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| author | www-data <www-data@mail.pglaf.org> | 2026-04-15 12:56:43 -0700 |
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Die Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. + +Das Inhaltsverzeichnis ist zur besseren Übersicht an den Anfang des +Textes verschoben worden. + +Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~. + +======================================================================= + + + Wenn ich die Sonne + grüße ... + + + Roman aus der Gegenwart + + von + + E. von Maltzahn + + + + + 34. bis 35. Tausend + + + [Illustration] + + + Berlin 1923 + Verlag von Martin Warneck + + + + + +Copyright 1915 by Martin Warneck, Berlin+ + + Alle Rechte, einschließlich das der Übersetzung, vorbehalten + + + + + Inhaltsverzeichnis. + + + Seite + + 1. Kapitel. Haus Kambach 5 + + 2. " Wir winden dir den Jungfernkranz! 19 + + 3. " Bodenständig 33 + + 4. " O Deutschland! 53 + + 5. " Adel 75 + + 6. " Gala 102 + + 7. " Trotz alledem 115 + + 8. " Allein 137 + + 9. " Bankrott 157 + + 10. " Ein Ton 170 + + 11. " Um die Volksseele 185 + + 12. " Der alte Krückstock 213 + + 13. " Eine Heimkehr 232 + + 14. " Jutta 244 + + 15. " Ein Frauenlos 267 + + 16. " Gold gab ich für Eisen! 277 + + 17. " Der getreue Eckart 299 + + 18. " Veteranen 312 + + 19. " »Wenn ich die Sonne grüße ...« 329 + + 20. " »O Deutschland, meine Freude« 347 + + + + +Deutschland! + + + Du deutsche Erde an Haff und Strom, + Es rauscht ein Lied durch den Föhrendom! + Wie Schildgetöne, so trutzhaft klingt's, + Durch Mark und Bein, durch die Seele dringt's: + Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht? + Seit wann vergaß er sein heilig' Recht? + Seit wann sind Zucht und Sitte gebannt? + Wer jagte die Treue aus deutschem Land? + Wer trieb mit dem Kreuze den ersten Spott? + Wer lehrte den Wahn: Es gibt keinen Gott!? -- + Wie ein Brand flog's herein, wie giftiger Samen, + Und Deutschland -- sprach Amen. -- -- + Mein Vaterland, was hast du getan! + Mein deutsches Volk! Einst warest du stark! + Sag', warum huldigst du Trug und Wahn? + Es hat dich getroffen bis tief ins Mark! + Nun liegst du blutend in deinen Wunden + Und kannst nicht gesunden! -- + Doch! Du kannst es! Nach oben den Blick! + Zum Urquell zurück! + Zurück zum Kreuze mit all deiner Last, + Zu ihm, den du irrend verlästert hast! + + Er nimmt dich an! Er zerbricht deine Ketten, + Er heilt deine Wunden und will dich erretten + Aus des Todes Feuer, aus all deiner Not -- + Auch in der Tiefe bleibt er dein Gott! -- -- + Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht? + Das Kreuz verbleibet dein heiligstes Recht! -- + Zurück zum Urquell, so wirst du heil, + So wirst du stark, so leuchtet dein Schwert, + So sind gesegnet Heimat und Herd, + So hast du das beste himmlische Teil! -- -- + Verwehte der ewigen Liebe Samen? -- + Deutschland -- mein herrliches Vaterland, + Ich weiß es, -- es kann ja nicht anders sein -- + Du schlägst in die heil'ge allmächtige Hand + Beichtend, betend und glaubend ein -- + Und Gott spricht Amen. + + + + +Erstes Kapitel. + +Haus Kambach. + + Das Land, das noch Liebe zur Scholle kennt, + Das noch Edelleute sein Eigen nennt, + Das die Treue pflegt und die Sitte noch ehrt, + Das Land ist die Schätze der Erde wert! + In den Stürmen der Zeit verbleibet es stark -- + Das Land ist die Mark! + + +Ein wundervoller Herbstabend geht zur Neige. Auf den Stoppelfeldern +liegt des Tages letzter Strahl, Ebereschen voll glühender Frucht säumen +die Landstraßen, Stockrosen und Gladiolen flammen in den Gärten. + +Drüben liegt die Heide in des Abends lichte Töne getaucht, seine tiefen +Schatten auf dem weißen Sandweg, seinen bronzenen Glanz in den leise +wehenden Zweigen der Birken. Am Horizont ein Waldstreifen, breit und +dunkel; weiterhin einer Kieferngruppe krauses Gebilde. + +Um die kleine Dorfkirche, um den Kranz herbstlicher Linden spielen die +scheidenden Lichter. Mücken tanzen, eine Schar Kinder dreht sich im +Ringelreihen auf dem letzten sonnigen Fleckchen. Wie flüssiges Gold +liegt's über dem Friedhof mit seinen Kreuzen und Grabsteinen. Es ist, +als tränke die Sonne dies Gold aus dem Laub der vielhundertjährigen +Bäume, als mische sie mit dem eigenen Blute den wundervollen +Farbenton, um die leuchtende Schale über einen weltfernen Erdenwinkel +auszugießen. + +Altweibersommer weht über den Acker, jener duftige Zauber später Tage, +dem man an den Küsten des Meeres, wo die Sage bis spät in die Nächte +spinnt, den lieblichen Namen Septemberseide gibt. + +Und weit im Lande ein Ahnen stiller Herrlichkeit: träumende Seen, +sonnige Wiesen, dunkle Wasserstraßen im Schweigen bunter Wälder, +altertümliche Kleinstädte mit ragenden Kirchen aus grauer Zeit, +vornehme Edelsitze, vergessene Klöster -- es ist das Land fürstlicher +Hochzeitsfeste und fröhlicher Kindtaufen, das Land treuer Arbeit +und heißer Kämpfe, das, niedergedrückt und zertreten, immer wieder +aufblühte, erstarkte, zu Macht und Ansehen gelangte, bis es das +Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wurde, die Heimstätte der +Zollern, Mark Brandenburg. + + * * * * * + +Im letzten goldenen Tagesschein lag Haus Kambach. Ein breiter +einstöckiger Bau mit efeuumsponnener Freitreppe. Ausgedehnte +Rasenflächen, stolze Georginengruppen, einer Blutbuche purpurne +Herbstgestalt, hier und da eine vornehme Auslandspflanze, -- keine +Prachtanlage -- der schlichte, von den Vätern ererbte Edelsitz war's, +das Landhaus des märkischen Adels. + +Der Altan bot ein wundervolles Stimmungsbild: im Kranz ihrer Linden +grüßte die Kirche herüber. In breitem Ring lagen die strohgedeckten +Häuser der Dorfbewohner um den Herrensitz, patriarchalische +Verhältnisse und Verständnis für Heimatbrauch und -sitte bekundend. +Das rein äußerliche Ansehen dieses märkischen Dorfes war ein schöner +Beweis dafür, daß es noch gesundes Volksleben in Deutschland gibt: +jene starke Zusammengehörigkeit von Gutsherrn und Arbeiterschaft, +die einzig sichere Unterlage für den Großgrundbesitz, -- mit einem +Wort, das Dorf, das keine Landflucht kennt, weder die Landflucht des +Volkes, das unzufrieden und verhetzt den Weltstädten zuwandert, noch +die Landflucht der oberen Stände, die immer eine Entfremdung zwischen +der besitzenden und arbeitenden Klasse herbeiführen muß. Die Kambachs +gehörten nicht zu dem altangesessenen Adel, der die Wintermonate in +irgendeiner Hofstadt oder im Süden verbringt, der seine Hochzeiten in +Berliner Gasthöfen feiert und damit sein soziales Interesse einschlafen +läßt und seine gutsherrlichen Pflichten versäumt. Die Kambachs blieben +zu Hause. Von den kaiserlichen Hoffesten, wo sie als königstreue Männer +erschienen, kehrten sie nach drei bis vier Tagen zurück. Ihre Töchter +zogen im Brautschmuck von der umkränzten Schwelle der Heimat in die +schlichte Gutskirche hinüber, vom ganzen Dorf, wie von einer großen +Familie begleitet. Sie pflegten die altehrwürdigen Heimatbräuche, +Erntefeste, Silvesterabende mit ihren volkstümlichen Sitten, sie +sorgten für gute Büchereien, für Unterhaltungsabende, sie hielten es +für ihre Ehrenpflicht, bei solchen Gelegenheiten -- und nicht nur dann +-- enge Fühlung mit ihren Leuten zu unterhalten. Sie teilten Leid +und Freud' mit ihnen, sie hatten mit einem Wort sozialen Sinn, aber +keinen künstlich gezüchteten, dem Zwange schwieriger Verhältnisse +entsprungenen, sondern ererbten, angeborenen. Und weil sie dieses Erbe +hochhielten, waren die Kambacher immer rechte Gutsherren gewesen. +Das wußte aber auch das ganze Dorf. Und sein Dank war zähe Treue zu +einer Zeit, da die Umsturzpartei an alle Türen klopfte, und die roten +Verführer ihre Hetzblätter in jedes Haus trugen. + +Wer aus der Großstadt oder aus Fabrikbezirken kam, der staunte diese +wundersamen, im besten Sinne vorsündflutlichen Verhältnisse an und +wunderte sich, daß so etwas im zwanzigsten Jahrhundert im Königreich +Preußen noch möglich war. Die braven Kambacher aber lachten sich ins +Fäustchen und freuten sich ihrer patriarchalischen Verhältnisse. + +Drüben, wo der Park sich lichtete, schritten zwei Gestalten langsam den +Wiesensaum entlang dem Gutshause zu. Die gebeugte Gestalt des Mannes +erzählte von des Lebens Mühen, von manch hartem Spatenstich. Aber das +kluge feingeschnittene Gesicht war jung geblieben, und in den hellen +Augen glänzte ein fast kindlicher Frohsinn. Das war Franz Schenker, der +Spreewälder, der schon zu Zeiten des alten Herrn als Gärtnerbursche +nach Kambach gekommen war. Später rückte er zum Diener auf und war nun +schon seit Jahren Hausverwalter und Kammerdiener in einer Person, das +Bild eines ehrwürdigen Faktotums. Auf seinen eigenen Wunsch war ihm +auch noch die Oberaufsicht über den Garten übertragen worden. Denn +Obst- und Rosenzucht waren sein Steckenpferd. Herr von Kambach konnte +seine Gärtnereien keinen besseren Händen anvertrauen. Seine einzige +Sorge blieb die, daß der Alte sich, wie es von jeher seine Art gewesen, +zuviel Arbeit auflud. Aber Franz Schenker beteuerte immer wieder, mit +mehreren gutgeschulten Gärtnerburschen an der Hand sei die Sache ein +Kinderspiel. Und dabei blieb es. + +Trotz all dieser wirtschaftlichen Vorzüge war er mehr wie ein Faktotum +und eine außergewöhnliche Arbeitskraft. Man sah es Schenkersch olle +Vadder, so hieß er allgemein, auf den ersten Blick nicht an, daß er +mit dem ganzen Dorf in engster Fühlung stand, daß sein Einfluß viel +weiter ging als der des Gutsherrn und des Pastors. Und doch war Herr +von Kambach ein Gutsherr, wie man ihn selten fand, und Pastor Wendler +versah sein Amt nach besten Kräften. Aber Franz Schenker war eben Franz +Schenker, und oft fragte man sich, wie's werden solle, wenn der Alte +einmal die Augen schlösse. Er war Ratgeber, Schiedsrichter, Freund und +Seelsorger von ganz Kambach; ja man erzählte sich, die alte Exzellenz, +die Mutter des gnädigen Herrn, bespräche oft wichtige soziale Fragen +mit ihm. + +Die deutsche Frau zog's zu dem deutschen Manne, zu dem alten Diener +ihres Hauses, der sein Vaterland über alles auf Erden liebte, die +einfache fromme Bibelchristin zu der Seele, die eines Weges mit ihr +wanderte. Der Standesunterschied störte Frau Sabine nicht, für sie war +das Schlichte, solange es echt blieb, vornehm. Auch der naturgemäß +engere Gesichtskreis des Mannes, die andere Auffassung mancher +wichtiger Punkte wirkte nicht hemmend, sondern ergänzend. Eins lernte +vom anderen. Franz Schenker lehrte Sabine von Kambach in das Herz +seines und ihres Volkes schauen, sie aber erschloß dem Spreewälder den +Blick für das Große, Allgemeine, für die Aufgaben der Zukunft. Es war +ein feines eigenartiges Freundschaftsverhältnis zwischen der Edelfrau +und dem alten Kammerdiener. -- + +Franz Schenker war kirchlich. Er kannte den Unterschied zwischen +positiv und liberal besser wie mancher Edelmann von Geblüt, und seine +Beurteilung kirchlicher Einrichtungen bewies, daß er sich auch noch mit +anderen Dingen, als den Edeltannen des Kambacher Parks beschäftigte. + +Langsam ging er neben der alten Exzellenz her. + +Frau von Kambach war die märkische Landedelfrau, wie sie leibte und +lebte. Eine hohe kräftige ehrfurchtgebietende Erscheinung in der +Krone des Alters. »Großmutters weißes Haar leuchtet durch den ganzen +Garten,« hatte einmal ein Enkelkind stolz erklärt, und es war etwas +Wahres daran. Als sie vor fünfzig Jahren in Kambach einzog, mochten +strahlende Freundlichkeit, Frische und Anmut des Wesens, Schönheit +der Farben, mit einem Wort jene blühende Gesundheit des Leibes und +der Seele der Hauptreiz der jungen Frau gewesen sein, heut war's die +Milde des Alters, verbunden mit seltener Klarheit des Geistes und +dem gründlichen, wenn's not tat, auch rücksichtslosen Urteil eines +scharfen Verstandes. Redensarten machte Großmutter Kambach nicht, +sie widerstrebten ihrem geraden wahrhaftigen Sinn. Kam ihr aber ein +aufrichtiger Mensch entgegen, so war der Weg zu dem liebewarmen +mütterlichen Herzen der alten Frau nicht mehr weit. -- + +»Das Pack, das aus den Großstädten herüberkommt, schmeißen wir einfach +'raus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker. »Es is das einzige Mittel, was +hilft!« Er wandte Frau Sabine das lebhafte Gesicht zu. »Exzellenz, wenn +wir die Prügelstrafe noch hätten, stünd's nich so schlimm ums deutsche +Vaterland. Die hätte nich abgeschafft werden dürfen!« + +Frau von Kambach blieb stehen und stützte sich auf den Krückstock. + +»Ich bin ganz Ihrer Meinung, Schenker! Aber sagen Sie, haben Sie keine +Unannehmlichkeiten, wenn Sie so scharf vorgehen?« + +»Unannehmlichkeiten, Exzellenz? Wer soll mich was anhaben? Det dringt +mit eine Frechheit in die Häuser und schmiert die Leute seinen Kram +an, -- da werd' ick doch wohl das Recht haben, wenn so'n Schuft mit +seinen Mitteln zur Geburtenverhütung zu meine Schwiegertochter in die +Stube kommt, ihm das Jackleder vollzuhauen! Der versucht's kein zweites +Mal, und von Anzeige is keine Rede! Das Pack kann froh sein, wenn's +mit heilen Knochen aus Kambach raus is! ~Wir~ erstatten Anzeige, +wenn's nur was hülfe! Aber man fängt ja jetzt oben an, hellhörig zu +werden, Zeit wird's wahrhaftig!« Und Franz Schenker wischte sich den +Schweiß von der Stirn. Bei diesem Gesprächsstoff lief ihm stets die +Galle über. + +Die alte Exzellenz war weitergegangen. Ihr Gesicht war sehr ernst +geworden. + +»Kommt das hier öfter vor?« fragte sie. + +»Diesen Sommer war's schlimm. Ick allein hab' Stücker acht in den +Häusern verdreschen helfen.« Er lachte kurz. »Nie hab' ick solchen Spaß +am Prügeln gehabt!« + +»Und -- und die Frauen?« + +Der Alte richtete sich kerzengerade in die Höhe. + +»Exzellenz -- keine Kambacherin is für diese Gemeinheiten zu haben +gewesen! 's wär' ihnen auch schlecht bekommen; denn noch is Schenkersch +olle Vadder da!« Er atmete schwer. »Der Menschenschlag in unsere Gegend +is 'n gesunder! Wenn manches auch faul is -- allein durch die Nähe von +Berlin, -- noch is die Mark die Mark!« + +»Gott gebe, daß Sie recht haben!« + +»Wir haben doch noch Religion, Exzellenz,« sagte Franz Schenker. + +Wieder blieb Frau Sabine stehen. Der Krückstock scharrte im Kies. + +»Noch« -- sie betonte das Wort -- »wie lange noch? -- Sind Sie auch ein +Blinder, der die Größe der Gefahr nicht erkennt? Es geht ums Ganze, +Schenker, der Geburtenrückgang ist nur ein Ausschnitt aus dem trüben +Gesamtbilde.« + +Er blickte sie starr an. Das war nun das drittemal in kurzer Zeit, daß +er dieser Auffassung begegnete. + +Gewiß, die Gefahr war groß, ein Tor, der sie geleugnet hätte! Die +rote Flut wälzte ihren Giftstrom durchs deutsche Land, Glaube und +Sittlichkeit untergrabend. Auf Kanzeln und Lehrstühlen führten +Irrlehrer das Wort, und niemand dachte daran, ihnen ernstlich zu +wehren. Die »Richtungen« waren ja gleichberechtigt. -- In allen +Gesellschaftskreisen machte sich jüdischer Einfluß geltend, die +Ansprüche wuchsen ins Ungeheuerliche, eine Üppigkeit, von der man +früher nichts geahnt, zerrüttete das Familienleben. + +»Deutschland steht im Begriff, das Opfer des Goldes zu werden,« so +hatte Frau von Kambach, als er vor einigen Wochen Rosen zur Zucht nach +Dreilinden gebracht, geäußert und hinzugefügt: »Ehe der Liberalismus +nicht durch entschiedenen Nationalismus und der Mammonismus nicht durch +die Religion überwunden werden, eher werden wir nicht frei!« + +Franz Schenker hatte viel über dies Wort nachdenken müssen. Soviel +stand fest: die alte Exzellenz sah und hörte mehr, als er in seinem +stillen Kambach. Er hatte nur Fühlung auf dem Lande, sie dagegen +in Stadt und Land. Alle Kreise standen ihr offen. Den Winter über +verbrachte sie in Berlin. Aber nicht die Landflucht trieb sie aus +ihrem geliebten Dreilinden, sondern lediglich das baufällige kalte +Fachwerkhaus, welches der gichtisch Veranlagten den Winteraufenthalt +unmöglich machte. Sobald die ersten Veilchen blühten, kehrte die +Greisin zurück, und der alte Witwensitz rüstete sich zum Empfang +fröhlicher Gäste. Denn von Anfang Mai bis Ende Oktober ward das Haus +nicht leer. Verwandte, Erholungsbedürftige, Menschen aus dem großen +Freundeskreise Frau Sabines kehrten an hellen Sommertagen bei ihr +ein. Franz Schenker wußte, es waren nicht nur Männer aus leitenden +kirchlichen Stellen darunter, sondern auch Persönlichkeiten, die +in besonders enger Fühlung mit dem Volke standen, Laien und Frauen +mit warmem Herzen und offenem Auge für Deutschlands Not. Sie alle +trugen das Leben herein, das wahrhaftige Leben in seiner wirklichen +Gestalt. Denn sie kannten es. Sie scheuten sich nicht, dem Feind +ihres Vaterlandes furchtlos ins Auge zu schauen. Und doch -- immer +wieder hatte Schenker sich fragen müssen: Ist die Gefahr so groß, +wie sie sagen? Ist das Gesindel, welches sich herumtreibt, sind die +Juden, die sich überall breit machen, sind Großstadterscheinungen und +Lebemenschen, sind Theater, Kino, Presse wirklich jenes unbegrenzten, +zersetzenden Einflusses fähig? Ihn schauderte bei dem Gedanken, daß +er diese schwere Frage zu leicht genommen, daß jenes furchtbare +Gespenst, das ihm in den letzten Wochen so oft begegnet, mehr als +eine vorübergehende Gefahr bedeute, daß es eine Großmacht sei, der +Feind deutscher Art, deutschen Lebens. Und immer mehr fühlte er's, +diese Gefahr stand nicht allein. Sie hatte Verbündete. Eine starke +geeinte Macht zog aus, dem deutschen Volke die Seele zu rauben. Darum +der scharf einsetzende Kampf wider Religion und Sitte, wider Thron +und Herrschaft, darum die Lockungen der Sozialdemokratie, die Sucht, +das Familienleben zu zerstören, die Lüge auf allen Gebieten. Denn es +ging ums Ganze, um Deutschlands Verfall. »Noch -- wie lange noch?« Das +kurze Wort aus dem Munde der hochgestellten und doch so schlichten +kerndeutschen Frau hatten dem Manne, dessen ganze Seele die Sorge um +sein Volk erfüllte, die Binde von den Augen gerissen. Und wie bei allen +stark empfindenden Naturen das heiße Fühlen des Augenblicks den Träger +befreiender Taten, den Gedanken auslöst, so trugen auch seine Sinne +geflügeltes Hoffen ans Licht. Um den Ausdruck ringend, gab er einem +kaum gefaßten Gedanken die erste ungefüge Form. Denn die Sorge mahnte +ihn, die Stunde zu nützen, und die Liebe trat ihr, alle Hindernisse +überschreitend, zur Seite. Die Hoffnung aber unterstrich den Vorsatz +der beiden: ›Noch ist's Zeit‹. Noch -- warum klopfte dies Wort immer +wieder bei ihm an? + +»Exzellenz,« sagte er und eine tiefe Erregung durchzitterte seine +Stimme, »wenn's wirklich so steht, is es dann nich 'n Unrecht, daß man +ungenützt die Zeit verstreichen läßt? Noch is nich alles verloren. Wir +haben doch noch Männer und Frauen, die treu zu Altar und Thron stehen +und überall ihren Christenglauben bekennen würden. Dürfen sie müßig +sein, wenn man das Vaterland verkauft? Ick bin nur 'n schlichter Mann +und versteh' mich nich auszudrücken. Aber ick hab' neulich mal in'n +Buch von einen Berliner Pastor gelesen, und der sagt, wenn alle die +wirklichen Christen eine Mauer bildeten gegen den Feind, wenn sie ihm +mit der Bibel in der Hand entgegenträten, dann müßte er zurückweichen. +Eine Schar von wahrhaftigen Betern sei selbst dem Teufel ungemütlich, +Exzellenz! Das fällt mir eben wieder ein. Es steht ja mit unseren +Volk viel schlimmer, als man hier bei uns in Kambach ahnt. Und darum +bin ick dankbar, daß ick manchmal auch was anderes höre und sehe +und lese, und daß Exzellenz mir die Augen geöffnet haben. Ick hab' +ja immer gedacht, es wär' nich so schlimm. Jetzt versteh' ick erst +das Wort, das ick kürzlich in Drachenburg, wo ick meinen Wilhelm +besuchte, in einer christlichen Volksversammlung hörte: ›Wann wird +Deutschland seine Vogelstraußpolitik aufgeben und den Geburtenrückgang +als eine Einzelerscheinung, eine vorübergehende Modekrankheit zu +betrachten aufhören?‹ So hat der Mann gesagt. Ick hielt ihn für einen +Schwarzseher. Jetzt weiß ick, was er gemeint hat, als er sagte: +der Geburtenrückgang is 'n Glied in der langen Kette der deutschen +Verfallserscheinungen.« + +Er schwieg. Auf den klaren Zügen lag tiefe Trauer. + +Langsam gingen sie durch den sinkenden Abend. Aus den Wiesen stiegen +die Nebel, die ersten Sterne blitzten. Fern hinter dem weißen +Herrenhause lag der Wald wie ein dunkles Geheimnis. Der Mond ging auf. +Über der Dorfkirche stand die feine glänzende Sichel. + +Der Blick der alten Frau weilte auf dem friedlichem Bilde. Ihre +Gedanken wanderten. In wenigen Tagen sollte dort drüben eine Kambach +im Brautschmuck zum Altar treten, ein liebliches Kind, das Welt und +Menschen nicht kannte. + +Ein Seufzer verklang. -- -- + +Franz Schenker war noch bei seiner Idee. + +»Wenn Exzellenz die Sache einmal überlegen wollten,« begann er von +neuem, »Exzellenz verstehen so etwas zu machen, und ...« + +Sie unterbrach ihn. »Aber Schenker, was denken Sie sich? Ein paar +Missionsstunden hab' ich eingerichtet! Wie kann eine Frau eine so große +Sache in die Hand nehmen! Das ist Mannesarbeit!« + +»Gewiß, aber die Frau is des Mannes Gehilfin! Wenn Exzellenz die Frage +noch mal überlegten und dann einen oder mehrere Herren, die was davon +verstehen, ins Vertrauen zögen« -- er sah sie erwartungsvoll an. + +Sie drohte ihm lächelnd. + +»Sie sind doch unverbesserlich, Schenker, -- immer muß Ihre alte +Gnädige die Kastanien für Sie aus dem Feuer holen!« + +»Weil niemand besser dazu geeignet is,« entgegnete er mit bescheidener +Würde. Zuversichtlich blickte er in das klare Gesicht. Er war seiner +Sache gewiß. + +Sie waren am Teich hinter dem Gutshause angelangt. Herbstzauber webte +um die leuchtende Pracht der Baumgruppen. Weiße Malven erschlossen +ihre keusche Schönheit dem Mondlicht. Ein feiner Duft zog von den +Resedabeeten herüber. Im Gartensaal strahlten die Kronleuchter hinter +Rosengerank und wucherndem Geißblatt. + +»Genau wie vor fünfzig Jahren, als ich mit Fritz Karl den Ball +eröffnete,« dachte Frau Sabine. + +»Ick muß noch ins Treibhaus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker und +blieb, den weißen Kopf entblößend, stehen. »Exzellenz nehmen's nich +übel, daß ick vorhin meine Meinung sagte?« + +Die alte Dame sah ihn voll an. »Schenker, machen Sie keine Redensarten! +Sie wissen, daß ich große Stücke auf Sie halte. Sie sind ein +Mann, der nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, ein +Wort mitzusprechen. Es wäre ein Unrecht, wenn Sie's nicht täten. +Deutschlands Not geht uns alle an. Denn hier handelt es sich nicht um +Dinge, die am grünen Tisch gemacht werden, sondern um die Gesundung des +Volkstums. Zweierlei fehlt uns: die Erkenntnis der Zeit und -- Männer. +Wir brauchen einen Bismarck und einen Luther. Ob Gott sie uns geben +wird?« + +»Vielleicht sind sie schon da, Exzellenz!« + +Sie zuckte die Achseln. »Gott hat verschiedene Eisen im Feuer. Wir +haben es vielleicht nötig, daß die Geschichte uns vor eine harte +Aufgabe stellt.« + +»Exzellenz meinen einen Krieg?« + +»Ich meine nichts Bestimmtes. Nur das ist mir klar, daß wir dem +Untergang zutreiben. Es hat einmal einer gesagt, wir brauchten eine +schwere Kolonisationsaufgabe, um zu gesunden. Die gelbe Gefahr ist +nicht von heute, eine zweite Völkerwanderung nicht ausgeschlossen. +Ich bin keine Schwärmerin -- unmöglich ist das nicht! Stellen Sie +sich nicht nur eine starke Grenzverschiebung, stellen Sie sich einmal +eine germanische Grenzerweiterung vor, und die harte schwere Aufgabe +ist geboten. Da gilt's nicht nur die Urbarmachung russischer Sümpfe, +da gilt's, entartetes Volksleben veredeln. Das wäre eine Arbeit, wie +unsere kampfesscheue Zeit sie brauchte. Deutschland ist stärker, +als sein Alltagleben verrät. Aber es ist ein Acker, der einer tief +gehenden Pflugschar bedarf, um Edelfrüchte zu reifen. Denken Sie an +1806 und dann vor allem an 1813! Der deutsche Volkscharakter braucht +immer wieder den Gewaltherrn in irgendeiner Gestalt -- ob er Krieg +oder Pestilenz heißt oder harte schwere Arbeit, -- ohne eine große Not +findet unser Volk seinen Gott nicht wieder.« + +»Und wenn zehntausend übrig blieben, die nicht abgefallen wären?« +fragte der Spreewälder. + +Sie antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte sie über die +mondbeglänzten Wiesen. + +»Exzellenz,« sagte Franz Schenker leise, »wenn's fünftausend wären?« + +Sie schwieg noch immer. + +»Wenn's nur tausend wären!« + +Die Edelfrau breitete die Hand über die Augen. + +»Es heißt doch, ›Ihr seid das Salz der Erde‹, Exzellenz! Tun's nich oft +schon 'n paar Körnchen?« fragte er. Die alte Stimme bebte. + +Da reichte Sabine von Kambach dem treuen Manne die Hand. »Gott geb's!« +sagte sie und schritt dem Hause zu. + +Auf dem Altan blieb sie stehen und wandte noch einmal den Blick. +Schweigend lagen die Lande im Mondlicht, ein Bild des Friedens. + +Da zog's durch ihre Seele: ›Du hast harte Worte geredet, und dein +Schweigen war das härteste!‹ Die Tränen stiegen ihr brennend empor. + +Aber Heimatliebe ist wahrhaftig. Sie nennt die Sünde ihres Volkes bei +Namen. + +Durch die Seele der Greisin zog das Wort eines Mannes, der wie wenige +sein Volk geliebt -- das Wort Heinrich von Treitschkes: »Wer ein wenig +über den nächsten Tag hinausdenkt, wird sich kaum der Ahnung erwehren +können, daß vielleicht schon am Beginn des kommenden Jahrhunderts +ein ungeheurer Kampf um das Christentum selber, um alle Grundlagen +der christlichen Gesittung ausbrechen mag. Gewaltige Kräfte der +Zersetzung und der Verneinung sind überall in Europa am Werke: +Materialismus, Nihilismus, Mammonsdienst und Genußgier, Spötterei und +wissenschaftliche Überhebung. Der Tag kann kommen, da alles, was noch +christlich ist, unter einem Banner sich zusammenscharen muß.« + +Aber der Warner blieb ungehört, wie viele andere -- -- -- + +Ein schwerer Fittich rauschte über Deutschland. + + + + +Zweites Kapitel. + +Wir winden dir den Jungfernkranz! + + Wir schmücken singend Kirchlein und Saal, + Wir schmücken das stille sonnige Haus! + Wir winden dir in den Hochzeitskranz + Den vollen purpurnen Heidestrauß! + + Wir sprechen den Heimatsegen dazu, + Den Festtagsgruß aus verklungener Zeit -- -- + Ob wohl die träumende Ahnfrau erwacht, + Weil ein märkischer Junker sein Herzlieb freit? + + +Auf dem Altan vor dem Herrenhause saßen die Brautjungfern, +Hochzeitskränze windend. Ein anmutiges Bild, das jedes Geschlecht, jede +Zeit kennt und liebt, das immer wieder erwachen und emporsteigen wird, +-- ein Stück Heimatbrauch, wie er nicht lebensvoller gedacht werden +kann: die Töchter der Mark, der scheidenden Gespielin den Ehrendienst +leistend. + +Um die laubgefüllten Körbe saßen die schlanken Mädchengestalten, +weithin leuchteten die Sommerkleider, die bunten Seidenbänder und +Schärpen. Auf blendenden Schultern, auf fleißig schaffenden Händen +flimmerte die späte Sonne, als sei's ein Strauß duftender Edelrosen, +den sie abschiednehmend küßte. Mehr als eine blonde Schönheit war unter +den Kranzwinderinnen. Manch eine beugte sich, heimlich von eigenem +Liebesglück träumend, über die duftenden Mulden, aber keine war Braut, +-- eine alte Sitte hätte sie von dem lieblichen Dienst ausgeschlossen. + +Und die purpurnen Wälder leuchteten, und die weiße Septemberseide flog +über Acker und Heidstrecke, über blinkende Wasserspiegel. Vom Gutshaus +aber klang's jubelnd und jauchzend ins weite Land: + + »Wir winden dir den Jungfernkranz + Mit veilchenblauer Seide! + Wir führen dich zu Spiel und Tanz, + Zu lauter Lust und Freude! + Schöner grüner, + Schöner grüner Jungfernkranz!« + +Tieflandzauber wehte über Wald und Anger, über die altehrwürdige Heimat +-- -- + +Würden ums Abendgold die Flammen aus den Fenstern schlagen und der +Jungfernschleier über das Kambacher Moor wehen? + +In den braunen und blauen Mädchenaugen stand heimliches Fragen. + +»Sibylle,« rief ein goldhaariges Fräulein von Seelow, »heut nacht +brennt deine Kammer!« Und ein dunkeläugiger Schelm von siebzehn Sommern +erklärte: »Ich will aber den langen Beelitz zum Trauführer haben!« + +Glutübergossen hatte sich die junge Gräfin Bühler über den +Hochzeitskranz geneigt. Jetzt hob sie das schöne Antlitz: »Kleine +Mädchen haben gar nichts zu wollen!« + +»Oho, ich sag's ihm heut abend!« + +»Tu', was du nicht lassen kannst!« + +Ein Blütenregen war die Antwort. + +»Höre, Esther Sophie, sei etwas sparsamer mit den Rosen,« mischte sich +eine Adelsleben ein. »Franz Schenker hat sagen lassen, es seien die +letzten!« + +»Schenkersch olle Vadder rückt nie mit etwas heraus, außer wenn +Großmutter Kambach oder Eberhard kommen! Für andere Sterbliche hat +seine schöne Seele kein Verständnis! Ich fürchte, er ist etwas +überspannt!« + +»Wenn du nur nicht überspannt bist!« meinte Anna Bertha von Strohbeck. +»Den Mann, der dich einmal bekommt, beneide ich nicht!« + +Alles lachte. + +»Du hast ja auch noch keine Gelegenheit dazu gehabt!« rief die Kleine +schnippisch. + +»Ich bin fertig,« sagte Sibylle ruhig, als ginge die Sache sie nichts +mehr an. Behutsam legte sie das Blumengewinde über den Stuhl. Hoch +aufgerichtet stand sie in ihrem weißen Kleide da. Im dunklen Haar, das +in schweren Flechten um den feinen Kopf gesteckt war, hingen ein paar +Rosenblätter, -- lachend schüttelte sie sie ab. Alles sah sie an. Keine +hatte sie je so schön gesehen. + +»Wenn er in diesem Augenblick käme,« begann die jüngste Kranzwinderin +von neuem. + +Aber Sibylle Bühler drehte sich um und ging langsam ins Haus. + +»Jetzt ist's genug, Esther Sophie,« sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit. + +Da wurde die Kleine feuerrot und verstummte. + +Gleich darauf zogen Geigenklänge durchs Haus. Künstlerspiel. + +»Chopin!« sagte Sigrid Adelsleben. »Eins weiß ich: wenn ich so spielte, +bliebe ich nicht daheim, und ob die ganze Verwandtschaft sich auf den +Kopf stellte! Eine Kunst, wie diese, ist Allgemeingut und gehört in die +Öffentlichkeit!« + +»Das liegt Sibylle nicht!« + +»Wer sagt das?« + +»Sie selbst hat mir gesagt, sie ginge nicht zur Bühne.« + +»Die Geige ist für den Konzertsaal.« + +Frage und Antwort flogen herüber und hinüber. + +»Wo mag Ilse nur stecken?« + +»Die ist mit ihrem Schatz in den Wald gegangen,« klang es zurück. + +»Streng genommen hätte sie Cercle halten müssen,« meinte Ursula von +Dachow. »Während wir unsere zarten Finger opfern, streift sie mit dem +Liebsten durchs Land! -- Wir hätten Handschuhe anziehen sollen, +Kinder!« + +»Ja, man ist immer klüger, wenn man vom Rathaus kommt! -- Da sind ja +die beiden!« + +Ein Fräulein von der Malwitz reckte den Hals. »Platz für die Königin!« + +Die Brautjungfern sprangen von den Sitzen. Wie auf Kommando hoben sie +die Hochzeitskränze empor und hielten sie zurücktretend in weitem Bogen +über den geschaffenen Durchgang. Die feinen Gestalten leicht geneigt, +die weißen Arme emporgestreckt, die lachenden Gesichter auf die +Kommenden gerichtet, standen sie da. + +Und wieder zog das alte Jungfernlied in den märkischen Herbsttag +hinaus. + +Wolf Dietrich von Bühler und seine Braut standen still und lauschten +der Huldigung. Ein frohes Lächeln lag auf Ilses lieblichen Zügen, +während sie den Gespielinnen zuwinkte. Ihre edlen Formen hob ein +schlichtes Sommerkleid besonders vorteilhaft hervor. Eine rote Rose im +Gürtel, eine kostbare Perlenschnur, das Brautgeschenk Graf Bühlers, +waren der einzige Schmuck der vornehmen Erscheinung. Etwas ungemein +Zartes, Weibliches lag über ihrem ganzen Wesen, jene Milde, die, mit +dem Starken gepaart, nach Schillers Ausspruch einen guten Klang gibt. + +Wolf Dietrich von Bühler spielte in der Gesellschaft eine Rolle. Sein +gewandtes liebenswürdiges Wesen, sein feines Auftreten, seine ganze +Art, sich zu geben, alles nahm für den schönen, aber leicht veranlagten +Mann ein. Der Menschenkenner las in dem frauenhaften Gesicht allerdings +manches, das besser nicht darin gestanden hätte, andere freuten sich +des angenehmen, jederzeit gefälligen Kameraden. Wolf Dietrich hatte +der Vater gefehlt. Sein Leichtsinn -- mütterliches Erbe -- war niemals +weder erkannt noch bekämpft worden. Gräfin Bühler, eine geborene Gräfin +Firlemont, eine bildhübsche gefeierte Frau, hatte zwar, wie sie sagte, +um ihrer Kinder willen nicht wieder geheiratet, sich aber keineswegs +der Erziehung derselben gewidmet. Wenigstens waren ihre Begriffe +von Kindererziehung so oberflächliche, daß der Großvater Bühler, +ein Edelmann vom alten Schlage, ihr oft in sehr entschiedener Weise +entgegentrat. Aber die Gräfin war Wolf Dietrichs und Sibyllens einziger +Vormund und ließ sich nicht dreinreden. Es gab die unerquicklichsten +Auftritte, welchen die leidenschaftliche Frau eine solche Schärfe zu +verleihen wußte, daß der alte Herr es schließlich aufgab, mit ihr +zu verhandeln und seinen Einfluß in anderer Weise geltend zu machen +suchte. Es kam hinzu, daß seine Schwiegertochter als Französin für die +vornehme Einfachheit des märkischen Adels kein Verständnis hatte. + +Wolf Dietrich verehrte und liebte den Großvater auf seine Art; trotzdem +war es Graf Bühler nicht gelungen, dem Enkel seinen grenzenlosen +Leichtsinn auszutreiben. Er artete nach den Firlemonts. Der Sinn für +ererbte Scholle und ehrwürdige Überlieferung fehlte ihm gänzlich. +Seine religiösen Ansichten waren höchst oberflächlicher Art und +verdienten eher den Namen einer sehr willkürlichen Weltanschauung. +Nach außen wahrte er den guten Schein, schon um des Großvaters willen, +dessen ritterliche Persönlichkeit er stets in Ehren gehalten. Er +begleitete den alten Herrn in die heimische Dorfkirche und würde in +seiner Gegenwart niemals in herabsetzender Weise über religiöse Dinge +gesprochen haben. Aber im Grunde war er mit dem Christentum fertig. Es +vertrug sich nicht mit den modernen Lebensanschauungen, war unvereinbar +mit der Wissenschaft, war mit einem Worte rückständig. Die Frage des +Ersatzes war ja längst eine schreiende. Ob man denselben in Kunst und +Wissenschaft, in Moral oder Religiosität suchte, mußte jeder mit sich +selbst abmachen. + +Obgleich der junge Offizier dem Großvater seine Ansichten nach +Möglichkeit zu verbergen suchte, wußte jener doch, wie die Dinge +standen. Aber er sagte sich: ›Viel reden nützt nichts. Das Leben muß +ihn in die Schule nehmen‹, und trug seine Sorgen vor Gott. + +Mehr Freude als an dem verwöhnten Enkel, erlebte er an Sibylle, die +ganz ihres Vaters Tochter war. Wochenlang war sie bei dem Großvater, +während ihre Mutter Italien und die Schweiz bereiste. Gräfin Bühler +kam ihrem Schwiegervater in diesem Punkte bereitwillig entgegen; denn +es entsprach ganz ihren Wünschen, sich ab und zu ohne die schöne +Tochter zu zeigen. Sibylle aber tat nichts lieber, als dem alten Herrn +Gesellschaft zu leisten. + + * * * * * + +Das Jungfernlied war verklungen, das Brautpaar betrat den Altan. +Feierlich, als nahten zwei Fürstenkinder, senkten sich die +Hochzeitskränze. Lachend ging Ilse auf den Scherz ein und schritt, nach +allen Seiten grüßend, mit der Würde einer Herzogin an der Seite ihres +Verlobten durch die Reihen der Gespielinnen. + +Es war ein Bild, wie es nicht anmutiger sein konnte, und über die +ernsten Züge des Gutsherrn, der mit dem greisen Erblandmarschall aus +einem Fenster des oberen Stocks auf die Gruppe niederblickte, ging ein +Lächeln. + +»Das war meine selige Frau, wie sie leibte und lebte!« sagte er und +beugte sich vor, um der Tochter nachzusehen. + +Graf Bühler nickte versonnen. »Wolf Dietrich kann sich glücklich +preisen. Er verdient Ilse gar nicht.« Als der Hausherr schwieg, +fuhr er fort: »Sie wissen ja, wie ich über diese Heirat denke, +lieber Kambach, und ich will Ihnen am allerwenigsten heute das Herz +schwerer machen, als es schon ist, aber ich muß es Ihnen noch einmal +aussprechen: ich werde die Sorge nicht los! Und diese Sorge betrifft +nicht nur Ihre Tochter, welche durch die Heirat mit meinem Enkel aller +Wahrscheinlichkeit nach keiner leichten Zukunft entgegengeht, sie +betrifft auch Ihren Sohn.« + +Er hielt inne, das feine geistvolle Gesicht beobachtend auf die Züge +des anderen gerichtet. + +Herr von Kambach blickte noch immer auf die Stelle, wo die helle +Gestalt seines Kindes im Sonnenschein gestanden. Eine tiefe Falte +hatte sich in die hohe Stirn des alten Soldaten gegraben, und die +schmalen bartlosen Lippen preßten sich fest aufeinander. Er fuhr mit +der Rechten über das kurz verschnittene Haar. Diese Frage durfte +außer seiner Mutter nur einer anschneiden, -- der Mann, der vor ihm +stand. Trotzdem ging allemal ein Stich durch das Herz des Vaters und +märkischen Edelmannes. Starb die alte Art aus? War die Rasse nicht +mehr rein? Wahrlich, bisweilen kam ihm der Gedanke, daß die Mächte, +vor denen er noch bis vor kurzem seine alte Mark sicher geglaubt, auch +hier Fuß faßten. Denn immer wieder mußte er sich sagen, daß es nicht +nur das Garnisonsleben war, das Eliteregiment mit seiner Üppigkeit, +seinen unleugbaren Versuchungen, das dem Mann Gefahren brachte, wies +doch neben diesen Nachtseiten gerade der Offizierstand Vorzüge auf, +wie die strenge Zucht, die scharfe Fassung des Ehrbegriffs, den festen +kameradschaftlichen Zusammenschluß, -- Vorzüge, die nicht nur geeignet +waren, das sittliche Leben in hohem Maße zu festigen, sondern auch +das Geschlecht, das in unentwegter Treue zu Altar und Thron stand, +dem Vaterlande zu erhalten. Nein, der Schaden lag an anderer Stelle: +der Offizierstand als solcher verschuldete den Niedergang nicht, -- +Deutschlands Söhne waren es, welche den Verfall in die Armee trugen. +Ein erschütternd schwerer Vorwurf gegen Staat und Kirche, Gesellschaft +und Familie! Das eiserne Pflichtgefühl, das die Väter stark gemacht, +war den Enkeln verloren gegangen. Gottesfurcht und Gottvertrauen, jene +felsenfesten Träger gesunden Volkslebens, lehnte der moderne Mensch in +unfaßlicher Selbstüberhebung ab. Der Kapitalismus aber trug den Fluch +des Goldes herein, Gesellschaft und Persönlichkeit vergiftend. Das war +Deutschland hundert Jahre nach den Befreiungskriegen! + +Und der königstreue märkische Edelmann schaute blutenden Herzens die +sichtbaren Spuren des großen allgemeinen vaterländischen Verfalls am +eigenen Fleisch und Blut. Darum brach unter der leisesten Berührung von +treuer Hand immer wieder die Wunde auf, -- ein Kambach verstand auf +dem Schlachtfeld für seinen König zu sterben, mit gebundenen Händen +Deutschland verbluten zu sehen, verstand er nicht. Das war mehr, als +Manneskraft ertrug! -- + +Harro stand bei den Drachenburger Ulanen. Es war Überlieferung bei den +Kambachs, daß der älteste Sohn in dies Regiment trat. Er war etwas +jünger als Wolf Dietrich Bühler, den er von klein auf kannte. Die +Familiengüter grenzten aneinander; solange man denken konnte, hatten +die Kambachs und Bühlers gute Nachbarschaft gehalten. Die Knaben +hatten zusammen gespielt, das Kadettenhaus hatte sie zusammengeführt, +später das Regiment. Die Kameradschaft war eine alte, die Freundschaft +schien neueren Datums. Harro Kambach hatte im Regiment geäußert, die +Verlobung seiner Schwester sei die Veranlassung gewesen. Aber man +glaubte ihm nicht recht. + +Am wenigsten der Großvater Bühler. Und so sehr er den Enkel trotz +seines Leichtsinns liebte, glaubte er, soweit es in seiner Macht +stand, andere vor seinem Einfluß bewahren zu müssen. Er hatte vor Wolf +Dietrichs Verlobung dem Oberstallmeister seine Bedenken ausgesprochen +und dem Freunde nichts verhehlt. Aber belastende Dinge lagen nicht +vor, und Ilse war mündig. Der Kambacher konnte seine Tochter +daher nur warnen. Und er tat es mit aller ihm zu Gebote stehenden +Überzeugungskunst. Er verhehlte ihr nicht, daß seines Erachtens +ein ausnahmsweise starker gereifter, um nicht zu sagen männlicher +Frauencharakter dazu gehöre, um dieser ungefestigten leichtherzigen +Persönlichkeit den Rücken zu stärken, er sagte ihr ganz offen, daß +ihre Veranlagung ihm selbst zwar die bei weitem liebere, aber nicht +die für diese Vereinigung richtige sei. Denn ihrem Bunde mit Bühler +werde die notwendige Ergänzung fehlen. Er hatte ihr endlich die letzten +schwersten Folgen einer unglücklichen Ehe klargemacht, -- alles war +vergeblich. In Tränen hatte sie vor dem Vater gestanden: »Ich lieb' +ihn doch über alles!« Dabei war's geblieben. Denn der Oberstallmeister +war der Ansicht, daß ausgewachsene Menschen ihr Schicksal selbst +entscheiden müssen. So ward Ilse Kambach Bühlers Braut. -- + +»Erlaucht,« sagte der Hausherr, »so schwer dies Gespräch für mich als +Vater ist, bitte ich doch daran festzuhalten, daß es nicht nur die +alte treue Freundschaft ist, die mir dasselbe ermöglicht, sondern das +persönliche Bewußtsein: wir stehen als Christen und Edelleute auf +demselben Boden. Die Ursache unseres großen völkischen Niedergangs ist +dieselbe, die dem Verderben des einzelnen zugrunde liegt: der Abfall +von dem lebendigen Gott. Das ist Hauptursache für alles andere, -- +für den sittlichen Niedergang aller Kreise, für das Absterben von +Vaterlandsliebe und Königstreue!« Er schritt erregt durch den sonnigen +Raum. »Sollen wir den Kindern einer in der Zersetzung begriffenen Zeit +den allgemeinen Verfall zum Vorwurf machen? Kann der Apfel dafür, daß +er wurmstichig ist? Erlaucht, das sind Fragen, die einen zermürben, +wenn man Söhne hat, Fragen, die das Blut aufpeitschen und einen von +Zwiespalt zu Zwiespalt hetzen. Und doch komme ich immer wieder zu dem +schweren Ergebnis: der einzelne ist verantwortlich. Zumal der Sohn +eines christlichen Hauses, dem Gottesfurcht und Königstreue ererbte +Kleinodien sind. Ich sage damit nicht zuviel -- bei uns Söhnen der Mark +gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und spreche stolz von einem +Erbteil adligen Blutes. Wer das aber verleugnen kann, -- um Sinnenlust +und Geldgier verleugnen kann, -- der ist nicht wert, ein Preuße zu +heißen, der ist ein Lump!« + +Er blieb vor dem alten Herrn stehen. Die blauen Augen lohten: »Ich weiß +ganz genau, was Erlaucht mir über meinen Sohn sagen wollen. Nichts, was +ihn gesellschaftlich unmöglich macht -- Gott bewahre! Auslachen würde +man mich, wollte ich Erkundigungen in dieser Richtung einziehen! Aber, +-- dies Aber spricht Bände für mich! Meine Mutter kam neulich auf der +Rückfahrt von Bühl hierher und hat mir gesagt, was Brelow erzählt hat!« + +Der Greis nickte still vor sich hin. Die feinen Nasenflügel bebten. + +»Sie wollte sich den Jungen vornehmen, -- keiner versteht's besser wie +sie!« + +»Wenn's nur was hülfe!« entgegnete der Hausherr. + +»Wie Sie ja inzwischen erfahren haben,« fuhr der Erblandmarschall +fort, »hat Joachim Brelow seinem Vater erzählt, man spräche in +Offizierskreisen nicht gerade ablehnend, aber in verändertem Ton von +den beiden. Etwas Greifbares hat er nicht gewußt -- fast wär's mir +lieber gewesen! Denn man steht ja mit gebundenen Händen da. Und doch +besagt dieser ›veränderte Ton‹ alles.« + +Kambach nickte finster vor sich hin, und der Graf fuhr fort: »Ich +muß immer an das Urteil denken, das der Franzose über die erste +Grenzüberschreitung der Frau fällt: ›+Un peu déclassée!+‹ Wieviel +weiter darf der Mann gehen, ohne daß ihn der geringste Vorwurf trifft! +Und ich bin überzeugt, daß nur diejenigen, welche wir schätzen, ihre +kameradschaftliche Haltung verändert haben.« + +Kambach nickte: »Ich habe mir die Sache diese Tage viel durch den Kopf +gehen lassen, sie auch mit meiner Mutter besprochen. Ilse muß sehen, +wie sie fertig wird, gewarnt worden ist sie oft genug. Harro werde ich +sagen, was ich über ihn gehört habe. Das Urteil der Kameraden wiegt +manchmal schwerer, als der Rat des Vaters.« + +Sorgenvoll blickte er über die herbstliche Landschaft. + +Da legte sich eine Hand auf seinen Arm. »Sehen Sie nicht zu schwarz in +die Zukunft, lieber Kambach!« sagte Graf Bühler. »Wenn wir Menschen +nicht aus noch ein wissen, löst unser Herrgott mit einem Hauch seines +Mundes die Fragen der Zeit.« + +Doch der andere stand unter dem Druck schwerer Verantwortung. »Er +verlangt aber auch, daß wir an unserem Teil dazu beitragen! Wenn der +Junge vergessen sollte, daß er ein preußischer Offizier ist, dann -- +gnade ihm Gott!« Die Reckengestalt straffte sich, wieder stand die +Falte zwischen den Brauen. + +»Vielleicht gelingt es Ihnen zu verhüten, daß er es vergißt,« sagte +der Erblandmarschall mit der Milde des Alters. »Ich habe mir Wolf +Dietrich übrigens kürzlich noch einmal vorgenommen und sehr ernst mit +ihm geredet. Er war zugänglich und weich wie immer, wenn ich ihm etwas +vorhalte. Allerdings mußte ich, wie gewöhnlich, wenn ich ihn ermahne, +an den Sohn im Evangelium denken, der dem Vater antwortet: ›Ich will's +tun!‹ und tut's nicht. -- Ob Ilse irgendwelchen Einfluß auf ihn ausüben +wird?« + +Kambach schüttelte den Kopf. »Ilse ist ein weiches hingebendes +Geschöpf, zu jedem Opfer bereit, -- ein Charakter ist sie nicht. An +diese Stelle hätte eine Frau wie Sibylle gehört.« + +Der Greis sah nachdenklich vor sich nieder, dann richtete er das kluge +Auge fragend auf sein Gegenüber: »Ist Ihnen etwas von einer Neigung +Harros zu Sibylle bekannt?« + +Herr von Kambach sah überrascht auf. »Nein.« + +»Ich möchte Sie doch auf diese Möglichkeit aufmerksam machen,« +entgegnete der andere ernst. + +»Würden Erlaucht seiner Werbung zustimmen?« + +Der Graf zuckte die Achseln. »Ich komme nicht in Frage. Sibylle steht +unter der Vormundschaft ihrer Mutter und wird in absehbarer Zeit +mündig.« + +Ein Wagen rollte über den Fahrdamm. + +»Das sind Brelows,« sagte der Hausherr. »Verzeihung, Erlaucht!« Er +wandte sich zur Tür, seinen Gästen entgegenzugehen. + +Der alte Herr hielt ihn zurück. »Nicht wahr, es ist alles beim alten +zwischen uns?« + +Der Oberstallmeister blickte in das schöne ehrwürdige Gesicht. +»Erlaucht!« Sie sahen sich fest ins Auge. + +»Solange die Bühlers und Kambachs noch eine märkische Ackerkrume +besitzen, soll's wahr bleiben: Hie gut Brandenburg allewege!« + +Der Erblandmarschall umfaßte die Rechte des Gutsnachbarn mit kräftigem +Druck. »Ich weiß es, wir stehen zusammen!« + +Der andere richtete sich hoch auf, als gälte es, seinem König den +Fahneneid zu leisten. »Gott walt's!« antwortete er mit fester Stimme. +-- -- + +Auf dem Altan ward's lebendig. Mädchenlachen klang herauf, +Willkommensrufe. + +Die beiden Männer hörten es nicht. + +So oft die Geschichte im Vorüberschreiten den Schleier von einer +leuchtenden Vergangenheit hebt, wird in deutschen Herzen die Sehnsucht +nach nationalem Reichtum, nach persönlichen Trägern großer Ideale wach. +Ein Fragen nach den Zeichen der Zeit hebt an, der Alltag ist vergessen +-- -- + +Endlich brach der Kambacher das Schweigen. »Könnt' ich dem Jungen +begreiflich machen, daß Gott, König und Vaterland mehr als wesenlose +Begriffe, daß sie im höchsten Sinne Wirklichkeit, daß sie Leben und +Wahrheit sind! Könnt' ich ihn mit einem Wort -- Geschichte lehren! +Denn sonst wird er im ganzen Leben kein Mann! Aber es wird mir nicht +gelingen!« + +»Vielleicht gelingt es einer Frau,« erwiderte Job Wilhelm von Bühler, +als spräche er zu sich selber, und sein Blick flog über den Altan zu +einer stolzen Mädchengestalt im weißen Sommerkleide, welche soeben Graf +Brelow begrüßte. ›Der gelingt's,‹ fügte er in Gedanken hinzu, ›aber sie +ist zu schade für ihn.‹ + +»Guten Tag, Sibylle,« rief eine helle Stimme, »wie ich mich freue!« +Und eine goldhaarige Frau, Mitte Dreißig, umarmte das junge Mädchen. +»Wahrhaftig, Sie sind noch schöner geworden!« fügte sie halblaut hinzu. + +Sibylle wurde dunkelrot. »Helfen Sie mir, Graf Brelow,« sagte sie +lachend. »Ihre Frau ist ja schlimmer, als die Drachenburger Ulanen!« +Und sie wollte ins Haus schlüpfen. Aber sie kam nicht weit. + +»Tag, Billy!« Ein blutjunger Gardedragoner stand vor ihr. +»Donnerwetter, Cousinchen, hast du dich seit meinem letzten Besuch in +Bühl verändert!« + +»Glaub' nicht, daß du jünger geworden bist,« gab sie schlagfertig +zurück und reichte ihm weitergehend die Hand. + +»Aber schöner!« + +Sie zuckte mit vielsagendem Gesicht die Achseln. -- + +»Gestatten gnädigste Gräfin!« Ein Ulan verbeugte sich vor Sibylle. +Freundlich begrüßte sie den Hünen. + +»Wie geht's Ihren Schwestern, Herr von Luckau?« + +»Danke, gut. Die jüngste kommt morgen.« + +»So, das ist ja hübsch!« + +Drei andere tauchten hinter ihm auf. Von Offizieren umringt, stand +das junge Mädchen auf den Stufen. Einem nach dem anderen reichte sie +kameradschaftlich die Hand; sie kannte die Herren von den Berliner +Hofbällen. Mit derselben ruhigen Freundlichkeit begegnete sie jedem, +der ihr nahte. Keiner unter den hochgewachsenen märkischen Edelleuten +konnte sich einer Bevorzugung von seiten Sibylle Bühlers rühmen. + +Und dann kam ein Augenblick, wo flammende Röte in das schöne Gesicht +stieg. Der Kreis öffnete sich, und ein junger Offizier neigte sich +tief über die Mädchenhand: »Darf ich mich als Trauführer vorstellen, +gnädigste Gräfin? Der Bruder der Braut hat das Recht, seine Dame zu +wählen!« Sein leuchtender Blick tauchte in die nachtschwarzen Augen. + +Sie antwortete nicht. Langsam senkte sie die seidenen Wimpern. + +Der greise Menschenkenner am Fenster des oberen Stocks wußte genug. + + + + +Drittes Kapitel. + +Bodenständig. + + Eh' du ein Edelgut vertauscht, + Geh still mit deinem Gott zu Rat, + Daß er dir in die Seele schreibt, + Was seine Huld gegeben hat. + + Daß Heimatliebe, Heimatbrauch, + Daß Treue und Beständigkeit + Von Gott, dem Herrn, gesegnet sind + Zum großen Werk der Ewigkeit. + + +Wieder ging ein sonniger Herbsttag zur Neige. Die märkische Heide lag +im Goldglanz der Dämmerung, und die purpurnen Wälder rüsteten sich zur +Nacht. + +Da jauchzten die Geigen durchs Kambacher Haus, und der Brautschleier +wehte. Die neuvermählte Gräfin Bühler eröffnete mit ihrem jungen +Gatten den Ball. Aller Blicke begleiteten die schönen hochgewachsenen +Gestalten durch den kerzenhellen Gartensaal. Die Trauführer mit ihren +Damen folgten. + +Die Neuvermählten stellten sich in der Mitte des Saales auf, die Paare +schlossen einen Ring, und das sogenannte Abtanzen des Brautkranzes +begann. Mit verbundenen Augen tastete die junge Frau hierhin und +dorthin. Dann schritt sie auf ihre Schwägerin Sibylle zu. Harro +Kambach erhielt den Strauß. + +Mehr als ein vielsagender Blick folgte dem Paar, das nach tiefer +Verneigung vor den Neuvermählten den Abschiedsreigen eröffnete. -- + +Die Jagdhörner klangen. Die Brautführer schritten, silberne Armleuchter +tragend, voran, und, gefolgt von den Gespielinnen, betrat Ilse Bühler +zum letzten Male den Raum, den sie als Mädchen bewohnt. + +Unten harrte der Viererzug, hinter sich, gleich einer langen funkelnden +Kette, die Schar berittener Bauern, die der Tochter des Gutsherrn nach +alter Sitte mit brennenden Fackeln bis zur Grenze das Geleit geben +sollte. + +Über Sumpf und Sand, über des Tieflandes endloser Weite blaute die +Mondnacht. Aus dem Hochzeitssaal lockte Walzermusik, und der Wind trug +festliche Klänge vom Dorf herauf. + +Oben in dem hellen Raum standen die märkischen Edelfräulein in ihren +langen seidenen Hofkleidern und leisteten der jungen Frau den letzten +Dienst. Kein Wort wurde gesprochen. Sinnender Ernst lag auf allen +Gesichtern. Wie ausgewechselt schien die fröhliche Schar. + +Dann stand Ilse Bühler im Reisekleid auf der Schwelle. Ein letztes +Mal ging ihr Blick durch den freundlichen Raum, darin sie soviel +erlebt, Frohes und Trübes. Noch war alles unverändert. Die Uhr tickte, +die Blumen blühten am Fenster. Vom Schreibtisch grüßten die Bilder +ihrer Lieben, auf der Staffelei stand eine eben vollendete Skizze, +eine stille herbstliche Waldstraße. Sie hatte vor der Hochzeit alles +einpacken wollen, aber Sibylle hatte gebeten: »Das besorg' ich, wenn du +abgereist bist!« Ilse sagte nicht nein. Die schwesterliche Liebe tat +der mutterlosen Braut wohl. + +Wie ein Traum zog das Leben an der Scheidenden vorüber -- -- + +Ihr Blick fiel auf das Kleid, das sie soeben abgelegt, auf Kranz und +Schleier. Sinnend ruhte ihr Auge darauf -- das war nun vorüber -- ein +Schauer durchrann die schöne Gestalt. + +Es klopfte. Sie wurde gerufen. Es war Zeit. + +Leidenschaftlich umschlang sie Sibylle. Die übrigen Brautjungfern +umringten sie. Schweigend küßte sie eine nach der anderen, dann schritt +sie ihnen voran die Treppe hinab. + +Unten kam das Schwerste. Der Abschied von Vater und Großmutter, von +den Brüdern. Unbemerkt hatten sie den Saal verlassen und erwarteten +in der Halle die junge Frau. Sogar der alte Erblandmarschall hatte +es sich nicht nehmen lassen, trotz eines Ischiasanfalles noch einmal +herunterzukommen. Neben Frau Sabine, die sich auf Harros Arm stützte, +stand er über seinen Krückstock gebeugt. Der kleine Eberhard Kambach, +ein frischer hübscher Junge, der Ostern konfirmiert werden sollte, +wollte Stühle holen, aber die beiden Alten wehrten ab. Ilse käme ja +gleich, und sie wollten vom Altan die Abfahrt sehen. + +Neben der strammen soldatischen Erscheinung des Oberstallmeisters stand +eine Gestalt, die nicht ganz in das Kambacher Gutshaus paßte. Eine +überschlanke bildhübsche, aber nicht mehr junge Frau im sehr engen, +tief ausgeschnittenen, spitzenüberrieselten türkisblauen Hofkleide. +Man fragte sich unwillkürlich, warum eine Dame, die über solch eine +Erscheinung verfügte, in ihrer Kleidung nicht wählerischer sei. + +»Hinreißend schön, aber nicht vornehm,« hatte der kleine Gardedragoner, +der vor wenigen Stunden, in den Anblick der Tochter versunken, auf der +Freitreppe gestanden, über Gräfin Bühler geurteilt, und seine Ansicht +war die allgemeine. Der alte märkische Adel war für das Halbweltliche +noch nicht reif. + +Ilse Bühler hatte den Umstehenden Lebewohl gesagt. Hastig küßte sie den +kleinen Bruder. »Besuch' mich bald, Bubi!« Ihre Stimme erstickte. Sie +wandte sich ab. Im nächsten Augenblick hing sie aufschluchzend am Halse +des Vaters. Er preßte sie an sich. In tiefer Bewegung flüsterte er ihr +etwas ins Ohr. Da faßte sie sich. Unter Tränen lächelnd beugte sie sich +über seine Hände und küßte sie wieder und wieder. Dann nahm sie rasch +entschlossen seinen Arm, nickte den Zurückbleibenden noch einmal zu und +ließ sich an den Wagen führen. + +Dort wartete Wolf Dietrich, der das letzte Lebewohl nicht hatte +stören wollen. Nachdem er seiner jungen Frau in den Wagen geholfen, +verabschiedete er sich mit fast zu stark betonter, das Förmliche +streifender Ehrerbietigkeit von seinem Schwiegervater. Dann stieg er +ein. + +Der weit zurückgeschlagene Landauer glich einem Rosengarten. + +Dankend winkte Ilse den Brautjungfern zu. Ein letzter Händedruck, ein +letzter Blick in die Augen des Vaters, und fort ging's, den breiten +Kiesweg entlang, der Dorfstraße zu. In langem Zuge folgten die +Fackelreiter. -- -- + +Der Hochzeitswagen war längst im Dunkel der Herbstnacht verschwunden, +nur die tanzenden Lichter glühten und flimmerten noch auf der Heide. +Regungslos stand Herr von Kambach auf den Stufen. Der Himmel hatte sich +bewölkt, ein feiner Sprühregen zog über die stillen Lande. Er merkte +es nicht. Seine Gedanken waren bei seinem Kinde. Langsam rann ihm eine +Träne die Wange herab, und er schämte sich ihrer nicht. + +Da legte sich eine Hand auf seinen Arm. Eine schlanke Mädchengestalt +in rosa Seide stand im hellen Schein des Lüsters vor ihm. Ein dichter +Kranz halb aufgebrochener Rosen blühte im dunklen Haar, eine Reihe +echter Perlen umschloß den Hals. Allen anderen Schmuck hatte Sibylle +Bühler verschmäht. + +»Es regnet,« sagte sie freundlich, und die schönen Augen sahen ihn +bittend an. Sie glichen zwei anderen zum Verwechseln. In das Herz +seines Kindes hatten diese nachtschwarzen Augen geschaut, und die junge +Seele war unter ihrem Blick erschauert. Und nun sahen sie ihn an, diese +samtweichen Augen der Bühlers! Aber in denen des jungen Weibes lag eine +Ruhe und Klarheit, eine geistige Schönheit, die sich in Wolf Dietrichs +Augen nicht widerspiegelte. Und wie so oft schon stieg's in der Seele +des Mannes empor: ›Es ist das fremde Blut! Warum mußte Kaspar Heinrich +die Firlemont freien!‹ -- Aber Sibylle war eine echte Bühler! -- + +Und es lag etwas Warmes, Väterliches in seiner Art, als er den Arm des +jungen Mädchens in den seinen zog. »Ja, Kind, Sie haben recht. Ich bin +schon ganz naß!« Er strich über das feuchte Haar. + +Jetzt erst gewahrte er, daß sie so, wie sie den Saal verlassen, im +ausgeschnittenen Kleide vor ihm stand. + +»Menschenkind, sind Sie toll? Schnell! Sie erkälten sich!« Er war +wieder ganz der alte Kambach. »Marsch hinauf und zehnmal durch den Saal +gewalzt und dann einen Punsch drauf! Verstanden?« + +Sie lachte. »Ich habe ja gar nicht im Regen gestanden!« + +Aber er ließ nicht locker. + +Auf der Treppe begegneten sie dem langen Malwitz. + +»Sind Sie schon für den Walzer versagt?« rief er ihm entgegen. »Nein? +Gut. So sorgen Sie dafür, daß die Gräfin warm wird!« Und er erzählte +ihm Sibyllens Leichtsinn. + +Sie aber lehnte alles ab. + +»Es wäre schlimm, wenn ein Landmädchen nicht mehr vertragen könnte!« +Und sie folgte ihrem Tänzer in den Saal. -- + +Das Wort von den ›fürstlichen Hochzeiten der Mark‹ bewahrheitete sich +wie kein anderes. Was das Land an ererbtem Glanz und Reichtum barg, an +hundertjährigem Brauch und edler Sitte, das trat an seinen Ehrentagen +aus der Verborgenheit ans Licht und grüßte das Volk. Die schlichten +Gutshäuser schmückten sich, als sollten Könige unter ihrem Dache +rasten, die fleißigen blonden Landedelfrauen holten Perlen und Gestein +aus den Truhen, goldgestickte Stoffe, kostbare Schleier, die ledigen +Mägdlein rüsteten stolz das Hofkleid und pflückten im Park die Rosen +zum Jungfernkranz. + +Fürstlich war auch die Hochzeitstafel. Im äußeren Schmuck, in +allem, was sie bot. Vom goldenen hundertjährigen Tafelaufsatz +und dem fein gewirkten Wappentuch bis zum kristallenen Kelch und +seinem perlenden Inhalt war's fürstliche Gastfreundschaft, die das +märkische Hochzeitshaus bot. Das großartigste aber war und blieb der +patriarchalische Geist, der diese Gastfreundschaft beseelte. Freite die +Herrentochter, so feierte der ärmste Knecht die Hochzeit fröhlich mit, +so trank er des Edelmanns Wein und aß seinen Fisch. Kein Kind im Dorf, +das nicht seinen Festkuchen erhielt, kein armes Mütterchen, dessen man +nicht im Gutshause gedacht. + +Park und Gartensaal standen offen. Niemand war ausgeschlossen. Und +wer des Schauens müde geworden, der ging in den herrschaftlichen +Milchkeller hinüber, wo sich die Paare nach den Klängen der Fidel +drehten, und wagte ein Tänzchen. + +Waren die festlichen Tage vorüber und die Hochzeitskränze verwelkt, +herrschte Ebbe im Säckel des Gutsherrn. Doch gute Ernten füllten ihn +wieder, und Treue lohnte die Treue. Ein starker zäher Kitt verband +Herrn und Knecht. Denn es war nicht nur preußische Adelsehre, welche +diese patriarchalischen wahrhaft fürstlichen Feste gebot, es war die +Liebe zur Scholle, zu Volk und Vaterland, die immer wieder einen +Markstein am deutschen Lebenswege aufrichtete. -- -- + +Die Nacht war heraufgestiegen. Die letzten Regentropfen hingen an Busch +und Baum, die Sterne funkelten. In leuchtender Klarheit stand der Mond +über dem Altan. + +Drinnen klangen die Geigen. Die Paare schwebten über das Parkett. Eine +wunderbare Ruhe lag über dem stimmungsvollen Bilde. Licht, Farbe, Töne +schienen sich miteinander zu verschmelzen. Denn hier brannten noch +Kerzen in den Kronleuchtern, wahrhaftige Kerzen wie in alter Zeit, +als Gräfin Sabine Trach und der junge Kambacher Herr den Hubertusball +eröffneten. Daher der zarte Schimmer, der feenhafte Glanz, der den +Bildern aus den Tagen Friedrichs des Großen eigen, der das Flötenspiel +des königlichen Künstlers mit seinen sanften Lichtern umspielte. + +Es war, als hätte die junge Frau, die unten in der Halle in heißem +Abschiedsschmerz des Vaters Hände geküßt, ihren Dornröschentraum +durch den Hochzeitssaal getragen, und die schönste Blüte sei langsam +entblättert. -- -- -- + + * * * * * + +Sibylle Bühler tanzte den Tischwalzer mit dem Sohn des Hauses. Man +hatte die Nachbarskinder an diesem Abend schon öfter beisammen gesehen, +-- nun tanzten sie auch noch den Tischwalzer zusammen, -- die jungen +Mädchen begannen zu tuscheln. + +Doch die beiden trugen eine solch eherne Ruhe zur Schau, daß der kleine +Dragonerleutnant von Dachow, der seine Cousine vergötterte, sich +erleichtert sagte, er habe sich gestern mittag wohl geirrt. + +Gräfin Brelow aber, die Sibylle seit ihrer Mädchenzeit kannte und +liebte, sagte zu ihrem Manne: »Wenn ich nicht wüßte, sie ist die +einzige, die ihm dazu verhelfen kann, ein rechter Kambach zu werden, +ich würde alles tun, um die beiden Menschen zu trennen! Aber du wirst +es erleben, Achim, sie bringt ihn zurecht!« + +»So kampflustig?« Er sah sie lächelnd an. Drei Körbe hatte sie +ihm gegeben, und nun war sie glückliche Frau und Mutter von sechs +Kindern. »Du irrst dich auch manchmal,« sagte er. »Außerdem betonst +du doch sonst das Wort bei jeder Gelegenheit ›Ehen werden im Himmel +geschlossen‹, und nun denkst du daran, die beiden zu trennen.« + +»Ich denke eben nicht daran!« entgegnete sie, mit ihrem kostbaren +Spitzenfächer spielend. + +»Aber du würdest daran denken, wenn Sibylle nicht Sibylle wäre.« + +»Ja, das würde ich.« Sie rückte dicht an ihn heran. »Erinnerst du dich +eines großen Marmorbildes in einer früheren Dresdener Kunstausstellung: +›Mann und Weib‹? Sie schlafen. Seite an Seite liegen sie ausgestreckt, +-- Idealgestalten deutschen Lebens. Ich sagte dir schon damals, daß die +Frau Sibylle gleiche; Harro Kambach kannte ich noch nicht! Jetzt weiß +ich, wer der Mann ist, -- seltsam, -- als ob die beiden dem Künstler +vor Augen gestanden hätten!« + +»Und weil sie jenem Marmorbilde gleichen, sollen sie sich heiraten? +Ursel, -- nimm's nicht übel!« + +»Ja, ja, ich weiß, ich bin eine Schwärmerin! Aber sei nur ganz still. +Mein Haushalt geht am Schnürchen!« + +»Weil du eine vorzügliche Mamsell hast!« + +»Ach was! Hör' zu! -- Also erstens ist die Ähnlichkeit geradezu +überwältigend. Außerdem habe ich niemals die Ergänzung der Seelen +widergespiegelt gesehen, wie in diesen Gestalten!« + +»Und deshalb sollen sich Harro Kambach und Sibylle Bühler auch +ergänzen, -- lieber Schatz!« Er lachte hell auf. + +»Sei still, da kommen sie.« Langsam schritten die zwei vorüber, ihrem +Platz zu. + +Graf Brelows Augen folgten ihnen. »Sie ist überhaupt viel zu schade für +ihn,« sagte er. »Zum Glück weiß der Großvater, was für ein Luftikus +Kambach ist. Hoffentlich ist die Mutter vernünftig und Sibylle selbst +...« + +»Sibylle liebt ihn,« unterbrach die Gräfin ihren Mann. »Zu schade, +sagst du, sei sie für ihn?« fuhr sie dann fort. »Gibt's Größeres, als +einen Menschen zu Gott zu führen?« + +»Wer sagt dir, daß ihr das gelingt? Ist nicht auch die Möglichkeit +vorhanden, daß der Mann das Weib von Gott löst?« + +»Nein!« rief sie lebhaft, »das ist unmöglich -- bei Sibylle? Nein!« + +»Gesetzt den Fall, du behieltest recht, Ursel, aber sie brächte ihn +trotzdem nicht auf den rechten Weg! Bitte stell' dir diese Ehe vor!« + +»Die Hölle auf Erden!« rief sie, und dann faßte sie seine Hand. »Bei +uns war's auch nicht immer so, wie's heut' ist!« + +Er blickte glücklich auf sie nieder. »Aber jetzt bleibt es wie's ist, +nicht wahr? Was wäre ein Brelow ohne das Kreuz?« + +Sie hob die strahlenden Augen zu ihm empor. »Darum gönn' ich's auch +einem Kambach! Du sollst sehen, Achim, sie bringt es ihm.« -- -- + +Der Kotillon begann. + +Harro Kambach verneigte sich vor der schönen Frau. + +»Verzeihung, Herr Graf!« + +Brelow nickte dem jungen Offizier freundlich zu. Dann erhob er sich, um +seiner Frau Platz zu machen. + +Ein mit Rosen beladener Wagen wurde in den Saal gefahren. Zwei +weißgekleidete kleine Mädchen aus der Nachbarschaft trugen Kissen mit +weißen und roten Orden herein. + +Der Sohn des Hauses schlang den Arm um seine Dame. Die tanzende Jugend +folgte dem eleganten Paar. Offiziere und junge Mädchen drängten nach +der Mitte des Saales. + +Gräfin Brelow stand mit einer rotweißen Schleife vor dem alten +Erblandmarschall. »Darf ich, Erlaucht?« + +Sie steckte ihm den Orden an den Frack. + +Er neigte den weißen Kopf über ihre Hand. »Wär' ich dreißig Jahre +jünger, meine gnädigste Gräfin, so sollten Sie den langen Bühler kennen +lernen! Aber das Alter!« + +Die braunen Augen sahen den bekannten ehemaligen Prinzessinnentänzer +schelmisch an: »Ich komme doch aus Freundschaft, Erlaucht!« + +»Das weiß ich!« Er nickte ihr väterlich zu. »Setzen Sie sich zu mir, +Ihr Tänzer ist beschäftigt, er wird Sie schon finden!« + +Sie nahm an seiner Seite Platz. + +»Das ist eine Hochzeit nach meinem Sinn,« begann der alte Herr in +aufgeräumter Stimmung. »Die Kambacher verstehen's! Fürstliche Aufnahme, +ausgezeichnete Bewirtung, -- und doch keine Protzerei, keine Berliner +Üppigkeit! Wissen Sie, Gräfin, daß mich die Berliner Gasthofhochzeiten +geradezu anwidern. Das gehört sich nicht für einen Landedelmann. Ein +echter Junker feiert seine Feste auf der Scholle!« + +Sie nickte eifrig. »Das ist ganz meine Meinung, Erlaucht! Wo soll die +Bodenständigkeit herkommen, wenn die Landflucht der höheren Kreise +überhandnimmt! Meine Verwandten Klemm gehen jetzt für sechs Monate nach +Ägypten, nur weil sie sich zu Hause langweilen. Sie sind alle beide +kerngesund, es fehlt ihnen nichts als sozialer Sinn und das nötige +Pflichtgefühl. Im Frühjahr heiratet die älteste Tochter, die Hochzeit +ist natürlich in Berlin. Achim gerät ganz aus dem Häuschen, wenn ich +davon anfange. Ich glaube, er ließe sich scheiden, wenn ich auf solche +Gedanken verfiele.« + +»Das würde ich ihm durchaus nicht verdenken,« sagte der alte Herr. +»Landedelfrauen, denen die Heimatliebe und damit der Sinn für das +Ererbte fehlt, wissen gar nicht, welch ein Kleinod ihnen anvertraut +ist. Die Frau ist die Hüterin der Volksseele, die Beschützerin des +Familienlebens, der Sitte. Nirgends aber hat sie so Gelegenheit, +ihrem hohen Beruf nachzugehen, wie auf eigenem Grund und Boden; denn +keine andere Frau kann unmittelbarer, persönlicher, uneingeschränkter +ihren Einfluß ausüben, als die Landedelfrau. Sie begeht darum nicht +nur ein Unrecht, sie begeht eine grenzenlose Torheit, wenn sie auf +diesen Einfluß verzichtet; denn sie verliert mit ihm die Liebe und +Anhänglichkeit ihrer Untergebenen. Die Frau trägt eine Macht auf +dem Haupte, gnädigste Gräfin, Sie werden das ja selbst am besten +wissen! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: auf den Gütern, wo die +Herrschaft keinerlei persönliche Fühlung mit den Leuten hat, blüht +die Sozialdemokratie. Die Frauen und Töchter der Majoratsherren, die +niemals auf Erntefesten mittanzen, niemals Krankenbesuche im Dorf +machen, mit einem Wort, die die Leute nicht kennen, die schädigen, +-- das klingt furchtbar hart, aber es ist nun einmal so, -- ich +sage, die schädigen den Großgrundbesitz. Denn sie beschleunigen +durch ihr Verhalten, durch ihren Mangel an Interesse die Landflucht. +Die Herrschaft, die den Leuten keine Liebe entgegenbringt, kein +Zusammengehörigkeitsgefühl in ihnen weckt, kann auch keine Treue von +ihnen erwarten. Aber ich will nicht nur auf die Frauen schelten. Die +Schuld des Mannes auf diesem Gebiet ist wahrhaftig nicht die geringere. +Vom Hundertsten kämen wir ins Tausendste, wollten wir dem Kapitel +Bodenständigkeit nachgehen, wollten wir ›Landflucht und Landsucht‹ +mit all ihren gefährlichen Auswüchsen betrachten. Wissen Sie das +Neueste? ›Bodenständig ist rückständig!‹ Ein leichtfertigeres Wort ist +selten geprägt worden. Gott bewahre uns vor diesem Schmarotzertum, vor +dem Spiel mit ererbtem Gut und Besitz, vor der Verachtung von Glaube +und Sitte, von Heimatgefühl und Beamtentreue! Lieber will ich ein +bettelarmer Edelmann sein, als mit einem jener vaterlandslosen Gesellen +an einem Tische sitzen, die nicht etwa durch die Not getrieben, +sondern um Geld und Glanz und Genuß das Erbe der Väter an jüdische +Grundstücksmakler verschachern!« + +Er hatte erregt gesprochen. Hastig fuhr er über die hohe Stirn. + +Besorgt blickte sie ihn an. + +Er seufzte. »Nirgends haben die Sozialdemokraten leichteres Spiel als +da, wo die alten patriarchalischen Verhältnisse nicht mehr bestehen! +Wo es nicht mehr Treue um Treue gilt, da sieht es schlimm aus!« Er +hielt einen Augenblick inne. Sinnend ging sein Blick durch den Saal. +»In unserer Gegend macht sich das noch nicht so fühlbar wie auf +manchen anderen Gütern. Zumal Kambach hat ja geradezu einzigartige +Verhältnisse, und die dankt es in erster Linie seinen Gutsherren! Hab' +ich nicht recht?« + +»Ganz gewiß. Die Kambacher sind ein vorbildliches Geschlecht. Haben +Erlaucht bemerkt, in wie wunderhübscher Weise heute das ganze Dorf +teilnahm? Das Bild während der Trauung wird mir unvergeßlich sein!« + +»Gewiß. Diese Hochzeitsfeiern bilden ein wichtiges Stück in der +Heimatkunde der Mark. Und Sie haben sehr recht. Gerade die Kambacher +Feste haben einen eigenen Reiz. Das ganze Dorf war heute auf den +Beinen. Überall begegnete man frohen Gesichtern. Der alte Schenker +strahlte, als hätte er seine eigene Tochter verheiratet. -- Morgen ist +ein großes Volksfest! ›Damit keiner zu kurz kommt!‹ sagt Kambach.« + +Gräfin Brelow lächelte. + +»Er denkt immer an seine Leute!« -- + +»Nun, Ursel, du bist in deinem Fahrwasser, dann kann ich ja +wieder gehen!« sagte eine bekannte Stimme. »Wenn meine Frau +auf patriarchalische Verhältnisse gebracht wird, bin ich +nämlich überflüssig, Erlaucht,« wandte sich Graf Brelow an den +Erblandmarschall. »Es hat auch nicht den geringsten Zweck, ihr die +heutigen sozialen Verhältnisse zu erklären, ich bin und bleibe in ihren +Augen ein Umstürzler.« + +Graf Bühler lachte. »Sind Sie auch, mein lieber Brelow! Ihre Frau +hat ganz recht. Sie vertritt das Alte, Angeborene, während Sie +dem Neuen die Tür öffnen. Ich weiß ganz genau, was Sie für die +volkswirtschaftliche Selbständigkeit ins Feld führen, weiß auch, daß +Zeiten und Menschen sich in mancher Beziehung geändert haben, trotzdem +muß ich bei all den an sich gewiß sehr lobenswerten, die Aufbesserung +der ländlichen Arbeiterverhältnisse betreffenden Bestrebungen immer +wieder an das Breysigsche Wort denken: ›Feste dauernde Bande voll +tiefen Glückes werden heute nur zerschnitten, nie neu geknüpft‹.« + +Graf Brelow blickte den alten Herrn lächelnd an. »Erlaucht kennen +meine Stellung doch! Die altehrwürdigen patriarchalischen Verhältnisse +in hohen Ehren! Sie bilden zum großen Teil den Kitt, der unserem +ländlichen Volksleben seinen letzten Halt gibt. Selbstverständlich +sind Führerschaft und Gebietersinn im allerbesten Sinne notwendig, +und darum ist auch das patriarchalische Verhältnis notwendig; denn es +schafft nicht nur Bodenständigkeit, es stärkt dem Christentum, stärkt +vaterländischem Sinn und Königstreue den Rücken. Ich gebe offen zu: es +ist ein alter Führerirrtum, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse mit +denen der Masse zu verwechseln. Denn es gibt ein geborenes Herrentum +und gibt Kreise, die des Geführtseins nicht nur bedürfen, sondern die +bewußt und unbewußt den Führer begehren, die viel lieber gelenkt werden +wollen, als selbst die Last und Verantwortung des Lenkens übernehmen. +Darin liegt durchaus keine Kraftverminderung für mich, Erlaucht, +-- im Gegenteil: das Können der Seele, ihr Vermögen wird durch die +Führerschaft eines Starken gesteigert.« + +Der alte Herr nickte. + +»Ja, ja, -- aber -- trotzdem, ich weiß schon, was kommt!« + +»Das schadet nicht. Erlaucht werden es noch einmal hören! Und meiner +Frau schadet es auch nicht! -- Das, was Erlaucht fordern, und was +jeder rechte Gutsherr grundsätzlich erstreben wird, ist die uralte +väterliche Form der Herrschaft! Ein gesegnetes Erbe, welches noch heute +da ein Segen bleibt, wo das Verhältnis zwischen Herrn und Knecht ein +mustergültiges ist. Aber wir haben nicht nur mit dem Durchschnitt, +sondern in den meisten Fällen mit Verhältnissen unter dem Durchschnitt +zu rechnen. Bühl und Kambach stellen eine Auslese dar -- ich wollte, +in Dambeck wär's auch so. Den Zeitgeist können wir nicht ändern, aber +wir können die Verhältnisse in zeitgemäßer Weise zu bessern suchen. Ich +meine nicht, daß das Alte an sich abgewirtschaftet hat, aber daß manche +alte Form hinfällig geworden ist und darum mancher Wunsch nach Wandel +und Neuschöpfung berechtigt ist, das muß ich gerade in bezug auf die +ländlichen Arbeiterverhältnisse anerkennen! Wir dürfen nicht vergessen, +daß der Fabrikarbeiter in äußerlich, wenn auch nur scheinbar, freieren +Verhältnissen lebt als der Landarbeiter. Letzterer nimmt daher in den +Augen des Volkes einen untergeordneteren Platz ein als jener, wenn auch +seine Verhältnisse in Wirklichkeit vielleicht die günstigeren sind. +Aber das soziale Gefühl spricht bei den Leuten zu stark mit, und wir +haben die Pflicht, es zu berücksichtigen, sonst gehen uns vielleicht +gerade ~die~ Werte verloren, die das patriarchalische Verhältnis +vergangener Zeiten geschaffen hat.« + +Graf Bühler blickte auf seinen Krückstock nieder. Dann hob er die +hellen Augen voll zu dem Sprecher empor. + +»Ich glaube, wir wollen im Grunde dasselbe, lieber Brelow,« sagte er +freundlich, »nur müssen Sie dem Alter eine gewisse Rückständigkeit +zugute halten. Es hängt am alten Brauch, an der alten überlieferten +Form. Aber das eine möchte ich aussprechen, und auch Ihre Frau soll's +hören: ich glaube nicht, daß die Kambacher und Bühler enger mit ihrer +Gutsherrschaft verwachsen sind als die Dambecker!« Er schüttelte +dem anderen die Hand. »Trotz allem, was mir am Neuen schwer wird, +naturgemäß schwer werden muß, denn wir Alten leben immer in der +Vergangenheit, die bekanntlich stets einen Heiligenschein trägt, -- +trotzdem, oder gerade darum soll das Neue mich mahnen, gerecht zu sein. +In der Beziehung muß ich noch von Ihnen lernen, lieber Brelow!« + +Die Blicke der beiden Männer begegneten sich klar und fest. Aus Graf +Brelows Augen leuchtete helle Freude. + +Dann sah er seine Frau an. ›Na, Ursel, was sagst du nun?‹ fragte sein +Blick. + +Sie nickte ihm herzlich zu. »Sei nur ganz still,« lachte sie, und ein +paar Grübchen traten in die rosigen Wangen, »ich schreib's mir hinter +die Ohren!« + +»Das möcht' ich mir auch ausgebeten haben! -- Auf Wiedersehen, +Erlaucht!« -- Mit einer leichten Verbeugung gegen den alten Herrn +schritt er weiter. + +Gleich darauf sahen die beiden ihn mit Sibylle Bühler vorübertanzen. +-- -- + + * * * * * + +Harro stand vor der Gräfin. + +»Ja, ja, ich bin Ihnen ausgerückt, Baron,« lachte sie. »Aber hier ist +noch Platz, setzen Sie sich zu uns. Nachher kommt noch ein Tänzchen in +Ehren!« + +Er verbeugte sich gegen den Erblandmarschall. »Gestatten, Erlaucht?« + +»Bitte, lieber Harro! Nicht wahr, dies ist ein gemütliches Eckchen, +wir sind hier ganz unter uns! -- Übrigens sprachen wir gerade von den +Vorzügen Ihres Hauses! Die Ohren müssen Ihnen geklungen haben!« + +Harro beugte sich vor. Eine Ahnung sagte ihm, was nun kommen werde: +die Predigt über den vorbildlichen Landedelmann. Fürchterlich. Aber +was half's? Man mußte andächtig zuhören. Hoffentlich tat der alte +Herr keine persönlichen Fragen. Er verfügte über eine unversiegbare +Gründlichkeit. + +»Sie brauchen keine Abhandlung über das Agrariertum zu befürchten,« +sagte der Graf mit feinem Lächeln. »Ich habe nur meiner Hochachtung +vor dem konservativen Sinn Ihres Vaters Ausdruck gegeben und die Treue +bewundert, die in geradezu vorbildlicher Weise das patriarchalische +Verhältnis aufrechtzuhalten sucht. Ein Tag wie der heutige zeigt das +wahre Bild des Gutslebens. Ich rechne es Ihrem Vater sehr hoch an, daß +er den Bitten meines Enkels, die Hochzeit in Berlin zu feiern, nicht +nachgegeben hat!« + +Harro schwieg. + +»Sie scheinen anderer Meinung zu sein,« sagte der Erblandmarschall. + +Gräfin Brelow blickte gespannt auf den jungen Offizier. + +Der wollte dem ehrwürdigen Gast seines Vaters ungern widersprechen. +»Verzeihung, Erlaucht ...« sagte er zögernd, »aber ...« + +»Hätten Sie die Hochzeit in Berlin gegeben?« unterbrach ihn Graf +Bühler. + +»Ja,« erwiderte Harro. »Man muß doch zugeben, daß die Räumlichkeiten +unserer Landhäuser für solche Gelegenheiten nicht genügen.« + +»Sie haben immer genügt; aber selbst wenn dem so wäre -- ist das das +allein Ausschlaggebende für Sie?« + +Harro zuckte die Achseln. »Was soll denn sonst den Ausschlag geben, +Erlaucht? Wir sahen doch heute wieder, daß der Tanzsaal viel zu klein +ist! Kambach genügt überhaupt nicht den Anforderungen der Neuzeit. +Außerdem ist es nicht mehr Mode, daß der Adel seine Hochzeiten auf dem +Lande feiert! Das spricht doch alles mit!« + +»So. Aber eins scheint bei Ihnen nicht mitzusprechen: Heimatsitte und +Heimatbrauch, patriarchalisches Verhältnis, -- mit einem Wort: sozialer +Sinn.« Er zog die weißen Brauen in die Höhe. »Der hat freilich nur +Wert, wenn er angeboren ist!« + +Harro biß sich auf die Lippen. ›Gut, daß uns hier wenigstens keiner +hört,‹ dachte er und sah Sibylle Bühler nach, die mit Jaspar Malwitz +vorübertanzte. + +Der Erblandmarschall beobachtete ihn scharf. »Nehmen Sie's einem alten +Mann, der Sie außerdem noch über die Taufe gehalten hat, nicht übel, +lieber Harro; aber solche Ansichten gehören sich nicht für einen +märkischen Junker und preußischen Edelmann. Leider ist ja das Leben +von heute nicht dazu angetan, die Liebe zur Scholle zu stärken, aber +den Kambachern steckt sie im Blut. Man urteilt ja, wenn man jünger ist +und noch keine Erfahrungen gesammelt hat, anders als ein Mann, der die +Höhen des Lebens überschritt, -- darum vergessen Sie nicht, was Ihnen +heute einer sagt, dessen Tage vielleicht gezählt sind: wer sein Gut nur +als Sommeraufenthalt betrachtet, wird nie ein rechter Gutsherr!« + +»Verzeihung, Erlaucht, es gibt aber doch Verhältnisse ...« + +»Wenn Sie die Schwindsucht bekommen, und der Arzt behauptet, Sie +könnten nur in Ägypten genesen, so reisen Sie in Gottes Namen, wenn +Ihr Geldbeutel es erlaubt,« rief Graf Bühler. »Meine Frau hat sich +unter stark vorgeschrittenen Krankheitserscheinungen in den Bühler +Kiefernwäldern erholt -- man kann also über diesen Punkt streiten. Daß +sie damals ganz gesund wurde, wissen Sie, ebenso, daß sie nicht an der +Schwindsucht gestorben ist, -- aber wie gesagt, ich will da mit niemand +rechten. Das, was ich meine, liegt an ganz anderer Stelle. Es handelt +sich nicht um Zwangslagen, es handelt sich um willkürliche Entäußerung +von Überlieferung und Besitz. Das erste ist eine Not, das zweite eine +Schuld.« + +Harro fuhr herum. + +»Entäußerung, Erlaucht? Abwesenheit bedeutet doch nicht Entäußerung?« + +»Dauernde oder wiederholte längere Abwesenheit läuft schließlich auf +Entäußerung hinaus. Darum braucht nicht Grund und Boden verkauft +zu werden, es ist etwas Größeres, das mit der Preisgabe des +patriarchalischen Verhältnisses verschachert wird: die Volksseele. +Ihres Vaters großzügige Auffassung seiner gutsherrlichen Aufgaben ist +mir stets vorbildlich gewesen. In den schwersten Tagen hat er nie +vergessen, was er seinen Leuten schuldig war. Heute sehen Sie den +Dank!« + +Harro blickte vor sich nieder. Er erkannte eine Wahrheit in den +Worten seines greisen Paten, aber schoß der alte Herr nicht in seinen +Einzelforderungen über das Ziel hinaus? Er scheute sich, an dieser +Stelle und in diesem Augenblick seinen Widerspruch zu reizen; es war +eben stets zu bedenken, daß er Sibyllens Großvater war. Nur eins +ärgerte ihn: daß Gräfin Brelow einen so charakterlosen Eindruck von ihm +bekam. Es war eine regelrechte Zwangslage, in der er sich befand. + +Seine Pflichten als Vortänzer fielen ihm ein. Er zog die Uhr und +blickte auf die Gräfin. Der Ball sollte mit einem Huldigungsreigen vor +dem Hausherrn und seiner Mutter beschlossen werden. + +Ein Regimentskamerad schien ihn zu suchen. + +Er erhob sich. + +Da klang die alte Stimme noch einmal an sein Ohr: »Sozialer Sinn ist +keine Mache, sondern ein kostbares Eigengut aus einem Guß. Wer dies +oder jenes Stück Heimatbrauch preisgibt, arbeitet am Verfall des +Volkstums. Es geht ums Ganze! Darum ist es nicht nur Verhöhnung des +patriarchalischen Verhältnisses, wenn die Tochter eines Landedelmannes +ihre Hochzeit in der Großstadt feiert, -- es ist ein soziales +Verbrechen!« + +Die letzten Worte waren mit ungewöhnlicher Schärfe gesprochen. Ein paar +junge Mädchen sahen sich um, allgemeines Schweigen herrschte. + +Leichenblaß stand der junge Offizier da: »Erlaucht!« + +Ein breiter Schatten fiel auf die kleine Gruppe. Er wandte sich um. + +Vor ihm stand sein Vater, die Großmutter Kambach am Arm. Ein Blick +sagte Harro, daß die beiden den größten Teil der Unterhaltung mit +angehört hatten. Ein unsagbar peinlicher Augenblick folgte. + +»Nicht wahr, du mußt erst morgen abend wieder in Drachenburg sein?« +wandte sich der Oberstallmeister mit undurchdringlicher Miene an seinen +Ältesten. »Ich habe vorher noch mit dir zu reden.« + +Er ging an ihm vorüber auf Graf Bühler zu. + +Von der Galerie riefen die Jagdhörner. Noch einmal schwebte der Reigen +durch den Saal. Hochgewachsene Junker, lichte Mädchengestalten +verneigten sich vor dem Hausherrn und der greisen Edelfrau. + +Dann klang das Halali. + +Draußen schlug die Turmuhr halb zwei. + +»Nu is det och all wider vorbi,« sagte Franz Schenker, der neben seiner +Frau in der offenen Saaltür stand, »aber 's ward och Tid!« + + + + +Viertes Kapitel. + +O Deutschland! + + Gib Antwort, Deutschland, wo ist deine Ehr'? + Wo ist dein markiges Heldengeschlecht? + Wo ist deine Zucht, die strahlende Wehr? + Wo ist dein Glaube, dein heiligstes Recht? + Wo sind die Männer von dazumal? + Wo ist der starke adlige Sinn? + Wo sind die Beter, die Streiter des Herrn? + Gib Antwort: wo sind deine Frauen hin? + Schläfst du, Deutschland? Die Wachtfeuer glüh'n + Von Waffen starrt's, der Feind kommt zuhauf! + Drüben im nächtlichen Dom am Rhein + Da stehn deine Kaiser vom Schlafe auf! + Vernimmst du nichts vom Jammer der Zeit? + Vom Kampf der Geister ums Morgengrau'n? + Wach auf vom Schlafe! Antworte mir! + Deutschland, wo sind deine Männer und Frau'n? + + +Der Gottesdienst war beendet. Unter den herbstlichen Linden standen +die Kirchgänger in Gruppen, besprachen die Predigt und blickten der +Gutsherrschaft und den letzten Hochzeitsgästen nach, die langsam dem +Herrenhause zuwanderten. + +Die nächsten Nachbarn waren den Sonntag über noch geblieben, Graf und +Gräfin Brelow, Graf Bühler mit seiner Tochter Nandine, Sibylle, die +den Großvater nach Schloß Bühl begleiten sollte. Einige Drachenburger +Herren, die mit dem Sohn des Hauses gekommen waren, ein Graf Luckau, +zwei Malwitze und der Oberleutnant von Roselius, Harro Kambachs +Freund, beschlossen den Kreis. + +Manch weißes Haupt entblößte sich ehrerbietig vor dem Gutsherrn, mehr +als ein Blick voll Stolz und Dankbarkeit folgte der hohen soldatischen +Erscheinung. + +Nach allen Seiten freundlich grüßend, schritt Herr von Kambach in +eifrigem Gespräch mit der Gräfin Brelow der Dorfstraße zu. + +»Pastor Wendler tritt jeden Sonntag etwas deutlicher mit seiner wahren +Ansicht hervor,« sagte die schöne Frau. + +Die Brelows waren in Kambach eingepfarrt. + +Der Oberstallmeister blickte vor sich nieder. »Eigentümlich, -- +erinnern Sie sich noch der Probepredigt?« + +»Ja, gewiß, sie war ganz positiv. Sollte er sein Mäntelchen damals +schon nach dem Winde gehängt haben?« + +Herr von Kambach schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Aber er +ist, besonders in den letzten Jahren, in liberales Fahrwasser geraten. +Ich beklage das um so mehr, da ich ihn als Mensch sehr hoch stelle.« + +Er blieb stehen und blickte auf das schöne leuchtende Land zu seinen +Füßen. »Wenn das, was die heutige Predigt befürchten läßt, sich +bewahrheiten sollte, komme ich in eine schwierige Lage. Sie wissen, +Eberhard soll Ostern konfirmiert werden.« + +Sie nickte. »Ja, und gerade der Unterricht ist eine so große Gefahr. +Erinnern Sie sich, was Lieselotte damals aus der Berliner Pensionszeit +alles mitbrachte? Wir lassen kein Kind wieder am städtischen +Konfirmandenunterricht teilnehmen!« + +»Es ist nur die Frage, wie lange das Land noch positiv ist,« sagte er +ernst. »Höre ich noch eine solche Predigt, so sehe ich mich gezwungen, +den Jungen aus der Konfirmandenstunde zu nehmen, -- was spreche ich +damit aber vor dem ganzen Dorfe aus? Die Leute sind hier sehr kirchlich +und zum Teil schon hellhörig geworden! Der alte Schenker würde sonst +auch wohl dafür sorgen, daß seine Kambacher nicht einschlafen!« + +Sie lachte. »Das glaube ich!« + +Eberhard kam hinter den beiden hergelaufen. + +»Vater, -- Großmutter ist noch mit Fräulein Eichel und Herrn von +Roselius in der Kirche. Sie wollen das Bild von der Urgroßmutter +besehen. Wir sollen nicht mit dem zweiten Frühstück auf sie warten.« + +»Schön, mein Junge!« sagte der Oberstallmeister. »Roselius kennt die +Geschichte der Stradivariusgeige wohl noch nicht,« wandte er sich +dann zu seiner Begleiterin, während sie die Dorfstraße überschritten. +»Wir haben das alte Bühlersche Erbstück Sibylle geschenkt, was ja das +Gegebene war. -- Ich habe übrigens selten solch ein Spiel gehört!« + +Gräfin Ursula nickte stumm zu seinen Worten. Ihre Gedanken wanderten +in die kleine Dorfkirche zurück, wo die Frau, deren liebliches Bild +im Chorstuhl der Kambachs hing, in der stillen Gruft ruhte. Eine +königliche Mitgift hatte sie ins Haus gebracht, edle deutsche Kunst! +-- -- + +Man erzählte sich von Sophie Charlotte von Kambach, daß bei ihrem Tode +ein leises Klingen die Saiten der Stradivariusgeige bewegt habe, wie +das Schluchzen eines Kindes -- -- + +Gräfin Brelows Blick schweifte zum Altan hinüber, wo zwei schöne junge +Menschen in tiefem Gespräch beieinander standen -- ein Kambach und eine +Bühler. -- -- + + * * * * * + +In dem freundlichen Studierzimmer Pastor Wendlers saß Exzellenz von +Kambach auf dem grünen Ripssofa dem Hausherrn gegenüber. Sie hatte ihre +Gesellschafterin, Fräulein Eichel, mit dem Oberleutnant ins Schloß +geschickt und war den harten schweren Weg, den heißeste Sorge und +Liebe sie antreten hießen, allein gegangen. Und nun saß sie dem Manne +gegenüber, den sie von klein auf gekannt, der als junger Geistlicher +mit seinen Nöten zu ihr gekommen und als reifer Mann die betagte +geistvolle Frau um Rat gefragt, bis -- ja, bis -- -- Es war eben eine +Zeit gekommen, da er den Weg nach dem stillen Dreilinden nicht mehr +fand. + +Und heute kam die Greisin zu ihm. Mit einer Selbstverständlichkeit, als +sei nichts zwischen sie getreten, war sie nach dem Gottesdienst auf der +Pfarre erschienen und hatte ihn um eine Unterredung gebeten, wie jedes +andere Gemeindeglied aus dem Dorf. + +Dreilinden war in Kambach eingepfarrt, und während der Sommermonate +versäumte die alte Exzellenz keinen Gottesdienst. Pastor Wendler +hatte sich oft im stillen gewundert, daß sie sich noch unter seine +Kanzel setzte -- war's das gutsherrliche Vorbild, die Sitte, die sie +hochhielt, er wußte es nicht. Aber eins wußte er. Hätte er heute die +greise Frau um ihr Urteil über seine Wortverkündung gebeten, sie +hätte ihm, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, erwidert: ›Es ist +Irrlehre!‹ + +Über ihren Krückstock gebeugt, saß sie in der Herbstsonne, und die +blauen Augen blickten ihn mit der alten Freundlichkeit an. Aber in dem +stillen Gesicht stand eine stumme Frage: ›Warum hast du mir das getan?‹ + +In seiner Seele erwachte Widerspruch. Was hatte er denn getan? War +es etwa ein Unrecht, der Wissenschaft den Platz zu geben, der ihr +gebührte, und dem modernen Menschen nach Kräften die Steine des +Anstoßes aus dem Wege zu räumen? Er veräußerte ja nichts, indem er die +starre Form der Orthodoxie preisgab, das Kreuz blieb ja bestehen, -- +war es nicht heilige Pflicht, den Schutt der Jahrhunderte zu entfernen +und die Wahrheit in vollem Glanze erstrahlen zu lassen? Seltsam, daß +liberal und modern immer verwechselt wurden! Und dann kam's, worauf er +gewartet -- kein Wort des Vorwurfs, -- aber eine tiefe schwere Klage, +von banger Sorge um Volk und Vaterland getragen: wie's menschenmöglich +sei, daß auch er, gerade er dem Subjektivismus der Jetztzeit verfallen +sei, wie's habe geschehen können, daß von seinem Christusglauben, den +er einst so freudig bekannt, nichts als bloße Jesusverehrung übrig +geblieben sei? + +Ohne die geringste Schärfe kamen die schweren Worte über die Lippen der +alten Edelfrau; aber die tiefe Trauer, die sie begleiteten, löste ein +Empfinden in der Seele des Mannes aus, das er bisher nicht gekannt: den +Schmerz des Unverstandenseins. + +Und doch war ~er's~ gewesen, der sich stillschweigend von ihr +zurückgezogen, sie aber kam mit unveränderter Güte, mit ihrem klaren +ungeschminkten Wort in sein Haus. Sie pochte nicht auf ihr reiches +Wissen, um das sie manch einer hätte beneiden können, auf ihre große +Kenntnis in kirchlichen Fragen, sie kam als schlichte Bibelchristin, +die ihr Heiligstes angetastet sah. Aus dieser Sorge heraus, die im +Blick auf ihre Kirche, ihr Volk und Vaterland ins Unermeßliche wuchs, +trat sie vor ihn mit heiligem Ernst, mit großer tragender Liebe, +mit der Hoffnung, die keinen aufgibt, die bis zur letzten Stunde an +ihn glaubt. Das nahm der schweren Unterredung von vornherein die +Schärfe, so stark die Gegensätze auch waren. Denn Frau von Kambach gab +nicht eines Schritte Breite ihres alten heiligen Besitzes preis, und +Pastor Wendler verteidigte mit zäher Ausdauer das im Schweiße seines +Angesichts errungene Neuland. + +»Exzellenz sagten vorhin, ich kranke am Subjektivismus der Jetztzeit, +wie soll ich das verstehen?« fragte er ernst. + +»Sie machten in Ihrer Predigt das Wunder als solches vom Glauben des +einzelnen abhängig. Glaube er an das Wunder, so sei es vorhanden, +glaube er nicht daran, so sei es hinfällig. Das Wunder wird so als +etwas Unwirkliches, Zufälliges hingestellt und erhält außerdem durch +diese Abhängigkeit vom menschlichen Urteil das Gepräge des Irdischen, +Innerweltlichen.« + +Er schüttelte den Kopf. + +»Ich freue mich, Eurer Exzellenz dies Mißverständnis erklären zu +können. Selbstverständlich wird das Wunder Tatsache, sobald der Glaube +von ihm Besitz ergreift!« + +»Und wenn er es nicht tut?« + +»Dann ist das Wunder natürlich zwecklos, weil es seine Aufgabe nicht +erfüllt.« + +»Nach dem, was Sie in der Predigt sagten, ist es in dem Falle +überhaupt nicht vorhanden,« entgegnete Frau von Kambach. »Sie dürfen +nur nicht vergessen, daß Ihr heutiger Text die Heilswunder in den +Mittelpunkt stellte, daß sich der Begriff Wunder in diesem Falle mit +der Person Christi deckt. Ich bin die letzte, welche die Wissenschaft +auf religiösem Gebiet ablehnt. Es gibt eine berechtigte Bibelkritik. +Nämlich die, welche Gottes Herrlichkeit mehr und mehr zu ergründen +strebt, welche die vorhandenen Schwierigkeiten zu überwinden und die +äußeren und inneren Fragen jener großen vergangenen Zeit immer tiefer +zu erforschen sucht. Das ist die Bibelkritik, oder richtiger gesagt +die Forschung, welche sich ~unter~ das Wort stellt. Sie darf +nicht verwechselt werden mit jener anderen, welche sich zum Richter +der Heiligen Schrift aufwirft und das Christentum und seine Grundlagen +letzten Endes als ein Erzeugnis menschlicher Geistesentwicklung +betrachtet. Man kann diese Art nicht entschieden genug ablehnen.« + +Er zuckte die Achseln. »So weit sind wir noch lange nicht, Exzellenz!« + +»So weit sind wir längst. Und Sie selbst befinden sich auf dem besten +Wege dazu, lieber Wendler!« + +»Exzellenz erklärten vorhin die Forschung, ja selbst die Bibelkritik +für berechtigt. Die Wissenschaft soll also nicht ausgeschaltet +werden. Wo aber ist ihre Grenze? Meines Erachtens ist sie sehr schwer +festzustellen.« + +»Meines Erachtens sehr leicht. Die Grenze ist die Person Jesu Christi.« + +Wieder zuckte er die Achseln. »Gerade dort hat die Kritik am meisten +Grund, einzusetzen. Wenn Exzellenz an die Verschiedenheit der Berichte +denken -- was ist echt, was unecht? -- Das ganze Neue Testament fordert +geradezu den Subjektivismus heraus,« -- er seufzte -- »Exzellenz +-- warum müssen wir von diesen Dingen reden? Ich sage es offen und +ehrlich: ich bin nicht wieder nach Dreilinden gekommen, weil ich +es nicht übers Herz brachte, die Frau, der ich so vieles danke, +zu kränken; denn ich weiß es, was ich jetzt ausspreche, muß Eure +Exzellenz verletzen. Aber meine heiligste Überzeugung kann ich nicht +verleugnen. Alles ist im Fluß, im Werden. Die Hauptsache ist, daß wir +die wunderbaren Möglichkeiten zur Erziehung des menschlichen Geistes +und Willens in rechter Weise verwerten, daß unser Volk es lernt, seine +religiösen Aufgaben zu erfüllen und die große Entwicklung, welche mit +Gottes Hilfe angebahnt ist, zur vollen Entfaltung zu bringen. Die Zeit +des Abfalls hat ihren Höhepunkt überschritten. Ein hungerndes Volk +wartet sehnend auf lebendiges Brot. Aber dies Volk ist frei, es will +keine Ketten, es will Leben, will sein eigenes persönliches Erlebnis. +Und es hat vollkommen recht: die starre verknöcherte Orthodoxie +bringt ihm dies Erlebnis nicht. Glaube kann nicht durch logische +Beweise erzwungen werden; denn er ist der Ausdruck persönlichsten +Fürwahrhaltens. Wir haben es mit Schwachen zu tun, mit Kindern, welche +die schwere Kost des Apostolikums nicht vertragen, die langsam, langsam +glauben ~lernen~ sollen, die wir nicht vor jenes übernatürliche, +ihren Sinnen unfaßbare Christusbild des Supranaturalismus führen +dürfen, -- das glimmende Fünklein würde ersticken! Wenn wir mit dem +groben Geschütz der Orthodoxie auffahren wollten, würden wir alles +verderben, das Dogma hat noch keinen Menschen zum Glauben gebracht! Wir +müssen Jesum erleben, Exzellenz!« + +Frau von Kambach hatte ihr Gegenüber ruhig angehört. »Und Sie glauben +wirklich, daß Sie diese hungernden Seelen satt machen?« fragte sie, +»glauben wirklich, daß das Erleben, das Sie predigen, einem Menschen +die Kraft gibt zum Leben und Sterben? Mißverstehen Sie mich nicht: ich +will dies vielumstrittene Wort durchaus nicht verwerfen. Es ist die +heißeste Tagesfrage: wie werde ich der christlichen Wahrheit gewiß? Und +ich bin ganz der Ansicht, daß christliche Wahrheitsgewißheit nur durch +persönliche Heilserfahrung möglich ist, -- und das ist der Punkt, wo +unsere Ansichten auseinanderzugehen scheinen -- durch die Gewißheit, +welche sich auf Heilstatsachen gründet, auf den Tatbestand göttlicher +Offenbarung. So und nur so werde ich in Gottes Gemeinschaft gezogen, +so nur erlebe ich diese Gemeinschaft -- auf Grund geschichtlicher +Tatsachen, -- denn ein Glaube, dem die Wirklichkeit fehlte, wäre +nicht lebensfähig! -- Was nützt mir die wunderbarste Hypothese? Davon +wird eine hungernde Seele nicht satt, und die Vergebung der Sünden +wird uns nur gewiß in dem felsenfesten Bewußtsein: Er trug unsere +Krankheit. Nein, nein -- Sie mögen mir sagen, was Sie wollen, ohne die +Gründung auf den Glauben an Krippe und Kreuz und die Ostertatsache kein +persönliches Erleben, keine Heilsgewißheit! Und diesen Glauben bringt +uns die Forschung nicht, so wichtig sie sonst auch ist, den bringt uns +nur Gottes heiliger Geist, -- Gott selbst dringt auf uns ein, ergreift +uns, -- es kommt nur darauf an, daß wir uns ergreifen lassen. Unsere +Zeit hat unvereinbare Gegensätze in den Begriff Erleben hineingetragen. +Die moderne Theologie erklärt: ›Wir müssen Jesum erleben, müssen in ihm +leben.‹ Die Bibel sagt: ›Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus +lebt in mir!‹ Es kommt wieder auf das hinaus, was ich vorhin sagte. +Hier göttliche Gnadengabe, -- dort Menschenwerk. Ich muß immer wieder +daran denken, daß der Herr, das Kommen des Heiligen Geistes verheißend, +sagt: ›Er wird die Welt strafen um die Sünde, ~daß sie nicht glauben +an mich~.‹ Daran krankt unsere Zeit. Den Heiland der Bibel will +sie nicht, den Versöhner ihrer Sünde lehnt sie ab, sein Kreuz, sein +leeres Grab versteht sie nicht, -- was aber der kleine Menschenverstand +nicht erfaßt, das verwirft er, es muß ein neuer Weg zur religiösen +Gewißheit gefunden werden. Glauben Sie wirklich, daß solch ein armes +Menschenkind, das lebenslang nur Jesusverehrung gekannt, in vielleicht +ganz plötzlicher Todesnot die Kraft findet, das Bild menschlicher +Weisheit zu vergessen und mit brechendem Herzen und schwindendem Odem +den Blick glaubensvoll auf ein anderes zu richten, auf das Bild des +heiligen barmherzigen Heilandes, seines Herrn und Gottes? Es ist zum +mindesten ein furchtbar gewagtes Spiel, das die moderne Theologie mit +der Menschenseele treibt!« + +»Exzellenz!« -- In heißem Schmerz kam's von den Lippen des Mannes. +Jetzt hatte sie ihn in tiefster Seele getroffen. Aber sie hielt seinen +Blick aus. Sie wußte, nur die Wahrheit konnte ihm helfen. + +»Das Apostolikum ist eine Unmöglichkeit für unsere Zeit!« rief er +erregt. »Es ist doch schließlich nichts weiter als eine menschliche +Form! Ich verwerfe durchaus nicht das Ganze, der alte Most soll ja +nur in neue Schläuche gefüllt werden. Gewiß, der Modernismus ist eine +Gefahr, aber er ist notwendig und berechtigt. Und den Dienst der +Aufrüttelung hat er uns geleistet. Es ist nun einmal nicht Gottes +Wille, daß die Geschichte der Völker geradlinig fortgeht, darum ist +auch die Kirchengeschichte Strömungen unterworfen. Herrschte nicht so +viel Lehrstreitigkeit, so würde trotzdem alles seinen geordneten Gang +gehen -- es ist ein großes Unrecht, immer wieder die Kluft zu erweitern +und von unüberbrückbaren Gegensätzen zu sprechen. Auf diese Weise wird +die Notlage nicht gebessert.« + +»Die Kluft würde nie entstanden sein, wenn die Grundwahrheiten der +Kirche nicht angetastet worden wären,« erwiderte Frau von Kambach. +»Mit jedem, der Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Sohn des +ewigen persönlichen Gottes, als seinen Herrn und Versöhner bekennt, +weiß ich mich im tiefsten Glaubensgrunde eins -- ~da~ gilt für +mich die ›Gleichberechtigung der Richtungen‹, -- wo man aber seine +Gottheit leugnet oder verschleiert, da hört für mich allerdings die +Gemeinschaft auf, denn der Glaubensgrund ist ein anderer, es handelt +sich letzten Endes nicht um Richtungen, sondern um verschiedene +Religionen. -- Sie nennen das Apostolikum eine menschliche Form, +vergessen aber, daß sein Inhalt ein göttlicher ist. Denn es faßt die +Heilstatsachen der Schrift zusammen. Wenn Sie das Apostolikum ablehnen, +lehnen Sie die Schrift ab.« + +»Ich denke nicht daran, Exzellenz! Ich lehne höchstens eine veraltete +Auffassung der Schrift ab. Wozu sind wir Prediger des Evangeliums +denn da? Doch ganz gewiß nicht dazu, um unerträgliche Irrtümer zu +verbreiten! Es stünde wahrhaftig traurig um unsere Kirche, wenn die +Gleichberechtigung der Richtungen nicht anerkannt würde.« + +Sie sah ihn mit tiefem Schmerz an. »Glauben Sie wirklich, daß die +bibelgläubige Gemeinde sie anerkennt? Ich kann Ihnen sagen, das wird +nie geschehen; denn es handelt sich, wie ich schon sagte, in Wahrheit +nicht um verschiedene Richtungen, sondern um verschiedene Religionen!« + +Er war aufgestanden und ans Fenster getreten. Seufzend strich er +das volle dunkle Haar aus der Stirn. »Ich wußte es, daß unsere Wege +auseinandergingen, Exzellenz -- mußte dies Gespräch denn sein?« + +Sie wandte ihm das Antlitz voll zu. »Mein lieber Herr Pastor, würden +Sie mich noch achten und ehren können, wenn ich Sie blind in Ihr +Verderben rennen ließe? Und Sie sind's nicht allein! Eine Gemeinde ist +Ihnen anvertraut, Sie sind berufen, an der Seele unseres Volkes zu +arbeiten. Ich weiß es, Sie sind sich Ihrer großen Verantwortung bewußt, +-- und doch, -- wie ist's menschenmöglich!« + +Er stand noch immer am Fenster und blickte hinaus. Eine heiße Ungeduld +malte sich in dem geistreichen Gesicht. »Wenn Exzellenz zu verfügen +hätten, würde also kein liberaler Theologe zum Amte zugelassen werden!« +sagte er endlich. »Dann würde allerdings manche Gemeinde hirtenlos +sein.« + +»Ich würde den Suchenden, Ringenden immer ordinieren,« erwiderte sie, +»würde es ihm aber zur Pflicht machen, falls er im Laufe der Zeit +nicht zum vollen Heilsglauben durchdringt, sein Amt niederzulegen. Den +bewußten Irrlehrer, der in Christus nur den höchstbegnadeten Menschen +sehen will, würde ich dagegen ablehnen. Er gehört nicht auf die +Kanzel.« + +Pastor Wendler trat an den Tisch. »Ist das christliche Liebe?« + +»Das ist christliche Zucht,« erwiderte die alte Frau. + +»Exzellenz verlangen sehr viel.« + +»Nicht zuviel. Ich sagte Ihnen schon: mit jedem Suchenden würde ich +Geduld haben. Die Ablehnung des bewußten Irrlehrers aber halte ich für +eine zwiefache Pflicht: wir schulden sie der Gemeinde, deren Seelsorger +er wird, und dem Manne selbst, weil man, ihn zulassend, der Hehler +seiner bewußten oder unbewußten Unwahrhaftigkeit wird.« + +»Unwahrhaftigkeit?« + +»Gut. Sagen Sie Entstellung der Tatsachen. Es läuft auf eins hinaus.« + +Er schüttelte den Kopf. »Ich kann nur immer wieder fragen: wo ist die +Grenze?« + +»Und ich kann nur immer wieder antworten: die Grenze ist die Person +Jesu Christi.« + +Still war's im Zimmer. Ein tiefer heiliger Ernst lagerte auf der Stirn +der weißhaarigen Frau. In dem ehrlichen Antlitz des Mannes arbeitete +es. + +»Unwahrhaftigkeit? Entstellung der Tatsachen? Exzellenz!« Die Tränen +standen ihm in den Augen. + +»Es sind harte Worte, ich gebe es zu, aber die Wahrheit fordert sie,« +sagte sie traurig. + +Er tat einen Schritt auf sie zu, -- auf seinem Gesicht lag's wie eine +flehende beschwörende Bitte. »Die Wahrheit! Gewiß! Aber ist Christus +nicht wahrhaftiger Mensch?« + +»Er ist der menschgewordene Sohn Gottes, also zuerst wahrer Gott!« + +»Exzellenz dürfen nicht vergessen, daß von dem Glauben ausgegangen +werden kann: Er ist wahrer Mensch!« + +Sie blickte ihn fest an. + +»Ist es nicht zuviel verlangt,« fuhr er mit bebender Stimme fort, +»gleich bei der Ordination eine Entscheidung zu fordern, die mancher +andere erst auf der Höhe des Lebens zu treffen vermag -- oder auch +nicht?« + +»Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß ich einem aufrichtig Suchenden, der +noch nicht alle Punkte des Glaubensbekenntnisses unterschreiben kann, +Zeit lassen würde, wenn er in der Hauptsache auf ewigem Grunde steht,« +entgegnete sie. »Nur den bewußten Irrlehrer würde ich bedingungslos +ablehnen.« + +Er seufzte. »Was wird heutzutage nicht alles Irrlehrer genannt!« + +Doch die alte Dame ließ sich nicht irre machen. + +»Christus ist kein vergöttlichter Mensch, sondern der menschgewordene +Gott. Nur als wahrhaftiger Gott konnte er uns erlösen; es war die +Vorbedingung dafür, daß er es als wahrhaftiger Mensch getan hat. Wer +daher in dem Glauben an den Menschen stecken bleibt, wird niemals über +Jesusverehrung hinauskommen. Den Lebendigen, der ihn Tod und Teufel +entreißt, lernt er nicht kennen, im besten Falle auf Umwegen. Ich sagte +vorhin schon: dies Verfahren gleicht einem Glücksspiel.« + +»Wenn der Ordinand aber gar nicht weiß, ob er an die Gottheit Christi +glauben will, oder ob er später daran glauben wollen wird -- wer kann +das von sich selber wissen! Das Menschenherz ist wie eine Meereswoge.« + +»Mein lieber Wendler,« sagte die alte Exzellenz, und ihre Stimme bebte, +»das läuft daraus hinaus, daß jeder nach seiner Fasson selig werden +kann. Ich habe nur eine Antwort für Ihre, mir unfaßliche Anschauung, +nämlich die: ein Mann und denkender Mensch weiß, was er will. Für uns +aber käme einer solchen Unwissenheit gegenüber wohl nur die Pflicht, +die Gemeinde vor Irrlehre zu bewahren, in Betracht. Wer in ~dem~ +Augenblick nicht weiß, was er will, sollte dem heiligsten Amte +fernbleiben und sich erst einmal gründlich auf sich selbst besinnen.« + +Er antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte er in den +herbstlichen Garten. + +Sie sah ihn nachdenklich an. »Welche weltliche Organisation würde +Persönlichkeiten aufnehmen, die sich im Widerspruch zu ihren Satzungen +befänden,« sagte sie endlich. »Stellen Sie sich bitte einen Juristen +vor, der unter Ausschaltung der Gesetze nach eigenem Gutdünken +arbeitet! Der bloße Gedanke wirkt lächerlich. Die christliche Kirche +aber soll jedem ihre Tür öffnen, ob er sich zu den Heilswahrheiten +bekennt oder nicht. Wer schließt Monisten, Pantheisten, wer schließt +Atheisten aus? Niemand! Die Kirche wird zum Sprechsaal.« + +»Solange einer nicht zum Angriff übergeht, hat er meines Erachtens das +Recht auf die Kanzel,« sagte Pastor Wendler. + +»So!? Meines Erachtens gehört er nicht auf die Kanzel, solange er mit +vollem Bewußtsein die Heilstatsachen ablehnt. Denn bewußte Ablehnung +ist Unglaube, ob er zum Angriff übergeht oder nicht. Die Predigt des +Unglaubens enthält immer Irrlehre -- Irrlehre aber birgt den Tod. +Haben Sie je gehört, daß sie die Frucht lebendigen Christenglaubens +gezeitigt?« + +Wieder war's still in dem hellen Raum. In heißem Kampf stand der +Geistliche am Fenster. + +»In der Enge der Orthodoxie, in den starren Grenzen des Dogmas kann die +Menschenseele nicht gedeihen!« rief er erregt. »Christenglaube fordert +Freiheit und darum in erster Linie ungehemmte Verstandesarbeit!« + +Frau von Kambach hatte sich erhoben. Auf ihren Krückstock gestützt, +trat sie auf Pastor Wendler zu. Ihr ganzes Wesen trug den Stempel jener +tiefen geheiligten Mütterlichkeit, die wahrhaftigen deutschen Frauen +auch dem Manne gegenüber eigen ist. Leise legte sie die Hand auf seine +Schulter, und während ihr Auge in tiefem Mitleid das seine suchte, +sagte sie langsam, jedes Wort abwägend: »Auf dies Bekenntnis wollen Sie +sich zum Sterben niederlegen, lieber Freund? Wissen Sie denn gar nicht, +worauf Sie sich in letzter Linie gründen? Auf Selbsterlösung, auf ein +Trugbild, das Ihnen unter den Händen zergeht! Fühlen Sie nicht, daß +Ihre Seele dies Brot nicht sättigt? Die Forschung in hohen Ehren! Aber +die Wissenschaft, die ihre Grenze nicht kennt, ist Scheinwissenschaft. +Denn ein Wunder, das mein kleiner, armseliger Verstand in tausend +Stücke zerlegen und wieder zusammensetzen kann, ist kein Wunder. Im +Leben bietet solch ein Glaube keinen Halt, im Sterben verzweifelt man +daran« -- wieder bebte die alte Stimme, »es gibt nur eine wahrhaftige +Theologie: die Theologie des Kreuzes! Sehen Sie denn nicht, daß sich +ohne sie alles auflöst?« + +Sie hielt einen Augenblick inne, als erwarte sie seine Antwort. + +Aber er schwieg. In hartem Kampf starrte er auf die goldene Pracht der +Natur. + +›Er wird die Welt strafen um die Sünde, daß sie nicht glauben an mich!‹ + +Wie ferner Wellenschlag zog das Wort an seiner Seele vorüber. + +Hatte sie recht? -- An den Jesus der Schrift glaubte das zwanzigste +Jahrhundert nicht mehr. Aber bedeutete das eine Veräußerung ewiger +Werte? Im Gegenteil! Es räumte den Schutt von den Kleinodien, lockte +die Fernstehenden herzu, ebnete Grüblern und Zweiflern den Weg zum +Kreuz. + +Zum Kreuz? Jawohl, zum Kreuz! Das heiligste Vorbild, die höchste +Verkörperung göttlichen Willens stellte die Kreuzesgestalt dar, nicht +etwa nur in der Form einer Regel oder Vorschrift, sondern lebendig, +mit Fleisch und Blut umhüllt, Herz und Gewissen aufrüttelnd, -- aber +-- an einem hielt er fest, mußte er festhalten: der Name Gottmensch +kennzeichnete Jesus als den einen Menschen, bei dem die Ähnlichkeit mit +Gott am stärksten hervortritt, kennzeichnete den Gottmenschen, auf den +jeder Mensch angelegt ist, der aber bisher bei keinem anderen in so +hervorragender Weise zutage getreten war. ›Die dem Lichte erschlossene +und von der ewigen Sonne geküßte Blüte der Menschheit‹[1] -- mit +diesen Worten hatte ein liberaler Führer die Christusgestalt gezeichnet +und zugleich den feinen Unterschied, der den Streitpunkt zwischen den +beiden großen kirchlichen Lagern bildete, klargestellt. Das Prädikat +›Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht von Ewigkeit‹ erkannte +der Liberalismus in dem Sinne, wie ihn die Orthodoxie forderte, nicht +an. + +Wieder klang die Stimme der Greisin an sein Ohr. »Ich komme ja nicht +um meinetwillen zu Ihnen. Mein Christenglaube steht und fällt mit +dem zweiten Artikel. Aber das Herz brennt mir im Blick auf das arme +irregeleitete Volk, im Blick auf Deutschlands religiösen und sittlichen +Niedergang. Sehen Sie denn nicht, daß mit der christlichen Kirche die +Sitte verfällt? Die Kirche ist die einzige wahre Volkserzieherin. Was +soll werden, wenn sie versagt? Und sie muß versagen, wenn man ihr den +Boden unter den Füßen entzieht. Denn eine Kirche, die sich nicht auf +die geoffenbarten Heilstatsachen gründet, ist keine christliche Kirche. +Daß Sie nicht mitschuldig werden an dem großen Verfall, daß Sie nicht +unter das Wort vom Mühlstein fallen, darum komme ich!« Und dann legte +sich ihre Hand schwer auf seinen Arm. »Mein eigener Enkel ist unter +Ihren diesjährigen Konfirmanden« -- hier stockte sie -- »Herr Pastor, +es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind nicht +verführt werde!« Ihre Stimme brach -- sie wandte sich ab. + +Tief erschüttert stand er da. + +›Verführt!‹ Wie ein Peitschenschlag hatte ihn das Wort getroffen. + +Die Lippen zusammengepreßt, sah er wie geistesabwesend hinaus. Und +doch war er mit all seinen Gedanken und Sinnen daheim, in der engen +Studierstube bei der greisen Frau, die er noch heute trotz allem, das +sie in dieser Stunde geredet hatte, wie eine Mutter verehrte. Denn eins +fühlte er immer wieder: die Liebe hatte sie in sein Haus geführt, die +große große Heimatliebe, die vom Himmel kommt, die die Sehnsucht nach +der oberen Welt und ihrem heiligen Bürgerrecht hineintragen will in +das irdische Vaterland. Selten war er einer Frau begegnet, so stark +und mutig, so warmen treuen Herzens, so kindlichen Gemütes, wie seiner +alten Exzellenz! Ja, so hatte er sie immer geheißen, -- dann war's +allmählich anders geworden ... Und heute? + +Wie eine Mutter stand sie an seiner Seite, die Hand auf seine +Schulter gelegt, in den klaren Augen die tiefe bange Frage nach dem +Allerheiligsten seiner Seele. Ein herzliches Mitgefühl mit dem Manne, +der ihrer Meinung nach in eine vom Glauben abweichende Strömung +geraten, lag in ihren Worten, aber auch eine Festigkeit, eine Gewißheit +des eigenen heiligen Besitzes, wie sie nur eine wirklich faßbare +überweltliche Wahrheit in einer Menschenseele auszulösen vermag. + +Er wußte, ein Herzleiden bedrohte ihr Leben auf Schritt und Tritt; sie +hatte oft davon gesprochen, aber nur wie von einer Begleiterscheinung +des Tages, einem Wolkenschatten, der über einen blühenden Garten zieht. +Mit dem, was Frau von Kambach unter Leben verstand, hatte diese Last +nichts gemein; denn das Leben, das sie lebte, wurzelte nicht in dieser +Erde. + +Aber Pastor Wendler hielt ihren Glauben trotzdem für die falsche +Vorstellung einer orthodox erzogenen, in den Grenzen eines streng +konservativen Elternhauses aufgewachsenen vornehmen Frau. Es gab auch +eine anerzogene Bekenntnistreue. Die Sorge, sie zu kränken, hatte seine +Auseinandersetzung beschränkt. Wie oft hatte er's erlebt, daß die +klaffenden Gegensätze der beiden Richtungen einen unheilbaren Bruch +geschaffen. Das sollte nicht sein! -- -- -- + +Er merkte, sie hatte noch etwas auf dem Herzen. Zaudernd stand sie da, +ganz gegen ihre sonstige Art. Aber dann wußte sie, was sie wollte. + +»Ich darf Sie nicht länger stören,« sagte sie. »Man kann keinem +Menschen den Glauben einreden -- man darf's auch nicht. Nur warnen muß +ich Sie; denn Sie jagen einem Schatten nach. Die Bibelkritik, die Sie +vertreten, wird Sie nie auf die Höhe führen, weil sie in dieser Erde +wurzelt. Sie fordert Erfahrungswissen, sie überträgt wissenschaftliche +Ergebnisse auf das Gebiet des Glaubens -- und -- entgleist. -- Ich will +gehen. Wir kommen nicht zusammen. So nicht. Ehe der Mensch sich nicht +bankrott erklärt, wird er kein Christ. Und das soll mein letztes Wort, +meine Abschiedsbitte an Sie sein. Tun Sie mir die Liebe, Ihre Seele zu +erforschen, ob irgendwo in einem Winkel eine Sünde steckt, vielleicht +eine alte halbvergessene, -- die aber doch noch lebendig ist, von der +Sie nicht sagen können: sie ist in Gottes Schuldbuch ausgestrichen! +Wenn dem so ist, wenn Sie diese Schuld nicht tilgen können, und der +Jesus, den Sie mit solch glühender Sehnsucht verehren, Ihnen die +große Gnade, die wir alle brauchen, nicht geben kann, -- dann -- dann +beschwöre ich Sie, bleiben Sie nicht verzweifelt auf halbem Wege +stehen, sondern gehen Sie zu dem, den uns die Schrift zeigt, zu unserem +persönlichen Gott und Heiland. Denn wir werden nicht ohne ihn fertig, +auch Sie nicht. Wenn Sie ihn aber gefunden haben, dann kommen Sie zu +mir -- ich weiß, daß Sie kommen! Denn ich will Ihre Freude teilen! -- +Wollen Sie mir das versprechen?« Wieder sahen ihn die blauen Augen voll +mütterlicher Liebe und Güte an. + +Pastor Wendler erwiderte diesen Blick. Sein Gesicht war aschfahl. + +»Ich verspreche es,« sagte er mit erstickter Stimme. + +Über das ehrwürdige Frauenantlitz ging ein heller Schein. Als käme der +Mann vor ihr mit der Botschaft eines großen wundervollen Sieges, an den +sie nie gedacht, traten ihr die Tränen in die Augen. Mit festem Druck +umfaßte sie seine Hände: + +»Ich danke Ihnen!« + +Wieder stand er überwältigt vor der großen geheiligten Liebe. +Schweigend beugte er sich über die Frauenhand und küßte sie. -- -- -- + +In der Mittagsstille ging sie durch das friedliche Dorf. + +Franz Schenker saß vor seinem Häuschen und las. + +Ehrerbietig erhob er sich, sein Käppchen ziehend. »Ick lese eine +Predigt, Exzellenz,« sagte er; »denn heute morgen war's zu erbärmlich. +Was ist das nur mit unserem Herrn Pastor? Er predigte doch früher ganz +anders.« + +Frau von Kambach zuckte die Achseln. »Der Glaube ist nicht jedermanns +Ding!« + +Er merkte, sie wollte nicht weiter von der Sache reden. Aber in ihrem +Gesicht lag jener stille klare Ausdruck, den er immer darin gewahrt, +wenn sie einen schweren Weg hinter sich hatte. Und Franz Schenker +dachte sich sein Teil. + +Sie aber wanderte weiter. + +Um das weiße Haupt wehte Septemberseide. Auf die kurz gemähten Wiesen +fiel der Schatten der hohen Gestalt. + +Es war schön in Wald und Feld. Aber es gibt Zeiten, wo die Seele die +Abgeschlossenheit des Raumes braucht, der ihr Eigenleben umschließt, +das stillste heiligste Zusammensein mit Gott. + +So kam's, daß die Greisin, am Gartensaal vorüber, die alte eichene +Treppe emporstieg in ihr eigenes Standquartier. -- -- + +Am offenen Fenster saß sie und sann den letzten Stunden nach. + +Wie die Not der Zeit sich häufte! Was sie eben erlebt, war ja nur +ein Ausschnitt aus dem großen erschütternden Gemälde. Aber dieser +Ausschnitt bildete den Kernpunkt der schweren Gesamtlage. Der Grund des +völkischen Niederganges war Gottentfremdung, die Sünde des Unglaubens. +Aus dieser Saat sproßten die Giftfrüchte der Sittenlosigkeit, der +Verweichlichung und Lüge, aus ihr gingen die Verbrechen hervor. Sie +war's, welche den Verfall in die höchsten Kreise getragen, die, das +Leben eines ganzen Volkes mit ihren Fäulniserregern durchseuchend, +seinen sittlichen sozialen und politischen Niedergang planmäßig +anbahnte. Wo wollt's hinaus? + +Eine heiße Angst überkam die alte Frau. Mit weitem Blick und offener +Seele stand sie Deutschlands Not gegenüber. Ihren Familienschmuck hätte +sie um ihres Volkes willen geopfert, ihr Festkleid, ihr weißes Haar, +die Krone ihres Alters. + +Aber das zwanzigste Jahrhundert beging ein Verbrechen an der +Volksseele, das Gold und Silber nicht gutmachten. Der alte Schenker +hatte recht: hier wurde Größeres gefordert. Eine lebendige Mauer mußte +die höchsten Werte schützen, Männer und Frauen mußten ausziehen, die +deutsche Volksseele zu retten. + +Zum erstenmal in diesen bewegten Tagen fand sie Zeit, dem Gedanken +des schlichten Spreewälder Häuslersohnes nachzugehen. Er war ihr ja +nicht fremd, aber Schenker hatte ihn aufs neue angeregt. Und während +sie sinnend dasaß, stieg eine vergangene Zeit vor ihr auf. Männer, +von glühender Vaterlandsliebe und banger Sorge erfüllt, die ihren +Weggenossen die gleiche Mahnung zugerufen, zogen an ihrem Geiste +vorüber, ein Wichern, ein Stöcker. Zwei Starke, die Großes geschaffen +und die Grundsteine zum Bauwerk kommender Geschlechter gelegt. +Dann waren sie schlafen gegangen. Deutschland verlor zu früh zwei +Volkserzieher, und keiner stand auf und trat in die Bresche. Die +Arbeit der Inneren Mission zersplitterte. Überall lagen edle Kräfte +brach, und das Unkraut wucherte. Nicht zum erstenmal war Exzellenz von +Kambach dem Wunsche des Zusammenschlusses begegnet, aber nie war ihr +das ursprüngliche, aus der Not herausgeborene heiße Begehr aus den +Reihen des Volkes entgegengetreten, wie in jener Abendstunde auf der +Waldwiese. Deutschland war müde geworden, aber noch besaß es Männer, +die auf den Höhen seiner Berge die Ehrenwacht hielten, Männer und -- +Frauen. Ja, auch Frauen. Vielleicht waren sie sogar in der Überzahl. +Jedenfalls hatte Franz Schenker, der zunächst natürlich an seine +Kambacher dachte, ohne sich zu besinnen, das hoffnungsfreudige Wort +gesprochen: ›Noch haben wir Männer und Frauen, die treu zu Altar und +Thron stehen und überall ihren Christenglauben bekennen würden!‹ Und +dann hatte er seine alte Exzellenz gebeten, die Sache in die Hand zu +nehmen. Ein unglaublicher Einfall, und doch wurde sie das schlichte +Wort, das mit echt Schenkerscher Selbstverständlichkeit bei ihr +anklopfte, nicht wieder los. Sie hatte ja auch nicht nein gesagt. Nun +stand sie vor der Riesenaufgabe. + +Ihr Blick fiel auf ein vielbenutztes Buch, eine Sammlung deutscher +Dichtungen. Sie nahm es und blätterte darin. Und dann las sie die +ergreifenden Worte, die Herder vor hundert Jahren an sein Volk +richtete: + +›Unsere Väter, o Deutschland -- meine Sorge -- waren nicht, wie wir +jetzt sind!‹ + +Das war eine Anklage auf der ganzen Linie. War's nicht, als richte sie +sich gegen das Geschlecht von heute? Eine innere Unruhe ergriff die +Frau, deren ganzes Schaffen und Sinnen im Dienst ihres Volkes stand. +Wenn eine die Pflichten der Gutsherrin und Edelfrau ernst nahm, war +sie's -- -- + +Aber ein echtes Weib trägt die Krone des Gottesgnadentums und mißt +seine Arbeit mit ewigem Maß. Selbstzufriedenheit kennt es nicht. Auch +die greise Kambacherin trug ihr Werk in die Fackelhelle des göttlichen +Wortes und bekannte: ›Es hat Flecken und Makel!‹ + +Durch die Feierstille des Sonntags zog das Beichtgebet: ›Wir haben +gesündigt!‹ Die Schuld ihres Volkes war ihre Schuld. -- -- + +»Wir haben das Bismarckwort vergessen,« sagte sie leise, während +sie sich erhob und zum Fenster trat: »Wir sind nicht auf der Welt, +um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Pflicht und +Schuldigkeit zu tun!« + +Gedankenverloren blickte sie in die Weite. Über ihre Wange stahl sich +eine Träne und tropfte auf die gefalteten Hände nieder. Ein Seufzer +stieg aus der tiefsten Tiefe ihrer Seele: »O Deutschland, meine Sorge!« + + + + +Fünftes Kapitel. + +Adel. + + Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht: + Ihr seid die Träger von Ehr' und Pflicht! + Ihr seid die Schirmherrn von Land und Herd, + Das Schwert, das ihr führt, ist ein adlig Schwert! + + Die Scholle der Heimat ist euch vertraut, + Der deutsche Acker, den ihr bebaut, + Die Sitte, der alte heilige Kitt, + Der Glaube, darum euer Ahnherr stritt! + + Adel des Blutes ist Vornehmheit, + Adel der Seele Persönlichkeit, + Adel des Schaffens ist Kraft und Zucht, + Adel ist's, der die Wahrheit sucht. + + Adel kämpft für Altar und Thron, + Adel kennt keinen irdischen Lohn! + Adel ist Gottesdienst, Adel ist Pflicht, -- + Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht! + + +Es klopfte. + +Die alte Frau fuhr aus ihren Träumen auf. + +»Darf ich kommen, Großmama?« Harro stand auf der Schwelle. »Ich möchte +dir Lebewohl sagen!« Er trat zu ihr und beugte sich über ihre Hand. +»Stör' ich dich, oder darf ich mich einen Augenblick zu dir setzen?« + +»Durchaus nicht, mein Junge, bleib nur!« Sie fühlte, er hatte etwas +auf dem Herzen. »Fahrt ihr jungen Herren zusammen?« fragte sie, +sich setzend und auf einen Stuhl weisend. Sie freute sich allemal, +wenn die Enkel zu ihr kamen. Wie manches Mißverständnis hatte sie +schon beseitigt, wie oft schon war's ihrer großmütterlichen Liebe +gelungen, zwischen Vater und Sohn zu vermitteln! Denn die herbe, ja +strenge Soldatennatur Karl Heinrichs von Kambach, dessen ritterlicher +Sinn kein Stäubchen auf dem Bilde des eigenen Lebens duldete, war +dem leichtherzigen Sohne zu stark. Die väterliche Art hatte etwas +Vergewaltigendes für ihn. Sie stählte ihn nicht, sie erdrückte ihn. +Es war die Strenge altadliger Häuser, die nicht nur den Gehorsam aufs +Wort fordert, sondern auch in vielen Fällen den erwachsenen Kindern +die persönliche Rechtfertigung versagt, -- eine zu weit gehende, ihre +Grenzen überschreitende, aber vielfach traditionell gewordene Strenge. +Herr von Kambach war ein ganzer Mann, eine Persönlichkeit aus einem +Guß. Seine edelmännische Gesinnung, sein strenges Pflichtgefühl, sein +schlichtes biblisches Christentum erwarben ihm überall Anerkennung. +Aber er war wie die meisten starken Charaktere heftig und vertrug +von seinen Kindern keinen Widerspruch. Die Behauptung Harros, in +Kambach dürfe nur ~eine~ Meinung herrschen, war daher nicht ganz +unberechtigt. + +Frau Sabine mit ihrem klaren Blick für Menschen und Verhältnisse hatte +schon oft die allzu schroffe Haltung ihres Sohnes seinen Kindern +gegenüber beklagt. Sie wußte, ändern würde sie seine Art nicht, sie +gehörte zur Herrennatur. Doch wo sie konnte, milderte und ebnete sie, +und wenn's in des Vaters Arbeitszimmer scharf hergegangen war, kamen +die Enkel zur Großmutter. In den meisten Fällen unterstrich dann Frau +Sabine zwar des Sohnes Wort, aber die Jugend wußte ihre Angelegenheit +wohlverwahrt. Immer wieder klopfte sie bei ihr an, ob es in dem stillen +Dreilinden war oder in der Dorotheenstraße in Berlin oder in dem +sogenannten Sirenenquartier in Kambach, welches der Oberstallmeister +seiner Mutter zur Verfügung gestellt hatte. -- -- + +Den Oberkörper leicht vorgebeugt, saß Harro, mit seinem Siegelring +spielend, der Großmutter gegenüber. Er war eine angenehme Erscheinung, +in vielem an den Vater erinnernd, aber doch kein ausgesprochener +Kambach. Der Sellernsche Einschlag war unverkennbar, und im ganzen +Wesen und Auftreten erinnerte er am meisten von allen Kindern an die +früh verstorbene Mutter. + +Er schien mit einer Anwandlung von Verlegenheit zu kämpfen. Die langen +Wimpern gesenkt, betrachtete er aufmerksam das Wappen seines Ringes. + +Sinnend blickte die alte Frau den Enkel an. Sie wußte, er hatte einen +heiligen Respekt vor ihr. + +»Nun, Harro,« sagte sie endlich, »wo drückt dich der Schuh? Daß du +nicht nur zum Abschiednehmen kommst, hab' ich auf den ersten Blick +gesehen.« + +Der Ulan lachte. »Ja, Großmamachen, du bist furchtbar klug! Darum +kommen wir ja auch immer zu dir!« Er rückte auf seinem Stuhl hin und +her. + +»Nun also, was gibt's?« fragte sie. + +»Großmama, ich komme mit einer Riesenbitte. Du -- du sollst die Hände +über mein Lebensglück breiten.« + +Frau Sabine wußte Bescheid. Aber sie verhielt sich abwartend. + +»Also kurz gesagt: ich liebe Sibylle!« + +»Das ist mir nichts Neues, mein Junge!« + +Er sah überrascht auf. »Aber ich bin doch kolossal vorsichtig gewesen!« + +Die alte Frau lachte. »Die Auffassung kann ich nicht gerade teilen, +aber das schadet ja nicht. Die Hauptsache ist: du hast guten Geschmack! +Und das freut mich! Ich wüßte keine zweite, die mir als Enkelin so +willkommen wäre, wie Sibylle!« + +Harro strahlte. »Ich wußte es!« + +Sie nickte. »Es ist nur die Frage, ob sie dich nimmt!« + +Er sah die Großmutter voll an. »Sie nimmt mich.« + +Der klare ruhige Ernst seines Wesens gefiel ihr. Er erschien in diesem +Augenblick gereifter und männlicher als sonst. Und zugleich sagte sie +sich, warum er zu ihr kam, und freute sich dessen. Sie sollte seine +Fürsprecherin sein. Bei seinem Vater und bei Sibyllens Großvater. Er +wollte einen Menschen zur Seite haben, vor dem die beiden Familien +Respekt hatten. Dieser Wunsch enthielt ein Zugeständnis der eigenen +Mängel und zugleich den Beweis echt kindlicher Ehrerbietung. Denn +berechnend war Harro nicht. Er war leichtsinnig und zum großen Kummer +der Seinen religiös gleichgültig, aber im übrigen eine durchaus +aufrichtige Natur. Sonst wäre sein Verhältnis zu der Großmutter +unmöglich gewesen. Denn Frau von Kambach nahm gerade ihm gegenüber kein +Blatt vor den Mund, und Harro mußte sich oft messerscharfe Wahrheiten +sagen lassen. Aber er kam immer wieder. + +Auch heute sagte sich die alte Dame, daß sie den Augenblick nützen +müsse, um dem Enkel einige Ermahnungen mit auf den Weg zu geben. + +»Ich soll die Hände über deine Liebe breiten?« sagte sie lächelnd. +»Wie meinst du das? Du weißt, das Ehestiften liebe ich nicht. Es kommt +nichts dabei heraus als Ärger und Aufregung, und klappt die Sache +nachher nicht, so wird man verantwortlich gemacht. Das ist nichts für +eine Frau mit weißen Haaren!« + +»Großmamachen, das sollst du ja auch gar nicht. Ich möchte nur, daß der +alte Bühler eine etwas bessere Meinung von mir bekommt.« Er hielt inne +und blickte auf seine Stiefelspitzen nieder. »Ich -- ich habe gestern +abend einen kleinen Zusammenstoß mit ihm gehabt, und Papa ist ja leider +nicht gerade mein Fürsprecher.« + +Frau von Kambach überhörte die letzten Worte. + +»Was hast du denn angestellt?« + +»Gott -- im Grunde nichts. Ich erlaubte mir zu äußern, daß ländliche +Hochzeiten im allgemeinen nicht meinem Geschmack entsprächen -- da +bekam ich's! Zuerst wurde die Unterhaltung halblaut geführt, nur Gräfin +Brelow war Zeuge, aber dann muß ich wohl irgend etwas gesagt haben, +was dem alten Herrn zu modern erschien, kurz und gut, er erklärte mit +gereizter Stimme, es sei ein soziales Verbrechen, wenn die Hochzeit +eines Landedelfräuleins in einem Berliner Gasthof gefeiert werde. Ein +paar Regimentskameraden drehten sich um, die jungen Mädchen reckten +die Hälse, -- du kannst dir denken, daß es ein höchst unangenehmer +Augenblick für mich war! Ich konnte doch schließlich dem ältesten und +vornehmsten Gast unseres Hauses nicht entgegentreten! -- Du kamst +gerade mit Papa vorbei, als die letzten Worte gesprochen wurden. Die +Folge war, daß wir eben eine endlose Auseinandersetzung über die +Pflichten des Edelmannes und preußischen Offiziers hatten.« + +Exzellenz von Kambach lehnte sich zurück. »Harro, du weißt, daß ich +in dem Punkt mit deinem Vater vollständig übereinstimme,« sagte sie +ernst. »Er hat ganz recht, wenn er sagt, daß es dir noch am rechten +Pflichtgefühl fehlt.« + +Harro blickte, an der Unterlippe nagend, vor sich nieder. »Ich bin +gar nicht solch ein Luftikus, wie Papa denkt! Ich habe noch nichts +Ehrenrühriges getan!« + +»Dann würden sie dich auch hoffentlich in Brandenburg nicht behalten. +Deine Antwort ist übrigens sehr bezeichnend für dich. Zwischen dem, was +unserem alten edelmännischen Begriff gegen die Ehre geht, und dem, +was man heutzutage als ehrenrührig bezeichnet, liegt noch sehr, sehr +viel. Aber das laßt ihr Jungen nicht mehr gelten, ihr kennt nur den +modernen Ehrbegriff. Daß dein Vater das nicht vertragen kann, ist ganz +natürlich!« Und die welke Hand, welche die beiden goldenen Trauringe +trug, strich glättend über das schwarze Seidenkleid. + +»Er fordert sehr viel von seinen Söhnen,« sagte Harro. + +»Würde dein Vater so groß vor dir stehen, wenn er weniger von dir +verlangte? Ein echter märkischer Junker wird immer einen vollen +Lebenseinsatz fordern, die völlige Hingabe an Vaterland und Beruf, +mit einem Worte: Mannentreue. Nur ganze Männer sind Persönlichkeiten. +Aber was nennt sich heutzutage alles Mann! Nicht die Hälfte +dieser weibischen, im Überfluß lebenden Tagediebe verdient diesen +Namen. -- Lappen sind's! -- Sieh dir bitte die sogenannte erste +Gesellschaft einmal näher an, -- wir sind heruntergekommen, furchtbar +heruntergekommen!« + +»Großmama!« rief der Enkel in gekränktem Ehrgefühl. + +Aber die alte Exzellenz war in ihrem Fahrwasser. Wenn diese Frage +angeschnitten wurde, regte sich die Vaterlandsfreundin und märkische +Edelfrau in ihr. Und noch eine andere. + +»Bitte, laß mich ausreden,« rief sie. »Das muß doch jeder, der offenen +Auges durch die Welt geht, erkennen, daß unserem Volke mit dem +Christentum die Sittlichkeit mehr und mehr abhanden gekommen ist. Es +herrscht bei der heranwachsenden Jugend eine geradezu erschreckende +Auffassung von Pflicht und Verantwortlichkeit. Was früher ganz +selbstverständlich war, ist heute unmodern und rückständig. ›Man muß +sich ausleben,‹ ist das dritte Wort. Das verdanken wir Nietzsche. +Es liegt ein Fluch auf seiner christusfeindlichen, widergöttlichen +Philosophie, -- der Fluch der Unsittlichkeit!« + +»Aber Großmama, man kann doch nicht alles verwerfen, was er gesagt hat! +Außerdem war er jahrelang schwer krank.« + +»Ich denke nicht daran, ihn zu verurteilen,« sagte Frau von Kambach. +»Möglicherweise war er besser, als seine Lehre. Sogar christlich +gesinnte Männer erklären, bei unbefangener Beurteilung manches Gute +an ihm zu finden. Aber das schafft doch die Tatsache nicht aus der +Welt, daß er die Lauge seines Spottes über Religion und Christentum +ausgegossen hat, und daß seine Saat immer weiter aufgeht.« + +»Es ist keiner unter den Lebenden, der ihm an Geist und Begabung +ebenbürtig wäre,« entgegnete der junge Offizier. »Seine Schimpfereien +auf das Christentum finde ich natürlich unanständig, aber das sind eben +Krankheitserscheinungen.« + +»Zum Teil, gewiß. Ob sie es durchweg sind, ist erwiesenermaßen +zweifelhaft. Aber gesetzt den Fall, sie wären es, Harro -- ist's nicht +ein trauriges Zeichen unserer Zeit, daß man die Geisteserzeugnisse +eines Wahnsinnigen zum Evangelium erhebt? Ich habe immer das Gefühl, +daß das, was er verkündigt, unserem verweichlichten kampfesscheuen +Geschlecht so gut behagt, weil es sein schrankenloses Triebleben mit +Nietzsches Namen decken zu können glaubt. Denn er entschuldigt nicht +nur alles, er rechtfertigt es in sittlicher Hinsicht. Diese Weisheit +ist das Evangelium Tausender geworden. Und eben dadurch ist uns die +Sittlichkeit verloren gegangen.« + +»Wir stehen auf dem Höhepunkt der Kultur, Großmama!« + +»Jawohl -- und waten im Sumpf! Die höchste Blüte der Kultur ist immer +die Sittlichkeit gewesen, und nur das Christentum hat sie den Völkern +gebracht. Sieh dir doch die Geschichte an! Die alten Griechen und Römer +standen, was Kunst und Wissenschaft anbelangt, doch gewiß auf der Höhe, +und was war der Abschluß? Sie endeten im Morast, denn ihrer Kultur +fehlte die sittliche Edelkraft. Gott sei's geklagt, -- so weit sind wir +auch! Warum lehnen wir das Christentum ab!« + +Der Ulan antwortete nicht. + +»Es ist doch nicht nur die arbeitende Klasse,« fuhr Exzellenz von +Kambach fort, »die ohne christliche Zucht verloren geht, -- die +höchsten und allerhöchsten Kreise degenerieren in derselben Weise, +das Fremdwort drückt es nur etwas feiner aus. Darum sollte gerade +der Stand, der die höchste und schwerste nationale Pflichterfüllung +fordert, sich fest auf das Christentum gründen. Denn nur wer seinem +himmlischen König die Treue hält, vermag sie auch dem irdischen zu +bewahren.« + +»Verzeih, Großmama, da muß ich dir widersprechen. Ich kann meinem +König sehr gut die Treue halten, ohne an Gott zu glauben. Der Begriff +Edelmann ist für mich durchaus nicht von dem des Christen abhängig. +Wenn ich meinem König die Treue schwöre, dann halte ich sie ihm auch.« + +Die alte Dame schüttelte den Kopf. »Mein lieber Junge, ich möchte +dir nicht wehe tun. Ich zweifle deine Aufrichtigkeit gewiß nicht +an. Aber du siehst nicht klar in der Sache. Der Unglaube lehnt das +Gottesgnadentum ab -- sonst wäre er eben kein Unglaube -- kann da +noch von wahrhaftiger Königstreue die Rede sein? Gottesleugnung und +Königstreue sind unvereinbar, du kannst es mir glauben, und wenn die +alte preußische Zucht und der Geist eines vornehmen Offizierkorps +die Frage auch äußerlich noch bejahen, der Kitt ist brüchig -- denn +die Gesinnung steht nicht mit dem äußeren Verhalten im Einklang. Wie +verträgt sich z. B. die Stellung des Gottesleugners zum Besuch des +Gottesdienstes? Wenn du nicht an Gott glaubst, so ist dein Kirchgang +eine Lüge. Versäumst du aber absichtlich den vorgeschriebenen +Gottesdienst, so machst du dich des Ungehorsams gegen den obersten +Kriegsherrn schuldig. Aus dieser Zwickmühle findet der Gottesleugner +keinen Ausweg -- findest du einen?« + +»Das sind die letzten schwersten Folgerungen, Großmama! Ich muß +offen gestehen, so bis ins kleinste bin ich der Frage noch nicht +nachgegangen.« + +»Bis ins kleinste? Das liegt doch sehr nahe.« + +Er zuckte die Achseln. + +»Stelle dir einen Sozialdemokraten als Reichskanzler vor,« fuhr sie +fort. »Das liegt auf derselben Linie. Kannst du dir einen tolleren +Widerspruch denken: Anarchismus und Atheismus Wächter des Königtums von +Gottes Gnaden? Es wäre Gotteslästerung!« + +»Aber Großmama, was denkst du eigentlich von mir, das würde ich doch im +ganzen Leben nicht befürworten,« rief der Enkel erregt. + +»Gewiß, Harro, das glaube ich dir. Die Praxis des Wahnsinns befürwortet +man nicht. Dagegen hat ihn schon mancher in der Theorie vertreten. Ich +bin, wie gesagt, überzeugt, daß du ein königstreuer Mensch sein willst, +aber das eine muß ich dir immer wieder aufs neue sagen: das Beste, die +sittliche Lebenskraft fehlt dir -- das Christentum.« + +»Großmama, ich kann doch nichts dafür, daß es mich kalt läßt und mir +nichts gibt!« + +Frau von Kambach sah ihren Enkel traurig an. + +»Als ob du dir jemals die Mühe gegeben hättest, dich eingehender damit +zu beschäftigen, Harro! Es heißt: ›Wer da anklopft, dem wird aufgetan!‹ +-- Was gibt dir denn die Kunst? Würde die Musik dich trösten, wenn du +alles, was dir lieb ist, verlörst? Denn so weit bist du doch noch nicht +wie jene Tänzerin, die am Sarge Richard Wagners einen Kranz mit der +Inschrift niederlegte: ›Lebe wohl, du Gott!‹« + +»Nein, so weit bin ich noch nicht!« + +»Noch nicht, Harro, aber du steuerst mit vollen Segeln auf die +Vergottung des Künstlertums los!« + +»Wenn Sibylle ihre Stradivariusgeige spielt, fällt mir allerdings +jedesmal der Ausspruch Novalis' ein: ›Der Künstler ist durchaus +transzendental.‹ Und Novalis war doch gewiß ein frommer Mann.« + +»Das streite ich nicht ab. Aber er war von starker mystischer +Veranlagung. Außerdem kann das Wort auch so gedeutet werden, daß jedes +Künstlertum transzendentale Züge, d. h. Züge der göttlichen Gabe, +trägt.« + +Er zuckte die Achseln. »Ich glaube, daß es anders gemeint ist!« + +»Dann beglücke nur nicht Sibylle mit deiner Weisheit, sie faßt ihre +Kunst ganz anders auf und würde wahrscheinlich wenig erbaut von deiner +Ansicht sein.« + +»Sibylle liebt mich,« entgegnete er stolz. + +»Mag sein, aber sie hat einen sehr bestimmten christlichen Standpunkt. +Wenn du sie aufs Gewissen fragst, wird sie dir dasselbe sagen wie ich, +nämlich, daß der Gottesleugner nur ein Gegner des Gottesgnadentums +sein kann. Denn wenn sich seine Praxis nicht mit der antichristlichen +und antimonarchischen Theorie deckt, so ist er eben kein waschechter +Anarchist und Atheist. Und das glaube ich im Grunde von den meisten, +auch von dir! Du bist im Grunde gar kein Atheist, mein lieber Junge, +laß dir das von deiner alten Großmutter sagen!« + +Jetzt erwachte der junge Stolz. + +»Aber Großmama, ich bin doch kein Kind mehr, ich muß doch wissen, was +ich will.« + +»Nein, Harro, du weißt es eben nicht, und es gibt ältere und +erfahrenere Leute wie du, die nicht wissen, was sie wollen. Es ist +einfach eine Torheit, nicht an einen persönlichen Gott zu glauben +und dann seinen Unglauben wissenschaftlich begründen zu wollen. +Wahrhaftige Wissenschaft lehnt den Glauben nicht ab. Ihr aber lest +die Bibel gar nicht und behauptet dann, sie sei nicht mehr zeitgemäß, +dagegen glaubt ihr unbesehen die tollste sogenannte wissenschaftliche +Hypothese!« + +In dem hübschen jungen Gesicht zuckte Wettergeleucht. Es war wirklich +nicht so ganz einfach mit der Großmutter. Und durch Harros frauenhaft +eitlen Sinn flog der Gedanke: es spricht doch sehr für dich, daß du +dich wie ein Schuljunge abkanzeln läßt und trotz alledem immer wieder +kommst. Ein anständiger Charakter und eine gute Kinderstube sind doch +unbezahlbar. Und die Kambachsche Freiherrnkrone schimmerte im +Goldglanz. + +»Du mußt doch bedenken, Großmamachen, daß die Zeiten sich geändert +haben,« sagte er. »Nicht nur die Bibel paßt nicht mehr in unsere +Zeit, auch unsere ganzen sozialen kirchlichen und gesellschaftlichen +Verhältnisse haben gewechselt. Das zähe Festhalten altadliger +konservativer Häuser an Überlieferung und Sitte ist ja sehr schön, aber +es kommt mir immer so vor wie eine Ruine, welche die verschlungenen +Gewinde tausendjährigen Efeus zusammenhalten, bis ein Sturm das +Ganze niederreißt. Und schließlich wirkt solche überlieferte Treue +tragikomisch! So ist's auch mit dem Christentum, -- mein Gott, man +sieht das doch alle Tage!« + +»Harro!« -- Ein tiefer Schmerz durchzitterte die alte Stimme. »Das sagt +ein Kambach, ein preußischer Edelmann, ein Mann, dessen Vorfahren Gut +und Blut für Altar und Thron geopfert, das -- das sagt mein Enkel?« Die +Tränen stiegen ihr in die Augen, ihre Stimme brach. Sie stand auf und +trat ans Fenster. »Das -- das ist zuviel!« + +Eine flammende Röte war in die Stirn des jungen Offiziers gestiegen. +Tränen im Auge der Großmutter konnte er nicht ertragen. Mochte sie +bisweilen schroff und hart, mochte sie altmodisch und einseitig in +ihrem Urteil sein, sie war die Großmutter, die Frau, die ihm wie +so oft schon die Mutter ersetzt, deren ehrwürdige geliebte Gestalt +eine scheidende Generation vertrat, die -- man mochte sagen, was man +wollte -- größer, stärker, opferwilliger war, als das Geschlecht von +heute. Daß die Greisin den einzelnen für die Gebrechen der Gegenwart +verantwortlich machte, war eine berechtigte Schwäche des Alters, +welches bekanntlich immer nur die gute alte Zeit gelten ließ. Das +durfte man ihr nicht verübeln. + +Er sprang auf und trat an ihre Seite. + +»Großmama,« rief er, die schmalen Hände an die Lippen ziehend, »verzeih +mir, du weißt doch, daß es nicht schlimm gemeint ist! Ich bin doch kein +Umstürzler; aber Zeiten und Menschen wechseln, und wir müssen uns ihnen +anpassen -- es geht nun einmal nicht anders, wir kommen sonst nicht +vorwärts im Leben, man geht an uns vorbei zur Tagesordnung über -- +bitte, versteh mich doch, Großmamachen! Du weißt doch, daß ich so nicht +nach Drachenburg zurückkehren kann!« + +Er streichelte ihre Hände. Er bettelte und flehte, wie einst das schöne +goldlockige Kind: »Sei wieder gut, Großmamachen!« + +Exzellenz von Kambach wandte dem Enkel das Antlitz zu. Aus den nassen +Augen leuchtete die warme Mutterliebe ihres großen Herzens, -- um die +Lippen aber lag noch der feste Zug unbeugsamen Willens und unentwegter +Rechtlichkeit. Der strahlende Stolz der deutschen Edelfrau wachte über +märkischer Ehre, über der Treue zu Altar und Thron. + +Und der junge Sproß des alten edlen Geschlechts verstand in den +ehrwürdigen Zügen zu lesen und -- schwieg. + +Dann hörte er ihre Stimme. Es wirkte beruhigend auf ihn, daß sie +wieder redete. Denn wenn Großmutter Kambach schwieg, standen die +Dinge schlimm. Solange sie aber noch sprach, war Hoffnung auf einen +erträglichen Ausgang der Sache vorhanden. + +»Ich will dir verzeihen,« sagte sie, und noch zitterte der Schmerz in +ihren Worten nach, »aber eins merke dir: das Wort tragikomisch darf +ein Edelmann in bezug auf Überlieferung und Sitte, vor allem aber in +bezug auf das Christentum nicht in den Mund nehmen, Harro! Wer das +tut, ist kein rechter Edelmann. Denn so eng der monarchische Gedanke +mit dem Adel verknüpft ist, so eng sind beide mit dem Gottesgnadentum +verbunden. Wer diese alte Wahrheit ablehnt, ist darum auch kein echter +Vaterlandsfreund. Denn nicht das erlauchte Blut ist's, nicht Macht und +Krone sind's, die dem Königtum seine unantastbare Würde verleihen, +sondern das Prädikat: von Gottes Gnaden. Es ist darum ganz berechtigt, +wenn man das Gottesgnadentum den Lebensnerv des Königtums nennt, und +ebenso berechtigt, wenn man das Christentum als Träger und Grundstein +des monarchischen Gedankens fordert. Denn wo soll die Achtung vor einer +göttlichen Einrichtung herkommen, wenn man nicht an Gott und Ewigkeit +glaubt?« Sie seufzte. »Es ist bezeichnend für unsere Zeit, daß sie auf +dem Gebiet der Jugendpflege die Religion fast durchweg ausschaltet. Als +ob Sport und Spiel den Menschen zur Persönlichkeit reiften!« + +»Sie sind aber sehr nötig, Großmama, und halten junge Leute, zumal +Schüler, von manchen Dummheiten ab.« + +Sie schritt an ihrem Krückstock auf den verlassenen Platz zu und setzte +sich wieder. + +»Gewiß, Harro. Ich kann das Wort ›Ertüchtigung‹ allerdings nicht +leiden, aber ich beglückwünsche es trotzdem, daß mehr Gewicht auf +diese Seite der Jugenderziehung gelegt wird wie früher. Nur darf man +sich, wenn man die Hauptsache ausschaltet, nicht über einen halben +Erfolg wundern. Denn Persönlichkeiten erzieht der Geist Gottes. Darum +wird das Geschlecht, das wir auf diese Art großziehen, trotz seiner +körperlichen ›Ertüchtigung‹ kein Heldengeschlecht werden. Denn ein Leib +ohne Geist ist nun einmal tot.« + +Harro Kambach sah nachdenklich vor sich nieder. Ein Wort Kurt Breysigs +zog ihm durch den Sinn: ›Persönlichkeit ist Kraft, Persönlichkeit ist +Adel, Persönlichkeit ist Zucht!‹ Sollte sich dasselbe nicht ohne die +Grundlagen des Christentums in die Tat umsetzen lassen? Anderenfalls +hätte Breysig hinzufügen müssen: Adel ist Gottesgnadentum. Der Adel +des Blutes wäre damit freilich hinfällig gewesen, -- allein der Adel +des Schaffens und der Gesinnung wäre in Betracht gekommen. Dann hätte +allerdings das, was die Großmutter behauptete, zu Recht bestanden: +entartete dieser von Gottesbewußtsein belebte und Gottes Kraft +gestählte Adel, so war eine Zersetzung von oben nach unten angebahnt. +Aber das war eben Ansichtssache -- nichts weiter. Es kam alles auf die +Auffassung des Weltgeschehens an. + +Er sagte es ihr. + +»Warum soll ich nicht stark und frei sein ohne Gott, warum soll ich +nicht freiwillig Selbstzucht üben können, Großmama?« + +»Es mag sein, daß es einem Starken eine Zeitlang gelingt,« entgegnete +sie ernst, -- »aber« -- sie sah ihn fragend an -- »ob du so stark +bist, Harro? -- Außerdem müssen wir mit dem Durchschnitt rechnen und +bedenken, was für Stürmen und Nöten ein Menschenherz oft ausgesetzt +ist. Du bist noch jung! Stelle dir einmal die Zeit ohne Ewigkeit vor, +ohne einen Schimmer von Hoffnung auf das Zukünftige und dich selbst in +verzweifelter Lage -- glaubst du, daß dein Persönlichkeitsbewußtsein +dadurch gefestigt werden würde?« + +Er schwieg. + +Da fuhr sie fort: »Genau so ist's im Blick auf das große Ganze. Ein +ewigkeitsloses Geschlecht ist dem Verfall ausgeliefert. Es lebt ja +nur für diese Zeit!« Sie nahm ein Buch von einem neben ihr stehenden +Tischchen und blätterte darin. Es währte ein Weilchen, bis die alten +Augen fanden, was sie suchten. + +Und dann las sie. + +»Was ist die Zeit ohne Ewigkeit, ohne den göttlichen Heilsgedanken, der +das Irdische in den Glanz des Himmels rückt? Was sind Vaterland und +Volksseele, die Einzelgestalt, die du liebst und ehrst? Was bist du +selber mit dem heißen Leben deiner Sinne, der Sehnsucht deines Herzens? +Eine Eintagsfliege, die morgen vermodert! Fasse es bis ins letzte, +schwerste, und dann sage mir, ob du angesichts der entsetzlichen Leere, +die dich erfüllt, der unsäglich tiefen grausen Hoffnungslosigkeit, +noch den Wagemut hast, die Tollkühnheit, nicht nur zum handelnden oder +geistigen Schaffen, sondern zum Kampf, zum Opfer deines Herzblutes, +um -- ja, worum? Sind's nicht Erde und Asche, um die du streitest? +Ist's aber eines freien deutschen Mannes würdig, das Leben für sie +einzusetzen? Vaterlandsliebe und Mannentreue, die Arbeit, wie sie auch +heiße, die Liebe, welche Züge sie auch trage, der Ehe geheiligte Last +und Lust, Mutterglück mit seinen Schmerzen und Wonnen, -- was wären sie +alle? Ein Nichts, ein Wolkenschatten auf der Heide, das krause Spiel +eines pantheistischen Gedankens, einer Laune des Tages? Und hinter dem +allem -- Tausenden vielleicht ein weltenferner, kaum gedachter Gedanke +-- der Zweifel, die leise, immer dringender werdende Frage: wenn's +anders wäre? Sie läßt dich nicht los, sie zermürbt dir die Sinne, sie +hetzt dich hierhin und dorthin. Denn hinter dieser großen Frage, welche +der moderne Mensch immer wieder auszuschalten sucht, steht unabweisbar +die Schuld. Bis in die Ewigkeit reicht sie. Und die Ewigkeit gibt +der Zeit Antwort. Jenes erkenntnistheoretisch Unerklärliche, +Unbestimmbare, jene wunderbare Stimme, die lauter als alle anderen +Stimmen redet, bezeugt dem Menschen unausgesetzt seine Schuld. Das ist +das Gewissen. Die ewige Lampe der Seele hat es einer geheißen.« + +Schweigend legte sie das Buch auf den Tisch. + +Der Enkel stand am Fenster und schaute kopfschüttelnd hinaus. + +»Großmama, da kann ich nicht mit. Warum soll ich meine Persönlichkeit +nicht für die Kleinodien einer begrenzten Zeit einsetzen, wenn sie +meines Volkes Geschichte umschließt? Warum soll ich es bedauern, daß +große Tage ihren Abschluß finden? Im Gegenteil! Gerade der Verzicht auf +die Unsterblichkeit läßt uns das einmalige Geschenk des Lebens, das +keine Aufhöhung erwarten läßt, höher werten, ja ich möchte sagen, es +läßt es uns großzügiger, geschlossener, leidenschaftlicher auffassen, +als wenn wir mit einer neuen verbesserten Auflage rechnen sollten. Das +Ewige im Sinne der Bibel ist dem modernen Menschen zu unwirklich, er +findet weder sein Glück noch seine Zukunft darin!« + +»So!? Ist etwa das Glück, das ihr sucht, ein wirkliches? Ist's nicht +vielmehr ein Rausch? Was bleibt euch von Genuß und Überfluß, von +Liebelei und Mode, von Sinnenlust und Spiel, von Rennen und Kabarett +und Austernfrühstück, -- was trägt euch der Besuch in einem Hause ein, +das ihr in Uniform nicht betreten dürft? Es gibt eine Wirklichkeit, +Harro, vor der mir graut!« Die blauen Augen flammten. + +Der Enkel senkte den Blick. »Großmama, das gehört nun einmal zum Leben, +man darf es nur nicht übertreiben und muß vor allem ein anständiger +Mensch bleiben!« + +»So!? Du traust dir recht viel zu, mein Junge! Ich frage mich nur, +woher du diese übermenschliche Seelenkraft nimmst. Was heißt das: ein +anständiger Mensch bleiben? Willst du damit sagen, daß du dich bisher +von groben Sünden rein gehalten, daß du noch nicht in unerlaubten +Beziehungen zu einer Frau gestanden, daß du noch nicht gespielt hast? +Mein Ehrbegriff ist ein anderer. Nicht, daß ich die ganze Welt mit +dem Maß messe, das ich an meine Person lege, es wäre ungerecht und +kurzsichtig, aber an meine Familie muß ich es legen,« sie hob das weiße +Haupt stolz empor, »meine Kinder und Enkel dürfen nicht vergessen, +daß sie den Namen Kambach tragen! Du aber bist auf dem besten Wege, +dein Blut zu verleugnen, Harro. Ich habe in letzter Zeit verschiedenes +über dich gehört, -- keine schwerwiegenden Tatsachen, sondern kleine +Züge, die aber für deine ganze Persönlichkeit, für deine Stellung +im Regiment bezeichnend sind. Einer Frau würde man in Frankreich in +solchem Falle mit der Bemerkung ›+un peu déclassée+‹ das Urteil +sprechen. Die Stellung des Mannes ist eine andere, -- ich möchte noch +kaum von Grenzüberschreitung reden, -- und doch, für den Edelmann muß +es bis ins kleinste gelten: mein Erstes und mein Letztes ist die Ehre! +-- Wie ich höre, zieht man sich von dir zurück -- etwas Bedenklicheres +kann man von einem preußischen Offizier nicht sagen, es sei denn, daß +er als der einzige wahrhaft vornehme Mann in einem heruntergekommenen +Regiment seine Stellung behaupte. Aber so stehen die Dinge nicht. Das +Drachenburger Ulanenregiment vertritt die Elite. Es ist ein schlechtes +Zeichen für einen jungen Offizier, wenn sich Männer wie Jobst Dachow, +wie die Malwitze und Seelows von ihm zurückziehen.« + +»Das war wegen vorübergehender Meinungsverschiedenheiten, Großmama,« +sagte Harro mit zerdrückter Stimme, »es ist alles wieder in Ordnung.« + +»Mein lieber Junge, ich bin genau so weit unterrichtet, wie dein +Vater, der dir eben schon, wie ich annehme, mit echt Kambachscher +Gründlichkeit den Standpunkt klargemacht hat. Ich will daher die Sache +selbst nicht weiter berühren. Hättest du mich nicht um meine Fürsprache +gebeten, so hätte ich überhaupt geschwiegen, aber diese deine Bitte +fordert reinen Tisch. Ich muß daher nochmals auf den ›anständigen +Menschen‹ zurückkommen. Du faßt diesen Begriff immer noch viel zu +eng, und das liegt an deiner Stellung zum Christentum. Das, was ich +dir eben vorlas, zeichnet klar und deutlich die heutige entgottete +Weltanschauung -- einerlei wie sie heißt. Wir brauchen auf keine +Einzelheiten einzugehen. Aber darüber müssen wir uns klar sein, daß +der Mensch, der keinen Gott und keine Ewigkeit hat, mit vollem Recht +in den Tag hineinleben kann, weil Pflicht und Verantwortlichkeit nicht +für ihn vorhanden sind. Damit aber fällt die Sittlichkeit fort. Rede +mir nicht darein, -- sie fällt fort. Vom schwersten dunkelsten Fall +der Schande bis zur kaum angedeuteten Grenzüberschreitung fällt die +Sittlichkeit fort. Wir entarten ohne den lebendigen Gott, wir verfaulen +bei lebendigem Leibe. Das sind eiserne Worte, namenlos schwere +Anklagen, aber sie sind berechtigt. Denn es geht ein Gespenst durch +unser Vaterland: der deutsche Verfall!« + +Exzellenz von Kambach hielt inne. Ihre Augen blickten an ihm vorüber +in den herbstlichen Park hinaus, in die strahlende Ferne, als wollte +sie alle, die ihres Volkes waren, ob sie in den Hütten des Heidelandes +wohnten oder in den Schlössern der Mark, warnen, beschwören: ›Kehrt +um, noch ist's Zeit!‹ Es lag etwas Prophetisches in diesem Blick, +etwas Weitschauendes, aber unsäglich Trauriges. Etwas, das von der +Einsamkeit der letzten Edelgeborenen redete, von dem Herzleid der +letzten Deutschen, die sich zum Kreuz bekennen, von dem Schmerz der +Heimatliebe, die sterbend um ihr Vaterland trauert. Und doch war dies +Leid untrennbar von dem eisernen Willen, von dem flammenden Stolz, von +der unbesiegbaren Kraft dieser Frau. Beugen würde sich dieser Stolz +nur vor einem Höheren, -- vor dem Haß der Welt, vor der Gemeinheit nie +-- eher würde er unter dem Schwerte der Revolution verbluten. Harro +Kambach kannte diesen Stolz und bewunderte ihn. Heimlich gestand er +sich: ›Du besitzt ihn nicht!‹ Und der Gedanke stieg ihm auf: ›Wie +kommt eine Frau zu solch starker freier wunderbarer Heimatliebe, +woher wird ihr die Kraft, bis ins hohe Alter, so still und selbstlos +an einem Werke zu bauen, das sie nach ihren eigenen Aussagen nur als +ein verlorenes ansehen kann?‹ Bedeutete nicht jede Kulturarbeit für +sie einen hoffnungslosen Einsatz edler Kräfte? Gewiß, aber nur die +Kulturarbeit im Lichte moderner Weltanschauung -- jede von christlichem +Geiste beherrschte Arbeit aber faßte sie anders auf! Und doch -- auf +der ganzen Linie widersprach das biblische Christentum, das sie so +stark betonte, der Wirklichkeit. Oder nicht? Ein leiser, leiser Zweifel +erwachte in der Seele des Mannes, ob das, was gerade in den höchsten +Kreisen vielfach für rückständig galt, wirklich rückständig sei. Die +wenigen seiner Regimentskameraden, die sich das schlichte Christentum +ihres Elternhauses bewahrt hatten, waren allgemein beliebt und +geachtet. Sie waren durchaus keine Mucker, aber ihr Leben spielte sich +in ganz bestimmten Grenzen ab. Harro glaubte, eine solche Unfreiheit +nicht ertragen zu können, aber hochhalten und bewundern mußte er diese +Persönlichkeiten aus einem Guß. + +Und wieder klang die Stimme, die er so liebte, an sein Ohr: + +»Wenn ihr nur hören wolltet! Den Glauben kann man niemand einreden, +durch Menschenworte findet man nicht seinen Gott -- aber das solltet +ihr offenen Auges erkennen, daß wir einen schweren völkischen +Niedergang zu verzeichnen haben, daß eine furchtbare Zersetzung durch +alle Kreise geht. Doch anstatt Hand anzulegen und die entsetzliche Flut +einzudämmen, geht man mit bösem Beispiel voran. ›Genußsucht, Spiel, +Frauen‹ -- der tausendjährige Totenspruch der Völker gilt auch uns. Ein +wahrhaft christliches Volk wird diesen dreien immer die Tür weisen -- +das besagt alles. Aber die Zucht des Christentums paßt uns nicht, denn +unser ganzes Wesen ist selbstsüchtig. Darum vergessen wir immer wieder, +daß wir Glieder einer großen Kette sind, daß jeder einzelne seinen Teil +an der vaterländischen Gesamtpflicht zu erfüllen hat und die Übernahme +dieser Pflicht den ganzen Menschen, Leib und Seele fordert. Es ist +eine Hauptaufgabe des deutschen Adels, eine germanische Rassenauslese +darzustellen. Damit ist nicht nur vor der Verjudung des Adels, sondern +vor sozialer kultureller und politischer Verschwommenheit, mit einem +Worte, vor dem weibischen Geiste des zwanzigsten Jahrhunderts gewarnt. +Wir haben keine Männer mehr, das ist Deutschlands Unglück!« + +Ein zweites Mal klang die zornige Anklage an Harros Ohr. Das Blut stieg +ihm in die Stirn. + +»Großmama, das ist zu viel! Das darf sich ein preußischer Offizier +nicht sagen lassen. Verzeih, -- aber --« + +Frau von Kambach sah ihn fest an. »Ich bin die erste, die Gott auf +den Knien danken würde, wenn mein Enkel sich solche Worte nicht sagen +zu lassen brauchte,« erwiderte sie, jedes Wort betonend, mit bebender +Stimme. »Du kamst zu mir als ein Bittender. Über deine Liebe soll ich +die Hände breiten. Einem Mädchen gegenüber, das -- ich sage es mit +Schmerz -- viel, viel zu gut für dich ist, soll ich deine Fürsprecherin +sein, aber die Wahrheit kannst du nicht ertragen!« + +Die Erregung übermannte sie. Schwer atmend erhob sie sich und trat auf +ihn zu. Das edle Haupt im Witwenschleier stolz zurückgeworfen, stand +sie da, und doch wußte er, daß ihre Seele blutete. + +Wieder kam das Weiche, Edle in ihm zum Durchbruch. Wieder sagte er +sich: vergiß nicht, daß zwei Generationen miteinander ringen, daß dem +Alten vor dem Neuen in jeder Form graut, daß es, das Beste wollend, +irregeht, -- und ertrage die strenge, aber treu gemeinte Art der Frau, +die mit mütterlicher Liebe deine Jugend behütete! + +»Großmama,« bat er, »versteh' mich, ich bitte dich, und verzeih' mir!« + +Sie sah ihn voll an. + +Auf dem abgeklärten Gesicht lag stille Trauer. Sie kannte ihn und +wußte, daß ein weiches Gemüt und treue Anhänglichkeit ihn zu ihr +zurückführten, daß aber ihre Worte in den Wind gesprochen waren. Es war +ja die Verzweiflung ihres Sohnes, daß diese liebenswürdige, die Herzen +im Sturm erobernde Art niemals hielt, was sie versprach. + +Und sie machte sich hart. + +»Du hast ja schon heute abend meine Worte vergessen! Ich kenne dich!« + +Aber er bat weiter. »Großmutter, du hast sehr hart zu mir gesprochen, +aber ich will versuchen, dich zu verstehen und deine Wünsche zu +beherzigen. Nur eins bitte ich dich, verlang' nicht zuviel von mir! In +einem Regiment geht es anders zu als in einem ländlichen Gutshause.« + +»Das habe ich nie bestritten. Hier wie dort sind Gefahren. Hier wie +dort soll man ihnen aus dem Wege gehen, aber,« -- sie zögerte einen +Augenblick, -- »das tust du nicht!« + +»Das tue ich doch, Großmama!« + +»Harro!« + +Er blickte sie an. »Kein Mensch kann mir etwas nachsagen.« + +Sie zuckte die Achseln. »Eins wird dir mancher nachsagen können, daß +du den alten kategorischen Imperativ: ›Du sollst! Du mußt!‹ nicht mehr +kennst! Er bildet die erste Vorbedingung für den anständigen Menschen. +Äußerer Disziplin mußt du dich freilich fügen, aber innere Zucht, +Selbstzucht kennst du nicht, wie alle, die ihren Gott und Heiland +verloren haben.« + +Er antwortete nicht. + +Totenstille herrschte. + +Da klang's durch den Park mit jauchzender Sehnsucht und tiefer +Leidenschaft: Geigentöne. + +»Die kennt Disziplin, und ihre Liebe muß diese Tat innerer +Selbstverleugnung fordern, sonst ist sie nicht echt,« sagte +hinüberlauschend die alte Frau. + +»Großmama, vergib! Mehr will ich heute nicht! Ich will nichts +versprechen, was ich nicht halten kann; ich bitte dich nur: breit' die +Hände über mein Glück!« + +Sie zauderte noch immer. + +Da fuhr er fort: »Das eine kann und darf ich dir versprechen: soviel an +mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer Sibylle Bühler würdig +ist! Das schwör' ich dir!« + +Er sah sie fest an. + +Eine Sekunde lang war's ihr, als blicke sie in die treuen blauen +Kambachaugen des Sohnes. + +Enttäuschung und Zweifel zurückdrängend, hob sie die Hand. Ehrerbietig +neigte er das Haupt, und die zitternde Rechte der Greisin ruhte einen +Augenblick segnend darauf. + +»Gott helfe dir!« sagte sie leise. + +Dann nahm er Abschied. + +Noch einmal küßte er ihre Hände: »Ich danke dir, Großmama!« + +Da umschlang sie ihn in aufwallender Liebe und küßte ihn. + +Tief und fest sah sie ihm in die Augen: »Auch für das, was ein +preußischer Offizier nicht mit anhören darf?« + +Er erwiderte ihren Blick klar und ernst: »Auch für das, Großmama!« + +Dann ging er. + +Auf den Dielen verklang sein leichter Schritt. + +Sie aber trat zum Schreibtisch und nahm ein Kinderbildchen im goldenen +Rahmen in die zitternden Hände. Lange, lange, betrachtete sie es. »Ganz +wie Ilse!« sagte sie leise vor sich hin. »Ein liebevolles Gemüt, weich +wie Wachs, kein Charakter! Nur Eberhard ist ein rechter Kambach!« + +Sie stellte das Bild an seinen Platz. Die Hände über den Knien +gefaltet, blickte sie ins Land hinaus. »Ob ich's noch erleben werde? +Franz Schenker hat Mut, eine Fünfundsiebzigjährige vor die Aufgabe zu +stellen, die junge volle Kräfte fordert.« + +Es klopfte. Ein Diener trat ein. »Herr Oberleutnant von Roselius!« + +»Ich lasse bitten!« + +Sie ging dem jungen Ulanenoffizier entgegen der sich ehrerbietig über +ihre Hand beugte. + +Man setzte sich. + +»Gestatten Ew. Exzellenz, daß ich mich ganz gehorsamst empfehle,« +sagte er, ihrem Anerbieten, abzulegen, Folge leistend. »Darf ich +zugleich meinen verbindlichsten Dank für alle widerfahrene Güte und +Freundlichkeit aussprechen?« + +Die alte Dame blickte wohlgefällig in das offene männliche Gesicht. +»Dafür, daß Sie mir zweimal die Freude machten, ein Stündchen bei mir +zu verbringen, sollten Sie mir nicht danken, Herr von Roselius!« sagte +sie herzlich. »Sie wissen, daß ich mich immer auf das Wiedersehen mit +Ihnen freue. Hoffentlich sehe ich Sie diesen Winter, wenn Sie zu den +Bällen kommen, öfter bei mir in der Dorotheenstraße!« + +Er verbeugte sich. »Danke gehorsamst, Exzellenz. Es ist eine große +Ehre und Freude für mich, kommen zu dürfen!« + +Sie nickte ihm zu. Seine schlichte bescheidene, überaus feine Art hatte +es ihr längst angetan. + +»Sie fahren mit Harro?« fragte sie. »Ich habe noch eine herzliche Bitte +an Sie! Haben Sie ein Auge auf ihn! Ich weiß, er hält große Stücke auf +Sie, und wenn ein Mensch ihn zu beeinflussen vermag, so sind Sie es. Es +fehlt ihm jenes tiefinnerliche, edelmännische Pflichtgefühl, ohne das +wahre Heimatliebe nicht lebensfähig ist.« + +»Gewiß, Exzellenz. Ich habe bis in die Nächte hinein mit ihm über +diesen Punkt gestritten. Der gute Wille ist vorhanden, aber die +Grundlage echt vaterländischer Gesinnung fehlt, das Christentum. Das +künstlerische Ersatzmittel, das er sich erwählt, wird ihn nicht zum +Manne reifen, -- noch niemals hat ein Wagnerrausch Persönlichkeiten +gezeitigt. Harros häufige Bayreuthfahrten gefallen mir deshalb nicht.« + +»Mir auch nicht. Aber noch weniger gefallen mir die Gerüchte, die über +ihn umlaufen. Graf Brelow hat neulich mit mir darüber gesprochen, +wußte aber nichts Bestimmtes, nur, daß einige Herren sich von Harro +zurückziehen. Aber das muß doch einen bestimmten Grund haben. Bitte, +schenken Sie mir reinen Wein ein! Er steht doch nicht etwa in einem +unerlaubten Verhältnis zu einer Frau?« + +»Nein,« entgegnete Roselius entschieden, »es ist mir wenigstens nichts +davon bekannt.« + +Frau von Kambach blickte ihr Gegenüber fest an. »Spiel?« fragte sie +leise. + +Er sah einen Moment vor sich nieder, dann richtete er den ehrlichen +Blick voll auf die alte Dame. »Exzellenz, das ist eine sehr, sehr +schwere Frage. Stellte sie ein anderer an mich, ich würde mit einem +runden Nein antworten. Denn solange ich nicht mit meiner Person für +eine Tatsache eintreten kann, ist der Wahlspruch meines Vaters auch der +meine: + + ›Es gibt im Heiligtum der Ehre + Ein Allerheiligstes, -- des andren Ehre!‹ + +Zu meinem tiefsten Schmerz muß ich Ew. Exzellenz als Harros Großmutter +eine andere Antwort geben. Von einem Freunde weiß ich, daß er in +Drachenburg und Berlin häufig mit Herren aus anderen Regimentern +zusammen gesehen worden ist, die in bezug auf Spiel und Damenverkehr +keinen ganz einwandfreien Ruf haben. Der Beweis, daß er selbst -- das +betone ich nochmals -- in irgendeiner Weise entgleist ist, hat bisher +gefehlt. Aber dieser Umgang schadet ihm natürlich.« + +Er schwieg. Ein tiefer sittlicher Ernst lag auf den klaren Zügen. + +›Fänd' ich einmal in Harros Gesicht solchen Ausdruck,‹ zog es Frau +Sabine durch den Sinn. »Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir +sagen, wer du bist,« entgegnete sie und strich seufzend über das weiße +Haar. -- + +Es klopfte. + +»Herr Baron, der Wagen wartet,« meldete der Diener. + +Roselius erhob sich. »Ich verspreche Ew. Exzellenz, die Augen +offenzuhalten und im übrigen zu tun, was in meinen Kräften steht und +kameradschaftliche Pflicht mir gebietet!« + +»Haben Sie herzlichen Dank!« Sie geleitete ihn zur Tür »Gott befohlen!« + +Noch einmal beugte er sich über ihre Hand, und die dunklen Augen +blickten sie ernst an. + +›Noch ernster als sonst!‹ dachte sie, während ihr Blick der vornehmen +Erscheinung folgte. Sie wußte, was es ihn gekostet, Ilses Hochzeit +mitzumachen, wußte, daß er noch immer einen heißen Kampf kämpfte! +Warum konnte es nicht anders kommen? Die Enkelin war ihr ein Rätsel! + +Sinnend stand sie am Fenster und sah den Abfahrenden nach. Außer dem +Hausherrn und Eberhard waren Brelows und die übrigen Gäste auf der +Freitreppe versammelt. Sibylle stellte wie immer die jungen Mädchen +der Umgegend in Schatten. Jedenfalls trug sie den Namen, den ihr +das Drachenburger Ulanenregiment verliehen, mit Recht, und niemand +mißgönnte ihr ihn. Denn ›Brandenburgs Rose‹ war aller Liebling. -- In +ihrer natürlichen Anmut stand sie an das Gitter gelehnt und blickte +lächelnd auf das fröhliche Bild. Ein großer Jagdwagen voll junger +Offiziere stand zur Abfahrt bereit. + +Harros Blicke hingen an der schönen Erscheinung. Hinter der hellen +Gestalt glühte der wilde Wein an der Mauer. Der Wind spielte mit dem +schwarzen Haar, der duftige Stoff des eleganten Sommerkleides flatterte +in leichten Volants um den blendenden Hals und die schlanken Arme. Eine +Rose, die er ihr am Morgen gebracht, blühte an ihrer Brust. + +Sie fühlte den heißen Blick des Mannes und senkte befangen die Wimpern. + +Aber nicht nur der Kambach hatte Augen für weiblichen Liebreiz. + +In dem Augenblick, als die Füchse anzogen, klang's wie auf Kommando in +den strahlenden Mittag: + +»Hoch Brandenburgs Rose!« + +Was auf der Treppe stand, stimmte in die fröhliche Huldigung ein. + +Sibylle wurde flammend rot, faßte sich aber rasch und wandte sich dem +kleinen Eberhard, der sie wie eine Heilige verehrte, lachend zu: »Ihr +meint ja doch nur meine Geige!« + +Er sah sie mit seinen blauen Kambachaugen ehrlich an: »Aber Billy, dann +würden wir's doch sagen!« + +Alles blickte lächelnd auf Sibyllens ritterlichen kleinen Freund, der +seiner Angebeteten auf Schritt und Tritt folgte, ihr Blumen brachte und +den leisesten Wunsch von den Augen las. Dunkelrot stand er da. + +Aber Sibylle schlang den Arm um seinen Nacken und sagte: »Du hast ganz +recht, Eberhard, so gehört sich's -- ihr würdet's mir sagen!« + +Ein leuchtender Blick dankte ihr. + +»Wir gehen nachher noch etwas in die Heide,« flüsterte sie ihm zu. +-- -- + +Unter Grüßen und Tücherschwenken fuhren die jungen Söhne der Mark durch +die roten Ebereschenalleen ihren Garnisonen zu. + +Aber die Brautjungfern schlossen einen Kreis um Sibylle und sangen das +alte Kranzlied. + +»Hoch Brandenburgs Rose!« jubelte es von der Dorfstraße herüber, und +wie eine Antwort zog es in den klaren Herbsttag hinaus: »Wir winden dir +den Jungfernkranz!« + + + + +Sechstes Kapitel. + +Gala. + + Siehst du das Märchen um Mitternacht + In lichter Seide, im Spitzenschleier? + Rosen im Haar, wie ein Maientag + Tritt es herein zu glänzender Feier! + + Schaut sich im festlichen Raume um, + Rafft den Goldsaum der weißen Schleppe, + Fragt den Heiduck nach dem alten Fritz, -- + ›Kam er nicht über die Wendeltreppe?‹ + + Der aber schüttelt den weißen Kopf, + Weiset zum Reiterstandbild hinüber, -- + ›Vielleicht erwacht er um Mitternacht, -- + Vielleicht auch nicht, -- die Zeit ist vorüber!‹ + + +In Berlin schneite es. Weihnachten hatten graue Schleier die Straßen +verhüllt, -- endlich, um Mitte Januar war's Winter geworden. +Frostklarer weißer schimmernder Winter! Und er kleidete die Kaiserstadt +gut. Denn Berlin bei Nebel, Berlin bei schlechtem Wetter war +fürchterlich! Zumal in den Tagen der Hoffeste, wo das Land sich in der +Reichshauptstadt traf. Es hatte einmal einer gesagt, zum Galaball mit +seinem anmutigen Abendbilde gehörten verschneite Portale und weiße +Gitter. Denn die Straße feiere mit. Eine Wahrheit steckte darin, aber +eine feine aristokratische aus der Zeit Friedrichs des Großen. Ob das +zwanzigste Jahrhundert sie verstehen würde, war eine andere Frage. + +Jedenfalls aber war dieser Wunsch heute voll und ganz erfüllt worden. +Eine feenhafte Winternacht stieg über der Mark auf. In glitzernder +Frostkrone, den weißen Pelz um die Schultern geschlagen, betrat eine +Königin die stolze Heimstätte der Zollern und grüßte den Kaiser. Seinem +Fest verlieh sie ihren Glanz, seinem Hause wob sie jenes märchenhafte +weiße Gewand -- das Wunder des Winters. -- -- -- -- + + * * * * * + +Karossen fahren an. Automobile. Taghell liegt das Schloßportal im +Glanz elektrischen Lichtes. Um jede Gestalt der helle Schimmer der +Frostnacht. Wie glitzernder Rauhreif blinkt's in Schleiern und +Diademen, in seidenem Frauenhaar. Aber die Pelze verhüllten die +Hofkleider, die goldgestickten Fracks und Uniformen. Nur die Helme +funkeln mit den Brillanten um die Wette. + +Und dann fallen die Hüllen. In glänzendem Zuge bewegt sich die Schar +erlauchter und edler Gäste die Marmortreppe hinan. + +Oben das Aufstrahlen neuen Lichts, neuen Glanzes. Gold- und +Silbergefunkel, leuchtende Epauletts, blitzende Orden, Brokat, +rosendurchwirkte Schleier, Smaragdkolliers, Brillanten -- Gala. +Getragen von jener Feierstille, dem Vorspiel königlicher Feste, jenem +feinen Zeremoniell souveräner Höfe. Endlich halblaute Unterhaltung. +Leise ausgetauschte Verbindlichkeiten. + +Der Saal füllt sich. Immer interessanter und stimmungsvoller gestaltet +sich das Bild, immer internationaler. Das Ausland sendet seine +Botschafter, seine Frauentype. Eigenart im weitesten völkischen +Sinne. Überall tauchen die fremden Gestalten auf, als gälte es, +ihre Art mit deutschem Blute zu mischen. Hohe Offiziere stehen in +Gruppen, Diplomaten, Attachés, Kammerherren. Dazwischen immer wieder +Frauenschönheit. Botschafterinnen mit Brillantreifen im Haar, +Landedelfrauen, Offiziersdamen, junge Mädchen, frisch, gesund, ein +Strauß blühender Rosen. Drüben unterhält sich der Reichskanzler mit der +Gemahlin des russischen Botschafters. Dicht daneben steht ein Chinese +mit einem Edelfräulein aus der Uckermark. -- -- + +Auf und nieder wogt die leise Unterhaltung. -- -- + +Und dann klingt ein Ton durch die Stille: der Stab des +Zeremonienmeisters klopft dreimal auf das Parkett. + +Unter dem Vortritt der Pagen und Hofchargen betreten die Majestäten, +von drei Marschällen geleitet, unter den Klängen des +Grand marche +festivale+ von Gounod den Saal. Der Kaiser in der Uniform des ersten +Garderegiments, die Kaiserin in meergrünem silbergesticktem Brokat, ein +flimmerndes Diadem im weißen Haar. Hinter den Majestäten die Prinzen +und Prinzessinnen des Königlichen Hauses und das Gefolge. + +Die Gesellschaft versinkt in einer tiefen Verneigung. Liebenswürdig +grüßt das Kaiserpaar nach allen Seiten. Während eines kurzen Cercles +spielt die Kapelle. Der Oberzeremonienmeister gibt das Zeichen zum +Beginn des Tanzes. Die Kapelle setzt mit dem Walzer Tesoro mio ein. +Zwei Gardedukorps eröffnen mit Hofdamen der Kaiserin den Ball. + +Rundtänze wechseln mit Lançiers und den alten Tänzen, Menuett +à la +reine+, Prinzengavotte, Gavotte der Kaiserin. + +Die Majestäten sehen den Tänzen zu, nehmen Vorstellungen entgegen und +ziehen zahllose Anwesende ins Gespräch. + +Auf und nieder wogt das glänzende Bild. + + * * * * * + +Die Souperpause ging ihrem Ende entgegen. Langsam leerte sich der Saal, +wo die Jugend gespeist hatte, in Gängen und Nischen ward es lebendig. + +Der helle Schein des Vollmonds fiel in einen verschwiegenen +Wintergarten. Wie heimliches Werben umflimmerte sein silberner Glanz +die rosige Ampel. Kamelienbäume neigten die blütenschweren Äste, +Flieder und Jasmin dufteten, ein Springbrunnen plätscherte. -- -- + +Durch das dichte Grün der Myrten schimmerte eine helle Toilette. +Halblaute Unterhaltung klang herüber. + +Ein weißhaariger Landstand lehnte im Eingang. Eine Rasseerscheinung. +Ein Gesicht wie ein alter Adler. Der ganze Mann Aristokrat vom Scheitel +bis zur Sohle. Uradel. + +Suchend blickte er sich um. + +»Sie glauben nicht, wie ich mich freue, daß Sie Großmama Gesellschaft +leisten,« klang's hinter der Myrtenhecke. »Ich weiß, wie sehr sie diese +Zeit genießen wird! Und dazu Ihr Geigenspiel, Gräfin!« + +Ein helles Lachen klang durch den Raum. + +»Wo denken Sie hin, Baron! Ich bin die Genießende! Ich jubiliere +geradezu, daß mir die langweilige italienische Reise erlassen worden +ist! Sechsmal bin ich in Italien gewesen, und leider fehlt mir jedes +Verständnis für Mamas Art zu reisen. Wir sind eben ganz verschieden +veranlagt. Ich will unterwegs Natur und Kunst genießen, und Mama fragt +nichts danach. Wissen Sie, da traf sich's herrlich, daß ich Gesang- +und Geigenunterricht nicht wieder unterbrechen durfte -- Mama reist ja +außerdem gern allein, sie kann mich wirklich entbehren!« + +»Wann ist Ihre Frau Mutter abgereist?« + +»Gestern. Sie wollte eigentlich erst morgen fahren, um mich noch auf +den Hofball begleiten zu können. Aber mein Onkel Firlemont drahtete, er +wolle sich Montag mit ihr in Venedig treffen, da mußte sie ihre Pläne +ändern.« + +»Es gibt doch auch genug Menschen, die Sie mit Wonne bemuttern würden, +Gräfin,« sagte Harro Kambach lakonisch. + +Die leise Antwort verklang im Plätschern des Springbrunnens. + +Langsam trat der Landstand näher. Eine Falte stand zwischen seinen +Brauen. + +»Wenn ich eine alte Exzellenz wäre, würde ich meine Staatskutsche +bekränzen und ›Brandenburgs Rose‹ mit Musik zu Hofe fahren!« rief der +Ulan. + +Wieder klang das helle Mädchenlachen: »Das würden Sie aus dem einfachen +Grunde bleiben lassen, weil ›Brandenburgs Rose‹ Sie stechen würde, und +die Polizei keinen groben Unfug duldet.« + +»Oho! ›Brandenburgs Rose‹ sticht nicht, und was die Polizei anbelangt +...« + +»Das geht hier ja sehr kriegerisch zu!« Graf Bühler stand vor seiner +Enkelin. Wohlgefällig ruhte sein Blick auf der eleganten Erscheinung. + +Sibylle und ihr Tänzer hatten sich erhoben. + +»Was sagen Sie dazu, lieber Kambach, daß der Ausreißer sein Quartier in +der Dorotheenstraße aufgeschlagen hat?« wandte sich der alte Herr an +den jungen Offizier. + +Sibylle errötete. »Ich komme doch Ende Februar zu dir, Großpapa,« +sagte sie lächelnd, zwei Grübchen in den Wangen. »Es war so sehr gütig +von Exzellenz von Kambach, mich einzuladen, außerdem verlernte ich ja +alles, wenn ich jetzt fortginge!« + +»Ja, ja, schon gut!« Er nickte ihr lächelnd zu. »Kann's mir denken, +mein Deern, daß du heilsfroh bist, nicht von Gasthof zu Gasthof gondeln +zu müssen.« + +Sie senkte die Wimpern. Der Großvater war sonst nicht vor anderen so +scharf. Ob er Harro schon mit zur Familie rechnete? Ein fragender Blick +flog zu dem alten Herrn hinüber. + +Aber der nickte ihr ein zweites Mal zu. »Ja, ja, Billy, ich kann's mir +denken!« -- -- + + * * * * * + +Eine Polka lockte. Sie traten in den Saal. + +»Haben Sie Ihren Vater gesehen, lieber Kambach?« fragt Graf Bühler im +Gehen. + +»Papa ist von Seiner Majestät befohlen worden, Erlaucht!« + +»So, so. Danke.« Und fort war er. -- -- + +»Bleiben Sie recht lange bei Großmama,« sagte Harro Kambach zu seiner +Dame, während sie über das Parkett flogen. Sein Auge ruhte auf ihr. +Sie fühlte, daß diesem Wunsch ein anderer zugrunde lag. War sie +erst in Bühl, dann konnte er nicht alle Augenblicke kommen. In der +Dorotheenstraße ging der Enkel Exzellenz von Kambachs ungehindert ein +und aus. + +Eine tiefe Neigung zog sie zu dem schönen ritterlichen Manne, eine +Neigung, wie sie sie nie zuvor empfunden. Aber Sibylle Bühler gehörte +nicht zu den Frauen, die sich von einer großen Leidenschaft beherrschen +lassen. Sie blickte auf Leben und Zukunft, abwägend, die Frage der +Ergänzung in Betracht ziehend. Und doch war sie keine kühle Natur. +Sie war eine echte deutsche Frau, mit deutschem Blut und deutscher +Sehnsucht, zu der Liebe Opfern bereit. Aber sie hatte die klare +zielbewußte Klugheit der Bühlers, die nach allen Seiten Umschau hielt, +bevor sie handelte. Und diese Klugheit mahnte zur Vorsicht. Nur ihre +bisherige Zurückhaltung, die sie sich bei aller Freundlichkeit bewahrt, +hatte Harro Kambach noch von einer Werbung zurückgehalten. Es war +das erstemal gewesen, daß sie dieselbe weniger betont. Und nun kam +der Besuch bei seiner Großmutter dazu. Exzellenz von Kambach war in +Sibyllens Augen das Ideal einer deutschen Frau. Wohl wußte sie, daß sie +von vielen wegen ihres tatkräftigen Handelns, ihres scharfen Urteils, +ihrer, wie es manchen scheinen wollte, allzu schroffen Stellung in +Bekenntnisfragen angegriffen wurde, aber was die Menschen sagten, war +für sie durchaus nicht maßgebend. Im Gegenteil. Die allgemeine Meinung +hatte von jeher ihren Widerspruch herausgefordert. Die unglaubliche +Oberflächlichkeit, mit welcher die höchsten Kreise den unerhörtesten +Klatsch verbreiteten, hatte ihr Feingefühl stets beleidigt. Sie sah +selbst und urteilte selbst. Das gab ihrem Wesen jene Sicherheit, die, +mit angeborenem Takt gepaart, ihrer ganzen Persönlichkeit ihr Gepräge +verlieh. -- -- + +Als Exzellenz von Kambach gehört, daß Gräfin Bühler wieder, wie es +hieß, wegen eines verschleppten Luftröhrenkatarrhs für längere Zeit +nach dem Süden gehe, ihre Tochter aber wegen eben erneut begonnenen +Musikunterrichts in Potsdam lassen werde, lud sie Sibylle ein, +die nächsten Wochen bei ihr zu verbringen. Mit großer Freude und +Dankbarkeit sagte das junge Mädchen zu. Gräfin Bühler war, obwohl sie +ihrer Tochter nichts in den Weg legte, weniger entzückt. + +»Du bist sowieso schon auf dem besten Wege, eine ›Betschwester‹ zu +werden,« sagte sie in ihrer spöttischen Art. »Wenn du vier Wochen bei +der alten Kambach gewesen bist, werde ich dich wohl in irgendeinem +Diakonissenhause wiederfinden. Die Schwesternhaube wäre nicht übel zu +deinem Madonnengesicht, aber meine Einwilligung bekommst du vorläufig +nicht, liebes Kind! Höchstens später, wenn der Anschluß als endgültig +versäumt zu betrachten ist!« + +Sibylle kannte diese Redensarten und schwieg. Sie war froh, daß die +Mutter ihr nicht verbot, der Einladung zu folgen. Daß sie nicht ihr +zuliebe ja gesagt, als die alte Dame in eigener Person gekommen +war, um ihren Liebling zu sich zu bitten, wußte sie nur zu gut. Da +sprachen ganz andere Dinge mit, nicht zuletzt der Wunsch, häufiger +ohne die in ihrer norddeutschen Zurückhaltung so unbequeme Tochter +reisen zu können. Vielleicht folgten dieser Einladung andere. Aus +Schicklichkeitsgründen konnte sie Sibylle nicht immer allein zu Hause +lassen, und ob sie den ganzen Tag ihre Stradivariusgeige spielte, -- +sie war noch nicht alt genug und zu hübsch. Einmal ging das wohl, aber +nicht öfter. Dazu wurde in Potsdam zuviel geklatscht. Gräfin Bühler kam +die Einladung daher in gewissem Sinne nicht unwillkommen. + +Sibylle hatte sich längst daran gewöhnt, ihren Weg allein zu gehen. +Ihre Kindesliebe zu der gefallsüchtigen oberflächlichen Frau beruhte +lediglich auf Pflichtgefühl. Daß sie sich der Abwesenheit der Mutter +heimlich freute, war daher kein Wunder. -- + +Sie war ihrem Tänzer die Antwort schuldig geblieben. Die langen Wimpern +gesenkt, ließ sie sich auf ihren Platz führen. + +»Nun?« fragte er endlich. + +»Fräulein Eichel wird eifersüchtig werden,« wich sie ihm aus. + +»Ach, die alte Landpomeranze, -- Verzeihung, Gräfin, -- die rechnet +nicht mit!« + +Sibylle lachte ihm hell ins Gesicht. »Bitte, ich bin auch eine +Landpomeranze! In Bühl hat meine Wiege gestanden, und die paar Jahre, +die wir in Potsdam sind, haben mich nicht zur Städterin gemacht.« + +Er lächelte. »Mag sein, aber Sie haben Ihr Leben nicht unter alten +Tanten und Landpastörchen verbracht. Sie haben anderes gelesen als +Kreuzzeitung und Reichsboten und Missionsblätter, und ich weiß nicht +was für gottseliges Zeug, haben anderes gesehen als Armenstrickstrümpfe +und Wickelbänder! Ja, ja, verzeihen Sie, ich verfalle in Stallton, aber +ist's nicht so? Mein Gott, was hockt alles auf den Gütern zusammen! Ich +bewundere immer die Hausherren, die meist als Hahn im Korbe diesen +Normalzustand ertragen, und kann nur sagen: Gott bewahre mich davor, +zwei bis drei sechzigjährigen Tanten Altenteil gewähren zu müssen, +abgesehen von der für den Landwirt sehr empfindlichen Mehrbelastung +des Geldbeutels! Sehen Sie, Gräfin, diese heillose Jungfernwirtschaft +ist mitschuldig am Niedergang des Großgrundbesitzes. Was diese alten +Schmarotzer aufessen, soll der Grund und Boden abwerfen außer allem +übrigen, was sonst ein Gut verschlingt! -- Papa ist ein Schlaumeier, +der hat rechtzeitig dafür gesorgt, daß seine Schwestern die Welt zu +sehen bekamen! Na ja, eine war immer hübscher wie die andere -- noch +jetzt ist's eine Freude, diese drei schönen alten Frauen zu sehen, +aber trotzdem, Papa hat dafür gesorgt, daß in Kambach unsere vornehmen +Regimenter verkehrten, daß Leben in die Landschaft kam; und was war der +Erfolg? Alle drei haben erste Partien gemacht! Ja -- Papa!« Und Harro +sang seines Vaters Lob, als hätte er niemals seine Strenge erfahren, +niemals in starrem Gegensatz zu seinen Auffassungen von Landhochzeiten +und altmärkischer Gastfreundschaft gestanden. + +»Aber Fräulein Eichel ist doch kein Schmarotzer!« sagte Sibylle. +»Ich glaube, Ihre Großmutter wäre unglücklich, wenn sie ihren treuen +Hausgeist nicht hätte!« + +Harro Kambach schüttelte beinahe ungeduldig den Kopf. »Es ist möglich, +daß sie ein Engel vom Himmel ist, der aus Versehen in dies entsetzliche +mausegraue Kleid hineingeraten ist -- ich kann nun einmal Leute, die +aus Frömmigkeit ewig Grau und Schwarz tragen, nicht leiden, Gräfin, -- +gewiß, eine Untugend von mir, aber ich kann's nicht! Und dann dieser +glattgekämmte Scheitel, -- sie nimmt Wasser, behaupte ich! Wissen Sie, +es ist wirklich ein Unrecht, wenn eine Frau sich so zurecht macht! +Könnten Sie in dem Punkte nicht einen Wandel schaffen? Es ist wirklich +ein Kreuz, ihr gegenüber bei Tisch zu sitzen! Nirgends sagt die Bibel, +daß die Frauen sich zu Vogelscheuchen machen sollen, im Gegenteil, ich +weiß ganz genau, daß irgendwo etwas von zierlichen Kleidern steht, +ich wundere mich nur, daß Fräulein Eichel die Stelle nicht zu kennen +scheint, -- aber ich will Sie nicht länger elenden!« + +»Ich kann Fräulein Eichels Haar beim besten Willen nicht so schlimm +finden,« sagte Sibylle. »Das kommt Ihnen nur so vor, weil Sie +immer gebrannte Frauenköpfe sehen -- ja, ja!« Sie lachte. »Und das +Mausegraue? Gewiß, sie zieht sich meist dunkel an, aber ich habe sie +doch auch schon in ganz hellen Kleidern gesehen!« + +»Ich nicht!« Er blickte sie von der Seite an. »Aber da kommt Graf Lier +mit einem Kotillonstrauß!« + +Er sah der schlanken Mädchengestalt nach, wie sie im Arm des blauen +Husaren durch den Saal schwebte. Nun hatte er ihr doch nicht gesagt, +warum sie so lange bei der Großmutter bleiben sollte. Aber sie würde es +sich schon denken können. + +Das Paar kehrte zurück. Mehr als ein bewundernder Blick ruhte auf dem +jungen Mädchen. Sehr bekannt schien Sibylle nicht zu sein. In manchem +Auge stand eine Frage. + +Und jetzt, -- was war das? Mitten durch den Saal kam ein schwarzer +Husar, eine Teerose in der Hand, auf Sibylle Bühler zu -- der +Kronprinz. + +Nach tiefer Verneigung folgte sie dem Thronfolger. Ein feines Rot lag +auf ihren Wangen. + +»Wer ist das?« hörte Kambach seine Nachbarin ihren Tänzer fragen. + +»Uradel. Aus der Uckermark. Sechzehn Ahnen. Bildschöne Frau, nicht +wahr?« + +Sie nickte. »Ja, wer ist es denn?« + +»Eine Frau von Riddeck; soviel ich weiß, steht der Mann bei der Garde!« + +Harro lachte in sich hinein. Mochten die beiden denken, was sie wollten +-- sein Blick folgte Sibylle, -- warum wurde sie immer für eine Frau +gehalten? Es ärgerte ihn. Ein Mädchen konnte gerade so gut Haltung +haben, hatte manchmal mehr. Verdrehte Auffassung! Hinterpommern! Hier +in Berlin war so etwas nicht lebensfähig. + +Sie tanzte noch immer. + +Und dann sah er sie plötzlich vor dem Kaiser stehen. Ein hübsches Bild: +Seine Majestät im Gespräch mit der jungen Brandenburgerin. Der Kaiser +sehr leutselig. Sibylle unbefangen und natürlich wie immer. Das liebten +die Hohenzollern. + +Während Harro hinüberblickte, schlug die Unterhaltung des schwarzen +Husaren mit dem pommerschen Landedelfräulein an sein Ohr. + +»'s ist ein Jammer, daß wir das Kronprinzenpaar nicht mehr in Danzig +haben, gnädiges Fräulein! Die Zeit bleibt die schönste meines Lebens! +-- Die ganze Bevölkerung trauert den hohen Herrschaften nach! Sie +gehörten so ganz zu uns! Warum muß alles Schöne im Leben von so kurzer +Dauer sein!« + +»Seien Sie doch zufrieden! Sie sind immerhin die Bevorzugten gewesen!« + +»Ja, ja, das sind wir. Aber gerade darum empfinden wir den Abstand. +Allein die kleinen Prinzensöhne! Jeden Morgen sah ich sie beim +Ausritt!« + +Er blickte gedankenverloren über das bunte Treiben hinweg. »Und die +Frau Kronprinzessin!« + +Sie nickte. »Ich kann's mir denken, man braucht sie ja nur anzusehen!« +-- -- + + * * * * * + +»'n Abend, Harro! Ganz allein? Ach so, -- Billy ist deine Dame! Sie +sieht famos aus heute abend, von allen Seiten wird's einem gesagt. +Jetzt heißt's den Anschluß erreichen!« Wolf Dietrich Bühler zwinkerte +seinem Schwager zu. »Wie stehen die Aktien, alter Junge?« + +Dem anderen stieg das Blut ins Gesicht. + +»Sei nicht so laut,« sagte er scharf und zog die Stirn in Falten. + +Graf Bühler zuckte die Achseln. »Hab' dich nicht, in Drachenburg +erzählen sich die Spatzen auf den Dächern deinen Roman. Und in +Potsdam?« Er lachte. + +»Wie geht's Ilse?« fragte Kambach ablenkend. + +»Danke, gut! Sie hätte sich praktischer einrichten sollen. Alles fragt, +warum sie nicht hier ist.« In der ihm eigenen burschikosen Art kam's +heraus. + +Harro fühlte sich unangenehm berührt. Aber er sagte nichts. Seit Wolf +Dietrich verheiratet war, hatte seine Freundschaft für den Kameraden +eine merkliche Abkühlung erlitten. Er stand seiner Schwester sehr nahe. +Um so mehr verletzte ihn die Art, wie Bühler ohne jede Rücksicht auf +ihren schonungsbedürftigen Zustand die junge Frau behandelte. Einmal +war es sogar zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen den beiden +Schwägern gekommen. Die Stimmung war daher auf beiden Seiten eine +gereizte. -- + +»Wo steckt denn Roselius eigentlich?« fragte Bühler. + +»Seine Mutter ist schwer erkrankt!« klang es kurz zurück. + +»Und da muß der Ärmste Diakonisse spielen?« + +Harro drehte sich auf dem Absatz um und begrüßte einen Kameraden. + +Die Jagdhörner riefen. In hellen Fanfaren klang das Halali durch den +Saal. + +Der Dittersdorfer Huldigungsreigen beschloß das Fest. + +Wieder zeigte der schimmernde Saal eine einzige tiefe Verneigung, +wieder grüßten die Allerhöchsten Herrschaften nach allen Seiten. Die +goldenen Türen taten sich auf und schlossen sich wieder. Die Majestäten +hatten den Saal verlassen. + +Auf Treppen und Galerien ward's lebendig. Noch einmal belebte das +farbenreiche wechselnde Bild das verschneite Portal. Dann verflog's +wie ein anmutiger Traum, Licht um Licht erlosch, dunkel lagen die +Fensterreihen des Zollernschlosses. -- + +Durch die Winterstille klang das Schlagen der Uhren. Nicht lange +mehr, und Berlin erwachte zur Arbeit. Aber noch war's Nacht. In +tiefem Traum lag die Weltstadt. Der Schnee glitzerte. Drüben über der +Friedrichstraße lag der berüchtigte Schein nächtlichen Lebens. Sonst +winterliches Dunkel, schneeverwehte Straßenlaternen. + +Fern über den Havelseen stand eine dunkle Wolkenwand wie dräuendes +Wintergewitter. Schwarz und gespenstisch hing es über Deutschland. + +Der Zeiger rückte. Im Osten dämmerte es. + +Da stieg die Zeit, die oben im Turm gewacht, den tausendjährigen +Wendelstein hinab und zog den Strang: + +›Sechs hat die Glocke!‹ + +Aber niemand hörte die Mahnerin. + +Deutschland schlief. + + + + +Siebentes Kapitel. + +Trotz alledem ... + + Auf keinen Menschen Rücksicht nehmen, -- + Keinem Menschen sich anbequemen, + Niemand Zugeständnisse machen, -- + Streng über Haus und Schwelle wachen, -- + Nach keiner fremden Meinung fragen, + Wenn's heißt, des Kreuzes Banner tragen -- -- + Im Geisteskampf, im Glaubensstreit, + Gilt's heil'ge Rücksichtslosigkeit! + + +In der Dorotheenstraße in dem stillen Quartier der alten Exzellenz saß +der Oberstallmeister von Kambach seiner Mutter gegenüber. + +Er war eben vom Lande hereingekommen. Wohlig umfing ihn die +gleichmäßige Wärme. + +»Bei dir ist's gemütlich, Mama!« Er sah sich um. »Ist etwas verändert?« + +»Nein; nur die Blumenfülle von meinem Geburtstag!« + +»So.« Zerstreut flog sein Blick über die Frühlingspracht. + +Sie merkte, er kam mit etwas Besonderem zu ihr, mit etwas, das ihn +drückte. Vor kaum vierzehn Tagen hatten sie sich ja erst gesehen. +Allerdings nur flüchtig und nicht unter vier Augen. Trotzdem. Sie +fühlte, er kam nicht nur in Geschäften oder um nach ihr zu sehen. + +Frau von Kambachs Arbeitszimmer war ein behaglicher Raum mit schönen +alten Möbeln, mit kostbaren Gemälden und Stichen aus der Vergangenheit. +In der Nähe des Fensters stand der breite Diplomatenschreibtisch ihres +verstorbenen Mannes, darüber hing ein lebensgroßes Bild des alten +Kambachers, -- ein Kunstwerk von großer Frische und Ursprünglichkeit. +Das graue Haar kurz geschnitten, die blauen Augen sprühend, die Hand +am Degen, schien Fritz Karl von Kambach aus dem breiten Goldrahmen +heraustreten zu wollen in das stille Gemach seines im weißen Haar noch +arbeitsfrohen Weibes, unter die Menschen, in den Reichstag, seinen +alten Platz in der Welt wieder einzunehmen, den er sich erkämpft und +mit Ehren behauptet. + +Unter dem Bilde saß der Sohn. Rassig vornehm energisch, wie der Vater. + +›Meinem Fritz Karl wie aus den Augen geschnitten,‹ dachte die Greisin, +während sie den Vergleich zwischen dem Toten und Lebenden zog. + +Der alte Kambach hatte es bis zum Generalmajor gebracht und erst spät +das väterliche Gut übernommen. Karl Heinrich, der ebenfalls, wie alle +Kambachs, bei den Drachenburger Ulanen gedient, mußte krankheitshalber +als Oberleutnant den Abschied nehmen. Er trat in den Hofdienst und +rückte bis zum Oberstallmeister auf. Aber die Sehnsucht nach dem +militärischen Beruf verließ ihn nicht. Noch niemals hatte es einen +Kambach gegeben, der nicht mit Leib und Seele Soldat war. Königstreue +und Vaterlandsliebe lagen dem stolzen Geschlecht im Blut. + +»So, Karl Heinrich, nun kram' aus,« sagte Frau Sabine, dem Sohne +zunickend. + +»Es ist aber viel, Mama! Stör' ich dich wirklich nicht?« Er warf einen +fragenden Blick auf den Schreibtisch. »Ich weiß ja, wie du überlaufen +wirst, und dann noch so und so viele Wohltätigkeitsveranstaltungen in +diesen Monaten!« + +»Das besorgt Fräulein Eichel,« entgegnete Frau von Kambach. + +»Ja, aber es geht dir doch auch sonst viel im Kopf herum, z. B. der +Bund der bibelgläubigen Christen. Ich wäre deshalb sowieso in diesen +Tagen zu dir gekommen. Wie weit bist du?« + +»Nachher, Karl Heinrich! Du wirst noch genug davon hören! Erst deine +persönlichen Angelegenheiten! Wozu ist eine Mutter denn da? Ich bin +keine Anhängerin der Frauenemanzipation, mein Junge!« + +Er lachte. »Das weiß ich.« + +»Na, also.« Sie setzte sich im Lehnstuhl zurecht. + +Auf seiner Stirn lagerten Sorgen. »Vielleicht ahnst du's schon, Mama: +Ilse!« + +Er hatte die Worte rasch, beinahe heftig herausgestoßen. Seine Stirn +rötete sich. + +»Ja, nun sag' ich wieder zuerst, was eigentlich zuletzt kommen sollte +-- das da ist schuld daran,« er wies auf das Bild seiner Tochter, »na, +es ist ja schließlich einerlei; wenn du beides gehört hast, sagst du +vielleicht: ›Er kommt wenigstens mit dem Schlimmsten zuerst heraus!‹ +Ja -- Ilse!« Er seufzte. »Ich hab's ihr ja von Anfang an gesagt, daß +sie eine Dummheit begehe. Deutlich bin ich, weiß Gott, gewesen, -- +sonst würde ich mir heute die wahnsinnigsten Vorwürfe machen! Aber +dies hätte ich denn doch nicht für möglich gehalten! Ich kann eine +ganze Menge vertragen und jede weibliche Zimperlichkeit ist mir +fürchterlich, aber wenn ein junger Ehemann gleich im ersten Vierteljahr +seine Frau derartig behandelt, weil es ihm gegen den Strich geht, daß +er nicht mit ihr auf den Hofbällen glänzen kann, so hört denn doch die +Weltgeschichte auf! Er hat weder Pietät noch Gefühl, Mama, da können +wir noch etwas erleben! Ein-, höchstens Zweikindersystem! Und Gott +weiß, was sonst noch alles! -- Ich habe mir Wolf Dietrich übrigens +neulich vorgenommen und mir ausgebeten, daß er seine schlechte Laune +nicht immer an Ilse ausläßt. Na ja, vor mir hat er Respekt, schon wegen +der Zulage, denn der alte Bühler gibt dem Luftikus nicht viel, was ich +ihm durchaus nicht verdenke -- also Wolf Dietrich entschuldigte sich +und gelobte Besserung, aber ich gebe nichts darauf. So einen muß unser +Herrgott erst mal feste beim Kragen nehmen und schütteln, daß ihm die +Puste vergeht! Allein diese Gereiztheit mit den Dienstboten um nichts +und wieder nichts, es ist ja unerhört! Sein Bursche möcht' ich nicht +sein! Zum Donnerwetter!« Er schlug mit der Faust aufs Knie. »Verzeih, +Mama! Aber es kribbelt einen in allen zehn Fingern, den Bengel einmal +an die frische Luft zu setzen und gründlich zu verhauen!« + +Er seufzte. »Und bei alledem ist Ilse wie ein Lamm, das reizt ihn +natürlich immer mehr. Sie scheint ihn für sehr nervös zu halten und +schont ihn, wo sie kann!« + +»Für besonders nervös halte ich ihn durchaus nicht,« sagte die alte +Dame nachdenklich. »Er spielt doch nicht etwa, Karl Heinrich, +oder ....« + +Der Oberstallmeister fuhr empor. »Was meinst du, Mama?« + +»Ach, ich möchte keinen unbegründeten Verdacht aussprechen!« + +»Ist auch nicht nötig, ich kann's mir schon denken!« Er zuckte die +Achseln. »Beweise fehlen mir auch.« + +In ihrem Gedächtnis war eine kleine Begebenheit lebendig geworden, +-- nein, keine Begebenheit, nur ein flüchtiges Bild, ein kaum zutage +tretender und doch ihrem scharfen Auge nicht unbemerkt gebliebener +Zug, der mit kurzem Federstrich den ganzen Menschen zeichnete. Kein +verhängnisvolles Wort, keine bezeichnende Bemerkung -- nichts -- +nichts weiter als die Art und Weise, wie der Drachenburger Ulan eine +Berliner Schauspielerin begrüßt hatte. Es war keine von den vielen, +allzu vielen, ein eisiger Blick hatte ihn in die Schranken gewiesen -- +aber die alte Exzellenz wußte genug. Ein Mann, der durch einen einzigen +Blick eine Frau erniedrigen konnte, war kein Edelmann. Und Exzellenz +von Kambach hatte es aufs tiefste beklagt, daß sie diesen Augenblick +nicht vor der Hochzeit ihrer Enkelin erlebt. Geredet, gewarnt worden +war viel, aber Tatsachen, Beweise hatten gefehlt. + +»Ja, Mamachen, du kannst es dir wohl denken, worauf ich hinaus will,« +begann Herr von Kambach aufs neue. + +Sie blickte ihn ernst an. »Vermittlerin? Karl Heinrich, du weißt, ich +halte nichts davon.« + +Er räusperte sich. »Es ist ein Unterschied, Mama, ob ein Mann das +tut, oder eine Frau in deinem Alter und von deiner Art. Vor mir +hat Wolf Dietrich Dampf, vor seinem Großvater Respekt, meinetwegen +Hochachtung und einen Rest kindlicher Ergebenheit. Für dich aber hat +er eine unbegrenzte Verehrung. Das liegt in deiner Person, -- in der +wunderbaren Vereinigung von männlicher Kraft und zartestem weiblichen +Empfinden. Verzeih, aber das mußte gesagt werden. Und dann noch eins +-- es ist dein Christentum, das immer wieder Tat wird, meinst du, das +mache ihm keinen Eindruck? Man braucht ja nur einen flüchtigen Einblick +in dein Leben und Schaffen zu tun. Es ist der letzte Rest eines guten +Kerns, der Bühler nicht nur kühle Hochachtung abnötigt, sondern ihm das +Herz warm macht. Du könntest ihn um den Finger wickeln, Mama!« + +»Vorübergehend vielleicht, auf die Dauer nicht. Er ist zu leichtsinnig +veranlagt! Unsere ganze gesellschaftliche Umwelt kommt dazu. Sie färbt +ab. Nur ganze Menschen, Persönlichkeiten, die auf sich achten, die ihr +Innenleben im Auge haben, die vor Gott wandeln, bleiben unberührt +von den Einflüssen einer gefährlichen Umgebung, die anderen gehen +zugrunde. Wolf Dietrich ist nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Er +ist die Frucht einer Zeit, die mit dem Persönlichkeitsbegriff spielt. +Denn sie bringt gerade das Gegenteil von dem hervor, was sie fordert: +Determinismus. Ich wenigstens vermag die Arbeit, die im letzten +Grunde nur zum Vorteil der Einzelperson geschieht, nicht mit meinen +Persönlichkeitsidealen zu vereinen.« + +Der Sohn nickte zustimmend. »Ja, es ist eine Schande für uns, daß +solche Leute des Königs Rock tragen. Eine größere Verkennung des +monarchischen Gedankens gibt es kaum, wie die Verbreitung entgotteter +Weltanschauungen in der Armee.« + +Beide schwiegen. + +»Ja, Karl Heinrich,« sagte die alte Dame endlich, »du kennst meine +Ansicht. Ich glaube ja nicht, daß durch Reden und Vorstellungen viel +geändert wird. Aber ich will, wenn die Gelegenheit sich bietet, gerne +auf deinen Schwiegersohn einzuwirken versuchen.« + +»Danke, Mama.« Erleichtert klang's. + +»Wenn es nur hilft, Karl Heinrich!« + +Er sah nach der Uhr. »Um halb drei ist eine Sitzung des Bundes der +Landwirte, nachher geselliges Zusammensein, -- verzeih, wir essen um +halb zwei, nicht wahr?« + +»Gewöhnlich essen wir um halb zwei,« entgegnete Frau von Kambach, »aber +bitte, bestimme ganz, wie es dir paßt. Willst du nicht überhaupt erst +frühstücken?« + +»Nein, danke. Ich möchte erst alles mit dir besprechen. Ändere deine +Tagesordnung ja nicht, es paßt alles sehr gut. -- Also, bitte, +erschrick nicht -- ich habe Eberhard aus den Konfirmandenunterricht +nehmen müssen!« + +Nein, sie erschrak nicht. Sie blieb sogar merkwürdig ruhig. Aber ein +tiefer Schmerzenszug trat in ihr klares Frauengesicht. »Also wirklich?« +sagte sie leise. + +»Du hast darauf gewartet?« + +Sie nickte. + +»Ich hätte es mir denken können,« meinte er. + +»Ich hatte am Tage nach Ilses Hochzeit ein Gespräch mit Pastor Wendler +über seine Predigt,« sagte sie. »Und was ich da hörte, war derartig, +daß ich mich auf alles gefaßt machte. Ich hätte gerne mit dir darüber +gesprochen, aber damals hatten wir keinen ungestörten Augenblick, und +während der kurzen Zeit, die ich im November in Dreilinden war, haben +wir uns ja kaum gesehen. Schreiben wollte ich nicht in der Sache. +Außerdem wußte ich, daß du in bezug auf Wendlers Konfirmandenunterricht +längst Bedenken hegtest. Auch hattest du die Predigt ja gehört.« + +»Ja, gewiß. Wären meine Bedenken damals, als der Konfirmandenunterricht +begann, so stark gewesen wie in letzter Zeit, ich hätte den Jungen +gar nicht erst hingehen lassen. Der Anfang des Unterrichts liegt ja +Fünfvierteljahr zurück, Mama! Gerade im letzten Jahr ist aber eine +große Veränderung mit Wendler vor sich gegangen.« + +Sie nickte gedankenverloren. + +»Eberhard ist ja sehr verschlossen,« fuhr der Kambacher fort. »Zum Teil +ist es auch angeborene Vornehmheit, daß sich der Junge niemals ein +Urteil über seine Lehrer erlaubt. Ich weiß, daß er unter den beiden +letzten Hauslehrern geradezu gelitten hat, -- trotzdem niemals ein +Wort der Klage! Es hat mich wirklich gefreut!! Aber dies war zuviel. +Ich hatte ihm schon ein paarmal angemerkt, daß nicht alles in Ordnung +war, aber er sagte nichts. Und dann kam er plötzlich gestern zu mir, +ganz aus dem Häuschen vor Kummer und Enttäuschung. Was war geschehen? +Wendler richtet die Frage: ›Was ist Glaube?‹ an die Jungens, und +Eberhard antwortet: ›Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, das man +hoffet und nicht zweifelt an dem, das man nicht siehet!‹ Da schüttelt +Wendler den Kopf: ›Mein guter Junge, das ist ein Bibelwort, es ist +in diesem Falle aber nicht am Platz! Die Frage muß wissenschaftlich +beantwortet werden!‹ -- Aber es kommt noch viel schlimmer! -- Nun +stelle dir die armen Kinder vor, Mama! Es sind in diesem Jahr mehrere +Knaben aus sogenannten besseren Familien darunter, Honoratiorensöhne, +der Älteste von meinem Inspektor, dein Dreilindener hat auch einen +dabei, -- alles Kinder aus guten christlichen Familien, die solche +Ansichten zum mindesten irreführen müssen, abgesehen von Eberhard +und dem kleinen Riddeck. Knaben von fünfzehn und sechzehn Jahren, +welche nichts anderes kennen gelernt haben als das unumstößliche +Christenbekenntnis eines frommen Elternhauses, sind natürlich wie +vor den Kopf geschlagen, wenn ein Mann wie Wendler, zu dem sie +emporgesehen, solche Behauptungen aufstellt. Ich mache mir heute die +bittersten Vorwürfe, daß ich Eberhard nicht gleich damals im Herbst +vorm Jahr fortgegeben habe. Dann wäre dieser Unterricht einfach +weggefallen. Denn ich kann's nicht leugnen, ich hab' mir manchmal +Sorgen gemacht, dann aber sagte ich mir: ›Du bist sehr streng positiv +erzogen! Vergiß nicht, daß auch die Orthodoxie ihre Mängel hat, ihre +Schärfen, ihre Engigkeit!‹ Das hab' ich mir gesagt, Mama! Und in +diesem Bestreben bin ich in meiner menschlichen Rücksicht zu weit +gegangen. Ich habe gerecht und milde sein wollen, aber ich war's am +verkehrten Ende. Im Blick auf das große Ganze ist mein Urteil klar +geblieben, was die letzten Ergebnisse des Liberalismus sind, hab' +ich immer gewußt, aber ich habe die Folgerungen in bezug auf die +Einzelperson nicht genügend gezogen. Denn es handelt sich nicht um +irgendwelche Nebenfragen, sondern um den Kern unseres Bekenntnisses, +um die Frage nach der Person des Herrn. Das hab' ich nicht scharf +genug ins Auge gefaßt. Nun hab' ich die Bescherung. Gibt man dem +Liberalismus den kleinen Finger, so nimmt er die ganze Hand. Zuerst +war Wendler bescheiden und vorsichtig -- jetzt erklärt er in der +Konfirmandenstunde, es stehe in der ganzen Bibel kein Wort davon, daß +Christus der Sohn Gottes sei. Der Dreilindener Inspektorssohn hat ganz +mutig den Finger aufgehoben und an das eidliche Bekenntnis vor Kaiphas +erinnert. Da hat der Mensch die Stirn, dem Jungen zu antworten: ›Dann +hat Jesus sich eben geirrt!‹« Er atmete schwer. + +»Jatho!« sagte seine Mutter. + +Er stützte den Kopf in die Hand. »Mama, das wäre mir nicht passiert, +wenn Thea noch lebte,« sagte er gepreßt. + +Mit mütterlicher Liebe blickte die alte Exzellenz auf den Sohn. In +gewissem Sinne hatte er recht. Aber doch nicht ganz. Gott hatte ihn +doch diesen Weg geführt, das genügte ihr. + +Sie sagte es ihm. + +»Gewiß,« entgegnete er, »das ist auch mir die Hauptsache. Aber gerade +in Glaubensfragen bedürfen wir der weiblichen Ergänzung. Du siehst es +hier doch wieder. Thea hätte mich bestimmt verhindert, Eberhard in +Kambach konfirmieren zu lassen. Und du hättest es, wärest du dauernd +bei mir, auch getan. Wendler hat übrigens einen heiligen Respekt vor +dir. In den paar Sommerwochen, wo du in Dreilinden bist, nimmt er sich +in acht!« + +»Das konnte man an dem Sonntag nach Ilses Hochzeit nicht behaupten.« + +»Nee, eigentlich nicht. Er hat sich gegen den Inspektor sehr erfreut +geäußert, daß du nach den anstrengenden Tagen noch zur Kirche gekommen +seiest, er wird also wohl nicht damit gerechnet haben.« + +Sie lachte. »Also eine Überrumpelung?« + +»Scheint so. Du hattest dich ja auch so gesetzt, daß man dich von der +Kanzel aus kaum sehen konnte.« + +»Die Sonne blendete mich.« + +Auf dem Schreibtisch schlug eine kleine bronzene Standuhr. + +»Willst du wirklich nicht frühstücken? Ein Glas Portwein? Es ist noch +eine volle Stunde Zeit bis zum Essen.« + +»Danke, Mama, ich habe keinen Hunger. Auch liegt mir viel daran, erst +alles mit dir durchzusprechen, wenn du erlaubst.« + +»Aber du hast heute noch viel vor. Ich finde, du siehst angegriffen +aus.« + +»Bei der Hetzerei kein Wunder! Kaum war ich vom zweiten Hofball zurück, +so kam dies! Ich hatte den Kopf voll wegen Ilse -- noch nicht einmal +mit dir hatte ich davon sprechen können! Kaum weiß ich, welches von +beiden mir schwerer wird, das mit ihr oder Eberhard! Hier sehe ich +wenigstens einen Ausweg, in der Bühlerschen Sache nicht. Daher fällt +sie mir so auf die Nerven!« Er seufzte. + +Zum erstenmal erschien der Mutter sein Gesicht gealtert, die Züge +schlaff, die Augen müde. Diese sprühenden, trotzigen, sieghaften +Kambachaugen! -- Ihre Gedanken wanderten. Wann hatte sie bei ihrem +Fritz Karl zum erstenmal diese Müdigkeit bemerkt? Sie sann nach. +Richtig -- als Bismarck ging! -- Gott! König! Vaterland! Das war's. +Damit waren diese Männer verwachsen, das machte sie jauchzen, das +war ihre Lust, aber auch ihre tiefste Herzenssorge! Mancher hätte +gewiß gefragt, was das mit Familiennöten zu tun habe. Es handelte +sich eben im letzten Grunde um mehr als Familiennöte, um Größeres, +Überweltliches. In irdisches Gewand gehüllte Ewigkeitswerte standen +auf dem Spiel. Ob die feinen goldenen Fäden, von einem Ufer zum +anderen gespannt, auch fernerhin die Verbindung zwischen Himmel und +Erde bilden würden, ob die drahtlose Telegraphie zwischen Gott und +der Seele bestehen blieb oder jäh zerrissen ward, darum ging's! +Dieselben Fäden aber schlangen sich um Thron und Altar. Königstreue und +Vaterlandsliebe wurzelten im Gottesglauben, des Glaubens Pflegerin aber +war die deutsche Familie. Ob dem behüteten Kinde des Landadels durch +liberale Torheit der erste Zweifel in die junge Seele getragen wurde, +ob eine zartgewöhnte Frau in ihrer Ehe unter den Folgen allgemeinen +Niedergangs litt -- es kam auf dasselbe heraus, -- auf die riesenhafte +Gesamtgefahr, die Deutschland bedrohte. Noch galt die alte heilige +Losung -- wie lange noch? -- Durch die Seele der greisen Edelfrau zog +Herders mahnendes Dichterwort. Immer wieder stand es über den großen +völkischen und religiösen Fragen, immer wieder gab es dem Einzelleben +seine ernste Unterschrift: ›Unsere Väter, o Deutschland -- meine Sorge +-- waren nicht, wie wir jetzt sind!‹ Im eigenen Hause sah Sabine von +Kambach das Unheil anheben -- wo wollt's hinaus? -- -- + +»Ich komme nun mit einer großen Bitte, Mama,« begann der +Oberstallmeister aufs neue. »Willst du Eberhard ein paar Tage bei dir +aufnehmen, bis ich eine geeignete Unterkunft für ihn gefunden habe? Ich +will ihn hier bei Jakobi konfirmieren lassen. Vielleicht nimmt er ihn +selbst ins Haus, das wäre mir das liebste.« + +»Kann er nicht bei mir bleiben? Du weißt, welche Freude du mir damit +machen würdest!« + +»Ich danke dir herzlich, Mama, ich habe den Gedanken selbst erwogen. +Aber ein fast sechzehnjähriger Junge gehört in männliche Hände. Es +wird mir schwer genug, ihn jetzt fortzugeben, doch was hilft's? Aber +wenn du ihn aufnehmen willst, bis das Weitere geregelt ist, bin ich dir +sehr dankbar!« + +Die alte Frau nickte dem Sohne freundlich zu. Natürlich verstand sie +ihn. Er hatte ganz recht. Da mußte das Großmutterherz schweigen. + +»Was hat Wendler denn gesagt?« fragte sie. + +»Eigentlich nichts. Er gab sofort zu, die beiden Bemerkungen gemacht zu +haben. Ehrlich war er ja immer, darauf setze ich überhaupt meine letzte +Hoffnung. Ein ehrlicher Mensch kann nicht an der Wahrheit vorüber. +Allerdings tut der Liberalismus ja alles, um sie seinen Anhängern zu +verschleiern. -- Meine Aufgabe war natürlich keine leichte! Es ist +sehr schwer, zu einem Geistlichen zu sagen: ›Was mein Kind von Ihnen +empfangen hat, ist Irrlehre!‹ Tausendmal lieber hätte ich gesagt: ›Sie +predigen unter aller Kanone!‹« + +Frau von Kambach lachte. »Das sieht dir ähnlich!« + +»Ja, ich bin nun einmal ein alter Soldat!« + +Ein rascher Schritt klang im Nebenzimmer auf dem Teppich. + +»Ach, bitte, Fräulein Eichel, einen Augenblick!« rief Exzellenz von +Kambach. + +Die Gesellschaftsdame erschien auf der Schwelle. Ein frisches angenehm +aussehendes Mädchen, Mitte der dreißig. + +Herr von Kambach erhob sich. »Guten Tag, Fräulein Eichel!« + +»Guten Tag, Herr Baron!« + +Sie schüttelten sich freundschaftlich die Hände. + +»Geht's Ihnen gut?« fragte er. + +»Danke, ausgezeichnet!« + +»Bitte, Fräulein Eichel,« sagte Frau von Kambach, »schicken Sie doch +Friedrich vor Tisch noch einmal zu Frau von Schink hinüber, ich käme +zwischen vier und fünf zu ihr.« + +»Er darf dann wohl gleich zur Post gehen, Exzellenz?« Die braunen Augen +sahen auf die Standuhr. »Es ist noch früh genug!« + +»Dann geben Sie ihm bitte meine Briefe mit!« Frau Sabine sah zum +Schreibtisch hinüber. »Einen an die Stadtmission, einen an Graf Bühler +und zwei Karten! -- Danke!« + +Sie waren wieder allein. + +»So, Mama, nun aber endlich zu dir!« Der Oberstallmeister hatte seinen +Platz wieder eingenommen. »Du siehst gut aus.« + +»Danke, ich bin auch recht frisch!« + +»Das freut mich! -- Und was macht der Bund? Ich habe mich leider bisher +so wenig darum kümmern können.« + +»Vorläufig ist es noch keiner. Wir sammeln uns erst. Vor allen +Dingen brauchen wir Geld. Eine hübsche Summe hat Frau von Schink uns +zugesagt. Dann fehlt uns immer noch der Direktor. Jeden können wir +nicht gebrauchen. Der Mann muß eine Persönlichkeit aus einem Guß sein, +erste Bedingung ist natürlich: ganz positiv. Die leiseste Neigung zur +Mittelpartei würde ihn für unsere Zwecke unmöglich machen. Daneben sind +Organisationstalent, rednerische Begabung und der rechte Überblick +auf sozialem, völkischem und kirchlichem Gebiet notwendig, vor allem +aber volles Verständnis für den ganzen bitteren Ernst der Zeit und +ein brennendes Herz für die Not unseres Volkes und unserer Kirche. +Darum kann es nur ein Mann sein, dem sein Christenglaube Lebensbesitz +geworden, der die Kämpfe der Zeit aus eigener Erfahrung kennt. Einen +Träger toter Orthodoxie können wir nicht gebrauchen. An einer solchen +Wahl würden gerade die Kreise, auf die wir rechnen, Anstoß nehmen!« + +»Das unterschreibe ich alles, Mamachen. Ich fürchte nur eins. Bei +~den~ Anforderungen kannst du dir gleich den Engel Gabriel +bestellen. Auf dieser Welt wirst du schwerlich finden, was du suchst!« + +»Doch, Karl Heinrich! Nur Geduld!« + +»Soll es ein Pastor sein?« + +»Das ist nicht nötig. Es muß vor allem ein ~Mann~ sein!« + +»Wir haben ja große Auswahl!« + +»Ach, Karl Heinrich, spotte nicht! Du selbst kommst unbedingt in den +Vorstand, bitte, nimm die Sache also ernst.« + +»Das tue ich, Mama. Mein ganzes Interesse gehört ihr. Nur was die +Männlichkeit von heute anbetrifft ...« + +»Gewiß, du hast ganz recht, wir haben mehr Waschlappen, als Männer! +Aber die Männer, die wir haben, müssen heran. Mir ist übrigens gar +nicht bange um die rechte Persönlichkeit. Wir müssen nur warten +lernen. Alles, was bis jetzt in Vorschlag gebracht worden ist, scheint +den Herren, welche die Sache vorläufig in die Hand genommen haben, +ungeeignet, und ich kann ihnen nur zustimmen. Weißt du nicht jemand?« + +Er zuckte die Achseln. + +»Für den Direktorposten? Nein, Mama. -- In den engeren Vorstand würde +ich Brelow wählen. Ich will mir aber die Sache durch den Kopf gehen +lassen.« + +»Ja, bitte, tu das!« + +»Einfach ist die Geschichte nicht,« meinte er. »Es ist ja +alles Friedenspartei -- zum Teil aus reiner Unklarheit und +Begriffsverschwommenheit!« + +»Gerade deshalb ist ein fester Zusammenschluß der bibelgläubigen Kreise +so nötig,« sagte Frau von Kambach. + +Er nickte. »Gewiß, Mama! Ich betrachte ihn sogar als eine +Lebensbedingung für unser Volk. Diese Arbeit ~muß~ getan werden. +Sie ist der letzte Sturmlauf, der letzte Rettungsversuch, das letzte +Aufgebot. Mißlingt diese Mobilmachung, so liegt Deutschland im +Chausseegraben! Das klingt sehr hochtrabend, als betrachteten wir uns +als die einzigen Volkserretter. Aber nach Abstrich alles Persönlichen +ist das Werk, das hier getrieben werden soll, die alleinige Handhabe +gegen den deutschen Verfall. Denn das einzige, was uns noch wieder auf +die Beine helfen kann, ist die Rückkehr zu dem lebendigen Gott und +seinem Wort. Das aber wollen unsere Gegner naturgemäß verhindern. Zum +Teil unbewußt. Die innerweltliche Weltanschauung hat leider schon viele +Opfer gefordert. Darum heißt die Losung: Kampf! Und zwar Kampf bis +aufs Messer. Gerade diesen Gesichtspunkt wird man im anderen Lager für +unbiblisch erklären trotz des Herrenwortes: ›Ich bin nicht gekommen, +den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹ -- Und nicht nur dort. +Fromme Kreise, auf die wir gerne rechneten, werden uns mißverstehen. +Kreise, welche mit vorbildlicher Treue Einzelseelsorge treiben, die +aber in der Stille ihrer Friedensarbeit den Blick für das große Ganze +verlieren, für das Elend der Massen; denen darum das Verständnis dafür +abgeht, daß der Kampf gegen den großen völkischen Abfall mit anderen +Waffen geführt werden muß, als der Kampf um die einzelne Seele, +mit anderen Worten: daß es hier eine Arbeit gilt, die man nicht in +Glacéhandschuhen tun kann. Wir würden ja auch nicht fertig, wenn wir +jedem Landstreicher erst eine feierliche Einladung schicken wollten, +-- die Leute kommen eben nur, wenn man sie ~holt~. Natürlich wird +da manches Gelichter mit unterlaufen, -- mein Himmel, das ist nicht zu +ändern, da tritt eben das Wort vom Unkraut unter dem Weizen in Kraft. +Also -- ohne große Volksversammlungen in Riesensälen -- hier in Berlin +am besten in einem großen Zentrumslokal, geschickt organisiert, vorher +natürlich, -- verzeih den Ausdruck, -- die nötige Reklame in der großen +Öffentlichkeit, -- ohne das alles kommen wir nicht vom Fleck, Mama! +Man mag die Sache ansehen, wie man will. Christus hat gesagt: ›Gehet +hin in alle Welt!‹, aber er hat nicht gesagt, daß Deutschland nicht +mit dazu gehöre. Und wenn wir zu Hinz und Kunz gehen und bei Schulz +und Müller Seelsorge treiben, so ist das alles recht schön und gut, +aber den Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ erfüllen wir damit +noch lange nicht! Und doch wird die Erfüllung dieses Befehls einmal von +uns gefordert werden. Wir müssen also mit einer starken Gegnerschaft +rechnen, mit mancher Ablehnung, -- nicht zuletzt mit der Ablehnung der +Kirche!« + +»Mit der Ablehnung der Kirche?« unterbrach ihn seine Mutter. + +»Gewiß, Mama. Die Kirche ist -- mittelparteilich! -- Ich halte ihr die +Treue, solange ich es mit meinem Bekenntnis vereinen kann, oder bis man +mich hinaussetzt. Aber Zugeständnisse mache ich nicht. Der Liberalismus +ist Luft für mich. Ich fordere als bibelgläubiger Christ reinliche +Scheidung. Das sind ja auch die Grundforderungen der Bundessatzungen!« + +Sie nickte. + +»Na also. Glaubst du, daß man oben sehr entzückt davon sein wird, wo +man nichts als ehrfurchtsvolle Leisetreterei gewöhnt ist?« Er zuckte +die Achseln. »Das nächste wird sein, daß die Presse, -- vielleicht auch +die paar großen konservativen Tageszeitungen, die wir noch haben, uns +totschweigen! Wir stecken ja auch noch in den Windeln und können nichts +verlangen! Macht nichts! Wird schon kommen! In zwei, drei Jahren sind +wir den Herrschaften schon unbequemer, und in zehn Jahren? -- Wenn wir +nur einen Luther hätten, der uns die Fahne vorantrüge!« + +Seine Augen blitzten. Er war wieder ganz der Alte. + +Sie sah ihn lächelnd an. »Parteipolitik darf aber nicht bei uns +getrieben werden!« + +»Gott bewahre uns davor!« + +»Es ist aber nicht ganz leicht, sie völlig auszuschalten,« entgegnete +sie. + +Er sah sie ernst an. »Es ist das erste, was die Satzungen betonen +müssen, daß wir sie ausschalten!« + +»Und wenn ein Heißsporn sie trotzdem hineinträgt?« + +»Dann raus mit ihm an die frische Luft!« + +Der Diener erschien auf der Schwelle. + +»Karl Heinrich, wir müssen essen. Es wird sonst zu spät für dich!« + +Er stand auf und bot ihr den Arm. Auf den Krückstock gestützt, richtete +sie sich zu ihrer ganzen Höhe empor und ließ sich von dem Sohne ins +Speisezimmer führen, wo Fräulein Eichel wartete. + +»Sibylle ist nach Drachenburg zu den Geschwistern gefahren,« erklärte +die Hausfrau die Abwesenheit des Gastes. + +»Möchte sie ihrem Bruder einmal gründlich den Kopf waschen,« murmelte +der Oberstallmeister vor sich hin. + +Nach dem Tischgebet sagte seine Mutter: »Ist es dir recht, wenn wir in +nächster Zeit eine größere Sitzung in der Bundesangelegenheit in meinem +Hause anberaumen?« + +»Wann?« + +»Montag in acht Tagen.« + +»Ja. Das paßt.« + +»Am liebsten wär's mir, du hieltest einen kurzen zusammenfassenden +Vortrag über Grundsätze und Gestaltung des Bundes. Das ist noch nicht +klar ausgesprochen worden. Eine Frau kann das nicht.« + +»Aber Exzellenz!« Fräulein Eichels braune Augen blitzten schelmisch. + +»Nein, das muß ein Mann tun. Sie wissen recht gut, liebe Eichel, daß +ich redende Frauen nicht leiden kann.« + +»Nun ja, in Volksversammlungen, Exzellenz.« + +»Ich gebe zu,« sagte die alte Dame, »daß die Frau unter bestimmten +Voraussetzungen nicht nur reden darf, sondern muß -- überall da, wo +bestimmte weibliche Arbeitsgebiete betreten werden, zumal da, wo nur +das Weib zum Weibe sprechen darf, ist die Frau am Platze. Aber nicht +da, wo sie dem Manne das Wort entzieht. Das ist Grenzüberschreitung, +und von da ist's nicht mehr weit zur Frauenemanzipation! Ja, ja, liebe +Eichel!« Sie nickte ihrem treuen Hausgeist, dessen Tatendurst ihr +manchmal etwas zu viel wurde, freundlich zu. »Unser Arbeitsfeld ist +groß genug, nur keine Gebietserweiterung!« + +Fräulein Eichel lachte. »Ich bin ja so bodenständig wie ein alter +Krautjunker, Exzellenz.« + +»Ja, ich kenne Sie, Eichelchen!« -- -- + +»Der Vortrag will mir nicht recht in den Sinn,« sagte Herr von Kambach +nach kurzem Schweigen. + +»Nun, dann sag's in ein paar Worten. Ich möchte nur um der Sache selbst +und um aller derer willen, die ihr dienen wollen, daß das Programm +jetzt möglichst bis ins kleinste festgelegt wird.« + +Er nickte nachdenklich. + +»Man könnte das ganze Programm in das Wort zusammenfassen: ›Seid das +Salz der Erde, seid die Kraft des Volkes, das Licht der Welt, das Blut +der Kirche!‹ Das besagt alles. Aber du hast recht: Wir brauchen die +irdische Form auch im Dienste der Ewigkeit. Kannst du mir vielleicht +ein paar Aufzeichnungen machen, Mama? Heute abend wird's wohl spät +werden, aber ich bin ja doch noch bis übermorgen hier, dann besprechen +wir das Weitere, wenn es dir paßt!« Er sah auf die Uhr. »Darf Friedrich +mir einen Kraftwagen holen? Ich komme sonst zu spät.« + +Sie drückte auf den Knopf der Elektrischen und gab dem eintretenden +Diener ihre Befehle. + +Dann sprach sie das Dankgebet und hob die Tafel auf. + +Der Sohn küßte ihr die Hand. »Leb wohl, Mama, ich muß eilen! Auf +Wiedersehen, Fräulein Eichel! Bitte, tu' mir die Liebe, Mama, und +bleibe nicht etwa auf, es kann sehr spät werden, bis ich komme!« + +»Nein, ich gehe zu Bett, dafür sorgt schon Fräulein Eichel!« + +Er nickte der Gesellschafterin zu. »Ja, tun Sie das bitte, Fräulein +Eichel!« + +»Sie können sich auf mich verlassen, Herr Baron!« + +»Übrigens, Mama, ehe ich's vergesse, darf ich Montag in acht Tagen +Schenker mitbringen? Er ist Feuer und Flamme für die Sache, und wir +dürfen nicht vergessen, daß er es war, der dem Gedanken zuerst Ausdruck +gab. Wenn die Frage auch in der Luft lag, die erste Anregung danken wir +ihm!« + +»Aber selbstverständlich, Karl Heinrich! Daß ich daran selbst noch +nicht dachte! Er ist mir wichtiger als alle anderen, mit seinem +gesunden Urteil, seinem schlichten Christentum!« + +»Und seiner Gründlichkeit, Exzellenz,« warf Fräulein Eichel ein. »Wenn +er etwas durchsetzen will, läßt er nicht locker!« + +Herr von Kambach knöpfte sich den Pelz zu. »Ob Friedrich zurück ist?« + +»Er kommt gerade herauf.« + +»Herr Baron, der Kraftwagen wartet.« + +»Danke!« Er griff zum Zylinder. »Leb wohl, Mama! Fräulein Eichel, Sie +sind dafür verantwortlich, daß meine Mutter um zehn zu Bett geht!« -- -- + + * * * * * + +Auf der verschneiten Straße lag der letzte Sonnenstrahl. + +Frau von Kambach stand am Fenster und sah dem Sohne nach. Eben schloß +Friedrich den Kraftwagen und fort ging's. + +Da hob sie den Blick. + +Ein rosiger Hauch zog über Erker und First, wie ein feiner duftiger +Schleier. Die alte Frau achtete nicht darauf. Ihre Gedanken waren noch +ganz bei dem großen Werk, dem sie mit ihrer letzten Lebenskraft diente, +bei dem Manne, dessen Feuergeist seine Zeit überflügeln wollte. Würde +seine Führerschaft der still beginnenden Arbeit zum Segen werden? Würde +die lohende Glut dieser starken Seele nicht verheerend wirken, wo mit +ruhiger Hand gebaut werden sollte? Sie wollte ihn ja nicht anders. +Er war ein ganzer Mann, ein ganzer Christ, einer, der sich zum Kreuz +bekannte, wie wenige. Der, ohne rechts und links zu blicken, seinem +Ziel entgegenwanderte, unbekümmert um das, was ihm in den Weg kam. +Das Lied von dem tapferen Schwaben paßte auf ihn, aber dieser Schwabe +verstand auch das Dreinschlagen, und wo sein Schwert hintraf, da wuchs +kein Gras wieder. Das war die heilige Rücksichtslosigkeit der Kambacher +in Glaubenssachen. + +Und trotzdem, heute zum erstenmal, aber immer wiederkehrend der +Gedanke: ist er hier am Platz? Selbst ein Petrus mußte sich von +seinem Herrn den Verweis erteilen lassen: ›Stecke dein Schwert in die +Scheide!‹ -- Es gab mancherlei Gaben, Kräfte, Ämter, aber eins war +nicht für alle! -- -- + +Wenige Augenblicke, nachdem sie ihm gesagt, daß man ihm eine führende +Stellung zugedacht, war der Zweifel in ihrer Seele aufgestiegen und +raunte und flüsterte: ›ist's wohl getan?‹ + +Und Mutterliebe und Mutterstolz kämpften mit Pflicht und Recht. + +Es war kein leichter Kampf. Es galt ein Abwägen, peinlich genau, vor +dem Richtstuhl des Gewissens. Aber immer wieder kam die greise Frau +zu dem Ergebnis: trotz alledem, und gerade darum! Doch sie traute +dem eigenen Empfinden nicht, immer wieder machte sie sich hart, immer +wieder sagte sie sich: du bist seine Mutter! Und ein heißes Gebet stieg +aus ihrer Seele: ›Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib +Ehre!‹ + +Die Schatten dunkelten. Über die weiße Straße breitete sich der +Dämmerung violetter Samt. Die Mondsichel glänzte silbern über den +Dächern. + +»Trotz alledem und gerade darum!« -- Ja, sie brauchten einen Starken, +einen, der im Namen des höchsten Gottes kam mit Schleuder und Stein. +Einen, der glaubensstark, die Bibel in der Hand, Weltweisen und +Kirchenfürsten entgegentrat mit einem unerschrockenen: ›Es stehet +geschrieben!‹ Einen, der's nicht litt, daß sie das Kreuz antasteten, +der in heiligem Zorn die angebotene Rechte fortstieß, die sich frevelnd +nach des Heilandes Ehrenkrone ausstreckte und im selben Augenblick, als +sei nichts geschehen, wahrer Jüngerschaft ihr Schutz- und Trutzbündnis +anbot. Einen, der klipp und klar erklärte: ›Wir erkennen die +Gleichberechtigung der Richtungen nicht an! Was ihr Richtungen nennt, +sind verschiedene Religionen, die sich wie Wasser und Feuer scheiden! +Hie Christentum, hie modernes Heidentum!‹ + +›Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹ +-- Das war das strikte unumstößliche Herrenwort, die heilige Losung +für die Eroberung der Welt im Zeichen des Kreuzes. Nein, -- mochte er +manchem unbequem werden, mochte er viele vor den Kopf stoßen, hier +waren keine Halben zu brauchen. Es schadete auch nichts, wenn er +einmal wetterte und dreinschlug, schadete nichts, wenn er, wie heute +mittag, erklärte: ›Wenn's so weiter geht, liegt Deutschland nächstens +im Chausseegraben!‹, schadete nichts, wenn er noch ganz andere Sachen +sagte! Das war alles nur Beiwerk, das dem einen gefiel und dem anderen +nicht, die Hauptsache war die Persönlichkeit. Die aber war aus einem +Guß: ein ganzer Mann, ein ganzer Christ! + +Sie atmete auf. Wie ein Alp fiel's ihr von der Seele. + +Mit glänzenden Augen sah sie dem scheidenden Tage nach. + +Da flammte drüben unter dem Dach ein Licht auf, und noch eins, und +wieder eins. Ein verspätetes Christbäumchen, das die Absicht zu haben +schien, oben in der kleinen Dachkammer der alten Näherin das Osterfest +zu feiern, sandte der Edelfrau seinen leuchtenden Gruß. + +Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Wie eine Antwort auf ihr Fragen +strahlten ihr die Lichter der Weihnacht entgegen. Sie aber trat mit +befreiter Seele in den hohen Schein der Ewigkeit. ›Trotz alledem, und +gerade darum!‹ + + + + +Achtes Kapitel. + +Allein. + + Weißt du, wie's ist, wenn in tiefer Nacht + Kein Mensch noch Engel deiner gedenkt? + Wenn niemand nach deiner Seele fragt, + Wenn sich kein Herz in deines versenkt? + Wenn droben der Nebel das Kreuz verhüllt, + Wenn kein Blümlein duftet im Felsgestein, -- + Verstehst du's, weißt du es, was das heißt: + Allein sein, -- mutterseelenallein? + + +Eine weiße sternklare Nacht ging über der Mark auf, über ihren +verträumten Schlössern und altertümlichen Kleinstädten, ihren +Kiefernwäldern und stillen Seen. + +Kein Lüftchen regte sich. Leise hüllte der Rauhreif die schlafenden +Dörfer in seinen weißen Spitzenschleier. -- -- + +Über Haus Kambach stand der Vollmond, groß und klar. Breit und +wuchtig lag das Herrenhaus da, wie ein starker Mauerwall schirmte +es das schlafende Dorf und die ragende Kirche, -- ein Bild zäher +Bodenständigkeit und treu bewahrten ehrwürdigen Erbes. Der Schnee +flimmerte. Es war eiskalt. Auf der Dorfstraße keine Menschenseele. +Alles saß drinnen um die Feuerstätten oder in den Spinnstuben. + +Eine schmale Spur führte zwischen den strohgedeckten Häusern auf die +Pfarre zu. Die Sommerrose war bis unter das Dach geklettert, leise +schwankten die zarten Zweige vor dem hellen Fenster der Studierstube. +Sonst war's dunkel im Haus. Still und einsam lag es unter der Last des +Schnees, vom breiten Geäst der alten Linde überdacht. + +Hinter den weißen Vorhängen sah man einen auf und nieder schreiten. Der +immer wiederkehrende hastende Schatten brachte etwas Fremdes in die +nächtliche Winterstille, etwas vom Kampf des Tages. + +Auf und nieder ging's, auf und nieder. -- -- + +Es mußte etwas Sonderliches sein, das dem Manne drinnen die Ruhe nahm. +Abend für Abend konnte man Pastor Wendler, über seine Bücher gebeugt, +am Schreibtisch sitzen sehen, ohne seine Stellung im geringsten zu +verändern, -- was trieb ihn heut in dem engen Raum hin und her? + +In den letzten Tagen waren allerhand Gerüchte über ihn verbreitet +worden, -- der Gutsherr habe sich mit ihm überworfen, er verließe +Kambach und dergleichen mehr. Dann hieß es wieder, an dem allen sei +kein wahres Wort. + +Der rastlose Wanderer drinnen wußte nicht, was über ihn geredet +wurde, und wollt's auch nicht wissen. Menschen, die durch den Sturm +schreiten, fragen nicht nach fallendem Laube und welkenden Blüten. Sie +brauchen ihre ganze Kraft, ihren ganzen Willen im Kampfe gegen die +Naturgewalten. Das Kleine wird ihnen klein, das Große groß. Achtlos +zertreten sie den Halm am Wege, erst wenn die greisen Schildträger +verklungener Zeiten, vom Sturm gefällt, zur Rechten und Linken +niederbrechen, wenn Bergbachgebraus und Föhrenrauschen verstummen und +das große Schweigen die Toten ehrt, dann, erst dann verhalten sie den +eilenden Schritt, und das Auge fragt, was der Mund verschweigt: ›Wann +kommt die Reihe an mich?‹ Doch die Antwort bleibt aus; denn die Nacht +ist noch nicht vorüber. + +Sie stürmen weiter. Mit fiebernden Sinnen, mit keuchender Brust, in +den Adern die Siedeglut des Willens zur Macht, zum Leben. Aber an ihrem +hörnernen Kleide haftet ein Verhängnis. Trifft der Wurfspeer des Todes +die Schulter, ist er Sieger. -- -- -- + +An der Bahre der Waldwächter erbeben die Sinne; ein heimlicher Sprung, +fein wie Glasgespinst, geht durch die Seele, ein leiser Schmerzenslaut +verweht -- regte der Wind zerrissene Saiten? -- -- + +Kurt Wendler war des Wanderns müde geworden und hatte sich an seinen +Schreibtisch gesetzt. Ein tiefer Schmerz lagerte auf seiner Stirn, eine +Unrast beherrschte sein Wesen, die vergeblich nach einem Ausweg suchte. + +Vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel, aber er blickte darüber hinweg +auf das Bild eines hübschen, etwa sechzehnjährigen Knaben. Ein echtes +rechtes Jungensbild war's, voll Natürlichkeit und Frische: Eberhard +Kambach. Wie die großen nachdenklichen Kinderaugen ihn vorwurfsvoll +anschauten! Noch niemals war er diesem Ausdruck begegnet -- oder doch? +Herrgott -- ja -- einmal vor drei Tagen, in der Konfirmandenstunde. Da +hatten diese Augen ihn angeschaut, als ob er dem Kinde etwas geraubt +hätte, etwas, das ihm heiliger war, als alles andere auf Erden, als +Vater- und Mutterliebe, als der kleine fröhliche Kamerad, an den +er sein Herz gehängt. Zum erstenmal hatten sie den Lehrer zornig +angeblitzt, als wollten sie ihm zurufen: ›Glaub', was du willst! Ich +glaub', was Vater und Mutter glauben, die wissen's ganz genau, wie's +in der Bibel steht! Ich laß mir nichts wegnehmen!‹ Aber er hatte die +stumme Mahnung unbeachtet gelassen, der Trotz war über ihn gekommen. Er +hatte es bisher mit dem Worte gehalten: + + ›Das Beste, was du wissen mußt, + Darfst du den Buben doch nicht sagen!‹ + +Nun sollten sie's wissen, selbst auf die Gefahr hin, daß es ihn Amt +und Brot kostete. Nichts Halbes wollte er ihnen mehr bringen, nichts +Veraltetes, Versteinertes, sondern Leben, Entwicklung, Wirklichkeit! +Vor allem fort mit dem alten orthodoxen Gottesbegriff, mit der +Christusgestalt des Supranaturalismus, dieser Unmöglichkeit aller +Unmöglichkeiten! + +Und dann war jene Szene gekommen. Die bloße Erinnerung daran trieb ihm +das Blut zum Herzen. Seine Behauptung, Christus habe sich an keiner +Stelle in der ganzen Bibel zu seiner ewigen Gottessohnschaft bekannt, +war gefallen. Der kleine Inspektorssohn hatte auf das eidliche Zeugnis +vor Kaiphas hingewiesen. Achtzig helle fragende Kinderaugen blickten +erwartungsvoll zu ihm auf. + +»Dann hat Jesus sich eben geirrt!« Ja, so hatte er gesprochen. Es war +ihm selbst eigen ums Herz gewesen, als er die Worte, die ein Jatho +in öffentlicher Versammlung geredet, an dieser Stelle wiederholte. +Die Kambacher Dorfbuben waren wahrhaftig die letzten, die für diese +feine Philosophie reif waren. Doch das machte nichts. Borsdorfer Äpfel +reiften auch nicht an einem Tage. + +Dann war's gekommen, was ihm an der Seele nagte. + +Dicht unter dem Lehrstuhl klang ein heißes bitterliches Schluchzen, +ein Schluchzen aus allen Quellen der Seele. Der stille vornehme Knabe +sprang auf und rief in leidenschaftlichem Schmerz dem Lehrer zu: »Das +ist nicht wahr, Herr Pastor!« Damit stürzte er hinaus. + +Keiner hielt ihn zurück. Wie ein Bann lag's auf der kleinen Schar. + +Es blieb Pastor Wendler nichts anderes übrig, als die +Konfirmandenstunde zu schließen. + +Das war vor wenigen Tagen gewesen. + +Eine Stunde nach dem Vorfall war Herr von Kambach im Pastorat. Kurz +und bündig, wie es seine Art war, erklärte er Wendler, daß sein Sohn +seine Konfirmandenstunden von nun an nicht mehr besuchen werde. In der +Gesamtfrage werde er als Patron entscheiden. Nur so viel wolle er ihm, +um jedes Mißverständnis auszuschließen, schon heute sagen, daß für sie +beide nebeneinander kein Raum in der Kambacher Kirche mehr sei. Das war +deutsch gesprochen. + +Aber eines berührte der Gutsherr mit keinem Wort: die Ungezogenheit +Eberhards in Gegenwart der Klasse. Pastor Wendler wies darauf hin. + +Das Antlitz des Kambachers ward hart wie Stahl. »Dafür soll ich den +Jungen schelten? Zum Kuckuck, Herr Pastor, ist bei mir 'ne Schraube los +oder bei Ihnen? -- Wenn in einer Versammlung eine Majestätsbeleidigung +ausgesprochen wird, so erklärt man -- vorausgesetzt, daß die +Herrschaften nicht schon samt und sonders als Sozialdemokraten bekannt +sind, -- den Betreffenden für einen Lumpen und befördert ihn an die +frische Luft. Sie haben die allerhöchste Majestät vor unmündigen +Kindern beleidigt, und man hat Sie hübsch auf Ihrem Lehrstuhl gelassen. +Von Rechts wegen hätten Sie ihn räumen müssen. Tatsache ist, daß das +nicht geschehen ist. Und nun verlangen Sie noch obendrein, daß Ihre +Konfirmanden, die doch schließlich keine Wickelkinder mehr sind, Amen +sagen, wenn Sie erklären, Christus sei nicht Gottes Sohn!« + +»Natürlich ist er Gottes Sohn, aber nicht in dem Sinne wie ..« + +»Ja, ja, ich weiß schon, ›die reinste Menschenblüte, von Gottes Sonne +geküßt‹, -- ›höchste Vergöttlichung, unmittelbarste Vermittlung +transzendenter Werte‹ -- ich danke für die liberalen Kamellen, +Verehrtester! Ihren zurechtgestutzten Heiland kann unsereins im Leben +nicht gebrauchen, und im Sterben erst recht nicht! Ihr Streben und +Forschen in allen Ehren, -- aber wir Positiven forschen auch, -- +glauben Sie ja nicht, daß wir so in den Tag hineinleben, -- denkt +nicht dran, wir vergessen nur nicht, wo unser kleiner armseliger +Menschenverstand ein Ende hat, und bekrittelten nicht das Wunder der +Wunder, die Person unseres Herrn. Das aber tun Sie! Und nun setzen +Sie Ihrem Tun die Krone auf und tragen das Gift durch Predigt und +Konfirmandenstunde ins Volk und verwahren sich dann noch dagegen, +wenn ein armes Kind, dem Sie seinen Heiland nehmen wollen, Ihnen die +Wahrheit ins Gesicht sagt.« + +»Es hätte nicht in dieser Form geschehen dürfen!« + +»Zum Donnerwetter! Form hin, Form her!« Er schlug auf den Tisch, daß es +krachte. »Ich hätt's Ihnen gegönnt, daß die Bengels Sie ausgepfiffen +hätten!« + +»Herr Baron, ich muß aber doch sehr bitten ...« + +»Daß ich das Lokal verlasse? Mit Vergnügen! Nehmen Sie's nicht +übel, daß ich deutlich wurde, -- ich bin nun einmal nicht für die +Leisetreterei von heutzutage. Die Kambacher sprechen lieber Deutsch +wie Französisch. Eberhard steckt's ja, gottlob, auch im Blute, der +Schlingel hat Rasse! So, nun wissen Sie's. Sagen mußt' ich die ganze +Wahrheit schon deshalb, verehrter Herr Pastor, weil ich Ihnen gegenüber +die Pflichten des Patrons nicht vergessen darf. Sie könnten mir sonst +mit Recht die bittersten Vorwürfe machen, ganz davon abgesehen, daß ich +für mich und mein Haus jede liberale Rutschpartie dankend ablehne.« Er +reichte ihm, als sei nichts geschehen, die Hand. »Gott befohlen!« Und +fort war er. + +Wie betäubt stand Pastor Wendler da. Immer zog er bei diesem Manne den +kürzeren. War's die rasende Lebhaftigkeit, die Herrennatur, die keine +andere Meinung aufkommen ließ? Aber er selber war doch auch nicht +ums Wort verlegen und wußte was er wollte. Warum schrumpfte denn, +sobald Herr von Kambach auf der Bildfläche erschien, sein leuchtender +wissenschaftlicher Bau wie eine welkende ›Königin der Nacht‹ zusammen? +Sonderbar! Eigentlich hätte er ihn doch auf Matt setzen müssen, weil +er mit der Wissenschaft auf dem Gebiet des Glaubens nichts anzufangen +wußte. Und doch erkannte er sie sonst an. Nur hier nicht. Er wußte +eine ganze Menge, war sehr belesen, hielt ganz vorzügliche politische +und soziale Reden, war in den modernen Weltanschauungsfragen stets auf +dem laufenden, trotzdem -- Glaube und Wissenschaft blieben getrennte +Gebiete. Anders tat es die alte Schule eben nicht. Aber das Christentum +des Kambachers war ebensowenig tote Orthodoxie wie das seiner Mutter +und des alten Schenker. Im Gegenteil! Was steckte für Leben darin! Er +war fest davon überzeugt, daß diese drei Menschen um ihres Glaubens +willen große schwere Opfer bringen würden! Warum mußten denn gerade sie +seine Gegner sein, die einzigen Positiven seiner Bekanntschaft, die +Eindruck auf ihn machten, die ihm unbegrenzten Respekt abzwangen!? Es +war zum Tollwerden! + +Seine Gedanken wanderten. An die Seite der greisen Landedelfrau sah +er eine junge kräftige Frauengestalt treten. Mit den Füßen stand sie +auf der Erde, ihre Hände taten Werktagsarbeit, aber die klare Stirn +umleuchtete Morgenglanz. Es gibt Sonntagskinder, die hellen Auges, ein +Sträußchen am Hute über die Berge wandern und tausend Herrlichkeiten +schauen, die anderen Sterblichen verborgen bleiben. Solch ein +Sonntagskind war der treue Hausgeist der alten Exzellenz, Fräulein +Jutta Eichel. + +Es war in jener Zeit gewesen, wo er noch viel in Dreilinden verkehrte, +als Pastor Wendler plötzlich die Sehnsucht gepackt, den Sonnenschein, +der von der schlichten freundlichen Gestalt ausging, in sein einsames +Pfarrhaus zu tragen. An einem schönen Herbstabend betrat er den +Dreilindener Gutshof. Die alte Exzellenz war ausgefahren. Sie, die +er suchte, stand in der Halle, die letzten Rosen des Jahres in einer +venetianischen Schale ordnend. + +Die Lichter des scheidenden Tages umspielten die Mädchengestalt und die +purpurnen Blüten. Heimlich spann die Dämmerung ihre Schleier um den +traulichen Kamin und das eichene Gestühl aus der Väter Zeiten. Ein paar +Rosenblätter waren auf den breiten geklöppelten Einsatz der leinenen +Tischdecke gefallen; wie Blutstropfen leuchteten sie in den goldenen +Abend hinaus. + +Er aber stand im Türrahmen und betrachtete still das feine +stimmungsvolle Bild. ›Wie ein Kunstwerk der alten niederländischen +Schule!‹ zog es ihm durch den Sinn. + +Da hob sie den Kopf. + +Ihre Blicke trafen sich. Auf ihrem Antlitz lag's wie der Wiederschein +der roten Rosen. + +Regungslos verharrte er im Schein des sinkenden Abends. Wie ein +Schattenbild hob sich die hohe Gestalt vom lichten Himmel. + +Sie aber stand, die späten Blüten in den Händen, im dunklen Auge +flehende Abwehr. + +Aber er merkte es nicht. Er sah nur das Ganze, das Bild des +niederländischen Meisters. + +Dann trat er neben sie. Sie solle sich nicht stören lassen. Ganz +obenhin sagte er's. Sie empfanden es beide. Zögernd steckte sie die +letzte Knospe zwischen die schwellenden Blüten. + +»Ich darf's gleich hinübertragen?« + +Er folgte ihr in das Wohnzimmer der Hausfrau, wo sie die Rosenschale +unter ein großes Kruzifix, eines jener herrlichen Schnitzwerke der +Frauen Südtirols, stellte. + +»Lieben Sie die katholische Kunst?« fragte er. + +»Ich sah nie einen Kruzifixus wie diesen,« erwiderte sie, zu dem +dorngekrönten Antlitz aufblickend. »Soll ich den Glauben verachten, der +sich zu demselben Herrn und Heiland bekennt wie ich?« + +Er zuckte die Achseln. + +»Würden Sie je katholisch werden?« + +»Niemals,« rief sie lebhaft. »Das römische System stößt mich ab. Aber +mit dem einzelnen Katholiken fühle ich mich, sofern er ein wahrhaftiger +Christ ist, auf demselben Heilsgrunde stehend, einig in Glauben und +Hoffnung.« + +Er sah sie mit einem eigenen Blick an. In seinen Augen stand eine heiße +Frage. Bis in die Seele drang sie ihr. + +Wieder sah sie zum Kreuz empor. Und während sie sich in den Anblick der +edlen Züge versenkte, kam ein heiliger Mut über sie, eine nie gekannte +Kraft. Voll und klar wandte sie dem Manne das dunkle Auge zu und sagte +mit fester Stimme: »Tausendmal näher steht mir der Katholik, der sich +zu seinem Heiland und Erlöser als dem ewigen Gottessohn bekennt, als +der Vertreter der modernen Theologie, der die Gottessohnschaft Christi +leugnet!« + +Wie ein Schlag ins Gesicht traf ihn ihr Wort. Er hatte sie verstanden. +Eine unüberbrückbare Kluft hatte sie zwischen ihnen aufgerichtet. Und +doch wußte er's, daß sie ihn liebte. Trotzdem hieß sie ihn gehen. + +Eine grenzenlose Bitterkeit stieg in ihm auf, ein unbezwingbarer Neid +nach dem Gut dieser stillen starken Menschen, die, ohne rechts und +links zu blicken, ihrem Ziele zuwanderten. Eine Ruh' lag über diesen +Gestalten, über diesen Trägern innerer Kraft und heiligen Segens. Warum +besaß er sie nicht? + +Weil eine solche Ruh' unmöglich, weil diese Menschen Schwärmer waren. +Trotzig gab er seiner Seele die Antwort. + +Arm und einsam war er ausgegangen, sein spätes Glück zu suchen, ärmer +und einsamer noch kehrte er heim. + +Und dann kamen die langen Winter, und der geliebte Pfad lag verschneit! +-- -- -- + +Mutterseelenallein saß er mit seinen Büchern in dem kahlen +Studiergemach. + +Nur die vorwurfsvollen Augen des kleinen Junkers blickten ihn an. + +Allein -- mutterseelenallein, und draußen der Pfad verschneit -- -- +Nach einem uralten Liebeslied klang's, nach der zarten poetischen +Stimmung deutscher Vergangenheit! Im Kamin summte der Nachtwind die +Melodie dazu, weich und sehnsüchtig, als klagte eine Äolsharfe. + +Dann klang's aus anderen Pfeifen, fremd und sieghaft, als fegte die +wilde Jagd übers Dach. -- -- + +Plötzlich Stille, kein Laut mehr auf weiter Heide. -- -- + +Und dann, was war das? + +Er lauschte hinaus. + +Aus weiter Ferne zog's durch das große Schweigen herüber, wie +Meeresbrausen, wie der Pilgerchor ausziehender Christen, Orgeltöne, +tief und gewaltig, das uralte halbvergessene Kirchenlied, das die +mittelalterliche Gemeinde in den heiligen Nächten gesungen: + + ›Es kommt ein Schiff geladen + Bis an sein'n höchsten Bord -- + Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden, + Des Vaters ew'ges Wort!‹ + +Er fuhr auf. Was hatte dies Lied mit seiner Einsamkeit, seiner +Verlassenheit zu tun? Zum Tollwerden waren die Winternächte in dem +hundertjährigen Pfarrhause mit seinen altmodischen Kaminen! Was Wunder, +daß der Nachtwind sich drin verfing und droben seine Psalter sang! +Wenn dann auch noch das verflixte Käuzchen seine Jeremiaden anfing, -- +um aus der Haut zu fahren war's! Aber heut' Nacht war's dem Totenvogel +wohl zu kalt. So hatte er wenigstens davor Ruhe. + +›Daß nicht unter dir gefunden werde, der auf Vogelgeschrei achte!‹ +Ja, ja, er wußte es. Aber es war nun einmal nicht angenehm, wenn die +Kreatur draußen die halbe Nacht wimmerte. -- -- + + ›Es kommt ein Schiff geladen + Bis an sein'n höchsten Bord -- --‹ + +Wieder die Glockentöne! + +Es war doch vorhin ganz klar und still gewesen? Ob das Wetter umschlug? +Nein, er kannte den Ton, das war Nordostwind. Oder doch nicht? + + ›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden, + Des Vaters ew'ges Wort!‹ + +Die blauen Kambachaugen blickten herüber. Ja, gewiß, er leugnete es +keinen Augenblick, er hatte es vor der ganzen Klasse gesagt und würde +es, wenn's sein müßte, vor dem Konsistorium wiederholen: ›Dann hat +Jesus sich eben geirrt!‹ + +›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ -- -- Knabenlippen sprachen es +trotzig und hart. + + ›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden, + Des Vaters ew'ges Wort!‹ + +»Zum Donnerwetter!« Er sprang empor und riß das Fenster auf. + +Totenstill lag der weiße Garten in winterlicher Schönheit. Drüben +träumte, tief eingeschneit, die Kirche im Kranz ihrer Linden, Hütt' an +Hüttlein geschmiegt zu ihren Füßen, fern in bräutlicher Reinheit die +märkische Heide. + +Aber hinter dem Gutshaus in den Kiefernforsten summte der Nachtwind in +den Kronen. Immer dasselbe Lied, jenen uralten, längst verklungenen +Choral. Seltsam, -- wie die Einbildung ihre Schleier wob, wie sie +Menschengeist und Windeswehen in ihren Dienst zwang ... + +›Der Wind brauset, wo er will!‹ + +Zum Kuckuck! Warum denn immer gleich die Bibel? Das war doch ein sehr +natürlich zu erklärender Vorgang. Wetterumschlag -- Nerven, -- man war +doch auch Stimmungen unterworfen -- das Nachtgespräch mit Nikodemus +hatte zudem neben großer sprachlicher Schönheit den Vorzug, rein +persönlichen Charakter an sich zu tragen. Man konnte es so oder so +auffassen. Ja, gewiß, so oder so! + +Drüben holte die alte Turmuhr zum Schlage aus. + +Zwölf? Na, ja. Es war Zeit, daß man zu Bett ging. -- + +Es kam alles von dem ewigen Alleinsein her. Warum hatte Jutta Eichel +nicht ja sagen können? Sie liebte ihn doch. Er wußte es ganz genau. Die +Folge war, daß sie sich und ihn unglücklich machte. War das recht? + + ›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden, + Des Vaters ew'ges Wort!‹ + +Er schlug das Fenster zu. Was hatte das mit der Ehe zu tun? Gar nichts. +Aber sie dachte anders. Er wußte es wohl. + +Und es hatte Stunden gegeben, wo er es Jutta Eichel sehr hoch +angerechnet, daß sie die letzten Folgerungen ihrer Überzeugung zog. +Trotzdem, -- wenn die Engigkeit der Positiven ihren Höhepunkt nicht +bald überschritten hatte, hörte ja jedes Zusammengehen auf. + +Er zuckte die Achseln. + +Zwischen Kambach und Dreilinden hatte es bereits aufgehört. + +Ein Seufzer verwehte. + +Die Nacht breitete ihre Schatten über das heilige Buch -- -- + +Er nahm die Lampe und ging hinaus. Als er die Diele überschritt, hörte +er draußen ein Geräusch auf den Stufen. Nervös wandte er sich um. + +Da gellte auch schon die Nachtglocke durch das stille Haus. + +Er öffnete. + +Vor ihm stand in seinem großen Dienermantel der alte Schenker. + +»Kommen Sie mit, so rasch Sie können, Herr Pastor! Der junge Herr liegt +schwer krank an Lungenentzündung und will Sie sprechen!« + +Sehr kurz und bestimmt klang's. Ganz Schenkersche Art. Aber ein +gewisser Einschlag, den er sonst bei dem alten Manne noch nicht +vermißt, fehlte: die Ehrerbietung vor dem geistlichen Amt. Oder kam es +ihm nur so vor? In dieser Nacht war alles möglich. + +»Um Gottes willen, was ist denn geschehen?« + +»Bitte, Herr Pastor! Ick erzähl's Ihnen unterwegens!« + +Und Wendler fuhr in den Mantel, nahm den Schlapphut vom Nagel und ging +mit Schenkersch Vadder in die Nacht hinaus. Als die Haushälterin, durch +die Klingel geweckt, endlich zum Vorschein kam, fand sie ein paar +Schneeabdrücke auf den Fliesen und den Platz, wo des Pastors Hut und +Mantel hingen, leer. + +»Es wird die Frau des Häuslers sein, die schon seit drei Tagen im +Sterben liegt,« murmelte sie vor sich hin. Und das flackernde Licht in +der Rechten, wanderte sie müden Schrittes den Weg, den sie gekommen, +über die alte knarrende Treppe zurück. -- -- + + * * * * * + +»Also Lungenentzündung?« + +»Ja, Herr Pastor. Herr Sanitätsrat Elsasser schüttelte gleich das +erstemal, als er kam, den Kopf. Wir mußten sofort nach Berlin drahten. +Herr Oberstallmeister wird mit dem Nachtzug erwartet. Als Herr +Sanitätsrat vor einer halben Stunde noch Herrn Doktor Kruse mitbrachte, +erklärten beide, es sei keine Hoffnung. Die Krankheit habe gleich +zu heftig eingesetzt, gegen eine so schwere Lungenentzündung sei +menschliche Kunst machtlos.« + +Hart und scharf klang Franz Schenkers Stimme. + +»Wie das Unglück geschehen is?« Er zuckte die Achseln. »In den +Tagen, wo der junge Herr allein war, is nichts vorgefallen! Mamsell +achtet auf ihn, als wär's 'n Prinz, und ick hab' auch meine Pflicht +und Schuldigkeit getan. Der Gedanke wird dem gnädigen Herrn gar +nich kommen, daß in den Tagen etwas versäumt worden is, das is +ausgeschlossen, gänzlich ausgeschlossen!« Die weiße Kammerdienerweste +strahlte. + +»Ja, aber, was ist denn geschehen?« + +Wieder jenes schweigende Achselzucken, jenes bedeutsame Wiegen des +weißen Kopfes. + +»Mein Gott, so reden Sie doch!« + +»Ja, Herr Pastor, wenn ick offen und ehrlich meine Meinung sagen soll, +und anders tu' ick's nich, -- das ganze Dorf weiß es, daß Schenkersch +olle Vadder es nich anders tut -- dann kann ick nur sagen: das war +vorige Woche nach die Konfirmandenstunde! Erst die furchtbare Aufregung +-- ick hab' das Kind ja in meinen ganzen Leben nich so gesehen, -- +und dann is der junge Herr nachmittags bei den scharfen Ostwind noch +Schlittschuh gelaufen. Da is das Unglück geschehen! Erst die Aufregung, +und dann hinaus in den schneidenden Wind -- kein Wunder, Herr Pastor!« + +Schweigend ging Wendler neben dem Alten her. + +»Ick hab' das ja längst kommen sehen,« brummte Schenker vor sich hin. + +»Was haben Sie kommen sehen?« + +Schenker stellte sich trotz der bisherigen Eile mitten auf die +Dorfstraße hin. Das bedeutete eine längere Rede mit erhobener Stimme. +Denn das Schenkersche Organ war auf die Vorgänge des Lebens abgestimmt. +Je wichtiger die Sache, desto durchdringender die Stimme. Es kam vor, +daß Schenker einem guten Freunde mitten auf der Dorfstraße unter dem +Siegel der Verschwiegenheit die tiefsten Geheimnisse ins Ohr brüllte, +daß er sich vierundzwanzig Stunden später sehr wunderte, daß diese +Geheimnisse ihren Weg durch alle Spinnstuben genommen und schließlich +in der Herrenküche bei Mamsell angelangt waren, daß Mamsell sich den +Alten vornahm und wegen seiner Redseligkeit gehörig herunterputzte, das +alles konnte vorkommen und immer wieder vorkommen, und trotzdem blieb +es beim alten. + +Pastor Wendler war schon mehr als ein Schenkersches Geheimnis auf der +Kambacher Dorfstraße anvertraut worden. Doch in dieser Nacht hatte er +eine entschiedene Abneigung gegen alles Vertrauliche. + +»Kommen Sie,« sagte er, »es ist gleich halb eins.« + +Aber Schenker blieb stehen. + +»Da Sie 's einmal durchaus wissen wollen, wo sich unser junger Herr +die Lungenentzündung geholt hat, will ick's Ihnen nich verhehlen: in +~Ihre~ Konfirmandenstunde! Mehr brauch' ick wohl nich zu sagen! +Inspektors haben mir die Geschichte erzählt, die wissen alles von ihren +Wilhelm!« + +Er stampfte weiter durch den Schnee. + +Jetzt blieb der Pastor stehen. + +»Und Sie glauben die Geschichte wirklich so, wie die dummen Jungens sie +erzählen, Herr Schenker? Warum ist denn keiner zu mir gekommen und hat +mich gefragt, wie die Sache sich verhält?« + +Schenker wandte erstaunt den Kopf. »Die Jungens lügen nich!« + +»So. Aber es sind Kinder.« + +»Mag sein. Wir Großen kennen Sie aber auch, Herr Pastor! Kurzum -- es +wundert mich nich im geringsten, wenn Sie glauben, der Herr Christus +habe sich geirrt, wenn er sich für Gottes Sohn gehalten hätte, -- so, +wie Sie sind, können Sie es gar nich glauben, -- aber daß Sie so etwas +unsere Kinder lehren, -- das is stark, das is unerhört! Wie Sie's vor +Gott verantworten wollen, is Ihre Sache, aber das kann ick Ihnen sagen: +Ihre Kirche is nächsten Sonntag leer!« + +Sie waren vor dem Gutshause angelangt. + +»Ich will Ihnen in Anbetracht der Erregung, in der Sie sich naturgemäß +befinden, die Art und Weise, in der Sie zu mir gesprochen haben, nicht +nachtragen,« sagte der Geistliche. »Später, wenn Sie ruhiger geworden +sind, sprechen wir noch einmal darüber!« + +Er trat ein. + +»Ick wüßte nich, was Sie mir nachtragen sollten, Herr Pastor,« klang +die alte Stimme neben ihm. »Ick hab' die Wahrheit gesagt! Wenn die hart +war, is es nich meine Schuld!« + +Wendler zuckte die Achseln. Das Herz war ihm zum Zerspringen schwer. -- +-- -- + +Oben in dem weiten, matt erhellten Raum lag Eberhard Kambach in hohem +Fieber in den Kissen. Als Pastor Wendler eintrat, flog ein Lächeln über +sein Gesicht, mühsam versuchte er sich aufzurichten. + +»Eberhard!« Der Geistliche hielt die heiße Hand in der seinen. Er +wollte weitersprechen und konnte nicht. + +Da klang's mit matter Stimme zu ihm empor: »Herr Pastor, ich hätt' +nicht so heftig werden dürfen neulich in der letzten Stunde! Das, was +ich sagte, kann ich nicht zurücknehmen, denn, denn -- es ist doch wahr, +daß der Herr Jesus Gottes Sohn ist!« Die großen Augen sahen flehend zu +ihm auf. »Was sollt' ich jetzt wohl anfangen, wenn er's nicht wäre, er +könnte ja nicht mein Erlöser sein.« + +Sein Atem ging schwer. Eine Pause entstand. + +»Aber mein Ton war ungehörig,« sagte er dann, »wollen Sie mir +verzeihen?« + +Ermüdet lehnte er sich zurück. + +Tief erschüttert stand Wendler da. + +»Verzeihen Sie mir,« klang's ein zweites Mal aus den Kissen. + +Er wandte sich ab. -- »Eberhard -- ich -- ich hab' dir nichts zu +verzeihen!« + +In die blauen Augen trat ein helles Leuchten. »Herr Pastor, wissen +Sie's jetzt auch?« In atemloser Spannung hing der Blick des todkranken +Knaben an dem geliebten Antlitz. + +»So wie du weiß ich's nicht, Eberhard!« Mühsam, als sei in der Seele +etwas in Scherben gebrochen, kam's von den Lippen des Mannes. + +»Aber Sie müssen's wissen, Herr Pastor, so wie ich's weiß, daß der +Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten brauche.« +Die fieberheißen Hände umklammerten Wendlers Rechte. Die Stimme ward +schwächer. + +Er kniete neben dem Kranken nieder. + +»Eberhard, vergib mir, daß ich jenes Wort sprach, ich hätt' es nicht +sprechen dürfen -- ich wußte -- ich nahm dir etwas!« + +»Sie haben mir nichts genommen!« + +Wieder war's still. + +»Vergib mir,« bat der Pastor. + +Das Rot auf dem jungen Gesicht ward noch einen Schein dunkler. Leise +drückte Eberhard Kambach die Hand seines Lehrers. Der verstand die +zarte Art dieses Vergebens und dankte es schweigend dem sterbenden +Kinde. + +»Ob die anderen Jungens wohl einmal für mich aufstehen würden?« klang +es leise an sein Ohr. »Morgen früh ist's vielleicht zu spät! Ich möchte +so gern noch ein Lied hören.« + +»Ich will's ihnen sagen!« Wendler erhob sich. »Was sollen sie denn +singen, Eberhard?« + +»Das ew'ge Licht geht da herein ...« + +Wieder jenes wunderbare Aufleuchten der blauen Augen. + +Über die Züge des Mannes flog ein Staunen. War das der Tod? Woher kam +dem Jungen in der schwersten Stunde der selige Glaube an das Licht +der Weihnacht? Das Wort frommer Eltern allein konnte solchen Glaubens +Grund nicht sein, und hätt' er fürs Leben gereicht -- im Tode? Nein. +Autoritätsglaube war etwas Ehrfurchtgebietendes, -- Lebenskräfte barg +er nicht. Er war kein Glaube im tiefsten wirklichsten Sinne. Und +gewaltsam drängte es auf ihn ein: was hülf' dir dein Glaube, wenn du in +diesem Augenblick sterben solltest? würdest du im Glanz deines Sterns +still und unverzagt den letzten, dunklen Weg wandern? + +Eine große rücksichtslose Ehrlichkeit kam über ihn. »Nein, tausendmal +nein,« rief er seiner Seele zu, seinen Sinnen, die sich selbst in +dieser Stunde noch mit Fleisch und Blut besprechen wollten, mit +Weltklugheit und Gelehrsamkeit, mit der Weisheit, die sich Theologia +nannte. + +Kurt Wendler erklärte sich am Sterbelager eines Kindes bankrott. -- -- + +Ein leises Geräusch an der Tür ließ ihn aufblicken. Auf der Schwelle +stand eine hohe Gestalt im Pelz. + +»Vater!« rief Eberhard Kambach und richtete sich auf -- dann flog sein +Blick von einem zum anderen, die blauen Augen baten für den Mann, den +er vor wenig Tagen in heißem Schmerz bei dem Vater verklagt. + +Aber der Oberstallmeister trug den Kampf um sein Allerheiligstes nicht +an das Sterbelager seines Kindes. Er hatte genug gesehen. + +Im Innersten erschüttert, aber äußerlich gefaßt, trat er an das Bett +seines Lieblings und strich ihm in wortlosem Schmerz über den dunklen +Kopf. Dann reichte er dem Geistlichen mit festem Druck die Hand. Eine +Sekunde lang sahen sich die beiden Männer in die Augen. -- -- + + * * * * * + +Vom Kirchturm schlug es halb zwei, als Pastor Wendler von Haus zu Haus +wanderte und den Knabenchor weckte. Dann ging er zum Kantor. + +Die hellen Tränen rannen dem treuen Manne über die Wangen, -- am +heiligen Abend hatte der Sohn seines Gutsherrn das alte Weihnachtslied +noch mitgesungen. Nun sollt's ihn auf der letzten Fahrt geleiten. + +Abschiednehmend reichte er dem Pfarrer die Hand und schritt seiner +kleinen Sängerschar voran dem Schlosse zu. + +Eine Viertelstunde mochte vergangen sein. Da klangen die Knabenstimmen +glockenhell zu den stillen Fenstern empor: + + »Das ew'ge Licht geht da herein, + Gibt der Welt ein'n neuen Schein! + Es leucht't wohl mitten in der Nacht, + Und uns des Lichtes Kinder macht -- Kyrieleis! + + Das hat er alles uns getan, + Sein groß' Lieb' zu zeigen an; + Dess' freu' sich alle Christenheit + Und dank' ihm das in Ewigkeit -- Kyrieleis!« + +Über die weiße Heide schwebten die letzten Akkorde, als wollten sie +eines Kindes Seele, die in mondheller Nacht die Flügel gebreitet, +hinübergeleiten ins ewige Licht. -- -- -- + +Dann kein Laut mehr. + +Eine Sternschnuppe ging leuchtend nieder. Auf einem kurzen stillen +Erdenwege blieb ihr heller Schein liegen. + + + + +Neuntes Kapitel. + +Bankrott. + + Gottesleugnung ist eine Entgleisung des Willens! + Wille, der weiß, was er will, sucht und erkennt seinen Gott. + + +»So wie Sie sind, können Sie es nicht glauben!« Die stille verschneite +Nacht hatte die Worte, die der Mann aus dem Volke mit schlichter +Ehrlichkeit geredet, gehört und leise, leise nachgesprochen. + +Der Tauwind trug sie auf weichen Flügeln die Dorfstraße entlang und +sang sie über einsamer Schwelle. + +Die Mauern des alten Hauses hatten sie vernommen und gaben sie weiter. + +Und eine unsichtbare heilige Hand schrieb sie im Sturmeswehen mit +eisernem Griffel an die Wände eines engen Kämmerleins. + +Taghell ward's drinnen vom Schein der ewigen Lampe. + +›So wie du bist, kannst du es nicht glauben!‹ + +Ein hartes unwiderrufliches Menetekel, eine Stimme, die kein Mensch zum +Schweigen brachte! + +Männer und Frauen kamen vorüber und sahen die güldene Ampel, vom +Nachtwind bewegt, und fragten, was sie bedeute. + +›Das ist das Gewissen!‹ erwiderte die Stimme. ›Auch in euren Seelen +brennt die ewige Lampe -- seid ihr blind geworden?‹ + +Aber sie zogen lachend weiter. + +Nur einer lachte nicht. Der Mann drinnen, den das Wort anging. Er +trug es in die Stunden des Tages, in Leben und Arbeit. Auf seinen +Krankenbesuchen begleitete es ihn, die Augen der Sterbenden riefen es +ihm zu. Und tief im Grunde der Seele meißelten unsichtbare Hände, als +wollten sie mit Gewalt die steinernen Wände sprengen: ›So -- wie -- du +-- bist --, -- -- kannst du es nicht!‹ + +Arbeiteten drinnen Berserkerfäuste? Spalteten Giganten hart und +leidenschaftslos das Gestein? Er wußte es nicht. Aber das wußte er, daß +ihn die Unrast der Seele zerrieb. + +Wieder war's Abend geworden. Er hatte gewartet, ob vom Herrenhause +nach ihm geschickt werde, aber es kam niemand. Morgens früh war ihm +der Todesfall gemeldet worden. Er war ins Schloß gegangen, hatte den +Gutsherrn aber nicht getroffen. Dann hatte er zu Hause vergeblich +gewartet. Ob man ihn nicht wollte? Vermutlich. Der Oberstallmeister +zog die Folgerungen aus seinem Christentum. Hätte er -- Kurt Wendler +-- in diesem Augenblick hungernd oder dürstend an seine Tür geklopft, +er hätte ihn gespeist und getränkt, aber das Wort vom Auferstehen und +Leben durfte der Irrlehrer nicht am Grabe seines Kindes sprechen. +Auf dem Gebiet der Liebe würde Karl Heinrich von Kambach, ob's noch +so schwer war, immer Zugeständnisse machen, auf dem Gebiet der +Glaubenstreue und des Bekenntnisses nie. Darin lag aber auch seine +Stärke. Und der Pfarrer nahm vor der rücksichtslosen und doch so +vornehmen Gegnerschaft im stillen den Hut ab. Es lag etwas in dieser +wurzelechten Treue, in dieser bodenständigen aufrechten wahrhaft +innerlichen Kraft, das größer war, edler, als der Adel des Blutes. +-- -- + +Wenn Schenker doch wenigstens einmal käme! Der war an allem schuld. +Der hatte ihn mit seinem übereilten Wort den Stock zwischen die Füße +geworfen! Ja, er! + +Übereilt? Das war Schenker eigentlich nicht. Wenigstens vertrat er +immer, was er sagte. Und lag nicht eine gewisse Wahrheit in seinem Wort? + +›So -- wie -- du -- bist -- kannst du es nicht glauben!‹ + +Wieder das Feilen, das rastlose Hämmern. -- -- + +Da -- was war das? Er schreckte auf. + +Eine Schneelast kam mit Donnergetöse das alte Giebeldach herunter. So +weit war er schon, daß ihn so etwas zusammenfahren ließ. Nerven. -- -- + +Unsinn! -- Er machte sich hart. Jetzt Schluß. So ging's nicht weiter. +Mannesstolz und Manneskraft erwachten, die Sehnsucht, mit dem Feinde +die Klingen zu kreuzen. + +›So, wie du bist!‹ + +Herr Gott im Himmel, er wollt' es ja gar nicht glauben! Warum wurde +ihm denn fortwährend vorgeworfen, er könne es nicht? Er konnte es +wohl! Aber es wäre gegen seine Überzeugung gegangen. Nicht Eigensinn +oder Mangel an Einsicht oder gar theologische Ungebildetheit -- +er wußte mehr wie mancher Positive -- hielten ihn zurück, sondern +lediglich die Tatsache, daß er eine veraltete Form nicht anerkennen +konnte und wollte. Denn wahres Christentum durfte nicht in dem Sinne +christozentrisch aufgefaßt werden, wie der Supranaturalismus es tat. +Entsprach das leuchtende, von oben verklärte, von Gott geweihte, von +seinem Hauch erfüllte, den Menschen beseligende befreiende Jesusbild +nicht tausendmal mehr der Wahrheit, als jene geheimnisvolle Vorstellung +des Offenbarungsglaubens? Ganz gewiß! Hier herrschte Freiheit, dort +Gebundenheit, hier Entwicklung, dort Formelwesen ohne Leben und Geist. +Und eine Einseitigkeit, die sich jedem Fortschritt verschloß, sammelte +sich zum Kreuzzug gegen die ›Irrlehre‹. Volk wider Volk! Darauf +kam's hinaus! Das war das Traurige. Die starre ablehnende Haltung +auf positiver Seite war daran schuld, die Weigerung, die angebotene +Bruderhand zu ergreifen. + +Finster vor sich niederblickend, saß er da. Wenige Stunden noch und +der Augenblick kehrte wieder, wo er sich vor vierundzwanzig Stunden +am Sterbebett eines Kindes bankrott erklärt. Und heute? Das war eben +Überreiztheit der Nerven gewesen! Kein Wunder! Was war gestern alles +auf ihn eingestürmt! Jetzt, wo eine gewisse Entspannung eintrat, wo er +Welt und Dinge mit anderen Augen zu betrachten anfing, konnte er diese +Erklärung nicht aufrecht erhalten. Nein, nein, er war nicht bankrott, +er dachte nicht daran. Die Glaubensgewißheit der Positiven war nicht +größer, als die der Liberalen, -- zuletzt standen sie beide vor einer +verschlossenen Tür. + +Oder nicht? + +›Aber Sie müssen es wissen, Herr Pastor, -- so wie ich es weiß, daß +der Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten +brauche!‹ So hatte ein fünfzehnjähriger Konfirmand angesichts des Todes +gesprochen! -- -- + +Pastor Wendler seufzte. + +›So -- wie -- du -- jetzt -- bist!‹? -- -- + +Er sprang auf, griff zu Hut und Wettermantel und trat in die Dämmerung +hinaus. + +Der Tauschnee spritzte. Aus den Dachrinnen kam das Wasser in Bächen +herab. Es war ein Kunststück, aus dem Hause zu kommen. + +Ziellos wanderte er die Dorfstraße entlang, in der Richtung nach dem +Gutshause zu. Er gestand sich's nicht ein, daß es ihn mit magnetischer +Kraft in den stillen Raum zog, wo der kleine Junker den letzten Schlaf +schlief. Und doch war's so. + +Als er sich dem Park näherte, sah er einen Wagen vorfahren. Im hellen +Schein der Laterne erkannte er mehrere verschleierte Gestalten, +darunter eine auffallend große, vom Alter gebeugte Frau, Exzellenz von +Kambach. Ein Stich ging ihm durchs Herz, -- er kehrte um. -- -- + +Mitten im Dorf blieb er stehen. Was hatte er dieser Frau eigentlich +getan, daß er gewissermaßen die Flucht vor ihr ergriff? + +›So -- wie -- du -- bist -- --‹ + +›Dann hat sich Jesus eben geirrt -- --‹ + +Und drüben lag ein junges blühendes Menschenleben auf der Bahre -- +ihres Herzens Freude und Wonne. + +Das Hämmern und Feilen begann von neuem. + +›Das ist dein Werk -- --‹ + +›Unsinn -- Lungenentzündung -- --‹ + +›Und das andere -- das -- das!?‹ + +›Mein eigener Enkel ist unter Ihren diesjährigen Konfirmanden, Herr +Pastor, es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind +nicht verführt werde!‹ Als sei es gestern gewesen, klang ihm die alte +zitternde Stimme im Ohr. + +Und dann hörte er eine andere. Mühsam brachte sie die Worte heraus. +Dem todkranken Kinde gehörte sie an, das sich still zum Sterben +niedergelegt: ›Sie haben mir nichts genommen!‹ Ein sieghaftes +königliches Wort, ein Bekenntnis heiliger Glaubensgewißheit, aber +auch ein rückhaltloser Hinweis auf die Ohnmacht und Armseligkeit +des Mannes, zu dessen Füßen dies Kind gesessen. Es war der Ertrag +seiner Konfirmandenstunde: die Zurechtweisung aus dem Munde eines +Fünfzehnjährigen: ›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ -- Die stolze +Erklärung angesichts des Todes: ›Sie haben mir nichts genommen!‹ -- +Nichts gegeben -- nichts genommen! Wahrhaftig, eine reiche Ernte! +Trotz der christlichen Weihe des jesuzentrischen Liberalismus, trotz +seines reformatorischen Unterbaus, trotz des Hinweises auf den Vater im +Himmel, auf die ewige Heimat und des Zeugnisses von Jesu von Nazareth! +Trotz alledem! Er konnte diesen Mangel nicht leugnen. + +Den Kopf gesenkt, wanderte er raschen Schrittes die Dorfstraße entlang. +Mancher der Vorübergehenden, der ihn trotz der Dunkelheit erkannte, +blieb stehen und schaute seinem Pfarrer verwundert nach. -- -- + + * * * * * + +»Ja, sehen Sie, lieber Schenker, das ist eben die Gefahr an diesem +jesuzentrischen Liberalismus! Den Kern des Christentums, den Glauben +an Christi Kreuzestod und Auferstehen, den Frieden der Sündenvergebung +durch sein Blut löst er heraus und reicht uns die leere Schale!« + +Schwer und wuchtig klangen die Worte durch die Nachtstille. + +Wie angewurzelt stand der Pfarrer. Hatte sich alles gegen ihn +verschworen, waren die Geister der Mitternacht erwacht, ihn zu narren? +-- Spuk? -- Unsinn! -- Und doch! Was war das? Was bedeutete das? Mitten +in seine Grübeleien klang eine Antwort, die -- die -- + +Dicht vor ihm wanderten zwei Männer durch den Schnee. Daß er sie nicht +früher bemerkt hatte -- -- + +Der alte Schenker war's und ein Geistlicher aus Drachenburg, der im +Schloß verkehrte und mit dem Inspektor befreundet war. Wendler kannte +ihn wenig. Pastor Krug gehörte dem äußersten Flügel der positiven +Rechten an. + +»Herr Pastor, was heißt das eigentlich: Jesuzentrischer Liberalismus?« +hörte Wendler jetzt Schenkersch Vadder fragen. + +»Dem bibelgläubigen Christentum ist Christus der ewige Sohn des +lebendigen Gottes, der um unserer Sünde willen Gekreuzigte, und +um unserer Gerechtigkeit willen Auferweckte, der Wesensinhalt und +Mittelpunkt des Glaubens,« antwortete Pastor Krug. »Diese auf Tatsachen +der Schrift gegründete Glaubensstellung ist ~christozentrisch~. +Denn unser Heil steht und fällt mit Christo dem Gekreuzigten und +Auferstandenen, dem ewigen und lebendigen Sohne Gottes. -- Im Gegensatz +hierzu steht der jesuzentrische Liberalismus, der den Heiland wohl als +höchstbegnadeten Gottmenschen ansieht, aber immer doch nur als den +Gottmenschen, auf den jeder Mensch angelegt ist. In der Person Jesu, +sagen die Liberalen, sei der Gottmensch am schärfsten herausgearbeitet, +in ihm spiegele sich die Gottheit am klarsten wieder. Darum nennen sie +ihn auch Gottes eingeborenen Sohn, d. h. den Träger göttlichen Lebens, +weil sein menschliches Leben allein auf Gott gerichtet gewesen sei. Und +doch kommt das alles auf Gottesleugnung heraus, auf die Leugnung der +Gottheit Christi. Wer aber den Sohn nicht hat, der hat auch den Vater +nicht! Das wird auf jener Seite so oft vergessen. Ich kann mir nicht +helfen, es kommt mir immer vor, als fehle der Wille oder als sei ihm +eine falsche Richtung gegeben worden!« + +»Ja, in Unordnung is da was, Herr Pastor! Ick versteh's auch nicht! Ick +weiß doch, daß ick einen Heiland brauch', wie werd' ick denn so dumm +sein und ihn nicht haben wollen!« + +»Oder ihn mir nach meinem eigenen kleinen Verstande zurechtmachen,« +ergänzte Pastor Krug. »Als ob wir den Heiland der Liberalen gebrauchen +könnten! Gott versöhnen kann er uns nicht, weil er ein Mensch ist und +bleibt, und seine ganze Persönlichkeit der Vergangenheit angehört +und darum nicht ewig ist. Wenn Jesus auch auf liberaler Seite als +Helfer, Erretter und Heiland verehrt wird, so wissen wir darum doch +ganz genau, was wir von dieser Jesusverehrung zu halten haben. Zu der +Versöhnung durch sein Blut, zur Vergebung der Sünden bekennt sie sich +nicht, von Leben und Seligkeit kann sie im ewigen Sinne nichts wissen. +Diese Auffassung nennt man ~jesuzentrisch~. -- Habe ich mich klar +ausgedrückt, Herr Schenker?« + +»Gewiß, Herr Pastor, ick danke Ihnen vielmals. Die Sache selbst +wußt' ick natürlich. Nur den Unterschied zwischen jesuzentrisch und +christozentrisch kannt' ick nich. Wo soll unsereins das auch her +wissen!« + +»Sie sehen, warum die liberale Theologie keinen Boden unter den +Füßen hat,« fuhr der Geistliche fort. »Sie wurzelt letzten Endes, +wenn sie es auch nie zugeben wird, in dieser Erde. Daher ist sie +auch zum Teil an der Entsittlichung unseres Volkes schuld. Denn wo +keine Ewigkeitshoffnung ist, da ist auch keine Sittlichkeit. Das +ist die natürliche Folge. Man kann sich daher gar nicht über die +kirchlich-liberale Freundschaft mit den Monisten wundern!« + +»Monisten?« Schenkers Weisheit war am Ende. »Die glauben gar nichts!?« + +Pastor Krug lachte. »Sie behaupten, sehr viel zu glauben, aber wenn +man's bei Lichte besieht, kommt allerdings wenig dabei heraus. Sie +glauben jedenfalls an keinen persönlichen Gott.« + +»Det sei ick doch!« platzte Schenker heraus. »Verzeihen Sie, Herr +Pastor, aber meine Frau und ick sprechen immer Platt, da geht's mich +dann wie eben!« + +Der Geistliche nickte. + +»Und dann wundert man sich noch, wenn solche Sachen vorkommen, wie +mit der armen jungen Lehrersfrau in Dambeck! Ick kann nur sagen, ick +würd' mir bei der ersten besten Gelegenheit, ja, sobald mir das Leben +irgendwie unbequem würde, eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn ick +keine Ewigkeitshoffnung hätte, wenn ick nich wüßte: du bist um Christi +willen bei Gott in Gnaden!« + +»Wann ist es denn geschehen?« + +»Heute nachmittag hat sie sich erschossen. Kein Mensch weiß, wo sie die +Pistole herbekommen hat! Graf Brelow war vorhin im Schloß. Der Kutscher +hat mir die Geschichte erzählt. Gewundert hab' ick mir ja weiter nich. +Was die Frau für Zeug las, -- ach, du meine Güte! Warum unser Herr +Pastor ihr auch solche Bücher gegeben hat?« + +»Wendler?« + +Der Alte nickte. + +»Was hat er ihr denn gegeben?« fragte der Geistliche. »Können Sie mir +nicht die Titel nennen?« + +»Die hab' ick vergessen, Herr Pastor. In den Brief, den sie geschrieben +hat, stand das ja alles drin, aber ick hab's wahrhaftig wieder +vergessen. Da fällt mir ein, Herr Petzold soll von Volksbüchern +gesprochen haben. Es müssen aber doch wohl Bücher gewesen sein, die +unsereins, der die liberalen Schliche nich kennt, irreführen. Und dann +hat er auch noch zu Mirow gesagt, wenn er 'ne blasse Ahnung gehabt +hätte, daß seine Frau so was läse, so wäre er ganz gehörig dagegen +eingeschritten. Er hätte wohl gewußt, daß sie viel und gern gelesen +hätte, aber gegen die Bücher, die er bei ihr gesehen, hätte er nichts +einwenden können. Det hätte sie ihm verheimlicht, daß sie solche Sachen +im Hause gehabt hat. Es sei gar kein Wunder, daß es so gekommen sei. +Eine Frau wie seine Louise, die schon von Haus aus nich gerade fromm +gewesen sei, könne unmöglich, noch dazu in schwerer Zeit, durch solche +Bücher zum Glauben kommen. Sie erregten nur Zweifel. Ja, Herr Pastor, +wenn's so steht, hat er ja ganz recht! Is wahrhaftig kein Wunder, daß +die arme Seele sich schließlich ein Leid angetan hat!« Und der Alte +stampfte ingrimmig durch den Schnee. »Der hat schon mancherlei auf'n +Gewissen. Bei unsern jungen Herrn is doch auch die Aufregung von wegen +die Konfirmandenstunde mit schuld. Nee, Herr Pastor, allens was recht +is, -- aber, wat to dull is, dat is to dull!« + +Einen Augenblick war's still, dann begann der Alte von neuem: »Was +der Dambecker Kutscher is, der hat mir vorhin, wie Herr Pastor mit +Herrn Grafen oben waren, die Petzoldsche Geschichte haarklein erzählt. +Sein Großvater hat schon in Brelowschen Diensten gestanden, er kennt +das ganze Dorf. Seine Enkel gehen bei Herrn Petzold in die Schule. +So is es gekommen, daß er öfter mit ihm gesprochen hat, und daß Herr +Petzold dem alten Mirow sein Herz ausschüttete. Der Frau war nichts +gut genug. In mein' ganzen langen Leben hab' ich noch keine so feine +Dorfschullehrerwohnung gesehen. Und dann die Kleider! Die Dambecker +Frau Gräfin ging nich so fein angezogen wie Frau Petzold! -- Und +die Leserei! Natürlich litt der Haushalt darunter; die Frau soll ja +nich von die Bücher wegzubringen gewesen sein. So is das Unglück +geschehen! -- -- Herr Pastor, wir Kambacher haben ja die Händler mit +ihren schmutzigen Mitteln immer wieder an die frische Luft gesetzt +und feste verhauen, -- ick hab' selbst dabei geholfen, und solange +meine alten Knochen ihre Schuldigkeit tun, soll der olle Schenker +nich dabei fehlen! In Dambeck scheinen sie nich so scharf vorgegangen +zu sein. Daher is die Geschichte da wohl so eingerissen. Im Falle +Petzold scheint die Sache so zu liegen. Er ist 'n fleißiger arbeitsamer +Mann, der seine Freude an seinen beiden Kindern hat und so was nie +mitmachen würde. Aber sie hat alles in Staat angelegt und sich nich +um Gottes Ordnung gekümmert. Kurz und gut, Herr Pastor, Frau Petzold +hat an ihren zwei Kindern genug gehabt. Und wie die Versuchung an sie +herangetreten is, da hat sie nicht widerstehen können. Der Mann hat +auch hiervon keine Ahnung gehabt. Wie die Frau dann kränker und kränker +geworden is, hat er Verdacht geschöpft. Aber sie hat nich mit der +Sprache herausgewollt. Erst in dem Brief, den sie vor ihrem Tode an ihn +geschrieben hat, is alles gesagt -- -- das Schreiben soll eine schwere +Selbstanklage enthalten, -- Herr Petzold hat es dem alten Mirow gezeigt +-- ihres Gottes habe sie vergessen, schreibt die Frau, ihre heiligsten +Pflichten habe sie versäumt. Schon als Mädchen habe sie allerlei +zusammengelesen, besonders eine Menge Bücher von einen sehr berühmten +Irrlehrer, -- ick hab' den Namen vergessen, mit 'n N fing er an ...« + +»Nietzsche?« fragte der Geistliche. + +»Is gerne möglich, Herr Pastor! Der alte Mirow wußte es selbst nich +mehr genau! -- Na, das is jedenfalls ganz was Schlimmes gewesen, +und Herr Pastor Wendler hat sie durch die Volksbücher davon heilen +wollen. Was dabei herausgekommen is, sehen wir ja! Er hat es gewiß +treu gemeint, aber was die liberale Lehre is, die hat nu mal keine +Kraft. Traurig! Die Frau hat geschrieben, ihr Unglaube habe sie arm +gemacht, so arm, daß sie nun, wo sie krank und siech sei, nich mehr +leben könne. Das Leben habe ja auch keinen Zweck; denn nach dem, was +Herr Pastor Wendler ihr gesagt, und was in den Büchern stehe, die er +ihr geliehen, könne es, wenn man's recht bedenke, keine Ewigkeit geben. +Es sei sonst ja alles recht schön und gut, was darin stehe, aber Trost +biete es nich, wenigstens nich, wenn man so schwer gefehlt habe, und +Ewigkeitshoffnung könne man erst recht nich daraus schöpfen! -- Dann +hat sie noch einen Brief an Pastor Wendler geschrieben ...« + +Sie waren vor Schenkers Häuschen angelangt. Hinter blühenden +Geranienstöcken saß eine weißhaarige Frau bei der Lampe am Spinnrad. +Sie sah traurig aus. Das Leid drüben im Gutshause lastete auf der +treuen Seele. + +Pastor Krug reichte dem alten Kammerdiener die Hand. + +»Gott befohlen, Herr Schenker! Ein trauriges Wiedersehen heute!« Er +wandte sich um. »Was war das?« + +Schenker drehte den Kopf. + +Eine hohe Gestalt im Wettermantel enteilte im Nebel. + +»Um Gotteswillen, das is ja unser Herr Pastor!« + +»Der ist uns doch nicht begegnet,« meinte der Geistliche. + +»Nein, nein, er is uns nich begegnet,« rief der Alte erregt. »Er muß +hinter uns hergegangen sein -- er hat alles gehört!« + +»Vielleicht sollte er's hören,« sagte Pastor Krug und ging den Weg, den +er gekommen, dem Inspektorhause zu, wo sein Wagen wartete. + +Eine halbe Stunde später war er auf dem Heimwege. + +In den Tagelöhnerwohnungen war noch Licht. Heimlich glühte es hinter +den kleinen Scheiben, hinter dem Grün der Myrten und den roten Stauden +des ›fleißigen Lieschen‹. Nur die Pfarre lag dunkel und still unter der +schirmenden Krone der Sommerlinde. + +Einen Augenblick war's ihm, als müsse er an die Tür des Mannes klopfen, +der da drinnen den schwersten Kampf seines Lebens kämpfte, aber dann +sagte er sich: ›Nein. In der Stunde, da Gott uns zerbricht, scheidet +das Menschliche aus. Auch menschliche Treue. Es gibt Kämpfe, die der +Mensch allein kämpft.‹ Und im Herzen das Gebet, daß der Wille eines +Starken sich dem Stärksten beuge, fuhr er durch die feiernde Heide +seiner abgeschiedenen Pfarre zu. + +Sein Entschluß reute ihn nicht. Er wußte es aus eigener, tief +innerlicher Erfahrung: jenes heilige ›Ich will!‹ war das Größte, +Ureigenste, Persönlichste im Menschen! Es war der höchste Freiheitsakt, +den eine Seele vollzog, wenn sie erklärte: ›Ich will aus dem Staube, +will ans Licht, will zu dir, näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!‹ +Eine Umwertung aller Werte barg diese Tat, und der oft mißdeutete +alte Spruch ward Ewigkeitswahrheit: ›Des Menschen Wille ist sein +Himmelreich!‹ + + + + +Zehntes Kapitel. + +Ein Ton. + + Ich hab' eine Mutter und hab' sie nicht! -- + An ihr Festgewand, an ihr schimmernd' Geschmeid + Denkt sie zu aller Stunde und Zeit; + An ihres Haares seidene Pracht, + An ihrer Augen leuchtende Nacht, + An die roten Rosen an ihrer Brust, + An Erdenliebe und Erdenlust, + An Glück und Liebe und Sonnenschein, + An tausend lachende Melodei'n, + An alles, was einst in Scherben bricht! -- + Ob ihres Kindes verlassene Seele + Den Durst gestillt an lebendiger Quelle, + Danach fragt sie nicht! + + +Ein weicher linder Tag war's, einer von jenen neuen Frühlingsboten, die +alles versprechen und nichts halten. Um die Dächer flog der Tauwind, +sein Lenzlied singend, und der Tropfenfall unten auf den Steinen schlug +den Takt dazu. Aber in der südlich milden Luft lag's wie ein Traum von +Veilchenduft und Zentifolienblüte, wie eine große Sehnsucht nach der +bräutlichen Pracht weißer Narzissen. In den Blumenhallen standen sie in +dichten Sträußen, auf dem Potsdamer Platz, an den Straßenecken lockten +sie die Vorübergehenden. Schon küßte die Sonne drüben im Tiergarten +ihre Schwestern wach. Von jeher hatte sich der Frühling beeilt, nach +Berlin zu kommen. -- -- + +Aus den offenen Fenstern eines hellen Gartenzimmers in der +Dorotheenstraße klang eine Frauenstimme. Wie ein Trauerschleier lag's +über dem Liede, über dem weichen vollen Alt. Ein seltsames Lied +war's, auf einen einzigen Ton gestimmt. Aber die Klänge eines edlen +Instruments gaben dem wunderbaren Sang ihr vielstimmiges Geleit, wie +ein Kirchenchor der Stimme eines Engels. Es war das Lied des Meisters +Peter Cornelius aus seinem ergreifenden Werk ›Trauer und Trost‹: ein +Ton. + +Zart wie ein Hauch schwebte es durch den stillen Raum in den lachenden +Vorfrühling hinaus, ein Allerseelenlied, von Tränen betaut, von +Ewigkeitshoffnung getragen: + + ›Mir klingt ein Ton so wunderbar, + In Herz und Sinnen immerdar. + + Ist es der Hauch, der dir entschwebt, + Als einmal noch dein Mund gebebt? + + Ist es des Glöckleins trüber Klang, + Der dir gefolgt den Weg entlang? + + Mir klingt der Ton so voll und rein, + Als schlöß er deine Seele ein. -- + + Als stiegest liebend nieder du + Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹ + +Der letzte Ton war verklungen. Sinnend blickte ein dunkeläugiges +Mädchen auf die Noten. Die schlanken schmalen Hände ruhten auf den +Tasten. + + ›Als stiegest liebend nieder du + Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹[2] + +flüsterte sie und ihre Augen schimmerten in Tränen. + +Vor ihrer Seele stieg ein Bild auf: eine schlanke Knabengestalt mit +blauen Augen und blondem Haar, mit hellem Sinn und klarem Blick +-- der junge Adel, wie er leibte und lebte. Nun lag das blühende +hoffnungsvolle Menschenleben im Grabe. Wie ein Held war dies Kind den +letzten dunklen Weg gegangen, den Jubelpsalter der Weihnacht auf den +Lippen. + +Wieder wurden die Töne unter dem Druck der Mädchenhände lebendig, +wieder klang die helle Stimme. Aber über diesem Liede lag kein +Schleier. Leise zwar, unter den Tränen frischen Schmerzes, aber dennoch +froh wie ein Kind im Schein der Christnacht sang Sibylle Bühler, alles +um sich her vergessend, das holde weihnachtliche Lied: + + ›Das ew'ge Licht geht da herein, + Gibt der Welt ein'n neuen Schein! + Es leucht't wohl mitten in der Nacht + Und uns des Lichtes Kinder macht, -- Kyrieleis!‹ + +Das Lieblingslied ihres kleinen frohen Kameraden war ja auch das ihre. +Wie oft hatten sie es zusammen gesungen! + + ›Und uns des Lichtes Kinder macht‹ -- + +zog es in den goldenen Mittag hinaus. Dann war es still in der hellen +Gartenstube der Dorotheenstraße. + +Träumend saß Sibylle Bühler im Schein der Märzsonne. Sie hatte es +nicht bemerkt, daß sich leise die Tür öffnete, daß eine Frauengestalt +in Trauerkleidern, auf den Krückstock gestützt, von der Schwelle +herüberlauschte. Frau von Kambach war älter geworden in den letzten +Wochen. Der Tod des jungen hoffnungsvollen Enkels hatte sie schwer +getroffen. Die ersten Tage nach dem Begräbnis hatten Sibylle und +Fräulein Eichel sogar einen körperlichen Zusammenbruch befürchtet. +Aber der glaubensstarke Geist siegte über die Schwäche des Leibes. +Nur die körperliche Widerstandskraft ging der Greisin in jenen +Tagen verloren. Die Spannkraft des Geistes, die ihrem Wesen seine +wunderbare Frische gab, kehrte mit der Teilnahme am Leben und an +den Fragen des Tages zurück. Aber die geplante Bundessitzung hatte +doch hinausgeschoben werden müssen, auch aus Rücksicht auf Herrn von +Kambach, der an dem festgesetzten Tage nicht hatte kommen können. + +Die Rechte fest auf den Krückstock gestützt, stand Frau Sabine da. Über +das welke Gesicht liefen die hellen Tränen. Leise schluchzte sie auf. + +Sibylle wandte den Kopf. Ein heißes Erschrecken flog über ihre Züge. + +»Exzellenz!« + +Sie sprang auf und eilte auf die alte Dame zu. + +»Verzeihung, Exzellenz!« + +Sie neigte sich über die zitternde Hand und küßte sie. »Was hab' ich +getan, -- ich -- hatte ja keine Ahnung!« + +Frau von Kambach sah das junge Mädchen groß an. + +»Aber liebes Kind, was sollten Sie mir getan haben, ich wüßte es +wirklich nicht!« + +Sibylle kämpfte mit den Tränen. »Ich hätte diese beiden Lieder nicht +singen sollen, Exzellenz!« + +Die alte Dame schüttelte den Kopf. + +»Das versteh' ich nicht, liebe Sibylle! Kommen Sie, wir wollen uns ans +Fenster setzen, die Sonne scheint so schön herein! Das Stehen wird mir +noch schwer!« + +Sie legte den Arm in den ihres Gastes und ließ sich zu dem behaglichen +weißen Peddigrohrsessel am Fenster führen. Dort nahm sie Platz, Sibylle +aber setzte sich, wie sie es liebte, auf eine Fußbank und lehnte den +dunklen Kopf an die Knie der alten Frau. + +Der Himmel blaute und der Goldlack duftete, die Sonne umspielte das +feine stimmungsvolle Bild mit ihren Lichtern. + +»Ich hätt's nicht tun sollen,« sagte das Mädchen noch einmal und +schmiegte die rosige Wange an die alten Hände, -- »es war zu früh -- +besonders das Lied vom ew'gen Licht,« sie stockte -- »Verzeihung, +Exzellenz!« Und sie hob das schöne erregte Gesicht zu der Greisin empor. + +Freundlich strich Frau von Kambach über das duftige Haar. »Aber Billy, +glauben Sie wirklich, daß es mich traurig macht, dies Lied zu hören? +Die schönste Erinnerung an meinen lieben Jungen ist damit verknüpft. +Ich hatte Sie schon bitten wollen, es einmal zu singen, Sie haben mir +also einen Wunsch erfüllt!« + +»Ich dachte, Exzellenz ...« sie zauderte. + +»Was dachten Sie, Kind?« + +Sibylle errötete. + +»Ach -- ich mußte an Mama denken! Da hätt' ich's nicht gedurft! Als +Papa damals in Bühl starb, ließ er sich vom Kirchenchor ›Wenn ich +einmal soll scheiden‹ vorsingen. Ich fühlte es Mama an, daß es ihr +schrecklich war. Hinterher haben wir es nie mehr singen dürfen, und +es war doch Papas Lieblingslied. Ich glaube,« wieder stockte sie, +»Mama will nicht an den Tod erinnert sein. Aber das sag' ich nur Eurer +Exzellenz!« + +Über ihre Züge huschte ein schmerzliches Lächeln, als wollte sie das +tiefste Vermissen verbergen, die große unerfüllte Sehnsucht: ›Ich hab' +eine Mutter -- und hab' sie nicht!‹ + +Und dann legte sie plötzlich den Kopf in den Schoß der alten Frau und +weinte bitterlich. + +Die Greisin verstand dies Weinen. Wie ein lang zurückgehaltener Quell +durchbrach es alle Dämme und überflutete alle Hindernisse. Unaufhaltsam +trieb und drängte es empor aus der Enge innerer Gebundenheit zur +Freiheit, aus der Heimatlosigkeit in den Hafen. + +Sibylle war ein Charakter, war trotz ihrer Jugend eine Persönlichkeit. +Denn sie besaß wahres Christentum. Am Sterbebette des Vaters hatte +sie zuerst seine Kraft erfahren und später, je länger je mehr erlebt, +daß das alte heilige Erbteil der Bühlers Leben und Seligkeit barg. +Unbewußt begann sie sich innerlich von der Mutter zu lösen. Schon das +tief angelegte gemütvolle Kind hatte, ohne sich darüber klar zu werden, +unter dieser Frau gelitten. Seine kleine Seele hatte gedarbt. Seinem +Leben hatte nicht nur wahre Mutterliebe gefehlt, sondern das Heiligste, +was Mutterliebe einem Kinde bringen kann: Religion. So kam es, daß +sich das heranwachsende Mädchen, ohne sich dessen bewußt zu werden, +immer mehr von der Frau entfernte, die von Weltlust und Vergnügen +lebte. Aber das Weib, zumal das junge werdende, bedarf in Lust und +Last des Lebens des Weibes. Die Liebe ihres Großvaters, dessen edle, +wahrhaft christliche Persönlichkeit von jeher einen starken Einfluß +auf sie ausgeübt, ersetzte Sibylle Bühler die Mutter nicht. Ganz davon +abgesehen, daß ihr stark ausgeprägtes Pflichtgefühl sie immer wieder zu +der oberflächlichen Frau zurücktrieb, sie immer aufs neue mahnte, ihr +die Seele zu erschließen und bei ihr zu suchen, was sie brauchte. Sie +mühte sich vergeblich. Gräfin Bühler hatte nichts zu vergeben. Aber die +Bande des Blutes waren zu stark. Ganz kam Sibylle innerlich von ihrer +Mutter nicht los. Immer wieder suchte sie die Ursache der Entfremdung +bei sich, immer wieder glaubte sie, sie bei sich zu finden. Das brachte +Zwiespalt und Unruhe in ihre Seele, das nahm ihr in vielen Fällen die +Klarheit des Urteils und verschob die feinen Grenzlinien von Pflicht +und Recht. Das brachte ihr die Gefahr sittlicher Begriffsverwirrung +im zartesten innerlichsten Sinne. Sie gab und gab, aber ihre Schätze +wurden nicht genommen. Das ließ sie irrewerden an weiblicher Eigenart, +an dem wahren Wesen der Frau. Und es erstarrte etwas in ihr, als +sie das, was jedem echten Weibe eigen, bei der Frau, die ihr das +Leben gegeben, nicht fand, als sie erkannte, daß ihrer Mutter die +Mütterlichkeit fehlte. Exzellenz von Kambach wußte dies alles, ohne daß +man es ihr gesagt. Sie fühlte, daß die Kluft zwischen den beiden Frauen +unüberbrückbar sei. Und ihre Liebe zu dem holden Geschöpf, das in den +letzten Wochen ihr stilles Leben mit seinem Frohsinn verschönt, wuchs. + +»Es ist hier alles so anders als zu Hause,« klang es stockend zu ihr +empor, »so wie ich's lieb', Exzellenz, und wie ich's mir im stillen so +oft wünsche. Aber zu Hause wird es nie so sein. Mama ist ganz anders +erzogen. Sie ist eben eine Firlemont, das entschuldigt ja alles. +Wenn das ganze Leben bei uns nur einen Schmerz für mich bedeutete, +ein Entbehren, so wär's ja ganz selbstverständlich, daß ich es, ohne +ein Wort darüber zu verlieren, ertrüge; denn ich gehöre zu meiner +Mutter, aber -- aber,« und Sibylle Bühler quälte sich um den Ausdruck, +»es wirkt verflachend auf mich! -- Wenn ich in Bühl oder hier etwas +innerlich empfangen habe, das wertvoller ist, als all der Tand und +Schein, der uns umgibt, wenn ich reicher heimgekommen bin, als ich +fortging, -- ein paar Wochen, Exzellenz, und ich hab's verloren! Es +ist, als färbte die Umgebung auf mich ab!« Ein Beben ging durch den +schlanken Körper. »Alles leidet darunter,« fügte sie leise hinzu, »mein +ganzes Sein, mein Innenleben, mein Gebet ...« + +Sie schwieg. Den Kopf an die Knie der Greisin gelehnt, weinte sie leise +vor sich hin. + +Frau von Kambach wußte, das war noch nicht alles. Aber sie konnte +warten. + +»Wegen der beiden Lieder,« sagte sie freundlich, »dürfen Sie sich +nicht grämen! Im Gegenteil, die möchte ich noch oft hören. Sehen Sie, +Kind, Ihre Mutter tut mir leid. Rasse, Erziehung, Veranlagung haben sie +zu dem gemacht, was sie ist. All der äußere Schimmer, der sie umgibt, +all die Unrast, die sie hierhin und dorthin treibt, ihr ganzes Wesen +ist für mich der Beweis dafür, daß sie mit heißer Sehnsucht etwas +sucht, aber -- auf falsche Art, an verkehrten Stellen. Sie ersehnt, +ohne es zu wissen, dasselbe wie wir, begnügt sich aber mit kümmerlichen +Ersatzmitteln, weil der Weg zu der einen köstlichen Perle ihr zu steil +ist.« + +»Wenn Mama nicht fortwährend Unterhaltung hat, ist sie todunglücklich,« +sagte das junge Mädchen. + +»Sehen Sie! Das ist es. Irgendwo muß der Mensch seinen Durst stillen. +Da sie aber die lebendige Quelle nicht kennt, läßt sie sich von tausend +Stimmen locken. Unser Leben muß aber auf ~einen~ Ton gestimmt +sein, gerad' wie das schöne Lied von Peter Cornelius, das Sie vorhin +sangen. Wenn dieser eine Ton hindurchgeht, dann gibt's keinen Mißklang +mehr, dann hat unser Leid seinen Stachel verloren und unsere Freude +ist verklärt. Nicht wahr, jetzt verstehen Sie auch, warum ich das Lied +vom ewigen Licht so liebe! Nicht nur, weil es Eberhards Lieblingslied +war und ihn in der Sterbestunde erquickt hat, sondern weil seine +Ewigkeitswahrheit auch mein Sterben erhellen wird!« + +Sie schwieg. + +Kein Laut ging durch den stillen Raum. Nur ein verirrtes Bienchen, von +der Frühlingssonne wachgeküßt, summte über den Blumen. -- + +Die Greisin wartete noch immer. Sie wußte, auf der jungen Seele lastete +etwas, das sie nicht länger allein tragen konnte. + +Harro Kambach war zum Luftschifferbataillon abkommandiert und kam, +seit er in Berlin war, fast jeden Tag in das Haus seiner Großmutter. +Die alte Dame wußte, wem diese Besuche galten. Sie zu hindern, lag +kein Anlaß vor. Aber manche Nacht lag sie wach und sann und sann, ob's +ein Glück sei, wenn die Wege der beiden Menschen sich einen würden. +Ihre Gedanken kamen nicht zum Abschluß. Was sie schon im Herbst +gefürchtet, als der Enkel sie gebeten, die Hände über seine Liebe zu +breiten, bestand noch heute. Dem Manne konnte diese Verbindung zum +Segen gereichen, kam's anders, so war nicht nur ein Frauenherz seines +Glückes beraubt, sondern auch das Allerheiligste der Ehe, die innerste +seelische Gemeinschaft zerstört. Und was dann? -- -- + +Noch eines kam hinzu. Sibylle war ihr nicht ganz klar. Sie hatte das +Gefühl, hier ringt eine Seele um die Antwort auf eine große heilige +Frage. Und diese Antwort blieb aus. Der greisen Frau ward's zur immer +stärkeren Gewißheit: entweder treibt die Glaubensfrage hier Mann und +Weib auseinander oder der Mann wird geheiligt durch das Weib. Aber +einer Sibylle Bühler gegenüber durfte der Einfluß der Frau nicht zu +stark betont werden und noch weniger die Möglichkeit seines Erfolges. +Ihr starker zielbewußter Geist würde Gefahr laufen, eigene Kraft und +eigenen Wert zu überschätzen. In dem Bewußtsein der Überlegenheit +würde ihr verloren gehen, was dem Weibe gehörte. Und das durfte nicht +sein! Der stille Wandel der Frau, der ungesucht und ungewollt einem +schwankenden Manne Führerdienste leistet, durfte nichts von seiner +Eigenart einbüßen. Damit wäre dem Manne nicht geholfen worden, die +Frau aber hätte sich selbst und ihre heiligste Mitgift verloren. +Und je länger die Lebenserfahrene die beiden Menschen beieinander +sah, um so mehr ward ihr Sibyllens Zurückhaltung erklärlich -- ein +unausgesprochenes Etwas im Wesen des Mannes ließ sie zaudern. Das +machte sie unsicher. Das legte ihr einen Bann aufs Herz. Darum saß sie +noch immer schweigend zu ihren Füßen, darum sprach sie nicht weiter. +Nur ihre Zurückhaltung verhinderte Harros Werbung, das wußte Sibylle so +gut wie Exzellenz von Kambach. Und eine las nach Frauenart in der Seele +der anderen -- -- -- + +Aber der Greisin ward das Schweigen schwer. In ihrem langen Leben war +ihr viel Vertrauen geschenkt, die schwersten Lasten waren ihr auf Herz +und Gewissen gelegt worden, nicht nur von Kindern und Enkeln. Und dies +junge schöne Geschöpf, das sonst mit allem zu ihr kam, schwieg. Doch +sie hatte ein feines Verständnis für dies Schweigen. Sie besaß nicht +nur Lebensklugheit und Menschenkenntnis, sondern Herzenstakt. + +Geduldig wartete sie. + +Doch Sibylle Bühler brachte das Bekenntnis ihrer Liebe nicht über die +Lippen. + +›Sie hat eine Mutter und hat sie nicht!‹ zog es der alten Frau durch +die Seele, und sie ehrte den scheuen Stolz. + +Nachdenklich blickte sie hinaus. In ihrer Seele erwachte die +Vergangenheit, die eigene Jugend mit ihrem Glück. Sie hatte es leichter +gehabt als Sibylle Bühler. -- + +Da klang wieder das heiße bitterliche Weinen zu ihr empor. + +Sie neigte sich über das junge Mädchen. »Nun, Billy, ist's denn so +schwer zu sagen?« + +»Ach, Exzellenz, ich -- ich weiß ja nicht, ob ich's sagen darf!« + +Einen Augenblick war's still. Dann fragte Frau von Kambach mit weicher +Stimme: »Harro?« + +Sibylle nickte. + +»Ja,« sagte sie leise und schmiegte ihr heißes Gesicht an die schmalen +Frauenhände. Und dann kam eine Ruh' über sie, die sie nie gekannt. Sie +wußte, jetzt konnte sie alles sagen und fragen. An dies Herz konnte +sie getrost ihre Sorgen legen, aus diesen lieben Händen wollte sie den +Segen empfangen für ihren Weg in Glück und Leid. Ja, auch im Leid! +Und zagend kam sie von ihren Lippen, die bange schwere Frage nach dem +Glauben des geliebten Mannes. + +Frau Sabine antwortete nicht sogleich. Vor ihrem Geiste stand das +ritterliche Bild ihres Enkels, und in ihrer Seele klangen seine Worte +wieder: ›Soviel an mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer +Sibylle Bühler würdig ist! Das schwör' ich dir!‹ + +Sie wußte, dieser Schwur war ihm heilig. Ob das Leben mit seiner Lust +seine Sinne je und dann gefangen nahm, er war ihm heilig. Denn das, +was ihn bisher gehindert hatte, ein ganzer Mann und ein Christ zu +werden, war lediglich der Wille -- der angekränkelte verweichlichte, +seiner Kraft beraubte Wille, der den alten kategorischen Imperativ ›Du +sollst!‹ verneinte -- keine unedle Art, im Gegenteil, als ein rechter +Kambach besaß er ein Stück wahrhaftiger innerer Vornehmheit -- was +hier fehlte, war der Wille. Aber diese Tatsache sagte viel, alles. +Sie war der Maßstab für den ganzen Menschen. Trotzdem stieg im Herzen +der Großmutter immer wieder die Hoffnung auf, daß die gute alte Art +auch hier ihr Recht geltend machen werde. Und diese Hoffnung sprach +sie aus. Ohne das gegenwärtige Bild zu verschleiern. Ohne der Jungen +zu verhehlen, daß ihres Enkels Weltanschauung eine höchst moderne +sei, daß man von Religion wohl kaum bei ihm reden könne. Daß seine +Wagnerverehrung ihn vielmehr zu Schopenhauer und Nietzsche treibe. + +Sibylle war sehr ernst bei ihren Worten geworden. + +»Und trotzdem hoffen Exzellenz?« + +»Ja, das tue ich. Er kann die gesunde Kambachsche Natur auf die Dauer +nicht ganz verleugnen, einmal muß sie zum Durchbruch kommen. Außerdem +nimmt unser Herrgott einen jeden von uns früher oder später in seine +Schule!« + +Wieder war's still im Zimmer, nur die Biene flog summend von Kelch zu +Kelch. + +»Und ich?« fragte das junge Mädchen. + +Frau Sabine zögerte. Sie fühlte die Riesenverantwortung, die das Weib +dem Weibe auferlegte. Sie wußte, Sibylle würde sich an ihre Antwort +klammern, mochte sie ausfallen, wie sie wollte, -- wußte, wie stark +ihr Einfluß gerade auf junge Menschen war, wußte, wie stark er hier +war, und hütete sich, ihn in einer Form geltend zu machen, die nur das +eigene Gewissen vorschreiben durfte. + +»Sünde ist's nicht, wenn eine Frau einen Mann heiratet, der nicht +mit ihr auf einem Glaubensgrunde steht,« erwiderte sie. »Ob's leicht +ist, ob's glücklich macht, ist eine andere Frage. Jedenfalls ist's +ein Wagnis, welches viel Mut und Gottvertrauen fordert. Keinenfalls +aber soll die Frau ihrer Liebe die Kraft beimessen, den Unglauben des +Mannes zu überwinden. Das hieße die Rechnung ohne den Wirt machen. +Denn das ist kein Glaube, der einem anderen zuliebe seine Überzeugung +zu wechseln wähnt, -- das ist eingebildeter Glaube. Mann und Weib sind +keine Kinder, bei denen Autoritätsglaube den ersten Grund legt, sondern +reife Menschen. Wer aber plötzlich einem Weibe zuliebe seine ganz freie +Weltanschauung aufgibt und sich zu dem lebendigen Gott bekennt, darf +sich nicht wundern, wenn einem Zweifel an diesem Glauben aufsteigen. Er +ist zum mindesten eine überraschende Erscheinung. Ich für meine Person +habe in derartigen Fällen gewöhnlich die Erfahrung gemacht, daß solche +Männer überhaupt keine ordentlichen Männer waren!« + +Sibylle hatte mit gespanntester Aufmerksamkeit den Worten ihrer alten +Freundin gelauscht. Ein schelmisches Lächeln huschte über ihre Züge. +»Es ist aber auch ein Kunststück, in den Augen Eurer Exzellenz ein +ordentlicher Mann zu sein!« + +Frau von Kambach lachte herzlich. »Ach wirklich, Billy? Desto besser! +Auf diesem Gebiet müssen hohe Anforderungen gestellt werden. Sind sie +denn aber soviel höher als die, welche ich an die Frau stelle?« + +»Ja,« klang die ehrliche Antwort. + +Die andere schüttelte den weißen Kopf. »Nein, Liebling, das ist ein +Irrtum. Vielleicht haben die letzten Wochen mit ihren Kirchen- und +Wahlkämpfen die Frage nach dem Manne in den Vordergrund gestellt und +Bilder entrollt, die einem die Schamröte ins Gesicht treiben, -- aber +meine Stellung zur Frauenfrage kann wohl kaum ernster sein, als sie +ist. Ich will ganz von den Frauen absehen, -- ob sie aus den höchsten +Kreisen stammen oder aus dem Volk, -- deren wir uns schämen müssen, -- +die scheiden, wo es den Kampf um die höchsten Güter gilt, aus, -- aber +das wird sich keine von uns verhehlen, daß gerade ~die~ Frauen, +mit denen wir rechnen müssen, vielfach nicht auf dem Posten sind. Die +gebildeten christlich sein wollenden Frauen von heute sind oft von +einer Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit, wie sie nicht schlimmer +sein können. Und gerade die Frauen unserer Kreise sind es, -- es wird +einem himmelangst, wenn man sich sagen muß: das sind deutsche Gattinnen +und Mütter, das sind die, welche es werden wollen!« + +Sibylle senkte den Kopf. »Verzeihung, Exzellenz, ich seh's ein, wieviel +ich noch lernen muß!« Sie küßte die Hand der Greisin. »Ich bin ja so +dankbar, daß ich hier sein darf!« Und dann kam's wie ein Angstruf von +den jungen Lippen: »Wenn ich nur nicht auch so werde!« + +»Noch sind Sie es nicht, und die Anlage dazu haben Sie, soweit ich +es beurteilen kann, auch nicht, aber seien Sie auf der Hut, wir leben +~in~ der Welt!« + +Sibylle nickte. »Ja, ich weiß, die Welt färbt ab! Wie oft hab' ich +das schon gemerkt!« Zögernd setzte sie hinzu: »Mama sagt mir das ja +nicht, die sieht nur darauf, daß ich gut angezogen bin und viel tanze. +Aber wenn Exzellenz es mir sagten, wenn ich mich ändern soll, -- wenn +Exzellenz wüßten, wie dankbar ich wäre, ich kann's nicht sagen, wie +sehr!« + +Die alte Frau blickte still auf ihren Liebling. In ihren Augen glänzten +Tränen. + +»Wollen Exzellenz es tun?« fragte die Junge. + +»Ja,« klang die schlichte Antwort. + +Und Sibylle Bühler war sie genug. -- -- -- + +Die Dämmerung wob ihre Schleier um das Frühlingsbild in der großen +Stadt, um ihre Gärten und Höfe. + +In das trauliche Hinterzimmer blickte die feine goldene Mondsichel. + +»Sünde ist's nicht?« klang's noch einmal hinter den Goldlackstauden, +aber diesmal kam's fragend von scheuen Mädchenlippen. + +»Der ungläubige Mann ist geheiligt durch das Weib, schreibt Paulus den +Korinthern,« erwiderte Frau Sabine. »Das bleibt bestehen, leugnet aber +die Schwere der Frage nicht ab. Die Antwort muß die Liebe geben.« + +Sie nahm den dunklen Mädchenkopf in beide Hände und sah tief in die +nachtschwarzen Augen. + +Sibylle Bühler war blaß geworden, aber ihre Stimme war fest und klar, +als sie Harro von Kambachs Großmutter die Antwort gab. Es war die +größte, die ein Frauenherz geben kann: »Ich liebe ihn!« + + * * * * * + +Feierstille waltete. Auf dem jungen Haupt lagen segnend die alten Hände. + +Der Frühlingswind stahl sich durchs offene Fenster und huschte über die +Saiten der Stradivariusgeige. -- -- + +Und durch die Dämmerung zog klingend und singend, leise wie ein Hauch, +-- ein Ton. -- -- + + + + +Elftes Kapitel. + +Um die Volksseele. + + Sag' an, wo ist der streitbare Held, + Der stolz im Kampf deine Farbe trägt? + Der sein rotes Herzblut für dich verspritzt, + Der dir sein Leben zu Füßen legt? + + Wem steht es geschrieben in Herz und Sinn, + Daß Heimatliebe im Himmel wohnt, + Daß sie im Glanze der Ewigkeit, + Über den goldenen Sternen thront? + + Deutschland, ich wollte, ich wäre ein Mann, -- + Bei Gott! Mein Schwert führt' ich ritterlich. + Und kämpfte als ein streitbarer Held + Um die Königskrone, -- um dich -- um dich! + + +Schenkersch Vadder war in Berlin, oder richtiger gesagt in der +Dorotheenstraße. Denn Berlin war ihm ein Greuel. Diese Überfülle auf +Straßen und Plätzen, dieser Lärm Tag und Nacht, dies Treiben und Hasten +entsprach nicht seinem gediegenen Kammerdienercharakter. Und vor allem +diese Gesellschaft! Gewiß, man traf auch aristokratische Einfachheit, +Menschen, die sich ins Privatleben zurückgezogen, Gestalten aus der +Hofgesellschaft, Landadel, -- aber das war eben nicht das eigentliche +Berlin, war nicht Berlin +W+! Was z. B. alles auf dem Potsdamer +Platz und in der Leipziger Straße herumlief, -- man hätt' es nicht für +möglich gehalten! Nun, ja, man kam eben vom Dorf, da gab es, Gott sei +Dank, so etwas noch nicht! Und in Kambach würd's auch niemals so weit +kommen! Frauen, wie er sie heute morgen bei der Ankunft auf dem Bahnhof +gesehen, hätten sich nicht auf der Dorfstraße blicken lassen dürfen, -- +Kleider wie ein Futteral, -- er hatte heute morgen fortwährend auf den +Augenblick gewartet, wo eine Naht platzen würde, -- himmelhohe Absätze +mit ›Edelsteinen‹ besetzt, Patschuliduft, -- Schenker hatte von der +Köchin der alten Exzellenz erfahren, das nenne man ›elegant-mondän‹. +Das hieß jedenfalls soviel wie ›überelegant‹. Malvine wußte es nicht +genau, man konnte sich ja schließlich auch sein Teil denken. Die Männer +sahen dementsprechend aus. Schenker hatte nur immer den weißen Kopf +geschüttelt, -- »na, denn man zu, det kann ja noch nett werden!« Der +Alte war froh, als er glücklich in der Dorotheenstraße angelangt war. +Aber als Sibylle Bühler in ihrer vornehmen Schönheit vor ihm stand +und ihn freundlich begrüßte, konnt' er's nicht lassen, Vergleiche zu +ziehen. Warum gab es so etwas nur noch vereinzelt, eigentlich nur noch +auf alten märkischen Schlössern? Und während er Herrn von Kambachs +Koffer auspackte, dachte er über die Frauenfrage nach. Es war doch +eine heikle Sache! Gut, daß diese Weiber in Berlin wohnten und nicht +in Kambach, -- na, der olle Schenker war schließlich auch noch da, und +schlimmstenfalls gab's Reitpeitschen! + +Und das großstädtische Straßenbild blieb in der Seele des Greises +haften. -- + +Vor zwanzig Jahren wäre das alles nicht möglich gewesen! Und doch +war's nur ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde. Ihn schauderte. +Immer gewisser ward's ihm: sein schönes heißgeliebtes Vaterland war +das reine Babel geworden. Vor einiger Zeit hatte er in Drachenburg +in einer christlichen Versammlung gehört, Paris sei nichts gegen die +Friedrichstraße. Damals hatte er sich über die übertriebene Äußerung +geärgert, -- heut glaubte er sie. Herrgott, wo sollte das hinführen? +Ging es so weiter, so verfaulte Deutschland bei lebendigem Leibe! Ein +Glück und Segen, daß man endlich anfing, die Scheuklappen abzulegen, +daß sich Männer und Frauen fanden, die auf die Pestbeule ihres Volkes +hinwiesen und erklärten: ›Da hapert's!‹ Hoffentlich war's noch nicht zu +spät! + +»Ach was! Daß du das schändliche Sorgen nicht lassen kannst, +Schenkersch Vadder! -- Aber das viele Geld, das zur Gründung des Bundes +nötig is, und was sonst drum und dran bummelt! -- Schenker, wat du da +seist, is einfach Quatsch!! Du kennst genug Geschichten, wo Gott der +Herr sich einfach seine Leute rangekriegt hat, und wenn das nötige Geld +nich da war, hat er's ihnen geschenkt und dann wieder aus der Tasche +geholt für seine Sache! Also -- bitte!« + +Und die treue Seele, die sich in den langen stillen Stunden im +Kambacher Gutshause angewöhnt, in allen Tonarten Selbstgespräche zu +führen, vergaß, daß die Wände in der Dorotheenstraße dünner waren, und +hielt ihrem alten Adam eine Moralpredigt nach allen Regeln der Kunst. + +Aber nebenan saß ein dankbarer Zuhörer und freute sich, daß es noch +solch kernige Art im deutschen Vaterlande gab, deren engere Heimat +seine alte Mark war. + +Leise erhob er sich und öffnete die Tür zum angrenzenden Zimmer. Dort +saß Exzellenz von Kambach rechnend am Schreibtisch. + +»Bitte, Mamachen, komm einen Augenblick herein und hör' dir Schenkers +Selbstgespräch an! Es ist zu köstlich!« + +Sie sah überrascht auf. Zum erstenmal, seit sein Kind zu Grabe getragen +war, hörte sie den alten fröhlichen Ton. + +»Von dem können wir lernen! 's ist doch was Prachtvolles um die +märkische Art. Aber bitte, komm, sonst entgeht uns das Beste!« Der +Oberstallmeister bot seiner Mutter den Arm. »Daß er uns nur nicht hört, +der Kerl hat noch immer Ohren wie 'n Luchs!« + +Und dann standen sie vor der angelehnten Tür hinter dem Vorhang. -- + +»Wenn Malwine das ›elegant-mondän‹ nennt, so is sie eben so'n Schaf, +wie alle anderen,« sagte drinnen die alte Stimme in bestimmtem Ton. +»Elegant? Was elegant is, weiß der olle Schenker ganz genau -- Gräfin +Bühler is elegant -- das heißt die junge -- Gott bewahr' einen vor der +aufgedonnerten Mama, -- is ja gar keine Bühler, is 'ne Firlemontsche!« +Er lachte kurz in sich hinein. »Aber Gräfin Sibylle! Die sollten sie +man ordentlich ran kriegen zur Bundesarbeit. Schade, daß sie noch +so jung is! -- -- Ja -- und nu -- mondän! Eigentlich müßt' ick doch +wissen, was das heißt, schon damit ick drüber reden kann!« + +Stille folgte. Ein paar Schritte. + +»Hier war doch sonst 'n Fremdwörterbuch, oder so was in der +Fremdenstube!« + +Die Tür des Bücherschrankes ging. Ab und an ein Geräusch, als zöge eine +unkundige Hand ein Buch aus dem Fach. + +Dann wieder die alte Stimme: »+Mondain, m.+ (sp. mongdäng) ein weltlich +gesinnter Mensch! -- Na, das hab' ick doch von Anfang an geseit! +Das gehört also mit zu den ganzen Kram. Die Geburtenverhütung, die +Unsittlichkeit, die Frechheit gegen die Obrigkeit, die Verachtung +von Gottes Wort, das alles is verwandt mit die Gesellschaft, mit die +verrückte Kleidermode, mit die Edelsteine an den Stelzenabsätzen! +Is ja Glas, nix weiter, aber es soll was vorstellen! Wenn so'n +Frauenzimmer mal Kobolz aus der Straßenbahn schießt, -- daß du dich +nich unterstehst, und die etwa aufsammelst, Schenker! Wenigstens wasch +dir nachher die Hände, sonst denkt deine alte Exzellenz, du brauchst +Patschuli, und wärst hier in Berlin +mong-+, +mong-+, +mongdain+ +geworden, elegant-+mongdain+!« + +Ein helles Gelächter ließ den Alten aufschrecken. Auf der Schwelle +standen Mutter und Sohn. + +»Nein, mein guter Schenker, das wird Ihre alte Exzellenz niemals von +Ihnen denken! Wir kennen uns!« + +Schenker war einen Augenblick regelrecht verlegen. Das kam selten vor. +Aber wenn's vorkam, hatte es seinen guten Grund. Zu dumm, diese dünnen +Wände in der Großstadt! Na, nu war's geschehen! -- Vielleicht war's +seinem inwendigen Menschen nötig, daß er sich mal gründlich lächerlich +machte. Es war dasselbe, als wenn Mamsell in Kambach von dem dösigen +Hausmädchen sagte: ›Ab und an 'n tüchtiges Donnerwetter -- dann geht's +wieder 'ne Weile!‹ Vielleicht dachte der liebe Gott ähnlich über ihn. +Und aus dieser Empfindung heraus und mit der leisen Anwandlung eines +schlechten Gewissens wegen seiner unbarmherzigen Gesinnung gegenüber +der Berliner Halbweltsdame kämpfend, sagte er: + +»Exzellenz, ick bin doch auch man bloß 'n sündiger Mensch! Wenn ick +dauernd mit die Gesellschaft verkehrte, dann weiß ick wahrhaftig nich, +was dabei herauskäme!« + +Ein leichter Schritt klang im Nebenzimmer: Fräulein Eichel. + +»Frau von Schink läßt fragen, ob es dabei bliebe, daß die Sitzung um +vier Uhr wäre, Exzellenz?« + +»Punkt vier Uhr. Können wir schon Tee bekommen, liebe Eichel? Es wird +sonst zu spät!« + +»Es ist alles fertig, Exzellenz!« + +»Danke.« Sie nickte dem alten Diener freundlich zu. ›Um dich bin ich +nicht bange,‹ sagten die hellen Augen. + +Und dann klappte der Krückstock auf den Dielen. -- -- + + * * * * * + +In dem hell erleuchteten behaglichen Salon Exzellenz von Kambachs +hatte sich ein Kreis von etwa dreißig Personen zusammengefunden. +Eine Gesellschaft aus allen Volksschichten. Hoher Adel, weißhaarige +Generäle, einige Geistliche, Herren aus dem Kaufmannsstande, eine +Anzahl Damen, ein paar schlichte bürgerliche Gestalten, mehrere Leute +aus dem Volk. Ein scheinbar wahllos zusammengewürfelter Kreis. Nur +der Eingeweihte wußte, daß die Einzelgestalt ihre besondere Bedeutung +hatte, daß hier Persönlichkeiten und Werte abgeschätzt worden waren, +daß keiner gekommen, und ob es der Bescheidenste, Geringste war, bei +dessen Erscheinen man nicht des Wortes gedenken durfte: ›Es sind +mancherlei Ämter.‹ + +Ein eigenartiges interessantes Bild bot das schlichte Frauengemach +dem, der gelernt, den Blick auf das Überweltliche zu richten, der +die großen Tagesfragen in den hohen Schein der Ewigkeit rückte, +der im Menschenantlitz zu lesen verstand, der nicht irgendeinen +vaterlandslosen Gesellen in seinem Weggenossen erblickte, sondern +die heilige Frage auf brennender Lippe trug: ›Von wannen bist du?‹ +Eine unausgesprochene Zusammengehörigkeit schien diesen Kreis zur +festen Gemeinschaft zu verbinden, ein zäher Kitt das junge noch +ungefestigte Werk zusammenzuhalten. Und an der Wiege des neugeborenen +Kindes die ehrwürdigen Paten, zwei Menschen aus ganz verschiedenen +Gesellschaftskreisen, ganz verschiedenen äußeren Verhältnissen, +Gestalten aus einer Zeit, an der das Geschlecht von heute in großen +Scharen achselzuckend vorüberging -- eine fünfundsiebzigjährige +märkische Landedelfrau und ein einfacher Häuslerssohn aus dem +Spreewald, der im Dienst seines Herrn in Ehren weiß geworden war. + +Schenker hatte sich zwar mit Händen und Füßen, und nicht zum wenigsten +mit seinem schlagfertigen Mundwerk dagegen gewehrt, als man ihm einen +regelrechten Ehrenplatz einräumen wollte; aber Frau von Kambach hatte +kurz und bündig erklärt: »Keine Redensarten, Schenker! Es muß alles +seine Ordnung haben. Sie sind der erste gewesen, der die Frage angeregt +hat!« + +Und er hatte alles über sich ergehen lassen. Denn in einem früheren +ähnlichen Falle hatte ihm seine alte Exzellenz, als er ihr zuviel +geredet, einfach erwidert: ›Schenker, das ist Quatsch!‹ Und das wollte +er nicht gern zum zweitenmal hören. Einmal hatte er es sich ja schon +selber gesagt, das war aber etwas anderes. Schließlich hatte er doch +auch weiße Haare und war ein alter Kammerdiener. -- + +Allgemeine Überraschung und Freude herrschte, als sich in dem +Augenblick, wo Herr von Kambach die Sitzung eröffnen wollte, noch +einmal die Tür auftat, und der ehrwürdige Graf Bühler, auf dessen +Erscheinen man wegen eines kaum überstandenen Ischiasanfalles nicht +gerechnet hatte, auf den Arm seiner Enkelin gestützt hereintrat. Graf +und Gräfin Brelow, die mit dem alten Herren zusammen gereist waren, +folgten. Lächelnd winkte der Erblandmarschall den Anwesenden zu. + +»Guten Tag, alle miteinander! Sitzen bleiben! Leute, die zu spät +kommen, gehören in den Winkel!« Eine Mahnung, die allerdings wenig +Anklang zu finden schien, denn alles wollte dem greisen Standesherrn +die Hand drücken. + +Dann endlich Stühlerücken, Stille, Erwartung der Dinge, die da kommen +sollten. + +Einer der anwesenden Geistlichen sprach ein kurzes Gebet, worauf der +Oberstallmeister die Erschienenen begrüßte: + + »›Hüte, starkes Volk der Ehre + Manneswort und Weibesreinheit, + Kindeslust und Greiseslehre, + Kraft und Huld in steter Einheit! + Stolz und fest und treu bewache + Vaterland und Muttersprache!‹ + +Mit diesen Worten Peter Roseggers heiße ich Sie, meine verehrten +Anwesenden, in dieser Stunde im Namen meiner Mutter willkommen! Was +uns hier zusammenführt, ist jedem von uns bekannt! Trotzdem ist der +Wunsch laut geworden, daß, bevor wir die Grundforderungen des Werkes, +das wir im Namen Gottes beginnen, festlegen, noch einmal klipp und und +klar ausgesprochen werde, was wir eigentlich wollen. Manch einer wird +denken: ›Wieder 'n neuer Verein, der sich berufen fühlt, Deutschland +aus dem Morast zu ziehen, und nachher verläuft die Sache im Sande, +oder es bleibt bei begeisterten Aufrufen und großartigen Tagungen, bei +Beschlüssen, die niemals Wirklichkeit werden!‹ -- Lassen wir die Leute +denken, was sie wollen! Erstens fahren wir niemand in die Parade, und +zweitens sind wir kein neuer Verein, sondern ein Bund. Aus dem Morast +ziehen wollen wir Deutschland allerdings mit Gottes Hilfe und der Hilfe +anderer Leute. Denn wir wollen nicht trennen, sondern sammeln. Alles, +was vorhanden ist, was seit Wichern und Stöcker auf dem Gebiet der +Inneren Mission geleistet ist, wollen wir zusammenschließen zu einem +großen starken Ganzen. Der ›Bund bibelgläubiger Christen‹ soll ein +~Volksbund~ sein. Denn wir haben bisher wohl Offizierskompagnien, +aber keine Soldatenregimenter. Ohne sie aber können wir nicht in den +Kampf ziehen. Ungezählte Einzelgefechte haben stattgefunden, mit Mut +und Ausdauer ist hier und dort gestritten worden. Aber unsere Zeit +fordert große schwere Entscheidungskämpfe, welche keine Zersplitterung +ertragen. Darum heißt es sammeln, was an Kräften vorhanden ist, darum +heißt es in geschlossenen Reihen zum Angriff vorgehen. Wie vor hundert +Jahren in dem heißen Ringen um äußere Freiheit, muß es auch heute im +Kampf um Deutschlands heiligste ewige Güter heißen: das Volk steht auf. +Ja, ~das Volk~ soll aufstehen, ~das Volk~ soll sich erheben +wie ein Mann, ~das Volk~ soll dem Volke zeigen, daß es noch Mark +in den Knochen hat, daß es noch wahrhaftiges Deutschtum, wahrhaftiges +Christentum gibt, -- ~das Volk~ soll dem Volke helfen. Mit +einem Wort -- wir brauchen eine christliche ~Volksmission~! +Deutschland rühmt sich seiner blühenden Kultur, aber daß diese Kultur +keine Sittlichkeit mehr kennt, daß unser Volk bei lebendigem Leibe +verfault, scheint Nebensache zu sein! Es ist eine Schande, wie weit wir +heruntergekommen sind! -- -- + +Aus diesem Sumpf aber kann uns nur eines retten: der Neuaufbau des +christlichen Familienlebens. Denn das Haus ist die Geburtsstätte +kommenden nationalen Glücks oder Unglücks; es bildet die Grundlage +zukünftiger Völkergeschichte. Sind die Familien aber entchristlicht, so +setzt sofort der sittliche Bankrott und damit der völkische Verfall ein. + +Das Wort Roseggers, das ich Ihnen zurief, betont zwar nicht die +Notwendigkeit christlicher Waffenrüstung, aber es schließt sie +als heilige Selbstverständlichkeit ein. Denn echtes Deutschtum, +Vaterlandsliebe, Mannesehre, Frauenreinheit, Schutz der Sitte und des +Herdfeuers sind nur da vorhanden, wo das Christentum die Wurzel des +Volkslebens ist. Wird es ausgeschaltet, geht die Sittlichkeit verloren, +und das Volk versumpft. Bei uns in Deutschland ist diese Zersetzung +im vollen Gange. Ich wiederhole: seit der Feind am Werke ist, die +Grundlagen unseres Volkslebens zu untergraben, seit er mit allen ihm zu +Gebote stehenden Mitteln das Christentum angreift, ist diese Zersetzung +im vollen Gange. Daß unsere Gegner aber in der Wahl ihrer Mittel nicht +ängstlich sind, ist nichts Neues. ›Die Verlästerung des Namens Gottes +ist nötig, um der Religion den Garaus zu machen!‹ erklärt Liebknecht. +Das ist deutlich geredet. Wir wissen wenigstens, mit wem wir es zu tun +haben! + +Aber unsere Gegner sollen es auch wissen. Darum zugefaßt und aus +dem Schlamm geholt, was sich noch herausholen läßt! Nur keine +Glacéhandschuhe angezogen, -- sonst kommen wir nicht weit! Denn es +geht ums Ganze. Wir brauchen Ellenbogenfreiheit! Ohne Püffe geht's +nicht ab. Der Kampf, in den wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen +Linie, eine Gegenmobilmachung wider die Mächte des Unglaubens und des +Halbglaubens, des modernen Heidentums in all seinen Erscheinungen. +Leicht wird's nicht sein! Aber wenn der Feind erklärt: ›Der Begriff +›Gott‹ muß zerstört werden, denn er ist der Grundstein einer verderbten +Zivilisation,‹[3] -- so haben wir ihm als Christen eine Antwort zu +geben, die er sich nicht hinter den Spiegel steckt. Also hinein ins +Gefecht! Nur keine Müdigkeit vorgeschützt, nur nicht an die eigene +Bequemlichkeit gedacht! Wir können nur ganze Menschen brauchen, ganze +Christen! Kein rechter Kämpfer, der abseits steht: ›was geht's mich +an?‹ Es gilt unseren höchsten ~Gemeinbesitz~ schirmen, unsere +~gemeinsamen~ völkischen sozialen und religiösen Kleinodien +retten. Darum die zwingende Notwendigkeit der geschlossenen, +festgefügten Macht des bibelgläubigen, deutschen Protestantismus. +Das christliche Zusammengehörigkeitsbewußtsein ist eingeschlafen, +-- unsere Sache ist es, unser Volk aus diesem verhängnisvollen +Dornröschenschlummer zu erwecken! Das ist -- kurz zusammengefaßt -- +unsere Aufgabe! + +Über Form und Art unserer Kampfesweise, über die Einzelarbeit, vom +Gesichtspunkt des großen Ganzen betrachtet, eine vorläufige Einigung zu +erzielen, schlage ich Ihnen eine Besprechung vor. + +Ehe wir beginnen, erlaube ich mir, Ihnen als vorläufige Arbeitsziele +des Bundes folgende Aufstellung der Hauptpunkte vorzulegen.« Herr von +Kambach nahm ein vor ihm liegendes Blatt vom Tisch und las: + +»1. Es gilt die Zusammenfassung aller, im deutschen Volk noch +vorhandenen biblisch-sittlichen Lebenskräfte zur Stärkung christlicher +Weltanschauung und zum inneren Ausbau gesunden Volkslebens. + +2. Es gilt eine umfassende Aufklärungsarbeit über die Pflichten der +gläubigen evangelischen Gruppe im christlichen nationalen und sozialen +Sinne dem deutschen Volke gegenüber. + +3. Es gilt den Kampf gegen jede widerchristliche Weltanschauung, +wie sie auch heiße, durch Volksversammlungen, Vorträge, Schriften, +Flugblätter. + +4. Es gilt die grundsätzliche Ablehnung und Bekämpfung ja wenn möglich +Ausrottung der widerchristlichen antimonarchischen Presse, der +Schundliteratur, des Schmutzes in Wort und Bild. + +5. Es gilt die Förderung und Verbreitung der auf christlich-positiver +Grundlage stehenden Tageszeitungen und die Gründung einer +deutsch-evangelischen Volkspresse.« + +Er ließ das Blatt sinken. Die blauen Augen schauten blitzend über den +kleinen Kreis. + +Da erhob sich Graf Bühler. Es schien, als sei er in den letzten Wochen +älter, gebrechlicher geworden. Der Winter ist der Feind der Greise, und +der Tod im Nachbarhause hatte seinen Schatten auf den Weg treuer Liebe +geworfen. Aber die Adleraugen hatten nichts von ihrem Feuer verloren, +und die Sprache war scharf und klingend wie vordem. + +»Ich glaube im Namen aller Anwesenden zu handeln, wenn ich Ihnen +warm für Ihre Ausführungen danke, mein lieber Kambach,« sagte er +herzlich. »Sie haben uns die große Frage in ihren Hauptzügen knapp und +zielbewußt dargelegt, haben in schöner klarer Weise ausgesprochen, was +wir wollen. Gestützt auf Ihre Ausführungen, auf die Grundforderungen +des Arbeitsziels wird es uns möglich sein, das Riesenwerk immer +vollkommener zu gestalten und die rechte Form für seinen Ausbau zu +finden. Nebenbei gesagt können wir uns in bezug auf letztere den +Katholizismus -- mag uns das römische System an sich auch abstoßen -- +in unseren späteren Verhandlungen zum Vorbild nehmen. + +Ich brauche wohl kaum zu betonen, wie wohltuend es mich berührt, +daß der Bund sich unter das Banner der Weltmission stellt. Denn +Familienmission und Volksmission sind Weltmission. Nicht nur draußen +in den Heidenlanden werden Entscheidungsschlachten geschlagen. Auch +unser Vaterland hat eine große heilige Volksmission dringend nötig. +Was die Innere Mission in großzügiger Weise begonnen und fortgeführt, +bedarf, wie vorhin schon gesagt wurde, des engeren Zusammenschlusses, +nicht nur mit gleichartigen Vereinigungen, sondern mit dem Volksganzen, +soweit es noch auf dem Boden des biblischen Evangeliums steht. Es geht +ums Ganze. Darum gilt es Arbeit im großen Stil, -- Einzelseelsorge +allein wird da nicht fertig. Darum dürfen wir, -- so wertvoll gerade +uns die Treue im Kleinen, Alltäglichen ist, -- nie vergessen, daß wir +Weltmission treiben, daß Deutschland ein Stück Weltgeschichte umfaßt, +daß der Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ unser Vaterland nicht +ausschließt.« + +Einen Augenblick schwieg der Sprecher. Die alten Augen hatten den +weitschauenden Blick wandernder Ewigkeitsmenschen, die dem Ziele nahe +sind. Und dann klangen seine Worte wie eine Prophezeiung durch den +stillen Raum: + +»Eine Sage vom Oststrande steht mir vor der Seele. Jahrhunderte alt, +grüßt sie wie eine Verheißung diese Stunde.« + +In grauer Zeit entsandte das Kloster Amelungsborn den Mönch Berno +als Bischof von Schwerin und Apostel der Wenden in die heidnischen +Obotritenlande. Aber an der Ostküste stand Satans Stuhl, und +harte Arbeit wartete des Westfalen. Ein heißes Ringen begann, ein +gewaltiges Roden, ein Kampf, Mann gegen Mann. Doch das Kreuz siegte. +Junge Siedelungen winkten, aus dem Grün der Wälder ragten die +Einödskirchlein. Hand in Hand mit der Urbarmachung des wilden Landes +ging die stille Arbeit der Glaubensboten. + +Jahre waren ins Land gezogen. Die Macht des Heidentums war gebrochen. + +Am Sankt Johannistag im Jahre des Heils 1186 grüßte der junge +Landesherr Heinrich Borwin seine geistlichen Untertanen im Kloster zu +Doberan, und Bischof Berno vollzog die Abtweihe. + +Sommerschönheit lag über dem Lande, das Korn rauschte, und die Rosen +blühten. Aber über der Küste gewitterte es. + +Die Nacht stieg herauf. + +In der Stunde, da der junge Konvent sich zum ersten Gottesdienst unterm +eigenen Dache rüstete, empörte Luzifer die See und die Fürsten der +Tiefe rüttelten an den Pforten der Abtei. + +Das Ostmeer schlug den schwarzgrünen Mantel um die leuchtenden +Schultern und betrat, von der Hölle geführt, siegesgewiß das Land. +Aber im Kloster lag der Konvent auf den Knien. Eine Macht, die Berge +versetzte und dem Meere gebot, die den Willen des Allmächtigen +wandelte, kämpfte wider den Fürsten des Abgrunds -- das Gebet. Näher +und näher rauschte die Flut. + +»Vor den Stürmen der Nacht, vor dem Toben der Hölle wollest du deine +heilige Kirche bewahren und schirmen!« betete Bischof Berno an den +Stufen des Altars. + +»Von den Mächten der Finsternis, von den bösen Geistern aus der Tiefe +wollest du uns erretten! Daß dein Kreuz den Sieg behalte in unseren +Landen, wollest du eine Mauer bauen, lieber Herr und Gott, einen +heiligen Damm wider alle deine Feinde!« + +Näher und näher kam die Flut. Der Sturm zersplitterte die Kirchpforte. + +›Einen heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹ + +Die dritte Nachtwache ging vorüber. Im Glanz der Morgenröte stand der +Abt vor dem Kirchenfürsten: + +»Komm herüber und schaue die Wunder des Höchsten!« + +Und dann standen Mönche und Schiffervolk vor dem Riesenwerk. + +Ein gewaltiger Damm schied Meer und Land, eine Mauer aus tausend und +abertausend glattgespülten Kieselsteinen, ein Deich, wie ihn das +Ostmeer nie geschaut, von unsichtbaren Händen gebaut -- ein Wunder! + +Die alte Stimme bebte vor innerer Bewegung. + +»Wissen Sie, was das Meer bedeutet?« rief er. »Es ist die zersetzende +Macht des Unglaubens, die, von der Hölle aufgepeitscht, unser Volk +bedroht. Die Obotritenlande sind Deutschland. -- Und der heilige Damm? +Und die Kieselsteine? Das ist die Hauptsache, daß uns das klar ist! Der +heilige Damm stellt die Gemeinde Jesu Christi dar, die glattgespülten +Kieselsteine ihre durch sein Blut erlösten und gereinigten Glieder. +Jeder einzelne Stein eine Menschenseele, ein Glied in der Kette, die +den Unglauben eindämmen soll! -- Wie mir ums Herz war, als kürzlich +meine Enkeltochter mit dieser Sage zu mir kam, und nach beendeter +Lektüre zu mir sagte: ›Großvater, das ist der Bund bibelgläubiger +Christen!‹ -- ich kann's Ihnen nicht sagen! Aber eines wünsche ich uns +allen in dieser Stunde: daß wir ein heiliger Damm wider die Mächte des +Unglaubens werden zur Ehre unseres Herrn und zum Heil unseres Volkes.« + +Er setzte sich. + +Besorgt ruhte Sibyllens Auge auf ihm. Seine Wangen waren gerötet, und +die Hand, die sich auf den Krückstock stützte, zitterte. + +Ein Rechtsanwalt erhob sich. + +»Anknüpfend an das Wort des Herrn Oberstallmeisters, ›der Kampf, in den +wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen Linie, eine Gegenmobilmachung +wider die Mächte des Unglaubens und des modernen Heidentums in all +ihren Erscheinungen‹, -- möchte ich, um jedes Mißverständnis über die +Stellung des Bundes von vornherein auszuschalten, vorschlagen, diese +Frage noch besonders zu erläutern. Denn hier gilt es nicht nur den +Kampf mit unseren bewußten Gegnern, sondern -- Gott sei's geklagt -- +zum großen Teil mit Männern aus dem eigenen Lager. Nichts ist der +Kirche der Reformation gefährlicher, als diese Friedenspartei. Denn +sie unterstützt den jesuzentrischen Liberalismus, eine Richtung, die +wie keine andere versteht, das Schafskleid zu tragen. Wenn unser +Arbeitsziel wohl auch keinen Zweifel darüber aufkommen lassen wird, daß +wir zum äußersten Flügel der positiven Rechten gezählt sein wollen, so +erscheint es mir trotzdem geboten, unsere Stellungnahme nach dieser +Richtung hin besonders klarzustellen. Vielleicht hat einer der Herren +Geistlichen die Güte, meine kurzen Worte zu ergänzen.« + +Pastor Lehmann, ein starker Fünfziger, mit ausgeprägten Zügen und +hellem Blick, ergriff das Wort. + +»Gestern abend war ich bei einem Freunde, auf dessen +Bundesgenossenschaft ich bestimmt gerechnet hatte. Ich hatte mich +getäuscht. Nach einer fast zweistündigen Unterredung erklärte er: +›Nehmt euch nur in acht, daß ihr nicht zu sehr Farbe bekennt!‹ und +lehnte es glatt ab, der Frage näherzutreten. Und das war ein positiver +Geistlicher. Der Zug der Zeit geht auf Vermittlungspolitik, aus den +landeskirchlichen Nöten herausgeboren. Dem heißen Wunsche, den äußeren +Bestand der geschichtlich gewordenen Kirche zu retten, entspringt +das immer dringender werdende Begehr: ›Schließt euch zusammen, ihr +Positiven und Liberalen gegen den gemeinsamen Feind! Der Antichrist +steht vor den Toren!‹ -- Aber wir können nicht gegen die Wahrheit! +Zugeständnisse auf dem Gebiet der Liebe dürfen wir machen, auf dem +Gebiet des Bekenntnisses nicht. Wir halten es mit dem Lutherwort: +›Unsere Liebe ist bereit, für euch zu sterben; wer uns aber an den +Glauben greift, der greift uns an den Augapfel.‹ Es ist schlimm genug, +daß der antichristliche Geist moderner Weltanschauung eine mit sich +selber zerfallene Kirche findet, daß er sich mit vollem Recht auf eine +wesensverwandte Gruppe innerhalb der Kirchenmauern berufen kann. Die +Antwort der Kirche auf den Angriff des Gegners ist daher eine halbe +eingeschränkte, ein Zugeständnis, eine, ob auch unausgesprochene +Versöhnung. Aber diese Versöhnung ist Truggold. In Wahrheit bedeutet +sie eine Gebietsabtretung. -- Wir würden ja mit Freuden dem brennenden +Wunsche des Zusammenschlusses nachkommen, wenn wir es mit unserem +Gewissen vereinigen könnten. Es liegt uns darum auch gänzlich fern, +über sie zu Gerichte zu sitzen, die von ihrem Standpunkt aus ihr Werk +treiben, aber an einem Strang mit einem Subjektivismus ziehen, der, +nur nach eigenem Maße messend, an den geoffenbarten Heilstatsachen +vorübergeht und die Gestalt Jesu Christi ihrer ewigen Gottheit +entkleidet, -- das können wir nicht. Denn es geht um die höchsten +Güter, um eine Entchristlichung nicht nur der Kirche, sondern des +Christentums. + +Wenn darum auch noch Männer aus unserer Mitte dieser +Vermittlungspolitik zustimmen zu sollen glauben, so bleibt uns nichts +anderes übrig, als uns, ob auch blutenden Herzens, von ihnen zu +trennen. Es ist keine Frage, daß wir recht allein dastehen, ja, daß +uns unsere eigenen Freunde nicht nur verlassen, sondern angreifen +werden, und die offizielle kirchenregimentliche Gnadensonne uns +niemals scheinen wird. Wir werden es ertragen um deswillen, der für +uns das Kreuz trug. In seiner Kraft stehen wir fest und unentwegt auf +dem Grunde unseres Heils, auf dem Boden des wirklichen Christentums. +Des Christentums der Bibel, das die Sünde bei Namen nennt und von +Gnade lebt! Das die Überwelt kennt, dessen Heiland und Erlöser nicht +nur eine gottbegnadete Idealgestalt, sondern der ewige eingeborene +Sohn des Vaters ist, Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht +von Ewigkeit! Das sein Leben in sich trägt, und seine Wahrheit +in alle Lande ruft! Das menschliche Umprägung göttlicher Werte +nicht verträgt und für Falschmünzerei erklärt! Das darum auch eine +~wirkliche evangelische~ Kirche fordert! Nicht als staatliche +Kultusgemeinschaft, sondern als eine Kultusgemeinschaft, in welcher +die Anbetung des Herrn lebendig ist, -- nicht als bloße religiöse +Gesinnungsgemeinschaft, sondern als biblische Bekenntnisgemeinschaft. +Diese Forderung muß die selbstverständliche Voraussetzung für unsere +Arbeit bilden!« + +Tiefes Schweigen herrschte. + +Jeder ging seinen Gedanken nach. + +Da erhob sich ein schlichter Bürstenbinder. »Es ist eine hohe Ehre +für uns, daß Christus unsere schwache Kraft in seinen Dienst stellt. +Wollen wir aber unserer Arbeit froh und unseres Sieges gewiß bleiben, +so gilt zuerst und zuletzt die Arbeit am eigenen Herzen, im eigenen +Leben. Wir vergessen angesichts großer Aufgaben so leicht das Kleine, +Unscheinbare, und doch ist es maßgebend für unsere Ewigkeit.« + +»Ganz recht,« klang's vom anderen Ende des Tisches herüber, »det sei +ick doch immer!« Schenker war so mit Leib und Seele bei der Sache, daß +er aus Versehen Platt sprach. Für gewöhnlich tat er das nicht im Salon +der alten Exzellenz. Aber heute war's etwas anderes. Ganz gleichgültig +war's, ob er Platt sprach oder Hochdeutsch. Streng genommen hätte hier +ja überhaupt Platt gesprochen werden müssen; denn man war ja bei der +Gründung eines Volksbundes. Darum war's auch ganz selbstverständlich, +daß Schenker seinen Mund auftat, zumal nach allem, was er in Berlin +gesehen. Die Herrschaften hier hatten sich schon daran gewöhnt, um so +besser war's, wenn einer vom Lande kam und ihnen über die heillosen +Zustände die Augen öffnete, um nicht einen ganz anderen Ausdruck zu +gebrauchen. Aber der alte Schenker war ein feiner Kammerdiener, der +in allem maßvoll blieb, -- trotz alledem -- besser gepaßt hätte ein +anderes Wort --, aber abgesehen von den Kammerdienermanieren war man +hier unter Damen. + +Hätte ihm einer vor drei Wochen gesagt, er werde in Berlin eine Rede +halten, er hätte erwidert: ›Jau sin woll in'n Kopp all 'n bißken +schwach?‹, und nun war's mit einemmal höchste Selbstverständlichkeit. + +»Exzellenz gestatten,« begann er, sich nach rechts verbeugend, und +dann verbesserte er sich: »Exzellenz haben's ja selbst befohlen!« Er +wandte sich an die Anwesenden: »Ick würd' ja nich die Unverschämtheit +haben, wenn Exzellenz nich heute mittag gesagt hätten: ›Schenker, ich +erwarte aber, daß Sie reden!‹ Ick tu' also man bloß meine verdammte +Pflicht und Schuldigkeit! -- Lange will ick die Herrschaften auch nich +aufhalten. Nur einen Wunsch hätt' ick. Und den muß ick aussprechen: +nämlich, daß die Herren Vorstände gleich von vornherein in der +Sittlichkeitsfrage scharf vorgehen. Denn det is 'n Morast, wo'n +anständiger Mensch sich gar keine Vorstellung von machen kann. Herr +Oberstallmeister hat ganz recht, wenn er sagt, für solche Arbeit +taugten keine Glacéhandschuhe. Aber 'ne andere Frage is die, ob man +nich lieber welche dazu anzöge.« Er blickte auf sein Gegenüber. »Ich +tu's ja nich, gnädiger Herr, ick pack' zu, ick hab' die schmierigen +Kerls mit ihren Geburtenverhütungsmitteln eigenhändig verhauen -- aber +det muß ick doch sagen -- Schenkersch Vadder hat Reinlichkeitsgefühl, +hinterher hab' ich mir gründlich gewaschen! -- Und um nu gleich auf die +Großstadt zu kommen -- denn da kommt doch die ganze Geschichte her -- +das Weibervolk, was hier herumläuft, ick meine die Frauenzimmer mit den +Florstrümpfen und edelsteinbesetzten Absätzen, die sollte der Bund man +lieber gleich samt und sonders der Polizei übergeben, das Pack verführt +ja nur die anständigen Frauen. Und was die Bundesarbeit anbelangt, so +muß die christliche Frau feste rangekriegt werden; denn eher wird's +nich anders! Von der Frau hängt's ab, wie das Hauswesen is, wie die +Kinder erzogen sind, und ob der Mann ins Wirtshaus rennt oder nich. Das +war vorhin sehr schön gesagt von die Familienmission, gnädiger Herr, +ick bedanke mich ganz untertänigst für die Aufklärung, so halb und halb +hatte ick mich das ja so vorgestellt, aber unsereins versteht nich, +sich so fein auszudrücken. Und darum hab' ick noch eine ganz besondere +Bitte.« + +Er wandte sich an Frau von Kambach. + +»Wir alle wissen, daß wir in dieser Sache ohne die Frau nich +fertig werden. Es muß daher ganz genau gesagt werden, was wir +von ihr erwarten. Und da mein' ick, keine könnte uns das besser +auseinandersetzen, als Eure Exzellenz!« Und Schenkersch Vadder machte +seine feinste Kammerdienerverbeugung und sagte mit einladender +Handbewegung in seiner ehrerbietigen, aber bestimmten Art: »Darf ick +bitten, Exzellenz?« + +Alles verkniff sich das Lachen. + +Drüben an der anderen Seite des Tisches scharrte der Krückstock. + +»Schenker! Schenker!« drohte die alte Dame, aber sie erhob sich und +wandte sich, die Hände auf den Tisch stützend, ihren Gästen zu. + +»Ich bin gebeten worden, in der Frauenfrage das Wort zu ergreifen, +und komme, entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit, in Versammlungen +nicht zu reden, diesem Wunsche nach. Denn diese Versammlung ist nicht +öffentlich,« -- ein vielsagender Blick streifte Fräulein Eichel -- +»auch stehe ich auf dem eigentlichen Arbeitsgebiet der Frau. Wir +wurden vorhin ermahnt, der Treue im Kleinen nicht zu vergessen, der +Arbeit am eigenen Herzen. Diese Mahnung gilt uns allen. Aber die +Frau hat sie in besonderer Weise zu befolgen, weil sie die Hüterin +des Familienlebens ist. Ich freue mich, hier nicht zu Frauen zu +sprechen, die durch Reichsgottesarbeit glänzen wollen, sondern zu +solchen, denen das Marienwort ›Siehe, ich bin des Herrn Magd!‹ der +schönste Stein in ihrer Krone bleibt, deren Dienst Dank ist. Denen +darum jeder Gedanke an die heutzutage allgemein gewordene, beliebte +Grenzüberschreitung ferneliegt, die das Beste, was die Frau besitzt, +ihre Würde und Reinheit, wie eine Königskrone hüten und bewahren. Ich +will in dieser kurzen Stunde nicht die schweren Schäden aufdecken, +welche die weibliche Grenzüberschreitung bereits geschaffen, -- das +sind Dinge, deren Bekämpfung Sache eines besonderen Ausschusses sein +werden, die ernsteste Ortsgruppenarbeit fordern, nur das eine will ich +hervorheben, daß unser Volk sich an der Vermännlichung und Verbildung +der Frau verbluten muß. Denn die Frau ist und bleibt die Pflegerin des +Familienlebens und der Sitte, die Seele des deutschen Hauses. Begibt +sie sich, dieses königlichen Vorrechts vergessend, auf das Ackerland +des Mannes, so verwildert nicht nur ihr eigener Garten, sondern die +großen Nationalgüter werden durch ihr Pflichtversäumnis geschädigt. +Dann wird Eheirrung das geflügelte Wort, Ehescheidung steht auf der +Tagesordnung. Die Weigerung der Mutterschaft führt zum Verbrechen am +keimenden Leben. Unzucht verdrängt die Sittlichkeit. Und, Gott sei's +geklagt, dahin kommt's nicht erst, so weit sind wir. Hier in die +Bresche zu treten, ist Sache der bibelgläubigen deutschen Frau. Der +Kampf an der breiten Öffentlichkeit ist Mannespflicht, die fein und +still ergänzende Mitarbeiterschaft an dem großen Werk, das wir treiben, +ist unsere Sache. Während die Männer das Kreuz in Deutschlands Gaue +tragen, sollen wir die heilige Schwelle der Heimat hüten, sollen die +Ewigkeitswerte schirmen, die unser irdisch Haus umschließt. Als Jesu +Jüngerinnen sollen wir seine Liebe in die ärmste Hütte tragen, die +eine köstliche Perle sollen wir unseren irrenden Schwestern bringen, +eine starke unzerreißbare Kette sollen wir schließen und uns den +unglücklichen Töchtern unserer Zeit entgegenstellen mit einem heiligen: +›Bis hierher und nicht weiter!‹ ~Die Arbeit der Frau ist die vorhin +schon erwähnte Familienmission.~ Wie wir sie treiben sollen? Durch +Wort und Tat und Wandel, durch unentwegte Treue zu dem Gekreuzigten, +durch das Vorbild der durch Gottes Geist geheiligten Persönlichkeit. +Es kann darum nicht stark genug unterstrichen werden, daß die Arbeit +am eigenen Herzen in erster Linie stehen muß, daß wir uns täglich mit +unserem Tun und Lassen unter Gottes Wort stellen. Das muß gerade im +Blick auf dies Werk unsere vornehmste Sorge sein, daß wir in Tat und +Wahrheit Christen sind. ~Es ist viel wichtiger, daß unter hundert +auch nur zehn Hausfrauen ihren Kindern treue betende Mütter, ihren +Dienstboten gerechte liebevolle und fürsorgende Herrinnen sind, als daß +eine große öffentliche Tagung glänzend verläuft.~ Wir können darum +die persönliche Herzensstellung zu Gott und unserem Heilande nicht +stark genug betonen. ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel +in rechter Richtung‹, sagt Drummond. Ich möchte hinzufügen: daß wir +immer mehr diese rechte Richtung gewinnen, ist unsere Lebensaufgabe. +Es gibt auch eine heilige Einseitigkeit, nämlich die, welche den Blick +unentwegt auf das Kreuz richtet! + +Das schöne Dichterwort: ›Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so +frage nur bei edlen Frauen an‹, hat heute etwas von seinem guten Klang +verloren. Unsere Sache ist es, die Saiten wieder auf den alten hellen +Ton zu stimmen. Darum lassen Sie uns Sorge tragen, daß das Zeugnis des +Altmeisters in unserem Leben, unserem Christentum Wahrheit werde, darum +lassen Sie uns aber auch nie vergessen, daß nur ~die~ Frau im +vornehmsten höchsten Sinne weiß, was sich ziemt, die sich die Antwort +auf alle Fragen des Lebens unter dem Kreuz sucht.« + +Sie schwieg. + +Ehrerbietig stand der alte Schenker auf. »Ich danke untertänigst, +Exzellenz!« + +Da erhob sich am anderen Ende des Tisches ein Großindustrieller, Herr +Wehrmann. + +»Anknüpfend an das Drummondsche Wort, das Ew. Exzellenz eben +gebrauchten: ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel in rechter +Richtung‹, möchte ich daran erinnern, wie schwer es heutzutage, wo das +Gold die Welt beherrscht, dem Kaufmann gemacht wird, sich die rechte +Haltung der Seele zu bewahren und auf das Leben zu übertragen. Denn +ein Christentum, das bloße Weltanschauung ist, und sich nicht durch +die Tat bewährt, ist kein wahres Christentum. Nur wer sich nicht vom +Geiste der Selbstsucht leiten läßt, wer Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit +auch im Handel und Wandel durchsetzt, wer jene Fremdkörper, die unser +Volk vergiften, erkennt und rücksichtslos bei Namen nennt, verdient +den Namen eines ›Großindustriellen‹, eines wahrhaft ›königlichen +Kaufmannes‹. Ich kann Ihnen aber sagen, meine verehrten Anwesenden, +es kostet einen Kampf, im Erwerbsleben mit solchen Grundsätzen Ernst +zu machen, zumal für den jungen ungefestigten Menschen, dem das Neue +verlockend entgegentritt. Möchte es dem Bunde gelingen, auch in den +vielversuchten Kreisen der Welthandelspolitik dem Christentum immer +mehr Eingang zu verschaffen, daß der Glaube die Haltung der Seele +werde, daß er Handel und Wandel die rechte Richtung verleihe. Nur +die Krämerseele ist dem Golde dienstbar, der ›königliche Kaufmann‹ +beherrscht die Schätze der Erde; denn für ihn gilt das Wort: ›Dein, +Herr, sind Silber und Gold!‹ Wer aber diesem Herrn dient, der regiert!« + +»Bravo! Das sollte unser Vorsitzender werden!« klang es gedämpft +herüber und hinüber, während Herr Wehrmann sich setzte. + +Oberleutnant von Roselius hatte sich erhoben. + +»Darf ich mit ganz gehorsamsten Dank den Worten unserer hochverehrten +Exzellenz von Kambach, die wohl uns allen aus der Seele gesprochen +waren, die Bitte hinzufügen, daß die Arbeit der Frau die Theaterfrage +umschließt? Ich meine nicht die Frage als solche, sondern die Frage +weiblicher Fürsorge, den Theaterangestellten gegenüber. Sie ist sehr +schwer zu lösen, ich möchte heute darum nur bitten, sich derselben +später zu erinnern.« + +Ein biederer Bäckermeister empfahl, den Kinos zu Leibe zu gehen. »An +diesem Gift geht Deutschland zugrunde,« schloß er seine kurze kernige +Ausführung. + +»Gewiß,« bestätigte ein Arbeiter, der in Exzellenz von Kambachs +Garten Schnee geschaufelt, »die Kinos sind 'n Verderb, aber die +Schundliteratur is noch schlimmer. An das, was ich tagtäglich sehe und +höre, gewöhn' ich mir, und schließlich tut' ich ins selbe Horn. Das +is nich nur bei uns kleinen Leuten so, das is dieselbe Geschichte bei +Herrschaften. Hier nimmt mich ja keiner meine unverblümte Aussprache +übel, darum red' ich frei von der Leber weg!« + +»Sehr richtig,« klang's dazwischen, und der Alte schloß ermuntert: »Das +Jux, was unsere Kinder da vorgesetzt kriegen, sollte man lieber gleich +in'n Müllkasten schütten!« + +»Glauben Sie, daß die moderne Jugend sich ihr Futter nehmen läßt,« rief +ein Charlottenburger Kirchenältester, »die buddelt ihr Konfekt wieder +aus! Mit allen Hunden gehetzt ist die Gesellschaft! Aber das Ganze ist +daran schuld; wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen!« + +»Die Sittlichkeitsfrage ist überhaupt so weit verzweigt, daß sie später +zur Aufgabe eines besonderen Ausschusses gemacht werden sollte,« sagte +Graf Brelow. »Zu den Gefahren, welche die Herren Vorredner anführten, +gesellt sich noch manches andere. Abgesehen von der Unzucht an sich, +möchte ich heute nur auf einige Punkte aufmerksam machen. Es sind die +Schankwirtschaften, die Büchereien und die Sonntagsentheiligung.« + +»Je mehr Einzelschäden wir zusammentragen, um so trüber gestaltet +sich das Gesamtbild,« meinte Exzellenz von Kambachs Hausarzt, der +weißhaarige Geheimrat Groner. »Aber wir wollen keine Vogelstraußpolitik +treiben, wir fordern die Wahrheit. Nur wer seinen Gegner kennt, kann +ihn recht bekämpfen. Und wir haben ihn erkannt: Wir wissen, daß der +riesenhafte Kampf, den Deutschland heute kämpft, der Kampf zwischen +Glauben und Unglauben ist, zwischen dem lebendigen Gott und dem toten +Götzen Mammon, -- mögen die Einzelschäden auftauchen, wo und wann sie +wollen, mögen sie heißen, wie sie wollen, ihre Fäden laufen zusammen +in der Abkehr von Gott, in der Feindschaft wider das Kreuz. Darum der +Sittenverfall im deutschen Land. Denn das Volk, das den Glauben an +einen persönlichen lebendigen Gott verwirft, muß von der Höhe seiner +Kultur in die Tiefe stürzen, ob es der Antike angehört oder sich als +Weltanschauung des modernen Heidentums monistisch zurechtstutzt. Daß +der Bund das offen bei Namen nennt, daß er das geringste Zugeständnis +nach links, daß er die sogenannte ›Gleichberechtigung der Richtungen‹ +glatt ablehnt, wird ihm viele zu Gegnern machen, die einer gemäßigteren +Losung vielleicht gerne zugestimmt hätten. Aber lassen wir uns nicht +irremachen. Gerade in dieser Stellung liegt unsere Kraft. Denn +nicht nur unsere Ewigkeit gründet sich einzig und allein auf die +geoffenbarten Heilstatsachen, auf den Glauben an Jesum Christum, den +gekreuzigten und auferstandenen ewigen Sohn des lebendigen Gottes, +auch unseres Volkes Erdenglück und Zukunft stehen und fallen mit +seiner Stellungnahme zum Kreuz. Darum, -- wollen wir in Wahrheit +Deutschlands Helfer sein, so muß es heißen: ›Landgraf, werde hart!‹ +Hart gegenüber jeder Falschmünzerei, wie sie auch heiße, hart gegenüber +dem Feinde, der unserem Volke die Grundlagen seines Christenglaubens +untergraben will. Und nicht nur heilige Abwehr gilt's, sondern, wie +uns vorhin so treffend gesagt wurde: Gegenmobilmachung, Angriff. Das +biblische Evangelium in das nationale und sittliche Volksleben, in das +kirchliche, in das Familien- und Einzelleben, hineinzutragen oder das +verlöschende neu zu entfachen, das ist die Aufgabe der Bekenner und +Bekennerinnen Jesu Christi. + +Möchte jeder von uns an seinem Teil, von der Liebe regiert, vom Geiste +Gottes geleitet, dazu beitragen, diese gewaltige Aufgabe zu lösen!« + +Oberstallmeister von Kambach ergriff das Wort. + +»Mit herzlichem Dank für die mancherlei wertvolle Anregung möchte +ich noch auf eins hinweisen, das ich vorhin außer acht gelassen +habe, das aber auf unserm Programm nicht vergessen werden darf: der +Bund lehnt jede Parteipolitik grundsätzlich ab. Nicht, daß er sich +seines Einflusses auf die Politik als solche begeben will. Es ist ein +Irrtum, Religion und Politik zu scheiden. Politische Verhältnisse sind +nicht, -- wie viele glauben -- allein entscheidend für nationales +Glück oder Unglück. Sie sind Werkzeuge Gottes, die in seinen Händen +Zuchtruten oder Gnadenerweise werden, -- ganz gewiß! Aber der tiefste +Grund völkischer Reaktion liegt lediglich in der Stellungnahme zu dem +persönlichen Gott. Darum können und dürfen wir Christentum und Politik +nicht trennen. Nur Parteipolitik gehört nicht hierher. + +Ich schließe mit einem Wort Spurgeons: ›Der Teufel hat nie ein größeres +Kunststück ausgeführt, als da er den gläubigen Christen weismachte, die +Religion gehöre nicht in die Politik. Ich wüßte kein Gebiet, wo sie +mehr hineingehörte!‹ -- Darum vorwärts in der Kraft des Kreuzes, im +Namen Gottes!« + +»Bravo!!« klang's einstimmig von allen Seiten. »Sehr richtig!« + +Der alte Bühler blickte auf die Uhr, nickte dem Oberstallmeister zu und +sagte: »Da wir die wirtschaftliche Frage morgen in einer Sondersitzung +behandeln wollen, darf ich vielleicht mit Rücksicht auf unsere gütige +Wirtin den Schluß der Sitzung beantragen. Nur noch eine Frage. Haben +wir eigentlich einen Direktor in Aussicht?« + +»Bis jetzt noch nicht, Erlaucht. Meine Mutter und ich haben uns die +größte Mühe gegeben, aber die Persönlichkeit für diesen Posten ist +nicht so leicht zu finden. Ich wäre sehr dankbar für jeden Hinweis. Da +wir nicht eher an die Öffentlichkeit treten können, wäre eine baldige +Erledigung der Frage dringend erwünscht.« + +»Nur keine Übereilung, Karl Heinrich,« sagte Frau Sabine. »Wir brauchen +eine Persönlichkeit aus einem Guß.« + +»Sei unbesorgt, Mama. Einen, der für liberale Rutschpartien zu haben +ist, nehmen wir nicht.« + +Sie lächelte. Das wußte sie wohl. Dafür stand ein Kambach an der +Spitze. Aber es gab viel zu bedenken bei dieser Wahl. Sie war ihr +längst ein heiliges Gebetsanliegen. + + * * * * * + +Die Sitzung war geschlossen. Es war still geworden im Hause. Die +müde Greisin bedurfte der Ruhe. Sibylle ging in ein Konzert. Der +Oberstallmeister wollte noch einen alten Freund aufsuchen. + +»Hab' ich dir eigentlich schon erzählt, Mama, daß Pastor Wendler sehr +krank an einer Art gastrischem Fieber ist?« fragte er abschiednehmend. +»Die Aufregungen der letzten Zeit sollen daran schuld sein, vor allem +die Geschichte mit der Lehrerfrau. Daß er die Rede an Eberhards Sarg +nicht halten konnte, war ja klar, aber leicht war's nicht für mich, +als ich ein paar Tage danach von seiner Erkrankung erfuhr. Er hat sich +gleich nach Drachenburg ins Krankenhaus begeben. Zweimal war ich da, +wurde aber nicht vorgelassen. In den letzten Tagen habe ich nichts +gehört. Übermorgen will ich in Drachenburg einen Zug überschlagen und +noch einmal versuchen, ihn zu sehen.« + +Sie hatte ihm aufmerksam zugehört. + +»Ja, tu' das!« bat sie. Ihre ganze Seele lag in den Worten. + +Er küßte ihre Hand. + +»Versprich dir nicht zuviel davon, Mama!« + +»Geh' nur, Karl Heinrich!« -- + +Und dann rüstete sie sich zur Nacht. + +Beim Schein der Lampe saß sie, das weiße Haupt über die Bibel geneigt. + +›Es war aber ein Jünger zu Damaskus, mit Namen Ananias. Zu dem sprach +der Herr im Gesicht: ›Ananias!‹ Und er sprach: ›Hier bin ich, Herr!‹ +Der Herr sprach zu ihm: ›Stehe auf und gehe hin in die Gasse, die da +heißt die Richtige, und frage in dem Hause des Judas nach einem, namens +Saul, von Tarsus; denn siehe, er betet.‹ + +Von den Türmen riefen die Uhren. Die Greisin schloß das heilige Buch +und trat ans Fenster. Sterngefunkel grüßte die Erde. + +Sie blickte empor. + +›Denn siehe, er betet!‹ -- + +Ihre Seele breitete die Flügel und zog durch die schlafenden Lande, +höher, immer höher hinan. Wege, die nur der Glaube kennt, die nur der +Glaube geht. + +Ein hoher Schein stand über dem Werk des vergangenen Tages, bis in +die Ewigkeit ihres Volkes hinein reichte die Arbeit, um die sich eine +kleine Schar deutscher Männer und Frauen zum erstenmal gesammelt. + +Und Glaube war's, der in leuchtender Märznacht die Spule ergriff und +den Webstuhl umschritt, der mit feinen goldenen Fäden das Geschick +eines Starken mit seines Volkes Geschichte verknüpfte. + + + + +Zwölftes Kapitel. + +Der alte Krückstock. + + Es klingt ein Ton in den Garten hinaus: + Großmutters Krückstock wandert durchs Haus. + + Großmutters Krückstock, verbraucht und alt -- + Es naht die liebe gebeugte Gestalt. + + Die alte Zeit tritt leise herein, + Erinnerung webt ihren Schleier fein. + + Ein welkes Myrtenkränzlein erblüht, + Gelbveiglein duftet, der Thymian glüht. + + Die Spindel schnurrt, das Märchen wird wach + Und huscht verstohlen durchs stille Gemach. + + Zieht aber feiernd der Mond herauf, + Schlagen greise Hände die Bibel auf. + + Dann spricht die Ahne das Nachtgebet -- + Es scharrt der Krückstock -- ›Kind, -- es ist spät!‹ + + +Frühlingszauber in der märkischen Heide! Singen und Klingen über +Sumpf und Sand, über dem stillen schwermütigen Lande mit seinen +verträumten Seen und sonnigen Hügeln! Lerchen jubelten in den Lüften, +Schwalbenschwänze und Feuerfalter gaukelten über bunten Ackerkräutern. +Und ein Surren und Summen ringsum in Gras und Farn, über junger Saat +und blühenden Sträuchern. Der ganze Zauber des märkischen Tieflandes, +dessen sanft gewellte Heidstrecken und leuchtende Fernblicke die arme +nordische Ebene so wunderlieblich schmückten, war vom Winterschlafe +erwacht und grüßte die Heimat. Und das junge Leben und Weben in Wald +und Wiese war schön, wie ein Stück Sonntagsfreude! + +Hell und freundlich grüßte das Gutshaus, vom goldenen Schleier +knospender Linden umweht, herüber. Breit und behaglich lag's im Kranz +strohgedeckter Scheunen. Die Fenster blinkten in der Sonne, als +brennte das Haus, ein warmer Schein spielte um das alte Schieferdach. +Goldlack und allerhand altmodische Blumen dufteten hinter den weißen +Mullgardinen, eine Gartenbank aus dem vorigen Jahrhundert erzählte ein +Stück Familiengeschichte, und hochgemut grüßte der Hausspruch über dem +Eingang: + + ›Gott, wer zu dir sich stellet, + Hat sicher sich gestellt, + Wer sich zu dir gesellet, + Der hat sich gut gesellt!‹[4] + +Das war der Witwensitz der Frauen von Kambach. Wie ein stiller Zeuge +ihrer starken stillen bodenständigen Art, ragte der schlichte Bau ins +märkische Land hinaus. + +Hinter dem Hause, wo der Garten sich in Wiesen verlor, war alles +veilchenblau, und süßer Duft wehte über den Wegen. Weit hinaus schaute +das Auge. Wie ein feiner duftiger Aquarell lag die überschwemmte +Ebene im Sonnenglanz. Der Birken lichtgrüne Schleier wehten über +dem Moor, und das weiße Sumpfgras blühte. Weiterhin eine zerzauste +Kiefernkrone über sprossendem Schilf und blühendem Dorn, dahinter die +Ferne, duftig wie ein Hauch. Keine feste Linie mehr, -- ein Traum +von rosa Heidhügeln, von blauen Seen und lauschigen Wasserstraßen, +von efeuumsponnenen Domen, verwitterten Edelsitzen und verlassenen +Kirchhöfen, -- Fontanes tiefsinnige Poesie war erwacht und grüßte die +Heimat! -- -- + +Zwei Frauen saßen auf der Bank in der Sonne. Eine alte und eine junge. +Die Greisin blickte sinnend in die Weite, die andere schaute vor +sich nieder, als quäle sie des Lebens Alltäglichkeit. Ein unsäglich +schwermütiger Zug lag in dem schönen Antlitz der jungen Frau, die in +wenig Monden zum erstenmal Mutter werden sollte, ein abgrundtiefes +Leid. Und die Alte im weißen Haar fühlte: es war eine von den Lasten, +denen morgens der erste Gedanke gilt, die abends die letzte Träne +befeuchtet, die sich in der Stille der Mitternacht auf die Seele legen +wie ein Alp. + +Das härteste aber war: dem jungen Weibe fehlte die Tragkraft. Es gibt +Frauen, die wie ein klarer rascher Bach ihre Stärke an des Lebens +Last erproben, die, je länger, je mehr, die Kunst des Tragens lernen, +deren Spannkraft unter ihrer Bürde wächst -- Ilse Bühler gehörte +nicht zu ihnen. Sie welkte unter ihrer Last dahin. Mühselig schleppte +sie sich von einem Tag zum anderen. Nur die Hoffnung hielt sie noch +aufrecht: ›Es ist ein Übergang! Wenn er sein Kind in den Armen hält, +wenn ich ihm wieder bin, was ich ihm einst in den ersten Tagen der +Ehe war: die jugendschöne, sonnige Frau, -- dann, dann wird's sein +wie einst!‹ -- Und sie vergaß über ihrer brennenden Weibessehnsucht, +wie tief sie sich selbst und den Mann, den sie liebte, mit diesem +Gedanken erniedrigte, wie sie, auf die innerste, seelische Gemeinschaft +verzichtend, das Allerheiligste der Ehe entweihte und veräußerlichte, +vergaß vor allem, daß diese Hoffnung ein Trugbild war, die angesichts +der Wirklichkeit in nichts zerrinnen mußte, -- vergaß, daß Wolf +Dietrich weniger Augenblicksmensch, als kalter berechnender Selbstling +war. Einem bösen schlimmen Wort aber, das er in schwerer Stunde zu ihr +gesprochen, glaubten Frauenliebe und Weibessehnsucht seinen schärfsten +Stachel nehmen zu dürfen, -- es war nicht so gemeint, er sprach's in +der Erregung! Aber es war so gemeint. Klar und deutlich hatte er's +ausgesprochen: ›Ich will keine Kinder, höchstens dies eine; wozu +habe ich eine schöne Frau? Dazu stehe ich nicht in einem eleganten +Regiment!‹ -- Wohl gab es Stunden, wo die wahre Erkenntnis in der Seele +der jungen Gräfin erwachte und sie zu erdrücken drohte. Aber bisher +war's ihr wieder und wieder gelungen, die Schatten, die ihr Glück +verdunkeln wollten, zu verscheuchen. Nur in letzter Zeit und besonders +in dem stillen Dreilinden, wo sie während Fräulein Eichel's kurzem +Urlaub der Großmutter Gesellschaft leistete, legten sich die Gedanken +wie ein Bann auf ihr Herz. + +›Es sind Nerven,‹ sagte sie sich und schob sie beiseite. + +Aber sie kamen wieder und wurden ihr zur Qual. -- -- + +Ilse Bühler war nicht im landläufigen Sinne oberflächlich. Sie hätte +mit dem Manne, den sie liebte, hellen Auges trocknes Brot gegessen, und +gehörte nicht zu den jungen Frauen, die nur nach Tand und Vergnügen +fragen. Dafür hatten schon Elternhaus und Erziehung gesorgt. Aber +ihrem Wesen fehlte die Tiefe und darum die Kraft. Was ihr Vater +vorausgesehen, traf -- viel früher als er's erwartet -- ein: sie ging +an dem Wesen ihres Mannes zugrunde. Nicht stark genug, um dem Sturm +zu trotzen, ward ihr die gemeinsame Not zu schwer. Es kam hinzu, daß +ihr das tiefste religiöse Bedürfnis fehlte. So blieb ihr Leben arm und +leer, und die Zeit, die ihrer Seele zur Festigung hätte dienen können, +verstrich ungenützt. Sie verstand das Kreuz nicht, darum vermochte sie +nicht, es im Glauben zu umfassen. + +»Wenn er sich nur ein einziges Mal auf das Kind gefreut hätte,« sagte +sie mit erstickter Stimme und wandte das Gesicht zur Seite. + +Exzellenz von Kambach schwieg. Was sollte sie sagen? Ihre Sorgen +waren viel ernsterer Art als die ihrer Enkelin, welche glaubte, +die Entfremdung ihres Gatten allein in den augenblicklichen äußeren +Verhältnissen suchen zu sollen. Die Großmutter blickte tiefer. +Abgesehen davon, daß Roselius in den letzten Wochen öfter bei ihr +gewesen und eingehend mit ihr über den Kameraden, in dessen Hause +er seit seiner Verheiratung viel verkehrte, gesprochen, hatte sie +selber längst mit dem feinen Gefühl der reifen Frau bemerkt, daß +diese Ehe nie eine glückliche werden würde. Bühlers leichtlebiger +und leidenschaftlicher Charakter forderte sprühende Sinne. Die +zarte Hingabe seiner Frau mußte seinem Wesen auf die Dauer nicht +nur widersprechen, sondern die Gatten einander entfremden. Ilses +Vater hatte das alles vorausgesehen und sie gewarnt. Aber in ihrer +blinden Liebe zu dem schönen ritterlichen Manne hatte sie seine Worte +in den Wind geschlagen. Nun war das Unglück da. Was ihn in einem +kurzen Brautstand entzückt, was seinem eitlen Charakter vorübergehend +geschmeichelt, langweilte Bühler auf die Dauer. Er wußte selbst nicht +warum. Daß die Reinheit der Frau, die er an sich gebunden, seine Seele +immer wieder an empfindlicher Stelle traf, gestand er sich nicht ein. +Und doch war dies der tiefste letzte Grund, daß er sich immer mehr von +ihr zurückzog. Er hatte die Braut in seiner Art geliebt, d. h. seine +Leidenschaft hatte sich an ihrer Schönheit berauscht. Die Ehe, Ilses +schonungsbedürftiger Zustand, die Enttäuschung, mit seiner jungen +Gattin nicht bei Hofe glänzen zu können, der Gedanke, ›übers Jahr ist's +vielleicht nicht anders!‹ -- das alles reizte und verstimmte ihn. Und +nicht gewohnt, sich in Zucht zu nehmen, ließ er seine Launen an ihr aus +und ging seine eigenen Wege. Wohin die aber führten, ward der greisen +Exzellenz je länger, je mehr zur Gewißheit. + +»Manchmal überkommt mich eine wahre Angst vor der Zukunft, Großmama,« +klang's leise und gepreßt an ihrer Seite. »Ich glaube, Wolf Dietrich +wäre entsetzt, wenn wir mehr als ein Kind bekämen ...« + +»Mit dieser Möglichkeit wird er sich doch aber abfinden müssen.« + +Einen Augenblick war's still. In die blassen Wangen der jungen Frau +stieg flammende Röte. Sie wandte sich ab. »Ich glaube nicht, daß er das +tut,« sagte sie mit zerdrückter Stimme. + +»Ilse!« Die alte Dame legte die Hand schwer auf den Arm der jungen. +»Und -- und du?« + +»Ich -- ich muß gehorchen!« klang tonlos die Antwort. + +Wieder war's still. + +Mit gefurchter Stirn blickte die Greisin in den Frühlingstag hinaus. + +Ein abgrundtiefes Frauenleid lag vor ihr ausgebreitet, das Martyrium +des Weibes, dessen tiefstes Empfinden noch wurzelecht, dessen Sehnsucht +noch rein und natürlich ist. Und gerade sie, deren Seele ungefestigt +war, deren Charakter erst reifen sollte in der Schule des Lebens, die +in dieser Stunde nichts besaß, als die Sehnsucht, ihr Kindlein ans +Herz zu drücken, gerade sie mußte die Verachtung der Mutterschaft aufs +tiefste kränken. + +Und dann klangen Worte neben ihr, die sie trotz allem, was sie in den +letzten Wochen erlebt, nicht für möglich gehalten, -- leise und scheu, +unter dem Druck tiefsten Leides: »Eigentlich -- wollte er's schon +diesmal nicht!« + +Es ging über die Kraft der Sprecherin. Sie barg das Gesicht in den +Händen und schluchzte wie ein Kind. + +Sprachlos saß Frau von Kambach da. In ihrer Seele lohte der Zorn. War's +menschenmöglich, daß das von einem Bühler gesagt wurde? Von einem +märkischen Edelmann? Einem Christen? Ach, das war ja die Ursache aller +Not -- er war kein Christ! Ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde +war dies Leid, das ihr besonders schwer auf die Seele fallen mußte. + +Die Ursache des großen völkischen Niederganges umschloß das schwere +Einzelurteil: kein Christ! Und es wollte etwas in dem alten treuen +Herzen zerspringen bei dem Gedanken: ›Von oben nach unten! An dem +Kindermord in unserem Vaterland sind schuldig, die deines Blutes sind +-- wir, der deutsche Adel!‹ + +Wo wollt's hinaus? Stand die Welt auf dem Kopf, daß alles, was sonst +hoch und heilig gehalten ward, mit Füßen getreten wurde? Und in +tausend und abertausend Fällen, wie hier, aus dem leichtfertigsten +oberflächlichsten Grunde, -- um Frauenschönheit, um Spiel und Tanz, +um bequemes Leben! -- Diesmal hatten sich Mutterhände schützend über +die Wiege eines mit heißer Sehnsucht erwarteten Kindleins gebreitet, +-- übers Jahr würde es heißen: ›Ich muß gehorchen!‹ -- Aber wie oft +war's gerade das Weib, das sich seiner höchsten Würde in unfaßlicher +Leichtfertigkeit entäußerte und sich seines heiligsten Dienstes mit +der schamlosen Begründung weigerte: ›Ich will mir nicht die Saison +verderben!‹ So sprachen deutsche Frauen! + +Der greisen Brandenburgerin war's oft ums Herz, als habe sie keine +Heimat mehr, als sei das Land, darin sie lebe, ein fremdes, mit neuen +Sitten, neuen Bräuchen und -- das war das Schwerste, Unerträglichste +-- neuem Glauben. Denn nie wär's so weit gekommen, hätte Deutschland +nicht seines Gottes vergessen! Aber der Abfall vom Kreuz konnte nur +Entsittlichung bringen, und der Geburtenrückgang war ihre erste Frucht. +Ein religiös sittlicher Schaden der Ruin eines ganzen Volkes! -- -- + +Ihre Gedanken kehrten zum eigenen zurück. Mit zitterndem Arm umschlang +sie die Enkelin. + +Da legte Ilse Bühler den Kopf an die Schulter der Großmutter und weinte +sich satt. + +Sanft strich Frau Sabine über das blonde Haar. + +Was war in ein paar Monaten aus dem blühenden Mädchen geworden? Eine +müde überzarte Frau, deren Gesundheit schon jetzt Grund zu ernster +Sorge gab. Ihre Gedanken wanderten. Könnte sie Ilse, um ihr die +täglichen Aufregungen fern zu halten, wenigstens in den beiden nächsten +Monaten zu sich nehmen! Bühler kam in diesen Tagen, um seine Frau +wieder abzuholen. Sie wollte mit ihm sprechen. Aber Ilse sollte nichts +vorher erfahren. + +Grundsätzlich war Frau von Kambach freilich gegen diesen Gedanken. +Aber so, wie die Dinge lagen, erkannte sie ihn beinahe als eine +Lebensforderung. Denn wer sollte sich in jener Zeit der jungen +Frau annehmen? Eine Mutter hatte sie nicht; Gräfin Bühlers für ein +Krankenzimmer vollständig ungeschulte Persönlichkeit hätte mehr +geschadet als genützt, auf andere Verwandte war nicht zu rechnen; +Sibylle war seit einigen Tagen Harros Braut, und sie selbst mit ihren +Altersbeschwerden, ihrem ungelenken Körper paßte nicht mehr in den +Rahmen einer jungen Häuslichkeit. Hier aber in der Stille des kleinen +Dreilindens, in Fräulein Eichels treuer Pflege war mehr Aussicht, +der zarten Frau in schweren Tagen zu helfen, als in Drachenburg oder +Kambach. Das wollte sie dem Enkel sagen und zugleich die Gelegenheit +benutzen, ihm noch einmal ins Gewissen zu reden. Ob viel dabei +herauskommen würde, war eine andere Frage, doch sie sagte sich: ›Dann +hast du wenigstens deine Pflicht als Großmutter erfüllt!‹ + +Aber während sie sinnend in die Weite blickte, erwachte ein Zweifel in +ihrer Seele: würde Ilse dieser Gedanke nicht verletzen, würde sie ihn +nicht zurückweisen? Sie sah auf die Enkelin nieder. Sie war ruhiger +geworden, aber der gesenkte Kopf mit der schweren blonden Flechtenkrone +lehnte noch immer an ihrer Schulter. + +Schweigend hielt sie sie umfaßt. + +Sie hatte ihr nichts Neues zu sagen. Den Rat, fest auf Gott zu +vertrauen, hatte sie ihr wieder und wieder gegeben, auch heute noch. +Ilse hatte auch versucht, sich an den treuen Worten der Großmutter +aufzurichten, aber ihre zarte empfindsame Natur war nicht stark genug, +um über irdische Not hinwegzublicken. Es kam hinzu, daß ihre Stimmung +von ihrem Befinden abhängig war, daß ihr nervöser Zustand sie Schein +und Sein nicht mehr unterscheiden ließ. + +Trotzdem war Frau von Kambach überrascht, als sie, sich aufrichtend, +sagte: »Großmutter, ich hab' eine große Bitte an dich! Du wirst sie +vielleicht nicht verstehen und mich abweisen, wirst sagen: ›Die Frau +gehört in das Haus ihres Mannes!‹ Das tut sie auch. Aber, Großmutter, +-- ich -- ich kann nicht mehr, körperlich und seelisch nicht!! Wenn +ich eine Weile Ruhe hätte, würd's wieder gehen, aber jetzt in dieser +Verfassung dies Leben ertragen« -- sie brach, über die eigenen Worte +erschreckend, jäh ab. + +Aber die Großmutter legte ihre schlanke feine Hand auf die der jungen +Offiziersfrau. + +»Weiter, Ilse!« + +Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann sagte Ilse Bühler tief +errötend: »Großmama, laß mich hier bleiben, bis alles vorüber ist!« + +Frau von Kambach antwortete nicht. Dieselben Wege, die sie in +fürsorgender Liebe gewandert war, ging eine andere in unüberwindlicher +Furcht. + +Und das Warum stockte der alten Frau auf der Lippe. Aber dann machte +sie sich stark und sprach's dennoch aus. + +Ilse strich das Goldhaar aus dem erhitzten Gesicht. »Warum?« Sie senkte +den Blick, und die Lippen zuckten. »Großmama, du weißt es doch, -- weil +-- weil's zu Hause unmöglich ist.« Und stockend kam's hinterdrein: »Ich +habe gestern schon mit Sibylle darüber gesprochen. Sie meint auch, es +gehe nicht. Und wenn sie es meint -- Wolf Dietrich ist doch ihr Bruder, +und auf Billy hört er noch am ersten.« + +Schweigend hatte Exzellenz von Kambach zugehört. Die einfachen Worte +erzählten eine große Tragödie. Ungewollt -- unbewußt: ›Es geht nicht, +Billy sagt es auch!‹ -- Die Frau, die noch kein Jahr verheiratet war, +hatte keine stille Stätte im Hause ihres Mannes -- »wenn ich eine Weile +Ruhe hätte, würd's wieder gehen!« So mußte sie sprechen, um ihrer +selbst, um ihres Kindes willen. Ob sie die ganze Tragweite ihrer Worte +ahnte? Die Greisin, die wie wenige das Leben kannte, glaubte es nicht. +Aber, daß sie litt, war klar, daß eine Wunde blutete und blutete. Frau +von Kambach sagte sich: ›Wenn Gott nicht ein Wunder tut, wird sie nie +heilen, nie vernarben!‹ + +»Weiß Wolf Dietrich von dem Gedanken?« fragte sie. + +»Nein, ich wollte dich erst fragen und dich bitten ...« + +»Ich soll's ihm sagen?« Die alte Frau schüttelte den Kopf. »Kind, Kind, +ihr seid weit gekommen in den paar Monaten eurer Ehe! Nimmst du die +Sache nicht zu schwer, Ilse?« + +Die junge Gräfin schwieg. Das letzte, tiefste, das sie kaum zu glauben +wagte, das je und dann wie ein Gespenst in ihrer Seele auftauchte und +wieder verschwand, das konnte und wollte, -- das durfte sie niemand +sagen. Auch der Großmutter nicht. Es war ja nur ein Schatten, der +auf ihren Weg fiel; woher er kam, was er bedeutete, wußte sie nicht, +wollt's auch nicht wissen, -- etwas Unwirkliches war und blieb es, dem +Gestalt und Leben fehlten. Herr Gott, -- ja -- sie fehlten! Vielleicht +war's das Beste! Aber warum stürmten die Gedanken immer wieder auf +sie ein? Fast erschien es ihr ein Verbrechen, einen Verrat, daß sie +ihnen Einlaß gewährt, daß sie immer wieder jener Stimme lauschte. +Die flüchtige Bemerkung einer älteren Dame, welche vor seiner Heirat +stark auf Graf Bühler für ihre Tochter gerechnet hatte und seiner +jungen Frau nicht gerade wohlgesinnt war, hatte den ersten heimlichen +Zweifel in Ilses Herz getragen. Eine Bemerkung wie hundert andere +war's gewesen, aber ihr feines weibliches Gefühl sagte ihr, daß sie +heimliches Gift barg. Wolf Dietrich Bühler war als eleganter Vortänzer +bekannt. Die Feststellung dieser Tatsache an sich hätte nicht zu +befremden brauchen. Aber der Ton, mit dem Frau von Kazarwsky über eine +Berliner Schauspielerin, mit der er auf einem Kostümfest den ersten +Walzer getanzt, sprach, ließ die Gräfin aufhorchen. Sie hatte es +sowieso schon empfunden, daß Wolf Dietrich sich in diesem Winter nicht +auf den Besuch der Hoffeste und Regimentsbälle beschränkte, sondern +zahllose Einladungen angenommen, die er hätte ablehnen können. Die +Abende, an denen er ihr Gesellschaft geleistet, konnte sie zählen, und +dann war er schlecht gelaunt gewesen, nervös, gelangweilt! -- + +Sie seufzte. »Großmamachen, du weißt ja, wie es bei uns aussieht,« +sagte sie traurig. »Ich will mich wahrhaftig nicht besser machen, als +ich bin, aber ich weiß nicht, was ich tun soll, um diesen Zustand zu +ändern.« + +Verzweifelt klang's. -- -- + +Ein Wagen rollte über den Fahrdamm. + +Gräfin Bühler lauschte hinüber. »Das ist Mama mit dem Brautpaar!« + +Die alte Exzellenz erhob sich. »Ich will mit Wolf Dietrich sprechen, +Ilse,« sagte sie, während sie in das Haus gingen. »Aber wenn er nein +sagt, mußt du dich fügen!« + +Schwermütig blickten die blauen Augen der jungen Frau über die +blühenden Wiesen in die sonnige Weite. »Er sagt nicht nein!« entgegnete +sie leise. + +Und Frau von Kambach widersprach nicht. + + * * * * * + +Sibylle Bühler war eine reizende Braut. Das Glück strahlte ihr aus +den Augen und machte sie noch schöner. In einem eleganten fliederlila +Straßenkleide saß sie ihrem Verlobten gegenüber im offenen Landauer, +und winkte schon von weitem ihrer geliebten Exzellenz und der +Schwägerin zu. + +Dann hielt der Wagen. Sie war die erste, welche die Greisin begrüßte. + +»Nun werd' ich auch eine Kambach!« jubelte sie und küßte wieder und +wieder ihre Hände. + +Frau Sabine schloß ihren Liebling in die Arme: »Willkommen in +Dreilinden, liebes Kind!« sagte sie mit mütterlicher Herzlichkeit. +»Möchte mein Enkel sich deiner würdig zeigen!« + +In die warme Freundlichkeit mischte sich milder Ernst, Ein feines Rot +stieg in die Wangen der Braut. Zum zweitenmal ward ihrem Verlobten eine +Mahnung aus berufenem Munde zuteil. Heute sprach die Liebe sie aus, +gestern die Gerechtigkeit. Streng und scharf hatte der Empfang des +Großvaters auf der Bühler Freitreppe gelautet: »Ich wünsche Ihnen von +Herzen Glück, mein lieber Kambach! Ob ich meine Enkelin beglückwünschen +darf, weiß ich nicht!« + +Harro hatte vor dem Manne im weißen Haar geschwiegen, sie selbst einen +Augenblick mit den Tränen gekämpft. Ihre Mutter, die immer Herrin +der Lage blieb, stellte mit einer Bemerkung über das gute Aussehen +des Schwiegervaters äußerlich das Gleichgewicht wieder her, aber der +Schatten, der sich auf die Stunde des Glückes gelegt, ließ sich nicht +ganz verscheuchen. Zumal Sibylle, die den Großvater so zärtlich liebte, +konnte diesen Empfang nicht begreifen. Erst das Wort der Frau, die sie +wegen ihrer gerechten Denkweise so hoch verehrte, half ihr die Art +des Greises auch in dieser Stunde verstehen. Sie begann einzusehen, +daß sein Glückwunsch, von seinem Standpunkt aus, nicht anders lauten +konnte. Er war niemals für die Verlobung gewesen, und hätte sie +am liebsten verhindert. Freude darüber zu heucheln, hätte seiner +großzügigen aufrichtigen Natur widersprochen. Aber nicht nur das -- +sein Wahrheitsgefühl forderte es, der persönlichen Empfindung in diesem +Augenblick Ausdruck zu verleihen. Daß seine Meinung schroff herauskam, +lag in der ihm eigenen Schärfe und in der Natur der Sache. Noch niemals +hatte sich ein rechter Bühler mit etwas einverstanden erklärt, wenn +er es nicht war. Der alte konservative Geist, der keine Neuerung, wie +sie auch heißen mochte, ertrug, kam hinzu, der schärfere Ehrbegriff, +die straffere Zucht einer vergangenen Zeit. Und Sibylle mühte sich, +einem großen edlen Charakter gerecht zu werden. Aber leicht war's +nicht, weil das Wort des Großvaters eine bittere Wahrheit enthielt. +Sie wußte, es richtete sich gegen Vergangenes. Das tat ihr weh. Ihre +Liebe hätte es gern bedeckt. Aber auch des Gegenwärtigen gedachte der +Erblandmarschall, denn die Glaubenslosigkeit eines deutschen Mannes +bedeutet für ihn einen sittlichen Mangel. + +Das alles hatte sie vor ihrer Verlobung gewußt. Mit dem Mute echter +Frauenliebe hatte sie, ohne ihre Kraft zu überschätzen, dem Vertreter +einer atheistischen Weltanschauung das Jawort gegeben. Sie wußte, +daß sie in ihrer jungen Ehe entweder mit Nietzsche und Schopenhauer +zu kämpfen haben würde oder mit religiöser Gleichgültigkeit. Auf das +erste richtete sie sich mit dem Wagemut des Glaubens, vor dem zweiten +bangte ihr, -- dennoch -- es gibt Frauen, denen ihre Liebe allezeit und +allerorten die königliche Gebieterin bleibt. Das Schwerste wird ihnen +leicht, das Unmögliche dünkt sie möglich, sie glauben und hoffen alles. +Und wenn ihre Zuversicht zuschanden wird, bereuen sie nicht, sondern +sagen sich: ›Ich tat, was ich konnte!‹ + +Von diesen Gesichtspunkten aus ward sie dem alten Herrn gerecht. Sie +war überzeugt, hätte sie ihn gefragt: ›Großvater, warum hast du mir +das getan?‹, so hätte er ihr mit derselben Offenheit geantwortet: +›Aber, Billy, soll ich denn lügen? Ich kann dich beim besten Willen +nicht beglückwünschen! Wenn ich es später nachholen kann, soll's mich +herzlich freuen!‹ + +So würde der alte märkische Edelmann sprechen. Lieber sagte er eine +Grobheit, als daß er die Wahrheit verschwieg oder umging. + +Aber auch in der Enkelin steckte ein gut Teil von dieser Kraft. Ehrlich +sah sie ein, daß das, was sie im ersten Augenblick als übertriebene +Schärfe aufgefaßt, zu der ureigensten Natur des Großvaters gehörte, +und schaute ihrem Glück, dessen Klippen ihr nicht verborgen geblieben, +mutig ins Auge. Sie war eine Kampfnatur im besten Sinne. Ein Glück, auf +Rosen gebettet, hätte ihrem starken klaren Charakter kaum entsprochen. +Wahrer Friede würde immer ihres Herzens Sehnsucht bleiben, aber niemals +würde sie ihn um den Preis des heiligsten Gutes erkaufen. Der Kampf um +dieses Gut hörte aber nicht auf, solange die Erde stand, -- wundersam +hätt' es zugehen müssen, wenn er ihr Haus verschonte. Als ein Stück +Kampf hatte sie in jungen Jahren ihr Christentum verstehen gelernt; sie +wußte nur zu gut, daß die Wachtfeuer nicht verlöschen dürfen, solange +die Sünde eine Großmacht auf Erden bedeutete. + +So verlor jenes schlimme Wort im Blick auf die ehrwürdige Gestalt +eines alten tüchtigen Geschlechts, welches preußische Zucht und wahres +Christentum hoch hielt, seine Schärfe. + +Auf ihrem frischen glücklichen Gesicht lag ein Zug ernsten Sinnens, als +sie ihre Schwägerin umarmte. + +Harro Kambach begrüßte seine Großmutter. + +»Na, mein Junge, nun bist du ja am Ziel,« sagte sie bewegt und küßte +ihn auf die Stirn. »Sei ein rechter Kambach und halte dein Kleinod in +Ehren!« + +In die hübschen Züge des jungen Offiziers trat tiefer Ernst. Zum +zweitenmal beugte er sich über die Hände der alten Frau. + +»Du bist der letzte Kambach,« sagte sie, von Erinnerungen übermannt, +mit zitternder Stimme. + +Er blickte auf. Klar und fest sah er sie an. »Ich will meinem Namen +Ehre machen, Großmama!« entgegnete er einfach. + +Sie nickte ihm freundlich zu und begrüßte Sibyllens Mutter. + +Gräfin Bühler benutzte in Deutschland jede Gelegenheit, irgendein +elegantes Kleid, welches die Riviera nicht wieder sehen sollte, +spazieren zu führen. Aber was man dort durchgehen ließ, bezeichneten +die schlichten Landedelleute der Mark in den meisten Fällen als +›Unmöglichkeiten‹. Ob die Gräfin dies nicht wußte, oder nicht wissen +wollte, blieb unklar. Jedenfalls kehrte sie sich nicht im geringsten +daran, und bemutterte das Brautpaar in einer meergrünen Tuchtoilette +mit silberner Paillettestickerei verziert. Exzellenz von Kambach hatte +den Eindruck, daß Harro und Sibylle die Begleitung dieses wandelnden +Pariser Modebildes wenig angenehm sei, und täuschte sich nicht. +Man war mit dem ›Meergrünen‹ in Kambach ziemlich abgeblitzt. Dem +Oberstallmeister war alles Auffällige ein Greuel. Er hatte sich in der +Unterhaltung fast ausschließlich an seine Schwiegertochter gewandt. Der +strengste Sittenrichter der ganzen Umgegend aber war der alte Schenker. +Als vornehmer Kammerdiener hatte er sich natürlich in der Gewalt, +aber seine Haltung, sein Gesichtsausdruck, seine Art, einer Dame aus +dem Wagen zu helfen, oder ihr den Mantel umzugeben, drückten seine +Gefühle in unzweideutiger Weise aus. Nun war es in diesem Falle schwer +für Schenker, sich in den richtigen Grenzen zu bewegen, denn Gräfin +Sibylle hätte er am liebsten die Hand geküßt und ihr einen Rosenstrauß +überreicht. Aber in Livree ging das dummerweise nicht. Heute abend +sollte sie ihre Marschall Niel's aber haben, er hatte sie im Treibhaus +für sie aufgespart. Die ›Firlemontsche‹ bekam natürlich keine, na, sie +war ja auch vollständig Nebenperson. Aber beim Empfang war die Sache +nich ohne, immer zwei Gesichter auf Lager haben, war ein bißchen viel +verlangt. Doch es mußte sein. Und mit eisiger Förmlichkeit half er der +Brautmutter aus dem Wagen, das ›Meergrüne‹ und die ›Paillettestickerei‹ +mit einem verächtlichen Blick streifend. + +Harro fing diesen Blick auf und mußte innerlich lachen. ›Nun geht's zu +Mamsell, und dann heißt's: hat das Weib sich wieder aufklaviert!‹ Im +Grunde gab er dem alten Manne recht. Auf die Schwiegermutter hätte er +selber mit Freuden verzichtet. -- -- + +Exzellenz von Kambach und Gräfin Bühler hatten sich trotz gegenseitiger +Bemühungen nie verstanden. Charaktere und Lebensinteressen waren zu +verschieden. Auch heute kam kein richtiges Gespräch in Gang. Die Gräfin +schwatzte beim Gabelfrühstück über ihre Reisen, über Mentone und Monte +Carlo, über die italienischen Seen und Sankt Moritz. Den Orten, welche +eine Spielgelegenheit aufwiesen, gehörte ihr besonderes Interesse. +Mit Sorge bemerkte es Exzellenz von Kambach. Gut, daß Sibylle von der +Mutter fort kam. + +Während die Gräfin auf sie einredete, beobachtete sie das Brautpaar. +Sibylle bewahrte trotz ihres strahlenden Glückes jene feine +Zurückhaltung, die ihrem Wesen seinen Reiz verlieh. ›Über den Kopf +wächst er ihr nicht‹ dachte die alte Dame, ›aber sie wird immer ganz +Weib bleiben, und darin liegt ihre Stärke!‹ + +Freundlich nickte sie den beiden zu. + +Ilse war sehr einsilbig und zog sich gleich nach dem Frühstück, +Kopfschmerzen vorschützend, auf ihr Zimmer zurück. + +»Arme Kleine!« sagte Gräfin Bühler, ihr nachblickend. »Billy wird sich +hoffentlich einmal besser aufführen!« + +Die Braut schien die Worte ihrer Mutter zu überhören, aber eine feine +Röte färbte ihre Wangen, während sie ihren Verlobten in ein Gespräch +über Bayreuth verwickelte. + +Harro befand sich in seinem Fahrwasser. Wagnermusik war sein höchstes. +Er begann derartig für den ›Parsifal‹ zu schwärmen, daß Sibylle sich +der Hoffnung hingab, die Bemerkung ihrer Mutter sei ihm entgangen. + +Die Hausfrau aber sagte mit leiser Stimme scharf und verweisend: +»Sie scheinen zu vergessen, daß Sie nicht in Monte Carlo, sondern in +Dreilinden sind!« + +Die schöne Frau zog die Schultern in die Höhe. »+Mon Dieu -- on dit +cela!+« + +»Bei uns in der Mark überlegt eine Frau, was sie sagt,« klang es kurz +zurück. + +Gräfin Bühler stieg das Blut in die Wangen. Sie sah auf die alte +Standuhr. »Bitte, lieber Harro, bestelle den Wagen!« -- + +Exzellenz von Kambach machte kein Hehl daraus, daß sie auf eine +Verlängerung des gräflichen Besuches keinen Wert legte. Sie +forderte ihre Gäste nicht zu längerem Bleiben auf, wandte sich fast +ausschließlich an Sibylle, und erhob sich endlich, um dem jungen +Mädchen ein Pastellbild ihrer verstorbenen Schwiegermutter zu schenken. + +Überglücklich dankte ihr die Braut. + +»Wie ähnlich Harro ihr sieht!« sagte sie dann, das Bild betrachtend. + +Er trat näher. »Findest du?« + +»Ja, Schatz!« Sie faßte seine Hand. »Aber nicht wahr, du bist ein +rechter Kambach wie dein Vater?« + +Eine leichte Verlegenheit malte sich auf seinem Gesicht. »Mein Vater +steht hoch über mir!« gestand er ehrlich. + +Gräfin Bühler drängte zum Aufbruch. »Kinder, wir müssen fahren. +Großpapa erwartet uns.« + +Der junge Offizier sah sie erstaunt an; aber er schwieg. Sie wußte +doch, daß der alte Herr nach Dambeck wollte. + +Sibylle war der Vorgang entgangen. Glücklich blickte sie auf Frau +Sabinens Geschenk. »Es soll mir ein doppelt liebes Andenken sein,« +sagte sie und küßte die schmale Hand. -- + +Der Diener meldete den Wagen. + +Mit großer Lebhaftigkeit verabschiedete sich die Gräfin, allem Anschein +nach froh, diesen Besuch hinter sich zu haben. + +»Komm bald wieder, Sibylle,« bat die alte Exzellenz, die Braut des +Enkels umarmend, »aber bleib' über Nacht! Ich sehne mich nach deinem +Geigenspiel!« + +Dann sah sie den Abfahrenden nach. + +›Sie ist eine rechte Bühler,‹ zog es ihr durch den Sinn, während ihr +Blick der anmutigen Mädchengestalt folgte, die ihr die letzten Grüße +zuwinkte, -- ›sie wird ihm helfen, ein Mann zu werden!‹ Lange noch +stand sie und schaute dem dahinrollenden Gefährt nach. »Wenn er sie nur +glücklich macht!« seufzte sie. + +Dann ging sie ins Haus. -- + +Was Ilse wohl machte? + +Sie war in ernster Sorge um die junge Frau. Wie sollte das enden? Und +das Herz der Greisin war wieder ganz bei der Enkelin, deren schwachen +Schultern die Last des Lebens zu schwer war. -- -- + +Der Krückstock klang auf den Dielen, auf der eichenen Treppe. Er +gehörte zum eisernen Bestand des Witwensitzes, zu der hundertjährigen +Standuhr, darin der Totenwurm an stillen Winterabenden pochte, zu den +altmodischen Möbeln und dunklen Ahnenbildern, zu all den Dingen, die +sich zur Zeit der Freiheitskriege, und früher schon, Heimatrecht im +Hause erworben hatten. Zu ihnen gehörte der alte Krückstock. + +Aber es würde ein Tag kommen, wo man ihn nicht mehr auf den stillen +Gängen und Treppen hören, wo der gewohnte Ton für immer verstummen +würde. Es war nur das bekannte kurze Aufschlagen, welches das Nahen +einer lieben ehrwürdigen Gestalt verkündete, das vielleicht nur +~eine~ treue Seele vermissen würde, aber das schöne Dreilinden +trug dermaleinst mit dem alten Krückstock sein Bestes zu Grabe. + + + + +Dreizehntes Kapitel. + +Eine Heimkehr. + + Hilf uns Gott, in Nacht und Nebel + Off'nen Aug's durchs Leben gehen! + Lehr' uns auf die Zeiten achten + Und das eigne Herz verstehen! + + Ob wir in des Waldes Dickicht, + Fern vom Feierzug der Frommen + Uns'ren Weg uns suchen müssen -- + Wenn wir nur nach Hause kommen! + + Schenk' uns unterm Kreuze Gnade, + Nimm uns ab die Last der Sünden! + Hilf uns aus dem Tal der Tränen + In die ew'ge Heimat finden! + + +»Der alte Schenker ist da und fragt, ob Exzellenz einen Augenblick zu +sprechen seien?« + +Die Wirtschafterin war leise durch die geöffneten Räume gekommen und +stand am Schreibtisch ihrer Herrin. + +Aufgeschlagene Bücher lagen vor der Gutsfrau, die, über die +Monatsrechnung gebeugt, den Inspektor erwartete. + +»Krügern, das paßt mir sehr schlecht, ich erwarte Herrn Niemann jeden +Augenblick,« sagte sie, über ihre Brillengläser hinweg auf die behäbige +Erscheinung der Alten blickend. »Will er denn etwas Besonderes?« + +»Es scheint so, Exzellenz.« Sie lächelte. »Das heißt, bei Herrn +Schenker ist vieles etwas Besonderes, was es gar nicht ist. Er hat +das so an sich, Exzellenz, aus einer Kleinigkeit, die ein anderer kaum +beachtet, macht er etwas! Was er will, weiß ich nicht! Er tut sehr +wichtig und geheimnisvoll!« + +›Er wird irgendeinen Einfall im Kopfe haben, welcher den Bund +betrifft,‹ dachte Frau Sabine und sagte sich, daß es eine Härte sei, +die alte treue Seele unverrichteter Sache wieder gehen zu lassen. Sie +sah auf die Uhr. Es war noch nicht spät. + +»Er soll kommen. Bitte, gehen Sie dann gleich zu Herrn Niemann hinüber, +und sagen Sie ihm, wir wollten morgen früh abrechnen. Das paßt ihm +sowieso besser, ich richte mich eben danach ein!« + +Fünf Minuten später stand Schenkersch Vadder in tadelloser Haltung auf +der Schwelle. + +»Ick bitte tausendmal um Entschuldigung, daß ick ungelegen komme,« +sagte er, »Exzellenz sind gerade bei die Abrechnung!« Er zögerte. + +»Bleiben Sie nur, Schenker,« sagte Frau von Kambach, die ganz genau +merkte, daß der Alte gar nicht daran dachte, seinen Vorschlag in +die Tat umzusetzen. Natürlich hätte er sich auf einen Wink von +ihr empfohlen, aber erst, nachdem er zwischen Tür und Angel seine +Geheimnisse ausgekramt hatte. Denn heute war er vollgepfropft von +Geschichten. Und sie ertappte sich darauf, daß sie regelrecht neugierig +war. + +Dann saß Franz Schenker neben ihr am Schreibtisch. Die Frühlingsluft +spielte mit dem weißen Haar der beiden Alten und strich über die +blühenden Blumen unter dem Bilde des seligen Kambachers. Draußen +rüstete sich, kaum merklich, der letzte Apriltag zur Nacht. Noch +glühten die Farben, aber die wunderbar tiefen Töne verrieten das +nahende Aufleuchten entschwindender Schönheit. -- + +Und der greise Kammerdiener erzählte. Es war allerdings etwas, das +nicht alle Tage vorkam. + +Schenkersch Vadder war so hingenommen, daß seine Gefühle völlig mit ihm +durchgingen. Die Tränen traten ihm in die Augen, er sprach platt, und +schlug im Eifer des Gefechtes mit der flachen Hand aufs Knie, daß es +schallte. Aber er hatte auch wirklich etwas erlebt und bedauerte nur, +daß seine alte Gnädige nicht dabei gewesen war. + +»Also, Exzellenz,« begann er, zitternd vor Erregung, »daß ick's kurz +sage: wir haben unsern Herrn Pastor wieder!« + +Frau von Kambach sah ihn fragend ein. + +»Exzellenz verstehen mich nich,« fuhr er fort. »Das glaub' ick wohl! +Und ick mein' ja auch nich bloß, daß er nu endlich aus 'n Drachenburger +Krankenhaus zurück is, das wär' ja alles ganz schön und gut, aber +seine Gemeinde hätte blitzwenig davon. Unter uns gesagt, Exzellenz +-- wir hätten ihn nich behalten. Denn auf die Länge ging das nich. +Ganz Kambach hätt' er mit seine Irrlehre verdorben! Nich mal der olle +Schenker hätt' was dran ändern können. Ick sag's ganz offen, Exzellenz, +eine tolle Angst hab' ick vor die Rückkehr von unsern Herrn Pastor +gehabt -- meine eigene Frau hat mich ausgescholten. ›Franz‹, hat sie +gesagt, ›du schämst dich wohl gar nich, 'n Christ willst du sein, und +benimmst dich wie 'n olles Waschweib.‹ Jawohl, Exzellenz, was meine +Frau is, die is nich ohne! -- Also, Herr Pastor Wendler kam in der +stillen Woche aus 'n Krankenhaus zurück, und am Ostersonntag stand +er auf der Kanzel. ›Na, denn man zu!‹ dacht' ick, ›dann erfahren wir +wenigstens gleich, woran wir sind!‹ Denn am ersten Ostertag hat die +Geschichte ihre Haken und Ösen mit die Texte. Wenn da einer an der +Auferstehung vorbeigeht, is die Sache faul, und wenn er nur von der +geistigen redet, is sie noch fauler. Wenn man in meine Jahre is, merkt +man so ungefähr, was die Glocke geschlagen hat, nämlich, ob der Pastor +glaubt, daß der Herr Jesus leibhaftig auferstanden ist oder ob nur +sein Geist in der Luft herumfliegt. Herr Pastor Krug hat mich das +vor einige Zeit mal auseinandergesetzt. Gott bewahr' unser deutsches +Vaterland vor so 'n Unsinn! ›Jesuzentrischer Liberalismus‹ nannte +er's. Das hat 'ne Zeit gedauert, bis mein alter Kopf das Wort behielt. +Den ersten Abend, als Herr Pastor Krug mich die Sache lang und breit +auseinandergesetzt hatte, da wußt' ick's ganz genau, aber nachher? Weg +war's! Da hab' ick Herrn Pastor neulich nochmal danach gefragt! -- +Na, mir kann's einerlei sein, wie's heißt, für so was is Schenkersch +Vadder in sein'n ganzen Leben nich zu haben gewesen. Is überhaupt 'ne +Frechheit, so an unseren Herrn Jesus seine Person herumzupflücken. Der +neue Bund soll da man gleich gründlich aufräumen!« Er fuhr mit allen +fünf Fingern durch das dichte, weiße Haar, daß es wie ein Wald zu +Berge stand. »Exzellenz, so was hab' ick noch nich erlebt! Das war 'ne +Predigt!« Er verbesserte sich. »Nee, 'ne Predigt war's gar nich! Es war +'ne Heimkehr! Das sagte Herr Pastor Wendler auch selbst!« + +»Eine Heimkehr!« wiederholte die alte Frau mit leiser Stimme, und ihr +sinnender Blick schweifte aus dem Fenster in die Weite hinaus, wo +der goldene Wetterhahn des Kambacher Kirchturms über den Heidhügeln +funkelte. + +Aber Schenker hatte noch viel auf dem Herzen. + +»Also, es war eine Predigt, und war doch keine! -- Ick kann das nich +so ausdrücken, Exzellenz, aber ein schöneres Glaubensbekenntnis hab' +ick mein Lebtag nich gehört! Und solche Osterfreude hab' ick noch bei +keinen Menschen gesehen! Der Mann war einfach nich wiederzuerkennen. Es +war, als brennte ein Feuer in seinem Herzen, und die Flammen wollten +überall heraus. Das war wirkliches Leben, was nich totzukriegen is. +›Wo hädd harr det man alwile her?‹ säd min Fru. ›Det künde von sin +Krankheet alot jo nich sinn!‹ -- ›Nee, Mudder,‹ häbb ick jesäd, +›de Krankheet aleene mokt et nich.‹ Aba ick räde all wieder Platt, +Exzellenz!« + +»Macht nichts, Schenker! Ich versteh' Platt so gut wie Hochdeutsch!« + +Doch der Alte konnte den feinen Kammerdiener nicht ganz verleugnen. In +wohlgesetztem Hochdeutsch sprach er weiter. + +»Ick bring's ja nich wieder zusammen, was Herr Pastor Wendler gesagt +hat! Aber die Hauptsache weiß ick noch. Vor allem klang durch alles +sein lebendiger Osterglaube hindurch. Überhaupt betonte er immer +wieder gerade das, was sonst in seinen Predigten fehlte: daß wir den +lebendigen persönlichen Heiland brauchen, den Gottessohn, den man +schauen kann. ›Wir Pfarrer werden doch nich bloß zu Hochzeiten und +Kindtaufen gerufen,‹ sagte er, ›wie oft stehen wir an Sterbebetten und +Totenladen. Was nützen da schöne Reden -- einen Sünderheiland brauchen +wir, der unsere Schuld ins Meer senkt und über die Gräber ruft: ›Ich +lebe und ihr sollt auch leben!‹ Aber das schönste war doch, wie er +von seinem Heimweh nach dem alten Bibelglauben sprach. Obgleich er +nicht gerade von sich dabei redete, merkte man's doch, daß er alles +selbst erlebt und durchgekämpft hatte. Einmal dachte ick: ›Das geht auf +die Geschichte mit unseren jungen Herrn,‹ und ein anderes Mal merkte +man's ganz deutlich, daß er an Frau Petzold dachte! Der Mann hat was +durchgemacht, Exzellenz! -- ›Gar kein Evangelium,‹ sagte er, oder das +ganze, das, von dem der Dichter singt: ›Wenn ich dies Wunder fassen +will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still!‹ -- Exzellenz, ick +kann's nich sagen, wie mir diese Predigt ergriffen hat!« + +»Diese Heimkehr!« sagte die alte Frau mit leiser Stimme. + +Schenker wischte sich über die Augen. -- »Und dann hat er noch von dem +modernen Menschen gesprochen! Wir haben ja auch so 'n paar unter den +Lehrern und Honoratioren. Daß so was auch aufs Dorf kommen muß! Na, +unser Herr Pastor sagte, wir sollten man bloß nich denken, daß so 'n +moderner Mensch nich dasselbe sehnende Herz in der Brust trüge, wie +andere Leute. Es sei Einbildung, daß man glaube, man könne ohne den +Herrn Jesum und sein Kreuz fertig werden! Wenn der moderne Mensch so +kalt und gleichgültig tue, so sei das nur eine Larve, die das blutende +Herz und die innere Einsamkeit verbergen solle. Denn wenn einer noch +so gelehrt und noch so berühmt sei, seine Seele mache das alles nicht +satt. Darum sei es ein Gottesraub, das Bekenntnis, das die Gemeinde +mit ihrem Herzblut erlebt und verteidigt, durch Menschenfündlein +zu ersetzen oder nach menschlicher Meinung umzubilden! Exzellenz, +das hat der Mann gesagt, der vor kaum zwei Monaten erklärte, das +Glaubensbekenntnis könne man verschieden auslegen!« + +Seine Augen leuchteten, auf dem alten treuen Gesicht lag das Rot +freudiger Erregung. + +Er schwieg. + +Nachdenklich sah er vor sich nieder, eine leichte Verlegenheit malte +sich in seinen Zügen. + +Er räusperte sich. + +»Dann kam noch etwas,« sagte er endlich zögernd, »eigentlich war's +nich ganz in der Ordnung, noch dazu am Ostersonntag, aber, im Grunde +hab' ick mir doch gefreut. ›Schenker,‹ hab' ick zu mir gesagt, ›du +hast doch 'ne Frau, wie's nich viele gibt! In ganz Kambach is keine +solche, und in Dambeck und Bühl, und hier in Dreilinden auch nich!‹ Na +-- und in Berlin? Ach, du meine Güte,« er lachte hell auf, und schlug +mit der Hand aufs Knie -- »Berlin!!! -- Also, -- Exzellenz, -- was tut +meine Frau? Kaum hatten wir nach der Predigt ›Auf, auf, mein Herz, mit +Freuden!‹ gesungen, steht sie auf und sagt: ›Nu wollen wir noch »Nun +danket alle Gott!« singen.‹ Und damit fing sie auch schon an. Sie war +feuerrot geworden und schielte nach mir rüber. Aber ick muckste mir +nich, Exzellenz. Hätt' ick meine Frau angesehen, wär's vorbei gewesen, +und das paßt sich doch schließlich nich für 'n ollen weißhaarigen +Kammerdiener. Nur ganz heimlich hab' ick ihre Hand gefaßt. -- Dann +sangen wir alle mit. -- In meinen ganzen Leben hab' ick das Lied nich +so singen gehört, nur damals, als der Friede gefeiert wurde! -- Pastor +Wendler stand am Altar. Er war ganz blaß und sah sehr bewegt aus, als +er in die Sakristei ging.« + +Wieder war's still zwischen den beiden. Auf die Seele der alten +Frau wirkte die schlichte liebliche Erzählung wie eine wundersame +Glaubensstärkung, dem Manne aber, der sie erlebt, ward das Stücklein +Kirchengeschichte, das sich im engen Rahmen der Heimat abgespielt, +immer mehr ein Stück Lebensgeschichte. + +»Exzellenz,« hub er endlich noch einmal an, »ick hab' nu noch einen +anderen Gedanken! Er is vielleicht ganz verkehrt, dann laß ick mich +gern eines Besseren belehren, aber Exzellenz werden gestatten, daß ick +ihn ausspreche. Denn er verläßt mich nich mehr! Und das will was sagen! +Ick bin sonst wahrhaftig nich so.« + +Er sah die alte Dame erwartungsvoll an. + +Sie aber nickte ihm ermutigend zu. + +Da holte er tief Atem und fuhr fort: »Exzellenz, -- wir haben noch +immer keinen Bundesdirektor! Die Sucherei geht nu schon durch Wochen +und Monate! Wir haben heute schon den ersten Mai, und die Geschichte +kommt nich vom Fleck. Der gnädige Herr schreibt sich die Finger wund, +und immer is es vergeblich! Entweder paßt die kirchliche Richtung nich, +oder es heißt: ›Die Sache steckt noch zu tief in den Anfangsgründen, +daraufhin kann man Amt und Brot nich aufgeben!‹ Na -- die passen +natürlich nich für uns, Exzellenz! Hier gilt's Opfer bringen, gerad so +gut, wie bei der Äußeren Mission, und da is die Sache doch noch ganz +anders! Hier wird man doch nich von die Klapperschlangen gefressen oder +von die Hottentottens aufgespießt! Aber trotzdem -- einen Verzicht +gilt's. Schon einfach deshalb, weil wir kein Geld haben. Wir brauchen +also einen ganzen Mann. Und da fuhr's mir heut nacht durch den Kopf: +›Da suchen und suchen wir, und der Mann is da!‹ Und als ick mir die +Sache länger überlegte, hab' ick mir gesagt: ›Schenker, du bist doch 'n +alter Teekessel, hättest du das nich gleich am ersten Ostertag nach der +Predigt wissen können? Vierzehn Tage eher hätt'st du die Herrschaften +von ihre Sorge befreit!‹ Aber wie's im Leben so geht, Exzellenz, -- +heut morgen dacht' ick: Wenn Exzellenz nu säd: ›Schenker, das is +Quatsch!‹ Det kann ick nämlich schlecht vertragen, Exzellenz!« + +Er sah sie erwartungsvoll an. + +Frau Sabine hatte den Kopf in die Hand gestützt. Schweigend ruhte ihr +Blick auf dem Alten. In ihren Augen standen Tränen. -- + +Ein stiller Vorfrühlingsabend stieg vor ihrem Geiste auf. In dem +dämmernden Stadtgarten blühten Veilchen und Krokus und ein weicher +Wind strich um die Dächer. Sinnend saß sie über der Apostelgeschichte, +über dem Werdegang des gewaltigen Kämpfers, dessen heißem Ringen jener +wunderbare Sieg folgte, -- ›denn siehe, er betet!‹ Ein Gedanke war +ihr durch den Sinn geflattert, woher er kam, wußte sie nicht, aber +ihre Seele folgte seinem leuchtenden Flug. Glaubenswege zogen sie +miteinander, zu lichten Firnen empor. Nur die Kühnheit und Leichtigkeit +des Gedankens aus der Überwelt durfte den schwindelnden Aufstieg wagen, +nur die Trägerin des Wetterkreuzes durfte nach den Stürmen der Nacht +von der Grenze des ewigen Schnees in die Zukunft schauen. Dann waren +sie zu Tal gezogen. Aber durch das Grau des Alltags hindurch klang's +immer wieder wie eine lichte Weissagung: ›Denn siehe, er betet!‹ -- Und +heute stand einer vor der Greisin und sprach: ›Das Wort ist erfüllet!‹ + +Sinnend blickte sie vor sich hin. + +Da fuhr der Alte fort: »Dann hab' ich mir gesagt: ›Schäme dir, +Schenkersch Vadder! Die Missionare zucken mit keiner Wimper in +Todesgefahr, und du bist empfindlich, wenn deine alte Herrschaft dir +die Wahrheit sagt. Gleich heute gehst du nach Dreilinden!‹ Na, und da +bin ich nu!« + +Wieder nickte Frau von Kambach ihm freundlich zu. »Der Gedanke ist +zu erwägen, lieber Schenker. Er ist mir selbst schon durch den Kopf +gepflogen, um so mehr freue ich mich der Anregung von anderer Seite. +In der Hauptsache bin ich vollkommen mit Ihnen einig. Wendler ist +ein ganzer Mann, der sich nach allem, was Sie mir berichten, auch +als ganzer Christ beweisen wird. Menschen, die sich zum Glauben +durchkämpfen, sind keine halben. Denken Sie daran, wie Saulus ein +Paulus wurde! Ich bin also sehr dankbar für die Anregung, muß mir die +Sache aber in Ruhe überlegen und vor allem erst mit meinem Sohn darüber +sprechen. Er weiß noch nichts?« + +»Nein, Exzellenz. Ich wollte zuerst hier vorsprechen.« + +Sie nickte. »Gut. Ich fahre morgen nach Kambach. Wissen Sie, ob mein +Sohn in den Vormittagsstunden zu Hause ist?« + +»Der gnädige Herr hat nicht gesagt, daß er etwas Besonderes vorhätte!« + +»Schön. Dann bestellen Sie, ich käme um elf. Paßt es nicht, können Sie +mich ja benachrichtigen.« + +»Sehr wohl, Exzellenz.« Er erhob sich. + +Frau von Kambach reichte ihm die Hand. »Adieu, lieber Schenker! Eine so +große Freude hab' ich lange nicht gehabt, und daß Sie sie mir bringen +durften, war schön!« + +Seine Augen leuchteten. Er verbeugte sich. »Ich danke untertänigst, +Exzellenz!« + +Schritte klangen im Nebenzimmer. Ein junger Diener erschien auf der +Schwelle. + +»Herr Pastor Wendler!« + +Die beiden Alten sahen sich an. + +»Ich lasse bitten,« sagte die Hausfrau. »Sie sind ihm zuvorgekommen,« +wandte sie sich halblaut an Schenker. + +Schwerfällig erhob sie sich und ging dem Gast entgegen. + +Sein rascher Schritt klang an ihr Ohr. ›Ganz so wie einst!‹ zog es ihr +durch den Sinn. + +Da stand er schon vor ihr, groß, kräftig, das blaue Auge leuchtend, -- +keine Spur von einer eben überwundenen wochenlangen Krankheit, weder in +Aussehen und Farbe, noch in den Bewegungen, -- nun ja, er war in froher +Erregung durch die blühende Mark gewandert. + +Sie streckte ihm die Rechte entgegen. »Herzlich willkommen, mein lieber +Wendler!« + +Er beugte sich über ihre Hand. Dann sah er sie voll an. In dem +männlichen Gesicht arbeitete es. + +»Es ist lange her, daß ich hier war,« sagte er, und seine Stimme bebte +leise. »Aber Exzellenz haben mir gestattet, wiederzukommen ...« Er +hielt inne, tief Atem holend. Das menschliche Wort erschien ihm zu arm +in dieser Stunde. + +Sie verstand ihn. + +Schweigend hielt sie seine Hand umfaßt. + +»Ich bat Sie, wenn es so weit sei, Ihre Freude teilen zu dürfen,« sagte +sie endlich, -- »nicht wahr, die Stunde ist gekommen?« + +Der lang entbehrte Ton schlug ihm warm ans Herz. Wie unwert erschien er +sich dieser Liebe! Aber sie war nichts als der Abglanz einer größeren +heiligeren, die er mit heißer Sehnsucht gesucht und endlich gefunden. + +Die Bewegung übermannte ihn. Tränen traten in seine Augen. Er wandte +sich ab. + +Da fiel sein Blick auf den alten Schenker, der bescheiden in der +Fensternische stehen geblieben war. Sein Gesichtsausdruck sagte ihm +alles. Fragend sah er die Gutsherrin an. Lächelnd nickte sie ihm zu. +»Ja, lieber Wendler, Sie haben recht, Sie brauchen mir nichts mehr +zu sagen. Unser guter Schenker hat mir eben über die Osterpredigt +berichtet, und daß Sie zum Schluß ›Nun danket alle Gott!‹ miteinander +gesungen haben! Mir tut nur leid, daß ich nicht dabei gewesen bin, -- +aber nicht wahr, ich darf mich auch jetzt noch mit Ihnen freuen?« + +Wie eine Mutter sah sie ihn an. + +Und den Mann, der jahrzehntelang, von niemand umhegt und geliebt, sein +einsames Leben geführt, traf dieser Blick in tiefster Seele. + +»Exzellenz!« + +Als müßt' er das innerste, heiligste Empfinden dieser Stunde selbst vor +diesen lieben Augen verbergen, beugte er sich ein zweites Mal über die +greise Hand und drückte einen langen innigen Kuß darauf. -- -- + + * * * * * + +Der Westwind trug den Klang der Kambacher Betglocke herüber. Heimatlich +grüßte er die beiden Menschen. + +Ein leiser Schritt verklang auf den Dielen. Behutsam ward eine Tür +geschlossen. + +Sie waren allein. + +»Ich wußte, daß Sie heimkehren würden,« sagte sie leise, »es ist kalt +und einsam in der Fremde!« + +»Und doch hätte ich den Weg niemals gefunden, hätte mich nicht einer +geführt,« klang es zurück. »Denn ich war blind. Jetzt ist mir die +Decke von den Augen genommen, ich habe erkannt, daß die Wissenschaft +uns den Frieden der Seele nicht schenkt. Darum fror mich bei aller +Gelehrsamkeit -- sie hat mich arm gemacht!« + +»Arm,« wiederholte die alte Frau nachdenklich. »Wären Sie reich +gewesen, so hätten Sie sich nicht führen lassen. Zur Heimkehr gehört +Heimweh!« + +Sinnend blickte er in den leuchtenden Abend hinaus. Wie ein +dunkelgrüner Rahmen umschloß das efeuumsponnene Fenster die verträumte +Landschaft. Rosa Abendwolken schifften vorüber, und der letzte Strahl +mischte sich mit dem Bronzeton der Heide. Sehnsüchtig trällerte eine +Lerche über den wehenden Birken. + +Drüben verhallte die Glocke ... + +›Zur Heimkehr gehört Heimweh!‹ zog es durch die Seele des Mannes, der +nach heißem Kampf und langer Irrfahrt den Weg nach Hause gefunden. + + + + +Vierzehntes Kapitel. + +Jutta. + + Weißt du nicht, daß späte Rosen + In der Herbstzeit schnell verblühen? + Daß sie frühe sich entfalten + Und ums Abendgold verglühen? + + Daß ein kurzes helles Leuchten + Auf den roten Blättern schimmert, + Wenn des Taues Brautgeschmeide + In den dunklen Kelchen flimmert? + + Duftend wird die letzte Rose + Deiner Liebe sich erfreuen, + Und die samtnen Spätherbstblätter + Still auf deine Pfade streuen. + + Feiernd geht der Tag zur Neige, + Wenn die Schnitter heimwärts ziehen, + Und beim Klang der Abendglocke + Leuchtender die Felsen glühen ... + + +»Eins steht fest: Wir können heute gleich zwei Ortsgruppen gründen, +eine agrarische und eine militärische!« sagte der Oberstallmeister +lachend zu seiner Mutter, die, auf den Arm des Sohnes gestützt, der +Gutskirche zuwanderte. »Na, dann ist wenigstens ein Anfang gemacht, dem +der klingende Beigeschmack hoffentlich nicht fehlt! Denn wir brauchen +Geld! -- Du sagst: ›Das wird schon kommen!‹ Ja, mein Himmel, in den +Mund fliegen einem die gebratenen Tauben heutzutage nicht!« Er grüßte +freundlich hierhin und dorthin. Es ist doch großartig, -- +in +corpore+ sind die Leute erschienen! Die ganze Umgegend ist da. In +Bühl kann tatsächlich nur der Nachtwächter zu Hause geblieben sein, +mit Kind und Kegel ist das Volk angetreten. Und sieh mal die Bauern! +Alle Achtung! Ich hätt's nicht für möglich gehalten! -- Was hat da nu +gezogen? Gräfin Sibylle Bühlers Stradivariusgeige oder der neue Bund +und sein interessanter Direktor? Jedenfalls war's eine gute Idee von +Billy! Überhaupt die als Schwiegertochter! Wenn aus Harro noch mal +was Vernünftiges wird, können wir's ihr danken. Auf seine Haltung als +Bräutigam gebe ich natürlich nichts, aber Roselius hat mir vor einiger +Zeit gesagt, wenn ein Mensch Einfluß auf ihn habe, sei sie es.« + +Die alte Dame nickte. »Er hat sich in letzter Zeit entschieden zu +seinem Vorteil verändert,« stimmte sie dem Sohne bei. »Ich glaube, +Eberhards Tod hat auch dazu beigetragen!« + +»Mag sein. Ich schiebe viel auf seine veränderten Gefühle für Bühler. +Harro liebt Ilse sehr, sie haben alles miteinander geteilt, -- nun +zeigt ihm ihre Ehe den Mann, den er seinen Freund genannt, im wahren +Licht. Das muß ihm zu denken geben! Ich halte es immer für das beste, +wenn das Leben einen Menschen erzieht. Das ist das sicherste Verfahren. +Aber wenn es ihn zu Gott zurückführen soll, muß es ihn doch noch anders +anfassen. Denn solange er dieser verrückten Weltanschauung huldigt, +wird nichts aus dem Jungen. Er weiß ja selbst nicht, was er glaubt!« + +»Vielleicht hat Gott ihm gerade deshalb diese Frau in den Weg +gestellt,« meinte die Greisin und blieb Atem holend stehen. + +Mit hellen Augen sah sie sich um -- -- + +Über der alten Dorfkirche, über dem Kranz knospender Linden blaute der +Himmel. Mückenschwärme tanzten in der Sonne, Bienenvölker summten in +den Kronen. Wie die Säulen eines alten Doms umrahmten die grauen Stämme +die feinen stimmungsvollen Bilder des märkischen Tieflandes, das licht +getönt herübergrüßte. Schmucke Dörfer, vom Kirchturm gekrönt, nickten +herein, sonnige Heidhügel, blaue Seen im Sonnenglanz, farbenfröhlichen +Wandgemälden gleich, vom grünen Dach der Sommerlinde überschattet. Und +zwischen den Grabsteinen, auf den Wegen ein buntes Durcheinander von +Menschen aller Art, die in Gruppen redend beisammen standen: Landadel, +Offiziere, Honoratioren, Bauern, selbst der schlichte Arbeiter und sein +Weib fehlten nicht. + +Herr von Kambach und seine Mutter hatten ein paar Drachenburger Ulanen +begrüßt, dann traten sie an eine Bauerngruppe heran. + +Ehrerbietig entblößten die Alten die weißen Köpfe, und eine lebhafte +Unterhaltung entspann sich über den Bund, der heute seine erste +Ortsgruppe erhalten sollte. + +Ein ehrwürdiger Dreilindener Bauersmann erklärte, zuerst sei's ihn +hart angekommen, daß er seinen Pastor, nachdem er's eben gelernt, +den Herrn Christum recht zu verkünden, wieder hergeben solle, aber +nun, wo er neulich auf der großen Versammlung gehört, wozu man ihn +haben wolle, könne er nichts dagegen sagen. Denn so eine Sache, wie +der Bund bibelgläubiger Christen, habe schon lange gefehlt, und der +Direktor, der an die Spitze trete, müsse ein ganzer Mann sein. Und das +sei Herr Pastor Wendler. Für Kambach und Dreilinden und die anderen +eingepfarrten Güter sei sein Fortgang ein großer Verlust, aber wo es +sich um eine Sache handele, die dem ganzen deutschen Vaterlande zugute +käme, dürfe man nicht an sich denken. + +Exzellenz von Kambach nickte ihm freundlich zu. »Das ist recht, Rudow, +wir müssen auch Opfer bringen können.« + +Des Alten Augen leuchteten. + +»Det häbb' ick och all jesäd, Exzellenz!« -- -- + +Auf den Arm des Sohnes gestützt, wanderte die greise Frau weiter, von +Gruppe zu Gruppe. Überall wußte sie das rechte Wort, überall freute man +sich beim Nahen der ehrwürdigen Gestalt. + +Vom Turm schlug es drei. Durch die geschmückten Pforten kam der lange +Zug und füllte das Schiff. Aber der Raum reichte nicht aus. In den +Gängen standen die Menschen, auf den Stufen, vor der offenen Kirchtür +saß, was drinnen keinen Platz mehr gefunden. + +Und dann begann auf dem Orgelchor ein leises Tönen, ein Klingen und +Flöten wie Hirtenschalmeien, ein Locken und Werben, als lüd' eine helle +Stimme zum festlichen Singspiel: die Stradivariusgeige. + +Wer ihre Geschichte kannte, hob unwillkürlich den Blick zu dem +Bilde der Ahnfrau empor. Mit lieblichem Lächeln schaute die schöne +dunkelhaarige Frau im weißen Atlaskleide auf die Anwesenden nieder. +Eine rote Rose blühte in ihren Locken, so leuchtend und farbenfrisch, +als sei sie eben gepflückt, ein kostbarer Schmuck flimmerte auf dem +weißen Halse. + +Und die Geige jauchzte durch die stille Kirche. -- -- + +Als habe sie den alten vergoldeten Rahmen verlassen und sei in den +Kreis der Lebenden getreten, stand Sibylle an der Brüstung des Chors, +das Ebenbild jener Frau, die mit ihrer Liebe die Kunst in das Kambacher +Herrenhaus getragen. Ihr Erbe aber war den Bühlers zurückgegeben +worden. Doch als seien die Saiten der Stradivariusgeige unlöslich mit +der Geschichte des alten Geschlechts verknüpft, ward ihre Trägerin +eines Kambachs Braut. Im schlichten weißen Sommerkleide, einen Strauß +dunkler Rosen an der Brust, das schöne Haupt über die Geige geneigt, +spielte Sibylle Bühler das Largo von Händel. Orgeltöne mischten sich +sanft mit den wundervollen Klängen. Ein junger Berliner Musiker, der +sie häufig begleitet, stellte an diesem Tage seine Kunst in den Dienst +der großen Sache. + +Die Zusammenstellung war äußerst geschickt. Kein schwer verständliches +Tonstück, keine dem einfachen Manne unverständliche Musik erklang in +der kleinen Dorfkirche, -- echte deutsche Kunst im kirchlichen Gewande +grüßte das Volk. Wenn etwas an die Herzen griff und für einen großen +heiligen Zweck zu werben geeignet war, so war's das Spiel dieser beiden +jungen Menschen, die ihre ganze Seele in die Kunst legten. + +Wenn die Geige schwieg, sang Sibylle mit Gräfin Brelow zweistimmige +Lieder. + +Lautlose Stille herrschte im Schiff. Keiner Predigt hätten die +märkischen Bauern andächtiger gelauscht. Regungslos saßen sie neben +ihren Frauen und Töchtern in den Kirchenbänken, und manches Auge ward +feucht. + +Die letzte Nummer, eine Bachsche Kantate, war verhallt, da klangen +noch einmal die beiden schönen Frauenstimmen vom Chor. Leise und zart +schwebte es durch die Kirche: + + ›Das ew'ge Licht geht da herein, + Gibt der Welt ein'n neuen Schein! + Es leucht't wohl mitten in der Nacht, + Und uns des Lichtes Kinder macht -- Kyrieleis!‹ + +Tiefes Schweigen herrschte. Unbeachtet zogen die Laute des Lebens an +der offenen Pforte vorüber, an der stillen Allerseelenfeier drinnen. + +Im hohen dunklen Chorstuhl saß Pastor Wendler am Altar. Seine Gedanken +waren bei dem sterbenden Kinde, dem er Steine für Brot gegeben. Zum +Dank dafür hatte es ihm die lebendige Quelle gezeigt ... + +Sein Blick schweifte zu der greisen Frau hinüber, die mit dem +hoffnungsvollen Enkel ein Stück Lebensfreude ins Grab gelegt. Den Kopf +in die Hand gestützt, saß sie, den festlichen Klängen lauschend. Auf +dem ehrwürdigen Gesicht lag's wie Verklärung, aber dann drückte sie +doch das Spitzentaschentuch an die Augen. + +An ihrer Seite saß der Oberstallmeister. In dem männlichen Gesicht +arbeitete es, auch ihn packte die Erinnerung. + +Und durch die Seele des Einsamen zog ein heißes Dankgebet, daß es +ihm vergönnt gewesen, mit den beiden treuen Menschen ins reine zu +kommen, bevor diese ernste heilige Stunde sie gemeinsam grüßte. Der +Heimgekehrte konnte ihnen, ob auch um Vergangenes trauernd, offen in +die Augen sehen, der Verirrte hätte es nicht gekonnt. -- + + * * * * * + + ›Das hat er alles uns getan, + Sein' groß' Lieb' zu zeigen an! + Dess' freu' sich alle Christenheit, + Und dank' ihm das in Ewigkeit -- Kyrieleis!‹ + +tönte es vom Chor. + +Leise, leise, als trügen Engelsflügel eine Seele nach Hause, zogen die +weichen Töne in den Sommertag hinaus. + +Dann ging eine Bewegung durch die Reihen. + +Unter den brausenden Klängen des Händelschen Festchors ›Seht, er kommt +mit Preis gekrönt‹, leerte sich die Kirche. -- -- + +An den Ausgängen standen drei der ersten Bundesmitglieder mit Tellern, +unter ihnen der alte Schenker. Mit würdevoller Miene sah er vor sich +nieder, als habe er nichts mit der Sache zu tun. Aber die alten Augen +beobachteten um so schärfer. + +Eine Viertelstunde später trat er mit seinen Genossen in die Sakristei. + +»So, Herr Pastor, da bringen wir den Bundesschatz! Nu fehlt man +bloß noch der Schatzmeister! Was der olle Mammon doch für 'ne Rolle +spielt! Da freut man sich nu wie so'n klein' Jung', der von Muttern +'n Stück Gebratenes aufs Brot gekriegt hat! Aber wir bringen auch 'n +ganzen Batzen!« Seine Augen vergrößerten sich. »Über die Hälfte is +Gold, und in mein'n Teller hat jemand 'n blauen Lappen eingebuddelt. +Wie's geschehen is, weiß der Himmel! Mitten mang unter die Goldstücke +seh' ick da plötzlich zu meine größte Verwunderung so was wie'n +blauen Zippel! Ick trau' meinen Augen nich! ›Schenker,‹ häbb ick +jesäd, ›du wirst woll swach in'n Kopp!‹ Aber nee! Als ick zufass', +hab' ick wahrhaftig 'n Hundertmarkschein bei'n Wickel! Hier is er!« +Triumphierend hob er den Schein in die Höhe. + +Alle lachten. + +»Nu wollen wir aber ans Zählen gehen!« sagte der Kirchenälteste. + +Und sie setzten sich um den Tisch. + +Drei weiße Köpfe beugten sich über die Teller. + +Wendler sah dem alten Kammerdiener über die Schulter. »Bei Ihnen +scheinen die Kambacher und Dreilindener gewesen zu sein, Herr Schenker!« + +»Und die Herren Offiziere! Die lassen sich nicht lumpen, Herr Pastor, +wenn Brandenburgs Rose die Geige spielt!« + +Wieder klang das Klappern der Münzen. + +Endlich waren die Alten fertig. Die drei Summen wurden zusammengezählt. + +Kopfschüttelnd blickte der Kirchenälteste auf das Ergebnis. »Das ist +unmöglich!« + +»Ick hab' mir nich verrechnet,« erklärte Schenker spitz, »ick hab' in +der Schule für Kopfrechnen immer ›gut‹ bekommen.« + +Der alte Müller gab für seine Person dieselbe Ehrenerklärung ab. + +Da sagte der Schulze beleidigt: »Die Herren werden mir doch nicht +zutrauen, det ick das Einmaleins verlernt habe? Darf ich bitten, Herr +Pastor?« + +Er reichte Wendler das Blatt. + +Der überflog die Zahlen und trat an den Tisch. »Wir wollen die +Einzelsummen noch einmal nachrechnen.« + +Alles stimmte. + +Da erklärte Wendler: »Die Rechnung ist richtig: +neunhundertundsiebenundneunzig Mark!« + +»Alle Achtung!« rief der Müller. + +»Det häbb ick doch jesäd, die Sache stimmt!« Schenker schlug mit der +Hand aufs Knie. »Aber daß da drei Mark an tausend fehlen, das geht nich +an!« Er zog seinen Geldbeutel aus der Tasche und legte einen Taler auf +den Tisch. + +»Bravo, Schenker!« rief der Pastor. »Zur Belohnung tragen Sie den +Bundesschatz ins Gutshaus. Dann erfahren wir auch gleich, wieviel +Mitglieder sich noch gemeldet haben!« + +Schenker verbeugte sich. »Ich dank' auch für die Ehre, Herr Pastor!« +sagte er; dann nahm er mit einer Miene, als sei ihm der Hort der +Nibelungen anvertraut worden, den Geldsack vom Tisch und verließ +erhobenen Hauptes die Sakristei. + + * * * * * + +Eine Viertelstunde später ging Pastor Wendler die Dorfstraße entlang, +dem Herrenhause zu. + +Der Weg war heiß und staubig; so beschloß er, den kleinen Umweg über +die Wiesen zu machen. + +Ein erfrischender Wind wehte ihm entgegen. Grillen zirpten im Grase, +Falter gaukelten über dem Moor. Am Bachrand blühten Vergißmeinnichte, +und das Sumpfgras flatterte neben der duftigen rosa Federnelke. Es war +schön in der stillen Natur. + +Ein Kiefernwäldchen nahm ihn auf. Gedankenverloren wanderte er den Pfad +entlang. + +Immer einsamer ward der Forst, immer weltabgeschiedener, und doch +waren menschliche Wohnstätten in der Nähe. Aber ihren Bewohnern waren +Heimaterde und Waldstille heilig. Sie hüteten das deutsche Erbe. + +Gedankenverloren wanderte er weiter. + +Über den Wiesen verwehten die Laute des Lebens, -- er hörte sie nicht. +Die Einsamkeit redete zu seiner Seele. + +Sie hatte es oft getan in letzter Zeit. In dunklen Nächten hatte +sie frisches Öl auf die ewige Lampe gegossen, die Trägerin jener +strengen heiligen Flamme über den Tiefen der Seele. Und als die +Leuchte des Gewissens zur Fackelhelle entfacht war, als die gewaltige +Gesetzesgeberin unumschränkt im Hause regierte, da geleitete die +Einsamkeit eine lichte Gestalt in den Garten des Mannes und sagte: ›Laß +sie deine Rosen gießen, derweil du den Wein schneidest!‹ + +Zaudernd stand er: ›Schon einmal freit' ich vergebens!‹ + +Sie schaute ihm ernst ins Angesicht. »Damals verachtetest du, was +echter Frauenliebe am höchsten steht! Damals wiesest du auf den +schönsten Stein in ihrer Krone und sprachest: ›es ist ein Kiesel!‹ -- +das Blatt hat sich gewendet!« + +Ja, das Blatt hatte sich gewendet! Sinnend ging sein Blick über die +Frauengestalt mit dem Kränzlein im Haar. »Jutta,« sagte er leise. + +In tiefen Gedanken wanderte er weiter. + +Da hörte er plötzlich von einem Seitenpfad Stimmen herüberklingen. + +Lauschend blieb er stehen. + +»Und ich sage dir, wenn du nicht aus Überzeugung unser Mitglied wirst, +so hat deine Zugehörigkeit nicht den geringsten Wert,« sagte eine +Frauenstimme. + +»Aber, lieber Schatz, die Hauptsache ist doch der Beitrag! Habt ihr +denn so viele Mitglieder, die zwanzig Mark bezahlen?« + +»Nein, durchaus nicht.« + +»Ja, was willst du denn? Freu' dich doch!« + +Wendler bog die Zweige auseinander. Ein weißes Kleid schimmerte durch +die Büsche. Er erkannte das Brautpaar. Der Offizier hatte den Arm um +das junge Mädchen gelegt, ihre Hand lag in der seinen. Den dunklen Kopf +gesenkt, sah sie vor sich nieder. + +»Meinst du wirklich, Gott könne sein Werk nicht ohne uns und unser Geld +treiben?« hörte Wendler Sibylle sagen. + +»Ja, was bedeutet denn die ganze Sache?« + +»Sie bedeutet, daß seine erlösten Kinder Arbeiter am Bau seines Reiches +werden sollen, Menschen, die aus Dank und aus Liebe zum Heil ihres +Volkes und zu Gottes Ehren arbeiten!« rief sie lebhaft. »Eine bloße +Geldspende, die gar nicht der Sache zuliebe gegeben wird, hat also im +letzten Grunde keine Bedeutung. Denn Gold und Silber sind tote Werte, +solange die Liebe sie nicht geheiligt hat.« + +»Aber ich gebe mein Geld dir zuliebe, Billy, -- bist du denn nicht viel +mehr wie diese Sache?« + +»Im Gegenteil, ich bin viel weniger. Denn es geht um unseres Volkes +Ewigkeit. Ich aber bin nur ein leicht zu ersetzendes Glied in der +Kette der Männer und Frauen, die das Werk treiben! Du mußt die Sache +großzügiger auffassen, Harro! Himmlische und irdische Liebe sind +zweierlei!« Ein Seufzer verwehte. + +»Ich kann da nicht mit,« sagte er mit zerdrückter Stimme. + +»Weil du an keinen persönlichen Gott glaubst,« klang es traurig zurück. +»Wer keine Ewigkeit hat, kann natürlich auch keine Ewigkeitsarbeit +treiben. Das wäre Widerspruch.« + +Dann war es still zwischen den beiden. Nachdenklich blickte der +Oberleutnant ins Grüne, während die Braut mit ihrem Sonnenschirm +Figuren in den Sand zeichnete. + +Wartend stand der Geistliche. Die Sache interessierte ihn. Nicht nur +psychologisch; auch der Bundesdirektor fragte sich: ›Was folgt nun?‹ +Daß sich zudem ein klein wenig menschliche Neugier in dies Interesse +mischte, gestand er sich nicht ein. + +Und dann kam's, worauf er gewartet. + +»Sag' mal, Billy, warum hast du eigentlich ›ja‹ gesagt, als ich um +dich anhielt? Dein Höchstes und Bestes kann ich nicht anerkennen -- du +hast's mir ja freilich gleich damals gesagt, daß es dir schwer werde, +daß wir uns darin nicht verständen, aber erst seit einiger Zeit merke +ich, welch eine Macht deine Weltanschauung auf dich ausübt -- leidest +du nicht darunter?« Harro Kambach hatte sich vorgebeugt und sprach +eindringlich zu seiner Braut. »Ich hab's dir doch alles ehrlich vorher +gesagt, Kind!« + +Sibylle Bühler hatte ihr Spiel mit dem Sonnenschirm aufgegeben. »Ich +hab' ›ja‹ gesagt, weil ich dich grenzenlos liebhab', -- weil ich mir +sagte, ein so ehrlicher Mensch, wie du, findet früher oder später +seinen Gott. Denk' nur nicht, ich bildete mir ein, die Liebe zu mir +würde dich zum Glauben bringen. Dann wärst du kein rechter Mann, +vor allem aber wäre dein Glaube nicht der rechte. Glaube, der auf +Frauenliebe gegründet ist, ist kein Glaube, denn er wurzelt nicht in +persönlicher Erfahrung. Die Heilsgewißheit fehlt ihm. Ich kann für dich +beten, kann dir den Weg zeigen, -- und das will ich tun, soweit es in +meinen Kräften steht -- mehr kann ich nicht. -- -- + + ›Nach der Wahrheit steilen Burgen + Mag ein andrer wohl die Pfade + Dir durch Dorn und Felsen zeigen: + ~Führen~ kann nur Gottes Gnade!‹[5] + +Kennst du den Vers? In einer Zeit, wo ich im Zweifel war, ob ich der +Sehnsucht meines Herzens folgen dürfe, fand ich dies Dichterwort.« +Die dunklen Augen strahlten ihn an: »Nun weiß ich's, ich darf deine +Wegweiserin sein!« + +Er zog sie an sich. Ihr Haupt ruhte an seiner Brust. + +In tiefer Bewegung beugte er sich über sie und küßte sie. »Und wenn ich +dir nicht folgen kann?« + +Wieder hob sie den Blick voll zu ihm auf. »Weißt du, wie es weiter +heißt? + + ›Die Erkenntnis ist das Erbe + Nicht der Weisen, nein der Frommen! + Nicht im Grübeln, nein im Beten + Wird dir Offenbarung kommen!‹ + +Und dann das Letzte, Schönste: + + ›Soll ein Menschenauge schauen, + Muß der Himmel sich erschließen, + Und ein Strahl von seinem Lichte + In das dunkle Herz sich gießen.‹« + +Ihre Stimme bebte. »Führen kann nur Gottes Gnade!« sagte sie leise. + +Wendler sah noch, wie über das Antlitz des Mannes ein Schatten flog, +wie er schmerzlich den Kopf schüttelte, dann verließ er leise sein +stilles Versteck. + +Nachdenklich wanderte er weiter. + +Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht und rauschte in den Kronen. + +›Das ist echte Frauenliebe,‹ dachte er, ›Wegweiserin will sie dem Manne +sein!‹ + +Unwillkürlich zog er den Vergleich zwischen Sibylle Bühler und der +Frau, nach deren Liebe er sich sehnte, wie nach einem frischen Trunk, +-- sie hatte sich ihm versagt. Sie hatte es übers Herz gebracht, ihm +zu weigern, was wahrhaftiger Frauensinn mit vollen Händen austeilt, +hatte vergessen, daß ein echtes Weib nur dann glücklich ist, wenn +es einem geliebten Menschen zum Quell der Erquickung und des Segens +wird. Oder nicht? Hatte sie gelitten, gedarbt? Wartete sie auf sein +jubelndes Bekenntnis: ›Dein Gott ist mein Gott!?‹ Er grübelte weiter. +Sibylle Bühler reichte einem Manne die Hand, der viel weniger glaubte, +als er geglaubt, der im Grunde überhaupt keine Religion, sondern nur +eine moderne Weltanschauung besaß, -- Jutta Eichel wies den glühenden +Jesusverehrer von sich. Und doch standen diese beiden Frauen auf +gleichem Boden, auf dem Boden des bibelgläubigen Christentums. Beide +kannten das Wort: ›Der ungläubige Mann wird geheiligt durch das Weib.‹ +In echt frauenhafter Demut hatte sich die junge Gräfin unter dies +Wort gestellt, -- die Tochter des orthodoxen Pfarrhauses hatte es +nicht vermocht. Oder lagen die Dinge anders? Er grübelte weiter. In +heißer Sehnsucht, sich selbst und dem Weibe, das er noch immer mit +seiner ganzen Manneskraft liebte, gerecht zu werden, zwang er sich zum +Nachdenken. + +Und dann stand er plötzlich tief aufatmend still. + +Beide hatten recht gehandelt, die eine, als sie sich dem Manne +angelobte, dessen verflachte Weltanschauung ihn halt- und führerlos +gemacht, die andere, als sie in heiliger Sorge um den eigenen +Glaubensschatz dem Geliebten auswich, der ihr die toten Früchte +menschlicher Weisheit bot. Sie hatte recht gehabt, als sie ihn von +sich wies, sein Wissensdünkel hätte sich niemals vor einem Weibe +gebeugt. Über ihn hatte ein Gewaltiger kommen und sein Werk in Stücke +brechen müssen, daß er's im tiefsten erschütterndsten Sinne erlebte: +›~Führen~ kann nur Gottes Gnade!‹ Und er hatte es erlebt. Was ihn +einst ein Makel gedünkt, war heute sein jubelndes Bekenntnis: ›Du bist +mir zu stark gewesen und hast gewonnen!‹ + +Aber seine Sehnsucht nach Frauenliebe war gewachsen. Wie würde Jutta +Eichel ihm heute begegnen? Er hatte sie seit jener Stunde nicht +wieder allein gesehen, obwohl er in den letzten Wochen häufig in +Bundesangelegenheiten bei der alten Exzellenz gewesen, aber ihre +Gesellschafterin war stets abwesend, oder huschte nur mit einer +dringenden wirtschaftlichen Frage durchs Zimmer. Ob sie nichts mehr von +ihm wissen wollte? Seufzend blickte er auf. + +Wo war er hingeraten? + +Der Wald hatte sich gelichtet. Zwischen den dunklen Stämmen schimmerte +das Grün der Wiesen. Er trat ins Freie. Wahrhaftig, da lag Dreilinden! +In seiner Erregung hatte er einen verkehrten Weg eingeschlagen. + +Freundlich grüßten die roten Dächer des Gutshauses über die Felder. In +den leise wehenden Zweigen der Birken spann die Sonne ihre goldenen +Netze. Ein leuchtender Falter gaukelte über dem Rain. Und die Fenster +drüben blinkten und lockten, und der Wind trug die Klänge eines alten +Volksliedes herüber: + + ›Meine Mutter hat's gewollt! + Den andren ich nehmen sollt'! + Mein Herze sollt vergessen, + Was es zuvor besessen, -- + Das hat es nicht gewollt! + + Meine Mutter klag' ich an! + Sie hat nicht wohl getan! + Was sonst in Ehren stünde, + Nun ist es worden Sünde, -- + Was fang' ich an? + + Für all mein'n Stolz und Freud' + Empfangen hab' ich Leid! + Oh, -- wär' es nicht geschehen, + Oh, -- könnt' ich betteln gehen + Über die braune Heid'!‹ + +Wie ein Alp legte sich der schwermütige Sang auf seine Seele. + +Er strich mit der Hand über die heiße Stirn. + +Was war das? Verwehter Heidezauber? Der Spuk nahender Dämmerung? + + ›Meine Mutter hat's gewollt!‹ + +Sie hatte ja nicht Vater, noch Mutter, nicht Bruder, noch Schwester, +und kein anderer hatte an ihre Tür gepocht; er wußte es. Aber das Erbe +des Elternhauses besaß sie voll und ganz und hielt es mit starken +reinen Händen fest. Und in diesem Sinne traf ihn in dieser Stunde +das Wort bis ins Mark. Was sie fernhielt, war trotz allem, das sie +in letzter Zeit über ihn gehört, die Sorge um das heiligste Erbe des +Vaterhauses. Und mit plötzlicher Klarheit stand's vor ihm: Frauenliebe +versteht dich erst, wenn du selbst vor sie hintrittst: ›Ich glaube an +Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn!‹ Was hatte ihn +abgehalten, alle Hindernisse überwindend, zu ihr zu gehen? Die Scheu +vor dem Eingeständnis des Riesenirrtums, der seine Seele in Fesseln +geschlagen? + +Nun und nie! + +Der Stolz? + +Das Blut stieg ihm in die Stirn. Pochte einmal abgewiesene Mannesliebe +ein zweites Mal an die Tür eines Weibes? + +Er preßte die Lippen zusammen. Ja, der Stolz war's. + +›Warum wies sie dich denn ab?‹ raunte das Gewissen. + +Da gestand er sich's ehrlich. ›Um des Glaubens willen!‹ + +Ja, darum ganz allein. + +Seine Augen leuchteten. + +»Gerad' der Mannesstolz soll dir seinen Glauben bekennen!« sagte er +leise und wanderte mit großen Schritten dem Gutshause zu. + +Er wußte, sie war daheim. Jedenfalls leistete sie in Abwesenheit der +alten Dame Gräfin Ilse Bühler, welche seit einigen Wochen in Dreilinden +war, Gesellschaft. + +Ohne Umschweife wollte er auf sein Ziel losgehen und sie um eine +Unterredung bitten lassen. Dann mochte kommen, was da wollte, sie wußte +es aus seinem eigenen Munde, woran sie mit ihm war. + +Ein starkes Glücksgefühl durchschauerte ihn. Und während seine Seele +sich bereitete, einer anderen ihr Allerheiligstes zu erschließen, +kehrte eine große schöne Gewißheit bei ihm ein. Nicht die Gewißheit des +Besitzes, sondern des Friedens, der, höher als alle Vernunft, Glück und +Schmerz überdauert. + +So ausgerüstet wanderte er wie einst über den sonnigen Hof. Fast +dasselbe Bild war's, nur die Zeit war eine andere. Damals stand eine +schlanke Gestalt in der offenen Halle, des Spätsommers glühende +Zentifolienpracht in den Händen, heute schritt sie, einen duftenden +Fliederstrauß tragend, dem Hause zu. Ein Zug sanfter Trauer lagerte +auf der hellen Mädchenstirn, ein tiefer Ernst, der ihrem ganzen Wesen +etwas Frauenhaftes gab. + +Mit einem Schritt war er an ihrer Seite. Leuchtenden Auges grüßte er +sie und reichte ihr die Hand. »Darf ich Sie einen Augenblick sprechen, +Fräulein Eichel?« + +Sein plötzliches Erscheinen hatte sie erschreckt. Sie war leichenblaß +geworden. Doch mit der ihr eigenen Willenskraft beherrschte sie sich +und reichte ihm freundlich die Hand. »Guten Abend, Herr Pastor! +Exzellenz ist noch nicht zurück! Aber ich stehe ganz zu Ihrer +Verfügung. Sie kommen gewiß in einer Armenangelegenheit, -- Sie wissen, +mein Gebiet! -- Gräfin Bühler schläft, ich bin also ganz frei. -- +Wollen wir uns unter die Linde setzen?« + +Sie sagte es mit einer gewissen Hast, dann eilte sie ihm voran, dem +schattigen Platze zu. Scheute sie die Enge des Raumes, das Alleinsein +mit ihm in den stillen vier Wänden? Nachdenklich folgte er ihr. + +Und dann saßen die beiden Menschen unter den lang herabhängenden +Zweigen des alten Baumes auf der weißen Gartenbank. Die Bienenvölker +summten in den Kronen, im hereinbrechenden Sonnenlicht tanzte ein +Mückenschwarm. Eine feine goldgrüne Dämmerung spann ihre Fäden um den +verschwiegenen Platz. + +Kein Ton unterbrach die Feierstille des Frühlingsabends. Eines meinte +des anderen Herzschlag zu vernehmen und das stille Glühen seiner +Seele zu spüren. Mit aller Kraft rang der Mann seine Sehnsucht +nieder; mit frauenhafter Scheu suchte das Weib seine Liebe zu +verbergen. Und dennoch wußt' es eins vom anderen, daß die Saiten +ihrer Seele zerspringen wollten unter den vollen Tönen einer großen +tiefen Leidenschaft. Als würf' das Meer seiner Woge Gewalt gegen ein +schwankes Türlein, und das Rauschen kläng' hindurch und das Jubeln der +jungfräulichen Flut -- so empfanden zwei Seelen der Liebe Königsgewalt. +Mannesart begehrte dieser Liebe Kraft, Frauensinn sehnte sich nach +jenem stillen zarten Dienst, der echten Weibes Seligkeit. + +Und dann klang es mit verhaltener Leidenschaft durch die Abendstille: +»Ich komme nicht wegen der Armen, ich will nichts von Exzellenz von +Kambach, -- nur zu Ihnen will ich! Will's Ihnen endlich, endlich selber +sagen, daß Ihr Heiland auch mein Gott und Herr ist, -- nicht die +vergöttlichte Idealgestalt von dieser Erde, -- nein, der König meiner +Seele, den ich auf den Knien anbete, mein Versöhner und Erlöser! -- +Ich bringe Ihnen kein Gold und Silber, arm gehe ich in eine ungewisse +Zukunft, aber was ich besitze ist echt, -- der Glaube, wie die Liebe!« + +Er hielt tief atmend inne. + +Gesenkten Hauptes saß sie neben ihm, die Hände im Schoß verschlungen. +Auf den schweren Flechten flimmerte die Sonne und umwob das dunkle +Haupt mit feinen goldenen Rauten. + +Sinnend sah er auf sie nieder. »Jutta,« sagte er leise. + +Aber sie regte sich nicht. + +»Soll ich gehen?« fragte er. + +Da hob sie die Augen voll zu ihm auf. »Nein, nein!« Eine große +Sehnsucht lag in ihrem Blick, aber um den schmalen Mund zuckte +verhaltener Schmerz. + +»Zweifeln Sie an mir?« fragte er traurig, »an dem Glauben des Mannes, +der seinen Meister auf Umwegen fand?« + +»Nein,« rief sie lebhaft, »keinen Augenblick! In tiefster Seele +beglückt mich, woran ich nie gezweifelt, was ich aber von Ihnen selbst +hören mußte, ehe es mir zum unbestrittenen köstlichen Besitz wurde. +Die tiefe Kluft von einst ist überbrückt. Aber etwas anderes liegt mir +auf der Seele, etwas, das mich schon damals drückte, was aber hinter +der großen Hauptsache zurücktrat.« Ihre Stimme bebte. Sie wandte +das Antlitz zur Seite. »Ich weiß nicht, ob Sie sich nicht in mir +täuschen. Es ist etwas anderes, ob man ein Mädchen von fünfundzwanzig +Jahren heiratet, oder eines, das die Mitte der Dreißig überschritten. +Gewiß, es gibt Menschen, die immer jung bleiben, die etwas Leuchtendes +an sich haben, etwas Unverwelkliches, -- das sind die sogenannten +Sonntagskinder, denen eine besondere Gabe beschert ward, die sie im +Dienste anderer verwerten. Und dieser Dienst erhält sie jung. Aber an +mir ist nichts Leuchtendes! Ich bin nichts, als ein guter Hausgeist, +wie Exzellenz sagt. Von Ihnen aber hab' ich immer gedacht, Sie +brauchten eine jener feinsinnigen idealen Frauen, die überall Glanz +und Wärme hintragen und unbewußt durch ihr ganzes Wesen anderen zur +Erquickung werden! Das werd' ich nie!« + +»Wissen Sie das so genau? Soll ich Ihre alte Exzellenz danach fragen?« +Er beugte sich vor und suchte ihren Blick. + +Aber sie wich ihm aus. »Exzellenz -- ich sagte es doch schon -- die +antwortet Ihnen: ›Eichelchen ist ein treuer Hausgeist!‹ Das ist ein +großes unverdientes Lob, -- aber -- ich glaube, Sie brauchen mehr! Sie +brauchen eine Rose, an der Sie sich erquicken können, eine junge holde +Frau, die Ihnen ihre erste Liebe schenkt, eine, die mehr ist, als ich!« +Errötend brach sie ab. + +Sein Auge ruhte sinnend auf ihr. Nie war sie ihm begehrenswerter +erschienen, als in diesem Augenblick, wo sie ihn in die Tiefen ihrer +Seele schauen ließ. Das war das Große an ihr, -- die Aufrichtigkeit. +Sie war mehr als die bloße Erkenntnis: ›Die Knospe ist aufgeblüht, +was du zu vergeben hast, ist still glühende reife Frauenliebe, tiefe +abgeklärte Weibessehnsucht, die ausschaut, ob einer des Weges kommt, +den sie erquicken darf!‹ Größer war der stille Verzicht, der ehrlich +und selbstlos zurücktrat: ›Es ist Herbstrosenglut, morgen fällt +der erste Schnee in den dunklen Kelch, -- geh eine Tür weiter, im +Nachbarsgarten duftet eine liebliche Knospe, die brich, die nimm ans +Herz!‹ + +Ahnte sie gar nicht, daß er sich gerade nach dieser klaren reifen +Frauenliebe sehnte, daß er gerade ihrer bedurfte, in den Kämpfen des +Tages? Daß er ein Weib brauchte, das ihm nicht nur das Haus schmückte, +sondern ihm geistig ebenbürtig zur Seite stand? Freilich nicht als +Gefährtin im modernen Sinne. Die Frau, die er suchte, mußte sich ihrer +Würde bewußt sein, sie mußte Schleier und Diadem vor dem Staub der +Gasse zu schützen wissen, mußte, ihres königlichen Dienstes eingedenk, +zuerst und zuletzt ganz Weib sein. Und das war die Frau, die hier an +seiner Seite saß und ungewollt und unbewußt den schönsten Stein in +ihrer Krone funkeln ließ, die Demut: ›An mir ist nichts Leuchtendes! +Ich bin nichts als ein guter Hausgeist!‹ -- -- + +»Eine, die mehr ist als Sie?« wiederholte er langsam ihre Worte. »Was +denken Sie eigentlich von mir? Ich will kein Fräulein Doktor heiraten, +sondern eine deutsche Frau!« + +»Ach, das meinte ich nicht!« entgegnete sie. »Ich dachte nur, gerade +Ihre Frau müßte anders sein, etwa wie Gräfin Sibylle -- mit einem Wort +-- anders als ich!« + +»Anders als Sie? -- Ich will Ihnen keine Schmeicheleien sagen, aber +eines muß ich hier aussprechen. Ich weiß, Sie meinen nicht die äußere +Schönheit, sondern die Seele, welche die ganze Persönlichkeit der +Gräfin zu dem macht, was sie ist. Ich sah sie ja nur selten und +flüchtig, aber das ist mein Eindruck von ihr: daß die Seele den Leib +adelt. -- Muß ich Ihnen denn erst sagen, daß Ihnen dasselbe helle Licht +aus den Augen strahlt? -- Gewiß, Sie sind beide keine Schablonen, jede +von Ihnen hat ihre Eigenart, aber eines steht fest,« -- wieder beugte +er sich zu ihr nieder, »ich brauche nicht weiterzugehen, ich will die +Frau, die ich liebe, genau so, wie sie ist ...,« er faßte ihre Hand und +drückte sie leise. »Jutta!« + +Sie schwieg noch immer. + +Da sagte er mit tiefernster Stimme: »Aber vielleicht ist Ihr Ideal +eines Mannes ein anderes?« + +Durch ihre Gestalt ging ein Beben. Sie umklammerte seine Hand. »Nein,« +sagte sie kaum hörbar. + +Aber er hatte sie verstanden. + +Es hielt ihn nicht länger. + +Er zog sie in seine Arme. + +Und als wär's seit langer Zeit ihr gewohnter Platz, legte sie den Kopf +an seine Brust. + +Kein Laut ging durch die abendliche Stille. + +Die große Sehnsucht zweier Menschen war erfüllt: eines lauschte auf des +anderen Herzschlag. -- -- -- + +Und heimlich, als sei's ein Unrecht, streute die Sommerlinde ihre +goldenen Knospen auf die weiße Gartenbank, in die dunklen Flechten der +Braut. -- -- + +»Ich hab's gewußt,« sagte Pastor Wendler leise. »Als du mich +fortschicktest, sagte ich mir: ›Nur der Glaube trennt uns!‹« + +Sie hob den Kopf und sah ihn strahlend an. + +»Geliebt hast du mich damals schon, Jutta!« + +Sie fand in ihres Herzens Seligkeit noch immer keine Worte. + +Er aber wollte sein ganzes Glück aus ihrem Munde hören. + +»Seit wann?« fragte er mit weicher Stimme. + +Da sah sie ihn mit einem Ausdruck an, wie er ihn nie an ihr geschaut, +dann legte sie aufs neue den Kopf an seine Brust. »Immer!« -- -- -- + + * * * * * + +Über den Hof rollte ein Wagen. + +Sie richtete sich auf. + +»Das ist Exzellenz!« + +Er nickte ihr fröhlich zu. + +Langsam traten sie aus ihrem grünen Versteck. + +Als die Füchse hielten, standen sie Hand in Hand auf den Stufen. + +Frau von Kambachs Blick ging fragend von einem zum andern. Ihre Augen +wurden immer größer. + +Der Pastor öffnete den Wagenschlag und half ihr beim Aussteigen. Jutta +stand still daneben. + +Frau Sabine nickte ihr lächelnd zu. + +Dann sah sie dem abfahrenden Wagen nach, bis er um die Hausecke bog. + +Auf den Krückstock gestützt, stand die greise Gestalt, helle Freude im +Antlitz. »Eichelchen, -- Kinder, -- was habt ihr gemacht?« + +Da beugte sich ein dunkler Mädchenkopf über ihre Hand: »Exzellenz, er +will mich gerade so, wie ich bin!« + +Jubelnd kam's heraus, kaum wußte sie, was sie sagte. + +»Das glaub' ich schon,« rief die alte Dame, über das Haar ihrer treuen +Gehilfin streichend. + +Und dann drohte sie dem Pastor. + +»Ist das eine Art, mir hinterrücks meinen treuen Hausgeist abspenstig +zu machen?« + +Er neigte sich über ihre Hand. »Ich brauche eine Frau Direktor, und +daran sind Exzellenz allein schuld. Wer hat mich auf den Posten +berufen? -- Unter hundert Frauen aber ist vielleicht eine, die mir die +rechte Gefährtin ist, und aus tiefster Seele dank' ich's Gott, daß ich +ihr begegnet bin!« + +Er zog die Braut an sich. + +Der alten Frau traten die Tränen in die Augen. Ihr Blick schweifte +über die Heide im Abendglanz, ihre Gedanken wanderten. + +Wie oft hatte sie um diese Stunde hier gestanden und ihres schönen +geliebten Vaterlandes gedacht, wie oft war Herders mahnender Ruf durch +ihre Seele gezogen: ›O Deutschland, meine Sorge!‹ + +Aber so groß die Not, so schwer die Schuld, so riesenhaft die Last, +so drohend die Gefahr, immer wieder ging der große Meister durch die +Häuser und berief die besten und edelsten Kräfte zum Bau seines Reiches. + +Und ohne auch nur einen Augenblick an sich zu denken, an die Lücke in +ihrem Hause, an den leeren Platz an ihrem Tisch, an alle Liebe und +Treue, die von ihr ging, gab sie, was von ihr gefordert ward. + +›Es ist einer von den glattgespülten Kieselsteinen‹, zog es durch +ihre Seele, als sie in später Abendstunde über der Bibel saß. ›Einen +heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹ + + + + +Fünfzehntes Kapitel. + +Ein Frauenlos. + + Das ist die dunkelste Schuld, die das Erbe des Blutes mißachtet, + Die das Vermächtnis an Kinder und Enkel entehrt. + + +In einem stillen Dreilindener Gartenzimmer mit lichten Wänden und +duftigen Mullgardinen, lag Gräfin Ilse Bühler in den weißen Kissen. In +schweren Zöpfen hing das goldblonde Haar über ihre Schultern herab, die +durchsichtigen Hände ruhten still auf der Decke. Ein müder todmüder Zug +in dem blassen Gesicht alterte die junge Frau um Jahre. Schmerzlich +zuckte der Mund, und in den blauen Augen standen Tränen. + +Exzellenz von Kambach trat an das Bett der Enkelin. »Nun, Liebling?« +fragte sie leise und strich sanft über die schöne Stirn. + +Lächelnd sah sie auf die Wöchnerin nieder, aber es war ein fremdes +seltsames Lächeln, und Ilse Bühler fühlte, es sollte ihr etwas +verbergen. + +Forschend richtete sie den Blick auf die Greisin. + +»Großmutter, ich möchte mein Kind sehen!« + +Wieder strich die welke Frauenhand über ihre Stirn. »Hab' noch etwas +Geduld, Ilse!« + +Die Gräfin wechselte jäh die Farben: »Großmutter, Ihr verbergt mir +etwas! Was ist mit dem Kleinen? Um Gottes willen, sag' mir's!« Erregt +versuchte sie, sich aufzurichten. + +»Ilse!« Mahnend hob Frau von Kambach die Hand. »Du weißt, was der +Sanitätsrat gesagt hat! Ich muß mich darauf verlassen können, daß +du seine Anordnungen genau befolgst, sonst dürfen wir dich keinen +Augenblick allein lassen.« + +Gehorsam legte sich Gräfin Bühler in die Kissen zurück. Ihre Augen +füllten sich aufs neue mit Tränen. + +»Ich will ja nur meinen Jungen sehen, Großmama!« sagte sie bittend. + +Ein tiefes Mitleid überkam die alte Frau. Im angrenzenden Zimmer lag +ein schwaches Kind mit greisenhaften Zügen in der Wiege. Kaum einen +Laut gab es von sich, kraftlos hingen die Glieder am Körper. Es war ein +Bild des Jammers. Und der alte Sanitätsrat hatte feuchten Auges vor dem +kleinen Wesen gestanden und traurig den Kopf geschüttelt. »Exzellenz, +das sind böse Sachen!« + +Er sah sich um. »Hört uns niemand? Nein?« Und mit halblauter Stimme +fuhr er fort: »Ein fast knochenloser Körperorganismus -- was das +bedeutet, Exzellenz?« Er zuckte mit vielsagendem Gesicht die Achseln. +-- »Die Herren Offiziere heiraten immer wieder skrupellos darauf los, +ich kann hier nur eines sagen, -- Berlin bei Nacht, -- und nicht nur +Berlin! Denn Graf Bühler steht nicht, wie viele, unter dem Fluch eines +düsteren Familienerbes. Wir haben es mit einer Schuld zu tun!« + +Frau von Kambach hatte die zitternde Rechte auf den Arm des +Hausfreundes gelegt: »Um Gottes willen! Erklären Sie sich!« + +Da beugte sich der alte Mann über die Wiege und sagte, die Hand auf das +blonde Köpfchen legend, mit erstickter Stimme: »Syphilis, Exzellenz!« + +Sprachlos hatte sie ihn angeschaut. Dann war der Schmerz wie ein +Gewappneter über sie gekommen. Sie hatte sich schwer auf den nächsten +Stuhl niedergelassen. Ein heißes Schluchzen rang sich aus ihrer Brust. +Ihr erster Urenkel, der Sohn einer Kambach, der Erbe schwerer sexueller +Verfehlungen! Aufs tiefste erschüttert, weinte sie vor sich hin. + +»Exzellenz,« mahnte der alte Arzt, und wies zum Nebenzimmer, wo die +junge Mutter lag. + +Da raffte sie sich auf. Ein leises Zittern rann durch ihre Gestalt, +als sie sich erhob, aber dann stand sie hoch aufgerichtet auf den +Krückstock gestützt, vor ihm. + +»Soll ich's ihr sagen?« + +»Nein,« erwiderte er ernst. »Es könnte ihr Tod sein! Aber auf ein sehr +sehr schwaches Kind müssen Sie die Gräfin vorbereiten, schon deshalb, +damit sie nicht bei seinem Anblick erschrickt.« + +Und dann hatte er sie mit ihrer schweren Mission allein gelassen. + + * * * * * + +Stunden waren vergangen. Exzellenz von Kambach hatte nicht den Mut +gehabt, Ilses Zimmer wieder zu betreten. Aber dann mußte es sein. + +Das Schwerste kam in später Abendstunde, wo sie den Enkel erwartete. + +Sie hatte sich vorgenommen, der jungen Frau erst mit beginnender +Dämmerung das Kind zu zeigen. Wenn die Schatten des sinkenden Tages auf +das kleine Geschöpf fielen, würde ihr das Schlimmste verborgen bleiben. +Über die ersten Stunden hinaus konnte und wollte die Greisin nicht +denken, für den nächsten Tag mochte Gott sorgen. -- -- + +»Der Kleine schläft jetzt, Ilse,« sagte sie, froh, zu keiner Notlüge +ihre Zuflucht nehmen zu müssen, »wenn er erwacht, sollst du ihn sehen. +Aber es ist ein schwaches Kindchen, dessen kleines Leben wir hüten +müssen, du wirst es dir anders gedacht haben!« + +Mit banger Frage hingen die blauen Augen an den Lippen der Großmutter. + +»Ich darf es dir nicht verschweigen, Ilse, daß es kein blühendes +kräftiges Kind ist,« -- sie stockte; was sollte sie, ohne die Wahrheit +zu umgehen, weiter sagen? -- »Versuch' doch, noch etwas zu schlafen,« +fügte sie unvermittelt hinzu, »du siehst abgespannt aus!« + +Mechanisch nickte Ilse Bühler. Ihre Augen hingen angstvoll an der Tür, +die sie von ihrem Kinde trennte. + +Erschüttert wandte Frau von Kambach sich ab. + +Welch namenlosen Jammer enthüllte diese Offiziersehe, welch dunkles +Bild vornehmen Familienlebens! Einen Ausschnitt aus dem Riesengemälde +des deutschen Verfalls stellte es dar, eine Einzelerscheinung, wie sie +nicht trüber gedacht werden konnte. Und doch war -- wie irrtümlich +vielfach behauptet wurde -- die Armee nicht in erster Linie die +Trägerin und Verbreiterin der Geschlechtskrankheiten. Der statistische +Nachweis Berlins stellte im Gegensatz zum Studententum, welches +fünfundzwanzig vom Hundert lieferte, bei den Soldaten vier vom Hundert +fest. Noch besaß die Armee ein gutes Stück altpreußischer Zucht, -- +und doch, und doch! Wann würde der Seuche, welche die furchtbare +sittliche und völkische Verheerung anrichtete, Einhalt geboten werden? +Und im äußeren Gegensatz zu dieser Tragödie der planmäßig betriebene +Geburtenrückgang, -- zwei Dämonen, die sich scheinbar gleichgültig +gegenüberstanden, in Wahrheit aber mit der Siedeglut teuflischen +Begehrs Hand in Hand ihr Opfer umkreisten. Hier die junge Mutter, die +der erste Anblick ihres heiß ersehnten Kindes vor die furchtbarste +Erfahrung ihres Lebens stellte, -- dort die Frau, die um Tand und +Wohlleben, um ein paar durchschwärmte Nächte das Allerheiligste der Ehe +mit Füßen trat! -- Wahrlich, das deutsche Volk stand unter dem Zeichen +langsamer Ausrottung, und nur ~eine~ Erklärung gab's für Gottes +Langmut: Seine Mühlen mahlten langsam, aber trefflich fein. -- -- + + * * * * * + +Ilse Bühler hatte ihr Kind gesehen. Die Sommerlinde umschattete +barmherzig das stille Frauengemach, die Dämmerung breitete ihren feinen +Schleier über das Neugeborene. Mit großen Augen schaute die junge +Mutter auf das Knäblein, ihre Brust atmete schwer, ihre Lippen zuckten, +dann neigte sie sich über das blonde Köpfchen und hauchte einen scheuen +Kuß auf die kleine Stirn. Mit verzweifeltem Blick folgte sie dem Kinde, +als es hinausgetragen wurde. Dann schloß sie die Augen. Träne um Träne +rann die blassen Wangen herab. + +Sorgenvoll saß Frau von Kambach an ihrer Seite. + +Dunkler wurden die Schatten. + +Durch die Zweige der Linde blickte schimmernd die feine goldene +Mondsichel. + +Die Arbeit rastete. + +Von der Landstraße wehten die Klänge eines alten Volksliedes herüber: + + ›Ich hab die Nacht geträumet + Wohl einen schweren Traum; + Es wuchs in meinem Garten + Ein Rosmarienbaum. + + Ein Kirchhof war der Garten, + Ein Blumenbeet das Grab, + Und von den grünen Bäumen + Fiel Kron' und Blüte ab. + + Die Blüten tät ich sammeln + In einen goldnen Krug, + Der fiel mir aus den Händen, + Daß er in Stücke schlug. + + Draus sah ich Perlen rinnen + Und Tröpflein rosenrot, -- + Was mag der Traum bedeuten? + Ach, Liebster, bist du tot?‹ + +Fern über der Heide verklang die junge Stimme. + +Sinnend blickte die alte Frau aus dem Fenster. Welch wunderbare +Schönheit lag in den schlichten Worten. + + ›Die Blüten tät ich sammeln + In einen goldnen Krug, + Der fiel mir aus den Händen, + Das er in Stücke schlug!‹ + +zog es durch ihre Seele. + +Und dann blickte sie wieder auf das weiße Antlitz in den Kissen. Die +Tränen traten ihr in die Augen. + +Das war auch eine von den vielen, die ausgegangen waren, als alle +Berge blühten, ihr Frühlingssträußchen zu pflücken. Ihr Krüglein +war zerbrochen, ihre Blumen verwelkt, auf ihren Garten war ein Reif +gefallen -- -- -- was würde das Ende sein? + +Die erste und letzte Liebe dieses jungen betrogenen Weibes, das mit der +größten Not seines Lebens kämpfte, hieß Wolf Dietrich Bühler -- -- -- + +Und weiter, weiter -- -- + +Sollte sich jenes altberühmte, Fürstengeschlechtern geredete Wort an +der vielhundertjährigen Adelssippe der Mark erfüllen: + + ›Es wenden die Herrscher + Ihr segnendes Auge + Von ganzen Geschlechtern + Und meiden, im Enkel + Die eh'mals geliebten, + Still redenden Züge + Des Ahnherrn zu sehn!?‹ + +Es graute ihr ... + +Da klang's leise durch die Abendstille: »Großmutter, bis du da?« + +»Ja, Liebling! Willst du Licht?« + +»Ach nein, laß uns im Dunkeln bleiben, -- Großmutter -- was ist's mit +dem Kleinen?« + +»Ich sagt' es dir doch, Ilse, es ist ein schwaches zartes Kind!« + +»Nein, nein,« klang's traurig mit leiser Ungeduld zurück, »das mein' +ich nicht, -- ach, Großmutter, sag' mir's doch, das Fragen ist so +schwer!« + +Die alte Frau antwortete nicht. + +Totenstille herrschte in dem dämmernden Raum. + +»Großmutter!« Flehend klang's aus den Kissen. + +Da neigte sie sich über das Bett und faßte die Hände der Enkelin. Sie +waren eiskalt. + +Sie erschrak. »Ilse, frierst du?« + +»Nein, ich will nur wissen, was mit dem Kleinen ist!« + +Eine heiße Angst überkam die Greisin. Die Unterhaltung währte ihr schon +viel zu lange für die zarte Frau. + +»Liebling, ich sagt' es dir!« Sie strich leise über die schmalen Hände. + +Ein tiefer Seufzer antwortete ihr. Und dann kam's stockend flüsternd, +verzweifelt heraus: »Wenn du mir das Entsetzliche nicht sagen willst, +so muß ich's mir selber sagen -- Wolf Dietrich -- ist krank und das +Kind -- --« schluchzend barg sie das Antlitz in den Kissen. -- -- + +Eine schwere Viertelstunde zog vorüber. -- -- + +Still war's im Zimmer. So still, als hätte der Tod seine Ernte +gehalten. Aber es war nur das Schweigen eines großen Schmerzes, der auf +dem Leben lastete. + +Der Schlag der Uhren klang durch das stille Gutshaus. Durch die offenen +Fenster wehten Lindenblütendüfte. + +Draußen unter dem hundertjährigen Stamm standen zwei und hielten sich +bei den Händen. Zwei Starke. Menschen, die klar und zielbewußt ihren +Weg gingen, deren Willen ein höherer Wille geheiligt. + +Schweigend standen sie unter der Linde. + +»Wenn Gott das Kind doch zu sich nähme!« sagte Jutta Eichel endlich und +blickte zu den verhangenen Fenstern empor. + +»Vielleicht soll es leben!« entgegnete der Pfarrer. + +Sie sah ihn sinnend an. Eine Flut von Fragen, die eine Braut nicht +ausspricht, zog durch ihre Seele. + +Von der Dorfstraße klang das Rollen eines Wagens herüber. + +Sie schreckte empor. »Das ist Graf Bühler.« + +Fröstelnd zog sie ihr Tuch um die Schultern. + +Er aber empfand unwillkürlich, daß es nicht nur die Nachtluft war, die +sie erschauern ließ. Ihre Frauenreinheit erbebte vor der Begegnung mit +der dunkelsten Menschenschuld. + +Er faßte ihre Hand fester. »Komm,« sagte er leise. »Du begleitest mich +noch ein Stück, nicht wahr?« + +Dankbar nickte sie ihm zu. Zum erstenmal, seit Wendler als +Bundesdirektor nach Düsseldorf übergesiedelt war, sahen die Verlobten +sich wieder. In Anbetracht der Verhältnisse war er des Kambachers Gast, +hielt sich aber den größten Teil des Tages in Dreilinden auf. + +Hand in Hand wanderten sie schweigend durchs Korn. + +Grillen zirpten. Durch die Halme ging ein Flüstern. Heckenrosen blühten +am Rain. Die Nebel brauten. In einen weißen Schleier gehüllt, träumte +die Heide. + +Und ein Stern nach dem anderen ging über den deutschen Landen auf. -- -- + + * * * * * + +In dem matt erleuchteten Raum unter der rosenfarbenen Ampel stand die +greise Gutsfrau mit dem Enkel an der Wiege. + +»Das ist ~Ihr~ Kind!« Hart und scharf klangen ihre Worte. Sie +hatte sich bis jetzt nicht entschließen können, Wolf Dietrich Bühler +das verwandtschaftliche Du anzubieten. + +Unbeweglich stand der junge Offizier neben ihr. + +Das Blut stieg ihm in die Stirn. Sein Kind! + +Er strich flüchtig mit der Hand über die Augen -- sein Blick streifte +scheu das kleine Wesen in den Kissen. So sah also der Stammhalter +der Bühler aus, -- eine Empfehlung der Rasse bedeutete dies Würmchen +allerdings nicht! Und es fuhr ihm durch den Kopf: ›Tor, der ich war, +als ich ihren Bitten nachgab und nicht sofort das Unglück verhinderte +-- nun steh' ich am Pranger!‹ + +Und dann sagte er, die Achseln zuckend: »Eine Frühgeburt, das erste +Kind einer überzarten blutarmen Frau ...« + +Zwei klare Augen blickten ihn durchdringend an. »Nein,« klang +erbarmungslos die Antwort, »keine Frühgeburt, sondern der +unausbleibliche Fluch der Syphilis! -- Aber hier ist nicht der Ort, +diese Dinge zu bereden!« Sie trat dicht an ihn heran. »Nur noch ein +kurzes Wort hab' ich Ihnen zu sagen, dann mögen Sie zur Ruhe gehen. Sie +sind mein Gast, und das Gastrecht ist mir heilig. Mein Enkel sind Sie +nicht mehr. Ich gehöre der alten Zeit an, einer Zeit, da man Zucht und +Sitte noch nicht mit Füßen trat, da ein Edelmann seine Sinne meisterte +und das Erbe des Blutes ehrte. Sie mögen über die vorsintflutlichen +Ansichten der alten Kambach denken, wie Sie wollen, -- Ihre Kritik +berührt mich nicht. Nach außen werde ich die Rücksicht auf Ihre Familie +nicht vergessen, -- innerlich trennt uns ein breiter Graben, den nur +eines überbrücken kann: Ihre Umkehr unter das Kreuz! -- Gute Nacht, +Graf Bühler!« + +Das weiße Haupt erhoben, schritt sie flammenden Auges an ihm vorüber +zur Tür. + +Schweigend öffnete er dieselbe. + +Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, ging sie hinaus. + +Draußen auf den Fliesen klang das Aufschlagen des Krückstockes. + +Bis sich die Tür ihres Arbeitszimmers hinter ihr geschlossen, reichte +die Kraft der starken stolzen Frau. + +Dann sank sie schwer in einen Sessel und weinte bitterlich. + + + + +Sechzehntes Kapitel. + +Gold gab ich für Eisen! + + Dann erst wird der Smaragd zum kostbaren Kleinod, + Wenn ihn die Liebe zum Baustein der Ewigkeit weiht. + + +Im ›blauen Salon‹ brannte Kaminfeuer und der Teekessel summte. + +Wenn die Bezeichnung auch schon seit Jahren nicht mehr stimmte, denn +die blaue Seide war längst durch einen dunklen Gobelinstoff ersetzt, so +behielt der hübsche elegante Raum doch seinen alten Namen. Man war eben +in allem konservativ in Dreilinden. + +Die Sonne blickte herein und mischte ihr Gold mit dem Feuer im +Kamin. Leuchtend lag der warme Bronzeton auf den Familienbildern und +hundertjährigen Erinnerungen. + +Neben dem feinen Porzellan stand ein Bachvergißmeinnichtkranz. Auf dem +Kaminsims duftete in kristallenem Kelch eine dunkle Edelrose. Es war +Sommerzeit. + +Unter dem Kessel züngelte die blaue Flamme und spiegelte sich im +Silber des Teegeschirrs; leise begann das Wasser zu singen. Ein Hauch +stiller Heimlichkeit webte über dem sonnigen Bilde, über den drei +Frauengestalten, die den ›blauen Salon‹ belebten. + +»Sag' mal, Billy, was war das für ein Wertpaket, das du heute mittag +erhieltest?« fragte Frau von Kambach die Braut des Enkels. + +Das junge Mädchen blickte errötend von der Handarbeit auf. + +»Großmama, ich habe es noch gar nicht aufgemacht! Es scheint etwas aus +dem Nachlaß Tante Nandine Linderns zu sein. Ich kam heute mittag nicht +dazu, es zu öffnen, erst hab' ich geübt, dann waren wir im Dorf, und +eben schrieb ich an Harro. Aber wenn du wissen möchtest, was darin ist, +will ich gleich hinaufgehen.« + +Belustigt blickte die alte Exzellenz ihren Liebling an. »Sag' mal, +Billy, bist du denn gar nicht neugierig?« + +»Warum? Ich bekomme jetzt alle Tage Hochzeitsgeschenke! Natürlich macht +mir das Auspacken Spaß, aber ich hatte heute eben Wichtigeres zu tun!« + +»Hast du dir das Paket näher angesehen? Du sagst doch selbst, es sei +kein Hochzeitsgeschenk!« + +»Näher angesehen? Es kommt aus Raklitten, und Ehrengard Lindern hat es +abgeschickt!« + +Sie legte ihre Arbeit zusammen und verließ das Zimmer. + +In zehn Minuten war sie zurück. + +»Großmama! Du hast recht gehabt! Das hätte ich gleich aufmachen +sollen!« Mit hochgeröteten Wangen stand sie da. »Aber wer hätte das +auch gedacht! Wie eine Herzogin komm' ich mir vor!« + +Sie öffnete das himmelblaue Samtkästchen und legte es der alten Dame in +den Schoß. Ein kostbares Halsband aus Perlen und Brillanten funkelte +ihr entgegen. + +»Ist es nicht entzückend?« + +Staunend blickte Exzellenz von Kambach auf den wertvollen Schmuck. +»Also wirklich kein Hochzeitsgeschenk?« + +»Nein, nein, ein Erbstück,« klang die stolze Antwort. »Hier steht's: +›Meinem lieben Patchen zum Andenken an die alte Tante Nandine Lindern.‹ +-- Wie wird Harro sich freuen! Er erklärte neulich schon, ich müsse mit +der Zeit irgendein größeres Schmuckstück für die Hoffeste haben, das +gehöre sich so. Ich hab' ihm natürlich geantwortet, er sei wohl nicht +recht klug! Bühl sei Majorat, und die Töchter, wie immer in solchen +Fällen, arme Landpomeranzen, aber wenn die Männer sich etwas in den +Kopf gesetzt haben, ist nichts zu wollen. Da schwieg ich denn und +dachte: ›Abwarten, Tee trinken!‹ Und nun ist sein Wunsch erfüllt! Ich +werde ihm vorläufig nichts davon sagen. Mitte Oktober ist ein großes +Fest im Marmorpalais, dann erscheine ich im Brillantschmuck! ~Die~ +Augen möcht' ich sehen! -- Nicht wahr, Großmama, du hebst ihn mir +bis dahin auf! Meine Geige darf ich ja schon bei dir einquartieren. +Eichelchen, kommen Sie doch mal her! Das Mittelstück ist doch einzig in +seiner Art!« + +Und zwei dunkle Köpfe neigten sich neben dem weißen über die +schimmernde Pracht. + +»Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie sich so über einen Schmuck freuen +könnten,« sagte Jutta Eichel endlich. + +»Warum denn nicht? Es ist doch nicht in erster Linie der Schmuck, +sondern die Erinnerung an eine liebe Gestalt und vergangene Zeiten, -- +das macht ihn mir wertvoll! Außerdem freu' ich mich, daß mein Schatz +seinen Willen bekommt, denn sonst würde er mir fortwährend mit der +Sache in den Ohren liegen. Und dazu ist sie mir nicht wichtig genug. +Zu guter Letzt aber sehe ich nicht ein, warum ich mich nicht auch +persönlich freuen soll, wenn ich etwas Schönes geschenkt bekomme. +Kaufen würde ich mir so etwas doch nie, und wenn ich über Millionen +verfügte -- aber so? Schließlich bin ich doch auch keine Vogelscheuche! +Kommen Sie, wir wollen einen Hopser machen -- ›Rosen aus dem Süden‹ +-- keine Müdigkeit vorgeschützt! Morgen kommt hoffentlich der +Brillantschmuck für Fräulein Jutta Eichel!« + +Und ehe er's hindern konnte, wurde der treue Hausgeist im Sturm durch +den ›blauen Salon‹ gewirbelt, daß die Flamme unter dem Kessel erschrak +und das Porzellan klirrte. + +Endlich machte der Wildfang Schluß. + +»Verzeih, Großmama, aber Eichelchen hat manchmal Grappen im Kopf, die +müssen ihr unbedingt noch vor der Ehe ausgetrieben werden; sonst gibt +es ein Unglück!« + +Exzellenz von Kambach versuchte ein ernstes Gesicht zu machen. »Sag' +mal, Billy, bist du eigentlich verrückt geworden? Glaubst du etwa, daß +du für die Ehe reif bist, wenn du solche Allotria treibst?« + +»Großmutter, das sind keine Allotria, das nennt man in der +Jugendbewegung ›Ertüchtigung‹. Außerdem muß auch mal etwas Leben in +die Landschaft gebracht werden, sonst wird selbst die Ehe mit der Zeit +langweilig!« + +Eichelchen hatte sich von ihrem Schreck erholt und sich der Juwelen +bemächtigt. Vorsichtig nahm sie das Halsband heraus und trat zu Sibylle. + +»Zur Strafe für den Überfall will ich Sie gleich in Ihrem Erbschmuck +sehen,« sagte sie und legte es um den weißen Hals. + +Sie trat ein paar Schritte zurück. »Ah -- Brandenburgs Rose!« + +Sibylle wurde dunkelrot. Vom Schein des Feuers umflirrt, stand sie am +Kamin. Leuchtend hob sich die weiße Gestalt vom weinroten Teppich, und +der letzte Strahl spielte mit den Edelsteinen. + +›Sophie Charlotte,‹ zog es der alten Frau durch den Sinn, und ihre +Gedanken weilten bei dem Bilde der Ahnfrau. + +Da löste Sibylle den Schmuck und legte ihn in das Kästchen zurück. + +»Ehe ich nach Bühl zurückkehre, darf ich dir das Halsband geben, nicht +wahr, Großmama? Jetzt will ich mich noch etwas daran freuen. Und +niemand erfährt etwas davon, auch Großpapa und Mama nicht!« Ihr Blick +flog zu Jutta Eichel hinüber; bittend legte sie den Finger an die +Lippen. + +Die nickte ihr zu. »Ich schweige wie das Grab!« + +Sibylle ging. Dann sah sie noch einmal zur Tür herein. + +»Eh' ich's vergesse, Großmama, ist es sehr unbescheiden, wenn ich für +Montag früh um einen Wagen bitte? Mama will dabei sein, wenn ich mein +Brautkleid zum letztenmal anprobiere. Gestern ist sie von der Reise +zurückgekehrt, bleibt einige Tage in Potsdam und will dann, ehe sie +zur Hochzeit nach Bühl kommt, noch nach Mecklenburg. Eine schreckliche +Hetzerei! Ich hätte das Kleid ja längst schon zum zweitenmal +anprobieren können, aber sie wollte durchaus dabei sein. Darf ich +Montag früh fahren?« + +»Natürlich, Billy.« + +»Danke tausendmal, Großmama!« + +Und fort war sie. -- + +Ein Wagen rollte über den Hof. + +»Das ist Herr Oberstallmeister,« sagte Fräulein Eichel. »Soll ich noch +einmal Tee machen?« + +Die Gutsherrin sah auf die Uhr. »Es ist gleich halb sechs! Lassen Sie +nur bitte abräumen. Mein Sohn wird zum Abendbrot bleiben!« + +Die Gesellschafterin klingelte; dann setzte sie die Tassen zusammen. + +»Wenn Exzellenz mich brauchen sollten, -- ich gehe nur dem Postboten +entgegen,« sagte sie und trug Brot und Kuchen hinaus. -- -- + + * * * * * + +Sibylle hatte ihren Schmuck in Sicherheit gebracht und stand, ihren +Schwiegervater erwartend, in der offenen Haustür. + +»Tag, Billy,« rief er, die Freitreppe heraufkommend, »Großmama ist doch +zu Hause?« + +»Ja, Papa!« + +Er küßte sie auf die Stirn. + +»Was macht Harro?« + +»Der ist vorgestern in Johannistal aufgestiegen!« + +»So, alles gut verlaufen? -- Und das tapfere Bräutchen hat keine Spur +von Angst? Famos!« + +»Aber Papa, wir wollen doch unsere Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹ +machen! Wie sollt' ich da Angst haben? Im Gegenteil. Ich freue mich wie +ein Zaunkönig!« Sie schob den Arm in den seinen. »Du bleibst doch zum +Abendbrot?« + +»Ich muß zurück. Der ganze Schreibtisch liegt voll. Die Bundesarbeit +wächst mit jedem Tage, und wir Vorsitzenden haben alle Hände voll zu +tun. Die Drachenburger Ortsgruppe kommt noch dazu,« -- er fuhr mit der +Hand durch das dichte graue Haar -- »ach ja!« -- -- + +Frau von Kambach ging dem Sohne entgegen. »Schön, daß du kommst, Karl +Heinrich!« + +»Ich muß dringend mit dir sprechen, Mama!« + +Sie nickte. »Wie geht es Ilse?« + +Auf seine Stirn trat eine Falte. »Sie nimmt sich sehr zusammen. Aber +daß es unter den obwaltenden Umständen mit ihrer Erholung langsam geht, +ist kein Wunder! Dazu die Sorge um das Kind!« + +Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß es groß wird, Mama! Es +war jedenfalls sehr richtig, daß du die Nottaufe veranlaßtest!« + +Frau von Kambach nickte. »Es war in dem Augenblick das Gegebene! Man +konnte gar nicht wissen, ob das kleine Geschöpf die Fahrt nach Kambach +überstehen würde. Ich für meine Person hätte nicht die geringsten +Bedenken gehabt, wenn Ilse hier geblieben wäre. Das Dorf liegt abseits, +und ich habe jeden Verkehr mit dem Herrenhause untersagt. Aber als +sie hörte, daß Diphtherie im Dorf sei, erklärte sie sofort, sie könne +wegen des Kindes nicht bleiben. Zureden hätte nichts genützt, sie war +derartig nervös, daß nichts mit ihr anzufangen war. Außerdem sagte +ich mir: vielleicht ist es besser so. Diphtherie ist doch nun einmal +übertragbar! -- Hoffentlich schadet ihr und dem Kinde die Fahrt nicht! +Für Ilse war es reichlich früh, aber der Wagen federt zum Glück sehr +gut.« + +»Ich glaube, die Fahrt wird weniger nachteilig für sie gewesen +sein, als alles übrige, was das arme Kind durchgemacht hat und noch +durchmacht,« entgegnete der Oberstallmeister. »Ilses Zukunft liegt sehr +dunkel vor mir.« Er strich seufzend über die Stirn. »Ein anderes Mal +davon, Mama. Ich komme nämlich wegen einer Bundesangelegenheit und bin +sehr eilig.« Er sah auf die Uhr. »Dreiviertel sechs!« + +Man setzte sich. + +Sibylle wollte sich entfernen. + +»Bleib nur, Kind,« rief die Greisin, »oder hast du noch zu tun?« + +»Ich möchte nur noch an Mama schreiben, daß ich Montag komme. Wenn ich +mich beeile, geht meine Karte jetzt noch mit fort, und sie hat sie +Montag früh.« + +»Was ist denn los?« rief der Oberstallmeister dazwischen. + +»Ach, sie muß noch einmal nach Berlin, um ihr Brautkleid +anzuprobieren,« entgegnete seine Mutter. »Setz' dich doch gleich an +meinen Schreibtisch, Billy, es ist höchste Zeit!« + +»Danke, Großmama.« + +Das junge Mädchen zog sich in das Nebenzimmer zurück. + +Ohne auf die Unterhaltung drinnen zu achten, schrieb sie in fliegender +Eile. + +Dann griff sie zum Löscher. + +Da klang ihres Schwiegervaters Stimme laut und erregt herein: »Wenn +wir nicht in allernächster Zeit mit einer bestimmten pekuniären +Sicherheit für mindestens zwei Jahre rechnen können, so bedeutet das +einen Rückschritt der Bundesarbeit. Wehrmann und ich haben nach allen +Ecken und Enden hin geschrieben; aber kein Mensch hat Geld, und die, +welche es haben, rücken nichts heraus. Ja, wenn's für etwas anderes +wäre! Aber für den Bund bibelgläubiger Christen? Nee, das gibt's nicht! +Dabei brauchen wir, zumal bei der Einstellung neuer Arbeitskräfte +mit allem, was drum und dran hängt, für die nächsten zwei bis drei +Jahre rund dreißigtausend Mark. Und das ist noch niedrig gerechnet. +Ich weiß tatsächlich nicht mehr aus noch ein. Ein paar tausend Mark +bekomme ich ja schließlich von guten Freunden zusammen, aber was soll +mir das helfen! Opfer bringt dies verwaschene Geschlecht eben nicht +mehr, höchstens für Schlemmerei und Spiel, und der Himmel weiß, was +sonst noch! Mit einem Donnerwetter möchte man dreinfahren, damit die +Herrschaften das Wort wieder lernten: ›Gold gab ich für Eisen!‹ Ich +wollte, meine olle Klitsche brächte mir mal 'ne Musterernte, dann wüßt' +ich, was ich täte, aber ich komme ja wieder nur so gerade durch. Es ist +um aus der Haut zu fahren!« + +Erschrocken lauschte Sibylle hinüber. Das waren ja böse Aussichten! +Aber nein, es war unmöglich! Die Sache, die ihnen allen so am Herzen +lag, die von so unendlicher Wichtigkeit war, konnte und durfte nicht +Schaden leiden! Vielleicht sah ihr Schwiegervater in seiner regen +Phantasie auch zu schwarz. + +Und dann hörte sie Frau von Kambachs klare Stimme. + +Aber auf dem Schreibtisch mahnte die Standuhr. + +Sie flog hinaus. -- -- + + * * * * * + +Gen Abend ging's. Langsam schlenderte der alte Postbote durch die +Heide. Man durft' es ihm nicht verargen, daß er auch einmal die ganze +Pracht in Ruhe genießen wollte. + +Einer von jenen Tagen, welche das Land in ihre goldene Schleier hüllen +und dem bescheidensten Erdenwinkel einen stillen Zauber verleihen, +ging zur Neige. Einer von den Tagen, wo alles leuchtet, wo die Farbe +glüht und Märchenschönheit das Alltägliche umspinnt. Wo Wald und Heide +Königreiche werden, wo das Bauerngärtlein mit seinem Bienenstock, +seinen Malven und Nelken, seiner weißen Wäsche auf dem Zaun wie ein +Idyll den Wanderer grüßt. Wo einem der Gedanke aufsteigt: ›Es ging +ein Himmelskind durch die Lande und segnete Wald und Anger und das +Herdfeuer der Menschen!‹ Solch ein Tag war's, solch ein wundervoller! +-- -- + +Unter dem steinernen Torbogen des Gutshauses stand Jutta Eichel. Auf +den frischen klaren Zügen lag sehnende Erwartung. + +Die Hand über die Augen gebreitet, spähte sie über die Heide. + +Endlich tauchte der alte Postbote zwischen den Hügeln auf. Schwerfällig +stolperte er auf sie zu. + +»Na, ick dacht's mir doch, Fräulein Eichel steht schon am Hoftor! Ein +Glück, daß der Brief da ist, sonst wär's mir wohl schlecht gegangen!« +Er blieb vor ihr stehen und kramte seine Tasche durch. »Da is er schon! +Aus Düsseldorf! Wann wird denn Hochzeit gemacht, wenn ick mir die +Anfrage erlauben darf!?« + +»Wenn die Hochzeit in Bühl gewesen ist!« klang die fröhliche Antwort. + +»So, so. Konnt' ick mir denken.« Er kramte weiter. »Für Gräfin Bühler +is auch was da! Aus Berlin. Der Herr Oberleutnant is ja wohl bei die +Luftschifferabteilung? Is ja allens ganz gut, und 's Deutsche Reich +muß wohl solche Einrichtungen haben, aber -- ick weiß nich -- die +Dinger haben nu doch mal keine Flügel, und darum kommt so oft was vor! +Denn was die Perpellers sind, -- das sind doch nu und nie richtige +Flügel, wie die Vögel sie haben! Und ick sag' mir immer, wenn der liebe +Herrgott die Vögel so für die Luft eingerichtet hat, dann müßten die +Luftschiffe auch Flügel haben, -- warum geht die Geschichte denn sonst +immer schief? Nee, nee, das gefällt mich nich, Fräulein Eichel!« Er +schloß die Tasche. »Abends gibt's nich viel, is 'ne flaue Post, nur der +Düsseldorfer Brief darf nich fehlen!« + +Er nickte ihr freundlich zu und setzte seinen Weg fort. + +Einen Augenblick stand sie noch, die dämmernde Heide überschauend, dann +begann sie, langsam dem Gutshause zuwandernd, ihren Brief zu lesen. + +Ein stilles Glück lag auf ihren klaren Zügen und gab ihnen einen +eigenen Reiz. Einen feinen innerlichen, der ihr ganzes Wesen +durchstrahlte und ihm jene Anmut verlieh, von welcher der Dichter singt: + + ›Ist der Leib ein Gotteshaus, + Blickt ein Engel zum Aug' heraus.‹ + +Wendler hatte gewußt, was er tat, als er seine Lebensgefährtin +erwählte. Wie kein anderer bedurfte er der Frau, deren Hand fest +in der seinen lag, deren Auge hell blieb, wenn Wolken über den +Weg zogen, die mit starker Seele des Lebens Last trug. Die ganze +Arbeitsfülle, verbunden mit den Schwierigkeiten, die ein in den +ersten Anfängen steckendes, von allen Seiten mißtrauisch betrachtetes, +vielfach angefeindetes Werk begleiten, war auf ihn eingestürmt. +Mitten hineingestellt in den Geisteskampf der Zeit, wuchs ihm mit +der Größe der Aufgabe nicht nur das Verantwortlichkeitsbewußtsein +ins Riesenhafte, auch seine Kraft erstarkte unter der Last. Mit dem +Ewigkeitsgedanken, der seit dem großen Wendepunkt seines Lebens der +Grundton seines Tun und Denkens geworden, kehrte die Freude am Ausbau +überweltlicher Ziele bei ihm ein und ward ein Stück seiner selbst. +Ein starker frischer Mut, der Mut des Glaubens, der vergebene Schuld +im Buche der ewigen Liebe getilgt weiß, ließ ihn Vergangenes dahinten +lassen und aufbauen, was er zerstört. Kindesdemut fügte Stein an Stein, +Mannesstolz hob, den Spöttern zum Trotz, das verachtete Werkzeug vom +Boden und forderte blitzenden Auges: ›Den Hammer in Ehren!‹ + +Wohl flogen die Pfeile um den tapferen Streiter, aber das Werk wuchs. +Ortsgruppe reihte sich an Ortsgruppe, und die Zahl der Mitglieder +mehrte sich zusehends. + +Den letzten Brief an Frau von Kambach durchzog's wie ein Jubilate, und +das unerschütterliche Gottvertrauen, das aus jeder Zeile sprach, wirkte +belebend und erfrischend auf die greise Frau, deren starkem Geist es +in der letzten Zeit oft schwer geworden war, Leid und Sorgen mit dem +Mute früherer Tage zu überwinden. Denn die Sorge um geliebte Menschen +zermürbt, zumal, wenn man mit gebundenen Händen vor einem abgrundtiefen +Schmerz steht, -- die Sorge um das Wachstum des Reiches Gottes hält +wach, aber auch sie trägt ihren Namen mit Recht, solange Erdenkinder +hienieden ihre Straße ziehen. Das Wort von den Lilien auf dem Felde +bleibt dem Menschenherzen nun einmal eine schwierige Lektion. + +Nachdenklich wanderte die Braut dem Herrenhause zu. Auch in ihrer +Seele lebte die Sorge. Ihr Verlobter hatte sie über die wirtschaftliche +Lage des Bundes nicht im unklaren gelassen, auch in bezug auf die neu +aufgetauchten Schwierigkeiten nicht. Ob Exzellenz von Kambach und ihr +Sohn das alles in vollem Umfange wußten? Und zum erstenmal zog eine +brennende Sehnsucht nach Reichtum in ihr Frauenherz. -- -- + + * * * * * + +Sibylle Bühler war aus Potsdam zurückgekehrt, schöner, strahlender denn +je. + +»Es ist etwas an ihr, das wie ein Magnet auf mich wirkt, -- ist es das +Leuchten ihrer Augen, die Frische ihres Wesens, ich weiß es nicht! +Selten hat ein Mensch solche Anziehungskraft auf mich ausgeübt!« sagte +Exzellenz von Kambach zu Fräulein Eichel. + +Sie nickte. »Ja, es ist ein wundervolles Gemisch von Ernst und +Lebensfreude in Gräfin Sibylle! Man glaubt oft kaum, daß es ein und +derselbe Mensch ist. Neulich die Freude über den Schmuck war doch +einfach reizend!« + +»Ja,« erwiderte die Greisin, »aber ich bin überzeugt, daß sie mit noch +größerer Freude ein Opfer für eine große Reichsgottessache bringen +würde! So jung sie ist, ihr Leben hat Ewigkeitsinhalt, und der Grundton +ihres Wesens ist der Zug zum Überweltlichen. Man findet selten in dem +Alter solche Klarheit im Urteil und Handeln, solches Zielbewußtsein!« + +Sinnend ruhte ihr Blick auf dem Bilde des Brautpaares vor ihr auf dem +Schreibtisch. »Ich hoffe, mein Enkel wird an ihr erstarken; sie gehört +zu den Frauen, die den Mann, den sie lieben, in kluger und taktvoller +Weise unmerklich beeinflussen. Übrigens -- ist Billy noch beim Packen?« + +»Sie stimmte eben ihre Geige. Der Koffer war fertig bis auf das, was +morgen früh hinein soll!« + +»So, dann wird sie wohl gleich herunterkommen.« + +Fräulein Eichel ging. + +Gleich darauf erschien Sibylle, ihre Geige im Arm. + +Sie sah erhitzt aus. Ihre Augen glänzten. + +›Es ist die Erregung des Abschieds,‹ dachte Frau von Kambach. + +»Nun, da bist du ja,« begrüßte sie freundlich die Enkelin. + +»Ja, Großmama, und hier bringe ich dir die Vielgeliebte! Niemand gäb' +ich sie so gern in Verwahrung wie dir! Der Kasten bedurfte leider +so sehr der Ausbesserung, daß ich ihn neulich nach Berlin schicken +mußte. Aber er wird dir in den allernächsten Tagen zugestellt werden. +Bis dahin darf die Geige vielleicht hier in deinem Zimmer an der Wand +hängen, -- es kommt ja niemand daran!« + +Die alte Dame nickte. »Anna ist ja vorsichtig beim Reinmachen, und +Fräulein Eichel wischt bei mir Staub. Ich glaube, wir können ohne Sorge +sein!« + +»Es dauert ja auch nur kurze Zeit,« sagte die Braut und schlang ein +seidenes Band um das Instrument. + +»Aber erst spielst du mir noch etwas zum Abschied,« bat die Greisin. + +Sibylle nickte. »Was soll ich spielen?« + +»Was du willst!« + +Weich und sehnsüchtig zog Händels Arioso durch den Herbstabend. ›Ein +feines, nahezu künstlerisches Spiel,‹ hatte ein namhafter Kritiker +nach einem Berliner Wohltätigkeitskonzert über Sibylles Leistungen +geurteilt. Der alten Frau war es mehr -- eine seelische Erquickung in +stillen Stunden. + +Das Largo des großen Tonkünstlers folgte, die liebliche Harfenarie +klang durch den stillen Raum. + +Das ernste Antlitz über die Geige geneigt, stand die Braut im Schein +des flackernden Feuers. + +»Nun noch ›Ein Ton‹,« bat Frau Sabine. + +Da hängte Sibylle die Geige an die Wand und setzte sich an den Flügel. + +Auf der weichen Stimme lag's wie ein Schleier, als sie leise Peter +Cornelius' tiefsinniges Lied anstimmte: + + ›Mir klingt ein Ton so wunderbar + In Herz und Sinnen immerdar! + Ist es der Hauch, der dir entschwebt, + Als einmal noch dein Mund gebebt? + Ist es des Glöckleins leiser Klang, + Der dir gefolgt den Weg entlang?‹ + +Der Gesang brach ab. Ein leises Weinen klang zu der alten Frau hinüber. + +»Billy!« Sie trat zum Flügel und zog den dunklen Mädchenkopf an die +Brust. Sanft strich sie über das seidene Haar. + +Kein Laut unterbrach das Schweigen. Aber die jungen Lippen küßten die +alten Hände. + +»Verzeih, Großmama,« sagte Sibylle Bühler dann mit stockender Stimme, +»es war wie ein Abschied ...« + +Frau von Kambach schwieg, eine Träne rann ihr die Wange herab; sie +beugte sich über die Braut und küßte sie. Dann schloß sie den Flügel. + +»Du wolltest mir noch deinen Schmuck bringen,« sagte sie, auf ihren +Stock gestützt zum Kamin schreitend, wo sie sich in einen Klubsessel +niederließ. + +Sibylle antwortete nicht sogleich. Das Rot auf ihren Wangen vertiefte +sich. Dann zog sie einen Briefumschlag aus der Tasche, legte ihn der +Greisin in den Schoß und sagte mit leisem Beben in der Stimme: »Da ist +er, Großmama, aber du darfst nicht schelten!« + +Sprachlos blickte Exzellenz von Kambach die Enkelin an. Dann +schüttelte sie den weißen Kopf und sagte ernst: »Ich verstehe dich +nicht!« Sie öffnete den Briefumschlag und zog den Inhalt heraus: +Banknoten. + +»Billy, was stellt dies vor? Bitte, äußere dich darüber!« rief sie und +ihre Stimme durchzitterte Erregung. »Du sagst, das sei der Schmuck, -- +man verkauft doch nicht ein altes Erbstück um nichts und wieder nichts!« + +»Das habe ich auch nicht getan, Großmama! Um nichts und wieder nichts +hätte ich das Halsband nie verkauft!« + +»Ja, aber was stellt das vor?« + +Da zog sich Sibylle, wie es ihre Art war, einen Schemel neben den Stuhl +der Greisin und setzte sich zu ihren Füßen. »So kann ich's dir am +besten sagen!« Sie lehnte den Kopf an ihre Knie. »Aber niemand darf's +wissen, auch Harro nicht, wenigstens jetzt noch nicht, -- er versteht's +doch nicht,« fügte sie traurig hinzu, »es ist zu heilig!« Sie hielt +inne, als müsse sie sich sammeln. + +Und dann begann sie aufs neue mit leiser Stimme: »Also, um es kurz zu +machen, Großmama, ich hörte Sonnabend abend, während ich nach Potsdam +schrieb, wie Papa dir sagte, wenn er nicht in allernächster Zeit eine +Sicherheit von dreißigtausend Mark für drei Jahre erhielte, so sei ein +Rückgang der Bundesarbeit zu befürchten. -- Ich erschrak im ersten +Augenblick natürlich sehr, du weißt ja, wie mir die Sache am Herzen +liegt, aber andererseits sagte ich mir doch auch, daß Papas lebhafte +Phantasie ihn vielleicht etwas schwarz sehen ließe. Das Letzte hörte +ich nicht mehr -- ihr wußtet ja, daß ich nebenan saß; aber ich kam +mir doch etwas vor, wie ein ›Lauscher an der Wand‹; denn Papa hatte +meine Anwesenheit sicher längst vergessen, außerdem mußte meine Karte +schleunigst fort. Abends wurde musiziert und von allem möglichen +anderem gesprochen -- kurz und gut, ehrlich gestanden, hätte ich in +diesen Tagen, kurz vor meiner Hochzeit vielleicht gar nicht wieder +daran gedacht, wenn nicht ...« + +Sie sprang auf und lief in das geöffnete Nebenzimmer -- »es ist doch +niemand hier?« Und dann setzte sie sich wieder auf ihr Schemelchen zu +Füßen der Greisin. Aber sie lehnte den Kopf nicht wieder an ihre Knie +und sah sie leuchtenden Auges an: »Großmama, keinem andern könnt' ich +es sagen, nur dir, denn nur du verstehst so etwas!« + +Sie hielt einen Augenblick inne, als koste es sie trotzdem einen Kampf, +den Schleier von ihrem Geheimnis zu lüften, dann fuhr sie fort: »Also +ich dachte nicht wieder daran. Sonntag morgen fuhren wir zur Kirche. +Ich wußte, daß ich als Braut zum letztenmal neben dir im Kambacher +Stuhl saß, nach der Predigt sollte unser Aufgebot kommen, das alles +bewegte mich. Die Gedanken an den Bund lagen mir in dem Augenblick +gänzlich fern. -- Da mit einemmal kam's über mich, ich weiß nicht wie. +Durch meinen Kopf flog es wie ein Wirbelwind: ›die dreißigtausend Mark +~müssen~ geschafft werden, und ~du~ hast sie aufzubringen!‹ +Mit einer Wucht stürmte es auf mich ein, wie ich es nie erlebt, und +ich fühlte und wußte es ganz bestimmt, das war nicht ~mein eigener +Gedanke~, es war eine unsichtbare übermenschliche Kraft, die mich +unter ihren Willen zwang. Ich war wie betäubt. Auch körperlich. Mühsam +versuchte ich, meine Gedanken zu sammeln, meine Einkünfte zu übersehen, +obgleich ich mir sagen mußte, daß gar nicht daran zu denken sei, daß +ich diese Summe aufbrächte! Pastor Möller predigte über das Gebet. Ich +hörte nicht zu und dachte nicht an Beten. Ich rechnete. Aber meine +Rechnung stimmte nicht. Und in mir hämmerte und dröhnte es weiter: +›Du sollst! Du mußt!‹ -- Ich war in heller Verzweiflung; am liebsten +wäre ich aus der Kirche gerannt, aber das ging doch nicht! So hielt +ich aus. Meine Lage wurde immer unerträglicher. Da, schließlich, als +ich nicht mehr aus noch ein wußte, tat ich einen Stoßseufzer: ›Lieber +Gott, schenk' mir doch einen vernünftigen Gedanken!‹ Es war kein Gebet, +Großmama, es war ein Verzweiflungsschrei. Aber im selben Augenblick +kam's wie eine Antwort: ›Du bist wohl ganz auf den Kopf gefallen! Wozu +hast du den Schmuck, der mindestens zwanzigtausend Mark wert ist? Vor +hundert Jahren gaben deutsche Edelfrauen den letzten Taler für die +äußere Freiheit des Vaterlandes -- und ihr?‹ -- Großmutter, -- ich +kann dir sagen, es war mir, als nähme mir einer eine Riesenlast ab und +schenkte mir ein Königreich dafür!« + +Von Bewegung übermannt, legte sie den dunklen Kopf wieder auf ihren +Platz in den Schoß der alten Frau. »Nicht wahr, du schiltst nicht?« + +Nein, sie schalt nicht. Ganz still saß sie da, und während zwei große +Tränen über ihre Wangen liefen, legte sie die zitternden Hände auf das +junge Haupt. + +Kein Laut ging durch's Zimmer. Ein großes feierndes Schweigen lag über +den beiden Menschen, denen heilige unsichtbare Hände den Schleier +der Überwelt gelüftet. Und ob jenes wunderbare Leuchten nur eines +Augenblicks Länge gewährt, sie wußten, hinter den wallenden Nebeln +lag die lichte Stadt, deren Glanz wie eine schimmernde Sternschnuppe +auf ihren Weg gefallen war. Und dieser Glanz blieb an der armen Erde +haften. Über dem Pfad der beiden Frauen stand der hohe Schein einer +Ewigkeitsstunde. + +Endlich richtete sich Sibylle auf. Noch war sie keines weiteren Wortes +fähig. + +Da nahm die alte Frau das schöne erglühende Mädchengesicht in beide +Hände und küßte die Enkelin: »Gott segne dich, Liebling!« + +Sibylle zog die greise Hand an die Lippen. »Gut, daß du nicht mehr +schiltst,« sagte sie, ihre Bewegung meisternd, und ein Anflug von +Schalk huschte um ihren Mund. + +»Nein, nein, ich sage überhaupt nichts mehr,« erklärte Frau von +Kambach. »Wenn Gott so gewaltig spricht, haben wir Menschen zu +schweigen!« + +Lächelnd strich sie über das seidene Haar. + +»Aber nun erzähl' mir das übrige. Also du bist mitsamt deinem Schmuck, +ohne einer Menschenseele etwas zu sagen, in Berlin gewesen und hast die +Steine einschätzen lassen, du Ausreißer?« + +»Ja, Großmama,« erwiderte Sibylle triumphierend. »Und ich hatte +Glück. Mama hatte fürchterliche Kopfschmerzen und ließ mich allein +zu Gerson fahren, so hatte ich freie Hand. Harro war in Johannistal. +Solche herrliche Fahrt habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht +gemacht! Und dann kam das Schönste. Ich war bei Lorenz und ließ den +Wert des Schmuckes feststellen. Großmama, ich dachte, es würden +vielleicht zwanzigtausend Mark dabei herauskommen, und zerbrach mir +den ganzen Tag darüber den Kopf, wen ich bitten solle, weiterzuhelfen. +Denn Großpapa hätte höchstens zweitausend Mark geben können bei den +schlechten Ernten, und Mama interessiert sich ja leider gar nicht für +solche Sachen. -- Also der alte Lorenz besah mein Halsband von allen +Seiten und prüfte die Steine eine halbe Ewigkeit. Ich stand wie auf +Kohlen. Am liebsten hätte ich ihn beim Rockkragen genommen und tüchtig +geschüttelt. Schließlich erklärte er dann mit größter Gemütsruhe: +›Gnädigste Gräfin, ich biete Ihnen für den Schmuck dreißigtausend Mark, +aber nehmen Sie's einem alten Manne nicht übel, es ist eine Sünde +und Schande, wenn Sie ihn verkaufen!‹ -- Na, das war ja meine Sache. +Wir haben den Handel gleich abgeschlossen. Ich war mit ihm auf der +Deutschen Bank, -- da sind die dreißigtausend Mark!« + +»Aber Billy!« + +»Findest du es unpassend, Großmama?« + +Frau von Kambach lachte. »Etwas modern, aber vor allem sehr +unvorsichtig. Man kutschiert nicht mit dreißigtausend Mark Wertpapieren +in der Welt herum, sondern läßt die Angelegenheit durch die Bank +ordnen. Du bist doch sonst so gewandt in solchen Sachen!« + +Die junge Gräfin senkte die Wimpern. »Ja, du hast recht, es war +bodenlos dumm! Ich war eben so aus dem Häuschen vor Freude, daß ich +alles verkehrt machte. Es ist ein Glück, daß nicht noch Schlimmeres +geschah. Ich hätte gerade so gut in meinem Brautkleid zu Kempinsky oder +Wertheim laufen können, -- gut, daß sie bei Gerson aufpaßten!« Zwei +Grübchen traten dem Schelm in die Wangen. + +»Mir scheint, es wäre noch ganz anderes möglich gewesen,« sagte Frau +von Kambach und strich lächelnd über das glühende Gesicht. + +»Morgen muß das Geld natürlich fort,« erklärte Sibylle, sich erhebend, +»die Sache ist mir jetzt selbst etwas ungemütlich. Willst du es solange +verwahren, Großmama? -- Und dann hast du wohl die Güte, es unter deinem +Namen an Direktor Wendler zu schicken?« + +»Ich soll es schicken? Dann hast du ja die Freude nicht?« + +»Ich habe meine Freude gehabt,« entgegnete Sibylle leise, und ihr Blick +ging über die Kreuzesgestalt an der Wand. »Geht das Geld unter meinem +Namen nach Düsseldorf, so ist sie dahin. Die Frauen, die 1813 Gold +für Eisen gaben, haben auch nicht ihre Karte daran gehängt, und mein +Schmuck dient einer größeren ewigen Sache!« + +Frau von Kambach war dem Blick der Enkelin gefolgt. Sie widersprach ihr +nicht länger. + +»So darf ich's Wendler auch nicht sagen?« + +Sibylle antwortete nicht sogleich. + +»Nein,« entgegnete sie dann, »oder -- doch -- ja! Aber erst nach der +Hochzeit -- wenn -- wenn ich die Sonne grüße! -- Er soll nur nicht +darüber sprechen!« + +Und dann rief sie plötzlich begeistert: »Großmama, ich hab ja auf der +Rückreise die ›Brandenburg‹ gesehen, wie ein silberner Fisch zog sie +durch die strahlende Luft! Wie ich mich auf die Hochzeitsreise freue!« + +Hochaufgerichtet stand die schlanke weiße Gestalt im Glanz des +scheidenden Tages, in den Augen jenes wunderbare Leuchten, das ihr +ganzes Wesen verklärte. + +»Also sag's ihm nur, aber erst dann, -- wenn ich die Sonne grüße!« +-- -- + + * * * * * + +Und dann war Frau Sabine allein. Durch ihre Seele zog's wie ein Gruß +aus der Ewigkeit -- -- -- + +Sinnend blickte sie über den Hof. Da sah sie den alten Postboten +auf das Herrenhaus zukommen. Was wollte der denn am Sonntagabend in +Dreilinden? Es mußte ein besonderer Grund vorliegen. + +Sie trat zum Fenster und winkte ihm. + +Eilig schritt der Alte auf die Gutsherrin zu. + +»Ick komm' nochmal, Exzellenz,« rief er ihr schon von weitem entgegen, +»Exzellenz sollen nich bis morgen warten!« Er nahm die Mütze ab +und strich erregt über das graue Haar. »Die Welt geht aus'n Fugen, +Exzellenz -- bei die Gottlosigkeit kann man sich über nichts mehr +wundern!« Er zog ein Sonderblatt aus der Posttasche und reichte es ihr +hinauf. + +Sie schob die Brille zurecht. Leise bebte ihre Hand. + +Und dann wurde ihr Blick starr. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen. +Wieder und wieder las sie den kurzen inhaltsschweren Drahtbericht: + +›Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Herzogin von +Hohenberg ermordet -- --‹ + +Das Blatt entsank ihren Händen und flatterte dem alten Postboten vor +die Füße. + +Schwerfällig bückte er sich danach. + +»Exzellenz, det is zuviel!« Er glättete das zerknitterte Sonderblatt. +»Meine Meinung is die: jetzt is es aus -- det kann unser Herrgott sich +nich länger gefallen lassen!« + +Sie fand noch immer keine Worte. + +Wieder und wieder las sie die entsetzliche Botschaft. + +»Ick hab Exzellenz erschreckt,« fuhr der Alte, ihr Schweigen +mißverstehend, fort, »aber ick meinte, Exzellenz wüßten so was lieber +heut als morgen, darum bin ick gleich nochmal rübergekommen. Exzellenz +wollen entschuldigen!« Er wollte gehen. + +Da reichte sie ihm die Hand. »Sie haben nichts versehen, mein guter +Peters! Im Gegenteil. Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie noch einmal, +noch dazu am Sonntag, herübergekommen sind. Mein alter Kopf kann das +Entsetzliche nur noch nicht fassen, die Worte fehlen mir!« Sie atmete +schwer. Dann beugte sie sich vor und sagte mit gedämpfter Stimme: »Sie +haben recht, Peters, das geht nicht so weiter, das, -- das -- --« + +Der Greis nickte. »Als die Leute den Turm zu Babel bauten, wußten sie +nicht mehr, was sie Gott schuldig waren, -- heutzutage is ihnen das +Turmbauen langweilig geworden, da versuchen sie Thron und Altar zu +stürzen, -- so is es doch, Exzellenz!« + +Sie blickte gedankenverloren in die Ferne. + +Über der feiernden Heide stand der rote Schein der untergegangenen +Sonne. Dunkler und dunkler ward die purpurne Lohe. Wer fremd durch die +Mark wanderte, glaubte ein fernes Dorf brennen zu sehen, aber auch +Einheimische hatte der glühende Himmel schon irregeführt. Es war, als +wogte ein Feuermeer hinter den dämmernden Hügeln, als schlügen die +hellen Flammen aus dem Heidboden. »Die Welt brennt!« hatte vor Jahren +eines ihrer Enkelkinder gerufen, als sie ihm beim Schlafengehen die +leuchtende Heide gezeigt, und nicht geruht, bis sie es im Nachtröckchen +ans Fenster trug und hinausschauen ließ. Mit bloßen Füßen hatte es auf +dem Fensterbrett gestanden und dem verglühenden Schein nachgesehen: +»Die Welt brennt, Omama!« + +In der Seele der Großmutter erwachte die Erinnerung. Die kleine +schlichte Begebenheit aus der Kambacher Kinderstube trat aus +dem Rahmen des Alltäglichen, aus der Enge in die Weite, und +das Wort des märkischen Landbuben wurde im Glanz des sinkenden +Juniabends Geschichte. Auf der Stirn der deutschen Frau lag's wie +Prophetenklarheit; in tiefer Scheu vor dem Gewaltigen kam's über die +greisen Lippen: »Die Welt brennt!« + +Entglomm fern in Bosnien heimlich beginnender Rassenkampf? nahte eine +zweite Völkerwanderung? -- Als zöge die gewappnete Reitergestalt jenes +wundersamen Bildes, das ein deutscher Meister mit flammendem Pinsel +geschaffen, im Glanze germanischer Siegesfeuer über die dämmernde +Erde, leuchtete das Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wie ein +glühender Rubin in die Nacht hinaus -- -- -- + + + + +Siebzehntes Kapitel. + +Der getreue Eckart. + + Deutschen Weibes Schwelle schirmen, + Ist des Mannes höchste Ehre! + Frauenadels Wächter heißen, + Höher steht's, als güldne Wehre! + + +»Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar für Ihre Mitteilungen, mein +lieber Herr von Roselius! Es scheint ja leider, als solle das traurige +Material, das mir bereits zur Verfügung steht, vervollständigt werden. +Ja, ich will es Ihnen offen sagen, als Sie sich bei mir melden ließen, +ahnte ich, warum Sie kamen. Es fragt sich nun nur, wie man meiner armen +Enkelin am besten hilft -- ich fürchte, ehe sie nicht mit eigenen Augen +ihr Unglück sieht, wird sie nicht zu einer Scheidung zu bewegen sein!« + +Frau von Kambach saß in ihrem Arbeitszimmer, den Kopf sorgenvoll in die +Hand gestützt, dem vor einer Stunde überraschend eingetroffenen Gast +gegenüber. »Sie werden es erleben, ehe sie nicht vor Tatsachen steht, +ist nichts zu machen!« + +»Dieser Standpunkt wäre durchaus berechtigt, Exzellenz,« entgegnete der +Oberleutnant, »aber Gräfin Bühler steht vor Tatsachen!« + +»Sie meinen das Kind?« + +»Ja. Es ist mehr wie erblich belastet, es ist, wie Sie selbst mir +mitteilten, nach Aussage des Arztes kaum lebensfähig!« + +»Gewiß, das unterliegt keinem Zweifel, aber eines dürfen wir nicht +vergessen. Es kann sich hier um Vergangenes handeln. Sie wissen, wie +verzweigt und schwierig dies Kapitel ist, wie viele Winkelzüge und +Ausreden es ermöglicht -- etwas ganz anderes ist es dagegen, wenn +~heute~ eine tatsächliche Verschuldung zu beweisen wäre, wenn +z. B. der Beweis unerlaubten Verkehrs erbracht werden könnte. Frauen +ertragen und vergeben unendlich viel, wenn sie lieben, nur dies +Eine, Letzte nicht. Darauf kommt es also an. Sie haben Beweise, daß +derartiges vorliegt?« + +Er sah ernst vor sich nieder. »Der letzte Beweis fehlt mir ...« + +Sie seufzte. »Ich dachte es mir! -- Sie haben also einen ganz +bestimmten begründeten Verdacht; denn sonst würden Sie nicht so +sprechen.« + +»Ja, den habe ich allerdings.« + +Beide schwiegen. -- -- + +»Exzellenz werden sich gewundert haben,« begann der Offizier aufs +neue, »daß ich seit dem vorigen Herbst so viel im Bühlerschen Hause +verkehre. Ich könnte ja mancherlei Gründe dafür angeben, vor allem +die Kambachsche Gastfreundschaft und den Zauber echter Weiblichkeit, +welche es traulich machen. Wir Junggesellen sehnen uns immer wieder +nach derartigem Anschluß, wenn wir es auch nicht aussprechen.« Er fuhr +mit der Hand über die Stirne, als wollte er einen Schatten bannen. +»Trotzdem -- der Grund liegt tiefer. Ich rede sonst natürlich nicht +davon, aber vor Ew. Exzellenz mache ich kein Hehl daraus: ich kann +es nicht mit ansehen, daß die Tochter eines alten edlen Geschlechtes +zugrunde gerichtet wird, daß eine Kambach ...« er atmete schwer, +»Exzellenz wollen mir das übrige ersparen!« + +In tiefer Bewegung sah die alte Frau ihn an. Wie anders hätte das +arme Kind es an der Seite dieses treuen zuverlässigen Mannes haben +können -- aber Ilse hatte sich durch Äußerlichkeiten und schöne Worte +betören lassen. Nun war es zu spät, und die ritterliche Treue, die ihre +Schwelle bewachte, vermochte die junge Frau kaum vor dem Äußersten zu +schützen. + +Die Tränen traten ihr in die Augen. + +»Also ein getreuer Eckart?« sagte sie leise. + +Er schien ihre Gedanken nicht zu ahnen. + +»Hätt' ich's sein können!« rief er leidenschaftlich, »aber es ist +wirklich ein wahres Wort, daß die Sünde im Finstern schleicht. Glauben +Ew. Exzellenz, daß es mir bis jetzt, während Gräfin Bühlers bald +vierwöchentlicher Abwesenheit, gelungen ist, dahinterzukommen, wie die +Dinge stehen? Den Burschen kann ich doch schließlich nicht fragen! Es +ist zum Tollwerden! Die Sache liegt auf der Hand, nur der letzte Beweis +fehlt. Die Angst um die Gräfin läßt mich nicht mehr los! Darum kam ich +her! Es lag mir am nächsten, Ew. Exzellenz meine Sorgen mitzuteilen. +Herr von Kambach hat mich niemals nach seinem Schwiegersohn gefragt, -- +ich darf mich ihm nicht aufdrängen. Aber vielleicht könnte doch durch +eine Warnung das Ärgste verhütet werden! Stellen Ew. Exzellenz sich +vor, was eine unvorhergesehene Begegnung für die zarte Frau, die meines +Erachtens trotz allem, was ihre Ehe trübt, an derartiges nicht denkt, +bedeuten würde!« + +Sie hatte ihn während der letzten Worte sprachlos angesehen. »Also, Sie +glauben wirklich ...?« + +»Ich glaube alles,« erwiderte er mit zusammengezogenen Brauen. + +Wieder saßen sie schweigend. + +»Und Harro?« fragte dann die Greisin. + +»Harro?« Seine Züge klärten sich auf. »Ich habe ihn ja seit seinem +Kommando zum Luftschifferbataillon kaum gesehen. Aber er beginnt doch, +wie es scheint, die Folgerungen des Lebens zu ziehen. Er ist ja trotz +seiner leichten Ader nicht schlecht veranlagt. Vor allem ist ihm die +geschwisterliche Liebe zu Hilfe gekommen. Der Grundstein, den das +Elternhaus legt, wird so leicht nicht zertrümmert, Exzellenz! Ich habe +ihn im Herbst in heller Empörung gesehen, als Bühler zum erstenmal in +seiner Gegenwart ungezogen gegen die Gräfin wurde, -- na, und was dann +alles folgte, wissen Exzellenz ja! -- Im übrigen hoffe ich, daß Harros +Ehe einen guten Einfluß auf ihn ausüben wird. Gräfin Sibylle ist wie +geschaffen zur Führerin einer solchen Natur. Sie wird ihn, ohne daß er +und andere es merken, in kluger und taktvoller Weise beeinflussen, -- +sie tut es jetzt schon. Er ist schon viel zuverlässiger und ernster +geworden. Es scheint wirklich, als begänne sein Leben eine andere +Richtung zu bekommen. Wollen Exzellenz mir glauben, daß er kürzlich vor +einigen Kameraden unseren Bund durch dick und dünn verteidigte -- trotz +seiner noch immer recht freien Weltanschauung. Seine Auffassung von der +Sache war natürlich unklar. Aber der mühevolle, kein Opfer scheuende +Kampf um ein versinkendes Volk hat auf ihn einen derartigen Eindruck +gemacht, daß er mit seiner Person dafür eintrat. Natürlich kamen die +anderen, zumal die Spötter, auf ihre Rechnung. Als aber ein Neuling +›Hoch, Brandenburgs Rose!‹ dazwischenrief, da hätten Ew. Exzellenz +unsere jungen Offiziere sehen sollen! Und Kambach war natürlich fein +heraus! -- Doch ich wollte das nur anführen!« + +Sie nickte ihm lächelnd zu: »Ja, sie ist eine rechte Bühler!« -- -- + + * * * * * + +Roselius konnte nicht zum Abend bleiben, weil er schon gegen sechs +wieder in Drachenburg sein mußte. Und Dreilinden hatte nicht die gute +Bahnverbindung, wie Kambach. So mußte er Frau von Kambachs Einladung +ablehnen. Mit herzlichem Dank entließ sie ihn. + +»Ich werde tun, was ich kann,« sagte sie, als er ihr, Abschied nehmend, +die Hand küßte, »aber solange meine Mitteilungen sich nicht auf +Tatsachen gründen, werde ich einen schweren Stand haben.« + +»Ich fürchte, meine Vermutungen werden bald Tatsachen werden,« +entgegnete er ernst. »Darum habe ich nur die eine Bitte, daß irgend +etwas geschehe, bevor die Gräfin zurückkehrt.« + +»Ich werde morgen nach Kambach fahren und mit meinem Sohn sprechen. +Darf ich Ihren Namen nennen?« + +»Selbstredend, Exzellenz! Nur die letzte, kaum denkbare Möglichkeit +eines Irrtums würde heute meinen Eid verhindern. Ich sah eine +verschleierte Gestalt, die mir bekannt vorkam, in vorgerückter +Stunde die Villa betreten und nach Mitternacht wieder verlassen. Da +ich Bühlers gegenüber wohne, konnte ich die Sache gut beobachten. +Auffallend ist außerdem, daß die häufigen Fahrten nach Berlin mit dem +Tage, wo die Gräfin nach Kambach ging, aufgehört haben -- er scheint +häusliche Empfänge bequemer zu finden, -- man weiß wirklich nicht, was +größer ist, die bodenlose Unverschämtheit oder die Unvorsichtigkeit! +Es liegt also jedenfalls etwas vor, -- darum meine ich, es müßten +Maßregeln getroffen werden, die Gräfin vor dem Äußersten zu schützen!« + +Er verbeugte sich tief. »Ich empfehle mich ganz gehorsamst, Exzellenz!« + +Fünf Minuten später rollte der Wagen über den Hof. -- -- + + * * * * * + +Die Abendsonne stand über den Feldern, als Oberleutnant von Roselius +heimkehrte. Nach Erledigung einer dienstlichen Angelegenheit wollte er +noch ins Kasino gehen. Seinen Burschen, den er ausgeschickt, erwartend, +stand er auf dem Balkon. + +Es dämmerte. Dunkler wurden die Schatten. Laternen blitzten auf, hier +und da wurde eine Villa hell. Von den Kirchen klang der Schlag der +Turmuhren herüber, und das Rathaus antwortete. + +Gedankenverloren blickte er die Straße entlang. + +Da sah er eine Dame langsam den Bürgersteig auf und nieder wandern. +Soweit Roselius es im Zwielicht erkennen konnte, war sie unauffällig +gekleidet. Trotzdem fiel sie, vielleicht nur durch ihr fortwährendes +Auf- und Abgehen im Halbdunklen, auf. Ihm aber fuhr's durch den Sinn: +›Das ist sie!‹ Er gab das Kasino auf, ließ sich kaltes Abendbrot +auf den Balkon bringen und fuhr, durch eine Säule gedeckt, fort, +die Fremde, die inzwischen näher gekommen war, zu beobachten. Jetzt +fiel der Schein einer Laterne auf ihre Gestalt, sie neigte den Kopf, +aber er hatte sie schon erkannt. Es war eine bekannte Berliner +Varietekünstlerin. Heute war sie unverschleiert. -- -- + +Und wieder das Auf- und Abwandern. -- -- + +Da leuchtete plötzlich in der Bühlerschen Villa ein Licht hinter +den verhangenen Scheiben auf. Die Halbweltdame schien nicht darauf +zu achten. Gelassen wanderte sie noch einmal auf und nieder, blieb +unvermittelt stehen und bog raschen Schrittes in eine Seitenstraße ein. +Aber der heimliche Späher durchschaute das Manöver und wartete. Er +hatte sich nicht geirrt. Nach kaum zehn Minuten kam sie im Schatten der +Mauern zurück, huschte eilig durch den Vorgarten und verschwand in der +Villa. -- -- -- + +Wahrhaftig, die Unverfrorenheit, etwas derartiges in einem vornehmen +Regiment zu wagen, suchte ihresgleichen! -- -- + +Roselius sah die Straße entlang. Sie war menschenleer. Er war also der +einzige Zeuge des Vorgangs. -- -- + +Über den Kirchen stieg die Sommernacht herauf. Vollmondschein lag auf +dem deutschen Städtebild, und die Sterne zogen funkelnd ihre Bahn. + +Er aber rang mit abgrundtiefer Not, mit fremder Schuld und fremdem +herzbrechendem Leid. + +Während er in schweren Gedanken die Straße überschaute, nahten zwei +Gestalten. Er hatte nicht acht auf sie. Erst als sie in den Lichtkreis +der Laternen traten, ward seine Aufmerksamkeit gefesselt. + +Und dann blickte er starr auf die schlanke Frau im langen Reisemantel, +-- ein Ruck ging durch seine Gestalt -- im nächsten Augenblick war er +auf der Treppe. Wie aus dem Boden gezaubert stand er vor ihr, atemlos, +gewaltsam seine Erregung meisternd: »Gnädigste Gräfin, -- verzeihen Sie +einen Augenblick!« + +Ilse Bühler stand sprachlos vor ihm, ihr Kind im Arm. Ihre Begleiterin +trug großes Handgepäck, welches für einen Wagen berechnet schien. + +»Um Gottes willen, Herr von Roselius, was ist geschehen? Ist mein Mann +krank?« + +Er gab der Jungfer einen Wink, zurückzubleiben, und ging an der Seite +der jungen Frau die Straße entlang. + +»Nein, er ist nicht krank, aber Sie dürfen nicht hinein, -- in diesem +Augenblick nicht, -- es ist unmöglich!« + +Sie blieb vor ihm stehen. + +»Sie sprechen in Rätseln! Sagen Sie mir doch um Gottes willen, worum es +sich handelt!« + +»Ich kann Ihnen nur sagen, gnädigste Gräfin, daß Sie Ihr Haus heute +abend nicht betreten dürfen!« + +»Aber wenn ich es will!« + +»Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen zu folgen!« + +Sie zuckte die Achseln. Eine dunkle Ahnung stieg in ihr auf und legte +sich wie ein Alp auf ihr Herz. Aber sie bäumte sich dagegen auf. Sie +wollte das Entsetzliche nicht glauben. Der Regimentskamerad ihres +Mannes irrte -- mußte irren --, es konnte nicht anders sein! Denn trotz +allem, was gewesen, trotz allem, was ihre junge Ehe getrübt, liebte er +sie -- dies Bewußtsein machte sie stark, Vergangenes zu tragen, ob's +noch so schwer war. Und sie umfaßte das kleine Bündel in ihrem Arm +fester und drückte das schwache Körperchen an sich. + +Seit vier Wochen war sie bei ihrem Vater, um sich zu erholen. Nach +Sibyllens Hochzeit, die in Bühl stattfinden sollte, wollte sie mit +ihrem Manne nach Drachenburg zurückkehren. Da fing der Kleine an zu +kränkeln. Der Kambacher Hausarzt schob die Sache auf den Milchwechsel +und nannte sie ungefährlich. Aber Ilse erklärte ihrem Vater, der +alte Herr verstände nichts von der Behandlung so kleiner Kinder, ihr +Drachenburger Arzt habe Fritz Karl ganz anders behandelt, sie müsse +nach Hause. Der Oberstallmeister war dagegen. Zuerst fügte sich Ilse +den Wünschen des Vaters, dann aber erklärte sie plötzlich eines +Morgens mit ungewöhnlicher Bestimmtheit, sie reise nachmittags. Und so +geschah's. Unterwegs gestand ihr die Jungfer, daß sie vergessen habe, +die Drahtnachricht an den Grafen zu befördern, -- so war kein Wagen +an der Bahn und zum Unglück an dem überfüllten Zug kein Gepäckträger +zu haben. Die Koffer mußten auf der Bahn bleiben. Nur mit dem +Notwendigsten versehen, kam sie unerwartet zu Hause an. -- + +»Haben Sie Barmherzigkeit mit mir,« sagte sie, »was ist es?« Erschöpft +lehnte sie sich an das Gartengitter. + +Er antwortete nicht. + +»Herr von Roselius!« bat sie flehend. + +»Das kann ein Mann einer Frau nicht sagen, gnädigste Gräfin!« Mit +erstickter Stimme kam's heraus, so leise, daß nur sie es vernahm. + +Einen Augenblick stand sie wie gelähmt. Dann raffte sie sich gewaltsam +auf und trat dicht vor ihn hin: »So sagen Sie mir nur eines, ich +beschwöre Sie -- ist -- ist es -- das Schwerste?« + +Er blickte in das schöne geliebte Antlitz, und sein Herz zog sich +zusammen in tiefem Weh. Aber er machte sich hart. »Ja,« antwortete er +tonlos. + +Da raffte sie die letzte Kraft zusammen und schritt ihm voran. + +Ein paarmal war's ihm, als müsse er sie stützen, aber dann ging sie +erhobenen Hauptes weiter. + +Auf der Schwelle machte er noch einen letzten Versuch, sie +zurückzuhalten, doch sie schüttelte stumm den Kopf. Und er verstand +sie. Anderen glaubte sie es nicht, daß ihre Liebe mit Füßen getreten +wurde. + +Die Jungfer, eine Kambacherin, mochte ahnen, daß ihrer jungen Herrin +Schweres bevorstand. Bescheiden trat sie vor und fragte, ob sie ihr das +Kind abnehmen solle. + +Aber die Gräfin hatte auch für diese treue Seele nur ein Kopfschütteln +und drückte das Kleine, als gewähre es ihr einen Schutz in schwerster +Stunde, fester an sich. -- -- + +Dann klingelt sie. + +Der Bursche, der jedenfalls Befehl hat, ungebetene Gäste fernzuhalten, +prallt bei dem unerwarteten Anblick seiner Herrin zurück. + +Ein Blick aus den Augen des Oberleutnants gibt ihm die Haltung wieder +und zwingt ihn zum Schweigen. + +Kein Wort wird gesprochen. + +Lautlos gleitet das Frauenkleid über den schweren Läufer, und der +Schritt des Mannes verklingt ungehört. + +Dann steht Ilse Bühler vor der Tür ihres Mannes. + +Ein fremder steinerner Ausdruck liegt auf ihren Zügen. + +Drinnen klingt die Stimme des Hausherrn, dazwischen Frauenlachen und +Gläserklingen. + +Wieder will Roselius ihr den Weg vertreten. Aber sie sieht seinen +flehenden Blick nicht. Sie legt die Hand auf die Türklinke -- sie +öffnet -- -- + +Und dann zittert ein markerschütternder irrer Schrei durch das +nächtliche Haus -- -- starke Hände stützen die Ohnmächtige und halten +das gleitende Kind -- drinnen tönt ein Fluch, das Lachen verstummt, +auf dem Parkett zersplittert ein Kelch, -- ein Flüstern, ein eiliges +Rauschen weicher Seide -- es ist still im Haus. -- -- -- + + * * * * * + +Am anderen Mittag stand ein geschlossener Wagen vor dem Kambacher +Gutshause. Eine blasse Frau stieg langsam die Freitreppe hinan. Es war +Ilse Bühler. + +Die furchtbare Aufregung hatte ihr die Kraft gegeben, sich +aufrechtzuhalten und, sobald sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, das +Haus ihres Mannes für immer zu verlassen. Nicht einmal die Kleider +hatte sie gewechselt. Nur für das Kind sorgte sie, daß es hatte, was es +brauchte. + +Ihren Mann sah sie nicht mehr. Nach einer scharfen Auseinandersetzung +mit Roselius hatte er das Haus verlassen. Und sie war froh, ihm nicht +mehr zu begegnen. Es war ja doch vorbei; was sollte es, sich um +Tatsachen zu streiten, die wie Felssteine auf ihrem Lebenswege lagen? + +So machte sie sich hart. Ohne einen letzten Blick auf die Räume zu +werfen, die einst ihr Glück umschlossen, nahm sie ihr Kind und verließ, +gefolgt von der treuen Jungfer, das Haus. + +Am Gartengitter wartete der Wagen, den Roselius bestellt. Er hatte ihr +behilflich sein, sie zur Bahn geleiten wollen, aber sie bat ihn, davon +abzusehen. + +»Es ist besser so,« sagte sie, ihm herzlich dankend. »Ich komme schon +durch!« + +Da hatte er der tapferen Frau die Hand geküßt und war gegangen. -- -- + +Und nun stand sie ihrem Vater gegenüber. + +Der ganze Jammer ihrer Lage stürmte auf sie ein, ihr zertretener +Stolz bäumte sich auf gegen die Demütigung, die in dieser Heimkehr +lag. Wie oft hatte ihr Vater sie gewarnt; nun mußte sie vor ihn +treten, die Scherben ihres Glückes in den Händen. Es war ihr ums +Herz, als zerbräche etwas in ihr, als müsse sie den letzten Funken +Selbstbewußtsein begraben. + +Er hatte ihren Wagen nicht kommen gehört. Überrascht blickte er auf, +als es leise an seine Tür klopfte, und die Tochter eintrat. + +Ein Blick sagte ihm alles. Aber sie mußte ihm selbst sagen, warum sie +nach kaum vierundzwanzig Stunden ins Elternhaus zurückkehrte. Sein +Gerechtigkeitsgefühl forderte ihre Erklärung dem Manne gegenüber, den +er, ob auch widerstrebenden Herzens, als Sohn anerkannt. + +»Du kommst zurück, Ilse?« fragte er, sich erhebend und der jungen Frau +einen Stuhl neben den Schreibtisch rückend. + +Dann saßen sie sich gegenüber. + +Sorgenvoll ruhte sein Auge auf ihr. + +Sie senkte den Blick. »Ich durfte nicht bleiben, Vater!« + +»Warum nicht?« + +Seine kurze soldatische Art hatte, so sehr sie ihn liebte, von jeher +etwas Einschüchterndes für sie gehabt. Flammende Röte stieg ihr in die +Stirn. Wieder senkte sie den Blick. + +Er aber vermutete Unüberlegtheit, Übereilung, verletzte Eitelkeit oder +irgendeine andere weibliche Schwäche hinter ihrer Tat. + +»Ich weiß, daß du es nicht leicht mit deinem Mann hast,« sagte er, +»aber du bist genügend gewarnt worden, liebes Kind! So traurig +sich deine Ehe auch gestaltet hat, -- vorläufig wenigstens gilt es +darum: ›Wer A gesagt hat, muß auch B sagen,‹ -- es sei denn, daß +ganz bestimmte schwerwiegende Gründe dich veranlaßten, sein Haus zu +verlassen, nachdem du gestern aus freien Stücken zu ihm zurückgekehrt +bist. Ich muß dich daher bitten, dich deutlicher zu erklären!« + +Er lehnte sich im Stuhl zurück, die blauen Augen blickten sie +durchdringend an. »Was ist der Grund deines Fortgehens?« + +Ein Zittern durchrann die Gestalt der Gräfin. Sie öffnete die Lippen +und schloß sie wieder. Ein Ausdruck namenlosen Schmerzes lag auf den +schönen Zügen. + +Dann schlug sie beide Hände vors Gesicht und stöhnte in tiefster +seelischer Qual: »Ehebruch!« -- -- -- + +Still war's im Zimmer. Regungslos saß Ilse Bühler da, das Gesicht in +den Händen vergraben, stumm tränenlos verzweifelt. + +Die Brauen zusammengezogen, starrte Herr von Kambach vor sich nieder. + +Dann fiel sein Blick auf die gebrochene Gestalt seiner Tochter. + +Schwerfällig stand er auf und beugte sich über sie. Seine Hand strich +liebkosend über ihre Wange, wieder, immer wieder. + +Ohne sich zu regen, hielt sie ihm still. + +Ratlos stand er da. Fast schämte er sich, daß er kein Wort des Trostes +für das Kind hatte, -- was sollte er sagen? Und leise streichelte er +die weiche Wange. + +Er merkte nicht, daß es klopfte, daß eine gebeugte Gestalt am +Krückstock eintrat. Erst ein leises Hüsteln ließ ihn aufsehen. Vor ihm +stand seine Mutter. + +Sie sahen sich an. -- -- -- + +Und dann näherte sich Exzellenz von Kambach der Enkelin. + +»Ilse!« + +Wie aus wirrem Traum erwachend, sah die junge Frau empor. Und unter dem +Blick der Augen, die mit mütterlicher Treue ihre Jugend behütet, löste +sich der Bann. Die Tränen stiegen ihr heiß empor, ein Weinen aus allen +Quellen der Seele erschütterte ihren Körper. + +»Großmutter,« schluchzte sie, »Großmutter!« + + + + +Achtzehntes Kapitel. + +Veteranen. + + Wir möchten euch wieder lehren + Die alte preußische Zucht, + Die Treue, die allerorten + Das Heil ihres Volkes sucht! + + Was Vaterlandsliebe und Sitte, + Was unser geweihtes Gut, + Wir möchten's ins Herz euch schreiben + Mit märkischem Adelsblut! + + Ihr habt eures Gottes vergessen, -- + Nun fault eure beste Kraft! + Wo ist die blinkende Ehre + Altpreußischer Ritterschaft? + + +Es war einer von jenen Sommertagen, die dem Herbst zum Verwechseln +gleichen, wo Sonne und Nebel miteinander kämpfen, wo sie leuchtend +siegt, oder ein leiser Regen niederschauert, Stunde um Stunde, bis der +Abend das Land in seine Schleier hüllt. Heute blieb der Nebel König. +Von Busch und Baum tropfte es, in den Dachrinnen des alten Schlosses +plätscherte es, durch alle Ritzen kroch's naßkalt herein. + +Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht und fuhr über den Park. +Zerzauste Pflanzen standen trauernd auf den Rasenplätzen, geknickte +Blumen welkten am Wege. Es war ein grauer freudloser Tag. + +Melancholisch blickte der alte Graf Bühler ins Freie. + +»Nun auch noch dieses trostlose Wetter,« sagte er, den weißen Kopf +schüttelnd, »als ob der Hochzeitstag des armen Kindes nicht schon +trübe genug wäre! Exzellenz haben heute früh noch keine Nachricht aus +Kambach?« + +Er wandte sich der Greisin zu, die, am vergangenen Abend eingetroffen, +am Schreibtisch eines Bühlschen Gastzimmers saß. + +»Doch, eben schreibt Fräulein Eichel, die Besserung in Ilses Befinden +halte an. Das Fieber sei heruntergegangen, der Arzt den Umständen nach +zufrieden. Daß das Kind starb, ist ja nur ein Glück, Erlaucht! Wir +können Gott danken, daß er dies arme kleine Leben auslöschte, bevor ...« + +»Sagen Sie es nur ruhig,« rief er mit bebender Stimme, »bevor die +Sünde des Vaters seine Tage vergiftete! Es heißt nicht umsonst: ›bis +ins dritte und vierte Glied‹. Die Bibel lügt nicht!« Zornesröte lag +auf dem edlen Antlitz. »Exzellenz, ich habe manchen schweren Tag in +meinem Leben zu verzeichnen, ich hab' an Sarg und Grab gestanden, +hab' gefehlt und geirrt, denn ich bin ein sündiger Mensch, -- aber +ich bin ein Edelmann geblieben! -- Obgleich ich als Christ natürlich +ein ausgesprochener Gegner des Duells bin, hab' ich's darum doch +verstanden, daß Harro Kambach seinen Schwager forderte. Es spricht für +ihn, daß er sofort für die Ehre seiner Schwester eintrat. Es hat mir +gefallen, wenn ich auch das Duell als solches aufs schärfste verurteile +und mich über die ablehnende Haltung des Ehrenrates freue! Die Strafe, +die Wolf Dietrich zuteil wird, ist meiner Ansicht nach überdies die +einzig richtige, weil sie den Schuldigen wirklich trifft. Wer mit +schlichtem Abschied aus dem Heer entlassen ist, der ist erledigt.« Er +seufzte. »Ja, Exzellenz, die schwerste Stunde meines Lebens war die, +in welcher ich mir sagen mußte: ›Dein Enkel hat seiner Mannesehre +vergessen, einer deines Blutes ist -- ein Schuft!‹ Das war zuviel, und +das verwind' ich auch nicht wieder -- das -- das bringt mich ins Grab! +Zum erstenmal in meinem Leben hab' ich's beklagt, daß Bühl Majorat +ist, -- wär's anders, keinen Halm erbte der Mann, der des Königs Rock +ausziehen mußte, der -- der nicht mehr mein Enkel ist!« + +Die Greisin antwortete nicht. Was sie da vernahm, war Art von ihrer +Art, die Jahrhunderte alte Überlieferung des Begriffes Adel. Sie hätte +denselben, ohne schwarz weiß zu nennen, nicht anders fassen können, +sich selbst wäre sie untreu geworden, hätte sie den Makel auf dem alten +Schilde entschuldigend bedeckt. Denn hier gab es keine Entschuldigung. +Hier konnte nicht einmal das sittlich stark anrüchige Wort +›Interessenvertretung‹ zum Milderungsgrunde werden, hier handelte es +sich um die nackte ungeschminkte Sünde in ihrer furchtbarsten Gestalt. +Sie wußte, viele würden die Haltung des greisen Erblandmarschalls hart +nennen, -- mochten sie es tun! -- Die Knochenerweichung des modernen +Sittlichkeitsbegriffs war ja nicht von gestern. Ob zudem die Vielen, +welche für den Mann, der seine Ehe mit Füßen getreten, eine Lanze +brachen, die gefallene Frau in ähnlicher Weise verteidigen würden? +Frau von Kambach wußte, daß in dem Verhalten des alten Edelmannes der +Haß gegen die doppelte Moral stark mitsprach. Sie selbst empfand die +sittliche Verfehlung der Frau naturgemäß schwerer als die des Mannes, +ihrem echt weiblichen Sinne hätte eine andere Auffassung widersprochen. +Sie wußte, daß Graf Bühler, dessen ritterlicher Sinn Frauenehre wie +kein anderer hochhielt, ebenso dachte. Trotzdem waren sie sich darin +einig, daß Gesellschaft und Rechtspflege hier einer gründlichen +Verbesserung bedurften, daß Recht und Gerechtigkeit nicht miteinander +in Einklang standen. Es war ein Ausschnitt aus dem Zeitgemälde, +das sich in immer düstereren Einzelbildern vor den Augen der Welt +entrollte, ein Kapitel aus der Geschichte des deutschen Verfalls. So +gab sie ihm vollkommen recht, so strich sie nichts ab von dem klaren +scharfen Urteil. Nur um eines bangte sie: daß er vergessen möchte, daß +es gen Abend ging, daß der Tod ihn abrufen könne, bevor er das Wort der +Vergebung gesprochen. + +Mühsam erhob sie sich und trat an seine Seite. + +»Ich stehe auf ganz demselben Standpunkt, -- Erlaucht wissen das ja! +Für eine alte Frau wie mich, passen die modernen Begriffe nicht. Nur +eines möchte ich bitten: Lassen Sie uns nicht vergessen, daß unsere +Tage gezählt sind, und daß es für jeden von uns heißt: ›Vergebet, so +wird euch vergeben!‹« + +Die Adleraugen sahen sie blitzend an. Ritterlich zog er die welke +Frauenhand an die Lippen. »Seien Sie unbesorgt, teuerste Freundin, ich +werde es nie vergessen, daß ich ein Christ bin, aber es gibt auch eine +christliche Zucht!« + +»Gewiß, anders meinte ich's ja auch nicht. Nur müssen wir beide daran +denken, daß wir nicht mehr allzulange Zeit haben!« + +Er nickte nachdenklich. »Sie haben ganz recht.« Er sah vor sich nieder. +»Das erschwert uns das Handeln. Heute darf ich ihm nicht vergeben. Denn +noch ist seine Reue nicht echt.« + +»Nein, noch ist sie nicht echt. Aber ist's nicht andererseits die +schwerste Strafe, daß er von der Hochzeitsfeier der einzigen Schwester +ausgeschlossen ist?« + +»Er bleibt auch sonst ausgeschlossen.« + +Sie sah gequält zum Fenster hinaus. Alles, was er sagte, entsprach +ihrem Gerechtigkeitssinn. Und doch -- + +»Ich bitte Erlaucht ja auch nur, dem verlorenen Sohn die Tür nicht zu +verschließen, wenn er sich aufmacht und am Vaterhause klopft,« sagte +sie mit leise bebender Stimme. + +Die Tränen stiegen ihm in die Augen. + +Er gedachte einer anderen, die ihn ein Menschenalter hindurch auf +seinem Wege begleitet, die ihm die Sorgen verscheucht und den Zorn +besänftigt. Nun fehlte die sanfte glättende Hand, die beruhigende +Stimme auf Schritt und Tritt. + +Die Erinnerung stieg herauf und grüßte die ehrwürdigen Vertreter +vergangener Tage. + +Er zog die Uhr. »Es wird Zeit,« sagte er. »Um elf kommt der +Standesbeamte.« + +Noch einmal neigte er den Kopf über die Hand der alten Freundin. »Sie +können sich auf mich verlassen,« sagte er leise. + +Dann war sie allein. + +Den Kopf in die Hand gestützt, sah sie vor sich nieder. Sie hatte +sich diesen Tag so ganz anders gedacht. Leuchtend und sonnig, wie +das junge Menschenkind, das heut zum Traualtar treten wollte. Statt +dessen überall Unruhe, schweres Warten. Seit dem Tage von Sarajewo +wetterleuchtete es am politischen Himmel. Ein Bann lag über Europa. In +fiebernder Spannung blickten die Völker auf Österreichs greisen Kaiser. +Serbien war die Brutstätte für Laster und Königsmord. Ob seine Fürsten +und Herren an die Bahre Franz Ferdinands traten, ob der Mann aus dem +Volke der Leiche des Ermordeten nahte, -- die Todeswunde brach auf und +blutete und blutete -- -- Sollte der internationale Giftkessel brodeln +bis zum Überschäumen? sollte er ungehindert seine furchtbare Lauge über +Thron und Herrschaft ergießen? Die Völker Europas warteten -- -- -- +Aber ihre Propheten sprachen: ›Es ist die Wende der Weltgeschichte!‹ -- +Ein Ahnen ringsum. Blutzeichen wiesen auf eherne Zeiten. -- -- -- -- -- + +Ein Wolkenschatten zog über das Hochzeitshaus in der Mark. Das +Gespenst, das Deutschland bedrohte, blickte zum Fenster herein und +nickte einem zu, der sich drinnen eingenistet. Der Schmerz war's, der +stärker ist als der Tod; denn die Schuld, die der Letzte seines Stammes +begangen, bedeutete Verrat an ererbtem Blut und edler Sippe. Das war +der fressende Wurm am Mark des Edelgeborenen. Wie eine schwere Anklage +stand eine reine Frau vor dem alten Geschlecht. Niemals würde ein Wort +über ihre Lippen kommen, aber ihr Anblick blieb ein stummer Vorwurf und +der Sarg eines kleinen Kindes stand zwischen zwei Familien, die seit +Jahrhunderten treu zueinander gehalten. + +Schloß Bühl hatte sich zu einem großen glänzenden Fest gerüstet; nun +sollte die Hochzeit in aller Stille gefeiert werden. Denn allein +der Umstand, daß drüben in Kambach die Tochter des Hauses, während +man ihr Kind begrub, schwer krank daniederlag, verbot rauschende +Lustbarkeiten. Aber obgleich nur die engste Familie und ein paar von +Harros Regimentskameraden geladen waren, herrschte Zerrissenheit in +dem kleinen Kreise. Man fand sich schwer zueinander. Wolf Dietrich +Bühler hatte sich in der Familie großer Beliebtheit erfreut, da wollt's +manchem nicht recht in den Sinn, daß er plötzlich ein räudiges Schaf +geworden sein solle. Konnte nicht auch die Frau schuld an dem Unglück +sein? Und einer gab hier seine Weisheit zum besten, und der andere +dort. Es wurde vergrößert, wurde verkleinert. Und zuletzt wußten die +wenigsten, wie sie sich zu der Sache stellen sollten. Die Hauptpersonen +merkten zum Glück nicht viel davon. Nicht nur das Brautpaar. An den +greisen Hausherrn, an Exzellenz von Kambach und ihren Sohn, an die +Brautmutter wagte sich der Klatsch nicht heran. Aber eine frohe +Stimmung wollte nicht aufkommen; es wäre ja auch unnatürlich gewesen. + +Grau in grau lag der Tag, auf den sie sich so gefreut, vor der alten +Frau. Alles hatte sich verschoben. Nicht nur das große Ganze. Auch +kleine Zwischenfälle störten und beunruhigten sie. Direktor Wendler, +an den eine Einladung ergangen war, konnte sich erst kurz vor seiner +eigenen Hochzeit frei machen. Eichelchen war an Ilses Krankenlager +gefesselt, bis eine Diakonisse aus Berlin eintreffen würde. Ein +Dreilindener Kochlehrling, ein frisches niedliches Mädchen von siebzehn +Jahren, lag mit schwerer Diphtherie im Drachenburger Krankenhause. Und +endlich konnte die greise Frau sich nicht an die Hochzeitsreise des +jungen Paares mit dem Luftschiff gewöhnen. Wie vieles Neue dem Alter +fremd bleibt, war ihr diese Errungenschaft der Neuzeit fremd geblieben. +Schließlich hatte sie sich zwar so weit daran gewöhnt, daß sie die +strategische Notwendigkeit der Luftschiffahrt zugab. Aber niemand +durfte ihr damit kommen, daß es zum guten Ton gehöre, in einer Gondel +gesessen zu haben. Wer solche Ideen vertrat, kam schön bei ihr an. +Sibyllens brennendem Wunsch, ihre Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹ +zu machen, hatte sie, soviel sie konnte, entgegengearbeitet. Aber +gegen die flammende Begeisterung des Brautpaars, welche durch den +Oberstallmeister noch genährt wurde, kam sie nicht auf. Sibylle machte +ihr allen Ernstes den Vorschlag: »Großmutter, fahr doch ein Stück +mit, du wirst entzückt sein!«, und Harro erklärte, es sei nur bei +ganz seltenen, unvorhergesehenen Zwischenfällen, mit denen man doch +schließlich überall rechnen müsse, gefährlich. -- Sie merkte, sie drang +nicht durch. Aber ihre Sorge war unvermindert. Immer wieder dachte +sie an den Ausspruch eines ihr bekannten Fachmannes: ›Den höheren +Naturgewalten ist das Luftschiff natürlich nicht gewachsen. Wohl vermag +es starken Winden standzuhalten, der Gewalt des Orkans gegenüber ist +die Kraft der Propeller so gut wie machtlos.‹ -- Allerdings -- Flügel +ersetzten sie nicht, und die forderte der Verkehr mit der Luft. Das +Leben fehlte. Die unumschränkte Herrschaft über Bewegung und Kurs. Das +Natürliche, das sich der Natur anpaßte. Dann fragte sie sich zwar: +›Sind wir nicht in anderen Lebenslagen ebenso oft oder gar öfter in +Gefahr?‹ Doch die Angst ließ sie nicht los, und immer wieder zog ihr +das warnende Wort der Phorkyas aus dem ›Faust‹ durch den Sinn: + + ›Aber hüte dich zu fliegen, + Freier Flug ist dir versagt!‹ -- -- -- + +Es klopfte. + +Sibylle trat ein. Ernst und glücklich. + +Sie hatte eine schwere Zeit hinter sich. Die Ungewißheit bis zur +Entscheidung des Ehrenrates wenige Tage vor der Hochzeit hatte Mut und +Gottvertrauen auf eine starke Probe gestellt. Dann waren die Würfel +gefallen: der Mann, den sie liebte, war ihr neu geschenkt worden. -- + +Ganz still saß sie einen Augenblick bei der Großmutter. Gesprochen +wurde kaum. + +Zum letztenmal legte Frau von Kambach die Hände auf das dunkle +Mädchenhaupt, das in wenig Augenblicken Kranz und Schleier zieren +sollten. + +Dann schied die Braut. + +»Großmutter, nicht wahr, du betest für uns?« sagte sie mit bewegter +Stimme. + +»Ja, mein Liebling, das verspreche ich dir!« Sie schlang den Arm um den +Hals der Enkelin. »Gott behüte dir dein Glück!« Sie küßte sie mehrmals. +»Leb' wohl, meine Billy!« + +In tiefer Bewegung neigte sich das junge Mädchen zum letztenmal über +die Hand der Greisin. Dann eilte sie hinaus. + +»Nicht wahr, wenn der Sturm anhält, fahrt ihr nicht mit der +›Brandenburg‹ -- du versprichst es mir?« rief Frau von Kambach ihr nach. + +Sie blieb auf der Schwelle stehen. + +»Verlaß dich darauf, Großmama! Harro würde das niemals tun, schon dir +zuliebe! Außerdem fahren die Zeppelinschiffe bei solchem Sturm gar +nicht. Was hätten wir auch davon, da oben im Nebel zu sitzen und zu +frieren,« -- ein Lächeln flog über ihr lebhaftes Gesicht, -- »du weißt +doch, ich will die Sonne grüßen!! Düsseldorf ist ja auch weit fort von +hier und wir haben noch vierundzwanzig Stunden Zeit bis zum Aufstieg, +bis dahin kann schönstes Wetter sein!« + +Beruhigt nickte ihr die Greisin zu. »Harro kommt noch zu mir, nicht +wahr?« + +»Ja, gewiß. Ich wollte auf ihn warten, aber es wurde zu spät, weil +die Ziviltrauung jetzt ist, und er vorher noch mit Papa zu tun hatte. +Nachher muß ich mich gleich umziehen, darum benutze ich den freien +Augenblick. Verzeih, daß wir getrennt kommen! Harro wird also sofort +nach dem Standesamt bei dir erscheinen!« + +Noch einmal strahlten die dunklen Augen Frau Sabine an. »Leb wohl, +Großmutter!« + +Dann fiel die Tür ins Schloß und ein leichter Schritt ging über die +Dielen. -- -- -- + + * * * * * + +Stunden waren vergangen. Der Sturm hatte sich gelegt. In die Fenster +der Bühler Dorfkirche hatte die Sonne geleuchtet und die Braut an ihrem +Ehrentage gegrüßt. + +Nun war alles vorüber. Wie einst Ilse Bühler, wurde die junge Frau von +Kambach von bäuerlichen Fackelreitern zur Gutsgrenze geleitet. + +Schenkersch Vadder, der seinen Herrn begleitet und die Oberaufsicht +beim Decken der Hochzeitstafel geführt, hatte es sich nicht nehmen +lassen, den Neuvermählten den Wagenschlag zu öffnen, und die Bühler +Dienerschaft überließ dem Greise gern das Ehrenamt. + +Sibylle rechnete ihm den kleinen Dienst hoch an. Freundlich nickte sie +ihm zu, zog eine weiße Marschall-Niel-Rose aus dem Brautbukett und +reichte sie ihm. + +Franz Schenker strahlte. Mit tiefer Verbeugung sagte er: »Ich danke +untertänigst, gnä' Frau!« + +Sie lächelte. »Besuchen Sie uns auch einmal, Herr Schenker!« + +Dann sah sie sich um, ob ihre Blumen alle im Wagen seien, und zog die +Reisedecke in die Höhe: »So, Harro, nun kann's losgehen!« + +Ein letztes Grüßen, ein Flattern weißer Tücher, die Pferde zogen an +und die Tochter des alten märkischen Geschlechtes fuhr, von wehenden +Fackeln begleitet, ins Leben hinaus. + +»Hoch Brandenburgs Rose!« jauchzte es hinter der Scheidenden her, dann +war alles still, nur der Hufschlag der Rosse klang durch die Nacht, +und der Wind summte sein tausendjähriges Feierlied in den Zweigen der +träumenden Birken. -- -- + + * * * * * + +»Ob es wohl morgen schön wird?« sagte die junge Frau und betrachtete +zweifelnd vom Fenster des +D+-Zuges den Himmel. »Es wäre ein +Jammer, wenn wir nicht fliegen könnten!« + +Ihr Gatte trat zu ihr und legte den Arm um die schlanke Gestalt. +Glücklich sah er auf sie nieder. Dann prüfte sein Auge den Himmel. »Das +Wetterglas steht nicht schlecht,« sagte er. »Ich habe Großmama übrigens +versprochen, daß wir die Fahrt nur bei gutem Wetter mitmachen. Und dies +Versprechen muß ich halten. Es tut mir so leid, daß sie sich noch immer +so ängstigt, es wäre wirklich das beste, sie machte einmal selber eine +Zeppelinfahrt!« + +»Das tut sie nicht,« meinte Sibylle. »Sie sieht ja jetzt ein, daß +Deutschland nicht ohne die Luftschiffahrt auskommen kann, -- das ist +Papas Verdienst. Aber sie läßt sie auch nur strategisch gelten. Daß +wir unsere Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹ machen wollen, ist +eigentlich ein Verbrechen. Großmutter ist zu alt für solche Neuerungen, +Schatz! Sie sagte mir neulich, hier müsse es heißen, ›Naturkraft gegen +Naturkraft‹. Aber der schöpferische Grundgedanke fehle, der Propeller +habe weder das Anpassungsvermögen noch die natürliche Widerstandskraft +des fliegenden Vogels.« + +Er zuckte die Achseln. »Als die Eisenbahn erfunden wurde, war es +dieselbe Geschichte. Niemand von den älteren Herrschaften wollte in die +›Höllenmaschine‹ hinein. Und heute? Wenn man die Sache so ansehen will, +hält überhaupt kein menschliches Werk den Elementen stand. Dann ist die +Natur König!« + +»Gott,« sagte sie leise. + +Er schloß das Fenster und zog sie neben sich auf den Polstersitz. + +»Du mußt doch zugeben, daß hinter allem Leben eine Naturgesetzlichkeit +steht, die das Ganze beherrscht, Billy, und somit alles Weltgeschehen +von ihr abhängig ist.« + +Sibylle Kambach blickte ihren jungen Gatten voll an. »Ich denke gar +nicht daran, das zuzugeben.« + +Er sah ihr belustigt in die sprühenden Augen. »Unsere Hochzeitsreise +fängt ja schön an!« + +»Daran bist du ganz allein schuld! Ich kann das doch nicht +stillschweigend mit anhören, wenn du etwas so Widersinniges sagst!« + +»Oho!« + +»Ja. Du sagtest doch kürzlich, du neigtest neuerdings stark zum +Pantheismus. Danach ließest du den Schöpfer gelten. Ist denn dieser +Schöpfer abhängig von den Gesetzen der Natur, die er selbst geschaffen +hat? Liegt darin nicht schon ein Widerspruch? Gott wäre demnach ja eine +Maschine! Außerdem müßte ein in irgendeiner Weise abhängiger Schöpfer +doch wieder einen Schöpfer haben und dieser wieder einen! Wer wäre dann +der Urschöpfer? Nein, lieber Schatz, du kannst es mir glauben, das, was +wir Naturgesetzlichkeit nennen, ist etwas anderes, als du annimmst. Es +ist ein fortwirkender, aber kein schöpferischer Faktor. Die Kräfte, die +Gott in die Natur gelegt hat, entwickeln sich weiter. Wir kurzsichtigen +Menschen nennen das ›Naturgesetzlichkeit‹ und bilden uns, der Himmel +weiß was auf diese großartige Erkenntnistheorie ein. Und doch kommen +wir selbst am schlechtesten dabei weg, denn nach dieser Theorie haben +wir keinen allmächtigen Gott und Vater im Himmel, sondern sind der +Naturgesetzlichkeit verfallen.« Sie sah ernst vor sich nieder. + +Ihrem Mann war diese Wanderung durch die Gefilde der Philosophie wenig +angenehm, aber er mußte sich andererseits sagen, daß er nicht ganz +unschuldig daran sei. + +»Na, unsere Hochzeitsreise soll nicht durch die Frage gestört werden, +nicht wahr, Schatz?« versuchte er Sibylle von dem heiklen Thema +abzulenken. »Wir haben ja unser Glück!« + +»Mich beunruhigt die Frage durchaus nicht, Harro, denn ich habe die +Antwort,« erwiderte sie. »Aber aufs Glück kommt es nicht an, sondern +darauf, daß wir auf Felsengrund stehen.« + +Sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn heiß und innig. + +Er aber blickte in die dunklen Augen, die ihre ganze Seele +widerspiegelten, und sagte sich: ›Sie gibt dir ihr Bestes!‹ + +Schweigend saßen sie beisammen. + +Draußen huschten die Lichter vorüber, und die farbigen Signale +leuchteten. + +»Ich möchte gerne noch etwas von der ›Brandenburg‹ hören,« bat sie. +»Ist sie schön ausgestattet?« + +Sie rückte näher an seine Seite und breitete die Reisedecke über sich +und den Gatten. »So, nun ist's gemütlich, -- nun erzähl'! Schade, daß +wir die Probefahrt nicht mitgemacht haben, -- wir hätten acht Tage +früher heiraten sollen.« + +»Ja, Billy, das ist nun zu spät! Warum hast du nicht eher daran +gedacht?« + +Sie nahm den Hut ab und lehnte den Kopf an seine Schulter. »So -- +also Herr Oberleutnant sind zum Vortrag bei Durchläuchting befohlen! +Antreten!« + +Er lachte. »Warte, wenn wir erst in unseren vier Pfählen sind, kehre +ich den Herrn und Gebieter heraus. Heute geht dir noch einmal alles +durch -- aber dann! Durchläuchting wird sich noch wundern!« + +Ihre Augen blitzten ihn an. »Durchläuchting ist auf alles vorbereitet!« + +»So -- desto besser!« + +Und dann begann er ihr von dem wunderbaren Schiff zu erzählen, +vom neuesten Zeppelin. »Die ›Brandenburg‹ entspricht in ihrer +Länge etwa den Luftschiffen der Ostfriesland-Klasse: 160 zu 166,5 +Meter,« sagte er. »Du hast ja nur den einen Freiballonaufstieg beim +Luftschifferbataillon erlebt, nicht wahr?« + +»Ich habe die ›Schwaben‹ von der Bahn aus fliegen sehen,« entgegnete +sie. + +»Das ist etwas ganz anderes, Billy! Das haben Millionen Menschen +gesehen. Es ist ein wundervoller Anblick, wenn solch ein silberner +Delphin an einem schönen Sommermorgen in den Wolken erscheint, aber es +ist nicht mit der Nahwirkung zu vergleichen. Ich kann dir sagen, es +ist ein geradezu großartiges Bild, wenn solch ein Riese sich langsam +erhebt und als Segler der Lüfte die Wolken durchquert. Man glaubt, die +lebendige Verkörperung deutscher Heldenkraft und Kriegsgewalt vor sich +zu sehen!« Seine Augen leuchteten. Der preußische Offizier sprach. + +»Und die Kabine?« fragte sie in frauenhafter Neugier. + +»An der wirst du deine helle Freude haben! Sie erinnert an den ++D+-Zug, ist aber nicht so vollgepfropft und darum viel +behaglicher. Sie hat nur vierundzwanzig Plätze. Der rote Teppich und +die hübschen Peddigrohrsessel machen den hellen luftigen Raum, der +eigentlich ganz Fenster ist, höchst behaglich. Im übrigen ist es ganz +wie auf einem unserer großen Dampfer. Ausgezeichnete Verpflegung, Sekt, +Kaviar, tadelloser Steward, -- alles, was du willst. Aber man vergißt +Hunger und Durst da oben!« Gedankenverloren blickte er vor sich hin. + +»Ach ja, du hast ja im vorigen Jahr die Rheinreise mit der ›Viktoria +Louise‹ gemacht!« + +Er nickte. »Es war über alle Beschreibung schön. Du machst dir +keinen Begriff von solch einer Fahrt. Man muß so etwas eben erlebt +haben! Wir flogen damals über Baden-Baden, taten einen Blick in den +Schwarzwald, dann ging es über die Ebene, dem Rhein zu. Nie hab' ich +etwas so überwältigend Schönes gesehen, wie das breite grünseidene +Band des gewaltigen Stromes mit seinen malerischen Ufern und stolzen +Schiffen. Deutschlands Juwel, von oben geschaut, möcht' ich diese Fahrt +überschreiben. Eigentlich hätt' ich dir das alles gar nicht erzählen +sollen, Billy,« -- er sah sie lächelnd an. »Na, mit Worten läßt sich's +nicht beschreiben, wie schön die Reise war, und etwas Vorfreude hat +auch ihren Reiz!« + +Sie nickte. »Vorfreude ist manchmal das Schönste,« sagte sie mit +glänzenden Augen. + +»Diesmal nicht!« -- + +Hand in Hand saßen sie aneinander gelehnt. Er hatte dem Schaffner ein +Trinkgeld gegeben; so störte keiner ihr junges Glück. + +»Wenn ich nur der armen Ilse helfen könnte,« sagte Sibylle endlich, +»die Ereignisse der letzten Zeit liegen mir wie ein Stein auf dem +Herzen. Wenn Wolf Dietrich nicht mein Bruder wäre, so ...« + +»Ich verstehe das, Billy,« entgegnete ihr Mann, »aber du darfst die +Sache auch nicht zu schwer nehmen. Deine Familie ist doch schließlich +nicht dafür verantwortlich, daß Wolf Dietrich ein -- ein ...« + +»Sag's nur ruhig,« meinte sie traurig, »daß er ein Lump ist!« + +Er schwieg. + +Da begann sie von neuem: »Weißt du, das ist das schwerste, daß es +niemals wesentlich mit ihm anders werden wird. Die Scheidung und alles, +was drum und dran hängt, wird ihm höchst peinlich sein, aber mehr auch +nicht. Ändern wird Wolf Dietrich sich nicht. Viele werden sagen, er sei +durch seine Veranlagung entschuldigt,« -- sie zuckte die Achseln. + +Er antwortete nicht. + +»Ach, Harro,« fuhr sie fort, »ich würd' es sonst ja nicht aussprechen, +aber siehst du, Wolf Dietrich hat Mamas Natur. Er hat ihr heißes, +leidenschaftliches Blut geerbt. Außerdem ist er bodenlos leichtsinnig; +seine Erziehung war nicht streng genug -- nun haben wir die Folgen. Er +hat eben nie gelernt, sich selbst zu bezwingen.« + +»Kein Wunder,« sagte er. + +Sibylle sah ihn von der Seite an. »Du meinst, -- weil -- Mama es auch +nicht tut? Es ist schon möglich, jedenfalls haben wir von ihr keine +Selbstbeherrschung gelernt.« Eine leichte Bitterkeit lag im Ton ihrer +Stimme. Sie wollte nicht über die eigene Mutter urteilen, aber der +tiefe Fall des einzigen Bruders ließ sie die Ursachen erforschen. Sie +fand sie in der eigenen Kinderstube. + +»Die Firlemonts sind alle so,« sagte sie, nach einer Entschuldigung +suchend. »Onkel Axel sitzt ewig in Monte Carlo, Onkel Fred ist zum +zweitenmal geschieden und Tante Antoinette -- von der kann man +überhaupt nicht sprechen ... Mama ist ganz anders als ihre Geschwister, +es ist überhaupt ein Wunder, daß sie so ist, denn die Großeltern +sollen sich niemals um ihre Kinder gekümmert haben! Harro -- findest +du nicht, daß Wolf Dietrich etwas, -- ich meine selbstredend nicht, +daß ihn keinerlei Vorwurf trifft, -- aber daß er ein ganz klein wenig +entschuldigt ist? Denn schlecht ist er nicht!« + +Nein, schlecht war er nicht. Das fand Harro auch. Aber der dunkle +Flecken auf der Offiziersehre blieb. Das konnte auch die eigene +Schwester nicht leugnen. + +Sie fuhren in den Potsdamer Bahnhof ein. + +»Wenn Ilse nur wieder gesund wird,« dachte sie, während ihr Mann einem +Gepäckträger winkte. + +Da gewahrte sie, am Fenster stehend, einen Herrn auf dem Bahnsteig. Auf +den ersten Blick war der Offizier in Zivil erkennbar: Wolf Dietrich. +Sie prallte zurück. Es ging über ihre Kraft -- am heutigen Abend +eine zwanglose Begegnung mit ihm, während Ilse krank daniederlag -- +unmöglich! Sie sagte es ihrem Mann. + +Der zog die Brauen zusammen. + +»Nee, Kindchen, das geht allerdings nicht!« Er blickte hinaus. +»Wahrhaftig! Er hat uns aber nicht gesehen!« + +Sie öffnete ihre Reisetasche und zog einen dichten Autoschleier hervor, +den sie über den Hut band. »So,« sagte sie. »Du bist ja in Zivil!« Noch +einmal sah sie hinaus. »Er scheint hier jemand zu erwarten!« + +»Ja, Billy, es hilft nichts, wir müssen aussteigen!« Harro Kambach ging +seiner Frau voran. Draußen zog er ihren Arm in den seinen. Ohne rechts +und links zu blicken, schritten sie über den Bahnsteig. + +Fünf Minuten später saßen sie im Auto. + +In Sibylles Augen standen Tränen. Sie preßte die Lippen zusammen. Vor +ihrem Geiste stand das Bild des schönen lebensfrohen Mannes, der ihr +liebster Spielkamerad gewesen. Es krampfte sich alles in ihr zusammen, +wenn sie daran dachte, was aus ihm geworden war. Denn trotz allem, +das gewesen, die geschwisterliche Liebe vermochte sie nicht aus ihrem +Herzen zu reißen. Er war und blieb ihr einziger Bruder. + + + + +Neunzehntes Kapitel. + +»Wenn ich die Sonne grüße ...« + + Wenn eine Seele in brennender Sehnsucht, + Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen, + Leise, leise die Flügel entfaltend + Den Fuß von der dämmernden Erde löst, + Blicke ihr nach in die strahlende Weite, + Bis sie sich nahet dem Tore des Lichts, -- + Ob nicht ein Funke vom himmlischen Feuer + Niederfällt auf den finsteren Pfad -- -- -- + Warte nur, warte! gedulde dich fein! + Schon glühen die Zinnen in purpurner Schöne + Schon zieht sie droben durchs Perlentor + Mit tausend glückseligen Gästen ein ... + Warte nur, warte! ... Wenn eine Seele + Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen, + Leise, leise die Flügel entfaltend, + Den Fuß von der dämmernden Erde löst, + Hebe den Blick zum Tore des Lichts! + + +Der Sonnenschein, der eine Stunde lang Sibylle Kambachs Hochzeitstag +erhellte, war nicht von Dauer gewesen. Schon am Nachmittag zog ein +Regenschauer über die Heide, und der sternklare Abend war trügerisch. +Am anderen Morgen lag das Land grau in grau. Ein kalter Wind wehte. + +Hoffentlich geben die Kinder die Fahrt mit der ›Brandenburg‹ +auf,« sagte Frau von Kambach zu Graf Bühler, als sie sich von ihm +verabschiedete. + +Er zuckte die Achseln. + +»Das Wetter kann in Düsseldorf gut sein, Exzellenz!« Er geleitete sie +hinaus. »Also auf Wiedersehen am Dienstag! Ich freue mich, daß unser +Bundesdirektor die prächtige kleine Frau bekommt! Hoffentlich ist Ilse +bis dahin wohler! Ich sehe leider sehr, sehr schwarz in der Sache!« Er +seufzte tief. + +»Gott gebe, daß wir uns irren,« sagte sie halblaut. »Karl Heinrich +sagte mir gestern abend, ehe er nach Hause fuhr, ja auch, der Arzt habe +gemeint, Ilses Erkrankung läge ganz anderes zugrunde.« + +»Dasselbe hat er mir gesagt. Es wäre ja auch geradezu ein Wunder, +wenn die unglückliche Frau gesund bliebe!« Er neigte den weißen Kopf +über ihre Hand. »Befehlen wir's dem, ohne dessen Willen kein Haar von +unserem Haupte fällt, teuerste Freundin!« + +Sie standen auf den Steinstufen. Der Regen sprühte. + +Ein Diener trat mit geöffnetem Schirm zu der Greisin. + +»Ich bitte Sie,« wandte sie sich an Graf Bühler, der ihr den Arm +reichen wollte, »bleiben Sie drin!« + +Sie nickte ihm herzlich zu, stützte sich auf den Arm des Dieners +und ließ sich von ihm beim Einsteigen helfen. Noch einmal sah das +freundliche Gesicht aus dem Fenster, die beiden Alten winkten einander +zum letztenmal zu, und fort ging's in den kühlen Morgen hinaus. + +Zwei Stunden später saß Frau Sabine in ihrem Arbeitszimmer beim +prasselnden Kaminfeuer, von Eichelchens treuer Fürsorge umhegt. Eine +Großnichte, ein Fräulein von Kambach, welches der alten Dame, bis +sich ein passender Ersatz für Fräulein Eichel gefunden, Gesellschaft +leisten sollte, wurde nachmittags erwartet. Die Nachrichten über +die junge Gräfin Bühler, welche die Gesellschafterin mitbrachte, +lauteten günstiger, eine Diakonisse war in Kambach eingetroffen. Die +Braut konnte ihren Platz am Krankenlager ohne Sorgen verlassen. Auch +der Kochlehrling war außer Gefahr. Mit gutem Gewissen schied Jutta +Eichel von ihrer alten Exzellenz, aber die Trennung ward den beiden +Frauen bitter schwer. Die Alte gab ihr Bestes, die liebe sorgende +Hausgenossin, an die sie sich in jahrelangem Zusammenleben und +Zusammenarbeiten gewöhnt -- die Junge verließ eine Frau, die der Waise +Mutterliebe geschenkt. Das bedeutete einen scharfen Schnitt für zwei +Menschen, die zehn Jahre treu zueinander gehalten in Freud' und Leid. +Aber beide gehörten zu den großzügigen Naturen, die den Blick auf das +Ganze richten, die bei allem, was sie tun, auf das Werk schauen, dem +sie dienen. Und diese Großzügigkeit, dieser Blick ins Weite machte sie +stark und ließ ihre persönlichen Wünsche und Gefühle zurücktreten. +Das traf hier insonderheit auf die Greisin zu, die niemals mit einer +Silbe über den für sie gewiß nicht leichten Wechsel geklagt, aber +auch der Entschluß der Braut, die, selbst ohne Vermögen, dem Manne, +den sie liebte, in eine wenigstens zunächst nur in beschränktem Maße +sichergestellte Zukunft folgte, erforderte Mut. + +Frau von Kambach befand sich seit ihrer Rückkehr aus Bühl in einer +nervösen Unruhe. Kaum zehn Minuten saß sie auf einem Fleck, machte +sich am Schreibtisch zu schaffen, sah in den Regen hinaus, lauschte +auf den Wind und fragte immer wieder, ob der Wagen für Direktor +Wendler auch rechtzeitig zur Bahn gefahren sei. Fräulein Eichel, +welche diese Nervosität auf die Ereignisse der letzten Zeit und auf +die fortwährenden Witterungswechsel schob, sagte nichts. Sie wußte, +daß Wind und Wetter nicht ohne Einfluß auf Gichtiker sind, und daß der +Gedanke an die Luftschiffahrt des jungen Ehepaares nach wie vor die +alte Dame beunruhigte. Da sie beides nicht zu ändern vermochte, suchte +sie, ohne die Dinge zu berühren, ihre Herrin abzulenken, indem sie ihr +aus den Briefen ihres Verlobten erzählte und ihr die Kreuzzeitung +vorlas. Frau von Kambach wurde auch etwas ruhiger, aber ganz gelang +es ihrem treuen Hausgeist nicht, das seelische Gleichgewicht +wiederherzustellen. Zum Unglück war der Wind zum Sturm geworden; so +wurde ihre Aufmerksamkeit immer wieder draußen gefesselt. Fräulein +Eichel sah es mit Sorge. Ganz unbegründet erschien ihr die Angst der +alten Frau ja nicht. Aber andererseits fragte sie sich: ›Warum soll +gerade der »Brandenburg« etwas zustoßen?‹ In Düsseldorf wollte das +junge Paar die Gondel besteigen; dort konnte strahlendes Wetter sein, +wenn es in der Mark stürmte. Trotzdem legte sie die Sturmwarnung der +Kreuzzeitung unauffällig beiseite. + +Im selben Augenblick rollte ein Wagen über den Hof. + +Sie eilte zum Fenster. + +»Da ist er! Verzeihung, Exzellenz!« Sie lief hinaus. Gleich darauf kam +sie mit ihrem Verlobten zurück. + +Nach kurzer herzlicher Begrüßung mit der Hausfrau bat Wendler, auf sein +Zimmer gehen zu dürfen, um sich vom Reisestaub zu säubern. + +Exzellenz von Kambach nickte. »Und dann frühstücken Sie etwas, wir +essen heute erst um zwei!« + +Er verbeugte sich dankend und folgte seiner Braut. + +»Darf ich Sie vor dem Essen noch auf ein Stündchen zu mir bitten, Herr +Direktor?« rief die Greisin ihm nach. »Ich möchte gerne mit Ihnen +einiges besprechen. Es soll auch nicht lange dauern,« fügte sie mit +einem Blick auf Jutta lächelnd hinzu. + +Dann gingen die beiden. + + * * * * * + +Der Sturm brauste über die Heide und schlug den Regen gegen die +Fenster des Herrenhauses. Wirbelnd flogen die Blätter der Parkbäume, +und die alte Linde ächzte. Hinter dem Hoftor stand eine Wetterwand +in schwarzblauer Schönheit, langgezogene weiße Wolken flatterten, vom +Sturme getrieben, am Himmel. + +Die Gutsfrau stand am Fenster und blickte auf das trübe wildbewegte +Bild. Sie sah die Menschen gegen den Sturm ankämpfen, sah, wie er an +ihren Kleidern zerrte, wie er ihnen die Tücher und Mützen vom Kopfe +riß und weit über den Hof trug. Und sie dachte: ›Wenn's hier unten +im Binnenland so ausschaut, wie mag's auf hoher See sein, -- in den +Lüften!‹ -- + +Draußen schlug die Hausuhr eins. + +Da kam ein rascher fester Schritt über die Diele. Wendler trat ein. + +»Komm' ich zu früh, Exzellenz?« + +»Nein, nein!« Und sie bat ihn, Platz zu nehmen. + +Sein erstes Wort galt der Freude über ihre Geldsendung. + +»Was das für ein Tag war, -- ich kann's nicht sagen! Nur der wird mir's +ganz nachfühlen, auf dessen Schultern ähnliche Sorgen gelastet!« + +Sie nickte still. »Eine Glaubensstärkung war's mir, ein großes +wundervolles Erlebnis!« + +Er sah sie ernst an. »Auch mir war's eine Glaubensstärkung, obgleich +mir das persönliche Erlebnis fehlte. Aber ich sehne mich danach, dieses +schöne Stück unserer Bundesgeschichte zu erfahren -- ist das zuviel +verlangt, Exzellenz?« + +Sie blickte sinnend in den Sturm hinaus. ›Wenn ich die Sonne grüße!‹ +hatte Sibylle gesagt. + +»Vielleicht hab' ich kein Recht auf dies Geheimnis,« fuhr er fort, +»vielleicht ist's zu persönlich, zu -- heilig -- ich weiß es nicht! +Aber immer wieder steigt mir die Sehnsucht auf, mich an seinem hellen +Schein zu erfreuen! Exzellenz wissen es aus eigener Erfahrung, wir +brauchen Sonne auf unserem Wege! Darum bitte ich herzlich, ist's +möglich, ist mein Wunsch keine Verwegenheit, -- so zeigen Sie mir den +goldenen Strahl, den Sie aufgefangen!« + +Sie sah ihn voll an. »Können Sie warten? Vielleicht nur bis morgen?« + +Er nickte. + +»Sie sind der einzige, dem ich dies Geheimnis anzuvertrauen das Recht +habe,« fuhr sie fort, »aber es hat eine Klausel. Vielleicht ist sie +schon morgen hinfällig!« + +Wieder sah sie hinaus, als müsse der Himmel ihr die Antwort sagen. + +Dann redeten sie von der Bundesarbeit. Neben viel Anfeindung war +ein frischer fröhlicher Fortgang der großen Sache zu verzeichnen. +Mit Freuden empfand es die Greisin; der rechte Mann war gefunden, +einer, der nicht rechts noch links schaute und sich nicht um die +unvermeidlichen Nörgler und Spötter kümmerte. Wie die Verkörperung des +schönen Geibelschen Wortes kam er ihr vor: + + ›Wer da fährt nach großem Ziel, + Muß am Steuer ruhig sitzen, + Unbekümmert, ob am Kiel + Lob und Tadel hoch aufspritzen!‹ + +Sein Werdegang war ein Wunder. Denn von ungefähr war's nicht, daß Gott +der Herr dem Irrlehrer seine Damaskusstunde schenkte und ihn zum Zeugen +der Wahrheit berief! Wie Sonnenglanz lag's auf dem Lebenswege, der +durch soviel Dunkel geführt. -- -- + +Im Fluge verging die kurze Stunde. Erstaunt blickte Exzellenz von +Kambach auf, als Jutta zum Essen erschien. + +Nach dem Kaffee, der gleich nach Tisch eingenommen wurde, brachen die +Verlobten auf, um dem Kambacher Geistlichen, Wendlers Nachfolger, der +sie trauen sollte, einen Besuch zu machen. + +Frau von Kambach warnte zwar vor dem Wetter, aber Jutta erklärte, +morgen sei keine Zeit, und Sturm seien sie beide gewohnt. Dann setzte +sie alles zum Nachmittagstee für die alte Dame zurecht. + +Wendler sah auf die Uhr. »Vor halb sieben werden wir kaum zurück sein +können! Ist das nicht zu spät, Jutta?« + +Fräulein Eichel blickte fragend auf die Hausfrau. + +Doch die schüttelte den weißen Kopf. »Geht nur, Kinder!« + + * * * * * + +Es dämmerte. Aber es war nicht jenes friedliche Einspinnen von Raum +und Form in die rieselnden Schleier des Abends, es war ein hastendes +Dunkeln, als würfe der düstere Sturmfittich hier und dort seine +flüchtigen Schatten. + +Die Vorhänge wurden geschlossen. Gedämpfter klang das Brausen des +Sturmes, und der helle Schein der Lampe verbreitete Behaglichkeit und +Wärme. + +Frau Sabine saß feiernd am Kamin und blickte in die verglimmende Glut. +Ab und an fuhr ein Windstoß in den Schlot, dann lohten blaue Flämmchen +auf, duckten sich scheu vor des Sturmes Gewalt und erloschen wieder. + +Die Gedanken der greisen Frau wanderten. Ein Leben, so reich an Liebe +wie das ihre, stand nimmer still, es verzehrte sich im Dienst anderer. +Und ein Großmutterherz hatte doppelte Arbeit. + +Während ihre Seele weite Wege wanderte, ging ihr Blick über die +Bilder an den Wänden. Die Erinnerung stieg herauf. Sie verlieh den +alten Gemälden ihren Glanz und erzählte den Lebenden die Geschichte +der Toten. Durch die Seele der einsamen Frau zog's: ›Wie lange noch, +und dein Bild hängt in der Reihe der Ahnen!‹ Ihr Auge ruhte auf dem +duftigen Pastell Sophie Charlottes. Es war eine Kopie des Gemäldes +in der Kambacher Kirche. Darunter hing an blauseidenem Bande die +Stradivariusgeige. + +›Sonderbar,‹ dachte sie, ›daß der Kasten noch immer nicht fertig +ist! Wenn er morgen nicht eintrifft, muß ich die Geige anderweitig +unterbringen!‹ + +Und dann lauschte sie wieder auf den Sturm. In kurzen Stößen fuhr er um +das Dach, aber seine Kraft schien gebrochen. Schwächer und schwächer +ward das Pfeifen um First und Schlot. Und dann war alles still. + +Fast bedrückend wirkte das plötzliche Schweigen der Elemente. + +Draußen erhob sich langsam die Natur und lauschte aufatmend dem +verhallenden Schritt des Gewaltherrn, drinnen fragte eine müde Seele: +›Gilt's einen Waffenstillstand, oder hat der Kriegszug ein Ende?‹ + +Überall ein Fragen im Land, überall die wundersame Antwort: feierndes +Schweigen. Mit ihm nahte die Ruhe der Nacht im Geleit funkelnder +Sterne. Durch den Spalt des Vorhangs blickten sie in den traulichen +Raum. + +Über die greise Frau kam ein tiefer Friede. Des Tages Sorgen +zerstreuten sich, die Unrast verschwand. Es war einer von den +Augenblicken, da die Ewigkeit an ihre Tür pochte und, die Hand +ausstreckend, auf die leuchtende Brücke wies, die den dämmernden Strom +überspannte. Greifbar nahe lagen die Ufer der Heimat, und die Sehnsucht +breitete die Flügel. In solchen Augenblicken ward ihr der Abend licht, +und über der letzten Wegstrecke lag ein stiller Glanz. Leise verrann +die geweihte Stunde; sie aber dachte: ›Könnt' ich sie halten!‹ + +Draußen schlug eine Uhr. Aus dem bronzenen Gehäuse auf dem +Schreibtisch der Hausfrau antwortete eine helle Stimme. + +Ein Mäuschen knabberte irgendwo am Schragen, -- dann war's wieder still. + +›Wenn Sibylle mir jetzt ein Lied singen könnte!‹ zog es durch die Seele +der Einsamen -- -- + +Eine heiße Sehnsucht erwachte in ihr nach all der blühenden Jugend, die +mit der Enkelin von ihr gegangen, nach all der Liebe. -- -- Ob es ihr +gelingen würde, sich an das Neue, das in ihr Leben trat, zu gewöhnen, +es ans Herz zu drücken mit der alten Kraft? Und eine weitere Frage war, +ob es sich an sie gewöhnen würde? Es war ein eigen Ding um die Jugend +von heute ... So spann sie Zukunftsbilder. + +Und dann wurden plötzlich ihre Augen starr. Mit angehaltenem Atem +saß sie und blickte auf die Stradivariusgeige. Ein Klingen und Tönen +entschwebte den Saiten, als harften unsichtbare Hände in weiter Ferne, +jenseits der Zeit. -- + +Wie ein Gruß wehte es durch den stillen Raum, wie eine zarte Bitte +um ein letztes Gedenken. -- -- Leise, leise verhallte die wunderbare +Stimme; dann war alles still -- -- + +Aber am Kamin saß eine mit gefalteten Händen, die Augen unverwandt auf +die Geige gerichtet, und lauschte -- und lauschte -- -- + + * * * * * + +Stunden waren vergangen. + +Die Gutsherrin saß mit den Verlobten und der inzwischen eingetroffenen +Renate Kambach, einem echten Landedelfräulein von achtzehn Sommern, +am Kamin und hörte dem frohen Gespräch der jungen Leute zu. Aber sie +war nicht recht bei der Sache. Immer wieder streifte ihr Blick zu der +Stradivariusgeige hinüber, und durch ihre Seele zog heimliches Fragen. +Kein Hauch hatte die Saiten berührt, das seidene Band, das Sibylle um +den Knauf geschlungen, streifte sie nicht -- was war geschehen? Und an +die Seele der alten Frau klopften die Gedanken -- -- + +Jutta fragte ihre Herrin, ob sie müde sei, und ob sie zur Abendandacht +klingeln solle. + +Aber sie wehrte ab. + +»Nein, Eichelchen, lassen Sie nur!« + +Und sie blieben beisammen. + +Bis spät in die Nacht hinein wurde musiziert. Wendler sang, von seiner +Braut begleitet, mit schöner Stimme einige Löwesche Balladen, Renate +überraschte die Großtante mit einem gutgeschulten Alt. + +Schließlich erklärte Eichelchen, es sei halb zwölf, und Exzellenz von +Kambach müsse zu Bett. Sie werde zur Andacht klingeln. + +»Nehmen Sie sich in acht, lieber Wendler, daß Sie nicht allzusehr unter +den Pantoffel geraten,« wandte sich die alte Dame lachend an ihren +Gast, »Sie sehen, wie mit mir umgesprungen wird!« + +Er ging auf den Scherz ein. »Ja, zu meinem großen Erstaunen, Exzellenz, +wenn ich das geahnt hätte!« + +»Da fährt ein Wagen über den Hof,« rief Renate dazwischen. + +Alle horchten auf. + +»So spät!« sagte die Hausfrau, und Jutta ging hinaus. + +Als sie nicht zurückkehrte, folgte ihr Wendler. + +Die Diele war leer, kein Dienstbote zu finden. Schließlich sagte ihm +ein Küchenmädchen, Fräulein Eichel sei im Inspektorhause. + +Er ging hinüber. + +Schon auf dem Flur hörte er eine bekannte Stimme in großer Erregung +sprechen. + +Er trat ein. + +Mitten in der Stube stand Schenker, um ihn herum die Inspektorsleute, +Jutta Eichel und die Dienerschaft. + +»Und ick kann's Exzellenz nich sagen!« rief der Alte, während ihm +die hellen Tränen über die Backen liefen, »ick krieg's nich fertig! +Was zuviel is, det is zuviel! Der gnädige Herr wäre ja auch selbst +gekommen, aber er mußte doch gleich nach Baden-Baden, da is det Unglück +geschehen. Darum schickte er mich. Er hat sich ja auch gesagt, das das +'ne furchtbare Zumutung is, und darum meinte er, ick solle den Herrn +Direktor bitten, mir'n bißchen zu helfen. Denn wie soll ick armer alter +Mann unsere Exzellenz det beibringen. Was unser Herr Pastor is, der +war gerade zu 'ner sterbenden Frau nach Kanzin gerufen, sonst wär' +der gewiß gefahren, -- der Inspektor is krank, na, wer bleibt denn da +übrig, als Schenkersch olle Vadder? Is ja auch ganz selbstverständlich, +wenn man so lange in herrschaftliche Dienste is, -- wenn's man nich +über meine Kräfte ginge! Tot -- tot, nich auszudenken is es,« -- und +wieder stürzten ihm die Tränen über das Gesicht. Schwerfällig ließ er +sich auf einen Stuhl nieder. »Oh, du lieber Herr und Gott, mußte das +denn sein?« + +Erschüttert standen die anderen um ihn herum. Leises Schluchzen klang +durch die Nachtstille. + +Man hatte Wendlers Kommen nicht bemerkt. Jetzt trat er vor und näherte +sich dem Alten, der schweigend vor sich niedersah. + +Der Angerufene fuhr empor. Einen Augenblick starrte er den Direktor wie +geistesabwesend an. Dann erhob er sich und faßte seine beiden Hände. + +»Gott sei Dank, da sind Sie ja, Herr Pastor, -- ick wollt' sagen, Herr +Direktor, nich wahr, ick tu' keine Fehlbitte?« + +»Ich helfe Ihnen gerne, lieber Herr Schenker, aber ich weiß noch gar +nicht, was passiert ist.« + +»Sie wissen's noch nich?« Der Alte sank in sich zusammen. + +Da trat der Inspektor zu Wendler. »Unsere Herrschaft ist schwer +heimgesucht worden,« sagte er mit bebender Stimme, »der Herr +Oberleutnant und die junge gnädige Frau sind mit der ›Brandenburg‹ +abgestürzt, und die gnädige Frau ist --« Dem treuen Manne versagte die +Stimme. + +»Tot?« fragte Wendler erschüttert. + +»Tot,« klang es leise zurück. + +Und dann war alles still. -- -- + +»Wie ist es gekommen?« fragte Wendler endlich. + +Schenker ermannte sich. »Sie müssen ja wohl in Düsseldorf gut +Wetter gehabt haben; denn sonst hätten sie die Fahrt nich gemacht. +Der Herr Oberleutnant sagte zu mir: ›Schenker, wir fahren nur bei +schönem Wetter!‹ Na, und dann is jedenfalls der Sturm gekommen, und +die Propellers sind kaput gegangen! So denk' ick's mir! Näheres +wissen wir ja noch nicht! Der gnädige Herr bekam so vor zwei Stunden +das Telegramm: ›Brandenburg verunglückt. Oberleutnant von Kambach +Sanatorium Wild, Frau von Kambach tot.‹« + +Die Tür wurde leise geöffnet, Renate sah herein. Durch das lange +Fortbleiben der Verlobten beunruhigt, hatte Frau Sabine die Nichte +geschickt. Als sie die verstörten Gesichter sah, blieb sie erschrocken +stehen. + +Da ging Jutta auf sie zu und teilte ihr die erschütternde Tatsache +leise mit. + +Renate war wie betäubt und konnte sich kaum fassen. Aber es war keine +Zeit, den eigenen Gefühlen nachzugehen. + +»Seien Sie stark, Baronin,« bat Jutta, »wir müssen hinüber!« -- -- + +Wendler stand neben Schenker, der, völlig erschöpft, um ein Glas Wein +gebeten hatte. + +»Bleiben Sie vorläufig ruhig hier, Herr Schenker, ich will erst allein +zu Exzellenz gehen,« sagte er, dem alten Manne die Hand auf die +Schulter legend. »Wenn's nicht zu spät wird, ruf' ich Sie noch. Sie +fahren heute abend doch nicht mehr nach Hause, nicht wahr?« + +»Ick fahre erst morgen früh. Meine Frau sagte gleich, das würde zu +spät!« + +So ging Wendler seinen schweren Weg allein. + + * * * * * + +»Sagen Sie mir alles, es ist ein Unglück mit der ›Brandenburg‹ +geschehen,« empfing ihn die greise Edelfrau, aufrecht am Krückstock +stehend. + +Ein tiefes Mitleid überkam ihn mit der tapferen Lebensheldin, der ein +kostbares Kleinod nach dem anderen abgefordert wurde. + +Er wollte sie zu ihrem Stuhl geleiten. + +Aber sie wehrte ihm. + +»Nachher! Erst sagen Sie mir alles! Ich weiß, es ist das Schlimmste, +Allerschlimmste!« + +Er zögerte. Eine Mitteilung der furchtbaren Tatsache ohne jede +schonende Vorbereitung erschien ihm geradezu brutal. + +Da sah sie ihn durchdringend an. + +»Tot?« fragte sie mit leise bebender Stimme. + +»Ihr Enkel lebt, Exzellenz!« + +Sie wandte den Blick nicht von ihm. »Er lebt -- aber er ist ein +Krüppel! Sie wissen es nicht?« + +Wendler schüttelte den Kopf. + +»Und -- und -- Sibylle?« + +Er antwortete nicht. + +Nun verfärbte sie sich doch. Sein Blick hatte ihr alles gesagt. + +Langsam neigte sie das ehrwürdige Haupt auf die Brust. + +»Ich wußt' es,« sagte sie leise. »Um die Dämmerung klangen die Saiten +der Geige!« + +Langsam rannen die ersten heißen Tränen über das welke Gesicht. -- + +Und dann ließ sie's ohne Einwände geschehen, daß er sie zu ihrem Platz +am Kamin führte. -- + +Ganz still war's im Zimmer, als warteten die Lebenden auf einen letzten +Gruß der Toten. + +Doch der Augenblick, da die Ewigkeit die Saiten bewegt, kehrte nicht +wieder. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die Raum und Zeit nicht +beengen, von denen es gilt: ›Der Wind bläset, wo er will!‹ -- + +Er wollte sie verlassen, ihr Jutta schicken, aber sie bat: »Bleiben +Sie noch ein Weilchen bei mir!« Sie drückte das Taschentuch gegen die +Augen und kämpfte mutig gegen die Tränen. Und was vielleicht keiner +anderen Frau gelungen wäre, erzwang sie sich durch unerschütterliche +Glaubenszuversicht und eine fast übermenschliche Selbstbeherrschung. + +›Dem Alter, welches, an der Pforte der Ewigkeit stehend, die +Geschehnisse des Lebens in einem anderen Lichte schaut als die Jugend, +wird der Kampf mit Not und Tod leichter!‹ zog es ihm durch den Sinn. + +Trotzdem -- es war etwas Großes, daß ihre Kraft ausreichte, daß sie +nicht zusammenbrach, und er sagte sich ehrlichen Herzens: ›An dieser +Kraft bist du erstarkt.‹ + +Aber das Größte war ihm noch vorbehalten, das Stück Ewigkeit, das dies +Frauenherz umschloß, hatte ihm noch nicht in seiner ganzen wunderbaren +Schönheit geleuchtet. + +»Ich durfte es Ihnen nicht eher mitteilen,« begann sie leise, Sibylle +hatte ausdrücklich gesagt: ›Wenn ich die Sonne grüße, nicht eher! +Dann sag's ihm! Aber er soll nicht darüber reden!‹ Sie hatte sich +so sehr auf die Fahrt gefreut!« setzte sie hinzu. »Nun hab' ich den +ganzen Tag gewartet, ob es hell werden würde, doch es stürmte fort. +›Natürlich haben sie die Fahrt mit der ›Brandenburg‹ aufgegeben,‹ so +sagte ich mir. Ich will damit aber niemand einen Vorwurf machen. Das +Wetter ist nicht überall das gleiche, und der Sturm setzte hier auch +erst gegen Mittag ein. -- Dann kam der Abend, das wunderbare Tönen der +Saiten gemahnte mich an Vergangenes, an das Klingen der Geige in der +Stunde, da Sibyllens Ahnfrau, Sophie Charlotte, die Augen schloß, und +an vieles andere. Sie wissen, wie ich über Aberglauben denke! Diese +wunderbaren Tatsachen entspringen einem anderen Boden. Christenglaube +bedingt sie nicht. Aber er erstarkt an dem Beweis der Gnade, die einem +Leben, das ein einziger Gottesdienst gewesen, im Tode ihr leuchtendes +Ewigkeitssiegel aufdrückt. Darum traf mich diese Botschaft nicht wie +ein Blitz aus heiterem Himmel, darum steht auch über diesem schweren +Kreuz Ewigkeitsfriede!« + +Sie hielt einen Augenblick inne. Das Sprechen wurde ihr schwer. + +In tiefer Bewegung blickte er sie an. Wahrlich, diese Frau stand auf +des Glaubens hoher Warte, darum schaute und erlebte sie mehr als andere. + +»Und so ist ihr Wort in höherem ewigen Sinne erfüllt worden, -- jetzt +schaut sie die Sonne!« Ein Beben ging durch die alte Stimme, aber +mutig fuhr die Greisin fort: »Ich brauche es Ihnen wohl kaum mehr zu +sagen, daß Sibylle die dreißigtausend Mark gespendet hat, -- aber die +Geschichte jenes Schmuckes, welcher ihre Gabe ermöglichte, darf ich +Ihnen nicht länger vorenthalten. Hätte ich das Vermögen, ich würde +versucht sein, die Juwelen, die eine so wunderbare Weihe empfangen, +zurückzukaufen. Es sind wahrhaftig ›köstliche Perlen‹. + +Aber das ist ganz ausgeschlossen. Verfügte ich über solche Mittel, sie +hätten längst der Bundesarbeit gedient.« + +Wieder hielt sie einen Augenblick inne. Er hatte das Gefühl, daß +nur der Wille sie noch aufrechthielt, aber er wagte nicht, sie zu +unterbrechen. + +Und dann erzählte sie ihm die Geschichte des Erbschmuckes in all den +feinen Einzelheiten, die sich so wunderbar zum Ganzen gefügt. + +Als sie geendet, saß er, den Kopf in die Hand gestützt, und blickte +gedankenverloren in die Glut. In seinen Augen standen Tränen, und er +schämte sich derselben nicht. + +Lange schwiegen beide. + +Dann sagte er: »Ist's nicht, als sei ein edles Samenkorn in die Erde +gesenkt, das sterbend Frucht bringt? So wenig ich die Heimgegangene +gekannt, ein Wort von ihr, das mir, ohne daß sie es ahnte, zu Ohren +kam, wird mir unvergeßlich sein: ›Gold und Silber sind tote Werte, +solange die Liebe sie nicht geheiligt hat!‹ Dieses Wort möchte ich über +ihr Leben setzen! -- Gott gebe, daß er, zu dem es gesprochen ward, dem +dies reiche reine Frauenherz, ob auch nur kurze Zeit, angehörte, seine +köstliche Frucht erkennt und bewahrt!« + +Er erhob sich und trat an ihren Stuhl. + +»Ich danke Ew. Exzellenz von ganzem Herzen,« sagte er mit erstickter +Stimme. »So oft ich dies Haus betrete, immer verlasse ich es reicher, +als ich gekommen.« + +Sie antwortete nicht. Sie hielt seine Hände umfaßt und sah ihm still in +die Augen. + +›Wenn ich die Sonne grüße!‹ stand in dem klaren Antlitz geschrieben. +›Es währt nicht mehr lange!‹ + +Dann ging er. + +»Ich möchte den alten Schenker noch sehen!« rief sie ihm nach. + +Er wandte sich um. »Jetzt noch, Exzellenz, -- es ist sehr spät!« + +»Lassen Sie ihn nur kommen, die alte treue Seele würde es empfinden!« + +›An alle denkt sie,‹ zog es ihm durch den Sinn, als er ins +Inspektorhaus hinüberging, ›nur nicht an sich!‹ -- -- -- + +Fünf Minuten später trat Schenker in Frau von Kambachs Arbeitszimmer. +Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, aber dies Wiedersehen ging über +seine Kraft. Als seine alte Exzellenz in ihrer tiefen Trauer auf ihn +zukam, schluchzte er laut. Jedem gewaltsamen Schmerzensausbruch wäre er +gewachsen gewesen, -- die stille Ergebung auf dem geliebten Antlitz war +mehr, als er in diesem Augenblick ertragen konnte. + +Sanft legte sie die Hand auf seinen Arm. + +»Schenker,« sagte sie leise, »lassen Sie uns das Wort nicht vergessen: +›Ich habe Gedanken des Friedens über euch, und nicht des Leides!‹ Daran +müssen wir kurzsichtigen Menschen uns halten und -- glauben. Dann +kommen wir aber auch durch!« + +Sie setzte sich und wies auf einen Stuhl. »Das ist mein einziger Trost, +wenn ich an meinen Enkel denke; denn ohne Grund führt uns der Herr +nicht solch dunkle Wege. Vielleicht mußte diese Not über ihn kommen, +damit er seinen Gott findet!« + +Schenker trocknete seine Tränen mit dem bunten Taschentuch und nickte +vor sich hin. »Exzellenz verstehen's, einen zu trösten! Aber es ist +über mich alten Mann gekommen wie so'n Hagelwetter, ick bin wie vor'n +Kopf geschlagen! Vor wenig Tagen frisch und gesund im Brautkleid am +Altar -- und nu so! Ick seh' die junge gnädige Frau ja noch vor mir, +wie sie zur Abfahrt die Treppe herunterkam. Sie hatte ja Augen für +alles. Als sie mich am Wagenschlag sah, zog sie eine Rose aus 'n +Brautbukett und schenkte sie mir. Und dann sagte sie: ›Herr Schenker, +besuchen sie uns auch mal!‹ So hat sie gesagt, Exzellenz! Er fuhr mit +der Hand über die Augen. »Ick hab' mir die Rose gleich gepreßt und +in meine Bibel gelegt. Es is ne Niel aus 'n Kambacher Treibhaus, ick +hatte sie mitgebracht, in Bühl haben sie nur die gelben. Nu hab' ick +wenigstens 'n schönes Andenken!« + +Mit wehmütiger Freude ruhte Frau Sabines Auge auf der greisen Gestalt, +der letzten aus der Zeit ihres seligen Mannes. Sie wußte nur zu gut, +welch treue Anhänglichkeit an alles, was Kambach hieß, einmal mit dem +alten Kammerdiener dahingehen würde. + +»Es ist spät geworden,« sagte sie, sich am Krückstock aufrichtend. +»Seinen Abendsegen mag heut ein jeder für sich lesen, mich verlangt's, +allein zu sein!« + +Er hatte sich erhoben. Ehrerbietig wünschte er ihr eine gute Nacht. + +»Gott helfe uns durch alles Dunkel,« sagte sie mit zitternder Stimme. + +Er nickte stumm. + +Dann war sie allein. + +Müde schritt sie über den Teppich. + +Vor der Stradivariusgeige blieb sie stehen, liebkosend strich sie über +die Saiten. + +Und dann klang ein heißes bitterliches Schluchzen durch das Schweigen +der Mitternacht: »Billy, meine Billy -- -- --« + + + + +Zwanzigstes Kapitel. + +O Deutschland, meine Freude! + + Vor dir, Allmächtiger sinke ich in die Kniee! -- + Groß und gewaltig steigen die Tage empor, + Feuersäulen im Wechsel dämmernder Zeiten -- + Du hast sie entzündet! + Lichte Heldengestalten in schimmernder Wehr, + Männer, den Sieg im Auge, die Seele geharnischt, + Du hast sie geadelt! + Aus allen Gauen strömt, dem Königsruf folgend, + Ein großes wunderbares gewaltiges Volk -- -- -- + Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee + Mit einem Hauch deines Mundes erneutest du Deutschland! + Niemals ertönte helleres Schwerterklingen! + Nie griff ein Volk so reinen Gewissens zum Schwert! -- + Ob es siegen wird, ob es im Kampfe verblutet -- + Nie war des deutschen Volkes Seele herrlicher! -- + Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee! + + +Es sind die Augusttage 1914. Es ist die Wende der Weltgeschichte, +die Stunde, da Deutschland sich panzert. Der Augenblick, da der +Allmächtige mit eisernem Hammer an die Pforten eines neuen Reiches +schlägt, das in überweltlicher Schöne aus Schutt und Trümmern erblühen +soll. Riesenopfer fordert die gewaltige Wiedergeburt, ein Volksopfer +ohnegleichen! Auf den Höhen lodern Wachtfeuer und die Hüter deutscher +Ehre spähen ins Land hinaus. Ein Grauen liegt in der Luft, das Grauen +vor dem nie dagewesenen Völkerleid, vor dem großen Sterben und Bluten, +-- aber vor dem heiligen, in tiefster Not geläuterten Gottesglauben, +vor Heldengröße und Opferfreudigkeit weicht es zurück. In hehrer +Schöne steigen die drei aus dem Dunkel dämmernder Zeiten empor, +Nibelungengestalten, vom Glanz verklungener Tage umschimmert. ›Gott, +König, Vaterland!‹ ist Deutschlands gewaltige Losung. Männeraugen +leuchten bei ihrem Klange, heller tönen Waffenruf und Schwertklingen, +tiefer erglüht die purpurne Seide der Fahnen. Tapfere Frauen zerdrücken +die Träne im Auge, um den stummen Mund ein stolzes Lächeln. Die +schwielige Faust des Arbeiters fühlt den Druck der schlanken gepflegten +Hand des Edelmannes und umschließt sie heiß -- -- Jünglinge gürten sich +jauchzend mit dem Schwert, liebliche Bräute folgen dem Scheidenden +zum Altar. Und über dem deutschen Lebensbilde der große heilige Ernst +der Stunde. In alle Gaue geht des Königs Ruf. Das Eisen ist lebendig +geworden, das heilige Eisen, das Jahrtausende ruhen und rasten kann, +wenn die Welt Deutschlands Ehre wahrt. In dieser Stunde beginnt +es, zu sieden. Seine Läuterungskraft durchdringt das ganze Volk: +es gibt keinen Berliner Pöbel mehr, keinen Tagedieb, keinen roten +Internationalen, -- es gibt nur Menschen, -- Deutsche! Wie gebannt +stehen sie. Schloßplatz und Linden sind nicht wie sonst ein wogendes +Menschenmeer, sie sind ein starrender Fels -- -- + +Und die Weltgeschichte geht vorüber -- -- -- + +Während der Kaiser sein Volk in den Dom zum Gebet sendet, während das +Lied von der festen Burg die Kuppel sprengen will, fährt draußen der +reinigende Blitzstrahl nieder: die Kriegserklärung zerreißt die bange +Stunde des Wartens auf die russische Antwort. + +Ein Brausen steht in der Luft -- -- + +Einer, der jene denkwürdige Nacht erlebt, sagt: »Wenn dies Volk ohne +Waffen und Wehr, nur mit dem Feldgeschrei: ›für Gott und unsere +gerechte Sache!‹ unter dem Donner der heimischen Erde daher geschritten +käme, -- kein Feind hielte ihm stand, das Entsetzen lähmte ihm die +Sinne!« -- -- Auf und nieder wogender Meeresflut gleich braust die +flammende Antwort einer in ihren tiefsten Tiefen erschütterten +Volksseele. Betend neigt sich Deutschland vor seinem Gott, -- singend +huldigt es seinem Kaiser -- -- + +Es sind die Augusttage des Jahres 1914. Es ist die Wende der +Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert. + + * * * * * + +Um den stillen Platz unter der Linde, wo der Kambacher Pfarrer die +Braut geküßt, webte Mittagszauber, und ein Klingen und Singen ging +durch die Zweige, als rüstete sich die alte Mark zur Maienfeier. Aber +schon ging der Sommer zur Neige, über der Heide lag ein goldklarer +Glanz und die ersten weißen Fäden wehten. Wie späte Liebesgrüße +dufteten dunkle Rosen in den sonnigen Mauernischen des Witwenhauses, +über dem leuchtenden Waldbilde lag, schöner als Lenzeswerben, jene +tiefe stille Herbstesglückseligkeit, deren klare Schönheit das große, +seltene Erlebnis der Menschenseele widerspiegelt. Um die Kiefern webte +ein Rosenwunder -- ein Traum von bekränzten Tagen und flatternden +Purpurstandarten zog durch die stille Mark -- -- -- + +Die Glocken des Kriegsbettages waren verklungen. In der Kambacher +Dorfkirche hatte ein deutscher Mann seine Gemeinde zur Buße gerufen, +zur Beugung unter ein schweres, aber gerechtes Gottesgericht. Im +Augenblick der gewaltigsten Volkserhebung der Weltgeschichte grüßte +sein flammendes Wort Brandenburgs Söhne: + +»Wir wissen es wohl, warum uns Gott diesen Krieg gesandt hat! Weil +wir in Gefahr sind, unsere heiligsten Güter zu verlieren, weil unser +politisches und soziales, unser sittliches und religiöses Leben +angefressen ist! Noch ist der deutsche Volkskörper nicht verfault, aber +wir dürfen uns keiner Täuschung darüber hingeben, daß die Zersetzung +begonnen hat, ja daß sie nicht von gestern und ehegestern ist. Und +nicht um Einzelschäden und Einzelsünden geht's, -- unser ganzes Volk +trägt die Schuld am deutschen Verfall, alle, die deutschen Blutes +sind, müssen an ihre Brust schlagen, ob sie Kronen tragen oder mit +schwieliger Hand ihr Tagewerk treiben, -- keiner ist ausgeschlossen! -- +Ihr Kambacher und Dreilindener Bauern, ob ihr Gottes Wort und Sakrament +ehrt, ob ihr eure Ehen rein haltet wie wenig andere, ob ihr die Sitte +wahrt und dem Schmutz in Wort und Bild zornig die Türe weist, -- +vergeßt es nicht: einst am jüngsten Tag wird die Frage des Herrn eine +zwiefache sein: ›Was habt ihr getan? was habt ihr nicht getan?‹ Keiner +unter uns wird vor dieser Doppelfrage bestehen können, keiner wird die +Stirn haben, zu behaupten, er hätte die göttliche Forderung bis ins +kleinste erfüllt, -- keiner, -- die Volkssünde steht wider uns auf! Ein +einziges unterlassenes Gebet für den Träger der Krone, ein unüberlegtes +Urteil über die Obrigkeit, die geringste Versündigung am Deutschtum, +an der heiligen Innerlichkeit seines Wesens, das scheinbar kleinste +Versäumnis des christlichen Vorbildes, -- sie sprechen uns mitschuldig +am deutschen Verfall. Darum umschließt dies Gericht uns alle, darum +soll's jedem einzelnen ein Weg nicht nur zur Buße und Umkehr, sondern, +will's Gott, zur Erneuerung und Wiedergeburt werden. Denn an eines +neuen Reiches Pforte klopft Gottes gewaltiger Hammer. Daß Deutschland +die Kraft besaß, aus seinem tiefen Todestraum aufzustehen und einig +wie ein Mann vor seinen Kaiser zu treten, -- Gottes Gnade war's, die +im letzten Augenblick den Brand aus dem Feuer riß, -- ein Wunder! Und +als ein Wunder steht's vor uns, wie die kaum begonnene vaterländische +Not Kräfte entbindet, deren Besitz wir längst aufgegeben, wie sie +Werte ans Licht trägt, die wir dem sittlich verarmten Boden nicht mehr +zutrauten. Die gewaltige Pflugschar der großen Zeit reißt die Scholle +auf, daß aus ihrem Blute eine Saat ersprieße, des deutschen Ackers +würdig. + +Wir haben einen sittlichen Niedergang zu verzeichnen, aber noch sind +wir kein untergehendes Volk. Noch nicht. Darum werden wir gezüchtigt, +aber nicht zermalmt. Durch die ungeheuren Opfer an Gut und Blut, an +Liebe und Leben, die uns auferlegt werden, rechnet Gott mit uns ab. +~Wir vertreten eine gerechte Sache -- ganz gewiß -- nach außen hin +stehen wir rein da! Aber so oft wir uns dies wiederholen im Kampf oder +Sieg, so oft sollen wir uns eine andere schwerere Wahrheit vorhalten: +daß wir nach innen tief verschuldet sind und Gott auf tausend nicht +eins antworten können.~ Darum mußte ein Sturm über uns kommen. Das +Geschlecht, das in frevelhaftem Leichtsinn das Erbe der Reformation +verschleuderte und seine heiligen Güter in den Staub trat, konnte nur +mit donnernder Sprache erweckt und durch eiserne Zucht zur Besinnung +gebracht werden. Und das will Gott. Er hat uns das Größte vertraut, +hat uns zu Trägern des Lichtes geweiht! Zum Salz der Erde hat er uns +gemacht, daß Kind und Kindeskind die Botschaft seines Heils den Völkern +der Welt vererben. Weil er die ~eine~ köstliche Perle in unsere +Hände gelegt, darum, und nur darum, übt er noch einmal Geduld, darum +schlägt er uns wohl, aber er tötet uns nicht.« + +In lautlosen Schweigen saßen die Bauern unter der Kanzel. Manch weißer +Kopf nickte verständnisvoll zu den schlichten mannhaften Worten des +jungen Pfarrers, manch treues Auge leuchtete hell auf, aber auch viele +heiße Tränen rannen. + +Auf dem Altar flimmerten die Kerzen über den Abendmahlsgeräten. +Feierlich klangen die Einsetzungsworte durch die stille Kirche. +Dann traten die Söhne der Mark mit ihren Frauen und Bräuten an den +Gottestisch. Manch einer der Alten dachte, im Chorstuhl sitzend, +vergangener Zeiten: ›So wird's vor hundert Jahren gewesen sein!‹ +Inzwischen hatte man vieles erlebt, Krieg und Kriegsgeschrei, -- aber +diesmal galt's Größeres, Außerordentliches, das fühlten alle, diesmal +sollte Deutschland alles genommen, diesmal sollte es zertreten, vom +Erdboden vertilgt werden -- warum sonst Englands Kriegserklärung? +-- eine Gemeinheit war's, -- und die Gedanken der greisen Kambacher +wanderten ein Stücklein Wegs ins Völkerleben draußen. -- + +Der Patronatsstuhl war leer. Der Kambacher hatte keine Ruhe gehabt und +war schon vor einigen Tagen nach Berlin gefahren, obgleich Harro jeden +Augenblick eintreffen konnte. Seine Verletzung heilte leicht, sobald er +dienstfähig war, wollte er zu seinem Regiment zurückkehren. + +»Er soll nach Berlin kommen, falls ich nicht da bin,« hatte der +Oberstallmeister abschiednehmend zu Ilse gesagt, die während seiner +Abwesenheit nach Dreilinden gehen wollte. »Ich muß meinen Kaiser +sehen und das Stück Weltgeschichte erleben, das sich in diesen Tagen +abspielt. In solchen Zeiten hält's kein rechter Kambach auf der Scholle +aus. Hätt' ich nicht den alten Schaden aus der Leutnantszeit, ich +wüßte, was ich täte! Gut, daß ich dem Vaterland wenigstens einen Sohn +schenken kann!« Damit war er zur Bahn gefahren. + +So kam's, daß am Kriegsbettag Ilse Bühler neben der alten Exzellenz auf +dem Dreilindener Chor saß. -- -- -- + +»Das war das rechte Wort für diese Stunde, mein lieber Herr Pastor,« +sagte Frau Sabine, den Geistlichen begrüßend, während sie, auf den +Arm der Enkelin gestützt, dem Kirchhoftor zuschritt, wo ihr Wagen +wartete. »Besonders für die Erklärung des Begriffs ›Volksschuld‹ danke +ich ihnen herzlich im Namen unserer Bauern. Wir tragen ja alle unseren +alten Adam mit uns herum, das wird wohl keiner leugnen, dazu sind's zu +gute Christen, aber ihr Gesichtskreis ist doch gewaltig eng. Kambach +und Dreilinden sind die Mark, -- na, und da die Verhältnisse hier so +gut wie nur möglich sind, will der Begriff ›Volksschuld‹ nicht in den +märkischen Bauernschädel hinein. Aber heute war der Boden bereitet und +die Aussaat die rechte!« Sie reichte ihm abschiednehmend die Hand. +»Lassen Sie sich bald mal in Dreilinden sehen!« + +»Ich danke gehorsamst, Exzellenz! Sobald meine Zeit es erlaubt, +werde ich vorsprechen. Wissen Exzellenz, daß Graf Brelow sich als +Freiwilliger gemeldet hat?« + +»Erzählen Sie das nicht meinem Sohn. Er ist außer sich, daß er nicht +dienstfähig ist. Wenn er hört, daß Brelow mitgeht, können wir noch +etwas erleben.« + +»Aber Herr Oberstallmeister ist doch viel älter!« + +»Als ob er daran dächte! Kennen sie den märkischen Adel so schlecht? +Man hat unsere Junker nicht umsonst ›Kinder des Schwertes‹ geheißen!« + +»Herr von Kambach schrieb mir gestern eine Karte,« sagte Pastor Möller. +»Es muß etwas Großes sein, diese Tage in Berlin zu verleben, darum +freue ich mich, daß er schon am 29. Juli abreiste. Er hatte keine Ruhe +mehr!« + +»Sehen Sie! Das sind die Kambachs! Gott, König, Vaterland. -- alles +andere ist Nebensache! Aber das ist das Wahre! Ich möchte meinen Sohn +nicht anders haben.« + +Sie saß längst im Wagen, von Ilse sorgfältig in Decken gehüllt. Blaß +und ernst nahm die junge Gräfin neben der Großmutter Platz, die mit +jugendlicher Frische die große Zeit grüßte. + +»Graf Bühl ist auch in Berlin. Alle lassen sie einen allein! Am +liebsten wäre ich mit dabei. Aber eine alte Frau wie ich gehört ins +Haus, und gerade jetzt dürfen die scheinbar kleinen Pflichten nicht +vernachlässigt werden. Meine Dreilindener brauchen mich auch. Ich +hoffe einer der beiden Herren kehrt bald zurück, damit wir auch einmal +persönliche Berichte hören, nicht wahr, Ilse?« Freundlich wandte sie +sich an die junge Frau. + +Die nickte stumm. Ein abgrundtiefes Leid alterte die schönen Züge. + +Mitleidig ruhte Pastor Möllers Auge auf ihr. Er kannte diese Naturen, +welche die erste Not zerbrach. Und außerdem war die arme Frau krank. +Wer dies Gebiet kannte, sah auf den ersten Blick, daß nicht alles in +Ordnung war. + +Die Pferde zogen an. Ehrerbietig grüßte er die greise Gutsherrin. +Das war eine von denen, die sich immer wieder aufrichteten, die im +Dienste anderer den Segen ihres Tuns am eigenen Herzen erfuhren. Und er +gedachte eines schlichten Wortes, das einer über Frauenleben und -glück +geschrieben: ›Lieben heißt nicht: begehren; lieben heißt: schenken und +Opfer bringen.‹ -- + +Über dem Witwensitz der greisen Kambacherin stand das Wort ›mobil‹ wie +über keinem anderen Hause, wo eine deutsche Frau waltete. Vom ergrauten +Verwalter und seinem schaffensfrohen Weibe bis zum Küchenmädchen und +Stallknecht wußten sie alle: jetzt ging eine Arbeit an, wie sie vorher +nicht dagewesen. Aber keines trauerte den vergangenen Tagen nach, +-- wer länger als ein Jahr in den Diensten Exzellenz von Kambachs +stand, der spürte etwas von dem Geist, der das alte Haus durchwehte +und wollte nicht ausgeschlossen sein, wenn es eine große gemeinsame +Sache galt, wenn man unter den Flaggen ›wir‹ und ›bei uns‹ segelte. +Frau Sabine hatte es von jeher verstanden, ihre Leute für die großen +völkischen und religiösen Fragen zu gewinnen, und dadurch ein festes +Band zwischen Herrschaft und Untergebenen geknüpft. Kein Wunder, daß in +der Stunde, wo Deutschland von Ost und West bedroht ward, die märkische +Vaterlandsliebe auflohte, daß auch der Kleinste und Geringste an seinem +Teil mithelfen wollte. Nie stand der deutsche Strickstrumpf so hoch in +Ehren, nie ward auf dem Dreilindener Gutshof gespart, wie in den großen +Augusttagen! -- -- -- + + * * * * * + +Frau von Kambach stand, dem abfahrenden Wagen nachblickend, auf den +Steinstufen. + +»Leg' dich ein paar Stunden hin, Ilse,« sagte sie. »Die Fahrt wird dir +sonst zuviel. Ich werde dir dein Essen hinaufschicken. Bleib nur ruhig +bis zum Abend oben.« + +Die junge Frau schwieg. + +Besorgt sah die Großmutter sie von der Seite an. »Es ist wirklich +besser so,« sagte sie freundlich. »Ruhe ist jetzt das einzige für dich. +Ich bin gewiß sehr dafür, daß man sich zusammennimmt, aber es gibt +Fälle, wo man die Besserung nicht dadurch erzwingt!« + +Ilse zog die welke Hand an die Lippen. + +»Die erzwinge ich überhaupt nicht, Großmama,« sagte sie mit erstickter +Stimme. »Aber daß ich die Hände in den Schoß legen und abseits stehen +muß, wo das Vaterland blutet, -- das -- das ist zuviel. Vor einem Jahr +hätte ich Johanniterin werden können,« -- sie wandte sich ab und eilte +die Treppen hinan, die letzten Worte verwehte der Sommerwind. + +Die alte Frau sah ihr traurig nach. »Also doch eine rechte Kambach,« +zog es ihr durch den Sinn. Und im stillen bat sie der Enkelin ein +Unrecht ab. Sie hatte geglaubt, daß der Schmerz auf dem schönen +Antlitz nur dem einem galt und immer wieder dem einen, der es nicht +verdiente, daß eine reine Frau um ihn weinte -- -- -- Wäre der Fluch +der Mannesschuld nicht gewesen, der dies junge Leben vergiftet, es wäre +leichter gewesen, dem Wüstling zu vergeben, -- aber so? Sie hielt Ilse +für sehr krank -- -- + +Nachdenklich ging sie ins Haus und sah die Post durch. Außer der +Kreuzzeitung war eine Karte von Renate gekommen, die während Ilses +Besuch nach Hause gefahren war, um von zwei Brüdern, die bei den +Drachenburger Ulanen standen, Abschied zu nehmen. Morgen wollte sie +zurückkehren. Auch von Eichelchen war ein glücklicher Brief dabei. + +Nach beendeter Mahlzeit nahm Exzellenz von Kambach die Kreuzzeitung und +setzte sich an den Schreibtisch. Hastig putzte sie die Brillengläser, +auf ihren klaren Zügen malte sich Ungeduld. + +Und dann knisterten die Blätter. + +Das stille Gemach der märkischen Edelfrau ward hell, die große Zeit +stieg leuchtend aus dem Grau des Alltagslebens empor und grüßte die +Fünfundsiebzigjährige. + +Sie aber las und las: die gewaltige, vom Geiste tiefsten Glaubens und +heiligster Vaterlandsliebe getragene Thronrede, die weltgeschichtliche +Tagung des Reichstages, -- die alten Hände begannen zu zittern, die +Brillengläser wurden blind, -- wenn Fritz Karl das noch erlebt hätte! +Eine Hoffnung erwachte in ihrer Seele und hob kühn die Schwingen +zum Adlerflug. Sollte das Wort Wilhelms des Ersten, das er in echt +königlicher Demut über den Sieg der siebziger Jahre schrieb, ein +zweites Mal in größerem, hehrerem Sinne Wahrheit werden? ›Welch eine +Wendung durch Gottes Führung!‹ Kein Fürstenwort hätte die gewaltige +Stunde des 4. August, da das wunderbar geeinte Volk seinem Kaiser die +Treue gelobte, treffender zeichnen können, als jene schlichte Drahtung +des greisen Kriegsherrn. + +Aber dann zuckte die welke Hand im Zorn zusammen: eine Sonderausgabe +brachte Englands Kriegserklärung. Das war zuviel -- und doch -- +Bismarck hatte den Vettern drüben nie getraut. Ja, Bismarck! Und der +gepanzerte Recke stand vor ihrem geistigen Auge. + +Die Zeit ging. Sie hörte nicht den Schlag der Uhren, sie blickte auf +die schimmernde Schöne deutscher Heldentage, sie sah deutsches Blut +strömen und betete und glaubte. + +Aber die große Freude über Deutschlands Erwachen vermochte die +Sorge aus dem Herzen der alten Frau nur vorübergehend zu bannen. +Die Seherin schaute nicht nur die sonnigen Bergkuppen, sie schaute +den Talschatten. Nebel und Nachtgezücht duckten sich zwar in feiger +Scheu vor Heldengröße und Mannestreue, aber sobald das leuchtende +Heer seinen Blicken entschwand, würde das Gelichter sein böses Spiel +um so toller treiben. Nach siebzig war's nicht anders gewesen; der +Zeitabschnitt nach dem Kriege bedeutete sogar einen Tiefstand deutschen +Lebens, wie ihn die Geschichte in wenig Fällen verzeichnet. Und dieser +Tiefstand erklärte sich nicht nur aus der plötzlichen Goldflut, sondern +aus allgemeiner Oberflächlichkeit, aus dem mangelnden Willen, die +große Zeit auszukaufen und die Früchte des Krieges einzuernten. Der +deutsche Michel wartete eben stets, bis ihm die gebratenen Tauben +in den Mund flogen. Aber der Segen des Krieges wollte erkämpft und +erarbeitet, wollte vor allem erbetet sein. Neues entstand nur, wenn +das Alte verging und starb. Die schwersten Erfahrungen aber glichen +toten Werken, solange sie nicht im Kern erfaßt und ausgenutzt wurden. +Und an diesem Willen zum Siege zweifelte die Frau, die wie wenige +ihr Volk kannte. Ohne einen Augenblick das große Gnadengeschenk zu +unterschätzen oder den Wert der neu erwachten Kräfte des Glaubens, +der Opferwilligkeit und Einigkeit zu verkennen, sagte sie sich: die +zerstörenden Mächte in unserem Volk hat ihr Feuer noch nicht verzehrt. +Nur das Volk, das den schmalen Pfad der Buße ging, fand den Weg +zum Tor des Lichts. Würde die Läuterungsglut der eisernen Zeit ein +Geschlecht hervorbringen, das seine Krone zu tragen verstand und seine +heiligsten Güter wahrte? Sabine von Kambach zweifelte nicht daran, +daß Deutschland, ob auch unter ungeheuren Opfern an Gut und Blut, in +dem schweren äußeren Ringen siegen würde. Ein Volk, das noch solch +starke innere Werte barg, kehrte aus dem Kampf um Sein oder Nichtsein +nur siegend zurück oder -- auf dem Schilde. Ein anderes war es, ob +die Volkskraft den schwereren inneren Kampf mit den Mächten der Tiefe +bestehen und ihres Sieges Früchte bewahren würde. Das zwanzigste +Jahrhundert hatte es vergessen, daß die Kraft eines Volkes in der Buße +wurzelte. Das Jahr 1914 forderte zur Gesundung Deutschlands nicht nur +die Gesundung des Volkes, es forderte die Gesundung der Kirche. + + * * * * * + +Fern über der Heide verklang die Kambacher Glocke. Da raste ein +Kraftwagen über den Hof. Schwerfällig erhob sich Exzellenz von Kambach +und blickte hinaus. + +Auf den Diener gestützt, stieg Graf Bühler die Stufen hinan. + +Sie ging dem alten Freunde entgegen. »Erlaucht, trotz Ischias?« + +Er küßte ihre Hand. »Was schert mich Ischias! Wär ich dreißig Jahre +jünger! Aber meinen Kaiser mußte ich sehen und die gewaltigen Stunden +mit erleben! So etwas kommt in hundert Jahren nicht wieder vor! -- +Übrigens soll ich Sie von Harro grüßen, ich traf ihn gestern bei seinem +Vater, -- er kommt heute abend zu Ihnen, um Abschied zu nehmen.« + +Und dann saßen die beiden Alten zusammen am Kamin und der +Erblandmarschall erzählte. + +Wie ein Jüngling im weißen Haar erschien er Frau Sabine. So hatte sie +ihn nicht mehr gesehen, seit der Enkel den alten Namen entehrt. Die +Adleraugen blitzten, die ehrwürdige Gestalt war straff aufgerichtet, +nur die gichtgekrümmte Hand, die den Krückstock umfaßte, redete von +Krankheit und Greisenalter. + +›Märkischer Uradel!‹ dachte sie, während ihr Auge auf den edlen Zügen +ruhte. ›Gott, König, Vaterland! das ist sein Lebensnerv!‹ + +»Wie ich hergekommen bin, weiß ich nicht,« sagte der Graf. »Ich wäre +auch noch geblieben, aber ich sagte mir, daß Sie hier säßen und die +Stunden zählten, bis einer käme und Ihnen Bericht erstattete! Karl +Heinrich war nicht loszueisen, man kann's ihm ja schließlich auch nicht +verdenken, daß er dabei sein will, wenn der Sohn ins Feld rückt, -- na, +da sagte ich mir, daß ich an der Reihe sei, nach Dreilinden zu fahren!« +Er nickte der alten Freundin herzlich zu: »Und ich hab's gern getan, +Exzellenz!« + +Die Tränen stiegen ihr in die Augen. »Das weiß ich,« sagte sie leise. + +Aber er war schon wieder in Berlin. Auf dem Schloßplatz. Im Reichstag. +An irgendeiner Straßenecke. Bei Kranzler. Ganz wie damals nach dem +Kriege, wo sich alles in der Reichshauptstadt traf. Nur ein Unterschied +bestand zwischen einst und jetzt. Damals war ein ruhmvoller Friede +unterzeichnet und Berlin begrüßte jubelnd seinen Kaiser, -- heute stand +Deutschland vor der furchtbarsten Aufgabe der Weltgeschichte. + +Er erriet ihre Gedanken. + +»Sie wundern sich über meine Stimmung, teuerste Freundin? Ich kann's +verstehen! Man muß dabei gewesen sein! Siebzig war ein Kinderspiel +gegen diese Begeisterung, diese heilige Einigkeit! Es war mir in diesen +Tagen, als ob ganz Deutschland seine Kleinodien vor seinem Kaiser +ausbreitete und in der Sonne funkeln ließ! Und dazu wurde ›Ein feste +Burg‹ gesungen, -- kann es Größeres geben? Das brauchte der Kaiser aber +auch in der Stunde übermenschlich schwerer Entscheidung! Wie ich mich +freue, daß wir's abgewartet haben, bis das Pack uns ins Land fiel, -- +ob es strategisch richtig war, ist etwas anderes, -- aber niemals hat +Deutschland größer dagestanden! Auf den Knien sollten wir Gott danken, +daß wir solchen Kaiser haben!« + +Sie nickte. + +Still war's zwischen den beiden Alten. + +»Mißverstanden hab' ich Ihre Freude aber keinen Augenblick,« sagte sie +dann. + +»Nein? das freut mich! -- Als ich durch unsere alte Mark fuhr, hatte +ich das Gefühl: das Größte, Herrlichste dieser Heldentage haben doch zu +wenige im deutschen Vaterland persönlich miterlebt. Der Widerschein der +gewaltigen Stunde leuchtet ja überall, wo deutsches Leben ist, -- dafür +sorgt schon die Heimatliebe, -- aber ein Sonnenaufgang ist doch etwas +anderes als Morgenleuchten! Darum dacht' ich: wir sahen die Majestät, +die Glorie dieses Krieges, seine überirdische Weihe, -- Millionen +Menschen aber, die dasselbe Recht haben, den Glanz dieser Tage zu +erleben, sehen nur das Grauen über dem Völkerbilde, die abgrundtiefe +Not, -- sie bringen dieselben Opfer wie wir, Exzellenz, -- das gehört +auch zu den Härten des Lebens, die unser kleiner Verstand nicht erfaßt! +Und doch geben sie das Beste hin, wenn es die Scholle gilt!« Er blickte +sinnend über das dämmernde Land. Seine Augen leuchteten -- -- + +Sie aber fühlte, ihre Seelen waren auf den gleichen Ton gestimmt. Was +Frauensehnsucht in der Stille der Heide erträumt, hatte der Mann +in Händen gehalten. Das Zollernschwert hatte der märkische Edelmann +blitzen sehen, über die purpurne Seide der Kaiserstandarte hatte er das +weiße Haupt geneigt, -- und mehr noch -- Job Wilhelm von Bühler hatte +Größeres, Gewaltigeres schauen dürfen: eine Volkserhebung, wie sie nie +dagewesen, ein Erwachen, wie es kein deutsches Herz zu fassen gewagt, +eine Einigkeit, so stark, so unzerstörbar, daß der Feind, der ein mit +sich selbst zerfallenes Volk mit kurzem Handstreich niederzuschlagen +wähnte, staunend den eilenden Schritt verhielt und das Auge starr auf +die gepanzerte Lichtgestalt richtete! + +So kam's, daß der greise Märker, während er die überwältigende Kunde +in das stille Heidehaus trug, mit all seinen Herzgedanken in der +Kaiserstadt war, am Thron, unter dem strömenden Volk, an der Stätte, +da das deutsche Blut am stärksten pulsierte, da Glaube und Liebe am +hellsten leuchteten. + +Schweigend folgte sie seinem Blick -- -- + +Da wandte er ihr das Auge zu. In dem geistvollen Antlitz arbeitete es: +»Ich hätt' es nicht für möglich gehalten!« Und eine Träne rann ihm die +Wange herab. + +Durch die Dämmerstille des märkischen Dorfes klang der Flügelschlag der +großen Zeit -- -- + +Sabine von Kambach lauschte hinüber. Ein Traum von schlichter +Heldengröße und deutschen Siegen flog durch den Sommerabend -- standen +die Toten auf, die Kämpfer von 1813? ›Ich hätt' es nicht für möglich +gehalten!‹ klang ihr das Wort des Freundes im Ohr. + +Und das andere, -- der Feind, der Deutschland knebelte und in den +Staub drückte, der ihm mehr nahm, als Gut und Blut, der ihm die Seele +mordete? was ward aus ihm? Vieles würde der Riesenkampf fortfegen, +manch böser Gewohnheit würde der neu erwachte Gottesglaube die Türe +weisen, -- ob der Keim des furchtbaren Giftes dadurch zerstört ward? + +Frau von Kambach sprach dem Grafen ihre Sorge aus. + +Aufmerksam hörte er ihr zu. + +»Exzellenz haben mir aus der Seele gesprochen, -- erwiderte er, als sie +geendet. »Es wäre eine Täuschung, wenn wir die innere Gefahr, die unser +Volk bedroht, angesichts der großen Erhebung, die wir erleben durften, +für beseitigt halten wollten. Sie ist nicht beseitigt. Die Mächte der +Hölle werden nicht durch einen großen völkischen Aufschwung vernichtet, +noch durch äußere erschütternde Ereignisse an sich überwunden. Dies +Gift kann nur dann ausgerottet werden, wenn die Frucht der großen +vaterländischen Not die Buße ist. Wir brauchen einen Neubau, -- nur ein +völliger Bruch mit der Vergangenheit ermöglicht ihn.« + +Sie nickte. »Wir werden nach dem Kriege vor gewaltige völkische und +religiöse Aufgaben gestellt werden! Es war mit das erste, was ich mir +im Blick auf dieselben sagte: daß es eine gnädige Fügung ist, daß der +Bund bibelgläubiger Christen nicht erst gegründet zu werden braucht, +sondern daß er -- wenn auch erst seit einigen Monaten -- besteht. Wie +viele würden uns als Schwarzseher verlachen, wenn wir heute oder nach +einem, will's Gott, siegreichen Kriege einen solchen Volksbund gründen +wollten! Hab' ich nicht recht?« + +»Gewiß. Genau dasselbe dachte ich vor einigen Tagen, als mir im Blick +auf diese Frage das Herdersche Wort einfiel, das Sie so oft angeführt +haben: ›Unsere Väter, o, Deutschland, meine Sorge, waren nicht, wie +wir jetzt sind!› Die meisten würden, wenn man sie daran erinnerte, +denken: ›Na ja, die Herrschaften sind eben über siebzig!' Aber das +darf uns nicht irre machen! Wenn wir auch nicht mehr viel Zeit haben, +-- die Tage, die Gott uns noch schenkt, soll die Arbeit für sein Reich +ausfüllen, nicht wahr, Exzellenz?« + +In ihren Augen glänzten Tränen. »Es liegt etwas Prophetisches über +der großen Zeit.« sagte sie leise. »Mag einer sagen, was er will, ich +glaub's dennoch, daß Herders Wort sich noch einmal wandelt, daß es noch +einmal heißen wird: ›O Deutschland, meine Freude!‹« + +Er neigte das weiße Haupt wie zum Gebet. »Gott walt's.« -- -- -- + +Ein Wagen jagte über die Kopfsteine. + +»Das ist Harro!« Der Erblandmarschall erhob sich. »Ich werde Sie mit +ihm allein lassen. Darf Fritz mein Auto bestellen?« + +»Bleiben Sie doch zum Tee!« + +Er zögerte. »Gut, ich werde Ilse so lange Gesellschaft leisten. +Vielleicht kommt sie zu mir herunter. Wenn der Anfall auch diesmal +nicht schlimm ist, so wird mir das Treppensteigen doch schwer.« + +»Natürlich kommt Ilse herunter,« sagte die alte Dame. »Bitte machen Sie +es sich inzwischen im blauen Salon bequem. Die Zigaretten stehen auf +ihrem gewohnten Platz.« Und sie schritt dem Gast voran zur Tür. + +»Danke, danke, Exzellenz, ich bin hier ja zu Hause.« + +Sie lächelte. »Gut, dann klingeln Sie bitte und schicken Sie Fritz +hinauf. Ilse ist auf ihrem Zimmer.« Sie nickte ihm freundlich zu, als +ginge sie an eine gewohnte Arbeit in Haus oder Garten, und doch hatte +sie Schweres vor sich. + +Aber er kannte sie. Auf diesen Schultern hatten schon größere Lasten +gelegen. + + * * * * * + +An den Schreibtisch gelehnt, stand sie, den Enkel erwartend. + +Im nächsten Augenblick trat Harro Kambach ein. Groß, hoch aufgerichtet. +In Felduniform. Ein Mann in des Königs Rock. Aber er war um Jahre +gealtert, das Haar ergraut. Auf den ersten Blick erkannte sie's: er +kam als ein anderer heim. In tiefer Bewegung umschlang sie ihn. + +»Harro, mein Junge!« + +Wie ein Klang aus der Kinderzeit grüßten ihn die schlichten Worte. + +»Großmutter!« + +Gewaltsam suchte er seinen Schmerz niederzuringen, aber es ging über +seine Kraft. Er neigte den Kopf auf ihre Schulter und weinte laut. + +Und die starke Frau, die so viel ertragen im Leben, mußte sich hart +machen gegen die Mannestränen. + +Ein Schüttern ging durch seinen Körper. Er raffte sich auf. + +Schwer atmend stand er vor ihr. + +Als er die äußere Ruhe wiedererlangt hatte, beugte er sich ehrerbietig +über ihre Hand. »Nicht wahr, es kommt niemand?« + +Sie schüttelte den Kopf. Dann stützte sie sich auf seinen Arm und ließ +sich zu ihrem Lehnstuhl am Kamin führen. + +Dort saßen sie sich gegenüber. + +Alles an ihm schien ihr verändert. In seinem Wesen war etwas Neues. Und +unwillkürlich zog es durch ihren Sinn: Es ist nicht nur die Trauer um +das Liebste, nicht der Ernst der gewaltigen Zeit, die ihm ihr Gepräge +geben, es ist jenes unverkennbare Merkmal, das der Mensch an sich +trägt, der dem Tode ins Auge geschaut. Denn solche Linien grub nur das +Bewußtsein: ›Du stehst vor Gott!› Und eine Hoffnung, die sie lange +gehegt, wuchs. + +»Papa läßt grüßen,« sagte Harro. »Er bleibt noch in Berlin, bis wir +ausrücken. Außerdem meinte er, es sei besser, wir wären zu zweien.« + +Er schwieg. + +Geduldig wartete sie. Wußte sie doch, daß er ihr alles sagen werde. + +Und sie irrte nicht. Als sie eine Weile beieinander gesessen, klang +plötzlich Sibyllens Name an ihr Ohr. Leise, mit fast frauenhafter +Zartheit, sprach er ihn aus. Das Unglück selbst überging er; die +Erinnerung an das Furchtbare mochte zu gewaltsam auf ihn wirken, aber +was sie zuletzt miteinander geredet, erzählte er der Großmutter. + +Und die alte Frau rechnete es ihm hoch an und freute sich des großen +Vertrauens. + +Es war ein kurzer, knapper Bericht, aber er umschloß das +Glaubensbekenntnis eines Mannes: + +»Im Augenblick der höchsten Gefahr rief sie mir ein Wort zu, das sie +schon einmal tags zuvor im +D+-Zug gesprochen: ›Aufs Glück kommt +es nicht an, sondern darauf, daß wir auf Felsengrund stehen!‹ Dies Wort +hat mich über Wasser gehalten, Großmutter, es hat mir in tiefster Not +meinen Gott gezeigt.« + +Seine Stimme brach. Der Schmerz überwältigte ihn. + +Schweigend blickte Frau Sabine ins Feuer. + +Da begann er aufs neue: »Nun kann ich ins Feld ziehen! Ich hätt' es +ja vorher auch gemußt, aber jetzt weiß ich, daß Vaterlandsliebe und +Königstreue heilig sind, daß -- daß sie ewig sind. Großmutter! Das +hab' ich von dir gelernt, und -- von ihr!« Er wandte sich ab. »Wenn +Deutschland in Wahrheit frei werden soll, müssen wir das alle glauben!« + +Sie sah ihn unverwandt an. Fast ging dies schlichte heilige Erlebnis +über ihre Kraft. Der Tag hatte des Großen schon zuviel gebracht. + +Ein heißes Dankgebet stieg aus ihrem Herzen. Und während ihr Auge auf +der schlanken feldgrauen Gestalt ruhte, erwachte die Erinnerung. + +›Einen heiligen Damm wolltest du bauen, lieber Herr und Gott!‹ klang +es durch ihre Seele und die Sage vom Oststrande stieg vor ihrem Geiste +auf. + +War's nicht wunderbar, wie die blankgespülten Kieselsteine sich +überall hineinschoben und drängten, wie sie sich an Fels und +Basalt rieben, bis das wilde Geklüft sich glättete, wie sie sich +zusammenschlossen zum großen, starken Ganzen, zu jener Mauer, die sich +der Sünde entgegenstellt und den Verzweifelten deckt. Wahrlich, das +uralte Mönchsgebet galt heute noch und hatte nichts von seiner Kraft +eingebüßt. Und sie sah die Mauer wachsen. Ein neues Geschlecht, das +sich seine Kleinodien nicht rauben ließ, stand um das Kreuz geschart. +In den alten Augen lag's wie Prophetenklarheit, als schauten sie die +Geschichte kommender Völker, und durch die Seele der Frau, die täglich +in heißer Sorge die Hände für ihr Vaterland faltete, zog eine schöne +lichte Hoffnung. Die Sehnsucht aber klopfte an ihre Kammer: ›Ob wir's +erleben werden, daß die Heimatliebe ein Kränzlein trägt, daß sie +singend von Hütte zu Hütte wandernd Mann und Weib die Siegesbotschaft +ins Herz jubelt und Mägdlein und Buben ihren Hochgesang lehrt: O +Deutschland, meine Freude!?‹ -- + +Sie wandte sich wieder an den Enkel. + +»Wann war es?« fragte sie leise. + +»Etwa um sechs Uhr abends, -- um die Dämmerung!« + +Über ihre Züge ging ein Leuchten. + +»Um sechs Uhr abends klangen die Saiten der Geige -- --« + +Still war's in Haus, als hätte eines den letzten Seufzer getan -- -- -- + + * * * * * + +Die ersten Sterne blitzen am Himmel. Über die nächtliche Heide klingt +der Schritt der eisernen Zeit. Von Osten weht fernes Schwertklingen +herüber -- -- -- + +Es sind die Augusttage des Jahres 1914. Es ist die Wende der +Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert -- -- + + + + +Im Verlage von ~Martin Warneck in Berlin~ erschien ferner von + +E. von Maltzahn + + +Ein Mann + +Ein Roman aus der Gegenwart. + +20. Tausend. + +Die Verfasserin hat sich durch ihre tiefgründigen Erzählungen in +weitesten Kreisen einen großen Namen geschaffen, und man kann jedesmal +erwarten, daß sie uns etwas Besonderes zu sagen hat. So auch in ihrem +Roman »Ein Mann«. Ein tapferes Buch. Prächtige Charaktere werden uns +hier gezeichnet. Herr von Grambow ist ein wahrer Edelmann, der mit +seinem Christentum Ernst macht und keinen Augenblick zögert, bei +schweren Zusammenstößen mit den Vorurteilen der Gesellschaft die Folgen +auf sich zu nehmen. Ihm zur Seite steht Renate, eine Idealgestalt +einer deutschen Frau. Der Roman führt uns zum Teil in die Kreise der +Künstler als auch der Gesellschaft und ist, was Inhalt und Schilderung +anbetrifft, spannend und meisterhaft durchgeführt. Es ist ein Werk +reiner Kunst, von dem nur zu wünschen ist, daß es von vielen genossen, +daß es aber auch in vieler Leben beachtet wird. Über den Inhalt selbst +wollen wir nicht mehr verraten, sondern unsere Leser bitten: Nehmt und +lest, und ihr werdet an dem Inhalt des Buches Freude und Gewinn haben. + + +Abseits + +Novellen. + +7. Tausend. + +»Abseits« nennt E. von Maltzahn mit Recht diese Novellen. Sie behandelt +darin Themen, die wohl vielen abseits liegen, aber die wohl wert sind, +bedacht zu werden. Ganz besonders möchte ich das von der zweiten +Erzählung behaupten. Besinnliche Leser werden viel Freude an dem +Büchlein haben. + + +Herrosé & Ziemsen GmbH. Co., Wittenberg. + + +Fußnoten: + +[1] Geyer und Rittelmeyer, Leben aus Gott. + +[2] Gedicht und Musik von Peter Cornelius. + +[3] Karl Marx. + +[4] J. Gabriel Seidl. + +[5] ~Weber~, Dreizehnlinden. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78454 *** diff --git a/78454-h/78454-h.htm b/78454-h/78454-h.htm new file mode 100644 index 0000000..b44ad40 --- /dev/null +++ b/78454-h/78454-h.htm @@ -0,0 +1,13515 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Wenn Ich Die Sonne Grüße .. | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3{ + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; +} + +h1 {font-size: 250%} +h2, .s2 {font-size: 170%} +h3, .s3 {font-size: 125%} + .s4 {font-size: 110%} + .s4a {font-size: 90%;} + .s5 {font-size: 70%;} + +h1 { page-break-before: always; + font-weight: normal;} + +h2 { + margin-top: 2.0em; + margin-bottom: 1.5em; + page-break-before: avoid; + font-weight: bold; + text-indent: 1em; } + +h3 { + margin-top: 1.5em; + margin-bottom: 1.5em;} + + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em; } + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p3 {margin-top: 3em;} +.p4 {margin-top: 4em;} +.p6 {margin-top: 6em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } +hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%;} + +hr.r5 {width: 5%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 47.5%; margin-right: 47.5%;} +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +table.toc { + width: 28em; + margin: auto;} + +.x-ebookmaker table.toc { + width: 95%; + margin: auto 2.5%;} + +.vat {vertical-align: top;} +.vab {vertical-align: bottom;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} /* page numbers */ + +.left {text-align: left;} + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.mbot3 {margin-bottom: 3em;} + +.mtop3 {margin-top: 3em;} + +.padbot3 {padding-bottom: 3em;} + +.padtop3 {padding-top: 3em;} + +.gesperrt { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt { + font-style: normal;} + +.antiqua { font-style: italic;} + +div.ads { + page-break-before: always; + font-size: 0.8em; + max-width: 50em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + } +div.ads p { + margin-top: 1em; + } +div.ads { + text-indent: 0; + text-align: center; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; } + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%; +} + +/* Footnotes */ +.footnotes {border: 1px dashed;} + +.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} + +.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} + +.fnanchor { + vertical-align: super; + font-size: .8em; + text-decoration: + none;} + +/* Poetry */ +/* uncomment the next line for centered poetry */ + .poetry-container {display: flex; justify-content: center;} +.poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} + +.poetry-container_r {text-align: right;} +.poetry {display: inline-block;} + +/* Poetry indents */ +.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; +} + +/* Illustration classes */ +.illowp46 {width: 46%;} + +/* Illustration classes (e-Books)*/ +.illowe8 {width: 8em;} +.x-ebookmaker .illowe8 {width: 16%; margin: auto 42%;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78454 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis ist zur besseren Übersicht an den +Anfang des Textes verschoben worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt</p>. +</div> + +<figure class="figcenter padbot3 illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover"> +</figure> + +<h1>Wenn ich die Sonne<br> +grüße ...</h1> + +<p class="p3 s3 center">Roman aus der Gegenwart</p> +<p class="center">von</p> +<p class="s2 center"><b>E. von Maltzahn</b></p> + +<p class="p4 s4a center">34. bis 35. Tausend</p> + +<figure class="figcenter padtop3 illowe8" id="signet"> + <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="signet"> +</figure> + +<p class="p4 s4 center">Berlin 1923</p> +<p class="center">Verlag von Martin Warneck</p> + +<hr class="r5"> + +<div class="chapter"> +<p class="p6 s4a center"><span class="antiqua">Copyright 1915 by Martin Warneck, Berlin</span></p> +<p class="s4a center">Alle Rechte, einschließlich das der Übersetzung, vorbehalten</p> +</div> + +<hr class="full"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2> + +<table class="toc"> + <tr> + <td> </td> + <td> </td> + <td> </td> + <td class="vab"> + <div class="right">Seite</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Kapitel.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_5">Haus Kambach</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">5</div> + </td> 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<div class="left"><a href="#Seite_75">Adel</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">75</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_102">Gala</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">102</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_115">Trotz alledem</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">115</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">8.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_137">Allein</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">137</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div 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Krückstock</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">213</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">13.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_232">Eine Heimkehr</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">232</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">14.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_244">Jutta</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">244</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">15.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_267">Ein Frauenlos</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">267</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">16.</div> + </td> + <td 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...«</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">329</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">20.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_347">»O Deutschland, meine Freude«</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">347</div> + </td> +</tr> +</table> +</div> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Deutschland">Deutschland!</h2> +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Du deutsche Erde an Haff und Strom,</div> + <div class="verse indent0">Es rauscht ein Lied durch den Föhrendom!</div> + <div class="verse indent0">Wie Schildgetöne, so trutzhaft klingt's,</div> + <div class="verse indent0">Durch Mark und Bein, durch die Seele dringt's:</div> + <div class="verse indent0">Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht?</div> + <div class="verse indent0">Seit wann vergaß er sein heilig' Recht?</div> + <div class="verse indent0">Seit wann sind Zucht und Sitte gebannt?</div> + <div class="verse indent0">Wer jagte die Treue aus deutschem Land?</div> + <div class="verse indent0">Wer trieb mit dem Kreuze den ersten Spott?</div> + <div class="verse indent0">Wer lehrte den Wahn: Es gibt keinen Gott!? —</div> + <div class="verse indent0">Wie ein Brand flog's herein, wie giftiger Samen,</div> + <div class="verse indent0">Und Deutschland — sprach Amen. — —</div> + <div class="verse indent0">Mein Vaterland, was hast du getan!</div> + <div class="verse indent0">Mein deutsches Volk! Einst warest du stark!</div> + <div class="verse indent0">Sag', warum huldigst du Trug und Wahn?</div> + <div class="verse indent0">Es hat dich getroffen bis tief ins Mark!</div> + <div class="verse indent0">Nun liegst du blutend in deinen Wunden</div> + <div class="verse indent0">Und kannst nicht gesunden! —</div> + <div class="verse indent0">Doch! Du kannst es! Nach oben den Blick!</div> + <div class="verse indent0">Zum Urquell zurück!</div> + <div class="verse indent0">Zurück zum Kreuze mit all deiner Last,</div> + <div class="verse indent0">Zu ihm, den du irrend verlästert hast!</div><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Er nimmt dich an! Er zerbricht deine Ketten,</div> + <div class="verse indent0">Er heilt deine Wunden und will dich erretten</div> + <div class="verse indent0">Aus des Todes Feuer, aus all deiner Not —</div> + <div class="verse indent0">Auch in der Tiefe bleibt er dein Gott! — —</div> + <div class="verse indent0">Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht?</div> + <div class="verse indent0">Das Kreuz verbleibet dein heiligstes Recht! —</div> + <div class="verse indent0">Zurück zum Urquell, so wirst du heil,</div> + <div class="verse indent0">So wirst du stark, so leuchtet dein Schwert,</div> + <div class="verse indent0">So sind gesegnet Heimat und Herd,</div> + <div class="verse indent0">So hast du das beste himmlische Teil! — —</div> + <div class="verse indent0">Verwehte der ewigen Liebe Samen? —</div> + <div class="verse indent0">Deutschland — mein herrliches Vaterland,</div> + <div class="verse indent0">Ich weiß es, — es kann ja nicht anders sein —</div> + <div class="verse indent0">Du schlägst in die heil'ge allmächtige Hand</div> + <div class="verse indent0">Beichtend, betend und glaubend ein —</div> + <div class="verse indent0">Und Gott spricht Amen.</div> + </div> +</div> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel"><span class="s5">Erstes Kapitel.</span><br> + Haus Kambach.</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Das Land, das noch Liebe zur Scholle kennt,</div> + <div class="verse indent0">Das noch Edelleute sein Eigen nennt,</div> + <div class="verse indent0">Das die Treue pflegt und die Sitte noch ehrt,</div> + <div class="verse indent0">Das Land ist die Schätze der Erde wert!</div> + <div class="verse indent0">In den Stürmen der Zeit verbleibet es stark —</div> + <div class="verse indent0">Das Land ist die Mark!</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Ein wundervoller Herbstabend geht zur Neige. Auf den Stoppelfeldern +liegt des Tages letzter Strahl, Ebereschen voll glühender Frucht säumen +die Landstraßen, Stockrosen und Gladiolen flammen in den Gärten.</p> + +<p>Drüben liegt die Heide in des Abends lichte Töne getaucht, seine tiefen +Schatten auf dem weißen Sandweg, seinen bronzenen Glanz in den leise +wehenden Zweigen der Birken. Am Horizont ein Waldstreifen, breit und +dunkel; weiterhin einer Kieferngruppe krauses Gebilde.</p> + +<p>Um die kleine Dorfkirche, um den Kranz herbstlicher Linden spielen die +scheidenden Lichter. Mücken tanzen, eine Schar Kinder dreht sich im +Ringelreihen auf dem letzten sonnigen Fleckchen. Wie flüssiges Gold +liegt's über dem Friedhof mit seinen Kreuzen und Grabsteinen. Es ist, +als tränke die Sonne dies Gold aus dem Laub der vielhundertjährigen +Bäume, als mische sie mit dem eigenen Blute den wundervollen +Farbenton,<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> um die leuchtende Schale über einen weltfernen Erdenwinkel +auszugießen.</p> + +<p>Altweibersommer weht über den Acker, jener duftige Zauber später Tage, +dem man an den Küsten des Meeres, wo die Sage bis spät in die Nächte +spinnt, den lieblichen Namen Septemberseide gibt.</p> + +<p>Und weit im Lande ein Ahnen stiller Herrlichkeit: träumende Seen, +sonnige Wiesen, dunkle Wasserstraßen im Schweigen bunter Wälder, +altertümliche Kleinstädte mit ragenden Kirchen aus grauer Zeit, +vornehme Edelsitze, vergessene Klöster — es ist das Land fürstlicher +Hochzeitsfeste und fröhlicher Kindtaufen, das Land treuer Arbeit +und heißer Kämpfe, das, niedergedrückt und zertreten, immer wieder +aufblühte, erstarkte, zu Macht und Ansehen gelangte, bis es das +Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wurde, die Heimstätte der +Zollern, Mark Brandenburg.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im letzten goldenen Tagesschein lag Haus Kambach. Ein breiter +einstöckiger Bau mit efeuumsponnener Freitreppe. Ausgedehnte +Rasenflächen, stolze Georginengruppen, einer Blutbuche purpurne +Herbstgestalt, hier und da eine vornehme Auslandspflanze, — keine +Prachtanlage — der schlichte, von den Vätern ererbte Edelsitz war's, +das Landhaus des märkischen Adels.</p> + +<p>Der Altan bot ein wundervolles Stimmungsbild: im Kranz ihrer Linden +grüßte die Kirche herüber. In breitem Ring lagen die strohgedeckten +Häuser der Dorfbewohner um den Herrensitz, patriarchalische +Verhältnisse und Verständnis für Heimatbrauch und -sitte bekundend. +Das rein äußerliche Ansehen dieses märkischen Dorfes war ein schöner +Beweis dafür, daß es noch gesundes Volksleben in Deutschland gibt: +jene starke Zusammengehörigkeit von Gutsherrn und Arbeiterschaft,<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> +die einzig sichere Unterlage für den Großgrundbesitz, — mit einem +Wort, das Dorf, das keine Landflucht kennt, weder die Landflucht des +Volkes, das unzufrieden und verhetzt den Weltstädten zuwandert, noch +die Landflucht der oberen Stände, die immer eine Entfremdung zwischen +der besitzenden und arbeitenden Klasse herbeiführen muß. Die Kambachs +gehörten nicht zu dem altangesessenen Adel, der die Wintermonate in +irgendeiner Hofstadt oder im Süden verbringt, der seine Hochzeiten in +Berliner Gasthöfen feiert und damit sein soziales Interesse einschlafen +läßt und seine gutsherrlichen Pflichten versäumt. Die Kambachs blieben +zu Hause. Von den kaiserlichen Hoffesten, wo sie als königstreue Männer +erschienen, kehrten sie nach drei bis vier Tagen zurück. Ihre Töchter +zogen im Brautschmuck von der umkränzten Schwelle der Heimat in die +schlichte Gutskirche hinüber, vom ganzen Dorf, wie von einer großen +Familie begleitet. Sie pflegten die altehrwürdigen Heimatbräuche, +Erntefeste, Silvesterabende mit ihren volkstümlichen Sitten, sie +sorgten für gute Büchereien, für Unterhaltungsabende, sie hielten es +für ihre Ehrenpflicht, bei solchen Gelegenheiten — und nicht nur dann +— enge Fühlung mit ihren Leuten zu unterhalten. Sie teilten Leid +und Freud' mit ihnen, sie hatten mit einem Wort sozialen Sinn, aber +keinen künstlich gezüchteten, dem Zwange schwieriger Verhältnisse +entsprungenen, sondern ererbten, angeborenen. Und weil sie dieses Erbe +hochhielten, waren die Kambacher immer rechte Gutsherren gewesen. +Das wußte aber auch das ganze Dorf. Und sein Dank war zähe Treue zu +einer Zeit, da die Umsturzpartei an alle Türen klopfte, und die roten +Verführer ihre Hetzblätter in jedes Haus trugen.</p> + +<p>Wer aus der Großstadt oder aus Fabrikbezirken kam, der staunte diese +wundersamen, im besten Sinne vorsündflutlichen Verhältnisse an und +wunderte sich, daß so etwas im zwanzigsten<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Jahrhundert im Königreich +Preußen noch möglich war. Die braven Kambacher aber lachten sich ins +Fäustchen und freuten sich ihrer patriarchalischen Verhältnisse.</p> + +<p>Drüben, wo der Park sich lichtete, schritten zwei Gestalten langsam den +Wiesensaum entlang dem Gutshause zu. Die gebeugte Gestalt des Mannes +erzählte von des Lebens Mühen, von manch hartem Spatenstich. Aber das +kluge feingeschnittene Gesicht war jung geblieben, und in den hellen +Augen glänzte ein fast kindlicher Frohsinn. Das war Franz Schenker, der +Spreewälder, der schon zu Zeiten des alten Herrn als Gärtnerbursche +nach Kambach gekommen war. Später rückte er zum Diener auf und war nun +schon seit Jahren Hausverwalter und Kammerdiener in einer Person, das +Bild eines ehrwürdigen Faktotums. Auf seinen eigenen Wunsch war ihm +auch noch die Oberaufsicht über den Garten übertragen worden. Denn +Obst- und Rosenzucht waren sein Steckenpferd. Herr von Kambach konnte +seine Gärtnereien keinen besseren Händen anvertrauen. Seine einzige +Sorge blieb die, daß der Alte sich, wie es von jeher seine Art gewesen, +zuviel Arbeit auflud. Aber Franz Schenker beteuerte immer wieder, mit +mehreren gutgeschulten Gärtnerburschen an der Hand sei die Sache ein +Kinderspiel. Und dabei blieb es.</p> + +<p>Trotz all dieser wirtschaftlichen Vorzüge war er mehr wie ein Faktotum +und eine außergewöhnliche Arbeitskraft. Man sah es Schenkersch olle +Vadder, so hieß er allgemein, auf den ersten Blick nicht an, daß er +mit dem ganzen Dorf in engster Fühlung stand, daß sein Einfluß viel +weiter ging als der des Gutsherrn und des Pastors. Und doch war Herr +von Kambach ein Gutsherr, wie man ihn selten fand, und Pastor Wendler +versah sein Amt nach besten Kräften. Aber Franz Schenker war eben Franz +Schenker, und oft fragte man sich, wie's werden solle, wenn der Alte +einmal die Augen schlösse.<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Er war Ratgeber, Schiedsrichter, Freund und +Seelsorger von ganz Kambach; ja man erzählte sich, die alte Exzellenz, +die Mutter des gnädigen Herrn, bespräche oft wichtige soziale Fragen +mit ihm.</p> + +<p>Die deutsche Frau zog's zu dem deutschen Manne, zu dem alten Diener +ihres Hauses, der sein Vaterland über alles auf Erden liebte, die +einfache fromme Bibelchristin zu der Seele, die eines Weges mit ihr +wanderte. Der Standesunterschied störte Frau Sabine nicht, für sie war +das Schlichte, solange es echt blieb, vornehm. Auch der naturgemäß +engere Gesichtskreis des Mannes, die andere Auffassung mancher +wichtiger Punkte wirkte nicht hemmend, sondern ergänzend. Eins lernte +vom anderen. Franz Schenker lehrte Sabine von Kambach in das Herz +seines und ihres Volkes schauen, sie aber erschloß dem Spreewälder den +Blick für das Große, Allgemeine, für die Aufgaben der Zukunft. Es war +ein feines eigenartiges Freundschaftsverhältnis zwischen der Edelfrau +und dem alten Kammerdiener. —</p> + +<p>Franz Schenker war kirchlich. Er kannte den Unterschied zwischen +positiv und liberal besser wie mancher Edelmann von Geblüt, und seine +Beurteilung kirchlicher Einrichtungen bewies, daß er sich auch noch mit +anderen Dingen, als den Edeltannen des Kambacher Parks beschäftigte.</p> + +<p>Langsam ging er neben der alten Exzellenz her.</p> + +<p>Frau von Kambach war die märkische Landedelfrau, wie sie leibte und +lebte. Eine hohe kräftige ehrfurchtgebietende Erscheinung in der +Krone des Alters. »Großmutters weißes Haar leuchtet durch den ganzen +Garten,« hatte einmal ein Enkelkind stolz erklärt, und es war etwas +Wahres daran. Als sie vor fünfzig Jahren in Kambach einzog, mochten +strahlende Freundlichkeit, Frische und Anmut des Wesens, Schönheit +der Farben, mit einem Wort jene blühende Gesundheit des Leibes<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> und +der Seele der Hauptreiz der jungen Frau gewesen sein, heut war's die +Milde des Alters, verbunden mit seltener Klarheit des Geistes und +dem gründlichen, wenn's not tat, auch rücksichtslosen Urteil eines +scharfen Verstandes. Redensarten machte Großmutter Kambach nicht, +sie widerstrebten ihrem geraden wahrhaftigen Sinn. Kam ihr aber ein +aufrichtiger Mensch entgegen, so war der Weg zu dem liebewarmen +mütterlichen Herzen der alten Frau nicht mehr weit. —</p> + +<p>»Das Pack, das aus den Großstädten herüberkommt, schmeißen wir einfach +'raus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker. »Es is das einzige Mittel, was +hilft!« Er wandte Frau Sabine das lebhafte Gesicht zu. »Exzellenz, wenn +wir die Prügelstrafe noch hätten, stünd's nich so schlimm ums deutsche +Vaterland. Die hätte nich abgeschafft werden dürfen!«</p> + +<p>Frau von Kambach blieb stehen und stützte sich auf den Krückstock.</p> + +<p>»Ich bin ganz Ihrer Meinung, Schenker! Aber sagen Sie, haben Sie keine +Unannehmlichkeiten, wenn Sie so scharf vorgehen?«</p> + +<p>»Unannehmlichkeiten, Exzellenz? Wer soll mich was anhaben? Det dringt +mit eine Frechheit in die Häuser und schmiert die Leute seinen Kram +an, — da werd' ick doch wohl das Recht haben, wenn so'n Schuft mit +seinen Mitteln zur Geburtenverhütung zu meine Schwiegertochter in die +Stube kommt, ihm das Jackleder vollzuhauen! Der versucht's kein zweites +Mal, und von Anzeige is keine Rede! Das Pack kann froh sein, wenn's +mit heilen Knochen aus Kambach raus is! <em class="gesperrt">Wir</em> erstatten Anzeige, +wenn's nur was hülfe! Aber man fängt ja jetzt oben an, hellhörig zu +werden, Zeit wird's wahrhaftig!« Und Franz Schenker wischte sich den +Schweiß von der Stirn. Bei diesem Gesprächsstoff lief ihm stets die +Galle über.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p> + +<p>Die alte Exzellenz war weitergegangen. Ihr Gesicht war sehr ernst +geworden.</p> + +<p>»Kommt das hier öfter vor?« fragte sie.</p> + +<p>»Diesen Sommer war's schlimm. Ick allein hab' Stücker acht in den +Häusern verdreschen helfen.« Er lachte kurz. »Nie hab' ick solchen Spaß +am Prügeln gehabt!«</p> + +<p>»Und — und die Frauen?«</p> + +<p>Der Alte richtete sich kerzengerade in die Höhe.</p> + +<p>»Exzellenz — keine Kambacherin is für diese Gemeinheiten zu haben +gewesen! 's wär' ihnen auch schlecht bekommen; denn noch is Schenkersch +olle Vadder da!« Er atmete schwer. »Der Menschenschlag in unsere Gegend +is 'n gesunder! Wenn manches auch faul is — allein durch die Nähe von +Berlin, — noch is die Mark die Mark!«</p> + +<p>»Gott gebe, daß Sie recht haben!«</p> + +<p>»Wir haben doch noch Religion, Exzellenz,« sagte Franz Schenker.</p> + +<p>Wieder blieb Frau Sabine stehen. Der Krückstock scharrte im Kies.</p> + +<p>»Noch« — sie betonte das Wort — »wie lange noch? — Sind Sie auch ein +Blinder, der die Größe der Gefahr nicht erkennt? Es geht ums Ganze, +Schenker, der Geburtenrückgang ist nur ein Ausschnitt aus dem trüben +Gesamtbilde.«</p> + +<p>Er blickte sie starr an. Das war nun das drittemal in kurzer Zeit, daß +er dieser Auffassung begegnete.</p> + +<p>Gewiß, die Gefahr war groß, ein Tor, der sie geleugnet hätte! Die +rote Flut wälzte ihren Giftstrom durchs deutsche Land, Glaube und +Sittlichkeit untergrabend. Auf Kanzeln und Lehrstühlen führten +Irrlehrer das Wort, und niemand dachte daran, ihnen ernstlich zu +wehren. Die »Richtungen« waren ja gleichberechtigt. — In allen +Gesellschaftskreisen machte sich jüdischer Einfluß geltend, die +Ansprüche wuchsen ins Ungeheuerliche,<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> eine Üppigkeit, von der man +früher nichts geahnt, zerrüttete das Familienleben.</p> + +<p>»Deutschland steht im Begriff, das Opfer des Goldes zu werden,« so +hatte Frau von Kambach, als er vor einigen Wochen Rosen zur Zucht nach +Dreilinden gebracht, geäußert und hinzugefügt: »Ehe der Liberalismus +nicht durch entschiedenen Nationalismus und der Mammonismus nicht durch +die Religion überwunden werden, eher werden wir nicht frei!«</p> + +<p>Franz Schenker hatte viel über dies Wort nachdenken müssen. Soviel +stand fest: die alte Exzellenz sah und hörte mehr, als er in seinem +stillen Kambach. Er hatte nur Fühlung auf dem Lande, sie dagegen +in Stadt und Land. Alle Kreise standen ihr offen. Den Winter über +verbrachte sie in Berlin. Aber nicht die Landflucht trieb sie aus +ihrem geliebten Dreilinden, sondern lediglich das baufällige kalte +Fachwerkhaus, welches der gichtisch Veranlagten den Winteraufenthalt +unmöglich machte. Sobald die ersten Veilchen blühten, kehrte die +Greisin zurück, und der alte Witwensitz rüstete sich zum Empfang +fröhlicher Gäste. Denn von Anfang Mai bis Ende Oktober ward das Haus +nicht leer. Verwandte, Erholungsbedürftige, Menschen aus dem großen +Freundeskreise Frau Sabines kehrten an hellen Sommertagen bei ihr +ein. Franz Schenker wußte, es waren nicht nur Männer aus leitenden +kirchlichen Stellen darunter, sondern auch Persönlichkeiten, die +in besonders enger Fühlung mit dem Volke standen, Laien und Frauen +mit warmem Herzen und offenem Auge für Deutschlands Not. Sie alle +trugen das Leben herein, das wahrhaftige Leben in seiner wirklichen +Gestalt. Denn sie kannten es. Sie scheuten sich nicht, dem Feind +ihres Vaterlandes furchtlos ins Auge zu schauen. Und doch — immer +wieder hatte Schenker sich fragen müssen: Ist die Gefahr<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> so groß, +wie sie sagen? Ist das Gesindel, welches sich herumtreibt, sind die +Juden, die sich überall breit machen, sind Großstadterscheinungen und +Lebemenschen, sind Theater, Kino, Presse wirklich jenes unbegrenzten, +zersetzenden Einflusses fähig? Ihn schauderte bei dem Gedanken, daß +er diese schwere Frage zu leicht genommen, daß jenes furchtbare +Gespenst, das ihm in den letzten Wochen so oft begegnet, mehr als +eine vorübergehende Gefahr bedeute, daß es eine Großmacht sei, der +Feind deutscher Art, deutschen Lebens. Und immer mehr fühlte er's, +diese Gefahr stand nicht allein. Sie hatte Verbündete. Eine starke +geeinte Macht zog aus, dem deutschen Volke die Seele zu rauben. Darum +der scharf einsetzende Kampf wider Religion und Sitte, wider Thron +und Herrschaft, darum die Lockungen der Sozialdemokratie, die Sucht, +das Familienleben zu zerstören, die Lüge auf allen Gebieten. Denn es +ging ums Ganze, um Deutschlands Verfall. »Noch — wie lange noch?« Das +kurze Wort aus dem Munde der hochgestellten und doch so schlichten +kerndeutschen Frau hatten dem Manne, dessen ganze Seele die Sorge um +sein Volk erfüllte, die Binde von den Augen gerissen. Und wie bei allen +stark empfindenden Naturen das heiße Fühlen des Augenblicks den Träger +befreiender Taten, den Gedanken auslöst, so trugen auch seine Sinne +geflügeltes Hoffen ans Licht. Um den Ausdruck ringend, gab er einem +kaum gefaßten Gedanken die erste ungefüge Form. Denn die Sorge mahnte +ihn, die Stunde zu nützen, und die Liebe trat ihr, alle Hindernisse +überschreitend, zur Seite. Die Hoffnung aber unterstrich den Vorsatz +der beiden: ›Noch ist's Zeit‹. Noch — warum klopfte dies Wort immer +wieder bei ihm an?</p> + +<p>»Exzellenz,« sagte er und eine tiefe Erregung durchzitterte seine +Stimme, »wenn's wirklich so steht, is es dann nich 'n Unrecht, daß man +ungenützt die Zeit verstreichen läßt? Noch is nich<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> alles verloren. Wir +haben doch noch Männer und Frauen, die treu zu Altar und Thron stehen +und überall ihren Christenglauben bekennen würden. Dürfen sie müßig +sein, wenn man das Vaterland verkauft? Ick bin nur 'n schlichter Mann +und versteh' mich nich auszudrücken. Aber ick hab' neulich mal in'n +Buch von einen Berliner Pastor gelesen, und der sagt, wenn alle die +wirklichen Christen eine Mauer bildeten gegen den Feind, wenn sie ihm +mit der Bibel in der Hand entgegenträten, dann müßte er zurückweichen. +Eine Schar von wahrhaftigen Betern sei selbst dem Teufel ungemütlich, +Exzellenz! Das fällt mir eben wieder ein. Es steht ja mit unseren +Volk viel schlimmer, als man hier bei uns in Kambach ahnt. Und darum +bin ick dankbar, daß ick manchmal auch was anderes höre und sehe +und lese, und daß Exzellenz mir die Augen geöffnet haben. Ick hab' +ja immer gedacht, es wär' nich so schlimm. Jetzt versteh' ick erst +das Wort, das ick kürzlich in Drachenburg, wo ick meinen Wilhelm +besuchte, in einer christlichen Volksversammlung hörte: ›Wann wird +Deutschland seine Vogelstraußpolitik aufgeben und den Geburtenrückgang +als eine Einzelerscheinung, eine vorübergehende Modekrankheit zu +betrachten aufhören?‹ So hat der Mann gesagt. Ick hielt ihn für einen +Schwarzseher. Jetzt weiß ick, was er gemeint hat, als er sagte: +der Geburtenrückgang is 'n Glied in der langen Kette der deutschen +Verfallserscheinungen.«</p> + +<p>Er schwieg. Auf den klaren Zügen lag tiefe Trauer.</p> + +<p>Langsam gingen sie durch den sinkenden Abend. Aus den Wiesen stiegen +die Nebel, die ersten Sterne blitzten. Fern hinter dem weißen +Herrenhause lag der Wald wie ein dunkles Geheimnis. Der Mond ging auf. +Über der Dorfkirche stand die feine glänzende Sichel.</p> + +<p>Der Blick der alten Frau weilte auf dem friedlichem Bilde. Ihre +Gedanken wanderten. In wenigen Tagen sollte dort<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> drüben eine Kambach +im Brautschmuck zum Altar treten, ein liebliches Kind, das Welt und +Menschen nicht kannte.</p> + +<p>Ein Seufzer verklang. — —</p> + +<p>Franz Schenker war noch bei seiner Idee.</p> + +<p>»Wenn Exzellenz die Sache einmal überlegen wollten,« begann er von +neuem, »Exzellenz verstehen so etwas zu machen, und ...«</p> + +<p>Sie unterbrach ihn. »Aber Schenker, was denken Sie sich? Ein paar +Missionsstunden hab' ich eingerichtet! Wie kann eine Frau eine so große +Sache in die Hand nehmen! Das ist Mannesarbeit!«</p> + +<p>»Gewiß, aber die Frau is des Mannes Gehilfin! Wenn Exzellenz die Frage +noch mal überlegten und dann einen oder mehrere Herren, die was davon +verstehen, ins Vertrauen zögen« — er sah sie erwartungsvoll an.</p> + +<p>Sie drohte ihm lächelnd.</p> + +<p>»Sie sind doch unverbesserlich, Schenker, — immer muß Ihre alte +Gnädige die Kastanien für Sie aus dem Feuer holen!«</p> + +<p>»Weil niemand besser dazu geeignet is,« entgegnete er mit bescheidener +Würde. Zuversichtlich blickte er in das klare Gesicht. Er war seiner +Sache gewiß.</p> + +<p>Sie waren am Teich hinter dem Gutshause angelangt. Herbstzauber webte +um die leuchtende Pracht der Baumgruppen. Weiße Malven erschlossen +ihre keusche Schönheit dem Mondlicht. Ein feiner Duft zog von den +Resedabeeten herüber. Im Gartensaal strahlten die Kronleuchter hinter +Rosengerank und wucherndem Geißblatt.</p> + +<p>»Genau wie vor fünfzig Jahren, als ich mit Fritz Karl den Ball +eröffnete,« dachte Frau Sabine.</p> + +<p>»Ick muß noch ins Treibhaus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker und +blieb, den weißen Kopf entblößend, stehen.<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> »Exzellenz nehmen's nich +übel, daß ick vorhin meine Meinung sagte?«</p> + +<p>Die alte Dame sah ihn voll an. »Schenker, machen Sie keine Redensarten! +Sie wissen, daß ich große Stücke auf Sie halte. Sie sind ein +Mann, der nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, ein +Wort mitzusprechen. Es wäre ein Unrecht, wenn Sie's nicht täten. +Deutschlands Not geht uns alle an. Denn hier handelt es sich nicht um +Dinge, die am grünen Tisch gemacht werden, sondern um die Gesundung des +Volkstums. Zweierlei fehlt uns: die Erkenntnis der Zeit und — Männer. +Wir brauchen einen Bismarck und einen Luther. Ob Gott sie uns geben +wird?«</p> + +<p>»Vielleicht sind sie schon da, Exzellenz!«</p> + +<p>Sie zuckte die Achseln. »Gott hat verschiedene Eisen im Feuer. Wir +haben es vielleicht nötig, daß die Geschichte uns vor eine harte +Aufgabe stellt.«</p> + +<p>»Exzellenz meinen einen Krieg?«</p> + +<p>»Ich meine nichts Bestimmtes. Nur das ist mir klar, daß wir dem +Untergang zutreiben. Es hat einmal einer gesagt, wir brauchten eine +schwere Kolonisationsaufgabe, um zu gesunden. Die gelbe Gefahr ist +nicht von heute, eine zweite Völkerwanderung nicht ausgeschlossen. +Ich bin keine Schwärmerin — unmöglich ist das nicht! Stellen Sie +sich nicht nur eine starke Grenzverschiebung, stellen Sie sich einmal +eine germanische Grenzerweiterung vor, und die harte schwere Aufgabe +ist geboten. Da gilt's nicht nur die Urbarmachung russischer Sümpfe, +da gilt's, entartetes Volksleben veredeln. Das wäre eine Arbeit, wie +unsere kampfesscheue Zeit sie brauchte. Deutschland ist stärker, +als sein Alltagleben verrät. Aber es ist ein Acker, der einer tief +gehenden Pflugschar bedarf, um Edelfrüchte zu reifen. Denken Sie an +1806 und dann vor allem an 1813! Der deutsche Volkscharakter braucht +immer wieder den Gewaltherrn in<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> irgendeiner Gestalt — ob er Krieg +oder Pestilenz heißt oder harte schwere Arbeit, — ohne eine große Not +findet unser Volk seinen Gott nicht wieder.«</p> + +<p>»Und wenn zehntausend übrig blieben, die nicht abgefallen wären?« +fragte der Spreewälder.</p> + +<p>Sie antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte sie über die +mondbeglänzten Wiesen.</p> + +<p>»Exzellenz,« sagte Franz Schenker leise, »wenn's fünftausend wären?«</p> + +<p>Sie schwieg noch immer.</p> + +<p>»Wenn's nur tausend wären!«</p> + +<p>Die Edelfrau breitete die Hand über die Augen.</p> + +<p>»Es heißt doch, ›Ihr seid das Salz der Erde‹, Exzellenz! Tun's nich oft +schon 'n paar Körnchen?« fragte er. Die alte Stimme bebte.</p> + +<p>Da reichte Sabine von Kambach dem treuen Manne die Hand. »Gott geb's!« +sagte sie und schritt dem Hause zu.</p> + +<p>Auf dem Altan blieb sie stehen und wandte noch einmal den Blick. +Schweigend lagen die Lande im Mondlicht, ein Bild des Friedens.</p> + +<p>Da zog's durch ihre Seele: ›Du hast harte Worte geredet, und dein +Schweigen war das härteste!‹ Die Tränen stiegen ihr brennend empor.</p> + +<p>Aber Heimatliebe ist wahrhaftig. Sie nennt die Sünde ihres Volkes bei +Namen.</p> + +<p>Durch die Seele der Greisin zog das Wort eines Mannes, der wie wenige +sein Volk geliebt — das Wort Heinrich von Treitschkes: »Wer ein wenig +über den nächsten Tag hinausdenkt, wird sich kaum der Ahnung erwehren +können, daß vielleicht schon am Beginn des kommenden Jahrhunderts +ein ungeheurer Kampf um das Christentum selber, um alle Grundlagen +der christlichen Gesittung ausbrechen mag. Gewaltige<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> Kräfte der +Zersetzung und der Verneinung sind überall in Europa am Werke: +Materialismus, Nihilismus, Mammonsdienst und Genußgier, Spötterei und +wissenschaftliche Überhebung. Der Tag kann kommen, da alles, was noch +christlich ist, unter einem Banner sich zusammenscharen muß.«</p> + +<p>Aber der Warner blieb ungehört, wie viele andere — — —</p> + +<p>Ein schwerer Fittich rauschte über Deutschland.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel"><span class="s5">Zweites Kapitel.</span><br> +Wir winden dir den Jungfernkranz!</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wir schmücken singend Kirchlein und Saal,</div> + <div class="verse indent0">Wir schmücken das stille sonnige Haus!</div> + <div class="verse indent0">Wir winden dir in den Hochzeitskranz</div> + <div class="verse indent0">Den vollen purpurnen Heidestrauß!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wir sprechen den Heimatsegen dazu,</div> + <div class="verse indent0">Den Festtagsgruß aus verklungener Zeit — —</div> + <div class="verse indent0">Ob wohl die träumende Ahnfrau erwacht,</div> + <div class="verse indent0">Weil ein märkischer Junker sein Herzlieb freit?</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Auf dem Altan vor dem Herrenhause saßen die Brautjungfern, +Hochzeitskränze windend. Ein anmutiges Bild, das jedes Geschlecht, jede +Zeit kennt und liebt, das immer wieder erwachen und emporsteigen wird, +— ein Stück Heimatbrauch, wie er nicht lebensvoller gedacht werden +kann: die Töchter der Mark, der scheidenden Gespielin den Ehrendienst +leistend.</p> + +<p>Um die laubgefüllten Körbe saßen die schlanken Mädchengestalten, +weithin leuchteten die Sommerkleider, die bunten Seidenbänder und +Schärpen. Auf blendenden Schultern, auf fleißig schaffenden Händen +flimmerte die späte Sonne, als sei's ein Strauß duftender Edelrosen, +den sie abschiednehmend küßte. Mehr als eine blonde Schönheit war unter +den Kranzwinderinnen. Manch eine beugte sich, heimlich von eigenem<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> +Liebesglück träumend, über die duftenden Mulden, aber keine war Braut, +— eine alte Sitte hätte sie von dem lieblichen Dienst ausgeschlossen.</p> + +<p>Und die purpurnen Wälder leuchteten, und die weiße Septemberseide flog +über Acker und Heidstrecke, über blinkende Wasserspiegel. Vom Gutshaus +aber klang's jubelnd und jauchzend ins weite Land:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Wir winden dir den Jungfernkranz</div> + <div class="verse indent0">Mit veilchenblauer Seide!</div> + <div class="verse indent0">Wir führen dich zu Spiel und Tanz,</div> + <div class="verse indent0">Zu lauter Lust und Freude!</div> + <div class="verse indent0">Schöner grüner,</div> + <div class="verse indent0">Schöner grüner Jungfernkranz!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Tieflandzauber wehte über Wald und Anger, über die altehrwürdige Heimat +— —</p> + +<p>Würden ums Abendgold die Flammen aus den Fenstern schlagen und der +Jungfernschleier über das Kambacher Moor wehen?</p> + +<p>In den braunen und blauen Mädchenaugen stand heimliches Fragen.</p> + +<p>»Sibylle,« rief ein goldhaariges Fräulein von Seelow, »heut nacht +brennt deine Kammer!« Und ein dunkeläugiger Schelm von siebzehn Sommern +erklärte: »Ich will aber den langen Beelitz zum Trauführer haben!«</p> + +<p>Glutübergossen hatte sich die junge Gräfin Bühler über den +Hochzeitskranz geneigt. Jetzt hob sie das schöne Antlitz: »Kleine +Mädchen haben gar nichts zu wollen!«</p> + +<p>»Oho, ich sag's ihm heut abend!«</p> + +<p>»Tu', was du nicht lassen kannst!«</p> + +<p>Ein Blütenregen war die Antwort.</p> + +<p>»Höre, Esther Sophie, sei etwas sparsamer mit den Rosen,«<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> mischte sich +eine Adelsleben ein. »Franz Schenker hat sagen lassen, es seien die +letzten!«</p> + +<p>»Schenkersch olle Vadder rückt nie mit etwas heraus, außer wenn +Großmutter Kambach oder Eberhard kommen! Für andere Sterbliche hat +seine schöne Seele kein Verständnis! Ich fürchte, er ist etwas +überspannt!«</p> + +<p>»Wenn du nur nicht überspannt bist!« meinte Anna Bertha von Strohbeck. +»Den Mann, der dich einmal bekommt, beneide ich nicht!«</p> + +<p>Alles lachte.</p> + +<p>»Du hast ja auch noch keine Gelegenheit dazu gehabt!« rief die Kleine +schnippisch.</p> + +<p>»Ich bin fertig,« sagte Sibylle ruhig, als ginge die Sache sie nichts +mehr an. Behutsam legte sie das Blumengewinde über den Stuhl. Hoch +aufgerichtet stand sie in ihrem weißen Kleide da. Im dunklen Haar, das +in schweren Flechten um den feinen Kopf gesteckt war, hingen ein paar +Rosenblätter, — lachend schüttelte sie sie ab. Alles sah sie an. Keine +hatte sie je so schön gesehen.</p> + +<p>»Wenn er in diesem Augenblick käme,« begann die jüngste Kranzwinderin +von neuem.</p> + +<p>Aber Sibylle Bühler drehte sich um und ging langsam ins Haus.</p> + +<p>»Jetzt ist's genug, Esther Sophie,« sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit.</p> + +<p>Da wurde die Kleine feuerrot und verstummte.</p> + +<p>Gleich darauf zogen Geigenklänge durchs Haus. Künstlerspiel.</p> + +<p>»Chopin!« sagte Sigrid Adelsleben. »Eins weiß ich: wenn ich so spielte, +bliebe ich nicht daheim, und ob die ganze Verwandtschaft sich auf den +Kopf stellte! Eine Kunst, wie diese, ist Allgemeingut und gehört in die +Öffentlichkeit!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> + +<p>»Das liegt Sibylle nicht!«</p> + +<p>»Wer sagt das?«</p> + +<p>»Sie selbst hat mir gesagt, sie ginge nicht zur Bühne.«</p> + +<p>»Die Geige ist für den Konzertsaal.«</p> + +<p>Frage und Antwort flogen herüber und hinüber.</p> + +<p>»Wo mag Ilse nur stecken?«</p> + +<p>»Die ist mit ihrem Schatz in den Wald gegangen,« klang es zurück.</p> + +<p>»Streng genommen hätte sie Cercle halten müssen,« meinte Ursula von +Dachow. »Während wir unsere zarten Finger opfern, streift sie mit dem +Liebsten durchs Land! — Wir hätten Handschuhe anziehen sollen, Kinder!«</p> + +<p>»Ja, man ist immer klüger, wenn man vom Rathaus kommt! — Da sind ja +die beiden!«</p> + +<p>Ein Fräulein von der Malwitz reckte den Hals. »Platz für die Königin!«</p> + +<p>Die Brautjungfern sprangen von den Sitzen. Wie auf Kommando hoben sie +die Hochzeitskränze empor und hielten sie zurücktretend in weitem Bogen +über den geschaffenen Durchgang. Die feinen Gestalten leicht geneigt, +die weißen Arme emporgestreckt, die lachenden Gesichter auf die +Kommenden gerichtet, standen sie da.</p> + +<p>Und wieder zog das alte Jungfernlied in den märkischen Herbsttag hinaus.</p> + +<p>Wolf Dietrich von Bühler und seine Braut standen still und lauschten +der Huldigung. Ein frohes Lächeln lag auf Ilses lieblichen Zügen, +während sie den Gespielinnen zuwinkte. Ihre edlen Formen hob ein +schlichtes Sommerkleid besonders vorteilhaft hervor. Eine rote Rose im +Gürtel, eine kostbare Perlenschnur, das Brautgeschenk Graf Bühlers, +waren der einzige Schmuck der vornehmen Erscheinung. Etwas ungemein +Zartes, Weibliches lag über ihrem ganzen Wesen, jene<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Milde, die, mit +dem Starken gepaart, nach Schillers Ausspruch einen guten Klang gibt.</p> + +<p>Wolf Dietrich von Bühler spielte in der Gesellschaft eine Rolle. Sein +gewandtes liebenswürdiges Wesen, sein feines Auftreten, seine ganze +Art, sich zu geben, alles nahm für den schönen, aber leicht veranlagten +Mann ein. Der Menschenkenner las in dem frauenhaften Gesicht allerdings +manches, das besser nicht darin gestanden hätte, andere freuten sich +des angenehmen, jederzeit gefälligen Kameraden. Wolf Dietrich hatte +der Vater gefehlt. Sein Leichtsinn — mütterliches Erbe — war niemals +weder erkannt noch bekämpft worden. Gräfin Bühler, eine geborene Gräfin +Firlemont, eine bildhübsche gefeierte Frau, hatte zwar, wie sie sagte, +um ihrer Kinder willen nicht wieder geheiratet, sich aber keineswegs +der Erziehung derselben gewidmet. Wenigstens waren ihre Begriffe +von Kindererziehung so oberflächliche, daß der Großvater Bühler, +ein Edelmann vom alten Schlage, ihr oft in sehr entschiedener Weise +entgegentrat. Aber die Gräfin war Wolf Dietrichs und Sibyllens einziger +Vormund und ließ sich nicht dreinreden. Es gab die unerquicklichsten +Auftritte, welchen die leidenschaftliche Frau eine solche Schärfe zu +verleihen wußte, daß der alte Herr es schließlich aufgab, mit ihr +zu verhandeln und seinen Einfluß in anderer Weise geltend zu machen +suchte. Es kam hinzu, daß seine Schwiegertochter als Französin für die +vornehme Einfachheit des märkischen Adels kein Verständnis hatte.</p> + +<p>Wolf Dietrich verehrte und liebte den Großvater auf seine Art; trotzdem +war es Graf Bühler nicht gelungen, dem Enkel seinen grenzenlosen +Leichtsinn auszutreiben. Er artete nach den Firlemonts. Der Sinn für +ererbte Scholle und ehrwürdige Überlieferung fehlte ihm gänzlich. +Seine religiösen Ansichten waren höchst oberflächlicher Art und +verdienten eher den<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> Namen einer sehr willkürlichen Weltanschauung. +Nach außen wahrte er den guten Schein, schon um des Großvaters willen, +dessen ritterliche Persönlichkeit er stets in Ehren gehalten. Er +begleitete den alten Herrn in die heimische Dorfkirche und würde in +seiner Gegenwart niemals in herabsetzender Weise über religiöse Dinge +gesprochen haben. Aber im Grunde war er mit dem Christentum fertig. Es +vertrug sich nicht mit den modernen Lebensanschauungen, war unvereinbar +mit der Wissenschaft, war mit einem Worte rückständig. Die Frage des +Ersatzes war ja längst eine schreiende. Ob man denselben in Kunst und +Wissenschaft, in Moral oder Religiosität suchte, mußte jeder mit sich +selbst abmachen.</p> + +<p>Obgleich der junge Offizier dem Großvater seine Ansichten nach +Möglichkeit zu verbergen suchte, wußte jener doch, wie die Dinge +standen. Aber er sagte sich: ›Viel reden nützt nichts. Das Leben muß +ihn in die Schule nehmen‹, und trug seine Sorgen vor Gott.</p> + +<p>Mehr Freude als an dem verwöhnten Enkel, erlebte er an Sibylle, die +ganz ihres Vaters Tochter war. Wochenlang war sie bei dem Großvater, +während ihre Mutter Italien und die Schweiz bereiste. Gräfin Bühler +kam ihrem Schwiegervater in diesem Punkte bereitwillig entgegen; denn +es entsprach ganz ihren Wünschen, sich ab und zu ohne die schöne +Tochter zu zeigen. Sibylle aber tat nichts lieber, als dem alten Herrn +Gesellschaft zu leisten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das Jungfernlied war verklungen, das Brautpaar betrat den Altan. +Feierlich, als nahten zwei Fürstenkinder, senkten sich die +Hochzeitskränze. Lachend ging Ilse auf den Scherz ein und schritt, nach +allen Seiten grüßend, mit der Würde einer Herzogin an der Seite ihres +Verlobten durch die Reihen der Gespielinnen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p> + +<p>Es war ein Bild, wie es nicht anmutiger sein konnte, und über die +ernsten Züge des Gutsherrn, der mit dem greisen Erblandmarschall aus +einem Fenster des oberen Stocks auf die Gruppe niederblickte, ging ein +Lächeln.</p> + +<p>»Das war meine selige Frau, wie sie leibte und lebte!« sagte er und +beugte sich vor, um der Tochter nachzusehen.</p> + +<p>Graf Bühler nickte versonnen. »Wolf Dietrich kann sich glücklich +preisen. Er verdient Ilse gar nicht.« Als der Hausherr schwieg, +fuhr er fort: »Sie wissen ja, wie ich über diese Heirat denke, +lieber Kambach, und ich will Ihnen am allerwenigsten heute das Herz +schwerer machen, als es schon ist, aber ich muß es Ihnen noch einmal +aussprechen: ich werde die Sorge nicht los! Und diese Sorge betrifft +nicht nur Ihre Tochter, welche durch die Heirat mit meinem Enkel aller +Wahrscheinlichkeit nach keiner leichten Zukunft entgegengeht, sie +betrifft auch Ihren Sohn.«</p> + +<p>Er hielt inne, das feine geistvolle Gesicht beobachtend auf die Züge +des anderen gerichtet.</p> + +<p>Herr von Kambach blickte noch immer auf die Stelle, wo die helle +Gestalt seines Kindes im Sonnenschein gestanden. Eine tiefe Falte +hatte sich in die hohe Stirn des alten Soldaten gegraben, und die +schmalen bartlosen Lippen preßten sich fest aufeinander. Er fuhr mit +der Rechten über das kurz verschnittene Haar. Diese Frage durfte +außer seiner Mutter nur einer anschneiden, — der Mann, der vor ihm +stand. Trotzdem ging allemal ein Stich durch das Herz des Vaters und +märkischen Edelmannes. Starb die alte Art aus? War die Rasse nicht +mehr rein? Wahrlich, bisweilen kam ihm der Gedanke, daß die Mächte, +vor denen er noch bis vor kurzem seine alte Mark sicher geglaubt, auch +hier Fuß faßten. Denn immer wieder mußte er sich sagen, daß es nicht +nur das Garnisonsleben war, das Eliteregiment mit seiner Üppigkeit, +seinen unleugbaren Versuchungen,<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> das dem Mann Gefahren brachte, wies +doch neben diesen Nachtseiten gerade der Offizierstand Vorzüge auf, +wie die strenge Zucht, die scharfe Fassung des Ehrbegriffs, den festen +kameradschaftlichen Zusammenschluß, — Vorzüge, die nicht nur geeignet +waren, das sittliche Leben in hohem Maße zu festigen, sondern auch +das Geschlecht, das in unentwegter Treue zu Altar und Thron stand, +dem Vaterlande zu erhalten. Nein, der Schaden lag an anderer Stelle: +der Offizierstand als solcher verschuldete den Niedergang nicht, — +Deutschlands Söhne waren es, welche den Verfall in die Armee trugen. +Ein erschütternd schwerer Vorwurf gegen Staat und Kirche, Gesellschaft +und Familie! Das eiserne Pflichtgefühl, das die Väter stark gemacht, +war den Enkeln verloren gegangen. Gottesfurcht und Gottvertrauen, jene +felsenfesten Träger gesunden Volkslebens, lehnte der moderne Mensch in +unfaßlicher Selbstüberhebung ab. Der Kapitalismus aber trug den Fluch +des Goldes herein, Gesellschaft und Persönlichkeit vergiftend. Das war +Deutschland hundert Jahre nach den Befreiungskriegen!</p> + +<p>Und der königstreue märkische Edelmann schaute blutenden Herzens die +sichtbaren Spuren des großen allgemeinen vaterländischen Verfalls am +eigenen Fleisch und Blut. Darum brach unter der leisesten Berührung von +treuer Hand immer wieder die Wunde auf, — ein Kambach verstand auf +dem Schlachtfeld für seinen König zu sterben, mit gebundenen Händen +Deutschland verbluten zu sehen, verstand er nicht. Das war mehr, als +Manneskraft ertrug! —</p> + +<p>Harro stand bei den Drachenburger Ulanen. Es war Überlieferung bei den +Kambachs, daß der älteste Sohn in dies Regiment trat. Er war etwas +jünger als Wolf Dietrich Bühler, den er von klein auf kannte. Die +Familiengüter grenzten aneinander; solange man denken konnte, hatten +die Kambachs und Bühlers gute Nachbarschaft gehalten. Die Knaben +hatten<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> zusammen gespielt, das Kadettenhaus hatte sie zusammengeführt, +später das Regiment. Die Kameradschaft war eine alte, die Freundschaft +schien neueren Datums. Harro Kambach hatte im Regiment geäußert, die +Verlobung seiner Schwester sei die Veranlassung gewesen. Aber man +glaubte ihm nicht recht.</p> + +<p>Am wenigsten der Großvater Bühler. Und so sehr er den Enkel trotz +seines Leichtsinns liebte, glaubte er, soweit es in seiner Macht +stand, andere vor seinem Einfluß bewahren zu müssen. Er hatte vor Wolf +Dietrichs Verlobung dem Oberstallmeister seine Bedenken ausgesprochen +und dem Freunde nichts verhehlt. Aber belastende Dinge lagen nicht +vor, und Ilse war mündig. Der Kambacher konnte seine Tochter +daher nur warnen. Und er tat es mit aller ihm zu Gebote stehenden +Überzeugungskunst. Er verhehlte ihr nicht, daß seines Erachtens +ein ausnahmsweise starker gereifter, um nicht zu sagen männlicher +Frauencharakter dazu gehöre, um dieser ungefestigten leichtherzigen +Persönlichkeit den Rücken zu stärken, er sagte ihr ganz offen, daß +ihre Veranlagung ihm selbst zwar die bei weitem liebere, aber nicht +die für diese Vereinigung richtige sei. Denn ihrem Bunde mit Bühler +werde die notwendige Ergänzung fehlen. Er hatte ihr endlich die letzten +schwersten Folgen einer unglücklichen Ehe klargemacht, — alles war +vergeblich. In Tränen hatte sie vor dem Vater gestanden: »Ich lieb' +ihn doch über alles!« Dabei war's geblieben. Denn der Oberstallmeister +war der Ansicht, daß ausgewachsene Menschen ihr Schicksal selbst +entscheiden müssen. So ward Ilse Kambach Bühlers Braut. —</p> + +<p>»Erlaucht,« sagte der Hausherr, »so schwer dies Gespräch für mich als +Vater ist, bitte ich doch daran festzuhalten, daß es nicht nur die +alte treue Freundschaft ist, die mir dasselbe ermöglicht, sondern das +persönliche Bewußtsein: wir stehen als<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Christen und Edelleute auf +demselben Boden. Die Ursache unseres großen völkischen Niedergangs ist +dieselbe, die dem Verderben des einzelnen zugrunde liegt: der Abfall +von dem lebendigen Gott. Das ist Hauptursache für alles andere, — +für den sittlichen Niedergang aller Kreise, für das Absterben von +Vaterlandsliebe und Königstreue!« Er schritt erregt durch den sonnigen +Raum. »Sollen wir den Kindern einer in der Zersetzung begriffenen Zeit +den allgemeinen Verfall zum Vorwurf machen? Kann der Apfel dafür, daß +er wurmstichig ist? Erlaucht, das sind Fragen, die einen zermürben, +wenn man Söhne hat, Fragen, die das Blut aufpeitschen und einen von +Zwiespalt zu Zwiespalt hetzen. Und doch komme ich immer wieder zu dem +schweren Ergebnis: der einzelne ist verantwortlich. Zumal der Sohn +eines christlichen Hauses, dem Gottesfurcht und Königstreue ererbte +Kleinodien sind. Ich sage damit nicht zuviel — bei uns Söhnen der Mark +gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und spreche stolz von einem +Erbteil adligen Blutes. Wer das aber verleugnen kann, — um Sinnenlust +und Geldgier verleugnen kann, — der ist nicht wert, ein Preuße zu +heißen, der ist ein Lump!«</p> + +<p>Er blieb vor dem alten Herrn stehen. Die blauen Augen lohten: »Ich weiß +ganz genau, was Erlaucht mir über meinen Sohn sagen wollen. Nichts, was +ihn gesellschaftlich unmöglich macht — Gott bewahre! Auslachen würde +man mich, wollte ich Erkundigungen in dieser Richtung einziehen! Aber, +— dies Aber spricht Bände für mich! Meine Mutter kam neulich auf der +Rückfahrt von Bühl hierher und hat mir gesagt, was Brelow erzählt hat!«</p> + +<p>Der Greis nickte still vor sich hin. Die feinen Nasenflügel bebten.</p> + +<p>»Sie wollte sich den Jungen vornehmen, — keiner versteht's besser wie +sie!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p> + +<p>»Wenn's nur was hülfe!« entgegnete der Hausherr.</p> + +<p>»Wie Sie ja inzwischen erfahren haben,« fuhr der Erblandmarschall +fort, »hat Joachim Brelow seinem Vater erzählt, man spräche in +Offizierskreisen nicht gerade ablehnend, aber in verändertem Ton von +den beiden. Etwas Greifbares hat er nicht gewußt — fast wär's mir +lieber gewesen! Denn man steht ja mit gebundenen Händen da. Und doch +besagt dieser ›veränderte Ton‹ alles.«</p> + +<p>Kambach nickte finster vor sich hin, und der Graf fuhr fort: »Ich +muß immer an das Urteil denken, das der Franzose über die erste +Grenzüberschreitung der Frau fällt: ›<span class="antiqua">Un peu déclassée!</span>‹ Wieviel +weiter darf der Mann gehen, ohne daß ihn der geringste Vorwurf trifft! +Und ich bin überzeugt, daß nur diejenigen, welche wir schätzen, ihre +kameradschaftliche Haltung verändert haben.«</p> + +<p>Kambach nickte: »Ich habe mir die Sache diese Tage viel durch den Kopf +gehen lassen, sie auch mit meiner Mutter besprochen. Ilse muß sehen, +wie sie fertig wird, gewarnt worden ist sie oft genug. Harro werde ich +sagen, was ich über ihn gehört habe. Das Urteil der Kameraden wiegt +manchmal schwerer, als der Rat des Vaters.«</p> + +<p>Sorgenvoll blickte er über die herbstliche Landschaft.</p> + +<p>Da legte sich eine Hand auf seinen Arm. »Sehen Sie nicht zu schwarz in +die Zukunft, lieber Kambach!« sagte Graf Bühler. »Wenn wir Menschen +nicht aus noch ein wissen, löst unser Herrgott mit einem Hauch seines +Mundes die Fragen der Zeit.«</p> + +<p>Doch der andere stand unter dem Druck schwerer Verantwortung. »Er +verlangt aber auch, daß wir an unserem Teil dazu beitragen! Wenn der +Junge vergessen sollte, daß er ein preußischer Offizier ist, dann — +gnade ihm Gott!« Die Reckengestalt straffte sich, wieder stand die +Falte zwischen den Brauen.</p> + +<p>»Vielleicht gelingt es Ihnen zu verhüten, daß er es vergißt,«<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> sagte +der Erblandmarschall mit der Milde des Alters. »Ich habe mir Wolf +Dietrich übrigens kürzlich noch einmal vorgenommen und sehr ernst mit +ihm geredet. Er war zugänglich und weich wie immer, wenn ich ihm etwas +vorhalte. Allerdings mußte ich, wie gewöhnlich, wenn ich ihn ermahne, +an den Sohn im Evangelium denken, der dem Vater antwortet: ›Ich will's +tun!‹ und tut's nicht. — Ob Ilse irgendwelchen Einfluß auf ihn ausüben +wird?«</p> + +<p>Kambach schüttelte den Kopf. »Ilse ist ein weiches hingebendes +Geschöpf, zu jedem Opfer bereit, — ein Charakter ist sie nicht. An +diese Stelle hätte eine Frau wie Sibylle gehört.«</p> + +<p>Der Greis sah nachdenklich vor sich nieder, dann richtete er das kluge +Auge fragend auf sein Gegenüber: »Ist Ihnen etwas von einer Neigung +Harros zu Sibylle bekannt?«</p> + +<p>Herr von Kambach sah überrascht auf. »Nein.«</p> + +<p>»Ich möchte Sie doch auf diese Möglichkeit aufmerksam machen,« +entgegnete der andere ernst.</p> + +<p>»Würden Erlaucht seiner Werbung zustimmen?«</p> + +<p>Der Graf zuckte die Achseln. »Ich komme nicht in Frage. Sibylle steht +unter der Vormundschaft ihrer Mutter und wird in absehbarer Zeit +mündig.«</p> + +<p>Ein Wagen rollte über den Fahrdamm.</p> + +<p>»Das sind Brelows,« sagte der Hausherr. »Verzeihung, Erlaucht!« Er +wandte sich zur Tür, seinen Gästen entgegenzugehen.</p> + +<p>Der alte Herr hielt ihn zurück. »Nicht wahr, es ist alles beim alten +zwischen uns?«</p> + +<p>Der Oberstallmeister blickte in das schöne ehrwürdige Gesicht. +»Erlaucht!« Sie sahen sich fest ins Auge.</p> + +<p>»Solange die Bühlers und Kambachs noch eine märkische Ackerkrume +besitzen, soll's wahr bleiben: Hie gut Brandenburg allewege!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> + +<p>Der Erblandmarschall umfaßte die Rechte des Gutsnachbarn mit kräftigem +Druck. »Ich weiß es, wir stehen zusammen!«</p> + +<p>Der andere richtete sich hoch auf, als gälte es, seinem König den +Fahneneid zu leisten. »Gott walt's!« antwortete er mit fester Stimme. +— —</p> + +<p>Auf dem Altan ward's lebendig. Mädchenlachen klang herauf, +Willkommensrufe.</p> + +<p>Die beiden Männer hörten es nicht.</p> + +<p>So oft die Geschichte im Vorüberschreiten den Schleier von einer +leuchtenden Vergangenheit hebt, wird in deutschen Herzen die Sehnsucht +nach nationalem Reichtum, nach persönlichen Trägern großer Ideale wach. +Ein Fragen nach den Zeichen der Zeit hebt an, der Alltag ist vergessen +— —</p> + +<p>Endlich brach der Kambacher das Schweigen. »Könnt' ich dem Jungen +begreiflich machen, daß Gott, König und Vaterland mehr als wesenlose +Begriffe, daß sie im höchsten Sinne Wirklichkeit, daß sie Leben und +Wahrheit sind! Könnt' ich ihn mit einem Wort — Geschichte lehren! +Denn sonst wird er im ganzen Leben kein Mann! Aber es wird mir nicht +gelingen!«</p> + +<p>»Vielleicht gelingt es einer Frau,« erwiderte Job Wilhelm von Bühler, +als spräche er zu sich selber, und sein Blick flog über den Altan zu +einer stolzen Mädchengestalt im weißen Sommerkleide, welche soeben Graf +Brelow begrüßte. ›Der gelingt's,‹ fügte er in Gedanken hinzu, ›aber sie +ist zu schade für ihn.‹</p> + +<p>»Guten Tag, Sibylle,« rief eine helle Stimme, »wie ich mich freue!« +Und eine goldhaarige Frau, Mitte Dreißig, umarmte das junge Mädchen. +»Wahrhaftig, Sie sind noch schöner geworden!« fügte sie halblaut hinzu.</p> + +<p>Sibylle wurde dunkelrot. »Helfen Sie mir, Graf Brelow,« sagte sie +lachend. »Ihre Frau ist ja schlimmer, als die Drachenburger<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> Ulanen!« +Und sie wollte ins Haus schlüpfen. Aber sie kam nicht weit.</p> + +<p>»Tag, Billy!« Ein blutjunger Gardedragoner stand vor ihr. +»Donnerwetter, Cousinchen, hast du dich seit meinem letzten Besuch in +Bühl verändert!«</p> + +<p>»Glaub' nicht, daß du jünger geworden bist,« gab sie schlagfertig +zurück und reichte ihm weitergehend die Hand.</p> + +<p>»Aber schöner!«</p> + +<p>Sie zuckte mit vielsagendem Gesicht die Achseln. —</p> + +<p>»Gestatten gnädigste Gräfin!« Ein Ulan verbeugte sich vor Sibylle. +Freundlich begrüßte sie den Hünen.</p> + +<p>»Wie geht's Ihren Schwestern, Herr von Luckau?«</p> + +<p>»Danke, gut. Die jüngste kommt morgen.«</p> + +<p>»So, das ist ja hübsch!«</p> + +<p>Drei andere tauchten hinter ihm auf. Von Offizieren umringt, stand +das junge Mädchen auf den Stufen. Einem nach dem anderen reichte sie +kameradschaftlich die Hand; sie kannte die Herren von den Berliner +Hofbällen. Mit derselben ruhigen Freundlichkeit begegnete sie jedem, +der ihr nahte. Keiner unter den hochgewachsenen märkischen Edelleuten +konnte sich einer Bevorzugung von seiten Sibylle Bühlers rühmen.</p> + +<p>Und dann kam ein Augenblick, wo flammende Röte in das schöne Gesicht +stieg. Der Kreis öffnete sich, und ein junger Offizier neigte sich +tief über die Mädchenhand: »Darf ich mich als Trauführer vorstellen, +gnädigste Gräfin? Der Bruder der Braut hat das Recht, seine Dame zu +wählen!« Sein leuchtender Blick tauchte in die nachtschwarzen Augen.</p> + +<p>Sie antwortete nicht. Langsam senkte sie die seidenen Wimpern.</p> + +<p>Der greise Menschenkenner am Fenster des oberen Stocks wußte genug.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel"><span class="s5">Drittes Kapitel.</span><br> + Bodenständig.</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Eh' du ein Edelgut vertauscht,</div> + <div class="verse indent0">Geh still mit deinem Gott zu Rat,</div> + <div class="verse indent0">Daß er dir in die Seele schreibt,</div> + <div class="verse indent0">Was seine Huld gegeben hat.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Daß Heimatliebe, Heimatbrauch,</div> + <div class="verse indent0">Daß Treue und Beständigkeit</div> + <div class="verse indent0">Von Gott, dem Herrn, gesegnet sind</div> + <div class="verse indent0">Zum großen Werk der Ewigkeit.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Wieder ging ein sonniger Herbsttag zur Neige. Die märkische Heide lag +im Goldglanz der Dämmerung, und die purpurnen Wälder rüsteten sich zur +Nacht.</p> + +<p>Da jauchzten die Geigen durchs Kambacher Haus, und der Brautschleier +wehte. Die neuvermählte Gräfin Bühler eröffnete mit ihrem jungen +Gatten den Ball. Aller Blicke begleiteten die schönen hochgewachsenen +Gestalten durch den kerzenhellen Gartensaal. Die Trauführer mit ihren +Damen folgten.</p> + +<p>Die Neuvermählten stellten sich in der Mitte des Saales auf, die Paare +schlossen einen Ring, und das sogenannte Abtanzen des Brautkranzes +begann. Mit verbundenen Augen tastete die junge Frau hierhin und +dorthin. Dann schritt sie<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> auf ihre Schwägerin Sibylle zu. Harro +Kambach erhielt den Strauß.</p> + +<p>Mehr als ein vielsagender Blick folgte dem Paar, das nach tiefer +Verneigung vor den Neuvermählten den Abschiedsreigen eröffnete. —</p> + +<p>Die Jagdhörner klangen. Die Brautführer schritten, silberne Armleuchter +tragend, voran, und, gefolgt von den Gespielinnen, betrat Ilse Bühler +zum letzten Male den Raum, den sie als Mädchen bewohnt.</p> + +<p>Unten harrte der Viererzug, hinter sich, gleich einer langen funkelnden +Kette, die Schar berittener Bauern, die der Tochter des Gutsherrn nach +alter Sitte mit brennenden Fackeln bis zur Grenze das Geleit geben +sollte.</p> + +<p>Über Sumpf und Sand, über des Tieflandes endloser Weite blaute die +Mondnacht. Aus dem Hochzeitssaal lockte Walzermusik, und der Wind trug +festliche Klänge vom Dorf herauf.</p> + +<p>Oben in dem hellen Raum standen die märkischen Edelfräulein in ihren +langen seidenen Hofkleidern und leisteten der jungen Frau den letzten +Dienst. Kein Wort wurde gesprochen. Sinnender Ernst lag auf allen +Gesichtern. Wie ausgewechselt schien die fröhliche Schar.</p> + +<p>Dann stand Ilse Bühler im Reisekleid auf der Schwelle. Ein letztes +Mal ging ihr Blick durch den freundlichen Raum, darin sie soviel +erlebt, Frohes und Trübes. Noch war alles unverändert. Die Uhr tickte, +die Blumen blühten am Fenster. Vom Schreibtisch grüßten die Bilder +ihrer Lieben, auf der Staffelei stand eine eben vollendete Skizze, +eine stille herbstliche Waldstraße. Sie hatte vor der Hochzeit alles +einpacken wollen, aber Sibylle hatte gebeten: »Das besorg' ich, wenn du +abgereist bist!« Ilse sagte nicht nein. Die schwesterliche Liebe tat +der mutterlosen Braut wohl.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> + +<p>Wie ein Traum zog das Leben an der Scheidenden vorüber — —</p> + +<p>Ihr Blick fiel auf das Kleid, das sie soeben abgelegt, auf Kranz und +Schleier. Sinnend ruhte ihr Auge darauf — das war nun vorüber — ein +Schauer durchrann die schöne Gestalt.</p> + +<p>Es klopfte. Sie wurde gerufen. Es war Zeit.</p> + +<p>Leidenschaftlich umschlang sie Sibylle. Die übrigen Brautjungfern +umringten sie. Schweigend küßte sie eine nach der anderen, dann schritt +sie ihnen voran die Treppe hinab.</p> + +<p>Unten kam das Schwerste. Der Abschied von Vater und Großmutter, von +den Brüdern. Unbemerkt hatten sie den Saal verlassen und erwarteten +in der Halle die junge Frau. Sogar der alte Erblandmarschall hatte +es sich nicht nehmen lassen, trotz eines Ischiasanfalles noch einmal +herunterzukommen. Neben Frau Sabine, die sich auf Harros Arm stützte, +stand er über seinen Krückstock gebeugt. Der kleine Eberhard Kambach, +ein frischer hübscher Junge, der Ostern konfirmiert werden sollte, +wollte Stühle holen, aber die beiden Alten wehrten ab. Ilse käme ja +gleich, und sie wollten vom Altan die Abfahrt sehen.</p> + +<p>Neben der strammen soldatischen Erscheinung des Oberstallmeisters stand +eine Gestalt, die nicht ganz in das Kambacher Gutshaus paßte. Eine +überschlanke bildhübsche, aber nicht mehr junge Frau im sehr engen, +tief ausgeschnittenen, spitzenüberrieselten türkisblauen Hofkleide. +Man fragte sich unwillkürlich, warum eine Dame, die über solch eine +Erscheinung verfügte, in ihrer Kleidung nicht wählerischer sei.</p> + +<p>»Hinreißend schön, aber nicht vornehm,« hatte der kleine Gardedragoner, +der vor wenigen Stunden, in den Anblick der Tochter versunken, auf der +Freitreppe gestanden, über Gräfin Bühler geurteilt, und seine Ansicht +war die allgemeine. Der alte märkische Adel war für das Halbweltliche +noch nicht reif.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span></p> + +<p>Ilse Bühler hatte den Umstehenden Lebewohl gesagt. Hastig küßte sie den +kleinen Bruder. »Besuch' mich bald, Bubi!« Ihre Stimme erstickte. Sie +wandte sich ab. Im nächsten Augenblick hing sie aufschluchzend am Halse +des Vaters. Er preßte sie an sich. In tiefer Bewegung flüsterte er ihr +etwas ins Ohr. Da faßte sie sich. Unter Tränen lächelnd beugte sie sich +über seine Hände und küßte sie wieder und wieder. Dann nahm sie rasch +entschlossen seinen Arm, nickte den Zurückbleibenden noch einmal zu und +ließ sich an den Wagen führen.</p> + +<p>Dort wartete Wolf Dietrich, der das letzte Lebewohl nicht hatte +stören wollen. Nachdem er seiner jungen Frau in den Wagen geholfen, +verabschiedete er sich mit fast zu stark betonter, das Förmliche +streifender Ehrerbietigkeit von seinem Schwiegervater. Dann stieg er +ein.</p> + +<p>Der weit zurückgeschlagene Landauer glich einem Rosengarten.</p> + +<p>Dankend winkte Ilse den Brautjungfern zu. Ein letzter Händedruck, ein +letzter Blick in die Augen des Vaters, und fort ging's, den breiten +Kiesweg entlang, der Dorfstraße zu. In langem Zuge folgten die +Fackelreiter. — —</p> + +<p>Der Hochzeitswagen war längst im Dunkel der Herbstnacht verschwunden, +nur die tanzenden Lichter glühten und flimmerten noch auf der Heide. +Regungslos stand Herr von Kambach auf den Stufen. Der Himmel hatte sich +bewölkt, ein feiner Sprühregen zog über die stillen Lande. Er merkte +es nicht. Seine Gedanken waren bei seinem Kinde. Langsam rann ihm eine +Träne die Wange herab, und er schämte sich ihrer nicht.</p> + +<p>Da legte sich eine Hand auf seinen Arm. Eine schlanke Mädchengestalt +in rosa Seide stand im hellen Schein des Lüsters vor ihm. Ein dichter +Kranz halb aufgebrochener Rosen blühte im dunklen Haar, eine Reihe +echter Perlen<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> umschloß den Hals. Allen anderen Schmuck hatte Sibylle +Bühler verschmäht.</p> + +<p>»Es regnet,« sagte sie freundlich, und die schönen Augen sahen ihn +bittend an. Sie glichen zwei anderen zum Verwechseln. In das Herz +seines Kindes hatten diese nachtschwarzen Augen geschaut, und die junge +Seele war unter ihrem Blick erschauert. Und nun sahen sie ihn an, diese +samtweichen Augen der Bühlers! Aber in denen des jungen Weibes lag eine +Ruhe und Klarheit, eine geistige Schönheit, die sich in Wolf Dietrichs +Augen nicht widerspiegelte. Und wie so oft schon stieg's in der Seele +des Mannes empor: ›Es ist das fremde Blut! Warum mußte Kaspar Heinrich +die Firlemont freien!‹ — Aber Sibylle war eine echte Bühler! —</p> + +<p>Und es lag etwas Warmes, Väterliches in seiner Art, als er den Arm des +jungen Mädchens in den seinen zog. »Ja, Kind, Sie haben recht. Ich bin +schon ganz naß!« Er strich über das feuchte Haar.</p> + +<p>Jetzt erst gewahrte er, daß sie so, wie sie den Saal verlassen, im +ausgeschnittenen Kleide vor ihm stand.</p> + +<p>»Menschenkind, sind Sie toll? Schnell! Sie erkälten sich!« Er war +wieder ganz der alte Kambach. »Marsch hinauf und zehnmal durch den Saal +gewalzt und dann einen Punsch drauf! Verstanden?«</p> + +<p>Sie lachte. »Ich habe ja gar nicht im Regen gestanden!«</p> + +<p>Aber er ließ nicht locker.</p> + +<p>Auf der Treppe begegneten sie dem langen Malwitz.</p> + +<p>»Sind Sie schon für den Walzer versagt?« rief er ihm entgegen. »Nein? +Gut. So sorgen Sie dafür, daß die Gräfin warm wird!« Und er erzählte +ihm Sibyllens Leichtsinn.</p> + +<p>Sie aber lehnte alles ab.</p> + +<p>»Es wäre schlimm, wenn ein Landmädchen nicht mehr vertragen könnte!« +Und sie folgte ihrem Tänzer in den Saal. —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span></p> + +<p>Das Wort von den ›fürstlichen Hochzeiten der Mark‹ bewahrheitete sich +wie kein anderes. Was das Land an ererbtem Glanz und Reichtum barg, an +hundertjährigem Brauch und edler Sitte, das trat an seinen Ehrentagen +aus der Verborgenheit ans Licht und grüßte das Volk. Die schlichten +Gutshäuser schmückten sich, als sollten Könige unter ihrem Dache +rasten, die fleißigen blonden Landedelfrauen holten Perlen und Gestein +aus den Truhen, goldgestickte Stoffe, kostbare Schleier, die ledigen +Mägdlein rüsteten stolz das Hofkleid und pflückten im Park die Rosen +zum Jungfernkranz.</p> + +<p>Fürstlich war auch die Hochzeitstafel. Im äußeren Schmuck, in +allem, was sie bot. Vom goldenen hundertjährigen Tafelaufsatz +und dem fein gewirkten Wappentuch bis zum kristallenen Kelch und +seinem perlenden Inhalt war's fürstliche Gastfreundschaft, die das +märkische Hochzeitshaus bot. Das großartigste aber war und blieb der +patriarchalische Geist, der diese Gastfreundschaft beseelte. Freite die +Herrentochter, so feierte der ärmste Knecht die Hochzeit fröhlich mit, +so trank er des Edelmanns Wein und aß seinen Fisch. Kein Kind im Dorf, +das nicht seinen Festkuchen erhielt, kein armes Mütterchen, dessen man +nicht im Gutshause gedacht.</p> + +<p>Park und Gartensaal standen offen. Niemand war ausgeschlossen. Und +wer des Schauens müde geworden, der ging in den herrschaftlichen +Milchkeller hinüber, wo sich die Paare nach den Klängen der Fidel +drehten, und wagte ein Tänzchen.</p> + +<p>Waren die festlichen Tage vorüber und die Hochzeitskränze verwelkt, +herrschte Ebbe im Säckel des Gutsherrn. Doch gute Ernten füllten ihn +wieder, und Treue lohnte die Treue. Ein starker zäher Kitt verband +Herrn und Knecht. Denn es war nicht nur preußische Adelsehre, welche +diese patriarchalischen wahrhaft fürstlichen Feste gebot, es war die +Liebe zur Scholle,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> zu Volk und Vaterland, die immer wieder einen +Markstein am deutschen Lebenswege aufrichtete. — —</p> + +<p>Die Nacht war heraufgestiegen. Die letzten Regentropfen hingen an Busch +und Baum, die Sterne funkelten. In leuchtender Klarheit stand der Mond +über dem Altan.</p> + +<p>Drinnen klangen die Geigen. Die Paare schwebten über das Parkett. Eine +wunderbare Ruhe lag über dem stimmungsvollen Bilde. Licht, Farbe, Töne +schienen sich miteinander zu verschmelzen. Denn hier brannten noch +Kerzen in den Kronleuchtern, wahrhaftige Kerzen wie in alter Zeit, +als Gräfin Sabine Trach und der junge Kambacher Herr den Hubertusball +eröffneten. Daher der zarte Schimmer, der feenhafte Glanz, der den +Bildern aus den Tagen Friedrichs des Großen eigen, der das Flötenspiel +des königlichen Künstlers mit seinen sanften Lichtern umspielte.</p> + +<p>Es war, als hätte die junge Frau, die unten in der Halle in heißem +Abschiedsschmerz des Vaters Hände geküßt, ihren Dornröschentraum +durch den Hochzeitssaal getragen, und die schönste Blüte sei langsam +entblättert. — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Sibylle Bühler tanzte den Tischwalzer mit dem Sohn des Hauses. Man +hatte die Nachbarskinder an diesem Abend schon öfter beisammen gesehen, +— nun tanzten sie auch noch den Tischwalzer zusammen, — die jungen +Mädchen begannen zu tuscheln.</p> + +<p>Doch die beiden trugen eine solch eherne Ruhe zur Schau, daß der kleine +Dragonerleutnant von Dachow, der seine Cousine vergötterte, sich +erleichtert sagte, er habe sich gestern mittag wohl geirrt.</p> + +<p>Gräfin Brelow aber, die Sibylle seit ihrer Mädchenzeit kannte und +liebte, sagte zu ihrem Manne: »Wenn ich nicht wüßte, sie ist die +einzige, die ihm dazu verhelfen kann, ein<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> rechter Kambach zu werden, +ich würde alles tun, um die beiden Menschen zu trennen! Aber du wirst +es erleben, Achim, sie bringt ihn zurecht!«</p> + +<p>»So kampflustig?« Er sah sie lächelnd an. Drei Körbe hatte sie +ihm gegeben, und nun war sie glückliche Frau und Mutter von sechs +Kindern. »Du irrst dich auch manchmal,« sagte er. »Außerdem betonst +du doch sonst das Wort bei jeder Gelegenheit ›Ehen werden im Himmel +geschlossen‹, und nun denkst du daran, die beiden zu trennen.«</p> + +<p>»Ich denke eben nicht daran!« entgegnete sie, mit ihrem kostbaren +Spitzenfächer spielend.</p> + +<p>»Aber du würdest daran denken, wenn Sibylle nicht Sibylle wäre.«</p> + +<p>»Ja, das würde ich.« Sie rückte dicht an ihn heran. »Erinnerst du dich +eines großen Marmorbildes in einer früheren Dresdener Kunstausstellung: +›Mann und Weib‹? Sie schlafen. Seite an Seite liegen sie ausgestreckt, +— Idealgestalten deutschen Lebens. Ich sagte dir schon damals, daß die +Frau Sibylle gleiche; Harro Kambach kannte ich noch nicht! Jetzt weiß +ich, wer der Mann ist, — seltsam, — als ob die beiden dem Künstler +vor Augen gestanden hätten!«</p> + +<p>»Und weil sie jenem Marmorbilde gleichen, sollen sie sich heiraten? +Ursel, — nimm's nicht übel!«</p> + +<p>»Ja, ja, ich weiß, ich bin eine Schwärmerin! Aber sei nur ganz still. +Mein Haushalt geht am Schnürchen!«</p> + +<p>»Weil du eine vorzügliche Mamsell hast!«</p> + +<p>»Ach was! Hör' zu! — Also erstens ist die Ähnlichkeit geradezu +überwältigend. Außerdem habe ich niemals die Ergänzung der Seelen +widergespiegelt gesehen, wie in diesen Gestalten!«</p> + +<p>»Und deshalb sollen sich Harro Kambach und Sibylle Bühler auch +ergänzen, — lieber Schatz!« Er lachte hell auf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p> + +<p>»Sei still, da kommen sie.« Langsam schritten die zwei vorüber, ihrem +Platz zu.</p> + +<p>Graf Brelows Augen folgten ihnen. »Sie ist überhaupt viel zu schade für +ihn,« sagte er. »Zum Glück weiß der Großvater, was für ein Luftikus +Kambach ist. Hoffentlich ist die Mutter vernünftig und Sibylle selbst +...«</p> + +<p>»Sibylle liebt ihn,« unterbrach die Gräfin ihren Mann. »Zu schade, +sagst du, sei sie für ihn?« fuhr sie dann fort. »Gibt's Größeres, als +einen Menschen zu Gott zu führen?«</p> + +<p>»Wer sagt dir, daß ihr das gelingt? Ist nicht auch die Möglichkeit +vorhanden, daß der Mann das Weib von Gott löst?«</p> + +<p>»Nein!« rief sie lebhaft, »das ist unmöglich — bei Sibylle? Nein!«</p> + +<p>»Gesetzt den Fall, du behieltest recht, Ursel, aber sie brächte ihn +trotzdem nicht auf den rechten Weg! Bitte stell' dir diese Ehe vor!«</p> + +<p>»Die Hölle auf Erden!« rief sie, und dann faßte sie seine Hand. »Bei +uns war's auch nicht immer so, wie's heut' ist!«</p> + +<p>Er blickte glücklich auf sie nieder. »Aber jetzt bleibt es wie's ist, +nicht wahr? Was wäre ein Brelow ohne das Kreuz?«</p> + +<p>Sie hob die strahlenden Augen zu ihm empor. »Darum gönn' ich's auch +einem Kambach! Du sollst sehen, Achim, sie bringt es ihm.« — —</p> + +<p>Der Kotillon begann.</p> + +<p>Harro Kambach verneigte sich vor der schönen Frau.</p> + +<p>»Verzeihung, Herr Graf!«</p> + +<p>Brelow nickte dem jungen Offizier freundlich zu. Dann erhob er sich, um +seiner Frau Platz zu machen.</p> + +<p>Ein mit Rosen beladener Wagen wurde in den Saal gefahren. Zwei +weißgekleidete kleine Mädchen aus der Nachbarschaft trugen Kissen mit +weißen und roten Orden herein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p> + +<p>Der Sohn des Hauses schlang den Arm um seine Dame. Die tanzende Jugend +folgte dem eleganten Paar. Offiziere und junge Mädchen drängten nach +der Mitte des Saales.</p> + +<p>Gräfin Brelow stand mit einer rotweißen Schleife vor dem alten +Erblandmarschall. »Darf ich, Erlaucht?«</p> + +<p>Sie steckte ihm den Orden an den Frack.</p> + +<p>Er neigte den weißen Kopf über ihre Hand. »Wär' ich dreißig Jahre +jünger, meine gnädigste Gräfin, so sollten Sie den langen Bühler kennen +lernen! Aber das Alter!«</p> + +<p>Die braunen Augen sahen den bekannten ehemaligen Prinzessinnentänzer +schelmisch an: »Ich komme doch aus Freundschaft, Erlaucht!«</p> + +<p>»Das weiß ich!« Er nickte ihr väterlich zu. »Setzen Sie sich zu mir, +Ihr Tänzer ist beschäftigt, er wird Sie schon finden!«</p> + +<p>Sie nahm an seiner Seite Platz.</p> + +<p>»Das ist eine Hochzeit nach meinem Sinn,« begann der alte Herr in +aufgeräumter Stimmung. »Die Kambacher verstehen's! Fürstliche Aufnahme, +ausgezeichnete Bewirtung, — und doch keine Protzerei, keine Berliner +Üppigkeit! Wissen Sie, Gräfin, daß mich die Berliner Gasthofhochzeiten +geradezu anwidern. Das gehört sich nicht für einen Landedelmann. Ein +echter Junker feiert seine Feste auf der Scholle!«</p> + +<p>Sie nickte eifrig. »Das ist ganz meine Meinung, Erlaucht! Wo soll die +Bodenständigkeit herkommen, wenn die Landflucht der höheren Kreise +überhandnimmt! Meine Verwandten Klemm gehen jetzt für sechs Monate nach +Ägypten, nur weil sie sich zu Hause langweilen. Sie sind alle beide +kerngesund, es fehlt ihnen nichts als sozialer Sinn und das nötige +Pflichtgefühl. Im Frühjahr heiratet die älteste Tochter, die Hochzeit +ist natürlich in Berlin. Achim gerät ganz aus dem<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> Häuschen, wenn ich +davon anfange. Ich glaube, er ließe sich scheiden, wenn ich auf solche +Gedanken verfiele.«</p> + +<p>»Das würde ich ihm durchaus nicht verdenken,« sagte der alte Herr. +»Landedelfrauen, denen die Heimatliebe und damit der Sinn für das +Ererbte fehlt, wissen gar nicht, welch ein Kleinod ihnen anvertraut +ist. Die Frau ist die Hüterin der Volksseele, die Beschützerin des +Familienlebens, der Sitte. Nirgends aber hat sie so Gelegenheit, +ihrem hohen Beruf nachzugehen, wie auf eigenem Grund und Boden; denn +keine andere Frau kann unmittelbarer, persönlicher, uneingeschränkter +ihren Einfluß ausüben, als die Landedelfrau. Sie begeht darum nicht +nur ein Unrecht, sie begeht eine grenzenlose Torheit, wenn sie auf +diesen Einfluß verzichtet; denn sie verliert mit ihm die Liebe und +Anhänglichkeit ihrer Untergebenen. Die Frau trägt eine Macht auf +dem Haupte, gnädigste Gräfin, Sie werden das ja selbst am besten +wissen! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: auf den Gütern, wo die +Herrschaft keinerlei persönliche Fühlung mit den Leuten hat, blüht +die Sozialdemokratie. Die Frauen und Töchter der Majoratsherren, die +niemals auf Erntefesten mittanzen, niemals Krankenbesuche im Dorf +machen, mit einem Wort, die die Leute nicht kennen, die schädigen, +— das klingt furchtbar hart, aber es ist nun einmal so, — ich +sage, die schädigen den Großgrundbesitz. Denn sie beschleunigen +durch ihr Verhalten, durch ihren Mangel an Interesse die Landflucht. +Die Herrschaft, die den Leuten keine Liebe entgegenbringt, kein +Zusammengehörigkeitsgefühl in ihnen weckt, kann auch keine Treue von +ihnen erwarten. Aber ich will nicht nur auf die Frauen schelten. Die +Schuld des Mannes auf diesem Gebiet ist wahrhaftig nicht die geringere. +Vom Hundertsten kämen wir ins Tausendste, wollten wir dem Kapitel +Bodenständigkeit nachgehen, wollten wir ›Landflucht und Landsucht‹ +mit all ihren gefährlichen Auswüchsen<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> betrachten. Wissen Sie das +Neueste? ›Bodenständig ist rückständig!‹ Ein leichtfertigeres Wort ist +selten geprägt worden. Gott bewahre uns vor diesem Schmarotzertum, vor +dem Spiel mit ererbtem Gut und Besitz, vor der Verachtung von Glaube +und Sitte, von Heimatgefühl und Beamtentreue! Lieber will ich ein +bettelarmer Edelmann sein, als mit einem jener vaterlandslosen Gesellen +an einem Tische sitzen, die nicht etwa durch die Not getrieben, +sondern um Geld und Glanz und Genuß das Erbe der Väter an jüdische +Grundstücksmakler verschachern!«</p> + +<p>Er hatte erregt gesprochen. Hastig fuhr er über die hohe Stirn.</p> + +<p>Besorgt blickte sie ihn an.</p> + +<p>Er seufzte. »Nirgends haben die Sozialdemokraten leichteres Spiel als +da, wo die alten patriarchalischen Verhältnisse nicht mehr bestehen! +Wo es nicht mehr Treue um Treue gilt, da sieht es schlimm aus!« Er +hielt einen Augenblick inne. Sinnend ging sein Blick durch den Saal. +»In unserer Gegend macht sich das noch nicht so fühlbar wie auf +manchen anderen Gütern. Zumal Kambach hat ja geradezu einzigartige +Verhältnisse, und die dankt es in erster Linie seinen Gutsherren! Hab' +ich nicht recht?«</p> + +<p>»Ganz gewiß. Die Kambacher sind ein vorbildliches Geschlecht. Haben +Erlaucht bemerkt, in wie wunderhübscher Weise heute das ganze Dorf +teilnahm? Das Bild während der Trauung wird mir unvergeßlich sein!«</p> + +<p>»Gewiß. Diese Hochzeitsfeiern bilden ein wichtiges Stück in der +Heimatkunde der Mark. Und Sie haben sehr recht. Gerade die Kambacher +Feste haben einen eigenen Reiz. Das ganze Dorf war heute auf den +Beinen. Überall begegnete man frohen Gesichtern. Der alte Schenker +strahlte, als hätte er seine eigene Tochter verheiratet. — Morgen ist +ein großes Volksfest! ›Damit keiner zu kurz kommt!‹ sagt Kambach.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<p>Gräfin Brelow lächelte.</p> + +<p>»Er denkt immer an seine Leute!« —</p> + +<p>»Nun, Ursel, du bist in deinem Fahrwasser, dann kann ich ja +wieder gehen!« sagte eine bekannte Stimme. »Wenn meine Frau +auf patriarchalische Verhältnisse gebracht wird, bin ich +nämlich überflüssig, Erlaucht,« wandte sich Graf Brelow an den +Erblandmarschall. »Es hat auch nicht den geringsten Zweck, ihr die +heutigen sozialen Verhältnisse zu erklären, ich bin und bleibe in ihren +Augen ein Umstürzler.«</p> + +<p>Graf Bühler lachte. »Sind Sie auch, mein lieber Brelow! Ihre Frau +hat ganz recht. Sie vertritt das Alte, Angeborene, während Sie +dem Neuen die Tür öffnen. Ich weiß ganz genau, was Sie für die +volkswirtschaftliche Selbständigkeit ins Feld führen, weiß auch, daß +Zeiten und Menschen sich in mancher Beziehung geändert haben, trotzdem +muß ich bei all den an sich gewiß sehr lobenswerten, die Aufbesserung +der ländlichen Arbeiterverhältnisse betreffenden Bestrebungen immer +wieder an das Breysigsche Wort denken: ›Feste dauernde Bande voll +tiefen Glückes werden heute nur zerschnitten, nie neu geknüpft‹.«</p> + +<p>Graf Brelow blickte den alten Herrn lächelnd an. »Erlaucht kennen +meine Stellung doch! Die altehrwürdigen patriarchalischen Verhältnisse +in hohen Ehren! Sie bilden zum großen Teil den Kitt, der unserem +ländlichen Volksleben seinen letzten Halt gibt. Selbstverständlich +sind Führerschaft und Gebietersinn im allerbesten Sinne notwendig, +und darum ist auch das patriarchalische Verhältnis notwendig; denn es +schafft nicht nur Bodenständigkeit, es stärkt dem Christentum, stärkt +vaterländischem Sinn und Königstreue den Rücken. Ich gebe offen zu: es +ist ein alter Führerirrtum, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse mit +denen der Masse zu verwechseln. Denn es gibt ein geborenes Herrentum +und gibt Kreise, die des Geführtseins<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> nicht nur bedürfen, sondern die +bewußt und unbewußt den Führer begehren, die viel lieber gelenkt werden +wollen, als selbst die Last und Verantwortung des Lenkens übernehmen. +Darin liegt durchaus keine Kraftverminderung für mich, Erlaucht, +— im Gegenteil: das Können der Seele, ihr Vermögen wird durch die +Führerschaft eines Starken gesteigert.«</p> + +<p>Der alte Herr nickte.</p> + +<p>»Ja, ja, — aber — trotzdem, ich weiß schon, was kommt!«</p> + +<p>»Das schadet nicht. Erlaucht werden es noch einmal hören! Und meiner +Frau schadet es auch nicht! — Das, was Erlaucht fordern, und was +jeder rechte Gutsherr grundsätzlich erstreben wird, ist die uralte +väterliche Form der Herrschaft! Ein gesegnetes Erbe, welches noch heute +da ein Segen bleibt, wo das Verhältnis zwischen Herrn und Knecht ein +mustergültiges ist. Aber wir haben nicht nur mit dem Durchschnitt, +sondern in den meisten Fällen mit Verhältnissen unter dem Durchschnitt +zu rechnen. Bühl und Kambach stellen eine Auslese dar — ich wollte, +in Dambeck wär's auch so. Den Zeitgeist können wir nicht ändern, aber +wir können die Verhältnisse in zeitgemäßer Weise zu bessern suchen. Ich +meine nicht, daß das Alte an sich abgewirtschaftet hat, aber daß manche +alte Form hinfällig geworden ist und darum mancher Wunsch nach Wandel +und Neuschöpfung berechtigt ist, das muß ich gerade in bezug auf die +ländlichen Arbeiterverhältnisse anerkennen! Wir dürfen nicht vergessen, +daß der Fabrikarbeiter in äußerlich, wenn auch nur scheinbar, freieren +Verhältnissen lebt als der Landarbeiter. Letzterer nimmt daher in den +Augen des Volkes einen untergeordneteren Platz ein als jener, wenn auch +seine Verhältnisse in Wirklichkeit vielleicht die günstigeren sind. +Aber das soziale Gefühl spricht bei den Leuten zu stark mit, und wir +haben die Pflicht, es zu berücksichtigen, sonst gehen uns vielleicht +gerade<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> <em class="gesperrt">die</em> Werte verloren, die das patriarchalische Verhältnis +vergangener Zeiten geschaffen hat.«</p> + +<p>Graf Bühler blickte auf seinen Krückstock nieder. Dann hob er die +hellen Augen voll zu dem Sprecher empor.</p> + +<p>»Ich glaube, wir wollen im Grunde dasselbe, lieber Brelow,« sagte er +freundlich, »nur müssen Sie dem Alter eine gewisse Rückständigkeit +zugute halten. Es hängt am alten Brauch, an der alten überlieferten +Form. Aber das eine möchte ich aussprechen, und auch Ihre Frau soll's +hören: ich glaube nicht, daß die Kambacher und Bühler enger mit ihrer +Gutsherrschaft verwachsen sind als die Dambecker!« Er schüttelte +dem anderen die Hand. »Trotz allem, was mir am Neuen schwer wird, +naturgemäß schwer werden muß, denn wir Alten leben immer in der +Vergangenheit, die bekanntlich stets einen Heiligenschein trägt, — +trotzdem, oder gerade darum soll das Neue mich mahnen, gerecht zu sein. +In der Beziehung muß ich noch von Ihnen lernen, lieber Brelow!«</p> + +<p>Die Blicke der beiden Männer begegneten sich klar und fest. Aus Graf +Brelows Augen leuchtete helle Freude.</p> + +<p>Dann sah er seine Frau an. ›Na, Ursel, was sagst du nun?‹ fragte sein +Blick.</p> + +<p>Sie nickte ihm herzlich zu. »Sei nur ganz still,« lachte sie, und ein +paar Grübchen traten in die rosigen Wangen, »ich schreib's mir hinter +die Ohren!«</p> + +<p>»Das möcht' ich mir auch ausgebeten haben! — Auf Wiedersehen, +Erlaucht!« — Mit einer leichten Verbeugung gegen den alten Herrn +schritt er weiter.</p> + +<p>Gleich darauf sahen die beiden ihn mit Sibylle Bühler vorübertanzen. +— —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Harro stand vor der Gräfin.</p> + +<p>»Ja, ja, ich bin Ihnen ausgerückt, Baron,« lachte sie. »Aber<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> hier ist +noch Platz, setzen Sie sich zu uns. Nachher kommt noch ein Tänzchen in +Ehren!«</p> + +<p>Er verbeugte sich gegen den Erblandmarschall. »Gestatten, Erlaucht?«</p> + +<p>»Bitte, lieber Harro! Nicht wahr, dies ist ein gemütliches Eckchen, +wir sind hier ganz unter uns! — Übrigens sprachen wir gerade von den +Vorzügen Ihres Hauses! Die Ohren müssen Ihnen geklungen haben!«</p> + +<p>Harro beugte sich vor. Eine Ahnung sagte ihm, was nun kommen werde: +die Predigt über den vorbildlichen Landedelmann. Fürchterlich. Aber +was half's? Man mußte andächtig zuhören. Hoffentlich tat der alte +Herr keine persönlichen Fragen. Er verfügte über eine unversiegbare +Gründlichkeit.</p> + +<p>»Sie brauchen keine Abhandlung über das Agrariertum zu befürchten,« +sagte der Graf mit feinem Lächeln. »Ich habe nur meiner Hochachtung +vor dem konservativen Sinn Ihres Vaters Ausdruck gegeben und die Treue +bewundert, die in geradezu vorbildlicher Weise das patriarchalische +Verhältnis aufrechtzuhalten sucht. Ein Tag wie der heutige zeigt das +wahre Bild des Gutslebens. Ich rechne es Ihrem Vater sehr hoch an, daß +er den Bitten meines Enkels, die Hochzeit in Berlin zu feiern, nicht +nachgegeben hat!«</p> + +<p>Harro schwieg.</p> + +<p>»Sie scheinen anderer Meinung zu sein,« sagte der Erblandmarschall.</p> + +<p>Gräfin Brelow blickte gespannt auf den jungen Offizier.</p> + +<p>Der wollte dem ehrwürdigen Gast seines Vaters ungern widersprechen. +»Verzeihung, Erlaucht ...« sagte er zögernd, »aber ...«</p> + +<p>»Hätten Sie die Hochzeit in Berlin gegeben?« unterbrach ihn Graf Bühler.</p> + +<p>»Ja,« erwiderte Harro. »Man muß doch zugeben, daß die<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> Räumlichkeiten +unserer Landhäuser für solche Gelegenheiten nicht genügen.«</p> + +<p>»Sie haben immer genügt; aber selbst wenn dem so wäre — ist das das +allein Ausschlaggebende für Sie?«</p> + +<p>Harro zuckte die Achseln. »Was soll denn sonst den Ausschlag geben, +Erlaucht? Wir sahen doch heute wieder, daß der Tanzsaal viel zu klein +ist! Kambach genügt überhaupt nicht den Anforderungen der Neuzeit. +Außerdem ist es nicht mehr Mode, daß der Adel seine Hochzeiten auf dem +Lande feiert! Das spricht doch alles mit!«</p> + +<p>»So. Aber eins scheint bei Ihnen nicht mitzusprechen: Heimatsitte und +Heimatbrauch, patriarchalisches Verhältnis, — mit einem Wort: sozialer +Sinn.« Er zog die weißen Brauen in die Höhe. »Der hat freilich nur +Wert, wenn er angeboren ist!«</p> + +<p>Harro biß sich auf die Lippen. ›Gut, daß uns hier wenigstens keiner +hört,‹ dachte er und sah Sibylle Bühler nach, die mit Jaspar Malwitz +vorübertanzte.</p> + +<p>Der Erblandmarschall beobachtete ihn scharf. »Nehmen Sie's einem alten +Mann, der Sie außerdem noch über die Taufe gehalten hat, nicht übel, +lieber Harro; aber solche Ansichten gehören sich nicht für einen +märkischen Junker und preußischen Edelmann. Leider ist ja das Leben +von heute nicht dazu angetan, die Liebe zur Scholle zu stärken, aber +den Kambachern steckt sie im Blut. Man urteilt ja, wenn man jünger ist +und noch keine Erfahrungen gesammelt hat, anders als ein Mann, der die +Höhen des Lebens überschritt, — darum vergessen Sie nicht, was Ihnen +heute einer sagt, dessen Tage vielleicht gezählt sind: wer sein Gut nur +als Sommeraufenthalt betrachtet, wird nie ein rechter Gutsherr!«</p> + +<p>»Verzeihung, Erlaucht, es gibt aber doch Verhältnisse ...«</p> + +<p>»Wenn Sie die Schwindsucht bekommen, und der Arzt<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> behauptet, Sie +könnten nur in Ägypten genesen, so reisen Sie in Gottes Namen, wenn +Ihr Geldbeutel es erlaubt,« rief Graf Bühler. »Meine Frau hat sich +unter stark vorgeschrittenen Krankheitserscheinungen in den Bühler +Kiefernwäldern erholt — man kann also über diesen Punkt streiten. Daß +sie damals ganz gesund wurde, wissen Sie, ebenso, daß sie nicht an der +Schwindsucht gestorben ist, — aber wie gesagt, ich will da mit niemand +rechten. Das, was ich meine, liegt an ganz anderer Stelle. Es handelt +sich nicht um Zwangslagen, es handelt sich um willkürliche Entäußerung +von Überlieferung und Besitz. Das erste ist eine Not, das zweite eine +Schuld.«</p> + +<p>Harro fuhr herum.</p> + +<p>»Entäußerung, Erlaucht? Abwesenheit bedeutet doch nicht Entäußerung?«</p> + +<p>»Dauernde oder wiederholte längere Abwesenheit läuft schließlich auf +Entäußerung hinaus. Darum braucht nicht Grund und Boden verkauft +zu werden, es ist etwas Größeres, das mit der Preisgabe des +patriarchalischen Verhältnisses verschachert wird: die Volksseele. +Ihres Vaters großzügige Auffassung seiner gutsherrlichen Aufgaben ist +mir stets vorbildlich gewesen. In den schwersten Tagen hat er nie +vergessen, was er seinen Leuten schuldig war. Heute sehen Sie den Dank!«</p> + +<p>Harro blickte vor sich nieder. Er erkannte eine Wahrheit in den +Worten seines greisen Paten, aber schoß der alte Herr nicht in seinen +Einzelforderungen über das Ziel hinaus? Er scheute sich, an dieser +Stelle und in diesem Augenblick seinen Widerspruch zu reizen; es war +eben stets zu bedenken, daß er Sibyllens Großvater war. Nur eins +ärgerte ihn: daß Gräfin Brelow einen so charakterlosen Eindruck von ihm +bekam. Es war eine regelrechte Zwangslage, in der er sich befand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p> + +<p>Seine Pflichten als Vortänzer fielen ihm ein. Er zog die Uhr und +blickte auf die Gräfin. Der Ball sollte mit einem Huldigungsreigen vor +dem Hausherrn und seiner Mutter beschlossen werden.</p> + +<p>Ein Regimentskamerad schien ihn zu suchen.</p> + +<p>Er erhob sich.</p> + +<p>Da klang die alte Stimme noch einmal an sein Ohr: »Sozialer Sinn ist +keine Mache, sondern ein kostbares Eigengut aus einem Guß. Wer dies +oder jenes Stück Heimatbrauch preisgibt, arbeitet am Verfall des +Volkstums. Es geht ums Ganze! Darum ist es nicht nur Verhöhnung des +patriarchalischen Verhältnisses, wenn die Tochter eines Landedelmannes +ihre Hochzeit in der Großstadt feiert, — es ist ein soziales +Verbrechen!«</p> + +<p>Die letzten Worte waren mit ungewöhnlicher Schärfe gesprochen. Ein paar +junge Mädchen sahen sich um, allgemeines Schweigen herrschte.</p> + +<p>Leichenblaß stand der junge Offizier da: »Erlaucht!«</p> + +<p>Ein breiter Schatten fiel auf die kleine Gruppe. Er wandte sich um.</p> + +<p>Vor ihm stand sein Vater, die Großmutter Kambach am Arm. Ein Blick +sagte Harro, daß die beiden den größten Teil der Unterhaltung mit +angehört hatten. Ein unsagbar peinlicher Augenblick folgte.</p> + +<p>»Nicht wahr, du mußt erst morgen abend wieder in Drachenburg sein?« +wandte sich der Oberstallmeister mit undurchdringlicher Miene an seinen +Ältesten. »Ich habe vorher noch mit dir zu reden.«</p> + +<p>Er ging an ihm vorüber auf Graf Bühler zu.</p> + +<p>Von der Galerie riefen die Jagdhörner. Noch einmal schwebte der Reigen +durch den Saal. Hochgewachsene Junker,<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> lichte Mädchengestalten +verneigten sich vor dem Hausherrn und der greisen Edelfrau.</p> + +<p>Dann klang das Halali.</p> + +<p>Draußen schlug die Turmuhr halb zwei.</p> + +<p>»Nu is det och all wider vorbi,« sagte Franz Schenker, der neben seiner +Frau in der offenen Saaltür stand, »aber 's ward och Tid!«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel"><span class="s5">Viertes Kapitel.</span><br> + O Deutschland!</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Gib Antwort, Deutschland, wo ist deine Ehr'?</div> + <div class="verse indent0">Wo ist dein markiges Heldengeschlecht?</div> + <div class="verse indent0">Wo ist deine Zucht, die strahlende Wehr?</div> + <div class="verse indent0">Wo ist dein Glaube, dein heiligstes Recht?</div> + <div class="verse indent0">Wo sind die Männer von dazumal?</div> + <div class="verse indent0">Wo ist der starke adlige Sinn?</div> + <div class="verse indent0">Wo sind die Beter, die Streiter des Herrn?</div> + <div class="verse indent0">Gib Antwort: wo sind deine Frauen hin?</div> + <div class="verse indent0">Schläfst du, Deutschland? Die Wachtfeuer glüh'n</div> + <div class="verse indent0">Von Waffen starrt's, der Feind kommt zuhauf!</div> + <div class="verse indent0">Drüben im nächtlichen Dom am Rhein</div> + <div class="verse indent0">Da stehn deine Kaiser vom Schlafe auf!</div> + <div class="verse indent0">Vernimmst du nichts vom Jammer der Zeit?</div> + <div class="verse indent0">Vom Kampf der Geister ums Morgengrau'n?</div> + <div class="verse indent0">Wach auf vom Schlafe! Antworte mir!</div> + <div class="verse indent0">Deutschland, wo sind deine Männer und Frau'n?</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Der Gottesdienst war beendet. Unter den herbstlichen Linden standen +die Kirchgänger in Gruppen, besprachen die Predigt und blickten der +Gutsherrschaft und den letzten Hochzeitsgästen nach, die langsam dem +Herrenhause zuwanderten.</p> + +<p>Die nächsten Nachbarn waren den Sonntag über noch geblieben, Graf und +Gräfin Brelow, Graf Bühler mit seiner Tochter Nandine, Sibylle, die +den Großvater nach Schloß Bühl begleiten sollte. Einige Drachenburger +Herren, die mit dem Sohn des Hauses gekommen waren, ein Graf Luckau, +zwei<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Malwitze und der Oberleutnant von Roselius, Harro Kambachs +Freund, beschlossen den Kreis.</p> + +<p>Manch weißes Haupt entblößte sich ehrerbietig vor dem Gutsherrn, mehr +als ein Blick voll Stolz und Dankbarkeit folgte der hohen soldatischen +Erscheinung.</p> + +<p>Nach allen Seiten freundlich grüßend, schritt Herr von Kambach in +eifrigem Gespräch mit der Gräfin Brelow der Dorfstraße zu.</p> + +<p>»Pastor Wendler tritt jeden Sonntag etwas deutlicher mit seiner wahren +Ansicht hervor,« sagte die schöne Frau.</p> + +<p>Die Brelows waren in Kambach eingepfarrt.</p> + +<p>Der Oberstallmeister blickte vor sich nieder. »Eigentümlich, — +erinnern Sie sich noch der Probepredigt?«</p> + +<p>»Ja, gewiß, sie war ganz positiv. Sollte er sein Mäntelchen damals +schon nach dem Winde gehängt haben?«</p> + +<p>Herr von Kambach schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Aber er +ist, besonders in den letzten Jahren, in liberales Fahrwasser geraten. +Ich beklage das um so mehr, da ich ihn als Mensch sehr hoch stelle.«</p> + +<p>Er blieb stehen und blickte auf das schöne leuchtende Land zu seinen +Füßen. »Wenn das, was die heutige Predigt befürchten läßt, sich +bewahrheiten sollte, komme ich in eine schwierige Lage. Sie wissen, +Eberhard soll Ostern konfirmiert werden.«</p> + +<p>Sie nickte. »Ja, und gerade der Unterricht ist eine so große Gefahr. +Erinnern Sie sich, was Lieselotte damals aus der Berliner Pensionszeit +alles mitbrachte? Wir lassen kein Kind wieder am städtischen +Konfirmandenunterricht teilnehmen!«</p> + +<p>»Es ist nur die Frage, wie lange das Land noch positiv ist,« sagte er +ernst. »Höre ich noch eine solche Predigt, so sehe ich mich gezwungen, +den Jungen aus der Konfirmandenstunde zu<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> nehmen, — was spreche ich +damit aber vor dem ganzen Dorfe aus? Die Leute sind hier sehr kirchlich +und zum Teil schon hellhörig geworden! Der alte Schenker würde sonst +auch wohl dafür sorgen, daß seine Kambacher nicht einschlafen!«</p> + +<p>Sie lachte. »Das glaube ich!«</p> + +<p>Eberhard kam hinter den beiden hergelaufen.</p> + +<p>»Vater, — Großmutter ist noch mit Fräulein Eichel und Herrn von +Roselius in der Kirche. Sie wollen das Bild von der Urgroßmutter +besehen. Wir sollen nicht mit dem zweiten Frühstück auf sie warten.«</p> + +<p>»Schön, mein Junge!« sagte der Oberstallmeister. »Roselius kennt die +Geschichte der Stradivariusgeige wohl noch nicht,« wandte er sich +dann zu seiner Begleiterin, während sie die Dorfstraße überschritten. +»Wir haben das alte Bühlersche Erbstück Sibylle geschenkt, was ja das +Gegebene war. — Ich habe übrigens selten solch ein Spiel gehört!«</p> + +<p>Gräfin Ursula nickte stumm zu seinen Worten. Ihre Gedanken wanderten +in die kleine Dorfkirche zurück, wo die Frau, deren liebliches Bild +im Chorstuhl der Kambachs hing, in der stillen Gruft ruhte. Eine +königliche Mitgift hatte sie ins Haus gebracht, edle deutsche Kunst! +— —</p> + +<p>Man erzählte sich von Sophie Charlotte von Kambach, daß bei ihrem Tode +ein leises Klingen die Saiten der Stradivariusgeige bewegt habe, wie +das Schluchzen eines Kindes — —</p> + +<p>Gräfin Brelows Blick schweifte zum Altan hinüber, wo zwei schöne junge +Menschen in tiefem Gespräch beieinander standen — ein Kambach und eine +Bühler. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In dem freundlichen Studierzimmer Pastor Wendlers saß Exzellenz von +Kambach auf dem grünen Ripssofa dem Hausherrn gegenüber. Sie hatte ihre +Gesellschafterin, Fräulein<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> Eichel, mit dem Oberleutnant ins Schloß +geschickt und war den harten schweren Weg, den heißeste Sorge und +Liebe sie antreten hießen, allein gegangen. Und nun saß sie dem Manne +gegenüber, den sie von klein auf gekannt, der als junger Geistlicher +mit seinen Nöten zu ihr gekommen und als reifer Mann die betagte +geistvolle Frau um Rat gefragt, bis — ja, bis — — Es war eben eine +Zeit gekommen, da er den Weg nach dem stillen Dreilinden nicht mehr +fand.</p> + +<p>Und heute kam die Greisin zu ihm. Mit einer Selbstverständlichkeit, als +sei nichts zwischen sie getreten, war sie nach dem Gottesdienst auf der +Pfarre erschienen und hatte ihn um eine Unterredung gebeten, wie jedes +andere Gemeindeglied aus dem Dorf.</p> + +<p>Dreilinden war in Kambach eingepfarrt, und während der Sommermonate +versäumte die alte Exzellenz keinen Gottesdienst. Pastor Wendler +hatte sich oft im stillen gewundert, daß sie sich noch unter seine +Kanzel setzte — war's das gutsherrliche Vorbild, die Sitte, die sie +hochhielt, er wußte es nicht. Aber eins wußte er. Hätte er heute die +greise Frau um ihr Urteil über seine Wortverkündung gebeten, sie +hätte ihm, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, erwidert: ›Es ist +Irrlehre!‹</p> + +<p>Über ihren Krückstock gebeugt, saß sie in der Herbstsonne, und die +blauen Augen blickten ihn mit der alten Freundlichkeit an. Aber in dem +stillen Gesicht stand eine stumme Frage: ›Warum hast du mir das getan?‹</p> + +<p>In seiner Seele erwachte Widerspruch. Was hatte er denn getan? War +es etwa ein Unrecht, der Wissenschaft den Platz zu geben, der ihr +gebührte, und dem modernen Menschen nach Kräften die Steine des +Anstoßes aus dem Wege zu räumen? Er veräußerte ja nichts, indem er die +starre Form der Orthodoxie preisgab, das Kreuz blieb ja bestehen, — +war es nicht<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> heilige Pflicht, den Schutt der Jahrhunderte zu entfernen +und die Wahrheit in vollem Glanze erstrahlen zu lassen? Seltsam, daß +liberal und modern immer verwechselt wurden! Und dann kam's, worauf er +gewartet — kein Wort des Vorwurfs, — aber eine tiefe schwere Klage, +von banger Sorge um Volk und Vaterland getragen: wie's menschenmöglich +sei, daß auch er, gerade er dem Subjektivismus der Jetztzeit verfallen +sei, wie's habe geschehen können, daß von seinem Christusglauben, den +er einst so freudig bekannt, nichts als bloße Jesusverehrung übrig +geblieben sei?</p> + +<p>Ohne die geringste Schärfe kamen die schweren Worte über die Lippen der +alten Edelfrau; aber die tiefe Trauer, die sie begleiteten, löste ein +Empfinden in der Seele des Mannes aus, das er bisher nicht gekannt: den +Schmerz des Unverstandenseins.</p> + +<p>Und doch war <em class="gesperrt">er's</em> gewesen, der sich stillschweigend von ihr +zurückgezogen, sie aber kam mit unveränderter Güte, mit ihrem klaren +ungeschminkten Wort in sein Haus. Sie pochte nicht auf ihr reiches +Wissen, um das sie manch einer hätte beneiden können, auf ihre große +Kenntnis in kirchlichen Fragen, sie kam als schlichte Bibelchristin, +die ihr Heiligstes angetastet sah. Aus dieser Sorge heraus, die im +Blick auf ihre Kirche, ihr Volk und Vaterland ins Unermeßliche wuchs, +trat sie vor ihn mit heiligem Ernst, mit großer tragender Liebe, +mit der Hoffnung, die keinen aufgibt, die bis zur letzten Stunde an +ihn glaubt. Das nahm der schweren Unterredung von vornherein die +Schärfe, so stark die Gegensätze auch waren. Denn Frau von Kambach gab +nicht eines Schritte Breite ihres alten heiligen Besitzes preis, und +Pastor Wendler verteidigte mit zäher Ausdauer das im Schweiße seines +Angesichts errungene Neuland.</p> + +<p>»Exzellenz sagten vorhin, ich kranke am Subjektivismus der Jetztzeit, +wie soll ich das verstehen?« fragte er ernst.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p> + +<p>»Sie machten in Ihrer Predigt das Wunder als solches vom Glauben des +einzelnen abhängig. Glaube er an das Wunder, so sei es vorhanden, +glaube er nicht daran, so sei es hinfällig. Das Wunder wird so als +etwas Unwirkliches, Zufälliges hingestellt und erhält außerdem durch +diese Abhängigkeit vom menschlichen Urteil das Gepräge des Irdischen, +Innerweltlichen.«</p> + +<p>Er schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Ich freue mich, Eurer Exzellenz dies Mißverständnis erklären zu +können. Selbstverständlich wird das Wunder Tatsache, sobald der Glaube +von ihm Besitz ergreift!«</p> + +<p>»Und wenn er es nicht tut?«</p> + +<p>»Dann ist das Wunder natürlich zwecklos, weil es seine Aufgabe nicht +erfüllt.«</p> + +<p>»Nach dem, was Sie in der Predigt sagten, ist es in dem Falle +überhaupt nicht vorhanden,« entgegnete Frau von Kambach. »Sie dürfen +nur nicht vergessen, daß Ihr heutiger Text die Heilswunder in den +Mittelpunkt stellte, daß sich der Begriff Wunder in diesem Falle mit +der Person Christi deckt. Ich bin die letzte, welche die Wissenschaft +auf religiösem Gebiet ablehnt. Es gibt eine berechtigte Bibelkritik. +Nämlich die, welche Gottes Herrlichkeit mehr und mehr zu ergründen +strebt, welche die vorhandenen Schwierigkeiten zu überwinden und die +äußeren und inneren Fragen jener großen vergangenen Zeit immer tiefer +zu erforschen sucht. Das ist die Bibelkritik, oder richtiger gesagt +die Forschung, welche sich <em class="gesperrt">unter</em> das Wort stellt. Sie darf +nicht verwechselt werden mit jener anderen, welche sich zum Richter +der Heiligen Schrift aufwirft und das Christentum und seine Grundlagen +letzten Endes als ein Erzeugnis menschlicher Geistesentwicklung +betrachtet. Man kann diese Art nicht entschieden genug ablehnen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span></p> + +<p>Er zuckte die Achseln. »So weit sind wir noch lange nicht, Exzellenz!«</p> + +<p>»So weit sind wir längst. Und Sie selbst befinden sich auf dem besten +Wege dazu, lieber Wendler!«</p> + +<p>»Exzellenz erklärten vorhin die Forschung, ja selbst die Bibelkritik +für berechtigt. Die Wissenschaft soll also nicht ausgeschaltet +werden. Wo aber ist ihre Grenze? Meines Erachtens ist sie sehr schwer +festzustellen.«</p> + +<p>»Meines Erachtens sehr leicht. Die Grenze ist die Person Jesu Christi.«</p> + +<p>Wieder zuckte er die Achseln. »Gerade dort hat die Kritik am meisten +Grund, einzusetzen. Wenn Exzellenz an die Verschiedenheit der Berichte +denken — was ist echt, was unecht? — Das ganze Neue Testament fordert +geradezu den Subjektivismus heraus,« — er seufzte — »Exzellenz +— warum müssen wir von diesen Dingen reden? Ich sage es offen und +ehrlich: ich bin nicht wieder nach Dreilinden gekommen, weil ich +es nicht übers Herz brachte, die Frau, der ich so vieles danke, +zu kränken; denn ich weiß es, was ich jetzt ausspreche, muß Eure +Exzellenz verletzen. Aber meine heiligste Überzeugung kann ich nicht +verleugnen. Alles ist im Fluß, im Werden. Die Hauptsache ist, daß wir +die wunderbaren Möglichkeiten zur Erziehung des menschlichen Geistes +und Willens in rechter Weise verwerten, daß unser Volk es lernt, seine +religiösen Aufgaben zu erfüllen und die große Entwicklung, welche mit +Gottes Hilfe angebahnt ist, zur vollen Entfaltung zu bringen. Die Zeit +des Abfalls hat ihren Höhepunkt überschritten. Ein hungerndes Volk +wartet sehnend auf lebendiges Brot. Aber dies Volk ist frei, es will +keine Ketten, es will Leben, will sein eigenes persönliches Erlebnis. +Und es hat vollkommen recht: die starre verknöcherte Orthodoxie +bringt ihm dies Erlebnis nicht. Glaube kann nicht durch logische +Beweise erzwungen<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> werden; denn er ist der Ausdruck persönlichsten +Fürwahrhaltens. Wir haben es mit Schwachen zu tun, mit Kindern, welche +die schwere Kost des Apostolikums nicht vertragen, die langsam, langsam +glauben <em class="gesperrt">lernen</em> sollen, die wir nicht vor jenes übernatürliche, +ihren Sinnen unfaßbare Christusbild des Supranaturalismus führen +dürfen, — das glimmende Fünklein würde ersticken! Wenn wir mit dem +groben Geschütz der Orthodoxie auffahren wollten, würden wir alles +verderben, das Dogma hat noch keinen Menschen zum Glauben gebracht! Wir +müssen Jesum erleben, Exzellenz!«</p> + +<p>Frau von Kambach hatte ihr Gegenüber ruhig angehört. »Und Sie glauben +wirklich, daß Sie diese hungernden Seelen satt machen?« fragte sie, +»glauben wirklich, daß das Erleben, das Sie predigen, einem Menschen +die Kraft gibt zum Leben und Sterben? Mißverstehen Sie mich nicht: ich +will dies vielumstrittene Wort durchaus nicht verwerfen. Es ist die +heißeste Tagesfrage: wie werde ich der christlichen Wahrheit gewiß? Und +ich bin ganz der Ansicht, daß christliche Wahrheitsgewißheit nur durch +persönliche Heilserfahrung möglich ist, — und das ist der Punkt, wo +unsere Ansichten auseinanderzugehen scheinen — durch die Gewißheit, +welche sich auf Heilstatsachen gründet, auf den Tatbestand göttlicher +Offenbarung. So und nur so werde ich in Gottes Gemeinschaft gezogen, +so nur erlebe ich diese Gemeinschaft — auf Grund geschichtlicher +Tatsachen, — denn ein Glaube, dem die Wirklichkeit fehlte, wäre +nicht lebensfähig! — Was nützt mir die wunderbarste Hypothese? Davon +wird eine hungernde Seele nicht satt, und die Vergebung der Sünden +wird uns nur gewiß in dem felsenfesten Bewußtsein: Er trug unsere +Krankheit. Nein, nein — Sie mögen mir sagen, was Sie wollen, ohne die +Gründung auf den Glauben an Krippe und Kreuz und die Ostertatsache kein +persönliches Erleben, keine Heilsgewißheit! Und diesen Glauben bringt<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> +uns die Forschung nicht, so wichtig sie sonst auch ist, den bringt uns +nur Gottes heiliger Geist, — Gott selbst dringt auf uns ein, ergreift +uns, — es kommt nur darauf an, daß wir uns ergreifen lassen. Unsere +Zeit hat unvereinbare Gegensätze in den Begriff Erleben hineingetragen. +Die moderne Theologie erklärt: ›Wir müssen Jesum erleben, müssen in ihm +leben.‹ Die Bibel sagt: ›Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus +lebt in mir!‹ Es kommt wieder auf das hinaus, was ich vorhin sagte. +Hier göttliche Gnadengabe, — dort Menschenwerk. Ich muß immer wieder +daran denken, daß der Herr, das Kommen des Heiligen Geistes verheißend, +sagt: ›Er wird die Welt strafen um die Sünde, <em class="gesperrt">daß sie nicht glauben +an mich</em>.‹ Daran krankt unsere Zeit. Den Heiland der Bibel will +sie nicht, den Versöhner ihrer Sünde lehnt sie ab, sein Kreuz, sein +leeres Grab versteht sie nicht, — was aber der kleine Menschenverstand +nicht erfaßt, das verwirft er, es muß ein neuer Weg zur religiösen +Gewißheit gefunden werden. Glauben Sie wirklich, daß solch ein armes +Menschenkind, das lebenslang nur Jesusverehrung gekannt, in vielleicht +ganz plötzlicher Todesnot die Kraft findet, das Bild menschlicher +Weisheit zu vergessen und mit brechendem Herzen und schwindendem Odem +den Blick glaubensvoll auf ein anderes zu richten, auf das Bild des +heiligen barmherzigen Heilandes, seines Herrn und Gottes? Es ist zum +mindesten ein furchtbar gewagtes Spiel, das die moderne Theologie mit +der Menschenseele treibt!«</p> + +<p>»Exzellenz!« — In heißem Schmerz kam's von den Lippen des Mannes. +Jetzt hatte sie ihn in tiefster Seele getroffen. Aber sie hielt seinen +Blick aus. Sie wußte, nur die Wahrheit konnte ihm helfen.</p> + +<p>»Das Apostolikum ist eine Unmöglichkeit für unsere Zeit!« rief er +erregt. »Es ist doch schließlich nichts weiter als eine<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> menschliche +Form! Ich verwerfe durchaus nicht das Ganze, der alte Most soll ja +nur in neue Schläuche gefüllt werden. Gewiß, der Modernismus ist eine +Gefahr, aber er ist notwendig und berechtigt. Und den Dienst der +Aufrüttelung hat er uns geleistet. Es ist nun einmal nicht Gottes +Wille, daß die Geschichte der Völker geradlinig fortgeht, darum ist +auch die Kirchengeschichte Strömungen unterworfen. Herrschte nicht so +viel Lehrstreitigkeit, so würde trotzdem alles seinen geordneten Gang +gehen — es ist ein großes Unrecht, immer wieder die Kluft zu erweitern +und von unüberbrückbaren Gegensätzen zu sprechen. Auf diese Weise wird +die Notlage nicht gebessert.«</p> + +<p>»Die Kluft würde nie entstanden sein, wenn die Grundwahrheiten der +Kirche nicht angetastet worden wären,« erwiderte Frau von Kambach. +»Mit jedem, der Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Sohn des +ewigen persönlichen Gottes, als seinen Herrn und Versöhner bekennt, +weiß ich mich im tiefsten Glaubensgrunde eins — <em class="gesperrt">da</em> gilt für +mich die ›Gleichberechtigung der Richtungen‹, — wo man aber seine +Gottheit leugnet oder verschleiert, da hört für mich allerdings die +Gemeinschaft auf, denn der Glaubensgrund ist ein anderer, es handelt +sich letzten Endes nicht um Richtungen, sondern um verschiedene +Religionen. — Sie nennen das Apostolikum eine menschliche Form, +vergessen aber, daß sein Inhalt ein göttlicher ist. Denn es faßt die +Heilstatsachen der Schrift zusammen. Wenn Sie das Apostolikum ablehnen, +lehnen Sie die Schrift ab.«</p> + +<p>»Ich denke nicht daran, Exzellenz! Ich lehne höchstens eine veraltete +Auffassung der Schrift ab. Wozu sind wir Prediger des Evangeliums +denn da? Doch ganz gewiß nicht dazu, um unerträgliche Irrtümer zu +verbreiten! Es stünde wahrhaftig traurig um unsere Kirche, wenn die +Gleichberechtigung der Richtungen nicht anerkannt würde.«</p> + +<p>Sie sah ihn mit tiefem Schmerz an. »Glauben Sie wirklich,<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> daß die +bibelgläubige Gemeinde sie anerkennt? Ich kann Ihnen sagen, das wird +nie geschehen; denn es handelt sich, wie ich schon sagte, in Wahrheit +nicht um verschiedene Richtungen, sondern um verschiedene Religionen!«</p> + +<p>Er war aufgestanden und ans Fenster getreten. Seufzend strich er +das volle dunkle Haar aus der Stirn. »Ich wußte es, daß unsere Wege +auseinandergingen, Exzellenz — mußte dies Gespräch denn sein?«</p> + +<p>Sie wandte ihm das Antlitz voll zu. »Mein lieber Herr Pastor, würden +Sie mich noch achten und ehren können, wenn ich Sie blind in Ihr +Verderben rennen ließe? Und Sie sind's nicht allein! Eine Gemeinde ist +Ihnen anvertraut, Sie sind berufen, an der Seele unseres Volkes zu +arbeiten. Ich weiß es, Sie sind sich Ihrer großen Verantwortung bewußt, +— und doch, — wie ist's menschenmöglich!«</p> + +<p>Er stand noch immer am Fenster und blickte hinaus. Eine heiße Ungeduld +malte sich in dem geistreichen Gesicht. »Wenn Exzellenz zu verfügen +hätten, würde also kein liberaler Theologe zum Amte zugelassen werden!« +sagte er endlich. »Dann würde allerdings manche Gemeinde hirtenlos +sein.«</p> + +<p>»Ich würde den Suchenden, Ringenden immer ordinieren,« erwiderte sie, +»würde es ihm aber zur Pflicht machen, falls er im Laufe der Zeit +nicht zum vollen Heilsglauben durchdringt, sein Amt niederzulegen. Den +bewußten Irrlehrer, der in Christus nur den höchstbegnadeten Menschen +sehen will, würde ich dagegen ablehnen. Er gehört nicht auf die Kanzel.«</p> + +<p>Pastor Wendler trat an den Tisch. »Ist das christliche Liebe?«</p> + +<p>»Das ist christliche Zucht,« erwiderte die alte Frau.</p> + +<p>»Exzellenz verlangen sehr viel.«</p> + +<p>»Nicht zuviel. Ich sagte Ihnen schon: mit jedem Suchenden würde ich +Geduld haben. Die Ablehnung des bewußten Irrlehrers<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> aber halte ich für +eine zwiefache Pflicht: wir schulden sie der Gemeinde, deren Seelsorger +er wird, und dem Manne selbst, weil man, ihn zulassend, der Hehler +seiner bewußten oder unbewußten Unwahrhaftigkeit wird.«</p> + +<p>»Unwahrhaftigkeit?«</p> + +<p>»Gut. Sagen Sie Entstellung der Tatsachen. Es läuft auf eins hinaus.«</p> + +<p>Er schüttelte den Kopf. »Ich kann nur immer wieder fragen: wo ist die +Grenze?«</p> + +<p>»Und ich kann nur immer wieder antworten: die Grenze ist die Person +Jesu Christi.«</p> + +<p>Still war's im Zimmer. Ein tiefer heiliger Ernst lagerte auf der Stirn +der weißhaarigen Frau. In dem ehrlichen Antlitz des Mannes arbeitete es.</p> + +<p>»Unwahrhaftigkeit? Entstellung der Tatsachen? Exzellenz!« Die Tränen +standen ihm in den Augen.</p> + +<p>»Es sind harte Worte, ich gebe es zu, aber die Wahrheit fordert sie,« +sagte sie traurig.</p> + +<p>Er tat einen Schritt auf sie zu, — auf seinem Gesicht lag's wie eine +flehende beschwörende Bitte. »Die Wahrheit! Gewiß! Aber ist Christus +nicht wahrhaftiger Mensch?«</p> + +<p>»Er ist der menschgewordene Sohn Gottes, also zuerst wahrer Gott!«</p> + +<p>»Exzellenz dürfen nicht vergessen, daß von dem Glauben ausgegangen +werden kann: Er ist wahrer Mensch!«</p> + +<p>Sie blickte ihn fest an.</p> + +<p>»Ist es nicht zuviel verlangt,« fuhr er mit bebender Stimme fort, +»gleich bei der Ordination eine Entscheidung zu fordern, die mancher +andere erst auf der Höhe des Lebens zu treffen vermag — oder auch +nicht?«</p> + +<p>»Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß ich einem aufrichtig Suchenden, der +noch nicht alle Punkte des Glaubensbekenntnisses<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> unterschreiben kann, +Zeit lassen würde, wenn er in der Hauptsache auf ewigem Grunde steht,« +entgegnete sie. »Nur den bewußten Irrlehrer würde ich bedingungslos +ablehnen.«</p> + +<p>Er seufzte. »Was wird heutzutage nicht alles Irrlehrer genannt!«</p> + +<p>Doch die alte Dame ließ sich nicht irre machen.</p> + +<p>»Christus ist kein vergöttlichter Mensch, sondern der menschgewordene +Gott. Nur als wahrhaftiger Gott konnte er uns erlösen; es war die +Vorbedingung dafür, daß er es als wahrhaftiger Mensch getan hat. Wer +daher in dem Glauben an den Menschen stecken bleibt, wird niemals über +Jesusverehrung hinauskommen. Den Lebendigen, der ihn Tod und Teufel +entreißt, lernt er nicht kennen, im besten Falle auf Umwegen. Ich sagte +vorhin schon: dies Verfahren gleicht einem Glücksspiel.«</p> + +<p>»Wenn der Ordinand aber gar nicht weiß, ob er an die Gottheit Christi +glauben will, oder ob er später daran glauben wollen wird — wer kann +das von sich selber wissen! Das Menschenherz ist wie eine Meereswoge.«</p> + +<p>»Mein lieber Wendler,« sagte die alte Exzellenz, und ihre Stimme bebte, +»das läuft daraus hinaus, daß jeder nach seiner Fasson selig werden +kann. Ich habe nur eine Antwort für Ihre, mir unfaßliche Anschauung, +nämlich die: ein Mann und denkender Mensch weiß, was er will. Für uns +aber käme einer solchen Unwissenheit gegenüber wohl nur die Pflicht, +die Gemeinde vor Irrlehre zu bewahren, in Betracht. Wer in <em class="gesperrt">dem</em> +Augenblick nicht weiß, was er will, sollte dem heiligsten Amte +fernbleiben und sich erst einmal gründlich auf sich selbst besinnen.«</p> + +<p>Er antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte er in den +herbstlichen Garten.</p> + +<p>Sie sah ihn nachdenklich an. »Welche weltliche Organisation würde +Persönlichkeiten aufnehmen, die sich im Widerspruch zu ihren Satzungen +befänden,« sagte sie endlich. »Stellen Sie sich<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> bitte einen Juristen +vor, der unter Ausschaltung der Gesetze nach eigenem Gutdünken +arbeitet! Der bloße Gedanke wirkt lächerlich. Die christliche Kirche +aber soll jedem ihre Tür öffnen, ob er sich zu den Heilswahrheiten +bekennt oder nicht. Wer schließt Monisten, Pantheisten, wer schließt +Atheisten aus? Niemand! Die Kirche wird zum Sprechsaal.«</p> + +<p>»Solange einer nicht zum Angriff übergeht, hat er meines Erachtens das +Recht auf die Kanzel,« sagte Pastor Wendler.</p> + +<p>»So!? Meines Erachtens gehört er nicht auf die Kanzel, solange er mit +vollem Bewußtsein die Heilstatsachen ablehnt. Denn bewußte Ablehnung +ist Unglaube, ob er zum Angriff übergeht oder nicht. Die Predigt des +Unglaubens enthält immer Irrlehre — Irrlehre aber birgt den Tod. +Haben Sie je gehört, daß sie die Frucht lebendigen Christenglaubens +gezeitigt?«</p> + +<p>Wieder war's still in dem hellen Raum. In heißem Kampf stand der +Geistliche am Fenster.</p> + +<p>»In der Enge der Orthodoxie, in den starren Grenzen des Dogmas kann die +Menschenseele nicht gedeihen!« rief er erregt. »Christenglaube fordert +Freiheit und darum in erster Linie ungehemmte Verstandesarbeit!«</p> + +<p>Frau von Kambach hatte sich erhoben. Auf ihren Krückstock gestützt, +trat sie auf Pastor Wendler zu. Ihr ganzes Wesen trug den Stempel jener +tiefen geheiligten Mütterlichkeit, die wahrhaftigen deutschen Frauen +auch dem Manne gegenüber eigen ist. Leise legte sie die Hand auf seine +Schulter, und während ihr Auge in tiefem Mitleid das seine suchte, +sagte sie langsam, jedes Wort abwägend: »Auf dies Bekenntnis wollen Sie +sich zum Sterben niederlegen, lieber Freund? Wissen Sie denn gar nicht, +worauf Sie sich in letzter Linie gründen? Auf Selbsterlösung, auf ein +Trugbild, das Ihnen unter den Händen zergeht! Fühlen Sie nicht, daß +Ihre Seele dies Brot nicht sättigt? Die Forschung in hohen Ehren! Aber +die Wissenschaft,<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> die ihre Grenze nicht kennt, ist Scheinwissenschaft. +Denn ein Wunder, das mein kleiner, armseliger Verstand in tausend +Stücke zerlegen und wieder zusammensetzen kann, ist kein Wunder. Im +Leben bietet solch ein Glaube keinen Halt, im Sterben verzweifelt man +daran« — wieder bebte die alte Stimme, »es gibt nur eine wahrhaftige +Theologie: die Theologie des Kreuzes! Sehen Sie denn nicht, daß sich +ohne sie alles auflöst?«</p> + +<p>Sie hielt einen Augenblick inne, als erwarte sie seine Antwort.</p> + +<p>Aber er schwieg. In hartem Kampf starrte er auf die goldene Pracht der +Natur.</p> + +<p>›Er wird die Welt strafen um die Sünde, daß sie nicht glauben an mich!‹</p> + +<p>Wie ferner Wellenschlag zog das Wort an seiner Seele vorüber.</p> + +<p>Hatte sie recht? — An den Jesus der Schrift glaubte das zwanzigste +Jahrhundert nicht mehr. Aber bedeutete das eine Veräußerung ewiger +Werte? Im Gegenteil! Es räumte den Schutt von den Kleinodien, lockte +die Fernstehenden herzu, ebnete Grüblern und Zweiflern den Weg zum +Kreuz.</p> + +<p>Zum Kreuz? Jawohl, zum Kreuz! Das heiligste Vorbild, die höchste +Verkörperung göttlichen Willens stellte die Kreuzesgestalt dar, nicht +etwa nur in der Form einer Regel oder Vorschrift, sondern lebendig, +mit Fleisch und Blut umhüllt, Herz und Gewissen aufrüttelnd, — aber +— an einem hielt er fest, mußte er festhalten: der Name Gottmensch +kennzeichnete Jesus als den einen Menschen, bei dem die Ähnlichkeit mit +Gott am stärksten hervortritt, kennzeichnete den Gottmenschen, auf den +jeder Mensch angelegt ist, der aber bisher bei keinem anderen in so +hervorragender Weise zutage getreten war. ›Die dem Lichte erschlossene +und von der ewigen Sonne geküßte Blüte<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> der Menschheit‹<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> — mit +diesen Worten hatte ein liberaler Führer die Christusgestalt gezeichnet +und zugleich den feinen Unterschied, der den Streitpunkt zwischen den +beiden großen kirchlichen Lagern bildete, klargestellt. Das Prädikat +›Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht von Ewigkeit‹ erkannte +der Liberalismus in dem Sinne, wie ihn die Orthodoxie forderte, nicht +an.</p> + +<p>Wieder klang die Stimme der Greisin an sein Ohr. »Ich komme ja nicht +um meinetwillen zu Ihnen. Mein Christenglaube steht und fällt mit +dem zweiten Artikel. Aber das Herz brennt mir im Blick auf das arme +irregeleitete Volk, im Blick auf Deutschlands religiösen und sittlichen +Niedergang. Sehen Sie denn nicht, daß mit der christlichen Kirche die +Sitte verfällt? Die Kirche ist die einzige wahre Volkserzieherin. Was +soll werden, wenn sie versagt? Und sie muß versagen, wenn man ihr den +Boden unter den Füßen entzieht. Denn eine Kirche, die sich nicht auf +die geoffenbarten Heilstatsachen gründet, ist keine christliche Kirche. +Daß Sie nicht mitschuldig werden an dem großen Verfall, daß Sie nicht +unter das Wort vom Mühlstein fallen, darum komme ich!« Und dann legte +sich ihre Hand schwer auf seinen Arm. »Mein eigener Enkel ist unter +Ihren diesjährigen Konfirmanden« — hier stockte sie — »Herr Pastor, +es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind nicht +verführt werde!« Ihre Stimme brach — sie wandte sich ab.</p> + +<p>Tief erschüttert stand er da.</p> + +<p>›Verführt!‹ Wie ein Peitschenschlag hatte ihn das Wort getroffen.</p> + +<p>Die Lippen zusammengepreßt, sah er wie geistesabwesend hinaus. Und +doch war er mit all seinen Gedanken und Sinnen daheim, in der engen +Studierstube bei der greisen Frau, die er<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> noch heute trotz allem, das +sie in dieser Stunde geredet hatte, wie eine Mutter verehrte. Denn eins +fühlte er immer wieder: die Liebe hatte sie in sein Haus geführt, die +große große Heimatliebe, die vom Himmel kommt, die die Sehnsucht nach +der oberen Welt und ihrem heiligen Bürgerrecht hineintragen will in +das irdische Vaterland. Selten war er einer Frau begegnet, so stark +und mutig, so warmen treuen Herzens, so kindlichen Gemütes, wie seiner +alten Exzellenz! Ja, so hatte er sie immer geheißen, — dann war's +allmählich anders geworden ... Und heute?</p> + +<p>Wie eine Mutter stand sie an seiner Seite, die Hand auf seine +Schulter gelegt, in den klaren Augen die tiefe bange Frage nach dem +Allerheiligsten seiner Seele. Ein herzliches Mitgefühl mit dem Manne, +der ihrer Meinung nach in eine vom Glauben abweichende Strömung +geraten, lag in ihren Worten, aber auch eine Festigkeit, eine Gewißheit +des eigenen heiligen Besitzes, wie sie nur eine wirklich faßbare +überweltliche Wahrheit in einer Menschenseele auszulösen vermag.</p> + +<p>Er wußte, ein Herzleiden bedrohte ihr Leben auf Schritt und Tritt; sie +hatte oft davon gesprochen, aber nur wie von einer Begleiterscheinung +des Tages, einem Wolkenschatten, der über einen blühenden Garten zieht. +Mit dem, was Frau von Kambach unter Leben verstand, hatte diese Last +nichts gemein; denn das Leben, das sie lebte, wurzelte nicht in dieser +Erde.</p> + +<p>Aber Pastor Wendler hielt ihren Glauben trotzdem für die falsche +Vorstellung einer orthodox erzogenen, in den Grenzen eines streng +konservativen Elternhauses aufgewachsenen vornehmen Frau. Es gab auch +eine anerzogene Bekenntnistreue. Die Sorge, sie zu kränken, hatte seine +Auseinandersetzung beschränkt. Wie oft hatte er's erlebt, daß die +klaffenden Gegensätze der beiden Richtungen einen unheilbaren Bruch +geschaffen. Das sollte nicht sein! — — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p> + +<p>Er merkte, sie hatte noch etwas auf dem Herzen. Zaudernd stand sie da, +ganz gegen ihre sonstige Art. Aber dann wußte sie, was sie wollte.</p> + +<p>»Ich darf Sie nicht länger stören,« sagte sie. »Man kann keinem +Menschen den Glauben einreden — man darf's auch nicht. Nur warnen muß +ich Sie; denn Sie jagen einem Schatten nach. Die Bibelkritik, die Sie +vertreten, wird Sie nie auf die Höhe führen, weil sie in dieser Erde +wurzelt. Sie fordert Erfahrungswissen, sie überträgt wissenschaftliche +Ergebnisse auf das Gebiet des Glaubens — und — entgleist. — Ich will +gehen. Wir kommen nicht zusammen. So nicht. Ehe der Mensch sich nicht +bankrott erklärt, wird er kein Christ. Und das soll mein letztes Wort, +meine Abschiedsbitte an Sie sein. Tun Sie mir die Liebe, Ihre Seele zu +erforschen, ob irgendwo in einem Winkel eine Sünde steckt, vielleicht +eine alte halbvergessene, — die aber doch noch lebendig ist, von der +Sie nicht sagen können: sie ist in Gottes Schuldbuch ausgestrichen! +Wenn dem so ist, wenn Sie diese Schuld nicht tilgen können, und der +Jesus, den Sie mit solch glühender Sehnsucht verehren, Ihnen die +große Gnade, die wir alle brauchen, nicht geben kann, — dann — dann +beschwöre ich Sie, bleiben Sie nicht verzweifelt auf halbem Wege +stehen, sondern gehen Sie zu dem, den uns die Schrift zeigt, zu unserem +persönlichen Gott und Heiland. Denn wir werden nicht ohne ihn fertig, +auch Sie nicht. Wenn Sie ihn aber gefunden haben, dann kommen Sie zu +mir — ich weiß, daß Sie kommen! Denn ich will Ihre Freude teilen! — +Wollen Sie mir das versprechen?« Wieder sahen ihn die blauen Augen voll +mütterlicher Liebe und Güte an.</p> + +<p>Pastor Wendler erwiderte diesen Blick. Sein Gesicht war aschfahl.</p> + +<p>»Ich verspreche es,« sagte er mit erstickter Stimme.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p> + +<p>Über das ehrwürdige Frauenantlitz ging ein heller Schein. Als käme der +Mann vor ihr mit der Botschaft eines großen wundervollen Sieges, an den +sie nie gedacht, traten ihr die Tränen in die Augen. Mit festem Druck +umfaßte sie seine Hände:</p> + +<p>»Ich danke Ihnen!«</p> + +<p>Wieder stand er überwältigt vor der großen geheiligten Liebe. +Schweigend beugte er sich über die Frauenhand und küßte sie. — — —</p> + +<p>In der Mittagsstille ging sie durch das friedliche Dorf.</p> + +<p>Franz Schenker saß vor seinem Häuschen und las.</p> + +<p>Ehrerbietig erhob er sich, sein Käppchen ziehend. »Ick lese eine +Predigt, Exzellenz,« sagte er; »denn heute morgen war's zu erbärmlich. +Was ist das nur mit unserem Herrn Pastor? Er predigte doch früher ganz +anders.«</p> + +<p>Frau von Kambach zuckte die Achseln. »Der Glaube ist nicht jedermanns +Ding!«</p> + +<p>Er merkte, sie wollte nicht weiter von der Sache reden. Aber in ihrem +Gesicht lag jener stille klare Ausdruck, den er immer darin gewahrt, +wenn sie einen schweren Weg hinter sich hatte. Und Franz Schenker +dachte sich sein Teil.</p> + +<p>Sie aber wanderte weiter.</p> + +<p>Um das weiße Haupt wehte Septemberseide. Auf die kurz gemähten Wiesen +fiel der Schatten der hohen Gestalt.</p> + +<p>Es war schön in Wald und Feld. Aber es gibt Zeiten, wo die Seele die +Abgeschlossenheit des Raumes braucht, der ihr Eigenleben umschließt, +das stillste heiligste Zusammensein mit Gott.</p> + +<p>So kam's, daß die Greisin, am Gartensaal vorüber, die alte eichene +Treppe emporstieg in ihr eigenes Standquartier. — —</p> + +<p>Am offenen Fenster saß sie und sann den letzten Stunden nach.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p> + +<p>Wie die Not der Zeit sich häufte! Was sie eben erlebt, war ja nur +ein Ausschnitt aus dem großen erschütternden Gemälde. Aber dieser +Ausschnitt bildete den Kernpunkt der schweren Gesamtlage. Der Grund des +völkischen Niederganges war Gottentfremdung, die Sünde des Unglaubens. +Aus dieser Saat sproßten die Giftfrüchte der Sittenlosigkeit, der +Verweichlichung und Lüge, aus ihr gingen die Verbrechen hervor. Sie +war's, welche den Verfall in die höchsten Kreise getragen, die, das +Leben eines ganzen Volkes mit ihren Fäulniserregern durchseuchend, +seinen sittlichen sozialen und politischen Niedergang planmäßig +anbahnte. Wo wollt's hinaus?</p> + +<p>Eine heiße Angst überkam die alte Frau. Mit weitem Blick und offener +Seele stand sie Deutschlands Not gegenüber. Ihren Familienschmuck hätte +sie um ihres Volkes willen geopfert, ihr Festkleid, ihr weißes Haar, +die Krone ihres Alters.</p> + +<p>Aber das zwanzigste Jahrhundert beging ein Verbrechen an der +Volksseele, das Gold und Silber nicht gutmachten. Der alte Schenker +hatte recht: hier wurde Größeres gefordert. Eine lebendige Mauer mußte +die höchsten Werte schützen, Männer und Frauen mußten ausziehen, die +deutsche Volksseele zu retten.</p> + +<p>Zum erstenmal in diesen bewegten Tagen fand sie Zeit, dem Gedanken +des schlichten Spreewälder Häuslersohnes nachzugehen. Er war ihr ja +nicht fremd, aber Schenker hatte ihn aufs neue angeregt. Und während +sie sinnend dasaß, stieg eine vergangene Zeit vor ihr auf. Männer, +von glühender Vaterlandsliebe und banger Sorge erfüllt, die ihren +Weggenossen die gleiche Mahnung zugerufen, zogen an ihrem Geiste +vorüber, ein Wichern, ein Stöcker. Zwei Starke, die Großes geschaffen +und die Grundsteine zum Bauwerk kommender Geschlechter gelegt. +Dann waren sie schlafen gegangen. Deutschland<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> verlor zu früh zwei +Volkserzieher, und keiner stand auf und trat in die Bresche. Die +Arbeit der Inneren Mission zersplitterte. Überall lagen edle Kräfte +brach, und das Unkraut wucherte. Nicht zum erstenmal war Exzellenz von +Kambach dem Wunsche des Zusammenschlusses begegnet, aber nie war ihr +das ursprüngliche, aus der Not herausgeborene heiße Begehr aus den +Reihen des Volkes entgegengetreten, wie in jener Abendstunde auf der +Waldwiese. Deutschland war müde geworden, aber noch besaß es Männer, +die auf den Höhen seiner Berge die Ehrenwacht hielten, Männer und — +Frauen. Ja, auch Frauen. Vielleicht waren sie sogar in der Überzahl. +Jedenfalls hatte Franz Schenker, der zunächst natürlich an seine +Kambacher dachte, ohne sich zu besinnen, das hoffnungsfreudige Wort +gesprochen: ›Noch haben wir Männer und Frauen, die treu zu Altar und +Thron stehen und überall ihren Christenglauben bekennen würden!‹ Und +dann hatte er seine alte Exzellenz gebeten, die Sache in die Hand zu +nehmen. Ein unglaublicher Einfall, und doch wurde sie das schlichte +Wort, das mit echt Schenkerscher Selbstverständlichkeit bei ihr +anklopfte, nicht wieder los. Sie hatte ja auch nicht nein gesagt. Nun +stand sie vor der Riesenaufgabe.</p> + +<p>Ihr Blick fiel auf ein vielbenutztes Buch, eine Sammlung deutscher +Dichtungen. Sie nahm es und blätterte darin. Und dann las sie die +ergreifenden Worte, die Herder vor hundert Jahren an sein Volk richtete:</p> + +<p>›Unsere Väter, o Deutschland — meine Sorge — waren nicht, wie wir +jetzt sind!‹</p> + +<p>Das war eine Anklage auf der ganzen Linie. War's nicht, als richte sie +sich gegen das Geschlecht von heute? Eine innere Unruhe ergriff die +Frau, deren ganzes Schaffen und Sinnen im Dienst ihres Volkes stand. +Wenn eine die Pflichten der Gutsherrin und Edelfrau ernst nahm, war +sie's — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p> + +<p>Aber ein echtes Weib trägt die Krone des Gottesgnadentums und mißt +seine Arbeit mit ewigem Maß. Selbstzufriedenheit kennt es nicht. Auch +die greise Kambacherin trug ihr Werk in die Fackelhelle des göttlichen +Wortes und bekannte: ›Es hat Flecken und Makel!‹</p> + +<p>Durch die Feierstille des Sonntags zog das Beichtgebet: ›Wir haben +gesündigt!‹ Die Schuld ihres Volkes war ihre Schuld. — —</p> + +<p>»Wir haben das Bismarckwort vergessen,« sagte sie leise, während +sie sich erhob und zum Fenster trat: »Wir sind nicht auf der Welt, +um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Pflicht und +Schuldigkeit zu tun!«</p> + +<p>Gedankenverloren blickte sie in die Weite. Über ihre Wange stahl sich +eine Träne und tropfte auf die gefalteten Hände nieder. Ein Seufzer +stieg aus der tiefsten Tiefe ihrer Seele: »O Deutschland, meine Sorge!«</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel"><span class="s5">Fünftes Kapitel.</span><br> + Adel.</h2> + +</div> +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht:</div> + <div class="verse indent0">Ihr seid die Träger von Ehr' und Pflicht!</div> + <div class="verse indent0">Ihr seid die Schirmherrn von Land und Herd,</div> + <div class="verse indent0">Das Schwert, das ihr führt, ist ein adlig Schwert!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Scholle der Heimat ist euch vertraut,</div> + <div class="verse indent0">Der deutsche Acker, den ihr bebaut,</div> + <div class="verse indent0">Die Sitte, der alte heilige Kitt,</div> + <div class="verse indent0">Der Glaube, darum euer Ahnherr stritt!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Adel des Blutes ist Vornehmheit,</div> + <div class="verse indent0">Adel der Seele Persönlichkeit,</div> + <div class="verse indent0">Adel des Schaffens ist Kraft und Zucht,</div> + <div class="verse indent0">Adel ist's, der die Wahrheit sucht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Adel kämpft für Altar und Thron,</div> + <div class="verse indent0">Adel kennt keinen irdischen Lohn!</div> + <div class="verse indent0">Adel ist Gottesdienst, Adel ist Pflicht, —</div> + <div class="verse indent0">Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht!</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Es klopfte.</p> + +<p>Die alte Frau fuhr aus ihren Träumen auf.</p> + +<p>»Darf ich kommen, Großmama?« Harro stand auf der Schwelle. »Ich möchte +dir Lebewohl sagen!« Er trat zu ihr und beugte sich über ihre Hand. +»Stör' ich dich, oder darf ich mich einen Augenblick zu dir setzen?«</p> + +<p>»Durchaus nicht, mein Junge, bleib nur!« Sie fühlte, er hatte etwas +auf dem Herzen. »Fahrt ihr jungen Herren zusammen?« fragte sie, +sich setzend und auf einen Stuhl weisend.<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> Sie freute sich allemal, +wenn die Enkel zu ihr kamen. Wie manches Mißverständnis hatte sie +schon beseitigt, wie oft schon war's ihrer großmütterlichen Liebe +gelungen, zwischen Vater und Sohn zu vermitteln! Denn die herbe, ja +strenge Soldatennatur Karl Heinrichs von Kambach, dessen ritterlicher +Sinn kein Stäubchen auf dem Bilde des eigenen Lebens duldete, war +dem leichtherzigen Sohne zu stark. Die väterliche Art hatte etwas +Vergewaltigendes für ihn. Sie stählte ihn nicht, sie erdrückte ihn. +Es war die Strenge altadliger Häuser, die nicht nur den Gehorsam aufs +Wort fordert, sondern auch in vielen Fällen den erwachsenen Kindern +die persönliche Rechtfertigung versagt, — eine zu weit gehende, ihre +Grenzen überschreitende, aber vielfach traditionell gewordene Strenge. +Herr von Kambach war ein ganzer Mann, eine Persönlichkeit aus einem +Guß. Seine edelmännische Gesinnung, sein strenges Pflichtgefühl, sein +schlichtes biblisches Christentum erwarben ihm überall Anerkennung. +Aber er war wie die meisten starken Charaktere heftig und vertrug +von seinen Kindern keinen Widerspruch. Die Behauptung Harros, in +Kambach dürfe nur <em class="gesperrt">eine</em> Meinung herrschen, war daher nicht ganz +unberechtigt.</p> + +<p>Frau Sabine mit ihrem klaren Blick für Menschen und Verhältnisse hatte +schon oft die allzu schroffe Haltung ihres Sohnes seinen Kindern +gegenüber beklagt. Sie wußte, ändern würde sie seine Art nicht, sie +gehörte zur Herrennatur. Doch wo sie konnte, milderte und ebnete sie, +und wenn's in des Vaters Arbeitszimmer scharf hergegangen war, kamen +die Enkel zur Großmutter. In den meisten Fällen unterstrich dann Frau +Sabine zwar des Sohnes Wort, aber die Jugend wußte ihre Angelegenheit +wohlverwahrt. Immer wieder klopfte sie bei ihr an, ob es in dem stillen +Dreilinden war oder in der Dorotheenstraße in Berlin oder in dem +sogenannten Sirenenquartier in<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Kambach, welches der Oberstallmeister +seiner Mutter zur Verfügung gestellt hatte. — —</p> + +<p>Den Oberkörper leicht vorgebeugt, saß Harro, mit seinem Siegelring +spielend, der Großmutter gegenüber. Er war eine angenehme Erscheinung, +in vielem an den Vater erinnernd, aber doch kein ausgesprochener +Kambach. Der Sellernsche Einschlag war unverkennbar, und im ganzen +Wesen und Auftreten erinnerte er am meisten von allen Kindern an die +früh verstorbene Mutter.</p> + +<p>Er schien mit einer Anwandlung von Verlegenheit zu kämpfen. Die langen +Wimpern gesenkt, betrachtete er aufmerksam das Wappen seines Ringes.</p> + +<p>Sinnend blickte die alte Frau den Enkel an. Sie wußte, er hatte einen +heiligen Respekt vor ihr.</p> + +<p>»Nun, Harro,« sagte sie endlich, »wo drückt dich der Schuh? Daß du +nicht nur zum Abschiednehmen kommst, hab' ich auf den ersten Blick +gesehen.«</p> + +<p>Der Ulan lachte. »Ja, Großmamachen, du bist furchtbar klug! Darum +kommen wir ja auch immer zu dir!« Er rückte auf seinem Stuhl hin und +her.</p> + +<p>»Nun also, was gibt's?« fragte sie.</p> + +<p>»Großmama, ich komme mit einer Riesenbitte. Du — du sollst die Hände +über mein Lebensglück breiten.«</p> + +<p>Frau Sabine wußte Bescheid. Aber sie verhielt sich abwartend.</p> + +<p>»Also kurz gesagt: ich liebe Sibylle!«</p> + +<p>»Das ist mir nichts Neues, mein Junge!«</p> + +<p>Er sah überrascht auf. »Aber ich bin doch kolossal vorsichtig gewesen!«</p> + +<p>Die alte Frau lachte. »Die Auffassung kann ich nicht gerade teilen, +aber das schadet ja nicht. Die Hauptsache ist: du hast guten Geschmack! +Und das freut mich! Ich wüßte keine<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> zweite, die mir als Enkelin so +willkommen wäre, wie Sibylle!«</p> + +<p>Harro strahlte. »Ich wußte es!«</p> + +<p>Sie nickte. »Es ist nur die Frage, ob sie dich nimmt!«</p> + +<p>Er sah die Großmutter voll an. »Sie nimmt mich.«</p> + +<p>Der klare ruhige Ernst seines Wesens gefiel ihr. Er erschien in diesem +Augenblick gereifter und männlicher als sonst. Und zugleich sagte sie +sich, warum er zu ihr kam, und freute sich dessen. Sie sollte seine +Fürsprecherin sein. Bei seinem Vater und bei Sibyllens Großvater. Er +wollte einen Menschen zur Seite haben, vor dem die beiden Familien +Respekt hatten. Dieser Wunsch enthielt ein Zugeständnis der eigenen +Mängel und zugleich den Beweis echt kindlicher Ehrerbietung. Denn +berechnend war Harro nicht. Er war leichtsinnig und zum großen Kummer +der Seinen religiös gleichgültig, aber im übrigen eine durchaus +aufrichtige Natur. Sonst wäre sein Verhältnis zu der Großmutter +unmöglich gewesen. Denn Frau von Kambach nahm gerade ihm gegenüber kein +Blatt vor den Mund, und Harro mußte sich oft messerscharfe Wahrheiten +sagen lassen. Aber er kam immer wieder.</p> + +<p>Auch heute sagte sich die alte Dame, daß sie den Augenblick nützen +müsse, um dem Enkel einige Ermahnungen mit auf den Weg zu geben.</p> + +<p>»Ich soll die Hände über deine Liebe breiten?« sagte sie lächelnd. +»Wie meinst du das? Du weißt, das Ehestiften liebe ich nicht. Es kommt +nichts dabei heraus als Ärger und Aufregung, und klappt die Sache +nachher nicht, so wird man verantwortlich gemacht. Das ist nichts für +eine Frau mit weißen Haaren!«</p> + +<p>»Großmamachen, das sollst du ja auch gar nicht. Ich möchte nur, daß der +alte Bühler eine etwas bessere Meinung von mir bekommt.« Er hielt inne +und blickte auf seine Stiefelspitzen<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> nieder. »Ich — ich habe gestern +abend einen kleinen Zusammenstoß mit ihm gehabt, und Papa ist ja leider +nicht gerade mein Fürsprecher.«</p> + +<p>Frau von Kambach überhörte die letzten Worte.</p> + +<p>»Was hast du denn angestellt?«</p> + +<p>»Gott — im Grunde nichts. Ich erlaubte mir zu äußern, daß ländliche +Hochzeiten im allgemeinen nicht meinem Geschmack entsprächen — da +bekam ich's! Zuerst wurde die Unterhaltung halblaut geführt, nur Gräfin +Brelow war Zeuge, aber dann muß ich wohl irgend etwas gesagt haben, +was dem alten Herrn zu modern erschien, kurz und gut, er erklärte mit +gereizter Stimme, es sei ein soziales Verbrechen, wenn die Hochzeit +eines Landedelfräuleins in einem Berliner Gasthof gefeiert werde. Ein +paar Regimentskameraden drehten sich um, die jungen Mädchen reckten +die Hälse, — du kannst dir denken, daß es ein höchst unangenehmer +Augenblick für mich war! Ich konnte doch schließlich dem ältesten und +vornehmsten Gast unseres Hauses nicht entgegentreten! — Du kamst +gerade mit Papa vorbei, als die letzten Worte gesprochen wurden. Die +Folge war, daß wir eben eine endlose Auseinandersetzung über die +Pflichten des Edelmannes und preußischen Offiziers hatten.«</p> + +<p>Exzellenz von Kambach lehnte sich zurück. »Harro, du weißt, daß ich +in dem Punkt mit deinem Vater vollständig übereinstimme,« sagte sie +ernst. »Er hat ganz recht, wenn er sagt, daß es dir noch am rechten +Pflichtgefühl fehlt.«</p> + +<p>Harro blickte, an der Unterlippe nagend, vor sich nieder. »Ich bin +gar nicht solch ein Luftikus, wie Papa denkt! Ich habe noch nichts +Ehrenrühriges getan!«</p> + +<p>»Dann würden sie dich auch hoffentlich in Brandenburg nicht behalten. +Deine Antwort ist übrigens sehr bezeichnend für dich. Zwischen dem, was +unserem alten edelmännischen<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Begriff gegen die Ehre geht, und dem, +was man heutzutage als ehrenrührig bezeichnet, liegt noch sehr, sehr +viel. Aber das laßt ihr Jungen nicht mehr gelten, ihr kennt nur den +modernen Ehrbegriff. Daß dein Vater das nicht vertragen kann, ist ganz +natürlich!« Und die welke Hand, welche die beiden goldenen Trauringe +trug, strich glättend über das schwarze Seidenkleid.</p> + +<p>»Er fordert sehr viel von seinen Söhnen,« sagte Harro.</p> + +<p>»Würde dein Vater so groß vor dir stehen, wenn er weniger von dir +verlangte? Ein echter märkischer Junker wird immer einen vollen +Lebenseinsatz fordern, die völlige Hingabe an Vaterland und Beruf, +mit einem Worte: Mannentreue. Nur ganze Männer sind Persönlichkeiten. +Aber was nennt sich heutzutage alles Mann! Nicht die Hälfte +dieser weibischen, im Überfluß lebenden Tagediebe verdient diesen +Namen. — Lappen sind's! — Sieh dir bitte die sogenannte erste +Gesellschaft einmal näher an, — wir sind heruntergekommen, furchtbar +heruntergekommen!«</p> + +<p>»Großmama!« rief der Enkel in gekränktem Ehrgefühl.</p> + +<p>Aber die alte Exzellenz war in ihrem Fahrwasser. Wenn diese Frage +angeschnitten wurde, regte sich die Vaterlandsfreundin und märkische +Edelfrau in ihr. Und noch eine andere.</p> + +<p>»Bitte, laß mich ausreden,« rief sie. »Das muß doch jeder, der offenen +Auges durch die Welt geht, erkennen, daß unserem Volke mit dem +Christentum die Sittlichkeit mehr und mehr abhanden gekommen ist. Es +herrscht bei der heranwachsenden Jugend eine geradezu erschreckende +Auffassung von Pflicht und Verantwortlichkeit. Was früher ganz +selbstverständlich war, ist heute unmodern und rückständig. ›Man muß +sich ausleben,‹ ist das dritte Wort. Das verdanken wir Nietzsche. +Es liegt ein Fluch auf seiner christusfeindlichen, widergöttlichen +Philosophie, — der Fluch der Unsittlichkeit!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> + +<p>»Aber Großmama, man kann doch nicht alles verwerfen, was er gesagt hat! +Außerdem war er jahrelang schwer krank.«</p> + +<p>»Ich denke nicht daran, ihn zu verurteilen,« sagte Frau von Kambach. +»Möglicherweise war er besser, als seine Lehre. Sogar christlich +gesinnte Männer erklären, bei unbefangener Beurteilung manches Gute +an ihm zu finden. Aber das schafft doch die Tatsache nicht aus der +Welt, daß er die Lauge seines Spottes über Religion und Christentum +ausgegossen hat, und daß seine Saat immer weiter aufgeht.«</p> + +<p>»Es ist keiner unter den Lebenden, der ihm an Geist und Begabung +ebenbürtig wäre,« entgegnete der junge Offizier. »Seine Schimpfereien +auf das Christentum finde ich natürlich unanständig, aber das sind eben +Krankheitserscheinungen.«</p> + +<p>»Zum Teil, gewiß. Ob sie es durchweg sind, ist erwiesenermaßen +zweifelhaft. Aber gesetzt den Fall, sie wären es, Harro — ist's nicht +ein trauriges Zeichen unserer Zeit, daß man die Geisteserzeugnisse +eines Wahnsinnigen zum Evangelium erhebt? Ich habe immer das Gefühl, +daß das, was er verkündigt, unserem verweichlichten kampfesscheuen +Geschlecht so gut behagt, weil es sein schrankenloses Triebleben mit +Nietzsches Namen decken zu können glaubt. Denn er entschuldigt nicht +nur alles, er rechtfertigt es in sittlicher Hinsicht. Diese Weisheit +ist das Evangelium Tausender geworden. Und eben dadurch ist uns die +Sittlichkeit verloren gegangen.«</p> + +<p>»Wir stehen auf dem Höhepunkt der Kultur, Großmama!«</p> + +<p>»Jawohl — und waten im Sumpf! Die höchste Blüte der Kultur ist immer +die Sittlichkeit gewesen, und nur das Christentum hat sie den Völkern +gebracht. Sieh dir doch die Geschichte an! Die alten Griechen und Römer +standen, was Kunst und Wissenschaft anbelangt, doch gewiß auf der Höhe, +und was war der Abschluß? Sie endeten im Morast, denn ihrer Kultur<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> +fehlte die sittliche Edelkraft. Gott sei's geklagt, — so weit sind wir +auch! Warum lehnen wir das Christentum ab!«</p> + +<p>Der Ulan antwortete nicht.</p> + +<p>»Es ist doch nicht nur die arbeitende Klasse,« fuhr Exzellenz von +Kambach fort, »die ohne christliche Zucht verloren geht, — die +höchsten und allerhöchsten Kreise degenerieren in derselben Weise, +das Fremdwort drückt es nur etwas feiner aus. Darum sollte gerade +der Stand, der die höchste und schwerste nationale Pflichterfüllung +fordert, sich fest auf das Christentum gründen. Denn nur wer seinem +himmlischen König die Treue hält, vermag sie auch dem irdischen zu +bewahren.«</p> + +<p>»Verzeih, Großmama, da muß ich dir widersprechen. Ich kann meinem +König sehr gut die Treue halten, ohne an Gott zu glauben. Der Begriff +Edelmann ist für mich durchaus nicht von dem des Christen abhängig. +Wenn ich meinem König die Treue schwöre, dann halte ich sie ihm auch.«</p> + +<p>Die alte Dame schüttelte den Kopf. »Mein lieber Junge, ich möchte +dir nicht wehe tun. Ich zweifle deine Aufrichtigkeit gewiß nicht +an. Aber du siehst nicht klar in der Sache. Der Unglaube lehnt das +Gottesgnadentum ab — sonst wäre er eben kein Unglaube — kann da +noch von wahrhaftiger Königstreue die Rede sein? Gottesleugnung und +Königstreue sind unvereinbar, du kannst es mir glauben, und wenn die +alte preußische Zucht und der Geist eines vornehmen Offizierkorps +die Frage auch äußerlich noch bejahen, der Kitt ist brüchig — denn +die Gesinnung steht nicht mit dem äußeren Verhalten im Einklang. Wie +verträgt sich z. B. die Stellung des Gottesleugners zum Besuch des +Gottesdienstes? Wenn du nicht an Gott glaubst, so ist dein Kirchgang +eine Lüge. Versäumst du aber absichtlich den vorgeschriebenen +Gottesdienst, so machst du dich des Ungehorsams gegen den obersten +Kriegsherrn schuldig. Aus dieser<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> Zwickmühle findet der Gottesleugner +keinen Ausweg — findest du einen?«</p> + +<p>»Das sind die letzten schwersten Folgerungen, Großmama! Ich muß +offen gestehen, so bis ins kleinste bin ich der Frage noch nicht +nachgegangen.«</p> + +<p>»Bis ins kleinste? Das liegt doch sehr nahe.«</p> + +<p>Er zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Stelle dir einen Sozialdemokraten als Reichskanzler vor,« fuhr sie +fort. »Das liegt auf derselben Linie. Kannst du dir einen tolleren +Widerspruch denken: Anarchismus und Atheismus Wächter des Königtums von +Gottes Gnaden? Es wäre Gotteslästerung!«</p> + +<p>»Aber Großmama, was denkst du eigentlich von mir, das würde ich doch im +ganzen Leben nicht befürworten,« rief der Enkel erregt.</p> + +<p>»Gewiß, Harro, das glaube ich dir. Die Praxis des Wahnsinns befürwortet +man nicht. Dagegen hat ihn schon mancher in der Theorie vertreten. Ich +bin, wie gesagt, überzeugt, daß du ein königstreuer Mensch sein willst, +aber das eine muß ich dir immer wieder aufs neue sagen: das Beste, die +sittliche Lebenskraft fehlt dir — das Christentum.«</p> + +<p>»Großmama, ich kann doch nichts dafür, daß es mich kalt läßt und mir +nichts gibt!«</p> + +<p>Frau von Kambach sah ihren Enkel traurig an.</p> + +<p>»Als ob du dir jemals die Mühe gegeben hättest, dich eingehender damit +zu beschäftigen, Harro! Es heißt: ›Wer da anklopft, dem wird aufgetan!‹ +— Was gibt dir denn die Kunst? Würde die Musik dich trösten, wenn du +alles, was dir lieb ist, verlörst? Denn so weit bist du doch noch nicht +wie jene Tänzerin, die am Sarge Richard Wagners einen Kranz mit der +Inschrift niederlegte: ›Lebe wohl, du Gott!‹«</p> + +<p>»Nein, so weit bin ich noch nicht!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p> + +<p>»Noch nicht, Harro, aber du steuerst mit vollen Segeln auf die +Vergottung des Künstlertums los!«</p> + +<p>»Wenn Sibylle ihre Stradivariusgeige spielt, fällt mir allerdings +jedesmal der Ausspruch Novalis' ein: ›Der Künstler ist durchaus +transzendental.‹ Und Novalis war doch gewiß ein frommer Mann.«</p> + +<p>»Das streite ich nicht ab. Aber er war von starker mystischer +Veranlagung. Außerdem kann das Wort auch so gedeutet werden, daß jedes +Künstlertum transzendentale Züge, d. h. Züge der göttlichen Gabe, +trägt.«</p> + +<p>Er zuckte die Achseln. »Ich glaube, daß es anders gemeint ist!«</p> + +<p>»Dann beglücke nur nicht Sibylle mit deiner Weisheit, sie faßt ihre +Kunst ganz anders auf und würde wahrscheinlich wenig erbaut von deiner +Ansicht sein.«</p> + +<p>»Sibylle liebt mich,« entgegnete er stolz.</p> + +<p>»Mag sein, aber sie hat einen sehr bestimmten christlichen Standpunkt. +Wenn du sie aufs Gewissen fragst, wird sie dir dasselbe sagen wie ich, +nämlich, daß der Gottesleugner nur ein Gegner des Gottesgnadentums +sein kann. Denn wenn sich seine Praxis nicht mit der antichristlichen +und antimonarchischen Theorie deckt, so ist er eben kein waschechter +Anarchist und Atheist. Und das glaube ich im Grunde von den meisten, +auch von dir! Du bist im Grunde gar kein Atheist, mein lieber Junge, +laß dir das von deiner alten Großmutter sagen!«</p> + +<p>Jetzt erwachte der junge Stolz.</p> + +<p>»Aber Großmama, ich bin doch kein Kind mehr, ich muß doch wissen, was +ich will.«</p> + +<p>»Nein, Harro, du weißt es eben nicht, und es gibt ältere und +erfahrenere Leute wie du, die nicht wissen, was sie wollen. Es ist +einfach eine Torheit, nicht an einen persönlichen Gott zu glauben +und dann seinen Unglauben wissenschaftlich begründen<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> zu wollen. +Wahrhaftige Wissenschaft lehnt den Glauben nicht ab. Ihr aber lest +die Bibel gar nicht und behauptet dann, sie sei nicht mehr zeitgemäß, +dagegen glaubt ihr unbesehen die tollste sogenannte wissenschaftliche +Hypothese!«</p> + +<p>In dem hübschen jungen Gesicht zuckte Wettergeleucht. Es war wirklich +nicht so ganz einfach mit der Großmutter. Und durch Harros frauenhaft +eitlen Sinn flog der Gedanke: es spricht doch sehr für dich, daß du +dich wie ein Schuljunge abkanzeln läßt und trotz alledem immer wieder +kommst. Ein anständiger Charakter und eine gute Kinderstube sind doch +unbezahlbar. Und die Kambachsche Freiherrnkrone schimmerte im Goldglanz.</p> + +<p>»Du mußt doch bedenken, Großmamachen, daß die Zeiten sich geändert +haben,« sagte er. »Nicht nur die Bibel paßt nicht mehr in unsere +Zeit, auch unsere ganzen sozialen kirchlichen und gesellschaftlichen +Verhältnisse haben gewechselt. Das zähe Festhalten altadliger +konservativer Häuser an Überlieferung und Sitte ist ja sehr schön, aber +es kommt mir immer so vor wie eine Ruine, welche die verschlungenen +Gewinde tausendjährigen Efeus zusammenhalten, bis ein Sturm das +Ganze niederreißt. Und schließlich wirkt solche überlieferte Treue +tragikomisch! So ist's auch mit dem Christentum, — mein Gott, man +sieht das doch alle Tage!«</p> + +<p>»Harro!« — Ein tiefer Schmerz durchzitterte die alte Stimme. »Das sagt +ein Kambach, ein preußischer Edelmann, ein Mann, dessen Vorfahren Gut +und Blut für Altar und Thron geopfert, das — das sagt mein Enkel?« Die +Tränen stiegen ihr in die Augen, ihre Stimme brach. Sie stand auf und +trat ans Fenster. »Das — das ist zuviel!«</p> + +<p>Eine flammende Röte war in die Stirn des jungen Offiziers gestiegen. +Tränen im Auge der Großmutter konnte er nicht ertragen. Mochte sie +bisweilen schroff und hart, mochte sie<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> altmodisch und einseitig in +ihrem Urteil sein, sie war die Großmutter, die Frau, die ihm wie +so oft schon die Mutter ersetzt, deren ehrwürdige geliebte Gestalt +eine scheidende Generation vertrat, die — man mochte sagen, was man +wollte — größer, stärker, opferwilliger war, als das Geschlecht von +heute. Daß die Greisin den einzelnen für die Gebrechen der Gegenwart +verantwortlich machte, war eine berechtigte Schwäche des Alters, +welches bekanntlich immer nur die gute alte Zeit gelten ließ. Das +durfte man ihr nicht verübeln.</p> + +<p>Er sprang auf und trat an ihre Seite.</p> + +<p>»Großmama,« rief er, die schmalen Hände an die Lippen ziehend, »verzeih +mir, du weißt doch, daß es nicht schlimm gemeint ist! Ich bin doch kein +Umstürzler; aber Zeiten und Menschen wechseln, und wir müssen uns ihnen +anpassen — es geht nun einmal nicht anders, wir kommen sonst nicht +vorwärts im Leben, man geht an uns vorbei zur Tagesordnung über — +bitte, versteh mich doch, Großmamachen! Du weißt doch, daß ich so nicht +nach Drachenburg zurückkehren kann!«</p> + +<p>Er streichelte ihre Hände. Er bettelte und flehte, wie einst das schöne +goldlockige Kind: »Sei wieder gut, Großmamachen!«</p> + +<p>Exzellenz von Kambach wandte dem Enkel das Antlitz zu. Aus den nassen +Augen leuchtete die warme Mutterliebe ihres großen Herzens, — um die +Lippen aber lag noch der feste Zug unbeugsamen Willens und unentwegter +Rechtlichkeit. Der strahlende Stolz der deutschen Edelfrau wachte über +märkischer Ehre, über der Treue zu Altar und Thron.</p> + +<p>Und der junge Sproß des alten edlen Geschlechts verstand in den +ehrwürdigen Zügen zu lesen und — schwieg.</p> + +<p>Dann hörte er ihre Stimme. Es wirkte beruhigend auf ihn, daß sie +wieder redete. Denn wenn Großmutter Kambach schwieg, standen die +Dinge schlimm. Solange sie aber noch<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> sprach, war Hoffnung auf einen +erträglichen Ausgang der Sache vorhanden.</p> + +<p>»Ich will dir verzeihen,« sagte sie, und noch zitterte der Schmerz in +ihren Worten nach, »aber eins merke dir: das Wort tragikomisch darf +ein Edelmann in bezug auf Überlieferung und Sitte, vor allem aber in +bezug auf das Christentum nicht in den Mund nehmen, Harro! Wer das +tut, ist kein rechter Edelmann. Denn so eng der monarchische Gedanke +mit dem Adel verknüpft ist, so eng sind beide mit dem Gottesgnadentum +verbunden. Wer diese alte Wahrheit ablehnt, ist darum auch kein echter +Vaterlandsfreund. Denn nicht das erlauchte Blut ist's, nicht Macht und +Krone sind's, die dem Königtum seine unantastbare Würde verleihen, +sondern das Prädikat: von Gottes Gnaden. Es ist darum ganz berechtigt, +wenn man das Gottesgnadentum den Lebensnerv des Königtums nennt, und +ebenso berechtigt, wenn man das Christentum als Träger und Grundstein +des monarchischen Gedankens fordert. Denn wo soll die Achtung vor einer +göttlichen Einrichtung herkommen, wenn man nicht an Gott und Ewigkeit +glaubt?« Sie seufzte. »Es ist bezeichnend für unsere Zeit, daß sie auf +dem Gebiet der Jugendpflege die Religion fast durchweg ausschaltet. Als +ob Sport und Spiel den Menschen zur Persönlichkeit reiften!«</p> + +<p>»Sie sind aber sehr nötig, Großmama, und halten junge Leute, zumal +Schüler, von manchen Dummheiten ab.«</p> + +<p>Sie schritt an ihrem Krückstock auf den verlassenen Platz zu und setzte +sich wieder.</p> + +<p>»Gewiß, Harro. Ich kann das Wort ›Ertüchtigung‹ allerdings nicht +leiden, aber ich beglückwünsche es trotzdem, daß mehr Gewicht auf +diese Seite der Jugenderziehung gelegt wird wie früher. Nur darf man +sich, wenn man die Hauptsache ausschaltet, nicht über einen halben +Erfolg wundern. Denn Persönlichkeiten erzieht der Geist Gottes. Darum +wird das<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Geschlecht, das wir auf diese Art großziehen, trotz seiner +körperlichen ›Ertüchtigung‹ kein Heldengeschlecht werden. Denn ein Leib +ohne Geist ist nun einmal tot.«</p> + +<p>Harro Kambach sah nachdenklich vor sich nieder. Ein Wort Kurt Breysigs +zog ihm durch den Sinn: ›Persönlichkeit ist Kraft, Persönlichkeit ist +Adel, Persönlichkeit ist Zucht!‹ Sollte sich dasselbe nicht ohne die +Grundlagen des Christentums in die Tat umsetzen lassen? Anderenfalls +hätte Breysig hinzufügen müssen: Adel ist Gottesgnadentum. Der Adel +des Blutes wäre damit freilich hinfällig gewesen, — allein der Adel +des Schaffens und der Gesinnung wäre in Betracht gekommen. Dann hätte +allerdings das, was die Großmutter behauptete, zu Recht bestanden: +entartete dieser von Gottesbewußtsein belebte und Gottes Kraft +gestählte Adel, so war eine Zersetzung von oben nach unten angebahnt. +Aber das war eben Ansichtssache — nichts weiter. Es kam alles auf die +Auffassung des Weltgeschehens an.</p> + +<p>Er sagte es ihr.</p> + +<p>»Warum soll ich nicht stark und frei sein ohne Gott, warum soll ich +nicht freiwillig Selbstzucht üben können, Großmama?«</p> + +<p>»Es mag sein, daß es einem Starken eine Zeitlang gelingt,« entgegnete +sie ernst, — »aber« — sie sah ihn fragend an — »ob du so stark +bist, Harro? — Außerdem müssen wir mit dem Durchschnitt rechnen und +bedenken, was für Stürmen und Nöten ein Menschenherz oft ausgesetzt +ist. Du bist noch jung! Stelle dir einmal die Zeit ohne Ewigkeit vor, +ohne einen Schimmer von Hoffnung auf das Zukünftige und dich selbst in +verzweifelter Lage — glaubst du, daß dein Persönlichkeitsbewußtsein +dadurch gefestigt werden würde?«</p> + +<p>Er schwieg.</p> + +<p>Da fuhr sie fort: »Genau so ist's im Blick auf das große<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Ganze. Ein +ewigkeitsloses Geschlecht ist dem Verfall ausgeliefert. Es lebt ja +nur für diese Zeit!« Sie nahm ein Buch von einem neben ihr stehenden +Tischchen und blätterte darin. Es währte ein Weilchen, bis die alten +Augen fanden, was sie suchten.</p> + +<p>Und dann las sie.</p> + +<p>»Was ist die Zeit ohne Ewigkeit, ohne den göttlichen Heilsgedanken, der +das Irdische in den Glanz des Himmels rückt? Was sind Vaterland und +Volksseele, die Einzelgestalt, die du liebst und ehrst? Was bist du +selber mit dem heißen Leben deiner Sinne, der Sehnsucht deines Herzens? +Eine Eintagsfliege, die morgen vermodert! Fasse es bis ins letzte, +schwerste, und dann sage mir, ob du angesichts der entsetzlichen Leere, +die dich erfüllt, der unsäglich tiefen grausen Hoffnungslosigkeit, +noch den Wagemut hast, die Tollkühnheit, nicht nur zum handelnden oder +geistigen Schaffen, sondern zum Kampf, zum Opfer deines Herzblutes, +um — ja, worum? Sind's nicht Erde und Asche, um die du streitest? +Ist's aber eines freien deutschen Mannes würdig, das Leben für sie +einzusetzen? Vaterlandsliebe und Mannentreue, die Arbeit, wie sie auch +heiße, die Liebe, welche Züge sie auch trage, der Ehe geheiligte Last +und Lust, Mutterglück mit seinen Schmerzen und Wonnen, — was wären sie +alle? Ein Nichts, ein Wolkenschatten auf der Heide, das krause Spiel +eines pantheistischen Gedankens, einer Laune des Tages? Und hinter dem +allem — Tausenden vielleicht ein weltenferner, kaum gedachter Gedanke +— der Zweifel, die leise, immer dringender werdende Frage: wenn's +anders wäre? Sie läßt dich nicht los, sie zermürbt dir die Sinne, sie +hetzt dich hierhin und dorthin. Denn hinter dieser großen Frage, welche +der moderne Mensch immer wieder auszuschalten sucht, steht unabweisbar +die Schuld. Bis in die Ewigkeit reicht sie. Und die Ewigkeit gibt +der Zeit Antwort.<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> Jenes erkenntnistheoretisch Unerklärliche, +Unbestimmbare, jene wunderbare Stimme, die lauter als alle anderen +Stimmen redet, bezeugt dem Menschen unausgesetzt seine Schuld. Das ist +das Gewissen. Die ewige Lampe der Seele hat es einer geheißen.«</p> + +<p>Schweigend legte sie das Buch auf den Tisch.</p> + +<p>Der Enkel stand am Fenster und schaute kopfschüttelnd hinaus.</p> + +<p>»Großmama, da kann ich nicht mit. Warum soll ich meine Persönlichkeit +nicht für die Kleinodien einer begrenzten Zeit einsetzen, wenn sie +meines Volkes Geschichte umschließt? Warum soll ich es bedauern, daß +große Tage ihren Abschluß finden? Im Gegenteil! Gerade der Verzicht auf +die Unsterblichkeit läßt uns das einmalige Geschenk des Lebens, das +keine Aufhöhung erwarten läßt, höher werten, ja ich möchte sagen, es +läßt es uns großzügiger, geschlossener, leidenschaftlicher auffassen, +als wenn wir mit einer neuen verbesserten Auflage rechnen sollten. Das +Ewige im Sinne der Bibel ist dem modernen Menschen zu unwirklich, er +findet weder sein Glück noch seine Zukunft darin!«</p> + +<p>»So!? Ist etwa das Glück, das ihr sucht, ein wirkliches? Ist's nicht +vielmehr ein Rausch? Was bleibt euch von Genuß und Überfluß, von +Liebelei und Mode, von Sinnenlust und Spiel, von Rennen und Kabarett +und Austernfrühstück, — was trägt euch der Besuch in einem Hause ein, +das ihr in Uniform nicht betreten dürft? Es gibt eine Wirklichkeit, +Harro, vor der mir graut!« Die blauen Augen flammten.</p> + +<p>Der Enkel senkte den Blick. »Großmama, das gehört nun einmal zum Leben, +man darf es nur nicht übertreiben und muß vor allem ein anständiger +Mensch bleiben!«</p> + +<p>»So!? Du traust dir recht viel zu, mein Junge! Ich frage mich nur, +woher du diese übermenschliche Seelenkraft nimmst.<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> Was heißt das: ein +anständiger Mensch bleiben? Willst du damit sagen, daß du dich bisher +von groben Sünden rein gehalten, daß du noch nicht in unerlaubten +Beziehungen zu einer Frau gestanden, daß du noch nicht gespielt hast? +Mein Ehrbegriff ist ein anderer. Nicht, daß ich die ganze Welt mit +dem Maß messe, das ich an meine Person lege, es wäre ungerecht und +kurzsichtig, aber an meine Familie muß ich es legen,« sie hob das weiße +Haupt stolz empor, »meine Kinder und Enkel dürfen nicht vergessen, +daß sie den Namen Kambach tragen! Du aber bist auf dem besten Wege, +dein Blut zu verleugnen, Harro. Ich habe in letzter Zeit verschiedenes +über dich gehört, — keine schwerwiegenden Tatsachen, sondern kleine +Züge, die aber für deine ganze Persönlichkeit, für deine Stellung +im Regiment bezeichnend sind. Einer Frau würde man in Frankreich in +solchem Falle mit der Bemerkung ›<span class="antiqua">un peu déclassée</span>‹ das Urteil +sprechen. Die Stellung des Mannes ist eine andere, — ich möchte noch +kaum von Grenzüberschreitung reden, — und doch, für den Edelmann muß +es bis ins kleinste gelten: mein Erstes und mein Letztes ist die Ehre! +— Wie ich höre, zieht man sich von dir zurück — etwas Bedenklicheres +kann man von einem preußischen Offizier nicht sagen, es sei denn, daß +er als der einzige wahrhaft vornehme Mann in einem heruntergekommenen +Regiment seine Stellung behaupte. Aber so stehen die Dinge nicht. Das +Drachenburger Ulanenregiment vertritt die Elite. Es ist ein schlechtes +Zeichen für einen jungen Offizier, wenn sich Männer wie Jobst Dachow, +wie die Malwitze und Seelows von ihm zurückziehen.«</p> + +<p>»Das war wegen vorübergehender Meinungsverschiedenheiten, Großmama,« +sagte Harro mit zerdrückter Stimme, »es ist alles wieder in Ordnung.«</p> + +<p>»Mein lieber Junge, ich bin genau so weit unterrichtet, wie<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> dein +Vater, der dir eben schon, wie ich annehme, mit echt Kambachscher +Gründlichkeit den Standpunkt klargemacht hat. Ich will daher die Sache +selbst nicht weiter berühren. Hättest du mich nicht um meine Fürsprache +gebeten, so hätte ich überhaupt geschwiegen, aber diese deine Bitte +fordert reinen Tisch. Ich muß daher nochmals auf den ›anständigen +Menschen‹ zurückkommen. Du faßt diesen Begriff immer noch viel zu +eng, und das liegt an deiner Stellung zum Christentum. Das, was ich +dir eben vorlas, zeichnet klar und deutlich die heutige entgottete +Weltanschauung — einerlei wie sie heißt. Wir brauchen auf keine +Einzelheiten einzugehen. Aber darüber müssen wir uns klar sein, daß +der Mensch, der keinen Gott und keine Ewigkeit hat, mit vollem Recht +in den Tag hineinleben kann, weil Pflicht und Verantwortlichkeit nicht +für ihn vorhanden sind. Damit aber fällt die Sittlichkeit fort. Rede +mir nicht darein, — sie fällt fort. Vom schwersten dunkelsten Fall +der Schande bis zur kaum angedeuteten Grenzüberschreitung fällt die +Sittlichkeit fort. Wir entarten ohne den lebendigen Gott, wir verfaulen +bei lebendigem Leibe. Das sind eiserne Worte, namenlos schwere +Anklagen, aber sie sind berechtigt. Denn es geht ein Gespenst durch +unser Vaterland: der deutsche Verfall!«</p> + +<p>Exzellenz von Kambach hielt inne. Ihre Augen blickten an ihm vorüber +in den herbstlichen Park hinaus, in die strahlende Ferne, als wollte +sie alle, die ihres Volkes waren, ob sie in den Hütten des Heidelandes +wohnten oder in den Schlössern der Mark, warnen, beschwören: ›Kehrt +um, noch ist's Zeit!‹ Es lag etwas Prophetisches in diesem Blick, +etwas Weitschauendes, aber unsäglich Trauriges. Etwas, das von der +Einsamkeit der letzten Edelgeborenen redete, von dem Herzleid der +letzten Deutschen, die sich zum Kreuz bekennen, von dem Schmerz der +Heimatliebe, die sterbend um ihr Vaterland<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> trauert. Und doch war dies +Leid untrennbar von dem eisernen Willen, von dem flammenden Stolz, von +der unbesiegbaren Kraft dieser Frau. Beugen würde sich dieser Stolz +nur vor einem Höheren, — vor dem Haß der Welt, vor der Gemeinheit nie +— eher würde er unter dem Schwerte der Revolution verbluten. Harro +Kambach kannte diesen Stolz und bewunderte ihn. Heimlich gestand er +sich: ›Du besitzt ihn nicht!‹ Und der Gedanke stieg ihm auf: ›Wie +kommt eine Frau zu solch starker freier wunderbarer Heimatliebe, +woher wird ihr die Kraft, bis ins hohe Alter, so still und selbstlos +an einem Werke zu bauen, das sie nach ihren eigenen Aussagen nur als +ein verlorenes ansehen kann?‹ Bedeutete nicht jede Kulturarbeit für +sie einen hoffnungslosen Einsatz edler Kräfte? Gewiß, aber nur die +Kulturarbeit im Lichte moderner Weltanschauung — jede von christlichem +Geiste beherrschte Arbeit aber faßte sie anders auf! Und doch — auf +der ganzen Linie widersprach das biblische Christentum, das sie so +stark betonte, der Wirklichkeit. Oder nicht? Ein leiser, leiser Zweifel +erwachte in der Seele des Mannes, ob das, was gerade in den höchsten +Kreisen vielfach für rückständig galt, wirklich rückständig sei. Die +wenigen seiner Regimentskameraden, die sich das schlichte Christentum +ihres Elternhauses bewahrt hatten, waren allgemein beliebt und +geachtet. Sie waren durchaus keine Mucker, aber ihr Leben spielte sich +in ganz bestimmten Grenzen ab. Harro glaubte, eine solche Unfreiheit +nicht ertragen zu können, aber hochhalten und bewundern mußte er diese +Persönlichkeiten aus einem Guß.</p> + +<p>Und wieder klang die Stimme, die er so liebte, an sein Ohr:</p> + +<p>»Wenn ihr nur hören wolltet! Den Glauben kann man niemand einreden, +durch Menschenworte findet man nicht seinen Gott — aber das solltet +ihr offenen Auges erkennen, daß wir einen schweren völkischen +Niedergang zu verzeichnen<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> haben, daß eine furchtbare Zersetzung durch +alle Kreise geht. Doch anstatt Hand anzulegen und die entsetzliche Flut +einzudämmen, geht man mit bösem Beispiel voran. ›Genußsucht, Spiel, +Frauen‹ — der tausendjährige Totenspruch der Völker gilt auch uns. Ein +wahrhaft christliches Volk wird diesen dreien immer die Tür weisen — +das besagt alles. Aber die Zucht des Christentums paßt uns nicht, denn +unser ganzes Wesen ist selbstsüchtig. Darum vergessen wir immer wieder, +daß wir Glieder einer großen Kette sind, daß jeder einzelne seinen Teil +an der vaterländischen Gesamtpflicht zu erfüllen hat und die Übernahme +dieser Pflicht den ganzen Menschen, Leib und Seele fordert. Es ist +eine Hauptaufgabe des deutschen Adels, eine germanische Rassenauslese +darzustellen. Damit ist nicht nur vor der Verjudung des Adels, sondern +vor sozialer kultureller und politischer Verschwommenheit, mit einem +Worte, vor dem weibischen Geiste des zwanzigsten Jahrhunderts gewarnt. +Wir haben keine Männer mehr, das ist Deutschlands Unglück!«</p> + +<p>Ein zweites Mal klang die zornige Anklage an Harros Ohr. Das Blut stieg +ihm in die Stirn.</p> + +<p>»Großmama, das ist zu viel! Das darf sich ein preußischer Offizier +nicht sagen lassen. Verzeih, — aber —«</p> + +<p>Frau von Kambach sah ihn fest an. »Ich bin die erste, die Gott auf +den Knien danken würde, wenn mein Enkel sich solche Worte nicht sagen +zu lassen brauchte,« erwiderte sie, jedes Wort betonend, mit bebender +Stimme. »Du kamst zu mir als ein Bittender. Über deine Liebe soll ich +die Hände breiten. Einem Mädchen gegenüber, das — ich sage es mit +Schmerz — viel, viel zu gut für dich ist, soll ich deine Fürsprecherin +sein, aber die Wahrheit kannst du nicht ertragen!«</p> + +<p>Die Erregung übermannte sie. Schwer atmend erhob sie sich und trat auf +ihn zu. Das edle Haupt im Witwenschleier<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> stolz zurückgeworfen, stand +sie da, und doch wußte er, daß ihre Seele blutete.</p> + +<p>Wieder kam das Weiche, Edle in ihm zum Durchbruch. Wieder sagte er +sich: vergiß nicht, daß zwei Generationen miteinander ringen, daß dem +Alten vor dem Neuen in jeder Form graut, daß es, das Beste wollend, +irregeht, — und ertrage die strenge, aber treu gemeinte Art der Frau, +die mit mütterlicher Liebe deine Jugend behütete!</p> + +<p>»Großmama,« bat er, »versteh' mich, ich bitte dich, und verzeih' mir!«</p> + +<p>Sie sah ihn voll an.</p> + +<p>Auf dem abgeklärten Gesicht lag stille Trauer. Sie kannte ihn und +wußte, daß ein weiches Gemüt und treue Anhänglichkeit ihn zu ihr +zurückführten, daß aber ihre Worte in den Wind gesprochen waren. Es war +ja die Verzweiflung ihres Sohnes, daß diese liebenswürdige, die Herzen +im Sturm erobernde Art niemals hielt, was sie versprach.</p> + +<p>Und sie machte sich hart.</p> + +<p>»Du hast ja schon heute abend meine Worte vergessen! Ich kenne dich!«</p> + +<p>Aber er bat weiter. »Großmutter, du hast sehr hart zu mir gesprochen, +aber ich will versuchen, dich zu verstehen und deine Wünsche zu +beherzigen. Nur eins bitte ich dich, verlang' nicht zuviel von mir! In +einem Regiment geht es anders zu als in einem ländlichen Gutshause.«</p> + +<p>»Das habe ich nie bestritten. Hier wie dort sind Gefahren. Hier wie +dort soll man ihnen aus dem Wege gehen, aber,« — sie zögerte einen +Augenblick, — »das tust du nicht!«</p> + +<p>»Das tue ich doch, Großmama!«</p> + +<p>»Harro!«</p> + +<p>Er blickte sie an. »Kein Mensch kann mir etwas nachsagen.«</p> + +<p>Sie zuckte die Achseln. »Eins wird dir mancher nachsagen<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> können, daß +du den alten kategorischen Imperativ: ›Du sollst! Du mußt!‹ nicht mehr +kennst! Er bildet die erste Vorbedingung für den anständigen Menschen. +Äußerer Disziplin mußt du dich freilich fügen, aber innere Zucht, +Selbstzucht kennst du nicht, wie alle, die ihren Gott und Heiland +verloren haben.«</p> + +<p>Er antwortete nicht.</p> + +<p>Totenstille herrschte.</p> + +<p>Da klang's durch den Park mit jauchzender Sehnsucht und tiefer +Leidenschaft: Geigentöne.</p> + +<p>»Die kennt Disziplin, und ihre Liebe muß diese Tat innerer +Selbstverleugnung fordern, sonst ist sie nicht echt,« sagte +hinüberlauschend die alte Frau.</p> + +<p>»Großmama, vergib! Mehr will ich heute nicht! Ich will nichts +versprechen, was ich nicht halten kann; ich bitte dich nur: breit' die +Hände über mein Glück!«</p> + +<p>Sie zauderte noch immer.</p> + +<p>Da fuhr er fort: »Das eine kann und darf ich dir versprechen: soviel an +mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer Sibylle Bühler würdig +ist! Das schwör' ich dir!«</p> + +<p>Er sah sie fest an.</p> + +<p>Eine Sekunde lang war's ihr, als blicke sie in die treuen blauen +Kambachaugen des Sohnes.</p> + +<p>Enttäuschung und Zweifel zurückdrängend, hob sie die Hand. Ehrerbietig +neigte er das Haupt, und die zitternde Rechte der Greisin ruhte einen +Augenblick segnend darauf.</p> + +<p>»Gott helfe dir!« sagte sie leise.</p> + +<p>Dann nahm er Abschied.</p> + +<p>Noch einmal küßte er ihre Hände: »Ich danke dir, Großmama!«</p> + +<p>Da umschlang sie ihn in aufwallender Liebe und küßte ihn.</p> + +<p>Tief und fest sah sie ihm in die Augen: »Auch für das, was ein +preußischer Offizier nicht mit anhören darf?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p> + +<p>Er erwiderte ihren Blick klar und ernst: »Auch für das, Großmama!«</p> + +<p>Dann ging er.</p> + +<p>Auf den Dielen verklang sein leichter Schritt.</p> + +<p>Sie aber trat zum Schreibtisch und nahm ein Kinderbildchen im goldenen +Rahmen in die zitternden Hände. Lange, lange, betrachtete sie es. »Ganz +wie Ilse!« sagte sie leise vor sich hin. »Ein liebevolles Gemüt, weich +wie Wachs, kein Charakter! Nur Eberhard ist ein rechter Kambach!«</p> + +<p>Sie stellte das Bild an seinen Platz. Die Hände über den Knien +gefaltet, blickte sie ins Land hinaus. »Ob ich's noch erleben werde? +Franz Schenker hat Mut, eine Fünfundsiebzigjährige vor die Aufgabe zu +stellen, die junge volle Kräfte fordert.«</p> + +<p>Es klopfte. Ein Diener trat ein. »Herr Oberleutnant von Roselius!«</p> + +<p>»Ich lasse bitten!«</p> + +<p>Sie ging dem jungen Ulanenoffizier entgegen der sich ehrerbietig über +ihre Hand beugte.</p> + +<p>Man setzte sich.</p> + +<p>»Gestatten Ew. Exzellenz, daß ich mich ganz gehorsamst empfehle,« +sagte er, ihrem Anerbieten, abzulegen, Folge leistend. »Darf ich +zugleich meinen verbindlichsten Dank für alle widerfahrene Güte und +Freundlichkeit aussprechen?«</p> + +<p>Die alte Dame blickte wohlgefällig in das offene männliche Gesicht. +»Dafür, daß Sie mir zweimal die Freude machten, ein Stündchen bei mir +zu verbringen, sollten Sie mir nicht danken, Herr von Roselius!« sagte +sie herzlich. »Sie wissen, daß ich mich immer auf das Wiedersehen mit +Ihnen freue. Hoffentlich sehe ich Sie diesen Winter, wenn Sie zu den +Bällen kommen, öfter bei mir in der Dorotheenstraße!«</p> + +<p>Er verbeugte sich. »Danke gehorsamst, Exzellenz. Es<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> ist eine große +Ehre und Freude für mich, kommen zu dürfen!«</p> + +<p>Sie nickte ihm zu. Seine schlichte bescheidene, überaus feine Art hatte +es ihr längst angetan.</p> + +<p>»Sie fahren mit Harro?« fragte sie. »Ich habe noch eine herzliche Bitte +an Sie! Haben Sie ein Auge auf ihn! Ich weiß, er hält große Stücke auf +Sie, und wenn ein Mensch ihn zu beeinflussen vermag, so sind Sie es. Es +fehlt ihm jenes tiefinnerliche, edelmännische Pflichtgefühl, ohne das +wahre Heimatliebe nicht lebensfähig ist.«</p> + +<p>»Gewiß, Exzellenz. Ich habe bis in die Nächte hinein mit ihm über +diesen Punkt gestritten. Der gute Wille ist vorhanden, aber die +Grundlage echt vaterländischer Gesinnung fehlt, das Christentum. Das +künstlerische Ersatzmittel, das er sich erwählt, wird ihn nicht zum +Manne reifen, — noch niemals hat ein Wagnerrausch Persönlichkeiten +gezeitigt. Harros häufige Bayreuthfahrten gefallen mir deshalb nicht.«</p> + +<p>»Mir auch nicht. Aber noch weniger gefallen mir die Gerüchte, die über +ihn umlaufen. Graf Brelow hat neulich mit mir darüber gesprochen, +wußte aber nichts Bestimmtes, nur, daß einige Herren sich von Harro +zurückziehen. Aber das muß doch einen bestimmten Grund haben. Bitte, +schenken Sie mir reinen Wein ein! Er steht doch nicht etwa in einem +unerlaubten Verhältnis zu einer Frau?«</p> + +<p>»Nein,« entgegnete Roselius entschieden, »es ist mir wenigstens nichts +davon bekannt.«</p> + +<p>Frau von Kambach blickte ihr Gegenüber fest an. »Spiel?« fragte sie +leise.</p> + +<p>Er sah einen Moment vor sich nieder, dann richtete er den ehrlichen +Blick voll auf die alte Dame. »Exzellenz, das ist eine sehr, sehr +schwere Frage. Stellte sie ein anderer an mich, ich würde mit einem +runden Nein antworten. Denn solange ich<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> nicht mit meiner Person für +eine Tatsache eintreten kann, ist der Wahlspruch meines Vaters auch der +meine:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Es gibt im Heiligtum der Ehre</div> + <div class="verse indent0">Ein Allerheiligstes, — des andren Ehre!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Zu meinem tiefsten Schmerz muß ich Ew. Exzellenz als Harros Großmutter +eine andere Antwort geben. Von einem Freunde weiß ich, daß er in +Drachenburg und Berlin häufig mit Herren aus anderen Regimentern +zusammen gesehen worden ist, die in bezug auf Spiel und Damenverkehr +keinen ganz einwandfreien Ruf haben. Der Beweis, daß er selbst — das +betone ich nochmals — in irgendeiner Weise entgleist ist, hat bisher +gefehlt. Aber dieser Umgang schadet ihm natürlich.«</p> + +<p>Er schwieg. Ein tiefer sittlicher Ernst lag auf den klaren Zügen.</p> + +<p>›Fänd' ich einmal in Harros Gesicht solchen Ausdruck,‹ zog es Frau +Sabine durch den Sinn. »Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir +sagen, wer du bist,« entgegnete sie und strich seufzend über das weiße +Haar. —</p> + +<p>Es klopfte.</p> + +<p>»Herr Baron, der Wagen wartet,« meldete der Diener.</p> + +<p>Roselius erhob sich. »Ich verspreche Ew. Exzellenz, die Augen +offenzuhalten und im übrigen zu tun, was in meinen Kräften steht und +kameradschaftliche Pflicht mir gebietet!«</p> + +<p>»Haben Sie herzlichen Dank!« Sie geleitete ihn zur Tür »Gott befohlen!«</p> + +<p>Noch einmal beugte er sich über ihre Hand, und die dunklen Augen +blickten sie ernst an.</p> + +<p>›Noch ernster als sonst!‹ dachte sie, während ihr Blick der vornehmen +Erscheinung folgte. Sie wußte, was es ihn gekostet, Ilses Hochzeit +mitzumachen, wußte, daß er noch immer einen<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> heißen Kampf kämpfte! +Warum konnte es nicht anders kommen? Die Enkelin war ihr ein Rätsel!</p> + +<p>Sinnend stand sie am Fenster und sah den Abfahrenden nach. Außer dem +Hausherrn und Eberhard waren Brelows und die übrigen Gäste auf der +Freitreppe versammelt. Sibylle stellte wie immer die jungen Mädchen +der Umgegend in Schatten. Jedenfalls trug sie den Namen, den ihr +das Drachenburger Ulanenregiment verliehen, mit Recht, und niemand +mißgönnte ihr ihn. Denn ›Brandenburgs Rose‹ war aller Liebling. — In +ihrer natürlichen Anmut stand sie an das Gitter gelehnt und blickte +lächelnd auf das fröhliche Bild. Ein großer Jagdwagen voll junger +Offiziere stand zur Abfahrt bereit.</p> + +<p>Harros Blicke hingen an der schönen Erscheinung. Hinter der hellen +Gestalt glühte der wilde Wein an der Mauer. Der Wind spielte mit dem +schwarzen Haar, der duftige Stoff des eleganten Sommerkleides flatterte +in leichten Volants um den blendenden Hals und die schlanken Arme. Eine +Rose, die er ihr am Morgen gebracht, blühte an ihrer Brust.</p> + +<p>Sie fühlte den heißen Blick des Mannes und senkte befangen die Wimpern.</p> + +<p>Aber nicht nur der Kambach hatte Augen für weiblichen Liebreiz.</p> + +<p>In dem Augenblick, als die Füchse anzogen, klang's wie auf Kommando in +den strahlenden Mittag:</p> + +<p>»Hoch Brandenburgs Rose!«</p> + +<p>Was auf der Treppe stand, stimmte in die fröhliche Huldigung ein.</p> + +<p>Sibylle wurde flammend rot, faßte sich aber rasch und wandte sich dem +kleinen Eberhard, der sie wie eine Heilige verehrte, lachend zu: »Ihr +meint ja doch nur meine Geige!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p> + +<p>Er sah sie mit seinen blauen Kambachaugen ehrlich an: »Aber Billy, dann +würden wir's doch sagen!«</p> + +<p>Alles blickte lächelnd auf Sibyllens ritterlichen kleinen Freund, der +seiner Angebeteten auf Schritt und Tritt folgte, ihr Blumen brachte und +den leisesten Wunsch von den Augen las. Dunkelrot stand er da.</p> + +<p>Aber Sibylle schlang den Arm um seinen Nacken und sagte: »Du hast ganz +recht, Eberhard, so gehört sich's — ihr würdet's mir sagen!«</p> + +<p>Ein leuchtender Blick dankte ihr.</p> + +<p>»Wir gehen nachher noch etwas in die Heide,« flüsterte sie ihm zu. — —</p> + +<p>Unter Grüßen und Tücherschwenken fuhren die jungen Söhne der Mark durch +die roten Ebereschenalleen ihren Garnisonen zu.</p> + +<p>Aber die Brautjungfern schlossen einen Kreis um Sibylle und sangen das +alte Kranzlied.</p> + +<p>»Hoch Brandenburgs Rose!« jubelte es von der Dorfstraße herüber, und +wie eine Antwort zog es in den klaren Herbsttag hinaus: »Wir winden dir +den Jungfernkranz!«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel"><span class="s5">Sechstes Kapitel.</span><br> + Gala.</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Siehst du das Märchen um Mitternacht</div> + <div class="verse indent0">In lichter Seide, im Spitzenschleier?</div> + <div class="verse indent0">Rosen im Haar, wie ein Maientag</div> + <div class="verse indent0">Tritt es herein zu glänzender Feier!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schaut sich im festlichen Raume um,</div> + <div class="verse indent0">Rafft den Goldsaum der weißen Schleppe,</div> + <div class="verse indent0">Fragt den Heiduck nach dem alten Fritz, —</div> + <div class="verse indent0">›Kam er nicht über die Wendeltreppe?‹</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der aber schüttelt den weißen Kopf,</div> + <div class="verse indent0">Weiset zum Reiterstandbild hinüber, —</div> + <div class="verse indent0">›Vielleicht erwacht er um Mitternacht, —</div> + <div class="verse indent0">Vielleicht auch nicht, — die Zeit ist vorüber!‹</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>In Berlin schneite es. Weihnachten hatten graue Schleier die Straßen +verhüllt, — endlich, um Mitte Januar war's Winter geworden. +Frostklarer weißer schimmernder Winter! Und er kleidete die Kaiserstadt +gut. Denn Berlin bei Nebel, Berlin bei schlechtem Wetter war +fürchterlich! Zumal in den Tagen der Hoffeste, wo das Land sich in der +Reichshauptstadt traf. Es hatte einmal einer gesagt, zum Galaball mit +seinem anmutigen Abendbilde gehörten verschneite Portale und weiße +Gitter. Denn die Straße feiere mit. Eine Wahrheit steckte darin, aber +eine feine aristokratische aus der Zeit Friedrichs des Großen. Ob das +zwanzigste Jahrhundert sie verstehen würde, war eine andere Frage.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p> + +<p>Jedenfalls aber war dieser Wunsch heute voll und ganz erfüllt worden. +Eine feenhafte Winternacht stieg über der Mark auf. In glitzernder +Frostkrone, den weißen Pelz um die Schultern geschlagen, betrat eine +Königin die stolze Heimstätte der Zollern und grüßte den Kaiser. Seinem +Fest verlieh sie ihren Glanz, seinem Hause wob sie jenes märchenhafte +weiße Gewand — das Wunder des Winters. — — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Karossen fahren an. Automobile. Taghell liegt das Schloßportal im +Glanz elektrischen Lichtes. Um jede Gestalt der helle Schimmer der +Frostnacht. Wie glitzernder Rauhreif blinkt's in Schleiern und +Diademen, in seidenem Frauenhaar. Aber die Pelze verhüllten die +Hofkleider, die goldgestickten Fracks und Uniformen. Nur die Helme +funkeln mit den Brillanten um die Wette.</p> + +<p>Und dann fallen die Hüllen. In glänzendem Zuge bewegt sich die Schar +erlauchter und edler Gäste die Marmortreppe hinan.</p> + +<p>Oben das Aufstrahlen neuen Lichts, neuen Glanzes. Gold- und +Silbergefunkel, leuchtende Epauletts, blitzende Orden, Brokat, +rosendurchwirkte Schleier, Smaragdkolliers, Brillanten — Gala. +Getragen von jener Feierstille, dem Vorspiel königlicher Feste, jenem +feinen Zeremoniell souveräner Höfe. Endlich halblaute Unterhaltung. +Leise ausgetauschte Verbindlichkeiten.</p> + +<p>Der Saal füllt sich. Immer interessanter und stimmungsvoller gestaltet +sich das Bild, immer internationaler. Das Ausland sendet seine +Botschafter, seine Frauentype. Eigenart im weitesten völkischen +Sinne. Überall tauchen die fremden Gestalten auf, als gälte es, +ihre Art mit deutschem Blute zu mischen. Hohe Offiziere stehen in +Gruppen, Diplomaten, Attachés, Kammerherren. Dazwischen immer wieder +Frauenschönheit.<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> Botschafterinnen mit Brillantreifen im Haar, +Landedelfrauen, Offiziersdamen, junge Mädchen, frisch, gesund, ein +Strauß blühender Rosen. Drüben unterhält sich der Reichskanzler mit der +Gemahlin des russischen Botschafters. Dicht daneben steht ein Chinese +mit einem Edelfräulein aus der Uckermark. — —</p> + +<p>Auf und nieder wogt die leise Unterhaltung. — —</p> + +<p>Und dann klingt ein Ton durch die Stille: der Stab des +Zeremonienmeisters klopft dreimal auf das Parkett.</p> + +<p>Unter dem Vortritt der Pagen und Hofchargen betreten die Majestäten, +von drei Marschällen geleitet, unter den Klängen des <span class="antiqua">Grand marche +festivale</span> von Gounod den Saal. Der Kaiser in der Uniform des ersten +Garderegiments, die Kaiserin in meergrünem silbergesticktem Brokat, ein +flimmerndes Diadem im weißen Haar. Hinter den Majestäten die Prinzen +und Prinzessinnen des Königlichen Hauses und das Gefolge.</p> + +<p>Die Gesellschaft versinkt in einer tiefen Verneigung. Liebenswürdig +grüßt das Kaiserpaar nach allen Seiten. Während eines kurzen Cercles +spielt die Kapelle. Der Oberzeremonienmeister gibt das Zeichen zum +Beginn des Tanzes. Die Kapelle setzt mit dem Walzer Tesoro mio ein. +Zwei Gardedukorps eröffnen mit Hofdamen der Kaiserin den Ball.</p> + +<p>Rundtänze wechseln mit Lançiers und den alten Tänzen, Menuett <span class="antiqua">à la +reine</span>, Prinzengavotte, Gavotte der Kaiserin.</p> + +<p>Die Majestäten sehen den Tänzen zu, nehmen Vorstellungen entgegen und +ziehen zahllose Anwesende ins Gespräch.</p> + +<p>Auf und nieder wogt das glänzende Bild.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Souperpause ging ihrem Ende entgegen. Langsam leerte sich der Saal, +wo die Jugend gespeist hatte, in Gängen und Nischen ward es lebendig.</p> + +<p>Der helle Schein des Vollmonds fiel in einen verschwiegenen<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> +Wintergarten. Wie heimliches Werben umflimmerte sein silberner Glanz +die rosige Ampel. Kamelienbäume neigten die blütenschweren Äste, +Flieder und Jasmin dufteten, ein Springbrunnen plätscherte. — —</p> + +<p>Durch das dichte Grün der Myrten schimmerte eine helle Toilette. +Halblaute Unterhaltung klang herüber.</p> + +<p>Ein weißhaariger Landstand lehnte im Eingang. Eine Rasseerscheinung. +Ein Gesicht wie ein alter Adler. Der ganze Mann Aristokrat vom Scheitel +bis zur Sohle. Uradel.</p> + +<p>Suchend blickte er sich um.</p> + +<p>»Sie glauben nicht, wie ich mich freue, daß Sie Großmama Gesellschaft +leisten,« klang's hinter der Myrtenhecke. »Ich weiß, wie sehr sie diese +Zeit genießen wird! Und dazu Ihr Geigenspiel, Gräfin!«</p> + +<p>Ein helles Lachen klang durch den Raum.</p> + +<p>»Wo denken Sie hin, Baron! Ich bin die Genießende! Ich jubiliere +geradezu, daß mir die langweilige italienische Reise erlassen worden +ist! Sechsmal bin ich in Italien gewesen, und leider fehlt mir jedes +Verständnis für Mamas Art zu reisen. Wir sind eben ganz verschieden +veranlagt. Ich will unterwegs Natur und Kunst genießen, und Mama fragt +nichts danach. Wissen Sie, da traf sich's herrlich, daß ich Gesang- +und Geigenunterricht nicht wieder unterbrechen durfte — Mama reist ja +außerdem gern allein, sie kann mich wirklich entbehren!«</p> + +<p>»Wann ist Ihre Frau Mutter abgereist?«</p> + +<p>»Gestern. Sie wollte eigentlich erst morgen fahren, um mich noch auf +den Hofball begleiten zu können. Aber mein Onkel Firlemont drahtete, er +wolle sich Montag mit ihr in Venedig treffen, da mußte sie ihre Pläne +ändern.«</p> + +<p>»Es gibt doch auch genug Menschen, die Sie mit Wonne bemuttern würden, +Gräfin,« sagte Harro Kambach lakonisch.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p> + +<p>Die leise Antwort verklang im Plätschern des Springbrunnens.</p> + +<p>Langsam trat der Landstand näher. Eine Falte stand zwischen seinen +Brauen.</p> + +<p>»Wenn ich eine alte Exzellenz wäre, würde ich meine Staatskutsche +bekränzen und ›Brandenburgs Rose‹ mit Musik zu Hofe fahren!« rief der +Ulan.</p> + +<p>Wieder klang das helle Mädchenlachen: »Das würden Sie aus dem einfachen +Grunde bleiben lassen, weil ›Brandenburgs Rose‹ Sie stechen würde, und +die Polizei keinen groben Unfug duldet.«</p> + +<p>»Oho! ›Brandenburgs Rose‹ sticht nicht, und was die Polizei anbelangt +...«</p> + +<p>»Das geht hier ja sehr kriegerisch zu!« Graf Bühler stand vor seiner +Enkelin. Wohlgefällig ruhte sein Blick auf der eleganten Erscheinung.</p> + +<p>Sibylle und ihr Tänzer hatten sich erhoben.</p> + +<p>»Was sagen Sie dazu, lieber Kambach, daß der Ausreißer sein Quartier in +der Dorotheenstraße aufgeschlagen hat?« wandte sich der alte Herr an +den jungen Offizier.</p> + +<p>Sibylle errötete. »Ich komme doch Ende Februar zu dir, Großpapa,« +sagte sie lächelnd, zwei Grübchen in den Wangen. »Es war so sehr gütig +von Exzellenz von Kambach, mich einzuladen, außerdem verlernte ich ja +alles, wenn ich jetzt fortginge!«</p> + +<p>»Ja, ja, schon gut!« Er nickte ihr lächelnd zu. »Kann's mir denken, +mein Deern, daß du heilsfroh bist, nicht von Gasthof zu Gasthof gondeln +zu müssen.«</p> + +<p>Sie senkte die Wimpern. Der Großvater war sonst nicht vor anderen so +scharf. Ob er Harro schon mit zur Familie rechnete? Ein fragender Blick +flog zu dem alten Herrn hinüber.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p> + +<p>Aber der nickte ihr ein zweites Mal zu. »Ja, ja, Billy, ich kann's mir +denken!« — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eine Polka lockte. Sie traten in den Saal.</p> + +<p>»Haben Sie Ihren Vater gesehen, lieber Kambach?« fragt Graf Bühler im +Gehen.</p> + +<p>»Papa ist von Seiner Majestät befohlen worden, Erlaucht!«</p> + +<p>»So, so. Danke.« Und fort war er. — —</p> + +<p>»Bleiben Sie recht lange bei Großmama,« sagte Harro Kambach zu seiner +Dame, während sie über das Parkett flogen. Sein Auge ruhte auf ihr. +Sie fühlte, daß diesem Wunsch ein anderer zugrunde lag. War sie +erst in Bühl, dann konnte er nicht alle Augenblicke kommen. In der +Dorotheenstraße ging der Enkel Exzellenz von Kambachs ungehindert ein +und aus.</p> + +<p>Eine tiefe Neigung zog sie zu dem schönen ritterlichen Manne, eine +Neigung, wie sie sie nie zuvor empfunden. Aber Sibylle Bühler gehörte +nicht zu den Frauen, die sich von einer großen Leidenschaft beherrschen +lassen. Sie blickte auf Leben und Zukunft, abwägend, die Frage der +Ergänzung in Betracht ziehend. Und doch war sie keine kühle Natur. +Sie war eine echte deutsche Frau, mit deutschem Blut und deutscher +Sehnsucht, zu der Liebe Opfern bereit. Aber sie hatte die klare +zielbewußte Klugheit der Bühlers, die nach allen Seiten Umschau hielt, +bevor sie handelte. Und diese Klugheit mahnte zur Vorsicht. Nur ihre +bisherige Zurückhaltung, die sie sich bei aller Freundlichkeit bewahrt, +hatte Harro Kambach noch von einer Werbung zurückgehalten. Es war +das erstemal gewesen, daß sie dieselbe weniger betont. Und nun kam +der Besuch bei seiner Großmutter dazu. Exzellenz von Kambach war in +Sibyllens Augen das Ideal einer deutschen Frau. Wohl wußte sie, daß sie +von vielen wegen ihres tatkräftigen Handelns, ihres scharfen Urteils,<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> +ihrer, wie es manchen scheinen wollte, allzu schroffen Stellung in +Bekenntnisfragen angegriffen wurde, aber was die Menschen sagten, war +für sie durchaus nicht maßgebend. Im Gegenteil. Die allgemeine Meinung +hatte von jeher ihren Widerspruch herausgefordert. Die unglaubliche +Oberflächlichkeit, mit welcher die höchsten Kreise den unerhörtesten +Klatsch verbreiteten, hatte ihr Feingefühl stets beleidigt. Sie sah +selbst und urteilte selbst. Das gab ihrem Wesen jene Sicherheit, die, +mit angeborenem Takt gepaart, ihrer ganzen Persönlichkeit ihr Gepräge +verlieh. — —</p> + +<p>Als Exzellenz von Kambach gehört, daß Gräfin Bühler wieder, wie es +hieß, wegen eines verschleppten Luftröhrenkatarrhs für längere Zeit +nach dem Süden gehe, ihre Tochter aber wegen eben erneut begonnenen +Musikunterrichts in Potsdam lassen werde, lud sie Sibylle ein, +die nächsten Wochen bei ihr zu verbringen. Mit großer Freude und +Dankbarkeit sagte das junge Mädchen zu. Gräfin Bühler war, obwohl sie +ihrer Tochter nichts in den Weg legte, weniger entzückt.</p> + +<p>»Du bist sowieso schon auf dem besten Wege, eine ›Betschwester‹ zu +werden,« sagte sie in ihrer spöttischen Art. »Wenn du vier Wochen bei +der alten Kambach gewesen bist, werde ich dich wohl in irgendeinem +Diakonissenhause wiederfinden. Die Schwesternhaube wäre nicht übel zu +deinem Madonnengesicht, aber meine Einwilligung bekommst du vorläufig +nicht, liebes Kind! Höchstens später, wenn der Anschluß als endgültig +versäumt zu betrachten ist!«</p> + +<p>Sibylle kannte diese Redensarten und schwieg. Sie war froh, daß die +Mutter ihr nicht verbot, der Einladung zu folgen. Daß sie nicht ihr +zuliebe ja gesagt, als die alte Dame in eigener Person gekommen +war, um ihren Liebling zu sich zu bitten, wußte sie nur zu gut. Da +sprachen ganz andere Dinge mit, nicht zuletzt der Wunsch, häufiger +ohne die in ihrer norddeutschen<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Zurückhaltung so unbequeme Tochter +reisen zu können. Vielleicht folgten dieser Einladung andere. Aus +Schicklichkeitsgründen konnte sie Sibylle nicht immer allein zu Hause +lassen, und ob sie den ganzen Tag ihre Stradivariusgeige spielte, — +sie war noch nicht alt genug und zu hübsch. Einmal ging das wohl, aber +nicht öfter. Dazu wurde in Potsdam zuviel geklatscht. Gräfin Bühler kam +die Einladung daher in gewissem Sinne nicht unwillkommen.</p> + +<p>Sibylle hatte sich längst daran gewöhnt, ihren Weg allein zu gehen. +Ihre Kindesliebe zu der gefallsüchtigen oberflächlichen Frau beruhte +lediglich auf Pflichtgefühl. Daß sie sich der Abwesenheit der Mutter +heimlich freute, war daher kein Wunder. —</p> + +<p>Sie war ihrem Tänzer die Antwort schuldig geblieben. Die langen Wimpern +gesenkt, ließ sie sich auf ihren Platz führen.</p> + +<p>»Nun?« fragte er endlich.</p> + +<p>»Fräulein Eichel wird eifersüchtig werden,« wich sie ihm aus.</p> + +<p>»Ach, die alte Landpomeranze, — Verzeihung, Gräfin, — die rechnet +nicht mit!«</p> + +<p>Sibylle lachte ihm hell ins Gesicht. »Bitte, ich bin auch eine +Landpomeranze! In Bühl hat meine Wiege gestanden, und die paar Jahre, +die wir in Potsdam sind, haben mich nicht zur Städterin gemacht.«</p> + +<p>Er lächelte. »Mag sein, aber Sie haben Ihr Leben nicht unter alten +Tanten und Landpastörchen verbracht. Sie haben anderes gelesen als +Kreuzzeitung und Reichsboten und Missionsblätter, und ich weiß nicht +was für gottseliges Zeug, haben anderes gesehen als Armenstrickstrümpfe +und Wickelbänder! Ja, ja, verzeihen Sie, ich verfalle in Stallton, aber +ist's nicht so? Mein Gott, was hockt alles auf den Gütern zusammen! Ich +bewundere immer die Hausherren, die meist<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> als Hahn im Korbe diesen +Normalzustand ertragen, und kann nur sagen: Gott bewahre mich davor, +zwei bis drei sechzigjährigen Tanten Altenteil gewähren zu müssen, +abgesehen von der für den Landwirt sehr empfindlichen Mehrbelastung +des Geldbeutels! Sehen Sie, Gräfin, diese heillose Jungfernwirtschaft +ist mitschuldig am Niedergang des Großgrundbesitzes. Was diese alten +Schmarotzer aufessen, soll der Grund und Boden abwerfen außer allem +übrigen, was sonst ein Gut verschlingt! — Papa ist ein Schlaumeier, +der hat rechtzeitig dafür gesorgt, daß seine Schwestern die Welt zu +sehen bekamen! Na ja, eine war immer hübscher wie die andere — noch +jetzt ist's eine Freude, diese drei schönen alten Frauen zu sehen, +aber trotzdem, Papa hat dafür gesorgt, daß in Kambach unsere vornehmen +Regimenter verkehrten, daß Leben in die Landschaft kam; und was war der +Erfolg? Alle drei haben erste Partien gemacht! Ja — Papa!« Und Harro +sang seines Vaters Lob, als hätte er niemals seine Strenge erfahren, +niemals in starrem Gegensatz zu seinen Auffassungen von Landhochzeiten +und altmärkischer Gastfreundschaft gestanden.</p> + +<p>»Aber Fräulein Eichel ist doch kein Schmarotzer!« sagte Sibylle. +»Ich glaube, Ihre Großmutter wäre unglücklich, wenn sie ihren treuen +Hausgeist nicht hätte!«</p> + +<p>Harro Kambach schüttelte beinahe ungeduldig den Kopf. »Es ist möglich, +daß sie ein Engel vom Himmel ist, der aus Versehen in dies entsetzliche +mausegraue Kleid hineingeraten ist — ich kann nun einmal Leute, die +aus Frömmigkeit ewig Grau und Schwarz tragen, nicht leiden, Gräfin, — +gewiß, eine Untugend von mir, aber ich kann's nicht! Und dann dieser +glattgekämmte Scheitel, — sie nimmt Wasser, behaupte ich! Wissen Sie, +es ist wirklich ein Unrecht, wenn eine Frau sich so zurecht macht! +Könnten Sie in dem Punkte<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> nicht einen Wandel schaffen? Es ist wirklich +ein Kreuz, ihr gegenüber bei Tisch zu sitzen! Nirgends sagt die Bibel, +daß die Frauen sich zu Vogelscheuchen machen sollen, im Gegenteil, ich +weiß ganz genau, daß irgendwo etwas von zierlichen Kleidern steht, +ich wundere mich nur, daß Fräulein Eichel die Stelle nicht zu kennen +scheint, — aber ich will Sie nicht länger elenden!«</p> + +<p>»Ich kann Fräulein Eichels Haar beim besten Willen nicht so schlimm +finden,« sagte Sibylle. »Das kommt Ihnen nur so vor, weil Sie +immer gebrannte Frauenköpfe sehen — ja, ja!« Sie lachte. »Und das +Mausegraue? Gewiß, sie zieht sich meist dunkel an, aber ich habe sie +doch auch schon in ganz hellen Kleidern gesehen!«</p> + +<p>»Ich nicht!« Er blickte sie von der Seite an. »Aber da kommt Graf Lier +mit einem Kotillonstrauß!«</p> + +<p>Er sah der schlanken Mädchengestalt nach, wie sie im Arm des blauen +Husaren durch den Saal schwebte. Nun hatte er ihr doch nicht gesagt, +warum sie so lange bei der Großmutter bleiben sollte. Aber sie würde es +sich schon denken können.</p> + +<p>Das Paar kehrte zurück. Mehr als ein bewundernder Blick ruhte auf dem +jungen Mädchen. Sehr bekannt schien Sibylle nicht zu sein. In manchem +Auge stand eine Frage.</p> + +<p>Und jetzt, — was war das? Mitten durch den Saal kam ein schwarzer +Husar, eine Teerose in der Hand, auf Sibylle Bühler zu — der Kronprinz.</p> + +<p>Nach tiefer Verneigung folgte sie dem Thronfolger. Ein feines Rot lag +auf ihren Wangen.</p> + +<p>»Wer ist das?« hörte Kambach seine Nachbarin ihren Tänzer fragen.</p> + +<p>»Uradel. Aus der Uckermark. Sechzehn Ahnen. Bildschöne Frau, nicht +wahr?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p> + +<p>Sie nickte. »Ja, wer ist es denn?«</p> + +<p>»Eine Frau von Riddeck; soviel ich weiß, steht der Mann bei der Garde!«</p> + +<p>Harro lachte in sich hinein. Mochten die beiden denken, was sie wollten +— sein Blick folgte Sibylle, — warum wurde sie immer für eine Frau +gehalten? Es ärgerte ihn. Ein Mädchen konnte gerade so gut Haltung +haben, hatte manchmal mehr. Verdrehte Auffassung! Hinterpommern! Hier +in Berlin war so etwas nicht lebensfähig.</p> + +<p>Sie tanzte noch immer.</p> + +<p>Und dann sah er sie plötzlich vor dem Kaiser stehen. Ein hübsches Bild: +Seine Majestät im Gespräch mit der jungen Brandenburgerin. Der Kaiser +sehr leutselig. Sibylle unbefangen und natürlich wie immer. Das liebten +die Hohenzollern.</p> + +<p>Während Harro hinüberblickte, schlug die Unterhaltung des schwarzen +Husaren mit dem pommerschen Landedelfräulein an sein Ohr.</p> + +<p>»'s ist ein Jammer, daß wir das Kronprinzenpaar nicht mehr in Danzig +haben, gnädiges Fräulein! Die Zeit bleibt die schönste meines Lebens! +— Die ganze Bevölkerung trauert den hohen Herrschaften nach! Sie +gehörten so ganz zu uns! Warum muß alles Schöne im Leben von so kurzer +Dauer sein!«</p> + +<p>»Seien Sie doch zufrieden! Sie sind immerhin die Bevorzugten gewesen!«</p> + +<p>»Ja, ja, das sind wir. Aber gerade darum empfinden wir den Abstand. +Allein die kleinen Prinzensöhne! Jeden Morgen sah ich sie beim Ausritt!«</p> + +<p>Er blickte gedankenverloren über das bunte Treiben hinweg. »Und die +Frau Kronprinzessin!«</p> + +<p>Sie nickte. »Ich kann's mir denken, man braucht sie ja nur anzusehen!« +— —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>»'n Abend, Harro! Ganz allein? Ach so, — Billy ist deine Dame! Sie +sieht famos aus heute abend, von allen Seiten wird's einem gesagt. +Jetzt heißt's den Anschluß erreichen!« Wolf Dietrich Bühler zwinkerte +seinem Schwager zu. »Wie stehen die Aktien, alter Junge?«</p> + +<p>Dem anderen stieg das Blut ins Gesicht.</p> + +<p>»Sei nicht so laut,« sagte er scharf und zog die Stirn in Falten.</p> + +<p>Graf Bühler zuckte die Achseln. »Hab' dich nicht, in Drachenburg +erzählen sich die Spatzen auf den Dächern deinen Roman. Und in +Potsdam?« Er lachte.</p> + +<p>»Wie geht's Ilse?« fragte Kambach ablenkend.</p> + +<p>»Danke, gut! Sie hätte sich praktischer einrichten sollen. Alles fragt, +warum sie nicht hier ist.« In der ihm eigenen burschikosen Art kam's +heraus.</p> + +<p>Harro fühlte sich unangenehm berührt. Aber er sagte nichts. Seit Wolf +Dietrich verheiratet war, hatte seine Freundschaft für den Kameraden +eine merkliche Abkühlung erlitten. Er stand seiner Schwester sehr nahe. +Um so mehr verletzte ihn die Art, wie Bühler ohne jede Rücksicht auf +ihren schonungsbedürftigen Zustand die junge Frau behandelte. Einmal +war es sogar zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen den beiden +Schwägern gekommen. Die Stimmung war daher auf beiden Seiten eine +gereizte. —</p> + +<p>»Wo steckt denn Roselius eigentlich?« fragte Bühler.</p> + +<p>»Seine Mutter ist schwer erkrankt!« klang es kurz zurück.</p> + +<p>»Und da muß der Ärmste Diakonisse spielen?«</p> + +<p>Harro drehte sich auf dem Absatz um und begrüßte einen Kameraden.</p> + +<p>Die Jagdhörner riefen. In hellen Fanfaren klang das Halali durch den +Saal.</p> + +<p>Der Dittersdorfer Huldigungsreigen beschloß das Fest.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p> + +<p>Wieder zeigte der schimmernde Saal eine einzige tiefe Verneigung, +wieder grüßten die Allerhöchsten Herrschaften nach allen Seiten. Die +goldenen Türen taten sich auf und schlossen sich wieder. Die Majestäten +hatten den Saal verlassen.</p> + +<p>Auf Treppen und Galerien ward's lebendig. Noch einmal belebte das +farbenreiche wechselnde Bild das verschneite Portal. Dann verflog's +wie ein anmutiger Traum, Licht um Licht erlosch, dunkel lagen die +Fensterreihen des Zollernschlosses. —</p> + +<p>Durch die Winterstille klang das Schlagen der Uhren. Nicht lange +mehr, und Berlin erwachte zur Arbeit. Aber noch war's Nacht. In +tiefem Traum lag die Weltstadt. Der Schnee glitzerte. Drüben über der +Friedrichstraße lag der berüchtigte Schein nächtlichen Lebens. Sonst +winterliches Dunkel, schneeverwehte Straßenlaternen.</p> + +<p>Fern über den Havelseen stand eine dunkle Wolkenwand wie dräuendes +Wintergewitter. Schwarz und gespenstisch hing es über Deutschland.</p> + +<p>Der Zeiger rückte. Im Osten dämmerte es.</p> + +<p>Da stieg die Zeit, die oben im Turm gewacht, den tausendjährigen +Wendelstein hinab und zog den Strang:</p> + +<p>›Sechs hat die Glocke!‹</p> + +<p>Aber niemand hörte die Mahnerin.</p> + +<p>Deutschland schlief.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel"><span class="s5">Siebentes Kapitel.</span><br> + Trotz alledem ...</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Auf keinen Menschen Rücksicht nehmen, —</div> + <div class="verse indent0">Keinem Menschen sich anbequemen,</div> + <div class="verse indent0">Niemand Zugeständnisse machen, —</div> + <div class="verse indent0">Streng über Haus und Schwelle wachen, —</div> + <div class="verse indent0">Nach keiner fremden Meinung fragen,</div> + <div class="verse indent0">Wenn's heißt, des Kreuzes Banner tragen — —</div> + <div class="verse indent0">Im Geisteskampf, im Glaubensstreit,</div> + <div class="verse indent0">Gilt's heil'ge Rücksichtslosigkeit!</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>In der Dorotheenstraße in dem stillen Quartier der alten Exzellenz saß +der Oberstallmeister von Kambach seiner Mutter gegenüber.</p> + +<p>Er war eben vom Lande hereingekommen. Wohlig umfing ihn die +gleichmäßige Wärme.</p> + +<p>»Bei dir ist's gemütlich, Mama!« Er sah sich um. »Ist etwas verändert?«</p> + +<p>»Nein; nur die Blumenfülle von meinem Geburtstag!«</p> + +<p>»So.« Zerstreut flog sein Blick über die Frühlingspracht.</p> + +<p>Sie merkte, er kam mit etwas Besonderem zu ihr, mit etwas, das ihn +drückte. Vor kaum vierzehn Tagen hatten sie sich ja erst gesehen. +Allerdings nur flüchtig und nicht unter vier Augen. Trotzdem. Sie +fühlte, er kam nicht nur in Geschäften oder um nach ihr zu sehen.</p> + +<p>Frau von Kambachs Arbeitszimmer war ein behaglicher<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> Raum mit schönen +alten Möbeln, mit kostbaren Gemälden und Stichen aus der Vergangenheit. +In der Nähe des Fensters stand der breite Diplomatenschreibtisch ihres +verstorbenen Mannes, darüber hing ein lebensgroßes Bild des alten +Kambachers, — ein Kunstwerk von großer Frische und Ursprünglichkeit. +Das graue Haar kurz geschnitten, die blauen Augen sprühend, die Hand +am Degen, schien Fritz Karl von Kambach aus dem breiten Goldrahmen +heraustreten zu wollen in das stille Gemach seines im weißen Haar noch +arbeitsfrohen Weibes, unter die Menschen, in den Reichstag, seinen +alten Platz in der Welt wieder einzunehmen, den er sich erkämpft und +mit Ehren behauptet.</p> + +<p>Unter dem Bilde saß der Sohn. Rassig vornehm energisch, wie der Vater.</p> + +<p>›Meinem Fritz Karl wie aus den Augen geschnitten,‹ dachte die Greisin, +während sie den Vergleich zwischen dem Toten und Lebenden zog.</p> + +<p>Der alte Kambach hatte es bis zum Generalmajor gebracht und erst spät +das väterliche Gut übernommen. Karl Heinrich, der ebenfalls, wie alle +Kambachs, bei den Drachenburger Ulanen gedient, mußte krankheitshalber +als Oberleutnant den Abschied nehmen. Er trat in den Hofdienst und +rückte bis zum Oberstallmeister auf. Aber die Sehnsucht nach dem +militärischen Beruf verließ ihn nicht. Noch niemals hatte es einen +Kambach gegeben, der nicht mit Leib und Seele Soldat war. Königstreue +und Vaterlandsliebe lagen dem stolzen Geschlecht im Blut.</p> + +<p>»So, Karl Heinrich, nun kram' aus,« sagte Frau Sabine, dem Sohne +zunickend.</p> + +<p>»Es ist aber viel, Mama! Stör' ich dich wirklich nicht?« Er warf einen +fragenden Blick auf den Schreibtisch. »Ich weiß ja, wie du überlaufen +wirst, und dann noch so und so viele Wohltätigkeitsveranstaltungen in +diesen Monaten!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span></p> + +<p>»Das besorgt Fräulein Eichel,« entgegnete Frau von Kambach.</p> + +<p>»Ja, aber es geht dir doch auch sonst viel im Kopf herum, z. B. der +Bund der bibelgläubigen Christen. Ich wäre deshalb sowieso in diesen +Tagen zu dir gekommen. Wie weit bist du?«</p> + +<p>»Nachher, Karl Heinrich! Du wirst noch genug davon hören! Erst deine +persönlichen Angelegenheiten! Wozu ist eine Mutter denn da? Ich bin +keine Anhängerin der Frauenemanzipation, mein Junge!«</p> + +<p>Er lachte. »Das weiß ich.«</p> + +<p>»Na, also.« Sie setzte sich im Lehnstuhl zurecht.</p> + +<p>Auf seiner Stirn lagerten Sorgen. »Vielleicht ahnst du's schon, Mama: +Ilse!«</p> + +<p>Er hatte die Worte rasch, beinahe heftig herausgestoßen. Seine Stirn +rötete sich.</p> + +<p>»Ja, nun sag' ich wieder zuerst, was eigentlich zuletzt kommen sollte +— das da ist schuld daran,« er wies auf das Bild seiner Tochter, »na, +es ist ja schließlich einerlei; wenn du beides gehört hast, sagst du +vielleicht: ›Er kommt wenigstens mit dem Schlimmsten zuerst heraus!‹ +Ja — Ilse!« Er seufzte. »Ich hab's ihr ja von Anfang an gesagt, daß +sie eine Dummheit begehe. Deutlich bin ich, weiß Gott, gewesen, — +sonst würde ich mir heute die wahnsinnigsten Vorwürfe machen! Aber +dies hätte ich denn doch nicht für möglich gehalten! Ich kann eine +ganze Menge vertragen und jede weibliche Zimperlichkeit ist mir +fürchterlich, aber wenn ein junger Ehemann gleich im ersten Vierteljahr +seine Frau derartig behandelt, weil es ihm gegen den Strich geht, daß +er nicht mit ihr auf den Hofbällen glänzen kann, so hört denn doch die +Weltgeschichte auf! Er hat weder Pietät noch Gefühl, Mama, da können +wir noch etwas erleben! Ein-, höchstens Zweikindersystem! Und Gott +weiß, was sonst noch alles! —<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> Ich habe mir Wolf Dietrich übrigens +neulich vorgenommen und mir ausgebeten, daß er seine schlechte Laune +nicht immer an Ilse ausläßt. Na ja, vor mir hat er Respekt, schon wegen +der Zulage, denn der alte Bühler gibt dem Luftikus nicht viel, was ich +ihm durchaus nicht verdenke — also Wolf Dietrich entschuldigte sich +und gelobte Besserung, aber ich gebe nichts darauf. So einen muß unser +Herrgott erst mal feste beim Kragen nehmen und schütteln, daß ihm die +Puste vergeht! Allein diese Gereiztheit mit den Dienstboten um nichts +und wieder nichts, es ist ja unerhört! Sein Bursche möcht' ich nicht +sein! Zum Donnerwetter!« Er schlug mit der Faust aufs Knie. »Verzeih, +Mama! Aber es kribbelt einen in allen zehn Fingern, den Bengel einmal +an die frische Luft zu setzen und gründlich zu verhauen!«</p> + +<p>Er seufzte. »Und bei alledem ist Ilse wie ein Lamm, das reizt ihn +natürlich immer mehr. Sie scheint ihn für sehr nervös zu halten und +schont ihn, wo sie kann!«</p> + +<p>»Für besonders nervös halte ich ihn durchaus nicht,« sagte die alte +Dame nachdenklich. »Er spielt doch nicht etwa, Karl Heinrich, oder ....«</p> + +<p>Der Oberstallmeister fuhr empor. »Was meinst du, Mama?«</p> + +<p>»Ach, ich möchte keinen unbegründeten Verdacht aussprechen!«</p> + +<p>»Ist auch nicht nötig, ich kann's mir schon denken!« Er zuckte die +Achseln. »Beweise fehlen mir auch.«</p> + +<p>In ihrem Gedächtnis war eine kleine Begebenheit lebendig geworden, +— nein, keine Begebenheit, nur ein flüchtiges Bild, ein kaum zutage +tretender und doch ihrem scharfen Auge nicht unbemerkt gebliebener +Zug, der mit kurzem Federstrich den ganzen Menschen zeichnete. Kein +verhängnisvolles Wort, keine bezeichnende Bemerkung — nichts — +nichts weiter als<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> die Art und Weise, wie der Drachenburger Ulan eine +Berliner Schauspielerin begrüßt hatte. Es war keine von den vielen, +allzu vielen, ein eisiger Blick hatte ihn in die Schranken gewiesen — +aber die alte Exzellenz wußte genug. Ein Mann, der durch einen einzigen +Blick eine Frau erniedrigen konnte, war kein Edelmann. Und Exzellenz +von Kambach hatte es aufs tiefste beklagt, daß sie diesen Augenblick +nicht vor der Hochzeit ihrer Enkelin erlebt. Geredet, gewarnt worden +war viel, aber Tatsachen, Beweise hatten gefehlt.</p> + +<p>»Ja, Mamachen, du kannst es dir wohl denken, worauf ich hinaus will,« +begann Herr von Kambach aufs neue.</p> + +<p>Sie blickte ihn ernst an. »Vermittlerin? Karl Heinrich, du weißt, ich +halte nichts davon.«</p> + +<p>Er räusperte sich. »Es ist ein Unterschied, Mama, ob ein Mann das +tut, oder eine Frau in deinem Alter und von deiner Art. Vor mir +hat Wolf Dietrich Dampf, vor seinem Großvater Respekt, meinetwegen +Hochachtung und einen Rest kindlicher Ergebenheit. Für dich aber hat +er eine unbegrenzte Verehrung. Das liegt in deiner Person, — in der +wunderbaren Vereinigung von männlicher Kraft und zartestem weiblichen +Empfinden. Verzeih, aber das mußte gesagt werden. Und dann noch eins +— es ist dein Christentum, das immer wieder Tat wird, meinst du, das +mache ihm keinen Eindruck? Man braucht ja nur einen flüchtigen Einblick +in dein Leben und Schaffen zu tun. Es ist der letzte Rest eines guten +Kerns, der Bühler nicht nur kühle Hochachtung abnötigt, sondern ihm das +Herz warm macht. Du könntest ihn um den Finger wickeln, Mama!«</p> + +<p>»Vorübergehend vielleicht, auf die Dauer nicht. Er ist zu leichtsinnig +veranlagt! Unsere ganze gesellschaftliche Umwelt kommt dazu. Sie färbt +ab. Nur ganze Menschen, Persönlichkeiten, die auf sich achten, die ihr +Innenleben im Auge haben,<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> die vor Gott wandeln, bleiben unberührt +von den Einflüssen einer gefährlichen Umgebung, die anderen gehen +zugrunde. Wolf Dietrich ist nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Er +ist die Frucht einer Zeit, die mit dem Persönlichkeitsbegriff spielt. +Denn sie bringt gerade das Gegenteil von dem hervor, was sie fordert: +Determinismus. Ich wenigstens vermag die Arbeit, die im letzten +Grunde nur zum Vorteil der Einzelperson geschieht, nicht mit meinen +Persönlichkeitsidealen zu vereinen.«</p> + +<p>Der Sohn nickte zustimmend. »Ja, es ist eine Schande für uns, daß +solche Leute des Königs Rock tragen. Eine größere Verkennung des +monarchischen Gedankens gibt es kaum, wie die Verbreitung entgotteter +Weltanschauungen in der Armee.«</p> + +<p>Beide schwiegen.</p> + +<p>»Ja, Karl Heinrich,« sagte die alte Dame endlich, »du kennst meine +Ansicht. Ich glaube ja nicht, daß durch Reden und Vorstellungen viel +geändert wird. Aber ich will, wenn die Gelegenheit sich bietet, gerne +auf deinen Schwiegersohn einzuwirken versuchen.«</p> + +<p>»Danke, Mama.« Erleichtert klang's.</p> + +<p>»Wenn es nur hilft, Karl Heinrich!«</p> + +<p>Er sah nach der Uhr. »Um halb drei ist eine Sitzung des Bundes der +Landwirte, nachher geselliges Zusammensein, — verzeih, wir essen um +halb zwei, nicht wahr?«</p> + +<p>»Gewöhnlich essen wir um halb zwei,« entgegnete Frau von Kambach, »aber +bitte, bestimme ganz, wie es dir paßt. Willst du nicht überhaupt erst +frühstücken?«</p> + +<p>»Nein, danke. Ich möchte erst alles mit dir besprechen. Ändere deine +Tagesordnung ja nicht, es paßt alles sehr gut. — Also, bitte, +erschrick nicht — ich habe Eberhard aus den Konfirmandenunterricht +nehmen müssen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p> + +<p>Nein, sie erschrak nicht. Sie blieb sogar merkwürdig ruhig. Aber ein +tiefer Schmerzenszug trat in ihr klares Frauengesicht. »Also wirklich?« +sagte sie leise.</p> + +<p>»Du hast darauf gewartet?«</p> + +<p>Sie nickte.</p> + +<p>»Ich hätte es mir denken können,« meinte er.</p> + +<p>»Ich hatte am Tage nach Ilses Hochzeit ein Gespräch mit Pastor Wendler +über seine Predigt,« sagte sie. »Und was ich da hörte, war derartig, +daß ich mich auf alles gefaßt machte. Ich hätte gerne mit dir darüber +gesprochen, aber damals hatten wir keinen ungestörten Augenblick, und +während der kurzen Zeit, die ich im November in Dreilinden war, haben +wir uns ja kaum gesehen. Schreiben wollte ich nicht in der Sache. +Außerdem wußte ich, daß du in bezug auf Wendlers Konfirmandenunterricht +längst Bedenken hegtest. Auch hattest du die Predigt ja gehört.«</p> + +<p>»Ja, gewiß. Wären meine Bedenken damals, als der Konfirmandenunterricht +begann, so stark gewesen wie in letzter Zeit, ich hätte den Jungen +gar nicht erst hingehen lassen. Der Anfang des Unterrichts liegt ja +Fünfvierteljahr zurück, Mama! Gerade im letzten Jahr ist aber eine +große Veränderung mit Wendler vor sich gegangen.«</p> + +<p>Sie nickte gedankenverloren.</p> + +<p>»Eberhard ist ja sehr verschlossen,« fuhr der Kambacher fort. »Zum Teil +ist es auch angeborene Vornehmheit, daß sich der Junge niemals ein +Urteil über seine Lehrer erlaubt. Ich weiß, daß er unter den beiden +letzten Hauslehrern geradezu gelitten hat, — trotzdem niemals ein +Wort der Klage! Es hat mich wirklich gefreut!! Aber dies war zuviel. +Ich hatte ihm schon ein paarmal angemerkt, daß nicht alles in Ordnung +war, aber er sagte nichts. Und dann kam er plötzlich gestern zu mir, +ganz aus<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> dem Häuschen vor Kummer und Enttäuschung. Was war geschehen? +Wendler richtet die Frage: ›Was ist Glaube?‹ an die Jungens, und +Eberhard antwortet: ›Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, das man +hoffet und nicht zweifelt an dem, das man nicht siehet!‹ Da schüttelt +Wendler den Kopf: ›Mein guter Junge, das ist ein Bibelwort, es ist +in diesem Falle aber nicht am Platz! Die Frage muß wissenschaftlich +beantwortet werden!‹ — Aber es kommt noch viel schlimmer! — Nun +stelle dir die armen Kinder vor, Mama! Es sind in diesem Jahr mehrere +Knaben aus sogenannten besseren Familien darunter, Honoratiorensöhne, +der Älteste von meinem Inspektor, dein Dreilindener hat auch einen +dabei, — alles Kinder aus guten christlichen Familien, die solche +Ansichten zum mindesten irreführen müssen, abgesehen von Eberhard +und dem kleinen Riddeck. Knaben von fünfzehn und sechzehn Jahren, +welche nichts anderes kennen gelernt haben als das unumstößliche +Christenbekenntnis eines frommen Elternhauses, sind natürlich wie +vor den Kopf geschlagen, wenn ein Mann wie Wendler, zu dem sie +emporgesehen, solche Behauptungen aufstellt. Ich mache mir heute die +bittersten Vorwürfe, daß ich Eberhard nicht gleich damals im Herbst +vorm Jahr fortgegeben habe. Dann wäre dieser Unterricht einfach +weggefallen. Denn ich kann's nicht leugnen, ich hab' mir manchmal +Sorgen gemacht, dann aber sagte ich mir: ›Du bist sehr streng positiv +erzogen! Vergiß nicht, daß auch die Orthodoxie ihre Mängel hat, ihre +Schärfen, ihre Engigkeit!‹ Das hab' ich mir gesagt, Mama! Und in +diesem Bestreben bin ich in meiner menschlichen Rücksicht zu weit +gegangen. Ich habe gerecht und milde sein wollen, aber ich war's am +verkehrten Ende. Im Blick auf das große Ganze ist mein Urteil klar +geblieben, was die letzten Ergebnisse des Liberalismus sind, hab' +ich immer gewußt, aber ich habe die Folgerungen in<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> bezug auf die +Einzelperson nicht genügend gezogen. Denn es handelt sich nicht um +irgendwelche Nebenfragen, sondern um den Kern unseres Bekenntnisses, +um die Frage nach der Person des Herrn. Das hab' ich nicht scharf +genug ins Auge gefaßt. Nun hab' ich die Bescherung. Gibt man dem +Liberalismus den kleinen Finger, so nimmt er die ganze Hand. Zuerst +war Wendler bescheiden und vorsichtig — jetzt erklärt er in der +Konfirmandenstunde, es stehe in der ganzen Bibel kein Wort davon, daß +Christus der Sohn Gottes sei. Der Dreilindener Inspektorssohn hat ganz +mutig den Finger aufgehoben und an das eidliche Bekenntnis vor Kaiphas +erinnert. Da hat der Mensch die Stirn, dem Jungen zu antworten: ›Dann +hat Jesus sich eben geirrt!‹« Er atmete schwer.</p> + +<p>»Jatho!« sagte seine Mutter.</p> + +<p>Er stützte den Kopf in die Hand. »Mama, das wäre mir nicht passiert, +wenn Thea noch lebte,« sagte er gepreßt.</p> + +<p>Mit mütterlicher Liebe blickte die alte Exzellenz auf den Sohn. In +gewissem Sinne hatte er recht. Aber doch nicht ganz. Gott hatte ihn +doch diesen Weg geführt, das genügte ihr.</p> + +<p>Sie sagte es ihm.</p> + +<p>»Gewiß,« entgegnete er, »das ist auch mir die Hauptsache. Aber gerade +in Glaubensfragen bedürfen wir der weiblichen Ergänzung. Du siehst es +hier doch wieder. Thea hätte mich bestimmt verhindert, Eberhard in +Kambach konfirmieren zu lassen. Und du hättest es, wärest du dauernd +bei mir, auch getan. Wendler hat übrigens einen heiligen Respekt vor +dir. In den paar Sommerwochen, wo du in Dreilinden bist, nimmt er sich +in acht!«</p> + +<p>»Das konnte man an dem Sonntag nach Ilses Hochzeit nicht behaupten.«</p> + +<p>»Nee, eigentlich nicht. Er hat sich gegen den Inspektor<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> sehr erfreut +geäußert, daß du nach den anstrengenden Tagen noch zur Kirche gekommen +seiest, er wird also wohl nicht damit gerechnet haben.«</p> + +<p>Sie lachte. »Also eine Überrumpelung?«</p> + +<p>»Scheint so. Du hattest dich ja auch so gesetzt, daß man dich von der +Kanzel aus kaum sehen konnte.«</p> + +<p>»Die Sonne blendete mich.«</p> + +<p>Auf dem Schreibtisch schlug eine kleine bronzene Standuhr.</p> + +<p>»Willst du wirklich nicht frühstücken? Ein Glas Portwein? Es ist noch +eine volle Stunde Zeit bis zum Essen.«</p> + +<p>»Danke, Mama, ich habe keinen Hunger. Auch liegt mir viel daran, erst +alles mit dir durchzusprechen, wenn du erlaubst.«</p> + +<p>»Aber du hast heute noch viel vor. Ich finde, du siehst angegriffen +aus.«</p> + +<p>»Bei der Hetzerei kein Wunder! Kaum war ich vom zweiten Hofball zurück, +so kam dies! Ich hatte den Kopf voll wegen Ilse — noch nicht einmal +mit dir hatte ich davon sprechen können! Kaum weiß ich, welches von +beiden mir schwerer wird, das mit ihr oder Eberhard! Hier sehe ich +wenigstens einen Ausweg, in der Bühlerschen Sache nicht. Daher fällt +sie mir so auf die Nerven!« Er seufzte.</p> + +<p>Zum erstenmal erschien der Mutter sein Gesicht gealtert, die Züge +schlaff, die Augen müde. Diese sprühenden, trotzigen, sieghaften +Kambachaugen! — Ihre Gedanken wanderten. Wann hatte sie bei ihrem +Fritz Karl zum erstenmal diese Müdigkeit bemerkt? Sie sann nach. +Richtig — als Bismarck ging! — Gott! König! Vaterland! Das war's. +Damit waren diese Männer verwachsen, das machte sie jauchzen, das +war ihre Lust, aber auch ihre tiefste Herzenssorge! Mancher hätte +gewiß gefragt, was das mit Familiennöten zu tun habe. Es handelte +sich eben im letzten Grunde um mehr als Familiennöte,<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> um Größeres, +Überweltliches. In irdisches Gewand gehüllte Ewigkeitswerte standen +auf dem Spiel. Ob die feinen goldenen Fäden, von einem Ufer zum +anderen gespannt, auch fernerhin die Verbindung zwischen Himmel und +Erde bilden würden, ob die drahtlose Telegraphie zwischen Gott und +der Seele bestehen blieb oder jäh zerrissen ward, darum ging's! +Dieselben Fäden aber schlangen sich um Thron und Altar. Königstreue und +Vaterlandsliebe wurzelten im Gottesglauben, des Glaubens Pflegerin aber +war die deutsche Familie. Ob dem behüteten Kinde des Landadels durch +liberale Torheit der erste Zweifel in die junge Seele getragen wurde, +ob eine zartgewöhnte Frau in ihrer Ehe unter den Folgen allgemeinen +Niedergangs litt — es kam auf dasselbe heraus, — auf die riesenhafte +Gesamtgefahr, die Deutschland bedrohte. Noch galt die alte heilige +Losung — wie lange noch? — Durch die Seele der greisen Edelfrau zog +Herders mahnendes Dichterwort. Immer wieder stand es über den großen +völkischen und religiösen Fragen, immer wieder gab es dem Einzelleben +seine ernste Unterschrift: ›Unsere Väter, o Deutschland — meine Sorge +— waren nicht, wie wir jetzt sind!‹ Im eigenen Hause sah Sabine von +Kambach das Unheil anheben — wo wollt's hinaus? — —</p> + +<p>»Ich komme nun mit einer großen Bitte, Mama,« begann der +Oberstallmeister aufs neue. »Willst du Eberhard ein paar Tage bei dir +aufnehmen, bis ich eine geeignete Unterkunft für ihn gefunden habe? Ich +will ihn hier bei Jakobi konfirmieren lassen. Vielleicht nimmt er ihn +selbst ins Haus, das wäre mir das liebste.«</p> + +<p>»Kann er nicht bei mir bleiben? Du weißt, welche Freude du mir damit +machen würdest!«</p> + +<p>»Ich danke dir herzlich, Mama, ich habe den Gedanken selbst erwogen. +Aber ein fast sechzehnjähriger Junge gehört<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> in männliche Hände. Es +wird mir schwer genug, ihn jetzt fortzugeben, doch was hilft's? Aber +wenn du ihn aufnehmen willst, bis das Weitere geregelt ist, bin ich dir +sehr dankbar!«</p> + +<p>Die alte Frau nickte dem Sohne freundlich zu. Natürlich verstand sie +ihn. Er hatte ganz recht. Da mußte das Großmutterherz schweigen.</p> + +<p>»Was hat Wendler denn gesagt?« fragte sie.</p> + +<p>»Eigentlich nichts. Er gab sofort zu, die beiden Bemerkungen gemacht zu +haben. Ehrlich war er ja immer, darauf setze ich überhaupt meine letzte +Hoffnung. Ein ehrlicher Mensch kann nicht an der Wahrheit vorüber. +Allerdings tut der Liberalismus ja alles, um sie seinen Anhängern zu +verschleiern. — Meine Aufgabe war natürlich keine leichte! Es ist +sehr schwer, zu einem Geistlichen zu sagen: ›Was mein Kind von Ihnen +empfangen hat, ist Irrlehre!‹ Tausendmal lieber hätte ich gesagt: ›Sie +predigen unter aller Kanone!‹«</p> + +<p>Frau von Kambach lachte. »Das sieht dir ähnlich!«</p> + +<p>»Ja, ich bin nun einmal ein alter Soldat!«</p> + +<p>Ein rascher Schritt klang im Nebenzimmer auf dem Teppich.</p> + +<p>»Ach, bitte, Fräulein Eichel, einen Augenblick!« rief Exzellenz von +Kambach.</p> + +<p>Die Gesellschaftsdame erschien auf der Schwelle. Ein frisches angenehm +aussehendes Mädchen, Mitte der dreißig.</p> + +<p>Herr von Kambach erhob sich. »Guten Tag, Fräulein Eichel!«</p> + +<p>»Guten Tag, Herr Baron!«</p> + +<p>Sie schüttelten sich freundschaftlich die Hände.</p> + +<p>»Geht's Ihnen gut?« fragte er.</p> + +<p>»Danke, ausgezeichnet!«</p> + +<p>»Bitte, Fräulein Eichel,« sagte Frau von Kambach, »schicken Sie doch +Friedrich vor Tisch noch einmal zu Frau von Schink hinüber, ich käme +zwischen vier und fünf zu ihr.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p> + +<p>»Er darf dann wohl gleich zur Post gehen, Exzellenz?« Die braunen Augen +sahen auf die Standuhr. »Es ist noch früh genug!«</p> + +<p>»Dann geben Sie ihm bitte meine Briefe mit!« Frau Sabine sah zum +Schreibtisch hinüber. »Einen an die Stadtmission, einen an Graf Bühler +und zwei Karten! — Danke!«</p> + +<p>Sie waren wieder allein.</p> + +<p>»So, Mama, nun aber endlich zu dir!« Der Oberstallmeister hatte seinen +Platz wieder eingenommen. »Du siehst gut aus.«</p> + +<p>»Danke, ich bin auch recht frisch!«</p> + +<p>»Das freut mich! — Und was macht der Bund? Ich habe mich leider bisher +so wenig darum kümmern können.«</p> + +<p>»Vorläufig ist es noch keiner. Wir sammeln uns erst. Vor allen +Dingen brauchen wir Geld. Eine hübsche Summe hat Frau von Schink uns +zugesagt. Dann fehlt uns immer noch der Direktor. Jeden können wir +nicht gebrauchen. Der Mann muß eine Persönlichkeit aus einem Guß sein, +erste Bedingung ist natürlich: ganz positiv. Die leiseste Neigung zur +Mittelpartei würde ihn für unsere Zwecke unmöglich machen. Daneben sind +Organisationstalent, rednerische Begabung und der rechte Überblick +auf sozialem, völkischem und kirchlichem Gebiet notwendig, vor allem +aber volles Verständnis für den ganzen bitteren Ernst der Zeit und +ein brennendes Herz für die Not unseres Volkes und unserer Kirche. +Darum kann es nur ein Mann sein, dem sein Christenglaube Lebensbesitz +geworden, der die Kämpfe der Zeit aus eigener Erfahrung kennt. Einen +Träger toter Orthodoxie können wir nicht gebrauchen. An einer solchen +Wahl würden gerade die Kreise, auf die wir rechnen, Anstoß nehmen!«</p> + +<p>»Das unterschreibe ich alles, Mamachen. Ich fürchte nur eins. Bei +<em class="gesperrt">den</em> Anforderungen kannst du dir gleich den Engel<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Gabriel +bestellen. Auf dieser Welt wirst du schwerlich finden, was du suchst!«</p> + +<p>»Doch, Karl Heinrich! Nur Geduld!«</p> + +<p>»Soll es ein Pastor sein?«</p> + +<p>»Das ist nicht nötig. Es muß vor allem ein <em class="gesperrt">Mann</em> sein!«</p> + +<p>»Wir haben ja große Auswahl!«</p> + +<p>»Ach, Karl Heinrich, spotte nicht! Du selbst kommst unbedingt in den +Vorstand, bitte, nimm die Sache also ernst.«</p> + +<p>»Das tue ich, Mama. Mein ganzes Interesse gehört ihr. Nur was die +Männlichkeit von heute anbetrifft ...«</p> + +<p>»Gewiß, du hast ganz recht, wir haben mehr Waschlappen, als Männer! +Aber die Männer, die wir haben, müssen heran. Mir ist übrigens gar +nicht bange um die rechte Persönlichkeit. Wir müssen nur warten +lernen. Alles, was bis jetzt in Vorschlag gebracht worden ist, scheint +den Herren, welche die Sache vorläufig in die Hand genommen haben, +ungeeignet, und ich kann ihnen nur zustimmen. Weißt du nicht jemand?«</p> + +<p>Er zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Für den Direktorposten? Nein, Mama. — In den engeren Vorstand würde +ich Brelow wählen. Ich will mir aber die Sache durch den Kopf gehen +lassen.«</p> + +<p>»Ja, bitte, tu das!«</p> + +<p>»Einfach ist die Geschichte nicht,« meinte er. »Es ist ja +alles Friedenspartei — zum Teil aus reiner Unklarheit und +Begriffsverschwommenheit!«</p> + +<p>»Gerade deshalb ist ein fester Zusammenschluß der bibelgläubigen Kreise +so nötig,« sagte Frau von Kambach.</p> + +<p>Er nickte. »Gewiß, Mama! Ich betrachte ihn sogar als eine +Lebensbedingung für unser Volk. Diese Arbeit <em class="gesperrt">muß</em> getan werden. +Sie ist der letzte Sturmlauf, der letzte Rettungsversuch, das letzte +Aufgebot. Mißlingt diese Mobilmachung,<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> so liegt Deutschland im +Chausseegraben! Das klingt sehr hochtrabend, als betrachteten wir uns +als die einzigen Volkserretter. Aber nach Abstrich alles Persönlichen +ist das Werk, das hier getrieben werden soll, die alleinige Handhabe +gegen den deutschen Verfall. Denn das einzige, was uns noch wieder auf +die Beine helfen kann, ist die Rückkehr zu dem lebendigen Gott und +seinem Wort. Das aber wollen unsere Gegner naturgemäß verhindern. Zum +Teil unbewußt. Die innerweltliche Weltanschauung hat leider schon viele +Opfer gefordert. Darum heißt die Losung: Kampf! Und zwar Kampf bis +aufs Messer. Gerade diesen Gesichtspunkt wird man im anderen Lager für +unbiblisch erklären trotz des Herrenwortes: ›Ich bin nicht gekommen, +den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹ — Und nicht nur dort. +Fromme Kreise, auf die wir gerne rechneten, werden uns mißverstehen. +Kreise, welche mit vorbildlicher Treue Einzelseelsorge treiben, die +aber in der Stille ihrer Friedensarbeit den Blick für das große Ganze +verlieren, für das Elend der Massen; denen darum das Verständnis dafür +abgeht, daß der Kampf gegen den großen völkischen Abfall mit anderen +Waffen geführt werden muß, als der Kampf um die einzelne Seele, +mit anderen Worten: daß es hier eine Arbeit gilt, die man nicht in +Glacéhandschuhen tun kann. Wir würden ja auch nicht fertig, wenn wir +jedem Landstreicher erst eine feierliche Einladung schicken wollten, +— die Leute kommen eben nur, wenn man sie <em class="gesperrt">holt</em>. Natürlich wird +da manches Gelichter mit unterlaufen, — mein Himmel, das ist nicht zu +ändern, da tritt eben das Wort vom Unkraut unter dem Weizen in Kraft. +Also — ohne große Volksversammlungen in Riesensälen — hier in Berlin +am besten in einem großen Zentrumslokal, geschickt organisiert, vorher +natürlich, — verzeih den Ausdruck, — die nötige Reklame in der großen +Öffentlichkeit, — ohne das alles kommen wir nicht vom Fleck, Mama! +Man<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> mag die Sache ansehen, wie man will. Christus hat gesagt: ›Gehet +hin in alle Welt!‹, aber er hat nicht gesagt, daß Deutschland nicht +mit dazu gehöre. Und wenn wir zu Hinz und Kunz gehen und bei Schulz +und Müller Seelsorge treiben, so ist das alles recht schön und gut, +aber den Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ erfüllen wir damit +noch lange nicht! Und doch wird die Erfüllung dieses Befehls einmal von +uns gefordert werden. Wir müssen also mit einer starken Gegnerschaft +rechnen, mit mancher Ablehnung, — nicht zuletzt mit der Ablehnung der +Kirche!«</p> + +<p>»Mit der Ablehnung der Kirche?« unterbrach ihn seine Mutter.</p> + +<p>»Gewiß, Mama. Die Kirche ist — mittelparteilich! — Ich halte ihr die +Treue, solange ich es mit meinem Bekenntnis vereinen kann, oder bis man +mich hinaussetzt. Aber Zugeständnisse mache ich nicht. Der Liberalismus +ist Luft für mich. Ich fordere als bibelgläubiger Christ reinliche +Scheidung. Das sind ja auch die Grundforderungen der Bundessatzungen!«</p> + +<p>Sie nickte.</p> + +<p>»Na also. Glaubst du, daß man oben sehr entzückt davon sein wird, wo +man nichts als ehrfurchtsvolle Leisetreterei gewöhnt ist?« Er zuckte +die Achseln. »Das nächste wird sein, daß die Presse, — vielleicht auch +die paar großen konservativen Tageszeitungen, die wir noch haben, uns +totschweigen! Wir stecken ja auch noch in den Windeln und können nichts +verlangen! Macht nichts! Wird schon kommen! In zwei, drei Jahren sind +wir den Herrschaften schon unbequemer, und in zehn Jahren? — Wenn wir +nur einen Luther hätten, der uns die Fahne vorantrüge!«</p> + +<p>Seine Augen blitzten. Er war wieder ganz der Alte.</p> + +<p>Sie sah ihn lächelnd an. »Parteipolitik darf aber nicht bei uns +getrieben werden!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p> + +<p>»Gott bewahre uns davor!«</p> + +<p>»Es ist aber nicht ganz leicht, sie völlig auszuschalten,« entgegnete +sie.</p> + +<p>Er sah sie ernst an. »Es ist das erste, was die Satzungen betonen +müssen, daß wir sie ausschalten!«</p> + +<p>»Und wenn ein Heißsporn sie trotzdem hineinträgt?«</p> + +<p>»Dann raus mit ihm an die frische Luft!«</p> + +<p>Der Diener erschien auf der Schwelle.</p> + +<p>»Karl Heinrich, wir müssen essen. Es wird sonst zu spät für dich!«</p> + +<p>Er stand auf und bot ihr den Arm. Auf den Krückstock gestützt, richtete +sie sich zu ihrer ganzen Höhe empor und ließ sich von dem Sohne ins +Speisezimmer führen, wo Fräulein Eichel wartete.</p> + +<p>»Sibylle ist nach Drachenburg zu den Geschwistern gefahren,« erklärte +die Hausfrau die Abwesenheit des Gastes.</p> + +<p>»Möchte sie ihrem Bruder einmal gründlich den Kopf waschen,« murmelte +der Oberstallmeister vor sich hin.</p> + +<p>Nach dem Tischgebet sagte seine Mutter: »Ist es dir recht, wenn wir in +nächster Zeit eine größere Sitzung in der Bundesangelegenheit in meinem +Hause anberaumen?«</p> + +<p>»Wann?«</p> + +<p>»Montag in acht Tagen.«</p> + +<p>»Ja. Das paßt.«</p> + +<p>»Am liebsten wär's mir, du hieltest einen kurzen zusammenfassenden +Vortrag über Grundsätze und Gestaltung des Bundes. Das ist noch nicht +klar ausgesprochen worden. Eine Frau kann das nicht.«</p> + +<p>»Aber Exzellenz!« Fräulein Eichels braune Augen blitzten schelmisch.</p> + +<p>»Nein, das muß ein Mann tun. Sie wissen recht gut, liebe Eichel, daß +ich redende Frauen nicht leiden kann.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span></p> + +<p>»Nun ja, in Volksversammlungen, Exzellenz.«</p> + +<p>»Ich gebe zu,« sagte die alte Dame, »daß die Frau unter bestimmten +Voraussetzungen nicht nur reden darf, sondern muß — überall da, wo +bestimmte weibliche Arbeitsgebiete betreten werden, zumal da, wo nur +das Weib zum Weibe sprechen darf, ist die Frau am Platze. Aber nicht +da, wo sie dem Manne das Wort entzieht. Das ist Grenzüberschreitung, +und von da ist's nicht mehr weit zur Frauenemanzipation! Ja, ja, liebe +Eichel!« Sie nickte ihrem treuen Hausgeist, dessen Tatendurst ihr +manchmal etwas zu viel wurde, freundlich zu. »Unser Arbeitsfeld ist +groß genug, nur keine Gebietserweiterung!«</p> + +<p>Fräulein Eichel lachte. »Ich bin ja so bodenständig wie ein alter +Krautjunker, Exzellenz.«</p> + +<p>»Ja, ich kenne Sie, Eichelchen!« — —</p> + +<p>»Der Vortrag will mir nicht recht in den Sinn,« sagte Herr von Kambach +nach kurzem Schweigen.</p> + +<p>»Nun, dann sag's in ein paar Worten. Ich möchte nur um der Sache selbst +und um aller derer willen, die ihr dienen wollen, daß das Programm +jetzt möglichst bis ins kleinste festgelegt wird.«</p> + +<p>Er nickte nachdenklich.</p> + +<p>»Man könnte das ganze Programm in das Wort zusammenfassen: ›Seid das +Salz der Erde, seid die Kraft des Volkes, das Licht der Welt, das Blut +der Kirche!‹ Das besagt alles. Aber du hast recht: Wir brauchen die +irdische Form auch im Dienste der Ewigkeit. Kannst du mir vielleicht +ein paar Aufzeichnungen machen, Mama? Heute abend wird's wohl spät +werden, aber ich bin ja doch noch bis übermorgen hier, dann besprechen +wir das Weitere, wenn es dir paßt!« Er sah auf die Uhr. »Darf Friedrich +mir einen Kraftwagen holen? Ich komme sonst zu spät.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p> + +<p>Sie drückte auf den Knopf der Elektrischen und gab dem eintretenden +Diener ihre Befehle.</p> + +<p>Dann sprach sie das Dankgebet und hob die Tafel auf.</p> + +<p>Der Sohn küßte ihr die Hand. »Leb wohl, Mama, ich muß eilen! Auf +Wiedersehen, Fräulein Eichel! Bitte, tu' mir die Liebe, Mama, und +bleibe nicht etwa auf, es kann sehr spät werden, bis ich komme!«</p> + +<p>»Nein, ich gehe zu Bett, dafür sorgt schon Fräulein Eichel!«</p> + +<p>Er nickte der Gesellschafterin zu. »Ja, tun Sie das bitte, Fräulein +Eichel!«</p> + +<p>»Sie können sich auf mich verlassen, Herr Baron!«</p> + +<p>»Übrigens, Mama, ehe ich's vergesse, darf ich Montag in acht Tagen +Schenker mitbringen? Er ist Feuer und Flamme für die Sache, und wir +dürfen nicht vergessen, daß er es war, der dem Gedanken zuerst Ausdruck +gab. Wenn die Frage auch in der Luft lag, die erste Anregung danken wir +ihm!«</p> + +<p>»Aber selbstverständlich, Karl Heinrich! Daß ich daran selbst noch +nicht dachte! Er ist mir wichtiger als alle anderen, mit seinem +gesunden Urteil, seinem schlichten Christentum!«</p> + +<p>»Und seiner Gründlichkeit, Exzellenz,« warf Fräulein Eichel ein. »Wenn +er etwas durchsetzen will, läßt er nicht locker!«</p> + +<p>Herr von Kambach knöpfte sich den Pelz zu. »Ob Friedrich zurück ist?«</p> + +<p>»Er kommt gerade herauf.«</p> + +<p>»Herr Baron, der Kraftwagen wartet.«</p> + +<p>»Danke!« Er griff zum Zylinder. »Leb wohl, Mama! Fräulein Eichel, Sie +sind dafür verantwortlich, daß meine Mutter um zehn zu Bett geht!« — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auf der verschneiten Straße lag der letzte Sonnenstrahl.</p> + +<p>Frau von Kambach stand am Fenster und sah dem<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Sohne nach. Eben schloß +Friedrich den Kraftwagen und fort ging's.</p> + +<p>Da hob sie den Blick.</p> + +<p>Ein rosiger Hauch zog über Erker und First, wie ein feiner duftiger +Schleier. Die alte Frau achtete nicht darauf. Ihre Gedanken waren noch +ganz bei dem großen Werk, dem sie mit ihrer letzten Lebenskraft diente, +bei dem Manne, dessen Feuergeist seine Zeit überflügeln wollte. Würde +seine Führerschaft der still beginnenden Arbeit zum Segen werden? Würde +die lohende Glut dieser starken Seele nicht verheerend wirken, wo mit +ruhiger Hand gebaut werden sollte? Sie wollte ihn ja nicht anders. +Er war ein ganzer Mann, ein ganzer Christ, einer, der sich zum Kreuz +bekannte, wie wenige. Der, ohne rechts und links zu blicken, seinem +Ziel entgegenwanderte, unbekümmert um das, was ihm in den Weg kam. +Das Lied von dem tapferen Schwaben paßte auf ihn, aber dieser Schwabe +verstand auch das Dreinschlagen, und wo sein Schwert hintraf, da wuchs +kein Gras wieder. Das war die heilige Rücksichtslosigkeit der Kambacher +in Glaubenssachen.</p> + +<p>Und trotzdem, heute zum erstenmal, aber immer wiederkehrend der +Gedanke: ist er hier am Platz? Selbst ein Petrus mußte sich von +seinem Herrn den Verweis erteilen lassen: ›Stecke dein Schwert in die +Scheide!‹ — Es gab mancherlei Gaben, Kräfte, Ämter, aber eins war +nicht für alle! — —</p> + +<p>Wenige Augenblicke, nachdem sie ihm gesagt, daß man ihm eine führende +Stellung zugedacht, war der Zweifel in ihrer Seele aufgestiegen und +raunte und flüsterte: ›ist's wohl getan?‹</p> + +<p>Und Mutterliebe und Mutterstolz kämpften mit Pflicht und Recht.</p> + +<p>Es war kein leichter Kampf. Es galt ein Abwägen, peinlich genau, vor +dem Richtstuhl des Gewissens. Aber immer wieder kam die greise Frau +zu dem Ergebnis: trotz alledem,<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> und gerade darum! Doch sie traute +dem eigenen Empfinden nicht, immer wieder machte sie sich hart, immer +wieder sagte sie sich: du bist seine Mutter! Und ein heißes Gebet stieg +aus ihrer Seele: ›Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib +Ehre!‹</p> + +<p>Die Schatten dunkelten. Über die weiße Straße breitete sich der +Dämmerung violetter Samt. Die Mondsichel glänzte silbern über den +Dächern.</p> + +<p>»Trotz alledem und gerade darum!« — Ja, sie brauchten einen Starken, +einen, der im Namen des höchsten Gottes kam mit Schleuder und Stein. +Einen, der glaubensstark, die Bibel in der Hand, Weltweisen und +Kirchenfürsten entgegentrat mit einem unerschrockenen: ›Es stehet +geschrieben!‹ Einen, der's nicht litt, daß sie das Kreuz antasteten, +der in heiligem Zorn die angebotene Rechte fortstieß, die sich frevelnd +nach des Heilandes Ehrenkrone ausstreckte und im selben Augenblick, als +sei nichts geschehen, wahrer Jüngerschaft ihr Schutz- und Trutzbündnis +anbot. Einen, der klipp und klar erklärte: ›Wir erkennen die +Gleichberechtigung der Richtungen nicht an! Was ihr Richtungen nennt, +sind verschiedene Religionen, die sich wie Wasser und Feuer scheiden! +Hie Christentum, hie modernes Heidentum!‹</p> + +<p>›Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹ +— Das war das strikte unumstößliche Herrenwort, die heilige Losung +für die Eroberung der Welt im Zeichen des Kreuzes. Nein, — mochte er +manchem unbequem werden, mochte er viele vor den Kopf stoßen, hier +waren keine Halben zu brauchen. Es schadete auch nichts, wenn er +einmal wetterte und dreinschlug, schadete nichts, wenn er, wie heute +mittag, erklärte: ›Wenn's so weiter geht, liegt Deutschland nächstens +im Chausseegraben!‹, schadete nichts, wenn er noch ganz andere Sachen +sagte! Das war alles nur Beiwerk, das<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> dem einen gefiel und dem anderen +nicht, die Hauptsache war die Persönlichkeit. Die aber war aus einem +Guß: ein ganzer Mann, ein ganzer Christ!</p> + +<p>Sie atmete auf. Wie ein Alp fiel's ihr von der Seele.</p> + +<p>Mit glänzenden Augen sah sie dem scheidenden Tage nach.</p> + +<p>Da flammte drüben unter dem Dach ein Licht auf, und noch eins, und +wieder eins. Ein verspätetes Christbäumchen, das die Absicht zu haben +schien, oben in der kleinen Dachkammer der alten Näherin das Osterfest +zu feiern, sandte der Edelfrau seinen leuchtenden Gruß.</p> + +<p>Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Wie eine Antwort auf ihr Fragen +strahlten ihr die Lichter der Weihnacht entgegen. Sie aber trat mit +befreiter Seele in den hohen Schein der Ewigkeit. ›Trotz alledem, und +gerade darum!‹</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel"><span class="s5">Achtes Kapitel.</span><br> + Allein.</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Weißt du, wie's ist, wenn in tiefer Nacht</div> + <div class="verse indent0">Kein Mensch noch Engel deiner gedenkt?</div> + <div class="verse indent0">Wenn niemand nach deiner Seele fragt,</div> + <div class="verse indent0">Wenn sich kein Herz in deines versenkt?</div> + <div class="verse indent0">Wenn droben der Nebel das Kreuz verhüllt,</div> + <div class="verse indent0">Wenn kein Blümlein duftet im Felsgestein, —</div> + <div class="verse indent0">Verstehst du's, weißt du es, was das heißt:</div> + <div class="verse indent0">Allein sein, — mutterseelenallein?</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Eine weiße sternklare Nacht ging über der Mark auf, über ihren +verträumten Schlössern und altertümlichen Kleinstädten, ihren +Kiefernwäldern und stillen Seen.</p> + +<p>Kein Lüftchen regte sich. Leise hüllte der Rauhreif die schlafenden +Dörfer in seinen weißen Spitzenschleier. — —</p> + +<p>Über Haus Kambach stand der Vollmond, groß und klar. Breit und +wuchtig lag das Herrenhaus da, wie ein starker Mauerwall schirmte +es das schlafende Dorf und die ragende Kirche, — ein Bild zäher +Bodenständigkeit und treu bewahrten ehrwürdigen Erbes. Der Schnee +flimmerte. Es war eiskalt. Auf der Dorfstraße keine Menschenseele. +Alles saß drinnen um die Feuerstätten oder in den Spinnstuben.</p> + +<p>Eine schmale Spur führte zwischen den strohgedeckten Häusern auf die +Pfarre zu. Die Sommerrose war bis unter das Dach geklettert, leise +schwankten die zarten Zweige vor<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> dem hellen Fenster der Studierstube. +Sonst war's dunkel im Haus. Still und einsam lag es unter der Last des +Schnees, vom breiten Geäst der alten Linde überdacht.</p> + +<p>Hinter den weißen Vorhängen sah man einen auf und nieder schreiten. Der +immer wiederkehrende hastende Schatten brachte etwas Fremdes in die +nächtliche Winterstille, etwas vom Kampf des Tages.</p> + +<p>Auf und nieder ging's, auf und nieder. — —</p> + +<p>Es mußte etwas Sonderliches sein, das dem Manne drinnen die Ruhe nahm. +Abend für Abend konnte man Pastor Wendler, über seine Bücher gebeugt, +am Schreibtisch sitzen sehen, ohne seine Stellung im geringsten zu +verändern, — was trieb ihn heut in dem engen Raum hin und her?</p> + +<p>In den letzten Tagen waren allerhand Gerüchte über ihn verbreitet +worden, — der Gutsherr habe sich mit ihm überworfen, er verließe +Kambach und dergleichen mehr. Dann hieß es wieder, an dem allen sei +kein wahres Wort.</p> + +<p>Der rastlose Wanderer drinnen wußte nicht, was über ihn geredet +wurde, und wollt's auch nicht wissen. Menschen, die durch den Sturm +schreiten, fragen nicht nach fallendem Laube und welkenden Blüten. Sie +brauchen ihre ganze Kraft, ihren ganzen Willen im Kampfe gegen die +Naturgewalten. Das Kleine wird ihnen klein, das Große groß. Achtlos +zertreten sie den Halm am Wege, erst wenn die greisen Schildträger +verklungener Zeiten, vom Sturm gefällt, zur Rechten und Linken +niederbrechen, wenn Bergbachgebraus und Föhrenrauschen verstummen und +das große Schweigen die Toten ehrt, dann, erst dann verhalten sie den +eilenden Schritt, und das Auge fragt, was der Mund verschweigt: ›Wann +kommt die Reihe an mich?‹ Doch die Antwort bleibt aus; denn die Nacht +ist noch nicht vorüber.</p> + +<p>Sie stürmen weiter. Mit fiebernden Sinnen, mit keuchender<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Brust, in +den Adern die Siedeglut des Willens zur Macht, zum Leben. Aber an ihrem +hörnernen Kleide haftet ein Verhängnis. Trifft der Wurfspeer des Todes +die Schulter, ist er Sieger. — — —</p> + +<p>An der Bahre der Waldwächter erbeben die Sinne; ein heimlicher Sprung, +fein wie Glasgespinst, geht durch die Seele, ein leiser Schmerzenslaut +verweht — regte der Wind zerrissene Saiten? — —</p> + +<p>Kurt Wendler war des Wanderns müde geworden und hatte sich an seinen +Schreibtisch gesetzt. Ein tiefer Schmerz lagerte auf seiner Stirn, eine +Unrast beherrschte sein Wesen, die vergeblich nach einem Ausweg suchte.</p> + +<p>Vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel, aber er blickte darüber hinweg +auf das Bild eines hübschen, etwa sechzehnjährigen Knaben. Ein echtes +rechtes Jungensbild war's, voll Natürlichkeit und Frische: Eberhard +Kambach. Wie die großen nachdenklichen Kinderaugen ihn vorwurfsvoll +anschauten! Noch niemals war er diesem Ausdruck begegnet — oder doch? +Herrgott — ja — einmal vor drei Tagen, in der Konfirmandenstunde. Da +hatten diese Augen ihn angeschaut, als ob er dem Kinde etwas geraubt +hätte, etwas, das ihm heiliger war, als alles andere auf Erden, als +Vater- und Mutterliebe, als der kleine fröhliche Kamerad, an den +er sein Herz gehängt. Zum erstenmal hatten sie den Lehrer zornig +angeblitzt, als wollten sie ihm zurufen: ›Glaub', was du willst! Ich +glaub', was Vater und Mutter glauben, die wissen's ganz genau, wie's +in der Bibel steht! Ich laß mir nichts wegnehmen!‹ Aber er hatte die +stumme Mahnung unbeachtet gelassen, der Trotz war über ihn gekommen. Er +hatte es bisher mit dem Worte gehalten:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Das Beste, was du wissen mußt,</div> + <div class="verse indent0">Darfst du den Buben doch nicht sagen!‹</div> + </div> +</div> +</div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p> +<p>Nun sollten sie's wissen, selbst auf die Gefahr hin, daß es ihn Amt +und Brot kostete. Nichts Halbes wollte er ihnen mehr bringen, nichts +Veraltetes, Versteinertes, sondern Leben, Entwicklung, Wirklichkeit! +Vor allem fort mit dem alten orthodoxen Gottesbegriff, mit der +Christusgestalt des Supranaturalismus, dieser Unmöglichkeit aller +Unmöglichkeiten!</p> + +<p>Und dann war jene Szene gekommen. Die bloße Erinnerung daran trieb ihm +das Blut zum Herzen. Seine Behauptung, Christus habe sich an keiner +Stelle in der ganzen Bibel zu seiner ewigen Gottessohnschaft bekannt, +war gefallen. Der kleine Inspektorssohn hatte auf das eidliche Zeugnis +vor Kaiphas hingewiesen. Achtzig helle fragende Kinderaugen blickten +erwartungsvoll zu ihm auf.</p> + +<p>»Dann hat Jesus sich eben geirrt!« Ja, so hatte er gesprochen. Es war +ihm selbst eigen ums Herz gewesen, als er die Worte, die ein Jatho +in öffentlicher Versammlung geredet, an dieser Stelle wiederholte. +Die Kambacher Dorfbuben waren wahrhaftig die letzten, die für diese +feine Philosophie reif waren. Doch das machte nichts. Borsdorfer Äpfel +reiften auch nicht an einem Tage.</p> + +<p>Dann war's gekommen, was ihm an der Seele nagte.</p> + +<p>Dicht unter dem Lehrstuhl klang ein heißes bitterliches Schluchzen, +ein Schluchzen aus allen Quellen der Seele. Der stille vornehme Knabe +sprang auf und rief in leidenschaftlichem Schmerz dem Lehrer zu: »Das +ist nicht wahr, Herr Pastor!« Damit stürzte er hinaus.</p> + +<p>Keiner hielt ihn zurück. Wie ein Bann lag's auf der kleinen Schar.</p> + +<p>Es blieb Pastor Wendler nichts anderes übrig, als die +Konfirmandenstunde zu schließen.</p> + +<p>Das war vor wenigen Tagen gewesen.</p> + +<p>Eine Stunde nach dem Vorfall war Herr von Kambach im<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> Pastorat. Kurz +und bündig, wie es seine Art war, erklärte er Wendler, daß sein Sohn +seine Konfirmandenstunden von nun an nicht mehr besuchen werde. In der +Gesamtfrage werde er als Patron entscheiden. Nur so viel wolle er ihm, +um jedes Mißverständnis auszuschließen, schon heute sagen, daß für sie +beide nebeneinander kein Raum in der Kambacher Kirche mehr sei. Das war +deutsch gesprochen.</p> + +<p>Aber eines berührte der Gutsherr mit keinem Wort: die Ungezogenheit +Eberhards in Gegenwart der Klasse. Pastor Wendler wies darauf hin.</p> + +<p>Das Antlitz des Kambachers ward hart wie Stahl. »Dafür soll ich den +Jungen schelten? Zum Kuckuck, Herr Pastor, ist bei mir 'ne Schraube los +oder bei Ihnen? — Wenn in einer Versammlung eine Majestätsbeleidigung +ausgesprochen wird, so erklärt man — vorausgesetzt, daß die +Herrschaften nicht schon samt und sonders als Sozialdemokraten bekannt +sind, — den Betreffenden für einen Lumpen und befördert ihn an die +frische Luft. Sie haben die allerhöchste Majestät vor unmündigen +Kindern beleidigt, und man hat Sie hübsch auf Ihrem Lehrstuhl gelassen. +Von Rechts wegen hätten Sie ihn räumen müssen. Tatsache ist, daß das +nicht geschehen ist. Und nun verlangen Sie noch obendrein, daß Ihre +Konfirmanden, die doch schließlich keine Wickelkinder mehr sind, Amen +sagen, wenn Sie erklären, Christus sei nicht Gottes Sohn!«</p> + +<p>»Natürlich ist er Gottes Sohn, aber nicht in dem Sinne wie ..«</p> + +<p>»Ja, ja, ich weiß schon, ›die reinste Menschenblüte, von Gottes Sonne +geküßt‹, — ›höchste Vergöttlichung, unmittelbarste Vermittlung +transzendenter Werte‹ — ich danke für die liberalen Kamellen, +Verehrtester! Ihren zurechtgestutzten Heiland kann unsereins im Leben +nicht gebrauchen, und im Sterben<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> erst recht nicht! Ihr Streben und +Forschen in allen Ehren, — aber wir Positiven forschen auch, — +glauben Sie ja nicht, daß wir so in den Tag hineinleben, — denkt +nicht dran, wir vergessen nur nicht, wo unser kleiner armseliger +Menschenverstand ein Ende hat, und bekrittelten nicht das Wunder der +Wunder, die Person unseres Herrn. Das aber tun Sie! Und nun setzen +Sie Ihrem Tun die Krone auf und tragen das Gift durch Predigt und +Konfirmandenstunde ins Volk und verwahren sich dann noch dagegen, +wenn ein armes Kind, dem Sie seinen Heiland nehmen wollen, Ihnen die +Wahrheit ins Gesicht sagt.«</p> + +<p>»Es hätte nicht in dieser Form geschehen dürfen!«</p> + +<p>»Zum Donnerwetter! Form hin, Form her!« Er schlug auf den Tisch, daß es +krachte. »Ich hätt's Ihnen gegönnt, daß die Bengels Sie ausgepfiffen +hätten!«</p> + +<p>»Herr Baron, ich muß aber doch sehr bitten ...«</p> + +<p>»Daß ich das Lokal verlasse? Mit Vergnügen! Nehmen Sie's nicht +übel, daß ich deutlich wurde, — ich bin nun einmal nicht für die +Leisetreterei von heutzutage. Die Kambacher sprechen lieber Deutsch +wie Französisch. Eberhard steckt's ja, gottlob, auch im Blute, der +Schlingel hat Rasse! So, nun wissen Sie's. Sagen mußt' ich die ganze +Wahrheit schon deshalb, verehrter Herr Pastor, weil ich Ihnen gegenüber +die Pflichten des Patrons nicht vergessen darf. Sie könnten mir sonst +mit Recht die bittersten Vorwürfe machen, ganz davon abgesehen, daß ich +für mich und mein Haus jede liberale Rutschpartie dankend ablehne.« Er +reichte ihm, als sei nichts geschehen, die Hand. »Gott befohlen!« Und +fort war er.</p> + +<p>Wie betäubt stand Pastor Wendler da. Immer zog er bei diesem Manne den +kürzeren. War's die rasende Lebhaftigkeit, die Herrennatur, die keine +andere Meinung aufkommen ließ? Aber er selber war doch auch nicht +ums Wort verlegen und wußte was er wollte. Warum schrumpfte denn, +sobald Herr<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> von Kambach auf der Bildfläche erschien, sein leuchtender +wissenschaftlicher Bau wie eine welkende ›Königin der Nacht‹ zusammen? +Sonderbar! Eigentlich hätte er ihn doch auf Matt setzen müssen, weil +er mit der Wissenschaft auf dem Gebiet des Glaubens nichts anzufangen +wußte. Und doch erkannte er sie sonst an. Nur hier nicht. Er wußte +eine ganze Menge, war sehr belesen, hielt ganz vorzügliche politische +und soziale Reden, war in den modernen Weltanschauungsfragen stets auf +dem laufenden, trotzdem — Glaube und Wissenschaft blieben getrennte +Gebiete. Anders tat es die alte Schule eben nicht. Aber das Christentum +des Kambachers war ebensowenig tote Orthodoxie wie das seiner Mutter +und des alten Schenker. Im Gegenteil! Was steckte für Leben darin! Er +war fest davon überzeugt, daß diese drei Menschen um ihres Glaubens +willen große schwere Opfer bringen würden! Warum mußten denn gerade sie +seine Gegner sein, die einzigen Positiven seiner Bekanntschaft, die +Eindruck auf ihn machten, die ihm unbegrenzten Respekt abzwangen!? Es +war zum Tollwerden!</p> + +<p>Seine Gedanken wanderten. An die Seite der greisen Landedelfrau sah +er eine junge kräftige Frauengestalt treten. Mit den Füßen stand sie +auf der Erde, ihre Hände taten Werktagsarbeit, aber die klare Stirn +umleuchtete Morgenglanz. Es gibt Sonntagskinder, die hellen Auges, ein +Sträußchen am Hute über die Berge wandern und tausend Herrlichkeiten +schauen, die anderen Sterblichen verborgen bleiben. Solch ein +Sonntagskind war der treue Hausgeist der alten Exzellenz, Fräulein +Jutta Eichel.</p> + +<p>Es war in jener Zeit gewesen, wo er noch viel in Dreilinden verkehrte, +als Pastor Wendler plötzlich die Sehnsucht gepackt, den Sonnenschein, +der von der schlichten freundlichen Gestalt ausging, in sein einsames +Pfarrhaus zu tragen. An<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> einem schönen Herbstabend betrat er den +Dreilindener Gutshof. Die alte Exzellenz war ausgefahren. Sie, die +er suchte, stand in der Halle, die letzten Rosen des Jahres in einer +venetianischen Schale ordnend.</p> + +<p>Die Lichter des scheidenden Tages umspielten die Mädchengestalt und die +purpurnen Blüten. Heimlich spann die Dämmerung ihre Schleier um den +traulichen Kamin und das eichene Gestühl aus der Väter Zeiten. Ein paar +Rosenblätter waren auf den breiten geklöppelten Einsatz der leinenen +Tischdecke gefallen; wie Blutstropfen leuchteten sie in den goldenen +Abend hinaus.</p> + +<p>Er aber stand im Türrahmen und betrachtete still das feine +stimmungsvolle Bild. ›Wie ein Kunstwerk der alten niederländischen +Schule!‹ zog es ihm durch den Sinn.</p> + +<p>Da hob sie den Kopf.</p> + +<p>Ihre Blicke trafen sich. Auf ihrem Antlitz lag's wie der Wiederschein +der roten Rosen.</p> + +<p>Regungslos verharrte er im Schein des sinkenden Abends. Wie ein +Schattenbild hob sich die hohe Gestalt vom lichten Himmel.</p> + +<p>Sie aber stand, die späten Blüten in den Händen, im dunklen Auge +flehende Abwehr.</p> + +<p>Aber er merkte es nicht. Er sah nur das Ganze, das Bild des +niederländischen Meisters.</p> + +<p>Dann trat er neben sie. Sie solle sich nicht stören lassen. Ganz +obenhin sagte er's. Sie empfanden es beide. Zögernd steckte sie die +letzte Knospe zwischen die schwellenden Blüten.</p> + +<p>»Ich darf's gleich hinübertragen?«</p> + +<p>Er folgte ihr in das Wohnzimmer der Hausfrau, wo sie die Rosenschale +unter ein großes Kruzifix, eines jener herrlichen Schnitzwerke der +Frauen Südtirols, stellte.</p> + +<p>»Lieben Sie die katholische Kunst?« fragte er.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p> + +<p>»Ich sah nie einen Kruzifixus wie diesen,« erwiderte sie, zu dem +dorngekrönten Antlitz aufblickend. »Soll ich den Glauben verachten, der +sich zu demselben Herrn und Heiland bekennt wie ich?«</p> + +<p>Er zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Würden Sie je katholisch werden?«</p> + +<p>»Niemals,« rief sie lebhaft. »Das römische System stößt mich ab. Aber +mit dem einzelnen Katholiken fühle ich mich, sofern er ein wahrhaftiger +Christ ist, auf demselben Heilsgrunde stehend, einig in Glauben und +Hoffnung.«</p> + +<p>Er sah sie mit einem eigenen Blick an. In seinen Augen stand eine heiße +Frage. Bis in die Seele drang sie ihr.</p> + +<p>Wieder sah sie zum Kreuz empor. Und während sie sich in den Anblick der +edlen Züge versenkte, kam ein heiliger Mut über sie, eine nie gekannte +Kraft. Voll und klar wandte sie dem Manne das dunkle Auge zu und sagte +mit fester Stimme: »Tausendmal näher steht mir der Katholik, der sich +zu seinem Heiland und Erlöser als dem ewigen Gottessohn bekennt, als +der Vertreter der modernen Theologie, der die Gottessohnschaft Christi +leugnet!«</p> + +<p>Wie ein Schlag ins Gesicht traf ihn ihr Wort. Er hatte sie verstanden. +Eine unüberbrückbare Kluft hatte sie zwischen ihnen aufgerichtet. Und +doch wußte er's, daß sie ihn liebte. Trotzdem hieß sie ihn gehen.</p> + +<p>Eine grenzenlose Bitterkeit stieg in ihm auf, ein unbezwingbarer Neid +nach dem Gut dieser stillen starken Menschen, die, ohne rechts und +links zu blicken, ihrem Ziele zuwanderten. Eine Ruh' lag über diesen +Gestalten, über diesen Trägern innerer Kraft und heiligen Segens. Warum +besaß er sie nicht?</p> + +<p>Weil eine solche Ruh' unmöglich, weil diese Menschen Schwärmer waren. +Trotzig gab er seiner Seele die Antwort.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span></p> + +<p>Arm und einsam war er ausgegangen, sein spätes Glück zu suchen, ärmer +und einsamer noch kehrte er heim.</p> + +<p>Und dann kamen die langen Winter, und der geliebte Pfad lag verschneit! +— — —</p> + +<p>Mutterseelenallein saß er mit seinen Büchern in dem kahlen +Studiergemach.</p> + +<p>Nur die vorwurfsvollen Augen des kleinen Junkers blickten ihn an.</p> + +<p>Allein — mutterseelenallein, und draußen der Pfad verschneit — — +Nach einem uralten Liebeslied klang's, nach der zarten poetischen +Stimmung deutscher Vergangenheit! Im Kamin summte der Nachtwind die +Melodie dazu, weich und sehnsüchtig, als klagte eine Äolsharfe.</p> + +<p>Dann klang's aus anderen Pfeifen, fremd und sieghaft, als fegte die +wilde Jagd übers Dach. — —</p> + +<p>Plötzlich Stille, kein Laut mehr auf weiter Heide. — —</p> + +<p>Und dann, was war das?</p> + +<p>Er lauschte hinaus.</p> + +<p>Aus weiter Ferne zog's durch das große Schweigen herüber, wie +Meeresbrausen, wie der Pilgerchor ausziehender Christen, Orgeltöne, +tief und gewaltig, das uralte halbvergessene Kirchenlied, das die +mittelalterliche Gemeinde in den heiligen Nächten gesungen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Es kommt ein Schiff geladen</div> + <div class="verse indent0">Bis an sein'n höchsten Bord —</div> + <div class="verse indent0">Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,</div> + <div class="verse indent0">Des Vaters ew'ges Wort!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Er fuhr auf. Was hatte dies Lied mit seiner Einsamkeit, seiner +Verlassenheit zu tun? Zum Tollwerden waren die Winternächte in dem +hundertjährigen Pfarrhause mit seinen altmodischen Kaminen! Was Wunder, +daß der Nachtwind<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> sich drin verfing und droben seine Psalter sang! +Wenn dann auch noch das verflixte Käuzchen seine Jeremiaden anfing, — +um aus der Haut zu fahren war's! Aber heut' Nacht war's dem Totenvogel +wohl zu kalt. So hatte er wenigstens davor Ruhe.</p> + +<p>›Daß nicht unter dir gefunden werde, der auf Vogelgeschrei achte!‹ +Ja, ja, er wußte es. Aber es war nun einmal nicht angenehm, wenn die +Kreatur draußen die halbe Nacht wimmerte. — —</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Es kommt ein Schiff geladen</div> + <div class="verse indent0">Bis an sein'n höchsten Bord — —‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Wieder die Glockentöne!</p> + +<p>Es war doch vorhin ganz klar und still gewesen? Ob das Wetter umschlug? +Nein, er kannte den Ton, das war Nordostwind. Oder doch nicht?</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,</div> + <div class="verse indent0">Des Vaters ew'ges Wort!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Die blauen Kambachaugen blickten herüber. Ja, gewiß, er leugnete es +keinen Augenblick, er hatte es vor der ganzen Klasse gesagt und würde +es, wenn's sein müßte, vor dem Konsistorium wiederholen: ›Dann hat +Jesus sich eben geirrt!‹</p> + +<p>›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ — — Knabenlippen sprachen es +trotzig und hart.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,</div> + <div class="verse indent0">Des Vaters ew'ges Wort!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>»Zum Donnerwetter!« Er sprang empor und riß das Fenster auf.</p> + +<p>Totenstill lag der weiße Garten in winterlicher Schönheit. Drüben +träumte, tief eingeschneit, die Kirche im Kranz ihrer Linden, Hütt' an +Hüttlein geschmiegt zu ihren Füßen, fern in bräutlicher Reinheit die +märkische Heide.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p> + +<p>Aber hinter dem Gutshaus in den Kiefernforsten summte der Nachtwind in +den Kronen. Immer dasselbe Lied, jenen uralten, längst verklungenen +Choral. Seltsam, — wie die Einbildung ihre Schleier wob, wie sie +Menschengeist und Windeswehen in ihren Dienst zwang ...</p> + +<p>›Der Wind brauset, wo er will!‹</p> + +<p>Zum Kuckuck! Warum denn immer gleich die Bibel? Das war doch ein sehr +natürlich zu erklärender Vorgang. Wetterumschlag — Nerven, — man war +doch auch Stimmungen unterworfen — das Nachtgespräch mit Nikodemus +hatte zudem neben großer sprachlicher Schönheit den Vorzug, rein +persönlichen Charakter an sich zu tragen. Man konnte es so oder so +auffassen. Ja, gewiß, so oder so!</p> + +<p>Drüben holte die alte Turmuhr zum Schlage aus.</p> + +<p>Zwölf? Na, ja. Es war Zeit, daß man zu Bett ging. —</p> + +<p>Es kam alles von dem ewigen Alleinsein her. Warum hatte Jutta Eichel +nicht ja sagen können? Sie liebte ihn doch. Er wußte es ganz genau. Die +Folge war, daß sie sich und ihn unglücklich machte. War das recht?</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,</div> + <div class="verse indent0">Des Vaters ew'ges Wort!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Er schlug das Fenster zu. Was hatte das mit der Ehe zu tun? Gar nichts. +Aber sie dachte anders. Er wußte es wohl.</p> + +<p>Und es hatte Stunden gegeben, wo er es Jutta Eichel sehr hoch +angerechnet, daß sie die letzten Folgerungen ihrer Überzeugung zog. +Trotzdem, — wenn die Engigkeit der Positiven ihren Höhepunkt nicht +bald überschritten hatte, hörte ja jedes Zusammengehen auf.</p> + +<p>Er zuckte die Achseln.</p> + +<p>Zwischen Kambach und Dreilinden hatte es bereits aufgehört.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span></p> + +<p>Ein Seufzer verwehte.</p> + +<p>Die Nacht breitete ihre Schatten über das heilige Buch — —</p> + +<p>Er nahm die Lampe und ging hinaus. Als er die Diele überschritt, hörte +er draußen ein Geräusch auf den Stufen. Nervös wandte er sich um.</p> + +<p>Da gellte auch schon die Nachtglocke durch das stille Haus.</p> + +<p>Er öffnete.</p> + +<p>Vor ihm stand in seinem großen Dienermantel der alte Schenker.</p> + +<p>»Kommen Sie mit, so rasch Sie können, Herr Pastor! Der junge Herr liegt +schwer krank an Lungenentzündung und will Sie sprechen!«</p> + +<p>Sehr kurz und bestimmt klang's. Ganz Schenkersche Art. Aber ein +gewisser Einschlag, den er sonst bei dem alten Manne noch nicht +vermißt, fehlte: die Ehrerbietung vor dem geistlichen Amt. Oder kam es +ihm nur so vor? In dieser Nacht war alles möglich.</p> + +<p>»Um Gottes willen, was ist denn geschehen?«</p> + +<p>»Bitte, Herr Pastor! Ick erzähl's Ihnen unterwegens!«</p> + +<p>Und Wendler fuhr in den Mantel, nahm den Schlapphut vom Nagel und ging +mit Schenkersch Vadder in die Nacht hinaus. Als die Haushälterin, durch +die Klingel geweckt, endlich zum Vorschein kam, fand sie ein paar +Schneeabdrücke auf den Fliesen und den Platz, wo des Pastors Hut und +Mantel hingen, leer.</p> + +<p>»Es wird die Frau des Häuslers sein, die schon seit drei Tagen im +Sterben liegt,« murmelte sie vor sich hin. Und das flackernde Licht in +der Rechten, wanderte sie müden Schrittes den Weg, den sie gekommen, +über die alte knarrende Treppe zurück. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Also Lungenentzündung?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p> + +<p>»Ja, Herr Pastor. Herr Sanitätsrat Elsasser schüttelte gleich das +erstemal, als er kam, den Kopf. Wir mußten sofort nach Berlin drahten. +Herr Oberstallmeister wird mit dem Nachtzug erwartet. Als Herr +Sanitätsrat vor einer halben Stunde noch Herrn Doktor Kruse mitbrachte, +erklärten beide, es sei keine Hoffnung. Die Krankheit habe gleich +zu heftig eingesetzt, gegen eine so schwere Lungenentzündung sei +menschliche Kunst machtlos.«</p> + +<p>Hart und scharf klang Franz Schenkers Stimme.</p> + +<p>»Wie das Unglück geschehen is?« Er zuckte die Achseln. »In den +Tagen, wo der junge Herr allein war, is nichts vorgefallen! Mamsell +achtet auf ihn, als wär's 'n Prinz, und ick hab' auch meine Pflicht +und Schuldigkeit getan. Der Gedanke wird dem gnädigen Herrn gar +nich kommen, daß in den Tagen etwas versäumt worden is, das is +ausgeschlossen, gänzlich ausgeschlossen!« Die weiße Kammerdienerweste +strahlte.</p> + +<p>»Ja, aber, was ist denn geschehen?«</p> + +<p>Wieder jenes schweigende Achselzucken, jenes bedeutsame Wiegen des +weißen Kopfes.</p> + +<p>»Mein Gott, so reden Sie doch!«</p> + +<p>»Ja, Herr Pastor, wenn ick offen und ehrlich meine Meinung sagen soll, +und anders tu' ick's nich, — das ganze Dorf weiß es, daß Schenkersch +olle Vadder es nich anders tut — dann kann ick nur sagen: das war +vorige Woche nach die Konfirmandenstunde! Erst die furchtbare Aufregung +— ick hab' das Kind ja in meinen ganzen Leben nich so gesehen, — +und dann is der junge Herr nachmittags bei den scharfen Ostwind noch +Schlittschuh gelaufen. Da is das Unglück geschehen! Erst die Aufregung, +und dann hinaus in den schneidenden Wind — kein Wunder, Herr Pastor!«</p> + +<p>Schweigend ging Wendler neben dem Alten her.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p> + +<p>»Ick hab' das ja längst kommen sehen,« brummte Schenker vor sich hin.</p> + +<p>»Was haben Sie kommen sehen?«</p> + +<p>Schenker stellte sich trotz der bisherigen Eile mitten auf die +Dorfstraße hin. Das bedeutete eine längere Rede mit erhobener Stimme. +Denn das Schenkersche Organ war auf die Vorgänge des Lebens abgestimmt. +Je wichtiger die Sache, desto durchdringender die Stimme. Es kam vor, +daß Schenker einem guten Freunde mitten auf der Dorfstraße unter dem +Siegel der Verschwiegenheit die tiefsten Geheimnisse ins Ohr brüllte, +daß er sich vierundzwanzig Stunden später sehr wunderte, daß diese +Geheimnisse ihren Weg durch alle Spinnstuben genommen und schließlich +in der Herrenküche bei Mamsell angelangt waren, daß Mamsell sich den +Alten vornahm und wegen seiner Redseligkeit gehörig herunterputzte, das +alles konnte vorkommen und immer wieder vorkommen, und trotzdem blieb +es beim alten.</p> + +<p>Pastor Wendler war schon mehr als ein Schenkersches Geheimnis auf der +Kambacher Dorfstraße anvertraut worden. Doch in dieser Nacht hatte er +eine entschiedene Abneigung gegen alles Vertrauliche.</p> + +<p>»Kommen Sie,« sagte er, »es ist gleich halb eins.«</p> + +<p>Aber Schenker blieb stehen.</p> + +<p>»Da Sie 's einmal durchaus wissen wollen, wo sich unser junger Herr +die Lungenentzündung geholt hat, will ick's Ihnen nich verhehlen: in +<em class="gesperrt">Ihre</em> Konfirmandenstunde! Mehr brauch' ick wohl nich zu sagen! +Inspektors haben mir die Geschichte erzählt, die wissen alles von ihren +Wilhelm!«</p> + +<p>Er stampfte weiter durch den Schnee.</p> + +<p>Jetzt blieb der Pastor stehen.</p> + +<p>»Und Sie glauben die Geschichte wirklich so, wie die dummen Jungens sie +erzählen, Herr Schenker? Warum ist<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> denn keiner zu mir gekommen und hat +mich gefragt, wie die Sache sich verhält?«</p> + +<p>Schenker wandte erstaunt den Kopf. »Die Jungens lügen nich!«</p> + +<p>»So. Aber es sind Kinder.«</p> + +<p>»Mag sein. Wir Großen kennen Sie aber auch, Herr Pastor! Kurzum — es +wundert mich nich im geringsten, wenn Sie glauben, der Herr Christus +habe sich geirrt, wenn er sich für Gottes Sohn gehalten hätte, — so, +wie Sie sind, können Sie es gar nich glauben, — aber daß Sie so etwas +unsere Kinder lehren, — das is stark, das is unerhört! Wie Sie's vor +Gott verantworten wollen, is Ihre Sache, aber das kann ick Ihnen sagen: +Ihre Kirche is nächsten Sonntag leer!«</p> + +<p>Sie waren vor dem Gutshause angelangt.</p> + +<p>»Ich will Ihnen in Anbetracht der Erregung, in der Sie sich naturgemäß +befinden, die Art und Weise, in der Sie zu mir gesprochen haben, nicht +nachtragen,« sagte der Geistliche. »Später, wenn Sie ruhiger geworden +sind, sprechen wir noch einmal darüber!«</p> + +<p>Er trat ein.</p> + +<p>»Ick wüßte nich, was Sie mir nachtragen sollten, Herr Pastor,« klang +die alte Stimme neben ihm. »Ick hab' die Wahrheit gesagt! Wenn die hart +war, is es nich meine Schuld!«</p> + +<p>Wendler zuckte die Achseln. Das Herz war ihm zum Zerspringen schwer. — +— —</p> + +<p>Oben in dem weiten, matt erhellten Raum lag Eberhard Kambach in hohem +Fieber in den Kissen. Als Pastor Wendler eintrat, flog ein Lächeln über +sein Gesicht, mühsam versuchte er sich aufzurichten.</p> + +<p>»Eberhard!« Der Geistliche hielt die heiße Hand in der seinen. Er +wollte weitersprechen und konnte nicht.</p> + +<p>Da klang's mit matter Stimme zu ihm empor: »Herr<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> Pastor, ich hätt' +nicht so heftig werden dürfen neulich in der letzten Stunde! Das, was +ich sagte, kann ich nicht zurücknehmen, denn, denn — es ist doch wahr, +daß der Herr Jesus Gottes Sohn ist!« Die großen Augen sahen flehend zu +ihm auf. »Was sollt' ich jetzt wohl anfangen, wenn er's nicht wäre, er +könnte ja nicht mein Erlöser sein.«</p> + +<p>Sein Atem ging schwer. Eine Pause entstand.</p> + +<p>»Aber mein Ton war ungehörig,« sagte er dann, »wollen Sie mir +verzeihen?«</p> + +<p>Ermüdet lehnte er sich zurück.</p> + +<p>Tief erschüttert stand Wendler da.</p> + +<p>»Verzeihen Sie mir,« klang's ein zweites Mal aus den Kissen.</p> + +<p>Er wandte sich ab. — »Eberhard — ich — ich hab' dir nichts zu +verzeihen!«</p> + +<p>In die blauen Augen trat ein helles Leuchten. »Herr Pastor, wissen +Sie's jetzt auch?« In atemloser Spannung hing der Blick des todkranken +Knaben an dem geliebten Antlitz.</p> + +<p>»So wie du weiß ich's nicht, Eberhard!« Mühsam, als sei in der Seele +etwas in Scherben gebrochen, kam's von den Lippen des Mannes.</p> + +<p>»Aber Sie müssen's wissen, Herr Pastor, so wie ich's weiß, daß der +Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten brauche.« +Die fieberheißen Hände umklammerten Wendlers Rechte. Die Stimme ward +schwächer.</p> + +<p>Er kniete neben dem Kranken nieder.</p> + +<p>»Eberhard, vergib mir, daß ich jenes Wort sprach, ich hätt' es nicht +sprechen dürfen — ich wußte — ich nahm dir etwas!«</p> + +<p>»Sie haben mir nichts genommen!«</p> + +<p>Wieder war's still.</p> + +<p>»Vergib mir,« bat der Pastor.</p> + +<p>Das Rot auf dem jungen Gesicht ward noch einen Schein<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> dunkler. Leise +drückte Eberhard Kambach die Hand seines Lehrers. Der verstand die +zarte Art dieses Vergebens und dankte es schweigend dem sterbenden +Kinde.</p> + +<p>»Ob die anderen Jungens wohl einmal für mich aufstehen würden?« klang +es leise an sein Ohr. »Morgen früh ist's vielleicht zu spät! Ich möchte +so gern noch ein Lied hören.«</p> + +<p>»Ich will's ihnen sagen!« Wendler erhob sich. »Was sollen sie denn +singen, Eberhard?«</p> + +<p>»Das ew'ge Licht geht da herein ...«</p> + +<p>Wieder jenes wunderbare Aufleuchten der blauen Augen.</p> + +<p>Über die Züge des Mannes flog ein Staunen. War das der Tod? Woher kam +dem Jungen in der schwersten Stunde der selige Glaube an das Licht +der Weihnacht? Das Wort frommer Eltern allein konnte solchen Glaubens +Grund nicht sein, und hätt' er fürs Leben gereicht — im Tode? Nein. +Autoritätsglaube war etwas Ehrfurchtgebietendes, — Lebenskräfte barg +er nicht. Er war kein Glaube im tiefsten wirklichsten Sinne. Und +gewaltsam drängte es auf ihn ein: was hülf' dir dein Glaube, wenn du in +diesem Augenblick sterben solltest? würdest du im Glanz deines Sterns +still und unverzagt den letzten, dunklen Weg wandern?</p> + +<p>Eine große rücksichtslose Ehrlichkeit kam über ihn. »Nein, tausendmal +nein,« rief er seiner Seele zu, seinen Sinnen, die sich selbst in +dieser Stunde noch mit Fleisch und Blut besprechen wollten, mit +Weltklugheit und Gelehrsamkeit, mit der Weisheit, die sich Theologia +nannte.</p> + +<p>Kurt Wendler erklärte sich am Sterbelager eines Kindes bankrott. — —</p> + +<p>Ein leises Geräusch an der Tür ließ ihn aufblicken. Auf der Schwelle +stand eine hohe Gestalt im Pelz.</p> + +<p>»Vater!« rief Eberhard Kambach und richtete sich auf — dann flog sein +Blick von einem zum anderen, die blauen Augen<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> baten für den Mann, den +er vor wenig Tagen in heißem Schmerz bei dem Vater verklagt.</p> + +<p>Aber der Oberstallmeister trug den Kampf um sein Allerheiligstes nicht +an das Sterbelager seines Kindes. Er hatte genug gesehen.</p> + +<p>Im Innersten erschüttert, aber äußerlich gefaßt, trat er an das Bett +seines Lieblings und strich ihm in wortlosem Schmerz über den dunklen +Kopf. Dann reichte er dem Geistlichen mit festem Druck die Hand. Eine +Sekunde lang sahen sich die beiden Männer in die Augen. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Vom Kirchturm schlug es halb zwei, als Pastor Wendler von Haus zu Haus +wanderte und den Knabenchor weckte. Dann ging er zum Kantor.</p> + +<p>Die hellen Tränen rannen dem treuen Manne über die Wangen, — am +heiligen Abend hatte der Sohn seines Gutsherrn das alte Weihnachtslied +noch mitgesungen. Nun sollt's ihn auf der letzten Fahrt geleiten.</p> + +<p>Abschiednehmend reichte er dem Pfarrer die Hand und schritt seiner +kleinen Sängerschar voran dem Schlosse zu.</p> + +<p>Eine Viertelstunde mochte vergangen sein. Da klangen die Knabenstimmen +glockenhell zu den stillen Fenstern empor:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Das ew'ge Licht geht da herein,</div> + <div class="verse indent0">Gibt der Welt ein'n neuen Schein!</div> + <div class="verse indent0">Es leucht't wohl mitten in der Nacht,</div> + <div class="verse indent0">Und uns des Lichtes Kinder macht — Kyrieleis!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Das hat er alles uns getan,</div> + <div class="verse indent0">Sein groß' Lieb' zu zeigen an;</div> + <div class="verse indent0">Dess' freu' sich alle Christenheit</div> + <div class="verse indent0">Und dank' ihm das in Ewigkeit — Kyrieleis!«</div> + </div> +</div> +</div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p> +<p>Über die weiße Heide schwebten die letzten Akkorde, als wollten sie +eines Kindes Seele, die in mondheller Nacht die Flügel gebreitet, +hinübergeleiten ins ewige Licht. — — —</p> + +<p>Dann kein Laut mehr.</p> + +<p>Eine Sternschnuppe ging leuchtend nieder. Auf einem kurzen stillen +Erdenwege blieb ihr heller Schein liegen.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel"><span class="s5">Neuntes Kapitel.</span><br> + Bankrott.</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Gottesleugnung ist eine Entgleisung des Willens!</div> + <div class="verse indent0">Wille, der weiß, was er will, sucht und erkennt seinen Gott.</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>»So wie Sie sind, können Sie es nicht glauben!« Die stille verschneite +Nacht hatte die Worte, die der Mann aus dem Volke mit schlichter +Ehrlichkeit geredet, gehört und leise, leise nachgesprochen.</p> + +<p>Der Tauwind trug sie auf weichen Flügeln die Dorfstraße entlang und +sang sie über einsamer Schwelle.</p> + +<p>Die Mauern des alten Hauses hatten sie vernommen und gaben sie weiter.</p> + +<p>Und eine unsichtbare heilige Hand schrieb sie im Sturmeswehen mit +eisernem Griffel an die Wände eines engen Kämmerleins.</p> + +<p>Taghell ward's drinnen vom Schein der ewigen Lampe.</p> + +<p>›So wie du bist, kannst du es nicht glauben!‹</p> + +<p>Ein hartes unwiderrufliches Menetekel, eine Stimme, die kein Mensch zum +Schweigen brachte!</p> + +<p>Männer und Frauen kamen vorüber und sahen die güldene Ampel, vom +Nachtwind bewegt, und fragten, was sie bedeute.</p> + +<p>›Das ist das Gewissen!‹ erwiderte die Stimme. ›Auch in<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> euren Seelen +brennt die ewige Lampe — seid ihr blind geworden?‹</p> + +<p>Aber sie zogen lachend weiter.</p> + +<p>Nur einer lachte nicht. Der Mann drinnen, den das Wort anging. Er +trug es in die Stunden des Tages, in Leben und Arbeit. Auf seinen +Krankenbesuchen begleitete es ihn, die Augen der Sterbenden riefen es +ihm zu. Und tief im Grunde der Seele meißelten unsichtbare Hände, als +wollten sie mit Gewalt die steinernen Wände sprengen: ›So — wie — du +— bist —, — — kannst du es nicht!‹</p> + +<p>Arbeiteten drinnen Berserkerfäuste? Spalteten Giganten hart und +leidenschaftslos das Gestein? Er wußte es nicht. Aber das wußte er, daß +ihn die Unrast der Seele zerrieb.</p> + +<p>Wieder war's Abend geworden. Er hatte gewartet, ob vom Herrenhause +nach ihm geschickt werde, aber es kam niemand. Morgens früh war ihm +der Todesfall gemeldet worden. Er war ins Schloß gegangen, hatte den +Gutsherrn aber nicht getroffen. Dann hatte er zu Hause vergeblich +gewartet. Ob man ihn nicht wollte? Vermutlich. Der Oberstallmeister +zog die Folgerungen aus seinem Christentum. Hätte er — Kurt Wendler +— in diesem Augenblick hungernd oder dürstend an seine Tür geklopft, +er hätte ihn gespeist und getränkt, aber das Wort vom Auferstehen und +Leben durfte der Irrlehrer nicht am Grabe seines Kindes sprechen. +Auf dem Gebiet der Liebe würde Karl Heinrich von Kambach, ob's noch +so schwer war, immer Zugeständnisse machen, auf dem Gebiet der +Glaubenstreue und des Bekenntnisses nie. Darin lag aber auch seine +Stärke. Und der Pfarrer nahm vor der rücksichtslosen und doch so +vornehmen Gegnerschaft im stillen den Hut ab. Es lag etwas in dieser +wurzelechten Treue, in dieser bodenständigen aufrechten wahrhaft +innerlichen Kraft, das größer war, edler, als der Adel des Blutes. +—<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> —</p> + +<p>Wenn Schenker doch wenigstens einmal käme! Der war an allem schuld. +Der hatte ihn mit seinem übereilten Wort den Stock zwischen die Füße +geworfen! Ja, er!</p> + +<p>Übereilt? Das war Schenker eigentlich nicht. Wenigstens vertrat er +immer, was er sagte. Und lag nicht eine gewisse Wahrheit in seinem Wort?</p> + +<p>›So — wie — du — bist — kannst du es nicht glauben!‹</p> + +<p>Wieder das Feilen, das rastlose Hämmern. — —</p> + +<p>Da — was war das? Er schreckte auf.</p> + +<p>Eine Schneelast kam mit Donnergetöse das alte Giebeldach herunter. So +weit war er schon, daß ihn so etwas zusammenfahren ließ. Nerven. — —</p> + +<p>Unsinn! — Er machte sich hart. Jetzt Schluß. So ging's nicht weiter. +Mannesstolz und Manneskraft erwachten, die Sehnsucht, mit dem Feinde +die Klingen zu kreuzen.</p> + +<p>›So, wie du bist!‹</p> + +<p>Herr Gott im Himmel, er wollt' es ja gar nicht glauben! Warum wurde +ihm denn fortwährend vorgeworfen, er könne es nicht? Er konnte es +wohl! Aber es wäre gegen seine Überzeugung gegangen. Nicht Eigensinn +oder Mangel an Einsicht oder gar theologische Ungebildetheit — +er wußte mehr wie mancher Positive — hielten ihn zurück, sondern +lediglich die Tatsache, daß er eine veraltete Form nicht anerkennen +konnte und wollte. Denn wahres Christentum durfte nicht in dem Sinne +christozentrisch aufgefaßt werden, wie der Supranaturalismus es tat. +Entsprach das leuchtende, von oben verklärte, von Gott geweihte, von +seinem Hauch erfüllte, den Menschen beseligende befreiende Jesusbild +nicht tausendmal mehr der Wahrheit, als jene geheimnisvolle Vorstellung +des Offenbarungsglaubens? Ganz gewiß! Hier herrschte Freiheit, dort +Gebundenheit, hier Entwicklung, dort Formelwesen<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> ohne Leben und Geist. +Und eine Einseitigkeit, die sich jedem Fortschritt verschloß, sammelte +sich zum Kreuzzug gegen die ›Irrlehre‹. Volk wider Volk! Darauf +kam's hinaus! Das war das Traurige. Die starre ablehnende Haltung +auf positiver Seite war daran schuld, die Weigerung, die angebotene +Bruderhand zu ergreifen.</p> + +<p>Finster vor sich niederblickend, saß er da. Wenige Stunden noch und +der Augenblick kehrte wieder, wo er sich vor vierundzwanzig Stunden +am Sterbebett eines Kindes bankrott erklärt. Und heute? Das war eben +Überreiztheit der Nerven gewesen! Kein Wunder! Was war gestern alles +auf ihn eingestürmt! Jetzt, wo eine gewisse Entspannung eintrat, wo er +Welt und Dinge mit anderen Augen zu betrachten anfing, konnte er diese +Erklärung nicht aufrecht erhalten. Nein, nein, er war nicht bankrott, +er dachte nicht daran. Die Glaubensgewißheit der Positiven war nicht +größer, als die der Liberalen, — zuletzt standen sie beide vor einer +verschlossenen Tür.</p> + +<p>Oder nicht?</p> + +<p>›Aber Sie müssen es wissen, Herr Pastor, — so wie ich es weiß, daß +der Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten +brauche!‹ So hatte ein fünfzehnjähriger Konfirmand angesichts des Todes +gesprochen! — —</p> + +<p>Pastor Wendler seufzte.</p> + +<p>›So — wie — du — jetzt — bist!‹? — —</p> + +<p>Er sprang auf, griff zu Hut und Wettermantel und trat in die Dämmerung +hinaus.</p> + +<p>Der Tauschnee spritzte. Aus den Dachrinnen kam das Wasser in Bächen +herab. Es war ein Kunststück, aus dem Hause zu kommen.</p> + +<p>Ziellos wanderte er die Dorfstraße entlang, in der Richtung nach dem +Gutshause zu. Er gestand sich's nicht ein, daß<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> es ihn mit magnetischer +Kraft in den stillen Raum zog, wo der kleine Junker den letzten Schlaf +schlief. Und doch war's so.</p> + +<p>Als er sich dem Park näherte, sah er einen Wagen vorfahren. Im hellen +Schein der Laterne erkannte er mehrere verschleierte Gestalten, +darunter eine auffallend große, vom Alter gebeugte Frau, Exzellenz von +Kambach. Ein Stich ging ihm durchs Herz, — er kehrte um. — —</p> + +<p>Mitten im Dorf blieb er stehen. Was hatte er dieser Frau eigentlich +getan, daß er gewissermaßen die Flucht vor ihr ergriff?</p> + +<p>›So — wie — du — bist — —‹</p> + +<p>›Dann hat sich Jesus eben geirrt — —‹</p> + +<p>Und drüben lag ein junges blühendes Menschenleben auf der Bahre — +ihres Herzens Freude und Wonne.</p> + +<p>Das Hämmern und Feilen begann von neuem.</p> + +<p>›Das ist dein Werk — —‹</p> + +<p>›Unsinn — Lungenentzündung — —‹</p> + +<p>›Und das andere — das — das!?‹</p> + +<p>›Mein eigener Enkel ist unter Ihren diesjährigen Konfirmanden, Herr +Pastor, es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind +nicht verführt werde!‹ Als sei es gestern gewesen, klang ihm die alte +zitternde Stimme im Ohr.</p> + +<p>Und dann hörte er eine andere. Mühsam brachte sie die Worte heraus. +Dem todkranken Kinde gehörte sie an, das sich still zum Sterben +niedergelegt: ›Sie haben mir nichts genommen!‹ Ein sieghaftes +königliches Wort, ein Bekenntnis heiliger Glaubensgewißheit, aber +auch ein rückhaltloser Hinweis auf die Ohnmacht und Armseligkeit +des Mannes, zu dessen Füßen dies Kind gesessen. Es war der Ertrag +seiner Konfirmandenstunde: die Zurechtweisung aus dem Munde eines +Fünfzehnjährigen: ›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ — Die stolze +Erklärung angesichts des Todes: ›Sie haben mir<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> nichts genommen!‹ — +Nichts gegeben — nichts genommen! Wahrhaftig, eine reiche Ernte! +Trotz der christlichen Weihe des jesuzentrischen Liberalismus, trotz +seines reformatorischen Unterbaus, trotz des Hinweises auf den Vater im +Himmel, auf die ewige Heimat und des Zeugnisses von Jesu von Nazareth! +Trotz alledem! Er konnte diesen Mangel nicht leugnen.</p> + +<p>Den Kopf gesenkt, wanderte er raschen Schrittes die Dorfstraße entlang. +Mancher der Vorübergehenden, der ihn trotz der Dunkelheit erkannte, +blieb stehen und schaute seinem Pfarrer verwundert nach. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Ja, sehen Sie, lieber Schenker, das ist eben die Gefahr an diesem +jesuzentrischen Liberalismus! Den Kern des Christentums, den Glauben +an Christi Kreuzestod und Auferstehen, den Frieden der Sündenvergebung +durch sein Blut löst er heraus und reicht uns die leere Schale!«</p> + +<p>Schwer und wuchtig klangen die Worte durch die Nachtstille.</p> + +<p>Wie angewurzelt stand der Pfarrer. Hatte sich alles gegen ihn +verschworen, waren die Geister der Mitternacht erwacht, ihn zu narren? +— Spuk? — Unsinn! — Und doch! Was war das? Was bedeutete das? Mitten +in seine Grübeleien klang eine Antwort, die — die —</p> + +<p>Dicht vor ihm wanderten zwei Männer durch den Schnee. Daß er sie nicht +früher bemerkt hatte — —</p> + +<p>Der alte Schenker war's und ein Geistlicher aus Drachenburg, der im +Schloß verkehrte und mit dem Inspektor befreundet war. Wendler kannte +ihn wenig. Pastor Krug gehörte dem äußersten Flügel der positiven +Rechten an.</p> + +<p>»Herr Pastor, was heißt das eigentlich: Jesuzentrischer Liberalismus?« +hörte Wendler jetzt Schenkersch Vadder fragen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p> + +<p>»Dem bibelgläubigen Christentum ist Christus der ewige Sohn des +lebendigen Gottes, der um unserer Sünde willen Gekreuzigte, und +um unserer Gerechtigkeit willen Auferweckte, der Wesensinhalt und +Mittelpunkt des Glaubens,« antwortete Pastor Krug. »Diese auf Tatsachen +der Schrift gegründete Glaubensstellung ist <em class="gesperrt">christozentrisch</em>. +Denn unser Heil steht und fällt mit Christo dem Gekreuzigten und +Auferstandenen, dem ewigen und lebendigen Sohne Gottes. — Im Gegensatz +hierzu steht der jesuzentrische Liberalismus, der den Heiland wohl als +höchstbegnadeten Gottmenschen ansieht, aber immer doch nur als den +Gottmenschen, auf den jeder Mensch angelegt ist. In der Person Jesu, +sagen die Liberalen, sei der Gottmensch am schärfsten herausgearbeitet, +in ihm spiegele sich die Gottheit am klarsten wieder. Darum nennen sie +ihn auch Gottes eingeborenen Sohn, d. h. den Träger göttlichen Lebens, +weil sein menschliches Leben allein auf Gott gerichtet gewesen sei. Und +doch kommt das alles auf Gottesleugnung heraus, auf die Leugnung der +Gottheit Christi. Wer aber den Sohn nicht hat, der hat auch den Vater +nicht! Das wird auf jener Seite so oft vergessen. Ich kann mir nicht +helfen, es kommt mir immer vor, als fehle der Wille oder als sei ihm +eine falsche Richtung gegeben worden!«</p> + +<p>»Ja, in Unordnung is da was, Herr Pastor! Ick versteh's auch nicht! Ick +weiß doch, daß ick einen Heiland brauch', wie werd' ick denn so dumm +sein und ihn nicht haben wollen!«</p> + +<p>»Oder ihn mir nach meinem eigenen kleinen Verstande zurechtmachen,« +ergänzte Pastor Krug. »Als ob wir den Heiland der Liberalen gebrauchen +könnten! Gott versöhnen kann er uns nicht, weil er ein Mensch ist und +bleibt, und seine ganze Persönlichkeit der Vergangenheit angehört +und darum nicht ewig ist. Wenn Jesus auch auf liberaler Seite als +Helfer, Erretter und Heiland verehrt wird, so wissen wir darum doch<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> +ganz genau, was wir von dieser Jesusverehrung zu halten haben. Zu der +Versöhnung durch sein Blut, zur Vergebung der Sünden bekennt sie sich +nicht, von Leben und Seligkeit kann sie im ewigen Sinne nichts wissen. +Diese Auffassung nennt man <em class="gesperrt">jesuzentrisch</em>. — Habe ich mich klar +ausgedrückt, Herr Schenker?«</p> + +<p>»Gewiß, Herr Pastor, ick danke Ihnen vielmals. Die Sache selbst +wußt' ick natürlich. Nur den Unterschied zwischen jesuzentrisch und +christozentrisch kannt' ick nich. Wo soll unsereins das auch her +wissen!«</p> + +<p>»Sie sehen, warum die liberale Theologie keinen Boden unter den +Füßen hat,« fuhr der Geistliche fort. »Sie wurzelt letzten Endes, +wenn sie es auch nie zugeben wird, in dieser Erde. Daher ist sie +auch zum Teil an der Entsittlichung unseres Volkes schuld. Denn wo +keine Ewigkeitshoffnung ist, da ist auch keine Sittlichkeit. Das +ist die natürliche Folge. Man kann sich daher gar nicht über die +kirchlich-liberale Freundschaft mit den Monisten wundern!«</p> + +<p>»Monisten?« Schenkers Weisheit war am Ende. »Die glauben gar nichts!?«</p> + +<p>Pastor Krug lachte. »Sie behaupten, sehr viel zu glauben, aber wenn +man's bei Lichte besieht, kommt allerdings wenig dabei heraus. Sie +glauben jedenfalls an keinen persönlichen Gott.«</p> + +<p>»Det sei ick doch!« platzte Schenker heraus. »Verzeihen Sie, Herr +Pastor, aber meine Frau und ick sprechen immer Platt, da geht's mich +dann wie eben!«</p> + +<p>Der Geistliche nickte.</p> + +<p>»Und dann wundert man sich noch, wenn solche Sachen vorkommen, wie +mit der armen jungen Lehrersfrau in Dambeck! Ick kann nur sagen, ick +würd' mir bei der ersten besten Gelegenheit, ja, sobald mir das Leben +irgendwie unbequem<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> würde, eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn ick +keine Ewigkeitshoffnung hätte, wenn ick nich wüßte: du bist um Christi +willen bei Gott in Gnaden!«</p> + +<p>»Wann ist es denn geschehen?«</p> + +<p>»Heute nachmittag hat sie sich erschossen. Kein Mensch weiß, wo sie die +Pistole herbekommen hat! Graf Brelow war vorhin im Schloß. Der Kutscher +hat mir die Geschichte erzählt. Gewundert hab' ick mir ja weiter nich. +Was die Frau für Zeug las, — ach, du meine Güte! Warum unser Herr +Pastor ihr auch solche Bücher gegeben hat?«</p> + +<p>»Wendler?«</p> + +<p>Der Alte nickte.</p> + +<p>»Was hat er ihr denn gegeben?« fragte der Geistliche. »Können Sie mir +nicht die Titel nennen?«</p> + +<p>»Die hab' ick vergessen, Herr Pastor. In den Brief, den sie geschrieben +hat, stand das ja alles drin, aber ick hab's wahrhaftig wieder +vergessen. Da fällt mir ein, Herr Petzold soll von Volksbüchern +gesprochen haben. Es müssen aber doch wohl Bücher gewesen sein, die +unsereins, der die liberalen Schliche nich kennt, irreführen. Und dann +hat er auch noch zu Mirow gesagt, wenn er 'ne blasse Ahnung gehabt +hätte, daß seine Frau so was läse, so wäre er ganz gehörig dagegen +eingeschritten. Er hätte wohl gewußt, daß sie viel und gern gelesen +hätte, aber gegen die Bücher, die er bei ihr gesehen, hätte er nichts +einwenden können. Det hätte sie ihm verheimlicht, daß sie solche Sachen +im Hause gehabt hat. Es sei gar kein Wunder, daß es so gekommen sei. +Eine Frau wie seine Louise, die schon von Haus aus nich gerade fromm +gewesen sei, könne unmöglich, noch dazu in schwerer Zeit, durch solche +Bücher zum Glauben kommen. Sie erregten nur Zweifel. Ja, Herr Pastor, +wenn's so steht, hat er ja ganz recht! Is wahrhaftig kein Wunder, daß +die arme Seele sich schließlich<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> ein Leid angetan hat!« Und der Alte +stampfte ingrimmig durch den Schnee. »Der hat schon mancherlei auf'n +Gewissen. Bei unsern jungen Herrn is doch auch die Aufregung von wegen +die Konfirmandenstunde mit schuld. Nee, Herr Pastor, allens was recht +is, — aber, wat to dull is, dat is to dull!«</p> + +<p>Einen Augenblick war's still, dann begann der Alte von neuem: »Was +der Dambecker Kutscher is, der hat mir vorhin, wie Herr Pastor mit +Herrn Grafen oben waren, die Petzoldsche Geschichte haarklein erzählt. +Sein Großvater hat schon in Brelowschen Diensten gestanden, er kennt +das ganze Dorf. Seine Enkel gehen bei Herrn Petzold in die Schule. +So is es gekommen, daß er öfter mit ihm gesprochen hat, und daß Herr +Petzold dem alten Mirow sein Herz ausschüttete. Der Frau war nichts +gut genug. In mein' ganzen langen Leben hab' ich noch keine so feine +Dorfschullehrerwohnung gesehen. Und dann die Kleider! Die Dambecker +Frau Gräfin ging nich so fein angezogen wie Frau Petzold! — Und +die Leserei! Natürlich litt der Haushalt darunter; die Frau soll ja +nich von die Bücher wegzubringen gewesen sein. So is das Unglück +geschehen! — — Herr Pastor, wir Kambacher haben ja die Händler mit +ihren schmutzigen Mitteln immer wieder an die frische Luft gesetzt +und feste verhauen, — ick hab' selbst dabei geholfen, und solange +meine alten Knochen ihre Schuldigkeit tun, soll der olle Schenker +nich dabei fehlen! In Dambeck scheinen sie nich so scharf vorgegangen +zu sein. Daher is die Geschichte da wohl so eingerissen. Im Falle +Petzold scheint die Sache so zu liegen. Er ist 'n fleißiger arbeitsamer +Mann, der seine Freude an seinen beiden Kindern hat und so was nie +mitmachen würde. Aber sie hat alles in Staat angelegt und sich nich +um Gottes Ordnung gekümmert. Kurz und gut, Herr Pastor, Frau Petzold +hat an ihren zwei Kindern<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> genug gehabt. Und wie die Versuchung an sie +herangetreten is, da hat sie nicht widerstehen können. Der Mann hat +auch hiervon keine Ahnung gehabt. Wie die Frau dann kränker und kränker +geworden is, hat er Verdacht geschöpft. Aber sie hat nich mit der +Sprache herausgewollt. Erst in dem Brief, den sie vor ihrem Tode an ihn +geschrieben hat, is alles gesagt — — das Schreiben soll eine schwere +Selbstanklage enthalten, — Herr Petzold hat es dem alten Mirow gezeigt +— ihres Gottes habe sie vergessen, schreibt die Frau, ihre heiligsten +Pflichten habe sie versäumt. Schon als Mädchen habe sie allerlei +zusammengelesen, besonders eine Menge Bücher von einen sehr berühmten +Irrlehrer, — ick hab' den Namen vergessen, mit 'n N fing er an ...«</p> + +<p>»Nietzsche?« fragte der Geistliche.</p> + +<p>»Is gerne möglich, Herr Pastor! Der alte Mirow wußte es selbst nich +mehr genau! — Na, das is jedenfalls ganz was Schlimmes gewesen, +und Herr Pastor Wendler hat sie durch die Volksbücher davon heilen +wollen. Was dabei herausgekommen is, sehen wir ja! Er hat es gewiß +treu gemeint, aber was die liberale Lehre is, die hat nu mal keine +Kraft. Traurig! Die Frau hat geschrieben, ihr Unglaube habe sie arm +gemacht, so arm, daß sie nun, wo sie krank und siech sei, nich mehr +leben könne. Das Leben habe ja auch keinen Zweck; denn nach dem, was +Herr Pastor Wendler ihr gesagt, und was in den Büchern stehe, die er +ihr geliehen, könne es, wenn man's recht bedenke, keine Ewigkeit geben. +Es sei sonst ja alles recht schön und gut, was darin stehe, aber Trost +biete es nich, wenigstens nich, wenn man so schwer gefehlt habe, und +Ewigkeitshoffnung könne man erst recht nich daraus schöpfen! — Dann +hat sie noch einen Brief an Pastor Wendler geschrieben ...«</p> + +<p>Sie waren vor Schenkers Häuschen angelangt. Hinter<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> blühenden +Geranienstöcken saß eine weißhaarige Frau bei der Lampe am Spinnrad. +Sie sah traurig aus. Das Leid drüben im Gutshause lastete auf der +treuen Seele.</p> + +<p>Pastor Krug reichte dem alten Kammerdiener die Hand.</p> + +<p>»Gott befohlen, Herr Schenker! Ein trauriges Wiedersehen heute!« Er +wandte sich um. »Was war das?«</p> + +<p>Schenker drehte den Kopf.</p> + +<p>Eine hohe Gestalt im Wettermantel enteilte im Nebel.</p> + +<p>»Um Gotteswillen, das is ja unser Herr Pastor!«</p> + +<p>»Der ist uns doch nicht begegnet,« meinte der Geistliche.</p> + +<p>»Nein, nein, er is uns nich begegnet,« rief der Alte erregt. »Er muß +hinter uns hergegangen sein — er hat alles gehört!«</p> + +<p>»Vielleicht sollte er's hören,« sagte Pastor Krug und ging den Weg, den +er gekommen, dem Inspektorhause zu, wo sein Wagen wartete.</p> + +<p>Eine halbe Stunde später war er auf dem Heimwege.</p> + +<p>In den Tagelöhnerwohnungen war noch Licht. Heimlich glühte es hinter +den kleinen Scheiben, hinter dem Grün der Myrten und den roten Stauden +des ›fleißigen Lieschen‹. Nur die Pfarre lag dunkel und still unter der +schirmenden Krone der Sommerlinde.</p> + +<p>Einen Augenblick war's ihm, als müsse er an die Tür des Mannes klopfen, +der da drinnen den schwersten Kampf seines Lebens kämpfte, aber dann +sagte er sich: ›Nein. In der Stunde, da Gott uns zerbricht, scheidet +das Menschliche aus. Auch menschliche Treue. Es gibt Kämpfe, die der +Mensch allein kämpft.‹ Und im Herzen das Gebet, daß der Wille eines +Starken sich dem Stärksten beuge, fuhr er durch die feiernde Heide +seiner abgeschiedenen Pfarre zu.</p> + +<p>Sein Entschluß reute ihn nicht. Er wußte es aus eigener, tief +innerlicher Erfahrung: jenes heilige ›Ich will!‹ war das<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Größte, +Ureigenste, Persönlichste im Menschen! Es war der höchste Freiheitsakt, +den eine Seele vollzog, wenn sie erklärte: ›Ich will aus dem Staube, +will ans Licht, will zu dir, näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!‹ +Eine Umwertung aller Werte barg diese Tat, und der oft mißdeutete +alte Spruch ward Ewigkeitswahrheit: ›Des Menschen Wille ist sein +Himmelreich!‹</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p> +</div> +<h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel"><span class="s5">Zehntes Kapitel.</span><br> + Ein Ton.</h2> + + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich hab' eine Mutter und hab' sie nicht! —</div> + <div class="verse indent0">An ihr Festgewand, an ihr schimmernd' Geschmeid</div> + <div class="verse indent0">Denkt sie zu aller Stunde und Zeit;</div> + <div class="verse indent0">An ihres Haares seidene Pracht,</div> + <div class="verse indent0">An ihrer Augen leuchtende Nacht,</div> + <div class="verse indent0">An die roten Rosen an ihrer Brust,</div> + <div class="verse indent0">An Erdenliebe und Erdenlust,</div> + <div class="verse indent0">An Glück und Liebe und Sonnenschein,</div> + <div class="verse indent0">An tausend lachende Melodei'n,</div> + <div class="verse indent0">An alles, was einst in Scherben bricht! —</div> + <div class="verse indent0">Ob ihres Kindes verlassene Seele</div> + <div class="verse indent0">Den Durst gestillt an lebendiger Quelle,</div> + <div class="verse indent0">Danach fragt sie nicht!</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Ein weicher linder Tag war's, einer von jenen neuen Frühlingsboten, die +alles versprechen und nichts halten. Um die Dächer flog der Tauwind, +sein Lenzlied singend, und der Tropfenfall unten auf den Steinen schlug +den Takt dazu. Aber in der südlich milden Luft lag's wie ein Traum von +Veilchenduft und Zentifolienblüte, wie eine große Sehnsucht nach der +bräutlichen Pracht weißer Narzissen. In den Blumenhallen standen sie in +dichten Sträußen, auf dem Potsdamer Platz, an den Straßenecken lockten +sie die Vorübergehenden. Schon küßte die Sonne drüben im Tiergarten +ihre Schwestern wach. Von jeher hatte sich der Frühling beeilt, nach +Berlin zu kommen. — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p> + +<p>Aus den offenen Fenstern eines hellen Gartenzimmers in der +Dorotheenstraße klang eine Frauenstimme. Wie ein Trauerschleier lag's +über dem Liede, über dem weichen vollen Alt. Ein seltsames Lied +war's, auf einen einzigen Ton gestimmt. Aber die Klänge eines edlen +Instruments gaben dem wunderbaren Sang ihr vielstimmiges Geleit, wie +ein Kirchenchor der Stimme eines Engels. Es war das Lied des Meisters +Peter Cornelius aus seinem ergreifenden Werk ›Trauer und Trost‹: ein +Ton.</p> + +<p>Zart wie ein Hauch schwebte es durch den stillen Raum in den lachenden +Vorfrühling hinaus, ein Allerseelenlied, von Tränen betaut, von +Ewigkeitshoffnung getragen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Mir klingt ein Ton so wunderbar,</div> + <div class="verse indent0">In Herz und Sinnen immerdar.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ist es der Hauch, der dir entschwebt,</div> + <div class="verse indent0">Als einmal noch dein Mund gebebt?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ist es des Glöckleins trüber Klang,</div> + <div class="verse indent0">Der dir gefolgt den Weg entlang?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mir klingt der Ton so voll und rein,</div> + <div class="verse indent0">Als schlöß er deine Seele ein. —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Als stiegest liebend nieder du</div> + <div class="verse indent0">Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Der letzte Ton war verklungen. Sinnend blickte ein dunkeläugiges +Mädchen auf die Noten. Die schlanken schmalen Hände ruhten auf den +Tasten.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Als stiegest liebend nieder du</div> + <div class="verse indent0">Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a></div> + </div> +</div> +</div> + +<p>flüsterte sie und ihre Augen schimmerten in Tränen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span></p> + +<p>Vor ihrer Seele stieg ein Bild auf: eine schlanke Knabengestalt mit +blauen Augen und blondem Haar, mit hellem Sinn und klarem Blick +— der junge Adel, wie er leibte und lebte. Nun lag das blühende +hoffnungsvolle Menschenleben im Grabe. Wie ein Held war dies Kind den +letzten dunklen Weg gegangen, den Jubelpsalter der Weihnacht auf den +Lippen.</p> + +<p>Wieder wurden die Töne unter dem Druck der Mädchenhände lebendig, +wieder klang die helle Stimme. Aber über diesem Liede lag kein +Schleier. Leise zwar, unter den Tränen frischen Schmerzes, aber dennoch +froh wie ein Kind im Schein der Christnacht sang Sibylle Bühler, alles +um sich her vergessend, das holde weihnachtliche Lied:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Das ew'ge Licht geht da herein,</div> + <div class="verse indent0">Gibt der Welt ein'n neuen Schein!</div> + <div class="verse indent0">Es leucht't wohl mitten in der Nacht</div> + <div class="verse indent0">Und uns des Lichtes Kinder macht, — Kyrieleis!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Das Lieblingslied ihres kleinen frohen Kameraden war ja auch das ihre. +Wie oft hatten sie es zusammen gesungen!</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Und uns des Lichtes Kinder macht‹ —</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>zog es in den goldenen Mittag hinaus. Dann war es still in der hellen +Gartenstube der Dorotheenstraße.</p> + +<p>Träumend saß Sibylle Bühler im Schein der Märzsonne. Sie hatte es +nicht bemerkt, daß sich leise die Tür öffnete, daß eine Frauengestalt +in Trauerkleidern, auf den Krückstock gestützt, von der Schwelle +herüberlauschte. Frau von Kambach war älter geworden in den letzten +Wochen. Der Tod des jungen hoffnungsvollen Enkels hatte sie schwer +getroffen. Die ersten Tage nach dem Begräbnis hatten Sibylle und +Fräulein Eichel sogar einen körperlichen Zusammenbruch befürchtet.<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> +Aber der glaubensstarke Geist siegte über die Schwäche des Leibes. +Nur die körperliche Widerstandskraft ging der Greisin in jenen +Tagen verloren. Die Spannkraft des Geistes, die ihrem Wesen seine +wunderbare Frische gab, kehrte mit der Teilnahme am Leben und an +den Fragen des Tages zurück. Aber die geplante Bundessitzung hatte +doch hinausgeschoben werden müssen, auch aus Rücksicht auf Herrn von +Kambach, der an dem festgesetzten Tage nicht hatte kommen können.</p> + +<p>Die Rechte fest auf den Krückstock gestützt, stand Frau Sabine da. Über +das welke Gesicht liefen die hellen Tränen. Leise schluchzte sie auf.</p> + +<p>Sibylle wandte den Kopf. Ein heißes Erschrecken flog über ihre Züge.</p> + +<p>»Exzellenz!«</p> + +<p>Sie sprang auf und eilte auf die alte Dame zu.</p> + +<p>»Verzeihung, Exzellenz!«</p> + +<p>Sie neigte sich über die zitternde Hand und küßte sie. »Was hab' ich +getan, — ich — hatte ja keine Ahnung!«</p> + +<p>Frau von Kambach sah das junge Mädchen groß an.</p> + +<p>»Aber liebes Kind, was sollten Sie mir getan haben, ich wüßte es +wirklich nicht!«</p> + +<p>Sibylle kämpfte mit den Tränen. »Ich hätte diese beiden Lieder nicht +singen sollen, Exzellenz!«</p> + +<p>Die alte Dame schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Das versteh' ich nicht, liebe Sibylle! Kommen Sie, wir wollen uns ans +Fenster setzen, die Sonne scheint so schön herein! Das Stehen wird mir +noch schwer!«</p> + +<p>Sie legte den Arm in den ihres Gastes und ließ sich zu dem behaglichen +weißen Peddigrohrsessel am Fenster führen. Dort nahm sie Platz, Sibylle +aber setzte sich, wie sie es liebte, auf eine Fußbank und lehnte den +dunklen Kopf an die Knie der alten Frau.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p> + +<p>Der Himmel blaute und der Goldlack duftete, die Sonne umspielte das +feine stimmungsvolle Bild mit ihren Lichtern.</p> + +<p>»Ich hätt's nicht tun sollen,« sagte das Mädchen noch einmal und +schmiegte die rosige Wange an die alten Hände, — »es war zu früh — +besonders das Lied vom ew'gen Licht,« sie stockte — »Verzeihung, +Exzellenz!« Und sie hob das schöne erregte Gesicht zu der Greisin empor.</p> + +<p>Freundlich strich Frau von Kambach über das duftige Haar. »Aber Billy, +glauben Sie wirklich, daß es mich traurig macht, dies Lied zu hören? +Die schönste Erinnerung an meinen lieben Jungen ist damit verknüpft. +Ich hatte Sie schon bitten wollen, es einmal zu singen, Sie haben mir +also einen Wunsch erfüllt!«</p> + +<p>»Ich dachte, Exzellenz ...« sie zauderte.</p> + +<p>»Was dachten Sie, Kind?«</p> + +<p>Sibylle errötete.</p> + +<p>»Ach — ich mußte an Mama denken! Da hätt' ich's nicht gedurft! Als +Papa damals in Bühl starb, ließ er sich vom Kirchenchor ›Wenn ich +einmal soll scheiden‹ vorsingen. Ich fühlte es Mama an, daß es ihr +schrecklich war. Hinterher haben wir es nie mehr singen dürfen, und +es war doch Papas Lieblingslied. Ich glaube,« wieder stockte sie, +»Mama will nicht an den Tod erinnert sein. Aber das sag' ich nur Eurer +Exzellenz!«</p> + +<p>Über ihre Züge huschte ein schmerzliches Lächeln, als wollte sie das +tiefste Vermissen verbergen, die große unerfüllte Sehnsucht: ›Ich hab' +eine Mutter — und hab' sie nicht!‹</p> + +<p>Und dann legte sie plötzlich den Kopf in den Schoß der alten Frau und +weinte bitterlich.</p> + +<p>Die Greisin verstand dies Weinen. Wie ein lang zurückgehaltener Quell +durchbrach es alle Dämme und überflutete alle Hindernisse. Unaufhaltsam +trieb und drängte es empor<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> aus der Enge innerer Gebundenheit zur +Freiheit, aus der Heimatlosigkeit in den Hafen.</p> + +<p>Sibylle war ein Charakter, war trotz ihrer Jugend eine Persönlichkeit. +Denn sie besaß wahres Christentum. Am Sterbebette des Vaters hatte +sie zuerst seine Kraft erfahren und später, je länger je mehr erlebt, +daß das alte heilige Erbteil der Bühlers Leben und Seligkeit barg. +Unbewußt begann sie sich innerlich von der Mutter zu lösen. Schon das +tief angelegte gemütvolle Kind hatte, ohne sich darüber klar zu werden, +unter dieser Frau gelitten. Seine kleine Seele hatte gedarbt. Seinem +Leben hatte nicht nur wahre Mutterliebe gefehlt, sondern das Heiligste, +was Mutterliebe einem Kinde bringen kann: Religion. So kam es, daß +sich das heranwachsende Mädchen, ohne sich dessen bewußt zu werden, +immer mehr von der Frau entfernte, die von Weltlust und Vergnügen +lebte. Aber das Weib, zumal das junge werdende, bedarf in Lust und +Last des Lebens des Weibes. Die Liebe ihres Großvaters, dessen edle, +wahrhaft christliche Persönlichkeit von jeher einen starken Einfluß +auf sie ausgeübt, ersetzte Sibylle Bühler die Mutter nicht. Ganz davon +abgesehen, daß ihr stark ausgeprägtes Pflichtgefühl sie immer wieder zu +der oberflächlichen Frau zurücktrieb, sie immer aufs neue mahnte, ihr +die Seele zu erschließen und bei ihr zu suchen, was sie brauchte. Sie +mühte sich vergeblich. Gräfin Bühler hatte nichts zu vergeben. Aber die +Bande des Blutes waren zu stark. Ganz kam Sibylle innerlich von ihrer +Mutter nicht los. Immer wieder suchte sie die Ursache der Entfremdung +bei sich, immer wieder glaubte sie, sie bei sich zu finden. Das brachte +Zwiespalt und Unruhe in ihre Seele, das nahm ihr in vielen Fällen die +Klarheit des Urteils und verschob die feinen Grenzlinien von Pflicht +und Recht. Das brachte ihr die Gefahr sittlicher Begriffsverwirrung +im zartesten innerlichsten Sinne. Sie gab<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> und gab, aber ihre Schätze +wurden nicht genommen. Das ließ sie irrewerden an weiblicher Eigenart, +an dem wahren Wesen der Frau. Und es erstarrte etwas in ihr, als +sie das, was jedem echten Weibe eigen, bei der Frau, die ihr das +Leben gegeben, nicht fand, als sie erkannte, daß ihrer Mutter die +Mütterlichkeit fehlte. Exzellenz von Kambach wußte dies alles, ohne daß +man es ihr gesagt. Sie fühlte, daß die Kluft zwischen den beiden Frauen +unüberbrückbar sei. Und ihre Liebe zu dem holden Geschöpf, das in den +letzten Wochen ihr stilles Leben mit seinem Frohsinn verschönt, wuchs.</p> + +<p>»Es ist hier alles so anders als zu Hause,« klang es stockend zu ihr +empor, »so wie ich's lieb', Exzellenz, und wie ich's mir im stillen so +oft wünsche. Aber zu Hause wird es nie so sein. Mama ist ganz anders +erzogen. Sie ist eben eine Firlemont, das entschuldigt ja alles. +Wenn das ganze Leben bei uns nur einen Schmerz für mich bedeutete, +ein Entbehren, so wär's ja ganz selbstverständlich, daß ich es, ohne +ein Wort darüber zu verlieren, ertrüge; denn ich gehöre zu meiner +Mutter, aber — aber,« und Sibylle Bühler quälte sich um den Ausdruck, +»es wirkt verflachend auf mich! — Wenn ich in Bühl oder hier etwas +innerlich empfangen habe, das wertvoller ist, als all der Tand und +Schein, der uns umgibt, wenn ich reicher heimgekommen bin, als ich +fortging, — ein paar Wochen, Exzellenz, und ich hab's verloren! Es +ist, als färbte die Umgebung auf mich ab!« Ein Beben ging durch den +schlanken Körper. »Alles leidet darunter,« fügte sie leise hinzu, »mein +ganzes Sein, mein Innenleben, mein Gebet ...«</p> + +<p>Sie schwieg. Den Kopf an die Knie der Greisin gelehnt, weinte sie leise +vor sich hin.</p> + +<p>Frau von Kambach wußte, das war noch nicht alles. Aber sie konnte +warten.</p> + +<p>»Wegen der beiden Lieder,« sagte sie freundlich, »dürfen<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Sie sich +nicht grämen! Im Gegenteil, die möchte ich noch oft hören. Sehen Sie, +Kind, Ihre Mutter tut mir leid. Rasse, Erziehung, Veranlagung haben sie +zu dem gemacht, was sie ist. All der äußere Schimmer, der sie umgibt, +all die Unrast, die sie hierhin und dorthin treibt, ihr ganzes Wesen +ist für mich der Beweis dafür, daß sie mit heißer Sehnsucht etwas +sucht, aber — auf falsche Art, an verkehrten Stellen. Sie ersehnt, +ohne es zu wissen, dasselbe wie wir, begnügt sich aber mit kümmerlichen +Ersatzmitteln, weil der Weg zu der einen köstlichen Perle ihr zu steil +ist.«</p> + +<p>»Wenn Mama nicht fortwährend Unterhaltung hat, ist sie todunglücklich,« +sagte das junge Mädchen.</p> + +<p>»Sehen Sie! Das ist es. Irgendwo muß der Mensch seinen Durst stillen. +Da sie aber die lebendige Quelle nicht kennt, läßt sie sich von tausend +Stimmen locken. Unser Leben muß aber auf <em class="gesperrt">einen</em> Ton gestimmt +sein, gerad' wie das schöne Lied von Peter Cornelius, das Sie vorhin +sangen. Wenn dieser eine Ton hindurchgeht, dann gibt's keinen Mißklang +mehr, dann hat unser Leid seinen Stachel verloren und unsere Freude +ist verklärt. Nicht wahr, jetzt verstehen Sie auch, warum ich das Lied +vom ewigen Licht so liebe! Nicht nur, weil es Eberhards Lieblingslied +war und ihn in der Sterbestunde erquickt hat, sondern weil seine +Ewigkeitswahrheit auch mein Sterben erhellen wird!«</p> + +<p>Sie schwieg.</p> + +<p>Kein Laut ging durch den stillen Raum. Nur ein verirrtes Bienchen, von +der Frühlingssonne wachgeküßt, summte über den Blumen. —</p> + +<p>Die Greisin wartete noch immer. Sie wußte, auf der jungen Seele lastete +etwas, das sie nicht länger allein tragen konnte.</p> + +<p>Harro Kambach war zum Luftschifferbataillon abkommandiert<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> und kam, +seit er in Berlin war, fast jeden Tag in das Haus seiner Großmutter. +Die alte Dame wußte, wem diese Besuche galten. Sie zu hindern, lag +kein Anlaß vor. Aber manche Nacht lag sie wach und sann und sann, ob's +ein Glück sei, wenn die Wege der beiden Menschen sich einen würden. +Ihre Gedanken kamen nicht zum Abschluß. Was sie schon im Herbst +gefürchtet, als der Enkel sie gebeten, die Hände über seine Liebe zu +breiten, bestand noch heute. Dem Manne konnte diese Verbindung zum +Segen gereichen, kam's anders, so war nicht nur ein Frauenherz seines +Glückes beraubt, sondern auch das Allerheiligste der Ehe, die innerste +seelische Gemeinschaft zerstört. Und was dann? — —</p> + +<p>Noch eines kam hinzu. Sibylle war ihr nicht ganz klar. Sie hatte das +Gefühl, hier ringt eine Seele um die Antwort auf eine große heilige +Frage. Und diese Antwort blieb aus. Der greisen Frau ward's zur immer +stärkeren Gewißheit: entweder treibt die Glaubensfrage hier Mann und +Weib auseinander oder der Mann wird geheiligt durch das Weib. Aber +einer Sibylle Bühler gegenüber durfte der Einfluß der Frau nicht zu +stark betont werden und noch weniger die Möglichkeit seines Erfolges. +Ihr starker zielbewußter Geist würde Gefahr laufen, eigene Kraft und +eigenen Wert zu überschätzen. In dem Bewußtsein der Überlegenheit +würde ihr verloren gehen, was dem Weibe gehörte. Und das durfte nicht +sein! Der stille Wandel der Frau, der ungesucht und ungewollt einem +schwankenden Manne Führerdienste leistet, durfte nichts von seiner +Eigenart einbüßen. Damit wäre dem Manne nicht geholfen worden, die +Frau aber hätte sich selbst und ihre heiligste Mitgift verloren. +Und je länger die Lebenserfahrene die beiden Menschen beieinander +sah, um so mehr ward ihr Sibyllens Zurückhaltung erklärlich — ein +unausgesprochenes Etwas im Wesen des Mannes ließ sie zaudern. Das +machte<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> sie unsicher. Das legte ihr einen Bann aufs Herz. Darum saß sie +noch immer schweigend zu ihren Füßen, darum sprach sie nicht weiter. +Nur ihre Zurückhaltung verhinderte Harros Werbung, das wußte Sibylle so +gut wie Exzellenz von Kambach. Und eine las nach Frauenart in der Seele +der anderen — — —</p> + +<p>Aber der Greisin ward das Schweigen schwer. In ihrem langen Leben war +ihr viel Vertrauen geschenkt, die schwersten Lasten waren ihr auf Herz +und Gewissen gelegt worden, nicht nur von Kindern und Enkeln. Und dies +junge schöne Geschöpf, das sonst mit allem zu ihr kam, schwieg. Doch +sie hatte ein feines Verständnis für dies Schweigen. Sie besaß nicht +nur Lebensklugheit und Menschenkenntnis, sondern Herzenstakt.</p> + +<p>Geduldig wartete sie.</p> + +<p>Doch Sibylle Bühler brachte das Bekenntnis ihrer Liebe nicht über die +Lippen.</p> + +<p>›Sie hat eine Mutter und hat sie nicht!‹ zog es der alten Frau durch +die Seele, und sie ehrte den scheuen Stolz.</p> + +<p>Nachdenklich blickte sie hinaus. In ihrer Seele erwachte die +Vergangenheit, die eigene Jugend mit ihrem Glück. Sie hatte es leichter +gehabt als Sibylle Bühler. —</p> + +<p>Da klang wieder das heiße bitterliche Weinen zu ihr empor.</p> + +<p>Sie neigte sich über das junge Mädchen. »Nun, Billy, ist's denn so +schwer zu sagen?«</p> + +<p>»Ach, Exzellenz, ich — ich weiß ja nicht, ob ich's sagen darf!«</p> + +<p>Einen Augenblick war's still. Dann fragte Frau von Kambach mit weicher +Stimme: »Harro?«</p> + +<p>Sibylle nickte.</p> + +<p>»Ja,« sagte sie leise und schmiegte ihr heißes Gesicht an die schmalen +Frauenhände. Und dann kam eine Ruh' über sie, die sie nie gekannt. Sie +wußte, jetzt konnte sie alles sagen und<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> fragen. An dies Herz konnte +sie getrost ihre Sorgen legen, aus diesen lieben Händen wollte sie den +Segen empfangen für ihren Weg in Glück und Leid. Ja, auch im Leid! +Und zagend kam sie von ihren Lippen, die bange schwere Frage nach dem +Glauben des geliebten Mannes.</p> + +<p>Frau Sabine antwortete nicht sogleich. Vor ihrem Geiste stand das +ritterliche Bild ihres Enkels, und in ihrer Seele klangen seine Worte +wieder: ›Soviel an mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer +Sibylle Bühler würdig ist! Das schwör' ich dir!‹</p> + +<p>Sie wußte, dieser Schwur war ihm heilig. Ob das Leben mit seiner Lust +seine Sinne je und dann gefangen nahm, er war ihm heilig. Denn das, +was ihn bisher gehindert hatte, ein ganzer Mann und ein Christ zu +werden, war lediglich der Wille — der angekränkelte verweichlichte, +seiner Kraft beraubte Wille, der den alten kategorischen Imperativ ›Du +sollst!‹ verneinte — keine unedle Art, im Gegenteil, als ein rechter +Kambach besaß er ein Stück wahrhaftiger innerer Vornehmheit — was +hier fehlte, war der Wille. Aber diese Tatsache sagte viel, alles. +Sie war der Maßstab für den ganzen Menschen. Trotzdem stieg im Herzen +der Großmutter immer wieder die Hoffnung auf, daß die gute alte Art +auch hier ihr Recht geltend machen werde. Und diese Hoffnung sprach +sie aus. Ohne das gegenwärtige Bild zu verschleiern. Ohne der Jungen +zu verhehlen, daß ihres Enkels Weltanschauung eine höchst moderne +sei, daß man von Religion wohl kaum bei ihm reden könne. Daß seine +Wagnerverehrung ihn vielmehr zu Schopenhauer und Nietzsche treibe.</p> + +<p>Sibylle war sehr ernst bei ihren Worten geworden.</p> + +<p>»Und trotzdem hoffen Exzellenz?«</p> + +<p>»Ja, das tue ich. Er kann die gesunde Kambachsche Natur auf die Dauer +nicht ganz verleugnen, einmal muß sie zum<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> Durchbruch kommen. Außerdem +nimmt unser Herrgott einen jeden von uns früher oder später in seine +Schule!«</p> + +<p>Wieder war's still im Zimmer, nur die Biene flog summend von Kelch zu +Kelch.</p> + +<p>»Und ich?« fragte das junge Mädchen.</p> + +<p>Frau Sabine zögerte. Sie fühlte die Riesenverantwortung, die das Weib +dem Weibe auferlegte. Sie wußte, Sibylle würde sich an ihre Antwort +klammern, mochte sie ausfallen, wie sie wollte, — wußte, wie stark +ihr Einfluß gerade auf junge Menschen war, wußte, wie stark er hier +war, und hütete sich, ihn in einer Form geltend zu machen, die nur das +eigene Gewissen vorschreiben durfte.</p> + +<p>»Sünde ist's nicht, wenn eine Frau einen Mann heiratet, der nicht +mit ihr auf einem Glaubensgrunde steht,« erwiderte sie. »Ob's leicht +ist, ob's glücklich macht, ist eine andere Frage. Jedenfalls ist's +ein Wagnis, welches viel Mut und Gottvertrauen fordert. Keinenfalls +aber soll die Frau ihrer Liebe die Kraft beimessen, den Unglauben des +Mannes zu überwinden. Das hieße die Rechnung ohne den Wirt machen. +Denn das ist kein Glaube, der einem anderen zuliebe seine Überzeugung +zu wechseln wähnt, — das ist eingebildeter Glaube. Mann und Weib sind +keine Kinder, bei denen Autoritätsglaube den ersten Grund legt, sondern +reife Menschen. Wer aber plötzlich einem Weibe zuliebe seine ganz freie +Weltanschauung aufgibt und sich zu dem lebendigen Gott bekennt, darf +sich nicht wundern, wenn einem Zweifel an diesem Glauben aufsteigen. Er +ist zum mindesten eine überraschende Erscheinung. Ich für meine Person +habe in derartigen Fällen gewöhnlich die Erfahrung gemacht, daß solche +Männer überhaupt keine ordentlichen Männer waren!«</p> + +<p>Sibylle hatte mit gespanntester Aufmerksamkeit den Worten ihrer alten +Freundin gelauscht. Ein schelmisches Lächeln<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> huschte über ihre Züge. +»Es ist aber auch ein Kunststück, in den Augen Eurer Exzellenz ein +ordentlicher Mann zu sein!«</p> + +<p>Frau von Kambach lachte herzlich. »Ach wirklich, Billy? Desto besser! +Auf diesem Gebiet müssen hohe Anforderungen gestellt werden. Sind sie +denn aber soviel höher als die, welche ich an die Frau stelle?«</p> + +<p>»Ja,« klang die ehrliche Antwort.</p> + +<p>Die andere schüttelte den weißen Kopf. »Nein, Liebling, das ist ein +Irrtum. Vielleicht haben die letzten Wochen mit ihren Kirchen- und +Wahlkämpfen die Frage nach dem Manne in den Vordergrund gestellt und +Bilder entrollt, die einem die Schamröte ins Gesicht treiben, — aber +meine Stellung zur Frauenfrage kann wohl kaum ernster sein, als sie +ist. Ich will ganz von den Frauen absehen, — ob sie aus den höchsten +Kreisen stammen oder aus dem Volk, — deren wir uns schämen müssen, — +die scheiden, wo es den Kampf um die höchsten Güter gilt, aus, — aber +das wird sich keine von uns verhehlen, daß gerade <em class="gesperrt">die</em> Frauen, +mit denen wir rechnen müssen, vielfach nicht auf dem Posten sind. Die +gebildeten christlich sein wollenden Frauen von heute sind oft von +einer Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit, wie sie nicht schlimmer +sein können. Und gerade die Frauen unserer Kreise sind es, — es wird +einem himmelangst, wenn man sich sagen muß: das sind deutsche Gattinnen +und Mütter, das sind die, welche es werden wollen!«</p> + +<p>Sibylle senkte den Kopf. »Verzeihung, Exzellenz, ich seh's ein, wieviel +ich noch lernen muß!« Sie küßte die Hand der Greisin. »Ich bin ja so +dankbar, daß ich hier sein darf!« Und dann kam's wie ein Angstruf von +den jungen Lippen: »Wenn ich nur nicht auch so werde!«</p> + +<p>»Noch sind Sie es nicht, und die Anlage dazu haben Sie,<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> soweit ich +es beurteilen kann, auch nicht, aber seien Sie auf der Hut, wir leben +<em class="gesperrt">in</em> der Welt!«</p> + +<p>Sibylle nickte. »Ja, ich weiß, die Welt färbt ab! Wie oft hab' ich +das schon gemerkt!« Zögernd setzte sie hinzu: »Mama sagt mir das ja +nicht, die sieht nur darauf, daß ich gut angezogen bin und viel tanze. +Aber wenn Exzellenz es mir sagten, wenn ich mich ändern soll, — wenn +Exzellenz wüßten, wie dankbar ich wäre, ich kann's nicht sagen, wie +sehr!«</p> + +<p>Die alte Frau blickte still auf ihren Liebling. In ihren Augen glänzten +Tränen.</p> + +<p>»Wollen Exzellenz es tun?« fragte die Junge.</p> + +<p>»Ja,« klang die schlichte Antwort.</p> + +<p>Und Sibylle Bühler war sie genug. — — —</p> + +<p>Die Dämmerung wob ihre Schleier um das Frühlingsbild in der großen +Stadt, um ihre Gärten und Höfe.</p> + +<p>In das trauliche Hinterzimmer blickte die feine goldene Mondsichel.</p> + +<p>»Sünde ist's nicht?« klang's noch einmal hinter den Goldlackstauden, +aber diesmal kam's fragend von scheuen Mädchenlippen.</p> + +<p>»Der ungläubige Mann ist geheiligt durch das Weib, schreibt Paulus den +Korinthern,« erwiderte Frau Sabine. »Das bleibt bestehen, leugnet aber +die Schwere der Frage nicht ab. Die Antwort muß die Liebe geben.«</p> + +<p>Sie nahm den dunklen Mädchenkopf in beide Hände und sah tief in die +nachtschwarzen Augen.</p> + +<p>Sibylle Bühler war blaß geworden, aber ihre Stimme war fest und klar, +als sie Harro von Kambachs Großmutter die Antwort gab. Es war die +größte, die ein Frauenherz geben kann: »Ich liebe ihn!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Feierstille waltete. Auf dem jungen Haupt lagen segnend die alten Hände.</p> + +<p>Der Frühlingswind stahl sich durchs offene Fenster und huschte über die +Saiten der Stradivariusgeige. — —</p> + +<p>Und durch die Dämmerung zog klingend und singend, leise wie ein Hauch, +— ein Ton. — —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Elftes_Kapitel"><span class="s5">Elftes Kapitel.</span><br> + Um die Volksseele.</h2> + +</div> +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Sag' an, wo ist der streitbare Held,</div> + <div class="verse indent0">Der stolz im Kampf deine Farbe trägt?</div> + <div class="verse indent0">Der sein rotes Herzblut für dich verspritzt,</div> + <div class="verse indent0">Der dir sein Leben zu Füßen legt?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wem steht es geschrieben in Herz und Sinn,</div> + <div class="verse indent0">Daß Heimatliebe im Himmel wohnt,</div> + <div class="verse indent0">Daß sie im Glanze der Ewigkeit,</div> + <div class="verse indent0">Über den goldenen Sternen thront?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Deutschland, ich wollte, ich wäre ein Mann, —</div> + <div class="verse indent0">Bei Gott! Mein Schwert führt' ich ritterlich.</div> + <div class="verse indent0">Und kämpfte als ein streitbarer Held</div> + <div class="verse indent0">Um die Königskrone, — um dich — um dich!</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Schenkersch Vadder war in Berlin, oder richtiger gesagt in der +Dorotheenstraße. Denn Berlin war ihm ein Greuel. Diese Überfülle auf +Straßen und Plätzen, dieser Lärm Tag und Nacht, dies Treiben und Hasten +entsprach nicht seinem gediegenen Kammerdienercharakter. Und vor allem +diese Gesellschaft! Gewiß, man traf auch aristokratische Einfachheit, +Menschen, die sich ins Privatleben zurückgezogen, Gestalten aus der +Hofgesellschaft, Landadel, — aber das war eben nicht das eigentliche +Berlin, war nicht Berlin <span class="antiqua">W</span>! Was z. B. alles auf dem Potsdamer +Platz und in der Leipziger Straße herumlief, — man hätt' es nicht für +möglich gehalten! Nun, ja, man kam eben vom Dorf, da gab es, Gott sei +Dank, so etwas<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> noch nicht! Und in Kambach würd's auch niemals so weit +kommen! Frauen, wie er sie heute morgen bei der Ankunft auf dem Bahnhof +gesehen, hätten sich nicht auf der Dorfstraße blicken lassen dürfen, — +Kleider wie ein Futteral, — er hatte heute morgen fortwährend auf den +Augenblick gewartet, wo eine Naht platzen würde, — himmelhohe Absätze +mit ›Edelsteinen‹ besetzt, Patschuliduft, — Schenker hatte von der +Köchin der alten Exzellenz erfahren, das nenne man ›elegant-mondän‹. +Das hieß jedenfalls soviel wie ›überelegant‹. Malvine wußte es nicht +genau, man konnte sich ja schließlich auch sein Teil denken. Die Männer +sahen dementsprechend aus. Schenker hatte nur immer den weißen Kopf +geschüttelt, — »na, denn man zu, det kann ja noch nett werden!« Der +Alte war froh, als er glücklich in der Dorotheenstraße angelangt war. +Aber als Sibylle Bühler in ihrer vornehmen Schönheit vor ihm stand +und ihn freundlich begrüßte, konnt' er's nicht lassen, Vergleiche zu +ziehen. Warum gab es so etwas nur noch vereinzelt, eigentlich nur noch +auf alten märkischen Schlössern? Und während er Herrn von Kambachs +Koffer auspackte, dachte er über die Frauenfrage nach. Es war doch +eine heikle Sache! Gut, daß diese Weiber in Berlin wohnten und nicht +in Kambach, — na, der olle Schenker war schließlich auch noch da, und +schlimmstenfalls gab's Reitpeitschen!</p> + +<p>Und das großstädtische Straßenbild blieb in der Seele des Greises +haften. —</p> + +<p>Vor zwanzig Jahren wäre das alles nicht möglich gewesen! Und doch +war's nur ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde. Ihn schauderte. +Immer gewisser ward's ihm: sein schönes heißgeliebtes Vaterland war +das reine Babel geworden. Vor einiger Zeit hatte er in Drachenburg +in einer christlichen Versammlung gehört, Paris sei nichts gegen die +Friedrichstraße.<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> Damals hatte er sich über die übertriebene Äußerung +geärgert, — heut glaubte er sie. Herrgott, wo sollte das hinführen? +Ging es so weiter, so verfaulte Deutschland bei lebendigem Leibe! Ein +Glück und Segen, daß man endlich anfing, die Scheuklappen abzulegen, +daß sich Männer und Frauen fanden, die auf die Pestbeule ihres Volkes +hinwiesen und erklärten: ›Da hapert's!‹ Hoffentlich war's noch nicht zu +spät!</p> + +<p>»Ach was! Daß du das schändliche Sorgen nicht lassen kannst, +Schenkersch Vadder! — Aber das viele Geld, das zur Gründung des Bundes +nötig is, und was sonst drum und dran bummelt! — Schenker, wat du da +seist, is einfach Quatsch!! Du kennst genug Geschichten, wo Gott der +Herr sich einfach seine Leute rangekriegt hat, und wenn das nötige Geld +nich da war, hat er's ihnen geschenkt und dann wieder aus der Tasche +geholt für seine Sache! Also — bitte!«</p> + +<p>Und die treue Seele, die sich in den langen stillen Stunden im +Kambacher Gutshause angewöhnt, in allen Tonarten Selbstgespräche zu +führen, vergaß, daß die Wände in der Dorotheenstraße dünner waren, und +hielt ihrem alten Adam eine Moralpredigt nach allen Regeln der Kunst.</p> + +<p>Aber nebenan saß ein dankbarer Zuhörer und freute sich, daß es noch +solch kernige Art im deutschen Vaterlande gab, deren engere Heimat +seine alte Mark war.</p> + +<p>Leise erhob er sich und öffnete die Tür zum angrenzenden Zimmer. Dort +saß Exzellenz von Kambach rechnend am Schreibtisch.</p> + +<p>»Bitte, Mamachen, komm einen Augenblick herein und hör' dir Schenkers +Selbstgespräch an! Es ist zu köstlich!«</p> + +<p>Sie sah überrascht auf. Zum erstenmal, seit sein Kind zu Grabe getragen +war, hörte sie den alten fröhlichen Ton.</p> + +<p>»Von dem können wir lernen! 's ist doch was Prachtvolles um die +märkische Art. Aber bitte, komm, sonst entgeht<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> uns das Beste!« Der +Oberstallmeister bot seiner Mutter den Arm. »Daß er uns nur nicht hört, +der Kerl hat noch immer Ohren wie 'n Luchs!«</p> + +<p>Und dann standen sie vor der angelehnten Tür hinter dem Vorhang. —</p> + +<p>»Wenn Malwine das ›elegant-mondän‹ nennt, so is sie eben so'n Schaf, +wie alle anderen,« sagte drinnen die alte Stimme in bestimmtem Ton. +»Elegant? Was elegant is, weiß der olle Schenker ganz genau — Gräfin +Bühler is elegant — das heißt die junge — Gott bewahr' einen vor der +aufgedonnerten Mama, — is ja gar keine Bühler, is 'ne Firlemontsche!« +Er lachte kurz in sich hinein. »Aber Gräfin Sibylle! Die sollten sie +man ordentlich ran kriegen zur Bundesarbeit. Schade, daß sie noch +so jung is! — — Ja — und nu — mondän! Eigentlich müßt' ick doch +wissen, was das heißt, schon damit ick drüber reden kann!«</p> + +<p>Stille folgte. Ein paar Schritte.</p> + +<p>»Hier war doch sonst 'n Fremdwörterbuch, oder so was in der +Fremdenstube!«</p> + +<p>Die Tür des Bücherschrankes ging. Ab und an ein Geräusch, als zöge eine +unkundige Hand ein Buch aus dem Fach.</p> + +<p>Dann wieder die alte Stimme: »<span class="antiqua">Mondain, m.</span> (sp. mongdäng) ein +weltlich gesinnter Mensch! — Na, das hab' ick doch von Anfang an +geseit! Das gehört also mit zu den ganzen Kram. Die Geburtenverhütung, +die Unsittlichkeit, die Frechheit gegen die Obrigkeit, die Verachtung +von Gottes Wort, das alles is verwandt mit die Gesellschaft, mit die +verrückte Kleidermode, mit die Edelsteine an den Stelzenabsätzen! +Is ja Glas, nix weiter, aber es soll was vorstellen! Wenn so'n +Frauenzimmer mal Kobolz aus der Straßenbahn schießt, — daß du dich +nich unterstehst, und die etwa aufsammelst, Schenker! Wenigstens wasch +dir nachher die Hände, sonst<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> denkt deine alte Exzellenz, du brauchst +Patschuli, und wärst hier in Berlin <span class="antiqua">mong-</span>, <span class="antiqua">mong-</span>, +<span class="antiqua">mongdain</span> geworden, elegant-<span class="antiqua">mongdain</span>!«</p> + +<p>Ein helles Gelächter ließ den Alten aufschrecken. Auf der Schwelle +standen Mutter und Sohn.</p> + +<p>»Nein, mein guter Schenker, das wird Ihre alte Exzellenz niemals von +Ihnen denken! Wir kennen uns!«</p> + +<p>Schenker war einen Augenblick regelrecht verlegen. Das kam selten vor. +Aber wenn's vorkam, hatte es seinen guten Grund. Zu dumm, diese dünnen +Wände in der Großstadt! Na, nu war's geschehen! — Vielleicht war's +seinem inwendigen Menschen nötig, daß er sich mal gründlich lächerlich +machte. Es war dasselbe, als wenn Mamsell in Kambach von dem dösigen +Hausmädchen sagte: ›Ab und an 'n tüchtiges Donnerwetter — dann geht's +wieder 'ne Weile!‹ Vielleicht dachte der liebe Gott ähnlich über ihn. +Und aus dieser Empfindung heraus und mit der leisen Anwandlung eines +schlechten Gewissens wegen seiner unbarmherzigen Gesinnung gegenüber +der Berliner Halbweltsdame kämpfend, sagte er:</p> + +<p>»Exzellenz, ick bin doch auch man bloß 'n sündiger Mensch! Wenn ick +dauernd mit die Gesellschaft verkehrte, dann weiß ick wahrhaftig nich, +was dabei herauskäme!«</p> + +<p>Ein leichter Schritt klang im Nebenzimmer: Fräulein Eichel.</p> + +<p>»Frau von Schink läßt fragen, ob es dabei bliebe, daß die Sitzung um +vier Uhr wäre, Exzellenz?«</p> + +<p>»Punkt vier Uhr. Können wir schon Tee bekommen, liebe Eichel? Es wird +sonst zu spät!«</p> + +<p>»Es ist alles fertig, Exzellenz!«</p> + +<p>»Danke.« Sie nickte dem alten Diener freundlich zu. ›Um dich bin ich +nicht bange,‹ sagten die hellen Augen.</p> + +<p>Und dann klappte der Krückstock auf den Dielen. — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>In dem hell erleuchteten behaglichen Salon Exzellenz von Kambachs +hatte sich ein Kreis von etwa dreißig Personen zusammengefunden. +Eine Gesellschaft aus allen Volksschichten. Hoher Adel, weißhaarige +Generäle, einige Geistliche, Herren aus dem Kaufmannsstande, eine +Anzahl Damen, ein paar schlichte bürgerliche Gestalten, mehrere Leute +aus dem Volk. Ein scheinbar wahllos zusammengewürfelter Kreis. Nur +der Eingeweihte wußte, daß die Einzelgestalt ihre besondere Bedeutung +hatte, daß hier Persönlichkeiten und Werte abgeschätzt worden waren, +daß keiner gekommen, und ob es der Bescheidenste, Geringste war, bei +dessen Erscheinen man nicht des Wortes gedenken durfte: ›Es sind +mancherlei Ämter.‹</p> + +<p>Ein eigenartiges interessantes Bild bot das schlichte Frauengemach +dem, der gelernt, den Blick auf das Überweltliche zu richten, der +die großen Tagesfragen in den hohen Schein der Ewigkeit rückte, +der im Menschenantlitz zu lesen verstand, der nicht irgendeinen +vaterlandslosen Gesellen in seinem Weggenossen erblickte, sondern +die heilige Frage auf brennender Lippe trug: ›Von wannen bist du?‹ +Eine unausgesprochene Zusammengehörigkeit schien diesen Kreis zur +festen Gemeinschaft zu verbinden, ein zäher Kitt das junge noch +ungefestigte Werk zusammenzuhalten. Und an der Wiege des neugeborenen +Kindes die ehrwürdigen Paten, zwei Menschen aus ganz verschiedenen +Gesellschaftskreisen, ganz verschiedenen äußeren Verhältnissen, +Gestalten aus einer Zeit, an der das Geschlecht von heute in großen +Scharen achselzuckend vorüberging — eine fünfundsiebzigjährige +märkische Landedelfrau und ein einfacher Häuslerssohn aus dem +Spreewald, der im Dienst seines Herrn in Ehren weiß geworden war.</p> + +<p>Schenker hatte sich zwar mit Händen und Füßen, und nicht zum wenigsten +mit seinem schlagfertigen Mundwerk dagegen gewehrt, als man ihm einen +regelrechten Ehrenplatz<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> einräumen wollte; aber Frau von Kambach hatte +kurz und bündig erklärt: »Keine Redensarten, Schenker! Es muß alles +seine Ordnung haben. Sie sind der erste gewesen, der die Frage angeregt +hat!«</p> + +<p>Und er hatte alles über sich ergehen lassen. Denn in einem früheren +ähnlichen Falle hatte ihm seine alte Exzellenz, als er ihr zuviel +geredet, einfach erwidert: ›Schenker, das ist Quatsch!‹ Und das wollte +er nicht gern zum zweitenmal hören. Einmal hatte er es sich ja schon +selber gesagt, das war aber etwas anderes. Schließlich hatte er doch +auch weiße Haare und war ein alter Kammerdiener. —</p> + +<p>Allgemeine Überraschung und Freude herrschte, als sich in dem +Augenblick, wo Herr von Kambach die Sitzung eröffnen wollte, noch +einmal die Tür auftat, und der ehrwürdige Graf Bühler, auf dessen +Erscheinen man wegen eines kaum überstandenen Ischiasanfalles nicht +gerechnet hatte, auf den Arm seiner Enkelin gestützt hereintrat. Graf +und Gräfin Brelow, die mit dem alten Herren zusammen gereist waren, +folgten. Lächelnd winkte der Erblandmarschall den Anwesenden zu.</p> + +<p>»Guten Tag, alle miteinander! Sitzen bleiben! Leute, die zu spät +kommen, gehören in den Winkel!« Eine Mahnung, die allerdings wenig +Anklang zu finden schien, denn alles wollte dem greisen Standesherrn +die Hand drücken.</p> + +<p>Dann endlich Stühlerücken, Stille, Erwartung der Dinge, die da kommen +sollten.</p> + +<p>Einer der anwesenden Geistlichen sprach ein kurzes Gebet, worauf der +Oberstallmeister die Erschienenen begrüßte:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»›Hüte, starkes Volk der Ehre</div> + <div class="verse indent0">Manneswort und Weibesreinheit,</div> + <div class="verse indent0">Kindeslust und Greiseslehre,</div> + <div class="verse indent0">Kraft und Huld in steter Einheit!</div><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> + <div class="verse indent0">Stolz und fest und treu bewache</div> + <div class="verse indent0">Vaterland und Muttersprache!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Mit diesen Worten Peter Roseggers heiße ich Sie, meine verehrten +Anwesenden, in dieser Stunde im Namen meiner Mutter willkommen! Was +uns hier zusammenführt, ist jedem von uns bekannt! Trotzdem ist der +Wunsch laut geworden, daß, bevor wir die Grundforderungen des Werkes, +das wir im Namen Gottes beginnen, festlegen, noch einmal klipp und und +klar ausgesprochen werde, was wir eigentlich wollen. Manch einer wird +denken: ›Wieder 'n neuer Verein, der sich berufen fühlt, Deutschland +aus dem Morast zu ziehen, und nachher verläuft die Sache im Sande, +oder es bleibt bei begeisterten Aufrufen und großartigen Tagungen, bei +Beschlüssen, die niemals Wirklichkeit werden!‹ — Lassen wir die Leute +denken, was sie wollen! Erstens fahren wir niemand in die Parade, und +zweitens sind wir kein neuer Verein, sondern ein Bund. Aus dem Morast +ziehen wollen wir Deutschland allerdings mit Gottes Hilfe und der Hilfe +anderer Leute. Denn wir wollen nicht trennen, sondern sammeln. Alles, +was vorhanden ist, was seit Wichern und Stöcker auf dem Gebiet der +Inneren Mission geleistet ist, wollen wir zusammenschließen zu einem +großen starken Ganzen. Der ›Bund bibelgläubiger Christen‹ soll ein +<em class="gesperrt">Volksbund</em> sein. Denn wir haben bisher wohl Offizierskompagnien, +aber keine Soldatenregimenter. Ohne sie aber können wir nicht in den +Kampf ziehen. Ungezählte Einzelgefechte haben stattgefunden, mit Mut +und Ausdauer ist hier und dort gestritten worden. Aber unsere Zeit +fordert große schwere Entscheidungskämpfe, welche keine Zersplitterung +ertragen. Darum heißt es sammeln, was an Kräften vorhanden ist, darum +heißt es in geschlossenen Reihen zum Angriff vorgehen. Wie vor hundert +Jahren in dem<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> heißen Ringen um äußere Freiheit, muß es auch heute im +Kampf um Deutschlands heiligste ewige Güter heißen: das Volk steht auf. +Ja, <em class="gesperrt">das Volk</em> soll aufstehen, <em class="gesperrt">das Volk</em> soll sich erheben +wie ein Mann, <em class="gesperrt">das Volk</em> soll dem Volke zeigen, daß es noch Mark +in den Knochen hat, daß es noch wahrhaftiges Deutschtum, wahrhaftiges +Christentum gibt, — <em class="gesperrt">das Volk</em> soll dem Volke helfen. Mit +einem Wort — wir brauchen eine christliche <em class="gesperrt">Volksmission</em>! +Deutschland rühmt sich seiner blühenden Kultur, aber daß diese Kultur +keine Sittlichkeit mehr kennt, daß unser Volk bei lebendigem Leibe +verfault, scheint Nebensache zu sein! Es ist eine Schande, wie weit wir +heruntergekommen sind! — —</p> + +<p>Aus diesem Sumpf aber kann uns nur eines retten: der Neuaufbau des +christlichen Familienlebens. Denn das Haus ist die Geburtsstätte +kommenden nationalen Glücks oder Unglücks; es bildet die Grundlage +zukünftiger Völkergeschichte. Sind die Familien aber entchristlicht, so +setzt sofort der sittliche Bankrott und damit der völkische Verfall ein.</p> + +<p>Das Wort Roseggers, das ich Ihnen zurief, betont zwar nicht die +Notwendigkeit christlicher Waffenrüstung, aber es schließt sie +als heilige Selbstverständlichkeit ein. Denn echtes Deutschtum, +Vaterlandsliebe, Mannesehre, Frauenreinheit, Schutz der Sitte und des +Herdfeuers sind nur da vorhanden, wo das Christentum die Wurzel des +Volkslebens ist. Wird es ausgeschaltet, geht die Sittlichkeit verloren, +und das Volk versumpft. Bei uns in Deutschland ist diese Zersetzung +im vollen Gange. Ich wiederhole: seit der Feind am Werke ist, die +Grundlagen unseres Volkslebens zu untergraben, seit er mit allen ihm zu +Gebote stehenden Mitteln das Christentum angreift, ist diese Zersetzung +im vollen Gange. Daß unsere Gegner aber in der Wahl ihrer Mittel nicht +ängstlich sind, ist nichts Neues. ›Die Verlästerung des Namens Gottes +ist nötig,<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> um der Religion den Garaus zu machen!‹ erklärt Liebknecht. +Das ist deutlich geredet. Wir wissen wenigstens, mit wem wir es zu tun +haben!</p> + +<p>Aber unsere Gegner sollen es auch wissen. Darum zugefaßt und aus +dem Schlamm geholt, was sich noch herausholen läßt! Nur keine +Glacéhandschuhe angezogen, — sonst kommen wir nicht weit! Denn es +geht ums Ganze. Wir brauchen Ellenbogenfreiheit! Ohne Püffe geht's +nicht ab. Der Kampf, in den wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen +Linie, eine Gegenmobilmachung wider die Mächte des Unglaubens und des +Halbglaubens, des modernen Heidentums in all seinen Erscheinungen. +Leicht wird's nicht sein! Aber wenn der Feind erklärt: ›Der Begriff +›Gott‹ muß zerstört werden, denn er ist der Grundstein einer verderbten +Zivilisation,‹<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> — so haben wir ihm als Christen eine Antwort zu +geben, die er sich nicht hinter den Spiegel steckt. Also hinein ins +Gefecht! Nur keine Müdigkeit vorgeschützt, nur nicht an die eigene +Bequemlichkeit gedacht! Wir können nur ganze Menschen brauchen, ganze +Christen! Kein rechter Kämpfer, der abseits steht: ›was geht's mich +an?‹ Es gilt unseren höchsten <em class="gesperrt">Gemeinbesitz</em> schirmen, unsere +<em class="gesperrt">gemeinsamen</em> völkischen sozialen und religiösen Kleinodien +retten. Darum die zwingende Notwendigkeit der geschlossenen, +festgefügten Macht des bibelgläubigen, deutschen Protestantismus. +Das christliche Zusammengehörigkeitsbewußtsein ist eingeschlafen, +— unsere Sache ist es, unser Volk aus diesem verhängnisvollen +Dornröschenschlummer zu erwecken! Das ist — kurz zusammengefaßt — +unsere Aufgabe!</p> + +<p>Über Form und Art unserer Kampfesweise, über die Einzelarbeit, vom +Gesichtspunkt des großen Ganzen betrachtet, eine vorläufige Einigung zu +erzielen, schlage ich Ihnen eine Besprechung vor.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span></p> + +<p>Ehe wir beginnen, erlaube ich mir, Ihnen als vorläufige Arbeitsziele +des Bundes folgende Aufstellung der Hauptpunkte vorzulegen.« Herr von +Kambach nahm ein vor ihm liegendes Blatt vom Tisch und las:</p> + +<p>»1. Es gilt die Zusammenfassung aller, im deutschen Volk noch +vorhandenen biblisch-sittlichen Lebenskräfte zur Stärkung christlicher +Weltanschauung und zum inneren Ausbau gesunden Volkslebens.</p> + +<p>2. Es gilt eine umfassende Aufklärungsarbeit über die Pflichten der +gläubigen evangelischen Gruppe im christlichen nationalen und sozialen +Sinne dem deutschen Volke gegenüber.</p> + +<p>3. Es gilt den Kampf gegen jede widerchristliche Weltanschauung, +wie sie auch heiße, durch Volksversammlungen, Vorträge, Schriften, +Flugblätter.</p> + +<p>4. Es gilt die grundsätzliche Ablehnung und Bekämpfung ja wenn möglich +Ausrottung der widerchristlichen antimonarchischen Presse, der +Schundliteratur, des Schmutzes in Wort und Bild.</p> + +<p>5. Es gilt die Förderung und Verbreitung der auf christlich-positiver +Grundlage stehenden Tageszeitungen und die Gründung einer +deutsch-evangelischen Volkspresse.«</p> + +<p>Er ließ das Blatt sinken. Die blauen Augen schauten blitzend über den +kleinen Kreis.</p> + +<p>Da erhob sich Graf Bühler. Es schien, als sei er in den letzten Wochen +älter, gebrechlicher geworden. Der Winter ist der Feind der Greise, und +der Tod im Nachbarhause hatte seinen Schatten auf den Weg treuer Liebe +geworfen. Aber die Adleraugen hatten nichts von ihrem Feuer verloren, +und die Sprache war scharf und klingend wie vordem.</p> + +<p>»Ich glaube im Namen aller Anwesenden zu handeln, wenn ich Ihnen +warm für Ihre Ausführungen danke, mein lieber Kambach,« sagte er +herzlich. »Sie haben uns die große<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> Frage in ihren Hauptzügen knapp und +zielbewußt dargelegt, haben in schöner klarer Weise ausgesprochen, was +wir wollen. Gestützt auf Ihre Ausführungen, auf die Grundforderungen +des Arbeitsziels wird es uns möglich sein, das Riesenwerk immer +vollkommener zu gestalten und die rechte Form für seinen Ausbau zu +finden. Nebenbei gesagt können wir uns in bezug auf letztere den +Katholizismus — mag uns das römische System an sich auch abstoßen — +in unseren späteren Verhandlungen zum Vorbild nehmen.</p> + +<p>Ich brauche wohl kaum zu betonen, wie wohltuend es mich berührt, +daß der Bund sich unter das Banner der Weltmission stellt. Denn +Familienmission und Volksmission sind Weltmission. Nicht nur draußen +in den Heidenlanden werden Entscheidungsschlachten geschlagen. Auch +unser Vaterland hat eine große heilige Volksmission dringend nötig. +Was die Innere Mission in großzügiger Weise begonnen und fortgeführt, +bedarf, wie vorhin schon gesagt wurde, des engeren Zusammenschlusses, +nicht nur mit gleichartigen Vereinigungen, sondern mit dem Volksganzen, +soweit es noch auf dem Boden des biblischen Evangeliums steht. Es geht +ums Ganze. Darum gilt es Arbeit im großen Stil, — Einzelseelsorge +allein wird da nicht fertig. Darum dürfen wir, — so wertvoll gerade +uns die Treue im Kleinen, Alltäglichen ist, — nie vergessen, daß wir +Weltmission treiben, daß Deutschland ein Stück Weltgeschichte umfaßt, +daß der Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ unser Vaterland nicht +ausschließt.«</p> + +<p>Einen Augenblick schwieg der Sprecher. Die alten Augen hatten den +weitschauenden Blick wandernder Ewigkeitsmenschen, die dem Ziele nahe +sind. Und dann klangen seine Worte wie eine Prophezeiung durch den +stillen Raum:</p> + +<p>»Eine Sage vom Oststrande steht mir vor der Seele. Jahrhunderte alt, +grüßt sie wie eine Verheißung diese Stunde.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p> + +<p>In grauer Zeit entsandte das Kloster Amelungsborn den Mönch Berno +als Bischof von Schwerin und Apostel der Wenden in die heidnischen +Obotritenlande. Aber an der Ostküste stand Satans Stuhl, und +harte Arbeit wartete des Westfalen. Ein heißes Ringen begann, ein +gewaltiges Roden, ein Kampf, Mann gegen Mann. Doch das Kreuz siegte. +Junge Siedelungen winkten, aus dem Grün der Wälder ragten die +Einödskirchlein. Hand in Hand mit der Urbarmachung des wilden Landes +ging die stille Arbeit der Glaubensboten.</p> + +<p>Jahre waren ins Land gezogen. Die Macht des Heidentums war gebrochen.</p> + +<p>Am Sankt Johannistag im Jahre des Heils 1186 grüßte der junge +Landesherr Heinrich Borwin seine geistlichen Untertanen im Kloster zu +Doberan, und Bischof Berno vollzog die Abtweihe.</p> + +<p>Sommerschönheit lag über dem Lande, das Korn rauschte, und die Rosen +blühten. Aber über der Küste gewitterte es.</p> + +<p>Die Nacht stieg herauf.</p> + +<p>In der Stunde, da der junge Konvent sich zum ersten Gottesdienst unterm +eigenen Dache rüstete, empörte Luzifer die See und die Fürsten der +Tiefe rüttelten an den Pforten der Abtei.</p> + +<p>Das Ostmeer schlug den schwarzgrünen Mantel um die leuchtenden +Schultern und betrat, von der Hölle geführt, siegesgewiß das Land. +Aber im Kloster lag der Konvent auf den Knien. Eine Macht, die Berge +versetzte und dem Meere gebot, die den Willen des Allmächtigen +wandelte, kämpfte wider den Fürsten des Abgrunds — das Gebet. Näher +und näher rauschte die Flut.</p> + +<p>»Vor den Stürmen der Nacht, vor dem Toben der Hölle wollest du deine +heilige Kirche bewahren und schirmen!« betete Bischof Berno an den +Stufen des Altars.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span></p> + +<p>»Von den Mächten der Finsternis, von den bösen Geistern aus der Tiefe +wollest du uns erretten! Daß dein Kreuz den Sieg behalte in unseren +Landen, wollest du eine Mauer bauen, lieber Herr und Gott, einen +heiligen Damm wider alle deine Feinde!«</p> + +<p>Näher und näher kam die Flut. Der Sturm zersplitterte die Kirchpforte.</p> + +<p>›Einen heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹</p> + +<p>Die dritte Nachtwache ging vorüber. Im Glanz der Morgenröte stand der +Abt vor dem Kirchenfürsten:</p> + +<p>»Komm herüber und schaue die Wunder des Höchsten!«</p> + +<p>Und dann standen Mönche und Schiffervolk vor dem Riesenwerk.</p> + +<p>Ein gewaltiger Damm schied Meer und Land, eine Mauer aus tausend und +abertausend glattgespülten Kieselsteinen, ein Deich, wie ihn das +Ostmeer nie geschaut, von unsichtbaren Händen gebaut — ein Wunder!</p> + +<p>Die alte Stimme bebte vor innerer Bewegung.</p> + +<p>»Wissen Sie, was das Meer bedeutet?« rief er. »Es ist die zersetzende +Macht des Unglaubens, die, von der Hölle aufgepeitscht, unser Volk +bedroht. Die Obotritenlande sind Deutschland. — Und der heilige Damm? +Und die Kieselsteine? Das ist die Hauptsache, daß uns das klar ist! Der +heilige Damm stellt die Gemeinde Jesu Christi dar, die glattgespülten +Kieselsteine ihre durch sein Blut erlösten und gereinigten Glieder. +Jeder einzelne Stein eine Menschenseele, ein Glied in der Kette, die +den Unglauben eindämmen soll! — Wie mir ums Herz war, als kürzlich +meine Enkeltochter mit dieser Sage zu mir kam, und nach beendeter +Lektüre zu mir sagte: ›Großvater, das ist der Bund bibelgläubiger +Christen!‹ — ich kann's Ihnen nicht sagen! Aber eines wünsche ich uns +allen in dieser<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> Stunde: daß wir ein heiliger Damm wider die Mächte des +Unglaubens werden zur Ehre unseres Herrn und zum Heil unseres Volkes.«</p> + +<p>Er setzte sich.</p> + +<p>Besorgt ruhte Sibyllens Auge auf ihm. Seine Wangen waren gerötet, und +die Hand, die sich auf den Krückstock stützte, zitterte.</p> + +<p>Ein Rechtsanwalt erhob sich.</p> + +<p>»Anknüpfend an das Wort des Herrn Oberstallmeisters, ›der Kampf, in den +wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen Linie, eine Gegenmobilmachung +wider die Mächte des Unglaubens und des modernen Heidentums in all +ihren Erscheinungen‹, — möchte ich, um jedes Mißverständnis über die +Stellung des Bundes von vornherein auszuschalten, vorschlagen, diese +Frage noch besonders zu erläutern. Denn hier gilt es nicht nur den +Kampf mit unseren bewußten Gegnern, sondern — Gott sei's geklagt — +zum großen Teil mit Männern aus dem eigenen Lager. Nichts ist der +Kirche der Reformation gefährlicher, als diese Friedenspartei. Denn +sie unterstützt den jesuzentrischen Liberalismus, eine Richtung, die +wie keine andere versteht, das Schafskleid zu tragen. Wenn unser +Arbeitsziel wohl auch keinen Zweifel darüber aufkommen lassen wird, daß +wir zum äußersten Flügel der positiven Rechten gezählt sein wollen, so +erscheint es mir trotzdem geboten, unsere Stellungnahme nach dieser +Richtung hin besonders klarzustellen. Vielleicht hat einer der Herren +Geistlichen die Güte, meine kurzen Worte zu ergänzen.«</p> + +<p>Pastor Lehmann, ein starker Fünfziger, mit ausgeprägten Zügen und +hellem Blick, ergriff das Wort.</p> + +<p>»Gestern abend war ich bei einem Freunde, auf dessen +Bundesgenossenschaft ich bestimmt gerechnet hatte. Ich hatte mich +getäuscht. Nach einer fast zweistündigen Unterredung<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> erklärte er: +›Nehmt euch nur in acht, daß ihr nicht zu sehr Farbe bekennt!‹ und +lehnte es glatt ab, der Frage näherzutreten. Und das war ein positiver +Geistlicher. Der Zug der Zeit geht auf Vermittlungspolitik, aus den +landeskirchlichen Nöten herausgeboren. Dem heißen Wunsche, den äußeren +Bestand der geschichtlich gewordenen Kirche zu retten, entspringt +das immer dringender werdende Begehr: ›Schließt euch zusammen, ihr +Positiven und Liberalen gegen den gemeinsamen Feind! Der Antichrist +steht vor den Toren!‹ — Aber wir können nicht gegen die Wahrheit! +Zugeständnisse auf dem Gebiet der Liebe dürfen wir machen, auf dem +Gebiet des Bekenntnisses nicht. Wir halten es mit dem Lutherwort: +›Unsere Liebe ist bereit, für euch zu sterben; wer uns aber an den +Glauben greift, der greift uns an den Augapfel.‹ Es ist schlimm genug, +daß der antichristliche Geist moderner Weltanschauung eine mit sich +selber zerfallene Kirche findet, daß er sich mit vollem Recht auf eine +wesensverwandte Gruppe innerhalb der Kirchenmauern berufen kann. Die +Antwort der Kirche auf den Angriff des Gegners ist daher eine halbe +eingeschränkte, ein Zugeständnis, eine, ob auch unausgesprochene +Versöhnung. Aber diese Versöhnung ist Truggold. In Wahrheit bedeutet +sie eine Gebietsabtretung. — Wir würden ja mit Freuden dem brennenden +Wunsche des Zusammenschlusses nachkommen, wenn wir es mit unserem +Gewissen vereinigen könnten. Es liegt uns darum auch gänzlich fern, +über sie zu Gerichte zu sitzen, die von ihrem Standpunkt aus ihr Werk +treiben, aber an einem Strang mit einem Subjektivismus ziehen, der, +nur nach eigenem Maße messend, an den geoffenbarten Heilstatsachen +vorübergeht und die Gestalt Jesu Christi ihrer ewigen Gottheit +entkleidet, — das können wir nicht. Denn es geht um die höchsten +Güter, um eine Entchristlichung nicht nur der Kirche, sondern des +Christentums.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p> + +<p>Wenn darum auch noch Männer aus unserer Mitte dieser +Vermittlungspolitik zustimmen zu sollen glauben, so bleibt uns nichts +anderes übrig, als uns, ob auch blutenden Herzens, von ihnen zu +trennen. Es ist keine Frage, daß wir recht allein dastehen, ja, daß +uns unsere eigenen Freunde nicht nur verlassen, sondern angreifen +werden, und die offizielle kirchenregimentliche Gnadensonne uns +niemals scheinen wird. Wir werden es ertragen um deswillen, der für +uns das Kreuz trug. In seiner Kraft stehen wir fest und unentwegt auf +dem Grunde unseres Heils, auf dem Boden des wirklichen Christentums. +Des Christentums der Bibel, das die Sünde bei Namen nennt und von +Gnade lebt! Das die Überwelt kennt, dessen Heiland und Erlöser nicht +nur eine gottbegnadete Idealgestalt, sondern der ewige eingeborene +Sohn des Vaters ist, Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht +von Ewigkeit! Das sein Leben in sich trägt, und seine Wahrheit +in alle Lande ruft! Das menschliche Umprägung göttlicher Werte +nicht verträgt und für Falschmünzerei erklärt! Das darum auch eine +<em class="gesperrt">wirkliche evangelische</em> Kirche fordert! Nicht als staatliche +Kultusgemeinschaft, sondern als eine Kultusgemeinschaft, in welcher +die Anbetung des Herrn lebendig ist, — nicht als bloße religiöse +Gesinnungsgemeinschaft, sondern als biblische Bekenntnisgemeinschaft. +Diese Forderung muß die selbstverständliche Voraussetzung für unsere +Arbeit bilden!«</p> + +<p>Tiefes Schweigen herrschte.</p> + +<p>Jeder ging seinen Gedanken nach.</p> + +<p>Da erhob sich ein schlichter Bürstenbinder. »Es ist eine hohe Ehre +für uns, daß Christus unsere schwache Kraft in seinen Dienst stellt. +Wollen wir aber unserer Arbeit froh und unseres Sieges gewiß bleiben, +so gilt zuerst und zuletzt die Arbeit am eigenen Herzen, im eigenen +Leben. Wir vergessen angesichts großer Aufgaben so leicht das<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> Kleine, +Unscheinbare, und doch ist es maßgebend für unsere Ewigkeit.«</p> + +<p>»Ganz recht,« klang's vom anderen Ende des Tisches herüber, »det sei +ick doch immer!« Schenker war so mit Leib und Seele bei der Sache, daß +er aus Versehen Platt sprach. Für gewöhnlich tat er das nicht im Salon +der alten Exzellenz. Aber heute war's etwas anderes. Ganz gleichgültig +war's, ob er Platt sprach oder Hochdeutsch. Streng genommen hätte hier +ja überhaupt Platt gesprochen werden müssen; denn man war ja bei der +Gründung eines Volksbundes. Darum war's auch ganz selbstverständlich, +daß Schenker seinen Mund auftat, zumal nach allem, was er in Berlin +gesehen. Die Herrschaften hier hatten sich schon daran gewöhnt, um so +besser war's, wenn einer vom Lande kam und ihnen über die heillosen +Zustände die Augen öffnete, um nicht einen ganz anderen Ausdruck zu +gebrauchen. Aber der alte Schenker war ein feiner Kammerdiener, der +in allem maßvoll blieb, — trotz alledem — besser gepaßt hätte ein +anderes Wort —, aber abgesehen von den Kammerdienermanieren war man +hier unter Damen.</p> + +<p>Hätte ihm einer vor drei Wochen gesagt, er werde in Berlin eine Rede +halten, er hätte erwidert: ›Jau sin woll in'n Kopp all 'n bißken +schwach?‹, und nun war's mit einemmal höchste Selbstverständlichkeit.</p> + +<p>»Exzellenz gestatten,« begann er, sich nach rechts verbeugend, und +dann verbesserte er sich: »Exzellenz haben's ja selbst befohlen!« Er +wandte sich an die Anwesenden: »Ick würd' ja nich die Unverschämtheit +haben, wenn Exzellenz nich heute mittag gesagt hätten: ›Schenker, ich +erwarte aber, daß Sie reden!‹ Ick tu' also man bloß meine verdammte +Pflicht und Schuldigkeit! — Lange will ick die Herrschaften auch nich +aufhalten. Nur einen Wunsch hätt' ick. Und den muß ick aussprechen:<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> +nämlich, daß die Herren Vorstände gleich von vornherein in der +Sittlichkeitsfrage scharf vorgehen. Denn det is 'n Morast, wo'n +anständiger Mensch sich gar keine Vorstellung von machen kann. Herr +Oberstallmeister hat ganz recht, wenn er sagt, für solche Arbeit +taugten keine Glacéhandschuhe. Aber 'ne andere Frage is die, ob man +nich lieber welche dazu anzöge.« Er blickte auf sein Gegenüber. »Ich +tu's ja nich, gnädiger Herr, ick pack' zu, ick hab' die schmierigen +Kerls mit ihren Geburtenverhütungsmitteln eigenhändig verhauen — aber +det muß ick doch sagen — Schenkersch Vadder hat Reinlichkeitsgefühl, +hinterher hab' ich mir gründlich gewaschen! — Und um nu gleich auf die +Großstadt zu kommen — denn da kommt doch die ganze Geschichte her — +das Weibervolk, was hier herumläuft, ick meine die Frauenzimmer mit den +Florstrümpfen und edelsteinbesetzten Absätzen, die sollte der Bund man +lieber gleich samt und sonders der Polizei übergeben, das Pack verführt +ja nur die anständigen Frauen. Und was die Bundesarbeit anbelangt, so +muß die christliche Frau feste rangekriegt werden; denn eher wird's +nich anders! Von der Frau hängt's ab, wie das Hauswesen is, wie die +Kinder erzogen sind, und ob der Mann ins Wirtshaus rennt oder nich. Das +war vorhin sehr schön gesagt von die Familienmission, gnädiger Herr, +ick bedanke mich ganz untertänigst für die Aufklärung, so halb und halb +hatte ick mich das ja so vorgestellt, aber unsereins versteht nich, +sich so fein auszudrücken. Und darum hab' ick noch eine ganz besondere +Bitte.«</p> + +<p>Er wandte sich an Frau von Kambach.</p> + +<p>»Wir alle wissen, daß wir in dieser Sache ohne die Frau nich +fertig werden. Es muß daher ganz genau gesagt werden, was wir +von ihr erwarten. Und da mein' ick, keine könnte uns das besser +auseinandersetzen, als Eure Exzellenz!« Und Schenkersch Vadder machte +seine feinste Kammerdienerverbeugung<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> und sagte mit einladender +Handbewegung in seiner ehrerbietigen, aber bestimmten Art: »Darf ick +bitten, Exzellenz?«</p> + +<p>Alles verkniff sich das Lachen.</p> + +<p>Drüben an der anderen Seite des Tisches scharrte der Krückstock.</p> + +<p>»Schenker! Schenker!« drohte die alte Dame, aber sie erhob sich und +wandte sich, die Hände auf den Tisch stützend, ihren Gästen zu.</p> + +<p>»Ich bin gebeten worden, in der Frauenfrage das Wort zu ergreifen, +und komme, entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit, in Versammlungen +nicht zu reden, diesem Wunsche nach. Denn diese Versammlung ist nicht +öffentlich,« — ein vielsagender Blick streifte Fräulein Eichel — +»auch stehe ich auf dem eigentlichen Arbeitsgebiet der Frau. Wir +wurden vorhin ermahnt, der Treue im Kleinen nicht zu vergessen, der +Arbeit am eigenen Herzen. Diese Mahnung gilt uns allen. Aber die +Frau hat sie in besonderer Weise zu befolgen, weil sie die Hüterin +des Familienlebens ist. Ich freue mich, hier nicht zu Frauen zu +sprechen, die durch Reichsgottesarbeit glänzen wollen, sondern zu +solchen, denen das Marienwort ›Siehe, ich bin des Herrn Magd!‹ der +schönste Stein in ihrer Krone bleibt, deren Dienst Dank ist. Denen +darum jeder Gedanke an die heutzutage allgemein gewordene, beliebte +Grenzüberschreitung ferneliegt, die das Beste, was die Frau besitzt, +ihre Würde und Reinheit, wie eine Königskrone hüten und bewahren. Ich +will in dieser kurzen Stunde nicht die schweren Schäden aufdecken, +welche die weibliche Grenzüberschreitung bereits geschaffen, — das +sind Dinge, deren Bekämpfung Sache eines besonderen Ausschusses sein +werden, die ernsteste Ortsgruppenarbeit fordern, nur das eine will ich +hervorheben, daß unser Volk sich an der Vermännlichung und Verbildung +der Frau verbluten muß. Denn die Frau ist und bleibt die Pflegerin des +Familienlebens<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> und der Sitte, die Seele des deutschen Hauses. Begibt +sie sich, dieses königlichen Vorrechts vergessend, auf das Ackerland +des Mannes, so verwildert nicht nur ihr eigener Garten, sondern die +großen Nationalgüter werden durch ihr Pflichtversäumnis geschädigt. +Dann wird Eheirrung das geflügelte Wort, Ehescheidung steht auf der +Tagesordnung. Die Weigerung der Mutterschaft führt zum Verbrechen am +keimenden Leben. Unzucht verdrängt die Sittlichkeit. Und, Gott sei's +geklagt, dahin kommt's nicht erst, so weit sind wir. Hier in die +Bresche zu treten, ist Sache der bibelgläubigen deutschen Frau. Der +Kampf an der breiten Öffentlichkeit ist Mannespflicht, die fein und +still ergänzende Mitarbeiterschaft an dem großen Werk, das wir treiben, +ist unsere Sache. Während die Männer das Kreuz in Deutschlands Gaue +tragen, sollen wir die heilige Schwelle der Heimat hüten, sollen die +Ewigkeitswerte schirmen, die unser irdisch Haus umschließt. Als Jesu +Jüngerinnen sollen wir seine Liebe in die ärmste Hütte tragen, die +eine köstliche Perle sollen wir unseren irrenden Schwestern bringen, +eine starke unzerreißbare Kette sollen wir schließen und uns den +unglücklichen Töchtern unserer Zeit entgegenstellen mit einem heiligen: +›Bis hierher und nicht weiter!‹ <em class="gesperrt">Die Arbeit der Frau ist die vorhin +schon erwähnte Familienmission.</em> Wie wir sie treiben sollen? Durch +Wort und Tat und Wandel, durch unentwegte Treue zu dem Gekreuzigten, +durch das Vorbild der durch Gottes Geist geheiligten Persönlichkeit. +Es kann darum nicht stark genug unterstrichen werden, daß die Arbeit +am eigenen Herzen in erster Linie stehen muß, daß wir uns täglich mit +unserem Tun und Lassen unter Gottes Wort stellen. Das muß gerade im +Blick auf dies Werk unsere vornehmste Sorge sein, daß wir in Tat und +Wahrheit Christen sind. <em class="gesperrt">Es ist viel wichtiger, daß unter hundert +auch nur zehn Hausfrauen<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> ihren Kindern treue betende Mütter, ihren +Dienstboten gerechte liebevolle und fürsorgende Herrinnen sind, als daß +eine große öffentliche Tagung glänzend verläuft.</em> Wir können darum +die persönliche Herzensstellung zu Gott und unserem Heilande nicht +stark genug betonen. ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel +in rechter Richtung‹, sagt Drummond. Ich möchte hinzufügen: daß wir +immer mehr diese rechte Richtung gewinnen, ist unsere Lebensaufgabe. +Es gibt auch eine heilige Einseitigkeit, nämlich die, welche den Blick +unentwegt auf das Kreuz richtet!</p> + +<p>Das schöne Dichterwort: ›Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so +frage nur bei edlen Frauen an‹, hat heute etwas von seinem guten Klang +verloren. Unsere Sache ist es, die Saiten wieder auf den alten hellen +Ton zu stimmen. Darum lassen Sie uns Sorge tragen, daß das Zeugnis des +Altmeisters in unserem Leben, unserem Christentum Wahrheit werde, darum +lassen Sie uns aber auch nie vergessen, daß nur <em class="gesperrt">die</em> Frau im +vornehmsten höchsten Sinne weiß, was sich ziemt, die sich die Antwort +auf alle Fragen des Lebens unter dem Kreuz sucht.«</p> + +<p>Sie schwieg.</p> + +<p>Ehrerbietig stand der alte Schenker auf. »Ich danke untertänigst, +Exzellenz!«</p> + +<p>Da erhob sich am anderen Ende des Tisches ein Großindustrieller, Herr +Wehrmann.</p> + +<p>»Anknüpfend an das Drummondsche Wort, das Ew. Exzellenz eben +gebrauchten: ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel in rechter +Richtung‹, möchte ich daran erinnern, wie schwer es heutzutage, wo das +Gold die Welt beherrscht, dem Kaufmann gemacht wird, sich die rechte +Haltung der Seele zu bewahren und auf das Leben zu übertragen.<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Denn +ein Christentum, das bloße Weltanschauung ist, und sich nicht durch +die Tat bewährt, ist kein wahres Christentum. Nur wer sich nicht vom +Geiste der Selbstsucht leiten läßt, wer Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit +auch im Handel und Wandel durchsetzt, wer jene Fremdkörper, die unser +Volk vergiften, erkennt und rücksichtslos bei Namen nennt, verdient +den Namen eines ›Großindustriellen‹, eines wahrhaft ›königlichen +Kaufmannes‹. Ich kann Ihnen aber sagen, meine verehrten Anwesenden, +es kostet einen Kampf, im Erwerbsleben mit solchen Grundsätzen Ernst +zu machen, zumal für den jungen ungefestigten Menschen, dem das Neue +verlockend entgegentritt. Möchte es dem Bunde gelingen, auch in den +vielversuchten Kreisen der Welthandelspolitik dem Christentum immer +mehr Eingang zu verschaffen, daß der Glaube die Haltung der Seele +werde, daß er Handel und Wandel die rechte Richtung verleihe. Nur +die Krämerseele ist dem Golde dienstbar, der ›königliche Kaufmann‹ +beherrscht die Schätze der Erde; denn für ihn gilt das Wort: ›Dein, +Herr, sind Silber und Gold!‹ Wer aber diesem Herrn dient, der regiert!«</p> + +<p>»Bravo! Das sollte unser Vorsitzender werden!« klang es gedämpft +herüber und hinüber, während Herr Wehrmann sich setzte.</p> + +<p>Oberleutnant von Roselius hatte sich erhoben.</p> + +<p>»Darf ich mit ganz gehorsamsten Dank den Worten unserer hochverehrten +Exzellenz von Kambach, die wohl uns allen aus der Seele gesprochen +waren, die Bitte hinzufügen, daß die Arbeit der Frau die Theaterfrage +umschließt? Ich meine nicht die Frage als solche, sondern die Frage +weiblicher Fürsorge, den Theaterangestellten gegenüber. Sie ist sehr +schwer zu lösen, ich möchte heute darum nur bitten, sich derselben +später zu erinnern.«</p> + +<p>Ein biederer Bäckermeister empfahl, den Kinos zu Leibe zu<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> gehen. »An +diesem Gift geht Deutschland zugrunde,« schloß er seine kurze kernige +Ausführung.</p> + +<p>»Gewiß,« bestätigte ein Arbeiter, der in Exzellenz von Kambachs +Garten Schnee geschaufelt, »die Kinos sind 'n Verderb, aber die +Schundliteratur is noch schlimmer. An das, was ich tagtäglich sehe und +höre, gewöhn' ich mir, und schließlich tut' ich ins selbe Horn. Das +is nich nur bei uns kleinen Leuten so, das is dieselbe Geschichte bei +Herrschaften. Hier nimmt mich ja keiner meine unverblümte Aussprache +übel, darum red' ich frei von der Leber weg!«</p> + +<p>»Sehr richtig,« klang's dazwischen, und der Alte schloß ermuntert: »Das +Jux, was unsere Kinder da vorgesetzt kriegen, sollte man lieber gleich +in'n Müllkasten schütten!«</p> + +<p>»Glauben Sie, daß die moderne Jugend sich ihr Futter nehmen läßt,« rief +ein Charlottenburger Kirchenältester, »die buddelt ihr Konfekt wieder +aus! Mit allen Hunden gehetzt ist die Gesellschaft! Aber das Ganze ist +daran schuld; wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen!«</p> + +<p>»Die Sittlichkeitsfrage ist überhaupt so weit verzweigt, daß sie später +zur Aufgabe eines besonderen Ausschusses gemacht werden sollte,« sagte +Graf Brelow. »Zu den Gefahren, welche die Herren Vorredner anführten, +gesellt sich noch manches andere. Abgesehen von der Unzucht an sich, +möchte ich heute nur auf einige Punkte aufmerksam machen. Es sind die +Schankwirtschaften, die Büchereien und die Sonntagsentheiligung.«</p> + +<p>»Je mehr Einzelschäden wir zusammentragen, um so trüber gestaltet +sich das Gesamtbild,« meinte Exzellenz von Kambachs Hausarzt, der +weißhaarige Geheimrat Groner. »Aber wir wollen keine Vogelstraußpolitik +treiben, wir fordern die Wahrheit. Nur wer seinen Gegner kennt, kann +ihn recht bekämpfen. Und wir haben ihn erkannt: Wir wissen, daß der +riesenhafte<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> Kampf, den Deutschland heute kämpft, der Kampf zwischen +Glauben und Unglauben ist, zwischen dem lebendigen Gott und dem toten +Götzen Mammon, — mögen die Einzelschäden auftauchen, wo und wann sie +wollen, mögen sie heißen, wie sie wollen, ihre Fäden laufen zusammen +in der Abkehr von Gott, in der Feindschaft wider das Kreuz. Darum der +Sittenverfall im deutschen Land. Denn das Volk, das den Glauben an +einen persönlichen lebendigen Gott verwirft, muß von der Höhe seiner +Kultur in die Tiefe stürzen, ob es der Antike angehört oder sich als +Weltanschauung des modernen Heidentums monistisch zurechtstutzt. Daß +der Bund das offen bei Namen nennt, daß er das geringste Zugeständnis +nach links, daß er die sogenannte ›Gleichberechtigung der Richtungen‹ +glatt ablehnt, wird ihm viele zu Gegnern machen, die einer gemäßigteren +Losung vielleicht gerne zugestimmt hätten. Aber lassen wir uns nicht +irremachen. Gerade in dieser Stellung liegt unsere Kraft. Denn +nicht nur unsere Ewigkeit gründet sich einzig und allein auf die +geoffenbarten Heilstatsachen, auf den Glauben an Jesum Christum, den +gekreuzigten und auferstandenen ewigen Sohn des lebendigen Gottes, +auch unseres Volkes Erdenglück und Zukunft stehen und fallen mit +seiner Stellungnahme zum Kreuz. Darum, — wollen wir in Wahrheit +Deutschlands Helfer sein, so muß es heißen: ›Landgraf, werde hart!‹ +Hart gegenüber jeder Falschmünzerei, wie sie auch heiße, hart gegenüber +dem Feinde, der unserem Volke die Grundlagen seines Christenglaubens +untergraben will. Und nicht nur heilige Abwehr gilt's, sondern, wie +uns vorhin so treffend gesagt wurde: Gegenmobilmachung, Angriff. Das +biblische Evangelium in das nationale und sittliche Volksleben, in das +kirchliche, in das Familien- und Einzelleben, hineinzutragen oder das +verlöschende neu zu entfachen, das ist die Aufgabe der Bekenner und +Bekennerinnen Jesu Christi.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p> + +<p>Möchte jeder von uns an seinem Teil, von der Liebe regiert, vom Geiste +Gottes geleitet, dazu beitragen, diese gewaltige Aufgabe zu lösen!«</p> + +<p>Oberstallmeister von Kambach ergriff das Wort.</p> + +<p>»Mit herzlichem Dank für die mancherlei wertvolle Anregung möchte +ich noch auf eins hinweisen, das ich vorhin außer acht gelassen +habe, das aber auf unserm Programm nicht vergessen werden darf: der +Bund lehnt jede Parteipolitik grundsätzlich ab. Nicht, daß er sich +seines Einflusses auf die Politik als solche begeben will. Es ist ein +Irrtum, Religion und Politik zu scheiden. Politische Verhältnisse sind +nicht, — wie viele glauben — allein entscheidend für nationales +Glück oder Unglück. Sie sind Werkzeuge Gottes, die in seinen Händen +Zuchtruten oder Gnadenerweise werden, — ganz gewiß! Aber der tiefste +Grund völkischer Reaktion liegt lediglich in der Stellungnahme zu dem +persönlichen Gott. Darum können und dürfen wir Christentum und Politik +nicht trennen. Nur Parteipolitik gehört nicht hierher.</p> + +<p>Ich schließe mit einem Wort Spurgeons: ›Der Teufel hat nie ein größeres +Kunststück ausgeführt, als da er den gläubigen Christen weismachte, die +Religion gehöre nicht in die Politik. Ich wüßte kein Gebiet, wo sie +mehr hineingehörte!‹ — Darum vorwärts in der Kraft des Kreuzes, im +Namen Gottes!«</p> + +<p>»Bravo!!« klang's einstimmig von allen Seiten. »Sehr richtig!«</p> + +<p>Der alte Bühler blickte auf die Uhr, nickte dem Oberstallmeister zu und +sagte: »Da wir die wirtschaftliche Frage morgen in einer Sondersitzung +behandeln wollen, darf ich vielleicht mit Rücksicht auf unsere gütige +Wirtin den Schluß der Sitzung beantragen. Nur noch eine Frage. Haben +wir eigentlich einen Direktor in Aussicht?«</p> + +<p>»Bis jetzt noch nicht, Erlaucht. Meine Mutter und ich haben<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> uns die +größte Mühe gegeben, aber die Persönlichkeit für diesen Posten ist +nicht so leicht zu finden. Ich wäre sehr dankbar für jeden Hinweis. Da +wir nicht eher an die Öffentlichkeit treten können, wäre eine baldige +Erledigung der Frage dringend erwünscht.«</p> + +<p>»Nur keine Übereilung, Karl Heinrich,« sagte Frau Sabine. »Wir brauchen +eine Persönlichkeit aus einem Guß.«</p> + +<p>»Sei unbesorgt, Mama. Einen, der für liberale Rutschpartien zu haben +ist, nehmen wir nicht.«</p> + +<p>Sie lächelte. Das wußte sie wohl. Dafür stand ein Kambach an der +Spitze. Aber es gab viel zu bedenken bei dieser Wahl. Sie war ihr +längst ein heiliges Gebetsanliegen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Sitzung war geschlossen. Es war still geworden im Hause. Die +müde Greisin bedurfte der Ruhe. Sibylle ging in ein Konzert. Der +Oberstallmeister wollte noch einen alten Freund aufsuchen.</p> + +<p>»Hab' ich dir eigentlich schon erzählt, Mama, daß Pastor Wendler sehr +krank an einer Art gastrischem Fieber ist?« fragte er abschiednehmend. +»Die Aufregungen der letzten Zeit sollen daran schuld sein, vor allem +die Geschichte mit der Lehrerfrau. Daß er die Rede an Eberhards Sarg +nicht halten konnte, war ja klar, aber leicht war's nicht für mich, +als ich ein paar Tage danach von seiner Erkrankung erfuhr. Er hat sich +gleich nach Drachenburg ins Krankenhaus begeben. Zweimal war ich da, +wurde aber nicht vorgelassen. In den letzten Tagen habe ich nichts +gehört. Übermorgen will ich in Drachenburg einen Zug überschlagen und +noch einmal versuchen, ihn zu sehen.«</p> + +<p>Sie hatte ihm aufmerksam zugehört.</p> + +<p>»Ja, tu' das!« bat sie. Ihre ganze Seele lag in den Worten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p> + +<p>Er küßte ihre Hand.</p> + +<p>»Versprich dir nicht zuviel davon, Mama!«</p> + +<p>»Geh' nur, Karl Heinrich!« —</p> + +<p>Und dann rüstete sie sich zur Nacht.</p> + +<p>Beim Schein der Lampe saß sie, das weiße Haupt über die Bibel geneigt.</p> + +<p>›Es war aber ein Jünger zu Damaskus, mit Namen Ananias. Zu dem sprach +der Herr im Gesicht: ›Ananias!‹ Und er sprach: ›Hier bin ich, Herr!‹ +Der Herr sprach zu ihm: ›Stehe auf und gehe hin in die Gasse, die da +heißt die Richtige, und frage in dem Hause des Judas nach einem, namens +Saul, von Tarsus; denn siehe, er betet.‹</p> + +<p>Von den Türmen riefen die Uhren. Die Greisin schloß das heilige Buch +und trat ans Fenster. Sterngefunkel grüßte die Erde.</p> + +<p>Sie blickte empor.</p> + +<p>›Denn siehe, er betet!‹ —</p> + +<p>Ihre Seele breitete die Flügel und zog durch die schlafenden Lande, +höher, immer höher hinan. Wege, die nur der Glaube kennt, die nur der +Glaube geht.</p> + +<p>Ein hoher Schein stand über dem Werk des vergangenen Tages, bis in +die Ewigkeit ihres Volkes hinein reichte die Arbeit, um die sich eine +kleine Schar deutscher Männer und Frauen zum erstenmal gesammelt.</p> + +<p>Und Glaube war's, der in leuchtender Märznacht die Spule ergriff und +den Webstuhl umschritt, der mit feinen goldenen Fäden das Geschick +eines Starken mit seines Volkes Geschichte verknüpfte.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel"><span class="s5">Zwölftes Kapitel.</span><br> + Der alte Krückstock.</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es klingt ein Ton in den Garten hinaus:</div> + <div class="verse indent0">Großmutters Krückstock wandert durchs Haus.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Großmutters Krückstock, verbraucht und alt —</div> + <div class="verse indent0">Es naht die liebe gebeugte Gestalt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die alte Zeit tritt leise herein,</div> + <div class="verse indent0">Erinnerung webt ihren Schleier fein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein welkes Myrtenkränzlein erblüht,</div> + <div class="verse indent0">Gelbveiglein duftet, der Thymian glüht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Spindel schnurrt, das Märchen wird wach</div> + <div class="verse indent0">Und huscht verstohlen durchs stille Gemach.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Zieht aber feiernd der Mond herauf,</div> + <div class="verse indent0">Schlagen greise Hände die Bibel auf.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Dann spricht die Ahne das Nachtgebet —</div> + <div class="verse indent0">Es scharrt der Krückstock — ›Kind, — es ist spät!‹</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Frühlingszauber in der märkischen Heide! Singen und Klingen über +Sumpf und Sand, über dem stillen schwermütigen Lande mit seinen +verträumten Seen und sonnigen Hügeln! Lerchen jubelten in den Lüften, +Schwalbenschwänze und Feuerfalter gaukelten über bunten Ackerkräutern. +Und ein Surren und Summen ringsum in Gras und Farn, über junger Saat +und blühenden Sträuchern. Der ganze Zauber des märkischen Tieflandes, +dessen sanft gewellte Heidstrecken und leuchtende Fernblicke die arme +nordische Ebene so wunderlieblich schmückten, war vom Winterschlafe +erwacht und grüßte die Heimat.<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> Und das junge Leben und Weben in Wald +und Wiese war schön, wie ein Stück Sonntagsfreude!</p> + +<p>Hell und freundlich grüßte das Gutshaus, vom goldenen Schleier +knospender Linden umweht, herüber. Breit und behaglich lag's im Kranz +strohgedeckter Scheunen. Die Fenster blinkten in der Sonne, als +brennte das Haus, ein warmer Schein spielte um das alte Schieferdach. +Goldlack und allerhand altmodische Blumen dufteten hinter den weißen +Mullgardinen, eine Gartenbank aus dem vorigen Jahrhundert erzählte ein +Stück Familiengeschichte, und hochgemut grüßte der Hausspruch über dem +Eingang:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Gott, wer zu dir sich stellet,</div> + <div class="verse indent0">Hat sicher sich gestellt,</div> + <div class="verse indent0">Wer sich zu dir gesellet,</div> + <div class="verse indent0">Der hat sich gut gesellt!‹<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a></div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Das war der Witwensitz der Frauen von Kambach. Wie ein stiller Zeuge +ihrer starken stillen bodenständigen Art, ragte der schlichte Bau ins +märkische Land hinaus.</p> + +<p>Hinter dem Hause, wo der Garten sich in Wiesen verlor, war alles +veilchenblau, und süßer Duft wehte über den Wegen. Weit hinaus schaute +das Auge. Wie ein feiner duftiger Aquarell lag die überschwemmte +Ebene im Sonnenglanz. Der Birken lichtgrüne Schleier wehten über +dem Moor, und das weiße Sumpfgras blühte. Weiterhin eine zerzauste +Kiefernkrone über sprossendem Schilf und blühendem Dorn, dahinter die +Ferne, duftig wie ein Hauch. Keine feste Linie mehr, — ein Traum +von rosa Heidhügeln, von blauen Seen und lauschigen Wasserstraßen, +von efeuumsponnenen Domen, verwitterten Edelsitzen und verlassenen +Kirchhöfen, — Fontanes tiefsinnige Poesie war erwacht und grüßte die +Heimat! — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p> + +<p>Zwei Frauen saßen auf der Bank in der Sonne. Eine alte und eine junge. +Die Greisin blickte sinnend in die Weite, die andere schaute vor +sich nieder, als quäle sie des Lebens Alltäglichkeit. Ein unsäglich +schwermütiger Zug lag in dem schönen Antlitz der jungen Frau, die in +wenig Monden zum erstenmal Mutter werden sollte, ein abgrundtiefes +Leid. Und die Alte im weißen Haar fühlte: es war eine von den Lasten, +denen morgens der erste Gedanke gilt, die abends die letzte Träne +befeuchtet, die sich in der Stille der Mitternacht auf die Seele legen +wie ein Alp.</p> + +<p>Das härteste aber war: dem jungen Weibe fehlte die Tragkraft. Es gibt +Frauen, die wie ein klarer rascher Bach ihre Stärke an des Lebens +Last erproben, die, je länger, je mehr, die Kunst des Tragens lernen, +deren Spannkraft unter ihrer Bürde wächst — Ilse Bühler gehörte +nicht zu ihnen. Sie welkte unter ihrer Last dahin. Mühselig schleppte +sie sich von einem Tag zum anderen. Nur die Hoffnung hielt sie noch +aufrecht: ›Es ist ein Übergang! Wenn er sein Kind in den Armen hält, +wenn ich ihm wieder bin, was ich ihm einst in den ersten Tagen der +Ehe war: die jugendschöne, sonnige Frau, — dann, dann wird's sein +wie einst!‹ — Und sie vergaß über ihrer brennenden Weibessehnsucht, +wie tief sie sich selbst und den Mann, den sie liebte, mit diesem +Gedanken erniedrigte, wie sie, auf die innerste, seelische Gemeinschaft +verzichtend, das Allerheiligste der Ehe entweihte und veräußerlichte, +vergaß vor allem, daß diese Hoffnung ein Trugbild war, die angesichts +der Wirklichkeit in nichts zerrinnen mußte, — vergaß, daß Wolf +Dietrich weniger Augenblicksmensch, als kalter berechnender Selbstling +war. Einem bösen schlimmen Wort aber, das er in schwerer Stunde zu ihr +gesprochen, glaubten Frauenliebe und Weibessehnsucht seinen schärfsten +Stachel nehmen zu dürfen, — es war nicht so gemeint, er sprach's in +der Erregung!<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> Aber es war so gemeint. Klar und deutlich hatte er's +ausgesprochen: ›Ich will keine Kinder, höchstens dies eine; wozu +habe ich eine schöne Frau? Dazu stehe ich nicht in einem eleganten +Regiment!‹ — Wohl gab es Stunden, wo die wahre Erkenntnis in der Seele +der jungen Gräfin erwachte und sie zu erdrücken drohte. Aber bisher +war's ihr wieder und wieder gelungen, die Schatten, die ihr Glück +verdunkeln wollten, zu verscheuchen. Nur in letzter Zeit und besonders +in dem stillen Dreilinden, wo sie während Fräulein Eichel's kurzem +Urlaub der Großmutter Gesellschaft leistete, legten sich die Gedanken +wie ein Bann auf ihr Herz.</p> + +<p>›Es sind Nerven,‹ sagte sie sich und schob sie beiseite.</p> + +<p>Aber sie kamen wieder und wurden ihr zur Qual. — —</p> + +<p>Ilse Bühler war nicht im landläufigen Sinne oberflächlich. Sie hätte +mit dem Manne, den sie liebte, hellen Auges trocknes Brot gegessen, und +gehörte nicht zu den jungen Frauen, die nur nach Tand und Vergnügen +fragen. Dafür hatten schon Elternhaus und Erziehung gesorgt. Aber +ihrem Wesen fehlte die Tiefe und darum die Kraft. Was ihr Vater +vorausgesehen, traf — viel früher als er's erwartet — ein: sie ging +an dem Wesen ihres Mannes zugrunde. Nicht stark genug, um dem Sturm +zu trotzen, ward ihr die gemeinsame Not zu schwer. Es kam hinzu, daß +ihr das tiefste religiöse Bedürfnis fehlte. So blieb ihr Leben arm und +leer, und die Zeit, die ihrer Seele zur Festigung hätte dienen können, +verstrich ungenützt. Sie verstand das Kreuz nicht, darum vermochte sie +nicht, es im Glauben zu umfassen.</p> + +<p>»Wenn er sich nur ein einziges Mal auf das Kind gefreut hätte,« sagte +sie mit erstickter Stimme und wandte das Gesicht zur Seite.</p> + +<p>Exzellenz von Kambach schwieg. Was sollte sie sagen? Ihre Sorgen +waren viel ernsterer Art als die ihrer Enkelin, welche<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> glaubte, +die Entfremdung ihres Gatten allein in den augenblicklichen äußeren +Verhältnissen suchen zu sollen. Die Großmutter blickte tiefer. +Abgesehen davon, daß Roselius in den letzten Wochen öfter bei ihr +gewesen und eingehend mit ihr über den Kameraden, in dessen Hause +er seit seiner Verheiratung viel verkehrte, gesprochen, hatte sie +selber längst mit dem feinen Gefühl der reifen Frau bemerkt, daß +diese Ehe nie eine glückliche werden würde. Bühlers leichtlebiger +und leidenschaftlicher Charakter forderte sprühende Sinne. Die +zarte Hingabe seiner Frau mußte seinem Wesen auf die Dauer nicht +nur widersprechen, sondern die Gatten einander entfremden. Ilses +Vater hatte das alles vorausgesehen und sie gewarnt. Aber in ihrer +blinden Liebe zu dem schönen ritterlichen Manne hatte sie seine Worte +in den Wind geschlagen. Nun war das Unglück da. Was ihn in einem +kurzen Brautstand entzückt, was seinem eitlen Charakter vorübergehend +geschmeichelt, langweilte Bühler auf die Dauer. Er wußte selbst nicht +warum. Daß die Reinheit der Frau, die er an sich gebunden, seine Seele +immer wieder an empfindlicher Stelle traf, gestand er sich nicht ein. +Und doch war dies der tiefste letzte Grund, daß er sich immer mehr von +ihr zurückzog. Er hatte die Braut in seiner Art geliebt, d. h. seine +Leidenschaft hatte sich an ihrer Schönheit berauscht. Die Ehe, Ilses +schonungsbedürftiger Zustand, die Enttäuschung, mit seiner jungen +Gattin nicht bei Hofe glänzen zu können, der Gedanke, ›übers Jahr ist's +vielleicht nicht anders!‹ — das alles reizte und verstimmte ihn. Und +nicht gewohnt, sich in Zucht zu nehmen, ließ er seine Launen an ihr aus +und ging seine eigenen Wege. Wohin die aber führten, ward der greisen +Exzellenz je länger, je mehr zur Gewißheit.</p> + +<p>»Manchmal überkommt mich eine wahre Angst vor der Zukunft, Großmama,« +klang's leise und gepreßt an ihrer Seite.<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> »Ich glaube, Wolf Dietrich +wäre entsetzt, wenn wir mehr als ein Kind bekämen ...«</p> + +<p>»Mit dieser Möglichkeit wird er sich doch aber abfinden müssen.«</p> + +<p>Einen Augenblick war's still. In die blassen Wangen der jungen Frau +stieg flammende Röte. Sie wandte sich ab. »Ich glaube nicht, daß er das +tut,« sagte sie mit zerdrückter Stimme.</p> + +<p>»Ilse!« Die alte Dame legte die Hand schwer auf den Arm der jungen. +»Und — und du?«</p> + +<p>»Ich — ich muß gehorchen!« klang tonlos die Antwort.</p> + +<p>Wieder war's still.</p> + +<p>Mit gefurchter Stirn blickte die Greisin in den Frühlingstag hinaus.</p> + +<p>Ein abgrundtiefes Frauenleid lag vor ihr ausgebreitet, das Martyrium +des Weibes, dessen tiefstes Empfinden noch wurzelecht, dessen Sehnsucht +noch rein und natürlich ist. Und gerade sie, deren Seele ungefestigt +war, deren Charakter erst reifen sollte in der Schule des Lebens, die +in dieser Stunde nichts besaß, als die Sehnsucht, ihr Kindlein ans +Herz zu drücken, gerade sie mußte die Verachtung der Mutterschaft aufs +tiefste kränken.</p> + +<p>Und dann klangen Worte neben ihr, die sie trotz allem, was sie in den +letzten Wochen erlebt, nicht für möglich gehalten, — leise und scheu, +unter dem Druck tiefsten Leides: »Eigentlich — wollte er's schon +diesmal nicht!«</p> + +<p>Es ging über die Kraft der Sprecherin. Sie barg das Gesicht in den +Händen und schluchzte wie ein Kind.</p> + +<p>Sprachlos saß Frau von Kambach da. In ihrer Seele lohte der Zorn. War's +menschenmöglich, daß das von einem Bühler gesagt wurde? Von einem +märkischen Edelmann? Einem Christen? Ach, das war ja die Ursache aller +Not — er war kein Christ! Ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> +war dies Leid, das ihr besonders schwer auf die Seele fallen mußte.</p> + +<p>Die Ursache des großen völkischen Niederganges umschloß das schwere +Einzelurteil: kein Christ! Und es wollte etwas in dem alten treuen +Herzen zerspringen bei dem Gedanken: ›Von oben nach unten! An dem +Kindermord in unserem Vaterland sind schuldig, die deines Blutes sind +— wir, der deutsche Adel!‹</p> + +<p>Wo wollt's hinaus? Stand die Welt auf dem Kopf, daß alles, was sonst +hoch und heilig gehalten ward, mit Füßen getreten wurde? Und in +tausend und abertausend Fällen, wie hier, aus dem leichtfertigsten +oberflächlichsten Grunde, — um Frauenschönheit, um Spiel und Tanz, +um bequemes Leben! — Diesmal hatten sich Mutterhände schützend über +die Wiege eines mit heißer Sehnsucht erwarteten Kindleins gebreitet, +— übers Jahr würde es heißen: ›Ich muß gehorchen!‹ — Aber wie oft +war's gerade das Weib, das sich seiner höchsten Würde in unfaßlicher +Leichtfertigkeit entäußerte und sich seines heiligsten Dienstes mit +der schamlosen Begründung weigerte: ›Ich will mir nicht die Saison +verderben!‹ So sprachen deutsche Frauen!</p> + +<p>Der greisen Brandenburgerin war's oft ums Herz, als habe sie keine +Heimat mehr, als sei das Land, darin sie lebe, ein fremdes, mit neuen +Sitten, neuen Bräuchen und — das war das Schwerste, Unerträglichste +— neuem Glauben. Denn nie wär's so weit gekommen, hätte Deutschland +nicht seines Gottes vergessen! Aber der Abfall vom Kreuz konnte nur +Entsittlichung bringen, und der Geburtenrückgang war ihre erste Frucht. +Ein religiös sittlicher Schaden der Ruin eines ganzen Volkes! — —</p> + +<p>Ihre Gedanken kehrten zum eigenen zurück. Mit zitterndem Arm umschlang +sie die Enkelin.</p> + +<p>Da legte Ilse Bühler den Kopf an die Schulter der Großmutter und weinte +sich satt.</p> + +<p>Sanft strich Frau Sabine über das blonde Haar.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span></p> + +<p>Was war in ein paar Monaten aus dem blühenden Mädchen geworden? Eine +müde überzarte Frau, deren Gesundheit schon jetzt Grund zu ernster +Sorge gab. Ihre Gedanken wanderten. Könnte sie Ilse, um ihr die +täglichen Aufregungen fern zu halten, wenigstens in den beiden nächsten +Monaten zu sich nehmen! Bühler kam in diesen Tagen, um seine Frau +wieder abzuholen. Sie wollte mit ihm sprechen. Aber Ilse sollte nichts +vorher erfahren.</p> + +<p>Grundsätzlich war Frau von Kambach freilich gegen diesen Gedanken. +Aber so, wie die Dinge lagen, erkannte sie ihn beinahe als eine +Lebensforderung. Denn wer sollte sich in jener Zeit der jungen +Frau annehmen? Eine Mutter hatte sie nicht; Gräfin Bühlers für ein +Krankenzimmer vollständig ungeschulte Persönlichkeit hätte mehr +geschadet als genützt, auf andere Verwandte war nicht zu rechnen; +Sibylle war seit einigen Tagen Harros Braut, und sie selbst mit ihren +Altersbeschwerden, ihrem ungelenken Körper paßte nicht mehr in den +Rahmen einer jungen Häuslichkeit. Hier aber in der Stille des kleinen +Dreilindens, in Fräulein Eichels treuer Pflege war mehr Aussicht, +der zarten Frau in schweren Tagen zu helfen, als in Drachenburg oder +Kambach. Das wollte sie dem Enkel sagen und zugleich die Gelegenheit +benutzen, ihm noch einmal ins Gewissen zu reden. Ob viel dabei +herauskommen würde, war eine andere Frage, doch sie sagte sich: ›Dann +hast du wenigstens deine Pflicht als Großmutter erfüllt!‹</p> + +<p>Aber während sie sinnend in die Weite blickte, erwachte ein Zweifel in +ihrer Seele: würde Ilse dieser Gedanke nicht verletzen, würde sie ihn +nicht zurückweisen? Sie sah auf die Enkelin nieder. Sie war ruhiger +geworden, aber der gesenkte Kopf mit der schweren blonden Flechtenkrone +lehnte noch immer an ihrer Schulter.</p> + +<p>Schweigend hielt sie sie umfaßt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p> + +<p>Sie hatte ihr nichts Neues zu sagen. Den Rat, fest auf Gott zu +vertrauen, hatte sie ihr wieder und wieder gegeben, auch heute noch. +Ilse hatte auch versucht, sich an den treuen Worten der Großmutter +aufzurichten, aber ihre zarte empfindsame Natur war nicht stark genug, +um über irdische Not hinwegzublicken. Es kam hinzu, daß ihre Stimmung +von ihrem Befinden abhängig war, daß ihr nervöser Zustand sie Schein +und Sein nicht mehr unterscheiden ließ.</p> + +<p>Trotzdem war Frau von Kambach überrascht, als sie, sich aufrichtend, +sagte: »Großmutter, ich hab' eine große Bitte an dich! Du wirst sie +vielleicht nicht verstehen und mich abweisen, wirst sagen: ›Die Frau +gehört in das Haus ihres Mannes!‹ Das tut sie auch. Aber, Großmutter, +— ich — ich kann nicht mehr, körperlich und seelisch nicht!! Wenn +ich eine Weile Ruhe hätte, würd's wieder gehen, aber jetzt in dieser +Verfassung dies Leben ertragen« — sie brach, über die eigenen Worte +erschreckend, jäh ab.</p> + +<p>Aber die Großmutter legte ihre schlanke feine Hand auf die der jungen +Offiziersfrau.</p> + +<p>»Weiter, Ilse!«</p> + +<p>Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann sagte Ilse Bühler tief +errötend: »Großmama, laß mich hier bleiben, bis alles vorüber ist!«</p> + +<p>Frau von Kambach antwortete nicht. Dieselben Wege, die sie in +fürsorgender Liebe gewandert war, ging eine andere in unüberwindlicher +Furcht.</p> + +<p>Und das Warum stockte der alten Frau auf der Lippe. Aber dann machte +sie sich stark und sprach's dennoch aus.</p> + +<p>Ilse strich das Goldhaar aus dem erhitzten Gesicht. »Warum?« Sie senkte +den Blick, und die Lippen zuckten. »Großmama, du weißt es doch, — weil +— weil's zu Hause unmöglich ist.« Und stockend kam's hinterdrein: »Ich +habe<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> gestern schon mit Sibylle darüber gesprochen. Sie meint auch, es +gehe nicht. Und wenn sie es meint — Wolf Dietrich ist doch ihr Bruder, +und auf Billy hört er noch am ersten.«</p> + +<p>Schweigend hatte Exzellenz von Kambach zugehört. Die einfachen Worte +erzählten eine große Tragödie. Ungewollt — unbewußt: ›Es geht nicht, +Billy sagt es auch!‹ — Die Frau, die noch kein Jahr verheiratet war, +hatte keine stille Stätte im Hause ihres Mannes — »wenn ich eine Weile +Ruhe hätte, würd's wieder gehen!« So mußte sie sprechen, um ihrer +selbst, um ihres Kindes willen. Ob sie die ganze Tragweite ihrer Worte +ahnte? Die Greisin, die wie wenige das Leben kannte, glaubte es nicht. +Aber, daß sie litt, war klar, daß eine Wunde blutete und blutete. Frau +von Kambach sagte sich: ›Wenn Gott nicht ein Wunder tut, wird sie nie +heilen, nie vernarben!‹</p> + +<p>»Weiß Wolf Dietrich von dem Gedanken?« fragte sie.</p> + +<p>»Nein, ich wollte dich erst fragen und dich bitten ...«</p> + +<p>»Ich soll's ihm sagen?« Die alte Frau schüttelte den Kopf. »Kind, Kind, +ihr seid weit gekommen in den paar Monaten eurer Ehe! Nimmst du die +Sache nicht zu schwer, Ilse?«</p> + +<p>Die junge Gräfin schwieg. Das letzte, tiefste, das sie kaum zu glauben +wagte, das je und dann wie ein Gespenst in ihrer Seele auftauchte und +wieder verschwand, das konnte und wollte, — das durfte sie niemand +sagen. Auch der Großmutter nicht. Es war ja nur ein Schatten, der +auf ihren Weg fiel; woher er kam, was er bedeutete, wußte sie nicht, +wollt's auch nicht wissen, — etwas Unwirkliches war und blieb es, dem +Gestalt und Leben fehlten. Herr Gott, — ja — sie fehlten! Vielleicht +war's das Beste! Aber warum stürmten die Gedanken immer wieder auf +sie ein? Fast erschien es ihr ein Verbrechen, einen Verrat, daß sie +ihnen Einlaß gewährt, daß sie immer wieder jener Stimme lauschte. +Die flüchtige Bemerkung einer älteren Dame, welche vor seiner Heirat +stark auf Graf Bühler für ihre<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> Tochter gerechnet hatte und seiner +jungen Frau nicht gerade wohlgesinnt war, hatte den ersten heimlichen +Zweifel in Ilses Herz getragen. Eine Bemerkung wie hundert andere +war's gewesen, aber ihr feines weibliches Gefühl sagte ihr, daß sie +heimliches Gift barg. Wolf Dietrich Bühler war als eleganter Vortänzer +bekannt. Die Feststellung dieser Tatsache an sich hätte nicht zu +befremden brauchen. Aber der Ton, mit dem Frau von Kazarwsky über eine +Berliner Schauspielerin, mit der er auf einem Kostümfest den ersten +Walzer getanzt, sprach, ließ die Gräfin aufhorchen. Sie hatte es +sowieso schon empfunden, daß Wolf Dietrich sich in diesem Winter nicht +auf den Besuch der Hoffeste und Regimentsbälle beschränkte, sondern +zahllose Einladungen angenommen, die er hätte ablehnen können. Die +Abende, an denen er ihr Gesellschaft geleistet, konnte sie zählen, und +dann war er schlecht gelaunt gewesen, nervös, gelangweilt! —</p> + +<p>Sie seufzte. »Großmamachen, du weißt ja, wie es bei uns aussieht,« +sagte sie traurig. »Ich will mich wahrhaftig nicht besser machen, als +ich bin, aber ich weiß nicht, was ich tun soll, um diesen Zustand zu +ändern.«</p> + +<p>Verzweifelt klang's. — —</p> + +<p>Ein Wagen rollte über den Fahrdamm.</p> + +<p>Gräfin Bühler lauschte hinüber. »Das ist Mama mit dem Brautpaar!«</p> + +<p>Die alte Exzellenz erhob sich. »Ich will mit Wolf Dietrich sprechen, +Ilse,« sagte sie, während sie in das Haus gingen. »Aber wenn er nein +sagt, mußt du dich fügen!«</p> + +<p>Schwermütig blickten die blauen Augen der jungen Frau über die +blühenden Wiesen in die sonnige Weite. »Er sagt nicht nein!« entgegnete +sie leise.</p> + +<p>Und Frau von Kambach widersprach nicht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Sibylle Bühler war eine reizende Braut. Das Glück strahlte ihr aus +den Augen und machte sie noch schöner. In einem eleganten fliederlila +Straßenkleide saß sie ihrem Verlobten gegenüber im offenen Landauer, +und winkte schon von weitem ihrer geliebten Exzellenz und der +Schwägerin zu.</p> + +<p>Dann hielt der Wagen. Sie war die erste, welche die Greisin begrüßte.</p> + +<p>»Nun werd' ich auch eine Kambach!« jubelte sie und küßte wieder und +wieder ihre Hände.</p> + +<p>Frau Sabine schloß ihren Liebling in die Arme: »Willkommen in +Dreilinden, liebes Kind!« sagte sie mit mütterlicher Herzlichkeit. +»Möchte mein Enkel sich deiner würdig zeigen!«</p> + +<p>In die warme Freundlichkeit mischte sich milder Ernst, Ein feines Rot +stieg in die Wangen der Braut. Zum zweitenmal ward ihrem Verlobten eine +Mahnung aus berufenem Munde zuteil. Heute sprach die Liebe sie aus, +gestern die Gerechtigkeit. Streng und scharf hatte der Empfang des +Großvaters auf der Bühler Freitreppe gelautet: »Ich wünsche Ihnen von +Herzen Glück, mein lieber Kambach! Ob ich meine Enkelin beglückwünschen +darf, weiß ich nicht!«</p> + +<p>Harro hatte vor dem Manne im weißen Haar geschwiegen, sie selbst einen +Augenblick mit den Tränen gekämpft. Ihre Mutter, die immer Herrin +der Lage blieb, stellte mit einer Bemerkung über das gute Aussehen +des Schwiegervaters äußerlich das Gleichgewicht wieder her, aber der +Schatten, der sich auf die Stunde des Glückes gelegt, ließ sich nicht +ganz verscheuchen. Zumal Sibylle, die den Großvater so zärtlich liebte, +konnte diesen Empfang nicht begreifen. Erst das Wort der Frau, die sie +wegen ihrer gerechten Denkweise so hoch verehrte, half ihr die Art +des Greises auch in dieser Stunde verstehen. Sie begann einzusehen, +daß sein Glückwunsch, von seinem Standpunkt aus, nicht anders lauten +konnte. Er war<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> niemals für die Verlobung gewesen, und hätte sie +am liebsten verhindert. Freude darüber zu heucheln, hätte seiner +großzügigen aufrichtigen Natur widersprochen. Aber nicht nur das — +sein Wahrheitsgefühl forderte es, der persönlichen Empfindung in diesem +Augenblick Ausdruck zu verleihen. Daß seine Meinung schroff herauskam, +lag in der ihm eigenen Schärfe und in der Natur der Sache. Noch niemals +hatte sich ein rechter Bühler mit etwas einverstanden erklärt, wenn +er es nicht war. Der alte konservative Geist, der keine Neuerung, wie +sie auch heißen mochte, ertrug, kam hinzu, der schärfere Ehrbegriff, +die straffere Zucht einer vergangenen Zeit. Und Sibylle mühte sich, +einem großen edlen Charakter gerecht zu werden. Aber leicht war's +nicht, weil das Wort des Großvaters eine bittere Wahrheit enthielt. +Sie wußte, es richtete sich gegen Vergangenes. Das tat ihr weh. Ihre +Liebe hätte es gern bedeckt. Aber auch des Gegenwärtigen gedachte der +Erblandmarschall, denn die Glaubenslosigkeit eines deutschen Mannes +bedeutet für ihn einen sittlichen Mangel.</p> + +<p>Das alles hatte sie vor ihrer Verlobung gewußt. Mit dem Mute echter +Frauenliebe hatte sie, ohne ihre Kraft zu überschätzen, dem Vertreter +einer atheistischen Weltanschauung das Jawort gegeben. Sie wußte, +daß sie in ihrer jungen Ehe entweder mit Nietzsche und Schopenhauer +zu kämpfen haben würde oder mit religiöser Gleichgültigkeit. Auf das +erste richtete sie sich mit dem Wagemut des Glaubens, vor dem zweiten +bangte ihr, — dennoch — es gibt Frauen, denen ihre Liebe allezeit und +allerorten die königliche Gebieterin bleibt. Das Schwerste wird ihnen +leicht, das Unmögliche dünkt sie möglich, sie glauben und hoffen alles. +Und wenn ihre Zuversicht zuschanden wird, bereuen sie nicht, sondern +sagen sich: ›Ich tat, was ich konnte!‹</p> + +<p>Von diesen Gesichtspunkten aus ward sie dem alten Herrn<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> gerecht. Sie +war überzeugt, hätte sie ihn gefragt: ›Großvater, warum hast du mir +das getan?‹, so hätte er ihr mit derselben Offenheit geantwortet: +›Aber, Billy, soll ich denn lügen? Ich kann dich beim besten Willen +nicht beglückwünschen! Wenn ich es später nachholen kann, soll's mich +herzlich freuen!‹</p> + +<p>So würde der alte märkische Edelmann sprechen. Lieber sagte er eine +Grobheit, als daß er die Wahrheit verschwieg oder umging.</p> + +<p>Aber auch in der Enkelin steckte ein gut Teil von dieser Kraft. Ehrlich +sah sie ein, daß das, was sie im ersten Augenblick als übertriebene +Schärfe aufgefaßt, zu der ureigensten Natur des Großvaters gehörte, +und schaute ihrem Glück, dessen Klippen ihr nicht verborgen geblieben, +mutig ins Auge. Sie war eine Kampfnatur im besten Sinne. Ein Glück, auf +Rosen gebettet, hätte ihrem starken klaren Charakter kaum entsprochen. +Wahrer Friede würde immer ihres Herzens Sehnsucht bleiben, aber niemals +würde sie ihn um den Preis des heiligsten Gutes erkaufen. Der Kampf um +dieses Gut hörte aber nicht auf, solange die Erde stand, — wundersam +hätt' es zugehen müssen, wenn er ihr Haus verschonte. Als ein Stück +Kampf hatte sie in jungen Jahren ihr Christentum verstehen gelernt; sie +wußte nur zu gut, daß die Wachtfeuer nicht verlöschen dürfen, solange +die Sünde eine Großmacht auf Erden bedeutete.</p> + +<p>So verlor jenes schlimme Wort im Blick auf die ehrwürdige Gestalt +eines alten tüchtigen Geschlechts, welches preußische Zucht und wahres +Christentum hoch hielt, seine Schärfe.</p> + +<p>Auf ihrem frischen glücklichen Gesicht lag ein Zug ernsten Sinnens, als +sie ihre Schwägerin umarmte.</p> + +<p>Harro Kambach begrüßte seine Großmutter.</p> + +<p>»Na, mein Junge, nun bist du ja am Ziel,« sagte sie bewegt und küßte +ihn auf die Stirn. »Sei ein rechter Kambach und halte dein Kleinod in +Ehren!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> + +<p>In die hübschen Züge des jungen Offiziers trat tiefer Ernst. Zum +zweitenmal beugte er sich über die Hände der alten Frau.</p> + +<p>»Du bist der letzte Kambach,« sagte sie, von Erinnerungen übermannt, +mit zitternder Stimme.</p> + +<p>Er blickte auf. Klar und fest sah er sie an. »Ich will meinem Namen +Ehre machen, Großmama!« entgegnete er einfach.</p> + +<p>Sie nickte ihm freundlich zu und begrüßte Sibyllens Mutter.</p> + +<p>Gräfin Bühler benutzte in Deutschland jede Gelegenheit, irgendein +elegantes Kleid, welches die Riviera nicht wieder sehen sollte, +spazieren zu führen. Aber was man dort durchgehen ließ, bezeichneten +die schlichten Landedelleute der Mark in den meisten Fällen als +›Unmöglichkeiten‹. Ob die Gräfin dies nicht wußte, oder nicht wissen +wollte, blieb unklar. Jedenfalls kehrte sie sich nicht im geringsten +daran, und bemutterte das Brautpaar in einer meergrünen Tuchtoilette +mit silberner Paillettestickerei verziert. Exzellenz von Kambach hatte +den Eindruck, daß Harro und Sibylle die Begleitung dieses wandelnden +Pariser Modebildes wenig angenehm sei, und täuschte sich nicht. +Man war mit dem ›Meergrünen‹ in Kambach ziemlich abgeblitzt. Dem +Oberstallmeister war alles Auffällige ein Greuel. Er hatte sich in der +Unterhaltung fast ausschließlich an seine Schwiegertochter gewandt. Der +strengste Sittenrichter der ganzen Umgegend aber war der alte Schenker. +Als vornehmer Kammerdiener hatte er sich natürlich in der Gewalt, +aber seine Haltung, sein Gesichtsausdruck, seine Art, einer Dame aus +dem Wagen zu helfen, oder ihr den Mantel umzugeben, drückten seine +Gefühle in unzweideutiger Weise aus. Nun war es in diesem Falle schwer +für Schenker, sich in den richtigen Grenzen zu bewegen, denn Gräfin +Sibylle hätte er am liebsten die Hand geküßt und ihr einen Rosenstrauß +überreicht. Aber in Livree ging das dummerweise<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> nicht. Heute abend +sollte sie ihre Marschall Niel's aber haben, er hatte sie im Treibhaus +für sie aufgespart. Die ›Firlemontsche‹ bekam natürlich keine, na, sie +war ja auch vollständig Nebenperson. Aber beim Empfang war die Sache +nich ohne, immer zwei Gesichter auf Lager haben, war ein bißchen viel +verlangt. Doch es mußte sein. Und mit eisiger Förmlichkeit half er der +Brautmutter aus dem Wagen, das ›Meergrüne‹ und die ›Paillettestickerei‹ +mit einem verächtlichen Blick streifend.</p> + +<p>Harro fing diesen Blick auf und mußte innerlich lachen. ›Nun geht's zu +Mamsell, und dann heißt's: hat das Weib sich wieder aufklaviert!‹ Im +Grunde gab er dem alten Manne recht. Auf die Schwiegermutter hätte er +selber mit Freuden verzichtet. — —</p> + +<p>Exzellenz von Kambach und Gräfin Bühler hatten sich trotz gegenseitiger +Bemühungen nie verstanden. Charaktere und Lebensinteressen waren zu +verschieden. Auch heute kam kein richtiges Gespräch in Gang. Die Gräfin +schwatzte beim Gabelfrühstück über ihre Reisen, über Mentone und Monte +Carlo, über die italienischen Seen und Sankt Moritz. Den Orten, welche +eine Spielgelegenheit aufwiesen, gehörte ihr besonderes Interesse. +Mit Sorge bemerkte es Exzellenz von Kambach. Gut, daß Sibylle von der +Mutter fort kam.</p> + +<p>Während die Gräfin auf sie einredete, beobachtete sie das Brautpaar. +Sibylle bewahrte trotz ihres strahlenden Glückes jene feine +Zurückhaltung, die ihrem Wesen seinen Reiz verlieh. ›Über den Kopf +wächst er ihr nicht‹ dachte die alte Dame, ›aber sie wird immer ganz +Weib bleiben, und darin liegt ihre Stärke!‹</p> + +<p>Freundlich nickte sie den beiden zu.</p> + +<p>Ilse war sehr einsilbig und zog sich gleich nach dem Frühstück, +Kopfschmerzen vorschützend, auf ihr Zimmer zurück.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p> + +<p>»Arme Kleine!« sagte Gräfin Bühler, ihr nachblickend. »Billy wird sich +hoffentlich einmal besser aufführen!«</p> + +<p>Die Braut schien die Worte ihrer Mutter zu überhören, aber eine feine +Röte färbte ihre Wangen, während sie ihren Verlobten in ein Gespräch +über Bayreuth verwickelte.</p> + +<p>Harro befand sich in seinem Fahrwasser. Wagnermusik war sein höchstes. +Er begann derartig für den ›Parsifal‹ zu schwärmen, daß Sibylle sich +der Hoffnung hingab, die Bemerkung ihrer Mutter sei ihm entgangen.</p> + +<p>Die Hausfrau aber sagte mit leiser Stimme scharf und verweisend: +»Sie scheinen zu vergessen, daß Sie nicht in Monte Carlo, sondern in +Dreilinden sind!«</p> + +<p>Die schöne Frau zog die Schultern in die Höhe. »<span class="antiqua">Mon Dieu — on dit +cela!</span>«</p> + +<p>»Bei uns in der Mark überlegt eine Frau, was sie sagt,« klang es kurz +zurück.</p> + +<p>Gräfin Bühler stieg das Blut in die Wangen. Sie sah auf die alte +Standuhr. »Bitte, lieber Harro, bestelle den Wagen!« —</p> + +<p>Exzellenz von Kambach machte kein Hehl daraus, daß sie auf eine +Verlängerung des gräflichen Besuches keinen Wert legte. Sie +forderte ihre Gäste nicht zu längerem Bleiben auf, wandte sich fast +ausschließlich an Sibylle, und erhob sich endlich, um dem jungen +Mädchen ein Pastellbild ihrer verstorbenen Schwiegermutter zu schenken.</p> + +<p>Überglücklich dankte ihr die Braut.</p> + +<p>»Wie ähnlich Harro ihr sieht!« sagte sie dann, das Bild betrachtend.</p> + +<p>Er trat näher. »Findest du?«</p> + +<p>»Ja, Schatz!« Sie faßte seine Hand. »Aber nicht wahr, du bist ein +rechter Kambach wie dein Vater?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p> + +<p>Eine leichte Verlegenheit malte sich auf seinem Gesicht. »Mein Vater +steht hoch über mir!« gestand er ehrlich.</p> + +<p>Gräfin Bühler drängte zum Aufbruch. »Kinder, wir müssen fahren. +Großpapa erwartet uns.«</p> + +<p>Der junge Offizier sah sie erstaunt an; aber er schwieg. Sie wußte +doch, daß der alte Herr nach Dambeck wollte.</p> + +<p>Sibylle war der Vorgang entgangen. Glücklich blickte sie auf Frau +Sabinens Geschenk. »Es soll mir ein doppelt liebes Andenken sein,« +sagte sie und küßte die schmale Hand. —</p> + +<p>Der Diener meldete den Wagen.</p> + +<p>Mit großer Lebhaftigkeit verabschiedete sich die Gräfin, allem Anschein +nach froh, diesen Besuch hinter sich zu haben.</p> + +<p>»Komm bald wieder, Sibylle,« bat die alte Exzellenz, die Braut des +Enkels umarmend, »aber bleib' über Nacht! Ich sehne mich nach deinem +Geigenspiel!«</p> + +<p>Dann sah sie den Abfahrenden nach.</p> + +<p>›Sie ist eine rechte Bühler,‹ zog es ihr durch den Sinn, während ihr +Blick der anmutigen Mädchengestalt folgte, die ihr die letzten Grüße +zuwinkte, — ›sie wird ihm helfen, ein Mann zu werden!‹ Lange noch +stand sie und schaute dem dahinrollenden Gefährt nach. »Wenn er sie nur +glücklich macht!« seufzte sie.</p> + +<p>Dann ging sie ins Haus. —</p> + +<p>Was Ilse wohl machte?</p> + +<p>Sie war in ernster Sorge um die junge Frau. Wie sollte das enden? Und +das Herz der Greisin war wieder ganz bei der Enkelin, deren schwachen +Schultern die Last des Lebens zu schwer war. — —</p> + +<p>Der Krückstock klang auf den Dielen, auf der eichenen Treppe. Er +gehörte zum eisernen Bestand des Witwensitzes, zu der hundertjährigen +Standuhr, darin der Totenwurm an stillen Winterabenden pochte, zu den +altmodischen Möbeln und dunklen<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> Ahnenbildern, zu all den Dingen, die +sich zur Zeit der Freiheitskriege, und früher schon, Heimatrecht im +Hause erworben hatten. Zu ihnen gehörte der alte Krückstock.</p> + +<p>Aber es würde ein Tag kommen, wo man ihn nicht mehr auf den stillen +Gängen und Treppen hören, wo der gewohnte Ton für immer verstummen +würde. Es war nur das bekannte kurze Aufschlagen, welches das Nahen +einer lieben ehrwürdigen Gestalt verkündete, das vielleicht nur +<em class="gesperrt">eine</em> treue Seele vermissen würde, aber das schöne Dreilinden +trug dermaleinst mit dem alten Krückstock sein Bestes zu Grabe.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel"><span class="s5">Dreizehntes Kapitel.</span><br> + Eine Heimkehr.</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Hilf uns Gott, in Nacht und Nebel</div> + <div class="verse indent0">Off'nen Aug's durchs Leben gehen!</div> + <div class="verse indent0">Lehr' uns auf die Zeiten achten</div> + <div class="verse indent0">Und das eigne Herz verstehen!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ob wir in des Waldes Dickicht,</div> + <div class="verse indent0">Fern vom Feierzug der Frommen</div> + <div class="verse indent0">Uns'ren Weg uns suchen müssen —</div> + <div class="verse indent0">Wenn wir nur nach Hause kommen!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schenk' uns unterm Kreuze Gnade,</div> + <div class="verse indent0">Nimm uns ab die Last der Sünden!</div> + <div class="verse indent0">Hilf uns aus dem Tal der Tränen</div> + <div class="verse indent0">In die ew'ge Heimat finden!</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>»Der alte Schenker ist da und fragt, ob Exzellenz einen Augenblick zu +sprechen seien?«</p> + +<p>Die Wirtschafterin war leise durch die geöffneten Räume gekommen und +stand am Schreibtisch ihrer Herrin.</p> + +<p>Aufgeschlagene Bücher lagen vor der Gutsfrau, die, über die +Monatsrechnung gebeugt, den Inspektor erwartete.</p> + +<p>»Krügern, das paßt mir sehr schlecht, ich erwarte Herrn Niemann jeden +Augenblick,« sagte sie, über ihre Brillengläser hinweg auf die behäbige +Erscheinung der Alten blickend. »Will er denn etwas Besonderes?«</p> + +<p>»Es scheint so, Exzellenz.« Sie lächelte. »Das heißt, bei Herrn +Schenker ist vieles etwas Besonderes, was es gar nicht<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> ist. Er hat +das so an sich, Exzellenz, aus einer Kleinigkeit, die ein anderer kaum +beachtet, macht er etwas! Was er will, weiß ich nicht! Er tut sehr +wichtig und geheimnisvoll!«</p> + +<p>›Er wird irgendeinen Einfall im Kopfe haben, welcher den Bund +betrifft,‹ dachte Frau Sabine und sagte sich, daß es eine Härte sei, +die alte treue Seele unverrichteter Sache wieder gehen zu lassen. Sie +sah auf die Uhr. Es war noch nicht spät.</p> + +<p>»Er soll kommen. Bitte, gehen Sie dann gleich zu Herrn Niemann hinüber, +und sagen Sie ihm, wir wollten morgen früh abrechnen. Das paßt ihm +sowieso besser, ich richte mich eben danach ein!«</p> + +<p>Fünf Minuten später stand Schenkersch Vadder in tadelloser Haltung auf +der Schwelle.</p> + +<p>»Ick bitte tausendmal um Entschuldigung, daß ick ungelegen komme,« +sagte er, »Exzellenz sind gerade bei die Abrechnung!« Er zögerte.</p> + +<p>»Bleiben Sie nur, Schenker,« sagte Frau von Kambach, die ganz genau +merkte, daß der Alte gar nicht daran dachte, seinen Vorschlag in +die Tat umzusetzen. Natürlich hätte er sich auf einen Wink von +ihr empfohlen, aber erst, nachdem er zwischen Tür und Angel seine +Geheimnisse ausgekramt hatte. Denn heute war er vollgepfropft von +Geschichten. Und sie ertappte sich darauf, daß sie regelrecht neugierig +war.</p> + +<p>Dann saß Franz Schenker neben ihr am Schreibtisch. Die Frühlingsluft +spielte mit dem weißen Haar der beiden Alten und strich über die +blühenden Blumen unter dem Bilde des seligen Kambachers. Draußen +rüstete sich, kaum merklich, der letzte Apriltag zur Nacht. Noch +glühten die Farben, aber die wunderbar tiefen Töne verrieten das +nahende Aufleuchten entschwindender Schönheit. —</p> + +<p>Und der greise Kammerdiener erzählte. Es war allerdings etwas, das +nicht alle Tage vorkam.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p> + +<p>Schenkersch Vadder war so hingenommen, daß seine Gefühle völlig mit ihm +durchgingen. Die Tränen traten ihm in die Augen, er sprach platt, und +schlug im Eifer des Gefechtes mit der flachen Hand aufs Knie, daß es +schallte. Aber er hatte auch wirklich etwas erlebt und bedauerte nur, +daß seine alte Gnädige nicht dabei gewesen war.</p> + +<p>»Also, Exzellenz,« begann er, zitternd vor Erregung, »daß ick's kurz +sage: wir haben unsern Herrn Pastor wieder!«</p> + +<p>Frau von Kambach sah ihn fragend ein.</p> + +<p>»Exzellenz verstehen mich nich,« fuhr er fort. »Das glaub' ick wohl! +Und ick mein' ja auch nich bloß, daß er nu endlich aus 'n Drachenburger +Krankenhaus zurück is, das wär' ja alles ganz schön und gut, aber +seine Gemeinde hätte blitzwenig davon. Unter uns gesagt, Exzellenz +— wir hätten ihn nich behalten. Denn auf die Länge ging das nich. +Ganz Kambach hätt' er mit seine Irrlehre verdorben! Nich mal der olle +Schenker hätt' was dran ändern können. Ick sag's ganz offen, Exzellenz, +eine tolle Angst hab' ick vor die Rückkehr von unsern Herrn Pastor +gehabt — meine eigene Frau hat mich ausgescholten. ›Franz‹, hat sie +gesagt, ›du schämst dich wohl gar nich, 'n Christ willst du sein, und +benimmst dich wie 'n olles Waschweib.‹ Jawohl, Exzellenz, was meine +Frau is, die is nich ohne! — Also, Herr Pastor Wendler kam in der +stillen Woche aus 'n Krankenhaus zurück, und am Ostersonntag stand +er auf der Kanzel. ›Na, denn man zu!‹ dacht' ick, ›dann erfahren wir +wenigstens gleich, woran wir sind!‹ Denn am ersten Ostertag hat die +Geschichte ihre Haken und Ösen mit die Texte. Wenn da einer an der +Auferstehung vorbeigeht, is die Sache faul, und wenn er nur von der +geistigen redet, is sie noch fauler. Wenn man in meine Jahre is, merkt +man so ungefähr, was die Glocke geschlagen hat, nämlich, ob der Pastor +glaubt, daß der Herr Jesus leibhaftig auferstanden ist oder ob<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> nur +sein Geist in der Luft herumfliegt. Herr Pastor Krug hat mich das +vor einige Zeit mal auseinandergesetzt. Gott bewahr' unser deutsches +Vaterland vor so 'n Unsinn! ›Jesuzentrischer Liberalismus‹ nannte +er's. Das hat 'ne Zeit gedauert, bis mein alter Kopf das Wort behielt. +Den ersten Abend, als Herr Pastor Krug mich die Sache lang und breit +auseinandergesetzt hatte, da wußt' ick's ganz genau, aber nachher? Weg +war's! Da hab' ick Herrn Pastor neulich nochmal danach gefragt! — +Na, mir kann's einerlei sein, wie's heißt, für so was is Schenkersch +Vadder in sein'n ganzen Leben nich zu haben gewesen. Is überhaupt 'ne +Frechheit, so an unseren Herrn Jesus seine Person herumzupflücken. Der +neue Bund soll da man gleich gründlich aufräumen!« Er fuhr mit allen +fünf Fingern durch das dichte, weiße Haar, daß es wie ein Wald zu +Berge stand. »Exzellenz, so was hab' ick noch nich erlebt! Das war 'ne +Predigt!« Er verbesserte sich. »Nee, 'ne Predigt war's gar nich! Es war +'ne Heimkehr! Das sagte Herr Pastor Wendler auch selbst!«</p> + +<p>»Eine Heimkehr!« wiederholte die alte Frau mit leiser Stimme, und ihr +sinnender Blick schweifte aus dem Fenster in die Weite hinaus, wo +der goldene Wetterhahn des Kambacher Kirchturms über den Heidhügeln +funkelte.</p> + +<p>Aber Schenker hatte noch viel auf dem Herzen.</p> + +<p>»Also, es war eine Predigt, und war doch keine! — Ick kann das nich +so ausdrücken, Exzellenz, aber ein schöneres Glaubensbekenntnis hab' +ick mein Lebtag nich gehört! Und solche Osterfreude hab' ick noch bei +keinen Menschen gesehen! Der Mann war einfach nich wiederzuerkennen. Es +war, als brennte ein Feuer in seinem Herzen, und die Flammen wollten +überall heraus. Das war wirkliches Leben, was nich totzukriegen is. +›Wo hädd harr det man alwile her?‹ säd min Fru. ›Det künde von sin +Krankheet alot jo nich sinn!‹ — ›Nee,<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> Mudder,‹ häbb ick jesäd, +›de Krankheet aleene mokt et nich.‹ Aba ick räde all wieder Platt, +Exzellenz!«</p> + +<p>»Macht nichts, Schenker! Ich versteh' Platt so gut wie Hochdeutsch!«</p> + +<p>Doch der Alte konnte den feinen Kammerdiener nicht ganz verleugnen. In +wohlgesetztem Hochdeutsch sprach er weiter.</p> + +<p>»Ick bring's ja nich wieder zusammen, was Herr Pastor Wendler gesagt +hat! Aber die Hauptsache weiß ick noch. Vor allem klang durch alles +sein lebendiger Osterglaube hindurch. Überhaupt betonte er immer +wieder gerade das, was sonst in seinen Predigten fehlte: daß wir den +lebendigen persönlichen Heiland brauchen, den Gottessohn, den man +schauen kann. ›Wir Pfarrer werden doch nich bloß zu Hochzeiten und +Kindtaufen gerufen,‹ sagte er, ›wie oft stehen wir an Sterbebetten und +Totenladen. Was nützen da schöne Reden — einen Sünderheiland brauchen +wir, der unsere Schuld ins Meer senkt und über die Gräber ruft: ›Ich +lebe und ihr sollt auch leben!‹ Aber das schönste war doch, wie er +von seinem Heimweh nach dem alten Bibelglauben sprach. Obgleich er +nicht gerade von sich dabei redete, merkte man's doch, daß er alles +selbst erlebt und durchgekämpft hatte. Einmal dachte ick: ›Das geht auf +die Geschichte mit unseren jungen Herrn,‹ und ein anderes Mal merkte +man's ganz deutlich, daß er an Frau Petzold dachte! Der Mann hat was +durchgemacht, Exzellenz! — ›Gar kein Evangelium,‹ sagte er, oder das +ganze, das, von dem der Dichter singt: ›Wenn ich dies Wunder fassen +will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still!‹ — Exzellenz, ick +kann's nich sagen, wie mir diese Predigt ergriffen hat!«</p> + +<p>»Diese Heimkehr!« sagte die alte Frau mit leiser Stimme.</p> + +<p>Schenker wischte sich über die Augen. — »Und dann hat er noch von dem +modernen Menschen gesprochen! Wir haben ja auch so 'n paar unter den +Lehrern und Honoratioren.<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> Daß so was auch aufs Dorf kommen muß! Na, +unser Herr Pastor sagte, wir sollten man bloß nich denken, daß so 'n +moderner Mensch nich dasselbe sehnende Herz in der Brust trüge, wie +andere Leute. Es sei Einbildung, daß man glaube, man könne ohne den +Herrn Jesum und sein Kreuz fertig werden! Wenn der moderne Mensch so +kalt und gleichgültig tue, so sei das nur eine Larve, die das blutende +Herz und die innere Einsamkeit verbergen solle. Denn wenn einer noch +so gelehrt und noch so berühmt sei, seine Seele mache das alles nicht +satt. Darum sei es ein Gottesraub, das Bekenntnis, das die Gemeinde +mit ihrem Herzblut erlebt und verteidigt, durch Menschenfündlein +zu ersetzen oder nach menschlicher Meinung umzubilden! Exzellenz, +das hat der Mann gesagt, der vor kaum zwei Monaten erklärte, das +Glaubensbekenntnis könne man verschieden auslegen!«</p> + +<p>Seine Augen leuchteten, auf dem alten treuen Gesicht lag das Rot +freudiger Erregung.</p> + +<p>Er schwieg.</p> + +<p>Nachdenklich sah er vor sich nieder, eine leichte Verlegenheit malte +sich in seinen Zügen.</p> + +<p>Er räusperte sich.</p> + +<p>»Dann kam noch etwas,« sagte er endlich zögernd, »eigentlich war's +nich ganz in der Ordnung, noch dazu am Ostersonntag, aber, im Grunde +hab' ick mir doch gefreut. ›Schenker,‹ hab' ick zu mir gesagt, ›du +hast doch 'ne Frau, wie's nich viele gibt! In ganz Kambach is keine +solche, und in Dambeck und Bühl, und hier in Dreilinden auch nich!‹ Na +— und in Berlin? Ach, du meine Güte,« er lachte hell auf, und schlug +mit der Hand aufs Knie — »Berlin!!! — Also, — Exzellenz, — was tut +meine Frau? Kaum hatten wir nach der Predigt ›Auf, auf, mein Herz, mit +Freuden!‹ gesungen, steht sie auf und sagt: ›Nu wollen wir noch »Nun +danket alle Gott!«<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> singen.‹ Und damit fing sie auch schon an. Sie war +feuerrot geworden und schielte nach mir rüber. Aber ick muckste mir +nich, Exzellenz. Hätt' ick meine Frau angesehen, wär's vorbei gewesen, +und das paßt sich doch schließlich nich für 'n ollen weißhaarigen +Kammerdiener. Nur ganz heimlich hab' ick ihre Hand gefaßt. — Dann +sangen wir alle mit. — In meinen ganzen Leben hab' ick das Lied nich +so singen gehört, nur damals, als der Friede gefeiert wurde! — Pastor +Wendler stand am Altar. Er war ganz blaß und sah sehr bewegt aus, als +er in die Sakristei ging.«</p> + +<p>Wieder war's still zwischen den beiden. Auf die Seele der alten +Frau wirkte die schlichte liebliche Erzählung wie eine wundersame +Glaubensstärkung, dem Manne aber, der sie erlebt, ward das Stücklein +Kirchengeschichte, das sich im engen Rahmen der Heimat abgespielt, +immer mehr ein Stück Lebensgeschichte.</p> + +<p>»Exzellenz,« hub er endlich noch einmal an, »ick hab' nu noch einen +anderen Gedanken! Er is vielleicht ganz verkehrt, dann laß ick mich +gern eines Besseren belehren, aber Exzellenz werden gestatten, daß ick +ihn ausspreche. Denn er verläßt mich nich mehr! Und das will was sagen! +Ick bin sonst wahrhaftig nich so.«</p> + +<p>Er sah die alte Dame erwartungsvoll an.</p> + +<p>Sie aber nickte ihm ermutigend zu.</p> + +<p>Da holte er tief Atem und fuhr fort: »Exzellenz, — wir haben noch +immer keinen Bundesdirektor! Die Sucherei geht nu schon durch Wochen +und Monate! Wir haben heute schon den ersten Mai, und die Geschichte +kommt nich vom Fleck. Der gnädige Herr schreibt sich die Finger wund, +und immer is es vergeblich! Entweder paßt die kirchliche Richtung nich, +oder es heißt: ›Die Sache steckt noch zu tief in den Anfangsgründen, +daraufhin kann man Amt und Brot nich<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> aufgeben!‹ Na — die passen +natürlich nich für uns, Exzellenz! Hier gilt's Opfer bringen, gerad so +gut, wie bei der Äußeren Mission, und da is die Sache doch noch ganz +anders! Hier wird man doch nich von die Klapperschlangen gefressen oder +von die Hottentottens aufgespießt! Aber trotzdem — einen Verzicht +gilt's. Schon einfach deshalb, weil wir kein Geld haben. Wir brauchen +also einen ganzen Mann. Und da fuhr's mir heut nacht durch den Kopf: +›Da suchen und suchen wir, und der Mann is da!‹ Und als ick mir die +Sache länger überlegte, hab' ick mir gesagt: ›Schenker, du bist doch 'n +alter Teekessel, hättest du das nich gleich am ersten Ostertag nach der +Predigt wissen können? Vierzehn Tage eher hätt'st du die Herrschaften +von ihre Sorge befreit!‹ Aber wie's im Leben so geht, Exzellenz, — +heut morgen dacht' ick: Wenn Exzellenz nu säd: ›Schenker, das is +Quatsch!‹ Det kann ick nämlich schlecht vertragen, Exzellenz!«</p> + +<p>Er sah sie erwartungsvoll an.</p> + +<p>Frau Sabine hatte den Kopf in die Hand gestützt. Schweigend ruhte ihr +Blick auf dem Alten. In ihren Augen standen Tränen. —</p> + +<p>Ein stiller Vorfrühlingsabend stieg vor ihrem Geiste auf. In dem +dämmernden Stadtgarten blühten Veilchen und Krokus und ein weicher +Wind strich um die Dächer. Sinnend saß sie über der Apostelgeschichte, +über dem Werdegang des gewaltigen Kämpfers, dessen heißem Ringen jener +wunderbare Sieg folgte, — ›denn siehe, er betet!‹ Ein Gedanke war +ihr durch den Sinn geflattert, woher er kam, wußte sie nicht, aber +ihre Seele folgte seinem leuchtenden Flug. Glaubenswege zogen sie +miteinander, zu lichten Firnen empor. Nur die Kühnheit und Leichtigkeit +des Gedankens aus der Überwelt durfte den schwindelnden Aufstieg wagen, +nur die Trägerin des Wetterkreuzes durfte nach den Stürmen der Nacht +von der<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> Grenze des ewigen Schnees in die Zukunft schauen. Dann waren +sie zu Tal gezogen. Aber durch das Grau des Alltags hindurch klang's +immer wieder wie eine lichte Weissagung: ›Denn siehe, er betet!‹ — Und +heute stand einer vor der Greisin und sprach: ›Das Wort ist erfüllet!‹</p> + +<p>Sinnend blickte sie vor sich hin.</p> + +<p>Da fuhr der Alte fort: »Dann hab' ich mir gesagt: ›Schäme dir, +Schenkersch Vadder! Die Missionare zucken mit keiner Wimper in +Todesgefahr, und du bist empfindlich, wenn deine alte Herrschaft dir +die Wahrheit sagt. Gleich heute gehst du nach Dreilinden!‹ Na, und da +bin ich nu!«</p> + +<p>Wieder nickte Frau von Kambach ihm freundlich zu. »Der Gedanke ist +zu erwägen, lieber Schenker. Er ist mir selbst schon durch den Kopf +gepflogen, um so mehr freue ich mich der Anregung von anderer Seite. +In der Hauptsache bin ich vollkommen mit Ihnen einig. Wendler ist +ein ganzer Mann, der sich nach allem, was Sie mir berichten, auch +als ganzer Christ beweisen wird. Menschen, die sich zum Glauben +durchkämpfen, sind keine halben. Denken Sie daran, wie Saulus ein +Paulus wurde! Ich bin also sehr dankbar für die Anregung, muß mir die +Sache aber in Ruhe überlegen und vor allem erst mit meinem Sohn darüber +sprechen. Er weiß noch nichts?«</p> + +<p>»Nein, Exzellenz. Ich wollte zuerst hier vorsprechen.«</p> + +<p>Sie nickte. »Gut. Ich fahre morgen nach Kambach. Wissen Sie, ob mein +Sohn in den Vormittagsstunden zu Hause ist?«</p> + +<p>»Der gnädige Herr hat nicht gesagt, daß er etwas Besonderes vorhätte!«</p> + +<p>»Schön. Dann bestellen Sie, ich käme um elf. Paßt es nicht, können Sie +mich ja benachrichtigen.«</p> + +<p>»Sehr wohl, Exzellenz.« Er erhob sich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span></p> + +<p>Frau von Kambach reichte ihm die Hand. »Adieu, lieber Schenker! Eine so +große Freude hab' ich lange nicht gehabt, und daß Sie sie mir bringen +durften, war schön!«</p> + +<p>Seine Augen leuchteten. Er verbeugte sich. »Ich danke untertänigst, +Exzellenz!«</p> + +<p>Schritte klangen im Nebenzimmer. Ein junger Diener erschien auf der +Schwelle.</p> + +<p>»Herr Pastor Wendler!«</p> + +<p>Die beiden Alten sahen sich an.</p> + +<p>»Ich lasse bitten,« sagte die Hausfrau. »Sie sind ihm zuvorgekommen,« +wandte sie sich halblaut an Schenker.</p> + +<p>Schwerfällig erhob sie sich und ging dem Gast entgegen.</p> + +<p>Sein rascher Schritt klang an ihr Ohr. ›Ganz so wie einst!‹ zog es ihr +durch den Sinn.</p> + +<p>Da stand er schon vor ihr, groß, kräftig, das blaue Auge leuchtend, — +keine Spur von einer eben überwundenen wochenlangen Krankheit, weder in +Aussehen und Farbe, noch in den Bewegungen, — nun ja, er war in froher +Erregung durch die blühende Mark gewandert.</p> + +<p>Sie streckte ihm die Rechte entgegen. »Herzlich willkommen, mein lieber +Wendler!«</p> + +<p>Er beugte sich über ihre Hand. Dann sah er sie voll an. In dem +männlichen Gesicht arbeitete es.</p> + +<p>»Es ist lange her, daß ich hier war,« sagte er, und seine Stimme bebte +leise. »Aber Exzellenz haben mir gestattet, wiederzukommen ...« Er +hielt inne, tief Atem holend. Das menschliche Wort erschien ihm zu arm +in dieser Stunde.</p> + +<p>Sie verstand ihn.</p> + +<p>Schweigend hielt sie seine Hand umfaßt.</p> + +<p>»Ich bat Sie, wenn es so weit sei, Ihre Freude teilen zu dürfen,« sagte +sie endlich, — »nicht wahr, die Stunde ist gekommen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span></p> + +<p>Der lang entbehrte Ton schlug ihm warm ans Herz. Wie unwert erschien er +sich dieser Liebe! Aber sie war nichts als der Abglanz einer größeren +heiligeren, die er mit heißer Sehnsucht gesucht und endlich gefunden.</p> + +<p>Die Bewegung übermannte ihn. Tränen traten in seine Augen. Er wandte +sich ab.</p> + +<p>Da fiel sein Blick auf den alten Schenker, der bescheiden in der +Fensternische stehen geblieben war. Sein Gesichtsausdruck sagte ihm +alles. Fragend sah er die Gutsherrin an. Lächelnd nickte sie ihm zu. +»Ja, lieber Wendler, Sie haben recht, Sie brauchen mir nichts mehr +zu sagen. Unser guter Schenker hat mir eben über die Osterpredigt +berichtet, und daß Sie zum Schluß ›Nun danket alle Gott!‹ miteinander +gesungen haben! Mir tut nur leid, daß ich nicht dabei gewesen bin, — +aber nicht wahr, ich darf mich auch jetzt noch mit Ihnen freuen?«</p> + +<p>Wie eine Mutter sah sie ihn an.</p> + +<p>Und den Mann, der jahrzehntelang, von niemand umhegt und geliebt, sein +einsames Leben geführt, traf dieser Blick in tiefster Seele.</p> + +<p>»Exzellenz!«</p> + +<p>Als müßt' er das innerste, heiligste Empfinden dieser Stunde selbst vor +diesen lieben Augen verbergen, beugte er sich ein zweites Mal über die +greise Hand und drückte einen langen innigen Kuß darauf. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Westwind trug den Klang der Kambacher Betglocke herüber. Heimatlich +grüßte er die beiden Menschen.</p> + +<p>Ein leiser Schritt verklang auf den Dielen. Behutsam ward eine Tür +geschlossen.</p> + +<p>Sie waren allein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p> + +<p>»Ich wußte, daß Sie heimkehren würden,« sagte sie leise, »es ist kalt +und einsam in der Fremde!«</p> + +<p>»Und doch hätte ich den Weg niemals gefunden, hätte mich nicht einer +geführt,« klang es zurück. »Denn ich war blind. Jetzt ist mir die +Decke von den Augen genommen, ich habe erkannt, daß die Wissenschaft +uns den Frieden der Seele nicht schenkt. Darum fror mich bei aller +Gelehrsamkeit — sie hat mich arm gemacht!«</p> + +<p>»Arm,« wiederholte die alte Frau nachdenklich. »Wären Sie reich +gewesen, so hätten Sie sich nicht führen lassen. Zur Heimkehr gehört +Heimweh!«</p> + +<p>Sinnend blickte er in den leuchtenden Abend hinaus. Wie ein +dunkelgrüner Rahmen umschloß das efeuumsponnene Fenster die verträumte +Landschaft. Rosa Abendwolken schifften vorüber, und der letzte Strahl +mischte sich mit dem Bronzeton der Heide. Sehnsüchtig trällerte eine +Lerche über den wehenden Birken.</p> + +<p>Drüben verhallte die Glocke ...</p> + +<p>›Zur Heimkehr gehört Heimweh!‹ zog es durch die Seele des Mannes, der +nach heißem Kampf und langer Irrfahrt den Weg nach Hause gefunden.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_Kapitel"><span class="s5">Vierzehntes Kapitel.</span><br> + Jutta.</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Weißt du nicht, daß späte Rosen</div> + <div class="verse indent0">In der Herbstzeit schnell verblühen?</div> + <div class="verse indent0">Daß sie frühe sich entfalten</div> + <div class="verse indent0">Und ums Abendgold verglühen?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Daß ein kurzes helles Leuchten</div> + <div class="verse indent0">Auf den roten Blättern schimmert,</div> + <div class="verse indent0">Wenn des Taues Brautgeschmeide</div> + <div class="verse indent0">In den dunklen Kelchen flimmert?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Duftend wird die letzte Rose</div> + <div class="verse indent0">Deiner Liebe sich erfreuen,</div> + <div class="verse indent0">Und die samtnen Spätherbstblätter</div> + <div class="verse indent0">Still auf deine Pfade streuen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Feiernd geht der Tag zur Neige,</div> + <div class="verse indent0">Wenn die Schnitter heimwärts ziehen,</div> + <div class="verse indent0">Und beim Klang der Abendglocke</div> + <div class="verse indent0">Leuchtender die Felsen glühen ...</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>»Eins steht fest: Wir können heute gleich zwei Ortsgruppen gründen, +eine agrarische und eine militärische!« sagte der Oberstallmeister +lachend zu seiner Mutter, die, auf den Arm des Sohnes gestützt, der +Gutskirche zuwanderte. »Na, dann ist wenigstens ein Anfang gemacht, dem +der klingende Beigeschmack hoffentlich nicht fehlt! Denn wir brauchen +Geld! — Du sagst: ›Das wird schon kommen!‹ Ja, mein Himmel, in den +Mund fliegen einem die gebratenen Tauben heutzutage nicht!« Er grüßte +freundlich hierhin und dorthin. Es ist doch<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> großartig, — <span class="antiqua">in +corpore</span> sind die Leute erschienen! Die ganze Umgegend ist da. In +Bühl kann tatsächlich nur der Nachtwächter zu Hause geblieben sein, +mit Kind und Kegel ist das Volk angetreten. Und sieh mal die Bauern! +Alle Achtung! Ich hätt's nicht für möglich gehalten! — Was hat da nu +gezogen? Gräfin Sibylle Bühlers Stradivariusgeige oder der neue Bund +und sein interessanter Direktor? Jedenfalls war's eine gute Idee von +Billy! Überhaupt die als Schwiegertochter! Wenn aus Harro noch mal +was Vernünftiges wird, können wir's ihr danken. Auf seine Haltung als +Bräutigam gebe ich natürlich nichts, aber Roselius hat mir vor einiger +Zeit gesagt, wenn ein Mensch Einfluß auf ihn habe, sei sie es.«</p> + +<p>Die alte Dame nickte. »Er hat sich in letzter Zeit entschieden zu +seinem Vorteil verändert,« stimmte sie dem Sohne bei. »Ich glaube, +Eberhards Tod hat auch dazu beigetragen!«</p> + +<p>»Mag sein. Ich schiebe viel auf seine veränderten Gefühle für Bühler. +Harro liebt Ilse sehr, sie haben alles miteinander geteilt, — nun +zeigt ihm ihre Ehe den Mann, den er seinen Freund genannt, im wahren +Licht. Das muß ihm zu denken geben! Ich halte es immer für das beste, +wenn das Leben einen Menschen erzieht. Das ist das sicherste Verfahren. +Aber wenn es ihn zu Gott zurückführen soll, muß es ihn doch noch anders +anfassen. Denn solange er dieser verrückten Weltanschauung huldigt, +wird nichts aus dem Jungen. Er weiß ja selbst nicht, was er glaubt!«</p> + +<p>»Vielleicht hat Gott ihm gerade deshalb diese Frau in den Weg +gestellt,« meinte die Greisin und blieb Atem holend stehen.</p> + +<p>Mit hellen Augen sah sie sich um — —</p> + +<p>Über der alten Dorfkirche, über dem Kranz knospender Linden blaute der +Himmel. Mückenschwärme tanzten in der Sonne, Bienenvölker summten in +den Kronen. Wie die Säulen eines alten Doms umrahmten die grauen Stämme +die feinen<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> stimmungsvollen Bilder des märkischen Tieflandes, das licht +getönt herübergrüßte. Schmucke Dörfer, vom Kirchturm gekrönt, nickten +herein, sonnige Heidhügel, blaue Seen im Sonnenglanz, farbenfröhlichen +Wandgemälden gleich, vom grünen Dach der Sommerlinde überschattet. Und +zwischen den Grabsteinen, auf den Wegen ein buntes Durcheinander von +Menschen aller Art, die in Gruppen redend beisammen standen: Landadel, +Offiziere, Honoratioren, Bauern, selbst der schlichte Arbeiter und sein +Weib fehlten nicht.</p> + +<p>Herr von Kambach und seine Mutter hatten ein paar Drachenburger Ulanen +begrüßt, dann traten sie an eine Bauerngruppe heran.</p> + +<p>Ehrerbietig entblößten die Alten die weißen Köpfe, und eine lebhafte +Unterhaltung entspann sich über den Bund, der heute seine erste +Ortsgruppe erhalten sollte.</p> + +<p>Ein ehrwürdiger Dreilindener Bauersmann erklärte, zuerst sei's ihn +hart angekommen, daß er seinen Pastor, nachdem er's eben gelernt, +den Herrn Christum recht zu verkünden, wieder hergeben solle, aber +nun, wo er neulich auf der großen Versammlung gehört, wozu man ihn +haben wolle, könne er nichts dagegen sagen. Denn so eine Sache, wie +der Bund bibelgläubiger Christen, habe schon lange gefehlt, und der +Direktor, der an die Spitze trete, müsse ein ganzer Mann sein. Und das +sei Herr Pastor Wendler. Für Kambach und Dreilinden und die anderen +eingepfarrten Güter sei sein Fortgang ein großer Verlust, aber wo es +sich um eine Sache handele, die dem ganzen deutschen Vaterlande zugute +käme, dürfe man nicht an sich denken.</p> + +<p>Exzellenz von Kambach nickte ihm freundlich zu. »Das ist recht, Rudow, +wir müssen auch Opfer bringen können.«</p> + +<p>Des Alten Augen leuchteten.</p> + +<p>»Det häbb' ick och all jesäd, Exzellenz!« — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p> + +<p>Auf den Arm des Sohnes gestützt, wanderte die greise Frau weiter, von +Gruppe zu Gruppe. Überall wußte sie das rechte Wort, überall freute man +sich beim Nahen der ehrwürdigen Gestalt.</p> + +<p>Vom Turm schlug es drei. Durch die geschmückten Pforten kam der lange +Zug und füllte das Schiff. Aber der Raum reichte nicht aus. In den +Gängen standen die Menschen, auf den Stufen, vor der offenen Kirchtür +saß, was drinnen keinen Platz mehr gefunden.</p> + +<p>Und dann begann auf dem Orgelchor ein leises Tönen, ein Klingen und +Flöten wie Hirtenschalmeien, ein Locken und Werben, als lüd' eine helle +Stimme zum festlichen Singspiel: die Stradivariusgeige.</p> + +<p>Wer ihre Geschichte kannte, hob unwillkürlich den Blick zu dem +Bilde der Ahnfrau empor. Mit lieblichem Lächeln schaute die schöne +dunkelhaarige Frau im weißen Atlaskleide auf die Anwesenden nieder. +Eine rote Rose blühte in ihren Locken, so leuchtend und farbenfrisch, +als sei sie eben gepflückt, ein kostbarer Schmuck flimmerte auf dem +weißen Halse.</p> + +<p>Und die Geige jauchzte durch die stille Kirche. — —</p> + +<p>Als habe sie den alten vergoldeten Rahmen verlassen und sei in den +Kreis der Lebenden getreten, stand Sibylle an der Brüstung des Chors, +das Ebenbild jener Frau, die mit ihrer Liebe die Kunst in das Kambacher +Herrenhaus getragen. Ihr Erbe aber war den Bühlers zurückgegeben +worden. Doch als seien die Saiten der Stradivariusgeige unlöslich mit +der Geschichte des alten Geschlechts verknüpft, ward ihre Trägerin +eines Kambachs Braut. Im schlichten weißen Sommerkleide, einen Strauß +dunkler Rosen an der Brust, das schöne Haupt über die Geige geneigt, +spielte Sibylle Bühler das Largo von Händel. Orgeltöne mischten sich +sanft mit den wundervollen Klängen. Ein junger Berliner Musiker, der +sie häufig begleitet,<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> stellte an diesem Tage seine Kunst in den Dienst +der großen Sache.</p> + +<p>Die Zusammenstellung war äußerst geschickt. Kein schwer verständliches +Tonstück, keine dem einfachen Manne unverständliche Musik erklang in +der kleinen Dorfkirche, — echte deutsche Kunst im kirchlichen Gewande +grüßte das Volk. Wenn etwas an die Herzen griff und für einen großen +heiligen Zweck zu werben geeignet war, so war's das Spiel dieser beiden +jungen Menschen, die ihre ganze Seele in die Kunst legten.</p> + +<p>Wenn die Geige schwieg, sang Sibylle mit Gräfin Brelow zweistimmige +Lieder.</p> + +<p>Lautlose Stille herrschte im Schiff. Keiner Predigt hätten die +märkischen Bauern andächtiger gelauscht. Regungslos saßen sie neben +ihren Frauen und Töchtern in den Kirchenbänken, und manches Auge ward +feucht.</p> + +<p>Die letzte Nummer, eine Bachsche Kantate, war verhallt, da klangen +noch einmal die beiden schönen Frauenstimmen vom Chor. Leise und zart +schwebte es durch die Kirche:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Das ew'ge Licht geht da herein,</div> + <div class="verse indent0">Gibt der Welt ein'n neuen Schein!</div> + <div class="verse indent0">Es leucht't wohl mitten in der Nacht,</div> + <div class="verse indent0">Und uns des Lichtes Kinder macht — Kyrieleis!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Tiefes Schweigen herrschte. Unbeachtet zogen die Laute des Lebens an +der offenen Pforte vorüber, an der stillen Allerseelenfeier drinnen.</p> + +<p>Im hohen dunklen Chorstuhl saß Pastor Wendler am Altar. Seine Gedanken +waren bei dem sterbenden Kinde, dem er Steine für Brot gegeben. Zum +Dank dafür hatte es ihm die lebendige Quelle gezeigt ...</p> + +<p>Sein Blick schweifte zu der greisen Frau hinüber, die mit<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> dem +hoffnungsvollen Enkel ein Stück Lebensfreude ins Grab gelegt. Den Kopf +in die Hand gestützt, saß sie, den festlichen Klängen lauschend. Auf +dem ehrwürdigen Gesicht lag's wie Verklärung, aber dann drückte sie +doch das Spitzentaschentuch an die Augen.</p> + +<p>An ihrer Seite saß der Oberstallmeister. In dem männlichen Gesicht +arbeitete es, auch ihn packte die Erinnerung.</p> + +<p>Und durch die Seele des Einsamen zog ein heißes Dankgebet, daß es +ihm vergönnt gewesen, mit den beiden treuen Menschen ins reine zu +kommen, bevor diese ernste heilige Stunde sie gemeinsam grüßte. Der +Heimgekehrte konnte ihnen, ob auch um Vergangenes trauernd, offen in +die Augen sehen, der Verirrte hätte es nicht gekonnt. —</p> + +<hr class="tb"> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Das hat er alles uns getan,</div> + <div class="verse indent0">Sein' groß' Lieb' zu zeigen an!</div> + <div class="verse indent0">Dess' freu' sich alle Christenheit,</div> + <div class="verse indent0">Und dank' ihm das in Ewigkeit — Kyrieleis!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>tönte es vom Chor.</p> + +<p>Leise, leise, als trügen Engelsflügel eine Seele nach Hause, zogen die +weichen Töne in den Sommertag hinaus.</p> + +<p>Dann ging eine Bewegung durch die Reihen.</p> + +<p>Unter den brausenden Klängen des Händelschen Festchors ›Seht, er kommt +mit Preis gekrönt‹, leerte sich die Kirche. — —</p> + +<p>An den Ausgängen standen drei der ersten Bundesmitglieder mit Tellern, +unter ihnen der alte Schenker. Mit würdevoller Miene sah er vor sich +nieder, als habe er nichts mit der Sache zu tun. Aber die alten Augen +beobachteten um so schärfer.</p> + +<p>Eine Viertelstunde später trat er mit seinen Genossen in die Sakristei.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p> + +<p>»So, Herr Pastor, da bringen wir den Bundesschatz! Nu fehlt man +bloß noch der Schatzmeister! Was der olle Mammon doch für 'ne Rolle +spielt! Da freut man sich nu wie so'n klein' Jung', der von Muttern +'n Stück Gebratenes aufs Brot gekriegt hat! Aber wir bringen auch 'n +ganzen Batzen!« Seine Augen vergrößerten sich. »Über die Hälfte is +Gold, und in mein'n Teller hat jemand 'n blauen Lappen eingebuddelt. +Wie's geschehen is, weiß der Himmel! Mitten mang unter die Goldstücke +seh' ick da plötzlich zu meine größte Verwunderung so was wie'n +blauen Zippel! Ick trau' meinen Augen nich! ›Schenker,‹ häbb ick +jesäd, ›du wirst woll swach in'n Kopp!‹ Aber nee! Als ick zufass', +hab' ick wahrhaftig 'n Hundertmarkschein bei'n Wickel! Hier is er!« +Triumphierend hob er den Schein in die Höhe.</p> + +<p>Alle lachten.</p> + +<p>»Nu wollen wir aber ans Zählen gehen!« sagte der Kirchenälteste.</p> + +<p>Und sie setzten sich um den Tisch.</p> + +<p>Drei weiße Köpfe beugten sich über die Teller.</p> + +<p>Wendler sah dem alten Kammerdiener über die Schulter. »Bei Ihnen +scheinen die Kambacher und Dreilindener gewesen zu sein, Herr Schenker!«</p> + +<p>»Und die Herren Offiziere! Die lassen sich nicht lumpen, Herr Pastor, +wenn Brandenburgs Rose die Geige spielt!«</p> + +<p>Wieder klang das Klappern der Münzen.</p> + +<p>Endlich waren die Alten fertig. Die drei Summen wurden zusammengezählt.</p> + +<p>Kopfschüttelnd blickte der Kirchenälteste auf das Ergebnis. »Das ist +unmöglich!«</p> + +<p>»Ick hab' mir nich verrechnet,« erklärte Schenker spitz, »ick hab' in +der Schule für Kopfrechnen immer ›gut‹ bekommen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p> + +<p>Der alte Müller gab für seine Person dieselbe Ehrenerklärung ab.</p> + +<p>Da sagte der Schulze beleidigt: »Die Herren werden mir doch nicht +zutrauen, det ick das Einmaleins verlernt habe? Darf ich bitten, Herr +Pastor?«</p> + +<p>Er reichte Wendler das Blatt.</p> + +<p>Der überflog die Zahlen und trat an den Tisch. »Wir wollen die +Einzelsummen noch einmal nachrechnen.«</p> + +<p>Alles stimmte.</p> + +<p>Da erklärte Wendler: »Die Rechnung ist richtig: +neunhundertundsiebenundneunzig Mark!«</p> + +<p>»Alle Achtung!« rief der Müller.</p> + +<p>»Det häbb ick doch jesäd, die Sache stimmt!« Schenker schlug mit der +Hand aufs Knie. »Aber daß da drei Mark an tausend fehlen, das geht nich +an!« Er zog seinen Geldbeutel aus der Tasche und legte einen Taler auf +den Tisch.</p> + +<p>»Bravo, Schenker!« rief der Pastor. »Zur Belohnung tragen Sie den +Bundesschatz ins Gutshaus. Dann erfahren wir auch gleich, wieviel +Mitglieder sich noch gemeldet haben!«</p> + +<p>Schenker verbeugte sich. »Ich dank' auch für die Ehre, Herr Pastor!« +sagte er; dann nahm er mit einer Miene, als sei ihm der Hort der +Nibelungen anvertraut worden, den Geldsack vom Tisch und verließ +erhobenen Hauptes die Sakristei.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eine Viertelstunde später ging Pastor Wendler die Dorfstraße entlang, +dem Herrenhause zu.</p> + +<p>Der Weg war heiß und staubig; so beschloß er, den kleinen Umweg über +die Wiesen zu machen.</p> + +<p>Ein erfrischender Wind wehte ihm entgegen. Grillen zirpten im Grase, +Falter gaukelten über dem Moor. Am Bachrand<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> blühten Vergißmeinnichte, +und das Sumpfgras flatterte neben der duftigen rosa Federnelke. Es war +schön in der stillen Natur.</p> + +<p>Ein Kiefernwäldchen nahm ihn auf. Gedankenverloren wanderte er den Pfad +entlang.</p> + +<p>Immer einsamer ward der Forst, immer weltabgeschiedener, und doch +waren menschliche Wohnstätten in der Nähe. Aber ihren Bewohnern waren +Heimaterde und Waldstille heilig. Sie hüteten das deutsche Erbe.</p> + +<p>Gedankenverloren wanderte er weiter.</p> + +<p>Über den Wiesen verwehten die Laute des Lebens, — er hörte sie nicht. +Die Einsamkeit redete zu seiner Seele.</p> + +<p>Sie hatte es oft getan in letzter Zeit. In dunklen Nächten hatte +sie frisches Öl auf die ewige Lampe gegossen, die Trägerin jener +strengen heiligen Flamme über den Tiefen der Seele. Und als die +Leuchte des Gewissens zur Fackelhelle entfacht war, als die gewaltige +Gesetzesgeberin unumschränkt im Hause regierte, da geleitete die +Einsamkeit eine lichte Gestalt in den Garten des Mannes und sagte: ›Laß +sie deine Rosen gießen, derweil du den Wein schneidest!‹</p> + +<p>Zaudernd stand er: ›Schon einmal freit' ich vergebens!‹</p> + +<p>Sie schaute ihm ernst ins Angesicht. »Damals verachtetest du, was +echter Frauenliebe am höchsten steht! Damals wiesest du auf den +schönsten Stein in ihrer Krone und sprachest: ›es ist ein Kiesel!‹ — +das Blatt hat sich gewendet!«</p> + +<p>Ja, das Blatt hatte sich gewendet! Sinnend ging sein Blick über die +Frauengestalt mit dem Kränzlein im Haar. »Jutta,« sagte er leise.</p> + +<p>In tiefen Gedanken wanderte er weiter.</p> + +<p>Da hörte er plötzlich von einem Seitenpfad Stimmen herüberklingen.</p> + +<p>Lauschend blieb er stehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span></p> + +<p>»Und ich sage dir, wenn du nicht aus Überzeugung unser Mitglied wirst, +so hat deine Zugehörigkeit nicht den geringsten Wert,« sagte eine +Frauenstimme.</p> + +<p>»Aber, lieber Schatz, die Hauptsache ist doch der Beitrag! Habt ihr +denn so viele Mitglieder, die zwanzig Mark bezahlen?«</p> + +<p>»Nein, durchaus nicht.«</p> + +<p>»Ja, was willst du denn? Freu' dich doch!«</p> + +<p>Wendler bog die Zweige auseinander. Ein weißes Kleid schimmerte durch +die Büsche. Er erkannte das Brautpaar. Der Offizier hatte den Arm um +das junge Mädchen gelegt, ihre Hand lag in der seinen. Den dunklen Kopf +gesenkt, sah sie vor sich nieder.</p> + +<p>»Meinst du wirklich, Gott könne sein Werk nicht ohne uns und unser Geld +treiben?« hörte Wendler Sibylle sagen.</p> + +<p>»Ja, was bedeutet denn die ganze Sache?«</p> + +<p>»Sie bedeutet, daß seine erlösten Kinder Arbeiter am Bau seines Reiches +werden sollen, Menschen, die aus Dank und aus Liebe zum Heil ihres +Volkes und zu Gottes Ehren arbeiten!« rief sie lebhaft. »Eine bloße +Geldspende, die gar nicht der Sache zuliebe gegeben wird, hat also im +letzten Grunde keine Bedeutung. Denn Gold und Silber sind tote Werte, +solange die Liebe sie nicht geheiligt hat.«</p> + +<p>»Aber ich gebe mein Geld dir zuliebe, Billy, — bist du denn nicht viel +mehr wie diese Sache?«</p> + +<p>»Im Gegenteil, ich bin viel weniger. Denn es geht um unseres Volkes +Ewigkeit. Ich aber bin nur ein leicht zu ersetzendes Glied in der +Kette der Männer und Frauen, die das Werk treiben! Du mußt die Sache +großzügiger auffassen, Harro! Himmlische und irdische Liebe sind +zweierlei!« Ein Seufzer verwehte.</p> + +<p>»Ich kann da nicht mit,« sagte er mit zerdrückter Stimme.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p> + +<p>»Weil du an keinen persönlichen Gott glaubst,« klang es traurig zurück. +»Wer keine Ewigkeit hat, kann natürlich auch keine Ewigkeitsarbeit +treiben. Das wäre Widerspruch.«</p> + +<p>Dann war es still zwischen den beiden. Nachdenklich blickte der +Oberleutnant ins Grüne, während die Braut mit ihrem Sonnenschirm +Figuren in den Sand zeichnete.</p> + +<p>Wartend stand der Geistliche. Die Sache interessierte ihn. Nicht nur +psychologisch; auch der Bundesdirektor fragte sich: ›Was folgt nun?‹ +Daß sich zudem ein klein wenig menschliche Neugier in dies Interesse +mischte, gestand er sich nicht ein.</p> + +<p>Und dann kam's, worauf er gewartet.</p> + +<p>»Sag' mal, Billy, warum hast du eigentlich ›ja‹ gesagt, als ich um +dich anhielt? Dein Höchstes und Bestes kann ich nicht anerkennen — du +hast's mir ja freilich gleich damals gesagt, daß es dir schwer werde, +daß wir uns darin nicht verständen, aber erst seit einiger Zeit merke +ich, welch eine Macht deine Weltanschauung auf dich ausübt — leidest +du nicht darunter?« Harro Kambach hatte sich vorgebeugt und sprach +eindringlich zu seiner Braut. »Ich hab's dir doch alles ehrlich vorher +gesagt, Kind!«</p> + +<p>Sibylle Bühler hatte ihr Spiel mit dem Sonnenschirm aufgegeben. »Ich +hab' ›ja‹ gesagt, weil ich dich grenzenlos liebhab', — weil ich mir +sagte, ein so ehrlicher Mensch, wie du, findet früher oder später +seinen Gott. Denk' nur nicht, ich bildete mir ein, die Liebe zu mir +würde dich zum Glauben bringen. Dann wärst du kein rechter Mann, +vor allem aber wäre dein Glaube nicht der rechte. Glaube, der auf +Frauenliebe gegründet ist, ist kein Glaube, denn er wurzelt nicht in +persönlicher Erfahrung. Die Heilsgewißheit fehlt ihm. Ich kann für dich +beten, kann dir den Weg zeigen, — und das will ich tun, soweit es in +meinen Kräften steht — mehr kann ich nicht. — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Nach der Wahrheit steilen Burgen</div> + <div class="verse indent0">Mag ein andrer wohl die Pfade</div> + <div class="verse indent0">Dir durch Dorn und Felsen zeigen:</div> + <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">Führen</em> kann nur Gottes Gnade!‹<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a></div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Kennst du den Vers? In einer Zeit, wo ich im Zweifel war, ob ich der +Sehnsucht meines Herzens folgen dürfe, fand ich dies Dichterwort.« +Die dunklen Augen strahlten ihn an: »Nun weiß ich's, ich darf deine +Wegweiserin sein!«</p> + +<p>Er zog sie an sich. Ihr Haupt ruhte an seiner Brust.</p> + +<p>In tiefer Bewegung beugte er sich über sie und küßte sie. »Und wenn ich +dir nicht folgen kann?«</p> + +<p>Wieder hob sie den Blick voll zu ihm auf. »Weißt du, wie es weiter +heißt?</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Die Erkenntnis ist das Erbe</div> + <div class="verse indent0">Nicht der Weisen, nein der Frommen!</div> + <div class="verse indent0">Nicht im Grübeln, nein im Beten</div> + <div class="verse indent0">Wird dir Offenbarung kommen!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Und dann das Letzte, Schönste:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Soll ein Menschenauge schauen,</div> + <div class="verse indent0">Muß der Himmel sich erschließen,</div> + <div class="verse indent0">Und ein Strahl von seinem Lichte</div> + <div class="verse indent0">In das dunkle Herz sich gießen.‹«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Ihre Stimme bebte. »Führen kann nur Gottes Gnade!« sagte sie leise.</p> + +<p>Wendler sah noch, wie über das Antlitz des Mannes ein Schatten flog, +wie er schmerzlich den Kopf schüttelte, dann verließ er leise sein +stilles Versteck.</p> + +<p>Nachdenklich wanderte er weiter.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span></p> + +<p>Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht und rauschte in den Kronen.</p> + +<p>›Das ist echte Frauenliebe,‹ dachte er, ›Wegweiserin will sie dem Manne +sein!‹</p> + +<p>Unwillkürlich zog er den Vergleich zwischen Sibylle Bühler und der +Frau, nach deren Liebe er sich sehnte, wie nach einem frischen Trunk, +— sie hatte sich ihm versagt. Sie hatte es übers Herz gebracht, ihm +zu weigern, was wahrhaftiger Frauensinn mit vollen Händen austeilt, +hatte vergessen, daß ein echtes Weib nur dann glücklich ist, wenn +es einem geliebten Menschen zum Quell der Erquickung und des Segens +wird. Oder nicht? Hatte sie gelitten, gedarbt? Wartete sie auf sein +jubelndes Bekenntnis: ›Dein Gott ist mein Gott!?‹ Er grübelte weiter. +Sibylle Bühler reichte einem Manne die Hand, der viel weniger glaubte, +als er geglaubt, der im Grunde überhaupt keine Religion, sondern nur +eine moderne Weltanschauung besaß, — Jutta Eichel wies den glühenden +Jesusverehrer von sich. Und doch standen diese beiden Frauen auf +gleichem Boden, auf dem Boden des bibelgläubigen Christentums. Beide +kannten das Wort: ›Der ungläubige Mann wird geheiligt durch das Weib.‹ +In echt frauenhafter Demut hatte sich die junge Gräfin unter dies +Wort gestellt, — die Tochter des orthodoxen Pfarrhauses hatte es +nicht vermocht. Oder lagen die Dinge anders? Er grübelte weiter. In +heißer Sehnsucht, sich selbst und dem Weibe, das er noch immer mit +seiner ganzen Manneskraft liebte, gerecht zu werden, zwang er sich zum +Nachdenken.</p> + +<p>Und dann stand er plötzlich tief aufatmend still.</p> + +<p>Beide hatten recht gehandelt, die eine, als sie sich dem Manne +angelobte, dessen verflachte Weltanschauung ihn halt- und führerlos +gemacht, die andere, als sie in heiliger Sorge um den eigenen +Glaubensschatz dem Geliebten auswich, der<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> ihr die toten Früchte +menschlicher Weisheit bot. Sie hatte recht gehabt, als sie ihn von +sich wies, sein Wissensdünkel hätte sich niemals vor einem Weibe +gebeugt. Über ihn hatte ein Gewaltiger kommen und sein Werk in Stücke +brechen müssen, daß er's im tiefsten erschütterndsten Sinne erlebte: +›<em class="gesperrt">Führen</em> kann nur Gottes Gnade!‹ Und er hatte es erlebt. Was ihn +einst ein Makel gedünkt, war heute sein jubelndes Bekenntnis: ›Du bist +mir zu stark gewesen und hast gewonnen!‹</p> + +<p>Aber seine Sehnsucht nach Frauenliebe war gewachsen. Wie würde Jutta +Eichel ihm heute begegnen? Er hatte sie seit jener Stunde nicht +wieder allein gesehen, obwohl er in den letzten Wochen häufig in +Bundesangelegenheiten bei der alten Exzellenz gewesen, aber ihre +Gesellschafterin war stets abwesend, oder huschte nur mit einer +dringenden wirtschaftlichen Frage durchs Zimmer. Ob sie nichts mehr von +ihm wissen wollte? Seufzend blickte er auf.</p> + +<p>Wo war er hingeraten?</p> + +<p>Der Wald hatte sich gelichtet. Zwischen den dunklen Stämmen schimmerte +das Grün der Wiesen. Er trat ins Freie. Wahrhaftig, da lag Dreilinden! +In seiner Erregung hatte er einen verkehrten Weg eingeschlagen.</p> + +<p>Freundlich grüßten die roten Dächer des Gutshauses über die Felder. In +den leise wehenden Zweigen der Birken spann die Sonne ihre goldenen +Netze. Ein leuchtender Falter gaukelte über dem Rain. Und die Fenster +drüben blinkten und lockten, und der Wind trug die Klänge eines alten +Volksliedes herüber:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Meine Mutter hat's gewollt!</div> + <div class="verse indent0">Den andren ich nehmen sollt'!</div> + <div class="verse indent0">Mein Herze sollt vergessen,</div> + <div class="verse indent0">Was es zuvor besessen, —</div> + <div class="verse indent0">Das hat es nicht gewollt!</div><span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Meine Mutter klag' ich an!</div> + <div class="verse indent0">Sie hat nicht wohl getan!</div> + <div class="verse indent0">Was sonst in Ehren stünde,</div> + <div class="verse indent0">Nun ist es worden Sünde, —</div> + <div class="verse indent0">Was fang' ich an?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Für all mein'n Stolz und Freud'</div> + <div class="verse indent0">Empfangen hab' ich Leid!</div> + <div class="verse indent0">Oh, — wär' es nicht geschehen,</div> + <div class="verse indent0">Oh, — könnt' ich betteln gehen</div> + <div class="verse indent0">Über die braune Heid'!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Wie ein Alp legte sich der schwermütige Sang auf seine Seele.</p> + +<p>Er strich mit der Hand über die heiße Stirn.</p> + +<p>Was war das? Verwehter Heidezauber? Der Spuk nahender Dämmerung?</p> + +<p class="center"> +›Meine Mutter hat's gewollt!‹<br> +</p> + +<p>Sie hatte ja nicht Vater, noch Mutter, nicht Bruder, noch Schwester, +und kein anderer hatte an ihre Tür gepocht; er wußte es. Aber das Erbe +des Elternhauses besaß sie voll und ganz und hielt es mit starken +reinen Händen fest. Und in diesem Sinne traf ihn in dieser Stunde +das Wort bis ins Mark. Was sie fernhielt, war trotz allem, das sie +in letzter Zeit über ihn gehört, die Sorge um das heiligste Erbe des +Vaterhauses. Und mit plötzlicher Klarheit stand's vor ihm: Frauenliebe +versteht dich erst, wenn du selbst vor sie hintrittst: ›Ich glaube an +Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn!‹ Was hatte ihn +abgehalten, alle Hindernisse überwindend, zu ihr zu gehen? Die Scheu +vor dem Eingeständnis des Riesenirrtums, der seine Seele in Fesseln +geschlagen?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span></p> + +<p>Nun und nie!</p> + +<p>Der Stolz?</p> + +<p>Das Blut stieg ihm in die Stirn. Pochte einmal abgewiesene Mannesliebe +ein zweites Mal an die Tür eines Weibes?</p> + +<p>Er preßte die Lippen zusammen. Ja, der Stolz war's.</p> + +<p>›Warum wies sie dich denn ab?‹ raunte das Gewissen.</p> + +<p>Da gestand er sich's ehrlich. ›Um des Glaubens willen!‹</p> + +<p>Ja, darum ganz allein.</p> + +<p>Seine Augen leuchteten.</p> + +<p>»Gerad' der Mannesstolz soll dir seinen Glauben bekennen!« sagte er +leise und wanderte mit großen Schritten dem Gutshause zu.</p> + +<p>Er wußte, sie war daheim. Jedenfalls leistete sie in Abwesenheit der +alten Dame Gräfin Ilse Bühler, welche seit einigen Wochen in Dreilinden +war, Gesellschaft.</p> + +<p>Ohne Umschweife wollte er auf sein Ziel losgehen und sie um eine +Unterredung bitten lassen. Dann mochte kommen, was da wollte, sie wußte +es aus seinem eigenen Munde, woran sie mit ihm war.</p> + +<p>Ein starkes Glücksgefühl durchschauerte ihn. Und während seine Seele +sich bereitete, einer anderen ihr Allerheiligstes zu erschließen, +kehrte eine große schöne Gewißheit bei ihm ein. Nicht die Gewißheit des +Besitzes, sondern des Friedens, der, höher als alle Vernunft, Glück und +Schmerz überdauert.</p> + +<p>So ausgerüstet wanderte er wie einst über den sonnigen Hof. Fast +dasselbe Bild war's, nur die Zeit war eine andere. Damals stand eine +schlanke Gestalt in der offenen Halle, des Spätsommers glühende +Zentifolienpracht in den Händen, heute schritt sie, einen duftenden +Fliederstrauß tragend, dem Hause zu. Ein Zug sanfter Trauer lagerte +auf der hellen<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> Mädchenstirn, ein tiefer Ernst, der ihrem ganzen Wesen +etwas Frauenhaftes gab.</p> + +<p>Mit einem Schritt war er an ihrer Seite. Leuchtenden Auges grüßte er +sie und reichte ihr die Hand. »Darf ich Sie einen Augenblick sprechen, +Fräulein Eichel?«</p> + +<p>Sein plötzliches Erscheinen hatte sie erschreckt. Sie war leichenblaß +geworden. Doch mit der ihr eigenen Willenskraft beherrschte sie sich +und reichte ihm freundlich die Hand. »Guten Abend, Herr Pastor! +Exzellenz ist noch nicht zurück! Aber ich stehe ganz zu Ihrer +Verfügung. Sie kommen gewiß in einer Armenangelegenheit, — Sie wissen, +mein Gebiet! — Gräfin Bühler schläft, ich bin also ganz frei. — +Wollen wir uns unter die Linde setzen?«</p> + +<p>Sie sagte es mit einer gewissen Hast, dann eilte sie ihm voran, dem +schattigen Platze zu. Scheute sie die Enge des Raumes, das Alleinsein +mit ihm in den stillen vier Wänden? Nachdenklich folgte er ihr.</p> + +<p>Und dann saßen die beiden Menschen unter den lang herabhängenden +Zweigen des alten Baumes auf der weißen Gartenbank. Die Bienenvölker +summten in den Kronen, im hereinbrechenden Sonnenlicht tanzte ein +Mückenschwarm. Eine feine goldgrüne Dämmerung spann ihre Fäden um den +verschwiegenen Platz.</p> + +<p>Kein Ton unterbrach die Feierstille des Frühlingsabends. Eines meinte +des anderen Herzschlag zu vernehmen und das stille Glühen seiner +Seele zu spüren. Mit aller Kraft rang der Mann seine Sehnsucht +nieder; mit frauenhafter Scheu suchte das Weib seine Liebe zu +verbergen. Und dennoch wußt' es eins vom anderen, daß die Saiten +ihrer Seele zerspringen wollten unter den vollen Tönen einer großen +tiefen Leidenschaft. Als würf' das Meer seiner Woge Gewalt gegen ein +schwankes Türlein, und das Rauschen kläng' hindurch und das<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> Jubeln der +jungfräulichen Flut — so empfanden zwei Seelen der Liebe Königsgewalt. +Mannesart begehrte dieser Liebe Kraft, Frauensinn sehnte sich nach +jenem stillen zarten Dienst, der echten Weibes Seligkeit.</p> + +<p>Und dann klang es mit verhaltener Leidenschaft durch die Abendstille: +»Ich komme nicht wegen der Armen, ich will nichts von Exzellenz von +Kambach, — nur zu Ihnen will ich! Will's Ihnen endlich, endlich selber +sagen, daß Ihr Heiland auch mein Gott und Herr ist, — nicht die +vergöttlichte Idealgestalt von dieser Erde, — nein, der König meiner +Seele, den ich auf den Knien anbete, mein Versöhner und Erlöser! — +Ich bringe Ihnen kein Gold und Silber, arm gehe ich in eine ungewisse +Zukunft, aber was ich besitze ist echt, — der Glaube, wie die Liebe!«</p> + +<p>Er hielt tief atmend inne.</p> + +<p>Gesenkten Hauptes saß sie neben ihm, die Hände im Schoß verschlungen. +Auf den schweren Flechten flimmerte die Sonne und umwob das dunkle +Haupt mit feinen goldenen Rauten.</p> + +<p>Sinnend sah er auf sie nieder. »Jutta,« sagte er leise.</p> + +<p>Aber sie regte sich nicht.</p> + +<p>»Soll ich gehen?« fragte er.</p> + +<p>Da hob sie die Augen voll zu ihm auf. »Nein, nein!« Eine große +Sehnsucht lag in ihrem Blick, aber um den schmalen Mund zuckte +verhaltener Schmerz.</p> + +<p>»Zweifeln Sie an mir?« fragte er traurig, »an dem Glauben des Mannes, +der seinen Meister auf Umwegen fand?«</p> + +<p>»Nein,« rief sie lebhaft, »keinen Augenblick! In tiefster Seele +beglückt mich, woran ich nie gezweifelt, was ich aber von Ihnen selbst +hören mußte, ehe es mir zum unbestrittenen köstlichen Besitz wurde. +Die tiefe Kluft von einst ist überbrückt. Aber etwas anderes liegt mir +auf der Seele, etwas, das mich schon damals drückte, was aber hinter +der großen Hauptsache<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> zurücktrat.« Ihre Stimme bebte. Sie wandte +das Antlitz zur Seite. »Ich weiß nicht, ob Sie sich nicht in mir +täuschen. Es ist etwas anderes, ob man ein Mädchen von fünfundzwanzig +Jahren heiratet, oder eines, das die Mitte der Dreißig überschritten. +Gewiß, es gibt Menschen, die immer jung bleiben, die etwas Leuchtendes +an sich haben, etwas Unverwelkliches, — das sind die sogenannten +Sonntagskinder, denen eine besondere Gabe beschert ward, die sie im +Dienste anderer verwerten. Und dieser Dienst erhält sie jung. Aber an +mir ist nichts Leuchtendes! Ich bin nichts, als ein guter Hausgeist, +wie Exzellenz sagt. Von Ihnen aber hab' ich immer gedacht, Sie +brauchten eine jener feinsinnigen idealen Frauen, die überall Glanz +und Wärme hintragen und unbewußt durch ihr ganzes Wesen anderen zur +Erquickung werden! Das werd' ich nie!«</p> + +<p>»Wissen Sie das so genau? Soll ich Ihre alte Exzellenz danach fragen?« +Er beugte sich vor und suchte ihren Blick.</p> + +<p>Aber sie wich ihm aus. »Exzellenz — ich sagte es doch schon — die +antwortet Ihnen: ›Eichelchen ist ein treuer Hausgeist!‹ Das ist ein +großes unverdientes Lob, — aber — ich glaube, Sie brauchen mehr! Sie +brauchen eine Rose, an der Sie sich erquicken können, eine junge holde +Frau, die Ihnen ihre erste Liebe schenkt, eine, die mehr ist, als ich!« +Errötend brach sie ab.</p> + +<p>Sein Auge ruhte sinnend auf ihr. Nie war sie ihm begehrenswerter +erschienen, als in diesem Augenblick, wo sie ihn in die Tiefen ihrer +Seele schauen ließ. Das war das Große an ihr, — die Aufrichtigkeit. +Sie war mehr als die bloße Erkenntnis: ›Die Knospe ist aufgeblüht, +was du zu vergeben hast, ist still glühende reife Frauenliebe, tiefe +abgeklärte Weibessehnsucht, die ausschaut, ob einer des Weges kommt, +den sie erquicken darf!‹ Größer war der stille Verzicht, der<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> ehrlich +und selbstlos zurücktrat: ›Es ist Herbstrosenglut, morgen fällt +der erste Schnee in den dunklen Kelch, — geh eine Tür weiter, im +Nachbarsgarten duftet eine liebliche Knospe, die brich, die nimm ans +Herz!‹</p> + +<p>Ahnte sie gar nicht, daß er sich gerade nach dieser klaren reifen +Frauenliebe sehnte, daß er gerade ihrer bedurfte, in den Kämpfen des +Tages? Daß er ein Weib brauchte, das ihm nicht nur das Haus schmückte, +sondern ihm geistig ebenbürtig zur Seite stand? Freilich nicht als +Gefährtin im modernen Sinne. Die Frau, die er suchte, mußte sich ihrer +Würde bewußt sein, sie mußte Schleier und Diadem vor dem Staub der +Gasse zu schützen wissen, mußte, ihres königlichen Dienstes eingedenk, +zuerst und zuletzt ganz Weib sein. Und das war die Frau, die hier an +seiner Seite saß und ungewollt und unbewußt den schönsten Stein in +ihrer Krone funkeln ließ, die Demut: ›An mir ist nichts Leuchtendes! +Ich bin nichts als ein guter Hausgeist!‹ — —</p> + +<p>»Eine, die mehr ist als Sie?« wiederholte er langsam ihre Worte. »Was +denken Sie eigentlich von mir? Ich will kein Fräulein Doktor heiraten, +sondern eine deutsche Frau!«</p> + +<p>»Ach, das meinte ich nicht!« entgegnete sie. »Ich dachte nur, gerade +Ihre Frau müßte anders sein, etwa wie Gräfin Sibylle — mit einem Wort +— anders als ich!«</p> + +<p>»Anders als Sie? — Ich will Ihnen keine Schmeicheleien sagen, aber +eines muß ich hier aussprechen. Ich weiß, Sie meinen nicht die äußere +Schönheit, sondern die Seele, welche die ganze Persönlichkeit der +Gräfin zu dem macht, was sie ist. Ich sah sie ja nur selten und +flüchtig, aber das ist mein Eindruck von ihr: daß die Seele den Leib +adelt. — Muß ich Ihnen denn erst sagen, daß Ihnen dasselbe helle Licht +aus den Augen strahlt? — Gewiß, Sie sind beide keine Schablonen, jede +von Ihnen hat ihre Eigenart, aber eines steht fest,« — wieder<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> beugte +er sich zu ihr nieder, »ich brauche nicht weiterzugehen, ich will die +Frau, die ich liebe, genau so, wie sie ist ...,« er faßte ihre Hand und +drückte sie leise. »Jutta!«</p> + +<p>Sie schwieg noch immer.</p> + +<p>Da sagte er mit tiefernster Stimme: »Aber vielleicht ist Ihr Ideal +eines Mannes ein anderes?«</p> + +<p>Durch ihre Gestalt ging ein Beben. Sie umklammerte seine Hand. »Nein,« +sagte sie kaum hörbar.</p> + +<p>Aber er hatte sie verstanden.</p> + +<p>Es hielt ihn nicht länger.</p> + +<p>Er zog sie in seine Arme.</p> + +<p>Und als wär's seit langer Zeit ihr gewohnter Platz, legte sie den Kopf +an seine Brust.</p> + +<p>Kein Laut ging durch die abendliche Stille.</p> + +<p>Die große Sehnsucht zweier Menschen war erfüllt: eines lauschte auf des +anderen Herzschlag. — — —</p> + +<p>Und heimlich, als sei's ein Unrecht, streute die Sommerlinde ihre +goldenen Knospen auf die weiße Gartenbank, in die dunklen Flechten der +Braut. — —</p> + +<p>»Ich hab's gewußt,« sagte Pastor Wendler leise. »Als du mich +fortschicktest, sagte ich mir: ›Nur der Glaube trennt uns!‹«</p> + +<p>Sie hob den Kopf und sah ihn strahlend an.</p> + +<p>»Geliebt hast du mich damals schon, Jutta!«</p> + +<p>Sie fand in ihres Herzens Seligkeit noch immer keine Worte.</p> + +<p>Er aber wollte sein ganzes Glück aus ihrem Munde hören.</p> + +<p>»Seit wann?« fragte er mit weicher Stimme.</p> + +<p>Da sah sie ihn mit einem Ausdruck an, wie er ihn nie an ihr geschaut, +dann legte sie aufs neue den Kopf an seine Brust. »Immer!« — — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Über den Hof rollte ein Wagen.</p> + +<p>Sie richtete sich auf.</p> + +<p>»Das ist Exzellenz!«</p> + +<p>Er nickte ihr fröhlich zu.</p> + +<p>Langsam traten sie aus ihrem grünen Versteck.</p> + +<p>Als die Füchse hielten, standen sie Hand in Hand auf den Stufen.</p> + +<p>Frau von Kambachs Blick ging fragend von einem zum andern. Ihre Augen +wurden immer größer.</p> + +<p>Der Pastor öffnete den Wagenschlag und half ihr beim Aussteigen. Jutta +stand still daneben.</p> + +<p>Frau Sabine nickte ihr lächelnd zu.</p> + +<p>Dann sah sie dem abfahrenden Wagen nach, bis er um die Hausecke bog.</p> + +<p>Auf den Krückstock gestützt, stand die greise Gestalt, helle Freude im +Antlitz. »Eichelchen, — Kinder, — was habt ihr gemacht?«</p> + +<p>Da beugte sich ein dunkler Mädchenkopf über ihre Hand: »Exzellenz, er +will mich gerade so, wie ich bin!«</p> + +<p>Jubelnd kam's heraus, kaum wußte sie, was sie sagte.</p> + +<p>»Das glaub' ich schon,« rief die alte Dame, über das Haar ihrer treuen +Gehilfin streichend.</p> + +<p>Und dann drohte sie dem Pastor.</p> + +<p>»Ist das eine Art, mir hinterrücks meinen treuen Hausgeist abspenstig +zu machen?«</p> + +<p>Er neigte sich über ihre Hand. »Ich brauche eine Frau Direktor, und +daran sind Exzellenz allein schuld. Wer hat mich auf den Posten +berufen? — Unter hundert Frauen aber ist vielleicht eine, die mir die +rechte Gefährtin ist, und aus tiefster Seele dank' ich's Gott, daß ich +ihr begegnet bin!«</p> + +<p>Er zog die Braut an sich.</p> + +<p>Der alten Frau traten die Tränen in die Augen. Ihr<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> Blick schweifte +über die Heide im Abendglanz, ihre Gedanken wanderten.</p> + +<p>Wie oft hatte sie um diese Stunde hier gestanden und ihres schönen +geliebten Vaterlandes gedacht, wie oft war Herders mahnender Ruf durch +ihre Seele gezogen: ›O Deutschland, meine Sorge!‹</p> + +<p>Aber so groß die Not, so schwer die Schuld, so riesenhaft die Last, +so drohend die Gefahr, immer wieder ging der große Meister durch die +Häuser und berief die besten und edelsten Kräfte zum Bau seines Reiches.</p> + +<p>Und ohne auch nur einen Augenblick an sich zu denken, an die Lücke in +ihrem Hause, an den leeren Platz an ihrem Tisch, an alle Liebe und +Treue, die von ihr ging, gab sie, was von ihr gefordert ward.</p> + +<p>›Es ist einer von den glattgespülten Kieselsteinen‹, zog es durch +ihre Seele, als sie in später Abendstunde über der Bibel saß. ›Einen +heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Fuenfzehntes_Kapitel"><span class="s5">Fünfzehntes Kapitel.</span><br> + Ein Frauenlos.</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Das ist die dunkelste Schuld, die das Erbe des Blutes mißachtet,</div> + <div class="verse indent0">Die das Vermächtnis an Kinder und Enkel entehrt.</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>In einem stillen Dreilindener Gartenzimmer mit lichten Wänden und +duftigen Mullgardinen, lag Gräfin Ilse Bühler in den weißen Kissen. In +schweren Zöpfen hing das goldblonde Haar über ihre Schultern herab, die +durchsichtigen Hände ruhten still auf der Decke. Ein müder todmüder Zug +in dem blassen Gesicht alterte die junge Frau um Jahre. Schmerzlich +zuckte der Mund, und in den blauen Augen standen Tränen.</p> + +<p>Exzellenz von Kambach trat an das Bett der Enkelin. »Nun, Liebling?« +fragte sie leise und strich sanft über die schöne Stirn.</p> + +<p>Lächelnd sah sie auf die Wöchnerin nieder, aber es war ein fremdes +seltsames Lächeln, und Ilse Bühler fühlte, es sollte ihr etwas +verbergen.</p> + +<p>Forschend richtete sie den Blick auf die Greisin.</p> + +<p>»Großmutter, ich möchte mein Kind sehen!«</p> + +<p>Wieder strich die welke Frauenhand über ihre Stirn. »Hab' noch etwas +Geduld, Ilse!«</p> + +<p>Die Gräfin wechselte jäh die Farben: »Großmutter, Ihr<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> verbergt mir +etwas! Was ist mit dem Kleinen? Um Gottes willen, sag' mir's!« Erregt +versuchte sie, sich aufzurichten.</p> + +<p>»Ilse!« Mahnend hob Frau von Kambach die Hand. »Du weißt, was der +Sanitätsrat gesagt hat! Ich muß mich darauf verlassen können, daß +du seine Anordnungen genau befolgst, sonst dürfen wir dich keinen +Augenblick allein lassen.«</p> + +<p>Gehorsam legte sich Gräfin Bühler in die Kissen zurück. Ihre Augen +füllten sich aufs neue mit Tränen.</p> + +<p>»Ich will ja nur meinen Jungen sehen, Großmama!« sagte sie bittend.</p> + +<p>Ein tiefes Mitleid überkam die alte Frau. Im angrenzenden Zimmer lag +ein schwaches Kind mit greisenhaften Zügen in der Wiege. Kaum einen +Laut gab es von sich, kraftlos hingen die Glieder am Körper. Es war ein +Bild des Jammers. Und der alte Sanitätsrat hatte feuchten Auges vor dem +kleinen Wesen gestanden und traurig den Kopf geschüttelt. »Exzellenz, +das sind böse Sachen!«</p> + +<p>Er sah sich um. »Hört uns niemand? Nein?« Und mit halblauter Stimme +fuhr er fort: »Ein fast knochenloser Körperorganismus — was das +bedeutet, Exzellenz?« Er zuckte mit vielsagendem Gesicht die Achseln. +— »Die Herren Offiziere heiraten immer wieder skrupellos darauf los, +ich kann hier nur eines sagen, — Berlin bei Nacht, — und nicht nur +Berlin! Denn Graf Bühler steht nicht, wie viele, unter dem Fluch eines +düsteren Familienerbes. Wir haben es mit einer Schuld zu tun!«</p> + +<p>Frau von Kambach hatte die zitternde Rechte auf den Arm des +Hausfreundes gelegt: »Um Gottes willen! Erklären Sie sich!«</p> + +<p>Da beugte sich der alte Mann über die Wiege und sagte, die Hand auf das +blonde Köpfchen legend, mit erstickter Stimme: »Syphilis, Exzellenz!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span></p> + +<p>Sprachlos hatte sie ihn angeschaut. Dann war der Schmerz wie ein +Gewappneter über sie gekommen. Sie hatte sich schwer auf den nächsten +Stuhl niedergelassen. Ein heißes Schluchzen rang sich aus ihrer Brust. +Ihr erster Urenkel, der Sohn einer Kambach, der Erbe schwerer sexueller +Verfehlungen! Aufs tiefste erschüttert, weinte sie vor sich hin.</p> + +<p>»Exzellenz,« mahnte der alte Arzt, und wies zum Nebenzimmer, wo die +junge Mutter lag.</p> + +<p>Da raffte sie sich auf. Ein leises Zittern rann durch ihre Gestalt, +als sie sich erhob, aber dann stand sie hoch aufgerichtet auf den +Krückstock gestützt, vor ihm.</p> + +<p>»Soll ich's ihr sagen?«</p> + +<p>»Nein,« erwiderte er ernst. »Es könnte ihr Tod sein! Aber auf ein sehr +sehr schwaches Kind müssen Sie die Gräfin vorbereiten, schon deshalb, +damit sie nicht bei seinem Anblick erschrickt.«</p> + +<p>Und dann hatte er sie mit ihrer schweren Mission allein gelassen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Stunden waren vergangen. Exzellenz von Kambach hatte nicht den Mut +gehabt, Ilses Zimmer wieder zu betreten. Aber dann mußte es sein.</p> + +<p>Das Schwerste kam in später Abendstunde, wo sie den Enkel erwartete.</p> + +<p>Sie hatte sich vorgenommen, der jungen Frau erst mit beginnender +Dämmerung das Kind zu zeigen. Wenn die Schatten des sinkenden Tages auf +das kleine Geschöpf fielen, würde ihr das Schlimmste verborgen bleiben. +Über die ersten Stunden hinaus konnte und wollte die Greisin nicht +denken, für den nächsten Tag mochte Gott sorgen. — —</p> + +<p>»Der Kleine schläft jetzt, Ilse,« sagte sie, froh, zu keiner Notlüge +ihre Zuflucht nehmen zu müssen, »wenn er erwacht,<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> sollst du ihn sehen. +Aber es ist ein schwaches Kindchen, dessen kleines Leben wir hüten +müssen, du wirst es dir anders gedacht haben!«</p> + +<p>Mit banger Frage hingen die blauen Augen an den Lippen der Großmutter.</p> + +<p>»Ich darf es dir nicht verschweigen, Ilse, daß es kein blühendes +kräftiges Kind ist,« — sie stockte; was sollte sie, ohne die Wahrheit +zu umgehen, weiter sagen? — »Versuch' doch, noch etwas zu schlafen,« +fügte sie unvermittelt hinzu, »du siehst abgespannt aus!«</p> + +<p>Mechanisch nickte Ilse Bühler. Ihre Augen hingen angstvoll an der Tür, +die sie von ihrem Kinde trennte.</p> + +<p>Erschüttert wandte Frau von Kambach sich ab.</p> + +<p>Welch namenlosen Jammer enthüllte diese Offiziersehe, welch dunkles +Bild vornehmen Familienlebens! Einen Ausschnitt aus dem Riesengemälde +des deutschen Verfalls stellte es dar, eine Einzelerscheinung, wie sie +nicht trüber gedacht werden konnte. Und doch war — wie irrtümlich +vielfach behauptet wurde — die Armee nicht in erster Linie die +Trägerin und Verbreiterin der Geschlechtskrankheiten. Der statistische +Nachweis Berlins stellte im Gegensatz zum Studententum, welches +fünfundzwanzig vom Hundert lieferte, bei den Soldaten vier vom Hundert +fest. Noch besaß die Armee ein gutes Stück altpreußischer Zucht, — +und doch, und doch! Wann würde der Seuche, welche die furchtbare +sittliche und völkische Verheerung anrichtete, Einhalt geboten werden? +Und im äußeren Gegensatz zu dieser Tragödie der planmäßig betriebene +Geburtenrückgang, — zwei Dämonen, die sich scheinbar gleichgültig +gegenüberstanden, in Wahrheit aber mit der Siedeglut teuflischen +Begehrs Hand in Hand ihr Opfer umkreisten. Hier die junge Mutter, die +der erste Anblick ihres heiß ersehnten Kindes vor die furchtbarste +Erfahrung ihres Lebens stellte, — dort<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> die Frau, die um Tand und +Wohlleben, um ein paar durchschwärmte Nächte das Allerheiligste der Ehe +mit Füßen trat! — Wahrlich, das deutsche Volk stand unter dem Zeichen +langsamer Ausrottung, und nur <em class="gesperrt">eine</em> Erklärung gab's für Gottes +Langmut: Seine Mühlen mahlten langsam, aber trefflich fein. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ilse Bühler hatte ihr Kind gesehen. Die Sommerlinde umschattete +barmherzig das stille Frauengemach, die Dämmerung breitete ihren feinen +Schleier über das Neugeborene. Mit großen Augen schaute die junge +Mutter auf das Knäblein, ihre Brust atmete schwer, ihre Lippen zuckten, +dann neigte sie sich über das blonde Köpfchen und hauchte einen scheuen +Kuß auf die kleine Stirn. Mit verzweifeltem Blick folgte sie dem Kinde, +als es hinausgetragen wurde. Dann schloß sie die Augen. Träne um Träne +rann die blassen Wangen herab.</p> + +<p>Sorgenvoll saß Frau von Kambach an ihrer Seite.</p> + +<p>Dunkler wurden die Schatten.</p> + +<p>Durch die Zweige der Linde blickte schimmernd die feine goldene +Mondsichel.</p> + +<p>Die Arbeit rastete.</p> + +<p>Von der Landstraße wehten die Klänge eines alten Volksliedes herüber:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Ich hab die Nacht geträumet</div> + <div class="verse indent0">Wohl einen schweren Traum;</div> + <div class="verse indent0">Es wuchs in meinem Garten</div> + <div class="verse indent0">Ein Rosmarienbaum.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein Kirchhof war der Garten,</div> + <div class="verse indent0">Ein Blumenbeet das Grab,</div> + <div class="verse indent0">Und von den grünen Bäumen</div> + <div class="verse indent0">Fiel Kron' und Blüte ab.</div><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Blüten tät ich sammeln</div> + <div class="verse indent0">In einen goldnen Krug,</div> + <div class="verse indent0">Der fiel mir aus den Händen,</div> + <div class="verse indent0">Daß er in Stücke schlug.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Draus sah ich Perlen rinnen</div> + <div class="verse indent0">Und Tröpflein rosenrot, —</div> + <div class="verse indent0">Was mag der Traum bedeuten?</div> + <div class="verse indent0">Ach, Liebster, bist du tot?‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Fern über der Heide verklang die junge Stimme.</p> + +<p>Sinnend blickte die alte Frau aus dem Fenster. Welch wunderbare +Schönheit lag in den schlichten Worten.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Die Blüten tät ich sammeln</div> + <div class="verse indent0">In einen goldnen Krug,</div> + <div class="verse indent0">Der fiel mir aus den Händen,</div> + <div class="verse indent0">Das er in Stücke schlug!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>zog es durch ihre Seele.</p> + +<p>Und dann blickte sie wieder auf das weiße Antlitz in den Kissen. Die +Tränen traten ihr in die Augen.</p> + +<p>Das war auch eine von den vielen, die ausgegangen waren, als alle +Berge blühten, ihr Frühlingssträußchen zu pflücken. Ihr Krüglein +war zerbrochen, ihre Blumen verwelkt, auf ihren Garten war ein Reif +gefallen — — — was würde das Ende sein?</p> + +<p>Die erste und letzte Liebe dieses jungen betrogenen Weibes, das mit der +größten Not seines Lebens kämpfte, hieß Wolf Dietrich Bühler — — —</p> + +<p>Und weiter, weiter — —</p> + +<p>Sollte sich jenes altberühmte, Fürstengeschlechtern geredete Wort an +der vielhundertjährigen Adelssippe der Mark erfüllen:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Es wenden die Herrscher</div> + <div class="verse indent0">Ihr segnendes Auge</div> + <div class="verse indent0">Von ganzen Geschlechtern</div> + <div class="verse indent0">Und meiden, im Enkel</div> + <div class="verse indent0">Die eh'mals geliebten,</div> + <div class="verse indent0">Still redenden Züge</div> + <div class="verse indent0">Des Ahnherrn zu sehn!?‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Es graute ihr ...</p> + +<p>Da klang's leise durch die Abendstille: »Großmutter, bis du da?«</p> + +<p>»Ja, Liebling! Willst du Licht?«</p> + +<p>»Ach nein, laß uns im Dunkeln bleiben, — Großmutter — was ist's mit +dem Kleinen?«</p> + +<p>»Ich sagt' es dir doch, Ilse, es ist ein schwaches zartes Kind!«</p> + +<p>»Nein, nein,« klang's traurig mit leiser Ungeduld zurück, »das mein' +ich nicht, — ach, Großmutter, sag' mir's doch, das Fragen ist so +schwer!«</p> + +<p>Die alte Frau antwortete nicht.</p> + +<p>Totenstille herrschte in dem dämmernden Raum.</p> + +<p>»Großmutter!« Flehend klang's aus den Kissen.</p> + +<p>Da neigte sie sich über das Bett und faßte die Hände der Enkelin. Sie +waren eiskalt.</p> + +<p>Sie erschrak. »Ilse, frierst du?«</p> + +<p>»Nein, ich will nur wissen, was mit dem Kleinen ist!«</p> + +<p>Eine heiße Angst überkam die Greisin. Die Unterhaltung währte ihr schon +viel zu lange für die zarte Frau.</p> + +<p>»Liebling, ich sagt' es dir!« Sie strich leise über die schmalen Hände.</p> + +<p>Ein tiefer Seufzer antwortete ihr. Und dann kam's stockend flüsternd, +verzweifelt heraus: »Wenn du mir das Entsetzliche nicht sagen willst, +so muß ich's mir selber sagen —<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> Wolf Dietrich — ist krank und das +Kind — —« schluchzend barg sie das Antlitz in den Kissen. — —</p> + +<p>Eine schwere Viertelstunde zog vorüber. — —</p> + +<p>Still war's im Zimmer. So still, als hätte der Tod seine Ernte +gehalten. Aber es war nur das Schweigen eines großen Schmerzes, der auf +dem Leben lastete.</p> + +<p>Der Schlag der Uhren klang durch das stille Gutshaus. Durch die offenen +Fenster wehten Lindenblütendüfte.</p> + +<p>Draußen unter dem hundertjährigen Stamm standen zwei und hielten sich +bei den Händen. Zwei Starke. Menschen, die klar und zielbewußt ihren +Weg gingen, deren Willen ein höherer Wille geheiligt.</p> + +<p>Schweigend standen sie unter der Linde.</p> + +<p>»Wenn Gott das Kind doch zu sich nähme!« sagte Jutta Eichel endlich und +blickte zu den verhangenen Fenstern empor.</p> + +<p>»Vielleicht soll es leben!« entgegnete der Pfarrer.</p> + +<p>Sie sah ihn sinnend an. Eine Flut von Fragen, die eine Braut nicht +ausspricht, zog durch ihre Seele.</p> + +<p>Von der Dorfstraße klang das Rollen eines Wagens herüber.</p> + +<p>Sie schreckte empor. »Das ist Graf Bühler.«</p> + +<p>Fröstelnd zog sie ihr Tuch um die Schultern.</p> + +<p>Er aber empfand unwillkürlich, daß es nicht nur die Nachtluft war, die +sie erschauern ließ. Ihre Frauenreinheit erbebte vor der Begegnung mit +der dunkelsten Menschenschuld.</p> + +<p>Er faßte ihre Hand fester. »Komm,« sagte er leise. »Du begleitest mich +noch ein Stück, nicht wahr?«</p> + +<p>Dankbar nickte sie ihm zu. Zum erstenmal, seit Wendler als +Bundesdirektor nach Düsseldorf übergesiedelt war, sahen die Verlobten +sich wieder. In Anbetracht der Verhältnisse war er des Kambachers Gast, +hielt sich aber den größten Teil des Tages in Dreilinden auf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p> + +<p>Hand in Hand wanderten sie schweigend durchs Korn.</p> + +<p>Grillen zirpten. Durch die Halme ging ein Flüstern. Heckenrosen blühten +am Rain. Die Nebel brauten. In einen weißen Schleier gehüllt, träumte +die Heide.</p> + +<p>Und ein Stern nach dem anderen ging über den deutschen Landen auf. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In dem matt erleuchteten Raum unter der rosenfarbenen Ampel stand die +greise Gutsfrau mit dem Enkel an der Wiege.</p> + +<p>»Das ist <em class="gesperrt">Ihr</em> Kind!« Hart und scharf klangen ihre Worte. Sie +hatte sich bis jetzt nicht entschließen können, Wolf Dietrich Bühler +das verwandtschaftliche Du anzubieten.</p> + +<p>Unbeweglich stand der junge Offizier neben ihr.</p> + +<p>Das Blut stieg ihm in die Stirn. Sein Kind!</p> + +<p>Er strich flüchtig mit der Hand über die Augen — sein Blick streifte +scheu das kleine Wesen in den Kissen. So sah also der Stammhalter +der Bühler aus, — eine Empfehlung der Rasse bedeutete dies Würmchen +allerdings nicht! Und es fuhr ihm durch den Kopf: ›Tor, der ich war, +als ich ihren Bitten nachgab und nicht sofort das Unglück verhinderte +— nun steh' ich am Pranger!‹</p> + +<p>Und dann sagte er, die Achseln zuckend: »Eine Frühgeburt, das erste +Kind einer überzarten blutarmen Frau ...«</p> + +<p>Zwei klare Augen blickten ihn durchdringend an. »Nein,« klang +erbarmungslos die Antwort, »keine Frühgeburt, sondern der +unausbleibliche Fluch der Syphilis! — Aber hier ist nicht der Ort, +diese Dinge zu bereden!« Sie trat dicht an ihn heran. »Nur noch ein +kurzes Wort hab' ich Ihnen zu sagen, dann mögen Sie zur Ruhe gehen. Sie +sind mein Gast, und das Gastrecht ist mir heilig. Mein Enkel sind Sie +nicht mehr. Ich gehöre der alten Zeit an, einer Zeit, da man Zucht und +Sitte noch nicht mit Füßen trat, da ein Edelmann seine Sinne<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> meisterte +und das Erbe des Blutes ehrte. Sie mögen über die vorsintflutlichen +Ansichten der alten Kambach denken, wie Sie wollen, — Ihre Kritik +berührt mich nicht. Nach außen werde ich die Rücksicht auf Ihre Familie +nicht vergessen, — innerlich trennt uns ein breiter Graben, den nur +eines überbrücken kann: Ihre Umkehr unter das Kreuz! — Gute Nacht, +Graf Bühler!«</p> + +<p>Das weiße Haupt erhoben, schritt sie flammenden Auges an ihm vorüber +zur Tür.</p> + +<p>Schweigend öffnete er dieselbe.</p> + +<p>Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, ging sie hinaus.</p> + +<p>Draußen auf den Fliesen klang das Aufschlagen des Krückstockes.</p> + +<p>Bis sich die Tür ihres Arbeitszimmers hinter ihr geschlossen, reichte +die Kraft der starken stolzen Frau.</p> + +<p>Dann sank sie schwer in einen Sessel und weinte bitterlich.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Sechzehntes_Kapitel"><span class="s5">Sechzehntes Kapitel.</span><br> +Gold gab ich für Eisen!</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Dann erst wird der Smaragd zum kostbaren Kleinod,</div> + <div class="verse indent0">Wenn ihn die Liebe zum Baustein der Ewigkeit weiht.</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Im ›blauen Salon‹ brannte Kaminfeuer und der Teekessel summte.</p> + +<p>Wenn die Bezeichnung auch schon seit Jahren nicht mehr stimmte, denn +die blaue Seide war längst durch einen dunklen Gobelinstoff ersetzt, so +behielt der hübsche elegante Raum doch seinen alten Namen. Man war eben +in allem konservativ in Dreilinden.</p> + +<p>Die Sonne blickte herein und mischte ihr Gold mit dem Feuer im +Kamin. Leuchtend lag der warme Bronzeton auf den Familienbildern und +hundertjährigen Erinnerungen.</p> + +<p>Neben dem feinen Porzellan stand ein Bachvergißmeinnichtkranz. Auf dem +Kaminsims duftete in kristallenem Kelch eine dunkle Edelrose. Es war +Sommerzeit.</p> + +<p>Unter dem Kessel züngelte die blaue Flamme und spiegelte sich im +Silber des Teegeschirrs; leise begann das Wasser zu singen. Ein Hauch +stiller Heimlichkeit webte über dem sonnigen Bilde, über den drei +Frauengestalten, die den ›blauen Salon‹ belebten.</p> + +<p>»Sag' mal, Billy, was war das für ein Wertpaket, das du<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> heute mittag +erhieltest?« fragte Frau von Kambach die Braut des Enkels.</p> + +<p>Das junge Mädchen blickte errötend von der Handarbeit auf.</p> + +<p>»Großmama, ich habe es noch gar nicht aufgemacht! Es scheint etwas aus +dem Nachlaß Tante Nandine Linderns zu sein. Ich kam heute mittag nicht +dazu, es zu öffnen, erst hab' ich geübt, dann waren wir im Dorf, und +eben schrieb ich an Harro. Aber wenn du wissen möchtest, was darin ist, +will ich gleich hinaufgehen.«</p> + +<p>Belustigt blickte die alte Exzellenz ihren Liebling an. »Sag' mal, +Billy, bist du denn gar nicht neugierig?«</p> + +<p>»Warum? Ich bekomme jetzt alle Tage Hochzeitsgeschenke! Natürlich macht +mir das Auspacken Spaß, aber ich hatte heute eben Wichtigeres zu tun!«</p> + +<p>»Hast du dir das Paket näher angesehen? Du sagst doch selbst, es sei +kein Hochzeitsgeschenk!«</p> + +<p>»Näher angesehen? Es kommt aus Raklitten, und Ehrengard Lindern hat es +abgeschickt!«</p> + +<p>Sie legte ihre Arbeit zusammen und verließ das Zimmer.</p> + +<p>In zehn Minuten war sie zurück.</p> + +<p>»Großmama! Du hast recht gehabt! Das hätte ich gleich aufmachen +sollen!« Mit hochgeröteten Wangen stand sie da. »Aber wer hätte das +auch gedacht! Wie eine Herzogin komm' ich mir vor!«</p> + +<p>Sie öffnete das himmelblaue Samtkästchen und legte es der alten Dame in +den Schoß. Ein kostbares Halsband aus Perlen und Brillanten funkelte +ihr entgegen.</p> + +<p>»Ist es nicht entzückend?«</p> + +<p>Staunend blickte Exzellenz von Kambach auf den wertvollen Schmuck. +»Also wirklich kein Hochzeitsgeschenk?«</p> + +<p>»Nein, nein, ein Erbstück,« klang die stolze Antwort. »Hier<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> steht's: +›Meinem lieben Patchen zum Andenken an die alte Tante Nandine Lindern.‹ +— Wie wird Harro sich freuen! Er erklärte neulich schon, ich müsse mit +der Zeit irgendein größeres Schmuckstück für die Hoffeste haben, das +gehöre sich so. Ich hab' ihm natürlich geantwortet, er sei wohl nicht +recht klug! Bühl sei Majorat, und die Töchter, wie immer in solchen +Fällen, arme Landpomeranzen, aber wenn die Männer sich etwas in den +Kopf gesetzt haben, ist nichts zu wollen. Da schwieg ich denn und +dachte: ›Abwarten, Tee trinken!‹ Und nun ist sein Wunsch erfüllt! Ich +werde ihm vorläufig nichts davon sagen. Mitte Oktober ist ein großes +Fest im Marmorpalais, dann erscheine ich im Brillantschmuck! <em class="gesperrt">Die</em> +Augen möcht' ich sehen! — Nicht wahr, Großmama, du hebst ihn mir +bis dahin auf! Meine Geige darf ich ja schon bei dir einquartieren. +Eichelchen, kommen Sie doch mal her! Das Mittelstück ist doch einzig in +seiner Art!«</p> + +<p>Und zwei dunkle Köpfe neigten sich neben dem weißen über die +schimmernde Pracht.</p> + +<p>»Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie sich so über einen Schmuck freuen +könnten,« sagte Jutta Eichel endlich.</p> + +<p>»Warum denn nicht? Es ist doch nicht in erster Linie der Schmuck, +sondern die Erinnerung an eine liebe Gestalt und vergangene Zeiten, — +das macht ihn mir wertvoll! Außerdem freu' ich mich, daß mein Schatz +seinen Willen bekommt, denn sonst würde er mir fortwährend mit der +Sache in den Ohren liegen. Und dazu ist sie mir nicht wichtig genug. +Zu guter Letzt aber sehe ich nicht ein, warum ich mich nicht auch +persönlich freuen soll, wenn ich etwas Schönes geschenkt bekomme. +Kaufen würde ich mir so etwas doch nie, und wenn ich über Millionen +verfügte — aber so? Schließlich bin ich doch auch keine Vogelscheuche! +Kommen Sie, wir wollen einen Hopser machen — ›Rosen aus dem Süden‹ +— keine<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> Müdigkeit vorgeschützt! Morgen kommt hoffentlich der +Brillantschmuck für Fräulein Jutta Eichel!«</p> + +<p>Und ehe er's hindern konnte, wurde der treue Hausgeist im Sturm durch +den ›blauen Salon‹ gewirbelt, daß die Flamme unter dem Kessel erschrak +und das Porzellan klirrte.</p> + +<p>Endlich machte der Wildfang Schluß.</p> + +<p>»Verzeih, Großmama, aber Eichelchen hat manchmal Grappen im Kopf, die +müssen ihr unbedingt noch vor der Ehe ausgetrieben werden; sonst gibt +es ein Unglück!«</p> + +<p>Exzellenz von Kambach versuchte ein ernstes Gesicht zu machen. »Sag' +mal, Billy, bist du eigentlich verrückt geworden? Glaubst du etwa, daß +du für die Ehe reif bist, wenn du solche Allotria treibst?«</p> + +<p>»Großmutter, das sind keine Allotria, das nennt man in der +Jugendbewegung ›Ertüchtigung‹. Außerdem muß auch mal etwas Leben in +die Landschaft gebracht werden, sonst wird selbst die Ehe mit der Zeit +langweilig!«</p> + +<p>Eichelchen hatte sich von ihrem Schreck erholt und sich der Juwelen +bemächtigt. Vorsichtig nahm sie das Halsband heraus und trat zu Sibylle.</p> + +<p>»Zur Strafe für den Überfall will ich Sie gleich in Ihrem Erbschmuck +sehen,« sagte sie und legte es um den weißen Hals.</p> + +<p>Sie trat ein paar Schritte zurück. »Ah — Brandenburgs Rose!«</p> + +<p>Sibylle wurde dunkelrot. Vom Schein des Feuers umflirrt, stand sie am +Kamin. Leuchtend hob sich die weiße Gestalt vom weinroten Teppich, und +der letzte Strahl spielte mit den Edelsteinen.</p> + +<p>›Sophie Charlotte,‹ zog es der alten Frau durch den Sinn, und ihre +Gedanken weilten bei dem Bilde der Ahnfrau.</p> + +<p>Da löste Sibylle den Schmuck und legte ihn in das Kästchen zurück.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p> + +<p>»Ehe ich nach Bühl zurückkehre, darf ich dir das Halsband geben, nicht +wahr, Großmama? Jetzt will ich mich noch etwas daran freuen. Und +niemand erfährt etwas davon, auch Großpapa und Mama nicht!« Ihr Blick +flog zu Jutta Eichel hinüber; bittend legte sie den Finger an die +Lippen.</p> + +<p>Die nickte ihr zu. »Ich schweige wie das Grab!«</p> + +<p>Sibylle ging. Dann sah sie noch einmal zur Tür herein.</p> + +<p>»Eh' ich's vergesse, Großmama, ist es sehr unbescheiden, wenn ich für +Montag früh um einen Wagen bitte? Mama will dabei sein, wenn ich mein +Brautkleid zum letztenmal anprobiere. Gestern ist sie von der Reise +zurückgekehrt, bleibt einige Tage in Potsdam und will dann, ehe sie +zur Hochzeit nach Bühl kommt, noch nach Mecklenburg. Eine schreckliche +Hetzerei! Ich hätte das Kleid ja längst schon zum zweitenmal +anprobieren können, aber sie wollte durchaus dabei sein. Darf ich +Montag früh fahren?«</p> + +<p>»Natürlich, Billy.«</p> + +<p>»Danke tausendmal, Großmama!«</p> + +<p>Und fort war sie. —</p> + +<p>Ein Wagen rollte über den Hof.</p> + +<p>»Das ist Herr Oberstallmeister,« sagte Fräulein Eichel. »Soll ich noch +einmal Tee machen?«</p> + +<p>Die Gutsherrin sah auf die Uhr. »Es ist gleich halb sechs! Lassen Sie +nur bitte abräumen. Mein Sohn wird zum Abendbrot bleiben!«</p> + +<p>Die Gesellschafterin klingelte; dann setzte sie die Tassen zusammen.</p> + +<p>»Wenn Exzellenz mich brauchen sollten, — ich gehe nur dem Postboten +entgegen,« sagte sie und trug Brot und Kuchen hinaus. — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Sibylle hatte ihren Schmuck in Sicherheit gebracht und stand, ihren +Schwiegervater erwartend, in der offenen Haustür.</p> + +<p>»Tag, Billy,« rief er, die Freitreppe heraufkommend, »Großmama ist doch +zu Hause?«</p> + +<p>»Ja, Papa!«</p> + +<p>Er küßte sie auf die Stirn.</p> + +<p>»Was macht Harro?«</p> + +<p>»Der ist vorgestern in Johannistal aufgestiegen!«</p> + +<p>»So, alles gut verlaufen? — Und das tapfere Bräutchen hat keine Spur +von Angst? Famos!«</p> + +<p>»Aber Papa, wir wollen doch unsere Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹ +machen! Wie sollt' ich da Angst haben? Im Gegenteil. Ich freue mich wie +ein Zaunkönig!« Sie schob den Arm in den seinen. »Du bleibst doch zum +Abendbrot?«</p> + +<p>»Ich muß zurück. Der ganze Schreibtisch liegt voll. Die Bundesarbeit +wächst mit jedem Tage, und wir Vorsitzenden haben alle Hände voll zu +tun. Die Drachenburger Ortsgruppe kommt noch dazu,« — er fuhr mit der +Hand durch das dichte graue Haar — »ach ja!« — —</p> + +<p>Frau von Kambach ging dem Sohne entgegen. »Schön, daß du kommst, Karl +Heinrich!«</p> + +<p>»Ich muß dringend mit dir sprechen, Mama!«</p> + +<p>Sie nickte. »Wie geht es Ilse?«</p> + +<p>Auf seine Stirn trat eine Falte. »Sie nimmt sich sehr zusammen. Aber +daß es unter den obwaltenden Umständen mit ihrer Erholung langsam geht, +ist kein Wunder! Dazu die Sorge um das Kind!«</p> + +<p>Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß es groß wird, Mama! Es +war jedenfalls sehr richtig, daß du die Nottaufe veranlaßtest!«</p> + +<p>Frau von Kambach nickte. »Es war in dem Augenblick das Gegebene! Man +konnte gar nicht wissen, ob das kleine Geschöpf<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> die Fahrt nach Kambach +überstehen würde. Ich für meine Person hätte nicht die geringsten +Bedenken gehabt, wenn Ilse hier geblieben wäre. Das Dorf liegt abseits, +und ich habe jeden Verkehr mit dem Herrenhause untersagt. Aber als +sie hörte, daß Diphtherie im Dorf sei, erklärte sie sofort, sie könne +wegen des Kindes nicht bleiben. Zureden hätte nichts genützt, sie war +derartig nervös, daß nichts mit ihr anzufangen war. Außerdem sagte +ich mir: vielleicht ist es besser so. Diphtherie ist doch nun einmal +übertragbar! — Hoffentlich schadet ihr und dem Kinde die Fahrt nicht! +Für Ilse war es reichlich früh, aber der Wagen federt zum Glück sehr +gut.«</p> + +<p>»Ich glaube, die Fahrt wird weniger nachteilig für sie gewesen +sein, als alles übrige, was das arme Kind durchgemacht hat und noch +durchmacht,« entgegnete der Oberstallmeister. »Ilses Zukunft liegt sehr +dunkel vor mir.« Er strich seufzend über die Stirn. »Ein anderes Mal +davon, Mama. Ich komme nämlich wegen einer Bundesangelegenheit und bin +sehr eilig.« Er sah auf die Uhr. »Dreiviertel sechs!«</p> + +<p>Man setzte sich.</p> + +<p>Sibylle wollte sich entfernen.</p> + +<p>»Bleib nur, Kind,« rief die Greisin, »oder hast du noch zu tun?«</p> + +<p>»Ich möchte nur noch an Mama schreiben, daß ich Montag komme. Wenn ich +mich beeile, geht meine Karte jetzt noch mit fort, und sie hat sie +Montag früh.«</p> + +<p>»Was ist denn los?« rief der Oberstallmeister dazwischen.</p> + +<p>»Ach, sie muß noch einmal nach Berlin, um ihr Brautkleid +anzuprobieren,« entgegnete seine Mutter. »Setz' dich doch gleich an +meinen Schreibtisch, Billy, es ist höchste Zeit!«</p> + +<p>»Danke, Großmama.«</p> + +<p>Das junge Mädchen zog sich in das Nebenzimmer zurück.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p> + +<p>Ohne auf die Unterhaltung drinnen zu achten, schrieb sie in fliegender +Eile.</p> + +<p>Dann griff sie zum Löscher.</p> + +<p>Da klang ihres Schwiegervaters Stimme laut und erregt herein: »Wenn +wir nicht in allernächster Zeit mit einer bestimmten pekuniären +Sicherheit für mindestens zwei Jahre rechnen können, so bedeutet das +einen Rückschritt der Bundesarbeit. Wehrmann und ich haben nach allen +Ecken und Enden hin geschrieben; aber kein Mensch hat Geld, und die, +welche es haben, rücken nichts heraus. Ja, wenn's für etwas anderes +wäre! Aber für den Bund bibelgläubiger Christen? Nee, das gibt's nicht! +Dabei brauchen wir, zumal bei der Einstellung neuer Arbeitskräfte +mit allem, was drum und dran hängt, für die nächsten zwei bis drei +Jahre rund dreißigtausend Mark. Und das ist noch niedrig gerechnet. +Ich weiß tatsächlich nicht mehr aus noch ein. Ein paar tausend Mark +bekomme ich ja schließlich von guten Freunden zusammen, aber was soll +mir das helfen! Opfer bringt dies verwaschene Geschlecht eben nicht +mehr, höchstens für Schlemmerei und Spiel, und der Himmel weiß, was +sonst noch! Mit einem Donnerwetter möchte man dreinfahren, damit die +Herrschaften das Wort wieder lernten: ›Gold gab ich für Eisen!‹ Ich +wollte, meine olle Klitsche brächte mir mal 'ne Musterernte, dann wüßt' +ich, was ich täte, aber ich komme ja wieder nur so gerade durch. Es ist +um aus der Haut zu fahren!«</p> + +<p>Erschrocken lauschte Sibylle hinüber. Das waren ja böse Aussichten! +Aber nein, es war unmöglich! Die Sache, die ihnen allen so am Herzen +lag, die von so unendlicher Wichtigkeit war, konnte und durfte nicht +Schaden leiden! Vielleicht sah ihr Schwiegervater in seiner regen +Phantasie auch zu schwarz.</p> + +<p>Und dann hörte sie Frau von Kambachs klare Stimme.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p> + +<p>Aber auf dem Schreibtisch mahnte die Standuhr.</p> + +<p>Sie flog hinaus. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Gen Abend ging's. Langsam schlenderte der alte Postbote durch die +Heide. Man durft' es ihm nicht verargen, daß er auch einmal die ganze +Pracht in Ruhe genießen wollte.</p> + +<p>Einer von jenen Tagen, welche das Land in ihre goldene Schleier hüllen +und dem bescheidensten Erdenwinkel einen stillen Zauber verleihen, +ging zur Neige. Einer von den Tagen, wo alles leuchtet, wo die Farbe +glüht und Märchenschönheit das Alltägliche umspinnt. Wo Wald und Heide +Königreiche werden, wo das Bauerngärtlein mit seinem Bienenstock, +seinen Malven und Nelken, seiner weißen Wäsche auf dem Zaun wie ein +Idyll den Wanderer grüßt. Wo einem der Gedanke aufsteigt: ›Es ging +ein Himmelskind durch die Lande und segnete Wald und Anger und das +Herdfeuer der Menschen!‹ Solch ein Tag war's, solch ein wundervoller! +— —</p> + +<p>Unter dem steinernen Torbogen des Gutshauses stand Jutta Eichel. Auf +den frischen klaren Zügen lag sehnende Erwartung.</p> + +<p>Die Hand über die Augen gebreitet, spähte sie über die Heide.</p> + +<p>Endlich tauchte der alte Postbote zwischen den Hügeln auf. Schwerfällig +stolperte er auf sie zu.</p> + +<p>»Na, ick dacht's mir doch, Fräulein Eichel steht schon am Hoftor! Ein +Glück, daß der Brief da ist, sonst wär's mir wohl schlecht gegangen!« +Er blieb vor ihr stehen und kramte seine Tasche durch. »Da is er schon! +Aus Düsseldorf! Wann wird denn Hochzeit gemacht, wenn ick mir die +Anfrage erlauben darf!?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span></p> + +<p>»Wenn die Hochzeit in Bühl gewesen ist!« klang die fröhliche Antwort.</p> + +<p>»So, so. Konnt' ick mir denken.« Er kramte weiter. »Für Gräfin Bühler +is auch was da! Aus Berlin. Der Herr Oberleutnant is ja wohl bei die +Luftschifferabteilung? Is ja allens ganz gut, und 's Deutsche Reich +muß wohl solche Einrichtungen haben, aber — ick weiß nich — die +Dinger haben nu doch mal keine Flügel, und darum kommt so oft was vor! +Denn was die Perpellers sind, — das sind doch nu und nie richtige +Flügel, wie die Vögel sie haben! Und ick sag' mir immer, wenn der liebe +Herrgott die Vögel so für die Luft eingerichtet hat, dann müßten die +Luftschiffe auch Flügel haben, — warum geht die Geschichte denn sonst +immer schief? Nee, nee, das gefällt mich nich, Fräulein Eichel!« Er +schloß die Tasche. »Abends gibt's nich viel, is 'ne flaue Post, nur der +Düsseldorfer Brief darf nich fehlen!«</p> + +<p>Er nickte ihr freundlich zu und setzte seinen Weg fort.</p> + +<p>Einen Augenblick stand sie noch, die dämmernde Heide überschauend, dann +begann sie, langsam dem Gutshause zuwandernd, ihren Brief zu lesen.</p> + +<p>Ein stilles Glück lag auf ihren klaren Zügen und gab ihnen einen +eigenen Reiz. Einen feinen innerlichen, der ihr ganzes Wesen +durchstrahlte und ihm jene Anmut verlieh, von welcher der Dichter singt:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Ist der Leib ein Gotteshaus,</div> + <div class="verse indent0">Blickt ein Engel zum Aug' heraus.‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Wendler hatte gewußt, was er tat, als er seine Lebensgefährtin +erwählte. Wie kein anderer bedurfte er der Frau, deren Hand fest +in der seinen lag, deren Auge hell blieb, wenn Wolken über den +Weg zogen, die mit starker Seele des Lebens Last trug. Die ganze +Arbeitsfülle, verbunden mit den<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> Schwierigkeiten, die ein in den +ersten Anfängen steckendes, von allen Seiten mißtrauisch betrachtetes, +vielfach angefeindetes Werk begleiten, war auf ihn eingestürmt. +Mitten hineingestellt in den Geisteskampf der Zeit, wuchs ihm mit +der Größe der Aufgabe nicht nur das Verantwortlichkeitsbewußtsein +ins Riesenhafte, auch seine Kraft erstarkte unter der Last. Mit dem +Ewigkeitsgedanken, der seit dem großen Wendepunkt seines Lebens der +Grundton seines Tun und Denkens geworden, kehrte die Freude am Ausbau +überweltlicher Ziele bei ihm ein und ward ein Stück seiner selbst. +Ein starker frischer Mut, der Mut des Glaubens, der vergebene Schuld +im Buche der ewigen Liebe getilgt weiß, ließ ihn Vergangenes dahinten +lassen und aufbauen, was er zerstört. Kindesdemut fügte Stein an Stein, +Mannesstolz hob, den Spöttern zum Trotz, das verachtete Werkzeug vom +Boden und forderte blitzenden Auges: ›Den Hammer in Ehren!‹</p> + +<p>Wohl flogen die Pfeile um den tapferen Streiter, aber das Werk wuchs. +Ortsgruppe reihte sich an Ortsgruppe, und die Zahl der Mitglieder +mehrte sich zusehends.</p> + +<p>Den letzten Brief an Frau von Kambach durchzog's wie ein Jubilate, und +das unerschütterliche Gottvertrauen, das aus jeder Zeile sprach, wirkte +belebend und erfrischend auf die greise Frau, deren starkem Geist es +in der letzten Zeit oft schwer geworden war, Leid und Sorgen mit dem +Mute früherer Tage zu überwinden. Denn die Sorge um geliebte Menschen +zermürbt, zumal, wenn man mit gebundenen Händen vor einem abgrundtiefen +Schmerz steht, — die Sorge um das Wachstum des Reiches Gottes hält +wach, aber auch sie trägt ihren Namen mit Recht, solange Erdenkinder +hienieden ihre Straße ziehen. Das Wort von den Lilien auf dem Felde +bleibt dem Menschenherzen nun einmal eine schwierige Lektion.</p> + +<p>Nachdenklich wanderte die Braut dem Herrenhause zu.<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> Auch in ihrer +Seele lebte die Sorge. Ihr Verlobter hatte sie über die wirtschaftliche +Lage des Bundes nicht im unklaren gelassen, auch in bezug auf die neu +aufgetauchten Schwierigkeiten nicht. Ob Exzellenz von Kambach und ihr +Sohn das alles in vollem Umfange wußten? Und zum erstenmal zog eine +brennende Sehnsucht nach Reichtum in ihr Frauenherz. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Sibylle Bühler war aus Potsdam zurückgekehrt, schöner, strahlender denn +je.</p> + +<p>»Es ist etwas an ihr, das wie ein Magnet auf mich wirkt, — ist es das +Leuchten ihrer Augen, die Frische ihres Wesens, ich weiß es nicht! +Selten hat ein Mensch solche Anziehungskraft auf mich ausgeübt!« sagte +Exzellenz von Kambach zu Fräulein Eichel.</p> + +<p>Sie nickte. »Ja, es ist ein wundervolles Gemisch von Ernst und +Lebensfreude in Gräfin Sibylle! Man glaubt oft kaum, daß es ein und +derselbe Mensch ist. Neulich die Freude über den Schmuck war doch +einfach reizend!«</p> + +<p>»Ja,« erwiderte die Greisin, »aber ich bin überzeugt, daß sie mit noch +größerer Freude ein Opfer für eine große Reichsgottessache bringen +würde! So jung sie ist, ihr Leben hat Ewigkeitsinhalt, und der Grundton +ihres Wesens ist der Zug zum Überweltlichen. Man findet selten in dem +Alter solche Klarheit im Urteil und Handeln, solches Zielbewußtsein!«</p> + +<p>Sinnend ruhte ihr Blick auf dem Bilde des Brautpaares vor ihr auf dem +Schreibtisch. »Ich hoffe, mein Enkel wird an ihr erstarken; sie gehört +zu den Frauen, die den Mann, den sie lieben, in kluger und taktvoller +Weise unmerklich beeinflussen. Übrigens — ist Billy noch beim Packen?«</p> + +<p>»Sie stimmte eben ihre Geige. Der Koffer war fertig bis auf das, was +morgen früh hinein soll!«</p> + +<p>»So, dann wird sie wohl gleich herunterkommen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span></p> + +<p>Fräulein Eichel ging.</p> + +<p>Gleich darauf erschien Sibylle, ihre Geige im Arm.</p> + +<p>Sie sah erhitzt aus. Ihre Augen glänzten.</p> + +<p>›Es ist die Erregung des Abschieds,‹ dachte Frau von Kambach.</p> + +<p>»Nun, da bist du ja,« begrüßte sie freundlich die Enkelin.</p> + +<p>»Ja, Großmama, und hier bringe ich dir die Vielgeliebte! Niemand gäb' +ich sie so gern in Verwahrung wie dir! Der Kasten bedurfte leider +so sehr der Ausbesserung, daß ich ihn neulich nach Berlin schicken +mußte. Aber er wird dir in den allernächsten Tagen zugestellt werden. +Bis dahin darf die Geige vielleicht hier in deinem Zimmer an der Wand +hängen, — es kommt ja niemand daran!«</p> + +<p>Die alte Dame nickte. »Anna ist ja vorsichtig beim Reinmachen, und +Fräulein Eichel wischt bei mir Staub. Ich glaube, wir können ohne Sorge +sein!«</p> + +<p>»Es dauert ja auch nur kurze Zeit,« sagte die Braut und schlang ein +seidenes Band um das Instrument.</p> + +<p>»Aber erst spielst du mir noch etwas zum Abschied,« bat die Greisin.</p> + +<p>Sibylle nickte. »Was soll ich spielen?«</p> + +<p>»Was du willst!«</p> + +<p>Weich und sehnsüchtig zog Händels Arioso durch den Herbstabend. ›Ein +feines, nahezu künstlerisches Spiel,‹ hatte ein namhafter Kritiker +nach einem Berliner Wohltätigkeitskonzert über Sibylles Leistungen +geurteilt. Der alten Frau war es mehr — eine seelische Erquickung in +stillen Stunden.</p> + +<p>Das Largo des großen Tonkünstlers folgte, die liebliche Harfenarie +klang durch den stillen Raum.</p> + +<p>Das ernste Antlitz über die Geige geneigt, stand die Braut im Schein +des flackernden Feuers.</p> + +<p>»Nun noch ›Ein Ton‹,« bat Frau Sabine.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span></p> + +<p>Da hängte Sibylle die Geige an die Wand und setzte sich an den Flügel.</p> + +<p>Auf der weichen Stimme lag's wie ein Schleier, als sie leise Peter +Cornelius' tiefsinniges Lied anstimmte:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Mir klingt ein Ton so wunderbar</div> + <div class="verse indent0">In Herz und Sinnen immerdar!</div> + <div class="verse indent0">Ist es der Hauch, der dir entschwebt,</div> + <div class="verse indent0">Als einmal noch dein Mund gebebt?</div> + <div class="verse indent0">Ist es des Glöckleins leiser Klang,</div> + <div class="verse indent0">Der dir gefolgt den Weg entlang?‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Der Gesang brach ab. Ein leises Weinen klang zu der alten Frau hinüber.</p> + +<p>»Billy!« Sie trat zum Flügel und zog den dunklen Mädchenkopf an die +Brust. Sanft strich sie über das seidene Haar.</p> + +<p>Kein Laut unterbrach das Schweigen. Aber die jungen Lippen küßten die +alten Hände.</p> + +<p>»Verzeih, Großmama,« sagte Sibylle Bühler dann mit stockender Stimme, +»es war wie ein Abschied ...«</p> + +<p>Frau von Kambach schwieg, eine Träne rann ihr die Wange herab; sie +beugte sich über die Braut und küßte sie. Dann schloß sie den Flügel.</p> + +<p>»Du wolltest mir noch deinen Schmuck bringen,« sagte sie, auf ihren +Stock gestützt zum Kamin schreitend, wo sie sich in einen Klubsessel +niederließ.</p> + +<p>Sibylle antwortete nicht sogleich. Das Rot auf ihren Wangen vertiefte +sich. Dann zog sie einen Briefumschlag aus der Tasche, legte ihn der +Greisin in den Schoß und sagte mit leisem Beben in der Stimme: »Da ist +er, Großmama, aber du darfst nicht schelten!«</p> + +<p>Sprachlos blickte Exzellenz von Kambach die Enkelin an.<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> Dann +schüttelte sie den weißen Kopf und sagte ernst: »Ich verstehe dich +nicht!« Sie öffnete den Briefumschlag und zog den Inhalt heraus: +Banknoten.</p> + +<p>»Billy, was stellt dies vor? Bitte, äußere dich darüber!« rief sie und +ihre Stimme durchzitterte Erregung. »Du sagst, das sei der Schmuck, — +man verkauft doch nicht ein altes Erbstück um nichts und wieder nichts!«</p> + +<p>»Das habe ich auch nicht getan, Großmama! Um nichts und wieder nichts +hätte ich das Halsband nie verkauft!«</p> + +<p>»Ja, aber was stellt das vor?«</p> + +<p>Da zog sich Sibylle, wie es ihre Art war, einen Schemel neben den Stuhl +der Greisin und setzte sich zu ihren Füßen. »So kann ich's dir am +besten sagen!« Sie lehnte den Kopf an ihre Knie. »Aber niemand darf's +wissen, auch Harro nicht, wenigstens jetzt noch nicht, — er versteht's +doch nicht,« fügte sie traurig hinzu, »es ist zu heilig!« Sie hielt +inne, als müsse sie sich sammeln.</p> + +<p>Und dann begann sie aufs neue mit leiser Stimme: »Also, um es kurz zu +machen, Großmama, ich hörte Sonnabend abend, während ich nach Potsdam +schrieb, wie Papa dir sagte, wenn er nicht in allernächster Zeit eine +Sicherheit von dreißigtausend Mark für drei Jahre erhielte, so sei ein +Rückgang der Bundesarbeit zu befürchten. — Ich erschrak im ersten +Augenblick natürlich sehr, du weißt ja, wie mir die Sache am Herzen +liegt, aber andererseits sagte ich mir doch auch, daß Papas lebhafte +Phantasie ihn vielleicht etwas schwarz sehen ließe. Das Letzte hörte +ich nicht mehr — ihr wußtet ja, daß ich nebenan saß; aber ich kam +mir doch etwas vor, wie ein ›Lauscher an der Wand‹; denn Papa hatte +meine Anwesenheit sicher längst vergessen, außerdem mußte meine Karte +schleunigst fort. Abends wurde musiziert und von allem möglichen +anderem gesprochen — kurz und gut, ehrlich gestanden, hätte<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> ich in +diesen Tagen, kurz vor meiner Hochzeit vielleicht gar nicht wieder +daran gedacht, wenn nicht ...«</p> + +<p>Sie sprang auf und lief in das geöffnete Nebenzimmer — »es ist doch +niemand hier?« Und dann setzte sie sich wieder auf ihr Schemelchen zu +Füßen der Greisin. Aber sie lehnte den Kopf nicht wieder an ihre Knie +und sah sie leuchtenden Auges an: »Großmama, keinem andern könnt' ich +es sagen, nur dir, denn nur du verstehst so etwas!«</p> + +<p>Sie hielt einen Augenblick inne, als koste es sie trotzdem einen Kampf, +den Schleier von ihrem Geheimnis zu lüften, dann fuhr sie fort: »Also +ich dachte nicht wieder daran. Sonntag morgen fuhren wir zur Kirche. +Ich wußte, daß ich als Braut zum letztenmal neben dir im Kambacher +Stuhl saß, nach der Predigt sollte unser Aufgebot kommen, das alles +bewegte mich. Die Gedanken an den Bund lagen mir in dem Augenblick +gänzlich fern. — Da mit einemmal kam's über mich, ich weiß nicht wie. +Durch meinen Kopf flog es wie ein Wirbelwind: ›die dreißigtausend Mark +<em class="gesperrt">müssen</em> geschafft werden, und <em class="gesperrt">du</em> hast sie aufzubringen!‹ +Mit einer Wucht stürmte es auf mich ein, wie ich es nie erlebt, und +ich fühlte und wußte es ganz bestimmt, das war nicht <em class="gesperrt">mein eigener +Gedanke</em>, es war eine unsichtbare übermenschliche Kraft, die mich +unter ihren Willen zwang. Ich war wie betäubt. Auch körperlich. Mühsam +versuchte ich, meine Gedanken zu sammeln, meine Einkünfte zu übersehen, +obgleich ich mir sagen mußte, daß gar nicht daran zu denken sei, daß +ich diese Summe aufbrächte! Pastor Möller predigte über das Gebet. Ich +hörte nicht zu und dachte nicht an Beten. Ich rechnete. Aber meine +Rechnung stimmte nicht. Und in mir hämmerte und dröhnte es weiter: +›Du sollst! Du mußt!‹ — Ich war in heller Verzweiflung; am liebsten +wäre ich aus der Kirche gerannt, aber das ging doch nicht! So hielt +ich aus. Meine Lage wurde<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> immer unerträglicher. Da, schließlich, als +ich nicht mehr aus noch ein wußte, tat ich einen Stoßseufzer: ›Lieber +Gott, schenk' mir doch einen vernünftigen Gedanken!‹ Es war kein Gebet, +Großmama, es war ein Verzweiflungsschrei. Aber im selben Augenblick +kam's wie eine Antwort: ›Du bist wohl ganz auf den Kopf gefallen! Wozu +hast du den Schmuck, der mindestens zwanzigtausend Mark wert ist? Vor +hundert Jahren gaben deutsche Edelfrauen den letzten Taler für die +äußere Freiheit des Vaterlandes — und ihr?‹ — Großmutter, — ich +kann dir sagen, es war mir, als nähme mir einer eine Riesenlast ab und +schenkte mir ein Königreich dafür!«</p> + +<p>Von Bewegung übermannt, legte sie den dunklen Kopf wieder auf ihren +Platz in den Schoß der alten Frau. »Nicht wahr, du schiltst nicht?«</p> + +<p>Nein, sie schalt nicht. Ganz still saß sie da, und während zwei große +Tränen über ihre Wangen liefen, legte sie die zitternden Hände auf das +junge Haupt.</p> + +<p>Kein Laut ging durch's Zimmer. Ein großes feierndes Schweigen lag über +den beiden Menschen, denen heilige unsichtbare Hände den Schleier +der Überwelt gelüftet. Und ob jenes wunderbare Leuchten nur eines +Augenblicks Länge gewährt, sie wußten, hinter den wallenden Nebeln +lag die lichte Stadt, deren Glanz wie eine schimmernde Sternschnuppe +auf ihren Weg gefallen war. Und dieser Glanz blieb an der armen Erde +haften. Über dem Pfad der beiden Frauen stand der hohe Schein einer +Ewigkeitsstunde.</p> + +<p>Endlich richtete sich Sibylle auf. Noch war sie keines weiteren Wortes +fähig.</p> + +<p>Da nahm die alte Frau das schöne erglühende Mädchengesicht in beide +Hände und küßte die Enkelin: »Gott segne dich, Liebling!«</p> + +<p>Sibylle zog die greise Hand an die Lippen. »Gut, daß du<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> nicht mehr +schiltst,« sagte sie, ihre Bewegung meisternd, und ein Anflug von +Schalk huschte um ihren Mund.</p> + +<p>»Nein, nein, ich sage überhaupt nichts mehr,« erklärte Frau von +Kambach. »Wenn Gott so gewaltig spricht, haben wir Menschen zu +schweigen!«</p> + +<p>Lächelnd strich sie über das seidene Haar.</p> + +<p>»Aber nun erzähl' mir das übrige. Also du bist mitsamt deinem Schmuck, +ohne einer Menschenseele etwas zu sagen, in Berlin gewesen und hast die +Steine einschätzen lassen, du Ausreißer?«</p> + +<p>»Ja, Großmama,« erwiderte Sibylle triumphierend. »Und ich hatte +Glück. Mama hatte fürchterliche Kopfschmerzen und ließ mich allein +zu Gerson fahren, so hatte ich freie Hand. Harro war in Johannistal. +Solche herrliche Fahrt habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht +gemacht! Und dann kam das Schönste. Ich war bei Lorenz und ließ den +Wert des Schmuckes feststellen. Großmama, ich dachte, es würden +vielleicht zwanzigtausend Mark dabei herauskommen, und zerbrach mir +den ganzen Tag darüber den Kopf, wen ich bitten solle, weiterzuhelfen. +Denn Großpapa hätte höchstens zweitausend Mark geben können bei den +schlechten Ernten, und Mama interessiert sich ja leider gar nicht für +solche Sachen. — Also der alte Lorenz besah mein Halsband von allen +Seiten und prüfte die Steine eine halbe Ewigkeit. Ich stand wie auf +Kohlen. Am liebsten hätte ich ihn beim Rockkragen genommen und tüchtig +geschüttelt. Schließlich erklärte er dann mit größter Gemütsruhe: +›Gnädigste Gräfin, ich biete Ihnen für den Schmuck dreißigtausend Mark, +aber nehmen Sie's einem alten Manne nicht übel, es ist eine Sünde +und Schande, wenn Sie ihn verkaufen!‹ — Na, das war ja meine Sache. +Wir haben den Handel gleich abgeschlossen. Ich war mit ihm auf der +Deutschen Bank, — da sind die dreißigtausend Mark!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p> + +<p>»Aber Billy!«</p> + +<p>»Findest du es unpassend, Großmama?«</p> + +<p>Frau von Kambach lachte. »Etwas modern, aber vor allem sehr +unvorsichtig. Man kutschiert nicht mit dreißigtausend Mark Wertpapieren +in der Welt herum, sondern läßt die Angelegenheit durch die Bank +ordnen. Du bist doch sonst so gewandt in solchen Sachen!«</p> + +<p>Die junge Gräfin senkte die Wimpern. »Ja, du hast recht, es war +bodenlos dumm! Ich war eben so aus dem Häuschen vor Freude, daß ich +alles verkehrt machte. Es ist ein Glück, daß nicht noch Schlimmeres +geschah. Ich hätte gerade so gut in meinem Brautkleid zu Kempinsky oder +Wertheim laufen können, — gut, daß sie bei Gerson aufpaßten!« Zwei +Grübchen traten dem Schelm in die Wangen.</p> + +<p>»Mir scheint, es wäre noch ganz anderes möglich gewesen,« sagte Frau +von Kambach und strich lächelnd über das glühende Gesicht.</p> + +<p>»Morgen muß das Geld natürlich fort,« erklärte Sibylle, sich erhebend, +»die Sache ist mir jetzt selbst etwas ungemütlich. Willst du es solange +verwahren, Großmama? — Und dann hast du wohl die Güte, es unter deinem +Namen an Direktor Wendler zu schicken?«</p> + +<p>»Ich soll es schicken? Dann hast du ja die Freude nicht?«</p> + +<p>»Ich habe meine Freude gehabt,« entgegnete Sibylle leise, und ihr Blick +ging über die Kreuzesgestalt an der Wand. »Geht das Geld unter meinem +Namen nach Düsseldorf, so ist sie dahin. Die Frauen, die 1813 Gold +für Eisen gaben, haben auch nicht ihre Karte daran gehängt, und mein +Schmuck dient einer größeren ewigen Sache!«</p> + +<p>Frau von Kambach war dem Blick der Enkelin gefolgt. Sie widersprach ihr +nicht länger.</p> + +<p>»So darf ich's Wendler auch nicht sagen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span></p> + +<p>Sibylle antwortete nicht sogleich.</p> + +<p>»Nein,« entgegnete sie dann, »oder — doch — ja! Aber erst nach der +Hochzeit — wenn — wenn ich die Sonne grüße! — Er soll nur nicht +darüber sprechen!«</p> + +<p>Und dann rief sie plötzlich begeistert: »Großmama, ich hab ja auf der +Rückreise die ›Brandenburg‹ gesehen, wie ein silberner Fisch zog sie +durch die strahlende Luft! Wie ich mich auf die Hochzeitsreise freue!«</p> + +<p>Hochaufgerichtet stand die schlanke weiße Gestalt im Glanz des +scheidenden Tages, in den Augen jenes wunderbare Leuchten, das ihr +ganzes Wesen verklärte.</p> + +<p>»Also sag's ihm nur, aber erst dann, — wenn ich die Sonne grüße!« +— —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Und dann war Frau Sabine allein. Durch ihre Seele zog's wie ein Gruß +aus der Ewigkeit — — —</p> + +<p>Sinnend blickte sie über den Hof. Da sah sie den alten Postboten +auf das Herrenhaus zukommen. Was wollte der denn am Sonntagabend in +Dreilinden? Es mußte ein besonderer Grund vorliegen.</p> + +<p>Sie trat zum Fenster und winkte ihm.</p> + +<p>Eilig schritt der Alte auf die Gutsherrin zu.</p> + +<p>»Ick komm' nochmal, Exzellenz,« rief er ihr schon von weitem entgegen, +»Exzellenz sollen nich bis morgen warten!« Er nahm die Mütze ab +und strich erregt über das graue Haar. »Die Welt geht aus'n Fugen, +Exzellenz — bei die Gottlosigkeit kann man sich über nichts mehr +wundern!« Er zog ein Sonderblatt aus der Posttasche und reichte es ihr +hinauf.</p> + +<p>Sie schob die Brille zurecht. Leise bebte ihre Hand.</p> + +<p>Und dann wurde ihr Blick starr. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen. +Wieder und wieder las sie den kurzen inhaltsschweren Drahtbericht:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p> + +<p>›Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Herzogin von +Hohenberg ermordet — —‹</p> + +<p>Das Blatt entsank ihren Händen und flatterte dem alten Postboten vor +die Füße.</p> + +<p>Schwerfällig bückte er sich danach.</p> + +<p>»Exzellenz, det is zuviel!« Er glättete das zerknitterte Sonderblatt. +»Meine Meinung is die: jetzt is es aus — det kann unser Herrgott sich +nich länger gefallen lassen!«</p> + +<p>Sie fand noch immer keine Worte.</p> + +<p>Wieder und wieder las sie die entsetzliche Botschaft.</p> + +<p>»Ick hab Exzellenz erschreckt,« fuhr der Alte, ihr Schweigen +mißverstehend, fort, »aber ick meinte, Exzellenz wüßten so was lieber +heut als morgen, darum bin ick gleich nochmal rübergekommen. Exzellenz +wollen entschuldigen!« Er wollte gehen.</p> + +<p>Da reichte sie ihm die Hand. »Sie haben nichts versehen, mein guter +Peters! Im Gegenteil. Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie noch einmal, +noch dazu am Sonntag, herübergekommen sind. Mein alter Kopf kann das +Entsetzliche nur noch nicht fassen, die Worte fehlen mir!« Sie atmete +schwer. Dann beugte sie sich vor und sagte mit gedämpfter Stimme: »Sie +haben recht, Peters, das geht nicht so weiter, das, — das — —«</p> + +<p>Der Greis nickte. »Als die Leute den Turm zu Babel bauten, wußten sie +nicht mehr, was sie Gott schuldig waren, — heutzutage is ihnen das +Turmbauen langweilig geworden, da versuchen sie Thron und Altar zu +stürzen, — so is es doch, Exzellenz!«</p> + +<p>Sie blickte gedankenverloren in die Ferne.</p> + +<p>Über der feiernden Heide stand der rote Schein der untergegangenen +Sonne. Dunkler und dunkler ward die purpurne Lohe. Wer fremd durch die +Mark wanderte, glaubte ein fernes Dorf brennen zu sehen, aber auch +Einheimische hatte der glühende Himmel schon irregeführt. Es war, als +wogte<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> ein Feuermeer hinter den dämmernden Hügeln, als schlügen die +hellen Flammen aus dem Heidboden. »Die Welt brennt!« hatte vor Jahren +eines ihrer Enkelkinder gerufen, als sie ihm beim Schlafengehen die +leuchtende Heide gezeigt, und nicht geruht, bis sie es im Nachtröckchen +ans Fenster trug und hinausschauen ließ. Mit bloßen Füßen hatte es auf +dem Fensterbrett gestanden und dem verglühenden Schein nachgesehen: +»Die Welt brennt, Omama!«</p> + +<p>In der Seele der Großmutter erwachte die Erinnerung. Die kleine +schlichte Begebenheit aus der Kambacher Kinderstube trat aus +dem Rahmen des Alltäglichen, aus der Enge in die Weite, und +das Wort des märkischen Landbuben wurde im Glanz des sinkenden +Juniabends Geschichte. Auf der Stirn der deutschen Frau lag's wie +Prophetenklarheit; in tiefer Scheu vor dem Gewaltigen kam's über die +greisen Lippen: »Die Welt brennt!«</p> + +<p>Entglomm fern in Bosnien heimlich beginnender Rassenkampf? nahte eine +zweite Völkerwanderung? — Als zöge die gewappnete Reitergestalt jenes +wundersamen Bildes, das ein deutscher Meister mit flammendem Pinsel +geschaffen, im Glanze germanischer Siegesfeuer über die dämmernde +Erde, leuchtete das Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wie ein +glühender Rubin in die Nacht hinaus — — —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Siebzehntes_Kapitel"><span class="s5">Siebzehntes Kapitel.</span><br> + Der getreue Eckart.</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Deutschen Weibes Schwelle schirmen,</div> + <div class="verse indent0">Ist des Mannes höchste Ehre!</div> + <div class="verse indent0">Frauenadels Wächter heißen,</div> + <div class="verse indent0">Höher steht's, als güldne Wehre!</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>»Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar für Ihre Mitteilungen, mein +lieber Herr von Roselius! Es scheint ja leider, als solle das traurige +Material, das mir bereits zur Verfügung steht, vervollständigt werden. +Ja, ich will es Ihnen offen sagen, als Sie sich bei mir melden ließen, +ahnte ich, warum Sie kamen. Es fragt sich nun nur, wie man meiner armen +Enkelin am besten hilft — ich fürchte, ehe sie nicht mit eigenen Augen +ihr Unglück sieht, wird sie nicht zu einer Scheidung zu bewegen sein!«</p> + +<p>Frau von Kambach saß in ihrem Arbeitszimmer, den Kopf sorgenvoll in die +Hand gestützt, dem vor einer Stunde überraschend eingetroffenen Gast +gegenüber. »Sie werden es erleben, ehe sie nicht vor Tatsachen steht, +ist nichts zu machen!«</p> + +<p>»Dieser Standpunkt wäre durchaus berechtigt, Exzellenz,« entgegnete der +Oberleutnant, »aber Gräfin Bühler steht vor Tatsachen!«</p> + +<p>»Sie meinen das Kind?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span></p> + +<p>»Ja. Es ist mehr wie erblich belastet, es ist, wie Sie selbst mir +mitteilten, nach Aussage des Arztes kaum lebensfähig!«</p> + +<p>»Gewiß, das unterliegt keinem Zweifel, aber eines dürfen wir nicht +vergessen. Es kann sich hier um Vergangenes handeln. Sie wissen, wie +verzweigt und schwierig dies Kapitel ist, wie viele Winkelzüge und +Ausreden es ermöglicht — etwas ganz anderes ist es dagegen, wenn +<em class="gesperrt">heute</em> eine tatsächliche Verschuldung zu beweisen wäre, wenn +z. B. der Beweis unerlaubten Verkehrs erbracht werden könnte. Frauen +ertragen und vergeben unendlich viel, wenn sie lieben, nur dies +Eine, Letzte nicht. Darauf kommt es also an. Sie haben Beweise, daß +derartiges vorliegt?«</p> + +<p>Er sah ernst vor sich nieder. »Der letzte Beweis fehlt mir ...«</p> + +<p>Sie seufzte. »Ich dachte es mir! — Sie haben also einen ganz +bestimmten begründeten Verdacht; denn sonst würden Sie nicht so +sprechen.«</p> + +<p>»Ja, den habe ich allerdings.«</p> + +<p>Beide schwiegen. — —</p> + +<p>»Exzellenz werden sich gewundert haben,« begann der Offizier aufs +neue, »daß ich seit dem vorigen Herbst so viel im Bühlerschen Hause +verkehre. Ich könnte ja mancherlei Gründe dafür angeben, vor allem +die Kambachsche Gastfreundschaft und den Zauber echter Weiblichkeit, +welche es traulich machen. Wir Junggesellen sehnen uns immer wieder +nach derartigem Anschluß, wenn wir es auch nicht aussprechen.« Er fuhr +mit der Hand über die Stirne, als wollte er einen Schatten bannen. +»Trotzdem — der Grund liegt tiefer. Ich rede sonst natürlich nicht +davon, aber vor Ew. Exzellenz mache ich kein Hehl daraus: ich kann +es nicht mit ansehen, daß die Tochter eines alten edlen Geschlechtes +zugrunde gerichtet wird, daß eine<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> Kambach ...« er atmete schwer, +»Exzellenz wollen mir das übrige ersparen!«</p> + +<p>In tiefer Bewegung sah die alte Frau ihn an. Wie anders hätte das +arme Kind es an der Seite dieses treuen zuverlässigen Mannes haben +können — aber Ilse hatte sich durch Äußerlichkeiten und schöne Worte +betören lassen. Nun war es zu spät, und die ritterliche Treue, die ihre +Schwelle bewachte, vermochte die junge Frau kaum vor dem Äußersten zu +schützen.</p> + +<p>Die Tränen traten ihr in die Augen.</p> + +<p>»Also ein getreuer Eckart?« sagte sie leise.</p> + +<p>Er schien ihre Gedanken nicht zu ahnen.</p> + +<p>»Hätt' ich's sein können!« rief er leidenschaftlich, »aber es ist +wirklich ein wahres Wort, daß die Sünde im Finstern schleicht. Glauben +Ew. Exzellenz, daß es mir bis jetzt, während Gräfin Bühlers bald +vierwöchentlicher Abwesenheit, gelungen ist, dahinterzukommen, wie die +Dinge stehen? Den Burschen kann ich doch schließlich nicht fragen! Es +ist zum Tollwerden! Die Sache liegt auf der Hand, nur der letzte Beweis +fehlt. Die Angst um die Gräfin läßt mich nicht mehr los! Darum kam ich +her! Es lag mir am nächsten, Ew. Exzellenz meine Sorgen mitzuteilen. +Herr von Kambach hat mich niemals nach seinem Schwiegersohn gefragt, — +ich darf mich ihm nicht aufdrängen. Aber vielleicht könnte doch durch +eine Warnung das Ärgste verhütet werden! Stellen Ew. Exzellenz sich +vor, was eine unvorhergesehene Begegnung für die zarte Frau, die meines +Erachtens trotz allem, was ihre Ehe trübt, an derartiges nicht denkt, +bedeuten würde!«</p> + +<p>Sie hatte ihn während der letzten Worte sprachlos angesehen. »Also, Sie +glauben wirklich ...?«</p> + +<p>»Ich glaube alles,« erwiderte er mit zusammengezogenen Brauen.</p> + +<p>Wieder saßen sie schweigend.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span></p> + +<p>»Und Harro?« fragte dann die Greisin.</p> + +<p>»Harro?« Seine Züge klärten sich auf. »Ich habe ihn ja seit seinem +Kommando zum Luftschifferbataillon kaum gesehen. Aber er beginnt doch, +wie es scheint, die Folgerungen des Lebens zu ziehen. Er ist ja trotz +seiner leichten Ader nicht schlecht veranlagt. Vor allem ist ihm die +geschwisterliche Liebe zu Hilfe gekommen. Der Grundstein, den das +Elternhaus legt, wird so leicht nicht zertrümmert, Exzellenz! Ich habe +ihn im Herbst in heller Empörung gesehen, als Bühler zum erstenmal in +seiner Gegenwart ungezogen gegen die Gräfin wurde, — na, und was dann +alles folgte, wissen Exzellenz ja! — Im übrigen hoffe ich, daß Harros +Ehe einen guten Einfluß auf ihn ausüben wird. Gräfin Sibylle ist wie +geschaffen zur Führerin einer solchen Natur. Sie wird ihn, ohne daß er +und andere es merken, in kluger und taktvoller Weise beeinflussen, — +sie tut es jetzt schon. Er ist schon viel zuverlässiger und ernster +geworden. Es scheint wirklich, als begänne sein Leben eine andere +Richtung zu bekommen. Wollen Exzellenz mir glauben, daß er kürzlich vor +einigen Kameraden unseren Bund durch dick und dünn verteidigte — trotz +seiner noch immer recht freien Weltanschauung. Seine Auffassung von der +Sache war natürlich unklar. Aber der mühevolle, kein Opfer scheuende +Kampf um ein versinkendes Volk hat auf ihn einen derartigen Eindruck +gemacht, daß er mit seiner Person dafür eintrat. Natürlich kamen die +anderen, zumal die Spötter, auf ihre Rechnung. Als aber ein Neuling +›Hoch, Brandenburgs Rose!‹ dazwischenrief, da hätten Ew. Exzellenz +unsere jungen Offiziere sehen sollen! Und Kambach war natürlich fein +heraus! — Doch ich wollte das nur anführen!«</p> + +<p>Sie nickte ihm lächelnd zu: »Ja, sie ist eine rechte Bühler!« — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Roselius konnte nicht zum Abend bleiben, weil er schon gegen sechs +wieder in Drachenburg sein mußte. Und Dreilinden hatte nicht die gute +Bahnverbindung, wie Kambach. So mußte er Frau von Kambachs Einladung +ablehnen. Mit herzlichem Dank entließ sie ihn.</p> + +<p>»Ich werde tun, was ich kann,« sagte sie, als er ihr, Abschied nehmend, +die Hand küßte, »aber solange meine Mitteilungen sich nicht auf +Tatsachen gründen, werde ich einen schweren Stand haben.«</p> + +<p>»Ich fürchte, meine Vermutungen werden bald Tatsachen werden,« +entgegnete er ernst. »Darum habe ich nur die eine Bitte, daß irgend +etwas geschehe, bevor die Gräfin zurückkehrt.«</p> + +<p>»Ich werde morgen nach Kambach fahren und mit meinem Sohn sprechen. +Darf ich Ihren Namen nennen?«</p> + +<p>»Selbstredend, Exzellenz! Nur die letzte, kaum denkbare Möglichkeit +eines Irrtums würde heute meinen Eid verhindern. Ich sah eine +verschleierte Gestalt, die mir bekannt vorkam, in vorgerückter +Stunde die Villa betreten und nach Mitternacht wieder verlassen. Da +ich Bühlers gegenüber wohne, konnte ich die Sache gut beobachten. +Auffallend ist außerdem, daß die häufigen Fahrten nach Berlin mit dem +Tage, wo die Gräfin nach Kambach ging, aufgehört haben — er scheint +häusliche Empfänge bequemer zu finden, — man weiß wirklich nicht, was +größer ist, die bodenlose Unverschämtheit oder die Unvorsichtigkeit! +Es liegt also jedenfalls etwas vor, — darum meine ich, es müßten +Maßregeln getroffen werden, die Gräfin vor dem Äußersten zu schützen!«</p> + +<p>Er verbeugte sich tief. »Ich empfehle mich ganz gehorsamst, Exzellenz!«</p> + +<p>Fünf Minuten später rollte der Wagen über den Hof. — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Abendsonne stand über den Feldern, als Oberleutnant von Roselius +heimkehrte. Nach Erledigung einer dienstlichen Angelegenheit wollte er +noch ins Kasino gehen. Seinen Burschen, den er ausgeschickt, erwartend, +stand er auf dem Balkon.</p> + +<p>Es dämmerte. Dunkler wurden die Schatten. Laternen blitzten auf, hier +und da wurde eine Villa hell. Von den Kirchen klang der Schlag der +Turmuhren herüber, und das Rathaus antwortete.</p> + +<p>Gedankenverloren blickte er die Straße entlang.</p> + +<p>Da sah er eine Dame langsam den Bürgersteig auf und nieder wandern. +Soweit Roselius es im Zwielicht erkennen konnte, war sie unauffällig +gekleidet. Trotzdem fiel sie, vielleicht nur durch ihr fortwährendes +Auf- und Abgehen im Halbdunklen, auf. Ihm aber fuhr's durch den Sinn: +›Das ist sie!‹ Er gab das Kasino auf, ließ sich kaltes Abendbrot +auf den Balkon bringen und fuhr, durch eine Säule gedeckt, fort, +die Fremde, die inzwischen näher gekommen war, zu beobachten. Jetzt +fiel der Schein einer Laterne auf ihre Gestalt, sie neigte den Kopf, +aber er hatte sie schon erkannt. Es war eine bekannte Berliner +Varietekünstlerin. Heute war sie unverschleiert. — —</p> + +<p>Und wieder das Auf- und Abwandern. — —</p> + +<p>Da leuchtete plötzlich in der Bühlerschen Villa ein Licht hinter +den verhangenen Scheiben auf. Die Halbweltdame schien nicht darauf +zu achten. Gelassen wanderte sie noch einmal auf und nieder, blieb +unvermittelt stehen und bog raschen Schrittes in eine Seitenstraße ein. +Aber der heimliche Späher durchschaute das Manöver und wartete. Er +hatte sich nicht geirrt. Nach kaum zehn Minuten kam sie im Schatten der +Mauern zurück, huschte eilig durch den Vorgarten und verschwand in der +Villa. — — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span></p> + +<p>Wahrhaftig, die Unverfrorenheit, etwas derartiges in einem vornehmen +Regiment zu wagen, suchte ihresgleichen! — —</p> + +<p>Roselius sah die Straße entlang. Sie war menschenleer. Er war also der +einzige Zeuge des Vorgangs. — —</p> + +<p>Über den Kirchen stieg die Sommernacht herauf. Vollmondschein lag auf +dem deutschen Städtebild, und die Sterne zogen funkelnd ihre Bahn.</p> + +<p>Er aber rang mit abgrundtiefer Not, mit fremder Schuld und fremdem +herzbrechendem Leid.</p> + +<p>Während er in schweren Gedanken die Straße überschaute, nahten zwei +Gestalten. Er hatte nicht acht auf sie. Erst als sie in den Lichtkreis +der Laternen traten, ward seine Aufmerksamkeit gefesselt.</p> + +<p>Und dann blickte er starr auf die schlanke Frau im langen Reisemantel, +— ein Ruck ging durch seine Gestalt — im nächsten Augenblick war er +auf der Treppe. Wie aus dem Boden gezaubert stand er vor ihr, atemlos, +gewaltsam seine Erregung meisternd: »Gnädigste Gräfin, — verzeihen Sie +einen Augenblick!«</p> + +<p>Ilse Bühler stand sprachlos vor ihm, ihr Kind im Arm. Ihre Begleiterin +trug großes Handgepäck, welches für einen Wagen berechnet schien.</p> + +<p>»Um Gottes willen, Herr von Roselius, was ist geschehen? Ist mein Mann +krank?«</p> + +<p>Er gab der Jungfer einen Wink, zurückzubleiben, und ging an der Seite +der jungen Frau die Straße entlang.</p> + +<p>»Nein, er ist nicht krank, aber Sie dürfen nicht hinein, — in diesem +Augenblick nicht, — es ist unmöglich!«</p> + +<p>Sie blieb vor ihm stehen.</p> + +<p>»Sie sprechen in Rätseln! Sagen Sie mir doch um Gottes willen, worum es +sich handelt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span></p> + +<p>»Ich kann Ihnen nur sagen, gnädigste Gräfin, daß Sie Ihr Haus heute +abend nicht betreten dürfen!«</p> + +<p>»Aber wenn ich es will!«</p> + +<p>»Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen zu folgen!«</p> + +<p>Sie zuckte die Achseln. Eine dunkle Ahnung stieg in ihr auf und legte +sich wie ein Alp auf ihr Herz. Aber sie bäumte sich dagegen auf. Sie +wollte das Entsetzliche nicht glauben. Der Regimentskamerad ihres +Mannes irrte — mußte irren —, es konnte nicht anders sein! Denn trotz +allem, was gewesen, trotz allem, was ihre junge Ehe getrübt, liebte er +sie — dies Bewußtsein machte sie stark, Vergangenes zu tragen, ob's +noch so schwer war. Und sie umfaßte das kleine Bündel in ihrem Arm +fester und drückte das schwache Körperchen an sich.</p> + +<p>Seit vier Wochen war sie bei ihrem Vater, um sich zu erholen. Nach +Sibyllens Hochzeit, die in Bühl stattfinden sollte, wollte sie mit +ihrem Manne nach Drachenburg zurückkehren. Da fing der Kleine an zu +kränkeln. Der Kambacher Hausarzt schob die Sache auf den Milchwechsel +und nannte sie ungefährlich. Aber Ilse erklärte ihrem Vater, der +alte Herr verstände nichts von der Behandlung so kleiner Kinder, ihr +Drachenburger Arzt habe Fritz Karl ganz anders behandelt, sie müsse +nach Hause. Der Oberstallmeister war dagegen. Zuerst fügte sich Ilse +den Wünschen des Vaters, dann aber erklärte sie plötzlich eines +Morgens mit ungewöhnlicher Bestimmtheit, sie reise nachmittags. Und so +geschah's. Unterwegs gestand ihr die Jungfer, daß sie vergessen habe, +die Drahtnachricht an den Grafen zu befördern, — so war kein Wagen +an der Bahn und zum Unglück an dem überfüllten Zug kein Gepäckträger +zu haben. Die Koffer mußten auf der Bahn bleiben. Nur mit dem +Notwendigsten versehen, kam sie unerwartet zu Hause an. —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span></p> + +<p>»Haben Sie Barmherzigkeit mit mir,« sagte sie, »was ist es?« Erschöpft +lehnte sie sich an das Gartengitter.</p> + +<p>Er antwortete nicht.</p> + +<p>»Herr von Roselius!« bat sie flehend.</p> + +<p>»Das kann ein Mann einer Frau nicht sagen, gnädigste Gräfin!« Mit +erstickter Stimme kam's heraus, so leise, daß nur sie es vernahm.</p> + +<p>Einen Augenblick stand sie wie gelähmt. Dann raffte sie sich gewaltsam +auf und trat dicht vor ihn hin: »So sagen Sie mir nur eines, ich +beschwöre Sie — ist — ist es — das Schwerste?«</p> + +<p>Er blickte in das schöne geliebte Antlitz, und sein Herz zog sich +zusammen in tiefem Weh. Aber er machte sich hart. »Ja,« antwortete er +tonlos.</p> + +<p>Da raffte sie die letzte Kraft zusammen und schritt ihm voran.</p> + +<p>Ein paarmal war's ihm, als müsse er sie stützen, aber dann ging sie +erhobenen Hauptes weiter.</p> + +<p>Auf der Schwelle machte er noch einen letzten Versuch, sie +zurückzuhalten, doch sie schüttelte stumm den Kopf. Und er verstand +sie. Anderen glaubte sie es nicht, daß ihre Liebe mit Füßen getreten +wurde.</p> + +<p>Die Jungfer, eine Kambacherin, mochte ahnen, daß ihrer jungen Herrin +Schweres bevorstand. Bescheiden trat sie vor und fragte, ob sie ihr das +Kind abnehmen solle.</p> + +<p>Aber die Gräfin hatte auch für diese treue Seele nur ein Kopfschütteln +und drückte das Kleine, als gewähre es ihr einen Schutz in schwerster +Stunde, fester an sich. — —</p> + +<p>Dann klingelt sie.</p> + +<p>Der Bursche, der jedenfalls Befehl hat, ungebetene Gäste fernzuhalten, +prallt bei dem unerwarteten Anblick seiner Herrin zurück.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span></p> + +<p>Ein Blick aus den Augen des Oberleutnants gibt ihm die Haltung wieder +und zwingt ihn zum Schweigen.</p> + +<p>Kein Wort wird gesprochen.</p> + +<p>Lautlos gleitet das Frauenkleid über den schweren Läufer, und der +Schritt des Mannes verklingt ungehört.</p> + +<p>Dann steht Ilse Bühler vor der Tür ihres Mannes.</p> + +<p>Ein fremder steinerner Ausdruck liegt auf ihren Zügen.</p> + +<p>Drinnen klingt die Stimme des Hausherrn, dazwischen Frauenlachen und +Gläserklingen.</p> + +<p>Wieder will Roselius ihr den Weg vertreten. Aber sie sieht seinen +flehenden Blick nicht. Sie legt die Hand auf die Türklinke — sie +öffnet — —</p> + +<p>Und dann zittert ein markerschütternder irrer Schrei durch das +nächtliche Haus — — starke Hände stützen die Ohnmächtige und halten +das gleitende Kind — drinnen tönt ein Fluch, das Lachen verstummt, +auf dem Parkett zersplittert ein Kelch, — ein Flüstern, ein eiliges +Rauschen weicher Seide — es ist still im Haus. — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am anderen Mittag stand ein geschlossener Wagen vor dem Kambacher +Gutshause. Eine blasse Frau stieg langsam die Freitreppe hinan. Es war +Ilse Bühler.</p> + +<p>Die furchtbare Aufregung hatte ihr die Kraft gegeben, sich +aufrechtzuhalten und, sobald sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, das +Haus ihres Mannes für immer zu verlassen. Nicht einmal die Kleider +hatte sie gewechselt. Nur für das Kind sorgte sie, daß es hatte, was es +brauchte.</p> + +<p>Ihren Mann sah sie nicht mehr. Nach einer scharfen Auseinandersetzung +mit Roselius hatte er das Haus verlassen. Und sie war froh, ihm nicht +mehr zu begegnen. Es war ja doch vorbei; was sollte es, sich um +Tatsachen zu streiten, die wie Felssteine auf ihrem Lebenswege lagen?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p> + +<p>So machte sie sich hart. Ohne einen letzten Blick auf die Räume zu +werfen, die einst ihr Glück umschlossen, nahm sie ihr Kind und verließ, +gefolgt von der treuen Jungfer, das Haus.</p> + +<p>Am Gartengitter wartete der Wagen, den Roselius bestellt. Er hatte ihr +behilflich sein, sie zur Bahn geleiten wollen, aber sie bat ihn, davon +abzusehen.</p> + +<p>»Es ist besser so,« sagte sie, ihm herzlich dankend. »Ich komme schon +durch!«</p> + +<p>Da hatte er der tapferen Frau die Hand geküßt und war gegangen. — —</p> + +<p>Und nun stand sie ihrem Vater gegenüber.</p> + +<p>Der ganze Jammer ihrer Lage stürmte auf sie ein, ihr zertretener +Stolz bäumte sich auf gegen die Demütigung, die in dieser Heimkehr +lag. Wie oft hatte ihr Vater sie gewarnt; nun mußte sie vor ihn +treten, die Scherben ihres Glückes in den Händen. Es war ihr ums +Herz, als zerbräche etwas in ihr, als müsse sie den letzten Funken +Selbstbewußtsein begraben.</p> + +<p>Er hatte ihren Wagen nicht kommen gehört. Überrascht blickte er auf, +als es leise an seine Tür klopfte, und die Tochter eintrat.</p> + +<p>Ein Blick sagte ihm alles. Aber sie mußte ihm selbst sagen, warum sie +nach kaum vierundzwanzig Stunden ins Elternhaus zurückkehrte. Sein +Gerechtigkeitsgefühl forderte ihre Erklärung dem Manne gegenüber, den +er, ob auch widerstrebenden Herzens, als Sohn anerkannt.</p> + +<p>»Du kommst zurück, Ilse?« fragte er, sich erhebend und der jungen Frau +einen Stuhl neben den Schreibtisch rückend.</p> + +<p>Dann saßen sie sich gegenüber.</p> + +<p>Sorgenvoll ruhte sein Auge auf ihr.</p> + +<p>Sie senkte den Blick. »Ich durfte nicht bleiben, Vater!«</p> + +<p>»Warum nicht?«</p> + +<p>Seine kurze soldatische Art hatte, so sehr sie ihn liebte, von<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> jeher +etwas Einschüchterndes für sie gehabt. Flammende Röte stieg ihr in die +Stirn. Wieder senkte sie den Blick.</p> + +<p>Er aber vermutete Unüberlegtheit, Übereilung, verletzte Eitelkeit oder +irgendeine andere weibliche Schwäche hinter ihrer Tat.</p> + +<p>»Ich weiß, daß du es nicht leicht mit deinem Mann hast,« sagte er, +»aber du bist genügend gewarnt worden, liebes Kind! So traurig +sich deine Ehe auch gestaltet hat, — vorläufig wenigstens gilt es +darum: ›Wer A gesagt hat, muß auch B sagen,‹ — es sei denn, daß +ganz bestimmte schwerwiegende Gründe dich veranlaßten, sein Haus zu +verlassen, nachdem du gestern aus freien Stücken zu ihm zurückgekehrt +bist. Ich muß dich daher bitten, dich deutlicher zu erklären!«</p> + +<p>Er lehnte sich im Stuhl zurück, die blauen Augen blickten sie +durchdringend an. »Was ist der Grund deines Fortgehens?«</p> + +<p>Ein Zittern durchrann die Gestalt der Gräfin. Sie öffnete die Lippen +und schloß sie wieder. Ein Ausdruck namenlosen Schmerzes lag auf den +schönen Zügen.</p> + +<p>Dann schlug sie beide Hände vors Gesicht und stöhnte in tiefster +seelischer Qual: »Ehebruch!« — — —</p> + +<p>Still war's im Zimmer. Regungslos saß Ilse Bühler da, das Gesicht in +den Händen vergraben, stumm tränenlos verzweifelt.</p> + +<p>Die Brauen zusammengezogen, starrte Herr von Kambach vor sich nieder.</p> + +<p>Dann fiel sein Blick auf die gebrochene Gestalt seiner Tochter.</p> + +<p>Schwerfällig stand er auf und beugte sich über sie. Seine Hand strich +liebkosend über ihre Wange, wieder, immer wieder.</p> + +<p>Ohne sich zu regen, hielt sie ihm still.</p> + +<p>Ratlos stand er da. Fast schämte er sich, daß er kein Wort<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> des Trostes +für das Kind hatte, — was sollte er sagen? Und leise streichelte er +die weiche Wange.</p> + +<p>Er merkte nicht, daß es klopfte, daß eine gebeugte Gestalt am +Krückstock eintrat. Erst ein leises Hüsteln ließ ihn aufsehen. Vor ihm +stand seine Mutter.</p> + +<p>Sie sahen sich an. — — —</p> + +<p>Und dann näherte sich Exzellenz von Kambach der Enkelin.</p> + +<p>»Ilse!«</p> + +<p>Wie aus wirrem Traum erwachend, sah die junge Frau empor. Und unter dem +Blick der Augen, die mit mütterlicher Treue ihre Jugend behütet, löste +sich der Bann. Die Tränen stiegen ihr heiß empor, ein Weinen aus allen +Quellen der Seele erschütterte ihren Körper.</p> + +<p>»Großmutter,« schluchzte sie, »Großmutter!«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Achtzehntes_Kapitel"><span class="s5">Achtzehntes Kapitel.</span><br> + Veteranen.</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wir möchten euch wieder lehren</div> + <div class="verse indent0">Die alte preußische Zucht,</div> + <div class="verse indent0">Die Treue, die allerorten</div> + <div class="verse indent0">Das Heil ihres Volkes sucht!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Was Vaterlandsliebe und Sitte,</div> + <div class="verse indent0">Was unser geweihtes Gut,</div> + <div class="verse indent0">Wir möchten's ins Herz euch schreiben</div> + <div class="verse indent0">Mit märkischem Adelsblut!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ihr habt eures Gottes vergessen, —</div> + <div class="verse indent0">Nun fault eure beste Kraft!</div> + <div class="verse indent0">Wo ist die blinkende Ehre</div> + <div class="verse indent0">Altpreußischer Ritterschaft?</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Es war einer von jenen Sommertagen, die dem Herbst zum Verwechseln +gleichen, wo Sonne und Nebel miteinander kämpfen, wo sie leuchtend +siegt, oder ein leiser Regen niederschauert, Stunde um Stunde, bis der +Abend das Land in seine Schleier hüllt. Heute blieb der Nebel König. +Von Busch und Baum tropfte es, in den Dachrinnen des alten Schlosses +plätscherte es, durch alle Ritzen kroch's naßkalt herein.</p> + +<p>Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht und fuhr über den Park. +Zerzauste Pflanzen standen trauernd auf den Rasenplätzen, geknickte +Blumen welkten am Wege. Es war ein grauer freudloser Tag.</p> + +<p>Melancholisch blickte der alte Graf Bühler ins Freie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p> + +<p>»Nun auch noch dieses trostlose Wetter,« sagte er, den weißen Kopf +schüttelnd, »als ob der Hochzeitstag des armen Kindes nicht schon +trübe genug wäre! Exzellenz haben heute früh noch keine Nachricht aus +Kambach?«</p> + +<p>Er wandte sich der Greisin zu, die, am vergangenen Abend eingetroffen, +am Schreibtisch eines Bühlschen Gastzimmers saß.</p> + +<p>»Doch, eben schreibt Fräulein Eichel, die Besserung in Ilses Befinden +halte an. Das Fieber sei heruntergegangen, der Arzt den Umständen nach +zufrieden. Daß das Kind starb, ist ja nur ein Glück, Erlaucht! Wir +können Gott danken, daß er dies arme kleine Leben auslöschte, bevor ...«</p> + +<p>»Sagen Sie es nur ruhig,« rief er mit bebender Stimme, »bevor die +Sünde des Vaters seine Tage vergiftete! Es heißt nicht umsonst: ›bis +ins dritte und vierte Glied‹. Die Bibel lügt nicht!« Zornesröte lag +auf dem edlen Antlitz. »Exzellenz, ich habe manchen schweren Tag in +meinem Leben zu verzeichnen, ich hab' an Sarg und Grab gestanden, +hab' gefehlt und geirrt, denn ich bin ein sündiger Mensch, — aber +ich bin ein Edelmann geblieben! — Obgleich ich als Christ natürlich +ein ausgesprochener Gegner des Duells bin, hab' ich's darum doch +verstanden, daß Harro Kambach seinen Schwager forderte. Es spricht für +ihn, daß er sofort für die Ehre seiner Schwester eintrat. Es hat mir +gefallen, wenn ich auch das Duell als solches aufs schärfste verurteile +und mich über die ablehnende Haltung des Ehrenrates freue! Die Strafe, +die Wolf Dietrich zuteil wird, ist meiner Ansicht nach überdies die +einzig richtige, weil sie den Schuldigen wirklich trifft. Wer mit +schlichtem Abschied aus dem Heer entlassen ist, der ist erledigt.« Er +seufzte. »Ja, Exzellenz, die schwerste Stunde meines Lebens war die, +in welcher ich mir sagen mußte: ›Dein Enkel hat seiner Mannesehre +vergessen, einer deines Blutes ist — ein Schuft!‹ Das war zuviel, und +das verwind' ich auch nicht wieder — das — das<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> bringt mich ins Grab! +Zum erstenmal in meinem Leben hab' ich's beklagt, daß Bühl Majorat +ist, — wär's anders, keinen Halm erbte der Mann, der des Königs Rock +ausziehen mußte, der — der nicht mehr mein Enkel ist!«</p> + +<p>Die Greisin antwortete nicht. Was sie da vernahm, war Art von ihrer +Art, die Jahrhunderte alte Überlieferung des Begriffes Adel. Sie hätte +denselben, ohne schwarz weiß zu nennen, nicht anders fassen können, +sich selbst wäre sie untreu geworden, hätte sie den Makel auf dem alten +Schilde entschuldigend bedeckt. Denn hier gab es keine Entschuldigung. +Hier konnte nicht einmal das sittlich stark anrüchige Wort +›Interessenvertretung‹ zum Milderungsgrunde werden, hier handelte es +sich um die nackte ungeschminkte Sünde in ihrer furchtbarsten Gestalt. +Sie wußte, viele würden die Haltung des greisen Erblandmarschalls hart +nennen, — mochten sie es tun! — Die Knochenerweichung des modernen +Sittlichkeitsbegriffs war ja nicht von gestern. Ob zudem die Vielen, +welche für den Mann, der seine Ehe mit Füßen getreten, eine Lanze +brachen, die gefallene Frau in ähnlicher Weise verteidigen würden? +Frau von Kambach wußte, daß in dem Verhalten des alten Edelmannes der +Haß gegen die doppelte Moral stark mitsprach. Sie selbst empfand die +sittliche Verfehlung der Frau naturgemäß schwerer als die des Mannes, +ihrem echt weiblichen Sinne hätte eine andere Auffassung widersprochen. +Sie wußte, daß Graf Bühler, dessen ritterlicher Sinn Frauenehre wie +kein anderer hochhielt, ebenso dachte. Trotzdem waren sie sich darin +einig, daß Gesellschaft und Rechtspflege hier einer gründlichen +Verbesserung bedurften, daß Recht und Gerechtigkeit nicht miteinander +in Einklang standen. Es war ein Ausschnitt aus dem Zeitgemälde, +das sich in immer düstereren Einzelbildern vor den Augen der Welt +entrollte, ein Kapitel aus der Geschichte des deutschen Verfalls. So +gab sie ihm vollkommen recht, so strich<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> sie nichts ab von dem klaren +scharfen Urteil. Nur um eines bangte sie: daß er vergessen möchte, daß +es gen Abend ging, daß der Tod ihn abrufen könne, bevor er das Wort der +Vergebung gesprochen.</p> + +<p>Mühsam erhob sie sich und trat an seine Seite.</p> + +<p>»Ich stehe auf ganz demselben Standpunkt, — Erlaucht wissen das ja! +Für eine alte Frau wie mich, passen die modernen Begriffe nicht. Nur +eines möchte ich bitten: Lassen Sie uns nicht vergessen, daß unsere +Tage gezählt sind, und daß es für jeden von uns heißt: ›Vergebet, so +wird euch vergeben!‹«</p> + +<p>Die Adleraugen sahen sie blitzend an. Ritterlich zog er die welke +Frauenhand an die Lippen. »Seien Sie unbesorgt, teuerste Freundin, ich +werde es nie vergessen, daß ich ein Christ bin, aber es gibt auch eine +christliche Zucht!«</p> + +<p>»Gewiß, anders meinte ich's ja auch nicht. Nur müssen wir beide daran +denken, daß wir nicht mehr allzulange Zeit haben!«</p> + +<p>Er nickte nachdenklich. »Sie haben ganz recht.« Er sah vor sich nieder. +»Das erschwert uns das Handeln. Heute darf ich ihm nicht vergeben. Denn +noch ist seine Reue nicht echt.«</p> + +<p>»Nein, noch ist sie nicht echt. Aber ist's nicht andererseits die +schwerste Strafe, daß er von der Hochzeitsfeier der einzigen Schwester +ausgeschlossen ist?«</p> + +<p>»Er bleibt auch sonst ausgeschlossen.«</p> + +<p>Sie sah gequält zum Fenster hinaus. Alles, was er sagte, entsprach +ihrem Gerechtigkeitssinn. Und doch —</p> + +<p>»Ich bitte Erlaucht ja auch nur, dem verlorenen Sohn die Tür nicht zu +verschließen, wenn er sich aufmacht und am Vaterhause klopft,« sagte +sie mit leise bebender Stimme.</p> + +<p>Die Tränen stiegen ihm in die Augen.</p> + +<p>Er gedachte einer anderen, die ihn ein Menschenalter hindurch<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> auf +seinem Wege begleitet, die ihm die Sorgen verscheucht und den Zorn +besänftigt. Nun fehlte die sanfte glättende Hand, die beruhigende +Stimme auf Schritt und Tritt.</p> + +<p>Die Erinnerung stieg herauf und grüßte die ehrwürdigen Vertreter +vergangener Tage.</p> + +<p>Er zog die Uhr. »Es wird Zeit,« sagte er. »Um elf kommt der +Standesbeamte.«</p> + +<p>Noch einmal neigte er den Kopf über die Hand der alten Freundin. »Sie +können sich auf mich verlassen,« sagte er leise.</p> + +<p>Dann war sie allein.</p> + +<p>Den Kopf in die Hand gestützt, sah sie vor sich nieder. Sie hatte +sich diesen Tag so ganz anders gedacht. Leuchtend und sonnig, wie +das junge Menschenkind, das heut zum Traualtar treten wollte. Statt +dessen überall Unruhe, schweres Warten. Seit dem Tage von Sarajewo +wetterleuchtete es am politischen Himmel. Ein Bann lag über Europa. In +fiebernder Spannung blickten die Völker auf Österreichs greisen Kaiser. +Serbien war die Brutstätte für Laster und Königsmord. Ob seine Fürsten +und Herren an die Bahre Franz Ferdinands traten, ob der Mann aus dem +Volke der Leiche des Ermordeten nahte, — die Todeswunde brach auf und +blutete und blutete — — Sollte der internationale Giftkessel brodeln +bis zum Überschäumen? sollte er ungehindert seine furchtbare Lauge über +Thron und Herrschaft ergießen? Die Völker Europas warteten — — — +Aber ihre Propheten sprachen: ›Es ist die Wende der Weltgeschichte!‹ — +Ein Ahnen ringsum. Blutzeichen wiesen auf eherne Zeiten. — — — — —</p> + +<p>Ein Wolkenschatten zog über das Hochzeitshaus in der Mark. Das +Gespenst, das Deutschland bedrohte, blickte zum Fenster herein und +nickte einem zu, der sich drinnen eingenistet. Der Schmerz war's, der +stärker ist als der Tod; denn die Schuld, die der Letzte seines Stammes +begangen, bedeutete<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> Verrat an ererbtem Blut und edler Sippe. Das war +der fressende Wurm am Mark des Edelgeborenen. Wie eine schwere Anklage +stand eine reine Frau vor dem alten Geschlecht. Niemals würde ein Wort +über ihre Lippen kommen, aber ihr Anblick blieb ein stummer Vorwurf und +der Sarg eines kleinen Kindes stand zwischen zwei Familien, die seit +Jahrhunderten treu zueinander gehalten.</p> + +<p>Schloß Bühl hatte sich zu einem großen glänzenden Fest gerüstet; nun +sollte die Hochzeit in aller Stille gefeiert werden. Denn allein +der Umstand, daß drüben in Kambach die Tochter des Hauses, während +man ihr Kind begrub, schwer krank daniederlag, verbot rauschende +Lustbarkeiten. Aber obgleich nur die engste Familie und ein paar von +Harros Regimentskameraden geladen waren, herrschte Zerrissenheit in +dem kleinen Kreise. Man fand sich schwer zueinander. Wolf Dietrich +Bühler hatte sich in der Familie großer Beliebtheit erfreut, da wollt's +manchem nicht recht in den Sinn, daß er plötzlich ein räudiges Schaf +geworden sein solle. Konnte nicht auch die Frau schuld an dem Unglück +sein? Und einer gab hier seine Weisheit zum besten, und der andere +dort. Es wurde vergrößert, wurde verkleinert. Und zuletzt wußten die +wenigsten, wie sie sich zu der Sache stellen sollten. Die Hauptpersonen +merkten zum Glück nicht viel davon. Nicht nur das Brautpaar. An den +greisen Hausherrn, an Exzellenz von Kambach und ihren Sohn, an die +Brautmutter wagte sich der Klatsch nicht heran. Aber eine frohe +Stimmung wollte nicht aufkommen; es wäre ja auch unnatürlich gewesen.</p> + +<p>Grau in grau lag der Tag, auf den sie sich so gefreut, vor der alten +Frau. Alles hatte sich verschoben. Nicht nur das große Ganze. Auch +kleine Zwischenfälle störten und beunruhigten sie. Direktor Wendler, +an den eine Einladung ergangen war, konnte sich erst kurz vor seiner +eigenen Hochzeit<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> frei machen. Eichelchen war an Ilses Krankenlager +gefesselt, bis eine Diakonisse aus Berlin eintreffen würde. Ein +Dreilindener Kochlehrling, ein frisches niedliches Mädchen von siebzehn +Jahren, lag mit schwerer Diphtherie im Drachenburger Krankenhause. Und +endlich konnte die greise Frau sich nicht an die Hochzeitsreise des +jungen Paares mit dem Luftschiff gewöhnen. Wie vieles Neue dem Alter +fremd bleibt, war ihr diese Errungenschaft der Neuzeit fremd geblieben. +Schließlich hatte sie sich zwar so weit daran gewöhnt, daß sie die +strategische Notwendigkeit der Luftschiffahrt zugab. Aber niemand +durfte ihr damit kommen, daß es zum guten Ton gehöre, in einer Gondel +gesessen zu haben. Wer solche Ideen vertrat, kam schön bei ihr an. +Sibyllens brennendem Wunsch, ihre Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹ +zu machen, hatte sie, soviel sie konnte, entgegengearbeitet. Aber +gegen die flammende Begeisterung des Brautpaars, welche durch den +Oberstallmeister noch genährt wurde, kam sie nicht auf. Sibylle machte +ihr allen Ernstes den Vorschlag: »Großmutter, fahr doch ein Stück +mit, du wirst entzückt sein!«, und Harro erklärte, es sei nur bei +ganz seltenen, unvorhergesehenen Zwischenfällen, mit denen man doch +schließlich überall rechnen müsse, gefährlich. — Sie merkte, sie drang +nicht durch. Aber ihre Sorge war unvermindert. Immer wieder dachte +sie an den Ausspruch eines ihr bekannten Fachmannes: ›Den höheren +Naturgewalten ist das Luftschiff natürlich nicht gewachsen. Wohl vermag +es starken Winden standzuhalten, der Gewalt des Orkans gegenüber ist +die Kraft der Propeller so gut wie machtlos.‹ — Allerdings — Flügel +ersetzten sie nicht, und die forderte der Verkehr mit der Luft. Das +Leben fehlte. Die unumschränkte Herrschaft über Bewegung und Kurs. Das +Natürliche, das sich der Natur anpaßte. Dann fragte sie sich zwar: +›Sind wir nicht in anderen Lebenslagen ebenso oft oder gar öfter in +Gefahr?‹ Doch die Angst ließ sie<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> nicht los, und immer wieder zog ihr +das warnende Wort der Phorkyas aus dem ›Faust‹ durch den Sinn:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Aber hüte dich zu fliegen,</div> + <div class="verse indent0">Freier Flug ist dir versagt!‹ — — —</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Es klopfte.</p> + +<p>Sibylle trat ein. Ernst und glücklich.</p> + +<p>Sie hatte eine schwere Zeit hinter sich. Die Ungewißheit bis zur +Entscheidung des Ehrenrates wenige Tage vor der Hochzeit hatte Mut und +Gottvertrauen auf eine starke Probe gestellt. Dann waren die Würfel +gefallen: der Mann, den sie liebte, war ihr neu geschenkt worden. —</p> + +<p>Ganz still saß sie einen Augenblick bei der Großmutter. Gesprochen +wurde kaum.</p> + +<p>Zum letztenmal legte Frau von Kambach die Hände auf das dunkle +Mädchenhaupt, das in wenig Augenblicken Kranz und Schleier zieren +sollten.</p> + +<p>Dann schied die Braut.</p> + +<p>»Großmutter, nicht wahr, du betest für uns?« sagte sie mit bewegter +Stimme.</p> + +<p>»Ja, mein Liebling, das verspreche ich dir!« Sie schlang den Arm um den +Hals der Enkelin. »Gott behüte dir dein Glück!« Sie küßte sie mehrmals. +»Leb' wohl, meine Billy!«</p> + +<p>In tiefer Bewegung neigte sich das junge Mädchen zum letztenmal über +die Hand der Greisin. Dann eilte sie hinaus.</p> + +<p>»Nicht wahr, wenn der Sturm anhält, fahrt ihr nicht mit der +›Brandenburg‹ — du versprichst es mir?« rief Frau von Kambach ihr nach.</p> + +<p>Sie blieb auf der Schwelle stehen.</p> + +<p>»Verlaß dich darauf, Großmama! Harro würde das niemals tun, schon dir +zuliebe! Außerdem fahren die Zeppelinschiffe bei solchem Sturm gar +nicht. Was hätten wir auch davon,<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> da oben im Nebel zu sitzen und zu +frieren,« — ein Lächeln flog über ihr lebhaftes Gesicht, — »du weißt +doch, ich will die Sonne grüßen!! Düsseldorf ist ja auch weit fort von +hier und wir haben noch vierundzwanzig Stunden Zeit bis zum Aufstieg, +bis dahin kann schönstes Wetter sein!«</p> + +<p>Beruhigt nickte ihr die Greisin zu. »Harro kommt noch zu mir, nicht +wahr?«</p> + +<p>»Ja, gewiß. Ich wollte auf ihn warten, aber es wurde zu spät, weil +die Ziviltrauung jetzt ist, und er vorher noch mit Papa zu tun hatte. +Nachher muß ich mich gleich umziehen, darum benutze ich den freien +Augenblick. Verzeih, daß wir getrennt kommen! Harro wird also sofort +nach dem Standesamt bei dir erscheinen!«</p> + +<p>Noch einmal strahlten die dunklen Augen Frau Sabine an. »Leb wohl, +Großmutter!«</p> + +<p>Dann fiel die Tür ins Schloß und ein leichter Schritt ging über die +Dielen. — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Stunden waren vergangen. Der Sturm hatte sich gelegt. In die Fenster +der Bühler Dorfkirche hatte die Sonne geleuchtet und die Braut an ihrem +Ehrentage gegrüßt.</p> + +<p>Nun war alles vorüber. Wie einst Ilse Bühler, wurde die junge Frau von +Kambach von bäuerlichen Fackelreitern zur Gutsgrenze geleitet.</p> + +<p>Schenkersch Vadder, der seinen Herrn begleitet und die Oberaufsicht +beim Decken der Hochzeitstafel geführt, hatte es sich nicht nehmen +lassen, den Neuvermählten den Wagenschlag zu öffnen, und die Bühler +Dienerschaft überließ dem Greise gern das Ehrenamt.</p> + +<p>Sibylle rechnete ihm den kleinen Dienst hoch an. Freundlich nickte sie +ihm zu, zog eine weiße Marschall-Niel-Rose aus dem Brautbukett und +reichte sie ihm.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p> + +<p>Franz Schenker strahlte. Mit tiefer Verbeugung sagte er: »Ich danke +untertänigst, gnä' Frau!«</p> + +<p>Sie lächelte. »Besuchen Sie uns auch einmal, Herr Schenker!«</p> + +<p>Dann sah sie sich um, ob ihre Blumen alle im Wagen seien, und zog die +Reisedecke in die Höhe: »So, Harro, nun kann's losgehen!«</p> + +<p>Ein letztes Grüßen, ein Flattern weißer Tücher, die Pferde zogen an +und die Tochter des alten märkischen Geschlechtes fuhr, von wehenden +Fackeln begleitet, ins Leben hinaus.</p> + +<p>»Hoch Brandenburgs Rose!« jauchzte es hinter der Scheidenden her, dann +war alles still, nur der Hufschlag der Rosse klang durch die Nacht, +und der Wind summte sein tausendjähriges Feierlied in den Zweigen der +träumenden Birken. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Ob es wohl morgen schön wird?« sagte die junge Frau und betrachtete +zweifelnd vom Fenster des <span class="antiqua">D</span>-Zuges den Himmel. »Es wäre ein +Jammer, wenn wir nicht fliegen könnten!«</p> + +<p>Ihr Gatte trat zu ihr und legte den Arm um die schlanke Gestalt. +Glücklich sah er auf sie nieder. Dann prüfte sein Auge den Himmel. »Das +Wetterglas steht nicht schlecht,« sagte er. »Ich habe Großmama übrigens +versprochen, daß wir die Fahrt nur bei gutem Wetter mitmachen. Und dies +Versprechen muß ich halten. Es tut mir so leid, daß sie sich noch immer +so ängstigt, es wäre wirklich das beste, sie machte einmal selber eine +Zeppelinfahrt!«</p> + +<p>»Das tut sie nicht,« meinte Sibylle. »Sie sieht ja jetzt ein, daß +Deutschland nicht ohne die Luftschiffahrt auskommen kann, — das ist +Papas Verdienst. Aber sie läßt sie auch nur strategisch gelten. Daß +wir unsere Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> machen wollen, ist +eigentlich ein Verbrechen. Großmutter ist zu alt für solche Neuerungen, +Schatz! Sie sagte mir neulich, hier müsse es heißen, ›Naturkraft gegen +Naturkraft‹. Aber der schöpferische Grundgedanke fehle, der Propeller +habe weder das Anpassungsvermögen noch die natürliche Widerstandskraft +des fliegenden Vogels.«</p> + +<p>Er zuckte die Achseln. »Als die Eisenbahn erfunden wurde, war es +dieselbe Geschichte. Niemand von den älteren Herrschaften wollte in die +›Höllenmaschine‹ hinein. Und heute? Wenn man die Sache so ansehen will, +hält überhaupt kein menschliches Werk den Elementen stand. Dann ist die +Natur König!«</p> + +<p>»Gott,« sagte sie leise.</p> + +<p>Er schloß das Fenster und zog sie neben sich auf den Polstersitz.</p> + +<p>»Du mußt doch zugeben, daß hinter allem Leben eine Naturgesetzlichkeit +steht, die das Ganze beherrscht, Billy, und somit alles Weltgeschehen +von ihr abhängig ist.«</p> + +<p>Sibylle Kambach blickte ihren jungen Gatten voll an. »Ich denke gar +nicht daran, das zuzugeben.«</p> + +<p>Er sah ihr belustigt in die sprühenden Augen. »Unsere Hochzeitsreise +fängt ja schön an!«</p> + +<p>»Daran bist du ganz allein schuld! Ich kann das doch nicht +stillschweigend mit anhören, wenn du etwas so Widersinniges sagst!«</p> + +<p>»Oho!«</p> + +<p>»Ja. Du sagtest doch kürzlich, du neigtest neuerdings stark zum +Pantheismus. Danach ließest du den Schöpfer gelten. Ist denn dieser +Schöpfer abhängig von den Gesetzen der Natur, die er selbst geschaffen +hat? Liegt darin nicht schon ein Widerspruch? Gott wäre demnach ja eine +Maschine! Außerdem müßte ein in irgendeiner Weise abhängiger Schöpfer<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> +doch wieder einen Schöpfer haben und dieser wieder einen! Wer wäre dann +der Urschöpfer? Nein, lieber Schatz, du kannst es mir glauben, das, was +wir Naturgesetzlichkeit nennen, ist etwas anderes, als du annimmst. Es +ist ein fortwirkender, aber kein schöpferischer Faktor. Die Kräfte, die +Gott in die Natur gelegt hat, entwickeln sich weiter. Wir kurzsichtigen +Menschen nennen das ›Naturgesetzlichkeit‹ und bilden uns, der Himmel +weiß was auf diese großartige Erkenntnistheorie ein. Und doch kommen +wir selbst am schlechtesten dabei weg, denn nach dieser Theorie haben +wir keinen allmächtigen Gott und Vater im Himmel, sondern sind der +Naturgesetzlichkeit verfallen.« Sie sah ernst vor sich nieder.</p> + +<p>Ihrem Mann war diese Wanderung durch die Gefilde der Philosophie wenig +angenehm, aber er mußte sich andererseits sagen, daß er nicht ganz +unschuldig daran sei.</p> + +<p>»Na, unsere Hochzeitsreise soll nicht durch die Frage gestört werden, +nicht wahr, Schatz?« versuchte er Sibylle von dem heiklen Thema +abzulenken. »Wir haben ja unser Glück!«</p> + +<p>»Mich beunruhigt die Frage durchaus nicht, Harro, denn ich habe die +Antwort,« erwiderte sie. »Aber aufs Glück kommt es nicht an, sondern +darauf, daß wir auf Felsengrund stehen.«</p> + +<p>Sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn heiß und innig.</p> + +<p>Er aber blickte in die dunklen Augen, die ihre ganze Seele +widerspiegelten, und sagte sich: ›Sie gibt dir ihr Bestes!‹</p> + +<p>Schweigend saßen sie beisammen.</p> + +<p>Draußen huschten die Lichter vorüber, und die farbigen Signale +leuchteten.</p> + +<p>»Ich möchte gerne noch etwas von der ›Brandenburg‹ hören,« bat sie. +»Ist sie schön ausgestattet?«</p> + +<p>Sie rückte näher an seine Seite und breitete die Reisedecke<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> über sich +und den Gatten. »So, nun ist's gemütlich, — nun erzähl'! Schade, daß +wir die Probefahrt nicht mitgemacht haben, — wir hätten acht Tage +früher heiraten sollen.«</p> + +<p>»Ja, Billy, das ist nun zu spät! Warum hast du nicht eher daran +gedacht?«</p> + +<p>Sie nahm den Hut ab und lehnte den Kopf an seine Schulter. »So — +also Herr Oberleutnant sind zum Vortrag bei Durchläuchting befohlen! +Antreten!«</p> + +<p>Er lachte. »Warte, wenn wir erst in unseren vier Pfählen sind, kehre +ich den Herrn und Gebieter heraus. Heute geht dir noch einmal alles +durch — aber dann! Durchläuchting wird sich noch wundern!«</p> + +<p>Ihre Augen blitzten ihn an. »Durchläuchting ist auf alles vorbereitet!«</p> + +<p>»So — desto besser!«</p> + +<p>Und dann begann er ihr von dem wunderbaren Schiff zu erzählen, +vom neuesten Zeppelin. »Die ›Brandenburg‹ entspricht in ihrer +Länge etwa den Luftschiffen der Ostfriesland-Klasse: 160 zu 166,5 +Meter,« sagte er. »Du hast ja nur den einen Freiballonaufstieg beim +Luftschifferbataillon erlebt, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ich habe die ›Schwaben‹ von der Bahn aus fliegen sehen,« entgegnete +sie.</p> + +<p>»Das ist etwas ganz anderes, Billy! Das haben Millionen Menschen +gesehen. Es ist ein wundervoller Anblick, wenn solch ein silberner +Delphin an einem schönen Sommermorgen in den Wolken erscheint, aber es +ist nicht mit der Nahwirkung zu vergleichen. Ich kann dir sagen, es +ist ein geradezu großartiges Bild, wenn solch ein Riese sich langsam +erhebt und als Segler der Lüfte die Wolken durchquert. Man glaubt, die +lebendige Verkörperung deutscher Heldenkraft und Kriegsgewalt<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> vor sich +zu sehen!« Seine Augen leuchteten. Der preußische Offizier sprach.</p> + +<p>»Und die Kabine?« fragte sie in frauenhafter Neugier.</p> + +<p>»An der wirst du deine helle Freude haben! Sie erinnert an den +<span class="antiqua">D</span>-Zug, ist aber nicht so vollgepfropft und darum viel +behaglicher. Sie hat nur vierundzwanzig Plätze. Der rote Teppich und +die hübschen Peddigrohrsessel machen den hellen luftigen Raum, der +eigentlich ganz Fenster ist, höchst behaglich. Im übrigen ist es ganz +wie auf einem unserer großen Dampfer. Ausgezeichnete Verpflegung, Sekt, +Kaviar, tadelloser Steward, — alles, was du willst. Aber man vergißt +Hunger und Durst da oben!« Gedankenverloren blickte er vor sich hin.</p> + +<p>»Ach ja, du hast ja im vorigen Jahr die Rheinreise mit der ›Viktoria +Louise‹ gemacht!«</p> + +<p>Er nickte. »Es war über alle Beschreibung schön. Du machst dir +keinen Begriff von solch einer Fahrt. Man muß so etwas eben erlebt +haben! Wir flogen damals über Baden-Baden, taten einen Blick in den +Schwarzwald, dann ging es über die Ebene, dem Rhein zu. Nie hab' ich +etwas so überwältigend Schönes gesehen, wie das breite grünseidene +Band des gewaltigen Stromes mit seinen malerischen Ufern und stolzen +Schiffen. Deutschlands Juwel, von oben geschaut, möcht' ich diese Fahrt +überschreiben. Eigentlich hätt' ich dir das alles gar nicht erzählen +sollen, Billy,« — er sah sie lächelnd an. »Na, mit Worten läßt sich's +nicht beschreiben, wie schön die Reise war, und etwas Vorfreude hat +auch ihren Reiz!«</p> + +<p>Sie nickte. »Vorfreude ist manchmal das Schönste,« sagte sie mit +glänzenden Augen.</p> + +<p>»Diesmal nicht!« —</p> + +<p>Hand in Hand saßen sie aneinander gelehnt. Er hatte dem Schaffner ein +Trinkgeld gegeben; so störte keiner ihr junges Glück.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span></p> + +<p>»Wenn ich nur der armen Ilse helfen könnte,« sagte Sibylle endlich, +»die Ereignisse der letzten Zeit liegen mir wie ein Stein auf dem +Herzen. Wenn Wolf Dietrich nicht mein Bruder wäre, so ...«</p> + +<p>»Ich verstehe das, Billy,« entgegnete ihr Mann, »aber du darfst die +Sache auch nicht zu schwer nehmen. Deine Familie ist doch schließlich +nicht dafür verantwortlich, daß Wolf Dietrich ein — ein ...«</p> + +<p>»Sag's nur ruhig,« meinte sie traurig, »daß er ein Lump ist!«</p> + +<p>Er schwieg.</p> + +<p>Da begann sie von neuem: »Weißt du, das ist das schwerste, daß es +niemals wesentlich mit ihm anders werden wird. Die Scheidung und alles, +was drum und dran hängt, wird ihm höchst peinlich sein, aber mehr auch +nicht. Ändern wird Wolf Dietrich sich nicht. Viele werden sagen, er sei +durch seine Veranlagung entschuldigt,« — sie zuckte die Achseln.</p> + +<p>Er antwortete nicht.</p> + +<p>»Ach, Harro,« fuhr sie fort, »ich würd' es sonst ja nicht aussprechen, +aber siehst du, Wolf Dietrich hat Mamas Natur. Er hat ihr heißes, +leidenschaftliches Blut geerbt. Außerdem ist er bodenlos leichtsinnig; +seine Erziehung war nicht streng genug — nun haben wir die Folgen. Er +hat eben nie gelernt, sich selbst zu bezwingen.«</p> + +<p>»Kein Wunder,« sagte er.</p> + +<p>Sibylle sah ihn von der Seite an. »Du meinst, — weil — Mama es auch +nicht tut? Es ist schon möglich, jedenfalls haben wir von ihr keine +Selbstbeherrschung gelernt.« Eine leichte Bitterkeit lag im Ton ihrer +Stimme. Sie wollte nicht über die eigene Mutter urteilen, aber der +tiefe Fall des einzigen Bruders ließ sie die Ursachen erforschen. Sie +fand sie in der eigenen Kinderstube.</p> + +<p>»Die Firlemonts sind alle so,« sagte sie, nach einer Entschuldigung<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> +suchend. »Onkel Axel sitzt ewig in Monte Carlo, Onkel Fred ist zum +zweitenmal geschieden und Tante Antoinette — von der kann man +überhaupt nicht sprechen ... Mama ist ganz anders als ihre Geschwister, +es ist überhaupt ein Wunder, daß sie so ist, denn die Großeltern +sollen sich niemals um ihre Kinder gekümmert haben! Harro — findest +du nicht, daß Wolf Dietrich etwas, — ich meine selbstredend nicht, +daß ihn keinerlei Vorwurf trifft, — aber daß er ein ganz klein wenig +entschuldigt ist? Denn schlecht ist er nicht!«</p> + +<p>Nein, schlecht war er nicht. Das fand Harro auch. Aber der dunkle +Flecken auf der Offiziersehre blieb. Das konnte auch die eigene +Schwester nicht leugnen.</p> + +<p>Sie fuhren in den Potsdamer Bahnhof ein.</p> + +<p>»Wenn Ilse nur wieder gesund wird,« dachte sie, während ihr Mann einem +Gepäckträger winkte.</p> + +<p>Da gewahrte sie, am Fenster stehend, einen Herrn auf dem Bahnsteig. Auf +den ersten Blick war der Offizier in Zivil erkennbar: Wolf Dietrich. +Sie prallte zurück. Es ging über ihre Kraft — am heutigen Abend +eine zwanglose Begegnung mit ihm, während Ilse krank daniederlag — +unmöglich! Sie sagte es ihrem Mann.</p> + +<p>Der zog die Brauen zusammen.</p> + +<p>»Nee, Kindchen, das geht allerdings nicht!« Er blickte hinaus. +»Wahrhaftig! Er hat uns aber nicht gesehen!«</p> + +<p>Sie öffnete ihre Reisetasche und zog einen dichten Autoschleier hervor, +den sie über den Hut band. »So,« sagte sie. »Du bist ja in Zivil!« Noch +einmal sah sie hinaus. »Er scheint hier jemand zu erwarten!«</p> + +<p>»Ja, Billy, es hilft nichts, wir müssen aussteigen!« Harro Kambach ging +seiner Frau voran. Draußen zog er ihren Arm in den seinen. Ohne rechts +und links zu blicken, schritten sie über den Bahnsteig.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span></p> + +<p>Fünf Minuten später saßen sie im Auto.</p> + +<p>In Sibylles Augen standen Tränen. Sie preßte die Lippen zusammen. Vor +ihrem Geiste stand das Bild des schönen lebensfrohen Mannes, der ihr +liebster Spielkamerad gewesen. Es krampfte sich alles in ihr zusammen, +wenn sie daran dachte, was aus ihm geworden war. Denn trotz allem, +das gewesen, die geschwisterliche Liebe vermochte sie nicht aus ihrem +Herzen zu reißen. Er war und blieb ihr einziger Bruder.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Neunzehntes_Kapitel"><span class="s5">Neunzehntes Kapitel.</span><br> + »Wenn ich die Sonne grüße ...«</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wenn eine Seele in brennender Sehnsucht,</div> + <div class="verse indent0">Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen,</div> + <div class="verse indent0">Leise, leise die Flügel entfaltend</div> + <div class="verse indent0">Den Fuß von der dämmernden Erde löst,</div> + <div class="verse indent0">Blicke ihr nach in die strahlende Weite,</div> + <div class="verse indent0">Bis sie sich nahet dem Tore des Lichts, —</div> + <div class="verse indent0">Ob nicht ein Funke vom himmlischen Feuer</div> + <div class="verse indent0">Niederfällt auf den finsteren Pfad — — —</div> + <div class="verse indent0">Warte nur, warte! gedulde dich fein!</div> + <div class="verse indent0">Schon glühen die Zinnen in purpurner Schöne</div> + <div class="verse indent0">Schon zieht sie droben durchs Perlentor</div> + <div class="verse indent0">Mit tausend glückseligen Gästen ein ...</div> + <div class="verse indent0">Warte nur, warte! ... Wenn eine Seele</div> + <div class="verse indent0">Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen,</div> + <div class="verse indent0">Leise, leise die Flügel entfaltend,</div> + <div class="verse indent0">Den Fuß von der dämmernden Erde löst,</div> + <div class="verse indent0">Hebe den Blick zum Tore des Lichts!</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Der Sonnenschein, der eine Stunde lang Sibylle Kambachs Hochzeitstag +erhellte, war nicht von Dauer gewesen. Schon am Nachmittag zog ein +Regenschauer über die Heide, und der sternklare Abend war trügerisch. +Am anderen Morgen lag das Land grau in grau. Ein kalter Wind wehte.</p> + +<p>Hoffentlich geben die Kinder die Fahrt mit der ›Brandenburg‹ +auf,« sagte Frau von Kambach zu Graf Bühler, als sie sich von ihm +verabschiedete.</p> + +<p>Er zuckte die Achseln.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span></p> + +<p>»Das Wetter kann in Düsseldorf gut sein, Exzellenz!« Er geleitete sie +hinaus. »Also auf Wiedersehen am Dienstag! Ich freue mich, daß unser +Bundesdirektor die prächtige kleine Frau bekommt! Hoffentlich ist Ilse +bis dahin wohler! Ich sehe leider sehr, sehr schwarz in der Sache!« Er +seufzte tief.</p> + +<p>»Gott gebe, daß wir uns irren,« sagte sie halblaut. »Karl Heinrich +sagte mir gestern abend, ehe er nach Hause fuhr, ja auch, der Arzt habe +gemeint, Ilses Erkrankung läge ganz anderes zugrunde.«</p> + +<p>»Dasselbe hat er mir gesagt. Es wäre ja auch geradezu ein Wunder, +wenn die unglückliche Frau gesund bliebe!« Er neigte den weißen Kopf +über ihre Hand. »Befehlen wir's dem, ohne dessen Willen kein Haar von +unserem Haupte fällt, teuerste Freundin!«</p> + +<p>Sie standen auf den Steinstufen. Der Regen sprühte.</p> + +<p>Ein Diener trat mit geöffnetem Schirm zu der Greisin.</p> + +<p>»Ich bitte Sie,« wandte sie sich an Graf Bühler, der ihr den Arm +reichen wollte, »bleiben Sie drin!«</p> + +<p>Sie nickte ihm herzlich zu, stützte sich auf den Arm des Dieners +und ließ sich von ihm beim Einsteigen helfen. Noch einmal sah das +freundliche Gesicht aus dem Fenster, die beiden Alten winkten einander +zum letztenmal zu, und fort ging's in den kühlen Morgen hinaus.</p> + +<p>Zwei Stunden später saß Frau Sabine in ihrem Arbeitszimmer beim +prasselnden Kaminfeuer, von Eichelchens treuer Fürsorge umhegt. Eine +Großnichte, ein Fräulein von Kambach, welches der alten Dame, bis +sich ein passender Ersatz für Fräulein Eichel gefunden, Gesellschaft +leisten sollte, wurde nachmittags erwartet. Die Nachrichten über +die junge Gräfin Bühler, welche die Gesellschafterin mitbrachte, +lauteten günstiger, eine Diakonisse war in Kambach eingetroffen. Die +Braut konnte ihren Platz am Krankenlager ohne Sorgen verlassen.<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> Auch +der Kochlehrling war außer Gefahr. Mit gutem Gewissen schied Jutta +Eichel von ihrer alten Exzellenz, aber die Trennung ward den beiden +Frauen bitter schwer. Die Alte gab ihr Bestes, die liebe sorgende +Hausgenossin, an die sie sich in jahrelangem Zusammenleben und +Zusammenarbeiten gewöhnt — die Junge verließ eine Frau, die der Waise +Mutterliebe geschenkt. Das bedeutete einen scharfen Schnitt für zwei +Menschen, die zehn Jahre treu zueinander gehalten in Freud' und Leid. +Aber beide gehörten zu den großzügigen Naturen, die den Blick auf das +Ganze richten, die bei allem, was sie tun, auf das Werk schauen, dem +sie dienen. Und diese Großzügigkeit, dieser Blick ins Weite machte sie +stark und ließ ihre persönlichen Wünsche und Gefühle zurücktreten. +Das traf hier insonderheit auf die Greisin zu, die niemals mit einer +Silbe über den für sie gewiß nicht leichten Wechsel geklagt, aber +auch der Entschluß der Braut, die, selbst ohne Vermögen, dem Manne, +den sie liebte, in eine wenigstens zunächst nur in beschränktem Maße +sichergestellte Zukunft folgte, erforderte Mut.</p> + +<p>Frau von Kambach befand sich seit ihrer Rückkehr aus Bühl in einer +nervösen Unruhe. Kaum zehn Minuten saß sie auf einem Fleck, machte +sich am Schreibtisch zu schaffen, sah in den Regen hinaus, lauschte +auf den Wind und fragte immer wieder, ob der Wagen für Direktor +Wendler auch rechtzeitig zur Bahn gefahren sei. Fräulein Eichel, +welche diese Nervosität auf die Ereignisse der letzten Zeit und auf +die fortwährenden Witterungswechsel schob, sagte nichts. Sie wußte, +daß Wind und Wetter nicht ohne Einfluß auf Gichtiker sind, und daß der +Gedanke an die Luftschiffahrt des jungen Ehepaares nach wie vor die +alte Dame beunruhigte. Da sie beides nicht zu ändern vermochte, suchte +sie, ohne die Dinge zu berühren, ihre Herrin abzulenken, indem sie ihr +aus den Briefen ihres Verlobten erzählte<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> und ihr die Kreuzzeitung +vorlas. Frau von Kambach wurde auch etwas ruhiger, aber ganz gelang +es ihrem treuen Hausgeist nicht, das seelische Gleichgewicht +wiederherzustellen. Zum Unglück war der Wind zum Sturm geworden; so +wurde ihre Aufmerksamkeit immer wieder draußen gefesselt. Fräulein +Eichel sah es mit Sorge. Ganz unbegründet erschien ihr die Angst der +alten Frau ja nicht. Aber andererseits fragte sie sich: ›Warum soll +gerade der »Brandenburg« etwas zustoßen?‹ In Düsseldorf wollte das +junge Paar die Gondel besteigen; dort konnte strahlendes Wetter sein, +wenn es in der Mark stürmte. Trotzdem legte sie die Sturmwarnung der +Kreuzzeitung unauffällig beiseite.</p> + +<p>Im selben Augenblick rollte ein Wagen über den Hof.</p> + +<p>Sie eilte zum Fenster.</p> + +<p>»Da ist er! Verzeihung, Exzellenz!« Sie lief hinaus. Gleich darauf kam +sie mit ihrem Verlobten zurück.</p> + +<p>Nach kurzer herzlicher Begrüßung mit der Hausfrau bat Wendler, auf sein +Zimmer gehen zu dürfen, um sich vom Reisestaub zu säubern.</p> + +<p>Exzellenz von Kambach nickte. »Und dann frühstücken Sie etwas, wir +essen heute erst um zwei!«</p> + +<p>Er verbeugte sich dankend und folgte seiner Braut.</p> + +<p>»Darf ich Sie vor dem Essen noch auf ein Stündchen zu mir bitten, Herr +Direktor?« rief die Greisin ihm nach. »Ich möchte gerne mit Ihnen +einiges besprechen. Es soll auch nicht lange dauern,« fügte sie mit +einem Blick auf Jutta lächelnd hinzu.</p> + +<p>Dann gingen die beiden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Sturm brauste über die Heide und schlug den Regen gegen die +Fenster des Herrenhauses. Wirbelnd flogen die Blätter der Parkbäume, +und die alte Linde ächzte. Hinter dem<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> Hoftor stand eine Wetterwand +in schwarzblauer Schönheit, langgezogene weiße Wolken flatterten, vom +Sturme getrieben, am Himmel.</p> + +<p>Die Gutsfrau stand am Fenster und blickte auf das trübe wildbewegte +Bild. Sie sah die Menschen gegen den Sturm ankämpfen, sah, wie er an +ihren Kleidern zerrte, wie er ihnen die Tücher und Mützen vom Kopfe +riß und weit über den Hof trug. Und sie dachte: ›Wenn's hier unten +im Binnenland so ausschaut, wie mag's auf hoher See sein, — in den +Lüften!‹ —</p> + +<p>Draußen schlug die Hausuhr eins.</p> + +<p>Da kam ein rascher fester Schritt über die Diele. Wendler trat ein.</p> + +<p>»Komm' ich zu früh, Exzellenz?«</p> + +<p>»Nein, nein!« Und sie bat ihn, Platz zu nehmen.</p> + +<p>Sein erstes Wort galt der Freude über ihre Geldsendung.</p> + +<p>»Was das für ein Tag war, — ich kann's nicht sagen! Nur der wird mir's +ganz nachfühlen, auf dessen Schultern ähnliche Sorgen gelastet!«</p> + +<p>Sie nickte still. »Eine Glaubensstärkung war's mir, ein großes +wundervolles Erlebnis!«</p> + +<p>Er sah sie ernst an. »Auch mir war's eine Glaubensstärkung, obgleich +mir das persönliche Erlebnis fehlte. Aber ich sehne mich danach, dieses +schöne Stück unserer Bundesgeschichte zu erfahren — ist das zuviel +verlangt, Exzellenz?«</p> + +<p>Sie blickte sinnend in den Sturm hinaus. ›Wenn ich die Sonne grüße!‹ +hatte Sibylle gesagt.</p> + +<p>»Vielleicht hab' ich kein Recht auf dies Geheimnis,« fuhr er fort, +»vielleicht ist's zu persönlich, zu — heilig — ich weiß es nicht! +Aber immer wieder steigt mir die Sehnsucht auf, mich an seinem hellen +Schein zu erfreuen! Exzellenz wissen es aus eigener Erfahrung, wir +brauchen Sonne auf unserem<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span> Wege! Darum bitte ich herzlich, ist's +möglich, ist mein Wunsch keine Verwegenheit, — so zeigen Sie mir den +goldenen Strahl, den Sie aufgefangen!«</p> + +<p>Sie sah ihn voll an. »Können Sie warten? Vielleicht nur bis morgen?«</p> + +<p>Er nickte.</p> + +<p>»Sie sind der einzige, dem ich dies Geheimnis anzuvertrauen das Recht +habe,« fuhr sie fort, »aber es hat eine Klausel. Vielleicht ist sie +schon morgen hinfällig!«</p> + +<p>Wieder sah sie hinaus, als müsse der Himmel ihr die Antwort sagen.</p> + +<p>Dann redeten sie von der Bundesarbeit. Neben viel Anfeindung war +ein frischer fröhlicher Fortgang der großen Sache zu verzeichnen. +Mit Freuden empfand es die Greisin; der rechte Mann war gefunden, +einer, der nicht rechts noch links schaute und sich nicht um die +unvermeidlichen Nörgler und Spötter kümmerte. Wie die Verkörperung des +schönen Geibelschen Wortes kam er ihr vor:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">›Wer da fährt nach großem Ziel,</div> + <div class="verse indent0">Muß am Steuer ruhig sitzen,</div> + <div class="verse indent0">Unbekümmert, ob am Kiel</div> + <div class="verse indent0">Lob und Tadel hoch aufspritzen!‹</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Sein Werdegang war ein Wunder. Denn von ungefähr war's nicht, daß Gott +der Herr dem Irrlehrer seine Damaskusstunde schenkte und ihn zum Zeugen +der Wahrheit berief! Wie Sonnenglanz lag's auf dem Lebenswege, der +durch soviel Dunkel geführt. — —</p> + +<p>Im Fluge verging die kurze Stunde. Erstaunt blickte Exzellenz von +Kambach auf, als Jutta zum Essen erschien.</p> + +<p>Nach dem Kaffee, der gleich nach Tisch eingenommen wurde, brachen die +Verlobten auf, um dem Kambacher Geistlichen,<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> Wendlers Nachfolger, der +sie trauen sollte, einen Besuch zu machen.</p> + +<p>Frau von Kambach warnte zwar vor dem Wetter, aber Jutta erklärte, +morgen sei keine Zeit, und Sturm seien sie beide gewohnt. Dann setzte +sie alles zum Nachmittagstee für die alte Dame zurecht.</p> + +<p>Wendler sah auf die Uhr. »Vor halb sieben werden wir kaum zurück sein +können! Ist das nicht zu spät, Jutta?«</p> + +<p>Fräulein Eichel blickte fragend auf die Hausfrau.</p> + +<p>Doch die schüttelte den weißen Kopf. »Geht nur, Kinder!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es dämmerte. Aber es war nicht jenes friedliche Einspinnen von Raum +und Form in die rieselnden Schleier des Abends, es war ein hastendes +Dunkeln, als würfe der düstere Sturmfittich hier und dort seine +flüchtigen Schatten.</p> + +<p>Die Vorhänge wurden geschlossen. Gedämpfter klang das Brausen des +Sturmes, und der helle Schein der Lampe verbreitete Behaglichkeit und +Wärme.</p> + +<p>Frau Sabine saß feiernd am Kamin und blickte in die verglimmende Glut. +Ab und an fuhr ein Windstoß in den Schlot, dann lohten blaue Flämmchen +auf, duckten sich scheu vor des Sturmes Gewalt und erloschen wieder.</p> + +<p>Die Gedanken der greisen Frau wanderten. Ein Leben, so reich an Liebe +wie das ihre, stand nimmer still, es verzehrte sich im Dienst anderer. +Und ein Großmutterherz hatte doppelte Arbeit.</p> + +<p>Während ihre Seele weite Wege wanderte, ging ihr Blick über die +Bilder an den Wänden. Die Erinnerung stieg herauf. Sie verlieh den +alten Gemälden ihren Glanz und erzählte den Lebenden die Geschichte +der Toten. Durch die Seele der einsamen Frau zog's: ›Wie lange noch, +und dein Bild hängt in<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> der Reihe der Ahnen!‹ Ihr Auge ruhte auf dem +duftigen Pastell Sophie Charlottes. Es war eine Kopie des Gemäldes +in der Kambacher Kirche. Darunter hing an blauseidenem Bande die +Stradivariusgeige.</p> + +<p>›Sonderbar,‹ dachte sie, ›daß der Kasten noch immer nicht fertig +ist! Wenn er morgen nicht eintrifft, muß ich die Geige anderweitig +unterbringen!‹</p> + +<p>Und dann lauschte sie wieder auf den Sturm. In kurzen Stößen fuhr er um +das Dach, aber seine Kraft schien gebrochen. Schwächer und schwächer +ward das Pfeifen um First und Schlot. Und dann war alles still.</p> + +<p>Fast bedrückend wirkte das plötzliche Schweigen der Elemente.</p> + +<p>Draußen erhob sich langsam die Natur und lauschte aufatmend dem +verhallenden Schritt des Gewaltherrn, drinnen fragte eine müde Seele: +›Gilt's einen Waffenstillstand, oder hat der Kriegszug ein Ende?‹</p> + +<p>Überall ein Fragen im Land, überall die wundersame Antwort: feierndes +Schweigen. Mit ihm nahte die Ruhe der Nacht im Geleit funkelnder +Sterne. Durch den Spalt des Vorhangs blickten sie in den traulichen +Raum.</p> + +<p>Über die greise Frau kam ein tiefer Friede. Des Tages Sorgen +zerstreuten sich, die Unrast verschwand. Es war einer von den +Augenblicken, da die Ewigkeit an ihre Tür pochte und, die Hand +ausstreckend, auf die leuchtende Brücke wies, die den dämmernden Strom +überspannte. Greifbar nahe lagen die Ufer der Heimat, und die Sehnsucht +breitete die Flügel. In solchen Augenblicken ward ihr der Abend licht, +und über der letzten Wegstrecke lag ein stiller Glanz. Leise verrann +die geweihte Stunde; sie aber dachte: ›Könnt' ich sie halten!‹</p> + +<p>Draußen schlug eine Uhr. Aus dem bronzenen Gehäuse<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> auf dem +Schreibtisch der Hausfrau antwortete eine helle Stimme.</p> + +<p>Ein Mäuschen knabberte irgendwo am Schragen, — dann war's wieder still.</p> + +<p>›Wenn Sibylle mir jetzt ein Lied singen könnte!‹ zog es durch die Seele +der Einsamen — —</p> + +<p>Eine heiße Sehnsucht erwachte in ihr nach all der blühenden Jugend, die +mit der Enkelin von ihr gegangen, nach all der Liebe. — — Ob es ihr +gelingen würde, sich an das Neue, das in ihr Leben trat, zu gewöhnen, +es ans Herz zu drücken mit der alten Kraft? Und eine weitere Frage war, +ob es sich an sie gewöhnen würde? Es war ein eigen Ding um die Jugend +von heute ... So spann sie Zukunftsbilder.</p> + +<p>Und dann wurden plötzlich ihre Augen starr. Mit angehaltenem Atem +saß sie und blickte auf die Stradivariusgeige. Ein Klingen und Tönen +entschwebte den Saiten, als harften unsichtbare Hände in weiter Ferne, +jenseits der Zeit. —</p> + +<p>Wie ein Gruß wehte es durch den stillen Raum, wie eine zarte Bitte +um ein letztes Gedenken. — — Leise, leise verhallte die wunderbare +Stimme; dann war alles still — —</p> + +<p>Aber am Kamin saß eine mit gefalteten Händen, die Augen unverwandt auf +die Geige gerichtet, und lauschte — und lauschte — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Stunden waren vergangen.</p> + +<p>Die Gutsherrin saß mit den Verlobten und der inzwischen eingetroffenen +Renate Kambach, einem echten Landedelfräulein von achtzehn Sommern, +am Kamin und hörte dem frohen Gespräch der jungen Leute zu. Aber sie +war nicht recht bei der Sache. Immer wieder streifte ihr Blick zu der +Stradivariusgeige hinüber, und durch ihre Seele zog heimliches Fragen. +Kein Hauch hatte die Saiten berührt, das seidene Band, das Sibylle<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> um +den Knauf geschlungen, streifte sie nicht — was war geschehen? Und an +die Seele der alten Frau klopften die Gedanken — —</p> + +<p>Jutta fragte ihre Herrin, ob sie müde sei, und ob sie zur Abendandacht +klingeln solle.</p> + +<p>Aber sie wehrte ab.</p> + +<p>»Nein, Eichelchen, lassen Sie nur!«</p> + +<p>Und sie blieben beisammen.</p> + +<p>Bis spät in die Nacht hinein wurde musiziert. Wendler sang, von seiner +Braut begleitet, mit schöner Stimme einige Löwesche Balladen, Renate +überraschte die Großtante mit einem gutgeschulten Alt.</p> + +<p>Schließlich erklärte Eichelchen, es sei halb zwölf, und Exzellenz von +Kambach müsse zu Bett. Sie werde zur Andacht klingeln.</p> + +<p>»Nehmen Sie sich in acht, lieber Wendler, daß Sie nicht allzusehr unter +den Pantoffel geraten,« wandte sich die alte Dame lachend an ihren +Gast, »Sie sehen, wie mit mir umgesprungen wird!«</p> + +<p>Er ging auf den Scherz ein. »Ja, zu meinem großen Erstaunen, Exzellenz, +wenn ich das geahnt hätte!«</p> + +<p>»Da fährt ein Wagen über den Hof,« rief Renate dazwischen.</p> + +<p>Alle horchten auf.</p> + +<p>»So spät!« sagte die Hausfrau, und Jutta ging hinaus.</p> + +<p>Als sie nicht zurückkehrte, folgte ihr Wendler.</p> + +<p>Die Diele war leer, kein Dienstbote zu finden. Schließlich sagte ihm +ein Küchenmädchen, Fräulein Eichel sei im Inspektorhause.</p> + +<p>Er ging hinüber.</p> + +<p>Schon auf dem Flur hörte er eine bekannte Stimme in großer Erregung +sprechen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span></p> + +<p>Er trat ein.</p> + +<p>Mitten in der Stube stand Schenker, um ihn herum die Inspektorsleute, +Jutta Eichel und die Dienerschaft.</p> + +<p>»Und ick kann's Exzellenz nich sagen!« rief der Alte, während ihm +die hellen Tränen über die Backen liefen, »ick krieg's nich fertig! +Was zuviel is, det is zuviel! Der gnädige Herr wäre ja auch selbst +gekommen, aber er mußte doch gleich nach Baden-Baden, da is det Unglück +geschehen. Darum schickte er mich. Er hat sich ja auch gesagt, das das +'ne furchtbare Zumutung is, und darum meinte er, ick solle den Herrn +Direktor bitten, mir'n bißchen zu helfen. Denn wie soll ick armer alter +Mann unsere Exzellenz det beibringen. Was unser Herr Pastor is, der +war gerade zu 'ner sterbenden Frau nach Kanzin gerufen, sonst wär' +der gewiß gefahren, — der Inspektor is krank, na, wer bleibt denn da +übrig, als Schenkersch olle Vadder? Is ja auch ganz selbstverständlich, +wenn man so lange in herrschaftliche Dienste is, — wenn's man nich +über meine Kräfte ginge! Tot — tot, nich auszudenken is es,« — und +wieder stürzten ihm die Tränen über das Gesicht. Schwerfällig ließ er +sich auf einen Stuhl nieder. »Oh, du lieber Herr und Gott, mußte das +denn sein?«</p> + +<p>Erschüttert standen die anderen um ihn herum. Leises Schluchzen klang +durch die Nachtstille.</p> + +<p>Man hatte Wendlers Kommen nicht bemerkt. Jetzt trat er vor und näherte +sich dem Alten, der schweigend vor sich niedersah.</p> + +<p>Der Angerufene fuhr empor. Einen Augenblick starrte er den Direktor wie +geistesabwesend an. Dann erhob er sich und faßte seine beiden Hände.</p> + +<p>»Gott sei Dank, da sind Sie ja, Herr Pastor, — ick wollt' sagen, Herr +Direktor, nich wahr, ick tu' keine Fehlbitte?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span></p> + +<p>»Ich helfe Ihnen gerne, lieber Herr Schenker, aber ich weiß noch gar +nicht, was passiert ist.«</p> + +<p>»Sie wissen's noch nich?« Der Alte sank in sich zusammen.</p> + +<p>Da trat der Inspektor zu Wendler. »Unsere Herrschaft ist schwer +heimgesucht worden,« sagte er mit bebender Stimme, »der Herr +Oberleutnant und die junge gnädige Frau sind mit der ›Brandenburg‹ +abgestürzt, und die gnädige Frau ist —« Dem treuen Manne versagte die +Stimme.</p> + +<p>»Tot?« fragte Wendler erschüttert.</p> + +<p>»Tot,« klang es leise zurück.</p> + +<p>Und dann war alles still. — —</p> + +<p>»Wie ist es gekommen?« fragte Wendler endlich.</p> + +<p>Schenker ermannte sich. »Sie müssen ja wohl in Düsseldorf gut +Wetter gehabt haben; denn sonst hätten sie die Fahrt nich gemacht. +Der Herr Oberleutnant sagte zu mir: ›Schenker, wir fahren nur bei +schönem Wetter!‹ Na, und dann is jedenfalls der Sturm gekommen, und +die Propellers sind kaput gegangen! So denk' ick's mir! Näheres +wissen wir ja noch nicht! Der gnädige Herr bekam so vor zwei Stunden +das Telegramm: ›Brandenburg verunglückt. Oberleutnant von Kambach +Sanatorium Wild, Frau von Kambach tot.‹«</p> + +<p>Die Tür wurde leise geöffnet, Renate sah herein. Durch das lange +Fortbleiben der Verlobten beunruhigt, hatte Frau Sabine die Nichte +geschickt. Als sie die verstörten Gesichter sah, blieb sie erschrocken +stehen.</p> + +<p>Da ging Jutta auf sie zu und teilte ihr die erschütternde Tatsache +leise mit.</p> + +<p>Renate war wie betäubt und konnte sich kaum fassen. Aber es war keine +Zeit, den eigenen Gefühlen nachzugehen.</p> + +<p>»Seien Sie stark, Baronin,« bat Jutta, »wir müssen hinüber!« — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span></p> + +<p>Wendler stand neben Schenker, der, völlig erschöpft, um ein Glas Wein +gebeten hatte.</p> + +<p>»Bleiben Sie vorläufig ruhig hier, Herr Schenker, ich will erst allein +zu Exzellenz gehen,« sagte er, dem alten Manne die Hand auf die +Schulter legend. »Wenn's nicht zu spät wird, ruf' ich Sie noch. Sie +fahren heute abend doch nicht mehr nach Hause, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ick fahre erst morgen früh. Meine Frau sagte gleich, das würde zu +spät!«</p> + +<p>So ging Wendler seinen schweren Weg allein.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Sagen Sie mir alles, es ist ein Unglück mit der ›Brandenburg‹ +geschehen,« empfing ihn die greise Edelfrau, aufrecht am Krückstock +stehend.</p> + +<p>Ein tiefes Mitleid überkam ihn mit der tapferen Lebensheldin, der ein +kostbares Kleinod nach dem anderen abgefordert wurde.</p> + +<p>Er wollte sie zu ihrem Stuhl geleiten.</p> + +<p>Aber sie wehrte ihm.</p> + +<p>»Nachher! Erst sagen Sie mir alles! Ich weiß, es ist das Schlimmste, +Allerschlimmste!«</p> + +<p>Er zögerte. Eine Mitteilung der furchtbaren Tatsache ohne jede +schonende Vorbereitung erschien ihm geradezu brutal.</p> + +<p>Da sah sie ihn durchdringend an.</p> + +<p>»Tot?« fragte sie mit leise bebender Stimme.</p> + +<p>»Ihr Enkel lebt, Exzellenz!«</p> + +<p>Sie wandte den Blick nicht von ihm. »Er lebt — aber er ist ein +Krüppel! Sie wissen es nicht?«</p> + +<p>Wendler schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Und — und — Sibylle?«</p> + +<p>Er antwortete nicht.</p> + +<p>Nun verfärbte sie sich doch. Sein Blick hatte ihr alles gesagt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p> + +<p>Langsam neigte sie das ehrwürdige Haupt auf die Brust.</p> + +<p>»Ich wußt' es,« sagte sie leise. »Um die Dämmerung klangen die Saiten +der Geige!«</p> + +<p>Langsam rannen die ersten heißen Tränen über das welke Gesicht. —</p> + +<p>Und dann ließ sie's ohne Einwände geschehen, daß er sie zu ihrem Platz +am Kamin führte. —</p> + +<p>Ganz still war's im Zimmer, als warteten die Lebenden auf einen letzten +Gruß der Toten.</p> + +<p>Doch der Augenblick, da die Ewigkeit die Saiten bewegt, kehrte nicht +wieder. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die Raum und Zeit nicht +beengen, von denen es gilt: ›Der Wind bläset, wo er will!‹ —</p> + +<p>Er wollte sie verlassen, ihr Jutta schicken, aber sie bat: »Bleiben +Sie noch ein Weilchen bei mir!« Sie drückte das Taschentuch gegen die +Augen und kämpfte mutig gegen die Tränen. Und was vielleicht keiner +anderen Frau gelungen wäre, erzwang sie sich durch unerschütterliche +Glaubenszuversicht und eine fast übermenschliche Selbstbeherrschung.</p> + +<p>›Dem Alter, welches, an der Pforte der Ewigkeit stehend, die +Geschehnisse des Lebens in einem anderen Lichte schaut als die Jugend, +wird der Kampf mit Not und Tod leichter!‹ zog es ihm durch den Sinn.</p> + +<p>Trotzdem — es war etwas Großes, daß ihre Kraft ausreichte, daß sie +nicht zusammenbrach, und er sagte sich ehrlichen Herzens: ›An dieser +Kraft bist du erstarkt.‹</p> + +<p>Aber das Größte war ihm noch vorbehalten, das Stück Ewigkeit, das dies +Frauenherz umschloß, hatte ihm noch nicht in seiner ganzen wunderbaren +Schönheit geleuchtet.</p> + +<p>»Ich durfte es Ihnen nicht eher mitteilen,« begann sie leise, Sibylle +hatte ausdrücklich gesagt: ›Wenn ich die Sonne grüße,<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> nicht eher! +Dann sag's ihm! Aber er soll nicht darüber reden!‹ Sie hatte sich +so sehr auf die Fahrt gefreut!« setzte sie hinzu. »Nun hab' ich den +ganzen Tag gewartet, ob es hell werden würde, doch es stürmte fort. +›Natürlich haben sie die Fahrt mit der ›Brandenburg‹ aufgegeben,‹ so +sagte ich mir. Ich will damit aber niemand einen Vorwurf machen. Das +Wetter ist nicht überall das gleiche, und der Sturm setzte hier auch +erst gegen Mittag ein. — Dann kam der Abend, das wunderbare Tönen der +Saiten gemahnte mich an Vergangenes, an das Klingen der Geige in der +Stunde, da Sibyllens Ahnfrau, Sophie Charlotte, die Augen schloß, und +an vieles andere. Sie wissen, wie ich über Aberglauben denke! Diese +wunderbaren Tatsachen entspringen einem anderen Boden. Christenglaube +bedingt sie nicht. Aber er erstarkt an dem Beweis der Gnade, die einem +Leben, das ein einziger Gottesdienst gewesen, im Tode ihr leuchtendes +Ewigkeitssiegel aufdrückt. Darum traf mich diese Botschaft nicht wie +ein Blitz aus heiterem Himmel, darum steht auch über diesem schweren +Kreuz Ewigkeitsfriede!«</p> + +<p>Sie hielt einen Augenblick inne. Das Sprechen wurde ihr schwer.</p> + +<p>In tiefer Bewegung blickte er sie an. Wahrlich, diese Frau stand auf +des Glaubens hoher Warte, darum schaute und erlebte sie mehr als andere.</p> + +<p>»Und so ist ihr Wort in höherem ewigen Sinne erfüllt worden, — jetzt +schaut sie die Sonne!« Ein Beben ging durch die alte Stimme, aber +mutig fuhr die Greisin fort: »Ich brauche es Ihnen wohl kaum mehr zu +sagen, daß Sibylle die dreißigtausend Mark gespendet hat, — aber die +Geschichte jenes Schmuckes, welcher ihre Gabe ermöglichte, darf ich +Ihnen nicht länger vorenthalten. Hätte ich das Vermögen, ich würde +versucht sein, die Juwelen, die eine so wunderbare Weihe empfangen, +zurückzukaufen. Es sind wahrhaftig ›köstliche Perlen‹.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span></p> + +<p>Aber das ist ganz ausgeschlossen. Verfügte ich über solche Mittel, sie +hätten längst der Bundesarbeit gedient.«</p> + +<p>Wieder hielt sie einen Augenblick inne. Er hatte das Gefühl, daß +nur der Wille sie noch aufrechthielt, aber er wagte nicht, sie zu +unterbrechen.</p> + +<p>Und dann erzählte sie ihm die Geschichte des Erbschmuckes in all den +feinen Einzelheiten, die sich so wunderbar zum Ganzen gefügt.</p> + +<p>Als sie geendet, saß er, den Kopf in die Hand gestützt, und blickte +gedankenverloren in die Glut. In seinen Augen standen Tränen, und er +schämte sich derselben nicht.</p> + +<p>Lange schwiegen beide.</p> + +<p>Dann sagte er: »Ist's nicht, als sei ein edles Samenkorn in die Erde +gesenkt, das sterbend Frucht bringt? So wenig ich die Heimgegangene +gekannt, ein Wort von ihr, das mir, ohne daß sie es ahnte, zu Ohren +kam, wird mir unvergeßlich sein: ›Gold und Silber sind tote Werte, +solange die Liebe sie nicht geheiligt hat!‹ Dieses Wort möchte ich über +ihr Leben setzen! — Gott gebe, daß er, zu dem es gesprochen ward, dem +dies reiche reine Frauenherz, ob auch nur kurze Zeit, angehörte, seine +köstliche Frucht erkennt und bewahrt!«</p> + +<p>Er erhob sich und trat an ihren Stuhl.</p> + +<p>»Ich danke Ew. Exzellenz von ganzem Herzen,« sagte er mit erstickter +Stimme. »So oft ich dies Haus betrete, immer verlasse ich es reicher, +als ich gekommen.«</p> + +<p>Sie antwortete nicht. Sie hielt seine Hände umfaßt und sah ihm still in +die Augen.</p> + +<p>›Wenn ich die Sonne grüße!‹ stand in dem klaren Antlitz geschrieben. +›Es währt nicht mehr lange!‹</p> + +<p>Dann ging er.</p> + +<p>»Ich möchte den alten Schenker noch sehen!« rief sie ihm nach.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span></p> + +<p>Er wandte sich um. »Jetzt noch, Exzellenz, — es ist sehr spät!«</p> + +<p>»Lassen Sie ihn nur kommen, die alte treue Seele würde es empfinden!«</p> + +<p>›An alle denkt sie,‹ zog es ihm durch den Sinn, als er ins +Inspektorhaus hinüberging, ›nur nicht an sich!‹ — — —</p> + +<p>Fünf Minuten später trat Schenker in Frau von Kambachs Arbeitszimmer. +Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, aber dies Wiedersehen ging über +seine Kraft. Als seine alte Exzellenz in ihrer tiefen Trauer auf ihn +zukam, schluchzte er laut. Jedem gewaltsamen Schmerzensausbruch wäre er +gewachsen gewesen, — die stille Ergebung auf dem geliebten Antlitz war +mehr, als er in diesem Augenblick ertragen konnte.</p> + +<p>Sanft legte sie die Hand auf seinen Arm.</p> + +<p>»Schenker,« sagte sie leise, »lassen Sie uns das Wort nicht vergessen: +›Ich habe Gedanken des Friedens über euch, und nicht des Leides!‹ Daran +müssen wir kurzsichtigen Menschen uns halten und — glauben. Dann +kommen wir aber auch durch!«</p> + +<p>Sie setzte sich und wies auf einen Stuhl. »Das ist mein einziger Trost, +wenn ich an meinen Enkel denke; denn ohne Grund führt uns der Herr +nicht solch dunkle Wege. Vielleicht mußte diese Not über ihn kommen, +damit er seinen Gott findet!«</p> + +<p>Schenker trocknete seine Tränen mit dem bunten Taschentuch und nickte +vor sich hin. »Exzellenz verstehen's, einen zu trösten! Aber es ist +über mich alten Mann gekommen wie so'n Hagelwetter, ick bin wie vor'n +Kopf geschlagen! Vor wenig Tagen frisch und gesund im Brautkleid am +Altar — und nu so! Ick seh' die junge gnädige Frau ja noch vor mir, +wie sie zur Abfahrt die Treppe herunterkam. Sie hatte ja Augen für +alles. Als sie mich am Wagenschlag sah, zog sie eine Rose aus<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> 'n +Brautbukett und schenkte sie mir. Und dann sagte sie: ›Herr Schenker, +besuchen sie uns auch mal!‹ So hat sie gesagt, Exzellenz! Er fuhr mit +der Hand über die Augen. »Ick hab' mir die Rose gleich gepreßt und +in meine Bibel gelegt. Es is ne Niel aus 'n Kambacher Treibhaus, ick +hatte sie mitgebracht, in Bühl haben sie nur die gelben. Nu hab' ick +wenigstens 'n schönes Andenken!«</p> + +<p>Mit wehmütiger Freude ruhte Frau Sabines Auge auf der greisen Gestalt, +der letzten aus der Zeit ihres seligen Mannes. Sie wußte nur zu gut, +welch treue Anhänglichkeit an alles, was Kambach hieß, einmal mit dem +alten Kammerdiener dahingehen würde.</p> + +<p>»Es ist spät geworden,« sagte sie, sich am Krückstock aufrichtend. +»Seinen Abendsegen mag heut ein jeder für sich lesen, mich verlangt's, +allein zu sein!«</p> + +<p>Er hatte sich erhoben. Ehrerbietig wünschte er ihr eine gute Nacht.</p> + +<p>»Gott helfe uns durch alles Dunkel,« sagte sie mit zitternder Stimme.</p> + +<p>Er nickte stumm.</p> + +<p>Dann war sie allein.</p> + +<p>Müde schritt sie über den Teppich.</p> + +<p>Vor der Stradivariusgeige blieb sie stehen, liebkosend strich sie über +die Saiten.</p> + +<p>Und dann klang ein heißes bitterliches Schluchzen durch das Schweigen +der Mitternacht: »Billy, meine Billy — — —«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Zwanzigstes_Kapitel"><span class="s5">Zwanzigstes Kapitel.</span><br> + O Deutschland, meine Freude!</h2> +</div> + +<div class="poetry-container_r"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vor dir, Allmächtiger sinke ich in die Kniee! —</div> + <div class="verse indent0">Groß und gewaltig steigen die Tage empor,</div> + <div class="verse indent0">Feuersäulen im Wechsel dämmernder Zeiten —</div> + <div class="verse indent0">Du hast sie entzündet!</div> + <div class="verse indent0">Lichte Heldengestalten in schimmernder Wehr,</div> + <div class="verse indent0">Männer, den Sieg im Auge, die Seele geharnischt,</div> + <div class="verse indent0">Du hast sie geadelt!</div> + <div class="verse indent0">Aus allen Gauen strömt, dem Königsruf folgend,</div> + <div class="verse indent0">Ein großes wunderbares gewaltiges Volk — — —</div> + <div class="verse indent0">Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee</div> + <div class="verse indent0">Mit einem Hauch deines Mundes erneutest du Deutschland!</div> + <div class="verse indent0">Niemals ertönte helleres Schwerterklingen!</div> + <div class="verse indent0">Nie griff ein Volk so reinen Gewissens zum Schwert! —</div> + <div class="verse indent0">Ob es siegen wird, ob es im Kampfe verblutet —</div> + <div class="verse indent0">Nie war des deutschen Volkes Seele herrlicher! —</div> + <div class="verse indent0">Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee!</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Es sind die Augusttage 1914. Es ist die Wende der Weltgeschichte, +die Stunde, da Deutschland sich panzert. Der Augenblick, da der +Allmächtige mit eisernem Hammer an die Pforten eines neuen Reiches +schlägt, das in überweltlicher Schöne aus Schutt und Trümmern erblühen +soll. Riesenopfer fordert die gewaltige Wiedergeburt, ein Volksopfer +ohnegleichen! Auf den Höhen lodern Wachtfeuer und die Hüter deutscher +Ehre spähen ins Land hinaus. Ein Grauen liegt in der Luft, das Grauen +vor dem nie dagewesenen Völkerleid, vor dem großen Sterben und Bluten, +— aber vor dem heiligen, in tiefster Not<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> geläuterten Gottesglauben, +vor Heldengröße und Opferfreudigkeit weicht es zurück. In hehrer +Schöne steigen die drei aus dem Dunkel dämmernder Zeiten empor, +Nibelungengestalten, vom Glanz verklungener Tage umschimmert. ›Gott, +König, Vaterland!‹ ist Deutschlands gewaltige Losung. Männeraugen +leuchten bei ihrem Klange, heller tönen Waffenruf und Schwertklingen, +tiefer erglüht die purpurne Seide der Fahnen. Tapfere Frauen zerdrücken +die Träne im Auge, um den stummen Mund ein stolzes Lächeln. Die +schwielige Faust des Arbeiters fühlt den Druck der schlanken gepflegten +Hand des Edelmannes und umschließt sie heiß — — Jünglinge gürten sich +jauchzend mit dem Schwert, liebliche Bräute folgen dem Scheidenden +zum Altar. Und über dem deutschen Lebensbilde der große heilige Ernst +der Stunde. In alle Gaue geht des Königs Ruf. Das Eisen ist lebendig +geworden, das heilige Eisen, das Jahrtausende ruhen und rasten kann, +wenn die Welt Deutschlands Ehre wahrt. In dieser Stunde beginnt +es, zu sieden. Seine Läuterungskraft durchdringt das ganze Volk: +es gibt keinen Berliner Pöbel mehr, keinen Tagedieb, keinen roten +Internationalen, — es gibt nur Menschen, — Deutsche! Wie gebannt +stehen sie. Schloßplatz und Linden sind nicht wie sonst ein wogendes +Menschenmeer, sie sind ein starrender Fels — —</p> + +<p>Und die Weltgeschichte geht vorüber — — —</p> + +<p>Während der Kaiser sein Volk in den Dom zum Gebet sendet, während das +Lied von der festen Burg die Kuppel sprengen will, fährt draußen der +reinigende Blitzstrahl nieder: die Kriegserklärung zerreißt die bange +Stunde des Wartens auf die russische Antwort.</p> + +<p>Ein Brausen steht in der Luft — —</p> + +<p>Einer, der jene denkwürdige Nacht erlebt, sagt: »Wenn dies Volk ohne +Waffen und Wehr, nur mit dem Feldgeschrei:<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> ›für Gott und unsere +gerechte Sache!‹ unter dem Donner der heimischen Erde daher geschritten +käme, — kein Feind hielte ihm stand, das Entsetzen lähmte ihm die +Sinne!« — — Auf und nieder wogender Meeresflut gleich braust die +flammende Antwort einer in ihren tiefsten Tiefen erschütterten +Volksseele. Betend neigt sich Deutschland vor seinem Gott, — singend +huldigt es seinem Kaiser — —</p> + +<p>Es sind die Augusttage des Jahres 1914. Es ist die Wende der +Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Um den stillen Platz unter der Linde, wo der Kambacher Pfarrer die +Braut geküßt, webte Mittagszauber, und ein Klingen und Singen ging +durch die Zweige, als rüstete sich die alte Mark zur Maienfeier. Aber +schon ging der Sommer zur Neige, über der Heide lag ein goldklarer +Glanz und die ersten weißen Fäden wehten. Wie späte Liebesgrüße +dufteten dunkle Rosen in den sonnigen Mauernischen des Witwenhauses, +über dem leuchtenden Waldbilde lag, schöner als Lenzeswerben, jene +tiefe stille Herbstesglückseligkeit, deren klare Schönheit das große, +seltene Erlebnis der Menschenseele widerspiegelt. Um die Kiefern webte +ein Rosenwunder — ein Traum von bekränzten Tagen und flatternden +Purpurstandarten zog durch die stille Mark — — —</p> + +<p>Die Glocken des Kriegsbettages waren verklungen. In der Kambacher +Dorfkirche hatte ein deutscher Mann seine Gemeinde zur Buße gerufen, +zur Beugung unter ein schweres, aber gerechtes Gottesgericht. Im +Augenblick der gewaltigsten Volkserhebung der Weltgeschichte grüßte +sein flammendes Wort Brandenburgs Söhne:</p> + +<p>»Wir wissen es wohl, warum uns Gott diesen Krieg gesandt hat! Weil +wir in Gefahr sind, unsere heiligsten Güter zu verlieren, weil unser +politisches und soziales, unser sittliches<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> und religiöses Leben +angefressen ist! Noch ist der deutsche Volkskörper nicht verfault, aber +wir dürfen uns keiner Täuschung darüber hingeben, daß die Zersetzung +begonnen hat, ja daß sie nicht von gestern und ehegestern ist. Und +nicht um Einzelschäden und Einzelsünden geht's, — unser ganzes Volk +trägt die Schuld am deutschen Verfall, alle, die deutschen Blutes +sind, müssen an ihre Brust schlagen, ob sie Kronen tragen oder mit +schwieliger Hand ihr Tagewerk treiben, — keiner ist ausgeschlossen! — +Ihr Kambacher und Dreilindener Bauern, ob ihr Gottes Wort und Sakrament +ehrt, ob ihr eure Ehen rein haltet wie wenig andere, ob ihr die Sitte +wahrt und dem Schmutz in Wort und Bild zornig die Türe weist, — +vergeßt es nicht: einst am jüngsten Tag wird die Frage des Herrn eine +zwiefache sein: ›Was habt ihr getan? was habt ihr nicht getan?‹ Keiner +unter uns wird vor dieser Doppelfrage bestehen können, keiner wird die +Stirn haben, zu behaupten, er hätte die göttliche Forderung bis ins +kleinste erfüllt, — keiner, — die Volkssünde steht wider uns auf! Ein +einziges unterlassenes Gebet für den Träger der Krone, ein unüberlegtes +Urteil über die Obrigkeit, die geringste Versündigung am Deutschtum, +an der heiligen Innerlichkeit seines Wesens, das scheinbar kleinste +Versäumnis des christlichen Vorbildes, — sie sprechen uns mitschuldig +am deutschen Verfall. Darum umschließt dies Gericht uns alle, darum +soll's jedem einzelnen ein Weg nicht nur zur Buße und Umkehr, sondern, +will's Gott, zur Erneuerung und Wiedergeburt werden. Denn an eines +neuen Reiches Pforte klopft Gottes gewaltiger Hammer. Daß Deutschland +die Kraft besaß, aus seinem tiefen Todestraum aufzustehen und einig +wie ein Mann vor seinen Kaiser zu treten, — Gottes Gnade war's, die +im letzten Augenblick den Brand aus dem Feuer riß, — ein Wunder! Und +als ein Wunder steht's vor uns, wie die kaum begonnene vaterländische +Not Kräfte entbindet, deren Besitz<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> wir längst aufgegeben, wie sie +Werte ans Licht trägt, die wir dem sittlich verarmten Boden nicht mehr +zutrauten. Die gewaltige Pflugschar der großen Zeit reißt die Scholle +auf, daß aus ihrem Blute eine Saat ersprieße, des deutschen Ackers +würdig.</p> + +<p>Wir haben einen sittlichen Niedergang zu verzeichnen, aber noch sind +wir kein untergehendes Volk. Noch nicht. Darum werden wir gezüchtigt, +aber nicht zermalmt. Durch die ungeheuren Opfer an Gut und Blut, an +Liebe und Leben, die uns auferlegt werden, rechnet Gott mit uns ab. +<em class="gesperrt">Wir vertreten eine gerechte Sache — ganz gewiß — nach außen hin +stehen wir rein da! Aber so oft wir uns dies wiederholen im Kampf oder +Sieg, so oft sollen wir uns eine andere schwerere Wahrheit vorhalten: +daß wir nach innen tief verschuldet sind und Gott auf tausend nicht +eins antworten können.</em> Darum mußte ein Sturm über uns kommen. Das +Geschlecht, das in frevelhaftem Leichtsinn das Erbe der Reformation +verschleuderte und seine heiligen Güter in den Staub trat, konnte nur +mit donnernder Sprache erweckt und durch eiserne Zucht zur Besinnung +gebracht werden. Und das will Gott. Er hat uns das Größte vertraut, +hat uns zu Trägern des Lichtes geweiht! Zum Salz der Erde hat er uns +gemacht, daß Kind und Kindeskind die Botschaft seines Heils den Völkern +der Welt vererben. Weil er die <em class="gesperrt">eine</em> köstliche Perle in unsere +Hände gelegt, darum, und nur darum, übt er noch einmal Geduld, darum +schlägt er uns wohl, aber er tötet uns nicht.«</p> + +<p>In lautlosen Schweigen saßen die Bauern unter der Kanzel. Manch weißer +Kopf nickte verständnisvoll zu den schlichten mannhaften Worten des +jungen Pfarrers, manch treues Auge leuchtete hell auf, aber auch viele +heiße Tränen rannen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span></p> + +<p>Auf dem Altar flimmerten die Kerzen über den Abendmahlsgeräten. +Feierlich klangen die Einsetzungsworte durch die stille Kirche. +Dann traten die Söhne der Mark mit ihren Frauen und Bräuten an den +Gottestisch. Manch einer der Alten dachte, im Chorstuhl sitzend, +vergangener Zeiten: ›So wird's vor hundert Jahren gewesen sein!‹ +Inzwischen hatte man vieles erlebt, Krieg und Kriegsgeschrei, — aber +diesmal galt's Größeres, Außerordentliches, das fühlten alle, diesmal +sollte Deutschland alles genommen, diesmal sollte es zertreten, vom +Erdboden vertilgt werden — warum sonst Englands Kriegserklärung? +— eine Gemeinheit war's, — und die Gedanken der greisen Kambacher +wanderten ein Stücklein Wegs ins Völkerleben draußen. —</p> + +<p>Der Patronatsstuhl war leer. Der Kambacher hatte keine Ruhe gehabt und +war schon vor einigen Tagen nach Berlin gefahren, obgleich Harro jeden +Augenblick eintreffen konnte. Seine Verletzung heilte leicht, sobald er +dienstfähig war, wollte er zu seinem Regiment zurückkehren.</p> + +<p>»Er soll nach Berlin kommen, falls ich nicht da bin,« hatte der +Oberstallmeister abschiednehmend zu Ilse gesagt, die während seiner +Abwesenheit nach Dreilinden gehen wollte. »Ich muß meinen Kaiser +sehen und das Stück Weltgeschichte erleben, das sich in diesen Tagen +abspielt. In solchen Zeiten hält's kein rechter Kambach auf der Scholle +aus. Hätt' ich nicht den alten Schaden aus der Leutnantszeit, ich +wüßte, was ich täte! Gut, daß ich dem Vaterland wenigstens einen Sohn +schenken kann!« Damit war er zur Bahn gefahren.</p> + +<p>So kam's, daß am Kriegsbettag Ilse Bühler neben der alten Exzellenz auf +dem Dreilindener Chor saß. — — —</p> + +<p>»Das war das rechte Wort für diese Stunde, mein lieber Herr Pastor,« +sagte Frau Sabine, den Geistlichen begrüßend, während sie, auf den +Arm der Enkelin gestützt, dem Kirchhoftor<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> zuschritt, wo ihr Wagen +wartete. »Besonders für die Erklärung des Begriffs ›Volksschuld‹ danke +ich ihnen herzlich im Namen unserer Bauern. Wir tragen ja alle unseren +alten Adam mit uns herum, das wird wohl keiner leugnen, dazu sind's zu +gute Christen, aber ihr Gesichtskreis ist doch gewaltig eng. Kambach +und Dreilinden sind die Mark, — na, und da die Verhältnisse hier so +gut wie nur möglich sind, will der Begriff ›Volksschuld‹ nicht in den +märkischen Bauernschädel hinein. Aber heute war der Boden bereitet und +die Aussaat die rechte!« Sie reichte ihm abschiednehmend die Hand. +»Lassen Sie sich bald mal in Dreilinden sehen!«</p> + +<p>»Ich danke gehorsamst, Exzellenz! Sobald meine Zeit es erlaubt, +werde ich vorsprechen. Wissen Exzellenz, daß Graf Brelow sich als +Freiwilliger gemeldet hat?«</p> + +<p>»Erzählen Sie das nicht meinem Sohn. Er ist außer sich, daß er nicht +dienstfähig ist. Wenn er hört, daß Brelow mitgeht, können wir noch +etwas erleben.«</p> + +<p>»Aber Herr Oberstallmeister ist doch viel älter!«</p> + +<p>»Als ob er daran dächte! Kennen sie den märkischen Adel so schlecht? +Man hat unsere Junker nicht umsonst ›Kinder des Schwertes‹ geheißen!«</p> + +<p>»Herr von Kambach schrieb mir gestern eine Karte,« sagte Pastor Möller. +»Es muß etwas Großes sein, diese Tage in Berlin zu verleben, darum +freue ich mich, daß er schon am 29. Juli abreiste. Er hatte keine Ruhe +mehr!«</p> + +<p>»Sehen Sie! Das sind die Kambachs! Gott, König, Vaterland. — alles +andere ist Nebensache! Aber das ist das Wahre! Ich möchte meinen Sohn +nicht anders haben.«</p> + +<p>Sie saß längst im Wagen, von Ilse sorgfältig in Decken gehüllt. Blaß +und ernst nahm die junge Gräfin neben der Großmutter Platz, die mit +jugendlicher Frische die große Zeit grüßte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span></p> + +<p>»Graf Bühl ist auch in Berlin. Alle lassen sie einen allein! Am +liebsten wäre ich mit dabei. Aber eine alte Frau wie ich gehört ins +Haus, und gerade jetzt dürfen die scheinbar kleinen Pflichten nicht +vernachlässigt werden. Meine Dreilindener brauchen mich auch. Ich +hoffe einer der beiden Herren kehrt bald zurück, damit wir auch einmal +persönliche Berichte hören, nicht wahr, Ilse?« Freundlich wandte sie +sich an die junge Frau.</p> + +<p>Die nickte stumm. Ein abgrundtiefes Leid alterte die schönen Züge.</p> + +<p>Mitleidig ruhte Pastor Möllers Auge auf ihr. Er kannte diese Naturen, +welche die erste Not zerbrach. Und außerdem war die arme Frau krank. +Wer dies Gebiet kannte, sah auf den ersten Blick, daß nicht alles in +Ordnung war.</p> + +<p>Die Pferde zogen an. Ehrerbietig grüßte er die greise Gutsherrin. +Das war eine von denen, die sich immer wieder aufrichteten, die im +Dienste anderer den Segen ihres Tuns am eigenen Herzen erfuhren. Und er +gedachte eines schlichten Wortes, das einer über Frauenleben und -glück +geschrieben: ›Lieben heißt nicht: begehren; lieben heißt: schenken und +Opfer bringen.‹ —</p> + +<p>Über dem Witwensitz der greisen Kambacherin stand das Wort ›mobil‹ wie +über keinem anderen Hause, wo eine deutsche Frau waltete. Vom ergrauten +Verwalter und seinem schaffensfrohen Weibe bis zum Küchenmädchen und +Stallknecht wußten sie alle: jetzt ging eine Arbeit an, wie sie vorher +nicht dagewesen. Aber keines trauerte den vergangenen Tagen nach, +— wer länger als ein Jahr in den Diensten Exzellenz von Kambachs +stand, der spürte etwas von dem Geist, der das alte Haus durchwehte +und wollte nicht ausgeschlossen sein, wenn es eine große gemeinsame +Sache galt, wenn man unter den Flaggen ›wir‹ und ›bei uns‹ segelte. +Frau Sabine hatte es<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> von jeher verstanden, ihre Leute für die großen +völkischen und religiösen Fragen zu gewinnen, und dadurch ein festes +Band zwischen Herrschaft und Untergebenen geknüpft. Kein Wunder, daß in +der Stunde, wo Deutschland von Ost und West bedroht ward, die märkische +Vaterlandsliebe auflohte, daß auch der Kleinste und Geringste an seinem +Teil mithelfen wollte. Nie stand der deutsche Strickstrumpf so hoch in +Ehren, nie ward auf dem Dreilindener Gutshof gespart, wie in den großen +Augusttagen! — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Frau von Kambach stand, dem abfahrenden Wagen nachblickend, auf den +Steinstufen.</p> + +<p>»Leg' dich ein paar Stunden hin, Ilse,« sagte sie. »Die Fahrt wird dir +sonst zuviel. Ich werde dir dein Essen hinaufschicken. Bleib nur ruhig +bis zum Abend oben.«</p> + +<p>Die junge Frau schwieg.</p> + +<p>Besorgt sah die Großmutter sie von der Seite an. »Es ist wirklich +besser so,« sagte sie freundlich. »Ruhe ist jetzt das einzige für dich. +Ich bin gewiß sehr dafür, daß man sich zusammennimmt, aber es gibt +Fälle, wo man die Besserung nicht dadurch erzwingt!«</p> + +<p>Ilse zog die welke Hand an die Lippen.</p> + +<p>»Die erzwinge ich überhaupt nicht, Großmama,« sagte sie mit erstickter +Stimme. »Aber daß ich die Hände in den Schoß legen und abseits stehen +muß, wo das Vaterland blutet, — das — das ist zuviel. Vor einem Jahr +hätte ich Johanniterin werden können,« — sie wandte sich ab und eilte +die Treppen hinan, die letzten Worte verwehte der Sommerwind.</p> + +<p>Die alte Frau sah ihr traurig nach. »Also doch eine rechte Kambach,« +zog es ihr durch den Sinn. Und im stillen bat sie der Enkelin ein +Unrecht ab. Sie hatte geglaubt, daß der<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> Schmerz auf dem schönen +Antlitz nur dem einem galt und immer wieder dem einen, der es nicht +verdiente, daß eine reine Frau um ihn weinte — — — Wäre der Fluch +der Mannesschuld nicht gewesen, der dies junge Leben vergiftet, es wäre +leichter gewesen, dem Wüstling zu vergeben, — aber so? Sie hielt Ilse +für sehr krank — —</p> + +<p>Nachdenklich ging sie ins Haus und sah die Post durch. Außer der +Kreuzzeitung war eine Karte von Renate gekommen, die während Ilses +Besuch nach Hause gefahren war, um von zwei Brüdern, die bei den +Drachenburger Ulanen standen, Abschied zu nehmen. Morgen wollte sie +zurückkehren. Auch von Eichelchen war ein glücklicher Brief dabei.</p> + +<p>Nach beendeter Mahlzeit nahm Exzellenz von Kambach die Kreuzzeitung und +setzte sich an den Schreibtisch. Hastig putzte sie die Brillengläser, +auf ihren klaren Zügen malte sich Ungeduld.</p> + +<p>Und dann knisterten die Blätter.</p> + +<p>Das stille Gemach der märkischen Edelfrau ward hell, die große Zeit +stieg leuchtend aus dem Grau des Alltagslebens empor und grüßte die +Fünfundsiebzigjährige.</p> + +<p>Sie aber las und las: die gewaltige, vom Geiste tiefsten Glaubens und +heiligster Vaterlandsliebe getragene Thronrede, die weltgeschichtliche +Tagung des Reichstages, — die alten Hände begannen zu zittern, die +Brillengläser wurden blind, — wenn Fritz Karl das noch erlebt hätte! +Eine Hoffnung erwachte in ihrer Seele und hob kühn die Schwingen +zum Adlerflug. Sollte das Wort Wilhelms des Ersten, das er in echt +königlicher Demut über den Sieg der siebziger Jahre schrieb, ein +zweites Mal in größerem, hehrerem Sinne Wahrheit werden? ›Welch eine +Wendung durch Gottes Führung!‹ Kein Fürstenwort hätte die gewaltige +Stunde des 4. August, da das wunderbar geeinte Volk seinem Kaiser die +Treue gelobte,<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> treffender zeichnen können, als jene schlichte Drahtung +des greisen Kriegsherrn.</p> + +<p>Aber dann zuckte die welke Hand im Zorn zusammen: eine Sonderausgabe +brachte Englands Kriegserklärung. Das war zuviel — und doch — +Bismarck hatte den Vettern drüben nie getraut. Ja, Bismarck! Und der +gepanzerte Recke stand vor ihrem geistigen Auge.</p> + +<p>Die Zeit ging. Sie hörte nicht den Schlag der Uhren, sie blickte auf +die schimmernde Schöne deutscher Heldentage, sie sah deutsches Blut +strömen und betete und glaubte.</p> + +<p>Aber die große Freude über Deutschlands Erwachen vermochte die +Sorge aus dem Herzen der alten Frau nur vorübergehend zu bannen. +Die Seherin schaute nicht nur die sonnigen Bergkuppen, sie schaute +den Talschatten. Nebel und Nachtgezücht duckten sich zwar in feiger +Scheu vor Heldengröße und Mannestreue, aber sobald das leuchtende +Heer seinen Blicken entschwand, würde das Gelichter sein böses Spiel +um so toller treiben. Nach siebzig war's nicht anders gewesen; der +Zeitabschnitt nach dem Kriege bedeutete sogar einen Tiefstand deutschen +Lebens, wie ihn die Geschichte in wenig Fällen verzeichnet. Und dieser +Tiefstand erklärte sich nicht nur aus der plötzlichen Goldflut, sondern +aus allgemeiner Oberflächlichkeit, aus dem mangelnden Willen, die +große Zeit auszukaufen und die Früchte des Krieges einzuernten. Der +deutsche Michel wartete eben stets, bis ihm die gebratenen Tauben +in den Mund flogen. Aber der Segen des Krieges wollte erkämpft und +erarbeitet, wollte vor allem erbetet sein. Neues entstand nur, wenn +das Alte verging und starb. Die schwersten Erfahrungen aber glichen +toten Werken, solange sie nicht im Kern erfaßt und ausgenutzt wurden. +Und an diesem Willen zum Siege zweifelte die Frau, die wie wenige +ihr Volk kannte. Ohne einen Augenblick das große Gnadengeschenk zu +unterschätzen<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> oder den Wert der neu erwachten Kräfte des Glaubens, +der Opferwilligkeit und Einigkeit zu verkennen, sagte sie sich: die +zerstörenden Mächte in unserem Volk hat ihr Feuer noch nicht verzehrt. +Nur das Volk, das den schmalen Pfad der Buße ging, fand den Weg +zum Tor des Lichts. Würde die Läuterungsglut der eisernen Zeit ein +Geschlecht hervorbringen, das seine Krone zu tragen verstand und seine +heiligsten Güter wahrte? Sabine von Kambach zweifelte nicht daran, +daß Deutschland, ob auch unter ungeheuren Opfern an Gut und Blut, in +dem schweren äußeren Ringen siegen würde. Ein Volk, das noch solch +starke innere Werte barg, kehrte aus dem Kampf um Sein oder Nichtsein +nur siegend zurück oder — auf dem Schilde. Ein anderes war es, ob +die Volkskraft den schwereren inneren Kampf mit den Mächten der Tiefe +bestehen und ihres Sieges Früchte bewahren würde. Das zwanzigste +Jahrhundert hatte es vergessen, daß die Kraft eines Volkes in der Buße +wurzelte. Das Jahr 1914 forderte zur Gesundung Deutschlands nicht nur +die Gesundung des Volkes, es forderte die Gesundung der Kirche.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Fern über der Heide verklang die Kambacher Glocke. Da raste ein +Kraftwagen über den Hof. Schwerfällig erhob sich Exzellenz von Kambach +und blickte hinaus.</p> + +<p>Auf den Diener gestützt, stieg Graf Bühler die Stufen hinan.</p> + +<p>Sie ging dem alten Freunde entgegen. »Erlaucht, trotz Ischias?«</p> + +<p>Er küßte ihre Hand. »Was schert mich Ischias! Wär ich dreißig Jahre +jünger! Aber meinen Kaiser mußte ich sehen und die gewaltigen Stunden +mit erleben! So etwas kommt in hundert Jahren nicht wieder vor! — +Übrigens soll ich Sie von Harro grüßen, ich traf ihn gestern bei seinem +Vater, — er kommt heute abend zu Ihnen, um Abschied zu nehmen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span></p> + +<p>Und dann saßen die beiden Alten zusammen am Kamin und der +Erblandmarschall erzählte.</p> + +<p>Wie ein Jüngling im weißen Haar erschien er Frau Sabine. So hatte sie +ihn nicht mehr gesehen, seit der Enkel den alten Namen entehrt. Die +Adleraugen blitzten, die ehrwürdige Gestalt war straff aufgerichtet, +nur die gichtgekrümmte Hand, die den Krückstock umfaßte, redete von +Krankheit und Greisenalter.</p> + +<p>›Märkischer Uradel!‹ dachte sie, während ihr Auge auf den edlen Zügen +ruhte. ›Gott, König, Vaterland! das ist sein Lebensnerv!‹</p> + +<p>»Wie ich hergekommen bin, weiß ich nicht,« sagte der Graf. »Ich wäre +auch noch geblieben, aber ich sagte mir, daß Sie hier säßen und die +Stunden zählten, bis einer käme und Ihnen Bericht erstattete! Karl +Heinrich war nicht loszueisen, man kann's ihm ja schließlich auch nicht +verdenken, daß er dabei sein will, wenn der Sohn ins Feld rückt, — na, +da sagte ich mir, daß ich an der Reihe sei, nach Dreilinden zu fahren!« +Er nickte der alten Freundin herzlich zu: »Und ich hab's gern getan, +Exzellenz!«</p> + +<p>Die Tränen stiegen ihr in die Augen. »Das weiß ich,« sagte sie leise.</p> + +<p>Aber er war schon wieder in Berlin. Auf dem Schloßplatz. Im Reichstag. +An irgendeiner Straßenecke. Bei Kranzler. Ganz wie damals nach dem +Kriege, wo sich alles in der Reichshauptstadt traf. Nur ein Unterschied +bestand zwischen einst und jetzt. Damals war ein ruhmvoller Friede +unterzeichnet und Berlin begrüßte jubelnd seinen Kaiser, — heute stand +Deutschland vor der furchtbarsten Aufgabe der Weltgeschichte.</p> + +<p>Er erriet ihre Gedanken.</p> + +<p>»Sie wundern sich über meine Stimmung, teuerste Freundin? Ich kann's +verstehen! Man muß dabei gewesen<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> sein! Siebzig war ein Kinderspiel +gegen diese Begeisterung, diese heilige Einigkeit! Es war mir in diesen +Tagen, als ob ganz Deutschland seine Kleinodien vor seinem Kaiser +ausbreitete und in der Sonne funkeln ließ! Und dazu wurde ›Ein feste +Burg‹ gesungen, — kann es Größeres geben? Das brauchte der Kaiser aber +auch in der Stunde übermenschlich schwerer Entscheidung! Wie ich mich +freue, daß wir's abgewartet haben, bis das Pack uns ins Land fiel, — +ob es strategisch richtig war, ist etwas anderes, — aber niemals hat +Deutschland größer dagestanden! Auf den Knien sollten wir Gott danken, +daß wir solchen Kaiser haben!«</p> + +<p>Sie nickte.</p> + +<p>Still war's zwischen den beiden Alten.</p> + +<p>»Mißverstanden hab' ich Ihre Freude aber keinen Augenblick,« sagte sie +dann.</p> + +<p>»Nein? das freut mich! — Als ich durch unsere alte Mark fuhr, hatte +ich das Gefühl: das Größte, Herrlichste dieser Heldentage haben doch zu +wenige im deutschen Vaterland persönlich miterlebt. Der Widerschein der +gewaltigen Stunde leuchtet ja überall, wo deutsches Leben ist, — dafür +sorgt schon die Heimatliebe, — aber ein Sonnenaufgang ist doch etwas +anderes als Morgenleuchten! Darum dacht' ich: wir sahen die Majestät, +die Glorie dieses Krieges, seine überirdische Weihe, — Millionen +Menschen aber, die dasselbe Recht haben, den Glanz dieser Tage zu +erleben, sehen nur das Grauen über dem Völkerbilde, die abgrundtiefe +Not, — sie bringen dieselben Opfer wie wir, Exzellenz, — das gehört +auch zu den Härten des Lebens, die unser kleiner Verstand nicht erfaßt! +Und doch geben sie das Beste hin, wenn es die Scholle gilt!« Er blickte +sinnend über das dämmernde Land. Seine Augen leuchteten — —</p> + +<p>Sie aber fühlte, ihre Seelen waren auf den gleichen Ton gestimmt. Was +Frauensehnsucht in der Stille der Heide erträumt,<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> hatte der Mann +in Händen gehalten. Das Zollernschwert hatte der märkische Edelmann +blitzen sehen, über die purpurne Seide der Kaiserstandarte hatte er das +weiße Haupt geneigt, — und mehr noch — Job Wilhelm von Bühler hatte +Größeres, Gewaltigeres schauen dürfen: eine Volkserhebung, wie sie nie +dagewesen, ein Erwachen, wie es kein deutsches Herz zu fassen gewagt, +eine Einigkeit, so stark, so unzerstörbar, daß der Feind, der ein mit +sich selbst zerfallenes Volk mit kurzem Handstreich niederzuschlagen +wähnte, staunend den eilenden Schritt verhielt und das Auge starr auf +die gepanzerte Lichtgestalt richtete!</p> + +<p>So kam's, daß der greise Märker, während er die überwältigende Kunde +in das stille Heidehaus trug, mit all seinen Herzgedanken in der +Kaiserstadt war, am Thron, unter dem strömenden Volk, an der Stätte, +da das deutsche Blut am stärksten pulsierte, da Glaube und Liebe am +hellsten leuchteten.</p> + +<p>Schweigend folgte sie seinem Blick — —</p> + +<p>Da wandte er ihr das Auge zu. In dem geistvollen Antlitz arbeitete es: +»Ich hätt' es nicht für möglich gehalten!« Und eine Träne rann ihm die +Wange herab.</p> + +<p>Durch die Dämmerstille des märkischen Dorfes klang der Flügelschlag der +großen Zeit — —</p> + +<p>Sabine von Kambach lauschte hinüber. Ein Traum von schlichter +Heldengröße und deutschen Siegen flog durch den Sommerabend — standen +die Toten auf, die Kämpfer von 1813? ›Ich hätt' es nicht für möglich +gehalten!‹ klang ihr das Wort des Freundes im Ohr.</p> + +<p>Und das andere, — der Feind, der Deutschland knebelte und in den +Staub drückte, der ihm mehr nahm, als Gut und Blut, der ihm die Seele +mordete? was ward aus ihm? Vieles würde der Riesenkampf fortfegen, +manch böser Gewohnheit würde der neu erwachte Gottesglaube die Türe +weisen,<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> — ob der Keim des furchtbaren Giftes dadurch zerstört ward?</p> + +<p>Frau von Kambach sprach dem Grafen ihre Sorge aus.</p> + +<p>Aufmerksam hörte er ihr zu.</p> + +<p>»Exzellenz haben mir aus der Seele gesprochen, — erwiderte er, als sie +geendet. »Es wäre eine Täuschung, wenn wir die innere Gefahr, die unser +Volk bedroht, angesichts der großen Erhebung, die wir erleben durften, +für beseitigt halten wollten. Sie ist nicht beseitigt. Die Mächte der +Hölle werden nicht durch einen großen völkischen Aufschwung vernichtet, +noch durch äußere erschütternde Ereignisse an sich überwunden. Dies +Gift kann nur dann ausgerottet werden, wenn die Frucht der großen +vaterländischen Not die Buße ist. Wir brauchen einen Neubau, — nur ein +völliger Bruch mit der Vergangenheit ermöglicht ihn.«</p> + +<p>Sie nickte. »Wir werden nach dem Kriege vor gewaltige völkische und +religiöse Aufgaben gestellt werden! Es war mit das erste, was ich mir +im Blick auf dieselben sagte: daß es eine gnädige Fügung ist, daß der +Bund bibelgläubiger Christen nicht erst gegründet zu werden braucht, +sondern daß er — wenn auch erst seit einigen Monaten — besteht. Wie +viele würden uns als Schwarzseher verlachen, wenn wir heute oder nach +einem, will's Gott, siegreichen Kriege einen solchen Volksbund gründen +wollten! Hab' ich nicht recht?«</p> + +<p>»Gewiß. Genau dasselbe dachte ich vor einigen Tagen, als mir im Blick +auf diese Frage das Herdersche Wort einfiel, das Sie so oft angeführt +haben: ›Unsere Väter, o, Deutschland, meine Sorge, waren nicht, wie +wir jetzt sind!› Die meisten würden, wenn man sie daran erinnerte, +denken: ›Na ja, die Herrschaften sind eben über siebzig!' Aber das +darf uns nicht irre machen! Wenn wir auch nicht mehr viel Zeit haben, +— die Tage, die Gott uns noch schenkt, soll die Arbeit für sein Reich +ausfüllen, nicht wahr, Exzellenz?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span></p> + +<p>In ihren Augen glänzten Tränen. »Es liegt etwas Prophetisches über +der großen Zeit.« sagte sie leise. »Mag einer sagen, was er will, ich +glaub's dennoch, daß Herders Wort sich noch einmal wandelt, daß es noch +einmal heißen wird: ›O Deutschland, meine Freude!‹«</p> + +<p>Er neigte das weiße Haupt wie zum Gebet. »Gott walt's.« — — —</p> + +<p>Ein Wagen jagte über die Kopfsteine.</p> + +<p>»Das ist Harro!« Der Erblandmarschall erhob sich. »Ich werde Sie mit +ihm allein lassen. Darf Fritz mein Auto bestellen?«</p> + +<p>»Bleiben Sie doch zum Tee!«</p> + +<p>Er zögerte. »Gut, ich werde Ilse so lange Gesellschaft leisten. +Vielleicht kommt sie zu mir herunter. Wenn der Anfall auch diesmal +nicht schlimm ist, so wird mir das Treppensteigen doch schwer.«</p> + +<p>»Natürlich kommt Ilse herunter,« sagte die alte Dame. »Bitte machen Sie +es sich inzwischen im blauen Salon bequem. Die Zigaretten stehen auf +ihrem gewohnten Platz.« Und sie schritt dem Gast voran zur Tür.</p> + +<p>»Danke, danke, Exzellenz, ich bin hier ja zu Hause.«</p> + +<p>Sie lächelte. »Gut, dann klingeln Sie bitte und schicken Sie Fritz +hinauf. Ilse ist auf ihrem Zimmer.« Sie nickte ihm freundlich zu, als +ginge sie an eine gewohnte Arbeit in Haus oder Garten, und doch hatte +sie Schweres vor sich.</p> + +<p>Aber er kannte sie. Auf diesen Schultern hatten schon größere Lasten +gelegen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>An den Schreibtisch gelehnt, stand sie, den Enkel erwartend.</p> + +<p>Im nächsten Augenblick trat Harro Kambach ein. Groß, hoch aufgerichtet. +In Felduniform. Ein Mann in des Königs Rock. Aber er war um Jahre +gealtert, das Haar ergraut.<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> Auf den ersten Blick erkannte sie's: er +kam als ein anderer heim. In tiefer Bewegung umschlang sie ihn.</p> + +<p>»Harro, mein Junge!«</p> + +<p>Wie ein Klang aus der Kinderzeit grüßten ihn die schlichten Worte.</p> + +<p>»Großmutter!«</p> + +<p>Gewaltsam suchte er seinen Schmerz niederzuringen, aber es ging über +seine Kraft. Er neigte den Kopf auf ihre Schulter und weinte laut.</p> + +<p>Und die starke Frau, die so viel ertragen im Leben, mußte sich hart +machen gegen die Mannestränen.</p> + +<p>Ein Schüttern ging durch seinen Körper. Er raffte sich auf.</p> + +<p>Schwer atmend stand er vor ihr.</p> + +<p>Als er die äußere Ruhe wiedererlangt hatte, beugte er sich ehrerbietig +über ihre Hand. »Nicht wahr, es kommt niemand?«</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf. Dann stützte sie sich auf seinen Arm und ließ +sich zu ihrem Lehnstuhl am Kamin führen.</p> + +<p>Dort saßen sie sich gegenüber.</p> + +<p>Alles an ihm schien ihr verändert. In seinem Wesen war etwas Neues. Und +unwillkürlich zog es durch ihren Sinn: Es ist nicht nur die Trauer um +das Liebste, nicht der Ernst der gewaltigen Zeit, die ihm ihr Gepräge +geben, es ist jenes unverkennbare Merkmal, das der Mensch an sich +trägt, der dem Tode ins Auge geschaut. Denn solche Linien grub nur das +Bewußtsein: ›Du stehst vor Gott!› Und eine Hoffnung, die sie lange +gehegt, wuchs.</p> + +<p>»Papa läßt grüßen,« sagte Harro. »Er bleibt noch in Berlin, bis wir +ausrücken. Außerdem meinte er, es sei besser, wir wären zu zweien.«</p> + +<p>Er schwieg.</p> + +<p>Geduldig wartete sie. Wußte sie doch, daß er ihr alles sagen werde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span></p> + +<p>Und sie irrte nicht. Als sie eine Weile beieinander gesessen, klang +plötzlich Sibyllens Name an ihr Ohr. Leise, mit fast frauenhafter +Zartheit, sprach er ihn aus. Das Unglück selbst überging er; die +Erinnerung an das Furchtbare mochte zu gewaltsam auf ihn wirken, aber +was sie zuletzt miteinander geredet, erzählte er der Großmutter.</p> + +<p>Und die alte Frau rechnete es ihm hoch an und freute sich des großen +Vertrauens.</p> + +<p>Es war ein kurzer, knapper Bericht, aber er umschloß das +Glaubensbekenntnis eines Mannes:</p> + +<p>»Im Augenblick der höchsten Gefahr rief sie mir ein Wort zu, das sie +schon einmal tags zuvor im <span class="antiqua">D</span>-Zug gesprochen: ›Aufs Glück kommt +es nicht an, sondern darauf, daß wir auf Felsengrund stehen!‹ Dies Wort +hat mich über Wasser gehalten, Großmutter, es hat mir in tiefster Not +meinen Gott gezeigt.«</p> + +<p>Seine Stimme brach. Der Schmerz überwältigte ihn.</p> + +<p>Schweigend blickte Frau Sabine ins Feuer.</p> + +<p>Da begann er aufs neue: »Nun kann ich ins Feld ziehen! Ich hätt' es +ja vorher auch gemußt, aber jetzt weiß ich, daß Vaterlandsliebe und +Königstreue heilig sind, daß — daß sie ewig sind. Großmutter! Das +hab' ich von dir gelernt, und — von ihr!« Er wandte sich ab. »Wenn +Deutschland in Wahrheit frei werden soll, müssen wir das alle glauben!«</p> + +<p>Sie sah ihn unverwandt an. Fast ging dies schlichte heilige Erlebnis +über ihre Kraft. Der Tag hatte des Großen schon zuviel gebracht.</p> + +<p>Ein heißes Dankgebet stieg aus ihrem Herzen. Und während ihr Auge auf +der schlanken feldgrauen Gestalt ruhte, erwachte die Erinnerung.</p> + +<p>›Einen heiligen Damm wolltest du bauen, lieber Herr und Gott!‹ klang +es durch ihre Seele und die Sage vom Oststrande stieg vor ihrem Geiste +auf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span></p> + +<p>War's nicht wunderbar, wie die blankgespülten Kieselsteine sich +überall hineinschoben und drängten, wie sie sich an Fels und +Basalt rieben, bis das wilde Geklüft sich glättete, wie sie sich +zusammenschlossen zum großen, starken Ganzen, zu jener Mauer, die sich +der Sünde entgegenstellt und den Verzweifelten deckt. Wahrlich, das +uralte Mönchsgebet galt heute noch und hatte nichts von seiner Kraft +eingebüßt. Und sie sah die Mauer wachsen. Ein neues Geschlecht, das +sich seine Kleinodien nicht rauben ließ, stand um das Kreuz geschart. +In den alten Augen lag's wie Prophetenklarheit, als schauten sie die +Geschichte kommender Völker, und durch die Seele der Frau, die täglich +in heißer Sorge die Hände für ihr Vaterland faltete, zog eine schöne +lichte Hoffnung. Die Sehnsucht aber klopfte an ihre Kammer: ›Ob wir's +erleben werden, daß die Heimatliebe ein Kränzlein trägt, daß sie +singend von Hütte zu Hütte wandernd Mann und Weib die Siegesbotschaft +ins Herz jubelt und Mägdlein und Buben ihren Hochgesang lehrt: O +Deutschland, meine Freude!?‹ —</p> + +<p>Sie wandte sich wieder an den Enkel.</p> + +<p>»Wann war es?« fragte sie leise.</p> + +<p>»Etwa um sechs Uhr abends, — um die Dämmerung!«</p> + +<p>Über ihre Züge ging ein Leuchten.</p> + +<p>»Um sechs Uhr abends klangen die Saiten der Geige — —«</p> + +<p>Still war's in Haus, als hätte eines den letzten Seufzer getan — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die ersten Sterne blitzen am Himmel. Über die nächtliche Heide klingt +der Schritt der eisernen Zeit. Von Osten weht fernes Schwertklingen +herüber — — —</p> + +<p>Es sind die Augusttage des Jahres 1914. Es ist die Wende der +Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert — —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + + +<div class="chapter"> +<div class="ads"> + +<p class="p4 s3 center">Im Verlage von <em class="gesperrt">Martin Warneck in Berlin</em> erschien<br> +ferner von</p> + +<p class="s3 center"><b>E. von Maltzahn</b></p> + +<p class="s3 mtop3 center"><b>Ein Mann</b><br> +Ein Roman aus der Gegenwart.</p> +<p class="s4 center">20. Tausend.</p> + +<p>Die Verfasserin hat sich durch ihre tiefgründigen Erzählungen in +weitesten Kreisen einen großen Namen geschaffen, und man kann jedesmal +erwarten, daß sie uns etwas Besonderes zu sagen hat. So auch in ihrem +Roman »Ein Mann«. Ein tapferes Buch. Prächtige Charaktere werden uns +hier gezeichnet. Herr von Grambow ist ein wahrer Edelmann, der mit +seinem Christentum Ernst macht und keinen Augenblick zögert, bei +schweren Zusammenstößen mit den Vorurteilen der Gesellschaft die Folgen +auf sich zu nehmen. Ihm zur Seite steht Renate, eine Idealgestalt +einer deutschen Frau. Der Roman führt uns zum Teil in die Kreise der +Künstler als auch der Gesellschaft und ist, was Inhalt und Schilderung +anbetrifft, spannend und meisterhaft durchgeführt. Es ist ein Werk +reiner Kunst, von dem nur zu wünschen ist, daß es von vielen genossen, +daß es aber auch in vieler Leben beachtet wird. Über den Inhalt selbst +wollen wir nicht mehr verraten, sondern unsere Leser bitten: Nehmt und +lest, und ihr werdet an dem Inhalt des Buches Freude und Gewinn haben.</p> + +<p class="s3 mtop3 center"><b>Abseits</b><br> + Novellen.</p> + +<p class="s4 center">7. Tausend.</p> + +<p>»Abseits« nennt E. von Maltzahn mit Recht diese Novellen. Sie behandelt +darin Themen, die wohl vielen abseits liegen, aber die wohl wert sind, +bedacht zu werden. Ganz besonders möchte ich das von der zweiten +Erzählung behaupten. Besinnliche Leser werden viel Freude an dem +Büchlein haben.</p> +</div> +<hr class="r5"> + +<p class="center mbot3 ">Herrosé & Ziemsen GmbH. Co., Wittenberg.</p> +</div> + +<div class="chapter"> +<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Geyer und Rittelmeyer, Leben aus Gott.</p> +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Gedicht und Musik von Peter Cornelius.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Karl Marx.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> J. Gabriel Seidl.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> <em class="gesperrt">Weber</em>, Dreizehnlinden.</p> + +</div> +</div> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78454 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/78454-h/images/cover.jpg b/78454-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..31a46ac --- /dev/null +++ b/78454-h/images/cover.jpg diff --git a/78454-h/images/signet.jpg b/78454-h/images/signet.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..740dd64 --- /dev/null +++ b/78454-h/images/signet.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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