen. »An
+diesem Gift geht Deutschland zugrunde,« schloß er seine kurze kernige
+Ausführung.
+
+»Gewiß,« bestätigte ein Arbeiter, der in Exzellenz von Kambachs
+Garten Schnee geschaufelt, »die Kinos sind 'n Verderb, aber die
+Schundliteratur is noch schlimmer. An das, was ich tagtäglich sehe und
+höre, gewöhn' ich mir, und schließlich tut' ich ins selbe Horn. Das
+is nich nur bei uns kleinen Leuten so, das is dieselbe Geschichte bei
+Herrschaften. Hier nimmt mich ja keiner meine unverblümte Aussprache
+übel, darum red' ich frei von der Leber weg!«
+
+»Sehr richtig,« klang's dazwischen, und der Alte schloß ermuntert: »Das
+Jux, was unsere Kinder da vorgesetzt kriegen, sollte man lieber gleich
+in'n Müllkasten schütten!«
+
+»Glauben Sie, daß die moderne Jugend sich ihr Futter nehmen läßt,« rief
+ein Charlottenburger Kirchenältester, »die buddelt ihr Konfekt wieder
+aus! Mit allen Hunden gehetzt ist die Gesellschaft! Aber das Ganze ist
+daran schuld; wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen!«
+
+»Die Sittlichkeitsfrage ist überhaupt so weit verzweigt, daß sie später
+zur Aufgabe eines besonderen Ausschusses gemacht werden sollte,« sagte
+Graf Brelow. »Zu den Gefahren, welche die Herren Vorredner anführten,
+gesellt sich noch manches andere. Abgesehen von der Unzucht an sich,
+möchte ich heute nur auf einige Punkte aufmerksam machen. Es sind die
+Schankwirtschaften, die Büchereien und die Sonntagsentheiligung.«
+
+»Je mehr Einzelschäden wir zusammentragen, um so trüber gestaltet
+sich das Gesamtbild,« meinte Exzellenz von Kambachs Hausarzt, der
+weißhaarige Geheimrat Groner. »Aber wir wollen keine Vogelstraußpolitik
+treiben, wir fordern die Wahrheit. Nur wer seinen Gegner kennt, kann
+ihn recht bekämpfen. Und wir haben ihn erkannt: Wir wissen, daß der
+riesenhafte Kampf, den Deutschland heute kämpft, der Kampf zwischen
+Glauben und Unglauben ist, zwischen dem lebendigen Gott und dem toten
+Götzen Mammon, -- mögen die Einzelschäden auftauchen, wo und wann sie
+wollen, mögen sie heißen, wie sie wollen, ihre Fäden laufen zusammen
+in der Abkehr von Gott, in der Feindschaft wider das Kreuz. Darum der
+Sittenverfall im deutschen Land. Denn das Volk, das den Glauben an
+einen persönlichen lebendigen Gott verwirft, muß von der Höhe seiner
+Kultur in die Tiefe stürzen, ob es der Antike angehört oder sich als
+Weltanschauung des modernen Heidentums monistisch zurechtstutzt. Daß
+der Bund das offen bei Namen nennt, daß er das geringste Zugeständnis
+nach links, daß er die sogenannte ›Gleichberechtigung der Richtungen‹
+glatt ablehnt, wird ihm viele zu Gegnern machen, die einer gemäßigteren
+Losung vielleicht gerne zugestimmt hätten. Aber lassen wir uns nicht
+irremachen. Gerade in dieser Stellung liegt unsere Kraft. Denn
+nicht nur unsere Ewigkeit gründet sich einzig und allein auf die
+geoffenbarten Heilstatsachen, auf den Glauben an Jesum Christum, den
+gekreuzigten und auferstandenen ewigen Sohn des lebendigen Gottes,
+auch unseres Volkes Erdenglück und Zukunft stehen und fallen mit
+seiner Stellungnahme zum Kreuz. Darum, -- wollen wir in Wahrheit
+Deutschlands Helfer sein, so muß es heißen: ›Landgraf, werde hart!‹
+Hart gegenüber jeder Falschmünzerei, wie sie auch heiße, hart gegenüber
+dem Feinde, der unserem Volke die Grundlagen seines Christenglaubens
+untergraben will. Und nicht nur heilige Abwehr gilt's, sondern, wie
+uns vorhin so treffend gesagt wurde: Gegenmobilmachung, Angriff. Das
+biblische Evangelium in das nationale und sittliche Volksleben, in das
+kirchliche, in das Familien- und Einzelleben, hineinzutragen oder das
+verlöschende neu zu entfachen, das ist die Aufgabe der Bekenner und
+Bekennerinnen Jesu Christi.
+
+Möchte jeder von uns an seinem Teil, von der Liebe regiert, vom Geiste
+Gottes geleitet, dazu beitragen, diese gewaltige Aufgabe zu lösen!«
+
+Oberstallmeister von Kambach ergriff das Wort.
+
+»Mit herzlichem Dank für die mancherlei wertvolle Anregung möchte
+ich noch auf eins hinweisen, das ich vorhin außer acht gelassen
+habe, das aber auf unserm Programm nicht vergessen werden darf: der
+Bund lehnt jede Parteipolitik grundsätzlich ab. Nicht, daß er sich
+seines Einflusses auf die Politik als solche begeben will. Es ist ein
+Irrtum, Religion und Politik zu scheiden. Politische Verhältnisse sind
+nicht, -- wie viele glauben -- allein entscheidend für nationales
+Glück oder Unglück. Sie sind Werkzeuge Gottes, die in seinen Händen
+Zuchtruten oder Gnadenerweise werden, -- ganz gewiß! Aber der tiefste
+Grund völkischer Reaktion liegt lediglich in der Stellungnahme zu dem
+persönlichen Gott. Darum können und dürfen wir Christentum und Politik
+nicht trennen. Nur Parteipolitik gehört nicht hierher.
+
+Ich schließe mit einem Wort Spurgeons: ›Der Teufel hat nie ein größeres
+Kunststück ausgeführt, als da er den gläubigen Christen weismachte, die
+Religion gehöre nicht in die Politik. Ich wüßte kein Gebiet, wo sie
+mehr hineingehörte!‹ -- Darum vorwärts in der Kraft des Kreuzes, im
+Namen Gottes!«
+
+»Bravo!!« klang's einstimmig von allen Seiten. »Sehr richtig!«
+
+Der alte Bühler blickte auf die Uhr, nickte dem Oberstallmeister zu und
+sagte: »Da wir die wirtschaftliche Frage morgen in einer Sondersitzung
+behandeln wollen, darf ich vielleicht mit Rücksicht auf unsere gütige
+Wirtin den Schluß der Sitzung beantragen. Nur noch eine Frage. Haben
+wir eigentlich einen Direktor in Aussicht?«
+
+»Bis jetzt noch nicht, Erlaucht. Meine Mutter und ich haben uns die
+größte Mühe gegeben, aber die Persönlichkeit für diesen Posten ist
+nicht so leicht zu finden. Ich wäre sehr dankbar für jeden Hinweis. Da
+wir nicht eher an die Öffentlichkeit treten können, wäre eine baldige
+Erledigung der Frage dringend erwünscht.«
+
+»Nur keine Übereilung, Karl Heinrich,« sagte Frau Sabine. »Wir brauchen
+eine Persönlichkeit aus einem Guß.«
+
+»Sei unbesorgt, Mama. Einen, der für liberale Rutschpartien zu haben
+ist, nehmen wir nicht.«
+
+Sie lächelte. Das wußte sie wohl. Dafür stand ein Kambach an der
+Spitze. Aber es gab viel zu bedenken bei dieser Wahl. Sie war ihr
+längst ein heiliges Gebetsanliegen.
+
+ * * * * *
+
+Die Sitzung war geschlossen. Es war still geworden im Hause. Die
+müde Greisin bedurfte der Ruhe. Sibylle ging in ein Konzert. Der
+Oberstallmeister wollte noch einen alten Freund aufsuchen.
+
+»Hab' ich dir eigentlich schon erzählt, Mama, daß Pastor Wendler sehr
+krank an einer Art gastrischem Fieber ist?« fragte er abschiednehmend.
+»Die Aufregungen der letzten Zeit sollen daran schuld sein, vor allem
+die Geschichte mit der Lehrerfrau. Daß er die Rede an Eberhards Sarg
+nicht halten konnte, war ja klar, aber leicht war's nicht für mich,
+als ich ein paar Tage danach von seiner Erkrankung erfuhr. Er hat sich
+gleich nach Drachenburg ins Krankenhaus begeben. Zweimal war ich da,
+wurde aber nicht vorgelassen. In den letzten Tagen habe ich nichts
+gehört. Übermorgen will ich in Drachenburg einen Zug überschlagen und
+noch einmal versuchen, ihn zu sehen.«
+
+Sie hatte ihm aufmerksam zugehört.
+
+»Ja, tu' das!« bat sie. Ihre ganze Seele lag in den Worten.
+
+Er küßte ihre Hand.
+
+»Versprich dir nicht zuviel davon, Mama!«
+
+»Geh' nur, Karl Heinrich!« --
+
+Und dann rüstete sie sich zur Nacht.
+
+Beim Schein der Lampe saß sie, das weiße Haupt über die Bibel geneigt.
+
+›Es war aber ein Jünger zu Damaskus, mit Namen Ananias. Zu dem sprach
+der Herr im Gesicht: ›Ananias!‹ Und er sprach: ›Hier bin ich, Herr!‹
+Der Herr sprach zu ihm: ›Stehe auf und gehe hin in die Gasse, die da
+heißt die Richtige, und frage in dem Hause des Judas nach einem, namens
+Saul, von Tarsus; denn siehe, er betet.‹
+
+Von den Türmen riefen die Uhren. Die Greisin schloß das heilige Buch
+und trat ans Fenster. Sterngefunkel grüßte die Erde.
+
+Sie blickte empor.
+
+›Denn siehe, er betet!‹ --
+
+Ihre Seele breitete die Flügel und zog durch die schlafenden Lande,
+höher, immer höher hinan. Wege, die nur der Glaube kennt, die nur der
+Glaube geht.
+
+Ein hoher Schein stand über dem Werk des vergangenen Tages, bis in
+die Ewigkeit ihres Volkes hinein reichte die Arbeit, um die sich eine
+kleine Schar deutscher Männer und Frauen zum erstenmal gesammelt.
+
+Und Glaube war's, der in leuchtender Märznacht die Spule ergriff und
+den Webstuhl umschritt, der mit feinen goldenen Fäden das Geschick
+eines Starken mit seines Volkes Geschichte verknüpfte.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Der alte Krückstock.
+
+ Es klingt ein Ton in den Garten hinaus:
+ Großmutters Krückstock wandert durchs Haus.
+
+ Großmutters Krückstock, verbraucht und alt --
+ Es naht die liebe gebeugte Gestalt.
+
+ Die alte Zeit tritt leise herein,
+ Erinnerung webt ihren Schleier fein.
+
+ Ein welkes Myrtenkränzlein erblüht,
+ Gelbveiglein duftet, der Thymian glüht.
+
+ Die Spindel schnurrt, das Märchen wird wach
+ Und huscht verstohlen durchs stille Gemach.
+
+ Zieht aber feiernd der Mond herauf,
+ Schlagen greise Hände die Bibel auf.
+
+ Dann spricht die Ahne das Nachtgebet --
+ Es scharrt der Krückstock -- ›Kind, -- es ist spät!‹
+
+
+Frühlingszauber in der märkischen Heide! Singen und Klingen über
+Sumpf und Sand, über dem stillen schwermütigen Lande mit seinen
+verträumten Seen und sonnigen Hügeln! Lerchen jubelten in den Lüften,
+Schwalbenschwänze und Feuerfalter gaukelten über bunten Ackerkräutern.
+Und ein Surren und Summen ringsum in Gras und Farn, über junger Saat
+und blühenden Sträuchern. Der ganze Zauber des märkischen Tieflandes,
+dessen sanft gewellte Heidstrecken und leuchtende Fernblicke die arme
+nordische Ebene so wunderlieblich schmückten, war vom Winterschlafe
+erwacht und grüßte die Heimat. Und das junge Leben und Weben in Wald
+und Wiese war schön, wie ein Stück Sonntagsfreude!
+
+Hell und freundlich grüßte das Gutshaus, vom goldenen Schleier
+knospender Linden umweht, herüber. Breit und behaglich lag's im Kranz
+strohgedeckter Scheunen. Die Fenster blinkten in der Sonne, als
+brennte das Haus, ein warmer Schein spielte um das alte Schieferdach.
+Goldlack und allerhand altmodische Blumen dufteten hinter den weißen
+Mullgardinen, eine Gartenbank aus dem vorigen Jahrhundert erzählte ein
+Stück Familiengeschichte, und hochgemut grüßte der Hausspruch über dem
+Eingang:
+
+ ›Gott, wer zu dir sich stellet,
+ Hat sicher sich gestellt,
+ Wer sich zu dir gesellet,
+ Der hat sich gut gesellt!‹[4]
+
+Das war der Witwensitz der Frauen von Kambach. Wie ein stiller Zeuge
+ihrer starken stillen bodenständigen Art, ragte der schlichte Bau ins
+märkische Land hinaus.
+
+Hinter dem Hause, wo der Garten sich in Wiesen verlor, war alles
+veilchenblau, und süßer Duft wehte über den Wegen. Weit hinaus schaute
+das Auge. Wie ein feiner duftiger Aquarell lag die überschwemmte
+Ebene im Sonnenglanz. Der Birken lichtgrüne Schleier wehten über
+dem Moor, und das weiße Sumpfgras blühte. Weiterhin eine zerzauste
+Kiefernkrone über sprossendem Schilf und blühendem Dorn, dahinter die
+Ferne, duftig wie ein Hauch. Keine feste Linie mehr, -- ein Traum
+von rosa Heidhügeln, von blauen Seen und lauschigen Wasserstraßen,
+von efeuumsponnenen Domen, verwitterten Edelsitzen und verlassenen
+Kirchhöfen, -- Fontanes tiefsinnige Poesie war erwacht und grüßte die
+Heimat! -- --
+
+Zwei Frauen saßen auf der Bank in der Sonne. Eine alte und eine junge.
+Die Greisin blickte sinnend in die Weite, die andere schaute vor
+sich nieder, als quäle sie des Lebens Alltäglichkeit. Ein unsäglich
+schwermütiger Zug lag in dem schönen Antlitz der jungen Frau, die in
+wenig Monden zum erstenmal Mutter werden sollte, ein abgrundtiefes
+Leid. Und die Alte im weißen Haar fühlte: es war eine von den Lasten,
+denen morgens der erste Gedanke gilt, die abends die letzte Träne
+befeuchtet, die sich in der Stille der Mitternacht auf die Seele legen
+wie ein Alp.
+
+Das härteste aber war: dem jungen Weibe fehlte die Tragkraft. Es gibt
+Frauen, die wie ein klarer rascher Bach ihre Stärke an des Lebens
+Last erproben, die, je länger, je mehr, die Kunst des Tragens lernen,
+deren Spannkraft unter ihrer Bürde wächst -- Ilse Bühler gehörte
+nicht zu ihnen. Sie welkte unter ihrer Last dahin. Mühselig schleppte
+sie sich von einem Tag zum anderen. Nur die Hoffnung hielt sie noch
+aufrecht: ›Es ist ein Übergang! Wenn er sein Kind in den Armen hält,
+wenn ich ihm wieder bin, was ich ihm einst in den ersten Tagen der
+Ehe war: die jugendschöne, sonnige Frau, -- dann, dann wird's sein
+wie einst!‹ -- Und sie vergaß über ihrer brennenden Weibessehnsucht,
+wie tief sie sich selbst und den Mann, den sie liebte, mit diesem
+Gedanken erniedrigte, wie sie, auf die innerste, seelische Gemeinschaft
+verzichtend, das Allerheiligste der Ehe entweihte und veräußerlichte,
+vergaß vor allem, daß diese Hoffnung ein Trugbild war, die angesichts
+der Wirklichkeit in nichts zerrinnen mußte, -- vergaß, daß Wolf
+Dietrich weniger Augenblicksmensch, als kalter berechnender Selbstling
+war. Einem bösen schlimmen Wort aber, das er in schwerer Stunde zu ihr
+gesprochen, glaubten Frauenliebe und Weibessehnsucht seinen schärfsten
+Stachel nehmen zu dürfen, -- es war nicht so gemeint, er sprach's in
+der Erregung! Aber es war so gemeint. Klar und deutlich hatte er's
+ausgesprochen: ›Ich will keine Kinder, höchstens dies eine; wozu
+habe ich eine schöne Frau? Dazu stehe ich nicht in einem eleganten
+Regiment!‹ -- Wohl gab es Stunden, wo die wahre Erkenntnis in der Seele
+der jungen Gräfin erwachte und sie zu erdrücken drohte. Aber bisher
+war's ihr wieder und wieder gelungen, die Schatten, die ihr Glück
+verdunkeln wollten, zu verscheuchen. Nur in letzter Zeit und besonders
+in dem stillen Dreilinden, wo sie während Fräulein Eichel's kurzem
+Urlaub der Großmutter Gesellschaft leistete, legten sich die Gedanken
+wie ein Bann auf ihr Herz.
+
+›Es sind Nerven,‹ sagte sie sich und schob sie beiseite.
+
+Aber sie kamen wieder und wurden ihr zur Qual. -- --
+
+Ilse Bühler war nicht im landläufigen Sinne oberflächlich. Sie hätte
+mit dem Manne, den sie liebte, hellen Auges trocknes Brot gegessen, und
+gehörte nicht zu den jungen Frauen, die nur nach Tand und Vergnügen
+fragen. Dafür hatten schon Elternhaus und Erziehung gesorgt. Aber
+ihrem Wesen fehlte die Tiefe und darum die Kraft. Was ihr Vater
+vorausgesehen, traf -- viel früher als er's erwartet -- ein: sie ging
+an dem Wesen ihres Mannes zugrunde. Nicht stark genug, um dem Sturm
+zu trotzen, ward ihr die gemeinsame Not zu schwer. Es kam hinzu, daß
+ihr das tiefste religiöse Bedürfnis fehlte. So blieb ihr Leben arm und
+leer, und die Zeit, die ihrer Seele zur Festigung hätte dienen können,
+verstrich ungenützt. Sie verstand das Kreuz nicht, darum vermochte sie
+nicht, es im Glauben zu umfassen.
+
+»Wenn er sich nur ein einziges Mal auf das Kind gefreut hätte,« sagte
+sie mit erstickter Stimme und wandte das Gesicht zur Seite.
+
+Exzellenz von Kambach schwieg. Was sollte sie sagen? Ihre Sorgen
+waren viel ernsterer Art als die ihrer Enkelin, welche glaubte,
+die Entfremdung ihres Gatten allein in den augenblicklichen äußeren
+Verhältnissen suchen zu sollen. Die Großmutter blickte tiefer.
+Abgesehen davon, daß Roselius in den letzten Wochen öfter bei ihr
+gewesen und eingehend mit ihr über den Kameraden, in dessen Hause
+er seit seiner Verheiratung viel verkehrte, gesprochen, hatte sie
+selber längst mit dem feinen Gefühl der reifen Frau bemerkt, daß
+diese Ehe nie eine glückliche werden würde. Bühlers leichtlebiger
+und leidenschaftlicher Charakter forderte sprühende Sinne. Die
+zarte Hingabe seiner Frau mußte seinem Wesen auf die Dauer nicht
+nur widersprechen, sondern die Gatten einander entfremden. Ilses
+Vater hatte das alles vorausgesehen und sie gewarnt. Aber in ihrer
+blinden Liebe zu dem schönen ritterlichen Manne hatte sie seine Worte
+in den Wind geschlagen. Nun war das Unglück da. Was ihn in einem
+kurzen Brautstand entzückt, was seinem eitlen Charakter vorübergehend
+geschmeichelt, langweilte Bühler auf die Dauer. Er wußte selbst nicht
+warum. Daß die Reinheit der Frau, die er an sich gebunden, seine Seele
+immer wieder an empfindlicher Stelle traf, gestand er sich nicht ein.
+Und doch war dies der tiefste letzte Grund, daß er sich immer mehr von
+ihr zurückzog. Er hatte die Braut in seiner Art geliebt, d. h. seine
+Leidenschaft hatte sich an ihrer Schönheit berauscht. Die Ehe, Ilses
+schonungsbedürftiger Zustand, die Enttäuschung, mit seiner jungen
+Gattin nicht bei Hofe glänzen zu können, der Gedanke, ›übers Jahr ist's
+vielleicht nicht anders!‹ -- das alles reizte und verstimmte ihn. Und
+nicht gewohnt, sich in Zucht zu nehmen, ließ er seine Launen an ihr aus
+und ging seine eigenen Wege. Wohin die aber führten, ward der greisen
+Exzellenz je länger, je mehr zur Gewißheit.
+
+»Manchmal überkommt mich eine wahre Angst vor der Zukunft, Großmama,«
+klang's leise und gepreßt an ihrer Seite. »Ich glaube, Wolf Dietrich
+wäre entsetzt, wenn wir mehr als ein Kind bekämen ...«
+
+»Mit dieser Möglichkeit wird er sich doch aber abfinden müssen.«
+
+Einen Augenblick war's still. In die blassen Wangen der jungen Frau
+stieg flammende Röte. Sie wandte sich ab. »Ich glaube nicht, daß er das
+tut,« sagte sie mit zerdrückter Stimme.
+
+»Ilse!« Die alte Dame legte die Hand schwer auf den Arm der jungen.
+»Und -- und du?«
+
+»Ich -- ich muß gehorchen!« klang tonlos die Antwort.
+
+Wieder war's still.
+
+Mit gefurchter Stirn blickte die Greisin in den Frühlingstag hinaus.
+
+Ein abgrundtiefes Frauenleid lag vor ihr ausgebreitet, das Martyrium
+des Weibes, dessen tiefstes Empfinden noch wurzelecht, dessen Sehnsucht
+noch rein und natürlich ist. Und gerade sie, deren Seele ungefestigt
+war, deren Charakter erst reifen sollte in der Schule des Lebens, die
+in dieser Stunde nichts besaß, als die Sehnsucht, ihr Kindlein ans
+Herz zu drücken, gerade sie mußte die Verachtung der Mutterschaft aufs
+tiefste kränken.
+
+Und dann klangen Worte neben ihr, die sie trotz allem, was sie in den
+letzten Wochen erlebt, nicht für möglich gehalten, -- leise und scheu,
+unter dem Druck tiefsten Leides: »Eigentlich -- wollte er's schon
+diesmal nicht!«
+
+Es ging über die Kraft der Sprecherin. Sie barg das Gesicht in den
+Händen und schluchzte wie ein Kind.
+
+Sprachlos saß Frau von Kambach da. In ihrer Seele lohte der Zorn. War's
+menschenmöglich, daß das von einem Bühler gesagt wurde? Von einem
+märkischen Edelmann? Einem Christen? Ach, das war ja die Ursache aller
+Not -- er war kein Christ! Ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde
+war dies Leid, das ihr besonders schwer auf die Seele fallen mußte.
+
+Die Ursache des großen völkischen Niederganges umschloß das schwere
+Einzelurteil: kein Christ! Und es wollte etwas in dem alten treuen
+Herzen zerspringen bei dem Gedanken: ›Von oben nach unten! An dem
+Kindermord in unserem Vaterland sind schuldig, die deines Blutes sind
+-- wir, der deutsche Adel!‹
+
+Wo wollt's hinaus? Stand die Welt auf dem Kopf, daß alles, was sonst
+hoch und heilig gehalten ward, mit Füßen getreten wurde? Und in
+tausend und abertausend Fällen, wie hier, aus dem leichtfertigsten
+oberflächlichsten Grunde, -- um Frauenschönheit, um Spiel und Tanz,
+um bequemes Leben! -- Diesmal hatten sich Mutterhände schützend über
+die Wiege eines mit heißer Sehnsucht erwarteten Kindleins gebreitet,
+-- übers Jahr würde es heißen: ›Ich muß gehorchen!‹ -- Aber wie oft
+war's gerade das Weib, das sich seiner höchsten Würde in unfaßlicher
+Leichtfertigkeit entäußerte und sich seines heiligsten Dienstes mit
+der schamlosen Begründung weigerte: ›Ich will mir nicht die Saison
+verderben!‹ So sprachen deutsche Frauen!
+
+Der greisen Brandenburgerin war's oft ums Herz, als habe sie keine
+Heimat mehr, als sei das Land, darin sie lebe, ein fremdes, mit neuen
+Sitten, neuen Bräuchen und -- das war das Schwerste, Unerträglichste
+-- neuem Glauben. Denn nie wär's so weit gekommen, hätte Deutschland
+nicht seines Gottes vergessen! Aber der Abfall vom Kreuz konnte nur
+Entsittlichung bringen, und der Geburtenrückgang war ihre erste Frucht.
+Ein religiös sittlicher Schaden der Ruin eines ganzen Volkes! -- --
+
+Ihre Gedanken kehrten zum eigenen zurück. Mit zitterndem Arm umschlang
+sie die Enkelin.
+
+Da legte Ilse Bühler den Kopf an die Schulter der Großmutter und weinte
+sich satt.
+
+Sanft strich Frau Sabine über das blonde Haar.
+
+Was war in ein paar Monaten aus dem blühenden Mädchen geworden? Eine
+müde überzarte Frau, deren Gesundheit schon jetzt Grund zu ernster
+Sorge gab. Ihre Gedanken wanderten. Könnte sie Ilse, um ihr die
+täglichen Aufregungen fern zu halten, wenigstens in den beiden nächsten
+Monaten zu sich nehmen! Bühler kam in diesen Tagen, um seine Frau
+wieder abzuholen. Sie wollte mit ihm sprechen. Aber Ilse sollte nichts
+vorher erfahren.
+
+Grundsätzlich war Frau von Kambach freilich gegen diesen Gedanken.
+Aber so, wie die Dinge lagen, erkannte sie ihn beinahe als eine
+Lebensforderung. Denn wer sollte sich in jener Zeit der jungen
+Frau annehmen? Eine Mutter hatte sie nicht; Gräfin Bühlers für ein
+Krankenzimmer vollständig ungeschulte Persönlichkeit hätte mehr
+geschadet als genützt, auf andere Verwandte war nicht zu rechnen;
+Sibylle war seit einigen Tagen Harros Braut, und sie selbst mit ihren
+Altersbeschwerden, ihrem ungelenken Körper paßte nicht mehr in den
+Rahmen einer jungen Häuslichkeit. Hier aber in der Stille des kleinen
+Dreilindens, in Fräulein Eichels treuer Pflege war mehr Aussicht,
+der zarten Frau in schweren Tagen zu helfen, als in Drachenburg oder
+Kambach. Das wollte sie dem Enkel sagen und zugleich die Gelegenheit
+benutzen, ihm noch einmal ins Gewissen zu reden. Ob viel dabei
+herauskommen würde, war eine andere Frage, doch sie sagte sich: ›Dann
+hast du wenigstens deine Pflicht als Großmutter erfüllt!‹
+
+Aber während sie sinnend in die Weite blickte, erwachte ein Zweifel in
+ihrer Seele: würde Ilse dieser Gedanke nicht verletzen, würde sie ihn
+nicht zurückweisen? Sie sah auf die Enkelin nieder. Sie war ruhiger
+geworden, aber der gesenkte Kopf mit der schweren blonden Flechtenkrone
+lehnte noch immer an ihrer Schulter.
+
+Schweigend hielt sie sie umfaßt.
+
+Sie hatte ihr nichts Neues zu sagen. Den Rat, fest auf Gott zu
+vertrauen, hatte sie ihr wieder und wieder gegeben, auch heute noch.
+Ilse hatte auch versucht, sich an den treuen Worten der Großmutter
+aufzurichten, aber ihre zarte empfindsame Natur war nicht stark genug,
+um über irdische Not hinwegzublicken. Es kam hinzu, daß ihre Stimmung
+von ihrem Befinden abhängig war, daß ihr nervöser Zustand sie Schein
+und Sein nicht mehr unterscheiden ließ.
+
+Trotzdem war Frau von Kambach überrascht, als sie, sich aufrichtend,
+sagte: »Großmutter, ich hab' eine große Bitte an dich! Du wirst sie
+vielleicht nicht verstehen und mich abweisen, wirst sagen: ›Die Frau
+gehört in das Haus ihres Mannes!‹ Das tut sie auch. Aber, Großmutter,
+-- ich -- ich kann nicht mehr, körperlich und seelisch nicht!! Wenn
+ich eine Weile Ruhe hätte, würd's wieder gehen, aber jetzt in dieser
+Verfassung dies Leben ertragen« -- sie brach, über die eigenen Worte
+erschreckend, jäh ab.
+
+Aber die Großmutter legte ihre schlanke feine Hand auf die der jungen
+Offiziersfrau.
+
+»Weiter, Ilse!«
+
+Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann sagte Ilse Bühler tief
+errötend: »Großmama, laß mich hier bleiben, bis alles vorüber ist!«
+
+Frau von Kambach antwortete nicht. Dieselben Wege, die sie in
+fürsorgender Liebe gewandert war, ging eine andere in unüberwindlicher
+Furcht.
+
+Und das Warum stockte der alten Frau auf der Lippe. Aber dann machte
+sie sich stark und sprach's dennoch aus.
+
+Ilse strich das Goldhaar aus dem erhitzten Gesicht. »Warum?« Sie senkte
+den Blick, und die Lippen zuckten. »Großmama, du weißt es doch, -- weil
+-- weil's zu Hause unmöglich ist.« Und stockend kam's hinterdrein: »Ich
+habe gestern schon mit Sibylle darüber gesprochen. Sie meint auch, es
+gehe nicht. Und wenn sie es meint -- Wolf Dietrich ist doch ihr Bruder,
+und auf Billy hört er noch am ersten.«
+
+Schweigend hatte Exzellenz von Kambach zugehört. Die einfachen Worte
+erzählten eine große Tragödie. Ungewollt -- unbewußt: ›Es geht nicht,
+Billy sagt es auch!‹ -- Die Frau, die noch kein Jahr verheiratet war,
+hatte keine stille Stätte im Hause ihres Mannes -- »wenn ich eine Weile
+Ruhe hätte, würd's wieder gehen!« So mußte sie sprechen, um ihrer
+selbst, um ihres Kindes willen. Ob sie die ganze Tragweite ihrer Worte
+ahnte? Die Greisin, die wie wenige das Leben kannte, glaubte es nicht.
+Aber, daß sie litt, war klar, daß eine Wunde blutete und blutete. Frau
+von Kambach sagte sich: ›Wenn Gott nicht ein Wunder tut, wird sie nie
+heilen, nie vernarben!‹
+
+»Weiß Wolf Dietrich von dem Gedanken?« fragte sie.
+
+»Nein, ich wollte dich erst fragen und dich bitten ...«
+
+»Ich soll's ihm sagen?« Die alte Frau schüttelte den Kopf. »Kind, Kind,
+ihr seid weit gekommen in den paar Monaten eurer Ehe! Nimmst du die
+Sache nicht zu schwer, Ilse?«
+
+Die junge Gräfin schwieg. Das letzte, tiefste, das sie kaum zu glauben
+wagte, das je und dann wie ein Gespenst in ihrer Seele auftauchte und
+wieder verschwand, das konnte und wollte, -- das durfte sie niemand
+sagen. Auch der Großmutter nicht. Es war ja nur ein Schatten, der
+auf ihren Weg fiel; woher er kam, was er bedeutete, wußte sie nicht,
+wollt's auch nicht wissen, -- etwas Unwirkliches war und blieb es, dem
+Gestalt und Leben fehlten. Herr Gott, -- ja -- sie fehlten! Vielleicht
+war's das Beste! Aber warum stürmten die Gedanken immer wieder auf
+sie ein? Fast erschien es ihr ein Verbrechen, einen Verrat, daß sie
+ihnen Einlaß gewährt, daß sie immer wieder jener Stimme lauschte.
+Die flüchtige Bemerkung einer älteren Dame, welche vor seiner Heirat
+stark auf Graf Bühler für ihre Tochter gerechnet hatte und seiner
+jungen Frau nicht gerade wohlgesinnt war, hatte den ersten heimlichen
+Zweifel in Ilses Herz getragen. Eine Bemerkung wie hundert andere
+war's gewesen, aber ihr feines weibliches Gefühl sagte ihr, daß sie
+heimliches Gift barg. Wolf Dietrich Bühler war als eleganter Vortänzer
+bekannt. Die Feststellung dieser Tatsache an sich hätte nicht zu
+befremden brauchen. Aber der Ton, mit dem Frau von Kazarwsky über eine
+Berliner Schauspielerin, mit der er auf einem Kostümfest den ersten
+Walzer getanzt, sprach, ließ die Gräfin aufhorchen. Sie hatte es
+sowieso schon empfunden, daß Wolf Dietrich sich in diesem Winter nicht
+auf den Besuch der Hoffeste und Regimentsbälle beschränkte, sondern
+zahllose Einladungen angenommen, die er hätte ablehnen können. Die
+Abende, an denen er ihr Gesellschaft geleistet, konnte sie zählen, und
+dann war er schlecht gelaunt gewesen, nervös, gelangweilt! --
+
+Sie seufzte. »Großmamachen, du weißt ja, wie es bei uns aussieht,«
+sagte sie traurig. »Ich will mich wahrhaftig nicht besser machen, als
+ich bin, aber ich weiß nicht, was ich tun soll, um diesen Zustand zu
+ändern.«
+
+Verzweifelt klang's. -- --
+
+Ein Wagen rollte über den Fahrdamm.
+
+Gräfin Bühler lauschte hinüber. »Das ist Mama mit dem Brautpaar!«
+
+Die alte Exzellenz erhob sich. »Ich will mit Wolf Dietrich sprechen,
+Ilse,« sagte sie, während sie in das Haus gingen. »Aber wenn er nein
+sagt, mußt du dich fügen!«
+
+Schwermütig blickten die blauen Augen der jungen Frau über die
+blühenden Wiesen in die sonnige Weite. »Er sagt nicht nein!« entgegnete
+sie leise.
+
+Und Frau von Kambach widersprach nicht.
+
+ * * * * *
+
+Sibylle Bühler war eine reizende Braut. Das Glück strahlte ihr aus
+den Augen und machte sie noch schöner. In einem eleganten fliederlila
+Straßenkleide saß sie ihrem Verlobten gegenüber im offenen Landauer,
+und winkte schon von weitem ihrer geliebten Exzellenz und der
+Schwägerin zu.
+
+Dann hielt der Wagen. Sie war die erste, welche die Greisin begrüßte.
+
+»Nun werd' ich auch eine Kambach!« jubelte sie und küßte wieder und
+wieder ihre Hände.
+
+Frau Sabine schloß ihren Liebling in die Arme: »Willkommen in
+Dreilinden, liebes Kind!« sagte sie mit mütterlicher Herzlichkeit.
+»Möchte mein Enkel sich deiner würdig zeigen!«
+
+In die warme Freundlichkeit mischte sich milder Ernst, Ein feines Rot
+stieg in die Wangen der Braut. Zum zweitenmal ward ihrem Verlobten eine
+Mahnung aus berufenem Munde zuteil. Heute sprach die Liebe sie aus,
+gestern die Gerechtigkeit. Streng und scharf hatte der Empfang des
+Großvaters auf der Bühler Freitreppe gelautet: »Ich wünsche Ihnen von
+Herzen Glück, mein lieber Kambach! Ob ich meine Enkelin beglückwünschen
+darf, weiß ich nicht!«
+
+Harro hatte vor dem Manne im weißen Haar geschwiegen, sie selbst einen
+Augenblick mit den Tränen gekämpft. Ihre Mutter, die immer Herrin
+der Lage blieb, stellte mit einer Bemerkung über das gute Aussehen
+des Schwiegervaters äußerlich das Gleichgewicht wieder her, aber der
+Schatten, der sich auf die Stunde des Glückes gelegt, ließ sich nicht
+ganz verscheuchen. Zumal Sibylle, die den Großvater so zärtlich liebte,
+konnte diesen Empfang nicht begreifen. Erst das Wort der Frau, die sie
+wegen ihrer gerechten Denkweise so hoch verehrte, half ihr die Art
+des Greises auch in dieser Stunde verstehen. Sie begann einzusehen,
+daß sein Glückwunsch, von seinem Standpunkt aus, nicht anders lauten
+konnte. Er war niemals für die Verlobung gewesen, und hätte sie
+am liebsten verhindert. Freude darüber zu heucheln, hätte seiner
+großzügigen aufrichtigen Natur widersprochen. Aber nicht nur das --
+sein Wahrheitsgefühl forderte es, der persönlichen Empfindung in diesem
+Augenblick Ausdruck zu verleihen. Daß seine Meinung schroff herauskam,
+lag in der ihm eigenen Schärfe und in der Natur der Sache. Noch niemals
+hatte sich ein rechter Bühler mit etwas einverstanden erklärt, wenn
+er es nicht war. Der alte konservative Geist, der keine Neuerung, wie
+sie auch heißen mochte, ertrug, kam hinzu, der schärfere Ehrbegriff,
+die straffere Zucht einer vergangenen Zeit. Und Sibylle mühte sich,
+einem großen edlen Charakter gerecht zu werden. Aber leicht war's
+nicht, weil das Wort des Großvaters eine bittere Wahrheit enthielt.
+Sie wußte, es richtete sich gegen Vergangenes. Das tat ihr weh. Ihre
+Liebe hätte es gern bedeckt. Aber auch des Gegenwärtigen gedachte der
+Erblandmarschall, denn die Glaubenslosigkeit eines deutschen Mannes
+bedeutet für ihn einen sittlichen Mangel.
+
+Das alles hatte sie vor ihrer Verlobung gewußt. Mit dem Mute echter
+Frauenliebe hatte sie, ohne ihre Kraft zu überschätzen, dem Vertreter
+einer atheistischen Weltanschauung das Jawort gegeben. Sie wußte,
+daß sie in ihrer jungen Ehe entweder mit Nietzsche und Schopenhauer
+zu kämpfen haben würde oder mit religiöser Gleichgültigkeit. Auf das
+erste richtete sie sich mit dem Wagemut des Glaubens, vor dem zweiten
+bangte ihr, -- dennoch -- es gibt Frauen, denen ihre Liebe allezeit und
+allerorten die königliche Gebieterin bleibt. Das Schwerste wird ihnen
+leicht, das Unmögliche dünkt sie möglich, sie glauben und hoffen alles.
+Und wenn ihre Zuversicht zuschanden wird, bereuen sie nicht, sondern
+sagen sich: ›Ich tat, was ich konnte!‹
+
+Von diesen Gesichtspunkten aus ward sie dem alten Herrn gerecht. Sie
+war überzeugt, hätte sie ihn gefragt: ›Großvater, warum hast du mir
+das getan?‹, so hätte er ihr mit derselben Offenheit geantwortet:
+›Aber, Billy, soll ich denn lügen? Ich kann dich beim besten Willen
+nicht beglückwünschen! Wenn ich es später nachholen kann, soll's mich
+herzlich freuen!‹
+
+So würde der alte märkische Edelmann sprechen. Lieber sagte er eine
+Grobheit, als daß er die Wahrheit verschwieg oder umging.
+
+Aber auch in der Enkelin steckte ein gut Teil von dieser Kraft. Ehrlich
+sah sie ein, daß das, was sie im ersten Augenblick als übertriebene
+Schärfe aufgefaßt, zu der ureigensten Natur des Großvaters gehörte,
+und schaute ihrem Glück, dessen Klippen ihr nicht verborgen geblieben,
+mutig ins Auge. Sie war eine Kampfnatur im besten Sinne. Ein Glück, auf
+Rosen gebettet, hätte ihrem starken klaren Charakter kaum entsprochen.
+Wahrer Friede würde immer ihres Herzens Sehnsucht bleiben, aber niemals
+würde sie ihn um den Preis des heiligsten Gutes erkaufen. Der Kampf um
+dieses Gut hörte aber nicht auf, solange die Erde stand, -- wundersam
+hätt' es zugehen müssen, wenn er ihr Haus verschonte. Als ein Stück
+Kampf hatte sie in jungen Jahren ihr Christentum verstehen gelernt; sie
+wußte nur zu gut, daß die Wachtfeuer nicht verlöschen dürfen, solange
+die Sünde eine Großmacht auf Erden bedeutete.
+
+So verlor jenes schlimme Wort im Blick auf die ehrwürdige Gestalt
+eines alten tüchtigen Geschlechts, welches preußische Zucht und wahres
+Christentum hoch hielt, seine Schärfe.
+
+Auf ihrem frischen glücklichen Gesicht lag ein Zug ernsten Sinnens, als
+sie ihre Schwägerin umarmte.
+
+Harro Kambach begrüßte seine Großmutter.
+
+»Na, mein Junge, nun bist du ja am Ziel,« sagte sie bewegt und küßte
+ihn auf die Stirn. »Sei ein rechter Kambach und halte dein Kleinod in
+Ehren!«
+
+In die hübschen Züge des jungen Offiziers trat tiefer Ernst. Zum
+zweitenmal beugte er sich über die Hände der alten Frau.
+
+»Du bist der letzte Kambach,« sagte sie, von Erinnerungen übermannt,
+mit zitternder Stimme.
+
+Er blickte auf. Klar und fest sah er sie an. »Ich will meinem Namen
+Ehre machen, Großmama!« entgegnete er einfach.
+
+Sie nickte ihm freundlich zu und begrüßte Sibyllens Mutter.
+
+Gräfin Bühler benutzte in Deutschland jede Gelegenheit, irgendein
+elegantes Kleid, welches die Riviera nicht wieder sehen sollte,
+spazieren zu führen. Aber was man dort durchgehen ließ, bezeichneten
+die schlichten Landedelleute der Mark in den meisten Fällen als
+›Unmöglichkeiten‹. Ob die Gräfin dies nicht wußte, oder nicht wissen
+wollte, blieb unklar. Jedenfalls kehrte sie sich nicht im geringsten
+daran, und bemutterte das Brautpaar in einer meergrünen Tuchtoilette
+mit silberner Paillettestickerei verziert. Exzellenz von Kambach hatte
+den Eindruck, daß Harro und Sibylle die Begleitung dieses wandelnden
+Pariser Modebildes wenig angenehm sei, und täuschte sich nicht.
+Man war mit dem ›Meergrünen‹ in Kambach ziemlich abgeblitzt. Dem
+Oberstallmeister war alles Auffällige ein Greuel. Er hatte sich in der
+Unterhaltung fast ausschließlich an seine Schwiegertochter gewandt. Der
+strengste Sittenrichter der ganzen Umgegend aber war der alte Schenker.
+Als vornehmer Kammerdiener hatte er sich natürlich in der Gewalt,
+aber seine Haltung, sein Gesichtsausdruck, seine Art, einer Dame aus
+dem Wagen zu helfen, oder ihr den Mantel umzugeben, drückten seine
+Gefühle in unzweideutiger Weise aus. Nun war es in diesem Falle schwer
+für Schenker, sich in den richtigen Grenzen zu bewegen, denn Gräfin
+Sibylle hätte er am liebsten die Hand geküßt und ihr einen Rosenstrauß
+überreicht. Aber in Livree ging das dummerweise nicht. Heute abend
+sollte sie ihre Marschall Niel's aber haben, er hatte sie im Treibhaus
+für sie aufgespart. Die ›Firlemontsche‹ bekam natürlich keine, na, sie
+war ja auch vollständig Nebenperson. Aber beim Empfang war die Sache
+nich ohne, immer zwei Gesichter auf Lager haben, war ein bißchen viel
+verlangt. Doch es mußte sein. Und mit eisiger Förmlichkeit half er der
+Brautmutter aus dem Wagen, das ›Meergrüne‹ und die ›Paillettestickerei‹
+mit einem verächtlichen Blick streifend.
+
+Harro fing diesen Blick auf und mußte innerlich lachen. ›Nun geht's zu
+Mamsell, und dann heißt's: hat das Weib sich wieder aufklaviert!‹ Im
+Grunde gab er dem alten Manne recht. Auf die Schwiegermutter hätte er
+selber mit Freuden verzichtet. -- --
+
+Exzellenz von Kambach und Gräfin Bühler hatten sich trotz gegenseitiger
+Bemühungen nie verstanden. Charaktere und Lebensinteressen waren zu
+verschieden. Auch heute kam kein richtiges Gespräch in Gang. Die Gräfin
+schwatzte beim Gabelfrühstück über ihre Reisen, über Mentone und Monte
+Carlo, über die italienischen Seen und Sankt Moritz. Den Orten, welche
+eine Spielgelegenheit aufwiesen, gehörte ihr besonderes Interesse.
+Mit Sorge bemerkte es Exzellenz von Kambach. Gut, daß Sibylle von der
+Mutter fort kam.
+
+Während die Gräfin auf sie einredete, beobachtete sie das Brautpaar.
+Sibylle bewahrte trotz ihres strahlenden Glückes jene feine
+Zurückhaltung, die ihrem Wesen seinen Reiz verlieh. ›Über den Kopf
+wächst er ihr nicht‹ dachte die alte Dame, ›aber sie wird immer ganz
+Weib bleiben, und darin liegt ihre Stärke!‹
+
+Freundlich nickte sie den beiden zu.
+
+Ilse war sehr einsilbig und zog sich gleich nach dem Frühstück,
+Kopfschmerzen vorschützend, auf ihr Zimmer zurück.
+
+»Arme Kleine!« sagte Gräfin Bühler, ihr nachblickend. »Billy wird sich
+hoffentlich einmal besser aufführen!«
+
+Die Braut schien die Worte ihrer Mutter zu überhören, aber eine feine
+Röte färbte ihre Wangen, während sie ihren Verlobten in ein Gespräch
+über Bayreuth verwickelte.
+
+Harro befand sich in seinem Fahrwasser. Wagnermusik war sein höchstes.
+Er begann derartig für den ›Parsifal‹ zu schwärmen, daß Sibylle sich
+der Hoffnung hingab, die Bemerkung ihrer Mutter sei ihm entgangen.
+
+Die Hausfrau aber sagte mit leiser Stimme scharf und verweisend:
+»Sie scheinen zu vergessen, daß Sie nicht in Monte Carlo, sondern in
+Dreilinden sind!«
+
+Die schöne Frau zog die Schultern in die Höhe. »+Mon Dieu -- on dit
+cela!+«
+
+»Bei uns in der Mark überlegt eine Frau, was sie sagt,« klang es kurz
+zurück.
+
+Gräfin Bühler stieg das Blut in die Wangen. Sie sah auf die alte
+Standuhr. »Bitte, lieber Harro, bestelle den Wagen!« --
+
+Exzellenz von Kambach machte kein Hehl daraus, daß sie auf eine
+Verlängerung des gräflichen Besuches keinen Wert legte. Sie
+forderte ihre Gäste nicht zu längerem Bleiben auf, wandte sich fast
+ausschließlich an Sibylle, und erhob sich endlich, um dem jungen
+Mädchen ein Pastellbild ihrer verstorbenen Schwiegermutter zu schenken.
+
+Überglücklich dankte ihr die Braut.
+
+»Wie ähnlich Harro ihr sieht!« sagte sie dann, das Bild betrachtend.
+
+Er trat näher. »Findest du?«
+
+»Ja, Schatz!« Sie faßte seine Hand. »Aber nicht wahr, du bist ein
+rechter Kambach wie dein Vater?«
+
+Eine leichte Verlegenheit malte sich auf seinem Gesicht. »Mein Vater
+steht hoch über mir!« gestand er ehrlich.
+
+Gräfin Bühler drängte zum Aufbruch. »Kinder, wir müssen fahren.
+Großpapa erwartet uns.«
+
+Der junge Offizier sah sie erstaunt an; aber er schwieg. Sie wußte
+doch, daß der alte Herr nach Dambeck wollte.
+
+Sibylle war der Vorgang entgangen. Glücklich blickte sie auf Frau
+Sabinens Geschenk. »Es soll mir ein doppelt liebes Andenken sein,«
+sagte sie und küßte die schmale Hand. --
+
+Der Diener meldete den Wagen.
+
+Mit großer Lebhaftigkeit verabschiedete sich die Gräfin, allem Anschein
+nach froh, diesen Besuch hinter sich zu haben.
+
+»Komm bald wieder, Sibylle,« bat die alte Exzellenz, die Braut des
+Enkels umarmend, »aber bleib' über Nacht! Ich sehne mich nach deinem
+Geigenspiel!«
+
+Dann sah sie den Abfahrenden nach.
+
+›Sie ist eine rechte Bühler,‹ zog es ihr durch den Sinn, während ihr
+Blick der anmutigen Mädchengestalt folgte, die ihr die letzten Grüße
+zuwinkte, -- ›sie wird ihm helfen, ein Mann zu werden!‹ Lange noch
+stand sie und schaute dem dahinrollenden Gefährt nach. »Wenn er sie nur
+glücklich macht!« seufzte sie.
+
+Dann ging sie ins Haus. --
+
+Was Ilse wohl machte?
+
+Sie war in ernster Sorge um die junge Frau. Wie sollte das enden? Und
+das Herz der Greisin war wieder ganz bei der Enkelin, deren schwachen
+Schultern die Last des Lebens zu schwer war. -- --
+
+Der Krückstock klang auf den Dielen, auf der eichenen Treppe. Er
+gehörte zum eisernen Bestand des Witwensitzes, zu der hundertjährigen
+Standuhr, darin der Totenwurm an stillen Winterabenden pochte, zu den
+altmodischen Möbeln und dunklen Ahnenbildern, zu all den Dingen, die
+sich zur Zeit der Freiheitskriege, und früher schon, Heimatrecht im
+Hause erworben hatten. Zu ihnen gehörte der alte Krückstock.
+
+Aber es würde ein Tag kommen, wo man ihn nicht mehr auf den stillen
+Gängen und Treppen hören, wo der gewohnte Ton für immer verstummen
+würde. Es war nur das bekannte kurze Aufschlagen, welches das Nahen
+einer lieben ehrwürdigen Gestalt verkündete, das vielleicht nur
+~eine~ treue Seele vermissen würde, aber das schöne Dreilinden
+trug dermaleinst mit dem alten Krückstock sein Bestes zu Grabe.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel.
+
+Eine Heimkehr.
+
+ Hilf uns Gott, in Nacht und Nebel
+ Off'nen Aug's durchs Leben gehen!
+ Lehr' uns auf die Zeiten achten
+ Und das eigne Herz verstehen!
+
+ Ob wir in des Waldes Dickicht,
+ Fern vom Feierzug der Frommen
+ Uns'ren Weg uns suchen müssen --
+ Wenn wir nur nach Hause kommen!
+
+ Schenk' uns unterm Kreuze Gnade,
+ Nimm uns ab die Last der Sünden!
+ Hilf uns aus dem Tal der Tränen
+ In die ew'ge Heimat finden!
+
+
+»Der alte Schenker ist da und fragt, ob Exzellenz einen Augenblick zu
+sprechen seien?«
+
+Die Wirtschafterin war leise durch die geöffneten Räume gekommen und
+stand am Schreibtisch ihrer Herrin.
+
+Aufgeschlagene Bücher lagen vor der Gutsfrau, die, über die
+Monatsrechnung gebeugt, den Inspektor erwartete.
+
+»Krügern, das paßt mir sehr schlecht, ich erwarte Herrn Niemann jeden
+Augenblick,« sagte sie, über ihre Brillengläser hinweg auf die behäbige
+Erscheinung der Alten blickend. »Will er denn etwas Besonderes?«
+
+»Es scheint so, Exzellenz.« Sie lächelte. »Das heißt, bei Herrn
+Schenker ist vieles etwas Besonderes, was es gar nicht ist. Er hat
+das so an sich, Exzellenz, aus einer Kleinigkeit, die ein anderer kaum
+beachtet, macht er etwas! Was er will, weiß ich nicht! Er tut sehr
+wichtig und geheimnisvoll!«
+
+›Er wird irgendeinen Einfall im Kopfe haben, welcher den Bund
+betrifft,‹ dachte Frau Sabine und sagte sich, daß es eine Härte sei,
+die alte treue Seele unverrichteter Sache wieder gehen zu lassen. Sie
+sah auf die Uhr. Es war noch nicht spät.
+
+»Er soll kommen. Bitte, gehen Sie dann gleich zu Herrn Niemann hinüber,
+und sagen Sie ihm, wir wollten morgen früh abrechnen. Das paßt ihm
+sowieso besser, ich richte mich eben danach ein!«
+
+Fünf Minuten später stand Schenkersch Vadder in tadelloser Haltung auf
+der Schwelle.
+
+»Ick bitte tausendmal um Entschuldigung, daß ick ungelegen komme,«
+sagte er, »Exzellenz sind gerade bei die Abrechnung!« Er zögerte.
+
+»Bleiben Sie nur, Schenker,« sagte Frau von Kambach, die ganz genau
+merkte, daß der Alte gar nicht daran dachte, seinen Vorschlag in
+die Tat umzusetzen. Natürlich hätte er sich auf einen Wink von
+ihr empfohlen, aber erst, nachdem er zwischen Tür und Angel seine
+Geheimnisse ausgekramt hatte. Denn heute war er vollgepfropft von
+Geschichten. Und sie ertappte sich darauf, daß sie regelrecht neugierig
+war.
+
+Dann saß Franz Schenker neben ihr am Schreibtisch. Die Frühlingsluft
+spielte mit dem weißen Haar der beiden Alten und strich über die
+blühenden Blumen unter dem Bilde des seligen Kambachers. Draußen
+rüstete sich, kaum merklich, der letzte Apriltag zur Nacht. Noch
+glühten die Farben, aber die wunderbar tiefen Töne verrieten das
+nahende Aufleuchten entschwindender Schönheit. --
+
+Und der greise Kammerdiener erzählte. Es war allerdings etwas, das
+nicht alle Tage vorkam.
+
+Schenkersch Vadder war so hingenommen, daß seine Gefühle völlig mit ihm
+durchgingen. Die Tränen traten ihm in die Augen, er sprach platt, und
+schlug im Eifer des Gefechtes mit der flachen Hand aufs Knie, daß es
+schallte. Aber er hatte auch wirklich etwas erlebt und bedauerte nur,
+daß seine alte Gnädige nicht dabei gewesen war.
+
+»Also, Exzellenz,« begann er, zitternd vor Erregung, »daß ick's kurz
+sage: wir haben unsern Herrn Pastor wieder!«
+
+Frau von Kambach sah ihn fragend ein.
+
+»Exzellenz verstehen mich nich,« fuhr er fort. »Das glaub' ick wohl!
+Und ick mein' ja auch nich bloß, daß er nu endlich aus 'n Drachenburger
+Krankenhaus zurück is, das wär' ja alles ganz schön und gut, aber
+seine Gemeinde hätte blitzwenig davon. Unter uns gesagt, Exzellenz
+-- wir hätten ihn nich behalten. Denn auf die Länge ging das nich.
+Ganz Kambach hätt' er mit seine Irrlehre verdorben! Nich mal der olle
+Schenker hätt' was dran ändern können. Ick sag's ganz offen, Exzellenz,
+eine tolle Angst hab' ick vor die Rückkehr von unsern Herrn Pastor
+gehabt -- meine eigene Frau hat mich ausgescholten. ›Franz‹, hat sie
+gesagt, ›du schämst dich wohl gar nich, 'n Christ willst du sein, und
+benimmst dich wie 'n olles Waschweib.‹ Jawohl, Exzellenz, was meine
+Frau is, die is nich ohne! -- Also, Herr Pastor Wendler kam in der
+stillen Woche aus 'n Krankenhaus zurück, und am Ostersonntag stand
+er auf der Kanzel. ›Na, denn man zu!‹ dacht' ick, ›dann erfahren wir
+wenigstens gleich, woran wir sind!‹ Denn am ersten Ostertag hat die
+Geschichte ihre Haken und Ösen mit die Texte. Wenn da einer an der
+Auferstehung vorbeigeht, is die Sache faul, und wenn er nur von der
+geistigen redet, is sie noch fauler. Wenn man in meine Jahre is, merkt
+man so ungefähr, was die Glocke geschlagen hat, nämlich, ob der Pastor
+glaubt, daß der Herr Jesus leibhaftig auferstanden ist oder ob nur
+sein Geist in der Luft herumfliegt. Herr Pastor Krug hat mich das
+vor einige Zeit mal auseinandergesetzt. Gott bewahr' unser deutsches
+Vaterland vor so 'n Unsinn! ›Jesuzentrischer Liberalismus‹ nannte
+er's. Das hat 'ne Zeit gedauert, bis mein alter Kopf das Wort behielt.
+Den ersten Abend, als Herr Pastor Krug mich die Sache lang und breit
+auseinandergesetzt hatte, da wußt' ick's ganz genau, aber nachher? Weg
+war's! Da hab' ick Herrn Pastor neulich nochmal danach gefragt! --
+Na, mir kann's einerlei sein, wie's heißt, für so was is Schenkersch
+Vadder in sein'n ganzen Leben nich zu haben gewesen. Is überhaupt 'ne
+Frechheit, so an unseren Herrn Jesus seine Person herumzupflücken. Der
+neue Bund soll da man gleich gründlich aufräumen!« Er fuhr mit allen
+fünf Fingern durch das dichte, weiße Haar, daß es wie ein Wald zu
+Berge stand. »Exzellenz, so was hab' ick noch nich erlebt! Das war 'ne
+Predigt!« Er verbesserte sich. »Nee, 'ne Predigt war's gar nich! Es war
+'ne Heimkehr! Das sagte Herr Pastor Wendler auch selbst!«
+
+»Eine Heimkehr!« wiederholte die alte Frau mit leiser Stimme, und ihr
+sinnender Blick schweifte aus dem Fenster in die Weite hinaus, wo
+der goldene Wetterhahn des Kambacher Kirchturms über den Heidhügeln
+funkelte.
+
+Aber Schenker hatte noch viel auf dem Herzen.
+
+»Also, es war eine Predigt, und war doch keine! -- Ick kann das nich
+so ausdrücken, Exzellenz, aber ein schöneres Glaubensbekenntnis hab'
+ick mein Lebtag nich gehört! Und solche Osterfreude hab' ick noch bei
+keinen Menschen gesehen! Der Mann war einfach nich wiederzuerkennen. Es
+war, als brennte ein Feuer in seinem Herzen, und die Flammen wollten
+überall heraus. Das war wirkliches Leben, was nich totzukriegen is.
+›Wo hädd harr det man alwile her?‹ säd min Fru. ›Det künde von sin
+Krankheet alot jo nich sinn!‹ -- ›Nee, Mudder,‹ häbb ick jesäd,
+›de Krankheet aleene mokt et nich.‹ Aba ick räde all wieder Platt,
+Exzellenz!«
+
+»Macht nichts, Schenker! Ich versteh' Platt so gut wie Hochdeutsch!«
+
+Doch der Alte konnte den feinen Kammerdiener nicht ganz verleugnen. In
+wohlgesetztem Hochdeutsch sprach er weiter.
+
+»Ick bring's ja nich wieder zusammen, was Herr Pastor Wendler gesagt
+hat! Aber die Hauptsache weiß ick noch. Vor allem klang durch alles
+sein lebendiger Osterglaube hindurch. Überhaupt betonte er immer
+wieder gerade das, was sonst in seinen Predigten fehlte: daß wir den
+lebendigen persönlichen Heiland brauchen, den Gottessohn, den man
+schauen kann. ›Wir Pfarrer werden doch nich bloß zu Hochzeiten und
+Kindtaufen gerufen,‹ sagte er, ›wie oft stehen wir an Sterbebetten und
+Totenladen. Was nützen da schöne Reden -- einen Sünderheiland brauchen
+wir, der unsere Schuld ins Meer senkt und über die Gräber ruft: ›Ich
+lebe und ihr sollt auch leben!‹ Aber das schönste war doch, wie er
+von seinem Heimweh nach dem alten Bibelglauben sprach. Obgleich er
+nicht gerade von sich dabei redete, merkte man's doch, daß er alles
+selbst erlebt und durchgekämpft hatte. Einmal dachte ick: ›Das geht auf
+die Geschichte mit unseren jungen Herrn,‹ und ein anderes Mal merkte
+man's ganz deutlich, daß er an Frau Petzold dachte! Der Mann hat was
+durchgemacht, Exzellenz! -- ›Gar kein Evangelium,‹ sagte er, oder das
+ganze, das, von dem der Dichter singt: ›Wenn ich dies Wunder fassen
+will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still!‹ -- Exzellenz, ick
+kann's nich sagen, wie mir diese Predigt ergriffen hat!«
+
+»Diese Heimkehr!« sagte die alte Frau mit leiser Stimme.
+
+Schenker wischte sich über die Augen. -- »Und dann hat er noch von dem
+modernen Menschen gesprochen! Wir haben ja auch so 'n paar unter den
+Lehrern und Honoratioren. Daß so was auch aufs Dorf kommen muß! Na,
+unser Herr Pastor sagte, wir sollten man bloß nich denken, daß so 'n
+moderner Mensch nich dasselbe sehnende Herz in der Brust trüge, wie
+andere Leute. Es sei Einbildung, daß man glaube, man könne ohne den
+Herrn Jesum und sein Kreuz fertig werden! Wenn der moderne Mensch so
+kalt und gleichgültig tue, so sei das nur eine Larve, die das blutende
+Herz und die innere Einsamkeit verbergen solle. Denn wenn einer noch
+so gelehrt und noch so berühmt sei, seine Seele mache das alles nicht
+satt. Darum sei es ein Gottesraub, das Bekenntnis, das die Gemeinde
+mit ihrem Herzblut erlebt und verteidigt, durch Menschenfündlein
+zu ersetzen oder nach menschlicher Meinung umzubilden! Exzellenz,
+das hat der Mann gesagt, der vor kaum zwei Monaten erklärte, das
+Glaubensbekenntnis könne man verschieden auslegen!«
+
+Seine Augen leuchteten, auf dem alten treuen Gesicht lag das Rot
+freudiger Erregung.
+
+Er schwieg.
+
+Nachdenklich sah er vor sich nieder, eine leichte Verlegenheit malte
+sich in seinen Zügen.
+
+Er räusperte sich.
+
+»Dann kam noch etwas,« sagte er endlich zögernd, »eigentlich war's
+nich ganz in der Ordnung, noch dazu am Ostersonntag, aber, im Grunde
+hab' ick mir doch gefreut. ›Schenker,‹ hab' ick zu mir gesagt, ›du
+hast doch 'ne Frau, wie's nich viele gibt! In ganz Kambach is keine
+solche, und in Dambeck und Bühl, und hier in Dreilinden auch nich!‹ Na
+-- und in Berlin? Ach, du meine Güte,« er lachte hell auf, und schlug
+mit der Hand aufs Knie -- »Berlin!!! -- Also, -- Exzellenz, -- was tut
+meine Frau? Kaum hatten wir nach der Predigt ›Auf, auf, mein Herz, mit
+Freuden!‹ gesungen, steht sie auf und sagt: ›Nu wollen wir noch »Nun
+danket alle Gott!« singen.‹ Und damit fing sie auch schon an. Sie war
+feuerrot geworden und schielte nach mir rüber. Aber ick muckste mir
+nich, Exzellenz. Hätt' ick meine Frau angesehen, wär's vorbei gewesen,
+und das paßt sich doch schließlich nich für 'n ollen weißhaarigen
+Kammerdiener. Nur ganz heimlich hab' ick ihre Hand gefaßt. -- Dann
+sangen wir alle mit. -- In meinen ganzen Leben hab' ick das Lied nich
+so singen gehört, nur damals, als der Friede gefeiert wurde! -- Pastor
+Wendler stand am Altar. Er war ganz blaß und sah sehr bewegt aus, als
+er in die Sakristei ging.«
+
+Wieder war's still zwischen den beiden. Auf die Seele der alten
+Frau wirkte die schlichte liebliche Erzählung wie eine wundersame
+Glaubensstärkung, dem Manne aber, der sie erlebt, ward das Stücklein
+Kirchengeschichte, das sich im engen Rahmen der Heimat abgespielt,
+immer mehr ein Stück Lebensgeschichte.
+
+»Exzellenz,« hub er endlich noch einmal an, »ick hab' nu noch einen
+anderen Gedanken! Er is vielleicht ganz verkehrt, dann laß ick mich
+gern eines Besseren belehren, aber Exzellenz werden gestatten, daß ick
+ihn ausspreche. Denn er verläßt mich nich mehr! Und das will was sagen!
+Ick bin sonst wahrhaftig nich so.«
+
+Er sah die alte Dame erwartungsvoll an.
+
+Sie aber nickte ihm ermutigend zu.
+
+Da holte er tief Atem und fuhr fort: »Exzellenz, -- wir haben noch
+immer keinen Bundesdirektor! Die Sucherei geht nu schon durch Wochen
+und Monate! Wir haben heute schon den ersten Mai, und die Geschichte
+kommt nich vom Fleck. Der gnädige Herr schreibt sich die Finger wund,
+und immer is es vergeblich! Entweder paßt die kirchliche Richtung nich,
+oder es heißt: ›Die Sache steckt noch zu tief in den Anfangsgründen,
+daraufhin kann man Amt und Brot nich aufgeben!‹ Na -- die passen
+natürlich nich für uns, Exzellenz! Hier gilt's Opfer bringen, gerad so
+gut, wie bei der Äußeren Mission, und da is die Sache doch noch ganz
+anders! Hier wird man doch nich von die Klapperschlangen gefressen oder
+von die Hottentottens aufgespießt! Aber trotzdem -- einen Verzicht
+gilt's. Schon einfach deshalb, weil wir kein Geld haben. Wir brauchen
+also einen ganzen Mann. Und da fuhr's mir heut nacht durch den Kopf:
+›Da suchen und suchen wir, und der Mann is da!‹ Und als ick mir die
+Sache länger überlegte, hab' ick mir gesagt: ›Schenker, du bist doch 'n
+alter Teekessel, hättest du das nich gleich am ersten Ostertag nach der
+Predigt wissen können? Vierzehn Tage eher hätt'st du die Herrschaften
+von ihre Sorge befreit!‹ Aber wie's im Leben so geht, Exzellenz, --
+heut morgen dacht' ick: Wenn Exzellenz nu säd: ›Schenker, das is
+Quatsch!‹ Det kann ick nämlich schlecht vertragen, Exzellenz!«
+
+Er sah sie erwartungsvoll an.
+
+Frau Sabine hatte den Kopf in die Hand gestützt. Schweigend ruhte ihr
+Blick auf dem Alten. In ihren Augen standen Tränen. --
+
+Ein stiller Vorfrühlingsabend stieg vor ihrem Geiste auf. In dem
+dämmernden Stadtgarten blühten Veilchen und Krokus und ein weicher
+Wind strich um die Dächer. Sinnend saß sie über der Apostelgeschichte,
+über dem Werdegang des gewaltigen Kämpfers, dessen heißem Ringen jener
+wunderbare Sieg folgte, -- ›denn siehe, er betet!‹ Ein Gedanke war
+ihr durch den Sinn geflattert, woher er kam, wußte sie nicht, aber
+ihre Seele folgte seinem leuchtenden Flug. Glaubenswege zogen sie
+miteinander, zu lichten Firnen empor. Nur die Kühnheit und Leichtigkeit
+des Gedankens aus der Überwelt durfte den schwindelnden Aufstieg wagen,
+nur die Trägerin des Wetterkreuzes durfte nach den Stürmen der Nacht
+von der Grenze des ewigen Schnees in die Zukunft schauen. Dann waren
+sie zu Tal gezogen. Aber durch das Grau des Alltags hindurch klang's
+immer wieder wie eine lichte Weissagung: ›Denn siehe, er betet!‹ -- Und
+heute stand einer vor der Greisin und sprach: ›Das Wort ist erfüllet!‹
+
+Sinnend blickte sie vor sich hin.
+
+Da fuhr der Alte fort: »Dann hab' ich mir gesagt: ›Schäme dir,
+Schenkersch Vadder! Die Missionare zucken mit keiner Wimper in
+Todesgefahr, und du bist empfindlich, wenn deine alte Herrschaft dir
+die Wahrheit sagt. Gleich heute gehst du nach Dreilinden!‹ Na, und da
+bin ich nu!«
+
+Wieder nickte Frau von Kambach ihm freundlich zu. »Der Gedanke ist
+zu erwägen, lieber Schenker. Er ist mir selbst schon durch den Kopf
+gepflogen, um so mehr freue ich mich der Anregung von anderer Seite.
+In der Hauptsache bin ich vollkommen mit Ihnen einig. Wendler ist
+ein ganzer Mann, der sich nach allem, was Sie mir berichten, auch
+als ganzer Christ beweisen wird. Menschen, die sich zum Glauben
+durchkämpfen, sind keine halben. Denken Sie daran, wie Saulus ein
+Paulus wurde! Ich bin also sehr dankbar für die Anregung, muß mir die
+Sache aber in Ruhe überlegen und vor allem erst mit meinem Sohn darüber
+sprechen. Er weiß noch nichts?«
+
+»Nein, Exzellenz. Ich wollte zuerst hier vorsprechen.«
+
+Sie nickte. »Gut. Ich fahre morgen nach Kambach. Wissen Sie, ob mein
+Sohn in den Vormittagsstunden zu Hause ist?«
+
+»Der gnädige Herr hat nicht gesagt, daß er etwas Besonderes vorhätte!«
+
+»Schön. Dann bestellen Sie, ich käme um elf. Paßt es nicht, können Sie
+mich ja benachrichtigen.«
+
+»Sehr wohl, Exzellenz.« Er erhob sich.
+
+Frau von Kambach reichte ihm die Hand. »Adieu, lieber Schenker! Eine so
+große Freude hab' ich lange nicht gehabt, und daß Sie sie mir bringen
+durften, war schön!«
+
+Seine Augen leuchteten. Er verbeugte sich. »Ich danke untertänigst,
+Exzellenz!«
+
+Schritte klangen im Nebenzimmer. Ein junger Diener erschien auf der
+Schwelle.
+
+»Herr Pastor Wendler!«
+
+Die beiden Alten sahen sich an.
+
+»Ich lasse bitten,« sagte die Hausfrau. »Sie sind ihm zuvorgekommen,«
+wandte sie sich halblaut an Schenker.
+
+Schwerfällig erhob sie sich und ging dem Gast entgegen.
+
+Sein rascher Schritt klang an ihr Ohr. ›Ganz so wie einst!‹ zog es ihr
+durch den Sinn.
+
+Da stand er schon vor ihr, groß, kräftig, das blaue Auge leuchtend, --
+keine Spur von einer eben überwundenen wochenlangen Krankheit, weder in
+Aussehen und Farbe, noch in den Bewegungen, -- nun ja, er war in froher
+Erregung durch die blühende Mark gewandert.
+
+Sie streckte ihm die Rechte entgegen. »Herzlich willkommen, mein lieber
+Wendler!«
+
+Er beugte sich über ihre Hand. Dann sah er sie voll an. In dem
+männlichen Gesicht arbeitete es.
+
+»Es ist lange her, daß ich hier war,« sagte er, und seine Stimme bebte
+leise. »Aber Exzellenz haben mir gestattet, wiederzukommen ...« Er
+hielt inne, tief Atem holend. Das menschliche Wort erschien ihm zu arm
+in dieser Stunde.
+
+Sie verstand ihn.
+
+Schweigend hielt sie seine Hand umfaßt.
+
+»Ich bat Sie, wenn es so weit sei, Ihre Freude teilen zu dürfen,« sagte
+sie endlich, -- »nicht wahr, die Stunde ist gekommen?«
+
+Der lang entbehrte Ton schlug ihm warm ans Herz. Wie unwert erschien er
+sich dieser Liebe! Aber sie war nichts als der Abglanz einer größeren
+heiligeren, die er mit heißer Sehnsucht gesucht und endlich gefunden.
+
+Die Bewegung übermannte ihn. Tränen traten in seine Augen. Er wandte
+sich ab.
+
+Da fiel sein Blick auf den alten Schenker, der bescheiden in der
+Fensternische stehen geblieben war. Sein Gesichtsausdruck sagte ihm
+alles. Fragend sah er die Gutsherrin an. Lächelnd nickte sie ihm zu.
+»Ja, lieber Wendler, Sie haben recht, Sie brauchen mir nichts mehr
+zu sagen. Unser guter Schenker hat mir eben über die Osterpredigt
+berichtet, und daß Sie zum Schluß ›Nun danket alle Gott!‹ miteinander
+gesungen haben! Mir tut nur leid, daß ich nicht dabei gewesen bin, --
+aber nicht wahr, ich darf mich auch jetzt noch mit Ihnen freuen?«
+
+Wie eine Mutter sah sie ihn an.
+
+Und den Mann, der jahrzehntelang, von niemand umhegt und geliebt, sein
+einsames Leben geführt, traf dieser Blick in tiefster Seele.
+
+»Exzellenz!«
+
+Als müßt' er das innerste, heiligste Empfinden dieser Stunde selbst vor
+diesen lieben Augen verbergen, beugte er sich ein zweites Mal über die
+greise Hand und drückte einen langen innigen Kuß darauf. -- --
+
+ * * * * *
+
+Der Westwind trug den Klang der Kambacher Betglocke herüber. Heimatlich
+grüßte er die beiden Menschen.
+
+Ein leiser Schritt verklang auf den Dielen. Behutsam ward eine Tür
+geschlossen.
+
+Sie waren allein.
+
+»Ich wußte, daß Sie heimkehren würden,« sagte sie leise, »es ist kalt
+und einsam in der Fremde!«
+
+»Und doch hätte ich den Weg niemals gefunden, hätte mich nicht einer
+geführt,« klang es zurück. »Denn ich war blind. Jetzt ist mir die
+Decke von den Augen genommen, ich habe erkannt, daß die Wissenschaft
+uns den Frieden der Seele nicht schenkt. Darum fror mich bei aller
+Gelehrsamkeit -- sie hat mich arm gemacht!«
+
+»Arm,« wiederholte die alte Frau nachdenklich. »Wären Sie reich
+gewesen, so hätten Sie sich nicht führen lassen. Zur Heimkehr gehört
+Heimweh!«
+
+Sinnend blickte er in den leuchtenden Abend hinaus. Wie ein
+dunkelgrüner Rahmen umschloß das efeuumsponnene Fenster die verträumte
+Landschaft. Rosa Abendwolken schifften vorüber, und der letzte Strahl
+mischte sich mit dem Bronzeton der Heide. Sehnsüchtig trällerte eine
+Lerche über den wehenden Birken.
+
+Drüben verhallte die Glocke ...
+
+›Zur Heimkehr gehört Heimweh!‹ zog es durch die Seele des Mannes, der
+nach heißem Kampf und langer Irrfahrt den Weg nach Hause gefunden.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel.
+
+Jutta.
+
+ Weißt du nicht, daß späte Rosen
+ In der Herbstzeit schnell verblühen?
+ Daß sie frühe sich entfalten
+ Und ums Abendgold verglühen?
+
+ Daß ein kurzes helles Leuchten
+ Auf den roten Blättern schimmert,
+ Wenn des Taues Brautgeschmeide
+ In den dunklen Kelchen flimmert?
+
+ Duftend wird die letzte Rose
+ Deiner Liebe sich erfreuen,
+ Und die samtnen Spätherbstblätter
+ Still auf deine Pfade streuen.
+
+ Feiernd geht der Tag zur Neige,
+ Wenn die Schnitter heimwärts ziehen,
+ Und beim Klang der Abendglocke
+ Leuchtender die Felsen glühen ...
+
+
+»Eins steht fest: Wir können heute gleich zwei Ortsgruppen gründen,
+eine agrarische und eine militärische!« sagte der Oberstallmeister
+lachend zu seiner Mutter, die, auf den Arm des Sohnes gestützt, der
+Gutskirche zuwanderte. »Na, dann ist wenigstens ein Anfang gemacht, dem
+der klingende Beigeschmack hoffentlich nicht fehlt! Denn wir brauchen
+Geld! -- Du sagst: ›Das wird schon kommen!‹ Ja, mein Himmel, in den
+Mund fliegen einem die gebratenen Tauben heutzutage nicht!« Er grüßte
+freundlich hierhin und dorthin. Es ist doch großartig, -- +in
+corpore+ sind die Leute erschienen! Die ganze Umgegend ist da. In
+Bühl kann tatsächlich nur der Nachtwächter zu Hause geblieben sein,
+mit Kind und Kegel ist das Volk angetreten. Und sieh mal die Bauern!
+Alle Achtung! Ich hätt's nicht für möglich gehalten! -- Was hat da nu
+gezogen? Gräfin Sibylle Bühlers Stradivariusgeige oder der neue Bund
+und sein interessanter Direktor? Jedenfalls war's eine gute Idee von
+Billy! Überhaupt die als Schwiegertochter! Wenn aus Harro noch mal
+was Vernünftiges wird, können wir's ihr danken. Auf seine Haltung als
+Bräutigam gebe ich natürlich nichts, aber Roselius hat mir vor einiger
+Zeit gesagt, wenn ein Mensch Einfluß auf ihn habe, sei sie es.«
+
+Die alte Dame nickte. »Er hat sich in letzter Zeit entschieden zu
+seinem Vorteil verändert,« stimmte sie dem Sohne bei. »Ich glaube,
+Eberhards Tod hat auch dazu beigetragen!«
+
+»Mag sein. Ich schiebe viel auf seine veränderten Gefühle für Bühler.
+Harro liebt Ilse sehr, sie haben alles miteinander geteilt, -- nun
+zeigt ihm ihre Ehe den Mann, den er seinen Freund genannt, im wahren
+Licht. Das muß ihm zu denken geben! Ich halte es immer für das beste,
+wenn das Leben einen Menschen erzieht. Das ist das sicherste Verfahren.
+Aber wenn es ihn zu Gott zurückführen soll, muß es ihn doch noch anders
+anfassen. Denn solange er dieser verrückten Weltanschauung huldigt,
+wird nichts aus dem Jungen. Er weiß ja selbst nicht, was er glaubt!«
+
+»Vielleicht hat Gott ihm gerade deshalb diese Frau in den Weg
+gestellt,« meinte die Greisin und blieb Atem holend stehen.
+
+Mit hellen Augen sah sie sich um -- --
+
+Über der alten Dorfkirche, über dem Kranz knospender Linden blaute der
+Himmel. Mückenschwärme tanzten in der Sonne, Bienenvölker summten in
+den Kronen. Wie die Säulen eines alten Doms umrahmten die grauen Stämme
+die feinen stimmungsvollen Bilder des märkischen Tieflandes, das licht
+getönt herübergrüßte. Schmucke Dörfer, vom Kirchturm gekrönt, nickten
+herein, sonnige Heidhügel, blaue Seen im Sonnenglanz, farbenfröhlichen
+Wandgemälden gleich, vom grünen Dach der Sommerlinde überschattet. Und
+zwischen den Grabsteinen, auf den Wegen ein buntes Durcheinander von
+Menschen aller Art, die in Gruppen redend beisammen standen: Landadel,
+Offiziere, Honoratioren, Bauern, selbst der schlichte Arbeiter und sein
+Weib fehlten nicht.
+
+Herr von Kambach und seine Mutter hatten ein paar Drachenburger Ulanen
+begrüßt, dann traten sie an eine Bauerngruppe heran.
+
+Ehrerbietig entblößten die Alten die weißen Köpfe, und eine lebhafte
+Unterhaltung entspann sich über den Bund, der heute seine erste
+Ortsgruppe erhalten sollte.
+
+Ein ehrwürdiger Dreilindener Bauersmann erklärte, zuerst sei's ihn
+hart angekommen, daß er seinen Pastor, nachdem er's eben gelernt,
+den Herrn Christum recht zu verkünden, wieder hergeben solle, aber
+nun, wo er neulich auf der großen Versammlung gehört, wozu man ihn
+haben wolle, könne er nichts dagegen sagen. Denn so eine Sache, wie
+der Bund bibelgläubiger Christen, habe schon lange gefehlt, und der
+Direktor, der an die Spitze trete, müsse ein ganzer Mann sein. Und das
+sei Herr Pastor Wendler. Für Kambach und Dreilinden und die anderen
+eingepfarrten Güter sei sein Fortgang ein großer Verlust, aber wo es
+sich um eine Sache handele, die dem ganzen deutschen Vaterlande zugute
+käme, dürfe man nicht an sich denken.
+
+Exzellenz von Kambach nickte ihm freundlich zu. »Das ist recht, Rudow,
+wir müssen auch Opfer bringen können.«
+
+Des Alten Augen leuchteten.
+
+»Det häbb' ick och all jesäd, Exzellenz!« -- --
+
+Auf den Arm des Sohnes gestützt, wanderte die greise Frau weiter, von
+Gruppe zu Gruppe. Überall wußte sie das rechte Wort, überall freute man
+sich beim Nahen der ehrwürdigen Gestalt.
+
+Vom Turm schlug es drei. Durch die geschmückten Pforten kam der lange
+Zug und füllte das Schiff. Aber der Raum reichte nicht aus. In den
+Gängen standen die Menschen, auf den Stufen, vor der offenen Kirchtür
+saß, was drinnen keinen Platz mehr gefunden.
+
+Und dann begann auf dem Orgelchor ein leises Tönen, ein Klingen und
+Flöten wie Hirtenschalmeien, ein Locken und Werben, als lüd' eine helle
+Stimme zum festlichen Singspiel: die Stradivariusgeige.
+
+Wer ihre Geschichte kannte, hob unwillkürlich den Blick zu dem
+Bilde der Ahnfrau empor. Mit lieblichem Lächeln schaute die schöne
+dunkelhaarige Frau im weißen Atlaskleide auf die Anwesenden nieder.
+Eine rote Rose blühte in ihren Locken, so leuchtend und farbenfrisch,
+als sei sie eben gepflückt, ein kostbarer Schmuck flimmerte auf dem
+weißen Halse.
+
+Und die Geige jauchzte durch die stille Kirche. -- --
+
+Als habe sie den alten vergoldeten Rahmen verlassen und sei in den
+Kreis der Lebenden getreten, stand Sibylle an der Brüstung des Chors,
+das Ebenbild jener Frau, die mit ihrer Liebe die Kunst in das Kambacher
+Herrenhaus getragen. Ihr Erbe aber war den Bühlers zurückgegeben
+worden. Doch als seien die Saiten der Stradivariusgeige unlöslich mit
+der Geschichte des alten Geschlechts verknüpft, ward ihre Trägerin
+eines Kambachs Braut. Im schlichten weißen Sommerkleide, einen Strauß
+dunkler Rosen an der Brust, das schöne Haupt über die Geige geneigt,
+spielte Sibylle Bühler das Largo von Händel. Orgeltöne mischten sich
+sanft mit den wundervollen Klängen. Ein junger Berliner Musiker, der
+sie häufig begleitet, stellte an diesem Tage seine Kunst in den Dienst
+der großen Sache.
+
+Die Zusammenstellung war äußerst geschickt. Kein schwer verständliches
+Tonstück, keine dem einfachen Manne unverständliche Musik erklang in
+der kleinen Dorfkirche, -- echte deutsche Kunst im kirchlichen Gewande
+grüßte das Volk. Wenn etwas an die Herzen griff und für einen großen
+heiligen Zweck zu werben geeignet war, so war's das Spiel dieser beiden
+jungen Menschen, die ihre ganze Seele in die Kunst legten.
+
+Wenn die Geige schwieg, sang Sibylle mit Gräfin Brelow zweistimmige
+Lieder.
+
+Lautlose Stille herrschte im Schiff. Keiner Predigt hätten die
+märkischen Bauern andächtiger gelauscht. Regungslos saßen sie neben
+ihren Frauen und Töchtern in den Kirchenbänken, und manches Auge ward
+feucht.
+
+Die letzte Nummer, eine Bachsche Kantate, war verhallt, da klangen
+noch einmal die beiden schönen Frauenstimmen vom Chor. Leise und zart
+schwebte es durch die Kirche:
+
+ ›Das ew'ge Licht geht da herein,
+ Gibt der Welt ein'n neuen Schein!
+ Es leucht't wohl mitten in der Nacht,
+ Und uns des Lichtes Kinder macht -- Kyrieleis!‹
+
+Tiefes Schweigen herrschte. Unbeachtet zogen die Laute des Lebens an
+der offenen Pforte vorüber, an der stillen Allerseelenfeier drinnen.
+
+Im hohen dunklen Chorstuhl saß Pastor Wendler am Altar. Seine Gedanken
+waren bei dem sterbenden Kinde, dem er Steine für Brot gegeben. Zum
+Dank dafür hatte es ihm die lebendige Quelle gezeigt ...
+
+Sein Blick schweifte zu der greisen Frau hinüber, die mit dem
+hoffnungsvollen Enkel ein Stück Lebensfreude ins Grab gelegt. Den Kopf
+in die Hand gestützt, saß sie, den festlichen Klängen lauschend. Auf
+dem ehrwürdigen Gesicht lag's wie Verklärung, aber dann drückte sie
+doch das Spitzentaschentuch an die Augen.
+
+An ihrer Seite saß der Oberstallmeister. In dem männlichen Gesicht
+arbeitete es, auch ihn packte die Erinnerung.
+
+Und durch die Seele des Einsamen zog ein heißes Dankgebet, daß es
+ihm vergönnt gewesen, mit den beiden treuen Menschen ins reine zu
+kommen, bevor diese ernste heilige Stunde sie gemeinsam grüßte. Der
+Heimgekehrte konnte ihnen, ob auch um Vergangenes trauernd, offen in
+die Augen sehen, der Verirrte hätte es nicht gekonnt. --
+
+ * * * * *
+
+ ›Das hat er alles uns getan,
+ Sein' groß' Lieb' zu zeigen an!
+ Dess' freu' sich alle Christenheit,
+ Und dank' ihm das in Ewigkeit -- Kyrieleis!‹
+
+tönte es vom Chor.
+
+Leise, leise, als trügen Engelsflügel eine Seele nach Hause, zogen die
+weichen Töne in den Sommertag hinaus.
+
+Dann ging eine Bewegung durch die Reihen.
+
+Unter den brausenden Klängen des Händelschen Festchors ›Seht, er kommt
+mit Preis gekrönt‹, leerte sich die Kirche. -- --
+
+An den Ausgängen standen drei der ersten Bundesmitglieder mit Tellern,
+unter ihnen der alte Schenker. Mit würdevoller Miene sah er vor sich
+nieder, als habe er nichts mit der Sache zu tun. Aber die alten Augen
+beobachteten um so schärfer.
+
+Eine Viertelstunde später trat er mit seinen Genossen in die Sakristei.
+
+»So, Herr Pastor, da bringen wir den Bundesschatz! Nu fehlt man
+bloß noch der Schatzmeister! Was der olle Mammon doch für 'ne Rolle
+spielt! Da freut man sich nu wie so'n klein' Jung', der von Muttern
+'n Stück Gebratenes aufs Brot gekriegt hat! Aber wir bringen auch 'n
+ganzen Batzen!« Seine Augen vergrößerten sich. »Über die Hälfte is
+Gold, und in mein'n Teller hat jemand 'n blauen Lappen eingebuddelt.
+Wie's geschehen is, weiß der Himmel! Mitten mang unter die Goldstücke
+seh' ick da plötzlich zu meine größte Verwunderung so was wie'n
+blauen Zippel! Ick trau' meinen Augen nich! ›Schenker,‹ häbb ick
+jesäd, ›du wirst woll swach in'n Kopp!‹ Aber nee! Als ick zufass',
+hab' ick wahrhaftig 'n Hundertmarkschein bei'n Wickel! Hier is er!«
+Triumphierend hob er den Schein in die Höhe.
+
+Alle lachten.
+
+»Nu wollen wir aber ans Zählen gehen!« sagte der Kirchenälteste.
+
+Und sie setzten sich um den Tisch.
+
+Drei weiße Köpfe beugten sich über die Teller.
+
+Wendler sah dem alten Kammerdiener über die Schulter. »Bei Ihnen
+scheinen die Kambacher und Dreilindener gewesen zu sein, Herr Schenker!«
+
+»Und die Herren Offiziere! Die lassen sich nicht lumpen, Herr Pastor,
+wenn Brandenburgs Rose die Geige spielt!«
+
+Wieder klang das Klappern der Münzen.
+
+Endlich waren die Alten fertig. Die drei Summen wurden zusammengezählt.
+
+Kopfschüttelnd blickte der Kirchenälteste auf das Ergebnis. »Das ist
+unmöglich!«
+
+»Ick hab' mir nich verrechnet,« erklärte Schenker spitz, »ick hab' in
+der Schule für Kopfrechnen immer ›gut‹ bekommen.«
+
+Der alte Müller gab für seine Person dieselbe Ehrenerklärung ab.
+
+Da sagte der Schulze beleidigt: »Die Herren werden mir doch nicht
+zutrauen, det ick das Einmaleins verlernt habe? Darf ich bitten, Herr
+Pastor?«
+
+Er reichte Wendler das Blatt.
+
+Der überflog die Zahlen und trat an den Tisch. »Wir wollen die
+Einzelsummen noch einmal nachrechnen.«
+
+Alles stimmte.
+
+Da erklärte Wendler: »Die Rechnung ist richtig:
+neunhundertundsiebenundneunzig Mark!«
+
+»Alle Achtung!« rief der Müller.
+
+»Det häbb ick doch jesäd, die Sache stimmt!« Schenker schlug mit der
+Hand aufs Knie. »Aber daß da drei Mark an tausend fehlen, das geht nich
+an!« Er zog seinen Geldbeutel aus der Tasche und legte einen Taler auf
+den Tisch.
+
+»Bravo, Schenker!« rief der Pastor. »Zur Belohnung tragen Sie den
+Bundesschatz ins Gutshaus. Dann erfahren wir auch gleich, wieviel
+Mitglieder sich noch gemeldet haben!«
+
+Schenker verbeugte sich. »Ich dank' auch für die Ehre, Herr Pastor!«
+sagte er; dann nahm er mit einer Miene, als sei ihm der Hort der
+Nibelungen anvertraut worden, den Geldsack vom Tisch und verließ
+erhobenen Hauptes die Sakristei.
+
+ * * * * *
+
+Eine Viertelstunde später ging Pastor Wendler die Dorfstraße entlang,
+dem Herrenhause zu.
+
+Der Weg war heiß und staubig; so beschloß er, den kleinen Umweg über
+die Wiesen zu machen.
+
+Ein erfrischender Wind wehte ihm entgegen. Grillen zirpten im Grase,
+Falter gaukelten über dem Moor. Am Bachrand blühten Vergißmeinnichte,
+und das Sumpfgras flatterte neben der duftigen rosa Federnelke. Es war
+schön in der stillen Natur.
+
+Ein Kiefernwäldchen nahm ihn auf. Gedankenverloren wanderte er den Pfad
+entlang.
+
+Immer einsamer ward der Forst, immer weltabgeschiedener, und doch
+waren menschliche Wohnstätten in der Nähe. Aber ihren Bewohnern waren
+Heimaterde und Waldstille heilig. Sie hüteten das deutsche Erbe.
+
+Gedankenverloren wanderte er weiter.
+
+Über den Wiesen verwehten die Laute des Lebens, -- er hörte sie nicht.
+Die Einsamkeit redete zu seiner Seele.
+
+Sie hatte es oft getan in letzter Zeit. In dunklen Nächten hatte
+sie frisches Öl auf die ewige Lampe gegossen, die Trägerin jener
+strengen heiligen Flamme über den Tiefen der Seele. Und als die
+Leuchte des Gewissens zur Fackelhelle entfacht war, als die gewaltige
+Gesetzesgeberin unumschränkt im Hause regierte, da geleitete die
+Einsamkeit eine lichte Gestalt in den Garten des Mannes und sagte: ›Laß
+sie deine Rosen gießen, derweil du den Wein schneidest!‹
+
+Zaudernd stand er: ›Schon einmal freit' ich vergebens!‹
+
+Sie schaute ihm ernst ins Angesicht. »Damals verachtetest du, was
+echter Frauenliebe am höchsten steht! Damals wiesest du auf den
+schönsten Stein in ihrer Krone und sprachest: ›es ist ein Kiesel!‹ --
+das Blatt hat sich gewendet!«
+
+Ja, das Blatt hatte sich gewendet! Sinnend ging sein Blick über die
+Frauengestalt mit dem Kränzlein im Haar. »Jutta,« sagte er leise.
+
+In tiefen Gedanken wanderte er weiter.
+
+Da hörte er plötzlich von einem Seitenpfad Stimmen herüberklingen.
+
+Lauschend blieb er stehen.
+
+»Und ich sage dir, wenn du nicht aus Überzeugung unser Mitglied wirst,
+so hat deine Zugehörigkeit nicht den geringsten Wert,« sagte eine
+Frauenstimme.
+
+»Aber, lieber Schatz, die Hauptsache ist doch der Beitrag! Habt ihr
+denn so viele Mitglieder, die zwanzig Mark bezahlen?«
+
+»Nein, durchaus nicht.«
+
+»Ja, was willst du denn? Freu' dich doch!«
+
+Wendler bog die Zweige auseinander. Ein weißes Kleid schimmerte durch
+die Büsche. Er erkannte das Brautpaar. Der Offizier hatte den Arm um
+das junge Mädchen gelegt, ihre Hand lag in der seinen. Den dunklen Kopf
+gesenkt, sah sie vor sich nieder.
+
+»Meinst du wirklich, Gott könne sein Werk nicht ohne uns und unser Geld
+treiben?« hörte Wendler Sibylle sagen.
+
+»Ja, was bedeutet denn die ganze Sache?«
+
+»Sie bedeutet, daß seine erlösten Kinder Arbeiter am Bau seines Reiches
+werden sollen, Menschen, die aus Dank und aus Liebe zum Heil ihres
+Volkes und zu Gottes Ehren arbeiten!« rief sie lebhaft. »Eine bloße
+Geldspende, die gar nicht der Sache zuliebe gegeben wird, hat also im
+letzten Grunde keine Bedeutung. Denn Gold und Silber sind tote Werte,
+solange die Liebe sie nicht geheiligt hat.«
+
+»Aber ich gebe mein Geld dir zuliebe, Billy, -- bist du denn nicht viel
+mehr wie diese Sache?«
+
+»Im Gegenteil, ich bin viel weniger. Denn es geht um unseres Volkes
+Ewigkeit. Ich aber bin nur ein leicht zu ersetzendes Glied in der
+Kette der Männer und Frauen, die das Werk treiben! Du mußt die Sache
+großzügiger auffassen, Harro! Himmlische und irdische Liebe sind
+zweierlei!« Ein Seufzer verwehte.
+
+»Ich kann da nicht mit,« sagte er mit zerdrückter Stimme.
+
+»Weil du an keinen persönlichen Gott glaubst,« klang es traurig zurück.
+»Wer keine Ewigkeit hat, kann natürlich auch keine Ewigkeitsarbeit
+treiben. Das wäre Widerspruch.«
+
+Dann war es still zwischen den beiden. Nachdenklich blickte der
+Oberleutnant ins Grüne, während die Braut mit ihrem Sonnenschirm
+Figuren in den Sand zeichnete.
+
+Wartend stand der Geistliche. Die Sache interessierte ihn. Nicht nur
+psychologisch; auch der Bundesdirektor fragte sich: ›Was folgt nun?‹
+Daß sich zudem ein klein wenig menschliche Neugier in dies Interesse
+mischte, gestand er sich nicht ein.
+
+Und dann kam's, worauf er gewartet.
+
+»Sag' mal, Billy, warum hast du eigentlich ›ja‹ gesagt, als ich um
+dich anhielt? Dein Höchstes und Bestes kann ich nicht anerkennen -- du
+hast's mir ja freilich gleich damals gesagt, daß es dir schwer werde,
+daß wir uns darin nicht verständen, aber erst seit einiger Zeit merke
+ich, welch eine Macht deine Weltanschauung auf dich ausübt -- leidest
+du nicht darunter?« Harro Kambach hatte sich vorgebeugt und sprach
+eindringlich zu seiner Braut. »Ich hab's dir doch alles ehrlich vorher
+gesagt, Kind!«
+
+Sibylle Bühler hatte ihr Spiel mit dem Sonnenschirm aufgegeben. »Ich
+hab' ›ja‹ gesagt, weil ich dich grenzenlos liebhab', -- weil ich mir
+sagte, ein so ehrlicher Mensch, wie du, findet früher oder später
+seinen Gott. Denk' nur nicht, ich bildete mir ein, die Liebe zu mir
+würde dich zum Glauben bringen. Dann wärst du kein rechter Mann,
+vor allem aber wäre dein Glaube nicht der rechte. Glaube, der auf
+Frauenliebe gegründet ist, ist kein Glaube, denn er wurzelt nicht in
+persönlicher Erfahrung. Die Heilsgewißheit fehlt ihm. Ich kann für dich
+beten, kann dir den Weg zeigen, -- und das will ich tun, soweit es in
+meinen Kräften steht -- mehr kann ich nicht. -- --
+
+ ›Nach der Wahrheit steilen Burgen
+ Mag ein andrer wohl die Pfade
+ Dir durch Dorn und Felsen zeigen:
+ ~Führen~ kann nur Gottes Gnade!‹[5]
+
+Kennst du den Vers? In einer Zeit, wo ich im Zweifel war, ob ich der
+Sehnsucht meines Herzens folgen dürfe, fand ich dies Dichterwort.«
+Die dunklen Augen strahlten ihn an: »Nun weiß ich's, ich darf deine
+Wegweiserin sein!«
+
+Er zog sie an sich. Ihr Haupt ruhte an seiner Brust.
+
+In tiefer Bewegung beugte er sich über sie und küßte sie. »Und wenn ich
+dir nicht folgen kann?«
+
+Wieder hob sie den Blick voll zu ihm auf. »Weißt du, wie es weiter
+heißt?
+
+ ›Die Erkenntnis ist das Erbe
+ Nicht der Weisen, nein der Frommen!
+ Nicht im Grübeln, nein im Beten
+ Wird dir Offenbarung kommen!‹
+
+Und dann das Letzte, Schönste:
+
+ ›Soll ein Menschenauge schauen,
+ Muß der Himmel sich erschließen,
+ Und ein Strahl von seinem Lichte
+ In das dunkle Herz sich gießen.‹«
+
+Ihre Stimme bebte. »Führen kann nur Gottes Gnade!« sagte sie leise.
+
+Wendler sah noch, wie über das Antlitz des Mannes ein Schatten flog,
+wie er schmerzlich den Kopf schüttelte, dann verließ er leise sein
+stilles Versteck.
+
+Nachdenklich wanderte er weiter.
+
+Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht und rauschte in den Kronen.
+
+›Das ist echte Frauenliebe,‹ dachte er, ›Wegweiserin will sie dem Manne
+sein!‹
+
+Unwillkürlich zog er den Vergleich zwischen Sibylle Bühler und der
+Frau, nach deren Liebe er sich sehnte, wie nach einem frischen Trunk,
+-- sie hatte sich ihm versagt. Sie hatte es übers Herz gebracht, ihm
+zu weigern, was wahrhaftiger Frauensinn mit vollen Händen austeilt,
+hatte vergessen, daß ein echtes Weib nur dann glücklich ist, wenn
+es einem geliebten Menschen zum Quell der Erquickung und des Segens
+wird. Oder nicht? Hatte sie gelitten, gedarbt? Wartete sie auf sein
+jubelndes Bekenntnis: ›Dein Gott ist mein Gott!?‹ Er grübelte weiter.
+Sibylle Bühler reichte einem Manne die Hand, der viel weniger glaubte,
+als er geglaubt, der im Grunde überhaupt keine Religion, sondern nur
+eine moderne Weltanschauung besaß, -- Jutta Eichel wies den glühenden
+Jesusverehrer von sich. Und doch standen diese beiden Frauen auf
+gleichem Boden, auf dem Boden des bibelgläubigen Christentums. Beide
+kannten das Wort: ›Der ungläubige Mann wird geheiligt durch das Weib.‹
+In echt frauenhafter Demut hatte sich die junge Gräfin unter dies
+Wort gestellt, -- die Tochter des orthodoxen Pfarrhauses hatte es
+nicht vermocht. Oder lagen die Dinge anders? Er grübelte weiter. In
+heißer Sehnsucht, sich selbst und dem Weibe, das er noch immer mit
+seiner ganzen Manneskraft liebte, gerecht zu werden, zwang er sich zum
+Nachdenken.
+
+Und dann stand er plötzlich tief aufatmend still.
+
+Beide hatten recht gehandelt, die eine, als sie sich dem Manne
+angelobte, dessen verflachte Weltanschauung ihn halt- und führerlos
+gemacht, die andere, als sie in heiliger Sorge um den eigenen
+Glaubensschatz dem Geliebten auswich, der ihr die toten Früchte
+menschlicher Weisheit bot. Sie hatte recht gehabt, als sie ihn von
+sich wies, sein Wissensdünkel hätte sich niemals vor einem Weibe
+gebeugt. Über ihn hatte ein Gewaltiger kommen und sein Werk in Stücke
+brechen müssen, daß er's im tiefsten erschütterndsten Sinne erlebte:
+›~Führen~ kann nur Gottes Gnade!‹ Und er hatte es erlebt. Was ihn
+einst ein Makel gedünkt, war heute sein jubelndes Bekenntnis: ›Du bist
+mir zu stark gewesen und hast gewonnen!‹
+
+Aber seine Sehnsucht nach Frauenliebe war gewachsen. Wie würde Jutta
+Eichel ihm heute begegnen? Er hatte sie seit jener Stunde nicht
+wieder allein gesehen, obwohl er in den letzten Wochen häufig in
+Bundesangelegenheiten bei der alten Exzellenz gewesen, aber ihre
+Gesellschafterin war stets abwesend, oder huschte nur mit einer
+dringenden wirtschaftlichen Frage durchs Zimmer. Ob sie nichts mehr von
+ihm wissen wollte? Seufzend blickte er auf.
+
+Wo war er hingeraten?
+
+Der Wald hatte sich gelichtet. Zwischen den dunklen Stämmen schimmerte
+das Grün der Wiesen. Er trat ins Freie. Wahrhaftig, da lag Dreilinden!
+In seiner Erregung hatte er einen verkehrten Weg eingeschlagen.
+
+Freundlich grüßten die roten Dächer des Gutshauses über die Felder. In
+den leise wehenden Zweigen der Birken spann die Sonne ihre goldenen
+Netze. Ein leuchtender Falter gaukelte über dem Rain. Und die Fenster
+drüben blinkten und lockten, und der Wind trug die Klänge eines alten
+Volksliedes herüber:
+
+ ›Meine Mutter hat's gewollt!
+ Den andren ich nehmen sollt'!
+ Mein Herze sollt vergessen,
+ Was es zuvor besessen, --
+ Das hat es nicht gewollt!
+
+ Meine Mutter klag' ich an!
+ Sie hat nicht wohl getan!
+ Was sonst in Ehren stünde,
+ Nun ist es worden Sünde, --
+ Was fang' ich an?
+
+ Für all mein'n Stolz und Freud'
+ Empfangen hab' ich Leid!
+ Oh, -- wär' es nicht geschehen,
+ Oh, -- könnt' ich betteln gehen
+ Über die braune Heid'!‹
+
+Wie ein Alp legte sich der schwermütige Sang auf seine Seele.
+
+Er strich mit der Hand über die heiße Stirn.
+
+Was war das? Verwehter Heidezauber? Der Spuk nahender Dämmerung?
+
+ ›Meine Mutter hat's gewollt!‹
+
+Sie hatte ja nicht Vater, noch Mutter, nicht Bruder, noch Schwester,
+und kein anderer hatte an ihre Tür gepocht; er wußte es. Aber das Erbe
+des Elternhauses besaß sie voll und ganz und hielt es mit starken
+reinen Händen fest. Und in diesem Sinne traf ihn in dieser Stunde
+das Wort bis ins Mark. Was sie fernhielt, war trotz allem, das sie
+in letzter Zeit über ihn gehört, die Sorge um das heiligste Erbe des
+Vaterhauses. Und mit plötzlicher Klarheit stand's vor ihm: Frauenliebe
+versteht dich erst, wenn du selbst vor sie hintrittst: ›Ich glaube an
+Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn!‹ Was hatte ihn
+abgehalten, alle Hindernisse überwindend, zu ihr zu gehen? Die Scheu
+vor dem Eingeständnis des Riesenirrtums, der seine Seele in Fesseln
+geschlagen?
+
+Nun und nie!
+
+Der Stolz?
+
+Das Blut stieg ihm in die Stirn. Pochte einmal abgewiesene Mannesliebe
+ein zweites Mal an die Tür eines Weibes?
+
+Er preßte die Lippen zusammen. Ja, der Stolz war's.
+
+›Warum wies sie dich denn ab?‹ raunte das Gewissen.
+
+Da gestand er sich's ehrlich. ›Um des Glaubens willen!‹
+
+Ja, darum ganz allein.
+
+Seine Augen leuchteten.
+
+»Gerad' der Mannesstolz soll dir seinen Glauben bekennen!« sagte er
+leise und wanderte mit großen Schritten dem Gutshause zu.
+
+Er wußte, sie war daheim. Jedenfalls leistete sie in Abwesenheit der
+alten Dame Gräfin Ilse Bühler, welche seit einigen Wochen in Dreilinden
+war, Gesellschaft.
+
+Ohne Umschweife wollte er auf sein Ziel losgehen und sie um eine
+Unterredung bitten lassen. Dann mochte kommen, was da wollte, sie wußte
+es aus seinem eigenen Munde, woran sie mit ihm war.
+
+Ein starkes Glücksgefühl durchschauerte ihn. Und während seine Seele
+sich bereitete, einer anderen ihr Allerheiligstes zu erschließen,
+kehrte eine große schöne Gewißheit bei ihm ein. Nicht die Gewißheit des
+Besitzes, sondern des Friedens, der, höher als alle Vernunft, Glück und
+Schmerz überdauert.
+
+So ausgerüstet wanderte er wie einst über den sonnigen Hof. Fast
+dasselbe Bild war's, nur die Zeit war eine andere. Damals stand eine
+schlanke Gestalt in der offenen Halle, des Spätsommers glühende
+Zentifolienpracht in den Händen, heute schritt sie, einen duftenden
+Fliederstrauß tragend, dem Hause zu. Ein Zug sanfter Trauer lagerte
+auf der hellen Mädchenstirn, ein tiefer Ernst, der ihrem ganzen Wesen
+etwas Frauenhaftes gab.
+
+Mit einem Schritt war er an ihrer Seite. Leuchtenden Auges grüßte er
+sie und reichte ihr die Hand. »Darf ich Sie einen Augenblick sprechen,
+Fräulein Eichel?«
+
+Sein plötzliches Erscheinen hatte sie erschreckt. Sie war leichenblaß
+geworden. Doch mit der ihr eigenen Willenskraft beherrschte sie sich
+und reichte ihm freundlich die Hand. »Guten Abend, Herr Pastor!
+Exzellenz ist noch nicht zurück! Aber ich stehe ganz zu Ihrer
+Verfügung. Sie kommen gewiß in einer Armenangelegenheit, -- Sie wissen,
+mein Gebiet! -- Gräfin Bühler schläft, ich bin also ganz frei. --
+Wollen wir uns unter die Linde setzen?«
+
+Sie sagte es mit einer gewissen Hast, dann eilte sie ihm voran, dem
+schattigen Platze zu. Scheute sie die Enge des Raumes, das Alleinsein
+mit ihm in den stillen vier Wänden? Nachdenklich folgte er ihr.
+
+Und dann saßen die beiden Menschen unter den lang herabhängenden
+Zweigen des alten Baumes auf der weißen Gartenbank. Die Bienenvölker
+summten in den Kronen, im hereinbrechenden Sonnenlicht tanzte ein
+Mückenschwarm. Eine feine goldgrüne Dämmerung spann ihre Fäden um den
+verschwiegenen Platz.
+
+Kein Ton unterbrach die Feierstille des Frühlingsabends. Eines meinte
+des anderen Herzschlag zu vernehmen und das stille Glühen seiner
+Seele zu spüren. Mit aller Kraft rang der Mann seine Sehnsucht
+nieder; mit frauenhafter Scheu suchte das Weib seine Liebe zu
+verbergen. Und dennoch wußt' es eins vom anderen, daß die Saiten
+ihrer Seele zerspringen wollten unter den vollen Tönen einer großen
+tiefen Leidenschaft. Als würf' das Meer seiner Woge Gewalt gegen ein
+schwankes Türlein, und das Rauschen kläng' hindurch und das Jubeln der
+jungfräulichen Flut -- so empfanden zwei Seelen der Liebe Königsgewalt.
+Mannesart begehrte dieser Liebe Kraft, Frauensinn sehnte sich nach
+jenem stillen zarten Dienst, der echten Weibes Seligkeit.
+
+Und dann klang es mit verhaltener Leidenschaft durch die Abendstille:
+»Ich komme nicht wegen der Armen, ich will nichts von Exzellenz von
+Kambach, -- nur zu Ihnen will ich! Will's Ihnen endlich, endlich selber
+sagen, daß Ihr Heiland auch mein Gott und Herr ist, -- nicht die
+vergöttlichte Idealgestalt von dieser Erde, -- nein, der König meiner
+Seele, den ich auf den Knien anbete, mein Versöhner und Erlöser! --
+Ich bringe Ihnen kein Gold und Silber, arm gehe ich in eine ungewisse
+Zukunft, aber was ich besitze ist echt, -- der Glaube, wie die Liebe!«
+
+Er hielt tief atmend inne.
+
+Gesenkten Hauptes saß sie neben ihm, die Hände im Schoß verschlungen.
+Auf den schweren Flechten flimmerte die Sonne und umwob das dunkle
+Haupt mit feinen goldenen Rauten.
+
+Sinnend sah er auf sie nieder. »Jutta,« sagte er leise.
+
+Aber sie regte sich nicht.
+
+»Soll ich gehen?« fragte er.
+
+Da hob sie die Augen voll zu ihm auf. »Nein, nein!« Eine große
+Sehnsucht lag in ihrem Blick, aber um den schmalen Mund zuckte
+verhaltener Schmerz.
+
+»Zweifeln Sie an mir?« fragte er traurig, »an dem Glauben des Mannes,
+der seinen Meister auf Umwegen fand?«
+
+»Nein,« rief sie lebhaft, »keinen Augenblick! In tiefster Seele
+beglückt mich, woran ich nie gezweifelt, was ich aber von Ihnen selbst
+hören mußte, ehe es mir zum unbestrittenen köstlichen Besitz wurde.
+Die tiefe Kluft von einst ist überbrückt. Aber etwas anderes liegt mir
+auf der Seele, etwas, das mich schon damals drückte, was aber hinter
+der großen Hauptsache zurücktrat.« Ihre Stimme bebte. Sie wandte
+das Antlitz zur Seite. »Ich weiß nicht, ob Sie sich nicht in mir
+täuschen. Es ist etwas anderes, ob man ein Mädchen von fünfundzwanzig
+Jahren heiratet, oder eines, das die Mitte der Dreißig überschritten.
+Gewiß, es gibt Menschen, die immer jung bleiben, die etwas Leuchtendes
+an sich haben, etwas Unverwelkliches, -- das sind die sogenannten
+Sonntagskinder, denen eine besondere Gabe beschert ward, die sie im
+Dienste anderer verwerten. Und dieser Dienst erhält sie jung. Aber an
+mir ist nichts Leuchtendes! Ich bin nichts, als ein guter Hausgeist,
+wie Exzellenz sagt. Von Ihnen aber hab' ich immer gedacht, Sie
+brauchten eine jener feinsinnigen idealen Frauen, die überall Glanz
+und Wärme hintragen und unbewußt durch ihr ganzes Wesen anderen zur
+Erquickung werden! Das werd' ich nie!«
+
+»Wissen Sie das so genau? Soll ich Ihre alte Exzellenz danach fragen?«
+Er beugte sich vor und suchte ihren Blick.
+
+Aber sie wich ihm aus. »Exzellenz -- ich sagte es doch schon -- die
+antwortet Ihnen: ›Eichelchen ist ein treuer Hausgeist!‹ Das ist ein
+großes unverdientes Lob, -- aber -- ich glaube, Sie brauchen mehr! Sie
+brauchen eine Rose, an der Sie sich erquicken können, eine junge holde
+Frau, die Ihnen ihre erste Liebe schenkt, eine, die mehr ist, als ich!«
+Errötend brach sie ab.
+
+Sein Auge ruhte sinnend auf ihr. Nie war sie ihm begehrenswerter
+erschienen, als in diesem Augenblick, wo sie ihn in die Tiefen ihrer
+Seele schauen ließ. Das war das Große an ihr, -- die Aufrichtigkeit.
+Sie war mehr als die bloße Erkenntnis: ›Die Knospe ist aufgeblüht,
+was du zu vergeben hast, ist still glühende reife Frauenliebe, tiefe
+abgeklärte Weibessehnsucht, die ausschaut, ob einer des Weges kommt,
+den sie erquicken darf!‹ Größer war der stille Verzicht, der ehrlich
+und selbstlos zurücktrat: ›Es ist Herbstrosenglut, morgen fällt
+der erste Schnee in den dunklen Kelch, -- geh eine Tür weiter, im
+Nachbarsgarten duftet eine liebliche Knospe, die brich, die nimm ans
+Herz!‹
+
+Ahnte sie gar nicht, daß er sich gerade nach dieser klaren reifen
+Frauenliebe sehnte, daß er gerade ihrer bedurfte, in den Kämpfen des
+Tages? Daß er ein Weib brauchte, das ihm nicht nur das Haus schmückte,
+sondern ihm geistig ebenbürtig zur Seite stand? Freilich nicht als
+Gefährtin im modernen Sinne. Die Frau, die er suchte, mußte sich ihrer
+Würde bewußt sein, sie mußte Schleier und Diadem vor dem Staub der
+Gasse zu schützen wissen, mußte, ihres königlichen Dienstes eingedenk,
+zuerst und zuletzt ganz Weib sein. Und das war die Frau, die hier an
+seiner Seite saß und ungewollt und unbewußt den schönsten Stein in
+ihrer Krone funkeln ließ, die Demut: ›An mir ist nichts Leuchtendes!
+Ich bin nichts als ein guter Hausgeist!‹ -- --
+
+»Eine, die mehr ist als Sie?« wiederholte er langsam ihre Worte. »Was
+denken Sie eigentlich von mir? Ich will kein Fräulein Doktor heiraten,
+sondern eine deutsche Frau!«
+
+»Ach, das meinte ich nicht!« entgegnete sie. »Ich dachte nur, gerade
+Ihre Frau müßte anders sein, etwa wie Gräfin Sibylle -- mit einem Wort
+-- anders als ich!«
+
+»Anders als Sie? -- Ich will Ihnen keine Schmeicheleien sagen, aber
+eines muß ich hier aussprechen. Ich weiß, Sie meinen nicht die äußere
+Schönheit, sondern die Seele, welche die ganze Persönlichkeit der
+Gräfin zu dem macht, was sie ist. Ich sah sie ja nur selten und
+flüchtig, aber das ist mein Eindruck von ihr: daß die Seele den Leib
+adelt. -- Muß ich Ihnen denn erst sagen, daß Ihnen dasselbe helle Licht
+aus den Augen strahlt? -- Gewiß, Sie sind beide keine Schablonen, jede
+von Ihnen hat ihre Eigenart, aber eines steht fest,« -- wieder beugte
+er sich zu ihr nieder, »ich brauche nicht weiterzugehen, ich will die
+Frau, die ich liebe, genau so, wie sie ist ...,« er faßte ihre Hand und
+drückte sie leise. »Jutta!«
+
+Sie schwieg noch immer.
+
+Da sagte er mit tiefernster Stimme: »Aber vielleicht ist Ihr Ideal
+eines Mannes ein anderes?«
+
+Durch ihre Gestalt ging ein Beben. Sie umklammerte seine Hand. »Nein,«
+sagte sie kaum hörbar.
+
+Aber er hatte sie verstanden.
+
+Es hielt ihn nicht länger.
+
+Er zog sie in seine Arme.
+
+Und als wär's seit langer Zeit ihr gewohnter Platz, legte sie den Kopf
+an seine Brust.
+
+Kein Laut ging durch die abendliche Stille.
+
+Die große Sehnsucht zweier Menschen war erfüllt: eines lauschte auf des
+anderen Herzschlag. -- -- --
+
+Und heimlich, als sei's ein Unrecht, streute die Sommerlinde ihre
+goldenen Knospen auf die weiße Gartenbank, in die dunklen Flechten der
+Braut. -- --
+
+»Ich hab's gewußt,« sagte Pastor Wendler leise. »Als du mich
+fortschicktest, sagte ich mir: ›Nur der Glaube trennt uns!‹«
+
+Sie hob den Kopf und sah ihn strahlend an.
+
+»Geliebt hast du mich damals schon, Jutta!«
+
+Sie fand in ihres Herzens Seligkeit noch immer keine Worte.
+
+Er aber wollte sein ganzes Glück aus ihrem Munde hören.
+
+»Seit wann?« fragte er mit weicher Stimme.
+
+Da sah sie ihn mit einem Ausdruck an, wie er ihn nie an ihr geschaut,
+dann legte sie aufs neue den Kopf an seine Brust. »Immer!« -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Über den Hof rollte ein Wagen.
+
+Sie richtete sich auf.
+
+»Das ist Exzellenz!«
+
+Er nickte ihr fröhlich zu.
+
+Langsam traten sie aus ihrem grünen Versteck.
+
+Als die Füchse hielten, standen sie Hand in Hand auf den Stufen.
+
+Frau von Kambachs Blick ging fragend von einem zum andern. Ihre Augen
+wurden immer größer.
+
+Der Pastor öffnete den Wagenschlag und half ihr beim Aussteigen. Jutta
+stand still daneben.
+
+Frau Sabine nickte ihr lächelnd zu.
+
+Dann sah sie dem abfahrenden Wagen nach, bis er um die Hausecke bog.
+
+Auf den Krückstock gestützt, stand die greise Gestalt, helle Freude im
+Antlitz. »Eichelchen, -- Kinder, -- was habt ihr gemacht?«
+
+Da beugte sich ein dunkler Mädchenkopf über ihre Hand: »Exzellenz, er
+will mich gerade so, wie ich bin!«
+
+Jubelnd kam's heraus, kaum wußte sie, was sie sagte.
+
+»Das glaub' ich schon,« rief die alte Dame, über das Haar ihrer treuen
+Gehilfin streichend.
+
+Und dann drohte sie dem Pastor.
+
+»Ist das eine Art, mir hinterrücks meinen treuen Hausgeist abspenstig
+zu machen?«
+
+Er neigte sich über ihre Hand. »Ich brauche eine Frau Direktor, und
+daran sind Exzellenz allein schuld. Wer hat mich auf den Posten
+berufen? -- Unter hundert Frauen aber ist vielleicht eine, die mir die
+rechte Gefährtin ist, und aus tiefster Seele dank' ich's Gott, daß ich
+ihr begegnet bin!«
+
+Er zog die Braut an sich.
+
+Der alten Frau traten die Tränen in die Augen. Ihr Blick schweifte
+über die Heide im Abendglanz, ihre Gedanken wanderten.
+
+Wie oft hatte sie um diese Stunde hier gestanden und ihres schönen
+geliebten Vaterlandes gedacht, wie oft war Herders mahnender Ruf durch
+ihre Seele gezogen: ›O Deutschland, meine Sorge!‹
+
+Aber so groß die Not, so schwer die Schuld, so riesenhaft die Last,
+so drohend die Gefahr, immer wieder ging der große Meister durch die
+Häuser und berief die besten und edelsten Kräfte zum Bau seines Reiches.
+
+Und ohne auch nur einen Augenblick an sich zu denken, an die Lücke in
+ihrem Hause, an den leeren Platz an ihrem Tisch, an alle Liebe und
+Treue, die von ihr ging, gab sie, was von ihr gefordert ward.
+
+›Es ist einer von den glattgespülten Kieselsteinen‹, zog es durch
+ihre Seele, als sie in später Abendstunde über der Bibel saß. ›Einen
+heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel.
+
+Ein Frauenlos.
+
+ Das ist die dunkelste Schuld, die das Erbe des Blutes mißachtet,
+ Die das Vermächtnis an Kinder und Enkel entehrt.
+
+
+In einem stillen Dreilindener Gartenzimmer mit lichten Wänden und
+duftigen Mullgardinen, lag Gräfin Ilse Bühler in den weißen Kissen. In
+schweren Zöpfen hing das goldblonde Haar über ihre Schultern herab, die
+durchsichtigen Hände ruhten still auf der Decke. Ein müder todmüder Zug
+in dem blassen Gesicht alterte die junge Frau um Jahre. Schmerzlich
+zuckte der Mund, und in den blauen Augen standen Tränen.
+
+Exzellenz von Kambach trat an das Bett der Enkelin. »Nun, Liebling?«
+fragte sie leise und strich sanft über die schöne Stirn.
+
+Lächelnd sah sie auf die Wöchnerin nieder, aber es war ein fremdes
+seltsames Lächeln, und Ilse Bühler fühlte, es sollte ihr etwas
+verbergen.
+
+Forschend richtete sie den Blick auf die Greisin.
+
+»Großmutter, ich möchte mein Kind sehen!«
+
+Wieder strich die welke Frauenhand über ihre Stirn. »Hab' noch etwas
+Geduld, Ilse!«
+
+Die Gräfin wechselte jäh die Farben: »Großmutter, Ihr verbergt mir
+etwas! Was ist mit dem Kleinen? Um Gottes willen, sag' mir's!« Erregt
+versuchte sie, sich aufzurichten.
+
+»Ilse!« Mahnend hob Frau von Kambach die Hand. »Du weißt, was der
+Sanitätsrat gesagt hat! Ich muß mich darauf verlassen können, daß
+du seine Anordnungen genau befolgst, sonst dürfen wir dich keinen
+Augenblick allein lassen.«
+
+Gehorsam legte sich Gräfin Bühler in die Kissen zurück. Ihre Augen
+füllten sich aufs neue mit Tränen.
+
+»Ich will ja nur meinen Jungen sehen, Großmama!« sagte sie bittend.
+
+Ein tiefes Mitleid überkam die alte Frau. Im angrenzenden Zimmer lag
+ein schwaches Kind mit greisenhaften Zügen in der Wiege. Kaum einen
+Laut gab es von sich, kraftlos hingen die Glieder am Körper. Es war ein
+Bild des Jammers. Und der alte Sanitätsrat hatte feuchten Auges vor dem
+kleinen Wesen gestanden und traurig den Kopf geschüttelt. »Exzellenz,
+das sind böse Sachen!«
+
+Er sah sich um. »Hört uns niemand? Nein?« Und mit halblauter Stimme
+fuhr er fort: »Ein fast knochenloser Körperorganismus -- was das
+bedeutet, Exzellenz?« Er zuckte mit vielsagendem Gesicht die Achseln.
+-- »Die Herren Offiziere heiraten immer wieder skrupellos darauf los,
+ich kann hier nur eines sagen, -- Berlin bei Nacht, -- und nicht nur
+Berlin! Denn Graf Bühler steht nicht, wie viele, unter dem Fluch eines
+düsteren Familienerbes. Wir haben es mit einer Schuld zu tun!«
+
+Frau von Kambach hatte die zitternde Rechte auf den Arm des
+Hausfreundes gelegt: »Um Gottes willen! Erklären Sie sich!«
+
+Da beugte sich der alte Mann über die Wiege und sagte, die Hand auf das
+blonde Köpfchen legend, mit erstickter Stimme: »Syphilis, Exzellenz!«
+
+Sprachlos hatte sie ihn angeschaut. Dann war der Schmerz wie ein
+Gewappneter über sie gekommen. Sie hatte sich schwer auf den nächsten
+Stuhl niedergelassen. Ein heißes Schluchzen rang sich aus ihrer Brust.
+Ihr erster Urenkel, der Sohn einer Kambach, der Erbe schwerer sexueller
+Verfehlungen! Aufs tiefste erschüttert, weinte sie vor sich hin.
+
+»Exzellenz,« mahnte der alte Arzt, und wies zum Nebenzimmer, wo die
+junge Mutter lag.
+
+Da raffte sie sich auf. Ein leises Zittern rann durch ihre Gestalt,
+als sie sich erhob, aber dann stand sie hoch aufgerichtet auf den
+Krückstock gestützt, vor ihm.
+
+»Soll ich's ihr sagen?«
+
+»Nein,« erwiderte er ernst. »Es könnte ihr Tod sein! Aber auf ein sehr
+sehr schwaches Kind müssen Sie die Gräfin vorbereiten, schon deshalb,
+damit sie nicht bei seinem Anblick erschrickt.«
+
+Und dann hatte er sie mit ihrer schweren Mission allein gelassen.
+
+ * * * * *
+
+Stunden waren vergangen. Exzellenz von Kambach hatte nicht den Mut
+gehabt, Ilses Zimmer wieder zu betreten. Aber dann mußte es sein.
+
+Das Schwerste kam in später Abendstunde, wo sie den Enkel erwartete.
+
+Sie hatte sich vorgenommen, der jungen Frau erst mit beginnender
+Dämmerung das Kind zu zeigen. Wenn die Schatten des sinkenden Tages auf
+das kleine Geschöpf fielen, würde ihr das Schlimmste verborgen bleiben.
+Über die ersten Stunden hinaus konnte und wollte die Greisin nicht
+denken, für den nächsten Tag mochte Gott sorgen. -- --
+
+»Der Kleine schläft jetzt, Ilse,« sagte sie, froh, zu keiner Notlüge
+ihre Zuflucht nehmen zu müssen, »wenn er erwacht, sollst du ihn sehen.
+Aber es ist ein schwaches Kindchen, dessen kleines Leben wir hüten
+müssen, du wirst es dir anders gedacht haben!«
+
+Mit banger Frage hingen die blauen Augen an den Lippen der Großmutter.
+
+»Ich darf es dir nicht verschweigen, Ilse, daß es kein blühendes
+kräftiges Kind ist,« -- sie stockte; was sollte sie, ohne die Wahrheit
+zu umgehen, weiter sagen? -- »Versuch' doch, noch etwas zu schlafen,«
+fügte sie unvermittelt hinzu, »du siehst abgespannt aus!«
+
+Mechanisch nickte Ilse Bühler. Ihre Augen hingen angstvoll an der Tür,
+die sie von ihrem Kinde trennte.
+
+Erschüttert wandte Frau von Kambach sich ab.
+
+Welch namenlosen Jammer enthüllte diese Offiziersehe, welch dunkles
+Bild vornehmen Familienlebens! Einen Ausschnitt aus dem Riesengemälde
+des deutschen Verfalls stellte es dar, eine Einzelerscheinung, wie sie
+nicht trüber gedacht werden konnte. Und doch war -- wie irrtümlich
+vielfach behauptet wurde -- die Armee nicht in erster Linie die
+Trägerin und Verbreiterin der Geschlechtskrankheiten. Der statistische
+Nachweis Berlins stellte im Gegensatz zum Studententum, welches
+fünfundzwanzig vom Hundert lieferte, bei den Soldaten vier vom Hundert
+fest. Noch besaß die Armee ein gutes Stück altpreußischer Zucht, --
+und doch, und doch! Wann würde der Seuche, welche die furchtbare
+sittliche und völkische Verheerung anrichtete, Einhalt geboten werden?
+Und im äußeren Gegensatz zu dieser Tragödie der planmäßig betriebene
+Geburtenrückgang, -- zwei Dämonen, die sich scheinbar gleichgültig
+gegenüberstanden, in Wahrheit aber mit der Siedeglut teuflischen
+Begehrs Hand in Hand ihr Opfer umkreisten. Hier die junge Mutter, die
+der erste Anblick ihres heiß ersehnten Kindes vor die furchtbarste
+Erfahrung ihres Lebens stellte, -- dort die Frau, die um Tand und
+Wohlleben, um ein paar durchschwärmte Nächte das Allerheiligste der Ehe
+mit Füßen trat! -- Wahrlich, das deutsche Volk stand unter dem Zeichen
+langsamer Ausrottung, und nur ~eine~ Erklärung gab's für Gottes
+Langmut: Seine Mühlen mahlten langsam, aber trefflich fein. -- --
+
+ * * * * *
+
+Ilse Bühler hatte ihr Kind gesehen. Die Sommerlinde umschattete
+barmherzig das stille Frauengemach, die Dämmerung breitete ihren feinen
+Schleier über das Neugeborene. Mit großen Augen schaute die junge
+Mutter auf das Knäblein, ihre Brust atmete schwer, ihre Lippen zuckten,
+dann neigte sie sich über das blonde Köpfchen und hauchte einen scheuen
+Kuß auf die kleine Stirn. Mit verzweifeltem Blick folgte sie dem Kinde,
+als es hinausgetragen wurde. Dann schloß sie die Augen. Träne um Träne
+rann die blassen Wangen herab.
+
+Sorgenvoll saß Frau von Kambach an ihrer Seite.
+
+Dunkler wurden die Schatten.
+
+Durch die Zweige der Linde blickte schimmernd die feine goldene
+Mondsichel.
+
+Die Arbeit rastete.
+
+Von der Landstraße wehten die Klänge eines alten Volksliedes herüber:
+
+ ›Ich hab die Nacht geträumet
+ Wohl einen schweren Traum;
+ Es wuchs in meinem Garten
+ Ein Rosmarienbaum.
+
+ Ein Kirchhof war der Garten,
+ Ein Blumenbeet das Grab,
+ Und von den grünen Bäumen
+ Fiel Kron' und Blüte ab.
+
+ Die Blüten tät ich sammeln
+ In einen goldnen Krug,
+ Der fiel mir aus den Händen,
+ Daß er in Stücke schlug.
+
+ Draus sah ich Perlen rinnen
+ Und Tröpflein rosenrot, --
+ Was mag der Traum bedeuten?
+ Ach, Liebster, bist du tot?‹
+
+Fern über der Heide verklang die junge Stimme.
+
+Sinnend blickte die alte Frau aus dem Fenster. Welch wunderbare
+Schönheit lag in den schlichten Worten.
+
+ ›Die Blüten tät ich sammeln
+ In einen goldnen Krug,
+ Der fiel mir aus den Händen,
+ Das er in Stücke schlug!‹
+
+zog es durch ihre Seele.
+
+Und dann blickte sie wieder auf das weiße Antlitz in den Kissen. Die
+Tränen traten ihr in die Augen.
+
+Das war auch eine von den vielen, die ausgegangen waren, als alle
+Berge blühten, ihr Frühlingssträußchen zu pflücken. Ihr Krüglein
+war zerbrochen, ihre Blumen verwelkt, auf ihren Garten war ein Reif
+gefallen -- -- -- was würde das Ende sein?
+
+Die erste und letzte Liebe dieses jungen betrogenen Weibes, das mit der
+größten Not seines Lebens kämpfte, hieß Wolf Dietrich Bühler -- -- --
+
+Und weiter, weiter -- --
+
+Sollte sich jenes altberühmte, Fürstengeschlechtern geredete Wort an
+der vielhundertjährigen Adelssippe der Mark erfüllen:
+
+ ›Es wenden die Herrscher
+ Ihr segnendes Auge
+ Von ganzen Geschlechtern
+ Und meiden, im Enkel
+ Die eh'mals geliebten,
+ Still redenden Züge
+ Des Ahnherrn zu sehn!?‹
+
+Es graute ihr ...
+
+Da klang's leise durch die Abendstille: »Großmutter, bis du da?«
+
+»Ja, Liebling! Willst du Licht?«
+
+»Ach nein, laß uns im Dunkeln bleiben, -- Großmutter -- was ist's mit
+dem Kleinen?«
+
+»Ich sagt' es dir doch, Ilse, es ist ein schwaches zartes Kind!«
+
+»Nein, nein,« klang's traurig mit leiser Ungeduld zurück, »das mein'
+ich nicht, -- ach, Großmutter, sag' mir's doch, das Fragen ist so
+schwer!«
+
+Die alte Frau antwortete nicht.
+
+Totenstille herrschte in dem dämmernden Raum.
+
+»Großmutter!« Flehend klang's aus den Kissen.
+
+Da neigte sie sich über das Bett und faßte die Hände der Enkelin. Sie
+waren eiskalt.
+
+Sie erschrak. »Ilse, frierst du?«
+
+»Nein, ich will nur wissen, was mit dem Kleinen ist!«
+
+Eine heiße Angst überkam die Greisin. Die Unterhaltung währte ihr schon
+viel zu lange für die zarte Frau.
+
+»Liebling, ich sagt' es dir!« Sie strich leise über die schmalen Hände.
+
+Ein tiefer Seufzer antwortete ihr. Und dann kam's stockend flüsternd,
+verzweifelt heraus: »Wenn du mir das Entsetzliche nicht sagen willst,
+so muß ich's mir selber sagen -- Wolf Dietrich -- ist krank und das
+Kind -- --« schluchzend barg sie das Antlitz in den Kissen. -- --
+
+Eine schwere Viertelstunde zog vorüber. -- --
+
+Still war's im Zimmer. So still, als hätte der Tod seine Ernte
+gehalten. Aber es war nur das Schweigen eines großen Schmerzes, der auf
+dem Leben lastete.
+
+Der Schlag der Uhren klang durch das stille Gutshaus. Durch die offenen
+Fenster wehten Lindenblütendüfte.
+
+Draußen unter dem hundertjährigen Stamm standen zwei und hielten sich
+bei den Händen. Zwei Starke. Menschen, die klar und zielbewußt ihren
+Weg gingen, deren Willen ein höherer Wille geheiligt.
+
+Schweigend standen sie unter der Linde.
+
+»Wenn Gott das Kind doch zu sich nähme!« sagte Jutta Eichel endlich und
+blickte zu den verhangenen Fenstern empor.
+
+»Vielleicht soll es leben!« entgegnete der Pfarrer.
+
+Sie sah ihn sinnend an. Eine Flut von Fragen, die eine Braut nicht
+ausspricht, zog durch ihre Seele.
+
+Von der Dorfstraße klang das Rollen eines Wagens herüber.
+
+Sie schreckte empor. »Das ist Graf Bühler.«
+
+Fröstelnd zog sie ihr Tuch um die Schultern.
+
+Er aber empfand unwillkürlich, daß es nicht nur die Nachtluft war, die
+sie erschauern ließ. Ihre Frauenreinheit erbebte vor der Begegnung mit
+der dunkelsten Menschenschuld.
+
+Er faßte ihre Hand fester. »Komm,« sagte er leise. »Du begleitest mich
+noch ein Stück, nicht wahr?«
+
+Dankbar nickte sie ihm zu. Zum erstenmal, seit Wendler als
+Bundesdirektor nach Düsseldorf übergesiedelt war, sahen die Verlobten
+sich wieder. In Anbetracht der Verhältnisse war er des Kambachers Gast,
+hielt sich aber den größten Teil des Tages in Dreilinden auf.
+
+Hand in Hand wanderten sie schweigend durchs Korn.
+
+Grillen zirpten. Durch die Halme ging ein Flüstern. Heckenrosen blühten
+am Rain. Die Nebel brauten. In einen weißen Schleier gehüllt, träumte
+die Heide.
+
+Und ein Stern nach dem anderen ging über den deutschen Landen auf. -- --
+
+ * * * * *
+
+In dem matt erleuchteten Raum unter der rosenfarbenen Ampel stand die
+greise Gutsfrau mit dem Enkel an der Wiege.
+
+»Das ist ~Ihr~ Kind!« Hart und scharf klangen ihre Worte. Sie
+hatte sich bis jetzt nicht entschließen können, Wolf Dietrich Bühler
+das verwandtschaftliche Du anzubieten.
+
+Unbeweglich stand der junge Offizier neben ihr.
+
+Das Blut stieg ihm in die Stirn. Sein Kind!
+
+Er strich flüchtig mit der Hand über die Augen -- sein Blick streifte
+scheu das kleine Wesen in den Kissen. So sah also der Stammhalter
+der Bühler aus, -- eine Empfehlung der Rasse bedeutete dies Würmchen
+allerdings nicht! Und es fuhr ihm durch den Kopf: ›Tor, der ich war,
+als ich ihren Bitten nachgab und nicht sofort das Unglück verhinderte
+-- nun steh' ich am Pranger!‹
+
+Und dann sagte er, die Achseln zuckend: »Eine Frühgeburt, das erste
+Kind einer überzarten blutarmen Frau ...«
+
+Zwei klare Augen blickten ihn durchdringend an. »Nein,« klang
+erbarmungslos die Antwort, »keine Frühgeburt, sondern der
+unausbleibliche Fluch der Syphilis! -- Aber hier ist nicht der Ort,
+diese Dinge zu bereden!« Sie trat dicht an ihn heran. »Nur noch ein
+kurzes Wort hab' ich Ihnen zu sagen, dann mögen Sie zur Ruhe gehen. Sie
+sind mein Gast, und das Gastrecht ist mir heilig. Mein Enkel sind Sie
+nicht mehr. Ich gehöre der alten Zeit an, einer Zeit, da man Zucht und
+Sitte noch nicht mit Füßen trat, da ein Edelmann seine Sinne meisterte
+und das Erbe des Blutes ehrte. Sie mögen über die vorsintflutlichen
+Ansichten der alten Kambach denken, wie Sie wollen, -- Ihre Kritik
+berührt mich nicht. Nach außen werde ich die Rücksicht auf Ihre Familie
+nicht vergessen, -- innerlich trennt uns ein breiter Graben, den nur
+eines überbrücken kann: Ihre Umkehr unter das Kreuz! -- Gute Nacht,
+Graf Bühler!«
+
+Das weiße Haupt erhoben, schritt sie flammenden Auges an ihm vorüber
+zur Tür.
+
+Schweigend öffnete er dieselbe.
+
+Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, ging sie hinaus.
+
+Draußen auf den Fliesen klang das Aufschlagen des Krückstockes.
+
+Bis sich die Tür ihres Arbeitszimmers hinter ihr geschlossen, reichte
+die Kraft der starken stolzen Frau.
+
+Dann sank sie schwer in einen Sessel und weinte bitterlich.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel.
+
+Gold gab ich für Eisen!
+
+ Dann erst wird der Smaragd zum kostbaren Kleinod,
+ Wenn ihn die Liebe zum Baustein der Ewigkeit weiht.
+
+
+Im ›blauen Salon‹ brannte Kaminfeuer und der Teekessel summte.
+
+Wenn die Bezeichnung auch schon seit Jahren nicht mehr stimmte, denn
+die blaue Seide war längst durch einen dunklen Gobelinstoff ersetzt, so
+behielt der hübsche elegante Raum doch seinen alten Namen. Man war eben
+in allem konservativ in Dreilinden.
+
+Die Sonne blickte herein und mischte ihr Gold mit dem Feuer im
+Kamin. Leuchtend lag der warme Bronzeton auf den Familienbildern und
+hundertjährigen Erinnerungen.
+
+Neben dem feinen Porzellan stand ein Bachvergißmeinnichtkranz. Auf dem
+Kaminsims duftete in kristallenem Kelch eine dunkle Edelrose. Es war
+Sommerzeit.
+
+Unter dem Kessel züngelte die blaue Flamme und spiegelte sich im
+Silber des Teegeschirrs; leise begann das Wasser zu singen. Ein Hauch
+stiller Heimlichkeit webte über dem sonnigen Bilde, über den drei
+Frauengestalten, die den ›blauen Salon‹ belebten.
+
+»Sag' mal, Billy, was war das für ein Wertpaket, das du heute mittag
+erhieltest?« fragte Frau von Kambach die Braut des Enkels.
+
+Das junge Mädchen blickte errötend von der Handarbeit auf.
+
+»Großmama, ich habe es noch gar nicht aufgemacht! Es scheint etwas aus
+dem Nachlaß Tante Nandine Linderns zu sein. Ich kam heute mittag nicht
+dazu, es zu öffnen, erst hab' ich geübt, dann waren wir im Dorf, und
+eben schrieb ich an Harro. Aber wenn du wissen möchtest, was darin ist,
+will ich gleich hinaufgehen.«
+
+Belustigt blickte die alte Exzellenz ihren Liebling an. »Sag' mal,
+Billy, bist du denn gar nicht neugierig?«
+
+»Warum? Ich bekomme jetzt alle Tage Hochzeitsgeschenke! Natürlich macht
+mir das Auspacken Spaß, aber ich hatte heute eben Wichtigeres zu tun!«
+
+»Hast du dir das Paket näher angesehen? Du sagst doch selbst, es sei
+kein Hochzeitsgeschenk!«
+
+»Näher angesehen? Es kommt aus Raklitten, und Ehrengard Lindern hat es
+abgeschickt!«
+
+Sie legte ihre Arbeit zusammen und verließ das Zimmer.
+
+In zehn Minuten war sie zurück.
+
+»Großmama! Du hast recht gehabt! Das hätte ich gleich aufmachen
+sollen!« Mit hochgeröteten Wangen stand sie da. »Aber wer hätte das
+auch gedacht! Wie eine Herzogin komm' ich mir vor!«
+
+Sie öffnete das himmelblaue Samtkästchen und legte es der alten Dame in
+den Schoß. Ein kostbares Halsband aus Perlen und Brillanten funkelte
+ihr entgegen.
+
+»Ist es nicht entzückend?«
+
+Staunend blickte Exzellenz von Kambach auf den wertvollen Schmuck.
+»Also wirklich kein Hochzeitsgeschenk?«
+
+»Nein, nein, ein Erbstück,« klang die stolze Antwort. »Hier steht's:
+›Meinem lieben Patchen zum Andenken an die alte Tante Nandine Lindern.‹
+-- Wie wird Harro sich freuen! Er erklärte neulich schon, ich müsse mit
+der Zeit irgendein größeres Schmuckstück für die Hoffeste haben, das
+gehöre sich so. Ich hab' ihm natürlich geantwortet, er sei wohl nicht
+recht klug! Bühl sei Majorat, und die Töchter, wie immer in solchen
+Fällen, arme Landpomeranzen, aber wenn die Männer sich etwas in den
+Kopf gesetzt haben, ist nichts zu wollen. Da schwieg ich denn und
+dachte: ›Abwarten, Tee trinken!‹ Und nun ist sein Wunsch erfüllt! Ich
+werde ihm vorläufig nichts davon sagen. Mitte Oktober ist ein großes
+Fest im Marmorpalais, dann erscheine ich im Brillantschmuck! ~Die~
+Augen möcht' ich sehen! -- Nicht wahr, Großmama, du hebst ihn mir
+bis dahin auf! Meine Geige darf ich ja schon bei dir einquartieren.
+Eichelchen, kommen Sie doch mal her! Das Mittelstück ist doch einzig in
+seiner Art!«
+
+Und zwei dunkle Köpfe neigten sich neben dem weißen über die
+schimmernde Pracht.
+
+»Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie sich so über einen Schmuck freuen
+könnten,« sagte Jutta Eichel endlich.
+
+»Warum denn nicht? Es ist doch nicht in erster Linie der Schmuck,
+sondern die Erinnerung an eine liebe Gestalt und vergangene Zeiten, --
+das macht ihn mir wertvoll! Außerdem freu' ich mich, daß mein Schatz
+seinen Willen bekommt, denn sonst würde er mir fortwährend mit der
+Sache in den Ohren liegen. Und dazu ist sie mir nicht wichtig genug.
+Zu guter Letzt aber sehe ich nicht ein, warum ich mich nicht auch
+persönlich freuen soll, wenn ich etwas Schönes geschenkt bekomme.
+Kaufen würde ich mir so etwas doch nie, und wenn ich über Millionen
+verfügte -- aber so? Schließlich bin ich doch auch keine Vogelscheuche!
+Kommen Sie, wir wollen einen Hopser machen -- ›Rosen aus dem Süden‹
+-- keine Müdigkeit vorgeschützt! Morgen kommt hoffentlich der
+Brillantschmuck für Fräulein Jutta Eichel!«
+
+Und ehe er's hindern konnte, wurde der treue Hausgeist im Sturm durch
+den ›blauen Salon‹ gewirbelt, daß die Flamme unter dem Kessel erschrak
+und das Porzellan klirrte.
+
+Endlich machte der Wildfang Schluß.
+
+»Verzeih, Großmama, aber Eichelchen hat manchmal Grappen im Kopf, die
+müssen ihr unbedingt noch vor der Ehe ausgetrieben werden; sonst gibt
+es ein Unglück!«
+
+Exzellenz von Kambach versuchte ein ernstes Gesicht zu machen. »Sag'
+mal, Billy, bist du eigentlich verrückt geworden? Glaubst du etwa, daß
+du für die Ehe reif bist, wenn du solche Allotria treibst?«
+
+»Großmutter, das sind keine Allotria, das nennt man in der
+Jugendbewegung ›Ertüchtigung‹. Außerdem muß auch mal etwas Leben in
+die Landschaft gebracht werden, sonst wird selbst die Ehe mit der Zeit
+langweilig!«
+
+Eichelchen hatte sich von ihrem Schreck erholt und sich der Juwelen
+bemächtigt. Vorsichtig nahm sie das Halsband heraus und trat zu Sibylle.
+
+»Zur Strafe für den Überfall will ich Sie gleich in Ihrem Erbschmuck
+sehen,« sagte sie und legte es um den weißen Hals.
+
+Sie trat ein paar Schritte zurück. »Ah -- Brandenburgs Rose!«
+
+Sibylle wurde dunkelrot. Vom Schein des Feuers umflirrt, stand sie am
+Kamin. Leuchtend hob sich die weiße Gestalt vom weinroten Teppich, und
+der letzte Strahl spielte mit den Edelsteinen.
+
+›Sophie Charlotte,‹ zog es der alten Frau durch den Sinn, und ihre
+Gedanken weilten bei dem Bilde der Ahnfrau.
+
+Da löste Sibylle den Schmuck und legte ihn in das Kästchen zurück.
+
+»Ehe ich nach Bühl zurückkehre, darf ich dir das Halsband geben, nicht
+wahr, Großmama? Jetzt will ich mich noch etwas daran freuen. Und
+niemand erfährt etwas davon, auch Großpapa und Mama nicht!« Ihr Blick
+flog zu Jutta Eichel hinüber; bittend legte sie den Finger an die
+Lippen.
+
+Die nickte ihr zu. »Ich schweige wie das Grab!«
+
+Sibylle ging. Dann sah sie noch einmal zur Tür herein.
+
+»Eh' ich's vergesse, Großmama, ist es sehr unbescheiden, wenn ich für
+Montag früh um einen Wagen bitte? Mama will dabei sein, wenn ich mein
+Brautkleid zum letztenmal anprobiere. Gestern ist sie von der Reise
+zurückgekehrt, bleibt einige Tage in Potsdam und will dann, ehe sie
+zur Hochzeit nach Bühl kommt, noch nach Mecklenburg. Eine schreckliche
+Hetzerei! Ich hätte das Kleid ja längst schon zum zweitenmal
+anprobieren können, aber sie wollte durchaus dabei sein. Darf ich
+Montag früh fahren?«
+
+»Natürlich, Billy.«
+
+»Danke tausendmal, Großmama!«
+
+Und fort war sie. --
+
+Ein Wagen rollte über den Hof.
+
+»Das ist Herr Oberstallmeister,« sagte Fräulein Eichel. »Soll ich noch
+einmal Tee machen?«
+
+Die Gutsherrin sah auf die Uhr. »Es ist gleich halb sechs! Lassen Sie
+nur bitte abräumen. Mein Sohn wird zum Abendbrot bleiben!«
+
+Die Gesellschafterin klingelte; dann setzte sie die Tassen zusammen.
+
+»Wenn Exzellenz mich brauchen sollten, -- ich gehe nur dem Postboten
+entgegen,« sagte sie und trug Brot und Kuchen hinaus. -- --
+
+ * * * * *
+
+Sibylle hatte ihren Schmuck in Sicherheit gebracht und stand, ihren
+Schwiegervater erwartend, in der offenen Haustür.
+
+»Tag, Billy,« rief er, die Freitreppe heraufkommend, »Großmama ist doch
+zu Hause?«
+
+»Ja, Papa!«
+
+Er küßte sie auf die Stirn.
+
+»Was macht Harro?«
+
+»Der ist vorgestern in Johannistal aufgestiegen!«
+
+»So, alles gut verlaufen? -- Und das tapfere Bräutchen hat keine Spur
+von Angst? Famos!«
+
+»Aber Papa, wir wollen doch unsere Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹
+machen! Wie sollt' ich da Angst haben? Im Gegenteil. Ich freue mich wie
+ein Zaunkönig!« Sie schob den Arm in den seinen. »Du bleibst doch zum
+Abendbrot?«
+
+»Ich muß zurück. Der ganze Schreibtisch liegt voll. Die Bundesarbeit
+wächst mit jedem Tage, und wir Vorsitzenden haben alle Hände voll zu
+tun. Die Drachenburger Ortsgruppe kommt noch dazu,« -- er fuhr mit der
+Hand durch das dichte graue Haar -- »ach ja!« -- --
+
+Frau von Kambach ging dem Sohne entgegen. »Schön, daß du kommst, Karl
+Heinrich!«
+
+»Ich muß dringend mit dir sprechen, Mama!«
+
+Sie nickte. »Wie geht es Ilse?«
+
+Auf seine Stirn trat eine Falte. »Sie nimmt sich sehr zusammen. Aber
+daß es unter den obwaltenden Umständen mit ihrer Erholung langsam geht,
+ist kein Wunder! Dazu die Sorge um das Kind!«
+
+Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß es groß wird, Mama! Es
+war jedenfalls sehr richtig, daß du die Nottaufe veranlaßtest!«
+
+Frau von Kambach nickte. »Es war in dem Augenblick das Gegebene! Man
+konnte gar nicht wissen, ob das kleine Geschöpf die Fahrt nach Kambach
+überstehen würde. Ich für meine Person hätte nicht die geringsten
+Bedenken gehabt, wenn Ilse hier geblieben wäre. Das Dorf liegt abseits,
+und ich habe jeden Verkehr mit dem Herrenhause untersagt. Aber als
+sie hörte, daß Diphtherie im Dorf sei, erklärte sie sofort, sie könne
+wegen des Kindes nicht bleiben. Zureden hätte nichts genützt, sie war
+derartig nervös, daß nichts mit ihr anzufangen war. Außerdem sagte
+ich mir: vielleicht ist es besser so. Diphtherie ist doch nun einmal
+übertragbar! -- Hoffentlich schadet ihr und dem Kinde die Fahrt nicht!
+Für Ilse war es reichlich früh, aber der Wagen federt zum Glück sehr
+gut.«
+
+»Ich glaube, die Fahrt wird weniger nachteilig für sie gewesen
+sein, als alles übrige, was das arme Kind durchgemacht hat und noch
+durchmacht,« entgegnete der Oberstallmeister. »Ilses Zukunft liegt sehr
+dunkel vor mir.« Er strich seufzend über die Stirn. »Ein anderes Mal
+davon, Mama. Ich komme nämlich wegen einer Bundesangelegenheit und bin
+sehr eilig.« Er sah auf die Uhr. »Dreiviertel sechs!«
+
+Man setzte sich.
+
+Sibylle wollte sich entfernen.
+
+»Bleib nur, Kind,« rief die Greisin, »oder hast du noch zu tun?«
+
+»Ich möchte nur noch an Mama schreiben, daß ich Montag komme. Wenn ich
+mich beeile, geht meine Karte jetzt noch mit fort, und sie hat sie
+Montag früh.«
+
+»Was ist denn los?« rief der Oberstallmeister dazwischen.
+
+»Ach, sie muß noch einmal nach Berlin, um ihr Brautkleid
+anzuprobieren,« entgegnete seine Mutter. »Setz' dich doch gleich an
+meinen Schreibtisch, Billy, es ist höchste Zeit!«
+
+»Danke, Großmama.«
+
+Das junge Mädchen zog sich in das Nebenzimmer zurück.
+
+Ohne auf die Unterhaltung drinnen zu achten, schrieb sie in fliegender
+Eile.
+
+Dann griff sie zum Löscher.
+
+Da klang ihres Schwiegervaters Stimme laut und erregt herein: »Wenn
+wir nicht in allernächster Zeit mit einer bestimmten pekuniären
+Sicherheit für mindestens zwei Jahre rechnen können, so bedeutet das
+einen Rückschritt der Bundesarbeit. Wehrmann und ich haben nach allen
+Ecken und Enden hin geschrieben; aber kein Mensch hat Geld, und die,
+welche es haben, rücken nichts heraus. Ja, wenn's für etwas anderes
+wäre! Aber für den Bund bibelgläubiger Christen? Nee, das gibt's nicht!
+Dabei brauchen wir, zumal bei der Einstellung neuer Arbeitskräfte
+mit allem, was drum und dran hängt, für die nächsten zwei bis drei
+Jahre rund dreißigtausend Mark. Und das ist noch niedrig gerechnet.
+Ich weiß tatsächlich nicht mehr aus noch ein. Ein paar tausend Mark
+bekomme ich ja schließlich von guten Freunden zusammen, aber was soll
+mir das helfen! Opfer bringt dies verwaschene Geschlecht eben nicht
+mehr, höchstens für Schlemmerei und Spiel, und der Himmel weiß, was
+sonst noch! Mit einem Donnerwetter möchte man dreinfahren, damit die
+Herrschaften das Wort wieder lernten: ›Gold gab ich für Eisen!‹ Ich
+wollte, meine olle Klitsche brächte mir mal 'ne Musterernte, dann wüßt'
+ich, was ich täte, aber ich komme ja wieder nur so gerade durch. Es ist
+um aus der Haut zu fahren!«
+
+Erschrocken lauschte Sibylle hinüber. Das waren ja böse Aussichten!
+Aber nein, es war unmöglich! Die Sache, die ihnen allen so am Herzen
+lag, die von so unendlicher Wichtigkeit war, konnte und durfte nicht
+Schaden leiden! Vielleicht sah ihr Schwiegervater in seiner regen
+Phantasie auch zu schwarz.
+
+Und dann hörte sie Frau von Kambachs klare Stimme.
+
+Aber auf dem Schreibtisch mahnte die Standuhr.
+
+Sie flog hinaus. -- --
+
+ * * * * *
+
+Gen Abend ging's. Langsam schlenderte der alte Postbote durch die
+Heide. Man durft' es ihm nicht verargen, daß er auch einmal die ganze
+Pracht in Ruhe genießen wollte.
+
+Einer von jenen Tagen, welche das Land in ihre goldene Schleier hüllen
+und dem bescheidensten Erdenwinkel einen stillen Zauber verleihen,
+ging zur Neige. Einer von den Tagen, wo alles leuchtet, wo die Farbe
+glüht und Märchenschönheit das Alltägliche umspinnt. Wo Wald und Heide
+Königreiche werden, wo das Bauerngärtlein mit seinem Bienenstock,
+seinen Malven und Nelken, seiner weißen Wäsche auf dem Zaun wie ein
+Idyll den Wanderer grüßt. Wo einem der Gedanke aufsteigt: ›Es ging
+ein Himmelskind durch die Lande und segnete Wald und Anger und das
+Herdfeuer der Menschen!‹ Solch ein Tag war's, solch ein wundervoller!
+-- --
+
+Unter dem steinernen Torbogen des Gutshauses stand Jutta Eichel. Auf
+den frischen klaren Zügen lag sehnende Erwartung.
+
+Die Hand über die Augen gebreitet, spähte sie über die Heide.
+
+Endlich tauchte der alte Postbote zwischen den Hügeln auf. Schwerfällig
+stolperte er auf sie zu.
+
+»Na, ick dacht's mir doch, Fräulein Eichel steht schon am Hoftor! Ein
+Glück, daß der Brief da ist, sonst wär's mir wohl schlecht gegangen!«
+Er blieb vor ihr stehen und kramte seine Tasche durch. »Da is er schon!
+Aus Düsseldorf! Wann wird denn Hochzeit gemacht, wenn ick mir die
+Anfrage erlauben darf!?«
+
+»Wenn die Hochzeit in Bühl gewesen ist!« klang die fröhliche Antwort.
+
+»So, so. Konnt' ick mir denken.« Er kramte weiter. »Für Gräfin Bühler
+is auch was da! Aus Berlin. Der Herr Oberleutnant is ja wohl bei die
+Luftschifferabteilung? Is ja allens ganz gut, und 's Deutsche Reich
+muß wohl solche Einrichtungen haben, aber -- ick weiß nich -- die
+Dinger haben nu doch mal keine Flügel, und darum kommt so oft was vor!
+Denn was die Perpellers sind, -- das sind doch nu und nie richtige
+Flügel, wie die Vögel sie haben! Und ick sag' mir immer, wenn der liebe
+Herrgott die Vögel so für die Luft eingerichtet hat, dann müßten die
+Luftschiffe auch Flügel haben, -- warum geht die Geschichte denn sonst
+immer schief? Nee, nee, das gefällt mich nich, Fräulein Eichel!« Er
+schloß die Tasche. »Abends gibt's nich viel, is 'ne flaue Post, nur der
+Düsseldorfer Brief darf nich fehlen!«
+
+Er nickte ihr freundlich zu und setzte seinen Weg fort.
+
+Einen Augenblick stand sie noch, die dämmernde Heide überschauend, dann
+begann sie, langsam dem Gutshause zuwandernd, ihren Brief zu lesen.
+
+Ein stilles Glück lag auf ihren klaren Zügen und gab ihnen einen
+eigenen Reiz. Einen feinen innerlichen, der ihr ganzes Wesen
+durchstrahlte und ihm jene Anmut verlieh, von welcher der Dichter singt:
+
+ ›Ist der Leib ein Gotteshaus,
+ Blickt ein Engel zum Aug' heraus.‹
+
+Wendler hatte gewußt, was er tat, als er seine Lebensgefährtin
+erwählte. Wie kein anderer bedurfte er der Frau, deren Hand fest
+in der seinen lag, deren Auge hell blieb, wenn Wolken über den
+Weg zogen, die mit starker Seele des Lebens Last trug. Die ganze
+Arbeitsfülle, verbunden mit den Schwierigkeiten, die ein in den
+ersten Anfängen steckendes, von allen Seiten mißtrauisch betrachtetes,
+vielfach angefeindetes Werk begleiten, war auf ihn eingestürmt.
+Mitten hineingestellt in den Geisteskampf der Zeit, wuchs ihm mit
+der Größe der Aufgabe nicht nur das Verantwortlichkeitsbewußtsein
+ins Riesenhafte, auch seine Kraft erstarkte unter der Last. Mit dem
+Ewigkeitsgedanken, der seit dem großen Wendepunkt seines Lebens der
+Grundton seines Tun und Denkens geworden, kehrte die Freude am Ausbau
+überweltlicher Ziele bei ihm ein und ward ein Stück seiner selbst.
+Ein starker frischer Mut, der Mut des Glaubens, der vergebene Schuld
+im Buche der ewigen Liebe getilgt weiß, ließ ihn Vergangenes dahinten
+lassen und aufbauen, was er zerstört. Kindesdemut fügte Stein an Stein,
+Mannesstolz hob, den Spöttern zum Trotz, das verachtete Werkzeug vom
+Boden und forderte blitzenden Auges: ›Den Hammer in Ehren!‹
+
+Wohl flogen die Pfeile um den tapferen Streiter, aber das Werk wuchs.
+Ortsgruppe reihte sich an Ortsgruppe, und die Zahl der Mitglieder
+mehrte sich zusehends.
+
+Den letzten Brief an Frau von Kambach durchzog's wie ein Jubilate, und
+das unerschütterliche Gottvertrauen, das aus jeder Zeile sprach, wirkte
+belebend und erfrischend auf die greise Frau, deren starkem Geist es
+in der letzten Zeit oft schwer geworden war, Leid und Sorgen mit dem
+Mute früherer Tage zu überwinden. Denn die Sorge um geliebte Menschen
+zermürbt, zumal, wenn man mit gebundenen Händen vor einem abgrundtiefen
+Schmerz steht, -- die Sorge um das Wachstum des Reiches Gottes hält
+wach, aber auch sie trägt ihren Namen mit Recht, solange Erdenkinder
+hienieden ihre Straße ziehen. Das Wort von den Lilien auf dem Felde
+bleibt dem Menschenherzen nun einmal eine schwierige Lektion.
+
+Nachdenklich wanderte die Braut dem Herrenhause zu. Auch in ihrer
+Seele lebte die Sorge. Ihr Verlobter hatte sie über die wirtschaftliche
+Lage des Bundes nicht im unklaren gelassen, auch in bezug auf die neu
+aufgetauchten Schwierigkeiten nicht. Ob Exzellenz von Kambach und ihr
+Sohn das alles in vollem Umfange wußten? Und zum erstenmal zog eine
+brennende Sehnsucht nach Reichtum in ihr Frauenherz. -- --
+
+ * * * * *
+
+Sibylle Bühler war aus Potsdam zurückgekehrt, schöner, strahlender denn
+je.
+
+»Es ist etwas an ihr, das wie ein Magnet auf mich wirkt, -- ist es das
+Leuchten ihrer Augen, die Frische ihres Wesens, ich weiß es nicht!
+Selten hat ein Mensch solche Anziehungskraft auf mich ausgeübt!« sagte
+Exzellenz von Kambach zu Fräulein Eichel.
+
+Sie nickte. »Ja, es ist ein wundervolles Gemisch von Ernst und
+Lebensfreude in Gräfin Sibylle! Man glaubt oft kaum, daß es ein und
+derselbe Mensch ist. Neulich die Freude über den Schmuck war doch
+einfach reizend!«
+
+»Ja,« erwiderte die Greisin, »aber ich bin überzeugt, daß sie mit noch
+größerer Freude ein Opfer für eine große Reichsgottessache bringen
+würde! So jung sie ist, ihr Leben hat Ewigkeitsinhalt, und der Grundton
+ihres Wesens ist der Zug zum Überweltlichen. Man findet selten in dem
+Alter solche Klarheit im Urteil und Handeln, solches Zielbewußtsein!«
+
+Sinnend ruhte ihr Blick auf dem Bilde des Brautpaares vor ihr auf dem
+Schreibtisch. »Ich hoffe, mein Enkel wird an ihr erstarken; sie gehört
+zu den Frauen, die den Mann, den sie lieben, in kluger und taktvoller
+Weise unmerklich beeinflussen. Übrigens -- ist Billy noch beim Packen?«
+
+»Sie stimmte eben ihre Geige. Der Koffer war fertig bis auf das, was
+morgen früh hinein soll!«
+
+»So, dann wird sie wohl gleich herunterkommen.«
+
+Fräulein Eichel ging.
+
+Gleich darauf erschien Sibylle, ihre Geige im Arm.
+
+Sie sah erhitzt aus. Ihre Augen glänzten.
+
+›Es ist die Erregung des Abschieds,‹ dachte Frau von Kambach.
+
+»Nun, da bist du ja,« begrüßte sie freundlich die Enkelin.
+
+»Ja, Großmama, und hier bringe ich dir die Vielgeliebte! Niemand gäb'
+ich sie so gern in Verwahrung wie dir! Der Kasten bedurfte leider
+so sehr der Ausbesserung, daß ich ihn neulich nach Berlin schicken
+mußte. Aber er wird dir in den allernächsten Tagen zugestellt werden.
+Bis dahin darf die Geige vielleicht hier in deinem Zimmer an der Wand
+hängen, -- es kommt ja niemand daran!«
+
+Die alte Dame nickte. »Anna ist ja vorsichtig beim Reinmachen, und
+Fräulein Eichel wischt bei mir Staub. Ich glaube, wir können ohne Sorge
+sein!«
+
+»Es dauert ja auch nur kurze Zeit,« sagte die Braut und schlang ein
+seidenes Band um das Instrument.
+
+»Aber erst spielst du mir noch etwas zum Abschied,« bat die Greisin.
+
+Sibylle nickte. »Was soll ich spielen?«
+
+»Was du willst!«
+
+Weich und sehnsüchtig zog Händels Arioso durch den Herbstabend. ›Ein
+feines, nahezu künstlerisches Spiel,‹ hatte ein namhafter Kritiker
+nach einem Berliner Wohltätigkeitskonzert über Sibylles Leistungen
+geurteilt. Der alten Frau war es mehr -- eine seelische Erquickung in
+stillen Stunden.
+
+Das Largo des großen Tonkünstlers folgte, die liebliche Harfenarie
+klang durch den stillen Raum.
+
+Das ernste Antlitz über die Geige geneigt, stand die Braut im Schein
+des flackernden Feuers.
+
+»Nun noch ›Ein Ton‹,« bat Frau Sabine.
+
+Da hängte Sibylle die Geige an die Wand und setzte sich an den Flügel.
+
+Auf der weichen Stimme lag's wie ein Schleier, als sie leise Peter
+Cornelius' tiefsinniges Lied anstimmte:
+
+ ›Mir klingt ein Ton so wunderbar
+ In Herz und Sinnen immerdar!
+ Ist es der Hauch, der dir entschwebt,
+ Als einmal noch dein Mund gebebt?
+ Ist es des Glöckleins leiser Klang,
+ Der dir gefolgt den Weg entlang?‹
+
+Der Gesang brach ab. Ein leises Weinen klang zu der alten Frau hinüber.
+
+»Billy!« Sie trat zum Flügel und zog den dunklen Mädchenkopf an die
+Brust. Sanft strich sie über das seidene Haar.
+
+Kein Laut unterbrach das Schweigen. Aber die jungen Lippen küßten die
+alten Hände.
+
+»Verzeih, Großmama,« sagte Sibylle Bühler dann mit stockender Stimme,
+»es war wie ein Abschied ...«
+
+Frau von Kambach schwieg, eine Träne rann ihr die Wange herab; sie
+beugte sich über die Braut und küßte sie. Dann schloß sie den Flügel.
+
+»Du wolltest mir noch deinen Schmuck bringen,« sagte sie, auf ihren
+Stock gestützt zum Kamin schreitend, wo sie sich in einen Klubsessel
+niederließ.
+
+Sibylle antwortete nicht sogleich. Das Rot auf ihren Wangen vertiefte
+sich. Dann zog sie einen Briefumschlag aus der Tasche, legte ihn der
+Greisin in den Schoß und sagte mit leisem Beben in der Stimme: »Da ist
+er, Großmama, aber du darfst nicht schelten!«
+
+Sprachlos blickte Exzellenz von Kambach die Enkelin an. Dann
+schüttelte sie den weißen Kopf und sagte ernst: »Ich verstehe dich
+nicht!« Sie öffnete den Briefumschlag und zog den Inhalt heraus:
+Banknoten.
+
+»Billy, was stellt dies vor? Bitte, äußere dich darüber!« rief sie und
+ihre Stimme durchzitterte Erregung. »Du sagst, das sei der Schmuck, --
+man verkauft doch nicht ein altes Erbstück um nichts und wieder nichts!«
+
+»Das habe ich auch nicht getan, Großmama! Um nichts und wieder nichts
+hätte ich das Halsband nie verkauft!«
+
+»Ja, aber was stellt das vor?«
+
+Da zog sich Sibylle, wie es ihre Art war, einen Schemel neben den Stuhl
+der Greisin und setzte sich zu ihren Füßen. »So kann ich's dir am
+besten sagen!« Sie lehnte den Kopf an ihre Knie. »Aber niemand darf's
+wissen, auch Harro nicht, wenigstens jetzt noch nicht, -- er versteht's
+doch nicht,« fügte sie traurig hinzu, »es ist zu heilig!« Sie hielt
+inne, als müsse sie sich sammeln.
+
+Und dann begann sie aufs neue mit leiser Stimme: »Also, um es kurz zu
+machen, Großmama, ich hörte Sonnabend abend, während ich nach Potsdam
+schrieb, wie Papa dir sagte, wenn er nicht in allernächster Zeit eine
+Sicherheit von dreißigtausend Mark für drei Jahre erhielte, so sei ein
+Rückgang der Bundesarbeit zu befürchten. -- Ich erschrak im ersten
+Augenblick natürlich sehr, du weißt ja, wie mir die Sache am Herzen
+liegt, aber andererseits sagte ich mir doch auch, daß Papas lebhafte
+Phantasie ihn vielleicht etwas schwarz sehen ließe. Das Letzte hörte
+ich nicht mehr -- ihr wußtet ja, daß ich nebenan saß; aber ich kam
+mir doch etwas vor, wie ein ›Lauscher an der Wand‹; denn Papa hatte
+meine Anwesenheit sicher längst vergessen, außerdem mußte meine Karte
+schleunigst fort. Abends wurde musiziert und von allem möglichen
+anderem gesprochen -- kurz und gut, ehrlich gestanden, hätte ich in
+diesen Tagen, kurz vor meiner Hochzeit vielleicht gar nicht wieder
+daran gedacht, wenn nicht ...«
+
+Sie sprang auf und lief in das geöffnete Nebenzimmer -- »es ist doch
+niemand hier?« Und dann setzte sie sich wieder auf ihr Schemelchen zu
+Füßen der Greisin. Aber sie lehnte den Kopf nicht wieder an ihre Knie
+und sah sie leuchtenden Auges an: »Großmama, keinem andern könnt' ich
+es sagen, nur dir, denn nur du verstehst so etwas!«
+
+Sie hielt einen Augenblick inne, als koste es sie trotzdem einen Kampf,
+den Schleier von ihrem Geheimnis zu lüften, dann fuhr sie fort: »Also
+ich dachte nicht wieder daran. Sonntag morgen fuhren wir zur Kirche.
+Ich wußte, daß ich als Braut zum letztenmal neben dir im Kambacher
+Stuhl saß, nach der Predigt sollte unser Aufgebot kommen, das alles
+bewegte mich. Die Gedanken an den Bund lagen mir in dem Augenblick
+gänzlich fern. -- Da mit einemmal kam's über mich, ich weiß nicht wie.
+Durch meinen Kopf flog es wie ein Wirbelwind: ›die dreißigtausend Mark
+~müssen~ geschafft werden, und ~du~ hast sie aufzubringen!‹
+Mit einer Wucht stürmte es auf mich ein, wie ich es nie erlebt, und
+ich fühlte und wußte es ganz bestimmt, das war nicht ~mein eigener
+Gedanke~, es war eine unsichtbare übermenschliche Kraft, die mich
+unter ihren Willen zwang. Ich war wie betäubt. Auch körperlich. Mühsam
+versuchte ich, meine Gedanken zu sammeln, meine Einkünfte zu übersehen,
+obgleich ich mir sagen mußte, daß gar nicht daran zu denken sei, daß
+ich diese Summe aufbrächte! Pastor Möller predigte über das Gebet. Ich
+hörte nicht zu und dachte nicht an Beten. Ich rechnete. Aber meine
+Rechnung stimmte nicht. Und in mir hämmerte und dröhnte es weiter:
+›Du sollst! Du mußt!‹ -- Ich war in heller Verzweiflung; am liebsten
+wäre ich aus der Kirche gerannt, aber das ging doch nicht! So hielt
+ich aus. Meine Lage wurde immer unerträglicher. Da, schließlich, als
+ich nicht mehr aus noch ein wußte, tat ich einen Stoßseufzer: ›Lieber
+Gott, schenk' mir doch einen vernünftigen Gedanken!‹ Es war kein Gebet,
+Großmama, es war ein Verzweiflungsschrei. Aber im selben Augenblick
+kam's wie eine Antwort: ›Du bist wohl ganz auf den Kopf gefallen! Wozu
+hast du den Schmuck, der mindestens zwanzigtausend Mark wert ist? Vor
+hundert Jahren gaben deutsche Edelfrauen den letzten Taler für die
+äußere Freiheit des Vaterlandes -- und ihr?‹ -- Großmutter, -- ich
+kann dir sagen, es war mir, als nähme mir einer eine Riesenlast ab und
+schenkte mir ein Königreich dafür!«
+
+Von Bewegung übermannt, legte sie den dunklen Kopf wieder auf ihren
+Platz in den Schoß der alten Frau. »Nicht wahr, du schiltst nicht?«
+
+Nein, sie schalt nicht. Ganz still saß sie da, und während zwei große
+Tränen über ihre Wangen liefen, legte sie die zitternden Hände auf das
+junge Haupt.
+
+Kein Laut ging durch's Zimmer. Ein großes feierndes Schweigen lag über
+den beiden Menschen, denen heilige unsichtbare Hände den Schleier
+der Überwelt gelüftet. Und ob jenes wunderbare Leuchten nur eines
+Augenblicks Länge gewährt, sie wußten, hinter den wallenden Nebeln
+lag die lichte Stadt, deren Glanz wie eine schimmernde Sternschnuppe
+auf ihren Weg gefallen war. Und dieser Glanz blieb an der armen Erde
+haften. Über dem Pfad der beiden Frauen stand der hohe Schein einer
+Ewigkeitsstunde.
+
+Endlich richtete sich Sibylle auf. Noch war sie keines weiteren Wortes
+fähig.
+
+Da nahm die alte Frau das schöne erglühende Mädchengesicht in beide
+Hände und küßte die Enkelin: »Gott segne dich, Liebling!«
+
+Sibylle zog die greise Hand an die Lippen. »Gut, daß du nicht mehr
+schiltst,« sagte sie, ihre Bewegung meisternd, und ein Anflug von
+Schalk huschte um ihren Mund.
+
+»Nein, nein, ich sage überhaupt nichts mehr,« erklärte Frau von
+Kambach. »Wenn Gott so gewaltig spricht, haben wir Menschen zu
+schweigen!«
+
+Lächelnd strich sie über das seidene Haar.
+
+»Aber nun erzähl' mir das übrige. Also du bist mitsamt deinem Schmuck,
+ohne einer Menschenseele etwas zu sagen, in Berlin gewesen und hast die
+Steine einschätzen lassen, du Ausreißer?«
+
+»Ja, Großmama,« erwiderte Sibylle triumphierend. »Und ich hatte
+Glück. Mama hatte fürchterliche Kopfschmerzen und ließ mich allein
+zu Gerson fahren, so hatte ich freie Hand. Harro war in Johannistal.
+Solche herrliche Fahrt habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht
+gemacht! Und dann kam das Schönste. Ich war bei Lorenz und ließ den
+Wert des Schmuckes feststellen. Großmama, ich dachte, es würden
+vielleicht zwanzigtausend Mark dabei herauskommen, und zerbrach mir
+den ganzen Tag darüber den Kopf, wen ich bitten solle, weiterzuhelfen.
+Denn Großpapa hätte höchstens zweitausend Mark geben können bei den
+schlechten Ernten, und Mama interessiert sich ja leider gar nicht für
+solche Sachen. -- Also der alte Lorenz besah mein Halsband von allen
+Seiten und prüfte die Steine eine halbe Ewigkeit. Ich stand wie auf
+Kohlen. Am liebsten hätte ich ihn beim Rockkragen genommen und tüchtig
+geschüttelt. Schließlich erklärte er dann mit größter Gemütsruhe:
+›Gnädigste Gräfin, ich biete Ihnen für den Schmuck dreißigtausend Mark,
+aber nehmen Sie's einem alten Manne nicht übel, es ist eine Sünde
+und Schande, wenn Sie ihn verkaufen!‹ -- Na, das war ja meine Sache.
+Wir haben den Handel gleich abgeschlossen. Ich war mit ihm auf der
+Deutschen Bank, -- da sind die dreißigtausend Mark!«
+
+»Aber Billy!«
+
+»Findest du es unpassend, Großmama?«
+
+Frau von Kambach lachte. »Etwas modern, aber vor allem sehr
+unvorsichtig. Man kutschiert nicht mit dreißigtausend Mark Wertpapieren
+in der Welt herum, sondern läßt die Angelegenheit durch die Bank
+ordnen. Du bist doch sonst so gewandt in solchen Sachen!«
+
+Die junge Gräfin senkte die Wimpern. »Ja, du hast recht, es war
+bodenlos dumm! Ich war eben so aus dem Häuschen vor Freude, daß ich
+alles verkehrt machte. Es ist ein Glück, daß nicht noch Schlimmeres
+geschah. Ich hätte gerade so gut in meinem Brautkleid zu Kempinsky oder
+Wertheim laufen können, -- gut, daß sie bei Gerson aufpaßten!« Zwei
+Grübchen traten dem Schelm in die Wangen.
+
+»Mir scheint, es wäre noch ganz anderes möglich gewesen,« sagte Frau
+von Kambach und strich lächelnd über das glühende Gesicht.
+
+»Morgen muß das Geld natürlich fort,« erklärte Sibylle, sich erhebend,
+»die Sache ist mir jetzt selbst etwas ungemütlich. Willst du es solange
+verwahren, Großmama? -- Und dann hast du wohl die Güte, es unter deinem
+Namen an Direktor Wendler zu schicken?«
+
+»Ich soll es schicken? Dann hast du ja die Freude nicht?«
+
+»Ich habe meine Freude gehabt,« entgegnete Sibylle leise, und ihr Blick
+ging über die Kreuzesgestalt an der Wand. »Geht das Geld unter meinem
+Namen nach Düsseldorf, so ist sie dahin. Die Frauen, die 1813 Gold
+für Eisen gaben, haben auch nicht ihre Karte daran gehängt, und mein
+Schmuck dient einer größeren ewigen Sache!«
+
+Frau von Kambach war dem Blick der Enkelin gefolgt. Sie widersprach ihr
+nicht länger.
+
+»So darf ich's Wendler auch nicht sagen?«
+
+Sibylle antwortete nicht sogleich.
+
+»Nein,« entgegnete sie dann, »oder -- doch -- ja! Aber erst nach der
+Hochzeit -- wenn -- wenn ich die Sonne grüße! -- Er soll nur nicht
+darüber sprechen!«
+
+Und dann rief sie plötzlich begeistert: »Großmama, ich hab ja auf der
+Rückreise die ›Brandenburg‹ gesehen, wie ein silberner Fisch zog sie
+durch die strahlende Luft! Wie ich mich auf die Hochzeitsreise freue!«
+
+Hochaufgerichtet stand die schlanke weiße Gestalt im Glanz des
+scheidenden Tages, in den Augen jenes wunderbare Leuchten, das ihr
+ganzes Wesen verklärte.
+
+»Also sag's ihm nur, aber erst dann, -- wenn ich die Sonne grüße!«
+-- --
+
+ * * * * *
+
+Und dann war Frau Sabine allein. Durch ihre Seele zog's wie ein Gruß
+aus der Ewigkeit -- -- --
+
+Sinnend blickte sie über den Hof. Da sah sie den alten Postboten
+auf das Herrenhaus zukommen. Was wollte der denn am Sonntagabend in
+Dreilinden? Es mußte ein besonderer Grund vorliegen.
+
+Sie trat zum Fenster und winkte ihm.
+
+Eilig schritt der Alte auf die Gutsherrin zu.
+
+»Ick komm' nochmal, Exzellenz,« rief er ihr schon von weitem entgegen,
+»Exzellenz sollen nich bis morgen warten!« Er nahm die Mütze ab
+und strich erregt über das graue Haar. »Die Welt geht aus'n Fugen,
+Exzellenz -- bei die Gottlosigkeit kann man sich über nichts mehr
+wundern!« Er zog ein Sonderblatt aus der Posttasche und reichte es ihr
+hinauf.
+
+Sie schob die Brille zurecht. Leise bebte ihre Hand.
+
+Und dann wurde ihr Blick starr. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen.
+Wieder und wieder las sie den kurzen inhaltsschweren Drahtbericht:
+
+›Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Herzogin von
+Hohenberg ermordet -- --‹
+
+Das Blatt entsank ihren Händen und flatterte dem alten Postboten vor
+die Füße.
+
+Schwerfällig bückte er sich danach.
+
+»Exzellenz, det is zuviel!« Er glättete das zerknitterte Sonderblatt.
+»Meine Meinung is die: jetzt is es aus -- det kann unser Herrgott sich
+nich länger gefallen lassen!«
+
+Sie fand noch immer keine Worte.
+
+Wieder und wieder las sie die entsetzliche Botschaft.
+
+»Ick hab Exzellenz erschreckt,« fuhr der Alte, ihr Schweigen
+mißverstehend, fort, »aber ick meinte, Exzellenz wüßten so was lieber
+heut als morgen, darum bin ick gleich nochmal rübergekommen. Exzellenz
+wollen entschuldigen!« Er wollte gehen.
+
+Da reichte sie ihm die Hand. »Sie haben nichts versehen, mein guter
+Peters! Im Gegenteil. Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie noch einmal,
+noch dazu am Sonntag, herübergekommen sind. Mein alter Kopf kann das
+Entsetzliche nur noch nicht fassen, die Worte fehlen mir!« Sie atmete
+schwer. Dann beugte sie sich vor und sagte mit gedämpfter Stimme: »Sie
+haben recht, Peters, das geht nicht so weiter, das, -- das -- --«
+
+Der Greis nickte. »Als die Leute den Turm zu Babel bauten, wußten sie
+nicht mehr, was sie Gott schuldig waren, -- heutzutage is ihnen das
+Turmbauen langweilig geworden, da versuchen sie Thron und Altar zu
+stürzen, -- so is es doch, Exzellenz!«
+
+Sie blickte gedankenverloren in die Ferne.
+
+Über der feiernden Heide stand der rote Schein der untergegangenen
+Sonne. Dunkler und dunkler ward die purpurne Lohe. Wer fremd durch die
+Mark wanderte, glaubte ein fernes Dorf brennen zu sehen, aber auch
+Einheimische hatte der glühende Himmel schon irregeführt. Es war, als
+wogte ein Feuermeer hinter den dämmernden Hügeln, als schlügen die
+hellen Flammen aus dem Heidboden. »Die Welt brennt!« hatte vor Jahren
+eines ihrer Enkelkinder gerufen, als sie ihm beim Schlafengehen die
+leuchtende Heide gezeigt, und nicht geruht, bis sie es im Nachtröckchen
+ans Fenster trug und hinausschauen ließ. Mit bloßen Füßen hatte es auf
+dem Fensterbrett gestanden und dem verglühenden Schein nachgesehen:
+»Die Welt brennt, Omama!«
+
+In der Seele der Großmutter erwachte die Erinnerung. Die kleine
+schlichte Begebenheit aus der Kambacher Kinderstube trat aus
+dem Rahmen des Alltäglichen, aus der Enge in die Weite, und
+das Wort des märkischen Landbuben wurde im Glanz des sinkenden
+Juniabends Geschichte. Auf der Stirn der deutschen Frau lag's wie
+Prophetenklarheit; in tiefer Scheu vor dem Gewaltigen kam's über die
+greisen Lippen: »Die Welt brennt!«
+
+Entglomm fern in Bosnien heimlich beginnender Rassenkampf? nahte eine
+zweite Völkerwanderung? -- Als zöge die gewappnete Reitergestalt jenes
+wundersamen Bildes, das ein deutscher Meister mit flammendem Pinsel
+geschaffen, im Glanze germanischer Siegesfeuer über die dämmernde
+Erde, leuchtete das Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wie ein
+glühender Rubin in die Nacht hinaus -- -- --
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel.
+
+Der getreue Eckart.
+
+ Deutschen Weibes Schwelle schirmen,
+ Ist des Mannes höchste Ehre!
+ Frauenadels Wächter heißen,
+ Höher steht's, als güldne Wehre!
+
+
+»Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar für Ihre Mitteilungen, mein
+lieber Herr von Roselius! Es scheint ja leider, als solle das traurige
+Material, das mir bereits zur Verfügung steht, vervollständigt werden.
+Ja, ich will es Ihnen offen sagen, als Sie sich bei mir melden ließen,
+ahnte ich, warum Sie kamen. Es fragt sich nun nur, wie man meiner armen
+Enkelin am besten hilft -- ich fürchte, ehe sie nicht mit eigenen Augen
+ihr Unglück sieht, wird sie nicht zu einer Scheidung zu bewegen sein!«
+
+Frau von Kambach saß in ihrem Arbeitszimmer, den Kopf sorgenvoll in die
+Hand gestützt, dem vor einer Stunde überraschend eingetroffenen Gast
+gegenüber. »Sie werden es erleben, ehe sie nicht vor Tatsachen steht,
+ist nichts zu machen!«
+
+»Dieser Standpunkt wäre durchaus berechtigt, Exzellenz,« entgegnete der
+Oberleutnant, »aber Gräfin Bühler steht vor Tatsachen!«
+
+»Sie meinen das Kind?«
+
+»Ja. Es ist mehr wie erblich belastet, es ist, wie Sie selbst mir
+mitteilten, nach Aussage des Arztes kaum lebensfähig!«
+
+»Gewiß, das unterliegt keinem Zweifel, aber eines dürfen wir nicht
+vergessen. Es kann sich hier um Vergangenes handeln. Sie wissen, wie
+verzweigt und schwierig dies Kapitel ist, wie viele Winkelzüge und
+Ausreden es ermöglicht -- etwas ganz anderes ist es dagegen, wenn
+~heute~ eine tatsächliche Verschuldung zu beweisen wäre, wenn
+z. B. der Beweis unerlaubten Verkehrs erbracht werden könnte. Frauen
+ertragen und vergeben unendlich viel, wenn sie lieben, nur dies
+Eine, Letzte nicht. Darauf kommt es also an. Sie haben Beweise, daß
+derartiges vorliegt?«
+
+Er sah ernst vor sich nieder. »Der letzte Beweis fehlt mir ...«
+
+Sie seufzte. »Ich dachte es mir! -- Sie haben also einen ganz
+bestimmten begründeten Verdacht; denn sonst würden Sie nicht so
+sprechen.«
+
+»Ja, den habe ich allerdings.«
+
+Beide schwiegen. -- --
+
+»Exzellenz werden sich gewundert haben,« begann der Offizier aufs
+neue, »daß ich seit dem vorigen Herbst so viel im Bühlerschen Hause
+verkehre. Ich könnte ja mancherlei Gründe dafür angeben, vor allem
+die Kambachsche Gastfreundschaft und den Zauber echter Weiblichkeit,
+welche es traulich machen. Wir Junggesellen sehnen uns immer wieder
+nach derartigem Anschluß, wenn wir es auch nicht aussprechen.« Er fuhr
+mit der Hand über die Stirne, als wollte er einen Schatten bannen.
+»Trotzdem -- der Grund liegt tiefer. Ich rede sonst natürlich nicht
+davon, aber vor Ew. Exzellenz mache ich kein Hehl daraus: ich kann
+es nicht mit ansehen, daß die Tochter eines alten edlen Geschlechtes
+zugrunde gerichtet wird, daß eine Kambach ...« er atmete schwer,
+»Exzellenz wollen mir das übrige ersparen!«
+
+In tiefer Bewegung sah die alte Frau ihn an. Wie anders hätte das
+arme Kind es an der Seite dieses treuen zuverlässigen Mannes haben
+können -- aber Ilse hatte sich durch Äußerlichkeiten und schöne Worte
+betören lassen. Nun war es zu spät, und die ritterliche Treue, die ihre
+Schwelle bewachte, vermochte die junge Frau kaum vor dem Äußersten zu
+schützen.
+
+Die Tränen traten ihr in die Augen.
+
+»Also ein getreuer Eckart?« sagte sie leise.
+
+Er schien ihre Gedanken nicht zu ahnen.
+
+»Hätt' ich's sein können!« rief er leidenschaftlich, »aber es ist
+wirklich ein wahres Wort, daß die Sünde im Finstern schleicht. Glauben
+Ew. Exzellenz, daß es mir bis jetzt, während Gräfin Bühlers bald
+vierwöchentlicher Abwesenheit, gelungen ist, dahinterzukommen, wie die
+Dinge stehen? Den Burschen kann ich doch schließlich nicht fragen! Es
+ist zum Tollwerden! Die Sache liegt auf der Hand, nur der letzte Beweis
+fehlt. Die Angst um die Gräfin läßt mich nicht mehr los! Darum kam ich
+her! Es lag mir am nächsten, Ew. Exzellenz meine Sorgen mitzuteilen.
+Herr von Kambach hat mich niemals nach seinem Schwiegersohn gefragt, --
+ich darf mich ihm nicht aufdrängen. Aber vielleicht könnte doch durch
+eine Warnung das Ärgste verhütet werden! Stellen Ew. Exzellenz sich
+vor, was eine unvorhergesehene Begegnung für die zarte Frau, die meines
+Erachtens trotz allem, was ihre Ehe trübt, an derartiges nicht denkt,
+bedeuten würde!«
+
+Sie hatte ihn während der letzten Worte sprachlos angesehen. »Also, Sie
+glauben wirklich ...?«
+
+»Ich glaube alles,« erwiderte er mit zusammengezogenen Brauen.
+
+Wieder saßen sie schweigend.
+
+»Und Harro?« fragte dann die Greisin.
+
+»Harro?« Seine Züge klärten sich auf. »Ich habe ihn ja seit seinem
+Kommando zum Luftschifferbataillon kaum gesehen. Aber er beginnt doch,
+wie es scheint, die Folgerungen des Lebens zu ziehen. Er ist ja trotz
+seiner leichten Ader nicht schlecht veranlagt. Vor allem ist ihm die
+geschwisterliche Liebe zu Hilfe gekommen. Der Grundstein, den das
+Elternhaus legt, wird so leicht nicht zertrümmert, Exzellenz! Ich habe
+ihn im Herbst in heller Empörung gesehen, als Bühler zum erstenmal in
+seiner Gegenwart ungezogen gegen die Gräfin wurde, -- na, und was dann
+alles folgte, wissen Exzellenz ja! -- Im übrigen hoffe ich, daß Harros
+Ehe einen guten Einfluß auf ihn ausüben wird. Gräfin Sibylle ist wie
+geschaffen zur Führerin einer solchen Natur. Sie wird ihn, ohne daß er
+und andere es merken, in kluger und taktvoller Weise beeinflussen, --
+sie tut es jetzt schon. Er ist schon viel zuverlässiger und ernster
+geworden. Es scheint wirklich, als begänne sein Leben eine andere
+Richtung zu bekommen. Wollen Exzellenz mir glauben, daß er kürzlich vor
+einigen Kameraden unseren Bund durch dick und dünn verteidigte -- trotz
+seiner noch immer recht freien Weltanschauung. Seine Auffassung von der
+Sache war natürlich unklar. Aber der mühevolle, kein Opfer scheuende
+Kampf um ein versinkendes Volk hat auf ihn einen derartigen Eindruck
+gemacht, daß er mit seiner Person dafür eintrat. Natürlich kamen die
+anderen, zumal die Spötter, auf ihre Rechnung. Als aber ein Neuling
+›Hoch, Brandenburgs Rose!‹ dazwischenrief, da hätten Ew. Exzellenz
+unsere jungen Offiziere sehen sollen! Und Kambach war natürlich fein
+heraus! -- Doch ich wollte das nur anführen!«
+
+Sie nickte ihm lächelnd zu: »Ja, sie ist eine rechte Bühler!« -- --
+
+ * * * * *
+
+Roselius konnte nicht zum Abend bleiben, weil er schon gegen sechs
+wieder in Drachenburg sein mußte. Und Dreilinden hatte nicht die gute
+Bahnverbindung, wie Kambach. So mußte er Frau von Kambachs Einladung
+ablehnen. Mit herzlichem Dank entließ sie ihn.
+
+»Ich werde tun, was ich kann,« sagte sie, als er ihr, Abschied nehmend,
+die Hand küßte, »aber solange meine Mitteilungen sich nicht auf
+Tatsachen gründen, werde ich einen schweren Stand haben.«
+
+»Ich fürchte, meine Vermutungen werden bald Tatsachen werden,«
+entgegnete er ernst. »Darum habe ich nur die eine Bitte, daß irgend
+etwas geschehe, bevor die Gräfin zurückkehrt.«
+
+»Ich werde morgen nach Kambach fahren und mit meinem Sohn sprechen.
+Darf ich Ihren Namen nennen?«
+
+»Selbstredend, Exzellenz! Nur die letzte, kaum denkbare Möglichkeit
+eines Irrtums würde heute meinen Eid verhindern. Ich sah eine
+verschleierte Gestalt, die mir bekannt vorkam, in vorgerückter
+Stunde die Villa betreten und nach Mitternacht wieder verlassen. Da
+ich Bühlers gegenüber wohne, konnte ich die Sache gut beobachten.
+Auffallend ist außerdem, daß die häufigen Fahrten nach Berlin mit dem
+Tage, wo die Gräfin nach Kambach ging, aufgehört haben -- er scheint
+häusliche Empfänge bequemer zu finden, -- man weiß wirklich nicht, was
+größer ist, die bodenlose Unverschämtheit oder die Unvorsichtigkeit!
+Es liegt also jedenfalls etwas vor, -- darum meine ich, es müßten
+Maßregeln getroffen werden, die Gräfin vor dem Äußersten zu schützen!«
+
+Er verbeugte sich tief. »Ich empfehle mich ganz gehorsamst, Exzellenz!«
+
+Fünf Minuten später rollte der Wagen über den Hof. -- --
+
+ * * * * *
+
+Die Abendsonne stand über den Feldern, als Oberleutnant von Roselius
+heimkehrte. Nach Erledigung einer dienstlichen Angelegenheit wollte er
+noch ins Kasino gehen. Seinen Burschen, den er ausgeschickt, erwartend,
+stand er auf dem Balkon.
+
+Es dämmerte. Dunkler wurden die Schatten. Laternen blitzten auf, hier
+und da wurde eine Villa hell. Von den Kirchen klang der Schlag der
+Turmuhren herüber, und das Rathaus antwortete.
+
+Gedankenverloren blickte er die Straße entlang.
+
+Da sah er eine Dame langsam den Bürgersteig auf und nieder wandern.
+Soweit Roselius es im Zwielicht erkennen konnte, war sie unauffällig
+gekleidet. Trotzdem fiel sie, vielleicht nur durch ihr fortwährendes
+Auf- und Abgehen im Halbdunklen, auf. Ihm aber fuhr's durch den Sinn:
+›Das ist sie!‹ Er gab das Kasino auf, ließ sich kaltes Abendbrot
+auf den Balkon bringen und fuhr, durch eine Säule gedeckt, fort,
+die Fremde, die inzwischen näher gekommen war, zu beobachten. Jetzt
+fiel der Schein einer Laterne auf ihre Gestalt, sie neigte den Kopf,
+aber er hatte sie schon erkannt. Es war eine bekannte Berliner
+Varietekünstlerin. Heute war sie unverschleiert. -- --
+
+Und wieder das Auf- und Abwandern. -- --
+
+Da leuchtete plötzlich in der Bühlerschen Villa ein Licht hinter
+den verhangenen Scheiben auf. Die Halbweltdame schien nicht darauf
+zu achten. Gelassen wanderte sie noch einmal auf und nieder, blieb
+unvermittelt stehen und bog raschen Schrittes in eine Seitenstraße ein.
+Aber der heimliche Späher durchschaute das Manöver und wartete. Er
+hatte sich nicht geirrt. Nach kaum zehn Minuten kam sie im Schatten der
+Mauern zurück, huschte eilig durch den Vorgarten und verschwand in der
+Villa. -- -- --
+
+Wahrhaftig, die Unverfrorenheit, etwas derartiges in einem vornehmen
+Regiment zu wagen, suchte ihresgleichen! -- --
+
+Roselius sah die Straße entlang. Sie war menschenleer. Er war also der
+einzige Zeuge des Vorgangs. -- --
+
+Über den Kirchen stieg die Sommernacht herauf. Vollmondschein lag auf
+dem deutschen Städtebild, und die Sterne zogen funkelnd ihre Bahn.
+
+Er aber rang mit abgrundtiefer Not, mit fremder Schuld und fremdem
+herzbrechendem Leid.
+
+Während er in schweren Gedanken die Straße überschaute, nahten zwei
+Gestalten. Er hatte nicht acht auf sie. Erst als sie in den Lichtkreis
+der Laternen traten, ward seine Aufmerksamkeit gefesselt.
+
+Und dann blickte er starr auf die schlanke Frau im langen Reisemantel,
+-- ein Ruck ging durch seine Gestalt -- im nächsten Augenblick war er
+auf der Treppe. Wie aus dem Boden gezaubert stand er vor ihr, atemlos,
+gewaltsam seine Erregung meisternd: »Gnädigste Gräfin, -- verzeihen Sie
+einen Augenblick!«
+
+Ilse Bühler stand sprachlos vor ihm, ihr Kind im Arm. Ihre Begleiterin
+trug großes Handgepäck, welches für einen Wagen berechnet schien.
+
+»Um Gottes willen, Herr von Roselius, was ist geschehen? Ist mein Mann
+krank?«
+
+Er gab der Jungfer einen Wink, zurückzubleiben, und ging an der Seite
+der jungen Frau die Straße entlang.
+
+»Nein, er ist nicht krank, aber Sie dürfen nicht hinein, -- in diesem
+Augenblick nicht, -- es ist unmöglich!«
+
+Sie blieb vor ihm stehen.
+
+»Sie sprechen in Rätseln! Sagen Sie mir doch um Gottes willen, worum es
+sich handelt!«
+
+»Ich kann Ihnen nur sagen, gnädigste Gräfin, daß Sie Ihr Haus heute
+abend nicht betreten dürfen!«
+
+»Aber wenn ich es will!«
+
+»Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen zu folgen!«
+
+Sie zuckte die Achseln. Eine dunkle Ahnung stieg in ihr auf und legte
+sich wie ein Alp auf ihr Herz. Aber sie bäumte sich dagegen auf. Sie
+wollte das Entsetzliche nicht glauben. Der Regimentskamerad ihres
+Mannes irrte -- mußte irren --, es konnte nicht anders sein! Denn trotz
+allem, was gewesen, trotz allem, was ihre junge Ehe getrübt, liebte er
+sie -- dies Bewußtsein machte sie stark, Vergangenes zu tragen, ob's
+noch so schwer war. Und sie umfaßte das kleine Bündel in ihrem Arm
+fester und drückte das schwache Körperchen an sich.
+
+Seit vier Wochen war sie bei ihrem Vater, um sich zu erholen. Nach
+Sibyllens Hochzeit, die in Bühl stattfinden sollte, wollte sie mit
+ihrem Manne nach Drachenburg zurückkehren. Da fing der Kleine an zu
+kränkeln. Der Kambacher Hausarzt schob die Sache auf den Milchwechsel
+und nannte sie ungefährlich. Aber Ilse erklärte ihrem Vater, der
+alte Herr verstände nichts von der Behandlung so kleiner Kinder, ihr
+Drachenburger Arzt habe Fritz Karl ganz anders behandelt, sie müsse
+nach Hause. Der Oberstallmeister war dagegen. Zuerst fügte sich Ilse
+den Wünschen des Vaters, dann aber erklärte sie plötzlich eines
+Morgens mit ungewöhnlicher Bestimmtheit, sie reise nachmittags. Und so
+geschah's. Unterwegs gestand ihr die Jungfer, daß sie vergessen habe,
+die Drahtnachricht an den Grafen zu befördern, -- so war kein Wagen
+an der Bahn und zum Unglück an dem überfüllten Zug kein Gepäckträger
+zu haben. Die Koffer mußten auf der Bahn bleiben. Nur mit dem
+Notwendigsten versehen, kam sie unerwartet zu Hause an. --
+
+»Haben Sie Barmherzigkeit mit mir,« sagte sie, »was ist es?« Erschöpft
+lehnte sie sich an das Gartengitter.
+
+Er antwortete nicht.
+
+»Herr von Roselius!« bat sie flehend.
+
+»Das kann ein Mann einer Frau nicht sagen, gnädigste Gräfin!« Mit
+erstickter Stimme kam's heraus, so leise, daß nur sie es vernahm.
+
+Einen Augenblick stand sie wie gelähmt. Dann raffte sie sich gewaltsam
+auf und trat dicht vor ihn hin: »So sagen Sie mir nur eines, ich
+beschwöre Sie -- ist -- ist es -- das Schwerste?«
+
+Er blickte in das schöne geliebte Antlitz, und sein Herz zog sich
+zusammen in tiefem Weh. Aber er machte sich hart. »Ja,« antwortete er
+tonlos.
+
+Da raffte sie die letzte Kraft zusammen und schritt ihm voran.
+
+Ein paarmal war's ihm, als müsse er sie stützen, aber dann ging sie
+erhobenen Hauptes weiter.
+
+Auf der Schwelle machte er noch einen letzten Versuch, sie
+zurückzuhalten, doch sie schüttelte stumm den Kopf. Und er verstand
+sie. Anderen glaubte sie es nicht, daß ihre Liebe mit Füßen getreten
+wurde.
+
+Die Jungfer, eine Kambacherin, mochte ahnen, daß ihrer jungen Herrin
+Schweres bevorstand. Bescheiden trat sie vor und fragte, ob sie ihr das
+Kind abnehmen solle.
+
+Aber die Gräfin hatte auch für diese treue Seele nur ein Kopfschütteln
+und drückte das Kleine, als gewähre es ihr einen Schutz in schwerster
+Stunde, fester an sich. -- --
+
+Dann klingelt sie.
+
+Der Bursche, der jedenfalls Befehl hat, ungebetene Gäste fernzuhalten,
+prallt bei dem unerwarteten Anblick seiner Herrin zurück.
+
+Ein Blick aus den Augen des Oberleutnants gibt ihm die Haltung wieder
+und zwingt ihn zum Schweigen.
+
+Kein Wort wird gesprochen.
+
+Lautlos gleitet das Frauenkleid über den schweren Läufer, und der
+Schritt des Mannes verklingt ungehört.
+
+Dann steht Ilse Bühler vor der Tür ihres Mannes.
+
+Ein fremder steinerner Ausdruck liegt auf ihren Zügen.
+
+Drinnen klingt die Stimme des Hausherrn, dazwischen Frauenlachen und
+Gläserklingen.
+
+Wieder will Roselius ihr den Weg vertreten. Aber sie sieht seinen
+flehenden Blick nicht. Sie legt die Hand auf die Türklinke -- sie
+öffnet -- --
+
+Und dann zittert ein markerschütternder irrer Schrei durch das
+nächtliche Haus -- -- starke Hände stützen die Ohnmächtige und halten
+das gleitende Kind -- drinnen tönt ein Fluch, das Lachen verstummt,
+auf dem Parkett zersplittert ein Kelch, -- ein Flüstern, ein eiliges
+Rauschen weicher Seide -- es ist still im Haus. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Am anderen Mittag stand ein geschlossener Wagen vor dem Kambacher
+Gutshause. Eine blasse Frau stieg langsam die Freitreppe hinan. Es war
+Ilse Bühler.
+
+Die furchtbare Aufregung hatte ihr die Kraft gegeben, sich
+aufrechtzuhalten und, sobald sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, das
+Haus ihres Mannes für immer zu verlassen. Nicht einmal die Kleider
+hatte sie gewechselt. Nur für das Kind sorgte sie, daß es hatte, was es
+brauchte.
+
+Ihren Mann sah sie nicht mehr. Nach einer scharfen Auseinandersetzung
+mit Roselius hatte er das Haus verlassen. Und sie war froh, ihm nicht
+mehr zu begegnen. Es war ja doch vorbei; was sollte es, sich um
+Tatsachen zu streiten, die wie Felssteine auf ihrem Lebenswege lagen?
+
+So machte sie sich hart. Ohne einen letzten Blick auf die Räume zu
+werfen, die einst ihr Glück umschlossen, nahm sie ihr Kind und verließ,
+gefolgt von der treuen Jungfer, das Haus.
+
+Am Gartengitter wartete der Wagen, den Roselius bestellt. Er hatte ihr
+behilflich sein, sie zur Bahn geleiten wollen, aber sie bat ihn, davon
+abzusehen.
+
+»Es ist besser so,« sagte sie, ihm herzlich dankend. »Ich komme schon
+durch!«
+
+Da hatte er der tapferen Frau die Hand geküßt und war gegangen. -- --
+
+Und nun stand sie ihrem Vater gegenüber.
+
+Der ganze Jammer ihrer Lage stürmte auf sie ein, ihr zertretener
+Stolz bäumte sich auf gegen die Demütigung, die in dieser Heimkehr
+lag. Wie oft hatte ihr Vater sie gewarnt; nun mußte sie vor ihn
+treten, die Scherben ihres Glückes in den Händen. Es war ihr ums
+Herz, als zerbräche etwas in ihr, als müsse sie den letzten Funken
+Selbstbewußtsein begraben.
+
+Er hatte ihren Wagen nicht kommen gehört. Überrascht blickte er auf,
+als es leise an seine Tür klopfte, und die Tochter eintrat.
+
+Ein Blick sagte ihm alles. Aber sie mußte ihm selbst sagen, warum sie
+nach kaum vierundzwanzig Stunden ins Elternhaus zurückkehrte. Sein
+Gerechtigkeitsgefühl forderte ihre Erklärung dem Manne gegenüber, den
+er, ob auch widerstrebenden Herzens, als Sohn anerkannt.
+
+»Du kommst zurück, Ilse?« fragte er, sich erhebend und der jungen Frau
+einen Stuhl neben den Schreibtisch rückend.
+
+Dann saßen sie sich gegenüber.
+
+Sorgenvoll ruhte sein Auge auf ihr.
+
+Sie senkte den Blick. »Ich durfte nicht bleiben, Vater!«
+
+»Warum nicht?«
+
+Seine kurze soldatische Art hatte, so sehr sie ihn liebte, von jeher
+etwas Einschüchterndes für sie gehabt. Flammende Röte stieg ihr in die
+Stirn. Wieder senkte sie den Blick.
+
+Er aber vermutete Unüberlegtheit, Übereilung, verletzte Eitelkeit oder
+irgendeine andere weibliche Schwäche hinter ihrer Tat.
+
+»Ich weiß, daß du es nicht leicht mit deinem Mann hast,« sagte er,
+»aber du bist genügend gewarnt worden, liebes Kind! So traurig
+sich deine Ehe auch gestaltet hat, -- vorläufig wenigstens gilt es
+darum: ›Wer A gesagt hat, muß auch B sagen,‹ -- es sei denn, daß
+ganz bestimmte schwerwiegende Gründe dich veranlaßten, sein Haus zu
+verlassen, nachdem du gestern aus freien Stücken zu ihm zurückgekehrt
+bist. Ich muß dich daher bitten, dich deutlicher zu erklären!«
+
+Er lehnte sich im Stuhl zurück, die blauen Augen blickten sie
+durchdringend an. »Was ist der Grund deines Fortgehens?«
+
+Ein Zittern durchrann die Gestalt der Gräfin. Sie öffnete die Lippen
+und schloß sie wieder. Ein Ausdruck namenlosen Schmerzes lag auf den
+schönen Zügen.
+
+Dann schlug sie beide Hände vors Gesicht und stöhnte in tiefster
+seelischer Qual: »Ehebruch!« -- -- --
+
+Still war's im Zimmer. Regungslos saß Ilse Bühler da, das Gesicht in
+den Händen vergraben, stumm tränenlos verzweifelt.
+
+Die Brauen zusammengezogen, starrte Herr von Kambach vor sich nieder.
+
+Dann fiel sein Blick auf die gebrochene Gestalt seiner Tochter.
+
+Schwerfällig stand er auf und beugte sich über sie. Seine Hand strich
+liebkosend über ihre Wange, wieder, immer wieder.
+
+Ohne sich zu regen, hielt sie ihm still.
+
+Ratlos stand er da. Fast schämte er sich, daß er kein Wort des Trostes
+für das Kind hatte, -- was sollte er sagen? Und leise streichelte er
+die weiche Wange.
+
+Er merkte nicht, daß es klopfte, daß eine gebeugte Gestalt am
+Krückstock eintrat. Erst ein leises Hüsteln ließ ihn aufsehen. Vor ihm
+stand seine Mutter.
+
+Sie sahen sich an. -- -- --
+
+Und dann näherte sich Exzellenz von Kambach der Enkelin.
+
+»Ilse!«
+
+Wie aus wirrem Traum erwachend, sah die junge Frau empor. Und unter dem
+Blick der Augen, die mit mütterlicher Treue ihre Jugend behütet, löste
+sich der Bann. Die Tränen stiegen ihr heiß empor, ein Weinen aus allen
+Quellen der Seele erschütterte ihren Körper.
+
+»Großmutter,« schluchzte sie, »Großmutter!«
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel.
+
+Veteranen.
+
+ Wir möchten euch wieder lehren
+ Die alte preußische Zucht,
+ Die Treue, die allerorten
+ Das Heil ihres Volkes sucht!
+
+ Was Vaterlandsliebe und Sitte,
+ Was unser geweihtes Gut,
+ Wir möchten's ins Herz euch schreiben
+ Mit märkischem Adelsblut!
+
+ Ihr habt eures Gottes vergessen, --
+ Nun fault eure beste Kraft!
+ Wo ist die blinkende Ehre
+ Altpreußischer Ritterschaft?
+
+
+Es war einer von jenen Sommertagen, die dem Herbst zum Verwechseln
+gleichen, wo Sonne und Nebel miteinander kämpfen, wo sie leuchtend
+siegt, oder ein leiser Regen niederschauert, Stunde um Stunde, bis der
+Abend das Land in seine Schleier hüllt. Heute blieb der Nebel König.
+Von Busch und Baum tropfte es, in den Dachrinnen des alten Schlosses
+plätscherte es, durch alle Ritzen kroch's naßkalt herein.
+
+Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht und fuhr über den Park.
+Zerzauste Pflanzen standen trauernd auf den Rasenplätzen, geknickte
+Blumen welkten am Wege. Es war ein grauer freudloser Tag.
+
+Melancholisch blickte der alte Graf Bühler ins Freie.
+
+»Nun auch noch dieses trostlose Wetter,« sagte er, den weißen Kopf
+schüttelnd, »als ob der Hochzeitstag des armen Kindes nicht schon
+trübe genug wäre! Exzellenz haben heute früh noch keine Nachricht aus
+Kambach?«
+
+Er wandte sich der Greisin zu, die, am vergangenen Abend eingetroffen,
+am Schreibtisch eines Bühlschen Gastzimmers saß.
+
+»Doch, eben schreibt Fräulein Eichel, die Besserung in Ilses Befinden
+halte an. Das Fieber sei heruntergegangen, der Arzt den Umständen nach
+zufrieden. Daß das Kind starb, ist ja nur ein Glück, Erlaucht! Wir
+können Gott danken, daß er dies arme kleine Leben auslöschte, bevor ...«
+
+»Sagen Sie es nur ruhig,« rief er mit bebender Stimme, »bevor die
+Sünde des Vaters seine Tage vergiftete! Es heißt nicht umsonst: ›bis
+ins dritte und vierte Glied‹. Die Bibel lügt nicht!« Zornesröte lag
+auf dem edlen Antlitz. »Exzellenz, ich habe manchen schweren Tag in
+meinem Leben zu verzeichnen, ich hab' an Sarg und Grab gestanden,
+hab' gefehlt und geirrt, denn ich bin ein sündiger Mensch, -- aber
+ich bin ein Edelmann geblieben! -- Obgleich ich als Christ natürlich
+ein ausgesprochener Gegner des Duells bin, hab' ich's darum doch
+verstanden, daß Harro Kambach seinen Schwager forderte. Es spricht für
+ihn, daß er sofort für die Ehre seiner Schwester eintrat. Es hat mir
+gefallen, wenn ich auch das Duell als solches aufs schärfste verurteile
+und mich über die ablehnende Haltung des Ehrenrates freue! Die Strafe,
+die Wolf Dietrich zuteil wird, ist meiner Ansicht nach überdies die
+einzig richtige, weil sie den Schuldigen wirklich trifft. Wer mit
+schlichtem Abschied aus dem Heer entlassen ist, der ist erledigt.« Er
+seufzte. »Ja, Exzellenz, die schwerste Stunde meines Lebens war die,
+in welcher ich mir sagen mußte: ›Dein Enkel hat seiner Mannesehre
+vergessen, einer deines Blutes ist -- ein Schuft!‹ Das war zuviel, und
+das verwind' ich auch nicht wieder -- das -- das bringt mich ins Grab!
+Zum erstenmal in meinem Leben hab' ich's beklagt, daß Bühl Majorat
+ist, -- wär's anders, keinen Halm erbte der Mann, der des Königs Rock
+ausziehen mußte, der -- der nicht mehr mein Enkel ist!«
+
+Die Greisin antwortete nicht. Was sie da vernahm, war Art von ihrer
+Art, die Jahrhunderte alte Überlieferung des Begriffes Adel. Sie hätte
+denselben, ohne schwarz weiß zu nennen, nicht anders fassen können,
+sich selbst wäre sie untreu geworden, hätte sie den Makel auf dem alten
+Schilde entschuldigend bedeckt. Denn hier gab es keine Entschuldigung.
+Hier konnte nicht einmal das sittlich stark anrüchige Wort
+›Interessenvertretung‹ zum Milderungsgrunde werden, hier handelte es
+sich um die nackte ungeschminkte Sünde in ihrer furchtbarsten Gestalt.
+Sie wußte, viele würden die Haltung des greisen Erblandmarschalls hart
+nennen, -- mochten sie es tun! -- Die Knochenerweichung des modernen
+Sittlichkeitsbegriffs war ja nicht von gestern. Ob zudem die Vielen,
+welche für den Mann, der seine Ehe mit Füßen getreten, eine Lanze
+brachen, die gefallene Frau in ähnlicher Weise verteidigen würden?
+Frau von Kambach wußte, daß in dem Verhalten des alten Edelmannes der
+Haß gegen die doppelte Moral stark mitsprach. Sie selbst empfand die
+sittliche Verfehlung der Frau naturgemäß schwerer als die des Mannes,
+ihrem echt weiblichen Sinne hätte eine andere Auffassung widersprochen.
+Sie wußte, daß Graf Bühler, dessen ritterlicher Sinn Frauenehre wie
+kein anderer hochhielt, ebenso dachte. Trotzdem waren sie sich darin
+einig, daß Gesellschaft und Rechtspflege hier einer gründlichen
+Verbesserung bedurften, daß Recht und Gerechtigkeit nicht miteinander
+in Einklang standen. Es war ein Ausschnitt aus dem Zeitgemälde,
+das sich in immer düstereren Einzelbildern vor den Augen der Welt
+entrollte, ein Kapitel aus der Geschichte des deutschen Verfalls. So
+gab sie ihm vollkommen recht, so strich sie nichts ab von dem klaren
+scharfen Urteil. Nur um eines bangte sie: daß er vergessen möchte, daß
+es gen Abend ging, daß der Tod ihn abrufen könne, bevor er das Wort der
+Vergebung gesprochen.
+
+Mühsam erhob sie sich und trat an seine Seite.
+
+»Ich stehe auf ganz demselben Standpunkt, -- Erlaucht wissen das ja!
+Für eine alte Frau wie mich, passen die modernen Begriffe nicht. Nur
+eines möchte ich bitten: Lassen Sie uns nicht vergessen, daß unsere
+Tage gezählt sind, und daß es für jeden von uns heißt: ›Vergebet, so
+wird euch vergeben!‹«
+
+Die Adleraugen sahen sie blitzend an. Ritterlich zog er die welke
+Frauenhand an die Lippen. »Seien Sie unbesorgt, teuerste Freundin, ich
+werde es nie vergessen, daß ich ein Christ bin, aber es gibt auch eine
+christliche Zucht!«
+
+»Gewiß, anders meinte ich's ja auch nicht. Nur müssen wir beide daran
+denken, daß wir nicht mehr allzulange Zeit haben!«
+
+Er nickte nachdenklich. »Sie haben ganz recht.« Er sah vor sich nieder.
+»Das erschwert uns das Handeln. Heute darf ich ihm nicht vergeben. Denn
+noch ist seine Reue nicht echt.«
+
+»Nein, noch ist sie nicht echt. Aber ist's nicht andererseits die
+schwerste Strafe, daß er von der Hochzeitsfeier der einzigen Schwester
+ausgeschlossen ist?«
+
+»Er bleibt auch sonst ausgeschlossen.«
+
+Sie sah gequält zum Fenster hinaus. Alles, was er sagte, entsprach
+ihrem Gerechtigkeitssinn. Und doch --
+
+»Ich bitte Erlaucht ja auch nur, dem verlorenen Sohn die Tür nicht zu
+verschließen, wenn er sich aufmacht und am Vaterhause klopft,« sagte
+sie mit leise bebender Stimme.
+
+Die Tränen stiegen ihm in die Augen.
+
+Er gedachte einer anderen, die ihn ein Menschenalter hindurch auf
+seinem Wege begleitet, die ihm die Sorgen verscheucht und den Zorn
+besänftigt. Nun fehlte die sanfte glättende Hand, die beruhigende
+Stimme auf Schritt und Tritt.
+
+Die Erinnerung stieg herauf und grüßte die ehrwürdigen Vertreter
+vergangener Tage.
+
+Er zog die Uhr. »Es wird Zeit,« sagte er. »Um elf kommt der
+Standesbeamte.«
+
+Noch einmal neigte er den Kopf über die Hand der alten Freundin. »Sie
+können sich auf mich verlassen,« sagte er leise.
+
+Dann war sie allein.
+
+Den Kopf in die Hand gestützt, sah sie vor sich nieder. Sie hatte
+sich diesen Tag so ganz anders gedacht. Leuchtend und sonnig, wie
+das junge Menschenkind, das heut zum Traualtar treten wollte. Statt
+dessen überall Unruhe, schweres Warten. Seit dem Tage von Sarajewo
+wetterleuchtete es am politischen Himmel. Ein Bann lag über Europa. In
+fiebernder Spannung blickten die Völker auf Österreichs greisen Kaiser.
+Serbien war die Brutstätte für Laster und Königsmord. Ob seine Fürsten
+und Herren an die Bahre Franz Ferdinands traten, ob der Mann aus dem
+Volke der Leiche des Ermordeten nahte, -- die Todeswunde brach auf und
+blutete und blutete -- -- Sollte der internationale Giftkessel brodeln
+bis zum Überschäumen? sollte er ungehindert seine furchtbare Lauge über
+Thron und Herrschaft ergießen? Die Völker Europas warteten -- -- --
+Aber ihre Propheten sprachen: ›Es ist die Wende der Weltgeschichte!‹ --
+Ein Ahnen ringsum. Blutzeichen wiesen auf eherne Zeiten. -- -- -- -- --
+
+Ein Wolkenschatten zog über das Hochzeitshaus in der Mark. Das
+Gespenst, das Deutschland bedrohte, blickte zum Fenster herein und
+nickte einem zu, der sich drinnen eingenistet. Der Schmerz war's, der
+stärker ist als der Tod; denn die Schuld, die der Letzte seines Stammes
+begangen, bedeutete Verrat an ererbtem Blut und edler Sippe. Das war
+der fressende Wurm am Mark des Edelgeborenen. Wie eine schwere Anklage
+stand eine reine Frau vor dem alten Geschlecht. Niemals würde ein Wort
+über ihre Lippen kommen, aber ihr Anblick blieb ein stummer Vorwurf und
+der Sarg eines kleinen Kindes stand zwischen zwei Familien, die seit
+Jahrhunderten treu zueinander gehalten.
+
+Schloß Bühl hatte sich zu einem großen glänzenden Fest gerüstet; nun
+sollte die Hochzeit in aller Stille gefeiert werden. Denn allein
+der Umstand, daß drüben in Kambach die Tochter des Hauses, während
+man ihr Kind begrub, schwer krank daniederlag, verbot rauschende
+Lustbarkeiten. Aber obgleich nur die engste Familie und ein paar von
+Harros Regimentskameraden geladen waren, herrschte Zerrissenheit in
+dem kleinen Kreise. Man fand sich schwer zueinander. Wolf Dietrich
+Bühler hatte sich in der Familie großer Beliebtheit erfreut, da wollt's
+manchem nicht recht in den Sinn, daß er plötzlich ein räudiges Schaf
+geworden sein solle. Konnte nicht auch die Frau schuld an dem Unglück
+sein? Und einer gab hier seine Weisheit zum besten, und der andere
+dort. Es wurde vergrößert, wurde verkleinert. Und zuletzt wußten die
+wenigsten, wie sie sich zu der Sache stellen sollten. Die Hauptpersonen
+merkten zum Glück nicht viel davon. Nicht nur das Brautpaar. An den
+greisen Hausherrn, an Exzellenz von Kambach und ihren Sohn, an die
+Brautmutter wagte sich der Klatsch nicht heran. Aber eine frohe
+Stimmung wollte nicht aufkommen; es wäre ja auch unnatürlich gewesen.
+
+Grau in grau lag der Tag, auf den sie sich so gefreut, vor der alten
+Frau. Alles hatte sich verschoben. Nicht nur das große Ganze. Auch
+kleine Zwischenfälle störten und beunruhigten sie. Direktor Wendler,
+an den eine Einladung ergangen war, konnte sich erst kurz vor seiner
+eigenen Hochzeit frei machen. Eichelchen war an Ilses Krankenlager
+gefesselt, bis eine Diakonisse aus Berlin eintreffen würde. Ein
+Dreilindener Kochlehrling, ein frisches niedliches Mädchen von siebzehn
+Jahren, lag mit schwerer Diphtherie im Drachenburger Krankenhause. Und
+endlich konnte die greise Frau sich nicht an die Hochzeitsreise des
+jungen Paares mit dem Luftschiff gewöhnen. Wie vieles Neue dem Alter
+fremd bleibt, war ihr diese Errungenschaft der Neuzeit fremd geblieben.
+Schließlich hatte sie sich zwar so weit daran gewöhnt, daß sie die
+strategische Notwendigkeit der Luftschiffahrt zugab. Aber niemand
+durfte ihr damit kommen, daß es zum guten Ton gehöre, in einer Gondel
+gesessen zu haben. Wer solche Ideen vertrat, kam schön bei ihr an.
+Sibyllens brennendem Wunsch, ihre Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹
+zu machen, hatte sie, soviel sie konnte, entgegengearbeitet. Aber
+gegen die flammende Begeisterung des Brautpaars, welche durch den
+Oberstallmeister noch genährt wurde, kam sie nicht auf. Sibylle machte
+ihr allen Ernstes den Vorschlag: »Großmutter, fahr doch ein Stück
+mit, du wirst entzückt sein!«, und Harro erklärte, es sei nur bei
+ganz seltenen, unvorhergesehenen Zwischenfällen, mit denen man doch
+schließlich überall rechnen müsse, gefährlich. -- Sie merkte, sie drang
+nicht durch. Aber ihre Sorge war unvermindert. Immer wieder dachte
+sie an den Ausspruch eines ihr bekannten Fachmannes: ›Den höheren
+Naturgewalten ist das Luftschiff natürlich nicht gewachsen. Wohl vermag
+es starken Winden standzuhalten, der Gewalt des Orkans gegenüber ist
+die Kraft der Propeller so gut wie machtlos.‹ -- Allerdings -- Flügel
+ersetzten sie nicht, und die forderte der Verkehr mit der Luft. Das
+Leben fehlte. Die unumschränkte Herrschaft über Bewegung und Kurs. Das
+Natürliche, das sich der Natur anpaßte. Dann fragte sie sich zwar:
+›Sind wir nicht in anderen Lebenslagen ebenso oft oder gar öfter in
+Gefahr?‹ Doch die Angst ließ sie nicht los, und immer wieder zog ihr
+das warnende Wort der Phorkyas aus dem ›Faust‹ durch den Sinn:
+
+ ›Aber hüte dich zu fliegen,
+ Freier Flug ist dir versagt!‹ -- -- --
+
+Es klopfte.
+
+Sibylle trat ein. Ernst und glücklich.
+
+Sie hatte eine schwere Zeit hinter sich. Die Ungewißheit bis zur
+Entscheidung des Ehrenrates wenige Tage vor der Hochzeit hatte Mut und
+Gottvertrauen auf eine starke Probe gestellt. Dann waren die Würfel
+gefallen: der Mann, den sie liebte, war ihr neu geschenkt worden. --
+
+Ganz still saß sie einen Augenblick bei der Großmutter. Gesprochen
+wurde kaum.
+
+Zum letztenmal legte Frau von Kambach die Hände auf das dunkle
+Mädchenhaupt, das in wenig Augenblicken Kranz und Schleier zieren
+sollten.
+
+Dann schied die Braut.
+
+»Großmutter, nicht wahr, du betest für uns?« sagte sie mit bewegter
+Stimme.
+
+»Ja, mein Liebling, das verspreche ich dir!« Sie schlang den Arm um den
+Hals der Enkelin. »Gott behüte dir dein Glück!« Sie küßte sie mehrmals.
+»Leb' wohl, meine Billy!«
+
+In tiefer Bewegung neigte sich das junge Mädchen zum letztenmal über
+die Hand der Greisin. Dann eilte sie hinaus.
+
+»Nicht wahr, wenn der Sturm anhält, fahrt ihr nicht mit der
+›Brandenburg‹ -- du versprichst es mir?« rief Frau von Kambach ihr nach.
+
+Sie blieb auf der Schwelle stehen.
+
+»Verlaß dich darauf, Großmama! Harro würde das niemals tun, schon dir
+zuliebe! Außerdem fahren die Zeppelinschiffe bei solchem Sturm gar
+nicht. Was hätten wir auch davon, da oben im Nebel zu sitzen und zu
+frieren,« -- ein Lächeln flog über ihr lebhaftes Gesicht, -- »du weißt
+doch, ich will die Sonne grüßen!! Düsseldorf ist ja auch weit fort von
+hier und wir haben noch vierundzwanzig Stunden Zeit bis zum Aufstieg,
+bis dahin kann schönstes Wetter sein!«
+
+Beruhigt nickte ihr die Greisin zu. »Harro kommt noch zu mir, nicht
+wahr?«
+
+»Ja, gewiß. Ich wollte auf ihn warten, aber es wurde zu spät, weil
+die Ziviltrauung jetzt ist, und er vorher noch mit Papa zu tun hatte.
+Nachher muß ich mich gleich umziehen, darum benutze ich den freien
+Augenblick. Verzeih, daß wir getrennt kommen! Harro wird also sofort
+nach dem Standesamt bei dir erscheinen!«
+
+Noch einmal strahlten die dunklen Augen Frau Sabine an. »Leb wohl,
+Großmutter!«
+
+Dann fiel die Tür ins Schloß und ein leichter Schritt ging über die
+Dielen. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Stunden waren vergangen. Der Sturm hatte sich gelegt. In die Fenster
+der Bühler Dorfkirche hatte die Sonne geleuchtet und die Braut an ihrem
+Ehrentage gegrüßt.
+
+Nun war alles vorüber. Wie einst Ilse Bühler, wurde die junge Frau von
+Kambach von bäuerlichen Fackelreitern zur Gutsgrenze geleitet.
+
+Schenkersch Vadder, der seinen Herrn begleitet und die Oberaufsicht
+beim Decken der Hochzeitstafel geführt, hatte es sich nicht nehmen
+lassen, den Neuvermählten den Wagenschlag zu öffnen, und die Bühler
+Dienerschaft überließ dem Greise gern das Ehrenamt.
+
+Sibylle rechnete ihm den kleinen Dienst hoch an. Freundlich nickte sie
+ihm zu, zog eine weiße Marschall-Niel-Rose aus dem Brautbukett und
+reichte sie ihm.
+
+Franz Schenker strahlte. Mit tiefer Verbeugung sagte er: »Ich danke
+untertänigst, gnä' Frau!«
+
+Sie lächelte. »Besuchen Sie uns auch einmal, Herr Schenker!«
+
+Dann sah sie sich um, ob ihre Blumen alle im Wagen seien, und zog die
+Reisedecke in die Höhe: »So, Harro, nun kann's losgehen!«
+
+Ein letztes Grüßen, ein Flattern weißer Tücher, die Pferde zogen an
+und die Tochter des alten märkischen Geschlechtes fuhr, von wehenden
+Fackeln begleitet, ins Leben hinaus.
+
+»Hoch Brandenburgs Rose!« jauchzte es hinter der Scheidenden her, dann
+war alles still, nur der Hufschlag der Rosse klang durch die Nacht,
+und der Wind summte sein tausendjähriges Feierlied in den Zweigen der
+träumenden Birken. -- --
+
+ * * * * *
+
+»Ob es wohl morgen schön wird?« sagte die junge Frau und betrachtete
+zweifelnd vom Fenster des +D+-Zuges den Himmel. »Es wäre ein
+Jammer, wenn wir nicht fliegen könnten!«
+
+Ihr Gatte trat zu ihr und legte den Arm um die schlanke Gestalt.
+Glücklich sah er auf sie nieder. Dann prüfte sein Auge den Himmel. »Das
+Wetterglas steht nicht schlecht,« sagte er. »Ich habe Großmama übrigens
+versprochen, daß wir die Fahrt nur bei gutem Wetter mitmachen. Und dies
+Versprechen muß ich halten. Es tut mir so leid, daß sie sich noch immer
+so ängstigt, es wäre wirklich das beste, sie machte einmal selber eine
+Zeppelinfahrt!«
+
+»Das tut sie nicht,« meinte Sibylle. »Sie sieht ja jetzt ein, daß
+Deutschland nicht ohne die Luftschiffahrt auskommen kann, -- das ist
+Papas Verdienst. Aber sie läßt sie auch nur strategisch gelten. Daß
+wir unsere Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹ machen wollen, ist
+eigentlich ein Verbrechen. Großmutter ist zu alt für solche Neuerungen,
+Schatz! Sie sagte mir neulich, hier müsse es heißen, ›Naturkraft gegen
+Naturkraft‹. Aber der schöpferische Grundgedanke fehle, der Propeller
+habe weder das Anpassungsvermögen noch die natürliche Widerstandskraft
+des fliegenden Vogels.«
+
+Er zuckte die Achseln. »Als die Eisenbahn erfunden wurde, war es
+dieselbe Geschichte. Niemand von den älteren Herrschaften wollte in die
+›Höllenmaschine‹ hinein. Und heute? Wenn man die Sache so ansehen will,
+hält überhaupt kein menschliches Werk den Elementen stand. Dann ist die
+Natur König!«
+
+»Gott,« sagte sie leise.
+
+Er schloß das Fenster und zog sie neben sich auf den Polstersitz.
+
+»Du mußt doch zugeben, daß hinter allem Leben eine Naturgesetzlichkeit
+steht, die das Ganze beherrscht, Billy, und somit alles Weltgeschehen
+von ihr abhängig ist.«
+
+Sibylle Kambach blickte ihren jungen Gatten voll an. »Ich denke gar
+nicht daran, das zuzugeben.«
+
+Er sah ihr belustigt in die sprühenden Augen. »Unsere Hochzeitsreise
+fängt ja schön an!«
+
+»Daran bist du ganz allein schuld! Ich kann das doch nicht
+stillschweigend mit anhören, wenn du etwas so Widersinniges sagst!«
+
+»Oho!«
+
+»Ja. Du sagtest doch kürzlich, du neigtest neuerdings stark zum
+Pantheismus. Danach ließest du den Schöpfer gelten. Ist denn dieser
+Schöpfer abhängig von den Gesetzen der Natur, die er selbst geschaffen
+hat? Liegt darin nicht schon ein Widerspruch? Gott wäre demnach ja eine
+Maschine! Außerdem müßte ein in irgendeiner Weise abhängiger Schöpfer
+doch wieder einen Schöpfer haben und dieser wieder einen! Wer wäre dann
+der Urschöpfer? Nein, lieber Schatz, du kannst es mir glauben, das, was
+wir Naturgesetzlichkeit nennen, ist etwas anderes, als du annimmst. Es
+ist ein fortwirkender, aber kein schöpferischer Faktor. Die Kräfte, die
+Gott in die Natur gelegt hat, entwickeln sich weiter. Wir kurzsichtigen
+Menschen nennen das ›Naturgesetzlichkeit‹ und bilden uns, der Himmel
+weiß was auf diese großartige Erkenntnistheorie ein. Und doch kommen
+wir selbst am schlechtesten dabei weg, denn nach dieser Theorie haben
+wir keinen allmächtigen Gott und Vater im Himmel, sondern sind der
+Naturgesetzlichkeit verfallen.« Sie sah ernst vor sich nieder.
+
+Ihrem Mann war diese Wanderung durch die Gefilde der Philosophie wenig
+angenehm, aber er mußte sich andererseits sagen, daß er nicht ganz
+unschuldig daran sei.
+
+»Na, unsere Hochzeitsreise soll nicht durch die Frage gestört werden,
+nicht wahr, Schatz?« versuchte er Sibylle von dem heiklen Thema
+abzulenken. »Wir haben ja unser Glück!«
+
+»Mich beunruhigt die Frage durchaus nicht, Harro, denn ich habe die
+Antwort,« erwiderte sie. »Aber aufs Glück kommt es nicht an, sondern
+darauf, daß wir auf Felsengrund stehen.«
+
+Sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn heiß und innig.
+
+Er aber blickte in die dunklen Augen, die ihre ganze Seele
+widerspiegelten, und sagte sich: ›Sie gibt dir ihr Bestes!‹
+
+Schweigend saßen sie beisammen.
+
+Draußen huschten die Lichter vorüber, und die farbigen Signale
+leuchteten.
+
+»Ich möchte gerne noch etwas von der ›Brandenburg‹ hören,« bat sie.
+»Ist sie schön ausgestattet?«
+
+Sie rückte näher an seine Seite und breitete die Reisedecke über sich
+und den Gatten. »So, nun ist's gemütlich, -- nun erzähl'! Schade, daß
+wir die Probefahrt nicht mitgemacht haben, -- wir hätten acht Tage
+früher heiraten sollen.«
+
+»Ja, Billy, das ist nun zu spät! Warum hast du nicht eher daran
+gedacht?«
+
+Sie nahm den Hut ab und lehnte den Kopf an seine Schulter. »So --
+also Herr Oberleutnant sind zum Vortrag bei Durchläuchting befohlen!
+Antreten!«
+
+Er lachte. »Warte, wenn wir erst in unseren vier Pfählen sind, kehre
+ich den Herrn und Gebieter heraus. Heute geht dir noch einmal alles
+durch -- aber dann! Durchläuchting wird sich noch wundern!«
+
+Ihre Augen blitzten ihn an. »Durchläuchting ist auf alles vorbereitet!«
+
+»So -- desto besser!«
+
+Und dann begann er ihr von dem wunderbaren Schiff zu erzählen,
+vom neuesten Zeppelin. »Die ›Brandenburg‹ entspricht in ihrer
+Länge etwa den Luftschiffen der Ostfriesland-Klasse: 160 zu 166,5
+Meter,« sagte er. »Du hast ja nur den einen Freiballonaufstieg beim
+Luftschifferbataillon erlebt, nicht wahr?«
+
+»Ich habe die ›Schwaben‹ von der Bahn aus fliegen sehen,« entgegnete
+sie.
+
+»Das ist etwas ganz anderes, Billy! Das haben Millionen Menschen
+gesehen. Es ist ein wundervoller Anblick, wenn solch ein silberner
+Delphin an einem schönen Sommermorgen in den Wolken erscheint, aber es
+ist nicht mit der Nahwirkung zu vergleichen. Ich kann dir sagen, es
+ist ein geradezu großartiges Bild, wenn solch ein Riese sich langsam
+erhebt und als Segler der Lüfte die Wolken durchquert. Man glaubt, die
+lebendige Verkörperung deutscher Heldenkraft und Kriegsgewalt vor sich
+zu sehen!« Seine Augen leuchteten. Der preußische Offizier sprach.
+
+»Und die Kabine?« fragte sie in frauenhafter Neugier.
+
+»An der wirst du deine helle Freude haben! Sie erinnert an den
++D+-Zug, ist aber nicht so vollgepfropft und darum viel
+behaglicher. Sie hat nur vierundzwanzig Plätze. Der rote Teppich und
+die hübschen Peddigrohrsessel machen den hellen luftigen Raum, der
+eigentlich ganz Fenster ist, höchst behaglich. Im übrigen ist es ganz
+wie auf einem unserer großen Dampfer. Ausgezeichnete Verpflegung, Sekt,
+Kaviar, tadelloser Steward, -- alles, was du willst. Aber man vergißt
+Hunger und Durst da oben!« Gedankenverloren blickte er vor sich hin.
+
+»Ach ja, du hast ja im vorigen Jahr die Rheinreise mit der ›Viktoria
+Louise‹ gemacht!«
+
+Er nickte. »Es war über alle Beschreibung schön. Du machst dir
+keinen Begriff von solch einer Fahrt. Man muß so etwas eben erlebt
+haben! Wir flogen damals über Baden-Baden, taten einen Blick in den
+Schwarzwald, dann ging es über die Ebene, dem Rhein zu. Nie hab' ich
+etwas so überwältigend Schönes gesehen, wie das breite grünseidene
+Band des gewaltigen Stromes mit seinen malerischen Ufern und stolzen
+Schiffen. Deutschlands Juwel, von oben geschaut, möcht' ich diese Fahrt
+überschreiben. Eigentlich hätt' ich dir das alles gar nicht erzählen
+sollen, Billy,« -- er sah sie lächelnd an. »Na, mit Worten läßt sich's
+nicht beschreiben, wie schön die Reise war, und etwas Vorfreude hat
+auch ihren Reiz!«
+
+Sie nickte. »Vorfreude ist manchmal das Schönste,« sagte sie mit
+glänzenden Augen.
+
+»Diesmal nicht!« --
+
+Hand in Hand saßen sie aneinander gelehnt. Er hatte dem Schaffner ein
+Trinkgeld gegeben; so störte keiner ihr junges Glück.
+
+»Wenn ich nur der armen Ilse helfen könnte,« sagte Sibylle endlich,
+»die Ereignisse der letzten Zeit liegen mir wie ein Stein auf dem
+Herzen. Wenn Wolf Dietrich nicht mein Bruder wäre, so ...«
+
+»Ich verstehe das, Billy,« entgegnete ihr Mann, »aber du darfst die
+Sache auch nicht zu schwer nehmen. Deine Familie ist doch schließlich
+nicht dafür verantwortlich, daß Wolf Dietrich ein -- ein ...«
+
+»Sag's nur ruhig,« meinte sie traurig, »daß er ein Lump ist!«
+
+Er schwieg.
+
+Da begann sie von neuem: »Weißt du, das ist das schwerste, daß es
+niemals wesentlich mit ihm anders werden wird. Die Scheidung und alles,
+was drum und dran hängt, wird ihm höchst peinlich sein, aber mehr auch
+nicht. Ändern wird Wolf Dietrich sich nicht. Viele werden sagen, er sei
+durch seine Veranlagung entschuldigt,« -- sie zuckte die Achseln.
+
+Er antwortete nicht.
+
+»Ach, Harro,« fuhr sie fort, »ich würd' es sonst ja nicht aussprechen,
+aber siehst du, Wolf Dietrich hat Mamas Natur. Er hat ihr heißes,
+leidenschaftliches Blut geerbt. Außerdem ist er bodenlos leichtsinnig;
+seine Erziehung war nicht streng genug -- nun haben wir die Folgen. Er
+hat eben nie gelernt, sich selbst zu bezwingen.«
+
+»Kein Wunder,« sagte er.
+
+Sibylle sah ihn von der Seite an. »Du meinst, -- weil -- Mama es auch
+nicht tut? Es ist schon möglich, jedenfalls haben wir von ihr keine
+Selbstbeherrschung gelernt.« Eine leichte Bitterkeit lag im Ton ihrer
+Stimme. Sie wollte nicht über die eigene Mutter urteilen, aber der
+tiefe Fall des einzigen Bruders ließ sie die Ursachen erforschen. Sie
+fand sie in der eigenen Kinderstube.
+
+»Die Firlemonts sind alle so,« sagte sie, nach einer Entschuldigung
+suchend. »Onkel Axel sitzt ewig in Monte Carlo, Onkel Fred ist zum
+zweitenmal geschieden und Tante Antoinette -- von der kann man
+überhaupt nicht sprechen ... Mama ist ganz anders als ihre Geschwister,
+es ist überhaupt ein Wunder, daß sie so ist, denn die Großeltern
+sollen sich niemals um ihre Kinder gekümmert haben! Harro -- findest
+du nicht, daß Wolf Dietrich etwas, -- ich meine selbstredend nicht,
+daß ihn keinerlei Vorwurf trifft, -- aber daß er ein ganz klein wenig
+entschuldigt ist? Denn schlecht ist er nicht!«
+
+Nein, schlecht war er nicht. Das fand Harro auch. Aber der dunkle
+Flecken auf der Offiziersehre blieb. Das konnte auch die eigene
+Schwester nicht leugnen.
+
+Sie fuhren in den Potsdamer Bahnhof ein.
+
+»Wenn Ilse nur wieder gesund wird,« dachte sie, während ihr Mann einem
+Gepäckträger winkte.
+
+Da gewahrte sie, am Fenster stehend, einen Herrn auf dem Bahnsteig. Auf
+den ersten Blick war der Offizier in Zivil erkennbar: Wolf Dietrich.
+Sie prallte zurück. Es ging über ihre Kraft -- am heutigen Abend
+eine zwanglose Begegnung mit ihm, während Ilse krank daniederlag --
+unmöglich! Sie sagte es ihrem Mann.
+
+Der zog die Brauen zusammen.
+
+»Nee, Kindchen, das geht allerdings nicht!« Er blickte hinaus.
+»Wahrhaftig! Er hat uns aber nicht gesehen!«
+
+Sie öffnete ihre Reisetasche und zog einen dichten Autoschleier hervor,
+den sie über den Hut band. »So,« sagte sie. »Du bist ja in Zivil!« Noch
+einmal sah sie hinaus. »Er scheint hier jemand zu erwarten!«
+
+»Ja, Billy, es hilft nichts, wir müssen aussteigen!« Harro Kambach ging
+seiner Frau voran. Draußen zog er ihren Arm in den seinen. Ohne rechts
+und links zu blicken, schritten sie über den Bahnsteig.
+
+Fünf Minuten später saßen sie im Auto.
+
+In Sibylles Augen standen Tränen. Sie preßte die Lippen zusammen. Vor
+ihrem Geiste stand das Bild des schönen lebensfrohen Mannes, der ihr
+liebster Spielkamerad gewesen. Es krampfte sich alles in ihr zusammen,
+wenn sie daran dachte, was aus ihm geworden war. Denn trotz allem,
+das gewesen, die geschwisterliche Liebe vermochte sie nicht aus ihrem
+Herzen zu reißen. Er war und blieb ihr einziger Bruder.
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel.
+
+»Wenn ich die Sonne grüße ...«
+
+ Wenn eine Seele in brennender Sehnsucht,
+ Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen,
+ Leise, leise die Flügel entfaltend
+ Den Fuß von der dämmernden Erde löst,
+ Blicke ihr nach in die strahlende Weite,
+ Bis sie sich nahet dem Tore des Lichts, --
+ Ob nicht ein Funke vom himmlischen Feuer
+ Niederfällt auf den finsteren Pfad -- -- --
+ Warte nur, warte! gedulde dich fein!
+ Schon glühen die Zinnen in purpurner Schöne
+ Schon zieht sie droben durchs Perlentor
+ Mit tausend glückseligen Gästen ein ...
+ Warte nur, warte! ... Wenn eine Seele
+ Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen,
+ Leise, leise die Flügel entfaltend,
+ Den Fuß von der dämmernden Erde löst,
+ Hebe den Blick zum Tore des Lichts!
+
+
+Der Sonnenschein, der eine Stunde lang Sibylle Kambachs Hochzeitstag
+erhellte, war nicht von Dauer gewesen. Schon am Nachmittag zog ein
+Regenschauer über die Heide, und der sternklare Abend war trügerisch.
+Am anderen Morgen lag das Land grau in grau. Ein kalter Wind wehte.
+
+Hoffentlich geben die Kinder die Fahrt mit der ›Brandenburg‹
+auf,« sagte Frau von Kambach zu Graf Bühler, als sie sich von ihm
+verabschiedete.
+
+Er zuckte die Achseln.
+
+»Das Wetter kann in Düsseldorf gut sein, Exzellenz!« Er geleitete sie
+hinaus. »Also auf Wiedersehen am Dienstag! Ich freue mich, daß unser
+Bundesdirektor die prächtige kleine Frau bekommt! Hoffentlich ist Ilse
+bis dahin wohler! Ich sehe leider sehr, sehr schwarz in der Sache!« Er
+seufzte tief.
+
+»Gott gebe, daß wir uns irren,« sagte sie halblaut. »Karl Heinrich
+sagte mir gestern abend, ehe er nach Hause fuhr, ja auch, der Arzt habe
+gemeint, Ilses Erkrankung läge ganz anderes zugrunde.«
+
+»Dasselbe hat er mir gesagt. Es wäre ja auch geradezu ein Wunder,
+wenn die unglückliche Frau gesund bliebe!« Er neigte den weißen Kopf
+über ihre Hand. »Befehlen wir's dem, ohne dessen Willen kein Haar von
+unserem Haupte fällt, teuerste Freundin!«
+
+Sie standen auf den Steinstufen. Der Regen sprühte.
+
+Ein Diener trat mit geöffnetem Schirm zu der Greisin.
+
+»Ich bitte Sie,« wandte sie sich an Graf Bühler, der ihr den Arm
+reichen wollte, »bleiben Sie drin!«
+
+Sie nickte ihm herzlich zu, stützte sich auf den Arm des Dieners
+und ließ sich von ihm beim Einsteigen helfen. Noch einmal sah das
+freundliche Gesicht aus dem Fenster, die beiden Alten winkten einander
+zum letztenmal zu, und fort ging's in den kühlen Morgen hinaus.
+
+Zwei Stunden später saß Frau Sabine in ihrem Arbeitszimmer beim
+prasselnden Kaminfeuer, von Eichelchens treuer Fürsorge umhegt. Eine
+Großnichte, ein Fräulein von Kambach, welches der alten Dame, bis
+sich ein passender Ersatz für Fräulein Eichel gefunden, Gesellschaft
+leisten sollte, wurde nachmittags erwartet. Die Nachrichten über
+die junge Gräfin Bühler, welche die Gesellschafterin mitbrachte,
+lauteten günstiger, eine Diakonisse war in Kambach eingetroffen. Die
+Braut konnte ihren Platz am Krankenlager ohne Sorgen verlassen. Auch
+der Kochlehrling war außer Gefahr. Mit gutem Gewissen schied Jutta
+Eichel von ihrer alten Exzellenz, aber die Trennung ward den beiden
+Frauen bitter schwer. Die Alte gab ihr Bestes, die liebe sorgende
+Hausgenossin, an die sie sich in jahrelangem Zusammenleben und
+Zusammenarbeiten gewöhnt -- die Junge verließ eine Frau, die der Waise
+Mutterliebe geschenkt. Das bedeutete einen scharfen Schnitt für zwei
+Menschen, die zehn Jahre treu zueinander gehalten in Freud' und Leid.
+Aber beide gehörten zu den großzügigen Naturen, die den Blick auf das
+Ganze richten, die bei allem, was sie tun, auf das Werk schauen, dem
+sie dienen. Und diese Großzügigkeit, dieser Blick ins Weite machte sie
+stark und ließ ihre persönlichen Wünsche und Gefühle zurücktreten.
+Das traf hier insonderheit auf die Greisin zu, die niemals mit einer
+Silbe über den für sie gewiß nicht leichten Wechsel geklagt, aber
+auch der Entschluß der Braut, die, selbst ohne Vermögen, dem Manne,
+den sie liebte, in eine wenigstens zunächst nur in beschränktem Maße
+sichergestellte Zukunft folgte, erforderte Mut.
+
+Frau von Kambach befand sich seit ihrer Rückkehr aus Bühl in einer
+nervösen Unruhe. Kaum zehn Minuten saß sie auf einem Fleck, machte
+sich am Schreibtisch zu schaffen, sah in den Regen hinaus, lauschte
+auf den Wind und fragte immer wieder, ob der Wagen für Direktor
+Wendler auch rechtzeitig zur Bahn gefahren sei. Fräulein Eichel,
+welche diese Nervosität auf die Ereignisse der letzten Zeit und auf
+die fortwährenden Witterungswechsel schob, sagte nichts. Sie wußte,
+daß Wind und Wetter nicht ohne Einfluß auf Gichtiker sind, und daß der
+Gedanke an die Luftschiffahrt des jungen Ehepaares nach wie vor die
+alte Dame beunruhigte. Da sie beides nicht zu ändern vermochte, suchte
+sie, ohne die Dinge zu berühren, ihre Herrin abzulenken, indem sie ihr
+aus den Briefen ihres Verlobten erzählte und ihr die Kreuzzeitung
+vorlas. Frau von Kambach wurde auch etwas ruhiger, aber ganz gelang
+es ihrem treuen Hausgeist nicht, das seelische Gleichgewicht
+wiederherzustellen. Zum Unglück war der Wind zum Sturm geworden; so
+wurde ihre Aufmerksamkeit immer wieder draußen gefesselt. Fräulein
+Eichel sah es mit Sorge. Ganz unbegründet erschien ihr die Angst der
+alten Frau ja nicht. Aber andererseits fragte sie sich: ›Warum soll
+gerade der »Brandenburg« etwas zustoßen?‹ In Düsseldorf wollte das
+junge Paar die Gondel besteigen; dort konnte strahlendes Wetter sein,
+wenn es in der Mark stürmte. Trotzdem legte sie die Sturmwarnung der
+Kreuzzeitung unauffällig beiseite.
+
+Im selben Augenblick rollte ein Wagen über den Hof.
+
+Sie eilte zum Fenster.
+
+»Da ist er! Verzeihung, Exzellenz!« Sie lief hinaus. Gleich darauf kam
+sie mit ihrem Verlobten zurück.
+
+Nach kurzer herzlicher Begrüßung mit der Hausfrau bat Wendler, auf sein
+Zimmer gehen zu dürfen, um sich vom Reisestaub zu säubern.
+
+Exzellenz von Kambach nickte. »Und dann frühstücken Sie etwas, wir
+essen heute erst um zwei!«
+
+Er verbeugte sich dankend und folgte seiner Braut.
+
+»Darf ich Sie vor dem Essen noch auf ein Stündchen zu mir bitten, Herr
+Direktor?« rief die Greisin ihm nach. »Ich möchte gerne mit Ihnen
+einiges besprechen. Es soll auch nicht lange dauern,« fügte sie mit
+einem Blick auf Jutta lächelnd hinzu.
+
+Dann gingen die beiden.
+
+ * * * * *
+
+Der Sturm brauste über die Heide und schlug den Regen gegen die
+Fenster des Herrenhauses. Wirbelnd flogen die Blätter der Parkbäume,
+und die alte Linde ächzte. Hinter dem Hoftor stand eine Wetterwand
+in schwarzblauer Schönheit, langgezogene weiße Wolken flatterten, vom
+Sturme getrieben, am Himmel.
+
+Die Gutsfrau stand am Fenster und blickte auf das trübe wildbewegte
+Bild. Sie sah die Menschen gegen den Sturm ankämpfen, sah, wie er an
+ihren Kleidern zerrte, wie er ihnen die Tücher und Mützen vom Kopfe
+riß und weit über den Hof trug. Und sie dachte: ›Wenn's hier unten
+im Binnenland so ausschaut, wie mag's auf hoher See sein, -- in den
+Lüften!‹ --
+
+Draußen schlug die Hausuhr eins.
+
+Da kam ein rascher fester Schritt über die Diele. Wendler trat ein.
+
+»Komm' ich zu früh, Exzellenz?«
+
+»Nein, nein!« Und sie bat ihn, Platz zu nehmen.
+
+Sein erstes Wort galt der Freude über ihre Geldsendung.
+
+»Was das für ein Tag war, -- ich kann's nicht sagen! Nur der wird mir's
+ganz nachfühlen, auf dessen Schultern ähnliche Sorgen gelastet!«
+
+Sie nickte still. »Eine Glaubensstärkung war's mir, ein großes
+wundervolles Erlebnis!«
+
+Er sah sie ernst an. »Auch mir war's eine Glaubensstärkung, obgleich
+mir das persönliche Erlebnis fehlte. Aber ich sehne mich danach, dieses
+schöne Stück unserer Bundesgeschichte zu erfahren -- ist das zuviel
+verlangt, Exzellenz?«
+
+Sie blickte sinnend in den Sturm hinaus. ›Wenn ich die Sonne grüße!‹
+hatte Sibylle gesagt.
+
+»Vielleicht hab' ich kein Recht auf dies Geheimnis,« fuhr er fort,
+»vielleicht ist's zu persönlich, zu -- heilig -- ich weiß es nicht!
+Aber immer wieder steigt mir die Sehnsucht auf, mich an seinem hellen
+Schein zu erfreuen! Exzellenz wissen es aus eigener Erfahrung, wir
+brauchen Sonne auf unserem Wege! Darum bitte ich herzlich, ist's
+möglich, ist mein Wunsch keine Verwegenheit, -- so zeigen Sie mir den
+goldenen Strahl, den Sie aufgefangen!«
+
+Sie sah ihn voll an. »Können Sie warten? Vielleicht nur bis morgen?«
+
+Er nickte.
+
+»Sie sind der einzige, dem ich dies Geheimnis anzuvertrauen das Recht
+habe,« fuhr sie fort, »aber es hat eine Klausel. Vielleicht ist sie
+schon morgen hinfällig!«
+
+Wieder sah sie hinaus, als müsse der Himmel ihr die Antwort sagen.
+
+Dann redeten sie von der Bundesarbeit. Neben viel Anfeindung war
+ein frischer fröhlicher Fortgang der großen Sache zu verzeichnen.
+Mit Freuden empfand es die Greisin; der rechte Mann war gefunden,
+einer, der nicht rechts noch links schaute und sich nicht um die
+unvermeidlichen Nörgler und Spötter kümmerte. Wie die Verkörperung des
+schönen Geibelschen Wortes kam er ihr vor:
+
+ ›Wer da fährt nach großem Ziel,
+ Muß am Steuer ruhig sitzen,
+ Unbekümmert, ob am Kiel
+ Lob und Tadel hoch aufspritzen!‹
+
+Sein Werdegang war ein Wunder. Denn von ungefähr war's nicht, daß Gott
+der Herr dem Irrlehrer seine Damaskusstunde schenkte und ihn zum Zeugen
+der Wahrheit berief! Wie Sonnenglanz lag's auf dem Lebenswege, der
+durch soviel Dunkel geführt. -- --
+
+Im Fluge verging die kurze Stunde. Erstaunt blickte Exzellenz von
+Kambach auf, als Jutta zum Essen erschien.
+
+Nach dem Kaffee, der gleich nach Tisch eingenommen wurde, brachen die
+Verlobten auf, um dem Kambacher Geistlichen, Wendlers Nachfolger, der
+sie trauen sollte, einen Besuch zu machen.
+
+Frau von Kambach warnte zwar vor dem Wetter, aber Jutta erklärte,
+morgen sei keine Zeit, und Sturm seien sie beide gewohnt. Dann setzte
+sie alles zum Nachmittagstee für die alte Dame zurecht.
+
+Wendler sah auf die Uhr. »Vor halb sieben werden wir kaum zurück sein
+können! Ist das nicht zu spät, Jutta?«
+
+Fräulein Eichel blickte fragend auf die Hausfrau.
+
+Doch die schüttelte den weißen Kopf. »Geht nur, Kinder!«
+
+ * * * * *
+
+Es dämmerte. Aber es war nicht jenes friedliche Einspinnen von Raum
+und Form in die rieselnden Schleier des Abends, es war ein hastendes
+Dunkeln, als würfe der düstere Sturmfittich hier und dort seine
+flüchtigen Schatten.
+
+Die Vorhänge wurden geschlossen. Gedämpfter klang das Brausen des
+Sturmes, und der helle Schein der Lampe verbreitete Behaglichkeit und
+Wärme.
+
+Frau Sabine saß feiernd am Kamin und blickte in die verglimmende Glut.
+Ab und an fuhr ein Windstoß in den Schlot, dann lohten blaue Flämmchen
+auf, duckten sich scheu vor des Sturmes Gewalt und erloschen wieder.
+
+Die Gedanken der greisen Frau wanderten. Ein Leben, so reich an Liebe
+wie das ihre, stand nimmer still, es verzehrte sich im Dienst anderer.
+Und ein Großmutterherz hatte doppelte Arbeit.
+
+Während ihre Seele weite Wege wanderte, ging ihr Blick über die
+Bilder an den Wänden. Die Erinnerung stieg herauf. Sie verlieh den
+alten Gemälden ihren Glanz und erzählte den Lebenden die Geschichte
+der Toten. Durch die Seele der einsamen Frau zog's: ›Wie lange noch,
+und dein Bild hängt in der Reihe der Ahnen!‹ Ihr Auge ruhte auf dem
+duftigen Pastell Sophie Charlottes. Es war eine Kopie des Gemäldes
+in der Kambacher Kirche. Darunter hing an blauseidenem Bande die
+Stradivariusgeige.
+
+›Sonderbar,‹ dachte sie, ›daß der Kasten noch immer nicht fertig
+ist! Wenn er morgen nicht eintrifft, muß ich die Geige anderweitig
+unterbringen!‹
+
+Und dann lauschte sie wieder auf den Sturm. In kurzen Stößen fuhr er um
+das Dach, aber seine Kraft schien gebrochen. Schwächer und schwächer
+ward das Pfeifen um First und Schlot. Und dann war alles still.
+
+Fast bedrückend wirkte das plötzliche Schweigen der Elemente.
+
+Draußen erhob sich langsam die Natur und lauschte aufatmend dem
+verhallenden Schritt des Gewaltherrn, drinnen fragte eine müde Seele:
+›Gilt's einen Waffenstillstand, oder hat der Kriegszug ein Ende?‹
+
+Überall ein Fragen im Land, überall die wundersame Antwort: feierndes
+Schweigen. Mit ihm nahte die Ruhe der Nacht im Geleit funkelnder
+Sterne. Durch den Spalt des Vorhangs blickten sie in den traulichen
+Raum.
+
+Über die greise Frau kam ein tiefer Friede. Des Tages Sorgen
+zerstreuten sich, die Unrast verschwand. Es war einer von den
+Augenblicken, da die Ewigkeit an ihre Tür pochte und, die Hand
+ausstreckend, auf die leuchtende Brücke wies, die den dämmernden Strom
+überspannte. Greifbar nahe lagen die Ufer der Heimat, und die Sehnsucht
+breitete die Flügel. In solchen Augenblicken ward ihr der Abend licht,
+und über der letzten Wegstrecke lag ein stiller Glanz. Leise verrann
+die geweihte Stunde; sie aber dachte: ›Könnt' ich sie halten!‹
+
+Draußen schlug eine Uhr. Aus dem bronzenen Gehäuse auf dem
+Schreibtisch der Hausfrau antwortete eine helle Stimme.
+
+Ein Mäuschen knabberte irgendwo am Schragen, -- dann war's wieder still.
+
+›Wenn Sibylle mir jetzt ein Lied singen könnte!‹ zog es durch die Seele
+der Einsamen -- --
+
+Eine heiße Sehnsucht erwachte in ihr nach all der blühenden Jugend, die
+mit der Enkelin von ihr gegangen, nach all der Liebe. -- -- Ob es ihr
+gelingen würde, sich an das Neue, das in ihr Leben trat, zu gewöhnen,
+es ans Herz zu drücken mit der alten Kraft? Und eine weitere Frage war,
+ob es sich an sie gewöhnen würde? Es war ein eigen Ding um die Jugend
+von heute ... So spann sie Zukunftsbilder.
+
+Und dann wurden plötzlich ihre Augen starr. Mit angehaltenem Atem
+saß sie und blickte auf die Stradivariusgeige. Ein Klingen und Tönen
+entschwebte den Saiten, als harften unsichtbare Hände in weiter Ferne,
+jenseits der Zeit. --
+
+Wie ein Gruß wehte es durch den stillen Raum, wie eine zarte Bitte
+um ein letztes Gedenken. -- -- Leise, leise verhallte die wunderbare
+Stimme; dann war alles still -- --
+
+Aber am Kamin saß eine mit gefalteten Händen, die Augen unverwandt auf
+die Geige gerichtet, und lauschte -- und lauschte -- --
+
+ * * * * *
+
+Stunden waren vergangen.
+
+Die Gutsherrin saß mit den Verlobten und der inzwischen eingetroffenen
+Renate Kambach, einem echten Landedelfräulein von achtzehn Sommern,
+am Kamin und hörte dem frohen Gespräch der jungen Leute zu. Aber sie
+war nicht recht bei der Sache. Immer wieder streifte ihr Blick zu der
+Stradivariusgeige hinüber, und durch ihre Seele zog heimliches Fragen.
+Kein Hauch hatte die Saiten berührt, das seidene Band, das Sibylle um
+den Knauf geschlungen, streifte sie nicht -- was war geschehen? Und an
+die Seele der alten Frau klopften die Gedanken -- --
+
+Jutta fragte ihre Herrin, ob sie müde sei, und ob sie zur Abendandacht
+klingeln solle.
+
+Aber sie wehrte ab.
+
+»Nein, Eichelchen, lassen Sie nur!«
+
+Und sie blieben beisammen.
+
+Bis spät in die Nacht hinein wurde musiziert. Wendler sang, von seiner
+Braut begleitet, mit schöner Stimme einige Löwesche Balladen, Renate
+überraschte die Großtante mit einem gutgeschulten Alt.
+
+Schließlich erklärte Eichelchen, es sei halb zwölf, und Exzellenz von
+Kambach müsse zu Bett. Sie werde zur Andacht klingeln.
+
+»Nehmen Sie sich in acht, lieber Wendler, daß Sie nicht allzusehr unter
+den Pantoffel geraten,« wandte sich die alte Dame lachend an ihren
+Gast, »Sie sehen, wie mit mir umgesprungen wird!«
+
+Er ging auf den Scherz ein. »Ja, zu meinem großen Erstaunen, Exzellenz,
+wenn ich das geahnt hätte!«
+
+»Da fährt ein Wagen über den Hof,« rief Renate dazwischen.
+
+Alle horchten auf.
+
+»So spät!« sagte die Hausfrau, und Jutta ging hinaus.
+
+Als sie nicht zurückkehrte, folgte ihr Wendler.
+
+Die Diele war leer, kein Dienstbote zu finden. Schließlich sagte ihm
+ein Küchenmädchen, Fräulein Eichel sei im Inspektorhause.
+
+Er ging hinüber.
+
+Schon auf dem Flur hörte er eine bekannte Stimme in großer Erregung
+sprechen.
+
+Er trat ein.
+
+Mitten in der Stube stand Schenker, um ihn herum die Inspektorsleute,
+Jutta Eichel und die Dienerschaft.
+
+»Und ick kann's Exzellenz nich sagen!« rief der Alte, während ihm
+die hellen Tränen über die Backen liefen, »ick krieg's nich fertig!
+Was zuviel is, det is zuviel! Der gnädige Herr wäre ja auch selbst
+gekommen, aber er mußte doch gleich nach Baden-Baden, da is det Unglück
+geschehen. Darum schickte er mich. Er hat sich ja auch gesagt, das das
+'ne furchtbare Zumutung is, und darum meinte er, ick solle den Herrn
+Direktor bitten, mir'n bißchen zu helfen. Denn wie soll ick armer alter
+Mann unsere Exzellenz det beibringen. Was unser Herr Pastor is, der
+war gerade zu 'ner sterbenden Frau nach Kanzin gerufen, sonst wär'
+der gewiß gefahren, -- der Inspektor is krank, na, wer bleibt denn da
+übrig, als Schenkersch olle Vadder? Is ja auch ganz selbstverständlich,
+wenn man so lange in herrschaftliche Dienste is, -- wenn's man nich
+über meine Kräfte ginge! Tot -- tot, nich auszudenken is es,« -- und
+wieder stürzten ihm die Tränen über das Gesicht. Schwerfällig ließ er
+sich auf einen Stuhl nieder. »Oh, du lieber Herr und Gott, mußte das
+denn sein?«
+
+Erschüttert standen die anderen um ihn herum. Leises Schluchzen klang
+durch die Nachtstille.
+
+Man hatte Wendlers Kommen nicht bemerkt. Jetzt trat er vor und näherte
+sich dem Alten, der schweigend vor sich niedersah.
+
+Der Angerufene fuhr empor. Einen Augenblick starrte er den Direktor wie
+geistesabwesend an. Dann erhob er sich und faßte seine beiden Hände.
+
+»Gott sei Dank, da sind Sie ja, Herr Pastor, -- ick wollt' sagen, Herr
+Direktor, nich wahr, ick tu' keine Fehlbitte?«
+
+»Ich helfe Ihnen gerne, lieber Herr Schenker, aber ich weiß noch gar
+nicht, was passiert ist.«
+
+»Sie wissen's noch nich?« Der Alte sank in sich zusammen.
+
+Da trat der Inspektor zu Wendler. »Unsere Herrschaft ist schwer
+heimgesucht worden,« sagte er mit bebender Stimme, »der Herr
+Oberleutnant und die junge gnädige Frau sind mit der ›Brandenburg‹
+abgestürzt, und die gnädige Frau ist --« Dem treuen Manne versagte die
+Stimme.
+
+»Tot?« fragte Wendler erschüttert.
+
+»Tot,« klang es leise zurück.
+
+Und dann war alles still. -- --
+
+»Wie ist es gekommen?« fragte Wendler endlich.
+
+Schenker ermannte sich. »Sie müssen ja wohl in Düsseldorf gut
+Wetter gehabt haben; denn sonst hätten sie die Fahrt nich gemacht.
+Der Herr Oberleutnant sagte zu mir: ›Schenker, wir fahren nur bei
+schönem Wetter!‹ Na, und dann is jedenfalls der Sturm gekommen, und
+die Propellers sind kaput gegangen! So denk' ick's mir! Näheres
+wissen wir ja noch nicht! Der gnädige Herr bekam so vor zwei Stunden
+das Telegramm: ›Brandenburg verunglückt. Oberleutnant von Kambach
+Sanatorium Wild, Frau von Kambach tot.‹«
+
+Die Tür wurde leise geöffnet, Renate sah herein. Durch das lange
+Fortbleiben der Verlobten beunruhigt, hatte Frau Sabine die Nichte
+geschickt. Als sie die verstörten Gesichter sah, blieb sie erschrocken
+stehen.
+
+Da ging Jutta auf sie zu und teilte ihr die erschütternde Tatsache
+leise mit.
+
+Renate war wie betäubt und konnte sich kaum fassen. Aber es war keine
+Zeit, den eigenen Gefühlen nachzugehen.
+
+»Seien Sie stark, Baronin,« bat Jutta, »wir müssen hinüber!« -- --
+
+Wendler stand neben Schenker, der, völlig erschöpft, um ein Glas Wein
+gebeten hatte.
+
+»Bleiben Sie vorläufig ruhig hier, Herr Schenker, ich will erst allein
+zu Exzellenz gehen,« sagte er, dem alten Manne die Hand auf die
+Schulter legend. »Wenn's nicht zu spät wird, ruf' ich Sie noch. Sie
+fahren heute abend doch nicht mehr nach Hause, nicht wahr?«
+
+»Ick fahre erst morgen früh. Meine Frau sagte gleich, das würde zu
+spät!«
+
+So ging Wendler seinen schweren Weg allein.
+
+ * * * * *
+
+»Sagen Sie mir alles, es ist ein Unglück mit der ›Brandenburg‹
+geschehen,« empfing ihn die greise Edelfrau, aufrecht am Krückstock
+stehend.
+
+Ein tiefes Mitleid überkam ihn mit der tapferen Lebensheldin, der ein
+kostbares Kleinod nach dem anderen abgefordert wurde.
+
+Er wollte sie zu ihrem Stuhl geleiten.
+
+Aber sie wehrte ihm.
+
+»Nachher! Erst sagen Sie mir alles! Ich weiß, es ist das Schlimmste,
+Allerschlimmste!«
+
+Er zögerte. Eine Mitteilung der furchtbaren Tatsache ohne jede
+schonende Vorbereitung erschien ihm geradezu brutal.
+
+Da sah sie ihn durchdringend an.
+
+»Tot?« fragte sie mit leise bebender Stimme.
+
+»Ihr Enkel lebt, Exzellenz!«
+
+Sie wandte den Blick nicht von ihm. »Er lebt -- aber er ist ein
+Krüppel! Sie wissen es nicht?«
+
+Wendler schüttelte den Kopf.
+
+»Und -- und -- Sibylle?«
+
+Er antwortete nicht.
+
+Nun verfärbte sie sich doch. Sein Blick hatte ihr alles gesagt.
+
+Langsam neigte sie das ehrwürdige Haupt auf die Brust.
+
+»Ich wußt' es,« sagte sie leise. »Um die Dämmerung klangen die Saiten
+der Geige!«
+
+Langsam rannen die ersten heißen Tränen über das welke Gesicht. --
+
+Und dann ließ sie's ohne Einwände geschehen, daß er sie zu ihrem Platz
+am Kamin führte. --
+
+Ganz still war's im Zimmer, als warteten die Lebenden auf einen letzten
+Gruß der Toten.
+
+Doch der Augenblick, da die Ewigkeit die Saiten bewegt, kehrte nicht
+wieder. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die Raum und Zeit nicht
+beengen, von denen es gilt: ›Der Wind bläset, wo er will!‹ --
+
+Er wollte sie verlassen, ihr Jutta schicken, aber sie bat: »Bleiben
+Sie noch ein Weilchen bei mir!« Sie drückte das Taschentuch gegen die
+Augen und kämpfte mutig gegen die Tränen. Und was vielleicht keiner
+anderen Frau gelungen wäre, erzwang sie sich durch unerschütterliche
+Glaubenszuversicht und eine fast übermenschliche Selbstbeherrschung.
+
+›Dem Alter, welches, an der Pforte der Ewigkeit stehend, die
+Geschehnisse des Lebens in einem anderen Lichte schaut als die Jugend,
+wird der Kampf mit Not und Tod leichter!‹ zog es ihm durch den Sinn.
+
+Trotzdem -- es war etwas Großes, daß ihre Kraft ausreichte, daß sie
+nicht zusammenbrach, und er sagte sich ehrlichen Herzens: ›An dieser
+Kraft bist du erstarkt.‹
+
+Aber das Größte war ihm noch vorbehalten, das Stück Ewigkeit, das dies
+Frauenherz umschloß, hatte ihm noch nicht in seiner ganzen wunderbaren
+Schönheit geleuchtet.
+
+»Ich durfte es Ihnen nicht eher mitteilen,« begann sie leise, Sibylle
+hatte ausdrücklich gesagt: ›Wenn ich die Sonne grüße, nicht eher!
+Dann sag's ihm! Aber er soll nicht darüber reden!‹ Sie hatte sich
+so sehr auf die Fahrt gefreut!« setzte sie hinzu. »Nun hab' ich den
+ganzen Tag gewartet, ob es hell werden würde, doch es stürmte fort.
+›Natürlich haben sie die Fahrt mit der ›Brandenburg‹ aufgegeben,‹ so
+sagte ich mir. Ich will damit aber niemand einen Vorwurf machen. Das
+Wetter ist nicht überall das gleiche, und der Sturm setzte hier auch
+erst gegen Mittag ein. -- Dann kam der Abend, das wunderbare Tönen der
+Saiten gemahnte mich an Vergangenes, an das Klingen der Geige in der
+Stunde, da Sibyllens Ahnfrau, Sophie Charlotte, die Augen schloß, und
+an vieles andere. Sie wissen, wie ich über Aberglauben denke! Diese
+wunderbaren Tatsachen entspringen einem anderen Boden. Christenglaube
+bedingt sie nicht. Aber er erstarkt an dem Beweis der Gnade, die einem
+Leben, das ein einziger Gottesdienst gewesen, im Tode ihr leuchtendes
+Ewigkeitssiegel aufdrückt. Darum traf mich diese Botschaft nicht wie
+ein Blitz aus heiterem Himmel, darum steht auch über diesem schweren
+Kreuz Ewigkeitsfriede!«
+
+Sie hielt einen Augenblick inne. Das Sprechen wurde ihr schwer.
+
+In tiefer Bewegung blickte er sie an. Wahrlich, diese Frau stand auf
+des Glaubens hoher Warte, darum schaute und erlebte sie mehr als andere.
+
+»Und so ist ihr Wort in höherem ewigen Sinne erfüllt worden, -- jetzt
+schaut sie die Sonne!« Ein Beben ging durch die alte Stimme, aber
+mutig fuhr die Greisin fort: »Ich brauche es Ihnen wohl kaum mehr zu
+sagen, daß Sibylle die dreißigtausend Mark gespendet hat, -- aber die
+Geschichte jenes Schmuckes, welcher ihre Gabe ermöglichte, darf ich
+Ihnen nicht länger vorenthalten. Hätte ich das Vermögen, ich würde
+versucht sein, die Juwelen, die eine so wunderbare Weihe empfangen,
+zurückzukaufen. Es sind wahrhaftig ›köstliche Perlen‹.
+
+Aber das ist ganz ausgeschlossen. Verfügte ich über solche Mittel, sie
+hätten längst der Bundesarbeit gedient.«
+
+Wieder hielt sie einen Augenblick inne. Er hatte das Gefühl, daß
+nur der Wille sie noch aufrechthielt, aber er wagte nicht, sie zu
+unterbrechen.
+
+Und dann erzählte sie ihm die Geschichte des Erbschmuckes in all den
+feinen Einzelheiten, die sich so wunderbar zum Ganzen gefügt.
+
+Als sie geendet, saß er, den Kopf in die Hand gestützt, und blickte
+gedankenverloren in die Glut. In seinen Augen standen Tränen, und er
+schämte sich derselben nicht.
+
+Lange schwiegen beide.
+
+Dann sagte er: »Ist's nicht, als sei ein edles Samenkorn in die Erde
+gesenkt, das sterbend Frucht bringt? So wenig ich die Heimgegangene
+gekannt, ein Wort von ihr, das mir, ohne daß sie es ahnte, zu Ohren
+kam, wird mir unvergeßlich sein: ›Gold und Silber sind tote Werte,
+solange die Liebe sie nicht geheiligt hat!‹ Dieses Wort möchte ich über
+ihr Leben setzen! -- Gott gebe, daß er, zu dem es gesprochen ward, dem
+dies reiche reine Frauenherz, ob auch nur kurze Zeit, angehörte, seine
+köstliche Frucht erkennt und bewahrt!«
+
+Er erhob sich und trat an ihren Stuhl.
+
+»Ich danke Ew. Exzellenz von ganzem Herzen,« sagte er mit erstickter
+Stimme. »So oft ich dies Haus betrete, immer verlasse ich es reicher,
+als ich gekommen.«
+
+Sie antwortete nicht. Sie hielt seine Hände umfaßt und sah ihm still in
+die Augen.
+
+›Wenn ich die Sonne grüße!‹ stand in dem klaren Antlitz geschrieben.
+›Es währt nicht mehr lange!‹
+
+Dann ging er.
+
+»Ich möchte den alten Schenker noch sehen!« rief sie ihm nach.
+
+Er wandte sich um. »Jetzt noch, Exzellenz, -- es ist sehr spät!«
+
+»Lassen Sie ihn nur kommen, die alte treue Seele würde es empfinden!«
+
+›An alle denkt sie,‹ zog es ihm durch den Sinn, als er ins
+Inspektorhaus hinüberging, ›nur nicht an sich!‹ -- -- --
+
+Fünf Minuten später trat Schenker in Frau von Kambachs Arbeitszimmer.
+Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, aber dies Wiedersehen ging über
+seine Kraft. Als seine alte Exzellenz in ihrer tiefen Trauer auf ihn
+zukam, schluchzte er laut. Jedem gewaltsamen Schmerzensausbruch wäre er
+gewachsen gewesen, -- die stille Ergebung auf dem geliebten Antlitz war
+mehr, als er in diesem Augenblick ertragen konnte.
+
+Sanft legte sie die Hand auf seinen Arm.
+
+»Schenker,« sagte sie leise, »lassen Sie uns das Wort nicht vergessen:
+›Ich habe Gedanken des Friedens über euch, und nicht des Leides!‹ Daran
+müssen wir kurzsichtigen Menschen uns halten und -- glauben. Dann
+kommen wir aber auch durch!«
+
+Sie setzte sich und wies auf einen Stuhl. »Das ist mein einziger Trost,
+wenn ich an meinen Enkel denke; denn ohne Grund führt uns der Herr
+nicht solch dunkle Wege. Vielleicht mußte diese Not über ihn kommen,
+damit er seinen Gott findet!«
+
+Schenker trocknete seine Tränen mit dem bunten Taschentuch und nickte
+vor sich hin. »Exzellenz verstehen's, einen zu trösten! Aber es ist
+über mich alten Mann gekommen wie so'n Hagelwetter, ick bin wie vor'n
+Kopf geschlagen! Vor wenig Tagen frisch und gesund im Brautkleid am
+Altar -- und nu so! Ick seh' die junge gnädige Frau ja noch vor mir,
+wie sie zur Abfahrt die Treppe herunterkam. Sie hatte ja Augen für
+alles. Als sie mich am Wagenschlag sah, zog sie eine Rose aus 'n
+Brautbukett und schenkte sie mir. Und dann sagte sie: ›Herr Schenker,
+besuchen sie uns auch mal!‹ So hat sie gesagt, Exzellenz! Er fuhr mit
+der Hand über die Augen. »Ick hab' mir die Rose gleich gepreßt und
+in meine Bibel gelegt. Es is ne Niel aus 'n Kambacher Treibhaus, ick
+hatte sie mitgebracht, in Bühl haben sie nur die gelben. Nu hab' ick
+wenigstens 'n schönes Andenken!«
+
+Mit wehmütiger Freude ruhte Frau Sabines Auge auf der greisen Gestalt,
+der letzten aus der Zeit ihres seligen Mannes. Sie wußte nur zu gut,
+welch treue Anhänglichkeit an alles, was Kambach hieß, einmal mit dem
+alten Kammerdiener dahingehen würde.
+
+»Es ist spät geworden,« sagte sie, sich am Krückstock aufrichtend.
+»Seinen Abendsegen mag heut ein jeder für sich lesen, mich verlangt's,
+allein zu sein!«
+
+Er hatte sich erhoben. Ehrerbietig wünschte er ihr eine gute Nacht.
+
+»Gott helfe uns durch alles Dunkel,« sagte sie mit zitternder Stimme.
+
+Er nickte stumm.
+
+Dann war sie allein.
+
+Müde schritt sie über den Teppich.
+
+Vor der Stradivariusgeige blieb sie stehen, liebkosend strich sie über
+die Saiten.
+
+Und dann klang ein heißes bitterliches Schluchzen durch das Schweigen
+der Mitternacht: »Billy, meine Billy -- -- --«
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel.
+
+O Deutschland, meine Freude!
+
+ Vor dir, Allmächtiger sinke ich in die Kniee! --
+ Groß und gewaltig steigen die Tage empor,
+ Feuersäulen im Wechsel dämmernder Zeiten --
+ Du hast sie entzündet!
+ Lichte Heldengestalten in schimmernder Wehr,
+ Männer, den Sieg im Auge, die Seele geharnischt,
+ Du hast sie geadelt!
+ Aus allen Gauen strömt, dem Königsruf folgend,
+ Ein großes wunderbares gewaltiges Volk -- -- --
+ Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee
+ Mit einem Hauch deines Mundes erneutest du Deutschland!
+ Niemals ertönte helleres Schwerterklingen!
+ Nie griff ein Volk so reinen Gewissens zum Schwert! --
+ Ob es siegen wird, ob es im Kampfe verblutet --
+ Nie war des deutschen Volkes Seele herrlicher! --
+ Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee!
+
+
+Es sind die Augusttage 1914. Es ist die Wende der Weltgeschichte,
+die Stunde, da Deutschland sich panzert. Der Augenblick, da der
+Allmächtige mit eisernem Hammer an die Pforten eines neuen Reiches
+schlägt, das in überweltlicher Schöne aus Schutt und Trümmern erblühen
+soll. Riesenopfer fordert die gewaltige Wiedergeburt, ein Volksopfer
+ohnegleichen! Auf den Höhen lodern Wachtfeuer und die Hüter deutscher
+Ehre spähen ins Land hinaus. Ein Grauen liegt in der Luft, das Grauen
+vor dem nie dagewesenen Völkerleid, vor dem großen Sterben und Bluten,
+-- aber vor dem heiligen, in tiefster Not geläuterten Gottesglauben,
+vor Heldengröße und Opferfreudigkeit weicht es zurück. In hehrer
+Schöne steigen die drei aus dem Dunkel dämmernder Zeiten empor,
+Nibelungengestalten, vom Glanz verklungener Tage umschimmert. ›Gott,
+König, Vaterland!‹ ist Deutschlands gewaltige Losung. Männeraugen
+leuchten bei ihrem Klange, heller tönen Waffenruf und Schwertklingen,
+tiefer erglüht die purpurne Seide der Fahnen. Tapfere Frauen zerdrücken
+die Träne im Auge, um den stummen Mund ein stolzes Lächeln. Die
+schwielige Faust des Arbeiters fühlt den Druck der schlanken gepflegten
+Hand des Edelmannes und umschließt sie heiß -- -- Jünglinge gürten sich
+jauchzend mit dem Schwert, liebliche Bräute folgen dem Scheidenden
+zum Altar. Und über dem deutschen Lebensbilde der große heilige Ernst
+der Stunde. In alle Gaue geht des Königs Ruf. Das Eisen ist lebendig
+geworden, das heilige Eisen, das Jahrtausende ruhen und rasten kann,
+wenn die Welt Deutschlands Ehre wahrt. In dieser Stunde beginnt
+es, zu sieden. Seine Läuterungskraft durchdringt das ganze Volk:
+es gibt keinen Berliner Pöbel mehr, keinen Tagedieb, keinen roten
+Internationalen, -- es gibt nur Menschen, -- Deutsche! Wie gebannt
+stehen sie. Schloßplatz und Linden sind nicht wie sonst ein wogendes
+Menschenmeer, sie sind ein starrender Fels -- --
+
+Und die Weltgeschichte geht vorüber -- -- --
+
+Während der Kaiser sein Volk in den Dom zum Gebet sendet, während das
+Lied von der festen Burg die Kuppel sprengen will, fährt draußen der
+reinigende Blitzstrahl nieder: die Kriegserklärung zerreißt die bange
+Stunde des Wartens auf die russische Antwort.
+
+Ein Brausen steht in der Luft -- --
+
+Einer, der jene denkwürdige Nacht erlebt, sagt: »Wenn dies Volk ohne
+Waffen und Wehr, nur mit dem Feldgeschrei: ›für Gott und unsere
+gerechte Sache!‹ unter dem Donner der heimischen Erde daher geschritten
+käme, -- kein Feind hielte ihm stand, das Entsetzen lähmte ihm die
+Sinne!« -- -- Auf und nieder wogender Meeresflut gleich braust die
+flammende Antwort einer in ihren tiefsten Tiefen erschütterten
+Volksseele. Betend neigt sich Deutschland vor seinem Gott, -- singend
+huldigt es seinem Kaiser -- --
+
+Es sind die Augusttage des Jahres 1914. Es ist die Wende der
+Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert.
+
+ * * * * *
+
+Um den stillen Platz unter der Linde, wo der Kambacher Pfarrer die
+Braut geküßt, webte Mittagszauber, und ein Klingen und Singen ging
+durch die Zweige, als rüstete sich die alte Mark zur Maienfeier. Aber
+schon ging der Sommer zur Neige, über der Heide lag ein goldklarer
+Glanz und die ersten weißen Fäden wehten. Wie späte Liebesgrüße
+dufteten dunkle Rosen in den sonnigen Mauernischen des Witwenhauses,
+über dem leuchtenden Waldbilde lag, schöner als Lenzeswerben, jene
+tiefe stille Herbstesglückseligkeit, deren klare Schönheit das große,
+seltene Erlebnis der Menschenseele widerspiegelt. Um die Kiefern webte
+ein Rosenwunder -- ein Traum von bekränzten Tagen und flatternden
+Purpurstandarten zog durch die stille Mark -- -- --
+
+Die Glocken des Kriegsbettages waren verklungen. In der Kambacher
+Dorfkirche hatte ein deutscher Mann seine Gemeinde zur Buße gerufen,
+zur Beugung unter ein schweres, aber gerechtes Gottesgericht. Im
+Augenblick der gewaltigsten Volkserhebung der Weltgeschichte grüßte
+sein flammendes Wort Brandenburgs Söhne:
+
+»Wir wissen es wohl, warum uns Gott diesen Krieg gesandt hat! Weil
+wir in Gefahr sind, unsere heiligsten Güter zu verlieren, weil unser
+politisches und soziales, unser sittliches und religiöses Leben
+angefressen ist! Noch ist der deutsche Volkskörper nicht verfault, aber
+wir dürfen uns keiner Täuschung darüber hingeben, daß die Zersetzung
+begonnen hat, ja daß sie nicht von gestern und ehegestern ist. Und
+nicht um Einzelschäden und Einzelsünden geht's, -- unser ganzes Volk
+trägt die Schuld am deutschen Verfall, alle, die deutschen Blutes
+sind, müssen an ihre Brust schlagen, ob sie Kronen tragen oder mit
+schwieliger Hand ihr Tagewerk treiben, -- keiner ist ausgeschlossen! --
+Ihr Kambacher und Dreilindener Bauern, ob ihr Gottes Wort und Sakrament
+ehrt, ob ihr eure Ehen rein haltet wie wenig andere, ob ihr die Sitte
+wahrt und dem Schmutz in Wort und Bild zornig die Türe weist, --
+vergeßt es nicht: einst am jüngsten Tag wird die Frage des Herrn eine
+zwiefache sein: ›Was habt ihr getan? was habt ihr nicht getan?‹ Keiner
+unter uns wird vor dieser Doppelfrage bestehen können, keiner wird die
+Stirn haben, zu behaupten, er hätte die göttliche Forderung bis ins
+kleinste erfüllt, -- keiner, -- die Volkssünde steht wider uns auf! Ein
+einziges unterlassenes Gebet für den Träger der Krone, ein unüberlegtes
+Urteil über die Obrigkeit, die geringste Versündigung am Deutschtum,
+an der heiligen Innerlichkeit seines Wesens, das scheinbar kleinste
+Versäumnis des christlichen Vorbildes, -- sie sprechen uns mitschuldig
+am deutschen Verfall. Darum umschließt dies Gericht uns alle, darum
+soll's jedem einzelnen ein Weg nicht nur zur Buße und Umkehr, sondern,
+will's Gott, zur Erneuerung und Wiedergeburt werden. Denn an eines
+neuen Reiches Pforte klopft Gottes gewaltiger Hammer. Daß Deutschland
+die Kraft besaß, aus seinem tiefen Todestraum aufzustehen und einig
+wie ein Mann vor seinen Kaiser zu treten, -- Gottes Gnade war's, die
+im letzten Augenblick den Brand aus dem Feuer riß, -- ein Wunder! Und
+als ein Wunder steht's vor uns, wie die kaum begonnene vaterländische
+Not Kräfte entbindet, deren Besitz wir längst aufgegeben, wie sie
+Werte ans Licht trägt, die wir dem sittlich verarmten Boden nicht mehr
+zutrauten. Die gewaltige Pflugschar der großen Zeit reißt die Scholle
+auf, daß aus ihrem Blute eine Saat ersprieße, des deutschen Ackers
+würdig.
+
+Wir haben einen sittlichen Niedergang zu verzeichnen, aber noch sind
+wir kein untergehendes Volk. Noch nicht. Darum werden wir gezüchtigt,
+aber nicht zermalmt. Durch die ungeheuren Opfer an Gut und Blut, an
+Liebe und Leben, die uns auferlegt werden, rechnet Gott mit uns ab.
+~Wir vertreten eine gerechte Sache -- ganz gewiß -- nach außen hin
+stehen wir rein da! Aber so oft wir uns dies wiederholen im Kampf oder
+Sieg, so oft sollen wir uns eine andere schwerere Wahrheit vorhalten:
+daß wir nach innen tief verschuldet sind und Gott auf tausend nicht
+eins antworten können.~ Darum mußte ein Sturm über uns kommen. Das
+Geschlecht, das in frevelhaftem Leichtsinn das Erbe der Reformation
+verschleuderte und seine heiligen Güter in den Staub trat, konnte nur
+mit donnernder Sprache erweckt und durch eiserne Zucht zur Besinnung
+gebracht werden. Und das will Gott. Er hat uns das Größte vertraut,
+hat uns zu Trägern des Lichtes geweiht! Zum Salz der Erde hat er uns
+gemacht, daß Kind und Kindeskind die Botschaft seines Heils den Völkern
+der Welt vererben. Weil er die ~eine~ köstliche Perle in unsere
+Hände gelegt, darum, und nur darum, übt er noch einmal Geduld, darum
+schlägt er uns wohl, aber er tötet uns nicht.«
+
+In lautlosen Schweigen saßen die Bauern unter der Kanzel. Manch weißer
+Kopf nickte verständnisvoll zu den schlichten mannhaften Worten des
+jungen Pfarrers, manch treues Auge leuchtete hell auf, aber auch viele
+heiße Tränen rannen.
+
+Auf dem Altar flimmerten die Kerzen über den Abendmahlsgeräten.
+Feierlich klangen die Einsetzungsworte durch die stille Kirche.
+Dann traten die Söhne der Mark mit ihren Frauen und Bräuten an den
+Gottestisch. Manch einer der Alten dachte, im Chorstuhl sitzend,
+vergangener Zeiten: ›So wird's vor hundert Jahren gewesen sein!‹
+Inzwischen hatte man vieles erlebt, Krieg und Kriegsgeschrei, -- aber
+diesmal galt's Größeres, Außerordentliches, das fühlten alle, diesmal
+sollte Deutschland alles genommen, diesmal sollte es zertreten, vom
+Erdboden vertilgt werden -- warum sonst Englands Kriegserklärung?
+-- eine Gemeinheit war's, -- und die Gedanken der greisen Kambacher
+wanderten ein Stücklein Wegs ins Völkerleben draußen. --
+
+Der Patronatsstuhl war leer. Der Kambacher hatte keine Ruhe gehabt und
+war schon vor einigen Tagen nach Berlin gefahren, obgleich Harro jeden
+Augenblick eintreffen konnte. Seine Verletzung heilte leicht, sobald er
+dienstfähig war, wollte er zu seinem Regiment zurückkehren.
+
+»Er soll nach Berlin kommen, falls ich nicht da bin,« hatte der
+Oberstallmeister abschiednehmend zu Ilse gesagt, die während seiner
+Abwesenheit nach Dreilinden gehen wollte. »Ich muß meinen Kaiser
+sehen und das Stück Weltgeschichte erleben, das sich in diesen Tagen
+abspielt. In solchen Zeiten hält's kein rechter Kambach auf der Scholle
+aus. Hätt' ich nicht den alten Schaden aus der Leutnantszeit, ich
+wüßte, was ich täte! Gut, daß ich dem Vaterland wenigstens einen Sohn
+schenken kann!« Damit war er zur Bahn gefahren.
+
+So kam's, daß am Kriegsbettag Ilse Bühler neben der alten Exzellenz auf
+dem Dreilindener Chor saß. -- -- --
+
+»Das war das rechte Wort für diese Stunde, mein lieber Herr Pastor,«
+sagte Frau Sabine, den Geistlichen begrüßend, während sie, auf den
+Arm der Enkelin gestützt, dem Kirchhoftor zuschritt, wo ihr Wagen
+wartete. »Besonders für die Erklärung des Begriffs ›Volksschuld‹ danke
+ich ihnen herzlich im Namen unserer Bauern. Wir tragen ja alle unseren
+alten Adam mit uns herum, das wird wohl keiner leugnen, dazu sind's zu
+gute Christen, aber ihr Gesichtskreis ist doch gewaltig eng. Kambach
+und Dreilinden sind die Mark, -- na, und da die Verhältnisse hier so
+gut wie nur möglich sind, will der Begriff ›Volksschuld‹ nicht in den
+märkischen Bauernschädel hinein. Aber heute war der Boden bereitet und
+die Aussaat die rechte!« Sie reichte ihm abschiednehmend die Hand.
+»Lassen Sie sich bald mal in Dreilinden sehen!«
+
+»Ich danke gehorsamst, Exzellenz! Sobald meine Zeit es erlaubt,
+werde ich vorsprechen. Wissen Exzellenz, daß Graf Brelow sich als
+Freiwilliger gemeldet hat?«
+
+»Erzählen Sie das nicht meinem Sohn. Er ist außer sich, daß er nicht
+dienstfähig ist. Wenn er hört, daß Brelow mitgeht, können wir noch
+etwas erleben.«
+
+»Aber Herr Oberstallmeister ist doch viel älter!«
+
+»Als ob er daran dächte! Kennen sie den märkischen Adel so schlecht?
+Man hat unsere Junker nicht umsonst ›Kinder des Schwertes‹ geheißen!«
+
+»Herr von Kambach schrieb mir gestern eine Karte,« sagte Pastor Möller.
+»Es muß etwas Großes sein, diese Tage in Berlin zu verleben, darum
+freue ich mich, daß er schon am 29. Juli abreiste. Er hatte keine Ruhe
+mehr!«
+
+»Sehen Sie! Das sind die Kambachs! Gott, König, Vaterland. -- alles
+andere ist Nebensache! Aber das ist das Wahre! Ich möchte meinen Sohn
+nicht anders haben.«
+
+Sie saß längst im Wagen, von Ilse sorgfältig in Decken gehüllt. Blaß
+und ernst nahm die junge Gräfin neben der Großmutter Platz, die mit
+jugendlicher Frische die große Zeit grüßte.
+
+»Graf Bühl ist auch in Berlin. Alle lassen sie einen allein! Am
+liebsten wäre ich mit dabei. Aber eine alte Frau wie ich gehört ins
+Haus, und gerade jetzt dürfen die scheinbar kleinen Pflichten nicht
+vernachlässigt werden. Meine Dreilindener brauchen mich auch. Ich
+hoffe einer der beiden Herren kehrt bald zurück, damit wir auch einmal
+persönliche Berichte hören, nicht wahr, Ilse?« Freundlich wandte sie
+sich an die junge Frau.
+
+Die nickte stumm. Ein abgrundtiefes Leid alterte die schönen Züge.
+
+Mitleidig ruhte Pastor Möllers Auge auf ihr. Er kannte diese Naturen,
+welche die erste Not zerbrach. Und außerdem war die arme Frau krank.
+Wer dies Gebiet kannte, sah auf den ersten Blick, daß nicht alles in
+Ordnung war.
+
+Die Pferde zogen an. Ehrerbietig grüßte er die greise Gutsherrin.
+Das war eine von denen, die sich immer wieder aufrichteten, die im
+Dienste anderer den Segen ihres Tuns am eigenen Herzen erfuhren. Und er
+gedachte eines schlichten Wortes, das einer über Frauenleben und -glück
+geschrieben: ›Lieben heißt nicht: begehren; lieben heißt: schenken und
+Opfer bringen.‹ --
+
+Über dem Witwensitz der greisen Kambacherin stand das Wort ›mobil‹ wie
+über keinem anderen Hause, wo eine deutsche Frau waltete. Vom ergrauten
+Verwalter und seinem schaffensfrohen Weibe bis zum Küchenmädchen und
+Stallknecht wußten sie alle: jetzt ging eine Arbeit an, wie sie vorher
+nicht dagewesen. Aber keines trauerte den vergangenen Tagen nach,
+-- wer länger als ein Jahr in den Diensten Exzellenz von Kambachs
+stand, der spürte etwas von dem Geist, der das alte Haus durchwehte
+und wollte nicht ausgeschlossen sein, wenn es eine große gemeinsame
+Sache galt, wenn man unter den Flaggen ›wir‹ und ›bei uns‹ segelte.
+Frau Sabine hatte es von jeher verstanden, ihre Leute für die großen
+völkischen und religiösen Fragen zu gewinnen, und dadurch ein festes
+Band zwischen Herrschaft und Untergebenen geknüpft. Kein Wunder, daß in
+der Stunde, wo Deutschland von Ost und West bedroht ward, die märkische
+Vaterlandsliebe auflohte, daß auch der Kleinste und Geringste an seinem
+Teil mithelfen wollte. Nie stand der deutsche Strickstrumpf so hoch in
+Ehren, nie ward auf dem Dreilindener Gutshof gespart, wie in den großen
+Augusttagen! -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Frau von Kambach stand, dem abfahrenden Wagen nachblickend, auf den
+Steinstufen.
+
+»Leg' dich ein paar Stunden hin, Ilse,« sagte sie. »Die Fahrt wird dir
+sonst zuviel. Ich werde dir dein Essen hinaufschicken. Bleib nur ruhig
+bis zum Abend oben.«
+
+Die junge Frau schwieg.
+
+Besorgt sah die Großmutter sie von der Seite an. »Es ist wirklich
+besser so,« sagte sie freundlich. »Ruhe ist jetzt das einzige für dich.
+Ich bin gewiß sehr dafür, daß man sich zusammennimmt, aber es gibt
+Fälle, wo man die Besserung nicht dadurch erzwingt!«
+
+Ilse zog die welke Hand an die Lippen.
+
+»Die erzwinge ich überhaupt nicht, Großmama,« sagte sie mit erstickter
+Stimme. »Aber daß ich die Hände in den Schoß legen und abseits stehen
+muß, wo das Vaterland blutet, -- das -- das ist zuviel. Vor einem Jahr
+hätte ich Johanniterin werden können,« -- sie wandte sich ab und eilte
+die Treppen hinan, die letzten Worte verwehte der Sommerwind.
+
+Die alte Frau sah ihr traurig nach. »Also doch eine rechte Kambach,«
+zog es ihr durch den Sinn. Und im stillen bat sie der Enkelin ein
+Unrecht ab. Sie hatte geglaubt, daß der Schmerz auf dem schönen
+Antlitz nur dem einem galt und immer wieder dem einen, der es nicht
+verdiente, daß eine reine Frau um ihn weinte -- -- -- Wäre der Fluch
+der Mannesschuld nicht gewesen, der dies junge Leben vergiftet, es wäre
+leichter gewesen, dem Wüstling zu vergeben, -- aber so? Sie hielt Ilse
+für sehr krank -- --
+
+Nachdenklich ging sie ins Haus und sah die Post durch. Außer der
+Kreuzzeitung war eine Karte von Renate gekommen, die während Ilses
+Besuch nach Hause gefahren war, um von zwei Brüdern, die bei den
+Drachenburger Ulanen standen, Abschied zu nehmen. Morgen wollte sie
+zurückkehren. Auch von Eichelchen war ein glücklicher Brief dabei.
+
+Nach beendeter Mahlzeit nahm Exzellenz von Kambach die Kreuzzeitung und
+setzte sich an den Schreibtisch. Hastig putzte sie die Brillengläser,
+auf ihren klaren Zügen malte sich Ungeduld.
+
+Und dann knisterten die Blätter.
+
+Das stille Gemach der märkischen Edelfrau ward hell, die große Zeit
+stieg leuchtend aus dem Grau des Alltagslebens empor und grüßte die
+Fünfundsiebzigjährige.
+
+Sie aber las und las: die gewaltige, vom Geiste tiefsten Glaubens und
+heiligster Vaterlandsliebe getragene Thronrede, die weltgeschichtliche
+Tagung des Reichstages, -- die alten Hände begannen zu zittern, die
+Brillengläser wurden blind, -- wenn Fritz Karl das noch erlebt hätte!
+Eine Hoffnung erwachte in ihrer Seele und hob kühn die Schwingen
+zum Adlerflug. Sollte das Wort Wilhelms des Ersten, das er in echt
+königlicher Demut über den Sieg der siebziger Jahre schrieb, ein
+zweites Mal in größerem, hehrerem Sinne Wahrheit werden? ›Welch eine
+Wendung durch Gottes Führung!‹ Kein Fürstenwort hätte die gewaltige
+Stunde des 4. August, da das wunderbar geeinte Volk seinem Kaiser die
+Treue gelobte, treffender zeichnen können, als jene schlichte Drahtung
+des greisen Kriegsherrn.
+
+Aber dann zuckte die welke Hand im Zorn zusammen: eine Sonderausgabe
+brachte Englands Kriegserklärung. Das war zuviel -- und doch --
+Bismarck hatte den Vettern drüben nie getraut. Ja, Bismarck! Und der
+gepanzerte Recke stand vor ihrem geistigen Auge.
+
+Die Zeit ging. Sie hörte nicht den Schlag der Uhren, sie blickte auf
+die schimmernde Schöne deutscher Heldentage, sie sah deutsches Blut
+strömen und betete und glaubte.
+
+Aber die große Freude über Deutschlands Erwachen vermochte die
+Sorge aus dem Herzen der alten Frau nur vorübergehend zu bannen.
+Die Seherin schaute nicht nur die sonnigen Bergkuppen, sie schaute
+den Talschatten. Nebel und Nachtgezücht duckten sich zwar in feiger
+Scheu vor Heldengröße und Mannestreue, aber sobald das leuchtende
+Heer seinen Blicken entschwand, würde das Gelichter sein böses Spiel
+um so toller treiben. Nach siebzig war's nicht anders gewesen; der
+Zeitabschnitt nach dem Kriege bedeutete sogar einen Tiefstand deutschen
+Lebens, wie ihn die Geschichte in wenig Fällen verzeichnet. Und dieser
+Tiefstand erklärte sich nicht nur aus der plötzlichen Goldflut, sondern
+aus allgemeiner Oberflächlichkeit, aus dem mangelnden Willen, die
+große Zeit auszukaufen und die Früchte des Krieges einzuernten. Der
+deutsche Michel wartete eben stets, bis ihm die gebratenen Tauben
+in den Mund flogen. Aber der Segen des Krieges wollte erkämpft und
+erarbeitet, wollte vor allem erbetet sein. Neues entstand nur, wenn
+das Alte verging und starb. Die schwersten Erfahrungen aber glichen
+toten Werken, solange sie nicht im Kern erfaßt und ausgenutzt wurden.
+Und an diesem Willen zum Siege zweifelte die Frau, die wie wenige
+ihr Volk kannte. Ohne einen Augenblick das große Gnadengeschenk zu
+unterschätzen oder den Wert der neu erwachten Kräfte des Glaubens,
+der Opferwilligkeit und Einigkeit zu verkennen, sagte sie sich: die
+zerstörenden Mächte in unserem Volk hat ihr Feuer noch nicht verzehrt.
+Nur das Volk, das den schmalen Pfad der Buße ging, fand den Weg
+zum Tor des Lichts. Würde die Läuterungsglut der eisernen Zeit ein
+Geschlecht hervorbringen, das seine Krone zu tragen verstand und seine
+heiligsten Güter wahrte? Sabine von Kambach zweifelte nicht daran,
+daß Deutschland, ob auch unter ungeheuren Opfern an Gut und Blut, in
+dem schweren äußeren Ringen siegen würde. Ein Volk, das noch solch
+starke innere Werte barg, kehrte aus dem Kampf um Sein oder Nichtsein
+nur siegend zurück oder -- auf dem Schilde. Ein anderes war es, ob
+die Volkskraft den schwereren inneren Kampf mit den Mächten der Tiefe
+bestehen und ihres Sieges Früchte bewahren würde. Das zwanzigste
+Jahrhundert hatte es vergessen, daß die Kraft eines Volkes in der Buße
+wurzelte. Das Jahr 1914 forderte zur Gesundung Deutschlands nicht nur
+die Gesundung des Volkes, es forderte die Gesundung der Kirche.
+
+ * * * * *
+
+Fern über der Heide verklang die Kambacher Glocke. Da raste ein
+Kraftwagen über den Hof. Schwerfällig erhob sich Exzellenz von Kambach
+und blickte hinaus.
+
+Auf den Diener gestützt, stieg Graf Bühler die Stufen hinan.
+
+Sie ging dem alten Freunde entgegen. »Erlaucht, trotz Ischias?«
+
+Er küßte ihre Hand. »Was schert mich Ischias! Wär ich dreißig Jahre
+jünger! Aber meinen Kaiser mußte ich sehen und die gewaltigen Stunden
+mit erleben! So etwas kommt in hundert Jahren nicht wieder vor! --
+Übrigens soll ich Sie von Harro grüßen, ich traf ihn gestern bei seinem
+Vater, -- er kommt heute abend zu Ihnen, um Abschied zu nehmen.«
+
+Und dann saßen die beiden Alten zusammen am Kamin und der
+Erblandmarschall erzählte.
+
+Wie ein Jüngling im weißen Haar erschien er Frau Sabine. So hatte sie
+ihn nicht mehr gesehen, seit der Enkel den alten Namen entehrt. Die
+Adleraugen blitzten, die ehrwürdige Gestalt war straff aufgerichtet,
+nur die gichtgekrümmte Hand, die den Krückstock umfaßte, redete von
+Krankheit und Greisenalter.
+
+›Märkischer Uradel!‹ dachte sie, während ihr Auge auf den edlen Zügen
+ruhte. ›Gott, König, Vaterland! das ist sein Lebensnerv!‹
+
+»Wie ich hergekommen bin, weiß ich nicht,« sagte der Graf. »Ich wäre
+auch noch geblieben, aber ich sagte mir, daß Sie hier säßen und die
+Stunden zählten, bis einer käme und Ihnen Bericht erstattete! Karl
+Heinrich war nicht loszueisen, man kann's ihm ja schließlich auch nicht
+verdenken, daß er dabei sein will, wenn der Sohn ins Feld rückt, -- na,
+da sagte ich mir, daß ich an der Reihe sei, nach Dreilinden zu fahren!«
+Er nickte der alten Freundin herzlich zu: »Und ich hab's gern getan,
+Exzellenz!«
+
+Die Tränen stiegen ihr in die Augen. »Das weiß ich,« sagte sie leise.
+
+Aber er war schon wieder in Berlin. Auf dem Schloßplatz. Im Reichstag.
+An irgendeiner Straßenecke. Bei Kranzler. Ganz wie damals nach dem
+Kriege, wo sich alles in der Reichshauptstadt traf. Nur ein Unterschied
+bestand zwischen einst und jetzt. Damals war ein ruhmvoller Friede
+unterzeichnet und Berlin begrüßte jubelnd seinen Kaiser, -- heute stand
+Deutschland vor der furchtbarsten Aufgabe der Weltgeschichte.
+
+Er erriet ihre Gedanken.
+
+»Sie wundern sich über meine Stimmung, teuerste Freundin? Ich kann's
+verstehen! Man muß dabei gewesen sein! Siebzig war ein Kinderspiel
+gegen diese Begeisterung, diese heilige Einigkeit! Es war mir in diesen
+Tagen, als ob ganz Deutschland seine Kleinodien vor seinem Kaiser
+ausbreitete und in der Sonne funkeln ließ! Und dazu wurde ›Ein feste
+Burg‹ gesungen, -- kann es Größeres geben? Das brauchte der Kaiser aber
+auch in der Stunde übermenschlich schwerer Entscheidung! Wie ich mich
+freue, daß wir's abgewartet haben, bis das Pack uns ins Land fiel, --
+ob es strategisch richtig war, ist etwas anderes, -- aber niemals hat
+Deutschland größer dagestanden! Auf den Knien sollten wir Gott danken,
+daß wir solchen Kaiser haben!«
+
+Sie nickte.
+
+Still war's zwischen den beiden Alten.
+
+»Mißverstanden hab' ich Ihre Freude aber keinen Augenblick,« sagte sie
+dann.
+
+»Nein? das freut mich! -- Als ich durch unsere alte Mark fuhr, hatte
+ich das Gefühl: das Größte, Herrlichste dieser Heldentage haben doch zu
+wenige im deutschen Vaterland persönlich miterlebt. Der Widerschein der
+gewaltigen Stunde leuchtet ja überall, wo deutsches Leben ist, -- dafür
+sorgt schon die Heimatliebe, -- aber ein Sonnenaufgang ist doch etwas
+anderes als Morgenleuchten! Darum dacht' ich: wir sahen die Majestät,
+die Glorie dieses Krieges, seine überirdische Weihe, -- Millionen
+Menschen aber, die dasselbe Recht haben, den Glanz dieser Tage zu
+erleben, sehen nur das Grauen über dem Völkerbilde, die abgrundtiefe
+Not, -- sie bringen dieselben Opfer wie wir, Exzellenz, -- das gehört
+auch zu den Härten des Lebens, die unser kleiner Verstand nicht erfaßt!
+Und doch geben sie das Beste hin, wenn es die Scholle gilt!« Er blickte
+sinnend über das dämmernde Land. Seine Augen leuchteten -- --
+
+Sie aber fühlte, ihre Seelen waren auf den gleichen Ton gestimmt. Was
+Frauensehnsucht in der Stille der Heide erträumt, hatte der Mann
+in Händen gehalten. Das Zollernschwert hatte der märkische Edelmann
+blitzen sehen, über die purpurne Seide der Kaiserstandarte hatte er das
+weiße Haupt geneigt, -- und mehr noch -- Job Wilhelm von Bühler hatte
+Größeres, Gewaltigeres schauen dürfen: eine Volkserhebung, wie sie nie
+dagewesen, ein Erwachen, wie es kein deutsches Herz zu fassen gewagt,
+eine Einigkeit, so stark, so unzerstörbar, daß der Feind, der ein mit
+sich selbst zerfallenes Volk mit kurzem Handstreich niederzuschlagen
+wähnte, staunend den eilenden Schritt verhielt und das Auge starr auf
+die gepanzerte Lichtgestalt richtete!
+
+So kam's, daß der greise Märker, während er die überwältigende Kunde
+in das stille Heidehaus trug, mit all seinen Herzgedanken in der
+Kaiserstadt war, am Thron, unter dem strömenden Volk, an der Stätte,
+da das deutsche Blut am stärksten pulsierte, da Glaube und Liebe am
+hellsten leuchteten.
+
+Schweigend folgte sie seinem Blick -- --
+
+Da wandte er ihr das Auge zu. In dem geistvollen Antlitz arbeitete es:
+»Ich hätt' es nicht für möglich gehalten!« Und eine Träne rann ihm die
+Wange herab.
+
+Durch die Dämmerstille des märkischen Dorfes klang der Flügelschlag der
+großen Zeit -- --
+
+Sabine von Kambach lauschte hinüber. Ein Traum von schlichter
+Heldengröße und deutschen Siegen flog durch den Sommerabend -- standen
+die Toten auf, die Kämpfer von 1813? ›Ich hätt' es nicht für möglich
+gehalten!‹ klang ihr das Wort des Freundes im Ohr.
+
+Und das andere, -- der Feind, der Deutschland knebelte und in den
+Staub drückte, der ihm mehr nahm, als Gut und Blut, der ihm die Seele
+mordete? was ward aus ihm? Vieles würde der Riesenkampf fortfegen,
+manch böser Gewohnheit würde der neu erwachte Gottesglaube die Türe
+weisen, -- ob der Keim des furchtbaren Giftes dadurch zerstört ward?
+
+Frau von Kambach sprach dem Grafen ihre Sorge aus.
+
+Aufmerksam hörte er ihr zu.
+
+»Exzellenz haben mir aus der Seele gesprochen, -- erwiderte er, als sie
+geendet. »Es wäre eine Täuschung, wenn wir die innere Gefahr, die unser
+Volk bedroht, angesichts der großen Erhebung, die wir erleben durften,
+für beseitigt halten wollten. Sie ist nicht beseitigt. Die Mächte der
+Hölle werden nicht durch einen großen völkischen Aufschwung vernichtet,
+noch durch äußere erschütternde Ereignisse an sich überwunden. Dies
+Gift kann nur dann ausgerottet werden, wenn die Frucht der großen
+vaterländischen Not die Buße ist. Wir brauchen einen Neubau, -- nur ein
+völliger Bruch mit der Vergangenheit ermöglicht ihn.«
+
+Sie nickte. »Wir werden nach dem Kriege vor gewaltige völkische und
+religiöse Aufgaben gestellt werden! Es war mit das erste, was ich mir
+im Blick auf dieselben sagte: daß es eine gnädige Fügung ist, daß der
+Bund bibelgläubiger Christen nicht erst gegründet zu werden braucht,
+sondern daß er -- wenn auch erst seit einigen Monaten -- besteht. Wie
+viele würden uns als Schwarzseher verlachen, wenn wir heute oder nach
+einem, will's Gott, siegreichen Kriege einen solchen Volksbund gründen
+wollten! Hab' ich nicht recht?«
+
+»Gewiß. Genau dasselbe dachte ich vor einigen Tagen, als mir im Blick
+auf diese Frage das Herdersche Wort einfiel, das Sie so oft angeführt
+haben: ›Unsere Väter, o, Deutschland, meine Sorge, waren nicht, wie
+wir jetzt sind!› Die meisten würden, wenn man sie daran erinnerte,
+denken: ›Na ja, die Herrschaften sind eben über siebzig!' Aber das
+darf uns nicht irre machen! Wenn wir auch nicht mehr viel Zeit haben,
+-- die Tage, die Gott uns noch schenkt, soll die Arbeit für sein Reich
+ausfüllen, nicht wahr, Exzellenz?«
+
+In ihren Augen glänzten Tränen. »Es liegt etwas Prophetisches über
+der großen Zeit.« sagte sie leise. »Mag einer sagen, was er will, ich
+glaub's dennoch, daß Herders Wort sich noch einmal wandelt, daß es noch
+einmal heißen wird: ›O Deutschland, meine Freude!‹«
+
+Er neigte das weiße Haupt wie zum Gebet. »Gott walt's.« -- -- --
+
+Ein Wagen jagte über die Kopfsteine.
+
+»Das ist Harro!« Der Erblandmarschall erhob sich. »Ich werde Sie mit
+ihm allein lassen. Darf Fritz mein Auto bestellen?«
+
+»Bleiben Sie doch zum Tee!«
+
+Er zögerte. »Gut, ich werde Ilse so lange Gesellschaft leisten.
+Vielleicht kommt sie zu mir herunter. Wenn der Anfall auch diesmal
+nicht schlimm ist, so wird mir das Treppensteigen doch schwer.«
+
+»Natürlich kommt Ilse herunter,« sagte die alte Dame. »Bitte machen Sie
+es sich inzwischen im blauen Salon bequem. Die Zigaretten stehen auf
+ihrem gewohnten Platz.« Und sie schritt dem Gast voran zur Tür.
+
+»Danke, danke, Exzellenz, ich bin hier ja zu Hause.«
+
+Sie lächelte. »Gut, dann klingeln Sie bitte und schicken Sie Fritz
+hinauf. Ilse ist auf ihrem Zimmer.« Sie nickte ihm freundlich zu, als
+ginge sie an eine gewohnte Arbeit in Haus oder Garten, und doch hatte
+sie Schweres vor sich.
+
+Aber er kannte sie. Auf diesen Schultern hatten schon größere Lasten
+gelegen.
+
+ * * * * *
+
+An den Schreibtisch gelehnt, stand sie, den Enkel erwartend.
+
+Im nächsten Augenblick trat Harro Kambach ein. Groß, hoch aufgerichtet.
+In Felduniform. Ein Mann in des Königs Rock. Aber er war um Jahre
+gealtert, das Haar ergraut. Auf den ersten Blick erkannte sie's: er
+kam als ein anderer heim. In tiefer Bewegung umschlang sie ihn.
+
+»Harro, mein Junge!«
+
+Wie ein Klang aus der Kinderzeit grüßten ihn die schlichten Worte.
+
+»Großmutter!«
+
+Gewaltsam suchte er seinen Schmerz niederzuringen, aber es ging über
+seine Kraft. Er neigte den Kopf auf ihre Schulter und weinte laut.
+
+Und die starke Frau, die so viel ertragen im Leben, mußte sich hart
+machen gegen die Mannestränen.
+
+Ein Schüttern ging durch seinen Körper. Er raffte sich auf.
+
+Schwer atmend stand er vor ihr.
+
+Als er die äußere Ruhe wiedererlangt hatte, beugte er sich ehrerbietig
+über ihre Hand. »Nicht wahr, es kommt niemand?«
+
+Sie schüttelte den Kopf. Dann stützte sie sich auf seinen Arm und ließ
+sich zu ihrem Lehnstuhl am Kamin führen.
+
+Dort saßen sie sich gegenüber.
+
+Alles an ihm schien ihr verändert. In seinem Wesen war etwas Neues. Und
+unwillkürlich zog es durch ihren Sinn: Es ist nicht nur die Trauer um
+das Liebste, nicht der Ernst der gewaltigen Zeit, die ihm ihr Gepräge
+geben, es ist jenes unverkennbare Merkmal, das der Mensch an sich
+trägt, der dem Tode ins Auge geschaut. Denn solche Linien grub nur das
+Bewußtsein: ›Du stehst vor Gott!› Und eine Hoffnung, die sie lange
+gehegt, wuchs.
+
+»Papa läßt grüßen,« sagte Harro. »Er bleibt noch in Berlin, bis wir
+ausrücken. Außerdem meinte er, es sei besser, wir wären zu zweien.«
+
+Er schwieg.
+
+Geduldig wartete sie. Wußte sie doch, daß er ihr alles sagen werde.
+
+Und sie irrte nicht. Als sie eine Weile beieinander gesessen, klang
+plötzlich Sibyllens Name an ihr Ohr. Leise, mit fast frauenhafter
+Zartheit, sprach er ihn aus. Das Unglück selbst überging er; die
+Erinnerung an das Furchtbare mochte zu gewaltsam auf ihn wirken, aber
+was sie zuletzt miteinander geredet, erzählte er der Großmutter.
+
+Und die alte Frau rechnete es ihm hoch an und freute sich des großen
+Vertrauens.
+
+Es war ein kurzer, knapper Bericht, aber er umschloß das
+Glaubensbekenntnis eines Mannes:
+
+»Im Augenblick der höchsten Gefahr rief sie mir ein Wort zu, das sie
+schon einmal tags zuvor im +D+-Zug gesprochen: ›Aufs Glück kommt
+es nicht an, sondern darauf, daß wir auf Felsengrund stehen!‹ Dies Wort
+hat mich über Wasser gehalten, Großmutter, es hat mir in tiefster Not
+meinen Gott gezeigt.«
+
+Seine Stimme brach. Der Schmerz überwältigte ihn.
+
+Schweigend blickte Frau Sabine ins Feuer.
+
+Da begann er aufs neue: »Nun kann ich ins Feld ziehen! Ich hätt' es
+ja vorher auch gemußt, aber jetzt weiß ich, daß Vaterlandsliebe und
+Königstreue heilig sind, daß -- daß sie ewig sind. Großmutter! Das
+hab' ich von dir gelernt, und -- von ihr!« Er wandte sich ab. »Wenn
+Deutschland in Wahrheit frei werden soll, müssen wir das alle glauben!«
+
+Sie sah ihn unverwandt an. Fast ging dies schlichte heilige Erlebnis
+über ihre Kraft. Der Tag hatte des Großen schon zuviel gebracht.
+
+Ein heißes Dankgebet stieg aus ihrem Herzen. Und während ihr Auge auf
+der schlanken feldgrauen Gestalt ruhte, erwachte die Erinnerung.
+
+›Einen heiligen Damm wolltest du bauen, lieber Herr und Gott!‹ klang
+es durch ihre Seele und die Sage vom Oststrande stieg vor ihrem Geiste
+auf.
+
+War's nicht wunderbar, wie die blankgespülten Kieselsteine sich
+überall hineinschoben und drängten, wie sie sich an Fels und
+Basalt rieben, bis das wilde Geklüft sich glättete, wie sie sich
+zusammenschlossen zum großen, starken Ganzen, zu jener Mauer, die sich
+der Sünde entgegenstellt und den Verzweifelten deckt. Wahrlich, das
+uralte Mönchsgebet galt heute noch und hatte nichts von seiner Kraft
+eingebüßt. Und sie sah die Mauer wachsen. Ein neues Geschlecht, das
+sich seine Kleinodien nicht rauben ließ, stand um das Kreuz geschart.
+In den alten Augen lag's wie Prophetenklarheit, als schauten sie die
+Geschichte kommender Völker, und durch die Seele der Frau, die täglich
+in heißer Sorge die Hände für ihr Vaterland faltete, zog eine schöne
+lichte Hoffnung. Die Sehnsucht aber klopfte an ihre Kammer: ›Ob wir's
+erleben werden, daß die Heimatliebe ein Kränzlein trägt, daß sie
+singend von Hütte zu Hütte wandernd Mann und Weib die Siegesbotschaft
+ins Herz jubelt und Mägdlein und Buben ihren Hochgesang lehrt: O
+Deutschland, meine Freude!?‹ --
+
+Sie wandte sich wieder an den Enkel.
+
+»Wann war es?« fragte sie leise.
+
+»Etwa um sechs Uhr abends, -- um die Dämmerung!«
+
+Über ihre Züge ging ein Leuchten.
+
+»Um sechs Uhr abends klangen die Saiten der Geige -- --«
+
+Still war's in Haus, als hätte eines den letzten Seufzer getan -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Die ersten Sterne blitzen am Himmel. Über die nächtliche Heide klingt
+der Schritt der eisernen Zeit. Von Osten weht fernes Schwertklingen
+herüber -- -- --
+
+Es sind die Augusttage des Jahres 1914. Es ist die Wende der
+Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert -- --
+
+
+
+
+Im Verlage von ~Martin Warneck in Berlin~ erschien ferner von
+
+E. von Maltzahn
+
+
+Ein Mann
+
+Ein Roman aus der Gegenwart.
+
+20. Tausend.
+
+Die Verfasserin hat sich durch ihre tiefgründigen Erzählungen in
+weitesten Kreisen einen großen Namen geschaffen, und man kann jedesmal
+erwarten, daß sie uns etwas Besonderes zu sagen hat. So auch in ihrem
+Roman »Ein Mann«. Ein tapferes Buch. Prächtige Charaktere werden uns
+hier gezeichnet. Herr von Grambow ist ein wahrer Edelmann, der mit
+seinem Christentum Ernst macht und keinen Augenblick zögert, bei
+schweren Zusammenstößen mit den Vorurteilen der Gesellschaft die Folgen
+auf sich zu nehmen. Ihm zur Seite steht Renate, eine Idealgestalt
+einer deutschen Frau. Der Roman führt uns zum Teil in die Kreise der
+Künstler als auch der Gesellschaft und ist, was Inhalt und Schilderung
+anbetrifft, spannend und meisterhaft durchgeführt. Es ist ein Werk
+reiner Kunst, von dem nur zu wünschen ist, daß es von vielen genossen,
+daß es aber auch in vieler Leben beachtet wird. Über den Inhalt selbst
+wollen wir nicht mehr verraten, sondern unsere Leser bitten: Nehmt und
+lest, und ihr werdet an dem Inhalt des Buches Freude und Gewinn haben.
+
+
+Abseits
+
+Novellen.
+
+7. Tausend.
+
+»Abseits« nennt E. von Maltzahn mit Recht diese Novellen. Sie behandelt
+darin Themen, die wohl vielen abseits liegen, aber die wohl wert sind,
+bedacht zu werden. Ganz besonders möchte ich das von der zweiten
+Erzählung behaupten. Besinnliche Leser werden viel Freude an dem
+Büchlein haben.
+
+
+Herrosé & Ziemsen GmbH. Co., Wittenberg.
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Geyer und Rittelmeyer, Leben aus Gott.
+
+[2] Gedicht und Musik von Peter Cornelius.
+
+[3] Karl Marx.
+
+[4] J. Gabriel Seidl.
+
+[5] ~Weber~, Dreizehnlinden.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78454 ***
diff --git a/78454-h/78454-h.htm b/78454-h/78454-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..b44ad40
--- /dev/null
+++ b/78454-h/78454-h.htm
@@ -0,0 +1,13515 @@
+<!DOCTYPE html>
+<html lang="de">
+<head>
+ <meta charset="UTF-8">
+ <title>
+ Wenn Ich Die Sonne Grüße .. | Project Gutenberg
+ </title>
+ <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover">
+ <style>
+
+body {
+ margin-left: 10%;
+ margin-right: 10%;
+}
+
+ h1,h2,h3{
+ text-align: center; /* all headings centered */
+ clear: both;
+}
+
+h1 {font-size: 250%}
+h2, .s2 {font-size: 170%}
+h3, .s3 {font-size: 125%}
+ .s4 {font-size: 110%}
+ .s4a {font-size: 90%;}
+ .s5 {font-size: 70%;}
+
+h1 { page-break-before: always;
+ font-weight: normal;}
+
+h2 {
+ margin-top: 2.0em;
+ margin-bottom: 1.5em;
+ page-break-before: avoid;
+ font-weight: bold;
+ text-indent: 1em; }
+
+h3 {
+ margin-top: 1.5em;
+ margin-bottom: 1.5em;}
+
+
+p {
+ margin-top: .51em;
+ text-align: justify;
+ margin-bottom: .49em;
+ text-indent: 1em; }
+
+.p0 {text-indent: 0em;}
+.p3 {margin-top: 3em;}
+.p4 {margin-top: 4em;}
+.p6 {margin-top: 6em;}
+
+hr {
+ width: 33%;
+ margin-top: 2em;
+ margin-bottom: 2em;
+ margin-left: 33.5%;
+ margin-right: 33.5%;
+ clear: both;
+}
+
+hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;}
+hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;}
+@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} }
+hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%;}
+
+hr.r5 {width: 5%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 47.5%; margin-right: 47.5%;}
+div.chapter {page-break-before: always;}
+h2.nobreak {page-break-before: avoid;}
+
+table.toc {
+ width: 28em;
+ margin: auto;}
+
+.x-ebookmaker table.toc {
+ width: 95%;
+ margin: auto 2.5%;}
+
+.vat {vertical-align: top;}
+.vab {vertical-align: bottom;}
+
+.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
+ /* visibility: hidden; */
+ position: absolute;
+ left: 92%;
+ font-size: small;
+ text-align: right;
+ font-style: normal;
+ font-weight: normal;
+ font-variant: normal;
+ text-indent: 0;
+} /* page numbers */
+
+.left {text-align: left;}
+
+.center {text-align: center;}
+
+.right {text-align: right;}
+
+.mbot3 {margin-bottom: 3em;}
+
+.mtop3 {margin-top: 3em;}
+
+.padbot3 {padding-bottom: 3em;}
+
+.padtop3 {padding-top: 3em;}
+
+.gesperrt {
+ letter-spacing: 0.2em;
+ margin-right: -0.2em;}
+
+em.gesperrt {
+ font-style: normal;}
+
+.antiqua { font-style: italic;}
+
+div.ads {
+ page-break-before: always;
+ font-size: 0.8em;
+ max-width: 50em;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ }
+div.ads p {
+ margin-top: 1em;
+ }
+div.ads {
+ text-indent: 0;
+ text-align: center;
+ margin-top: 1em;
+ margin-bottom: 1em; }
+
+/* Images */
+
+img {
+ max-width: 100%;
+ height: auto;
+}
+img.w100 {width: 100%;}
+
+
+.figcenter {
+ margin: auto;
+ text-align: center;
+ page-break-inside: avoid;
+ max-width: 100%;
+}
+
+/* Footnotes */
+.footnotes {border: 1px dashed;}
+
+.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;}
+
+.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;}
+
+.fnanchor {
+ vertical-align: super;
+ font-size: .8em;
+ text-decoration:
+ none;}
+
+/* Poetry */
+/* uncomment the next line for centered poetry */
+ .poetry-container {display: flex; justify-content: center;}
+.poetry-container {text-align: center;}
+.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;}
+.poetry .stanza {margin: 1em auto;}
+.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;}
+
+.poetry-container_r {text-align: right;}
+.poetry {display: inline-block;}
+
+/* Poetry indents */
+.poetry .indent0 {text-indent: -3em;}
+
+/* Transcriber's notes */
+.transnote {background-color: #E6E6FA;
+ color: black;
+ font-size:small;
+ padding:0.5em;
+ margin-bottom:5em;
+ font-family:sans-serif, serif;
+}
+
+/* Illustration classes */
+.illowp46 {width: 46%;}
+
+/* Illustration classes (e-Books)*/
+.illowe8 {width: 8em;}
+.x-ebookmaker .illowe8 {width: 16%; margin: auto 42%;}
+
+ </style>
+</head>
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78454 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis ist zur besseren Übersicht an den
+Anfang des Textes verschoben worden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt</p>.
+</div>
+
+<figure class="figcenter padbot3 illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover">
+</figure>
+
+<h1>Wenn ich die Sonne<br>
+grüße ...</h1>
+
+<p class="p3 s3 center">Roman aus der Gegenwart</p>
+<p class="center">von</p>
+<p class="s2 center"><b>E. von Maltzahn</b></p>
+
+<p class="p4 s4a center">34. bis 35. Tausend</p>
+
+<figure class="figcenter padtop3 illowe8" id="signet">
+ <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="signet">
+</figure>
+
+<p class="p4 s4 center">Berlin 1923</p>
+<p class="center">Verlag von Martin Warneck</p>
+
+<hr class="r5">
+
+<div class="chapter">
+<p class="p6 s4a center"><span class="antiqua">Copyright 1915 by Martin Warneck, Berlin</span></p>
+<p class="s4a center">Alle Rechte, einschließlich das der Übersetzung, vorbehalten</p>
+</div>
+
+<hr class="full">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2>
+
+<table class="toc">
+ <tr>
+ <td>&#160;</td>
+ <td>&#160;</td>
+ <td>&#160;</td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">Seite</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Kapitel.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_5">Haus Kambach</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">5</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_19">Wir winden dir den Jungfernkranz!</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">19</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_33">Bodenständig</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">33</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_53">O Deutschland!</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">53</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_75">Adel</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">75</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_102">Gala</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">102</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">7.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_115">Trotz alledem</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">115</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">8.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_137">Allein</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">137</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">9.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_157">Bankrott</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">157</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">10.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_170">Ein Ton</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">170</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">11.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_185">Um die Volksseele</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">185</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">12.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_213">Der alte Krückstock</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">213</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">13.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_232">Eine Heimkehr</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">232</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">14.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_244">Jutta</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">244</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">15.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_267">Ein Frauenlos</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">267</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">16.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_277">Gold gab ich für Eisen!</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">277</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">17.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_299">Der getreue Eckart</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">299</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">18.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_312">Veteranen</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">312</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">19.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_329">»Wenn ich die Sonne grüße ...«</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">329</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">20.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_347">»O Deutschland, meine Freude«</a></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">347</div>
+ </td>
+</tr>
+</table>
+</div>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Deutschland">Deutschland!</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Du deutsche Erde an Haff und Strom,</div>
+ <div class="verse indent0">Es rauscht ein Lied durch den Föhrendom!</div>
+ <div class="verse indent0">Wie Schildgetöne, so trutzhaft klingt's,</div>
+ <div class="verse indent0">Durch Mark und Bein, durch die Seele dringt's:</div>
+ <div class="verse indent0">Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht?</div>
+ <div class="verse indent0">Seit wann vergaß er sein heilig' Recht?</div>
+ <div class="verse indent0">Seit wann sind Zucht und Sitte gebannt?</div>
+ <div class="verse indent0">Wer jagte die Treue aus deutschem Land?</div>
+ <div class="verse indent0">Wer trieb mit dem Kreuze den ersten Spott?</div>
+ <div class="verse indent0">Wer lehrte den Wahn: Es gibt keinen Gott!? —</div>
+ <div class="verse indent0">Wie ein Brand flog's herein, wie giftiger Samen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Deutschland — sprach Amen. — —</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Vaterland, was hast du getan!</div>
+ <div class="verse indent0">Mein deutsches Volk! Einst warest du stark!</div>
+ <div class="verse indent0">Sag', warum huldigst du Trug und Wahn?</div>
+ <div class="verse indent0">Es hat dich getroffen bis tief ins Mark!</div>
+ <div class="verse indent0">Nun liegst du blutend in deinen Wunden</div>
+ <div class="verse indent0">Und kannst nicht gesunden! —</div>
+ <div class="verse indent0">Doch! Du kannst es! Nach oben den Blick!</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Urquell zurück!</div>
+ <div class="verse indent0">Zurück zum Kreuze mit all deiner Last,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu ihm, den du irrend verlästert hast!</div><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er nimmt dich an! Er zerbricht deine Ketten,</div>
+ <div class="verse indent0">Er heilt deine Wunden und will dich erretten</div>
+ <div class="verse indent0">Aus des Todes Feuer, aus all deiner Not —</div>
+ <div class="verse indent0">Auch in der Tiefe bleibt er dein Gott! — —</div>
+ <div class="verse indent0">Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht?</div>
+ <div class="verse indent0">Das Kreuz verbleibet dein heiligstes Recht! —</div>
+ <div class="verse indent0">Zurück zum Urquell, so wirst du heil,</div>
+ <div class="verse indent0">So wirst du stark, so leuchtet dein Schwert,</div>
+ <div class="verse indent0">So sind gesegnet Heimat und Herd,</div>
+ <div class="verse indent0">So hast du das beste himmlische Teil! — —</div>
+ <div class="verse indent0">Verwehte der ewigen Liebe Samen? —</div>
+ <div class="verse indent0">Deutschland — mein herrliches Vaterland,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich weiß es, — es kann ja nicht anders sein —</div>
+ <div class="verse indent0">Du schlägst in die heil'ge allmächtige Hand</div>
+ <div class="verse indent0">Beichtend, betend und glaubend ein —</div>
+ <div class="verse indent0">Und Gott spricht Amen.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel"><span class="s5">Erstes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;Haus Kambach.</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das Land, das noch Liebe zur Scholle kennt,</div>
+ <div class="verse indent0">Das noch Edelleute sein Eigen nennt,</div>
+ <div class="verse indent0">Das die Treue pflegt und die Sitte noch ehrt,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Land ist die Schätze der Erde wert!</div>
+ <div class="verse indent0">In den Stürmen der Zeit verbleibet es stark —</div>
+ <div class="verse indent0">Das Land ist die Mark!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Ein wundervoller Herbstabend geht zur Neige. Auf den Stoppelfeldern
+liegt des Tages letzter Strahl, Ebereschen voll glühender Frucht säumen
+die Landstraßen, Stockrosen und Gladiolen flammen in den Gärten.</p>
+
+<p>Drüben liegt die Heide in des Abends lichte Töne getaucht, seine tiefen
+Schatten auf dem weißen Sandweg, seinen bronzenen Glanz in den leise
+wehenden Zweigen der Birken. Am Horizont ein Waldstreifen, breit und
+dunkel; weiterhin einer Kieferngruppe krauses Gebilde.</p>
+
+<p>Um die kleine Dorfkirche, um den Kranz herbstlicher Linden spielen die
+scheidenden Lichter. Mücken tanzen, eine Schar Kinder dreht sich im
+Ringelreihen auf dem letzten sonnigen Fleckchen. Wie flüssiges Gold
+liegt's über dem Friedhof mit seinen Kreuzen und Grabsteinen. Es ist,
+als tränke die Sonne dies Gold aus dem Laub der vielhundertjährigen
+Bäume, als mische sie mit dem eigenen Blute den wundervollen
+Farbenton,<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> um die leuchtende Schale über einen weltfernen Erdenwinkel
+auszugießen.</p>
+
+<p>Altweibersommer weht über den Acker, jener duftige Zauber später Tage,
+dem man an den Küsten des Meeres, wo die Sage bis spät in die Nächte
+spinnt, den lieblichen Namen Septemberseide gibt.</p>
+
+<p>Und weit im Lande ein Ahnen stiller Herrlichkeit: träumende Seen,
+sonnige Wiesen, dunkle Wasserstraßen im Schweigen bunter Wälder,
+altertümliche Kleinstädte mit ragenden Kirchen aus grauer Zeit,
+vornehme Edelsitze, vergessene Klöster — es ist das Land fürstlicher
+Hochzeitsfeste und fröhlicher Kindtaufen, das Land treuer Arbeit
+und heißer Kämpfe, das, niedergedrückt und zertreten, immer wieder
+aufblühte, erstarkte, zu Macht und Ansehen gelangte, bis es das
+Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wurde, die Heimstätte der
+Zollern, Mark Brandenburg.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Im letzten goldenen Tagesschein lag Haus Kambach. Ein breiter
+einstöckiger Bau mit efeuumsponnener Freitreppe. Ausgedehnte
+Rasenflächen, stolze Georginengruppen, einer Blutbuche purpurne
+Herbstgestalt, hier und da eine vornehme Auslandspflanze, — keine
+Prachtanlage — der schlichte, von den Vätern ererbte Edelsitz war's,
+das Landhaus des märkischen Adels.</p>
+
+<p>Der Altan bot ein wundervolles Stimmungsbild: im Kranz ihrer Linden
+grüßte die Kirche herüber. In breitem Ring lagen die strohgedeckten
+Häuser der Dorfbewohner um den Herrensitz, patriarchalische
+Verhältnisse und Verständnis für Heimatbrauch und -sitte bekundend.
+Das rein äußerliche Ansehen dieses märkischen Dorfes war ein schöner
+Beweis dafür, daß es noch gesundes Volksleben in Deutschland gibt:
+jene starke Zusammengehörigkeit von Gutsherrn und Arbeiterschaft,<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span>
+die einzig sichere Unterlage für den Großgrundbesitz, — mit einem
+Wort, das Dorf, das keine Landflucht kennt, weder die Landflucht des
+Volkes, das unzufrieden und verhetzt den Weltstädten zuwandert, noch
+die Landflucht der oberen Stände, die immer eine Entfremdung zwischen
+der besitzenden und arbeitenden Klasse herbeiführen muß. Die Kambachs
+gehörten nicht zu dem altangesessenen Adel, der die Wintermonate in
+irgendeiner Hofstadt oder im Süden verbringt, der seine Hochzeiten in
+Berliner Gasthöfen feiert und damit sein soziales Interesse einschlafen
+läßt und seine gutsherrlichen Pflichten versäumt. Die Kambachs blieben
+zu Hause. Von den kaiserlichen Hoffesten, wo sie als königstreue Männer
+erschienen, kehrten sie nach drei bis vier Tagen zurück. Ihre Töchter
+zogen im Brautschmuck von der umkränzten Schwelle der Heimat in die
+schlichte Gutskirche hinüber, vom ganzen Dorf, wie von einer großen
+Familie begleitet. Sie pflegten die altehrwürdigen Heimatbräuche,
+Erntefeste, Silvesterabende mit ihren volkstümlichen Sitten, sie
+sorgten für gute Büchereien, für Unterhaltungsabende, sie hielten es
+für ihre Ehrenpflicht, bei solchen Gelegenheiten — und nicht nur dann
+— enge Fühlung mit ihren Leuten zu unterhalten. Sie teilten Leid
+und Freud' mit ihnen, sie hatten mit einem Wort sozialen Sinn, aber
+keinen künstlich gezüchteten, dem Zwange schwieriger Verhältnisse
+entsprungenen, sondern ererbten, angeborenen. Und weil sie dieses Erbe
+hochhielten, waren die Kambacher immer rechte Gutsherren gewesen.
+Das wußte aber auch das ganze Dorf. Und sein Dank war zähe Treue zu
+einer Zeit, da die Umsturzpartei an alle Türen klopfte, und die roten
+Verführer ihre Hetzblätter in jedes Haus trugen.</p>
+
+<p>Wer aus der Großstadt oder aus Fabrikbezirken kam, der staunte diese
+wundersamen, im besten Sinne vorsündflutlichen Verhältnisse an und
+wunderte sich, daß so etwas im zwanzigsten<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Jahrhundert im Königreich
+Preußen noch möglich war. Die braven Kambacher aber lachten sich ins
+Fäustchen und freuten sich ihrer patriarchalischen Verhältnisse.</p>
+
+<p>Drüben, wo der Park sich lichtete, schritten zwei Gestalten langsam den
+Wiesensaum entlang dem Gutshause zu. Die gebeugte Gestalt des Mannes
+erzählte von des Lebens Mühen, von manch hartem Spatenstich. Aber das
+kluge feingeschnittene Gesicht war jung geblieben, und in den hellen
+Augen glänzte ein fast kindlicher Frohsinn. Das war Franz Schenker, der
+Spreewälder, der schon zu Zeiten des alten Herrn als Gärtnerbursche
+nach Kambach gekommen war. Später rückte er zum Diener auf und war nun
+schon seit Jahren Hausverwalter und Kammerdiener in einer Person, das
+Bild eines ehrwürdigen Faktotums. Auf seinen eigenen Wunsch war ihm
+auch noch die Oberaufsicht über den Garten übertragen worden. Denn
+Obst- und Rosenzucht waren sein Steckenpferd. Herr von Kambach konnte
+seine Gärtnereien keinen besseren Händen anvertrauen. Seine einzige
+Sorge blieb die, daß der Alte sich, wie es von jeher seine Art gewesen,
+zuviel Arbeit auflud. Aber Franz Schenker beteuerte immer wieder, mit
+mehreren gutgeschulten Gärtnerburschen an der Hand sei die Sache ein
+Kinderspiel. Und dabei blieb es.</p>
+
+<p>Trotz all dieser wirtschaftlichen Vorzüge war er mehr wie ein Faktotum
+und eine außergewöhnliche Arbeitskraft. Man sah es Schenkersch olle
+Vadder, so hieß er allgemein, auf den ersten Blick nicht an, daß er
+mit dem ganzen Dorf in engster Fühlung stand, daß sein Einfluß viel
+weiter ging als der des Gutsherrn und des Pastors. Und doch war Herr
+von Kambach ein Gutsherr, wie man ihn selten fand, und Pastor Wendler
+versah sein Amt nach besten Kräften. Aber Franz Schenker war eben Franz
+Schenker, und oft fragte man sich, wie's werden solle, wenn der Alte
+einmal die Augen schlösse.<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Er war Ratgeber, Schiedsrichter, Freund und
+Seelsorger von ganz Kambach; ja man erzählte sich, die alte Exzellenz,
+die Mutter des gnädigen Herrn, bespräche oft wichtige soziale Fragen
+mit ihm.</p>
+
+<p>Die deutsche Frau zog's zu dem deutschen Manne, zu dem alten Diener
+ihres Hauses, der sein Vaterland über alles auf Erden liebte, die
+einfache fromme Bibelchristin zu der Seele, die eines Weges mit ihr
+wanderte. Der Standesunterschied störte Frau Sabine nicht, für sie war
+das Schlichte, solange es echt blieb, vornehm. Auch der naturgemäß
+engere Gesichtskreis des Mannes, die andere Auffassung mancher
+wichtiger Punkte wirkte nicht hemmend, sondern ergänzend. Eins lernte
+vom anderen. Franz Schenker lehrte Sabine von Kambach in das Herz
+seines und ihres Volkes schauen, sie aber erschloß dem Spreewälder den
+Blick für das Große, Allgemeine, für die Aufgaben der Zukunft. Es war
+ein feines eigenartiges Freundschaftsverhältnis zwischen der Edelfrau
+und dem alten Kammerdiener. —</p>
+
+<p>Franz Schenker war kirchlich. Er kannte den Unterschied zwischen
+positiv und liberal besser wie mancher Edelmann von Geblüt, und seine
+Beurteilung kirchlicher Einrichtungen bewies, daß er sich auch noch mit
+anderen Dingen, als den Edeltannen des Kambacher Parks beschäftigte.</p>
+
+<p>Langsam ging er neben der alten Exzellenz her.</p>
+
+<p>Frau von Kambach war die märkische Landedelfrau, wie sie leibte und
+lebte. Eine hohe kräftige ehrfurchtgebietende Erscheinung in der
+Krone des Alters. »Großmutters weißes Haar leuchtet durch den ganzen
+Garten,« hatte einmal ein Enkelkind stolz erklärt, und es war etwas
+Wahres daran. Als sie vor fünfzig Jahren in Kambach einzog, mochten
+strahlende Freundlichkeit, Frische und Anmut des Wesens, Schönheit
+der Farben, mit einem Wort jene blühende Gesundheit des Leibes<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> und
+der Seele der Hauptreiz der jungen Frau gewesen sein, heut war's die
+Milde des Alters, verbunden mit seltener Klarheit des Geistes und
+dem gründlichen, wenn's not tat, auch rücksichtslosen Urteil eines
+scharfen Verstandes. Redensarten machte Großmutter Kambach nicht,
+sie widerstrebten ihrem geraden wahrhaftigen Sinn. Kam ihr aber ein
+aufrichtiger Mensch entgegen, so war der Weg zu dem liebewarmen
+mütterlichen Herzen der alten Frau nicht mehr weit. —</p>
+
+<p>»Das Pack, das aus den Großstädten herüberkommt, schmeißen wir einfach
+'raus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker. »Es is das einzige Mittel, was
+hilft!« Er wandte Frau Sabine das lebhafte Gesicht zu. »Exzellenz, wenn
+wir die Prügelstrafe noch hätten, stünd's nich so schlimm ums deutsche
+Vaterland. Die hätte nich abgeschafft werden dürfen!«</p>
+
+<p>Frau von Kambach blieb stehen und stützte sich auf den Krückstock.</p>
+
+<p>»Ich bin ganz Ihrer Meinung, Schenker! Aber sagen Sie, haben Sie keine
+Unannehmlichkeiten, wenn Sie so scharf vorgehen?«</p>
+
+<p>»Unannehmlichkeiten, Exzellenz? Wer soll mich was anhaben? Det dringt
+mit eine Frechheit in die Häuser und schmiert die Leute seinen Kram
+an, — da werd' ick doch wohl das Recht haben, wenn so'n Schuft mit
+seinen Mitteln zur Geburtenverhütung zu meine Schwiegertochter in die
+Stube kommt, ihm das Jackleder vollzuhauen! Der versucht's kein zweites
+Mal, und von Anzeige is keine Rede! Das Pack kann froh sein, wenn's
+mit heilen Knochen aus Kambach raus is! <em class="gesperrt">Wir</em> erstatten Anzeige,
+wenn's nur was hülfe! Aber man fängt ja jetzt oben an, hellhörig zu
+werden, Zeit wird's wahrhaftig!« Und Franz Schenker wischte sich den
+Schweiß von der Stirn. Bei diesem Gesprächsstoff lief ihm stets die
+Galle über.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p>
+
+<p>Die alte Exzellenz war weitergegangen. Ihr Gesicht war sehr ernst
+geworden.</p>
+
+<p>»Kommt das hier öfter vor?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Diesen Sommer war's schlimm. Ick allein hab' Stücker acht in den
+Häusern verdreschen helfen.« Er lachte kurz. »Nie hab' ick solchen Spaß
+am Prügeln gehabt!«</p>
+
+<p>»Und — und die Frauen?«</p>
+
+<p>Der Alte richtete sich kerzengerade in die Höhe.</p>
+
+<p>»Exzellenz — keine Kambacherin is für diese Gemeinheiten zu haben
+gewesen! 's wär' ihnen auch schlecht bekommen; denn noch is Schenkersch
+olle Vadder da!« Er atmete schwer. »Der Menschenschlag in unsere Gegend
+is 'n gesunder! Wenn manches auch faul is — allein durch die Nähe von
+Berlin, — noch is die Mark die Mark!«</p>
+
+<p>»Gott gebe, daß Sie recht haben!«</p>
+
+<p>»Wir haben doch noch Religion, Exzellenz,« sagte Franz Schenker.</p>
+
+<p>Wieder blieb Frau Sabine stehen. Der Krückstock scharrte im Kies.</p>
+
+<p>»Noch« — sie betonte das Wort — »wie lange noch? — Sind Sie auch ein
+Blinder, der die Größe der Gefahr nicht erkennt? Es geht ums Ganze,
+Schenker, der Geburtenrückgang ist nur ein Ausschnitt aus dem trüben
+Gesamtbilde.«</p>
+
+<p>Er blickte sie starr an. Das war nun das drittemal in kurzer Zeit, daß
+er dieser Auffassung begegnete.</p>
+
+<p>Gewiß, die Gefahr war groß, ein Tor, der sie geleugnet hätte! Die
+rote Flut wälzte ihren Giftstrom durchs deutsche Land, Glaube und
+Sittlichkeit untergrabend. Auf Kanzeln und Lehrstühlen führten
+Irrlehrer das Wort, und niemand dachte daran, ihnen ernstlich zu
+wehren. Die »Richtungen« waren ja gleichberechtigt. — In allen
+Gesellschaftskreisen machte sich jüdischer Einfluß geltend, die
+Ansprüche wuchsen ins Ungeheuerliche,<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> eine Üppigkeit, von der man
+früher nichts geahnt, zerrüttete das Familienleben.</p>
+
+<p>»Deutschland steht im Begriff, das Opfer des Goldes zu werden,« so
+hatte Frau von Kambach, als er vor einigen Wochen Rosen zur Zucht nach
+Dreilinden gebracht, geäußert und hinzugefügt: »Ehe der Liberalismus
+nicht durch entschiedenen Nationalismus und der Mammonismus nicht durch
+die Religion überwunden werden, eher werden wir nicht frei!«</p>
+
+<p>Franz Schenker hatte viel über dies Wort nachdenken müssen. Soviel
+stand fest: die alte Exzellenz sah und hörte mehr, als er in seinem
+stillen Kambach. Er hatte nur Fühlung auf dem Lande, sie dagegen
+in Stadt und Land. Alle Kreise standen ihr offen. Den Winter über
+verbrachte sie in Berlin. Aber nicht die Landflucht trieb sie aus
+ihrem geliebten Dreilinden, sondern lediglich das baufällige kalte
+Fachwerkhaus, welches der gichtisch Veranlagten den Winteraufenthalt
+unmöglich machte. Sobald die ersten Veilchen blühten, kehrte die
+Greisin zurück, und der alte Witwensitz rüstete sich zum Empfang
+fröhlicher Gäste. Denn von Anfang Mai bis Ende Oktober ward das Haus
+nicht leer. Verwandte, Erholungsbedürftige, Menschen aus dem großen
+Freundeskreise Frau Sabines kehrten an hellen Sommertagen bei ihr
+ein. Franz Schenker wußte, es waren nicht nur Männer aus leitenden
+kirchlichen Stellen darunter, sondern auch Persönlichkeiten, die
+in besonders enger Fühlung mit dem Volke standen, Laien und Frauen
+mit warmem Herzen und offenem Auge für Deutschlands Not. Sie alle
+trugen das Leben herein, das wahrhaftige Leben in seiner wirklichen
+Gestalt. Denn sie kannten es. Sie scheuten sich nicht, dem Feind
+ihres Vaterlandes furchtlos ins Auge zu schauen. Und doch — immer
+wieder hatte Schenker sich fragen müssen: Ist die Gefahr<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> so groß,
+wie sie sagen? Ist das Gesindel, welches sich herumtreibt, sind die
+Juden, die sich überall breit machen, sind Großstadterscheinungen und
+Lebemenschen, sind Theater, Kino, Presse wirklich jenes unbegrenzten,
+zersetzenden Einflusses fähig? Ihn schauderte bei dem Gedanken, daß
+er diese schwere Frage zu leicht genommen, daß jenes furchtbare
+Gespenst, das ihm in den letzten Wochen so oft begegnet, mehr als
+eine vorübergehende Gefahr bedeute, daß es eine Großmacht sei, der
+Feind deutscher Art, deutschen Lebens. Und immer mehr fühlte er's,
+diese Gefahr stand nicht allein. Sie hatte Verbündete. Eine starke
+geeinte Macht zog aus, dem deutschen Volke die Seele zu rauben. Darum
+der scharf einsetzende Kampf wider Religion und Sitte, wider Thron
+und Herrschaft, darum die Lockungen der Sozialdemokratie, die Sucht,
+das Familienleben zu zerstören, die Lüge auf allen Gebieten. Denn es
+ging ums Ganze, um Deutschlands Verfall. »Noch — wie lange noch?« Das
+kurze Wort aus dem Munde der hochgestellten und doch so schlichten
+kerndeutschen Frau hatten dem Manne, dessen ganze Seele die Sorge um
+sein Volk erfüllte, die Binde von den Augen gerissen. Und wie bei allen
+stark empfindenden Naturen das heiße Fühlen des Augenblicks den Träger
+befreiender Taten, den Gedanken auslöst, so trugen auch seine Sinne
+geflügeltes Hoffen ans Licht. Um den Ausdruck ringend, gab er einem
+kaum gefaßten Gedanken die erste ungefüge Form. Denn die Sorge mahnte
+ihn, die Stunde zu nützen, und die Liebe trat ihr, alle Hindernisse
+überschreitend, zur Seite. Die Hoffnung aber unterstrich den Vorsatz
+der beiden: ›Noch ist's Zeit‹. Noch — warum klopfte dies Wort immer
+wieder bei ihm an?</p>
+
+<p>»Exzellenz,« sagte er und eine tiefe Erregung durchzitterte seine
+Stimme, »wenn's wirklich so steht, is es dann nich 'n Unrecht, daß man
+ungenützt die Zeit verstreichen läßt? Noch is nich<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> alles verloren. Wir
+haben doch noch Männer und Frauen, die treu zu Altar und Thron stehen
+und überall ihren Christenglauben bekennen würden. Dürfen sie müßig
+sein, wenn man das Vaterland verkauft? Ick bin nur 'n schlichter Mann
+und versteh' mich nich auszudrücken. Aber ick hab' neulich mal in'n
+Buch von einen Berliner Pastor gelesen, und der sagt, wenn alle die
+wirklichen Christen eine Mauer bildeten gegen den Feind, wenn sie ihm
+mit der Bibel in der Hand entgegenträten, dann müßte er zurückweichen.
+Eine Schar von wahrhaftigen Betern sei selbst dem Teufel ungemütlich,
+Exzellenz! Das fällt mir eben wieder ein. Es steht ja mit unseren
+Volk viel schlimmer, als man hier bei uns in Kambach ahnt. Und darum
+bin ick dankbar, daß ick manchmal auch was anderes höre und sehe
+und lese, und daß Exzellenz mir die Augen geöffnet haben. Ick hab'
+ja immer gedacht, es wär' nich so schlimm. Jetzt versteh' ick erst
+das Wort, das ick kürzlich in Drachenburg, wo ick meinen Wilhelm
+besuchte, in einer christlichen Volksversammlung hörte: ›Wann wird
+Deutschland seine Vogelstraußpolitik aufgeben und den Geburtenrückgang
+als eine Einzelerscheinung, eine vorübergehende Modekrankheit zu
+betrachten aufhören?‹ So hat der Mann gesagt. Ick hielt ihn für einen
+Schwarzseher. Jetzt weiß ick, was er gemeint hat, als er sagte:
+der Geburtenrückgang is 'n Glied in der langen Kette der deutschen
+Verfallserscheinungen.«</p>
+
+<p>Er schwieg. Auf den klaren Zügen lag tiefe Trauer.</p>
+
+<p>Langsam gingen sie durch den sinkenden Abend. Aus den Wiesen stiegen
+die Nebel, die ersten Sterne blitzten. Fern hinter dem weißen
+Herrenhause lag der Wald wie ein dunkles Geheimnis. Der Mond ging auf.
+Über der Dorfkirche stand die feine glänzende Sichel.</p>
+
+<p>Der Blick der alten Frau weilte auf dem friedlichem Bilde. Ihre
+Gedanken wanderten. In wenigen Tagen sollte dort<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> drüben eine Kambach
+im Brautschmuck zum Altar treten, ein liebliches Kind, das Welt und
+Menschen nicht kannte.</p>
+
+<p>Ein Seufzer verklang. — —</p>
+
+<p>Franz Schenker war noch bei seiner Idee.</p>
+
+<p>»Wenn Exzellenz die Sache einmal überlegen wollten,« begann er von
+neuem, »Exzellenz verstehen so etwas zu machen, und ...«</p>
+
+<p>Sie unterbrach ihn. »Aber Schenker, was denken Sie sich? Ein paar
+Missionsstunden hab' ich eingerichtet! Wie kann eine Frau eine so große
+Sache in die Hand nehmen! Das ist Mannesarbeit!«</p>
+
+<p>»Gewiß, aber die Frau is des Mannes Gehilfin! Wenn Exzellenz die Frage
+noch mal überlegten und dann einen oder mehrere Herren, die was davon
+verstehen, ins Vertrauen zögen« — er sah sie erwartungsvoll an.</p>
+
+<p>Sie drohte ihm lächelnd.</p>
+
+<p>»Sie sind doch unverbesserlich, Schenker, — immer muß Ihre alte
+Gnädige die Kastanien für Sie aus dem Feuer holen!«</p>
+
+<p>»Weil niemand besser dazu geeignet is,« entgegnete er mit bescheidener
+Würde. Zuversichtlich blickte er in das klare Gesicht. Er war seiner
+Sache gewiß.</p>
+
+<p>Sie waren am Teich hinter dem Gutshause angelangt. Herbstzauber webte
+um die leuchtende Pracht der Baumgruppen. Weiße Malven erschlossen
+ihre keusche Schönheit dem Mondlicht. Ein feiner Duft zog von den
+Resedabeeten herüber. Im Gartensaal strahlten die Kronleuchter hinter
+Rosengerank und wucherndem Geißblatt.</p>
+
+<p>»Genau wie vor fünfzig Jahren, als ich mit Fritz Karl den Ball
+eröffnete,« dachte Frau Sabine.</p>
+
+<p>»Ick muß noch ins Treibhaus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker und
+blieb, den weißen Kopf entblößend, stehen.<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> »Exzellenz nehmen's nich
+übel, daß ick vorhin meine Meinung sagte?«</p>
+
+<p>Die alte Dame sah ihn voll an. »Schenker, machen Sie keine Redensarten!
+Sie wissen, daß ich große Stücke auf Sie halte. Sie sind ein
+Mann, der nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, ein
+Wort mitzusprechen. Es wäre ein Unrecht, wenn Sie's nicht täten.
+Deutschlands Not geht uns alle an. Denn hier handelt es sich nicht um
+Dinge, die am grünen Tisch gemacht werden, sondern um die Gesundung des
+Volkstums. Zweierlei fehlt uns: die Erkenntnis der Zeit und — Männer.
+Wir brauchen einen Bismarck und einen Luther. Ob Gott sie uns geben
+wird?«</p>
+
+<p>»Vielleicht sind sie schon da, Exzellenz!«</p>
+
+<p>Sie zuckte die Achseln. »Gott hat verschiedene Eisen im Feuer. Wir
+haben es vielleicht nötig, daß die Geschichte uns vor eine harte
+Aufgabe stellt.«</p>
+
+<p>»Exzellenz meinen einen Krieg?«</p>
+
+<p>»Ich meine nichts Bestimmtes. Nur das ist mir klar, daß wir dem
+Untergang zutreiben. Es hat einmal einer gesagt, wir brauchten eine
+schwere Kolonisationsaufgabe, um zu gesunden. Die gelbe Gefahr ist
+nicht von heute, eine zweite Völkerwanderung nicht ausgeschlossen.
+Ich bin keine Schwärmerin — unmöglich ist das nicht! Stellen Sie
+sich nicht nur eine starke Grenzverschiebung, stellen Sie sich einmal
+eine germanische Grenzerweiterung vor, und die harte schwere Aufgabe
+ist geboten. Da gilt's nicht nur die Urbarmachung russischer Sümpfe,
+da gilt's, entartetes Volksleben veredeln. Das wäre eine Arbeit, wie
+unsere kampfesscheue Zeit sie brauchte. Deutschland ist stärker,
+als sein Alltagleben verrät. Aber es ist ein Acker, der einer tief
+gehenden Pflugschar bedarf, um Edelfrüchte zu reifen. Denken Sie an
+1806 und dann vor allem an 1813! Der deutsche Volkscharakter braucht
+immer wieder den Gewaltherrn in<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> irgendeiner Gestalt — ob er Krieg
+oder Pestilenz heißt oder harte schwere Arbeit, — ohne eine große Not
+findet unser Volk seinen Gott nicht wieder.«</p>
+
+<p>»Und wenn zehntausend übrig blieben, die nicht abgefallen wären?«
+fragte der Spreewälder.</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte sie über die
+mondbeglänzten Wiesen.</p>
+
+<p>»Exzellenz,« sagte Franz Schenker leise, »wenn's fünftausend wären?«</p>
+
+<p>Sie schwieg noch immer.</p>
+
+<p>»Wenn's nur tausend wären!«</p>
+
+<p>Die Edelfrau breitete die Hand über die Augen.</p>
+
+<p>»Es heißt doch, ›Ihr seid das Salz der Erde‹, Exzellenz! Tun's nich oft
+schon 'n paar Körnchen?« fragte er. Die alte Stimme bebte.</p>
+
+<p>Da reichte Sabine von Kambach dem treuen Manne die Hand. »Gott geb's!«
+sagte sie und schritt dem Hause zu.</p>
+
+<p>Auf dem Altan blieb sie stehen und wandte noch einmal den Blick.
+Schweigend lagen die Lande im Mondlicht, ein Bild des Friedens.</p>
+
+<p>Da zog's durch ihre Seele: ›Du hast harte Worte geredet, und dein
+Schweigen war das härteste!‹ Die Tränen stiegen ihr brennend empor.</p>
+
+<p>Aber Heimatliebe ist wahrhaftig. Sie nennt die Sünde ihres Volkes bei
+Namen.</p>
+
+<p>Durch die Seele der Greisin zog das Wort eines Mannes, der wie wenige
+sein Volk geliebt — das Wort Heinrich von Treitschkes: »Wer ein wenig
+über den nächsten Tag hinausdenkt, wird sich kaum der Ahnung erwehren
+können, daß vielleicht schon am Beginn des kommenden Jahrhunderts
+ein ungeheurer Kampf um das Christentum selber, um alle Grundlagen
+der christlichen Gesittung ausbrechen mag. Gewaltige<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> Kräfte der
+Zersetzung und der Verneinung sind überall in Europa am Werke:
+Materialismus, Nihilismus, Mammonsdienst und Genußgier, Spötterei und
+wissenschaftliche Überhebung. Der Tag kann kommen, da alles, was noch
+christlich ist, unter einem Banner sich zusammenscharen muß.«</p>
+
+<p>Aber der Warner blieb ungehört, wie viele andere — — —</p>
+
+<p>Ein schwerer Fittich rauschte über Deutschland.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel"><span class="s5">Zweites Kapitel.</span><br>
+Wir winden dir den Jungfernkranz!</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wir schmücken singend Kirchlein und Saal,</div>
+ <div class="verse indent0">Wir schmücken das stille sonnige Haus!</div>
+ <div class="verse indent0">Wir winden dir in den Hochzeitskranz</div>
+ <div class="verse indent0">Den vollen purpurnen Heidestrauß!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wir sprechen den Heimatsegen dazu,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Festtagsgruß aus verklungener Zeit — —</div>
+ <div class="verse indent0">Ob wohl die träumende Ahnfrau erwacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Weil ein märkischer Junker sein Herzlieb freit?</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Auf dem Altan vor dem Herrenhause saßen die Brautjungfern,
+Hochzeitskränze windend. Ein anmutiges Bild, das jedes Geschlecht, jede
+Zeit kennt und liebt, das immer wieder erwachen und emporsteigen wird,
+— ein Stück Heimatbrauch, wie er nicht lebensvoller gedacht werden
+kann: die Töchter der Mark, der scheidenden Gespielin den Ehrendienst
+leistend.</p>
+
+<p>Um die laubgefüllten Körbe saßen die schlanken Mädchengestalten,
+weithin leuchteten die Sommerkleider, die bunten Seidenbänder und
+Schärpen. Auf blendenden Schultern, auf fleißig schaffenden Händen
+flimmerte die späte Sonne, als sei's ein Strauß duftender Edelrosen,
+den sie abschiednehmend küßte. Mehr als eine blonde Schönheit war unter
+den Kranzwinderinnen. Manch eine beugte sich, heimlich von eigenem<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span>
+Liebesglück träumend, über die duftenden Mulden, aber keine war Braut,
+— eine alte Sitte hätte sie von dem lieblichen Dienst ausgeschlossen.</p>
+
+<p>Und die purpurnen Wälder leuchteten, und die weiße Septemberseide flog
+über Acker und Heidstrecke, über blinkende Wasserspiegel. Vom Gutshaus
+aber klang's jubelnd und jauchzend ins weite Land:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Wir winden dir den Jungfernkranz</div>
+ <div class="verse indent0">Mit veilchenblauer Seide!</div>
+ <div class="verse indent0">Wir führen dich zu Spiel und Tanz,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu lauter Lust und Freude!</div>
+ <div class="verse indent0">Schöner grüner,</div>
+ <div class="verse indent0">Schöner grüner Jungfernkranz!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Tieflandzauber wehte über Wald und Anger, über die altehrwürdige Heimat
+— —</p>
+
+<p>Würden ums Abendgold die Flammen aus den Fenstern schlagen und der
+Jungfernschleier über das Kambacher Moor wehen?</p>
+
+<p>In den braunen und blauen Mädchenaugen stand heimliches Fragen.</p>
+
+<p>»Sibylle,« rief ein goldhaariges Fräulein von Seelow, »heut nacht
+brennt deine Kammer!« Und ein dunkeläugiger Schelm von siebzehn Sommern
+erklärte: »Ich will aber den langen Beelitz zum Trauführer haben!«</p>
+
+<p>Glutübergossen hatte sich die junge Gräfin Bühler über den
+Hochzeitskranz geneigt. Jetzt hob sie das schöne Antlitz: »Kleine
+Mädchen haben gar nichts zu wollen!«</p>
+
+<p>»Oho, ich sag's ihm heut abend!«</p>
+
+<p>»Tu', was du nicht lassen kannst!«</p>
+
+<p>Ein Blütenregen war die Antwort.</p>
+
+<p>»Höre, Esther Sophie, sei etwas sparsamer mit den Rosen,«<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> mischte sich
+eine Adelsleben ein. »Franz Schenker hat sagen lassen, es seien die
+letzten!«</p>
+
+<p>»Schenkersch olle Vadder rückt nie mit etwas heraus, außer wenn
+Großmutter Kambach oder Eberhard kommen! Für andere Sterbliche hat
+seine schöne Seele kein Verständnis! Ich fürchte, er ist etwas
+überspannt!«</p>
+
+<p>»Wenn du nur nicht überspannt bist!« meinte Anna Bertha von Strohbeck.
+»Den Mann, der dich einmal bekommt, beneide ich nicht!«</p>
+
+<p>Alles lachte.</p>
+
+<p>»Du hast ja auch noch keine Gelegenheit dazu gehabt!« rief die Kleine
+schnippisch.</p>
+
+<p>»Ich bin fertig,« sagte Sibylle ruhig, als ginge die Sache sie nichts
+mehr an. Behutsam legte sie das Blumengewinde über den Stuhl. Hoch
+aufgerichtet stand sie in ihrem weißen Kleide da. Im dunklen Haar, das
+in schweren Flechten um den feinen Kopf gesteckt war, hingen ein paar
+Rosenblätter, — lachend schüttelte sie sie ab. Alles sah sie an. Keine
+hatte sie je so schön gesehen.</p>
+
+<p>»Wenn er in diesem Augenblick käme,« begann die jüngste Kranzwinderin
+von neuem.</p>
+
+<p>Aber Sibylle Bühler drehte sich um und ging langsam ins Haus.</p>
+
+<p>»Jetzt ist's genug, Esther Sophie,« sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit.</p>
+
+<p>Da wurde die Kleine feuerrot und verstummte.</p>
+
+<p>Gleich darauf zogen Geigenklänge durchs Haus. Künstlerspiel.</p>
+
+<p>»Chopin!« sagte Sigrid Adelsleben. »Eins weiß ich: wenn ich so spielte,
+bliebe ich nicht daheim, und ob die ganze Verwandtschaft sich auf den
+Kopf stellte! Eine Kunst, wie diese, ist Allgemeingut und gehört in die
+Öffentlichkeit!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p>
+
+<p>»Das liegt Sibylle nicht!«</p>
+
+<p>»Wer sagt das?«</p>
+
+<p>»Sie selbst hat mir gesagt, sie ginge nicht zur Bühne.«</p>
+
+<p>»Die Geige ist für den Konzertsaal.«</p>
+
+<p>Frage und Antwort flogen herüber und hinüber.</p>
+
+<p>»Wo mag Ilse nur stecken?«</p>
+
+<p>»Die ist mit ihrem Schatz in den Wald gegangen,« klang es zurück.</p>
+
+<p>»Streng genommen hätte sie Cercle halten müssen,« meinte Ursula von
+Dachow. »Während wir unsere zarten Finger opfern, streift sie mit dem
+Liebsten durchs Land! — Wir hätten Handschuhe anziehen sollen, Kinder!«</p>
+
+<p>»Ja, man ist immer klüger, wenn man vom Rathaus kommt! — Da sind ja
+die beiden!«</p>
+
+<p>Ein Fräulein von der Malwitz reckte den Hals. »Platz für die Königin!«</p>
+
+<p>Die Brautjungfern sprangen von den Sitzen. Wie auf Kommando hoben sie
+die Hochzeitskränze empor und hielten sie zurücktretend in weitem Bogen
+über den geschaffenen Durchgang. Die feinen Gestalten leicht geneigt,
+die weißen Arme emporgestreckt, die lachenden Gesichter auf die
+Kommenden gerichtet, standen sie da.</p>
+
+<p>Und wieder zog das alte Jungfernlied in den märkischen Herbsttag hinaus.</p>
+
+<p>Wolf Dietrich von Bühler und seine Braut standen still und lauschten
+der Huldigung. Ein frohes Lächeln lag auf Ilses lieblichen Zügen,
+während sie den Gespielinnen zuwinkte. Ihre edlen Formen hob ein
+schlichtes Sommerkleid besonders vorteilhaft hervor. Eine rote Rose im
+Gürtel, eine kostbare Perlenschnur, das Brautgeschenk Graf Bühlers,
+waren der einzige Schmuck der vornehmen Erscheinung. Etwas ungemein
+Zartes, Weibliches lag über ihrem ganzen Wesen, jene<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Milde, die, mit
+dem Starken gepaart, nach Schillers Ausspruch einen guten Klang gibt.</p>
+
+<p>Wolf Dietrich von Bühler spielte in der Gesellschaft eine Rolle. Sein
+gewandtes liebenswürdiges Wesen, sein feines Auftreten, seine ganze
+Art, sich zu geben, alles nahm für den schönen, aber leicht veranlagten
+Mann ein. Der Menschenkenner las in dem frauenhaften Gesicht allerdings
+manches, das besser nicht darin gestanden hätte, andere freuten sich
+des angenehmen, jederzeit gefälligen Kameraden. Wolf Dietrich hatte
+der Vater gefehlt. Sein Leichtsinn — mütterliches Erbe — war niemals
+weder erkannt noch bekämpft worden. Gräfin Bühler, eine geborene Gräfin
+Firlemont, eine bildhübsche gefeierte Frau, hatte zwar, wie sie sagte,
+um ihrer Kinder willen nicht wieder geheiratet, sich aber keineswegs
+der Erziehung derselben gewidmet. Wenigstens waren ihre Begriffe
+von Kindererziehung so oberflächliche, daß der Großvater Bühler,
+ein Edelmann vom alten Schlage, ihr oft in sehr entschiedener Weise
+entgegentrat. Aber die Gräfin war Wolf Dietrichs und Sibyllens einziger
+Vormund und ließ sich nicht dreinreden. Es gab die unerquicklichsten
+Auftritte, welchen die leidenschaftliche Frau eine solche Schärfe zu
+verleihen wußte, daß der alte Herr es schließlich aufgab, mit ihr
+zu verhandeln und seinen Einfluß in anderer Weise geltend zu machen
+suchte. Es kam hinzu, daß seine Schwiegertochter als Französin für die
+vornehme Einfachheit des märkischen Adels kein Verständnis hatte.</p>
+
+<p>Wolf Dietrich verehrte und liebte den Großvater auf seine Art; trotzdem
+war es Graf Bühler nicht gelungen, dem Enkel seinen grenzenlosen
+Leichtsinn auszutreiben. Er artete nach den Firlemonts. Der Sinn für
+ererbte Scholle und ehrwürdige Überlieferung fehlte ihm gänzlich.
+Seine religiösen Ansichten waren höchst oberflächlicher Art und
+verdienten eher den<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> Namen einer sehr willkürlichen Weltanschauung.
+Nach außen wahrte er den guten Schein, schon um des Großvaters willen,
+dessen ritterliche Persönlichkeit er stets in Ehren gehalten. Er
+begleitete den alten Herrn in die heimische Dorfkirche und würde in
+seiner Gegenwart niemals in herabsetzender Weise über religiöse Dinge
+gesprochen haben. Aber im Grunde war er mit dem Christentum fertig. Es
+vertrug sich nicht mit den modernen Lebensanschauungen, war unvereinbar
+mit der Wissenschaft, war mit einem Worte rückständig. Die Frage des
+Ersatzes war ja längst eine schreiende. Ob man denselben in Kunst und
+Wissenschaft, in Moral oder Religiosität suchte, mußte jeder mit sich
+selbst abmachen.</p>
+
+<p>Obgleich der junge Offizier dem Großvater seine Ansichten nach
+Möglichkeit zu verbergen suchte, wußte jener doch, wie die Dinge
+standen. Aber er sagte sich: ›Viel reden nützt nichts. Das Leben muß
+ihn in die Schule nehmen‹, und trug seine Sorgen vor Gott.</p>
+
+<p>Mehr Freude als an dem verwöhnten Enkel, erlebte er an Sibylle, die
+ganz ihres Vaters Tochter war. Wochenlang war sie bei dem Großvater,
+während ihre Mutter Italien und die Schweiz bereiste. Gräfin Bühler
+kam ihrem Schwiegervater in diesem Punkte bereitwillig entgegen; denn
+es entsprach ganz ihren Wünschen, sich ab und zu ohne die schöne
+Tochter zu zeigen. Sibylle aber tat nichts lieber, als dem alten Herrn
+Gesellschaft zu leisten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das Jungfernlied war verklungen, das Brautpaar betrat den Altan.
+Feierlich, als nahten zwei Fürstenkinder, senkten sich die
+Hochzeitskränze. Lachend ging Ilse auf den Scherz ein und schritt, nach
+allen Seiten grüßend, mit der Würde einer Herzogin an der Seite ihres
+Verlobten durch die Reihen der Gespielinnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p>
+
+<p>Es war ein Bild, wie es nicht anmutiger sein konnte, und über die
+ernsten Züge des Gutsherrn, der mit dem greisen Erblandmarschall aus
+einem Fenster des oberen Stocks auf die Gruppe niederblickte, ging ein
+Lächeln.</p>
+
+<p>»Das war meine selige Frau, wie sie leibte und lebte!« sagte er und
+beugte sich vor, um der Tochter nachzusehen.</p>
+
+<p>Graf Bühler nickte versonnen. »Wolf Dietrich kann sich glücklich
+preisen. Er verdient Ilse gar nicht.« Als der Hausherr schwieg,
+fuhr er fort: »Sie wissen ja, wie ich über diese Heirat denke,
+lieber Kambach, und ich will Ihnen am allerwenigsten heute das Herz
+schwerer machen, als es schon ist, aber ich muß es Ihnen noch einmal
+aussprechen: ich werde die Sorge nicht los! Und diese Sorge betrifft
+nicht nur Ihre Tochter, welche durch die Heirat mit meinem Enkel aller
+Wahrscheinlichkeit nach keiner leichten Zukunft entgegengeht, sie
+betrifft auch Ihren Sohn.«</p>
+
+<p>Er hielt inne, das feine geistvolle Gesicht beobachtend auf die Züge
+des anderen gerichtet.</p>
+
+<p>Herr von Kambach blickte noch immer auf die Stelle, wo die helle
+Gestalt seines Kindes im Sonnenschein gestanden. Eine tiefe Falte
+hatte sich in die hohe Stirn des alten Soldaten gegraben, und die
+schmalen bartlosen Lippen preßten sich fest aufeinander. Er fuhr mit
+der Rechten über das kurz verschnittene Haar. Diese Frage durfte
+außer seiner Mutter nur einer anschneiden, — der Mann, der vor ihm
+stand. Trotzdem ging allemal ein Stich durch das Herz des Vaters und
+märkischen Edelmannes. Starb die alte Art aus? War die Rasse nicht
+mehr rein? Wahrlich, bisweilen kam ihm der Gedanke, daß die Mächte,
+vor denen er noch bis vor kurzem seine alte Mark sicher geglaubt, auch
+hier Fuß faßten. Denn immer wieder mußte er sich sagen, daß es nicht
+nur das Garnisonsleben war, das Eliteregiment mit seiner Üppigkeit,
+seinen unleugbaren Versuchungen,<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> das dem Mann Gefahren brachte, wies
+doch neben diesen Nachtseiten gerade der Offizierstand Vorzüge auf,
+wie die strenge Zucht, die scharfe Fassung des Ehrbegriffs, den festen
+kameradschaftlichen Zusammenschluß, — Vorzüge, die nicht nur geeignet
+waren, das sittliche Leben in hohem Maße zu festigen, sondern auch
+das Geschlecht, das in unentwegter Treue zu Altar und Thron stand,
+dem Vaterlande zu erhalten. Nein, der Schaden lag an anderer Stelle:
+der Offizierstand als solcher verschuldete den Niedergang nicht, —
+Deutschlands Söhne waren es, welche den Verfall in die Armee trugen.
+Ein erschütternd schwerer Vorwurf gegen Staat und Kirche, Gesellschaft
+und Familie! Das eiserne Pflichtgefühl, das die Väter stark gemacht,
+war den Enkeln verloren gegangen. Gottesfurcht und Gottvertrauen, jene
+felsenfesten Träger gesunden Volkslebens, lehnte der moderne Mensch in
+unfaßlicher Selbstüberhebung ab. Der Kapitalismus aber trug den Fluch
+des Goldes herein, Gesellschaft und Persönlichkeit vergiftend. Das war
+Deutschland hundert Jahre nach den Befreiungskriegen!</p>
+
+<p>Und der königstreue märkische Edelmann schaute blutenden Herzens die
+sichtbaren Spuren des großen allgemeinen vaterländischen Verfalls am
+eigenen Fleisch und Blut. Darum brach unter der leisesten Berührung von
+treuer Hand immer wieder die Wunde auf, — ein Kambach verstand auf
+dem Schlachtfeld für seinen König zu sterben, mit gebundenen Händen
+Deutschland verbluten zu sehen, verstand er nicht. Das war mehr, als
+Manneskraft ertrug! —</p>
+
+<p>Harro stand bei den Drachenburger Ulanen. Es war Überlieferung bei den
+Kambachs, daß der älteste Sohn in dies Regiment trat. Er war etwas
+jünger als Wolf Dietrich Bühler, den er von klein auf kannte. Die
+Familiengüter grenzten aneinander; solange man denken konnte, hatten
+die Kambachs und Bühlers gute Nachbarschaft gehalten. Die Knaben
+hatten<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> zusammen gespielt, das Kadettenhaus hatte sie zusammengeführt,
+später das Regiment. Die Kameradschaft war eine alte, die Freundschaft
+schien neueren Datums. Harro Kambach hatte im Regiment geäußert, die
+Verlobung seiner Schwester sei die Veranlassung gewesen. Aber man
+glaubte ihm nicht recht.</p>
+
+<p>Am wenigsten der Großvater Bühler. Und so sehr er den Enkel trotz
+seines Leichtsinns liebte, glaubte er, soweit es in seiner Macht
+stand, andere vor seinem Einfluß bewahren zu müssen. Er hatte vor Wolf
+Dietrichs Verlobung dem Oberstallmeister seine Bedenken ausgesprochen
+und dem Freunde nichts verhehlt. Aber belastende Dinge lagen nicht
+vor, und Ilse war mündig. Der Kambacher konnte seine Tochter
+daher nur warnen. Und er tat es mit aller ihm zu Gebote stehenden
+Überzeugungskunst. Er verhehlte ihr nicht, daß seines Erachtens
+ein ausnahmsweise starker gereifter, um nicht zu sagen männlicher
+Frauencharakter dazu gehöre, um dieser ungefestigten leichtherzigen
+Persönlichkeit den Rücken zu stärken, er sagte ihr ganz offen, daß
+ihre Veranlagung ihm selbst zwar die bei weitem liebere, aber nicht
+die für diese Vereinigung richtige sei. Denn ihrem Bunde mit Bühler
+werde die notwendige Ergänzung fehlen. Er hatte ihr endlich die letzten
+schwersten Folgen einer unglücklichen Ehe klargemacht, — alles war
+vergeblich. In Tränen hatte sie vor dem Vater gestanden: »Ich lieb'
+ihn doch über alles!« Dabei war's geblieben. Denn der Oberstallmeister
+war der Ansicht, daß ausgewachsene Menschen ihr Schicksal selbst
+entscheiden müssen. So ward Ilse Kambach Bühlers Braut. —</p>
+
+<p>»Erlaucht,« sagte der Hausherr, »so schwer dies Gespräch für mich als
+Vater ist, bitte ich doch daran festzuhalten, daß es nicht nur die
+alte treue Freundschaft ist, die mir dasselbe ermöglicht, sondern das
+persönliche Bewußtsein: wir stehen als<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Christen und Edelleute auf
+demselben Boden. Die Ursache unseres großen völkischen Niedergangs ist
+dieselbe, die dem Verderben des einzelnen zugrunde liegt: der Abfall
+von dem lebendigen Gott. Das ist Hauptursache für alles andere, —
+für den sittlichen Niedergang aller Kreise, für das Absterben von
+Vaterlandsliebe und Königstreue!« Er schritt erregt durch den sonnigen
+Raum. »Sollen wir den Kindern einer in der Zersetzung begriffenen Zeit
+den allgemeinen Verfall zum Vorwurf machen? Kann der Apfel dafür, daß
+er wurmstichig ist? Erlaucht, das sind Fragen, die einen zermürben,
+wenn man Söhne hat, Fragen, die das Blut aufpeitschen und einen von
+Zwiespalt zu Zwiespalt hetzen. Und doch komme ich immer wieder zu dem
+schweren Ergebnis: der einzelne ist verantwortlich. Zumal der Sohn
+eines christlichen Hauses, dem Gottesfurcht und Königstreue ererbte
+Kleinodien sind. Ich sage damit nicht zuviel — bei uns Söhnen der Mark
+gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und spreche stolz von einem
+Erbteil adligen Blutes. Wer das aber verleugnen kann, — um Sinnenlust
+und Geldgier verleugnen kann, — der ist nicht wert, ein Preuße zu
+heißen, der ist ein Lump!«</p>
+
+<p>Er blieb vor dem alten Herrn stehen. Die blauen Augen lohten: »Ich weiß
+ganz genau, was Erlaucht mir über meinen Sohn sagen wollen. Nichts, was
+ihn gesellschaftlich unmöglich macht — Gott bewahre! Auslachen würde
+man mich, wollte ich Erkundigungen in dieser Richtung einziehen! Aber,
+— dies Aber spricht Bände für mich! Meine Mutter kam neulich auf der
+Rückfahrt von Bühl hierher und hat mir gesagt, was Brelow erzählt hat!«</p>
+
+<p>Der Greis nickte still vor sich hin. Die feinen Nasenflügel bebten.</p>
+
+<p>»Sie wollte sich den Jungen vornehmen, — keiner versteht's besser wie
+sie!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p>
+
+<p>»Wenn's nur was hülfe!« entgegnete der Hausherr.</p>
+
+<p>»Wie Sie ja inzwischen erfahren haben,« fuhr der Erblandmarschall
+fort, »hat Joachim Brelow seinem Vater erzählt, man spräche in
+Offizierskreisen nicht gerade ablehnend, aber in verändertem Ton von
+den beiden. Etwas Greifbares hat er nicht gewußt — fast wär's mir
+lieber gewesen! Denn man steht ja mit gebundenen Händen da. Und doch
+besagt dieser ›veränderte Ton‹ alles.«</p>
+
+<p>Kambach nickte finster vor sich hin, und der Graf fuhr fort: »Ich
+muß immer an das Urteil denken, das der Franzose über die erste
+Grenzüberschreitung der Frau fällt: ›<span class="antiqua">Un peu déclassée!</span>‹ Wieviel
+weiter darf der Mann gehen, ohne daß ihn der geringste Vorwurf trifft!
+Und ich bin überzeugt, daß nur diejenigen, welche wir schätzen, ihre
+kameradschaftliche Haltung verändert haben.«</p>
+
+<p>Kambach nickte: »Ich habe mir die Sache diese Tage viel durch den Kopf
+gehen lassen, sie auch mit meiner Mutter besprochen. Ilse muß sehen,
+wie sie fertig wird, gewarnt worden ist sie oft genug. Harro werde ich
+sagen, was ich über ihn gehört habe. Das Urteil der Kameraden wiegt
+manchmal schwerer, als der Rat des Vaters.«</p>
+
+<p>Sorgenvoll blickte er über die herbstliche Landschaft.</p>
+
+<p>Da legte sich eine Hand auf seinen Arm. »Sehen Sie nicht zu schwarz in
+die Zukunft, lieber Kambach!« sagte Graf Bühler. »Wenn wir Menschen
+nicht aus noch ein wissen, löst unser Herrgott mit einem Hauch seines
+Mundes die Fragen der Zeit.«</p>
+
+<p>Doch der andere stand unter dem Druck schwerer Verantwortung. »Er
+verlangt aber auch, daß wir an unserem Teil dazu beitragen! Wenn der
+Junge vergessen sollte, daß er ein preußischer Offizier ist, dann —
+gnade ihm Gott!« Die Reckengestalt straffte sich, wieder stand die
+Falte zwischen den Brauen.</p>
+
+<p>»Vielleicht gelingt es Ihnen zu verhüten, daß er es vergißt,«<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> sagte
+der Erblandmarschall mit der Milde des Alters. »Ich habe mir Wolf
+Dietrich übrigens kürzlich noch einmal vorgenommen und sehr ernst mit
+ihm geredet. Er war zugänglich und weich wie immer, wenn ich ihm etwas
+vorhalte. Allerdings mußte ich, wie gewöhnlich, wenn ich ihn ermahne,
+an den Sohn im Evangelium denken, der dem Vater antwortet: ›Ich will's
+tun!‹ und tut's nicht. — Ob Ilse irgendwelchen Einfluß auf ihn ausüben
+wird?«</p>
+
+<p>Kambach schüttelte den Kopf. »Ilse ist ein weiches hingebendes
+Geschöpf, zu jedem Opfer bereit, — ein Charakter ist sie nicht. An
+diese Stelle hätte eine Frau wie Sibylle gehört.«</p>
+
+<p>Der Greis sah nachdenklich vor sich nieder, dann richtete er das kluge
+Auge fragend auf sein Gegenüber: »Ist Ihnen etwas von einer Neigung
+Harros zu Sibylle bekannt?«</p>
+
+<p>Herr von Kambach sah überrascht auf. »Nein.«</p>
+
+<p>»Ich möchte Sie doch auf diese Möglichkeit aufmerksam machen,«
+entgegnete der andere ernst.</p>
+
+<p>»Würden Erlaucht seiner Werbung zustimmen?«</p>
+
+<p>Der Graf zuckte die Achseln. »Ich komme nicht in Frage. Sibylle steht
+unter der Vormundschaft ihrer Mutter und wird in absehbarer Zeit
+mündig.«</p>
+
+<p>Ein Wagen rollte über den Fahrdamm.</p>
+
+<p>»Das sind Brelows,« sagte der Hausherr. »Verzeihung, Erlaucht!« Er
+wandte sich zur Tür, seinen Gästen entgegenzugehen.</p>
+
+<p>Der alte Herr hielt ihn zurück. »Nicht wahr, es ist alles beim alten
+zwischen uns?«</p>
+
+<p>Der Oberstallmeister blickte in das schöne ehrwürdige Gesicht.
+»Erlaucht!« Sie sahen sich fest ins Auge.</p>
+
+<p>»Solange die Bühlers und Kambachs noch eine märkische Ackerkrume
+besitzen, soll's wahr bleiben: Hie gut Brandenburg allewege!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p>
+
+<p>Der Erblandmarschall umfaßte die Rechte des Gutsnachbarn mit kräftigem
+Druck. »Ich weiß es, wir stehen zusammen!«</p>
+
+<p>Der andere richtete sich hoch auf, als gälte es, seinem König den
+Fahneneid zu leisten. »Gott walt's!« antwortete er mit fester Stimme.
+— —</p>
+
+<p>Auf dem Altan ward's lebendig. Mädchenlachen klang herauf,
+Willkommensrufe.</p>
+
+<p>Die beiden Männer hörten es nicht.</p>
+
+<p>So oft die Geschichte im Vorüberschreiten den Schleier von einer
+leuchtenden Vergangenheit hebt, wird in deutschen Herzen die Sehnsucht
+nach nationalem Reichtum, nach persönlichen Trägern großer Ideale wach.
+Ein Fragen nach den Zeichen der Zeit hebt an, der Alltag ist vergessen
+— —</p>
+
+<p>Endlich brach der Kambacher das Schweigen. »Könnt' ich dem Jungen
+begreiflich machen, daß Gott, König und Vaterland mehr als wesenlose
+Begriffe, daß sie im höchsten Sinne Wirklichkeit, daß sie Leben und
+Wahrheit sind! Könnt' ich ihn mit einem Wort — Geschichte lehren!
+Denn sonst wird er im ganzen Leben kein Mann! Aber es wird mir nicht
+gelingen!«</p>
+
+<p>»Vielleicht gelingt es einer Frau,« erwiderte Job Wilhelm von Bühler,
+als spräche er zu sich selber, und sein Blick flog über den Altan zu
+einer stolzen Mädchengestalt im weißen Sommerkleide, welche soeben Graf
+Brelow begrüßte. ›Der gelingt's,‹ fügte er in Gedanken hinzu, ›aber sie
+ist zu schade für ihn.‹</p>
+
+<p>»Guten Tag, Sibylle,« rief eine helle Stimme, »wie ich mich freue!«
+Und eine goldhaarige Frau, Mitte Dreißig, umarmte das junge Mädchen.
+»Wahrhaftig, Sie sind noch schöner geworden!« fügte sie halblaut hinzu.</p>
+
+<p>Sibylle wurde dunkelrot. »Helfen Sie mir, Graf Brelow,« sagte sie
+lachend. »Ihre Frau ist ja schlimmer, als die Drachenburger<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> Ulanen!«
+Und sie wollte ins Haus schlüpfen. Aber sie kam nicht weit.</p>
+
+<p>»Tag, Billy!« Ein blutjunger Gardedragoner stand vor ihr.
+»Donnerwetter, Cousinchen, hast du dich seit meinem letzten Besuch in
+Bühl verändert!«</p>
+
+<p>»Glaub' nicht, daß du jünger geworden bist,« gab sie schlagfertig
+zurück und reichte ihm weitergehend die Hand.</p>
+
+<p>»Aber schöner!«</p>
+
+<p>Sie zuckte mit vielsagendem Gesicht die Achseln. —</p>
+
+<p>»Gestatten gnädigste Gräfin!« Ein Ulan verbeugte sich vor Sibylle.
+Freundlich begrüßte sie den Hünen.</p>
+
+<p>»Wie geht's Ihren Schwestern, Herr von Luckau?«</p>
+
+<p>»Danke, gut. Die jüngste kommt morgen.«</p>
+
+<p>»So, das ist ja hübsch!«</p>
+
+<p>Drei andere tauchten hinter ihm auf. Von Offizieren umringt, stand
+das junge Mädchen auf den Stufen. Einem nach dem anderen reichte sie
+kameradschaftlich die Hand; sie kannte die Herren von den Berliner
+Hofbällen. Mit derselben ruhigen Freundlichkeit begegnete sie jedem,
+der ihr nahte. Keiner unter den hochgewachsenen märkischen Edelleuten
+konnte sich einer Bevorzugung von seiten Sibylle Bühlers rühmen.</p>
+
+<p>Und dann kam ein Augenblick, wo flammende Röte in das schöne Gesicht
+stieg. Der Kreis öffnete sich, und ein junger Offizier neigte sich
+tief über die Mädchenhand: »Darf ich mich als Trauführer vorstellen,
+gnädigste Gräfin? Der Bruder der Braut hat das Recht, seine Dame zu
+wählen!« Sein leuchtender Blick tauchte in die nachtschwarzen Augen.</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht. Langsam senkte sie die seidenen Wimpern.</p>
+
+<p>Der greise Menschenkenner am Fenster des oberen Stocks wußte genug.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel"><span class="s5">Drittes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bodenständig.</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Eh' du ein Edelgut vertauscht,</div>
+ <div class="verse indent0">Geh still mit deinem Gott zu Rat,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß er dir in die Seele schreibt,</div>
+ <div class="verse indent0">Was seine Huld gegeben hat.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Daß Heimatliebe, Heimatbrauch,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß Treue und Beständigkeit</div>
+ <div class="verse indent0">Von Gott, dem Herrn, gesegnet sind</div>
+ <div class="verse indent0">Zum großen Werk der Ewigkeit.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Wieder ging ein sonniger Herbsttag zur Neige. Die märkische Heide lag
+im Goldglanz der Dämmerung, und die purpurnen Wälder rüsteten sich zur
+Nacht.</p>
+
+<p>Da jauchzten die Geigen durchs Kambacher Haus, und der Brautschleier
+wehte. Die neuvermählte Gräfin Bühler eröffnete mit ihrem jungen
+Gatten den Ball. Aller Blicke begleiteten die schönen hochgewachsenen
+Gestalten durch den kerzenhellen Gartensaal. Die Trauführer mit ihren
+Damen folgten.</p>
+
+<p>Die Neuvermählten stellten sich in der Mitte des Saales auf, die Paare
+schlossen einen Ring, und das sogenannte Abtanzen des Brautkranzes
+begann. Mit verbundenen Augen tastete die junge Frau hierhin und
+dorthin. Dann schritt sie<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> auf ihre Schwägerin Sibylle zu. Harro
+Kambach erhielt den Strauß.</p>
+
+<p>Mehr als ein vielsagender Blick folgte dem Paar, das nach tiefer
+Verneigung vor den Neuvermählten den Abschiedsreigen eröffnete. —</p>
+
+<p>Die Jagdhörner klangen. Die Brautführer schritten, silberne Armleuchter
+tragend, voran, und, gefolgt von den Gespielinnen, betrat Ilse Bühler
+zum letzten Male den Raum, den sie als Mädchen bewohnt.</p>
+
+<p>Unten harrte der Viererzug, hinter sich, gleich einer langen funkelnden
+Kette, die Schar berittener Bauern, die der Tochter des Gutsherrn nach
+alter Sitte mit brennenden Fackeln bis zur Grenze das Geleit geben
+sollte.</p>
+
+<p>Über Sumpf und Sand, über des Tieflandes endloser Weite blaute die
+Mondnacht. Aus dem Hochzeitssaal lockte Walzermusik, und der Wind trug
+festliche Klänge vom Dorf herauf.</p>
+
+<p>Oben in dem hellen Raum standen die märkischen Edelfräulein in ihren
+langen seidenen Hofkleidern und leisteten der jungen Frau den letzten
+Dienst. Kein Wort wurde gesprochen. Sinnender Ernst lag auf allen
+Gesichtern. Wie ausgewechselt schien die fröhliche Schar.</p>
+
+<p>Dann stand Ilse Bühler im Reisekleid auf der Schwelle. Ein letztes
+Mal ging ihr Blick durch den freundlichen Raum, darin sie soviel
+erlebt, Frohes und Trübes. Noch war alles unverändert. Die Uhr tickte,
+die Blumen blühten am Fenster. Vom Schreibtisch grüßten die Bilder
+ihrer Lieben, auf der Staffelei stand eine eben vollendete Skizze,
+eine stille herbstliche Waldstraße. Sie hatte vor der Hochzeit alles
+einpacken wollen, aber Sibylle hatte gebeten: »Das besorg' ich, wenn du
+abgereist bist!« Ilse sagte nicht nein. Die schwesterliche Liebe tat
+der mutterlosen Braut wohl.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p>
+
+<p>Wie ein Traum zog das Leben an der Scheidenden vorüber — —</p>
+
+<p>Ihr Blick fiel auf das Kleid, das sie soeben abgelegt, auf Kranz und
+Schleier. Sinnend ruhte ihr Auge darauf — das war nun vorüber — ein
+Schauer durchrann die schöne Gestalt.</p>
+
+<p>Es klopfte. Sie wurde gerufen. Es war Zeit.</p>
+
+<p>Leidenschaftlich umschlang sie Sibylle. Die übrigen Brautjungfern
+umringten sie. Schweigend küßte sie eine nach der anderen, dann schritt
+sie ihnen voran die Treppe hinab.</p>
+
+<p>Unten kam das Schwerste. Der Abschied von Vater und Großmutter, von
+den Brüdern. Unbemerkt hatten sie den Saal verlassen und erwarteten
+in der Halle die junge Frau. Sogar der alte Erblandmarschall hatte
+es sich nicht nehmen lassen, trotz eines Ischiasanfalles noch einmal
+herunterzukommen. Neben Frau Sabine, die sich auf Harros Arm stützte,
+stand er über seinen Krückstock gebeugt. Der kleine Eberhard Kambach,
+ein frischer hübscher Junge, der Ostern konfirmiert werden sollte,
+wollte Stühle holen, aber die beiden Alten wehrten ab. Ilse käme ja
+gleich, und sie wollten vom Altan die Abfahrt sehen.</p>
+
+<p>Neben der strammen soldatischen Erscheinung des Oberstallmeisters stand
+eine Gestalt, die nicht ganz in das Kambacher Gutshaus paßte. Eine
+überschlanke bildhübsche, aber nicht mehr junge Frau im sehr engen,
+tief ausgeschnittenen, spitzenüberrieselten türkisblauen Hofkleide.
+Man fragte sich unwillkürlich, warum eine Dame, die über solch eine
+Erscheinung verfügte, in ihrer Kleidung nicht wählerischer sei.</p>
+
+<p>»Hinreißend schön, aber nicht vornehm,« hatte der kleine Gardedragoner,
+der vor wenigen Stunden, in den Anblick der Tochter versunken, auf der
+Freitreppe gestanden, über Gräfin Bühler geurteilt, und seine Ansicht
+war die allgemeine. Der alte märkische Adel war für das Halbweltliche
+noch nicht reif.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span></p>
+
+<p>Ilse Bühler hatte den Umstehenden Lebewohl gesagt. Hastig küßte sie den
+kleinen Bruder. »Besuch' mich bald, Bubi!« Ihre Stimme erstickte. Sie
+wandte sich ab. Im nächsten Augenblick hing sie aufschluchzend am Halse
+des Vaters. Er preßte sie an sich. In tiefer Bewegung flüsterte er ihr
+etwas ins Ohr. Da faßte sie sich. Unter Tränen lächelnd beugte sie sich
+über seine Hände und küßte sie wieder und wieder. Dann nahm sie rasch
+entschlossen seinen Arm, nickte den Zurückbleibenden noch einmal zu und
+ließ sich an den Wagen führen.</p>
+
+<p>Dort wartete Wolf Dietrich, der das letzte Lebewohl nicht hatte
+stören wollen. Nachdem er seiner jungen Frau in den Wagen geholfen,
+verabschiedete er sich mit fast zu stark betonter, das Förmliche
+streifender Ehrerbietigkeit von seinem Schwiegervater. Dann stieg er
+ein.</p>
+
+<p>Der weit zurückgeschlagene Landauer glich einem Rosengarten.</p>
+
+<p>Dankend winkte Ilse den Brautjungfern zu. Ein letzter Händedruck, ein
+letzter Blick in die Augen des Vaters, und fort ging's, den breiten
+Kiesweg entlang, der Dorfstraße zu. In langem Zuge folgten die
+Fackelreiter. — —</p>
+
+<p>Der Hochzeitswagen war längst im Dunkel der Herbstnacht verschwunden,
+nur die tanzenden Lichter glühten und flimmerten noch auf der Heide.
+Regungslos stand Herr von Kambach auf den Stufen. Der Himmel hatte sich
+bewölkt, ein feiner Sprühregen zog über die stillen Lande. Er merkte
+es nicht. Seine Gedanken waren bei seinem Kinde. Langsam rann ihm eine
+Träne die Wange herab, und er schämte sich ihrer nicht.</p>
+
+<p>Da legte sich eine Hand auf seinen Arm. Eine schlanke Mädchengestalt
+in rosa Seide stand im hellen Schein des Lüsters vor ihm. Ein dichter
+Kranz halb aufgebrochener Rosen blühte im dunklen Haar, eine Reihe
+echter Perlen<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> umschloß den Hals. Allen anderen Schmuck hatte Sibylle
+Bühler verschmäht.</p>
+
+<p>»Es regnet,« sagte sie freundlich, und die schönen Augen sahen ihn
+bittend an. Sie glichen zwei anderen zum Verwechseln. In das Herz
+seines Kindes hatten diese nachtschwarzen Augen geschaut, und die junge
+Seele war unter ihrem Blick erschauert. Und nun sahen sie ihn an, diese
+samtweichen Augen der Bühlers! Aber in denen des jungen Weibes lag eine
+Ruhe und Klarheit, eine geistige Schönheit, die sich in Wolf Dietrichs
+Augen nicht widerspiegelte. Und wie so oft schon stieg's in der Seele
+des Mannes empor: ›Es ist das fremde Blut! Warum mußte Kaspar Heinrich
+die Firlemont freien!‹ — Aber Sibylle war eine echte Bühler! —</p>
+
+<p>Und es lag etwas Warmes, Väterliches in seiner Art, als er den Arm des
+jungen Mädchens in den seinen zog. »Ja, Kind, Sie haben recht. Ich bin
+schon ganz naß!« Er strich über das feuchte Haar.</p>
+
+<p>Jetzt erst gewahrte er, daß sie so, wie sie den Saal verlassen, im
+ausgeschnittenen Kleide vor ihm stand.</p>
+
+<p>»Menschenkind, sind Sie toll? Schnell! Sie erkälten sich!« Er war
+wieder ganz der alte Kambach. »Marsch hinauf und zehnmal durch den Saal
+gewalzt und dann einen Punsch drauf! Verstanden?«</p>
+
+<p>Sie lachte. »Ich habe ja gar nicht im Regen gestanden!«</p>
+
+<p>Aber er ließ nicht locker.</p>
+
+<p>Auf der Treppe begegneten sie dem langen Malwitz.</p>
+
+<p>»Sind Sie schon für den Walzer versagt?« rief er ihm entgegen. »Nein?
+Gut. So sorgen Sie dafür, daß die Gräfin warm wird!« Und er erzählte
+ihm Sibyllens Leichtsinn.</p>
+
+<p>Sie aber lehnte alles ab.</p>
+
+<p>»Es wäre schlimm, wenn ein Landmädchen nicht mehr vertragen könnte!«
+Und sie folgte ihrem Tänzer in den Saal. —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span></p>
+
+<p>Das Wort von den ›fürstlichen Hochzeiten der Mark‹ bewahrheitete sich
+wie kein anderes. Was das Land an ererbtem Glanz und Reichtum barg, an
+hundertjährigem Brauch und edler Sitte, das trat an seinen Ehrentagen
+aus der Verborgenheit ans Licht und grüßte das Volk. Die schlichten
+Gutshäuser schmückten sich, als sollten Könige unter ihrem Dache
+rasten, die fleißigen blonden Landedelfrauen holten Perlen und Gestein
+aus den Truhen, goldgestickte Stoffe, kostbare Schleier, die ledigen
+Mägdlein rüsteten stolz das Hofkleid und pflückten im Park die Rosen
+zum Jungfernkranz.</p>
+
+<p>Fürstlich war auch die Hochzeitstafel. Im äußeren Schmuck, in
+allem, was sie bot. Vom goldenen hundertjährigen Tafelaufsatz
+und dem fein gewirkten Wappentuch bis zum kristallenen Kelch und
+seinem perlenden Inhalt war's fürstliche Gastfreundschaft, die das
+märkische Hochzeitshaus bot. Das großartigste aber war und blieb der
+patriarchalische Geist, der diese Gastfreundschaft beseelte. Freite die
+Herrentochter, so feierte der ärmste Knecht die Hochzeit fröhlich mit,
+so trank er des Edelmanns Wein und aß seinen Fisch. Kein Kind im Dorf,
+das nicht seinen Festkuchen erhielt, kein armes Mütterchen, dessen man
+nicht im Gutshause gedacht.</p>
+
+<p>Park und Gartensaal standen offen. Niemand war ausgeschlossen. Und
+wer des Schauens müde geworden, der ging in den herrschaftlichen
+Milchkeller hinüber, wo sich die Paare nach den Klängen der Fidel
+drehten, und wagte ein Tänzchen.</p>
+
+<p>Waren die festlichen Tage vorüber und die Hochzeitskränze verwelkt,
+herrschte Ebbe im Säckel des Gutsherrn. Doch gute Ernten füllten ihn
+wieder, und Treue lohnte die Treue. Ein starker zäher Kitt verband
+Herrn und Knecht. Denn es war nicht nur preußische Adelsehre, welche
+diese patriarchalischen wahrhaft fürstlichen Feste gebot, es war die
+Liebe zur Scholle,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> zu Volk und Vaterland, die immer wieder einen
+Markstein am deutschen Lebenswege aufrichtete. — —</p>
+
+<p>Die Nacht war heraufgestiegen. Die letzten Regentropfen hingen an Busch
+und Baum, die Sterne funkelten. In leuchtender Klarheit stand der Mond
+über dem Altan.</p>
+
+<p>Drinnen klangen die Geigen. Die Paare schwebten über das Parkett. Eine
+wunderbare Ruhe lag über dem stimmungsvollen Bilde. Licht, Farbe, Töne
+schienen sich miteinander zu verschmelzen. Denn hier brannten noch
+Kerzen in den Kronleuchtern, wahrhaftige Kerzen wie in alter Zeit,
+als Gräfin Sabine Trach und der junge Kambacher Herr den Hubertusball
+eröffneten. Daher der zarte Schimmer, der feenhafte Glanz, der den
+Bildern aus den Tagen Friedrichs des Großen eigen, der das Flötenspiel
+des königlichen Künstlers mit seinen sanften Lichtern umspielte.</p>
+
+<p>Es war, als hätte die junge Frau, die unten in der Halle in heißem
+Abschiedsschmerz des Vaters Hände geküßt, ihren Dornröschentraum
+durch den Hochzeitssaal getragen, und die schönste Blüte sei langsam
+entblättert. — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Sibylle Bühler tanzte den Tischwalzer mit dem Sohn des Hauses. Man
+hatte die Nachbarskinder an diesem Abend schon öfter beisammen gesehen,
+— nun tanzten sie auch noch den Tischwalzer zusammen, — die jungen
+Mädchen begannen zu tuscheln.</p>
+
+<p>Doch die beiden trugen eine solch eherne Ruhe zur Schau, daß der kleine
+Dragonerleutnant von Dachow, der seine Cousine vergötterte, sich
+erleichtert sagte, er habe sich gestern mittag wohl geirrt.</p>
+
+<p>Gräfin Brelow aber, die Sibylle seit ihrer Mädchenzeit kannte und
+liebte, sagte zu ihrem Manne: »Wenn ich nicht wüßte, sie ist die
+einzige, die ihm dazu verhelfen kann, ein<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> rechter Kambach zu werden,
+ich würde alles tun, um die beiden Menschen zu trennen! Aber du wirst
+es erleben, Achim, sie bringt ihn zurecht!«</p>
+
+<p>»So kampflustig?« Er sah sie lächelnd an. Drei Körbe hatte sie
+ihm gegeben, und nun war sie glückliche Frau und Mutter von sechs
+Kindern. »Du irrst dich auch manchmal,« sagte er. »Außerdem betonst
+du doch sonst das Wort bei jeder Gelegenheit ›Ehen werden im Himmel
+geschlossen‹, und nun denkst du daran, die beiden zu trennen.«</p>
+
+<p>»Ich denke eben nicht daran!« entgegnete sie, mit ihrem kostbaren
+Spitzenfächer spielend.</p>
+
+<p>»Aber du würdest daran denken, wenn Sibylle nicht Sibylle wäre.«</p>
+
+<p>»Ja, das würde ich.« Sie rückte dicht an ihn heran. »Erinnerst du dich
+eines großen Marmorbildes in einer früheren Dresdener Kunstausstellung:
+›Mann und Weib‹? Sie schlafen. Seite an Seite liegen sie ausgestreckt,
+— Idealgestalten deutschen Lebens. Ich sagte dir schon damals, daß die
+Frau Sibylle gleiche; Harro Kambach kannte ich noch nicht! Jetzt weiß
+ich, wer der Mann ist, — seltsam, — als ob die beiden dem Künstler
+vor Augen gestanden hätten!«</p>
+
+<p>»Und weil sie jenem Marmorbilde gleichen, sollen sie sich heiraten?
+Ursel, — nimm's nicht übel!«</p>
+
+<p>»Ja, ja, ich weiß, ich bin eine Schwärmerin! Aber sei nur ganz still.
+Mein Haushalt geht am Schnürchen!«</p>
+
+<p>»Weil du eine vorzügliche Mamsell hast!«</p>
+
+<p>»Ach was! Hör' zu! — Also erstens ist die Ähnlichkeit geradezu
+überwältigend. Außerdem habe ich niemals die Ergänzung der Seelen
+widergespiegelt gesehen, wie in diesen Gestalten!«</p>
+
+<p>»Und deshalb sollen sich Harro Kambach und Sibylle Bühler auch
+ergänzen, — lieber Schatz!« Er lachte hell auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p>
+
+<p>»Sei still, da kommen sie.« Langsam schritten die zwei vorüber, ihrem
+Platz zu.</p>
+
+<p>Graf Brelows Augen folgten ihnen. »Sie ist überhaupt viel zu schade für
+ihn,« sagte er. »Zum Glück weiß der Großvater, was für ein Luftikus
+Kambach ist. Hoffentlich ist die Mutter vernünftig und Sibylle selbst
+...«</p>
+
+<p>»Sibylle liebt ihn,« unterbrach die Gräfin ihren Mann. »Zu schade,
+sagst du, sei sie für ihn?« fuhr sie dann fort. »Gibt's Größeres, als
+einen Menschen zu Gott zu führen?«</p>
+
+<p>»Wer sagt dir, daß ihr das gelingt? Ist nicht auch die Möglichkeit
+vorhanden, daß der Mann das Weib von Gott löst?«</p>
+
+<p>»Nein!« rief sie lebhaft, »das ist unmöglich — bei Sibylle? Nein!«</p>
+
+<p>»Gesetzt den Fall, du behieltest recht, Ursel, aber sie brächte ihn
+trotzdem nicht auf den rechten Weg! Bitte stell' dir diese Ehe vor!«</p>
+
+<p>»Die Hölle auf Erden!« rief sie, und dann faßte sie seine Hand. »Bei
+uns war's auch nicht immer so, wie's heut' ist!«</p>
+
+<p>Er blickte glücklich auf sie nieder. »Aber jetzt bleibt es wie's ist,
+nicht wahr? Was wäre ein Brelow ohne das Kreuz?«</p>
+
+<p>Sie hob die strahlenden Augen zu ihm empor. »Darum gönn' ich's auch
+einem Kambach! Du sollst sehen, Achim, sie bringt es ihm.« — —</p>
+
+<p>Der Kotillon begann.</p>
+
+<p>Harro Kambach verneigte sich vor der schönen Frau.</p>
+
+<p>»Verzeihung, Herr Graf!«</p>
+
+<p>Brelow nickte dem jungen Offizier freundlich zu. Dann erhob er sich, um
+seiner Frau Platz zu machen.</p>
+
+<p>Ein mit Rosen beladener Wagen wurde in den Saal gefahren. Zwei
+weißgekleidete kleine Mädchen aus der Nachbarschaft trugen Kissen mit
+weißen und roten Orden herein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p>
+
+<p>Der Sohn des Hauses schlang den Arm um seine Dame. Die tanzende Jugend
+folgte dem eleganten Paar. Offiziere und junge Mädchen drängten nach
+der Mitte des Saales.</p>
+
+<p>Gräfin Brelow stand mit einer rotweißen Schleife vor dem alten
+Erblandmarschall. »Darf ich, Erlaucht?«</p>
+
+<p>Sie steckte ihm den Orden an den Frack.</p>
+
+<p>Er neigte den weißen Kopf über ihre Hand. »Wär' ich dreißig Jahre
+jünger, meine gnädigste Gräfin, so sollten Sie den langen Bühler kennen
+lernen! Aber das Alter!«</p>
+
+<p>Die braunen Augen sahen den bekannten ehemaligen Prinzessinnentänzer
+schelmisch an: »Ich komme doch aus Freundschaft, Erlaucht!«</p>
+
+<p>»Das weiß ich!« Er nickte ihr väterlich zu. »Setzen Sie sich zu mir,
+Ihr Tänzer ist beschäftigt, er wird Sie schon finden!«</p>
+
+<p>Sie nahm an seiner Seite Platz.</p>
+
+<p>»Das ist eine Hochzeit nach meinem Sinn,« begann der alte Herr in
+aufgeräumter Stimmung. »Die Kambacher verstehen's! Fürstliche Aufnahme,
+ausgezeichnete Bewirtung, — und doch keine Protzerei, keine Berliner
+Üppigkeit! Wissen Sie, Gräfin, daß mich die Berliner Gasthofhochzeiten
+geradezu anwidern. Das gehört sich nicht für einen Landedelmann. Ein
+echter Junker feiert seine Feste auf der Scholle!«</p>
+
+<p>Sie nickte eifrig. »Das ist ganz meine Meinung, Erlaucht! Wo soll die
+Bodenständigkeit herkommen, wenn die Landflucht der höheren Kreise
+überhandnimmt! Meine Verwandten Klemm gehen jetzt für sechs Monate nach
+Ägypten, nur weil sie sich zu Hause langweilen. Sie sind alle beide
+kerngesund, es fehlt ihnen nichts als sozialer Sinn und das nötige
+Pflichtgefühl. Im Frühjahr heiratet die älteste Tochter, die Hochzeit
+ist natürlich in Berlin. Achim gerät ganz aus dem<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> Häuschen, wenn ich
+davon anfange. Ich glaube, er ließe sich scheiden, wenn ich auf solche
+Gedanken verfiele.«</p>
+
+<p>»Das würde ich ihm durchaus nicht verdenken,« sagte der alte Herr.
+»Landedelfrauen, denen die Heimatliebe und damit der Sinn für das
+Ererbte fehlt, wissen gar nicht, welch ein Kleinod ihnen anvertraut
+ist. Die Frau ist die Hüterin der Volksseele, die Beschützerin des
+Familienlebens, der Sitte. Nirgends aber hat sie so Gelegenheit,
+ihrem hohen Beruf nachzugehen, wie auf eigenem Grund und Boden; denn
+keine andere Frau kann unmittelbarer, persönlicher, uneingeschränkter
+ihren Einfluß ausüben, als die Landedelfrau. Sie begeht darum nicht
+nur ein Unrecht, sie begeht eine grenzenlose Torheit, wenn sie auf
+diesen Einfluß verzichtet; denn sie verliert mit ihm die Liebe und
+Anhänglichkeit ihrer Untergebenen. Die Frau trägt eine Macht auf
+dem Haupte, gnädigste Gräfin, Sie werden das ja selbst am besten
+wissen! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: auf den Gütern, wo die
+Herrschaft keinerlei persönliche Fühlung mit den Leuten hat, blüht
+die Sozialdemokratie. Die Frauen und Töchter der Majoratsherren, die
+niemals auf Erntefesten mittanzen, niemals Krankenbesuche im Dorf
+machen, mit einem Wort, die die Leute nicht kennen, die schädigen,
+— das klingt furchtbar hart, aber es ist nun einmal so, — ich
+sage, die schädigen den Großgrundbesitz. Denn sie beschleunigen
+durch ihr Verhalten, durch ihren Mangel an Interesse die Landflucht.
+Die Herrschaft, die den Leuten keine Liebe entgegenbringt, kein
+Zusammengehörigkeitsgefühl in ihnen weckt, kann auch keine Treue von
+ihnen erwarten. Aber ich will nicht nur auf die Frauen schelten. Die
+Schuld des Mannes auf diesem Gebiet ist wahrhaftig nicht die geringere.
+Vom Hundertsten kämen wir ins Tausendste, wollten wir dem Kapitel
+Bodenständigkeit nachgehen, wollten wir ›Landflucht und Landsucht‹
+mit all ihren gefährlichen Auswüchsen<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> betrachten. Wissen Sie das
+Neueste? ›Bodenständig ist rückständig!‹ Ein leichtfertigeres Wort ist
+selten geprägt worden. Gott bewahre uns vor diesem Schmarotzertum, vor
+dem Spiel mit ererbtem Gut und Besitz, vor der Verachtung von Glaube
+und Sitte, von Heimatgefühl und Beamtentreue! Lieber will ich ein
+bettelarmer Edelmann sein, als mit einem jener vaterlandslosen Gesellen
+an einem Tische sitzen, die nicht etwa durch die Not getrieben,
+sondern um Geld und Glanz und Genuß das Erbe der Väter an jüdische
+Grundstücksmakler verschachern!«</p>
+
+<p>Er hatte erregt gesprochen. Hastig fuhr er über die hohe Stirn.</p>
+
+<p>Besorgt blickte sie ihn an.</p>
+
+<p>Er seufzte. »Nirgends haben die Sozialdemokraten leichteres Spiel als
+da, wo die alten patriarchalischen Verhältnisse nicht mehr bestehen!
+Wo es nicht mehr Treue um Treue gilt, da sieht es schlimm aus!« Er
+hielt einen Augenblick inne. Sinnend ging sein Blick durch den Saal.
+»In unserer Gegend macht sich das noch nicht so fühlbar wie auf
+manchen anderen Gütern. Zumal Kambach hat ja geradezu einzigartige
+Verhältnisse, und die dankt es in erster Linie seinen Gutsherren! Hab'
+ich nicht recht?«</p>
+
+<p>»Ganz gewiß. Die Kambacher sind ein vorbildliches Geschlecht. Haben
+Erlaucht bemerkt, in wie wunderhübscher Weise heute das ganze Dorf
+teilnahm? Das Bild während der Trauung wird mir unvergeßlich sein!«</p>
+
+<p>»Gewiß. Diese Hochzeitsfeiern bilden ein wichtiges Stück in der
+Heimatkunde der Mark. Und Sie haben sehr recht. Gerade die Kambacher
+Feste haben einen eigenen Reiz. Das ganze Dorf war heute auf den
+Beinen. Überall begegnete man frohen Gesichtern. Der alte Schenker
+strahlte, als hätte er seine eigene Tochter verheiratet. — Morgen ist
+ein großes Volksfest! ›Damit keiner zu kurz kommt!‹ sagt Kambach.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<p>Gräfin Brelow lächelte.</p>
+
+<p>»Er denkt immer an seine Leute!« —</p>
+
+<p>»Nun, Ursel, du bist in deinem Fahrwasser, dann kann ich ja
+wieder gehen!« sagte eine bekannte Stimme. »Wenn meine Frau
+auf patriarchalische Verhältnisse gebracht wird, bin ich
+nämlich überflüssig, Erlaucht,« wandte sich Graf Brelow an den
+Erblandmarschall. »Es hat auch nicht den geringsten Zweck, ihr die
+heutigen sozialen Verhältnisse zu erklären, ich bin und bleibe in ihren
+Augen ein Umstürzler.«</p>
+
+<p>Graf Bühler lachte. »Sind Sie auch, mein lieber Brelow! Ihre Frau
+hat ganz recht. Sie vertritt das Alte, Angeborene, während Sie
+dem Neuen die Tür öffnen. Ich weiß ganz genau, was Sie für die
+volkswirtschaftliche Selbständigkeit ins Feld führen, weiß auch, daß
+Zeiten und Menschen sich in mancher Beziehung geändert haben, trotzdem
+muß ich bei all den an sich gewiß sehr lobenswerten, die Aufbesserung
+der ländlichen Arbeiterverhältnisse betreffenden Bestrebungen immer
+wieder an das Breysigsche Wort denken: ›Feste dauernde Bande voll
+tiefen Glückes werden heute nur zerschnitten, nie neu geknüpft‹.«</p>
+
+<p>Graf Brelow blickte den alten Herrn lächelnd an. »Erlaucht kennen
+meine Stellung doch! Die altehrwürdigen patriarchalischen Verhältnisse
+in hohen Ehren! Sie bilden zum großen Teil den Kitt, der unserem
+ländlichen Volksleben seinen letzten Halt gibt. Selbstverständlich
+sind Führerschaft und Gebietersinn im allerbesten Sinne notwendig,
+und darum ist auch das patriarchalische Verhältnis notwendig; denn es
+schafft nicht nur Bodenständigkeit, es stärkt dem Christentum, stärkt
+vaterländischem Sinn und Königstreue den Rücken. Ich gebe offen zu: es
+ist ein alter Führerirrtum, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse mit
+denen der Masse zu verwechseln. Denn es gibt ein geborenes Herrentum
+und gibt Kreise, die des Geführtseins<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> nicht nur bedürfen, sondern die
+bewußt und unbewußt den Führer begehren, die viel lieber gelenkt werden
+wollen, als selbst die Last und Verantwortung des Lenkens übernehmen.
+Darin liegt durchaus keine Kraftverminderung für mich, Erlaucht,
+— im Gegenteil: das Können der Seele, ihr Vermögen wird durch die
+Führerschaft eines Starken gesteigert.«</p>
+
+<p>Der alte Herr nickte.</p>
+
+<p>»Ja, ja, — aber — trotzdem, ich weiß schon, was kommt!«</p>
+
+<p>»Das schadet nicht. Erlaucht werden es noch einmal hören! Und meiner
+Frau schadet es auch nicht! — Das, was Erlaucht fordern, und was
+jeder rechte Gutsherr grundsätzlich erstreben wird, ist die uralte
+väterliche Form der Herrschaft! Ein gesegnetes Erbe, welches noch heute
+da ein Segen bleibt, wo das Verhältnis zwischen Herrn und Knecht ein
+mustergültiges ist. Aber wir haben nicht nur mit dem Durchschnitt,
+sondern in den meisten Fällen mit Verhältnissen unter dem Durchschnitt
+zu rechnen. Bühl und Kambach stellen eine Auslese dar — ich wollte,
+in Dambeck wär's auch so. Den Zeitgeist können wir nicht ändern, aber
+wir können die Verhältnisse in zeitgemäßer Weise zu bessern suchen. Ich
+meine nicht, daß das Alte an sich abgewirtschaftet hat, aber daß manche
+alte Form hinfällig geworden ist und darum mancher Wunsch nach Wandel
+und Neuschöpfung berechtigt ist, das muß ich gerade in bezug auf die
+ländlichen Arbeiterverhältnisse anerkennen! Wir dürfen nicht vergessen,
+daß der Fabrikarbeiter in äußerlich, wenn auch nur scheinbar, freieren
+Verhältnissen lebt als der Landarbeiter. Letzterer nimmt daher in den
+Augen des Volkes einen untergeordneteren Platz ein als jener, wenn auch
+seine Verhältnisse in Wirklichkeit vielleicht die günstigeren sind.
+Aber das soziale Gefühl spricht bei den Leuten zu stark mit, und wir
+haben die Pflicht, es zu berücksichtigen, sonst gehen uns vielleicht
+gerade<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> <em class="gesperrt">die</em> Werte verloren, die das patriarchalische Verhältnis
+vergangener Zeiten geschaffen hat.«</p>
+
+<p>Graf Bühler blickte auf seinen Krückstock nieder. Dann hob er die
+hellen Augen voll zu dem Sprecher empor.</p>
+
+<p>»Ich glaube, wir wollen im Grunde dasselbe, lieber Brelow,« sagte er
+freundlich, »nur müssen Sie dem Alter eine gewisse Rückständigkeit
+zugute halten. Es hängt am alten Brauch, an der alten überlieferten
+Form. Aber das eine möchte ich aussprechen, und auch Ihre Frau soll's
+hören: ich glaube nicht, daß die Kambacher und Bühler enger mit ihrer
+Gutsherrschaft verwachsen sind als die Dambecker!« Er schüttelte
+dem anderen die Hand. »Trotz allem, was mir am Neuen schwer wird,
+naturgemäß schwer werden muß, denn wir Alten leben immer in der
+Vergangenheit, die bekanntlich stets einen Heiligenschein trägt, —
+trotzdem, oder gerade darum soll das Neue mich mahnen, gerecht zu sein.
+In der Beziehung muß ich noch von Ihnen lernen, lieber Brelow!«</p>
+
+<p>Die Blicke der beiden Männer begegneten sich klar und fest. Aus Graf
+Brelows Augen leuchtete helle Freude.</p>
+
+<p>Dann sah er seine Frau an. ›Na, Ursel, was sagst du nun?‹ fragte sein
+Blick.</p>
+
+<p>Sie nickte ihm herzlich zu. »Sei nur ganz still,« lachte sie, und ein
+paar Grübchen traten in die rosigen Wangen, »ich schreib's mir hinter
+die Ohren!«</p>
+
+<p>»Das möcht' ich mir auch ausgebeten haben! — Auf Wiedersehen,
+Erlaucht!« — Mit einer leichten Verbeugung gegen den alten Herrn
+schritt er weiter.</p>
+
+<p>Gleich darauf sahen die beiden ihn mit Sibylle Bühler vorübertanzen.
+— —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Harro stand vor der Gräfin.</p>
+
+<p>»Ja, ja, ich bin Ihnen ausgerückt, Baron,« lachte sie. »Aber<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> hier ist
+noch Platz, setzen Sie sich zu uns. Nachher kommt noch ein Tänzchen in
+Ehren!«</p>
+
+<p>Er verbeugte sich gegen den Erblandmarschall. »Gestatten, Erlaucht?«</p>
+
+<p>»Bitte, lieber Harro! Nicht wahr, dies ist ein gemütliches Eckchen,
+wir sind hier ganz unter uns! — Übrigens sprachen wir gerade von den
+Vorzügen Ihres Hauses! Die Ohren müssen Ihnen geklungen haben!«</p>
+
+<p>Harro beugte sich vor. Eine Ahnung sagte ihm, was nun kommen werde:
+die Predigt über den vorbildlichen Landedelmann. Fürchterlich. Aber
+was half's? Man mußte andächtig zuhören. Hoffentlich tat der alte
+Herr keine persönlichen Fragen. Er verfügte über eine unversiegbare
+Gründlichkeit.</p>
+
+<p>»Sie brauchen keine Abhandlung über das Agrariertum zu befürchten,«
+sagte der Graf mit feinem Lächeln. »Ich habe nur meiner Hochachtung
+vor dem konservativen Sinn Ihres Vaters Ausdruck gegeben und die Treue
+bewundert, die in geradezu vorbildlicher Weise das patriarchalische
+Verhältnis aufrechtzuhalten sucht. Ein Tag wie der heutige zeigt das
+wahre Bild des Gutslebens. Ich rechne es Ihrem Vater sehr hoch an, daß
+er den Bitten meines Enkels, die Hochzeit in Berlin zu feiern, nicht
+nachgegeben hat!«</p>
+
+<p>Harro schwieg.</p>
+
+<p>»Sie scheinen anderer Meinung zu sein,« sagte der Erblandmarschall.</p>
+
+<p>Gräfin Brelow blickte gespannt auf den jungen Offizier.</p>
+
+<p>Der wollte dem ehrwürdigen Gast seines Vaters ungern widersprechen.
+»Verzeihung, Erlaucht ...« sagte er zögernd, »aber ...«</p>
+
+<p>»Hätten Sie die Hochzeit in Berlin gegeben?« unterbrach ihn Graf Bühler.</p>
+
+<p>»Ja,« erwiderte Harro. »Man muß doch zugeben, daß die<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> Räumlichkeiten
+unserer Landhäuser für solche Gelegenheiten nicht genügen.«</p>
+
+<p>»Sie haben immer genügt; aber selbst wenn dem so wäre — ist das das
+allein Ausschlaggebende für Sie?«</p>
+
+<p>Harro zuckte die Achseln. »Was soll denn sonst den Ausschlag geben,
+Erlaucht? Wir sahen doch heute wieder, daß der Tanzsaal viel zu klein
+ist! Kambach genügt überhaupt nicht den Anforderungen der Neuzeit.
+Außerdem ist es nicht mehr Mode, daß der Adel seine Hochzeiten auf dem
+Lande feiert! Das spricht doch alles mit!«</p>
+
+<p>»So. Aber eins scheint bei Ihnen nicht mitzusprechen: Heimatsitte und
+Heimatbrauch, patriarchalisches Verhältnis, — mit einem Wort: sozialer
+Sinn.« Er zog die weißen Brauen in die Höhe. »Der hat freilich nur
+Wert, wenn er angeboren ist!«</p>
+
+<p>Harro biß sich auf die Lippen. ›Gut, daß uns hier wenigstens keiner
+hört,‹ dachte er und sah Sibylle Bühler nach, die mit Jaspar Malwitz
+vorübertanzte.</p>
+
+<p>Der Erblandmarschall beobachtete ihn scharf. »Nehmen Sie's einem alten
+Mann, der Sie außerdem noch über die Taufe gehalten hat, nicht übel,
+lieber Harro; aber solche Ansichten gehören sich nicht für einen
+märkischen Junker und preußischen Edelmann. Leider ist ja das Leben
+von heute nicht dazu angetan, die Liebe zur Scholle zu stärken, aber
+den Kambachern steckt sie im Blut. Man urteilt ja, wenn man jünger ist
+und noch keine Erfahrungen gesammelt hat, anders als ein Mann, der die
+Höhen des Lebens überschritt, — darum vergessen Sie nicht, was Ihnen
+heute einer sagt, dessen Tage vielleicht gezählt sind: wer sein Gut nur
+als Sommeraufenthalt betrachtet, wird nie ein rechter Gutsherr!«</p>
+
+<p>»Verzeihung, Erlaucht, es gibt aber doch Verhältnisse ...«</p>
+
+<p>»Wenn Sie die Schwindsucht bekommen, und der Arzt<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> behauptet, Sie
+könnten nur in Ägypten genesen, so reisen Sie in Gottes Namen, wenn
+Ihr Geldbeutel es erlaubt,« rief Graf Bühler. »Meine Frau hat sich
+unter stark vorgeschrittenen Krankheitserscheinungen in den Bühler
+Kiefernwäldern erholt — man kann also über diesen Punkt streiten. Daß
+sie damals ganz gesund wurde, wissen Sie, ebenso, daß sie nicht an der
+Schwindsucht gestorben ist, — aber wie gesagt, ich will da mit niemand
+rechten. Das, was ich meine, liegt an ganz anderer Stelle. Es handelt
+sich nicht um Zwangslagen, es handelt sich um willkürliche Entäußerung
+von Überlieferung und Besitz. Das erste ist eine Not, das zweite eine
+Schuld.«</p>
+
+<p>Harro fuhr herum.</p>
+
+<p>»Entäußerung, Erlaucht? Abwesenheit bedeutet doch nicht Entäußerung?«</p>
+
+<p>»Dauernde oder wiederholte längere Abwesenheit läuft schließlich auf
+Entäußerung hinaus. Darum braucht nicht Grund und Boden verkauft
+zu werden, es ist etwas Größeres, das mit der Preisgabe des
+patriarchalischen Verhältnisses verschachert wird: die Volksseele.
+Ihres Vaters großzügige Auffassung seiner gutsherrlichen Aufgaben ist
+mir stets vorbildlich gewesen. In den schwersten Tagen hat er nie
+vergessen, was er seinen Leuten schuldig war. Heute sehen Sie den Dank!«</p>
+
+<p>Harro blickte vor sich nieder. Er erkannte eine Wahrheit in den
+Worten seines greisen Paten, aber schoß der alte Herr nicht in seinen
+Einzelforderungen über das Ziel hinaus? Er scheute sich, an dieser
+Stelle und in diesem Augenblick seinen Widerspruch zu reizen; es war
+eben stets zu bedenken, daß er Sibyllens Großvater war. Nur eins
+ärgerte ihn: daß Gräfin Brelow einen so charakterlosen Eindruck von ihm
+bekam. Es war eine regelrechte Zwangslage, in der er sich befand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p>
+
+<p>Seine Pflichten als Vortänzer fielen ihm ein. Er zog die Uhr und
+blickte auf die Gräfin. Der Ball sollte mit einem Huldigungsreigen vor
+dem Hausherrn und seiner Mutter beschlossen werden.</p>
+
+<p>Ein Regimentskamerad schien ihn zu suchen.</p>
+
+<p>Er erhob sich.</p>
+
+<p>Da klang die alte Stimme noch einmal an sein Ohr: »Sozialer Sinn ist
+keine Mache, sondern ein kostbares Eigengut aus einem Guß. Wer dies
+oder jenes Stück Heimatbrauch preisgibt, arbeitet am Verfall des
+Volkstums. Es geht ums Ganze! Darum ist es nicht nur Verhöhnung des
+patriarchalischen Verhältnisses, wenn die Tochter eines Landedelmannes
+ihre Hochzeit in der Großstadt feiert, — es ist ein soziales
+Verbrechen!«</p>
+
+<p>Die letzten Worte waren mit ungewöhnlicher Schärfe gesprochen. Ein paar
+junge Mädchen sahen sich um, allgemeines Schweigen herrschte.</p>
+
+<p>Leichenblaß stand der junge Offizier da: »Erlaucht!«</p>
+
+<p>Ein breiter Schatten fiel auf die kleine Gruppe. Er wandte sich um.</p>
+
+<p>Vor ihm stand sein Vater, die Großmutter Kambach am Arm. Ein Blick
+sagte Harro, daß die beiden den größten Teil der Unterhaltung mit
+angehört hatten. Ein unsagbar peinlicher Augenblick folgte.</p>
+
+<p>»Nicht wahr, du mußt erst morgen abend wieder in Drachenburg sein?«
+wandte sich der Oberstallmeister mit undurchdringlicher Miene an seinen
+Ältesten. »Ich habe vorher noch mit dir zu reden.«</p>
+
+<p>Er ging an ihm vorüber auf Graf Bühler zu.</p>
+
+<p>Von der Galerie riefen die Jagdhörner. Noch einmal schwebte der Reigen
+durch den Saal. Hochgewachsene Junker,<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> lichte Mädchengestalten
+verneigten sich vor dem Hausherrn und der greisen Edelfrau.</p>
+
+<p>Dann klang das Halali.</p>
+
+<p>Draußen schlug die Turmuhr halb zwei.</p>
+
+<p>»Nu is det och all wider vorbi,« sagte Franz Schenker, der neben seiner
+Frau in der offenen Saaltür stand, »aber 's ward och Tid!«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel"><span class="s5">Viertes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;O Deutschland!</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Gib Antwort, Deutschland, wo ist deine Ehr'?</div>
+ <div class="verse indent0">Wo ist dein markiges Heldengeschlecht?</div>
+ <div class="verse indent0">Wo ist deine Zucht, die strahlende Wehr?</div>
+ <div class="verse indent0">Wo ist dein Glaube, dein heiligstes Recht?</div>
+ <div class="verse indent0">Wo sind die Männer von dazumal?</div>
+ <div class="verse indent0">Wo ist der starke adlige Sinn?</div>
+ <div class="verse indent0">Wo sind die Beter, die Streiter des Herrn?</div>
+ <div class="verse indent0">Gib Antwort: wo sind deine Frauen hin?</div>
+ <div class="verse indent0">Schläfst du, Deutschland? Die Wachtfeuer glüh'n</div>
+ <div class="verse indent0">Von Waffen starrt's, der Feind kommt zuhauf!</div>
+ <div class="verse indent0">Drüben im nächtlichen Dom am Rhein</div>
+ <div class="verse indent0">Da stehn deine Kaiser vom Schlafe auf!</div>
+ <div class="verse indent0">Vernimmst du nichts vom Jammer der Zeit?</div>
+ <div class="verse indent0">Vom Kampf der Geister ums Morgengrau'n?</div>
+ <div class="verse indent0">Wach auf vom Schlafe! Antworte mir!</div>
+ <div class="verse indent0">Deutschland, wo sind deine Männer und Frau'n?</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Der Gottesdienst war beendet. Unter den herbstlichen Linden standen
+die Kirchgänger in Gruppen, besprachen die Predigt und blickten der
+Gutsherrschaft und den letzten Hochzeitsgästen nach, die langsam dem
+Herrenhause zuwanderten.</p>
+
+<p>Die nächsten Nachbarn waren den Sonntag über noch geblieben, Graf und
+Gräfin Brelow, Graf Bühler mit seiner Tochter Nandine, Sibylle, die
+den Großvater nach Schloß Bühl begleiten sollte. Einige Drachenburger
+Herren, die mit dem Sohn des Hauses gekommen waren, ein Graf Luckau,
+zwei<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Malwitze und der Oberleutnant von Roselius, Harro Kambachs
+Freund, beschlossen den Kreis.</p>
+
+<p>Manch weißes Haupt entblößte sich ehrerbietig vor dem Gutsherrn, mehr
+als ein Blick voll Stolz und Dankbarkeit folgte der hohen soldatischen
+Erscheinung.</p>
+
+<p>Nach allen Seiten freundlich grüßend, schritt Herr von Kambach in
+eifrigem Gespräch mit der Gräfin Brelow der Dorfstraße zu.</p>
+
+<p>»Pastor Wendler tritt jeden Sonntag etwas deutlicher mit seiner wahren
+Ansicht hervor,« sagte die schöne Frau.</p>
+
+<p>Die Brelows waren in Kambach eingepfarrt.</p>
+
+<p>Der Oberstallmeister blickte vor sich nieder. »Eigentümlich, —
+erinnern Sie sich noch der Probepredigt?«</p>
+
+<p>»Ja, gewiß, sie war ganz positiv. Sollte er sein Mäntelchen damals
+schon nach dem Winde gehängt haben?«</p>
+
+<p>Herr von Kambach schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Aber er
+ist, besonders in den letzten Jahren, in liberales Fahrwasser geraten.
+Ich beklage das um so mehr, da ich ihn als Mensch sehr hoch stelle.«</p>
+
+<p>Er blieb stehen und blickte auf das schöne leuchtende Land zu seinen
+Füßen. »Wenn das, was die heutige Predigt befürchten läßt, sich
+bewahrheiten sollte, komme ich in eine schwierige Lage. Sie wissen,
+Eberhard soll Ostern konfirmiert werden.«</p>
+
+<p>Sie nickte. »Ja, und gerade der Unterricht ist eine so große Gefahr.
+Erinnern Sie sich, was Lieselotte damals aus der Berliner Pensionszeit
+alles mitbrachte? Wir lassen kein Kind wieder am städtischen
+Konfirmandenunterricht teilnehmen!«</p>
+
+<p>»Es ist nur die Frage, wie lange das Land noch positiv ist,« sagte er
+ernst. »Höre ich noch eine solche Predigt, so sehe ich mich gezwungen,
+den Jungen aus der Konfirmandenstunde zu<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> nehmen, — was spreche ich
+damit aber vor dem ganzen Dorfe aus? Die Leute sind hier sehr kirchlich
+und zum Teil schon hellhörig geworden! Der alte Schenker würde sonst
+auch wohl dafür sorgen, daß seine Kambacher nicht einschlafen!«</p>
+
+<p>Sie lachte. »Das glaube ich!«</p>
+
+<p>Eberhard kam hinter den beiden hergelaufen.</p>
+
+<p>»Vater, — Großmutter ist noch mit Fräulein Eichel und Herrn von
+Roselius in der Kirche. Sie wollen das Bild von der Urgroßmutter
+besehen. Wir sollen nicht mit dem zweiten Frühstück auf sie warten.«</p>
+
+<p>»Schön, mein Junge!« sagte der Oberstallmeister. »Roselius kennt die
+Geschichte der Stradivariusgeige wohl noch nicht,« wandte er sich
+dann zu seiner Begleiterin, während sie die Dorfstraße überschritten.
+»Wir haben das alte Bühlersche Erbstück Sibylle geschenkt, was ja das
+Gegebene war. — Ich habe übrigens selten solch ein Spiel gehört!«</p>
+
+<p>Gräfin Ursula nickte stumm zu seinen Worten. Ihre Gedanken wanderten
+in die kleine Dorfkirche zurück, wo die Frau, deren liebliches Bild
+im Chorstuhl der Kambachs hing, in der stillen Gruft ruhte. Eine
+königliche Mitgift hatte sie ins Haus gebracht, edle deutsche Kunst!
+— —</p>
+
+<p>Man erzählte sich von Sophie Charlotte von Kambach, daß bei ihrem Tode
+ein leises Klingen die Saiten der Stradivariusgeige bewegt habe, wie
+das Schluchzen eines Kindes — —</p>
+
+<p>Gräfin Brelows Blick schweifte zum Altan hinüber, wo zwei schöne junge
+Menschen in tiefem Gespräch beieinander standen — ein Kambach und eine
+Bühler. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In dem freundlichen Studierzimmer Pastor Wendlers saß Exzellenz von
+Kambach auf dem grünen Ripssofa dem Hausherrn gegenüber. Sie hatte ihre
+Gesellschafterin, Fräulein<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> Eichel, mit dem Oberleutnant ins Schloß
+geschickt und war den harten schweren Weg, den heißeste Sorge und
+Liebe sie antreten hießen, allein gegangen. Und nun saß sie dem Manne
+gegenüber, den sie von klein auf gekannt, der als junger Geistlicher
+mit seinen Nöten zu ihr gekommen und als reifer Mann die betagte
+geistvolle Frau um Rat gefragt, bis — ja, bis — — Es war eben eine
+Zeit gekommen, da er den Weg nach dem stillen Dreilinden nicht mehr
+fand.</p>
+
+<p>Und heute kam die Greisin zu ihm. Mit einer Selbstverständlichkeit, als
+sei nichts zwischen sie getreten, war sie nach dem Gottesdienst auf der
+Pfarre erschienen und hatte ihn um eine Unterredung gebeten, wie jedes
+andere Gemeindeglied aus dem Dorf.</p>
+
+<p>Dreilinden war in Kambach eingepfarrt, und während der Sommermonate
+versäumte die alte Exzellenz keinen Gottesdienst. Pastor Wendler
+hatte sich oft im stillen gewundert, daß sie sich noch unter seine
+Kanzel setzte — war's das gutsherrliche Vorbild, die Sitte, die sie
+hochhielt, er wußte es nicht. Aber eins wußte er. Hätte er heute die
+greise Frau um ihr Urteil über seine Wortverkündung gebeten, sie
+hätte ihm, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, erwidert: ›Es ist
+Irrlehre!‹</p>
+
+<p>Über ihren Krückstock gebeugt, saß sie in der Herbstsonne, und die
+blauen Augen blickten ihn mit der alten Freundlichkeit an. Aber in dem
+stillen Gesicht stand eine stumme Frage: ›Warum hast du mir das getan?‹</p>
+
+<p>In seiner Seele erwachte Widerspruch. Was hatte er denn getan? War
+es etwa ein Unrecht, der Wissenschaft den Platz zu geben, der ihr
+gebührte, und dem modernen Menschen nach Kräften die Steine des
+Anstoßes aus dem Wege zu räumen? Er veräußerte ja nichts, indem er die
+starre Form der Orthodoxie preisgab, das Kreuz blieb ja bestehen, —
+war es nicht<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> heilige Pflicht, den Schutt der Jahrhunderte zu entfernen
+und die Wahrheit in vollem Glanze erstrahlen zu lassen? Seltsam, daß
+liberal und modern immer verwechselt wurden! Und dann kam's, worauf er
+gewartet — kein Wort des Vorwurfs, — aber eine tiefe schwere Klage,
+von banger Sorge um Volk und Vaterland getragen: wie's menschenmöglich
+sei, daß auch er, gerade er dem Subjektivismus der Jetztzeit verfallen
+sei, wie's habe geschehen können, daß von seinem Christusglauben, den
+er einst so freudig bekannt, nichts als bloße Jesusverehrung übrig
+geblieben sei?</p>
+
+<p>Ohne die geringste Schärfe kamen die schweren Worte über die Lippen der
+alten Edelfrau; aber die tiefe Trauer, die sie begleiteten, löste ein
+Empfinden in der Seele des Mannes aus, das er bisher nicht gekannt: den
+Schmerz des Unverstandenseins.</p>
+
+<p>Und doch war <em class="gesperrt">er's</em> gewesen, der sich stillschweigend von ihr
+zurückgezogen, sie aber kam mit unveränderter Güte, mit ihrem klaren
+ungeschminkten Wort in sein Haus. Sie pochte nicht auf ihr reiches
+Wissen, um das sie manch einer hätte beneiden können, auf ihre große
+Kenntnis in kirchlichen Fragen, sie kam als schlichte Bibelchristin,
+die ihr Heiligstes angetastet sah. Aus dieser Sorge heraus, die im
+Blick auf ihre Kirche, ihr Volk und Vaterland ins Unermeßliche wuchs,
+trat sie vor ihn mit heiligem Ernst, mit großer tragender Liebe,
+mit der Hoffnung, die keinen aufgibt, die bis zur letzten Stunde an
+ihn glaubt. Das nahm der schweren Unterredung von vornherein die
+Schärfe, so stark die Gegensätze auch waren. Denn Frau von Kambach gab
+nicht eines Schritte Breite ihres alten heiligen Besitzes preis, und
+Pastor Wendler verteidigte mit zäher Ausdauer das im Schweiße seines
+Angesichts errungene Neuland.</p>
+
+<p>»Exzellenz sagten vorhin, ich kranke am Subjektivismus der Jetztzeit,
+wie soll ich das verstehen?« fragte er ernst.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p>
+
+<p>»Sie machten in Ihrer Predigt das Wunder als solches vom Glauben des
+einzelnen abhängig. Glaube er an das Wunder, so sei es vorhanden,
+glaube er nicht daran, so sei es hinfällig. Das Wunder wird so als
+etwas Unwirkliches, Zufälliges hingestellt und erhält außerdem durch
+diese Abhängigkeit vom menschlichen Urteil das Gepräge des Irdischen,
+Innerweltlichen.«</p>
+
+<p>Er schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Ich freue mich, Eurer Exzellenz dies Mißverständnis erklären zu
+können. Selbstverständlich wird das Wunder Tatsache, sobald der Glaube
+von ihm Besitz ergreift!«</p>
+
+<p>»Und wenn er es nicht tut?«</p>
+
+<p>»Dann ist das Wunder natürlich zwecklos, weil es seine Aufgabe nicht
+erfüllt.«</p>
+
+<p>»Nach dem, was Sie in der Predigt sagten, ist es in dem Falle
+überhaupt nicht vorhanden,« entgegnete Frau von Kambach. »Sie dürfen
+nur nicht vergessen, daß Ihr heutiger Text die Heilswunder in den
+Mittelpunkt stellte, daß sich der Begriff Wunder in diesem Falle mit
+der Person Christi deckt. Ich bin die letzte, welche die Wissenschaft
+auf religiösem Gebiet ablehnt. Es gibt eine berechtigte Bibelkritik.
+Nämlich die, welche Gottes Herrlichkeit mehr und mehr zu ergründen
+strebt, welche die vorhandenen Schwierigkeiten zu überwinden und die
+äußeren und inneren Fragen jener großen vergangenen Zeit immer tiefer
+zu erforschen sucht. Das ist die Bibelkritik, oder richtiger gesagt
+die Forschung, welche sich <em class="gesperrt">unter</em> das Wort stellt. Sie darf
+nicht verwechselt werden mit jener anderen, welche sich zum Richter
+der Heiligen Schrift aufwirft und das Christentum und seine Grundlagen
+letzten Endes als ein Erzeugnis menschlicher Geistesentwicklung
+betrachtet. Man kann diese Art nicht entschieden genug ablehnen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span></p>
+
+<p>Er zuckte die Achseln. »So weit sind wir noch lange nicht, Exzellenz!«</p>
+
+<p>»So weit sind wir längst. Und Sie selbst befinden sich auf dem besten
+Wege dazu, lieber Wendler!«</p>
+
+<p>»Exzellenz erklärten vorhin die Forschung, ja selbst die Bibelkritik
+für berechtigt. Die Wissenschaft soll also nicht ausgeschaltet
+werden. Wo aber ist ihre Grenze? Meines Erachtens ist sie sehr schwer
+festzustellen.«</p>
+
+<p>»Meines Erachtens sehr leicht. Die Grenze ist die Person Jesu Christi.«</p>
+
+<p>Wieder zuckte er die Achseln. »Gerade dort hat die Kritik am meisten
+Grund, einzusetzen. Wenn Exzellenz an die Verschiedenheit der Berichte
+denken — was ist echt, was unecht? — Das ganze Neue Testament fordert
+geradezu den Subjektivismus heraus,« — er seufzte — »Exzellenz
+— warum müssen wir von diesen Dingen reden? Ich sage es offen und
+ehrlich: ich bin nicht wieder nach Dreilinden gekommen, weil ich
+es nicht übers Herz brachte, die Frau, der ich so vieles danke,
+zu kränken; denn ich weiß es, was ich jetzt ausspreche, muß Eure
+Exzellenz verletzen. Aber meine heiligste Überzeugung kann ich nicht
+verleugnen. Alles ist im Fluß, im Werden. Die Hauptsache ist, daß wir
+die wunderbaren Möglichkeiten zur Erziehung des menschlichen Geistes
+und Willens in rechter Weise verwerten, daß unser Volk es lernt, seine
+religiösen Aufgaben zu erfüllen und die große Entwicklung, welche mit
+Gottes Hilfe angebahnt ist, zur vollen Entfaltung zu bringen. Die Zeit
+des Abfalls hat ihren Höhepunkt überschritten. Ein hungerndes Volk
+wartet sehnend auf lebendiges Brot. Aber dies Volk ist frei, es will
+keine Ketten, es will Leben, will sein eigenes persönliches Erlebnis.
+Und es hat vollkommen recht: die starre verknöcherte Orthodoxie
+bringt ihm dies Erlebnis nicht. Glaube kann nicht durch logische
+Beweise erzwungen<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> werden; denn er ist der Ausdruck persönlichsten
+Fürwahrhaltens. Wir haben es mit Schwachen zu tun, mit Kindern, welche
+die schwere Kost des Apostolikums nicht vertragen, die langsam, langsam
+glauben <em class="gesperrt">lernen</em> sollen, die wir nicht vor jenes übernatürliche,
+ihren Sinnen unfaßbare Christusbild des Supranaturalismus führen
+dürfen, — das glimmende Fünklein würde ersticken! Wenn wir mit dem
+groben Geschütz der Orthodoxie auffahren wollten, würden wir alles
+verderben, das Dogma hat noch keinen Menschen zum Glauben gebracht! Wir
+müssen Jesum erleben, Exzellenz!«</p>
+
+<p>Frau von Kambach hatte ihr Gegenüber ruhig angehört. »Und Sie glauben
+wirklich, daß Sie diese hungernden Seelen satt machen?« fragte sie,
+»glauben wirklich, daß das Erleben, das Sie predigen, einem Menschen
+die Kraft gibt zum Leben und Sterben? Mißverstehen Sie mich nicht: ich
+will dies vielumstrittene Wort durchaus nicht verwerfen. Es ist die
+heißeste Tagesfrage: wie werde ich der christlichen Wahrheit gewiß? Und
+ich bin ganz der Ansicht, daß christliche Wahrheitsgewißheit nur durch
+persönliche Heilserfahrung möglich ist, — und das ist der Punkt, wo
+unsere Ansichten auseinanderzugehen scheinen — durch die Gewißheit,
+welche sich auf Heilstatsachen gründet, auf den Tatbestand göttlicher
+Offenbarung. So und nur so werde ich in Gottes Gemeinschaft gezogen,
+so nur erlebe ich diese Gemeinschaft — auf Grund geschichtlicher
+Tatsachen, — denn ein Glaube, dem die Wirklichkeit fehlte, wäre
+nicht lebensfähig! — Was nützt mir die wunderbarste Hypothese? Davon
+wird eine hungernde Seele nicht satt, und die Vergebung der Sünden
+wird uns nur gewiß in dem felsenfesten Bewußtsein: Er trug unsere
+Krankheit. Nein, nein — Sie mögen mir sagen, was Sie wollen, ohne die
+Gründung auf den Glauben an Krippe und Kreuz und die Ostertatsache kein
+persönliches Erleben, keine Heilsgewißheit! Und diesen Glauben bringt<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span>
+uns die Forschung nicht, so wichtig sie sonst auch ist, den bringt uns
+nur Gottes heiliger Geist, — Gott selbst dringt auf uns ein, ergreift
+uns, — es kommt nur darauf an, daß wir uns ergreifen lassen. Unsere
+Zeit hat unvereinbare Gegensätze in den Begriff Erleben hineingetragen.
+Die moderne Theologie erklärt: ›Wir müssen Jesum erleben, müssen in ihm
+leben.‹ Die Bibel sagt: ›Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus
+lebt in mir!‹ Es kommt wieder auf das hinaus, was ich vorhin sagte.
+Hier göttliche Gnadengabe, — dort Menschenwerk. Ich muß immer wieder
+daran denken, daß der Herr, das Kommen des Heiligen Geistes verheißend,
+sagt: ›Er wird die Welt strafen um die Sünde, <em class="gesperrt">daß sie nicht glauben
+an mich</em>.‹ Daran krankt unsere Zeit. Den Heiland der Bibel will
+sie nicht, den Versöhner ihrer Sünde lehnt sie ab, sein Kreuz, sein
+leeres Grab versteht sie nicht, — was aber der kleine Menschenverstand
+nicht erfaßt, das verwirft er, es muß ein neuer Weg zur religiösen
+Gewißheit gefunden werden. Glauben Sie wirklich, daß solch ein armes
+Menschenkind, das lebenslang nur Jesusverehrung gekannt, in vielleicht
+ganz plötzlicher Todesnot die Kraft findet, das Bild menschlicher
+Weisheit zu vergessen und mit brechendem Herzen und schwindendem Odem
+den Blick glaubensvoll auf ein anderes zu richten, auf das Bild des
+heiligen barmherzigen Heilandes, seines Herrn und Gottes? Es ist zum
+mindesten ein furchtbar gewagtes Spiel, das die moderne Theologie mit
+der Menschenseele treibt!«</p>
+
+<p>»Exzellenz!« — In heißem Schmerz kam's von den Lippen des Mannes.
+Jetzt hatte sie ihn in tiefster Seele getroffen. Aber sie hielt seinen
+Blick aus. Sie wußte, nur die Wahrheit konnte ihm helfen.</p>
+
+<p>»Das Apostolikum ist eine Unmöglichkeit für unsere Zeit!« rief er
+erregt. »Es ist doch schließlich nichts weiter als eine<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> menschliche
+Form! Ich verwerfe durchaus nicht das Ganze, der alte Most soll ja
+nur in neue Schläuche gefüllt werden. Gewiß, der Modernismus ist eine
+Gefahr, aber er ist notwendig und berechtigt. Und den Dienst der
+Aufrüttelung hat er uns geleistet. Es ist nun einmal nicht Gottes
+Wille, daß die Geschichte der Völker geradlinig fortgeht, darum ist
+auch die Kirchengeschichte Strömungen unterworfen. Herrschte nicht so
+viel Lehrstreitigkeit, so würde trotzdem alles seinen geordneten Gang
+gehen — es ist ein großes Unrecht, immer wieder die Kluft zu erweitern
+und von unüberbrückbaren Gegensätzen zu sprechen. Auf diese Weise wird
+die Notlage nicht gebessert.«</p>
+
+<p>»Die Kluft würde nie entstanden sein, wenn die Grundwahrheiten der
+Kirche nicht angetastet worden wären,« erwiderte Frau von Kambach.
+»Mit jedem, der Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Sohn des
+ewigen persönlichen Gottes, als seinen Herrn und Versöhner bekennt,
+weiß ich mich im tiefsten Glaubensgrunde eins — <em class="gesperrt">da</em> gilt für
+mich die ›Gleichberechtigung der Richtungen‹, — wo man aber seine
+Gottheit leugnet oder verschleiert, da hört für mich allerdings die
+Gemeinschaft auf, denn der Glaubensgrund ist ein anderer, es handelt
+sich letzten Endes nicht um Richtungen, sondern um verschiedene
+Religionen. — Sie nennen das Apostolikum eine menschliche Form,
+vergessen aber, daß sein Inhalt ein göttlicher ist. Denn es faßt die
+Heilstatsachen der Schrift zusammen. Wenn Sie das Apostolikum ablehnen,
+lehnen Sie die Schrift ab.«</p>
+
+<p>»Ich denke nicht daran, Exzellenz! Ich lehne höchstens eine veraltete
+Auffassung der Schrift ab. Wozu sind wir Prediger des Evangeliums
+denn da? Doch ganz gewiß nicht dazu, um unerträgliche Irrtümer zu
+verbreiten! Es stünde wahrhaftig traurig um unsere Kirche, wenn die
+Gleichberechtigung der Richtungen nicht anerkannt würde.«</p>
+
+<p>Sie sah ihn mit tiefem Schmerz an. »Glauben Sie wirklich,<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> daß die
+bibelgläubige Gemeinde sie anerkennt? Ich kann Ihnen sagen, das wird
+nie geschehen; denn es handelt sich, wie ich schon sagte, in Wahrheit
+nicht um verschiedene Richtungen, sondern um verschiedene Religionen!«</p>
+
+<p>Er war aufgestanden und ans Fenster getreten. Seufzend strich er
+das volle dunkle Haar aus der Stirn. »Ich wußte es, daß unsere Wege
+auseinandergingen, Exzellenz — mußte dies Gespräch denn sein?«</p>
+
+<p>Sie wandte ihm das Antlitz voll zu. »Mein lieber Herr Pastor, würden
+Sie mich noch achten und ehren können, wenn ich Sie blind in Ihr
+Verderben rennen ließe? Und Sie sind's nicht allein! Eine Gemeinde ist
+Ihnen anvertraut, Sie sind berufen, an der Seele unseres Volkes zu
+arbeiten. Ich weiß es, Sie sind sich Ihrer großen Verantwortung bewußt,
+— und doch, — wie ist's menschenmöglich!«</p>
+
+<p>Er stand noch immer am Fenster und blickte hinaus. Eine heiße Ungeduld
+malte sich in dem geistreichen Gesicht. »Wenn Exzellenz zu verfügen
+hätten, würde also kein liberaler Theologe zum Amte zugelassen werden!«
+sagte er endlich. »Dann würde allerdings manche Gemeinde hirtenlos
+sein.«</p>
+
+<p>»Ich würde den Suchenden, Ringenden immer ordinieren,« erwiderte sie,
+»würde es ihm aber zur Pflicht machen, falls er im Laufe der Zeit
+nicht zum vollen Heilsglauben durchdringt, sein Amt niederzulegen. Den
+bewußten Irrlehrer, der in Christus nur den höchstbegnadeten Menschen
+sehen will, würde ich dagegen ablehnen. Er gehört nicht auf die Kanzel.«</p>
+
+<p>Pastor Wendler trat an den Tisch. »Ist das christliche Liebe?«</p>
+
+<p>»Das ist christliche Zucht,« erwiderte die alte Frau.</p>
+
+<p>»Exzellenz verlangen sehr viel.«</p>
+
+<p>»Nicht zuviel. Ich sagte Ihnen schon: mit jedem Suchenden würde ich
+Geduld haben. Die Ablehnung des bewußten Irrlehrers<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> aber halte ich für
+eine zwiefache Pflicht: wir schulden sie der Gemeinde, deren Seelsorger
+er wird, und dem Manne selbst, weil man, ihn zulassend, der Hehler
+seiner bewußten oder unbewußten Unwahrhaftigkeit wird.«</p>
+
+<p>»Unwahrhaftigkeit?«</p>
+
+<p>»Gut. Sagen Sie Entstellung der Tatsachen. Es läuft auf eins hinaus.«</p>
+
+<p>Er schüttelte den Kopf. »Ich kann nur immer wieder fragen: wo ist die
+Grenze?«</p>
+
+<p>»Und ich kann nur immer wieder antworten: die Grenze ist die Person
+Jesu Christi.«</p>
+
+<p>Still war's im Zimmer. Ein tiefer heiliger Ernst lagerte auf der Stirn
+der weißhaarigen Frau. In dem ehrlichen Antlitz des Mannes arbeitete es.</p>
+
+<p>»Unwahrhaftigkeit? Entstellung der Tatsachen? Exzellenz!« Die Tränen
+standen ihm in den Augen.</p>
+
+<p>»Es sind harte Worte, ich gebe es zu, aber die Wahrheit fordert sie,«
+sagte sie traurig.</p>
+
+<p>Er tat einen Schritt auf sie zu, — auf seinem Gesicht lag's wie eine
+flehende beschwörende Bitte. »Die Wahrheit! Gewiß! Aber ist Christus
+nicht wahrhaftiger Mensch?«</p>
+
+<p>»Er ist der menschgewordene Sohn Gottes, also zuerst wahrer Gott!«</p>
+
+<p>»Exzellenz dürfen nicht vergessen, daß von dem Glauben ausgegangen
+werden kann: Er ist wahrer Mensch!«</p>
+
+<p>Sie blickte ihn fest an.</p>
+
+<p>»Ist es nicht zuviel verlangt,« fuhr er mit bebender Stimme fort,
+»gleich bei der Ordination eine Entscheidung zu fordern, die mancher
+andere erst auf der Höhe des Lebens zu treffen vermag — oder auch
+nicht?«</p>
+
+<p>»Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß ich einem aufrichtig Suchenden, der
+noch nicht alle Punkte des Glaubensbekenntnisses<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> unterschreiben kann,
+Zeit lassen würde, wenn er in der Hauptsache auf ewigem Grunde steht,«
+entgegnete sie. »Nur den bewußten Irrlehrer würde ich bedingungslos
+ablehnen.«</p>
+
+<p>Er seufzte. »Was wird heutzutage nicht alles Irrlehrer genannt!«</p>
+
+<p>Doch die alte Dame ließ sich nicht irre machen.</p>
+
+<p>»Christus ist kein vergöttlichter Mensch, sondern der menschgewordene
+Gott. Nur als wahrhaftiger Gott konnte er uns erlösen; es war die
+Vorbedingung dafür, daß er es als wahrhaftiger Mensch getan hat. Wer
+daher in dem Glauben an den Menschen stecken bleibt, wird niemals über
+Jesusverehrung hinauskommen. Den Lebendigen, der ihn Tod und Teufel
+entreißt, lernt er nicht kennen, im besten Falle auf Umwegen. Ich sagte
+vorhin schon: dies Verfahren gleicht einem Glücksspiel.«</p>
+
+<p>»Wenn der Ordinand aber gar nicht weiß, ob er an die Gottheit Christi
+glauben will, oder ob er später daran glauben wollen wird — wer kann
+das von sich selber wissen! Das Menschenherz ist wie eine Meereswoge.«</p>
+
+<p>»Mein lieber Wendler,« sagte die alte Exzellenz, und ihre Stimme bebte,
+»das läuft daraus hinaus, daß jeder nach seiner Fasson selig werden
+kann. Ich habe nur eine Antwort für Ihre, mir unfaßliche Anschauung,
+nämlich die: ein Mann und denkender Mensch weiß, was er will. Für uns
+aber käme einer solchen Unwissenheit gegenüber wohl nur die Pflicht,
+die Gemeinde vor Irrlehre zu bewahren, in Betracht. Wer in <em class="gesperrt">dem</em>
+Augenblick nicht weiß, was er will, sollte dem heiligsten Amte
+fernbleiben und sich erst einmal gründlich auf sich selbst besinnen.«</p>
+
+<p>Er antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte er in den
+herbstlichen Garten.</p>
+
+<p>Sie sah ihn nachdenklich an. »Welche weltliche Organisation würde
+Persönlichkeiten aufnehmen, die sich im Widerspruch zu ihren Satzungen
+befänden,« sagte sie endlich. »Stellen Sie sich<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> bitte einen Juristen
+vor, der unter Ausschaltung der Gesetze nach eigenem Gutdünken
+arbeitet! Der bloße Gedanke wirkt lächerlich. Die christliche Kirche
+aber soll jedem ihre Tür öffnen, ob er sich zu den Heilswahrheiten
+bekennt oder nicht. Wer schließt Monisten, Pantheisten, wer schließt
+Atheisten aus? Niemand! Die Kirche wird zum Sprechsaal.«</p>
+
+<p>»Solange einer nicht zum Angriff übergeht, hat er meines Erachtens das
+Recht auf die Kanzel,« sagte Pastor Wendler.</p>
+
+<p>»So!? Meines Erachtens gehört er nicht auf die Kanzel, solange er mit
+vollem Bewußtsein die Heilstatsachen ablehnt. Denn bewußte Ablehnung
+ist Unglaube, ob er zum Angriff übergeht oder nicht. Die Predigt des
+Unglaubens enthält immer Irrlehre — Irrlehre aber birgt den Tod.
+Haben Sie je gehört, daß sie die Frucht lebendigen Christenglaubens
+gezeitigt?«</p>
+
+<p>Wieder war's still in dem hellen Raum. In heißem Kampf stand der
+Geistliche am Fenster.</p>
+
+<p>»In der Enge der Orthodoxie, in den starren Grenzen des Dogmas kann die
+Menschenseele nicht gedeihen!« rief er erregt. »Christenglaube fordert
+Freiheit und darum in erster Linie ungehemmte Verstandesarbeit!«</p>
+
+<p>Frau von Kambach hatte sich erhoben. Auf ihren Krückstock gestützt,
+trat sie auf Pastor Wendler zu. Ihr ganzes Wesen trug den Stempel jener
+tiefen geheiligten Mütterlichkeit, die wahrhaftigen deutschen Frauen
+auch dem Manne gegenüber eigen ist. Leise legte sie die Hand auf seine
+Schulter, und während ihr Auge in tiefem Mitleid das seine suchte,
+sagte sie langsam, jedes Wort abwägend: »Auf dies Bekenntnis wollen Sie
+sich zum Sterben niederlegen, lieber Freund? Wissen Sie denn gar nicht,
+worauf Sie sich in letzter Linie gründen? Auf Selbsterlösung, auf ein
+Trugbild, das Ihnen unter den Händen zergeht! Fühlen Sie nicht, daß
+Ihre Seele dies Brot nicht sättigt? Die Forschung in hohen Ehren! Aber
+die Wissenschaft,<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> die ihre Grenze nicht kennt, ist Scheinwissenschaft.
+Denn ein Wunder, das mein kleiner, armseliger Verstand in tausend
+Stücke zerlegen und wieder zusammensetzen kann, ist kein Wunder. Im
+Leben bietet solch ein Glaube keinen Halt, im Sterben verzweifelt man
+daran« — wieder bebte die alte Stimme, »es gibt nur eine wahrhaftige
+Theologie: die Theologie des Kreuzes! Sehen Sie denn nicht, daß sich
+ohne sie alles auflöst?«</p>
+
+<p>Sie hielt einen Augenblick inne, als erwarte sie seine Antwort.</p>
+
+<p>Aber er schwieg. In hartem Kampf starrte er auf die goldene Pracht der
+Natur.</p>
+
+<p>›Er wird die Welt strafen um die Sünde, daß sie nicht glauben an mich!‹</p>
+
+<p>Wie ferner Wellenschlag zog das Wort an seiner Seele vorüber.</p>
+
+<p>Hatte sie recht? — An den Jesus der Schrift glaubte das zwanzigste
+Jahrhundert nicht mehr. Aber bedeutete das eine Veräußerung ewiger
+Werte? Im Gegenteil! Es räumte den Schutt von den Kleinodien, lockte
+die Fernstehenden herzu, ebnete Grüblern und Zweiflern den Weg zum
+Kreuz.</p>
+
+<p>Zum Kreuz? Jawohl, zum Kreuz! Das heiligste Vorbild, die höchste
+Verkörperung göttlichen Willens stellte die Kreuzesgestalt dar, nicht
+etwa nur in der Form einer Regel oder Vorschrift, sondern lebendig,
+mit Fleisch und Blut umhüllt, Herz und Gewissen aufrüttelnd, — aber
+— an einem hielt er fest, mußte er festhalten: der Name Gottmensch
+kennzeichnete Jesus als den einen Menschen, bei dem die Ähnlichkeit mit
+Gott am stärksten hervortritt, kennzeichnete den Gottmenschen, auf den
+jeder Mensch angelegt ist, der aber bisher bei keinem anderen in so
+hervorragender Weise zutage getreten war. ›Die dem Lichte erschlossene
+und von der ewigen Sonne geküßte Blüte<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> der Menschheit‹<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> — mit
+diesen Worten hatte ein liberaler Führer die Christusgestalt gezeichnet
+und zugleich den feinen Unterschied, der den Streitpunkt zwischen den
+beiden großen kirchlichen Lagern bildete, klargestellt. Das Prädikat
+›Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht von Ewigkeit‹ erkannte
+der Liberalismus in dem Sinne, wie ihn die Orthodoxie forderte, nicht
+an.</p>
+
+<p>Wieder klang die Stimme der Greisin an sein Ohr. »Ich komme ja nicht
+um meinetwillen zu Ihnen. Mein Christenglaube steht und fällt mit
+dem zweiten Artikel. Aber das Herz brennt mir im Blick auf das arme
+irregeleitete Volk, im Blick auf Deutschlands religiösen und sittlichen
+Niedergang. Sehen Sie denn nicht, daß mit der christlichen Kirche die
+Sitte verfällt? Die Kirche ist die einzige wahre Volkserzieherin. Was
+soll werden, wenn sie versagt? Und sie muß versagen, wenn man ihr den
+Boden unter den Füßen entzieht. Denn eine Kirche, die sich nicht auf
+die geoffenbarten Heilstatsachen gründet, ist keine christliche Kirche.
+Daß Sie nicht mitschuldig werden an dem großen Verfall, daß Sie nicht
+unter das Wort vom Mühlstein fallen, darum komme ich!« Und dann legte
+sich ihre Hand schwer auf seinen Arm. »Mein eigener Enkel ist unter
+Ihren diesjährigen Konfirmanden« — hier stockte sie — »Herr Pastor,
+es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind nicht
+verführt werde!« Ihre Stimme brach — sie wandte sich ab.</p>
+
+<p>Tief erschüttert stand er da.</p>
+
+<p>›Verführt!‹ Wie ein Peitschenschlag hatte ihn das Wort getroffen.</p>
+
+<p>Die Lippen zusammengepreßt, sah er wie geistesabwesend hinaus. Und
+doch war er mit all seinen Gedanken und Sinnen daheim, in der engen
+Studierstube bei der greisen Frau, die er<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> noch heute trotz allem, das
+sie in dieser Stunde geredet hatte, wie eine Mutter verehrte. Denn eins
+fühlte er immer wieder: die Liebe hatte sie in sein Haus geführt, die
+große große Heimatliebe, die vom Himmel kommt, die die Sehnsucht nach
+der oberen Welt und ihrem heiligen Bürgerrecht hineintragen will in
+das irdische Vaterland. Selten war er einer Frau begegnet, so stark
+und mutig, so warmen treuen Herzens, so kindlichen Gemütes, wie seiner
+alten Exzellenz! Ja, so hatte er sie immer geheißen, — dann war's
+allmählich anders geworden ... Und heute?</p>
+
+<p>Wie eine Mutter stand sie an seiner Seite, die Hand auf seine
+Schulter gelegt, in den klaren Augen die tiefe bange Frage nach dem
+Allerheiligsten seiner Seele. Ein herzliches Mitgefühl mit dem Manne,
+der ihrer Meinung nach in eine vom Glauben abweichende Strömung
+geraten, lag in ihren Worten, aber auch eine Festigkeit, eine Gewißheit
+des eigenen heiligen Besitzes, wie sie nur eine wirklich faßbare
+überweltliche Wahrheit in einer Menschenseele auszulösen vermag.</p>
+
+<p>Er wußte, ein Herzleiden bedrohte ihr Leben auf Schritt und Tritt; sie
+hatte oft davon gesprochen, aber nur wie von einer Begleiterscheinung
+des Tages, einem Wolkenschatten, der über einen blühenden Garten zieht.
+Mit dem, was Frau von Kambach unter Leben verstand, hatte diese Last
+nichts gemein; denn das Leben, das sie lebte, wurzelte nicht in dieser
+Erde.</p>
+
+<p>Aber Pastor Wendler hielt ihren Glauben trotzdem für die falsche
+Vorstellung einer orthodox erzogenen, in den Grenzen eines streng
+konservativen Elternhauses aufgewachsenen vornehmen Frau. Es gab auch
+eine anerzogene Bekenntnistreue. Die Sorge, sie zu kränken, hatte seine
+Auseinandersetzung beschränkt. Wie oft hatte er's erlebt, daß die
+klaffenden Gegensätze der beiden Richtungen einen unheilbaren Bruch
+geschaffen. Das sollte nicht sein! — — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p>
+
+<p>Er merkte, sie hatte noch etwas auf dem Herzen. Zaudernd stand sie da,
+ganz gegen ihre sonstige Art. Aber dann wußte sie, was sie wollte.</p>
+
+<p>»Ich darf Sie nicht länger stören,« sagte sie. »Man kann keinem
+Menschen den Glauben einreden — man darf's auch nicht. Nur warnen muß
+ich Sie; denn Sie jagen einem Schatten nach. Die Bibelkritik, die Sie
+vertreten, wird Sie nie auf die Höhe führen, weil sie in dieser Erde
+wurzelt. Sie fordert Erfahrungswissen, sie überträgt wissenschaftliche
+Ergebnisse auf das Gebiet des Glaubens — und — entgleist. — Ich will
+gehen. Wir kommen nicht zusammen. So nicht. Ehe der Mensch sich nicht
+bankrott erklärt, wird er kein Christ. Und das soll mein letztes Wort,
+meine Abschiedsbitte an Sie sein. Tun Sie mir die Liebe, Ihre Seele zu
+erforschen, ob irgendwo in einem Winkel eine Sünde steckt, vielleicht
+eine alte halbvergessene, — die aber doch noch lebendig ist, von der
+Sie nicht sagen können: sie ist in Gottes Schuldbuch ausgestrichen!
+Wenn dem so ist, wenn Sie diese Schuld nicht tilgen können, und der
+Jesus, den Sie mit solch glühender Sehnsucht verehren, Ihnen die
+große Gnade, die wir alle brauchen, nicht geben kann, — dann — dann
+beschwöre ich Sie, bleiben Sie nicht verzweifelt auf halbem Wege
+stehen, sondern gehen Sie zu dem, den uns die Schrift zeigt, zu unserem
+persönlichen Gott und Heiland. Denn wir werden nicht ohne ihn fertig,
+auch Sie nicht. Wenn Sie ihn aber gefunden haben, dann kommen Sie zu
+mir — ich weiß, daß Sie kommen! Denn ich will Ihre Freude teilen! —
+Wollen Sie mir das versprechen?« Wieder sahen ihn die blauen Augen voll
+mütterlicher Liebe und Güte an.</p>
+
+<p>Pastor Wendler erwiderte diesen Blick. Sein Gesicht war aschfahl.</p>
+
+<p>»Ich verspreche es,« sagte er mit erstickter Stimme.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p>
+
+<p>Über das ehrwürdige Frauenantlitz ging ein heller Schein. Als käme der
+Mann vor ihr mit der Botschaft eines großen wundervollen Sieges, an den
+sie nie gedacht, traten ihr die Tränen in die Augen. Mit festem Druck
+umfaßte sie seine Hände:</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen!«</p>
+
+<p>Wieder stand er überwältigt vor der großen geheiligten Liebe.
+Schweigend beugte er sich über die Frauenhand und küßte sie. — — —</p>
+
+<p>In der Mittagsstille ging sie durch das friedliche Dorf.</p>
+
+<p>Franz Schenker saß vor seinem Häuschen und las.</p>
+
+<p>Ehrerbietig erhob er sich, sein Käppchen ziehend. »Ick lese eine
+Predigt, Exzellenz,« sagte er; »denn heute morgen war's zu erbärmlich.
+Was ist das nur mit unserem Herrn Pastor? Er predigte doch früher ganz
+anders.«</p>
+
+<p>Frau von Kambach zuckte die Achseln. »Der Glaube ist nicht jedermanns
+Ding!«</p>
+
+<p>Er merkte, sie wollte nicht weiter von der Sache reden. Aber in ihrem
+Gesicht lag jener stille klare Ausdruck, den er immer darin gewahrt,
+wenn sie einen schweren Weg hinter sich hatte. Und Franz Schenker
+dachte sich sein Teil.</p>
+
+<p>Sie aber wanderte weiter.</p>
+
+<p>Um das weiße Haupt wehte Septemberseide. Auf die kurz gemähten Wiesen
+fiel der Schatten der hohen Gestalt.</p>
+
+<p>Es war schön in Wald und Feld. Aber es gibt Zeiten, wo die Seele die
+Abgeschlossenheit des Raumes braucht, der ihr Eigenleben umschließt,
+das stillste heiligste Zusammensein mit Gott.</p>
+
+<p>So kam's, daß die Greisin, am Gartensaal vorüber, die alte eichene
+Treppe emporstieg in ihr eigenes Standquartier. — —</p>
+
+<p>Am offenen Fenster saß sie und sann den letzten Stunden nach.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p>
+
+<p>Wie die Not der Zeit sich häufte! Was sie eben erlebt, war ja nur
+ein Ausschnitt aus dem großen erschütternden Gemälde. Aber dieser
+Ausschnitt bildete den Kernpunkt der schweren Gesamtlage. Der Grund des
+völkischen Niederganges war Gottentfremdung, die Sünde des Unglaubens.
+Aus dieser Saat sproßten die Giftfrüchte der Sittenlosigkeit, der
+Verweichlichung und Lüge, aus ihr gingen die Verbrechen hervor. Sie
+war's, welche den Verfall in die höchsten Kreise getragen, die, das
+Leben eines ganzen Volkes mit ihren Fäulniserregern durchseuchend,
+seinen sittlichen sozialen und politischen Niedergang planmäßig
+anbahnte. Wo wollt's hinaus?</p>
+
+<p>Eine heiße Angst überkam die alte Frau. Mit weitem Blick und offener
+Seele stand sie Deutschlands Not gegenüber. Ihren Familienschmuck hätte
+sie um ihres Volkes willen geopfert, ihr Festkleid, ihr weißes Haar,
+die Krone ihres Alters.</p>
+
+<p>Aber das zwanzigste Jahrhundert beging ein Verbrechen an der
+Volksseele, das Gold und Silber nicht gutmachten. Der alte Schenker
+hatte recht: hier wurde Größeres gefordert. Eine lebendige Mauer mußte
+die höchsten Werte schützen, Männer und Frauen mußten ausziehen, die
+deutsche Volksseele zu retten.</p>
+
+<p>Zum erstenmal in diesen bewegten Tagen fand sie Zeit, dem Gedanken
+des schlichten Spreewälder Häuslersohnes nachzugehen. Er war ihr ja
+nicht fremd, aber Schenker hatte ihn aufs neue angeregt. Und während
+sie sinnend dasaß, stieg eine vergangene Zeit vor ihr auf. Männer,
+von glühender Vaterlandsliebe und banger Sorge erfüllt, die ihren
+Weggenossen die gleiche Mahnung zugerufen, zogen an ihrem Geiste
+vorüber, ein Wichern, ein Stöcker. Zwei Starke, die Großes geschaffen
+und die Grundsteine zum Bauwerk kommender Geschlechter gelegt.
+Dann waren sie schlafen gegangen. Deutschland<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> verlor zu früh zwei
+Volkserzieher, und keiner stand auf und trat in die Bresche. Die
+Arbeit der Inneren Mission zersplitterte. Überall lagen edle Kräfte
+brach, und das Unkraut wucherte. Nicht zum erstenmal war Exzellenz von
+Kambach dem Wunsche des Zusammenschlusses begegnet, aber nie war ihr
+das ursprüngliche, aus der Not herausgeborene heiße Begehr aus den
+Reihen des Volkes entgegengetreten, wie in jener Abendstunde auf der
+Waldwiese. Deutschland war müde geworden, aber noch besaß es Männer,
+die auf den Höhen seiner Berge die Ehrenwacht hielten, Männer und —
+Frauen. Ja, auch Frauen. Vielleicht waren sie sogar in der Überzahl.
+Jedenfalls hatte Franz Schenker, der zunächst natürlich an seine
+Kambacher dachte, ohne sich zu besinnen, das hoffnungsfreudige Wort
+gesprochen: ›Noch haben wir Männer und Frauen, die treu zu Altar und
+Thron stehen und überall ihren Christenglauben bekennen würden!‹ Und
+dann hatte er seine alte Exzellenz gebeten, die Sache in die Hand zu
+nehmen. Ein unglaublicher Einfall, und doch wurde sie das schlichte
+Wort, das mit echt Schenkerscher Selbstverständlichkeit bei ihr
+anklopfte, nicht wieder los. Sie hatte ja auch nicht nein gesagt. Nun
+stand sie vor der Riesenaufgabe.</p>
+
+<p>Ihr Blick fiel auf ein vielbenutztes Buch, eine Sammlung deutscher
+Dichtungen. Sie nahm es und blätterte darin. Und dann las sie die
+ergreifenden Worte, die Herder vor hundert Jahren an sein Volk richtete:</p>
+
+<p>›Unsere Väter, o Deutschland — meine Sorge — waren nicht, wie wir
+jetzt sind!‹</p>
+
+<p>Das war eine Anklage auf der ganzen Linie. War's nicht, als richte sie
+sich gegen das Geschlecht von heute? Eine innere Unruhe ergriff die
+Frau, deren ganzes Schaffen und Sinnen im Dienst ihres Volkes stand.
+Wenn eine die Pflichten der Gutsherrin und Edelfrau ernst nahm, war
+sie's — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p>
+
+<p>Aber ein echtes Weib trägt die Krone des Gottesgnadentums und mißt
+seine Arbeit mit ewigem Maß. Selbstzufriedenheit kennt es nicht. Auch
+die greise Kambacherin trug ihr Werk in die Fackelhelle des göttlichen
+Wortes und bekannte: ›Es hat Flecken und Makel!‹</p>
+
+<p>Durch die Feierstille des Sonntags zog das Beichtgebet: ›Wir haben
+gesündigt!‹ Die Schuld ihres Volkes war ihre Schuld. — —</p>
+
+<p>»Wir haben das Bismarckwort vergessen,« sagte sie leise, während
+sie sich erhob und zum Fenster trat: »Wir sind nicht auf der Welt,
+um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Pflicht und
+Schuldigkeit zu tun!«</p>
+
+<p>Gedankenverloren blickte sie in die Weite. Über ihre Wange stahl sich
+eine Träne und tropfte auf die gefalteten Hände nieder. Ein Seufzer
+stieg aus der tiefsten Tiefe ihrer Seele: »O Deutschland, meine Sorge!«</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel"><span class="s5">Fünftes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;Adel.</h2>
+
+</div>
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht:</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr seid die Träger von Ehr' und Pflicht!</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr seid die Schirmherrn von Land und Herd,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Schwert, das ihr führt, ist ein adlig Schwert!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Scholle der Heimat ist euch vertraut,</div>
+ <div class="verse indent0">Der deutsche Acker, den ihr bebaut,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Sitte, der alte heilige Kitt,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Glaube, darum euer Ahnherr stritt!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Adel des Blutes ist Vornehmheit,</div>
+ <div class="verse indent0">Adel der Seele Persönlichkeit,</div>
+ <div class="verse indent0">Adel des Schaffens ist Kraft und Zucht,</div>
+ <div class="verse indent0">Adel ist's, der die Wahrheit sucht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Adel kämpft für Altar und Thron,</div>
+ <div class="verse indent0">Adel kennt keinen irdischen Lohn!</div>
+ <div class="verse indent0">Adel ist Gottesdienst, Adel ist Pflicht, —</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Es klopfte.</p>
+
+<p>Die alte Frau fuhr aus ihren Träumen auf.</p>
+
+<p>»Darf ich kommen, Großmama?« Harro stand auf der Schwelle. »Ich möchte
+dir Lebewohl sagen!« Er trat zu ihr und beugte sich über ihre Hand.
+»Stör' ich dich, oder darf ich mich einen Augenblick zu dir setzen?«</p>
+
+<p>»Durchaus nicht, mein Junge, bleib nur!« Sie fühlte, er hatte etwas
+auf dem Herzen. »Fahrt ihr jungen Herren zusammen?« fragte sie,
+sich setzend und auf einen Stuhl weisend.<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> Sie freute sich allemal,
+wenn die Enkel zu ihr kamen. Wie manches Mißverständnis hatte sie
+schon beseitigt, wie oft schon war's ihrer großmütterlichen Liebe
+gelungen, zwischen Vater und Sohn zu vermitteln! Denn die herbe, ja
+strenge Soldatennatur Karl Heinrichs von Kambach, dessen ritterlicher
+Sinn kein Stäubchen auf dem Bilde des eigenen Lebens duldete, war
+dem leichtherzigen Sohne zu stark. Die väterliche Art hatte etwas
+Vergewaltigendes für ihn. Sie stählte ihn nicht, sie erdrückte ihn.
+Es war die Strenge altadliger Häuser, die nicht nur den Gehorsam aufs
+Wort fordert, sondern auch in vielen Fällen den erwachsenen Kindern
+die persönliche Rechtfertigung versagt, — eine zu weit gehende, ihre
+Grenzen überschreitende, aber vielfach traditionell gewordene Strenge.
+Herr von Kambach war ein ganzer Mann, eine Persönlichkeit aus einem
+Guß. Seine edelmännische Gesinnung, sein strenges Pflichtgefühl, sein
+schlichtes biblisches Christentum erwarben ihm überall Anerkennung.
+Aber er war wie die meisten starken Charaktere heftig und vertrug
+von seinen Kindern keinen Widerspruch. Die Behauptung Harros, in
+Kambach dürfe nur <em class="gesperrt">eine</em> Meinung herrschen, war daher nicht ganz
+unberechtigt.</p>
+
+<p>Frau Sabine mit ihrem klaren Blick für Menschen und Verhältnisse hatte
+schon oft die allzu schroffe Haltung ihres Sohnes seinen Kindern
+gegenüber beklagt. Sie wußte, ändern würde sie seine Art nicht, sie
+gehörte zur Herrennatur. Doch wo sie konnte, milderte und ebnete sie,
+und wenn's in des Vaters Arbeitszimmer scharf hergegangen war, kamen
+die Enkel zur Großmutter. In den meisten Fällen unterstrich dann Frau
+Sabine zwar des Sohnes Wort, aber die Jugend wußte ihre Angelegenheit
+wohlverwahrt. Immer wieder klopfte sie bei ihr an, ob es in dem stillen
+Dreilinden war oder in der Dorotheenstraße in Berlin oder in dem
+sogenannten Sirenenquartier in<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Kambach, welches der Oberstallmeister
+seiner Mutter zur Verfügung gestellt hatte. — —</p>
+
+<p>Den Oberkörper leicht vorgebeugt, saß Harro, mit seinem Siegelring
+spielend, der Großmutter gegenüber. Er war eine angenehme Erscheinung,
+in vielem an den Vater erinnernd, aber doch kein ausgesprochener
+Kambach. Der Sellernsche Einschlag war unverkennbar, und im ganzen
+Wesen und Auftreten erinnerte er am meisten von allen Kindern an die
+früh verstorbene Mutter.</p>
+
+<p>Er schien mit einer Anwandlung von Verlegenheit zu kämpfen. Die langen
+Wimpern gesenkt, betrachtete er aufmerksam das Wappen seines Ringes.</p>
+
+<p>Sinnend blickte die alte Frau den Enkel an. Sie wußte, er hatte einen
+heiligen Respekt vor ihr.</p>
+
+<p>»Nun, Harro,« sagte sie endlich, »wo drückt dich der Schuh? Daß du
+nicht nur zum Abschiednehmen kommst, hab' ich auf den ersten Blick
+gesehen.«</p>
+
+<p>Der Ulan lachte. »Ja, Großmamachen, du bist furchtbar klug! Darum
+kommen wir ja auch immer zu dir!« Er rückte auf seinem Stuhl hin und
+her.</p>
+
+<p>»Nun also, was gibt's?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Großmama, ich komme mit einer Riesenbitte. Du — du sollst die Hände
+über mein Lebensglück breiten.«</p>
+
+<p>Frau Sabine wußte Bescheid. Aber sie verhielt sich abwartend.</p>
+
+<p>»Also kurz gesagt: ich liebe Sibylle!«</p>
+
+<p>»Das ist mir nichts Neues, mein Junge!«</p>
+
+<p>Er sah überrascht auf. »Aber ich bin doch kolossal vorsichtig gewesen!«</p>
+
+<p>Die alte Frau lachte. »Die Auffassung kann ich nicht gerade teilen,
+aber das schadet ja nicht. Die Hauptsache ist: du hast guten Geschmack!
+Und das freut mich! Ich wüßte keine<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> zweite, die mir als Enkelin so
+willkommen wäre, wie Sibylle!«</p>
+
+<p>Harro strahlte. »Ich wußte es!«</p>
+
+<p>Sie nickte. »Es ist nur die Frage, ob sie dich nimmt!«</p>
+
+<p>Er sah die Großmutter voll an. »Sie nimmt mich.«</p>
+
+<p>Der klare ruhige Ernst seines Wesens gefiel ihr. Er erschien in diesem
+Augenblick gereifter und männlicher als sonst. Und zugleich sagte sie
+sich, warum er zu ihr kam, und freute sich dessen. Sie sollte seine
+Fürsprecherin sein. Bei seinem Vater und bei Sibyllens Großvater. Er
+wollte einen Menschen zur Seite haben, vor dem die beiden Familien
+Respekt hatten. Dieser Wunsch enthielt ein Zugeständnis der eigenen
+Mängel und zugleich den Beweis echt kindlicher Ehrerbietung. Denn
+berechnend war Harro nicht. Er war leichtsinnig und zum großen Kummer
+der Seinen religiös gleichgültig, aber im übrigen eine durchaus
+aufrichtige Natur. Sonst wäre sein Verhältnis zu der Großmutter
+unmöglich gewesen. Denn Frau von Kambach nahm gerade ihm gegenüber kein
+Blatt vor den Mund, und Harro mußte sich oft messerscharfe Wahrheiten
+sagen lassen. Aber er kam immer wieder.</p>
+
+<p>Auch heute sagte sich die alte Dame, daß sie den Augenblick nützen
+müsse, um dem Enkel einige Ermahnungen mit auf den Weg zu geben.</p>
+
+<p>»Ich soll die Hände über deine Liebe breiten?« sagte sie lächelnd.
+»Wie meinst du das? Du weißt, das Ehestiften liebe ich nicht. Es kommt
+nichts dabei heraus als Ärger und Aufregung, und klappt die Sache
+nachher nicht, so wird man verantwortlich gemacht. Das ist nichts für
+eine Frau mit weißen Haaren!«</p>
+
+<p>»Großmamachen, das sollst du ja auch gar nicht. Ich möchte nur, daß der
+alte Bühler eine etwas bessere Meinung von mir bekommt.« Er hielt inne
+und blickte auf seine Stiefelspitzen<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> nieder. »Ich — ich habe gestern
+abend einen kleinen Zusammenstoß mit ihm gehabt, und Papa ist ja leider
+nicht gerade mein Fürsprecher.«</p>
+
+<p>Frau von Kambach überhörte die letzten Worte.</p>
+
+<p>»Was hast du denn angestellt?«</p>
+
+<p>»Gott — im Grunde nichts. Ich erlaubte mir zu äußern, daß ländliche
+Hochzeiten im allgemeinen nicht meinem Geschmack entsprächen — da
+bekam ich's! Zuerst wurde die Unterhaltung halblaut geführt, nur Gräfin
+Brelow war Zeuge, aber dann muß ich wohl irgend etwas gesagt haben,
+was dem alten Herrn zu modern erschien, kurz und gut, er erklärte mit
+gereizter Stimme, es sei ein soziales Verbrechen, wenn die Hochzeit
+eines Landedelfräuleins in einem Berliner Gasthof gefeiert werde. Ein
+paar Regimentskameraden drehten sich um, die jungen Mädchen reckten
+die Hälse, — du kannst dir denken, daß es ein höchst unangenehmer
+Augenblick für mich war! Ich konnte doch schließlich dem ältesten und
+vornehmsten Gast unseres Hauses nicht entgegentreten! — Du kamst
+gerade mit Papa vorbei, als die letzten Worte gesprochen wurden. Die
+Folge war, daß wir eben eine endlose Auseinandersetzung über die
+Pflichten des Edelmannes und preußischen Offiziers hatten.«</p>
+
+<p>Exzellenz von Kambach lehnte sich zurück. »Harro, du weißt, daß ich
+in dem Punkt mit deinem Vater vollständig übereinstimme,« sagte sie
+ernst. »Er hat ganz recht, wenn er sagt, daß es dir noch am rechten
+Pflichtgefühl fehlt.«</p>
+
+<p>Harro blickte, an der Unterlippe nagend, vor sich nieder. »Ich bin
+gar nicht solch ein Luftikus, wie Papa denkt! Ich habe noch nichts
+Ehrenrühriges getan!«</p>
+
+<p>»Dann würden sie dich auch hoffentlich in Brandenburg nicht behalten.
+Deine Antwort ist übrigens sehr bezeichnend für dich. Zwischen dem, was
+unserem alten edelmännischen<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Begriff gegen die Ehre geht, und dem,
+was man heutzutage als ehrenrührig bezeichnet, liegt noch sehr, sehr
+viel. Aber das laßt ihr Jungen nicht mehr gelten, ihr kennt nur den
+modernen Ehrbegriff. Daß dein Vater das nicht vertragen kann, ist ganz
+natürlich!« Und die welke Hand, welche die beiden goldenen Trauringe
+trug, strich glättend über das schwarze Seidenkleid.</p>
+
+<p>»Er fordert sehr viel von seinen Söhnen,« sagte Harro.</p>
+
+<p>»Würde dein Vater so groß vor dir stehen, wenn er weniger von dir
+verlangte? Ein echter märkischer Junker wird immer einen vollen
+Lebenseinsatz fordern, die völlige Hingabe an Vaterland und Beruf,
+mit einem Worte: Mannentreue. Nur ganze Männer sind Persönlichkeiten.
+Aber was nennt sich heutzutage alles Mann! Nicht die Hälfte
+dieser weibischen, im Überfluß lebenden Tagediebe verdient diesen
+Namen. — Lappen sind's! — Sieh dir bitte die sogenannte erste
+Gesellschaft einmal näher an, — wir sind heruntergekommen, furchtbar
+heruntergekommen!«</p>
+
+<p>»Großmama!« rief der Enkel in gekränktem Ehrgefühl.</p>
+
+<p>Aber die alte Exzellenz war in ihrem Fahrwasser. Wenn diese Frage
+angeschnitten wurde, regte sich die Vaterlandsfreundin und märkische
+Edelfrau in ihr. Und noch eine andere.</p>
+
+<p>»Bitte, laß mich ausreden,« rief sie. »Das muß doch jeder, der offenen
+Auges durch die Welt geht, erkennen, daß unserem Volke mit dem
+Christentum die Sittlichkeit mehr und mehr abhanden gekommen ist. Es
+herrscht bei der heranwachsenden Jugend eine geradezu erschreckende
+Auffassung von Pflicht und Verantwortlichkeit. Was früher ganz
+selbstverständlich war, ist heute unmodern und rückständig. ›Man muß
+sich ausleben,‹ ist das dritte Wort. Das verdanken wir Nietzsche.
+Es liegt ein Fluch auf seiner christusfeindlichen, widergöttlichen
+Philosophie, — der Fluch der Unsittlichkeit!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p>
+
+<p>»Aber Großmama, man kann doch nicht alles verwerfen, was er gesagt hat!
+Außerdem war er jahrelang schwer krank.«</p>
+
+<p>»Ich denke nicht daran, ihn zu verurteilen,« sagte Frau von Kambach.
+»Möglicherweise war er besser, als seine Lehre. Sogar christlich
+gesinnte Männer erklären, bei unbefangener Beurteilung manches Gute
+an ihm zu finden. Aber das schafft doch die Tatsache nicht aus der
+Welt, daß er die Lauge seines Spottes über Religion und Christentum
+ausgegossen hat, und daß seine Saat immer weiter aufgeht.«</p>
+
+<p>»Es ist keiner unter den Lebenden, der ihm an Geist und Begabung
+ebenbürtig wäre,« entgegnete der junge Offizier. »Seine Schimpfereien
+auf das Christentum finde ich natürlich unanständig, aber das sind eben
+Krankheitserscheinungen.«</p>
+
+<p>»Zum Teil, gewiß. Ob sie es durchweg sind, ist erwiesenermaßen
+zweifelhaft. Aber gesetzt den Fall, sie wären es, Harro — ist's nicht
+ein trauriges Zeichen unserer Zeit, daß man die Geisteserzeugnisse
+eines Wahnsinnigen zum Evangelium erhebt? Ich habe immer das Gefühl,
+daß das, was er verkündigt, unserem verweichlichten kampfesscheuen
+Geschlecht so gut behagt, weil es sein schrankenloses Triebleben mit
+Nietzsches Namen decken zu können glaubt. Denn er entschuldigt nicht
+nur alles, er rechtfertigt es in sittlicher Hinsicht. Diese Weisheit
+ist das Evangelium Tausender geworden. Und eben dadurch ist uns die
+Sittlichkeit verloren gegangen.«</p>
+
+<p>»Wir stehen auf dem Höhepunkt der Kultur, Großmama!«</p>
+
+<p>»Jawohl — und waten im Sumpf! Die höchste Blüte der Kultur ist immer
+die Sittlichkeit gewesen, und nur das Christentum hat sie den Völkern
+gebracht. Sieh dir doch die Geschichte an! Die alten Griechen und Römer
+standen, was Kunst und Wissenschaft anbelangt, doch gewiß auf der Höhe,
+und was war der Abschluß? Sie endeten im Morast, denn ihrer Kultur<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span>
+fehlte die sittliche Edelkraft. Gott sei's geklagt, — so weit sind wir
+auch! Warum lehnen wir das Christentum ab!«</p>
+
+<p>Der Ulan antwortete nicht.</p>
+
+<p>»Es ist doch nicht nur die arbeitende Klasse,« fuhr Exzellenz von
+Kambach fort, »die ohne christliche Zucht verloren geht, — die
+höchsten und allerhöchsten Kreise degenerieren in derselben Weise,
+das Fremdwort drückt es nur etwas feiner aus. Darum sollte gerade
+der Stand, der die höchste und schwerste nationale Pflichterfüllung
+fordert, sich fest auf das Christentum gründen. Denn nur wer seinem
+himmlischen König die Treue hält, vermag sie auch dem irdischen zu
+bewahren.«</p>
+
+<p>»Verzeih, Großmama, da muß ich dir widersprechen. Ich kann meinem
+König sehr gut die Treue halten, ohne an Gott zu glauben. Der Begriff
+Edelmann ist für mich durchaus nicht von dem des Christen abhängig.
+Wenn ich meinem König die Treue schwöre, dann halte ich sie ihm auch.«</p>
+
+<p>Die alte Dame schüttelte den Kopf. »Mein lieber Junge, ich möchte
+dir nicht wehe tun. Ich zweifle deine Aufrichtigkeit gewiß nicht
+an. Aber du siehst nicht klar in der Sache. Der Unglaube lehnt das
+Gottesgnadentum ab — sonst wäre er eben kein Unglaube — kann da
+noch von wahrhaftiger Königstreue die Rede sein? Gottesleugnung und
+Königstreue sind unvereinbar, du kannst es mir glauben, und wenn die
+alte preußische Zucht und der Geist eines vornehmen Offizierkorps
+die Frage auch äußerlich noch bejahen, der Kitt ist brüchig — denn
+die Gesinnung steht nicht mit dem äußeren Verhalten im Einklang. Wie
+verträgt sich z. B. die Stellung des Gottesleugners zum Besuch des
+Gottesdienstes? Wenn du nicht an Gott glaubst, so ist dein Kirchgang
+eine Lüge. Versäumst du aber absichtlich den vorgeschriebenen
+Gottesdienst, so machst du dich des Ungehorsams gegen den obersten
+Kriegsherrn schuldig. Aus dieser<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> Zwickmühle findet der Gottesleugner
+keinen Ausweg — findest du einen?«</p>
+
+<p>»Das sind die letzten schwersten Folgerungen, Großmama! Ich muß
+offen gestehen, so bis ins kleinste bin ich der Frage noch nicht
+nachgegangen.«</p>
+
+<p>»Bis ins kleinste? Das liegt doch sehr nahe.«</p>
+
+<p>Er zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Stelle dir einen Sozialdemokraten als Reichskanzler vor,« fuhr sie
+fort. »Das liegt auf derselben Linie. Kannst du dir einen tolleren
+Widerspruch denken: Anarchismus und Atheismus Wächter des Königtums von
+Gottes Gnaden? Es wäre Gotteslästerung!«</p>
+
+<p>»Aber Großmama, was denkst du eigentlich von mir, das würde ich doch im
+ganzen Leben nicht befürworten,« rief der Enkel erregt.</p>
+
+<p>»Gewiß, Harro, das glaube ich dir. Die Praxis des Wahnsinns befürwortet
+man nicht. Dagegen hat ihn schon mancher in der Theorie vertreten. Ich
+bin, wie gesagt, überzeugt, daß du ein königstreuer Mensch sein willst,
+aber das eine muß ich dir immer wieder aufs neue sagen: das Beste, die
+sittliche Lebenskraft fehlt dir — das Christentum.«</p>
+
+<p>»Großmama, ich kann doch nichts dafür, daß es mich kalt läßt und mir
+nichts gibt!«</p>
+
+<p>Frau von Kambach sah ihren Enkel traurig an.</p>
+
+<p>»Als ob du dir jemals die Mühe gegeben hättest, dich eingehender damit
+zu beschäftigen, Harro! Es heißt: ›Wer da anklopft, dem wird aufgetan!‹
+— Was gibt dir denn die Kunst? Würde die Musik dich trösten, wenn du
+alles, was dir lieb ist, verlörst? Denn so weit bist du doch noch nicht
+wie jene Tänzerin, die am Sarge Richard Wagners einen Kranz mit der
+Inschrift niederlegte: ›Lebe wohl, du Gott!‹«</p>
+
+<p>»Nein, so weit bin ich noch nicht!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p>
+
+<p>»Noch nicht, Harro, aber du steuerst mit vollen Segeln auf die
+Vergottung des Künstlertums los!«</p>
+
+<p>»Wenn Sibylle ihre Stradivariusgeige spielt, fällt mir allerdings
+jedesmal der Ausspruch Novalis' ein: ›Der Künstler ist durchaus
+transzendental.‹ Und Novalis war doch gewiß ein frommer Mann.«</p>
+
+<p>»Das streite ich nicht ab. Aber er war von starker mystischer
+Veranlagung. Außerdem kann das Wort auch so gedeutet werden, daß jedes
+Künstlertum transzendentale Züge, d. h. Züge der göttlichen Gabe,
+trägt.«</p>
+
+<p>Er zuckte die Achseln. »Ich glaube, daß es anders gemeint ist!«</p>
+
+<p>»Dann beglücke nur nicht Sibylle mit deiner Weisheit, sie faßt ihre
+Kunst ganz anders auf und würde wahrscheinlich wenig erbaut von deiner
+Ansicht sein.«</p>
+
+<p>»Sibylle liebt mich,« entgegnete er stolz.</p>
+
+<p>»Mag sein, aber sie hat einen sehr bestimmten christlichen Standpunkt.
+Wenn du sie aufs Gewissen fragst, wird sie dir dasselbe sagen wie ich,
+nämlich, daß der Gottesleugner nur ein Gegner des Gottesgnadentums
+sein kann. Denn wenn sich seine Praxis nicht mit der antichristlichen
+und antimonarchischen Theorie deckt, so ist er eben kein waschechter
+Anarchist und Atheist. Und das glaube ich im Grunde von den meisten,
+auch von dir! Du bist im Grunde gar kein Atheist, mein lieber Junge,
+laß dir das von deiner alten Großmutter sagen!«</p>
+
+<p>Jetzt erwachte der junge Stolz.</p>
+
+<p>»Aber Großmama, ich bin doch kein Kind mehr, ich muß doch wissen, was
+ich will.«</p>
+
+<p>»Nein, Harro, du weißt es eben nicht, und es gibt ältere und
+erfahrenere Leute wie du, die nicht wissen, was sie wollen. Es ist
+einfach eine Torheit, nicht an einen persönlichen Gott zu glauben
+und dann seinen Unglauben wissenschaftlich begründen<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> zu wollen.
+Wahrhaftige Wissenschaft lehnt den Glauben nicht ab. Ihr aber lest
+die Bibel gar nicht und behauptet dann, sie sei nicht mehr zeitgemäß,
+dagegen glaubt ihr unbesehen die tollste sogenannte wissenschaftliche
+Hypothese!«</p>
+
+<p>In dem hübschen jungen Gesicht zuckte Wettergeleucht. Es war wirklich
+nicht so ganz einfach mit der Großmutter. Und durch Harros frauenhaft
+eitlen Sinn flog der Gedanke: es spricht doch sehr für dich, daß du
+dich wie ein Schuljunge abkanzeln läßt und trotz alledem immer wieder
+kommst. Ein anständiger Charakter und eine gute Kinderstube sind doch
+unbezahlbar. Und die Kambachsche Freiherrnkrone schimmerte im Goldglanz.</p>
+
+<p>»Du mußt doch bedenken, Großmamachen, daß die Zeiten sich geändert
+haben,« sagte er. »Nicht nur die Bibel paßt nicht mehr in unsere
+Zeit, auch unsere ganzen sozialen kirchlichen und gesellschaftlichen
+Verhältnisse haben gewechselt. Das zähe Festhalten altadliger
+konservativer Häuser an Überlieferung und Sitte ist ja sehr schön, aber
+es kommt mir immer so vor wie eine Ruine, welche die verschlungenen
+Gewinde tausendjährigen Efeus zusammenhalten, bis ein Sturm das
+Ganze niederreißt. Und schließlich wirkt solche überlieferte Treue
+tragikomisch! So ist's auch mit dem Christentum, — mein Gott, man
+sieht das doch alle Tage!«</p>
+
+<p>»Harro!« — Ein tiefer Schmerz durchzitterte die alte Stimme. »Das sagt
+ein Kambach, ein preußischer Edelmann, ein Mann, dessen Vorfahren Gut
+und Blut für Altar und Thron geopfert, das — das sagt mein Enkel?« Die
+Tränen stiegen ihr in die Augen, ihre Stimme brach. Sie stand auf und
+trat ans Fenster. »Das — das ist zuviel!«</p>
+
+<p>Eine flammende Röte war in die Stirn des jungen Offiziers gestiegen.
+Tränen im Auge der Großmutter konnte er nicht ertragen. Mochte sie
+bisweilen schroff und hart, mochte sie<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> altmodisch und einseitig in
+ihrem Urteil sein, sie war die Großmutter, die Frau, die ihm wie
+so oft schon die Mutter ersetzt, deren ehrwürdige geliebte Gestalt
+eine scheidende Generation vertrat, die — man mochte sagen, was man
+wollte — größer, stärker, opferwilliger war, als das Geschlecht von
+heute. Daß die Greisin den einzelnen für die Gebrechen der Gegenwart
+verantwortlich machte, war eine berechtigte Schwäche des Alters,
+welches bekanntlich immer nur die gute alte Zeit gelten ließ. Das
+durfte man ihr nicht verübeln.</p>
+
+<p>Er sprang auf und trat an ihre Seite.</p>
+
+<p>»Großmama,« rief er, die schmalen Hände an die Lippen ziehend, »verzeih
+mir, du weißt doch, daß es nicht schlimm gemeint ist! Ich bin doch kein
+Umstürzler; aber Zeiten und Menschen wechseln, und wir müssen uns ihnen
+anpassen — es geht nun einmal nicht anders, wir kommen sonst nicht
+vorwärts im Leben, man geht an uns vorbei zur Tagesordnung über —
+bitte, versteh mich doch, Großmamachen! Du weißt doch, daß ich so nicht
+nach Drachenburg zurückkehren kann!«</p>
+
+<p>Er streichelte ihre Hände. Er bettelte und flehte, wie einst das schöne
+goldlockige Kind: »Sei wieder gut, Großmamachen!«</p>
+
+<p>Exzellenz von Kambach wandte dem Enkel das Antlitz zu. Aus den nassen
+Augen leuchtete die warme Mutterliebe ihres großen Herzens, — um die
+Lippen aber lag noch der feste Zug unbeugsamen Willens und unentwegter
+Rechtlichkeit. Der strahlende Stolz der deutschen Edelfrau wachte über
+märkischer Ehre, über der Treue zu Altar und Thron.</p>
+
+<p>Und der junge Sproß des alten edlen Geschlechts verstand in den
+ehrwürdigen Zügen zu lesen und — schwieg.</p>
+
+<p>Dann hörte er ihre Stimme. Es wirkte beruhigend auf ihn, daß sie
+wieder redete. Denn wenn Großmutter Kambach schwieg, standen die
+Dinge schlimm. Solange sie aber noch<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> sprach, war Hoffnung auf einen
+erträglichen Ausgang der Sache vorhanden.</p>
+
+<p>»Ich will dir verzeihen,« sagte sie, und noch zitterte der Schmerz in
+ihren Worten nach, »aber eins merke dir: das Wort tragikomisch darf
+ein Edelmann in bezug auf Überlieferung und Sitte, vor allem aber in
+bezug auf das Christentum nicht in den Mund nehmen, Harro! Wer das
+tut, ist kein rechter Edelmann. Denn so eng der monarchische Gedanke
+mit dem Adel verknüpft ist, so eng sind beide mit dem Gottesgnadentum
+verbunden. Wer diese alte Wahrheit ablehnt, ist darum auch kein echter
+Vaterlandsfreund. Denn nicht das erlauchte Blut ist's, nicht Macht und
+Krone sind's, die dem Königtum seine unantastbare Würde verleihen,
+sondern das Prädikat: von Gottes Gnaden. Es ist darum ganz berechtigt,
+wenn man das Gottesgnadentum den Lebensnerv des Königtums nennt, und
+ebenso berechtigt, wenn man das Christentum als Träger und Grundstein
+des monarchischen Gedankens fordert. Denn wo soll die Achtung vor einer
+göttlichen Einrichtung herkommen, wenn man nicht an Gott und Ewigkeit
+glaubt?« Sie seufzte. »Es ist bezeichnend für unsere Zeit, daß sie auf
+dem Gebiet der Jugendpflege die Religion fast durchweg ausschaltet. Als
+ob Sport und Spiel den Menschen zur Persönlichkeit reiften!«</p>
+
+<p>»Sie sind aber sehr nötig, Großmama, und halten junge Leute, zumal
+Schüler, von manchen Dummheiten ab.«</p>
+
+<p>Sie schritt an ihrem Krückstock auf den verlassenen Platz zu und setzte
+sich wieder.</p>
+
+<p>»Gewiß, Harro. Ich kann das Wort ›Ertüchtigung‹ allerdings nicht
+leiden, aber ich beglückwünsche es trotzdem, daß mehr Gewicht auf
+diese Seite der Jugenderziehung gelegt wird wie früher. Nur darf man
+sich, wenn man die Hauptsache ausschaltet, nicht über einen halben
+Erfolg wundern. Denn Persönlichkeiten erzieht der Geist Gottes. Darum
+wird das<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Geschlecht, das wir auf diese Art großziehen, trotz seiner
+körperlichen ›Ertüchtigung‹ kein Heldengeschlecht werden. Denn ein Leib
+ohne Geist ist nun einmal tot.«</p>
+
+<p>Harro Kambach sah nachdenklich vor sich nieder. Ein Wort Kurt Breysigs
+zog ihm durch den Sinn: ›Persönlichkeit ist Kraft, Persönlichkeit ist
+Adel, Persönlichkeit ist Zucht!‹ Sollte sich dasselbe nicht ohne die
+Grundlagen des Christentums in die Tat umsetzen lassen? Anderenfalls
+hätte Breysig hinzufügen müssen: Adel ist Gottesgnadentum. Der Adel
+des Blutes wäre damit freilich hinfällig gewesen, — allein der Adel
+des Schaffens und der Gesinnung wäre in Betracht gekommen. Dann hätte
+allerdings das, was die Großmutter behauptete, zu Recht bestanden:
+entartete dieser von Gottesbewußtsein belebte und Gottes Kraft
+gestählte Adel, so war eine Zersetzung von oben nach unten angebahnt.
+Aber das war eben Ansichtssache — nichts weiter. Es kam alles auf die
+Auffassung des Weltgeschehens an.</p>
+
+<p>Er sagte es ihr.</p>
+
+<p>»Warum soll ich nicht stark und frei sein ohne Gott, warum soll ich
+nicht freiwillig Selbstzucht üben können, Großmama?«</p>
+
+<p>»Es mag sein, daß es einem Starken eine Zeitlang gelingt,« entgegnete
+sie ernst, — »aber« — sie sah ihn fragend an — »ob du so stark
+bist, Harro? — Außerdem müssen wir mit dem Durchschnitt rechnen und
+bedenken, was für Stürmen und Nöten ein Menschenherz oft ausgesetzt
+ist. Du bist noch jung! Stelle dir einmal die Zeit ohne Ewigkeit vor,
+ohne einen Schimmer von Hoffnung auf das Zukünftige und dich selbst in
+verzweifelter Lage — glaubst du, daß dein Persönlichkeitsbewußtsein
+dadurch gefestigt werden würde?«</p>
+
+<p>Er schwieg.</p>
+
+<p>Da fuhr sie fort: »Genau so ist's im Blick auf das große<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Ganze. Ein
+ewigkeitsloses Geschlecht ist dem Verfall ausgeliefert. Es lebt ja
+nur für diese Zeit!« Sie nahm ein Buch von einem neben ihr stehenden
+Tischchen und blätterte darin. Es währte ein Weilchen, bis die alten
+Augen fanden, was sie suchten.</p>
+
+<p>Und dann las sie.</p>
+
+<p>»Was ist die Zeit ohne Ewigkeit, ohne den göttlichen Heilsgedanken, der
+das Irdische in den Glanz des Himmels rückt? Was sind Vaterland und
+Volksseele, die Einzelgestalt, die du liebst und ehrst? Was bist du
+selber mit dem heißen Leben deiner Sinne, der Sehnsucht deines Herzens?
+Eine Eintagsfliege, die morgen vermodert! Fasse es bis ins letzte,
+schwerste, und dann sage mir, ob du angesichts der entsetzlichen Leere,
+die dich erfüllt, der unsäglich tiefen grausen Hoffnungslosigkeit,
+noch den Wagemut hast, die Tollkühnheit, nicht nur zum handelnden oder
+geistigen Schaffen, sondern zum Kampf, zum Opfer deines Herzblutes,
+um — ja, worum? Sind's nicht Erde und Asche, um die du streitest?
+Ist's aber eines freien deutschen Mannes würdig, das Leben für sie
+einzusetzen? Vaterlandsliebe und Mannentreue, die Arbeit, wie sie auch
+heiße, die Liebe, welche Züge sie auch trage, der Ehe geheiligte Last
+und Lust, Mutterglück mit seinen Schmerzen und Wonnen, — was wären sie
+alle? Ein Nichts, ein Wolkenschatten auf der Heide, das krause Spiel
+eines pantheistischen Gedankens, einer Laune des Tages? Und hinter dem
+allem — Tausenden vielleicht ein weltenferner, kaum gedachter Gedanke
+— der Zweifel, die leise, immer dringender werdende Frage: wenn's
+anders wäre? Sie läßt dich nicht los, sie zermürbt dir die Sinne, sie
+hetzt dich hierhin und dorthin. Denn hinter dieser großen Frage, welche
+der moderne Mensch immer wieder auszuschalten sucht, steht unabweisbar
+die Schuld. Bis in die Ewigkeit reicht sie. Und die Ewigkeit gibt
+der Zeit Antwort.<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> Jenes erkenntnistheoretisch Unerklärliche,
+Unbestimmbare, jene wunderbare Stimme, die lauter als alle anderen
+Stimmen redet, bezeugt dem Menschen unausgesetzt seine Schuld. Das ist
+das Gewissen. Die ewige Lampe der Seele hat es einer geheißen.«</p>
+
+<p>Schweigend legte sie das Buch auf den Tisch.</p>
+
+<p>Der Enkel stand am Fenster und schaute kopfschüttelnd hinaus.</p>
+
+<p>»Großmama, da kann ich nicht mit. Warum soll ich meine Persönlichkeit
+nicht für die Kleinodien einer begrenzten Zeit einsetzen, wenn sie
+meines Volkes Geschichte umschließt? Warum soll ich es bedauern, daß
+große Tage ihren Abschluß finden? Im Gegenteil! Gerade der Verzicht auf
+die Unsterblichkeit läßt uns das einmalige Geschenk des Lebens, das
+keine Aufhöhung erwarten läßt, höher werten, ja ich möchte sagen, es
+läßt es uns großzügiger, geschlossener, leidenschaftlicher auffassen,
+als wenn wir mit einer neuen verbesserten Auflage rechnen sollten. Das
+Ewige im Sinne der Bibel ist dem modernen Menschen zu unwirklich, er
+findet weder sein Glück noch seine Zukunft darin!«</p>
+
+<p>»So!? Ist etwa das Glück, das ihr sucht, ein wirkliches? Ist's nicht
+vielmehr ein Rausch? Was bleibt euch von Genuß und Überfluß, von
+Liebelei und Mode, von Sinnenlust und Spiel, von Rennen und Kabarett
+und Austernfrühstück, — was trägt euch der Besuch in einem Hause ein,
+das ihr in Uniform nicht betreten dürft? Es gibt eine Wirklichkeit,
+Harro, vor der mir graut!« Die blauen Augen flammten.</p>
+
+<p>Der Enkel senkte den Blick. »Großmama, das gehört nun einmal zum Leben,
+man darf es nur nicht übertreiben und muß vor allem ein anständiger
+Mensch bleiben!«</p>
+
+<p>»So!? Du traust dir recht viel zu, mein Junge! Ich frage mich nur,
+woher du diese übermenschliche Seelenkraft nimmst.<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> Was heißt das: ein
+anständiger Mensch bleiben? Willst du damit sagen, daß du dich bisher
+von groben Sünden rein gehalten, daß du noch nicht in unerlaubten
+Beziehungen zu einer Frau gestanden, daß du noch nicht gespielt hast?
+Mein Ehrbegriff ist ein anderer. Nicht, daß ich die ganze Welt mit
+dem Maß messe, das ich an meine Person lege, es wäre ungerecht und
+kurzsichtig, aber an meine Familie muß ich es legen,« sie hob das weiße
+Haupt stolz empor, »meine Kinder und Enkel dürfen nicht vergessen,
+daß sie den Namen Kambach tragen! Du aber bist auf dem besten Wege,
+dein Blut zu verleugnen, Harro. Ich habe in letzter Zeit verschiedenes
+über dich gehört, — keine schwerwiegenden Tatsachen, sondern kleine
+Züge, die aber für deine ganze Persönlichkeit, für deine Stellung
+im Regiment bezeichnend sind. Einer Frau würde man in Frankreich in
+solchem Falle mit der Bemerkung ›<span class="antiqua">un peu déclassée</span>‹ das Urteil
+sprechen. Die Stellung des Mannes ist eine andere, — ich möchte noch
+kaum von Grenzüberschreitung reden, — und doch, für den Edelmann muß
+es bis ins kleinste gelten: mein Erstes und mein Letztes ist die Ehre!
+— Wie ich höre, zieht man sich von dir zurück — etwas Bedenklicheres
+kann man von einem preußischen Offizier nicht sagen, es sei denn, daß
+er als der einzige wahrhaft vornehme Mann in einem heruntergekommenen
+Regiment seine Stellung behaupte. Aber so stehen die Dinge nicht. Das
+Drachenburger Ulanenregiment vertritt die Elite. Es ist ein schlechtes
+Zeichen für einen jungen Offizier, wenn sich Männer wie Jobst Dachow,
+wie die Malwitze und Seelows von ihm zurückziehen.«</p>
+
+<p>»Das war wegen vorübergehender Meinungsverschiedenheiten, Großmama,«
+sagte Harro mit zerdrückter Stimme, »es ist alles wieder in Ordnung.«</p>
+
+<p>»Mein lieber Junge, ich bin genau so weit unterrichtet, wie<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> dein
+Vater, der dir eben schon, wie ich annehme, mit echt Kambachscher
+Gründlichkeit den Standpunkt klargemacht hat. Ich will daher die Sache
+selbst nicht weiter berühren. Hättest du mich nicht um meine Fürsprache
+gebeten, so hätte ich überhaupt geschwiegen, aber diese deine Bitte
+fordert reinen Tisch. Ich muß daher nochmals auf den ›anständigen
+Menschen‹ zurückkommen. Du faßt diesen Begriff immer noch viel zu
+eng, und das liegt an deiner Stellung zum Christentum. Das, was ich
+dir eben vorlas, zeichnet klar und deutlich die heutige entgottete
+Weltanschauung — einerlei wie sie heißt. Wir brauchen auf keine
+Einzelheiten einzugehen. Aber darüber müssen wir uns klar sein, daß
+der Mensch, der keinen Gott und keine Ewigkeit hat, mit vollem Recht
+in den Tag hineinleben kann, weil Pflicht und Verantwortlichkeit nicht
+für ihn vorhanden sind. Damit aber fällt die Sittlichkeit fort. Rede
+mir nicht darein, — sie fällt fort. Vom schwersten dunkelsten Fall
+der Schande bis zur kaum angedeuteten Grenzüberschreitung fällt die
+Sittlichkeit fort. Wir entarten ohne den lebendigen Gott, wir verfaulen
+bei lebendigem Leibe. Das sind eiserne Worte, namenlos schwere
+Anklagen, aber sie sind berechtigt. Denn es geht ein Gespenst durch
+unser Vaterland: der deutsche Verfall!«</p>
+
+<p>Exzellenz von Kambach hielt inne. Ihre Augen blickten an ihm vorüber
+in den herbstlichen Park hinaus, in die strahlende Ferne, als wollte
+sie alle, die ihres Volkes waren, ob sie in den Hütten des Heidelandes
+wohnten oder in den Schlössern der Mark, warnen, beschwören: ›Kehrt
+um, noch ist's Zeit!‹ Es lag etwas Prophetisches in diesem Blick,
+etwas Weitschauendes, aber unsäglich Trauriges. Etwas, das von der
+Einsamkeit der letzten Edelgeborenen redete, von dem Herzleid der
+letzten Deutschen, die sich zum Kreuz bekennen, von dem Schmerz der
+Heimatliebe, die sterbend um ihr Vaterland<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> trauert. Und doch war dies
+Leid untrennbar von dem eisernen Willen, von dem flammenden Stolz, von
+der unbesiegbaren Kraft dieser Frau. Beugen würde sich dieser Stolz
+nur vor einem Höheren, — vor dem Haß der Welt, vor der Gemeinheit nie
+— eher würde er unter dem Schwerte der Revolution verbluten. Harro
+Kambach kannte diesen Stolz und bewunderte ihn. Heimlich gestand er
+sich: ›Du besitzt ihn nicht!‹ Und der Gedanke stieg ihm auf: ›Wie
+kommt eine Frau zu solch starker freier wunderbarer Heimatliebe,
+woher wird ihr die Kraft, bis ins hohe Alter, so still und selbstlos
+an einem Werke zu bauen, das sie nach ihren eigenen Aussagen nur als
+ein verlorenes ansehen kann?‹ Bedeutete nicht jede Kulturarbeit für
+sie einen hoffnungslosen Einsatz edler Kräfte? Gewiß, aber nur die
+Kulturarbeit im Lichte moderner Weltanschauung — jede von christlichem
+Geiste beherrschte Arbeit aber faßte sie anders auf! Und doch — auf
+der ganzen Linie widersprach das biblische Christentum, das sie so
+stark betonte, der Wirklichkeit. Oder nicht? Ein leiser, leiser Zweifel
+erwachte in der Seele des Mannes, ob das, was gerade in den höchsten
+Kreisen vielfach für rückständig galt, wirklich rückständig sei. Die
+wenigen seiner Regimentskameraden, die sich das schlichte Christentum
+ihres Elternhauses bewahrt hatten, waren allgemein beliebt und
+geachtet. Sie waren durchaus keine Mucker, aber ihr Leben spielte sich
+in ganz bestimmten Grenzen ab. Harro glaubte, eine solche Unfreiheit
+nicht ertragen zu können, aber hochhalten und bewundern mußte er diese
+Persönlichkeiten aus einem Guß.</p>
+
+<p>Und wieder klang die Stimme, die er so liebte, an sein Ohr:</p>
+
+<p>»Wenn ihr nur hören wolltet! Den Glauben kann man niemand einreden,
+durch Menschenworte findet man nicht seinen Gott — aber das solltet
+ihr offenen Auges erkennen, daß wir einen schweren völkischen
+Niedergang zu verzeichnen<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> haben, daß eine furchtbare Zersetzung durch
+alle Kreise geht. Doch anstatt Hand anzulegen und die entsetzliche Flut
+einzudämmen, geht man mit bösem Beispiel voran. ›Genußsucht, Spiel,
+Frauen‹ — der tausendjährige Totenspruch der Völker gilt auch uns. Ein
+wahrhaft christliches Volk wird diesen dreien immer die Tür weisen —
+das besagt alles. Aber die Zucht des Christentums paßt uns nicht, denn
+unser ganzes Wesen ist selbstsüchtig. Darum vergessen wir immer wieder,
+daß wir Glieder einer großen Kette sind, daß jeder einzelne seinen Teil
+an der vaterländischen Gesamtpflicht zu erfüllen hat und die Übernahme
+dieser Pflicht den ganzen Menschen, Leib und Seele fordert. Es ist
+eine Hauptaufgabe des deutschen Adels, eine germanische Rassenauslese
+darzustellen. Damit ist nicht nur vor der Verjudung des Adels, sondern
+vor sozialer kultureller und politischer Verschwommenheit, mit einem
+Worte, vor dem weibischen Geiste des zwanzigsten Jahrhunderts gewarnt.
+Wir haben keine Männer mehr, das ist Deutschlands Unglück!«</p>
+
+<p>Ein zweites Mal klang die zornige Anklage an Harros Ohr. Das Blut stieg
+ihm in die Stirn.</p>
+
+<p>»Großmama, das ist zu viel! Das darf sich ein preußischer Offizier
+nicht sagen lassen. Verzeih, — aber —«</p>
+
+<p>Frau von Kambach sah ihn fest an. »Ich bin die erste, die Gott auf
+den Knien danken würde, wenn mein Enkel sich solche Worte nicht sagen
+zu lassen brauchte,« erwiderte sie, jedes Wort betonend, mit bebender
+Stimme. »Du kamst zu mir als ein Bittender. Über deine Liebe soll ich
+die Hände breiten. Einem Mädchen gegenüber, das — ich sage es mit
+Schmerz — viel, viel zu gut für dich ist, soll ich deine Fürsprecherin
+sein, aber die Wahrheit kannst du nicht ertragen!«</p>
+
+<p>Die Erregung übermannte sie. Schwer atmend erhob sie sich und trat auf
+ihn zu. Das edle Haupt im Witwenschleier<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> stolz zurückgeworfen, stand
+sie da, und doch wußte er, daß ihre Seele blutete.</p>
+
+<p>Wieder kam das Weiche, Edle in ihm zum Durchbruch. Wieder sagte er
+sich: vergiß nicht, daß zwei Generationen miteinander ringen, daß dem
+Alten vor dem Neuen in jeder Form graut, daß es, das Beste wollend,
+irregeht, — und ertrage die strenge, aber treu gemeinte Art der Frau,
+die mit mütterlicher Liebe deine Jugend behütete!</p>
+
+<p>»Großmama,« bat er, »versteh' mich, ich bitte dich, und verzeih' mir!«</p>
+
+<p>Sie sah ihn voll an.</p>
+
+<p>Auf dem abgeklärten Gesicht lag stille Trauer. Sie kannte ihn und
+wußte, daß ein weiches Gemüt und treue Anhänglichkeit ihn zu ihr
+zurückführten, daß aber ihre Worte in den Wind gesprochen waren. Es war
+ja die Verzweiflung ihres Sohnes, daß diese liebenswürdige, die Herzen
+im Sturm erobernde Art niemals hielt, was sie versprach.</p>
+
+<p>Und sie machte sich hart.</p>
+
+<p>»Du hast ja schon heute abend meine Worte vergessen! Ich kenne dich!«</p>
+
+<p>Aber er bat weiter. »Großmutter, du hast sehr hart zu mir gesprochen,
+aber ich will versuchen, dich zu verstehen und deine Wünsche zu
+beherzigen. Nur eins bitte ich dich, verlang' nicht zuviel von mir! In
+einem Regiment geht es anders zu als in einem ländlichen Gutshause.«</p>
+
+<p>»Das habe ich nie bestritten. Hier wie dort sind Gefahren. Hier wie
+dort soll man ihnen aus dem Wege gehen, aber,« — sie zögerte einen
+Augenblick, — »das tust du nicht!«</p>
+
+<p>»Das tue ich doch, Großmama!«</p>
+
+<p>»Harro!«</p>
+
+<p>Er blickte sie an. »Kein Mensch kann mir etwas nachsagen.«</p>
+
+<p>Sie zuckte die Achseln. »Eins wird dir mancher nachsagen<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> können, daß
+du den alten kategorischen Imperativ: ›Du sollst! Du mußt!‹ nicht mehr
+kennst! Er bildet die erste Vorbedingung für den anständigen Menschen.
+Äußerer Disziplin mußt du dich freilich fügen, aber innere Zucht,
+Selbstzucht kennst du nicht, wie alle, die ihren Gott und Heiland
+verloren haben.«</p>
+
+<p>Er antwortete nicht.</p>
+
+<p>Totenstille herrschte.</p>
+
+<p>Da klang's durch den Park mit jauchzender Sehnsucht und tiefer
+Leidenschaft: Geigentöne.</p>
+
+<p>»Die kennt Disziplin, und ihre Liebe muß diese Tat innerer
+Selbstverleugnung fordern, sonst ist sie nicht echt,« sagte
+hinüberlauschend die alte Frau.</p>
+
+<p>»Großmama, vergib! Mehr will ich heute nicht! Ich will nichts
+versprechen, was ich nicht halten kann; ich bitte dich nur: breit' die
+Hände über mein Glück!«</p>
+
+<p>Sie zauderte noch immer.</p>
+
+<p>Da fuhr er fort: »Das eine kann und darf ich dir versprechen: soviel an
+mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer Sibylle Bühler würdig
+ist! Das schwör' ich dir!«</p>
+
+<p>Er sah sie fest an.</p>
+
+<p>Eine Sekunde lang war's ihr, als blicke sie in die treuen blauen
+Kambachaugen des Sohnes.</p>
+
+<p>Enttäuschung und Zweifel zurückdrängend, hob sie die Hand. Ehrerbietig
+neigte er das Haupt, und die zitternde Rechte der Greisin ruhte einen
+Augenblick segnend darauf.</p>
+
+<p>»Gott helfe dir!« sagte sie leise.</p>
+
+<p>Dann nahm er Abschied.</p>
+
+<p>Noch einmal küßte er ihre Hände: »Ich danke dir, Großmama!«</p>
+
+<p>Da umschlang sie ihn in aufwallender Liebe und küßte ihn.</p>
+
+<p>Tief und fest sah sie ihm in die Augen: »Auch für das, was ein
+preußischer Offizier nicht mit anhören darf?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p>
+
+<p>Er erwiderte ihren Blick klar und ernst: »Auch für das, Großmama!«</p>
+
+<p>Dann ging er.</p>
+
+<p>Auf den Dielen verklang sein leichter Schritt.</p>
+
+<p>Sie aber trat zum Schreibtisch und nahm ein Kinderbildchen im goldenen
+Rahmen in die zitternden Hände. Lange, lange, betrachtete sie es. »Ganz
+wie Ilse!« sagte sie leise vor sich hin. »Ein liebevolles Gemüt, weich
+wie Wachs, kein Charakter! Nur Eberhard ist ein rechter Kambach!«</p>
+
+<p>Sie stellte das Bild an seinen Platz. Die Hände über den Knien
+gefaltet, blickte sie ins Land hinaus. »Ob ich's noch erleben werde?
+Franz Schenker hat Mut, eine Fünfundsiebzigjährige vor die Aufgabe zu
+stellen, die junge volle Kräfte fordert.«</p>
+
+<p>Es klopfte. Ein Diener trat ein. »Herr Oberleutnant von Roselius!«</p>
+
+<p>»Ich lasse bitten!«</p>
+
+<p>Sie ging dem jungen Ulanenoffizier entgegen der sich ehrerbietig über
+ihre Hand beugte.</p>
+
+<p>Man setzte sich.</p>
+
+<p>»Gestatten Ew. Exzellenz, daß ich mich ganz gehorsamst empfehle,«
+sagte er, ihrem Anerbieten, abzulegen, Folge leistend. »Darf ich
+zugleich meinen verbindlichsten Dank für alle widerfahrene Güte und
+Freundlichkeit aussprechen?«</p>
+
+<p>Die alte Dame blickte wohlgefällig in das offene männliche Gesicht.
+»Dafür, daß Sie mir zweimal die Freude machten, ein Stündchen bei mir
+zu verbringen, sollten Sie mir nicht danken, Herr von Roselius!« sagte
+sie herzlich. »Sie wissen, daß ich mich immer auf das Wiedersehen mit
+Ihnen freue. Hoffentlich sehe ich Sie diesen Winter, wenn Sie zu den
+Bällen kommen, öfter bei mir in der Dorotheenstraße!«</p>
+
+<p>Er verbeugte sich. »Danke gehorsamst, Exzellenz. Es<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> ist eine große
+Ehre und Freude für mich, kommen zu dürfen!«</p>
+
+<p>Sie nickte ihm zu. Seine schlichte bescheidene, überaus feine Art hatte
+es ihr längst angetan.</p>
+
+<p>»Sie fahren mit Harro?« fragte sie. »Ich habe noch eine herzliche Bitte
+an Sie! Haben Sie ein Auge auf ihn! Ich weiß, er hält große Stücke auf
+Sie, und wenn ein Mensch ihn zu beeinflussen vermag, so sind Sie es. Es
+fehlt ihm jenes tiefinnerliche, edelmännische Pflichtgefühl, ohne das
+wahre Heimatliebe nicht lebensfähig ist.«</p>
+
+<p>»Gewiß, Exzellenz. Ich habe bis in die Nächte hinein mit ihm über
+diesen Punkt gestritten. Der gute Wille ist vorhanden, aber die
+Grundlage echt vaterländischer Gesinnung fehlt, das Christentum. Das
+künstlerische Ersatzmittel, das er sich erwählt, wird ihn nicht zum
+Manne reifen, — noch niemals hat ein Wagnerrausch Persönlichkeiten
+gezeitigt. Harros häufige Bayreuthfahrten gefallen mir deshalb nicht.«</p>
+
+<p>»Mir auch nicht. Aber noch weniger gefallen mir die Gerüchte, die über
+ihn umlaufen. Graf Brelow hat neulich mit mir darüber gesprochen,
+wußte aber nichts Bestimmtes, nur, daß einige Herren sich von Harro
+zurückziehen. Aber das muß doch einen bestimmten Grund haben. Bitte,
+schenken Sie mir reinen Wein ein! Er steht doch nicht etwa in einem
+unerlaubten Verhältnis zu einer Frau?«</p>
+
+<p>»Nein,« entgegnete Roselius entschieden, »es ist mir wenigstens nichts
+davon bekannt.«</p>
+
+<p>Frau von Kambach blickte ihr Gegenüber fest an. »Spiel?« fragte sie
+leise.</p>
+
+<p>Er sah einen Moment vor sich nieder, dann richtete er den ehrlichen
+Blick voll auf die alte Dame. »Exzellenz, das ist eine sehr, sehr
+schwere Frage. Stellte sie ein anderer an mich, ich würde mit einem
+runden Nein antworten. Denn solange ich<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> nicht mit meiner Person für
+eine Tatsache eintreten kann, ist der Wahlspruch meines Vaters auch der
+meine:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Es gibt im Heiligtum der Ehre</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Allerheiligstes, — des andren Ehre!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Zu meinem tiefsten Schmerz muß ich Ew. Exzellenz als Harros Großmutter
+eine andere Antwort geben. Von einem Freunde weiß ich, daß er in
+Drachenburg und Berlin häufig mit Herren aus anderen Regimentern
+zusammen gesehen worden ist, die in bezug auf Spiel und Damenverkehr
+keinen ganz einwandfreien Ruf haben. Der Beweis, daß er selbst — das
+betone ich nochmals — in irgendeiner Weise entgleist ist, hat bisher
+gefehlt. Aber dieser Umgang schadet ihm natürlich.«</p>
+
+<p>Er schwieg. Ein tiefer sittlicher Ernst lag auf den klaren Zügen.</p>
+
+<p>›Fänd' ich einmal in Harros Gesicht solchen Ausdruck,‹ zog es Frau
+Sabine durch den Sinn. »Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir
+sagen, wer du bist,« entgegnete sie und strich seufzend über das weiße
+Haar. —</p>
+
+<p>Es klopfte.</p>
+
+<p>»Herr Baron, der Wagen wartet,« meldete der Diener.</p>
+
+<p>Roselius erhob sich. »Ich verspreche Ew. Exzellenz, die Augen
+offenzuhalten und im übrigen zu tun, was in meinen Kräften steht und
+kameradschaftliche Pflicht mir gebietet!«</p>
+
+<p>»Haben Sie herzlichen Dank!« Sie geleitete ihn zur Tür »Gott befohlen!«</p>
+
+<p>Noch einmal beugte er sich über ihre Hand, und die dunklen Augen
+blickten sie ernst an.</p>
+
+<p>›Noch ernster als sonst!‹ dachte sie, während ihr Blick der vornehmen
+Erscheinung folgte. Sie wußte, was es ihn gekostet, Ilses Hochzeit
+mitzumachen, wußte, daß er noch immer einen<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> heißen Kampf kämpfte!
+Warum konnte es nicht anders kommen? Die Enkelin war ihr ein Rätsel!</p>
+
+<p>Sinnend stand sie am Fenster und sah den Abfahrenden nach. Außer dem
+Hausherrn und Eberhard waren Brelows und die übrigen Gäste auf der
+Freitreppe versammelt. Sibylle stellte wie immer die jungen Mädchen
+der Umgegend in Schatten. Jedenfalls trug sie den Namen, den ihr
+das Drachenburger Ulanenregiment verliehen, mit Recht, und niemand
+mißgönnte ihr ihn. Denn ›Brandenburgs Rose‹ war aller Liebling. — In
+ihrer natürlichen Anmut stand sie an das Gitter gelehnt und blickte
+lächelnd auf das fröhliche Bild. Ein großer Jagdwagen voll junger
+Offiziere stand zur Abfahrt bereit.</p>
+
+<p>Harros Blicke hingen an der schönen Erscheinung. Hinter der hellen
+Gestalt glühte der wilde Wein an der Mauer. Der Wind spielte mit dem
+schwarzen Haar, der duftige Stoff des eleganten Sommerkleides flatterte
+in leichten Volants um den blendenden Hals und die schlanken Arme. Eine
+Rose, die er ihr am Morgen gebracht, blühte an ihrer Brust.</p>
+
+<p>Sie fühlte den heißen Blick des Mannes und senkte befangen die Wimpern.</p>
+
+<p>Aber nicht nur der Kambach hatte Augen für weiblichen Liebreiz.</p>
+
+<p>In dem Augenblick, als die Füchse anzogen, klang's wie auf Kommando in
+den strahlenden Mittag:</p>
+
+<p>»Hoch Brandenburgs Rose!«</p>
+
+<p>Was auf der Treppe stand, stimmte in die fröhliche Huldigung ein.</p>
+
+<p>Sibylle wurde flammend rot, faßte sich aber rasch und wandte sich dem
+kleinen Eberhard, der sie wie eine Heilige verehrte, lachend zu: »Ihr
+meint ja doch nur meine Geige!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p>
+
+<p>Er sah sie mit seinen blauen Kambachaugen ehrlich an: »Aber Billy, dann
+würden wir's doch sagen!«</p>
+
+<p>Alles blickte lächelnd auf Sibyllens ritterlichen kleinen Freund, der
+seiner Angebeteten auf Schritt und Tritt folgte, ihr Blumen brachte und
+den leisesten Wunsch von den Augen las. Dunkelrot stand er da.</p>
+
+<p>Aber Sibylle schlang den Arm um seinen Nacken und sagte: »Du hast ganz
+recht, Eberhard, so gehört sich's — ihr würdet's mir sagen!«</p>
+
+<p>Ein leuchtender Blick dankte ihr.</p>
+
+<p>»Wir gehen nachher noch etwas in die Heide,« flüsterte sie ihm zu. — —</p>
+
+<p>Unter Grüßen und Tücherschwenken fuhren die jungen Söhne der Mark durch
+die roten Ebereschenalleen ihren Garnisonen zu.</p>
+
+<p>Aber die Brautjungfern schlossen einen Kreis um Sibylle und sangen das
+alte Kranzlied.</p>
+
+<p>»Hoch Brandenburgs Rose!« jubelte es von der Dorfstraße herüber, und
+wie eine Antwort zog es in den klaren Herbsttag hinaus: »Wir winden dir
+den Jungfernkranz!«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel"><span class="s5">Sechstes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;Gala.</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Siehst du das Märchen um Mitternacht</div>
+ <div class="verse indent0">In lichter Seide, im Spitzenschleier?</div>
+ <div class="verse indent0">Rosen im Haar, wie ein Maientag</div>
+ <div class="verse indent0">Tritt es herein zu glänzender Feier!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schaut sich im festlichen Raume um,</div>
+ <div class="verse indent0">Rafft den Goldsaum der weißen Schleppe,</div>
+ <div class="verse indent0">Fragt den Heiduck nach dem alten Fritz, —</div>
+ <div class="verse indent0">›Kam er nicht über die Wendeltreppe?‹</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der aber schüttelt den weißen Kopf,</div>
+ <div class="verse indent0">Weiset zum Reiterstandbild hinüber, —</div>
+ <div class="verse indent0">›Vielleicht erwacht er um Mitternacht, —</div>
+ <div class="verse indent0">Vielleicht auch nicht, — die Zeit ist vorüber!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>In Berlin schneite es. Weihnachten hatten graue Schleier die Straßen
+verhüllt, — endlich, um Mitte Januar war's Winter geworden.
+Frostklarer weißer schimmernder Winter! Und er kleidete die Kaiserstadt
+gut. Denn Berlin bei Nebel, Berlin bei schlechtem Wetter war
+fürchterlich! Zumal in den Tagen der Hoffeste, wo das Land sich in der
+Reichshauptstadt traf. Es hatte einmal einer gesagt, zum Galaball mit
+seinem anmutigen Abendbilde gehörten verschneite Portale und weiße
+Gitter. Denn die Straße feiere mit. Eine Wahrheit steckte darin, aber
+eine feine aristokratische aus der Zeit Friedrichs des Großen. Ob das
+zwanzigste Jahrhundert sie verstehen würde, war eine andere Frage.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p>
+
+<p>Jedenfalls aber war dieser Wunsch heute voll und ganz erfüllt worden.
+Eine feenhafte Winternacht stieg über der Mark auf. In glitzernder
+Frostkrone, den weißen Pelz um die Schultern geschlagen, betrat eine
+Königin die stolze Heimstätte der Zollern und grüßte den Kaiser. Seinem
+Fest verlieh sie ihren Glanz, seinem Hause wob sie jenes märchenhafte
+weiße Gewand — das Wunder des Winters. — — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Karossen fahren an. Automobile. Taghell liegt das Schloßportal im
+Glanz elektrischen Lichtes. Um jede Gestalt der helle Schimmer der
+Frostnacht. Wie glitzernder Rauhreif blinkt's in Schleiern und
+Diademen, in seidenem Frauenhaar. Aber die Pelze verhüllten die
+Hofkleider, die goldgestickten Fracks und Uniformen. Nur die Helme
+funkeln mit den Brillanten um die Wette.</p>
+
+<p>Und dann fallen die Hüllen. In glänzendem Zuge bewegt sich die Schar
+erlauchter und edler Gäste die Marmortreppe hinan.</p>
+
+<p>Oben das Aufstrahlen neuen Lichts, neuen Glanzes. Gold- und
+Silbergefunkel, leuchtende Epauletts, blitzende Orden, Brokat,
+rosendurchwirkte Schleier, Smaragdkolliers, Brillanten — Gala.
+Getragen von jener Feierstille, dem Vorspiel königlicher Feste, jenem
+feinen Zeremoniell souveräner Höfe. Endlich halblaute Unterhaltung.
+Leise ausgetauschte Verbindlichkeiten.</p>
+
+<p>Der Saal füllt sich. Immer interessanter und stimmungsvoller gestaltet
+sich das Bild, immer internationaler. Das Ausland sendet seine
+Botschafter, seine Frauentype. Eigenart im weitesten völkischen
+Sinne. Überall tauchen die fremden Gestalten auf, als gälte es,
+ihre Art mit deutschem Blute zu mischen. Hohe Offiziere stehen in
+Gruppen, Diplomaten, Attachés, Kammerherren. Dazwischen immer wieder
+Frauenschönheit.<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> Botschafterinnen mit Brillantreifen im Haar,
+Landedelfrauen, Offiziersdamen, junge Mädchen, frisch, gesund, ein
+Strauß blühender Rosen. Drüben unterhält sich der Reichskanzler mit der
+Gemahlin des russischen Botschafters. Dicht daneben steht ein Chinese
+mit einem Edelfräulein aus der Uckermark. — —</p>
+
+<p>Auf und nieder wogt die leise Unterhaltung. — —</p>
+
+<p>Und dann klingt ein Ton durch die Stille: der Stab des
+Zeremonienmeisters klopft dreimal auf das Parkett.</p>
+
+<p>Unter dem Vortritt der Pagen und Hofchargen betreten die Majestäten,
+von drei Marschällen geleitet, unter den Klängen des <span class="antiqua">Grand marche
+festivale</span> von Gounod den Saal. Der Kaiser in der Uniform des ersten
+Garderegiments, die Kaiserin in meergrünem silbergesticktem Brokat, ein
+flimmerndes Diadem im weißen Haar. Hinter den Majestäten die Prinzen
+und Prinzessinnen des Königlichen Hauses und das Gefolge.</p>
+
+<p>Die Gesellschaft versinkt in einer tiefen Verneigung. Liebenswürdig
+grüßt das Kaiserpaar nach allen Seiten. Während eines kurzen Cercles
+spielt die Kapelle. Der Oberzeremonienmeister gibt das Zeichen zum
+Beginn des Tanzes. Die Kapelle setzt mit dem Walzer Tesoro mio ein.
+Zwei Gardedukorps eröffnen mit Hofdamen der Kaiserin den Ball.</p>
+
+<p>Rundtänze wechseln mit Lançiers und den alten Tänzen, Menuett <span class="antiqua">à la
+reine</span>, Prinzengavotte, Gavotte der Kaiserin.</p>
+
+<p>Die Majestäten sehen den Tänzen zu, nehmen Vorstellungen entgegen und
+ziehen zahllose Anwesende ins Gespräch.</p>
+
+<p>Auf und nieder wogt das glänzende Bild.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Souperpause ging ihrem Ende entgegen. Langsam leerte sich der Saal,
+wo die Jugend gespeist hatte, in Gängen und Nischen ward es lebendig.</p>
+
+<p>Der helle Schein des Vollmonds fiel in einen verschwiegenen<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span>
+Wintergarten. Wie heimliches Werben umflimmerte sein silberner Glanz
+die rosige Ampel. Kamelienbäume neigten die blütenschweren Äste,
+Flieder und Jasmin dufteten, ein Springbrunnen plätscherte. — —</p>
+
+<p>Durch das dichte Grün der Myrten schimmerte eine helle Toilette.
+Halblaute Unterhaltung klang herüber.</p>
+
+<p>Ein weißhaariger Landstand lehnte im Eingang. Eine Rasseerscheinung.
+Ein Gesicht wie ein alter Adler. Der ganze Mann Aristokrat vom Scheitel
+bis zur Sohle. Uradel.</p>
+
+<p>Suchend blickte er sich um.</p>
+
+<p>»Sie glauben nicht, wie ich mich freue, daß Sie Großmama Gesellschaft
+leisten,« klang's hinter der Myrtenhecke. »Ich weiß, wie sehr sie diese
+Zeit genießen wird! Und dazu Ihr Geigenspiel, Gräfin!«</p>
+
+<p>Ein helles Lachen klang durch den Raum.</p>
+
+<p>»Wo denken Sie hin, Baron! Ich bin die Genießende! Ich jubiliere
+geradezu, daß mir die langweilige italienische Reise erlassen worden
+ist! Sechsmal bin ich in Italien gewesen, und leider fehlt mir jedes
+Verständnis für Mamas Art zu reisen. Wir sind eben ganz verschieden
+veranlagt. Ich will unterwegs Natur und Kunst genießen, und Mama fragt
+nichts danach. Wissen Sie, da traf sich's herrlich, daß ich Gesang-
+und Geigenunterricht nicht wieder unterbrechen durfte — Mama reist ja
+außerdem gern allein, sie kann mich wirklich entbehren!«</p>
+
+<p>»Wann ist Ihre Frau Mutter abgereist?«</p>
+
+<p>»Gestern. Sie wollte eigentlich erst morgen fahren, um mich noch auf
+den Hofball begleiten zu können. Aber mein Onkel Firlemont drahtete, er
+wolle sich Montag mit ihr in Venedig treffen, da mußte sie ihre Pläne
+ändern.«</p>
+
+<p>»Es gibt doch auch genug Menschen, die Sie mit Wonne bemuttern würden,
+Gräfin,« sagte Harro Kambach lakonisch.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p>
+
+<p>Die leise Antwort verklang im Plätschern des Springbrunnens.</p>
+
+<p>Langsam trat der Landstand näher. Eine Falte stand zwischen seinen
+Brauen.</p>
+
+<p>»Wenn ich eine alte Exzellenz wäre, würde ich meine Staatskutsche
+bekränzen und ›Brandenburgs Rose‹ mit Musik zu Hofe fahren!« rief der
+Ulan.</p>
+
+<p>Wieder klang das helle Mädchenlachen: »Das würden Sie aus dem einfachen
+Grunde bleiben lassen, weil ›Brandenburgs Rose‹ Sie stechen würde, und
+die Polizei keinen groben Unfug duldet.«</p>
+
+<p>»Oho! ›Brandenburgs Rose‹ sticht nicht, und was die Polizei anbelangt
+...«</p>
+
+<p>»Das geht hier ja sehr kriegerisch zu!« Graf Bühler stand vor seiner
+Enkelin. Wohlgefällig ruhte sein Blick auf der eleganten Erscheinung.</p>
+
+<p>Sibylle und ihr Tänzer hatten sich erhoben.</p>
+
+<p>»Was sagen Sie dazu, lieber Kambach, daß der Ausreißer sein Quartier in
+der Dorotheenstraße aufgeschlagen hat?« wandte sich der alte Herr an
+den jungen Offizier.</p>
+
+<p>Sibylle errötete. »Ich komme doch Ende Februar zu dir, Großpapa,«
+sagte sie lächelnd, zwei Grübchen in den Wangen. »Es war so sehr gütig
+von Exzellenz von Kambach, mich einzuladen, außerdem verlernte ich ja
+alles, wenn ich jetzt fortginge!«</p>
+
+<p>»Ja, ja, schon gut!« Er nickte ihr lächelnd zu. »Kann's mir denken,
+mein Deern, daß du heilsfroh bist, nicht von Gasthof zu Gasthof gondeln
+zu müssen.«</p>
+
+<p>Sie senkte die Wimpern. Der Großvater war sonst nicht vor anderen so
+scharf. Ob er Harro schon mit zur Familie rechnete? Ein fragender Blick
+flog zu dem alten Herrn hinüber.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p>
+
+<p>Aber der nickte ihr ein zweites Mal zu. »Ja, ja, Billy, ich kann's mir
+denken!« — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eine Polka lockte. Sie traten in den Saal.</p>
+
+<p>»Haben Sie Ihren Vater gesehen, lieber Kambach?« fragt Graf Bühler im
+Gehen.</p>
+
+<p>»Papa ist von Seiner Majestät befohlen worden, Erlaucht!«</p>
+
+<p>»So, so. Danke.« Und fort war er. — —</p>
+
+<p>»Bleiben Sie recht lange bei Großmama,« sagte Harro Kambach zu seiner
+Dame, während sie über das Parkett flogen. Sein Auge ruhte auf ihr.
+Sie fühlte, daß diesem Wunsch ein anderer zugrunde lag. War sie
+erst in Bühl, dann konnte er nicht alle Augenblicke kommen. In der
+Dorotheenstraße ging der Enkel Exzellenz von Kambachs ungehindert ein
+und aus.</p>
+
+<p>Eine tiefe Neigung zog sie zu dem schönen ritterlichen Manne, eine
+Neigung, wie sie sie nie zuvor empfunden. Aber Sibylle Bühler gehörte
+nicht zu den Frauen, die sich von einer großen Leidenschaft beherrschen
+lassen. Sie blickte auf Leben und Zukunft, abwägend, die Frage der
+Ergänzung in Betracht ziehend. Und doch war sie keine kühle Natur.
+Sie war eine echte deutsche Frau, mit deutschem Blut und deutscher
+Sehnsucht, zu der Liebe Opfern bereit. Aber sie hatte die klare
+zielbewußte Klugheit der Bühlers, die nach allen Seiten Umschau hielt,
+bevor sie handelte. Und diese Klugheit mahnte zur Vorsicht. Nur ihre
+bisherige Zurückhaltung, die sie sich bei aller Freundlichkeit bewahrt,
+hatte Harro Kambach noch von einer Werbung zurückgehalten. Es war
+das erstemal gewesen, daß sie dieselbe weniger betont. Und nun kam
+der Besuch bei seiner Großmutter dazu. Exzellenz von Kambach war in
+Sibyllens Augen das Ideal einer deutschen Frau. Wohl wußte sie, daß sie
+von vielen wegen ihres tatkräftigen Handelns, ihres scharfen Urteils,<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span>
+ihrer, wie es manchen scheinen wollte, allzu schroffen Stellung in
+Bekenntnisfragen angegriffen wurde, aber was die Menschen sagten, war
+für sie durchaus nicht maßgebend. Im Gegenteil. Die allgemeine Meinung
+hatte von jeher ihren Widerspruch herausgefordert. Die unglaubliche
+Oberflächlichkeit, mit welcher die höchsten Kreise den unerhörtesten
+Klatsch verbreiteten, hatte ihr Feingefühl stets beleidigt. Sie sah
+selbst und urteilte selbst. Das gab ihrem Wesen jene Sicherheit, die,
+mit angeborenem Takt gepaart, ihrer ganzen Persönlichkeit ihr Gepräge
+verlieh. — —</p>
+
+<p>Als Exzellenz von Kambach gehört, daß Gräfin Bühler wieder, wie es
+hieß, wegen eines verschleppten Luftröhrenkatarrhs für längere Zeit
+nach dem Süden gehe, ihre Tochter aber wegen eben erneut begonnenen
+Musikunterrichts in Potsdam lassen werde, lud sie Sibylle ein,
+die nächsten Wochen bei ihr zu verbringen. Mit großer Freude und
+Dankbarkeit sagte das junge Mädchen zu. Gräfin Bühler war, obwohl sie
+ihrer Tochter nichts in den Weg legte, weniger entzückt.</p>
+
+<p>»Du bist sowieso schon auf dem besten Wege, eine ›Betschwester‹ zu
+werden,« sagte sie in ihrer spöttischen Art. »Wenn du vier Wochen bei
+der alten Kambach gewesen bist, werde ich dich wohl in irgendeinem
+Diakonissenhause wiederfinden. Die Schwesternhaube wäre nicht übel zu
+deinem Madonnengesicht, aber meine Einwilligung bekommst du vorläufig
+nicht, liebes Kind! Höchstens später, wenn der Anschluß als endgültig
+versäumt zu betrachten ist!«</p>
+
+<p>Sibylle kannte diese Redensarten und schwieg. Sie war froh, daß die
+Mutter ihr nicht verbot, der Einladung zu folgen. Daß sie nicht ihr
+zuliebe ja gesagt, als die alte Dame in eigener Person gekommen
+war, um ihren Liebling zu sich zu bitten, wußte sie nur zu gut. Da
+sprachen ganz andere Dinge mit, nicht zuletzt der Wunsch, häufiger
+ohne die in ihrer norddeutschen<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Zurückhaltung so unbequeme Tochter
+reisen zu können. Vielleicht folgten dieser Einladung andere. Aus
+Schicklichkeitsgründen konnte sie Sibylle nicht immer allein zu Hause
+lassen, und ob sie den ganzen Tag ihre Stradivariusgeige spielte, —
+sie war noch nicht alt genug und zu hübsch. Einmal ging das wohl, aber
+nicht öfter. Dazu wurde in Potsdam zuviel geklatscht. Gräfin Bühler kam
+die Einladung daher in gewissem Sinne nicht unwillkommen.</p>
+
+<p>Sibylle hatte sich längst daran gewöhnt, ihren Weg allein zu gehen.
+Ihre Kindesliebe zu der gefallsüchtigen oberflächlichen Frau beruhte
+lediglich auf Pflichtgefühl. Daß sie sich der Abwesenheit der Mutter
+heimlich freute, war daher kein Wunder. —</p>
+
+<p>Sie war ihrem Tänzer die Antwort schuldig geblieben. Die langen Wimpern
+gesenkt, ließ sie sich auf ihren Platz führen.</p>
+
+<p>»Nun?« fragte er endlich.</p>
+
+<p>»Fräulein Eichel wird eifersüchtig werden,« wich sie ihm aus.</p>
+
+<p>»Ach, die alte Landpomeranze, — Verzeihung, Gräfin, — die rechnet
+nicht mit!«</p>
+
+<p>Sibylle lachte ihm hell ins Gesicht. »Bitte, ich bin auch eine
+Landpomeranze! In Bühl hat meine Wiege gestanden, und die paar Jahre,
+die wir in Potsdam sind, haben mich nicht zur Städterin gemacht.«</p>
+
+<p>Er lächelte. »Mag sein, aber Sie haben Ihr Leben nicht unter alten
+Tanten und Landpastörchen verbracht. Sie haben anderes gelesen als
+Kreuzzeitung und Reichsboten und Missionsblätter, und ich weiß nicht
+was für gottseliges Zeug, haben anderes gesehen als Armenstrickstrümpfe
+und Wickelbänder! Ja, ja, verzeihen Sie, ich verfalle in Stallton, aber
+ist's nicht so? Mein Gott, was hockt alles auf den Gütern zusammen! Ich
+bewundere immer die Hausherren, die meist<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> als Hahn im Korbe diesen
+Normalzustand ertragen, und kann nur sagen: Gott bewahre mich davor,
+zwei bis drei sechzigjährigen Tanten Altenteil gewähren zu müssen,
+abgesehen von der für den Landwirt sehr empfindlichen Mehrbelastung
+des Geldbeutels! Sehen Sie, Gräfin, diese heillose Jungfernwirtschaft
+ist mitschuldig am Niedergang des Großgrundbesitzes. Was diese alten
+Schmarotzer aufessen, soll der Grund und Boden abwerfen außer allem
+übrigen, was sonst ein Gut verschlingt! — Papa ist ein Schlaumeier,
+der hat rechtzeitig dafür gesorgt, daß seine Schwestern die Welt zu
+sehen bekamen! Na ja, eine war immer hübscher wie die andere — noch
+jetzt ist's eine Freude, diese drei schönen alten Frauen zu sehen,
+aber trotzdem, Papa hat dafür gesorgt, daß in Kambach unsere vornehmen
+Regimenter verkehrten, daß Leben in die Landschaft kam; und was war der
+Erfolg? Alle drei haben erste Partien gemacht! Ja — Papa!« Und Harro
+sang seines Vaters Lob, als hätte er niemals seine Strenge erfahren,
+niemals in starrem Gegensatz zu seinen Auffassungen von Landhochzeiten
+und altmärkischer Gastfreundschaft gestanden.</p>
+
+<p>»Aber Fräulein Eichel ist doch kein Schmarotzer!« sagte Sibylle.
+»Ich glaube, Ihre Großmutter wäre unglücklich, wenn sie ihren treuen
+Hausgeist nicht hätte!«</p>
+
+<p>Harro Kambach schüttelte beinahe ungeduldig den Kopf. »Es ist möglich,
+daß sie ein Engel vom Himmel ist, der aus Versehen in dies entsetzliche
+mausegraue Kleid hineingeraten ist — ich kann nun einmal Leute, die
+aus Frömmigkeit ewig Grau und Schwarz tragen, nicht leiden, Gräfin, —
+gewiß, eine Untugend von mir, aber ich kann's nicht! Und dann dieser
+glattgekämmte Scheitel, — sie nimmt Wasser, behaupte ich! Wissen Sie,
+es ist wirklich ein Unrecht, wenn eine Frau sich so zurecht macht!
+Könnten Sie in dem Punkte<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> nicht einen Wandel schaffen? Es ist wirklich
+ein Kreuz, ihr gegenüber bei Tisch zu sitzen! Nirgends sagt die Bibel,
+daß die Frauen sich zu Vogelscheuchen machen sollen, im Gegenteil, ich
+weiß ganz genau, daß irgendwo etwas von zierlichen Kleidern steht,
+ich wundere mich nur, daß Fräulein Eichel die Stelle nicht zu kennen
+scheint, — aber ich will Sie nicht länger elenden!«</p>
+
+<p>»Ich kann Fräulein Eichels Haar beim besten Willen nicht so schlimm
+finden,« sagte Sibylle. »Das kommt Ihnen nur so vor, weil Sie
+immer gebrannte Frauenköpfe sehen — ja, ja!« Sie lachte. »Und das
+Mausegraue? Gewiß, sie zieht sich meist dunkel an, aber ich habe sie
+doch auch schon in ganz hellen Kleidern gesehen!«</p>
+
+<p>»Ich nicht!« Er blickte sie von der Seite an. »Aber da kommt Graf Lier
+mit einem Kotillonstrauß!«</p>
+
+<p>Er sah der schlanken Mädchengestalt nach, wie sie im Arm des blauen
+Husaren durch den Saal schwebte. Nun hatte er ihr doch nicht gesagt,
+warum sie so lange bei der Großmutter bleiben sollte. Aber sie würde es
+sich schon denken können.</p>
+
+<p>Das Paar kehrte zurück. Mehr als ein bewundernder Blick ruhte auf dem
+jungen Mädchen. Sehr bekannt schien Sibylle nicht zu sein. In manchem
+Auge stand eine Frage.</p>
+
+<p>Und jetzt, — was war das? Mitten durch den Saal kam ein schwarzer
+Husar, eine Teerose in der Hand, auf Sibylle Bühler zu — der Kronprinz.</p>
+
+<p>Nach tiefer Verneigung folgte sie dem Thronfolger. Ein feines Rot lag
+auf ihren Wangen.</p>
+
+<p>»Wer ist das?« hörte Kambach seine Nachbarin ihren Tänzer fragen.</p>
+
+<p>»Uradel. Aus der Uckermark. Sechzehn Ahnen. Bildschöne Frau, nicht
+wahr?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p>
+
+<p>Sie nickte. »Ja, wer ist es denn?«</p>
+
+<p>»Eine Frau von Riddeck; soviel ich weiß, steht der Mann bei der Garde!«</p>
+
+<p>Harro lachte in sich hinein. Mochten die beiden denken, was sie wollten
+— sein Blick folgte Sibylle, — warum wurde sie immer für eine Frau
+gehalten? Es ärgerte ihn. Ein Mädchen konnte gerade so gut Haltung
+haben, hatte manchmal mehr. Verdrehte Auffassung! Hinterpommern! Hier
+in Berlin war so etwas nicht lebensfähig.</p>
+
+<p>Sie tanzte noch immer.</p>
+
+<p>Und dann sah er sie plötzlich vor dem Kaiser stehen. Ein hübsches Bild:
+Seine Majestät im Gespräch mit der jungen Brandenburgerin. Der Kaiser
+sehr leutselig. Sibylle unbefangen und natürlich wie immer. Das liebten
+die Hohenzollern.</p>
+
+<p>Während Harro hinüberblickte, schlug die Unterhaltung des schwarzen
+Husaren mit dem pommerschen Landedelfräulein an sein Ohr.</p>
+
+<p>»'s ist ein Jammer, daß wir das Kronprinzenpaar nicht mehr in Danzig
+haben, gnädiges Fräulein! Die Zeit bleibt die schönste meines Lebens!
+— Die ganze Bevölkerung trauert den hohen Herrschaften nach! Sie
+gehörten so ganz zu uns! Warum muß alles Schöne im Leben von so kurzer
+Dauer sein!«</p>
+
+<p>»Seien Sie doch zufrieden! Sie sind immerhin die Bevorzugten gewesen!«</p>
+
+<p>»Ja, ja, das sind wir. Aber gerade darum empfinden wir den Abstand.
+Allein die kleinen Prinzensöhne! Jeden Morgen sah ich sie beim Ausritt!«</p>
+
+<p>Er blickte gedankenverloren über das bunte Treiben hinweg. »Und die
+Frau Kronprinzessin!«</p>
+
+<p>Sie nickte. »Ich kann's mir denken, man braucht sie ja nur anzusehen!«
+— —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»'n Abend, Harro! Ganz allein? Ach so, — Billy ist deine Dame! Sie
+sieht famos aus heute abend, von allen Seiten wird's einem gesagt.
+Jetzt heißt's den Anschluß erreichen!« Wolf Dietrich Bühler zwinkerte
+seinem Schwager zu. »Wie stehen die Aktien, alter Junge?«</p>
+
+<p>Dem anderen stieg das Blut ins Gesicht.</p>
+
+<p>»Sei nicht so laut,« sagte er scharf und zog die Stirn in Falten.</p>
+
+<p>Graf Bühler zuckte die Achseln. »Hab' dich nicht, in Drachenburg
+erzählen sich die Spatzen auf den Dächern deinen Roman. Und in
+Potsdam?« Er lachte.</p>
+
+<p>»Wie geht's Ilse?« fragte Kambach ablenkend.</p>
+
+<p>»Danke, gut! Sie hätte sich praktischer einrichten sollen. Alles fragt,
+warum sie nicht hier ist.« In der ihm eigenen burschikosen Art kam's
+heraus.</p>
+
+<p>Harro fühlte sich unangenehm berührt. Aber er sagte nichts. Seit Wolf
+Dietrich verheiratet war, hatte seine Freundschaft für den Kameraden
+eine merkliche Abkühlung erlitten. Er stand seiner Schwester sehr nahe.
+Um so mehr verletzte ihn die Art, wie Bühler ohne jede Rücksicht auf
+ihren schonungsbedürftigen Zustand die junge Frau behandelte. Einmal
+war es sogar zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen den beiden
+Schwägern gekommen. Die Stimmung war daher auf beiden Seiten eine
+gereizte. —</p>
+
+<p>»Wo steckt denn Roselius eigentlich?« fragte Bühler.</p>
+
+<p>»Seine Mutter ist schwer erkrankt!« klang es kurz zurück.</p>
+
+<p>»Und da muß der Ärmste Diakonisse spielen?«</p>
+
+<p>Harro drehte sich auf dem Absatz um und begrüßte einen Kameraden.</p>
+
+<p>Die Jagdhörner riefen. In hellen Fanfaren klang das Halali durch den
+Saal.</p>
+
+<p>Der Dittersdorfer Huldigungsreigen beschloß das Fest.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p>
+
+<p>Wieder zeigte der schimmernde Saal eine einzige tiefe Verneigung,
+wieder grüßten die Allerhöchsten Herrschaften nach allen Seiten. Die
+goldenen Türen taten sich auf und schlossen sich wieder. Die Majestäten
+hatten den Saal verlassen.</p>
+
+<p>Auf Treppen und Galerien ward's lebendig. Noch einmal belebte das
+farbenreiche wechselnde Bild das verschneite Portal. Dann verflog's
+wie ein anmutiger Traum, Licht um Licht erlosch, dunkel lagen die
+Fensterreihen des Zollernschlosses. —</p>
+
+<p>Durch die Winterstille klang das Schlagen der Uhren. Nicht lange
+mehr, und Berlin erwachte zur Arbeit. Aber noch war's Nacht. In
+tiefem Traum lag die Weltstadt. Der Schnee glitzerte. Drüben über der
+Friedrichstraße lag der berüchtigte Schein nächtlichen Lebens. Sonst
+winterliches Dunkel, schneeverwehte Straßenlaternen.</p>
+
+<p>Fern über den Havelseen stand eine dunkle Wolkenwand wie dräuendes
+Wintergewitter. Schwarz und gespenstisch hing es über Deutschland.</p>
+
+<p>Der Zeiger rückte. Im Osten dämmerte es.</p>
+
+<p>Da stieg die Zeit, die oben im Turm gewacht, den tausendjährigen
+Wendelstein hinab und zog den Strang:</p>
+
+<p>›Sechs hat die Glocke!‹</p>
+
+<p>Aber niemand hörte die Mahnerin.</p>
+
+<p>Deutschland schlief.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel"><span class="s5">Siebentes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Trotz alledem ...</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Auf keinen Menschen Rücksicht nehmen, —</div>
+ <div class="verse indent0">Keinem Menschen sich anbequemen,</div>
+ <div class="verse indent0">Niemand Zugeständnisse machen, —</div>
+ <div class="verse indent0">Streng über Haus und Schwelle wachen, —</div>
+ <div class="verse indent0">Nach keiner fremden Meinung fragen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn's heißt, des Kreuzes Banner tragen — —</div>
+ <div class="verse indent0">Im Geisteskampf, im Glaubensstreit,</div>
+ <div class="verse indent0">Gilt's heil'ge Rücksichtslosigkeit!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>In der Dorotheenstraße in dem stillen Quartier der alten Exzellenz saß
+der Oberstallmeister von Kambach seiner Mutter gegenüber.</p>
+
+<p>Er war eben vom Lande hereingekommen. Wohlig umfing ihn die
+gleichmäßige Wärme.</p>
+
+<p>»Bei dir ist's gemütlich, Mama!« Er sah sich um. »Ist etwas verändert?«</p>
+
+<p>»Nein; nur die Blumenfülle von meinem Geburtstag!«</p>
+
+<p>»So.« Zerstreut flog sein Blick über die Frühlingspracht.</p>
+
+<p>Sie merkte, er kam mit etwas Besonderem zu ihr, mit etwas, das ihn
+drückte. Vor kaum vierzehn Tagen hatten sie sich ja erst gesehen.
+Allerdings nur flüchtig und nicht unter vier Augen. Trotzdem. Sie
+fühlte, er kam nicht nur in Geschäften oder um nach ihr zu sehen.</p>
+
+<p>Frau von Kambachs Arbeitszimmer war ein behaglicher<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> Raum mit schönen
+alten Möbeln, mit kostbaren Gemälden und Stichen aus der Vergangenheit.
+In der Nähe des Fensters stand der breite Diplomatenschreibtisch ihres
+verstorbenen Mannes, darüber hing ein lebensgroßes Bild des alten
+Kambachers, — ein Kunstwerk von großer Frische und Ursprünglichkeit.
+Das graue Haar kurz geschnitten, die blauen Augen sprühend, die Hand
+am Degen, schien Fritz Karl von Kambach aus dem breiten Goldrahmen
+heraustreten zu wollen in das stille Gemach seines im weißen Haar noch
+arbeitsfrohen Weibes, unter die Menschen, in den Reichstag, seinen
+alten Platz in der Welt wieder einzunehmen, den er sich erkämpft und
+mit Ehren behauptet.</p>
+
+<p>Unter dem Bilde saß der Sohn. Rassig vornehm energisch, wie der Vater.</p>
+
+<p>›Meinem Fritz Karl wie aus den Augen geschnitten,‹ dachte die Greisin,
+während sie den Vergleich zwischen dem Toten und Lebenden zog.</p>
+
+<p>Der alte Kambach hatte es bis zum Generalmajor gebracht und erst spät
+das väterliche Gut übernommen. Karl Heinrich, der ebenfalls, wie alle
+Kambachs, bei den Drachenburger Ulanen gedient, mußte krankheitshalber
+als Oberleutnant den Abschied nehmen. Er trat in den Hofdienst und
+rückte bis zum Oberstallmeister auf. Aber die Sehnsucht nach dem
+militärischen Beruf verließ ihn nicht. Noch niemals hatte es einen
+Kambach gegeben, der nicht mit Leib und Seele Soldat war. Königstreue
+und Vaterlandsliebe lagen dem stolzen Geschlecht im Blut.</p>
+
+<p>»So, Karl Heinrich, nun kram' aus,« sagte Frau Sabine, dem Sohne
+zunickend.</p>
+
+<p>»Es ist aber viel, Mama! Stör' ich dich wirklich nicht?« Er warf einen
+fragenden Blick auf den Schreibtisch. »Ich weiß ja, wie du überlaufen
+wirst, und dann noch so und so viele Wohltätigkeitsveranstaltungen in
+diesen Monaten!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span></p>
+
+<p>»Das besorgt Fräulein Eichel,« entgegnete Frau von Kambach.</p>
+
+<p>»Ja, aber es geht dir doch auch sonst viel im Kopf herum, z. B. der
+Bund der bibelgläubigen Christen. Ich wäre deshalb sowieso in diesen
+Tagen zu dir gekommen. Wie weit bist du?«</p>
+
+<p>»Nachher, Karl Heinrich! Du wirst noch genug davon hören! Erst deine
+persönlichen Angelegenheiten! Wozu ist eine Mutter denn da? Ich bin
+keine Anhängerin der Frauenemanzipation, mein Junge!«</p>
+
+<p>Er lachte. »Das weiß ich.«</p>
+
+<p>»Na, also.« Sie setzte sich im Lehnstuhl zurecht.</p>
+
+<p>Auf seiner Stirn lagerten Sorgen. »Vielleicht ahnst du's schon, Mama:
+Ilse!«</p>
+
+<p>Er hatte die Worte rasch, beinahe heftig herausgestoßen. Seine Stirn
+rötete sich.</p>
+
+<p>»Ja, nun sag' ich wieder zuerst, was eigentlich zuletzt kommen sollte
+— das da ist schuld daran,« er wies auf das Bild seiner Tochter, »na,
+es ist ja schließlich einerlei; wenn du beides gehört hast, sagst du
+vielleicht: ›Er kommt wenigstens mit dem Schlimmsten zuerst heraus!‹
+Ja — Ilse!« Er seufzte. »Ich hab's ihr ja von Anfang an gesagt, daß
+sie eine Dummheit begehe. Deutlich bin ich, weiß Gott, gewesen, —
+sonst würde ich mir heute die wahnsinnigsten Vorwürfe machen! Aber
+dies hätte ich denn doch nicht für möglich gehalten! Ich kann eine
+ganze Menge vertragen und jede weibliche Zimperlichkeit ist mir
+fürchterlich, aber wenn ein junger Ehemann gleich im ersten Vierteljahr
+seine Frau derartig behandelt, weil es ihm gegen den Strich geht, daß
+er nicht mit ihr auf den Hofbällen glänzen kann, so hört denn doch die
+Weltgeschichte auf! Er hat weder Pietät noch Gefühl, Mama, da können
+wir noch etwas erleben! Ein-, höchstens Zweikindersystem! Und Gott
+weiß, was sonst noch alles! —<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> Ich habe mir Wolf Dietrich übrigens
+neulich vorgenommen und mir ausgebeten, daß er seine schlechte Laune
+nicht immer an Ilse ausläßt. Na ja, vor mir hat er Respekt, schon wegen
+der Zulage, denn der alte Bühler gibt dem Luftikus nicht viel, was ich
+ihm durchaus nicht verdenke — also Wolf Dietrich entschuldigte sich
+und gelobte Besserung, aber ich gebe nichts darauf. So einen muß unser
+Herrgott erst mal feste beim Kragen nehmen und schütteln, daß ihm die
+Puste vergeht! Allein diese Gereiztheit mit den Dienstboten um nichts
+und wieder nichts, es ist ja unerhört! Sein Bursche möcht' ich nicht
+sein! Zum Donnerwetter!« Er schlug mit der Faust aufs Knie. »Verzeih,
+Mama! Aber es kribbelt einen in allen zehn Fingern, den Bengel einmal
+an die frische Luft zu setzen und gründlich zu verhauen!«</p>
+
+<p>Er seufzte. »Und bei alledem ist Ilse wie ein Lamm, das reizt ihn
+natürlich immer mehr. Sie scheint ihn für sehr nervös zu halten und
+schont ihn, wo sie kann!«</p>
+
+<p>»Für besonders nervös halte ich ihn durchaus nicht,« sagte die alte
+Dame nachdenklich. »Er spielt doch nicht etwa, Karl Heinrich, oder ....«</p>
+
+<p>Der Oberstallmeister fuhr empor. »Was meinst du, Mama?«</p>
+
+<p>»Ach, ich möchte keinen unbegründeten Verdacht aussprechen!«</p>
+
+<p>»Ist auch nicht nötig, ich kann's mir schon denken!« Er zuckte die
+Achseln. »Beweise fehlen mir auch.«</p>
+
+<p>In ihrem Gedächtnis war eine kleine Begebenheit lebendig geworden,
+— nein, keine Begebenheit, nur ein flüchtiges Bild, ein kaum zutage
+tretender und doch ihrem scharfen Auge nicht unbemerkt gebliebener
+Zug, der mit kurzem Federstrich den ganzen Menschen zeichnete. Kein
+verhängnisvolles Wort, keine bezeichnende Bemerkung — nichts —
+nichts weiter als<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> die Art und Weise, wie der Drachenburger Ulan eine
+Berliner Schauspielerin begrüßt hatte. Es war keine von den vielen,
+allzu vielen, ein eisiger Blick hatte ihn in die Schranken gewiesen —
+aber die alte Exzellenz wußte genug. Ein Mann, der durch einen einzigen
+Blick eine Frau erniedrigen konnte, war kein Edelmann. Und Exzellenz
+von Kambach hatte es aufs tiefste beklagt, daß sie diesen Augenblick
+nicht vor der Hochzeit ihrer Enkelin erlebt. Geredet, gewarnt worden
+war viel, aber Tatsachen, Beweise hatten gefehlt.</p>
+
+<p>»Ja, Mamachen, du kannst es dir wohl denken, worauf ich hinaus will,«
+begann Herr von Kambach aufs neue.</p>
+
+<p>Sie blickte ihn ernst an. »Vermittlerin? Karl Heinrich, du weißt, ich
+halte nichts davon.«</p>
+
+<p>Er räusperte sich. »Es ist ein Unterschied, Mama, ob ein Mann das
+tut, oder eine Frau in deinem Alter und von deiner Art. Vor mir
+hat Wolf Dietrich Dampf, vor seinem Großvater Respekt, meinetwegen
+Hochachtung und einen Rest kindlicher Ergebenheit. Für dich aber hat
+er eine unbegrenzte Verehrung. Das liegt in deiner Person, — in der
+wunderbaren Vereinigung von männlicher Kraft und zartestem weiblichen
+Empfinden. Verzeih, aber das mußte gesagt werden. Und dann noch eins
+— es ist dein Christentum, das immer wieder Tat wird, meinst du, das
+mache ihm keinen Eindruck? Man braucht ja nur einen flüchtigen Einblick
+in dein Leben und Schaffen zu tun. Es ist der letzte Rest eines guten
+Kerns, der Bühler nicht nur kühle Hochachtung abnötigt, sondern ihm das
+Herz warm macht. Du könntest ihn um den Finger wickeln, Mama!«</p>
+
+<p>»Vorübergehend vielleicht, auf die Dauer nicht. Er ist zu leichtsinnig
+veranlagt! Unsere ganze gesellschaftliche Umwelt kommt dazu. Sie färbt
+ab. Nur ganze Menschen, Persönlichkeiten, die auf sich achten, die ihr
+Innenleben im Auge haben,<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> die vor Gott wandeln, bleiben unberührt
+von den Einflüssen einer gefährlichen Umgebung, die anderen gehen
+zugrunde. Wolf Dietrich ist nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Er
+ist die Frucht einer Zeit, die mit dem Persönlichkeitsbegriff spielt.
+Denn sie bringt gerade das Gegenteil von dem hervor, was sie fordert:
+Determinismus. Ich wenigstens vermag die Arbeit, die im letzten
+Grunde nur zum Vorteil der Einzelperson geschieht, nicht mit meinen
+Persönlichkeitsidealen zu vereinen.«</p>
+
+<p>Der Sohn nickte zustimmend. »Ja, es ist eine Schande für uns, daß
+solche Leute des Königs Rock tragen. Eine größere Verkennung des
+monarchischen Gedankens gibt es kaum, wie die Verbreitung entgotteter
+Weltanschauungen in der Armee.«</p>
+
+<p>Beide schwiegen.</p>
+
+<p>»Ja, Karl Heinrich,« sagte die alte Dame endlich, »du kennst meine
+Ansicht. Ich glaube ja nicht, daß durch Reden und Vorstellungen viel
+geändert wird. Aber ich will, wenn die Gelegenheit sich bietet, gerne
+auf deinen Schwiegersohn einzuwirken versuchen.«</p>
+
+<p>»Danke, Mama.« Erleichtert klang's.</p>
+
+<p>»Wenn es nur hilft, Karl Heinrich!«</p>
+
+<p>Er sah nach der Uhr. »Um halb drei ist eine Sitzung des Bundes der
+Landwirte, nachher geselliges Zusammensein, — verzeih, wir essen um
+halb zwei, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Gewöhnlich essen wir um halb zwei,« entgegnete Frau von Kambach, »aber
+bitte, bestimme ganz, wie es dir paßt. Willst du nicht überhaupt erst
+frühstücken?«</p>
+
+<p>»Nein, danke. Ich möchte erst alles mit dir besprechen. Ändere deine
+Tagesordnung ja nicht, es paßt alles sehr gut. — Also, bitte,
+erschrick nicht — ich habe Eberhard aus den Konfirmandenunterricht
+nehmen müssen!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p>
+
+<p>Nein, sie erschrak nicht. Sie blieb sogar merkwürdig ruhig. Aber ein
+tiefer Schmerzenszug trat in ihr klares Frauengesicht. »Also wirklich?«
+sagte sie leise.</p>
+
+<p>»Du hast darauf gewartet?«</p>
+
+<p>Sie nickte.</p>
+
+<p>»Ich hätte es mir denken können,« meinte er.</p>
+
+<p>»Ich hatte am Tage nach Ilses Hochzeit ein Gespräch mit Pastor Wendler
+über seine Predigt,« sagte sie. »Und was ich da hörte, war derartig,
+daß ich mich auf alles gefaßt machte. Ich hätte gerne mit dir darüber
+gesprochen, aber damals hatten wir keinen ungestörten Augenblick, und
+während der kurzen Zeit, die ich im November in Dreilinden war, haben
+wir uns ja kaum gesehen. Schreiben wollte ich nicht in der Sache.
+Außerdem wußte ich, daß du in bezug auf Wendlers Konfirmandenunterricht
+längst Bedenken hegtest. Auch hattest du die Predigt ja gehört.«</p>
+
+<p>»Ja, gewiß. Wären meine Bedenken damals, als der Konfirmandenunterricht
+begann, so stark gewesen wie in letzter Zeit, ich hätte den Jungen
+gar nicht erst hingehen lassen. Der Anfang des Unterrichts liegt ja
+Fünfvierteljahr zurück, Mama! Gerade im letzten Jahr ist aber eine
+große Veränderung mit Wendler vor sich gegangen.«</p>
+
+<p>Sie nickte gedankenverloren.</p>
+
+<p>»Eberhard ist ja sehr verschlossen,« fuhr der Kambacher fort. »Zum Teil
+ist es auch angeborene Vornehmheit, daß sich der Junge niemals ein
+Urteil über seine Lehrer erlaubt. Ich weiß, daß er unter den beiden
+letzten Hauslehrern geradezu gelitten hat, — trotzdem niemals ein
+Wort der Klage! Es hat mich wirklich gefreut!! Aber dies war zuviel.
+Ich hatte ihm schon ein paarmal angemerkt, daß nicht alles in Ordnung
+war, aber er sagte nichts. Und dann kam er plötzlich gestern zu mir,
+ganz aus<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> dem Häuschen vor Kummer und Enttäuschung. Was war geschehen?
+Wendler richtet die Frage: ›Was ist Glaube?‹ an die Jungens, und
+Eberhard antwortet: ›Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, das man
+hoffet und nicht zweifelt an dem, das man nicht siehet!‹ Da schüttelt
+Wendler den Kopf: ›Mein guter Junge, das ist ein Bibelwort, es ist
+in diesem Falle aber nicht am Platz! Die Frage muß wissenschaftlich
+beantwortet werden!‹ — Aber es kommt noch viel schlimmer! — Nun
+stelle dir die armen Kinder vor, Mama! Es sind in diesem Jahr mehrere
+Knaben aus sogenannten besseren Familien darunter, Honoratiorensöhne,
+der Älteste von meinem Inspektor, dein Dreilindener hat auch einen
+dabei, — alles Kinder aus guten christlichen Familien, die solche
+Ansichten zum mindesten irreführen müssen, abgesehen von Eberhard
+und dem kleinen Riddeck. Knaben von fünfzehn und sechzehn Jahren,
+welche nichts anderes kennen gelernt haben als das unumstößliche
+Christenbekenntnis eines frommen Elternhauses, sind natürlich wie
+vor den Kopf geschlagen, wenn ein Mann wie Wendler, zu dem sie
+emporgesehen, solche Behauptungen aufstellt. Ich mache mir heute die
+bittersten Vorwürfe, daß ich Eberhard nicht gleich damals im Herbst
+vorm Jahr fortgegeben habe. Dann wäre dieser Unterricht einfach
+weggefallen. Denn ich kann's nicht leugnen, ich hab' mir manchmal
+Sorgen gemacht, dann aber sagte ich mir: ›Du bist sehr streng positiv
+erzogen! Vergiß nicht, daß auch die Orthodoxie ihre Mängel hat, ihre
+Schärfen, ihre Engigkeit!‹ Das hab' ich mir gesagt, Mama! Und in
+diesem Bestreben bin ich in meiner menschlichen Rücksicht zu weit
+gegangen. Ich habe gerecht und milde sein wollen, aber ich war's am
+verkehrten Ende. Im Blick auf das große Ganze ist mein Urteil klar
+geblieben, was die letzten Ergebnisse des Liberalismus sind, hab'
+ich immer gewußt, aber ich habe die Folgerungen in<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> bezug auf die
+Einzelperson nicht genügend gezogen. Denn es handelt sich nicht um
+irgendwelche Nebenfragen, sondern um den Kern unseres Bekenntnisses,
+um die Frage nach der Person des Herrn. Das hab' ich nicht scharf
+genug ins Auge gefaßt. Nun hab' ich die Bescherung. Gibt man dem
+Liberalismus den kleinen Finger, so nimmt er die ganze Hand. Zuerst
+war Wendler bescheiden und vorsichtig — jetzt erklärt er in der
+Konfirmandenstunde, es stehe in der ganzen Bibel kein Wort davon, daß
+Christus der Sohn Gottes sei. Der Dreilindener Inspektorssohn hat ganz
+mutig den Finger aufgehoben und an das eidliche Bekenntnis vor Kaiphas
+erinnert. Da hat der Mensch die Stirn, dem Jungen zu antworten: ›Dann
+hat Jesus sich eben geirrt!‹« Er atmete schwer.</p>
+
+<p>»Jatho!« sagte seine Mutter.</p>
+
+<p>Er stützte den Kopf in die Hand. »Mama, das wäre mir nicht passiert,
+wenn Thea noch lebte,« sagte er gepreßt.</p>
+
+<p>Mit mütterlicher Liebe blickte die alte Exzellenz auf den Sohn. In
+gewissem Sinne hatte er recht. Aber doch nicht ganz. Gott hatte ihn
+doch diesen Weg geführt, das genügte ihr.</p>
+
+<p>Sie sagte es ihm.</p>
+
+<p>»Gewiß,« entgegnete er, »das ist auch mir die Hauptsache. Aber gerade
+in Glaubensfragen bedürfen wir der weiblichen Ergänzung. Du siehst es
+hier doch wieder. Thea hätte mich bestimmt verhindert, Eberhard in
+Kambach konfirmieren zu lassen. Und du hättest es, wärest du dauernd
+bei mir, auch getan. Wendler hat übrigens einen heiligen Respekt vor
+dir. In den paar Sommerwochen, wo du in Dreilinden bist, nimmt er sich
+in acht!«</p>
+
+<p>»Das konnte man an dem Sonntag nach Ilses Hochzeit nicht behaupten.«</p>
+
+<p>»Nee, eigentlich nicht. Er hat sich gegen den Inspektor<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> sehr erfreut
+geäußert, daß du nach den anstrengenden Tagen noch zur Kirche gekommen
+seiest, er wird also wohl nicht damit gerechnet haben.«</p>
+
+<p>Sie lachte. »Also eine Überrumpelung?«</p>
+
+<p>»Scheint so. Du hattest dich ja auch so gesetzt, daß man dich von der
+Kanzel aus kaum sehen konnte.«</p>
+
+<p>»Die Sonne blendete mich.«</p>
+
+<p>Auf dem Schreibtisch schlug eine kleine bronzene Standuhr.</p>
+
+<p>»Willst du wirklich nicht frühstücken? Ein Glas Portwein? Es ist noch
+eine volle Stunde Zeit bis zum Essen.«</p>
+
+<p>»Danke, Mama, ich habe keinen Hunger. Auch liegt mir viel daran, erst
+alles mit dir durchzusprechen, wenn du erlaubst.«</p>
+
+<p>»Aber du hast heute noch viel vor. Ich finde, du siehst angegriffen
+aus.«</p>
+
+<p>»Bei der Hetzerei kein Wunder! Kaum war ich vom zweiten Hofball zurück,
+so kam dies! Ich hatte den Kopf voll wegen Ilse — noch nicht einmal
+mit dir hatte ich davon sprechen können! Kaum weiß ich, welches von
+beiden mir schwerer wird, das mit ihr oder Eberhard! Hier sehe ich
+wenigstens einen Ausweg, in der Bühlerschen Sache nicht. Daher fällt
+sie mir so auf die Nerven!« Er seufzte.</p>
+
+<p>Zum erstenmal erschien der Mutter sein Gesicht gealtert, die Züge
+schlaff, die Augen müde. Diese sprühenden, trotzigen, sieghaften
+Kambachaugen! — Ihre Gedanken wanderten. Wann hatte sie bei ihrem
+Fritz Karl zum erstenmal diese Müdigkeit bemerkt? Sie sann nach.
+Richtig — als Bismarck ging! — Gott! König! Vaterland! Das war's.
+Damit waren diese Männer verwachsen, das machte sie jauchzen, das
+war ihre Lust, aber auch ihre tiefste Herzenssorge! Mancher hätte
+gewiß gefragt, was das mit Familiennöten zu tun habe. Es handelte
+sich eben im letzten Grunde um mehr als Familiennöte,<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> um Größeres,
+Überweltliches. In irdisches Gewand gehüllte Ewigkeitswerte standen
+auf dem Spiel. Ob die feinen goldenen Fäden, von einem Ufer zum
+anderen gespannt, auch fernerhin die Verbindung zwischen Himmel und
+Erde bilden würden, ob die drahtlose Telegraphie zwischen Gott und
+der Seele bestehen blieb oder jäh zerrissen ward, darum ging's!
+Dieselben Fäden aber schlangen sich um Thron und Altar. Königstreue und
+Vaterlandsliebe wurzelten im Gottesglauben, des Glaubens Pflegerin aber
+war die deutsche Familie. Ob dem behüteten Kinde des Landadels durch
+liberale Torheit der erste Zweifel in die junge Seele getragen wurde,
+ob eine zartgewöhnte Frau in ihrer Ehe unter den Folgen allgemeinen
+Niedergangs litt — es kam auf dasselbe heraus, — auf die riesenhafte
+Gesamtgefahr, die Deutschland bedrohte. Noch galt die alte heilige
+Losung — wie lange noch? — Durch die Seele der greisen Edelfrau zog
+Herders mahnendes Dichterwort. Immer wieder stand es über den großen
+völkischen und religiösen Fragen, immer wieder gab es dem Einzelleben
+seine ernste Unterschrift: ›Unsere Väter, o Deutschland — meine Sorge
+— waren nicht, wie wir jetzt sind!‹ Im eigenen Hause sah Sabine von
+Kambach das Unheil anheben — wo wollt's hinaus? — —</p>
+
+<p>»Ich komme nun mit einer großen Bitte, Mama,« begann der
+Oberstallmeister aufs neue. »Willst du Eberhard ein paar Tage bei dir
+aufnehmen, bis ich eine geeignete Unterkunft für ihn gefunden habe? Ich
+will ihn hier bei Jakobi konfirmieren lassen. Vielleicht nimmt er ihn
+selbst ins Haus, das wäre mir das liebste.«</p>
+
+<p>»Kann er nicht bei mir bleiben? Du weißt, welche Freude du mir damit
+machen würdest!«</p>
+
+<p>»Ich danke dir herzlich, Mama, ich habe den Gedanken selbst erwogen.
+Aber ein fast sechzehnjähriger Junge gehört<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> in männliche Hände. Es
+wird mir schwer genug, ihn jetzt fortzugeben, doch was hilft's? Aber
+wenn du ihn aufnehmen willst, bis das Weitere geregelt ist, bin ich dir
+sehr dankbar!«</p>
+
+<p>Die alte Frau nickte dem Sohne freundlich zu. Natürlich verstand sie
+ihn. Er hatte ganz recht. Da mußte das Großmutterherz schweigen.</p>
+
+<p>»Was hat Wendler denn gesagt?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Eigentlich nichts. Er gab sofort zu, die beiden Bemerkungen gemacht zu
+haben. Ehrlich war er ja immer, darauf setze ich überhaupt meine letzte
+Hoffnung. Ein ehrlicher Mensch kann nicht an der Wahrheit vorüber.
+Allerdings tut der Liberalismus ja alles, um sie seinen Anhängern zu
+verschleiern. — Meine Aufgabe war natürlich keine leichte! Es ist
+sehr schwer, zu einem Geistlichen zu sagen: ›Was mein Kind von Ihnen
+empfangen hat, ist Irrlehre!‹ Tausendmal lieber hätte ich gesagt: ›Sie
+predigen unter aller Kanone!‹«</p>
+
+<p>Frau von Kambach lachte. »Das sieht dir ähnlich!«</p>
+
+<p>»Ja, ich bin nun einmal ein alter Soldat!«</p>
+
+<p>Ein rascher Schritt klang im Nebenzimmer auf dem Teppich.</p>
+
+<p>»Ach, bitte, Fräulein Eichel, einen Augenblick!« rief Exzellenz von
+Kambach.</p>
+
+<p>Die Gesellschaftsdame erschien auf der Schwelle. Ein frisches angenehm
+aussehendes Mädchen, Mitte der dreißig.</p>
+
+<p>Herr von Kambach erhob sich. »Guten Tag, Fräulein Eichel!«</p>
+
+<p>»Guten Tag, Herr Baron!«</p>
+
+<p>Sie schüttelten sich freundschaftlich die Hände.</p>
+
+<p>»Geht's Ihnen gut?« fragte er.</p>
+
+<p>»Danke, ausgezeichnet!«</p>
+
+<p>»Bitte, Fräulein Eichel,« sagte Frau von Kambach, »schicken Sie doch
+Friedrich vor Tisch noch einmal zu Frau von Schink hinüber, ich käme
+zwischen vier und fünf zu ihr.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p>
+
+<p>»Er darf dann wohl gleich zur Post gehen, Exzellenz?« Die braunen Augen
+sahen auf die Standuhr. »Es ist noch früh genug!«</p>
+
+<p>»Dann geben Sie ihm bitte meine Briefe mit!« Frau Sabine sah zum
+Schreibtisch hinüber. »Einen an die Stadtmission, einen an Graf Bühler
+und zwei Karten! — Danke!«</p>
+
+<p>Sie waren wieder allein.</p>
+
+<p>»So, Mama, nun aber endlich zu dir!« Der Oberstallmeister hatte seinen
+Platz wieder eingenommen. »Du siehst gut aus.«</p>
+
+<p>»Danke, ich bin auch recht frisch!«</p>
+
+<p>»Das freut mich! — Und was macht der Bund? Ich habe mich leider bisher
+so wenig darum kümmern können.«</p>
+
+<p>»Vorläufig ist es noch keiner. Wir sammeln uns erst. Vor allen
+Dingen brauchen wir Geld. Eine hübsche Summe hat Frau von Schink uns
+zugesagt. Dann fehlt uns immer noch der Direktor. Jeden können wir
+nicht gebrauchen. Der Mann muß eine Persönlichkeit aus einem Guß sein,
+erste Bedingung ist natürlich: ganz positiv. Die leiseste Neigung zur
+Mittelpartei würde ihn für unsere Zwecke unmöglich machen. Daneben sind
+Organisationstalent, rednerische Begabung und der rechte Überblick
+auf sozialem, völkischem und kirchlichem Gebiet notwendig, vor allem
+aber volles Verständnis für den ganzen bitteren Ernst der Zeit und
+ein brennendes Herz für die Not unseres Volkes und unserer Kirche.
+Darum kann es nur ein Mann sein, dem sein Christenglaube Lebensbesitz
+geworden, der die Kämpfe der Zeit aus eigener Erfahrung kennt. Einen
+Träger toter Orthodoxie können wir nicht gebrauchen. An einer solchen
+Wahl würden gerade die Kreise, auf die wir rechnen, Anstoß nehmen!«</p>
+
+<p>»Das unterschreibe ich alles, Mamachen. Ich fürchte nur eins. Bei
+<em class="gesperrt">den</em> Anforderungen kannst du dir gleich den Engel<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Gabriel
+bestellen. Auf dieser Welt wirst du schwerlich finden, was du suchst!«</p>
+
+<p>»Doch, Karl Heinrich! Nur Geduld!«</p>
+
+<p>»Soll es ein Pastor sein?«</p>
+
+<p>»Das ist nicht nötig. Es muß vor allem ein <em class="gesperrt">Mann</em> sein!«</p>
+
+<p>»Wir haben ja große Auswahl!«</p>
+
+<p>»Ach, Karl Heinrich, spotte nicht! Du selbst kommst unbedingt in den
+Vorstand, bitte, nimm die Sache also ernst.«</p>
+
+<p>»Das tue ich, Mama. Mein ganzes Interesse gehört ihr. Nur was die
+Männlichkeit von heute anbetrifft ...«</p>
+
+<p>»Gewiß, du hast ganz recht, wir haben mehr Waschlappen, als Männer!
+Aber die Männer, die wir haben, müssen heran. Mir ist übrigens gar
+nicht bange um die rechte Persönlichkeit. Wir müssen nur warten
+lernen. Alles, was bis jetzt in Vorschlag gebracht worden ist, scheint
+den Herren, welche die Sache vorläufig in die Hand genommen haben,
+ungeeignet, und ich kann ihnen nur zustimmen. Weißt du nicht jemand?«</p>
+
+<p>Er zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Für den Direktorposten? Nein, Mama. — In den engeren Vorstand würde
+ich Brelow wählen. Ich will mir aber die Sache durch den Kopf gehen
+lassen.«</p>
+
+<p>»Ja, bitte, tu das!«</p>
+
+<p>»Einfach ist die Geschichte nicht,« meinte er. »Es ist ja
+alles Friedenspartei — zum Teil aus reiner Unklarheit und
+Begriffsverschwommenheit!«</p>
+
+<p>»Gerade deshalb ist ein fester Zusammenschluß der bibelgläubigen Kreise
+so nötig,« sagte Frau von Kambach.</p>
+
+<p>Er nickte. »Gewiß, Mama! Ich betrachte ihn sogar als eine
+Lebensbedingung für unser Volk. Diese Arbeit <em class="gesperrt">muß</em> getan werden.
+Sie ist der letzte Sturmlauf, der letzte Rettungsversuch, das letzte
+Aufgebot. Mißlingt diese Mobilmachung,<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> so liegt Deutschland im
+Chausseegraben! Das klingt sehr hochtrabend, als betrachteten wir uns
+als die einzigen Volkserretter. Aber nach Abstrich alles Persönlichen
+ist das Werk, das hier getrieben werden soll, die alleinige Handhabe
+gegen den deutschen Verfall. Denn das einzige, was uns noch wieder auf
+die Beine helfen kann, ist die Rückkehr zu dem lebendigen Gott und
+seinem Wort. Das aber wollen unsere Gegner naturgemäß verhindern. Zum
+Teil unbewußt. Die innerweltliche Weltanschauung hat leider schon viele
+Opfer gefordert. Darum heißt die Losung: Kampf! Und zwar Kampf bis
+aufs Messer. Gerade diesen Gesichtspunkt wird man im anderen Lager für
+unbiblisch erklären trotz des Herrenwortes: ›Ich bin nicht gekommen,
+den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹ — Und nicht nur dort.
+Fromme Kreise, auf die wir gerne rechneten, werden uns mißverstehen.
+Kreise, welche mit vorbildlicher Treue Einzelseelsorge treiben, die
+aber in der Stille ihrer Friedensarbeit den Blick für das große Ganze
+verlieren, für das Elend der Massen; denen darum das Verständnis dafür
+abgeht, daß der Kampf gegen den großen völkischen Abfall mit anderen
+Waffen geführt werden muß, als der Kampf um die einzelne Seele,
+mit anderen Worten: daß es hier eine Arbeit gilt, die man nicht in
+Glacéhandschuhen tun kann. Wir würden ja auch nicht fertig, wenn wir
+jedem Landstreicher erst eine feierliche Einladung schicken wollten,
+— die Leute kommen eben nur, wenn man sie <em class="gesperrt">holt</em>. Natürlich wird
+da manches Gelichter mit unterlaufen, — mein Himmel, das ist nicht zu
+ändern, da tritt eben das Wort vom Unkraut unter dem Weizen in Kraft.
+Also — ohne große Volksversammlungen in Riesensälen — hier in Berlin
+am besten in einem großen Zentrumslokal, geschickt organisiert, vorher
+natürlich, — verzeih den Ausdruck, — die nötige Reklame in der großen
+Öffentlichkeit, — ohne das alles kommen wir nicht vom Fleck, Mama!
+Man<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> mag die Sache ansehen, wie man will. Christus hat gesagt: ›Gehet
+hin in alle Welt!‹, aber er hat nicht gesagt, daß Deutschland nicht
+mit dazu gehöre. Und wenn wir zu Hinz und Kunz gehen und bei Schulz
+und Müller Seelsorge treiben, so ist das alles recht schön und gut,
+aber den Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ erfüllen wir damit
+noch lange nicht! Und doch wird die Erfüllung dieses Befehls einmal von
+uns gefordert werden. Wir müssen also mit einer starken Gegnerschaft
+rechnen, mit mancher Ablehnung, — nicht zuletzt mit der Ablehnung der
+Kirche!«</p>
+
+<p>»Mit der Ablehnung der Kirche?« unterbrach ihn seine Mutter.</p>
+
+<p>»Gewiß, Mama. Die Kirche ist — mittelparteilich! — Ich halte ihr die
+Treue, solange ich es mit meinem Bekenntnis vereinen kann, oder bis man
+mich hinaussetzt. Aber Zugeständnisse mache ich nicht. Der Liberalismus
+ist Luft für mich. Ich fordere als bibelgläubiger Christ reinliche
+Scheidung. Das sind ja auch die Grundforderungen der Bundessatzungen!«</p>
+
+<p>Sie nickte.</p>
+
+<p>»Na also. Glaubst du, daß man oben sehr entzückt davon sein wird, wo
+man nichts als ehrfurchtsvolle Leisetreterei gewöhnt ist?« Er zuckte
+die Achseln. »Das nächste wird sein, daß die Presse, — vielleicht auch
+die paar großen konservativen Tageszeitungen, die wir noch haben, uns
+totschweigen! Wir stecken ja auch noch in den Windeln und können nichts
+verlangen! Macht nichts! Wird schon kommen! In zwei, drei Jahren sind
+wir den Herrschaften schon unbequemer, und in zehn Jahren? — Wenn wir
+nur einen Luther hätten, der uns die Fahne vorantrüge!«</p>
+
+<p>Seine Augen blitzten. Er war wieder ganz der Alte.</p>
+
+<p>Sie sah ihn lächelnd an. »Parteipolitik darf aber nicht bei uns
+getrieben werden!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p>
+
+<p>»Gott bewahre uns davor!«</p>
+
+<p>»Es ist aber nicht ganz leicht, sie völlig auszuschalten,« entgegnete
+sie.</p>
+
+<p>Er sah sie ernst an. »Es ist das erste, was die Satzungen betonen
+müssen, daß wir sie ausschalten!«</p>
+
+<p>»Und wenn ein Heißsporn sie trotzdem hineinträgt?«</p>
+
+<p>»Dann raus mit ihm an die frische Luft!«</p>
+
+<p>Der Diener erschien auf der Schwelle.</p>
+
+<p>»Karl Heinrich, wir müssen essen. Es wird sonst zu spät für dich!«</p>
+
+<p>Er stand auf und bot ihr den Arm. Auf den Krückstock gestützt, richtete
+sie sich zu ihrer ganzen Höhe empor und ließ sich von dem Sohne ins
+Speisezimmer führen, wo Fräulein Eichel wartete.</p>
+
+<p>»Sibylle ist nach Drachenburg zu den Geschwistern gefahren,« erklärte
+die Hausfrau die Abwesenheit des Gastes.</p>
+
+<p>»Möchte sie ihrem Bruder einmal gründlich den Kopf waschen,« murmelte
+der Oberstallmeister vor sich hin.</p>
+
+<p>Nach dem Tischgebet sagte seine Mutter: »Ist es dir recht, wenn wir in
+nächster Zeit eine größere Sitzung in der Bundesangelegenheit in meinem
+Hause anberaumen?«</p>
+
+<p>»Wann?«</p>
+
+<p>»Montag in acht Tagen.«</p>
+
+<p>»Ja. Das paßt.«</p>
+
+<p>»Am liebsten wär's mir, du hieltest einen kurzen zusammenfassenden
+Vortrag über Grundsätze und Gestaltung des Bundes. Das ist noch nicht
+klar ausgesprochen worden. Eine Frau kann das nicht.«</p>
+
+<p>»Aber Exzellenz!« Fräulein Eichels braune Augen blitzten schelmisch.</p>
+
+<p>»Nein, das muß ein Mann tun. Sie wissen recht gut, liebe Eichel, daß
+ich redende Frauen nicht leiden kann.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span></p>
+
+<p>»Nun ja, in Volksversammlungen, Exzellenz.«</p>
+
+<p>»Ich gebe zu,« sagte die alte Dame, »daß die Frau unter bestimmten
+Voraussetzungen nicht nur reden darf, sondern muß — überall da, wo
+bestimmte weibliche Arbeitsgebiete betreten werden, zumal da, wo nur
+das Weib zum Weibe sprechen darf, ist die Frau am Platze. Aber nicht
+da, wo sie dem Manne das Wort entzieht. Das ist Grenzüberschreitung,
+und von da ist's nicht mehr weit zur Frauenemanzipation! Ja, ja, liebe
+Eichel!« Sie nickte ihrem treuen Hausgeist, dessen Tatendurst ihr
+manchmal etwas zu viel wurde, freundlich zu. »Unser Arbeitsfeld ist
+groß genug, nur keine Gebietserweiterung!«</p>
+
+<p>Fräulein Eichel lachte. »Ich bin ja so bodenständig wie ein alter
+Krautjunker, Exzellenz.«</p>
+
+<p>»Ja, ich kenne Sie, Eichelchen!« — —</p>
+
+<p>»Der Vortrag will mir nicht recht in den Sinn,« sagte Herr von Kambach
+nach kurzem Schweigen.</p>
+
+<p>»Nun, dann sag's in ein paar Worten. Ich möchte nur um der Sache selbst
+und um aller derer willen, die ihr dienen wollen, daß das Programm
+jetzt möglichst bis ins kleinste festgelegt wird.«</p>
+
+<p>Er nickte nachdenklich.</p>
+
+<p>»Man könnte das ganze Programm in das Wort zusammenfassen: ›Seid das
+Salz der Erde, seid die Kraft des Volkes, das Licht der Welt, das Blut
+der Kirche!‹ Das besagt alles. Aber du hast recht: Wir brauchen die
+irdische Form auch im Dienste der Ewigkeit. Kannst du mir vielleicht
+ein paar Aufzeichnungen machen, Mama? Heute abend wird's wohl spät
+werden, aber ich bin ja doch noch bis übermorgen hier, dann besprechen
+wir das Weitere, wenn es dir paßt!« Er sah auf die Uhr. »Darf Friedrich
+mir einen Kraftwagen holen? Ich komme sonst zu spät.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p>
+
+<p>Sie drückte auf den Knopf der Elektrischen und gab dem eintretenden
+Diener ihre Befehle.</p>
+
+<p>Dann sprach sie das Dankgebet und hob die Tafel auf.</p>
+
+<p>Der Sohn küßte ihr die Hand. »Leb wohl, Mama, ich muß eilen! Auf
+Wiedersehen, Fräulein Eichel! Bitte, tu' mir die Liebe, Mama, und
+bleibe nicht etwa auf, es kann sehr spät werden, bis ich komme!«</p>
+
+<p>»Nein, ich gehe zu Bett, dafür sorgt schon Fräulein Eichel!«</p>
+
+<p>Er nickte der Gesellschafterin zu. »Ja, tun Sie das bitte, Fräulein
+Eichel!«</p>
+
+<p>»Sie können sich auf mich verlassen, Herr Baron!«</p>
+
+<p>Ȇbrigens, Mama, ehe ich's vergesse, darf ich Montag in acht Tagen
+Schenker mitbringen? Er ist Feuer und Flamme für die Sache, und wir
+dürfen nicht vergessen, daß er es war, der dem Gedanken zuerst Ausdruck
+gab. Wenn die Frage auch in der Luft lag, die erste Anregung danken wir
+ihm!«</p>
+
+<p>»Aber selbstverständlich, Karl Heinrich! Daß ich daran selbst noch
+nicht dachte! Er ist mir wichtiger als alle anderen, mit seinem
+gesunden Urteil, seinem schlichten Christentum!«</p>
+
+<p>»Und seiner Gründlichkeit, Exzellenz,« warf Fräulein Eichel ein. »Wenn
+er etwas durchsetzen will, läßt er nicht locker!«</p>
+
+<p>Herr von Kambach knöpfte sich den Pelz zu. »Ob Friedrich zurück ist?«</p>
+
+<p>»Er kommt gerade herauf.«</p>
+
+<p>»Herr Baron, der Kraftwagen wartet.«</p>
+
+<p>»Danke!« Er griff zum Zylinder. »Leb wohl, Mama! Fräulein Eichel, Sie
+sind dafür verantwortlich, daß meine Mutter um zehn zu Bett geht!« — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auf der verschneiten Straße lag der letzte Sonnenstrahl.</p>
+
+<p>Frau von Kambach stand am Fenster und sah dem<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Sohne nach. Eben schloß
+Friedrich den Kraftwagen und fort ging's.</p>
+
+<p>Da hob sie den Blick.</p>
+
+<p>Ein rosiger Hauch zog über Erker und First, wie ein feiner duftiger
+Schleier. Die alte Frau achtete nicht darauf. Ihre Gedanken waren noch
+ganz bei dem großen Werk, dem sie mit ihrer letzten Lebenskraft diente,
+bei dem Manne, dessen Feuergeist seine Zeit überflügeln wollte. Würde
+seine Führerschaft der still beginnenden Arbeit zum Segen werden? Würde
+die lohende Glut dieser starken Seele nicht verheerend wirken, wo mit
+ruhiger Hand gebaut werden sollte? Sie wollte ihn ja nicht anders.
+Er war ein ganzer Mann, ein ganzer Christ, einer, der sich zum Kreuz
+bekannte, wie wenige. Der, ohne rechts und links zu blicken, seinem
+Ziel entgegenwanderte, unbekümmert um das, was ihm in den Weg kam.
+Das Lied von dem tapferen Schwaben paßte auf ihn, aber dieser Schwabe
+verstand auch das Dreinschlagen, und wo sein Schwert hintraf, da wuchs
+kein Gras wieder. Das war die heilige Rücksichtslosigkeit der Kambacher
+in Glaubenssachen.</p>
+
+<p>Und trotzdem, heute zum erstenmal, aber immer wiederkehrend der
+Gedanke: ist er hier am Platz? Selbst ein Petrus mußte sich von
+seinem Herrn den Verweis erteilen lassen: ›Stecke dein Schwert in die
+Scheide!‹ — Es gab mancherlei Gaben, Kräfte, Ämter, aber eins war
+nicht für alle! — —</p>
+
+<p>Wenige Augenblicke, nachdem sie ihm gesagt, daß man ihm eine führende
+Stellung zugedacht, war der Zweifel in ihrer Seele aufgestiegen und
+raunte und flüsterte: ›ist's wohl getan?‹</p>
+
+<p>Und Mutterliebe und Mutterstolz kämpften mit Pflicht und Recht.</p>
+
+<p>Es war kein leichter Kampf. Es galt ein Abwägen, peinlich genau, vor
+dem Richtstuhl des Gewissens. Aber immer wieder kam die greise Frau
+zu dem Ergebnis: trotz alledem,<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> und gerade darum! Doch sie traute
+dem eigenen Empfinden nicht, immer wieder machte sie sich hart, immer
+wieder sagte sie sich: du bist seine Mutter! Und ein heißes Gebet stieg
+aus ihrer Seele: ›Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib
+Ehre!‹</p>
+
+<p>Die Schatten dunkelten. Über die weiße Straße breitete sich der
+Dämmerung violetter Samt. Die Mondsichel glänzte silbern über den
+Dächern.</p>
+
+<p>»Trotz alledem und gerade darum!« — Ja, sie brauchten einen Starken,
+einen, der im Namen des höchsten Gottes kam mit Schleuder und Stein.
+Einen, der glaubensstark, die Bibel in der Hand, Weltweisen und
+Kirchenfürsten entgegentrat mit einem unerschrockenen: ›Es stehet
+geschrieben!‹ Einen, der's nicht litt, daß sie das Kreuz antasteten,
+der in heiligem Zorn die angebotene Rechte fortstieß, die sich frevelnd
+nach des Heilandes Ehrenkrone ausstreckte und im selben Augenblick, als
+sei nichts geschehen, wahrer Jüngerschaft ihr Schutz- und Trutzbündnis
+anbot. Einen, der klipp und klar erklärte: ›Wir erkennen die
+Gleichberechtigung der Richtungen nicht an! Was ihr Richtungen nennt,
+sind verschiedene Religionen, die sich wie Wasser und Feuer scheiden!
+Hie Christentum, hie modernes Heidentum!‹</p>
+
+<p>›Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹
+— Das war das strikte unumstößliche Herrenwort, die heilige Losung
+für die Eroberung der Welt im Zeichen des Kreuzes. Nein, — mochte er
+manchem unbequem werden, mochte er viele vor den Kopf stoßen, hier
+waren keine Halben zu brauchen. Es schadete auch nichts, wenn er
+einmal wetterte und dreinschlug, schadete nichts, wenn er, wie heute
+mittag, erklärte: ›Wenn's so weiter geht, liegt Deutschland nächstens
+im Chausseegraben!‹, schadete nichts, wenn er noch ganz andere Sachen
+sagte! Das war alles nur Beiwerk, das<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> dem einen gefiel und dem anderen
+nicht, die Hauptsache war die Persönlichkeit. Die aber war aus einem
+Guß: ein ganzer Mann, ein ganzer Christ!</p>
+
+<p>Sie atmete auf. Wie ein Alp fiel's ihr von der Seele.</p>
+
+<p>Mit glänzenden Augen sah sie dem scheidenden Tage nach.</p>
+
+<p>Da flammte drüben unter dem Dach ein Licht auf, und noch eins, und
+wieder eins. Ein verspätetes Christbäumchen, das die Absicht zu haben
+schien, oben in der kleinen Dachkammer der alten Näherin das Osterfest
+zu feiern, sandte der Edelfrau seinen leuchtenden Gruß.</p>
+
+<p>Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Wie eine Antwort auf ihr Fragen
+strahlten ihr die Lichter der Weihnacht entgegen. Sie aber trat mit
+befreiter Seele in den hohen Schein der Ewigkeit. ›Trotz alledem, und
+gerade darum!‹</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel"><span class="s5">Achtes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Allein.</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Weißt du, wie's ist, wenn in tiefer Nacht</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Mensch noch Engel deiner gedenkt?</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn niemand nach deiner Seele fragt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn sich kein Herz in deines versenkt?</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn droben der Nebel das Kreuz verhüllt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn kein Blümlein duftet im Felsgestein, —</div>
+ <div class="verse indent0">Verstehst du's, weißt du es, was das heißt:</div>
+ <div class="verse indent0">Allein sein, — mutterseelenallein?</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Eine weiße sternklare Nacht ging über der Mark auf, über ihren
+verträumten Schlössern und altertümlichen Kleinstädten, ihren
+Kiefernwäldern und stillen Seen.</p>
+
+<p>Kein Lüftchen regte sich. Leise hüllte der Rauhreif die schlafenden
+Dörfer in seinen weißen Spitzenschleier. — —</p>
+
+<p>Über Haus Kambach stand der Vollmond, groß und klar. Breit und
+wuchtig lag das Herrenhaus da, wie ein starker Mauerwall schirmte
+es das schlafende Dorf und die ragende Kirche, — ein Bild zäher
+Bodenständigkeit und treu bewahrten ehrwürdigen Erbes. Der Schnee
+flimmerte. Es war eiskalt. Auf der Dorfstraße keine Menschenseele.
+Alles saß drinnen um die Feuerstätten oder in den Spinnstuben.</p>
+
+<p>Eine schmale Spur führte zwischen den strohgedeckten Häusern auf die
+Pfarre zu. Die Sommerrose war bis unter das Dach geklettert, leise
+schwankten die zarten Zweige vor<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> dem hellen Fenster der Studierstube.
+Sonst war's dunkel im Haus. Still und einsam lag es unter der Last des
+Schnees, vom breiten Geäst der alten Linde überdacht.</p>
+
+<p>Hinter den weißen Vorhängen sah man einen auf und nieder schreiten. Der
+immer wiederkehrende hastende Schatten brachte etwas Fremdes in die
+nächtliche Winterstille, etwas vom Kampf des Tages.</p>
+
+<p>Auf und nieder ging's, auf und nieder. — —</p>
+
+<p>Es mußte etwas Sonderliches sein, das dem Manne drinnen die Ruhe nahm.
+Abend für Abend konnte man Pastor Wendler, über seine Bücher gebeugt,
+am Schreibtisch sitzen sehen, ohne seine Stellung im geringsten zu
+verändern, — was trieb ihn heut in dem engen Raum hin und her?</p>
+
+<p>In den letzten Tagen waren allerhand Gerüchte über ihn verbreitet
+worden, — der Gutsherr habe sich mit ihm überworfen, er verließe
+Kambach und dergleichen mehr. Dann hieß es wieder, an dem allen sei
+kein wahres Wort.</p>
+
+<p>Der rastlose Wanderer drinnen wußte nicht, was über ihn geredet
+wurde, und wollt's auch nicht wissen. Menschen, die durch den Sturm
+schreiten, fragen nicht nach fallendem Laube und welkenden Blüten. Sie
+brauchen ihre ganze Kraft, ihren ganzen Willen im Kampfe gegen die
+Naturgewalten. Das Kleine wird ihnen klein, das Große groß. Achtlos
+zertreten sie den Halm am Wege, erst wenn die greisen Schildträger
+verklungener Zeiten, vom Sturm gefällt, zur Rechten und Linken
+niederbrechen, wenn Bergbachgebraus und Föhrenrauschen verstummen und
+das große Schweigen die Toten ehrt, dann, erst dann verhalten sie den
+eilenden Schritt, und das Auge fragt, was der Mund verschweigt: ›Wann
+kommt die Reihe an mich?‹ Doch die Antwort bleibt aus; denn die Nacht
+ist noch nicht vorüber.</p>
+
+<p>Sie stürmen weiter. Mit fiebernden Sinnen, mit keuchender<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Brust, in
+den Adern die Siedeglut des Willens zur Macht, zum Leben. Aber an ihrem
+hörnernen Kleide haftet ein Verhängnis. Trifft der Wurfspeer des Todes
+die Schulter, ist er Sieger. — — —</p>
+
+<p>An der Bahre der Waldwächter erbeben die Sinne; ein heimlicher Sprung,
+fein wie Glasgespinst, geht durch die Seele, ein leiser Schmerzenslaut
+verweht — regte der Wind zerrissene Saiten? — —</p>
+
+<p>Kurt Wendler war des Wanderns müde geworden und hatte sich an seinen
+Schreibtisch gesetzt. Ein tiefer Schmerz lagerte auf seiner Stirn, eine
+Unrast beherrschte sein Wesen, die vergeblich nach einem Ausweg suchte.</p>
+
+<p>Vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel, aber er blickte darüber hinweg
+auf das Bild eines hübschen, etwa sechzehnjährigen Knaben. Ein echtes
+rechtes Jungensbild war's, voll Natürlichkeit und Frische: Eberhard
+Kambach. Wie die großen nachdenklichen Kinderaugen ihn vorwurfsvoll
+anschauten! Noch niemals war er diesem Ausdruck begegnet — oder doch?
+Herrgott — ja — einmal vor drei Tagen, in der Konfirmandenstunde. Da
+hatten diese Augen ihn angeschaut, als ob er dem Kinde etwas geraubt
+hätte, etwas, das ihm heiliger war, als alles andere auf Erden, als
+Vater- und Mutterliebe, als der kleine fröhliche Kamerad, an den
+er sein Herz gehängt. Zum erstenmal hatten sie den Lehrer zornig
+angeblitzt, als wollten sie ihm zurufen: ›Glaub', was du willst! Ich
+glaub', was Vater und Mutter glauben, die wissen's ganz genau, wie's
+in der Bibel steht! Ich laß mir nichts wegnehmen!‹ Aber er hatte die
+stumme Mahnung unbeachtet gelassen, der Trotz war über ihn gekommen. Er
+hatte es bisher mit dem Worte gehalten:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Das Beste, was du wissen mußt,</div>
+ <div class="verse indent0">Darfst du den Buben doch nicht sagen!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p>
+<p>Nun sollten sie's wissen, selbst auf die Gefahr hin, daß es ihn Amt
+und Brot kostete. Nichts Halbes wollte er ihnen mehr bringen, nichts
+Veraltetes, Versteinertes, sondern Leben, Entwicklung, Wirklichkeit!
+Vor allem fort mit dem alten orthodoxen Gottesbegriff, mit der
+Christusgestalt des Supranaturalismus, dieser Unmöglichkeit aller
+Unmöglichkeiten!</p>
+
+<p>Und dann war jene Szene gekommen. Die bloße Erinnerung daran trieb ihm
+das Blut zum Herzen. Seine Behauptung, Christus habe sich an keiner
+Stelle in der ganzen Bibel zu seiner ewigen Gottessohnschaft bekannt,
+war gefallen. Der kleine Inspektorssohn hatte auf das eidliche Zeugnis
+vor Kaiphas hingewiesen. Achtzig helle fragende Kinderaugen blickten
+erwartungsvoll zu ihm auf.</p>
+
+<p>»Dann hat Jesus sich eben geirrt!« Ja, so hatte er gesprochen. Es war
+ihm selbst eigen ums Herz gewesen, als er die Worte, die ein Jatho
+in öffentlicher Versammlung geredet, an dieser Stelle wiederholte.
+Die Kambacher Dorfbuben waren wahrhaftig die letzten, die für diese
+feine Philosophie reif waren. Doch das machte nichts. Borsdorfer Äpfel
+reiften auch nicht an einem Tage.</p>
+
+<p>Dann war's gekommen, was ihm an der Seele nagte.</p>
+
+<p>Dicht unter dem Lehrstuhl klang ein heißes bitterliches Schluchzen,
+ein Schluchzen aus allen Quellen der Seele. Der stille vornehme Knabe
+sprang auf und rief in leidenschaftlichem Schmerz dem Lehrer zu: »Das
+ist nicht wahr, Herr Pastor!« Damit stürzte er hinaus.</p>
+
+<p>Keiner hielt ihn zurück. Wie ein Bann lag's auf der kleinen Schar.</p>
+
+<p>Es blieb Pastor Wendler nichts anderes übrig, als die
+Konfirmandenstunde zu schließen.</p>
+
+<p>Das war vor wenigen Tagen gewesen.</p>
+
+<p>Eine Stunde nach dem Vorfall war Herr von Kambach im<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> Pastorat. Kurz
+und bündig, wie es seine Art war, erklärte er Wendler, daß sein Sohn
+seine Konfirmandenstunden von nun an nicht mehr besuchen werde. In der
+Gesamtfrage werde er als Patron entscheiden. Nur so viel wolle er ihm,
+um jedes Mißverständnis auszuschließen, schon heute sagen, daß für sie
+beide nebeneinander kein Raum in der Kambacher Kirche mehr sei. Das war
+deutsch gesprochen.</p>
+
+<p>Aber eines berührte der Gutsherr mit keinem Wort: die Ungezogenheit
+Eberhards in Gegenwart der Klasse. Pastor Wendler wies darauf hin.</p>
+
+<p>Das Antlitz des Kambachers ward hart wie Stahl. »Dafür soll ich den
+Jungen schelten? Zum Kuckuck, Herr Pastor, ist bei mir 'ne Schraube los
+oder bei Ihnen? — Wenn in einer Versammlung eine Majestätsbeleidigung
+ausgesprochen wird, so erklärt man — vorausgesetzt, daß die
+Herrschaften nicht schon samt und sonders als Sozialdemokraten bekannt
+sind, — den Betreffenden für einen Lumpen und befördert ihn an die
+frische Luft. Sie haben die allerhöchste Majestät vor unmündigen
+Kindern beleidigt, und man hat Sie hübsch auf Ihrem Lehrstuhl gelassen.
+Von Rechts wegen hätten Sie ihn räumen müssen. Tatsache ist, daß das
+nicht geschehen ist. Und nun verlangen Sie noch obendrein, daß Ihre
+Konfirmanden, die doch schließlich keine Wickelkinder mehr sind, Amen
+sagen, wenn Sie erklären, Christus sei nicht Gottes Sohn!«</p>
+
+<p>»Natürlich ist er Gottes Sohn, aber nicht in dem Sinne wie ..«</p>
+
+<p>»Ja, ja, ich weiß schon, ›die reinste Menschenblüte, von Gottes Sonne
+geküßt‹, — ›höchste Vergöttlichung, unmittelbarste Vermittlung
+transzendenter Werte‹ — ich danke für die liberalen Kamellen,
+Verehrtester! Ihren zurechtgestutzten Heiland kann unsereins im Leben
+nicht gebrauchen, und im Sterben<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> erst recht nicht! Ihr Streben und
+Forschen in allen Ehren, — aber wir Positiven forschen auch, —
+glauben Sie ja nicht, daß wir so in den Tag hineinleben, — denkt
+nicht dran, wir vergessen nur nicht, wo unser kleiner armseliger
+Menschenverstand ein Ende hat, und bekrittelten nicht das Wunder der
+Wunder, die Person unseres Herrn. Das aber tun Sie! Und nun setzen
+Sie Ihrem Tun die Krone auf und tragen das Gift durch Predigt und
+Konfirmandenstunde ins Volk und verwahren sich dann noch dagegen,
+wenn ein armes Kind, dem Sie seinen Heiland nehmen wollen, Ihnen die
+Wahrheit ins Gesicht sagt.«</p>
+
+<p>»Es hätte nicht in dieser Form geschehen dürfen!«</p>
+
+<p>»Zum Donnerwetter! Form hin, Form her!« Er schlug auf den Tisch, daß es
+krachte. »Ich hätt's Ihnen gegönnt, daß die Bengels Sie ausgepfiffen
+hätten!«</p>
+
+<p>»Herr Baron, ich muß aber doch sehr bitten ...«</p>
+
+<p>»Daß ich das Lokal verlasse? Mit Vergnügen! Nehmen Sie's nicht
+übel, daß ich deutlich wurde, — ich bin nun einmal nicht für die
+Leisetreterei von heutzutage. Die Kambacher sprechen lieber Deutsch
+wie Französisch. Eberhard steckt's ja, gottlob, auch im Blute, der
+Schlingel hat Rasse! So, nun wissen Sie's. Sagen mußt' ich die ganze
+Wahrheit schon deshalb, verehrter Herr Pastor, weil ich Ihnen gegenüber
+die Pflichten des Patrons nicht vergessen darf. Sie könnten mir sonst
+mit Recht die bittersten Vorwürfe machen, ganz davon abgesehen, daß ich
+für mich und mein Haus jede liberale Rutschpartie dankend ablehne.« Er
+reichte ihm, als sei nichts geschehen, die Hand. »Gott befohlen!« Und
+fort war er.</p>
+
+<p>Wie betäubt stand Pastor Wendler da. Immer zog er bei diesem Manne den
+kürzeren. War's die rasende Lebhaftigkeit, die Herrennatur, die keine
+andere Meinung aufkommen ließ? Aber er selber war doch auch nicht
+ums Wort verlegen und wußte was er wollte. Warum schrumpfte denn,
+sobald Herr<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> von Kambach auf der Bildfläche erschien, sein leuchtender
+wissenschaftlicher Bau wie eine welkende ›Königin der Nacht‹ zusammen?
+Sonderbar! Eigentlich hätte er ihn doch auf Matt setzen müssen, weil
+er mit der Wissenschaft auf dem Gebiet des Glaubens nichts anzufangen
+wußte. Und doch erkannte er sie sonst an. Nur hier nicht. Er wußte
+eine ganze Menge, war sehr belesen, hielt ganz vorzügliche politische
+und soziale Reden, war in den modernen Weltanschauungsfragen stets auf
+dem laufenden, trotzdem — Glaube und Wissenschaft blieben getrennte
+Gebiete. Anders tat es die alte Schule eben nicht. Aber das Christentum
+des Kambachers war ebensowenig tote Orthodoxie wie das seiner Mutter
+und des alten Schenker. Im Gegenteil! Was steckte für Leben darin! Er
+war fest davon überzeugt, daß diese drei Menschen um ihres Glaubens
+willen große schwere Opfer bringen würden! Warum mußten denn gerade sie
+seine Gegner sein, die einzigen Positiven seiner Bekanntschaft, die
+Eindruck auf ihn machten, die ihm unbegrenzten Respekt abzwangen!? Es
+war zum Tollwerden!</p>
+
+<p>Seine Gedanken wanderten. An die Seite der greisen Landedelfrau sah
+er eine junge kräftige Frauengestalt treten. Mit den Füßen stand sie
+auf der Erde, ihre Hände taten Werktagsarbeit, aber die klare Stirn
+umleuchtete Morgenglanz. Es gibt Sonntagskinder, die hellen Auges, ein
+Sträußchen am Hute über die Berge wandern und tausend Herrlichkeiten
+schauen, die anderen Sterblichen verborgen bleiben. Solch ein
+Sonntagskind war der treue Hausgeist der alten Exzellenz, Fräulein
+Jutta Eichel.</p>
+
+<p>Es war in jener Zeit gewesen, wo er noch viel in Dreilinden verkehrte,
+als Pastor Wendler plötzlich die Sehnsucht gepackt, den Sonnenschein,
+der von der schlichten freundlichen Gestalt ausging, in sein einsames
+Pfarrhaus zu tragen. An<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> einem schönen Herbstabend betrat er den
+Dreilindener Gutshof. Die alte Exzellenz war ausgefahren. Sie, die
+er suchte, stand in der Halle, die letzten Rosen des Jahres in einer
+venetianischen Schale ordnend.</p>
+
+<p>Die Lichter des scheidenden Tages umspielten die Mädchengestalt und die
+purpurnen Blüten. Heimlich spann die Dämmerung ihre Schleier um den
+traulichen Kamin und das eichene Gestühl aus der Väter Zeiten. Ein paar
+Rosenblätter waren auf den breiten geklöppelten Einsatz der leinenen
+Tischdecke gefallen; wie Blutstropfen leuchteten sie in den goldenen
+Abend hinaus.</p>
+
+<p>Er aber stand im Türrahmen und betrachtete still das feine
+stimmungsvolle Bild. ›Wie ein Kunstwerk der alten niederländischen
+Schule!‹ zog es ihm durch den Sinn.</p>
+
+<p>Da hob sie den Kopf.</p>
+
+<p>Ihre Blicke trafen sich. Auf ihrem Antlitz lag's wie der Wiederschein
+der roten Rosen.</p>
+
+<p>Regungslos verharrte er im Schein des sinkenden Abends. Wie ein
+Schattenbild hob sich die hohe Gestalt vom lichten Himmel.</p>
+
+<p>Sie aber stand, die späten Blüten in den Händen, im dunklen Auge
+flehende Abwehr.</p>
+
+<p>Aber er merkte es nicht. Er sah nur das Ganze, das Bild des
+niederländischen Meisters.</p>
+
+<p>Dann trat er neben sie. Sie solle sich nicht stören lassen. Ganz
+obenhin sagte er's. Sie empfanden es beide. Zögernd steckte sie die
+letzte Knospe zwischen die schwellenden Blüten.</p>
+
+<p>»Ich darf's gleich hinübertragen?«</p>
+
+<p>Er folgte ihr in das Wohnzimmer der Hausfrau, wo sie die Rosenschale
+unter ein großes Kruzifix, eines jener herrlichen Schnitzwerke der
+Frauen Südtirols, stellte.</p>
+
+<p>»Lieben Sie die katholische Kunst?« fragte er.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p>
+
+<p>»Ich sah nie einen Kruzifixus wie diesen,« erwiderte sie, zu dem
+dorngekrönten Antlitz aufblickend. »Soll ich den Glauben verachten, der
+sich zu demselben Herrn und Heiland bekennt wie ich?«</p>
+
+<p>Er zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Würden Sie je katholisch werden?«</p>
+
+<p>»Niemals,« rief sie lebhaft. »Das römische System stößt mich ab. Aber
+mit dem einzelnen Katholiken fühle ich mich, sofern er ein wahrhaftiger
+Christ ist, auf demselben Heilsgrunde stehend, einig in Glauben und
+Hoffnung.«</p>
+
+<p>Er sah sie mit einem eigenen Blick an. In seinen Augen stand eine heiße
+Frage. Bis in die Seele drang sie ihr.</p>
+
+<p>Wieder sah sie zum Kreuz empor. Und während sie sich in den Anblick der
+edlen Züge versenkte, kam ein heiliger Mut über sie, eine nie gekannte
+Kraft. Voll und klar wandte sie dem Manne das dunkle Auge zu und sagte
+mit fester Stimme: »Tausendmal näher steht mir der Katholik, der sich
+zu seinem Heiland und Erlöser als dem ewigen Gottessohn bekennt, als
+der Vertreter der modernen Theologie, der die Gottessohnschaft Christi
+leugnet!«</p>
+
+<p>Wie ein Schlag ins Gesicht traf ihn ihr Wort. Er hatte sie verstanden.
+Eine unüberbrückbare Kluft hatte sie zwischen ihnen aufgerichtet. Und
+doch wußte er's, daß sie ihn liebte. Trotzdem hieß sie ihn gehen.</p>
+
+<p>Eine grenzenlose Bitterkeit stieg in ihm auf, ein unbezwingbarer Neid
+nach dem Gut dieser stillen starken Menschen, die, ohne rechts und
+links zu blicken, ihrem Ziele zuwanderten. Eine Ruh' lag über diesen
+Gestalten, über diesen Trägern innerer Kraft und heiligen Segens. Warum
+besaß er sie nicht?</p>
+
+<p>Weil eine solche Ruh' unmöglich, weil diese Menschen Schwärmer waren.
+Trotzig gab er seiner Seele die Antwort.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span></p>
+
+<p>Arm und einsam war er ausgegangen, sein spätes Glück zu suchen, ärmer
+und einsamer noch kehrte er heim.</p>
+
+<p>Und dann kamen die langen Winter, und der geliebte Pfad lag verschneit!
+— — —</p>
+
+<p>Mutterseelenallein saß er mit seinen Büchern in dem kahlen
+Studiergemach.</p>
+
+<p>Nur die vorwurfsvollen Augen des kleinen Junkers blickten ihn an.</p>
+
+<p>Allein — mutterseelenallein, und draußen der Pfad verschneit — —
+Nach einem uralten Liebeslied klang's, nach der zarten poetischen
+Stimmung deutscher Vergangenheit! Im Kamin summte der Nachtwind die
+Melodie dazu, weich und sehnsüchtig, als klagte eine Äolsharfe.</p>
+
+<p>Dann klang's aus anderen Pfeifen, fremd und sieghaft, als fegte die
+wilde Jagd übers Dach. — —</p>
+
+<p>Plötzlich Stille, kein Laut mehr auf weiter Heide. — —</p>
+
+<p>Und dann, was war das?</p>
+
+<p>Er lauschte hinaus.</p>
+
+<p>Aus weiter Ferne zog's durch das große Schweigen herüber, wie
+Meeresbrausen, wie der Pilgerchor ausziehender Christen, Orgeltöne,
+tief und gewaltig, das uralte halbvergessene Kirchenlied, das die
+mittelalterliche Gemeinde in den heiligen Nächten gesungen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Es kommt ein Schiff geladen</div>
+ <div class="verse indent0">Bis an sein'n höchsten Bord —</div>
+ <div class="verse indent0">Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,</div>
+ <div class="verse indent0">Des Vaters ew'ges Wort!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Er fuhr auf. Was hatte dies Lied mit seiner Einsamkeit, seiner
+Verlassenheit zu tun? Zum Tollwerden waren die Winternächte in dem
+hundertjährigen Pfarrhause mit seinen altmodischen Kaminen! Was Wunder,
+daß der Nachtwind<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> sich drin verfing und droben seine Psalter sang!
+Wenn dann auch noch das verflixte Käuzchen seine Jeremiaden anfing, —
+um aus der Haut zu fahren war's! Aber heut' Nacht war's dem Totenvogel
+wohl zu kalt. So hatte er wenigstens davor Ruhe.</p>
+
+<p>›Daß nicht unter dir gefunden werde, der auf Vogelgeschrei achte!‹
+Ja, ja, er wußte es. Aber es war nun einmal nicht angenehm, wenn die
+Kreatur draußen die halbe Nacht wimmerte. — —</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Es kommt ein Schiff geladen</div>
+ <div class="verse indent0">Bis an sein'n höchsten Bord — —‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Wieder die Glockentöne!</p>
+
+<p>Es war doch vorhin ganz klar und still gewesen? Ob das Wetter umschlug?
+Nein, er kannte den Ton, das war Nordostwind. Oder doch nicht?</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,</div>
+ <div class="verse indent0">Des Vaters ew'ges Wort!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Die blauen Kambachaugen blickten herüber. Ja, gewiß, er leugnete es
+keinen Augenblick, er hatte es vor der ganzen Klasse gesagt und würde
+es, wenn's sein müßte, vor dem Konsistorium wiederholen: ›Dann hat
+Jesus sich eben geirrt!‹</p>
+
+<p>›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ — — Knabenlippen sprachen es
+trotzig und hart.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,</div>
+ <div class="verse indent0">Des Vaters ew'ges Wort!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>»Zum Donnerwetter!« Er sprang empor und riß das Fenster auf.</p>
+
+<p>Totenstill lag der weiße Garten in winterlicher Schönheit. Drüben
+träumte, tief eingeschneit, die Kirche im Kranz ihrer Linden, Hütt' an
+Hüttlein geschmiegt zu ihren Füßen, fern in bräutlicher Reinheit die
+märkische Heide.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p>
+
+<p>Aber hinter dem Gutshaus in den Kiefernforsten summte der Nachtwind in
+den Kronen. Immer dasselbe Lied, jenen uralten, längst verklungenen
+Choral. Seltsam, — wie die Einbildung ihre Schleier wob, wie sie
+Menschengeist und Windeswehen in ihren Dienst zwang ...</p>
+
+<p>›Der Wind brauset, wo er will!‹</p>
+
+<p>Zum Kuckuck! Warum denn immer gleich die Bibel? Das war doch ein sehr
+natürlich zu erklärender Vorgang. Wetterumschlag — Nerven, — man war
+doch auch Stimmungen unterworfen — das Nachtgespräch mit Nikodemus
+hatte zudem neben großer sprachlicher Schönheit den Vorzug, rein
+persönlichen Charakter an sich zu tragen. Man konnte es so oder so
+auffassen. Ja, gewiß, so oder so!</p>
+
+<p>Drüben holte die alte Turmuhr zum Schlage aus.</p>
+
+<p>Zwölf? Na, ja. Es war Zeit, daß man zu Bett ging. —</p>
+
+<p>Es kam alles von dem ewigen Alleinsein her. Warum hatte Jutta Eichel
+nicht ja sagen können? Sie liebte ihn doch. Er wußte es ganz genau. Die
+Folge war, daß sie sich und ihn unglücklich machte. War das recht?</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,</div>
+ <div class="verse indent0">Des Vaters ew'ges Wort!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Er schlug das Fenster zu. Was hatte das mit der Ehe zu tun? Gar nichts.
+Aber sie dachte anders. Er wußte es wohl.</p>
+
+<p>Und es hatte Stunden gegeben, wo er es Jutta Eichel sehr hoch
+angerechnet, daß sie die letzten Folgerungen ihrer Überzeugung zog.
+Trotzdem, — wenn die Engigkeit der Positiven ihren Höhepunkt nicht
+bald überschritten hatte, hörte ja jedes Zusammengehen auf.</p>
+
+<p>Er zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>Zwischen Kambach und Dreilinden hatte es bereits aufgehört.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span></p>
+
+<p>Ein Seufzer verwehte.</p>
+
+<p>Die Nacht breitete ihre Schatten über das heilige Buch — —</p>
+
+<p>Er nahm die Lampe und ging hinaus. Als er die Diele überschritt, hörte
+er draußen ein Geräusch auf den Stufen. Nervös wandte er sich um.</p>
+
+<p>Da gellte auch schon die Nachtglocke durch das stille Haus.</p>
+
+<p>Er öffnete.</p>
+
+<p>Vor ihm stand in seinem großen Dienermantel der alte Schenker.</p>
+
+<p>»Kommen Sie mit, so rasch Sie können, Herr Pastor! Der junge Herr liegt
+schwer krank an Lungenentzündung und will Sie sprechen!«</p>
+
+<p>Sehr kurz und bestimmt klang's. Ganz Schenkersche Art. Aber ein
+gewisser Einschlag, den er sonst bei dem alten Manne noch nicht
+vermißt, fehlte: die Ehrerbietung vor dem geistlichen Amt. Oder kam es
+ihm nur so vor? In dieser Nacht war alles möglich.</p>
+
+<p>»Um Gottes willen, was ist denn geschehen?«</p>
+
+<p>»Bitte, Herr Pastor! Ick erzähl's Ihnen unterwegens!«</p>
+
+<p>Und Wendler fuhr in den Mantel, nahm den Schlapphut vom Nagel und ging
+mit Schenkersch Vadder in die Nacht hinaus. Als die Haushälterin, durch
+die Klingel geweckt, endlich zum Vorschein kam, fand sie ein paar
+Schneeabdrücke auf den Fliesen und den Platz, wo des Pastors Hut und
+Mantel hingen, leer.</p>
+
+<p>»Es wird die Frau des Häuslers sein, die schon seit drei Tagen im
+Sterben liegt,« murmelte sie vor sich hin. Und das flackernde Licht in
+der Rechten, wanderte sie müden Schrittes den Weg, den sie gekommen,
+über die alte knarrende Treppe zurück. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Also Lungenentzündung?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p>
+
+<p>»Ja, Herr Pastor. Herr Sanitätsrat Elsasser schüttelte gleich das
+erstemal, als er kam, den Kopf. Wir mußten sofort nach Berlin drahten.
+Herr Oberstallmeister wird mit dem Nachtzug erwartet. Als Herr
+Sanitätsrat vor einer halben Stunde noch Herrn Doktor Kruse mitbrachte,
+erklärten beide, es sei keine Hoffnung. Die Krankheit habe gleich
+zu heftig eingesetzt, gegen eine so schwere Lungenentzündung sei
+menschliche Kunst machtlos.«</p>
+
+<p>Hart und scharf klang Franz Schenkers Stimme.</p>
+
+<p>»Wie das Unglück geschehen is?« Er zuckte die Achseln. »In den
+Tagen, wo der junge Herr allein war, is nichts vorgefallen! Mamsell
+achtet auf ihn, als wär's 'n Prinz, und ick hab' auch meine Pflicht
+und Schuldigkeit getan. Der Gedanke wird dem gnädigen Herrn gar
+nich kommen, daß in den Tagen etwas versäumt worden is, das is
+ausgeschlossen, gänzlich ausgeschlossen!« Die weiße Kammerdienerweste
+strahlte.</p>
+
+<p>»Ja, aber, was ist denn geschehen?«</p>
+
+<p>Wieder jenes schweigende Achselzucken, jenes bedeutsame Wiegen des
+weißen Kopfes.</p>
+
+<p>»Mein Gott, so reden Sie doch!«</p>
+
+<p>»Ja, Herr Pastor, wenn ick offen und ehrlich meine Meinung sagen soll,
+und anders tu' ick's nich, — das ganze Dorf weiß es, daß Schenkersch
+olle Vadder es nich anders tut — dann kann ick nur sagen: das war
+vorige Woche nach die Konfirmandenstunde! Erst die furchtbare Aufregung
+— ick hab' das Kind ja in meinen ganzen Leben nich so gesehen, —
+und dann is der junge Herr nachmittags bei den scharfen Ostwind noch
+Schlittschuh gelaufen. Da is das Unglück geschehen! Erst die Aufregung,
+und dann hinaus in den schneidenden Wind — kein Wunder, Herr Pastor!«</p>
+
+<p>Schweigend ging Wendler neben dem Alten her.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p>
+
+<p>»Ick hab' das ja längst kommen sehen,« brummte Schenker vor sich hin.</p>
+
+<p>»Was haben Sie kommen sehen?«</p>
+
+<p>Schenker stellte sich trotz der bisherigen Eile mitten auf die
+Dorfstraße hin. Das bedeutete eine längere Rede mit erhobener Stimme.
+Denn das Schenkersche Organ war auf die Vorgänge des Lebens abgestimmt.
+Je wichtiger die Sache, desto durchdringender die Stimme. Es kam vor,
+daß Schenker einem guten Freunde mitten auf der Dorfstraße unter dem
+Siegel der Verschwiegenheit die tiefsten Geheimnisse ins Ohr brüllte,
+daß er sich vierundzwanzig Stunden später sehr wunderte, daß diese
+Geheimnisse ihren Weg durch alle Spinnstuben genommen und schließlich
+in der Herrenküche bei Mamsell angelangt waren, daß Mamsell sich den
+Alten vornahm und wegen seiner Redseligkeit gehörig herunterputzte, das
+alles konnte vorkommen und immer wieder vorkommen, und trotzdem blieb
+es beim alten.</p>
+
+<p>Pastor Wendler war schon mehr als ein Schenkersches Geheimnis auf der
+Kambacher Dorfstraße anvertraut worden. Doch in dieser Nacht hatte er
+eine entschiedene Abneigung gegen alles Vertrauliche.</p>
+
+<p>»Kommen Sie,« sagte er, »es ist gleich halb eins.«</p>
+
+<p>Aber Schenker blieb stehen.</p>
+
+<p>»Da Sie 's einmal durchaus wissen wollen, wo sich unser junger Herr
+die Lungenentzündung geholt hat, will ick's Ihnen nich verhehlen: in
+<em class="gesperrt">Ihre</em> Konfirmandenstunde! Mehr brauch' ick wohl nich zu sagen!
+Inspektors haben mir die Geschichte erzählt, die wissen alles von ihren
+Wilhelm!«</p>
+
+<p>Er stampfte weiter durch den Schnee.</p>
+
+<p>Jetzt blieb der Pastor stehen.</p>
+
+<p>»Und Sie glauben die Geschichte wirklich so, wie die dummen Jungens sie
+erzählen, Herr Schenker? Warum ist<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> denn keiner zu mir gekommen und hat
+mich gefragt, wie die Sache sich verhält?«</p>
+
+<p>Schenker wandte erstaunt den Kopf. »Die Jungens lügen nich!«</p>
+
+<p>»So. Aber es sind Kinder.«</p>
+
+<p>»Mag sein. Wir Großen kennen Sie aber auch, Herr Pastor! Kurzum — es
+wundert mich nich im geringsten, wenn Sie glauben, der Herr Christus
+habe sich geirrt, wenn er sich für Gottes Sohn gehalten hätte, — so,
+wie Sie sind, können Sie es gar nich glauben, — aber daß Sie so etwas
+unsere Kinder lehren, — das is stark, das is unerhört! Wie Sie's vor
+Gott verantworten wollen, is Ihre Sache, aber das kann ick Ihnen sagen:
+Ihre Kirche is nächsten Sonntag leer!«</p>
+
+<p>Sie waren vor dem Gutshause angelangt.</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen in Anbetracht der Erregung, in der Sie sich naturgemäß
+befinden, die Art und Weise, in der Sie zu mir gesprochen haben, nicht
+nachtragen,« sagte der Geistliche. »Später, wenn Sie ruhiger geworden
+sind, sprechen wir noch einmal darüber!«</p>
+
+<p>Er trat ein.</p>
+
+<p>»Ick wüßte nich, was Sie mir nachtragen sollten, Herr Pastor,« klang
+die alte Stimme neben ihm. »Ick hab' die Wahrheit gesagt! Wenn die hart
+war, is es nich meine Schuld!«</p>
+
+<p>Wendler zuckte die Achseln. Das Herz war ihm zum Zerspringen schwer. —
+— —</p>
+
+<p>Oben in dem weiten, matt erhellten Raum lag Eberhard Kambach in hohem
+Fieber in den Kissen. Als Pastor Wendler eintrat, flog ein Lächeln über
+sein Gesicht, mühsam versuchte er sich aufzurichten.</p>
+
+<p>»Eberhard!« Der Geistliche hielt die heiße Hand in der seinen. Er
+wollte weitersprechen und konnte nicht.</p>
+
+<p>Da klang's mit matter Stimme zu ihm empor: »Herr<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> Pastor, ich hätt'
+nicht so heftig werden dürfen neulich in der letzten Stunde! Das, was
+ich sagte, kann ich nicht zurücknehmen, denn, denn — es ist doch wahr,
+daß der Herr Jesus Gottes Sohn ist!« Die großen Augen sahen flehend zu
+ihm auf. »Was sollt' ich jetzt wohl anfangen, wenn er's nicht wäre, er
+könnte ja nicht mein Erlöser sein.«</p>
+
+<p>Sein Atem ging schwer. Eine Pause entstand.</p>
+
+<p>»Aber mein Ton war ungehörig,« sagte er dann, »wollen Sie mir
+verzeihen?«</p>
+
+<p>Ermüdet lehnte er sich zurück.</p>
+
+<p>Tief erschüttert stand Wendler da.</p>
+
+<p>»Verzeihen Sie mir,« klang's ein zweites Mal aus den Kissen.</p>
+
+<p>Er wandte sich ab. — »Eberhard — ich — ich hab' dir nichts zu
+verzeihen!«</p>
+
+<p>In die blauen Augen trat ein helles Leuchten. »Herr Pastor, wissen
+Sie's jetzt auch?« In atemloser Spannung hing der Blick des todkranken
+Knaben an dem geliebten Antlitz.</p>
+
+<p>»So wie du weiß ich's nicht, Eberhard!« Mühsam, als sei in der Seele
+etwas in Scherben gebrochen, kam's von den Lippen des Mannes.</p>
+
+<p>»Aber Sie müssen's wissen, Herr Pastor, so wie ich's weiß, daß der
+Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten brauche.«
+Die fieberheißen Hände umklammerten Wendlers Rechte. Die Stimme ward
+schwächer.</p>
+
+<p>Er kniete neben dem Kranken nieder.</p>
+
+<p>»Eberhard, vergib mir, daß ich jenes Wort sprach, ich hätt' es nicht
+sprechen dürfen — ich wußte — ich nahm dir etwas!«</p>
+
+<p>»Sie haben mir nichts genommen!«</p>
+
+<p>Wieder war's still.</p>
+
+<p>»Vergib mir,« bat der Pastor.</p>
+
+<p>Das Rot auf dem jungen Gesicht ward noch einen Schein<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> dunkler. Leise
+drückte Eberhard Kambach die Hand seines Lehrers. Der verstand die
+zarte Art dieses Vergebens und dankte es schweigend dem sterbenden
+Kinde.</p>
+
+<p>»Ob die anderen Jungens wohl einmal für mich aufstehen würden?« klang
+es leise an sein Ohr. »Morgen früh ist's vielleicht zu spät! Ich möchte
+so gern noch ein Lied hören.«</p>
+
+<p>»Ich will's ihnen sagen!« Wendler erhob sich. »Was sollen sie denn
+singen, Eberhard?«</p>
+
+<p>»Das ew'ge Licht geht da herein ...«</p>
+
+<p>Wieder jenes wunderbare Aufleuchten der blauen Augen.</p>
+
+<p>Über die Züge des Mannes flog ein Staunen. War das der Tod? Woher kam
+dem Jungen in der schwersten Stunde der selige Glaube an das Licht
+der Weihnacht? Das Wort frommer Eltern allein konnte solchen Glaubens
+Grund nicht sein, und hätt' er fürs Leben gereicht — im Tode? Nein.
+Autoritätsglaube war etwas Ehrfurchtgebietendes, — Lebenskräfte barg
+er nicht. Er war kein Glaube im tiefsten wirklichsten Sinne. Und
+gewaltsam drängte es auf ihn ein: was hülf' dir dein Glaube, wenn du in
+diesem Augenblick sterben solltest? würdest du im Glanz deines Sterns
+still und unverzagt den letzten, dunklen Weg wandern?</p>
+
+<p>Eine große rücksichtslose Ehrlichkeit kam über ihn. »Nein, tausendmal
+nein,« rief er seiner Seele zu, seinen Sinnen, die sich selbst in
+dieser Stunde noch mit Fleisch und Blut besprechen wollten, mit
+Weltklugheit und Gelehrsamkeit, mit der Weisheit, die sich Theologia
+nannte.</p>
+
+<p>Kurt Wendler erklärte sich am Sterbelager eines Kindes bankrott. — —</p>
+
+<p>Ein leises Geräusch an der Tür ließ ihn aufblicken. Auf der Schwelle
+stand eine hohe Gestalt im Pelz.</p>
+
+<p>»Vater!« rief Eberhard Kambach und richtete sich auf — dann flog sein
+Blick von einem zum anderen, die blauen Augen<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> baten für den Mann, den
+er vor wenig Tagen in heißem Schmerz bei dem Vater verklagt.</p>
+
+<p>Aber der Oberstallmeister trug den Kampf um sein Allerheiligstes nicht
+an das Sterbelager seines Kindes. Er hatte genug gesehen.</p>
+
+<p>Im Innersten erschüttert, aber äußerlich gefaßt, trat er an das Bett
+seines Lieblings und strich ihm in wortlosem Schmerz über den dunklen
+Kopf. Dann reichte er dem Geistlichen mit festem Druck die Hand. Eine
+Sekunde lang sahen sich die beiden Männer in die Augen. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Vom Kirchturm schlug es halb zwei, als Pastor Wendler von Haus zu Haus
+wanderte und den Knabenchor weckte. Dann ging er zum Kantor.</p>
+
+<p>Die hellen Tränen rannen dem treuen Manne über die Wangen, — am
+heiligen Abend hatte der Sohn seines Gutsherrn das alte Weihnachtslied
+noch mitgesungen. Nun sollt's ihn auf der letzten Fahrt geleiten.</p>
+
+<p>Abschiednehmend reichte er dem Pfarrer die Hand und schritt seiner
+kleinen Sängerschar voran dem Schlosse zu.</p>
+
+<p>Eine Viertelstunde mochte vergangen sein. Da klangen die Knabenstimmen
+glockenhell zu den stillen Fenstern empor:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Das ew'ge Licht geht da herein,</div>
+ <div class="verse indent0">Gibt der Welt ein'n neuen Schein!</div>
+ <div class="verse indent0">Es leucht't wohl mitten in der Nacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Und uns des Lichtes Kinder macht — Kyrieleis!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das hat er alles uns getan,</div>
+ <div class="verse indent0">Sein groß' Lieb' zu zeigen an;</div>
+ <div class="verse indent0">Dess' freu' sich alle Christenheit</div>
+ <div class="verse indent0">Und dank' ihm das in Ewigkeit — Kyrieleis!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p>
+<p>Über die weiße Heide schwebten die letzten Akkorde, als wollten sie
+eines Kindes Seele, die in mondheller Nacht die Flügel gebreitet,
+hinübergeleiten ins ewige Licht. — — —</p>
+
+<p>Dann kein Laut mehr.</p>
+
+<p>Eine Sternschnuppe ging leuchtend nieder. Auf einem kurzen stillen
+Erdenwege blieb ihr heller Schein liegen.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel"><span class="s5">Neuntes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bankrott.</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Gottesleugnung ist eine Entgleisung des Willens!</div>
+ <div class="verse indent0">Wille, der weiß, was er will, sucht und erkennt seinen Gott.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>»So wie Sie sind, können Sie es nicht glauben!« Die stille verschneite
+Nacht hatte die Worte, die der Mann aus dem Volke mit schlichter
+Ehrlichkeit geredet, gehört und leise, leise nachgesprochen.</p>
+
+<p>Der Tauwind trug sie auf weichen Flügeln die Dorfstraße entlang und
+sang sie über einsamer Schwelle.</p>
+
+<p>Die Mauern des alten Hauses hatten sie vernommen und gaben sie weiter.</p>
+
+<p>Und eine unsichtbare heilige Hand schrieb sie im Sturmeswehen mit
+eisernem Griffel an die Wände eines engen Kämmerleins.</p>
+
+<p>Taghell ward's drinnen vom Schein der ewigen Lampe.</p>
+
+<p>›So wie du bist, kannst du es nicht glauben!‹</p>
+
+<p>Ein hartes unwiderrufliches Menetekel, eine Stimme, die kein Mensch zum
+Schweigen brachte!</p>
+
+<p>Männer und Frauen kamen vorüber und sahen die güldene Ampel, vom
+Nachtwind bewegt, und fragten, was sie bedeute.</p>
+
+<p>›Das ist das Gewissen!‹ erwiderte die Stimme. ›Auch in<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> euren Seelen
+brennt die ewige Lampe — seid ihr blind geworden?‹</p>
+
+<p>Aber sie zogen lachend weiter.</p>
+
+<p>Nur einer lachte nicht. Der Mann drinnen, den das Wort anging. Er
+trug es in die Stunden des Tages, in Leben und Arbeit. Auf seinen
+Krankenbesuchen begleitete es ihn, die Augen der Sterbenden riefen es
+ihm zu. Und tief im Grunde der Seele meißelten unsichtbare Hände, als
+wollten sie mit Gewalt die steinernen Wände sprengen: ›So — wie — du
+— bist —, — — kannst du es nicht!‹</p>
+
+<p>Arbeiteten drinnen Berserkerfäuste? Spalteten Giganten hart und
+leidenschaftslos das Gestein? Er wußte es nicht. Aber das wußte er, daß
+ihn die Unrast der Seele zerrieb.</p>
+
+<p>Wieder war's Abend geworden. Er hatte gewartet, ob vom Herrenhause
+nach ihm geschickt werde, aber es kam niemand. Morgens früh war ihm
+der Todesfall gemeldet worden. Er war ins Schloß gegangen, hatte den
+Gutsherrn aber nicht getroffen. Dann hatte er zu Hause vergeblich
+gewartet. Ob man ihn nicht wollte? Vermutlich. Der Oberstallmeister
+zog die Folgerungen aus seinem Christentum. Hätte er — Kurt Wendler
+— in diesem Augenblick hungernd oder dürstend an seine Tür geklopft,
+er hätte ihn gespeist und getränkt, aber das Wort vom Auferstehen und
+Leben durfte der Irrlehrer nicht am Grabe seines Kindes sprechen.
+Auf dem Gebiet der Liebe würde Karl Heinrich von Kambach, ob's noch
+so schwer war, immer Zugeständnisse machen, auf dem Gebiet der
+Glaubenstreue und des Bekenntnisses nie. Darin lag aber auch seine
+Stärke. Und der Pfarrer nahm vor der rücksichtslosen und doch so
+vornehmen Gegnerschaft im stillen den Hut ab. Es lag etwas in dieser
+wurzelechten Treue, in dieser bodenständigen aufrechten wahrhaft
+innerlichen Kraft, das größer war, edler, als der Adel des Blutes.
+—<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> —</p>
+
+<p>Wenn Schenker doch wenigstens einmal käme! Der war an allem schuld.
+Der hatte ihn mit seinem übereilten Wort den Stock zwischen die Füße
+geworfen! Ja, er!</p>
+
+<p>Übereilt? Das war Schenker eigentlich nicht. Wenigstens vertrat er
+immer, was er sagte. Und lag nicht eine gewisse Wahrheit in seinem Wort?</p>
+
+<p>›So — wie — du — bist — kannst du es nicht glauben!‹</p>
+
+<p>Wieder das Feilen, das rastlose Hämmern. — —</p>
+
+<p>Da — was war das? Er schreckte auf.</p>
+
+<p>Eine Schneelast kam mit Donnergetöse das alte Giebeldach herunter. So
+weit war er schon, daß ihn so etwas zusammenfahren ließ. Nerven. — —</p>
+
+<p>Unsinn! — Er machte sich hart. Jetzt Schluß. So ging's nicht weiter.
+Mannesstolz und Manneskraft erwachten, die Sehnsucht, mit dem Feinde
+die Klingen zu kreuzen.</p>
+
+<p>›So, wie du bist!‹</p>
+
+<p>Herr Gott im Himmel, er wollt' es ja gar nicht glauben! Warum wurde
+ihm denn fortwährend vorgeworfen, er könne es nicht? Er konnte es
+wohl! Aber es wäre gegen seine Überzeugung gegangen. Nicht Eigensinn
+oder Mangel an Einsicht oder gar theologische Ungebildetheit —
+er wußte mehr wie mancher Positive — hielten ihn zurück, sondern
+lediglich die Tatsache, daß er eine veraltete Form nicht anerkennen
+konnte und wollte. Denn wahres Christentum durfte nicht in dem Sinne
+christozentrisch aufgefaßt werden, wie der Supranaturalismus es tat.
+Entsprach das leuchtende, von oben verklärte, von Gott geweihte, von
+seinem Hauch erfüllte, den Menschen beseligende befreiende Jesusbild
+nicht tausendmal mehr der Wahrheit, als jene geheimnisvolle Vorstellung
+des Offenbarungsglaubens? Ganz gewiß! Hier herrschte Freiheit, dort
+Gebundenheit, hier Entwicklung, dort Formelwesen<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> ohne Leben und Geist.
+Und eine Einseitigkeit, die sich jedem Fortschritt verschloß, sammelte
+sich zum Kreuzzug gegen die ›Irrlehre‹. Volk wider Volk! Darauf
+kam's hinaus! Das war das Traurige. Die starre ablehnende Haltung
+auf positiver Seite war daran schuld, die Weigerung, die angebotene
+Bruderhand zu ergreifen.</p>
+
+<p>Finster vor sich niederblickend, saß er da. Wenige Stunden noch und
+der Augenblick kehrte wieder, wo er sich vor vierundzwanzig Stunden
+am Sterbebett eines Kindes bankrott erklärt. Und heute? Das war eben
+Überreiztheit der Nerven gewesen! Kein Wunder! Was war gestern alles
+auf ihn eingestürmt! Jetzt, wo eine gewisse Entspannung eintrat, wo er
+Welt und Dinge mit anderen Augen zu betrachten anfing, konnte er diese
+Erklärung nicht aufrecht erhalten. Nein, nein, er war nicht bankrott,
+er dachte nicht daran. Die Glaubensgewißheit der Positiven war nicht
+größer, als die der Liberalen, — zuletzt standen sie beide vor einer
+verschlossenen Tür.</p>
+
+<p>Oder nicht?</p>
+
+<p>›Aber Sie müssen es wissen, Herr Pastor, — so wie ich es weiß, daß
+der Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten
+brauche!‹ So hatte ein fünfzehnjähriger Konfirmand angesichts des Todes
+gesprochen! — —</p>
+
+<p>Pastor Wendler seufzte.</p>
+
+<p>›So — wie — du — jetzt — bist!‹? — —</p>
+
+<p>Er sprang auf, griff zu Hut und Wettermantel und trat in die Dämmerung
+hinaus.</p>
+
+<p>Der Tauschnee spritzte. Aus den Dachrinnen kam das Wasser in Bächen
+herab. Es war ein Kunststück, aus dem Hause zu kommen.</p>
+
+<p>Ziellos wanderte er die Dorfstraße entlang, in der Richtung nach dem
+Gutshause zu. Er gestand sich's nicht ein, daß<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> es ihn mit magnetischer
+Kraft in den stillen Raum zog, wo der kleine Junker den letzten Schlaf
+schlief. Und doch war's so.</p>
+
+<p>Als er sich dem Park näherte, sah er einen Wagen vorfahren. Im hellen
+Schein der Laterne erkannte er mehrere verschleierte Gestalten,
+darunter eine auffallend große, vom Alter gebeugte Frau, Exzellenz von
+Kambach. Ein Stich ging ihm durchs Herz, — er kehrte um. — —</p>
+
+<p>Mitten im Dorf blieb er stehen. Was hatte er dieser Frau eigentlich
+getan, daß er gewissermaßen die Flucht vor ihr ergriff?</p>
+
+<p>›So — wie — du — bist — —‹</p>
+
+<p>›Dann hat sich Jesus eben geirrt — —‹</p>
+
+<p>Und drüben lag ein junges blühendes Menschenleben auf der Bahre —
+ihres Herzens Freude und Wonne.</p>
+
+<p>Das Hämmern und Feilen begann von neuem.</p>
+
+<p>›Das ist dein Werk — —‹</p>
+
+<p>›Unsinn — Lungenentzündung — —‹</p>
+
+<p>›Und das andere — das — das!?‹</p>
+
+<p>›Mein eigener Enkel ist unter Ihren diesjährigen Konfirmanden, Herr
+Pastor, es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind
+nicht verführt werde!‹ Als sei es gestern gewesen, klang ihm die alte
+zitternde Stimme im Ohr.</p>
+
+<p>Und dann hörte er eine andere. Mühsam brachte sie die Worte heraus.
+Dem todkranken Kinde gehörte sie an, das sich still zum Sterben
+niedergelegt: ›Sie haben mir nichts genommen!‹ Ein sieghaftes
+königliches Wort, ein Bekenntnis heiliger Glaubensgewißheit, aber
+auch ein rückhaltloser Hinweis auf die Ohnmacht und Armseligkeit
+des Mannes, zu dessen Füßen dies Kind gesessen. Es war der Ertrag
+seiner Konfirmandenstunde: die Zurechtweisung aus dem Munde eines
+Fünfzehnjährigen: ›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ — Die stolze
+Erklärung angesichts des Todes: ›Sie haben mir<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> nichts genommen!‹ —
+Nichts gegeben — nichts genommen! Wahrhaftig, eine reiche Ernte!
+Trotz der christlichen Weihe des jesuzentrischen Liberalismus, trotz
+seines reformatorischen Unterbaus, trotz des Hinweises auf den Vater im
+Himmel, auf die ewige Heimat und des Zeugnisses von Jesu von Nazareth!
+Trotz alledem! Er konnte diesen Mangel nicht leugnen.</p>
+
+<p>Den Kopf gesenkt, wanderte er raschen Schrittes die Dorfstraße entlang.
+Mancher der Vorübergehenden, der ihn trotz der Dunkelheit erkannte,
+blieb stehen und schaute seinem Pfarrer verwundert nach. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Ja, sehen Sie, lieber Schenker, das ist eben die Gefahr an diesem
+jesuzentrischen Liberalismus! Den Kern des Christentums, den Glauben
+an Christi Kreuzestod und Auferstehen, den Frieden der Sündenvergebung
+durch sein Blut löst er heraus und reicht uns die leere Schale!«</p>
+
+<p>Schwer und wuchtig klangen die Worte durch die Nachtstille.</p>
+
+<p>Wie angewurzelt stand der Pfarrer. Hatte sich alles gegen ihn
+verschworen, waren die Geister der Mitternacht erwacht, ihn zu narren?
+— Spuk? — Unsinn! — Und doch! Was war das? Was bedeutete das? Mitten
+in seine Grübeleien klang eine Antwort, die — die —</p>
+
+<p>Dicht vor ihm wanderten zwei Männer durch den Schnee. Daß er sie nicht
+früher bemerkt hatte — —</p>
+
+<p>Der alte Schenker war's und ein Geistlicher aus Drachenburg, der im
+Schloß verkehrte und mit dem Inspektor befreundet war. Wendler kannte
+ihn wenig. Pastor Krug gehörte dem äußersten Flügel der positiven
+Rechten an.</p>
+
+<p>»Herr Pastor, was heißt das eigentlich: Jesuzentrischer Liberalismus?«
+hörte Wendler jetzt Schenkersch Vadder fragen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p>
+
+<p>»Dem bibelgläubigen Christentum ist Christus der ewige Sohn des
+lebendigen Gottes, der um unserer Sünde willen Gekreuzigte, und
+um unserer Gerechtigkeit willen Auferweckte, der Wesensinhalt und
+Mittelpunkt des Glaubens,« antwortete Pastor Krug. »Diese auf Tatsachen
+der Schrift gegründete Glaubensstellung ist <em class="gesperrt">christozentrisch</em>.
+Denn unser Heil steht und fällt mit Christo dem Gekreuzigten und
+Auferstandenen, dem ewigen und lebendigen Sohne Gottes. — Im Gegensatz
+hierzu steht der jesuzentrische Liberalismus, der den Heiland wohl als
+höchstbegnadeten Gottmenschen ansieht, aber immer doch nur als den
+Gottmenschen, auf den jeder Mensch angelegt ist. In der Person Jesu,
+sagen die Liberalen, sei der Gottmensch am schärfsten herausgearbeitet,
+in ihm spiegele sich die Gottheit am klarsten wieder. Darum nennen sie
+ihn auch Gottes eingeborenen Sohn, d. h. den Träger göttlichen Lebens,
+weil sein menschliches Leben allein auf Gott gerichtet gewesen sei. Und
+doch kommt das alles auf Gottesleugnung heraus, auf die Leugnung der
+Gottheit Christi. Wer aber den Sohn nicht hat, der hat auch den Vater
+nicht! Das wird auf jener Seite so oft vergessen. Ich kann mir nicht
+helfen, es kommt mir immer vor, als fehle der Wille oder als sei ihm
+eine falsche Richtung gegeben worden!«</p>
+
+<p>»Ja, in Unordnung is da was, Herr Pastor! Ick versteh's auch nicht! Ick
+weiß doch, daß ick einen Heiland brauch', wie werd' ick denn so dumm
+sein und ihn nicht haben wollen!«</p>
+
+<p>»Oder ihn mir nach meinem eigenen kleinen Verstande zurechtmachen,«
+ergänzte Pastor Krug. »Als ob wir den Heiland der Liberalen gebrauchen
+könnten! Gott versöhnen kann er uns nicht, weil er ein Mensch ist und
+bleibt, und seine ganze Persönlichkeit der Vergangenheit angehört
+und darum nicht ewig ist. Wenn Jesus auch auf liberaler Seite als
+Helfer, Erretter und Heiland verehrt wird, so wissen wir darum doch<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span>
+ganz genau, was wir von dieser Jesusverehrung zu halten haben. Zu der
+Versöhnung durch sein Blut, zur Vergebung der Sünden bekennt sie sich
+nicht, von Leben und Seligkeit kann sie im ewigen Sinne nichts wissen.
+Diese Auffassung nennt man <em class="gesperrt">jesuzentrisch</em>. — Habe ich mich klar
+ausgedrückt, Herr Schenker?«</p>
+
+<p>»Gewiß, Herr Pastor, ick danke Ihnen vielmals. Die Sache selbst
+wußt' ick natürlich. Nur den Unterschied zwischen jesuzentrisch und
+christozentrisch kannt' ick nich. Wo soll unsereins das auch her
+wissen!«</p>
+
+<p>»Sie sehen, warum die liberale Theologie keinen Boden unter den
+Füßen hat,« fuhr der Geistliche fort. »Sie wurzelt letzten Endes,
+wenn sie es auch nie zugeben wird, in dieser Erde. Daher ist sie
+auch zum Teil an der Entsittlichung unseres Volkes schuld. Denn wo
+keine Ewigkeitshoffnung ist, da ist auch keine Sittlichkeit. Das
+ist die natürliche Folge. Man kann sich daher gar nicht über die
+kirchlich-liberale Freundschaft mit den Monisten wundern!«</p>
+
+<p>»Monisten?« Schenkers Weisheit war am Ende. »Die glauben gar nichts!?«</p>
+
+<p>Pastor Krug lachte. »Sie behaupten, sehr viel zu glauben, aber wenn
+man's bei Lichte besieht, kommt allerdings wenig dabei heraus. Sie
+glauben jedenfalls an keinen persönlichen Gott.«</p>
+
+<p>»Det sei ick doch!« platzte Schenker heraus. »Verzeihen Sie, Herr
+Pastor, aber meine Frau und ick sprechen immer Platt, da geht's mich
+dann wie eben!«</p>
+
+<p>Der Geistliche nickte.</p>
+
+<p>»Und dann wundert man sich noch, wenn solche Sachen vorkommen, wie
+mit der armen jungen Lehrersfrau in Dambeck! Ick kann nur sagen, ick
+würd' mir bei der ersten besten Gelegenheit, ja, sobald mir das Leben
+irgendwie unbequem<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> würde, eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn ick
+keine Ewigkeitshoffnung hätte, wenn ick nich wüßte: du bist um Christi
+willen bei Gott in Gnaden!«</p>
+
+<p>»Wann ist es denn geschehen?«</p>
+
+<p>»Heute nachmittag hat sie sich erschossen. Kein Mensch weiß, wo sie die
+Pistole herbekommen hat! Graf Brelow war vorhin im Schloß. Der Kutscher
+hat mir die Geschichte erzählt. Gewundert hab' ick mir ja weiter nich.
+Was die Frau für Zeug las, — ach, du meine Güte! Warum unser Herr
+Pastor ihr auch solche Bücher gegeben hat?«</p>
+
+<p>»Wendler?«</p>
+
+<p>Der Alte nickte.</p>
+
+<p>»Was hat er ihr denn gegeben?« fragte der Geistliche. »Können Sie mir
+nicht die Titel nennen?«</p>
+
+<p>»Die hab' ick vergessen, Herr Pastor. In den Brief, den sie geschrieben
+hat, stand das ja alles drin, aber ick hab's wahrhaftig wieder
+vergessen. Da fällt mir ein, Herr Petzold soll von Volksbüchern
+gesprochen haben. Es müssen aber doch wohl Bücher gewesen sein, die
+unsereins, der die liberalen Schliche nich kennt, irreführen. Und dann
+hat er auch noch zu Mirow gesagt, wenn er 'ne blasse Ahnung gehabt
+hätte, daß seine Frau so was läse, so wäre er ganz gehörig dagegen
+eingeschritten. Er hätte wohl gewußt, daß sie viel und gern gelesen
+hätte, aber gegen die Bücher, die er bei ihr gesehen, hätte er nichts
+einwenden können. Det hätte sie ihm verheimlicht, daß sie solche Sachen
+im Hause gehabt hat. Es sei gar kein Wunder, daß es so gekommen sei.
+Eine Frau wie seine Louise, die schon von Haus aus nich gerade fromm
+gewesen sei, könne unmöglich, noch dazu in schwerer Zeit, durch solche
+Bücher zum Glauben kommen. Sie erregten nur Zweifel. Ja, Herr Pastor,
+wenn's so steht, hat er ja ganz recht! Is wahrhaftig kein Wunder, daß
+die arme Seele sich schließlich<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> ein Leid angetan hat!« Und der Alte
+stampfte ingrimmig durch den Schnee. »Der hat schon mancherlei auf'n
+Gewissen. Bei unsern jungen Herrn is doch auch die Aufregung von wegen
+die Konfirmandenstunde mit schuld. Nee, Herr Pastor, allens was recht
+is, — aber, wat to dull is, dat is to dull!«</p>
+
+<p>Einen Augenblick war's still, dann begann der Alte von neuem: »Was
+der Dambecker Kutscher is, der hat mir vorhin, wie Herr Pastor mit
+Herrn Grafen oben waren, die Petzoldsche Geschichte haarklein erzählt.
+Sein Großvater hat schon in Brelowschen Diensten gestanden, er kennt
+das ganze Dorf. Seine Enkel gehen bei Herrn Petzold in die Schule.
+So is es gekommen, daß er öfter mit ihm gesprochen hat, und daß Herr
+Petzold dem alten Mirow sein Herz ausschüttete. Der Frau war nichts
+gut genug. In mein' ganzen langen Leben hab' ich noch keine so feine
+Dorfschullehrerwohnung gesehen. Und dann die Kleider! Die Dambecker
+Frau Gräfin ging nich so fein angezogen wie Frau Petzold! — Und
+die Leserei! Natürlich litt der Haushalt darunter; die Frau soll ja
+nich von die Bücher wegzubringen gewesen sein. So is das Unglück
+geschehen! — — Herr Pastor, wir Kambacher haben ja die Händler mit
+ihren schmutzigen Mitteln immer wieder an die frische Luft gesetzt
+und feste verhauen, — ick hab' selbst dabei geholfen, und solange
+meine alten Knochen ihre Schuldigkeit tun, soll der olle Schenker
+nich dabei fehlen! In Dambeck scheinen sie nich so scharf vorgegangen
+zu sein. Daher is die Geschichte da wohl so eingerissen. Im Falle
+Petzold scheint die Sache so zu liegen. Er ist 'n fleißiger arbeitsamer
+Mann, der seine Freude an seinen beiden Kindern hat und so was nie
+mitmachen würde. Aber sie hat alles in Staat angelegt und sich nich
+um Gottes Ordnung gekümmert. Kurz und gut, Herr Pastor, Frau Petzold
+hat an ihren zwei Kindern<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> genug gehabt. Und wie die Versuchung an sie
+herangetreten is, da hat sie nicht widerstehen können. Der Mann hat
+auch hiervon keine Ahnung gehabt. Wie die Frau dann kränker und kränker
+geworden is, hat er Verdacht geschöpft. Aber sie hat nich mit der
+Sprache herausgewollt. Erst in dem Brief, den sie vor ihrem Tode an ihn
+geschrieben hat, is alles gesagt — — das Schreiben soll eine schwere
+Selbstanklage enthalten, — Herr Petzold hat es dem alten Mirow gezeigt
+— ihres Gottes habe sie vergessen, schreibt die Frau, ihre heiligsten
+Pflichten habe sie versäumt. Schon als Mädchen habe sie allerlei
+zusammengelesen, besonders eine Menge Bücher von einen sehr berühmten
+Irrlehrer, — ick hab' den Namen vergessen, mit 'n N fing er an ...«</p>
+
+<p>»Nietzsche?« fragte der Geistliche.</p>
+
+<p>»Is gerne möglich, Herr Pastor! Der alte Mirow wußte es selbst nich
+mehr genau! — Na, das is jedenfalls ganz was Schlimmes gewesen,
+und Herr Pastor Wendler hat sie durch die Volksbücher davon heilen
+wollen. Was dabei herausgekommen is, sehen wir ja! Er hat es gewiß
+treu gemeint, aber was die liberale Lehre is, die hat nu mal keine
+Kraft. Traurig! Die Frau hat geschrieben, ihr Unglaube habe sie arm
+gemacht, so arm, daß sie nun, wo sie krank und siech sei, nich mehr
+leben könne. Das Leben habe ja auch keinen Zweck; denn nach dem, was
+Herr Pastor Wendler ihr gesagt, und was in den Büchern stehe, die er
+ihr geliehen, könne es, wenn man's recht bedenke, keine Ewigkeit geben.
+Es sei sonst ja alles recht schön und gut, was darin stehe, aber Trost
+biete es nich, wenigstens nich, wenn man so schwer gefehlt habe, und
+Ewigkeitshoffnung könne man erst recht nich daraus schöpfen! — Dann
+hat sie noch einen Brief an Pastor Wendler geschrieben ...«</p>
+
+<p>Sie waren vor Schenkers Häuschen angelangt. Hinter<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> blühenden
+Geranienstöcken saß eine weißhaarige Frau bei der Lampe am Spinnrad.
+Sie sah traurig aus. Das Leid drüben im Gutshause lastete auf der
+treuen Seele.</p>
+
+<p>Pastor Krug reichte dem alten Kammerdiener die Hand.</p>
+
+<p>»Gott befohlen, Herr Schenker! Ein trauriges Wiedersehen heute!« Er
+wandte sich um. »Was war das?«</p>
+
+<p>Schenker drehte den Kopf.</p>
+
+<p>Eine hohe Gestalt im Wettermantel enteilte im Nebel.</p>
+
+<p>»Um Gotteswillen, das is ja unser Herr Pastor!«</p>
+
+<p>»Der ist uns doch nicht begegnet,« meinte der Geistliche.</p>
+
+<p>»Nein, nein, er is uns nich begegnet,« rief der Alte erregt. »Er muß
+hinter uns hergegangen sein — er hat alles gehört!«</p>
+
+<p>»Vielleicht sollte er's hören,« sagte Pastor Krug und ging den Weg, den
+er gekommen, dem Inspektorhause zu, wo sein Wagen wartete.</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde später war er auf dem Heimwege.</p>
+
+<p>In den Tagelöhnerwohnungen war noch Licht. Heimlich glühte es hinter
+den kleinen Scheiben, hinter dem Grün der Myrten und den roten Stauden
+des ›fleißigen Lieschen‹. Nur die Pfarre lag dunkel und still unter der
+schirmenden Krone der Sommerlinde.</p>
+
+<p>Einen Augenblick war's ihm, als müsse er an die Tür des Mannes klopfen,
+der da drinnen den schwersten Kampf seines Lebens kämpfte, aber dann
+sagte er sich: ›Nein. In der Stunde, da Gott uns zerbricht, scheidet
+das Menschliche aus. Auch menschliche Treue. Es gibt Kämpfe, die der
+Mensch allein kämpft.‹ Und im Herzen das Gebet, daß der Wille eines
+Starken sich dem Stärksten beuge, fuhr er durch die feiernde Heide
+seiner abgeschiedenen Pfarre zu.</p>
+
+<p>Sein Entschluß reute ihn nicht. Er wußte es aus eigener, tief
+innerlicher Erfahrung: jenes heilige ›Ich will!‹ war das<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Größte,
+Ureigenste, Persönlichste im Menschen! Es war der höchste Freiheitsakt,
+den eine Seele vollzog, wenn sie erklärte: ›Ich will aus dem Staube,
+will ans Licht, will zu dir, näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!‹
+Eine Umwertung aller Werte barg diese Tat, und der oft mißdeutete
+alte Spruch ward Ewigkeitswahrheit: ›Des Menschen Wille ist sein
+Himmelreich!‹</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p>
+</div>
+<h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel"><span class="s5">Zehntes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ein Ton.</h2>
+
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich hab' eine Mutter und hab' sie nicht! —</div>
+ <div class="verse indent0">An ihr Festgewand, an ihr schimmernd' Geschmeid</div>
+ <div class="verse indent0">Denkt sie zu aller Stunde und Zeit;</div>
+ <div class="verse indent0">An ihres Haares seidene Pracht,</div>
+ <div class="verse indent0">An ihrer Augen leuchtende Nacht,</div>
+ <div class="verse indent0">An die roten Rosen an ihrer Brust,</div>
+ <div class="verse indent0">An Erdenliebe und Erdenlust,</div>
+ <div class="verse indent0">An Glück und Liebe und Sonnenschein,</div>
+ <div class="verse indent0">An tausend lachende Melodei'n,</div>
+ <div class="verse indent0">An alles, was einst in Scherben bricht! —</div>
+ <div class="verse indent0">Ob ihres Kindes verlassene Seele</div>
+ <div class="verse indent0">Den Durst gestillt an lebendiger Quelle,</div>
+ <div class="verse indent0">Danach fragt sie nicht!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Ein weicher linder Tag war's, einer von jenen neuen Frühlingsboten, die
+alles versprechen und nichts halten. Um die Dächer flog der Tauwind,
+sein Lenzlied singend, und der Tropfenfall unten auf den Steinen schlug
+den Takt dazu. Aber in der südlich milden Luft lag's wie ein Traum von
+Veilchenduft und Zentifolienblüte, wie eine große Sehnsucht nach der
+bräutlichen Pracht weißer Narzissen. In den Blumenhallen standen sie in
+dichten Sträußen, auf dem Potsdamer Platz, an den Straßenecken lockten
+sie die Vorübergehenden. Schon küßte die Sonne drüben im Tiergarten
+ihre Schwestern wach. Von jeher hatte sich der Frühling beeilt, nach
+Berlin zu kommen. — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p>
+
+<p>Aus den offenen Fenstern eines hellen Gartenzimmers in der
+Dorotheenstraße klang eine Frauenstimme. Wie ein Trauerschleier lag's
+über dem Liede, über dem weichen vollen Alt. Ein seltsames Lied
+war's, auf einen einzigen Ton gestimmt. Aber die Klänge eines edlen
+Instruments gaben dem wunderbaren Sang ihr vielstimmiges Geleit, wie
+ein Kirchenchor der Stimme eines Engels. Es war das Lied des Meisters
+Peter Cornelius aus seinem ergreifenden Werk ›Trauer und Trost‹: ein
+Ton.</p>
+
+<p>Zart wie ein Hauch schwebte es durch den stillen Raum in den lachenden
+Vorfrühling hinaus, ein Allerseelenlied, von Tränen betaut, von
+Ewigkeitshoffnung getragen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Mir klingt ein Ton so wunderbar,</div>
+ <div class="verse indent0">In Herz und Sinnen immerdar.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ist es der Hauch, der dir entschwebt,</div>
+ <div class="verse indent0">Als einmal noch dein Mund gebebt?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ist es des Glöckleins trüber Klang,</div>
+ <div class="verse indent0">Der dir gefolgt den Weg entlang?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mir klingt der Ton so voll und rein,</div>
+ <div class="verse indent0">Als schlöß er deine Seele ein. —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Als stiegest liebend nieder du</div>
+ <div class="verse indent0">Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Der letzte Ton war verklungen. Sinnend blickte ein dunkeläugiges
+Mädchen auf die Noten. Die schlanken schmalen Hände ruhten auf den
+Tasten.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Als stiegest liebend nieder du</div>
+ <div class="verse indent0">Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>flüsterte sie und ihre Augen schimmerten in Tränen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span></p>
+
+<p>Vor ihrer Seele stieg ein Bild auf: eine schlanke Knabengestalt mit
+blauen Augen und blondem Haar, mit hellem Sinn und klarem Blick
+— der junge Adel, wie er leibte und lebte. Nun lag das blühende
+hoffnungsvolle Menschenleben im Grabe. Wie ein Held war dies Kind den
+letzten dunklen Weg gegangen, den Jubelpsalter der Weihnacht auf den
+Lippen.</p>
+
+<p>Wieder wurden die Töne unter dem Druck der Mädchenhände lebendig,
+wieder klang die helle Stimme. Aber über diesem Liede lag kein
+Schleier. Leise zwar, unter den Tränen frischen Schmerzes, aber dennoch
+froh wie ein Kind im Schein der Christnacht sang Sibylle Bühler, alles
+um sich her vergessend, das holde weihnachtliche Lied:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Das ew'ge Licht geht da herein,</div>
+ <div class="verse indent0">Gibt der Welt ein'n neuen Schein!</div>
+ <div class="verse indent0">Es leucht't wohl mitten in der Nacht</div>
+ <div class="verse indent0">Und uns des Lichtes Kinder macht, — Kyrieleis!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Das Lieblingslied ihres kleinen frohen Kameraden war ja auch das ihre.
+Wie oft hatten sie es zusammen gesungen!</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Und uns des Lichtes Kinder macht‹ —</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>zog es in den goldenen Mittag hinaus. Dann war es still in der hellen
+Gartenstube der Dorotheenstraße.</p>
+
+<p>Träumend saß Sibylle Bühler im Schein der Märzsonne. Sie hatte es
+nicht bemerkt, daß sich leise die Tür öffnete, daß eine Frauengestalt
+in Trauerkleidern, auf den Krückstock gestützt, von der Schwelle
+herüberlauschte. Frau von Kambach war älter geworden in den letzten
+Wochen. Der Tod des jungen hoffnungsvollen Enkels hatte sie schwer
+getroffen. Die ersten Tage nach dem Begräbnis hatten Sibylle und
+Fräulein Eichel sogar einen körperlichen Zusammenbruch befürchtet.<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span>
+Aber der glaubensstarke Geist siegte über die Schwäche des Leibes.
+Nur die körperliche Widerstandskraft ging der Greisin in jenen
+Tagen verloren. Die Spannkraft des Geistes, die ihrem Wesen seine
+wunderbare Frische gab, kehrte mit der Teilnahme am Leben und an
+den Fragen des Tages zurück. Aber die geplante Bundessitzung hatte
+doch hinausgeschoben werden müssen, auch aus Rücksicht auf Herrn von
+Kambach, der an dem festgesetzten Tage nicht hatte kommen können.</p>
+
+<p>Die Rechte fest auf den Krückstock gestützt, stand Frau Sabine da. Über
+das welke Gesicht liefen die hellen Tränen. Leise schluchzte sie auf.</p>
+
+<p>Sibylle wandte den Kopf. Ein heißes Erschrecken flog über ihre Züge.</p>
+
+<p>»Exzellenz!«</p>
+
+<p>Sie sprang auf und eilte auf die alte Dame zu.</p>
+
+<p>»Verzeihung, Exzellenz!«</p>
+
+<p>Sie neigte sich über die zitternde Hand und küßte sie. »Was hab' ich
+getan, — ich — hatte ja keine Ahnung!«</p>
+
+<p>Frau von Kambach sah das junge Mädchen groß an.</p>
+
+<p>»Aber liebes Kind, was sollten Sie mir getan haben, ich wüßte es
+wirklich nicht!«</p>
+
+<p>Sibylle kämpfte mit den Tränen. »Ich hätte diese beiden Lieder nicht
+singen sollen, Exzellenz!«</p>
+
+<p>Die alte Dame schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Das versteh' ich nicht, liebe Sibylle! Kommen Sie, wir wollen uns ans
+Fenster setzen, die Sonne scheint so schön herein! Das Stehen wird mir
+noch schwer!«</p>
+
+<p>Sie legte den Arm in den ihres Gastes und ließ sich zu dem behaglichen
+weißen Peddigrohrsessel am Fenster führen. Dort nahm sie Platz, Sibylle
+aber setzte sich, wie sie es liebte, auf eine Fußbank und lehnte den
+dunklen Kopf an die Knie der alten Frau.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p>
+
+<p>Der Himmel blaute und der Goldlack duftete, die Sonne umspielte das
+feine stimmungsvolle Bild mit ihren Lichtern.</p>
+
+<p>»Ich hätt's nicht tun sollen,« sagte das Mädchen noch einmal und
+schmiegte die rosige Wange an die alten Hände, — »es war zu früh —
+besonders das Lied vom ew'gen Licht,« sie stockte — »Verzeihung,
+Exzellenz!« Und sie hob das schöne erregte Gesicht zu der Greisin empor.</p>
+
+<p>Freundlich strich Frau von Kambach über das duftige Haar. »Aber Billy,
+glauben Sie wirklich, daß es mich traurig macht, dies Lied zu hören?
+Die schönste Erinnerung an meinen lieben Jungen ist damit verknüpft.
+Ich hatte Sie schon bitten wollen, es einmal zu singen, Sie haben mir
+also einen Wunsch erfüllt!«</p>
+
+<p>»Ich dachte, Exzellenz ...« sie zauderte.</p>
+
+<p>»Was dachten Sie, Kind?«</p>
+
+<p>Sibylle errötete.</p>
+
+<p>»Ach — ich mußte an Mama denken! Da hätt' ich's nicht gedurft! Als
+Papa damals in Bühl starb, ließ er sich vom Kirchenchor ›Wenn ich
+einmal soll scheiden‹ vorsingen. Ich fühlte es Mama an, daß es ihr
+schrecklich war. Hinterher haben wir es nie mehr singen dürfen, und
+es war doch Papas Lieblingslied. Ich glaube,« wieder stockte sie,
+»Mama will nicht an den Tod erinnert sein. Aber das sag' ich nur Eurer
+Exzellenz!«</p>
+
+<p>Über ihre Züge huschte ein schmerzliches Lächeln, als wollte sie das
+tiefste Vermissen verbergen, die große unerfüllte Sehnsucht: ›Ich hab'
+eine Mutter — und hab' sie nicht!‹</p>
+
+<p>Und dann legte sie plötzlich den Kopf in den Schoß der alten Frau und
+weinte bitterlich.</p>
+
+<p>Die Greisin verstand dies Weinen. Wie ein lang zurückgehaltener Quell
+durchbrach es alle Dämme und überflutete alle Hindernisse. Unaufhaltsam
+trieb und drängte es empor<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> aus der Enge innerer Gebundenheit zur
+Freiheit, aus der Heimatlosigkeit in den Hafen.</p>
+
+<p>Sibylle war ein Charakter, war trotz ihrer Jugend eine Persönlichkeit.
+Denn sie besaß wahres Christentum. Am Sterbebette des Vaters hatte
+sie zuerst seine Kraft erfahren und später, je länger je mehr erlebt,
+daß das alte heilige Erbteil der Bühlers Leben und Seligkeit barg.
+Unbewußt begann sie sich innerlich von der Mutter zu lösen. Schon das
+tief angelegte gemütvolle Kind hatte, ohne sich darüber klar zu werden,
+unter dieser Frau gelitten. Seine kleine Seele hatte gedarbt. Seinem
+Leben hatte nicht nur wahre Mutterliebe gefehlt, sondern das Heiligste,
+was Mutterliebe einem Kinde bringen kann: Religion. So kam es, daß
+sich das heranwachsende Mädchen, ohne sich dessen bewußt zu werden,
+immer mehr von der Frau entfernte, die von Weltlust und Vergnügen
+lebte. Aber das Weib, zumal das junge werdende, bedarf in Lust und
+Last des Lebens des Weibes. Die Liebe ihres Großvaters, dessen edle,
+wahrhaft christliche Persönlichkeit von jeher einen starken Einfluß
+auf sie ausgeübt, ersetzte Sibylle Bühler die Mutter nicht. Ganz davon
+abgesehen, daß ihr stark ausgeprägtes Pflichtgefühl sie immer wieder zu
+der oberflächlichen Frau zurücktrieb, sie immer aufs neue mahnte, ihr
+die Seele zu erschließen und bei ihr zu suchen, was sie brauchte. Sie
+mühte sich vergeblich. Gräfin Bühler hatte nichts zu vergeben. Aber die
+Bande des Blutes waren zu stark. Ganz kam Sibylle innerlich von ihrer
+Mutter nicht los. Immer wieder suchte sie die Ursache der Entfremdung
+bei sich, immer wieder glaubte sie, sie bei sich zu finden. Das brachte
+Zwiespalt und Unruhe in ihre Seele, das nahm ihr in vielen Fällen die
+Klarheit des Urteils und verschob die feinen Grenzlinien von Pflicht
+und Recht. Das brachte ihr die Gefahr sittlicher Begriffsverwirrung
+im zartesten innerlichsten Sinne. Sie gab<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> und gab, aber ihre Schätze
+wurden nicht genommen. Das ließ sie irrewerden an weiblicher Eigenart,
+an dem wahren Wesen der Frau. Und es erstarrte etwas in ihr, als
+sie das, was jedem echten Weibe eigen, bei der Frau, die ihr das
+Leben gegeben, nicht fand, als sie erkannte, daß ihrer Mutter die
+Mütterlichkeit fehlte. Exzellenz von Kambach wußte dies alles, ohne daß
+man es ihr gesagt. Sie fühlte, daß die Kluft zwischen den beiden Frauen
+unüberbrückbar sei. Und ihre Liebe zu dem holden Geschöpf, das in den
+letzten Wochen ihr stilles Leben mit seinem Frohsinn verschönt, wuchs.</p>
+
+<p>»Es ist hier alles so anders als zu Hause,« klang es stockend zu ihr
+empor, »so wie ich's lieb', Exzellenz, und wie ich's mir im stillen so
+oft wünsche. Aber zu Hause wird es nie so sein. Mama ist ganz anders
+erzogen. Sie ist eben eine Firlemont, das entschuldigt ja alles.
+Wenn das ganze Leben bei uns nur einen Schmerz für mich bedeutete,
+ein Entbehren, so wär's ja ganz selbstverständlich, daß ich es, ohne
+ein Wort darüber zu verlieren, ertrüge; denn ich gehöre zu meiner
+Mutter, aber — aber,« und Sibylle Bühler quälte sich um den Ausdruck,
+»es wirkt verflachend auf mich! — Wenn ich in Bühl oder hier etwas
+innerlich empfangen habe, das wertvoller ist, als all der Tand und
+Schein, der uns umgibt, wenn ich reicher heimgekommen bin, als ich
+fortging, — ein paar Wochen, Exzellenz, und ich hab's verloren! Es
+ist, als färbte die Umgebung auf mich ab!« Ein Beben ging durch den
+schlanken Körper. »Alles leidet darunter,« fügte sie leise hinzu, »mein
+ganzes Sein, mein Innenleben, mein Gebet ...«</p>
+
+<p>Sie schwieg. Den Kopf an die Knie der Greisin gelehnt, weinte sie leise
+vor sich hin.</p>
+
+<p>Frau von Kambach wußte, das war noch nicht alles. Aber sie konnte
+warten.</p>
+
+<p>»Wegen der beiden Lieder,« sagte sie freundlich, »dürfen<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Sie sich
+nicht grämen! Im Gegenteil, die möchte ich noch oft hören. Sehen Sie,
+Kind, Ihre Mutter tut mir leid. Rasse, Erziehung, Veranlagung haben sie
+zu dem gemacht, was sie ist. All der äußere Schimmer, der sie umgibt,
+all die Unrast, die sie hierhin und dorthin treibt, ihr ganzes Wesen
+ist für mich der Beweis dafür, daß sie mit heißer Sehnsucht etwas
+sucht, aber — auf falsche Art, an verkehrten Stellen. Sie ersehnt,
+ohne es zu wissen, dasselbe wie wir, begnügt sich aber mit kümmerlichen
+Ersatzmitteln, weil der Weg zu der einen köstlichen Perle ihr zu steil
+ist.«</p>
+
+<p>»Wenn Mama nicht fortwährend Unterhaltung hat, ist sie todunglücklich,«
+sagte das junge Mädchen.</p>
+
+<p>»Sehen Sie! Das ist es. Irgendwo muß der Mensch seinen Durst stillen.
+Da sie aber die lebendige Quelle nicht kennt, läßt sie sich von tausend
+Stimmen locken. Unser Leben muß aber auf <em class="gesperrt">einen</em> Ton gestimmt
+sein, gerad' wie das schöne Lied von Peter Cornelius, das Sie vorhin
+sangen. Wenn dieser eine Ton hindurchgeht, dann gibt's keinen Mißklang
+mehr, dann hat unser Leid seinen Stachel verloren und unsere Freude
+ist verklärt. Nicht wahr, jetzt verstehen Sie auch, warum ich das Lied
+vom ewigen Licht so liebe! Nicht nur, weil es Eberhards Lieblingslied
+war und ihn in der Sterbestunde erquickt hat, sondern weil seine
+Ewigkeitswahrheit auch mein Sterben erhellen wird!«</p>
+
+<p>Sie schwieg.</p>
+
+<p>Kein Laut ging durch den stillen Raum. Nur ein verirrtes Bienchen, von
+der Frühlingssonne wachgeküßt, summte über den Blumen. —</p>
+
+<p>Die Greisin wartete noch immer. Sie wußte, auf der jungen Seele lastete
+etwas, das sie nicht länger allein tragen konnte.</p>
+
+<p>Harro Kambach war zum Luftschifferbataillon abkommandiert<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> und kam,
+seit er in Berlin war, fast jeden Tag in das Haus seiner Großmutter.
+Die alte Dame wußte, wem diese Besuche galten. Sie zu hindern, lag
+kein Anlaß vor. Aber manche Nacht lag sie wach und sann und sann, ob's
+ein Glück sei, wenn die Wege der beiden Menschen sich einen würden.
+Ihre Gedanken kamen nicht zum Abschluß. Was sie schon im Herbst
+gefürchtet, als der Enkel sie gebeten, die Hände über seine Liebe zu
+breiten, bestand noch heute. Dem Manne konnte diese Verbindung zum
+Segen gereichen, kam's anders, so war nicht nur ein Frauenherz seines
+Glückes beraubt, sondern auch das Allerheiligste der Ehe, die innerste
+seelische Gemeinschaft zerstört. Und was dann? — —</p>
+
+<p>Noch eines kam hinzu. Sibylle war ihr nicht ganz klar. Sie hatte das
+Gefühl, hier ringt eine Seele um die Antwort auf eine große heilige
+Frage. Und diese Antwort blieb aus. Der greisen Frau ward's zur immer
+stärkeren Gewißheit: entweder treibt die Glaubensfrage hier Mann und
+Weib auseinander oder der Mann wird geheiligt durch das Weib. Aber
+einer Sibylle Bühler gegenüber durfte der Einfluß der Frau nicht zu
+stark betont werden und noch weniger die Möglichkeit seines Erfolges.
+Ihr starker zielbewußter Geist würde Gefahr laufen, eigene Kraft und
+eigenen Wert zu überschätzen. In dem Bewußtsein der Überlegenheit
+würde ihr verloren gehen, was dem Weibe gehörte. Und das durfte nicht
+sein! Der stille Wandel der Frau, der ungesucht und ungewollt einem
+schwankenden Manne Führerdienste leistet, durfte nichts von seiner
+Eigenart einbüßen. Damit wäre dem Manne nicht geholfen worden, die
+Frau aber hätte sich selbst und ihre heiligste Mitgift verloren.
+Und je länger die Lebenserfahrene die beiden Menschen beieinander
+sah, um so mehr ward ihr Sibyllens Zurückhaltung erklärlich — ein
+unausgesprochenes Etwas im Wesen des Mannes ließ sie zaudern. Das
+machte<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> sie unsicher. Das legte ihr einen Bann aufs Herz. Darum saß sie
+noch immer schweigend zu ihren Füßen, darum sprach sie nicht weiter.
+Nur ihre Zurückhaltung verhinderte Harros Werbung, das wußte Sibylle so
+gut wie Exzellenz von Kambach. Und eine las nach Frauenart in der Seele
+der anderen — — —</p>
+
+<p>Aber der Greisin ward das Schweigen schwer. In ihrem langen Leben war
+ihr viel Vertrauen geschenkt, die schwersten Lasten waren ihr auf Herz
+und Gewissen gelegt worden, nicht nur von Kindern und Enkeln. Und dies
+junge schöne Geschöpf, das sonst mit allem zu ihr kam, schwieg. Doch
+sie hatte ein feines Verständnis für dies Schweigen. Sie besaß nicht
+nur Lebensklugheit und Menschenkenntnis, sondern Herzenstakt.</p>
+
+<p>Geduldig wartete sie.</p>
+
+<p>Doch Sibylle Bühler brachte das Bekenntnis ihrer Liebe nicht über die
+Lippen.</p>
+
+<p>›Sie hat eine Mutter und hat sie nicht!‹ zog es der alten Frau durch
+die Seele, und sie ehrte den scheuen Stolz.</p>
+
+<p>Nachdenklich blickte sie hinaus. In ihrer Seele erwachte die
+Vergangenheit, die eigene Jugend mit ihrem Glück. Sie hatte es leichter
+gehabt als Sibylle Bühler. —</p>
+
+<p>Da klang wieder das heiße bitterliche Weinen zu ihr empor.</p>
+
+<p>Sie neigte sich über das junge Mädchen. »Nun, Billy, ist's denn so
+schwer zu sagen?«</p>
+
+<p>»Ach, Exzellenz, ich — ich weiß ja nicht, ob ich's sagen darf!«</p>
+
+<p>Einen Augenblick war's still. Dann fragte Frau von Kambach mit weicher
+Stimme: »Harro?«</p>
+
+<p>Sibylle nickte.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie leise und schmiegte ihr heißes Gesicht an die schmalen
+Frauenhände. Und dann kam eine Ruh' über sie, die sie nie gekannt. Sie
+wußte, jetzt konnte sie alles sagen und<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> fragen. An dies Herz konnte
+sie getrost ihre Sorgen legen, aus diesen lieben Händen wollte sie den
+Segen empfangen für ihren Weg in Glück und Leid. Ja, auch im Leid!
+Und zagend kam sie von ihren Lippen, die bange schwere Frage nach dem
+Glauben des geliebten Mannes.</p>
+
+<p>Frau Sabine antwortete nicht sogleich. Vor ihrem Geiste stand das
+ritterliche Bild ihres Enkels, und in ihrer Seele klangen seine Worte
+wieder: ›Soviel an mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer
+Sibylle Bühler würdig ist! Das schwör' ich dir!‹</p>
+
+<p>Sie wußte, dieser Schwur war ihm heilig. Ob das Leben mit seiner Lust
+seine Sinne je und dann gefangen nahm, er war ihm heilig. Denn das,
+was ihn bisher gehindert hatte, ein ganzer Mann und ein Christ zu
+werden, war lediglich der Wille — der angekränkelte verweichlichte,
+seiner Kraft beraubte Wille, der den alten kategorischen Imperativ ›Du
+sollst!‹ verneinte — keine unedle Art, im Gegenteil, als ein rechter
+Kambach besaß er ein Stück wahrhaftiger innerer Vornehmheit — was
+hier fehlte, war der Wille. Aber diese Tatsache sagte viel, alles.
+Sie war der Maßstab für den ganzen Menschen. Trotzdem stieg im Herzen
+der Großmutter immer wieder die Hoffnung auf, daß die gute alte Art
+auch hier ihr Recht geltend machen werde. Und diese Hoffnung sprach
+sie aus. Ohne das gegenwärtige Bild zu verschleiern. Ohne der Jungen
+zu verhehlen, daß ihres Enkels Weltanschauung eine höchst moderne
+sei, daß man von Religion wohl kaum bei ihm reden könne. Daß seine
+Wagnerverehrung ihn vielmehr zu Schopenhauer und Nietzsche treibe.</p>
+
+<p>Sibylle war sehr ernst bei ihren Worten geworden.</p>
+
+<p>»Und trotzdem hoffen Exzellenz?«</p>
+
+<p>»Ja, das tue ich. Er kann die gesunde Kambachsche Natur auf die Dauer
+nicht ganz verleugnen, einmal muß sie zum<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> Durchbruch kommen. Außerdem
+nimmt unser Herrgott einen jeden von uns früher oder später in seine
+Schule!«</p>
+
+<p>Wieder war's still im Zimmer, nur die Biene flog summend von Kelch zu
+Kelch.</p>
+
+<p>»Und ich?« fragte das junge Mädchen.</p>
+
+<p>Frau Sabine zögerte. Sie fühlte die Riesenverantwortung, die das Weib
+dem Weibe auferlegte. Sie wußte, Sibylle würde sich an ihre Antwort
+klammern, mochte sie ausfallen, wie sie wollte, — wußte, wie stark
+ihr Einfluß gerade auf junge Menschen war, wußte, wie stark er hier
+war, und hütete sich, ihn in einer Form geltend zu machen, die nur das
+eigene Gewissen vorschreiben durfte.</p>
+
+<p>»Sünde ist's nicht, wenn eine Frau einen Mann heiratet, der nicht
+mit ihr auf einem Glaubensgrunde steht,« erwiderte sie. »Ob's leicht
+ist, ob's glücklich macht, ist eine andere Frage. Jedenfalls ist's
+ein Wagnis, welches viel Mut und Gottvertrauen fordert. Keinenfalls
+aber soll die Frau ihrer Liebe die Kraft beimessen, den Unglauben des
+Mannes zu überwinden. Das hieße die Rechnung ohne den Wirt machen.
+Denn das ist kein Glaube, der einem anderen zuliebe seine Überzeugung
+zu wechseln wähnt, — das ist eingebildeter Glaube. Mann und Weib sind
+keine Kinder, bei denen Autoritätsglaube den ersten Grund legt, sondern
+reife Menschen. Wer aber plötzlich einem Weibe zuliebe seine ganz freie
+Weltanschauung aufgibt und sich zu dem lebendigen Gott bekennt, darf
+sich nicht wundern, wenn einem Zweifel an diesem Glauben aufsteigen. Er
+ist zum mindesten eine überraschende Erscheinung. Ich für meine Person
+habe in derartigen Fällen gewöhnlich die Erfahrung gemacht, daß solche
+Männer überhaupt keine ordentlichen Männer waren!«</p>
+
+<p>Sibylle hatte mit gespanntester Aufmerksamkeit den Worten ihrer alten
+Freundin gelauscht. Ein schelmisches Lächeln<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> huschte über ihre Züge.
+»Es ist aber auch ein Kunststück, in den Augen Eurer Exzellenz ein
+ordentlicher Mann zu sein!«</p>
+
+<p>Frau von Kambach lachte herzlich. »Ach wirklich, Billy? Desto besser!
+Auf diesem Gebiet müssen hohe Anforderungen gestellt werden. Sind sie
+denn aber soviel höher als die, welche ich an die Frau stelle?«</p>
+
+<p>»Ja,« klang die ehrliche Antwort.</p>
+
+<p>Die andere schüttelte den weißen Kopf. »Nein, Liebling, das ist ein
+Irrtum. Vielleicht haben die letzten Wochen mit ihren Kirchen- und
+Wahlkämpfen die Frage nach dem Manne in den Vordergrund gestellt und
+Bilder entrollt, die einem die Schamröte ins Gesicht treiben, — aber
+meine Stellung zur Frauenfrage kann wohl kaum ernster sein, als sie
+ist. Ich will ganz von den Frauen absehen, — ob sie aus den höchsten
+Kreisen stammen oder aus dem Volk, — deren wir uns schämen müssen, —
+die scheiden, wo es den Kampf um die höchsten Güter gilt, aus, — aber
+das wird sich keine von uns verhehlen, daß gerade <em class="gesperrt">die</em> Frauen,
+mit denen wir rechnen müssen, vielfach nicht auf dem Posten sind. Die
+gebildeten christlich sein wollenden Frauen von heute sind oft von
+einer Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit, wie sie nicht schlimmer
+sein können. Und gerade die Frauen unserer Kreise sind es, — es wird
+einem himmelangst, wenn man sich sagen muß: das sind deutsche Gattinnen
+und Mütter, das sind die, welche es werden wollen!«</p>
+
+<p>Sibylle senkte den Kopf. »Verzeihung, Exzellenz, ich seh's ein, wieviel
+ich noch lernen muß!« Sie küßte die Hand der Greisin. »Ich bin ja so
+dankbar, daß ich hier sein darf!« Und dann kam's wie ein Angstruf von
+den jungen Lippen: »Wenn ich nur nicht auch so werde!«</p>
+
+<p>»Noch sind Sie es nicht, und die Anlage dazu haben Sie,<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> soweit ich
+es beurteilen kann, auch nicht, aber seien Sie auf der Hut, wir leben
+<em class="gesperrt">in</em> der Welt!«</p>
+
+<p>Sibylle nickte. »Ja, ich weiß, die Welt färbt ab! Wie oft hab' ich
+das schon gemerkt!« Zögernd setzte sie hinzu: »Mama sagt mir das ja
+nicht, die sieht nur darauf, daß ich gut angezogen bin und viel tanze.
+Aber wenn Exzellenz es mir sagten, wenn ich mich ändern soll, — wenn
+Exzellenz wüßten, wie dankbar ich wäre, ich kann's nicht sagen, wie
+sehr!«</p>
+
+<p>Die alte Frau blickte still auf ihren Liebling. In ihren Augen glänzten
+Tränen.</p>
+
+<p>»Wollen Exzellenz es tun?« fragte die Junge.</p>
+
+<p>»Ja,« klang die schlichte Antwort.</p>
+
+<p>Und Sibylle Bühler war sie genug. — — —</p>
+
+<p>Die Dämmerung wob ihre Schleier um das Frühlingsbild in der großen
+Stadt, um ihre Gärten und Höfe.</p>
+
+<p>In das trauliche Hinterzimmer blickte die feine goldene Mondsichel.</p>
+
+<p>»Sünde ist's nicht?« klang's noch einmal hinter den Goldlackstauden,
+aber diesmal kam's fragend von scheuen Mädchenlippen.</p>
+
+<p>»Der ungläubige Mann ist geheiligt durch das Weib, schreibt Paulus den
+Korinthern,« erwiderte Frau Sabine. »Das bleibt bestehen, leugnet aber
+die Schwere der Frage nicht ab. Die Antwort muß die Liebe geben.«</p>
+
+<p>Sie nahm den dunklen Mädchenkopf in beide Hände und sah tief in die
+nachtschwarzen Augen.</p>
+
+<p>Sibylle Bühler war blaß geworden, aber ihre Stimme war fest und klar,
+als sie Harro von Kambachs Großmutter die Antwort gab. Es war die
+größte, die ein Frauenherz geben kann: »Ich liebe ihn!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Feierstille waltete. Auf dem jungen Haupt lagen segnend die alten Hände.</p>
+
+<p>Der Frühlingswind stahl sich durchs offene Fenster und huschte über die
+Saiten der Stradivariusgeige. — —</p>
+
+<p>Und durch die Dämmerung zog klingend und singend, leise wie ein Hauch,
+— ein Ton. — —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Elftes_Kapitel"><span class="s5">Elftes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Um die Volksseele.</h2>
+
+</div>
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sag' an, wo ist der streitbare Held,</div>
+ <div class="verse indent0">Der stolz im Kampf deine Farbe trägt?</div>
+ <div class="verse indent0">Der sein rotes Herzblut für dich verspritzt,</div>
+ <div class="verse indent0">Der dir sein Leben zu Füßen legt?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wem steht es geschrieben in Herz und Sinn,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß Heimatliebe im Himmel wohnt,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß sie im Glanze der Ewigkeit,</div>
+ <div class="verse indent0">Über den goldenen Sternen thront?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Deutschland, ich wollte, ich wäre ein Mann, —</div>
+ <div class="verse indent0">Bei Gott! Mein Schwert führt' ich ritterlich.</div>
+ <div class="verse indent0">Und kämpfte als ein streitbarer Held</div>
+ <div class="verse indent0">Um die Königskrone, — um dich — um dich!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Schenkersch Vadder war in Berlin, oder richtiger gesagt in der
+Dorotheenstraße. Denn Berlin war ihm ein Greuel. Diese Überfülle auf
+Straßen und Plätzen, dieser Lärm Tag und Nacht, dies Treiben und Hasten
+entsprach nicht seinem gediegenen Kammerdienercharakter. Und vor allem
+diese Gesellschaft! Gewiß, man traf auch aristokratische Einfachheit,
+Menschen, die sich ins Privatleben zurückgezogen, Gestalten aus der
+Hofgesellschaft, Landadel, — aber das war eben nicht das eigentliche
+Berlin, war nicht Berlin <span class="antiqua">W</span>! Was z. B. alles auf dem Potsdamer
+Platz und in der Leipziger Straße herumlief, — man hätt' es nicht für
+möglich gehalten! Nun, ja, man kam eben vom Dorf, da gab es, Gott sei
+Dank, so etwas<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> noch nicht! Und in Kambach würd's auch niemals so weit
+kommen! Frauen, wie er sie heute morgen bei der Ankunft auf dem Bahnhof
+gesehen, hätten sich nicht auf der Dorfstraße blicken lassen dürfen, —
+Kleider wie ein Futteral, — er hatte heute morgen fortwährend auf den
+Augenblick gewartet, wo eine Naht platzen würde, — himmelhohe Absätze
+mit ›Edelsteinen‹ besetzt, Patschuliduft, — Schenker hatte von der
+Köchin der alten Exzellenz erfahren, das nenne man ›elegant-mondän‹.
+Das hieß jedenfalls soviel wie ›überelegant‹. Malvine wußte es nicht
+genau, man konnte sich ja schließlich auch sein Teil denken. Die Männer
+sahen dementsprechend aus. Schenker hatte nur immer den weißen Kopf
+geschüttelt, — »na, denn man zu, det kann ja noch nett werden!« Der
+Alte war froh, als er glücklich in der Dorotheenstraße angelangt war.
+Aber als Sibylle Bühler in ihrer vornehmen Schönheit vor ihm stand
+und ihn freundlich begrüßte, konnt' er's nicht lassen, Vergleiche zu
+ziehen. Warum gab es so etwas nur noch vereinzelt, eigentlich nur noch
+auf alten märkischen Schlössern? Und während er Herrn von Kambachs
+Koffer auspackte, dachte er über die Frauenfrage nach. Es war doch
+eine heikle Sache! Gut, daß diese Weiber in Berlin wohnten und nicht
+in Kambach, — na, der olle Schenker war schließlich auch noch da, und
+schlimmstenfalls gab's Reitpeitschen!</p>
+
+<p>Und das großstädtische Straßenbild blieb in der Seele des Greises
+haften. —</p>
+
+<p>Vor zwanzig Jahren wäre das alles nicht möglich gewesen! Und doch
+war's nur ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde. Ihn schauderte.
+Immer gewisser ward's ihm: sein schönes heißgeliebtes Vaterland war
+das reine Babel geworden. Vor einiger Zeit hatte er in Drachenburg
+in einer christlichen Versammlung gehört, Paris sei nichts gegen die
+Friedrichstraße.<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> Damals hatte er sich über die übertriebene Äußerung
+geärgert, — heut glaubte er sie. Herrgott, wo sollte das hinführen?
+Ging es so weiter, so verfaulte Deutschland bei lebendigem Leibe! Ein
+Glück und Segen, daß man endlich anfing, die Scheuklappen abzulegen,
+daß sich Männer und Frauen fanden, die auf die Pestbeule ihres Volkes
+hinwiesen und erklärten: ›Da hapert's!‹ Hoffentlich war's noch nicht zu
+spät!</p>
+
+<p>»Ach was! Daß du das schändliche Sorgen nicht lassen kannst,
+Schenkersch Vadder! — Aber das viele Geld, das zur Gründung des Bundes
+nötig is, und was sonst drum und dran bummelt! — Schenker, wat du da
+seist, is einfach Quatsch!! Du kennst genug Geschichten, wo Gott der
+Herr sich einfach seine Leute rangekriegt hat, und wenn das nötige Geld
+nich da war, hat er's ihnen geschenkt und dann wieder aus der Tasche
+geholt für seine Sache! Also — bitte!«</p>
+
+<p>Und die treue Seele, die sich in den langen stillen Stunden im
+Kambacher Gutshause angewöhnt, in allen Tonarten Selbstgespräche zu
+führen, vergaß, daß die Wände in der Dorotheenstraße dünner waren, und
+hielt ihrem alten Adam eine Moralpredigt nach allen Regeln der Kunst.</p>
+
+<p>Aber nebenan saß ein dankbarer Zuhörer und freute sich, daß es noch
+solch kernige Art im deutschen Vaterlande gab, deren engere Heimat
+seine alte Mark war.</p>
+
+<p>Leise erhob er sich und öffnete die Tür zum angrenzenden Zimmer. Dort
+saß Exzellenz von Kambach rechnend am Schreibtisch.</p>
+
+<p>»Bitte, Mamachen, komm einen Augenblick herein und hör' dir Schenkers
+Selbstgespräch an! Es ist zu köstlich!«</p>
+
+<p>Sie sah überrascht auf. Zum erstenmal, seit sein Kind zu Grabe getragen
+war, hörte sie den alten fröhlichen Ton.</p>
+
+<p>»Von dem können wir lernen! 's ist doch was Prachtvolles um die
+märkische Art. Aber bitte, komm, sonst entgeht<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> uns das Beste!« Der
+Oberstallmeister bot seiner Mutter den Arm. »Daß er uns nur nicht hört,
+der Kerl hat noch immer Ohren wie 'n Luchs!«</p>
+
+<p>Und dann standen sie vor der angelehnten Tür hinter dem Vorhang. —</p>
+
+<p>»Wenn Malwine das ›elegant-mondän‹ nennt, so is sie eben so'n Schaf,
+wie alle anderen,« sagte drinnen die alte Stimme in bestimmtem Ton.
+»Elegant? Was elegant is, weiß der olle Schenker ganz genau — Gräfin
+Bühler is elegant — das heißt die junge — Gott bewahr' einen vor der
+aufgedonnerten Mama, — is ja gar keine Bühler, is 'ne Firlemontsche!«
+Er lachte kurz in sich hinein. »Aber Gräfin Sibylle! Die sollten sie
+man ordentlich ran kriegen zur Bundesarbeit. Schade, daß sie noch
+so jung is! — — Ja — und nu — mondän! Eigentlich müßt' ick doch
+wissen, was das heißt, schon damit ick drüber reden kann!«</p>
+
+<p>Stille folgte. Ein paar Schritte.</p>
+
+<p>»Hier war doch sonst 'n Fremdwörterbuch, oder so was in der
+Fremdenstube!«</p>
+
+<p>Die Tür des Bücherschrankes ging. Ab und an ein Geräusch, als zöge eine
+unkundige Hand ein Buch aus dem Fach.</p>
+
+<p>Dann wieder die alte Stimme: »<span class="antiqua">Mondain, m.</span> (sp. mongdäng) ein
+weltlich gesinnter Mensch! — Na, das hab' ick doch von Anfang an
+geseit! Das gehört also mit zu den ganzen Kram. Die Geburtenverhütung,
+die Unsittlichkeit, die Frechheit gegen die Obrigkeit, die Verachtung
+von Gottes Wort, das alles is verwandt mit die Gesellschaft, mit die
+verrückte Kleidermode, mit die Edelsteine an den Stelzenabsätzen!
+Is ja Glas, nix weiter, aber es soll was vorstellen! Wenn so'n
+Frauenzimmer mal Kobolz aus der Straßenbahn schießt, — daß du dich
+nich unterstehst, und die etwa aufsammelst, Schenker! Wenigstens wasch
+dir nachher die Hände, sonst<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> denkt deine alte Exzellenz, du brauchst
+Patschuli, und wärst hier in Berlin <span class="antiqua">mong-</span>, <span class="antiqua">mong-</span>,
+<span class="antiqua">mongdain</span> geworden, elegant-<span class="antiqua">mongdain</span>!«</p>
+
+<p>Ein helles Gelächter ließ den Alten aufschrecken. Auf der Schwelle
+standen Mutter und Sohn.</p>
+
+<p>»Nein, mein guter Schenker, das wird Ihre alte Exzellenz niemals von
+Ihnen denken! Wir kennen uns!«</p>
+
+<p>Schenker war einen Augenblick regelrecht verlegen. Das kam selten vor.
+Aber wenn's vorkam, hatte es seinen guten Grund. Zu dumm, diese dünnen
+Wände in der Großstadt! Na, nu war's geschehen! — Vielleicht war's
+seinem inwendigen Menschen nötig, daß er sich mal gründlich lächerlich
+machte. Es war dasselbe, als wenn Mamsell in Kambach von dem dösigen
+Hausmädchen sagte: ›Ab und an 'n tüchtiges Donnerwetter — dann geht's
+wieder 'ne Weile!‹ Vielleicht dachte der liebe Gott ähnlich über ihn.
+Und aus dieser Empfindung heraus und mit der leisen Anwandlung eines
+schlechten Gewissens wegen seiner unbarmherzigen Gesinnung gegenüber
+der Berliner Halbweltsdame kämpfend, sagte er:</p>
+
+<p>»Exzellenz, ick bin doch auch man bloß 'n sündiger Mensch! Wenn ick
+dauernd mit die Gesellschaft verkehrte, dann weiß ick wahrhaftig nich,
+was dabei herauskäme!«</p>
+
+<p>Ein leichter Schritt klang im Nebenzimmer: Fräulein Eichel.</p>
+
+<p>»Frau von Schink läßt fragen, ob es dabei bliebe, daß die Sitzung um
+vier Uhr wäre, Exzellenz?«</p>
+
+<p>»Punkt vier Uhr. Können wir schon Tee bekommen, liebe Eichel? Es wird
+sonst zu spät!«</p>
+
+<p>»Es ist alles fertig, Exzellenz!«</p>
+
+<p>»Danke.« Sie nickte dem alten Diener freundlich zu. ›Um dich bin ich
+nicht bange,‹ sagten die hellen Augen.</p>
+
+<p>Und dann klappte der Krückstock auf den Dielen. — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In dem hell erleuchteten behaglichen Salon Exzellenz von Kambachs
+hatte sich ein Kreis von etwa dreißig Personen zusammengefunden.
+Eine Gesellschaft aus allen Volksschichten. Hoher Adel, weißhaarige
+Generäle, einige Geistliche, Herren aus dem Kaufmannsstande, eine
+Anzahl Damen, ein paar schlichte bürgerliche Gestalten, mehrere Leute
+aus dem Volk. Ein scheinbar wahllos zusammengewürfelter Kreis. Nur
+der Eingeweihte wußte, daß die Einzelgestalt ihre besondere Bedeutung
+hatte, daß hier Persönlichkeiten und Werte abgeschätzt worden waren,
+daß keiner gekommen, und ob es der Bescheidenste, Geringste war, bei
+dessen Erscheinen man nicht des Wortes gedenken durfte: ›Es sind
+mancherlei Ämter.‹</p>
+
+<p>Ein eigenartiges interessantes Bild bot das schlichte Frauengemach
+dem, der gelernt, den Blick auf das Überweltliche zu richten, der
+die großen Tagesfragen in den hohen Schein der Ewigkeit rückte,
+der im Menschenantlitz zu lesen verstand, der nicht irgendeinen
+vaterlandslosen Gesellen in seinem Weggenossen erblickte, sondern
+die heilige Frage auf brennender Lippe trug: ›Von wannen bist du?‹
+Eine unausgesprochene Zusammengehörigkeit schien diesen Kreis zur
+festen Gemeinschaft zu verbinden, ein zäher Kitt das junge noch
+ungefestigte Werk zusammenzuhalten. Und an der Wiege des neugeborenen
+Kindes die ehrwürdigen Paten, zwei Menschen aus ganz verschiedenen
+Gesellschaftskreisen, ganz verschiedenen äußeren Verhältnissen,
+Gestalten aus einer Zeit, an der das Geschlecht von heute in großen
+Scharen achselzuckend vorüberging — eine fünfundsiebzigjährige
+märkische Landedelfrau und ein einfacher Häuslerssohn aus dem
+Spreewald, der im Dienst seines Herrn in Ehren weiß geworden war.</p>
+
+<p>Schenker hatte sich zwar mit Händen und Füßen, und nicht zum wenigsten
+mit seinem schlagfertigen Mundwerk dagegen gewehrt, als man ihm einen
+regelrechten Ehrenplatz<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> einräumen wollte; aber Frau von Kambach hatte
+kurz und bündig erklärt: »Keine Redensarten, Schenker! Es muß alles
+seine Ordnung haben. Sie sind der erste gewesen, der die Frage angeregt
+hat!«</p>
+
+<p>Und er hatte alles über sich ergehen lassen. Denn in einem früheren
+ähnlichen Falle hatte ihm seine alte Exzellenz, als er ihr zuviel
+geredet, einfach erwidert: ›Schenker, das ist Quatsch!‹ Und das wollte
+er nicht gern zum zweitenmal hören. Einmal hatte er es sich ja schon
+selber gesagt, das war aber etwas anderes. Schließlich hatte er doch
+auch weiße Haare und war ein alter Kammerdiener. —</p>
+
+<p>Allgemeine Überraschung und Freude herrschte, als sich in dem
+Augenblick, wo Herr von Kambach die Sitzung eröffnen wollte, noch
+einmal die Tür auftat, und der ehrwürdige Graf Bühler, auf dessen
+Erscheinen man wegen eines kaum überstandenen Ischiasanfalles nicht
+gerechnet hatte, auf den Arm seiner Enkelin gestützt hereintrat. Graf
+und Gräfin Brelow, die mit dem alten Herren zusammen gereist waren,
+folgten. Lächelnd winkte der Erblandmarschall den Anwesenden zu.</p>
+
+<p>»Guten Tag, alle miteinander! Sitzen bleiben! Leute, die zu spät
+kommen, gehören in den Winkel!« Eine Mahnung, die allerdings wenig
+Anklang zu finden schien, denn alles wollte dem greisen Standesherrn
+die Hand drücken.</p>
+
+<p>Dann endlich Stühlerücken, Stille, Erwartung der Dinge, die da kommen
+sollten.</p>
+
+<p>Einer der anwesenden Geistlichen sprach ein kurzes Gebet, worauf der
+Oberstallmeister die Erschienenen begrüßte:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»›Hüte, starkes Volk der Ehre</div>
+ <div class="verse indent0">Manneswort und Weibesreinheit,</div>
+ <div class="verse indent0">Kindeslust und Greiseslehre,</div>
+ <div class="verse indent0">Kraft und Huld in steter Einheit!</div><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span>
+ <div class="verse indent0">Stolz und fest und treu bewache</div>
+ <div class="verse indent0">Vaterland und Muttersprache!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Mit diesen Worten Peter Roseggers heiße ich Sie, meine verehrten
+Anwesenden, in dieser Stunde im Namen meiner Mutter willkommen! Was
+uns hier zusammenführt, ist jedem von uns bekannt! Trotzdem ist der
+Wunsch laut geworden, daß, bevor wir die Grundforderungen des Werkes,
+das wir im Namen Gottes beginnen, festlegen, noch einmal klipp und und
+klar ausgesprochen werde, was wir eigentlich wollen. Manch einer wird
+denken: ›Wieder 'n neuer Verein, der sich berufen fühlt, Deutschland
+aus dem Morast zu ziehen, und nachher verläuft die Sache im Sande,
+oder es bleibt bei begeisterten Aufrufen und großartigen Tagungen, bei
+Beschlüssen, die niemals Wirklichkeit werden!‹ — Lassen wir die Leute
+denken, was sie wollen! Erstens fahren wir niemand in die Parade, und
+zweitens sind wir kein neuer Verein, sondern ein Bund. Aus dem Morast
+ziehen wollen wir Deutschland allerdings mit Gottes Hilfe und der Hilfe
+anderer Leute. Denn wir wollen nicht trennen, sondern sammeln. Alles,
+was vorhanden ist, was seit Wichern und Stöcker auf dem Gebiet der
+Inneren Mission geleistet ist, wollen wir zusammenschließen zu einem
+großen starken Ganzen. Der ›Bund bibelgläubiger Christen‹ soll ein
+<em class="gesperrt">Volksbund</em> sein. Denn wir haben bisher wohl Offizierskompagnien,
+aber keine Soldatenregimenter. Ohne sie aber können wir nicht in den
+Kampf ziehen. Ungezählte Einzelgefechte haben stattgefunden, mit Mut
+und Ausdauer ist hier und dort gestritten worden. Aber unsere Zeit
+fordert große schwere Entscheidungskämpfe, welche keine Zersplitterung
+ertragen. Darum heißt es sammeln, was an Kräften vorhanden ist, darum
+heißt es in geschlossenen Reihen zum Angriff vorgehen. Wie vor hundert
+Jahren in dem<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> heißen Ringen um äußere Freiheit, muß es auch heute im
+Kampf um Deutschlands heiligste ewige Güter heißen: das Volk steht auf.
+Ja, <em class="gesperrt">das Volk</em> soll aufstehen, <em class="gesperrt">das Volk</em> soll sich erheben
+wie ein Mann, <em class="gesperrt">das Volk</em> soll dem Volke zeigen, daß es noch Mark
+in den Knochen hat, daß es noch wahrhaftiges Deutschtum, wahrhaftiges
+Christentum gibt, — <em class="gesperrt">das Volk</em> soll dem Volke helfen. Mit
+einem Wort — wir brauchen eine christliche <em class="gesperrt">Volksmission</em>!
+Deutschland rühmt sich seiner blühenden Kultur, aber daß diese Kultur
+keine Sittlichkeit mehr kennt, daß unser Volk bei lebendigem Leibe
+verfault, scheint Nebensache zu sein! Es ist eine Schande, wie weit wir
+heruntergekommen sind! — —</p>
+
+<p>Aus diesem Sumpf aber kann uns nur eines retten: der Neuaufbau des
+christlichen Familienlebens. Denn das Haus ist die Geburtsstätte
+kommenden nationalen Glücks oder Unglücks; es bildet die Grundlage
+zukünftiger Völkergeschichte. Sind die Familien aber entchristlicht, so
+setzt sofort der sittliche Bankrott und damit der völkische Verfall ein.</p>
+
+<p>Das Wort Roseggers, das ich Ihnen zurief, betont zwar nicht die
+Notwendigkeit christlicher Waffenrüstung, aber es schließt sie
+als heilige Selbstverständlichkeit ein. Denn echtes Deutschtum,
+Vaterlandsliebe, Mannesehre, Frauenreinheit, Schutz der Sitte und des
+Herdfeuers sind nur da vorhanden, wo das Christentum die Wurzel des
+Volkslebens ist. Wird es ausgeschaltet, geht die Sittlichkeit verloren,
+und das Volk versumpft. Bei uns in Deutschland ist diese Zersetzung
+im vollen Gange. Ich wiederhole: seit der Feind am Werke ist, die
+Grundlagen unseres Volkslebens zu untergraben, seit er mit allen ihm zu
+Gebote stehenden Mitteln das Christentum angreift, ist diese Zersetzung
+im vollen Gange. Daß unsere Gegner aber in der Wahl ihrer Mittel nicht
+ängstlich sind, ist nichts Neues. ›Die Verlästerung des Namens Gottes
+ist nötig,<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> um der Religion den Garaus zu machen!‹ erklärt Liebknecht.
+Das ist deutlich geredet. Wir wissen wenigstens, mit wem wir es zu tun
+haben!</p>
+
+<p>Aber unsere Gegner sollen es auch wissen. Darum zugefaßt und aus
+dem Schlamm geholt, was sich noch herausholen läßt! Nur keine
+Glacéhandschuhe angezogen, — sonst kommen wir nicht weit! Denn es
+geht ums Ganze. Wir brauchen Ellenbogenfreiheit! Ohne Püffe geht's
+nicht ab. Der Kampf, in den wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen
+Linie, eine Gegenmobilmachung wider die Mächte des Unglaubens und des
+Halbglaubens, des modernen Heidentums in all seinen Erscheinungen.
+Leicht wird's nicht sein! Aber wenn der Feind erklärt: ›Der Begriff
+›Gott‹ muß zerstört werden, denn er ist der Grundstein einer verderbten
+Zivilisation,‹<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> — so haben wir ihm als Christen eine Antwort zu
+geben, die er sich nicht hinter den Spiegel steckt. Also hinein ins
+Gefecht! Nur keine Müdigkeit vorgeschützt, nur nicht an die eigene
+Bequemlichkeit gedacht! Wir können nur ganze Menschen brauchen, ganze
+Christen! Kein rechter Kämpfer, der abseits steht: ›was geht's mich
+an?‹ Es gilt unseren höchsten <em class="gesperrt">Gemeinbesitz</em> schirmen, unsere
+<em class="gesperrt">gemeinsamen</em> völkischen sozialen und religiösen Kleinodien
+retten. Darum die zwingende Notwendigkeit der geschlossenen,
+festgefügten Macht des bibelgläubigen, deutschen Protestantismus.
+Das christliche Zusammengehörigkeitsbewußtsein ist eingeschlafen,
+— unsere Sache ist es, unser Volk aus diesem verhängnisvollen
+Dornröschenschlummer zu erwecken! Das ist — kurz zusammengefaßt —
+unsere Aufgabe!</p>
+
+<p>Über Form und Art unserer Kampfesweise, über die Einzelarbeit, vom
+Gesichtspunkt des großen Ganzen betrachtet, eine vorläufige Einigung zu
+erzielen, schlage ich Ihnen eine Besprechung vor.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span></p>
+
+<p>Ehe wir beginnen, erlaube ich mir, Ihnen als vorläufige Arbeitsziele
+des Bundes folgende Aufstellung der Hauptpunkte vorzulegen.« Herr von
+Kambach nahm ein vor ihm liegendes Blatt vom Tisch und las:</p>
+
+<p>»1. Es gilt die Zusammenfassung aller, im deutschen Volk noch
+vorhandenen biblisch-sittlichen Lebenskräfte zur Stärkung christlicher
+Weltanschauung und zum inneren Ausbau gesunden Volkslebens.</p>
+
+<p>2. Es gilt eine umfassende Aufklärungsarbeit über die Pflichten der
+gläubigen evangelischen Gruppe im christlichen nationalen und sozialen
+Sinne dem deutschen Volke gegenüber.</p>
+
+<p>3. Es gilt den Kampf gegen jede widerchristliche Weltanschauung,
+wie sie auch heiße, durch Volksversammlungen, Vorträge, Schriften,
+Flugblätter.</p>
+
+<p>4. Es gilt die grundsätzliche Ablehnung und Bekämpfung ja wenn möglich
+Ausrottung der widerchristlichen antimonarchischen Presse, der
+Schundliteratur, des Schmutzes in Wort und Bild.</p>
+
+<p>5. Es gilt die Förderung und Verbreitung der auf christlich-positiver
+Grundlage stehenden Tageszeitungen und die Gründung einer
+deutsch-evangelischen Volkspresse.«</p>
+
+<p>Er ließ das Blatt sinken. Die blauen Augen schauten blitzend über den
+kleinen Kreis.</p>
+
+<p>Da erhob sich Graf Bühler. Es schien, als sei er in den letzten Wochen
+älter, gebrechlicher geworden. Der Winter ist der Feind der Greise, und
+der Tod im Nachbarhause hatte seinen Schatten auf den Weg treuer Liebe
+geworfen. Aber die Adleraugen hatten nichts von ihrem Feuer verloren,
+und die Sprache war scharf und klingend wie vordem.</p>
+
+<p>»Ich glaube im Namen aller Anwesenden zu handeln, wenn ich Ihnen
+warm für Ihre Ausführungen danke, mein lieber Kambach,« sagte er
+herzlich. »Sie haben uns die große<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> Frage in ihren Hauptzügen knapp und
+zielbewußt dargelegt, haben in schöner klarer Weise ausgesprochen, was
+wir wollen. Gestützt auf Ihre Ausführungen, auf die Grundforderungen
+des Arbeitsziels wird es uns möglich sein, das Riesenwerk immer
+vollkommener zu gestalten und die rechte Form für seinen Ausbau zu
+finden. Nebenbei gesagt können wir uns in bezug auf letztere den
+Katholizismus — mag uns das römische System an sich auch abstoßen —
+in unseren späteren Verhandlungen zum Vorbild nehmen.</p>
+
+<p>Ich brauche wohl kaum zu betonen, wie wohltuend es mich berührt,
+daß der Bund sich unter das Banner der Weltmission stellt. Denn
+Familienmission und Volksmission sind Weltmission. Nicht nur draußen
+in den Heidenlanden werden Entscheidungsschlachten geschlagen. Auch
+unser Vaterland hat eine große heilige Volksmission dringend nötig.
+Was die Innere Mission in großzügiger Weise begonnen und fortgeführt,
+bedarf, wie vorhin schon gesagt wurde, des engeren Zusammenschlusses,
+nicht nur mit gleichartigen Vereinigungen, sondern mit dem Volksganzen,
+soweit es noch auf dem Boden des biblischen Evangeliums steht. Es geht
+ums Ganze. Darum gilt es Arbeit im großen Stil, — Einzelseelsorge
+allein wird da nicht fertig. Darum dürfen wir, — so wertvoll gerade
+uns die Treue im Kleinen, Alltäglichen ist, — nie vergessen, daß wir
+Weltmission treiben, daß Deutschland ein Stück Weltgeschichte umfaßt,
+daß der Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ unser Vaterland nicht
+ausschließt.«</p>
+
+<p>Einen Augenblick schwieg der Sprecher. Die alten Augen hatten den
+weitschauenden Blick wandernder Ewigkeitsmenschen, die dem Ziele nahe
+sind. Und dann klangen seine Worte wie eine Prophezeiung durch den
+stillen Raum:</p>
+
+<p>»Eine Sage vom Oststrande steht mir vor der Seele. Jahrhunderte alt,
+grüßt sie wie eine Verheißung diese Stunde.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p>
+
+<p>In grauer Zeit entsandte das Kloster Amelungsborn den Mönch Berno
+als Bischof von Schwerin und Apostel der Wenden in die heidnischen
+Obotritenlande. Aber an der Ostküste stand Satans Stuhl, und
+harte Arbeit wartete des Westfalen. Ein heißes Ringen begann, ein
+gewaltiges Roden, ein Kampf, Mann gegen Mann. Doch das Kreuz siegte.
+Junge Siedelungen winkten, aus dem Grün der Wälder ragten die
+Einödskirchlein. Hand in Hand mit der Urbarmachung des wilden Landes
+ging die stille Arbeit der Glaubensboten.</p>
+
+<p>Jahre waren ins Land gezogen. Die Macht des Heidentums war gebrochen.</p>
+
+<p>Am Sankt Johannistag im Jahre des Heils 1186 grüßte der junge
+Landesherr Heinrich Borwin seine geistlichen Untertanen im Kloster zu
+Doberan, und Bischof Berno vollzog die Abtweihe.</p>
+
+<p>Sommerschönheit lag über dem Lande, das Korn rauschte, und die Rosen
+blühten. Aber über der Küste gewitterte es.</p>
+
+<p>Die Nacht stieg herauf.</p>
+
+<p>In der Stunde, da der junge Konvent sich zum ersten Gottesdienst unterm
+eigenen Dache rüstete, empörte Luzifer die See und die Fürsten der
+Tiefe rüttelten an den Pforten der Abtei.</p>
+
+<p>Das Ostmeer schlug den schwarzgrünen Mantel um die leuchtenden
+Schultern und betrat, von der Hölle geführt, siegesgewiß das Land.
+Aber im Kloster lag der Konvent auf den Knien. Eine Macht, die Berge
+versetzte und dem Meere gebot, die den Willen des Allmächtigen
+wandelte, kämpfte wider den Fürsten des Abgrunds — das Gebet. Näher
+und näher rauschte die Flut.</p>
+
+<p>»Vor den Stürmen der Nacht, vor dem Toben der Hölle wollest du deine
+heilige Kirche bewahren und schirmen!« betete Bischof Berno an den
+Stufen des Altars.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span></p>
+
+<p>»Von den Mächten der Finsternis, von den bösen Geistern aus der Tiefe
+wollest du uns erretten! Daß dein Kreuz den Sieg behalte in unseren
+Landen, wollest du eine Mauer bauen, lieber Herr und Gott, einen
+heiligen Damm wider alle deine Feinde!«</p>
+
+<p>Näher und näher kam die Flut. Der Sturm zersplitterte die Kirchpforte.</p>
+
+<p>›Einen heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹</p>
+
+<p>Die dritte Nachtwache ging vorüber. Im Glanz der Morgenröte stand der
+Abt vor dem Kirchenfürsten:</p>
+
+<p>»Komm herüber und schaue die Wunder des Höchsten!«</p>
+
+<p>Und dann standen Mönche und Schiffervolk vor dem Riesenwerk.</p>
+
+<p>Ein gewaltiger Damm schied Meer und Land, eine Mauer aus tausend und
+abertausend glattgespülten Kieselsteinen, ein Deich, wie ihn das
+Ostmeer nie geschaut, von unsichtbaren Händen gebaut — ein Wunder!</p>
+
+<p>Die alte Stimme bebte vor innerer Bewegung.</p>
+
+<p>»Wissen Sie, was das Meer bedeutet?« rief er. »Es ist die zersetzende
+Macht des Unglaubens, die, von der Hölle aufgepeitscht, unser Volk
+bedroht. Die Obotritenlande sind Deutschland. — Und der heilige Damm?
+Und die Kieselsteine? Das ist die Hauptsache, daß uns das klar ist! Der
+heilige Damm stellt die Gemeinde Jesu Christi dar, die glattgespülten
+Kieselsteine ihre durch sein Blut erlösten und gereinigten Glieder.
+Jeder einzelne Stein eine Menschenseele, ein Glied in der Kette, die
+den Unglauben eindämmen soll! — Wie mir ums Herz war, als kürzlich
+meine Enkeltochter mit dieser Sage zu mir kam, und nach beendeter
+Lektüre zu mir sagte: ›Großvater, das ist der Bund bibelgläubiger
+Christen!‹ — ich kann's Ihnen nicht sagen! Aber eines wünsche ich uns
+allen in dieser<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> Stunde: daß wir ein heiliger Damm wider die Mächte des
+Unglaubens werden zur Ehre unseres Herrn und zum Heil unseres Volkes.«</p>
+
+<p>Er setzte sich.</p>
+
+<p>Besorgt ruhte Sibyllens Auge auf ihm. Seine Wangen waren gerötet, und
+die Hand, die sich auf den Krückstock stützte, zitterte.</p>
+
+<p>Ein Rechtsanwalt erhob sich.</p>
+
+<p>»Anknüpfend an das Wort des Herrn Oberstallmeisters, ›der Kampf, in den
+wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen Linie, eine Gegenmobilmachung
+wider die Mächte des Unglaubens und des modernen Heidentums in all
+ihren Erscheinungen‹, — möchte ich, um jedes Mißverständnis über die
+Stellung des Bundes von vornherein auszuschalten, vorschlagen, diese
+Frage noch besonders zu erläutern. Denn hier gilt es nicht nur den
+Kampf mit unseren bewußten Gegnern, sondern — Gott sei's geklagt —
+zum großen Teil mit Männern aus dem eigenen Lager. Nichts ist der
+Kirche der Reformation gefährlicher, als diese Friedenspartei. Denn
+sie unterstützt den jesuzentrischen Liberalismus, eine Richtung, die
+wie keine andere versteht, das Schafskleid zu tragen. Wenn unser
+Arbeitsziel wohl auch keinen Zweifel darüber aufkommen lassen wird, daß
+wir zum äußersten Flügel der positiven Rechten gezählt sein wollen, so
+erscheint es mir trotzdem geboten, unsere Stellungnahme nach dieser
+Richtung hin besonders klarzustellen. Vielleicht hat einer der Herren
+Geistlichen die Güte, meine kurzen Worte zu ergänzen.«</p>
+
+<p>Pastor Lehmann, ein starker Fünfziger, mit ausgeprägten Zügen und
+hellem Blick, ergriff das Wort.</p>
+
+<p>»Gestern abend war ich bei einem Freunde, auf dessen
+Bundesgenossenschaft ich bestimmt gerechnet hatte. Ich hatte mich
+getäuscht. Nach einer fast zweistündigen Unterredung<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> erklärte er:
+›Nehmt euch nur in acht, daß ihr nicht zu sehr Farbe bekennt!‹ und
+lehnte es glatt ab, der Frage näherzutreten. Und das war ein positiver
+Geistlicher. Der Zug der Zeit geht auf Vermittlungspolitik, aus den
+landeskirchlichen Nöten herausgeboren. Dem heißen Wunsche, den äußeren
+Bestand der geschichtlich gewordenen Kirche zu retten, entspringt
+das immer dringender werdende Begehr: ›Schließt euch zusammen, ihr
+Positiven und Liberalen gegen den gemeinsamen Feind! Der Antichrist
+steht vor den Toren!‹ — Aber wir können nicht gegen die Wahrheit!
+Zugeständnisse auf dem Gebiet der Liebe dürfen wir machen, auf dem
+Gebiet des Bekenntnisses nicht. Wir halten es mit dem Lutherwort:
+›Unsere Liebe ist bereit, für euch zu sterben; wer uns aber an den
+Glauben greift, der greift uns an den Augapfel.‹ Es ist schlimm genug,
+daß der antichristliche Geist moderner Weltanschauung eine mit sich
+selber zerfallene Kirche findet, daß er sich mit vollem Recht auf eine
+wesensverwandte Gruppe innerhalb der Kirchenmauern berufen kann. Die
+Antwort der Kirche auf den Angriff des Gegners ist daher eine halbe
+eingeschränkte, ein Zugeständnis, eine, ob auch unausgesprochene
+Versöhnung. Aber diese Versöhnung ist Truggold. In Wahrheit bedeutet
+sie eine Gebietsabtretung. — Wir würden ja mit Freuden dem brennenden
+Wunsche des Zusammenschlusses nachkommen, wenn wir es mit unserem
+Gewissen vereinigen könnten. Es liegt uns darum auch gänzlich fern,
+über sie zu Gerichte zu sitzen, die von ihrem Standpunkt aus ihr Werk
+treiben, aber an einem Strang mit einem Subjektivismus ziehen, der,
+nur nach eigenem Maße messend, an den geoffenbarten Heilstatsachen
+vorübergeht und die Gestalt Jesu Christi ihrer ewigen Gottheit
+entkleidet, — das können wir nicht. Denn es geht um die höchsten
+Güter, um eine Entchristlichung nicht nur der Kirche, sondern des
+Christentums.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p>
+
+<p>Wenn darum auch noch Männer aus unserer Mitte dieser
+Vermittlungspolitik zustimmen zu sollen glauben, so bleibt uns nichts
+anderes übrig, als uns, ob auch blutenden Herzens, von ihnen zu
+trennen. Es ist keine Frage, daß wir recht allein dastehen, ja, daß
+uns unsere eigenen Freunde nicht nur verlassen, sondern angreifen
+werden, und die offizielle kirchenregimentliche Gnadensonne uns
+niemals scheinen wird. Wir werden es ertragen um deswillen, der für
+uns das Kreuz trug. In seiner Kraft stehen wir fest und unentwegt auf
+dem Grunde unseres Heils, auf dem Boden des wirklichen Christentums.
+Des Christentums der Bibel, das die Sünde bei Namen nennt und von
+Gnade lebt! Das die Überwelt kennt, dessen Heiland und Erlöser nicht
+nur eine gottbegnadete Idealgestalt, sondern der ewige eingeborene
+Sohn des Vaters ist, Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht
+von Ewigkeit! Das sein Leben in sich trägt, und seine Wahrheit
+in alle Lande ruft! Das menschliche Umprägung göttlicher Werte
+nicht verträgt und für Falschmünzerei erklärt! Das darum auch eine
+<em class="gesperrt">wirkliche evangelische</em> Kirche fordert! Nicht als staatliche
+Kultusgemeinschaft, sondern als eine Kultusgemeinschaft, in welcher
+die Anbetung des Herrn lebendig ist, — nicht als bloße religiöse
+Gesinnungsgemeinschaft, sondern als biblische Bekenntnisgemeinschaft.
+Diese Forderung muß die selbstverständliche Voraussetzung für unsere
+Arbeit bilden!«</p>
+
+<p>Tiefes Schweigen herrschte.</p>
+
+<p>Jeder ging seinen Gedanken nach.</p>
+
+<p>Da erhob sich ein schlichter Bürstenbinder. »Es ist eine hohe Ehre
+für uns, daß Christus unsere schwache Kraft in seinen Dienst stellt.
+Wollen wir aber unserer Arbeit froh und unseres Sieges gewiß bleiben,
+so gilt zuerst und zuletzt die Arbeit am eigenen Herzen, im eigenen
+Leben. Wir vergessen angesichts großer Aufgaben so leicht das<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> Kleine,
+Unscheinbare, und doch ist es maßgebend für unsere Ewigkeit.«</p>
+
+<p>»Ganz recht,« klang's vom anderen Ende des Tisches herüber, »det sei
+ick doch immer!« Schenker war so mit Leib und Seele bei der Sache, daß
+er aus Versehen Platt sprach. Für gewöhnlich tat er das nicht im Salon
+der alten Exzellenz. Aber heute war's etwas anderes. Ganz gleichgültig
+war's, ob er Platt sprach oder Hochdeutsch. Streng genommen hätte hier
+ja überhaupt Platt gesprochen werden müssen; denn man war ja bei der
+Gründung eines Volksbundes. Darum war's auch ganz selbstverständlich,
+daß Schenker seinen Mund auftat, zumal nach allem, was er in Berlin
+gesehen. Die Herrschaften hier hatten sich schon daran gewöhnt, um so
+besser war's, wenn einer vom Lande kam und ihnen über die heillosen
+Zustände die Augen öffnete, um nicht einen ganz anderen Ausdruck zu
+gebrauchen. Aber der alte Schenker war ein feiner Kammerdiener, der
+in allem maßvoll blieb, — trotz alledem — besser gepaßt hätte ein
+anderes Wort —, aber abgesehen von den Kammerdienermanieren war man
+hier unter Damen.</p>
+
+<p>Hätte ihm einer vor drei Wochen gesagt, er werde in Berlin eine Rede
+halten, er hätte erwidert: ›Jau sin woll in'n Kopp all 'n bißken
+schwach?‹, und nun war's mit einemmal höchste Selbstverständlichkeit.</p>
+
+<p>»Exzellenz gestatten,« begann er, sich nach rechts verbeugend, und
+dann verbesserte er sich: »Exzellenz haben's ja selbst befohlen!« Er
+wandte sich an die Anwesenden: »Ick würd' ja nich die Unverschämtheit
+haben, wenn Exzellenz nich heute mittag gesagt hätten: ›Schenker, ich
+erwarte aber, daß Sie reden!‹ Ick tu' also man bloß meine verdammte
+Pflicht und Schuldigkeit! — Lange will ick die Herrschaften auch nich
+aufhalten. Nur einen Wunsch hätt' ick. Und den muß ick aussprechen:<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span>
+nämlich, daß die Herren Vorstände gleich von vornherein in der
+Sittlichkeitsfrage scharf vorgehen. Denn det is 'n Morast, wo'n
+anständiger Mensch sich gar keine Vorstellung von machen kann. Herr
+Oberstallmeister hat ganz recht, wenn er sagt, für solche Arbeit
+taugten keine Glacéhandschuhe. Aber 'ne andere Frage is die, ob man
+nich lieber welche dazu anzöge.« Er blickte auf sein Gegenüber. »Ich
+tu's ja nich, gnädiger Herr, ick pack' zu, ick hab' die schmierigen
+Kerls mit ihren Geburtenverhütungsmitteln eigenhändig verhauen — aber
+det muß ick doch sagen — Schenkersch Vadder hat Reinlichkeitsgefühl,
+hinterher hab' ich mir gründlich gewaschen! — Und um nu gleich auf die
+Großstadt zu kommen — denn da kommt doch die ganze Geschichte her —
+das Weibervolk, was hier herumläuft, ick meine die Frauenzimmer mit den
+Florstrümpfen und edelsteinbesetzten Absätzen, die sollte der Bund man
+lieber gleich samt und sonders der Polizei übergeben, das Pack verführt
+ja nur die anständigen Frauen. Und was die Bundesarbeit anbelangt, so
+muß die christliche Frau feste rangekriegt werden; denn eher wird's
+nich anders! Von der Frau hängt's ab, wie das Hauswesen is, wie die
+Kinder erzogen sind, und ob der Mann ins Wirtshaus rennt oder nich. Das
+war vorhin sehr schön gesagt von die Familienmission, gnädiger Herr,
+ick bedanke mich ganz untertänigst für die Aufklärung, so halb und halb
+hatte ick mich das ja so vorgestellt, aber unsereins versteht nich,
+sich so fein auszudrücken. Und darum hab' ick noch eine ganz besondere
+Bitte.«</p>
+
+<p>Er wandte sich an Frau von Kambach.</p>
+
+<p>»Wir alle wissen, daß wir in dieser Sache ohne die Frau nich
+fertig werden. Es muß daher ganz genau gesagt werden, was wir
+von ihr erwarten. Und da mein' ick, keine könnte uns das besser
+auseinandersetzen, als Eure Exzellenz!« Und Schenkersch Vadder machte
+seine feinste Kammerdienerverbeugung<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> und sagte mit einladender
+Handbewegung in seiner ehrerbietigen, aber bestimmten Art: »Darf ick
+bitten, Exzellenz?«</p>
+
+<p>Alles verkniff sich das Lachen.</p>
+
+<p>Drüben an der anderen Seite des Tisches scharrte der Krückstock.</p>
+
+<p>»Schenker! Schenker!« drohte die alte Dame, aber sie erhob sich und
+wandte sich, die Hände auf den Tisch stützend, ihren Gästen zu.</p>
+
+<p>»Ich bin gebeten worden, in der Frauenfrage das Wort zu ergreifen,
+und komme, entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit, in Versammlungen
+nicht zu reden, diesem Wunsche nach. Denn diese Versammlung ist nicht
+öffentlich,« — ein vielsagender Blick streifte Fräulein Eichel —
+»auch stehe ich auf dem eigentlichen Arbeitsgebiet der Frau. Wir
+wurden vorhin ermahnt, der Treue im Kleinen nicht zu vergessen, der
+Arbeit am eigenen Herzen. Diese Mahnung gilt uns allen. Aber die
+Frau hat sie in besonderer Weise zu befolgen, weil sie die Hüterin
+des Familienlebens ist. Ich freue mich, hier nicht zu Frauen zu
+sprechen, die durch Reichsgottesarbeit glänzen wollen, sondern zu
+solchen, denen das Marienwort ›Siehe, ich bin des Herrn Magd!‹ der
+schönste Stein in ihrer Krone bleibt, deren Dienst Dank ist. Denen
+darum jeder Gedanke an die heutzutage allgemein gewordene, beliebte
+Grenzüberschreitung ferneliegt, die das Beste, was die Frau besitzt,
+ihre Würde und Reinheit, wie eine Königskrone hüten und bewahren. Ich
+will in dieser kurzen Stunde nicht die schweren Schäden aufdecken,
+welche die weibliche Grenzüberschreitung bereits geschaffen, — das
+sind Dinge, deren Bekämpfung Sache eines besonderen Ausschusses sein
+werden, die ernsteste Ortsgruppenarbeit fordern, nur das eine will ich
+hervorheben, daß unser Volk sich an der Vermännlichung und Verbildung
+der Frau verbluten muß. Denn die Frau ist und bleibt die Pflegerin des
+Familienlebens<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> und der Sitte, die Seele des deutschen Hauses. Begibt
+sie sich, dieses königlichen Vorrechts vergessend, auf das Ackerland
+des Mannes, so verwildert nicht nur ihr eigener Garten, sondern die
+großen Nationalgüter werden durch ihr Pflichtversäumnis geschädigt.
+Dann wird Eheirrung das geflügelte Wort, Ehescheidung steht auf der
+Tagesordnung. Die Weigerung der Mutterschaft führt zum Verbrechen am
+keimenden Leben. Unzucht verdrängt die Sittlichkeit. Und, Gott sei's
+geklagt, dahin kommt's nicht erst, so weit sind wir. Hier in die
+Bresche zu treten, ist Sache der bibelgläubigen deutschen Frau. Der
+Kampf an der breiten Öffentlichkeit ist Mannespflicht, die fein und
+still ergänzende Mitarbeiterschaft an dem großen Werk, das wir treiben,
+ist unsere Sache. Während die Männer das Kreuz in Deutschlands Gaue
+tragen, sollen wir die heilige Schwelle der Heimat hüten, sollen die
+Ewigkeitswerte schirmen, die unser irdisch Haus umschließt. Als Jesu
+Jüngerinnen sollen wir seine Liebe in die ärmste Hütte tragen, die
+eine köstliche Perle sollen wir unseren irrenden Schwestern bringen,
+eine starke unzerreißbare Kette sollen wir schließen und uns den
+unglücklichen Töchtern unserer Zeit entgegenstellen mit einem heiligen:
+›Bis hierher und nicht weiter!‹ <em class="gesperrt">Die Arbeit der Frau ist die vorhin
+schon erwähnte Familienmission.</em> Wie wir sie treiben sollen? Durch
+Wort und Tat und Wandel, durch unentwegte Treue zu dem Gekreuzigten,
+durch das Vorbild der durch Gottes Geist geheiligten Persönlichkeit.
+Es kann darum nicht stark genug unterstrichen werden, daß die Arbeit
+am eigenen Herzen in erster Linie stehen muß, daß wir uns täglich mit
+unserem Tun und Lassen unter Gottes Wort stellen. Das muß gerade im
+Blick auf dies Werk unsere vornehmste Sorge sein, daß wir in Tat und
+Wahrheit Christen sind. <em class="gesperrt">Es ist viel wichtiger, daß unter hundert
+auch nur zehn Hausfrauen<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> ihren Kindern treue betende Mütter, ihren
+Dienstboten gerechte liebevolle und fürsorgende Herrinnen sind, als daß
+eine große öffentliche Tagung glänzend verläuft.</em> Wir können darum
+die persönliche Herzensstellung zu Gott und unserem Heilande nicht
+stark genug betonen. ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel
+in rechter Richtung‹, sagt Drummond. Ich möchte hinzufügen: daß wir
+immer mehr diese rechte Richtung gewinnen, ist unsere Lebensaufgabe.
+Es gibt auch eine heilige Einseitigkeit, nämlich die, welche den Blick
+unentwegt auf das Kreuz richtet!</p>
+
+<p>Das schöne Dichterwort: ›Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so
+frage nur bei edlen Frauen an‹, hat heute etwas von seinem guten Klang
+verloren. Unsere Sache ist es, die Saiten wieder auf den alten hellen
+Ton zu stimmen. Darum lassen Sie uns Sorge tragen, daß das Zeugnis des
+Altmeisters in unserem Leben, unserem Christentum Wahrheit werde, darum
+lassen Sie uns aber auch nie vergessen, daß nur <em class="gesperrt">die</em> Frau im
+vornehmsten höchsten Sinne weiß, was sich ziemt, die sich die Antwort
+auf alle Fragen des Lebens unter dem Kreuz sucht.«</p>
+
+<p>Sie schwieg.</p>
+
+<p>Ehrerbietig stand der alte Schenker auf. »Ich danke untertänigst,
+Exzellenz!«</p>
+
+<p>Da erhob sich am anderen Ende des Tisches ein Großindustrieller, Herr
+Wehrmann.</p>
+
+<p>»Anknüpfend an das Drummondsche Wort, das Ew. Exzellenz eben
+gebrauchten: ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel in rechter
+Richtung‹, möchte ich daran erinnern, wie schwer es heutzutage, wo das
+Gold die Welt beherrscht, dem Kaufmann gemacht wird, sich die rechte
+Haltung der Seele zu bewahren und auf das Leben zu übertragen.<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Denn
+ein Christentum, das bloße Weltanschauung ist, und sich nicht durch
+die Tat bewährt, ist kein wahres Christentum. Nur wer sich nicht vom
+Geiste der Selbstsucht leiten läßt, wer Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit
+auch im Handel und Wandel durchsetzt, wer jene Fremdkörper, die unser
+Volk vergiften, erkennt und rücksichtslos bei Namen nennt, verdient
+den Namen eines ›Großindustriellen‹, eines wahrhaft ›königlichen
+Kaufmannes‹. Ich kann Ihnen aber sagen, meine verehrten Anwesenden,
+es kostet einen Kampf, im Erwerbsleben mit solchen Grundsätzen Ernst
+zu machen, zumal für den jungen ungefestigten Menschen, dem das Neue
+verlockend entgegentritt. Möchte es dem Bunde gelingen, auch in den
+vielversuchten Kreisen der Welthandelspolitik dem Christentum immer
+mehr Eingang zu verschaffen, daß der Glaube die Haltung der Seele
+werde, daß er Handel und Wandel die rechte Richtung verleihe. Nur
+die Krämerseele ist dem Golde dienstbar, der ›königliche Kaufmann‹
+beherrscht die Schätze der Erde; denn für ihn gilt das Wort: ›Dein,
+Herr, sind Silber und Gold!‹ Wer aber diesem Herrn dient, der regiert!«</p>
+
+<p>»Bravo! Das sollte unser Vorsitzender werden!« klang es gedämpft
+herüber und hinüber, während Herr Wehrmann sich setzte.</p>
+
+<p>Oberleutnant von Roselius hatte sich erhoben.</p>
+
+<p>»Darf ich mit ganz gehorsamsten Dank den Worten unserer hochverehrten
+Exzellenz von Kambach, die wohl uns allen aus der Seele gesprochen
+waren, die Bitte hinzufügen, daß die Arbeit der Frau die Theaterfrage
+umschließt? Ich meine nicht die Frage als solche, sondern die Frage
+weiblicher Fürsorge, den Theaterangestellten gegenüber. Sie ist sehr
+schwer zu lösen, ich möchte heute darum nur bitten, sich derselben
+später zu erinnern.«</p>
+
+<p>Ein biederer Bäckermeister empfahl, den Kinos zu Leibe zu<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> gehen. »An
+diesem Gift geht Deutschland zugrunde,« schloß er seine kurze kernige
+Ausführung.</p>
+
+<p>»Gewiß,« bestätigte ein Arbeiter, der in Exzellenz von Kambachs
+Garten Schnee geschaufelt, »die Kinos sind 'n Verderb, aber die
+Schundliteratur is noch schlimmer. An das, was ich tagtäglich sehe und
+höre, gewöhn' ich mir, und schließlich tut' ich ins selbe Horn. Das
+is nich nur bei uns kleinen Leuten so, das is dieselbe Geschichte bei
+Herrschaften. Hier nimmt mich ja keiner meine unverblümte Aussprache
+übel, darum red' ich frei von der Leber weg!«</p>
+
+<p>»Sehr richtig,« klang's dazwischen, und der Alte schloß ermuntert: »Das
+Jux, was unsere Kinder da vorgesetzt kriegen, sollte man lieber gleich
+in'n Müllkasten schütten!«</p>
+
+<p>»Glauben Sie, daß die moderne Jugend sich ihr Futter nehmen läßt,« rief
+ein Charlottenburger Kirchenältester, »die buddelt ihr Konfekt wieder
+aus! Mit allen Hunden gehetzt ist die Gesellschaft! Aber das Ganze ist
+daran schuld; wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen!«</p>
+
+<p>»Die Sittlichkeitsfrage ist überhaupt so weit verzweigt, daß sie später
+zur Aufgabe eines besonderen Ausschusses gemacht werden sollte,« sagte
+Graf Brelow. »Zu den Gefahren, welche die Herren Vorredner anführten,
+gesellt sich noch manches andere. Abgesehen von der Unzucht an sich,
+möchte ich heute nur auf einige Punkte aufmerksam machen. Es sind die
+Schankwirtschaften, die Büchereien und die Sonntagsentheiligung.«</p>
+
+<p>»Je mehr Einzelschäden wir zusammentragen, um so trüber gestaltet
+sich das Gesamtbild,« meinte Exzellenz von Kambachs Hausarzt, der
+weißhaarige Geheimrat Groner. »Aber wir wollen keine Vogelstraußpolitik
+treiben, wir fordern die Wahrheit. Nur wer seinen Gegner kennt, kann
+ihn recht bekämpfen. Und wir haben ihn erkannt: Wir wissen, daß der
+riesenhafte<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> Kampf, den Deutschland heute kämpft, der Kampf zwischen
+Glauben und Unglauben ist, zwischen dem lebendigen Gott und dem toten
+Götzen Mammon, — mögen die Einzelschäden auftauchen, wo und wann sie
+wollen, mögen sie heißen, wie sie wollen, ihre Fäden laufen zusammen
+in der Abkehr von Gott, in der Feindschaft wider das Kreuz. Darum der
+Sittenverfall im deutschen Land. Denn das Volk, das den Glauben an
+einen persönlichen lebendigen Gott verwirft, muß von der Höhe seiner
+Kultur in die Tiefe stürzen, ob es der Antike angehört oder sich als
+Weltanschauung des modernen Heidentums monistisch zurechtstutzt. Daß
+der Bund das offen bei Namen nennt, daß er das geringste Zugeständnis
+nach links, daß er die sogenannte ›Gleichberechtigung der Richtungen‹
+glatt ablehnt, wird ihm viele zu Gegnern machen, die einer gemäßigteren
+Losung vielleicht gerne zugestimmt hätten. Aber lassen wir uns nicht
+irremachen. Gerade in dieser Stellung liegt unsere Kraft. Denn
+nicht nur unsere Ewigkeit gründet sich einzig und allein auf die
+geoffenbarten Heilstatsachen, auf den Glauben an Jesum Christum, den
+gekreuzigten und auferstandenen ewigen Sohn des lebendigen Gottes,
+auch unseres Volkes Erdenglück und Zukunft stehen und fallen mit
+seiner Stellungnahme zum Kreuz. Darum, — wollen wir in Wahrheit
+Deutschlands Helfer sein, so muß es heißen: ›Landgraf, werde hart!‹
+Hart gegenüber jeder Falschmünzerei, wie sie auch heiße, hart gegenüber
+dem Feinde, der unserem Volke die Grundlagen seines Christenglaubens
+untergraben will. Und nicht nur heilige Abwehr gilt's, sondern, wie
+uns vorhin so treffend gesagt wurde: Gegenmobilmachung, Angriff. Das
+biblische Evangelium in das nationale und sittliche Volksleben, in das
+kirchliche, in das Familien- und Einzelleben, hineinzutragen oder das
+verlöschende neu zu entfachen, das ist die Aufgabe der Bekenner und
+Bekennerinnen Jesu Christi.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p>
+
+<p>Möchte jeder von uns an seinem Teil, von der Liebe regiert, vom Geiste
+Gottes geleitet, dazu beitragen, diese gewaltige Aufgabe zu lösen!«</p>
+
+<p>Oberstallmeister von Kambach ergriff das Wort.</p>
+
+<p>»Mit herzlichem Dank für die mancherlei wertvolle Anregung möchte
+ich noch auf eins hinweisen, das ich vorhin außer acht gelassen
+habe, das aber auf unserm Programm nicht vergessen werden darf: der
+Bund lehnt jede Parteipolitik grundsätzlich ab. Nicht, daß er sich
+seines Einflusses auf die Politik als solche begeben will. Es ist ein
+Irrtum, Religion und Politik zu scheiden. Politische Verhältnisse sind
+nicht, — wie viele glauben — allein entscheidend für nationales
+Glück oder Unglück. Sie sind Werkzeuge Gottes, die in seinen Händen
+Zuchtruten oder Gnadenerweise werden, — ganz gewiß! Aber der tiefste
+Grund völkischer Reaktion liegt lediglich in der Stellungnahme zu dem
+persönlichen Gott. Darum können und dürfen wir Christentum und Politik
+nicht trennen. Nur Parteipolitik gehört nicht hierher.</p>
+
+<p>Ich schließe mit einem Wort Spurgeons: ›Der Teufel hat nie ein größeres
+Kunststück ausgeführt, als da er den gläubigen Christen weismachte, die
+Religion gehöre nicht in die Politik. Ich wüßte kein Gebiet, wo sie
+mehr hineingehörte!‹ — Darum vorwärts in der Kraft des Kreuzes, im
+Namen Gottes!«</p>
+
+<p>»Bravo!!« klang's einstimmig von allen Seiten. »Sehr richtig!«</p>
+
+<p>Der alte Bühler blickte auf die Uhr, nickte dem Oberstallmeister zu und
+sagte: »Da wir die wirtschaftliche Frage morgen in einer Sondersitzung
+behandeln wollen, darf ich vielleicht mit Rücksicht auf unsere gütige
+Wirtin den Schluß der Sitzung beantragen. Nur noch eine Frage. Haben
+wir eigentlich einen Direktor in Aussicht?«</p>
+
+<p>»Bis jetzt noch nicht, Erlaucht. Meine Mutter und ich haben<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> uns die
+größte Mühe gegeben, aber die Persönlichkeit für diesen Posten ist
+nicht so leicht zu finden. Ich wäre sehr dankbar für jeden Hinweis. Da
+wir nicht eher an die Öffentlichkeit treten können, wäre eine baldige
+Erledigung der Frage dringend erwünscht.«</p>
+
+<p>»Nur keine Übereilung, Karl Heinrich,« sagte Frau Sabine. »Wir brauchen
+eine Persönlichkeit aus einem Guß.«</p>
+
+<p>»Sei unbesorgt, Mama. Einen, der für liberale Rutschpartien zu haben
+ist, nehmen wir nicht.«</p>
+
+<p>Sie lächelte. Das wußte sie wohl. Dafür stand ein Kambach an der
+Spitze. Aber es gab viel zu bedenken bei dieser Wahl. Sie war ihr
+längst ein heiliges Gebetsanliegen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Sitzung war geschlossen. Es war still geworden im Hause. Die
+müde Greisin bedurfte der Ruhe. Sibylle ging in ein Konzert. Der
+Oberstallmeister wollte noch einen alten Freund aufsuchen.</p>
+
+<p>»Hab' ich dir eigentlich schon erzählt, Mama, daß Pastor Wendler sehr
+krank an einer Art gastrischem Fieber ist?« fragte er abschiednehmend.
+»Die Aufregungen der letzten Zeit sollen daran schuld sein, vor allem
+die Geschichte mit der Lehrerfrau. Daß er die Rede an Eberhards Sarg
+nicht halten konnte, war ja klar, aber leicht war's nicht für mich,
+als ich ein paar Tage danach von seiner Erkrankung erfuhr. Er hat sich
+gleich nach Drachenburg ins Krankenhaus begeben. Zweimal war ich da,
+wurde aber nicht vorgelassen. In den letzten Tagen habe ich nichts
+gehört. Übermorgen will ich in Drachenburg einen Zug überschlagen und
+noch einmal versuchen, ihn zu sehen.«</p>
+
+<p>Sie hatte ihm aufmerksam zugehört.</p>
+
+<p>»Ja, tu' das!« bat sie. Ihre ganze Seele lag in den Worten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p>
+
+<p>Er küßte ihre Hand.</p>
+
+<p>»Versprich dir nicht zuviel davon, Mama!«</p>
+
+<p>»Geh' nur, Karl Heinrich!« —</p>
+
+<p>Und dann rüstete sie sich zur Nacht.</p>
+
+<p>Beim Schein der Lampe saß sie, das weiße Haupt über die Bibel geneigt.</p>
+
+<p>›Es war aber ein Jünger zu Damaskus, mit Namen Ananias. Zu dem sprach
+der Herr im Gesicht: ›Ananias!‹ Und er sprach: ›Hier bin ich, Herr!‹
+Der Herr sprach zu ihm: ›Stehe auf und gehe hin in die Gasse, die da
+heißt die Richtige, und frage in dem Hause des Judas nach einem, namens
+Saul, von Tarsus; denn siehe, er betet.‹</p>
+
+<p>Von den Türmen riefen die Uhren. Die Greisin schloß das heilige Buch
+und trat ans Fenster. Sterngefunkel grüßte die Erde.</p>
+
+<p>Sie blickte empor.</p>
+
+<p>›Denn siehe, er betet!‹ —</p>
+
+<p>Ihre Seele breitete die Flügel und zog durch die schlafenden Lande,
+höher, immer höher hinan. Wege, die nur der Glaube kennt, die nur der
+Glaube geht.</p>
+
+<p>Ein hoher Schein stand über dem Werk des vergangenen Tages, bis in
+die Ewigkeit ihres Volkes hinein reichte die Arbeit, um die sich eine
+kleine Schar deutscher Männer und Frauen zum erstenmal gesammelt.</p>
+
+<p>Und Glaube war's, der in leuchtender Märznacht die Spule ergriff und
+den Webstuhl umschritt, der mit feinen goldenen Fäden das Geschick
+eines Starken mit seines Volkes Geschichte verknüpfte.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel"><span class="s5">Zwölftes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der alte Krückstock.</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es klingt ein Ton in den Garten hinaus:</div>
+ <div class="verse indent0">Großmutters Krückstock wandert durchs Haus.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Großmutters Krückstock, verbraucht und alt —</div>
+ <div class="verse indent0">Es naht die liebe gebeugte Gestalt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die alte Zeit tritt leise herein,</div>
+ <div class="verse indent0">Erinnerung webt ihren Schleier fein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein welkes Myrtenkränzlein erblüht,</div>
+ <div class="verse indent0">Gelbveiglein duftet, der Thymian glüht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Spindel schnurrt, das Märchen wird wach</div>
+ <div class="verse indent0">Und huscht verstohlen durchs stille Gemach.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zieht aber feiernd der Mond herauf,</div>
+ <div class="verse indent0">Schlagen greise Hände die Bibel auf.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dann spricht die Ahne das Nachtgebet —</div>
+ <div class="verse indent0">Es scharrt der Krückstock — ›Kind, — es ist spät!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Frühlingszauber in der märkischen Heide! Singen und Klingen über
+Sumpf und Sand, über dem stillen schwermütigen Lande mit seinen
+verträumten Seen und sonnigen Hügeln! Lerchen jubelten in den Lüften,
+Schwalbenschwänze und Feuerfalter gaukelten über bunten Ackerkräutern.
+Und ein Surren und Summen ringsum in Gras und Farn, über junger Saat
+und blühenden Sträuchern. Der ganze Zauber des märkischen Tieflandes,
+dessen sanft gewellte Heidstrecken und leuchtende Fernblicke die arme
+nordische Ebene so wunderlieblich schmückten, war vom Winterschlafe
+erwacht und grüßte die Heimat.<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> Und das junge Leben und Weben in Wald
+und Wiese war schön, wie ein Stück Sonntagsfreude!</p>
+
+<p>Hell und freundlich grüßte das Gutshaus, vom goldenen Schleier
+knospender Linden umweht, herüber. Breit und behaglich lag's im Kranz
+strohgedeckter Scheunen. Die Fenster blinkten in der Sonne, als
+brennte das Haus, ein warmer Schein spielte um das alte Schieferdach.
+Goldlack und allerhand altmodische Blumen dufteten hinter den weißen
+Mullgardinen, eine Gartenbank aus dem vorigen Jahrhundert erzählte ein
+Stück Familiengeschichte, und hochgemut grüßte der Hausspruch über dem
+Eingang:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Gott, wer zu dir sich stellet,</div>
+ <div class="verse indent0">Hat sicher sich gestellt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wer sich zu dir gesellet,</div>
+ <div class="verse indent0">Der hat sich gut gesellt!‹<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Das war der Witwensitz der Frauen von Kambach. Wie ein stiller Zeuge
+ihrer starken stillen bodenständigen Art, ragte der schlichte Bau ins
+märkische Land hinaus.</p>
+
+<p>Hinter dem Hause, wo der Garten sich in Wiesen verlor, war alles
+veilchenblau, und süßer Duft wehte über den Wegen. Weit hinaus schaute
+das Auge. Wie ein feiner duftiger Aquarell lag die überschwemmte
+Ebene im Sonnenglanz. Der Birken lichtgrüne Schleier wehten über
+dem Moor, und das weiße Sumpfgras blühte. Weiterhin eine zerzauste
+Kiefernkrone über sprossendem Schilf und blühendem Dorn, dahinter die
+Ferne, duftig wie ein Hauch. Keine feste Linie mehr, — ein Traum
+von rosa Heidhügeln, von blauen Seen und lauschigen Wasserstraßen,
+von efeuumsponnenen Domen, verwitterten Edelsitzen und verlassenen
+Kirchhöfen, — Fontanes tiefsinnige Poesie war erwacht und grüßte die
+Heimat! — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p>
+
+<p>Zwei Frauen saßen auf der Bank in der Sonne. Eine alte und eine junge.
+Die Greisin blickte sinnend in die Weite, die andere schaute vor
+sich nieder, als quäle sie des Lebens Alltäglichkeit. Ein unsäglich
+schwermütiger Zug lag in dem schönen Antlitz der jungen Frau, die in
+wenig Monden zum erstenmal Mutter werden sollte, ein abgrundtiefes
+Leid. Und die Alte im weißen Haar fühlte: es war eine von den Lasten,
+denen morgens der erste Gedanke gilt, die abends die letzte Träne
+befeuchtet, die sich in der Stille der Mitternacht auf die Seele legen
+wie ein Alp.</p>
+
+<p>Das härteste aber war: dem jungen Weibe fehlte die Tragkraft. Es gibt
+Frauen, die wie ein klarer rascher Bach ihre Stärke an des Lebens
+Last erproben, die, je länger, je mehr, die Kunst des Tragens lernen,
+deren Spannkraft unter ihrer Bürde wächst — Ilse Bühler gehörte
+nicht zu ihnen. Sie welkte unter ihrer Last dahin. Mühselig schleppte
+sie sich von einem Tag zum anderen. Nur die Hoffnung hielt sie noch
+aufrecht: ›Es ist ein Übergang! Wenn er sein Kind in den Armen hält,
+wenn ich ihm wieder bin, was ich ihm einst in den ersten Tagen der
+Ehe war: die jugendschöne, sonnige Frau, — dann, dann wird's sein
+wie einst!‹ — Und sie vergaß über ihrer brennenden Weibessehnsucht,
+wie tief sie sich selbst und den Mann, den sie liebte, mit diesem
+Gedanken erniedrigte, wie sie, auf die innerste, seelische Gemeinschaft
+verzichtend, das Allerheiligste der Ehe entweihte und veräußerlichte,
+vergaß vor allem, daß diese Hoffnung ein Trugbild war, die angesichts
+der Wirklichkeit in nichts zerrinnen mußte, — vergaß, daß Wolf
+Dietrich weniger Augenblicksmensch, als kalter berechnender Selbstling
+war. Einem bösen schlimmen Wort aber, das er in schwerer Stunde zu ihr
+gesprochen, glaubten Frauenliebe und Weibessehnsucht seinen schärfsten
+Stachel nehmen zu dürfen, — es war nicht so gemeint, er sprach's in
+der Erregung!<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> Aber es war so gemeint. Klar und deutlich hatte er's
+ausgesprochen: ›Ich will keine Kinder, höchstens dies eine; wozu
+habe ich eine schöne Frau? Dazu stehe ich nicht in einem eleganten
+Regiment!‹ — Wohl gab es Stunden, wo die wahre Erkenntnis in der Seele
+der jungen Gräfin erwachte und sie zu erdrücken drohte. Aber bisher
+war's ihr wieder und wieder gelungen, die Schatten, die ihr Glück
+verdunkeln wollten, zu verscheuchen. Nur in letzter Zeit und besonders
+in dem stillen Dreilinden, wo sie während Fräulein Eichel's kurzem
+Urlaub der Großmutter Gesellschaft leistete, legten sich die Gedanken
+wie ein Bann auf ihr Herz.</p>
+
+<p>›Es sind Nerven,‹ sagte sie sich und schob sie beiseite.</p>
+
+<p>Aber sie kamen wieder und wurden ihr zur Qual. — —</p>
+
+<p>Ilse Bühler war nicht im landläufigen Sinne oberflächlich. Sie hätte
+mit dem Manne, den sie liebte, hellen Auges trocknes Brot gegessen, und
+gehörte nicht zu den jungen Frauen, die nur nach Tand und Vergnügen
+fragen. Dafür hatten schon Elternhaus und Erziehung gesorgt. Aber
+ihrem Wesen fehlte die Tiefe und darum die Kraft. Was ihr Vater
+vorausgesehen, traf — viel früher als er's erwartet — ein: sie ging
+an dem Wesen ihres Mannes zugrunde. Nicht stark genug, um dem Sturm
+zu trotzen, ward ihr die gemeinsame Not zu schwer. Es kam hinzu, daß
+ihr das tiefste religiöse Bedürfnis fehlte. So blieb ihr Leben arm und
+leer, und die Zeit, die ihrer Seele zur Festigung hätte dienen können,
+verstrich ungenützt. Sie verstand das Kreuz nicht, darum vermochte sie
+nicht, es im Glauben zu umfassen.</p>
+
+<p>»Wenn er sich nur ein einziges Mal auf das Kind gefreut hätte,« sagte
+sie mit erstickter Stimme und wandte das Gesicht zur Seite.</p>
+
+<p>Exzellenz von Kambach schwieg. Was sollte sie sagen? Ihre Sorgen
+waren viel ernsterer Art als die ihrer Enkelin, welche<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> glaubte,
+die Entfremdung ihres Gatten allein in den augenblicklichen äußeren
+Verhältnissen suchen zu sollen. Die Großmutter blickte tiefer.
+Abgesehen davon, daß Roselius in den letzten Wochen öfter bei ihr
+gewesen und eingehend mit ihr über den Kameraden, in dessen Hause
+er seit seiner Verheiratung viel verkehrte, gesprochen, hatte sie
+selber längst mit dem feinen Gefühl der reifen Frau bemerkt, daß
+diese Ehe nie eine glückliche werden würde. Bühlers leichtlebiger
+und leidenschaftlicher Charakter forderte sprühende Sinne. Die
+zarte Hingabe seiner Frau mußte seinem Wesen auf die Dauer nicht
+nur widersprechen, sondern die Gatten einander entfremden. Ilses
+Vater hatte das alles vorausgesehen und sie gewarnt. Aber in ihrer
+blinden Liebe zu dem schönen ritterlichen Manne hatte sie seine Worte
+in den Wind geschlagen. Nun war das Unglück da. Was ihn in einem
+kurzen Brautstand entzückt, was seinem eitlen Charakter vorübergehend
+geschmeichelt, langweilte Bühler auf die Dauer. Er wußte selbst nicht
+warum. Daß die Reinheit der Frau, die er an sich gebunden, seine Seele
+immer wieder an empfindlicher Stelle traf, gestand er sich nicht ein.
+Und doch war dies der tiefste letzte Grund, daß er sich immer mehr von
+ihr zurückzog. Er hatte die Braut in seiner Art geliebt, d. h. seine
+Leidenschaft hatte sich an ihrer Schönheit berauscht. Die Ehe, Ilses
+schonungsbedürftiger Zustand, die Enttäuschung, mit seiner jungen
+Gattin nicht bei Hofe glänzen zu können, der Gedanke, ›übers Jahr ist's
+vielleicht nicht anders!‹ — das alles reizte und verstimmte ihn. Und
+nicht gewohnt, sich in Zucht zu nehmen, ließ er seine Launen an ihr aus
+und ging seine eigenen Wege. Wohin die aber führten, ward der greisen
+Exzellenz je länger, je mehr zur Gewißheit.</p>
+
+<p>»Manchmal überkommt mich eine wahre Angst vor der Zukunft, Großmama,«
+klang's leise und gepreßt an ihrer Seite.<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> »Ich glaube, Wolf Dietrich
+wäre entsetzt, wenn wir mehr als ein Kind bekämen ...«</p>
+
+<p>»Mit dieser Möglichkeit wird er sich doch aber abfinden müssen.«</p>
+
+<p>Einen Augenblick war's still. In die blassen Wangen der jungen Frau
+stieg flammende Röte. Sie wandte sich ab. »Ich glaube nicht, daß er das
+tut,« sagte sie mit zerdrückter Stimme.</p>
+
+<p>»Ilse!« Die alte Dame legte die Hand schwer auf den Arm der jungen.
+»Und — und du?«</p>
+
+<p>»Ich — ich muß gehorchen!« klang tonlos die Antwort.</p>
+
+<p>Wieder war's still.</p>
+
+<p>Mit gefurchter Stirn blickte die Greisin in den Frühlingstag hinaus.</p>
+
+<p>Ein abgrundtiefes Frauenleid lag vor ihr ausgebreitet, das Martyrium
+des Weibes, dessen tiefstes Empfinden noch wurzelecht, dessen Sehnsucht
+noch rein und natürlich ist. Und gerade sie, deren Seele ungefestigt
+war, deren Charakter erst reifen sollte in der Schule des Lebens, die
+in dieser Stunde nichts besaß, als die Sehnsucht, ihr Kindlein ans
+Herz zu drücken, gerade sie mußte die Verachtung der Mutterschaft aufs
+tiefste kränken.</p>
+
+<p>Und dann klangen Worte neben ihr, die sie trotz allem, was sie in den
+letzten Wochen erlebt, nicht für möglich gehalten, — leise und scheu,
+unter dem Druck tiefsten Leides: »Eigentlich — wollte er's schon
+diesmal nicht!«</p>
+
+<p>Es ging über die Kraft der Sprecherin. Sie barg das Gesicht in den
+Händen und schluchzte wie ein Kind.</p>
+
+<p>Sprachlos saß Frau von Kambach da. In ihrer Seele lohte der Zorn. War's
+menschenmöglich, daß das von einem Bühler gesagt wurde? Von einem
+märkischen Edelmann? Einem Christen? Ach, das war ja die Ursache aller
+Not — er war kein Christ! Ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span>
+war dies Leid, das ihr besonders schwer auf die Seele fallen mußte.</p>
+
+<p>Die Ursache des großen völkischen Niederganges umschloß das schwere
+Einzelurteil: kein Christ! Und es wollte etwas in dem alten treuen
+Herzen zerspringen bei dem Gedanken: ›Von oben nach unten! An dem
+Kindermord in unserem Vaterland sind schuldig, die deines Blutes sind
+— wir, der deutsche Adel!‹</p>
+
+<p>Wo wollt's hinaus? Stand die Welt auf dem Kopf, daß alles, was sonst
+hoch und heilig gehalten ward, mit Füßen getreten wurde? Und in
+tausend und abertausend Fällen, wie hier, aus dem leichtfertigsten
+oberflächlichsten Grunde, — um Frauenschönheit, um Spiel und Tanz,
+um bequemes Leben! — Diesmal hatten sich Mutterhände schützend über
+die Wiege eines mit heißer Sehnsucht erwarteten Kindleins gebreitet,
+— übers Jahr würde es heißen: ›Ich muß gehorchen!‹ — Aber wie oft
+war's gerade das Weib, das sich seiner höchsten Würde in unfaßlicher
+Leichtfertigkeit entäußerte und sich seines heiligsten Dienstes mit
+der schamlosen Begründung weigerte: ›Ich will mir nicht die Saison
+verderben!‹ So sprachen deutsche Frauen!</p>
+
+<p>Der greisen Brandenburgerin war's oft ums Herz, als habe sie keine
+Heimat mehr, als sei das Land, darin sie lebe, ein fremdes, mit neuen
+Sitten, neuen Bräuchen und — das war das Schwerste, Unerträglichste
+— neuem Glauben. Denn nie wär's so weit gekommen, hätte Deutschland
+nicht seines Gottes vergessen! Aber der Abfall vom Kreuz konnte nur
+Entsittlichung bringen, und der Geburtenrückgang war ihre erste Frucht.
+Ein religiös sittlicher Schaden der Ruin eines ganzen Volkes! — —</p>
+
+<p>Ihre Gedanken kehrten zum eigenen zurück. Mit zitterndem Arm umschlang
+sie die Enkelin.</p>
+
+<p>Da legte Ilse Bühler den Kopf an die Schulter der Großmutter und weinte
+sich satt.</p>
+
+<p>Sanft strich Frau Sabine über das blonde Haar.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span></p>
+
+<p>Was war in ein paar Monaten aus dem blühenden Mädchen geworden? Eine
+müde überzarte Frau, deren Gesundheit schon jetzt Grund zu ernster
+Sorge gab. Ihre Gedanken wanderten. Könnte sie Ilse, um ihr die
+täglichen Aufregungen fern zu halten, wenigstens in den beiden nächsten
+Monaten zu sich nehmen! Bühler kam in diesen Tagen, um seine Frau
+wieder abzuholen. Sie wollte mit ihm sprechen. Aber Ilse sollte nichts
+vorher erfahren.</p>
+
+<p>Grundsätzlich war Frau von Kambach freilich gegen diesen Gedanken.
+Aber so, wie die Dinge lagen, erkannte sie ihn beinahe als eine
+Lebensforderung. Denn wer sollte sich in jener Zeit der jungen
+Frau annehmen? Eine Mutter hatte sie nicht; Gräfin Bühlers für ein
+Krankenzimmer vollständig ungeschulte Persönlichkeit hätte mehr
+geschadet als genützt, auf andere Verwandte war nicht zu rechnen;
+Sibylle war seit einigen Tagen Harros Braut, und sie selbst mit ihren
+Altersbeschwerden, ihrem ungelenken Körper paßte nicht mehr in den
+Rahmen einer jungen Häuslichkeit. Hier aber in der Stille des kleinen
+Dreilindens, in Fräulein Eichels treuer Pflege war mehr Aussicht,
+der zarten Frau in schweren Tagen zu helfen, als in Drachenburg oder
+Kambach. Das wollte sie dem Enkel sagen und zugleich die Gelegenheit
+benutzen, ihm noch einmal ins Gewissen zu reden. Ob viel dabei
+herauskommen würde, war eine andere Frage, doch sie sagte sich: ›Dann
+hast du wenigstens deine Pflicht als Großmutter erfüllt!‹</p>
+
+<p>Aber während sie sinnend in die Weite blickte, erwachte ein Zweifel in
+ihrer Seele: würde Ilse dieser Gedanke nicht verletzen, würde sie ihn
+nicht zurückweisen? Sie sah auf die Enkelin nieder. Sie war ruhiger
+geworden, aber der gesenkte Kopf mit der schweren blonden Flechtenkrone
+lehnte noch immer an ihrer Schulter.</p>
+
+<p>Schweigend hielt sie sie umfaßt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p>
+
+<p>Sie hatte ihr nichts Neues zu sagen. Den Rat, fest auf Gott zu
+vertrauen, hatte sie ihr wieder und wieder gegeben, auch heute noch.
+Ilse hatte auch versucht, sich an den treuen Worten der Großmutter
+aufzurichten, aber ihre zarte empfindsame Natur war nicht stark genug,
+um über irdische Not hinwegzublicken. Es kam hinzu, daß ihre Stimmung
+von ihrem Befinden abhängig war, daß ihr nervöser Zustand sie Schein
+und Sein nicht mehr unterscheiden ließ.</p>
+
+<p>Trotzdem war Frau von Kambach überrascht, als sie, sich aufrichtend,
+sagte: »Großmutter, ich hab' eine große Bitte an dich! Du wirst sie
+vielleicht nicht verstehen und mich abweisen, wirst sagen: ›Die Frau
+gehört in das Haus ihres Mannes!‹ Das tut sie auch. Aber, Großmutter,
+— ich — ich kann nicht mehr, körperlich und seelisch nicht!! Wenn
+ich eine Weile Ruhe hätte, würd's wieder gehen, aber jetzt in dieser
+Verfassung dies Leben ertragen« — sie brach, über die eigenen Worte
+erschreckend, jäh ab.</p>
+
+<p>Aber die Großmutter legte ihre schlanke feine Hand auf die der jungen
+Offiziersfrau.</p>
+
+<p>»Weiter, Ilse!«</p>
+
+<p>Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann sagte Ilse Bühler tief
+errötend: »Großmama, laß mich hier bleiben, bis alles vorüber ist!«</p>
+
+<p>Frau von Kambach antwortete nicht. Dieselben Wege, die sie in
+fürsorgender Liebe gewandert war, ging eine andere in unüberwindlicher
+Furcht.</p>
+
+<p>Und das Warum stockte der alten Frau auf der Lippe. Aber dann machte
+sie sich stark und sprach's dennoch aus.</p>
+
+<p>Ilse strich das Goldhaar aus dem erhitzten Gesicht. »Warum?« Sie senkte
+den Blick, und die Lippen zuckten. »Großmama, du weißt es doch, — weil
+— weil's zu Hause unmöglich ist.« Und stockend kam's hinterdrein: »Ich
+habe<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> gestern schon mit Sibylle darüber gesprochen. Sie meint auch, es
+gehe nicht. Und wenn sie es meint — Wolf Dietrich ist doch ihr Bruder,
+und auf Billy hört er noch am ersten.«</p>
+
+<p>Schweigend hatte Exzellenz von Kambach zugehört. Die einfachen Worte
+erzählten eine große Tragödie. Ungewollt — unbewußt: ›Es geht nicht,
+Billy sagt es auch!‹ — Die Frau, die noch kein Jahr verheiratet war,
+hatte keine stille Stätte im Hause ihres Mannes — »wenn ich eine Weile
+Ruhe hätte, würd's wieder gehen!« So mußte sie sprechen, um ihrer
+selbst, um ihres Kindes willen. Ob sie die ganze Tragweite ihrer Worte
+ahnte? Die Greisin, die wie wenige das Leben kannte, glaubte es nicht.
+Aber, daß sie litt, war klar, daß eine Wunde blutete und blutete. Frau
+von Kambach sagte sich: ›Wenn Gott nicht ein Wunder tut, wird sie nie
+heilen, nie vernarben!‹</p>
+
+<p>»Weiß Wolf Dietrich von dem Gedanken?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Nein, ich wollte dich erst fragen und dich bitten ...«</p>
+
+<p>»Ich soll's ihm sagen?« Die alte Frau schüttelte den Kopf. »Kind, Kind,
+ihr seid weit gekommen in den paar Monaten eurer Ehe! Nimmst du die
+Sache nicht zu schwer, Ilse?«</p>
+
+<p>Die junge Gräfin schwieg. Das letzte, tiefste, das sie kaum zu glauben
+wagte, das je und dann wie ein Gespenst in ihrer Seele auftauchte und
+wieder verschwand, das konnte und wollte, — das durfte sie niemand
+sagen. Auch der Großmutter nicht. Es war ja nur ein Schatten, der
+auf ihren Weg fiel; woher er kam, was er bedeutete, wußte sie nicht,
+wollt's auch nicht wissen, — etwas Unwirkliches war und blieb es, dem
+Gestalt und Leben fehlten. Herr Gott, — ja — sie fehlten! Vielleicht
+war's das Beste! Aber warum stürmten die Gedanken immer wieder auf
+sie ein? Fast erschien es ihr ein Verbrechen, einen Verrat, daß sie
+ihnen Einlaß gewährt, daß sie immer wieder jener Stimme lauschte.
+Die flüchtige Bemerkung einer älteren Dame, welche vor seiner Heirat
+stark auf Graf Bühler für ihre<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> Tochter gerechnet hatte und seiner
+jungen Frau nicht gerade wohlgesinnt war, hatte den ersten heimlichen
+Zweifel in Ilses Herz getragen. Eine Bemerkung wie hundert andere
+war's gewesen, aber ihr feines weibliches Gefühl sagte ihr, daß sie
+heimliches Gift barg. Wolf Dietrich Bühler war als eleganter Vortänzer
+bekannt. Die Feststellung dieser Tatsache an sich hätte nicht zu
+befremden brauchen. Aber der Ton, mit dem Frau von Kazarwsky über eine
+Berliner Schauspielerin, mit der er auf einem Kostümfest den ersten
+Walzer getanzt, sprach, ließ die Gräfin aufhorchen. Sie hatte es
+sowieso schon empfunden, daß Wolf Dietrich sich in diesem Winter nicht
+auf den Besuch der Hoffeste und Regimentsbälle beschränkte, sondern
+zahllose Einladungen angenommen, die er hätte ablehnen können. Die
+Abende, an denen er ihr Gesellschaft geleistet, konnte sie zählen, und
+dann war er schlecht gelaunt gewesen, nervös, gelangweilt! —</p>
+
+<p>Sie seufzte. »Großmamachen, du weißt ja, wie es bei uns aussieht,«
+sagte sie traurig. »Ich will mich wahrhaftig nicht besser machen, als
+ich bin, aber ich weiß nicht, was ich tun soll, um diesen Zustand zu
+ändern.«</p>
+
+<p>Verzweifelt klang's. — —</p>
+
+<p>Ein Wagen rollte über den Fahrdamm.</p>
+
+<p>Gräfin Bühler lauschte hinüber. »Das ist Mama mit dem Brautpaar!«</p>
+
+<p>Die alte Exzellenz erhob sich. »Ich will mit Wolf Dietrich sprechen,
+Ilse,« sagte sie, während sie in das Haus gingen. »Aber wenn er nein
+sagt, mußt du dich fügen!«</p>
+
+<p>Schwermütig blickten die blauen Augen der jungen Frau über die
+blühenden Wiesen in die sonnige Weite. »Er sagt nicht nein!« entgegnete
+sie leise.</p>
+
+<p>Und Frau von Kambach widersprach nicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Sibylle Bühler war eine reizende Braut. Das Glück strahlte ihr aus
+den Augen und machte sie noch schöner. In einem eleganten fliederlila
+Straßenkleide saß sie ihrem Verlobten gegenüber im offenen Landauer,
+und winkte schon von weitem ihrer geliebten Exzellenz und der
+Schwägerin zu.</p>
+
+<p>Dann hielt der Wagen. Sie war die erste, welche die Greisin begrüßte.</p>
+
+<p>»Nun werd' ich auch eine Kambach!« jubelte sie und küßte wieder und
+wieder ihre Hände.</p>
+
+<p>Frau Sabine schloß ihren Liebling in die Arme: »Willkommen in
+Dreilinden, liebes Kind!« sagte sie mit mütterlicher Herzlichkeit.
+»Möchte mein Enkel sich deiner würdig zeigen!«</p>
+
+<p>In die warme Freundlichkeit mischte sich milder Ernst, Ein feines Rot
+stieg in die Wangen der Braut. Zum zweitenmal ward ihrem Verlobten eine
+Mahnung aus berufenem Munde zuteil. Heute sprach die Liebe sie aus,
+gestern die Gerechtigkeit. Streng und scharf hatte der Empfang des
+Großvaters auf der Bühler Freitreppe gelautet: »Ich wünsche Ihnen von
+Herzen Glück, mein lieber Kambach! Ob ich meine Enkelin beglückwünschen
+darf, weiß ich nicht!«</p>
+
+<p>Harro hatte vor dem Manne im weißen Haar geschwiegen, sie selbst einen
+Augenblick mit den Tränen gekämpft. Ihre Mutter, die immer Herrin
+der Lage blieb, stellte mit einer Bemerkung über das gute Aussehen
+des Schwiegervaters äußerlich das Gleichgewicht wieder her, aber der
+Schatten, der sich auf die Stunde des Glückes gelegt, ließ sich nicht
+ganz verscheuchen. Zumal Sibylle, die den Großvater so zärtlich liebte,
+konnte diesen Empfang nicht begreifen. Erst das Wort der Frau, die sie
+wegen ihrer gerechten Denkweise so hoch verehrte, half ihr die Art
+des Greises auch in dieser Stunde verstehen. Sie begann einzusehen,
+daß sein Glückwunsch, von seinem Standpunkt aus, nicht anders lauten
+konnte. Er war<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> niemals für die Verlobung gewesen, und hätte sie
+am liebsten verhindert. Freude darüber zu heucheln, hätte seiner
+großzügigen aufrichtigen Natur widersprochen. Aber nicht nur das —
+sein Wahrheitsgefühl forderte es, der persönlichen Empfindung in diesem
+Augenblick Ausdruck zu verleihen. Daß seine Meinung schroff herauskam,
+lag in der ihm eigenen Schärfe und in der Natur der Sache. Noch niemals
+hatte sich ein rechter Bühler mit etwas einverstanden erklärt, wenn
+er es nicht war. Der alte konservative Geist, der keine Neuerung, wie
+sie auch heißen mochte, ertrug, kam hinzu, der schärfere Ehrbegriff,
+die straffere Zucht einer vergangenen Zeit. Und Sibylle mühte sich,
+einem großen edlen Charakter gerecht zu werden. Aber leicht war's
+nicht, weil das Wort des Großvaters eine bittere Wahrheit enthielt.
+Sie wußte, es richtete sich gegen Vergangenes. Das tat ihr weh. Ihre
+Liebe hätte es gern bedeckt. Aber auch des Gegenwärtigen gedachte der
+Erblandmarschall, denn die Glaubenslosigkeit eines deutschen Mannes
+bedeutet für ihn einen sittlichen Mangel.</p>
+
+<p>Das alles hatte sie vor ihrer Verlobung gewußt. Mit dem Mute echter
+Frauenliebe hatte sie, ohne ihre Kraft zu überschätzen, dem Vertreter
+einer atheistischen Weltanschauung das Jawort gegeben. Sie wußte,
+daß sie in ihrer jungen Ehe entweder mit Nietzsche und Schopenhauer
+zu kämpfen haben würde oder mit religiöser Gleichgültigkeit. Auf das
+erste richtete sie sich mit dem Wagemut des Glaubens, vor dem zweiten
+bangte ihr, — dennoch — es gibt Frauen, denen ihre Liebe allezeit und
+allerorten die königliche Gebieterin bleibt. Das Schwerste wird ihnen
+leicht, das Unmögliche dünkt sie möglich, sie glauben und hoffen alles.
+Und wenn ihre Zuversicht zuschanden wird, bereuen sie nicht, sondern
+sagen sich: ›Ich tat, was ich konnte!‹</p>
+
+<p>Von diesen Gesichtspunkten aus ward sie dem alten Herrn<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> gerecht. Sie
+war überzeugt, hätte sie ihn gefragt: ›Großvater, warum hast du mir
+das getan?‹, so hätte er ihr mit derselben Offenheit geantwortet:
+›Aber, Billy, soll ich denn lügen? Ich kann dich beim besten Willen
+nicht beglückwünschen! Wenn ich es später nachholen kann, soll's mich
+herzlich freuen!‹</p>
+
+<p>So würde der alte märkische Edelmann sprechen. Lieber sagte er eine
+Grobheit, als daß er die Wahrheit verschwieg oder umging.</p>
+
+<p>Aber auch in der Enkelin steckte ein gut Teil von dieser Kraft. Ehrlich
+sah sie ein, daß das, was sie im ersten Augenblick als übertriebene
+Schärfe aufgefaßt, zu der ureigensten Natur des Großvaters gehörte,
+und schaute ihrem Glück, dessen Klippen ihr nicht verborgen geblieben,
+mutig ins Auge. Sie war eine Kampfnatur im besten Sinne. Ein Glück, auf
+Rosen gebettet, hätte ihrem starken klaren Charakter kaum entsprochen.
+Wahrer Friede würde immer ihres Herzens Sehnsucht bleiben, aber niemals
+würde sie ihn um den Preis des heiligsten Gutes erkaufen. Der Kampf um
+dieses Gut hörte aber nicht auf, solange die Erde stand, — wundersam
+hätt' es zugehen müssen, wenn er ihr Haus verschonte. Als ein Stück
+Kampf hatte sie in jungen Jahren ihr Christentum verstehen gelernt; sie
+wußte nur zu gut, daß die Wachtfeuer nicht verlöschen dürfen, solange
+die Sünde eine Großmacht auf Erden bedeutete.</p>
+
+<p>So verlor jenes schlimme Wort im Blick auf die ehrwürdige Gestalt
+eines alten tüchtigen Geschlechts, welches preußische Zucht und wahres
+Christentum hoch hielt, seine Schärfe.</p>
+
+<p>Auf ihrem frischen glücklichen Gesicht lag ein Zug ernsten Sinnens, als
+sie ihre Schwägerin umarmte.</p>
+
+<p>Harro Kambach begrüßte seine Großmutter.</p>
+
+<p>»Na, mein Junge, nun bist du ja am Ziel,« sagte sie bewegt und küßte
+ihn auf die Stirn. »Sei ein rechter Kambach und halte dein Kleinod in
+Ehren!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p>
+
+<p>In die hübschen Züge des jungen Offiziers trat tiefer Ernst. Zum
+zweitenmal beugte er sich über die Hände der alten Frau.</p>
+
+<p>»Du bist der letzte Kambach,« sagte sie, von Erinnerungen übermannt,
+mit zitternder Stimme.</p>
+
+<p>Er blickte auf. Klar und fest sah er sie an. »Ich will meinem Namen
+Ehre machen, Großmama!« entgegnete er einfach.</p>
+
+<p>Sie nickte ihm freundlich zu und begrüßte Sibyllens Mutter.</p>
+
+<p>Gräfin Bühler benutzte in Deutschland jede Gelegenheit, irgendein
+elegantes Kleid, welches die Riviera nicht wieder sehen sollte,
+spazieren zu führen. Aber was man dort durchgehen ließ, bezeichneten
+die schlichten Landedelleute der Mark in den meisten Fällen als
+›Unmöglichkeiten‹. Ob die Gräfin dies nicht wußte, oder nicht wissen
+wollte, blieb unklar. Jedenfalls kehrte sie sich nicht im geringsten
+daran, und bemutterte das Brautpaar in einer meergrünen Tuchtoilette
+mit silberner Paillettestickerei verziert. Exzellenz von Kambach hatte
+den Eindruck, daß Harro und Sibylle die Begleitung dieses wandelnden
+Pariser Modebildes wenig angenehm sei, und täuschte sich nicht.
+Man war mit dem ›Meergrünen‹ in Kambach ziemlich abgeblitzt. Dem
+Oberstallmeister war alles Auffällige ein Greuel. Er hatte sich in der
+Unterhaltung fast ausschließlich an seine Schwiegertochter gewandt. Der
+strengste Sittenrichter der ganzen Umgegend aber war der alte Schenker.
+Als vornehmer Kammerdiener hatte er sich natürlich in der Gewalt,
+aber seine Haltung, sein Gesichtsausdruck, seine Art, einer Dame aus
+dem Wagen zu helfen, oder ihr den Mantel umzugeben, drückten seine
+Gefühle in unzweideutiger Weise aus. Nun war es in diesem Falle schwer
+für Schenker, sich in den richtigen Grenzen zu bewegen, denn Gräfin
+Sibylle hätte er am liebsten die Hand geküßt und ihr einen Rosenstrauß
+überreicht. Aber in Livree ging das dummerweise<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> nicht. Heute abend
+sollte sie ihre Marschall Niel's aber haben, er hatte sie im Treibhaus
+für sie aufgespart. Die ›Firlemontsche‹ bekam natürlich keine, na, sie
+war ja auch vollständig Nebenperson. Aber beim Empfang war die Sache
+nich ohne, immer zwei Gesichter auf Lager haben, war ein bißchen viel
+verlangt. Doch es mußte sein. Und mit eisiger Förmlichkeit half er der
+Brautmutter aus dem Wagen, das ›Meergrüne‹ und die ›Paillettestickerei‹
+mit einem verächtlichen Blick streifend.</p>
+
+<p>Harro fing diesen Blick auf und mußte innerlich lachen. ›Nun geht's zu
+Mamsell, und dann heißt's: hat das Weib sich wieder aufklaviert!‹ Im
+Grunde gab er dem alten Manne recht. Auf die Schwiegermutter hätte er
+selber mit Freuden verzichtet. — —</p>
+
+<p>Exzellenz von Kambach und Gräfin Bühler hatten sich trotz gegenseitiger
+Bemühungen nie verstanden. Charaktere und Lebensinteressen waren zu
+verschieden. Auch heute kam kein richtiges Gespräch in Gang. Die Gräfin
+schwatzte beim Gabelfrühstück über ihre Reisen, über Mentone und Monte
+Carlo, über die italienischen Seen und Sankt Moritz. Den Orten, welche
+eine Spielgelegenheit aufwiesen, gehörte ihr besonderes Interesse.
+Mit Sorge bemerkte es Exzellenz von Kambach. Gut, daß Sibylle von der
+Mutter fort kam.</p>
+
+<p>Während die Gräfin auf sie einredete, beobachtete sie das Brautpaar.
+Sibylle bewahrte trotz ihres strahlenden Glückes jene feine
+Zurückhaltung, die ihrem Wesen seinen Reiz verlieh. ›Über den Kopf
+wächst er ihr nicht‹ dachte die alte Dame, ›aber sie wird immer ganz
+Weib bleiben, und darin liegt ihre Stärke!‹</p>
+
+<p>Freundlich nickte sie den beiden zu.</p>
+
+<p>Ilse war sehr einsilbig und zog sich gleich nach dem Frühstück,
+Kopfschmerzen vorschützend, auf ihr Zimmer zurück.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p>
+
+<p>»Arme Kleine!« sagte Gräfin Bühler, ihr nachblickend. »Billy wird sich
+hoffentlich einmal besser aufführen!«</p>
+
+<p>Die Braut schien die Worte ihrer Mutter zu überhören, aber eine feine
+Röte färbte ihre Wangen, während sie ihren Verlobten in ein Gespräch
+über Bayreuth verwickelte.</p>
+
+<p>Harro befand sich in seinem Fahrwasser. Wagnermusik war sein höchstes.
+Er begann derartig für den ›Parsifal‹ zu schwärmen, daß Sibylle sich
+der Hoffnung hingab, die Bemerkung ihrer Mutter sei ihm entgangen.</p>
+
+<p>Die Hausfrau aber sagte mit leiser Stimme scharf und verweisend:
+»Sie scheinen zu vergessen, daß Sie nicht in Monte Carlo, sondern in
+Dreilinden sind!«</p>
+
+<p>Die schöne Frau zog die Schultern in die Höhe. »<span class="antiqua">Mon Dieu — on dit
+cela!</span>«</p>
+
+<p>»Bei uns in der Mark überlegt eine Frau, was sie sagt,« klang es kurz
+zurück.</p>
+
+<p>Gräfin Bühler stieg das Blut in die Wangen. Sie sah auf die alte
+Standuhr. »Bitte, lieber Harro, bestelle den Wagen!« —</p>
+
+<p>Exzellenz von Kambach machte kein Hehl daraus, daß sie auf eine
+Verlängerung des gräflichen Besuches keinen Wert legte. Sie
+forderte ihre Gäste nicht zu längerem Bleiben auf, wandte sich fast
+ausschließlich an Sibylle, und erhob sich endlich, um dem jungen
+Mädchen ein Pastellbild ihrer verstorbenen Schwiegermutter zu schenken.</p>
+
+<p>Überglücklich dankte ihr die Braut.</p>
+
+<p>»Wie ähnlich Harro ihr sieht!« sagte sie dann, das Bild betrachtend.</p>
+
+<p>Er trat näher. »Findest du?«</p>
+
+<p>»Ja, Schatz!« Sie faßte seine Hand. »Aber nicht wahr, du bist ein
+rechter Kambach wie dein Vater?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p>
+
+<p>Eine leichte Verlegenheit malte sich auf seinem Gesicht. »Mein Vater
+steht hoch über mir!« gestand er ehrlich.</p>
+
+<p>Gräfin Bühler drängte zum Aufbruch. »Kinder, wir müssen fahren.
+Großpapa erwartet uns.«</p>
+
+<p>Der junge Offizier sah sie erstaunt an; aber er schwieg. Sie wußte
+doch, daß der alte Herr nach Dambeck wollte.</p>
+
+<p>Sibylle war der Vorgang entgangen. Glücklich blickte sie auf Frau
+Sabinens Geschenk. »Es soll mir ein doppelt liebes Andenken sein,«
+sagte sie und küßte die schmale Hand. —</p>
+
+<p>Der Diener meldete den Wagen.</p>
+
+<p>Mit großer Lebhaftigkeit verabschiedete sich die Gräfin, allem Anschein
+nach froh, diesen Besuch hinter sich zu haben.</p>
+
+<p>»Komm bald wieder, Sibylle,« bat die alte Exzellenz, die Braut des
+Enkels umarmend, »aber bleib' über Nacht! Ich sehne mich nach deinem
+Geigenspiel!«</p>
+
+<p>Dann sah sie den Abfahrenden nach.</p>
+
+<p>›Sie ist eine rechte Bühler,‹ zog es ihr durch den Sinn, während ihr
+Blick der anmutigen Mädchengestalt folgte, die ihr die letzten Grüße
+zuwinkte, — ›sie wird ihm helfen, ein Mann zu werden!‹ Lange noch
+stand sie und schaute dem dahinrollenden Gefährt nach. »Wenn er sie nur
+glücklich macht!« seufzte sie.</p>
+
+<p>Dann ging sie ins Haus. —</p>
+
+<p>Was Ilse wohl machte?</p>
+
+<p>Sie war in ernster Sorge um die junge Frau. Wie sollte das enden? Und
+das Herz der Greisin war wieder ganz bei der Enkelin, deren schwachen
+Schultern die Last des Lebens zu schwer war. — —</p>
+
+<p>Der Krückstock klang auf den Dielen, auf der eichenen Treppe. Er
+gehörte zum eisernen Bestand des Witwensitzes, zu der hundertjährigen
+Standuhr, darin der Totenwurm an stillen Winterabenden pochte, zu den
+altmodischen Möbeln und dunklen<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> Ahnenbildern, zu all den Dingen, die
+sich zur Zeit der Freiheitskriege, und früher schon, Heimatrecht im
+Hause erworben hatten. Zu ihnen gehörte der alte Krückstock.</p>
+
+<p>Aber es würde ein Tag kommen, wo man ihn nicht mehr auf den stillen
+Gängen und Treppen hören, wo der gewohnte Ton für immer verstummen
+würde. Es war nur das bekannte kurze Aufschlagen, welches das Nahen
+einer lieben ehrwürdigen Gestalt verkündete, das vielleicht nur
+<em class="gesperrt">eine</em> treue Seele vermissen würde, aber das schöne Dreilinden
+trug dermaleinst mit dem alten Krückstock sein Bestes zu Grabe.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel"><span class="s5">Dreizehntes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eine Heimkehr.</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hilf uns Gott, in Nacht und Nebel</div>
+ <div class="verse indent0">Off'nen Aug's durchs Leben gehen!</div>
+ <div class="verse indent0">Lehr' uns auf die Zeiten achten</div>
+ <div class="verse indent0">Und das eigne Herz verstehen!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ob wir in des Waldes Dickicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Fern vom Feierzug der Frommen</div>
+ <div class="verse indent0">Uns'ren Weg uns suchen müssen —</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn wir nur nach Hause kommen!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schenk' uns unterm Kreuze Gnade,</div>
+ <div class="verse indent0">Nimm uns ab die Last der Sünden!</div>
+ <div class="verse indent0">Hilf uns aus dem Tal der Tränen</div>
+ <div class="verse indent0">In die ew'ge Heimat finden!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>»Der alte Schenker ist da und fragt, ob Exzellenz einen Augenblick zu
+sprechen seien?«</p>
+
+<p>Die Wirtschafterin war leise durch die geöffneten Räume gekommen und
+stand am Schreibtisch ihrer Herrin.</p>
+
+<p>Aufgeschlagene Bücher lagen vor der Gutsfrau, die, über die
+Monatsrechnung gebeugt, den Inspektor erwartete.</p>
+
+<p>»Krügern, das paßt mir sehr schlecht, ich erwarte Herrn Niemann jeden
+Augenblick,« sagte sie, über ihre Brillengläser hinweg auf die behäbige
+Erscheinung der Alten blickend. »Will er denn etwas Besonderes?«</p>
+
+<p>»Es scheint so, Exzellenz.« Sie lächelte. »Das heißt, bei Herrn
+Schenker ist vieles etwas Besonderes, was es gar nicht<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> ist. Er hat
+das so an sich, Exzellenz, aus einer Kleinigkeit, die ein anderer kaum
+beachtet, macht er etwas! Was er will, weiß ich nicht! Er tut sehr
+wichtig und geheimnisvoll!«</p>
+
+<p>›Er wird irgendeinen Einfall im Kopfe haben, welcher den Bund
+betrifft,‹ dachte Frau Sabine und sagte sich, daß es eine Härte sei,
+die alte treue Seele unverrichteter Sache wieder gehen zu lassen. Sie
+sah auf die Uhr. Es war noch nicht spät.</p>
+
+<p>»Er soll kommen. Bitte, gehen Sie dann gleich zu Herrn Niemann hinüber,
+und sagen Sie ihm, wir wollten morgen früh abrechnen. Das paßt ihm
+sowieso besser, ich richte mich eben danach ein!«</p>
+
+<p>Fünf Minuten später stand Schenkersch Vadder in tadelloser Haltung auf
+der Schwelle.</p>
+
+<p>»Ick bitte tausendmal um Entschuldigung, daß ick ungelegen komme,«
+sagte er, »Exzellenz sind gerade bei die Abrechnung!« Er zögerte.</p>
+
+<p>»Bleiben Sie nur, Schenker,« sagte Frau von Kambach, die ganz genau
+merkte, daß der Alte gar nicht daran dachte, seinen Vorschlag in
+die Tat umzusetzen. Natürlich hätte er sich auf einen Wink von
+ihr empfohlen, aber erst, nachdem er zwischen Tür und Angel seine
+Geheimnisse ausgekramt hatte. Denn heute war er vollgepfropft von
+Geschichten. Und sie ertappte sich darauf, daß sie regelrecht neugierig
+war.</p>
+
+<p>Dann saß Franz Schenker neben ihr am Schreibtisch. Die Frühlingsluft
+spielte mit dem weißen Haar der beiden Alten und strich über die
+blühenden Blumen unter dem Bilde des seligen Kambachers. Draußen
+rüstete sich, kaum merklich, der letzte Apriltag zur Nacht. Noch
+glühten die Farben, aber die wunderbar tiefen Töne verrieten das
+nahende Aufleuchten entschwindender Schönheit. —</p>
+
+<p>Und der greise Kammerdiener erzählte. Es war allerdings etwas, das
+nicht alle Tage vorkam.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p>
+
+<p>Schenkersch Vadder war so hingenommen, daß seine Gefühle völlig mit ihm
+durchgingen. Die Tränen traten ihm in die Augen, er sprach platt, und
+schlug im Eifer des Gefechtes mit der flachen Hand aufs Knie, daß es
+schallte. Aber er hatte auch wirklich etwas erlebt und bedauerte nur,
+daß seine alte Gnädige nicht dabei gewesen war.</p>
+
+<p>»Also, Exzellenz,« begann er, zitternd vor Erregung, »daß ick's kurz
+sage: wir haben unsern Herrn Pastor wieder!«</p>
+
+<p>Frau von Kambach sah ihn fragend ein.</p>
+
+<p>»Exzellenz verstehen mich nich,« fuhr er fort. »Das glaub' ick wohl!
+Und ick mein' ja auch nich bloß, daß er nu endlich aus 'n Drachenburger
+Krankenhaus zurück is, das wär' ja alles ganz schön und gut, aber
+seine Gemeinde hätte blitzwenig davon. Unter uns gesagt, Exzellenz
+— wir hätten ihn nich behalten. Denn auf die Länge ging das nich.
+Ganz Kambach hätt' er mit seine Irrlehre verdorben! Nich mal der olle
+Schenker hätt' was dran ändern können. Ick sag's ganz offen, Exzellenz,
+eine tolle Angst hab' ick vor die Rückkehr von unsern Herrn Pastor
+gehabt — meine eigene Frau hat mich ausgescholten. ›Franz‹, hat sie
+gesagt, ›du schämst dich wohl gar nich, 'n Christ willst du sein, und
+benimmst dich wie 'n olles Waschweib.‹ Jawohl, Exzellenz, was meine
+Frau is, die is nich ohne! — Also, Herr Pastor Wendler kam in der
+stillen Woche aus 'n Krankenhaus zurück, und am Ostersonntag stand
+er auf der Kanzel. ›Na, denn man zu!‹ dacht' ick, ›dann erfahren wir
+wenigstens gleich, woran wir sind!‹ Denn am ersten Ostertag hat die
+Geschichte ihre Haken und Ösen mit die Texte. Wenn da einer an der
+Auferstehung vorbeigeht, is die Sache faul, und wenn er nur von der
+geistigen redet, is sie noch fauler. Wenn man in meine Jahre is, merkt
+man so ungefähr, was die Glocke geschlagen hat, nämlich, ob der Pastor
+glaubt, daß der Herr Jesus leibhaftig auferstanden ist oder ob<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> nur
+sein Geist in der Luft herumfliegt. Herr Pastor Krug hat mich das
+vor einige Zeit mal auseinandergesetzt. Gott bewahr' unser deutsches
+Vaterland vor so 'n Unsinn! ›Jesuzentrischer Liberalismus‹ nannte
+er's. Das hat 'ne Zeit gedauert, bis mein alter Kopf das Wort behielt.
+Den ersten Abend, als Herr Pastor Krug mich die Sache lang und breit
+auseinandergesetzt hatte, da wußt' ick's ganz genau, aber nachher? Weg
+war's! Da hab' ick Herrn Pastor neulich nochmal danach gefragt! —
+Na, mir kann's einerlei sein, wie's heißt, für so was is Schenkersch
+Vadder in sein'n ganzen Leben nich zu haben gewesen. Is überhaupt 'ne
+Frechheit, so an unseren Herrn Jesus seine Person herumzupflücken. Der
+neue Bund soll da man gleich gründlich aufräumen!« Er fuhr mit allen
+fünf Fingern durch das dichte, weiße Haar, daß es wie ein Wald zu
+Berge stand. »Exzellenz, so was hab' ick noch nich erlebt! Das war 'ne
+Predigt!« Er verbesserte sich. »Nee, 'ne Predigt war's gar nich! Es war
+'ne Heimkehr! Das sagte Herr Pastor Wendler auch selbst!«</p>
+
+<p>»Eine Heimkehr!« wiederholte die alte Frau mit leiser Stimme, und ihr
+sinnender Blick schweifte aus dem Fenster in die Weite hinaus, wo
+der goldene Wetterhahn des Kambacher Kirchturms über den Heidhügeln
+funkelte.</p>
+
+<p>Aber Schenker hatte noch viel auf dem Herzen.</p>
+
+<p>»Also, es war eine Predigt, und war doch keine! — Ick kann das nich
+so ausdrücken, Exzellenz, aber ein schöneres Glaubensbekenntnis hab'
+ick mein Lebtag nich gehört! Und solche Osterfreude hab' ick noch bei
+keinen Menschen gesehen! Der Mann war einfach nich wiederzuerkennen. Es
+war, als brennte ein Feuer in seinem Herzen, und die Flammen wollten
+überall heraus. Das war wirkliches Leben, was nich totzukriegen is.
+›Wo hädd harr det man alwile her?‹ säd min Fru. ›Det künde von sin
+Krankheet alot jo nich sinn!‹ — ›Nee,<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> Mudder,‹ häbb ick jesäd,
+›de Krankheet aleene mokt et nich.‹ Aba ick räde all wieder Platt,
+Exzellenz!«</p>
+
+<p>»Macht nichts, Schenker! Ich versteh' Platt so gut wie Hochdeutsch!«</p>
+
+<p>Doch der Alte konnte den feinen Kammerdiener nicht ganz verleugnen. In
+wohlgesetztem Hochdeutsch sprach er weiter.</p>
+
+<p>»Ick bring's ja nich wieder zusammen, was Herr Pastor Wendler gesagt
+hat! Aber die Hauptsache weiß ick noch. Vor allem klang durch alles
+sein lebendiger Osterglaube hindurch. Überhaupt betonte er immer
+wieder gerade das, was sonst in seinen Predigten fehlte: daß wir den
+lebendigen persönlichen Heiland brauchen, den Gottessohn, den man
+schauen kann. ›Wir Pfarrer werden doch nich bloß zu Hochzeiten und
+Kindtaufen gerufen,‹ sagte er, ›wie oft stehen wir an Sterbebetten und
+Totenladen. Was nützen da schöne Reden — einen Sünderheiland brauchen
+wir, der unsere Schuld ins Meer senkt und über die Gräber ruft: ›Ich
+lebe und ihr sollt auch leben!‹ Aber das schönste war doch, wie er
+von seinem Heimweh nach dem alten Bibelglauben sprach. Obgleich er
+nicht gerade von sich dabei redete, merkte man's doch, daß er alles
+selbst erlebt und durchgekämpft hatte. Einmal dachte ick: ›Das geht auf
+die Geschichte mit unseren jungen Herrn,‹ und ein anderes Mal merkte
+man's ganz deutlich, daß er an Frau Petzold dachte! Der Mann hat was
+durchgemacht, Exzellenz! — ›Gar kein Evangelium,‹ sagte er, oder das
+ganze, das, von dem der Dichter singt: ›Wenn ich dies Wunder fassen
+will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still!‹ — Exzellenz, ick
+kann's nich sagen, wie mir diese Predigt ergriffen hat!«</p>
+
+<p>»Diese Heimkehr!« sagte die alte Frau mit leiser Stimme.</p>
+
+<p>Schenker wischte sich über die Augen. — »Und dann hat er noch von dem
+modernen Menschen gesprochen! Wir haben ja auch so 'n paar unter den
+Lehrern und Honoratioren.<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> Daß so was auch aufs Dorf kommen muß! Na,
+unser Herr Pastor sagte, wir sollten man bloß nich denken, daß so 'n
+moderner Mensch nich dasselbe sehnende Herz in der Brust trüge, wie
+andere Leute. Es sei Einbildung, daß man glaube, man könne ohne den
+Herrn Jesum und sein Kreuz fertig werden! Wenn der moderne Mensch so
+kalt und gleichgültig tue, so sei das nur eine Larve, die das blutende
+Herz und die innere Einsamkeit verbergen solle. Denn wenn einer noch
+so gelehrt und noch so berühmt sei, seine Seele mache das alles nicht
+satt. Darum sei es ein Gottesraub, das Bekenntnis, das die Gemeinde
+mit ihrem Herzblut erlebt und verteidigt, durch Menschenfündlein
+zu ersetzen oder nach menschlicher Meinung umzubilden! Exzellenz,
+das hat der Mann gesagt, der vor kaum zwei Monaten erklärte, das
+Glaubensbekenntnis könne man verschieden auslegen!«</p>
+
+<p>Seine Augen leuchteten, auf dem alten treuen Gesicht lag das Rot
+freudiger Erregung.</p>
+
+<p>Er schwieg.</p>
+
+<p>Nachdenklich sah er vor sich nieder, eine leichte Verlegenheit malte
+sich in seinen Zügen.</p>
+
+<p>Er räusperte sich.</p>
+
+<p>»Dann kam noch etwas,« sagte er endlich zögernd, »eigentlich war's
+nich ganz in der Ordnung, noch dazu am Ostersonntag, aber, im Grunde
+hab' ick mir doch gefreut. ›Schenker,‹ hab' ick zu mir gesagt, ›du
+hast doch 'ne Frau, wie's nich viele gibt! In ganz Kambach is keine
+solche, und in Dambeck und Bühl, und hier in Dreilinden auch nich!‹ Na
+— und in Berlin? Ach, du meine Güte,« er lachte hell auf, und schlug
+mit der Hand aufs Knie — »Berlin!!! — Also, — Exzellenz, — was tut
+meine Frau? Kaum hatten wir nach der Predigt ›Auf, auf, mein Herz, mit
+Freuden!‹ gesungen, steht sie auf und sagt: ›Nu wollen wir noch »Nun
+danket alle Gott!«<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> singen.‹ Und damit fing sie auch schon an. Sie war
+feuerrot geworden und schielte nach mir rüber. Aber ick muckste mir
+nich, Exzellenz. Hätt' ick meine Frau angesehen, wär's vorbei gewesen,
+und das paßt sich doch schließlich nich für 'n ollen weißhaarigen
+Kammerdiener. Nur ganz heimlich hab' ick ihre Hand gefaßt. — Dann
+sangen wir alle mit. — In meinen ganzen Leben hab' ick das Lied nich
+so singen gehört, nur damals, als der Friede gefeiert wurde! — Pastor
+Wendler stand am Altar. Er war ganz blaß und sah sehr bewegt aus, als
+er in die Sakristei ging.«</p>
+
+<p>Wieder war's still zwischen den beiden. Auf die Seele der alten
+Frau wirkte die schlichte liebliche Erzählung wie eine wundersame
+Glaubensstärkung, dem Manne aber, der sie erlebt, ward das Stücklein
+Kirchengeschichte, das sich im engen Rahmen der Heimat abgespielt,
+immer mehr ein Stück Lebensgeschichte.</p>
+
+<p>»Exzellenz,« hub er endlich noch einmal an, »ick hab' nu noch einen
+anderen Gedanken! Er is vielleicht ganz verkehrt, dann laß ick mich
+gern eines Besseren belehren, aber Exzellenz werden gestatten, daß ick
+ihn ausspreche. Denn er verläßt mich nich mehr! Und das will was sagen!
+Ick bin sonst wahrhaftig nich so.«</p>
+
+<p>Er sah die alte Dame erwartungsvoll an.</p>
+
+<p>Sie aber nickte ihm ermutigend zu.</p>
+
+<p>Da holte er tief Atem und fuhr fort: »Exzellenz, — wir haben noch
+immer keinen Bundesdirektor! Die Sucherei geht nu schon durch Wochen
+und Monate! Wir haben heute schon den ersten Mai, und die Geschichte
+kommt nich vom Fleck. Der gnädige Herr schreibt sich die Finger wund,
+und immer is es vergeblich! Entweder paßt die kirchliche Richtung nich,
+oder es heißt: ›Die Sache steckt noch zu tief in den Anfangsgründen,
+daraufhin kann man Amt und Brot nich<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> aufgeben!‹ Na — die passen
+natürlich nich für uns, Exzellenz! Hier gilt's Opfer bringen, gerad so
+gut, wie bei der Äußeren Mission, und da is die Sache doch noch ganz
+anders! Hier wird man doch nich von die Klapperschlangen gefressen oder
+von die Hottentottens aufgespießt! Aber trotzdem — einen Verzicht
+gilt's. Schon einfach deshalb, weil wir kein Geld haben. Wir brauchen
+also einen ganzen Mann. Und da fuhr's mir heut nacht durch den Kopf:
+›Da suchen und suchen wir, und der Mann is da!‹ Und als ick mir die
+Sache länger überlegte, hab' ick mir gesagt: ›Schenker, du bist doch 'n
+alter Teekessel, hättest du das nich gleich am ersten Ostertag nach der
+Predigt wissen können? Vierzehn Tage eher hätt'st du die Herrschaften
+von ihre Sorge befreit!‹ Aber wie's im Leben so geht, Exzellenz, —
+heut morgen dacht' ick: Wenn Exzellenz nu säd: ›Schenker, das is
+Quatsch!‹ Det kann ick nämlich schlecht vertragen, Exzellenz!«</p>
+
+<p>Er sah sie erwartungsvoll an.</p>
+
+<p>Frau Sabine hatte den Kopf in die Hand gestützt. Schweigend ruhte ihr
+Blick auf dem Alten. In ihren Augen standen Tränen. —</p>
+
+<p>Ein stiller Vorfrühlingsabend stieg vor ihrem Geiste auf. In dem
+dämmernden Stadtgarten blühten Veilchen und Krokus und ein weicher
+Wind strich um die Dächer. Sinnend saß sie über der Apostelgeschichte,
+über dem Werdegang des gewaltigen Kämpfers, dessen heißem Ringen jener
+wunderbare Sieg folgte, — ›denn siehe, er betet!‹ Ein Gedanke war
+ihr durch den Sinn geflattert, woher er kam, wußte sie nicht, aber
+ihre Seele folgte seinem leuchtenden Flug. Glaubenswege zogen sie
+miteinander, zu lichten Firnen empor. Nur die Kühnheit und Leichtigkeit
+des Gedankens aus der Überwelt durfte den schwindelnden Aufstieg wagen,
+nur die Trägerin des Wetterkreuzes durfte nach den Stürmen der Nacht
+von der<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> Grenze des ewigen Schnees in die Zukunft schauen. Dann waren
+sie zu Tal gezogen. Aber durch das Grau des Alltags hindurch klang's
+immer wieder wie eine lichte Weissagung: ›Denn siehe, er betet!‹ — Und
+heute stand einer vor der Greisin und sprach: ›Das Wort ist erfüllet!‹</p>
+
+<p>Sinnend blickte sie vor sich hin.</p>
+
+<p>Da fuhr der Alte fort: »Dann hab' ich mir gesagt: ›Schäme dir,
+Schenkersch Vadder! Die Missionare zucken mit keiner Wimper in
+Todesgefahr, und du bist empfindlich, wenn deine alte Herrschaft dir
+die Wahrheit sagt. Gleich heute gehst du nach Dreilinden!‹ Na, und da
+bin ich nu!«</p>
+
+<p>Wieder nickte Frau von Kambach ihm freundlich zu. »Der Gedanke ist
+zu erwägen, lieber Schenker. Er ist mir selbst schon durch den Kopf
+gepflogen, um so mehr freue ich mich der Anregung von anderer Seite.
+In der Hauptsache bin ich vollkommen mit Ihnen einig. Wendler ist
+ein ganzer Mann, der sich nach allem, was Sie mir berichten, auch
+als ganzer Christ beweisen wird. Menschen, die sich zum Glauben
+durchkämpfen, sind keine halben. Denken Sie daran, wie Saulus ein
+Paulus wurde! Ich bin also sehr dankbar für die Anregung, muß mir die
+Sache aber in Ruhe überlegen und vor allem erst mit meinem Sohn darüber
+sprechen. Er weiß noch nichts?«</p>
+
+<p>»Nein, Exzellenz. Ich wollte zuerst hier vorsprechen.«</p>
+
+<p>Sie nickte. »Gut. Ich fahre morgen nach Kambach. Wissen Sie, ob mein
+Sohn in den Vormittagsstunden zu Hause ist?«</p>
+
+<p>»Der gnädige Herr hat nicht gesagt, daß er etwas Besonderes vorhätte!«</p>
+
+<p>»Schön. Dann bestellen Sie, ich käme um elf. Paßt es nicht, können Sie
+mich ja benachrichtigen.«</p>
+
+<p>»Sehr wohl, Exzellenz.« Er erhob sich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span></p>
+
+<p>Frau von Kambach reichte ihm die Hand. »Adieu, lieber Schenker! Eine so
+große Freude hab' ich lange nicht gehabt, und daß Sie sie mir bringen
+durften, war schön!«</p>
+
+<p>Seine Augen leuchteten. Er verbeugte sich. »Ich danke untertänigst,
+Exzellenz!«</p>
+
+<p>Schritte klangen im Nebenzimmer. Ein junger Diener erschien auf der
+Schwelle.</p>
+
+<p>»Herr Pastor Wendler!«</p>
+
+<p>Die beiden Alten sahen sich an.</p>
+
+<p>»Ich lasse bitten,« sagte die Hausfrau. »Sie sind ihm zuvorgekommen,«
+wandte sie sich halblaut an Schenker.</p>
+
+<p>Schwerfällig erhob sie sich und ging dem Gast entgegen.</p>
+
+<p>Sein rascher Schritt klang an ihr Ohr. ›Ganz so wie einst!‹ zog es ihr
+durch den Sinn.</p>
+
+<p>Da stand er schon vor ihr, groß, kräftig, das blaue Auge leuchtend, —
+keine Spur von einer eben überwundenen wochenlangen Krankheit, weder in
+Aussehen und Farbe, noch in den Bewegungen, — nun ja, er war in froher
+Erregung durch die blühende Mark gewandert.</p>
+
+<p>Sie streckte ihm die Rechte entgegen. »Herzlich willkommen, mein lieber
+Wendler!«</p>
+
+<p>Er beugte sich über ihre Hand. Dann sah er sie voll an. In dem
+männlichen Gesicht arbeitete es.</p>
+
+<p>»Es ist lange her, daß ich hier war,« sagte er, und seine Stimme bebte
+leise. »Aber Exzellenz haben mir gestattet, wiederzukommen ...« Er
+hielt inne, tief Atem holend. Das menschliche Wort erschien ihm zu arm
+in dieser Stunde.</p>
+
+<p>Sie verstand ihn.</p>
+
+<p>Schweigend hielt sie seine Hand umfaßt.</p>
+
+<p>»Ich bat Sie, wenn es so weit sei, Ihre Freude teilen zu dürfen,« sagte
+sie endlich, — »nicht wahr, die Stunde ist gekommen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span></p>
+
+<p>Der lang entbehrte Ton schlug ihm warm ans Herz. Wie unwert erschien er
+sich dieser Liebe! Aber sie war nichts als der Abglanz einer größeren
+heiligeren, die er mit heißer Sehnsucht gesucht und endlich gefunden.</p>
+
+<p>Die Bewegung übermannte ihn. Tränen traten in seine Augen. Er wandte
+sich ab.</p>
+
+<p>Da fiel sein Blick auf den alten Schenker, der bescheiden in der
+Fensternische stehen geblieben war. Sein Gesichtsausdruck sagte ihm
+alles. Fragend sah er die Gutsherrin an. Lächelnd nickte sie ihm zu.
+»Ja, lieber Wendler, Sie haben recht, Sie brauchen mir nichts mehr
+zu sagen. Unser guter Schenker hat mir eben über die Osterpredigt
+berichtet, und daß Sie zum Schluß ›Nun danket alle Gott!‹ miteinander
+gesungen haben! Mir tut nur leid, daß ich nicht dabei gewesen bin, —
+aber nicht wahr, ich darf mich auch jetzt noch mit Ihnen freuen?«</p>
+
+<p>Wie eine Mutter sah sie ihn an.</p>
+
+<p>Und den Mann, der jahrzehntelang, von niemand umhegt und geliebt, sein
+einsames Leben geführt, traf dieser Blick in tiefster Seele.</p>
+
+<p>»Exzellenz!«</p>
+
+<p>Als müßt' er das innerste, heiligste Empfinden dieser Stunde selbst vor
+diesen lieben Augen verbergen, beugte er sich ein zweites Mal über die
+greise Hand und drückte einen langen innigen Kuß darauf. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Westwind trug den Klang der Kambacher Betglocke herüber. Heimatlich
+grüßte er die beiden Menschen.</p>
+
+<p>Ein leiser Schritt verklang auf den Dielen. Behutsam ward eine Tür
+geschlossen.</p>
+
+<p>Sie waren allein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p>
+
+<p>»Ich wußte, daß Sie heimkehren würden,« sagte sie leise, »es ist kalt
+und einsam in der Fremde!«</p>
+
+<p>»Und doch hätte ich den Weg niemals gefunden, hätte mich nicht einer
+geführt,« klang es zurück. »Denn ich war blind. Jetzt ist mir die
+Decke von den Augen genommen, ich habe erkannt, daß die Wissenschaft
+uns den Frieden der Seele nicht schenkt. Darum fror mich bei aller
+Gelehrsamkeit — sie hat mich arm gemacht!«</p>
+
+<p>»Arm,« wiederholte die alte Frau nachdenklich. »Wären Sie reich
+gewesen, so hätten Sie sich nicht führen lassen. Zur Heimkehr gehört
+Heimweh!«</p>
+
+<p>Sinnend blickte er in den leuchtenden Abend hinaus. Wie ein
+dunkelgrüner Rahmen umschloß das efeuumsponnene Fenster die verträumte
+Landschaft. Rosa Abendwolken schifften vorüber, und der letzte Strahl
+mischte sich mit dem Bronzeton der Heide. Sehnsüchtig trällerte eine
+Lerche über den wehenden Birken.</p>
+
+<p>Drüben verhallte die Glocke ...</p>
+
+<p>›Zur Heimkehr gehört Heimweh!‹ zog es durch die Seele des Mannes, der
+nach heißem Kampf und langer Irrfahrt den Weg nach Hause gefunden.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_Kapitel"><span class="s5">Vierzehntes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jutta.</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Weißt du nicht, daß späte Rosen</div>
+ <div class="verse indent0">In der Herbstzeit schnell verblühen?</div>
+ <div class="verse indent0">Daß sie frühe sich entfalten</div>
+ <div class="verse indent0">Und ums Abendgold verglühen?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Daß ein kurzes helles Leuchten</div>
+ <div class="verse indent0">Auf den roten Blättern schimmert,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn des Taues Brautgeschmeide</div>
+ <div class="verse indent0">In den dunklen Kelchen flimmert?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Duftend wird die letzte Rose</div>
+ <div class="verse indent0">Deiner Liebe sich erfreuen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und die samtnen Spätherbstblätter</div>
+ <div class="verse indent0">Still auf deine Pfade streuen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Feiernd geht der Tag zur Neige,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn die Schnitter heimwärts ziehen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und beim Klang der Abendglocke</div>
+ <div class="verse indent0">Leuchtender die Felsen glühen ...</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>»Eins steht fest: Wir können heute gleich zwei Ortsgruppen gründen,
+eine agrarische und eine militärische!« sagte der Oberstallmeister
+lachend zu seiner Mutter, die, auf den Arm des Sohnes gestützt, der
+Gutskirche zuwanderte. »Na, dann ist wenigstens ein Anfang gemacht, dem
+der klingende Beigeschmack hoffentlich nicht fehlt! Denn wir brauchen
+Geld! — Du sagst: ›Das wird schon kommen!‹ Ja, mein Himmel, in den
+Mund fliegen einem die gebratenen Tauben heutzutage nicht!« Er grüßte
+freundlich hierhin und dorthin. Es ist doch<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> großartig, — <span class="antiqua">in
+corpore</span> sind die Leute erschienen! Die ganze Umgegend ist da. In
+Bühl kann tatsächlich nur der Nachtwächter zu Hause geblieben sein,
+mit Kind und Kegel ist das Volk angetreten. Und sieh mal die Bauern!
+Alle Achtung! Ich hätt's nicht für möglich gehalten! — Was hat da nu
+gezogen? Gräfin Sibylle Bühlers Stradivariusgeige oder der neue Bund
+und sein interessanter Direktor? Jedenfalls war's eine gute Idee von
+Billy! Überhaupt die als Schwiegertochter! Wenn aus Harro noch mal
+was Vernünftiges wird, können wir's ihr danken. Auf seine Haltung als
+Bräutigam gebe ich natürlich nichts, aber Roselius hat mir vor einiger
+Zeit gesagt, wenn ein Mensch Einfluß auf ihn habe, sei sie es.«</p>
+
+<p>Die alte Dame nickte. »Er hat sich in letzter Zeit entschieden zu
+seinem Vorteil verändert,« stimmte sie dem Sohne bei. »Ich glaube,
+Eberhards Tod hat auch dazu beigetragen!«</p>
+
+<p>»Mag sein. Ich schiebe viel auf seine veränderten Gefühle für Bühler.
+Harro liebt Ilse sehr, sie haben alles miteinander geteilt, — nun
+zeigt ihm ihre Ehe den Mann, den er seinen Freund genannt, im wahren
+Licht. Das muß ihm zu denken geben! Ich halte es immer für das beste,
+wenn das Leben einen Menschen erzieht. Das ist das sicherste Verfahren.
+Aber wenn es ihn zu Gott zurückführen soll, muß es ihn doch noch anders
+anfassen. Denn solange er dieser verrückten Weltanschauung huldigt,
+wird nichts aus dem Jungen. Er weiß ja selbst nicht, was er glaubt!«</p>
+
+<p>»Vielleicht hat Gott ihm gerade deshalb diese Frau in den Weg
+gestellt,« meinte die Greisin und blieb Atem holend stehen.</p>
+
+<p>Mit hellen Augen sah sie sich um — —</p>
+
+<p>Über der alten Dorfkirche, über dem Kranz knospender Linden blaute der
+Himmel. Mückenschwärme tanzten in der Sonne, Bienenvölker summten in
+den Kronen. Wie die Säulen eines alten Doms umrahmten die grauen Stämme
+die feinen<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> stimmungsvollen Bilder des märkischen Tieflandes, das licht
+getönt herübergrüßte. Schmucke Dörfer, vom Kirchturm gekrönt, nickten
+herein, sonnige Heidhügel, blaue Seen im Sonnenglanz, farbenfröhlichen
+Wandgemälden gleich, vom grünen Dach der Sommerlinde überschattet. Und
+zwischen den Grabsteinen, auf den Wegen ein buntes Durcheinander von
+Menschen aller Art, die in Gruppen redend beisammen standen: Landadel,
+Offiziere, Honoratioren, Bauern, selbst der schlichte Arbeiter und sein
+Weib fehlten nicht.</p>
+
+<p>Herr von Kambach und seine Mutter hatten ein paar Drachenburger Ulanen
+begrüßt, dann traten sie an eine Bauerngruppe heran.</p>
+
+<p>Ehrerbietig entblößten die Alten die weißen Köpfe, und eine lebhafte
+Unterhaltung entspann sich über den Bund, der heute seine erste
+Ortsgruppe erhalten sollte.</p>
+
+<p>Ein ehrwürdiger Dreilindener Bauersmann erklärte, zuerst sei's ihn
+hart angekommen, daß er seinen Pastor, nachdem er's eben gelernt,
+den Herrn Christum recht zu verkünden, wieder hergeben solle, aber
+nun, wo er neulich auf der großen Versammlung gehört, wozu man ihn
+haben wolle, könne er nichts dagegen sagen. Denn so eine Sache, wie
+der Bund bibelgläubiger Christen, habe schon lange gefehlt, und der
+Direktor, der an die Spitze trete, müsse ein ganzer Mann sein. Und das
+sei Herr Pastor Wendler. Für Kambach und Dreilinden und die anderen
+eingepfarrten Güter sei sein Fortgang ein großer Verlust, aber wo es
+sich um eine Sache handele, die dem ganzen deutschen Vaterlande zugute
+käme, dürfe man nicht an sich denken.</p>
+
+<p>Exzellenz von Kambach nickte ihm freundlich zu. »Das ist recht, Rudow,
+wir müssen auch Opfer bringen können.«</p>
+
+<p>Des Alten Augen leuchteten.</p>
+
+<p>»Det häbb' ick och all jesäd, Exzellenz!« — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p>
+
+<p>Auf den Arm des Sohnes gestützt, wanderte die greise Frau weiter, von
+Gruppe zu Gruppe. Überall wußte sie das rechte Wort, überall freute man
+sich beim Nahen der ehrwürdigen Gestalt.</p>
+
+<p>Vom Turm schlug es drei. Durch die geschmückten Pforten kam der lange
+Zug und füllte das Schiff. Aber der Raum reichte nicht aus. In den
+Gängen standen die Menschen, auf den Stufen, vor der offenen Kirchtür
+saß, was drinnen keinen Platz mehr gefunden.</p>
+
+<p>Und dann begann auf dem Orgelchor ein leises Tönen, ein Klingen und
+Flöten wie Hirtenschalmeien, ein Locken und Werben, als lüd' eine helle
+Stimme zum festlichen Singspiel: die Stradivariusgeige.</p>
+
+<p>Wer ihre Geschichte kannte, hob unwillkürlich den Blick zu dem
+Bilde der Ahnfrau empor. Mit lieblichem Lächeln schaute die schöne
+dunkelhaarige Frau im weißen Atlaskleide auf die Anwesenden nieder.
+Eine rote Rose blühte in ihren Locken, so leuchtend und farbenfrisch,
+als sei sie eben gepflückt, ein kostbarer Schmuck flimmerte auf dem
+weißen Halse.</p>
+
+<p>Und die Geige jauchzte durch die stille Kirche. — —</p>
+
+<p>Als habe sie den alten vergoldeten Rahmen verlassen und sei in den
+Kreis der Lebenden getreten, stand Sibylle an der Brüstung des Chors,
+das Ebenbild jener Frau, die mit ihrer Liebe die Kunst in das Kambacher
+Herrenhaus getragen. Ihr Erbe aber war den Bühlers zurückgegeben
+worden. Doch als seien die Saiten der Stradivariusgeige unlöslich mit
+der Geschichte des alten Geschlechts verknüpft, ward ihre Trägerin
+eines Kambachs Braut. Im schlichten weißen Sommerkleide, einen Strauß
+dunkler Rosen an der Brust, das schöne Haupt über die Geige geneigt,
+spielte Sibylle Bühler das Largo von Händel. Orgeltöne mischten sich
+sanft mit den wundervollen Klängen. Ein junger Berliner Musiker, der
+sie häufig begleitet,<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> stellte an diesem Tage seine Kunst in den Dienst
+der großen Sache.</p>
+
+<p>Die Zusammenstellung war äußerst geschickt. Kein schwer verständliches
+Tonstück, keine dem einfachen Manne unverständliche Musik erklang in
+der kleinen Dorfkirche, — echte deutsche Kunst im kirchlichen Gewande
+grüßte das Volk. Wenn etwas an die Herzen griff und für einen großen
+heiligen Zweck zu werben geeignet war, so war's das Spiel dieser beiden
+jungen Menschen, die ihre ganze Seele in die Kunst legten.</p>
+
+<p>Wenn die Geige schwieg, sang Sibylle mit Gräfin Brelow zweistimmige
+Lieder.</p>
+
+<p>Lautlose Stille herrschte im Schiff. Keiner Predigt hätten die
+märkischen Bauern andächtiger gelauscht. Regungslos saßen sie neben
+ihren Frauen und Töchtern in den Kirchenbänken, und manches Auge ward
+feucht.</p>
+
+<p>Die letzte Nummer, eine Bachsche Kantate, war verhallt, da klangen
+noch einmal die beiden schönen Frauenstimmen vom Chor. Leise und zart
+schwebte es durch die Kirche:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Das ew'ge Licht geht da herein,</div>
+ <div class="verse indent0">Gibt der Welt ein'n neuen Schein!</div>
+ <div class="verse indent0">Es leucht't wohl mitten in der Nacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Und uns des Lichtes Kinder macht — Kyrieleis!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Tiefes Schweigen herrschte. Unbeachtet zogen die Laute des Lebens an
+der offenen Pforte vorüber, an der stillen Allerseelenfeier drinnen.</p>
+
+<p>Im hohen dunklen Chorstuhl saß Pastor Wendler am Altar. Seine Gedanken
+waren bei dem sterbenden Kinde, dem er Steine für Brot gegeben. Zum
+Dank dafür hatte es ihm die lebendige Quelle gezeigt ...</p>
+
+<p>Sein Blick schweifte zu der greisen Frau hinüber, die mit<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> dem
+hoffnungsvollen Enkel ein Stück Lebensfreude ins Grab gelegt. Den Kopf
+in die Hand gestützt, saß sie, den festlichen Klängen lauschend. Auf
+dem ehrwürdigen Gesicht lag's wie Verklärung, aber dann drückte sie
+doch das Spitzentaschentuch an die Augen.</p>
+
+<p>An ihrer Seite saß der Oberstallmeister. In dem männlichen Gesicht
+arbeitete es, auch ihn packte die Erinnerung.</p>
+
+<p>Und durch die Seele des Einsamen zog ein heißes Dankgebet, daß es
+ihm vergönnt gewesen, mit den beiden treuen Menschen ins reine zu
+kommen, bevor diese ernste heilige Stunde sie gemeinsam grüßte. Der
+Heimgekehrte konnte ihnen, ob auch um Vergangenes trauernd, offen in
+die Augen sehen, der Verirrte hätte es nicht gekonnt. —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Das hat er alles uns getan,</div>
+ <div class="verse indent0">Sein' groß' Lieb' zu zeigen an!</div>
+ <div class="verse indent0">Dess' freu' sich alle Christenheit,</div>
+ <div class="verse indent0">Und dank' ihm das in Ewigkeit — Kyrieleis!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>tönte es vom Chor.</p>
+
+<p>Leise, leise, als trügen Engelsflügel eine Seele nach Hause, zogen die
+weichen Töne in den Sommertag hinaus.</p>
+
+<p>Dann ging eine Bewegung durch die Reihen.</p>
+
+<p>Unter den brausenden Klängen des Händelschen Festchors ›Seht, er kommt
+mit Preis gekrönt‹, leerte sich die Kirche. — —</p>
+
+<p>An den Ausgängen standen drei der ersten Bundesmitglieder mit Tellern,
+unter ihnen der alte Schenker. Mit würdevoller Miene sah er vor sich
+nieder, als habe er nichts mit der Sache zu tun. Aber die alten Augen
+beobachteten um so schärfer.</p>
+
+<p>Eine Viertelstunde später trat er mit seinen Genossen in die Sakristei.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p>
+
+<p>»So, Herr Pastor, da bringen wir den Bundesschatz! Nu fehlt man
+bloß noch der Schatzmeister! Was der olle Mammon doch für 'ne Rolle
+spielt! Da freut man sich nu wie so'n klein' Jung', der von Muttern
+'n Stück Gebratenes aufs Brot gekriegt hat! Aber wir bringen auch 'n
+ganzen Batzen!« Seine Augen vergrößerten sich. »Über die Hälfte is
+Gold, und in mein'n Teller hat jemand 'n blauen Lappen eingebuddelt.
+Wie's geschehen is, weiß der Himmel! Mitten mang unter die Goldstücke
+seh' ick da plötzlich zu meine größte Verwunderung so was wie'n
+blauen Zippel! Ick trau' meinen Augen nich! ›Schenker,‹ häbb ick
+jesäd, ›du wirst woll swach in'n Kopp!‹ Aber nee! Als ick zufass',
+hab' ick wahrhaftig 'n Hundertmarkschein bei'n Wickel! Hier is er!«
+Triumphierend hob er den Schein in die Höhe.</p>
+
+<p>Alle lachten.</p>
+
+<p>»Nu wollen wir aber ans Zählen gehen!« sagte der Kirchenälteste.</p>
+
+<p>Und sie setzten sich um den Tisch.</p>
+
+<p>Drei weiße Köpfe beugten sich über die Teller.</p>
+
+<p>Wendler sah dem alten Kammerdiener über die Schulter. »Bei Ihnen
+scheinen die Kambacher und Dreilindener gewesen zu sein, Herr Schenker!«</p>
+
+<p>»Und die Herren Offiziere! Die lassen sich nicht lumpen, Herr Pastor,
+wenn Brandenburgs Rose die Geige spielt!«</p>
+
+<p>Wieder klang das Klappern der Münzen.</p>
+
+<p>Endlich waren die Alten fertig. Die drei Summen wurden zusammengezählt.</p>
+
+<p>Kopfschüttelnd blickte der Kirchenälteste auf das Ergebnis. »Das ist
+unmöglich!«</p>
+
+<p>»Ick hab' mir nich verrechnet,« erklärte Schenker spitz, »ick hab' in
+der Schule für Kopfrechnen immer ›gut‹ bekommen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p>
+
+<p>Der alte Müller gab für seine Person dieselbe Ehrenerklärung ab.</p>
+
+<p>Da sagte der Schulze beleidigt: »Die Herren werden mir doch nicht
+zutrauen, det ick das Einmaleins verlernt habe? Darf ich bitten, Herr
+Pastor?«</p>
+
+<p>Er reichte Wendler das Blatt.</p>
+
+<p>Der überflog die Zahlen und trat an den Tisch. »Wir wollen die
+Einzelsummen noch einmal nachrechnen.«</p>
+
+<p>Alles stimmte.</p>
+
+<p>Da erklärte Wendler: »Die Rechnung ist richtig:
+neunhundertundsiebenundneunzig Mark!«</p>
+
+<p>»Alle Achtung!« rief der Müller.</p>
+
+<p>»Det häbb ick doch jesäd, die Sache stimmt!« Schenker schlug mit der
+Hand aufs Knie. »Aber daß da drei Mark an tausend fehlen, das geht nich
+an!« Er zog seinen Geldbeutel aus der Tasche und legte einen Taler auf
+den Tisch.</p>
+
+<p>»Bravo, Schenker!« rief der Pastor. »Zur Belohnung tragen Sie den
+Bundesschatz ins Gutshaus. Dann erfahren wir auch gleich, wieviel
+Mitglieder sich noch gemeldet haben!«</p>
+
+<p>Schenker verbeugte sich. »Ich dank' auch für die Ehre, Herr Pastor!«
+sagte er; dann nahm er mit einer Miene, als sei ihm der Hort der
+Nibelungen anvertraut worden, den Geldsack vom Tisch und verließ
+erhobenen Hauptes die Sakristei.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eine Viertelstunde später ging Pastor Wendler die Dorfstraße entlang,
+dem Herrenhause zu.</p>
+
+<p>Der Weg war heiß und staubig; so beschloß er, den kleinen Umweg über
+die Wiesen zu machen.</p>
+
+<p>Ein erfrischender Wind wehte ihm entgegen. Grillen zirpten im Grase,
+Falter gaukelten über dem Moor. Am Bachrand<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> blühten Vergißmeinnichte,
+und das Sumpfgras flatterte neben der duftigen rosa Federnelke. Es war
+schön in der stillen Natur.</p>
+
+<p>Ein Kiefernwäldchen nahm ihn auf. Gedankenverloren wanderte er den Pfad
+entlang.</p>
+
+<p>Immer einsamer ward der Forst, immer weltabgeschiedener, und doch
+waren menschliche Wohnstätten in der Nähe. Aber ihren Bewohnern waren
+Heimaterde und Waldstille heilig. Sie hüteten das deutsche Erbe.</p>
+
+<p>Gedankenverloren wanderte er weiter.</p>
+
+<p>Über den Wiesen verwehten die Laute des Lebens, — er hörte sie nicht.
+Die Einsamkeit redete zu seiner Seele.</p>
+
+<p>Sie hatte es oft getan in letzter Zeit. In dunklen Nächten hatte
+sie frisches Öl auf die ewige Lampe gegossen, die Trägerin jener
+strengen heiligen Flamme über den Tiefen der Seele. Und als die
+Leuchte des Gewissens zur Fackelhelle entfacht war, als die gewaltige
+Gesetzesgeberin unumschränkt im Hause regierte, da geleitete die
+Einsamkeit eine lichte Gestalt in den Garten des Mannes und sagte: ›Laß
+sie deine Rosen gießen, derweil du den Wein schneidest!‹</p>
+
+<p>Zaudernd stand er: ›Schon einmal freit' ich vergebens!‹</p>
+
+<p>Sie schaute ihm ernst ins Angesicht. »Damals verachtetest du, was
+echter Frauenliebe am höchsten steht! Damals wiesest du auf den
+schönsten Stein in ihrer Krone und sprachest: ›es ist ein Kiesel!‹ —
+das Blatt hat sich gewendet!«</p>
+
+<p>Ja, das Blatt hatte sich gewendet! Sinnend ging sein Blick über die
+Frauengestalt mit dem Kränzlein im Haar. »Jutta,« sagte er leise.</p>
+
+<p>In tiefen Gedanken wanderte er weiter.</p>
+
+<p>Da hörte er plötzlich von einem Seitenpfad Stimmen herüberklingen.</p>
+
+<p>Lauschend blieb er stehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span></p>
+
+<p>»Und ich sage dir, wenn du nicht aus Überzeugung unser Mitglied wirst,
+so hat deine Zugehörigkeit nicht den geringsten Wert,« sagte eine
+Frauenstimme.</p>
+
+<p>»Aber, lieber Schatz, die Hauptsache ist doch der Beitrag! Habt ihr
+denn so viele Mitglieder, die zwanzig Mark bezahlen?«</p>
+
+<p>»Nein, durchaus nicht.«</p>
+
+<p>»Ja, was willst du denn? Freu' dich doch!«</p>
+
+<p>Wendler bog die Zweige auseinander. Ein weißes Kleid schimmerte durch
+die Büsche. Er erkannte das Brautpaar. Der Offizier hatte den Arm um
+das junge Mädchen gelegt, ihre Hand lag in der seinen. Den dunklen Kopf
+gesenkt, sah sie vor sich nieder.</p>
+
+<p>»Meinst du wirklich, Gott könne sein Werk nicht ohne uns und unser Geld
+treiben?« hörte Wendler Sibylle sagen.</p>
+
+<p>»Ja, was bedeutet denn die ganze Sache?«</p>
+
+<p>»Sie bedeutet, daß seine erlösten Kinder Arbeiter am Bau seines Reiches
+werden sollen, Menschen, die aus Dank und aus Liebe zum Heil ihres
+Volkes und zu Gottes Ehren arbeiten!« rief sie lebhaft. »Eine bloße
+Geldspende, die gar nicht der Sache zuliebe gegeben wird, hat also im
+letzten Grunde keine Bedeutung. Denn Gold und Silber sind tote Werte,
+solange die Liebe sie nicht geheiligt hat.«</p>
+
+<p>»Aber ich gebe mein Geld dir zuliebe, Billy, — bist du denn nicht viel
+mehr wie diese Sache?«</p>
+
+<p>»Im Gegenteil, ich bin viel weniger. Denn es geht um unseres Volkes
+Ewigkeit. Ich aber bin nur ein leicht zu ersetzendes Glied in der
+Kette der Männer und Frauen, die das Werk treiben! Du mußt die Sache
+großzügiger auffassen, Harro! Himmlische und irdische Liebe sind
+zweierlei!« Ein Seufzer verwehte.</p>
+
+<p>»Ich kann da nicht mit,« sagte er mit zerdrückter Stimme.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p>
+
+<p>»Weil du an keinen persönlichen Gott glaubst,« klang es traurig zurück.
+»Wer keine Ewigkeit hat, kann natürlich auch keine Ewigkeitsarbeit
+treiben. Das wäre Widerspruch.«</p>
+
+<p>Dann war es still zwischen den beiden. Nachdenklich blickte der
+Oberleutnant ins Grüne, während die Braut mit ihrem Sonnenschirm
+Figuren in den Sand zeichnete.</p>
+
+<p>Wartend stand der Geistliche. Die Sache interessierte ihn. Nicht nur
+psychologisch; auch der Bundesdirektor fragte sich: ›Was folgt nun?‹
+Daß sich zudem ein klein wenig menschliche Neugier in dies Interesse
+mischte, gestand er sich nicht ein.</p>
+
+<p>Und dann kam's, worauf er gewartet.</p>
+
+<p>»Sag' mal, Billy, warum hast du eigentlich ›ja‹ gesagt, als ich um
+dich anhielt? Dein Höchstes und Bestes kann ich nicht anerkennen — du
+hast's mir ja freilich gleich damals gesagt, daß es dir schwer werde,
+daß wir uns darin nicht verständen, aber erst seit einiger Zeit merke
+ich, welch eine Macht deine Weltanschauung auf dich ausübt — leidest
+du nicht darunter?« Harro Kambach hatte sich vorgebeugt und sprach
+eindringlich zu seiner Braut. »Ich hab's dir doch alles ehrlich vorher
+gesagt, Kind!«</p>
+
+<p>Sibylle Bühler hatte ihr Spiel mit dem Sonnenschirm aufgegeben. »Ich
+hab' ›ja‹ gesagt, weil ich dich grenzenlos liebhab', — weil ich mir
+sagte, ein so ehrlicher Mensch, wie du, findet früher oder später
+seinen Gott. Denk' nur nicht, ich bildete mir ein, die Liebe zu mir
+würde dich zum Glauben bringen. Dann wärst du kein rechter Mann,
+vor allem aber wäre dein Glaube nicht der rechte. Glaube, der auf
+Frauenliebe gegründet ist, ist kein Glaube, denn er wurzelt nicht in
+persönlicher Erfahrung. Die Heilsgewißheit fehlt ihm. Ich kann für dich
+beten, kann dir den Weg zeigen, — und das will ich tun, soweit es in
+meinen Kräften steht — mehr kann ich nicht. — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Nach der Wahrheit steilen Burgen</div>
+ <div class="verse indent0">Mag ein andrer wohl die Pfade</div>
+ <div class="verse indent0">Dir durch Dorn und Felsen zeigen:</div>
+ <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">Führen</em> kann nur Gottes Gnade!‹<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Kennst du den Vers? In einer Zeit, wo ich im Zweifel war, ob ich der
+Sehnsucht meines Herzens folgen dürfe, fand ich dies Dichterwort.«
+Die dunklen Augen strahlten ihn an: »Nun weiß ich's, ich darf deine
+Wegweiserin sein!«</p>
+
+<p>Er zog sie an sich. Ihr Haupt ruhte an seiner Brust.</p>
+
+<p>In tiefer Bewegung beugte er sich über sie und küßte sie. »Und wenn ich
+dir nicht folgen kann?«</p>
+
+<p>Wieder hob sie den Blick voll zu ihm auf. »Weißt du, wie es weiter
+heißt?</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Die Erkenntnis ist das Erbe</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht der Weisen, nein der Frommen!</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht im Grübeln, nein im Beten</div>
+ <div class="verse indent0">Wird dir Offenbarung kommen!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und dann das Letzte, Schönste:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Soll ein Menschenauge schauen,</div>
+ <div class="verse indent0">Muß der Himmel sich erschließen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und ein Strahl von seinem Lichte</div>
+ <div class="verse indent0">In das dunkle Herz sich gießen.‹«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Ihre Stimme bebte. »Führen kann nur Gottes Gnade!« sagte sie leise.</p>
+
+<p>Wendler sah noch, wie über das Antlitz des Mannes ein Schatten flog,
+wie er schmerzlich den Kopf schüttelte, dann verließ er leise sein
+stilles Versteck.</p>
+
+<p>Nachdenklich wanderte er weiter.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p>
+
+<p>Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht und rauschte in den Kronen.</p>
+
+<p>›Das ist echte Frauenliebe,‹ dachte er, ›Wegweiserin will sie dem Manne
+sein!‹</p>
+
+<p>Unwillkürlich zog er den Vergleich zwischen Sibylle Bühler und der
+Frau, nach deren Liebe er sich sehnte, wie nach einem frischen Trunk,
+— sie hatte sich ihm versagt. Sie hatte es übers Herz gebracht, ihm
+zu weigern, was wahrhaftiger Frauensinn mit vollen Händen austeilt,
+hatte vergessen, daß ein echtes Weib nur dann glücklich ist, wenn
+es einem geliebten Menschen zum Quell der Erquickung und des Segens
+wird. Oder nicht? Hatte sie gelitten, gedarbt? Wartete sie auf sein
+jubelndes Bekenntnis: ›Dein Gott ist mein Gott!?‹ Er grübelte weiter.
+Sibylle Bühler reichte einem Manne die Hand, der viel weniger glaubte,
+als er geglaubt, der im Grunde überhaupt keine Religion, sondern nur
+eine moderne Weltanschauung besaß, — Jutta Eichel wies den glühenden
+Jesusverehrer von sich. Und doch standen diese beiden Frauen auf
+gleichem Boden, auf dem Boden des bibelgläubigen Christentums. Beide
+kannten das Wort: ›Der ungläubige Mann wird geheiligt durch das Weib.‹
+In echt frauenhafter Demut hatte sich die junge Gräfin unter dies
+Wort gestellt, — die Tochter des orthodoxen Pfarrhauses hatte es
+nicht vermocht. Oder lagen die Dinge anders? Er grübelte weiter. In
+heißer Sehnsucht, sich selbst und dem Weibe, das er noch immer mit
+seiner ganzen Manneskraft liebte, gerecht zu werden, zwang er sich zum
+Nachdenken.</p>
+
+<p>Und dann stand er plötzlich tief aufatmend still.</p>
+
+<p>Beide hatten recht gehandelt, die eine, als sie sich dem Manne
+angelobte, dessen verflachte Weltanschauung ihn halt- und führerlos
+gemacht, die andere, als sie in heiliger Sorge um den eigenen
+Glaubensschatz dem Geliebten auswich, der<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> ihr die toten Früchte
+menschlicher Weisheit bot. Sie hatte recht gehabt, als sie ihn von
+sich wies, sein Wissensdünkel hätte sich niemals vor einem Weibe
+gebeugt. Über ihn hatte ein Gewaltiger kommen und sein Werk in Stücke
+brechen müssen, daß er's im tiefsten erschütterndsten Sinne erlebte:
+›<em class="gesperrt">Führen</em> kann nur Gottes Gnade!‹ Und er hatte es erlebt. Was ihn
+einst ein Makel gedünkt, war heute sein jubelndes Bekenntnis: ›Du bist
+mir zu stark gewesen und hast gewonnen!‹</p>
+
+<p>Aber seine Sehnsucht nach Frauenliebe war gewachsen. Wie würde Jutta
+Eichel ihm heute begegnen? Er hatte sie seit jener Stunde nicht
+wieder allein gesehen, obwohl er in den letzten Wochen häufig in
+Bundesangelegenheiten bei der alten Exzellenz gewesen, aber ihre
+Gesellschafterin war stets abwesend, oder huschte nur mit einer
+dringenden wirtschaftlichen Frage durchs Zimmer. Ob sie nichts mehr von
+ihm wissen wollte? Seufzend blickte er auf.</p>
+
+<p>Wo war er hingeraten?</p>
+
+<p>Der Wald hatte sich gelichtet. Zwischen den dunklen Stämmen schimmerte
+das Grün der Wiesen. Er trat ins Freie. Wahrhaftig, da lag Dreilinden!
+In seiner Erregung hatte er einen verkehrten Weg eingeschlagen.</p>
+
+<p>Freundlich grüßten die roten Dächer des Gutshauses über die Felder. In
+den leise wehenden Zweigen der Birken spann die Sonne ihre goldenen
+Netze. Ein leuchtender Falter gaukelte über dem Rain. Und die Fenster
+drüben blinkten und lockten, und der Wind trug die Klänge eines alten
+Volksliedes herüber:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Meine Mutter hat's gewollt!</div>
+ <div class="verse indent0">Den andren ich nehmen sollt'!</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Herze sollt vergessen,</div>
+ <div class="verse indent0">Was es zuvor besessen, —</div>
+ <div class="verse indent0">Das hat es nicht gewollt!</div><span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Meine Mutter klag' ich an!</div>
+ <div class="verse indent0">Sie hat nicht wohl getan!</div>
+ <div class="verse indent0">Was sonst in Ehren stünde,</div>
+ <div class="verse indent0">Nun ist es worden Sünde, —</div>
+ <div class="verse indent0">Was fang' ich an?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Für all mein'n Stolz und Freud'</div>
+ <div class="verse indent0">Empfangen hab' ich Leid!</div>
+ <div class="verse indent0">Oh, — wär' es nicht geschehen,</div>
+ <div class="verse indent0">Oh, — könnt' ich betteln gehen</div>
+ <div class="verse indent0">Über die braune Heid'!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Wie ein Alp legte sich der schwermütige Sang auf seine Seele.</p>
+
+<p>Er strich mit der Hand über die heiße Stirn.</p>
+
+<p>Was war das? Verwehter Heidezauber? Der Spuk nahender Dämmerung?</p>
+
+<p class="center">
+›Meine Mutter hat's gewollt!‹<br>
+</p>
+
+<p>Sie hatte ja nicht Vater, noch Mutter, nicht Bruder, noch Schwester,
+und kein anderer hatte an ihre Tür gepocht; er wußte es. Aber das Erbe
+des Elternhauses besaß sie voll und ganz und hielt es mit starken
+reinen Händen fest. Und in diesem Sinne traf ihn in dieser Stunde
+das Wort bis ins Mark. Was sie fernhielt, war trotz allem, das sie
+in letzter Zeit über ihn gehört, die Sorge um das heiligste Erbe des
+Vaterhauses. Und mit plötzlicher Klarheit stand's vor ihm: Frauenliebe
+versteht dich erst, wenn du selbst vor sie hintrittst: ›Ich glaube an
+Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn!‹ Was hatte ihn
+abgehalten, alle Hindernisse überwindend, zu ihr zu gehen? Die Scheu
+vor dem Eingeständnis des Riesenirrtums, der seine Seele in Fesseln
+geschlagen?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span></p>
+
+<p>Nun und nie!</p>
+
+<p>Der Stolz?</p>
+
+<p>Das Blut stieg ihm in die Stirn. Pochte einmal abgewiesene Mannesliebe
+ein zweites Mal an die Tür eines Weibes?</p>
+
+<p>Er preßte die Lippen zusammen. Ja, der Stolz war's.</p>
+
+<p>›Warum wies sie dich denn ab?‹ raunte das Gewissen.</p>
+
+<p>Da gestand er sich's ehrlich. ›Um des Glaubens willen!‹</p>
+
+<p>Ja, darum ganz allein.</p>
+
+<p>Seine Augen leuchteten.</p>
+
+<p>»Gerad' der Mannesstolz soll dir seinen Glauben bekennen!« sagte er
+leise und wanderte mit großen Schritten dem Gutshause zu.</p>
+
+<p>Er wußte, sie war daheim. Jedenfalls leistete sie in Abwesenheit der
+alten Dame Gräfin Ilse Bühler, welche seit einigen Wochen in Dreilinden
+war, Gesellschaft.</p>
+
+<p>Ohne Umschweife wollte er auf sein Ziel losgehen und sie um eine
+Unterredung bitten lassen. Dann mochte kommen, was da wollte, sie wußte
+es aus seinem eigenen Munde, woran sie mit ihm war.</p>
+
+<p>Ein starkes Glücksgefühl durchschauerte ihn. Und während seine Seele
+sich bereitete, einer anderen ihr Allerheiligstes zu erschließen,
+kehrte eine große schöne Gewißheit bei ihm ein. Nicht die Gewißheit des
+Besitzes, sondern des Friedens, der, höher als alle Vernunft, Glück und
+Schmerz überdauert.</p>
+
+<p>So ausgerüstet wanderte er wie einst über den sonnigen Hof. Fast
+dasselbe Bild war's, nur die Zeit war eine andere. Damals stand eine
+schlanke Gestalt in der offenen Halle, des Spätsommers glühende
+Zentifolienpracht in den Händen, heute schritt sie, einen duftenden
+Fliederstrauß tragend, dem Hause zu. Ein Zug sanfter Trauer lagerte
+auf der hellen<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> Mädchenstirn, ein tiefer Ernst, der ihrem ganzen Wesen
+etwas Frauenhaftes gab.</p>
+
+<p>Mit einem Schritt war er an ihrer Seite. Leuchtenden Auges grüßte er
+sie und reichte ihr die Hand. »Darf ich Sie einen Augenblick sprechen,
+Fräulein Eichel?«</p>
+
+<p>Sein plötzliches Erscheinen hatte sie erschreckt. Sie war leichenblaß
+geworden. Doch mit der ihr eigenen Willenskraft beherrschte sie sich
+und reichte ihm freundlich die Hand. »Guten Abend, Herr Pastor!
+Exzellenz ist noch nicht zurück! Aber ich stehe ganz zu Ihrer
+Verfügung. Sie kommen gewiß in einer Armenangelegenheit, — Sie wissen,
+mein Gebiet! — Gräfin Bühler schläft, ich bin also ganz frei. —
+Wollen wir uns unter die Linde setzen?«</p>
+
+<p>Sie sagte es mit einer gewissen Hast, dann eilte sie ihm voran, dem
+schattigen Platze zu. Scheute sie die Enge des Raumes, das Alleinsein
+mit ihm in den stillen vier Wänden? Nachdenklich folgte er ihr.</p>
+
+<p>Und dann saßen die beiden Menschen unter den lang herabhängenden
+Zweigen des alten Baumes auf der weißen Gartenbank. Die Bienenvölker
+summten in den Kronen, im hereinbrechenden Sonnenlicht tanzte ein
+Mückenschwarm. Eine feine goldgrüne Dämmerung spann ihre Fäden um den
+verschwiegenen Platz.</p>
+
+<p>Kein Ton unterbrach die Feierstille des Frühlingsabends. Eines meinte
+des anderen Herzschlag zu vernehmen und das stille Glühen seiner
+Seele zu spüren. Mit aller Kraft rang der Mann seine Sehnsucht
+nieder; mit frauenhafter Scheu suchte das Weib seine Liebe zu
+verbergen. Und dennoch wußt' es eins vom anderen, daß die Saiten
+ihrer Seele zerspringen wollten unter den vollen Tönen einer großen
+tiefen Leidenschaft. Als würf' das Meer seiner Woge Gewalt gegen ein
+schwankes Türlein, und das Rauschen kläng' hindurch und das<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> Jubeln der
+jungfräulichen Flut — so empfanden zwei Seelen der Liebe Königsgewalt.
+Mannesart begehrte dieser Liebe Kraft, Frauensinn sehnte sich nach
+jenem stillen zarten Dienst, der echten Weibes Seligkeit.</p>
+
+<p>Und dann klang es mit verhaltener Leidenschaft durch die Abendstille:
+»Ich komme nicht wegen der Armen, ich will nichts von Exzellenz von
+Kambach, — nur zu Ihnen will ich! Will's Ihnen endlich, endlich selber
+sagen, daß Ihr Heiland auch mein Gott und Herr ist, — nicht die
+vergöttlichte Idealgestalt von dieser Erde, — nein, der König meiner
+Seele, den ich auf den Knien anbete, mein Versöhner und Erlöser! —
+Ich bringe Ihnen kein Gold und Silber, arm gehe ich in eine ungewisse
+Zukunft, aber was ich besitze ist echt, — der Glaube, wie die Liebe!«</p>
+
+<p>Er hielt tief atmend inne.</p>
+
+<p>Gesenkten Hauptes saß sie neben ihm, die Hände im Schoß verschlungen.
+Auf den schweren Flechten flimmerte die Sonne und umwob das dunkle
+Haupt mit feinen goldenen Rauten.</p>
+
+<p>Sinnend sah er auf sie nieder. »Jutta,« sagte er leise.</p>
+
+<p>Aber sie regte sich nicht.</p>
+
+<p>»Soll ich gehen?« fragte er.</p>
+
+<p>Da hob sie die Augen voll zu ihm auf. »Nein, nein!« Eine große
+Sehnsucht lag in ihrem Blick, aber um den schmalen Mund zuckte
+verhaltener Schmerz.</p>
+
+<p>»Zweifeln Sie an mir?« fragte er traurig, »an dem Glauben des Mannes,
+der seinen Meister auf Umwegen fand?«</p>
+
+<p>»Nein,« rief sie lebhaft, »keinen Augenblick! In tiefster Seele
+beglückt mich, woran ich nie gezweifelt, was ich aber von Ihnen selbst
+hören mußte, ehe es mir zum unbestrittenen köstlichen Besitz wurde.
+Die tiefe Kluft von einst ist überbrückt. Aber etwas anderes liegt mir
+auf der Seele, etwas, das mich schon damals drückte, was aber hinter
+der großen Hauptsache<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> zurücktrat.« Ihre Stimme bebte. Sie wandte
+das Antlitz zur Seite. »Ich weiß nicht, ob Sie sich nicht in mir
+täuschen. Es ist etwas anderes, ob man ein Mädchen von fünfundzwanzig
+Jahren heiratet, oder eines, das die Mitte der Dreißig überschritten.
+Gewiß, es gibt Menschen, die immer jung bleiben, die etwas Leuchtendes
+an sich haben, etwas Unverwelkliches, — das sind die sogenannten
+Sonntagskinder, denen eine besondere Gabe beschert ward, die sie im
+Dienste anderer verwerten. Und dieser Dienst erhält sie jung. Aber an
+mir ist nichts Leuchtendes! Ich bin nichts, als ein guter Hausgeist,
+wie Exzellenz sagt. Von Ihnen aber hab' ich immer gedacht, Sie
+brauchten eine jener feinsinnigen idealen Frauen, die überall Glanz
+und Wärme hintragen und unbewußt durch ihr ganzes Wesen anderen zur
+Erquickung werden! Das werd' ich nie!«</p>
+
+<p>»Wissen Sie das so genau? Soll ich Ihre alte Exzellenz danach fragen?«
+Er beugte sich vor und suchte ihren Blick.</p>
+
+<p>Aber sie wich ihm aus. »Exzellenz — ich sagte es doch schon — die
+antwortet Ihnen: ›Eichelchen ist ein treuer Hausgeist!‹ Das ist ein
+großes unverdientes Lob, — aber — ich glaube, Sie brauchen mehr! Sie
+brauchen eine Rose, an der Sie sich erquicken können, eine junge holde
+Frau, die Ihnen ihre erste Liebe schenkt, eine, die mehr ist, als ich!«
+Errötend brach sie ab.</p>
+
+<p>Sein Auge ruhte sinnend auf ihr. Nie war sie ihm begehrenswerter
+erschienen, als in diesem Augenblick, wo sie ihn in die Tiefen ihrer
+Seele schauen ließ. Das war das Große an ihr, — die Aufrichtigkeit.
+Sie war mehr als die bloße Erkenntnis: ›Die Knospe ist aufgeblüht,
+was du zu vergeben hast, ist still glühende reife Frauenliebe, tiefe
+abgeklärte Weibessehnsucht, die ausschaut, ob einer des Weges kommt,
+den sie erquicken darf!‹ Größer war der stille Verzicht, der<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> ehrlich
+und selbstlos zurücktrat: ›Es ist Herbstrosenglut, morgen fällt
+der erste Schnee in den dunklen Kelch, — geh eine Tür weiter, im
+Nachbarsgarten duftet eine liebliche Knospe, die brich, die nimm ans
+Herz!‹</p>
+
+<p>Ahnte sie gar nicht, daß er sich gerade nach dieser klaren reifen
+Frauenliebe sehnte, daß er gerade ihrer bedurfte, in den Kämpfen des
+Tages? Daß er ein Weib brauchte, das ihm nicht nur das Haus schmückte,
+sondern ihm geistig ebenbürtig zur Seite stand? Freilich nicht als
+Gefährtin im modernen Sinne. Die Frau, die er suchte, mußte sich ihrer
+Würde bewußt sein, sie mußte Schleier und Diadem vor dem Staub der
+Gasse zu schützen wissen, mußte, ihres königlichen Dienstes eingedenk,
+zuerst und zuletzt ganz Weib sein. Und das war die Frau, die hier an
+seiner Seite saß und ungewollt und unbewußt den schönsten Stein in
+ihrer Krone funkeln ließ, die Demut: ›An mir ist nichts Leuchtendes!
+Ich bin nichts als ein guter Hausgeist!‹ — —</p>
+
+<p>»Eine, die mehr ist als Sie?« wiederholte er langsam ihre Worte. »Was
+denken Sie eigentlich von mir? Ich will kein Fräulein Doktor heiraten,
+sondern eine deutsche Frau!«</p>
+
+<p>»Ach, das meinte ich nicht!« entgegnete sie. »Ich dachte nur, gerade
+Ihre Frau müßte anders sein, etwa wie Gräfin Sibylle — mit einem Wort
+— anders als ich!«</p>
+
+<p>»Anders als Sie? — Ich will Ihnen keine Schmeicheleien sagen, aber
+eines muß ich hier aussprechen. Ich weiß, Sie meinen nicht die äußere
+Schönheit, sondern die Seele, welche die ganze Persönlichkeit der
+Gräfin zu dem macht, was sie ist. Ich sah sie ja nur selten und
+flüchtig, aber das ist mein Eindruck von ihr: daß die Seele den Leib
+adelt. — Muß ich Ihnen denn erst sagen, daß Ihnen dasselbe helle Licht
+aus den Augen strahlt? — Gewiß, Sie sind beide keine Schablonen, jede
+von Ihnen hat ihre Eigenart, aber eines steht fest,« — wieder<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> beugte
+er sich zu ihr nieder, »ich brauche nicht weiterzugehen, ich will die
+Frau, die ich liebe, genau so, wie sie ist ...,« er faßte ihre Hand und
+drückte sie leise. »Jutta!«</p>
+
+<p>Sie schwieg noch immer.</p>
+
+<p>Da sagte er mit tiefernster Stimme: »Aber vielleicht ist Ihr Ideal
+eines Mannes ein anderes?«</p>
+
+<p>Durch ihre Gestalt ging ein Beben. Sie umklammerte seine Hand. »Nein,«
+sagte sie kaum hörbar.</p>
+
+<p>Aber er hatte sie verstanden.</p>
+
+<p>Es hielt ihn nicht länger.</p>
+
+<p>Er zog sie in seine Arme.</p>
+
+<p>Und als wär's seit langer Zeit ihr gewohnter Platz, legte sie den Kopf
+an seine Brust.</p>
+
+<p>Kein Laut ging durch die abendliche Stille.</p>
+
+<p>Die große Sehnsucht zweier Menschen war erfüllt: eines lauschte auf des
+anderen Herzschlag. — — —</p>
+
+<p>Und heimlich, als sei's ein Unrecht, streute die Sommerlinde ihre
+goldenen Knospen auf die weiße Gartenbank, in die dunklen Flechten der
+Braut. — —</p>
+
+<p>»Ich hab's gewußt,« sagte Pastor Wendler leise. »Als du mich
+fortschicktest, sagte ich mir: ›Nur der Glaube trennt uns!‹«</p>
+
+<p>Sie hob den Kopf und sah ihn strahlend an.</p>
+
+<p>»Geliebt hast du mich damals schon, Jutta!«</p>
+
+<p>Sie fand in ihres Herzens Seligkeit noch immer keine Worte.</p>
+
+<p>Er aber wollte sein ganzes Glück aus ihrem Munde hören.</p>
+
+<p>»Seit wann?« fragte er mit weicher Stimme.</p>
+
+<p>Da sah sie ihn mit einem Ausdruck an, wie er ihn nie an ihr geschaut,
+dann legte sie aufs neue den Kopf an seine Brust. »Immer!« — — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Über den Hof rollte ein Wagen.</p>
+
+<p>Sie richtete sich auf.</p>
+
+<p>»Das ist Exzellenz!«</p>
+
+<p>Er nickte ihr fröhlich zu.</p>
+
+<p>Langsam traten sie aus ihrem grünen Versteck.</p>
+
+<p>Als die Füchse hielten, standen sie Hand in Hand auf den Stufen.</p>
+
+<p>Frau von Kambachs Blick ging fragend von einem zum andern. Ihre Augen
+wurden immer größer.</p>
+
+<p>Der Pastor öffnete den Wagenschlag und half ihr beim Aussteigen. Jutta
+stand still daneben.</p>
+
+<p>Frau Sabine nickte ihr lächelnd zu.</p>
+
+<p>Dann sah sie dem abfahrenden Wagen nach, bis er um die Hausecke bog.</p>
+
+<p>Auf den Krückstock gestützt, stand die greise Gestalt, helle Freude im
+Antlitz. »Eichelchen, — Kinder, — was habt ihr gemacht?«</p>
+
+<p>Da beugte sich ein dunkler Mädchenkopf über ihre Hand: »Exzellenz, er
+will mich gerade so, wie ich bin!«</p>
+
+<p>Jubelnd kam's heraus, kaum wußte sie, was sie sagte.</p>
+
+<p>»Das glaub' ich schon,« rief die alte Dame, über das Haar ihrer treuen
+Gehilfin streichend.</p>
+
+<p>Und dann drohte sie dem Pastor.</p>
+
+<p>»Ist das eine Art, mir hinterrücks meinen treuen Hausgeist abspenstig
+zu machen?«</p>
+
+<p>Er neigte sich über ihre Hand. »Ich brauche eine Frau Direktor, und
+daran sind Exzellenz allein schuld. Wer hat mich auf den Posten
+berufen? — Unter hundert Frauen aber ist vielleicht eine, die mir die
+rechte Gefährtin ist, und aus tiefster Seele dank' ich's Gott, daß ich
+ihr begegnet bin!«</p>
+
+<p>Er zog die Braut an sich.</p>
+
+<p>Der alten Frau traten die Tränen in die Augen. Ihr<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> Blick schweifte
+über die Heide im Abendglanz, ihre Gedanken wanderten.</p>
+
+<p>Wie oft hatte sie um diese Stunde hier gestanden und ihres schönen
+geliebten Vaterlandes gedacht, wie oft war Herders mahnender Ruf durch
+ihre Seele gezogen: ›O Deutschland, meine Sorge!‹</p>
+
+<p>Aber so groß die Not, so schwer die Schuld, so riesenhaft die Last,
+so drohend die Gefahr, immer wieder ging der große Meister durch die
+Häuser und berief die besten und edelsten Kräfte zum Bau seines Reiches.</p>
+
+<p>Und ohne auch nur einen Augenblick an sich zu denken, an die Lücke in
+ihrem Hause, an den leeren Platz an ihrem Tisch, an alle Liebe und
+Treue, die von ihr ging, gab sie, was von ihr gefordert ward.</p>
+
+<p>›Es ist einer von den glattgespülten Kieselsteinen‹, zog es durch
+ihre Seele, als sie in später Abendstunde über der Bibel saß. ›Einen
+heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Fuenfzehntes_Kapitel"><span class="s5">Fünfzehntes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ein Frauenlos.</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das ist die dunkelste Schuld, die das Erbe des Blutes mißachtet,</div>
+ <div class="verse indent0">Die das Vermächtnis an Kinder und Enkel entehrt.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>In einem stillen Dreilindener Gartenzimmer mit lichten Wänden und
+duftigen Mullgardinen, lag Gräfin Ilse Bühler in den weißen Kissen. In
+schweren Zöpfen hing das goldblonde Haar über ihre Schultern herab, die
+durchsichtigen Hände ruhten still auf der Decke. Ein müder todmüder Zug
+in dem blassen Gesicht alterte die junge Frau um Jahre. Schmerzlich
+zuckte der Mund, und in den blauen Augen standen Tränen.</p>
+
+<p>Exzellenz von Kambach trat an das Bett der Enkelin. »Nun, Liebling?«
+fragte sie leise und strich sanft über die schöne Stirn.</p>
+
+<p>Lächelnd sah sie auf die Wöchnerin nieder, aber es war ein fremdes
+seltsames Lächeln, und Ilse Bühler fühlte, es sollte ihr etwas
+verbergen.</p>
+
+<p>Forschend richtete sie den Blick auf die Greisin.</p>
+
+<p>»Großmutter, ich möchte mein Kind sehen!«</p>
+
+<p>Wieder strich die welke Frauenhand über ihre Stirn. »Hab' noch etwas
+Geduld, Ilse!«</p>
+
+<p>Die Gräfin wechselte jäh die Farben: »Großmutter, Ihr<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> verbergt mir
+etwas! Was ist mit dem Kleinen? Um Gottes willen, sag' mir's!« Erregt
+versuchte sie, sich aufzurichten.</p>
+
+<p>»Ilse!« Mahnend hob Frau von Kambach die Hand. »Du weißt, was der
+Sanitätsrat gesagt hat! Ich muß mich darauf verlassen können, daß
+du seine Anordnungen genau befolgst, sonst dürfen wir dich keinen
+Augenblick allein lassen.«</p>
+
+<p>Gehorsam legte sich Gräfin Bühler in die Kissen zurück. Ihre Augen
+füllten sich aufs neue mit Tränen.</p>
+
+<p>»Ich will ja nur meinen Jungen sehen, Großmama!« sagte sie bittend.</p>
+
+<p>Ein tiefes Mitleid überkam die alte Frau. Im angrenzenden Zimmer lag
+ein schwaches Kind mit greisenhaften Zügen in der Wiege. Kaum einen
+Laut gab es von sich, kraftlos hingen die Glieder am Körper. Es war ein
+Bild des Jammers. Und der alte Sanitätsrat hatte feuchten Auges vor dem
+kleinen Wesen gestanden und traurig den Kopf geschüttelt. »Exzellenz,
+das sind böse Sachen!«</p>
+
+<p>Er sah sich um. »Hört uns niemand? Nein?« Und mit halblauter Stimme
+fuhr er fort: »Ein fast knochenloser Körperorganismus — was das
+bedeutet, Exzellenz?« Er zuckte mit vielsagendem Gesicht die Achseln.
+— »Die Herren Offiziere heiraten immer wieder skrupellos darauf los,
+ich kann hier nur eines sagen, — Berlin bei Nacht, — und nicht nur
+Berlin! Denn Graf Bühler steht nicht, wie viele, unter dem Fluch eines
+düsteren Familienerbes. Wir haben es mit einer Schuld zu tun!«</p>
+
+<p>Frau von Kambach hatte die zitternde Rechte auf den Arm des
+Hausfreundes gelegt: »Um Gottes willen! Erklären Sie sich!«</p>
+
+<p>Da beugte sich der alte Mann über die Wiege und sagte, die Hand auf das
+blonde Köpfchen legend, mit erstickter Stimme: »Syphilis, Exzellenz!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p>
+
+<p>Sprachlos hatte sie ihn angeschaut. Dann war der Schmerz wie ein
+Gewappneter über sie gekommen. Sie hatte sich schwer auf den nächsten
+Stuhl niedergelassen. Ein heißes Schluchzen rang sich aus ihrer Brust.
+Ihr erster Urenkel, der Sohn einer Kambach, der Erbe schwerer sexueller
+Verfehlungen! Aufs tiefste erschüttert, weinte sie vor sich hin.</p>
+
+<p>»Exzellenz,« mahnte der alte Arzt, und wies zum Nebenzimmer, wo die
+junge Mutter lag.</p>
+
+<p>Da raffte sie sich auf. Ein leises Zittern rann durch ihre Gestalt,
+als sie sich erhob, aber dann stand sie hoch aufgerichtet auf den
+Krückstock gestützt, vor ihm.</p>
+
+<p>»Soll ich's ihr sagen?«</p>
+
+<p>»Nein,« erwiderte er ernst. »Es könnte ihr Tod sein! Aber auf ein sehr
+sehr schwaches Kind müssen Sie die Gräfin vorbereiten, schon deshalb,
+damit sie nicht bei seinem Anblick erschrickt.«</p>
+
+<p>Und dann hatte er sie mit ihrer schweren Mission allein gelassen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Stunden waren vergangen. Exzellenz von Kambach hatte nicht den Mut
+gehabt, Ilses Zimmer wieder zu betreten. Aber dann mußte es sein.</p>
+
+<p>Das Schwerste kam in später Abendstunde, wo sie den Enkel erwartete.</p>
+
+<p>Sie hatte sich vorgenommen, der jungen Frau erst mit beginnender
+Dämmerung das Kind zu zeigen. Wenn die Schatten des sinkenden Tages auf
+das kleine Geschöpf fielen, würde ihr das Schlimmste verborgen bleiben.
+Über die ersten Stunden hinaus konnte und wollte die Greisin nicht
+denken, für den nächsten Tag mochte Gott sorgen. — —</p>
+
+<p>»Der Kleine schläft jetzt, Ilse,« sagte sie, froh, zu keiner Notlüge
+ihre Zuflucht nehmen zu müssen, »wenn er erwacht,<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> sollst du ihn sehen.
+Aber es ist ein schwaches Kindchen, dessen kleines Leben wir hüten
+müssen, du wirst es dir anders gedacht haben!«</p>
+
+<p>Mit banger Frage hingen die blauen Augen an den Lippen der Großmutter.</p>
+
+<p>»Ich darf es dir nicht verschweigen, Ilse, daß es kein blühendes
+kräftiges Kind ist,« — sie stockte; was sollte sie, ohne die Wahrheit
+zu umgehen, weiter sagen? — »Versuch' doch, noch etwas zu schlafen,«
+fügte sie unvermittelt hinzu, »du siehst abgespannt aus!«</p>
+
+<p>Mechanisch nickte Ilse Bühler. Ihre Augen hingen angstvoll an der Tür,
+die sie von ihrem Kinde trennte.</p>
+
+<p>Erschüttert wandte Frau von Kambach sich ab.</p>
+
+<p>Welch namenlosen Jammer enthüllte diese Offiziersehe, welch dunkles
+Bild vornehmen Familienlebens! Einen Ausschnitt aus dem Riesengemälde
+des deutschen Verfalls stellte es dar, eine Einzelerscheinung, wie sie
+nicht trüber gedacht werden konnte. Und doch war — wie irrtümlich
+vielfach behauptet wurde — die Armee nicht in erster Linie die
+Trägerin und Verbreiterin der Geschlechtskrankheiten. Der statistische
+Nachweis Berlins stellte im Gegensatz zum Studententum, welches
+fünfundzwanzig vom Hundert lieferte, bei den Soldaten vier vom Hundert
+fest. Noch besaß die Armee ein gutes Stück altpreußischer Zucht, —
+und doch, und doch! Wann würde der Seuche, welche die furchtbare
+sittliche und völkische Verheerung anrichtete, Einhalt geboten werden?
+Und im äußeren Gegensatz zu dieser Tragödie der planmäßig betriebene
+Geburtenrückgang, — zwei Dämonen, die sich scheinbar gleichgültig
+gegenüberstanden, in Wahrheit aber mit der Siedeglut teuflischen
+Begehrs Hand in Hand ihr Opfer umkreisten. Hier die junge Mutter, die
+der erste Anblick ihres heiß ersehnten Kindes vor die furchtbarste
+Erfahrung ihres Lebens stellte, — dort<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> die Frau, die um Tand und
+Wohlleben, um ein paar durchschwärmte Nächte das Allerheiligste der Ehe
+mit Füßen trat! — Wahrlich, das deutsche Volk stand unter dem Zeichen
+langsamer Ausrottung, und nur <em class="gesperrt">eine</em> Erklärung gab's für Gottes
+Langmut: Seine Mühlen mahlten langsam, aber trefflich fein. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ilse Bühler hatte ihr Kind gesehen. Die Sommerlinde umschattete
+barmherzig das stille Frauengemach, die Dämmerung breitete ihren feinen
+Schleier über das Neugeborene. Mit großen Augen schaute die junge
+Mutter auf das Knäblein, ihre Brust atmete schwer, ihre Lippen zuckten,
+dann neigte sie sich über das blonde Köpfchen und hauchte einen scheuen
+Kuß auf die kleine Stirn. Mit verzweifeltem Blick folgte sie dem Kinde,
+als es hinausgetragen wurde. Dann schloß sie die Augen. Träne um Träne
+rann die blassen Wangen herab.</p>
+
+<p>Sorgenvoll saß Frau von Kambach an ihrer Seite.</p>
+
+<p>Dunkler wurden die Schatten.</p>
+
+<p>Durch die Zweige der Linde blickte schimmernd die feine goldene
+Mondsichel.</p>
+
+<p>Die Arbeit rastete.</p>
+
+<p>Von der Landstraße wehten die Klänge eines alten Volksliedes herüber:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Ich hab die Nacht geträumet</div>
+ <div class="verse indent0">Wohl einen schweren Traum;</div>
+ <div class="verse indent0">Es wuchs in meinem Garten</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Rosmarienbaum.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein Kirchhof war der Garten,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Blumenbeet das Grab,</div>
+ <div class="verse indent0">Und von den grünen Bäumen</div>
+ <div class="verse indent0">Fiel Kron' und Blüte ab.</div><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Blüten tät ich sammeln</div>
+ <div class="verse indent0">In einen goldnen Krug,</div>
+ <div class="verse indent0">Der fiel mir aus den Händen,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß er in Stücke schlug.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Draus sah ich Perlen rinnen</div>
+ <div class="verse indent0">Und Tröpflein rosenrot, —</div>
+ <div class="verse indent0">Was mag der Traum bedeuten?</div>
+ <div class="verse indent0">Ach, Liebster, bist du tot?‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Fern über der Heide verklang die junge Stimme.</p>
+
+<p>Sinnend blickte die alte Frau aus dem Fenster. Welch wunderbare
+Schönheit lag in den schlichten Worten.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Die Blüten tät ich sammeln</div>
+ <div class="verse indent0">In einen goldnen Krug,</div>
+ <div class="verse indent0">Der fiel mir aus den Händen,</div>
+ <div class="verse indent0">Das er in Stücke schlug!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>zog es durch ihre Seele.</p>
+
+<p>Und dann blickte sie wieder auf das weiße Antlitz in den Kissen. Die
+Tränen traten ihr in die Augen.</p>
+
+<p>Das war auch eine von den vielen, die ausgegangen waren, als alle
+Berge blühten, ihr Frühlingssträußchen zu pflücken. Ihr Krüglein
+war zerbrochen, ihre Blumen verwelkt, auf ihren Garten war ein Reif
+gefallen — — — was würde das Ende sein?</p>
+
+<p>Die erste und letzte Liebe dieses jungen betrogenen Weibes, das mit der
+größten Not seines Lebens kämpfte, hieß Wolf Dietrich Bühler — — —</p>
+
+<p>Und weiter, weiter — —</p>
+
+<p>Sollte sich jenes altberühmte, Fürstengeschlechtern geredete Wort an
+der vielhundertjährigen Adelssippe der Mark erfüllen:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Es wenden die Herrscher</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr segnendes Auge</div>
+ <div class="verse indent0">Von ganzen Geschlechtern</div>
+ <div class="verse indent0">Und meiden, im Enkel</div>
+ <div class="verse indent0">Die eh'mals geliebten,</div>
+ <div class="verse indent0">Still redenden Züge</div>
+ <div class="verse indent0">Des Ahnherrn zu sehn!?‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Es graute ihr ...</p>
+
+<p>Da klang's leise durch die Abendstille: »Großmutter, bis du da?«</p>
+
+<p>»Ja, Liebling! Willst du Licht?«</p>
+
+<p>»Ach nein, laß uns im Dunkeln bleiben, — Großmutter — was ist's mit
+dem Kleinen?«</p>
+
+<p>»Ich sagt' es dir doch, Ilse, es ist ein schwaches zartes Kind!«</p>
+
+<p>»Nein, nein,« klang's traurig mit leiser Ungeduld zurück, »das mein'
+ich nicht, — ach, Großmutter, sag' mir's doch, das Fragen ist so
+schwer!«</p>
+
+<p>Die alte Frau antwortete nicht.</p>
+
+<p>Totenstille herrschte in dem dämmernden Raum.</p>
+
+<p>»Großmutter!« Flehend klang's aus den Kissen.</p>
+
+<p>Da neigte sie sich über das Bett und faßte die Hände der Enkelin. Sie
+waren eiskalt.</p>
+
+<p>Sie erschrak. »Ilse, frierst du?«</p>
+
+<p>»Nein, ich will nur wissen, was mit dem Kleinen ist!«</p>
+
+<p>Eine heiße Angst überkam die Greisin. Die Unterhaltung währte ihr schon
+viel zu lange für die zarte Frau.</p>
+
+<p>»Liebling, ich sagt' es dir!« Sie strich leise über die schmalen Hände.</p>
+
+<p>Ein tiefer Seufzer antwortete ihr. Und dann kam's stockend flüsternd,
+verzweifelt heraus: »Wenn du mir das Entsetzliche nicht sagen willst,
+so muß ich's mir selber sagen —<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> Wolf Dietrich — ist krank und das
+Kind — —« schluchzend barg sie das Antlitz in den Kissen. — —</p>
+
+<p>Eine schwere Viertelstunde zog vorüber. — —</p>
+
+<p>Still war's im Zimmer. So still, als hätte der Tod seine Ernte
+gehalten. Aber es war nur das Schweigen eines großen Schmerzes, der auf
+dem Leben lastete.</p>
+
+<p>Der Schlag der Uhren klang durch das stille Gutshaus. Durch die offenen
+Fenster wehten Lindenblütendüfte.</p>
+
+<p>Draußen unter dem hundertjährigen Stamm standen zwei und hielten sich
+bei den Händen. Zwei Starke. Menschen, die klar und zielbewußt ihren
+Weg gingen, deren Willen ein höherer Wille geheiligt.</p>
+
+<p>Schweigend standen sie unter der Linde.</p>
+
+<p>»Wenn Gott das Kind doch zu sich nähme!« sagte Jutta Eichel endlich und
+blickte zu den verhangenen Fenstern empor.</p>
+
+<p>»Vielleicht soll es leben!« entgegnete der Pfarrer.</p>
+
+<p>Sie sah ihn sinnend an. Eine Flut von Fragen, die eine Braut nicht
+ausspricht, zog durch ihre Seele.</p>
+
+<p>Von der Dorfstraße klang das Rollen eines Wagens herüber.</p>
+
+<p>Sie schreckte empor. »Das ist Graf Bühler.«</p>
+
+<p>Fröstelnd zog sie ihr Tuch um die Schultern.</p>
+
+<p>Er aber empfand unwillkürlich, daß es nicht nur die Nachtluft war, die
+sie erschauern ließ. Ihre Frauenreinheit erbebte vor der Begegnung mit
+der dunkelsten Menschenschuld.</p>
+
+<p>Er faßte ihre Hand fester. »Komm,« sagte er leise. »Du begleitest mich
+noch ein Stück, nicht wahr?«</p>
+
+<p>Dankbar nickte sie ihm zu. Zum erstenmal, seit Wendler als
+Bundesdirektor nach Düsseldorf übergesiedelt war, sahen die Verlobten
+sich wieder. In Anbetracht der Verhältnisse war er des Kambachers Gast,
+hielt sich aber den größten Teil des Tages in Dreilinden auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p>
+
+<p>Hand in Hand wanderten sie schweigend durchs Korn.</p>
+
+<p>Grillen zirpten. Durch die Halme ging ein Flüstern. Heckenrosen blühten
+am Rain. Die Nebel brauten. In einen weißen Schleier gehüllt, träumte
+die Heide.</p>
+
+<p>Und ein Stern nach dem anderen ging über den deutschen Landen auf. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In dem matt erleuchteten Raum unter der rosenfarbenen Ampel stand die
+greise Gutsfrau mit dem Enkel an der Wiege.</p>
+
+<p>»Das ist <em class="gesperrt">Ihr</em> Kind!« Hart und scharf klangen ihre Worte. Sie
+hatte sich bis jetzt nicht entschließen können, Wolf Dietrich Bühler
+das verwandtschaftliche Du anzubieten.</p>
+
+<p>Unbeweglich stand der junge Offizier neben ihr.</p>
+
+<p>Das Blut stieg ihm in die Stirn. Sein Kind!</p>
+
+<p>Er strich flüchtig mit der Hand über die Augen — sein Blick streifte
+scheu das kleine Wesen in den Kissen. So sah also der Stammhalter
+der Bühler aus, — eine Empfehlung der Rasse bedeutete dies Würmchen
+allerdings nicht! Und es fuhr ihm durch den Kopf: ›Tor, der ich war,
+als ich ihren Bitten nachgab und nicht sofort das Unglück verhinderte
+— nun steh' ich am Pranger!‹</p>
+
+<p>Und dann sagte er, die Achseln zuckend: »Eine Frühgeburt, das erste
+Kind einer überzarten blutarmen Frau ...«</p>
+
+<p>Zwei klare Augen blickten ihn durchdringend an. »Nein,« klang
+erbarmungslos die Antwort, »keine Frühgeburt, sondern der
+unausbleibliche Fluch der Syphilis! — Aber hier ist nicht der Ort,
+diese Dinge zu bereden!« Sie trat dicht an ihn heran. »Nur noch ein
+kurzes Wort hab' ich Ihnen zu sagen, dann mögen Sie zur Ruhe gehen. Sie
+sind mein Gast, und das Gastrecht ist mir heilig. Mein Enkel sind Sie
+nicht mehr. Ich gehöre der alten Zeit an, einer Zeit, da man Zucht und
+Sitte noch nicht mit Füßen trat, da ein Edelmann seine Sinne<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> meisterte
+und das Erbe des Blutes ehrte. Sie mögen über die vorsintflutlichen
+Ansichten der alten Kambach denken, wie Sie wollen, — Ihre Kritik
+berührt mich nicht. Nach außen werde ich die Rücksicht auf Ihre Familie
+nicht vergessen, — innerlich trennt uns ein breiter Graben, den nur
+eines überbrücken kann: Ihre Umkehr unter das Kreuz! — Gute Nacht,
+Graf Bühler!«</p>
+
+<p>Das weiße Haupt erhoben, schritt sie flammenden Auges an ihm vorüber
+zur Tür.</p>
+
+<p>Schweigend öffnete er dieselbe.</p>
+
+<p>Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, ging sie hinaus.</p>
+
+<p>Draußen auf den Fliesen klang das Aufschlagen des Krückstockes.</p>
+
+<p>Bis sich die Tür ihres Arbeitszimmers hinter ihr geschlossen, reichte
+die Kraft der starken stolzen Frau.</p>
+
+<p>Dann sank sie schwer in einen Sessel und weinte bitterlich.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Sechzehntes_Kapitel"><span class="s5">Sechzehntes Kapitel.</span><br>
+Gold gab ich für Eisen!</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dann erst wird der Smaragd zum kostbaren Kleinod,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn ihn die Liebe zum Baustein der Ewigkeit weiht.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Im ›blauen Salon‹ brannte Kaminfeuer und der Teekessel summte.</p>
+
+<p>Wenn die Bezeichnung auch schon seit Jahren nicht mehr stimmte, denn
+die blaue Seide war längst durch einen dunklen Gobelinstoff ersetzt, so
+behielt der hübsche elegante Raum doch seinen alten Namen. Man war eben
+in allem konservativ in Dreilinden.</p>
+
+<p>Die Sonne blickte herein und mischte ihr Gold mit dem Feuer im
+Kamin. Leuchtend lag der warme Bronzeton auf den Familienbildern und
+hundertjährigen Erinnerungen.</p>
+
+<p>Neben dem feinen Porzellan stand ein Bachvergißmeinnichtkranz. Auf dem
+Kaminsims duftete in kristallenem Kelch eine dunkle Edelrose. Es war
+Sommerzeit.</p>
+
+<p>Unter dem Kessel züngelte die blaue Flamme und spiegelte sich im
+Silber des Teegeschirrs; leise begann das Wasser zu singen. Ein Hauch
+stiller Heimlichkeit webte über dem sonnigen Bilde, über den drei
+Frauengestalten, die den ›blauen Salon‹ belebten.</p>
+
+<p>»Sag' mal, Billy, was war das für ein Wertpaket, das du<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> heute mittag
+erhieltest?« fragte Frau von Kambach die Braut des Enkels.</p>
+
+<p>Das junge Mädchen blickte errötend von der Handarbeit auf.</p>
+
+<p>»Großmama, ich habe es noch gar nicht aufgemacht! Es scheint etwas aus
+dem Nachlaß Tante Nandine Linderns zu sein. Ich kam heute mittag nicht
+dazu, es zu öffnen, erst hab' ich geübt, dann waren wir im Dorf, und
+eben schrieb ich an Harro. Aber wenn du wissen möchtest, was darin ist,
+will ich gleich hinaufgehen.«</p>
+
+<p>Belustigt blickte die alte Exzellenz ihren Liebling an. »Sag' mal,
+Billy, bist du denn gar nicht neugierig?«</p>
+
+<p>»Warum? Ich bekomme jetzt alle Tage Hochzeitsgeschenke! Natürlich macht
+mir das Auspacken Spaß, aber ich hatte heute eben Wichtigeres zu tun!«</p>
+
+<p>»Hast du dir das Paket näher angesehen? Du sagst doch selbst, es sei
+kein Hochzeitsgeschenk!«</p>
+
+<p>»Näher angesehen? Es kommt aus Raklitten, und Ehrengard Lindern hat es
+abgeschickt!«</p>
+
+<p>Sie legte ihre Arbeit zusammen und verließ das Zimmer.</p>
+
+<p>In zehn Minuten war sie zurück.</p>
+
+<p>»Großmama! Du hast recht gehabt! Das hätte ich gleich aufmachen
+sollen!« Mit hochgeröteten Wangen stand sie da. »Aber wer hätte das
+auch gedacht! Wie eine Herzogin komm' ich mir vor!«</p>
+
+<p>Sie öffnete das himmelblaue Samtkästchen und legte es der alten Dame in
+den Schoß. Ein kostbares Halsband aus Perlen und Brillanten funkelte
+ihr entgegen.</p>
+
+<p>»Ist es nicht entzückend?«</p>
+
+<p>Staunend blickte Exzellenz von Kambach auf den wertvollen Schmuck.
+»Also wirklich kein Hochzeitsgeschenk?«</p>
+
+<p>»Nein, nein, ein Erbstück,« klang die stolze Antwort. »Hier<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> steht's:
+›Meinem lieben Patchen zum Andenken an die alte Tante Nandine Lindern.‹
+— Wie wird Harro sich freuen! Er erklärte neulich schon, ich müsse mit
+der Zeit irgendein größeres Schmuckstück für die Hoffeste haben, das
+gehöre sich so. Ich hab' ihm natürlich geantwortet, er sei wohl nicht
+recht klug! Bühl sei Majorat, und die Töchter, wie immer in solchen
+Fällen, arme Landpomeranzen, aber wenn die Männer sich etwas in den
+Kopf gesetzt haben, ist nichts zu wollen. Da schwieg ich denn und
+dachte: ›Abwarten, Tee trinken!‹ Und nun ist sein Wunsch erfüllt! Ich
+werde ihm vorläufig nichts davon sagen. Mitte Oktober ist ein großes
+Fest im Marmorpalais, dann erscheine ich im Brillantschmuck! <em class="gesperrt">Die</em>
+Augen möcht' ich sehen! — Nicht wahr, Großmama, du hebst ihn mir
+bis dahin auf! Meine Geige darf ich ja schon bei dir einquartieren.
+Eichelchen, kommen Sie doch mal her! Das Mittelstück ist doch einzig in
+seiner Art!«</p>
+
+<p>Und zwei dunkle Köpfe neigten sich neben dem weißen über die
+schimmernde Pracht.</p>
+
+<p>»Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie sich so über einen Schmuck freuen
+könnten,« sagte Jutta Eichel endlich.</p>
+
+<p>»Warum denn nicht? Es ist doch nicht in erster Linie der Schmuck,
+sondern die Erinnerung an eine liebe Gestalt und vergangene Zeiten, —
+das macht ihn mir wertvoll! Außerdem freu' ich mich, daß mein Schatz
+seinen Willen bekommt, denn sonst würde er mir fortwährend mit der
+Sache in den Ohren liegen. Und dazu ist sie mir nicht wichtig genug.
+Zu guter Letzt aber sehe ich nicht ein, warum ich mich nicht auch
+persönlich freuen soll, wenn ich etwas Schönes geschenkt bekomme.
+Kaufen würde ich mir so etwas doch nie, und wenn ich über Millionen
+verfügte — aber so? Schließlich bin ich doch auch keine Vogelscheuche!
+Kommen Sie, wir wollen einen Hopser machen — ›Rosen aus dem Süden‹
+— keine<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> Müdigkeit vorgeschützt! Morgen kommt hoffentlich der
+Brillantschmuck für Fräulein Jutta Eichel!«</p>
+
+<p>Und ehe er's hindern konnte, wurde der treue Hausgeist im Sturm durch
+den ›blauen Salon‹ gewirbelt, daß die Flamme unter dem Kessel erschrak
+und das Porzellan klirrte.</p>
+
+<p>Endlich machte der Wildfang Schluß.</p>
+
+<p>»Verzeih, Großmama, aber Eichelchen hat manchmal Grappen im Kopf, die
+müssen ihr unbedingt noch vor der Ehe ausgetrieben werden; sonst gibt
+es ein Unglück!«</p>
+
+<p>Exzellenz von Kambach versuchte ein ernstes Gesicht zu machen. »Sag'
+mal, Billy, bist du eigentlich verrückt geworden? Glaubst du etwa, daß
+du für die Ehe reif bist, wenn du solche Allotria treibst?«</p>
+
+<p>»Großmutter, das sind keine Allotria, das nennt man in der
+Jugendbewegung ›Ertüchtigung‹. Außerdem muß auch mal etwas Leben in
+die Landschaft gebracht werden, sonst wird selbst die Ehe mit der Zeit
+langweilig!«</p>
+
+<p>Eichelchen hatte sich von ihrem Schreck erholt und sich der Juwelen
+bemächtigt. Vorsichtig nahm sie das Halsband heraus und trat zu Sibylle.</p>
+
+<p>»Zur Strafe für den Überfall will ich Sie gleich in Ihrem Erbschmuck
+sehen,« sagte sie und legte es um den weißen Hals.</p>
+
+<p>Sie trat ein paar Schritte zurück. »Ah — Brandenburgs Rose!«</p>
+
+<p>Sibylle wurde dunkelrot. Vom Schein des Feuers umflirrt, stand sie am
+Kamin. Leuchtend hob sich die weiße Gestalt vom weinroten Teppich, und
+der letzte Strahl spielte mit den Edelsteinen.</p>
+
+<p>›Sophie Charlotte,‹ zog es der alten Frau durch den Sinn, und ihre
+Gedanken weilten bei dem Bilde der Ahnfrau.</p>
+
+<p>Da löste Sibylle den Schmuck und legte ihn in das Kästchen zurück.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p>
+
+<p>»Ehe ich nach Bühl zurückkehre, darf ich dir das Halsband geben, nicht
+wahr, Großmama? Jetzt will ich mich noch etwas daran freuen. Und
+niemand erfährt etwas davon, auch Großpapa und Mama nicht!« Ihr Blick
+flog zu Jutta Eichel hinüber; bittend legte sie den Finger an die
+Lippen.</p>
+
+<p>Die nickte ihr zu. »Ich schweige wie das Grab!«</p>
+
+<p>Sibylle ging. Dann sah sie noch einmal zur Tür herein.</p>
+
+<p>»Eh' ich's vergesse, Großmama, ist es sehr unbescheiden, wenn ich für
+Montag früh um einen Wagen bitte? Mama will dabei sein, wenn ich mein
+Brautkleid zum letztenmal anprobiere. Gestern ist sie von der Reise
+zurückgekehrt, bleibt einige Tage in Potsdam und will dann, ehe sie
+zur Hochzeit nach Bühl kommt, noch nach Mecklenburg. Eine schreckliche
+Hetzerei! Ich hätte das Kleid ja längst schon zum zweitenmal
+anprobieren können, aber sie wollte durchaus dabei sein. Darf ich
+Montag früh fahren?«</p>
+
+<p>»Natürlich, Billy.«</p>
+
+<p>»Danke tausendmal, Großmama!«</p>
+
+<p>Und fort war sie. —</p>
+
+<p>Ein Wagen rollte über den Hof.</p>
+
+<p>»Das ist Herr Oberstallmeister,« sagte Fräulein Eichel. »Soll ich noch
+einmal Tee machen?«</p>
+
+<p>Die Gutsherrin sah auf die Uhr. »Es ist gleich halb sechs! Lassen Sie
+nur bitte abräumen. Mein Sohn wird zum Abendbrot bleiben!«</p>
+
+<p>Die Gesellschafterin klingelte; dann setzte sie die Tassen zusammen.</p>
+
+<p>»Wenn Exzellenz mich brauchen sollten, — ich gehe nur dem Postboten
+entgegen,« sagte sie und trug Brot und Kuchen hinaus. — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Sibylle hatte ihren Schmuck in Sicherheit gebracht und stand, ihren
+Schwiegervater erwartend, in der offenen Haustür.</p>
+
+<p>»Tag, Billy,« rief er, die Freitreppe heraufkommend, »Großmama ist doch
+zu Hause?«</p>
+
+<p>»Ja, Papa!«</p>
+
+<p>Er küßte sie auf die Stirn.</p>
+
+<p>»Was macht Harro?«</p>
+
+<p>»Der ist vorgestern in Johannistal aufgestiegen!«</p>
+
+<p>»So, alles gut verlaufen? — Und das tapfere Bräutchen hat keine Spur
+von Angst? Famos!«</p>
+
+<p>»Aber Papa, wir wollen doch unsere Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹
+machen! Wie sollt' ich da Angst haben? Im Gegenteil. Ich freue mich wie
+ein Zaunkönig!« Sie schob den Arm in den seinen. »Du bleibst doch zum
+Abendbrot?«</p>
+
+<p>»Ich muß zurück. Der ganze Schreibtisch liegt voll. Die Bundesarbeit
+wächst mit jedem Tage, und wir Vorsitzenden haben alle Hände voll zu
+tun. Die Drachenburger Ortsgruppe kommt noch dazu,« — er fuhr mit der
+Hand durch das dichte graue Haar — »ach ja!« — —</p>
+
+<p>Frau von Kambach ging dem Sohne entgegen. »Schön, daß du kommst, Karl
+Heinrich!«</p>
+
+<p>»Ich muß dringend mit dir sprechen, Mama!«</p>
+
+<p>Sie nickte. »Wie geht es Ilse?«</p>
+
+<p>Auf seine Stirn trat eine Falte. »Sie nimmt sich sehr zusammen. Aber
+daß es unter den obwaltenden Umständen mit ihrer Erholung langsam geht,
+ist kein Wunder! Dazu die Sorge um das Kind!«</p>
+
+<p>Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß es groß wird, Mama! Es
+war jedenfalls sehr richtig, daß du die Nottaufe veranlaßtest!«</p>
+
+<p>Frau von Kambach nickte. »Es war in dem Augenblick das Gegebene! Man
+konnte gar nicht wissen, ob das kleine Geschöpf<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> die Fahrt nach Kambach
+überstehen würde. Ich für meine Person hätte nicht die geringsten
+Bedenken gehabt, wenn Ilse hier geblieben wäre. Das Dorf liegt abseits,
+und ich habe jeden Verkehr mit dem Herrenhause untersagt. Aber als
+sie hörte, daß Diphtherie im Dorf sei, erklärte sie sofort, sie könne
+wegen des Kindes nicht bleiben. Zureden hätte nichts genützt, sie war
+derartig nervös, daß nichts mit ihr anzufangen war. Außerdem sagte
+ich mir: vielleicht ist es besser so. Diphtherie ist doch nun einmal
+übertragbar! — Hoffentlich schadet ihr und dem Kinde die Fahrt nicht!
+Für Ilse war es reichlich früh, aber der Wagen federt zum Glück sehr
+gut.«</p>
+
+<p>»Ich glaube, die Fahrt wird weniger nachteilig für sie gewesen
+sein, als alles übrige, was das arme Kind durchgemacht hat und noch
+durchmacht,« entgegnete der Oberstallmeister. »Ilses Zukunft liegt sehr
+dunkel vor mir.« Er strich seufzend über die Stirn. »Ein anderes Mal
+davon, Mama. Ich komme nämlich wegen einer Bundesangelegenheit und bin
+sehr eilig.« Er sah auf die Uhr. »Dreiviertel sechs!«</p>
+
+<p>Man setzte sich.</p>
+
+<p>Sibylle wollte sich entfernen.</p>
+
+<p>»Bleib nur, Kind,« rief die Greisin, »oder hast du noch zu tun?«</p>
+
+<p>»Ich möchte nur noch an Mama schreiben, daß ich Montag komme. Wenn ich
+mich beeile, geht meine Karte jetzt noch mit fort, und sie hat sie
+Montag früh.«</p>
+
+<p>»Was ist denn los?« rief der Oberstallmeister dazwischen.</p>
+
+<p>»Ach, sie muß noch einmal nach Berlin, um ihr Brautkleid
+anzuprobieren,« entgegnete seine Mutter. »Setz' dich doch gleich an
+meinen Schreibtisch, Billy, es ist höchste Zeit!«</p>
+
+<p>»Danke, Großmama.«</p>
+
+<p>Das junge Mädchen zog sich in das Nebenzimmer zurück.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p>
+
+<p>Ohne auf die Unterhaltung drinnen zu achten, schrieb sie in fliegender
+Eile.</p>
+
+<p>Dann griff sie zum Löscher.</p>
+
+<p>Da klang ihres Schwiegervaters Stimme laut und erregt herein: »Wenn
+wir nicht in allernächster Zeit mit einer bestimmten pekuniären
+Sicherheit für mindestens zwei Jahre rechnen können, so bedeutet das
+einen Rückschritt der Bundesarbeit. Wehrmann und ich haben nach allen
+Ecken und Enden hin geschrieben; aber kein Mensch hat Geld, und die,
+welche es haben, rücken nichts heraus. Ja, wenn's für etwas anderes
+wäre! Aber für den Bund bibelgläubiger Christen? Nee, das gibt's nicht!
+Dabei brauchen wir, zumal bei der Einstellung neuer Arbeitskräfte
+mit allem, was drum und dran hängt, für die nächsten zwei bis drei
+Jahre rund dreißigtausend Mark. Und das ist noch niedrig gerechnet.
+Ich weiß tatsächlich nicht mehr aus noch ein. Ein paar tausend Mark
+bekomme ich ja schließlich von guten Freunden zusammen, aber was soll
+mir das helfen! Opfer bringt dies verwaschene Geschlecht eben nicht
+mehr, höchstens für Schlemmerei und Spiel, und der Himmel weiß, was
+sonst noch! Mit einem Donnerwetter möchte man dreinfahren, damit die
+Herrschaften das Wort wieder lernten: ›Gold gab ich für Eisen!‹ Ich
+wollte, meine olle Klitsche brächte mir mal 'ne Musterernte, dann wüßt'
+ich, was ich täte, aber ich komme ja wieder nur so gerade durch. Es ist
+um aus der Haut zu fahren!«</p>
+
+<p>Erschrocken lauschte Sibylle hinüber. Das waren ja böse Aussichten!
+Aber nein, es war unmöglich! Die Sache, die ihnen allen so am Herzen
+lag, die von so unendlicher Wichtigkeit war, konnte und durfte nicht
+Schaden leiden! Vielleicht sah ihr Schwiegervater in seiner regen
+Phantasie auch zu schwarz.</p>
+
+<p>Und dann hörte sie Frau von Kambachs klare Stimme.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p>
+
+<p>Aber auf dem Schreibtisch mahnte die Standuhr.</p>
+
+<p>Sie flog hinaus. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Gen Abend ging's. Langsam schlenderte der alte Postbote durch die
+Heide. Man durft' es ihm nicht verargen, daß er auch einmal die ganze
+Pracht in Ruhe genießen wollte.</p>
+
+<p>Einer von jenen Tagen, welche das Land in ihre goldene Schleier hüllen
+und dem bescheidensten Erdenwinkel einen stillen Zauber verleihen,
+ging zur Neige. Einer von den Tagen, wo alles leuchtet, wo die Farbe
+glüht und Märchenschönheit das Alltägliche umspinnt. Wo Wald und Heide
+Königreiche werden, wo das Bauerngärtlein mit seinem Bienenstock,
+seinen Malven und Nelken, seiner weißen Wäsche auf dem Zaun wie ein
+Idyll den Wanderer grüßt. Wo einem der Gedanke aufsteigt: ›Es ging
+ein Himmelskind durch die Lande und segnete Wald und Anger und das
+Herdfeuer der Menschen!‹ Solch ein Tag war's, solch ein wundervoller!
+— —</p>
+
+<p>Unter dem steinernen Torbogen des Gutshauses stand Jutta Eichel. Auf
+den frischen klaren Zügen lag sehnende Erwartung.</p>
+
+<p>Die Hand über die Augen gebreitet, spähte sie über die Heide.</p>
+
+<p>Endlich tauchte der alte Postbote zwischen den Hügeln auf. Schwerfällig
+stolperte er auf sie zu.</p>
+
+<p>»Na, ick dacht's mir doch, Fräulein Eichel steht schon am Hoftor! Ein
+Glück, daß der Brief da ist, sonst wär's mir wohl schlecht gegangen!«
+Er blieb vor ihr stehen und kramte seine Tasche durch. »Da is er schon!
+Aus Düsseldorf! Wann wird denn Hochzeit gemacht, wenn ick mir die
+Anfrage erlauben darf!?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span></p>
+
+<p>»Wenn die Hochzeit in Bühl gewesen ist!« klang die fröhliche Antwort.</p>
+
+<p>»So, so. Konnt' ick mir denken.« Er kramte weiter. »Für Gräfin Bühler
+is auch was da! Aus Berlin. Der Herr Oberleutnant is ja wohl bei die
+Luftschifferabteilung? Is ja allens ganz gut, und 's Deutsche Reich
+muß wohl solche Einrichtungen haben, aber — ick weiß nich — die
+Dinger haben nu doch mal keine Flügel, und darum kommt so oft was vor!
+Denn was die Perpellers sind, — das sind doch nu und nie richtige
+Flügel, wie die Vögel sie haben! Und ick sag' mir immer, wenn der liebe
+Herrgott die Vögel so für die Luft eingerichtet hat, dann müßten die
+Luftschiffe auch Flügel haben, — warum geht die Geschichte denn sonst
+immer schief? Nee, nee, das gefällt mich nich, Fräulein Eichel!« Er
+schloß die Tasche. »Abends gibt's nich viel, is 'ne flaue Post, nur der
+Düsseldorfer Brief darf nich fehlen!«</p>
+
+<p>Er nickte ihr freundlich zu und setzte seinen Weg fort.</p>
+
+<p>Einen Augenblick stand sie noch, die dämmernde Heide überschauend, dann
+begann sie, langsam dem Gutshause zuwandernd, ihren Brief zu lesen.</p>
+
+<p>Ein stilles Glück lag auf ihren klaren Zügen und gab ihnen einen
+eigenen Reiz. Einen feinen innerlichen, der ihr ganzes Wesen
+durchstrahlte und ihm jene Anmut verlieh, von welcher der Dichter singt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Ist der Leib ein Gotteshaus,</div>
+ <div class="verse indent0">Blickt ein Engel zum Aug' heraus.‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Wendler hatte gewußt, was er tat, als er seine Lebensgefährtin
+erwählte. Wie kein anderer bedurfte er der Frau, deren Hand fest
+in der seinen lag, deren Auge hell blieb, wenn Wolken über den
+Weg zogen, die mit starker Seele des Lebens Last trug. Die ganze
+Arbeitsfülle, verbunden mit den<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> Schwierigkeiten, die ein in den
+ersten Anfängen steckendes, von allen Seiten mißtrauisch betrachtetes,
+vielfach angefeindetes Werk begleiten, war auf ihn eingestürmt.
+Mitten hineingestellt in den Geisteskampf der Zeit, wuchs ihm mit
+der Größe der Aufgabe nicht nur das Verantwortlichkeitsbewußtsein
+ins Riesenhafte, auch seine Kraft erstarkte unter der Last. Mit dem
+Ewigkeitsgedanken, der seit dem großen Wendepunkt seines Lebens der
+Grundton seines Tun und Denkens geworden, kehrte die Freude am Ausbau
+überweltlicher Ziele bei ihm ein und ward ein Stück seiner selbst.
+Ein starker frischer Mut, der Mut des Glaubens, der vergebene Schuld
+im Buche der ewigen Liebe getilgt weiß, ließ ihn Vergangenes dahinten
+lassen und aufbauen, was er zerstört. Kindesdemut fügte Stein an Stein,
+Mannesstolz hob, den Spöttern zum Trotz, das verachtete Werkzeug vom
+Boden und forderte blitzenden Auges: ›Den Hammer in Ehren!‹</p>
+
+<p>Wohl flogen die Pfeile um den tapferen Streiter, aber das Werk wuchs.
+Ortsgruppe reihte sich an Ortsgruppe, und die Zahl der Mitglieder
+mehrte sich zusehends.</p>
+
+<p>Den letzten Brief an Frau von Kambach durchzog's wie ein Jubilate, und
+das unerschütterliche Gottvertrauen, das aus jeder Zeile sprach, wirkte
+belebend und erfrischend auf die greise Frau, deren starkem Geist es
+in der letzten Zeit oft schwer geworden war, Leid und Sorgen mit dem
+Mute früherer Tage zu überwinden. Denn die Sorge um geliebte Menschen
+zermürbt, zumal, wenn man mit gebundenen Händen vor einem abgrundtiefen
+Schmerz steht, — die Sorge um das Wachstum des Reiches Gottes hält
+wach, aber auch sie trägt ihren Namen mit Recht, solange Erdenkinder
+hienieden ihre Straße ziehen. Das Wort von den Lilien auf dem Felde
+bleibt dem Menschenherzen nun einmal eine schwierige Lektion.</p>
+
+<p>Nachdenklich wanderte die Braut dem Herrenhause zu.<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> Auch in ihrer
+Seele lebte die Sorge. Ihr Verlobter hatte sie über die wirtschaftliche
+Lage des Bundes nicht im unklaren gelassen, auch in bezug auf die neu
+aufgetauchten Schwierigkeiten nicht. Ob Exzellenz von Kambach und ihr
+Sohn das alles in vollem Umfange wußten? Und zum erstenmal zog eine
+brennende Sehnsucht nach Reichtum in ihr Frauenherz. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Sibylle Bühler war aus Potsdam zurückgekehrt, schöner, strahlender denn
+je.</p>
+
+<p>»Es ist etwas an ihr, das wie ein Magnet auf mich wirkt, — ist es das
+Leuchten ihrer Augen, die Frische ihres Wesens, ich weiß es nicht!
+Selten hat ein Mensch solche Anziehungskraft auf mich ausgeübt!« sagte
+Exzellenz von Kambach zu Fräulein Eichel.</p>
+
+<p>Sie nickte. »Ja, es ist ein wundervolles Gemisch von Ernst und
+Lebensfreude in Gräfin Sibylle! Man glaubt oft kaum, daß es ein und
+derselbe Mensch ist. Neulich die Freude über den Schmuck war doch
+einfach reizend!«</p>
+
+<p>»Ja,« erwiderte die Greisin, »aber ich bin überzeugt, daß sie mit noch
+größerer Freude ein Opfer für eine große Reichsgottessache bringen
+würde! So jung sie ist, ihr Leben hat Ewigkeitsinhalt, und der Grundton
+ihres Wesens ist der Zug zum Überweltlichen. Man findet selten in dem
+Alter solche Klarheit im Urteil und Handeln, solches Zielbewußtsein!«</p>
+
+<p>Sinnend ruhte ihr Blick auf dem Bilde des Brautpaares vor ihr auf dem
+Schreibtisch. »Ich hoffe, mein Enkel wird an ihr erstarken; sie gehört
+zu den Frauen, die den Mann, den sie lieben, in kluger und taktvoller
+Weise unmerklich beeinflussen. Übrigens — ist Billy noch beim Packen?«</p>
+
+<p>»Sie stimmte eben ihre Geige. Der Koffer war fertig bis auf das, was
+morgen früh hinein soll!«</p>
+
+<p>»So, dann wird sie wohl gleich herunterkommen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span></p>
+
+<p>Fräulein Eichel ging.</p>
+
+<p>Gleich darauf erschien Sibylle, ihre Geige im Arm.</p>
+
+<p>Sie sah erhitzt aus. Ihre Augen glänzten.</p>
+
+<p>›Es ist die Erregung des Abschieds,‹ dachte Frau von Kambach.</p>
+
+<p>»Nun, da bist du ja,« begrüßte sie freundlich die Enkelin.</p>
+
+<p>»Ja, Großmama, und hier bringe ich dir die Vielgeliebte! Niemand gäb'
+ich sie so gern in Verwahrung wie dir! Der Kasten bedurfte leider
+so sehr der Ausbesserung, daß ich ihn neulich nach Berlin schicken
+mußte. Aber er wird dir in den allernächsten Tagen zugestellt werden.
+Bis dahin darf die Geige vielleicht hier in deinem Zimmer an der Wand
+hängen, — es kommt ja niemand daran!«</p>
+
+<p>Die alte Dame nickte. »Anna ist ja vorsichtig beim Reinmachen, und
+Fräulein Eichel wischt bei mir Staub. Ich glaube, wir können ohne Sorge
+sein!«</p>
+
+<p>»Es dauert ja auch nur kurze Zeit,« sagte die Braut und schlang ein
+seidenes Band um das Instrument.</p>
+
+<p>»Aber erst spielst du mir noch etwas zum Abschied,« bat die Greisin.</p>
+
+<p>Sibylle nickte. »Was soll ich spielen?«</p>
+
+<p>»Was du willst!«</p>
+
+<p>Weich und sehnsüchtig zog Händels Arioso durch den Herbstabend. ›Ein
+feines, nahezu künstlerisches Spiel,‹ hatte ein namhafter Kritiker
+nach einem Berliner Wohltätigkeitskonzert über Sibylles Leistungen
+geurteilt. Der alten Frau war es mehr — eine seelische Erquickung in
+stillen Stunden.</p>
+
+<p>Das Largo des großen Tonkünstlers folgte, die liebliche Harfenarie
+klang durch den stillen Raum.</p>
+
+<p>Das ernste Antlitz über die Geige geneigt, stand die Braut im Schein
+des flackernden Feuers.</p>
+
+<p>»Nun noch ›Ein Ton‹,« bat Frau Sabine.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span></p>
+
+<p>Da hängte Sibylle die Geige an die Wand und setzte sich an den Flügel.</p>
+
+<p>Auf der weichen Stimme lag's wie ein Schleier, als sie leise Peter
+Cornelius' tiefsinniges Lied anstimmte:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Mir klingt ein Ton so wunderbar</div>
+ <div class="verse indent0">In Herz und Sinnen immerdar!</div>
+ <div class="verse indent0">Ist es der Hauch, der dir entschwebt,</div>
+ <div class="verse indent0">Als einmal noch dein Mund gebebt?</div>
+ <div class="verse indent0">Ist es des Glöckleins leiser Klang,</div>
+ <div class="verse indent0">Der dir gefolgt den Weg entlang?‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Der Gesang brach ab. Ein leises Weinen klang zu der alten Frau hinüber.</p>
+
+<p>»Billy!« Sie trat zum Flügel und zog den dunklen Mädchenkopf an die
+Brust. Sanft strich sie über das seidene Haar.</p>
+
+<p>Kein Laut unterbrach das Schweigen. Aber die jungen Lippen küßten die
+alten Hände.</p>
+
+<p>»Verzeih, Großmama,« sagte Sibylle Bühler dann mit stockender Stimme,
+»es war wie ein Abschied ...«</p>
+
+<p>Frau von Kambach schwieg, eine Träne rann ihr die Wange herab; sie
+beugte sich über die Braut und küßte sie. Dann schloß sie den Flügel.</p>
+
+<p>»Du wolltest mir noch deinen Schmuck bringen,« sagte sie, auf ihren
+Stock gestützt zum Kamin schreitend, wo sie sich in einen Klubsessel
+niederließ.</p>
+
+<p>Sibylle antwortete nicht sogleich. Das Rot auf ihren Wangen vertiefte
+sich. Dann zog sie einen Briefumschlag aus der Tasche, legte ihn der
+Greisin in den Schoß und sagte mit leisem Beben in der Stimme: »Da ist
+er, Großmama, aber du darfst nicht schelten!«</p>
+
+<p>Sprachlos blickte Exzellenz von Kambach die Enkelin an.<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> Dann
+schüttelte sie den weißen Kopf und sagte ernst: »Ich verstehe dich
+nicht!« Sie öffnete den Briefumschlag und zog den Inhalt heraus:
+Banknoten.</p>
+
+<p>»Billy, was stellt dies vor? Bitte, äußere dich darüber!« rief sie und
+ihre Stimme durchzitterte Erregung. »Du sagst, das sei der Schmuck, —
+man verkauft doch nicht ein altes Erbstück um nichts und wieder nichts!«</p>
+
+<p>»Das habe ich auch nicht getan, Großmama! Um nichts und wieder nichts
+hätte ich das Halsband nie verkauft!«</p>
+
+<p>»Ja, aber was stellt das vor?«</p>
+
+<p>Da zog sich Sibylle, wie es ihre Art war, einen Schemel neben den Stuhl
+der Greisin und setzte sich zu ihren Füßen. »So kann ich's dir am
+besten sagen!« Sie lehnte den Kopf an ihre Knie. »Aber niemand darf's
+wissen, auch Harro nicht, wenigstens jetzt noch nicht, — er versteht's
+doch nicht,« fügte sie traurig hinzu, »es ist zu heilig!« Sie hielt
+inne, als müsse sie sich sammeln.</p>
+
+<p>Und dann begann sie aufs neue mit leiser Stimme: »Also, um es kurz zu
+machen, Großmama, ich hörte Sonnabend abend, während ich nach Potsdam
+schrieb, wie Papa dir sagte, wenn er nicht in allernächster Zeit eine
+Sicherheit von dreißigtausend Mark für drei Jahre erhielte, so sei ein
+Rückgang der Bundesarbeit zu befürchten. — Ich erschrak im ersten
+Augenblick natürlich sehr, du weißt ja, wie mir die Sache am Herzen
+liegt, aber andererseits sagte ich mir doch auch, daß Papas lebhafte
+Phantasie ihn vielleicht etwas schwarz sehen ließe. Das Letzte hörte
+ich nicht mehr — ihr wußtet ja, daß ich nebenan saß; aber ich kam
+mir doch etwas vor, wie ein ›Lauscher an der Wand‹; denn Papa hatte
+meine Anwesenheit sicher längst vergessen, außerdem mußte meine Karte
+schleunigst fort. Abends wurde musiziert und von allem möglichen
+anderem gesprochen — kurz und gut, ehrlich gestanden, hätte<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> ich in
+diesen Tagen, kurz vor meiner Hochzeit vielleicht gar nicht wieder
+daran gedacht, wenn nicht ...«</p>
+
+<p>Sie sprang auf und lief in das geöffnete Nebenzimmer — »es ist doch
+niemand hier?« Und dann setzte sie sich wieder auf ihr Schemelchen zu
+Füßen der Greisin. Aber sie lehnte den Kopf nicht wieder an ihre Knie
+und sah sie leuchtenden Auges an: »Großmama, keinem andern könnt' ich
+es sagen, nur dir, denn nur du verstehst so etwas!«</p>
+
+<p>Sie hielt einen Augenblick inne, als koste es sie trotzdem einen Kampf,
+den Schleier von ihrem Geheimnis zu lüften, dann fuhr sie fort: »Also
+ich dachte nicht wieder daran. Sonntag morgen fuhren wir zur Kirche.
+Ich wußte, daß ich als Braut zum letztenmal neben dir im Kambacher
+Stuhl saß, nach der Predigt sollte unser Aufgebot kommen, das alles
+bewegte mich. Die Gedanken an den Bund lagen mir in dem Augenblick
+gänzlich fern. — Da mit einemmal kam's über mich, ich weiß nicht wie.
+Durch meinen Kopf flog es wie ein Wirbelwind: ›die dreißigtausend Mark
+<em class="gesperrt">müssen</em> geschafft werden, und <em class="gesperrt">du</em> hast sie aufzubringen!‹
+Mit einer Wucht stürmte es auf mich ein, wie ich es nie erlebt, und
+ich fühlte und wußte es ganz bestimmt, das war nicht <em class="gesperrt">mein eigener
+Gedanke</em>, es war eine unsichtbare übermenschliche Kraft, die mich
+unter ihren Willen zwang. Ich war wie betäubt. Auch körperlich. Mühsam
+versuchte ich, meine Gedanken zu sammeln, meine Einkünfte zu übersehen,
+obgleich ich mir sagen mußte, daß gar nicht daran zu denken sei, daß
+ich diese Summe aufbrächte! Pastor Möller predigte über das Gebet. Ich
+hörte nicht zu und dachte nicht an Beten. Ich rechnete. Aber meine
+Rechnung stimmte nicht. Und in mir hämmerte und dröhnte es weiter:
+›Du sollst! Du mußt!‹ — Ich war in heller Verzweiflung; am liebsten
+wäre ich aus der Kirche gerannt, aber das ging doch nicht! So hielt
+ich aus. Meine Lage wurde<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> immer unerträglicher. Da, schließlich, als
+ich nicht mehr aus noch ein wußte, tat ich einen Stoßseufzer: ›Lieber
+Gott, schenk' mir doch einen vernünftigen Gedanken!‹ Es war kein Gebet,
+Großmama, es war ein Verzweiflungsschrei. Aber im selben Augenblick
+kam's wie eine Antwort: ›Du bist wohl ganz auf den Kopf gefallen! Wozu
+hast du den Schmuck, der mindestens zwanzigtausend Mark wert ist? Vor
+hundert Jahren gaben deutsche Edelfrauen den letzten Taler für die
+äußere Freiheit des Vaterlandes — und ihr?‹ — Großmutter, — ich
+kann dir sagen, es war mir, als nähme mir einer eine Riesenlast ab und
+schenkte mir ein Königreich dafür!«</p>
+
+<p>Von Bewegung übermannt, legte sie den dunklen Kopf wieder auf ihren
+Platz in den Schoß der alten Frau. »Nicht wahr, du schiltst nicht?«</p>
+
+<p>Nein, sie schalt nicht. Ganz still saß sie da, und während zwei große
+Tränen über ihre Wangen liefen, legte sie die zitternden Hände auf das
+junge Haupt.</p>
+
+<p>Kein Laut ging durch's Zimmer. Ein großes feierndes Schweigen lag über
+den beiden Menschen, denen heilige unsichtbare Hände den Schleier
+der Überwelt gelüftet. Und ob jenes wunderbare Leuchten nur eines
+Augenblicks Länge gewährt, sie wußten, hinter den wallenden Nebeln
+lag die lichte Stadt, deren Glanz wie eine schimmernde Sternschnuppe
+auf ihren Weg gefallen war. Und dieser Glanz blieb an der armen Erde
+haften. Über dem Pfad der beiden Frauen stand der hohe Schein einer
+Ewigkeitsstunde.</p>
+
+<p>Endlich richtete sich Sibylle auf. Noch war sie keines weiteren Wortes
+fähig.</p>
+
+<p>Da nahm die alte Frau das schöne erglühende Mädchengesicht in beide
+Hände und küßte die Enkelin: »Gott segne dich, Liebling!«</p>
+
+<p>Sibylle zog die greise Hand an die Lippen. »Gut, daß du<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> nicht mehr
+schiltst,« sagte sie, ihre Bewegung meisternd, und ein Anflug von
+Schalk huschte um ihren Mund.</p>
+
+<p>»Nein, nein, ich sage überhaupt nichts mehr,« erklärte Frau von
+Kambach. »Wenn Gott so gewaltig spricht, haben wir Menschen zu
+schweigen!«</p>
+
+<p>Lächelnd strich sie über das seidene Haar.</p>
+
+<p>»Aber nun erzähl' mir das übrige. Also du bist mitsamt deinem Schmuck,
+ohne einer Menschenseele etwas zu sagen, in Berlin gewesen und hast die
+Steine einschätzen lassen, du Ausreißer?«</p>
+
+<p>»Ja, Großmama,« erwiderte Sibylle triumphierend. »Und ich hatte
+Glück. Mama hatte fürchterliche Kopfschmerzen und ließ mich allein
+zu Gerson fahren, so hatte ich freie Hand. Harro war in Johannistal.
+Solche herrliche Fahrt habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht
+gemacht! Und dann kam das Schönste. Ich war bei Lorenz und ließ den
+Wert des Schmuckes feststellen. Großmama, ich dachte, es würden
+vielleicht zwanzigtausend Mark dabei herauskommen, und zerbrach mir
+den ganzen Tag darüber den Kopf, wen ich bitten solle, weiterzuhelfen.
+Denn Großpapa hätte höchstens zweitausend Mark geben können bei den
+schlechten Ernten, und Mama interessiert sich ja leider gar nicht für
+solche Sachen. — Also der alte Lorenz besah mein Halsband von allen
+Seiten und prüfte die Steine eine halbe Ewigkeit. Ich stand wie auf
+Kohlen. Am liebsten hätte ich ihn beim Rockkragen genommen und tüchtig
+geschüttelt. Schließlich erklärte er dann mit größter Gemütsruhe:
+›Gnädigste Gräfin, ich biete Ihnen für den Schmuck dreißigtausend Mark,
+aber nehmen Sie's einem alten Manne nicht übel, es ist eine Sünde
+und Schande, wenn Sie ihn verkaufen!‹ — Na, das war ja meine Sache.
+Wir haben den Handel gleich abgeschlossen. Ich war mit ihm auf der
+Deutschen Bank, — da sind die dreißigtausend Mark!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p>
+
+<p>»Aber Billy!«</p>
+
+<p>»Findest du es unpassend, Großmama?«</p>
+
+<p>Frau von Kambach lachte. »Etwas modern, aber vor allem sehr
+unvorsichtig. Man kutschiert nicht mit dreißigtausend Mark Wertpapieren
+in der Welt herum, sondern läßt die Angelegenheit durch die Bank
+ordnen. Du bist doch sonst so gewandt in solchen Sachen!«</p>
+
+<p>Die junge Gräfin senkte die Wimpern. »Ja, du hast recht, es war
+bodenlos dumm! Ich war eben so aus dem Häuschen vor Freude, daß ich
+alles verkehrt machte. Es ist ein Glück, daß nicht noch Schlimmeres
+geschah. Ich hätte gerade so gut in meinem Brautkleid zu Kempinsky oder
+Wertheim laufen können, — gut, daß sie bei Gerson aufpaßten!« Zwei
+Grübchen traten dem Schelm in die Wangen.</p>
+
+<p>»Mir scheint, es wäre noch ganz anderes möglich gewesen,« sagte Frau
+von Kambach und strich lächelnd über das glühende Gesicht.</p>
+
+<p>»Morgen muß das Geld natürlich fort,« erklärte Sibylle, sich erhebend,
+»die Sache ist mir jetzt selbst etwas ungemütlich. Willst du es solange
+verwahren, Großmama? — Und dann hast du wohl die Güte, es unter deinem
+Namen an Direktor Wendler zu schicken?«</p>
+
+<p>»Ich soll es schicken? Dann hast du ja die Freude nicht?«</p>
+
+<p>»Ich habe meine Freude gehabt,« entgegnete Sibylle leise, und ihr Blick
+ging über die Kreuzesgestalt an der Wand. »Geht das Geld unter meinem
+Namen nach Düsseldorf, so ist sie dahin. Die Frauen, die 1813 Gold
+für Eisen gaben, haben auch nicht ihre Karte daran gehängt, und mein
+Schmuck dient einer größeren ewigen Sache!«</p>
+
+<p>Frau von Kambach war dem Blick der Enkelin gefolgt. Sie widersprach ihr
+nicht länger.</p>
+
+<p>»So darf ich's Wendler auch nicht sagen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span></p>
+
+<p>Sibylle antwortete nicht sogleich.</p>
+
+<p>»Nein,« entgegnete sie dann, »oder — doch — ja! Aber erst nach der
+Hochzeit — wenn — wenn ich die Sonne grüße! — Er soll nur nicht
+darüber sprechen!«</p>
+
+<p>Und dann rief sie plötzlich begeistert: »Großmama, ich hab ja auf der
+Rückreise die ›Brandenburg‹ gesehen, wie ein silberner Fisch zog sie
+durch die strahlende Luft! Wie ich mich auf die Hochzeitsreise freue!«</p>
+
+<p>Hochaufgerichtet stand die schlanke weiße Gestalt im Glanz des
+scheidenden Tages, in den Augen jenes wunderbare Leuchten, das ihr
+ganzes Wesen verklärte.</p>
+
+<p>»Also sag's ihm nur, aber erst dann, — wenn ich die Sonne grüße!«
+— —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Und dann war Frau Sabine allein. Durch ihre Seele zog's wie ein Gruß
+aus der Ewigkeit — — —</p>
+
+<p>Sinnend blickte sie über den Hof. Da sah sie den alten Postboten
+auf das Herrenhaus zukommen. Was wollte der denn am Sonntagabend in
+Dreilinden? Es mußte ein besonderer Grund vorliegen.</p>
+
+<p>Sie trat zum Fenster und winkte ihm.</p>
+
+<p>Eilig schritt der Alte auf die Gutsherrin zu.</p>
+
+<p>»Ick komm' nochmal, Exzellenz,« rief er ihr schon von weitem entgegen,
+»Exzellenz sollen nich bis morgen warten!« Er nahm die Mütze ab
+und strich erregt über das graue Haar. »Die Welt geht aus'n Fugen,
+Exzellenz — bei die Gottlosigkeit kann man sich über nichts mehr
+wundern!« Er zog ein Sonderblatt aus der Posttasche und reichte es ihr
+hinauf.</p>
+
+<p>Sie schob die Brille zurecht. Leise bebte ihre Hand.</p>
+
+<p>Und dann wurde ihr Blick starr. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen.
+Wieder und wieder las sie den kurzen inhaltsschweren Drahtbericht:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p>
+
+<p>›Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Herzogin von
+Hohenberg ermordet — —‹</p>
+
+<p>Das Blatt entsank ihren Händen und flatterte dem alten Postboten vor
+die Füße.</p>
+
+<p>Schwerfällig bückte er sich danach.</p>
+
+<p>»Exzellenz, det is zuviel!« Er glättete das zerknitterte Sonderblatt.
+»Meine Meinung is die: jetzt is es aus — det kann unser Herrgott sich
+nich länger gefallen lassen!«</p>
+
+<p>Sie fand noch immer keine Worte.</p>
+
+<p>Wieder und wieder las sie die entsetzliche Botschaft.</p>
+
+<p>»Ick hab Exzellenz erschreckt,« fuhr der Alte, ihr Schweigen
+mißverstehend, fort, »aber ick meinte, Exzellenz wüßten so was lieber
+heut als morgen, darum bin ick gleich nochmal rübergekommen. Exzellenz
+wollen entschuldigen!« Er wollte gehen.</p>
+
+<p>Da reichte sie ihm die Hand. »Sie haben nichts versehen, mein guter
+Peters! Im Gegenteil. Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie noch einmal,
+noch dazu am Sonntag, herübergekommen sind. Mein alter Kopf kann das
+Entsetzliche nur noch nicht fassen, die Worte fehlen mir!« Sie atmete
+schwer. Dann beugte sie sich vor und sagte mit gedämpfter Stimme: »Sie
+haben recht, Peters, das geht nicht so weiter, das, — das — —«</p>
+
+<p>Der Greis nickte. »Als die Leute den Turm zu Babel bauten, wußten sie
+nicht mehr, was sie Gott schuldig waren, — heutzutage is ihnen das
+Turmbauen langweilig geworden, da versuchen sie Thron und Altar zu
+stürzen, — so is es doch, Exzellenz!«</p>
+
+<p>Sie blickte gedankenverloren in die Ferne.</p>
+
+<p>Über der feiernden Heide stand der rote Schein der untergegangenen
+Sonne. Dunkler und dunkler ward die purpurne Lohe. Wer fremd durch die
+Mark wanderte, glaubte ein fernes Dorf brennen zu sehen, aber auch
+Einheimische hatte der glühende Himmel schon irregeführt. Es war, als
+wogte<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> ein Feuermeer hinter den dämmernden Hügeln, als schlügen die
+hellen Flammen aus dem Heidboden. »Die Welt brennt!« hatte vor Jahren
+eines ihrer Enkelkinder gerufen, als sie ihm beim Schlafengehen die
+leuchtende Heide gezeigt, und nicht geruht, bis sie es im Nachtröckchen
+ans Fenster trug und hinausschauen ließ. Mit bloßen Füßen hatte es auf
+dem Fensterbrett gestanden und dem verglühenden Schein nachgesehen:
+»Die Welt brennt, Omama!«</p>
+
+<p>In der Seele der Großmutter erwachte die Erinnerung. Die kleine
+schlichte Begebenheit aus der Kambacher Kinderstube trat aus
+dem Rahmen des Alltäglichen, aus der Enge in die Weite, und
+das Wort des märkischen Landbuben wurde im Glanz des sinkenden
+Juniabends Geschichte. Auf der Stirn der deutschen Frau lag's wie
+Prophetenklarheit; in tiefer Scheu vor dem Gewaltigen kam's über die
+greisen Lippen: »Die Welt brennt!«</p>
+
+<p>Entglomm fern in Bosnien heimlich beginnender Rassenkampf? nahte eine
+zweite Völkerwanderung? — Als zöge die gewappnete Reitergestalt jenes
+wundersamen Bildes, das ein deutscher Meister mit flammendem Pinsel
+geschaffen, im Glanze germanischer Siegesfeuer über die dämmernde
+Erde, leuchtete das Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wie ein
+glühender Rubin in die Nacht hinaus — — —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Siebzehntes_Kapitel"><span class="s5">Siebzehntes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der getreue Eckart.</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Deutschen Weibes Schwelle schirmen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ist des Mannes höchste Ehre!</div>
+ <div class="verse indent0">Frauenadels Wächter heißen,</div>
+ <div class="verse indent0">Höher steht's, als güldne Wehre!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>»Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar für Ihre Mitteilungen, mein
+lieber Herr von Roselius! Es scheint ja leider, als solle das traurige
+Material, das mir bereits zur Verfügung steht, vervollständigt werden.
+Ja, ich will es Ihnen offen sagen, als Sie sich bei mir melden ließen,
+ahnte ich, warum Sie kamen. Es fragt sich nun nur, wie man meiner armen
+Enkelin am besten hilft — ich fürchte, ehe sie nicht mit eigenen Augen
+ihr Unglück sieht, wird sie nicht zu einer Scheidung zu bewegen sein!«</p>
+
+<p>Frau von Kambach saß in ihrem Arbeitszimmer, den Kopf sorgenvoll in die
+Hand gestützt, dem vor einer Stunde überraschend eingetroffenen Gast
+gegenüber. »Sie werden es erleben, ehe sie nicht vor Tatsachen steht,
+ist nichts zu machen!«</p>
+
+<p>»Dieser Standpunkt wäre durchaus berechtigt, Exzellenz,« entgegnete der
+Oberleutnant, »aber Gräfin Bühler steht vor Tatsachen!«</p>
+
+<p>»Sie meinen das Kind?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span></p>
+
+<p>»Ja. Es ist mehr wie erblich belastet, es ist, wie Sie selbst mir
+mitteilten, nach Aussage des Arztes kaum lebensfähig!«</p>
+
+<p>»Gewiß, das unterliegt keinem Zweifel, aber eines dürfen wir nicht
+vergessen. Es kann sich hier um Vergangenes handeln. Sie wissen, wie
+verzweigt und schwierig dies Kapitel ist, wie viele Winkelzüge und
+Ausreden es ermöglicht — etwas ganz anderes ist es dagegen, wenn
+<em class="gesperrt">heute</em> eine tatsächliche Verschuldung zu beweisen wäre, wenn
+z. B. der Beweis unerlaubten Verkehrs erbracht werden könnte. Frauen
+ertragen und vergeben unendlich viel, wenn sie lieben, nur dies
+Eine, Letzte nicht. Darauf kommt es also an. Sie haben Beweise, daß
+derartiges vorliegt?«</p>
+
+<p>Er sah ernst vor sich nieder. »Der letzte Beweis fehlt mir ...«</p>
+
+<p>Sie seufzte. »Ich dachte es mir! — Sie haben also einen ganz
+bestimmten begründeten Verdacht; denn sonst würden Sie nicht so
+sprechen.«</p>
+
+<p>»Ja, den habe ich allerdings.«</p>
+
+<p>Beide schwiegen. — —</p>
+
+<p>»Exzellenz werden sich gewundert haben,« begann der Offizier aufs
+neue, »daß ich seit dem vorigen Herbst so viel im Bühlerschen Hause
+verkehre. Ich könnte ja mancherlei Gründe dafür angeben, vor allem
+die Kambachsche Gastfreundschaft und den Zauber echter Weiblichkeit,
+welche es traulich machen. Wir Junggesellen sehnen uns immer wieder
+nach derartigem Anschluß, wenn wir es auch nicht aussprechen.« Er fuhr
+mit der Hand über die Stirne, als wollte er einen Schatten bannen.
+»Trotzdem — der Grund liegt tiefer. Ich rede sonst natürlich nicht
+davon, aber vor Ew. Exzellenz mache ich kein Hehl daraus: ich kann
+es nicht mit ansehen, daß die Tochter eines alten edlen Geschlechtes
+zugrunde gerichtet wird, daß eine<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> Kambach ...« er atmete schwer,
+»Exzellenz wollen mir das übrige ersparen!«</p>
+
+<p>In tiefer Bewegung sah die alte Frau ihn an. Wie anders hätte das
+arme Kind es an der Seite dieses treuen zuverlässigen Mannes haben
+können — aber Ilse hatte sich durch Äußerlichkeiten und schöne Worte
+betören lassen. Nun war es zu spät, und die ritterliche Treue, die ihre
+Schwelle bewachte, vermochte die junge Frau kaum vor dem Äußersten zu
+schützen.</p>
+
+<p>Die Tränen traten ihr in die Augen.</p>
+
+<p>»Also ein getreuer Eckart?« sagte sie leise.</p>
+
+<p>Er schien ihre Gedanken nicht zu ahnen.</p>
+
+<p>»Hätt' ich's sein können!« rief er leidenschaftlich, »aber es ist
+wirklich ein wahres Wort, daß die Sünde im Finstern schleicht. Glauben
+Ew. Exzellenz, daß es mir bis jetzt, während Gräfin Bühlers bald
+vierwöchentlicher Abwesenheit, gelungen ist, dahinterzukommen, wie die
+Dinge stehen? Den Burschen kann ich doch schließlich nicht fragen! Es
+ist zum Tollwerden! Die Sache liegt auf der Hand, nur der letzte Beweis
+fehlt. Die Angst um die Gräfin läßt mich nicht mehr los! Darum kam ich
+her! Es lag mir am nächsten, Ew. Exzellenz meine Sorgen mitzuteilen.
+Herr von Kambach hat mich niemals nach seinem Schwiegersohn gefragt, —
+ich darf mich ihm nicht aufdrängen. Aber vielleicht könnte doch durch
+eine Warnung das Ärgste verhütet werden! Stellen Ew. Exzellenz sich
+vor, was eine unvorhergesehene Begegnung für die zarte Frau, die meines
+Erachtens trotz allem, was ihre Ehe trübt, an derartiges nicht denkt,
+bedeuten würde!«</p>
+
+<p>Sie hatte ihn während der letzten Worte sprachlos angesehen. »Also, Sie
+glauben wirklich ...?«</p>
+
+<p>»Ich glaube alles,« erwiderte er mit zusammengezogenen Brauen.</p>
+
+<p>Wieder saßen sie schweigend.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span></p>
+
+<p>»Und Harro?« fragte dann die Greisin.</p>
+
+<p>»Harro?« Seine Züge klärten sich auf. »Ich habe ihn ja seit seinem
+Kommando zum Luftschifferbataillon kaum gesehen. Aber er beginnt doch,
+wie es scheint, die Folgerungen des Lebens zu ziehen. Er ist ja trotz
+seiner leichten Ader nicht schlecht veranlagt. Vor allem ist ihm die
+geschwisterliche Liebe zu Hilfe gekommen. Der Grundstein, den das
+Elternhaus legt, wird so leicht nicht zertrümmert, Exzellenz! Ich habe
+ihn im Herbst in heller Empörung gesehen, als Bühler zum erstenmal in
+seiner Gegenwart ungezogen gegen die Gräfin wurde, — na, und was dann
+alles folgte, wissen Exzellenz ja! — Im übrigen hoffe ich, daß Harros
+Ehe einen guten Einfluß auf ihn ausüben wird. Gräfin Sibylle ist wie
+geschaffen zur Führerin einer solchen Natur. Sie wird ihn, ohne daß er
+und andere es merken, in kluger und taktvoller Weise beeinflussen, —
+sie tut es jetzt schon. Er ist schon viel zuverlässiger und ernster
+geworden. Es scheint wirklich, als begänne sein Leben eine andere
+Richtung zu bekommen. Wollen Exzellenz mir glauben, daß er kürzlich vor
+einigen Kameraden unseren Bund durch dick und dünn verteidigte — trotz
+seiner noch immer recht freien Weltanschauung. Seine Auffassung von der
+Sache war natürlich unklar. Aber der mühevolle, kein Opfer scheuende
+Kampf um ein versinkendes Volk hat auf ihn einen derartigen Eindruck
+gemacht, daß er mit seiner Person dafür eintrat. Natürlich kamen die
+anderen, zumal die Spötter, auf ihre Rechnung. Als aber ein Neuling
+›Hoch, Brandenburgs Rose!‹ dazwischenrief, da hätten Ew. Exzellenz
+unsere jungen Offiziere sehen sollen! Und Kambach war natürlich fein
+heraus! — Doch ich wollte das nur anführen!«</p>
+
+<p>Sie nickte ihm lächelnd zu: »Ja, sie ist eine rechte Bühler!« — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Roselius konnte nicht zum Abend bleiben, weil er schon gegen sechs
+wieder in Drachenburg sein mußte. Und Dreilinden hatte nicht die gute
+Bahnverbindung, wie Kambach. So mußte er Frau von Kambachs Einladung
+ablehnen. Mit herzlichem Dank entließ sie ihn.</p>
+
+<p>»Ich werde tun, was ich kann,« sagte sie, als er ihr, Abschied nehmend,
+die Hand küßte, »aber solange meine Mitteilungen sich nicht auf
+Tatsachen gründen, werde ich einen schweren Stand haben.«</p>
+
+<p>»Ich fürchte, meine Vermutungen werden bald Tatsachen werden,«
+entgegnete er ernst. »Darum habe ich nur die eine Bitte, daß irgend
+etwas geschehe, bevor die Gräfin zurückkehrt.«</p>
+
+<p>»Ich werde morgen nach Kambach fahren und mit meinem Sohn sprechen.
+Darf ich Ihren Namen nennen?«</p>
+
+<p>»Selbstredend, Exzellenz! Nur die letzte, kaum denkbare Möglichkeit
+eines Irrtums würde heute meinen Eid verhindern. Ich sah eine
+verschleierte Gestalt, die mir bekannt vorkam, in vorgerückter
+Stunde die Villa betreten und nach Mitternacht wieder verlassen. Da
+ich Bühlers gegenüber wohne, konnte ich die Sache gut beobachten.
+Auffallend ist außerdem, daß die häufigen Fahrten nach Berlin mit dem
+Tage, wo die Gräfin nach Kambach ging, aufgehört haben — er scheint
+häusliche Empfänge bequemer zu finden, — man weiß wirklich nicht, was
+größer ist, die bodenlose Unverschämtheit oder die Unvorsichtigkeit!
+Es liegt also jedenfalls etwas vor, — darum meine ich, es müßten
+Maßregeln getroffen werden, die Gräfin vor dem Äußersten zu schützen!«</p>
+
+<p>Er verbeugte sich tief. »Ich empfehle mich ganz gehorsamst, Exzellenz!«</p>
+
+<p>Fünf Minuten später rollte der Wagen über den Hof. — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Abendsonne stand über den Feldern, als Oberleutnant von Roselius
+heimkehrte. Nach Erledigung einer dienstlichen Angelegenheit wollte er
+noch ins Kasino gehen. Seinen Burschen, den er ausgeschickt, erwartend,
+stand er auf dem Balkon.</p>
+
+<p>Es dämmerte. Dunkler wurden die Schatten. Laternen blitzten auf, hier
+und da wurde eine Villa hell. Von den Kirchen klang der Schlag der
+Turmuhren herüber, und das Rathaus antwortete.</p>
+
+<p>Gedankenverloren blickte er die Straße entlang.</p>
+
+<p>Da sah er eine Dame langsam den Bürgersteig auf und nieder wandern.
+Soweit Roselius es im Zwielicht erkennen konnte, war sie unauffällig
+gekleidet. Trotzdem fiel sie, vielleicht nur durch ihr fortwährendes
+Auf- und Abgehen im Halbdunklen, auf. Ihm aber fuhr's durch den Sinn:
+›Das ist sie!‹ Er gab das Kasino auf, ließ sich kaltes Abendbrot
+auf den Balkon bringen und fuhr, durch eine Säule gedeckt, fort,
+die Fremde, die inzwischen näher gekommen war, zu beobachten. Jetzt
+fiel der Schein einer Laterne auf ihre Gestalt, sie neigte den Kopf,
+aber er hatte sie schon erkannt. Es war eine bekannte Berliner
+Varietekünstlerin. Heute war sie unverschleiert. — —</p>
+
+<p>Und wieder das Auf- und Abwandern. — —</p>
+
+<p>Da leuchtete plötzlich in der Bühlerschen Villa ein Licht hinter
+den verhangenen Scheiben auf. Die Halbweltdame schien nicht darauf
+zu achten. Gelassen wanderte sie noch einmal auf und nieder, blieb
+unvermittelt stehen und bog raschen Schrittes in eine Seitenstraße ein.
+Aber der heimliche Späher durchschaute das Manöver und wartete. Er
+hatte sich nicht geirrt. Nach kaum zehn Minuten kam sie im Schatten der
+Mauern zurück, huschte eilig durch den Vorgarten und verschwand in der
+Villa. — — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span></p>
+
+<p>Wahrhaftig, die Unverfrorenheit, etwas derartiges in einem vornehmen
+Regiment zu wagen, suchte ihresgleichen! — —</p>
+
+<p>Roselius sah die Straße entlang. Sie war menschenleer. Er war also der
+einzige Zeuge des Vorgangs. — —</p>
+
+<p>Über den Kirchen stieg die Sommernacht herauf. Vollmondschein lag auf
+dem deutschen Städtebild, und die Sterne zogen funkelnd ihre Bahn.</p>
+
+<p>Er aber rang mit abgrundtiefer Not, mit fremder Schuld und fremdem
+herzbrechendem Leid.</p>
+
+<p>Während er in schweren Gedanken die Straße überschaute, nahten zwei
+Gestalten. Er hatte nicht acht auf sie. Erst als sie in den Lichtkreis
+der Laternen traten, ward seine Aufmerksamkeit gefesselt.</p>
+
+<p>Und dann blickte er starr auf die schlanke Frau im langen Reisemantel,
+— ein Ruck ging durch seine Gestalt — im nächsten Augenblick war er
+auf der Treppe. Wie aus dem Boden gezaubert stand er vor ihr, atemlos,
+gewaltsam seine Erregung meisternd: »Gnädigste Gräfin, — verzeihen Sie
+einen Augenblick!«</p>
+
+<p>Ilse Bühler stand sprachlos vor ihm, ihr Kind im Arm. Ihre Begleiterin
+trug großes Handgepäck, welches für einen Wagen berechnet schien.</p>
+
+<p>»Um Gottes willen, Herr von Roselius, was ist geschehen? Ist mein Mann
+krank?«</p>
+
+<p>Er gab der Jungfer einen Wink, zurückzubleiben, und ging an der Seite
+der jungen Frau die Straße entlang.</p>
+
+<p>»Nein, er ist nicht krank, aber Sie dürfen nicht hinein, — in diesem
+Augenblick nicht, — es ist unmöglich!«</p>
+
+<p>Sie blieb vor ihm stehen.</p>
+
+<p>»Sie sprechen in Rätseln! Sagen Sie mir doch um Gottes willen, worum es
+sich handelt!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span></p>
+
+<p>»Ich kann Ihnen nur sagen, gnädigste Gräfin, daß Sie Ihr Haus heute
+abend nicht betreten dürfen!«</p>
+
+<p>»Aber wenn ich es will!«</p>
+
+<p>»Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen zu folgen!«</p>
+
+<p>Sie zuckte die Achseln. Eine dunkle Ahnung stieg in ihr auf und legte
+sich wie ein Alp auf ihr Herz. Aber sie bäumte sich dagegen auf. Sie
+wollte das Entsetzliche nicht glauben. Der Regimentskamerad ihres
+Mannes irrte — mußte irren —, es konnte nicht anders sein! Denn trotz
+allem, was gewesen, trotz allem, was ihre junge Ehe getrübt, liebte er
+sie — dies Bewußtsein machte sie stark, Vergangenes zu tragen, ob's
+noch so schwer war. Und sie umfaßte das kleine Bündel in ihrem Arm
+fester und drückte das schwache Körperchen an sich.</p>
+
+<p>Seit vier Wochen war sie bei ihrem Vater, um sich zu erholen. Nach
+Sibyllens Hochzeit, die in Bühl stattfinden sollte, wollte sie mit
+ihrem Manne nach Drachenburg zurückkehren. Da fing der Kleine an zu
+kränkeln. Der Kambacher Hausarzt schob die Sache auf den Milchwechsel
+und nannte sie ungefährlich. Aber Ilse erklärte ihrem Vater, der
+alte Herr verstände nichts von der Behandlung so kleiner Kinder, ihr
+Drachenburger Arzt habe Fritz Karl ganz anders behandelt, sie müsse
+nach Hause. Der Oberstallmeister war dagegen. Zuerst fügte sich Ilse
+den Wünschen des Vaters, dann aber erklärte sie plötzlich eines
+Morgens mit ungewöhnlicher Bestimmtheit, sie reise nachmittags. Und so
+geschah's. Unterwegs gestand ihr die Jungfer, daß sie vergessen habe,
+die Drahtnachricht an den Grafen zu befördern, — so war kein Wagen
+an der Bahn und zum Unglück an dem überfüllten Zug kein Gepäckträger
+zu haben. Die Koffer mußten auf der Bahn bleiben. Nur mit dem
+Notwendigsten versehen, kam sie unerwartet zu Hause an. —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span></p>
+
+<p>»Haben Sie Barmherzigkeit mit mir,« sagte sie, »was ist es?« Erschöpft
+lehnte sie sich an das Gartengitter.</p>
+
+<p>Er antwortete nicht.</p>
+
+<p>»Herr von Roselius!« bat sie flehend.</p>
+
+<p>»Das kann ein Mann einer Frau nicht sagen, gnädigste Gräfin!« Mit
+erstickter Stimme kam's heraus, so leise, daß nur sie es vernahm.</p>
+
+<p>Einen Augenblick stand sie wie gelähmt. Dann raffte sie sich gewaltsam
+auf und trat dicht vor ihn hin: »So sagen Sie mir nur eines, ich
+beschwöre Sie — ist — ist es — das Schwerste?«</p>
+
+<p>Er blickte in das schöne geliebte Antlitz, und sein Herz zog sich
+zusammen in tiefem Weh. Aber er machte sich hart. »Ja,« antwortete er
+tonlos.</p>
+
+<p>Da raffte sie die letzte Kraft zusammen und schritt ihm voran.</p>
+
+<p>Ein paarmal war's ihm, als müsse er sie stützen, aber dann ging sie
+erhobenen Hauptes weiter.</p>
+
+<p>Auf der Schwelle machte er noch einen letzten Versuch, sie
+zurückzuhalten, doch sie schüttelte stumm den Kopf. Und er verstand
+sie. Anderen glaubte sie es nicht, daß ihre Liebe mit Füßen getreten
+wurde.</p>
+
+<p>Die Jungfer, eine Kambacherin, mochte ahnen, daß ihrer jungen Herrin
+Schweres bevorstand. Bescheiden trat sie vor und fragte, ob sie ihr das
+Kind abnehmen solle.</p>
+
+<p>Aber die Gräfin hatte auch für diese treue Seele nur ein Kopfschütteln
+und drückte das Kleine, als gewähre es ihr einen Schutz in schwerster
+Stunde, fester an sich. — —</p>
+
+<p>Dann klingelt sie.</p>
+
+<p>Der Bursche, der jedenfalls Befehl hat, ungebetene Gäste fernzuhalten,
+prallt bei dem unerwarteten Anblick seiner Herrin zurück.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span></p>
+
+<p>Ein Blick aus den Augen des Oberleutnants gibt ihm die Haltung wieder
+und zwingt ihn zum Schweigen.</p>
+
+<p>Kein Wort wird gesprochen.</p>
+
+<p>Lautlos gleitet das Frauenkleid über den schweren Läufer, und der
+Schritt des Mannes verklingt ungehört.</p>
+
+<p>Dann steht Ilse Bühler vor der Tür ihres Mannes.</p>
+
+<p>Ein fremder steinerner Ausdruck liegt auf ihren Zügen.</p>
+
+<p>Drinnen klingt die Stimme des Hausherrn, dazwischen Frauenlachen und
+Gläserklingen.</p>
+
+<p>Wieder will Roselius ihr den Weg vertreten. Aber sie sieht seinen
+flehenden Blick nicht. Sie legt die Hand auf die Türklinke — sie
+öffnet — —</p>
+
+<p>Und dann zittert ein markerschütternder irrer Schrei durch das
+nächtliche Haus — — starke Hände stützen die Ohnmächtige und halten
+das gleitende Kind — drinnen tönt ein Fluch, das Lachen verstummt,
+auf dem Parkett zersplittert ein Kelch, — ein Flüstern, ein eiliges
+Rauschen weicher Seide — es ist still im Haus. — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am anderen Mittag stand ein geschlossener Wagen vor dem Kambacher
+Gutshause. Eine blasse Frau stieg langsam die Freitreppe hinan. Es war
+Ilse Bühler.</p>
+
+<p>Die furchtbare Aufregung hatte ihr die Kraft gegeben, sich
+aufrechtzuhalten und, sobald sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, das
+Haus ihres Mannes für immer zu verlassen. Nicht einmal die Kleider
+hatte sie gewechselt. Nur für das Kind sorgte sie, daß es hatte, was es
+brauchte.</p>
+
+<p>Ihren Mann sah sie nicht mehr. Nach einer scharfen Auseinandersetzung
+mit Roselius hatte er das Haus verlassen. Und sie war froh, ihm nicht
+mehr zu begegnen. Es war ja doch vorbei; was sollte es, sich um
+Tatsachen zu streiten, die wie Felssteine auf ihrem Lebenswege lagen?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p>
+
+<p>So machte sie sich hart. Ohne einen letzten Blick auf die Räume zu
+werfen, die einst ihr Glück umschlossen, nahm sie ihr Kind und verließ,
+gefolgt von der treuen Jungfer, das Haus.</p>
+
+<p>Am Gartengitter wartete der Wagen, den Roselius bestellt. Er hatte ihr
+behilflich sein, sie zur Bahn geleiten wollen, aber sie bat ihn, davon
+abzusehen.</p>
+
+<p>»Es ist besser so,« sagte sie, ihm herzlich dankend. »Ich komme schon
+durch!«</p>
+
+<p>Da hatte er der tapferen Frau die Hand geküßt und war gegangen. — —</p>
+
+<p>Und nun stand sie ihrem Vater gegenüber.</p>
+
+<p>Der ganze Jammer ihrer Lage stürmte auf sie ein, ihr zertretener
+Stolz bäumte sich auf gegen die Demütigung, die in dieser Heimkehr
+lag. Wie oft hatte ihr Vater sie gewarnt; nun mußte sie vor ihn
+treten, die Scherben ihres Glückes in den Händen. Es war ihr ums
+Herz, als zerbräche etwas in ihr, als müsse sie den letzten Funken
+Selbstbewußtsein begraben.</p>
+
+<p>Er hatte ihren Wagen nicht kommen gehört. Überrascht blickte er auf,
+als es leise an seine Tür klopfte, und die Tochter eintrat.</p>
+
+<p>Ein Blick sagte ihm alles. Aber sie mußte ihm selbst sagen, warum sie
+nach kaum vierundzwanzig Stunden ins Elternhaus zurückkehrte. Sein
+Gerechtigkeitsgefühl forderte ihre Erklärung dem Manne gegenüber, den
+er, ob auch widerstrebenden Herzens, als Sohn anerkannt.</p>
+
+<p>»Du kommst zurück, Ilse?« fragte er, sich erhebend und der jungen Frau
+einen Stuhl neben den Schreibtisch rückend.</p>
+
+<p>Dann saßen sie sich gegenüber.</p>
+
+<p>Sorgenvoll ruhte sein Auge auf ihr.</p>
+
+<p>Sie senkte den Blick. »Ich durfte nicht bleiben, Vater!«</p>
+
+<p>»Warum nicht?«</p>
+
+<p>Seine kurze soldatische Art hatte, so sehr sie ihn liebte, von<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> jeher
+etwas Einschüchterndes für sie gehabt. Flammende Röte stieg ihr in die
+Stirn. Wieder senkte sie den Blick.</p>
+
+<p>Er aber vermutete Unüberlegtheit, Übereilung, verletzte Eitelkeit oder
+irgendeine andere weibliche Schwäche hinter ihrer Tat.</p>
+
+<p>»Ich weiß, daß du es nicht leicht mit deinem Mann hast,« sagte er,
+»aber du bist genügend gewarnt worden, liebes Kind! So traurig
+sich deine Ehe auch gestaltet hat, — vorläufig wenigstens gilt es
+darum: ›Wer A gesagt hat, muß auch B sagen,‹ — es sei denn, daß
+ganz bestimmte schwerwiegende Gründe dich veranlaßten, sein Haus zu
+verlassen, nachdem du gestern aus freien Stücken zu ihm zurückgekehrt
+bist. Ich muß dich daher bitten, dich deutlicher zu erklären!«</p>
+
+<p>Er lehnte sich im Stuhl zurück, die blauen Augen blickten sie
+durchdringend an. »Was ist der Grund deines Fortgehens?«</p>
+
+<p>Ein Zittern durchrann die Gestalt der Gräfin. Sie öffnete die Lippen
+und schloß sie wieder. Ein Ausdruck namenlosen Schmerzes lag auf den
+schönen Zügen.</p>
+
+<p>Dann schlug sie beide Hände vors Gesicht und stöhnte in tiefster
+seelischer Qual: »Ehebruch!« — — —</p>
+
+<p>Still war's im Zimmer. Regungslos saß Ilse Bühler da, das Gesicht in
+den Händen vergraben, stumm tränenlos verzweifelt.</p>
+
+<p>Die Brauen zusammengezogen, starrte Herr von Kambach vor sich nieder.</p>
+
+<p>Dann fiel sein Blick auf die gebrochene Gestalt seiner Tochter.</p>
+
+<p>Schwerfällig stand er auf und beugte sich über sie. Seine Hand strich
+liebkosend über ihre Wange, wieder, immer wieder.</p>
+
+<p>Ohne sich zu regen, hielt sie ihm still.</p>
+
+<p>Ratlos stand er da. Fast schämte er sich, daß er kein Wort<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> des Trostes
+für das Kind hatte, — was sollte er sagen? Und leise streichelte er
+die weiche Wange.</p>
+
+<p>Er merkte nicht, daß es klopfte, daß eine gebeugte Gestalt am
+Krückstock eintrat. Erst ein leises Hüsteln ließ ihn aufsehen. Vor ihm
+stand seine Mutter.</p>
+
+<p>Sie sahen sich an. — — —</p>
+
+<p>Und dann näherte sich Exzellenz von Kambach der Enkelin.</p>
+
+<p>»Ilse!«</p>
+
+<p>Wie aus wirrem Traum erwachend, sah die junge Frau empor. Und unter dem
+Blick der Augen, die mit mütterlicher Treue ihre Jugend behütet, löste
+sich der Bann. Die Tränen stiegen ihr heiß empor, ein Weinen aus allen
+Quellen der Seele erschütterte ihren Körper.</p>
+
+<p>»Großmutter,« schluchzte sie, »Großmutter!«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Achtzehntes_Kapitel"><span class="s5">Achtzehntes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Veteranen.</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wir möchten euch wieder lehren</div>
+ <div class="verse indent0">Die alte preußische Zucht,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Treue, die allerorten</div>
+ <div class="verse indent0">Das Heil ihres Volkes sucht!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Was Vaterlandsliebe und Sitte,</div>
+ <div class="verse indent0">Was unser geweihtes Gut,</div>
+ <div class="verse indent0">Wir möchten's ins Herz euch schreiben</div>
+ <div class="verse indent0">Mit märkischem Adelsblut!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihr habt eures Gottes vergessen, —</div>
+ <div class="verse indent0">Nun fault eure beste Kraft!</div>
+ <div class="verse indent0">Wo ist die blinkende Ehre</div>
+ <div class="verse indent0">Altpreußischer Ritterschaft?</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Es war einer von jenen Sommertagen, die dem Herbst zum Verwechseln
+gleichen, wo Sonne und Nebel miteinander kämpfen, wo sie leuchtend
+siegt, oder ein leiser Regen niederschauert, Stunde um Stunde, bis der
+Abend das Land in seine Schleier hüllt. Heute blieb der Nebel König.
+Von Busch und Baum tropfte es, in den Dachrinnen des alten Schlosses
+plätscherte es, durch alle Ritzen kroch's naßkalt herein.</p>
+
+<p>Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht und fuhr über den Park.
+Zerzauste Pflanzen standen trauernd auf den Rasenplätzen, geknickte
+Blumen welkten am Wege. Es war ein grauer freudloser Tag.</p>
+
+<p>Melancholisch blickte der alte Graf Bühler ins Freie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p>
+
+<p>»Nun auch noch dieses trostlose Wetter,« sagte er, den weißen Kopf
+schüttelnd, »als ob der Hochzeitstag des armen Kindes nicht schon
+trübe genug wäre! Exzellenz haben heute früh noch keine Nachricht aus
+Kambach?«</p>
+
+<p>Er wandte sich der Greisin zu, die, am vergangenen Abend eingetroffen,
+am Schreibtisch eines Bühlschen Gastzimmers saß.</p>
+
+<p>»Doch, eben schreibt Fräulein Eichel, die Besserung in Ilses Befinden
+halte an. Das Fieber sei heruntergegangen, der Arzt den Umständen nach
+zufrieden. Daß das Kind starb, ist ja nur ein Glück, Erlaucht! Wir
+können Gott danken, daß er dies arme kleine Leben auslöschte, bevor ...«</p>
+
+<p>»Sagen Sie es nur ruhig,« rief er mit bebender Stimme, »bevor die
+Sünde des Vaters seine Tage vergiftete! Es heißt nicht umsonst: ›bis
+ins dritte und vierte Glied‹. Die Bibel lügt nicht!« Zornesröte lag
+auf dem edlen Antlitz. »Exzellenz, ich habe manchen schweren Tag in
+meinem Leben zu verzeichnen, ich hab' an Sarg und Grab gestanden,
+hab' gefehlt und geirrt, denn ich bin ein sündiger Mensch, — aber
+ich bin ein Edelmann geblieben! — Obgleich ich als Christ natürlich
+ein ausgesprochener Gegner des Duells bin, hab' ich's darum doch
+verstanden, daß Harro Kambach seinen Schwager forderte. Es spricht für
+ihn, daß er sofort für die Ehre seiner Schwester eintrat. Es hat mir
+gefallen, wenn ich auch das Duell als solches aufs schärfste verurteile
+und mich über die ablehnende Haltung des Ehrenrates freue! Die Strafe,
+die Wolf Dietrich zuteil wird, ist meiner Ansicht nach überdies die
+einzig richtige, weil sie den Schuldigen wirklich trifft. Wer mit
+schlichtem Abschied aus dem Heer entlassen ist, der ist erledigt.« Er
+seufzte. »Ja, Exzellenz, die schwerste Stunde meines Lebens war die,
+in welcher ich mir sagen mußte: ›Dein Enkel hat seiner Mannesehre
+vergessen, einer deines Blutes ist — ein Schuft!‹ Das war zuviel, und
+das verwind' ich auch nicht wieder — das — das<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> bringt mich ins Grab!
+Zum erstenmal in meinem Leben hab' ich's beklagt, daß Bühl Majorat
+ist, — wär's anders, keinen Halm erbte der Mann, der des Königs Rock
+ausziehen mußte, der — der nicht mehr mein Enkel ist!«</p>
+
+<p>Die Greisin antwortete nicht. Was sie da vernahm, war Art von ihrer
+Art, die Jahrhunderte alte Überlieferung des Begriffes Adel. Sie hätte
+denselben, ohne schwarz weiß zu nennen, nicht anders fassen können,
+sich selbst wäre sie untreu geworden, hätte sie den Makel auf dem alten
+Schilde entschuldigend bedeckt. Denn hier gab es keine Entschuldigung.
+Hier konnte nicht einmal das sittlich stark anrüchige Wort
+›Interessenvertretung‹ zum Milderungsgrunde werden, hier handelte es
+sich um die nackte ungeschminkte Sünde in ihrer furchtbarsten Gestalt.
+Sie wußte, viele würden die Haltung des greisen Erblandmarschalls hart
+nennen, — mochten sie es tun! — Die Knochenerweichung des modernen
+Sittlichkeitsbegriffs war ja nicht von gestern. Ob zudem die Vielen,
+welche für den Mann, der seine Ehe mit Füßen getreten, eine Lanze
+brachen, die gefallene Frau in ähnlicher Weise verteidigen würden?
+Frau von Kambach wußte, daß in dem Verhalten des alten Edelmannes der
+Haß gegen die doppelte Moral stark mitsprach. Sie selbst empfand die
+sittliche Verfehlung der Frau naturgemäß schwerer als die des Mannes,
+ihrem echt weiblichen Sinne hätte eine andere Auffassung widersprochen.
+Sie wußte, daß Graf Bühler, dessen ritterlicher Sinn Frauenehre wie
+kein anderer hochhielt, ebenso dachte. Trotzdem waren sie sich darin
+einig, daß Gesellschaft und Rechtspflege hier einer gründlichen
+Verbesserung bedurften, daß Recht und Gerechtigkeit nicht miteinander
+in Einklang standen. Es war ein Ausschnitt aus dem Zeitgemälde,
+das sich in immer düstereren Einzelbildern vor den Augen der Welt
+entrollte, ein Kapitel aus der Geschichte des deutschen Verfalls. So
+gab sie ihm vollkommen recht, so strich<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> sie nichts ab von dem klaren
+scharfen Urteil. Nur um eines bangte sie: daß er vergessen möchte, daß
+es gen Abend ging, daß der Tod ihn abrufen könne, bevor er das Wort der
+Vergebung gesprochen.</p>
+
+<p>Mühsam erhob sie sich und trat an seine Seite.</p>
+
+<p>»Ich stehe auf ganz demselben Standpunkt, — Erlaucht wissen das ja!
+Für eine alte Frau wie mich, passen die modernen Begriffe nicht. Nur
+eines möchte ich bitten: Lassen Sie uns nicht vergessen, daß unsere
+Tage gezählt sind, und daß es für jeden von uns heißt: ›Vergebet, so
+wird euch vergeben!‹«</p>
+
+<p>Die Adleraugen sahen sie blitzend an. Ritterlich zog er die welke
+Frauenhand an die Lippen. »Seien Sie unbesorgt, teuerste Freundin, ich
+werde es nie vergessen, daß ich ein Christ bin, aber es gibt auch eine
+christliche Zucht!«</p>
+
+<p>»Gewiß, anders meinte ich's ja auch nicht. Nur müssen wir beide daran
+denken, daß wir nicht mehr allzulange Zeit haben!«</p>
+
+<p>Er nickte nachdenklich. »Sie haben ganz recht.« Er sah vor sich nieder.
+»Das erschwert uns das Handeln. Heute darf ich ihm nicht vergeben. Denn
+noch ist seine Reue nicht echt.«</p>
+
+<p>»Nein, noch ist sie nicht echt. Aber ist's nicht andererseits die
+schwerste Strafe, daß er von der Hochzeitsfeier der einzigen Schwester
+ausgeschlossen ist?«</p>
+
+<p>»Er bleibt auch sonst ausgeschlossen.«</p>
+
+<p>Sie sah gequält zum Fenster hinaus. Alles, was er sagte, entsprach
+ihrem Gerechtigkeitssinn. Und doch —</p>
+
+<p>»Ich bitte Erlaucht ja auch nur, dem verlorenen Sohn die Tür nicht zu
+verschließen, wenn er sich aufmacht und am Vaterhause klopft,« sagte
+sie mit leise bebender Stimme.</p>
+
+<p>Die Tränen stiegen ihm in die Augen.</p>
+
+<p>Er gedachte einer anderen, die ihn ein Menschenalter hindurch<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> auf
+seinem Wege begleitet, die ihm die Sorgen verscheucht und den Zorn
+besänftigt. Nun fehlte die sanfte glättende Hand, die beruhigende
+Stimme auf Schritt und Tritt.</p>
+
+<p>Die Erinnerung stieg herauf und grüßte die ehrwürdigen Vertreter
+vergangener Tage.</p>
+
+<p>Er zog die Uhr. »Es wird Zeit,« sagte er. »Um elf kommt der
+Standesbeamte.«</p>
+
+<p>Noch einmal neigte er den Kopf über die Hand der alten Freundin. »Sie
+können sich auf mich verlassen,« sagte er leise.</p>
+
+<p>Dann war sie allein.</p>
+
+<p>Den Kopf in die Hand gestützt, sah sie vor sich nieder. Sie hatte
+sich diesen Tag so ganz anders gedacht. Leuchtend und sonnig, wie
+das junge Menschenkind, das heut zum Traualtar treten wollte. Statt
+dessen überall Unruhe, schweres Warten. Seit dem Tage von Sarajewo
+wetterleuchtete es am politischen Himmel. Ein Bann lag über Europa. In
+fiebernder Spannung blickten die Völker auf Österreichs greisen Kaiser.
+Serbien war die Brutstätte für Laster und Königsmord. Ob seine Fürsten
+und Herren an die Bahre Franz Ferdinands traten, ob der Mann aus dem
+Volke der Leiche des Ermordeten nahte, — die Todeswunde brach auf und
+blutete und blutete — — Sollte der internationale Giftkessel brodeln
+bis zum Überschäumen? sollte er ungehindert seine furchtbare Lauge über
+Thron und Herrschaft ergießen? Die Völker Europas warteten — — —
+Aber ihre Propheten sprachen: ›Es ist die Wende der Weltgeschichte!‹ —
+Ein Ahnen ringsum. Blutzeichen wiesen auf eherne Zeiten. — — — — —</p>
+
+<p>Ein Wolkenschatten zog über das Hochzeitshaus in der Mark. Das
+Gespenst, das Deutschland bedrohte, blickte zum Fenster herein und
+nickte einem zu, der sich drinnen eingenistet. Der Schmerz war's, der
+stärker ist als der Tod; denn die Schuld, die der Letzte seines Stammes
+begangen, bedeutete<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> Verrat an ererbtem Blut und edler Sippe. Das war
+der fressende Wurm am Mark des Edelgeborenen. Wie eine schwere Anklage
+stand eine reine Frau vor dem alten Geschlecht. Niemals würde ein Wort
+über ihre Lippen kommen, aber ihr Anblick blieb ein stummer Vorwurf und
+der Sarg eines kleinen Kindes stand zwischen zwei Familien, die seit
+Jahrhunderten treu zueinander gehalten.</p>
+
+<p>Schloß Bühl hatte sich zu einem großen glänzenden Fest gerüstet; nun
+sollte die Hochzeit in aller Stille gefeiert werden. Denn allein
+der Umstand, daß drüben in Kambach die Tochter des Hauses, während
+man ihr Kind begrub, schwer krank daniederlag, verbot rauschende
+Lustbarkeiten. Aber obgleich nur die engste Familie und ein paar von
+Harros Regimentskameraden geladen waren, herrschte Zerrissenheit in
+dem kleinen Kreise. Man fand sich schwer zueinander. Wolf Dietrich
+Bühler hatte sich in der Familie großer Beliebtheit erfreut, da wollt's
+manchem nicht recht in den Sinn, daß er plötzlich ein räudiges Schaf
+geworden sein solle. Konnte nicht auch die Frau schuld an dem Unglück
+sein? Und einer gab hier seine Weisheit zum besten, und der andere
+dort. Es wurde vergrößert, wurde verkleinert. Und zuletzt wußten die
+wenigsten, wie sie sich zu der Sache stellen sollten. Die Hauptpersonen
+merkten zum Glück nicht viel davon. Nicht nur das Brautpaar. An den
+greisen Hausherrn, an Exzellenz von Kambach und ihren Sohn, an die
+Brautmutter wagte sich der Klatsch nicht heran. Aber eine frohe
+Stimmung wollte nicht aufkommen; es wäre ja auch unnatürlich gewesen.</p>
+
+<p>Grau in grau lag der Tag, auf den sie sich so gefreut, vor der alten
+Frau. Alles hatte sich verschoben. Nicht nur das große Ganze. Auch
+kleine Zwischenfälle störten und beunruhigten sie. Direktor Wendler,
+an den eine Einladung ergangen war, konnte sich erst kurz vor seiner
+eigenen Hochzeit<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> frei machen. Eichelchen war an Ilses Krankenlager
+gefesselt, bis eine Diakonisse aus Berlin eintreffen würde. Ein
+Dreilindener Kochlehrling, ein frisches niedliches Mädchen von siebzehn
+Jahren, lag mit schwerer Diphtherie im Drachenburger Krankenhause. Und
+endlich konnte die greise Frau sich nicht an die Hochzeitsreise des
+jungen Paares mit dem Luftschiff gewöhnen. Wie vieles Neue dem Alter
+fremd bleibt, war ihr diese Errungenschaft der Neuzeit fremd geblieben.
+Schließlich hatte sie sich zwar so weit daran gewöhnt, daß sie die
+strategische Notwendigkeit der Luftschiffahrt zugab. Aber niemand
+durfte ihr damit kommen, daß es zum guten Ton gehöre, in einer Gondel
+gesessen zu haben. Wer solche Ideen vertrat, kam schön bei ihr an.
+Sibyllens brennendem Wunsch, ihre Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹
+zu machen, hatte sie, soviel sie konnte, entgegengearbeitet. Aber
+gegen die flammende Begeisterung des Brautpaars, welche durch den
+Oberstallmeister noch genährt wurde, kam sie nicht auf. Sibylle machte
+ihr allen Ernstes den Vorschlag: »Großmutter, fahr doch ein Stück
+mit, du wirst entzückt sein!«, und Harro erklärte, es sei nur bei
+ganz seltenen, unvorhergesehenen Zwischenfällen, mit denen man doch
+schließlich überall rechnen müsse, gefährlich. — Sie merkte, sie drang
+nicht durch. Aber ihre Sorge war unvermindert. Immer wieder dachte
+sie an den Ausspruch eines ihr bekannten Fachmannes: ›Den höheren
+Naturgewalten ist das Luftschiff natürlich nicht gewachsen. Wohl vermag
+es starken Winden standzuhalten, der Gewalt des Orkans gegenüber ist
+die Kraft der Propeller so gut wie machtlos.‹ — Allerdings — Flügel
+ersetzten sie nicht, und die forderte der Verkehr mit der Luft. Das
+Leben fehlte. Die unumschränkte Herrschaft über Bewegung und Kurs. Das
+Natürliche, das sich der Natur anpaßte. Dann fragte sie sich zwar:
+›Sind wir nicht in anderen Lebenslagen ebenso oft oder gar öfter in
+Gefahr?‹ Doch die Angst ließ sie<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> nicht los, und immer wieder zog ihr
+das warnende Wort der Phorkyas aus dem ›Faust‹ durch den Sinn:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Aber hüte dich zu fliegen,</div>
+ <div class="verse indent0">Freier Flug ist dir versagt!‹ — — —</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Es klopfte.</p>
+
+<p>Sibylle trat ein. Ernst und glücklich.</p>
+
+<p>Sie hatte eine schwere Zeit hinter sich. Die Ungewißheit bis zur
+Entscheidung des Ehrenrates wenige Tage vor der Hochzeit hatte Mut und
+Gottvertrauen auf eine starke Probe gestellt. Dann waren die Würfel
+gefallen: der Mann, den sie liebte, war ihr neu geschenkt worden. —</p>
+
+<p>Ganz still saß sie einen Augenblick bei der Großmutter. Gesprochen
+wurde kaum.</p>
+
+<p>Zum letztenmal legte Frau von Kambach die Hände auf das dunkle
+Mädchenhaupt, das in wenig Augenblicken Kranz und Schleier zieren
+sollten.</p>
+
+<p>Dann schied die Braut.</p>
+
+<p>»Großmutter, nicht wahr, du betest für uns?« sagte sie mit bewegter
+Stimme.</p>
+
+<p>»Ja, mein Liebling, das verspreche ich dir!« Sie schlang den Arm um den
+Hals der Enkelin. »Gott behüte dir dein Glück!« Sie küßte sie mehrmals.
+»Leb' wohl, meine Billy!«</p>
+
+<p>In tiefer Bewegung neigte sich das junge Mädchen zum letztenmal über
+die Hand der Greisin. Dann eilte sie hinaus.</p>
+
+<p>»Nicht wahr, wenn der Sturm anhält, fahrt ihr nicht mit der
+›Brandenburg‹ — du versprichst es mir?« rief Frau von Kambach ihr nach.</p>
+
+<p>Sie blieb auf der Schwelle stehen.</p>
+
+<p>»Verlaß dich darauf, Großmama! Harro würde das niemals tun, schon dir
+zuliebe! Außerdem fahren die Zeppelinschiffe bei solchem Sturm gar
+nicht. Was hätten wir auch davon,<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> da oben im Nebel zu sitzen und zu
+frieren,« — ein Lächeln flog über ihr lebhaftes Gesicht, — »du weißt
+doch, ich will die Sonne grüßen!! Düsseldorf ist ja auch weit fort von
+hier und wir haben noch vierundzwanzig Stunden Zeit bis zum Aufstieg,
+bis dahin kann schönstes Wetter sein!«</p>
+
+<p>Beruhigt nickte ihr die Greisin zu. »Harro kommt noch zu mir, nicht
+wahr?«</p>
+
+<p>»Ja, gewiß. Ich wollte auf ihn warten, aber es wurde zu spät, weil
+die Ziviltrauung jetzt ist, und er vorher noch mit Papa zu tun hatte.
+Nachher muß ich mich gleich umziehen, darum benutze ich den freien
+Augenblick. Verzeih, daß wir getrennt kommen! Harro wird also sofort
+nach dem Standesamt bei dir erscheinen!«</p>
+
+<p>Noch einmal strahlten die dunklen Augen Frau Sabine an. »Leb wohl,
+Großmutter!«</p>
+
+<p>Dann fiel die Tür ins Schloß und ein leichter Schritt ging über die
+Dielen. — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Stunden waren vergangen. Der Sturm hatte sich gelegt. In die Fenster
+der Bühler Dorfkirche hatte die Sonne geleuchtet und die Braut an ihrem
+Ehrentage gegrüßt.</p>
+
+<p>Nun war alles vorüber. Wie einst Ilse Bühler, wurde die junge Frau von
+Kambach von bäuerlichen Fackelreitern zur Gutsgrenze geleitet.</p>
+
+<p>Schenkersch Vadder, der seinen Herrn begleitet und die Oberaufsicht
+beim Decken der Hochzeitstafel geführt, hatte es sich nicht nehmen
+lassen, den Neuvermählten den Wagenschlag zu öffnen, und die Bühler
+Dienerschaft überließ dem Greise gern das Ehrenamt.</p>
+
+<p>Sibylle rechnete ihm den kleinen Dienst hoch an. Freundlich nickte sie
+ihm zu, zog eine weiße Marschall-Niel-Rose aus dem Brautbukett und
+reichte sie ihm.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p>
+
+<p>Franz Schenker strahlte. Mit tiefer Verbeugung sagte er: »Ich danke
+untertänigst, gnä' Frau!«</p>
+
+<p>Sie lächelte. »Besuchen Sie uns auch einmal, Herr Schenker!«</p>
+
+<p>Dann sah sie sich um, ob ihre Blumen alle im Wagen seien, und zog die
+Reisedecke in die Höhe: »So, Harro, nun kann's losgehen!«</p>
+
+<p>Ein letztes Grüßen, ein Flattern weißer Tücher, die Pferde zogen an
+und die Tochter des alten märkischen Geschlechtes fuhr, von wehenden
+Fackeln begleitet, ins Leben hinaus.</p>
+
+<p>»Hoch Brandenburgs Rose!« jauchzte es hinter der Scheidenden her, dann
+war alles still, nur der Hufschlag der Rosse klang durch die Nacht,
+und der Wind summte sein tausendjähriges Feierlied in den Zweigen der
+träumenden Birken. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Ob es wohl morgen schön wird?« sagte die junge Frau und betrachtete
+zweifelnd vom Fenster des <span class="antiqua">D</span>-Zuges den Himmel. »Es wäre ein
+Jammer, wenn wir nicht fliegen könnten!«</p>
+
+<p>Ihr Gatte trat zu ihr und legte den Arm um die schlanke Gestalt.
+Glücklich sah er auf sie nieder. Dann prüfte sein Auge den Himmel. »Das
+Wetterglas steht nicht schlecht,« sagte er. »Ich habe Großmama übrigens
+versprochen, daß wir die Fahrt nur bei gutem Wetter mitmachen. Und dies
+Versprechen muß ich halten. Es tut mir so leid, daß sie sich noch immer
+so ängstigt, es wäre wirklich das beste, sie machte einmal selber eine
+Zeppelinfahrt!«</p>
+
+<p>»Das tut sie nicht,« meinte Sibylle. »Sie sieht ja jetzt ein, daß
+Deutschland nicht ohne die Luftschiffahrt auskommen kann, — das ist
+Papas Verdienst. Aber sie läßt sie auch nur strategisch gelten. Daß
+wir unsere Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> machen wollen, ist
+eigentlich ein Verbrechen. Großmutter ist zu alt für solche Neuerungen,
+Schatz! Sie sagte mir neulich, hier müsse es heißen, ›Naturkraft gegen
+Naturkraft‹. Aber der schöpferische Grundgedanke fehle, der Propeller
+habe weder das Anpassungsvermögen noch die natürliche Widerstandskraft
+des fliegenden Vogels.«</p>
+
+<p>Er zuckte die Achseln. »Als die Eisenbahn erfunden wurde, war es
+dieselbe Geschichte. Niemand von den älteren Herrschaften wollte in die
+›Höllenmaschine‹ hinein. Und heute? Wenn man die Sache so ansehen will,
+hält überhaupt kein menschliches Werk den Elementen stand. Dann ist die
+Natur König!«</p>
+
+<p>»Gott,« sagte sie leise.</p>
+
+<p>Er schloß das Fenster und zog sie neben sich auf den Polstersitz.</p>
+
+<p>»Du mußt doch zugeben, daß hinter allem Leben eine Naturgesetzlichkeit
+steht, die das Ganze beherrscht, Billy, und somit alles Weltgeschehen
+von ihr abhängig ist.«</p>
+
+<p>Sibylle Kambach blickte ihren jungen Gatten voll an. »Ich denke gar
+nicht daran, das zuzugeben.«</p>
+
+<p>Er sah ihr belustigt in die sprühenden Augen. »Unsere Hochzeitsreise
+fängt ja schön an!«</p>
+
+<p>»Daran bist du ganz allein schuld! Ich kann das doch nicht
+stillschweigend mit anhören, wenn du etwas so Widersinniges sagst!«</p>
+
+<p>»Oho!«</p>
+
+<p>»Ja. Du sagtest doch kürzlich, du neigtest neuerdings stark zum
+Pantheismus. Danach ließest du den Schöpfer gelten. Ist denn dieser
+Schöpfer abhängig von den Gesetzen der Natur, die er selbst geschaffen
+hat? Liegt darin nicht schon ein Widerspruch? Gott wäre demnach ja eine
+Maschine! Außerdem müßte ein in irgendeiner Weise abhängiger Schöpfer<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span>
+doch wieder einen Schöpfer haben und dieser wieder einen! Wer wäre dann
+der Urschöpfer? Nein, lieber Schatz, du kannst es mir glauben, das, was
+wir Naturgesetzlichkeit nennen, ist etwas anderes, als du annimmst. Es
+ist ein fortwirkender, aber kein schöpferischer Faktor. Die Kräfte, die
+Gott in die Natur gelegt hat, entwickeln sich weiter. Wir kurzsichtigen
+Menschen nennen das ›Naturgesetzlichkeit‹ und bilden uns, der Himmel
+weiß was auf diese großartige Erkenntnistheorie ein. Und doch kommen
+wir selbst am schlechtesten dabei weg, denn nach dieser Theorie haben
+wir keinen allmächtigen Gott und Vater im Himmel, sondern sind der
+Naturgesetzlichkeit verfallen.« Sie sah ernst vor sich nieder.</p>
+
+<p>Ihrem Mann war diese Wanderung durch die Gefilde der Philosophie wenig
+angenehm, aber er mußte sich andererseits sagen, daß er nicht ganz
+unschuldig daran sei.</p>
+
+<p>»Na, unsere Hochzeitsreise soll nicht durch die Frage gestört werden,
+nicht wahr, Schatz?« versuchte er Sibylle von dem heiklen Thema
+abzulenken. »Wir haben ja unser Glück!«</p>
+
+<p>»Mich beunruhigt die Frage durchaus nicht, Harro, denn ich habe die
+Antwort,« erwiderte sie. »Aber aufs Glück kommt es nicht an, sondern
+darauf, daß wir auf Felsengrund stehen.«</p>
+
+<p>Sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn heiß und innig.</p>
+
+<p>Er aber blickte in die dunklen Augen, die ihre ganze Seele
+widerspiegelten, und sagte sich: ›Sie gibt dir ihr Bestes!‹</p>
+
+<p>Schweigend saßen sie beisammen.</p>
+
+<p>Draußen huschten die Lichter vorüber, und die farbigen Signale
+leuchteten.</p>
+
+<p>»Ich möchte gerne noch etwas von der ›Brandenburg‹ hören,« bat sie.
+»Ist sie schön ausgestattet?«</p>
+
+<p>Sie rückte näher an seine Seite und breitete die Reisedecke<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> über sich
+und den Gatten. »So, nun ist's gemütlich, — nun erzähl'! Schade, daß
+wir die Probefahrt nicht mitgemacht haben, — wir hätten acht Tage
+früher heiraten sollen.«</p>
+
+<p>»Ja, Billy, das ist nun zu spät! Warum hast du nicht eher daran
+gedacht?«</p>
+
+<p>Sie nahm den Hut ab und lehnte den Kopf an seine Schulter. »So —
+also Herr Oberleutnant sind zum Vortrag bei Durchläuchting befohlen!
+Antreten!«</p>
+
+<p>Er lachte. »Warte, wenn wir erst in unseren vier Pfählen sind, kehre
+ich den Herrn und Gebieter heraus. Heute geht dir noch einmal alles
+durch — aber dann! Durchläuchting wird sich noch wundern!«</p>
+
+<p>Ihre Augen blitzten ihn an. »Durchläuchting ist auf alles vorbereitet!«</p>
+
+<p>»So — desto besser!«</p>
+
+<p>Und dann begann er ihr von dem wunderbaren Schiff zu erzählen,
+vom neuesten Zeppelin. »Die ›Brandenburg‹ entspricht in ihrer
+Länge etwa den Luftschiffen der Ostfriesland-Klasse: 160 zu 166,5
+Meter,« sagte er. »Du hast ja nur den einen Freiballonaufstieg beim
+Luftschifferbataillon erlebt, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ich habe die ›Schwaben‹ von der Bahn aus fliegen sehen,« entgegnete
+sie.</p>
+
+<p>»Das ist etwas ganz anderes, Billy! Das haben Millionen Menschen
+gesehen. Es ist ein wundervoller Anblick, wenn solch ein silberner
+Delphin an einem schönen Sommermorgen in den Wolken erscheint, aber es
+ist nicht mit der Nahwirkung zu vergleichen. Ich kann dir sagen, es
+ist ein geradezu großartiges Bild, wenn solch ein Riese sich langsam
+erhebt und als Segler der Lüfte die Wolken durchquert. Man glaubt, die
+lebendige Verkörperung deutscher Heldenkraft und Kriegsgewalt<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> vor sich
+zu sehen!« Seine Augen leuchteten. Der preußische Offizier sprach.</p>
+
+<p>»Und die Kabine?« fragte sie in frauenhafter Neugier.</p>
+
+<p>»An der wirst du deine helle Freude haben! Sie erinnert an den
+<span class="antiqua">D</span>-Zug, ist aber nicht so vollgepfropft und darum viel
+behaglicher. Sie hat nur vierundzwanzig Plätze. Der rote Teppich und
+die hübschen Peddigrohrsessel machen den hellen luftigen Raum, der
+eigentlich ganz Fenster ist, höchst behaglich. Im übrigen ist es ganz
+wie auf einem unserer großen Dampfer. Ausgezeichnete Verpflegung, Sekt,
+Kaviar, tadelloser Steward, — alles, was du willst. Aber man vergißt
+Hunger und Durst da oben!« Gedankenverloren blickte er vor sich hin.</p>
+
+<p>»Ach ja, du hast ja im vorigen Jahr die Rheinreise mit der ›Viktoria
+Louise‹ gemacht!«</p>
+
+<p>Er nickte. »Es war über alle Beschreibung schön. Du machst dir
+keinen Begriff von solch einer Fahrt. Man muß so etwas eben erlebt
+haben! Wir flogen damals über Baden-Baden, taten einen Blick in den
+Schwarzwald, dann ging es über die Ebene, dem Rhein zu. Nie hab' ich
+etwas so überwältigend Schönes gesehen, wie das breite grünseidene
+Band des gewaltigen Stromes mit seinen malerischen Ufern und stolzen
+Schiffen. Deutschlands Juwel, von oben geschaut, möcht' ich diese Fahrt
+überschreiben. Eigentlich hätt' ich dir das alles gar nicht erzählen
+sollen, Billy,« — er sah sie lächelnd an. »Na, mit Worten läßt sich's
+nicht beschreiben, wie schön die Reise war, und etwas Vorfreude hat
+auch ihren Reiz!«</p>
+
+<p>Sie nickte. »Vorfreude ist manchmal das Schönste,« sagte sie mit
+glänzenden Augen.</p>
+
+<p>»Diesmal nicht!« —</p>
+
+<p>Hand in Hand saßen sie aneinander gelehnt. Er hatte dem Schaffner ein
+Trinkgeld gegeben; so störte keiner ihr junges Glück.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span></p>
+
+<p>»Wenn ich nur der armen Ilse helfen könnte,« sagte Sibylle endlich,
+»die Ereignisse der letzten Zeit liegen mir wie ein Stein auf dem
+Herzen. Wenn Wolf Dietrich nicht mein Bruder wäre, so ...«</p>
+
+<p>»Ich verstehe das, Billy,« entgegnete ihr Mann, »aber du darfst die
+Sache auch nicht zu schwer nehmen. Deine Familie ist doch schließlich
+nicht dafür verantwortlich, daß Wolf Dietrich ein — ein ...«</p>
+
+<p>»Sag's nur ruhig,« meinte sie traurig, »daß er ein Lump ist!«</p>
+
+<p>Er schwieg.</p>
+
+<p>Da begann sie von neuem: »Weißt du, das ist das schwerste, daß es
+niemals wesentlich mit ihm anders werden wird. Die Scheidung und alles,
+was drum und dran hängt, wird ihm höchst peinlich sein, aber mehr auch
+nicht. Ändern wird Wolf Dietrich sich nicht. Viele werden sagen, er sei
+durch seine Veranlagung entschuldigt,« — sie zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>Er antwortete nicht.</p>
+
+<p>»Ach, Harro,« fuhr sie fort, »ich würd' es sonst ja nicht aussprechen,
+aber siehst du, Wolf Dietrich hat Mamas Natur. Er hat ihr heißes,
+leidenschaftliches Blut geerbt. Außerdem ist er bodenlos leichtsinnig;
+seine Erziehung war nicht streng genug — nun haben wir die Folgen. Er
+hat eben nie gelernt, sich selbst zu bezwingen.«</p>
+
+<p>»Kein Wunder,« sagte er.</p>
+
+<p>Sibylle sah ihn von der Seite an. »Du meinst, — weil — Mama es auch
+nicht tut? Es ist schon möglich, jedenfalls haben wir von ihr keine
+Selbstbeherrschung gelernt.« Eine leichte Bitterkeit lag im Ton ihrer
+Stimme. Sie wollte nicht über die eigene Mutter urteilen, aber der
+tiefe Fall des einzigen Bruders ließ sie die Ursachen erforschen. Sie
+fand sie in der eigenen Kinderstube.</p>
+
+<p>»Die Firlemonts sind alle so,« sagte sie, nach einer Entschuldigung<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span>
+suchend. »Onkel Axel sitzt ewig in Monte Carlo, Onkel Fred ist zum
+zweitenmal geschieden und Tante Antoinette — von der kann man
+überhaupt nicht sprechen ... Mama ist ganz anders als ihre Geschwister,
+es ist überhaupt ein Wunder, daß sie so ist, denn die Großeltern
+sollen sich niemals um ihre Kinder gekümmert haben! Harro — findest
+du nicht, daß Wolf Dietrich etwas, — ich meine selbstredend nicht,
+daß ihn keinerlei Vorwurf trifft, — aber daß er ein ganz klein wenig
+entschuldigt ist? Denn schlecht ist er nicht!«</p>
+
+<p>Nein, schlecht war er nicht. Das fand Harro auch. Aber der dunkle
+Flecken auf der Offiziersehre blieb. Das konnte auch die eigene
+Schwester nicht leugnen.</p>
+
+<p>Sie fuhren in den Potsdamer Bahnhof ein.</p>
+
+<p>»Wenn Ilse nur wieder gesund wird,« dachte sie, während ihr Mann einem
+Gepäckträger winkte.</p>
+
+<p>Da gewahrte sie, am Fenster stehend, einen Herrn auf dem Bahnsteig. Auf
+den ersten Blick war der Offizier in Zivil erkennbar: Wolf Dietrich.
+Sie prallte zurück. Es ging über ihre Kraft — am heutigen Abend
+eine zwanglose Begegnung mit ihm, während Ilse krank daniederlag —
+unmöglich! Sie sagte es ihrem Mann.</p>
+
+<p>Der zog die Brauen zusammen.</p>
+
+<p>»Nee, Kindchen, das geht allerdings nicht!« Er blickte hinaus.
+»Wahrhaftig! Er hat uns aber nicht gesehen!«</p>
+
+<p>Sie öffnete ihre Reisetasche und zog einen dichten Autoschleier hervor,
+den sie über den Hut band. »So,« sagte sie. »Du bist ja in Zivil!« Noch
+einmal sah sie hinaus. »Er scheint hier jemand zu erwarten!«</p>
+
+<p>»Ja, Billy, es hilft nichts, wir müssen aussteigen!« Harro Kambach ging
+seiner Frau voran. Draußen zog er ihren Arm in den seinen. Ohne rechts
+und links zu blicken, schritten sie über den Bahnsteig.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span></p>
+
+<p>Fünf Minuten später saßen sie im Auto.</p>
+
+<p>In Sibylles Augen standen Tränen. Sie preßte die Lippen zusammen. Vor
+ihrem Geiste stand das Bild des schönen lebensfrohen Mannes, der ihr
+liebster Spielkamerad gewesen. Es krampfte sich alles in ihr zusammen,
+wenn sie daran dachte, was aus ihm geworden war. Denn trotz allem,
+das gewesen, die geschwisterliche Liebe vermochte sie nicht aus ihrem
+Herzen zu reißen. Er war und blieb ihr einziger Bruder.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Neunzehntes_Kapitel"><span class="s5">Neunzehntes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;»Wenn ich die Sonne grüße ...«</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wenn eine Seele in brennender Sehnsucht,</div>
+ <div class="verse indent0">Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen,</div>
+ <div class="verse indent0">Leise, leise die Flügel entfaltend</div>
+ <div class="verse indent0">Den Fuß von der dämmernden Erde löst,</div>
+ <div class="verse indent0">Blicke ihr nach in die strahlende Weite,</div>
+ <div class="verse indent0">Bis sie sich nahet dem Tore des Lichts, —</div>
+ <div class="verse indent0">Ob nicht ein Funke vom himmlischen Feuer</div>
+ <div class="verse indent0">Niederfällt auf den finsteren Pfad — — —</div>
+ <div class="verse indent0">Warte nur, warte! gedulde dich fein!</div>
+ <div class="verse indent0">Schon glühen die Zinnen in purpurner Schöne</div>
+ <div class="verse indent0">Schon zieht sie droben durchs Perlentor</div>
+ <div class="verse indent0">Mit tausend glückseligen Gästen ein ...</div>
+ <div class="verse indent0">Warte nur, warte! ... Wenn eine Seele</div>
+ <div class="verse indent0">Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen,</div>
+ <div class="verse indent0">Leise, leise die Flügel entfaltend,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Fuß von der dämmernden Erde löst,</div>
+ <div class="verse indent0">Hebe den Blick zum Tore des Lichts!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Der Sonnenschein, der eine Stunde lang Sibylle Kambachs Hochzeitstag
+erhellte, war nicht von Dauer gewesen. Schon am Nachmittag zog ein
+Regenschauer über die Heide, und der sternklare Abend war trügerisch.
+Am anderen Morgen lag das Land grau in grau. Ein kalter Wind wehte.</p>
+
+<p>Hoffentlich geben die Kinder die Fahrt mit der ›Brandenburg‹
+auf,« sagte Frau von Kambach zu Graf Bühler, als sie sich von ihm
+verabschiedete.</p>
+
+<p>Er zuckte die Achseln.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span></p>
+
+<p>»Das Wetter kann in Düsseldorf gut sein, Exzellenz!« Er geleitete sie
+hinaus. »Also auf Wiedersehen am Dienstag! Ich freue mich, daß unser
+Bundesdirektor die prächtige kleine Frau bekommt! Hoffentlich ist Ilse
+bis dahin wohler! Ich sehe leider sehr, sehr schwarz in der Sache!« Er
+seufzte tief.</p>
+
+<p>»Gott gebe, daß wir uns irren,« sagte sie halblaut. »Karl Heinrich
+sagte mir gestern abend, ehe er nach Hause fuhr, ja auch, der Arzt habe
+gemeint, Ilses Erkrankung läge ganz anderes zugrunde.«</p>
+
+<p>»Dasselbe hat er mir gesagt. Es wäre ja auch geradezu ein Wunder,
+wenn die unglückliche Frau gesund bliebe!« Er neigte den weißen Kopf
+über ihre Hand. »Befehlen wir's dem, ohne dessen Willen kein Haar von
+unserem Haupte fällt, teuerste Freundin!«</p>
+
+<p>Sie standen auf den Steinstufen. Der Regen sprühte.</p>
+
+<p>Ein Diener trat mit geöffnetem Schirm zu der Greisin.</p>
+
+<p>»Ich bitte Sie,« wandte sie sich an Graf Bühler, der ihr den Arm
+reichen wollte, »bleiben Sie drin!«</p>
+
+<p>Sie nickte ihm herzlich zu, stützte sich auf den Arm des Dieners
+und ließ sich von ihm beim Einsteigen helfen. Noch einmal sah das
+freundliche Gesicht aus dem Fenster, die beiden Alten winkten einander
+zum letztenmal zu, und fort ging's in den kühlen Morgen hinaus.</p>
+
+<p>Zwei Stunden später saß Frau Sabine in ihrem Arbeitszimmer beim
+prasselnden Kaminfeuer, von Eichelchens treuer Fürsorge umhegt. Eine
+Großnichte, ein Fräulein von Kambach, welches der alten Dame, bis
+sich ein passender Ersatz für Fräulein Eichel gefunden, Gesellschaft
+leisten sollte, wurde nachmittags erwartet. Die Nachrichten über
+die junge Gräfin Bühler, welche die Gesellschafterin mitbrachte,
+lauteten günstiger, eine Diakonisse war in Kambach eingetroffen. Die
+Braut konnte ihren Platz am Krankenlager ohne Sorgen verlassen.<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> Auch
+der Kochlehrling war außer Gefahr. Mit gutem Gewissen schied Jutta
+Eichel von ihrer alten Exzellenz, aber die Trennung ward den beiden
+Frauen bitter schwer. Die Alte gab ihr Bestes, die liebe sorgende
+Hausgenossin, an die sie sich in jahrelangem Zusammenleben und
+Zusammenarbeiten gewöhnt — die Junge verließ eine Frau, die der Waise
+Mutterliebe geschenkt. Das bedeutete einen scharfen Schnitt für zwei
+Menschen, die zehn Jahre treu zueinander gehalten in Freud' und Leid.
+Aber beide gehörten zu den großzügigen Naturen, die den Blick auf das
+Ganze richten, die bei allem, was sie tun, auf das Werk schauen, dem
+sie dienen. Und diese Großzügigkeit, dieser Blick ins Weite machte sie
+stark und ließ ihre persönlichen Wünsche und Gefühle zurücktreten.
+Das traf hier insonderheit auf die Greisin zu, die niemals mit einer
+Silbe über den für sie gewiß nicht leichten Wechsel geklagt, aber
+auch der Entschluß der Braut, die, selbst ohne Vermögen, dem Manne,
+den sie liebte, in eine wenigstens zunächst nur in beschränktem Maße
+sichergestellte Zukunft folgte, erforderte Mut.</p>
+
+<p>Frau von Kambach befand sich seit ihrer Rückkehr aus Bühl in einer
+nervösen Unruhe. Kaum zehn Minuten saß sie auf einem Fleck, machte
+sich am Schreibtisch zu schaffen, sah in den Regen hinaus, lauschte
+auf den Wind und fragte immer wieder, ob der Wagen für Direktor
+Wendler auch rechtzeitig zur Bahn gefahren sei. Fräulein Eichel,
+welche diese Nervosität auf die Ereignisse der letzten Zeit und auf
+die fortwährenden Witterungswechsel schob, sagte nichts. Sie wußte,
+daß Wind und Wetter nicht ohne Einfluß auf Gichtiker sind, und daß der
+Gedanke an die Luftschiffahrt des jungen Ehepaares nach wie vor die
+alte Dame beunruhigte. Da sie beides nicht zu ändern vermochte, suchte
+sie, ohne die Dinge zu berühren, ihre Herrin abzulenken, indem sie ihr
+aus den Briefen ihres Verlobten erzählte<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> und ihr die Kreuzzeitung
+vorlas. Frau von Kambach wurde auch etwas ruhiger, aber ganz gelang
+es ihrem treuen Hausgeist nicht, das seelische Gleichgewicht
+wiederherzustellen. Zum Unglück war der Wind zum Sturm geworden; so
+wurde ihre Aufmerksamkeit immer wieder draußen gefesselt. Fräulein
+Eichel sah es mit Sorge. Ganz unbegründet erschien ihr die Angst der
+alten Frau ja nicht. Aber andererseits fragte sie sich: ›Warum soll
+gerade der »Brandenburg« etwas zustoßen?‹ In Düsseldorf wollte das
+junge Paar die Gondel besteigen; dort konnte strahlendes Wetter sein,
+wenn es in der Mark stürmte. Trotzdem legte sie die Sturmwarnung der
+Kreuzzeitung unauffällig beiseite.</p>
+
+<p>Im selben Augenblick rollte ein Wagen über den Hof.</p>
+
+<p>Sie eilte zum Fenster.</p>
+
+<p>»Da ist er! Verzeihung, Exzellenz!« Sie lief hinaus. Gleich darauf kam
+sie mit ihrem Verlobten zurück.</p>
+
+<p>Nach kurzer herzlicher Begrüßung mit der Hausfrau bat Wendler, auf sein
+Zimmer gehen zu dürfen, um sich vom Reisestaub zu säubern.</p>
+
+<p>Exzellenz von Kambach nickte. »Und dann frühstücken Sie etwas, wir
+essen heute erst um zwei!«</p>
+
+<p>Er verbeugte sich dankend und folgte seiner Braut.</p>
+
+<p>»Darf ich Sie vor dem Essen noch auf ein Stündchen zu mir bitten, Herr
+Direktor?« rief die Greisin ihm nach. »Ich möchte gerne mit Ihnen
+einiges besprechen. Es soll auch nicht lange dauern,« fügte sie mit
+einem Blick auf Jutta lächelnd hinzu.</p>
+
+<p>Dann gingen die beiden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Sturm brauste über die Heide und schlug den Regen gegen die
+Fenster des Herrenhauses. Wirbelnd flogen die Blätter der Parkbäume,
+und die alte Linde ächzte. Hinter dem<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> Hoftor stand eine Wetterwand
+in schwarzblauer Schönheit, langgezogene weiße Wolken flatterten, vom
+Sturme getrieben, am Himmel.</p>
+
+<p>Die Gutsfrau stand am Fenster und blickte auf das trübe wildbewegte
+Bild. Sie sah die Menschen gegen den Sturm ankämpfen, sah, wie er an
+ihren Kleidern zerrte, wie er ihnen die Tücher und Mützen vom Kopfe
+riß und weit über den Hof trug. Und sie dachte: ›Wenn's hier unten
+im Binnenland so ausschaut, wie mag's auf hoher See sein, — in den
+Lüften!‹ —</p>
+
+<p>Draußen schlug die Hausuhr eins.</p>
+
+<p>Da kam ein rascher fester Schritt über die Diele. Wendler trat ein.</p>
+
+<p>»Komm' ich zu früh, Exzellenz?«</p>
+
+<p>»Nein, nein!« Und sie bat ihn, Platz zu nehmen.</p>
+
+<p>Sein erstes Wort galt der Freude über ihre Geldsendung.</p>
+
+<p>»Was das für ein Tag war, — ich kann's nicht sagen! Nur der wird mir's
+ganz nachfühlen, auf dessen Schultern ähnliche Sorgen gelastet!«</p>
+
+<p>Sie nickte still. »Eine Glaubensstärkung war's mir, ein großes
+wundervolles Erlebnis!«</p>
+
+<p>Er sah sie ernst an. »Auch mir war's eine Glaubensstärkung, obgleich
+mir das persönliche Erlebnis fehlte. Aber ich sehne mich danach, dieses
+schöne Stück unserer Bundesgeschichte zu erfahren — ist das zuviel
+verlangt, Exzellenz?«</p>
+
+<p>Sie blickte sinnend in den Sturm hinaus. ›Wenn ich die Sonne grüße!‹
+hatte Sibylle gesagt.</p>
+
+<p>»Vielleicht hab' ich kein Recht auf dies Geheimnis,« fuhr er fort,
+»vielleicht ist's zu persönlich, zu — heilig — ich weiß es nicht!
+Aber immer wieder steigt mir die Sehnsucht auf, mich an seinem hellen
+Schein zu erfreuen! Exzellenz wissen es aus eigener Erfahrung, wir
+brauchen Sonne auf unserem<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span> Wege! Darum bitte ich herzlich, ist's
+möglich, ist mein Wunsch keine Verwegenheit, — so zeigen Sie mir den
+goldenen Strahl, den Sie aufgefangen!«</p>
+
+<p>Sie sah ihn voll an. »Können Sie warten? Vielleicht nur bis morgen?«</p>
+
+<p>Er nickte.</p>
+
+<p>»Sie sind der einzige, dem ich dies Geheimnis anzuvertrauen das Recht
+habe,« fuhr sie fort, »aber es hat eine Klausel. Vielleicht ist sie
+schon morgen hinfällig!«</p>
+
+<p>Wieder sah sie hinaus, als müsse der Himmel ihr die Antwort sagen.</p>
+
+<p>Dann redeten sie von der Bundesarbeit. Neben viel Anfeindung war
+ein frischer fröhlicher Fortgang der großen Sache zu verzeichnen.
+Mit Freuden empfand es die Greisin; der rechte Mann war gefunden,
+einer, der nicht rechts noch links schaute und sich nicht um die
+unvermeidlichen Nörgler und Spötter kümmerte. Wie die Verkörperung des
+schönen Geibelschen Wortes kam er ihr vor:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">›Wer da fährt nach großem Ziel,</div>
+ <div class="verse indent0">Muß am Steuer ruhig sitzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Unbekümmert, ob am Kiel</div>
+ <div class="verse indent0">Lob und Tadel hoch aufspritzen!‹</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Sein Werdegang war ein Wunder. Denn von ungefähr war's nicht, daß Gott
+der Herr dem Irrlehrer seine Damaskusstunde schenkte und ihn zum Zeugen
+der Wahrheit berief! Wie Sonnenglanz lag's auf dem Lebenswege, der
+durch soviel Dunkel geführt. — —</p>
+
+<p>Im Fluge verging die kurze Stunde. Erstaunt blickte Exzellenz von
+Kambach auf, als Jutta zum Essen erschien.</p>
+
+<p>Nach dem Kaffee, der gleich nach Tisch eingenommen wurde, brachen die
+Verlobten auf, um dem Kambacher Geistlichen,<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> Wendlers Nachfolger, der
+sie trauen sollte, einen Besuch zu machen.</p>
+
+<p>Frau von Kambach warnte zwar vor dem Wetter, aber Jutta erklärte,
+morgen sei keine Zeit, und Sturm seien sie beide gewohnt. Dann setzte
+sie alles zum Nachmittagstee für die alte Dame zurecht.</p>
+
+<p>Wendler sah auf die Uhr. »Vor halb sieben werden wir kaum zurück sein
+können! Ist das nicht zu spät, Jutta?«</p>
+
+<p>Fräulein Eichel blickte fragend auf die Hausfrau.</p>
+
+<p>Doch die schüttelte den weißen Kopf. »Geht nur, Kinder!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es dämmerte. Aber es war nicht jenes friedliche Einspinnen von Raum
+und Form in die rieselnden Schleier des Abends, es war ein hastendes
+Dunkeln, als würfe der düstere Sturmfittich hier und dort seine
+flüchtigen Schatten.</p>
+
+<p>Die Vorhänge wurden geschlossen. Gedämpfter klang das Brausen des
+Sturmes, und der helle Schein der Lampe verbreitete Behaglichkeit und
+Wärme.</p>
+
+<p>Frau Sabine saß feiernd am Kamin und blickte in die verglimmende Glut.
+Ab und an fuhr ein Windstoß in den Schlot, dann lohten blaue Flämmchen
+auf, duckten sich scheu vor des Sturmes Gewalt und erloschen wieder.</p>
+
+<p>Die Gedanken der greisen Frau wanderten. Ein Leben, so reich an Liebe
+wie das ihre, stand nimmer still, es verzehrte sich im Dienst anderer.
+Und ein Großmutterherz hatte doppelte Arbeit.</p>
+
+<p>Während ihre Seele weite Wege wanderte, ging ihr Blick über die
+Bilder an den Wänden. Die Erinnerung stieg herauf. Sie verlieh den
+alten Gemälden ihren Glanz und erzählte den Lebenden die Geschichte
+der Toten. Durch die Seele der einsamen Frau zog's: ›Wie lange noch,
+und dein Bild hängt in<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> der Reihe der Ahnen!‹ Ihr Auge ruhte auf dem
+duftigen Pastell Sophie Charlottes. Es war eine Kopie des Gemäldes
+in der Kambacher Kirche. Darunter hing an blauseidenem Bande die
+Stradivariusgeige.</p>
+
+<p>›Sonderbar,‹ dachte sie, ›daß der Kasten noch immer nicht fertig
+ist! Wenn er morgen nicht eintrifft, muß ich die Geige anderweitig
+unterbringen!‹</p>
+
+<p>Und dann lauschte sie wieder auf den Sturm. In kurzen Stößen fuhr er um
+das Dach, aber seine Kraft schien gebrochen. Schwächer und schwächer
+ward das Pfeifen um First und Schlot. Und dann war alles still.</p>
+
+<p>Fast bedrückend wirkte das plötzliche Schweigen der Elemente.</p>
+
+<p>Draußen erhob sich langsam die Natur und lauschte aufatmend dem
+verhallenden Schritt des Gewaltherrn, drinnen fragte eine müde Seele:
+›Gilt's einen Waffenstillstand, oder hat der Kriegszug ein Ende?‹</p>
+
+<p>Überall ein Fragen im Land, überall die wundersame Antwort: feierndes
+Schweigen. Mit ihm nahte die Ruhe der Nacht im Geleit funkelnder
+Sterne. Durch den Spalt des Vorhangs blickten sie in den traulichen
+Raum.</p>
+
+<p>Über die greise Frau kam ein tiefer Friede. Des Tages Sorgen
+zerstreuten sich, die Unrast verschwand. Es war einer von den
+Augenblicken, da die Ewigkeit an ihre Tür pochte und, die Hand
+ausstreckend, auf die leuchtende Brücke wies, die den dämmernden Strom
+überspannte. Greifbar nahe lagen die Ufer der Heimat, und die Sehnsucht
+breitete die Flügel. In solchen Augenblicken ward ihr der Abend licht,
+und über der letzten Wegstrecke lag ein stiller Glanz. Leise verrann
+die geweihte Stunde; sie aber dachte: ›Könnt' ich sie halten!‹</p>
+
+<p>Draußen schlug eine Uhr. Aus dem bronzenen Gehäuse<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> auf dem
+Schreibtisch der Hausfrau antwortete eine helle Stimme.</p>
+
+<p>Ein Mäuschen knabberte irgendwo am Schragen, — dann war's wieder still.</p>
+
+<p>›Wenn Sibylle mir jetzt ein Lied singen könnte!‹ zog es durch die Seele
+der Einsamen — —</p>
+
+<p>Eine heiße Sehnsucht erwachte in ihr nach all der blühenden Jugend, die
+mit der Enkelin von ihr gegangen, nach all der Liebe. — — Ob es ihr
+gelingen würde, sich an das Neue, das in ihr Leben trat, zu gewöhnen,
+es ans Herz zu drücken mit der alten Kraft? Und eine weitere Frage war,
+ob es sich an sie gewöhnen würde? Es war ein eigen Ding um die Jugend
+von heute ... So spann sie Zukunftsbilder.</p>
+
+<p>Und dann wurden plötzlich ihre Augen starr. Mit angehaltenem Atem
+saß sie und blickte auf die Stradivariusgeige. Ein Klingen und Tönen
+entschwebte den Saiten, als harften unsichtbare Hände in weiter Ferne,
+jenseits der Zeit. —</p>
+
+<p>Wie ein Gruß wehte es durch den stillen Raum, wie eine zarte Bitte
+um ein letztes Gedenken. — — Leise, leise verhallte die wunderbare
+Stimme; dann war alles still — —</p>
+
+<p>Aber am Kamin saß eine mit gefalteten Händen, die Augen unverwandt auf
+die Geige gerichtet, und lauschte — und lauschte — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Stunden waren vergangen.</p>
+
+<p>Die Gutsherrin saß mit den Verlobten und der inzwischen eingetroffenen
+Renate Kambach, einem echten Landedelfräulein von achtzehn Sommern,
+am Kamin und hörte dem frohen Gespräch der jungen Leute zu. Aber sie
+war nicht recht bei der Sache. Immer wieder streifte ihr Blick zu der
+Stradivariusgeige hinüber, und durch ihre Seele zog heimliches Fragen.
+Kein Hauch hatte die Saiten berührt, das seidene Band, das Sibylle<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> um
+den Knauf geschlungen, streifte sie nicht — was war geschehen? Und an
+die Seele der alten Frau klopften die Gedanken — —</p>
+
+<p>Jutta fragte ihre Herrin, ob sie müde sei, und ob sie zur Abendandacht
+klingeln solle.</p>
+
+<p>Aber sie wehrte ab.</p>
+
+<p>»Nein, Eichelchen, lassen Sie nur!«</p>
+
+<p>Und sie blieben beisammen.</p>
+
+<p>Bis spät in die Nacht hinein wurde musiziert. Wendler sang, von seiner
+Braut begleitet, mit schöner Stimme einige Löwesche Balladen, Renate
+überraschte die Großtante mit einem gutgeschulten Alt.</p>
+
+<p>Schließlich erklärte Eichelchen, es sei halb zwölf, und Exzellenz von
+Kambach müsse zu Bett. Sie werde zur Andacht klingeln.</p>
+
+<p>»Nehmen Sie sich in acht, lieber Wendler, daß Sie nicht allzusehr unter
+den Pantoffel geraten,« wandte sich die alte Dame lachend an ihren
+Gast, »Sie sehen, wie mit mir umgesprungen wird!«</p>
+
+<p>Er ging auf den Scherz ein. »Ja, zu meinem großen Erstaunen, Exzellenz,
+wenn ich das geahnt hätte!«</p>
+
+<p>»Da fährt ein Wagen über den Hof,« rief Renate dazwischen.</p>
+
+<p>Alle horchten auf.</p>
+
+<p>»So spät!« sagte die Hausfrau, und Jutta ging hinaus.</p>
+
+<p>Als sie nicht zurückkehrte, folgte ihr Wendler.</p>
+
+<p>Die Diele war leer, kein Dienstbote zu finden. Schließlich sagte ihm
+ein Küchenmädchen, Fräulein Eichel sei im Inspektorhause.</p>
+
+<p>Er ging hinüber.</p>
+
+<p>Schon auf dem Flur hörte er eine bekannte Stimme in großer Erregung
+sprechen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span></p>
+
+<p>Er trat ein.</p>
+
+<p>Mitten in der Stube stand Schenker, um ihn herum die Inspektorsleute,
+Jutta Eichel und die Dienerschaft.</p>
+
+<p>»Und ick kann's Exzellenz nich sagen!« rief der Alte, während ihm
+die hellen Tränen über die Backen liefen, »ick krieg's nich fertig!
+Was zuviel is, det is zuviel! Der gnädige Herr wäre ja auch selbst
+gekommen, aber er mußte doch gleich nach Baden-Baden, da is det Unglück
+geschehen. Darum schickte er mich. Er hat sich ja auch gesagt, das das
+'ne furchtbare Zumutung is, und darum meinte er, ick solle den Herrn
+Direktor bitten, mir'n bißchen zu helfen. Denn wie soll ick armer alter
+Mann unsere Exzellenz det beibringen. Was unser Herr Pastor is, der
+war gerade zu 'ner sterbenden Frau nach Kanzin gerufen, sonst wär'
+der gewiß gefahren, — der Inspektor is krank, na, wer bleibt denn da
+übrig, als Schenkersch olle Vadder? Is ja auch ganz selbstverständlich,
+wenn man so lange in herrschaftliche Dienste is, — wenn's man nich
+über meine Kräfte ginge! Tot — tot, nich auszudenken is es,« — und
+wieder stürzten ihm die Tränen über das Gesicht. Schwerfällig ließ er
+sich auf einen Stuhl nieder. »Oh, du lieber Herr und Gott, mußte das
+denn sein?«</p>
+
+<p>Erschüttert standen die anderen um ihn herum. Leises Schluchzen klang
+durch die Nachtstille.</p>
+
+<p>Man hatte Wendlers Kommen nicht bemerkt. Jetzt trat er vor und näherte
+sich dem Alten, der schweigend vor sich niedersah.</p>
+
+<p>Der Angerufene fuhr empor. Einen Augenblick starrte er den Direktor wie
+geistesabwesend an. Dann erhob er sich und faßte seine beiden Hände.</p>
+
+<p>»Gott sei Dank, da sind Sie ja, Herr Pastor, — ick wollt' sagen, Herr
+Direktor, nich wahr, ick tu' keine Fehlbitte?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span></p>
+
+<p>»Ich helfe Ihnen gerne, lieber Herr Schenker, aber ich weiß noch gar
+nicht, was passiert ist.«</p>
+
+<p>»Sie wissen's noch nich?« Der Alte sank in sich zusammen.</p>
+
+<p>Da trat der Inspektor zu Wendler. »Unsere Herrschaft ist schwer
+heimgesucht worden,« sagte er mit bebender Stimme, »der Herr
+Oberleutnant und die junge gnädige Frau sind mit der ›Brandenburg‹
+abgestürzt, und die gnädige Frau ist —« Dem treuen Manne versagte die
+Stimme.</p>
+
+<p>»Tot?« fragte Wendler erschüttert.</p>
+
+<p>»Tot,« klang es leise zurück.</p>
+
+<p>Und dann war alles still. — —</p>
+
+<p>»Wie ist es gekommen?« fragte Wendler endlich.</p>
+
+<p>Schenker ermannte sich. »Sie müssen ja wohl in Düsseldorf gut
+Wetter gehabt haben; denn sonst hätten sie die Fahrt nich gemacht.
+Der Herr Oberleutnant sagte zu mir: ›Schenker, wir fahren nur bei
+schönem Wetter!‹ Na, und dann is jedenfalls der Sturm gekommen, und
+die Propellers sind kaput gegangen! So denk' ick's mir! Näheres
+wissen wir ja noch nicht! Der gnädige Herr bekam so vor zwei Stunden
+das Telegramm: ›Brandenburg verunglückt. Oberleutnant von Kambach
+Sanatorium Wild, Frau von Kambach tot.‹«</p>
+
+<p>Die Tür wurde leise geöffnet, Renate sah herein. Durch das lange
+Fortbleiben der Verlobten beunruhigt, hatte Frau Sabine die Nichte
+geschickt. Als sie die verstörten Gesichter sah, blieb sie erschrocken
+stehen.</p>
+
+<p>Da ging Jutta auf sie zu und teilte ihr die erschütternde Tatsache
+leise mit.</p>
+
+<p>Renate war wie betäubt und konnte sich kaum fassen. Aber es war keine
+Zeit, den eigenen Gefühlen nachzugehen.</p>
+
+<p>»Seien Sie stark, Baronin,« bat Jutta, »wir müssen hinüber!« — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span></p>
+
+<p>Wendler stand neben Schenker, der, völlig erschöpft, um ein Glas Wein
+gebeten hatte.</p>
+
+<p>»Bleiben Sie vorläufig ruhig hier, Herr Schenker, ich will erst allein
+zu Exzellenz gehen,« sagte er, dem alten Manne die Hand auf die
+Schulter legend. »Wenn's nicht zu spät wird, ruf' ich Sie noch. Sie
+fahren heute abend doch nicht mehr nach Hause, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ick fahre erst morgen früh. Meine Frau sagte gleich, das würde zu
+spät!«</p>
+
+<p>So ging Wendler seinen schweren Weg allein.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Sagen Sie mir alles, es ist ein Unglück mit der ›Brandenburg‹
+geschehen,« empfing ihn die greise Edelfrau, aufrecht am Krückstock
+stehend.</p>
+
+<p>Ein tiefes Mitleid überkam ihn mit der tapferen Lebensheldin, der ein
+kostbares Kleinod nach dem anderen abgefordert wurde.</p>
+
+<p>Er wollte sie zu ihrem Stuhl geleiten.</p>
+
+<p>Aber sie wehrte ihm.</p>
+
+<p>»Nachher! Erst sagen Sie mir alles! Ich weiß, es ist das Schlimmste,
+Allerschlimmste!«</p>
+
+<p>Er zögerte. Eine Mitteilung der furchtbaren Tatsache ohne jede
+schonende Vorbereitung erschien ihm geradezu brutal.</p>
+
+<p>Da sah sie ihn durchdringend an.</p>
+
+<p>»Tot?« fragte sie mit leise bebender Stimme.</p>
+
+<p>»Ihr Enkel lebt, Exzellenz!«</p>
+
+<p>Sie wandte den Blick nicht von ihm. »Er lebt — aber er ist ein
+Krüppel! Sie wissen es nicht?«</p>
+
+<p>Wendler schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Und — und — Sibylle?«</p>
+
+<p>Er antwortete nicht.</p>
+
+<p>Nun verfärbte sie sich doch. Sein Blick hatte ihr alles gesagt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p>
+
+<p>Langsam neigte sie das ehrwürdige Haupt auf die Brust.</p>
+
+<p>»Ich wußt' es,« sagte sie leise. »Um die Dämmerung klangen die Saiten
+der Geige!«</p>
+
+<p>Langsam rannen die ersten heißen Tränen über das welke Gesicht. —</p>
+
+<p>Und dann ließ sie's ohne Einwände geschehen, daß er sie zu ihrem Platz
+am Kamin führte. —</p>
+
+<p>Ganz still war's im Zimmer, als warteten die Lebenden auf einen letzten
+Gruß der Toten.</p>
+
+<p>Doch der Augenblick, da die Ewigkeit die Saiten bewegt, kehrte nicht
+wieder. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die Raum und Zeit nicht
+beengen, von denen es gilt: ›Der Wind bläset, wo er will!‹ —</p>
+
+<p>Er wollte sie verlassen, ihr Jutta schicken, aber sie bat: »Bleiben
+Sie noch ein Weilchen bei mir!« Sie drückte das Taschentuch gegen die
+Augen und kämpfte mutig gegen die Tränen. Und was vielleicht keiner
+anderen Frau gelungen wäre, erzwang sie sich durch unerschütterliche
+Glaubenszuversicht und eine fast übermenschliche Selbstbeherrschung.</p>
+
+<p>›Dem Alter, welches, an der Pforte der Ewigkeit stehend, die
+Geschehnisse des Lebens in einem anderen Lichte schaut als die Jugend,
+wird der Kampf mit Not und Tod leichter!‹ zog es ihm durch den Sinn.</p>
+
+<p>Trotzdem — es war etwas Großes, daß ihre Kraft ausreichte, daß sie
+nicht zusammenbrach, und er sagte sich ehrlichen Herzens: ›An dieser
+Kraft bist du erstarkt.‹</p>
+
+<p>Aber das Größte war ihm noch vorbehalten, das Stück Ewigkeit, das dies
+Frauenherz umschloß, hatte ihm noch nicht in seiner ganzen wunderbaren
+Schönheit geleuchtet.</p>
+
+<p>»Ich durfte es Ihnen nicht eher mitteilen,« begann sie leise, Sibylle
+hatte ausdrücklich gesagt: ›Wenn ich die Sonne grüße,<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> nicht eher!
+Dann sag's ihm! Aber er soll nicht darüber reden!‹ Sie hatte sich
+so sehr auf die Fahrt gefreut!« setzte sie hinzu. »Nun hab' ich den
+ganzen Tag gewartet, ob es hell werden würde, doch es stürmte fort.
+›Natürlich haben sie die Fahrt mit der ›Brandenburg‹ aufgegeben,‹ so
+sagte ich mir. Ich will damit aber niemand einen Vorwurf machen. Das
+Wetter ist nicht überall das gleiche, und der Sturm setzte hier auch
+erst gegen Mittag ein. — Dann kam der Abend, das wunderbare Tönen der
+Saiten gemahnte mich an Vergangenes, an das Klingen der Geige in der
+Stunde, da Sibyllens Ahnfrau, Sophie Charlotte, die Augen schloß, und
+an vieles andere. Sie wissen, wie ich über Aberglauben denke! Diese
+wunderbaren Tatsachen entspringen einem anderen Boden. Christenglaube
+bedingt sie nicht. Aber er erstarkt an dem Beweis der Gnade, die einem
+Leben, das ein einziger Gottesdienst gewesen, im Tode ihr leuchtendes
+Ewigkeitssiegel aufdrückt. Darum traf mich diese Botschaft nicht wie
+ein Blitz aus heiterem Himmel, darum steht auch über diesem schweren
+Kreuz Ewigkeitsfriede!«</p>
+
+<p>Sie hielt einen Augenblick inne. Das Sprechen wurde ihr schwer.</p>
+
+<p>In tiefer Bewegung blickte er sie an. Wahrlich, diese Frau stand auf
+des Glaubens hoher Warte, darum schaute und erlebte sie mehr als andere.</p>
+
+<p>»Und so ist ihr Wort in höherem ewigen Sinne erfüllt worden, — jetzt
+schaut sie die Sonne!« Ein Beben ging durch die alte Stimme, aber
+mutig fuhr die Greisin fort: »Ich brauche es Ihnen wohl kaum mehr zu
+sagen, daß Sibylle die dreißigtausend Mark gespendet hat, — aber die
+Geschichte jenes Schmuckes, welcher ihre Gabe ermöglichte, darf ich
+Ihnen nicht länger vorenthalten. Hätte ich das Vermögen, ich würde
+versucht sein, die Juwelen, die eine so wunderbare Weihe empfangen,
+zurückzukaufen. Es sind wahrhaftig ›köstliche Perlen‹.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span></p>
+
+<p>Aber das ist ganz ausgeschlossen. Verfügte ich über solche Mittel, sie
+hätten längst der Bundesarbeit gedient.«</p>
+
+<p>Wieder hielt sie einen Augenblick inne. Er hatte das Gefühl, daß
+nur der Wille sie noch aufrechthielt, aber er wagte nicht, sie zu
+unterbrechen.</p>
+
+<p>Und dann erzählte sie ihm die Geschichte des Erbschmuckes in all den
+feinen Einzelheiten, die sich so wunderbar zum Ganzen gefügt.</p>
+
+<p>Als sie geendet, saß er, den Kopf in die Hand gestützt, und blickte
+gedankenverloren in die Glut. In seinen Augen standen Tränen, und er
+schämte sich derselben nicht.</p>
+
+<p>Lange schwiegen beide.</p>
+
+<p>Dann sagte er: »Ist's nicht, als sei ein edles Samenkorn in die Erde
+gesenkt, das sterbend Frucht bringt? So wenig ich die Heimgegangene
+gekannt, ein Wort von ihr, das mir, ohne daß sie es ahnte, zu Ohren
+kam, wird mir unvergeßlich sein: ›Gold und Silber sind tote Werte,
+solange die Liebe sie nicht geheiligt hat!‹ Dieses Wort möchte ich über
+ihr Leben setzen! — Gott gebe, daß er, zu dem es gesprochen ward, dem
+dies reiche reine Frauenherz, ob auch nur kurze Zeit, angehörte, seine
+köstliche Frucht erkennt und bewahrt!«</p>
+
+<p>Er erhob sich und trat an ihren Stuhl.</p>
+
+<p>»Ich danke Ew. Exzellenz von ganzem Herzen,« sagte er mit erstickter
+Stimme. »So oft ich dies Haus betrete, immer verlasse ich es reicher,
+als ich gekommen.«</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht. Sie hielt seine Hände umfaßt und sah ihm still in
+die Augen.</p>
+
+<p>›Wenn ich die Sonne grüße!‹ stand in dem klaren Antlitz geschrieben.
+›Es währt nicht mehr lange!‹</p>
+
+<p>Dann ging er.</p>
+
+<p>»Ich möchte den alten Schenker noch sehen!« rief sie ihm nach.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span></p>
+
+<p>Er wandte sich um. »Jetzt noch, Exzellenz, — es ist sehr spät!«</p>
+
+<p>»Lassen Sie ihn nur kommen, die alte treue Seele würde es empfinden!«</p>
+
+<p>›An alle denkt sie,‹ zog es ihm durch den Sinn, als er ins
+Inspektorhaus hinüberging, ›nur nicht an sich!‹ — — —</p>
+
+<p>Fünf Minuten später trat Schenker in Frau von Kambachs Arbeitszimmer.
+Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, aber dies Wiedersehen ging über
+seine Kraft. Als seine alte Exzellenz in ihrer tiefen Trauer auf ihn
+zukam, schluchzte er laut. Jedem gewaltsamen Schmerzensausbruch wäre er
+gewachsen gewesen, — die stille Ergebung auf dem geliebten Antlitz war
+mehr, als er in diesem Augenblick ertragen konnte.</p>
+
+<p>Sanft legte sie die Hand auf seinen Arm.</p>
+
+<p>»Schenker,« sagte sie leise, »lassen Sie uns das Wort nicht vergessen:
+›Ich habe Gedanken des Friedens über euch, und nicht des Leides!‹ Daran
+müssen wir kurzsichtigen Menschen uns halten und — glauben. Dann
+kommen wir aber auch durch!«</p>
+
+<p>Sie setzte sich und wies auf einen Stuhl. »Das ist mein einziger Trost,
+wenn ich an meinen Enkel denke; denn ohne Grund führt uns der Herr
+nicht solch dunkle Wege. Vielleicht mußte diese Not über ihn kommen,
+damit er seinen Gott findet!«</p>
+
+<p>Schenker trocknete seine Tränen mit dem bunten Taschentuch und nickte
+vor sich hin. »Exzellenz verstehen's, einen zu trösten! Aber es ist
+über mich alten Mann gekommen wie so'n Hagelwetter, ick bin wie vor'n
+Kopf geschlagen! Vor wenig Tagen frisch und gesund im Brautkleid am
+Altar — und nu so! Ick seh' die junge gnädige Frau ja noch vor mir,
+wie sie zur Abfahrt die Treppe herunterkam. Sie hatte ja Augen für
+alles. Als sie mich am Wagenschlag sah, zog sie eine Rose aus<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> 'n
+Brautbukett und schenkte sie mir. Und dann sagte sie: ›Herr Schenker,
+besuchen sie uns auch mal!‹ So hat sie gesagt, Exzellenz! Er fuhr mit
+der Hand über die Augen. »Ick hab' mir die Rose gleich gepreßt und
+in meine Bibel gelegt. Es is ne Niel aus 'n Kambacher Treibhaus, ick
+hatte sie mitgebracht, in Bühl haben sie nur die gelben. Nu hab' ick
+wenigstens 'n schönes Andenken!«</p>
+
+<p>Mit wehmütiger Freude ruhte Frau Sabines Auge auf der greisen Gestalt,
+der letzten aus der Zeit ihres seligen Mannes. Sie wußte nur zu gut,
+welch treue Anhänglichkeit an alles, was Kambach hieß, einmal mit dem
+alten Kammerdiener dahingehen würde.</p>
+
+<p>»Es ist spät geworden,« sagte sie, sich am Krückstock aufrichtend.
+»Seinen Abendsegen mag heut ein jeder für sich lesen, mich verlangt's,
+allein zu sein!«</p>
+
+<p>Er hatte sich erhoben. Ehrerbietig wünschte er ihr eine gute Nacht.</p>
+
+<p>»Gott helfe uns durch alles Dunkel,« sagte sie mit zitternder Stimme.</p>
+
+<p>Er nickte stumm.</p>
+
+<p>Dann war sie allein.</p>
+
+<p>Müde schritt sie über den Teppich.</p>
+
+<p>Vor der Stradivariusgeige blieb sie stehen, liebkosend strich sie über
+die Saiten.</p>
+
+<p>Und dann klang ein heißes bitterliches Schluchzen durch das Schweigen
+der Mitternacht: »Billy, meine Billy — — —«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Zwanzigstes_Kapitel"><span class="s5">Zwanzigstes Kapitel.</span><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;O Deutschland, meine Freude!</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container_r">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vor dir, Allmächtiger sinke ich in die Kniee! —</div>
+ <div class="verse indent0">Groß und gewaltig steigen die Tage empor,</div>
+ <div class="verse indent0">Feuersäulen im Wechsel dämmernder Zeiten —</div>
+ <div class="verse indent0">Du hast sie entzündet!</div>
+ <div class="verse indent0">Lichte Heldengestalten in schimmernder Wehr,</div>
+ <div class="verse indent0">Männer, den Sieg im Auge, die Seele geharnischt,</div>
+ <div class="verse indent0">Du hast sie geadelt!</div>
+ <div class="verse indent0">Aus allen Gauen strömt, dem Königsruf folgend,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein großes wunderbares gewaltiges Volk — — —</div>
+ <div class="verse indent0">Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee</div>
+ <div class="verse indent0">Mit einem Hauch deines Mundes erneutest du Deutschland!</div>
+ <div class="verse indent0">Niemals ertönte helleres Schwerterklingen!</div>
+ <div class="verse indent0">Nie griff ein Volk so reinen Gewissens zum Schwert! —</div>
+ <div class="verse indent0">Ob es siegen wird, ob es im Kampfe verblutet —</div>
+ <div class="verse indent0">Nie war des deutschen Volkes Seele herrlicher! —</div>
+ <div class="verse indent0">Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Es sind die Augusttage 1914. Es ist die Wende der Weltgeschichte,
+die Stunde, da Deutschland sich panzert. Der Augenblick, da der
+Allmächtige mit eisernem Hammer an die Pforten eines neuen Reiches
+schlägt, das in überweltlicher Schöne aus Schutt und Trümmern erblühen
+soll. Riesenopfer fordert die gewaltige Wiedergeburt, ein Volksopfer
+ohnegleichen! Auf den Höhen lodern Wachtfeuer und die Hüter deutscher
+Ehre spähen ins Land hinaus. Ein Grauen liegt in der Luft, das Grauen
+vor dem nie dagewesenen Völkerleid, vor dem großen Sterben und Bluten,
+— aber vor dem heiligen, in tiefster Not<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> geläuterten Gottesglauben,
+vor Heldengröße und Opferfreudigkeit weicht es zurück. In hehrer
+Schöne steigen die drei aus dem Dunkel dämmernder Zeiten empor,
+Nibelungengestalten, vom Glanz verklungener Tage umschimmert. ›Gott,
+König, Vaterland!‹ ist Deutschlands gewaltige Losung. Männeraugen
+leuchten bei ihrem Klange, heller tönen Waffenruf und Schwertklingen,
+tiefer erglüht die purpurne Seide der Fahnen. Tapfere Frauen zerdrücken
+die Träne im Auge, um den stummen Mund ein stolzes Lächeln. Die
+schwielige Faust des Arbeiters fühlt den Druck der schlanken gepflegten
+Hand des Edelmannes und umschließt sie heiß — — Jünglinge gürten sich
+jauchzend mit dem Schwert, liebliche Bräute folgen dem Scheidenden
+zum Altar. Und über dem deutschen Lebensbilde der große heilige Ernst
+der Stunde. In alle Gaue geht des Königs Ruf. Das Eisen ist lebendig
+geworden, das heilige Eisen, das Jahrtausende ruhen und rasten kann,
+wenn die Welt Deutschlands Ehre wahrt. In dieser Stunde beginnt
+es, zu sieden. Seine Läuterungskraft durchdringt das ganze Volk:
+es gibt keinen Berliner Pöbel mehr, keinen Tagedieb, keinen roten
+Internationalen, — es gibt nur Menschen, — Deutsche! Wie gebannt
+stehen sie. Schloßplatz und Linden sind nicht wie sonst ein wogendes
+Menschenmeer, sie sind ein starrender Fels — —</p>
+
+<p>Und die Weltgeschichte geht vorüber — — —</p>
+
+<p>Während der Kaiser sein Volk in den Dom zum Gebet sendet, während das
+Lied von der festen Burg die Kuppel sprengen will, fährt draußen der
+reinigende Blitzstrahl nieder: die Kriegserklärung zerreißt die bange
+Stunde des Wartens auf die russische Antwort.</p>
+
+<p>Ein Brausen steht in der Luft — —</p>
+
+<p>Einer, der jene denkwürdige Nacht erlebt, sagt: »Wenn dies Volk ohne
+Waffen und Wehr, nur mit dem Feldgeschrei:<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> ›für Gott und unsere
+gerechte Sache!‹ unter dem Donner der heimischen Erde daher geschritten
+käme, — kein Feind hielte ihm stand, das Entsetzen lähmte ihm die
+Sinne!« — — Auf und nieder wogender Meeresflut gleich braust die
+flammende Antwort einer in ihren tiefsten Tiefen erschütterten
+Volksseele. Betend neigt sich Deutschland vor seinem Gott, — singend
+huldigt es seinem Kaiser — —</p>
+
+<p>Es sind die Augusttage des Jahres 1914. Es ist die Wende der
+Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Um den stillen Platz unter der Linde, wo der Kambacher Pfarrer die
+Braut geküßt, webte Mittagszauber, und ein Klingen und Singen ging
+durch die Zweige, als rüstete sich die alte Mark zur Maienfeier. Aber
+schon ging der Sommer zur Neige, über der Heide lag ein goldklarer
+Glanz und die ersten weißen Fäden wehten. Wie späte Liebesgrüße
+dufteten dunkle Rosen in den sonnigen Mauernischen des Witwenhauses,
+über dem leuchtenden Waldbilde lag, schöner als Lenzeswerben, jene
+tiefe stille Herbstesglückseligkeit, deren klare Schönheit das große,
+seltene Erlebnis der Menschenseele widerspiegelt. Um die Kiefern webte
+ein Rosenwunder — ein Traum von bekränzten Tagen und flatternden
+Purpurstandarten zog durch die stille Mark — — —</p>
+
+<p>Die Glocken des Kriegsbettages waren verklungen. In der Kambacher
+Dorfkirche hatte ein deutscher Mann seine Gemeinde zur Buße gerufen,
+zur Beugung unter ein schweres, aber gerechtes Gottesgericht. Im
+Augenblick der gewaltigsten Volkserhebung der Weltgeschichte grüßte
+sein flammendes Wort Brandenburgs Söhne:</p>
+
+<p>»Wir wissen es wohl, warum uns Gott diesen Krieg gesandt hat! Weil
+wir in Gefahr sind, unsere heiligsten Güter zu verlieren, weil unser
+politisches und soziales, unser sittliches<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> und religiöses Leben
+angefressen ist! Noch ist der deutsche Volkskörper nicht verfault, aber
+wir dürfen uns keiner Täuschung darüber hingeben, daß die Zersetzung
+begonnen hat, ja daß sie nicht von gestern und ehegestern ist. Und
+nicht um Einzelschäden und Einzelsünden geht's, — unser ganzes Volk
+trägt die Schuld am deutschen Verfall, alle, die deutschen Blutes
+sind, müssen an ihre Brust schlagen, ob sie Kronen tragen oder mit
+schwieliger Hand ihr Tagewerk treiben, — keiner ist ausgeschlossen! —
+Ihr Kambacher und Dreilindener Bauern, ob ihr Gottes Wort und Sakrament
+ehrt, ob ihr eure Ehen rein haltet wie wenig andere, ob ihr die Sitte
+wahrt und dem Schmutz in Wort und Bild zornig die Türe weist, —
+vergeßt es nicht: einst am jüngsten Tag wird die Frage des Herrn eine
+zwiefache sein: ›Was habt ihr getan? was habt ihr nicht getan?‹ Keiner
+unter uns wird vor dieser Doppelfrage bestehen können, keiner wird die
+Stirn haben, zu behaupten, er hätte die göttliche Forderung bis ins
+kleinste erfüllt, — keiner, — die Volkssünde steht wider uns auf! Ein
+einziges unterlassenes Gebet für den Träger der Krone, ein unüberlegtes
+Urteil über die Obrigkeit, die geringste Versündigung am Deutschtum,
+an der heiligen Innerlichkeit seines Wesens, das scheinbar kleinste
+Versäumnis des christlichen Vorbildes, — sie sprechen uns mitschuldig
+am deutschen Verfall. Darum umschließt dies Gericht uns alle, darum
+soll's jedem einzelnen ein Weg nicht nur zur Buße und Umkehr, sondern,
+will's Gott, zur Erneuerung und Wiedergeburt werden. Denn an eines
+neuen Reiches Pforte klopft Gottes gewaltiger Hammer. Daß Deutschland
+die Kraft besaß, aus seinem tiefen Todestraum aufzustehen und einig
+wie ein Mann vor seinen Kaiser zu treten, — Gottes Gnade war's, die
+im letzten Augenblick den Brand aus dem Feuer riß, — ein Wunder! Und
+als ein Wunder steht's vor uns, wie die kaum begonnene vaterländische
+Not Kräfte entbindet, deren Besitz<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> wir längst aufgegeben, wie sie
+Werte ans Licht trägt, die wir dem sittlich verarmten Boden nicht mehr
+zutrauten. Die gewaltige Pflugschar der großen Zeit reißt die Scholle
+auf, daß aus ihrem Blute eine Saat ersprieße, des deutschen Ackers
+würdig.</p>
+
+<p>Wir haben einen sittlichen Niedergang zu verzeichnen, aber noch sind
+wir kein untergehendes Volk. Noch nicht. Darum werden wir gezüchtigt,
+aber nicht zermalmt. Durch die ungeheuren Opfer an Gut und Blut, an
+Liebe und Leben, die uns auferlegt werden, rechnet Gott mit uns ab.
+<em class="gesperrt">Wir vertreten eine gerechte Sache — ganz gewiß — nach außen hin
+stehen wir rein da! Aber so oft wir uns dies wiederholen im Kampf oder
+Sieg, so oft sollen wir uns eine andere schwerere Wahrheit vorhalten:
+daß wir nach innen tief verschuldet sind und Gott auf tausend nicht
+eins antworten können.</em> Darum mußte ein Sturm über uns kommen. Das
+Geschlecht, das in frevelhaftem Leichtsinn das Erbe der Reformation
+verschleuderte und seine heiligen Güter in den Staub trat, konnte nur
+mit donnernder Sprache erweckt und durch eiserne Zucht zur Besinnung
+gebracht werden. Und das will Gott. Er hat uns das Größte vertraut,
+hat uns zu Trägern des Lichtes geweiht! Zum Salz der Erde hat er uns
+gemacht, daß Kind und Kindeskind die Botschaft seines Heils den Völkern
+der Welt vererben. Weil er die <em class="gesperrt">eine</em> köstliche Perle in unsere
+Hände gelegt, darum, und nur darum, übt er noch einmal Geduld, darum
+schlägt er uns wohl, aber er tötet uns nicht.«</p>
+
+<p>In lautlosen Schweigen saßen die Bauern unter der Kanzel. Manch weißer
+Kopf nickte verständnisvoll zu den schlichten mannhaften Worten des
+jungen Pfarrers, manch treues Auge leuchtete hell auf, aber auch viele
+heiße Tränen rannen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span></p>
+
+<p>Auf dem Altar flimmerten die Kerzen über den Abendmahlsgeräten.
+Feierlich klangen die Einsetzungsworte durch die stille Kirche.
+Dann traten die Söhne der Mark mit ihren Frauen und Bräuten an den
+Gottestisch. Manch einer der Alten dachte, im Chorstuhl sitzend,
+vergangener Zeiten: ›So wird's vor hundert Jahren gewesen sein!‹
+Inzwischen hatte man vieles erlebt, Krieg und Kriegsgeschrei, — aber
+diesmal galt's Größeres, Außerordentliches, das fühlten alle, diesmal
+sollte Deutschland alles genommen, diesmal sollte es zertreten, vom
+Erdboden vertilgt werden — warum sonst Englands Kriegserklärung?
+— eine Gemeinheit war's, — und die Gedanken der greisen Kambacher
+wanderten ein Stücklein Wegs ins Völkerleben draußen. —</p>
+
+<p>Der Patronatsstuhl war leer. Der Kambacher hatte keine Ruhe gehabt und
+war schon vor einigen Tagen nach Berlin gefahren, obgleich Harro jeden
+Augenblick eintreffen konnte. Seine Verletzung heilte leicht, sobald er
+dienstfähig war, wollte er zu seinem Regiment zurückkehren.</p>
+
+<p>»Er soll nach Berlin kommen, falls ich nicht da bin,« hatte der
+Oberstallmeister abschiednehmend zu Ilse gesagt, die während seiner
+Abwesenheit nach Dreilinden gehen wollte. »Ich muß meinen Kaiser
+sehen und das Stück Weltgeschichte erleben, das sich in diesen Tagen
+abspielt. In solchen Zeiten hält's kein rechter Kambach auf der Scholle
+aus. Hätt' ich nicht den alten Schaden aus der Leutnantszeit, ich
+wüßte, was ich täte! Gut, daß ich dem Vaterland wenigstens einen Sohn
+schenken kann!« Damit war er zur Bahn gefahren.</p>
+
+<p>So kam's, daß am Kriegsbettag Ilse Bühler neben der alten Exzellenz auf
+dem Dreilindener Chor saß. — — —</p>
+
+<p>»Das war das rechte Wort für diese Stunde, mein lieber Herr Pastor,«
+sagte Frau Sabine, den Geistlichen begrüßend, während sie, auf den
+Arm der Enkelin gestützt, dem Kirchhoftor<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> zuschritt, wo ihr Wagen
+wartete. »Besonders für die Erklärung des Begriffs ›Volksschuld‹ danke
+ich ihnen herzlich im Namen unserer Bauern. Wir tragen ja alle unseren
+alten Adam mit uns herum, das wird wohl keiner leugnen, dazu sind's zu
+gute Christen, aber ihr Gesichtskreis ist doch gewaltig eng. Kambach
+und Dreilinden sind die Mark, — na, und da die Verhältnisse hier so
+gut wie nur möglich sind, will der Begriff ›Volksschuld‹ nicht in den
+märkischen Bauernschädel hinein. Aber heute war der Boden bereitet und
+die Aussaat die rechte!« Sie reichte ihm abschiednehmend die Hand.
+»Lassen Sie sich bald mal in Dreilinden sehen!«</p>
+
+<p>»Ich danke gehorsamst, Exzellenz! Sobald meine Zeit es erlaubt,
+werde ich vorsprechen. Wissen Exzellenz, daß Graf Brelow sich als
+Freiwilliger gemeldet hat?«</p>
+
+<p>»Erzählen Sie das nicht meinem Sohn. Er ist außer sich, daß er nicht
+dienstfähig ist. Wenn er hört, daß Brelow mitgeht, können wir noch
+etwas erleben.«</p>
+
+<p>»Aber Herr Oberstallmeister ist doch viel älter!«</p>
+
+<p>»Als ob er daran dächte! Kennen sie den märkischen Adel so schlecht?
+Man hat unsere Junker nicht umsonst ›Kinder des Schwertes‹ geheißen!«</p>
+
+<p>»Herr von Kambach schrieb mir gestern eine Karte,« sagte Pastor Möller.
+»Es muß etwas Großes sein, diese Tage in Berlin zu verleben, darum
+freue ich mich, daß er schon am 29. Juli abreiste. Er hatte keine Ruhe
+mehr!«</p>
+
+<p>»Sehen Sie! Das sind die Kambachs! Gott, König, Vaterland. — alles
+andere ist Nebensache! Aber das ist das Wahre! Ich möchte meinen Sohn
+nicht anders haben.«</p>
+
+<p>Sie saß längst im Wagen, von Ilse sorgfältig in Decken gehüllt. Blaß
+und ernst nahm die junge Gräfin neben der Großmutter Platz, die mit
+jugendlicher Frische die große Zeit grüßte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span></p>
+
+<p>»Graf Bühl ist auch in Berlin. Alle lassen sie einen allein! Am
+liebsten wäre ich mit dabei. Aber eine alte Frau wie ich gehört ins
+Haus, und gerade jetzt dürfen die scheinbar kleinen Pflichten nicht
+vernachlässigt werden. Meine Dreilindener brauchen mich auch. Ich
+hoffe einer der beiden Herren kehrt bald zurück, damit wir auch einmal
+persönliche Berichte hören, nicht wahr, Ilse?« Freundlich wandte sie
+sich an die junge Frau.</p>
+
+<p>Die nickte stumm. Ein abgrundtiefes Leid alterte die schönen Züge.</p>
+
+<p>Mitleidig ruhte Pastor Möllers Auge auf ihr. Er kannte diese Naturen,
+welche die erste Not zerbrach. Und außerdem war die arme Frau krank.
+Wer dies Gebiet kannte, sah auf den ersten Blick, daß nicht alles in
+Ordnung war.</p>
+
+<p>Die Pferde zogen an. Ehrerbietig grüßte er die greise Gutsherrin.
+Das war eine von denen, die sich immer wieder aufrichteten, die im
+Dienste anderer den Segen ihres Tuns am eigenen Herzen erfuhren. Und er
+gedachte eines schlichten Wortes, das einer über Frauenleben und -glück
+geschrieben: ›Lieben heißt nicht: begehren; lieben heißt: schenken und
+Opfer bringen.‹ —</p>
+
+<p>Über dem Witwensitz der greisen Kambacherin stand das Wort ›mobil‹ wie
+über keinem anderen Hause, wo eine deutsche Frau waltete. Vom ergrauten
+Verwalter und seinem schaffensfrohen Weibe bis zum Küchenmädchen und
+Stallknecht wußten sie alle: jetzt ging eine Arbeit an, wie sie vorher
+nicht dagewesen. Aber keines trauerte den vergangenen Tagen nach,
+— wer länger als ein Jahr in den Diensten Exzellenz von Kambachs
+stand, der spürte etwas von dem Geist, der das alte Haus durchwehte
+und wollte nicht ausgeschlossen sein, wenn es eine große gemeinsame
+Sache galt, wenn man unter den Flaggen ›wir‹ und ›bei uns‹ segelte.
+Frau Sabine hatte es<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> von jeher verstanden, ihre Leute für die großen
+völkischen und religiösen Fragen zu gewinnen, und dadurch ein festes
+Band zwischen Herrschaft und Untergebenen geknüpft. Kein Wunder, daß in
+der Stunde, wo Deutschland von Ost und West bedroht ward, die märkische
+Vaterlandsliebe auflohte, daß auch der Kleinste und Geringste an seinem
+Teil mithelfen wollte. Nie stand der deutsche Strickstrumpf so hoch in
+Ehren, nie ward auf dem Dreilindener Gutshof gespart, wie in den großen
+Augusttagen! — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Frau von Kambach stand, dem abfahrenden Wagen nachblickend, auf den
+Steinstufen.</p>
+
+<p>»Leg' dich ein paar Stunden hin, Ilse,« sagte sie. »Die Fahrt wird dir
+sonst zuviel. Ich werde dir dein Essen hinaufschicken. Bleib nur ruhig
+bis zum Abend oben.«</p>
+
+<p>Die junge Frau schwieg.</p>
+
+<p>Besorgt sah die Großmutter sie von der Seite an. »Es ist wirklich
+besser so,« sagte sie freundlich. »Ruhe ist jetzt das einzige für dich.
+Ich bin gewiß sehr dafür, daß man sich zusammennimmt, aber es gibt
+Fälle, wo man die Besserung nicht dadurch erzwingt!«</p>
+
+<p>Ilse zog die welke Hand an die Lippen.</p>
+
+<p>»Die erzwinge ich überhaupt nicht, Großmama,« sagte sie mit erstickter
+Stimme. »Aber daß ich die Hände in den Schoß legen und abseits stehen
+muß, wo das Vaterland blutet, — das — das ist zuviel. Vor einem Jahr
+hätte ich Johanniterin werden können,« — sie wandte sich ab und eilte
+die Treppen hinan, die letzten Worte verwehte der Sommerwind.</p>
+
+<p>Die alte Frau sah ihr traurig nach. »Also doch eine rechte Kambach,«
+zog es ihr durch den Sinn. Und im stillen bat sie der Enkelin ein
+Unrecht ab. Sie hatte geglaubt, daß der<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> Schmerz auf dem schönen
+Antlitz nur dem einem galt und immer wieder dem einen, der es nicht
+verdiente, daß eine reine Frau um ihn weinte — — — Wäre der Fluch
+der Mannesschuld nicht gewesen, der dies junge Leben vergiftet, es wäre
+leichter gewesen, dem Wüstling zu vergeben, — aber so? Sie hielt Ilse
+für sehr krank — —</p>
+
+<p>Nachdenklich ging sie ins Haus und sah die Post durch. Außer der
+Kreuzzeitung war eine Karte von Renate gekommen, die während Ilses
+Besuch nach Hause gefahren war, um von zwei Brüdern, die bei den
+Drachenburger Ulanen standen, Abschied zu nehmen. Morgen wollte sie
+zurückkehren. Auch von Eichelchen war ein glücklicher Brief dabei.</p>
+
+<p>Nach beendeter Mahlzeit nahm Exzellenz von Kambach die Kreuzzeitung und
+setzte sich an den Schreibtisch. Hastig putzte sie die Brillengläser,
+auf ihren klaren Zügen malte sich Ungeduld.</p>
+
+<p>Und dann knisterten die Blätter.</p>
+
+<p>Das stille Gemach der märkischen Edelfrau ward hell, die große Zeit
+stieg leuchtend aus dem Grau des Alltagslebens empor und grüßte die
+Fünfundsiebzigjährige.</p>
+
+<p>Sie aber las und las: die gewaltige, vom Geiste tiefsten Glaubens und
+heiligster Vaterlandsliebe getragene Thronrede, die weltgeschichtliche
+Tagung des Reichstages, — die alten Hände begannen zu zittern, die
+Brillengläser wurden blind, — wenn Fritz Karl das noch erlebt hätte!
+Eine Hoffnung erwachte in ihrer Seele und hob kühn die Schwingen
+zum Adlerflug. Sollte das Wort Wilhelms des Ersten, das er in echt
+königlicher Demut über den Sieg der siebziger Jahre schrieb, ein
+zweites Mal in größerem, hehrerem Sinne Wahrheit werden? ›Welch eine
+Wendung durch Gottes Führung!‹ Kein Fürstenwort hätte die gewaltige
+Stunde des 4. August, da das wunderbar geeinte Volk seinem Kaiser die
+Treue gelobte,<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> treffender zeichnen können, als jene schlichte Drahtung
+des greisen Kriegsherrn.</p>
+
+<p>Aber dann zuckte die welke Hand im Zorn zusammen: eine Sonderausgabe
+brachte Englands Kriegserklärung. Das war zuviel — und doch —
+Bismarck hatte den Vettern drüben nie getraut. Ja, Bismarck! Und der
+gepanzerte Recke stand vor ihrem geistigen Auge.</p>
+
+<p>Die Zeit ging. Sie hörte nicht den Schlag der Uhren, sie blickte auf
+die schimmernde Schöne deutscher Heldentage, sie sah deutsches Blut
+strömen und betete und glaubte.</p>
+
+<p>Aber die große Freude über Deutschlands Erwachen vermochte die
+Sorge aus dem Herzen der alten Frau nur vorübergehend zu bannen.
+Die Seherin schaute nicht nur die sonnigen Bergkuppen, sie schaute
+den Talschatten. Nebel und Nachtgezücht duckten sich zwar in feiger
+Scheu vor Heldengröße und Mannestreue, aber sobald das leuchtende
+Heer seinen Blicken entschwand, würde das Gelichter sein böses Spiel
+um so toller treiben. Nach siebzig war's nicht anders gewesen; der
+Zeitabschnitt nach dem Kriege bedeutete sogar einen Tiefstand deutschen
+Lebens, wie ihn die Geschichte in wenig Fällen verzeichnet. Und dieser
+Tiefstand erklärte sich nicht nur aus der plötzlichen Goldflut, sondern
+aus allgemeiner Oberflächlichkeit, aus dem mangelnden Willen, die
+große Zeit auszukaufen und die Früchte des Krieges einzuernten. Der
+deutsche Michel wartete eben stets, bis ihm die gebratenen Tauben
+in den Mund flogen. Aber der Segen des Krieges wollte erkämpft und
+erarbeitet, wollte vor allem erbetet sein. Neues entstand nur, wenn
+das Alte verging und starb. Die schwersten Erfahrungen aber glichen
+toten Werken, solange sie nicht im Kern erfaßt und ausgenutzt wurden.
+Und an diesem Willen zum Siege zweifelte die Frau, die wie wenige
+ihr Volk kannte. Ohne einen Augenblick das große Gnadengeschenk zu
+unterschätzen<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> oder den Wert der neu erwachten Kräfte des Glaubens,
+der Opferwilligkeit und Einigkeit zu verkennen, sagte sie sich: die
+zerstörenden Mächte in unserem Volk hat ihr Feuer noch nicht verzehrt.
+Nur das Volk, das den schmalen Pfad der Buße ging, fand den Weg
+zum Tor des Lichts. Würde die Läuterungsglut der eisernen Zeit ein
+Geschlecht hervorbringen, das seine Krone zu tragen verstand und seine
+heiligsten Güter wahrte? Sabine von Kambach zweifelte nicht daran,
+daß Deutschland, ob auch unter ungeheuren Opfern an Gut und Blut, in
+dem schweren äußeren Ringen siegen würde. Ein Volk, das noch solch
+starke innere Werte barg, kehrte aus dem Kampf um Sein oder Nichtsein
+nur siegend zurück oder — auf dem Schilde. Ein anderes war es, ob
+die Volkskraft den schwereren inneren Kampf mit den Mächten der Tiefe
+bestehen und ihres Sieges Früchte bewahren würde. Das zwanzigste
+Jahrhundert hatte es vergessen, daß die Kraft eines Volkes in der Buße
+wurzelte. Das Jahr 1914 forderte zur Gesundung Deutschlands nicht nur
+die Gesundung des Volkes, es forderte die Gesundung der Kirche.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Fern über der Heide verklang die Kambacher Glocke. Da raste ein
+Kraftwagen über den Hof. Schwerfällig erhob sich Exzellenz von Kambach
+und blickte hinaus.</p>
+
+<p>Auf den Diener gestützt, stieg Graf Bühler die Stufen hinan.</p>
+
+<p>Sie ging dem alten Freunde entgegen. »Erlaucht, trotz Ischias?«</p>
+
+<p>Er küßte ihre Hand. »Was schert mich Ischias! Wär ich dreißig Jahre
+jünger! Aber meinen Kaiser mußte ich sehen und die gewaltigen Stunden
+mit erleben! So etwas kommt in hundert Jahren nicht wieder vor! —
+Übrigens soll ich Sie von Harro grüßen, ich traf ihn gestern bei seinem
+Vater, — er kommt heute abend zu Ihnen, um Abschied zu nehmen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span></p>
+
+<p>Und dann saßen die beiden Alten zusammen am Kamin und der
+Erblandmarschall erzählte.</p>
+
+<p>Wie ein Jüngling im weißen Haar erschien er Frau Sabine. So hatte sie
+ihn nicht mehr gesehen, seit der Enkel den alten Namen entehrt. Die
+Adleraugen blitzten, die ehrwürdige Gestalt war straff aufgerichtet,
+nur die gichtgekrümmte Hand, die den Krückstock umfaßte, redete von
+Krankheit und Greisenalter.</p>
+
+<p>›Märkischer Uradel!‹ dachte sie, während ihr Auge auf den edlen Zügen
+ruhte. ›Gott, König, Vaterland! das ist sein Lebensnerv!‹</p>
+
+<p>»Wie ich hergekommen bin, weiß ich nicht,« sagte der Graf. »Ich wäre
+auch noch geblieben, aber ich sagte mir, daß Sie hier säßen und die
+Stunden zählten, bis einer käme und Ihnen Bericht erstattete! Karl
+Heinrich war nicht loszueisen, man kann's ihm ja schließlich auch nicht
+verdenken, daß er dabei sein will, wenn der Sohn ins Feld rückt, — na,
+da sagte ich mir, daß ich an der Reihe sei, nach Dreilinden zu fahren!«
+Er nickte der alten Freundin herzlich zu: »Und ich hab's gern getan,
+Exzellenz!«</p>
+
+<p>Die Tränen stiegen ihr in die Augen. »Das weiß ich,« sagte sie leise.</p>
+
+<p>Aber er war schon wieder in Berlin. Auf dem Schloßplatz. Im Reichstag.
+An irgendeiner Straßenecke. Bei Kranzler. Ganz wie damals nach dem
+Kriege, wo sich alles in der Reichshauptstadt traf. Nur ein Unterschied
+bestand zwischen einst und jetzt. Damals war ein ruhmvoller Friede
+unterzeichnet und Berlin begrüßte jubelnd seinen Kaiser, — heute stand
+Deutschland vor der furchtbarsten Aufgabe der Weltgeschichte.</p>
+
+<p>Er erriet ihre Gedanken.</p>
+
+<p>»Sie wundern sich über meine Stimmung, teuerste Freundin? Ich kann's
+verstehen! Man muß dabei gewesen<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> sein! Siebzig war ein Kinderspiel
+gegen diese Begeisterung, diese heilige Einigkeit! Es war mir in diesen
+Tagen, als ob ganz Deutschland seine Kleinodien vor seinem Kaiser
+ausbreitete und in der Sonne funkeln ließ! Und dazu wurde ›Ein feste
+Burg‹ gesungen, — kann es Größeres geben? Das brauchte der Kaiser aber
+auch in der Stunde übermenschlich schwerer Entscheidung! Wie ich mich
+freue, daß wir's abgewartet haben, bis das Pack uns ins Land fiel, —
+ob es strategisch richtig war, ist etwas anderes, — aber niemals hat
+Deutschland größer dagestanden! Auf den Knien sollten wir Gott danken,
+daß wir solchen Kaiser haben!«</p>
+
+<p>Sie nickte.</p>
+
+<p>Still war's zwischen den beiden Alten.</p>
+
+<p>»Mißverstanden hab' ich Ihre Freude aber keinen Augenblick,« sagte sie
+dann.</p>
+
+<p>»Nein? das freut mich! — Als ich durch unsere alte Mark fuhr, hatte
+ich das Gefühl: das Größte, Herrlichste dieser Heldentage haben doch zu
+wenige im deutschen Vaterland persönlich miterlebt. Der Widerschein der
+gewaltigen Stunde leuchtet ja überall, wo deutsches Leben ist, — dafür
+sorgt schon die Heimatliebe, — aber ein Sonnenaufgang ist doch etwas
+anderes als Morgenleuchten! Darum dacht' ich: wir sahen die Majestät,
+die Glorie dieses Krieges, seine überirdische Weihe, — Millionen
+Menschen aber, die dasselbe Recht haben, den Glanz dieser Tage zu
+erleben, sehen nur das Grauen über dem Völkerbilde, die abgrundtiefe
+Not, — sie bringen dieselben Opfer wie wir, Exzellenz, — das gehört
+auch zu den Härten des Lebens, die unser kleiner Verstand nicht erfaßt!
+Und doch geben sie das Beste hin, wenn es die Scholle gilt!« Er blickte
+sinnend über das dämmernde Land. Seine Augen leuchteten — —</p>
+
+<p>Sie aber fühlte, ihre Seelen waren auf den gleichen Ton gestimmt. Was
+Frauensehnsucht in der Stille der Heide erträumt,<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> hatte der Mann
+in Händen gehalten. Das Zollernschwert hatte der märkische Edelmann
+blitzen sehen, über die purpurne Seide der Kaiserstandarte hatte er das
+weiße Haupt geneigt, — und mehr noch — Job Wilhelm von Bühler hatte
+Größeres, Gewaltigeres schauen dürfen: eine Volkserhebung, wie sie nie
+dagewesen, ein Erwachen, wie es kein deutsches Herz zu fassen gewagt,
+eine Einigkeit, so stark, so unzerstörbar, daß der Feind, der ein mit
+sich selbst zerfallenes Volk mit kurzem Handstreich niederzuschlagen
+wähnte, staunend den eilenden Schritt verhielt und das Auge starr auf
+die gepanzerte Lichtgestalt richtete!</p>
+
+<p>So kam's, daß der greise Märker, während er die überwältigende Kunde
+in das stille Heidehaus trug, mit all seinen Herzgedanken in der
+Kaiserstadt war, am Thron, unter dem strömenden Volk, an der Stätte,
+da das deutsche Blut am stärksten pulsierte, da Glaube und Liebe am
+hellsten leuchteten.</p>
+
+<p>Schweigend folgte sie seinem Blick — —</p>
+
+<p>Da wandte er ihr das Auge zu. In dem geistvollen Antlitz arbeitete es:
+»Ich hätt' es nicht für möglich gehalten!« Und eine Träne rann ihm die
+Wange herab.</p>
+
+<p>Durch die Dämmerstille des märkischen Dorfes klang der Flügelschlag der
+großen Zeit — —</p>
+
+<p>Sabine von Kambach lauschte hinüber. Ein Traum von schlichter
+Heldengröße und deutschen Siegen flog durch den Sommerabend — standen
+die Toten auf, die Kämpfer von 1813? ›Ich hätt' es nicht für möglich
+gehalten!‹ klang ihr das Wort des Freundes im Ohr.</p>
+
+<p>Und das andere, — der Feind, der Deutschland knebelte und in den
+Staub drückte, der ihm mehr nahm, als Gut und Blut, der ihm die Seele
+mordete? was ward aus ihm? Vieles würde der Riesenkampf fortfegen,
+manch böser Gewohnheit würde der neu erwachte Gottesglaube die Türe
+weisen,<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> — ob der Keim des furchtbaren Giftes dadurch zerstört ward?</p>
+
+<p>Frau von Kambach sprach dem Grafen ihre Sorge aus.</p>
+
+<p>Aufmerksam hörte er ihr zu.</p>
+
+<p>»Exzellenz haben mir aus der Seele gesprochen, — erwiderte er, als sie
+geendet. »Es wäre eine Täuschung, wenn wir die innere Gefahr, die unser
+Volk bedroht, angesichts der großen Erhebung, die wir erleben durften,
+für beseitigt halten wollten. Sie ist nicht beseitigt. Die Mächte der
+Hölle werden nicht durch einen großen völkischen Aufschwung vernichtet,
+noch durch äußere erschütternde Ereignisse an sich überwunden. Dies
+Gift kann nur dann ausgerottet werden, wenn die Frucht der großen
+vaterländischen Not die Buße ist. Wir brauchen einen Neubau, — nur ein
+völliger Bruch mit der Vergangenheit ermöglicht ihn.«</p>
+
+<p>Sie nickte. »Wir werden nach dem Kriege vor gewaltige völkische und
+religiöse Aufgaben gestellt werden! Es war mit das erste, was ich mir
+im Blick auf dieselben sagte: daß es eine gnädige Fügung ist, daß der
+Bund bibelgläubiger Christen nicht erst gegründet zu werden braucht,
+sondern daß er — wenn auch erst seit einigen Monaten — besteht. Wie
+viele würden uns als Schwarzseher verlachen, wenn wir heute oder nach
+einem, will's Gott, siegreichen Kriege einen solchen Volksbund gründen
+wollten! Hab' ich nicht recht?«</p>
+
+<p>»Gewiß. Genau dasselbe dachte ich vor einigen Tagen, als mir im Blick
+auf diese Frage das Herdersche Wort einfiel, das Sie so oft angeführt
+haben: ›Unsere Väter, o, Deutschland, meine Sorge, waren nicht, wie
+wir jetzt sind!› Die meisten würden, wenn man sie daran erinnerte,
+denken: ›Na ja, die Herrschaften sind eben über siebzig!' Aber das
+darf uns nicht irre machen! Wenn wir auch nicht mehr viel Zeit haben,
+— die Tage, die Gott uns noch schenkt, soll die Arbeit für sein Reich
+ausfüllen, nicht wahr, Exzellenz?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span></p>
+
+<p>In ihren Augen glänzten Tränen. »Es liegt etwas Prophetisches über
+der großen Zeit.« sagte sie leise. »Mag einer sagen, was er will, ich
+glaub's dennoch, daß Herders Wort sich noch einmal wandelt, daß es noch
+einmal heißen wird: ›O Deutschland, meine Freude!‹«</p>
+
+<p>Er neigte das weiße Haupt wie zum Gebet. »Gott walt's.« — — —</p>
+
+<p>Ein Wagen jagte über die Kopfsteine.</p>
+
+<p>»Das ist Harro!« Der Erblandmarschall erhob sich. »Ich werde Sie mit
+ihm allein lassen. Darf Fritz mein Auto bestellen?«</p>
+
+<p>»Bleiben Sie doch zum Tee!«</p>
+
+<p>Er zögerte. »Gut, ich werde Ilse so lange Gesellschaft leisten.
+Vielleicht kommt sie zu mir herunter. Wenn der Anfall auch diesmal
+nicht schlimm ist, so wird mir das Treppensteigen doch schwer.«</p>
+
+<p>»Natürlich kommt Ilse herunter,« sagte die alte Dame. »Bitte machen Sie
+es sich inzwischen im blauen Salon bequem. Die Zigaretten stehen auf
+ihrem gewohnten Platz.« Und sie schritt dem Gast voran zur Tür.</p>
+
+<p>»Danke, danke, Exzellenz, ich bin hier ja zu Hause.«</p>
+
+<p>Sie lächelte. »Gut, dann klingeln Sie bitte und schicken Sie Fritz
+hinauf. Ilse ist auf ihrem Zimmer.« Sie nickte ihm freundlich zu, als
+ginge sie an eine gewohnte Arbeit in Haus oder Garten, und doch hatte
+sie Schweres vor sich.</p>
+
+<p>Aber er kannte sie. Auf diesen Schultern hatten schon größere Lasten
+gelegen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>An den Schreibtisch gelehnt, stand sie, den Enkel erwartend.</p>
+
+<p>Im nächsten Augenblick trat Harro Kambach ein. Groß, hoch aufgerichtet.
+In Felduniform. Ein Mann in des Königs Rock. Aber er war um Jahre
+gealtert, das Haar ergraut.<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> Auf den ersten Blick erkannte sie's: er
+kam als ein anderer heim. In tiefer Bewegung umschlang sie ihn.</p>
+
+<p>»Harro, mein Junge!«</p>
+
+<p>Wie ein Klang aus der Kinderzeit grüßten ihn die schlichten Worte.</p>
+
+<p>»Großmutter!«</p>
+
+<p>Gewaltsam suchte er seinen Schmerz niederzuringen, aber es ging über
+seine Kraft. Er neigte den Kopf auf ihre Schulter und weinte laut.</p>
+
+<p>Und die starke Frau, die so viel ertragen im Leben, mußte sich hart
+machen gegen die Mannestränen.</p>
+
+<p>Ein Schüttern ging durch seinen Körper. Er raffte sich auf.</p>
+
+<p>Schwer atmend stand er vor ihr.</p>
+
+<p>Als er die äußere Ruhe wiedererlangt hatte, beugte er sich ehrerbietig
+über ihre Hand. »Nicht wahr, es kommt niemand?«</p>
+
+<p>Sie schüttelte den Kopf. Dann stützte sie sich auf seinen Arm und ließ
+sich zu ihrem Lehnstuhl am Kamin führen.</p>
+
+<p>Dort saßen sie sich gegenüber.</p>
+
+<p>Alles an ihm schien ihr verändert. In seinem Wesen war etwas Neues. Und
+unwillkürlich zog es durch ihren Sinn: Es ist nicht nur die Trauer um
+das Liebste, nicht der Ernst der gewaltigen Zeit, die ihm ihr Gepräge
+geben, es ist jenes unverkennbare Merkmal, das der Mensch an sich
+trägt, der dem Tode ins Auge geschaut. Denn solche Linien grub nur das
+Bewußtsein: ›Du stehst vor Gott!› Und eine Hoffnung, die sie lange
+gehegt, wuchs.</p>
+
+<p>»Papa läßt grüßen,« sagte Harro. »Er bleibt noch in Berlin, bis wir
+ausrücken. Außerdem meinte er, es sei besser, wir wären zu zweien.«</p>
+
+<p>Er schwieg.</p>
+
+<p>Geduldig wartete sie. Wußte sie doch, daß er ihr alles sagen werde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span></p>
+
+<p>Und sie irrte nicht. Als sie eine Weile beieinander gesessen, klang
+plötzlich Sibyllens Name an ihr Ohr. Leise, mit fast frauenhafter
+Zartheit, sprach er ihn aus. Das Unglück selbst überging er; die
+Erinnerung an das Furchtbare mochte zu gewaltsam auf ihn wirken, aber
+was sie zuletzt miteinander geredet, erzählte er der Großmutter.</p>
+
+<p>Und die alte Frau rechnete es ihm hoch an und freute sich des großen
+Vertrauens.</p>
+
+<p>Es war ein kurzer, knapper Bericht, aber er umschloß das
+Glaubensbekenntnis eines Mannes:</p>
+
+<p>»Im Augenblick der höchsten Gefahr rief sie mir ein Wort zu, das sie
+schon einmal tags zuvor im <span class="antiqua">D</span>-Zug gesprochen: ›Aufs Glück kommt
+es nicht an, sondern darauf, daß wir auf Felsengrund stehen!‹ Dies Wort
+hat mich über Wasser gehalten, Großmutter, es hat mir in tiefster Not
+meinen Gott gezeigt.«</p>
+
+<p>Seine Stimme brach. Der Schmerz überwältigte ihn.</p>
+
+<p>Schweigend blickte Frau Sabine ins Feuer.</p>
+
+<p>Da begann er aufs neue: »Nun kann ich ins Feld ziehen! Ich hätt' es
+ja vorher auch gemußt, aber jetzt weiß ich, daß Vaterlandsliebe und
+Königstreue heilig sind, daß — daß sie ewig sind. Großmutter! Das
+hab' ich von dir gelernt, und — von ihr!« Er wandte sich ab. »Wenn
+Deutschland in Wahrheit frei werden soll, müssen wir das alle glauben!«</p>
+
+<p>Sie sah ihn unverwandt an. Fast ging dies schlichte heilige Erlebnis
+über ihre Kraft. Der Tag hatte des Großen schon zuviel gebracht.</p>
+
+<p>Ein heißes Dankgebet stieg aus ihrem Herzen. Und während ihr Auge auf
+der schlanken feldgrauen Gestalt ruhte, erwachte die Erinnerung.</p>
+
+<p>›Einen heiligen Damm wolltest du bauen, lieber Herr und Gott!‹ klang
+es durch ihre Seele und die Sage vom Oststrande stieg vor ihrem Geiste
+auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span></p>
+
+<p>War's nicht wunderbar, wie die blankgespülten Kieselsteine sich
+überall hineinschoben und drängten, wie sie sich an Fels und
+Basalt rieben, bis das wilde Geklüft sich glättete, wie sie sich
+zusammenschlossen zum großen, starken Ganzen, zu jener Mauer, die sich
+der Sünde entgegenstellt und den Verzweifelten deckt. Wahrlich, das
+uralte Mönchsgebet galt heute noch und hatte nichts von seiner Kraft
+eingebüßt. Und sie sah die Mauer wachsen. Ein neues Geschlecht, das
+sich seine Kleinodien nicht rauben ließ, stand um das Kreuz geschart.
+In den alten Augen lag's wie Prophetenklarheit, als schauten sie die
+Geschichte kommender Völker, und durch die Seele der Frau, die täglich
+in heißer Sorge die Hände für ihr Vaterland faltete, zog eine schöne
+lichte Hoffnung. Die Sehnsucht aber klopfte an ihre Kammer: ›Ob wir's
+erleben werden, daß die Heimatliebe ein Kränzlein trägt, daß sie
+singend von Hütte zu Hütte wandernd Mann und Weib die Siegesbotschaft
+ins Herz jubelt und Mägdlein und Buben ihren Hochgesang lehrt: O
+Deutschland, meine Freude!?‹ —</p>
+
+<p>Sie wandte sich wieder an den Enkel.</p>
+
+<p>»Wann war es?« fragte sie leise.</p>
+
+<p>»Etwa um sechs Uhr abends, — um die Dämmerung!«</p>
+
+<p>Über ihre Züge ging ein Leuchten.</p>
+
+<p>»Um sechs Uhr abends klangen die Saiten der Geige — —«</p>
+
+<p>Still war's in Haus, als hätte eines den letzten Seufzer getan — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die ersten Sterne blitzen am Himmel. Über die nächtliche Heide klingt
+der Schritt der eisernen Zeit. Von Osten weht fernes Schwertklingen
+herüber — — —</p>
+
+<p>Es sind die Augusttage des Jahres 1914. Es ist die Wende der
+Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert — —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+
+<div class="chapter">
+<div class="ads">
+
+<p class="p4 s3 center">Im Verlage von <em class="gesperrt">Martin Warneck in Berlin</em> erschien<br>
+ferner von</p>
+
+<p class="s3 center"><b>E. von Maltzahn</b></p>
+
+<p class="s3 mtop3 center"><b>Ein Mann</b><br>
+Ein Roman aus der Gegenwart.</p>
+<p class="s4 center">20. Tausend.</p>
+
+<p>Die Verfasserin hat sich durch ihre tiefgründigen Erzählungen in
+weitesten Kreisen einen großen Namen geschaffen, und man kann jedesmal
+erwarten, daß sie uns etwas Besonderes zu sagen hat. So auch in ihrem
+Roman »Ein Mann«. Ein tapferes Buch. Prächtige Charaktere werden uns
+hier gezeichnet. Herr von Grambow ist ein wahrer Edelmann, der mit
+seinem Christentum Ernst macht und keinen Augenblick zögert, bei
+schweren Zusammenstößen mit den Vorurteilen der Gesellschaft die Folgen
+auf sich zu nehmen. Ihm zur Seite steht Renate, eine Idealgestalt
+einer deutschen Frau. Der Roman führt uns zum Teil in die Kreise der
+Künstler als auch der Gesellschaft und ist, was Inhalt und Schilderung
+anbetrifft, spannend und meisterhaft durchgeführt. Es ist ein Werk
+reiner Kunst, von dem nur zu wünschen ist, daß es von vielen genossen,
+daß es aber auch in vieler Leben beachtet wird. Über den Inhalt selbst
+wollen wir nicht mehr verraten, sondern unsere Leser bitten: Nehmt und
+lest, und ihr werdet an dem Inhalt des Buches Freude und Gewinn haben.</p>
+
+<p class="s3 mtop3 center"><b>Abseits</b><br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Novellen.</p>
+
+<p class="s4 center">7. Tausend.</p>
+
+<p>»Abseits« nennt E. von Maltzahn mit Recht diese Novellen. Sie behandelt
+darin Themen, die wohl vielen abseits liegen, aber die wohl wert sind,
+bedacht zu werden. Ganz besonders möchte ich das von der zweiten
+Erzählung behaupten. Besinnliche Leser werden viel Freude an dem
+Büchlein haben.</p>
+</div>
+<hr class="r5">
+
+<p class="center mbot3 ">Herrosé &amp; Ziemsen GmbH. Co., Wittenberg.</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Geyer und Rittelmeyer, Leben aus Gott.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Gedicht und Musik von Peter Cornelius.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Karl Marx.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> J. Gabriel Seidl.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> <em class="gesperrt">Weber</em>, Dreizehnlinden.</p>
+
+</div>
+</div>
+</div>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78454 ***</div>
+</body>
+</html>
diff --git a/78454-h/images/cover.jpg b/78454-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..31a46ac
--- /dev/null
+++ b/78454-h/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/78454-h/images/signet.jpg b/78454-h/images/signet.jpg
new file mode 100644
index 0000000..740dd64
--- /dev/null
+++ b/78454-h/images/signet.jpg
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6c72794
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This book, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..bb905cd
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for eBook #78454
+(https://www.gutenberg.org/ebooks/78454)