diff options
| author | www-data <www-data@mail.pglaf.org> | 2026-04-11 13:46:47 -0700 |
|---|---|---|
| committer | www-data <www-data@mail.pglaf.org> | 2026-04-11 13:46:47 -0700 |
| commit | a9c327d5f0c751a80decf22d96a5ba81356a2671 (patch) | |
| tree | bbf3439930dc8490136556ddf971904204d6df4b | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 78423-0.txt | 8812 | ||||
| -rw-r--r-- | 78423-h/78423-h.htm | 10052 | ||||
| -rw-r--r-- | 78423-h/images/cover.jpg | bin | 0 -> 226376 bytes | |||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 |
6 files changed, 18880 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/78423-0.txt b/78423-0.txt new file mode 100644 index 0000000..012d3f3 --- /dev/null +++ b/78423-0.txt @@ -0,0 +1,8812 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78423 *** + + #################################################################### + + Anmerkungen zur Transkription + + Der vorliegende Text wurde anhand des Nachdrucks der Buchausgabe + von 1921 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. + Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. + Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben + gegenüber dem Original unverändert. Verschiedene Schreibvarianten + (Contradiktionen/Contradictionen, etc.) wurden nicht vereinheitlicht, + sofern der Wortsinn erhalten bleibt. + + Passagen in gesperrtem Text werden hier mit +Pluszeichen+ dargestellt. + + Die Einträge im Inhaltsverzeichnis für die Anmerkungen, sowie + das Namen- und Sachverzeichnis wurden vom Bearbeiter der + Übersichtlichkeit halber eingefügt. + + Fußnoten wurden an das Ende des betreffenden Absatzes angefügt und + erhalten die Buchstaben A bis H; die mit arabischen Zahlen versehenen + Endnoten befinden sich einem gesonderten Abschnitt ‚Anmerkungen‘. + Letztere wurden in der gedruckten Version für das Erste und Zweite + Buch getrennt nummeriert, beginnen dort also jeweils bei 1. In der + elektronischen Fassung erfolgt die Nummerierung dagegen durchgehend. + Die betreffenden Verweise im Text wurden dementsprechend angepasst. + + In den Randnotizen finden sich Verweise zu den entsprechenden Stellen + in der kritischen Aristoteles-Gesamtausgabe von Immanuel Bekker aus + den Jahren 1831 bis 1837. Das Namen- und Sachverzeichnis verweist nur + auf die entsprechenden Stellen in diese Ausgabe, nicht aber direkt + auf Passagen innerhalb des vorliegenden Buches. Zur sogenannten + ‚Bekker-Zählung‘ siehe die Hinweise des Bearbeiters am Schluss des + Textes. + + #################################################################### + + + + + ARISTOTELES + + LEHRE VOM SCHLUSS + + oder + + ERSTE ANALYTIK + + (Organon III) + + Übersetzt und mit Anmerkungen versehen + von + EUGEN ROLFES + + FELIX MEINER VERLAG + HAMBURG + + + + + PHILOSOPHISCHE BIBLIOTHEK BAND 10 + + 1877 Übersetzt und erläutert von J. H. von Kirchmann + + 1921 Neu übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Eugen + Rolfes + + 1975 Unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1921 + + CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek + + Aristoteles + + Organon/übers. u. mit Anm. vers. von Eugen Rolfes + Einheitssacht.: Organon ‹dt.› + + 3. Lehre vom Schluß oder erste Analytik + (Philosophische Bibliothek; Bd. 10) + + ISBN 3-7873-0354-5 + + Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks + und der photomechanischen Wiedergabe, + vorbehalten + + ISBN 3-7873-0354-5 + + Druck: Anton Hain KG, Meisenheim + + Bindearbeiten: Hamburger Druckereigesellschaft + Kurt Weltzien KG + + Printed in Germany + + + + +Einleitung. + + +Die Analytik ist, um eine Erklärung des Wortes zu geben, die Lehre +von der Auflösung der Schlüsse, d. h. von der Zurückführung der +Konklusionen oder Schlußsätze auf ihre Prämissen. + +Die Wahl dieses Wortes beruht auf der Vorstellung, daß die Konklusion +ein Gegebenes ist, das philosophisch auf seine Gründe zurückgeführt +sein will. In der Tat ist alles Wissen oder, um es allgemeiner zu +fassen, alle vernünftige Erkenntnis, abgesehen von den höchsten +Prinzipien, der Ertrag eines Schlusses. Wenn man aber den Prämissen +nachgeht, um aus ihnen die Konklusionen zu verstehen, so heißt das +nichts anderes, als nach der Bildung oder Errichtung der Schlüsse +fragen. Denn die Konklusion kann nur dann ein rechtmäßiges Ergebnis des +Denkens sein, wenn sie auf einem rechtmäßigen Schluß beruht. + +So ist denn die Analytik die Lehre von der Schlußbildung, mit einem +Worte die Syllogistik. + +Man kann in die Syllogistik zwar auch die Lehre von dem Begriff +und Urteil einbeziehen, die von Aristoteles in den Kategorien und +Perihermenias im äußersten Umriß vorgelegt wird, aber nur, sofern sie +die für die Syllogistik notwendigen Vorbegriffe behandelt. + +Die beiden Werke, die Aristoteles speziell als Analytik bezeichnet, +sondern sich in die erste und in die zweite Analytik. Es ist aber +klar, daß sich die Bezeichnung Analytik ebenso für die letzte oder die +beiden letzten logischen Schriften, die Topik und die Sophistischen +Widerlegungen, eignen würde. Denn auch sie handeln von der Errichtung +bestimmter Schlüsse, der dialektischen und der sophistischen, wenn +auch von den letzteren hauptsächlich nur, um zu zeigen, wie man sich +ihrer erwehrt. Dementsprechend treffen wir im Eingang beider Schriften, +der ersten Analytik und der Topik, gleichmäßig auf die Definition des +Schlusses, des apodiktischen und des dialektischen, beziehungsweise der +apodiktischen und der dialektischen Prämisse, vgl. 24 a 22 ff. und 100 +a 25 ff. Man sieht indessen leicht, weshalb Aristoteles es vorzieht, +den Büchern von den dialektischen Schlüssen den Namen Topik zu geben: +er betrachtet dort die Konklusionen nicht als etwas Gegebenes, sondern +als etwas zu Findendes, das am rechten Orte geschöpft werden muß. + +Als Gegenstand der Analytik oder, wie wir jetzt sagen dürfen, der +Syllogistik, nennt Aristoteles im ersten Satze der ersten Analytik den +Beweis, die Apodeixis, mit dem erklärenden Zusatz, daß die beweisende +Wissenschaft es ist, von der wir die Theorie des Beweises erwarten. + +Das berechtigt uns zu der Annahme, daß im Sinne des Aristoteles die +Syllogistik und Logik ihre einzige Aufgabe an dem wissenschaftlichen +Beweise hat, sofern sie letzthin darauf abzielt, uns die Weise zu +lehren, wie wir etwas durch geordnetes Denken aus seinen Gründen +ableiten. + +Demnach sagen wir, daß die erste Analytik so gut wie die zweite der +Lehre von dem beweisenden Schluß gilt, nur in anderer Weise. + +Die erste und die zweite Analytik unterscheiden sich voneinander, +wie das auch die allgemeine Ansicht der scholastischen Kommentatoren +war, im Grunde nur dadurch, daß die erste den beweisenden Schluß nach +Seite der Form, die zweite ihn nach Seite des Inhaltes betrachtet; +die erste lehrt, wie er aus den Prämissen schließen muß, um ein +Schluß, die zweite, aus welchen Prämissen er schließen muß, um ein +wissenschaftlicher Schluß und ein Beweis im strengen Sinne des Wortes +zu sein. + +Da nun aber die Regeln für die formelle Korrektheit der Schlüsse +dieselben sind, mag es sich um einen wissenschaftlichen oder nur um +einen dialektischen Schluß handeln -- denn immer müssen die Schlußsätze +aus den Vordersätzen mit logischer Notwendigkeit hervorgehen --, so +folgt, daß die erste Analytik den Schluß im allgemeinen, die zweite +ausschließlich den wissenschaftlichen, apodiktischen Schluß behandelt. + +Ein Schluß ist wissenschaftlich, wenn seine Vordersätze nicht nur wie +immer wahr sind, sondern auch als solche, d. h. wenn sie die wahren und +ersten Gründe der Konklusion enthalten. Das, und daß es solche Schlüsse +gibt, und wie man sie findet, ist das Thema der zweiten Analytik. + +So fehlt denn der logischen Theorie zu ihrer Vollständigkeit nur +noch Eines: die Lehre von den Schlüssen mit anders gearteten +Vordersätzen, solchen, die entweder nicht gewiß wahr sind, sondern +nur wahrscheinlich, oder wenn auch wahr, doch nicht in dem Sinne, daß +sie den wahren sachlichen Grund der Konklusion enthalten. Von diesen +Schlüssen handelt die Topik. + +Die sophistischen Widerlegungen sind von ihr ein Anhang: sie behandeln +die Schlüsse, die weder formell noch inhaltlich den Forderungen +entsprechen. Die erste Analytik besteht, wie auch die zweite, aus zwei +Büchern. Das erste Buch behandelt die Errichtung der Schlüsse und hat +drei Teile, die auch zu Anfang des zweiten Buches rekapitulierend +angegeben werden. Der erste Teil enthält die Regeln für die Errichtung +der Schlüsse, der zweite gibt Anleitung für die Auffindung des +Mittelbegriffs, der dritte zeigt, wie man die formlosen Schlüsse +auf den normalen Schluß zurückführt. Das Einzelne wolle man aus den +Kapitelüberschriften und den Anmerkungen ersehen. + +Das zweite Buch betrachtet die Schlüsse, nicht wie das erste +in ihrer Entstehung, sondern wie sie fertig vorliegen, und hat +ebenfalls drei Teile. Der erste zeigt die Kraft und Tragweite des +Schlusses, der zweite handelt von den Mängeln und Schwächen, die +die verschiedenen Schlüsse und Beweismethoden haben können, der +dritte zeigt abschließend, wie jedes andere Begründungsverfahren, +um wissenschaftliche Bedeutung zu haben, sich auf den Schluß muß +zurückführen lassen. + +Bei der vorliegenden Arbeit habe ich außer der Übersetzung von Bender +und von v. Kirchmann das Organon von Waitz und die Syllogistik des +Aristoteles von Heinrich Maier zu Rate gezogen und benutzt, von älteren +Werken in weitgehender Weise Silvester Maurus. Über die allgemeine +Frage, von welchem erkenntnistheoretischen Standpunkte die Logik +des Aristoteles verfaßt ist, und ob dieser Standpunkt ihren Wert +beeinträchtige, eine Frage, in der ich mit Maier nicht eines Sinnes +bin, werde ich mich vielleicht in der Einleitung zur zweiten Analytik +aussprechen. + + +Köln-Lindenthal+, Juni 1921. + + Rolfes. + + + + +Inhaltsverzeichnis + + + +Erstes Buch.+ + + Seite + + Kapitel 1. Aufgabe der Analytik. -- Definitionen: Satz, + Begriff, Schluß. Was heißt es, daß etwas in + etwas als Ganzem ist? 1 + + Kapitel 2. Umkehrung der Sätze 3 + + Kapitel 3. Umkehrung der Sätze je nach ihrer Modalität 4 + + Kapitel 4. Regeln für die Errichtung der Schlüsse in der + ersten Figur 6 + + Kapitel 5. Regeln für die Errichtung der Schlüsse in der + zweiten Figur 9 + + Kapitel 6. Regeln für die Errichtung der Schlüsse in der + dritten Figur 13 + + Kapitel 7. Schlüsse durch Umkehrung in allen Figuren. + Verhältnis der drei Schlußfiguren zueinander 16 + + Kapitel 8. Errichtung der Schlüsse aus modalen Prämissen, + zunächst aus notwendigen Prämissen 18 + + Kapitel 9. Schlüsse aus einer notwendigen und einer einfach + ausgesagten Prämisse, zunächst in der ersten Figur 19 + + Kapitel 10. Schlüsse aus solchen gemischten Prämissen in der + zweiten Figur 20 + + Kapitel 11. Schlüsse in der dritten Figur 22 + + Kapitel 12. Korollarien 25 + + Kapitel 13. Schlüsse aus kontingenten Prämissen. Vorläufiges. + Was heißt kontingent? Besondere Regeln für die + Umkehrung kontingenter Sätze 25 + + Kapitel 14. Errichtung der Schlüsse aus kontingenten Prämissen + in der ersten Figur, wenn beide Prämissen + kontingent sind 28 + + Kapitel 15. Schlüsse in der ersten Figur aus einer kontingenten + und einer einfach ausgesagten Prämisse 30 + + Kapitel 16. Schlüsse in der ersten Figur aus einer kontingenten + und einer notwendigen Prämisse 36 + + Kapitel 17. Errichtung der Schlüsse aus kontingenten Prämissen + in der zweiten Figur, wenn beide Prämissen + kontingent sind 39 + + Kapitel 18. Schlüsse in der zweiten Figur aus einer kontingenten + und einer einfach ausgesagten Prämisse 42 + + Kapitel 19. Schlüsse in der zweiten Figur aus einer kontingenten + und einer notwendigen Prämisse 44 + + Kapitel 20. Errichtung der Schlüsse aus kontingenten Prämissen + in der dritten Figur, wenn beide Prämissen + kontingent sind 46 + + Kapitel 21. Schlüsse in der dritten Figur aus einer kontingenten + und einer einfach ausgesagten Prämisse 48 + + Kapitel 22. Schlüsse in der dritten Figur aus einer kontingenten + und einer notwendigen Prämisse 49 + + Kapitel 23. Zurückführung aller Schlüsse auf die drei angegebenen + Figuren und weiterhin auf die erste Figur und die + allgemeinen Schlüsse in ihr 51 + + Kapitel 24. Jeder Schluß muß eine bejahende und eine allgemeine + Prämisse haben 54 + + Kapitel 25. Jeder Schluß hat drei Begriffe und zwei Prämissen 55 + + Kapitel 26. Welche Schlußsätze schwer und welche leicht + zu gewinnen sind 58 + + Kapitel 27. Auffindung des Mittelbegriffs. -- Vorläufiges 59 + + Kapitel 28. Auffindung des Mittelbegriffs je nach der Quantität + und Qualität der Schlußsätze 62 + + Kapitel 29. Auffindung des Mittelbegriffs für apagogische, + hypothetische und modale Schlüsse 66 + + Kapitel 30. Rückblick. Bedeutung der syllogistischen Regeln + für die Wissenschaft! Wie man die obersten + Grundsätze der einzelnen Wissenschaften findet 69 + + Kapitel 31. Die Einteilung kann den Syllogismus nicht ersetzen 70 + + Kapitel 32. Zurückführung formloser Begründungen auf die + strenge syllogistische Form. Regeln für dieses + Verfahren. Fehler, die bei demselben in bezug + auf die Prämissen vorkommen 72 + + Kapitel 33. Weitere Fehler, die bei dem Reduktionsverfahren + in bezug auf die Prämissen vorkommen 74 + + Kapitel 34. Fehler bei der Exposition oder dem Ansatz der + Begriffe. Man darf nicht die Zustände statt der + Subjekte setzen 75 + + Kapitel 35. Weitere Fehler bei der Exposition. Man darf + nicht immer als Terminus ein einzelnes Wort + fordern 76 + + Kapitel 36. Man darf nicht übersehen, daß die grammatische + Form der Begriffe nicht immer dieselbe ist 77 + + Kapitel 37. Auch die Weise, wie ein Begriff dem anderen + zukommt, ist nicht immer dieselbe. Ankündigung + der verschiedenen Weisen 79 + + Kapitel 38. Die Reduplikation und wie man dabei die + Begriffe ansetzen muß 79 + + Kapitel 39. Man muß, besonders bei der Reduplikation, + auf Deutlichkeit und Kürze sehen und darum + zuweilen einen weniger klaren Begriff durch + einen klareren ersetzen 80 + + Kapitel 40. Man darf die Begriffe nicht vertauschen, wenn + durch die Vertauschung das Wesen zur Eigenschaft + oder die Eigenschaft zum Wesen wird 81 + + Kapitel 41. Es ist auch nicht dasselbe, wenn A allem zukommt, + dem B zukommt, und allem, dem B nach dessen ganzem + Umfang zukommt. Auch das muß bei dem Ansatz der + Begriffe berücksichtigt werden. Die Bezeichnung + der Begriffe durch Buchstaben geschieht nur im + didaktischen Interesse, um das Verständnis durch die + Anschauung zu erleichtern 81 + + Kapitel 42. Ein Begriff kann dem anderen auch erst auf + Grund einer Verbindung von Syllogismen zugesprochen + werden. Verfahren dabei 82 + + Kapitel 43. Wenn ein Teil einer Definition angefochten + wird, setze man bei der Widerlegung nur den + Teil als Terminus 82 + + Kapitel 44. Bei den hypothetischen und apagogischen + Schlüssen gibt es keine Reduktion 83 + + Kapitel 45. Es gibt eine Reduktion auch bei formgerechten + Schlüssen; die Reduktion auf eine andere Figur. + Wann und wie sie möglich ist 84 + + Kapitel 46. Anhang. Unbestimmte Bejahungen und bestimmte + Verneinungen. Antecedens und Consequens. Folgerungen + bei Bejahung oder Verneinung des Antecedens oder + des Consequens. Ein Einwurf 87 + + + +Zweites Buch.+ + + Kapitel 1. Kraft und Tragweite der Schlüsse. Ein und derselbe + Schluß kann mehrere Schlußsätze ergeben 92 + + Kapitel 2. Auch ein Schluß aus falschen Prämissen kann + Wahres ergeben. Beweis dessen für Schlüsse + der 1. Figur 94 + + Kapitel 3. Beweis für Schlüsse der 2. Figur 100 + + Kapitel 4. Beweis für Schlüsse der 3. Figur 102 + + Kapitel 5. Die Tragweite der Schlüsse zeigt sich auch in + dem Zirkelbeweis. Der Zirkelbeweis in der 1. Figur 106 + + Kapitel 6. Der Zirkelbeweis in der 2. Figur 108 + + Kapitel 7. Der Zirkelbeweis in der 3. Figur 109 + + Kapitel 8. Die Tragweite der Schlüsse zeigt sich ebenso + in ihrer Umkehrung. Umkehrung der Schlüsse + in der 1. Figur 111 + + Kapitel 9. Umkehrung der Schlüsse in der 2. Figur 113 + + Kapitel 10. Umkehrung der Schlüsse in der 3. Figur 114 + + Kapitel 11. Der apagogische oder indirekte Beweis, als + Analogon der Umkehrung des Schlusses, zunächst + in der 1. Figur 116 + + Kapitel 12. Der apagogische Beweis in der 2. Figur 120 + + Kapitel 13. Der apagogische Beweis in der 3. Figur 121 + + Kapitel 14. Zurückführung der apagogischen und der + direkten Beweise aufeinander 122 + + Kapitel 15. Schlüsse aus entgegengesetzten Prämissen 124 + + Kapitel 16. Mängel und Schwächen der Schlüsse. Die + petitio principii bei dem apodiktischen und + dem dialektischen Beweisverfahren 128 + + Kapitel 17. Die verfehlte Zurückführung eines falsum bei + apagogischen Schlüssen 130 + + Kapitel 18. Falsches folgt immer nur aus Falschem 132 + + Kapitel 19. Praktische Winke, wie man dialektisch einer + Niederlage vorbeugen und die eigene Sache + zum Siege führen soll 133 + + Kapitel 20. Wann ist eine Widerlegung möglich? 134 + + Kapitel 21. Wie kann sich sachlich Falsches und Widersprechendes + in die Prämissen einschleichen? 134 + + Kapitel 22. Übergang zum dritten Teil. Gewinnung neuer + Sätze, als Ziel der folgenden Begründungsmethoden, + die sämtlich auf den Syllogismus zurückgeführt + werden können 138 + + Kapitel 23. Die Induktion oder Ableitung des Allgemeinen + aus dem Einzelnen der Erfahrung als Mittel + zur Gewinnung der Prinzipien 140 + + Kapitel 24. Das Paradeigma oder Beispiel als Mittel zur + Bildung eines theoretischen und praktischen + Urteils 141 + + Kapitel 25. Die Abduktion oder Umbiegung der Vordersätze + als Mittel, um einen neuen Satz wenigstens + annähernd zu gewinnen 142 + + Kapitel 26. Die Enstasis oder Einwendung als Gewinnung + eines Satzes, der der Konklusion widerspricht 143 + + Kapitel 27. Das Enthymema oder der rhetorische Schluß und + der physiognomische Schluß zur Gewinnung von + Sätzen, die oft nur wahrscheinlich sind 145 + + + + +Erstes Buch. + + +Erstes Kapitel. + +[Sidenote: 24 a 10] + +Zuerst müssen wir angeben, welchem Gegenstande die Untersuchung gilt +und wessen Sache es ist, daß sie nämlich dem Beweise gilt und Sache der +beweisenden Wissenschaft ist; dann müssen wir bestimmen, was ein Satz +ist, was ein Begriff und was ein Schluß, und welcher Schluß vollkommen +und welcher unvollkommen ist; hernach, was es heißt, daß dieses in +diesem als Ganzem ist oder nicht ist, und was wir damit meinen, wenn +wir sagen, daß etwas von jedem oder von keinem ausgesagt wird. + +Ein Satz ist eine Rede, die etwas von etwas bejaht oder verneint. Sie +ist entweder allgemein oder partikulär oder unbestimmt. Allgemein +nenne ich sie, wenn etwas jedem oder keinem zukommt, partikulär, +wenn es irgendeinem oder irgendeinem nicht oder nicht jedem zukommt, +unbestimmt, wenn die Rede etwas zukommen oder nicht zukommen läßt ohne +den Zusatz allgemein oder partikulär (so daß sie es unbestimmt läßt, in +welcher von beiden Weisen es zu nehmen ist), wie z. B. in dem Satz: das +Konträre fällt unter dieselbe Wissenschaft, oder: die Lust ist kein Gut. + +[Sidenote: 24 b 10] + +Der apodiktische Satz (Prämisse oder Vordersatz in dem +wissenschaftlichen Beweis, Apodeixis) unterscheidet sich von dem +dialektischen (Vordersatz in Disputationen) dadurch, daß der +apodiktische Satz die Annahme des einen Gliedes des Widerspruchs ist +-- denn der Beweisende fragt nach ihm nicht, sondern nimmt ihn an +--, während der dialektische Satz die Frage stellt (und beantwortet), +ob das eine oder das andere Glied des Widerspruchs gelten soll. Das +kann aber für die Weise, wie der Schluß in beiden Fällen zustande +kommt, keinen Unterschied machen; denn der Beweisende wie der Fragende +schließt auf Grund der Annahme, daß eines dem anderen zukommt oder +nicht zukommt. So wird denn ein syllogistischer Satz (Vordersatz in +einem Schluß) überhaupt die Bejahung oder Verneinung eines Dinges von +einem anderen nach der angegebenen Weise sein; apodiktisch aber ist ein +solcher Satz, wenn er wahr und aus den obersten Prinzipien abgeleitet +ist, und als dialektischer Satz tritt er auf, einmal, wenn man den +Gegner ausholt, als Frage nach dem einen oder dem anderen Gliede des +Widerspruchs, und dann auch, wenn man schließt, als Annahme dessen, +was ein Ansehen hat und wahrscheinlich ist, wie in der Topik (I, 10) +erklärt wurde. + +Was also ein Satz ist und wie sich der syllogistische, apodiktische +und dialektische Satz unterscheidet, wird in der Folge ausführlich +erklärt werden; soweit es hier nötig ist, genügen uns die vorliegenden +Bestimmungen. + +Begriff (lat. terminus) nenne ich die Bestandteile, in die der Satz als +in Prädikat und Subjekt der Prädizierung sich auflöst, mag nun das Sein +bei der Bejahung hinzugesetzt oder bei der Verneinung, wo es Nichtsein +wird, ausgeschieden werden[1]. + +Ein Schluß ist eine Rede, in der, wenn etwas gesetzt wird, etwas von +dem Gesetzten Verschiedenes notwendig dadurch folgt, daß dieses ist. +Mit dem Ausdruck: dadurch, daß dieses ist, meine ich, daß die Folge +seinetwegen eintritt, und damit, daß sie seinetwegen eintritt, daß es +sonst keines, von außen zu nehmenden Begriffes bedarf, damit sich ihre +Notwendigkeit ergibt. + +Vollkommen nenne ich einen Schluß, der, damit seine Notwendigkeit +einleuchtet, außer den Voraussetzungen keiner weiteren Bestimmung +bedarf, unvollkommen einen solchen, der noch einer oder mehrerer +weiteren Bestimmungen bedarf, die zwar wegen der zugrunde liegenden +Begriffe notwendig gelten, aber nicht in den Vordersätzen enthalten +sind. + +Daß das eine in einem anderen als Ganzem ist, und daß das eine von +jedem anderen ausgesagt wird, bedeutet dasselbe. Wir sagen aber, +daß etwas von jedem ausgesagt wird, wenn sich keines von allen +Einzeldingen, die unter das Subjekt fallen, namhaft machen läßt, von +dem das andere nicht gelten würde. Dieselbe Bewandtnis hat es mit dem +Ausdruck: von keinem ausgesagt werden. + + +Zweites Kapitel. + +[Sidenote: 25 a 1] + +Da jeder Satz entweder das (tatsächliche) Sein oder das Sein-Können +oder das Sein-Müssen zum Inhalte hat, und da ferner von den Sätzen die +einen nach der jeweiligen Modalität bejahende, die anderen verneinende +sind, und da wieder von den bejahenden und verneinenden Sätzen die +einen allgemeine, die anderen partikuläre und noch andere unbestimmte +sind, so muß der das tatsächliche Sein allgemein verneinende Satz +in seinen Begriffen konvertibel sein (sich umkehren lassen); z. B. +wenn keine Lust ein Gut ist, wird auch kein Gut eine Lust sein. Der +bejahende Satz muß zwar konvertibel sein, doch nicht so, daß ein +allgemeiner, sondern so, daß ein partikulärer Satz herauskommt, z. B. +wenn jede Lust ein Gut ist, muß auch irgendein Gut eine Lust sein. +Von den partikulären Sätzen aber muß zwar der bejahende sich in einen +partikulären umkehren lassen -- denn wenn irgendeine Lust ein Gut ist, +wird auch irgendein Gut eine Lust sein --, der verneinende aber nicht; +denn wenn Mensch irgendeinem sinnlichen Geschöpf nicht zukommt, braucht +deshalb nicht zu gelten, daß auch sinnliches Geschöpf irgendeinem +Menschen nicht zukommt. + +Zunächst soll der Satz AB allgemein verneinend sein. Wenn nun A keinem +B zukommt, kann auch B keinem A zukommen. Denn käme es einem zu, z. B. +dem C, so wäre es nicht wahr, daß A keinem B zukommt. Denn C wird dann +ein B sein. + +Wenn aber A jedem B zukommt, kommt auch B irgendeinem A zu. Denn wenn +es keinem zukäme, käme auch A keinem B zu. Es wurde aber vorausgesetzt, +daß es jedem zukommt. + +Ebenso ist es, wenn der Satz partikulär ist. Wenn A einem B zukommt, +muß auch B einem A zukommen. Denn wenn es keinem zukäme, würde auch A +keinem B zukommen. + +Wenn aber A einem B nicht zukommt, braucht nicht auch B einem A nicht +zuzukommen, z. B. wenn B Sinnenwesen und A Mensch ist. Denn Mensch +kommt nicht jedem Sinnenwesen zu, Sinnenwesen aber jedem Menschen. + + +Drittes Kapitel. + +Auf dieselbe Weise muß es sich mit den notwendigen Sätzen verhalten. +Der allgemein verneinende Satz ist da allgemein konvertibel, die beiden +bejahenden sind es partikulär. Denn wenn A notwendig keinem B zukommt, +kommt auch B notwendig keinem A zu. Denn kann es einem zukommen, dann +kann es auch A einem B. Wenn aber A notwendig jedem B oder irgendeinem +B zukommt, kommt auch B notwendig einem A zu. Denn wenn es ihm nicht +notwendig zukommt, kommt auch A nicht notwendig einem B zu. Der +partikulär verneinende Satz aber ist nicht konvertibel aus eben dem +Grunde, den wir zuvor angegeben haben. + +[Sidenote: 25 b 1] + +Bei den kontingenten (eine Möglichkeit aussprechenden) Sätzen muß man +unterscheiden, da man von kontingent in vielfachem Sinne spricht. Denn +wir nennen in gleicher Weise das Notwendige kontingent, das nicht +Notwendige und das Mögliche[2]. Bei den bejahenden Sätzen also verhält +es sich hier bezüglich der Konvertibilität mit allen auf gleiche Weise. +Wenn A jedem oder irgendeinem B zukommen kann, kann es auch B einem A. +Denn wenn es keinem A zukommen kann, kann auch A keinem B zukommen; +wir haben uns ja schon zuvor dieses Beweises bedient. + +Bei den verneinenden Sätzen aber ist es nicht ebenso, vielmehr findet +sich bei allem, was in dem Sinne nicht kontingent ist, daß es einem +Subjekt entweder notwendig nicht zukommt oder nicht notwendig zukommt, +die gleiche Weise; wie wenn man z. B. sagte, es sei kontingent, daß +der Mensch kein Pferd sei und daß das Weiße keinem Kleide zukomme. +Hier kommt das eine einem Subjekt notwendig nicht, das andere ihm +nicht notwendig zu, und der Satz ist in gleicher Weise konvertibel. +Denn wenn das Prädikat Pferd keinem Menschen zukommen mag, mag auch +das Prädikat Mensch keinem Pferde zukommen, und wenn weiß keinem +Kleide zukommen mag, mag auch Kleid keinem Weißen zukommen. Denn wenn +Kleid einem Weißen notwendig zukäme, müßte auch weiß notwendig einem +Kleide zukommen. Das haben wir ja vorhin gezeigt. Dasselbe gilt von +dem partikulär verneinenden Satz. Was dagegen, sofern es meistenteils +geschieht oder auf natürlicher Anlage beruht, kontingent heißt, +entsprechend unserer Einteilung des Kontingenten[3], solches kann sich +nicht bei allen negativen Umkehrungen auf die gleiche Weise verhalten, +sondern der allgemein verneinende Satz läßt sich nicht umkehren, +dagegen wohl der partikulär verneinende Satz, wie klar werden wird, +wenn wir von dem Kontingenten handeln (vgl. K. 13). Jetzt aber soll für +uns außer dem Gesagten noch so viel feststehen, daß die Aussage: es ist +möglich, daß etwas keinem zukommt oder einem nicht zukommt, bejahende +Form hat. Denn der Terminus: es ist möglich, steht auf einer Linie mit +dem Terminus: es ist; das: „es ist“ bewirkt aber für dasjenige, bei dem +es steht, immer und durchaus Bejahung, wie z. B. die Aussage: es ist +nichtgut, oder: es ist nichtweiß, oder überhaupt: es ist nichtdieses, +Bejahung ist. Auch dieses soll im Folgenden (vgl. K. 46) gezeigt +werden. Bezüglich der Umkehrung aber wird es mit diesen Sätzen ebenso +sein wie mit den anderen bejahenden Sätzen. + + +Viertes Kapitel. + +Nach diesen Bestimmungen geben wir nunmehr an, wodurch und wann und +wie ein Schluß zustande kommt; hernach wollen wir vom Beweis handeln. +Vom Schluß müssen wir deshalb früher handeln als vom Beweis, weil der +Schluß das Allgemeinere ist. Denn der Beweis ist zwar ein Schluß, aber +nicht jeder Schluß ist ein Beweis. + +Wenn sich also drei Begriffe zueinander so verhalten, daß der letzte +(der Unterbegriff) in dem mittleren als Ganzem ist, und der mittlere in +dem ersten (dem Oberbegriff) als Ganzem entweder ist oder nicht ist, so +ergibt sich notwendig für die Außenbegriffe ein vollkommener Schluß[4]. + +Mittleren Begriff, Mittelbegriff (terminus medius), nenne ich +denjenigen Begriff, der gleichzeitig in einem anderen ist und einen +anderen in sich begreift -- der auch durch seine Stellung der mittlere +wird. Außenbegriffe, äußere Begriffe (termini extremi), nenne ich +erstens den, der selbst in einem anderen ist, und zweitens den, in dem +ein anderer ist. + +Denn wenn A von jedem B und B von jedem C ausgesagt wird, muß A von +jedem C ausgesagt werden; wir haben ja vorhin (K. 1) angegeben, wie wir +das „von jedem“ verstehen[5]. + +[Sidenote: 26 a] + +Ebenso kann, wenn A von keinem B, aber B von jedem C ausgesagt wird, A +keinem B zukommen[6]. + +Wenn aber das Erste zwar jedem Mittleren, das Mittlere aber keinem +Letzten zukommt, so kann es keinen Schluß für die Außenbegriffe geben. +Denn daraus, daß es so ist, folgt nichts mit Notwendigkeit. Denn das +Erste kann ebensogut jedem, wie keinem Letzten zukommen, so daß weder +das Partikuläre noch das Allgemeine sich als notwendig herausstellt. +Da aber keine Notwendigkeit vorliegt, so kann es keinen Schluß aus +den fraglichen Daten geben. Begriffe für jedem zukommen: Sinnenwesen, +Mensch, Pferd; für keinem: Sinnenwesen, Mensch, Stein[7]. + +Aber auch, wenn weder das Erste irgendeinem Mittleren, noch das +Mittlere irgendeinem Letzten zukommt, kann es keinen Schluß geben. +Begriffe für Zukommen: Wissenschaft, Linie, Heilkunst; für nicht +Zukommen: Wissenschaft, Linie, Einheit[8]. + +Man sieht also, wann es in dieser Figur[9], falls die Begriffe +allgemein sind, einen Schluß gibt und wann nicht, und daß, wenn es +einen Schluß gibt, die Begriffe sich in der angegebenen Weise verhalten +müssen und umgekehrt, wenn sie sich in dieser Weise verhalten, es einen +Schluß gibt. + +Wenn aber ein Begriff sich allgemein und ein Begriff sich partikulär +zu dem anderen verhält, so ergibt sich, falls das Allgemeine zu +dem Oberbegriff gesetzt wird, entweder bejahend oder verneinend, +das Partikuläre aber zu dem Unterbegriff bejahend, notwendig ein +vollkommener Schluß. Wenn aber das Allgemeine zu dem Unterbegriff +gesetzt wird oder die Begriffe sich anders verhalten, kann sich +unmöglich ein Schluß ergeben. Oberbegriff nenne ich das, worin das +Mittlere ist, Unterbegriff das, was unter dem Mittleren steht. + +Es soll nämlich A jedem B und B einem C zukommen. Mithin muß, wenn +der Ausdruck: von jedem ausgesagt werden, das bezeichnet, was wir zu +Anfang angegeben haben, A einem C zukommen. Und wenn A keinem B und +B einem C zukommt, kommt A einem C notwendig nicht zu. Wir haben ja +auch angegeben, wie wir den Ausdruck: von keinem ausgesagt werden, +verstehen. Es wird also ein vollkommener Schluß herauskommen[10]. +Ebenso auch, wenn BC unbestimmt und bejahend wäre: es muß, wenn BC +unbestimmt genommen wird, derselbe Schluß herauskommen, wie wenn es +partikulär genommen wird[11]. + +Wenn aber das Allgemeine, entweder bejahend oder verneinend, zu dem +Unterbegriff gesetzt wird, so wird sich kein Schluß ergeben, mag der +andere Satz bejahend oder verneinend, unbestimmt oder partikulär +sein. A soll z. B. einem B zukommen oder nicht zukommen und B jedem +C zukommen. Begriffe für Zukommen sind: Gut, Habitus, Klugheit, für +Nichtzukommen: Gut, Habitus, Ungeschicktheit[12]. + +Wiederum, auch dann erhalten wir keinen Schluß, wenn B keinem C zukommt +und A einem B entweder zukommt oder nicht zukommt oder nicht jedem B +zukommt. Begriffe: weiß, Pferd, Schwan; weiß, Pferd, Rabe. Dieselben +Begriffe mögen genommen werden, wenn AB unbestimmt ist[13]. + +[Sidenote: 26 b] + +Auch wenn der Satz mit dem Oberbegriff allgemein bejahend oder +verneinend, aber der Satz mit dem Unterbegriff partikulär verneinend +ist, kann es keinen Schluß geben, mag der Unterbegriff unbestimmt oder +partikulär gefaßt sein; z. B. wenn A jedem B zukommt, B aber einem +bestimmten C nicht, oder wenn es nicht jedem C zukommt. Denn wenn einem +das Mittlere nicht zukommt, so wird das Erste sowohl jedem, wie keinem +zu ihm Gehörigen folgen. Es sollen nämlich die Begriffe Sinnenwesen, +Mensch, weiß vorausgesetzt werden. Sodann soll auch als Weißes, von +dem Mensch nicht ausgesagt wird, Schwan und Schnee genommen werden. +Nun wird Sinnenwesen bei dem einen (Schwan) von allem ausgesagt, bei +dem anderen (Schnee) von keinem, so daß also kein Schluß zustande +kommt[14]. Wiederum, A soll keinem B zukommen, B aber einem C nicht +zukommen, und die Begriffe sollen sein: unbeseelt, Mensch, weiß; sodann +sollen als ein Weißes, wovon Mensch nicht ausgesagt wird, Schwan und +Schnee genommen werden. Denn unbeseelt wird bei dem einen (Schnee) von +allem, bei dem anderen (Schwan) von keinem ausgesagt[15]. + +Ferner, da es unbestimmt gesagt ist, wenn B einem C nicht zukommen +soll, der Satz aber, daß es einem nicht zukommt, wahrheitsgemäß +aufgestellt wird, mag es nun keinem oder mag es nicht jedem zukommen, +und da sich, wenn man die Begriffe so nimmt, daß es keinem zukommt, +kein Schluß ergibt -- denn das ist vorhin gesagt worden --, so kommt +offenbar dadurch, daß die Begriffe sich so verhalten, kein Schluß +zustande. Denn sonst müßte es auch dort der Fall sein. Ebenso wird +dies gezeigt werden, wenn das Allgemeine verneinend gesetzt wird[16]. + +Auch wenn beide Sätze partikulär sind, entweder bejahend oder +verneinend, oder der eine bejahend, der andere verneinend, oder der +eine unbestimmt, der andere bestimmt, oder beide unbestimmt, kommt ganz +und gar kein Schluß heraus. Gemeinsame Begriffe für alle diese Fälle +sind: Sinnenwesen, weiß, Pferd; Sinnenwesen, weiß, Stein[17]. + +Aus dem Gesagten sieht man also, daß wenn in dieser Figur ein +partikulärer Schluß stattfindet, die Begriffe sich in der angegebenen +Weise verhalten müssen. Denn wenn sie sich anders verhalten, gibt es +keinerlei Schluß. Auch sieht man, daß alle Schlüsse in dieser Figur +vollkommen sind; denn alle werden durch das zu Anfang Angenommene +vollendet; endlich, daß durch diese Figur alle Probleme, d. h. alle +Sätze, nach denen man fragen kann, bewiesen werden: daß etwas jedem +und daß es keinem zukommt, daß es einem zukommt und daß es einem nicht +zukommt[18]. Eine solche Schlußfigur nenne ich die erste. + + +Fünftes Kapitel. + +[Sidenote: 27 a] + +Wenn aber das Selbige bei dem einen jedem, bei dem anderen aber +keinem zukommt, oder bei beiden jedem oder keinem, so nenne ich diese +Figur die zweite; als Mittelbegriff bezeichne ich in ihr das von +beiden Ausgesagte, als Außenbegriffe das, wovon es ausgesagt wird: +als Oberbegriff das, was zunächst bei dem Mittelbegriff steht, als +Unterbegriff das, was weiter vom Mittelbegriff entfernt ist. Es steht +aber der Mittelbegriff außerhalb der Außenbegriffe und ist der Stellung +nach der erste[19]. Einen vollkommenen Schluß nun gibt es in dieser +Figur gar nicht. Es wird aber ein Schluß möglich sein, sowohl wenn die +Begriffe allgemein, als auch wenn sie nicht allgemein sind. + +Sind sie allgemein, so wird ein Schluß entstehen, wenn der +Mittelbegriff dem einen der anderen Begriffe allgemein, dem anderen +gar nicht zukommt, mag nun die Verneinung mit dem einen oder mit dem +anderen verbunden sein; sonst auf keine Weise. Es werde nämlich M +von keinem N, aber von allen X ausgesagt. Da sich nun die Verneinung +umkehren läßt, wird N keinem M zukommen, M aber kam nach der +Voraussetzung allen X zu; also N keinem X; das ist ja vorhin gezeigt +worden[20]. + +Wiederum, wenn M allem N, aber keinem X zukommt, wird auch X keinem N +zukommen. Denn wenn M keinem X zukommt, wird auch X keinem M zukommen. +M kam aber nach der Voraussetzung allem N zu. Mithin wird X keinem N +zukommen. Denn es ist wieder die erste Figur geworden. Da aber die +Verneinung sich umkehren läßt, wird auch N keinem X zukommen. Es wird +also derselbe Schluß sein[21]. + +Man kann das auch so zeigen, daß man die entgegengesetzte Annahme als +unmöglich erweist. + +Es ist also klar, daß wo die Begriffe sich so verhalten, ein Schluß +zustande kommt, aber kein vollkommener. Denn die Notwendigkeit wird +hier nicht ausschließlich aus den ursprünglich gegebenen, sondern noch +aus anderen Stücken erhärtet. + +Wenn aber M von allem N und X ausgesagt wird, kann sich kein Schluß +ergeben. Begriffe für Zukommen sind Substanz, Sinnenwesen, Mensch, für +Nichtzukommen Substanz, Sinnenwesen, Zahl, Mittelbegriff Substanz[22]. + +Auch dann gewinnt man keinen Schluß, wenn M weder von einem N, noch von +einem X ausgesagt wird. Begriffe für Zukommen sind Linie, Sinnenwesen +Mensch, für Nichtzukommen Linie, Sinnenwesen Stein[23]. + +Man sieht also, daß die Begriffe, wenn sie allgemein sind und ein +Schluß möglich ist, sich so, wie anfangs gesagt, verhalten müssen; denn +wenn sie sich anders verhalten, ergibt sich keine Notwendigkeit. + +Verhält sich aber der Mittelbegriff zu dem einen der beiden anderen +Begriffe allgemein und wird er allgemein zu dem Oberbegriff gesetzt, +bejahend oder verneinend, zu dem Unterbegriff aber in partikulärer und +dem Allgemeinen entgegengesetzter Weise -- ich nenne entgegengesetzt, +wenn das Allgemeine verneinend ist, das partikulär Bejahende, und wenn +das Allgemeine bejahend ist, das partikulär Verneinende --, so muß +ein partikulär verneinender Schluß herauskommen. Denn wenn M keinem N +und einem X zukommt, so kommt N einem X notwendig nicht zu. Denn da +die Verneinung sich umkehren läßt, wird N keinem M zukommen. M kam +aber nach der Voraussetzung einem X zu. So wird denn N einem X nicht +zukommen. Denn es kommt ein Schluß durch die erste Figur zustande[24]. + +[Sidenote: 27 b] + +Wiederum, wenn M jedem N zukommt und einem X nicht zukommt, muß N einem +X nicht zukommen. Denn wenn es jedem zukommt und auch M von jedem N +ausgesagt wird, muß M jedem X zukommen. Es wurde aber angenommen, daß +es einem nicht zukommt[25]. Und wenn M jedem N zukommt, aber nicht +jedem X, wird sich der Schluß ergeben, daß N nicht jedem X zukommt. Der +Beweis aber ist derselbe[26]. + +Wenn es aber von jedem X, aber nicht von jedem N ausgesagt wird, kommt +kein Schluß zustande. Die Begriffe: Sinnenwesen, Substanz, Rabe; +Sinnenwesen, weiß, Rabe[27]. + +Auch wenn es von keinem X und von einem N ausgesagt wird. Begriffe für +Zukommen: Sinnenwesen, Substanz, Monas, für Nichtzukommen: Sinnenwesen, +Substanz, Wissenschaft[28]. + +Damit wäre denn für den Fall, daß das Allgemeine dem Partikulären +entgegengesetzt ist, angegeben, wann ein Schluß zustande kommt und wann +nicht; falls aber die Vordersätze von gleicher Qualität sind, also +beide verneinend oder bejahend, kommt kein Schluß zustande. + +Denn es sollen zuerst beide Sätze verneinend sein und die allgemeine +Aussage mit dem Oberbegriff verbunden werden; also M soll keinem N +zukommen und einem X nicht zukommen. Dann kann N jedem und keinem X +zukommen. Begriffe für Nichtzukommen: schwarz, Schnee, Sinnenwesen. +Begriffe für jedem Zukommen lassen sich nicht angeben, wenn M einem +X zukommt und einem X nicht zukommt. Denn wenn N jedem X, M aber +keinem N zukommt, wird M keinem X zukommen; aber man ging doch von der +Annahme aus, daß es einem zukommen sollte. Demnach lassen sich so keine +Begriffe angeben, sondern man muß aus dem Unbestimmten schließen. Denn +weil der Satz, daß M einem X nicht zukommt, auch dann wahr ist, wenn es +keinem zukommt, und wenn es keinem zukommt, kein Schluß sich ergab, so +kann sich offenbar auch so keiner ergeben[29]. + +Wiederum, die beiden Vordersätze sollen bejahend sein und die +allgemeine Aussage ebenso verbunden werden wie vorhin, so daß also M +jedem N und einem X zukommt. Dann kann N jedem und keinem X zukommen. +Begriffe für keinem Zukommen: weiß, Schwan, Stein. Begriffe für jedem +Zukommen lassen sich nicht ausfindig machen, aus demselben Grunde wie +vorhin, sondern man muß aus der Unbestimmtheit schließen[30]. + +Wenn aber die allgemeine Aussage mit dem Unterbegriff verbunden wird +und dann M keinem X zukommt und einem N nicht zukommt, so kann N jedem +und keinem X zukommen. Begriffe für Zukommen: weiß, Sinnenwesen, Rabe, +für Nichtzukommen: weiß, Stein, Rabe[31]. + +Wenn endlich die Vordersätze bejahend sind, sollen Begriffe für +Nichtzukommen sein: weiß, Sinnenwesen, Schnee, für Zukommen: weiß, +Sinnenwesen, Schwan[32]. + +Man sieht also: wenn die Sätze dieselbe Qualität haben und der eine +Satz allgemein, der andere partikulär ist, so kommt kein Schluß +zustande. + +Aber auch dann nicht, wenn das gemeinsame Prädikat je einem einzelnen +unter die beiden anderen Begriffe Fallenden zukommt oder nicht zukommt, +oder es bei dem einen so ist, bei dem anderen nicht, oder es keinem +nach seinem ganzen Umfange zukommt, oder es unbestimmt zukommt. +Gemeinsame Begriffe für alle Fälle: weiß, Sinnenwesen, Mensch; weiß, +Sinnenwesen, unbeseelt[33]. + +[Sidenote: 28 a] + +Man sieht also aus dem Gesagten, daß, wenn sich die Begriffe zueinander +in der bezeichneten Weise verhalten, notwendig ein Schluß zustande +kommt, wie umgekehrt, daß sich die Begriffe, wenn ein Schluß zustande +kommt, notwendig so verhalten. + +Ebenso sieht man, daß alle Schlüsse in dieser Figur unvollkommen sind +-- denn sie werden alle erst vollendet, wenn man noch etwas hinzunimmt, +was entweder notwendig in den Begriffen liegt oder als Voraussetzung +steht, geradeso wie in dem Falle, daß wir etwas aus der Unmöglichkeit +erhärten --, ferner, daß es in dieser Figur keinen bejahenden Schluß +gibt, sondern lauter verneinende Schlüsse, mögen sie allgemein oder +partikulär sein. + + +Sechstes Kapitel. + +Wenn aber demselben Begriff ein zweiter für den ganzen Umfang des +ersten zukommt und ein dritter ihm ebenso nicht zukommt, oder wenn +beide ihm so zukommen oder nicht zukommen, so nenne ich eine solche +Figur die dritte. Mittelbegriff in ihr nenne ich das Subjekt oder den +Beziehungspunkt der beiden Prädikate, Außenbegriffe die Prädikate, +Oberbegriff denjenigen Begriff, der weiter von dem Mittelbegriff +entfernt ist, und Unterbegriff den, der näher bei ihm steht. Der +Mittelbegriff steht außerhalb der Außenbegriffe und hat die letzte +Stelle[34]. + +Ein vollkommener Schluß nun kommt auch in dieser Figur nicht zustande, +aber es ist ein Schluß möglich, mögen sich nun die Begriffe zu dem +Mittelbegriff allgemein oder nicht allgemein verhalten. + +Verhalten sie sich allgemein, so kann, wenn sowohl P als R jedem S +zukommt, geschlossen werden, daß P notwendig einem R zukommt. Denn da +sich der bejahende Satz umkehrt, wird S einem R zukommen. Da also P +jedem S und S einem R zukommt, muß P einem R zukommen. Denn es wird ein +Schluß in der ersten Figur[35]. + +Man kann den Beweis hierfür auch aus der Unmöglichkeit und durch +Heraushebung führen. Denn wenn beides jedem S zukommt, so wird, wenn +man ein S, etwa N nimmt, demselben sowohl P als R zukommen, und +folglich wird P einem R zukommen[36]. + +Und wenn R jedem, P aber keinem S zukommt, wird der Schluß statt haben, +daß P einem R notwendig nicht zukommt. Denn es gilt dieselbe Form des +Beweises, wenn man den Satz RS umkehrt. Dieses läßt sich auch aus der +Unmöglichkeit zeigen, wie im vorigen Falle[37]. + +Wenn aber R keinem, dagegen P jedem S zukommt, kann kein Schluß +geschehen. Begriffe für Zukommen: Sinnenwesen, Pferd, Mensch; für +Nichtzukommen: Sinnenwesen, unbeseelt, Mensch[38]. Auch wenn beide von +keinem S ausgesagt werden, kann kein Schluß geschehen. Begriffe für +Zukommen: Sinnenwesen, Pferd, unbeseelt; für Nichtzukommen: Mensch, +Pferd, unbeseelt. Mittelbegriff: unbeseelt[39]. + +[Sidenote: 28 b] + +Man sieht also auch bei dieser Figur, wann bei allgemeiner Fassung der +Begriffe ein Schluß geschehen kann und wann nicht. Sind beide Begriffe +bejahend, so findet der Schluß statt, daß der eine Außenbegriff dem +anderen teilweise zukommt. Sind sie aber verneinend, so kann es keinen +Schluß geben. Ist aber ein Begriff verneinend und einer bejahend, so +wird, falls der Oberbegriff verneinend und der andere Begriff bejahend +ist, der Schluß statt haben, daß der eine Außenbegriff dem anderen zum +Teil nicht zukommt. Ist es aber umgekehrt, so gibt es keinen Schluß. + +Wenn aber der eine sich zu dem mittleren allgemein verhält und der +andere partikulär, so muß, wenn beide bejahend sind, ein Schluß +zustande kommen, mag nun der eine oder der andere Begriff allgemein +sein. Denn wenn R jedem und P einem S zukommt, muß P einem R zukommen. +Denn da sich die Bejahung umkehrt, muß S einem P zukommen, und so muß, +da R jedem S und S einem P zukommt, auch R einem P zukommen und somit P +einem R[40]. + +Wiederum, wenn R einem und P jedem S zukommt, muß P einem R zukommen. +Denn es wird auf dieselbe Art bewiesen. Es läßt sich aber auch aus der +Unmöglichkeit und durch Heraushebung beweisen, wie in den früheren +Fällen[41]. + +Wenn aber der eine Begriff bejahend gesetzt ist, der andere verneinend +und der bejahende allgemein ausgesagt wird, so gibt es einen Schluß, +wenn der Unterbegriff bejahend ist. Denn wenn R jedem S zukommt, P aber +einem S nicht zukommt, so kommt notwendig P einem R nicht zu. Denn +kommt es jedem zu, so wird, wie R jedem S, auch P jedem S zukommen. +Aber es kam nicht jedem zu. Dieses läßt sich auch ohne Zurückführung +aufs Unmögliche zeigen, wenn man ein S nimmt, dem P nicht zukommt[42]. + +Wenn aber der Oberbegriff bejahend ist, erhält man keinen Schluß: +wenn nämlich P jedem S zukommt, aber R ein S nicht zukommt. Begriffe +für jedem Zukommen: beseelt, Mensch, Sinnenwesen; für keinem Zukommen +lassen sich keine Begriffe auffinden, wenn R einem S zukommt und einem +S nicht zukommt. Denn wenn P jedem S zukommt, R aber einem S, muß auch +P einem R zukommen; es wurde aber vorausgesetzt, daß es keinem zukommt. +Aber man muß es hiermit angehen, wie in den früheren Fällen. Denn da +der Satz, daß etwas einem nicht zukommt, unbestimmt ist, so läßt sich +auch von dem, was keinem zukommt, mit Wahrheit sagen, daß es einem +nicht zukommt. Wenn es aber keinem zukommt, gab es keinen Schluß. Man +sieht also, daß hier ein Schluß nicht möglich ist[43]. + +Wenn aber von den Begriffen der verneinende allgemein ist, so erhält +man, wenn der Oberbegriff verneinend und der Unterbegriff bejahend ist, +einen Schluß. Denn wenn P keinem und R einem S zukommt, wird P einem R +nicht zukommen. Denn es stellt sich hier wieder die erste Schlußfigur +ein, wenn man den Satz RS umkehrt[44]. + +Wenn aber der Unterbegriff verneinend ist, erhält man keinen Schluß. +Begriffe für Zukommen: Sinnenwesen, Mensch, wild; für Nichtzukommen: +Sinnenwesen, Wissenschaft, wild; Mittelbegriff in beiden Fällen: +wild[45]. + +[Sidenote: 29 a] + +Auch dann gibt es keinen Schluß, wenn beide Begriffe verneinend gesetzt +werden und der eine allgemein, der andere partikulär ist. Begriffe, +wo der Unterbegriff mit dem Mittelbegriff allgemein verbunden wird: +Sinnenwesen, Wissenschaft, wild -- Sinnenwesen, Mensch, wild; wo es der +Oberbegriff wird: für Nichtzukommen: Rabe, Schnee, weiß; für Zukommen +lassen sich keine Begriffe auffinden, wenn R einem S zukommt und einem +nicht zukommt. Denn wenn P jedem R und R einem S, wird P auch einem S +zukommen. Nach der Voraussetzung kommt es aber keinem zu. Aber man muß +die Sache aus dem Unbestimmten beweisen[46]. + +Auch gibt es noch in all den Fällen keinen Schluß, wo beide +Außenbegriffe einigem unter dem Mittelbegriff Stehenden zukommen oder +nicht zukommen, oder der eine es tut, der andere nicht, oder der +eine einigem zukommt, der andere nicht jedem, oder bei unbestimmter +Fassung. Gemeinsame Begriffe für alle Fälle: Sinnenwesen, Mensch, weiß; +Sinnenwesen, unbeseelt, weiß[47]. + +Man sieht also auch bei dieser Figur, wann ein Schluß möglich ist und +wann nicht, und daß, wenn die Begriffe sich auf die angegebene Weise +verhalten, notwendig ein Schluß stattfindet, und daß umgekehrt, wenn +ein Schluß stattfindet, die Begriffe notwendig so sich verhalten. Auch +sieht man, daß alle Schlüsse in dieser Figur unvollkommen sind -- denn +man muß immer noch etwas hinzunehmen, um sie zu vollenden --, ferner, +daß man in dieser Figur nicht auf das Allgemeine, weder verneinend noch +bejahend, schließen kann[48]. + + +Siebentes Kapitel. + +Es leuchtet aber auch ein, daß in allen Figuren, wenn kein Schluß +zustande kommt, in dem Falle, daß beide Prämissen bejahend oder +verneinend sind, sich gar keine Notwendigkeit ergibt; ist aber eine +Prämisse bejahend und eine verneinend und die verneinende allgemein, +so ergibt sich immer ein Schluß auf das Verhältnis des Unterbegriffs +zu dem Oberbegriff. Es soll z. B. A jedem oder einem B und B keinem +C zukommen. Wenn man dann die Sätze umkehrt, muß C einem A nicht +zukommen. Ebenso ist es in den anderen Figuren: immer ergibt sich durch +Umkehrung ein Schluß. Es leuchtet aber auch ein, daß das Unbestimmte, +an Stelle des partikulär Bejahenden gesetzt, in allen Figuren denselben +Schluß begründen wird[49]. + +Man sieht aber auch, daß alle unvollkommenen Schlüsse durch die erste +Figur vollendet werden. Denn alle kommen entweder durch direkten Beweis +oder durch die Unmöglichkeit zum Abschluß. Auf beide Weisen ergibt sich +aber die erste Figur: wenn man sie durch direkten Beweis vollendet, +darum, weil sie alle durch Umkehrung zu Ende geführt werden und die +Umkehrung die erste Figur ergab, und wenn man sie aus der Unmöglichkeit +beweist, darum, weil, wenn das Falsche gesetzt wird, der Schluß +durch die erste Figur geschieht. So wird z. B. in der letzten Figur +geschlossen, daß, wenn A und B jedem C zukommt, A einem B zukommt. Denn +wenn keinem, und B jedem C, dann A keinem C, aber die Voraussetzung +war: jedem C. Ebenso verfährt man aber auch in den anderen Fällen. + +[Sidenote: 29 b] + +Man kann aber auch alle Schlüsse auf die allgemeinen Schlüsse in der +ersten Figur zurückführen. + +Denn wenn sie in der zweiten Figur geschehen, werden sie offenbar +durch jene vollendet, nur nicht alle auf gleiche Weise, sondern die +allgemeinen durch Umkehrung des verneinenden Satzes, und die beiden +partikulären je durch Zurückführung aufs Unmögliche. + +Die Schlüsse in der ersten Figur aber, soweit sie partikulär sind, +werden zwar auch durch sich selbst vollendet, lassen sich aber auch +durch die zweite Figur beweisen, durch Zurückführung aufs Unmögliche. +Wenn z. B. A jedem B und B einem C zukommt, gilt der Schluß, daß A +einem C zukommt. Denn wenn keinem, B aber jedem, wird B keinem C +zukommen. Denn das wissen wir durch die zweite Figur. + +Ebenso wird der Beweis bei einem verneinenden Schluß geführt. Wenn A +keinem B und B einem C zukommt, wird A einem C nicht zukommen. Denn +wenn es jedem C und keinem B zukommt, wird B keinem C zukommen, das war +aber die mittlere Figur. + +Da also alle Schlüsse in der mittleren Figur auf die allgemeinen +Schlüsse in der ersten Figur, und die partikulären Schlüsse in der +ersten auf die Schlüsse in der mittleren zurückgeführt werden, so +werden offenbar auch die partikulären Schlüsse auf die allgemeinen +Schlüsse in der ersten Figur zurückgeführt werden. + +Hiermit ist nun, in bezug auf diejenigen Schlüsse, die ein (einfaches) +Zukommen oder Nichtzukommen ergeben, gezeigt, wie sie sich verhalten, +und dargelegt sowohl, wie die Schlüsse aus derselben Figur an sich +beschaffen sind, als auch, wie die Schlüsse aus verschiedenen Figuren +zueinander sich verhalten. + + +Achtes Kapitel. + +Da aber Zukommen, notwendig Zukommen und kontingenter, d. h. möglicher- +oder zufälligerweise Zukommen verschieden ist -- denn vieles kommt +einem zwar zu, aber nicht notwendig, und anderes kommt einem weder +notwendig noch überhaupt zu, kann aber einem zukommen --, so wird +offenbar auch in jedem dieser Fälle ein verschiedener Schluß gewonnen +werden und können die Begriffe, aus denen der Schluß besteht, sich +nicht auf gleiche Weise verhalten, sondern sie werden bald notwendig +sein, bald einander einfach zukommen, bald kontingenterweise. + +[Sidenote: 30 a] + +Mit den notwendigen Begriffen verhält es sich ungefähr ebenso wie mit +den Begriffen, die bloß tatsächlich verbunden sind. Denn wenn die +Begriffe, die einander zukommen und die einander notwendig zukommen +oder nicht zukommen, je auf gleiche Weise verknüpft werden, muß ein +Schluß stattfinden oder nicht stattfinden, nur tritt, und das ist der +einzige Unterschied, zu den Begriffen die Bestimmung hinzu, daß sie +einander notwendig zukommen oder nicht zukommen. Denn die Verneinung +wird -- beidemale gleichmäßig -- umgekehrt, und „in dem Ganzen sein“ +und „von jedem gelten“ wird hier und dort in demselben Sinne gesagt. + +Im übrigen wird nun der Schlußsatz auf dieselbe Art durch Umkehrung als +notwendig erwiesen wie bei dem einfachen Zukommen; in der mittleren +Figur dagegen, wenn das Allgemeine bejahend und das Partikuläre +verneinend ist, und wieder in der dritten Figur, wenn das Allgemeine +bejahend und das Partikuläre verneinend ist, wird der Beweis nicht +auf die gleiche Art geführt werden können, sondern man muß etwas +herausheben, dem beides nicht zukommt, und mit Bezug auf dasselbe den +Schluß ziehen; denn er wird bei solchem notwendig stattfinden; ist +er aber mit Bezug auf das Herausgehobene notwendig, dann auch mit +Bezug auf etwas, was unter dem fraglichen Begriff steht. Denn das +Herausgehobene ist jenes wesenhaft. Beide Schlüsse gehen aber durch +ihre eigentümliche Figur. + + +Neuntes Kapitel. + +Es folgt auch in bestimmten Fällen, daß, wenn nur der eine Vordersatz +notwendig ist, der Schluß es ist, aber es darf nicht ein beliebiger +Vordersatz sein, sondern nur der Obersatz, wie wenn man z. B. +annimmt, daß A dem B notwendig zukommt oder nicht zukommt und B dem +C nur einfach zukommt. Denn wenn man die Sätze so nimmt, muß A dem C +notwendig zukommen oder nicht zukommen. Denn da A jedem B notwendig +zukommt oder nicht zukommt und C ein B ist, so wird offenbar auch für C +notwendig das eine oder das andere gelten[50]. + +Wenn aber AB nicht notwendig und BC notwendig ist, wird der Schlußsatz +nicht notwendig sein. Denn wäre er es, so folgte sowohl durch die +erste wie auch durch die dritte Figur, daß A einem B notwendig zukommt. +Das ist aber falsch. Denn B kann so beschaffen sein, daß möglicherweise +A keinem B zukommt. Überdies zeigen auch die Begriffe, daß der +Schlußsatz nicht notwendig sein kann, wie wenn z. B. A Bewegung, B +Sinnenwesen, C Mensch ist. Denn Sinnenwesen ist der Mensch notwendig, +Bewegung aber hat das Sinnenwesen nicht notwendig, noch auch der +Mensch. Das gleiche gilt, wenn AB verneinend ist. Denn der Beweis +bleibt derselbe[51]. + +[Sidenote: 30 b] + +Bei partikulären Schlüssen aber wird, wenn das Allgemeine notwendig +ist, auch der Schlußsatz es sein, wenn aber das Partikuläre es ist, +so ist er es nicht, mag nun der allgemeine Vordersatz verneinend oder +bejahend sein. Es sei also zuerst das Allgemeine notwendig und es komme +A jedem B notwendig und B einem C nur einfach zu. Dann kommt A einem +C notwendig zu. Denn C steht unter B, und jedem B kam A notwendig zu. +Dieselbe Bewandtnis hat es, wenn der Schluß verneinend ist. Denn es +wird dafür derselbe Beweis gelten. Ist aber das Partikuläre notwendig, +so wird der Schlußsatz es nicht sein. Denn es ergibt sich nichts +Unmögliches, wie auch nicht bei den allgemeinen Schlüssen. Dieselbe +Bewandtnis hat es mit den verneinenden Sätzen. Begriffe: Bewegung, +Sinnenwesen, weiß[52]. + + +Zehntes Kapitel. + +In der zweiten Figur aber ist, wenn der verneinende Vordersatz +notwendig ist, es auch der Schlußsatz, wenn aber der bejahende +Vordersatz notwendig ist, ist er es nicht. Denn es sei zuerst der +verneinende Vordersatz notwendig, und A soll keinem B zukommen können +und dem C nur einfach zukommen. Da nun das Verneinende konvertibel ist, +kann auch B keinem A zukommen. A aber kommt jedem C zu, so daß B keinem +C zukommen kann. Denn C steht unter A. Ebenso, wenn die Verneinung zu +C gesetzt wird. Denn wenn A keinem C zukommen kann, kann es auch C +keinem A. A aber kommt jedem B zu, und so kann C keinem B zukommen. Wir +bekommen ja wieder die erste Figur. Also auch B keinem C. Denn es läßt +sich ebenso umkehren[53]. + +Ist aber der bejahende Vordersatz notwendig, so wird der Schlußsatz +nicht notwendig sein. Denn A soll jedem B notwendig zukommen und jedem +C nur einfach nicht zukommen. Kehrt man nun das Verneinende um, so +erhalten wir die erste Figur. In der ersten Figur aber ist gezeigt +worden, daß, wenn der verneinende Satz, der den Oberbegriff enthält, +nicht notwendig ist, auch der Schlußsatz nicht notwendig sein wird, +und so wird er auch in unserem Falle nicht notwendig sein. Wenn ferner +der Schlußsatz notwendig ist, ergibt sich, daß C einem A notwendig +nicht zukommt. Denn wenn B notwendig keinem C zukommt, wird auch C +notwendig keinem B zukommen. Allein B kommt notwendig einem A zu, da +ja auch A notwendig jedem B zukam. Und so muß denn C einem A notwendig +nicht zukommen. Aber es steht nichts im Wege, A so zu fassen, daß ihm +seinem ganzen Umfange nach C zukommen kann. Ferner läßt sich auch durch +Aushebung von Begriffen zeigen, daß der Schlußsatz nicht schlechthin, +sondern nur dann notwendig ist, wenn die genannten Bedingungen sich +erfüllen. Es sei z. B. A Sinnenwesen, B Mensch, C weiß und die Sätze +seien ebenso gefaßt, da es ja möglich ist, daß Sinnenwesen keinem +Weißen zukommt. So wird denn auch Mensch keinem Weißen zukommen, aber +nicht notwendigerweise. Denn es ist möglich, daß ein Mensch weiß ist, +wenn auch freilich nicht, solange Sinnenwesen keinem Weißen zukommt. +So wird denn der Schlußsatz notwendig sein, wenn die Bedingungen sich +erfüllen, schlechthin notwendig aber ist er nicht[54]. + +[Sidenote: 31 a] + +Ebenso wird es bei den partikulären Schlüssen sein. Ist der verneinende +Vordersatz gleichzeitig allgemein und notwendig, so wird auch der +Schlußsatz notwendig sein; ist aber der bejahende Vordersatz allgemein +und der verneinende partikulär, so wird er es nicht sein. + +Es sei also zuerst der verneinende Vordersatz allgemein und notwendig, +und A soll keinem B zukommen können und einem C zukommen. Da nun das +Verneinende konvertibel ist, kann auch B keinem A zukommen. Nun kommt +aber A einem C zu. Mithin kommt B notwendig einem C nicht zu. + +Wiederum sei der bejahende Satz allgemein und notwendig und die +Bejahung stehe bei B. Wenn nun A notwendig jedem B zukommt und einem C +nicht zukommt, wird zwar B offenbar einem C nicht zukommen, aber nicht +notwendigerweise. Um es zu erhärten, lassen sich dieselben Begriffe +verwenden wie bei den allgemeinen Schlüssen. + +Aber auch wenn das Verneinende, partikulär genommen, notwendig ist, +wird der Schlußsatz nicht notwendig sein. Der Beweis wird durch +dieselben Begriffe geführt. + + +Elftes Kapitel. + +In der dritten Figur aber wird, wenn die Außenbegriffe mit dem +Mittelbegriff allgemein verbunden und beide Vordersätze bejahend sind, +mag nun der eine oder der andere von ihnen notwendig sein, auch der +Schlußsatz notwendig sein. Wenn aber der eine Vordersatz verneinend und +der andere bejahend ist, so wird, wenn der verneinende notwendig ist, +auch der Schlußsatz notwendig sein, wenn es aber der bejahende ist, +wird der Schlußsatz es nicht sein. + +Denn es seien zuerst beide Vordersätze bejahend, und es komme A und B +jedem C zu, und AC sei notwendig. Da nun B jedem C zukommt, wird auch C +einem B zukommen, weil das Allgemeine mit dem Partikulären konvertibel +ist. Wenn demnach A jedem C notwendig zukommt und C einem B zukommt, +muß A auch einem B notwendig zukommen. Denn B ist unter C begriffen. +Wir haben also wieder die erste Figur[55]. + +Ebenso wird der Nachweis geführt werden, wenn BC notwendig ist. C ist +mit einem A konvertibel. Wenn B demnach jedem C notwendig zukommt, wird +es auch einem B notwendig zukommen[56]. + +Wiederum sei AC verneinend, BC bejahend und das Verneinende notwendig. +Da nun C mit einem B konvertibel ist und A notwendig keinem C zukommt, +wird A notwendig auch einem B nicht zukommen. Denn B ist unter C +begriffen[57]. + +[Sidenote: 31 b] + +Ist aber das Bejahende notwendig, so wird der Schlußsatz nicht +notwendig sein. Denn es sei BC bejahend und notwendig, AC dagegen +verneinend und nicht notwendig. Da nun das Bejahende konvertibel ist, +wird C auch einem B notwendig zukommen. Wenn demnach A keinem C und +C einem B zukommt, wird A einem B nicht zukommen, aber dies nicht +notwendig. Denn in der ersten Figur ist gezeigt worden, daß, wenn der +verneinende Vordersatz nicht notwendig ist, auch der Schlußsatz es +nicht sein kann. Das läßt sich auch aus den Begriffen klarmachen. A sei +gut, B Sinnenwesen, C Pferd. Gut kommt nun möglicherweise keinem Pferde +zu, aber Sinnenwesen notwendig jedem. Aber es ist nicht notwendig, daß +ein Sinnenwesen nicht gut ist, da ja doch jedes gut sein kann. Oder +wenn jenes nicht möglich ist, so nehme man einen anderen Begriff, wie +wachen oder schlafen, da diesen Zuständen jedes Sinnenwesen unterworfen +ist[58]. + +Hiermit wären denn die Fälle erledigt, wo sich die Außenbegriffe zu +dem Mittelbegriff allgemein verhalten, und angegeben, wann in diesen +Fällen der Schlußsatz notwendig sein wird. Ist aber der eine Begriff +allgemein und der andere partikulär und stehen dann beide bejahend, so +muß, wenn das Allgemeine notwendig ist, auch der Schlußsatz notwendig +sein. Der Beweis ist derselbe wie vorhin. Auch das partikulär Bejahende +ist konvertibel. Wenn nun B notwendig jedem C zukommt und A unter +C begriffen ist, kommt B notwendig einem A zu. Wenn aber B einem +A, kommt auch A notwendig einem B zu. Denn diese Sätze lassen sich +umkehren. + +Ebenso ist es, wenn AC notwendig und dabei allgemein ist. Denn B ist +unter C begriffen. + +Ist aber das Partikuläre notwendig, so wird der Schlußsatz nicht +notwendig sein. Denn es sei B partikulär und notwendig, und A komme +jedem C zu, aber nicht notwendig. Kehrt man nun BC um, so erhält man +die erste Figur, und der allgemeine Vordersatz ist nicht notwendig, der +partikuläre aber wohl. Wenn sich aber die Vordersätze so verhalten, war +der Schlußsatz nicht notwendig, und so ist er es denn auch in unserem +Fall nicht. Dies ist auch aus den Begriffen klar. Denn A sei wachen, +B zweifüßig, C Sinnenwesen. B kommt nur einem C notwendig zu, A aber +kann C zukommen, und A kommt B nicht notwendig zu. Denn es ist nicht +notwendig, daß ein Zweifüßiges schläft oder wacht. + +Ebenso läßt sich mit Verwendung eben dieser Begriffe die Sache +beweisen, wenn AC partikulär und notwendig ist[59]. + +[Sidenote: 32 a] + +Ist aber der eine Begriff bejahend und der andere verneinend, so +wird, wenn das Allgemeine verneinend und notwendig ist, auch der +Schlußsatz notwendig sein. Denn wenn A keinem C zukommen kann und B +einem C zukommt, so kommt A einem B notwendig nicht zu. Wird aber das +Bejahende entweder als Allgemeines oder als Partikuläres notwendig +gesetzt oder wird das partikulär Verneinende so gesetzt, so wird der +Schlußsatz nicht notwendig sein. Denn im übrigen werden wir gerade so +sagen, wie in den früheren Fällen, die Begriffe aber sollen sein, wenn +das allgemein Bejahende notwendig ist: wachen, Sinnenwesen, Mensch; +Mittelbegriff: Mensch; ist aber das partikulär Bejahende notwendig: +wachen, Sinnenwesen, weiß. Denn Sinnenwesen kommt einem Weißen +notwendig zu, wachen aber möglicherweise keinem, und es ist nicht +notwendig, daß wachen einem Sinnenwesen nicht zukommt. Ist aber das +partikulär Verneinende notwendig, so sollen die Begriffe zweifüßig, +bewegt, Sinnenwesen und der Mittelbegriff Sinnenwesen sein[60]. + + +Zwölftes Kapitel. + +So zeigt sich denn, daß ein Schluß auf das einfache Zukommen nicht +möglich ist, wenn nicht beide Vordersätze ein Zukommen aussprechen, +dagegen ein Schluß auf das notwendige schon geschehen kann, wenn auch +nur der eine Vordersatz notwendig ist[61]. In beiden Fällen, mögen nun +die Schlüsse bejahend oder verneinend sein, muß ein Vordersatz dem +Schlußsatz gleichartig sein, d. h. ein einfaches Zukommen aussprechen, +wenn dieser es tut, und ein notwendiges, wieder wenn dieser es tut. +Und so sieht man auch das, daß der Schlußsatz weder ein notwendiges, +noch ein einfaches Zukommen aussprechen kann, wenn nicht ein Vordersatz +so gefaßt ist, daß er ein notwendiges oder ein einfaches Zukommen +ausspricht[62]. + + +Dreizehntes Kapitel. + +So wäre denn von dem Notwendigen und davon, wie es zustande kommt und +wie es sich von dem einfach Zukommenden unterscheidet, wohl zur Genüge +gehandelt. + +Hiernach reden wir von dem Kontingenten und erklären, wann und wie und +wodurch hier ein Schluß möglich ist. + +Unter kontingent sein und kontingent verstehe ich das, was nicht +notwendig ist, wegen dessen aber, wenn es als vorhanden gesetzt wird, +nichts Unmögliches sich ergibt. Denn von dem Notwendigen sagen wir nur +homonymisch, daß es kontingent (möglich) ist[63]. + +Daß dies das Kontingente ist, sieht man aus den sich entgegengesetzten +Verneinungen und Bejahungen. Denn das: es ist nicht kontingent +(vermögend) zu sein, und: unvermögend zu sein (ἀδύνατον ὑπάρχειν), und: +Notwendigkeit, daß es nicht sei -- diese drei Aussagen oder Ausdrücke +sagen wir, sind entweder gleichbedeutend oder müssen sich logisch +folgen. Somit gilt auch von dem Gegenteil davon, dem: es ist kontingent +(vermögend) zu sein, und: nicht unvermögend zu sein, und: keine +Notwendigkeit, daß es nicht sei, daß es entweder dasselbe bedeutet +oder etwas, was sich logisch folgt. Denn hier gilt von jedem entweder +die Bejahung oder die Verneinung. Mithin wird das Kontingente nicht +notwendig und das nicht Notwendige kontingent sein. + +[Sidenote: 32 b] + +Es lassen sich aber alle kontingenten Sätze (propositiones de +contingenti) umkehren. Ich meine damit nicht, die bejahenden mit +den verneinenden, sondern alle, die die Form bei gleichzeitiger +Entgegensetzung bejahend haben, wie z. B. der Satz: es ist kontingent +(vermögend) zu sein, mit dem Satz: es ist kontingent (vermögend) nicht +zu sein, vertauscht werden kann, und der Satz: es ist vermögend, jedem +zuzukommen, mit dem Satz: es ist vermögend, keinem oder nicht jedem +zuzukommen, und der Satz: es mag einem zukommen, mit dem Satz: es mag +nicht einem zukommen usw. Denn da das Kontingente nicht notwendig und +das Nichtnotwendige kontingent (vermögend) ist, nicht zu sein, so kann +A offenbar, wenn es dem B zukommen kann, ihm auch nicht zukommen, und +wenn es jedem zukommen kann, auch jedem nicht zukommen. Und ebenso ist +es bei den partikulären Sätzen. Denn da gilt derselbe Beweis. Solche +Sätze sind aber bejahend, nicht verneinend. Denn kontingent sein steht +mit sein auf einer Linie, wie früher (K. 3, Ende) erklärt worden ist. + +Nach diesen Bestimmungen sagen wir wiederum[64], daß der Ausdruck +kontingent sein oder sein mögen, in zweifacher Weise gebraucht wird, +in einer, wenn etwas meistens geschieht, ohne notwendig zu sein, wie +z. B., wenn ein Mensch grau wird oder zu- oder abnimmt, oder überhaupt +dieses von Natur erleidet -- denn dieses schließt zwar keine stetige +Notwendigkeit in sich, weil nicht immer ein Mensch ist; wenn aber ein +Mensch ist, so ist es entweder notwendig oder doch meistenteils --, in +anderer Weise wird der Ausdruck von dem Unbestimmten gebraucht, das +gleichmäßig so und nicht so sein kann, wie z. B. ein Mensch oder ein +Tier geht oder, während es geht, ein Erdbeben eintritt, oder überhaupt +etwas zufällig geschieht. Denn es ist hier um nichts mehr von Natur, +wenn es so, als wenn es umgekehrt geschieht. + +Es lassen sich nun diese beiden Kontingentia so miteinander +vertauschen, daß man entgegengesetzte Aufstellungen erhält, aber der +Umtausch geschieht nicht auf dieselbe Weise, sondern was natürlich ist, +wird vertauscht mit: nicht notwendig sein, -- denn in diesem Sinne ist +es kontingent (möglich), daß ein Mensch nicht grau wird --, dagegen +wird das Unbestimmte vertauscht mit: so nicht mehr als so[65]. + +Eine Wissenschaft aber und einen apodiktischen Schluß gibt es bei +dem Unbestimmten nicht, weil der Mittelbegriff ungeordnet[66] ist, +dagegen wohl bei dem, was natürlich ist, und tatsächlich haben es +die Erörterungen und Untersuchungen meistens mit dem in diesem Sinne +Kontingenten zu tun. Dagegen kann man bei dem Kontingenten in dem +anderen Sinne zwar Schlüsse ziehen, doch gewöhnlich fragt man nicht +danach. + +Dieses soll im folgenden (in der 2. Analytik) näher erklärt werden. +Jetzt geben wir an, wann ein Schluß aus kontingenten Vordersätzen +möglich ist und wie beschaffen er ist. + +Der Ausdruck: das kann dem zukommen (ἐνδέχεται ὑπάρχειν), läßt sich +doppelt auffassen -- entweder so, daß es zukommt, oder so, daß es +zukommen kann. Denn wenn man sagt: wovon B, davon kann A ausgesagt +werden, so hat das eine von diesen beiden Bedeutungen: entweder wovon +B ausgesagt wird, oder wovon es ausgesagt werden kann; ob man aber +sagt: wovon B, davon kann A ausgesagt werden, oder: A kann jedem B +zukommen, das macht keinen Unterschied --, man kann also offenbar in +zweifachem Sinne sagen: A kann jedem B zukommen. Setzen wir nun den +Fall, daß von dem, wovon C ausgesagt werden kann, A ausgesagt werden +kann und von dem, wovon B, auch A, und bestimmen wir auf Grund dessen, +welcher Schluß möglich und wie er beschaffen ist. Denn so werden die +Vordersätze beiderseits im Sinne der Möglichkeit genommen. Wenn aber +von dem, wovon B tatsächlich ausgesagt wird, A ausgesagt werden kann, +so spricht der eine Vordersatz ein wirkliches, der andere ein mögliches +(kontingentes) Sein aus. Wir müssen also mit dem Gleichartigen +anfangen, wie wir es auch in den anderen Fällen gemacht haben[67]. + + +Vierzehntes Kapitel. + +[Sidenote: 33 a] + +Wenn nun A jedem B und B jedem C zukommen kann, so wird sich der +vollkommene Schluß ergeben, daß A jedem C zukommen kann. Das zeigt die +Definition. Denn „jedem zukommen können“ haben wir in diesem Sinne +verstanden[68]. + +Ebenso erhält man, wenn A keinem B und B jedem C zukommen kann, den +Schluß, daß A möglicherweise keinem C zukommt. Denn daß von dem, wovon +B ausgesagt werden kann, A es nicht kann, bedeutet, daß da nichts von +dem fehlt, was unter B begriffen sein kann[69]. + +Wenn aber möglicherweise A jedem B und B keinem C zukommt, so ergeben +zwar die angenommenen Vordersätze keinen Schluß, wohl aber stellt sich, +wenn man den Satz BC in bezug auf die Kontingenz umkehrt, derselbe +Schluß wie vorhin ein. Denn da B keinem C zukommen kann, kann es auch +jedem zukommen, wie vorhin erklärt worden ist. Und so ergibt sich, wenn +B jedem C und A jedem B zukommen kann, wieder der nämliche Schluß[70]. + +Das gleiche gilt, wenn die Verneinung in Verbindung mit dem Wort +„kontingent (möglich) sein“ zu beiden Vordersätzen gesetzt wird, ich +meine, wenn z. B. möglicherweise A keinem B und B keinem C zukommt. Die +angenommenen Vordersätze ergeben da keinen Schluß, wohl aber stellt +sich bei der Umkehrung wieder derselbe Schluß wie vorhin ein[71]. + +Man sieht also, daß, wenn die Verneinung zu dem Unterbegriff oder zu +beiden Vordersätzen gesetzt wird, entweder kein Schluß entsteht, oder +wenn auch, doch kein vollkommener. Denn die Notwendigkeit ergibt sich +dann erst aus der Umkehrung. + +Nimmt man aber den einen Satz allgemein und den anderen partikulär, +so entsteht, wenn der allgemeine Satz den Oberbegriff enthält, ein +vollkommener Schluß. Denn wenn möglicherweise A jedem B und B einem C +zukommt, so kommt möglicherweise A einem C zu. Dies ist klar aus der +Definition von möglich sein[72]. Wiederum, wenn möglicherweise A keinem +B und B einem C zukommt, so kommt notwendig möglicherweise A einem C +nicht zu. Der Beweis ist derselbe[73]. + +Nimmt man aber den partikulären Satz verneinend und den allgemeinen +bejahend und läßt ihnen dieselbe Stellung, kommt z. B. möglicherweise +A jedem B zu und B einem C nicht zu, so ergeben zwar die angenommenen +Sätze keinen deutlichen Schluß, kehrt man aber den partikulären Satz um +und läßt B möglicherweise einem C zukommen, so ergibt sich der nämliche +Schlußsatz wie vorhin, nach der Weise, deren wir uns bei den im Anfang +angeführten Sätzen bedient haben[74]. + +[Sidenote: 33 b] + +Nimmt man aber den Obersatz partikulär und den Untersatz allgemein, +und sind beide Vordersätze bejahend oder verneinend gesetzt oder nicht +gleichartig, oder auch beide unbestimmt oder partikulär, so kommt auf +keine Weise ein Schluß zustande. Denn nichts hindert, daß B über A +hinausreicht und nicht von gleich Vielen ausgesagt wird. Als das aber, +um was B über A hinausreicht, werde C genommen. Denn diesem C kommt +A im Sinne der Kontingenz weder so zu, daß es jedem, noch so, daß +es keinem, weder so, daß es einem wohl, noch so, daß es einem nicht +zukommt, wenn doch die kontingenten Vordersätze konvertibel sind und B +möglicherweise mehr Dingen zukommt als A. Dieses leuchtet aber auch aus +den Begriffen ein. Wenn die Vordersätze sich so verhalten, kommt das +Erste keinem Letzten (der Oberbegriff keinem Unterbegriff) kontingenter +und jedem Letzten notwendigerweise zu. Gemeinsame Begriffe für alle +Fälle, für Notwendigzukommen: Sinnenwesen, weiß, Mensch; für nicht +zukommen Können: Sinnenwesen, weiß, Kleid[75]. + +Man sieht also, daß, wenn die Begriffe sich auf diese Weise verhalten, +keinerlei Schluß zustande kommt. Denn jeder Schluß geht entweder +auf ein einfaches Zukommen oder auf ein notwendiges oder auf ein +kontingentes Zukommen. Daß aber hier kein Schluß auf das einfache +und auf das notwendige Zukommen möglich ist, muß einleuchten, da der +bejahende Schluß durch den verneinenden und der verneinende durch den +bejahenden aufgehoben wird. Es bliebe also nur ein Schluß auf das +kontingente Zukommen oder Sein übrig. Das aber ist unmöglich. Denn +es ist gezeigt worden, daß bei solchem Verhältnis der Begriffe der +Oberbegriff gleichzeitig allem, was zum Unterbegriff gehört, notwendig +zukommt und möglicherweise keinem davon. Und so kann kein Schluß auf +das möglicher- oder kontingenterweise Zukommende stattfinden. Denn das +Notwendige galt uns nicht als kontingent. + +Man sieht aber, daß, wenn in kontingenten Sätzen die Begriffe allgemein +sind, immer ein Schluß in der ersten Figur entsteht, mögen die Sätze +bejahend oder verneinend sein, nur ist es bei bejahenden Sätzen ein +vollkommener und bei verneinenden Sätzen ein unvollkommener Schluß. +Das Kontingentsein muß man aber nicht als notwendig verstehen, sondern +gemäß der angegebenen Definition, was man zuweilen übersieht. + + +Fünfzehntes Kapitel. + +Läßt man aber den einen Vordersatz einfach und den anderen im Sinne der +Kontingenz ausgesagt sein, so müssen, falls der Obersatz kontingent +ist, alle Schlüsse vollkommen und im Sinne der angegebenen Definition +kontingent sein (also auf solches gehen, was sein und nicht sein +kann). Ist dagegen der Untersatz kontingent, so müssen alle Schlüsse +unvollkommen sein und die verneinenden auf Kontingentes gehen, das +nicht im Sinne der Definition so heißt, sondern so, daß es notwendig +keinem oder nicht jedem zukommt. Denn wenn etwas notwendig keinem +oder nicht jedem zukommt, so sagt man auch dafür, es sei möglich +(kontingent), daß es keinem und daß es nicht jedem zukommt. + +Denn es soll möglich sein, daß A jedem B zukommt, und von B soll +angenommen werden, daß es jedem C zukommt. Da nun B unter C steht +und dem B das A zukommen kann, so kann es das offenbar auch allem C. +Es ergibt sich also ein vollkommener Schluß. Ebenso ist es, wenn der +Vordersatz AB verneinend, der Vordersatz BC aber bejahend ist und der +eine ein kontingentes, der andere ein einfaches Zukommen ausspricht: +auch da ergibt sich der vollkommene Schluß, daß A möglicherweise keinem +C zukommt[76]. + +[Sidenote: 34 a] + +Daß also, wenn das einfache Zukommen zu dem Unterbegriff gesetzt wird, +vollkommene Schlüsse möglich sind, leuchtet ein; daß sich aber im +entgegengesetzten Falle Schlüsse ergeben, muß durch das Unmögliche +gezeigt werden, wodurch zugleich klar wird, daß sie unvollkommen +sind, da der Beweis nicht aus den angenommenen Vordersätzen erfolgt. +Wir stellen zuerst folgenden Satz auf: wenn falls A ist, notwendig B +ist, ist auch, falls A möglich ist, notwendig B möglich. Denn nehmen +wir an, bei einem solchen Verhältnis der Begriffe sei A möglich und B +unmöglich. Wenn nun das Mögliche, wann es möglich ist, werden kann, +und das Unmögliche, wann es unmöglich ist, nicht werden kann, und in +derselben Zeit, wenn A möglich, auch B unmöglich ist, so kann A ohne B +werden und, wenn werden, auch sein, da das Gewordene, wann es geworden +ist, ist[77]. + +Man muß aber das Unmögliche und Mögliche nicht nur auf das Werden +beziehen, sondern auch auf die wahre Aussage, auf das Sein und auf alle +anderen Weisen, nach denen man von dem Möglichen spricht. Denn die +Sache wird sich überall auf die gleiche Weise verhalten. + +Wenn es ferner heißt, daß wenn A ist, B ist, so darf man das nicht so +verstehen, als ob B wäre, wenn A eines ist. Denn nichts ist notwendig, +was eines ist, sondern es müssen mindestens zwei sein, wie eben wenn +die Vordersätze sich im Schluß auf die angegebene Weise verhalten. Denn +wenn C von D und D von Z gilt, so gilt auch notwendig C von Z. Wenn +aber beides möglich ist, so ist auch der Schluß möglich. Wenn man also +A setzt, als stelle es die beiden Vordersätze dar, und ebenso B für den +Schlußsatz einsetzt, so folgt, daß nicht nur, wenn A notwendig ist, +auch B notwendig ist, sondern auch, daß wenn A möglich ist, B möglich +ist. + +Aus diesem Nachweis geht hervor, daß wenn Falsches und nicht +Unmögliches angenommen worden ist, auch das wegen der Annahme Folgende +falsch und nicht unmöglich sein wird. Wenn z. B. A falsch und nicht +unmöglich ist und falls A ist, B ist, so wird auch B falsch, aber +nicht unmöglich sein. Denn da nachgewiesen worden ist, daß wenn B ist, +falls A ist, B auch möglich sein wird, falls A möglich ist, und dann +vorausgesetzt ist, daß A möglich ist, so wird auch B möglich sein. Denn +wenn es unmöglich ist, so wird ein und dasselbe zugleich möglich und +unmöglich sein[78]. + +[Sidenote: 34 b] + +Nachdem dieses somit festgestellt worden ist, soll A jedem B zukommen +und B jedem C zukommen können. Dann kann notwendig A jedem C zukommen. +Denn nehmen wir an, es könne das nicht, dagegen komme B jedem C zu, +und dieses möge zwar falsch sein, aber nicht unmöglich. Wenn nun A dem +C nicht zukommen kann und B jedem C zukommt, so kann A nicht jedem B +zukommen. Denn es ergibt sich ein Schluß durch die dritte Figur. Aber +es ist vorausgesetzt worden, daß es jedem zukommen kann. Mithin ist es +notwendig, daß A jedem C zukommen kann. Denn obwohl Falsches und nicht +Unmögliches angenommen worden ist, ist doch die Folge unmöglich[79]. + +Man kann den Beweis aus der Unmöglichkeit auch durch die erste Figur +führen, indem man das B dem C zukommen läßt. Denn wenn B jedem C +zukommt und A jedem B zukommen kann, kann A auch jedem C zukommen. Aber +es wurde vorausgesetzt, daß es nicht jedem zukommen kann[80]. + +Das jedem Zukommende ist aber so zu verstehen, daß man es nicht nach +der Zeit begrenzt, als gälte es nur jetzt oder in der und der Zeit, +sondern man muß es schlechthin verstehen. Denn durch so beschaffene +Vordersätze bilden wir auch die Schlüsse, da, wenn man den Vordersatz +nur von dem jetzigen Augenblick versteht, kein Schluß zustande kommt. +Denn vielleicht hindert nichts, daß Mensch auch einmal jedem Bewegten +zukommt, wenn nämlich sonst nichts bewegt würde. Der Begriff „bewegt“ +kann aber jedem Pferde zukommen, dagegen Mensch keinem Pferde. Ferner: +der Oberbegriff sei Sinnenwesen, der Mittelbegriff bewegt, der +Unterbegriff Mensch. Die Vordersätze werden sich nun ebenso verhalten, +der Schlußsatz aber ist notwendig, nicht kontingent. Denn der Mensch +ist notwendig ein sinnliches Wesen. Man sieht also, daß das Allgemeine +schlechthin zu verstehen ist, nicht mit Beschränkung auf eine bestimmte +Zeit[81]. + +Wiederum, der Vordersatz AB sei allgemein verneinend, und A soll keinem +B zukommen und B jedem C zukommen können. Bei diesen Voraussetzungen +nun ist es notwendig möglich, daß A keinem C zukommt. Denn nehmen wir +an, daß es nicht möglich ist und daß B dem C zukommt wie vorhin. Dann +kommt A notwendig einem B zu, da sich ein Schluß nach der dritten Figur +ergibt. Das aber ist unmöglich. Und so muß es denn möglich sein, daß A +keinem C zukommt. Denn da nur ein Falsches vorausgesetzt ist, ist doch +die Folge unmöglich[82]. + +Dieser Schluß ergibt nun kein Kontingentes im Sinne der Definition, +sondern im Sinne desjenigen Kontingenten, das keinem notwendig zukommt. +Denn das ist das kontradiktorische Gegenteil zu der gemachten Annahme, +nach der A einem C notwendig zukommt. Nun geht aber eben der Schluß +vermittelst des Unmöglichen auf das kontradiktorische Gegenteil der +Annahme[83]. + +[Sidenote: 35 a] + +Man sieht aber auch aus den Begriffen, daß der Schlußsatz nicht in +strengem Sinne kontingent ist. A sei Rabe, B denkend, C Mensch. Nun +kommt keinem B das A zu, da kein Denkendes ein Rabe ist. B aber kann +jedem C zukommen, da das Denken jedem Menschen zukommen kann. Aber +A kommt notwendig keinem C zu. Mithin ist der Schlußsatz nicht in +strengem Sinne kontingent. Er ist aber auch nicht immer notwendig. Denn +A sei Bewegtes, B Wissenschaft, C Mensch. A wird keinem B zukommen, B +aber möglicherweise jedem C, und der Schlußsatz wird nicht notwendig +sein. Denn es ist nicht notwendig, daß kein Mensch sich bewegt, sondern +es ist nicht notwendig, daß einer sich bewegt. Man sieht also: der +Schlußsatz besagt, daß etwas keinem notwendig zukommt. Übrigens müßten +die Begriffe besser gewählt sein[84]. + +Tritt aber die Verneinung zum Untersatz und spricht derselbe die +Kontingenz aus, so ergibt sich zwar aus den angenommenen Vordersätzen +an sich kein Schluß, dagegen wohl, wie in den früheren Fällen, wenn +man den kontingenten Satz umkehrt. Denn A soll jedem B zukommen und +B möglicherweise keinem C. Wenn die Begriffe sich so verhalten, wird +keine Notwendigkeit statt haben. Kehrt man aber BC um und läßt B jedem +C zukommen, so ergibt sich ein Schluß wie vorhin. Die Begriffe haben +dann die gleiche Lage[85]. Dasselbe Verfahren findet seine Stelle, +wenn beide Sätze verneinend sind und AB einfach nicht gilt, während +BC besagt, daß B möglicherweise keinem C zukommt. Denn durch die +angenommenen Begriffe an sich ergibt sich keinerlei Notwendigkeit, +wenn man aber den kontingenten Satz umkehrt, wird ein Schluß zustande +kommen. Denn es soll A keinem B zukommen, dagegen B möglicherweise +keinem C. Während nun hieraus keine Notwendigkeit erwächst, kommt +wieder derselbe Schluß heraus, wenn B jedem C soll zukommen können, was +ja wahr ist, und der Vordersatz AB derselbe bleibt[86]. + +Nimmt man aber an, daß B jedem C nicht zukommt, nicht daß es ihm +möglicherweise nicht zukommt, so wird durchaus kein Schluß gewonnen, +weder wenn der Satz AB verneinend, noch wenn er bejahend ist. +Gemeinsame Begriffe für notwendig zukommen: weiß, Sinnenwesen, Schnee; +für nicht zukommen können: weiß, Sinnenwesen, Pech[87]. + +Man sieht also, daß, wenn die Begriffe allgemein sind und man den einen +Vordersatz ein einfaches, den anderen ein kontingentes Sein aussagen +läßt, dann, wenn man den Untersatz kontingent sein läßt, immer ein +Schluß entsteht, nur das eine Mal schon auf Grund der Vordersätze an +sich, das andere Mal auf Grund der Umkehrung des Vordersatzes. Wann der +eine und wann der andere Schluß herauskommt und aus welchem Grunde, +haben wir angegeben. + +Nimmt man aber den einen Satz διάστημα allgemein, den anderen +partikulär, und läßt dann den Obersatz, verneinend oder bejahend +gefaßt, allgemein und kontingent, den partikulären Untersatz aber +bejahend und einfach gültig sein, so erhält man einen vollkommenen +Schluß, wie wenn beide Begriffe allgemein sind. Der Beweis hierfür ist +derselbe wie früher[88]. + +[Sidenote: 35 b] + +Ist aber der Obersatz allgemein und einfach gültig, nicht kontingent, +und der Untersatz partikulär und kontingent, so ergibt sich, mag man +beide Sätze verneinend oder bejahend, oder den einen verneinend und den +anderen bejahend sein lassen, immer ein unvollkommener Schluß, nur daß +dieser Schluß bald durch den Beweis aus der Unmöglichkeit, bald durch +Umkehrung des kontingenten Satzes vollendet wird, wie in den früheren +Fällen. Man bekommt auch dann einen Schluß durch Umkehrung, wenn der +allgemeine Obersatz das reine Sein oder Nichtsein und der partikulär +verneinende Untersatz das kontingente Sein aussagt, wie wenn z. B. +A jedem B zukommt oder nicht zukommt, und B einem C möglicherweise +nicht zukommt. Denn der Schluß geht hier vonstatten, wenn man BC +rücksichtlich der Kontingenz umkehrt[89]. + +Wenn aber der partikuläre Vordersatz das einfache Nichtsein aussagt, +ist kein Schluß möglich. Begriffe für Sein oder Zukommen: weiß, +Sinnenwesen, Schnee; für Nichtzukommen: weiß, Sinnenwesen, Pech. Man +muß den Beweis hierfür aus dem Unbestimmten führen[90]. + +Wenn man aber den Untersatz allgemein und den Obersatz partikulär +nimmt, mag der eine oder mag der andere verneinend oder bejahend, +kontingent oder einfach aussagend sein, so ergibt sich keinerlei Schluß. + +Auch dann ergibt sich kein Schluß, wenn die Vordersätze partikulär oder +unbestimmt gefaßt sind, mögen sie beide die Kontingenz oder beide das +einfache Sein aussagen, oder der eine Satz dieses, der andere jenes. +Der Beweis ist derselbe wie in den früheren Fällen. Gemeinsame Begriffe +für notwendiges Zukommen: sinnliches Wesen, weiß, Mensch; für unmöglich +zukommen: sinnliches Wesen, weiß, Kleid[91]. + +Man sieht also, daß, wenn der Obersatz allgemein lautet, immer, wenn +aber der Untersatz allgemein lautet, nie ein Schluß entsteht. + + +Sechzehntes Kapitel. + +Wenn aber der eine Vordersatz ein notwendiges und der andere ein +mögliches Sein ausspricht, so wird ein Schluß zustande kommen, wenn +sich die Begriffe auf dieselbe Weise verhalten wie zuvor[92]. + +Ein vollkommener Schluß ergibt sich nämlich, wenn man den Untersatz +notwendig sein läßt[93]. + +Der Schlußsatz aber wird, wenn die Begriffe bejahend sind, auf das +Können gehen, nicht auf das Sein, mögen nun die Begriffe allgemein +oder nicht allgemein gefaßt sein; ist aber der eine Begriff bejahend +und der andere verneinend, so geht der Schlußsatz, falls der bejahende +Begriff notwendig ist, auf das Können, nicht auf das Nichtsein; ist +aber der verneinende Begriff notwendig, so geht er sowohl auf das +mögliche Nichtsein, als auch auf das einfache Nichtsein, mögen die +Begriffe allgemein sein oder nicht[94]. + +Das Möglich ist im Schlußsatz ebenso wie in den früheren Fällen zu +verstehen. Aber ein Schluß auf notwendiges Nichtsein ist nicht möglich. +Denn es ist etwas anderes, wenn man sagt: nicht notwendig sein, und +wenn man sagt: notwendig nicht sein[95]. + +[Sidenote: 36 a] + +Daß nun der Schlußsatz nicht notwendig ist, wenn die Begriffe +bejahend sind, ist klar. Denn A soll jedem B notwendig und B jedem C +möglicherweise zukommen. Hier ergibt sich der unvollkommene Schluß, daß +A jedem C zukommen kann. Daß der Schluß unvollkommen ist, sieht man aus +dem Beweis. Denn derselbe muß auf die nämliche Weise geführt werden wie +in dem früheren Falle[96]. + +Wiederum, A soll jedem B möglicherweise und B jedem C notwendigerweise +zukommen. Hier wird sich der Schluß ergeben, daß A jedem C +möglicherweise zukommt, nicht daß es ihm tatsächlich zukommt, und der +Schluß ist vollkommen, nicht unvollkommen, weil er ohne weiteres durch +die anfänglich angenommenen Sätze vollendet wird[97]. + +Sind aber die Vordersätze nicht von gleicher Form (Qualität), so soll +zuerst der verneinende notwendig sein, und A soll notwendig keinem +B zukommen können, B aber soll jedem C zukommen können. Dann ist es +notwendig, daß A keinem C zukommt. Denn gesetzt, es komme jedem oder +einem zu. Es wurde aber vorausgesetzt, daß es keinem B zukommen kann. +Da sich nun das Verneinende umkehren läßt, so kann auch unmöglich B +einem A zukommen. Es soll aber A entweder jedem oder einem C zukommen. +Demnach kann B keinem oder nicht jedem C zukommen. Anfänglich aber war +angenommen, es könne jedem zukommen[98]. Es ergibt sich aber offenbar +auch ein Schluß auf die Möglichkeit des Nichtzukommens, da sich auch +ein solcher auf das tatsächliche Nichtzukommen ergibt. + +Wiederum, es soll der bejahende Vordersatz notwendig sein und A +möglicherweise keinem B zukommen, B dagegen notwendig jedem C. +Der Schluß wird dann vollkommen sein, aber nicht auf das einfache +Nichtzukommen gehen, sondern auf das mögliche. Denn so ist der +Obersatz genommen worden, und es gibt hier keine Zurückführung auf +das Unmögliche. Denn wenn man annimmt, daß A einem C zukommt, und +gleichzeitig vorausgesetzt ist, daß es möglicherweise keinem B zukommt, +so ergibt sich daraus nichts Unmögliches[99]. + +Setzt man aber die Verneinung zu dem Untersatz, so ist, falls er +die Möglichkeit ausspricht, ein Schluß durch Umkehrung möglich, wie +früher[100]. + +Falls er aber die Unmöglichkeit ausspricht, so ist kein Schluß möglich. +Auch nicht, falls beide Vordersätze verneinend gesetzt werden und +der Untersatz die Unmöglichkeit aussagt. Die Begriffe sind dieselben +(wie schon oben): für Zukommen: weiß, Sinnenwesen, Schnee; für +Nichtzukommen: weiß, Sinnenwesen, Pech[101]. + +Ebenso muß es sich mit den partikulären Schlüssen verhalten. Ist der +verneinende Vordersatz notwendig, so wird auch der Schlußsatz auf das +Nichtzukommen gehen. Wenn nämlich A keinem B zukommen kann, B aber +einem C, so kommt A notwendig einem C nicht zu. Denn wenn es jedem +zukommt, aber keinem B zukommen kann, so kann auch B keinem A zukommen. +Und so kann, wenn A jedem C zukommt, B keinem C zukommen. Und doch war +es Voraussetzung, daß es einem C zukommt[102]. + +[Sidenote: 36 b] + +Ist aber der partikulär bejahende Vordersatz in dem verneinenden +Schluß notwendig, also BC, oder ist es der allgemeine Vordersatz in +dem bejahenden Schluß, also AB, so ergibt sich kein Schluß auf das +Zukommen. Der Beweis ist derselbe wie in den früheren Fällen[103]. + +Findet sich dagegen das Allgemeine als möglich gedacht, bejahend +oder verneinend, im Untersatz, und das Partikuläre als Notwendiges +im Obersatz, so ergibt sich kein Schluß. Begriffe für notwendiges +Zukommen: Sinnenwesen, weiß, Mensch; für Nichtzukommenkönnen: +Sinnenwesen, weiß, Kleid[104]. + +Ist aber das Allgemeine notwendig und das Partikuläre möglich, so sind, +wenn das Allgemeine verneinend ist, Begriffe für Zukommen: sinnliches +Wesen, weiß, Rabe; für Nichtzukommen: sinnliches Wesen, weiß, Pech; und +wenn es bejahend ist, für Zukommen: sinnliches Wesen, weiß, Schwan; für +Nichtzukommenkönnen: sinnliches Wesen, weiß, Schnee[105]. + +Auch dann, wenn die Vordersätze unbestimmt oder beide partikulär +angenommen werden, entsteht kein Schluß. Gemeinsame Begriffe für +Zukommen: sinnliches Wesen, weiß, Mensch; für Nichtzukommen: sinnliches +Wesen, weiß, unbeseelt. Denn sinnliches Wesen kommt einem Weißen und +weiß einem Unbeseelten sowohl notwendig zu, wie es ihm unmöglich +zukommen kann, und mit dem möglichen Zukommen ist es ebenso, so daß die +Begriffe für alle Fälle brauchbar sind[106]. + +Das Gesagte zeigt also, daß, wenn sich die Begriffe in bezug auf +einfaches Sein und notwendiges Sein gleich verhalten, auch gleichmäßig +ein Schluß entsteht und nicht entsteht, nur daß, wenn der verneinende +Vordersatz das bloße Sein betrifft, der Schluß das mögliche Sein +aussagt, während derselbe Schluß, wenn der verneinende Vordersatz das +notwendige Sein betrifft, sowohl das mögliche als auch das einfache +Nichtsein aussagt. Ebenso ergibt sich, daß alle (diese) Schlüsse +unvollkommen sind und daß sie durch die vorhin angegebenen Figuren +vollendet werden[107]. + + +Siebzehntes Kapitel. + +In der zweiten Figur aber kommt, wenn beide Vordersätze die Kontingenz +aussagen, kein Schluß zustande, mögen nun die Vordersätze bejahend oder +verneinend, allgemein oder partikulär sein. + +Spricht aber der eine Satz das bloße Sein und der andere das +kontingente Sein aus, so kommt, wenn der bejahende Satz das bloße Sein +enthält, nie, wenn aber der allgemein verneinende Satz es enthält, +immer ein Schluß zustande. + +Ebenso wenn der eine Satz die Notwendigkeit und der andere die +Kontingenz aussagt. + +Man muß aber auch hier das Kontingente in den Schlußsätzen verstehen +wie vorhin[108]. + +[Sidenote: 37 a] + +Zuerst wäre also zu zeigen, daß die Verneinung im kontingenten Satz +nicht umgekehrt wird, daß es z. B., wenn A möglicherweise keinem +B zukommt, nicht notwendig ist, daß auch B möglicherweise keinem +A zukommt[109]. Denn dieses soll einmal angenommen werden und B +möglicherweise keinem A zukommen. Da nun kontingente Bejahungen mit den +Verneinungen vertauscht werden, die konträr wie die kontradiktorisch +entgegengesetzten, und B möglicherweise keinem A zukommt, so kommt B +offenbar möglicherweise auch jedem A zu. Das ist aber falsch. Denn wenn +eines möglicherweise jedem anderen zukommt, so folgt nicht, daß auch +umgekehrt dieses jenem so muß zukommen können. Mithin läßt sich die +Verneinung nicht umkehren[110]. + +Ferner hindert nichts, daß A möglicherweise keinem B zukommt, aber B +notwendig einem A nicht zukommt, wie z. B. weiß möglicherweise jedem +Menschen nicht zukommt -- eben weil es auch möglicherweise jedem +zukommt --, aber von Menschen mit Unwahrheit ausgesagt wird, daß es +möglicherweise keinem Weißen zukommt. Denn es kommt vielem notwendig +nicht zu. Das Notwendige war uns aber nicht jenes Kontingente, das sein +und nicht sein kann[111]. + +Aber auch aus der Unmöglichkeit läßt sich nicht zeigen, daß es hier +eine Umkehrung gibt, wenn man nämlich das Zugeständnis verlangte, weil +es falsch sei, daß B möglicherweise keinem A zukommt, so sei es wahr, +daß es nicht möglicherweise keinem zukommt. Denn so stünden sich die +Bejahung und die Verneinung gegenüber. Wenn aber das, so sei es wahr, +daß B notwendig einem A zukommt, und so denn auch A einem B. Das aber +sei unmöglich[112]. + +Denn wenn B nicht möglicherweise keinem A zukommt, so kommt es deshalb +nicht notwendig einem zu. Denn der Ausdruck: nicht möglicherweise +keinem, wird in zweifachem Sinne angewandt: einmal wenn es notwendig +zukommt, und dann: wenn es notwendig einem nicht zukommt. Denn von +dem, was notwendig einem A nicht zukommt, ist es nicht wahr zu sagen, +daß es jedem möglicherweise nicht zukommt, wie es auch von dem, +was einem notwendig zukommt, nicht wahr ist zu sagen, daß es jedem +möglicherweise zukommt. Wenn man also das Zugeständnis forderte, daß +C, da es nicht jedem D möglicherweise zukommt, notwendig einem nicht +zukommt, so behauptete man etwas Falsches. Denn es kommt jedem zu, aber +weil es in einigen Fällen seinem Subjekt notwendig zukommt, deshalb +sagen wir, daß es nicht jedem möglicherweise zukommt. Demnach ist das +Gegenteil von: jedem möglicherweise zukommen, einmal: einem notwendig +zukommen, und dann: einem notwendig nicht zukommen. Und ebenso ist es +mit dem Gegenteil von: möglicherweise keinem. Man muß also offenbar +als Gegenteil des in der ursprünglich definierten Weise Möglichen und +Nichtmöglichen nicht nur[A] das „notwendig einem zukommen“ setzen, +sondern auch das „notwendig einem nicht zukommen“. Wenn man aber dieses +Letztere nimmt, so folgt nichts Unmögliches, und so erhält man denn +keinen Schluß. Man sieht also aus dem Gesagten, daß die Verneinung sich +nicht umkehren läßt[113]. + + [A] Zeile 37 a 28 haben wir die Leseart vorgezogen: οὐμόνον–ἀλλὰ καὶ, + nach Kodex B, Julius Pacius, Waitz u. a. + +Nachdem dieses bewiesen ist, wollen wir wieder annehmen, A komme +möglicherweise, wie keinem B, so jedem C zu. Einen Schluß durch +Umkehrung der verneinenden Prämisse kann es da also nicht geben. Denn +wir haben dargetan, daß sich eine solche Prämisse nicht umkehren läßt. +Es gibt aber auch keinen Schluß aus dem Unmöglichen. Denn wenn man +annimmt, daß B jedem C zukommen kann, so folgt daraus nichts Falsches. +Denn A kann jedem und kann keinem C zukommen[114]. + +[Sidenote: 37 b] + +Überhaupt träfe hier ein Schluß, wenn er zulässig wäre, offenbar das +Mögliche, weil keiner der beiden Vordersätze ein Sein aussagen soll, +und dieser Schluß müßte entweder bejahend oder verneinend sein. Er ist +aber in keiner von beiden Weisen möglich. Denn läßt man ihn bejahend +sein, so wird man durch die Begriffe zeigen, daß sich das Betreffende +nicht zukommen kann, und läßt man ihn verneinend sein, so wird man +ebenso zeigen, daß der Schlußsatz nicht möglich, sondern notwendig ist. +Denn es sei A weiß, B Mensch, C Pferd. Da kann denn A, weiß, bei dem +einen jedem, bei dem anderen keinem zukommen. Aber B kommt dem C weder +möglicherweise zu, noch nicht zu. Daß es ihm nun nicht zukommen kann, +ist klar. Denn kein Pferd ist ein Mensch. Aber auch, daß es ihm nicht +möglicherweise nicht zukommt. Denn es ist notwendig, daß kein Pferd +ein Mensch ist, das Notwendige aber galt uns nicht als möglich. Mithin +ergibt sich kein Schluß[115]. + +Ebenso wird der Beweis geführt werden, wenn die Verneinung umgekehrt +gesetzt wird oder wenn beide Vordersätze bejahend oder verneinend +genommen werden. Denn der Beweis erfolgt durch dieselben Begriffe. Und +wenn der eine Vordersatz allgemein, der andere partikulär ist oder +beide partikulär oder unbestimmt sind oder die Vordersätze wie immer +sonst noch geändert werden; denn der Beweis kann immer durch dieselben +Begriffe erfolgen[116]. + +So ist es denn klar, daß, wenn beide Vordersätze kontingent gefaßt +werden, kein Schluß zustande kommt. + + +Achtzehntes Kapitel. + +Wenn aber der eine Satz das bloße Sein und der andere das kontingente +Sein aussagt, so ist, falls man den bejahenden Satz das bloße Sein und +den verneinenden das kontingente Sein aussagen läßt, keinerlei Schluß +möglich, weder wenn man die Begriffe allgemein, noch wenn man sie +partikulär faßt. + +Der Beweis ist derselbe und wird durch dieselben Begriffe geführt[117]. + +Im Falle aber, daß der bejahende Satz das kontingente Sein und der +verneinende das bloße Sein enthält, ist ein Schluß möglich. Denn +gesetzt, A komme einfach keinem B und kontingenterweise jedem C zu. +Wenn man nun die Verneinung umkehrt, wird B keinem A zukommen. Aber A +konnte jedem C zukommen. Da ergibt sich denn der Schluß, daß B keinem C +zukommen kann, durch die erste Figur. Ebenso wenn die Verneinung zu C +gesetzt wird[118]. + +Wenn aber beide Sätze verneinend sind und der eine das einfache, +der andere das mögliche Nichtsein aussagt, so kommt zwar durch die +angenommenen Sätze an sich keine Notwendigkeit zustande, wenn man aber +den kontingenten Satz umkehrt, ergibt sich der Schluß, daß B keinem C +zukommen kann, wie in den früheren Fällen. Denn wir bekommen da wieder +die erste Figur[119]. + +Sind aber beide Vordersätze bejahend, so kann sich kein Schluß ergeben. +Begriffe für Zukommen: Gesundheit, sinnliches Wesen, Mensch; für +Nichtzukommen: Gesundheit, Pferd, Mensch[120]. + +[Sidenote: 38 a] + +Ebenso wird es sich mit den partikulären Schlüssen verhalten. Denn wenn +der bejahende Vordersatz auf das einfache Sein lautet, so ist kein +Schluß möglich, mag der Satz nun allgemein oder partikulär gefaßt sein +-- dieses wird ebenso und durch dieselben Begriffe bewiesen wie oben +--; lautet aber der verneinende Vordersatz darauf, so ist ein Schluß +durch Umkehrung möglich wie oben[121]. + +Wenn hinwieder beide Sätze verneinend sind und der auf einfaches +Nichtsein lautende Satz allgemein ist, so ergeben die Prämissen an +sich keine Notwendigkeit, wird aber der kontingente Satz, wie vorhin, +umgekehrt, so gewinnt man einen Schluß. Wenn aber der verneinende +Satz auf das einfache Sein geht und dabei partikulär ist, so gewinnt +man keinen Schluß, sei die andere Prämisse bejahend oder verneinend; +auch nicht, wenn beide Prämissen bejahend oder verneinend, unbestimmt +oder partikulär gefaßt sind. Der Beweis ist derselbe und geht durch +dieselben Begriffe[122]. + + +Neunzehntes Kapitel. + +Wenn aber der eine Vordersatz auf das Notwendige, der andere auf das +Kontingente geht, so entsteht, falls der verneinende Satz notwendig +ist, der Schluß nicht nur auf mögliches, sondern auch auf wirkliches +Nichtsein; ist dagegen der bejahende Satz notwendig, so entsteht kein +Schluß[123]. + +Denn A soll notwendig keinem B, aber möglicherweise jedem C zukommen. +Kehrt man nun den verneinenden Satz um, so wird auch B keinem A +zukommen. A konnte aber jedem C zukommen. So entsteht denn wieder durch +die erste Figur der Schluß, daß B möglicherweise keinem C zukommt. +Zugleich ist klar, daß B auch wirklich keinem C zukommen wird. Denn +setzen wir den Fall des Zukommens. Wenn nun A keinem B zukommen kann +und B einem C zukommt, kann A einem C nicht zukommen. Aber nach der +Voraussetzung kommt es jedem zu[124]. + +Ebenso wird der Beweis geführt werden, wenn die Verneinung bei C +steht[125]. + +[Sidenote: 38 b] + +Umgekehrt sei der bejahende Satz notwendig und der andere kontingent, +und A komme möglicherweise keinem B, aber notwendig jedem C zu. Wenn +die Begriffe sich so verhalten, so ergibt sich keinerlei Schluß, da +es der Fall sein kann, daß B dem C notwendig nicht zukommt. Denn +es sei A weiß, bei B stehe Mensch, bei C Schwan. Weiß kommt da dem +Schwan notwendig und möglicherweise keinem Menschen, und Mensch kommt +notwendig keinem Schwan zu. Daß es in diesem Falle keinen Schluß auf +die Kontingenz gibt, ist klar. Denn das Notwendige galt uns nicht als +kontingent. Aber es gibt auch keinen Schluß auf die Notwendigkeit. +Denn das Notwendige erhielten wir entweder, wenn beide Vordersätze +notwendig sind oder, wenn der verneinende es ist. Außerdem kann auch, +wenn die gedachten Annahmen gelten, B dem C zukommen. Denn nichts +hindert, daß C unter B begriffen ist und A jedem B möglicherweise, dem +C aber notwendig zukommt, wie wenn z. B. C wachend wäre, B sinnliches +Wesen, A Bewegung. Denn dem Wachenden kommt Bewegung notwendig zu, +bei Sinnenwesen aber gilt, daß sie jedem möglicherweise zukommt; und +alles Wachende ist ein Sinnenwesen. Es ist also klar, daß es da auch +keinen Schluß auf das bloße Nichtsein gibt, da ja bei solchem Verhalten +der Begriffe ein notwendiges Sein herauskommt; auch keinen auf die +entgegengesetzten Bejahungen; und so findet denn gar kein Schluß statt. +Ebenso erbringt man den Beweis, wenn die bejahende Prämisse umgestellt +(zum Obersatz gemacht) wird[126]. + +Sind die Prämissen aber gleichartig (von gleicher Qualität), so gewinnt +man, falls sie verneinend sind, immer einen Schluß, indem man die +kontingente Prämisse, wie in den früheren Fällen, umkehrt. Denn A soll +B notwendig nicht zukommen und dem C möglicherweise nicht. Kehrt man +nun die Prämissen um, so kommt B keinem A zu, aber A möglicherweise +jedem C. Da ergibt sich also die erste Figur. Ebenso wenn die +Verneinung bei C steht[127]. + +Sind die Prämissen aber bejahend gefaßt, so ist kein Schluß möglich. +Denn ein Schluß auf nicht sein oder notwendig nicht sein, ist offenbar +darum nicht möglich, weil weder für sein noch für notwendig sein eine +verneinende Prämisse angesetzt ist. Aber auch auf möglicherweise nicht +sein kann nicht geschlossen werden. Denn wenn die Begriffe sich so +verhalten, wird B dem C notwendig nicht zukommen, wie wenn z. B. A +weiß ist, B Schwan, C Mensch. Ebenso nicht auf die entgegengesetzten +Aussagen, da es sich gewiesen hat, daß B dem C notwendig nicht zukommt. +Es ist also gar kein Schluß möglich[128]. + +Dieselbe Bewandtnis muß es mit den partikulären Schlüssen haben. +Ist das Verneinende allgemein und notwendig, so gibt es immer einen +Schluß sowohl auf das kontingente Sein als auf das einfache Nichtsein +-- der Beweis wird dabei durch Umkehrung geführt --, ist es aber +das Bejahende, so gibt es nie einen Schluß. Denn dieses wird ebenso +und durch dieselben Begriffe gezeigt werden wie bei den allgemeinen +Schlüssen. + +Ebensowenig wenn beide Prämissen bejahend gefaßt sind. Denn auch +hierfür gilt derselbe Beweis wie vorhin. + +Sind sie aber beide verneinend und ist dabei die das einfache Nichtsein +enthaltende Prämisse allgemein und notwendig, so ergeben zwar die +angenommenen Prämissen an sich nichts Notwendiges, wohl aber entsteht +durch Umkehrung der kontingenten Prämisse ein Schluß wie in den +früheren Fällen. + +Sind aber beide Prämissen unbestimmt oder partikulär gefaßt, so ergibt +es keinen Schluß. Der Beweis ist hier wieder derselbe und geht durch +dieselben Begriffe[129]. + +[Sidenote: 39 a] + +Man sieht also aus dem Gesagten, daß wenn die allgemein verneinende +Prämisse notwendig ist, immer ein Schluß, nicht nur auf kontingentes +Nichtsein, sondern auch auf einfaches Nichtsein erfolgt, dagegen +niemals, wenn die bejahende Prämisse notwendig ist. Und daß, wenn die +Begriffe sich hier und dort, in den notwendigen und in den einfachen +Sätzen, auf dieselbe Weise verhalten, ein Schluß erfolgt und nicht +erfolgt. Auch sieht man, daß alle Schlüsse hier unvollständig sind und +erst durch die vorgenannten Figuren vollständig werden. + + +Zwanzigstes Kapitel. + +In der letzten Figur erfolgt ein Schluß, wenn beide Prämissen +kontingent sind und wenn nur eine es ist. + +Lauten die Prämissen auf Kontingenz, so wird auch der Schlußsatz +kontingent sein, ebenso wenn die eine auf kontingentes und die andere +auf einfaches Sein lautet. + +Ist aber die eine Prämisse notwendig, so enthält der Schlußsatz, wenn +sie bejahend ist, weder ein notwendiges noch ein einfaches Sein; wenn +sie aber verneinend ist, so erfolgt ein Schluß auf Nichtsein wie in +den früheren Fällen. Aber auch hier muß man das Kontingente in den +Schlußsätzen ebenso wie früher verstehen. + +Die Prämissen seien also zuerst kontingent und A und B kommen +möglicherweise jedem C zu. Da nun das Bejahende partikulär konvertibel +ist und B jedem C zukommen kann, so kann es auch C einem B. Und wenn so +A jedem C und C einem B zukommen kann, so kann es auch A einem B. Denn +es ergibt sich die erste Figur. + +Und wenn A möglicherweise keinem und B möglicherweise jedem C zukommt, +so ist es notwendig, daß A einem B möglicherweise nicht zukommt. Denn +wir werden wieder durch Umkehrung die erste Figur erhalten[130]. + +Setzt man aber beide Prämissen verneinend, so kann sich zwar aus den +angenommenen Prämissen selbst keine Notwendigkeit ergeben, aber man +erhält durch Umkehrung der Prämissen einen Schluß wie vorhin. Denn wenn +A und B möglicherweise dem C nicht zukommt und man statt dem setzt +möglicherweise zukommen, so ergibt sich wieder durch Umkehrung die +erste Figur[131]. + +Ist aber der eine Begriff allgemein und der andere partikulär und +verhalten sich die Begriffe ebenso wie in den einfach aussagenden +Sätzen, so wird auch ebenso ein Schluß möglich und nicht möglich sein. + +Denn A komme möglicherweise jedem und B möglicherweise einem C zu. Da +wird man wieder durch Umkehrung der partikulären Prämisse die erste +Figur erhalten. Denn wenn A jedem C und C einem B zukommen kann, kann A +einem B zukommen. + +Das gleiche gilt, wenn BC allgemein ist[132]. + +Ebenso liegt die Sache, wenn AC verneinend und BC bejahend ist. Man +erhält wieder durch Umkehrung die erste Figur[133]. + +[Sidenote: 39 b] + +Setzt man aber beide Prämissen verneinend, die eine allgemein, die +andere partikulär, so wird zwar durch die angenommenen Prämissen selbst +kein Schluß entstehen, wohl aber bei ihrer Umkehrung, wie vorhin[134]. + +Läßt man aber beide Prämissen unbestimmt oder partikulär sein, +so entsteht kein Schluß. Denn notwendig kommt A jedem und keinem +B zu. Begriffe für Zukommen: sinnliches Wesen, Mensch, weiß; für +Nichtzukommen: Pferd, Mensch, weiß; Mittleres: weiß[135]. + + +Einundzwanzigstes Kapitel. + +Wenn aber die eine Prämisse das einfache, die andere das mögliche Sein +enthält, so sagt der Schlußsatz das mögliche, nicht das einfache Sein +aus, und es entsteht ein Schluß, wenn sich die Begriffe auf dieselbe +Weise verhalten wie vorhin (im 20. K.). + +Denn sie sollen zuerst bejahend sein und A jedem C zukommen, B aber +jedem zukommen können. Kehrt man nun BC um, so erhält man die erste +Figur und den Schlußsatz, daß A einem B zukommen kann. Denn wenn die +eine Prämisse in der ersten Figur ein kontingentes Sein aussagt, so +war auch der Schlußsatz kontingent. Ebenso wenn BC das Sein und AC die +Möglichkeit aussagt[136]. + +Und wenn AC verneinend, dagegen BC bejahend ist, so wird, mag nun +der eine oder der andere Satz das einfache Sein aussagen, in beiden +Fällen der Schlußsatz kontingent sein. Denn man erhält wieder die erste +Figur, und es ist gezeigt worden, daß wenn der eine Satz in ihr das +kontingente Sein aussagt, auch der Schlußsatz kontingent sein muß[137]. + +Steht die kontingente Verneinung bei dem Unterbegriff, oder sind beide +Prämissen verneinend gefaßt, so kann sich aus den Prämissen selbst kein +Schluß ergeben, wohl aber erhält man einen Schluß bei ihrer Umkehrung, +wie in den früheren Fällen[138]. + +Ist aber die eine Prämisse allgemein, die andere partikulär und sind +gleichzeitig beide bejahend, oder ist die allgemeine verneinend, die +partikuläre bejahend, so werden alle Schlüsse in derselben Weise +zustande kommen: sie gehen sämtlich durch die erste Figur, und so muß +sich offenbar ein Schluß auf mögliches, nicht auf wirkliches Sein +ergeben[139]. + +Ist aber die bejahende Prämisse allgemein und die verneinende +partikulär, so wird der Beweis durch das Unmögliche geführt werden. +Denn B soll jedem C zukommen und A möglicherweise einem C nicht +zukommen. Dann muß A einem B möglicherweise nicht zukommen. Denn wenn A +notwendig jedem B zukommt und B nach der Voraussetzung jedem C zukommt, +wird A notwendig jedem C zukommen. Denn das ist früher nachgewiesen +worden. Aber die Voraussetzung war, daß es möglicherweise einem nicht +zukommt[140]. + +[Sidenote: 40 a] + +In dem Falle aber, daß beide Prämissen unbestimmt oder partikulär +gefaßt sind, ist kein Schluß möglich. Der Beweis ist derselbe wie bei +den allgemeinen Sätzen und geht durch dieselben Begriffe[141]. + + +Zweiundzwanzigstes Kapitel. + +Ist aber die eine Prämisse notwendig, die andere kontingent, so erhält +man, wenn die Begriffe bejahend sind, immer einen Schluß auf das +Kontingente; ist aber der eine Satz bejahend und der andere verneinend, +so erhält man, falls der bejahende notwendig ist, einen Schluß auf +kontingentes Nichtsein, falls aber der verneinende notwendig ist, einen +Schluß sowohl auf kontingentes wie auf wirkliches Nichtsein. Dagegen +erhält man keinen Schluß auf notwendiges Nichtsein, wie auch nicht in +den anderen Figuren. + +Es sollen also die Begriffe zuerst bejahend sein und A jedem C +notwendig, dagegen B jedem C kontingenterweise zukommen. Da nun A jedem +C notwendig und C einem B kontingenterweise zukommt, so wird auch A +einem B kontingenterweise, nicht einfach zukommen; denn so geschah es +in der ersten Figur. Ebenso muß der Beweis geführt werden, wenn BC +notwendig und AC kontingent sein soll[142]. + +Es soll hinwieder die eine Prämisse bejahend, die andere verneinend +und die bejahende notwendig sein; und A soll möglicherweise keinem C +zukommen, aber B notwendig jedem. Es wird sich dann wieder die erste +Figur ergeben, weil auch die verneinende Prämisse die Kontingenz +aussagt. Es muß also offenbar der Schlußsatz kontingent sein; denn +wenn sich die Prämissen in der ersten Figur so verhielten, war auch +der Schlußsatz kontingent[143]. Ist aber die verneinende Prämisse +notwendig, so wird sich der Schlußsatz ergeben, sowohl daß einem etwas +möglicherweise nicht zukommt, wie daß es ihm wirklich nicht zukommt. + +Denn A soll C notwendig nicht zukommen und B jedem C zukommen können. +Dann stellt sich durch Umkehrung des bejahenden Satzes BC die erste +Figur ein, und die verneinende Prämisse ist dabei notwendig. Wenn sich +aber die Prämissen so verhielten, war die Folge, daß A einem C sowohl +möglicherweise nicht zukam, wie wirklich nicht zukam. Deshalb kommt +notwendig A auch einem B nicht zu[144]. Steht aber die Verneinung in +dem Untersatz, so ergibt sich, falls er kontingent ist, durch andere +Fassung des Satzes ein Schluß wie früher[145]. Ist er aber notwendig, +so ergibt sich kein Schluß. Denn es kommt dann eines jedem anderen +notwendig und gleichzeitig kontingenterweise keinem zu. Begriffe für +jedem Zukommen: Schlaf, schlafendes Pferd, Mensch; für keinem Zukommen: +Schlaf, wachendes Pferd, Mensch[146]. + +[Sidenote: 40 b] + +Ebenso wird es sein, wenn sich der eine Begriff allgemein und der +andere partikulär zu dem mittleren verhält. Denn wenn beide bejahend +sind, entsteht ein Schluß auf das kontingente, nicht auf das einfache +Sein, und so auch, wenn das eine verneinend, das andere bejahend +und dabei das Bejahende notwendig gefaßt ist. Ist dagegen das +Verneinende notwendig gefaßt, so wird der Schlußsatz auch das Nichtsein +aussagen[147]. Denn es greift dieselbe Weise der Begründung Platz, wenn +die Begriffe allgemein und wenn sie nicht allgemein sind. Denn die +Schlüsse müssen durch die erste Figur vollendet werden, und deshalb muß +in dem einen Falle dasselbe gelten wie in dem anderen. + +Steht aber die Verneinung, allgemein gefaßt, in dem Untersatz, +so ergibt sich, wenn sie auf Kontingentes geht, ein Schluß durch +Umkehrung, wenn aber auf Notwendiges, so ergibt sich kein Schluß. +Dieses wird auf dieselbe Weise und durch dieselben Begriffe gezeigt, +wie wenn die Prämissen allgemein sind[148]. + +So sieht man denn, auch in Beziehung auf diese Figur, wann und wie ein +Schluß möglich ist, und wann er das kontingente, wann das einfache Sein +enthält. Klar ist auch, daß diese Schlüsse sämtlich unvollkommen sind +und daß sie durch die erste Figur vollendet werden[149]. + + +Dreiundzwanzigstes Kapitel. + +Aus dem Bisherigen sieht man, daß die Schlüsse in diesen Figuren durch +die allgemeinen Schlüsse in der ersten Figur vollendet werden und auf +sie zurückgehen. Daß dieses aber von jedem Schluß überhaupt gilt, soll +jetzt dargetan werden, indem wir zeigen, daß jeder Schluß durch eine +von diesen Figuren geht. + +Jeder Beweis und jeder Schluß erhärtet notwendig entweder ein Sein oder +ein Nichtsein, entweder allgemein oder partikulär, und entweder durch +unmittelbaren Nachweis oder auf Grund einer Voraussetzung. Von dem +Nachweis aus einer Voraussetzung ist der Nachweis durch das Unmögliche +ein besonderer Fall. + +Wir wollen nun zuerst von den unmittelbar beweisenden Schlüssen reden. +Ist unsere Behauptung bei ihnen erhärtet, so muß sie auch für die +Schlüsse, die auf das Unmögliche führen, und überhaupt für die Schlüsse +aus einer Voraussetzung einleuchten. + +[Sidenote: 41 a] + +Wenn man also von A in Bezug auf B den Schluß ziehen soll, daß es ihm +entweder zukommt oder nicht zukommt, so muß man notwendig irgend etwas +von irgend etwas angenommen haben. Hat man nun A von B angenommen, +so hat man eben das angenommen, was von Anfang an die Frage ist; hat +man es dagegen von C angenommen, und C von nichts anderem, und auch +nichts anderes von C, und auch von A nichts anderes, so ist keinerlei +Schluß möglich. Denn darum, weil eines von einem angenommen wurde, +folgt nichts mit Notwendigkeit. Demnach muß man noch (zu AC) eine +andere Prämisse hinzunehmen. Nimmt man nun A von einem anderen (D = +A), oder ein anderes von A (A = C), oder von C etwas an (C = D), so +steht zwar der Bildung eines Schlusses nichts im Wege, aber es wird +kein Schluß sein, der auf Grund der gemachten Voraussetzungen zu B +gelangt. Und auch wenn C einem anderen und dieses wieder einem anderen +und das Dritte einem Vierten beigelegt wird, aber nichts davon mit +B in Verbindung steht, auch dann gibt es keinen Schluß von A auf B. +Denn wir stellen als Regel auf, daß überhaupt nie ein Schluß von einem +aufs andere möglich ist ohne Annahme eines Mittleren, das durch die +Prädizierungen zu jedem von beiden in einem bestimmten Verhältnis +steht. Denn der Schluß überhaupt erfolgt aus Prämissen, der Schluß auf +dieses aus Prämissen, die auf dieses gehen, und der Schluß von diesem +auf dieses aus Prämissen, die von diesem auf dieses gehen. Nun kann man +aber keine Prämisse annehmen, die auf B ginge, wenn man von B nichts +bejaht oder verneint, und wieder keine, die von A auf B ginge, wenn man +nichts Gemeinsames annimmt, sondern von jedem etwas Besonderes bejaht +oder verneint. Man muß demnach ein Mittleres zwischen beiden annehmen, +das bestimmt ist, die Aussagen zu verbinden, wofern ein Schluß zustande +kommen soll, der dieses von diesem aussagt. + +Wenn man nun etwas beiden Gemeinsames annehmen muß und dieses auf +dreifache Weise geschehen kann -- indem man nämlich entweder A von +C und C von B aussagt, oder C von den beiden anderen, oder diese +von C --, und wenn wir damit die angegebenen Figuren haben, so muß +offenbar jeder Schluß durch eine dieser Figuren gehen. Denn es ist +dasselbe Verhältnis, wenn A auch durch mehrere Zwischenglieder mit B +zusammenhängt. Denn auch bei einer Mehrheit solcher Glieder ist die +Figur dieselbe. + +Hiermit ist dargetan, daß die unmittelbar beweisenden Schlüsse durch +die vorgenannten Figuren zustande kommen. Daß es aber auch bei der +Zurückführung auf’s Unmögliche der Fall ist, soll das Folgende zeigen. + +Immer, wenn man etwas durch die Unmöglichkeit erhärtet, schließt +man zwar auf Falsches, weist aber damit das, was ursprünglich zur +Erörterung steht, aus der Voraussetzung nach, wenn bei Annahme seines +kontradiktorischen Gegenteils etwas Unmögliches folgt. So zeigt man +z. B. die Inkommensurabilität der Diagonale daraus, daß bei Annahme +ihrer Kommensurabilität ungrade Zahlen graden gleich werden[150]. +Daß also Ungrades Gradem gleich wird, wird geschlossen, daß aber die +Diagonale und die Seite sich nicht durch +ein+ Maß messen lassen, +zeigt man aus der Voraussetzung, weil nämlich wegen der Annahme des +Gegenteils etwas Falsches eintritt. Denn darunter, daß man durch +das Unmögliche schließt, verstanden wir eben dieses, daß man aus +der ursprünglichen Voraussetzung eine unmögliche Folge ableitet. Da +sohin bei der Zurückführung aufs Unmögliche ein unmittelbarer Schluß +auf das Falsche geschieht, während die ursprüngliche Behauptung aus +einer Annahme bewiesen wird, und da wir soeben von den unmittelbar +beweisenden Schlüssen erklärt haben, daß sie durch die angeführten +Figuren zustande kommen, so werden offenbar auch die Schlüsse durch das +Unmögliche durch diese Figuren gehen. + +Dasselbe gilt von allen anderen Schlüssen, die auf einer Voraussetzung +beruhen: bei ihnen allen richtet sich der Schluß auf die eingesetzte +Behauptung (τὸ μεταλαμβανόμενον), die ursprüngliche Behauptung aber +gewinnt man durch Zugeständnis oder sonst eine Annahme. + +[Sidenote: 41 b] + +Ist dieses aber wahr, so kommt jeder Beweis und jeder Schluß notwendig +durch die drei vorgenannten Figuren zustande. Wenn aber dieses bewiesen +ist, so ist klar, einmal, daß jeder Schluß durch die erste Figur +vollendet wird, und dann, daß er auf die allgemeinen Schlüsse in ihr +zurückgeht. + + +Vierundzwanzigstes Kapitel. + +Ferner muß in jedem Schluß ein Begriff bejahend sein und ein +allgemeiner Satz vorkommen. + +Denn ohne ein Allgemeines kommt entweder kein Schluß zustande, oder er +erhärtet die Behauptung nicht, oder man postuliert was zu beweisen ist. + +Denn es soll zu beweisen sein, daß die Lust, die einem die Musik +gewährt, sittlich gut ist. Wenn man sich nun einräumen lassen will, daß +Lust sittlich gut ist, ohne zu sagen: jede Lust, so ist kein Schluß +möglich. Will man aber zugestanden haben, daß eine Lust gut ist, und +ist dieselbe eine andere, so trägt es für die Behauptung nichts aus; +ist es aber eben die in Frage stehende Lust, so nimmt man an was zu +beweisen ist. + +Man kann sich das an den geometrischen Figuren noch besser +verdeutlichen. Es handle sich z. B. um den Satz, daß die Winkel an +der Grundlinie eines gleichschenkligen Dreiecks einander gleich sind. +Die Linien AB sollen dann nach dem Mittelpunkt gezogen sein. Wenn +man nun annimmt, daß der Winkel AC dem Winkel BD gleich ist, ohne +die gleichzeitige Forderung, daß überhaupt die Winkel der Halbkreise +einander gleich sind, und wieder annimmt, daß Winkel C dem Winkel D +gleich ist, aber nicht noch dazu, daß jeder Winkel jedem Winkel auf +demselben Bogen gleich ist, und dann noch daß die Restwinkel EF nach +Abzug der gleichen Winkel von den gleichen gleich sind, so setzt man +voraus was zu beweisen ist, falls man nicht annimmt, daß gleiches von +gleichem abgezogen gleiches läßt. + +Es leuchtet mithin ein, daß zu jedem Schluß das Allgemeine erforderlich +ist und daß das Allgemeine erwiesen wird, wenn alle Begriffe allgemein +sind, das Partikuläre dagegen so oder so, so daß, wenn der Schlußsatz +allgemein ist, auch die Begriffe allgemein sein müssen, wenn aber die +Begriffe allgemein sind, der Schlußsatz auch nicht allgemein sein kann. + +Klar ist auch, daß in jedem Schluß entweder beide oder eine Prämisse +dem Schlußsatz gleich sein muß. Ich meine damit, nicht nur sofern sie +bejahend oder verneinend ist, sondern auch, sofern sie ein notwendiges +oder ein einfaches oder ein mögliches Sein enthält. Man muß aber auch +die anderen Arten der Aussage in Betracht nehmen[151]. + +Klar ist auch überhaupt, wann ein Schluß stattfindet und wann nicht, +wann er ein solcher der bloßen Anlage nach[152], und wann er ein +vollkommener ist, endlich, daß wenn ein Schluß stattfindet, die +Begriffe sich in einer der angegebenen Weisen verhalten müssen. + + +Fünfundzwanzigstes Kapitel. + +[Sidenote: 42 a] + +Es leuchtet auch ein, daß jeder Beweis durch drei und nicht mehr +Begriffe zustande kommen muß, wenn nicht derselbe Schlußsatz durch +andere und wieder andere Beweisgründe gewonnen wird, wie z. B. E durch +AB und CD; oder durch AB, AC und BC. Denn es kann wohl sein, daß es +für dieselben Konklusionen eine Mehrheit von Mittelbegriffen gibt. +In diesem Falle hat man aber nicht nur einen Schluß, sondern ihrer +mehrere. Oder in dem Falle, daß man jede der beiden Prämissen A und +B für sich durch Schluß erhält, wie A durch DE und B wieder durch +FG. Oder wenn man die eine Prämisse durch Induktion und die andere +durch Schluß erhält. Aber auch so sind es mehrere Schlüsse; denn es +sind mehrere Schlußsätze, wie A, B und C. Wenn aber nun nicht mehr +Schlüsse sind, sondern nur einer, so kann derselbe Schluß zwar in der +angegebenen Weise durch mehrere Begriffe zustande kommen, aber er kann +es unmöglich, wenn er so vor sich gehen soll, wie man C durch A und B +erhält[153]. + +Denn es soll der Schlußsatz E aus den Begriffen ABCD abgeleitet sein. +Nun muß einer dieser Begriffe zu einem anderen so im Verhältnis stehen, +daß der eine das Ganze, der andere den Teil darstellt. Denn das ist +vorhin (voriges K.) bewiesen worden, daß wenn ein Schluß stattfindet, +einige von den Begriffen sich so verhalten müssen. A verhalte sich nun +so zu B. Mithin ergibt sich aus diesen Begriffen ein Schlußsatz, also +entweder E oder C oder D oder sonst einer. Und wenn E sich ergibt, so +ist der Schluß nur aus AB gezogen. Wenn sich aber C und D so verhalten, +daß das eine wie das Ganze und das andere wie der Teil ist, so wird +auch aus ihnen eine Konklusion hervorgehen, und zwar entweder E oder +A oder B oder sonst eine. Und wenn es E oder A oder B ist, so werden +es entweder mehrere Schlüsse sein, oder wir haben die obige Weise, +nach der es freilich möglich ist, daß ein einheitliches Ergebnis durch +eine Mehrheit von Begriffen vermittelt wird. Ist es aber sonst eine +Konklusion, so haben wir eine Mehrheit von Schlüssen, die unter sich +in keinem Zusammenhang stehen. Verhält sich dagegen C zu D nicht so, +daß diese Prämissen einen Schluß ergeben, so hat man sie vergebens +angenommen, außer es müßte der Induktion wegen, oder zur Verschleierung +des Schlußsatzes, oder in sonst einer derartigen Absicht geschehen +sein. Wenn aber aus AB nicht E folgt, sondern sonst ein Schlußsatz, +und aus CD entweder eines von diesen beiden oder sonst etwas, so sind +einmal der Schlüsse mehrere und dann gehen sie nicht auf den fraglichen +Satz. Denn es wurde vorausgesetzt, daß der Schluß auf E gehe. Ergibt +sich endlich aus CD gar keine Konklusion, so folgt einmal, daß diese +Prämissen zwecklos angenommen worden sind, und dann, daß kein Schluß +auf die ursprüngliche These stattfindet. + +So sieht man denn, daß jeder Beweis und jeder Schluß durch nur drei +Begriffe zustande kommt. + +Ist aber dieses klar, so leuchtet auch ein, daß er aus zwei Prämissen +und nicht mehr entsteht. Denn die drei Begriffe bilden zwei Prämissen, +wenn man nicht, wie zu Anfang erklärt wurde, noch ein Mehreres zur +Vollendung der Schlüsse hinzunimmt. + +Man sieht hieraus: wenn in einer syllogistischen Rede die Prämissen, +aus denen der eigentliche Schlußsatz gewonnen wird -- denn einige von +den vorausgehenden Schlußsätzen müssen Prämissen sein --, nicht der +Zahl nach gerade sind, so ist diese Rede entweder kein Schluß, oder sie +nimmt mehr auf, als für die Begründung der These erforderlich ist. + +[Sidenote: 42 b] + +Wenn man demnach die Schlüsse nach ihren Hauptprämissen nimmt, so wird +jeder Schluß aus Prämissen erwachsen, die der Zahl nach gerade, und +aus Begriffen, die der Zahl nach ungerade sind. Denn der Begriffe sind +um einen mehr als der Prämissen. Und was die Konklusionen betrifft, so +sind ihrer halb so viel als der Prämissen[154]. + +Wenn der Schluß dagegen durch Prosyllogismen (Vorschlüsse) oder durch +mehrere, nicht kontinuierliche Mittelbegriffe hergestellt wird, wie +z. B. AB durch CD, so wird die Zahl der Begriffe zwar ebenso die der +Prämissen um eins übertreffen -- denn der noch dazu kommende Begriff +wird entweder neben oder zwischen die anderen gestellt werden, aber auf +beide Weisen ergibt sich, daß der Sätze um einen weniger sind als der +Begriffe --, die Prämissen aber werden den Sätzen an Zahl gleich sein. +Aber freilich werden die Prämissen nicht immer an Zahl gerade und die +Begriffe ungerade sein, sondern es werden umgekehrt, wenn die Prämissen +gerade sind, die Begriffe ungerade, und wenn die Begriffe gerade sind, +die Prämissen ungerade sein. Denn mit dem Begriff wird je eine Prämisse +hinzugesetzt, von welcher Seite man auch den Begriff hinzusetzen mag. +Da mithin die Prämissen von gerader und die Begriffe von ungerader Zahl +waren, so müssen sie, wenn derselbe Zusatz gemacht wird, in bezug auf +Geradheit und Ungeradheit sich umkehren[155]. + +Die Konklusionen aber werden dann nicht dasselbe Verhältnis behalten, +weder zu den Begriffen, noch zu den Prämissen. Denn wenn ein Begriff +hinzugesetzt wird, werden so viele Konklusionen hinzugesetzt werden, +daß ihrer um eins weniger sind als der schon vorhandenen Begriffe. +Denn der neue Begriff bildet mit dem letzten keine Konklusion, sonst +aber mit allen. Wenn z. B. zu ABD noch D hinzukommt, so kommen damit +unmittelbar auch zwei Konklusionen hinzu, eine zu A und eine zu B. +Und so ist es auch, wenn man noch weitere Begriffe annimmt. Aber auch +wenn der neue Begriff in die Mitte zu stehen kommt, wird es so sein: +nur mit einem Begriff wird er keinen Schluß bilden. Sohin werden der +Konklusionen viel mehr sein als der Begriffe und der Prämissen[156]. + + +Sechsundzwanzigstes Kapitel. + +Da wir nun anzugeben wissen, worauf die Schlüsse gehen und welcherlei +Folgerungen in jeder Figur gezogen werden und auf wievielfache Weise, +so ist uns auch klar, welcherlei Probleme schwer und welche leicht zu +behandeln sind: leichter ist ein Problem zu behandeln, das in mehr +Figuren und durch mehr Modi (πτώσεις, casus, Fälle) erledigt werden +kann, schwerer ein solches, das weniger Figuren und Modi zuläßt. Das +allgemein Bejahende nun wird nur durch die erste Figur gefolgert, und +durch sie nur auf eine Weise, das allgemein Verneinende aber durch +die erste und durch die mittlere Figur zugleich: durch die erste nur +in einer Weise, durch die mittlere auf zwei Weisen. Das partikulär +Bejahende wird durch die erste und durch die letzte Figur gefolgert: +durch die erste nur auf eine Weise, durch die letzte auf drei. Das +partikulär Verneinende endlich wird in allen Figuren gefolgert, nur daß +es in der ersten Figur nur auf eine Weise möglich ist, in der mittleren +und letzten aber so, daß es in der einen auf zwei, in der anderen auf +drei Weisen geschehen kann. + +[Sidenote: 43 a] + +Man sieht also, daß das allgemein Bejahende am schwersten zu erhärten +und am leichtesten zu widerlegen ist. + +Überhaupt aber ist die Umstoßung eines allgemeinen Satzes leichter als +die eines partikulären. Denn er ist umgestoßen, einmal, wenn etwas +keinem zukommt, und dann auch, wenn es einem nicht zukommt, und hiervon +wird das letztere, daß etwas einem oder einigem nicht zukommt in allen, +das andere, daß es keinem zukommt, in zwei Figuren gefolgert. Ebenso +ist es mit den verneinenden Sätzen. Denn die ursprüngliche Behauptung +ist aufgehoben, wenn etwas allem, aber nicht minder, wenn es einem +zukommt. Dieses aber, so haben wir gesehen, läßt sich in zwei Figuren +folgern. Bei den partikulären Sätzen aber gibt es nur eine Weise sie +umzustoßen, indem man zeigt, entweder daß das Prädikat jedem, oder daß +es keinem zukommt. Will man aber einen Satz erhärten, so geschieht es +leichter, wenn er partikulär ist, weil es dafür mehr Figuren und Modi +gibt. + +Und überhaupt muß man wissen, daß wo eine Widerlegung in Frage kommt, +die allgemeinen Sätze wechselseitig durch die partikulären und die +partikulären durch die allgemeinen umgestoßen werden, was aber die +Erhärtung angeht, so lassen sich die allgemeinen Sätze nicht durch +die partikulären, wohl aber die partikulären durch die allgemeinen +beweisen. Zugleich sieht man, daß das Widerlegen leichter ist als das +Erhärten. + +Wie demnach jeder Schluß zustande kommt und durch wie viele Begriffe +und Prämissen, und wie sich diese zueinander verhalten müssen, ferner, +welcher Art Satz in jeder Figur, welcher in mehr und welcher in +weniger Figuren gefolgert wird, das alles ist durch das Vorgetragene +klargestellt worden. + + +Siebenundzwanzigstes Kapitel. + +Wie wir aber selbst zu der jeweiligen Aufgabe reichlich Schlüsse +finden und auf welchem Wege wir die jeweiligen Prinzipien für dieselbe +erhalten können, müssen wir jetzt angeben. Denn man muß doch wohl +nicht nur die Entstehung der Schlüsse betrachten, sondern auch +imstande sein, solche zu errichten[157]. + +Von allem nun, was ist, ist das eine so beschaffen, daß es von nichts +anderem wahrhaft allgemein ausgesagt werden kann, wie Kleon und Kallias +und das Einzelne und Sinnenfällige, während anderes von ihm ausgesagt +werden kann -- denn Kleon und Kallias sind Menschen und sind sinnliche +Wesen --; anderes dagegen wird zwar selbst von anderem ausgesagt, aber +von ihm wird nicht vorher anderes ausgesagt; noch anderes endlich ist +so beschaffen, daß es selbst von anderem und anderes von ihm ausgesagt +wird, wie von Kallias Mensch und von Mensch sinnliches Wesen[158]. + +Daß nun manches, was ist, seiner Natur nach von nichts ausgesagt wird, +liegt am Tage: jedes sinnliche Einzelne dürfte so ziemlich von der +Art sein, daß es von nichts anderem prädiziert wird, es sei denn etwa +mitfolgender Weise. Denn wir sagen wohl, das Weiße da sei Sokrates, +und was da herankommt, sei Kallias. Daß man aber auch beim Aufsteigen +zu höheren Begriffen einmal an eine Grenze kommt, werden wir ein +anderes Mal auseinandersetzen (2. Anal. 1, 22), doch einstweilen sei +es als wahr angenommen. Von letzterem nun läßt sich nichts anderes als +Prädikat beweisen, außer etwa in dialektischer Weise, sondern nur es +selbst von anderem[159]. Das Einzelne oder Individuelle hinwieder läßt +sich nicht als Prädikat von anderem, wohl aber anderes als Prädikat von +ihm beweisen. Bei demjenigen endlich, was zwischen beiden in der Mitte +steht, ist offenbar beides möglich: es selbst wird von anderem und +anderes von ihm ausgesagt werden, und mit ihm haben es die Erörterungen +und Untersuchungen vorzüglich zu tun. + +[Sidenote: 43 b] + +Man muß nun die Prämissen für das jeweilige Objekt in der Weise +erheben, daß man zuerst das Ding selbst mit seiner Begriffsbestimmung +und allem, was ihm eigentümlich ist, zugrunde legt, sodann alles, was +logisch auf das Ding folgt und worauf umgekehrt es selbst folgt, und +was ihm nicht zukommen kann. Das aber, dem es selbst nicht zukommen +kann, braucht man nicht zu erheben, weil das Verneinende konvertibel +ist. Auch muß man bei dem, was auf das Ding folgt, unterscheiden +zwischen solchem, was zu seinem Begriff gehört und solchem, was als +Proprium und solchem, was als Akzidenz von ihm ausgesagt wird, und hier +wieder zwischen solchem, was auf Grund bloßer Meinung und solchem, was +gemäß der Wahrheit von ihm behauptet wird. Denn über je mehr solche +Bestimmungen man verfügt, desto eher findet man den Schlußsatz, und je +wahrer sie sind, desto eigentlicher und strikter beweist man[160]. + +Man darf aber nicht solches erheben, was einem einzelnen Individuum, +sondern nur solches, was der ganzen Art folgt, z. B. nicht was einem +bestimmten, sondern was jedem Menschen folgt. Denn der Schlußsatz +kommt durch die allgemeinen Prämissen zustande. Ist darum ein Begriff +unbestimmt, so bleibt es ungewiß, ob die Prämisse allgemein ist, ist er +aber bestimmt, so ist es klar. + +Ebenso muß man dasjenige erheben, dem das Ding selbst als Ganzem folgt, +aus demselben Grunde. + +Von dem, was folgt, selbst aber, darf man nicht die Annahme machen, +daß es ganz folgt, darf z. B. auf Mensch nicht jedes animalische +Wesen und auf Musik nicht jede Wissenschaft oder Kunst folgen lassen, +sondern beides nur schlechthin, wie wir entsprechend auch die Prämissen +aufstellen. Das andere wäre verkehrt und unmöglich, wenn z. B. jeder +Mensch jedes animalische Wesen oder die Gerechtigkeit jedes Gut sein +sollte, vielmehr steht „jedes“ bei dem, worauf etwas folgt[161]. + +Wenn aber das Subjekt, zu dem man das, was ihm folgt, finden soll, +unter einem Anderem begriffen ist, so darf man bei solchem nicht +das auswählen, was dem Allgemeinen folgt oder nicht folgt -- denn +es ist unter ihm begriffen, da alles, was dem animalischen Wesen +folgt, auch dem Menschen folgt, und mit dem, was nicht zukommt +(dem Subjekt zuwiderläuft), ist es ebenso --, sondern man muß das +jeweilig Eigentümliche erheben. Denn die Art hat ihr Eigenes neben +der Gattung, da den verschiedenen Arten bestimmte Eigentümlichkeiten +zukommen müssen. Man darf also auch nicht durch das Allgemeine die +Bestimmungen erheben, auf die das unter ihm Begriffene folgt, z. B. +nicht durch animalisches Wesen das, worauf Mensch folgt. Es muß ja, +wenn animalisches Wesen auf Mensch folgt, es auch auf alle diese +Bestimmungen folgen. Aber dieselben berühren jene Auswahl näher, die +man für Mensch treffen muß[162]. + +Man muß auch herbeiziehen, was meistenteils folgt oder vorausgeht (als +consequens oder antecedens). Denn bei Problemen, die das meistenteils +Geltende berühren, geht auch der Schluß aus meistenteils geltenden +Prämissen hervor, seien nun alle Prämissen oder nur ein Teil von dieser +Art. Denn der jeweilige Schlußsatz richtet sich nach den Prinzipien. + +Endlich darf man nicht solches auswählen, was auf alles folgt (auf +Subjekt und Prädikat): denn aus solchem kann sich kein Schluß ergeben. +Der Grund davon wird im folgenden klar werden (vgl. Kap. 28, 44 b 20). + + +Achtundzwanzigstes Kapitel. + +Wenn man nun etwas von etwas als Ganzem erhärten soll, so muß man +bezüglich des zu Erhärtenden auf die Subjekte sehen, von welchen +es ausgesagt werden mag, bezüglich dessen aber, wovon es ausgesagt +werden soll, muß man sehen, was ihm folgt. Denn wenn von diesem etwas +identisch ist, so kommt das eine notwendig dem anderen zu[163]. + +[Sidenote: 44 a] + +Wenn die Aussage aber nicht von jedem, sondern nur von einigem gelten +soll, so muß man sehen, wem beides folgt. Denn wenn von diesem etwas +identisch ist, so kommt sie notwendig einigem zu[164]. + +Wenn die Aussage aber keinem zukommen soll, so muß man bei dem, dem +sie nicht zukommen soll, auf das sehen, was ihm folgt, dagegen bei +dem, was nicht zukommen soll, auf das, was ihm nicht beiwohnen kann; +oder man muß umgekehrt bei dem Subjekt, dem etwas nicht zukommen soll, +sehen, was ihm nicht beiwohnen kann, dagegen bei dem Prädikat, das ihm +nicht zukommen soll, auf das, was ihm folgt. Denn mag das eine oder das +andere von diesen beiden Paaren identisch sein, so ist die Folge immer, +daß keiner von beiden Begriffen dem anderen zukommen kann. Denn wir +erhalten hier das eine Mal einen Schluß in der ersten, das andere Mal +einen Schluß in der mittleren Figur[165]. + +Wenn endlich eine Aussage einigem nicht zukommen soll, so muß man bei +dem, dem sie es nicht soll, sehen, was ihm folgt, dagegen bei dem, was +nicht ausgesagt werden soll, muß man sehen, was ihm nicht beiwohnen +kann. Denn wenn von diesem etwas identisch ist, so kommt die Aussage +notwendig einigem nicht zu[166]. + +Diese Regeln lassen sich vielleicht besser in folgender Weise je für +sich verdeutlichen. + +Was logisch auf A folgt, soll B sein, das, worauf es selbst folgt, C +und das, was ihm nicht zukommen kann, D. Wieder soll was dem E zukommt, +F sein, das, worauf es selbst logisch folgt, G, und das, was ihm nicht +zukommen kann, H. Wenn nun ein C mit einem F identisch ist, so kommt A +notwendig jedem E zu. Denn F kommt jedem E zu und A jedem C, demnach A +jedem E[167]. + +Ist aber C und G identisch, so kommt A notwendig einigen E zu. Denn auf +jedes C folgt A, und auf jedes G folgt E. + +Ist aber F und D identisch, so kann, auf Grund eines Prosyllogismus, +A keinem E zukommen. Denn da das Verneinende konvertibel, und F mit D +identisch ist, so kann A keinem F, und muß F jedem E zukommen. + +Wieder kann, wenn B und H identisch ist, A keinem E zukommen. Denn B +wird jedem A, aber keinem E zukommen. Denn es war mit H identisch, und +H kam keinem E zu. + +Wenn aber D und G identisch ist, so wird A einigen E nicht zukommen. +Denn es wird dem G nicht zukommen, weil es auch dem D nicht zukommt. +G ist aber unter E begriffen, und A wird demnach einem oder einigen E +nicht zukommen. + +Wenn aber B mit G identisch ist, wird der Schlußsatz umgekehrt lauten. +Denn G wird jedem A zukommen -- da B jedem A zukommt --, und E jedem B +-- da B mit G identisch war --, A dagegen kommt nicht notwendig jedem E +zu, wohl aber manchem, weil eine allgemeine Aussage in eine partikuläre +umgekehrt werden kann[168]. + +Man sieht also, daß man bei jedem Problem die für beide Begriffe, +Subjekt und Prädikat, angegebenen Beziehungen ins Auge fassen muß, da +alle Schlüsse auf ihnen beruhen. + +[Sidenote: 44 b] + +Man muß aber auch bei dem, was einem folgt, und bei dem, worauf etwas +folgt, das Erste und Allgemeinste ins Auge fassen, bei E z. B. mehr das +KF als nur das F, und bei A mehr das KC als nur das C. Denn wenn A dem +KF zukommt, kommt es auch dem F und dem E zu; wenn es aber diesem nicht +folgt, kann es doch dem F folgen. Ebenso muß man auf das sehen, worauf +etwas folgt. Denn wenn es dem Ersten folgt, dann auch dem unter ihm +Begriffenen; wenn es aber Letzterem nicht folgt, dann kann es doch dem +unter diesem Begriffenen folgen[169]. + +Es leuchtet aber auch ein, daß diese Untersuchung vermittels der drei +Begriffe und der zwei Prämissen geführt wird und daß alle Schlüsse +durch die oben bezeichneten Figuren gehen. Denn es ist bewiesen, daß +das A jedem E zukommt, wenn gefunden ist, daß ein C und ein F identisch +ist. Dieses wird aber Mittelbegriff und A und E werden Außenbegriffe +sein. So erhält man also die erste Figur. Daß es dann einem zukommt, +ist bewiesen, wenn gefunden ist, daß C und G identisch ist. Das ist +die letzte Figur. Denn G wird Mittelbegriff. Es kommt keinem zu, wenn +D und F identisch ist. So hat man die erste und die mittlere Figur +zugleich: die erste, weil A keinem F zukommt, da ja das Verneinende +konvertibel ist, und F jedem E zukommt, die mittlere, weil D keinem +A und jedem F zukommt. Endlich kommt es einem nicht zu, wenn D und G +identisch ist. Das ist die letzte Figur. Denn A wird keinem und E jedem +G zukommen. + +Man sieht also, daß alle Schlüsse durch die angegebenen Figuren gehen, +und daß man nicht solches auswählen darf, was logisch auf alles folgt, +weil sich daraus kein Schluß ergibt. Denn aus lauter solchem, was auf +das Subjekt folgt, erhält man, wie wir gesehen haben, keine Bejahung +und ebensowenig eine Verneinung. Denn zu dem Ende müßte es dem einen +zukommen und dem anderen nicht zukommen[170]. + +Man sieht aber auch, daß die anderen Fragen wegen der Auswahl der +Begriffe für die Bildung eines Schlusses wertlos sind, ob z. B. was +beiden Begriffen folgt, identisch ist, oder ob es das ist, worauf A +folgt und was dem E nicht folgen kann, oder auch das, was beiden nicht +zukommen kann. Denn durch derlei Identisches entsteht kein Schluß. + +Denn bei Identität dessen, was logisch folgt, wie B und F, entsteht die +mittlere Figur mit bejahenden Prämissen (die keinen Schluß zuläßt). + +Ist identisch wem A folgt und was dem E nicht folgen kann, wie C und H, +so entsteht die erste Figur mit negativem Untersatz. + +Ist endlich identisch was dem einen wie dem anderen nicht zukommen +kann, wie D und H, so sind beide Prämissen verneinend, entweder in der +ersten oder in der mittleren Figur. So aber entsteht keinerlei Schluß. + +Man sieht aber auch, daß man bei dem Suchen nach den Begriffen +ermitteln muß, was für welche identisch, nicht, was für welche +verschieden und konträr sind, erstens deshalb, weil die Ausschau dem +Mittelbegriff gilt und ein solcher Mittelbegriff erhoben sein will, der +nicht verschieden, sondern identisch ist. + +[Sidenote: 45 a] + +Sodann auch aus diesem Grunde: wo ein Schluß auch dadurch möglich ist, +daß man Konträres nimmt oder solches, was nicht einem und demselben +zukommen kann, da muß man immer auf die vorgenannten Modi zurückgehen, +z. B. wenn B und F sich konträr ist oder nicht einem und demselben +zukommen kann. Denn bei dieser Annahme ergibt sich der Schluß, daß A +keinem E zukommt, aber nicht aus der Annahme an sich, sondern erst auf +Grund des vorbezeichneten Modus. Denn B wird jedem A, aber keinem E +zukommen, so daß B notwendig mit einem H identisch ist. + +Wieder ist, wenn B und G nicht einem und demselben beiwohnen kann, +der Schluß gegeben, daß A einem E nicht zukommt. Denn auch so erhält +man die mittlere Figur. Denn B wird jedem A und keinem G zukommen, +und so ist B notwendig mit einem H identisch. Denn wenn B und G nicht +einem und demselben zukommen kann, so heißt das nur, daß B mit einem H +identisch ist, weil in H alles begriffen ist, was dem E nicht zukommen +kann. + +Hieraus sieht man also, daß auf Grund solchen Suchens an sich kein +Schluß gewonnen wird, daß aber, wenn sich B und F konträr ist, B mit +einem H identisch ist und der Schluß durch diese beiden, B und H, +zustandekommt. So begegnet es denn denen, die auf diese Weise suchen, +daß sie nach einem anderen als dem notwendigen Wege sich umschauen, +weil ihnen die Identität von B und H entgeht[171]. + + +Neunundzwanzigstes Kapitel. + +Dieselbe Bewandtnis wie mit den direkt beweisenden Schlüssen hat es mit +denen, die auf das Unmögliche führen. + +[Sidenote: 45 b] + +Auch sie kommen zustande durch das, was logisch auf beide zu +verbindenden Begriffe folgt, und das, worauf sie folgen. Bei beiden +wird auch dieselbe Umschau angestellt. Denn was direkt bewiesen wird, +läßt sich mit Hilfe derselben Begriffe auch durch das Unmögliche +folgern, und was durch das Unmögliche, auch direkt, wie z. B. der +Satz, daß A keinem E zukommt. Denn es soll einem zukommen. Da nun B +jedem A und A einem E zukommt, so wird B einem E zukommen. Nach der +Voraussetzung aber kommt es keinem zu. Wieder der Satz, daß es einem +zukommt. Denn wenn A keinem E und E jedem G zukommt, wird A keinem +G zukommen. Nach der Voraussetzung aber kommt es jedem zu. Dieselbe +Bewandtnis hat es mit den anderen Sätzen, um deren Beweis es sich +fragt: immer und überall erfolgt der Beweis durch das Unmögliche aus +dem Consequens und dem Antecedens der beiden Begriffe. Und bei jedem +Problem ist die Untersuchung dieselbe für den, der direkt beweisend +schließen, wie für den, der aufs Unmögliche führen will: beide Beweise +erfolgen aus denselben Begriffen. Wenn z. B. der Satz, daß A keinem +E zukommt, daraus bewiesen worden ist, daß sich ergibt, daß auch B +einem E zukommt, was unmöglich ist, so ist ebenso, wenn man annimmt, B +komme keinem E und jedem A zu, klar, daß A keinem E zukommen kann. Und +wenn wieder durch direkten Beweis gefolgert worden ist, daß A keinem E +zukommt, so wird an Hand der Annahme, daß es einem zukommt, durch das +Unmögliche gezeigt werden, daß es keinem zukommt. Ebenso ist es mit +den anderen Sätzen: bei ihnen allen muß man einen gemeinsamen Begriff +ermitteln, der von den zugrunde gelegten Begriffen verschieden ist und +mit Bezug auf den der Schluß auf das Falsche gezogen wird, so daß, wenn +dieser Satz umgekehrt wird und der andere bleibt, wie er ist, durch +dieselben Begriffe ein direkt beweisender Schluß zustande kommt. Denn +der direkt beweisende Schluß unterscheidet sich von dem Schluß auf das +Unmögliche dadurch, daß in dem ersten jede der beiden Prämissen nach +der Wahrheit, in dem zweiten aber die eine fälschlich aufgestellt wird. + +Was wir meinen, wird durch das Folgende (Buch 2, K. 11 ff.) deutlicher +werden, wenn wir von dem Unmöglichen handeln; für jetzt sei uns +ausgemacht, daß man diese Gesichtspunkte ins Auge fassen muß, mag man +nun vorhaben, direkt beweisend zu schließen oder apagogisch. + +Bei den anderen hypothetischen Schlüssen, die also auf einem +eingesetzten Satz oder auf der Qualität fußen, wird man auf die +Voraussetzung sehen, nicht die ursprüngliche, sondern die eingesetzte, +dagegen wird die Betrachtungsweise dieselbe sein. Man muß aber auch +sehen und unterscheiden, wie vielerlei hypothetische Schlüsse es geben +kann[172]. + +So wird denn jeder Satz, der aufgegeben ist, so bewiesen. Gleichwohl +läßt sich auf einen Teil dieser Sätze auch noch in anderer Weise +schließen, auf allgemeine Sätze nämlich mittels des Verfahrens bei +partikulären Problemen, und zwar auf Grund einer Voraussetzung. Denn +wenn die A und die G identisch sind und angenommen wird, daß E nur +den G zukommt, so wird A jedem E zukommen, und wenn wieder D und G +identisch sind und E nur von den G ausgesagt wird, so wird A keinem +E zukommen. Hieraus erhellt, daß man auch diese Betrachtungsweise +anwenden muß[173]. + +Ebenso (wie bei den hypothetischen Sätzen) verfährt man bei den +notwendigen und den kontingenten Sätzen: die Auffindung des +Mittelbegriffes geschieht auf dieselbe Weise, und der Schluß kommt +durch dieselben und in derselben Ordnung sich folgenden Begriffe +zustande, es mag sich um das einfache oder das kontingente Sein +handeln. Bei kontingent muß man auch solches mit verstehen, was nicht +ist, aber sein kann. Denn es ist gezeigt worden, daß ein Schluß auf das +kontingente Sein auch mit Hilfe solcher Sätze geschehen kann. Ebenso +wird es sich bei den sonstigen Weisen der Aussage verhalten[174]. + +[Sidenote: 46 a] + +Man sieht nun aus dem Gesagten nicht nur, daß auf diesem Wege alle +Schlüsse gewonnen werden können, sondern auch, daß dieses auf keinem +anderen Wege möglich ist. Denn es ist gezeigt worden, daß jeder Schluß +durch eine der vorgenannten Figuren geht, diese Figuren aber lassen +sich anders nicht bilden als durch das jeweilige logische Consequens +und Antecedens, da daraus die Prämissen gewonnen und der Mittelbegriff +gefunden wird; und so kann dann auch anders kein Schluß gebildet werden. + + +Dreißigstes Kapitel. + +Der Weg ist mithin überall derselbe, in der Philosophie und in jeder +beliebigen Kunst und Wissenschaft: bei jedem Problem muß man sehen, +was einem beiwohnt und wem es beiwohnt, und dessen möglichst viel zur +Verfügung haben und es an Hand der drei Begriffe mustern, bei der +Widerlegung, auf diese, bei der Erhärtung auf jene Weise, und muß, wenn +es die Wahrheit gilt, aus solchem schließen, was nach der Wahrheit als +tatsächlich vorgemerkt ist, wenn aber einen dialektischen Schluß, aus +bloß wahrscheinlichen Prämissen. + +Von den Prinzipien der Schlüsse aber haben wir bis jetzt nur im +allgemeinen erklärt, wie sie sich verhalten und wie man sie finden muß, +damit man sich nicht um alles bekümmere, was ausgesagt wird, und nicht +auf dasselbe sehe bei der Erhärtung und bei der Widerlegung, und wenn +man ein Prädikat von allem oder nur von einigem erhärtet und es für +alles oder nur für einiges widerlegt, sondern damit man vielmehr sein +Augenmerk auf Weniges und Bestimmtes richte, wobei man die Prinzipien +nach Maßgabe des jeweiligen Objektes, des Guten z. B. oder der +Wissenschaft, auswählen muß. + +Von diesen Prinzipien sind die meisten den einzelnen Wissenschaften +eigentümlich. Was daher die Angabe und Bereitstellung der jeweiligen +Prinzipien betrifft, so ist das Sache der Erfahrung; die Prinzipien +der astronomischen Wissenschaft z. B. hat die astronomische Erfahrung +anzugeben. Denn nach ausgiebiger Feststellung der Erscheinungen sind +auf Grund derselben die astronomischen Beweise gefunden worden. Ebenso +verhält es sich mit jeder beliebigen anderen Kunst und Wissenschaft. +Nachdem sohin das jeweilige Tatsächliche erhoben ist, fällt uns +anschließend die Aufgabe zu, ungesäumt die Beweise ins Licht zu +stellen. Denn wenn die Forschung nichts von dem Tatsächlichen an den +Dingen übersehen hat, so sind wir imstande, für alles, wofür es einen +Beweis gibt, ihn zu finden und zu begründen, und wiederum bei dem, +wofür es naturgemäß keinen gibt, dieses klarzustellen. + +So wäre denn im allgemeinen so ziemlich dargelegt, auf welche Weise +man die Prämissen auswählen muß; genauer haben wir dieses in unserem +dialektischen Traktat (der Topik) erörtert[175]. + + +Einunddreißigstes Kapitel. + +Daß aber die Einteilung nach den Gattungen nur ein kleines Stück +unserer Methode ist, ist leicht einzusehen. + +Die Einteilung ist gleichsam ein schwacher Schluß. Denn was man +beweisen sollte, wird postuliert, und was man schließt, ist immer +ein Höheres und Allgemeineres als dieses. Das ist es aber vor allem, +was die, die sich der Einteilung bedienen, übersehen haben, und so +versuchten sie denn ein Beweisverfahren aufzustellen, das auf dem +Gedanken beruhte, es sei möglich, für die Wesenheit und das Was eines +Dinges eine eigentliche Demonstration zu liefern. Demnach wußten sie +bei ihren Einteilungen weder zu schließen was sich schließen läßt, +noch wußten sie, daß es so hätte geschlossen werden können, wie wir +angegeben haben[176]. + +[Sidenote: 46 b] + +Es muß also bei den Beweisen, wenn auf ein Sein oder Zukommen +geschlossen werden soll, das Mittlere, wodurch der Schluß geschieht, +immer enger als der Oberbegriff sein und darf nicht allgemein von +ihm gelten. Die Einteilung will aber das Gegenteil. Denn sie setzt +als Mittelbegriff das Allgemeine. Denn es soll sinnliches Wesen die +Stelle von A einnehmen, sterblich die von B, unsterblich die von C und +Mensch, dessen Begriff man ermitteln soll, die von D. Man setzt nun +jedes sinnliche Wesen entweder als sterblich oder als unsterblich, das +heißt, alles, was A ist, soll entweder B oder C sein. Wieder läßt man +den Menschen in fortgesetzter Einteilung ein sinnliches Wesen sein, +und ermittelt so, daß A dem D beiwohnt. Der Schluß ist nun, daß jedes +D entweder B oder C ist, und so ist der Mensch zwar notwendig entweder +sterblich oder unsterblich, daß er aber ein sterbliches Sinnenwesen +ist, ist nicht notwendig, sondern ein Postulat, und doch war es gerade +das, was man hätte erschließen sollen. Und wieder setzt man voraus, daß +A sterbliches Sinnenwesen ist, B Gangtier, C ohne Füße und D Mensch, +und nimmt dann ebenso an, daß A entweder unter B oder unter C begriffen +ist -- denn jedes sterbliche Sinnenwesen ist entweder Gangtier oder +ohne Füße --, und daß von D das A gilt -- denn man nahm an, der Mensch +sei ein sterbliches Sinnenwesen --. Und so ist denn der Mensch zwar +notwendig entweder ein gehendes oder ein fußloses Sinnenwesen, daß er +aber gehend ist, ist nicht notwendig, sondern eine Annahme, und doch +war es wieder gerade das, was man hätte beweisen sollen. Und indem +man nun beständig auf diese Weise einteilt, muß man es sich gefallen +lassen, daß man das Allgemeine als Mittelbegriff und das, wovon etwas +bewiesen werden sollte, und die Differenzen als Außenbegriffe nimmt. +Zuletzt aber bringt man zu der These, daß das begrifflich der Mensch, +oder was sonst in Frage steht, ist, nichts Klares und Zwingendes vor. +Denn man legt auch den ganzen Rest des Weges zurück, ohne sich auf das +Vorhandensein der wirklich möglichen Hilfsmittel zu besinnen. + +Man sieht aber auch, daß man vermittels dieser Methode nichts +widerlegen und weder auf das Akzidenz und das Proprium, noch auf das +Genus schließen, noch auch in solchen Fällen entscheiden kann, wo man +nicht weiß, ob etwas so oder so bestellt ist, z. B. ob die Diagonale +mit der Seite +ein+ Maß hat oder nicht. Denn wenn man annimmt, daß +jede Länge entweder mit demselben Maße gemessen wird oder nicht und die +Diagonale eine Länge ist, so ergibt sich der Schluß, daß die Diagonale +entweder +ein+ Maß hat oder nicht. Wenn man aber annimmt, daß +sie nicht dasselbe Maß hat, so ist das eben das, was zu beweisen war. +Mithin läßt es sich nicht beweisen. Denn dieses war der Weg, und auf +diesem Wege geht es nicht. + +Das Inkommensurable oder Kommensurable sei A, Länge B, Diagonale C. + +Man sieht also, daß diese Verfahrungsweise weder für jede Aufgabe paßt, +noch da, wo sie am meisten angebracht scheint, wirklich brauchbar ist. + +Woraus nun die Beweise entstehen, und wie, und auf welcherlei Dinge man +bei jedem Problem zu sehen hat, ergibt sich aus dem Gesagten. + + +Zweiunddreißigstes Kapitel. + +[Sidenote: 47 a] + +Wie wir aber die Schlüsse auf die vorgenannten Figuren zurückführen +müssen, ist nach diesem zu erörtern. Denn dieser Teil der Untersuchung +ist noch übrig[177]. + +Denn wenn wir die Entstehung der Schlüsse erforschen, das Vermögen der +Auffindung (des Mittelbegriffs) erwerben und dazu die entstandenen +Schlüsse in die vorgenannten Figuren auflösen, so ist damit die +ursprüngliche Aufgabe erledigt. Zugleich wird durch das jetzt zu +Sagende das zuvor Dargelegte eine weitere Bestätigung und Beleuchtung +erhalten. Denn alles Wahre muß mit sich selbst nach allen Seiten im +Einklang stehen. + +Man muß also zuerst die beiden Prämissen des Schlusses zu erhalten +suchen. Denn man zerteilt ins Größere leichter als ins Kleinere. Nun +ist aber das Zusammengesetzte größer als seine Bestandteile. + +Dann muß man sehen, welche von beiden Prämissen allgemein und welche +partikulär ist, und muß, wenn nicht schon beide gegeben sind, die +fehlende selbst dazu tun. Denn zuweilen gibt man nach Aufstellung der +allgemeinen Prämisse die in ihr enthaltene nicht besonders an, sei +es nun in zusammenhängender Darstellung oder beim Disputieren; oder +man stellt zwar die Prämissen auf, läßt aber die Sätze, durch die sie +gewonnen werden, aus, und fragt dafür um anderes ohne Zweck und Ziel. + +Man muß also zusehen, ob etwas Überflüssiges aufgenommen oder etwas +Notwendiges weggelassen worden ist, und dann das eine einsetzen und das +andere ausschalten, bis man zu den zwei Prämissen gelangt, ohne die die +so in Frage stehenden Sätze sich in keine bestimmte syllogistische Form +bringen lassen. + +Bei manchen Sätzen ist es nun leicht, das Fehlende herauszufinden, +manche aber verstecken sich und scheinen bloß zu schließen, weil sich +aus den Voraussetzungen etwas Notwendiges ergibt. Z. B. wenn man +annimmt, wenn Substanz nicht zerstört werde, werde nicht Substanz +zerstört, wenn aber die Bestandteile zerstört würden, werde auch das +aus ihnen Bestehende zerstört. Denn auf Grund dieser Voraussetzungen +ist es zwar notwendig, daß Substanz ist was Teil der Substanz +ist. Gleichwohl ist es aus den Voraussetzungen nicht schulgerecht +geschlossen, sondern die Prämissen weisen Lücken auf[178]. + +[Sidenote: 47 b] + +Wieder, wenn falls Mensch ist, notwendig sinnliches Wesen ist, und wenn +sinnliches Wesen, Substanz, so ist zwar, falls Mensch ist, notwendig +Substanz, aber es ist noch nicht geschlossen, weil sich die Prämissen +nicht verhalten, wie wir es angegeben haben[179]. Wir werden aber +bei derartigen Folgerungen durch den Umstand getäuscht, daß sich aus +den Voraussetzungen etwas Notwendiges ergibt, weil auch der Schluß +etwas Notwendiges ist. Aber das Notwendige erstreckt sich weiter +als der Schluß. Denn jeder Schluß ist etwas Notwendiges, aber nicht +jedes Notwendige ist ein Schluß. Deshalb darf man nicht, wenn sich an +bestimmte Voraussetzungen eine bestimmte Folge knüpft, es sofort auf +eine bestimmte Schlußfigur zurückführen wollen, sondern man muß zuerst +die zwei Prämissen ermitteln, sie sodann in die Begriffe zergliedern, +und als Mittelbegriff denjenigen Begriff ansetzen, der in beiden +Prämissen genannt wird. Denn der Mittelbegriff muß in allen Figuren +in beiden Prämissen vorkommen. Wenn nun der Mittelbegriff aussagt und +zugleich Objekt der Aussage ist, oder selbst bejahend aussagt, während +von ihm ein anderes verneint wird, hat man die erste Figur; wenn er +zugleich bejahend aussagt und von etwas verneint, die mittlere; wenn +anderes von ihm ausgesagt, oder teils verneinend, teils bejahend +ausgesagt wird, die letzte. Denn so verhielt sich der Mittelbegriff +in den jeweiligen Figuren. Gleiches gilt, wenn die Prämissen nicht +allgemein sind: der Mittelbegriff wird da ebenso bestimmt. + +Man sieht also, daß durch eine Rede, in der nicht dasselbe mehrmals +genannt wird, kein Schluß zustande kommt, weil man keinen Mittelbegriff +angenommen hat. + +Da wir aber wissen, welcher Art Problem durch die einzelnen Figuren +geht, und in welcher das Allgemeine und in welcher das Partikuläre +vorkommt, so braucht man, um sich darüber klar zu werden, nicht in +allen Figuren Umschau zu halten, sondern sich nur an diejenige zu +halten, die dem jeweiligen Problem eigentümlich ist. Bei den Schlüssen, +die durch mehrere Figuren gehen, muß man die Figur an der Stellung des +Mittelbegriffes erkennen[180]. + + +Dreiunddreißigstes Kapitel. + +Man wird also bezüglich der Schlüsse oft wegen der Notwendigkeit +getäuscht, wie vorhin erklärt wurde, manchmal aber auf Grund gleicher +Stellung der Begriffe, ein Umstand, den wir nicht übersehen dürfen. + +Wenn z. B. A von B und B von C ausgesagt wird. Denn es könnte bei so +bewandten Begriffen ein Schluß vorzuliegen scheinen, und doch gibt es +in diesem Falle weder eine Notwendigkeit noch einen Schluß. Denn den +Platz von A nehme ein: immer sein, B sei denkbarer Aristomenes und +C Aristomenes. Es ist in diesem Beispiel wahr, daß A dem B zukommt; +denn der denkbare Aristomenes ist immer; aber auch wahr, daß B dem C +zukommt; denn Aristomenes ist ein denkbarer Aristomenes. Aber A kommt +dem C nicht zu, weil Aristomenes sterblich ist. Es käme mithin bei +so bewandten Begriffen kein Schluß zustande, vielmehr müßte man die +Prämisse AB allgemein fassen. Aber es wäre verkehrt, zu postulieren, +daß jeder denkbare Aristomenes immer ist, da Aristomenes sterblich ist. + +Wieder soll C Mikkalos sein, B gebildeter Mikkalos, A morgen sterben. +Da ist es denn wahr, wenn B von C ausgesagt wird, weil Mikkalos ein +gebildeter Mikkalos ist, und auch, wenn A von B, weil der gebildete +Mikkalos etwa morgen stirbt, aber falsch, wenn A von C. Das ist aber +derselbe Fall wie vorhin. Denn es ist nicht allgemein wahr, daß der +gebildete Mikkalos morgen stirbt. Ohne diese Voraussetzung aber gab es +keinen Schluß. + +Diese Täuschung nun rührt von der Geringfügigkeit des Unterschieds her. +Wir fügen uns dem Schluß, wie wenn es nichts austrüge, wenn dieses +diesem zukommen soll, oder dieses jedem diesen[181]. + + +Vierunddreißigstes Kapitel. + +[Sidenote: 48 a] + +Oft wird es aber geschehen, daß man deshalb fehlt, weil die Begriffe +in den Vordersätzen nicht gut aus- oder angesetzt sind (ἐκτίθεσθαι), +wie wenn z. B. A Gesundheit ist, B Krankheit, C Mensch. Denn es ist +richtig, zu sagen, daß A keinem B zukommen kann -- denn keine Krankheit +kann Gesundheit sein --, und wiederum, daß B jedem C zukommt -- denn +jeder Mensch ist für Krankheit empfänglich --. Es mag sich also zu +ergeben scheinen, daß keinem Menschen Gesundheit zukommen kann. Daran +ist aber die falsche sprachliche Fassung der Begriffe schuld, indem, +wenn man statt der gewählten Begriffe die Subjekte der betreffenden +Zustände nimmt, kein Schluß geschehen wird; wir wollen sagen, wenn +man an die Stelle von Gesundheit das Gesunde und an die Stelle von +Krankheit das Kranke setzt. Denn es ist nicht richtig, zu sagen, daß +dem Kranken es nicht (einmal) zukommen kann, daß er gesund ist. Setzt +man dieses nun aber nicht an, so ergibt sich nur ein Schluß auf die +Möglichkeit. Das aber begreift keinen Widerspruch in sich. Denn es ist +möglich, daß keinem Menschen Gesundheit zukommt. + +Wiederum wird der Fehler sich auf dieselbe Weise in der mittleren Figur +einschleichen. Man wird den Schluß ziehen: die Gesundheit kann keiner +Krankheit zukommen, aber jedem Menschen: also kann keinem Menschen die +Krankheit zukommen. + +In der dritten Figur trifft der Fehler das Möglichsein. Denn wie +Gesundheit und Krankheit, Wissenschaft und Unwissenheit so kommt das +Konträre überhaupt möglicherweise einem und demselben Subjekt zu, +aber nicht sich gegenseitig. Das entspricht aber nicht dem, was wir +vorhin gesagt haben. Denn diesem zufolge kann, wenn mehreres demselben +zukommt, es sich auch gegenseitig zukommen[182]. + +Man sieht also, daß der Irrtum hier überall mit dem Ansatz (ἔκθεσις) +der Begriffe parallel läuft. Denn wenn man die Träger der Zustände an +deren Stelle setzt, ergibt sich nichts Falsches. Es leuchtet mithin +ein, daß man in solchen Prämissen immer das Subjekt an Stelle des +Habitus nehmen und als Terminus setzen muß. + + +Fünfunddreißigstes Kapitel. + +Man darf aber nicht verlangen, daß die Termini immer durch ein +einzelnes Wort angesetzt werden. Denn es können oft Begriffe sein, +für die es ein einzelnes Wort nicht gibt. Deshalb ist bei solchen +Syllogismen die Reduktion schwer. Zuweilen wird man auch wegen eines +derartigen Verlangens getäuscht werden, als ob man nämlich einen Schluß +vor sich hätte, der keiner weiteren Vermittlung mehr bedürfte. + +A sei zwei Rechte, B Dreieck, C gleichschenklig. Dem C kommt in diesem +Falle das A wegen des B zu, dem B kommt es aber nicht mehr wegen eines +anderen zu, da das Dreieck an und für sich zwei Rechte hat, so daß es +für AB keinen Mittelbegriff gibt, obgleich es sich beweisen läßt. Denn +offenbar ist das Mittlere nicht immer wie ein dieses zu denken, sondern +es kann auch wohl eine Rede sein, was eben in dem angegebenen Falle +zutrifft[183]. + + +Sechsunddreißigstes Kapitel. + +[Sidenote: 48 b] + +Daß aber das Erste dem Mittleren und dieses dem Letzten zukommt, darf +man nicht so verstehen, als ob immer eines vom anderen (förmlich und +schulgerecht) ausgesagt werden müßte, oder das Erste in derselben +Form von dem Mittleren wie dieses von dem Letzten, und dieselbe Regel +gilt für Nichtzukommen. Man hat vielmehr dem Zukommen so vielerlei +Bedeutungen beizulegen wie dem Sein und dem Wahrsein. + +Das gilt z. B., wenn man sagt, daß es von dem Konträren nur eine +Wissenschaft gibt. Denn A sei nur eine Wissenschaft sein, B das sich +Konträre. In diesem Falle kommt das A dem B zu, nicht als wäre das +Konträre das Sein einer Wissenschaft von ihm, sondern weil es wahr ist, +von ihm zu sagen, daß es nur eine Wissenschaft von ihm gibt. + +Es kommt aber das eine Mal vor, daß das Erste von dem Mittleren +ausgesagt wird, aber nicht das Mittlere von dem Dritten; wenn z. B. +die Weisheit Wissenschaft ist und die Weisheit auf das Gute geht[184], +so lautet der Schlußsatz: es gibt eine Wissenschaft, die auf das +Gute geht. In diesem Falle ist das Gute nicht Wissenschaft, aber die +Weisheit ist Wissenschaft. + +Ein anderes Mal wird das Mittlere von dem Dritten ausgesagt, aber nicht +das Erste von dem Mittleren. Wenn es z. B. von allem Qualitativen oder +Konträren eine Wissenschaft gibt und das Gute sowohl konträr (dem +Schlechten) wie qualitativ ist, so lautet der Schlußsatz: es gibt eine +Wissenschaft des Guten, aber die Wissenschaft ist nicht das Gute, +nicht das Qualitative und nicht das Konträre, aber das Gute ist jenes +(qualitativ und konträr). + +Es gibt auch Fälle, wo weder das Erste von dem Mittleren, noch dieses +von dem Dritten ausgesagt wird, während das Erste von dem Dritten +bald ausgesagt wird, bald nicht. Wenn es z. B. von dem, wovon es +eine Wissenschaft gibt, eine Gattung gibt und es von dem Guten eine +Wissenschaft gibt, so lautet der Schlußsatz: es gibt von dem Guten +eine Gattung. Hiervon wird aber keines von dem anderen ausgesagt. Wenn +aber das, wovon es eine Wissenschaft gibt, Gattung ist und es eine +Wissenschaft des Guten gibt, so lautet der Schlußsatz: das Gute ist +Gattung. Hier wird also von dem Letzten das Erste ausgesagt, nicht aber +werden es die vorgenannten Begriffe voneinander[185]. + +Auf dieselbe Weise muß man die Sache in dem Falle des Nichtzukommens +verstehen. Denn daß das dem nicht zukommt, bedeutet nicht immer, daß +das nicht das ist, sondern zuweilen, daß das nicht dessen ist, oder +daß das nicht dem ist oder nicht für das ist, wie z. B.: es gibt keine +Bewegung der Bewegung oder kein Werden des Werdens: nun aber gibt es +ein Werden der Lust; mithin ist die Lust kein Werden. Oder wieder: +es gibt ein Zeichen des Lachens; nun aber gibt es kein Zeichen des +Zeichens; also ist das Lachen kein Zeichen. + +[Sidenote: 49 a] + +Dasselbe gilt von den Fällen, in denen das Problem dadurch aufgehoben +(ein verneinender Satz erschlossen) wird, daß die Gattung als +Mittelbegriff in eine bestimmte Beziehung zu den Begriffen des Problems +gebracht wird. Um wieder ein Beispiel zu nehmen, so soll Gelegenheit +nicht dasselbe sein wie nötige Zeit. Denn für Gott gibt es zwar eine +Gelegenheit, aber keine nötige Zeit, da für Gott kein Ding von Nutzen +sein kann[186]. Denn als Begriffe muß man hier setzen: Gelegenheit, +nötige Zeit, Gott, die Prämisse aber muß man so fassen, daß man einen +obliquen Kasus des Nomens erhält. Denn wir stellen ein für allemal die +Regel auf: die Begriffe muß man immer in der Nennform (dem Nominativ) +des Nomens angeben, wie der Mensch, das Gute, das Konträre, nicht: des +Menschen, des Guten, des Konträren, die Prämissen aber muß man fassen, +je nachdem der und der Fall des Nomens nötig ist. Denn entweder muß +man sagen: dem, wie bei gleich, oder dessen und von dem, wie bei +zweifach, oder dieses (im Akkusativ), wie bei schlagend oder sehend, +oder dieser, wie wenn der Mensch ein animalisches Wesen sein soll, +oder was immer sonst für eine nähere Bestimmung (durch Präpositionen) +erforderlich ist. + + +Siebenunddreißigstes Kapitel. + +Daß aber das dem zukommt und das von dem zutreffend ausgesagt wird, +ist in so vielen Bedeutungen zu verstehen, als der Kategorien oder +Prädikate selber sind, und diese sind entweder als relativ oder als +absolut und entweder als einfach oder als zusammengesetzt zu denken. +Das Gleiche gilt von dem Nichtzukommen. Doch das ist noch genauer zu +untersuchen und zu bestimmen. + + +Achtunddreißigstes Kapitel. + +Die Reduplikation in den Prämissen muß zu dem Oberbegriff, nicht zu +dem Mittelbegriff gesetzt werden[187]. Ich will sagen: wenn z. B. der +Schluß errichtet worden ist: es gibt ein Wissen um die Gerechtigkeit, +daß sie ein Gut ist, so muß die Bestimmung, daß sie oder sofern sie +ein Gut ist, zu dem Oberbegriff gesetzt werden. Denn A sei Wissen, daß +etwas ein Gut ist, B gut, C Gerechtigkeit. Hier gilt A von B. Denn es +gibt ein Wissen um das Gute, daß es gut ist. Aber es gilt auch B von C. +Denn die Gerechtigkeit fällt unter das, was gut ist. So kommt also die +Reduktion zustande. Wenn man aber die Bestimmung „daß es ein Gut ist“, +(auch) zu B setzt, ist dieses nicht der Fall. Denn dann wird zwar A von +B gelten, nicht aber B von C. Denn von der Gerechtigkeit das Gute, daß +es gut ist, auszusagen, ist falsch und unsinnig. Gleiches gilt, wenn +bewiesen worden ist: man weiß von dem Gesunden, daß es gut ist, oder: +man meint von dem Bockhirsch, daß es keinen gibt, oder: der Mensch ist +sterblich, sofern er ein sinnlich wahrnehmbares Wesen ist; denn bei +allem, was so noch dazu ausgesagt wird, kommt die Reduplikation in den +Obersatz zu stehen. + +[Sidenote: 49 b] + +Der Ansatz der Begriffe ist aber nicht derselbe, wenn etwas schlechthin +erschlossen worden ist, und wenn der Schluß lautete, daß es das und das +nur in einer gewissen Weise ist, also wenn etwa gezeigt worden ist, +daß man das Gute wissen kann, und wenn gezeigt worden ist, daß man von +etwas wissen kann, daß es gut ist. Ist einfach gezeigt worden, daß man +es wissen kann, so muß man das Seiende als Mittelbegriff ansetzen, wenn +aber, daß man wissen kann, daß es gut ist, das etwas Seiende. Denn es +sei A gleich Wissen, daß es etwas ist, B das etwas Seiende, C gut. Nun +ist es richtig, A von B auszusagen: es gab von dem etwas Seienden ein +Wissen, daß es dieses Etwas ist. Aber auch B von C. Denn C ist ein +bestimmtes Etwas. Mithin auch A von C. Also wird es ein Wissen um das +Gute geben, daß es gut ist. Denn die Formel „ein etwas Seiendes“, war +uns das Zeichen für das eigentümliche Sein. Wäre aber das Seiende als +Mittelbegriff gesetzt worden und hätte man in dem Obersatz das Seiende +schlechthin, nicht das etwas Seiende genannt, so hätte sich nicht der +Schluß ergeben: es gibt ein Wissen um das Gute, daß es gut ist, sondern +nur der Schluß: es gibt ein Wissen um das Gute, daß es ist. Es soll +z. B. A sein: Wissen, daß etwas ist, B: Seiendes, C: Gutes. + +Man sieht demnach, daß man bei denjenigen Syllogismen, die etwas mit +einer bestimmten Modifikation erschließen, die Termini in dieser Weise +ansetzen muß. + + +Neununddreißigstes Kapitel. + +Man muß dabei aber auch Gleichbedeutendes miteinander vertauschen, +Nomina mit Nomina, Reden mit Reden, die Rede mit dem Nomen, und immer +statt der Rede das Nomen wählen. Denn so wird die Exposition der +Termini erleichtert. Wenn es z. B. keinen Unterschied macht, ob man +sagt: das Vermutete ist nicht Gattungsbegriff von Gemeint, oder ob +man sagt: Meinen ist kein Vermuten -- ist doch der Sinn derselbe --, +so sind an Stelle der genannten Rede die Begriffe Vermuten und Meinen +einzusetzen. + + +Vierzigstes Kapitel. + +Da es aber nicht dasselbe ist, wenn die Lust etwas Gutes und wenn +die Lust das Gute sein soll, so darf man diese Begriffe nicht als +gleichbedeutend ansetzen, sondern muß, wenn der Schluß lautet: die Lust +ist das Gute, das Gute als Begriff setzen, und wenn er lautet: sie ist +etwas Gutes, etwas Gutes. Ebenso sonst[188]. + + +Einundvierzigstes Kapitel. + +Es ist aber nicht dasselbe, so wenig für die Sache, wie für die Rede, +ob man sagt: wem das B zukommt, dem allen kommt das A zu, oder ob man +sagt: wem das B nach dessen ganzem Umfang zukommt, dem allen kommt auch +das A zu[189]. Denn es hindert nichts, daß B dem C zukommt, aber nicht +allem C. Z. B. soll B schön sein und C weiß. Wenn hier schön einem +Weißen zukommt, so gilt, daß schön dem Weißen zukommt; aber es kommt +vielleicht nicht allem Weißen zu. + +Wenn also A dem B zukommt, aber nicht allem, wovon B ausgesagt wird, so +kommt, weder wenn B allem C beiwohnt, noch wenn es ihm nur beiwohnt, A +notwendig, wir sagen nicht, allem C zu, sondern auch nur (einfach) ihm +zu. Wenn es aber allem demjenigen zukommen soll, von dem wahrheitsgemäß +B ausgesagt wird, so muß folgen, daß A von dem allen ausgesagt wird, +von dem nach dessen ganzem Umfang B es wird. Wenn jedoch A von dem, +wovon B ausgesagt wird, nach dessen ganzem Umfang gelten soll, so +hindert nichts, daß dem C das B zukommt, daß aber A nicht jedem (C) +oder gar keinem zukommt[190]. + +Man sieht also, daß bei diesen drei Begriffen die Formel: wovon B gilt, +davon gilt nach dessen ganzem Umfang A, den Sinn hat: von wie vielem +B gilt, von dem allen gilt auch A. Und wenn B von jedem gilt, dann A +desgleichen; wenn es aber nicht von jedem gilt, so braucht A nicht von +jedem zu gelten. + +[Sidenote: 50 a] + +Man besorge aber nicht, daß sich bei der Exposition eine Ungereimtheit +ergibt; denn wir machen davon, daß das und das ist[191], keinen +weiteren Gebrauch, sondern wir verfahren wie der Geometriker, der +eine Linie von einem Fuß Länge, eine Gerade, eine Linie ohne Breite +annimmt, ohne daß die gezeichneten Linien[B] diese Eigenschaften haben, +der aber von der Zeichnung nicht so Gebrauch macht, als fußte der +Schluß auf ihr. Denn wenn sich etwas überhaupt nicht wie das Ganze zum +Teil und anderes zu ihm wie der Teil zum Ganzen verhält, so beweist +der Beweisende aus keinem dieser Stücke und es entsteht also auch +daraus kein Schluß. Der Exposition aber bedienen wir uns so wie der +Anschauung, indem wir den Lernenden im Auge haben, nicht so also, als +ob ohne das, wie ohne die Elemente des Schlusses, kein Beweis geführt +werden könnte. + + [B] Z. 36 οὔσας nach Waitz, Maier und den besten codices. + + +Zweiundvierzigstes Kapitel. + +Man muß aber wohl beachten, daß nicht alle Schlußsätze in einem +einheitlichen Beweisverfahren durch dieselbe Figur gewonnen werden, +sondern der eine durch diese, der andere durch jene. Man muß also +selbstverständlich entsprechend auch die Auflösungen (in die +Normalform) vornehmen. Da aber nicht jedes Problem in jeder Figur +vorkommt, sondern jedes seine bestimmte Stellung hat, so muß der +Schlußsatz zeigen, in welcher Figur man es suchen muß[192]. + + +Dreiundvierzigstes Kapitel. + +Was dann diejenigen Gründe gegen eine Definition betrifft, die sich nur +gegen eine einzelne Bestimmung in dem Begriff richten, so muß man als +Terminus nur das setzen, wogegen der Einwurf geht, nicht den ganzen +Begriff, weil so weniger leicht durch die Länge Verwirrung entsteht. +Hat man z. B. das Wasser als trinkbares Wasser erwiesen, so muß man +nur trinkbar und Wasser als Termini setzen (wenn der Einwurf nur gegen +trinkbar, nicht auch gegen naß ging). + + +Vierundvierzigstes Kapitel. + +Was ferner die auf Voraussetzung beruhenden Schlüsse angeht, so darf +man sie nicht zurückführen wollen. Denn sie lassen sich nicht auf Grund +der Voraussetzungen zurückführen, weil sie nicht durch Schluß bewiesen, +sondern alle durch Übereinkunft zugestanden sind. + +Man soll z. B. angenommen haben, daß es, wenn für das Konträre kein +einiges Vermögen besteht, auch dafür keine einige Wissenschaft gibt, +und dann dialektisch den Satz begründet haben: es besteht kein einiges +Vermögen für das Konträre, z. B. für das Gesunde und das Ungesunde, +da das Nämliche zugleich gesund und ungesund sein würde. Daß nun kein +einiges Vermögen für alles Konträre besteht, hat man begründet[C], +daß es aber dafür keine einheitliche Wissenschaft gibt, hat man nicht +gezeigt. Gleichwohl muß man dieses zugestehen. Aber nicht kraft des +Schlusses, sondern kraft der Voraussetzung. Dieser läßt sich also nicht +zurückführen, wohl aber die Begründung dafür, daß für Konträres kein +einheitliches Vermögen besteht. Denn diese Begründung war vielleicht +auch ein Schluß, dagegen ist jenes Voraussetzung[193]. + + [C] Z. 24 ἐπιδέδεικται st. ἀποδέδεικται. + +Ebenso ist es mit den indirekten Beweisen: auch sie vertragen keine +Analyse. Freilich läßt die Zurückführung aufs Unmögliche selbst eine +solche zu, weil sie durch Schluß geschieht, das Andere aber, das +eigentliche Problem, widersetzt sich ihr, weil man es hypothetisch +gewinnt. Sie unterscheiden sich aber von den eben genannten Schlüssen, +sofern man sich bei diesen zuvor verständigt haben muß, wenn man +zustimmen soll, daß z. B., wenn das Vermögen für Konträres als eines +erwiesen ist, dann auch die Wissenschaft dieselbe ist. Hier aber stimmt +man auch ohne vorherige Verständigung zu, weil die Falschheit am Tage +liegt, wie daß, wenn die Diagonale kommensurabel sein soll, Ungerades +und Gerades gleich wären[194]. + +[Sidenote: 50 b] + +Es gibt noch viele andere hypothetische Schlüsse, die ins Auge zu +fassen und deutlich zu bezeichnen sind. Welches deren unterscheidende +Differenzen sind und auf wie vielerlei Weise hypothetisch geschlossen +wird, werden wir später erklären[195]. Für jetzt gelte uns als +ausgemacht, daß man solche Schlüsse nicht auf die Figuren zurückführen +kann. Den Grund davon haben wir angegeben. + + +Fünfundvierzigstes Kapitel. + +Bei allen Problemen, die in mehreren Figuren bewiesen werden, läßt +sich, wenn man sie in der einen Figur erschlossen hat, der Schluß auf +die andere Figur zurückführen, so z. B. der verneinende in der ersten +auf die zweite und der in der mittleren auf die erste, aber nicht alle +Schlüsse, sondern nur manche, wie wir im folgenden erklären wollen. + +Denn wenn A keinem B und B jedem C zukommt, so kommt A keinem C zu. So +hat man die erste Figur. Wenn man aber den verneinenden Satz umkehrt, +so erhält man die mittlere. Denn B kommt keinem A und jedem C zu. +Dasselbe gilt, wenn der Schluß nicht allgemein, sondern partikulär +ist, wenn also A keinem B und B einem C zukommt. Denn wenn man den +verneinenden Satz umkehrt, so erhält man die mittlere Figur[196]. + +Von den Schlüssen in der zweiten Figur können die allgemeinen auf die +erste Figur zurückgeführt werden, von den partikulären aber nur der +eine von ihnen. Denn es soll A keinem B und jedem C zukommen. Wenn man +nun den verneinenden Satz umkehrt, so erhält man die erste Figur. Denn +B wird keinem A und A jedem C zukommen. Wenn aber die Bejahung bei B +steht und die Verneinung bei C, so muß man C als ersten Begriff setzen. +Denn es kommt dann keinem A und A jedem B zu, also C keinem B und so +denn auch B keinem C, weil man den verneinenden Satz umkehren kann. +Ist der Schluß aber partikulär, so läßt er sich, wenn die Verneinung +bei dem Oberbegriff steht, auf die erste Figur zurückführen, wie z. B. +wenn A keinem B und einem C zukommt. Denn wenn man den verneinenden +Satz umkehrt, erhält man die erste Figur, da dann B keinem A und A +einem C zukommen wird. Steht bei dem Oberbegriff aber die Bejahung, so +ist keine Auflösung möglich, z. B. wenn A jedem B, aber nicht jedem C +zukommt. Denn AB nimmt weder eine Umkehrung an, noch kommt es, wenn man +eine Umkehrung vornimmt, zu einem Schluß[197]. + +Die Schlüsse der dritten Figur wieder lassen sich nicht alle in solche +der ersten Figur auflösen, wohl aber alle (partikulären) der ersten +in solche der dritten. Denn es soll A jedem B und B einem C zukommen. +Da mithin ein partikulär bejahender Satz konvertibel ist, so wird C +einem B zukommen. A kam aber jedem B zu, und so erhält man denn die +dritte Figur. Und wenn der Schluß verneinend ist, desgleichen. Denn ein +partikulär bejahender Satz ist konvertibel, und so wird denn A keinem +und C einem B zukommen. + +[Sidenote: 51 a] + +Von den Schlüssen der letzten Figur wird nur einer in keinen Schluß +der ersten Figur aufgelöst, wenn der verneinende Satz nämlich nicht +allgemein ist, alle anderen lassen sich so auflösen. + +Denn es werde A und B von jedem C ausgesagt. Nun kann C in bezug auf +beides zum Teil umgekehrt werden. Es kommt mithin einem B zu. Und so +wird man die erste Figur erhalten, wenn A jedem C und C einem B zukommt. + +Und wenn A jedem und B einem C zukommt, ist dasselbe zu sagen. Denn C +wird mit B vertauscht. + +Wenn aber B jedem C und A einem C zukommt, muß man B als Oberbegriff +setzen. Denn B wird jedem C und C einem A zukommen und so denn B einem +A. Da aber das Partikuläre umgekehrt wird, wird auch A einem B zukommen. + +Und wenn der Schluß verneinend ist, während die Begriffe allgemein +sind, muß man ebenso verfahren. Denn es komme B jedem und A keinem C +zu. Nun wird einem B das C zukommen, aber das A keinem C, und so wird +denn C der Mittelbegriff sein. + +Ebenso, wenn der verneinende Satz allgemein und der bejahende +partikulär ist. Denn da wird A keinem C und C einem B zukommen. + +Wenn aber der verneinende Satz partikulär gefaßt ist, kann es keine +Auflösung geben, wie z. B. wenn B jedem C zukommt, aber A einem C nicht +zukommt. Denn wenn man BC umkehrt, werden beide Prämissen partikulär +sein. + +Man sieht aber auch, daß man, um die Figuren ineinander aufzulösen, +in beiden Figuren den Untersatz umkehren muß. Denn diesen mußte man +umstellen, um den Übergang von der einen Figur in die andere zu +ermöglichen[198]. + +Von den Schlüssen der mittleren Figur aber lassen sich die einen in +solche der dritten Figur auflösen, die anderen aber lassen sich darein +nicht auflösen. Wenn der allgemeine Vordersatz verneinend ist, so +ist die Auflösung möglich. Denn wenn A keinem B, wohl aber einem C +zukommt, so wird beides gleichmäßig gegen A umgekehrt, und so kommt +dann B keinem und C einem A zu und ist mithin A Mittelbegriff. Wenn +aber A jedem B zukommt und einem C nicht zukommt, ist keine Auflösung +möglich. Denn infolge der Umstellung ist keine von beiden Prämissen +mehr allgemein. + +Aber die Schlüsse der dritten Figur lassen sich auch in solche der +mittleren Figur auflösen, wenn die verneinende Prämisse allgemein ist, +wie z. B. wenn A keinem C und B einem oder jedem zukommt. Denn auch +C wird keinem A, aber einem B zukommen. Ist aber die verneinende +Prämisse partikulär, so ist keine Auflösung möglich. Denn die +partikuläre Verneinung läßt keine Umkehrung zu. + +[Sidenote: 51 b] + +Man sieht also, daß in diesen Figuren dieselben Schlüsse nicht +aufgelöst werden, die nicht in die erste Figur aufgelöst wurden, und +daß, während die Schlüsse auf die erste Figur gebracht werden, sie nur +durch Zurückführung aufs Unmögliche in die Schlüsse anderer Figuren +aufgelöst werden können. + +Das Gesagte zeigt also, wie man die Schlüsse zurückführen muß, und daß +die Figuren ineinander aufgelöst werden. + + +Sechsundvierzigstes Kapitel. + +Es ist aber bei der Erhärtung oder Widerlegung der Probleme kein +kleiner Unterschied, ob man annimmt, es bedeute dasselbe oder etwas +anderes, wenn etwas nicht Dieses ist und wenn es ein Nichtdieses ist, +wenn es also z. B. nicht weiß sein und wenn es ein Nichtweißes sein +soll. Denn es bedeutet nicht dasselbe, und von weiß sein ist die +Verneinung nicht: Nichtweißes sein, sondern: nicht weiß sein. + +Der Grund davon ist dieser. Der Satz: er kann gehen, verhält sich zu +dem Satz: er kann nicht gehen (ist fähig nicht zu gehen), wie der Satz: +es ist weiß, zu dem Satz: es ist ein Nichtweißes, und wie der Satz: +er weiß das Gute, zu dem Satz: er weiß das Nichtgute. Denn es macht +keinen Unterschied, ob man sagt: er weiß das Gute, oder: er ist das +Gute wissend, und ebenso, ob man sagt: er vermag zu gehen, oder: er +ist zu gehen vermögend; also auch bei dem Gegenteil davon: er vermag +nicht zu gehen -- er ist nicht zu gehen vermögend. Wenn nun der Satz: +er ist nicht zu gehen vermögend, dasselbe bedeutet wie der Satz: er +ist vermögend, nicht zu gehen (δυνάμενος οὐ βαδίζειν ἢ μὴ βαδίζειν), +so wird ja dieses beide einem und demselben zugleich beiwohnen -- +denn der nämliche kann gehen und nicht gehen, ist das Gute und das +Nichtgute wissend --; nun wohnt aber die entgegengesetzte Bejahung und +Verneinung nicht zugleich demselben bei. Wie also das Gute nicht wissen +und das Nichtgute wissen nicht dasselbe ist, so ist auch Nichtgutes +sein und nicht gut sein nicht dasselbe. Denn wenn von Dingen, die +dasselbe Verhältnis zueinander haben, die einen verschieden sind, sind +es auch die anderen. + +Auch ist es nicht dasselbe: ein Nichtgleiches sein und nicht gleich +sein. Denn dem einen, dem was ein Nichtgleiches ist, liegt etwas +als Subjekt zugrunde, und das ist das Ungleiche, dem anderen nicht. +Ebendeswegen ist nicht alles gleich oder ungleich, wohl aber ist alles +gleich oder nicht gleich. + +Ferner gilt der Satz: es ist nichtweißes Holz, und: es ist nicht weißes +Holz, nicht zugleich. Denn wenn es nichtweißes Holz ist, muß es Holz +sein; was aber nicht weißes Holz ist, ist nicht notwendig Holz. Und +so ist denn offenbar von dem Satz: es ist gut, der Satz: es ist ein +Nichtgutes, nicht die Verneinung. + +Wenn nun von allem, was eins ist, entweder die Bejahung oder die +Verneinung wahr ist, so ist er offenbar, wenn er keine Verneinung ist, +gleichsam Bejahung[199]. Nun hat aber jede Bejahung eine Verneinung. +Und folglich wird auch von dieser die Verneinung sein: es ist kein +Nichtgutes. + +Sie (die fraglichen Probleme) haben aber folgende Stellung zueinander. +Gut sein sei A, nicht gut sein sei B; ein Nichtgutes sein sei C und +stehe unter B; kein Nichtgutes sein sei D und stehe unter A. + +Nun wird allem entweder A oder B zukommen, und nie einem und demselben +beides. + +Und: entweder C oder D, und nie einem und demselben beides. + +[Sidenote: 52 a] + +Und: wem C zukommt, kommt notwendig nach dessen ganzem Umfang B zu. +Denn wenn es wahr ist, zu sagen, daß etwas nichtweiß ist, dann auch, +daß es nicht weiß ist. Denn es kann unmöglich zugleich weiß sein und +nicht weiß sein, oder nichtweißes Holz sein und weißes Holz sein, +und so wird denn, wenn nicht die Bejahung zutrifft, die Verneinung +zutreffen. Dem B wird aber nicht immer C zukommen. Denn was überhaupt +kein Holz ist, wird auch kein nichtweißes Holz sein. + +Umgekehrt aber muß allem, dem A zukommt, D zukommen. Denn ihm kommt +entweder C oder D zu. Da etwas aber unmöglich zugleich nicht weiß und +weiß sein kann, wird ihm D zukommen. Denn von dem, was weiß ist, ist es +wahr, zu sagen, daß es kein Nichtweißes ist. + +Dagegen gilt A nicht von allem D. Denn von dem, was überhaupt kein Holz +ist, ist es nicht wahr, A auszusagen und zu behaupten, daß es[D] weißes +Holz ist. So ist denn D wahr, A dagegen, daß es weißes Holz ist, ist +nicht wahr. + + [D] Z. 11 οὐ ausgelassen. + +Man sieht aber auch, daß AC nie einem und demselben zukommen kann, wohl +aber B und D[200]. + +Übereinstimmend mit dieser Stellung der Sätze, die ein unbestimmtes +Prädikat haben, verhalten sich zu den Sätzen mit bestimmtem Prädikat +die Verneinungen. A sei gleich, B sei nicht gleich, C ungleich, D nicht +ungleich. + +Aber auch bei Vielheiten, wo dasselbe dem einen zukommt, dem anderen +nicht, kann die Verneinung gleich wahr sein, daß nicht alle weiß sind, +oder daß nicht jedes weiß ist, während die Bejahung, daß jedes ein +Nichtweißes ist oder alle ein Nichtweißes sind, falsch ist. Ebenso ist +zu dem Satz: jedes sinnliche Wesen ist weiß, die Verneinung nicht: +jedes sinnliche Wesen ist ein Nichtweißes -- sind doch beide Sätze +falsch --, sondern: nicht jedes sinnliche Wesen ist weiß[201]. + +Da es aber offenbar etwas anderes bedeutet, wenn man sagt: es ist ein +Nichtweißes, wie wenn man sagt: es ist nicht weiß, indem das eine +Bejahung, das andere Verneinung ist, so erhellt, daß beides nicht +auf gleiche Weise bewiesen wird. Es werden z. B. diese Sätze nicht +auf gleiche Weise bewiesen: was immer ein sinnliches Wesen ist, ist +nicht weiß oder ist möglicherweise nicht weiß, und: es ist wahr, wenn +man es nichtweiß nennt. Denn das heißt, wenn es nichtweiß sein soll. +Vielmehr gilt für den Satz: es ist wahr, wenn man es, sei es nun weiß +oder nichtweiß nennt, derselbe Modus; beweist man doch beides erhärtend +durch die erste Figur, da „wahr“ dem „ist“ gleichgesetzt wird. Denn +von: „wahr, wenn man es weiß nennt“, ist die Verneinung nicht: „wahr, +wenn man es nichtweiß nennt“, sondern: „nicht wahr, wenn man es weiß +nennt“. Ist es also wahr, wenn man sagt: was Mensch ist, ist gebildet +oder ist nichtgebildet, so muß man, um eben dieses zu erhärten, die +Annahme zugrunde legen: was ein sinnliches Wesen ist, ist entweder +gebildet oder ist nichtgebildet, und der Beweis ist erbracht. Dagegen +daß das, was Mensch ist, nicht gebildet ist, beweist man widerlegend +nach den drei angeführten Modi[202]. + +[Sidenote: 52 b] + +Nun gilt, um sie auf einen einfachen Ausdruck zu bringen, die Regel, +daß wenn A und B sich so zueinander verhält, daß es nicht zugleich +demselben zukommen kann, wohl aber das eine oder das andere davon jedem +zukommen muß, und wenn wieder C und D sich ebenso zueinander verhält, +und endlich A auf C folgt, aber nicht umgekehrt -- nun, dann muß auch D +auf B folgen, aber nicht umgekehrt; und A und D kann demselben Subjekt +zukommen, nicht aber B und C[203]. + +Daß zunächst D auf B folgt, ist aus folgendem klar. Da jedem Ding das +eine oder das andere von CD notwendig folgt und wem B folgt, C nicht +folgen kann, weil es gleichzeitig das A mit sich führt und A und B +nicht einem und demselben folgen kann, so leuchtet ein, daß auf B das D +folgen muß. + +Wiederum, da C nicht mit A konvertibel ist und jedem Ding C oder D +zukommt, so kommt A und D möglicherweise einem und demselben zu. + +Dahingegen kann B und C das nicht, weil C das A im Gefolge hat und sich +so eine Unmöglichkeit ergibt. + +Endlich kann offenbar auch D und B nicht wechselseitig umgekehrt +werden, da es ja möglich ist, daß D und A einem Subjekt zugleich +beiwohnt. + +Zuweilen geschieht es aber auch, daß man bei einer solchen +gegenseitigen Stellung der Begriffe getäuscht wird, weil man das +Entgegengesetzte, wovon das eine oder das andere notwendig jedem Ding +zukommt, nicht richtig faßt. + +Gesetzt also, daß A und B nicht zugleich demselben Subjekt zukommen +kann, aber dem Subjekt dem das eine nicht zukommt, das andere zukommen +muß; und mit C und D wieder soll es ebenso sein, aber wem C folgt, +dem allen soll A folgen. Da soll denn die Folge sein, daß dem, dem D +zukommt, notwendig B zukommt, was ja falsch ist. + +Denn man nehme als Verneinung von AB die Behauptung F, und wieder +als Verneinung von CD die Behauptung H. Da wird denn notwendig jedem +Ding entweder A oder F zukommen, nämlich entweder die Bejahung oder +die Verneinung. Und wieder entweder C oder H; denn das ist Bejahung +und Verneinung. Und wem C, dem allen kommt nach der Voraussetzung A +zu. Also wem F, dem allen kommt H zu. Wiederum, da von FB jedem Ding +entweder das eine oder das andere zukommt und ebenso von HD, und da +auf F das H folgt, so wird auch auf D das B folgen. Das wissen wir ja +schon. Wenn mithin dem C das A, dann folgt auch dem D das B. Das ist +aber falsch. Denn die logische Folge ist, wie wir gesehen haben, bei +einer solchen Beschaffenheit der Begriffe gerade umgekehrt. + +Nämlich, es braucht vielleicht nicht allem entweder das A oder das F, +noch das F oder das B beizuwohnen, weil F nicht die Verneinung von A +ist. Denn die Verneinung von „gut“ ist „nicht gut“. „Nicht gut“ ist +aber nicht dasselbe wie „weder gut noch nicht gut“. Ebenso ist es bei +CD. Denn der angenommenen Verneinungen sind statt einer zwei[204]. + + + + +Zweites Buch. + + +Erstes Kapitel. + +[Sidenote: 53 a] + +Wir haben jetzt dargelegt, in wie vielen Figuren und durch welcherlei +und wie viele Prämissen und wann und wie ein Schluß zustande kommt, +ferner, worauf man bei der Widerlegung und der Erhärtung zu sehen +hat, und wie man für ein Problem nach jedweder Methode das Nötige +suchen muß, ferner, auf welchem Wege wir die jeweiligen Prinzipien +erhalten[205]. + +Da aber von den Schlüssen die einen allgemein, die anderen partikulär +sind, so ergeben alle allgemeinen Schlüsse immer mehreres, von den +partikulären Schlüssen dagegen ergeben die bejahenden mehreres, die +verneinenden aber nur den Schlußsatz[206]. + +Denn die anderen Sätze lassen sich umkehren, der verneinende Satz aber +läßt sich nicht umkehren (vgl. 1, K. 2). Nun besagt aber die Konklusion +etwas von etwas[207]. Mithin ergeben die anderen Schlüsse mehrere +Konklusionen. + +Wenn z. B. von A bewiesen ist, daß es jedem oder einem B zukommt, muß +auch B einem A zukommen. Und wenn bewiesen ist, daß A keinem B zukommt, +so wird auch B keinem A zukommen. Nun ist aber diese Konklusion von der +vorigen verschieden. Wenn A aber einem B nicht zukommt, braucht nicht +auch B einem A nicht zuzukommen. Denn möglicherweise kommt es jedem zu. + +Das ist also ein gemeinsamer Grund für alle Schlüsse, die mehr als eine +Konklusion ergeben, für die allgemeinen wie für die partikulären. Bei +den allgemeinen Schlüssen aber läßt sich die Sache auch noch anders +begründen. + +Denn für alles, was entweder unter den Mittelbegriff oder das Subjekt +der Konklusion fällt, muß derselbe Schluß gelten, wenn man es an Stelle +des Mittelbegriffs, beziehungsweise des Subjekts der Konklusion setzt. + +Wenn z. B. der Schlußsatz AB durch C vermittelt ist, so wird das A +notwendig von allem ausgesagt, was unter B oder C fällt. Denn wenn D in +dem Umfang von B und B in dem Umfang von A enthalten ist, so wird auch +D in dem Umfang von A enthalten sein. Wiederum, wenn E in dem Umfang +von C und C in dem von A enthalten ist, wird auch E in dem Umfang von A +enthalten sein. Das Nämliche gilt, wenn der Schluß verneinend ist[208]. + +In der zweiten Figur kann man nur auf das schließen, was unter die +Konklusion fällt, wenn also A keinem B und jedem C zukommt. Die +Konklusion sagt dann aus, daß B keinem C zukommt. Wenn nun D unter C +begriffen ist, so kommt B ihm offenbar nicht zu. Daß es aber dem, was +unter A begriffen ist, nicht zukommt, erhellt aus dem Schluß nicht. +Gleichwohl kommt es dem E nicht zu, wenn es unter A begriffen ist. Aber +daß B keinem C zukommt, ist durch den Schluß bewiesen worden. Daß es +aber dem A nicht zukommt, ist ohne Beweis angenommen worden, und so +ergibt sich nicht durch den Schluß, daß B dem E nicht zukommt[209]. + +Bei den partikulären Schlüssen (der ersten Figur) aber kann sich für +das unter die Konklusion Fallende keine Notwendigkeit ergeben -- denn +es geschieht kein Schluß, wenn dieselbe partikulär gefaßt ist --, wohl +aber für alles, was unter den Mittelbegriff fällt, nur freilich nicht +auf Grund des Schlusses, wenn also A jedem B und B einem C zukommt. +Denn da kann sich auf das unter C Stehende kein Schluß ergeben, wohl +aber auf das unter B Stehende, aber nicht auf Grund des Schlusses, der +zuerst errichtet worden ist[210]. + +[Sidenote: 53 b] + +Ebenso ist es in den anderen Figuren: auf das unter die Konklusion +Fallende gibt es in ihnen keinen Schluß, wohl aber auf das andere (das +unter den Mittelbegriff Fallende), nur (wieder) nicht auf Grund des +Schlusses, sofern auch bei den allgemeinen Schlüssen, wie wir gesehen +haben, das unter dem Mittelbegriff Stehende aus der unbewiesenen +Prämisse gezeigt wird. Und so wird es denn entweder auch dort keinen +Schluß geben, oder es wird auch hier einen geben[211]. + + +Zweites Kapitel. + +Die Prämissen, durch die der Schluß zustande kommt, können nun wahr und +können falsch und es kann die eine wahr und die andere falsch sein. Der +Schlußsatz aber ist notwendig entweder wahr oder falsch. + +Aus wahren Prämissen nun kann man nichts Falsches schließen, aus +falschen aber Wahres, jedoch nicht so, daß gezeigt wird, +warum+ +etwas wahr ist, sondern nur, +daß+ etwas wahr ist. Denn auf das +Warum ist kein Schluß aus falschen Prämissen möglich; aus welchem +Grunde soll im folgenden erklärt werden[212]. + +Daß nun zunächst aus Wahrem nichts Falsches geschlossen werden kann, +ist aus folgendem klar. + +Wenn falls A ist, notwendig B ist, so ist, falls B nicht ist, notwendig +A nicht. Wenn nun A wahr ist, muß B wahr sein, sonst würde folgen, daß +dasselbe zugleich ist und nicht ist, was unmöglich ist[213]. + +Man darf aber deshalb, weil A als +ein+ Begriff steht, nicht +meinen, daß wenn nur Eines ist, etwas notwendig folgen könne[214]. +Denn das ist nicht möglich. Ist doch das, was notwendig folgt, der +Schlußsatz; das aber, wodurch er gewonnen wird, sind mindestens drei +Begriffe und zwei Sätze und Prämissen. Wenn es nun wahr ist, daß allem, +dem B zukommt, A zukommt, und wem C, B, so muß dem, dem C zukommt, A +zukommen, und es ist nicht möglich, daß das falsch ist. Denn es würde +sonst eines und dasselbe einem Subjekt zukommen und nicht zukommen. A +steht also als Eines: zwei Prämissen in eins gefaßt. + +Ebenso verhält es sich mit den verneinenden Sätzen; denn aus wahren +Sätzen kann nichts Falsches bewiesen werden. + +Aus falschen Sätzen aber kann Wahres geschlossen werden, sowohl wenn +beide Prämissen falsch sind, als wenn nur die eine es ist. Aber dies +darf nicht jedwede, sondern nur die zweite sein, wenigstens wenn man +sie ganz als falsch nimmt; nimmt man sie nicht ganz als falsch, so kann +es jede von beiden Prämissen sein. + +Denn es soll A dem ganzen C zukommen, aber keinem B, und B auch keinem +C. Dieses kann sich so schicken, wie etwa keinem Stein sinnliches Wesen +und Stein keinem Menschen zukommt. Wenn man nun annimmt, daß A jedem B +und B jedem C zukommt, so erhält man aus den zwei falschen Prämissen +einen wahren Schlußsatz. Denn jeder Mensch ist ein sinnenbegabtes Wesen. + +Ebenso ist es bei der Verneinung. Denn es kann sein, daß weder A noch +B irgendeinem C zukommt, jedoch A jedem B, wie z. B. wenn bei Annahme +derselben Begriffe, wie vorhin Mensch als Mittelbegriff gesetzt wird. +Denn weder sinnliches Wesen, noch Mensch wohnt irgendeinem Stein bei, +wohl aber jedem Menschen sinnliches Wesen. Und wenn wir also setzen, +daß der Begriff Mensch keinem zukommt, dem er zukommt, und jedem +zukommt, dem er nicht zukommt, so wird man aus den zwei falschen +Prämissen einen wahren Schlußsatz erhalten. + +[Sidenote: 54 a] + +Ebenso wird der Beweis geführt werden, wenn man Prämissen nimmt, die +beide nach einem Teil ihres Inhalts falsch sind[215]. + +Wenn man aber nur eine von den Prämissen als falsch setzt, so kann, +wenn die erste, also AB, ganz falsch ist, der Schlußsatz nicht wahr +sein, wohl aber, wenn BC es ist. Ganz falsch nenne ich die Prämisse, +die der wahren konträr ist, also wenn man das, was keinem zukommt, +jedem, und das, was jedem zukommt, keinem zukommen läßt. + +Denn es soll A keinem B zukommen, B aber jedem C. Wenn ich nun die +Prämisse BC wahrheitsgemäß setze, dagegen die Prämisse AB ganz falsch, +so daß also A jedem B zukäme, so kann der Schlußsatz unmöglich wahr +sein. Denn A dürfte keinem C zukommen, da ja keinem, dem B zukam, A +zukam und B jedem C zukam[216]. + +Ebenso wird der Schlußsatz nicht wahr sein wenn A jedem B zukommt und +B jedem C und die Prämisse BC wahrheitsgemäß gesetzt wird, dagegen die +Prämisse AB ganz falsch, als ob nämlich keinem, dem B zukommt, A zukäme +-- auch so, sage ich, wird der Schlußsatz falsch sein. Denn A wird +jedem C zukommen, da ja jedem, dem B, A, B aber jedem C zukommt[217]. + +Man sieht also: wenn die erste Prämisse ganz falsch genommen wird, +mag sie nun bejahend oder verneinend sein, die zweite Prämisse aber +wahrheitsgemäß, so kommt kein wahrer Schlußsatz heraus. + +Wenn sie aber nicht ganz falsch genommen wird, ergibt sich ein wahrer +Schlußsatz. Denn wenn A jedem C und einigem B zukommt, und B jedem C, +wie z. B. Sinnenwesen jedem Schwan und einigem Weißen und Weiß jedem +Schwan, und wenn man nun annimmt, daß A jedem B und B jedem C zukommt, +so wird A in Wahrheit jedem C zukommen, da jeder Schwan ein Sinnenwesen +ist. Ebenso, wenn AB verneinend ist. Denn es ist möglich, daß A einem +B, aber keinem C, B aber jedem C zukommt, wie etwa Sinnenwesen einem +Weißen, aber keinem Schnee, dagegen Weiß allem Schnee. Nimmt man nun +an, daß A keinem B, B aber jedem C zukommt, so wird A keinem C zukommen. + +Wird aber die Prämisse AB ganz wahr genommen und die Prämisse BC ganz +falsch, so kann ein wahrer Schluß erfolgen. Denn nichts hindert, daß +A jedem B und C zukommt, dagegen B keinem C, wie z. B. die sich nicht +untergeordneten Arten derselben Gattung. Denn Sinnenwesen kommt dem +Pferde wie dem Menschen zu, aber Pferd keinem Menschen. Läßt man nun +A jedem B und B jedem C zukommen, so wird der Schlußsatz wahr sein, +während die Prämisse BC ganz falsch ist. + +[Sidenote: 54 b] + +Ebenso, wenn die Prämisse AB verneinend ist. Denn möglicherweise kommt +A keinem B und keinem C zu und B keinem C, wie die Gattung den Arten +aus einer anderen Gattung. Denn Sinnenwesen kommt weder der Musik noch +der Heilkunst zu und die Musik nicht der Heilkunst. Läßt man nun A +keinem B und B jedem C zukommen, so wird der Schlußsatz wahr sein. + +Und wenn die Prämisse BC nicht ganz, sondern nur teilweise falsch ist, +wird der Schlußsatz auch so wahr sein. Denn nichts hindert, daß A dem +ganzen B und C zukommt, B aber einem C, wie die Gattung der Art und der +Differenz. Denn Sinnenwesen kommt jedem Menschen und jedem gehenden +Wesen, Mensch aber einem, nicht jedem gehenden Wesen zu. Läßt man nun +A jedem B und B jedem C zukommen, so wird A jedem C zukommen, was +ja wahr sein mag. Ebenso, wenn die Prämisse AB verneinend ist. Denn +möglicherweise kommt A keinem B und keinem C zu, aber B einem C, wie +die Gattung der Art und der Differenz aus einer anderen Gattung. Denn +Sinnenwesen kommt keiner Klugheit und keinem theoretischen Vermögen zu, +aber die Klugheit wird von einem theoretischen Vermögen ausgesagt. Läßt +man nun A keinem B und B jedem C zukommen, so wird A keinem C zukommen. +Und das ist in dem angeführten Beispiel wahr[218]. + +Bei den partikulären Schlüssen kann der Schlußsatz wahr sein, wenn die +erste Prämisse ganz falsch und die zweite wahr ist, ferner ebenso, wenn +die erste teilweise falsch und die zweite[E] wahr ist und wenn jene +wahr, diese teilweise falsch ist, endlich, wenn beide falsch sind[219]. + + [E] Z. 20 ὅλης ausgelassen. + +[Sidenote: 55 a] + +Denn es steht nichts im Wege, daß A keinem B zukommt, aber einem C, +und B einem C, wie der Begriff Sinnenwesen keinem Schnee und einem +Weißen zukommt und Schnee einem Weißen. Setzt man nun Schnee als +Mittelbegriff und Sinnenwesen als ersten Begriff und läßt A jedem +B zukommen und B einem C, so ist AB ganz falsch, BC wahr und der +Schlußsatz wahr. Gleiches gilt, wenn die Prämisse AB verneinend ist. +Denn A kann dem ganzen B zukommen und einem C nicht zukommen, dagegen +kann B einem C zukommen, wie sinnlich wahrnehmendes Wesen jedem +Menschen zukommt und einigem Weißen nicht logisch folgt, während Mensch +einigem Weißen zukommt. Setzt man folglich Mensch als Mittelbegriff und +läßt A keinem B und B einem C zukommen, so wird der Schlußsatz wahr +sein, während die Prämisse AB ganz falsch ist. Und wenn die Prämisse AB +zum Teil falsch ist, wird die Konklusion wahr sein. Denn A kann ganz +wohl, wie einem B, so einem C und B einem C zukommen, wie Sinnenwesen +einem Schönen und einem Großen und schön wieder einem Großen zukommen +kann. Läßt man nun A jedem B zukommen und B einem C, so wird die +Prämisse AB zum Teil falsch sein, die Prämisse BC aber wahr und der +Schlußsatz wahr. Gleiches gilt, wenn die Prämisse AB verneinend ist. +Denn für den Beweis werden die Begriffe dieselben sein und dieselbe +Stellung haben. + +Wiederum, wenn die Prämisse AB wahr und die Prämisse BC falsch ist, +wird der Schlußsatz wahr sein. Denn nichts hindert, daß A dem ganzen +B zukommt und einem C, während B keinem C zukommt, wie Sinnenwesen +jedem Schwan und einem Schwarzen, Schwan dagegen keinem Schwarzen. +Läßt man nun A jedem B und B einem C zukommen, so wird der Schlußsatz +wahr sein, während BC falsch ist. Ebenso, wenn man die Prämisse AB +verneinend nimmt. Denn es ist möglich, daß A keinem B zukommt und einem +C nicht zukommt, und B keinem C, wie z. B. die Gattung der Art aus +einer anderen Gattung und den Akzidenzien ihrer eigenen Arten. Denn +Sinnenwesen kommt zwar keiner Zahl, aber einem Weißen zu, Zahl aber +keinem Weißen. Setzt man nun Zahl als Mittelbegriff und läßt A keinem +B, B aber einem C zukommen, so wird A einem C nicht zukommen, was ja +wahr war, und dabei ist die Prämisse AB wahr, dagegen die Prämisse BC +falsch. + +Und, wenn die Prämisse AB zum Teil falsch ist, dabei aber auch die +Prämisse BC falsch ist, wird der Schlußsatz wahr sein. Denn nichts +hindert, daß A je einigem B und C zukommt, B aber keinem C, wie wenn +B dem C konträr entgegengesetzt ist und beide Akzidenzien derselben +Gattung sind. Denn Sinnenwesen kommt einem Weißen und einem Schwarzen +zu, aber Weißes keinem Schwarzen. Läßt man nun A jedem B und B einem C +zukommen, so wird der Schlußsatz wahr sein. Aber es ist auch so, wenn +man die Prämisse AB verneinend nimmt. Denn zum Behufe des Beweises wird +man dieselben Begriffe, in derselben Ordnung, aufstellen. + +[Sidenote: 55 b] + +Endlich, auch wenn beide Prämissen falsch sind, wird der Schlußsatz +wahr sein. Denn es ist möglich, daß A keinem B, B aber einem C zukommt, +während B keinem C zukommt, wie z. B. die Gattung der Art aus einer +anderen Gattung und dem, was ihrer eigenen Art mitfolgend beiwohnt. +Denn Sinnenwesen kommt keiner Zahl, aber einem Weißen zu, und die Zahl +keinem Weißen. Läßt man nun A jedem B und B einem C zukommen, so ist +der Schlußsatz wahr, während beide Prämissen falsch sind. Ebenso, wenn +die Prämisse AB verneinend ist. Denn nichts hindert, daß A dem ganzen B +zukommt, aber einigen C nicht zukommt, und B keinem C, wie Sinnenwesen +jedem Schwan zukommt, aber einigen Schwarzen nicht zukommt, und Schwan +keinem Schwarzen. Läßt man also A keinem B und B einem C zukommen, so +kommt A einem C nicht zu. So ist denn der Schlußsatz wahr, während die +Prämissen falsch sind. + + + + +Drittes Kapitel. + + +In der mittleren Figur läßt sich in allen Formen und Fällen aus +Falschem Wahres schließen, mag man beide Prämissen ganz falsch ansetzen +oder jede nur zum Teil, und mag die eine ganz wahr, die andere ganz +falsch sein, gleichviel welche von beiden man falsch ansetzt, und mögen +beide nur zum Teil falsch sein oder die eine schlechthin wahr, die +andere zum Teil falsch, oder mag die eine ganz falsch, die andere zum +Teil wahr sein, und das gilt sowohl für die allgemeinen, als auch für +die partikulären Schlüsse. + +Denn wenn A keinem B, aber jedem C zukommt, wie Sinnenwesen keinem +Stein, aber jedem Pferd, und wenn man dann die Prämissen in konträrer +Weise faßt und also A jedem B, aber keinem C zukommen läßt, so wird +sich aus ganz falschen Prämissen ein wahrer Schlußsatz ergeben. Ebenso, +wenn A jedem B, aber keinem C zukommt; denn man wird denselben Schluß +erhalten. + +Wiederum, wenn die eine Prämisse ganz falsch, die andere ganz wahr ist; +denn nichts hindert, daß A jedem B und C zukommt, aber B keinem C, wie +die Gattung den Arten, die nicht untereinander begriffen sind. Denn +Sinnenwesen kommt, wie jedem Pferd, so jedem Menschen zu, und dabei ist +kein Mensch ein Pferd. Läßt man nun Sinnenwesen dem einen ganz, dem +anderen gar nicht zukommen, so wird die eine Prämisse ganz falsch sein, +die andere ganz wahr und der Schlußsatz wahr, zu welcher Prämisse man +auch die Verneinung setzen möge. + +Und, wenn die eine Prämisse zum Teil falsch, die andere ganz wahr ist. +Denn es ist möglich, daß A einem B und jedem C zukommt, aber B keinem +C, wie Sinnenwesen einem Weißen und jedem Raben, und weiß keinem Raben. +Läßt man nun A keinem B und dem ganzen C zukommen, so ist die Prämisse +AB zum Teil falsch, die Prämisse AC ganz wahr, und der Schlußsatz ist +wahr. Ebenso, wenn man die Verneinung umstellt. Denn der Beweis läßt +sich mit Hilfe derselben Begriffe führen. Und, wenn die bejahende +Prämisse zum Teil falsch, die verneinende aber ganz wahr ist. Denn +nichts hindert, daß A einem B zukommt, aber dem ganzen C nicht zukommt, +und B keinem C, wie Sinnenwesen einem Weißen, aber keinem Pech, und +weiß keinem Pech. Und läßt man so A dem ganzen B zukommen, aber keinem +C, so ist die Prämisse AB zum Teil falsch, die Prämisse AC ganz wahr, +und die Konklusion ist wahr. + +[Sidenote: 56 a] + +Und, wenn beide Prämissen zum Teil falsch sind, kann die Konklusion +wahr sein. Denn es ist möglich, daß A einem B und einem C zukommt, B +aber keinem C, wie Sinnenwesen einem Weißen und einem Schwarzen, weiß +aber keinem Schwarzen. Läßt man nun A jedem B, aber keinem C zukommen, +so sind beide Prämissen zum Teil falsch, die Konklusion aber ist wahr. +Ebenso, wenn man die Verneinung umstellt, wofür der Beweis durch +dieselben Begriffe geführt wird. + +Auch bei den partikulären Schlüssen leuchtet dieses ein. Denn nichts +hindert, daß A jedem B und einem C zukommt und B einem C nicht zukommt, +wie etwa Sinnenwesen jedem Menschen und einigem Weißen zukommen wird, +und Mensch einigem Weißen nicht. Wenn man nun A keinem B und einem C +zukommen läßt, ist die allgemeine Prämisse ganz falsch, die partikuläre +wahr und der Schlußsatz wahr. + +Ebenso, wenn man die Prämisse AB bejahend nimmt. Denn es ist möglich, +daß A keinem B zukommt und einem C nicht zukommt und B einem C nicht +zukommt, wie etwa Sinnenwesen keinem Unbeseelten zukommt und einigem +Weißen nicht zukommt und unbeseelt einigem Weißen nicht zukommen wird. +Läßt man nun A jedem B zukommen und einigem C nicht zukommen, so ist +die allgemeine Prämisse AB ganz falsch, die Prämisse AC wahr und der +Schlußsatz wahr. + +Und, wenn die allgemeine Prämisse wahr und die partikuläre falsch +aufgestellt ist. Denn nichts hindert, daß A weder einem B noch einem +C folgt, dagegen B nur einigem C nicht zukommt, wie Sinnenwesen +keiner Zahl und keinem Unbeseelten folgt und Zahl einigem Unbeseelten +nicht folgt. Läßt man nun A keinem B, aber einem C zukommen, so wird +der Schlußsatz wahr sein und ebenso die allgemeine Prämisse, die +partikuläre aber ist falsch. Ebenso, wenn die allgemeine Prämisse +bejahend gesetzt wird. Denn es ist möglich, daß A allem B und C +zukommt, aber B auf ein C nicht logisch folgt, wie die Gattung auf die +Art und die Differenz. Denn Sinnenwesen folgt auf alles, was Mensch +ist, und folgt auf gehend in dessen ganzem Umfange, aber Mensch nicht +auf alles, was sich durch gehen fortbewegt. Läßt man nun A allem B +zukommen, aber einem C nicht zukommen, so ist die allgemeine Prämisse +wahr, die partikuläre aber falsch, der Schlußsatz aber wahr. + +[Sidenote: 56 b] + +Endlich leuchtet auch ein, daß der Schlußsatz bei Falschheit beider +Prämissen wahr sein kann, da es ja möglich ist, daß A allem B und C +zukommt, während B auf einiges C nicht folgt. Denn läßt man A keinem +B, aber einem C zukommen, so sind die Prämissen beide falsch, der +Schlußsatz aber ist wahr. Ebenso, wenn die allgemeine Prämisse bejahend +und die partikuläre verneinend ist. Denn es ist möglich, daß A keinem +B und jedem C folgt und B einem C nicht zukommt, wie z. B. Sinnenwesen +auf keine Wissenschaft, aber auf alles, was Mensch ist, folgt, die +Wissenschaft aber nicht auf alles, was Mensch ist. Läßt man nun A allem +B zukommen, aber auf einiges, was C ist, nicht folgen, so sind die +Prämissen falsch, der Schlußsatz aber ist wahr. + + + + +Viertes Kapitel. + + +Auch in der letzten Figur kann aus Falschem Wahres folgen, mögen beide +Prämissen ganz falsch sein oder jede nur zum Teil, und möge die eine +ganz wahr, die andere ganz falsch sein, und möge die eine nur zum Teil +falsch, die andere ganz wahr sein, und umgekehrt, und auf wie viele +Weisen man sonst noch mit den Prämissen wechseln kann. + +Denn nichts hindert, daß weder A noch B irgendeinem C zukommt, +A dagegen einem B, wie z. B. weder Mensch noch Gehendes auf ein +Unbeseeltes folgt, Mensch dagegen einigem Gehenden zukommt. Läßt man +nun A und B jedem C zukommen, so sind die Prämissen ganz falsch, der +Schlußsatz aber wahr. Ebenso, wenn die eine Prämisse verneinend, die +andere bejahend ist. Denn es ist möglich, das B keinem, aber A jedem +C zukommt und A einem B nicht zukommt, wie z. B. schwarz keinem und +Sinnenwesen jedem Schwan und Sinnenwesen nicht jedem Schwarzen zukommt. +Läßt man nun B jedem und A keinem C zukommen, so wird A einem B nicht +zukommen; und so ist der Schlußsatz wahr, die Prämissen aber sind +falsch. + +Und, wenn jede Prämisse zum Teil falsch ist, wird der Schlußsatz wahr +sein. Denn nichts hindert, daß A wie B einem C zukommt, und A einem +B, wie z. B. weiß und schön einem Sinnenwesen zukommt, und weiß einem +Schönen. Läßt man nun A und B jedem C zukommen, so sind die Prämissen +zum Teil falsch, der Schlußsatz aber ist wahr. Ebenso, wenn die +Prämisse AC verneinend gefaßt ist. Denn nichts hindert, daß A einem C +nicht zukommt, B aber wohl, und daß A nicht jedem B zukommt, wie z. B. +weiß einigen Sinnenwesen nicht zukommt, schön aber wohl, und weiß nicht +jedem Schönen. Läßt man nun A keinem und B jedem C zukommen, so sind +beide Prämissen zum Teil falsch, der Schlußsatz aber ist wahr. + +[Sidenote: 57 a] + +Ebenso, wenn die eine Prämisse ganz falsch, die andere ganz wahr ist. +Denn es ist möglich, daß A wie B auf jedes C folgt, dagegen A einem +B nicht zukommt, wie z. B. Sinnenwesen und weiß auf alles folgt, was +Schwan ist, dagegen Sinnenwesen nicht jedem Weißen zukommt. Läßt man +nun, wo diese Begriffe angenommen werden, B dem ganzen C zukommen und A +dem ganzen C nicht zukommen, so wird die Prämisse BC ganz wahr sein, +die Prämisse AC ganz falsch, und der Schlußsatz ist wahr. Ebenso, +wenn BC falsch und AC wahr ist. Zum Beweis können dieselben Begriffe +verwandt werden: schwarz, Schwan, unbeseelt. + +Aber auch, wenn man beide Prämissen bejahend setzt. Denn nichts +hindert, daß B auf jedes C folgt und A dem ganzen C nicht zukommt, aber +A einem B, wie z. B. allem, was Schwan ist, Sinnenwesen und schwarz +keinem Schwan zukommt, und dabei schwarz einigen Sinnenwesen zukommt. +Und so ist, wenn man A und B jedem C zukommen läßt, die Prämisse BC +ganz wahr, die Prämisse AC ganz falsch und der Schlußsatz wahr. Ebenso, +wenn die Prämisse AC wahrheitsgemäß aufgestellt wird; der Beweis läßt +sich mittelst derselben Begriffe führen. + +Wiederum, wenn die eine Prämisse ganz wahr, die andere zum Teil falsch +ist. Denn es kann B jedem und A einem C zukommen, und A einem B, wie +z. B. zweifüßig jedem Menschen und schön nicht jedem Menschen, und die +Schönheit einigem Zweifüßigen zukommt. Läßt man nun A wie B dem ganzen +C zukommen, so ist die Prämisse BC ganz wahr, die Prämisse AC aber zum +Teil falsch, der Schlußsatz aber ist wahr. Ebenso, wenn die Prämisse +AC wahr, BC aber zum Teil falsch ist. Denn der Beweis wird geführt, +indem man dieselben Begriffe umstellt. Und, wenn die eine Prämisse +verneinend, die andere bejahend ist. Denn es ist möglich, daß B jedem, +A dagegen nur einigem C und eben dieses A bei solchem Verhältnis der +Begriffe nicht jedem B zukommt. Wenn man nun B jedem und A keinem C +zukommen läßt, so ist die verneinende Prämisse zum Teil falsch, die +andere ganz wahr und der Schlußsatz wahr. Wiederum, da gezeigt worden +ist, daß wenn A keinem und B einem C zukommt, A möglicherweise einem B +nicht zukommt, so kann offenbar auch, wenn die Prämisse AC ganz wahr +und BC zum Teil falsch ist, der Schlußsatz wahr sein. Denn wenn man A +keinem und B jedem C zukommen läßt, so ist die Prämisse AC ganz wahr +und BC zum Teil falsch. + +Es ist aber klar, daß auch bei den partikulären Schlüssen in allen +Fällen aus Falschem Wahres folgen kann. Denn man muß dieselben +Begriffe nehmen, wie wenn die Prämissen allgemein sind, bejahende bei +bejahenden, verneinende bei verneinenden Schlüssen. Denn es macht für +die Wahl[220] der Begriffe keinen Unterschied, ob man statt eines +allgemein verneinenden Satzes einen allgemein bejahenden oder statt +eines allgemeinen einen partikulären nimmt. Ebenso ist es mit den +verneinenden Schlüssen. + +Man sieht also: wenn der Schlußsatz falsch ist, sind die Prinzipien +des Schlusses notwendig entweder alle oder teilweise falsch; ist er +aber wahr, so ist weder eine Prämisse, noch sind alle notwendig wahr, +sondern es ist möglich, daß wenn keine Prämisse in dem Schluß wahr ist, +die Konklusion es gleichwohl ist, freilich nicht mit Notwendigkeit[221]. + +[Sidenote: 57 b] + +Davon ist der Grund, daß wenn sich zwei Dinge zueinander so verhalten, +daß wenn das eine ist, notwendig das andere ist, wenn dieses letztere +nicht ist, auch das andere nicht sein kann, wenn es aber ist, nicht +notwendig das andere ist. + +Daß aber, wenn und weil dasselbe ist und nicht ist, mit Notwendigkeit +dasselbe ist, ist unmöglich, ich meine, daß z. B. wenn A weiß ist, +B notwendig groß ist, und auch, wenn A nicht weiß ist, B notwendig +groß ist. Denn wenn falls dieses A weiß ist, dieses B notwendig groß +ist und falls B groß ist, C nicht weiß ist, so ist, wenn A weiß ist, +C notwendig nicht weiß. Und wenn von zwei Dingen, falls eines ist, +notwendig das andere ist, so ist, falls dieses letztere nicht ist, +notwendig A nicht. Wenn also B nicht groß ist, so ist es nicht möglich, +daß A weiß ist. Ist aber, wenn A nicht weiß ist, B notwendig groß, so +folgt notwendig, daß wenn B nicht groß ist, eben dieses B groß ist, +was unmöglich ist. Denn wenn B nicht groß ist, wird A notwendig nicht +weiß sein. Wenn nun, falls dieses nicht weiß ist, B groß sein wird, so +folgt wie durch drei Begriffe[222], daß B, wenn es nicht groß ist, groß +ist. + + +Fünftes Kapitel. + +Der Zirkelbeweis, Beweis zweier Sätze auseinander, besteht darin, daß +man aus der Konklusion und dem Ansatz der einen Prämisse in umgekehrter +Fassung auf die andere Prämisse schließt, die man bei dem ersten Schluß +angenommen hat; wie es z. B. geschieht, wenn zu beweisen war, daß A +jedem C zukommt, und man es durch den Mittelbegriff B bewiesen hat und +dann wieder zeigen will, daß A dem B zukommt, auf Grund der Annahme, +daß A dem C und C dem B zukommt und so denn auch A dem B, während man +zuvor umgekehrt angenommen hatte, daß B dem C zukommt. Oder wenn zu +zeigen ist, daß B dem C zukommt und man dann A von C gelten läßt, was +die Konklusion war, B aber von A, während man zuvor umgekehrt A von B +hatte gelten lassen[223]. + +Anders aber lassen sich zwei Sätze auseinander nicht beweisen. Denn +wenn man einen anderen Mittelbegriff nimmt, so beweist man nicht im +Kreise, da man nichts von dem schon Dagewesenen nimmt; und wenn man +etwas schon Dagewesenes nimmt, so darf es nur die eine von beiden +Prämissen sein; denn wenn man beide nimmt, so erhält man dieselbe +Konklusion, während man doch eine andere erhalten soll. + +Bei den nicht konvertiblen Sätzen geschieht nun der Schluß aus einer +nicht bewiesenen Prämisse. Denn man kann durch die Begriffe, die in +solchen Sätzen stehen, nicht beweisen, daß dem Mittelbegriff der dritte +Begriff oder dem ersten Begriff der Mittelbegriff zukommt[224]. + +[Sidenote: 58 a] + +Bei den konvertiblen Sätzen aber läßt sich alles auseinander beweisen, +wie z. B. wenn A und B und C miteinander vertauscht werden können. +Denn es soll AC durch B als Mittelbegriff bewiesen worden sein, und +AB wieder durch die Konklusion und die umgekehrte Prämisse BC, und +ebenso BC durch die Konklusion und die umgekehrte Prämisse AB. Man +muß aber die Prämisse CB und die Prämisse BA noch beweisen. Denn nur +diese Prämissen gebrauchen wir, ohne sie bewiesen zu haben. Läßt man +nun B jedem C und C jedem A zukommen, so wird sich ein Schluß von B +auf A ergeben. Wiederum, läßt man C jedem A und A jedem B zukommen, so +kommt notwendig jedem B das C zu. In diesen beiden Schlüssen ist nun +die Prämisse CA ohne Beweis angenommen, die anderen waren bewiesen. So +werden denn, wenn wir auch diese Prämisse noch bewiesen haben, alle +Sätze durcheinander bewiesen sein. Läßt man nun C jedem B und B jedem +A zukommen, so nimmt man einerseits beide Prämissen als bewiesene und +muß anderseits C dem A zukommen. Man sieht also, daß die Beweise im +Kreis und auseinander nur bei konvertiblen Sätzen möglich sind, während +es sich mit den andern so verhält, wie vorhin gesagt wurde. Es erfüllt +sich hier aber auch, daß wir das Bewiesene zum Beweis verwenden. Denn +C wird von B und B von A auf Grund der Voraussetzung bewiesen, daß C +von A gilt; C wird aber von A mit Hilfe dieser Prämissen bewiesen: wir +verwenden mithin die Konklusion zum Beweis[225]. + +Bei den verneinenden Schlüssen erhält der wechselseitige Beweis der +Sätze auseinander folgende Gestalt. B soll jedem C und A keinem B +zukommen; Schlußsatz: A keinem C. Wenn man nun wieder, was man zuvor +als Annahme verwandt hatte, als Schlußsatz gewinnen soll, daß nämlich +A keinem B zukommt, so wird A keinem C und C jedem B zukommen. Denn so +ist die Prämisse umgekehrt. Soll man aber als Schlußsatz erhalten, daß +B dem C zukommt, so darf man nicht mehr ebenso AB umkehren, weil es +derselbe Satz ist, daß B keinem A, und daß A keinem B zukommt, sondern +man muß den Satz nehmen: wovon keinem A zukommt, dem allen kommt B +zu[226]. + +A soll keinem C zukommen, was die Konklusion war. Und wovon keinem A, +dem allen soll B zukommen. Notwendig kommt also B jedem C zu. So ist +denn, da der Sätze, aus denen die ursprüngliche Konklusion besteht, +drei sind, jeder zur Konklusion geworden und besteht auch in diesem +Falle der Zirkelbeweis darin, daß man die Konklusion und die umgekehrte +eine Prämisse nimmt und so auf die andere schließt. + +[Sidenote: 58 b] + +Bei den partikulären Schlüssen kann man die allgemeine Prämisse durch +die anderen Sätze nicht beweisen, wohl aber die partikuläre. Daß +man die allgemeine Prämisse nicht beweisen kann, ist klar. Denn das +Allgemeine wird durch das Allgemeine bewiesen. Die Konklusion ist aber +nicht allgemein, und doch müßte der Beweis aus der Konklusion und +der anderen Prämisse geführt werden. Auch kommt durch Umkehrung der +Prämisse überhaupt kein Schluß zustande, da infolge derselben beide +Prämissen partikulär werden. Die partikuläre Prämisse aber kann man +beweisen. Denn es sei durch B bewiesen, daß A von einem C gilt. Läßt +man nun B jedem A zukommen und bleibt die Konklusion, so wird B einem C +zukommen. Denn man erhält die erste Figur mit B als Mittelbegriff. + +Ist der Schluß verneinend, so kann man aus dem vorhin angegebenen +Grunde die allgemeine Prämisse nicht beweisen; die partikuläre Prämisse +aber kann man zwar, wenn man AB ebenso wie bei den allgemeinen +Schlüssen umkehrt, nicht beweisen, wohl aber durch Proslepsis +(Hinzunahme), also durch die Annahme, daß wovon einem A nicht zukommt, +davon einem B zukommt. Denn auf andere Weise ergibt sich kein Schluß, +weil die partikuläre Prämisse verneinend ist[227]. + + +Sechstes Kapitel. + +In der zweiten Figur läßt sich das Bejahende auf diese Weise nicht +beweisen, wohl aber das Verneinende. Das Bejahende wird nicht bewiesen, +weil nicht beide Prämissen bejahend sind. Denn die Konklusion ist +(in dieser Figur) verneinend, das Bejahende aber erhält man, wie wir +gesehen haben, nur dann, wenn beide Prämissen bejahend sind. + +Das Verneinende wird so bewiesen. A soll jedem B, aber keinem C +zukommen. Konklusion: B keinem C. Läßt man nun B jedem A, aber keinem C +zukommen, so kommt A notwendig keinem C zu. Denn es entsteht die zweite +Figur, Mittelbegriff: B. Wird aber AB verneinend gesetzt und der andere +Satz bejahend, so erhält man die erste Figur. Denn C kommt jedem A und +B keinem C zu, und so denn B keinem A. Mithin auch A keinem B[F]. Durch +die Konklusion und die eine Prämisse erhält man also keinen Schluß, +wohl aber, wenn man eine andere dazu nimmt[228]. + + [F] Z. 25 hat Pacius noch: Mittelbegriff ist C, was sich im Text von + Bekker und Waitz nicht findet. + +Ist der Schluß nicht allgemein, so wird die allgemeine Prämisse nicht +bewiesen, eben aus dem vorhin angegebenen Grunde; dagegen wird es die +partikuläre, falls die allgemeine Prämisse bejahend ist. + +Denn A soll jedem B, aber nicht jedem C zukommen; Konklusion: BC. Läßt +man nun B jedem A, aber nicht jedem C zukommen, so wird A einem B nicht +zukommen; Mittelbegriff: B. + +Ist die allgemeine Prämisse aber verneinend, so läßt sich die Prämisse +AC nicht durch Umkehrung von AB beweisen. Denn dann werden entweder +beide Prämissen oder eine verneinende, und mithin wird sich kein Schluß +ergeben. Aber es läßt sich auch ebenso beweisen wie bei den allgemeinen +Sätzen, wenn man nämlich A einem Teile dessen zukommen läßt, von dem +ein Teil B nicht zum Prädikat hat. + + +Siebentes Kapitel. + +[Sidenote: 59 a] + +In der dritten Figur kann man, wenn beide Prämissen allgemein gefaßt +sind, nicht auseinander beweisen. Denn Allgemeines wird durch +allgemeine Prämissen bewiesen, der Schlußsatz der dritten Figur ist +aber immer partikulär, und so kann denn offenbar die allgemeine +Prämisse durch diese Figur gar nicht bewiesen werden. + +Ist aber die eine Prämisse allgemein, die andere partikulär, so ist der +gedachte Beweis bald möglich, bald nicht: möglich, wenn beide Prämissen +bejahend gefaßt sind und das Allgemeine sich mit dem Unterbegriff +verbindet, nicht möglich, wenn es beim Oberbegriff auftritt. + +Denn A komme jedem, B einem C zu; Schlußsatz: AB. Läßt man nun C jedem +A zukommen, so ist zwar bewiesen, daß C einem B, nicht aber, daß B +einem C zukommt. Freilich muß, wenn C einem B, auch B einem C zukommen. +Aber es ist nicht dasselbe, wenn das dem und wenn dem das zukommt, +sondern man muß noch die Bestimmung hinzunehmen: wenn das eine dem +anderen nach einem Teile von dessen Umfange zukommt, dann auch ebenso +umgekehrt. Nimmt man das aber an, so geschieht der Schluß nicht mehr +einzig aus der Konklusion und der anderen Prämisse. + +Kommt aber B jedem und A einem C zu, so wird sich der Satz AC beweisen +lassen, wenn man C jedem und A einem B zukommen läßt. Denn wenn C jedem +und A einem B zukommt, so muß A einem C zukommen; Mittelbegriff: B. + +Und, wenn die eine Prämisse bejahend, die andere verneinend und die +bejahende allgemein ist, kann die andere bewiesen werden. Denn B komme +jedem C zu und A einem C nicht zu; Schlußsatz: A kommt einigem B zu. +Läßt man nun noch dazu C jedem B beiwohnen, so muß A einigem C nicht +beiwohnen; Mittelbegriff: B. + +Ist dagegen die verneinende Prämisse allgemein, so läßt die andere +sich nicht beweisen, außer so wie oben, wenn man das eine einem +Teil des anderen nicht zukommen und das andere einem Teil von eben +jenem zukommen läßt, wie etwa, wenn A keinem und B einem C zukommt; +Schlußsatz: A kommt einigem B nicht zu. Läßt man nun einem Teile +dessen, dessen einem Teile A nicht beiwohnt, C beiwohnen, so muß C +einem B beiwohnen. Anders ist es nicht möglich, durch Umkehrung der +allgemeinen Prämisse die andere zu beweisen, da sich keinerlei Schluß +ergibt. + +Man sieht also, daß in der ersten Figur der Beweis zweier Sätze +auseinander durch die dritte und durch die erste Figur zustande kommt: +ist der Schlußsatz bejahend, durch die erste, ist er verneinend, durch +die letzte. Denn man nimmt an: während das eine einem bestimmten +Dritten gar nicht zukommt, kommt das andere jedem zu, was unter ihm +begriffen ist. + +In der mittleren Figur beweist man, wenn der Schluß allgemein ist, +durch sie und durch die erste Figur, ist er partikulär, durch sie und +durch die letzte. + +In der dritten Figur gehen alle Schlüsse durch diese selbst. + +Man sieht aber auch, daß in der dritten und der mittleren Figur die +Schlüsse, die nicht durch diese Figuren selbst zustande kommen, +entweder überhaupt nicht durch Zirkelbeweis errichtet werden können, +oder unvollkommen sind[229]. + + +Achtes Kapitel. + +[Sidenote: 59 b] + +Die Umkehrung besteht darin, daß man die Konklusion wendet und den +Schluß zieht, daß entweder der Oberbegriff dem Mittelbegriff oder +dieser dem Unterbegriff nicht zukommen kann. Denn wenn die Konklusion +umgekehrt worden ist und die eine Prämisse bleibt, muß die andere +umgestoßen werden, da, wenn sie gelten bliebe, auch die Konklusion +gelten bleiben müßte[230]. + +Es ist aber ein Unterschied, ob man die Konklusion in +kontradiktorischer oder in konträrer Weise umkehrt. Denn es ergibt +sich nicht derselbe Schluß, wenn man sie so oder so umkehrt, wie +aus dem folgenden klar werden wird. Ich lasse aber kontradiktorisch +entgegengesetzt sein: jedem und nicht jedem zukommen, einem und keinem, +konträr dagegen: jedem und keinem, einem und einem nicht[231]. + +Denn es sei A als Prädikat von C durch den Mittelbegriff B bewiesen. +Läßt man nun A keinem C zukommen, aber jedem B, so wird B keinem C +zukommen. Und läßt man A keinem, B aber jedem C zukommen, so wird A +nicht jedem B, nicht aber keinem B zukommen, da, wie wir gesehen haben, +das Allgemeine nicht durch die letzte Figur bewiesen wird. überhaupt +kann man den Obersatz nicht allgemein durch die Umkehrung widerlegen. +Denn er wird immer durch die dritte Figur umgestoßen, da sich beide +Prämissen auf den Unterbegriff beziehen müssen. + +Und wenn der Schluß verneinend ist, ist es ebenso. Denn es soll durch B +bewiesen sein, daß A keinem C zukommt. Somit wird, wenn man A jedem C +und keinem B zukommen läßt, B keinem C zukommen. Und wenn man A und B +jedem C zukommen läßt, so wird A einem B zukommen. Aber zuerst kam es +keinem zu. + +Wird die Konklusion aber kontradiktorisch umgekehrt, so werden auch +die Schlüsse kontradiktorisch und nicht allgemein sein. Denn die eine +Prämisse wird partikulär, und so wird auch die Konklusion partikulär +sein. Es sei der Schluß bejahend, und man nehme die Umkehrung so vor. +Mithin kommt, wenn A nicht jedem C, aber jedem B zukommt, B nicht jedem +C zu. Und wenn A nicht jedem C zukommt, wohl aber B, so A nicht jedem +B. Ebenso, wenn der Schluß verneinend ist. Denn wenn A einem und C +keinem B zukommt, so wird B einigem C nicht zukommen, nicht schlechthin +keinem. Und wenn A einem und B jedem C zukommt, wie anfänglich +angenommen worden ist, so wird A einem B zukommen. + +Bei den partikulären Schlüssen werden, wenn die Konklusion +kontradiktorisch umgekehrt wird, beide Prämissen umgestoßen, wenn +konträr, keine. Denn es erfolgt nicht mehr, wie bei den allgemeinen +Schlüssen, eine solche Umstoßung, daß die Konklusion, die sich aus der +Umkehrung ergibt, mangelhaft ist, sondern es erfolgt überhaupt keine +Umstoßung[232]. + +[Sidenote: 60 a] + +Denn es soll bewiesen sein, daß A von einem C gilt. Läßt man nun +A keinem und B einem C zukommen, so wird A einem B nicht zukommen. +Und wenn A keinem C und jedem B zukommt, so kommt B keinem C zu. Und +so werden denn beide Prämissen umgestoßen. Wird aber die Konklusion +konträr umgekehrt, so fällt keine Prämisse. Denn wenn A einem C nicht +zukommt, aber jedem A, so wird B einem C nicht zukommen. Damit ist aber +das ursprünglich Gesetzte noch nicht aufgehoben. Denn B kann einem C +zukommen und einem nicht zukommen. Für den allgemeinen Satz AB aber +ergibt sich überhaupt kein Schluß. Denn wenn A einem C nicht zukommt, B +aber wohl, ist keine von beiden Prämissen allgemein. + +Ebenso, wenn der Schluß verneinend ist. Denn wenn man A jedem C +zukommen läßt, werden beide Prämissen umgestoßen, wenn einem, keine. +Der Beweis ist derselbe. + + +Neuntes Kapitel. + +In der zweiten Figur läßt der Obersatz sich nicht so umstoßen, daß er +in sein Kontrarium umschlüge, mag man nun die Umkehrung der Konklusion +so oder so vornehmen. Denn man erhält die Konklusion immer nach der +dritten Figur, und wir haben gesehen, daß in ihr kein allgemeiner +Schluß möglich ist. + +Die andere Prämisse dagegen, den Untersatz, kann man in derselben +Weise wie die Konklusion umstoßen, in derselben Weise, das heißt, wenn +man die Konklusion konträr umkehrt, konträr, wenn kontradiktorisch, +kontradiktorisch. Denn A komme jedem B und keinem C zu; Schlußsatz: +BC. Läßt man nun B jedem C zukommen und bleibt AB, so wird A jedem C +zukommen. Denn man erhält die erste Figur. + +Kommt aber B jedem und A keinem C zu, so kommt A nicht jedem B zu; +letzte Figur. Kehrt man aber BC kontradiktorisch um, so wird AB in +derselben Weise bewiesen werden, dagegen AC kontradiktorisch. Denn wenn +B einem und A keinem C zukommt, so wird A einem B nicht zukommen. +Und wenn wieder B einem C und A jedem B zukommt, so wird A einem C +zukommen, und so entsteht denn ein Schluß in kontradiktorischer Form. +Und ebenso wird der Beweis zu führen sein, wenn sich die Prämissen (in +Bezug auf Bejahung und Verneinung) umgekehrt verhalten. + +Ist der Schluß partikulär, so wird bei konträrer Umkehrung der +Konklusion keine von beiden Prämissen umgestoßen, wie auch nicht in der +ersten Figur, aber bei kontradiktorischer Umkehrung werden es beide. + +Denn es sei vorausgesetzt, daß A keinem B und einem C zukommt; +Konklusion BC. Läßt man nun B einem C zukommen und bleibt AB, so wird +die Konklusion besagen, daß A einem C nicht zukommt. Aber damit ist die +anfängliche Voraussetzung nicht umgestoßen, weil es gleichzeitig einem +zukommen und einem nicht zukommen kann. + +[Sidenote: 60 b] + +Wiederum, wenn B einem C und A einem C zukommt, kann sich kein Schluß +ergeben, weil keine der beiden Voraussetzungen allgemein ist, und so +wird denn AB nicht umgestoßen. Bei kontradiktorischer Umkehrung aber +werden beide Prämissen aufgehoben. Denn kommt B jedem C und A keinem B +zu, dann A keinem C; es sollte aber einem zukommen. Wiederum, wenn B +jedem C und A einem C zukommt, dann A einem B. Derselbe Beweis gilt, +wenn das Allgemeine bejahend ist. + + +Zehntes Kapitel. + +In der dritten Figur wird bei konträrer Umkehrung der Konklusion keine +der beiden Prämissen umgestoßen, der Schluß mag lauten wie er will; +bei kontradiktorischer Umkehrung aber werden es beide und in allen +Schlüssen. + +Denn es soll bewiesen sein, daß A einem B zukommt; als Mittelbegriff +sei C angenommen, und die Prämissen seien allgemein. Läßt man nun A +einem B nicht zukommen, B aber jedem C, so erhält man keinen Schluß +mit A und C. Und auch wenn A einem B nicht zukommt, aber jedem C, +erhält man keinen Schluß mit B und C[233]. + +Ebenso läßt sich unsere Regel beweisen, wenn die Prämissen nicht +allgemein sind. Denn entweder müssen beide Prämissen infolge der +Umkehrung partikulär sein, oder das Allgemeine muß zum Unterbegriff +treten. So aber ergibt sich, wie wir gesehen haben, kein Schluß, weder +in der ersten noch in der mittleren Figur[234]. + +Aber bei kontradiktorischer Umkehrung werden beide Prämissen +umgestoßen. Denn wenn A keinem B zukommt und B jedem C, dann A keinem +C. Wieder, wenn A keinem B zukommt, aber jedem C, dann B keinem C. + +Und ebenso, wenn die eine Prämisse nicht allgemein ist. Denn wenn A +keinem B und B einem C zukommt, wird A einem C nicht zukommen. Wenn +aber A keinem B, aber jedem C zukommt, wird B keinem C zukommen. + +Ebenso, wenn der Schluß verneinend ist. Denn es soll bewiesen sein, +daß A einem B nicht zukommt, und BC soll bejahend, AC verneinend sein. +So entsteht dieser Schluß ja. Legt man nun das konträre Gegenteil der +Konklusion zugrunde, so kann sich kein Schluß ergeben. Denn wenn A +einem B und B jedem C zukommt, gab es keinen Schluß mit A und B. Und +ebenso gab es, wenn A einem B und keinem C zukommt, keinen Schluß mit B +und C. So werden denn die Prämissen nicht umgestoßen. + +Legt man dagegen das kontradiktorische Gegenteil zugrunde, so werden +sie umgestoßen. Denn wenn A jedem B und B jedem C zukommt, dann A jedem +C; aber es kam keinem zu. Wieder, wenn A jedem B und keinem C zukommt, +dann B keinem C. Aber es kam jedem zu. + +[Sidenote: 61 a] + +Ebenso wird der Beweis erbracht, wenn die Prämissen nicht allgemein +sind. Denn dann wird AC allgemein und verneinend, der andere Satz +aber wird partikulär und bejahend. Wenn nun A jedem B und B einem C +zukommt, kommt A einem C zu; aber es kam keinem zu. Wieder, wenn A +jedem B, aber keinem C zukommt, so B keinem C. Aber die Voraussetzung +war, daß es einem C zukommt. Wenn aber A einem B und B einem C zukommt, +so ergibt sich kein Schluß. Und, wenn A einem B, aber keinem C +zukommt, ebensowenig. Und so werden die Prämissen denn auf jene Weise +umgestoßen, und auf diese Weise werden sie es nicht. + +Man sieht also aus dem Gesagten, wie bei Umkehrung der Konklusion in +jeder Figur ein Schluß zustande kommt, und wann derselbe der Prämisse +konträr und wann er ihr kontradiktorisch gegenübersteht. + +Und, daß in der ersten Figur die Schlüsse durch die mittlere und die +letzte Figur zustande kommen, und daß der Untersatz immer durch die +mittlere, der Obersatz durch die letzte Figur umgestoßen wird. + +Dagegen in der mittleren Figur durch die erste und die letzte, und daß +der Untersatz immer durch die erste, der Obersatz durch die letzte +Figur umgestoßen wird. + +Endlich in der dritten Figur durch die erste und durch die mittlere, +und daß der Obersatz immer durch die erste, der Untersatz durch die +mittlere Figur umgestoßen wird. + + +Elftes Kapitel. + +Was nun die Umkehrung ist und wie bei derselben in jeder Figur ein +Schluß errichtet wird und welcher, haben wir hiermit erklärt. Was aber +den Schluß durch das Unmögliche betrifft, so tritt er auf, wenn man +das kontradiktorische Gegenteil der Konklusion setzt und eine andere +Prämisse hinzu nimmt, und er läuft durch alle Figuren; denn er ist +der Umkehrung gleich, und ein Unterschied besteht nur insoweit, als +man die Umkehrung vornimmt, nachdem ein Schluß geschehen ist und +man sich beider Prämissen versichert hat, dagegen auf das Unmögliche +zurückführt, ohne sich zuvor die Wahrheit seines kontradiktorischen +Gegenteils einräumen zu lassen, da dieselbe vielmehr am Tage liegt[235]. + +Die Begriffe verhalten sich bei beiden Arten der Folgerung gleich und +werden bei beiden auf dieselbe Weise aufgestellt[236]. + +Es soll z. B. A jedem B zukommen und C Mittelbegriff sein. Setzt man +nun voraus, daß A entweder nicht jedem oder keinem B zukommt, aber +jedem C, was ja wahr war, so muß C entweder keinem oder nicht jedem B +zukommen. Das ist aber unmöglich und folglich die Voraussetzung falsch, +mithin das Gegenteil wahr. Ebenso in den anderen Figuren. Denn wo +Umkehrung möglich ist, da auch der Schluß durch das Unmögliche. + +Alle anderen Sätze nun, um deren Wahrheit es sich fragt, werden in +allen Figuren durch das Unmögliche bewiesen, der allgemein bejahende +Satz aber kann zwar in der mittleren und der dritten Figur so bewiesen +werden, nicht aber in der ersten. + +[Sidenote: 61 b] + +Denn man nehme an, daß A nicht jedem oder keinem B zukommt, und nehme +noch eine andere Prämisse von der einen oder von der anderen Seite zu +Hilfe, d. h. man lasse entweder C jedem A oder B jedem D zukommen. +Denn so bekommt man die erste Figur. Gilt nun die Annahme, daß A nicht +jedem B zukommt, so ergibt sich kein Schluß, nehme man die Prämisse von +der einen oder von der anderen Seite; soll es aber keinem zukommen, so +wird, falls man die Prämisse BD zu Hilfe nimmt, zwar ein Schluß auf +das Falsche gewonnen, aber es wird nicht bewiesen, was bewiesen werden +soll. Denn wenn A keinem B und B jedem D zukommt, so A keinem D. Das +aber möge unmöglich sein. Mithin ist es falsch, daß A keinem B zukommt. +Aber wenn es falsch ist, daß es keinem zukommt, ist es darum noch nicht +wahr, daß es jedem zukommt. Nimmt man aber die Prämisse CA zu Hilfe, +so erhält man keinen Schluß, wie auch nicht, wenn man A nicht jedem B +zukommen läßt[237]. + +Man sieht also: daß etwas jedem zukommt, wird in der ersten Figur nicht +durch das Unmögliche bewiesen. + +Wohl aber beweist man so in ihr, daß etwas einem und keinem und nicht +jedem zukommt. Denn man nehme an, daß A keinem B zukomme, lasse aber +B jedem oder einem C zukommen. Mithin kommt A notwendig keinem oder +nicht jedem C zu. Das ist aber unmöglich. Denn es möge wahr und +augenscheinlich sein, daß A jedem C zukommt. So muß denn, wenn jenes +falsch ist, A einem C zukommen. Wenn man aber die andere Prämisse zu +A zieht, erhält man keinen Schluß. Auch nicht, wenn man das konträre +Gegenteil der Konklusion annimmt, daß es nämlich einem nicht zukommt. +Man sieht also, daß man das kontradiktorische Gegenteil annehmen muß. + +Wiederum, man nehme an, daß A einem B zukomme, und lasse C jedem A +zukommen. Dann muß C einem B zukommen. Das aber möge unmöglich sein, +und so ist denn die gedachte Annahme falsch. Wenn aber das, so ist es +wahr, daß es keinem zukommt. Ebenso, wenn man CA verneinend nimmt. +Nimmt man aber die Prämisse mit B, so entsteht kein Schluß. Nimmt man +aber das Konträre an, so ergibt sich zwar ein Schluß, und es ergibt +sich Unmögliches, aber es wird nicht bewiesen, was man sich vorgesetzt +hatte. Denn man nehme an, daß A jedem B zukomme, und lasse C jedem +A zukommen. So muß C jedem B zukommen. Das ist aber unmöglich, und +so ist es falsch, daß A jedem B zukommt. Aber es braucht noch nicht +notwendig, wenn es nicht jedem zukommt, keinem zuzukommen. Ebenso, +wenn man die andere Prämisse zu B setzt. Denn Schluß und Unmögliches +ergibt sich da zwar, aber die Annahme fällt nicht, und so muß denn das +kontradiktorische Gegenteil die Annahme bilden. + +Um aber zu beweisen, daß A nicht jedem B zukommt, muß man annehmen, es +komme jedem zu. Denn wenn A jedem B zukommt und C jedem A, so C jedem +B, so daß, wenn dieses unmöglich ist, die Annahme falsch ist. Ebenso, +wenn man die andere Prämisse zu B setzt. Und wenn CA verneinend ist, +desgleichen. Denn auch so entsteht ein Schluß. Wenn aber die Verneinung +mit B verbunden wird, wird nichts bewiesen. + +[Sidenote: 62 a] + +Wenn man aber nicht annimmt, daß es jedem, sondern daß es einem +zukommt, so beweist man damit nicht, daß es nicht jedem, sondern daß +es keinem zukommt. Denn wenn A einem B und C jedem A zukommt, wird C +einem B zukommen. Ist das nun unmöglich, so ist es falsch, daß A einem +B zukommt, also wahr, daß es keinem zukommt. Mit diesem Nachweis wird +aber auch das Wahre aufgehoben, da A einem B zukam und einem nicht +zukam. Auch stellt sich das Unmögliche nicht auf Grund der Annahme +ein. Denn sie wäre falsch, da man Falsches nicht aus wahren Prämissen +schließen kann. Nun aber ist sie wahr. Denn A kommt einem B zu. Man muß +also nicht annehmen, daß es einem, sondern daß es jedem zukommt. + +Ebenso ist zu verfahren bei dem Beweis, daß A einigem B nicht zukommt. +Denn wenn einigem nicht zukommen und nicht jedem zukommen dasselbe ist, +so fällt beides unter denselben Beweis. + +Man sieht also, daß man bei allen Schlüssen nicht das Konträre, sondern +das Kontradiktorische annehmen muß. Denn so stellt sich das Notwendige +ein und macht sich das probable Axiom[238] geltend: wenn alles entweder +zu bejahen oder zu verneinen ist, so knüpft sich an den Beweis, daß +die Verneinung nicht wahr ist, logisch die Folge, daß die Bejahung es +ist; und wieder: läßt man die Bejahung nicht wahr sein, so ist es als +probabel anzusprechen, daß die Verneinung es ist. Das Konträre aber +fügt sich diesem Satz auf keine von beiden Weisen. Denn wenn es falsch +ist, daß etwas keinem zukommt, braucht es nicht wahr zu sein, daß es +jedem zukommt, und es ist nicht probabel, daß wenn das eine falsch ist, +das andere wahr ist. + + +Zwölftes Kapitel. + +Man sieht also, daß in der ersten Figur die Probleme insgesamt durch +das Unmögliche bewiesen werden mit Ausnahme derjenigen, die allgemein +bejahend sind. In der mittleren und der letzten Figur aber werden auch +sie so bewiesen. + +Denn man nehme an, daß A nicht jedem B zukommt, lasse aber A jedem C +zukommen. Wenn es nun nicht jedem B, aber jedem C zukommt, so C nicht +jedem B. Das ist aber unmöglich. Denn es möge einleuchtend sein, daß +C jedem B zukommt. Und so ist denn die Annahme falsch, wahr mithin, +daß es jedem zukommt. Nimmt man aber das konträre Gegenteil an, so +ergibt sich zwar ein Schluß und das Unmögliche, aber es wird nicht +bewiesen, was man sich vorgesetzt hatte. Denn wenn A keinem B und jedem +C zukommt, so C keinem B. Das ist aber unmöglich, und so ist es denn +falsch, daß es keinem zukommt. Aber wenn dies falsch ist, ist es noch +nicht wahr, daß es jedem zukommt. + +Wenn aber A einem B zukommt, so sei angenommen, daß A keinem B und +jedem C zukommt: mithin notwendig C keinem B. So kommt denn, wenn das +unmöglich ist, A notwendig einem B zu. Nimmt man aber an, daß es einem +nicht zukommt, so stellt sich dieselbe Folge ein wie bei der ersten +Figur[239]. + +Wiederum, man nehme an, A komme einem B zu, dagegen soll es keinem C +zukommen. Es kommt also C notwendig einem B nicht zu. Aber es kam jedem +zu. Die Annahme ist also falsch, und mithin wird A keinem B zukommen. + +[Sidenote: 62 b] + +Endlich, wenn A nicht jedem B zukommt, mache man die Annahme, daß es +jedem zukommt, dagegen keinem C. Nun kommt C notwendig keinem B zu. Das +ist aber unmöglich, und so ist es denn wahr, daß es (A) nicht jedem +zukommt. + +Man sieht also: in der mittleren Figur können alle Schlüsse durch das +Unmögliche bewiesen werden. + + +Dreizehntes Kapitel. + +Ebenso in der letzten Figur. Man nehme an, daß A einem B nicht +zukomme, dagegen C jedem. Mithin kommt A einem C nicht zu. Wenn das +nun unmöglich ist, so ist es falsch, daß es einem nicht zukommt, also +wahr, daß es jedem zukommt. Nimmt man aber an, daß es keinem zukommt, +so erhält man zwar einen Schluß und ein Unmögliches, aber es wird nicht +bewiesen, was man sich vorgesetzt hatte. Denn wenn man das konträre +Gegenteil annimmt, so ergibt sich dieselbe Folge wie vorhin[240]. + +Vielmehr muß man diese Annahme machen, um zu beweisen, daß es einem +zukommt. Denn wenn A keinem B und C einem B zukommt, so A nicht jedem +C. Ist das nun falsch, so ist wahr, daß A einem B zukommt. + +In dem Falle ferner, wo A keinem B zukommt, nehme man an, daß es einem +zukommt, und dazu lasse man C jedem B zukommen. Also muß A einem C +zukommen. Aber es kam keinem zu, und so ist es falsch, daß A einem B +zukommt. + +Wenn man aber annimmt, daß A jedem B zukommt, wird das Beabsichtigte +nicht bewiesen, sondern diese Annahme muß man machen, wenn es nicht +jedem beiwohnen soll. Denn wenn A jedem B und C einem B zukommt, so +A einem C. Dem war aber nicht so, und demnach ist es falsch, daß es +(A) jedem (B) zukommt. Wenn aber das, so ist wahr, daß es nicht jedem +zukommt. Nimmt man aber an, daß es einem zukommt, so ergibt sich +dieselbe Folge wie in den vorgenannten Fällen. + +Man sieht also, daß in allen Schlüssen durch das Unmögliche das +kontradiktorische Gegenteil von dem, was man zeigen will, die Annahme +bilden muß. + +Auch ist klar, daß in der mittleren Figur in gewisser Weise das +Bejahende, und in der letzten Figur das Allgemeine unter Beweis +gestellt wird[241]. + + +Vierzehntes Kapitel. + +Es unterscheidet sich aber der Beweis, der auf das Unmögliche führt, +von dem direkten Beweis dadurch, daß er das zur Voraussetzung +nimmt, was er umstoßen will, indem er es auf ein anerkannt Falsches +zurückführt, während der direkte Beweis von anerkannt wahren Sätzen +ausgeht. Es nehmen also beide Beweisarten zwei anerkannte Prämissen, +aber die eine nimmt solche Prämissen, aus denen der Schluß erwächst, +die andere aber nimmt zwar eine von diesen, aber dazu eine andere, die +das kontradiktorische Gegenteil des Schlußsatzes ist. Und dort braucht +der Schlußsatz nicht bekannt zu sein, und man braucht nicht im voraus +zu wissen, daß er gilt oder nicht gilt, hier aber muß man im voraus +wissen, daß er nicht gilt. Es macht aber keinen Unterschied, ob der +Schlußsatz eine Bejahung oder eine Verneinung ist, sondern es hat mit +beiden die gleiche Bewandtnis. + +Es kann aber alles, was direkt erschlossen wird, auch durch das +Unmögliche, und was durch das Unmögliche erschlossen wird, direkt, mit +Hilfe derselben Begriffe, aber nicht in denselben Figuren, bewiesen +werden[242]. + +[Sidenote: 63 a] + +Denn wenn der Schluß (auf das Unmögliche) in der ersten Figur errichtet +wird, so wird man das Wahre (direkt beweisend) in der mittleren oder +in der letzten Figur erhalten. Das Verneinende in der mittleren, das +Bejahende in der letzten. + +Geschieht der Schluß in der mittleren Figur, so erhält man das Wahre in +der ersten Figur bei allen Sätzen (die bewiesen werden sollen). + +Geschieht der Schluß in der letzten Figur, so erhält man das Wahre in +der ersten und in der mittleren Figur: die bejahenden Sätze in der +ersten, die verneinenden in der mittleren. + +Denn es sei durch die erste Figur (indirekt) bewiesen, daß A keinem +oder nicht jedem B zukommt. Da war nun die Annahme, daß A einem B +zukomme, C aber ließ man jedem A, aber keinem B zukommen. Denn so +ergab sich der Schluß und das Unmögliche. Es ist aber die mittlere +Figur, wenn C jedem A und keinem B zukommt. Und hieraus geht hervor, +daß A keinem B zukommt[243]. + +Ebenso, wenn gezeigt worden ist, daß es nicht jedem zukommt. Die +Annahme ist dann, daß es jedem zukommt. C aber ließ man jedem A, aber +nicht jedem B zukommen. Und wenn man CA verneinend setzt, ist es grade +so. Denn auch so ergibt sich die mittlere Figur. + +Wieder, es sei bewiesen, daß A einem B zukommt. Die Annahme war nun, +es komme keinem zu; dagegen ließ man B jedem C, und A entweder jedem +oder einem C zukommen. Denn so möge sich das Unmögliche einstellen. Es +ist aber die letzte Figur, wenn A und B jedem C zukommt. Und hieraus +ist klar, daß A einem B zukommen muß. Ebenso, wenn man B oder A ++einem+ C zukommen läßt[244]. + +Wiederum, es sei in der mittleren Figur bewiesen worden, daß A jedem +B zukommt. Die Annahme war also, daß A nicht jedem B zukomme, und man +ließ A jedem C und C jedem B zukommen. Denn so wird man das Unmögliche +erhalten. Es ist aber die erste Figur, daß A jedem C und C jedem B +beiwohnt. + +Ebenso verfährt man, wenn man bewiesen hat, daß es +einem+ +zukommt. Denn die Annahme war dann, daß A keinem B zukommt, und man hat +eben dieses A jedem C und C einem B zukommen lassen. + +Ist der Schluß aber verneinend, so war die Annahme, daß A einem B +zukommt, und dazu ließ man A keinem C und C jedem B zukommen, so daß +man die erste Figur erhält. + +Und, wenn der Schluß nicht allgemein ist, sondern nur bewiesen wurde, +daß A +einem+ B nicht zukommt, so hat es die nämliche Bewandtnis. +Denn die Annahme war dann, daß A jedem B zukommt, und dazu ließ man +eben dieses A keinem C und C einem B zukommen. Denn so stellte sich die +erste Figur ein. + +[Sidenote: 63 b] + +Wiederum, es sei in der dritten Figur bewiesen worden, daß A jedem B +zukommt. Die Annahme war also, daß A nicht jedem B zukomme, und man +ließ C jedem B, und A jedem C zukommen. Denn so muß sich das Unmögliche +ergeben. Das ist aber die erste Figur. + +Ebenso, wenn der Beweis ergeben sollte, daß es +einem+ beiwohnt. +Denn die Annahme war dann, daß A keinem B zukommt, und dazu ließ man C +einem B und A jedem C zukommen. + +War der Schluß aber verneinend, so war die Annahme, daß A einem C +zukomme, und dazu ließ man C keinem A, aber jedem B zukommen. Das ist +aber die mittlere Figur. + +Ebenso aber endlich, wenn der Beweis nicht allgemein war. Da wird die +Annahme sein, A komme jedem B zu, und man ließ C keinem A, aber einem B +zukommen. Das ist aber die mittlere Figur. + +Man sieht also, daß man jedes Problem mit Hilfe derselben Begriffe, +die man bei dem Beweis durch das Unmögliche verwendet, auch deiktisch +oder direkt beweisen kann. Ebenso wird man umgekehrt, wenn die +Schlüsse deiktisch sind, mit Anwendung derselben Begriffe die Sache +aufs Unmögliche zurückführen können, falls man das kontradiktorische +Gegenteil der Konklusion als Prämisse setzt. Denn man erhält dieselben +Schlüsse wie bei der Umkehrung, so daß wir sofort auch die Figuren +erhalten, durch die der jeweilige Satz gewonnen wird[245]. + +Es erhellt also, daß jeder Satz nach beiden Weisen, durch Umkehrung und +deiktisch, bewiesen wird und es hier keinen Unterschied gibt. + + +Fünfzehntes Kapitel. + +Auf die Frage, in welcher Figur aus (kontradiktorisch oder konträr) +entgegengesetzten Prämissen geschlossen werden kann und in welcher +nicht, lautet die Antwort wie folgt. Ich lasse aber dem sprachlichen +Ausdruck nach sich vier Arten von Sätzen entgegengesetzt sein: +jedem und keinem zukommen, jedem und nicht jedem, einem und keinem, +einem und einem nicht, in Wirklichkeit aber nur drei. Denn einem und +einem nicht ist sich nur im Worte entgegengesetzt. Hiervon sind mir +konträr entgegengesetzt die allgemeinen Aussagen: jedem und keinem +zukommen: wie: jede Wissenschaft ist sittlich gut oder ist eine +Tugend, und: keine ist es; die anderen gelten mir als kontradiktorisch +entgegengesetzt[246]. + +In der ersten Figur also ist (überhaupt) kein Schluß aus +entgegengesetzten Prämissen möglich, kein bejahender und kein +verneinender: kein bejahender, weil beide Prämissen bejahend sein +müßten, während doch die entgegengesetzten Prämissen Bejahung und +Verneinung sind; kein verneinender, weil die entgegengesetzten Aussagen +dasselbe von demselben bejahen und verneinen, während der Mittelbegriff +der ersten Figur nicht von den beiden anderen Begriffen ausgesagt +wird, sondern von ihm wird ein anderes geleugnet und anderes von ihm +ausgesagt; das gibt aber keine entgegengesetzten Prämissen[247]. + +In der mittleren Figur dagegen kann ein Schluß sowohl aus +kontradiktorisch als aus konträr entgegengesetzten Prämissen gebildet +werden. + +[Sidenote: 64 a] + +Denn unter A sei gut, unter B und C Wissenschaft verstanden. Hat man +nun jede Wissenschaft und keine Wissenschaft sittlich gut sein lassen, +so kommt A jedem B und keinem C zu, mithin B keinem C. Also ist keine +Wissenschaft Wissenschaft[248]. -- Ebenso, wenn man jede Wissenschaft +gut, die Heilkunst aber nicht gut sein läßt. Denn A käme dann jedem B, +aber keinem C zu. Und so wäre denn eine bestimmte Wissenschaft keine +Wissenschaft. Und, wenn A jedem C, aber keinem B zukommt, und B gleich +Wissenschaft, C gleich Heilkunst, A gleich Meinung ist. Denn man hat +dann zuerst angenommen, daß keine Wissenschaft Meinung ist, und dann +wieder, daß eine es doch ist. Der Fall unterscheidet sich von dem +vorigen dadurch, daß mit den Begriffen eine Umkehrung vorgenommen +wird: vorhin stand die Bejahung bei B, jetzt steht sie bei C. Dieselbe +Bewandtnis hat es, wenn die eine Prämisse nicht allgemein ist[249]. +Denn es ist immer der Mittelbegriff, der von dem einen verneint und +von dem anderen bejaht wird. So ist es denn möglich, Entgegengesetztes +zu folgern, nur nicht immer und allgemein, sondern nur wenn das dem +Mittelbegriff Untergeordnete sich so verhält, daß es entweder ein und +dasselbe ist oder Ganzes und Teil. Sonst ist es unmöglich. Denn die +Prämissen werden sonst keineswegs konträr oder kontradiktorisch sein. + +In der dritten Figur kann ein bejahender Schluß aus (irgendwie) +entgegengesetzten Prämissen niemals erfolgen, aus dem schon bei der +ersten Figur angegebenen Grunde, wohl aber ein verneinender, mögen die +Begriffe nun allgemein oder nicht allgemein sein. + +Denn man denke Wissenschaft unter B und C, und Heilkunst unter A. +Läßt man nun jede Heilkunst und keine Heilkunst Wissenschaft sein, so +hat man B jedem und C keinem A zukommen lassen, und so muß denn eine +Wissenschaft keine Wissenschaft sein. Ebenso, wenn man die Prämisse AB +nicht allgemein faßt. Denn wenn eine Heilkunst Wissenschaft und wieder +keine Heilkunst Wissenschaft ist, so ist folglich eine Wissenschaft +keine Wissenschaft. Die Prämissen sind aber konträr, wenn man die +Begriffe allgemein faßt, kontradiktorisch, wenn der eine partikulär ist. + +Man bemerke aber, daß man zwar die Entgegensetzung so fassen kann, wie +wir sagten, daß jede Wissenschaft gut ist und wieder keine, oder daß +eine nicht gut ist, eine Fassung, deren sophistischer Charakter nicht +verborgen zu bleiben pflegt, daß man aber auch sonst durch Fragen auf +das andere, entgegengesetzte Glied schließen oder es so erhalten kann, +wie wir in der Topik angegeben haben[250]. + +[Sidenote: 64 b] + +Da aber die Bejahungen drei Gegensätze haben, so folgt, daß man +sechserlei entgegengesetzte Aussagen machen kann: daß etwas entweder +jedem und keinem zukommt, oder jedem und nicht jedem, oder einem und +keinem, und daß man dabei die Begriffe wieder umkehren kann, also: +A kommt jedem B und keinem C zu, oder: jedem C und keinem B, oder: +jedem B und nicht jedem C, und dabei kann man dann wieder die Begriffe +umkehren. Und dies kann auch bei der dritten Figur geschehen[251]. + +So haben wir denn gesehen, auf wie vielerlei Weise und in welchen +Figuren ein Schluß aus entgegengesetzten Prämissen möglich ist. + +Es leuchtet aber auch ein, daß sich zwar aus falschen Prämissen +Wahres folgern läßt, wie wir vorhin erklärt haben, aber nicht aus +entgegengesetzten. Denn der Schluß fällt immer gegen den Sachverhalt +aus, ergibt z. B., wenn etwas gut ist, daß es nicht gut ist, oder wenn +ein Sinnenwesen, daß es kein Sinnenwesen ist, weil eben die Folgerung +aus dem kontradiktorischen Gegenteil gezogen wird und die zugrunde +liegenden Begriffe entweder dieselben sind oder sich wie Ganzes und +Teil verhalten. + +Es ist aber auch klar, daß sich bei den Paralogismen gar wohl das +Gegenteil der Annahme ergeben kann, z. B. daß, wenn etwas ungerad ist, +es nicht ungerad ist. Denn aus entgegengesetzten Prämissen, die man +gewonnen hat, geht ein entgegengesetzter Schluß hervor. Hat man also +solche Prämissen zugrunde gelegt, so muß das Gegenteil der Annahme +herauskommen[252]. + +Es kann aber, wie man wohl bemerken möge, Entgegengesetztes nicht +durch einen Schluß so gefolgert werden, daß die Konklusion lautet: +das Nichtgute ist gut, oder wie es sonst heißen soll, wenn man nicht +die Prämisse sofort entsprechend gefaßt hat, also etwa so: alles +Animalische ist weiß und nicht weiß, nun ist aber der Mensch ein +animalisches Wesen. Man muß vielmehr entweder das Gegenteil zu Hilfe +nehmen, wie z. B.: jede Wissenschaft ist Meinung[G], und dann annehmen, +daß die Heilkunst Wissenschaft ist, aber keine (Heilkunst) Meinung, +nach der Weise, wie die Widerlegungen geliefert werden, oder man +muß zwei Schlüsse errichten. Daß aber die Annahmen wirklich konträr +sind, dafür gibt es keine andere Weise als diese, wie vorhin erklärt +wurde[253]. + + [G] Z. 23 καὶ οὐχ ὑπόληψις mit Codex B ausgelassen. + + +Sechzehntes Kapitel. + +Die Forderung und Voraussetzung des ursprünglich Gefragten (petitio +principii) besteht, allgemein gefaßt, darin, daß man das vorliegende +jeweilige Problem unbewiesen läßt[254]. Dieses kann jedoch auf +verschiedene Weise geschehen: einmal so, daß man überhaupt nicht +schließt, dann so, daß man von Unbekannterem oder gleich Unbekanntem +ausgeht, oder so, daß man von dem, was erst später ist, auf dasjenige +schließt, was früher ist. Denn der (wirkliche) Beweis muß auf solchem +fußen, was glaubwürdiger und früher ist. + +Von all dem ist nun keines die Forderung dessen, was erst die Frage +ist, sondern da manches von Natur unmittelbar gewiß oder von selbst +erkennbar ist, während anderes durch ein anderes erkannt wird -- denn +die Prinzipien werden unmittelbar durch sich selbst erkannt, aber das +unter den Prinzipien Begriffene durch ein anderes --, so wird dann, +wenn man das nicht von selbst Erkennbare aus sich selbst beweisen will, +das ursprünglich Gefragte gefordert. + +[Sidenote: 65 a] + +Das läßt sich zwar so machen, daß man sofort den vorliegenden Satz +fordert, man kann aber auch zuerst zu anderem abschweifen, was +naturgemäß erst durch jenes bewiesen wird, um darauf aus diesem das +ursprünglich Gefragte zu beweisen. Das trifft z. B. in dem Falle +zu, daß man A aus B, B aber aus C beweisen will, während doch C +naturgemäß aus A bewiesen werden muß. Denn da beweisen diejenigen, die +so schließen, wirklich A aus sich selbst. Das tun z. B. diejenigen, +die die Parallelen zu demonstrieren glauben. Denn sie machen unbewußt +Voraussetzungen, die man nicht beweisen kann, wenn man keine Parallelen +hat[255]. So muß es ihnen denn bei einem solchen Schlußverfahren +begegnen, daß sie sagen: jegliches ist, wenn jegliches ist. So wäre +aber alles unmittelbar gewiß und von selbst erkennbar; was nicht sein +kann. + +Wenn es also unbekannt ist, daß A dem C zukommt, aber auch ebenso +unbekannt, daß es dem B zukommt, und man postuliert, daß A dem B +zukommt, so ist es noch nicht klar, ob man eine petitio principii +begeht, wohl aber ist es klar, daß man nicht beweist. Denn etwas +ist kein Prinzip des Beweises, wenn es ebenso unbekannt ist (wie +das Demonstrandum selbst). Wenn aber B sich so zu C verhält, daß es +dasselbe ist, oder beide offenbar konvertibel sind, oder eines dem +anderen zukommt, so begeht man eine petitio principii. Denn man kann +durch diese Begriffe auch beweisen, daß das A dem B zukommt, wenn man +sie miteinander vertauscht. Nun aber steht dieses im Wege, nicht aber +das Verfahren. Tut man dieses aber (kehrt man sie um), so tut man das +Gesagte (beweist, daß A dem B zukommt), und zwar tut man es, indem man +die Umkehrung vollzieht, wie durch einen regelrechten Schluß mit drei +Begriffen[256]. + +Ebenso begeht man noch keine petitio principii, sondern beweist nur +nicht, wenn man dem C das B zukommen läßt und dieses ebenso unbekannt +ist, wie wenn man ihm A zukommen läßt. Wenn aber A und B identisch ist, +entweder sofern es sich umkehren läßt oder A auf B logisch folgt, so +begeht man eine petitio principii aus demselben Grunde (wie vorhin). +Denn wir haben angegeben, was dieses Verfahren bedeutet: man beweist +durch sich selbst, was nicht durch sich selbst bekannt ist[257]. + +Wenn nun die petitio principii darin besteht, daß man durch sich +selbst beweist, was nicht durch sich selbst klar ist, d. h. eben +nicht beweist, was geschieht, wenn das zu Beweisende und das, wodurch +es bewiesen wird, gleich unbekannt ist, sofern entweder einem zwei +identische Bestimmungen zukommen oder zweien eine zukommt, so wird man +in der mittleren und der dritten Figur eine petitio principii auf jede +von beiden Weisen begehen können, bei einem bejahenden Schluß aber nur +in der dritten und der ersten Figur. Bei einem verneinenden Schluß +aber kann es nur geschehen, wenn dieselben Bestimmungen demselben +Subjekt abgesprochen werden und die beiden Prämissen sich nicht gleich +verhalten -- ebenso ist es in der mittleren Figur --, weil sich die +Begriffe in den verneinenden Schlüssen nicht umkehren lassen[258]. + +Die petitio principii besteht bei den wissenschaftlichen Beweisen +darin, daß man postuliert, was sich nach der Wahrheit, bei den +dialektischen Schlüssen darin, daß man postuliert, was sich nach der +Wahrscheinlichkeit so verhält[259]. + + +Siebzehntes Kapitel. + +[Sidenote: 65 b] + +Von dem Einwand, den wir bei den Disputationen oft zu erheben pflegen, +daß das Falsche nicht aus der Annahme entspringt, ist erstens zu sagen, +daß er seine Stelle in den Schlüssen hat, die auf das Unmögliche +führen, wenn er sich gegen das Gegenteil dessen kehrt, was durch die +Zurückführung auf das Unmögliche bewiesen wurde[260]. Denn man wird +den gedachten Einwand weder erheben, wo es sich nicht um das fragliche +Gegenteil handelt, sondern sagen, unter den Prämissen sei eine falsch, +noch überhaupt bei dem direkt beweisenden Schluß, der ja aus dem +Gegenteil keine Annahme macht. Auch kann man, wenn etwas direkt durch +ABC umgestoßen worden ist, nicht sagen, der Schluß sei nicht auf Grund +der Annahme erfolgt. Denn wir wenden dann ein, daß etwas nicht auf +deren Grund sich ergebe, wenn die Konklusion auch ohne das herauskommt, +was ja beim direkten Beweis nicht zutrifft. Denn wenn die These +umgestoßen wird, kann auch der Schluß auf sie keinen Bestand haben[261]. + +Man sieht also: der Einwand mit dem „nicht daraus“ hat seine Stelle bei +den indirekten Beweisen, da nämlich, wo die ursprüngliche Voraussetzung +sich so zu dem Unmöglichen verhält, daß, mag dieselbe gelten oder +nicht gelten, die Unmöglichkeit sich um nichts weniger einstellt (vgl. +soph. el. 29, 181 a, 31 ff.). + +Der augenscheinlichste Fall, daß das Falsche nicht aus der Annahme +folgt, ist der, wo der Schluß von den vermittelnden Begriffen auf das +Unmögliche nicht mit der Voraussetzung zusammenhängt, wie wir schon in +der +Topik+[262] erklärt haben. Denn das heißt die Nichtursache +als Ursache setzen, wie wenn man z. B. beweisen wollte, daß die +Diagonale sich nicht durch die Seite messen läßt, und zu diesem Zweck +mit dem Argument des +Zeno+ für die Unmöglichkeit der Bewegung +anhöbe und hierauf das Absurdum zurückführte. Denn das Falsche hängt +mit der anfänglichen Behauptung auf keine Weise und in keiner Weise +zusammen. + +Ein anderer Fall ist der, wo das Unmögliche zwar mit der Voraussetzung +zusammenhängt, aber nicht ihretwegen eintritt. Denn das kann geschehen, +mag man nun einen Zusammenhang nach oben oder nach unten annehmen, +so, wenn man etwa setzt, daß A dem B, B dem C, C dem D zukommt, und +es wäre falsch, daß B dem D zukommt. Denn wenn man A aufhebt und dann +doch B dem C und C dem D zukommt, so würde das Falsche nicht auf +Grund der anfänglichen Annahme eintreten. Oder wenn man hinwieder den +Zusammenhang nach oben verlegte und ließe zwar A dem B, dem A aber E +und dem E das F zukommen, und es wäre falsch, daß dem A das F zukommt. +Denn auch so würde die Unmöglichkeit bestehen bleiben, wenn die +ursprüngliche Annahme fällt[263]. + +Man muß vielmehr die Unmöglichkeit mit den ursprünglichen Begriffen +in Zusammenhang bringen, weil sie sich erst dann auf Grund der +Voraussetzung ergibt, muß z. B., wenn man einen Zusammenhang nach +unten annimmt, die Unmöglichkeit an den Prädikatsbegriff knüpfen. Denn +wenn es unmöglich ist, daß A dem C zukommt, so wird nach Ausschaltung +von A das Falsche nicht mehr bleiben. Wenn man den Zusammenhang aber +nach oben verlegt, so muß man die Unmöglichkeit an das Subjekt der +Aussage knüpfen. Denn wenn F dem B nicht zukommen kann, so wird die +Unmöglichkeit nach Ausschaltung von B nicht mehr bleiben. Dieselbe +Bewandtnis hat es, wenn die Schlüsse verneinend sind. + +[Sidenote: 66 a] + +So folgt denn offenbar, wenn die Unmöglichkeit nicht mit den +ursprünglichen Begriffen zusammenhängt, das Falsche nicht aus der +Setzung. + +Oder sollte das Falsche vielleicht auch so sich nicht immer wegen der +Voraussetzung ergeben? + +Denn auch wenn man A nicht dem B, sondern dem K zukommen läßt, K aber +dem C und dieses dem D, bleibt das Unmögliche nicht minder, und ebenso, +wenn man die Begriffe nach oben verfolgt, und so beruhte denn die +Unmöglichkeit nicht auf der ursprünglichen Setzung, da sie gleichmäßig +eintritt, mag AB gelten oder nicht. + +Die Lösung möchte in folgendem liegen. Das Kriterium (für die +Verkehrtheit des Verfahrens): wenn die Voraussetzung nicht gilt, +ergibt sich das Falsche nichtsdestoweniger, ist nicht so aufzufassen, +als richtete es sich gegen den Fall, daß die Unmöglichkeit aus einer +anderen Voraussetzung entspringen kann, sondern so: wenn nach Aufhebung +der gedachten Voraussetzung dieselbe Unmöglichkeit aus den anderen +Prämissen derselben Reihe entspringt. Denn es ist vielleicht keine +Ungereimtheit, wenn dasselbe Falsche aus mehr als einer Voraussetzung +folgt. So folgt z. B., daß die Parallelen zusammentreffen, sowohl wenn +der Innenwinkel größer ist als der Außenwinkel, als auch, wenn das +Dreieck mehr als zwei rechte Winkel hat[264]. + + +Achtzehntes Kapitel. + +Der falsche Schluß entsteht aber aus dem ersten Falschen. Denn jeder +Schluß erwächst entweder aus seinen beiden Prämissen oder aus ihrer +mehreren. Wenn aus den beiden Prämissen, so muß deren eine oder müssen +auch beide falsch sein. Denn, wir haben es schon gesagt, aus wahren +Prämissen ergibt sich kein falscher Schluß. Wenn er aber aus mehreren +erwächst, wenn z. B. B aus AB geschlossen wird und AB aus DEFG, so muß +etwas von diesem weiter Zurückliegenden falsch sein und deshalb auch +der Schluß. Denn A und B leitet sich aus diesen Voraussetzungen ab, und +so folgt denn aus ihrer einer der Schlußsatz und das Falsche. + + +Neunzehntes Kapitel. + +Um nicht durch Schlüsse widerlegt zu werden, muß man, wenn einer ohne +Angabe der Konklusionen nach der Begründung fragt, zusehen, daß man +keine zwei Prämissen einräumt, in denen derselbe Begriff wiederkehrt, +da wir wissen, daß kein Schluß ohne Mittelbegriff zustande kommt, und +Mittelbegriff ist, was mehr als einmal genannt wird. Wie man aber bei +der jeweiligen Konklusion auf den Mittelbegriff sehen muß, ergibt sich +einem, wenn man weiß, welche Konklusion in jeder Figur bewiesen wird. +Das kann uns aber nicht verborgen sein, da wir wissen, wie wir einen +Beweis zu erbringen haben. + +[Sidenote: 66 b] + +Wovor man aber nach dieser Anleitung beim Antworten auf der Hut +sein muß, das muß man, wenn man selbst der Fragende ist und es tut, +möglichst nicht merken lassen. Man wird das erreichen, erstens, wenn +man die Schlußsätze der Prosyllogismen nicht ausspricht, sondern sie +nach Sicherstellung der notwendigen Prämissen verborgen hält; ferner, +wenn man nicht nach dem Nächstliegenden fragt, sondern nach solchem, +was auf dem ganzen Wege von den Voraussetzungen zu dem Schlußsatze +möglichst in der Mitte liegt. So soll z. B. auf A als Prädikat von F +geschlossen werden müssen; Mittelglieder: BCDE. Man muß also fragen, +ob A dem B beiwohnt, und dann nicht, ob B dem C, sondern ob D dem E, +und dann erst, ob auch B dem C beiwohnt usw. Und geht der Schluß nur +durch einen Mittelbegriff, so fange man mit diesem an, weil man den +Antwortenden so am sichersten im unklaren läßt[265]. + + +Zwanzigstes Kapitel. + +Da wir aber wissen, wann ein Schluß erfolgt und wie sich dabei die +Begriffe verhalten müssen, so ist auch klar, wann eine Widerlegung +möglich ist und wann nicht: wenn alles eingeräumt wird oder wenn die +Antworten abwechselnd lauten, die eine verneinend, die andere bejahend, +kann eine Widerlegung erfolgen. Ein Schluß ergab sich ja, wenn die +Begriffe sich so und wenn sie sich so verhalten und so muß denn, wenn +das zuerst Behauptete der Konklusion konträr ist, eine Widerlegung +erfolgen. Denn die Widerlegung ist ein Schluß auf das kontradiktorische +Gegenteil. Wird nichts eingeräumt, so kann keine Widerlegung erfolgen. +Denn es gab keinen Schluß, wenn alle Begriffe verneinend sind, und so +gibt es denn in einem solchen Falle auch keine Widerlegung. Denn wo +eine Widerlegung ist, muß auch ein Schluß sein, wo aber ein Schluß, +nicht notwendig eine Widerlegung. Es ist ebenso, wenn in der Antwort +nichts allgemein behauptet wird. Denn für die Widerlegung müssen +dieselben Bestimmungen gelten wie für den Schluß[266]. + + +Einundzwanzigstes Kapitel. + +Zuweilen kommt es vor, daß uns, wie wir bei dem Ansatz der Begriffe +irren, auch über die Meinung ein Irrtum begegnet, wenn es z. B. möglich +ist, daß eines und dasselbe mehrerem ursprünglich beiwohnt und man +es von dem einen nicht weiß, und meint, es wohne keinem unter ihm +Begriffenen bei, während man es von dem anderen weiß[267]. Denn A soll +dem B an sich und dem C an sich zukommen, und diese jedem D ebenso. +Wenn man nun meint, A komme jedem B zu und dieses jedem D, aber A +keinem C, und dieses jedem B, so wird man von einem und demselben in +einer und derselben Beziehung ein Wissen und ein Nichtwissen haben[268]. + +Wiederum, wenn man sich in solchem täuscht, was zu derselben Reihe +gehört, indem es sich begrifflich untergeordnet ist, wie wenn A dem B, +dieses dem C und C dem D zukommt, man nähme aber an, A komme jedem B +und hinwieder keinem C zu. Denn da wird man gleichzeitig wissen, daß es +keinem zukommt, und annehmen, daß es ihm nicht zukommt. Glaubt man nun +hiernach nicht wirklich, daß man das, was man weiß, gleichwohl nicht +annimmt? Denn man weiß gewissermaßen, daß A dem C durch B zukommt, +wie man in und mit dem allgemeinen Satz das Besondere weiß, -- und so +glaubt man, daß man das, was man gewissermaßen weiß, schlechthin nicht +annimmt, was unmöglich ist[269]. + +[Sidenote: 67 a] + +Es ist aber in dem zuerst angeführten Falle, wo der Mittelbegriff +nicht zu derselben Reihe gehört, nicht möglich, die Prämissen nach +beiden Mittelbegriffen anzunehmen, also etwa anzunehmen, daß A jedem +B und keinem C und diese beiden jedem D zukommen. Denn da folgt, daß +die erste Prämisse (der Obersatz) entweder ganz oder zum Teil in +einem Sinne angenommen wird, der sich selbst konträr ist. Denn wenn +man annimmt, allem, dem B zukommt, komme A zu, und weiß, daß B dem +D zukommt, so weiß man auch, daß A dem D zukommt. Wenn man mithin +wieder meint, A komme keinem zu, dem C zukommt, so meint man, dem +komme A nicht zu, was einiges unter sich begreift, dem B zukommt. Zu +meinen aber, einmal, A komme jedem zu, dem B zukommt; und dann wieder, +es komme einem nicht zu, dem B zukommt, ist sich ganz oder zum Teil +konträr[270]. + +In dieser Weise kann man also etwas nicht annehmen. Dagegen hindert +nichts, daß man den einen Satz nach beiden Mittelbegriffen oder beide +nach einem als wahr annimmt, so daß z. B. A jedem B und B jedem C +zukäme, und wieder A keinem C[271]. + +Denn ein solcher Irrtum ist dem Irrtum über das Besondere gleich. Wenn +z. B. A jedem B und B jedem C zukommt, muß A jedem C zukommen. Weiß +man also, daß A jedem zukommt, dem B, so weiß man auch, daß es dem C +zukommt. Aber es steht nichts im Wege, daß man nicht wisse, daß C ist, +wenn z. B. A zwei rechte Winkel bezeichnet, B ein Dreieck und C ein +sinnliches einzelnes Dreieck. Denn da könnte man meinen, C sei nicht, +obgleich man weiß, daß jedes Dreieck zwei rechte Winkel hat, so daß +man also ein und dasselbe gleichzeitig weiß und nicht weiß. Denn der +Begriff „Wissen, daß jedes Dreieck eine Winkelsumme von zwei Rechten +hat“, ist nicht eindeutig, sondern er bedeutet einmal, daß man das +Wissen um das Allgemeine, und dann, daß man das Wissen um das Einzelne +hat. So weiß man denn mit allgemeinem Wissen, daß C eine Winkelsumme +von zwei Rechten hat, aber mit dem Wissen, das das Einzelne erreicht, +weiß man es nicht, und so wird man denn keine konträren Verfassungen +haben. + +Dieselbe Bewandtnis hat es mit dem Satze des +Meno+ (81 D), daß +Lernen Erinnerung ist. Denn nirgendwo folgt dort aus der Argumentation, +daß man das Einzelne vorher weiß, sondern es folgt nur, daß man über +der Induktion die Wissenschaft des Besonderen gewinnt, indem man es +gleichsam wiedererkennt. Denn manches wissen wir, wenn wir diesen Weg +gehen, sofort, z. B.: es enthält zwei rechte Winkel, wenn wir wissen: +es ist ein Dreieck. Und ebenso in den anderen Fällen. Wir denken also +das Besondere in der Wissenschaft des Allgemeinen, wissen es aber +nicht in besonderer Wissenschaft, so daß wir darin auch irren können, +nur nicht in konträrer Weise, sondern wir können die allgemeine +Wissenschaft haben und in der besonderen irren[272]. + +Eben dieses ist nun auch bei dem vorhin Genannten der Fall: der Irrtum +bezüglich des Mittelbegriffs ist dem durch den Schluß gewonnenen Wissen +nicht konträr, und ebensowenig ist es sich die Meinung bezüglich beider +Mittelbegriffe. + +Nichts hindert aber, daß man zwar weiß, sowohl, A komme dem ganzen B, +wie auch, dieses komme dem ganzen C zu, und gleichwohl meint, A komme C +nicht zu, daß man also z. B. weiß, jede Mauleselin sei unfruchtbar und +dieses Tier sei eine Mauleselin, und gleichwohl meint, es sei trächtig. +Denn man weiß nicht, daß A dem C zukommt, wenn man an die beiden Sätze +nicht gleichzeitig denkt. + +[Sidenote: 67 b] + +Hieraus sieht man also, daß man auch irren muß, wenn man das eine +weiß und das andere nicht weiß. Das ist aber eben das Verhältnis, daß +zwischen dem Wissen des Allgemeinen und des Besonderen besteht. Denn +wir wissen nichts Sinnenfälliges, nachdem es sich der Wahrnehmung +entzogen hat, auch wenn wir es etwa zuvor wahrgenommen haben, außer +durch den Besitz des allgemeinen und des besonderen Wissens, aber +nicht mit aktuellem (wirklichem) Wissen. Denn man spricht von Wissen +in dreifachem Sinne: es bedeutet das allgemeine, das besondere und das +aktuelle Wissen, und so hat auch das Irren diesen dreifachen Sinn. So +steht denn nichts im Wege, daß man bezüglich eines und desselben Dinges +ein Wissen hat und irrt, nur nicht in konträrer Weise. Das geschieht +auch dem, der beide Vordersätze weiß und nicht zuvor zugesehen hat. +Denn da er annimmt, die Mauleselin sei trächtig, so hat er das aktuelle +Wissen nicht, er befindet sich aber auch wieder nicht wegen dieser +Annahme in einem dem Wissen konträren Irrtum. Denn ein dem allgemeinen +Wissen konträrer Irrtum müßte ein Schluß sein[273]. + +Wer aber annimmt, das Gutsein sei Schlechtsein, muß annehmen, das Sein +und Wesen von Gut und Schlecht sei identisch. Denn das Gutsein soll A +sein, das Schlechtsein B, und das Gutsein wieder C. Da man nun meint, B +und C sei identisch, so muß man auch meinen, C sei B, und ebenso auch +B sei A, und so denn auch, C sei A. Denn sowie, wenn es wahr wäre, daß +wovon C, davon B, und wovon B, davon A gilt, auch wahr wäre, daß A von +C gilt, ebenso ist es mit dem Annehmen, und ebenso wieder mit dem +Sein. Denn wäre C mit B und wieder B mit A identisch, so wäre es auch C +mit A. Demnach müßte es sich also mit dem Meinen geradeso verhalten. + +Ist das nun nicht wirklich notwendig, wenn man die Voraussetzung +zugibt? Aber vielleicht liegt der Irrtum darin, daß man auch noch +in anderem Sinne soll meinen können, das Schlechtsein sei Gutsein, +als bloß mitfolgenderweise. Denn man kann dieses in vielfachem Sinne +annehmen, ein Punkt freilich, der einer genaueren Untersuchung +bedürfte[274]. + + + + +Zweiundzwanzigstes Kapitel. + +Wenn die Außenbegriffe konvertibel sind, muß sich auch der +Mittelbegriff mit beiden vertauschen lassen[275]. + +Denn wenn A dem C durch B zukommt, so läßt sich, wenn das umgekehrt +werden kann und C allem zukommt, dem A zukommt, auch B mit A +vertauschen, und es kommt allem, dem A zukommt, auch B zu durch +den Mittelbegriff C; und C läßt sich mit B vertauschen durch den +Mittelbegriff A[276]. + +Ebenso verhält es sich mit den verneinenden Sätzen; also, wenn B dem +C zukommt, aber dem B das A nicht zukommt, wird A auch dem C nicht +zukommen. Wenn nun B mit A vertauscht werden kann, muß auch C mit A +vertauscht werden können. Denn B darf A nicht zukommen, also auch C +nicht; denn B kommt nach der Voraussetzung jedem C zu[277]. + +Und, wenn C mit B vertauscht werden kann, so auch mit A. Denn von wem +nach dessen ganzem Umfange B gilt, von dem auch C. + +[Sidenote: 68 a] + +Und, wenn C mit A vertauscht wird, wird auch B mit A vertauscht. Denn +wem B zukommt, dem C; wem aber A, dem kommt C nicht zu[H]. Und nur hier +fängt man mit der Konklusion an -- nicht so bei den anderen Weisen --, +wie bei dem bejahenden Schluß. + + [H] 68 a 1 nach Waitz. + +Wiederum, wenn A und B konvertibel ist, und ebenso C und D, und jedem +Ding A oder C zukommen muß, so wird auch C und D sich so verhalten, daß +allem eins davon zukommt. + +Denn da wem A, dem B, und wem C, dem D zukommt, und allem A oder B +zukommt, aber nicht beides zugleich, so kommt offenbar auch B oder +D allem zu, aber nicht beides zugleich. Wenn z. B. das Ungewordene +unvergänglich und das Unvergängliche ungeworden ist, so muß das +Gewordene vergänglich sein und das Vergängliche geworden sein. Denn +hier werden zwei Schlüsse verbunden. + +Wiederum, wenn allem entweder A oder B und C oder D zukommt, nicht aber +je beides zugleich, und dann A und C konvertibel ist, so ist es auch B +und D. + +Denn wenn B einem Subjekt nicht zukommt, dem D zukommt, so kommt ihm +offenbar A zu. Wenn aber A, auch C. Denn sie lassen sich umkehren. Also +zugleich C und D. Das ist aber unmöglich. + +Wenn aber A dem ganzen B und C zukommt und von nichts anderem gilt, B +aber auch jedem C zukommt, so muß A und B konvertibel sein. Denn da A +nur von BC gilt und B sowohl von sich selbst als von C ausgesagt wird, +so wird offenbar von allem, wovon A ausgesagt wird, auch B es werden, +außer von A selbst. + +Wiederum, wenn A und B dem ganzen C zukommt und C mit B konvertibel +ist, muß A jedem B zukommen. Denn da A jedem C und C wegen der +Konvertibilität jedem B zukommt, so muß auch A jedem B zukommen. + +Wenn aber von zweien Dingen, A und B, die sich entgegengesetzt sind, +das erste vorzüglicher ist als das zweite, und ebenso D vorzüglicher +ist als C, so ist, wenn AC vorzüglicher ist als BD, A vorzüglicher als +D. + +Denn A ist ebenso zu erstreben, als B zu fliehen, da sie Gegensätze +sind; und ebenso C und D; denn auch sie sind sich entgegengesetzt. +Wenn nun A gleich vorzüglich ist wie D, ist auch B in gleichem Maße zu +fliehen wie C. Denn das eine ist jedesmal gleich sehr zu fliehen wie +das andere zu erstreben. Mithin gilt das Gleiche von beiden zusammen, +also von AC, gegenüber BD. Da nun aber AC vorzüglicher sein soll als +BD, so können jene nicht gleich vorzüglich sein. Denn sonst wäre es +auch BD. + +Wem aber D vorzüglicher ist als A, ist auch B minder zu fliehen als +C. Denn das Mindere steht dem Minderen gegenüber. Das größere Gut und +mindere Übel ist aber vorzüglicher als das mindere Gut und größere +Übel. Mithin wäre auch das Ganze, BD, vorzüglicher als AC. Nun aber ist +es das nicht. Mithin ist A vorzüglicher als D, und mithin auch C minder +zu fliehen als B. + +[Sidenote: 68 b] + +Wenn also jeder Liebende auf Grund seiner Liebe in dem anderen den +Habitus oder die Gesinnung der Willfährigkeit -- sie heiße A --, +verbunden mit keinem Willfahren -- es heiße C --, höher schätzt als +Willfahren, D, ohne diese Gesinnung, B, so ist offenbar A oder die +gedachte Qualität vorzüglicher als die Willfährigkeit. Mithin ist das +Geliebtwerden für den Liebenden als solchen wünschenswerter als der +Verkehr. Und mithin geht der Eros (die Liebe) mehr auf die Freundschaft +als auf den Verkehr. Wenn aber zumeist auf sie, so ist sie auch Ziel. +Mithin ist der Verkehr entweder überhaupt nicht das Ziel der Liebe, +oder ein solches, das zugleich Mittel ist, um geliebt zu werden. Ist +das ja auch die Weise, auf die die schönen Künste und Fertigkeiten +entstehen[278]. + + +Dreiundzwanzigstes Kapitel. + +Wie sich nun die Begriffe in bezug auf die Umkehrung und die Frage, +was in höherem Grade zu erstreben oder zu fliehen sei, verhalten, +haben wir hiermit erklärt. Wir müssen aber jetzt weiter davon reden, +daß nicht nur die dialektischen und beweisenden Schlüsse durch die +vorgenannten Figuren gehen, sondern auch die rhetorischen und überhaupt +alle Überzeugungsweisen[279], welches auch ihre Methode sein möge. Denn +alles, was wir glauben, glauben wir entweder auf Grund eines Schlusses +oder auf Grund der Induktion. + +Die +Induktion+ nun und +der induktive Schluß+ besteht darin, +daß man durch den einen Außenbegriff den anderen für den Mittelbegriff +erschließt, daß man z. B., wenn zu AC das Mittelglied B ist, durch +C zeigt, daß A dem B zukommt; denn so bringen wir die Induktionen +zustande. Es sei z. B. A langlebig, B ohne Galle, C das einzelne +Langlebige, wie Mensch, Pferd, Maultier[280]. + +Nun kommt dem ganzen C das A zu, da alles, was keine Galle hat, +langlebig ist. Aber auch B, keine Galle haben, kommt jedem C zu. +Wenn nun C mit B konvertibel ist und nicht über den Mittelbegriff +hinausreicht, so muß A dem B zukommen[281]. Denn es ist vorhin gezeigt +worden, daß wenn zwei Begriffe einem und demselben Subjekt zukommen +und der Außenbegriff mit einem von ihnen konvertibel ist, dem, womit +er es ist, auch das andere Prädikat zukommen muß. Man muß aber unter C +das aus allen einzelnen Gliedern Zusammengesetzte verstehen. Denn die +Induktion geschieht durch alle hindurch[282]. + +Es geht aber ein solcher Schluß auf die erste und unvermittelte +Prämisse. Denn das, wofür es einen Mittelbegriff gibt, wird durch +dieses Mittlere erschlossen, dagegen das, wofür es keinen gibt, durch +die Induktion[283]. + +Und die Induktion ist auf gewisse Weise das Gegenteil des Schlusses. +Denn dieser weist durch den Mittelbegriff den Oberbegriff für den +Unterbegriff nach; jene durch den Unterbegriff den Oberbegriff für den +Mittelbegriff[284]. + +Von Natur ist demnach der Schluß durch den Mittelbegriff früher +und bekannter, für uns aber ist der Schluß durch Induktion +einleuchtender[285]. + + +Vierundzwanzigstes Kapitel. + +Ein +Beispiel+, Paradeigma, ist es, wenn gezeigt wird, daß dem +mittleren Begriff der obere zukommt, und zwar durch ein dem dritten +(unteren) Ähnliches. Es muß dabei aber bekannt sein, daß der mittlere +dem dritten und der obere Begriff dem Ähnlichen zukommt[286]. + +[Sidenote: 69 a] + +Z. B. es sei A Übel, B gegen Grenznachbarn Krieg anfangen, C Athener +gegen Thebaner, D Thebaner gegen Phokier. Wenn wir nun zeigen wollen, +daß es ein Übel ist, mit den Thebanern zu kriegen, so muß gesetzt +werden, daß es ein Übel ist, mit den Grenznachbarn zu kriegen. Dies +wird nun aus den ähnlichen Fällen glaublich, z. B. weil den Thebanern +der Krieg mit den Phokiern verderblich war. Da nun der Krieg mit den +Grenznachbarn ein Übel und der Krieg mit den Thebanern ein solcher mit +Grenznachbarn ist, so ist es offenbar ein Übel, mit den Thebanern zu +kriegen. Daß nun B dem C und D zukommt, ist klar -- denn beides heißt +gegen Grenznachbarn Krieg anfangen --, und ebenso, daß A dem D -- denn +den Thebanern brachte der Krieg mit den Phokiern kein Heil --; daß aber +A dem B zukommt, wird durch D gezeigt werden; ebenso, wenn es durch +mehreres Ähnliche glaublich gemacht wird, daß der mittlere Begriff zu +dem oberen gehört. + +Man sieht also, daß sich das Beispiel weder wie ein Teil zum Ganzen, +noch wie das Ganze zu einem Teil verhält, sondern wie ein Teil zu einem +Teil, wenn beides unter einem begriffen, und das eine davon bekannter +ist. Und es unterscheidet sich von der Induktion dadurch, daß diese +aus allem Unteilbaren (Einzelnen) zusammen den oberen Begriff für den +mittleren nachwies und an den oberen keinen weiteren Schluß knüpfte, +während das Beispiel diese Verknüpfung wohl vornimmt und nicht aus +allen Einzelfällen beweist[287]. + + +Fünfundzwanzigstes Kapitel. + +Eine +Apagoge+ (Umbiegung), Abduktion ist es, wenn es sicher ist, +daß der erste (obere) Begriff dem mittleren zukommt, das aber, daß der +mittlere dem letzten (unteren) zukommt, zwar unsicher, aber ebenso +glaubwürdig oder glaubwürdiger ist als der Schlußsatz[288]. + +Ferner, wenn der Zwischenglieder zwischen dem letzten und dem mittleren +Begriff wenige sind. Denn auf alle Fälle kommen wir so dem Wissen näher. + +Z. B. es sei A lehrbar, B Wissenschaft, C Gerechtigkeit. Daß nun +die Wissenschaft lehrbar ist, leuchtet ein; ob aber die Tugend eine +Wissenschaft sei, ist unsicher. Wenn nun BC ebenso glaubwürdig oder +noch glaubwürdiger ist als AC, so ist das Apagoge. Denn wir kommen, +indem wir BC zu Hilfe nehmen, der Wissenschaft AC näher, ohne sie doch +schon zu haben. + +Oder wieder, wenn der Zwischenglieder zu BC wenige sind; denn auch +so kommen wir dem Wissen näher. Z. B. wenn D aufs Quadrat zu bringen +ist, E geradlinig, F Kreis. Wäre dann für EF nur der eine vermittelnde +Gedanke nötig, daß ein Kreis vermittels der Menisken oder der Halbmonde +auf eine geradlinige Figur gebracht wird, so wäre damit die Sache dem +Wissen nahe gebracht[289]. + +Wenn BC weder glaubwürdiger ist als AC, noch der Zwischenglieder +wenige sind, so nenne ich das nicht Apagoge; auch nicht, wenn BC keine +Vermittlung hat; denn solches ist Wissenschaft[290]. + + +Sechsundzwanzigstes Kapitel. + +[Sidenote: 69 b] + +Ein +Einwand+, Instanz, ist ein Satz, der das Gegenteil eines +anderen Satzes ausspricht. Er unterscheidet sich von diesem letzteren +dadurch, daß der Einwand partikulär sein kann, während der Satz, gegen +den er sich richtet, es entweder überhaupt nicht sein kann oder doch +nicht bei allgemeinen Schlüssen[291]. + +Ein Einwand wird in zweifacher Weise und in zwei Figuren erhoben: in +zweifacher Weise, weil jeder Einwand entweder allgemein oder partikulär +ist, in zwei Figuren, weil die Einwände im Gegensatz zu der Prämisse +erhoben werden und Gegenteiliges nur in der ersten und der dritten +Figur gefolgert werden kann. Denn wenn man eingeräumt haben will, daß +etwas jedem zukommt, wenden wir ein, daß es keinem zukommt oder einem +nicht zukommt, und davon wird das „keinem“ auf Grund der ersten und das +„einem nicht“ auf Grund der letzten Figur nachgewiesen. + +Z. B. es sei A eine einzige Wissenschaft, B konträr. Hat man nun den +Satz aufgestellt, das Konträre falle unter eine Wissenschaft, so wendet +man hiergegen entweder ein, daß die Wissenschaft des Entgegengesetzten +überhaupt nicht dieselbe und das Konträre entgegengesetzt ist, so daß +sich die erste Figur ergibt, oder daß die Wissenschaft des Erkennbaren +und die Wissenschaft des Unerkennbaren nicht eine ist, was die dritte +Figur ist. Denn von C, das ist dem Erkennbaren und Unerkennbaren, ist +es wahr, daß es konträr ist, und falsch, daß es unter eine Wissenschaft +fällt[292]. + +Bei einer verneinenden Prämisse hinwieder ist es ebenso. Denn wenn man +eingeräumt haben will, daß die Wissenschaft des Konträren nicht eine +ist, so sagen wir entweder, daß die Wissenschaft von allem, oder daß +die von einigem Konträren dieselbe ist, wie die des Gesunden und des +Gesundheitsschädlichen; das „von allem“ wird nun aber auf Grund der +ersten, das „von einigem“ auf Grund der dritten Figur bewiesen[293]. + +Denn man muß überhaupt in allen Fällen, wenn man allgemein insistiert, +den Widerspruch so fassen, daß er das Ganze der Prämissen trifft, indem +man etwa, wenn der andere die Wissenschaft alles Konträren nicht für +dieselbe gelten lassen will, sagt, daß die des Entgegengesetzten eine +ist. So muß sich aber die erste Figur ergeben, indem das Allgemeine +entsprechend dem in der Behauptung gesetzten Begriff Mittelbegriff +wird. Wenn man dagegen seinen Einwand nur in partikulärem Sinne geltend +macht, muß man solches vorbringen, wozu sich das Subjekt der Prämisse +wie das Allgemeine verhält, muß also etwa sagen, die Wissenschaft von +Erkennbarem und Unerkennbarem sei nicht dieselbe. Denn das Konträre +ist im Verhältnis zu diesen beiden Begriffen das Allgemeine. Und es +stellt sich die dritte Figur ein. Denn das partikulär Genommene, also +erkennbar und unerkennbar, ist Mittelbegriff. + +Denn aus dem, woraus sich Konträres schließen läßt, suchen wir auch +die Einwände zu entnehmen. Daher erheben wir sie auch nur aus diesen +Figuren. Denn nur durch sie können entgegengesetzte Schlüsse gehen: +durch die mittlere Figur läßt sich, wie wir gesehen haben, nicht +bejahend schließen. + +Auch würde ein Einwand durch die mittlere Figur eine eingehendere +Begründung erfordern, z. B. wenn man nicht zugäbe, daß A dem B zukomme, +weil ihm C nicht logisch folge. Denn das ergibt sich erst aus anderen +Prämissen, und der Einwand darf nicht auf anderes übergreifen, sondern +muß die abweichende Prämisse sofort klar bereit haben. Deshalb liefert +auch nur diese Figur kein Zeichen[294]. + +[Sidenote: 70 a] + +Es kommen hier aber auch die anderen Einwände in Betracht, wie die aus +dem Konträren, dem Ähnlichen und dem, was Gegenstand der Meinung ist. +Auch wäre noch zu untersuchen, ob man einen partikulären Einwand aus +der ersten oder einen verneinenden aus der mittleren Figur entnehmen +kann[295]. + + +Siebenundzwanzigstes Kapitel. + ++Wahrscheinliches+ und +Zeichen+ ist nicht dasselbe, sondern +das Wahrscheinliche ist ein glaubhafter Satz (endoxos). Denn wovon man +weiß, daß es meistens so geschieht oder nicht geschieht, so ist oder +nicht so ist, das ist wahrscheinlich, z. B. der Satz, daß die Neider +hassen oder daß die Geliebten lieben. + +Ein Zeichen aber will ein beweisender Satz sein, ein notwendiger oder +ein glaubhafter. Denn bei wessen Sein ein Ding ist oder bei wessen +Geschehen es früher oder später geschieht, das ist ein Zeichen, daß es +geschehen ist oder daß es ist[296]. + +Ein +Enthymema+ (Gemeinschluß) nun ist ein Schluß aus +Wahrscheinlichem oder aus Zeichen (Indizien). + +Das Zeichen wird in dreifacher Weise angesetzt, auf so viele, wie +der Mittelbegriff in den Figuren. Denn es wird wie der Mittelbegriff +entweder in der ersten oder in der mittleren oder in der dritten Figur +angesetzt. Z. B. wenn man beweist, daß eine Frau schwanger ist, weil +sie Milch hat, so gehört das in die erste Figur, weil Milch haben +Mittelbegriff ist; A: schwanger sein, B: Milch haben, C: Frau. Die +Folgerung, daß die Weisen tugendhaft sind, weil Pittakus tugendhaft +ist, fußt auf der letzten Figur; A: tugendhaft, B: die Weisen, C: +Pittakus. Man würde hier sowohl A wie B von C wahrheitsgemäß aussagen, +aber man sagt das eine nicht, weil man es weiß, das andere aber nimmt +man an. Die Folgerung endlich, daß eine Frau schwanger ist, weil sie +blaß ist, will auf der mittleren Figur fußen. Denn da die Blässe sich +an die Schwangerschaft knüpft und sie auch an dieser bestimmten Frau +hervortritt, glaubt man gezeigt zu haben, daß sie schwanger ist. Blaß: +A, schwanger sein: B, Frau: C[297]. + +Wird nun bloß die eine Prämisse ausgesprochen, so erhält man nur +ein Zeichen, nimmt man aber noch die zweite hinzu, so hat man einen +Schluß, wie z. B.: Pittakus ist freigebig; denn die Ehrliebenden sind +freigebig, Pittakus aber ist ehrliebend. Oder wieder: die Weisen sind +gut; denn Pittakus ist gut, aber auch weise. + +So ergeben sich also Schlüsse, nur ist der Schluß durch die erste Figur +unwiderlegbar, wenn er wahr ist -- denn er ist allgemein --, aber der +Schluß durch die letzte Figur ist widerlegbar, auch wenn die Konklusion +wahr ist, weil er nicht allgemein und nicht sachentsprechend ist. Denn +wenn Pittakus tugendhaft ist, brauchen deshalb nicht auch die anderen +Weltweisen es zu sein. Der Schluß durch die mittlere Figur aber ist +immer und in allen Fällen widerlegbar. Denn wenn die Begriffe sich so +verhalten, kommt nie ein Schluß zustande. Es braucht ja, wenn die +Schwangere bleich und auch diese bestimmte Frau bleich ist, dieselbe +nicht schwanger zu sein. So wird sich denn in allen Zeichen Wahres +finden, aber mit den angegebenen Unterschieden[298]. + +[Sidenote: 70 b] + +Man muß also das Zeichen entweder in dieser Weise unterscheiden und +dann unter den Zeichen den Mittelbegriff als tekmerion (strengen Beleg) +auffassen -- denn sie sagen, tekmerion sei, was einen wissen macht, das +gilt aber besonders von dem Mittelbegriff --; oder man muß das, was man +auf die Seite der Außenbegriffe setzt, Zeichen, und das, was man auf +die Seite des Mittelbegriffs setzt, tekmerion nennen[299]. Denn was man +durch die erste Figur erschließt, ist am glaubhaftesten und am meisten +wahr. + ++Physiognomik+ (Erratung der Physis) ist möglich, wenn man zugibt, +daß alles, was physische Affektion ist, Leib und Seele zugleich +verändert. Denn wer Musik gelernt hat, hat sich vielleicht in etwas +an seiner Seele verändert, indessen gehört so etwas nicht zu unseren +physischen Affektionen, sondern physische Bewegungen sind z. B. die +Regungen des Zornes und der Begierde[300]. + +Wenn also dieses zugegeben wird, wie auch, daß es für je eine Affektion +je ein Zeichen gibt, und wenn wir die jeder Gattung eigentümliche +Affektion und deren jeweiliges Zeichen ermitteln können, so werden wir +Physiognomik treiben oder die Physis, die Natur und den Charakter, +erraten können. + +Denn wenn irgendeiner nicht weiter teilbaren Gattung ein Affekt oder +eine Eigenschaft eigentümlich zukommt, wie z. B. den Löwen der Mut, +so gibt es notwendig auch ein Zeichen dafür. Wir stehen ja auf der +Voraussetzung, daß es eine Sympathie von Leib und Seele gibt. Dieses +Zeichen soll also der Besitz großer Extremitäten sein, was auch anderen +Gattungen zukommen kann, aber nicht nach ihrem ganzen Umfange. Denn das +Zeichen ist in dieser Weise eigentümlich, weil es eine einer ganzen +Gattung eigentümliche, nicht eine ihr allein eigentümliche Affektion +ist, gemäß der Anwendung, die wir von diesem Wort zu machen pflegen. +Es wird mithin dasselbe auch in anderen Gattungen vorkommen, und es +wird auch ein Mensch und irgendein anderes sinnliches Wesen mutig sein, +kann also das Zeichen haben. Es gab ja ein Zeichen für +eine+ +psychische Eigenschaft. Wenn also dem so ist und wir solche Zeichen +von den sinnlichen Wesen abnehmen können, die bloß eine Affektion +eigentümlich haben -- jede hat aber ein Zeichen; denn eines muß sie ja +haben --, dann können wir Physiognomik treiben. + +Wenn aber die ganze Gattung zwei eigentümliche psychische Züge auf +weist, wie der Löwe Mut und Großmut, wie kann man da erkennen, welches +von beiden ihnen eigentümlich zukommenden Zeichen welchem von beiden +entspricht? + +Ich denke, man kann es in dem Falle, daß die beiden fraglichen Züge +einer anderen Gattung, aber nicht in ihrem ganzen Umfang, zukommen, und +daß die Individuen der Gattungen, innerhalb deren beides nur einem Teil +zukommt, den einen Zug aufweisen und den anderen nicht. Denn wenn einer +mutig, aber nicht großmütig ist, und er dann von den beiden Zeichen +dieses bestimmte hat, so ist einleuchtend, daß dasselbe auch bei einem +Löwen das Zeichen des Mutes ist. + +Der physiognomische Schluß deckt sich also mit dem Fall, wo von den +Begriffen in der ersten Figur der mittlere mit dem oberen konvertibel +ist, während er über den unteren hinausreicht und nicht mit ihm +konvertibel ist. Z. B. A sei Mut, B große Extremitäten, C Löwe. Wem +nun C zukommt, dem allen kommt B zu, aber auch noch anderem. Wem aber +B zukommt, dem allen kommt A zu und nicht noch anderem, sondern diese +beiden Begriffe sind konvertibel. Wären sie es nicht, so gäbe es nicht +für je +eine+ Eigenschaft je +ein+ Zeichen. + + + + +Anmerkungen. + + +Zum ersten Buche. + +[1] Dieses ist wohl der Sinn der Worte 24 b 17: ἢ προςτιεμένον ἡ +διαιρουμένον τοῦ εἶναι καὶ μὴ εἶναι. So fassen sie Alexander, Silvester +Maurus, Waitz und Maier. Bender und v. Kirchmann lassen sie sagen: mag +nun das Sein oder Nichtsein dabei stehen oder nicht. + +[2] Das sind drei Bedeutungen von kontingent, endechomenon: das +Notwendige ist kontingent, weil es sein kann, ohne auch nicht sein +zu können, wie z. B. das Absolute, Gott; das nicht Notwendige ist +kontingent, weil es sein und nicht sein kann, wie die Geschöpfe; das +Mögliche, dynaton, ist kontingent, weil es sein kann, abgesehen davon, +ob es notwendig ist oder nicht; so ist es z. B. möglich, daß überhaupt +etwas ist. Nach Silvester Maurus. Die zweite Bedeutung ist die engere +und eigentliche. + +[3] Hier scheint διορίζομεν nicht sowohl definieren zu bedeuten als +einteilen, unterscheiden, gemäß Absatz 2: da es ein Kontingentes +gibt, das nicht notwendig ist, so kann es auch ein solches geben, +das nur meistens ist, so wie es der natürliche und gewöhnliche Lauf +der Dinge mit sich bringt; gegen Bender und v. Kirchmann. Auch Waitz +überzeugt nicht, der hier die Bedeutung von Definition annimmt und in +den Worten des Aristoteles angemerkt findet, daß das, was meistenteils +geschieht, der ursprüngliche und eigentliche Sinn des ἐνδεχόμενον ist. +Das soll auch der Sinn des δυνατόν 25 a 39 sein. Das letztere scheint +unerweisbar, das erstere dagegen, daß ἐνδεχόμενον das Gewöhnliche +bedeutet -- im Deutschen läßt sich das in der Übersetzung von +kontingent nicht wiedergeben -- ist glaubhaft. Man kann ἐνδέχεσθαι als +aufnehmen verstehen, und das logische Subjekt ist dann die Natur der +Dinge, also: τῇ φύσει ἐνδέχεται, wobei freilich dieses Verbum passive +Bedeutung hätte. + +[4] Beispiel: Jedes sinnlich wahrnehmende Wesen (ζῷον animal) ist +mit Leben begabt; jeder Mensch ist ein sinnlich wahrnehmendes Wesen +(Sinnenwesen); also ist jeder Mensch mit Leben begabt. -- Man sieht +hier, warum es im folgenden Absatz heißt, daß der Mittelbegriff auch +seiner Stellung nach der mittlere Begriff wird oder ist (γίνεται): er +wird in der einen Prämisse unter den ersten Begriff gebracht, in der +anderen der letzte Begriff unter ihn. -- Es wäre deutlicher gewesen, +wenn wir übersetzt hätten: wenn der Oberbegriff (mit Leben begabt) in +dem ganzen mittleren Begriff (Sinnenwesen) ist oder, in ihm nach dessen +ganzem Umfange ist, statt zu übersetzen: in dem mittleren Begriff als +Ganzem; aber es galt mit Aristoteles den Anschluß an den Ausdruck im 1. +Kapitel, Absatz 1, wahren: in einem anderen als Ganzem. + +[5] A ist Oberbegriff. Er wird so bezeichnet, weil er logisch +vorangeht, da er umfassender und allgemeiner ist. + +[6] Beispiel: Kein Sinnenwesen ist eine Pflanze; jeder Mensch ist ein +Sinnenwesen; also ist kein Mensch eine Pflanze. + +[7] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; kein Pferd ist ein Mensch; also +ist kein Pferd ein Sinnenwesen. + +Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; kein Stein ist ein Mensch; also +ist jeder Stein ein Sinnenwesen. Hier wird beide Male aus richtigen +Prämissen geschlossen, aber beide Male mit falschem Ergebnis, woraus +folgt, daß man weder einen allgemein bejahenden, noch einen allgemein +verneinenden Schlußsatz gewinnt. Ebenso läßt sich nicht partikulär +schließen, daß einige Steine Sinnenwesen oder einige Pferde keine +Sinnenwesen sind. + +[8] Keine Linie ist Wissenschaft; keine Heilkunst ist Linie; also ist +keine Heilkunst Wissenschaft. -- Keine Linie ist Wissenschaft; keine +Eins ist Linie; also ist jede Eins Wissenschaft. -- Der Heilkunst +kommt aber tatsächlich das Prädikat Wissenschaft zu, der Eins kommt +es nicht zu. -- Es ist irreführend, wenn Bender Zeile 26 11 f. so +übersetzt: „für den einen Fall, daß ein Zukommen sich ergibt, nehme man +die Begriffe Wissenschaft, Linie, Heilkunst, für den anderen Fall, daß +kein Zukommen sich ergibt, die Begriffe Wissenschaft, Linie, Einheit.“ +Denn es ergibt sich logisch in keinem von beiden Fällen ein Zukommen, +aber tatsächlich gilt im ersten Falle das Zukommen, im zweiten das +Nichtzukommen. + +[9] Aristoteles gebraucht hier zum ersten Male und unvermittelt +den Ausdruck Figur, Schema, für die Anordnung der Schlüsse je nach +der Stellung des Mittelbegriffs. Er stellt nur drei, nicht vier +Schlußfiguren auf. Ist der Mittelbegriff in der einen Prämisse, genauer +im Obersatz, Subjekt, in der anderen Prädikat, so ist das die erste +Figur; vgl. den Schluß dieses Kapitels. Ist er in beiden Prädikat, so +hat man die zweite; ist er in beiden Subjekt, so hat man die dritte +Figur; vgl. K. 5 Anf. und K. 6 Anf. Die vierte Figur der neueren Logik +bekäme man, wenn der Mittelbegriff im Obersatz Prädikat, im Untersatz +Subjekt wäre. Der Oberbegriff wäre dann im Obersatz Subjekt. Das aber +will A. nicht. Der Oberbegriff ist dieses darum, weil er als Form die +Aussage darstellt, während der Unterbegriff als Stoff ihr Gegenstand +ist. Darum muß der Oberbegriff im Obersatz als Prädikat stehen. Der +Obersatz enthält gleichsam das probandum, der Untersatz die probatio. +Jener gibt die Bestimmung an, die zu beweisen ist, dieser das Substrat, +das sich der Bestimmung unterwirft. Jener stellt für einen bestimmten +Umfang das Gesetz auf, dieser weist etwas in diesen Umfang ein. Vgl. +Anm. 48. + +[10] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; ein Weißes ist ein Mensch; also +ist ein Weißes oder einiges Weiße ein Sinnenwesen. -- Kein Mensch ist +ein Pferd; ein Weißes ist ein Mensch; also ist ein Weißes oder einiges +Weiße kein Pferd. + +[11] Wenn man also, statt zu sagen: ein Weißes oder irgendein Weißes +ist ein Mensch, sagt: Weißes ist Mensch. Denn da folgt unbestimmt: +Weißes ist Sinnenwesen, oder: Weißes ist kein Pferd. Singuläre +Prämissen berücksichtigt Aristoteles nicht, sie unterscheiden sich für +den Schluß nicht von den partikulären. Darum hat er auch K. 1, Absatz +2, bei der Einteilung der Sätze nach der Quantität, der Sätze, die +etwas von einem Einzelding aussagen, nicht gedacht. + +[12] Schluß für Zukommen, das heißt, wo tatsächlich, nicht logisch, +ein Zukommen stattfindet. Irgendein Habitus, eine seelische +Eigentümlichkeit, ist nicht gut; jede Klugheit ist ein Habitus; +also ist jede Klugheit oder irgendeine Klugheit nicht gut. Sie ist +es aber gleichwohl. Schluß für Nichtzukommen: Irgendein Habitus ist +gut; jede Ungeschicktheit ist ein Habitus; also ist jede oder eine +Ungeschicktheit gut. Sie ist es aber gleichwohl nicht. + +[13] 1. Ein Pferd ist weiß; kein Schwan ist ein Pferd, also ist kein +Schwan weiß, oder: ein Schwan ist nicht weiß. Falsch! Also ergibt sich +kein negativer Schlußsatz. 2. Ein Pferd ist weiß; kein Rabe ist ein +Pferd; also ist jeder oder sind einige Raben weiß! Falsch! Also ergibt +sich kein affirmativer Schlußsatz. Ebenso ist es, wenn man statt des +partikulären Obersatzes einen unbestimmten nimmt. + +[14] 1. Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; nicht alles Weiße ist Mensch, +oder ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch; also ist kein Weißes ein +Sinnenwesen oder ist ein bestimmtes Weißes kein Sinnenwesen. Es folgt +also kein verneinender Schlußsatz, da der vorliegende falsch ist: man +denke z. B. an Schwan. 2. Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; einiges +Weiße oder ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch; also ist jedes +Weiße oder ein bestimmtes Weißes ein Sinnenwesen. Es folgt also kein +bejahender Schlußsatz, da der Vorliegende falsch ist: man denke z. B. +an Schnee. + +[15] 1. Kein Mensch ist unbeseelt; einiges Weiße oder ein bestimmtes +Weißes ist kein Mensch; also ist jedes Weiße oder ein bestimmtes Weißes +unbeseelt. Aber der Schwan ist beseelt. 2. Kein Mensch ist unbeseelt; +einiges Weiße oder ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch; also ist kein +Weißes unbeseelt oder ist ein bestimmtes Weißes nicht unbeseelt. Aber +der Schnee ist es. -- Der Gegensatz zwischen partikulär und unbestimmt +ist hier anders gemeint als der Gegensatz zwischen partikulären und +allgemeinen Sätzen einerseits und unbestimmten Sätzen andererseits in +K. 1, Abs. 2. Auch der unbestimmte Satz ist jetzt partikulär gedacht, +aber sein Subjekt ist unbestimmt, wie z. B. in dem Satz: einiges Weiße +ist kein Mensch. Sage ich aber: ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch, +so meine ich etwa den Schwan oder den Schnee, und ein solcher Satz +heißt hier partikulär. + +[16] Ein zweiter Beweis für denselben Fall! Der Fall wird zurückgeführt +auf den anderen, 26 a 2 ff., wo der Obersatz allgemein bejahend oder +verneinend, und der Untersatz allgemein verneinend ist. -- Man sieht, +daß hier von unbestimmtem Satz in einem wieder anderen Sinne geredet +wird: bei dem Satz: B kommt einem C nicht zu, bleibt es unbestimmt, ob +es irgendeinem anderen C zukommt oder keinem. Da es nun möglicherweise +keinem zukommt, darf man auch nicht mehr schließen, als wenn es keinem +zukommt. Um es anders zu sagen: für die Wahrheit des Satzes: B kommt +einem C nicht zu, genügt es, daß es keinem zukommt. Was nun daraus +nicht folgt, daß es keinem zukommt, folgt auch nicht daraus, daß es +einem nicht zukommt. + +[17] a) Irgendein Weißes ist ein Sinnenwesen; irgendein Pferd ist +weiß, b) Irgendein Weißes ist kein Sinnenwesen; irgendein Pferd ist +nicht weiß, c) Irgendein Weißes ist ein Sinnenwesen; irgendein Pferd +ist nicht weiß, d) Irgendein Weißes ist kein Sinnenwesen; irgendein +Pferd ist weiß. In allen diesen Fällen folgt kein allgemein oder +partikulär verneinender Schlußsatz, folgt also nicht: kein Weißes ist +ein Sinnenwesen, oder: das und das Weiße ist kein Sinnenwesen. Denn +das Pferd kann weiß sein und ist doch ein Sinnenwesen. Ebenso folgt, +wenn man die Begriffe nimmt: Sinnenwesen, weiß, Stein, nicht, daß alles +Weiße oder ein bestimmtes Weißes ein Sinnenwesen ist. Denn der Stein +kann weiß sein und ist doch kein Sinnenwesen. Es macht auch keinen +Unterschied, ob ich sage: nicht jedes Weiße ist ein Sinnenwesen, oder +ob ich sage: ein bestimmtes Weißes ist kein Sinnenwesen, mit anderen +Worten, ob die Prämisse unbestimmt oder ob sie partikulär ist. Es heiße +z. B.: nicht jedes Weiße ist ein Sinnenwesen; nicht jedes Pferd ist +weiß. Da folgt nicht: kein Weißes ist ein Sinnenwesen, und nicht: das +und das Weiße ist kein Sinnenwesen usw. + +[18] Die unbestimmte Frage, ob es nicht jedem zukommt, und die +singuläre Frage, ob es diesem Individuum zukommt oder nicht zukommt, +bleiben unerwähnt, die eine, weil sie unter die partikuläre Frage +fällt, die andere, weil sie nicht die Wissenschaft berührt. + +[19] Der Oberbegriff steht näher bei dem Mittelbegriff, weil er im +Schlußsatz ausgesagt wird, wie der Mittelbegriff in den Prämissen. +In dieser Figur steht der Mittelbegriff nicht in der Mitte, weil er +Prädikat ist, sondern außerhalb der Außenbegriffe, und nimmt als +Prädikat und Umfassendes die erste Stelle ein. Nach Silvester Maurus. + +[20] M bezeichnet den Mittelbegriff, N den Oberbegriff, X den +Unterbegriff. Beispiel: Keine Pflanze ist ein Sinnenwesen; jeder Mensch +ist ein Sinnenwesen; also ist kein Mensch eine Pflanze. Beweis. Der +Obersatz läßt sich umkehren, also: Kein Sinnenwesen ist eine Pflanze. +Dann folgt der Schlußsatz nach Celarent in der ersten Figur. + +[21] Jede Pflanze ist sinnenlos; kein Sinnenwesen ist sinnenlos; also +ist kein Sinnenwesen eine Pflanze. Beweis. Der Untersatz wird umgekehrt +in: kein Sinnenloses ist ein Sinnenwesen, und zum Obersatz gemacht. +Dann folgt: also ist keine Pflanze ein Sinnenwesen, oder umgekehrt, +kein Sinnenwesen eine Pflanze. + +[22] a) Beispiel für Zukommen: Jedes sinnbegabte Wesen ist eine +Substanz; jeder Mensch ist eine Substanz; also ist kein Mensch ein +sinnbegabtes Wesen oder ist irgendein Mensch keines. b) Beispiel für +Nichtzukommen: Jedes sinnbegabte Wesen ist eine Substanz; also ist jede +Zahl oder ist irgendeine Zahl ein sinnbegabtes Wesen. -- Die Zahl wird +hier im Sinne der Platoniker als Substanz genommen. + +[23] Beispiel: a) für Zukommen: Kein Sinnenwesen ist eine Linie; kein +Mensch ist eine Linie; also ist kein Mensch ein Sinnenwesen oder ist +irgendeiner keines; b) für Nichtzukommen: Kein Sinnenwesen ist eine +Linie; kein Stein ist eine Linie; also ist jeder oder ein Stein eine +Linie. + +[24] Keine Pflanze ist ein Sinnenwesen, irgendein Lebendes ist ein +Sinnenwesen, also irgendein Lebendes keine Pflanze. Beweis. Durch +Umkehrung des Obersatzes erhalte ich den Satz: kein Sinnenwesen ist +eine Pflanze, und bilde den Schluß nach dem Modus Ferio der ersten +Figur. + +[25] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; irgendein Lebendes (die Pflanze +z. B.) ist kein Sinnenwesen, also irgendein Lebendes kein Mensch. +Beweis indirekt. Der Schlußsatz folgt notwendig aus den Vordersätzen, +wenn er nicht falsch sein kann, ohne daß ein Vordersatz falsch ist. +Gesetzt also, er sei falsch. Dann gälte: jedes Lebende ist ein Mensch. +Daraus und aus dem Obersatz folgte: jedes Lebende ist ein Sinnenwesen, +im Widerspruch mit dem Untersatz. + +[26] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; nicht jedes Lebendige ist ein +Sinnenwesen, also nicht jedes ein Mensch. + +[27] a) Für Zukommen: nicht jede Substanz ist ein Sinnenwesen; jeder +Rabe ist ein Sinnenwesen; also ist kein oder nicht jeder Rabe eine +Substanz. b) Für Nichtzukommen: nicht jedes Weiße ist ein Sinnenwesen; +jeder Rabe ist ein Sinnenwesen, also jeder oder ein Rabe weiß. + +[28] a) Für Zukommen: Irgendeine Substanz ist ein Sinnenwesen; keine +Eins ist Sinnenwesen, also keine oder nicht jede Eins Substanz. Nach +den Platonikern ist aber die Eins Substanz. b) Für Nichtzukommen: +Manche Substanz ist ein Sinnenwesen; keine Wissenschaft ist ein +Sinnenwesen, also jede oder eine Wissenschaft Substanz. Die +Wissenschaft ist aber nicht Substanz, sondern geistige Habe oder +Habitus. + +[29] Beispiel für Nichtzukommen: Kein Schnee ist schwarz; manches +Sinnenwesen ist nicht schwarz, also jedes oder manches Sinnenwesen +Schnee. Für jedem Zukommen gibt es keine Begriffe, wenn der +Mittelbegriff dem Unterbegriff teils zukommen, teils nicht zukommen +soll. Denn wenn kein N = M ist und jedes X = N, so ist nach Celarent +kein X = M. Es wurde aber angenommen, daß manches X = M ist, weil +die Begriffe als Beispiel für „jedem Zukommen“ dienen sollten. Die +aufgestellte Regel läßt sich also daraus nicht begründen, daß sich in +dem angenommenen Falle je keine bejahenden und keine verneinenden Sätze +ergeben würden. Aber der partikulär verneinende Untersatz ist in seiner +unbestimmten Fassung auch dann wahr, wenn M keinem X zukommt. Dann wäre +er also gleich dem Obersatz allgemein verneinend, und dann erhielte man +keinen Schluß, vgl. Anm. 23. S. auch A. 30. + +[30] Beispiel für keinem Zukommen: Jeder Schwan ist weiß; mancher Stein +ist weiß, also jeder oder mancher Stein ein Schwan. Für jedem Zukommen +gibt es keine Begriffe, und es wird wie vorhin -- vgl. die vorige Anm. +-- bewiesen, daß bei den Voraussetzungen des Falles überhaupt nichts +folgt, vgl. A. 22. Dadurch wird dann das Beispiel für keinem Zukommen +entbehrlich, und wird auf dem schon mit einem Fuß betretenen Wege der +ersten Begründung eingehalten. Oder es wird, nachdem gezeigt worden +ist, daß kein bejahender Schluß entsteht, das andere, daß auch kein +verneinender entsteht, daraus gezeigt, daß überhaupt keiner entsteht. + +[31] Beispiel für Zukommen: Manches Sinnenwesen ist nicht weiß; kein +Rabe ist weiß; also ist kein Rabe ein Sinnenwesen oder ist mancher Rabe +kein Sinnenwesen. + +[32] Beispiel für Nichtzukommen: Manches Sinnenwesen ist weiß; jeder +Schwan ist weiß; also ist jeder oder mancher Schnee ein Sinnenwesen. +Für Zukommen: Manches Sinnenwesen ist weiß; jeder Schwan ist weiß; also +ist kein Schwan ein Sinnenwesen oder mancher Schwan kein Sinnenwesen. + +[33] Begriffe für Zukommen. Aus den Prämissen a) manches Sinnenwesen +ist weiß, mancher Mensch ist weiß, oder b) manches Sinnenwesen ist +nicht weiß, mancher Mensch ist nicht weiß, oder c) manches Sinnenwesen +ist weiß, mancher Mensch ist nicht weiß, oder d) manches Sinnenwesen +ist nicht weiß, mancher Mensch ist weiß -- folgt nicht: kein Mensch ist +ein Sinnenwesen, oder mancher Mensch ist kein Sinnenwesen. Begriffe +für Nichtzukommen. Aus den Prämissen a) manches Sinnenwesen ist weiß, +manches Unbeseelte ist weiß, oder b) manches Sinnenwesen ist nicht +weiß, manches Unbeseelte ist nicht weiß, oder c) manches Sinnenwesen +ist weiß, manches Unbeseelte ist nicht weiß, oder d) manches +Sinnenwesen ist nicht weiß, manches Unbeseelte ist weiß -- folgt nicht: +jedes oder manches Unbeseelte ist ein Sinnenwesen. + +[34] Der Oberbegriff ist weiter von dem Mittelbegriff entfernt: er ist +in beiden Fällen Prädikat, der Mittelbegriff Subjekt. Der Unterbegriff +steht näher bei ihm: er ist im Schlußsatz Subjekt wie der Mittelbegriff +in den Prämissen. Auch in dieser Figur steht der Mittelbegriff nicht +zwischen den Außenbegriffen, sondern außerhalb ihrer, und hat die +letzte Stelle, weil er Subjekt ist. Gleichwohl ist er der logische +Mittelbegriff, sofern er der Grund für die logische Verknüpfung der +Außenbegriffe im Schlußsatz ist. + +[35] Jeder Mensch ist vernünftig; jeder Mensch ist ein Sinnenwesen. +Kehrt man den zweiten Satz in den anderen um: manches Sinnenwesen ist +ein Mensch, so folgt in Darii: manches Sinnenwesen ist vernünftig. + +[36] Ist kein Sinnenwesen vernünftig, so ist kein Vernünftiges, also +kein Mensch, ein Sinnenwesen, was gegen den Vordersatz ist. -- Ist +jeder Mensch vernünftig und sinnenbegabt zugleich, so können wir +einen bestimmten Menschen, N, ausheben oder hernehmen -- ἐκτέσθαι --, +der beides ist, und folglich kommt es einem Sinnenwesen zu, daß es +vernünftig ist. + +[37] Kein Mensch ist ein Pferd; jeder Mensch ist ein Sinnenwesen. Kehrt +man den zweiten Satz in den anderen um: manches Sinnenwesen ist ein +Mensch, so folgt in Ferio: manches Sinnenwesen ist kein Pferd. -- Ist +jedes Sinnenwesen ein Pferd, so ist auch der Mensch eines, gegen den +Obersatz. + +[38] Für Zukommen: Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; kein Mensch ist +ein Pferd; also ist kein Pferd ein Sinnenwesen oder ist manches keines. +Für Nichtzukommen: Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen, kein Mensch ist +unbeseelt; also ist jedes oder manches Unbeseelte ein Sinnenwesen. + +[39] Für Zukommen: Kein Unbeseeltes ein Sinnenwesen; kein Unbeseeltes +ein Pferd; also kein Pferd ein Sinnenwesen oder manches Pferd kein +Sinnenwesen. Für Nichtzukommen: Kein Unbeseeltes ein Mensch; kein +Unbeseeltes ein Pferd; also jedes oder manches Pferd ein Mensch. + +[40] Manches Sinnenwesen ist vernünftig; jedes Sinnenwesen hat +Wahrnehmung; also manches Wahrnehmende vernünftig. Beweis. Kehrt man +den Obersatz um in: manches Vernünftige ist ein Sinnenwesen, und +macht ihn zum Untersatz, so folgt in Darii: manches Vernünftige hat +Wahrnehmung, und durch Umkehrung der Schlußsatz. + +[41] Jedes Sinnenwesen nimmt wahr; manches Sinnenwesen ist vernünftig; +also nimmt manches Vernünftige wahr. Beweis wird wie in der vorigen +Anm. geführt. Auch indirekt und durch Heraushebung, wie wenn beide +Prämissen allgemein sind, vgl. A. 36. + +[42] Manches Sinnenwesen ist nicht vernünftig; jedes Sinnenwesen nimmt +wahr; also ist manches Wahrnehmende nicht vernünftig. Beweis indirekt: +ist alles Wahrnehmende vernünftig, und nimmt jegliches Sinnenwesen +wahr, so folgt in Barbara: jedes Sinnenwesen vernünftig, gegen die +Voraussetzung im Obersatz; es läßt sich auch durch Heraushebung zeigen. + +[43] Begriffe für jedem Zukommen: Jedes Sinnenwesen ist beseelt, +manches Sinnenwesen kein Mensch, also kein Mensch beseelt oder mancher +Mensch nicht beseelt. Für keinem Zukommen gibt es keine Begriffe. Denn +wenn gilt: jedes S = P, und: ein R = S, gilt auch in Darii: ein R = P. +Es sollten aber Begriffe für den Fall sein, daß kein R = P ist, sowie +die ersten drei Begriffe voraussetzten, daß jedes R = P ist. Man muß +also die Sache angehen, wie in den früheren Fällen, vgl. Anm. 29 u. 30. + +[44] Kein Sinnenwesen ist eine Pflanze; manches Sinnenwesen ist weiß; +also ist manches Weiße kein Sinnenwesen. Beweis durch Umkehrung des +Untersatzes. So folgt der Schlußsatz in Ferio. + +[45] Begriffe für Zukommen: manches Wilde ist ein Sinnenwesen; kein +Wildes ist ein Mensch; also ist kein Mensch ein Sinnenwesen oder ist +mancher Mensch kein Sinnenwesen. Für Nichtzukommen: manches Wilde ist +ein Sinnenwesen; kein Wildes ist Wissenschaft; also ist jede oder +manche Wissenschaft ein Sinnenwesen. + +[46] Begriffe für Zukommen, wenn der Untersatz allgemein ist: manches +Wilde ist kein Sinnenwesen; kein Wildes ist ein Mensch; also ist jeder +oder mancher Mensch kein Sinnenwesen. Für Nichtzukommen: manches Wilde +ist kein Sinnenwesen; kein Wildes ist Wissenschaft; also ist jede oder +manche Wissenschaft ein Sinnenwesen. -- Begriffe für Nichtzukommen, +wenn der Obersatz allgemein ist: kein Weißes ist ein Rabe; manches +Weiße ist kein Schnee: also ist jeder oder mancher Schnee ein Rabe. +In bezug auf Zukommen wird wieder wie schon in drei früheren Fällen +gezeigt, daß es dafür keine Begriffe gibt und folglich die aufgestellte +Regel wieder „aus dem Unbestimmten“ bewiesen werden muß. + +[47] Nimmt man alle möglichen partikulären Sätze mit Sinnenwesen, +Mensch, weiß, so folgt nicht: jeder Mensch oder mancher Mensch ist kein +Sinnenwesen; wenn ebenso mit Sinnenwesen, unbeseelt, weiß, so folgt +nicht: jedes oder manches Unbeseelte ist ein Sinnenwesen. + +[48] Warum übergeht Aristoteles die vierte Schlußfigur? Wir haben +diese Frage in A. 9 beantwortet; v. Kirchmann sagt im Vorwort zu +seiner Übersetzung S. VII: „Von mancher Seite wird mit Unrecht gerügt, +daß Aristoteles die sog. vierte Schlußfigur (die Galenische) nicht +behandelt habe. Dieses gereicht ihm vielmehr zum Lobe. Die von dem Arzt +Galenus erfundene vierte Figur ist nur eine Umstellung der ersten des +Aristoteles; sie schmiegt sich zwar dem Sprachgebrauche leichter an +als die erste des Aristoteles, dagegen entspricht letztere mehr dem +logischen Sachverhalt und dem wissenschaftlichen Gebrauche, und es kann +deshalb mit Recht die Galenische Figur ganz beiseite bleiben.“ + +[49] Aus den Prämissen: Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen, kein Pferd +ein Mensch, folgt nicht der direkte Schluß: jedes oder manches Pferd +ist ein Sinnenwesen, sondern der indirekte: manches Sinnenwesen ist +kein Pferd, und zwar in Ferio, durch Konversion und durch Umstellung +der Prämissen. Aus den Prämissen: Manches Vernünftige ist ein +Sinnenwesen, kein Pferd ist vernünftig, wo der Obersatz partikulär +ist, folgt auch kein direkter Schluß. Verfährt man mit ihnen aber wie +vorhin, so ergibt sich wieder derselbe Schlußsatz; Kein Vernünftiges +ist ein Pferd; manches Sinnenwesen ist vernünftig; manches Sinnenwesen +ist kein Pferd. + +[50] Hier nur ein Beispiel für notwendig Zukommen: Jedes Bewegte hat +notwendig Wahrnehmung; jeder Mensch bewegt sich; also hat jeder Mensch +notwendig Wahrnehmung. Denn was von allem gilt und von allem notwendig +gilt, gilt auch und gilt notwendig von allem, was unter ihm begriffen +ist. + +[51] Jedes Sinnenwesen bewegt sich; jeder Mensch ist notwendig ein +Sinnenwesen. Hier folgt nicht, daß jeder Mensch sich notwendig bewegt. +Denn der Mensch bewegt sich nicht notwendig, sondern zufällig. +Indirekter Beweis in 1, c (Darii): Gesetzt jeder Mensch bewegte sich +notwendig; nun ist aber manches Sinnenwesen notwendig ein Mensch; +also bewegte sich manches Sinnenwesen notwendig; aber es wurde +vorausgesetzt, daß sich jedes Sinnenwesen zufällig bewegt; indir. Bew. +in III, a (Darapti): Jeder Mensch bewegt sich notwendig; jeder Mensch +ist notwendig ein Sinnenwesen; also bewegt sich manches Sinnenwesen +notwendig. + +[52] Nimmt jedes sinnbegabte Geschöpf notwendig wahr und ist manches +Weiße ein sinnbegabtes Geschöpf, so nimmt manches Weiße notwendig wahr. +Wenn aber jedes sinnbegabte Geschöpf sich bewegt und manches Weiße +notwendig ein sinnbegabtes Geschöpf ist, folgt nicht, daß manches Weiße +sich notwendig bewegt, weil der Schluß durch den Obersatz reguliert +wird, der formell nur Tatsächliches aussagt. + +[53] a) (Cesare): Notwendig ist keine Pflanze ein Sinnenwesen; jeder +Mensch ist ein Sinnenwesen; also ist notwendig kein Mensch eine +Pflanze. Beweis in Celarent. Der Obersatz wird umgekehrt und lautet: +notwendig ist kein Sinnenwesen eine Pflanze. Dann folgt der Schlußsatz +nach K. 9, Abs. 1. b) (Camestres): Jedes Sinnenwesen nimmt wahr; +notwendig nimmt keine Pflanze wahr; also ist notwendig keine Pflanze +ein Sinnenwesen. Beweis in Celarent: Notwendig ist kein Wahrnehmendes +eine Pflanze; jedes Sinnenwesen nimmt wahr; also ist notwendig kein +Sinnenwesen eine Pflanze; also ist notwendig keine Pflanze ein +Sinnenwesen. + +[54] Schließt man z. B. in Cesare: Kein Weißes ist ein Sinnenwesen; +jeder Mensch ist notwendig ein Sinnenwesen, so folgt nicht: notwendig +ist kein Mensch ein Weißes, sondern nur: tatsächlich ist kein Mensch +ein Weißes. Beweis: 1. Derselbe Schluß müßte sich in Celarent ergeben. +Kehrt man aber den Obersatz um, so folgt, nach K. 9, 30 a 32, nicht: +notwendig ist kein Mensch weiß. 2. Gesetzt, es folgte der Schlußsatz: +notwendig ist kein Mensch weiß, so folgte auch: notwendig ist manches +Sinnenwesen nicht weiß. Aber wenn auch der Obersatz: kein Weißes ist +ein Sinnenwesen, wahr ist, so kann es doch dabei auch der andere Satz +sein: es ist nicht notwendig, daß kein Weißes ein Sinnenwesen ist +oder daß manches Weiße kein Sinnenwesen ist, und ebenso: es ist nicht +notwendig, daß manches Sinnenwesen nicht weiß ist. Das geht nun aber +mit dem fraglichen Schlußsatz nicht zusammen, wohl aber geht es mit dem +Antezedenz zusammen, was der logischen Regel zuwiderläuft: quicquid non +potest stare cum veritate consequentis, nec potest stare cum veritate +antecedentis. Schließt man hinwieder in Camestres: Jeder Mensch ist +notwendig ein Sinnenwesen; kein Weißes ist ein Sinnenwesen, so folgt +nicht: notwendig ist kein Weißes ein Mensch; denn wenn auch tatsächlich +kein Weißes ein Sinnenwesen wäre, so könnte doch ein Weißes ein Mensch +werden und sein. + +[55] Jeder Mensch notwendig vernünftig, jeder Mensch ein Sinnenwesen; +also manches Sinnenwesen notwendig vernünftig. Denn wenn der Untersatz +umgekehrt wird in: manches Sinnenwesen ein Mensch, folgt die Konklusion +oder der Schlußsatz nach K. 9, Abs. 3. + +[56] Jeder Mensch vernünftig, jeder Mensch notwendig ein Sinnenwesen; +also manches Sinnenwesen notwendig vernünftig. Denn wenn man den +Obersatz umkehrt und die Prämissen umstellt, folgt: manches Vernünftige +notwendig ein Sinnenwesen, daraus, durch Konversion, nach K. 3, Abs. 1: +manches Sinnenwesen notwendig vernünftig. + +[57] Notwendig kein Sinnenwesen eine Pflanze, jedes Sinnenwesen +lebendig; also notwendig manches Lebendige kein Sinnenwesen. Denn wenn +man den Untersatz umkehrt in: manches Lebendige ein Sinnenwesen, so +folgt die gedachte Konklusion in Ferio nach K. 9, Abs. 3. + +[58] Kein Pferd schläft zurzeit, jedes Pferd notwendig ein Sinnenwesen. +Daraus folgt nicht: manches Sinnenwesen schläft zurzeit notwendig +nicht. Denn wenn man den Untersatz umkehrt in: manches Sinnenwesen +notwendig ein Pferd, erfolgt ein Schluß in Ferio. Dort folgt aber +nach 9, 3 kein Satz de necessario. -- Kein Pferd ist zurzeit gut, +manches Sinnenwesen notwendig ein Pferd. Daraus folgt nicht: manches +Sinnenwesen ist zurzeit notwendig nicht gut. Denn es kann der Fall +sein, daß jedes Pferd und jedes Sinnenwesen gut ist. Wenn aber die +Voraussetzung, daß gut möglicherweise keinem Pferde zukommt, nicht +denkbar sein soll, da im metaphysischen Sinne jedes Wesen gut ist, so +nehme man eben die an erster Stelle verwandten Begriffe: Schlafen, +Sinnenwesen, Pferd. + +[59] Jedes Sinnenwesen ist zurzeit wach, manches Sinnenwesen notwendig +ein Mensch. Daraus folgt nicht: ein Mensch zurzeit notwendig wach. +Denn wenn ich den Untersatz einfach umkehre, so folgt nach 9, 3 keine +conclusio de necessario. + +[60] a) Notwendig ist kein Sinnenwesen eine Pflanze, manches +Sinnenwesen lebendig, also manches Lebendige notwendig keine Pflanze; +folgt durch einfache Umkehrung des Untersatzes in Ferio. b) Mancher +Mensch ist nicht wach, jeder Mensch notwendig ein Sinnenwesen. Daraus +folgt nicht: manches Sinnenwesen notwendig nicht wach. c) Kein +Sinnenwesen wach, manches Sinnenwesen notwendig weiß. Daraus folgt +nicht: manches Weiße notwendig nicht wach. d) Manches Sinnenwesen +notwendig nicht zweifüßig, jedes Sinnenwesen bewegt sich. Daraus folgt +nicht: manches, was sich bewegt, ist notwendig nicht zweifüßig, da +es der Fall sein kann, daß nur das Zweifüßige sich bewegt, und somit +alles, was sich bewegt, zweifüßig ist. + +[61] Wenn auch eine Prämisse de necessario ist, so ist sie doch eben +damit auch de inesse, und so gilt: ein Schluß auf einfaches Zukommen +ist nicht möglich, wenn nicht beide Prämissen de inesse sind. + +[62] Entweder müssen beide Prämissen de inesse sein, wenn ein +Schlußsatz de inesse herauskommen soll, oder es muß wenigstens eine +Prämisse de necessario sein, wenn ein Schlußsatz de necessario +herauskommen soll. + +[63] Vgl. A. 2. + +[64] Das πάλιν 32 b 4 heißt nicht, wie Bender übersetzt, „weiter“ +(vielleicht ist es bei ihm auch nur ein Druckfehler), sondern, wie v. +Kirchmann hat, „nochmals“, vgl. K. 3, 25 b 14. + +[65] Der Satz: es ist kontingent, daß der Mensch grau wird, d. h. er +wird gewöhnlich mit den Jahren grau, läßt sich umkehren in den anderen: +es ist nicht notwendig, daß er grau wird; der Satz: der Mensch, das +Tier geht, läßt sich umkehren in den anderen: sie gehen nicht, weil wo +das eine gilt, das andere ebensogut gelten kann. + +[66] Der Mittelbegriff ist „ungeordnet“, weil er unbestimmt ist, und er +ist unbestimmt, weil die Ursache unbestimmt ist, die der Mittelbegriff +angibt. + +[67] Der Satz: das Weiße kann gebildet sein, kann einen zweifachen Sinn +haben: 1. was tatsächlich weiß ist, kann gebildet sein, 2. was weiß +sein kann, kann gebildet sein. Im ersten Fall hat man eine Mischung von +Möglichem und Wirklichem, im zweiten nur Mögliches, also Gleichartiges. +Mit solchem soll auch hier der Anfang gemacht werden. + +[68] Jeder, der Musik lernen kann, kann Logik lernen; jeder Mensch +kann Musik lernen; also kann jeder Mensch Logik lernen. Wenn nicht, so +könnte ein Mensch Musik lernen, ohne Logik lernen zu können. Wir haben +aber im Sinne von K. 13, letzter Absatz das Gegenteil angenommen. + +[69] Möglicherweise ist kein musikalisch Gebildeter logisch gebildet; +möglicherweise ist jeder Mensch musikalisch gebildet; also ist +möglicherweise kein Mensch logisch gebildet. + +[70] Jeder musikalisch Gebildete kann logisch gebildet sein; +möglicherweise ist kein Mensch musikalisch gebildet. Daraus läßt sich +der Schluß gewinnen: jeder Mensch kann logisch gebildet sein. Denn der +Untersatz läßt sich nach K. 13, Abs. 5 umkehren in: jeder Mensch kann +musikalisch gebildet sein. + +[71] Möglicherweise ist kein musikalisch Gebildeter logisch gebildet; +möglicherweise ist kein Mensch musikalisch gebildet. Daraus läßt sich +der Schluß gewinnen: möglicherweise ist kein Mensch logisch gebildet. +Denn der Untersatz läßt sich umkehren in: möglicherweise ist jeder +Mensch musikalisch gebildet. Dann erhält man den Schlußsatz, wie das +Schema in A. 69 zeigt. + +[72] Jeder, der Musik lernen kann, kann Logik lernen; mancher Mensch +kann Musik lernen; also kann mancher Mensch Logik lernen. Denn wenn +kein Mensch Logik lernen könnte, so könnte ein Mensch Musik lernen, +ohne Logik lernen zu können; vgl. A. 68. + +[73] Möglicherweise ist kein musikalisch Gebildeter logisch gebildet; +möglicherweise ist ein Mensch musikalisch gebildet; also ist +möglicherweise ein Mensch nicht logisch gebildet. Beweis: der Schluß +wird durch den Obersatz regiert; vgl. A. 69. + +[74] Jeder musikalisch Gebildete kann logisch gebildet sein; +möglicherweise ist ein Mensch nicht musikalisch gebildet. Daraus läßt +sich der Schluß gewinnen: ein Mensch kann logisch gebildet sein. Denn +der Untersatz läßt sich nach K. 13, Abs. 5 umkehren in: ein Mensch kann +musikalisch gebildet sein; vgl. A. 70. + +[75] Der Beweis wird in der schon so oft angewandten Weise geführt. Daß +kein Schluß auf ein mögliches Nichtzukommen gilt, wird an Begriffen +gezeigt, wo das Zukommen tatsächlich notwendig ist; daß keiner auf +ein mögliches Zukommen, an Begriffen, wo kein Zukommen möglich +ist. Begriffe für notwendig Zukommen: Sinnenwesen, weiß, Mensch. +Möglicherweise ist ein Weißes ein Sinnenwesen; möglicherweise ist jeder +Mensch weiß. Daraus folgt nicht: möglicherweise ist ein Mensch ein +Sinnenwesen oder kein Sinnenwesen, da jeder Mensch notwendig und kein +Mensch zufällig ein Sinnenwesen ist. Begriffe für nicht Zukommenkönnen: +Sinnenwesen, weiß, Kleid: möglicherweise ist ein Weißes ein +Sinnenwesen; möglicherweise ist jedes Kleid weiß. Daraus folgt nicht: +möglicherweise ist ein Kleid ein Sinnenwesen oder kein Sinnenwesen, +da jedes Kleid notwendig kein Sinnenwesen ist. Ebenso geht der Beweis +durch diese Begriffe, wenn die Prämissen nach den angegebenen Weisen +verändert werden, nur muß der Obersatz partikulär bleiben. Die Sätze +de contingenti lassen sich ja umkehren. Der Grund a priori für die +aufgestellte Regel aber ist dieser. Der Mittelbegriff, das Subjekt im +Obersatz, wird nicht allgemein genommen. Daher kann im Untersatz gar +wohl etwas als Subjekt genommen werden, was außerhalb dessen liegt, +wovon die Aussage im Obersatz wahr ist. Sagt man z. B.: ein Weißes ist +möglicherweise ein Sinnenwesen, so kann das Weiße im Untersatz etwa ein +Weißes sein, das nicht unter jenes Weiße im Obersatz fällt, es kann +z. B. ein Kleid sein. + +[76] Bejahend: Jedes Sinnenwesen kann sich bewegen; jeder Mensch ist +ein Sinnenwesen; also kann jeder Mensch sich bewegen. Verneinend: +Möglicherweise bewegt sich kein Sinnenwesen; jeder Mensch ist ein +Sinnenwesen; also bewegt sich möglicherweise kein Mensch. + +[77] Wenn der Mensch ist, ist notwendig auch das Sinnenwesen. So muß +denn auch, wenn der Mensch sein kann, das Sinnenwesen sein können. Denn +nehmen wir an, der Mensch könnte sein, ohne daß das Sinnenwesen sein +könnte, so könnte der Fall eintreten, daß der Mensch wird und ist, +während das Sinnenwesen nicht wird und ist. Dann wäre also der Mensch, +ohne daß das Sinnenwesen ist, was der Voraussetzung zuwiderläuft. + +[78] Wenn A falsch, aber nicht unmöglich ist, so ist es möglich. Nun +wird aber angenommen, daß wenn A ist, B ist. Also ist auch, wie vorhin +gezeigt wurde, wenn A möglich ist, B möglich; also kann, wenn auch A +irrtümlich als vorhanden gesetzt ist, B nicht unmöglich sein. + +[79] Begriffe: A, weiß; B, Mensch; C, wach. Jeder Mensch ist weiß; +jedes Wache kann ein Mensch sein; also kann jedes Wache weiß sein. +Beweis indirekt. Angenommen, es wäre dem nicht so, so setze man: jedes +Wache ist ein Mensch, nicht als wahr, aber doch als nicht unmöglich. +Wenn also weiß dem Wachen nicht zukommen kann und Mensch jedem Wachen +zukommt, so folgt in der dritten Figur, daß weiß keinem Menschen +zukommen kann. Aber es ist Voraussetzung, daß es jedem zukommt. Mithin +muß weiß jedem Wachen zukommen können. Es ist ja, im Widerspruch mit +dem im letzten Absatz aufgestellten Axiom -- vgl. A. 78 --, die Folge +unmöglich, obwohl bloß Falsches und nicht Unmögliches zugrunde gelegt +worden ist, daß nämlich jedes Wache ein Mensch ist. + +[80] Jeder Mensch ist weiß; jedes Wache kann ein Mensch sein; also kann +jedes Wache weiß sein. Zweiter indirekter Beweis. Ist der vorstehende +Untersatz wahr, so kann der Untersatz: jedes Wache ist ein Mensch, +zwar falsch, aber nicht unmöglich sein. Nun kann man aus ihm und dem +Obersatz folgenden Schluß in Barbara errichten: jeder Mensch ist +weiß; jedes Wache ist ein Mensch; also ist jedes Wache weiß. Dieser +Schlußsatz kann nun falsch, aber nicht unmöglich sein. Denn sonst +folgte Unmögliches aus dem, was zwar falsch, aber nicht unmöglich sein +kann. + +[81] Wenn in Barbara aus einem einfach ausgesagten Obersatz und einem +kontingenten Untersatz ein kontingenter Schlußsatz folgen soll, so +muß der Obersatz für jede Zeit gelten. Denn sonst kann der Schlußsatz +falsch sein. Denn wenn man z. B. sagt: alles, was sich zurzeit bewegt, +ist ein Mensch; jedes Pferd kann sich bewegen, so folgt nicht: jedes +Pferd kann ein Mensch sein, da es unmöglich ist, daß ein Pferd ein +Mensch ist. Wiederum, wenn man sagt: alles, was sich bewegt, ist ein +Sinnenwesen; jeder Mensch kann sich bewegen, so folgt nicht: jeder +Mensch kann ein Sinnenwesen sein, da es notwendig ist, daß jeder Mensch +ein Sinnenwesen ist. Damit also ein kontingenter Schlußsatz sich +ergibt, muß der Obersatz ohne Rücksicht auf die Zeit wahr sein, wie +das erste Beispiel zeigt; aber der Schlußsatz braucht nicht immer im +strengen Sinne kontingent zu sein, wie das zweite Beispiel zeigt. + +[82] Kein Mensch ist weiß; jedes Wache kann ein Mensch sein; also ist +möglicherweise kein Waches weiß. Denn wenn notwendig ein Waches weiß +wäre und dann, wie vorhin angenommen wird, daß jedes Wache ein Mensch +ist, was zwar nicht wahr, aber nicht unmöglich ist, so folgte, daß +notwendig ein Mensch weiß wäre, was, als dem ersten Obersatz zuwider, +unmöglich ist. + +[83] Es bleibt unentschieden, ob weiß, A, einem Wachen, C, ebenso +zukommen wie nicht zukommen kann. Es folgt auf Grund des indirekten +Beweises, der von dem kontradiktorischen Gegenteil der Behauptung +ausgeht, lediglich, daß A nicht notwendig einem C zukommt. + +[84] Kein Denkendes ein Rabe; jeder Mensch kann denken; also jeder +Mensch möglicherweise kein Rabe, oder: möglicherweise kein Mensch +ein Rabe, und doch ist notwendig kein Mensch ein Rabe. -- Keine +Wissenschaft ist bewegt; jedem Menschen kann Wissenschaft zukommen; +also möglicherweise jeder Mensch nicht bewegt oder kein Mensch bewegt. +Hier ist der Satz, daß kein Mensch sich bewegt, nicht notwendig. +-- Also da das Prädikat im Schlußsatz bald notwendig keinem unter +das Subjekt Fallenden zukommt, bald nicht, so folgt auf Grund der +Prämissen nicht, daß es notwendig keinem, sondern, daß es keinem +notwendig zukommt. -- Die Bemerkung wegen der minder glücklichen Wahl +der Begriffe soll darauf gehen, daß der Mensch, wie es doch in dem +Schema des Syllogismus nahe gelegt wird, die Wissenschaft nicht ist, +sondern hat. So Bender und Maier. Waitz will hier ein Indizium finden, +daß „hi libri satis levi brachio“ geschrieben sind, v. Kirchmann einen +mißlungenen Versuch des Philosophen, sich herauszuhelfen, da doch +die gewählten Begriffe zeigten, daß die aufgestellte syllogistische +Regel nicht ausnahmslos gelte, indem sich bei diesen Begriffen für die +Schlußfolgerung keine Notwendigkeit ergebe! Von Kirchmann scheint die +Notwendigkeit, die jeder Schluß haben muß, mit der Notwendigkeit des +Schlußsatzes zu verwechseln. Der Schlußsatz ist eben in unserem Falle +seinem Inhalte nach nicht notwendig, sondern kontingent. Silvester +Maurus versteht die Sache dahin, daß der Mensch die Wissenschaft, +wenigstens actu, nur zeitweise hat, indem er nicht immer die +wissenschaftlichen Sätze wirklich denkt, und so hätte Aristoteles +angedeutet, daß man einen Obersatz nehmen müsse, der immer gilt, +etwa so: Kein Sitzender wandelt; es ist möglich, daß jeder Mensch +sitzt; also ist es möglich, nicht notwendig, daß kein Mensch wandelt. +Silvester Maurus hat dieses Beispiel von Philoponus, von dem aber die +von Aristoteles gerügte Mangelhaftigkeit der Begriffe so aufgefaßt zu +werden scheint, wie Bender und Maier es tun. „Die Wissenschaft“, so +schreibt er, „nimmt Aristoteles hier offenbar statt des Wissenden.“ +Ich möchte unmaßgeblich noch eine andere Deutung für möglich halten. +Der Mangel liegt in der Zweideutigkeit von „bewegt“, so daß der Schluß +statt dreier vier Begriffe hat. Daß die Wissenschaft sich nicht bewegt, +bedeutet ihre Unerschütterlichkeit, vgl. ἀμετάπειστος 72 b 3, während +die Bewegung des Menschen der Wechsel des Ortes ist. Wenn Waitz zu 35 +a 2 schreibt: „Cur non sumpsit igitur meliores terminos? Satis levi +brachio hi libri videntur conscripti esse,“ so ist es mir erstens +unverständlich, wie Waitz, dieser Kenner der Analytik, sie für flüchtig +geschrieben ansehen kann, und zweitens, wie er es auf einen solchen +Grund hin kann. Ar. mag die Begriffe minder sorgfältig gewählt und +darauf aufmerksam gemacht haben, um zu eigener Tätigkeit anzuregen, um +zu erinnern, daß es bei Beispielen auf Nebendinge nicht ankommt, um den +Scharfsinn auf die Probe zu stellen. + +[85] Jedes Sitzende ruht; möglicherweise sitzt kein Mensch; also ruht +möglicherweise jeder Mensch. Beweis: der Untersatz wird nach K. 13, 32 +b 13 ff., vgl. A. 65, umgekehrt in: möglicherweise sitzt jeder Mensch. +Dann folgt der Schlußsatz nach K. 15, 34 a 34 ff., vgl. A. 80. + +[86] Kein Sitzendes bewegt sich; möglicherweise sitzt kein Mensch; also +bewegt sich möglicherweise kein Mensch. Man kehrt den Untersatz um in: +möglicherweise sitzt jeder Mensch. Dann folgt der Schlußsatz nach dem +vorliegenden Kapitel 34 b 19 ff., vgl. Anm. 82. + +[87] Begriffe für notwendig zukommen: Möglicherweise ist jedes +oder kein Sinnenwesen weiß; kein Schnee ist ein Sinnenwesen; also +möglicherweise kein Schnee weiß oder mancher Schnee nicht weiß. Falsch! +Jeder Schnee ist notwendig weiß. Begriffe für nichtzukommen können: +Möglicherweise ist jedes oder kein Sinnenwesen weiß; kein Pech ist ein +Sinnenwesen; also möglicherweise jedes oder manches Pech weiß. Falsch! +Kein Pech kann weiß sein. Also kann jeder Schluß auf das Mögliche, sei +er nun verneinend oder bejahend, falsch sein. Also ist kein solcher +Schluß gestattet. + +[88] Es ist möglich, daß jeder oder kein Mensch schläft; manches +Sinnenwesen ist ein Mensch; also ist es möglich, daß manches +Sinnenwesen schläft oder nicht schläft. Man vergleiche die Regel im 2. +Abs. dieses Kapitels und die Anmerkung 76. Hier gilt das Gesetz von +dem dictum de omni und dem dictum de nullo. Wenn es von jedem Menschen +wahr ist, daß er schlafen kann, so kann nichts angenommen werden, was +ein Mensch ist und nicht schlafen kann. Nun wird aber im Untersatz +angenommen, daß manches Sinnenwesen ein Mensch ist. Dasselbe ist zu +sagen, wenn es von jedem Menschen wahr ist, daß er auch nicht schlafen +kann, oder, was dasselbe ist, wenn es wahr ist, daß möglicherweise kein +Mensch schläft. + +[89] Dieser Fall ist den früheren in diesem Kapitel analog, wo +der Obersatz allgemein ist und einfach bejaht oder verneint und +der Untersatz allgemein und kontingent ist, sei er bejahend oder +verneinend. Nur ist jetzt der Untersatz nicht allgemein, sondern +partikulär. Ist er verneinend, so wird er in einen bejahenden Satz +umgekehrt und dann der Beweis per impossibile geführt. Z. B.: jeder +Mensch wacht; möglicherweise ist ein Weißes kein Mensch; also wird +möglicherweise ein Weißes wachen. Der Untersatz wird umgekehrt in: +möglicherweise ist ein Weißes ein Mensch. Oder: kein Mensch wacht; +möglicherweise ist ein Weißes kein Mensch; also wird möglicherweise ein +Weißes nicht wachen. + +[90] Es folgt 1. kein verneinender Schlußsatz. Denn man nehme den +Schluß: möglicherweise ist jedes oder ist kein Sinnenwesen weiß; +mancher Schnee ist kein Sinnenwesen; also möglicherweise kein Schnee +weiß oder mancher Schnee nicht weiß. Aber jeder Schnee ist notwendig +weiß. Es folgt 2. kein bejahender Schlußsatz. Denn man nehme den +Schluß: möglicherweise ist jedes oder ist kein Sinnenwesen weiß; +manches Pech ist kein Sinnenwesen. Also möglicherweise jedes oder +manches Pech weiß. Aber kein Pech kann weiß sein. -- Der Untersatz ist +jedesmal auch allgemein wahr. Aber das steht dem Beweis nicht im Wege; +vgl. K. 6, 28 b 22 ff. und Anm. 43; auch Anm. 29 und 30. + +[91] Es wird wieder in derselben Weise wie vorhin, siehe A. 90, +gezeigt, daß weder ein verneinender, noch ein bejahender Schlußsatz +möglich ist: kein verneinender: denn gesetzt, die Begriffe seien: +Sinnenwesen, weiß, Mensch. Man kombiniere sie, wie man wolle, so sind +die Prämissen wahr und der verneinende Schlußsatz: möglicherweise jeder +oder mancher Mensch kein sinnliches Wesen, falsch. Kein bejahender. +Denn gesetzt, die Begriffe seien: Sinnenwesen, weiß, Kleid. Man sage: +manches Weiße kein Sinnenwesen, manches Kleid weiß, oder wie immer +man wolle, nie folgt: möglicherweise jedes Kleid oder ein Kleid ein +Sinnenwesen. + +[92] Wie im vorigen Kapitel, wo eine kontingente und eine einfach +ausgesagte Prämisse angenommen wurde. + +[93] Eine erste Regel! Sie betrifft die vollkommenen Schlüsse für den +Fall, daß der Obersatz, ob bejahend, ob verneinend, allgemein und +kontingent, und der Untersatz, ob allgemein, ob partikulär, bejahend +und notwendig ist. Alle diese Schlüsse werden durch den Obersatz +reguliert: contingit omni aut nulli inesse. -- Dieser und der folgende +Absatz fassen die hier geltenden Schlußregeln zusammen. In der Folge +werden sie einzeln aufgestellt und in einer bestimmten Ordnung bewiesen. + +[94] Zwei weitere Regeln! Welcher Schlußsatz folgt in bejahenden und +welcher in verneinenden Schlüssen? Sind beide Prämissen bejahend, +so folgt ein Schlußsatz, der das mögliche Sein aussagt. Sind die +Prämissen gemischt, so folgt, wenn die bejahende Prämisse notwendig +ist, ein Schlußsatz, der das mögliche Nichtsein aussagt; wenn aber die +verneinende Prämisse notwendig ist, so folgt sowohl ein Schlußsatz, +der das mögliche, wie ein solcher, der das tatsächliche Nichtsein +aussagt. Wir setzen folgende Beispiele her. 1. wenn beide Prämissen +bejahend sind. a) Jedes Sinnenwesen kann sich bewegen: jeder Mensch +muß ein Sinnenwesen sein; also kann sich jeder Mensch bewegen. b) +Jedes Sinnenwesen kann sich bewegen; manches Lebende bewegen. 2. +bei gemischten Prämissen, wenn die bejahende Prämisse notwendig +ist. Möglicherweise schläft kein Sinnenwesen; jeder Mensch muß ein +Sinnenwesen sein; möglicherweise schläft kein Mensch. 3. wenn die +verneinende Prämisse notwendig ist. Beispiel für einen Schluß auf das +Können: kein Sinnenwesen kann eine Pflanze sein; ein Weißes kann ein +Sinnenwesen sein; also ist möglicherweise ein Weißes keine Pflanze. +Dieses Beispiel ist auch brauchbar für einen Schluß auf das einfache +Sein oder vielmehr Nichtsein. Denn der Untersatz kann nach griechischem +Sprachgebrauch, in Anbetracht der möglichen Bedeutung von ἐνδέχεται: es +kommt vor oder es kommt meistens vor, vgl. Kap. 2, Abs. 2 und Anm. 3, +auch den Sinn haben: manches Weiße ist ein Sinnenwesen. Dann folgt nach +K. 9: manches Weiße ist keine Pflanze. + +[95] Vgl. K. 15, Abs. 1. Bei den vollkommenen Schlüssen hat Kontingent +in der Konklusion den strikten Sinn, bei den unvollkommenen den +weiteren, s. oben Anm. 2. Aber in den Fällen des K. 16 soll sich nicht, +wie in K. 15, ein Kontingentes ergeben im Sinne dessen, was notwendig +nicht zukommt und so auch möglicherweise nicht zukommt. + +[96] Es wird damit angefangen, die vorausgeschickten Regeln zu +beweisen. Zuerst wird die Behauptung des unmittelbar vorausgehenden +Absatzes bewiesen, daß in dem bewußten Falle der Schlußsatz nicht +notwendig ist. Zu dem Beweis ist K. 15, 34 a 34 und Anmerkung 79 f. zu +vergleichen. + +[97] Es wird damit angefangen, die Regel in Absatz 2 zu beweisen, vgl. +A. 93. Beispiel. Es ist möglich, daß jedes Sinnenwesen sich bewegt; +jeder Mensch ist notwendig ein Sinnenwesen; also ist es möglich, daß +jeder Mensch sich bewegt. Denn was von jedem Sinnenwesen gilt, gilt von +jedem Menschen, da jeder Mensch ein Sinnenwesen ist. Sonst gäbe es ein +Sinnenwesen, das sich nicht bewegen kann. + +[98] In den Fällen der beiden vorausgehenden Absätze waren beide +Prämissen allgemein bejahend und ergaben einen kontingenten Schlußsatz. +Jetzt wird der Fall genommen, daß die Prämissen zwar beide allgemein, +aber von ungleicher Qualität sind, und zunächst, daß der Obersatz +verneinend und notwendig und der Untersatz bejahend und kontingent ist. +Dann ist der Schlußsatz nicht kontingent, sondern notwendig und, wie +Aristoteles beifügt, weil notwendig, auch im Sinne der Tatsächlichkeit +und Möglichkeit wahr. Die allgemeine Regel in Absatz 3 f. wird hiernach +genauer gefaßt und eingeschränkt. Der Beweis wird von Aristoteles in +folgender Weise geführt. Wir setzen statt der Buchstaben Begriffe ein. +Notwendig ist nichts, was lacht, ein Tier; jeder Mensch kann lachen; +also ist notwendig kein Mensch ein Tier. Denn gesetzt, ein Mensch sei +ein Tier. Es wurde aber vorausgesetzt, daß nichts, was lacht, ein Tier +sein kann. Das läßt sich dahin umkehren, daß kein Tier lachen kann. Aus +dieser Prämisse aber und der anderen, daß irgendein Mensch ein Tier +ist, würde folgen, daß irgendein Mensch nicht lachen kann, was der +ursprünglichen Voraussetzung widerstreitet, daß jeder Mensch lachen +kann. Silvester Maurus entfernt sich in diesem Absatz von dem Text +des Aristoteles und kommt mithin für die Erklärung nicht in Betracht. +Er beweist an Hand frei gewählter Begriffe -- die von mir verwandten +sind aus dem Kommentar von Julius Pacius --, daß sich ein verneinender +Schlußsatz de inesse und darum auch de posse non inesse ergibt. Von +Kirchmann behauptet in seinen Erläuterungen, N. 106, S. 83–85, und +will beweisen, daß Aristoteles hier, wie nach seinem Vorgeben sonst +des öfteren, eine falsche Schlußregel aufstelle. Der Untersatz: B kann +in jedem C sein, oder jeder Mensch kann lachen, lasse sich umkehren +in: es kann sein, daß B in keinem C ist, oder daß kein Mensch lacht, +und bei solchem Ansatze gebe es gar keinen Schluß. Aber was wäre +damit dargetan? Gibt es so keinen Schluß, folgt dann, daß es auch +bei bejahendem Untersatz keinen gibt? Es muß einen geben, mit einem +notwendigen Schlußsatz, denn wenn der bejahende Untersatz gilt, so +ist damit das Vorhandensein einer Fähigkeit in C dargetan, mit der A +unverträglich ist. Ebendarum ist der Obersatz notwendig: kein B ein A, +kein Lachendes ein Tier. Denn wo das Lachen als Tatsache ist, da ist +eine Fähigkeit, die mit Tierheit unverträglich ist. Der Fall der Anm. +94 beweist hiergegen nichts. Der Satz: ein Weißes oder jedes Weiße kann +eine Pflanze sein, geht auf zwei Begriffe ohne innere oder notwendige +Beziehung. -- Bei den anderen Auslegern und Übersetzern, Philoponus, +Julius Pacius, Waitz, Zell und Bender, kommt kein Bedenken wegen der +Richtigkeit dieser Schlußregel zum Ausdruck. + +[99] Fortsetzung des Beweises für die Regel in Abs. 2; vgl. Anm. 93 und +97. Es ist möglich, daß kein Sinnenwesen sich bewegt; es ist notwendig, +daß jeder Mensch ein Sinnenwesen ist; es ist möglich, daß kein Mensch +sich bewegt. + +[100] Es ist notwendig, daß jedes Sinnenwesen wahrnimmt; es ist +möglich, daß kein Weißes ein Sinnenwesen ist; es ist möglich, daß +kein Weißes wahrnimmt. Beweis: man kehrt den Untersatz um in: es ist +möglich, daß jedes Weiße ein Sinnenwesen ist, vgl. A 96. Wir haben hier +die Fortsetzung des Beweises für die Regeln in Absatz 3. + +[101] Es folgt a) kein verneinender Schlußsatz. Die Prämissen seien: es +ist möglich, daß jedes Sinnenwesen weiß ist, oder daß kein Sinnenwesen +weiß ist; es ist notwendig, daß kein Schnee ein Sinnenwesen ist. Hier +folgt nicht: es ist möglich, daß jeder oder mancher Schnee nicht weiß +ist. Es folgt b) kein bejahender Schlußsatz. Die Prämissen seien: es +ist möglich, daß jedes Sinnenwesen weiß ist; es ist notwendig, daß kein +Pech ein Sinnenwesen ist. Hier folgt nicht: es ist möglich, daß jedes +oder manches Pech weiß ist. Die Begriffe wurden schon früher verwandt, +vgl. A. 90. + +[102] Hier wieder derselbe Fall wie in der A. 98 besprochene, nur daß +der Untersatz partikulär ist. Von Kirchmann bestreitet auch hier die +Richtigkeit der Regel, läßt aber überdies den Philosophen behaupten, +daß der Schlußsatz nur ein einfaches Nichtsein aussagt, und bemerkt +dazu: „Dies ist ein zweiter Grund, welcher diese Beweise des Ar. +erschüttert“, Erläut. 108, S. 86. + +Aber es ist ein Mißverständnis, daß Aristoteles von einem einfachen +Nichtzukommen reden soll. Sein Ausdruck mag verfänglich klingen, aber +sein Gedanke ist klar. Er will offenbar sagen, daß der Schlußsatz auf +das Nichtzukommenkönnen geht. Denn er sagt erstens gleich im folgenden +Satze: A kommt notwendig einem C nicht zu; er sagt zweitens: es muß +sich mit den partikulären Schlüssen ebenso verhalten. Der Schlußsatz +muß also notwendig sein, wie bei den allgemeinen Schlüssen. Er zeigt +drittens seinen Gedanken durch das Wörtchen „auch“ an, in dem Satz: +auch der Schlußsatz wird auf das Nichtzukommen gehen, nämlich ebenso +notwendig, wie der verneinende Vordersatz. Der Ausdruck ist etwas +ungezwungen oder nachlässig. Von Kirchmann unterdrückt das Auch in +seiner Übersetzung und gibt den Text so wieder: „so wird der Schluß +auf das einfache Nichtenthaltensein lauten.“ -- Nehmen wir, um uns die +hier aufgestellte Regel und ihre Begründung an einem Beispiel klar zu +machen, folgende Begriffe: Tier, Malen, Mensch. Notwendig ist kein +Malendes ein Tier, mancher Mensch kann malen; also ist mancher Mensch +notwendig kein Tier. Denn dem sei nicht so, und jeder Mensch sei ein +Tier. Hieraus aber und aus dem Satz: kein Tier kann malen, folgte: +kein Mensch kann malen. Es sollte aber mancher Mensch malen können. +-- Julius Pacius unterdrückt das Auch 36 a 33 ebenfalls und gibt +wieder: Colligetur non inesse. Demgemäß versteht auch Silvester Maurus +die Regel von einem möglichen oder tatsächlichen Nichtzukommen und +gestaltet entsprechend die Begründung. + +[103] Es ergibt sich nur ein Schluß auf das mögliche Zukommen und +Nichtzukommen, vgl. A. 97 und 99. + +[104] Begriffe für notwendiges Zukommen, zum Beweise, daß kein +verneinender Schluß möglich ist: notwendig ist einiges Weiße +ein Sinnenwesen; möglicherweise ist jeder Mensch weiß; also ist +möglicherweise kein Mensch ein Sinnenwesen oder mancher Mensch kein +Sinnenwesen. Begriffe für Nichtzukommenkönnen, zum Beweise, daß +kein bejahender Schluß möglich ist: notwendig ist einiges Weiße +ein Sinnenwesen; möglicherweise ist jedes Kleid weiß; also ist +möglicherweise jedes Kleid oder manches Kleid ein Sinnenwesen. + +[105] Der allgemeine Untersatz sei verneinend. Dann sieht man, daß kein +verneinender Schluß möglich ist, an folgendem Beispiel für Zukommen: +ein Weißes kann ein Sinnenwesen sein; kein Rabe kann weiß sein; also +kann jeder oder mancher Rabe kein Sinnenwesen sein. Daß kein bejahender +Schluß möglich ist, sieht man an folgendem Beispiel für Nichtzukommen: +ein Weißes kann ein Sinnenwesen sein; kein Pech kann weiß sein; also +kann jedes oder manches Pech ein Sinnenwesen sein. Der allgemeine +Untersatz sei bejahend. Dann sieht man, daß kein verneinender Schluß +möglich ist, an folgendem Beispiel für Zukommen: möglicherweise ist +einiges Weiße kein Sinnenwesen; jeder Schwan muß weiß sein; also ist +möglicherweise jeder oder mancher Schwan kein Sinnenwesen. Daß kein +bejahender Schluß möglich ist, sieht man an folgendem Beispiel für +Nichtzukommen: ein Weißes kann ein Sinnenwesen sein; jeder Schnee muß +weiß sein; also kann jeder Schnee ein Sinnenwesen sein. + +[106] Ein letzter Fall, wo sich gar kein Schluß ergibt! Man vergleiche +die zwei vorhergehenden Absätze. Da hier viele Kombinationen möglich +sind, so sei nur ein Beispiel als Beleg gebracht, daß sich weder ein +verneinender, noch ein bejahender Schlußsatz ergibt. a) Manches Weiße +muß ein Sinnenwesen sein; möglicherweise sind einige Menschen nicht +weiß; also sind einige Menschen kein Sinnenwesen. b) Manches Weiße muß +ein Sinnenwesen sein; möglicherweise ist einiges Unbeseelte nicht weiß; +also ist einiges Unbeseelte ein Sinnenwesen. + +[107] Eine Vergleichung der Regeln in diesem Kapitel mit denen im +vorausgehenden Kapitel! Sie stimmen miteinander überein mit einer +Ausnahme. Wenn der verneinende Vordersatz das bloße Sein betrifft, +so geht der Schluß auf das mögliche Nichtsein, vgl. Anm. 82. Wenn er +aber das notwendige Sein betrifft, so geht der Schluß auf das mögliche +Nichtsein und auf das tatsächliche Nichtsein. In dieser besonderen +Bestimmung bezüglich der Schlüsse im 16. Kapitel verstehen wir, +entsprechend den verschiedenen Anmerkungen in eben diesem Kapitel, das +Möglich anders als vorhin: im Sinne des notwendigen, das auch möglich +und tatsächlich ist. Am Ende des Absatzes im 16. Kapitel, der mit Zeile +36 a 7 beginnt, vgl. A. 98, heißt es ausdrücklich, daß der Schluß auf +die Unmöglichkeit auch Tatsächliches und Mögliches ergibt. Dagegen +heißt es unmittelbar nach dem Absatz, dem die Anmerkung 82 gilt, es +ergebe sich aus den betreffenden Prämissen nur ein möglich im Sinne von +nicht notwendig, vgl. A. 83. -- Silvester Maurus bezieht die Bemerkung +36 b 23 zunächst auf den Absatz 36 a 32, obschon Ar. hier scheinbar +nur von einem Schlusse auf einfaches Nichtzukommen spricht, vgl. Anm. +102. Waitz erklärt, wie v. Kirchmann Erl. 111 mit Recht bemerkt, +die ganze Stelle von 36 b 21 an nicht genügend, v. Kirchmann selbst +findet gesagt, wenn bei notwendigem Obersatz der kontingente Untersatz +allgemein sei, so laute der Schlußsatz auf das tatsächliche, wenn aber +partikulär, auf das mögliche Nichtsein. Und doch hatte er früher gesagt +gefunden, er laute das erste Mal auf das notwendige, das zweite Mal auf +das tatsächliche Nichtsein! Vgl. A. 98 und 102, und bei v. Kirchmann +die Erläuterung 106, S. 83. + +[108] Die vollkommenen Schlüsse der ersten Figur ergeben eine +kontingente Konklusion im strengen, die unvollkommenen eine solche im +weiteren Sinne, entsprechend dem in K. 16, Abs. 4 und vorher in K. 15, +Abs. 1 Gesagten, wozu man wegen des eigentlichen Sinnes von Kontingent +gegenüber dem weiteren Sinne auch noch K. 13, Abs. 3 f. vergleichen +möge. Die Schlüsse der zweiten Figur im gegenwärtigen und in den zwei +folgenden Kapiteln ergeben eine kontingente Konklusion im weiteren +Sinne. + +[109] Beweis der Regel in Abs. 1: aus zwei kontingenten Prämissen +folgt kein Schluß. Denn es gibt hier keine Zurückführung auf die erste +Figur, weder durch Umkehrung einer Prämisse wie in Cesare, Camestres +und Festino, noch indirekt oder ab absurdo wie in Barocco. Nicht durch +Umkehrung. Denn die allgemein verneinende Prämisse läßt sich hier nicht +in eine andere allgemein verneinende umkehren. Dies wird im folgenden +dreifach bewiesen; ab absurdo, per instantiam und ex signo; nach +Silvester Maurus. + +[110] Beweis ab absurdo. Wäre die gedachte Umkehrung möglich, dann +auch die andere eines allgemein bejahenden Satzes in einen anderen +allgemein bejahenden Satz, z. B. des Satzes: möglicherweise ist jeder +Mensch weiß, in: möglicherweise ist jedes Weiße ein Mensch. Denn nach +K. 13, Abs. 5 lassen sich die kontingenten Sätze in ihr konträres +Gegenteil umkehren, also der Satz: möglicherweise ist jeder Mensch +weiß, in: möglicherweise ist kein Mensch weiß. Dieser Satz aber soll +nach der Voraussetzung sich umkehren lassen in den anderen verneinenden +Satz: möglicherweise ist kein Weißes ein Mensch, und das kann wieder, +ebenfalls nach K. 13, umgekehrt werden in: möglicherweise ist jedes +Weiße ein Mensch. Das ist aber unmöglich. Denn wenn auch jeder Mensch +weiß sein kann, so doch nicht jedes Weiße ein Mensch, z. B. Schwan und +Schnee nicht. + +[111] Beweis per instantiam. Möglicherweise ist zwar kein Mensch weiß, +aber darum nicht möglicherweise kein Weißer Mensch, weil z. B. ein +Schwan nicht möglicherweise, sondern notwendig kein Mensch ist. + +[112] Beweis ex signo. Von den vorgeblich konvertiblen Sätzen kann der +eine falsch sein, ohne daß der andere es ist. Denn es ist wahr, daß +möglicherweise kein Mensch weiß ist, aber nicht daß möglicherweise kein +Weißes ein Mensch ist. Denn der Beweis, den man hierfür indirekt könnte +führen wollen, ist falsch. Man könnte sagen: das Kontradiktorium wäre: +es ist nicht möglich, daß kein Weißes ein Mensch ist. Dieses müßte also +wahr sein. Wenn aber das, so wäre es wahr: notwendig ist ein Weißes +ein Mensch, und so denn auch: notwendig ist ein Mensch weiß. Das ist +aber unmöglich. Denn die Voraussetzung war: es ist möglich, daß kein +Mensch weiß ist. Dieser Beweis ist aber falsch, wie im folgenden Absatz +gezeigt wird. + +[113] Die Annahme der Äquipollenz von: es ist nicht möglich, daß kein +Weißes ein Mensch ist, und: notwendig ist irgendein Weißes ein Mensch, +trifft nicht zu. Der erste Satz kann sich auf doppelte Weise bestätigt +finden: einmal, wenn ein Weißes oder jedes Weiße notwendig ein Mensch +ist; denn dann ist es nicht möglich, sondern unmöglich, daß kein Weißes +ein Mensch ist; dann, wenn irgendein Weißes notwendig kein Mensch ist. +Denn dann ist es nicht möglich, daß kein Weißes ein Mensch ist oder +jedes Weiße kein Mensch ist, sondern es ist ein Weißes notwendig kein +Mensch. Das wird aber in dem gedachten Beweis übersehen. + +[114] Es gibt auch keine Zurückführung auf die erste Figur durch +indirekten Beweis. Wenn man z. B., um nur einen aus den möglichen +Fällen zu nehmen, in Cesare sagt: es ist möglich, daß kein Mensch weiß +ist; es ist möglich, daß jedes Vernünftige weiß ist, so würde folgen: +es ist möglich, daß kein Vernünftiges ein Mensch ist. Setzt man nun +das Kontradiktorium der Konklusion: es ist nicht möglich, daß kein +Vernünftiges ein Mensch ist, oder, was dasselbe ist: jedes oder manches +Vernünftige muß ein Mensch sein, und stellt als Obersatz voran: es ist +möglich, daß kein Mensch weiß ist, so folgt: es ist möglich, daß jedes +oder manches Vernünftige nicht weiß ist. Damit ist aber die Prämisse +nicht unverträglich: es ist möglich, daß jedes Vernünftige weiß ist. +Denn weiß kann jedem und kann keinem Vernünftigen zukommen. + +[115] Ein induktiver Beweis, daß in dem angenommenen Fall kein Schluß +möglich ist, 37 a 38–b 16. Es ist möglich, daß kein Mensch weiß ist; +es ist möglich, daß jedes Pferd weiß ist. Hier folgt nicht: es ist +möglich, daß jedes Pferd ein Mensch ist, weil kein Pferd ein Mensch +sein kann, und nicht: es ist möglich, daß kein Pferd ein Mensch ist, +weil es nicht möglich, sondern notwendig ist, daß kein Pferd ein Mensch +ist. + +[116] Dasselbe gilt, wenn die Prämissen so gefaßt werden: es ist +möglich, daß jeder Mensch und kein Pferd weiß ist usw. + +[117] Beweis für die erste Regel in dem zweiten Absatz von Kapitel +17: sagt die bejahende Prämisse das tatsächliche, die verneinende +das mögliche Sein aus, so ist kein Schluß möglich. Das Beispiel ist +dasselbe. Jeder Mensch ist weiß; es ist möglich, daß kein Pferd weiß +ist. Hier folgt aus dem angegebenen Grunde weder: es ist möglich, daß +jedes Pferd ein Mensch ist, noch: es ist möglich, daß kein Pferd ein +Mensch ist. Es ist verfehlt, wenn v. Kirchmann in den Erläuterungen +n. 119, S. 97 meint, der Ausdruck: dieselben Begriffe, gehe nicht auf +weiß, Mensch, Pferd; verfehlt auch die Art, wie er die Begründung des +Aristoteles versteht. Es ist richtig, daß, wie er sagt, das Weiß weder +in allen Pferden, noch in allen Menschen einfach-seiend enthalten ist. +Aber es kann in ihnen enthalten sein, und wenn man das Mögliche als +wirklich setzt, so darf nichts Unmögliches folgen. + +[118] Beweis für die zweite Regel in dem zweiten Absatz von Kapitel +17: sagt die bejahende Prämisse das mögliche, die verneinende das +tatsächliche Sein aus, so erhält man immer einen Schluß. Beweis. Kein +Mensch ist weiß; jedes Pferd kann weiß sein. Wenn man die Verneinung +umkehrt, so wird kein Weißes ein Mensch sein. Also folgt in der ersten +Figur, daß kein Pferd ein Mensch sein kann. Denn so lange es gilt, +daß der Mensch nicht weiß ist, kann er nicht mit dem Pferde weiß +sein, kann also kein Pferd sein, und umgekehrt das Pferd kein Mensch. +Das ἐνδέχεται τὸ β μηδενὶ τῳ γ Zeile 37 b 28 übersetzt v. Kirchmann +richtig: „daß B in keinem C statthafterweise enthalten ist“, Bender +falsch: „daß denkbarerweise B keinem C zukommt.“ Die griechischen Worte +sind doppelsinnig. + +[119] Kein Mensch ist weiß; möglicherweise kein Pferd weiß. Daraus wird +durch Umkehrung: möglicherweise jedes Pferd weiß. So haben wir die +Prämissen wie in A. 118. Und so folgt wieder dasselbe, daß kein Pferd +ein Mensch sein kann. v. Kirchmann übersetzt diesmal das τὸ β τῷ γ +ἐνδέχεται υνδενὶ ὑπάρχειν Zeile 33 f. falsch: „daß B statthafterweise +in keinem C enthalten ist“. + +[120] Jedes Sinnenwesen kann gesund sein; jeder Mensch ist gesund; +jeder Mensch ist möglicherweise kein Sinnenwesen. -- Jedes Pferd kann +gesund sein; jeder Mensch ist gesund; jeder Mensch ist möglicherweise +ein Pferd. + +[121] Siehe Anmerkungen 117 f. + +[122] Kein Mensch weiß, möglicherweise manches Pferd nicht weiß, oder: +möglicherweise manches Pferd weiß; also kann manches Pferd kein Mensch +sein; s. A. 119. -- Mancher Mensch nicht weiß; möglicherweise manches +Pferd weiß. Es folgt nicht: manches Pferd kann ein Mensch sein, da +das unmöglich ist, und nicht: manches Pferd kann kein Mensch sein +oder ist möglicherweise keiner, da es notwendig keiner ist. -- Silv. +Maurus gebraucht andere Begriffe, da doch nach Ar. der Beweis durch +dieselben Begriffe gehen soll. -- Man könnte hier, wie in analogen +früheren Fällen, vgl. A. 115, versucht sein, einzuwenden, zu dem Satz: +manches Pferd kann ein Mensch sein, sei das Kontradiktorium nicht: +manches Pferd kann kein Mensch sein, sondern: es kann nicht manches +Pferd ein Mensch sein. Aber Aristoteles hat nur den Schlußsatz im +Auge, der Mögliches aussagt, und so behauptet er mit Recht: man kann +nicht sagen, daß möglicherweise manches Pferd ein Mensch ist, und auch +nicht, daß möglicherweise manches Pferd kein Mensch ist. Er hatte ja +schon 37 a 38 gesagt, der Schluß müsse in bestimmten Fällen auf das +ἐνδέχεσθαι, möglich sein, gehen, und wenn er beifügt, er müsse entweder +bejahend oder verneinend sein, so meint er damit nicht die Bejahung +oder Verneinung der Möglichkeit, sondern umgekehrt die Möglichkeit der +Bejahung und der Verneinung. + +[123] In diesem Kapitel wird die Regel im dritten Absatz von K. 17 +bewiesen. + +[124] Es ist notwendig, daß kein Mensch ein Pferd ist; es ist möglich, +daß jedes Wache ein Pferd ist; also ist möglich, daß kein Waches ein +Mensch ist. Beweis. Der Obersatz wird umgekehrt in: es ist notwendig, +daß kein Pferd ein Mensch ist. Dann folgt die Konklusion in Celarent. + +[125] Es ist möglich, daß jedes Weiße ein Pferd ist; es ist notwendig, +daß kein Mensch ein Pferd ist; also ist möglich, daß kein Mensch weiß +ist. Beweis. Der Untersatz wird umgekehrt und zum Obersatz gemacht. +Dann folgt in Celarent: es ist möglich, daß kein Weißes ein Mensch oder +daß kein Mensch weiß ist. Aus denselben Prämissen folgt in Camestres: +kein Mensch ist weiß. Denn gesetzt, ein Mensch sei weiß, so folgt +hieraus und aus dem Obersatz: notwendig ist kein Mensch ein Pferd, in +der 3. Figur und in Ferison: notwendig ist ein Weißes kein Pferd, im +Widerspruch mit der Prämisse: es ist möglich, daß jedes Weiße ein Pferd +ist. + +[126] Es folgt erstens kein kontingenter Schlußsatz. Beispiel. Es ist +möglich, daß kein Mensch weiß ist; es ist notwendig, daß jeder Schwan +weiß ist. Es folgt nicht, daß möglicherweise jeder oder ein Schwan +ein Mensch ist, und auch nicht, daß möglicherweise jeder oder ein +Schwan kein Mensch ist. Denn das Erste ist unmöglich und das Zweite +ist notwendig. Zweitens folgt kein notwendiger Schlußsatz. Denn einmal +folgt nach K. 17, Abs. 3 kein Schlußsatz, wenn nicht beide Prämissen +notwendig sind oder doch die verneinende, aber in unserem Falle ist +es nur die bejahende. Und dann läßt es sich, und zugleich, daß kein +tatsächlicher Satz folgt, so zeigen. Für bejahende Schlußsätze an +den vorhin angenommenen Begriffen. Man setze: möglicherweise ist +kein Mensch weiß; notwendig ist kein Schwan weiß, so folgt nicht: +notwendig oder tatsächlich ist jeder oder mancher Schwan ein Mensch. +Für verneinende Schlußsätze läßt sich an den Begriffen Bewegung, +Sinnenwesen, wach zeigen, daß möglicherweise beide Prämissen wahr +sind und der Schlußsatz falsch. Man setze: möglicherweise bewegt sich +kein Sinnenwesen; notwendig bewegt sich jedes Wache, so folgt nicht: +notwendig oder tatsächlich ist kein Waches ein Sinnenwesen oder manches +Wache keines. + +[127] Notwendig ist kein Mensch ein Pferd; möglicherweise ist kein +Weißes ein Pferd, oder: möglicherweise ist jedes Weiße ein Pferd. Man +erhält nach Absatz 2, vgl. Anm. 124, den Schluß: möglicherweise kein +Weißes ein Mensch. -- Für den Fall, daß die Verneinung bei C steht, +vgl. Anm. 125. + +[128] Es folgt kein verneinender Schlußsatz, weil keine Prämisse +verneinend ist, aber auch kein bejahender Schlußsatz. Beispiel. +Notwendig jeder Schwan weiß, möglicherweise jeder Mensch weiß. Es folgt +nicht: jeder oder mancher Mensch ein Schwan, oder: es ist so notwendig +oder möglich. Dieses Beispiel zeigt auch, daß kein streng kontingenter +verneinender Satz folgt, wie: möglicherweise ist kein Mensch ein +Schwan, oder: ist mancher Mensch kein Schwan. + +[129] Vgl. Kap. 16, Anm. 106. + +[130] Man vergleiche zu diesem und dem vorausgehenden Absatz die Anm. +72 f. + +[131] Möglicherweise ist kein Mensch logisch gebildet; möglicherweise +ist kein Mensch musikalisch gebildet; also ist möglicherweise ein +musikalisch Gebildetes kein logisch Gebildetes. Beweis: man kehrt den +Untersatz nach Kap. 13, Anm. 65 um in: möglicherweise ist jeder Mensch +musikalisch gebildet. Dann hat man einen Schluß in Felapton. Man kann +aber auch noch den Obersatz so umkehren und erhält einen Schluß in +Darapti: möglicherweise ist ein musikalisch Gebildetes ein logisch +Gebildetes. Beide Schlüsse sind nach den beiden vorhergehenden Absätzen +gültig. + +[132] Vgl. zu diesem und dem vorausgehenden Absatz Kap. 14, Abs. 6 +und Anm. 72. Ist der Obersatz partikulär und der Untersatz allgemein, +so kehrt man den Obersatz um und macht ihn zum Untersatz. Beispiel: +ein Mensch kann schlafen; jeder Mensch kann musikalisch sein. Daraus: +jeder Mensch kann musikalisch sein; ein Schlafendes kann ein Mensch +sein. Also kann ein Schlafendes musikalisch sein oder ein Musikalisches +schlafen. + +[133] Möglicherweise kein Mensch musikalisch; möglicherweise ein Mensch +logisch geschult; also möglicherweise ein logisch Geschultes nicht +musikalisch. Beweis: der Untersatz wird umgekehrt in: möglicherweise +ein logisch Geschultes ein Mensch. Dann folgt der Schlußsatz nach Kap. +14, Abs. 6. + +[134] M. W. kein Mensch musikalisch; m. W. ein Mensch nicht logisch +geschult. Daraus: m. W. ein Mensch logisch geschult. Dann hat man den +vorigen Fall. + +[135] Es folgt kein negativer Schlußsatz. Sagt man: m. W. ist ein +Weißes kein Sinnenwesen; m. W. ist ein Weißes ein Mensch, so folgt +nicht: möglicherweise oder tatsächlich oder notwendig ist ein Mensch +kein Sinnenwesen. Es folgt auch kein affirmativer Schlußsatz. Sagt man: +m. W. ist ein Weißes kein Pferd: m. W. ist ein Weißes ein Mensch, so +folgt nicht: möglicherweise oder tatsächlich oder notwendig ist ein +Mensch ein Pferd. + +[136] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; jeder Mensch kann musikalisch +sein, also kann ein Musikalisches ein Sinnenwesen sein. Man kehre den +Untersatz um in: ein Musikalisches kann ein Mensch sein. Dann folgt +der Schlußsatz nach Kap. 15, 35 a 35 ff. u. Anm. 89. -- Jeder Mensch +kann musikalisch sein; jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; also kann ein +Sinnenwesen musikalisch sein. Man kehre den Untersatz um in: einige +Sinnenwesen sind Menschen. -- Das erste Beispiel könnte besser gewählt +sein. Denn der Satz: ein Musikalisches kann ein Mensch sein, ist nicht +richtig: es muß einer sein. + +[137] Kein Mensch ist weiß (es ist zwar nicht wahr, aber nicht +unmöglich); jeder Mensch kann wachen; also kann es sein, daß +ein Wachendes nicht weiß ist. -- Möglicherweise ist kein Mensch +musikalisch; jeder Mensch ist weiß (es ist zwar nicht wahr, aber nicht +unmöglich); also ist möglicherweise ein Weißes nicht musikalisch. Man +kehrt den Untersatz um in: ein Weißes ist ein Mensch, so folgt der +Schlußsatz nach Kap. 15, 35 a 30 ff. und Anm. 88. + +[138] Man kehrt die kontingente Verneinung um in Bejahung. Dann erhält +man einen Schluß; vgl. die vorige Anmerkung. + +[139] Möglicherweise ist jeder Mensch musikalisch; einige Menschen sind +logisch geschult oder einiges logisch Geschulte ein Mensch; also ist m. +W. ein logisch Geschultes musikalisch. + +[140] Es ist möglich, daß einige Menschen nicht gebildet sind; jeder +Mensch bewegt sich; also ist es möglich, daß einiges Bewegte nicht +gebildet ist. Denn sonst wäre jedes Bewegte und somit alle Menschen +notwendig gebildet. + +[141] Vgl. Kap. 16, vorletzter Absatz, und Anm. 106. + +[142] Der Fall, bzw. die beiden Fälle, werden auf die erste Figur und +Kap. 16 zurückgeführt, indem je eine Prämisse nach Subjekt und Prädikat +umgekehrt wird; vgl. Anm. 96 f. + +[143] Möglicherweise ist kein Mensch weiß; notwendig ist jeder Mensch +ein Sinnenwesen (oder manches Sinnenwesen ein Mensch); also ist m. W. +manches Sinnenwesen nicht weiß. + +[144] Notwendigerweise ist kein Sinnenwesen eine Pflanze; +möglicherweise ist jedes Sinnenwesen weiß (oder manches Weiße ein +Sinnenwesen); also ist m. W. manches Weiße keine Pflanze. Darüber, +daß auch tatsächlich manches Weiße keine Pflanze ist, da tatsächlich +manches Weiße ein Sinnenwesen ist, vgl. Kap. 16, Abs. 3, Anm. 94. +Aristoteles sagt Z. 40 a 30 ff.: die Folge war, daß A einem C +nicht zukam, indem er C statt B sagt, entsprechend der Bedeutung +der Buchstaben in der 1. Figur. Dann sagt er: deshalb kommt A auch +notwendig einem B nicht zu, und nimmt hier die Buchstaben, wie sie in +der 3. Figur üblich sind. Notwendig bedeutet folgerichtig. + +[145] Notwendig ist jeder Mensch ein Sinnenwesen: möglicherweise ist +kein Mensch weiß oder jeder Mensch weiß oder manches Weiße ein Mensch; +also ist möglicherweise manches Weiße ein Sinnenwesen. + +[146] Man erhält keine negative Konklusion. Beispiel. Möglicherweise +schläft jeder Mensch; notwendig ist kein Mensch ein schlafendes Pferd. +Hier folgt nicht: es ist möglich, daß kein schlafendes Pferd schläft +oder manches schlafende Pferd nicht schläft. Man erhält auch keine +affirmative Konklusion. Beispiel. Möglicherweise schläft jeder Mensch; +notwendig ist kein Mensch ein wachendes Pferd. Hier folgt nicht: es ist +möglich, daß jedes oder manches wachende Pferd schläft. + +[147] Vgl. den vorigen Abs. und Anm. 144. +Bender+ übersetzt die Zeile +40 b 4, offenbar durch die Stellung des καὶ im Satz irregeführt, sinn- +und stilwidrig: „so wird auch der Schlußsatz das einfache Nichtsein +enthalten.“ Aber warum heißt es dann „auch“, und worauf soll sich +dieses „auch“ beziehen? +v. Kirchmann+ läßt das „auch“ unübersetzt und +überträgt; „so lautet der Schlußsatz auf das einfache Nichtsein.“ Dann +versichert er von diesem Satze und seinem Beweis, aus Mißverständnis, +in der Erläuterung 136 c, daß sie bezweifelt werden müßten. + +[148] Vergl. Anm. 145 f. + +[149] Die Lehre von der Errichtung der Schlüsse mit kontingenten +Prämissen, wie sie von Aristoteles K. 13–22 vorgetragen worden ist, +wird nicht nur von Herrn +v. Kirchmann+, sondern auch von +Heinr. +Maier+ in seiner +Syllogistik+ d. Ar. bemängelt. „Man wird,“ so +schreibt er, „nicht leugnen können, daß die aristotelische Theorie +der Möglichkeitsschlüsse nicht überall mit gleichmäßiger Exaktheit +durchgebildet ist. Nachlässigkeiten, Inkonsequenzen, Willkürlichkeiten, +ja wirkliche Verstöße sind uns wiederholt begegnet. Gewiß ist, +daß wiederum schon die +Theophrastische Schule+ an vielen Punkten +Berichtigungen für notwendig hält, ohne daß sie eine prinzipielle +Umbildung der aristotelischen Logik beabsichtigen würde. Theophrast +überträgt den Grundsatz, daß im Syllogismus der Schlußsatz stets +der schwächeren Prämisse folge, auch auf die Möglichkeitsschlüsse. +So ergibt sich unmittelbar die allgemeine Regel, daß in +sämtlichen +Kombinationen, die eine Möglichkeitsprämisse enthalten, der Schlußsatz +ein Möglichkeitsurteil sein müsse+“, a. a. O. 206. Ähnlich hatte Maier +Anstoß genommen an der Behauptung, vgl. oben K. 9, Anm. 50–52, daß aus +einer notwendigen und einer tatsächlichen Prämisse ein notwendiger +Schlußsatz hervorgehen kann. „Die aristotelische Lehre“, sagt er, +„daß aus gewissen Verbindungen mit tatsächlichen Prämissen notwendige +Schlußsätze hervorgehen, hat im Altertum eine lebhafte Kontroverse +hervorgerufen. Auch hier weichen schon die Schüler des Aristoteles, ++Theophrast+ und +Eudem+, vom Meister ab. Ihre Theorie, die in der +älteren peripatetischen Schule und zum Teil auch in der Akademie zur +Geltung kam, ist, das in den Syllogismen, in denen die eine Prämisse +notwendig, die andere tatsächlich ist, sich nur ein tatsächlicher +Schluß gewinnen lasse“, a. a O. 125. Hier nimmt Maier freilich noch +nicht bestimmt Stellung, vgl. 136, letzter Abs., wohl aber deutet er +S. 217 am Schluß des 2. Kapitels seinen ablehnenden Standpunkt an, +um später genauer auf die Sache einzugehen. Man muß aber gleichwohl +sagen, daß Aristoteles recht hat. Ich verweise auf die Anm. 98. Das +dort Gesagte kann auch auf bestimmte Schlüsse mit einer notwendigen +und einer tatsächlichen Prämisse angewandt werden. Maier bringt S. 126 +unter verschiedenen Beispielen für Syllogismen mit einem tatsächlichen, +nicht notwendigen Schlußsatz an letzter Stelle dieses: allem Gehenden +kommt notwendig Schenkelbewegung zu; aller Mensch geht tatsächlich; +allem Menschen kommt tatsächlich, nicht notwendig Schenkelbewegung zu. +Aber dem ist nicht so. Diese Bewegung muß der Mensch haben, als animal +gressile, durch Gehen sich fortbewegendes Wesen, da ohne sie kein Gehen +sein kann, wenn auch, falls alle Menschen einmal tatsächlich gingen, +dies nur zufällig wäre. Anders ist es mit den anderen Beispielen, +wie etwa mit diesem: alles der Grammatik Kundige besitzt notwendig +Wissenschaft; aller Mensch ist tatsächlich der Grammatik kundig; aller +Mensch besitzt tatsächlich, nicht notwendig Wissenschaft. Es ist nicht +notwendig, daß der Mensch Wissenschaft hat, da, wenn auch alle Menschen +der Grammatik kundig sind, sie es doch nur zufällig sind. + +[150] Dieses widersprechende Ergebnis mag nach Ar. daraus abgeleitet +werden, daß, da die Summe der Quadrate der beiden Katheten eines +rechtwinkligen Dreiecks dem Quadrate der Hypotenuse gleich ist, +trotzdem das eine durch eine grade, das andere durch eine ungrade Zahl +dargestellt wird, wenn man Hypotenuse und Kathete kommensurabel sein +läßt. + +[151] Im Griechischen: die anderen Kategorien. Damit ist nicht, wie ++v. Kirchmann+ annimmt, der Unterschied der Quantität gemeint, von dem +schon die Rede war; auch nicht, wie +Alexander+ für möglich hält, daß +eine Prämisse falsch oder unmöglich ist. Denn das ist einmal keine +Kategorie, und dann ist es in dem gedachten Falle nicht notwendig, +daß auch der Schlußsatz falsch oder unmöglich ist. Auch ist wohl +nicht mit A. daran zu denken, daß eine Prämisse auf das meistenteils +Geschehende oder Geltende lautet, was schon in „möglichst“ einbegriffen +ist. Vielmehr scheinen, was A. als letzte Möglichkeit bezeichnet, die +verschiedenen Kategorien gemeint, die Quantität, die Qualität usw. Wenn +der Schlußsatz auf die Quantität geht, muß auf sie auch wenigstens eine +von den Prämissen gehen. + +[152] Der bloßen Anlage nach, δυνατόν, wenn der Schluß nicht vollkommen +ist. + +[153] Der Satz, daß +ein+ Schluß nur drei Begriffe hat, wird so +bewiesen. Im 1. Absatz wird der Obersatz bewiesen: kein Schluß, der +dieselbe Konklusion entweder durch mehr Begriffe oder durch eine +vermittelnde Konklusion gewinnt, ist +ein+ Schluß; im 2. Abs. wird der +Untersatz bewiesen: hat ein Schluß mehr als drei Begriffe, so gewinnt +er dieselbe Konklusion entweder durch mehr Begriffe oder durch eine +vermittelnde Konklusion. Daß z. B. der Mensch lacht, kann man einmal +entweder daraus beweisen, daß er vernünftig ist, oder daß er weint, und +dann stufenweise, in dem man zuerst zeigt, daß er vernünftig ist, und +dann, daß das Vernünftige lacht. + +[154] Der Begriffe sind drei, also sind sie der Zahl nach ungrad. +Der Hauptprämissen sind zwei, also sind sie der Zahl nach grad. Der +Schlußsatz ist einer, also sind der Schlußsätze um die Hälfte weniger +als der Prämissen. -- Dieses ist ein zweites Korollarium zu dem +Hauptsatze des Kap. Das erste brachte der vorausgehende Absatz. Zwei +weitere bringen die zwei letzten Absätze. + +[155] Wenn es heißt, daß der Sätze um einen weniger sind als der +Begriffe, so sind unter Sätzen, διαστήματα, die unmittelbaren +Prämissen zu verstehen, die nicht noch durch einen Prosyllogismus +oder vorgängigen Schluß bewiesen werden. Ein weiterer Begriff wird +neben den anderen oder von außen, als nicht kontinuierlicher oder +stetiger Begriff, zugesetzt, wenn er entweder über dem Oberbegriff +oder unter dem Unterbegriff steht. Er wird zwischen die anderen oder +innerhalb ihrer als kontinuierlich gesetzt, wenn er zwischen dem +Mittelbegriff steht. Nach Silvester Maurus. Man sieht, daß es nach +dieser Erklärung Zeile 42 b 6 heißt: μέσων μὴ συνεχῶν, und daß das +μὴ nicht gestrichen werden darf, wie Julius Pacius, Waitz und Bender +wollen. Man sieht auch, was die Worte im Anfang des Absatzes wollen: +„durch Prosyllogismen oder durch mehrere, nicht kontinuierliche +Mittelbegriffe“: sind die Mittelbegriffe kontinuierlich, so sind es +Prosyllogismen, die die Konklusion vorbereiten. + +[156] In nicht einfachen Syllogismen verhält sich die Zahl der Begriffe +und Prämissen zu der Zahl der Konklusionen nicht so wie in einfachen, +sondern mit jedem neuen Begriff kommen so viele neue Konklusionen +hinzu, als, mit Ausnahme von einem, der Begriffe sind. So erhält man +denn viel mehr Konklusionen, als der einfache Schluß Begriffe und +Prämissen hat. + +[157] Die Kapitel 27–31 bilden den 2. Teil des 1. Buches der Ersten +Analytik und handeln von der Auffindung des Mittelbegriffs. + +[158] Von dieser letzten Art ist, wie im folgenden Absatz gesagt wird, +dasjenige, wonach die Wissenschaft in der Regel fragt und was sie +schlußweise ermitteln will. Sie fragt nicht, wovon das Konkreteste und +nicht, was vom Allgemeinsten gilt. Zu der Unterscheidung des Seienden +bezüglich der Prädizierung vergleiche man das 2. Kap. der Kategorien. + +[159] Was wir übersetzt haben mit: „in dialektischer Weise“, heißt bei +Ar.: κατὰ δόξαν. Man kann z. B. zeigen, daß es auch den obersten Genera +zukommt, eins und seiend zu sein; nach Alexander, der an den Satz der +Topik 1, 2 erinnert: „Die Dialektik ist eine Kunst der Erfindung und +darum beherrscht sie den Weg zu den Prinzipien aller Wissenschaften.“ + +[160] Von dem, was einem Ding folgt oder zukommt, gehört das eine +zu seiner Wesenheit oder seinem Begriff, wie z. B. daß das Dreieck +eine gradlinige geschlossene Figur mit drei Seiten ist, anderes +ist Proprium, wie z. B. daß das ebene Dreieck eine Winkelsumme von +zwei Rechten hat, anderes ist Akzidenz, wie z. B. daß ein Dreieck +gleichseitig oder gleichschenklig ist. Einiges kommt einem Ding in +Wahrheit, einiges auf Grund der eigenen oder der fremden Meinung zu. +Dieses heißt δοξαστῶς, entsprechend dem vorausgehenden κατὰ δόξαν, +siehe die vorige Anmerkung. + +[161] Vgl. Perihermenias 7, 17 b 12 ff.: „Wird von allgemein Gefaßtem +das Allgemeine ausgesagt, so ist das unwahr. Denn keine Bejahung, in +der von allgemein Gefaßtem das Allgemeine ausgesagt wird, kann wahr +sein. Als Beispiel diene der Satz: jeder Mensch ist jedes Sinnenwesen.“ + +[162] Will man finden, was der Art folgt, so darf man sich nicht an +die Gattung halten, und ebenso nicht, wenn man finden will, wem die +Art folgt. Das ist z. B. bei Mensch lachen. Auf lachen folgt zwar auch +animalisches Wesen, aber nur mittelbar, unmittelbar folgt darauf Mensch. + +[163] Um den Schlußsatz zu gewinnen: jeder Mensch ist lebend, sieht +man, worauf lebend folgt: auf animalisches Wesen, und, was auf Mensch +folgt: wieder animalisches Wesen; also ist dieses ein Mittelbegriff für +den Schluß. + +[164] Um den Schlußsatz zu gewinnen: manches animalische Wesen ist +vernünftig, sieht man, worauf vernünftig und animalisches Wesen folgt: +beides folgt auf Mensch; also ist dieses ein Mittelbegriff für einen +Schluß in der dritten Figur. + +[165] Um den Schlußsatz zu gewinnen: kein Mensch ist ein Pferd, sieht +man bei Mensch auf das, was ihm folgt: vernünftig, und bei Pferd auf +das, was ihm nicht beiwohnen kann; wieder vernünftig. So folgt in der +2. Figur: Kein Pferd ist vernünftig; jeder Mensch ist vernünftig; also +ist kein Mensch ein Pferd. Oder man schließt in der Figur, indem man +den Obersatz umkehrt: kein Vernünftiges ist ein Pferd; jeder Mensch +ist vernünftig; also ist kein Mensch ein Pferd. Man kann aber auch +umgekehrt bei Mensch sehen, was ihm nicht beiwohnen kann: unvernünftig, +und bei Pferd, was ihm folgt: unvernünftig, so ergibt sich der Schluß +in der 2. Figur: jedes Pferd ist unvernünftig; kein Mensch ist +unvernünftig; also kein Mensch ein Pferd. + +[166] Um den Schlußsatz zu gewinnen: manches animalische Wesen ist +nicht vernünftig, sieht man bei: manches animalische Wesen, was ihm +folgt: Tier, und bei vernünftig, was ihm nicht beiwohnen kann: Tier. +Dann errichtet man den Schluß in der 3. Figur: kein Tier vernünftig; +jedes Tier an. Wesen; also manches an. Wesen nicht vernünftig; oder in +der 1. Figur, indem man den Untersatz umkehrt in: manches an. Wesen ein +Tier. + +[167] A sei Körper, B Substanz, C Element, D Geist; wieder: E Erde, +F Element, G schwer und trocken, H leicht. C ist mit F identisch. +Also kommt Körper notwendig jeder Erde zu. Denn Element kommt jeder +Erde zu und Körper jedem Element, demnach, wenn man die Prämissen +umstellt, in Barbara: jede Erde ist ein Körper. Von den früheren +Erklärern hat niemand für die sämtlichen Buchstaben dieses Absatzes +Begriffe eingesetzt. Denn es zeigt sich, daß man für die folgenden +Absätze mit den Begriffen wechseln muß. In unserem Absatze galt es, +den Mittelbegriff für einen allgemein bejahenden Schlußsatz zu finden, +im folgenden für einen partikulär bejahenden. Darum müssen C und +G identisch sein: das, worauf A und das worauf E folgt. -- Zu den +folgenden 4 Abs. sind Abs. 2–4 dieses Kapitels zu vergleichen. + +[168] Eine zusätzliche Regel, um einen partikulär bejahenden Schlußsatz +zu gewinnen! Er heiße: manches Lebende ist ein Mensch. B, animalisches +Wesen, sei mit C identisch, folge auf Mensch und ihm selbst folge +lebend. So gilt denn: jedes an. W. lebt; jeder Mensch ein an. Wesen; +also jeder Mensch lebt, also auch: manches Lebende ein Mensch. + +[169] Eine Anweisung bezüglich der 1. Regel, vgl. A. 163. Man muß aus +dem, was auf das Subjekt folgt, als Mittelbegriff das Allgemeinste +wählen, wenn nur darauf das Prädikat folgt. Um z. B. den Schlußsatz zu +gewinnen: jeder Mensch ist eine Substanz, muß man nicht animalisches +oder lebendes, sondern körperliches Wesen verwenden und sagen: jedes +körperliche Wesen ist eine Substanz; jeder Mensch ist ein körperliches +Wesen; also jeder Mensch eine Substanz. Denn wenn das Prädikat auf das +Allgemeine folgt, muß es auch auf das Besondere folgen, das unter ihm +begriffen ist. Wenn es aber auf das Besondere folgt, braucht es nicht +auf das Allgemeine zu folgen; wenn z. B. auf sinnlich lebendes Wesen +Gefühl folgt, braucht es nicht auf körperliches oder auf lebendes Wesen +zu folgen. Die toten Körper und die Pflanzen haben ja kein Gefühl. + +[170] Vgl. Kap. 5 und Anm. 22; vergl. auch Kap. 27 Ende. + +[171] Die Regeln zur Auffindung des Mittelbegriffs, die hier abgelehnt +werden, sind: 1) wenn das, was auf das Subjekt und das, was auf das +Prädikat folgt, sich ausschließt, kann ein allgemein verneinender, 2) +wenn das, was auf das Prädikat folgt und dem Subjekt vorangeht, sich +ausschließt, kann ein partikulär verneinender Satz gefolgert werden. +Sie werden abgelehnt 1) weil der Mittelbegriff einer sein soll, 2) weil +sie auf die früheren Regeln zurückgehen und ohne sie nicht gelten. + +[172] Die hypothetischen Schlüsse sind, wie wir schon wissen, gegenüber +den apagogischen die Gattung. Sie legen einen Satz zugrunde, auf +den das Gewollte folgt, und beweisen ihn. Dieser Satz ist entweder +anerkannt als das Gewollte oder er sagt die Qualität eines bestimmten +Subjekts aus, von der man annimmt, daß auch Verwandtes sie hat. Für +solche Schlüsse sind die gewöhnlichen, schon aufgestellten vier oder +fünf Regeln maßgebend. Man muß aber auch diese Schlüsse nach Quantität +und Qualität unterscheiden. + +[173] Nach den aufgestellten Regeln gewinnt man einen partikulär +bejahenden Schlußsatz, wenn der Mittelbegriff das Prädikat und +das Subjekt nach sich zieht. Läßt man ihn aber zugleich mit dem +Subjekt umkehrbar sein, so gewinnt man vermittelst seiner auch einen +allgemein bejahenden Satz. Beispiel: alles Vernünftige (rationale) +ein Sinnenwesen; alles Vernünftige ein Mensch; also mancher Mensch +ein Sinnenwesen. Weil aber vernünftig mit Mensch konvertibel ist, so +kann der Untersatz allgemein umgekehrt werden in: jeder Mensch ist +vernünftig, und dann folgt: jeder Mensch ist ein Sinnenwesen. Ebenso +gewinnt man einen partikulär verneinenden Satz, wenn der Mittelbegriff +dem Prädikat widerstreitet, aber das Subjekt nach sich zieht, aber +einen allgemein verneinenden Satz, wenn er mit dem Subjekt konvertibel +ist. Beispiel: kein Vernünftiges ein Pferd; alles Vernünftige ein +Mensch. Die Buchstaben sind aus Kap. 28 genommen, vgl. Anm. 167. + +[174] Solches, was nicht ist, aber sein kann, ist ein Kontingentes im +strengen Sinne: quod potest esse et non esse; mit den sonstigen Weisen +der Aussage, „den anderen Kategorien“, wie es im Text heißt, sind +die Sätze über Tatsächliches, aber Zufälliges, und über Notwendiges +gemeint; das „in derselben Ordnung“ geht auf die Reihenfolge in Kap. +28, vgl. Anm. 167. + +[175] Dieses Kapitel bildet eine Art Ruhepunkt und schließt das +Bisherige ab, da das folgende, 31. Kapitel nur eine nachträgliche +Ergänzung bringt. Die Regeln für die Errichtung der Schlüsse und die +Auffindung des Mittelbegriffs sind erledigt, und so folgt denn eine +Erwägung über die Bedeutung und Tragweite dieser Regeln: sie finden +ihre Anwendung im ganzen Umfang des menschlichen Wissens und Forschens; +denn hier gilt es überall, durch den Schluß aus vorhandenen Daten +neue Erkenntnisse zu gewinnen und demgemäß den Schluß selbst so zu +fassen, daß er dieser Bestimmung entspricht: die aufgewandte Mühe, +um die Gesetze der Syllogistik zu finden, ist also nicht vergeblich +gewesen! -- Was in diesem Kapitel von den Prinzipien steht, ist +bemerkenswert, weil es klar zeigt, was auch unter den Prinzipien 2. +Anal. 2, 19 zu verstehen ist: es sind die eigentümlichen Prinzipien der +Einzelwissenschaften, wobei Prinzip im weiteren Sinne zu nehmen ist, +gemäß dem es nicht bloß die ersten Grundsätze, sondern auch selbst den +Begriff der betreffenden Disziplin umfaßt. Mich hat lange und oft der +Zweifel beschäftigt, ob unter den dort genannten Prinzipien, ἀρχαί, +nicht etwa die höchsten Denkgesetze zu verstehen seien und somit nach +dem Ursprunge der allgemeinen Begriffe gefragt werde, mit denen die +Denkgesetze zugleich gegeben sind. Aber das vorliegende 30. Kapitel +zeigt zusammen mit dem Schluß der 2. Analytik und mit dem Anfang der +Metaphysik als dritter Parallelstelle, daß an die besonderen Prinzipien +der Einzelwissenschaften zu denken ist. -- Auf sie könnte man versucht +sein auch die Bemerkung am Schluß dieses 30. Kapitels zu beziehen, daß +das Nähere über die Auswahl der Prämissen in der Topik zu finden ist, +wenn auch hier sicher mit Prämissen nicht bloß die allerersten Sätze +einer Wissenschaft gemeint sind. Maier glaubt in seiner Syllogistik II +a 305, A. 1, diese Bemerkung treffe in Wahrheit nur auf die Prämissen +der dialektischen Schlüsse zu. Aber Aristoteles erklärt ausdrücklich +die Topik für zuständig, die Prinzipien aller Einzelwissenschaften zu +bestimmen. Man sehe Topik I, 1 f., besonders den letzten Absatz von +Kap. 2 und in unserer Übersetzung die Anm. 6 zum 1. B. Es sind z. B. +Metaphysik I, 2 wahrscheinliche Sätze, mittelst deren die Definition +der Metaphysik gewonnen wird. Am nächsten kommt man aber zweifellos +dem Sinn des A., wenn man ihm sagen läßt, das bisher Vorgetragene sei +das Erste, was zu beobachten sei, um die notwendigen Begriffe für ein +Beweisobjekt oder überhaupt einen Schluß zu finden; das noch weiter +Erforderliche, besonders wie man es angehen muß, um reichlichen Stoff +für die Begriffe zu sammeln, lehre die Topik. Man vergleiche hierzu die +Aporien, mehr oder minder wahrscheinliche Gründe, die im dritten Buche +der Metaphysik aufgestellt und erörtert werden, um dann in den späteren +Büchern die streng wissenschaftliche Untersuchung der Probleme folgen +zu lassen; vgl. auch in unserer Topik d. Ar. Einleitung VI. + +[176] Diese Verwahrung gegen das Beweisverfahren durch Einteilung kehrt +sich vielleicht gegen Plato, und dann nur, weil er nicht streng auf +die schulgerechte Form sah. Mit der Einteilung allein läßt sich nichts +beweisen, so lange nicht gezeigt ist, in welche Klasse der Einteilung +ein Ding gehört. Der Begriff eines Dinges läßt sich überhaupt nicht +beweisen, wie in der Folge gezeigt werden wird. Der Mittelbegriff +darf auch nicht allgemeiner sein als der Oberbegriff. Bei dem +Einteilungsverfahren ist er das aber. Wenn ich z. B. zeigen will, daß +Mensch die und die Art von Sinnenwesen ist, und als Mittelbegriff alle +verschiedenen Arten von Sinnenwesen verwende, so hat der Mittelbegriff +einen weiteren Umfang als der Oberbegriff. -- Von der Einteilung +handelt auch 2. Anal. 2, 5. + +[177] Von diesem Kapitel bis zum Schluß geht der dritte und letzte +Teil des 1. Buches: von der Reduktion der formlosen Begründungen auf +einen normalen Syllogismus. Die ersten zwei Kapitel handeln von der +Fassung der Prämissen, die folgenden von der Fassung oder Exposition +der Termini gemäß der in Abs. 3, Kap. 32 bezeichneten und begründeten +Methode. + +[178] Der Schluß lautete vollständig: eine Substanz kann nicht zugrunde +gehen, wenn das, womit sie zugrunde geht, nicht auch eine Substanz ist; +nun geht aber der Mensch mit dem Leibe zugrunde; also ist der Leib +Substanz. + +[179] Der Schluß oder die Schlüsse würden vollständig lauten: ist +Mensch, so ist sinnliches Wesen; nun ist Mensch; also sinnliches Wesen. +Wenn weiterhin sinnliches Wesen ist, ist Substanz; nun ist sinnliches +Wesen; also ist Substanz. + +[180] Ein Problem, d. h. ein zu beweisender Satz, der allgemein +bejahend ist, geht nur durch die erste Figur. Deshalb braucht man hier +nach den anderen Figuren nicht zu fragen. Kann der Schlußsatz aber +durch mehrere Figuren gewonnen werden, so ergibt die zutreffende sich +aus der Stellung des Mittelbegriffs. + +[181] Zu den Fällen des vorigen Kapitels, in denen kein schulgerechter +Schluß vorliegt, tritt ein weiterer: wenn die Begriffe zwar die rechte +Stellung haben und zwei Prämissen bilden, aber ohne daß eine von ihnen +allgemein ist. Die Folge kann sein, daß weder ein Schluß noch eine +wahre Konklusion herauskommt. Hieraus folgt die Reduktionsregel, daß +die Begründungen, um rechtmäßig zu sein, in einen Schluß mit einer +allgemeinen Prämisse müssen aufgelöst werden können. Es werden zwei +Beispiele eines scheinbaren Schlusses angeführt: 1. der denkbare +Aristomenes ist immer; Aristomenes ist ein denkbarer Aristomenes; +also ist Aristomenes immer. Hier müßte, wenn der Schlußsatz wahr und +rechtmäßig abgeleitet sein sollte, der Obersatz gelten: jeder denkbare +Aristomenes ist immer. Aber das ist unmöglich. Der denkbare Aristomenes +ist zwar als solcher selbstverständlich immer. Aber daß jeder denkbare +Aristomenes immer sein soll, ist eine Ungereimtheit. Hier gibt es kein +jedes; denn Aristomenes ist einer. 2. Mikkalos ist ein gebildeter +Mikkalos; der gebildete Mikkalos stirbt morgen; also stirbt Mikkalos +morgen. Hier mag der Schlußsatz wahr sein, aber der Schluß ist falsch. +Er erheischt die Prämisse: jeder gebildete Mikkalos stirbt morgen, was +nicht wahr und ein Unsinn ist. -- Es scheint nicht nötig, Zeile 47 b 26 +mit Waitz und Maier γὰρ st. ἄρα zu lesen. + +[182] Wenn derselbe Mensch, freilich zu verschiedenen Zeiten, krank und +gesund sein kann, so kann auch das Kranke per accidens gesund sein, wie +es im vorletzten Absatz hieß. Man kommt aber durch den Syllogismus in +der 3. Figur auf die Läugnung dieser Möglichkeit, wenn man Subjekt und +Zustand durcheinanderlaufen läßt. Die Stelle bereitet dem Verständnis +Schwierigkeit, weil sie zu sagen scheint, Gesundheit und Krankheit usw. +könnten sich gegenseitig zukommen. Es ist aber an das nachträglich +Genannte zu denken, das Konträre überhaupt. Denn Ar. sagt, wie +Gesundheit und Krankheit usw., so müßte auch das Konträre überhaupt +nicht voneinander ausgesagt werden können. + +[183] Für gleichschenkelig wird das Prädikat = 2 R durch das Wort +(ὄνομα) Dreieck vermittelt, für das Dreieck selbst aber nicht wieder +durch ein einzelnes Wort, da ein solches nicht existiert, sondern durch +eine Rede, d. i. durch den Beweis, daß der Außenwinkel des Dreiecks der +Summe der beiden gegenüberliegenden Dreieckswinkel gleich ist. + +[184] Es erscheint unbegründet, wenn +Maier+ II a 315 A. 1 hierzu +schreibt: „In b 12 lese ich mit Waitz und Alexander, welch letzterer +sich eingehend über diese Lesart äußert (362, 4 ff.): τοῦ δ’ ἀγαθοῦ +ἑστὶν ἡ σοφία ἐπιστήμη. Es liegt hier, wie öfters, eine Nachlässigkeit +des Aristoteles vor. In 27 oder vielmehr in 24–27 ist ihm ein +wirkliches Versehen passiert. Es liegt auf der Hand, daß die beiden +Begriffe des Obersatzes sich wie Subjekt und Prädikat verhalten“. -- +Auf diesen zweiten Punkt werde ich gleich zurückkommen. + +[185] Der Oberbegriff Gattung wird in der Konklusion von dem +Unterbegriff das Gute in recto ausgesagt, während die Prämissen beide +in obliquo aussagen: das, wovon es eine Wissenschaft gibt, ist Gattung; +von dem Guten gibt es eine Wissenschaft; also ist das Gute Gattung. +Es fragt sich also nicht, ob man auch mit Wahrheit sagen kann, daß +Wissenschaft Gattung ist, was ja keinen Zweifel leidet, sondern es +fragt sich um die Weise, wie in unserem Falle ausgesagt wird; vgl. d. +vor. Anm. + +[186] Man wolle es mir zugute halten, wenn ich hier, in lauter +trockenen logischen Zusammenhängen, eine Bemerkung über den „Theismus +des Aristoteles“ einschiebe. Das vorliegende, offenbar ganz unbefangen +gewählte Beispiel scheint mir blitzartig die Theologie des Philosophen +zu beleuchten. Gott ist ihm kein rein kontemplatives Wesen ohne jede +Tätigkeit nach außen. Wie könnte es für ein solches einen καιρός geben, +eine Gelegenheit? Wohl aber ist er das Wesen, das sich selbst genügt +und durch seine Tätigkeit keinen Zuwachs seiner Güte und Seligkeit +erhält. „Dixi Domino: Deus meus es tu, quoniam bonorum meorum non +eges“, Ps. 15, 2. + +[187] Was mit Reduplikation gemeint ist, erklären die Beispiele. Sagt +man: von der Gerechtigkeit gibt es eine Wissenschaft, so hat man keine +Reduplikation; sagt man aber: es gibt von ihr eine Wissenschaft, daß +sie ein Gut ist, so hat man eine. Die Reduplikation liegt eigentlich +in dem Ausdruck „gut als Gutes“. Es gibt eine Wissenschaft von der +Gerechtigkeit als einem Gute, aber die Gerechtigkeit ist nicht gut als +ein Gut. + +[188] +Maier+ übersieht 317 f. den Zusammenhang von Kap. 39 und 40 und +berichtet darum auch über Kap. 40 vor Kap. 39. + +[189] Das hat bezug auf Kap. 37: das Zukommen hat auch insofern einen +verschiedenen Sinn, als es eine verschiedene Zuteilung der Begriffe +gibt. Es ist ein Unterschied, ob das B, schön, nur einigem C, weiß, +zukommt, oder allem. Man sagt zwar auch im ersten Falle: B kommt dem C +zu; aber es braucht nicht jedem C zuzukommen. + +[190] Wenn A, etwa klug, dem B zukommt, aber nicht allem, wovon B +ausgesagt wird, so braucht A keinem C zuzukommen, mag nun B einigem +oder auch allem C zukommen: alle Weißen mögen schön sein, es braucht +deshalb kein Weißer klug zu sein, weil die Schönen, die klug sind, +nicht weiß zu sein brauchen. Wir erhalten nämlich die Prämissen: Ein B += A; ein oder alles C = B; hieraus folgt aber nach Kap. 4 kein Schluß, +weil der Obersatz in der 1. Figur nicht partikulär sein darf. Wenn aber +A allem zukommt, wovon B gilt, oder einfacher allem B, so gilt es auch +von allem, was seinem ganzen Umfang nach B ist: alle Weißen sind klug, +wenn alle Schönen klug und alle Weißen schön sind. Wir haben dann einen +Schluß in 1 a: alles B = A; alles C = B; also alles C = A. Ein dritter +Fall würde sich, wenn der Text stimmte, so stellen: C = B; alles C = +A. Das wären Prämissen, wie sie in der 3. Figur vorkommen. Wenn es nun +heißt: nichts hindert, daß dem C das B zukommt, so kann man das deuten: +nichts hindert, daß B allem C zukommt. Wenn es aber weiter heißt, daß +möglicherweise A nicht jedem oder gar keinem C zukommt, so ist das +gegenüber der Prämisse: alles C = A sinnlos, und wenn man etwa statt +des C das B denken wollte, so wäre das nach den Schlußregeln der 3. +Figur, vgl. Kap. 6, unrichtig. Es hat nun +Waitz+ I, 469 f. folgende +Auskunft getroffen: das Komma Z. 26 nach λέγηται fällt aus, und es +ergibt sich: „wenn jedoch A von dem gelten soll, wovon nach dessen +ganzem Umfang B gilt“, usw. Die Worte: wovon usw., sollen nämlich +denselben Sinn haben wie die Worte Z. 23: „von dem wahrheitsgemäß B +ausgesagt wird“, und der Gedanke hier nur der größeren Klarheit wegen +wiederholt und zum vorigen hinzugefügt werden. Denn wahrheitsgemäß +ausgesagt werden, soll bedeuten: im eigentlichen Sinne ausgesagt +werden; wie die Gattung von der Art, nicht per accidens, wie etwa schön +von weiß, S. 469. Ähnlich +Maier+ II a 319. Ich muß die Sache dahin +stehen lassen. + +[191] Davon, daß wir die Begriffe in der ekthetischen Linie graphisch, +durch Buchstaben, darstellen, nach +Maier+ a. a. O. 320. + +[192] Ein allgemein bejahender Schlußsatz wird nur in der ersten, ein +allgemeiner überhaupt nie in der dritten Figur gewonnen usw. Man muß +also, sei es bei der Haupt-, sei es bei der Zwischenkonklusion, hierauf +achten, um sie durch die rechte Figur zu leiten. -- Hier begegnet +uns eine weitere Verschiedenheit in der Zuteilung der Begriffe, vgl. +Kap. 37: ein Begriff wird dem anderen durch Vermittelung mehrerer +Syllogismen zugeteilt. + +[193] Die im Text angegebene Begründung für den Satz, daß nicht alles +Konträre unter +ein+ Vermögen fällt, ist falsch, also kein Beweis. +Daher verdient die von +Waitz+ rezipierte Variante den Vorzug. + +[194] Vgl. Anm. 150. + +[195] Geschieht 1. Anal. 2. B. und in der Topik, sofern sie lehrt, wie +man aus wahrscheinlichen Prämissen, deren Wahrheit also vorausgesetzt +wird, schließt. + +[196] Dies je ein Beispiel für Reduktion des verneinenden Schlusses in +der 1. auf die 2. Figur. + +[197] Von den Schlüssen der 2. Figur werden die beiden allgemeinen auf +die 1. zurückgeführt: Cesare durch Umkehrung des Obersatzes, Camestres +durch Umkehrung des Untersatzes, Umstellung der Prämissen und Umkehrung +des Schlußsatzes, vgl. Kap. 5, Abs. 3–5. Von den beiden partikulären +Schlüssen wird Festino auf Ferio durch Umkehrung des Obersatzes +zurückgeführt, vgl. Kap. 5, Abs. 9. Barocco kann auf die 1. Figur nicht +durch Umkehrung zurückgeführt werden. Denn der partikulär verneinende +Untersatz läßt sich überhaupt nicht umkehren, und der Obersatz nur in +einen partikulären Satz; zwei partikuläre Sätze ergeben aber keinen +Schluß. + +[198] Eine Schwierigkeit könnte Disamis bereiten, sofern man den +Obersatz umkehren muß. Aber weil man die Prämissen umstellen muß, wird +dieser zum Untersatz, vgl. Anm. 40. + +[199] +Maier+ macht in dankenswerter Weise darauf aufmerksam, daß auf +diesen Beweis für den bejahenden Charakter der Sätze mit unbestimmtem +Prädikat in Kap. 3 Ende, Zeile 25 b 24, im voraus hingewiesen worden +ist, Syllogistik II a 27 und Anm. 1, sowie S. 324 Anm. 1. + +[200] Etwas kann nicht zugleich A (weiß) und C (nichtweiß) sein, und +etwas kann zugleich B (nichtweiß) und D (kein nichtweißes) sein, weil B +und D reine Negationen sind. Besser ist vielleicht folgendes Beispiel: +B = kein weißes Holz, D = kein nichtweißes Holz. So kann B und D +zugleich Prädikat von Mensch sein. + +[201] Wenn es schwarze und weiße Menschen oder Tiere gibt, so gilt: +nicht alle sind oder nicht jeder oder jedes ist weiß, aber nicht: alle +sind oder jeder oder jedes ist nichtweiß, woraus wieder erhellt, daß +diese Aussagen verschieden sind. + +[202] Die drei angeführten Modi sind Celarent in der 1. und Cesare und +Camestres in der 2. Figur. + +[203] Bisher ist in diesem Kapitel gezeigt worden, wie sich die +bejahenden Sätze mit unbestimmtem und die verneinenden mit bestimmtem +Prädikat, oder einfacher die unbestimmten Bejahungen und die bestimmten +Verneinungen, logisch folgen. Jetzt werden hieraus vier Regeln für die +Folgerungen abgeleitet, die sich bei der Bejahung oder der Verneinung +des logischen Antecedens oder Consequens ergeben. Erste Regel: wenn +sich etwas wie Antecedens und Consequens verhält, so folgt auf das +Contradictorium des Consequens das Contradictorium des Antecedens. +Z. B. weil auf C (Mensch) A (animalisches Wesen) folgt, so folgt auf +B (nichtanimalisch) D (Nichtmensch). Zweite Regel: wenn sich etwas +wie Antecedens und Consequens verhält, ohne sich umkehren zu lassen, +so folgt auf das Contradictorium des Consequens das Contradictorium +des Antecedens ohne Möglichkeit der Umkehrung: was Mensch ist, ist +Sinnenwesen, aber was Sinnenwesen ist, ist nicht Mensch; also ist +zwar was kein Sinnenwesen ist, kein Mensch, aber von dem, was kein +Mensch oder was Nichtmensch ist, braucht nicht zu gelten, daß es +kein Sinnenwesen oder daß es Nichtsinnenwesen ist. Dritte Regel: das +Consequens kann zugleich mit dem Kontradiktorium des nicht umkehrbaren +Antecedens bestehen: Sinnenwesen folgt auf Mensch, nicht umgekehrt, +deshalb kann dasselbe zugleich Sinnenwesen und Nichtmensch sein. Vierte +Regel: das Antecedens kann nicht mit dem Kontradiktorium des Consequens +verbunden werden: dasselbe kann nicht Mensch und nichtanimalisch sein. +Diese vier Regeln werden in den folgenden vier Absätzen bewiesen, die +2. an 4. Stelle. + +[204] Das ist die Lösung eines sophistischen Einwurfs gegen die eben +bewiesene 2. Regel, nach der auf das Contradiktorium B des Antecedens +(nichtsinnlich) das Contradictorium D des Consequens (Nichtmensch), +aber nicht umgekehrt auf Nichtmensch nichtsinnlich folgt. Der Einwurf +will, daß auch auf Nichtmensch nichtsinnlich folgt. Denn das gemeinsame +Contradictorium von sinnlich und nichtsinnlich ist: weder sinnlich noch +nichtsinnlich, und auf dieses folgt: weder Mensch noch Nichtmensch. Nun +folgt aber nach der 1. Regel auf das Contradictorium des Consequens +das des Antecedens, also auf das Contradictorium von weder Mensch noch +Nichtmensch das von weder sinnlich noch nichtsinnlich. Contradictorium +von weder Mensch noch Nichtmensch ist aber auch: nicht Mensch. Also +folgt auf nicht Mensch das Contradictorium von weder sinnlich noch +nichtsinnlich. Aber davon ist das Contradictorium auch: nichtsinnlich. +Also folgt auf Nichtmensch nichtsinnlich. Die Lösung ist: das +Contradictorium von sinnlich kann nicht sein: weder sinnlich noch +nichtsinnlich. Denn Kontradiktorisches ist nicht zugleich falsch. Nun +ist es aber zugleich falsch, daß die Pflanze z. B. Sinne hat und daß +sie weder Sinne hat, noch nicht. + + +Zum zweiten Buche. + +[205] Der Inhalt des 1. Buches wird nach seinen drei Teilen +unterschieden. Die beiden „ferner“, ἔτι, grenzen die Teile deutlich +voneinander ab. Als Inhalt des 2. Teiles wird zu verstehen gegeben die +Auffindung des Mittelbegriffs bei bejahenden und verneinenden Sätzen, +die zur Erörterung stehen. Das „nach jedweder Methode“ geht auf die +Unterscheidungen in Kap. 28 f. + +206 Das 1. Buch der 1. Analytik hat die Schlüsse gleichsam in ihrer +Entstehung verfolgt, das 2. untersucht die schon errichteten Schlüsse +nach ihrer Tragweite und ihren Mängeln und führt gewisse Begründungen +auf den Schluß zurück. Die Tragweite der Schlüsse besteht zunächst +darin, daß +ein+ Schluß mehrere Schlußsätze ergeben kann. Aristoteles +geht in diesem Absatz ohne weiteres daran, dieses zu erklären. + +[207] Das gilt nicht nur für die bejahenden, sondern auch für die +verneinenden Konklusionen. Der Satz: kein Mensch ist ohne Gebrechen, +sagt etwas anderes aus als der Satz: viele Menschen sind nicht ohne +Gebrechen. + +[208] Die zwei ersten Modi der 1. Figur ergeben virtuell, daß man +den Oberbegriff auch in bezug auf alles, bejahend oder verneinend, +erschließen kann, was unter den Mittelbegriff und den Unterbegriff +fällt. Hat man z. B. von allem Lebenden durch den Mittelbegriff Körper +als Prädikat Substanz erschlossen -- der Schluß lautet: jeder Körper +ist Substanz; jedes Lebende ist ein Körper; also ist jedes Lebende +Substanz. Das Beispiel ist mangelhaft; weil alles (auf Erden) Lebende +nicht ein Körper ist, sondern einen Körper hat --, so folgt, daß auch +jeder Stein, weil er unter Körper, und jeder Mensch, weil er unter +lebend fällt, Substanz ist. Wenn man ebenso sagt: kein Lebendes ein +Stein, alles Animalische lebend, also kein Animalisches ein Stein, so +ist damit virtuell auch gesagt, daß keine Pflanze und kein Mensch ein +Stein ist, da Pflanze unter lebend fällt und Mensch unter animalisch. + +[209] Wenn es heißt: man kann in der 2. Figur nur auf das +schließen, was unter die Konklusion fällt, so ist mit Konklusion +selbstverständlich das Subjekt derselben gemeint. -- Daß das Prädikat +allem, was unter den Mittelbegriff fällt, nicht zukommen kann, ist +zwar wahr, folgt aber nur, wenn man den Obersatz des ursprünglichen +Schlusses umkehrt. + +[210] Beispiel: Jedes Sinnenwesen ist sterblich; manches Vernünftige +ist ein Sinnenwesen. Hier folgt nur: manches Vernünftige ist sterblich, +nicht alles, z. B. nicht die reinen Geister. Wohl aber folgt es für +alles, was unter den Mittelbegriff fällt, aber nicht auf Grund des +zuvor errichteten Schlusses. Dazu ist vielmehr der Schluß erforderlich: +jedes Sinnenwesen ist sterblich; alle Menschen und Tiere sind +Sinnenwesen; also sind sie alle sterblich. + +[211] Wenn es heißt, daß der aufgestellte Satz schon für die +allgemeinen Modi bewiesen worden ist, so sind die der 2. Figur gemeint, +von denen nach den allgemeinen Modi der 1. Figur die Rede war. Die +3. Figur hat keine allgemeinen Modi. Wenn nun der Satz für die +allgemeinen Modi gilt, dann auch für die partikulären. Ein Beispiel +in der 3. Figur: jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; jeder Mensch hat +Verstand; also ist manches, was Verstand hat, ein Sinnenwesen. Hier +kann Sinnenwesen nicht für alles gefolgert werden, was unter „Verstand +haben“ fällt, nicht für den reinen Geist, wohl aber für alles, was +unter Mensch fällt. Denn der Obersatz enthält virtuell einen dahin +gehenden Schluß. + +[212] Auf die Ausführung der Analytik, nach der man aus Falschem Wahres +schließen kann, wird in der +Topik+ hingewiesen, 8, 11. 162 a 11. Ein +Beispiel dafür, wenn auch nicht in regelrechter Schlußform sei: 2 > 3; +10 > 7, also 12 > 10, nach dem Grundsatz: Größeres zu Größerem addiert, +gibt Größeres. Die eine Prämisse, um sie so zu nennen, ist falsch. +Dennoch ist der Schluß formell richtig und der Schlußsatz materiell +wahr. Aber der Schluß ist kein Beweis, weil er nicht auf der Wahrheit +und dem Warum fußt: Um ein Beweis zu sein, müßte er etwa diese Fassung +haben: 4 > 3; 8 > 7; also 12 > 10. -- Vgl. unten Kap. 4, 57 a 44 ff. +und Anm. 17; auch 2. Anal. 1, 2. + +[213] Vgl. oben Kap. 46 gegen Ende die Regel: auf die Verneinung des +Consequens folgt die Verneinung des Antecedens, siehe Anm. 203. + +[214] Vgl. oben Kap. 15, 34 a 16 ff. + +[215] Beispiel für einen solchen Schluß, 1. in Barbara: jedes Weiße +ist ein Sinnenwesen: jeder Mensch ist weiß; also ist jeder Mensch ein +Sinnenwesen; 2. in Celarent: kein Weißes ein Sinnenwesen; jeder Stein +weiß; also kein Stein ein Sinnenwesen. + +[216] Ein Schluß in Barbara mit falscher Konklusion: Jedes Sinnenwesen +ein Stein; jeder Mensch ein Sinnenwesen; also jeder Mensch ein Stein. +Da der Obersatz ganz falsch ist, so ist das Kontrarium wahr: kein +Sinnenwesen ein Stein. Nimmt man dazu den Untersatz: jeder Mensch ein +Sinnenwesen, so folgt in Celarent: kein Mensch ein Stein. Wäre nun auch +der Schlußsatz wahr: jeder Mensch ein Stein, so wäre Konträres wahr. + +[217] Ein Schluß in Celarent mit falscher Konklusion: kein Mensch ein +Sinnenwesen; alles Lachende Mensch; also kein Lachendes ein Sinnenwesen +usw., wie in Anm. 12. Es wäre auch wahr: jedes Lachende ein Sinnenwesen. + +[218] Keine Klugheit ist ein Sinnenwesen; jede theoretische Tugend ist +Klugheit; also keine theoretische Tugend ein Sinnenwesen. + +[219] Bisher ist gezeigt worden, wie Wahres aus Falschem in den +allgemeinen Modi der 1. Figur geschlossen werden kann, jetzt wird +dasselbe von den partikulären Modi der 1. Figur behauptet und mit Bezug +auf die verschiedenen Fälle der Reihe nach erhärtet. + +[220] Wahl ist Zeile 35 durch ἔκθεσις ausgedrückt. Das griechische Wort +hat hier den weiteren Sinn von Wahl, Aushebung, nicht den engeren und +technischen, wie z. B. bei dem Reduktionsverfahren. + +[221] „Mit Notwendigkeit“ Z. 40 und „notwendig“ Z. 37 bedeutet nicht +nur, daß der Schluß notwendig folgt, denn das ist, auf Grund der +Definition des Schlusses, bei allen Schlüssen erforderlich, sondern daß +er von dem Zusammenhang der Dinge selbst gefordert wird. Man sehe auch +oben Anm. 8 und im Text Kap. 2, Abs. 2. +Silvester Maurus+ deutet an +beiden Stellen die Worte so, als ob der Schlußsatz nicht darum folgen +sollte, weil die Vordersätze falsch sind, was mir minder zusagt. Der +wahre Gedanke des Ar. ergibt sich aus dem, übrigens von Maurus richtig +wiedergegebenen Beweise in den zwei folgenden Absätzen, und auf diesen +Beweis nimmt auch die Stelle Kap. 2, Abs. 2 Bezug. Es kann unmöglich +gelten: wenn A weiß ist, ist B groß, und auch gelten: wenn A nicht weiß +ist, ist B groß, als ob sowohl die Weiße wie die Nichtweiße von A die +reale und objektive Ursache, das Warum, der Größe von B wäre. Denn dann +würde auch die offenbar unmögliche Folgerung gelten: wenn A groß ist, +ist A nicht groß. Denn was notwendig auf das Consequens folgt, folgt +auch notwendig auf das Antecedens. Es gälte ja: wenn A weiß ist, ist B +groß. Wenn aber B groß ist, ist C nicht weiß. Mithin: wenn A weiß ist, +ist C nicht weiß. Entsprechend gälte: wenn A weiß ist, ist B groß. Wenn +also B nicht groß ist, ist A nicht weiß. Mithin ist, wenn B nicht groß +ist, B groß. Beweis: wenn B nicht groß ist, ist A nicht weiß. Denn wenn +A weiß ist, war B groß. Wenn aber A nicht weiß ist, ist B groß. Denn es +sollte gelten: wenn A weiß ist, ist B groß, und auch wenn es nicht weiß +ist. + +[222] Die drei Begriffe wären ABC. +Maier+ sagt S. 261, I: „daß die +drei letzten Worte (ὡς διὰ τριῶν) nicht von Aristoteles stammen, steht +mir fest.“ Ich enthalte mich des Urteils. + +[223] Der Zirkelbeweis ist hier kein logischer Fehler, sondern ein +rechtmäßiges Verfahren, das aber nur in zwei Fällen angewandt werden +kann, wenn die eine oder wenn die andere Prämisse eines Schlusses, den +man errichtet hat, konvertibel ist. In Zeile 20 ist die Form λαβόντα +sehr ungezwungen, korrekter hieße es λαμφθῆναι. Zwei Beispiele für den +Zirkelbeweis: 1. Der Syllogismus, durch den man schließt: jeder Mensch +lacht, sei: alles Vernünftige lacht, jeder Mensch ist vernünftig; +jeder Mensch lacht. Aus dieser Konklusion und der Umkehrung des +Untersatzes in: jedes Vernünftige ist ein Mensch, folgt wieder der +Obersatz: alles Vernünftige lacht. Der Grund davon ist, daß dieser +Obersatz, wie er virtuell die erste Konklusion enthält, so auch in ihr +virtuell enthalten ist. 2) Aus dieser Konklusion und der Umkehrung +des Obersatzes folgt der Untersatz. Der Schluß heißt: alles Lachende +vernünftig; jeder Mensch lacht; jeder Mensch vernünftig. + +[224] Beispiel. Jedes Sinnbegabte lebt; jeder Mensch ist sinnbegabt, +jeder Mensch lebt. Die Prämissen müssen hier durch andere Termini +bewiesen werden, weil sie nicht umgekehrt werden können. Nicht jedes +Lebende ist sinnbegabt, und nicht jedes Sinnbegabte ist ein Mensch. + +[225] Sind alle drei Begriffe konvertibel, so lassen sich unter +Umständen alle drei Sätze, Obersatz, Untersatz und Schlußsatz, +auseinander beweisen, ebenso deren Umkehrungen. Dieses wird der +Reihe nach in den vier Modi der 1. Figur bis zum Schluß des Kapitels +gezeigt, in dem vorliegenden Absatz in Barbara. Der ursprüngliche +Schluß soll wieder lauten: jedes Vernünftige lacht; jeder Mensch ist +vernünftig; jeder Mensch lacht. Wie der Obersatz aus der Konklusion +und der Umkehrung des Untersatzes und dieser aus der Konklusion und +der Umkehrung des Obersatzes folgt, haben wir schon gesehen, vgl. Anm. +19. Aber die Umkehrung des Obersatzes und des Untersatzes muß noch +bewiesen werden. Der Obersatz: jedes Lachende ist vernünftig, wird es +durch den Untersatz und die Umkehrung des Schlußsatzes, der Untersatz: +jedes Vernünftige ist ein Mensch, durch die Umkehrung des Schlußsatzes +und den Obersatz. In diesen beiden Schlüssen ist aber die Umkehrung des +Schlußsatzes: jedes Lachende ist ein Mensch, noch nicht bewiesen. Das +kann nun geschehen durch die Konversion des Unter- und des Obersatzes, +so daß der Syllogismus herauskommt: jedes Vernünftige ist ein Mensch; +jedes Lachende vernünftig; jedes Lachende Mensch. + +[226] Den Obersatz darf man nicht umkehren, weil er verneinend bleibt +und auch die Konklusion verneinend ist und aus zwei verneinenden +Vordersätzen kein Schluß geschieht, sondern man muß bejahende +Vordersätze bilden und etwa sagen: alles, wovon A allgemein verneint +wird, ist B; C ist ein solches, wovon A allgemein verneint wird; alles +C ist B. Begriffe: unvernünftig, vernünftig, Mensch. + +[227] Weshalb man in Ferio die allgemeine Prämisse nicht beweisen kann, +erklärt der vorige Absatz. Die partikuläre Prämisse beweist man durch +Umwandlung der allgemein verneinenden in eine allgemein bejahende. Der +ursprüngliche Schluß soll lauten: kein Vernünftiges ist unvernünftig; +einiges Animalische ist vernünftig; einiges Animalische ist nicht +unvernünftig. Dann lautet der Beweis für den Untersatz in Darii: +alles, wovon jegliches Unvernünftige verneint wird, ist vernünftig; +einiges Animalische ist nicht unvernünftig und ist mithin ein solches, +wovon jegliches Unvernünftige verneint wird; einiges Animalische +ist vernünftig. Von dieser Umwandlung gebraucht Ar. den allgemeinen +Ausdruck Proslepsis, Hinzunahme, Zuhilfenahme. Ohne sie gibt es keinen +Schluß, weil der Untersatz: einiges Animalische nicht unvernünftig +(ebenso wie der Obersatz), verneinend wäre und ein bejahender Satz nur +aus 2 bejahenden Prämissen bewiesen werden kann. + +[228] a) Jeder Mensch vernünftig; kein Pferd vern.; kein Pferd ein +Mensch. -- Jedes Vernünftige ein Mensch; kein Pferd ein Mensch; kein +Pferd vern. b) kein Pferd vern.; jeder Mensch vern.; kein Mensch ein +Pferd. -- Kein Mensch ein Pferd; jedes Vernünftige ein Mensch; kein +Vernünftiges ein Pferd; kein Pferd vernünftig. Hier erhält man also +den Obersatz nur, wenn man den in Celarent erhaltenen Schlußsatz +umkehrt. Auf die Umkehrung wird hier mit demselben Wort πρόςληψις, +προςλαμβάνεσθαι hingewiesen, daß im vorigen Kap. stand; vgl. die vorige +Anm. Auch 59 a 12 und 22 findet sich das Wort προςλαμβάνεσθαι. + +[229] Sie sind unvollkommen, da sie unmittelbar nicht die betreffende +Prämisse, sondern ihre Umkehrung ergeben. -- Wir haben Kap. 5 gesehen, +daß bei den verneinenden Schlüssen der 1. Figur die Prämissen der 3. zu +Hilfe genommen werden, der Fall, daß einem, dem nach dessen ganzem oder +teilweisem Umfang a zukommt, b ebenso nicht zukommt. Desgleichen hat +Kap. 6 f. gezeigt, daß die Schlüsse durch die Figuren gehen, die in den +zwei letzten Absätzen von Kap. 7 angegeben sind. + +[230] Die Umkehrung zeigt die Tragweite des Schlusses nicht wie der +Zirkelbeweis aus der Konklusion, sondern aus deren Gegenteil. In dem +Zirkelbeweis wird die Konklusion und eine Prämisse zum Beweise der +anderen Prämisse verwandt. Bei der Umkehrung wird das Gegenteil der +Konklusion und eine Prämisse zur Widerlegung der anderen Prämisse +verwandt. Von der Umkehrung des Syllogismus liest man im Anfang des +Schlußkapitels der +Topik+: „Um aber in dieser Art von Beweisführungen +Übung und Gewandtheit zu erlangen, muß man sich erstens die Kunst +aneignen, die Schlüsse umzukehren. So wird man einmal die Probleme +geschickter begründen können und dann die volle Fertigkeit gewinnen, +in wenigen Schlüssen gleichsam viel zu erhalten. Denn einen Schluß +umkehren heißt, das Gegenteil der Konklusion nehmen und mit ihm und den +übrigen Prämissen einen von den gegebenen Sätzen umstoßen. Denn wenn +die Konklusion nicht gilt, wird notwendig einer von den Vordersätzen +aufgehoben, da ja die Konklusion ihre Notwendigkeit aus ihrer +Gesamtheit schöpfte.“ + +[231] +Maier+ schreibt a. a. O. 342: „Zu bemerken ist, daß Aristoteles +in diesem Zusammenhang zu den konträren Gegensätzen auch das Verhältnis +von partikulär bejahenden und partikulär verneinenden Urteilen +zählt“. Das tut Ar., weil das part. vern. Urteil mehr ist als die +bloße Verneinung eines part. bej. Urteils und ein größerer Gegensatz +zu ihm. Von: manches Animalische lacht, ist die Verneinung nicht: +manches Animalische lacht nicht, sondern: kein Animalisches lacht, +was auch wahr ist, wenn kein Animalisches ist. Sagt man aber: manches +Animalische lacht nicht, so behauptet man, daß ein Animalisches ist und +nicht lacht. + +[232] Der ursprüngliche Syllogismus: jeder Mensch vernünftig; einiges +Animalische ein Mensch; einiges Animalische vernünftig. Dann ist der +Syllogismus aus dem Kontradiktorium der Konklusion und dem Obersatz: +jeder Mensch vern.; kein Anim. vernünftig; kein Anim. ein Mensch. So +wird also der Untersatz aufgehoben. Der Obersatz wird es so: kein Anim. +vern.; einiges Animal. Mensch; mancher Mensch nicht vernünftig. Nimmt +man aber das konträre Gegenteil der Konklusion: einiges Animalische +ist nicht vernünftig, so wird keine Prämisse aufgehoben. Bei den +allgemeinen Schlußformen kommt es vor, daß der Schlußsatz, der sich aus +der Umkehrung ergibt, nur kontradiktorisch, nicht konträr aufgehoben +wird. Daraus sind die Worte 59 a 39 ff. verständlich. Es ist der +Obersatz, der nur kontradiktorisch aufgehoben wird, wie vorhin im 3. +Absatz dieses Kapitels gezeigt wurde. Beispiel: der ursprüngliche +Schluß: alles Vernünftige lacht; jeder Mensch vernünftig; jeder Mensch +lacht. Umkehrung: kein Mensch lacht; jeder Mensch vernünftig; manches +Vernünftige lacht nicht. + +[233] Das eine Mal sind die Prämissen das konträre Gegenteil der +Konklusion und der Untersatz, das andere Mal jenes und der Obersatz. In +beiden Fällen ergibt sich kein Schluß. + +[234] Wenn der ursprüngliche Schluß in Disamis ist, so laute er: +einiges Animalische ist Mensch; alles Animalische lebt; einiges +Lebende ist Mensch. Aus den Prämissen: einiges Lebende ist kein Mensch +-- einiges Animalische ist Mensch, folgt nichts. Denn beide sind +partikulär. Aber auch aus der ersten dieser Prämissen und dem Satz: +jedes Animalische lebt, folgt nichts, weil in der 1. Figur der Obersatz +allgemein sein muß. Ist der ursprüngliche Schluß in Datisi, so sei er: +jeder Mensch ist animalisch; mancher Mensch ist weiß; manches Weiße +animalisch. Aus dem Kontrarium der Konklusion: manches Weiße ist nicht +animalisch, und dem Untersatz folgt nichts, weil beide Sätze partikulär +sind. Aus jenem und dem Obersatz folgt nichts, weil sich in der 2. +Figur aus einem partikulären Obersatz und einem verneinenden Untersatz +kein Schluß ergibt. + +[235] Daß bei dem indirekten Beweisverfahren das kontradiktorische +Gegenteil der Annahme wahr ist, ergibt sich ohne Zugeständnis und liegt +am Tage, einzig auf Grund des Unmöglichen oder Falschen, das sich aus +der Annahme ergeben würde, da aus Wahrem nichts Falsches folgen kann. +-- Vorgreifend hat die Analytik von dem apagogischen Verfahren bereits +in der Lehre von der Errichtung der Schlüsse im 29. Kap. des 1. Buches +gehandelt, wo auch auf das gegenwärtige Kapitel hingewiesen wird. Hier +ist der eigentliche Ort, um von dem apagogischen Verfahren zu handeln, +weil es den Schluß, der in den Dienst dieses Verfahrens gestellt werden +soll, schon als errichtet voraussetzt. -- Man sollte meinen, es bedürfe +keiner eigenen Erörterung der apagogischen Schlüsse, da sie, sofern sie +einen bestimmten Satz auf direktem Wege gewinnen, an die allgemeinen +Regeln gebunden sind. Aber der so zu gewinnende Satz muß das +Kontradiktorium des anderen Satzes sein, der apagogisch bewiesen werden +soll, und daraus ergeben sich besondere Bestimmungen. Dieselben kommen +darauf hinaus, daß ein allgemein bejahender Satz nur in der 2. und 3. +Figur apagogisch bewiesen werden kann, während direkt nur die 1. Figur +solche Sätze ergibt, die 2. nur verneinende, die 3. nur partikuläre. + +[236] In beiden Fällen nimmt man als Prämissen das Gegenteil der +Konklusion und einen anderen Satz. + +[237] Es soll indirekt bewiesen werden: jeder Mensch lacht. Man nehme +zuerst das Kontradiktorium an: mancher Mensch lacht nicht. Verwende +man nun diese Prämisse als Ober- oder als Untersatz: man erhält keinen +Beweis durch einen Schluß in der 1. Figur. Denn in der 1. Figur darf +der Obersatz nicht partikulär und der Untersatz nicht verneinend sein. +Man nehme dann das Kontrarium an: kein Mensch lacht. Verwendet man +diese Prämisse als Untersatz, so erhält man keinen Schluß, wieder weil +der Untersatz in der 1. Figur nicht verneinend sein darf. Verwendet man +sie aber als Obersatz, so läßt sich zwar ein Schluß gewinnen und daraus +die Falschheit der Annahme ableiten, daß kein Mensch lacht. Aber wenn +dieses falsch ist, so ist es noch nicht wahr, daß jeder Mensch lacht. +Denn dieses ist nicht sein Kontradiktorium. + +[238] Die Worte 62 a 12: οὕτω γὰρ τὸ ἀναγκαῖον ἔσται καὶ τὸ +ἀχίωμα ἔνδοξον, übersetzen +Bender+ und +v. Kirchmann+ falsch und +unverständlich. Jener hat: „nur so ergibt sich das notwendige und +wird der angenommene Satz (die ursprüngliche Thesis) einleuchtend,“ +dieser: „nur so ergibt sich eine Notwendigkeit und wird der angenommene +Satz glaubwürdig.“ Ähnlich auch Maier 241, 3: „und die Folgerung +wird evident sein“; vgl. ibid. S. 243. Auch heißt endoxon nicht +einleuchtend. Auffallend ist aber, daß das fragliche Axiom endoxon +genannt wird: es ist ja wirklich einleuchtend. Aber endoxon hat +zwei Bedeutungen: probabel und gefeiert, entsprechend der doppelten +Bedeutung von doxa. +Waitz+ schreibt S. 505 zutreffend: „ἀχίωμα ἔνδοξον +appellat quod 61 a 25 dixit manifesto verum esse, ut non pendeat ex +concessione, sed non dari nequeat.“ Vgl. A. 31. + +[239] Es sei indirekt zu beweisen: manches Animalische lacht. Der +Beweis gelingt bei Annahme des Kontradiktorium: es ist nicht wahr, +daß manches Animalische lacht, oder: es lacht kein Animalisches. Er +gelingt nicht bei Annahme des Kontrarium. Das Kontrarium ist nach A 27: +manches Animalische lacht nicht. Nehmen wir dieses als Untersatz, und +als Obersatz die Prämisse: alles Vernünftige lacht, so folgt: manches +Animalische nicht vernünftig. Da das nun möglich ist, weil es zuläßt, +daß auch manches Animalische vernünftig ist, so erhält man keinen +Beweis; vgl. Kap. 11, drittletzter Absatz. + +[240] Indirekt zu beweisen: jeder Mensch lacht. Angenommen: mancher +Mensch lacht nicht, dazu: jeder Mensch vernünftig; also manches +Vernünftige lacht nicht. Also Annahme falsch. Also wahr: jeder Mensch +lacht. Nimmt man aber das konträre Gegenteil an: kein Mensch lacht, +und dazu: jeder Mensch vernünftig, so folgt: manches Vernünftige lacht +nicht. Also falsch, daß kein Mensch lacht, aber noch nicht wahr, daß +jeder Mensch lacht. + +[241] In den beiden letzten Figuren werden auch allgemein bejahende +Sätze oder Probleme bewiesen, aber nur in gewisser Weise, d. h. +indirekt. Aristoteles sagt hier nur, daß so in der 2. Figur das +Bejahende, in der 3. das Allgemeine bewiesen wird. Die 2. Figur ergibt +direkt nur verneinende, die 3. partikuläre Sätze. Vgl. A. 31. + +[242] Im folgenden wird nur der zweite Teil dieses Themas ausgeführt, +daß jeder indirekte Beweis in einen direkten verwandelt werden kann. +Das „aber nicht in denselben Figuren“ lassen die Codices ABC aus, es +versteht sich aber von selbst, daß es inhaltlich richtig ist. Es wird +nun zuerst von den indirekten Beweisen der 1. und dann von denen der 2. +und der 3. Figur gezeigt, wie sie in direkte Beweise umgekehrt werden. +Bei den indirekten Beweisen der 1. Figur wird es zuerst an denen mit +einem allgemein verneinenden, dann an denen mit einem partikulär +verneinenden und endlich an denen mit einem partikulär bejahenden +Ergebnis gezeigt. Entsprechend in den anderen Figuren. + +[243] Zur Begründung des Satzes: kein Mensch ist ein Pferd, sei +folgender apagogische Schluß in I 3 errichtet worden: jedes Pferd +unvernünftig; mancher Mensch ein Pferd; mancher Mensch unvernünftig. +Das ist unmöglich, also gilt: kein Mensch ein Pferd. Nun wird in II 2 +aus dem Obersatz: jedes Pferd unvernünftig; und dem Kontradiktorium +der unmöglichen Konklusion, das lautet: kein Mensch unvernünftig; die +Konklusion abgeleitet: kein Mensch ein Pferd. + +[244] A sei Mensch, B animalisch, C lachend. Es sei indirekt bewiesen: +manches Animalische ist ein Mensch. Denn angenommen, kein Animalisches +sei ein Mensch. Nimmt man dazu: alles Lachende ist animalisch, so +folgte: kein Lachendes ist ein Mensch. Da hieraus die Falschheit der +Annahme erhellt, so gilt: manches Animalische ist ein Mensch. Dasselbe +läßt sich direkt in III 5 (bei anderen Begriffen auch in III 1) +beweisen: manches Lachende ein Mensch; alles Lachende animalisch. Der +Zusatz: „ebenso, wenn man B oder A +einem+ C zukommen läßt“, bedeutet: +einen eben solchen partikulär bejahenden Satz erhält man, wenn man +statt Darapti die modi Datisi oder Disamis nimmt. + +[245] Das der Grund, daß der ursprünglich erste Teil des Themas, vgl. +Anm. 38, nicht weiter ausgeführt wird. + +[246] Die Tragweite der Schlüsse erhellt auch daraus, daß ihre +Prämissen, verbunden mit ihrem Gegenteil, neue Schlußsätze ergeben +können. Bezüglich der 4 gegensätzlichen Urteile vgl. Kap. 8, Abs. 2 +und Anm. 27. Der Gegensatz: einem, einem nicht, ist nur nominell, +weil in dem „einem“ das „einem nicht“ schon liegt. +Maier+ II a 349 +scheint diesen Gegensatz so zu verstehen: einiges -- nicht einiges. +Ebenso +Bender+. +v. Kirchmann+ hat unverständlich: „das ›Einige‹ ist +dem ›Nicht-Einigen‹ nur im Ausdrucke entgegengesetzt.“ Dagegen erklärt +er in den Erläuterungen N. 234, S. 222 richtig: „daß bei Dingen, wo +bloß einigen derselben ein bestimmtes Prädikat zukommt, notwendig den +übrigen dieses Prädikat nicht zukommt; deshalb ist mit dem Satze: A in +einigen B, im strengen Sinne aufgefaßt, d. h. als: +nur+ in einigen B, +zugleich allemal auch gesetzt, daß A in einigen B nicht enthalten sei.“ + +[247] Jeder Syllogismus schließt entweder bejahend oder verneinend. +Schließt er bejahend, so müssen beide Prämissen bejahend sein. Nun +ist aber von entgegengesetzten Prämissen die eine bejahend und die +andere verneinend. Schließt er verneinend, so ist zu bedenken, daß +Prämissen, um entgegengesetzt zu sein, dasselbe Prädikat von demselben +Subjekt bejahen oder verneinen müssen. In der 1. Figur wird aber in der +einen Prämisse der Oberbegriff von dem Mittelbegriff verneint und in +der anderen nicht der Oberbegriff, sondern der Mittelbegriff von dem +Unterbegriff bejaht. + +[248] Die Konklusion ist ein Absurdum, aber rechtmäßig abgeleitet. + +[249] In dem 2. Beispiel galt die Prämisse: die Heilkunst ist nicht gut +(kein C ist A) oder nicht sittlich gut, απουδαία, für allgemein gleich: +keine Heilkunst ist sittlich gut; ebenso im 3. Beispiel die Prämisse: +die Heilkunst ist Meinung (A kommt jedem C zu). Wenn es im folgenden +heißt, daß das dem Mittelbegriff Untergeordnete sich entweder decken +oder wie Teil und Ganzes sein muß, so sind mit dem Untergeordneten, das +im Griechischen Pluralis ist, die Außenbegriffe gemeint. + +[250] In dem Gegenstand der Topik, der Dialektik, handelt es sich nicht +darum, die Wahrheit zu beweisen, sondern eine Position zu verfechten. +Als Dialektiker würde man z. B. die Absicht verschleiern, den Satz +zu gewinnen, daß eine Heilkunst nicht sittlich gut ist, aus dem und +dem anderen, daß jede es ist, folgen muß, daß das sittlich Gute nicht +sittlich gut ist, sondern man wird sich zuerst einräumen lassen: jede +Heilkunst ist sittlich gut; dann wird man die Prämissen feststellen für +die Konklusion: eine Heilkunst ist nicht sittlich gut, und dann erst +aus dieser und daraus, daß jede gut ist, die Folgerung ziehen. Vgl. ++Topik+ 8, 1. -- Wenn Ar. hier von der Topik wie von einem früheren +Werke spricht, so folgt daraus für die Zeit der Abfassung nichts +Sicheres. + +[251] Da drei Gegensätze sind, ein konträrer und zwei +kontradiktorische, und jeder zweifach sein kann, indem entweder der +Obersatz bejahend und der Untersatz verneinend ist oder umgekehrt, so +ergeben sich sechs entgegengesetzte Aussagen. Die Fälle, die durch die +Buchstaben als Beispiel angeführt werden, sind aus der 2. Figur. In der +ersten sind keine Schlüsse aus entgegengesetzten Prämissen möglich. + +[252] Hier wird gefolgert, daß sich in den Trugschlüssen aus dem +Gegenteil der Annahme das Gegenteil der Konklusion ergibt. Die wahre +Konklusion, z. B.: vier ist gerade; wird aus dem Obersatz gewonnen: +jede durch 2 teilbare Zahl ist gerade. Setzt man statt dessen: keine +durch 2 teilbare Zahl ist gerade, so folgt: vier ist keine gerade Zahl. + +[253] Schlußsätze wie dieser: das Nichtweiße ist weiß, erhält man nur +dann durch einen einzigen Schluß, wenn die Prämissen etwa lauten: +jedes Animalische ist weiß und nichtweiß; jeder Mensch ist animalisch, +obgleich hier zunächst nur folgt: der Mensch ist weiß und nichtweiß, +und daraus erst: das Nichtweiße ist weiß. Sonst aber muß man entweder +das eine Glied des Gegensatzes direkt aufstellen und das andere durch +Schluß gewinnen, oder beide durch Schluß. Im zweiten Falle wird die +Absicht der Widerlegung noch besser verschleiert als im ersten, vgl. +Anm. 46. Aus dieser Erklärung sieht man, daß die angenommene Lesart die +richtige ist. Darauf hat schon +Waitz+ S. 511 f. aufmerksam gemacht, +vgl. auch +Maier+ II a 352. -- Der letzte Satz in diesem Kapitel 64 +b 25 ff. scheint auf die Erklärung über die Weisen des Gegensatzes +zurückzuverweisen, die am Anfang des Kapitels steht. + +[254] Hier beginnt der 2. Teil des 2. Buches, der bis Kap. 21 +einschließlich geht. Er handelt von den Schwächen und Mängeln des +Syllogismus, nachdem der 1. Teil von seiner Tragweite und Kraft +gehandelt hat. Fehler beim Schließen sind freilich bereits im 3. Teil +des 1. Buches erörtert worden. Aber das waren, wie +Maier+ 353 f. mit +Recht bemerkt, formale Verstöße gegen die syllogistischen Regeln. Noch +ist aber auf allgemein methodische Fehler hinzuweisen, die den +Beweis+ +gefährden. Es sind das Verstöße, die vorliegen können, auch wenn der +Syllogismus selbst formell völlig korrekt ist. Ein erster Fehler dieser +Art ist die sog. petitio principii, τὸ ἐν ἀρχᾖ oder ἐξ ἀρχῆς αἰτεῖσθαι, +vgl. +Soph. Widerll.+ 5, 167 a 36 ff.; 6, 168 b 22 ff.; 7, 169 b 13; +27, 181 a 15 ff. Er besteht darin, daß man voraussetzt, was zu beweisen +ist. Die lat. technische Bezeichnung ist, wie +Trendelenburg Elem. log. +Arist+. § 42 betont, nicht ganz zutreffend. Ein Prinzip kommt hier +nicht in Frage, sondern eine von Anfang ins Auge gefaßte Folgerung, die +man, statt sie zu beweisen, vorausgesetzt; vgl. in unserer Übersetzung +der Soph. Widerll. Anm. 58. + +[255] Sie setzen entweder voraus, daß sie nicht konvergieren, oder, daß +die Gegenwinkel, die eine Transversale mit ihnen bildet, sich gleich +sind, was beides doch erst eine Folge der Parallelität ist. + +[256] A sei eine Winkelsumme von 2 Rechten haben, B dreiseitige Figur, +C Dreieck. Es soll unbekannt sein, daß das Dreieck eine Winkelsumme +von 2 Rechten hat, aber ebensowenig bekannt, daß die dreiseitige Figur +sie hat. Postuliert man nun, daß die dreiseitige Figur sie hat, so ist +es noch nicht klar, daß eine petitio principii vorliegt. Denn es kann +ja auch ein B und ein C geben, die voneinander verschieden sind. Wohl +aber liegt am Tage, daß man mit Hilfe eines solchen Postulates keinen +apodiktischen Schluß errichten kann, weil das Beweismittel logisch +früher sein muß als das Demonstrandum. Wenn aber, wie in unserem Falle, +C und B, Dreieck und dreiseitige Figur, identisch und umkehrbar sind, +so liegt tatsächlich die petitio principii vor. Denn man beweist idem +per idem. Ob aus der gleichseitigen Figur auf das Dreieck geschlossen +wird, oder umgekehrt, trägt nichts aus. -- Mit νῦν δὲ τοῦτο κολύει Z. +17 scheint gemeint: nun aber steht die Unterlassung der Umkehrung der +Begriffe der Führung eines förmlichen Beweises oder der Errichtung +eines förmlichen Schlusses im Wege. Es scheint nicht gemeint, was ++Maier+ 355, 1 angibt: „nun aber verhindert man das.“ Dagegen hat Maier +das Folgende, Z. 18 f., vortrefflich erklärt, und wir sind ihm in +der Wiedergabe gefolgt. Nimmt man die Umkehrung vor, so beweist man, +daß A dem B zukommt. Der Schluß heißt dann: jedes Dreieck hat eine +Winkelsumme von 2 Rechten; jede dreiseitige Figur ist ein Dreieck; jede +dreiseitige Figur hat eine Winkelsumme von 2 Rechten. Hier wird τόἐξ +ἀοχῆς postuliert. + +[257] Der Fall unterscheidet sich von dem vorigen dadurch, daß nicht +der Obersatz, sondern der Untersatz so wenig bekannt ist wie der +Schlußsatz. Beispiel. Alles, was lacht, weint auch; jeder Mensch lacht; +jeder Mensch weint. + +[258] In den bejahenden Schlüssen kann die petitio principii wie in der +1. so in der 3. Figur vorkommen, nicht in der 2., die keine bejahenden +Schlüsse hat. Beispiel: Manches Animalische weint; jedes Animalische +nimmt wahr; manches Wahrnehmende weint. Man kann ebensogut sagen: +Manches Wahrnehmende weint; jedes Wahrnehmende ist ein animalisches +Wesen; manches Animalische weint. In den verneinenden Schlüssen kann +die verneinende Konklusion und die bejahende Prämisse nicht identisch +sein, und darum kommen für die 1. und für die 3. Figur nur die Fälle +in Betracht, wo dieselben Bestimmungen einem tatsächlich identischen +Subjekt abgesprochen werden. Beispiel: Keine dreiseitige Figur hat +eine Winkelsumme, die nicht 2 Rechten gleich ist; jede dreiseitige +Figur ist ein Dreieck; kein Dreieck hat eine Winkelsumme, die nicht 2 +Rechten gleich ist. Man kann ebensogut sagen: kein Dreieck hat eine +Winkelsumme, die nicht 2 Rechten gleich ist; jedes Dreieck ist eine +dreiseitige Figur; keine dreiseitige Figur hat usw. In der 2. Figur +kommen umgekehrt nur die Fälle in Betracht, wo demselben Subjekt +tatsächlich identische Bestimmungen abgesprochen werden. Beispiel: +Jede Tugend ist ein löblicher Habitus; die Feigheit ist kein löblicher +Habitus; die Feigheit ist keine Tugend. Man könnte ebensogut sagen: +jeder löbliche Habitus ist eine Tugend; die Feigheit ist keine Tugend; +die Feigheit ist kein löblicher Habitus; vgl. +Maier+ 356 f. + +[259] Vgl. +Topik+ 8, 13 Anfang: „Wie der Fragende das ursprünglich +zur Erörterung Stehende und das Gegenteil fordert, ist für den +Fall, daß das Gespräch um der Wahrheit willen geführt wird, in der +Analytik erklärt worden; wie man es aber fordert, wenn es sich um +Wahrscheinliches handelt, soll jetzt erklärt werden usw.“ + +[260] Bei dem apagogischen Verfahren zeigt man, daß das +kontradiktorische Gegenteil, die Antiphasis, des Demonstrandum auf ein +falsum führt. Wenn man nun einwendet, daß das falsum nicht aus der +Antiphasis entspringt, so richtet man sich gewissermaßen gegen diese +selbst, und in diesem Sinne redet Aristoteles hier. Man vergleiche, +auch zu der Wiedergabe der unmittelbar folgenden Sätze, +Maier+ 245, 1. + +[261] Der Einwand: die Falschheit entspringt nicht aus der Annahme, hat +also auch im verneinenden deiktischen Schluß keine Stelle. + +[262] Unter Topik sind die sophistischen Widerlegungen verstanden. +Vgl. uns. Übersetzung der letzteren, Einl. IV. Gemeint ist die Stelle +5, 167 b 21 ff. Das Beispiel von der absurden Behauptung des Zeno zielt +darauf, daß dieser Sophist die Bewegung leugnete, weil, wie er vorgab, +die Annahme einer Bewegung den Satz umstoßen würde, daß das Unendliche +nicht durchmessen oder durchschritten werden kann. Er illustrierte, +wie man weiß, diesen Gedanken an dem Beispiel des Achilles, der eine +Schildkröte verfolgt und sie nie erreicht, vgl. +Physik+ 6, 2. 233 a 21 +ff. und besonders 9, 239 b 14 ff. Man könnte also daraufhin schließen: +gesetzt die Seite und die Diagonale des Quadrates wären kommensurabel, +dann würde, eben durch die Messung, das Unendliche durchschritten, +was unmöglich ist. Also sind sie nicht kommensurabel. Aber das +Durchschreiten des Unendlichen folgt nicht aus der angenommenen +Messung, sondern aus der Annahme, daß jede Strecke unendlich viele +aktuelle Teile hat. Wenn Aristoteles sagt, daß die falsche Folge mit +der anfänglichen Annahme in diesem Beispiel gar nicht zusammenhängt, +so meint er, daß das Beweismittel -- die Strecke hat unendlich viele +Teile -- mit der Annahme -- Seite und Diagonale haben ein Maß -- keinen +Terminus gemein hat. Er meint aber selbstverständlich nicht, daß die +Folge mit der Annahme so wenig zu tun hat, wie eine beliebige falsche +Folge mit einer beliebigen Annahme. Das müßte z. B. +v. Kirchmann+ +annehmen, wenn er Erläuterung 239 d, S. 233 schreibt: „Es würde der +logisch falsche Unmöglichkeitsbeweis lauten: die Diagonale des Quadrats +ist durch die Seitenlinie des Quadrats meßbar. Nun folgt der Beweis +des Zeno, dessen Schlußsatz lautet: also gibt es keine Bewegung. Da +nun dieser Schlußsatz unmöglich ist, so könnte man sagen: Also ist der +Obersatz falsch, mithin sein Gegensatz wahr, d. h. die Diagonale wird +nicht durch die Seitenlinie gemessen. Hier kann man nun einwenden: daß +das Falsche des Obersatzes nicht aus dem unmöglichen Schlußsatze folge, +weil sie beide keinen solchen logischen Zusammenhang haben, wie es zu +einem richtigen Schluß gehört.“ + +[263] Das ist der Fall, in dem der Beweis für das Absurdum mit der +falschen Annahme einen Terminus gemein hat. 1. Beispiel: Alles +Vernünftige ist ein Mensch; alles Wahrnehmende ist vernünftig; jedes +Pferd nimmt wahr; also ist jedes Pferd vernünftig. Das ist absurd. Also +ist es falsch, daß alles Vernünftige ein Mensch ist. 2. Beispiel: Alles +Wahrnehmende ist vernünftig; jeder Vierfüßler nimmt wahr; jedes Pferd +ein Vierfüßler; also jeder Vierfüßler vernünftig. Das ist absurd. Also +ist es falsch, daß jedes Pferd ein Vierfüßler ist. + +[264] Die Konvergenz zweier Parallelen kann sowohl aus der Ungleichheit +der Gegenwinkel folgen, die durch sie und eine Transversale gebildet +werden, als auch daraus, daß sie mit der Transversalen, die senkrecht +auf ihnen steht, ein Dreieck bilden. Den Einwand und seine Lösung hat ++Maier+ 248 f. gut erklärt. + +[265] Dieses Kapitel ist praktischer Natur: es gibt an, wie man beim +Disputieren einer Niederlage vorbeugt und die eigene Sache zum Siege +führt. Mit dem Vorausgehenden hängt es insofern zusammen, als dort +methodische Fehler erörtert werden, die den Beweis fälschen, worin die +praktische Mahnung liegt, sie zu vermeiden. Die Anweisung am Schluß +besagt, daß man mit dem Untersatz anfangen soll, der den Mittelbegriff +zum Prädikat hat, nicht mit dem Obersatz. Will man z. B. den Satz +gewinnen: der Mensch lacht, so fange man mit dem Satz an: der Mensch +ist vernünftig. + +[266] Während das vorige Kapitel eher in die Dialektik oder Topik +gehört, ist das gegenwärtige, entsprechend dem Charakter der ersten +Analytik, wieder allgemein syllogistischer Natur. Wann ist eine +Widerlegung, ein Elenchus, möglich? Wo ein Schluß möglich ist. Denn die +Widerlegung ist ein Schluß, dessen Konklusion das kontradiktorische +Gegenteil der gegnerischen Behauptung besagt, wie es Soph. el. 1, 165 +a 2 f. heißt. Es muß also wenigstens eine Prämisse zugestanden sein. +Denn aus zwei verneinenden Prämissen geht kein Schluß hervor. Auch muß +wenigstens eine Prämisse allgemein sein. + +[267] Der formell richtige Ansatz der syllogistischen Begriffe war der +Gegenstand des 1. Beispiels, methodische Fehler beim dialektischen und +wissenschaftlichen Beweisverfahren sind innerhalb des 2. Beispiels +behandelt worden. Dieses Verfahren kann aber auch durch die inhaltliche +Falschheit der Prämissen gefährdet werden, und von dieser ist im +gegenwärtigen Kapitel wenigstens insofern die Rede, als nach der +Möglichkeit gefragt wird, ob man etwas zugleich wissen und nicht wissen +kann, so daß man von dem einen, dem ein Prädikat ursprünglich zukommt, +es weiß und von dem anderen, dem es ebenso ursprünglich zukommt, es +nicht weiß. Vgl. +Maier+ 360. +Silv. Maurus+ bezieht den Ausdruck „beim +Ansatz oder der Thesis der Begriffe irren“ speziell auf die Fehler beim +apagogischen Schluß. + +[268] Körperlich kommt dem Animalischen und dem Wahrnehmenden an sich +zu. Beides kann ebenso einem Dritten, z. B. dem Pferd, nach dem ganzen +Umfang der Art zukommen. Wenn man nun meint, körperlich komme allem +Animalischen und dieses jedem Pferd zu, und zugleich meint, körperlich +komme keinem Wahrnehmenden und dieses jedem Pferde zu, und aus beiden +Prämissenpaaren den Schluß zieht, so meint man gleichzeitig: jedes +Pferd ist körperlich -- kein Pferd ist körperlich. + +[269] Körperlich kommt dem Lebenden und dem Animalischen zu, aber +dem Animalischen durch das Lebende. Man kann nun wieder beides jedem +Menschen zukommen lassen und so wie Anm. 64 aus je einem Prämissenpaare +die Konklusionen gewinnen: jeder Mensch ist körperlich -- kein Mensch +ist körperlich. + +[270] Man kann nicht annehmen, daß körperlich jedem Animalischen +und keinem Wahrnehmenden zukommt, beides aber dem Pferde. Denn da +müssen sich die Sätze: jedes Animalische ist körperlich, und kein +Wahrnehmendes ist körperlich, widersprechen. Denn wenn man annimmt: +allem, dem animalisch zukommt, kommt körperlich zu, und weiß, daß +animalisch dem Pferde zukommt, so weiß man auch, daß dem Pferd das +Prädikat körperlich zukommt. Wenn man nun aber wieder meint, körperlich +komme keinem zu, dem Wahrnehmendes zukommt, und läßt wahrnehmend jedem +Pferde zukommen, so kann körperlich keinem Pferd zukommen. + +[271] Gemeint ist, daß man zwar die beiden Prämissenpaare in Anm. +65 nicht zugleich annehmen kann, wohl aber von jedem Paare etwa den +Obersatz ohne den Untersatz oder das eine Paar ganz und von dem anderen +nur eine Prämisse. Zieht man dann die andere Prämisse nicht bei, so +zieht man auch nicht immer die Folgerung aus beiden. Und dann kann man +bezüglich dieser Folgerung auch irren. Im nachstehenden wird erklärt, +wie man eine Folgerung nicht immer absieht, um eben dies verständlich +zu machen, daß man bezüglich ihrer auch irren kann. + +[272] Hier tut sich eine grundsätzliche Kluft zwischen der arist. und +der platonischen Erkenntnislehre auf, vorausgesetzt, daß +Plato+ nicht +bildlich gesprochen hat, sondern im eigentlichen Sinne zu verstehen +ist. Nach Plato würden wir keine Wissenschaft ganz neu erwerben, nach +Aristoteles aber ist jede eigentliche Wissenschaft die Gewinnung und +der Besitz eines Wissens, das wir vorher nicht gehabt haben. Der +apodiktische oder wissenschaftlich beweisende Syllogismus hat darin +seine Bedeutung, daß er das einzige uns gegebene Mittel ist, um von der +Erkenntnis der Prinzipien zu anderen Erkenntnissen fortzuschreiten, die +in den Prinzipien dem Keime nach enthalten sind. + +[273] Er glaubt nicht, daß alle Mauleselinnen fruchtbar sind, weil er +keinen dahin gehenden Schluß errichtet hat. Und so ist seine Meinung, +daß diese Mauleselin trächtig ist, seiner Wissenschaft, daß alle +Mauleselinnen unfruchtbar sind, nicht entgegengesetzt und mit ihr +verträglich. Die Wissenschaft ist dreifach: allgemein, partikulär und +aktuell. Die erste hat wer weiß, daß alle Mauleselinnen unfruchtbar +sind; die zweite wer weiß, daß diese Mauleselin es ist; damit er +aber auch die dritte habe, muß er sie sehen. Denn wenn er sie nicht +mehr sieht, kann sie etwa eingegangen sein, und alsdann ist die +Wissenschaft: sie ist unfruchtbar, keine Wissenschaft mehr, weil was +nicht ist, auch nicht gewußt wird. Deshalb heißt es in der 2. Analytik, +Buch 1, Kap. 8 Anf.: „Von dem Vergänglichen gibt es keine Wissenschaft +schlechthin, sondern nur per accidens, weil die Wissenschaft von ihm +nur zu Zeiten Gültigkeit hat.“ + +[274] Kleon kann tapfer und lügenhaft, und so gut und schlecht sein, +und so kann was gut ist, schlecht sein. + +[275] Unvermittelter Übergang zum 3. und letzten Teil des 2. +Buches! Nachdem der 1. von der Tragweite und der 2. von den Mängeln +der Schlüsse gehandelt hat, handelt der 3. von der Zurückführung +der rhetorischen Begründungen auf den Schluß. Das vorliegende +Übergangskapitel handelt von der Umkehrung der syllogistischen Begriffe +und den neuen Urteilen, die man so gewinnt und von denen im folgenden +Gebrauch gemacht werden soll. Der erste kurze Absatz enthält die 1. +Regel für die Umkehrung, die im folgenden Absatz begründet wird. + +[276] Wenn man in Barbara durch vernünftig als Mittelbegriff schließt, +daß jeder Mensch lacht, und der Begriff Mensch mit dem Begriff lachen +konvertibel ist und ebenso der Schlußsatz es ist, so läßt sich auch der +Mittelbegriff mit den Außenbegriffen vertauschen und somit jede der +beiden Prämissen umkehren. + +[277] 2. Regel: In einem verneinenden Schluß werden, wenn der +Mittelbegriff mit den Außenbegriffen konvertibel ist, diese negativ +unter sich vertauscht. Sind die Außenbegriffe konvertibel, so +wird auch der Mittelbegriff negativ mit demjenigen Außenbegriff +vertauscht, von dem er verneint wird. Die Regel wird in diesem +und den zwei folgenden Absätzen begründet und erklärt. -- 1. Wenn +der Mittelbegriff negativ mit dem Oberbegriff konvertibel ist, so +werden die Außenbegriffe negativ unter sich vertauscht. Denn in dem +Schluß I b: kein Vernünftiges wiehert; jeder Mensch vernünftig; kein +Mensch wiehert -- wird vernünftig negativ mit wiehern vertauscht -- +kein Wieherndes vernünftig. Schließt man nun in II b: jeder Mensch +vernünftig; kein Wieherndes vernünftig; kein Wieherndes ein Mensch, +so hat man die Außenbegriffe negativ miteinander vertauscht. 2. Auch +wenn der Mittelbegriff affirmativ mit dem Unterbegriff konvertibel +ist, werden die Außenbegriffe negativ unter sich vertauscht, wenn +z. B. der Untersatz, wie vorhin, heißt: jeder Mensch ist vernünftig. +3. Wenn im Untersatz der Mittelbegriff affirmativ und im Schlußsatz +der Oberbegriff negativ mit dem Unterbegriff konvertibel ist, so +kann auch im Obersatz der Oberbegriff negativ mit dem Mittelbegriff +vertauscht werden. Beweis: Der Schluß sei: Kein Vernünftiges wiehert; +jeder Mensch vernünftig; kein Mensch wiehert. Kehrt man Unter- und +Schlußsatz um, so folgt in II b: jedes Vernünftige ein Mensch; kein +Wieherndes ein Mensch; kein Wieherndes vernünftig. Man sieht hieraus, +daß es im Text heißen muß: wem A zukommt, dem kommt C nicht zu, nicht +umgekehrt, wie Bekker hat: wem C zukommt, dem kommt A nicht zu. Wir +stehen hier auf der Seite von +Waitz+ u. +Maier+. Am Schluß bemerkt +Ar., daß man unter 3 vom Schlußsatz ausgeht, wie es bei der 1. Regel +geschah. -- Im folgenden werden noch vier weitere Regeln für die +Umkehrung der Begriffe aufgestellt und erklärt, bis 68 a 25. Bezüglich +ihrer verweisen wir der Kürze halber auf +Maier+ 340 f., Anm. 3; ebenso +für den 2. Teil des Kapitels auf 353, 1. In diesem 2. Teil wird im +Vorübergehen eine 7. Regel beigefügt, darüber, welche Opposita mehr +oder minder wünschenswert sind. + +[278] Vgl. +Nikomachische Ethik+ 2, 3. 1105 b 9. + +[279] Der dritte und letzte Teil des 2. Buches ist ein Gegenstück +zu dem 3. Teil des 1. Buches. Dort wurde gezeigt, wie die formlosen +Schlüsse auf die schulgerechten Schlüsse zurückgeführt werden, hier +wird gezeigt, wie andere Methoden der Begründung doch zuletzt auf +einen Schluß und eine bestimmte Figur zurückgehen müssen, wenn sie +überhaupt geeignet sein sollen, ein Urteil hervorzurufen. Insofern +bringt dieser Abschnitt eine letzte Begründung für die Wichtigkeit der +syllogistischen Theorie und für die Notwendigkeit, die Regeln alles +geordneten Schließens zu kennen und zu beobachten. In diesem Sinne +schreibt +Maier+ a. a. O. 368 ff.: „Der Syllogismus ist nicht eine +Begründungsform neben anderen, sondern die Begründungsform schlechthin. +Darum werden auch die Folgerungsmethoden, die vom normalen Syllogismus +abweichen, die syllogistische Gestalt wenigstens durchscheinen lassen +müssen, wenn anders sie Anteil haben wollen an der Stringenz, die der +syllogistischen Funktion zukommt. In der Tat liegen nicht bloß die +gewöhnlichen apodeiktischen und dialektischen Schlüsse, sondern ebenso +die rhetorischen und überhaupt alle Überzeugungsweisen, welches nun +auch ihre Argumentationsmethode sein möge, in einer der drei Figuren. +Das will der letzte Teil der ersten Analytik beweisen. Aristoteles +stellt also die nicht-syllogistischen Begründungsmethoden zusammen, +um nun auch sie auf die syllogistischen Figuren zu reduzieren: die +Induktion, das Paradeigma, die Apagoge, die Enstase und das Enthymen. +Nun lehrt die genauere Untersuchung, daß diese Begründungsmethoden +alle zuletzt auf zwei fundamental verschiedene Formen zurückgehen: den +Syllogismus und die Epagoge. In allen Fällen verwenden wir zum Beweisen +und Überzeugen entweder den Syllogismus oder die ἐπαγωγή. So ist es die +nächste Aufgabe der Untersuchung, die Epagoge auf die syllogistischen +Figuren zurückzuführen. Die übrigen ›nichtsyllogistischen‹ +Begründungsmethoden sind nichts anderes als irgendwie modifizierte +Formen des Syllogismus oder der Induktion.“ + +[280] Man folgert z. B. durch den Außenbegriff Krähe, Elefant, Mensch, +Pferd, Maultier und alles andere Langlebige den anderen Außenbegriff +die Langlebigkeit, als Prädikat für das, was ohne (zu viel) Galle ist +und was im Syllogismus als Mittelbegriff steht. Denn der Syllogismus +würde lauten: das Gallenlose langlebig; Krähe usw. gallenlos; Krähe +usw. langlebig. + +[281] Der vollkommene induktive Schluß lautet: C (jede Krähe usw.) +ist A (langlebig); B (alles Gallenlose) ist C (Krähe usw.); B (alles +Gallenlose) ist A (langlebig). Dieser Schluß setzt aber voraus, daß C +mit B konvertibel ist und es kein C gibt, das kein B ist. Die Ansicht +von +Grote+, Aristotle 190 a u. +Maier+ 371 a, als ob Zeile 68 b 24 τὸ +μέσον Nominativ wäre: „wenn der Mittelbegriff nicht noch weiter reicht +als C“, lehnen wir ab. + +[282] Berufung auf die 6. Regel im vorigen Kapitel! „Wenn A und B dem +ganzen C zukommt und C mit B konvertibel ist, muß A jedem B zukommen.“ +In unserem Falle kommt langlebig und gallenlos allem C zu, das ist dem, +was sich aus allen einzelnen Gliedern, Krähe usw., zusammensetzt, und +langlebig und gallenlos sind konvertibel. So muß denn alles Gallenlose +langlebig sein. + +[283] Das ist der Unterschied zwischen Induktion und Syllogismus. +Die Induktion liefert die Prinzipien, erste und unvermittelte Sätze, +während der Syllogismus aus den Prinzipien durch einen Mittelbegriff +die Folgerungen zieht. + +[284] Ein zweiter Unterschied dieser Begründungsmethoden! Vgl. Anm. 76. + +[285] Eine Folgerung! Der Syllogismus fußt auf dem, was von Natur +früher ist, dem Mittelbegriff als dem Gedanken der Ursache, während +die Induktion auf dem fußt, was für uns früher, bekannter und +einleuchtender ist, der Erfahrung als Ergebnis der sinnlichen +Wahrnehmung. Vgl. +Topik+ I, 12 Ende und 8, 2 Anfang. + +[286] Das Paradeigma oder Beispiel geht auf die Induktion zurück. +Bei der Induktion wird ein Außenbegriff dem Mittelbegriff durch den +anderen Außenbegriff vindiziert, s. Anm. 76. Dasselbe geschieht bei dem +Beispiel, nur daß der Beweis statt durch den anderen Außenbegriff durch +ein ihm Ähnliches geführt wird. + +[287] Das Beispiel unterscheidet sich von dem normalen Syllogismus, +sofern dieser von dem Ganzen auf den Teil, von dem Allgemeinen auf das +Besondere schließt, während jenes von dem einen verwandten Fall auf den +anderen die Anwendung macht. Von der Induktion hinwieder unterscheidet +es sich dadurch, daß diese von den Teilen zu dem Ganzen übergeht, +während das Beispiel von einem bekannteren Teil zu einem anderen minder +bekannten gelangt. Außerdem beweist die Induktion nicht noch den +Oberbegriff, z. B. nicht gut, von einem Dritten, z. B. Bekriegung der +Thebaner durch Athen, während das Beispiel dies wohl tut. + +[288] Die Abduktion, von der hier die Rede ist -- nicht zu verwechseln +mit der Apagoge im Sinne der deductio ad absurdum --, gehört hierher, +sofern auch sie eine Weise darstellt, einen Satz außerhalb des streng +syllogistischen Weges zu gewinnen, nur freilich nicht so, daß man ihn +vollständig gewinnt, sondern ihm nur näher kommt. Dies geschieht, wenn +man statt des Untersatzes entweder einen Satz nimmt, der ebenso oder +noch mehr glaubwürdig ist als der Schlußsatz oder einen solchen, der +durch weniger Zwischenglieder bewiesen wird. + +[289] Jede geradlinige Figur läßt sich quadrieren; jeder Kreis läßt +sich auf eine geradlinige Figur bringen; jeder Kreis läßt sich +quadrieren. Der Obersatz ist einleuchtend, der Untersatz ist es so +wenig als der Schlußsatz. Ließe er sich aber durch einen einzigen +Mittelbegriff beweisen, so hätten wir eine Abduktion der 2. Art vor +uns. Einen solchen Mittelbegriff glaubte +Hippokrates von Chios+ +gefunden zu haben. Er konstruierte Menisken oder Halbmonde um den +Kreis, die je ein Stück von ihm quadrierten, aber damit war noch +nicht der Kreis quadriert, vgl. +Prantl+, +Phys.+ 1, 2. 185 a 16. +Für solche, die sich für die Versuche der Alten zur Lösung dieses +Problems interessieren, sei noch hinzugesetzt, daß ein gewisser +Antiphon und ein gewisser Bryson der Sache auf nicht geometrische Weise +beizukommen suchten. Zwei aneinanderstoßende Seiten eines in den Kreis +gezeichneten regelmäßigen Vielecks sollten mit der wachsenden Zahl der +Seiten so klein werden, daß sie mit dem gemeinsamen Bogen über ihnen +zusammenfielen. Vgl. 2. Anal, 1, 9. 75 b 40; soph. elench. 11, 171 b +12–18; 172 a 2–7. Man ging es auch noch anders an, um wenigstens die +Möglichkeit der Quadrierung zu erhärten, vgl. uns. Übers. der soph. +Widerl. 72, Anm. 26. + +[290] Wenn BC keine Vermittlung hat, so heißt das, daß der Untersatz: C +ist B, unmittelbar gewiß ist, und dann haben wir die Prämissen zu einem +wissenschaftlichen Beweis. + +[291] Von dem griechischen Entstasis kommt das gerichtliche Instanz und +Instanzenzug als Stelle, wo man einen rechtlichen Einspruch anbringt, +und Stufenfolge dieser Stellen. In der Syllogistik bedeutet Entstasis +oder Instanz einen Satz, den man einem anderen entgegenstellt und durch +Schluß erhält. Es handelt sich also auch hier um die Gewinnung eines +neuen Satzes, der aber nur insofern nicht der Ertrag der normalen +syllogistischen Begründung ist, als diese sich nicht notwendig gegen +eine andere richtet. + +[292] Der Schluß in III c lautet: kein Erkennbares und Unerkennbares +fällt unter eine Wissenschaft; alles Erkennbare und Unerkennbare ist +konträr; einiges Konträre fällt nicht unter eine Wissenschaft. Das +Erkennbare und das Unerkennbare ist sich freilich nicht konträr, +sondern kontradiktorisch entgegengesetzt. Das Zweite ist die Verneinung +des Ersten. + +[293] Vorhin kehrte die Instanz sich gegen eine bejahende Konklusion, +jetzt kehrt sie sich gegen eine verneinende. + +[294] Man kann zwar in der 2. Figur eine verneinende Instanz +geltend machen, kann z. B. gegen die Konklusion: alles Konträre +fällt unter +eine+ Wissenschaft, einwenden: nichts, was unter eine +Wissenschaft fällt, ist sich entgegengesetzt: alles Konträre ist sich +entgegengesetzt; kein Konträres fällt unter eine Wissenschaft. Aber +diese Instanz würde erst durch Umkehrung einer Prämisse die nötige +Klarheit erhalten. Auch kann die 2. Figur, weil sie nur verneinende +Schlußsätze ergibt, keinen Schluß ex signo hergeben, weil ein solcher +Schluß, wie im folgenden Kapitel erklärt wird, bejahend sein muß. + +[295] Nach Erörterung der unmittelbar einleuchtenden Einwände ließen +sich auch noch solche besprechen, die nur wahrscheinlich sind: aus +dem Konträren, dem Ähnlichen, der Autorität, der Meinung. Der eine +sagt etwa: jede Freude ist gut; der andere wendet ein: nicht jede +Traurigkeit ist schlimm. Der eine sagt: die Linie besteht aus Punkten; +der andere wendet ein: die Fläche besteht nicht aus Linien. Der eine +sagt: auch die vernünftige Seele stirbt, der andere wendet auf Grund +des allgemeinen Glaubens ein: sie stirbt nicht. Gegenbedenken aus +Wahrscheinlichem lassen sich auch, wie wir hier einschalten, auf Grund +der Regeln im 2. Teil des 22. Kapitels erheben. Von der Instanz ist +auch die Rede +Topik+ 1, 12 Ende und 8, 2 Anfang; ferner im 8. Buche +in Kap. 8 und 10. Von dem verneinenden Einwand aus der 2. Figur war +schon vorhin die Rede, vgl. Anm. 90. Von dem partikulären Einwand hieß +es, daß er naturgemäß durch die 3. Figur geht, vgl. 69 b 18 f. Er kann +aber auch durch die erste gehen. Man kann z. B. gegen den Satz: kein +Konträres fällt unter das nämliche Wissen, in der 3. Figur einwenden: +Gesundes und Ungesundes ist konträr; einiges Konträre fällt unter +das nämliche Wissen. Man kann aber ebenso in der 1. Figur einwenden: +Gesundes und Ungesundes fällt unter das nämliche Wissen; einiges +Konträre ist gesund und ungesund; einiges Konträre fällt unter das +nämliche Wissen. + +[296] Das Enthymema, im Eingang der 2. Analytik als rhetorischer +Schluß bezeichnet, ist die letzte Begründungsmethode, die hier +in Betracht kommt. Ihr Besonderes ist, daß sie oft nur ein +wahrscheinliches Ergebnis liefert. Da in der Definition des Enthymema +das Wahrscheinliche, εἰκός, und das Zeichen, σημεῖον steht, so +werden diese beiden vorher begrifflich bestimmt. Sie unterscheiden +sich dadurch, daß das Erste ein Urteil für sich ist, während das +Zweite als Voraussetzung für andere Sätze dient. Ein bemerkenswertes +Beispiel für die Verwendung des σημεῖον auch in der wissenschaftlichen +Darstellung findet sich gleich in den ersten Sätzen der Metaphysik. +Zur Begründung des gleichsam thematisch vorangestellten Axioms: „alle +Menschen verlangen von Natur zu wissen“, heißt es: „ein Zeichen +dessen ist die Wertschätzung der Sinneswahrnehmungen, an denen wir +uns um ihrer selbst willen freuen, weil sie uns die Dinge in ihrer +Eigentümlichkeit erkennen lassen.“ Der Trieb verrät sich in der Neigung +und die Neigung in der Freude. Nun ist die sinnliche Erkenntnis zwar +kein Wissen, aber dieses wird aus ihr geschöpft, und so ist die Freude +an ihr ein σημεῖον, ein Zeichen, für den allen Menschen eingepflanzten +Wissenstrieb. + +[297] Statt „Schluß“ in der Definition des Enthymema 70 a 10 haben +einige Handschriften „unvollkommener Schluß“, συλλογισμὸς ἀτελής, als +müßte immer eine Prämisse fehlen, eine Lesart, die von Julius Pacius im +Kommentar zu dieser Stelle, von Silv. Maurus und den Neueren mit Recht +abgelehnt wird. -- Für die 1. Figur ist der natürliche Mittelbegriff +derjenige, der wirklich in der Mitte steht, so daß er nicht so +umfassend und allgemein ist wie der Oberbegriff und allgemeiner als +der Unterbegriff oder mit ihm konvertibel, für die zweite ist es der, +der allgemeiner ist als die Außenbegriffe und deshalb in den Prämissen +Prädikat ist, für die dritte der, der nicht so allgemein ist wie die +Außenbegriffe und deshalb in den Prämissen Subjekt ist. Analog ist +es mit dem „Zeichen“. Das Zeichen „Milch haben“ hat nicht den Umfang +von empfangen haben und geht über Frau hinaus, das letztere, sofern +jede Person, bei der es sich findet eine Frau ist, aber nicht jede +Frau es aufweist. Das Zeichen „Pittakus“ hat nicht den Umfang von +tugendhaft und weise, und das Zeichen „blaß“ hat einen größeren Umfang +als schwanger und die und die. -- Zu der Stelle und dem Folgenden +vergleiche man +Trendelenburg+, Erläuterungen zu den Elementen der ar. +Logik § 37, S. 76–81, und +Rhetorik+ I, 2. 1357 a 32--b 21. + +[298] In der 1. Figur folgt der aus dem Zeichen abgeleitete Satz +notwendig. Z. B. folgt aus den Prämissen: jede Frau, die Milch hat, hat +empfangen; diese Frau hat Milch, notwendig: diese Frau hat empfangen. +Gleichwohl ist dieser Schluß keine Apodeixis, kein wissenschaftlicher +Beweis. Er geht nicht von dem aus, was von Natur früher ist. Die Frau +hat nicht empfangen, weil sie Milch hat, sondern sie hat Milch, weil +sie empfangen hat. Ebenso ist es mit dem vorhin, Anm. 92, angeführten +Zeichen aus Met. 1, 1. Wir haben den Wissenstrieb nicht, weil uns die +Wahrnehmung Freude macht, sondern die Wahrnehmung macht uns Freude, +weil wir den Trieb zum Wissen haben, das in gewissem Sinne aus der +Wahrnehmung geschöpft wird. Was weiterhin die 3. Figur angeht, so +folgt zwar auch in ihr etwas notwendig, aber das, was man will, folgt +nicht notwendig. Z. B. wenn Pittakus tugendhaft ist und Pittakus weise +ist, folgt nicht, daß die Weisen oder Philosophen tugendhaft sind, +sondern nur, daß ein Weiser, eben Pittakus, tugendhaft ist. In der 2. +Figur folgt nichts notwendig, sondern der Schlußsatz ist immer nur +wahrscheinlich. + +[299] Tekmerion, das wir vorhin als strengen Beleg bezeichnet haben, +nennt Trendelenburg a. a. O. S. 77 beweisendes Zeichen, wozu man Anm. +94 vergleichen möge. + +[300] Der physiognomische Schluß gehört als Teil in die Semiotik, +er ist eine besondere Art desjenigen Schlusses, der auf Zeichen +fußt. Gegenwärtig bezieht man die Physiognomik ausschließlich auf +den Menschen, man schließt aus dem Äußeren auf das Innere. Die ar. +Physiognomik ist teils weiteren, teils engeren Umfangs als die moderne, +weiteren Umfangs, sofern sie auch die Tiere einbegreift, engeren, +sofern sie beim Menschen nur auf diejenigen seelischen Erscheinungen +und Eigenschaften schließt, die der Seele, um mit Aristoteles zu +reden, mit dem Leibe gemeinsam sind, sofern ihr Subjekt oder Träger +der beseelte Leib ist. Von der Art sind z. B. der Zorn und die +Begierde. Die moderne Physiognomik zieht dagegen aus dem Körperlichen, +wie Gesichts- und Kopfbildung, Folgerungen auf den Geist, z. B. auf +spekulative Anlage oder auf Geistesschärfe. Die arist. Physiognomik +scheint insofern wissenschaftlicher zu sein, als der beseelte Leib und +seine Organe der Träger der sinnlichen Erscheinungen sind, während das +Denken und wollen nur der Seele angehört, vgl. de anima 1, 1 und 3, 4. + + + + +Namen- und Sachverzeichnis. + + + A + + Abduktion, Apagoge, Umbiegung, 69 a 20. + + Affekt, physischer, verändert Leib u. Seele zugleich, 70 b 8. + + Affekt, seine Anzeichen, 70 b 13. + + Aktueller Irrtum, 67 b 5. + + Aktuelles Wissen, 67 b 3 u. 5. + + Allgemeines, auf keine bestimmte Zeit beschränkt, 34 b 17. + + Allgemeinstes, von ihm nichts ausgesagt, 43 a 36. + + Ansatz der Begriffe, Ekthesis, 48 a 1, 49 a 27; + falscher Ansatz Z. 25. + + Anschauung hat didaktischen Wert, 50 a 1. + + Aristomenes, der denkbare, 47 b 21. + + Astronomie, wie ihre Prinzipien gefunden worden sind, 46 a 19. + + Athener, 69 a 1. + + + B + + Begriffe, minder gut gewählte, 35 a 2; + ihre Lage, 35 a 11. + Außenbegriff, Mittelbegriff, 25 b 36. + Ober-, Unterbegriff, 26 a 21 f, 26 b 37, 28 a 13. + Begriffsreihe, Systoichia, 66 b 27. + + Beweis, auseinander, 57 b 18, 59 a 32. + Beweis, deiktischer, gleich direkter Beweis, 63 b 12. + Indirekter Beweis für allgemein bejahende Sätze ist in der 1. Figur + unmöglich, 61 a 34. + + + E + + Eigentümliche Bestimmung, proprium, 43 b 2 u. 7. + Eigentümliche Prinzipien der Wissenschaften, 46 a 17. + + Eins oder Monas, nach den Platonikern Substanz, 27 b 7. + + Einsatz einer Behauptung, Metalepsis, 41 a 39. + + Einteilung der Platoniker ist gleichsam ein schwacher Schluß, 46 a 32. + + Erhebung und Auswahl der Prämissen, 43 b 1. + + Eros, der achtet die Liebe höher als den Verkehr, 68 b 4. + + Erstes Falsches, 66 a 16. + + Extremitäten, große, zeigen Mut an, 70 b 16. + + + F + + Falsches, aus ihm kann Wahres folgen, aber nicht wie aus seinem + Grunde, 53 b 7, 55 b 3, 56 b 4. Dagegen kann aus entgegengesetzten + Prämissen nicht Wahres folgen, 64 b 8. + + Falsch -- unmöglich, 34 a 25. + + Fassung, sprachlich falsche der Begriffe, 48 a 8. + + Figur der Schlüsse, 26 a 13. + + + G + + Ganzes und Teil bei entgegengesetzten Schlußsätzen, 64 a 17. + + Gegensatz ist vierfach, 63 b 24, dreifach 26. + Gegensätze richtig zu fassen, 52 b 15. + + Gegenteil bei den indirekten Schlüssen zu setzen, 62 b 26. + + Gott nach außen tätig, 48 b 35. + + Gut -- das Gute, 49 b 10. + + + H + + Halbmonde, Menisken, 69 a 33. + + Hauptprämisse, 42 b 1. + + Herausheben, 30 a 9 u. 11, 30 b 31. + + Heraushebung, 28 a 23, 28 b 14. + + Hypothetische Schlüsse, 40 b 25, 28; 41 a 38; 45 b 16 u. 20; + lassen sich nicht reduzieren, 50 a 16. + + + I + + Individuum, von keinem ausgesagt, außer per accidens, 43 a 27 u. 34. + + Induktion für uns einleuchtender als der Syllogismus, 68 b 36. + + Inkommensurabel, 41 a 26, 29. + + + K + + Kontingent, zufällig, hat einen vielfachen Sinn, 25 a 37. + Kontingent, nicht im Sinne der Definition, 34 b 27. + Kontingent sein so viel als meistens geschehen, 32 b 5; + so viel als zufällig sein, 32 b 12. + + Kontingenz, ihr Begriff, 32 a 18, 33 a 25, 33 b 23. + + Kontradiktorisches Gegenteil -- konträres G., 59 b 8 ff. + + Konträr entgegengesetzte Sätze -- kontradiktorisch entgegengesetzte + S., 63 b 28. + + + L + + Langlebig, 68 b 19. + + Lernen nach Plato gleich Erinnerung, 67 a 21. + + + M + + Maulesel unfruchtbar, 67 a 35. + + Meno, 67 a 21. + + Methode, 53 a 2. + + Mikkalos, der Gebildete, 47 b 30. + + Mittelbegriff, durch eine Rede ausgedrückt, 48 a 38. + + Modalität der Sätze, 25 a 2. + + Modus der Schlußfigur, 42 b 30, 43 a 10. + + Mögliches Werden -- mögliches Sein, 34 a 13. + + + N + + Nennform, Nominativ, bei Angabe der Begriffe zu nehmen, 48 b 41. + + Nichtweißes sein -- nicht weiß sein, 51 b 8. + + Nichtursache als Ursache setzen, 65 b 16. + + + P + + Parallelität, falsch bewiesen, 64 a 4. + + Petitio principii, 41 b 18 ff; 64 b 28; + bei den Beweisen, 65 b 36; + bei den dialektischen Schlüssen, 65 b 37. + + Phocier, 69 a 2. + + Pittakus, 70 a 16. + + Probables Axiom, 62 a 13. + + Proslepsis, Hinzunahme eines weiteren Schlusses, 58 b 9. + + Prosyllogismus, 42 b 5. + + + Q + + Qualität gleich Form, 36 a 7, 38 b 6. + + Qualitätsgleiche Sätze, 27 b 11, 34. + + + R + + Rhetorische Schlüsse, 68 b 11. + + + S + + Satz, apodiktischer -- dialektischer, 24 a 22; + syllogistischer, 24 a 28. + + Schluß, sein Begriff allgemeiner als der Begriff von Beweis, 25 b 29. + + Schluß der Möglichkeit oder der Anlage nach, 41 b 33. + + Schluß vollkommener und unvollkommener, 24 a 12; + vollkommener, 24 a 22, + unvollkommener, 24 a 24. + Alle unvollkommenen Schlüsse werden durch die 1. Figur vollendet, + 29 a 30. + + Schlußsatz zeigt die Figur für die Reduktion an, 50 a 8. + + Seiendes und etwas Seiendes als Mittelbegriff, 49 a 30. + + + T + + Tekmerion, strenger Beleg, 70 b 2. + + + U + + Umkehrung, Metathesis, Antistrophe des Schlußsatzes, 59 b 1 u. 3. + + Umkehrung -- indirekter Beweis, 61 a 21. + + Umstellung der Prämissen, Umkehrung des Untersatzes in den Obersatz + und umgekehrt, 38 a 26, 38 b 5 u. 10. + + Unbestimmt, 24 a 19; + unbestimmte Fassung, 29 a 8; + Beweis aus dem Unbestimmten, 27 b 20, 28; 29 a 6; 35 b 11. + + Ungeworden -- unvergänglich, 68 a 9. + + Unteilbar = individuell, 69 a 17. + + Unvermittelter Satz, 48 a 32. + + Unwiderlegbar, unlösbar, 70 a 29. + + Ursache, statt ihrer Nichtursache setzen, 65 b 16. + + + V + + Verschleierung des Schlußsatzes, 42 a 23. + + + W + + Wahl gleich Ekthesis, 57 a 35. + + Wahres, aus ihm kann nichts Falsches geschlossen werden, 53 b 7 ff. + + Wahrheit immer und in allem mit sich selbst im Einklang, 47 a 8. + + Wahrheitsgemäße Aussage des einen von dem anderen, 49 a 6. + + Winkel an der Grundlinie des gleichschenkeligen Dreiecks einander + gleich, 41 b 14; ebenso alle Winkel im Halbkreis, 41 b 17. + + Wissen und Nichtwissen oder Irren bezüglich desselben Objekts, 67 b 5. + + + Z + + Zahl im Sinne der Platoniker Substanz, 27 a 20. + + Zeit nötige, und günstige Gelegenheit nicht begrifflich identisch, + 48 b 35. + + Zeno argumentiert gegen die Bewegung, 65 b 18. + + Zirkelbeweis und Zirkelschluß bei konvertibeln Sätzen möglich, + 58 a 13. + + Zirkelbeweis und Umkehrung, 59 b 11. + + Zuhilfenahme eines Satzes, 61 a 38. + + Zukommen und Nichtzukommen hat viele Bedeutungen, 48 b 4, 49 a 6. + + Zustand und sein Subjekt, 48 a 10, 19 u. 26. + + + + + #################################################################### + + Hinweise des Bearbeiters zur ‚Bekker-Zählung‘ + + In Zitaten wie ‚24 b 10‘ haben die einzelnen Elemente die folgende + Bedeutung: + + 24: Seitenzahl in Bekkers Ausgabe von Aristoteles’ Werken; + b: Spalte auf der betreffenden Seite (a oder b); + 10: Zeilennummer innerhalb der jeweiligen Spalte. + + Die Zeilennummer wird im vorliegenden Buch, mit Ausnahme der ersten + drei Kapitel, weggelassen. Die Nummerierung bezieht sich in diesen + Fällen auf den Anfang der Spalte. + + #################################################################### + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78423 *** diff --git a/78423-h/78423-h.htm b/78423-h/78423-h.htm new file mode 100644 index 0000000..978e59d --- /dev/null +++ b/78423-h/78423-h.htm @@ -0,0 +1,10052 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <meta name="viewport" content="width=device-width, initial-scale=1"> + <meta name="format-detection" content="telephone=no,date=no,address=no,email=no,url=no"> + <title> + Lehre vom Schluss oder Erste Analytik (Organon III) | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +div.eng { + width: 70%; + margin: auto 15%;} +.x-ebookmaker div.eng { + width: 95%; + margin: auto 2.5%;} + +div.ind {margin-left: 3em;} +.x-ebookmaker div.ind {margin-left: 1em;} + +h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + font-weight: normal;} + +h1 {font-size: 275%;} +h2,.s2 {font-size: 175%;} +h3,.s3 {font-size: 125%;} +h4,.s4 {font-size: 110%;} +h5,.s5 {font-size: 90%;} +h6,.s6 {font-size: 70%;} + +h2 { + padding-top: 0; + page-break-before: avoid;} + +h2.nobreak { + padding-top: 3em; + margin-bottom: 1.5em;} +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1.5em;} + +p.p0,p.center {text-indent: 0;} + +p.hang_titel { + padding-left: 4.5em; + text-indent: -1.5em;} + +.mtop1 {margin-top: 1em;} +.mtop2 {margin-top: 2em;} +.mtop3 {margin-top: 3em;} +.mtop5 {margin-top: 5em;} +.mbot1 {margin-bottom: 1em;} +.mbot2 {margin-bottom: 2em;} +.mbot3 {margin-bottom: 3em;} +.mright2 {margin-right: 2em;} + +.padtop1 {padding-top: 1em;} +.padtop5 {padding-top: 5em;} +.padleft1 {padding-left: 1em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%;} + +div.chapter,div.section {page-break-before: always;} + +.break-before {page-break-before: always;} + +ul.index { list-style-type: none; } +li.ifrst { + margin-top: 1.5em; + margin-left: 3em; + font-weight: bold; + font-size: 110%; +} +li.indx { + margin-top: .5em; + text-indent: -2em; + padding-left: 1em; +} +li.isub1 { + text-indent: -2em; + padding-left: 2em; +} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +table.toc { + font-size: 85%; + width: 36em; + margin: auto;} +.x-ebookmaker table.toc { + font-size: 90%; + width: 95%; + margin: auto 2.5%;} + +.vat {vertical-align: top;} +.vab {vertical-align: bottom;} + +.csstab {display: table;} +.cssrow {display: table-row;} +.csscell {display: table-cell;} + +/* page numbers */ +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 93%; + font-size: 70%; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; + color: #777777;} + +blockquote { + margin-top: 0; + margin-bottom: 0; + margin-left: 5%; + margin-right: 10%; +} + +.sidenote { + width: 4.25em; + padding: 0.2em; + margin-left: 1em; + text-align: right; + float: right; + clear: right; + margin-top: 0.25em; + font-size: 80%; + color: black; + background: #eeeeee; + border: 1px dotted gray; +} + +.sidenote2 { + width: 5.5em; + padding: 0.2em; + margin-left: 1em; + text-align: right; + float: right; + clear: right; + margin-top: 0.25em; + font-size: 80%; + color: black; + background: #eeeeee; + border: 1px dotted gray; +} +.x-ebookmaker .sidenote { + float: right; + clear: right;} +.x-ebookmaker .sidenote2 { + float: right; + clear: right;} + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.left {text-align: left;} + +.gesperrt +{ + font-style: normal; + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} +.x-ebookmaker .gesperrt { + font-family: sans-serif,serif; + font-size: 90%; + letter-spacing: normal; + margin-right: 0em; +} + +figcaption {text-align: center; font-size: 90%;} +figcaption p {margin-top: 0; margin-bottom: .2em; text-align: inherit;} + +/* Footnotes */ +.footnotes { + border: thin black dotted; + background-color: #dadada; + color: black; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + padding-top: 0.5em; + padding-bottom: 0.5em;} + +.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} + +.footnote p {text-indent: 0;} + +.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} + +.fnanchor { + vertical-align: top; + font-size: .7em; + text-decoration: none;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote { + background-color: #dadada; + color: black; + font-size: smaller; + padding: 0.5em; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 5em;} + +.hidehtml {display: none;} +.x-ebookmaker .hidehtml {display: block;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78423 ***</div> + +<div class="transnote mbot3 break-before"> + +<p class="center"><b class="s3">Anmerkungen zur Transkription</b></p> + +<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand des Nachdrucks der +Buchausgabe von 1921 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben +gegenüber dem Original unverändert. Verschiedene Schreibvarianten +(Contradiktionen/Contradictionen, etc.) wurden nicht vereinheitlicht, +sofern der Wortsinn erhalten bleibt.</p> + +<p class="p0 hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten +Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> +gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl +serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p> + +<p class="p0">Die Einträge im <a href="#Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</a> für die Anmerkungen, +sowie das Namen- und Sachverzeichnis wurden vom Bearbeiter der +Übersichtlichkeit halber eingefügt.</p> + +<p class="p0">Fußnoten wurden an das Ende des betreffenden Absatzes +angefügt und erhalten die Buchstaben A bis H; die mit arabischen +Zahlen versehenen Endnoten befinden sich einem gesonderten Abschnitt +‚<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen</a>‘. Letztere wurden in der gedruckten Version für das Erste +und Zweite Buch getrennt nummeriert, beginnen dort also jeweils bei +1. In der elektronischen Fassung erfolgt die Nummerierung dagegen +durchgehend. Die betreffenden Verweise im Text wurden dementsprechend +angepasst.</p> + +<p class="p0">In den Randnotizen finden sich Verweise zu den +entsprechenden Stellen in der kritischen Aristoteles-Gesamtausgabe +von Immanuel Bekker aus den Jahren 1831 bis 1837. Das <a href="#Namen-_und_Sachverzeichnis">Namen- und +Sachverzeichnis</a> verweist nur auf die entsprechenden Stellen in diese +Ausgabe, nicht aber direkt auf Passagen innerhalb des vorliegenden +Buches. Zur sogenannten ‚Bekker-Zählung‘ siehe die <a href="#Bekker">Hinweise des +Bearbeiters</a> am Schluss des Textes.</p> + +</div> + +<div class="eng break-before"> + +<div class="chapter"> + +<p class="s2 center">ARISTOTELES</p> + +<h1>LEHRE VOM SCHLUSS<br> +<span class="s6">oder</span><br> +ERSTE ANALYTIK<br> +<span class="s6">(Organon III)</span></h1> + +<p class="s4 center mtop3">Übersetzt und mit Anmerkungen versehen</p> + +<p class="s4 center">von</p> + +<p class="s4 center">EUGEN ROLFES</p> + +<p class="s4 center mtop3 padtop5">FELIX MEINER VERLAG<br> +HAMBURG</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p class="center mtop5 mbot2">PHILOSOPHISCHE BIBLIOTHEK BAND 10</p> + +<div class="csstab"> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell">1877 </div> + <div class="csscell">Übersetzt und erläutert von J. H. von Kirchmann</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell">1921 </div> + <div class="csscell">Neu übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Eugen + Rolfes</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell">1975 </div> + <div class="csscell">Unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1921</div> + </div> +</div> + +</div> + +<p class="hang_titel mtop3 mbot1">CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek</p> + +<p class="hang_titel"><b>Aristoteles</b></p> + +<p class="hang_titel">Organon/übers. u. mit Anm. vers. von Eugen Rolfes<br> +Einheitssacht.: Organon ‹dt.›</p> + +<p class="hang_titel">3. Lehre vom Schluß oder erste Analytik<br> +(Philosophische Bibliothek; Bd. 10)<br> +ISBN 3-7873-0354-5</p> + + +<p class="s5 center mtop3 padtop5">Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks<br> +und der photomechanischen Wiedergabe,<br> +vorbehalten<br> +ISBN 3-7873-0354-5<br> +Druck: Anton Hain KG, Meisenheim<br> +Bindearbeiten: Hamburger Druckereigesellschaft<br> +Kurt Weltzien KG<br> +Printed in Germany</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_iii">[Pg iii]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Einleitung"> + Einleitung. + </h2> + +</div> + +<p>Die Analytik ist, um eine Erklärung des Wortes zu geben, die Lehre +von der Auflösung der Schlüsse, d. h. von der Zurückführung der +Konklusionen oder Schlußsätze auf ihre Prämissen.</p> + +<p>Die Wahl dieses Wortes beruht auf der Vorstellung, daß die Konklusion +ein Gegebenes ist, das philosophisch auf seine Gründe zurückgeführt +sein will. In der Tat ist alles Wissen oder, um es allgemeiner zu +fassen, alle vernünftige Erkenntnis, abgesehen von den höchsten +Prinzipien, der Ertrag eines Schlusses. Wenn man aber den Prämissen +nachgeht, um aus ihnen die Konklusionen zu verstehen, so heißt das +nichts anderes, als nach der Bildung oder Errichtung der Schlüsse +fragen. Denn die Konklusion kann nur dann ein rechtmäßiges Ergebnis des +Denkens sein, wenn sie auf einem rechtmäßigen Schluß beruht.</p> + +<p>So ist denn die Analytik die Lehre von der Schlußbildung, mit einem +Worte die Syllogistik.</p> + +<p>Man kann in die Syllogistik zwar auch die Lehre von dem Begriff +und Urteil einbeziehen, die von Aristoteles in den Kategorien und +Perihermenias im äußersten Umriß vorgelegt wird, aber nur, sofern sie +die für die Syllogistik notwendigen Vorbegriffe behandelt.</p> + +<p>Die beiden Werke, die Aristoteles speziell als Analytik bezeichnet, +sondern sich in die erste und in die zweite Analytik. Es ist aber +klar, daß sich die Bezeichnung Analytik ebenso für die letzte oder die +beiden <span class="pagenum" id="Page_iv">[Pg iv]</span>letzten logischen Schriften, die Topik und die Sophistischen +Widerlegungen, eignen würde. Denn auch sie handeln von der Errichtung +bestimmter Schlüsse, der dialektischen und der sophistischen, wenn +auch von den letzteren hauptsächlich nur, um zu zeigen, wie man sich +ihrer erwehrt. Dementsprechend treffen wir im Eingang beider Schriften, +der ersten Analytik und der Topik, gleichmäßig auf die Definition des +Schlusses, des apodiktischen und des dialektischen, beziehungsweise der +apodiktischen und der dialektischen Prämisse, vgl. 24 a 22 ff. und 100 +a 25 ff. Man sieht indessen leicht, weshalb Aristoteles es vorzieht, +den Büchern von den dialektischen Schlüssen den Namen Topik zu geben: +er betrachtet dort die Konklusionen nicht als etwas Gegebenes, sondern +als etwas zu Findendes, das am rechten Orte geschöpft werden muß.</p> + +<p>Als Gegenstand der Analytik oder, wie wir jetzt sagen dürfen, der +Syllogistik, nennt Aristoteles im ersten Satze der ersten Analytik den +Beweis, die Apodeixis, mit dem erklärenden Zusatz, daß die beweisende +Wissenschaft es ist, von der wir die Theorie des Beweises erwarten.</p> + +<p>Das berechtigt uns zu der Annahme, daß im Sinne des Aristoteles die +Syllogistik und Logik ihre einzige Aufgabe an dem wissenschaftlichen +Beweise hat, sofern sie letzthin darauf abzielt, uns die Weise zu +lehren, wie wir etwas durch geordnetes Denken aus seinen Gründen +ableiten.</p> + +<p>Demnach sagen wir, daß die erste Analytik so gut wie die zweite der +Lehre von dem beweisenden Schluß gilt, nur in anderer Weise.</p> + +<p>Die erste und die zweite Analytik unterscheiden sich voneinander, +wie das auch die allgemeine Ansicht der scholastischen Kommentatoren +war, im Grunde nur dadurch, daß die erste den beweisenden Schluß nach +Seite der Form, die zweite ihn nach Seite des Inhaltes betrachtet; +die erste lehrt, wie er aus den Prämissen schließen muß, um ein +Schluß, die zweite, aus welchen Prämissen er schließen muß, um ein +wissenschaftlicher <span class="pagenum" id="Page_v">[Pg v]</span>Schluß und ein Beweis im strengen Sinne des Wortes +zu sein.</p> + +<p>Da nun aber die Regeln für die formelle Korrektheit der Schlüsse +dieselben sind, mag es sich um einen wissenschaftlichen oder nur um +einen dialektischen Schluß handeln — denn immer müssen die Schlußsätze +aus den Vordersätzen mit logischer Notwendigkeit hervorgehen —, so +folgt, daß die erste Analytik den Schluß im allgemeinen, die zweite +ausschließlich den wissenschaftlichen, apodiktischen Schluß behandelt.</p> + +<p>Ein Schluß ist wissenschaftlich, wenn seine Vordersätze nicht nur wie +immer wahr sind, sondern auch als solche, d. h. wenn sie die wahren und +ersten Gründe der Konklusion enthalten. Das, und daß es solche Schlüsse +gibt, und wie man sie findet, ist das Thema der zweiten Analytik.</p> + +<p>So fehlt denn der logischen Theorie zu ihrer Vollständigkeit nur +noch Eines: die Lehre von den Schlüssen mit anders gearteten +Vordersätzen, solchen, die entweder nicht gewiß wahr sind, sondern +nur wahrscheinlich, oder wenn auch wahr, doch nicht in dem Sinne, daß +sie den wahren sachlichen Grund der Konklusion enthalten. Von diesen +Schlüssen handelt die Topik.</p> + +<p>Die sophistischen Widerlegungen sind von ihr ein Anhang: sie behandeln +die Schlüsse, die weder formell noch inhaltlich den Forderungen +entsprechen. Die erste Analytik besteht, wie auch die zweite, aus zwei +Büchern. Das erste Buch behandelt die Errichtung der Schlüsse und hat +drei Teile, die auch zu Anfang des zweiten Buches rekapitulierend +angegeben werden. Der erste Teil enthält die Regeln für die Errichtung +der Schlüsse, der zweite gibt Anleitung für die Auffindung des +Mittelbegriffs, der dritte zeigt, wie man die formlosen Schlüsse +auf den normalen Schluß zurückführt. Das Einzelne wolle man aus den +Kapitelüberschriften und den Anmerkungen ersehen.</p> + +<p>Das zweite Buch betrachtet die Schlüsse, nicht wie das erste +in ihrer Entstehung, sondern wie sie fertig vorliegen, und hat +ebenfalls drei Teile. Der erste zeigt <span class="pagenum" id="Page_vi">[Pg vi]</span>die Kraft und Tragweite des +Schlusses, der zweite handelt von den Mängeln und Schwächen, die +die verschiedenen Schlüsse und Beweismethoden haben können, der +dritte zeigt abschließend, wie jedes andere Begründungsverfahren, +um wissenschaftliche Bedeutung zu haben, sich auf den Schluß muß +zurückführen lassen.</p> + +<p>Bei der vorliegenden Arbeit habe ich außer der Übersetzung von Bender +und von v. Kirchmann das Organon von Waitz und die Syllogistik des +Aristoteles von Heinrich Maier zu Rate gezogen und benutzt, von älteren +Werken in weitgehender Weise Silvester Maurus. Über die allgemeine +Frage, von welchem erkenntnistheoretischen Standpunkte die Logik +des Aristoteles verfaßt ist, und ob dieser Standpunkt ihren Wert +beeinträchtige, eine Frage, in der ich mit Maier nicht eines Sinnes +bin, werde ich mich vielleicht in der Einleitung zur zweiten Analytik +aussprechen.</p> + +<p class="mtop2"><em class="gesperrt">Köln-Lindenthal</em>, Juni 1921.</p> + +<p class="s4 right mright2 mtop1">Rolfes.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_vii">[Pg vii]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis"> + Inhaltsverzeichnis + </h2> + +</div> + +<table class="toc"> + <tr> + <td colspan="3"> + <div class="center"><a href="#Erstes_Buch"><em class="gesperrt">Erstes Buch</em>.</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5" colspan="2"> +   + </td> + <td class="s5"> + <div class="right">Seite</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  1.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Aufgabe der Analytik. — Definitionen: + Satz, Begriff, Schluß. Was heißt es, daß etwas in etwas als + Ganzem ist?</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Erstes_Kapitel">1</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  2.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Umkehrung der Sätze</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Zweites_Kapitel">3</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  3.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Umkehrung der Sätze je nach ihrer Modalität</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Drittes_Kapitel">4</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  4.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Regeln für die Errichtung der Schlüsse in der + ersten Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Viertes_Kapitel">6</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  5.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Regeln für die Errichtung der Schlüsse in der + zweiten Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Fuenftes_Kapitel">9</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  6.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Regeln für die Errichtung der Schlüsse in der + dritten Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Sechstes_Kapitel">13</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  7.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlüsse durch Umkehrung in allen Figuren. + Verhältnis der drei Schlußfiguren zueinander</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Siebentes_Kapitel">16</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  8.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Errichtung der Schlüsse aus modalen Prämissen, + zunächst aus notwendigen Prämissen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Achtes_Kapitel">18</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  9.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlüsse aus einer notwendigen und einer einfach + ausgesagten Prämisse, zunächst in der ersten Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Neuntes_Kapitel">19</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 10.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlüsse aus solchen gemischten Prämissen in der + zweiten Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Zehntes_Kapitel">20</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 11.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlüsse in der dritten Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Elftes_Kapitel">22</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 12.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Korollarien</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Zwoelftes_Kapitel">25</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 13.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlüsse aus kontingenten Prämissen. Vorläufiges. + Was heißt kontingent? Besondere Regeln für die Umkehrung kontingenter + Sätze</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Dreizehntes_Kapitel">25</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 14.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Errichtung der Schlüsse aus kontingenten Prämissen + in der ersten Figur, wenn beide Prämissen kontingent sind</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Vierzehntes_Kapitel">28</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 15.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlüsse in der ersten Figur aus einer kontingenten + und einer einfach ausgesagten Prämisse</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Fuenfzehntes_Kapitel">30</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 16.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlüsse in der ersten Figur aus einer kontingenten + und einer notwendigen Prämisse</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Sechzehntes_Kapitel">36</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_viii"><span class="s4">[Pg viii]</span></span> + <div class="left">Kapitel 17.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Errichtung der Schlüsse aus kontingenten Prämissen + in der zweiten Figur, wenn beide Prämissen kontingent sind</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Siebzehntes_Kapitel">39</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 18.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlüsse in der zweiten Figur aus einer kontingenten + und einer einfach ausgesagten Prämisse</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Achtzehntes_Kapitel">42</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 19.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlüsse in der zweiten Figur aus einer kontingenten + und einer notwendigen Prämisse</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Neunzehntes_Kapitel">44</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 20.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Errichtung der Schlüsse aus kontingenten Prämissen + in der dritten Figur, wenn beide Prämissen kontingent sind</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Zwanzigstes_Kapitel">46</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 21.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlüsse in der dritten Figur aus einer kontingenten + und einer einfach ausgesagten Prämisse</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Einundzwanzigstes_Kapitel">48</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 22.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlüsse in der dritten Figur aus einer kontingenten + und einer notwendigen Prämisse</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Zweiundzwanzigstes_Kapitel">49</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 23.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zurückführung aller Schlüsse auf die drei angegebenen + Figuren und weiterhin auf die erste Figur und die allgemeinen Schlüsse + in ihr</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Dreiundzwanzigstes_Kapitel">51</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 24.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Jeder Schluß muß eine bejahende und eine allgemeine + Prämisse haben</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Vierundzwanzigstes_Kapitel">54</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 25.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Jeder Schluß hat drei Begriffe und zwei Prämissen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Fuenfundzwanzigstes_Kapitel">55</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 26.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Welche Schlußsätze schwer und welche leicht zu + gewinnen sind</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Sechsundzwanzigstes_Kapitel">58</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 27.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Auffindung des Mittelbegriffs. — Vorläufiges</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Siebenundzwanzigstes_Kapitel">59</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 28.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Auffindung des Mittelbegriffs je nach der Quantität + und Qualität der Schlußsätze</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Achtundzwanzigstes_Kapitel">62</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 29.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Auffindung des Mittelbegriffs für apagogische, + hypothetische und modale Schlüsse</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Neunundzwanzigstes_Kapitel">66</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 30.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Rückblick. Bedeutung der syllogistischen Regeln + für die Wissenschaft! Wie man die obersten Grundsätze der einzelnen + Wissenschaften findet</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Dreissigstes_Kapitel">69</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 31.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Einteilung kann den Syllogismus nicht ersetzen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Einunddreissigstes_Kapitel">70</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 32.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zurückführung formloser Begründungen auf die + strenge syllogistische Form. Regeln für dieses Verfahren. Fehler, die + bei demselben in bezug auf die Prämissen vorkommen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Zweiunddreissigstes_Kapitel">72</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 33.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Weitere Fehler, die bei dem Reduktionsverfahren + in bezug auf die Prämissen vorkommen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Dreiunddreissigstes_Kapitel">74</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 34.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Fehler bei der Exposition oder dem Ansatz der + Begriffe. Man darf nicht die Zustände statt der Subjekte setzen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Vierunddreissigstes_Kapitel">75</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 35.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Weitere Fehler bei der Exposition. Man darf + nicht immer als Terminus ein einzelnes Wort fordern</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Fuenfunddreissigstes_Kapitel">76</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 36.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Man darf nicht übersehen, daß die grammatische + Form der Begriffe nicht immer dieselbe ist</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Sechsunddreissigstes_Kapitel">77</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_ix"><span class="s4">[Pg ix]</span></span> + <div class="left">Kapitel 37.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Auch die Weise, wie ein Begriff dem anderen + zukommt, ist nicht immer dieselbe. Ankündigung der verschiedenen + Weisen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Siebenunddreissigstes_Kapitel">79</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 38.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Reduplikation und wie man dabei die + Begriffe ansetzen muß</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Achtunddreissigstes_Kapitel">79</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 39.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Man muß, besonders bei der Reduplikation, auf + Deutlichkeit und Kürze sehen und darum zuweilen einen weniger klaren + Begriff durch einen klareren ersetzen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Neununddreissigstes_Kapitel">80</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 40.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Man darf die Begriffe nicht vertauschen, wenn + durch die Vertauschung das Wesen zur Eigenschaft oder die Eigenschaft + zum Wesen wird </div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Vierzigstes_Kapitel">81</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 41.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Es ist auch nicht dasselbe, wenn A allem zukommt, + dem B zukommt, und allem, dem B nach dessen ganzem Umfang zukommt. + Auch das muß bei dem Ansatz der Begriffe berücksichtigt werden. Die + Bezeichnung der Begriffe durch Buchstaben geschieht nur im + didaktischen Interesse, um das Verständnis durch die Anschauung + zu erleichtern</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Einundvierzigstes_Kapitel">81</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 42.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Ein Begriff kann dem anderen auch erst auf + Grund einer Verbindung von Syllogismen zugesprochen werden. + Verfahren dabei</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Zweiundvierzigstes_Kapitel">82</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 43.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Wenn ein Teil einer Definition angefochten + wird, setze man bei der Widerlegung nur den Teil als Terminus</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Dreiundvierzigstes_Kapitel">82</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 44.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Bei den hypothetischen und apagogischen + Schlüssen gibt es keine Reduktion</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Vierundvierzigstes_Kapitel">83</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 45.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Es gibt eine Reduktion auch bei formgerechten + Schlüssen; die Reduktion auf eine andere Figur. Wann und wie sie + möglich ist</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Fuenfundvierzigstes_Kapitel">84</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 46.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Anhang. Unbestimmte Bejahungen und bestimmte + Verneinungen. Antecedens und Consequens. Folgerungen bei Bejahung oder + Verneinung des Antecedens oder des Consequens. Ein Einwurf</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Buch_Sechsundvierzigstes_Kapitel">87</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="3"> + <div class="center padtop1"><a href="#Zweites_Buch"><em class="gesperrt">Zweites Buch</em>.</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  1.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Kraft und Tragweite der Schlüsse. Ein und derselbe + Schluß kann mehrere Schlußsätze ergeben</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Erstes_Kapitel">92</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  2.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Auch ein Schluß aus falschen Prämissen kann + Wahres ergeben. Beweis dessen für Schlüsse der 1. Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Zweites_Kapitel">94</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  3.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Beweis für Schlüsse der 2. Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Drittes_Kapitel">100</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  4.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Beweis für Schlüsse der 3. Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Viertes_Kapitel">102</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_x"><span class="s4">[Pg x]</span></span> + <div class="left">Kapitel  5.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Tragweite der Schlüsse zeigt sich auch in + dem Zirkelbeweis. Der Zirkelbeweis in der 1. Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Fuenftes_Kapitel">102</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  6.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Zirkelbeweis in der 2. Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Sechstes_Kapitel">108</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  7.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Zirkelbeweis in der 3. Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Siebentes_Kapitel">109</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  8.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Tragweite der Schlüsse zeigt sich ebenso + in ihrer Umkehrung. Umkehrung der Schlüsse in der 1. Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Achtes_Kapitel">111</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel  9.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Umkehrung der Schlüsse in der 2. Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Neuntes_Kapitel">113</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 10.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Umkehrung der Schlüsse in der 3. Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Zehntes_Kapitel">114</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 11.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der apagogische oder indirekte Beweis, als + Analogon der Umkehrung des Schlusses, zunächst in der 1. Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Elftes_Kapitel">116</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 12.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der apagogische Beweis in der 2. Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Zwoelftes_Kapitel">120</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 13.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der apagogische Beweis in der 3. Figur</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Dreizehntes_Kapitel">121</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 14.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zurückführung der apagogischen und der direkten + Beweise aufeinander</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Vierzehntes_Kapitel">122</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 15.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schlüsse aus entgegengesetzten Prämissen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Fuenfzehntes_Kapitel">124</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 16.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mängel und Schwächen der Schlüsse. Die petitio principii + bei dem apodiktischen und dem dialektischen Beweisverfahren</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Sechzehntes_Kapitel">128</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 17.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die verfehlte Zurückführung eines falsum bei apagogischen + Schlüssen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Siebzehntes_Kapitel">130</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 18.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Falsches folgt immer nur aus Falschem</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Achtzehntes_Kapitel">132</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 19.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Praktische Winke, wie man dialektisch einer Niederlage + vorbeugen und die eigene Sache zum Siege führen soll</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Neunzehntes_Kapitel">133</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 20.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Wann ist eine Widerlegung möglich?</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Zwanzigstes_Kapitel">134</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 21.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Wie kann sich sachlich Falsches und Widersprechendes + in die Prämissen einschleichen?</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Einundzwanzigstes_Kapitel">134</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 22.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Übergang zum dritten Teil. Gewinnung neuer Sätze, als Ziel + der folgenden Begründungsmethoden, die sämtlich auf den Syllogismus + zurückgeführt werden können</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Zweiundzwanzigstes_Kapitel">138</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 23.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Induktion oder Ableitung des Allgemeinen + aus dem Einzelnen der Erfahrung als Mittel zur Gewinnung der Prinzipien</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Dreiundzwanzigstes_Kapitel">140</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 24.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Paradeigma oder Beispiel als Mittel zur Bildung + eines theoretischen und praktischen Urteils</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Vierundzwanzigstes_Kapitel">141</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 25.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Abduktion oder Umbiegung der Vordersätze als Mittel, um + einen neuen Satz wenigstens annähernd zu gewinnen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Fuenfundzwanzigstes_Kapitel">142</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 26.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Enstasis oder Einwendung als Gewinnung eines Satzes, der + der Konklusion widerspricht</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Sechsundzwanzigstes_Kapitel">143</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kapitel 27.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Enthymema oder der rhetorische Schluß und der + physiognomische Schluß zur Gewinnung von Sätzen, die oft nur + wahrscheinlich sind</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Buch_Siebenundzwanzigstes_Kapitel">145</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left padtop1"><em class="gesperrt">Anmerkungen</em>.</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right padtop1"><a href="#Anmerkungen">149</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left padtop1"><em class="gesperrt">Namen- und Sachverzeichnis</em>.</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right padtop1"><a href="#Namen-_und_Sachverzeichnis">207</a></div> + </td> + </tr> +</table> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_1">[Pg 1]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Erstes_Buch"> + Erstes Buch. + </h2> + +</div> + +<h3 id="Erstes_Buch_Erstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Erstes Kapitel</em>.</h3> + +<p id="K1_Abs_1"><span class="sidenote2">24 a 10</span>Zuerst müssen wir angeben, welchem Gegenstande die Untersuchung gilt +und wessen Sache es ist, daß sie nämlich dem Beweise gilt und Sache der +beweisenden Wissenschaft ist; dann müssen wir bestimmen, was ein Satz +ist, was ein Begriff und was ein Schluß, und welcher Schluß vollkommen +und welcher unvollkommen ist; hernach, was es heißt, daß dieses in +diesem als Ganzem ist oder nicht ist, und was wir damit meinen, wenn +wir sagen, daß etwas von jedem oder von keinem ausgesagt wird.</p> + +<p id="K1_Abs_2">Ein Satz ist eine Rede, die etwas von etwas bejaht oder verneint. Sie +ist entweder allgemein oder partikulär oder unbestimmt. Allgemein +nenne ich sie, wenn etwas jedem oder keinem zukommt, partikulär, +wenn es irgendeinem oder irgendeinem nicht oder nicht jedem zukommt, +unbestimmt, wenn die Rede etwas zukommen oder nicht zukommen läßt ohne +den Zusatz allgemein oder partikulär (so daß sie es unbestimmt läßt, in +welcher von beiden Weisen es zu nehmen ist), wie z. B. in dem Satz: das +Konträre fällt unter dieselbe Wissenschaft, oder: die Lust ist kein Gut.</p> + +<p>Der apodiktische Satz (Prämisse oder Vordersatz in dem +wissenschaftlichen Beweis, Apodeixis) unterscheidet sich von dem +dialektischen (Vordersatz in Disputationen) dadurch, daß der +apodiktische Satz die Annahme des einen Gliedes des Widerspruchs ist +— denn <span class="pagenum" id="Page_2">[Pg 2]</span>der Beweisende fragt nach ihm nicht, sondern nimmt ihn an +—, während der dialektische Satz die Frage stellt (und beantwortet), +ob das eine oder das andere Glied des Widerspruchs gelten soll. Das +kann aber für die Weise, wie der Schluß in beiden Fällen zustande +kommt, keinen Unterschied machen; denn der Beweisende wie der Fragende +schließt auf Grund der Annahme, daß eines dem anderen zukommt oder +nicht zukommt. So wird denn ein syllogistischer Satz (Vordersatz in +einem Schluß) überhaupt die Bejahung oder Verneinung eines Dinges von +einem anderen nach der angegebenen Weise sein; apodiktisch aber ist ein +solcher Satz, <span class="sidenote2">24 b 10</span>wenn er wahr und aus den obersten Prinzipien abgeleitet +ist, und als dialektischer Satz tritt er auf, einmal, wenn man den +Gegner ausholt, als Frage nach dem einen oder dem anderen Gliede des +Widerspruchs, und dann auch, wenn man schließt, als Annahme dessen, +was ein Ansehen hat und wahrscheinlich ist, wie in der Topik (I, 10) +erklärt wurde.</p> + +<p>Was also ein Satz ist und wie sich der syllogistische, apodiktische +und dialektische Satz unterscheidet, wird in der Folge ausführlich +erklärt werden; soweit es hier nötig ist, genügen uns die vorliegenden +Bestimmungen.</p> + +<p>Begriff (lat. terminus) nenne ich die Bestandteile, in die der Satz als +in Prädikat und Subjekt der Prädizierung sich auflöst, mag nun das Sein +bei der Bejahung hinzugesetzt oder bei der Verneinung, wo es Nichtsein +wird, ausgeschieden werden⁠<a id="FNanchor_1_9" href="#Footnote_1_9" class="fnanchor">[1]</a>⁠.</p> + +<p>Ein Schluß ist eine Rede, in der, wenn etwas gesetzt wird, etwas von +dem Gesetzten Verschiedenes notwendig dadurch folgt, daß dieses ist. +Mit dem Ausdruck: dadurch, daß dieses ist, meine ich, daß die Folge +seinetwegen eintritt, und damit, daß sie seinetwegen eintritt, daß es +sonst keines, von außen zu nehmenden Begriffes bedarf, damit sich ihre +Notwendigkeit ergibt.</p> + +<p>Vollkommen nenne ich einen Schluß, der, damit seine Notwendigkeit +einleuchtet, außer den Voraussetzungen keiner weiteren Bestimmung +bedarf, unvollkommen <span class="pagenum" id="Page_3">[Pg 3]</span>einen solchen, der noch einer oder mehrerer +weiteren Bestimmungen bedarf, die zwar wegen der zugrunde liegenden +Begriffe notwendig gelten, aber nicht in den Vordersätzen enthalten +sind.</p> + +<p>Daß das eine in einem anderen als Ganzem ist, und daß das eine von +jedem anderen ausgesagt wird, bedeutet dasselbe. Wir sagen aber, +daß etwas von jedem ausgesagt wird, wenn sich keines von allen +Einzeldingen, die unter das Subjekt fallen, namhaft machen läßt, von +dem das andere nicht gelten würde. Dieselbe Bewandtnis hat es mit dem +Ausdruck: von keinem ausgesagt werden.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Zweites_Kapitel"><em class="gesperrt">Zweites Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p><span class="sidenote2">25 a 1</span>Da jeder Satz entweder das (tatsächliche) Sein oder das Sein-Können +oder das Sein-Müssen zum Inhalte hat, und da ferner von den Sätzen die +einen nach der jeweiligen Modalität bejahende, die anderen verneinende +sind, und da wieder von den bejahenden und verneinenden Sätzen die +einen allgemeine, die anderen partikuläre und noch andere unbestimmte +sind, so muß der das tatsächliche Sein allgemein verneinende Satz +in seinen Begriffen konvertibel sein (sich umkehren lassen); z. B. +wenn keine Lust ein Gut ist, wird auch kein Gut eine Lust sein. Der +bejahende Satz muß zwar konvertibel sein, doch nicht so, daß ein +allgemeiner, sondern so, daß ein partikulärer Satz herauskommt, z. B. +wenn jede Lust ein Gut ist, muß auch irgendein Gut eine Lust sein. +Von den partikulären Sätzen aber muß zwar der bejahende sich in einen +partikulären umkehren lassen — denn wenn irgendeine Lust ein Gut ist, +wird auch irgendein Gut eine Lust sein —, der verneinende aber nicht; +denn wenn Mensch irgendeinem sinnlichen Geschöpf nicht zukommt, braucht +deshalb nicht zu gelten, daß auch sinnliches Geschöpf irgendeinem +Menschen nicht zukommt.</p> + +<p id="K2_Abs_2">Zunächst soll der Satz AB allgemein verneinend sein. Wenn nun A keinem +B zukommt, kann auch B keinem A zukommen. Denn käme es einem zu, z. B. +<span class="pagenum" id="Page_4">[Pg 4]</span>dem C, so wäre es nicht wahr, daß A keinem B zukommt. Denn C wird dann +ein B sein.</p> + +<p>Wenn aber A jedem B zukommt, kommt auch B irgendeinem A zu. Denn wenn +es keinem zukäme, käme auch A keinem B zu. Es wurde aber vorausgesetzt, +daß es jedem zukommt.</p> + +<p>Ebenso ist es, wenn der Satz partikulär ist. Wenn A einem B zukommt, +muß auch B einem A zukommen. Denn wenn es keinem zukäme, würde auch A +keinem B zukommen.</p> + +<p>Wenn aber A einem B nicht zukommt, braucht nicht auch B einem A nicht +zuzukommen, z. B. wenn B Sinnenwesen und A Mensch ist. Denn Mensch +kommt nicht jedem Sinnenwesen zu, Sinnenwesen aber jedem Menschen.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Drittes_Kapitel"><em class="gesperrt">Drittes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p id="K3_Abs_1">Auf dieselbe Weise muß es sich mit den notwendigen Sätzen verhalten. +Der allgemein verneinende Satz ist da allgemein konvertibel, die beiden +bejahenden sind es partikulär. Denn wenn A notwendig keinem B zukommt, +kommt auch B notwendig keinem A zu. Denn kann es einem zukommen, dann +kann es auch A einem B. Wenn aber A notwendig jedem B oder irgendeinem +B zukommt, kommt auch B notwendig einem A zu. Denn wenn es ihm nicht +notwendig zukommt, kommt auch A nicht notwendig einem B zu. Der +partikulär verneinende Satz aber ist nicht konvertibel aus eben dem +Grunde, den wir zuvor angegeben haben.</p> + +<p id="K3_Abs_2">Bei den kontingenten (eine Möglichkeit aussprechenden) Sätzen muß man +unterscheiden, da man von kontingent in vielfachem Sinne spricht. Denn +wir nennen in gleicher Weise das Notwendige kontingent, das nicht +Notwendige und das Mögliche⁠<a id="FNanchor_2_10" href="#Footnote_2_10" class="fnanchor">[2]</a>⁠. Bei den bejahenden Sätzen also verhält +es sich hier bezüglich der Konvertibilität mit allen auf gleiche Weise. +<span class="sidenote2" id="s_25_b">25 b 1</span>Wenn A jedem oder irgendeinem B zukommen kann, kann es auch B einem A. +Denn wenn es keinem A zukommen kann, <span class="pagenum" id="Page_5">[Pg 5]</span>kann auch A keinem B zukommen; +wir haben uns ja schon zuvor dieses Beweises bedient.</p> + +<p id="K3_Ende">Bei den verneinenden Sätzen aber ist es nicht ebenso, vielmehr findet +sich bei allem, was in dem Sinne nicht kontingent ist, daß es einem +Subjekt entweder notwendig nicht zukommt oder nicht notwendig zukommt, +die gleiche Weise; wie wenn man z. B. sagte, es sei kontingent, daß +der Mensch kein Pferd sei und daß das Weiße keinem Kleide zukomme. +Hier kommt das eine einem Subjekt notwendig nicht, das andere ihm +nicht notwendig zu, und der Satz ist in gleicher Weise konvertibel. +Denn wenn das Prädikat Pferd keinem Menschen zukommen mag, mag auch +das Prädikat Mensch keinem Pferde zukommen, und wenn weiß keinem +Kleide zukommen mag, mag auch Kleid keinem Weißen zukommen. Denn wenn +Kleid einem Weißen notwendig zukäme, müßte auch weiß notwendig einem +Kleide zukommen. Das haben wir ja vorhin gezeigt. Dasselbe gilt von +dem partikulär verneinenden Satz. Was dagegen, sofern es meistenteils +geschieht oder auf natürlicher Anlage beruht, kontingent heißt, +entsprechend unserer Einteilung des Kontingenten⁠<a id="FNanchor_3_11" href="#Footnote_3_11" class="fnanchor">[3]</a>⁠, solches kann sich +nicht bei allen negativen Umkehrungen auf die gleiche Weise verhalten, +sondern der allgemein verneinende Satz läßt sich nicht umkehren, +dagegen wohl der partikulär verneinende Satz, wie klar werden wird, +wenn wir von dem Kontingenten handeln (vgl. <a href="#Erstes_Buch_Dreizehntes_Kapitel">K. 13</a>). Jetzt aber soll für +uns außer dem Gesagten noch so viel feststehen, daß die Aussage: es ist +möglich, daß etwas keinem zukommt oder einem nicht zukommt, bejahende +Form hat. Denn der Terminus: es ist möglich, steht auf einer Linie mit +dem Terminus: es ist; das: „es ist“ bewirkt aber für dasjenige, bei dem +es steht, immer und durchaus Bejahung, wie z. B. die Aussage: es ist +nichtgut, oder: es ist nichtweiß, oder überhaupt: es ist nichtdieses, +Bejahung ist. Auch dieses soll im Folgenden (vgl. <a href="#Erstes_Buch_Sechsundvierzigstes_Kapitel">K. 46</a>) gezeigt +werden. Bezüglich der Umkehrung aber wird es mit diesen Sätzen ebenso +sein wie mit den anderen bejahenden Sätzen.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_6">[Pg 6]</span></p> + +<h3 id="Erstes_Buch_Viertes_Kapitel"><em class="gesperrt">Viertes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Nach diesen Bestimmungen geben wir nunmehr an, wodurch und wann und +wie ein Schluß zustande kommt; hernach wollen wir vom Beweis handeln. +Vom Schluß müssen wir deshalb früher handeln als vom Beweis, weil der +Schluß das Allgemeinere ist. Denn der Beweis ist zwar ein Schluß, aber +nicht jeder Schluß ist ein Beweis.</p> + +<p>Wenn sich also drei Begriffe zueinander so verhalten, daß der letzte +(der Unterbegriff) in dem mittleren als Ganzem ist, und der mittlere in +dem ersten (dem Oberbegriff) als Ganzem entweder ist oder nicht ist, so +ergibt sich notwendig für die Außenbegriffe ein vollkommener Schluß⁠<a id="FNanchor_4_12" href="#Footnote_4_12" class="fnanchor">[4]</a>⁠.</p> + +<p>Mittleren Begriff, Mittelbegriff (terminus medius), nenne ich +denjenigen Begriff, der gleichzeitig in einem anderen ist und einen +anderen in sich begreift — der auch durch seine Stellung der mittlere +wird. Außenbegriffe, äußere Begriffe (termini extremi), nenne ich +erstens den, der selbst in einem anderen ist, und zweitens den, in dem +ein anderer ist.</p> + +<p>Denn wenn A von jedem B und B von jedem C ausgesagt wird, muß A von +jedem C ausgesagt werden; wir haben ja vorhin (<a href="#Erstes_Buch_Erstes_Kapitel">K. 1</a>) angegeben, wie wir +das „von jedem“ verstehen⁠<a id="FNanchor_5_13" href="#Footnote_5_13" class="fnanchor">[5]</a>⁠.</p> + +<p><span class="sidenote">26 a</span>Ebenso kann, wenn A von keinem B, aber B von jedem C ausgesagt wird, A +keinem B zukommen⁠<a id="FNanchor_6_14" href="#Footnote_6_14" class="fnanchor">[6]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn aber das Erste zwar jedem Mittleren, das Mittlere aber keinem +Letzten zukommt, so kann es keinen Schluß für die Außenbegriffe geben. +Denn daraus, daß es so ist, folgt nichts mit Notwendigkeit. Denn das +Erste kann ebensogut jedem, wie keinem Letzten zukommen, so daß weder +das Partikuläre noch das Allgemeine sich als notwendig herausstellt. +Da aber keine Notwendigkeit vorliegt, so kann es keinen Schluß aus +den fraglichen Daten geben. Begriffe für jedem zukommen: Sinnenwesen, +Mensch, Pferd; für keinem: Sinnenwesen, Mensch, Stein⁠<a id="FNanchor_7_15" href="#Footnote_7_15" class="fnanchor">[7]</a>⁠.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_7">[Pg 7]</span></p> + +<p>Aber auch, wenn weder das Erste irgendeinem Mittleren, noch das +Mittlere irgendeinem Letzten zukommt, kann es keinen Schluß geben. +Begriffe für Zukommen: Wissenschaft, Linie, Heilkunst; für nicht +Zukommen: Wissenschaft, Linie, Einheit⁠<a id="FNanchor_8_16" href="#Footnote_8_16" class="fnanchor">[8]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also, wann es in dieser Figur⁠<a id="FNanchor_9_17" href="#Footnote_9_17" class="fnanchor">[9]</a>⁠, falls die Begriffe +allgemein sind, einen Schluß gibt und wann nicht, und daß, wenn es +einen Schluß gibt, die Begriffe sich in der angegebenen Weise verhalten +müssen und umgekehrt, wenn sie sich in dieser Weise verhalten, es einen +Schluß gibt.</p> + +<p>Wenn aber ein Begriff sich allgemein und ein Begriff sich partikulär +zu dem anderen verhält, so ergibt sich, falls das Allgemeine zu +dem Oberbegriff gesetzt wird, entweder bejahend oder verneinend, +das Partikuläre aber zu dem Unterbegriff bejahend, notwendig ein +vollkommener Schluß. Wenn aber das Allgemeine zu dem Unterbegriff +gesetzt wird oder die Begriffe sich anders verhalten, kann sich +unmöglich ein Schluß ergeben. Oberbegriff nenne ich das, worin das +Mittlere ist, Unterbegriff das, was unter dem Mittleren steht.</p> + +<p>Es soll nämlich A jedem B und B einem C zukommen. Mithin muß, wenn +der Ausdruck: von jedem ausgesagt werden, das bezeichnet, was wir zu +Anfang angegeben haben, A einem C zukommen. Und wenn A keinem B und +B einem C zukommt, kommt A einem C notwendig nicht zu. Wir haben ja +auch angegeben, wie wir den Ausdruck: von keinem ausgesagt werden, +verstehen. Es wird also ein vollkommener Schluß herauskommen⁠<a id="FNanchor_10_18" href="#Footnote_10_18" class="fnanchor">[10]</a>⁠. +Ebenso auch, wenn BC unbestimmt und bejahend wäre: es muß, wenn BC +unbestimmt genommen wird, derselbe Schluß herauskommen, wie wenn es +partikulär genommen wird⁠<a id="FNanchor_11_19" href="#Footnote_11_19" class="fnanchor">[11]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn aber das Allgemeine, entweder bejahend oder verneinend, zu dem +Unterbegriff gesetzt wird, so wird sich kein Schluß ergeben, mag der +andere Satz bejahend oder verneinend, unbestimmt oder partikulär +sein. A soll z. B. einem B zukommen oder nicht zukommen und B jedem +C zukommen. Begriffe für Zukommen <span class="pagenum" id="Page_8">[Pg 8]</span>sind: Gut, Habitus, Klugheit, für +Nichtzukommen: Gut, Habitus, Ungeschicktheit⁠<a id="FNanchor_12_20" href="#Footnote_12_20" class="fnanchor">[12]</a>⁠.</p> + +<p>Wiederum, auch dann erhalten wir keinen Schluß, wenn B keinem C zukommt +und A einem B entweder zukommt oder nicht zukommt oder nicht jedem B +zukommt. Begriffe: weiß, Pferd, Schwan; weiß, Pferd, Rabe. Dieselben +Begriffe mögen genommen werden, wenn AB unbestimmt ist⁠<a id="FNanchor_13_21" href="#Footnote_13_21" class="fnanchor">[13]</a>⁠.</p> + +<p><span class="sidenote">26 b</span>Auch wenn der Satz mit dem Oberbegriff allgemein bejahend oder +verneinend, aber der Satz mit dem Unterbegriff partikulär verneinend +ist, kann es keinen Schluß geben, mag der Unterbegriff unbestimmt oder +partikulär gefaßt sein; z. B. wenn A jedem B zukommt, B aber einem +bestimmten C nicht, oder wenn es nicht jedem C zukommt. Denn wenn einem +das Mittlere nicht zukommt, so wird das Erste sowohl jedem, wie keinem +zu ihm Gehörigen folgen. Es sollen nämlich die Begriffe Sinnenwesen, +Mensch, weiß vorausgesetzt werden. Sodann soll auch als Weißes, von +dem Mensch nicht ausgesagt wird, Schwan und Schnee genommen werden. +Nun wird Sinnenwesen bei dem einen (Schwan) von allem ausgesagt, bei +dem anderen (Schnee) von keinem, so daß also kein Schluß zustande +kommt⁠<a id="FNanchor_14_22" href="#Footnote_14_22" class="fnanchor">[14]</a>⁠. Wiederum, A soll keinem B zukommen, B aber einem C nicht +zukommen, und die Begriffe sollen sein: unbeseelt, Mensch, weiß; sodann +sollen als ein Weißes, wovon Mensch nicht ausgesagt wird, Schwan und +Schnee genommen werden. Denn unbeseelt wird bei dem einen (Schnee) von +allem, bei dem anderen (Schwan) von keinem ausgesagt⁠<a id="FNanchor_15_23" href="#Footnote_15_23" class="fnanchor">[15]</a>⁠.</p> + +<p>Ferner, da es unbestimmt gesagt ist, wenn B einem C nicht zukommen +soll, der Satz aber, daß es einem nicht zukommt, wahrheitsgemäß +aufgestellt wird, mag es nun keinem oder mag es nicht jedem zukommen, +und da sich, wenn man die Begriffe so nimmt, daß es keinem zukommt, +kein Schluß ergibt — denn das ist vorhin gesagt worden —, so kommt +offenbar dadurch, daß die Begriffe sich so verhalten, kein Schluß +zustande. Denn sonst müßte es auch dort der Fall sein. Ebenso <span class="pagenum" id="Page_9">[Pg 9]</span>wird +dies gezeigt werden, wenn das Allgemeine verneinend gesetzt wird⁠<a id="FNanchor_16_24" href="#Footnote_16_24" class="fnanchor">[16]</a>⁠.</p> + +<p>Auch wenn beide Sätze partikulär sind, entweder bejahend oder +verneinend, oder der eine bejahend, der andere verneinend, oder der +eine unbestimmt, der andere bestimmt, oder beide unbestimmt, kommt ganz +und gar kein Schluß heraus. Gemeinsame Begriffe für alle diese Fälle +sind: Sinnenwesen, weiß, Pferd; Sinnenwesen, weiß, Stein⁠<a id="FNanchor_17_25" href="#Footnote_17_25" class="fnanchor">[17]</a>⁠.</p> + +<p id="K_1_4_Schluss">Aus dem Gesagten sieht man also, daß wenn in dieser Figur ein +partikulärer Schluß stattfindet, die Begriffe sich in der angegebenen +Weise verhalten müssen. Denn wenn sie sich anders verhalten, gibt es +keinerlei Schluß. Auch sieht man, daß alle Schlüsse in dieser Figur +vollkommen sind; denn alle werden durch das zu Anfang Angenommene +vollendet; endlich, daß durch diese Figur alle Probleme, d. h. alle +Sätze, nach denen man fragen kann, bewiesen werden: daß etwas jedem +und daß es keinem zukommt, daß es einem zukommt und daß es einem nicht +zukommt⁠<a id="FNanchor_18_26" href="#Footnote_18_26" class="fnanchor">[18]</a>⁠. Eine solche Schlußfigur nenne ich die erste.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Fuenftes_Kapitel"><em class="gesperrt">Fünftes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Wenn aber das Selbige bei dem einen jedem, bei dem anderen aber +keinem zukommt, oder bei beiden jedem oder keinem, so nenne ich diese +Figur die zweite; als Mittelbegriff bezeichne ich in ihr das von +beiden Ausgesagte, als Außenbegriffe das, wovon es ausgesagt wird: +als Oberbegriff das, was zunächst bei dem Mittelbegriff steht, als +Unterbegriff das, was weiter vom Mittelbegriff entfernt ist. Es steht +aber der Mittelbegriff außerhalb der Außenbegriffe und ist der Stellung +nach der erste⁠<a id="FNanchor_19_27" href="#Footnote_19_27" class="fnanchor">[19]</a>⁠. +<span class="sidenote">27 a</span>Einen vollkommenen Schluß nun gibt es in dieser +Figur gar nicht. Es wird aber ein Schluß möglich sein, sowohl wenn die +Begriffe allgemein, als auch wenn sie nicht allgemein sind.</p> + +<p>Sind sie allgemein, so wird ein Schluß entstehen, wenn der +Mittelbegriff dem einen der anderen Begriffe allgemein, dem anderen +gar nicht zukommt, mag nun <span class="pagenum" id="Page_10">[Pg 10]</span>die Verneinung mit dem einen oder mit dem +anderen verbunden sein; sonst auf keine Weise. Es werde nämlich M +von keinem N, aber von allen X ausgesagt. Da sich nun die Verneinung +umkehren läßt, wird N keinem M zukommen, M aber kam nach der +Voraussetzung allen X zu; also N keinem X; das ist ja vorhin gezeigt +worden⁠<a id="FNanchor_20_28" href="#Footnote_20_28" class="fnanchor">[20]</a>⁠.</p> + +<p id="K5_Abs_3">Wiederum, wenn M allem N, aber keinem X zukommt, wird auch X keinem N +zukommen. Denn wenn M keinem X zukommt, wird auch X keinem M zukommen. +M kam aber nach der Voraussetzung allem N zu. Mithin wird X keinem N +zukommen. Denn es ist wieder die erste Figur geworden. Da aber die +Verneinung sich umkehren läßt, wird auch N keinem X zukommen. Es wird +also derselbe Schluß sein⁠<a id="FNanchor_21_29" href="#Footnote_21_29" class="fnanchor">[21]</a>⁠.</p> + +<p>Man kann das auch so zeigen, daß man die entgegengesetzte Annahme als +unmöglich erweist.</p> + +<p>Es ist also klar, daß wo die Begriffe sich so verhalten, ein Schluß +zustande kommt, aber kein vollkommener. Denn die Notwendigkeit wird +hier nicht ausschließlich aus den ursprünglich gegebenen, sondern noch +aus anderen Stücken erhärtet.</p> + +<p>Wenn aber M von allem N und X ausgesagt wird, kann sich kein Schluß +ergeben. Begriffe für Zukommen sind Substanz, Sinnenwesen, Mensch, für +Nichtzukommen Substanz, Sinnenwesen, Zahl, Mittelbegriff Substanz⁠<a id="FNanchor_22_30" href="#Footnote_22_30" class="fnanchor">[22]</a>⁠.</p> + +<p>Auch dann gewinnt man keinen Schluß, wenn M weder von einem N, noch von +einem X ausgesagt wird. Begriffe für Zukommen sind Linie, Sinnenwesen +Mensch, für Nichtzukommen Linie, Sinnenwesen Stein⁠<a id="FNanchor_23_31" href="#Footnote_23_31" class="fnanchor">[23]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also, daß die Begriffe, wenn sie allgemein sind und ein +Schluß möglich ist, sich so, wie anfangs gesagt, verhalten müssen; denn +wenn sie sich anders verhalten, ergibt sich keine Notwendigkeit.</p> + +<p>Verhält sich aber der Mittelbegriff zu dem einen der beiden anderen +Begriffe allgemein und wird er allgemein zu dem Oberbegriff gesetzt, +bejahend oder verneinend, zu dem Unterbegriff aber in partikulärer und +<span class="pagenum" id="Page_11">[Pg 11]</span>dem Allgemeinen entgegengesetzter Weise — ich nenne entgegengesetzt, +wenn das Allgemeine verneinend ist, das partikulär Bejahende, und wenn +das Allgemeine bejahend ist, das partikulär Verneinende —, so muß +ein partikulär verneinender Schluß herauskommen. Denn wenn M keinem N +und einem X zukommt, so kommt N einem X notwendig nicht zu. Denn da +die Verneinung sich umkehren läßt, wird N keinem M zukommen. M kam +aber nach der Voraussetzung einem X zu. So wird denn N einem X nicht +zukommen. Denn es kommt ein Schluß durch die erste Figur zustande⁠<a id="FNanchor_24_32" href="#Footnote_24_32" class="fnanchor">[24]</a>⁠.</p> + +<p>Wiederum, wenn M jedem N zukommt und einem X nicht zukommt, muß N einem +X nicht zukommen. Denn wenn es jedem zukommt und auch M von jedem N +ausgesagt wird, muß M jedem X zukommen. Es wurde aber angenommen, <span class="sidenote">27 b</span>daß +es einem nicht zukommt⁠<a id="FNanchor_25_33" href="#Footnote_25_33" class="fnanchor">[25]</a>⁠. Und wenn M jedem N zukommt, aber nicht +jedem X, wird sich der Schluß ergeben, daß N nicht jedem X zukommt. Der +Beweis aber ist derselbe⁠<a id="FNanchor_26_34" href="#Footnote_26_34" class="fnanchor">[26]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn es aber von jedem X, aber nicht von jedem N ausgesagt wird, kommt +kein Schluß zustande. Die Begriffe: Sinnenwesen, Substanz, Rabe; +Sinnenwesen, weiß, Rabe⁠<a id="FNanchor_27_35" href="#Footnote_27_35" class="fnanchor">[27]</a>⁠.</p> + +<p>Auch wenn es von keinem X und von einem N ausgesagt wird. Begriffe für +Zukommen: Sinnenwesen, Substanz, Monas, für Nichtzukommen: Sinnenwesen, +Substanz, Wissenschaft⁠<a id="FNanchor_28_36" href="#Footnote_28_36" class="fnanchor">[28]</a>⁠.</p> + +<p>Damit wäre denn für den Fall, daß das Allgemeine dem Partikulären +entgegengesetzt ist, angegeben, wann ein Schluß zustande kommt und wann +nicht; falls aber die Vordersätze von gleicher Qualität sind, also +beide verneinend oder bejahend, kommt kein Schluß zustande.</p> + +<p>Denn es sollen zuerst beide Sätze verneinend sein und die allgemeine +Aussage mit dem Oberbegriff verbunden werden; also M soll keinem N +zukommen und einem X nicht zukommen. Dann kann N jedem und keinem X +zukommen. Begriffe für Nichtzukommen: schwarz, Schnee, Sinnenwesen. +Begriffe für jedem Zukommen <span class="pagenum" id="Page_12">[Pg 12]</span>lassen sich nicht angeben, wenn M einem +X zukommt und einem X nicht zukommt. Denn wenn N jedem X, M aber +keinem N zukommt, wird M keinem X zukommen; aber man ging doch von der +Annahme aus, daß es einem zukommen sollte. Demnach lassen sich so keine +Begriffe angeben, sondern man muß aus dem Unbestimmten schließen. Denn +weil der Satz, daß M einem X nicht zukommt, auch dann wahr ist, wenn es +keinem zukommt, und wenn es keinem zukommt, kein Schluß sich ergab, so +kann sich offenbar auch so keiner ergeben⁠<a id="FNanchor_29_37" href="#Footnote_29_37" class="fnanchor">[29]</a>⁠.</p> + +<p>Wiederum, die beiden Vordersätze sollen bejahend sein und die +allgemeine Aussage ebenso verbunden werden wie vorhin, so daß also M +jedem N und einem X zukommt. Dann kann N jedem und keinem X zukommen. +Begriffe für keinem Zukommen: weiß, Schwan, Stein. Begriffe für jedem +Zukommen lassen sich nicht ausfindig machen, aus demselben Grunde wie +vorhin, sondern man muß aus der Unbestimmtheit schließen⁠<a id="FNanchor_30_38" href="#Footnote_30_38" class="fnanchor">[30]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn aber die allgemeine Aussage mit dem Unterbegriff verbunden wird +und dann M keinem X zukommt und einem N nicht zukommt, so kann N jedem +und keinem X zukommen. Begriffe für Zukommen: weiß, Sinnenwesen, Rabe, +für Nichtzukommen: weiß, Stein, Rabe⁠<a id="FNanchor_31_39" href="#Footnote_31_39" class="fnanchor">[31]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn endlich die Vordersätze bejahend sind, sollen Begriffe für +Nichtzukommen sein: weiß, Sinnenwesen, Schnee, für Zukommen: weiß, +Sinnenwesen, Schwan⁠<a id="FNanchor_32_40" href="#Footnote_32_40" class="fnanchor">[32]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also: wenn die Sätze dieselbe Qualität haben und der eine +Satz allgemein, der andere partikulär ist, so kommt kein Schluß +zustande.</p> + +<p>Aber auch dann nicht, wenn das gemeinsame Prädikat je einem einzelnen +unter die beiden anderen Begriffe Fallenden zukommt oder nicht zukommt, +oder es bei dem einen so ist, bei dem anderen nicht, oder es keinem +nach seinem ganzen Umfange zukommt, oder es unbestimmt zukommt. +Gemeinsame Begriffe für alle Fälle: weiß, Sinnenwesen, Mensch; weiß, +Sinnenwesen, unbeseelt⁠<a id="FNanchor_33_41" href="#Footnote_33_41" class="fnanchor">[33]</a>⁠.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_13">[Pg 13]</span></p> + +<p><span class="sidenote">28 a</span>Man sieht also aus dem Gesagten, daß, wenn sich die Begriffe zueinander +in der bezeichneten Weise verhalten, notwendig ein Schluß zustande +kommt, wie umgekehrt, daß sich die Begriffe, wenn ein Schluß zustande +kommt, notwendig so verhalten.</p> + +<p>Ebenso sieht man, daß alle Schlüsse in dieser Figur unvollkommen sind +— denn sie werden alle erst vollendet, wenn man noch etwas hinzunimmt, +was entweder notwendig in den Begriffen liegt oder als Voraussetzung +steht, geradeso wie in dem Falle, daß wir etwas aus der Unmöglichkeit +erhärten —, ferner, daß es in dieser Figur keinen bejahenden Schluß +gibt, sondern lauter verneinende Schlüsse, mögen sie allgemein oder +partikulär sein.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Sechstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Sechstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Wenn aber demselben Begriff ein zweiter für den ganzen Umfang des +ersten zukommt und ein dritter ihm ebenso nicht zukommt, oder wenn +beide ihm so zukommen oder nicht zukommen, so nenne ich eine solche +Figur die dritte. Mittelbegriff in ihr nenne ich das Subjekt oder den +Beziehungspunkt der beiden Prädikate, Außenbegriffe die Prädikate, +Oberbegriff denjenigen Begriff, der weiter von dem Mittelbegriff +entfernt ist, und Unterbegriff den, der näher bei ihm steht. Der +Mittelbegriff steht außerhalb der Außenbegriffe und hat die letzte +Stelle⁠<a id="FNanchor_34_42" href="#Footnote_34_42" class="fnanchor">[34]</a>⁠.</p> + +<p>Ein vollkommener Schluß nun kommt auch in dieser Figur nicht zustande, +aber es ist ein Schluß möglich, mögen sich nun die Begriffe zu dem +Mittelbegriff allgemein oder nicht allgemein verhalten.</p> + +<p>Verhalten sie sich allgemein, so kann, wenn sowohl P als R jedem S +zukommt, geschlossen werden, daß P notwendig einem R zukommt. Denn da +sich der bejahende Satz umkehrt, wird S einem R zukommen. Da also P +jedem S und S einem R zukommt, muß P einem R zukommen. Denn es wird ein +Schluß in der ersten Figur⁠<a id="FNanchor_35_43" href="#Footnote_35_43" class="fnanchor">[35]</a>⁠.</p> + +<p>Man kann den Beweis hierfür auch aus der Unmöglichkeit <span class="pagenum" id="Page_14">[Pg 14]</span>und durch +Heraushebung führen. Denn wenn beides jedem S zukommt, so wird, wenn +man ein S, etwa N nimmt, demselben sowohl P als R zukommen, und +folglich wird P einem R zukommen⁠<a id="FNanchor_36_44" href="#Footnote_36_44" class="fnanchor">[36]</a>⁠.</p> + +<p>Und wenn R jedem, P aber keinem S zukommt, wird der Schluß statt haben, +daß P einem R notwendig nicht zukommt. Denn es gilt dieselbe Form des +Beweises, wenn man den Satz RS umkehrt. Dieses läßt sich auch aus der +Unmöglichkeit zeigen, wie im vorigen Falle⁠<a id="FNanchor_37_45" href="#Footnote_37_45" class="fnanchor">[37]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn aber R keinem, dagegen P jedem S zukommt, kann kein Schluß +geschehen. Begriffe für Zukommen: Sinnenwesen, Pferd, Mensch; für +Nichtzukommen: Sinnenwesen, unbeseelt, Mensch⁠<a id="FNanchor_38_46" href="#Footnote_38_46" class="fnanchor">[38]</a>⁠. Auch wenn beide von +keinem S ausgesagt werden, kann kein Schluß geschehen. Begriffe für +Zukommen: Sinnenwesen, Pferd, unbeseelt; für Nichtzukommen: Mensch, +Pferd, unbeseelt. Mittelbegriff: unbeseelt⁠<a id="FNanchor_39_47" href="#Footnote_39_47" class="fnanchor">[39]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also auch bei dieser Figur, wann bei allgemeiner Fassung der +Begriffe ein Schluß geschehen kann und wann nicht. Sind beide Begriffe +bejahend, so findet der Schluß statt, daß der eine Außenbegriff dem +anderen teilweise zukommt. Sind sie aber verneinend, so kann es keinen +Schluß geben. <span class="sidenote" id="s_28_b">28 b</span>Ist aber ein Begriff verneinend und einer bejahend, so +wird, falls der Oberbegriff verneinend und der andere Begriff bejahend +ist, der Schluß statt haben, daß der eine Außenbegriff dem anderen zum +Teil nicht zukommt. Ist es aber umgekehrt, so gibt es keinen Schluß.</p> + +<p>Wenn aber der eine sich zu dem mittleren allgemein verhält und der +andere partikulär, so muß, wenn beide bejahend sind, ein Schluß +zustande kommen, mag nun der eine oder der andere Begriff allgemein +sein. Denn wenn R jedem und P einem S zukommt, muß P einem R zukommen. +Denn da sich die Bejahung umkehrt, muß S einem P zukommen, und so muß, +da R jedem S und S einem P zukommt, auch R einem P zukommen und somit P +einem R⁠<a id="FNanchor_40_48" href="#Footnote_40_48" class="fnanchor">[40]</a>⁠.</p> + +<p>Wiederum, wenn R einem und P jedem S zukommt, <span class="pagenum" id="Page_15">[Pg 15]</span>muß P einem R zukommen. +Denn es wird auf dieselbe Art bewiesen. Es läßt sich aber auch aus der +Unmöglichkeit und durch Heraushebung beweisen, wie in den früheren +Fällen⁠<a id="FNanchor_41_49" href="#Footnote_41_49" class="fnanchor">[41]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn aber der eine Begriff bejahend gesetzt ist, der andere verneinend +und der bejahende allgemein ausgesagt wird, so gibt es einen Schluß, +wenn der Unterbegriff bejahend ist. Denn wenn R jedem S zukommt, P aber +einem S nicht zukommt, so kommt notwendig P einem R nicht zu. Denn +kommt es jedem zu, so wird, wie R jedem S, auch P jedem S zukommen. +Aber es kam nicht jedem zu. Dieses läßt sich auch ohne Zurückführung +aufs Unmögliche zeigen, wenn man ein S nimmt, dem P nicht zukommt⁠<a id="FNanchor_42_50" href="#Footnote_42_50" class="fnanchor">[42]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn aber der Oberbegriff bejahend ist, erhält man keinen Schluß: +wenn nämlich P jedem S zukommt, aber R ein S nicht zukommt. Begriffe +für jedem Zukommen: beseelt, Mensch, Sinnenwesen; für keinem Zukommen +lassen sich keine Begriffe auffinden, wenn R einem S zukommt und einem +S nicht zukommt. Denn wenn P jedem S zukommt, R aber einem S, muß auch +P einem R zukommen; es wurde aber vorausgesetzt, daß es keinem zukommt. +Aber man muß es hiermit angehen, wie in den früheren Fällen. Denn da +der Satz, daß etwas einem nicht zukommt, unbestimmt ist, so läßt sich +auch von dem, was keinem zukommt, mit Wahrheit sagen, daß es einem +nicht zukommt. Wenn es aber keinem zukommt, gab es keinen Schluß. Man +sieht also, daß hier ein Schluß nicht möglich ist⁠<a id="FNanchor_43_51" href="#Footnote_43_51" class="fnanchor">[43]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn aber von den Begriffen der verneinende allgemein ist, so erhält +man, wenn der Oberbegriff verneinend und der Unterbegriff bejahend ist, +einen Schluß. Denn wenn P keinem und R einem S zukommt, wird P einem R +nicht zukommen. Denn es stellt sich hier wieder die erste Schlußfigur +ein, wenn man den Satz RS umkehrt⁠<a id="FNanchor_44_52" href="#Footnote_44_52" class="fnanchor">[44]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn aber der Unterbegriff verneinend ist, erhält man keinen Schluß. +Begriffe für Zukommen: Sinnenwesen, <span class="pagenum" id="Page_16">[Pg 16]</span>Mensch, wild; für Nichtzukommen: +Sinnenwesen, Wissenschaft, wild; Mittelbegriff in beiden Fällen: +wild⁠<a id="FNanchor_45_53" href="#Footnote_45_53" class="fnanchor">[45]</a>⁠.</p> + +<p>Auch dann gibt es keinen Schluß, wenn beide Begriffe verneinend gesetzt +werden und der eine allgemein, der andere partikulär ist. <span class="sidenote">29 a</span>Begriffe, +wo der Unterbegriff mit dem Mittelbegriff allgemein verbunden wird: +Sinnenwesen, Wissenschaft, wild — Sinnenwesen, Mensch, wild; wo es der +Oberbegriff wird: für Nichtzukommen: Rabe, Schnee, weiß; für Zukommen +lassen sich keine Begriffe auffinden, wenn R einem S zukommt und einem +nicht zukommt. Denn wenn P jedem R und R einem S, wird P auch einem S +zukommen. Nach der Voraussetzung kommt es aber keinem zu. Aber man muß +die Sache aus dem Unbestimmten beweisen⁠<a id="FNanchor_46_54" href="#Footnote_46_54" class="fnanchor">[46]</a>⁠.</p> + +<p>Auch gibt es noch in all den Fällen keinen Schluß, wo beide +Außenbegriffe einigem unter dem Mittelbegriff Stehenden zukommen oder +nicht zukommen, oder der eine es tut, der andere nicht, oder der +eine einigem zukommt, der andere nicht jedem, oder bei unbestimmter +Fassung. Gemeinsame Begriffe für alle Fälle: Sinnenwesen, Mensch, weiß; +Sinnenwesen, unbeseelt, weiß⁠<a id="FNanchor_47_55" href="#Footnote_47_55" class="fnanchor">[47]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also auch bei dieser Figur, wann ein Schluß möglich ist und +wann nicht, und daß, wenn die Begriffe sich auf die angegebene Weise +verhalten, notwendig ein Schluß stattfindet, und daß umgekehrt, wenn +ein Schluß stattfindet, die Begriffe notwendig so sich verhalten. Auch +sieht man, daß alle Schlüsse in dieser Figur unvollkommen sind — denn +man muß immer noch etwas hinzunehmen, um sie zu vollenden —, ferner, +daß man in dieser Figur nicht auf das Allgemeine, weder verneinend noch +bejahend, schließen kann⁠<a id="FNanchor_48_56" href="#Footnote_48_56" class="fnanchor">[48]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Siebentes_Kapitel"><em class="gesperrt">Siebentes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Es leuchtet aber auch ein, daß in allen Figuren, wenn kein Schluß +zustande kommt, in dem Falle, daß beide Prämissen bejahend oder +verneinend sind, sich <span class="pagenum" id="Page_17">[Pg 17]</span>gar keine Notwendigkeit ergibt; ist aber eine +Prämisse bejahend und eine verneinend und die verneinende allgemein, +so ergibt sich immer ein Schluß auf das Verhältnis des Unterbegriffs +zu dem Oberbegriff. Es soll z. B. A jedem oder einem B und B keinem +C zukommen. Wenn man dann die Sätze umkehrt, muß C einem A nicht +zukommen. Ebenso ist es in den anderen Figuren: immer ergibt sich durch +Umkehrung ein Schluß. Es leuchtet aber auch ein, daß das Unbestimmte, +an Stelle des partikulär Bejahenden gesetzt, in allen Figuren denselben +Schluß begründen wird⁠<a id="FNanchor_49_57" href="#Footnote_49_57" class="fnanchor">[49]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht aber auch, daß alle unvollkommenen Schlüsse durch die erste +Figur vollendet werden. Denn alle kommen entweder durch direkten Beweis +oder durch die Unmöglichkeit zum Abschluß. Auf beide Weisen ergibt sich +aber die erste Figur: wenn man sie durch direkten Beweis vollendet, +darum, weil sie alle durch Umkehrung zu Ende geführt werden und die +Umkehrung die erste Figur ergab, und wenn man sie aus der Unmöglichkeit +beweist, darum, weil, wenn das Falsche gesetzt wird, der Schluß +durch die erste Figur geschieht. So wird z. B. in der letzten Figur +geschlossen, daß, wenn A und B jedem C zukommt, A einem B zukommt. Denn +wenn keinem, und B jedem C, dann A keinem C, aber die Voraussetzung +war: jedem C. Ebenso verfährt man aber auch in den anderen Fällen.</p> + +<p><span class="sidenote">29 b</span>Man kann aber auch alle Schlüsse auf die allgemeinen Schlüsse in der +ersten Figur zurückführen.</p> + +<p>Denn wenn sie in der zweiten Figur geschehen, werden sie offenbar +durch jene vollendet, nur nicht alle auf gleiche Weise, sondern die +allgemeinen durch Umkehrung des verneinenden Satzes, und die beiden +partikulären je durch Zurückführung aufs Unmögliche.</p> + +<p>Die Schlüsse in der ersten Figur aber, soweit sie partikulär sind, +werden zwar auch durch sich selbst vollendet, lassen sich aber auch +durch die zweite Figur beweisen, durch Zurückführung aufs Unmögliche. +Wenn z. B. A jedem B und B einem C zukommt, gilt der Schluß, daß A +einem C zukommt. Denn wenn keinem, <span class="pagenum" id="Page_18">[Pg 18]</span>B aber jedem, wird B keinem C +zukommen. Denn das wissen wir durch die zweite Figur.</p> + +<p>Ebenso wird der Beweis bei einem verneinenden Schluß geführt. Wenn A +keinem B und B einem C zukommt, wird A einem C nicht zukommen. Denn +wenn es jedem C und keinem B zukommt, wird B keinem C zukommen, das war +aber die mittlere Figur.</p> + +<p>Da also alle Schlüsse in der mittleren Figur auf die allgemeinen +Schlüsse in der ersten Figur, und die partikulären Schlüsse in der +ersten auf die Schlüsse in der mittleren zurückgeführt werden, so +werden offenbar auch die partikulären Schlüsse auf die allgemeinen +Schlüsse in der ersten Figur zurückgeführt werden.</p> + +<p>Hiermit ist nun, in bezug auf diejenigen Schlüsse, die ein (einfaches) +Zukommen oder Nichtzukommen ergeben, gezeigt, wie sie sich verhalten, +und dargelegt sowohl, wie die Schlüsse aus derselben Figur an sich +beschaffen sind, als auch, wie die Schlüsse aus verschiedenen Figuren +zueinander sich verhalten.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Achtes_Kapitel"><em class="gesperrt">Achtes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Da aber Zukommen, notwendig Zukommen und kontingenter, d. h. möglicher- +oder zufälligerweise Zukommen verschieden ist — denn vieles kommt +einem zwar zu, aber nicht notwendig, und anderes kommt einem weder +notwendig noch überhaupt zu, kann aber einem zukommen —, so wird +offenbar auch in jedem dieser Fälle ein verschiedener Schluß gewonnen +werden und können die Begriffe, aus denen der Schluß besteht, sich +nicht auf gleiche Weise verhalten, sondern sie werden bald notwendig +sein, bald einander einfach zukommen, bald kontingenterweise.</p> + +<p>Mit den notwendigen Begriffen verhält es sich ungefähr ebenso wie mit +den Begriffen, die bloß tatsächlich verbunden sind. Denn wenn die +Begriffe, die einander zukommen und die einander notwendig zukommen +oder nicht zukommen, je auf gleiche Weise verknüpft werden, muß ein +Schluß stattfinden oder <span class="pagenum" id="Page_19">[Pg 19]</span>nicht stattfinden, nur tritt, und das ist der +einzige Unterschied, <span class="sidenote">30 a</span>zu den Begriffen die Bestimmung hinzu, daß sie +einander notwendig zukommen oder nicht zukommen. Denn die Verneinung +wird — beidemale gleichmäßig — umgekehrt, und „in dem Ganzen sein“ +und „von jedem gelten“ wird hier und dort in demselben Sinne gesagt.</p> + +<p>Im übrigen wird nun der Schlußsatz auf dieselbe Art durch Umkehrung als +notwendig erwiesen wie bei dem einfachen Zukommen; in der mittleren +Figur dagegen, wenn das Allgemeine bejahend und das Partikuläre +verneinend ist, und wieder in der dritten Figur, wenn das Allgemeine +bejahend und das Partikuläre verneinend ist, wird der Beweis nicht +auf die gleiche Art geführt werden können, sondern man muß etwas +herausheben, dem beides nicht zukommt, und mit Bezug auf dasselbe den +Schluß ziehen; denn er wird bei solchem notwendig stattfinden; ist +er aber mit Bezug auf das Herausgehobene notwendig, dann auch mit +Bezug auf etwas, was unter dem fraglichen Begriff steht. Denn das +Herausgehobene ist jenes wesenhaft. Beide Schlüsse gehen aber durch +ihre eigentümliche Figur.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Neuntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Neuntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p id="K9_Abs_1">Es folgt auch in bestimmten Fällen, daß, wenn nur der eine Vordersatz +notwendig ist, der Schluß es ist, aber es darf nicht ein beliebiger +Vordersatz sein, sondern nur der Obersatz, wie wenn man z. B. +annimmt, daß A dem B notwendig zukommt oder nicht zukommt und B dem +C nur einfach zukommt. Denn wenn man die Sätze so nimmt, muß A dem C +notwendig zukommen oder nicht zukommen. Denn da A jedem B notwendig +zukommt oder nicht zukommt und C ein B ist, so wird offenbar auch für C +notwendig das eine oder das andere gelten⁠<a id="FNanchor_50_58" href="#Footnote_50_58" class="fnanchor">[50]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn aber AB nicht notwendig und BC notwendig ist, wird der Schlußsatz +nicht notwendig sein. <span class="pagenum" id="Page_20">[Pg 20]</span>Denn wäre er es, so folgte sowohl durch die +erste wie auch durch die dritte Figur, daß A einem B notwendig zukommt. +Das ist aber falsch. Denn B kann so beschaffen sein, daß möglicherweise +A keinem B zukommt. Überdies zeigen auch die Begriffe, daß der +Schlußsatz nicht notwendig sein kann, wie wenn z. B. A Bewegung, B +Sinnenwesen, C Mensch ist. Denn Sinnenwesen ist der Mensch notwendig, +Bewegung aber hat das Sinnenwesen nicht notwendig, noch auch der +Mensch. Das gleiche gilt, wenn AB verneinend ist. Denn der Beweis +bleibt derselbe⁠<a id="FNanchor_51_59" href="#Footnote_51_59" class="fnanchor">[51]</a>⁠.</p> + +<p id="K9_Abs_3">Bei partikulären Schlüssen aber wird, wenn das Allgemeine notwendig +ist, auch der Schlußsatz es sein, wenn aber das Partikuläre es ist, +so ist er es nicht, mag nun der allgemeine Vordersatz verneinend oder +bejahend sein. Es sei also zuerst das Allgemeine notwendig und es komme +A jedem B notwendig und B einem C nur einfach zu. Dann kommt A einem +C notwendig zu. Denn C steht unter B, und jedem B kam A notwendig zu. +<span class="sidenote">30 b</span>Dieselbe Bewandtnis hat es, wenn der Schluß verneinend ist. Denn es +wird dafür derselbe Beweis gelten. Ist aber das Partikuläre notwendig, +so wird der Schlußsatz es nicht sein. Denn es ergibt sich nichts +Unmögliches, wie auch nicht bei den allgemeinen Schlüssen. Dieselbe +Bewandtnis hat es mit den verneinenden Sätzen. Begriffe: Bewegung, +Sinnenwesen, weiß⁠<a id="FNanchor_52_60" href="#Footnote_52_60" class="fnanchor">[52]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Zehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Zehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>In der zweiten Figur aber ist, wenn der verneinende Vordersatz +notwendig ist, es auch der Schlußsatz, wenn aber der bejahende +Vordersatz notwendig ist, ist er es nicht. Denn es sei zuerst der +verneinende Vordersatz notwendig, und A soll keinem B zukommen können +und dem C nur einfach zukommen. Da nun das Verneinende konvertibel ist, +kann auch B keinem A zukommen. A aber kommt jedem C zu, so daß B keinem +C zukommen kann. Denn C steht unter A. Ebenso, wenn die Verneinung zu +C gesetzt wird. <span class="pagenum" id="Page_21">[Pg 21]</span>Denn wenn A keinem C zukommen kann, kann es auch C +keinem A. A aber kommt jedem B zu, und so kann C keinem B zukommen. Wir +bekommen ja wieder die erste Figur. Also auch B keinem C. Denn es läßt +sich ebenso umkehren⁠<a id="FNanchor_53_61" href="#Footnote_53_61" class="fnanchor">[53]</a>⁠.</p> + +<p>Ist aber der bejahende Vordersatz notwendig, so wird der Schlußsatz +nicht notwendig sein. Denn A soll jedem B notwendig zukommen und jedem +C nur einfach nicht zukommen. Kehrt man nun das Verneinende um, so +erhalten wir die erste Figur. In der ersten Figur aber ist gezeigt +worden, daß, wenn der verneinende Satz, der den Oberbegriff enthält, +nicht notwendig ist, auch der Schlußsatz nicht notwendig sein wird, +und so wird er auch in unserem Falle nicht notwendig sein. Wenn ferner +der Schlußsatz notwendig ist, ergibt sich, daß C einem A notwendig +nicht zukommt. Denn wenn B notwendig keinem C zukommt, wird auch C +notwendig keinem B zukommen. Allein B kommt notwendig einem A zu, da +ja auch A notwendig jedem B zukam. Und so muß denn C einem A notwendig +nicht zukommen. Aber es steht nichts im Wege, A so zu fassen, daß ihm +seinem ganzen Umfange nach C zukommen kann. Ferner läßt sich auch durch +Aushebung von Begriffen zeigen, daß der Schlußsatz nicht schlechthin, +sondern nur dann notwendig ist, wenn die genannten Bedingungen sich +erfüllen. Es sei z. B. A Sinnenwesen, B Mensch, C weiß und die Sätze +seien ebenso gefaßt, da es ja möglich ist, daß Sinnenwesen keinem +Weißen zukommt. So wird denn auch Mensch keinem Weißen zukommen, aber +nicht notwendigerweise. Denn es ist möglich, daß ein Mensch weiß ist, +wenn auch freilich nicht, solange Sinnenwesen keinem Weißen zukommt. +So wird denn der Schlußsatz notwendig sein, wenn die Bedingungen sich +erfüllen, schlechthin notwendig aber ist er nicht⁠<a id="FNanchor_54_62" href="#Footnote_54_62" class="fnanchor">[54]</a>⁠.</p> + +<p><span class="sidenote">31 a</span>Ebenso wird es bei den partikulären Schlüssen sein. Ist der verneinende +Vordersatz gleichzeitig allgemein und notwendig, so wird auch der +Schlußsatz notwendig sein; ist aber der bejahende Vordersatz allgemein +<span class="pagenum" id="Page_22">[Pg 22]</span>und der verneinende partikulär, so wird er es nicht sein.</p> + +<p>Es sei also zuerst der verneinende Vordersatz allgemein und notwendig, +und A soll keinem B zukommen können und einem C zukommen. Da nun das +Verneinende konvertibel ist, kann auch B keinem A zukommen. Nun kommt +aber A einem C zu. Mithin kommt B notwendig einem C nicht zu.</p> + +<p>Wiederum sei der bejahende Satz allgemein und notwendig und die +Bejahung stehe bei B. Wenn nun A notwendig jedem B zukommt und einem C +nicht zukommt, wird zwar B offenbar einem C nicht zukommen, aber nicht +notwendigerweise. Um es zu erhärten, lassen sich dieselben Begriffe +verwenden wie bei den allgemeinen Schlüssen.</p> + +<p>Aber auch wenn das Verneinende, partikulär genommen, notwendig ist, +wird der Schlußsatz nicht notwendig sein. Der Beweis wird durch +dieselben Begriffe geführt.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Elftes_Kapitel"><em class="gesperrt">Elftes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>In der dritten Figur aber wird, wenn die Außenbegriffe mit dem +Mittelbegriff allgemein verbunden und beide Vordersätze bejahend sind, +mag nun der eine oder der andere von ihnen notwendig sein, auch der +Schlußsatz notwendig sein. Wenn aber der eine Vordersatz verneinend und +der andere bejahend ist, so wird, wenn der verneinende notwendig ist, +auch der Schlußsatz notwendig sein, wenn es aber der bejahende ist, +wird der Schlußsatz es nicht sein.</p> + +<p>Denn es seien zuerst beide Vordersätze bejahend, und es komme A und B +jedem C zu, und AC sei notwendig. Da nun B jedem C zukommt, wird auch C +einem B zukommen, weil das Allgemeine mit dem Partikulären konvertibel +ist. Wenn demnach A jedem C notwendig zukommt und C einem B zukommt, +muß A auch einem B notwendig zukommen. Denn B ist unter C begriffen. +Wir haben also wieder die erste Figur⁠<a id="FNanchor_55_63" href="#Footnote_55_63" class="fnanchor">[55]</a>⁠.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_23">[Pg 23]</span></p> + +<p>Ebenso wird der Nachweis geführt werden, wenn BC notwendig ist. C ist +mit einem A konvertibel. Wenn B demnach jedem C notwendig zukommt, wird +es auch einem B notwendig zukommen⁠<a id="FNanchor_56_64" href="#Footnote_56_64" class="fnanchor">[56]</a>⁠.</p> + +<p>Wiederum sei AC verneinend, BC bejahend und das Verneinende notwendig. +Da nun C mit einem B konvertibel ist und A notwendig keinem C zukommt, +wird A notwendig auch einem B nicht zukommen. Denn B ist unter C +begriffen⁠<a id="FNanchor_57_65" href="#Footnote_57_65" class="fnanchor">[57]</a>⁠.</p> + +<p>Ist aber das Bejahende notwendig, so wird der Schlußsatz nicht +notwendig sein. Denn es sei BC bejahend und notwendig, AC dagegen +verneinend und nicht notwendig. Da nun das Bejahende konvertibel ist, +wird C auch einem B notwendig zukommen. Wenn demnach A keinem C und +C einem B zukommt, <span class="sidenote">31 b</span>wird A einem B nicht zukommen, aber dies nicht +notwendig. Denn in der ersten Figur ist gezeigt worden, daß, wenn der +verneinende Vordersatz nicht notwendig ist, auch der Schlußsatz es +nicht sein kann. Das läßt sich auch aus den Begriffen klarmachen. A sei +gut, B Sinnenwesen, C Pferd. Gut kommt nun möglicherweise keinem Pferde +zu, aber Sinnenwesen notwendig jedem. Aber es ist nicht notwendig, daß +ein Sinnenwesen nicht gut ist, da ja doch jedes gut sein kann. Oder +wenn jenes nicht möglich ist, so nehme man einen anderen Begriff, wie +wachen oder schlafen, da diesen Zuständen jedes Sinnenwesen unterworfen +ist⁠<a id="FNanchor_58_66" href="#Footnote_58_66" class="fnanchor">[58]</a>⁠.</p> + +<p>Hiermit wären denn die Fälle erledigt, wo sich die Außenbegriffe zu +dem Mittelbegriff allgemein verhalten, und angegeben, wann in diesen +Fällen der Schlußsatz notwendig sein wird. Ist aber der eine Begriff +allgemein und der andere partikulär und stehen dann beide bejahend, so +muß, wenn das Allgemeine notwendig ist, auch der Schlußsatz notwendig +sein. Der Beweis ist derselbe wie vorhin. Auch das partikulär Bejahende +ist konvertibel. Wenn nun B notwendig jedem C zukommt und A unter +C begriffen ist, kommt B notwendig einem A zu. Wenn aber B <span class="pagenum" id="Page_24">[Pg 24]</span>einem +A, kommt auch A notwendig einem B zu. Denn diese Sätze lassen sich +umkehren.</p> + +<p>Ebenso ist es, wenn AC notwendig und dabei allgemein ist. Denn B ist +unter C begriffen.</p> + +<p>Ist aber das Partikuläre notwendig, so wird der Schlußsatz nicht +notwendig sein. Denn es sei B partikulär und notwendig, und A komme +jedem C zu, aber nicht notwendig. Kehrt man nun BC um, so erhält man +die erste Figur, und der allgemeine Vordersatz ist nicht notwendig, der +partikuläre aber wohl. Wenn sich aber die Vordersätze so verhalten, war +der Schlußsatz nicht notwendig, und so ist er es denn auch in unserem +Fall nicht. Dies ist auch aus den Begriffen klar. Denn A sei wachen, +B zweifüßig, C Sinnenwesen. B kommt nur einem C notwendig zu, A aber +kann C zukommen, und A kommt B nicht notwendig zu. Denn es ist nicht +notwendig, daß ein Zweifüßiges schläft oder wacht.</p> + +<p>Ebenso läßt sich mit Verwendung eben dieser Begriffe die Sache +beweisen, wenn AC partikulär und notwendig ist⁠<a id="FNanchor_59_67" href="#Footnote_59_67" class="fnanchor">[59]</a>⁠.</p> + +<p>Ist aber der eine Begriff bejahend und der andere verneinend, so +wird, wenn das Allgemeine verneinend und notwendig ist, auch der +Schlußsatz notwendig sein. Denn wenn A keinem C zukommen kann und B +einem C zukommt, so kommt A einem B notwendig nicht zu. Wird aber das +Bejahende entweder als Allgemeines oder als Partikuläres notwendig +gesetzt oder wird das partikulär Verneinende so gesetzt, so wird der +Schlußsatz nicht notwendig sein. Denn im übrigen werden wir gerade so +sagen, wie in den früheren Fällen, die Begriffe aber sollen sein, wenn +das allgemein Bejahende notwendig ist: wachen, Sinnenwesen, Mensch; +Mittelbegriff: Mensch; <span class="sidenote">32 a</span>ist aber das partikulär Bejahende notwendig: +wachen, Sinnenwesen, weiß. Denn Sinnenwesen kommt einem Weißen +notwendig zu, wachen aber möglicherweise keinem, und es ist nicht +notwendig, daß wachen einem Sinnenwesen nicht <span class="pagenum" id="Page_25">[Pg 25]</span>zukommt. Ist aber das +partikulär Verneinende notwendig, so sollen die Begriffe zweifüßig, +bewegt, Sinnenwesen und der Mittelbegriff Sinnenwesen sein⁠<a id="FNanchor_60_68" href="#Footnote_60_68" class="fnanchor">[60]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Zwoelftes_Kapitel"><em class="gesperrt">Zwölftes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>So zeigt sich denn, daß ein Schluß auf das einfache Zukommen nicht +möglich ist, wenn nicht beide Vordersätze ein Zukommen aussprechen, +dagegen ein Schluß auf das notwendige schon geschehen kann, wenn auch +nur der eine Vordersatz notwendig ist⁠<a id="FNanchor_61_69" href="#Footnote_61_69" class="fnanchor">[61]</a>⁠. In beiden Fällen, mögen nun +die Schlüsse bejahend oder verneinend sein, muß ein Vordersatz dem +Schlußsatz gleichartig sein, d. h. ein einfaches Zukommen aussprechen, +wenn dieser es tut, und ein notwendiges, wieder wenn dieser es tut. +Und so sieht man auch das, daß der Schlußsatz weder ein notwendiges, +noch ein einfaches Zukommen aussprechen kann, wenn nicht ein Vordersatz +so gefaßt ist, daß er ein notwendiges oder ein einfaches Zukommen +ausspricht⁠<a id="FNanchor_62_70" href="#Footnote_62_70" class="fnanchor">[62]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Dreizehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Dreizehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>So wäre denn von dem Notwendigen und davon, wie es zustande kommt und +wie es sich von dem einfach Zukommenden unterscheidet, wohl zur Genüge +gehandelt.</p> + +<p>Hiernach reden wir von dem Kontingenten und erklären, wann und wie und +wodurch hier ein Schluß möglich ist.</p> + +<p id="K13_Abs_3">Unter kontingent sein und kontingent verstehe ich das, was nicht +notwendig ist, wegen dessen aber, wenn es als vorhanden gesetzt wird, +nichts Unmögliches sich ergibt. Denn von dem Notwendigen sagen wir nur +homonymisch, daß es kontingent (möglich) ist⁠<a id="FNanchor_63_71" href="#Footnote_63_71" class="fnanchor">[63]</a>⁠.</p> + +<p>Daß dies das Kontingente ist, sieht man aus den sich entgegengesetzten +Verneinungen und Bejahungen. Denn das: es ist nicht kontingent +(vermögend) zu sein, und: unvermögend zu sein (ἀδύνατον ὑπάρχειν), und: +<span class="pagenum" id="Page_26">[Pg 26]</span>Notwendigkeit, daß es nicht sei — diese drei Aussagen oder Ausdrücke +sagen wir, sind entweder gleichbedeutend oder müssen sich logisch +folgen. Somit gilt auch von dem Gegenteil davon, dem: es ist kontingent +(vermögend) zu sein, und: nicht unvermögend zu sein, und: keine +Notwendigkeit, daß es nicht sei, daß es entweder dasselbe bedeutet +oder etwas, was sich logisch folgt. Denn hier gilt von jedem entweder +die Bejahung oder die Verneinung. Mithin wird das Kontingente nicht +notwendig und das nicht Notwendige kontingent sein.</p> + +<p id="K_13_Abs_5">Es lassen sich aber alle kontingenten Sätze (propositiones de +contingenti) umkehren. Ich meine damit nicht, die bejahenden mit +den verneinenden, sondern alle, die die Form bei gleichzeitiger +Entgegensetzung bejahend haben, wie z. B. der Satz: es ist kontingent +(vermögend) zu sein, mit dem Satz: es ist kontingent (vermögend) nicht +zu sein, vertauscht werden kann, und der Satz: es ist vermögend, jedem +zuzukommen, mit dem Satz: es ist vermögend, keinem oder nicht jedem +zuzukommen, und der Satz: es mag einem zukommen, mit dem Satz: es mag +nicht einem zukommen usw. Denn da das Kontingente nicht notwendig und +das Nichtnotwendige kontingent (vermögend) ist, nicht zu sein, so kann +A offenbar, wenn es dem B zukommen kann, ihm auch nicht zukommen, und +wenn es jedem zukommen kann, auch jedem nicht zukommen. <span class="sidenote" id="s_32_b">32 b</span>Und ebenso ist +es bei den partikulären Sätzen. Denn da gilt derselbe Beweis. Solche +Sätze sind aber bejahend, nicht verneinend. Denn kontingent sein steht +mit sein auf einer Linie, wie früher (<a href="#K3_Ende">K. 3, Ende</a>) erklärt worden ist.</p> + +<p>Nach diesen Bestimmungen sagen wir wiederum⁠<a id="FNanchor_64_72" href="#Footnote_64_72" class="fnanchor">[64]</a>⁠, daß der Ausdruck +kontingent sein oder sein mögen, in zweifacher Weise gebraucht wird, +in einer, wenn etwas meistens geschieht, ohne notwendig zu sein, wie +z. B., wenn ein Mensch grau wird oder zu- oder abnimmt, oder überhaupt +dieses von Natur erleidet — denn dieses schließt zwar keine stetige +Notwendigkeit in sich, weil nicht immer ein Mensch ist; <span class="pagenum" id="Page_27">[Pg 27]</span>wenn aber ein +Mensch ist, so ist es entweder notwendig oder doch meistenteils —, in +anderer Weise wird der Ausdruck von dem Unbestimmten gebraucht, das +gleichmäßig so und nicht so sein kann, wie z. B. ein Mensch oder ein +Tier geht oder, während es geht, ein Erdbeben eintritt, oder überhaupt +etwas zufällig geschieht. Denn es ist hier um nichts mehr von Natur, +wenn es so, als wenn es umgekehrt geschieht.</p> + +<p>Es lassen sich nun diese beiden Kontingentia so miteinander +vertauschen, daß man entgegengesetzte Aufstellungen erhält, aber der +Umtausch geschieht nicht auf dieselbe Weise, sondern was natürlich ist, +wird vertauscht mit: nicht notwendig sein, — denn in diesem Sinne ist +es kontingent (möglich), daß ein Mensch nicht grau wird —, dagegen +wird das Unbestimmte vertauscht mit: so nicht mehr als so⁠<a id="FNanchor_65_73" href="#Footnote_65_73" class="fnanchor">[65]</a>⁠.</p> + +<p>Eine Wissenschaft aber und einen apodiktischen Schluß gibt es bei +dem Unbestimmten nicht, weil der Mittelbegriff ungeordnet⁠<a id="FNanchor_66_74" href="#Footnote_66_74" class="fnanchor">[66]</a> ist, +dagegen wohl bei dem, was natürlich ist, und tatsächlich haben es +die Erörterungen und Untersuchungen meistens mit dem in diesem Sinne +Kontingenten zu tun. Dagegen kann man bei dem Kontingenten in dem +anderen Sinne zwar Schlüsse ziehen, doch gewöhnlich fragt man nicht +danach.</p> + +<p>Dieses soll im folgenden (in der 2. Analytik) näher erklärt werden. +Jetzt geben wir an, wann ein Schluß aus kontingenten Vordersätzen +möglich ist und wie beschaffen er ist.</p> + +<p id="K13_letzter_Abs">Der Ausdruck: das kann dem zukommen (ἐνδέχεται ὑπάρχειν), läßt sich +doppelt auffassen — entweder so, daß es zukommt, oder so, daß es +zukommen kann. Denn wenn man sagt: wovon B, davon kann A ausgesagt +werden, so hat das eine von diesen beiden Bedeutungen: entweder wovon +B ausgesagt wird, oder wovon es ausgesagt werden kann; ob man aber +sagt: wovon B, davon kann A ausgesagt werden, oder: A kann jedem B +zukommen, das macht keinen Unterschied —, man kann also offenbar in +zweifachem Sinne sagen: A kann jedem B zukommen. Setzen wir <span class="pagenum" id="Page_28">[Pg 28]</span>nun den +Fall, daß von dem, wovon C ausgesagt werden kann, A ausgesagt werden +kann und von dem, wovon B, auch A, und bestimmen wir auf Grund dessen, +welcher Schluß möglich und wie er beschaffen ist. Denn so werden die +Vordersätze beiderseits im Sinne der Möglichkeit genommen. Wenn aber +von dem, wovon B tatsächlich ausgesagt wird, A ausgesagt werden kann, +so spricht der eine Vordersatz ein wirkliches, der andere ein mögliches +(kontingentes) Sein aus. Wir müssen also mit dem Gleichartigen +anfangen, wie wir es auch in den anderen Fällen gemacht haben⁠<a id="FNanchor_67_75" href="#Footnote_67_75" class="fnanchor">[67]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Vierzehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Vierzehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Wenn nun A jedem B und B jedem C zukommen kann, so wird sich der +vollkommene Schluß ergeben, daß A jedem C zukommen kann. Das zeigt die +Definition. <span class="sidenote">33 a</span>Denn „jedem zukommen können“ haben wir in diesem Sinne +verstanden⁠<a id="FNanchor_68_76" href="#Footnote_68_76" class="fnanchor">[68]</a>⁠.</p> + +<p>Ebenso erhält man, wenn A keinem B und B jedem C zukommen kann, den +Schluß, daß A möglicherweise keinem C zukommt. Denn daß von dem, wovon +B ausgesagt werden kann, A es nicht kann, bedeutet, daß da nichts von +dem fehlt, was unter B begriffen sein kann⁠<a id="FNanchor_69_77" href="#Footnote_69_77" class="fnanchor">[69]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn aber möglicherweise A jedem B und B keinem C zukommt, so ergeben +zwar die angenommenen Vordersätze keinen Schluß, wohl aber stellt sich, +wenn man den Satz BC in bezug auf die Kontingenz umkehrt, derselbe +Schluß wie vorhin ein. Denn da B keinem C zukommen kann, kann es auch +jedem zukommen, wie vorhin erklärt worden ist. Und so ergibt sich, wenn +B jedem C und A jedem B zukommen kann, wieder der nämliche Schluß⁠<a id="FNanchor_70_78" href="#Footnote_70_78" class="fnanchor">[70]</a>⁠.</p> + +<p>Das gleiche gilt, wenn die Verneinung in Verbindung mit dem Wort +„kontingent (möglich) sein“ zu beiden Vordersätzen gesetzt wird, ich +meine, wenn z. B. möglicherweise A keinem B und B keinem C zukommt. Die +angenommenen Vordersätze ergeben da <span class="pagenum" id="Page_29">[Pg 29]</span>keinen Schluß, wohl aber stellt +sich bei der Umkehrung wieder derselbe Schluß wie vorhin ein⁠<a id="FNanchor_71_79" href="#Footnote_71_79" class="fnanchor">[71]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also, daß, wenn die Verneinung zu dem Unterbegriff oder zu +beiden Vordersätzen gesetzt wird, entweder kein Schluß entsteht, oder +wenn auch, doch kein vollkommener. Denn die Notwendigkeit ergibt sich +dann erst aus der Umkehrung.</p> + +<p id="K14_Abs_6">Nimmt man aber den einen Satz allgemein und den anderen partikulär, +so entsteht, wenn der allgemeine Satz den Oberbegriff enthält, ein +vollkommener Schluß. Denn wenn möglicherweise A jedem B und B einem C +zukommt, so kommt möglicherweise A einem C zu. Dies ist klar aus der +Definition von möglich sein⁠<a id="FNanchor_72_80" href="#Footnote_72_80" class="fnanchor">[72]</a>⁠. Wiederum, wenn möglicherweise A keinem +B und B einem C zukommt, so kommt notwendig möglicherweise A einem C +nicht zu. Der Beweis ist derselbe⁠<a id="FNanchor_73_81" href="#Footnote_73_81" class="fnanchor">[73]</a>⁠.</p> + +<p>Nimmt man aber den partikulären Satz verneinend und den allgemeinen +bejahend und läßt ihnen dieselbe Stellung, kommt z. B. möglicherweise +A jedem B zu und B einem C nicht zu, so ergeben zwar die angenommenen +Sätze keinen deutlichen Schluß, kehrt man aber den partikulären Satz um +und läßt B möglicherweise einem C zukommen, so ergibt sich der nämliche +Schlußsatz wie vorhin, nach der Weise, deren wir uns bei den im Anfang +angeführten Sätzen bedient haben⁠<a id="FNanchor_74_82" href="#Footnote_74_82" class="fnanchor">[74]</a>⁠.</p> + +<p>Nimmt man aber den Obersatz partikulär und den Untersatz allgemein, +und sind beide Vordersätze bejahend oder verneinend gesetzt oder nicht +gleichartig, oder auch beide unbestimmt oder partikulär, so kommt auf +keine Weise ein Schluß zustande. Denn nichts hindert, daß B über A +hinausreicht und nicht von gleich Vielen ausgesagt wird. Als das aber, +um was B über A hinausreicht, werde C genommen. <span class="sidenote">33 b</span>Denn diesem C kommt +A im Sinne der Kontingenz weder so zu, daß es jedem, noch so, daß +es keinem, weder so, daß es einem wohl, noch so, daß es einem nicht +zukommt, wenn doch die kontingenten Vordersätze <span class="pagenum" id="Page_30">[Pg 30]</span>konvertibel sind und B +möglicherweise mehr Dingen zukommt als A. Dieses leuchtet aber auch aus +den Begriffen ein. Wenn die Vordersätze sich so verhalten, kommt das +Erste keinem Letzten (der Oberbegriff keinem Unterbegriff) kontingenter +und jedem Letzten notwendigerweise zu. Gemeinsame Begriffe für alle +Fälle, für Notwendigzukommen: Sinnenwesen, weiß, Mensch; für nicht +zukommen Können: Sinnenwesen, weiß, Kleid⁠<a id="FNanchor_75_83" href="#Footnote_75_83" class="fnanchor">[75]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also, daß, wenn die Begriffe sich auf diese Weise verhalten, +keinerlei Schluß zustande kommt. Denn jeder Schluß geht entweder +auf ein einfaches Zukommen oder auf ein notwendiges oder auf ein +kontingentes Zukommen. Daß aber hier kein Schluß auf das einfache +und auf das notwendige Zukommen möglich ist, muß einleuchten, da der +bejahende Schluß durch den verneinenden und der verneinende durch den +bejahenden aufgehoben wird. Es bliebe also nur ein Schluß auf das +kontingente Zukommen oder Sein übrig. Das aber ist unmöglich. Denn +es ist gezeigt worden, daß bei solchem Verhältnis der Begriffe der +Oberbegriff gleichzeitig allem, was zum Unterbegriff gehört, notwendig +zukommt und möglicherweise keinem davon. Und so kann kein Schluß auf +das möglicher- oder kontingenterweise Zukommende stattfinden. Denn das +Notwendige galt uns nicht als kontingent.</p> + +<p>Man sieht aber, daß, wenn in kontingenten Sätzen die Begriffe allgemein +sind, immer ein Schluß in der ersten Figur entsteht, mögen die Sätze +bejahend oder verneinend sein, nur ist es bei bejahenden Sätzen ein +vollkommener und bei verneinenden Sätzen ein unvollkommener Schluß. +Das Kontingentsein muß man aber nicht als notwendig verstehen, sondern +gemäß der angegebenen Definition, was man zuweilen übersieht.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Fuenfzehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Fünfzehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p id="K15_Abs_1">Läßt man aber den einen Vordersatz einfach und den anderen im Sinne der +Kontingenz ausgesagt sein, so müssen, falls der Obersatz kontingent +ist, alle <span class="pagenum" id="Page_31">[Pg 31]</span>Schlüsse vollkommen und im Sinne der angegebenen Definition +kontingent sein (also auf solches gehen, was sein und nicht sein +kann). Ist dagegen der Untersatz kontingent, so müssen alle Schlüsse +unvollkommen sein und die verneinenden auf Kontingentes gehen, das +nicht im Sinne der Definition so heißt, sondern so, daß es notwendig +keinem oder nicht jedem zukommt. Denn wenn etwas notwendig keinem +oder nicht jedem zukommt, so sagt man auch dafür, es sei möglich +(kontingent), daß es keinem und daß es nicht jedem zukommt.</p> + +<p>Denn es soll möglich sein, daß A jedem B zukommt, und von B soll +angenommen werden, daß es jedem C zukommt. Da nun B unter C steht +und dem B das A zukommen kann, so kann es das offenbar auch allem C. +Es ergibt sich also ein vollkommener Schluß. Ebenso ist es, wenn der +Vordersatz AB verneinend, der Vordersatz BC aber bejahend ist und der +eine ein kontingentes, der andere ein einfaches Zukommen ausspricht: +auch da ergibt sich der vollkommene Schluß, daß A möglicherweise keinem +C zukommt⁠<a id="FNanchor_76_84" href="#Footnote_76_84" class="fnanchor">[76]</a>⁠.</p> + +<p><span class="sidenote" id="s_34_a">34 a</span>Daß also, wenn das einfache Zukommen zu dem Unterbegriff gesetzt wird, +vollkommene Schlüsse möglich sind, leuchtet ein; daß sich aber im +entgegengesetzten Falle Schlüsse ergeben, muß durch das Unmögliche +gezeigt werden, wodurch zugleich klar wird, daß sie unvollkommen +sind, da der Beweis nicht aus den angenommenen Vordersätzen erfolgt. +Wir stellen zuerst folgenden Satz auf: wenn falls A ist, notwendig B +ist, ist auch, falls A möglich ist, notwendig B möglich. Denn nehmen +wir an, bei einem solchen Verhältnis der Begriffe sei A möglich und B +unmöglich. Wenn nun das Mögliche, wann es möglich ist, werden kann, +und das Unmögliche, wann es unmöglich ist, nicht werden kann, und in +derselben Zeit, wenn A möglich, auch B unmöglich ist, so kann A ohne B +werden und, wenn werden, auch sein, da das Gewordene, wann es geworden +ist, ist⁠<a id="FNanchor_77_85" href="#Footnote_77_85" class="fnanchor">[77]</a>⁠.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_32">[Pg 32]</span></p> + +<p>Man muß aber das Unmögliche und Mögliche nicht nur auf das Werden +beziehen, sondern auch auf die wahre Aussage, auf das Sein und auf alle +anderen Weisen, nach denen man von dem Möglichen spricht. Denn die +Sache wird sich überall auf die gleiche Weise verhalten.</p> + +<p>Wenn es ferner heißt, daß wenn A ist, B ist, so darf man das nicht so +verstehen, als ob B wäre, wenn A eines ist. Denn nichts ist notwendig, +was eines ist, sondern es müssen mindestens zwei sein, wie eben wenn +die Vordersätze sich im Schluß auf die angegebene Weise verhalten. Denn +wenn C von D und D von Z gilt, so gilt auch notwendig C von Z. Wenn +aber beides möglich ist, so ist auch der Schluß möglich. Wenn man also +A setzt, als stelle es die beiden Vordersätze dar, und ebenso B für den +Schlußsatz einsetzt, so folgt, daß nicht nur, wenn A notwendig ist, +auch B notwendig ist, sondern auch, daß wenn A möglich ist, B möglich +ist.</p> + +<p>Aus diesem Nachweis geht hervor, daß wenn Falsches und nicht +Unmögliches angenommen worden ist, auch das wegen der Annahme Folgende +falsch und nicht unmöglich sein wird. Wenn z. B. A falsch und nicht +unmöglich ist und falls A ist, B ist, so wird auch B falsch, aber +nicht unmöglich sein. Denn da nachgewiesen worden ist, daß wenn B ist, +falls A ist, B auch möglich sein wird, falls A möglich ist, und dann +vorausgesetzt ist, daß A möglich ist, so wird auch B möglich sein. Denn +wenn es unmöglich ist, so wird ein und dasselbe zugleich möglich und +unmöglich sein⁠<a id="FNanchor_78_86" href="#Footnote_78_86" class="fnanchor">[78]</a>⁠.</p> + +<p>Nachdem dieses somit festgestellt worden ist, soll A jedem B zukommen +und B jedem C zukommen können. Dann kann notwendig A jedem C zukommen. +Denn nehmen wir an, es könne das nicht, dagegen komme B jedem C zu, +und dieses möge zwar falsch sein, aber nicht unmöglich. Wenn nun A dem +C nicht zukommen kann und B jedem C zukommt, so kann A nicht jedem B +zukommen. Denn es ergibt sich ein Schluß durch die dritte Figur. Aber +es ist vorausgesetzt <span class="pagenum" id="Page_33">[Pg 33]</span>worden, daß es jedem zukommen kann. Mithin ist es +notwendig, daß A jedem C zukommen kann. <span class="sidenote" id="s_34_b">34 b</span>Denn obwohl Falsches und nicht +Unmögliches angenommen worden ist, ist doch die Folge unmöglich⁠<a id="FNanchor_79_87" href="#Footnote_79_87" class="fnanchor">[79]</a>⁠.</p> + +<p>Man kann den Beweis aus der Unmöglichkeit auch durch die erste Figur +führen, indem man das B dem C zukommen läßt. Denn wenn B jedem C +zukommt und A jedem B zukommen kann, kann A auch jedem C zukommen. Aber +es wurde vorausgesetzt, daß es nicht jedem zukommen kann⁠<a id="FNanchor_80_88" href="#Footnote_80_88" class="fnanchor">[80]</a>⁠.</p> + +<p>Das jedem Zukommende ist aber so zu verstehen, daß man es nicht nach +der Zeit begrenzt, als gälte es nur jetzt oder in der und der Zeit, +sondern man muß es schlechthin verstehen. Denn durch so beschaffene +Vordersätze bilden wir auch die Schlüsse, da, wenn man den Vordersatz +nur von dem jetzigen Augenblick versteht, kein Schluß zustande kommt. +Denn vielleicht hindert nichts, daß Mensch auch einmal jedem Bewegten +zukommt, wenn nämlich sonst nichts bewegt würde. Der Begriff „bewegt“ +kann aber jedem Pferde zukommen, dagegen Mensch keinem Pferde. Ferner: +der Oberbegriff sei Sinnenwesen, der Mittelbegriff bewegt, der +Unterbegriff Mensch. Die Vordersätze werden sich nun ebenso verhalten, +der Schlußsatz aber ist notwendig, nicht kontingent. Denn der Mensch +ist notwendig ein sinnliches Wesen. Man sieht also, daß das Allgemeine +schlechthin zu verstehen ist, nicht mit Beschränkung auf eine bestimmte +Zeit⁠<a id="FNanchor_81_89" href="#Footnote_81_89" class="fnanchor">[81]</a>⁠.</p> + +<p id="Abs_mit_FN82">Wiederum, der Vordersatz AB sei allgemein verneinend, und A soll keinem +B zukommen und B jedem C zukommen können. Bei diesen Voraussetzungen +nun ist es notwendig möglich, daß A keinem C zukommt. Denn nehmen wir +an, daß es nicht möglich ist und daß B dem C zukommt wie vorhin. Dann +kommt A notwendig einem B zu, da sich ein Schluß nach der dritten Figur +ergibt. Das aber ist unmöglich. Und so muß es denn möglich sein, daß A +keinem C zukommt. Denn da nur ein Falsches vorausgesetzt ist, ist doch +die Folge unmöglich⁠<a id="FNanchor_82_90" href="#Footnote_82_90" class="fnanchor">[82]</a>⁠.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_34">[Pg 34]</span></p> + +<p>Dieser Schluß ergibt nun kein Kontingentes im Sinne der Definition, +sondern im Sinne desjenigen Kontingenten, das keinem notwendig zukommt. +Denn das ist das kontradiktorische Gegenteil zu der gemachten Annahme, +nach der A einem C notwendig zukommt. Nun geht aber eben der Schluß +vermittelst des Unmöglichen auf das kontradiktorische Gegenteil der +Annahme⁠<a id="FNanchor_83_91" href="#Footnote_83_91" class="fnanchor">[83]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht aber auch aus den Begriffen, daß der Schlußsatz nicht in +strengem Sinne kontingent ist. A sei Rabe, B denkend, C Mensch. Nun +kommt keinem B das A zu, da kein Denkendes ein Rabe ist. B aber kann +jedem C zukommen, da das Denken jedem Menschen zukommen kann. Aber +A kommt notwendig keinem C zu. Mithin ist der Schlußsatz nicht in +strengem Sinne kontingent. Er ist aber auch nicht immer notwendig. Denn +A sei Bewegtes, B Wissenschaft, C Mensch. A wird keinem B zukommen, B +aber möglicherweise jedem C, und der Schlußsatz wird nicht notwendig +sein. Denn es ist nicht notwendig, daß kein Mensch sich bewegt, sondern +es ist nicht notwendig, daß einer sich bewegt. <span class="sidenote" id="s_35_a">35 a</span>Man sieht also: der +Schlußsatz besagt, daß etwas keinem notwendig zukommt. Übrigens müßten +die Begriffe besser gewählt sein⁠<a id="FNanchor_84_92" href="#Footnote_84_92" class="fnanchor">[84]</a>⁠.</p> + +<p>Tritt aber die Verneinung zum Untersatz und spricht derselbe die +Kontingenz aus, so ergibt sich zwar aus den angenommenen Vordersätzen +an sich kein Schluß, dagegen wohl, wie in den früheren Fällen, wenn +man den kontingenten Satz umkehrt. Denn A soll jedem B zukommen und +B möglicherweise keinem C. Wenn die Begriffe sich so verhalten, wird +keine Notwendigkeit statt haben. Kehrt man aber BC um und läßt B jedem +C zukommen, so ergibt sich ein Schluß wie vorhin. Die Begriffe haben +dann die gleiche Lage⁠<a id="FNanchor_85_93" href="#Footnote_85_93" class="fnanchor">[85]</a>⁠. Dasselbe Verfahren findet seine Stelle, +wenn beide Sätze verneinend sind und AB einfach nicht gilt, während +BC besagt, daß B möglicherweise keinem C zukommt. Denn durch die +angenommenen Begriffe an sich ergibt sich keinerlei Notwendigkeit, +wenn man aber <span class="pagenum" id="Page_35">[Pg 35]</span>den kontingenten Satz umkehrt, wird ein Schluß zustande +kommen. Denn es soll A keinem B zukommen, dagegen B möglicherweise +keinem C. Während nun hieraus keine Notwendigkeit erwächst, kommt +wieder derselbe Schluß heraus, wenn B jedem C soll zukommen können, was +ja wahr ist, und der Vordersatz AB derselbe bleibt⁠<a id="FNanchor_86_94" href="#Footnote_86_94" class="fnanchor">[86]</a>⁠.</p> + +<p>Nimmt man aber an, daß B jedem C nicht zukommt, nicht daß es ihm +möglicherweise nicht zukommt, so wird durchaus kein Schluß gewonnen, +weder wenn der Satz AB verneinend, noch wenn er bejahend ist. +Gemeinsame Begriffe für notwendig zukommen: weiß, Sinnenwesen, Schnee; +für nicht zukommen können: weiß, Sinnenwesen, Pech⁠<a id="FNanchor_87_95" href="#Footnote_87_95" class="fnanchor">[87]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also, daß, wenn die Begriffe allgemein sind und man den einen +Vordersatz ein einfaches, den anderen ein kontingentes Sein aussagen +läßt, dann, wenn man den Untersatz kontingent sein läßt, immer ein +Schluß entsteht, nur das eine Mal schon auf Grund der Vordersätze an +sich, das andere Mal auf Grund der Umkehrung des Vordersatzes. Wann der +eine und wann der andere Schluß herauskommt und aus welchem Grunde, +haben wir angegeben.</p> + +<p>Nimmt man aber den einen Satz διάστημα allgemein, den anderen +partikulär, und läßt dann den Obersatz, verneinend oder bejahend +gefaßt, allgemein und kontingent, den partikulären Untersatz aber +bejahend und einfach gültig sein, so erhält man einen vollkommenen +Schluß, wie wenn beide Begriffe allgemein sind. Der Beweis hierfür ist +derselbe wie früher⁠<a id="FNanchor_88_96" href="#Footnote_88_96" class="fnanchor">[88]</a>⁠.</p> + +<p>Ist aber der Obersatz allgemein und einfach gültig, nicht kontingent, +und der Untersatz partikulär und kontingent, so ergibt sich, mag man +beide Sätze verneinend oder bejahend, oder den einen verneinend und den +anderen bejahend sein lassen, immer ein unvollkommener Schluß, nur daß +dieser Schluß bald durch den Beweis aus der Unmöglichkeit, bald durch +Umkehrung des kontingenten Satzes vollendet wird, <span class="sidenote">35 b</span>wie in den früheren +Fällen. Man bekommt auch dann einen Schluß durch <span class="pagenum" id="Page_36">[Pg 36]</span>Umkehrung, wenn der +allgemeine Obersatz das reine Sein oder Nichtsein und der partikulär +verneinende Untersatz das kontingente Sein aussagt, wie wenn z. B. +A jedem B zukommt oder nicht zukommt, und B einem C möglicherweise +nicht zukommt. Denn der Schluß geht hier vonstatten, wenn man BC +rücksichtlich der Kontingenz umkehrt⁠<a id="FNanchor_89_97" href="#Footnote_89_97" class="fnanchor">[89]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn aber der partikuläre Vordersatz das einfache Nichtsein aussagt, +ist kein Schluß möglich. Begriffe für Sein oder Zukommen: weiß, +Sinnenwesen, Schnee; für Nichtzukommen: weiß, Sinnenwesen, Pech. Man +muß den Beweis hierfür aus dem Unbestimmten führen⁠<a id="FNanchor_90_98" href="#Footnote_90_98" class="fnanchor">[90]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn man aber den Untersatz allgemein und den Obersatz partikulär +nimmt, mag der eine oder mag der andere verneinend oder bejahend, +kontingent oder einfach aussagend sein, so ergibt sich keinerlei Schluß.</p> + +<p>Auch dann ergibt sich kein Schluß, wenn die Vordersätze partikulär oder +unbestimmt gefaßt sind, mögen sie beide die Kontingenz oder beide das +einfache Sein aussagen, oder der eine Satz dieses, der andere jenes. +Der Beweis ist derselbe wie in den früheren Fällen. Gemeinsame Begriffe +für notwendiges Zukommen: sinnliches Wesen, weiß, Mensch; für unmöglich +zukommen: sinnliches Wesen, weiß, Kleid⁠<a id="FNanchor_91_99" href="#Footnote_91_99" class="fnanchor">[91]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also, daß, wenn der Obersatz allgemein lautet, immer, wenn +aber der Untersatz allgemein lautet, nie ein Schluß entsteht.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Sechzehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Sechzehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Wenn aber der eine Vordersatz ein notwendiges und der andere ein +mögliches Sein ausspricht, so wird ein Schluß zustande kommen, wenn +sich die Begriffe auf dieselbe Weise verhalten wie zuvor⁠<a id="FNanchor_92_100" href="#Footnote_92_100" class="fnanchor">[92]</a>⁠.</p> + +<p id="K16_Abs_2">Ein vollkommener Schluß ergibt sich nämlich, wenn man den Untersatz +notwendig sein läßt⁠<a id="FNanchor_93_101" href="#Footnote_93_101" class="fnanchor">[93]</a>⁠.</p> + +<p id="K16_Abs_3">Der Schlußsatz aber wird, wenn die Begriffe bejahend sind, auf das +Können gehen, nicht auf das Sein, mögen nun die Begriffe allgemein +oder nicht allgemein <span class="pagenum" id="Page_37">[Pg 37]</span>gefaßt sein; ist aber der eine Begriff bejahend +und der andere verneinend, so geht der Schlußsatz, falls der bejahende +Begriff notwendig ist, auf das Können, nicht auf das Nichtsein; ist +aber der verneinende Begriff notwendig, so geht er sowohl auf das +mögliche Nichtsein, als auch auf das einfache Nichtsein, mögen die +Begriffe allgemein sein oder nicht⁠<a id="FNanchor_94_102" href="#Footnote_94_102" class="fnanchor">[94]</a>⁠.</p> + +<p id="K16_Abs_4">Das Möglich ist im Schlußsatz ebenso wie in den früheren Fällen zu +verstehen. Aber ein Schluß auf notwendiges Nichtsein ist nicht möglich. +Denn es ist etwas anderes, wenn man sagt: nicht notwendig sein, und +wenn man sagt: notwendig nicht sein⁠<a id="FNanchor_95_103" href="#Footnote_95_103" class="fnanchor">[95]</a>⁠.</p> + +<p id="Abs_mit_36_a">Daß nun der Schlußsatz nicht notwendig ist, wenn die Begriffe +bejahend sind, ist klar. Denn A soll jedem B notwendig und B jedem C +möglicherweise zukommen. Hier ergibt sich der unvollkommene Schluß, daß +A jedem C zukommen kann. <span class="sidenote">36 a</span>Daß der Schluß unvollkommen ist, sieht man aus +dem Beweis. Denn derselbe muß auf die nämliche Weise geführt werden wie +in dem früheren Falle⁠<a id="FNanchor_96_104" href="#Footnote_96_104" class="fnanchor">[96]</a>⁠.</p> + +<p>Wiederum, A soll jedem B möglicherweise und B jedem C notwendigerweise +zukommen. Hier wird sich der Schluß ergeben, daß A jedem C +möglicherweise zukommt, nicht daß es ihm tatsächlich zukommt, und der +Schluß ist vollkommen, nicht unvollkommen, weil er ohne weiteres durch +die anfänglich angenommenen Sätze vollendet wird⁠<a id="FNanchor_97_105" href="#Footnote_97_105" class="fnanchor">[97]</a>⁠.</p> + +<p>Sind aber die Vordersätze nicht von gleicher Form (Qualität), so soll +zuerst der verneinende notwendig sein, und A soll notwendig keinem +B zukommen können, B aber soll jedem C zukommen können. Dann ist es +notwendig, daß A keinem C zukommt. Denn gesetzt, es komme jedem oder +einem zu. Es wurde aber vorausgesetzt, daß es keinem B zukommen kann. +Da sich nun das Verneinende umkehren läßt, so kann auch unmöglich B +einem A zukommen. Es soll aber A entweder jedem oder einem C zukommen. +Demnach kann B keinem oder nicht jedem C zukommen. Anfänglich aber war +angenommen, es könne jedem zukommen⁠<a id="FNanchor_98_106" href="#Footnote_98_106" class="fnanchor">[98]</a>⁠. Es ergibt <span class="pagenum" id="Page_38">[Pg 38]</span>sich + aber offenbar +auch ein Schluß auf die Möglichkeit des Nichtzukommens, da sich auch +ein solcher auf das tatsächliche Nichtzukommen ergibt.</p> + +<p>Wiederum, es soll der bejahende Vordersatz notwendig sein und A +möglicherweise keinem B zukommen, B dagegen notwendig jedem C. +Der Schluß wird dann vollkommen sein, aber nicht auf das einfache +Nichtzukommen gehen, sondern auf das mögliche. Denn so ist der +Obersatz genommen worden, und es gibt hier keine Zurückführung auf +das Unmögliche. Denn wenn man annimmt, daß A einem C zukommt, und +gleichzeitig vorausgesetzt ist, daß es möglicherweise keinem B zukommt, +so ergibt sich daraus nichts Unmögliches⁠<a id="FNanchor_99_107" href="#Footnote_99_107" class="fnanchor">[99]</a>⁠.</p> + +<p>Setzt man aber die Verneinung zu dem Untersatz, so ist, falls er +die Möglichkeit ausspricht, ein Schluß durch Umkehrung möglich, wie +früher⁠<a id="FNanchor_100_108" href="#Footnote_100_108" class="fnanchor">[100]</a>⁠.</p> + +<p>Falls er aber die Unmöglichkeit ausspricht, so ist kein Schluß möglich. +Auch nicht, falls beide Vordersätze verneinend gesetzt werden und +der Untersatz die Unmöglichkeit aussagt. Die Begriffe sind dieselben +(wie schon oben): für Zukommen: weiß, Sinnenwesen, Schnee; für +Nichtzukommen: weiß, Sinnenwesen, Pech⁠<a id="FNanchor_101_109" href="#Footnote_101_109" class="fnanchor">[101]</a>⁠.</p> + +<p>Ebenso muß es sich mit den partikulären Schlüssen verhalten. Ist der +verneinende Vordersatz notwendig, so wird auch der Schlußsatz auf das +Nichtzukommen gehen. Wenn nämlich A keinem B zukommen kann, B aber +einem C, so kommt A notwendig einem C nicht zu. Denn wenn es jedem +zukommt, aber keinem B zukommen kann, so kann auch B keinem A zukommen. +Und so kann, wenn A jedem C zukommt, B keinem C zukommen. Und doch war +es Voraussetzung, daß es einem C zukommt⁠<a id="FNanchor_102_110" href="#Footnote_102_110" class="fnanchor">[102]</a>⁠.</p> + +<p><span class="sidenote">36 b</span>Ist aber der partikulär bejahende Vordersatz in dem verneinenden +Schluß notwendig, also BC, oder ist es der allgemeine Vordersatz in +dem bejahenden Schluß, also AB, so ergibt sich kein Schluß auf das +Zukommen. Der Beweis ist derselbe wie in den früheren Fällen⁠<a id="FNanchor_103_111" href="#Footnote_103_111" class="fnanchor">[103]</a>⁠.</p> + +<p>Findet sich dagegen das Allgemeine als möglich gedacht, bejahend +oder verneinend, im Untersatz, und <span class="pagenum" id="Page_39">[Pg 39]</span>das Partikuläre als Notwendiges +im Obersatz, so ergibt sich kein Schluß. Begriffe für notwendiges +Zukommen: Sinnenwesen, weiß, Mensch; für Nichtzukommenkönnen: +Sinnenwesen, weiß, Kleid⁠<a id="FNanchor_104_112" href="#Footnote_104_112" class="fnanchor">[104]</a>⁠.</p> + +<p>Ist aber das Allgemeine notwendig und das Partikuläre möglich, so sind, +wenn das Allgemeine verneinend ist, Begriffe für Zukommen: sinnliches +Wesen, weiß, Rabe; für Nichtzukommen: sinnliches Wesen, weiß, Pech; und +wenn es bejahend ist, für Zukommen: sinnliches Wesen, weiß, Schwan; für +Nichtzukommenkönnen: sinnliches Wesen, weiß, Schnee⁠<a id="FNanchor_105_113" href="#Footnote_105_113" class="fnanchor">[105]</a>⁠.</p> + +<p id="K20_vorl_Abs">Auch dann, wenn die Vordersätze unbestimmt oder beide partikulär +angenommen werden, entsteht kein Schluß. Gemeinsame Begriffe für +Zukommen: sinnliches Wesen, weiß, Mensch; für Nichtzukommen: sinnliches +Wesen, weiß, unbeseelt. Denn sinnliches Wesen kommt einem Weißen und +weiß einem Unbeseelten sowohl notwendig zu, wie es ihm unmöglich +zukommen kann, und mit dem möglichen Zukommen ist es ebenso, so daß die +Begriffe für alle Fälle brauchbar sind⁠<a id="FNanchor_106_114" href="#Footnote_106_114" class="fnanchor">[106]</a>⁠.</p> + +<p>Das Gesagte zeigt also, daß, wenn sich die Begriffe in bezug auf +einfaches Sein und notwendiges Sein gleich verhalten, auch gleichmäßig +ein Schluß entsteht und nicht entsteht, nur daß, wenn der verneinende +Vordersatz das bloße Sein betrifft, der Schluß das mögliche Sein +aussagt, während derselbe Schluß, wenn der verneinende Vordersatz das +notwendige Sein betrifft, sowohl das mögliche als auch das einfache +Nichtsein aussagt. Ebenso ergibt sich, daß alle (diese) Schlüsse +unvollkommen sind und daß sie durch die vorhin angegebenen Figuren +vollendet werden⁠<a id="FNanchor_107_115" href="#Footnote_107_115" class="fnanchor">[107]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Siebzehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Siebzehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p id="K17_Abs_1">In der zweiten Figur aber kommt, wenn beide Vordersätze die Kontingenz +aussagen, kein Schluß zustande, mögen nun die Vordersätze bejahend oder +verneinend, allgemein oder partikulär sein.</p> + +<p id="K17_Abs_2">Spricht aber der eine Satz das bloße Sein und der <span class="pagenum" id="Page_40">[Pg 40]</span>andere das +kontingente Sein aus, so kommt, wenn der bejahende Satz das bloße Sein +enthält, nie, wenn aber der allgemein verneinende Satz es enthält, +immer ein Schluß zustande.</p> + +<p id="K17_Abs_3">Ebenso wenn der eine Satz die Notwendigkeit und der andere die +Kontingenz aussagt.</p> + +<p>Man muß aber auch hier das Kontingente in den Schlußsätzen verstehen +wie vorhin⁠<a id="FNanchor_108_116" href="#Footnote_108_116" class="fnanchor">[108]</a>⁠.</p> + +<p>Zuerst wäre also zu zeigen, daß die Verneinung im kontingenten Satz +nicht umgekehrt wird, daß es z. B., wenn A möglicherweise keinem +B zukommt, nicht notwendig ist, daß auch B möglicherweise keinem +A zukommt⁠<a id="FNanchor_109_117" href="#Footnote_109_117" class="fnanchor">[109]</a>⁠. Denn dieses soll einmal angenommen werden und B +möglicherweise keinem A zukommen. Da nun kontingente Bejahungen mit den +Verneinungen vertauscht werden, die konträr wie die kontradiktorisch +entgegengesetzten, und B möglicherweise keinem A zukommt, <span class="sidenote">37 a</span>so kommt B +offenbar möglicherweise auch jedem A zu. Das ist aber falsch. Denn wenn +eines möglicherweise jedem anderen zukommt, so folgt nicht, daß auch +umgekehrt dieses jenem so muß zukommen können. Mithin läßt sich die +Verneinung nicht umkehren⁠<a id="FNanchor_110_118" href="#Footnote_110_118" class="fnanchor">[110]</a>⁠.</p> + +<p>Ferner hindert nichts, daß A möglicherweise keinem B zukommt, aber B +notwendig einem A nicht zukommt, wie z. B. weiß möglicherweise jedem +Menschen nicht zukommt — eben weil es auch möglicherweise jedem +zukommt —, aber von Menschen mit Unwahrheit ausgesagt wird, daß es +möglicherweise keinem Weißen zukommt. Denn es kommt vielem notwendig +nicht zu. Das Notwendige war uns aber nicht jenes Kontingente, das sein +und nicht sein kann⁠<a id="FNanchor_111_119" href="#Footnote_111_119" class="fnanchor">[111]</a>⁠.</p> + +<p>Aber auch aus der Unmöglichkeit läßt sich nicht zeigen, daß es hier +eine Umkehrung gibt, wenn man nämlich das Zugeständnis verlangte, weil +es falsch sei, daß B möglicherweise keinem A zukommt, so sei es wahr, +daß es nicht möglicherweise keinem zukommt. Denn so stünden sich die +Bejahung und die Verneinung gegenüber. Wenn aber das, so sei es wahr, +daß B notwendig <span class="pagenum" id="Page_41">[Pg 41]</span>einem A zukommt, und so denn auch A einem B. Das aber +sei unmöglich⁠<a id="FNanchor_112_120" href="#Footnote_112_120" class="fnanchor">[112]</a>⁠.</p> + +<p>Denn wenn B nicht möglicherweise keinem A zukommt, so kommt es deshalb +nicht notwendig einem zu. Denn der Ausdruck: nicht möglicherweise +keinem, wird in zweifachem Sinne angewandt: einmal wenn es notwendig +zukommt, und dann: wenn es notwendig einem nicht zukommt. Denn von +dem, was notwendig einem A nicht zukommt, ist es nicht wahr zu sagen, +daß es jedem möglicherweise nicht zukommt, wie es auch von dem, +was einem notwendig zukommt, nicht wahr ist zu sagen, daß es jedem +möglicherweise zukommt. Wenn man also das Zugeständnis forderte, daß +C, da es nicht jedem D möglicherweise zukommt, notwendig einem nicht +zukommt, so behauptete man etwas Falsches. Denn es kommt jedem zu, aber +weil es in einigen Fällen seinem Subjekt notwendig zukommt, deshalb +sagen wir, daß es nicht jedem möglicherweise zukommt. Demnach ist das +Gegenteil von: jedem möglicherweise zukommen, einmal: einem notwendig +zukommen, und dann: einem notwendig nicht zukommen. Und ebenso ist es +mit dem Gegenteil von: möglicherweise keinem. Man muß also offenbar +als Gegenteil des in der ursprünglich definierten Weise Möglichen und +Nichtmöglichen nicht nur⁠<a id="FNanchor_A_1" href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a> das „notwendig einem zukommen“ setzen, +sondern auch das „notwendig einem nicht zukommen“. Wenn man aber dieses +Letztere nimmt, so folgt nichts Unmögliches, und so erhält man denn +keinen Schluß. Man sieht also aus dem Gesagten, daß die Verneinung sich +nicht umkehren läßt⁠<a id="FNanchor_113_121" href="#Footnote_113_121" class="fnanchor">[113]</a>⁠.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_A_1" href="#FNanchor_A_1" class="label">[A]</a> Zeile 37 a 28 haben wir die Leseart vorgezogen: +οὐμόνον-ἀλλὰ καὶ, nach Kodex B, Julius Pacius, Waitz u. a.</p></div> + +</div> + +<p>Nachdem dieses bewiesen ist, wollen wir wieder annehmen, A komme +möglicherweise, wie keinem B, so jedem C zu. Einen Schluß durch +Umkehrung der verneinenden Prämisse kann es da also nicht geben. Denn +wir haben dargetan, daß sich eine solche Prämisse nicht umkehren läßt. +Es gibt aber auch keinen Schluß aus <span class="pagenum" id="Page_42">[Pg 42]</span>dem Unmöglichen. Denn wenn man +annimmt, daß B jedem C zukommen kann, so folgt daraus nichts Falsches. +Denn A kann jedem und kann keinem C zukommen⁠<a id="FNanchor_114_122" href="#Footnote_114_122" class="fnanchor">[114]</a>⁠.</p> + +<p>Überhaupt träfe hier ein Schluß, wenn er zulässig wäre, offenbar das +Mögliche, weil keiner der beiden Vordersätze ein Sein aussagen soll, +und dieser Schluß müßte entweder bejahend oder verneinend sein. Er ist +aber in keiner von beiden Weisen möglich. Denn läßt man ihn bejahend +sein, <span class="sidenote">37b</span>so wird man durch die Begriffe zeigen, daß sich das Betreffende +nicht zukommen kann, und läßt man ihn verneinend sein, so wird man +ebenso zeigen, daß der Schlußsatz nicht möglich, sondern notwendig ist. +Denn es sei A weiß, B Mensch, C Pferd. Da kann denn A, weiß, bei dem +einen jedem, bei dem anderen keinem zukommen. Aber B kommt dem C weder +möglicherweise zu, noch nicht zu. Daß es ihm nun nicht zukommen kann, +ist klar. Denn kein Pferd ist ein Mensch. Aber auch, daß es ihm nicht +möglicherweise nicht zukommt. Denn es ist notwendig, daß kein Pferd +ein Mensch ist, das Notwendige aber galt uns nicht als möglich. Mithin +ergibt sich kein Schluß⁠<a id="FNanchor_115_123" href="#Footnote_115_123" class="fnanchor">[115]</a>⁠.</p> + +<p>Ebenso wird der Beweis geführt werden, wenn die Verneinung umgekehrt +gesetzt wird oder wenn beide Vordersätze bejahend oder verneinend +genommen werden. Denn der Beweis erfolgt durch dieselben Begriffe. Und +wenn der eine Vordersatz allgemein, der andere partikulär ist oder +beide partikulär oder unbestimmt sind oder die Vordersätze wie immer +sonst noch geändert werden; denn der Beweis kann immer durch dieselben +Begriffe erfolgen⁠<a id="FNanchor_116_124" href="#Footnote_116_124" class="fnanchor">[116]</a>⁠.</p> + +<p>So ist es denn klar, daß, wenn beide Vordersätze kontingent gefaßt +werden, kein Schluß zustande kommt.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Achtzehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Achtzehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Wenn aber der eine Satz das bloße Sein und der andere das kontingente +Sein aussagt, so ist, falls man den bejahenden Satz das bloße Sein und +den verneinenden <span class="pagenum" id="Page_43">[Pg 43]</span>das kontingente Sein aussagen läßt, keinerlei Schluß +möglich, weder wenn man die Begriffe allgemein, noch wenn man sie +partikulär faßt.</p> + +<p>Der Beweis ist derselbe und wird durch dieselben Begriffe geführt⁠<a id="FNanchor_117_125" href="#Footnote_117_125" class="fnanchor">[117]</a>⁠.</p> + +<p>Im Falle aber, daß der bejahende Satz das kontingente Sein und der +verneinende das bloße Sein enthält, ist ein Schluß möglich. Denn +gesetzt, A komme einfach keinem B und kontingenterweise jedem C zu. +Wenn man nun die Verneinung umkehrt, wird B keinem A zukommen. Aber A +konnte jedem C zukommen. Da ergibt sich denn der Schluß, daß B keinem C +zukommen kann, durch die erste Figur. Ebenso wenn die Verneinung zu C +gesetzt wird⁠<a id="FNanchor_118_126" href="#Footnote_118_126" class="fnanchor">[118]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn aber beide Sätze verneinend sind und der eine das einfache, +der andere das mögliche Nichtsein aussagt, so kommt zwar durch die +angenommenen Sätze an sich keine Notwendigkeit zustande, wenn man aber +den kontingenten Satz umkehrt, ergibt sich der Schluß, daß B keinem C +zukommen kann, wie in den früheren Fällen. Denn wir bekommen da wieder +die erste Figur⁠<a id="FNanchor_119_127" href="#Footnote_119_127" class="fnanchor">[119]</a>⁠.</p> + +<p>Sind aber beide Vordersätze bejahend, so kann sich kein Schluß ergeben. +Begriffe für Zukommen: Gesundheit, sinnliches Wesen, Mensch; für +Nichtzukommen: Gesundheit, Pferd, Mensch⁠<a id="FNanchor_120_128" href="#Footnote_120_128" class="fnanchor">[120]</a>⁠.</p> + +<p>Ebenso wird es sich mit den partikulären Schlüssen verhalten. Denn wenn +der bejahende Vordersatz auf das einfache Sein lautet, so ist kein +Schluß möglich, mag der Satz nun allgemein oder partikulär gefaßt sein +— <span class="sidenote">38 a</span>dieses wird ebenso und durch dieselben Begriffe bewiesen wie oben +—; lautet aber der verneinende Vordersatz darauf, so ist ein Schluß +durch Umkehrung möglich wie oben⁠<a id="FNanchor_121_129" href="#Footnote_121_129" class="fnanchor">[121]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn hinwieder beide Sätze verneinend sind und der auf einfaches +Nichtsein lautende Satz allgemein ist, so ergeben die Prämissen an +sich keine Notwendigkeit, wird aber der kontingente Satz, wie vorhin, +umgekehrt, so gewinnt man einen Schluß. Wenn aber der verneinende +<span class="pagenum" id="Page_44">[Pg 44]</span>Satz auf das einfache Sein geht und dabei partikulär ist, so gewinnt +man keinen Schluß, sei die andere Prämisse bejahend oder verneinend; +auch nicht, wenn beide Prämissen bejahend oder verneinend, unbestimmt +oder partikulär gefaßt sind. Der Beweis ist derselbe und geht durch +dieselben Begriffe⁠<a id="FNanchor_122_130" href="#Footnote_122_130" class="fnanchor">[122]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Neunzehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Neunzehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Wenn aber der eine Vordersatz auf das Notwendige, der andere auf das +Kontingente geht, so entsteht, falls der verneinende Satz notwendig +ist, der Schluß nicht nur auf mögliches, sondern auch auf wirkliches +Nichtsein; ist dagegen der bejahende Satz notwendig, so entsteht kein +Schluß⁠<a id="FNanchor_123_131" href="#Footnote_123_131" class="fnanchor">[123]</a>⁠.</p> + +<p id="K19_Abs_2">Denn A soll notwendig keinem B, aber möglicherweise jedem C zukommen. +Kehrt man nun den verneinenden Satz um, so wird auch B keinem A +zukommen. A konnte aber jedem C zukommen. So entsteht denn wieder durch +die erste Figur der Schluß, daß B möglicherweise keinem C zukommt. +Zugleich ist klar, daß B auch wirklich keinem C zukommen wird. Denn +setzen wir den Fall des Zukommens. Wenn nun A keinem B zukommen kann +und B einem C zukommt, kann A einem C nicht zukommen. Aber nach der +Voraussetzung kommt es jedem zu⁠<a id="FNanchor_124_132" href="#Footnote_124_132" class="fnanchor">[124]</a>⁠.</p> + +<p>Ebenso wird der Beweis geführt werden, wenn die Verneinung bei C +steht⁠<a id="FNanchor_125_133" href="#Footnote_125_133" class="fnanchor">[125]</a>⁠.</p> + +<p>Umgekehrt sei der bejahende Satz notwendig und der andere kontingent, +und A komme möglicherweise keinem B, aber notwendig jedem C zu. Wenn +die Begriffe sich so verhalten, so ergibt sich keinerlei Schluß, da +es der Fall sein kann, daß B dem C notwendig nicht zukommt. Denn +es sei A weiß, bei B stehe Mensch, bei C Schwan. Weiß kommt da dem +Schwan notwendig und möglicherweise keinem Menschen, und Mensch kommt +notwendig keinem Schwan zu. Daß es in diesem Falle keinen Schluß auf +die Kontingenz gibt, ist klar. Denn das Notwendige galt uns nicht als +kontingent. <span class="pagenum" id="Page_45">[Pg 45]</span>Aber es gibt auch keinen Schluß auf die Notwendigkeit. +Denn das Notwendige erhielten wir entweder, wenn beide Vordersätze +notwendig sind oder, wenn der verneinende es ist. Außerdem kann auch, +wenn die gedachten Annahmen gelten, B dem C zukommen. Denn nichts +hindert, daß C unter B begriffen ist und A jedem B möglicherweise, dem +C aber notwendig zukommt, wie wenn z. B. C wachend wäre, B sinnliches +Wesen, A Bewegung. <span class="sidenote">38b</span>Denn dem Wachenden kommt Bewegung notwendig zu, +bei Sinnenwesen aber gilt, daß sie jedem möglicherweise zukommt; und +alles Wachende ist ein Sinnenwesen. Es ist also klar, daß es da auch +keinen Schluß auf das bloße Nichtsein gibt, da ja bei solchem Verhalten +der Begriffe ein notwendiges Sein herauskommt; auch keinen auf die +entgegengesetzten Bejahungen; und so findet denn gar kein Schluß statt. +Ebenso erbringt man den Beweis, wenn die bejahende Prämisse umgestellt +(zum Obersatz gemacht) wird⁠<a id="FNanchor_126_134" href="#Footnote_126_134" class="fnanchor">[126]</a>⁠.</p> + +<p>Sind die Prämissen aber gleichartig (von gleicher Qualität), so gewinnt +man, falls sie verneinend sind, immer einen Schluß, indem man die +kontingente Prämisse, wie in den früheren Fällen, umkehrt. Denn A soll +B notwendig nicht zukommen und dem C möglicherweise nicht. Kehrt man +nun die Prämissen um, so kommt B keinem A zu, aber A möglicherweise +jedem C. Da ergibt sich also die erste Figur. Ebenso wenn die +Verneinung bei C steht⁠<a id="FNanchor_127_135" href="#Footnote_127_135" class="fnanchor">[127]</a>⁠.</p> + +<p>Sind die Prämissen aber bejahend gefaßt, so ist kein Schluß möglich. +Denn ein Schluß auf nicht sein oder notwendig nicht sein, ist offenbar +darum nicht möglich, weil weder für sein noch für notwendig sein eine +verneinende Prämisse angesetzt ist. Aber auch auf möglicherweise nicht +sein kann nicht geschlossen werden. Denn wenn die Begriffe sich so +verhalten, wird B dem C notwendig nicht zukommen, wie wenn z. B. A +weiß ist, B Schwan, C Mensch. Ebenso nicht auf die entgegengesetzten +Aussagen, da es sich gewiesen hat, daß B dem C notwendig nicht zukommt. +Es ist also gar kein Schluß möglich⁠<a id="FNanchor_128_136" href="#Footnote_128_136" class="fnanchor">[128]</a>⁠.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_46">[Pg 46]</span></p> + +<p>Dieselbe Bewandtnis muß es mit den partikulären Schlüssen haben. +Ist das Verneinende allgemein und notwendig, so gibt es immer einen +Schluß sowohl auf das kontingente Sein als auf das einfache Nichtsein +— der Beweis wird dabei durch Umkehrung geführt —, ist es aber +das Bejahende, so gibt es nie einen Schluß. Denn dieses wird ebenso +und durch dieselben Begriffe gezeigt werden wie bei den allgemeinen +Schlüssen.</p> + +<p>Ebensowenig wenn beide Prämissen bejahend gefaßt sind. Denn auch +hierfür gilt derselbe Beweis wie vorhin.</p> + +<p>Sind sie aber beide verneinend und ist dabei die das einfache Nichtsein +enthaltende Prämisse allgemein und notwendig, so ergeben zwar die +angenommenen Prämissen an sich nichts Notwendiges, wohl aber entsteht +durch Umkehrung der kontingenten Prämisse ein Schluß wie in den +früheren Fällen.</p> + +<p>Sind aber beide Prämissen unbestimmt oder partikulär gefaßt, so ergibt +es keinen Schluß. Der Beweis ist hier wieder derselbe und geht durch +dieselben Begriffe⁠<a id="FNanchor_129_137" href="#Footnote_129_137" class="fnanchor">[129]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also aus dem Gesagten, daß wenn die allgemein verneinende +Prämisse notwendig ist, immer ein Schluß, nicht nur auf kontingentes +Nichtsein, sondern auch auf einfaches Nichtsein erfolgt, dagegen +niemals, wenn die bejahende Prämisse notwendig ist. Und daß, wenn die +Begriffe sich hier und dort, in den notwendigen und in den einfachen +Sätzen, auf dieselbe Weise verhalten, <span class="sidenote">39 a</span>ein Schluß erfolgt und nicht +erfolgt. Auch sieht man, daß alle Schlüsse hier unvollständig sind und +erst durch die vorgenannten Figuren vollständig werden.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Zwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Zwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>In der letzten Figur erfolgt ein Schluß, wenn beide Prämissen +kontingent sind und wenn nur eine es ist.</p> + +<p>Lauten die Prämissen auf Kontingenz, so wird auch der Schlußsatz +kontingent sein, ebenso wenn die <span class="pagenum" id="Page_47">[Pg 47]</span>eine auf kontingentes und die andere +auf einfaches Sein lautet.</p> + +<p>Ist aber die eine Prämisse notwendig, so enthält der Schlußsatz, wenn +sie bejahend ist, weder ein notwendiges noch ein einfaches Sein; wenn +sie aber verneinend ist, so erfolgt ein Schluß auf Nichtsein wie in +den früheren Fällen. Aber auch hier muß man das Kontingente in den +Schlußsätzen ebenso wie früher verstehen.</p> + +<p id="K20_Abs_4">Die Prämissen seien also zuerst kontingent und A und B kommen +möglicherweise jedem C zu. Da nun das Bejahende partikulär konvertibel +ist und B jedem C zukommen kann, so kann es auch C einem B. Und wenn so +A jedem C und C einem B zukommen kann, so kann es auch A einem B. Denn +es ergibt sich die erste Figur.</p> + +<p>Und wenn A möglicherweise keinem und B möglicherweise jedem C zukommt, +so ist es notwendig, daß A einem B möglicherweise nicht zukommt. Denn +wir werden wieder durch Umkehrung die erste Figur erhalten⁠<a id="FNanchor_130_138" href="#Footnote_130_138" class="fnanchor">[130]</a>⁠.</p> + +<p>Setzt man aber beide Prämissen verneinend, so kann sich zwar aus den +angenommenen Prämissen selbst keine Notwendigkeit ergeben, aber man +erhält durch Umkehrung der Prämissen einen Schluß wie vorhin. Denn wenn +A und B möglicherweise dem C nicht zukommt und man statt dem setzt +möglicherweise zukommen, so ergibt sich wieder durch Umkehrung die +erste Figur⁠<a id="FNanchor_131_139" href="#Footnote_131_139" class="fnanchor">[131]</a>⁠.</p> + +<p>Ist aber der eine Begriff allgemein und der andere partikulär und +verhalten sich die Begriffe ebenso wie in den einfach aussagenden +Sätzen, so wird auch ebenso ein Schluß möglich und nicht möglich sein.</p> + +<p id="K20_Abs_8">Denn A komme möglicherweise jedem und B möglicherweise einem C zu. Da +wird man wieder durch Umkehrung der partikulären Prämisse die erste +Figur erhalten. Denn wenn A jedem C und C einem B zukommen kann, kann A +einem B zukommen.</p> + +<p>Das gleiche gilt, wenn BC allgemein ist⁠<a id="FNanchor_132_140" href="#Footnote_132_140" class="fnanchor">[132]</a>⁠.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_48">[Pg 48]</span></p> + +<p>Ebenso liegt die Sache, wenn AC verneinend und BC bejahend ist. Man +erhält wieder durch Umkehrung die erste Figur⁠<a id="FNanchor_133_141" href="#Footnote_133_141" class="fnanchor">[133]</a>⁠.</p> + +<p>Setzt man aber beide Prämissen verneinend, die eine allgemein, die +andere partikulär, so wird zwar <span class="sidenote">39b</span>durch die angenommenen Prämissen selbst +kein Schluß entstehen, wohl aber bei ihrer Umkehrung, wie vorhin⁠<a id="FNanchor_134_142" href="#Footnote_134_142" class="fnanchor">[134]</a>⁠.</p> + +<p>Läßt man aber beide Prämissen unbestimmt oder partikulär sein, +so entsteht kein Schluß. Denn notwendig kommt A jedem und keinem +B zu. Begriffe für Zukommen: sinnliches Wesen, Mensch, weiß; für +Nichtzukommen: Pferd, Mensch, weiß; Mittleres: weiß⁠<a id="FNanchor_135_143" href="#Footnote_135_143" class="fnanchor">[135]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Einundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Einundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Wenn aber die eine Prämisse das einfache, die andere das mögliche Sein +enthält, so sagt der Schlußsatz das mögliche, nicht das einfache Sein +aus, und es entsteht ein Schluß, wenn sich die Begriffe auf dieselbe +Weise verhalten wie vorhin (im <a href="#Erstes_Buch_Zwanzigstes_Kapitel">20. K.</a>).</p> + +<p>Denn sie sollen zuerst bejahend sein und A jedem C zukommen, B aber +jedem zukommen können. Kehrt man nun BC um, so erhält man die erste +Figur und den Schlußsatz, daß A einem B zukommen kann. Denn wenn die +eine Prämisse in der ersten Figur ein kontingentes Sein aussagt, so +war auch der Schlußsatz kontingent. Ebenso wenn BC das Sein und AC die +Möglichkeit aussagt⁠<a id="FNanchor_136_144" href="#Footnote_136_144" class="fnanchor">[136]</a>⁠.</p> + +<p>Und wenn AC verneinend, dagegen BC bejahend ist, so wird, mag nun +der eine oder der andere Satz das einfache Sein aussagen, in beiden +Fällen der Schlußsatz kontingent sein. Denn man erhält wieder die erste +Figur, und es ist gezeigt worden, daß wenn der eine Satz in ihr das +kontingente Sein aussagt, auch der Schlußsatz kontingent sein muß⁠<a id="FNanchor_137_145" href="#Footnote_137_145" class="fnanchor">[137]</a>⁠.</p> + +<p>Steht die kontingente Verneinung bei dem Unterbegriff, oder sind beide +Prämissen verneinend gefaßt, so kann sich aus den Prämissen selbst kein +Schluß ergeben, <span class="pagenum" id="Page_49">[Pg 49]</span>wohl aber erhält man einen Schluß bei ihrer Umkehrung, +wie in den früheren Fällen⁠<a id="FNanchor_138_146" href="#Footnote_138_146" class="fnanchor">[138]</a>⁠.</p> + +<p>Ist aber die eine Prämisse allgemein, die andere partikulär und sind +gleichzeitig beide bejahend, oder ist die allgemeine verneinend, die +partikuläre bejahend, so werden alle Schlüsse in derselben Weise +zustande kommen: sie gehen sämtlich durch die erste Figur, und so muß +sich offenbar ein Schluß auf mögliches, nicht auf wirkliches Sein +ergeben⁠<a id="FNanchor_139_147" href="#Footnote_139_147" class="fnanchor">[139]</a>⁠.</p> + +<p>Ist aber die bejahende Prämisse allgemein und die verneinende +partikulär, so wird der Beweis durch das Unmögliche geführt werden. +Denn B soll jedem C zukommen und A möglicherweise einem C nicht +zukommen. Dann muß A einem B möglicherweise nicht zukommen. Denn wenn A +notwendig jedem B zukommt und B nach der Voraussetzung jedem C zukommt, +wird A notwendig jedem C zukommen. Denn das ist früher nachgewiesen +worden. Aber die Voraussetzung war, daß es möglicherweise einem nicht +zukommt⁠<a id="FNanchor_140_148" href="#Footnote_140_148" class="fnanchor">[140]</a>⁠.</p> + +<p><span class="sidenote">40 a</span>In dem Falle aber, daß beide Prämissen unbestimmt oder partikulär +gefaßt sind, ist kein Schluß möglich. Der Beweis ist derselbe wie bei +den allgemeinen Sätzen und geht durch dieselben Begriffe⁠<a id="FNanchor_141_149" href="#Footnote_141_149" class="fnanchor">[141]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Zweiundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Zweiundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Ist aber die eine Prämisse notwendig, die andere kontingent, so erhält +man, wenn die Begriffe bejahend sind, immer einen Schluß auf das +Kontingente; ist aber der eine Satz bejahend und der andere verneinend, +so erhält man, falls der bejahende notwendig ist, einen Schluß auf +kontingentes Nichtsein, falls aber der verneinende notwendig ist, einen +Schluß sowohl auf kontingentes wie auf wirkliches Nichtsein. Dagegen +erhält man keinen Schluß auf notwendiges Nichtsein, wie auch nicht in +den anderen Figuren.</p> + +<p>Es sollen also die Begriffe zuerst bejahend sein und A jedem C +notwendig, dagegen B jedem C kontingenterweise zukommen. Da nun A jedem +C notwendig <span class="pagenum" id="Page_50">[Pg 50]</span>und C einem B kontingenterweise zukommt, so wird auch A +einem B kontingenterweise, nicht einfach zukommen; denn so geschah es +in der ersten Figur. Ebenso muß der Beweis geführt werden, wenn BC +notwendig und AC kontingent sein soll⁠<a id="FNanchor_142_150" href="#Footnote_142_150" class="fnanchor">[142]</a>⁠.</p> + +<p>Es soll hinwieder die eine Prämisse bejahend, die andere verneinend +und die bejahende notwendig sein; und A soll möglicherweise keinem C +zukommen, aber B notwendig jedem. Es wird sich dann wieder die erste +Figur ergeben, weil auch die verneinende Prämisse die Kontingenz +aussagt. Es muß also offenbar der Schlußsatz kontingent sein; denn +wenn sich die Prämissen in der ersten Figur so verhielten, war auch +der Schlußsatz kontingent⁠<a id="FNanchor_143_151" href="#Footnote_143_151" class="fnanchor">[143]</a>⁠. Ist aber die verneinende Prämisse +notwendig, so wird sich der Schlußsatz ergeben, sowohl daß einem etwas +möglicherweise nicht zukommt, wie daß es ihm wirklich nicht zukommt.</p> + +<p id="K22_Abs_4">Denn A soll C notwendig nicht zukommen und B jedem C zukommen können. +Dann stellt sich durch Umkehrung des bejahenden Satzes BC die erste +Figur ein, und die verneinende Prämisse ist dabei notwendig. Wenn sich +aber die Prämissen so verhielten, war die Folge, daß A einem C sowohl +möglicherweise nicht zukam, wie wirklich nicht zukam. Deshalb kommt +notwendig A auch einem B nicht zu⁠<a id="FNanchor_144_152" href="#Footnote_144_152" class="fnanchor">[144]</a>⁠. Steht aber die Verneinung in +dem Untersatz, so ergibt sich, falls er kontingent ist, durch andere +Fassung des Satzes ein Schluß wie früher⁠<a id="FNanchor_145_153" href="#Footnote_145_153" class="fnanchor">[145]</a>⁠. Ist er aber notwendig, +so ergibt sich kein Schluß. Denn es kommt dann eines jedem anderen +notwendig und gleichzeitig kontingenterweise keinem zu. Begriffe für +jedem Zukommen: Schlaf, schlafendes Pferd, Mensch; für keinem Zukommen: +Schlaf, wachendes Pferd, Mensch⁠<a id="FNanchor_146_154" href="#Footnote_146_154" class="fnanchor">[146]</a>⁠.</p> + +<p>Ebenso wird es sein, wenn sich der eine Begriff allgemein und der +andere partikulär zu dem mittleren verhält. <span class="sidenote">40 b</span>Denn wenn beide bejahend +sind, entsteht ein Schluß auf das kontingente, nicht auf das einfache +Sein, und so auch, wenn das eine verneinend, das andere bejahend +und dabei das Bejahende notwendig gefaßt ist. <span class="pagenum" id="Page_51">[Pg 51]</span>Ist dagegen das +Verneinende notwendig gefaßt, so wird der Schlußsatz auch das Nichtsein +aussagen⁠<a id="FNanchor_147_155" href="#Footnote_147_155" class="fnanchor">[147]</a>⁠. Denn es greift dieselbe Weise der Begründung Platz, wenn +die Begriffe allgemein und wenn sie nicht allgemein sind. Denn die +Schlüsse müssen durch die erste Figur vollendet werden, und deshalb muß +in dem einen Falle dasselbe gelten wie in dem anderen.</p> + +<p>Steht aber die Verneinung, allgemein gefaßt, in dem Untersatz, +so ergibt sich, wenn sie auf Kontingentes geht, ein Schluß durch +Umkehrung, wenn aber auf Notwendiges, so ergibt sich kein Schluß. +Dieses wird auf dieselbe Weise und durch dieselben Begriffe gezeigt, +wie wenn die Prämissen allgemein sind⁠<a id="FNanchor_148_156" href="#Footnote_148_156" class="fnanchor">[148]</a>⁠.</p> + +<p>So sieht man denn, auch in Beziehung auf diese Figur, wann und wie ein +Schluß möglich ist, und wann er das kontingente, wann das einfache Sein +enthält. Klar ist auch, daß diese Schlüsse sämtlich unvollkommen sind +und daß sie durch die erste Figur vollendet werden⁠<a id="FNanchor_149_157" href="#Footnote_149_157" class="fnanchor">[149]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Dreiundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Dreiundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Aus dem Bisherigen sieht man, daß die Schlüsse in diesen Figuren durch +die allgemeinen Schlüsse in der ersten Figur vollendet werden und auf +sie zurückgehen. Daß dieses aber von jedem Schluß überhaupt gilt, soll +jetzt dargetan werden, indem wir zeigen, daß jeder Schluß durch eine +von diesen Figuren geht.</p> + +<p>Jeder Beweis und jeder Schluß erhärtet notwendig entweder ein Sein oder +ein Nichtsein, entweder allgemein oder partikulär, und entweder durch +unmittelbaren Nachweis oder auf Grund einer Voraussetzung. Von dem +Nachweis aus einer Voraussetzung ist der Nachweis durch das Unmögliche +ein besonderer Fall.</p> + +<p>Wir wollen nun zuerst von den unmittelbar beweisenden Schlüssen reden. +Ist unsere Behauptung bei ihnen erhärtet, so muß sie auch für die +Schlüsse, die auf das Unmögliche führen, und überhaupt für die Schlüsse +aus einer Voraussetzung einleuchten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_52">[Pg 52]</span></p> + +<p>Wenn man also von A in Bezug auf B den Schluß ziehen soll, daß es ihm +entweder zukommt oder nicht zukommt, so muß man notwendig irgend etwas +von irgend etwas angenommen haben. Hat man nun A von B angenommen, +so hat man eben das angenommen, was von Anfang an die Frage ist; hat +man es dagegen von C angenommen, und C von nichts anderem, und auch +nichts anderes von C, und auch von A nichts anderes, so ist keinerlei +Schluß möglich. Denn darum, weil eines von einem angenommen wurde, +folgt nichts mit Notwendigkeit. Demnach muß man noch (zu AC) eine +andere Prämisse hinzunehmen. Nimmt man nun A von einem anderen (D = A), +oder ein anderes von A (A = C), oder von C etwas an (C = D), so +steht zwar der Bildung eines Schlusses nichts im Wege, aber es wird +kein Schluß sein, der auf Grund der gemachten Voraussetzungen zu B +gelangt. Und auch wenn C einem anderen und dieses wieder einem anderen +und das Dritte einem Vierten beigelegt wird, <span class="sidenote">41 a</span>aber nichts davon mit +B in Verbindung steht, auch dann gibt es keinen Schluß von A auf B. +Denn wir stellen als Regel auf, daß überhaupt nie ein Schluß von einem +aufs andere möglich ist ohne Annahme eines Mittleren, das durch die +Prädizierungen zu jedem von beiden in einem bestimmten Verhältnis +steht. Denn der Schluß überhaupt erfolgt aus Prämissen, der Schluß auf +dieses aus Prämissen, die auf dieses gehen, und der Schluß von diesem +auf dieses aus Prämissen, die von diesem auf dieses gehen. Nun kann man +aber keine Prämisse annehmen, die auf B ginge, wenn man von B nichts +bejaht oder verneint, und wieder keine, die von A auf B ginge, wenn man +nichts Gemeinsames annimmt, sondern von jedem etwas Besonderes bejaht +oder verneint. Man muß demnach ein Mittleres zwischen beiden annehmen, +das bestimmt ist, die Aussagen zu verbinden, wofern ein Schluß zustande +kommen soll, der dieses von diesem aussagt.</p> + +<p>Wenn man nun etwas beiden Gemeinsames annehmen muß und dieses auf +dreifache Weise geschehen kann — indem man nämlich entweder A von +C und <span class="pagenum" id="Page_53">[Pg 53]</span>C von B aussagt, oder C von den beiden anderen, oder diese +von C —, und wenn wir damit die angegebenen Figuren haben, so muß +offenbar jeder Schluß durch eine dieser Figuren gehen. Denn es ist +dasselbe Verhältnis, wenn A auch durch mehrere Zwischenglieder mit B +zusammenhängt. Denn auch bei einer Mehrheit solcher Glieder ist die +Figur dieselbe.</p> + +<p>Hiermit ist dargetan, daß die unmittelbar beweisenden Schlüsse durch +die vorgenannten Figuren zustande kommen. Daß es aber auch bei der +Zurückführung auf’s Unmögliche der Fall ist, soll das Folgende zeigen.</p> + +<p>Immer, wenn man etwas durch die Unmöglichkeit erhärtet, schließt +man zwar auf Falsches, weist aber damit das, was ursprünglich zur +Erörterung steht, aus der Voraussetzung nach, wenn bei Annahme seines +kontradiktorischen Gegenteils etwas Unmögliches folgt. So zeigt man +z. B. die Inkommensurabilität der Diagonale daraus, daß bei Annahme +ihrer Kommensurabilität ungrade Zahlen graden gleich werden⁠<a id="FNanchor_150_158" href="#Footnote_150_158" class="fnanchor">[150]</a>⁠. +Daß also Ungrades Gradem gleich wird, wird geschlossen, daß aber die +Diagonale und die Seite sich nicht durch <em class="gesperrt">ein</em> Maß messen lassen, +zeigt man aus der Voraussetzung, weil nämlich wegen der Annahme des +Gegenteils etwas Falsches eintritt. Denn darunter, daß man durch +das Unmögliche schließt, verstanden wir eben dieses, daß man aus +der ursprünglichen Voraussetzung eine unmögliche Folge ableitet. Da +sohin bei der Zurückführung aufs Unmögliche ein unmittelbarer Schluß +auf das Falsche geschieht, während die ursprüngliche Behauptung aus +einer Annahme bewiesen wird, und da wir soeben von den unmittelbar +beweisenden Schlüssen erklärt haben, daß sie durch die angeführten +Figuren zustande kommen, so werden offenbar auch die Schlüsse durch das +Unmögliche durch diese Figuren gehen.</p> + +<p>Dasselbe gilt von allen anderen Schlüssen, die auf einer Voraussetzung +beruhen: bei ihnen allen richtet sich der Schluß auf die eingesetzte +Behauptung (τὸ μεταλαμβανόμενον), die ursprüngliche Behauptung aber +gewinnt man durch Zugeständnis oder sonst eine Annahme.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_54">[Pg 54]</span></p> + +<p><span class="sidenote">41b</span>Ist dieses aber wahr, so kommt jeder Beweis und jeder Schluß notwendig +durch die drei vorgenannten Figuren zustande. Wenn aber dieses bewiesen +ist, so ist klar, einmal, daß jeder Schluß durch die erste Figur +vollendet wird, und dann, daß er auf die allgemeinen Schlüsse in ihr +zurückgeht.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Vierundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Vierundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Ferner muß in jedem Schluß ein Begriff bejahend sein und ein +allgemeiner Satz vorkommen.</p> + +<p>Denn ohne ein Allgemeines kommt entweder kein Schluß zustande, oder er +erhärtet die Behauptung nicht, oder man postuliert was zu beweisen ist.</p> + +<p>Denn es soll zu beweisen sein, daß die Lust, die einem die Musik +gewährt, sittlich gut ist. Wenn man sich nun einräumen lassen will, daß +Lust sittlich gut ist, ohne zu sagen: jede Lust, so ist kein Schluß +möglich. Will man aber zugestanden haben, daß eine Lust gut ist, und +ist dieselbe eine andere, so trägt es für die Behauptung nichts aus; +ist es aber eben die in Frage stehende Lust, so nimmt man an was zu +beweisen ist.</p> + +<p>Man kann sich das an den geometrischen Figuren noch besser +verdeutlichen. Es handle sich z. B. um den Satz, daß die Winkel an +der Grundlinie eines gleichschenkligen Dreiecks einander gleich sind. +Die Linien AB sollen dann nach dem Mittelpunkt gezogen sein. Wenn +man nun annimmt, daß der Winkel AC dem Winkel BD gleich ist, ohne +die gleichzeitige Forderung, daß überhaupt die Winkel der Halbkreise +einander gleich sind, und wieder annimmt, daß Winkel C dem Winkel D +gleich ist, aber nicht noch dazu, daß jeder Winkel jedem Winkel auf +demselben Bogen gleich ist, und dann noch daß die Restwinkel EF nach +Abzug der gleichen Winkel von den gleichen gleich sind, so setzt man +voraus was zu beweisen ist, falls man nicht annimmt, daß gleiches von +gleichem abgezogen gleiches läßt.</p> + +<p>Es leuchtet mithin ein, daß zu jedem Schluß das Allgemeine erforderlich +ist und daß das Allgemeine erwiesen <span class="pagenum" id="Page_55">[Pg 55]</span>wird, wenn alle Begriffe allgemein +sind, das Partikuläre dagegen so oder so, so daß, wenn der Schlußsatz +allgemein ist, auch die Begriffe allgemein sein müssen, wenn aber die +Begriffe allgemein sind, der Schlußsatz auch nicht allgemein sein kann.</p> + +<p>Klar ist auch, daß in jedem Schluß entweder beide oder eine Prämisse +dem Schlußsatz gleich sein muß. Ich meine damit, nicht nur sofern sie +bejahend oder verneinend ist, sondern auch, sofern sie ein notwendiges +oder ein einfaches oder ein mögliches Sein enthält. Man muß aber auch +die anderen Arten der Aussage in Betracht nehmen⁠<a id="FNanchor_151_159" href="#Footnote_151_159" class="fnanchor">[151]</a>⁠.</p> + +<p>Klar ist auch überhaupt, wann ein Schluß stattfindet und wann nicht, +wann er ein solcher der bloßen Anlage nach⁠<a id="FNanchor_152_160" href="#Footnote_152_160" class="fnanchor">[152]</a>⁠, und wann er ein +vollkommener ist, endlich, daß wenn ein Schluß stattfindet, die +Begriffe sich in einer der angegebenen Weisen verhalten müssen.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Fuenfundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Fünfundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p id="K25_Abs_1">Es leuchtet auch ein, daß jeder Beweis durch drei und nicht mehr +Begriffe zustande kommen muß, wenn nicht derselbe Schlußsatz durch +andere und wieder andere Beweisgründe gewonnen wird, wie z. B. E durch +AB und CD; oder durch AB, AC und BC. Denn es kann wohl sein, daß es +für dieselben Konklusionen eine Mehrheit von Mittelbegriffen gibt. +In diesem Falle hat man aber nicht nur einen Schluß, sondern ihrer +mehrere. <span class="sidenote">42 a</span>Oder in dem Falle, daß man jede der beiden Prämissen A und +B für sich durch Schluß erhält, wie A durch DE und B wieder durch +FG. Oder wenn man die eine Prämisse durch Induktion und die andere +durch Schluß erhält. Aber auch so sind es mehrere Schlüsse; denn es +sind mehrere Schlußsätze, wie A, B und C. Wenn aber nun nicht mehr +Schlüsse sind, sondern nur einer, so kann derselbe Schluß zwar in der +angegebenen Weise durch mehrere Begriffe zustande kommen, aber er kann +es unmöglich, wenn er so vor sich gehen soll, wie man C durch A und B +erhält⁠<a id="FNanchor_153_161" href="#Footnote_153_161" class="fnanchor">[153]</a>⁠.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_56">[Pg 56]</span></p> + +<p id="K25_Abs_2">Denn es soll der Schlußsatz E aus den Begriffen ABCD abgeleitet sein. +Nun muß einer dieser Begriffe zu einem anderen so im Verhältnis stehen, +daß der eine das Ganze, der andere den Teil darstellt. Denn das ist +vorhin (<a href="#Erstes_Buch_Vierundzwanzigstes_Kapitel">voriges K.</a>) bewiesen worden, daß wenn ein Schluß stattfindet, +einige von den Begriffen sich so verhalten müssen. A verhalte sich nun +so zu B. Mithin ergibt sich aus diesen Begriffen ein Schlußsatz, also +entweder E oder C oder D oder sonst einer. Und wenn E sich ergibt, so +ist der Schluß nur aus AB gezogen. Wenn sich aber C und D so verhalten, +daß das eine wie das Ganze und das andere wie der Teil ist, so wird +auch aus ihnen eine Konklusion hervorgehen, und zwar entweder E oder +A oder B oder sonst eine. Und wenn es E oder A oder B ist, so werden +es entweder mehrere Schlüsse sein, oder wir haben die obige Weise, +nach der es freilich möglich ist, daß ein einheitliches Ergebnis durch +eine Mehrheit von Begriffen vermittelt wird. Ist es aber sonst eine +Konklusion, so haben wir eine Mehrheit von Schlüssen, die unter sich +in keinem Zusammenhang stehen. Verhält sich dagegen C zu D nicht so, +daß diese Prämissen einen Schluß ergeben, so hat man sie vergebens +angenommen, außer es müßte der Induktion wegen, oder zur Verschleierung +des Schlußsatzes, oder in sonst einer derartigen Absicht geschehen +sein. Wenn aber aus AB nicht E folgt, sondern sonst ein Schlußsatz, +und aus CD entweder eines von diesen beiden oder sonst etwas, so sind +einmal der Schlüsse mehrere und dann gehen sie nicht auf den fraglichen +Satz. Denn es wurde vorausgesetzt, daß der Schluß auf E gehe. Ergibt +sich endlich aus CD gar keine Konklusion, so folgt einmal, daß diese +Prämissen zwecklos angenommen worden sind, und dann, daß kein Schluß +auf die ursprüngliche These stattfindet.</p> + +<p>So sieht man denn, daß jeder Beweis und jeder Schluß durch nur drei +Begriffe zustande kommt.</p> + +<p>Ist aber dieses klar, so leuchtet auch ein, daß er aus zwei Prämissen +und nicht mehr entsteht. Denn die drei Begriffe bilden zwei Prämissen, +wenn man nicht, <span class="pagenum" id="Page_57">[Pg 57]</span>wie zu Anfang erklärt wurde, noch ein Mehreres zur +Vollendung der Schlüsse hinzunimmt.</p> + +<p>Man sieht hieraus: wenn in einer syllogistischen Rede die Prämissen, +aus denen der eigentliche Schlußsatz gewonnen wird — denn einige von +den vorausgehenden Schlußsätzen müssen Prämissen sein —, nicht der +Zahl nach gerade sind, so ist diese Rede entweder kein Schluß, oder sie +nimmt mehr auf, als für die Begründung der These erforderlich ist.</p> + +<p><span class="sidenote">42b</span>Wenn man demnach die Schlüsse nach ihren Hauptprämissen nimmt, so wird +jeder Schluß aus Prämissen erwachsen, die der Zahl nach gerade, und +aus Begriffen, die der Zahl nach ungerade sind. Denn der Begriffe sind +um einen mehr als der Prämissen. Und was die Konklusionen betrifft, so +sind ihrer halb so viel als der Prämissen⁠<a id="FNanchor_154_162" href="#Footnote_154_162" class="fnanchor">[154]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn der Schluß dagegen durch Prosyllogismen (Vorschlüsse) oder durch +mehrere, nicht kontinuierliche Mittelbegriffe hergestellt wird, wie +z. B. AB durch CD, so wird die Zahl der Begriffe zwar ebenso die der +Prämissen um eins übertreffen — denn der noch dazu kommende Begriff +wird entweder neben oder zwischen die anderen gestellt werden, aber auf +beide Weisen ergibt sich, daß der Sätze um einen weniger sind als der +Begriffe —, die Prämissen aber werden den Sätzen an Zahl gleich sein. +Aber freilich werden die Prämissen nicht immer an Zahl gerade und die +Begriffe ungerade sein, sondern es werden umgekehrt, wenn die Prämissen +gerade sind, die Begriffe ungerade, und wenn die Begriffe gerade sind, +die Prämissen ungerade sein. Denn mit dem Begriff wird je eine Prämisse +hinzugesetzt, von welcher Seite man auch den Begriff hinzusetzen mag. +Da mithin die Prämissen von gerader und die Begriffe von ungerader Zahl +waren, so müssen sie, wenn derselbe Zusatz gemacht wird, in bezug auf +Geradheit und Ungeradheit sich umkehren⁠<a id="FNanchor_155_163" href="#Footnote_155_163" class="fnanchor">[155]</a>⁠.</p> + +<p>Die Konklusionen aber werden dann nicht dasselbe Verhältnis behalten, +weder zu den Begriffen, noch zu den Prämissen. Denn wenn ein Begriff +hinzugesetzt <span class="pagenum" id="Page_58">[Pg 58]</span>wird, werden so viele Konklusionen hinzugesetzt werden, +daß ihrer um eins weniger sind als der schon vorhandenen Begriffe. +Denn der neue Begriff bildet mit dem letzten keine Konklusion, sonst +aber mit allen. Wenn z. B. zu ABD noch D hinzukommt, so kommen damit +unmittelbar auch zwei Konklusionen hinzu, eine zu A und eine zu B. +Und so ist es auch, wenn man noch weitere Begriffe annimmt. Aber auch +wenn der neue Begriff in die Mitte zu stehen kommt, wird es so sein: +nur mit einem Begriff wird er keinen Schluß bilden. Sohin werden der +Konklusionen viel mehr sein als der Begriffe und der Prämissen⁠<a id="FNanchor_156_164" href="#Footnote_156_164" class="fnanchor">[156]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Sechsundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Sechsundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Da wir nun anzugeben wissen, worauf die Schlüsse gehen und welcherlei +Folgerungen in jeder Figur gezogen werden und auf wievielfache Weise, +so ist uns auch klar, welcherlei Probleme schwer und welche leicht zu +behandeln sind: leichter ist ein Problem zu behandeln, das in mehr +Figuren und durch mehr Modi (πτώσεις, casus, Fälle) erledigt werden +kann, schwerer ein solches, das weniger Figuren und Modi zuläßt. Das +allgemein Bejahende nun wird nur durch die erste Figur gefolgert, und +durch sie nur auf eine Weise, das allgemein Verneinende aber durch +die erste und durch die mittlere Figur zugleich: durch die erste nur +in einer Weise, durch die mittlere auf zwei Weisen. Das partikulär +Bejahende wird durch die erste und durch die letzte Figur gefolgert: +durch die erste nur auf eine Weise, durch die letzte auf drei. Das +partikulär Verneinende endlich wird in allen Figuren gefolgert, nur daß +es in der ersten Figur nur auf eine Weise möglich ist, in der mittleren +und letzten aber so, daß es in der einen auf zwei, in der anderen auf +drei Weisen geschehen kann.</p> + +<p><span class="sidenote">43 a</span>Man sieht also, daß das allgemein Bejahende am schwersten zu erhärten +und am leichtesten zu widerlegen ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_59">[Pg 59]</span></p> + +<p>Überhaupt aber ist die Umstoßung eines allgemeinen Satzes leichter als +die eines partikulären. Denn er ist umgestoßen, einmal, wenn etwas +keinem zukommt, und dann auch, wenn es einem nicht zukommt, und hiervon +wird das letztere, daß etwas einem oder einigem nicht zukommt in allen, +das andere, daß es keinem zukommt, in zwei Figuren gefolgert. Ebenso +ist es mit den verneinenden Sätzen. Denn die ursprüngliche Behauptung +ist aufgehoben, wenn etwas allem, aber nicht minder, wenn es einem +zukommt. Dieses aber, so haben wir gesehen, läßt sich in zwei Figuren +folgern. Bei den partikulären Sätzen aber gibt es nur eine Weise sie +umzustoßen, indem man zeigt, entweder daß das Prädikat jedem, oder daß +es keinem zukommt. Will man aber einen Satz erhärten, so geschieht es +leichter, wenn er partikulär ist, weil es dafür mehr Figuren und Modi +gibt.</p> + +<p>Und überhaupt muß man wissen, daß wo eine Widerlegung in Frage kommt, +die allgemeinen Sätze wechselseitig durch die partikulären und die +partikulären durch die allgemeinen umgestoßen werden, was aber die +Erhärtung angeht, so lassen sich die allgemeinen Sätze nicht durch +die partikulären, wohl aber die partikulären durch die allgemeinen +beweisen. Zugleich sieht man, daß das Widerlegen leichter ist als das +Erhärten.</p> + +<p>Wie demnach jeder Schluß zustande kommt und durch wie viele Begriffe +und Prämissen, und wie sich diese zueinander verhalten müssen, ferner, +welcher Art Satz in jeder Figur, welcher in mehr und welcher in +weniger Figuren gefolgert wird, das alles ist durch das Vorgetragene +klargestellt worden.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Siebenundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Siebenundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Wie wir aber selbst zu der jeweiligen Aufgabe reichlich Schlüsse +finden und auf welchem Wege wir die jeweiligen Prinzipien für dieselbe +erhalten können, müssen wir jetzt angeben. Denn man muß doch wohl +<span class="pagenum" id="Page_60">[Pg 60]</span>nicht nur die Entstehung der Schlüsse betrachten, sondern auch +imstande sein, solche zu errichten⁠<a id="FNanchor_157_165" href="#Footnote_157_165" class="fnanchor">[157]</a>⁠.</p> + +<p>Von allem nun, was ist, ist das eine so beschaffen, daß es von nichts +anderem wahrhaft allgemein ausgesagt werden kann, wie Kleon und Kallias +und das Einzelne und Sinnenfällige, während anderes von ihm ausgesagt +werden kann — denn Kleon und Kallias sind Menschen und sind sinnliche +Wesen —; anderes dagegen wird zwar selbst von anderem ausgesagt, aber +von ihm wird nicht vorher anderes ausgesagt; noch anderes endlich ist +so beschaffen, daß es selbst von anderem und anderes von ihm ausgesagt +wird, wie von Kallias Mensch und von Mensch sinnliches Wesen⁠<a id="FNanchor_158_166" href="#Footnote_158_166" class="fnanchor">[158]</a>⁠.</p> + +<p>Daß nun manches, was ist, seiner Natur nach von nichts ausgesagt wird, +liegt am Tage: jedes sinnliche Einzelne dürfte so ziemlich von der +Art sein, daß es von nichts anderem prädiziert wird, es sei denn etwa +mitfolgender Weise. Denn wir sagen wohl, das Weiße da sei Sokrates, +und was da herankommt, sei Kallias. Daß man aber auch beim Aufsteigen +zu höheren Begriffen einmal an eine Grenze kommt, werden wir ein +anderes Mal auseinandersetzen (2. Anal. 1, 22), doch einstweilen sei +es als wahr angenommen. Von letzterem nun läßt sich nichts anderes als +Prädikat beweisen, außer etwa in dialektischer Weise, sondern nur es +selbst von anderem⁠<a id="FNanchor_159_167" href="#Footnote_159_167" class="fnanchor">[159]</a>⁠. Das Einzelne oder Individuelle hinwieder läßt +sich nicht als Prädikat von anderem, wohl aber anderes als Prädikat von +ihm beweisen. Bei demjenigen endlich, was zwischen beiden in der Mitte +steht, ist offenbar beides möglich: es selbst wird von anderem und +anderes von ihm ausgesagt werden, und mit ihm haben es die Erörterungen +und Untersuchungen vorzüglich zu tun.</p> + +<p><span class="sidenote">43 b</span>Man muß nun die Prämissen für das jeweilige Objekt in der Weise +erheben, daß man zuerst das Ding selbst mit seiner Begriffsbestimmung +und allem, was ihm eigentümlich ist, zugrunde legt, sodann alles, was +logisch auf das Ding folgt und worauf umgekehrt es selbst folgt, und +was ihm nicht zukommen kann. Das <span class="pagenum" id="Page_61">[Pg 61]</span>aber, dem es selbst nicht zukommen +kann, braucht man nicht zu erheben, weil das Verneinende konvertibel +ist. Auch muß man bei dem, was auf das Ding folgt, unterscheiden +zwischen solchem, was zu seinem Begriff gehört und solchem, was als +Proprium und solchem, was als Akzidenz von ihm ausgesagt wird, und hier +wieder zwischen solchem, was auf Grund bloßer Meinung und solchem, was +gemäß der Wahrheit von ihm behauptet wird. Denn über je mehr solche +Bestimmungen man verfügt, desto eher findet man den Schlußsatz, und je +wahrer sie sind, desto eigentlicher und strikter beweist man⁠<a id="FNanchor_160_168" href="#Footnote_160_168" class="fnanchor">[160]</a>⁠.</p> + +<p>Man darf aber nicht solches erheben, was einem einzelnen Individuum, +sondern nur solches, was der ganzen Art folgt, z. B. nicht was einem +bestimmten, sondern was jedem Menschen folgt. Denn der Schlußsatz +kommt durch die allgemeinen Prämissen zustande. Ist darum ein Begriff +unbestimmt, so bleibt es ungewiß, ob die Prämisse allgemein ist, ist er +aber bestimmt, so ist es klar.</p> + +<p>Ebenso muß man dasjenige erheben, dem das Ding selbst als Ganzem folgt, +aus demselben Grunde.</p> + +<p>Von dem, was folgt, selbst aber, darf man nicht die Annahme machen, +daß es ganz folgt, darf z. B. auf Mensch nicht jedes animalische +Wesen und auf Musik nicht jede Wissenschaft oder Kunst folgen lassen, +sondern beides nur schlechthin, wie wir entsprechend auch die Prämissen +aufstellen. Das andere wäre verkehrt und unmöglich, wenn z. B. jeder +Mensch jedes animalische Wesen oder die Gerechtigkeit jedes Gut sein +sollte, vielmehr steht „jedes“ bei dem, worauf etwas folgt⁠<a id="FNanchor_161_169" href="#Footnote_161_169" class="fnanchor">[161]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn aber das Subjekt, zu dem man das, was ihm folgt, finden soll, +unter einem Anderem begriffen ist, so darf man bei solchem nicht +das auswählen, was dem Allgemeinen folgt oder nicht folgt — denn +es ist unter ihm begriffen, da alles, was dem animalischen Wesen +folgt, auch dem Menschen folgt, und mit dem, was nicht zukommt +(dem Subjekt zuwiderläuft), ist es <span class="pagenum" id="Page_62">[Pg 62]</span>ebenso —, sondern man muß das +jeweilig Eigentümliche erheben. Denn die Art hat ihr Eigenes neben +der Gattung, da den verschiedenen Arten bestimmte Eigentümlichkeiten +zukommen müssen. Man darf also auch nicht durch das Allgemeine die +Bestimmungen erheben, auf die das unter ihm Begriffene folgt, z. B. +nicht durch animalisches Wesen das, worauf Mensch folgt. Es muß ja, +wenn animalisches Wesen auf Mensch folgt, es auch auf alle diese +Bestimmungen folgen. Aber dieselben berühren jene Auswahl näher, die +man für Mensch treffen muß⁠<a id="FNanchor_162_170" href="#Footnote_162_170" class="fnanchor">[162]</a>⁠.</p> + +<p>Man muß auch herbeiziehen, was meistenteils folgt oder vorausgeht (als +consequens oder antecedens). Denn bei Problemen, die das meistenteils +Geltende berühren, geht auch der Schluß aus meistenteils geltenden +Prämissen hervor, seien nun alle Prämissen oder nur ein Teil von dieser +Art. Denn der jeweilige Schlußsatz richtet sich nach den Prinzipien.</p> + +<p id="K27_Ende">Endlich darf man nicht solches auswählen, was auf alles folgt (auf +Subjekt und Prädikat): denn aus solchem kann sich kein Schluß ergeben. +Der Grund davon wird im folgenden klar werden (vgl. <a href="#s44b">Kap. 28, 44 b</a> 20).</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Achtundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Achtundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Wenn man nun etwas von etwas als Ganzem erhärten soll, so muß man +bezüglich des zu Erhärtenden auf die Subjekte sehen, von welchen +es ausgesagt werden mag, bezüglich dessen aber, wovon es ausgesagt +werden soll, muß man sehen, was ihm folgt. Denn wenn von diesem etwas +identisch ist, so kommt das eine notwendig dem anderen zu⁠<a id="FNanchor_163_171" href="#Footnote_163_171" class="fnanchor">[163]</a>⁠.</p> + +<p id="K28_Abs_2">Wenn die Aussage aber nicht von jedem, sondern nur von einigem gelten +soll, so muß man sehen, wem beides folgt. <span class="sidenote">44 a</span>Denn wenn von diesem etwas +identisch ist, so kommt sie notwendig einigem zu⁠<a id="FNanchor_164_172" href="#Footnote_164_172" class="fnanchor">[164]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn die Aussage aber keinem zukommen soll, so muß man bei dem, dem +sie nicht zukommen soll, <span class="pagenum" id="Page_63">[Pg 63]</span>auf das sehen, was ihm folgt, dagegen bei +dem, was nicht zukommen soll, auf das, was ihm nicht beiwohnen kann; +oder man muß umgekehrt bei dem Subjekt, dem etwas nicht zukommen soll, +sehen, was ihm nicht beiwohnen kann, dagegen bei dem Prädikat, das ihm +nicht zukommen soll, auf das, was ihm folgt. Denn mag das eine oder das +andere von diesen beiden Paaren identisch sein, so ist die Folge immer, +daß keiner von beiden Begriffen dem anderen zukommen kann. Denn wir +erhalten hier das eine Mal einen Schluß in der ersten, das andere Mal +einen Schluß in der mittleren Figur⁠<a id="FNanchor_165_173" href="#Footnote_165_173" class="fnanchor">[165]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn endlich eine Aussage einigem nicht zukommen soll, so muß man bei +dem, dem sie es nicht soll, sehen, was ihm folgt, dagegen bei dem, was +nicht ausgesagt werden soll, muß man sehen, was ihm nicht beiwohnen +kann. Denn wenn von diesem etwas identisch ist, so kommt die Aussage +notwendig einigem nicht zu⁠<a id="FNanchor_166_174" href="#Footnote_166_174" class="fnanchor">[166]</a>⁠.</p> + +<p>Diese Regeln lassen sich vielleicht besser in folgender Weise je für +sich verdeutlichen.</p> + +<p>Was logisch auf A folgt, soll B sein, das, worauf es selbst folgt, C +und das, was ihm nicht zukommen kann, D. Wieder soll was dem E zukommt, +F sein, das, worauf es selbst logisch folgt, G, und das, was ihm nicht +zukommen kann, H. Wenn nun ein C mit einem F identisch ist, so kommt A +notwendig jedem E zu. Denn F kommt jedem E zu und A jedem C, demnach A +jedem E⁠<a id="FNanchor_167_175" href="#Footnote_167_175" class="fnanchor">[167]</a>⁠.</p> + +<p>Ist aber C und G identisch, so kommt A notwendig einigen E zu. Denn auf +jedes C folgt A, und auf jedes G folgt E.</p> + +<p>Ist aber F und D identisch, so kann, auf Grund eines Prosyllogismus, +A keinem E zukommen. Denn da das Verneinende konvertibel, und F mit D +identisch ist, so kann A keinem F, und muß F jedem E zukommen.</p> + +<p>Wieder kann, wenn B und H identisch ist, A keinem E zukommen. Denn B +wird jedem A, aber <span class="pagenum" id="Page_64">[Pg 64]</span>keinem E zukommen. Denn es war mit H identisch, und +H kam keinem E zu.</p> + +<p>Wenn aber D und G identisch ist, so wird A einigen E nicht zukommen. +Denn es wird dem G nicht zukommen, weil es auch dem D nicht zukommt. +G ist aber unter E begriffen, und A wird demnach einem oder einigen E +nicht zukommen.</p> + +<p>Wenn aber B mit G identisch ist, wird der Schlußsatz umgekehrt lauten. +Denn G wird jedem A zukommen — da B jedem A zukommt —, und E jedem B +— da B mit G identisch war —, A dagegen kommt nicht notwendig jedem E +zu, wohl aber manchem, weil eine allgemeine Aussage in eine partikuläre +umgekehrt werden kann⁠<a id="FNanchor_168_176" href="#Footnote_168_176" class="fnanchor">[168]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also, daß man bei jedem Problem die für beide Begriffe, +Subjekt und Prädikat, angegebenen Beziehungen ins Auge fassen muß, da +alle Schlüsse auf ihnen beruhen.</p> + +<p>Man muß aber auch bei dem, was einem folgt, und bei dem, worauf etwas +folgt, das Erste und Allgemeinste ins Auge fassen, bei E z. B. mehr das +KF als nur das F, und bei A mehr das KC als nur das C. <span class="sidenote" id="s44b">44 b</span>Denn wenn A dem +KF zukommt, kommt es auch dem F und dem E zu; wenn es aber diesem nicht +folgt, kann es doch dem F folgen. Ebenso muß man auf das sehen, worauf +etwas folgt. Denn wenn es dem Ersten folgt, dann auch dem unter ihm +Begriffenen; wenn es aber Letzterem nicht folgt, dann kann es doch dem +unter diesem Begriffenen folgen⁠<a id="FNanchor_169_177" href="#Footnote_169_177" class="fnanchor">[169]</a>⁠.</p> + +<p>Es leuchtet aber auch ein, daß diese Untersuchung vermittels der drei +Begriffe und der zwei Prämissen geführt wird und daß alle Schlüsse +durch die oben bezeichneten Figuren gehen. Denn es ist bewiesen, daß +das A jedem E zukommt, wenn gefunden ist, daß ein C und ein F identisch +ist. Dieses wird aber Mittelbegriff und A und E werden Außenbegriffe +sein. So erhält man also die erste Figur. Daß es dann einem zukommt, +ist bewiesen, wenn gefunden ist, daß C und G identisch ist. Das ist +die letzte Figur. Denn G wird <span class="pagenum" id="Page_65">[Pg 65]</span>Mittelbegriff. Es kommt keinem zu, wenn +D und F identisch ist. So hat man die erste und die mittlere Figur +zugleich: die erste, weil A keinem F zukommt, da ja das Verneinende +konvertibel ist, und F jedem E zukommt, die mittlere, weil D keinem +A und jedem F zukommt. Endlich kommt es einem nicht zu, wenn D und G +identisch ist. Das ist die letzte Figur. Denn A wird keinem und E jedem +G zukommen.</p> + +<p>Man sieht also, daß alle Schlüsse durch die angegebenen Figuren gehen, +und daß man nicht solches auswählen darf, was logisch auf alles folgt, +weil sich daraus kein Schluß ergibt. Denn aus lauter solchem, was auf +das Subjekt folgt, erhält man, wie wir gesehen haben, keine Bejahung +und ebensowenig eine Verneinung. Denn zu dem Ende müßte es dem einen +zukommen und dem anderen nicht zukommen⁠<a id="FNanchor_170_178" href="#Footnote_170_178" class="fnanchor">[170]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht aber auch, daß die anderen Fragen wegen der Auswahl der +Begriffe für die Bildung eines Schlusses wertlos sind, ob z. B. was +beiden Begriffen folgt, identisch ist, oder ob es das ist, worauf A +folgt und was dem E nicht folgen kann, oder auch das, was beiden nicht +zukommen kann. Denn durch derlei Identisches entsteht kein Schluß.</p> + +<p>Denn bei Identität dessen, was logisch folgt, wie B und F, entsteht die +mittlere Figur mit bejahenden Prämissen (die keinen Schluß zuläßt).</p> + +<p>Ist identisch wem A folgt und was dem E nicht folgen kann, wie C und H, +so entsteht die erste Figur mit negativem Untersatz.</p> + +<p>Ist endlich identisch was dem einen wie dem anderen nicht zukommen +kann, wie D und H, so sind beide Prämissen verneinend, entweder in der +ersten oder in der mittleren Figur. So aber entsteht keinerlei Schluß.</p> + +<p>Man sieht aber auch, daß man bei dem Suchen nach den Begriffen +ermitteln muß, was für welche identisch, nicht, was für welche +verschieden und konträr sind, erstens deshalb, weil die Ausschau dem +Mittelbegriff gilt und ein solcher Mittelbegriff erhoben sein will, der +nicht verschieden, sondern identisch ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_66">[Pg 66]</span></p> + +<p><span class="sidenote">45 a</span>Sodann auch aus diesem Grunde: wo ein Schluß auch dadurch möglich ist, +daß man Konträres nimmt oder solches, was nicht einem und demselben +zukommen kann, da muß man immer auf die vorgenannten Modi zurückgehen, +z. B. wenn B und F sich konträr ist oder nicht einem und demselben +zukommen kann. Denn bei dieser Annahme ergibt sich der Schluß, daß A +keinem E zukommt, aber nicht aus der Annahme an sich, sondern erst auf +Grund des vorbezeichneten Modus. Denn B wird jedem A, aber keinem E +zukommen, so daß B notwendig mit einem H identisch ist.</p> + +<p>Wieder ist, wenn B und G nicht einem und demselben beiwohnen kann, +der Schluß gegeben, daß A einem E nicht zukommt. Denn auch so erhält +man die mittlere Figur. Denn B wird jedem A und keinem G zukommen, +und so ist B notwendig mit einem H identisch. Denn wenn B und G nicht +einem und demselben zukommen kann, so heißt das nur, daß B mit einem H +identisch ist, weil in H alles begriffen ist, was dem E nicht zukommen +kann.</p> + +<p>Hieraus sieht man also, daß auf Grund solchen Suchens an sich kein +Schluß gewonnen wird, daß aber, wenn sich B und F konträr ist, B mit +einem H identisch ist und der Schluß durch diese beiden, B und H, +zustandekommt. So begegnet es denn denen, die auf diese Weise suchen, +daß sie nach einem anderen als dem notwendigen Wege sich umschauen, +weil ihnen die Identität von B und H entgeht⁠<a id="FNanchor_171_179" href="#Footnote_171_179" class="fnanchor">[171]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Neunundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Neunundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Dieselbe Bewandtnis wie mit den direkt beweisenden Schlüssen hat es mit +denen, die auf das Unmögliche führen.</p> + +<p>Auch sie kommen zustande durch das, was logisch auf beide zu +verbindenden Begriffe folgt, und das, worauf sie folgen. Bei beiden +wird auch dieselbe Umschau angestellt. Denn was direkt bewiesen wird, +läßt sich mit Hilfe derselben Begriffe auch durch das Unmögliche +<span class="pagenum" id="Page_67">[Pg 67]</span>folgern, und was durch das Unmögliche, auch direkt, wie z. B. der +Satz, daß A keinem E zukommt. Denn es soll einem zukommen. Da nun B +jedem A und A einem E zukommt, so wird B einem E zukommen. Nach der +Voraussetzung aber kommt es keinem zu. Wieder der Satz, daß es einem +zukommt. Denn wenn A keinem E und E jedem G zukommt, wird A keinem +G zukommen. Nach der Voraussetzung aber kommt es jedem zu. Dieselbe +Bewandtnis hat es mit den anderen Sätzen, um deren Beweis es sich +fragt: immer und überall erfolgt der Beweis durch das Unmögliche aus +dem Consequens und dem Antecedens der beiden Begriffe. Und bei jedem +Problem ist die Untersuchung dieselbe für den, der direkt beweisend +schließen, wie für den, der aufs Unmögliche führen will: beide Beweise +erfolgen aus denselben Begriffen. Wenn z. B. der Satz, daß A keinem +E zukommt, daraus bewiesen worden ist, daß sich ergibt, daß auch B +einem E zukommt, was unmöglich ist, so ist ebenso, wenn man annimmt, B +komme keinem E und jedem A zu, klar, daß A keinem E zukommen kann. <span class="sidenote">45 b</span>Und +wenn wieder durch direkten Beweis gefolgert worden ist, daß A keinem E +zukommt, so wird an Hand der Annahme, daß es einem zukommt, durch das +Unmögliche gezeigt werden, daß es keinem zukommt. Ebenso ist es mit +den anderen Sätzen: bei ihnen allen muß man einen gemeinsamen Begriff +ermitteln, der von den zugrunde gelegten Begriffen verschieden ist und +mit Bezug auf den der Schluß auf das Falsche gezogen wird, so daß, wenn +dieser Satz umgekehrt wird und der andere bleibt, wie er ist, durch +dieselben Begriffe ein direkt beweisender Schluß zustande kommt. Denn +der direkt beweisende Schluß unterscheidet sich von dem Schluß auf das +Unmögliche dadurch, daß in dem ersten jede der beiden Prämissen nach +der Wahrheit, in dem zweiten aber die eine fälschlich aufgestellt wird.</p> + +<p>Was wir meinen, wird durch das Folgende (<a href="#Zweites_Buch_Elftes_Kapitel">Buch 2, K. 11 ff.</a>) deutlicher +werden, wenn wir von dem Unmöglichen handeln; für jetzt sei uns +ausgemacht, daß <span class="pagenum" id="Page_68">[Pg 68]</span>man diese Gesichtspunkte ins Auge fassen muß, mag man +nun vorhaben, direkt beweisend zu schließen oder apagogisch.</p> + +<p>Bei den anderen hypothetischen Schlüssen, die also auf einem +eingesetzten Satz oder auf der Qualität fußen, wird man auf die +Voraussetzung sehen, nicht die ursprüngliche, sondern die eingesetzte, +dagegen wird die Betrachtungsweise dieselbe sein. Man muß aber auch +sehen und unterscheiden, wie vielerlei hypothetische Schlüsse es geben +kann⁠<a id="FNanchor_172_180" href="#Footnote_172_180" class="fnanchor">[172]</a>⁠.</p> + +<p>So wird denn jeder Satz, der aufgegeben ist, so bewiesen. Gleichwohl +läßt sich auf einen Teil dieser Sätze auch noch in anderer Weise +schließen, auf allgemeine Sätze nämlich mittels des Verfahrens bei +partikulären Problemen, und zwar auf Grund einer Voraussetzung. Denn +wenn die A und die G identisch sind und angenommen wird, daß E nur +den G zukommt, so wird A jedem E zukommen, und wenn wieder D und G +identisch sind und E nur von den G ausgesagt wird, so wird A keinem +E zukommen. Hieraus erhellt, daß man auch diese Betrachtungsweise +anwenden muß⁠<a id="FNanchor_173_181" href="#Footnote_173_181" class="fnanchor">[173]</a>⁠.</p> + +<p>Ebenso (wie bei den hypothetischen Sätzen) verfährt man bei den +notwendigen und den kontingenten Sätzen: die Auffindung des +Mittelbegriffes geschieht auf dieselbe Weise, und der Schluß kommt +durch dieselben und in derselben Ordnung sich folgenden Begriffe +zustande, es mag sich um das einfache oder das kontingente Sein +handeln. Bei kontingent muß man auch solches mit verstehen, was nicht +ist, aber sein kann. Denn es ist gezeigt worden, daß ein Schluß auf das +kontingente Sein auch mit Hilfe solcher Sätze geschehen kann. Ebenso +wird es sich bei den sonstigen Weisen der Aussage verhalten⁠<a id="FNanchor_174_182" href="#Footnote_174_182" class="fnanchor">[174]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht nun aus dem Gesagten nicht nur, daß auf diesem Wege alle +Schlüsse gewonnen werden können, sondern auch, daß dieses auf keinem +anderen Wege möglich ist. Denn es ist gezeigt worden, daß jeder Schluß +durch eine der vorgenannten Figuren geht, diese Figuren <span class="pagenum" id="Page_69">[Pg 69]</span>aber lassen +sich anders nicht bilden als durch das jeweilige logische Consequens +und Antecedens, <span class="sidenote">46 a</span>da daraus die Prämissen gewonnen und der Mittelbegriff +gefunden wird; und so kann dann auch anders kein Schluß gebildet werden.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Dreissigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Dreißigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Der Weg ist mithin überall derselbe, in der Philosophie und in jeder +beliebigen Kunst und Wissenschaft: bei jedem Problem muß man sehen, +was einem beiwohnt und wem es beiwohnt, und dessen möglichst viel zur +Verfügung haben und es an Hand der drei Begriffe mustern, bei der +Widerlegung, auf diese, bei der Erhärtung auf jene Weise, und muß, wenn +es die Wahrheit gilt, aus solchem schließen, was nach der Wahrheit als +tatsächlich vorgemerkt ist, wenn aber einen dialektischen Schluß, aus +bloß wahrscheinlichen Prämissen.</p> + +<p>Von den Prinzipien der Schlüsse aber haben wir bis jetzt nur im +allgemeinen erklärt, wie sie sich verhalten und wie man sie finden muß, +damit man sich nicht um alles bekümmere, was ausgesagt wird, und nicht +auf dasselbe sehe bei der Erhärtung und bei der Widerlegung, und wenn +man ein Prädikat von allem oder nur von einigem erhärtet und es für +alles oder nur für einiges widerlegt, sondern damit man vielmehr sein +Augenmerk auf Weniges und Bestimmtes richte, wobei man die Prinzipien +nach Maßgabe des jeweiligen Objektes, des Guten z. B. oder der +Wissenschaft, auswählen muß.</p> + +<p>Von diesen Prinzipien sind die meisten den einzelnen Wissenschaften +eigentümlich. Was daher die Angabe und Bereitstellung der jeweiligen +Prinzipien betrifft, so ist das Sache der Erfahrung; die Prinzipien +der astronomischen Wissenschaft z. B. hat die astronomische Erfahrung +anzugeben. Denn nach ausgiebiger Feststellung der Erscheinungen sind +auf Grund derselben die astronomischen Beweise gefunden worden. Ebenso +verhält es sich mit jeder beliebigen anderen Kunst und <span class="pagenum" id="Page_70">[Pg 70]</span>Wissenschaft. +Nachdem sohin das jeweilige Tatsächliche erhoben ist, fällt uns +anschließend die Aufgabe zu, ungesäumt die Beweise ins Licht zu +stellen. Denn wenn die Forschung nichts von dem Tatsächlichen an den +Dingen übersehen hat, so sind wir imstande, für alles, wofür es einen +Beweis gibt, ihn zu finden und zu begründen, und wiederum bei dem, +wofür es naturgemäß keinen gibt, dieses klarzustellen.</p> + +<p id="K30_Schluss">So wäre denn im allgemeinen so ziemlich dargelegt, auf welche Weise +man die Prämissen auswählen muß; genauer haben wir dieses in unserem +dialektischen Traktat (der Topik) erörtert⁠<a id="FNanchor_175_183" href="#Footnote_175_183" class="fnanchor">[175]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Einunddreissigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Einunddreißigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Daß aber die Einteilung nach den Gattungen nur ein kleines Stück +unserer Methode ist, ist leicht einzusehen.</p> + +<p>Die Einteilung ist gleichsam ein schwacher Schluß. Denn was man +beweisen sollte, wird postuliert, und was man schließt, ist immer +ein Höheres und Allgemeineres als dieses. Das ist es aber vor allem, +was die, die sich der Einteilung bedienen, übersehen haben, und so +versuchten sie denn ein Beweisverfahren aufzustellen, das auf dem +Gedanken beruhte, es sei möglich, für die Wesenheit und das Was eines +Dinges eine eigentliche Demonstration zu liefern. Demnach wußten sie +bei ihren Einteilungen weder zu schließen was sich schließen läßt, +noch wußten sie, daß es so hätte geschlossen werden können, wie wir +angegeben haben⁠<a id="FNanchor_176_184" href="#Footnote_176_184" class="fnanchor">[176]</a>⁠.</p> + +<p>Es muß also bei den Beweisen, wenn auf ein Sein oder Zukommen +geschlossen werden soll, das Mittlere, wodurch der Schluß geschieht, +<span class="sidenote">46 b</span>immer enger als der Oberbegriff sein und darf nicht allgemein von +ihm gelten. Die Einteilung will aber das Gegenteil. Denn sie setzt +als Mittelbegriff das Allgemeine. Denn es soll sinnliches Wesen die +Stelle von A einnehmen, sterblich die von B, unsterblich die von C und +Mensch, dessen Begriff man ermitteln soll, die von D. Man setzt nun +<span class="pagenum" id="Page_71">[Pg 71]</span>jedes sinnliche Wesen entweder als sterblich oder als unsterblich, das +heißt, alles, was A ist, soll entweder B oder C sein. Wieder läßt man +den Menschen in fortgesetzter Einteilung ein sinnliches Wesen sein, +und ermittelt so, daß A dem D beiwohnt. Der Schluß ist nun, daß jedes +D entweder B oder C ist, und so ist der Mensch zwar notwendig entweder +sterblich oder unsterblich, daß er aber ein sterbliches Sinnenwesen +ist, ist nicht notwendig, sondern ein Postulat, und doch war es gerade +das, was man hätte erschließen sollen. Und wieder setzt man voraus, daß +A sterbliches Sinnenwesen ist, B Gangtier, C ohne Füße und D Mensch, +und nimmt dann ebenso an, daß A entweder unter B oder unter C begriffen +ist — denn jedes sterbliche Sinnenwesen ist entweder Gangtier oder +ohne Füße —, und daß von D das A gilt — denn man nahm an, der Mensch +sei ein sterbliches Sinnenwesen —. Und so ist denn der Mensch zwar +notwendig entweder ein gehendes oder ein fußloses Sinnenwesen, daß er +aber gehend ist, ist nicht notwendig, sondern eine Annahme, und doch +war es wieder gerade das, was man hätte beweisen sollen. Und indem +man nun beständig auf diese Weise einteilt, muß man es sich gefallen +lassen, daß man das Allgemeine als Mittelbegriff und das, wovon etwas +bewiesen werden sollte, und die Differenzen als Außenbegriffe nimmt. +Zuletzt aber bringt man zu der These, daß das begrifflich der Mensch, +oder was sonst in Frage steht, ist, nichts Klares und Zwingendes vor. +Denn man legt auch den ganzen Rest des Weges zurück, ohne sich auf das +Vorhandensein der wirklich möglichen Hilfsmittel zu besinnen.</p> + +<p>Man sieht aber auch, daß man vermittels dieser Methode nichts +widerlegen und weder auf das Akzidenz und das Proprium, noch auf das +Genus schließen, noch auch in solchen Fällen entscheiden kann, wo man +nicht weiß, ob etwas so oder so bestellt ist, z. B. ob die Diagonale +mit der Seite <em class="gesperrt">ein</em> Maß hat oder nicht. Denn wenn man annimmt, daß +jede Länge entweder mit demselben Maße gemessen wird oder nicht und die +<span class="pagenum" id="Page_72">[Pg 72]</span>Diagonale eine Länge ist, so ergibt sich der Schluß, daß die Diagonale +entweder <em class="gesperrt">ein</em> Maß hat oder nicht. Wenn man aber annimmt, daß +sie nicht dasselbe Maß hat, so ist das eben das, was zu beweisen war. +Mithin läßt es sich nicht beweisen. Denn dieses war der Weg, und auf +diesem Wege geht es nicht.</p> + +<p>Das Inkommensurable oder Kommensurable sei A, Länge B, Diagonale C.</p> + +<p>Man sieht also, daß diese Verfahrungsweise weder für jede Aufgabe paßt, +noch da, wo sie am meisten angebracht scheint, wirklich brauchbar ist.</p> + +<p>Woraus nun die Beweise entstehen, und wie, und auf welcherlei Dinge man +bei jedem Problem zu sehen hat, ergibt sich aus dem Gesagten.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Zweiunddreissigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Zweiunddreißigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Wie wir aber die Schlüsse auf die vorgenannten Figuren zurückführen +müssen, <span class="sidenote">47 a</span>ist nach diesem zu erörtern. Denn dieser Teil der Untersuchung +ist noch übrig⁠<a id="FNanchor_177_185" href="#Footnote_177_185" class="fnanchor">[177]</a>⁠.</p> + +<p>Denn wenn wir die Entstehung der Schlüsse erforschen, das Vermögen der +Auffindung (des Mittelbegriffs) erwerben und dazu die entstandenen +Schlüsse in die vorgenannten Figuren auflösen, so ist damit die +ursprüngliche Aufgabe erledigt. Zugleich wird durch das jetzt zu +Sagende das zuvor Dargelegte eine weitere Bestätigung und Beleuchtung +erhalten. Denn alles Wahre muß mit sich selbst nach allen Seiten im +Einklang stehen.</p> + +<p>Man muß also zuerst die beiden Prämissen des Schlusses zu erhalten +suchen. Denn man zerteilt ins Größere leichter als ins Kleinere. Nun +ist aber das Zusammengesetzte größer als seine Bestandteile.</p> + +<p>Dann muß man sehen, welche von beiden Prämissen allgemein und welche +partikulär ist, und muß, wenn nicht schon beide gegeben sind, die +fehlende selbst dazu tun. Denn zuweilen gibt man nach Aufstellung der +allgemeinen Prämisse die in ihr enthaltene <span class="pagenum" id="Page_73">[Pg 73]</span>nicht besonders an, sei +es nun in zusammenhängender Darstellung oder beim Disputieren; oder +man stellt zwar die Prämissen auf, läßt aber die Sätze, durch die sie +gewonnen werden, aus, und fragt dafür um anderes ohne Zweck und Ziel.</p> + +<p>Man muß also zusehen, ob etwas Überflüssiges aufgenommen oder etwas +Notwendiges weggelassen worden ist, und dann das eine einsetzen und das +andere ausschalten, bis man zu den zwei Prämissen gelangt, ohne die die +so in Frage stehenden Sätze sich in keine bestimmte syllogistische Form +bringen lassen.</p> + +<p>Bei manchen Sätzen ist es nun leicht, das Fehlende herauszufinden, +manche aber verstecken sich und scheinen bloß zu schließen, weil sich +aus den Voraussetzungen etwas Notwendiges ergibt. Z. B. wenn man +annimmt, wenn Substanz nicht zerstört werde, werde nicht Substanz +zerstört, wenn aber die Bestandteile zerstört würden, werde auch das +aus ihnen Bestehende zerstört. Denn auf Grund dieser Voraussetzungen +ist es zwar notwendig, daß Substanz ist was Teil der Substanz +ist. Gleichwohl ist es aus den Voraussetzungen nicht schulgerecht +geschlossen, sondern die Prämissen weisen Lücken auf⁠<a id="FNanchor_178_186" href="#Footnote_178_186" class="fnanchor">[178]</a>⁠.</p> + +<p>Wieder, wenn falls Mensch ist, notwendig sinnliches Wesen ist, und wenn +sinnliches Wesen, Substanz, so ist zwar, falls Mensch ist, notwendig +Substanz, aber es ist noch nicht geschlossen, weil sich die Prämissen +nicht verhalten, wie wir es angegeben haben⁠<a id="FNanchor_179_187" href="#Footnote_179_187" class="fnanchor">[179]</a>⁠. Wir werden aber +bei derartigen Folgerungen durch den Umstand getäuscht, daß sich aus +den Voraussetzungen etwas Notwendiges ergibt, weil auch der Schluß +etwas Notwendiges ist. Aber das Notwendige erstreckt sich weiter +als der Schluß. Denn jeder Schluß ist etwas Notwendiges, aber nicht +jedes Notwendige ist ein Schluß. Deshalb darf man nicht, wenn sich an +bestimmte Voraussetzungen eine bestimmte Folge knüpft, es sofort auf +eine bestimmte Schlußfigur zurückführen wollen, sondern man muß zuerst +die zwei Prämissen ermitteln, sie sodann in die Begriffe zergliedern, +und als Mittelbegriff denjenigen Begriff ansetzen, der in beiden +Prämissen genannt <span class="pagenum" id="Page_74">[Pg 74]</span>wird. Denn der Mittelbegriff muß in allen Figuren +in beiden Prämissen vorkommen. <span class="sidenote">47 b</span>Wenn nun der Mittelbegriff aussagt und +zugleich Objekt der Aussage ist, oder selbst bejahend aussagt, während +von ihm ein anderes verneint wird, hat man die erste Figur; wenn er +zugleich bejahend aussagt und von etwas verneint, die mittlere; wenn +anderes von ihm ausgesagt, oder teils verneinend, teils bejahend +ausgesagt wird, die letzte. Denn so verhielt sich der Mittelbegriff +in den jeweiligen Figuren. Gleiches gilt, wenn die Prämissen nicht +allgemein sind: der Mittelbegriff wird da ebenso bestimmt.</p> + +<p>Man sieht also, daß durch eine Rede, in der nicht dasselbe mehrmals +genannt wird, kein Schluß zustande kommt, weil man keinen Mittelbegriff +angenommen hat.</p> + +<p>Da wir aber wissen, welcher Art Problem durch die einzelnen Figuren +geht, und in welcher das Allgemeine und in welcher das Partikuläre +vorkommt, so braucht man, um sich darüber klar zu werden, nicht in +allen Figuren Umschau zu halten, sondern sich nur an diejenige zu +halten, die dem jeweiligen Problem eigentümlich ist. Bei den Schlüssen, +die durch mehrere Figuren gehen, muß man die Figur an der Stellung des +Mittelbegriffes erkennen⁠<a id="FNanchor_180_188" href="#Footnote_180_188" class="fnanchor">[180]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Dreiunddreissigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Dreiunddreißigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Man wird also bezüglich der Schlüsse oft wegen der Notwendigkeit +getäuscht, wie vorhin erklärt wurde, manchmal aber auf Grund gleicher +Stellung der Begriffe, ein Umstand, den wir nicht übersehen dürfen.</p> + +<p>Wenn z. B. A von B und B von C ausgesagt wird. Denn es könnte bei so +bewandten Begriffen ein Schluß vorzuliegen scheinen, und doch gibt es +in diesem Falle weder eine Notwendigkeit noch einen Schluß. Denn den +Platz von A nehme ein: immer sein, B sei denkbarer Aristomenes und +C Aristomenes. Es ist in diesem Beispiel wahr, daß A dem B zukommt; +denn der denkbare Aristomenes ist immer; aber auch wahr, <span class="pagenum" id="Page_75">[Pg 75]</span>daß B dem C +zukommt; denn Aristomenes ist ein denkbarer Aristomenes. Aber A kommt +dem C nicht zu, weil Aristomenes sterblich ist. Es käme mithin bei +so bewandten Begriffen kein Schluß zustande, vielmehr müßte man die +Prämisse AB allgemein fassen. Aber es wäre verkehrt, zu postulieren, +daß jeder denkbare Aristomenes immer ist, da Aristomenes sterblich ist.</p> + +<p>Wieder soll C Mikkalos sein, B gebildeter Mikkalos, A morgen sterben. +Da ist es denn wahr, wenn B von C ausgesagt wird, weil Mikkalos ein +gebildeter Mikkalos ist, und auch, wenn A von B, weil der gebildete +Mikkalos etwa morgen stirbt, aber falsch, wenn A von C. Das ist aber +derselbe Fall wie vorhin. Denn es ist nicht allgemein wahr, daß der +gebildete Mikkalos morgen stirbt. Ohne diese Voraussetzung aber gab es +keinen Schluß.</p> + +<p>Diese Täuschung nun rührt von der Geringfügigkeit des Unterschieds her. +Wir fügen uns dem Schluß, wie wenn es nichts austrüge, wenn dieses +diesem zukommen soll, oder dieses jedem diesen⁠<a id="FNanchor_181_189" href="#Footnote_181_189" class="fnanchor">[181]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Vierunddreissigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Vierunddreißigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p><span class="sidenote">48 a</span>Oft wird es aber geschehen, daß man deshalb fehlt, weil die Begriffe +in den Vordersätzen nicht gut aus- oder angesetzt sind (ἐκτίθεσθαι), +wie wenn z. B. A Gesundheit ist, B Krankheit, C Mensch. Denn es ist +richtig, zu sagen, daß A keinem B zukommen kann — denn keine Krankheit +kann Gesundheit sein —, und wiederum, daß B jedem C zukommt — denn +jeder Mensch ist für Krankheit empfänglich —. Es mag sich also zu +ergeben scheinen, daß keinem Menschen Gesundheit zukommen kann. Daran +ist aber die falsche sprachliche Fassung der Begriffe schuld, indem, +wenn man statt der gewählten Begriffe die Subjekte der betreffenden +Zustände nimmt, kein Schluß geschehen wird; wir wollen sagen, wenn +man an die Stelle von Gesundheit das Gesunde und an die Stelle von +Krankheit das Kranke setzt. Denn es ist nicht richtig, zu sagen, daß +<span class="pagenum" id="Page_76">[Pg 76]</span>dem Kranken es nicht (einmal) zukommen kann, daß er gesund ist. Setzt +man dieses nun aber nicht an, so ergibt sich nur ein Schluß auf die +Möglichkeit. Das aber begreift keinen Widerspruch in sich. Denn es ist +möglich, daß keinem Menschen Gesundheit zukommt.</p> + +<p>Wiederum wird der Fehler sich auf dieselbe Weise in der mittleren Figur +einschleichen. Man wird den Schluß ziehen: die Gesundheit kann keiner +Krankheit zukommen, aber jedem Menschen: also kann keinem Menschen die +Krankheit zukommen.</p> + +<p>In der dritten Figur trifft der Fehler das Möglichsein. Denn wie +Gesundheit und Krankheit, Wissenschaft und Unwissenheit so kommt das +Konträre überhaupt möglicherweise einem und demselben Subjekt zu, +aber nicht sich gegenseitig. Das entspricht aber nicht dem, was wir +vorhin gesagt haben. Denn diesem zufolge kann, wenn mehreres demselben +zukommt, es sich auch gegenseitig zukommen⁠<a id="FNanchor_182_190" href="#Footnote_182_190" class="fnanchor">[182]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also, daß der Irrtum hier überall mit dem Ansatz (ἔκθεσις) +der Begriffe parallel läuft. Denn wenn man die Träger der Zustände an +deren Stelle setzt, ergibt sich nichts Falsches. Es leuchtet mithin +ein, daß man in solchen Prämissen immer das Subjekt an Stelle des +Habitus nehmen und als Terminus setzen muß.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Fuenfunddreissigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Fünfunddreißigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Man darf aber nicht verlangen, daß die Termini immer durch ein +einzelnes Wort angesetzt werden. Denn es können oft Begriffe sein, +für die es ein einzelnes Wort nicht gibt. Deshalb ist bei solchen +Syllogismen die Reduktion schwer. Zuweilen wird man auch wegen eines +derartigen Verlangens getäuscht werden, als ob man nämlich einen Schluß +vor sich hätte, der keiner weiteren Vermittlung mehr bedürfte.</p> + +<p>A sei zwei Rechte, B Dreieck, C gleichschenklig. Dem C kommt in diesem +Falle das A wegen des B zu, dem B kommt es aber nicht mehr wegen eines +anderen zu, da das Dreieck an und für sich zwei Rechte hat, <span class="pagenum" id="Page_77">[Pg 77]</span>so daß es +für AB keinen Mittelbegriff gibt, obgleich es sich beweisen läßt. Denn +offenbar ist das Mittlere nicht immer wie ein dieses zu denken, sondern +es kann auch wohl eine Rede sein, was eben in dem angegebenen Falle +zutrifft⁠<a id="FNanchor_183_191" href="#Footnote_183_191" class="fnanchor">[183]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Sechsunddreissigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Sechsunddreißigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Daß aber das Erste dem Mittleren und dieses dem Letzten zukommt, darf +man nicht so verstehen, als ob immer eines vom anderen (förmlich und +schulgerecht) ausgesagt werden müßte, <span class="sidenote">48 b</span>oder das Erste in derselben +Form von dem Mittleren wie dieses von dem Letzten, und dieselbe Regel +gilt für Nichtzukommen. Man hat vielmehr dem Zukommen so vielerlei +Bedeutungen beizulegen wie dem Sein und dem Wahrsein.</p> + +<p>Das gilt z. B., wenn man sagt, daß es von dem Konträren nur eine +Wissenschaft gibt. Denn A sei nur eine Wissenschaft sein, B das sich +Konträre. In diesem Falle kommt das A dem B zu, nicht als wäre das +Konträre das Sein einer Wissenschaft von ihm, sondern weil es wahr ist, +von ihm zu sagen, daß es nur eine Wissenschaft von ihm gibt.</p> + +<p>Es kommt aber das eine Mal vor, daß das Erste von dem Mittleren +ausgesagt wird, aber nicht das Mittlere von dem Dritten; wenn z. B. +die Weisheit Wissenschaft ist und die Weisheit auf das Gute geht⁠<a id="FNanchor_184_192" href="#Footnote_184_192" class="fnanchor">[184]</a>⁠, +so lautet der Schlußsatz: es gibt eine Wissenschaft, die auf das +Gute geht. In diesem Falle ist das Gute nicht Wissenschaft, aber die +Weisheit ist Wissenschaft.</p> + +<p>Ein anderes Mal wird das Mittlere von dem Dritten ausgesagt, aber nicht +das Erste von dem Mittleren. Wenn es z. B. von allem Qualitativen oder +Konträren eine Wissenschaft gibt und das Gute sowohl konträr (dem +Schlechten) wie qualitativ ist, so lautet der Schlußsatz: es gibt eine +Wissenschaft des Guten, aber die Wissenschaft ist nicht das Gute, +nicht das Qualitative und nicht das Konträre, aber das Gute ist jenes +(qualitativ und konträr).</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_78">[Pg 78]</span></p> + +<p>Es gibt auch Fälle, wo weder das Erste von dem Mittleren, noch dieses +von dem Dritten ausgesagt wird, während das Erste von dem Dritten +bald ausgesagt wird, bald nicht. Wenn es z. B. von dem, wovon es +eine Wissenschaft gibt, eine Gattung gibt und es von dem Guten eine +Wissenschaft gibt, so lautet der Schlußsatz: es gibt von dem Guten +eine Gattung. Hiervon wird aber keines von dem anderen ausgesagt. Wenn +aber das, wovon es eine Wissenschaft gibt, Gattung ist und es eine +Wissenschaft des Guten gibt, so lautet der Schlußsatz: das Gute ist +Gattung. Hier wird also von dem Letzten das Erste ausgesagt, nicht aber +werden es die vorgenannten Begriffe voneinander⁠<a id="FNanchor_185_193" href="#Footnote_185_193" class="fnanchor">[185]</a>⁠.</p> + +<p>Auf dieselbe Weise muß man die Sache in dem Falle des Nichtzukommens +verstehen. Denn daß das dem nicht zukommt, bedeutet nicht immer, daß +das nicht das ist, sondern zuweilen, daß das nicht dessen ist, oder +daß das nicht dem ist oder nicht für das ist, wie z. B.: es gibt keine +Bewegung der Bewegung oder kein Werden des Werdens: nun aber gibt es +ein Werden der Lust; mithin ist die Lust kein Werden. Oder wieder: +es gibt ein Zeichen des Lachens; nun aber gibt es kein Zeichen des +Zeichens; also ist das Lachen kein Zeichen.</p> + +<p>Dasselbe gilt von den Fällen, in denen das Problem dadurch aufgehoben +(ein verneinender Satz erschlossen) wird, daß die Gattung als +Mittelbegriff in eine bestimmte Beziehung zu den Begriffen des Problems +gebracht wird. Um wieder ein Beispiel zu nehmen, so soll Gelegenheit +nicht dasselbe sein wie nötige Zeit. Denn für Gott gibt es zwar eine +Gelegenheit, aber keine nötige Zeit, da für Gott kein Ding von Nutzen +sein kann⁠<a id="FNanchor_186_194" href="#Footnote_186_194" class="fnanchor">[186]</a>⁠. Denn als Begriffe muß man hier setzen: Gelegenheit, +nötige Zeit, Gott, die Prämisse aber muß man so fassen, daß man einen +obliquen Kasus des Nomens erhält. Denn wir stellen ein für allemal die +Regel auf: die Begriffe muß man immer in der Nennform (dem Nominativ) +des Nomens angeben, <span class="sidenote">49 a</span>wie der Mensch, das Gute, das Konträre, nicht: des +Menschen, des Guten, des Konträren, die Prämissen aber muß man fassen, +je nachdem der <span class="pagenum" id="Page_79">[Pg 79]</span>und der Fall des Nomens nötig ist. Denn entweder muß +man sagen: dem, wie bei gleich, oder dessen und von dem, wie bei +zweifach, oder dieses (im Akkusativ), wie bei schlagend oder sehend, +oder dieser, wie wenn der Mensch ein animalisches Wesen sein soll, +oder was immer sonst für eine nähere Bestimmung (durch Präpositionen) +erforderlich ist.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Siebenunddreissigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Siebenunddreißigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Daß aber das dem zukommt und das von dem zutreffend ausgesagt wird, +ist in so vielen Bedeutungen zu verstehen, als der Kategorien oder +Prädikate selber sind, und diese sind entweder als relativ oder als +absolut und entweder als einfach oder als zusammengesetzt zu denken. +Das Gleiche gilt von dem Nichtzukommen. Doch das ist noch genauer zu +untersuchen und zu bestimmen.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Achtunddreissigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Achtunddreißigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Die Reduplikation in den Prämissen muß zu dem Oberbegriff, nicht zu +dem Mittelbegriff gesetzt werden⁠<a id="FNanchor_187_195" href="#Footnote_187_195" class="fnanchor">[187]</a>⁠. Ich will sagen: wenn z. B. der +Schluß errichtet worden ist: es gibt ein Wissen um die Gerechtigkeit, +daß sie ein Gut ist, so muß die Bestimmung, daß sie oder sofern sie +ein Gut ist, zu dem Oberbegriff gesetzt werden. Denn A sei Wissen, daß +etwas ein Gut ist, B gut, C Gerechtigkeit. Hier gilt A von B. Denn es +gibt ein Wissen um das Gute, daß es gut ist. Aber es gilt auch B von C. +Denn die Gerechtigkeit fällt unter das, was gut ist. So kommt also die +Reduktion zustande. Wenn man aber die Bestimmung „daß es ein Gut ist“, +(auch) zu B setzt, ist dieses nicht der Fall. Denn dann wird zwar A von +B gelten, nicht aber B von C. Denn von der Gerechtigkeit das Gute, daß +es gut ist, auszusagen, ist falsch und unsinnig. Gleiches gilt, wenn +bewiesen worden ist: man weiß von dem Gesunden, daß es gut ist, oder: +man meint von dem Bockhirsch, daß es keinen gibt, oder: <span class="pagenum" id="Page_80">[Pg 80]</span>der Mensch ist +sterblich, sofern er ein sinnlich wahrnehmbares Wesen ist; denn bei +allem, was so noch dazu ausgesagt wird, kommt die Reduplikation in den +Obersatz zu stehen.</p> + +<p>Der Ansatz der Begriffe ist aber nicht derselbe, wenn etwas schlechthin +erschlossen worden ist, und wenn der Schluß lautete, daß es das und das +nur in einer gewissen Weise ist, also wenn etwa gezeigt worden ist, +daß man das Gute wissen kann, und wenn gezeigt worden ist, daß man von +etwas wissen kann, daß es gut ist. Ist einfach gezeigt worden, daß man +es wissen kann, so muß man das Seiende als Mittelbegriff ansetzen, wenn +aber, daß man wissen kann, daß es gut ist, das etwas Seiende. Denn es +sei A gleich Wissen, daß es etwas ist, B das etwas Seiende, C gut. Nun +ist es richtig, A von B auszusagen: es gab von dem etwas Seienden ein +Wissen, daß es dieses Etwas ist. Aber auch B von C. Denn C ist ein +bestimmtes Etwas. Mithin auch A von C. Also wird es ein Wissen um das +Gute geben, daß es gut ist. Denn die Formel „ein etwas Seiendes“, war +uns das Zeichen für das eigentümliche Sein. Wäre aber das Seiende als +Mittelbegriff gesetzt worden und hätte man in dem Obersatz das Seiende +schlechthin, nicht das etwas Seiende genannt, so hätte sich nicht der +Schluß ergeben: es gibt ein Wissen um das Gute, daß es gut ist, sondern +nur der Schluß: es gibt ein Wissen um das Gute, daß es ist. Es soll +z. B. A sein: Wissen, daß etwas ist, <span class="sidenote">49 b</span>B: Seiendes, C: Gutes.</p> + +<p>Man sieht demnach, daß man bei denjenigen Syllogismen, die etwas mit +einer bestimmten Modifikation erschließen, die Termini in dieser Weise +ansetzen muß.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Neununddreissigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Neununddreissigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Man muß dabei aber auch Gleichbedeutendes miteinander vertauschen, +Nomina mit Nomina, Reden mit Reden, die Rede mit dem Nomen, und immer +statt der Rede das Nomen wählen. Denn so wird die Exposition der +Termini erleichtert. Wenn es z. B. keinen Unterschied <span class="pagenum" id="Page_81">[Pg 81]</span>macht, ob man +sagt: das Vermutete ist nicht Gattungsbegriff von Gemeint, oder ob +man sagt: Meinen ist kein Vermuten — ist doch der Sinn derselbe —, +so sind an Stelle der genannten Rede die Begriffe Vermuten und Meinen +einzusetzen.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Vierzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Vierzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Da es aber nicht dasselbe ist, wenn die Lust etwas Gutes und wenn +die Lust das Gute sein soll, so darf man diese Begriffe nicht als +gleichbedeutend ansetzen, sondern muß, wenn der Schluß lautet: die Lust +ist das Gute, das Gute als Begriff setzen, und wenn er lautet: sie ist +etwas Gutes, etwas Gutes. Ebenso sonst⁠<a id="FNanchor_188_196" href="#Footnote_188_196" class="fnanchor">[188]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Einundvierzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Einundvierzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Es ist aber nicht dasselbe, so wenig für die Sache, wie für die Rede, +ob man sagt: wem das B zukommt, dem allen kommt das A zu, oder ob man +sagt: wem das B nach dessen ganzem Umfang zukommt, dem allen kommt auch +das A zu⁠<a id="FNanchor_189_197" href="#Footnote_189_197" class="fnanchor">[189]</a>⁠. Denn es hindert nichts, daß B dem C zukommt, aber nicht +allem C. Z. B. soll B schön sein und C weiß. Wenn hier schön einem +Weißen zukommt, so gilt, daß schön dem Weißen zukommt; aber es kommt +vielleicht nicht allem Weißen zu.</p> + +<p>Wenn also A dem B zukommt, aber nicht allem, wovon B ausgesagt wird, so +kommt, weder wenn B allem C beiwohnt, noch wenn es ihm nur beiwohnt, A +notwendig, wir sagen nicht, allem C zu, sondern auch nur (einfach) ihm +zu. Wenn es aber allem demjenigen zukommen soll, von dem wahrheitsgemäß +B ausgesagt wird, so muß folgen, daß A von dem allen ausgesagt wird, +von dem nach dessen ganzem Umfang B es wird. Wenn jedoch A von dem, +wovon B ausgesagt wird, nach dessen ganzem Umfang gelten soll, so +hindert nichts, daß dem C das B zukommt, daß aber A nicht jedem (C) +oder gar keinem zukommt⁠<a id="FNanchor_190_198" href="#Footnote_190_198" class="fnanchor">[190]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also, daß bei diesen drei Begriffen die Formel: wovon B gilt, +davon gilt nach dessen ganzem <span class="pagenum" id="Page_82">[Pg 82]</span>Umfang A, den Sinn hat: von wie vielem +B gilt, von dem allen gilt auch A. Und wenn B von jedem gilt, dann A +desgleichen; wenn es aber nicht von jedem gilt, so braucht A nicht von +jedem zu gelten.</p> + +<p>Man besorge aber nicht, daß sich bei der Exposition eine Ungereimtheit +ergibt; denn wir machen davon, daß das und das ist⁠<a id="FNanchor_191_199" href="#Footnote_191_199" class="fnanchor">[191]</a>⁠, keinen +weiteren Gebrauch, sondern wir verfahren wie der Geometriker, der +eine Linie von einem Fuß Länge, eine Gerade, eine Linie ohne Breite +annimmt, ohne daß die gezeichneten Linien⁠<a id="FNanchor_B_2" href="#Footnote_B_2" class="fnanchor">[B]</a> diese Eigenschaften haben, +der aber von der Zeichnung nicht so Gebrauch macht, als fußte der +Schluß auf ihr. Denn wenn sich etwas überhaupt nicht wie das Ganze zum +Teil und anderes zu ihm wie der Teil zum Ganzen verhält, so beweist +der Beweisende aus keinem dieser Stücke und es entsteht also auch +daraus kein Schluß. <span class="sidenote">50 a</span>Der Exposition aber bedienen wir uns so wie der +Anschauung, indem wir den Lernenden im Auge haben, nicht so also, als +ob ohne das, wie ohne die Elemente des Schlusses, kein Beweis geführt +werden könnte.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_B_2" href="#FNanchor_B_2" class="label">[B]</a> Z. 36 οὔσας nach Waitz, Maier und den besten codices.</p></div> + +</div> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Zweiundvierzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Zweiundvierzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Man muß aber wohl beachten, daß nicht alle Schlußsätze in einem +einheitlichen Beweisverfahren durch dieselbe Figur gewonnen werden, +sondern der eine durch diese, der andere durch jene. Man muß also +selbstverständlich entsprechend auch die Auflösungen (in die +Normalform) vornehmen. Da aber nicht jedes Problem in jeder Figur +vorkommt, sondern jedes seine bestimmte Stellung hat, so muß der +Schlußsatz zeigen, in welcher Figur man es suchen muß⁠<a id="FNanchor_192_200" href="#Footnote_192_200" class="fnanchor">[192]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Dreiundvierzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Dreiundvierzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Was dann diejenigen Gründe gegen eine Definition betrifft, die sich nur +gegen eine einzelne Bestimmung in dem Begriff richten, so muß man als +Terminus nur <span class="pagenum" id="Page_83">[Pg 83]</span>das setzen, wogegen der Einwurf geht, nicht den ganzen +Begriff, weil so weniger leicht durch die Länge Verwirrung entsteht. +Hat man z. B. das Wasser als trinkbares Wasser erwiesen, so muß man +nur trinkbar und Wasser als Termini setzen (wenn der Einwurf nur gegen +trinkbar, nicht auch gegen naß ging).</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Vierundvierzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Vierundvierzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Was ferner die auf Voraussetzung beruhenden Schlüsse angeht, so darf +man sie nicht zurückführen wollen. Denn sie lassen sich nicht auf Grund +der Voraussetzungen zurückführen, weil sie nicht durch Schluß bewiesen, +sondern alle durch Übereinkunft zugestanden sind.</p> + +<p>Man soll z. B. angenommen haben, daß es, wenn für das Konträre kein +einiges Vermögen besteht, auch dafür keine einige Wissenschaft gibt, +und dann dialektisch den Satz begründet haben: es besteht kein einiges +Vermögen für das Konträre, z. B. für das Gesunde und das Ungesunde, +da das Nämliche zugleich gesund und ungesund sein würde. Daß nun kein +einiges Vermögen für alles Konträre besteht, hat man begründet⁠<a id="FNanchor_C_3" href="#Footnote_C_3" class="fnanchor">[C]</a>⁠, +daß es aber dafür keine einheitliche Wissenschaft gibt, hat man nicht +gezeigt. Gleichwohl muß man dieses zugestehen. Aber nicht kraft des +Schlusses, sondern kraft der Voraussetzung. Dieser läßt sich also nicht +zurückführen, wohl aber die Begründung dafür, daß für Konträres kein +einheitliches Vermögen besteht. Denn diese Begründung war vielleicht +auch ein Schluß, dagegen ist jenes Voraussetzung⁠<a id="FNanchor_193_201" href="#Footnote_193_201" class="fnanchor">[193]</a>⁠.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_C_3" href="#FNanchor_C_3" class="label">[C]</a> Z. 24 ἐπιδέδεικται st. ἀποδέδεικται.</p></div> + +</div> + +<p>Ebenso ist es mit den indirekten Beweisen: auch sie vertragen keine +Analyse. Freilich läßt die Zurückführung aufs Unmögliche selbst eine +solche zu, weil sie durch Schluß geschieht, das Andere aber, das +eigentliche Problem, widersetzt sich ihr, weil man es hypothetisch +<span class="pagenum" id="Page_84">[Pg 84]</span>gewinnt. Sie unterscheiden sich aber von den eben genannten Schlüssen, +sofern man sich bei diesen zuvor verständigt haben muß, wenn man +zustimmen soll, daß z. B., wenn das Vermögen für Konträres als eines +erwiesen ist, dann auch die Wissenschaft dieselbe ist. Hier aber stimmt +man auch ohne vorherige Verständigung zu, weil die Falschheit am Tage +liegt, wie daß, wenn die Diagonale kommensurabel sein soll, Ungerades +und Gerades gleich wären⁠<a id="FNanchor_194_202" href="#Footnote_194_202" class="fnanchor">[194]</a>⁠.</p> + +<p>Es gibt noch viele andere hypothetische Schlüsse, die ins Auge zu +fassen und deutlich zu bezeichnen sind. <span class="sidenote">50 b</span>Welches deren unterscheidende +Differenzen sind und auf wie vielerlei Weise hypothetisch geschlossen +wird, werden wir später erklären⁠<a id="FNanchor_195_203" href="#Footnote_195_203" class="fnanchor">[195]</a>⁠. Für jetzt gelte uns als +ausgemacht, daß man solche Schlüsse nicht auf die Figuren zurückführen +kann. Den Grund davon haben wir angegeben.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Fuenfundvierzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Fünfundvierzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Bei allen Problemen, die in mehreren Figuren bewiesen werden, läßt +sich, wenn man sie in der einen Figur erschlossen hat, der Schluß auf +die andere Figur zurückführen, so z. B. der verneinende in der ersten +auf die zweite und der in der mittleren auf die erste, aber nicht alle +Schlüsse, sondern nur manche, wie wir im folgenden erklären wollen.</p> + +<p>Denn wenn A keinem B und B jedem C zukommt, so kommt A keinem C zu. So +hat man die erste Figur. Wenn man aber den verneinenden Satz umkehrt, +so erhält man die mittlere. Denn B kommt keinem A und jedem C zu. +Dasselbe gilt, wenn der Schluß nicht allgemein, sondern partikulär +ist, wenn also A keinem B und B einem C zukommt. Denn wenn man den +verneinenden Satz umkehrt, so erhält man die mittlere Figur⁠<a id="FNanchor_196_204" href="#Footnote_196_204" class="fnanchor">[196]</a>⁠.</p> + +<p>Von den Schlüssen in der zweiten Figur können die allgemeinen auf die +erste Figur zurückgeführt werden, von den partikulären aber nur der +eine von ihnen. Denn es soll A keinem B und jedem C zukommen. Wenn <span class="pagenum" id="Page_85">[Pg 85]</span>man +nun den verneinenden Satz umkehrt, so erhält man die erste Figur. Denn +B wird keinem A und A jedem C zukommen. Wenn aber die Bejahung bei B +steht und die Verneinung bei C, so muß man C als ersten Begriff setzen. +Denn es kommt dann keinem A und A jedem B zu, also C keinem B und so +denn auch B keinem C, weil man den verneinenden Satz umkehren kann. +Ist der Schluß aber partikulär, so läßt er sich, wenn die Verneinung +bei dem Oberbegriff steht, auf die erste Figur zurückführen, wie z. B. +wenn A keinem B und einem C zukommt. Denn wenn man den verneinenden +Satz umkehrt, erhält man die erste Figur, da dann B keinem A und A +einem C zukommen wird. Steht bei dem Oberbegriff aber die Bejahung, so +ist keine Auflösung möglich, z. B. wenn A jedem B, aber nicht jedem C +zukommt. Denn AB nimmt weder eine Umkehrung an, noch kommt es, wenn man +eine Umkehrung vornimmt, zu einem Schluß⁠<a id="FNanchor_197_205" href="#Footnote_197_205" class="fnanchor">[197]</a>⁠.</p> + +<p>Die Schlüsse der dritten Figur wieder lassen sich nicht alle in solche +der ersten Figur auflösen, wohl aber alle (partikulären) der ersten +in solche der dritten. Denn es soll A jedem B und B einem C zukommen. +Da mithin ein partikulär bejahender Satz konvertibel ist, so wird C +einem B zukommen. A kam aber jedem B zu, und so erhält man denn die +dritte Figur. Und wenn der Schluß verneinend ist, desgleichen. Denn ein +partikulär bejahender Satz ist konvertibel, und so wird denn A keinem +und C einem B zukommen.</p> + +<p><span class="sidenote">51 a</span>Von den Schlüssen der letzten Figur wird nur einer in keinen Schluß +der ersten Figur aufgelöst, wenn der verneinende Satz nämlich nicht +allgemein ist, alle anderen lassen sich so auflösen.</p> + +<p>Denn es werde A und B von jedem C ausgesagt. Nun kann C in bezug auf +beides zum Teil umgekehrt werden. Es kommt mithin einem B zu. Und so +wird man die erste Figur erhalten, wenn A jedem C und C einem B zukommt.</p> + +<p>Und wenn A jedem und B einem C zukommt, ist dasselbe zu sagen. Denn C +wird mit B vertauscht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_86">[Pg 86]</span></p> + +<p>Wenn aber B jedem C und A einem C zukommt, muß man B als Oberbegriff +setzen. Denn B wird jedem C und C einem A zukommen und so denn B einem +A. Da aber das Partikuläre umgekehrt wird, wird auch A einem B zukommen.</p> + +<p>Und wenn der Schluß verneinend ist, während die Begriffe allgemein +sind, muß man ebenso verfahren. Denn es komme B jedem und A keinem C +zu. Nun wird einem B das C zukommen, aber das A keinem C, und so wird +denn C der Mittelbegriff sein.</p> + +<p>Ebenso, wenn der verneinende Satz allgemein und der bejahende +partikulär ist. Denn da wird A keinem C und C einem B zukommen.</p> + +<p>Wenn aber der verneinende Satz partikulär gefaßt ist, kann es keine +Auflösung geben, wie z. B. wenn B jedem C zukommt, aber A einem C nicht +zukommt. Denn wenn man BC umkehrt, werden beide Prämissen partikulär +sein.</p> + +<p>Man sieht aber auch, daß man, um die Figuren ineinander aufzulösen, +in beiden Figuren den Untersatz umkehren muß. Denn diesen mußte man +umstellen, um den Übergang von der einen Figur in die andere zu +ermöglichen⁠<a id="FNanchor_198_206" href="#Footnote_198_206" class="fnanchor">[198]</a>⁠.</p> + +<p>Von den Schlüssen der mittleren Figur aber lassen sich die einen in +solche der dritten Figur auflösen, die anderen aber lassen sich darein +nicht auflösen. Wenn der allgemeine Vordersatz verneinend ist, so +ist die Auflösung möglich. Denn wenn A keinem B, wohl aber einem C +zukommt, so wird beides gleichmäßig gegen A umgekehrt, und so kommt +dann B keinem und C einem A zu und ist mithin A Mittelbegriff. Wenn +aber A jedem B zukommt und einem C nicht zukommt, ist keine Auflösung +möglich. Denn infolge der Umstellung ist keine von beiden Prämissen +mehr allgemein.</p> + +<p>Aber die Schlüsse der dritten Figur lassen sich auch in solche der +mittleren Figur auflösen, wenn die verneinende Prämisse allgemein ist, +wie z. B. wenn A keinem C und B einem oder jedem zukommt. Denn auch +C wird keinem A, aber einem B zukommen. Ist <span class="pagenum" id="Page_87">[Pg 87]</span>aber die verneinende +Prämisse partikulär, so ist keine Auflösung möglich. Denn die +partikuläre Verneinung läßt keine Umkehrung zu.</p> + +<p>Man sieht also, daß in diesen Figuren dieselben Schlüsse nicht +aufgelöst werden, die nicht in die erste Figur aufgelöst wurden, <span class="sidenote">51 b</span>und +daß, während die Schlüsse auf die erste Figur gebracht werden, sie nur +durch Zurückführung aufs Unmögliche in die Schlüsse anderer Figuren +aufgelöst werden können.</p> + +<p>Das Gesagte zeigt also, wie man die Schlüsse zurückführen muß, und daß +die Figuren ineinander aufgelöst werden.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Buch_Sechsundvierzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Sechsundvierzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Es ist aber bei der Erhärtung oder Widerlegung der Probleme kein +kleiner Unterschied, ob man annimmt, es bedeute dasselbe oder etwas +anderes, wenn etwas nicht Dieses ist und wenn es ein Nichtdieses ist, +wenn es also z. B. nicht weiß sein und wenn es ein Nichtweißes sein +soll. Denn es bedeutet nicht dasselbe, und von weiß sein ist die +Verneinung nicht: Nichtweißes sein, sondern: nicht weiß sein.</p> + +<p>Der Grund davon ist dieser. Der Satz: er kann gehen, verhält sich zu +dem Satz: er kann nicht gehen (ist fähig nicht zu gehen), wie der Satz: +es ist weiß, zu dem Satz: es ist ein Nichtweißes, und wie der Satz: +er weiß das Gute, zu dem Satz: er weiß das Nichtgute. Denn es macht +keinen Unterschied, ob man sagt: er weiß das Gute, oder: er ist das +Gute wissend, und ebenso, ob man sagt: er vermag zu gehen, oder: er +ist zu gehen vermögend; also auch bei dem Gegenteil davon: er vermag +nicht zu gehen — er ist nicht zu gehen vermögend. Wenn nun der Satz: +er ist nicht zu gehen vermögend, dasselbe bedeutet wie der Satz: er +ist vermögend, nicht zu gehen (δυνάμενος οὐ βαδίζειν ἢ μὴ βαδίζειν), +so wird ja dieses beide einem und demselben zugleich beiwohnen — +denn der nämliche kann gehen und nicht gehen, ist das Gute und das +Nichtgute wissend <span class="pagenum" id="Page_88">[Pg 88]</span>—; nun wohnt aber die entgegengesetzte Bejahung und +Verneinung nicht zugleich demselben bei. Wie also das Gute nicht wissen +und das Nichtgute wissen nicht dasselbe ist, so ist auch Nichtgutes +sein und nicht gut sein nicht dasselbe. Denn wenn von Dingen, die +dasselbe Verhältnis zueinander haben, die einen verschieden sind, sind +es auch die anderen.</p> + +<p>Auch ist es nicht dasselbe: ein Nichtgleiches sein und nicht gleich +sein. Denn dem einen, dem was ein Nichtgleiches ist, liegt etwas +als Subjekt zugrunde, und das ist das Ungleiche, dem anderen nicht. +Ebendeswegen ist nicht alles gleich oder ungleich, wohl aber ist alles +gleich oder nicht gleich.</p> + +<p>Ferner gilt der Satz: es ist nichtweißes Holz, und: es ist nicht weißes +Holz, nicht zugleich. Denn wenn es nichtweißes Holz ist, muß es Holz +sein; was aber nicht weißes Holz ist, ist nicht notwendig Holz. Und +so ist denn offenbar von dem Satz: es ist gut, der Satz: es ist ein +Nichtgutes, nicht die Verneinung.</p> + +<p>Wenn nun von allem, was eins ist, entweder die Bejahung oder die +Verneinung wahr ist, so ist er offenbar, wenn er keine Verneinung ist, +gleichsam Bejahung⁠<a id="FNanchor_199_207" href="#Footnote_199_207" class="fnanchor">[199]</a>⁠. Nun hat aber jede Bejahung eine Verneinung. +Und folglich wird auch von dieser die Verneinung sein: es ist kein +Nichtgutes.</p> + +<p>Sie (die fraglichen Probleme) haben aber folgende Stellung zueinander. +Gut sein sei A, nicht gut sein sei B; ein Nichtgutes sein sei C und +stehe unter B; kein Nichtgutes sein sei D und stehe unter A.</p> + +<p>Nun wird allem entweder A oder B zukommen, und nie einem und demselben +beides.</p> + +<p>Und: entweder C oder D, und nie einem und demselben beides.</p> + +<p>Und: wem C zukommt, kommt notwendig nach dessen ganzem Umfang B zu. +<span class="sidenote">52 a</span>Denn wenn es wahr ist, zu sagen, daß etwas nichtweiß ist, dann auch, +daß es nicht weiß ist. Denn es kann unmöglich zugleich weiß sein und +nicht weiß sein, oder nichtweißes Holz sein und weißes Holz sein, +und so wird denn, wenn nicht <span class="pagenum" id="Page_89">[Pg 89]</span>die Bejahung zutrifft, die Verneinung +zutreffen. Dem B wird aber nicht immer C zukommen. Denn was überhaupt +kein Holz ist, wird auch kein nichtweißes Holz sein.</p> + +<p>Umgekehrt aber muß allem, dem A zukommt, D zukommen. Denn ihm kommt +entweder C oder D zu. Da etwas aber unmöglich zugleich nicht weiß und +weiß sein kann, wird ihm D zukommen. Denn von dem, was weiß ist, ist es +wahr, zu sagen, daß es kein Nichtweißes ist.</p> + +<p>Dagegen gilt A nicht von allem D. Denn von dem, was überhaupt kein Holz +ist, ist es nicht wahr, A auszusagen und zu behaupten, daß es⁠<a id="FNanchor_D_4" href="#Footnote_D_4" class="fnanchor">[D]</a> weißes +Holz ist. So ist denn D wahr, A dagegen, daß es weißes Holz ist, ist +nicht wahr.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_D_4" href="#FNanchor_D_4" class="label">[D]</a> Z. 11 οὐ ausgelassen.</p></div> + +</div> + +<p>Man sieht aber auch, daß AC nie einem und demselben zukommen kann, wohl +aber B und D⁠<a id="FNanchor_200_208" href="#Footnote_200_208" class="fnanchor">[200]</a>⁠.</p> + +<p>Übereinstimmend mit dieser Stellung der Sätze, die ein unbestimmtes +Prädikat haben, verhalten sich zu den Sätzen mit bestimmtem Prädikat +die Verneinungen. A sei gleich, B sei nicht gleich, C ungleich, D nicht +ungleich.</p> + +<p>Aber auch bei Vielheiten, wo dasselbe dem einen zukommt, dem anderen +nicht, kann die Verneinung gleich wahr sein, daß nicht alle weiß sind, +oder daß nicht jedes weiß ist, während die Bejahung, daß jedes ein +Nichtweißes ist oder alle ein Nichtweißes sind, falsch ist. Ebenso ist +zu dem Satz: jedes sinnliche Wesen ist weiß, die Verneinung nicht: +jedes sinnliche Wesen ist ein Nichtweißes — sind doch beide Sätze +falsch —, sondern: nicht jedes sinnliche Wesen ist weiß⁠<a id="FNanchor_201_209" href="#Footnote_201_209" class="fnanchor">[201]</a>⁠.</p> + +<p>Da es aber offenbar etwas anderes bedeutet, wenn man sagt: es ist ein +Nichtweißes, wie wenn man sagt: es ist nicht weiß, indem das eine +Bejahung, das andere Verneinung ist, so erhellt, daß beides nicht +auf gleiche Weise bewiesen wird. Es werden z. B. diese Sätze nicht +auf gleiche Weise bewiesen: was immer ein sinnliches <span class="pagenum" id="Page_90">[Pg 90]</span>Wesen ist, ist +nicht weiß oder ist möglicherweise nicht weiß, und: es ist wahr, wenn +man es nichtweiß nennt. Denn das heißt, wenn es nichtweiß sein soll. +Vielmehr gilt für den Satz: es ist wahr, wenn man es, sei es nun weiß +oder nichtweiß nennt, derselbe Modus; beweist man doch beides erhärtend +durch die erste Figur, da „wahr“ dem „ist“ gleichgesetzt wird. Denn +von: „wahr, wenn man es weiß nennt“, ist die Verneinung nicht: „wahr, +wenn man es nichtweiß nennt“, sondern: „nicht wahr, wenn man es weiß +nennt“. Ist es also wahr, wenn man sagt: was Mensch ist, ist gebildet +oder ist nichtgebildet, so muß man, um eben dieses zu erhärten, die +Annahme zugrunde legen: was ein sinnliches Wesen ist, ist entweder +gebildet oder ist nichtgebildet, und der Beweis ist erbracht. Dagegen +daß das, was Mensch ist, nicht gebildet ist, beweist man widerlegend +nach den drei angeführten Modi⁠<a id="FNanchor_202_210" href="#Footnote_202_210" class="fnanchor">[202]</a>⁠.</p> + +<p>Nun gilt, um sie auf einen einfachen Ausdruck zu bringen, die Regel, +daß wenn A und B sich so zueinander verhält, daß es nicht zugleich +demselben zukommen kann, wohl aber das eine oder das andere davon jedem +zukommen muß, <span class="sidenote">52 b</span>und wenn wieder C und D sich ebenso zueinander verhält, +und endlich A auf C folgt, aber nicht umgekehrt — nun, dann muß auch D +auf B folgen, aber nicht umgekehrt; und A und D kann demselben Subjekt +zukommen, nicht aber B und C⁠<a id="FNanchor_203_211" href="#Footnote_203_211" class="fnanchor">[203]</a>⁠.</p> + +<p id="K46_folg_4">Daß zunächst D auf B folgt, ist aus folgendem klar. Da jedem Ding das +eine oder das andere von CD notwendig folgt und wem B folgt, C nicht +folgen kann, weil es gleichzeitig das A mit sich führt und A und B +nicht einem und demselben folgen kann, so leuchtet ein, daß auf B das D +folgen muß.</p> + +<p>Wiederum, da C nicht mit A konvertibel ist und jedem Ding C oder D +zukommt, so kommt A und D möglicherweise einem und demselben zu.</p> + +<p>Dahingegen kann B und C das nicht, weil C das A im Gefolge hat und sich +so eine Unmöglichkeit ergibt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_91">[Pg 91]</span></p> + +<p>Endlich kann offenbar auch D und B nicht wechselseitig umgekehrt +werden, da es ja möglich ist, daß D und A einem Subjekt zugleich +beiwohnt.</p> + +<p>Zuweilen geschieht es aber auch, daß man bei einer solchen +gegenseitigen Stellung der Begriffe getäuscht wird, weil man das +Entgegengesetzte, wovon das eine oder das andere notwendig jedem Ding +zukommt, nicht richtig faßt.</p> + +<p>Gesetzt also, daß A und B nicht zugleich demselben Subjekt zukommen +kann, aber dem Subjekt dem das eine nicht zukommt, das andere zukommen +muß; und mit C und D wieder soll es ebenso sein, aber wem C folgt, +dem allen soll A folgen. Da soll denn die Folge sein, daß dem, dem D +zukommt, notwendig B zukommt, was ja falsch ist.</p> + +<p>Denn man nehme als Verneinung von AB die Behauptung F, und wieder +als Verneinung von CD die Behauptung H. Da wird denn notwendig jedem +Ding entweder A oder F zukommen, nämlich entweder die Bejahung oder +die Verneinung. Und wieder entweder C oder H; denn das ist Bejahung +und Verneinung. Und wem C, dem allen kommt nach der Voraussetzung A +zu. Also wem F, dem allen kommt H zu. Wiederum, da von FB jedem Ding +entweder das eine oder das andere zukommt und ebenso von HD, und da +auf F das H folgt, so wird auch auf D das B folgen. Das wissen wir ja +schon. Wenn mithin dem C das A, dann folgt auch dem D das B. Das ist +aber falsch. Denn die logische Folge ist, wie wir gesehen haben, bei +einer solchen Beschaffenheit der Begriffe gerade umgekehrt.</p> + +<p>Nämlich, es braucht vielleicht nicht allem entweder das A oder das F, +noch das F oder das B beizuwohnen, weil F nicht die Verneinung von A +ist. Denn die Verneinung von „gut“ ist „nicht gut“. „Nicht gut“ ist +aber nicht dasselbe wie „weder gut noch nicht gut“. Ebenso ist es bei +CD. Denn der angenommenen Verneinungen sind statt einer zwei⁠<a id="FNanchor_204_212" href="#Footnote_204_212" class="fnanchor">[204]</a>⁠.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_92">[Pg 92]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Zweites_Buch"> + Zweites Buch. + </h2> + +</div> + +<h3 id="Zweites_Buch_Erstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Erstes Kapitel</em>.</h3> + +<p>Wir haben jetzt dargelegt, in wie vielen Figuren und durch welcherlei +und wie viele Prämissen und wann und wie ein Schluß zustande kommt, +ferner, worauf man bei der Widerlegung und der Erhärtung zu sehen +hat, <span class="sidenote">53 a</span>und wie man für ein Problem nach jedweder Methode das Nötige +suchen muß, ferner, auf welchem Wege wir die jeweiligen Prinzipien +erhalten⁠<a id="FNanchor_205_213" href="#Footnote_205_213" class="fnanchor">[205]</a>⁠.</p> + +<p>Da aber von den Schlüssen die einen allgemein, die anderen partikulär +sind, so ergeben alle allgemeinen Schlüsse immer mehreres, von den +partikulären Schlüssen dagegen ergeben die bejahenden mehreres, die +verneinenden aber nur den Schlußsatz<a id="FNanchor_206_213a" href="#Footnote_206_213a" class="fnanchor">[206]</a>⁠.</p> + +<p>Denn die anderen Sätze lassen sich umkehren, der verneinende Satz aber +läßt sich nicht umkehren (vgl. <a href="#Erstes_Buch_Zweites_Kapitel">1, K. 2</a>). Nun besagt aber die Konklusion +etwas von etwas⁠<a id="FNanchor_207_214" href="#Footnote_207_214" class="fnanchor">[207]</a>⁠. Mithin ergeben die anderen Schlüsse mehrere +Konklusionen.</p> + +<p>Wenn z. B. von A bewiesen ist, daß es jedem oder einem B zukommt, muß +auch B einem A zukommen. Und wenn bewiesen ist, daß A keinem B zukommt, +so wird auch B keinem A zukommen. Nun ist aber diese Konklusion von der +vorigen verschieden. Wenn A aber einem B nicht zukommt, braucht nicht +auch B einem A nicht zuzukommen. Denn möglicherweise kommt es jedem zu.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_93">[Pg 93]</span></p> + +<p>Das ist also ein gemeinsamer Grund für alle Schlüsse, die mehr als eine +Konklusion ergeben, für die allgemeinen wie für die partikulären. Bei +den allgemeinen Schlüssen aber läßt sich die Sache auch noch anders +begründen.</p> + +<p>Denn für alles, was entweder unter den Mittelbegriff oder das Subjekt +der Konklusion fällt, muß derselbe Schluß gelten, wenn man es an Stelle +des Mittelbegriffs, beziehungsweise des Subjekts der Konklusion setzt.</p> + +<p>Wenn z. B. der Schlußsatz AB durch C vermittelt ist, so wird das A +notwendig von allem ausgesagt, was unter B oder C fällt. Denn wenn D in +dem Umfang von B und B in dem Umfang von A enthalten ist, so wird auch +D in dem Umfang von A enthalten sein. Wiederum, wenn E in dem Umfang +von C und C in dem von A enthalten ist, wird auch E in dem Umfang von A +enthalten sein. Das Nämliche gilt, wenn der Schluß verneinend ist⁠<a id="FNanchor_208_215" href="#Footnote_208_215" class="fnanchor">[208]</a>⁠.</p> + +<p>In der zweiten Figur kann man nur auf das schließen, was unter die +Konklusion fällt, wenn also A keinem B und jedem C zukommt. Die +Konklusion sagt dann aus, daß B keinem C zukommt. Wenn nun D unter C +begriffen ist, so kommt B ihm offenbar nicht zu. Daß es aber dem, was +unter A begriffen ist, nicht zukommt, erhellt aus dem Schluß nicht. +Gleichwohl kommt es dem E nicht zu, wenn es unter A begriffen ist. Aber +daß B keinem C zukommt, ist durch den Schluß bewiesen worden. Daß es +aber dem A nicht zukommt, ist ohne Beweis angenommen worden, und so +ergibt sich nicht durch den Schluß, daß B dem E nicht zukommt⁠<a id="FNanchor_209_216" href="#Footnote_209_216" class="fnanchor">[209]</a>⁠.</p> + +<p>Bei den partikulären Schlüssen (der ersten Figur) aber kann sich für +das unter die Konklusion Fallende keine Notwendigkeit ergeben — denn +es geschieht kein Schluß, wenn dieselbe partikulär gefaßt ist —, wohl +aber für alles, was unter den Mittelbegriff fällt, nur freilich nicht +auf Grund des Schlusses, wenn also A jedem B und B einem C zukommt. +Denn da kann sich auf das unter C Stehende kein Schluß ergeben, wohl +<span class="pagenum" id="Page_94">[Pg 94]</span>aber auf das unter B Stehende, aber nicht auf Grund des Schlusses, der +zuerst errichtet worden ist⁠<a id="FNanchor_210_217" href="#Footnote_210_217" class="fnanchor">[210]</a>⁠.</p> + +<p>Ebenso ist es in den anderen Figuren: auf das unter die Konklusion +Fallende gibt es in ihnen keinen Schluß, wohl aber auf das andere (das +unter den Mittelbegriff Fallende), <span class="sidenote">53 b</span>nur (wieder) nicht auf Grund des +Schlusses, sofern auch bei den allgemeinen Schlüssen, wie wir gesehen +haben, das unter dem Mittelbegriff Stehende aus der unbewiesenen +Prämisse gezeigt wird. Und so wird es denn entweder auch dort keinen +Schluß geben, oder es wird auch hier einen geben⁠<a id="FNanchor_211_218" href="#Footnote_211_218" class="fnanchor">[211]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Zweites_Kapitel"><em class="gesperrt">Zweites Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Die Prämissen, durch die der Schluß zustande kommt, können nun wahr und +können falsch und es kann die eine wahr und die andere falsch sein. Der +Schlußsatz aber ist notwendig entweder wahr oder falsch.</p> + +<p id="K2_2_Abs_2">Aus wahren Prämissen nun kann man nichts Falsches schließen, aus +falschen aber Wahres, jedoch nicht so, daß gezeigt wird, <em class="gesperrt">warum</em> +etwas wahr ist, sondern nur, <em class="gesperrt">daß</em> etwas wahr ist. Denn auf das +Warum ist kein Schluß aus falschen Prämissen möglich; aus welchem +Grunde soll im folgenden erklärt werden⁠<a id="FNanchor_212_219" href="#Footnote_212_219" class="fnanchor">[212]</a>⁠.</p> + +<p>Daß nun zunächst aus Wahrem nichts Falsches geschlossen werden kann, +ist aus folgendem klar.</p> + +<p>Wenn falls A ist, notwendig B ist, so ist, falls B nicht ist, notwendig +A nicht. Wenn nun A wahr ist, muß B wahr sein, sonst würde folgen, daß +dasselbe zugleich ist und nicht ist, was unmöglich ist⁠<a id="FNanchor_213_220" href="#Footnote_213_220" class="fnanchor">[213]</a>⁠.</p> + +<p>Man darf aber deshalb, weil A als <em class="gesperrt">ein</em> Begriff steht, nicht +meinen, daß wenn nur Eines ist, etwas notwendig folgen könne⁠<a id="FNanchor_214_221" href="#Footnote_214_221" class="fnanchor">[214]</a>⁠. +Denn das ist nicht möglich. Ist doch das, was notwendig folgt, der +Schlußsatz; das aber, wodurch er gewonnen wird, sind mindestens drei +Begriffe und zwei Sätze und Prämissen. Wenn es nun wahr ist, daß allem, +dem B zukommt, A zukommt, und wem C, B, so muß dem, dem C zukommt, A +zukommen, <span class="pagenum" id="Page_95">[Pg 95]</span>und es ist nicht möglich, daß das falsch ist. Denn es würde +sonst eines und dasselbe einem Subjekt zukommen und nicht zukommen. A +steht also als Eines: zwei Prämissen in eins gefaßt.</p> + +<p>Ebenso verhält es sich mit den verneinenden Sätzen; denn aus wahren +Sätzen kann nichts Falsches bewiesen werden.</p> + +<p>Aus falschen Sätzen aber kann Wahres geschlossen werden, sowohl wenn +beide Prämissen falsch sind, als wenn nur die eine es ist. Aber dies +darf nicht jedwede, sondern nur die zweite sein, wenigstens wenn man +sie ganz als falsch nimmt; nimmt man sie nicht ganz als falsch, so kann +es jede von beiden Prämissen sein.</p> + +<p>Denn es soll A dem ganzen C zukommen, aber keinem B, und B auch keinem +C. Dieses kann sich so schicken, wie etwa keinem Stein sinnliches Wesen +und Stein keinem Menschen zukommt. Wenn man nun annimmt, daß A jedem B +und B jedem C zukommt, so erhält man aus den zwei falschen Prämissen +einen wahren Schlußsatz. Denn jeder Mensch ist ein sinnenbegabtes Wesen.</p> + +<p>Ebenso ist es bei der Verneinung. Denn es kann sein, daß weder A noch +B irgendeinem C zukommt, jedoch A jedem B, wie z. B. wenn bei Annahme +derselben Begriffe, wie vorhin Mensch als Mittelbegriff gesetzt wird. +Denn weder sinnliches Wesen, noch Mensch wohnt irgendeinem Stein bei, +wohl aber jedem Menschen sinnliches Wesen. Und wenn wir also setzen, +daß der Begriff Mensch keinem zukommt, dem er zukommt, und jedem +zukommt, dem er nicht zukommt, so wird man aus den zwei falschen +Prämissen einen wahren Schlußsatz erhalten.</p> + +<p><span class="sidenote">54 a</span>Ebenso wird der Beweis geführt werden, wenn man Prämissen nimmt, die +beide nach einem Teil ihres Inhalts falsch sind⁠<a id="FNanchor_215_222" href="#Footnote_215_222" class="fnanchor">[215]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn man aber nur eine von den Prämissen als falsch setzt, so kann, +wenn die erste, also AB, ganz falsch ist, der Schlußsatz nicht wahr +sein, wohl aber, wenn BC es ist. Ganz falsch nenne ich die Prämisse, +<span class="pagenum" id="Page_96">[Pg 96]</span>die der wahren konträr ist, also wenn man das, was keinem zukommt, +jedem, und das, was jedem zukommt, keinem zukommen läßt.</p> + +<p>Denn es soll A keinem B zukommen, B aber jedem C. Wenn ich nun die +Prämisse BC wahrheitsgemäß setze, dagegen die Prämisse AB ganz falsch, +so daß also A jedem B zukäme, so kann der Schlußsatz unmöglich wahr +sein. Denn A dürfte keinem C zukommen, da ja keinem, dem B zukam, A +zukam und B jedem C zukam⁠<a id="FNanchor_216_223" href="#Footnote_216_223" class="fnanchor">[216]</a>⁠.</p> + +<p>Ebenso wird der Schlußsatz nicht wahr sein wenn A jedem B zukommt und +B jedem C und die Prämisse BC wahrheitsgemäß gesetzt wird, dagegen die +Prämisse AB ganz falsch, als ob nämlich keinem, dem B zukommt, A zukäme +— auch so, sage ich, wird der Schlußsatz falsch sein. Denn A wird +jedem C zukommen, da ja jedem, dem B, A, B aber jedem C zukommt⁠<a id="FNanchor_217_224" href="#Footnote_217_224" class="fnanchor">[217]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also: wenn die erste Prämisse ganz falsch genommen wird, +mag sie nun bejahend oder verneinend sein, die zweite Prämisse aber +wahrheitsgemäß, so kommt kein wahrer Schlußsatz heraus.</p> + +<p>Wenn sie aber nicht ganz falsch genommen wird, ergibt sich ein wahrer +Schlußsatz. Denn wenn A jedem C und einigem B zukommt, und B jedem C, +wie z. B. Sinnenwesen jedem Schwan und einigem Weißen und Weiß jedem +Schwan, und wenn man nun annimmt, daß A jedem B und B jedem C zukommt, +so wird A in Wahrheit jedem C zukommen, da jeder Schwan ein Sinnenwesen +ist. Ebenso, wenn AB verneinend ist. Denn es ist möglich, daß A einem +B, aber keinem C, B aber jedem C zukommt, wie etwa Sinnenwesen einem +Weißen, aber keinem Schnee, dagegen Weiß allem Schnee. Nimmt man nun +an, daß A keinem B, B aber jedem C zukommt, so wird A keinem C zukommen.</p> + +<p>Wird aber die Prämisse AB ganz wahr genommen und die Prämisse BC ganz +falsch, so kann ein wahrer Schluß erfolgen. Denn nichts hindert, daß +A jedem B und C zukommt, dagegen B keinem C, wie z. B. die sich nicht +untergeordneten Arten derselben Gattung. <span class="pagenum" id="Page_97">[Pg 97]</span>Denn Sinnenwesen kommt dem +Pferde wie dem Menschen zu, aber Pferd keinem Menschen. Läßt man nun +A jedem B und B jedem C zukommen, so wird der Schlußsatz wahr sein, +während die Prämisse BC ganz falsch ist.</p> + +<p>Ebenso, wenn die Prämisse AB verneinend ist. Denn möglicherweise kommt +A keinem B und keinem C zu und B keinem C, wie die Gattung den Arten +aus einer anderen Gattung. Denn Sinnenwesen kommt weder der Musik noch +der Heilkunst zu und die Musik nicht der Heilkunst. <span class="sidenote">54 b</span>Läßt man nun A +keinem B und B jedem C zukommen, so wird der Schlußsatz wahr sein.</p> + +<p>Und wenn die Prämisse BC nicht ganz, sondern nur teilweise falsch ist, +wird der Schlußsatz auch so wahr sein. Denn nichts hindert, daß A dem +ganzen B und C zukommt, B aber einem C, wie die Gattung der Art und der +Differenz. Denn Sinnenwesen kommt jedem Menschen und jedem gehenden +Wesen, Mensch aber einem, nicht jedem gehenden Wesen zu. Läßt man nun +A jedem B und B jedem C zukommen, so wird A jedem C zukommen, was +ja wahr sein mag. Ebenso, wenn die Prämisse AB verneinend ist. Denn +möglicherweise kommt A keinem B und keinem C zu, aber B einem C, wie +die Gattung der Art und der Differenz aus einer anderen Gattung. Denn +Sinnenwesen kommt keiner Klugheit und keinem theoretischen Vermögen zu, +aber die Klugheit wird von einem theoretischen Vermögen ausgesagt. Läßt +man nun A keinem B und B jedem C zukommen, so wird A keinem C zukommen. +Und das ist in dem angeführten Beispiel wahr⁠<a id="FNanchor_218_225" href="#Footnote_218_225" class="fnanchor">[218]</a>⁠.</p> + +<p>Bei den partikulären Schlüssen kann der Schlußsatz wahr sein, wenn die +erste Prämisse ganz falsch und die zweite wahr ist, ferner ebenso, wenn +die erste teilweise falsch und die zweite⁠<a id="FNanchor_E_5" href="#Footnote_E_5" class="fnanchor">[E]</a> wahr ist und wenn jene +wahr, diese teilweise falsch ist, endlich, wenn beide falsch sind⁠<a id="FNanchor_219_226" href="#Footnote_219_226" class="fnanchor">[219]</a>⁠.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_E_5" href="#FNanchor_E_5" class="label">[E]</a> Z. 20 ὅλης ausgelassen.</p></div> + +</div> + +<p>Denn es steht nichts im Wege, daß A keinem B <span class="pagenum" id="Page_98">[Pg 98]</span>zukommt, aber einem C, +und B einem C, wie der Begriff Sinnenwesen keinem Schnee und einem +Weißen zukommt und Schnee einem Weißen. Setzt man nun Schnee als +Mittelbegriff und Sinnenwesen als ersten Begriff und läßt A jedem +B zukommen und B einem C, so ist AB ganz falsch, BC wahr und der +Schlußsatz wahr. Gleiches gilt, wenn die Prämisse AB verneinend ist. +Denn A kann dem ganzen B zukommen und einem C nicht zukommen, dagegen +kann B einem C zukommen, wie sinnlich wahrnehmendes Wesen jedem +Menschen zukommt und einigem Weißen nicht logisch folgt, während Mensch +einigem Weißen zukommt. Setzt man folglich Mensch als Mittelbegriff und +läßt A keinem B und B einem C zukommen, so wird der Schlußsatz wahr +sein, während die Prämisse AB ganz falsch ist. Und wenn die Prämisse AB +zum Teil falsch ist, wird die Konklusion wahr sein. Denn A kann ganz +wohl, wie einem B, so einem C und B einem C zukommen, wie Sinnenwesen +einem Schönen und einem Großen und schön wieder einem Großen zukommen +kann. Läßt man nun A jedem B zukommen und B einem C, so wird die +Prämisse AB zum Teil falsch sein, <span class="sidenote">55 a</span>die Prämisse BC aber wahr und der +Schlußsatz wahr. Gleiches gilt, wenn die Prämisse AB verneinend ist. +Denn für den Beweis werden die Begriffe dieselben sein und dieselbe +Stellung haben.</p> + +<p>Wiederum, wenn die Prämisse AB wahr und die Prämisse BC falsch ist, +wird der Schlußsatz wahr sein. Denn nichts hindert, daß A dem ganzen +B zukommt und einem C, während B keinem C zukommt, wie Sinnenwesen +jedem Schwan und einem Schwarzen, Schwan dagegen keinem Schwarzen. +Läßt man nun A jedem B und B einem C zukommen, so wird der Schlußsatz +wahr sein, während BC falsch ist. Ebenso, wenn man die Prämisse AB +verneinend nimmt. Denn es ist möglich, daß A keinem B zukommt und einem +C nicht zukommt, und B keinem C, wie z. B. die Gattung der Art aus +einer anderen Gattung und den Akzidenzien ihrer eigenen Arten. Denn +Sinnenwesen kommt zwar <span class="pagenum" id="Page_99">[Pg 99]</span>keiner Zahl, aber einem Weißen zu, Zahl aber +keinem Weißen. Setzt man nun Zahl als Mittelbegriff und läßt A keinem +B, B aber einem C zukommen, so wird A einem C nicht zukommen, was ja +wahr war, und dabei ist die Prämisse AB wahr, dagegen die Prämisse BC +falsch.</p> + +<p>Und, wenn die Prämisse AB zum Teil falsch ist, dabei aber auch die +Prämisse BC falsch ist, wird der Schlußsatz wahr sein. Denn nichts +hindert, daß A je einigem B und C zukommt, B aber keinem C, wie wenn +B dem C konträr entgegengesetzt ist und beide Akzidenzien derselben +Gattung sind. Denn Sinnenwesen kommt einem Weißen und einem Schwarzen +zu, aber Weißes keinem Schwarzen. Läßt man nun A jedem B und B einem C +zukommen, so wird der Schlußsatz wahr sein. Aber es ist auch so, wenn +man die Prämisse AB verneinend nimmt. Denn zum Behufe des Beweises wird +man dieselben Begriffe, in derselben Ordnung, aufstellen.</p> + +<p>Endlich, auch wenn beide Prämissen falsch sind, wird der Schlußsatz +wahr sein. Denn es ist möglich, daß A keinem B, B aber einem C zukommt, +während B keinem C zukommt, wie z. B. die Gattung der Art aus einer +anderen Gattung und dem, was ihrer eigenen Art mitfolgend beiwohnt. +Denn Sinnenwesen kommt keiner Zahl, aber einem Weißen zu, und die Zahl +keinem Weißen. Läßt man nun A jedem B und B einem C zukommen, so ist +der Schlußsatz wahr, während beide Prämissen falsch sind. Ebenso, wenn +die Prämisse AB verneinend ist. Denn nichts hindert, daß A dem ganzen B +zukommt, aber einigen C nicht zukommt, und B keinem C, wie Sinnenwesen +jedem Schwan zukommt, aber einigen Schwarzen nicht zukommt, und Schwan +keinem Schwarzen. Läßt man also A keinem B und B einem C zukommen, so +kommt A einem C nicht zu. <span class="sidenote">55 b</span>So ist denn der Schlußsatz wahr, während die +Prämissen falsch sind.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_100">[Pg 100]</span></p> + +<h3 id="Zweites_Buch_Drittes_Kapitel"><em class="gesperrt">Drittes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>In der mittleren Figur läßt sich in allen Formen und Fällen aus +Falschem Wahres schließen, mag man beide Prämissen ganz falsch ansetzen +oder jede nur zum Teil, und mag die eine ganz wahr, die andere ganz +falsch sein, gleichviel welche von beiden man falsch ansetzt, und mögen +beide nur zum Teil falsch sein oder die eine schlechthin wahr, die +andere zum Teil falsch, oder mag die eine ganz falsch, die andere zum +Teil wahr sein, und das gilt sowohl für die allgemeinen, als auch für +die partikulären Schlüsse.</p> + +<p>Denn wenn A keinem B, aber jedem C zukommt, wie Sinnenwesen keinem +Stein, aber jedem Pferd, und wenn man dann die Prämissen in konträrer +Weise faßt und also A jedem B, aber keinem C zukommen läßt, so wird +sich aus ganz falschen Prämissen ein wahrer Schlußsatz ergeben. Ebenso, +wenn A jedem B, aber keinem C zukommt; denn man wird denselben Schluß +erhalten.</p> + +<p>Wiederum, wenn die eine Prämisse ganz falsch, die andere ganz wahr ist; +denn nichts hindert, daß A jedem B und C zukommt, aber B keinem C, wie +die Gattung den Arten, die nicht untereinander begriffen sind. Denn +Sinnenwesen kommt, wie jedem Pferd, so jedem Menschen zu, und dabei ist +kein Mensch ein Pferd. Läßt man nun Sinnenwesen dem einen ganz, dem +anderen gar nicht zukommen, so wird die eine Prämisse ganz falsch sein, +die andere ganz wahr und der Schlußsatz wahr, zu welcher Prämisse man +auch die Verneinung setzen möge.</p> + +<p>Und, wenn die eine Prämisse zum Teil falsch, die andere ganz wahr ist. +Denn es ist möglich, daß A einem B und jedem C zukommt, aber B keinem +C, wie Sinnenwesen einem Weißen und jedem Raben, und weiß keinem Raben. +Läßt man nun A keinem B und dem ganzen C zukommen, so ist die Prämisse +AB zum Teil falsch, die Prämisse AC ganz wahr, und der Schlußsatz ist +wahr. Ebenso, wenn man die Verneinung <span class="pagenum" id="Page_101">[Pg 101]</span>umstellt. Denn der Beweis läßt +sich mit Hilfe derselben Begriffe führen. Und, wenn die bejahende +Prämisse zum Teil falsch, die verneinende aber ganz wahr ist. Denn +nichts hindert, daß A einem B zukommt, aber dem ganzen C nicht zukommt, +und B keinem C, wie Sinnenwesen einem Weißen, aber keinem Pech, und +weiß keinem Pech. Und läßt man so A dem ganzen B zukommen, aber keinem +C, so ist die Prämisse AB zum Teil falsch, die Prämisse AC ganz wahr, +und die Konklusion ist wahr.</p> + +<p>Und, wenn beide Prämissen zum Teil falsch sind, kann die Konklusion +wahr sein. Denn es ist möglich, daß A einem B und einem C zukommt, B +aber keinem C, <span class="sidenote">56 a</span>wie Sinnenwesen einem Weißen und einem Schwarzen, weiß +aber keinem Schwarzen. Läßt man nun A jedem B, aber keinem C zukommen, +so sind beide Prämissen zum Teil falsch, die Konklusion aber ist wahr. +Ebenso, wenn man die Verneinung umstellt, wofür der Beweis durch +dieselben Begriffe geführt wird.</p> + +<p>Auch bei den partikulären Schlüssen leuchtet dieses ein. Denn nichts +hindert, daß A jedem B und einem C zukommt und B einem C nicht zukommt, +wie etwa Sinnenwesen jedem Menschen und einigem Weißen zukommen wird, +und Mensch einigem Weißen nicht. Wenn man nun A keinem B und einem C +zukommen läßt, ist die allgemeine Prämisse ganz falsch, die partikuläre +wahr und der Schlußsatz wahr.</p> + +<p>Ebenso, wenn man die Prämisse AB bejahend nimmt. Denn es ist möglich, +daß A keinem B zukommt und einem C nicht zukommt und B einem C nicht +zukommt, wie etwa Sinnenwesen keinem Unbeseelten zukommt und einigem +Weißen nicht zukommt und unbeseelt einigem Weißen nicht zukommen wird. +Läßt man nun A jedem B zukommen und einigem C nicht zukommen, so ist +die allgemeine Prämisse AB ganz falsch, die Prämisse AC wahr und der +Schlußsatz wahr.</p> + +<p>Und, wenn die allgemeine Prämisse wahr und die partikuläre falsch +aufgestellt ist. Denn nichts hindert, <span class="pagenum" id="Page_102">[Pg 102]</span>daß A weder einem B noch einem +C folgt, dagegen B nur einigem C nicht zukommt, wie Sinnenwesen +keiner Zahl und keinem Unbeseelten folgt und Zahl einigem Unbeseelten +nicht folgt. Läßt man nun A keinem B, aber einem C zukommen, so wird +der Schlußsatz wahr sein und ebenso die allgemeine Prämisse, die +partikuläre aber ist falsch. Ebenso, wenn die allgemeine Prämisse +bejahend gesetzt wird. Denn es ist möglich, daß A allem B und C +zukommt, aber B auf ein C nicht logisch folgt, wie die Gattung auf die +Art und die Differenz. Denn Sinnenwesen folgt auf alles, was Mensch +ist, und folgt auf gehend in dessen ganzem Umfange, aber Mensch nicht +auf alles, was sich durch gehen fortbewegt. Läßt man nun A allem B +zukommen, aber einem C nicht zukommen, so ist die allgemeine Prämisse +wahr, die partikuläre aber falsch, der Schlußsatz aber wahr.</p> + +<p>Endlich leuchtet auch ein, daß der Schlußsatz bei Falschheit beider +Prämissen wahr sein kann, da es ja möglich ist, daß A allem B und C +zukommt, während B auf einiges C nicht folgt. Denn läßt man A keinem +B, aber einem C zukommen, so sind die Prämissen beide falsch, der +Schlußsatz aber ist wahr. Ebenso, wenn die allgemeine Prämisse bejahend +und die partikuläre verneinend ist. Denn es ist möglich, daß A keinem +B und jedem C folgt und B einem C nicht zukommt, wie z. B. Sinnenwesen +auf keine Wissenschaft, aber auf alles, was Mensch ist, folgt, die +Wissenschaft aber nicht auf alles, was Mensch ist. Läßt man nun A allem +B zukommen, <span class="sidenote">56 b</span>aber auf einiges, was C ist, nicht folgen, so sind die +Prämissen falsch, der Schlußsatz aber ist wahr.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Viertes_Kapitel"><em class="gesperrt">Viertes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Auch in der letzten Figur kann aus Falschem Wahres folgen, mögen beide +Prämissen ganz falsch sein oder jede nur zum Teil, und möge die eine +ganz wahr, die andere ganz falsch sein, und möge die eine nur zum <span class="pagenum" id="Page_103">[Pg 103]</span>Teil +falsch, die andere ganz wahr sein, und umgekehrt, und auf wie viele +Weisen man sonst noch mit den Prämissen wechseln kann.</p> + +<p>Denn nichts hindert, daß weder A noch B irgendeinem C zukommt, +A dagegen einem B, wie z. B. weder Mensch noch Gehendes auf ein +Unbeseeltes folgt, Mensch dagegen einigem Gehenden zukommt. Läßt man +nun A und B jedem C zukommen, so sind die Prämissen ganz falsch, der +Schlußsatz aber wahr. Ebenso, wenn die eine Prämisse verneinend, die +andere bejahend ist. Denn es ist möglich, das B keinem, aber A jedem +C zukommt und A einem B nicht zukommt, wie z. B. schwarz keinem und +Sinnenwesen jedem Schwan und Sinnenwesen nicht jedem Schwarzen zukommt. +Läßt man nun B jedem und A keinem C zukommen, so wird A einem B nicht +zukommen; und so ist der Schlußsatz wahr, die Prämissen aber sind +falsch.</p> + +<p>Und, wenn jede Prämisse zum Teil falsch ist, wird der Schlußsatz wahr +sein. Denn nichts hindert, daß A wie B einem C zukommt, und A einem +B, wie z. B. weiß und schön einem Sinnenwesen zukommt, und weiß einem +Schönen. Läßt man nun A und B jedem C zukommen, so sind die Prämissen +zum Teil falsch, der Schlußsatz aber ist wahr. Ebenso, wenn die +Prämisse AC verneinend gefaßt ist. Denn nichts hindert, daß A einem C +nicht zukommt, B aber wohl, und daß A nicht jedem B zukommt, wie z. B. +weiß einigen Sinnenwesen nicht zukommt, schön aber wohl, und weiß nicht +jedem Schönen. Läßt man nun A keinem und B jedem C zukommen, so sind +beide Prämissen zum Teil falsch, der Schlußsatz aber ist wahr.</p> + +<p>Ebenso, wenn die eine Prämisse ganz falsch, die andere ganz wahr ist. +Denn es ist möglich, daß A wie B auf jedes C folgt, dagegen A einem +B nicht zukommt, wie z. B. Sinnenwesen und weiß auf alles folgt, was +Schwan ist, dagegen Sinnenwesen nicht jedem Weißen zukommt. Läßt man +nun, wo diese Begriffe angenommen werden, B dem ganzen C zukommen und A +dem ganzen C nicht zukommen, so wird die Prämisse <span class="pagenum" id="Page_104">[Pg 104]</span>BC ganz wahr sein, +die Prämisse AC ganz falsch, und der Schlußsatz ist wahr. Ebenso, +wenn BC falsch und AC wahr ist. Zum Beweis können dieselben Begriffe +verwandt werden: <span class="sidenote" id="s_57_a">57 a</span>schwarz, Schwan, unbeseelt.</p> + +<p>Aber auch, wenn man beide Prämissen bejahend setzt. Denn nichts +hindert, daß B auf jedes C folgt und A dem ganzen C nicht zukommt, aber +A einem B, wie z. B. allem, was Schwan ist, Sinnenwesen und schwarz +keinem Schwan zukommt, und dabei schwarz einigen Sinnenwesen zukommt. +Und so ist, wenn man A und B jedem C zukommen läßt, die Prämisse BC +ganz wahr, die Prämisse AC ganz falsch und der Schlußsatz wahr. Ebenso, +wenn die Prämisse AC wahrheitsgemäß aufgestellt wird; der Beweis läßt +sich mittelst derselben Begriffe führen.</p> + +<p>Wiederum, wenn die eine Prämisse ganz wahr, die andere zum Teil falsch +ist. Denn es kann B jedem und A einem C zukommen, und A einem B, wie +z. B. zweifüßig jedem Menschen und schön nicht jedem Menschen, und die +Schönheit einigem Zweifüßigen zukommt. Läßt man nun A wie B dem ganzen +C zukommen, so ist die Prämisse BC ganz wahr, die Prämisse AC aber zum +Teil falsch, der Schlußsatz aber ist wahr. Ebenso, wenn die Prämisse +AC wahr, BC aber zum Teil falsch ist. Denn der Beweis wird geführt, +indem man dieselben Begriffe umstellt. Und, wenn die eine Prämisse +verneinend, die andere bejahend ist. Denn es ist möglich, daß B jedem, +A dagegen nur einigem C und eben dieses A bei solchem Verhältnis der +Begriffe nicht jedem B zukommt. Wenn man nun B jedem und A keinem C +zukommen läßt, so ist die verneinende Prämisse zum Teil falsch, die +andere ganz wahr und der Schlußsatz wahr. Wiederum, da gezeigt worden +ist, daß wenn A keinem und B einem C zukommt, A möglicherweise einem B +nicht zukommt, so kann offenbar auch, wenn die Prämisse AC ganz wahr +und BC zum Teil falsch ist, der Schlußsatz wahr sein. Denn wenn man A +keinem und B jedem C zukommen läßt, <span class="pagenum" id="Page_105">[Pg 105]</span>so ist die Prämisse AC ganz wahr +und BC zum Teil falsch.</p> + +<p>Es ist aber klar, daß auch bei den partikulären Schlüssen in allen +Fällen aus Falschem Wahres folgen kann. Denn man muß dieselben +Begriffe nehmen, wie wenn die Prämissen allgemein sind, bejahende bei +bejahenden, verneinende bei verneinenden Schlüssen. Denn es macht für +die Wahl⁠<a id="FNanchor_220_227" href="#Footnote_220_227" class="fnanchor">[220]</a> der Begriffe keinen Unterschied, ob man statt eines +allgemein verneinenden Satzes einen allgemein bejahenden oder statt +eines allgemeinen einen partikulären nimmt. Ebenso ist es mit den +verneinenden Schlüssen.</p> + +<p>Man sieht also: wenn der Schlußsatz falsch ist, sind die Prinzipien +des Schlusses notwendig entweder alle oder teilweise falsch; ist er +aber wahr, so ist weder eine Prämisse, noch sind alle notwendig wahr, +sondern es ist möglich, daß wenn keine Prämisse in dem Schluß wahr ist, +die Konklusion es gleichwohl ist, freilich nicht mit Notwendigkeit⁠<a id="FNanchor_221_228" href="#Footnote_221_228" class="fnanchor">[221]</a>⁠.</p> + +<p><span class="sidenote">57 b</span>Davon ist der Grund, daß wenn sich zwei Dinge zueinander so verhalten, +daß wenn das eine ist, notwendig das andere ist, wenn dieses letztere +nicht ist, auch das andere nicht sein kann, wenn es aber ist, nicht +notwendig das andere ist.</p> + +<p>Daß aber, wenn und weil dasselbe ist und nicht ist, mit Notwendigkeit +dasselbe ist, ist unmöglich, ich meine, daß z. B. wenn A weiß ist, +B notwendig groß ist, und auch, wenn A nicht weiß ist, B notwendig +groß ist. Denn wenn falls dieses A weiß ist, dieses B notwendig groß +ist und falls B groß ist, C nicht weiß ist, so ist, wenn A weiß ist, +C notwendig nicht weiß. Und wenn von zwei Dingen, falls eines ist, +notwendig das andere ist, so ist, falls dieses letztere nicht ist, +notwendig A nicht. Wenn also B nicht groß ist, so ist es nicht möglich, +daß A weiß ist. Ist aber, wenn A nicht weiß ist, B notwendig groß, so +folgt notwendig, daß wenn B nicht groß ist, eben dieses B groß ist, +was unmöglich ist. Denn wenn B nicht groß ist, wird A notwendig nicht +weiß sein. Wenn nun, falls dieses nicht <span class="pagenum" id="Page_106">[Pg 106]</span>weiß ist, B groß sein wird, so +folgt wie durch drei Begriffe⁠<a id="FNanchor_222_229" href="#Footnote_222_229" class="fnanchor">[222]</a>⁠, daß B, wenn es nicht groß ist, groß +ist.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Fuenftes_Kapitel"><em class="gesperrt">Fünftes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Der Zirkelbeweis, Beweis zweier Sätze auseinander, besteht darin, daß +man aus der Konklusion und dem Ansatz der einen Prämisse in umgekehrter +Fassung auf die andere Prämisse schließt, die man bei dem ersten Schluß +angenommen hat; wie es z. B. geschieht, wenn zu beweisen war, daß A +jedem C zukommt, und man es durch den Mittelbegriff B bewiesen hat und +dann wieder zeigen will, daß A dem B zukommt, auf Grund der Annahme, +daß A dem C und C dem B zukommt und so denn auch A dem B, während man +zuvor umgekehrt angenommen hatte, daß B dem C zukommt. Oder wenn zu +zeigen ist, daß B dem C zukommt und man dann A von C gelten läßt, was +die Konklusion war, B aber von A, während man zuvor umgekehrt A von B +hatte gelten lassen⁠<a id="FNanchor_223_230" href="#Footnote_223_230" class="fnanchor">[223]</a>⁠.</p> + +<p>Anders aber lassen sich zwei Sätze auseinander nicht beweisen. Denn +wenn man einen anderen Mittelbegriff nimmt, so beweist man nicht im +Kreise, da man nichts von dem schon Dagewesenen nimmt; und wenn man +etwas schon Dagewesenes nimmt, so darf es nur die eine von beiden +Prämissen sein; denn wenn man beide nimmt, so erhält man dieselbe +Konklusion, während man doch eine andere erhalten soll.</p> + +<p>Bei den nicht konvertiblen Sätzen geschieht nun der Schluß aus einer +nicht bewiesenen Prämisse. Denn man kann durch die Begriffe, die in +solchen Sätzen stehen, nicht beweisen, daß dem Mittelbegriff der dritte +Begriff oder dem ersten Begriff der Mittelbegriff zukommt⁠<a id="FNanchor_224_231" href="#Footnote_224_231" class="fnanchor">[224]</a>⁠.</p> + +<p>Bei den konvertiblen Sätzen aber läßt sich alles auseinander beweisen, +wie z. B. wenn A und B und C miteinander vertauscht werden können. +Denn es soll AC durch B als Mittelbegriff bewiesen worden sein, und +AB wieder durch die Konklusion und die umgekehrte Prämisse BC, und +ebenso BC durch die Konklusion <span class="pagenum" id="Page_107">[Pg 107]</span>und die umgekehrte Prämisse AB. +<span class="sidenote">58 a</span>Man muß aber die Prämisse CB und die Prämisse BA noch beweisen. Denn nur +diese Prämissen gebrauchen wir, ohne sie bewiesen zu haben. Läßt man +nun B jedem C und C jedem A zukommen, so wird sich ein Schluß von B +auf A ergeben. Wiederum, läßt man C jedem A und A jedem B zukommen, so +kommt notwendig jedem B das C zu. In diesen beiden Schlüssen ist nun +die Prämisse CA ohne Beweis angenommen, die anderen waren bewiesen. So +werden denn, wenn wir auch diese Prämisse noch bewiesen haben, alle +Sätze durcheinander bewiesen sein. Läßt man nun C jedem B und B jedem +A zukommen, so nimmt man einerseits beide Prämissen als bewiesene und +muß anderseits C dem A zukommen. Man sieht also, daß die Beweise im +Kreis und auseinander nur bei konvertiblen Sätzen möglich sind, während +es sich mit den andern so verhält, wie vorhin gesagt wurde. Es erfüllt +sich hier aber auch, daß wir das Bewiesene zum Beweis verwenden. Denn +C wird von B und B von A auf Grund der Voraussetzung bewiesen, daß C +von A gilt; C wird aber von A mit Hilfe dieser Prämissen bewiesen: wir +verwenden mithin die Konklusion zum Beweis⁠<a id="FNanchor_225_232" href="#Footnote_225_232" class="fnanchor">[225]</a>⁠.</p> + +<p>Bei den verneinenden Schlüssen erhält der wechselseitige Beweis der +Sätze auseinander folgende Gestalt. B soll jedem C und A keinem B +zukommen; Schlußsatz: A keinem C. Wenn man nun wieder, was man zuvor +als Annahme verwandt hatte, als Schlußsatz gewinnen soll, daß nämlich +A keinem B zukommt, so wird A keinem C und C jedem B zukommen. Denn so +ist die Prämisse umgekehrt. Soll man aber als Schlußsatz erhalten, daß +B dem C zukommt, so darf man nicht mehr ebenso AB umkehren, weil es +derselbe Satz ist, daß B keinem A, und daß A keinem B zukommt, sondern +man muß den Satz nehmen: wovon keinem A zukommt, dem allen kommt B +zu⁠<a id="FNanchor_226_233" href="#Footnote_226_233" class="fnanchor">[226]</a>⁠.</p> + +<p>A soll keinem C zukommen, was die Konklusion war. Und wovon keinem A, +dem allen soll B zukommen. Notwendig kommt also B jedem C zu. So ist +<span class="pagenum" id="Page_108">[Pg 108]</span>denn, da der Sätze, aus denen die ursprüngliche Konklusion besteht, +drei sind, jeder zur Konklusion geworden und besteht auch in diesem +Falle der Zirkelbeweis darin, daß man die Konklusion und die umgekehrte +eine Prämisse nimmt und so auf die andere schließt.</p> + +<p>Bei den partikulären Schlüssen kann man die allgemeine Prämisse durch +die anderen Sätze nicht beweisen, wohl aber die partikuläre. Daß +man die allgemeine Prämisse nicht beweisen kann, ist klar. Denn das +Allgemeine wird durch das Allgemeine bewiesen. Die Konklusion ist aber +nicht allgemein, und doch müßte der Beweis aus der Konklusion und +der anderen Prämisse geführt werden. <span class="sidenote">58 b</span>Auch kommt durch Umkehrung der +Prämisse überhaupt kein Schluß zustande, da infolge derselben beide +Prämissen partikulär werden. Die partikuläre Prämisse aber kann man +beweisen. Denn es sei durch B bewiesen, daß A von einem C gilt. Läßt +man nun B jedem A zukommen und bleibt die Konklusion, so wird B einem C +zukommen. Denn man erhält die erste Figur mit B als Mittelbegriff.</p> + +<p>Ist der Schluß verneinend, so kann man aus dem vorhin angegebenen +Grunde die allgemeine Prämisse nicht beweisen; die partikuläre Prämisse +aber kann man zwar, wenn man AB ebenso wie bei den allgemeinen +Schlüssen umkehrt, nicht beweisen, wohl aber durch Proslepsis +(Hinzunahme), also durch die Annahme, daß wovon einem A nicht zukommt, +davon einem B zukommt. Denn auf andere Weise ergibt sich kein Schluß, +weil die partikuläre Prämisse verneinend ist⁠<a id="FNanchor_227_234" href="#Footnote_227_234" class="fnanchor">[227]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Sechstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Sechstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>In der zweiten Figur läßt sich das Bejahende auf diese Weise nicht +beweisen, wohl aber das Verneinende. Das Bejahende wird nicht bewiesen, +weil nicht beide Prämissen bejahend sind. Denn die Konklusion ist +(in dieser Figur) verneinend, das Bejahende aber erhält man, wie wir +gesehen haben, nur dann, wenn beide Prämissen bejahend sind.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_109">[Pg 109]</span></p> + +<p>Das Verneinende wird so bewiesen. A soll jedem B, aber keinem C +zukommen. Konklusion: B keinem C. Läßt man nun B jedem A, aber keinem C +zukommen, so kommt A notwendig keinem C zu. Denn es entsteht die zweite +Figur, Mittelbegriff: B. Wird aber AB verneinend gesetzt und der andere +Satz bejahend, so erhält man die erste Figur. Denn C kommt jedem A und +B keinem C zu, und so denn B keinem A. Mithin auch A keinem B⁠<a id="FNanchor_F_6" href="#Footnote_F_6" class="fnanchor">[F]</a>⁠. Durch +die Konklusion und die eine Prämisse erhält man also keinen Schluß, +wohl aber, wenn man eine andere dazu nimmt⁠<a id="FNanchor_228_235" href="#Footnote_228_235" class="fnanchor">[228]</a>⁠.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_F_6" href="#FNanchor_F_6" class="label">[F]</a> Z. 25 hat Pacius noch: Mittelbegriff ist C, was sich im +Text von Bekker und Waitz nicht findet.</p></div> + +</div> + +<p>Ist der Schluß nicht allgemein, so wird die allgemeine Prämisse nicht +bewiesen, eben aus dem vorhin angegebenen Grunde; dagegen wird es die +partikuläre, falls die allgemeine Prämisse bejahend ist.</p> + +<p>Denn A soll jedem B, aber nicht jedem C zukommen; Konklusion: BC. Läßt +man nun B jedem A, aber nicht jedem C zukommen, so wird A einem B nicht +zukommen; Mittelbegriff: B.</p> + +<p>Ist die allgemeine Prämisse aber verneinend, so läßt sich die Prämisse +AC nicht durch Umkehrung von AB beweisen. Denn dann werden entweder +beide Prämissen oder eine verneinende, und mithin wird sich kein Schluß +ergeben. Aber es läßt sich auch ebenso beweisen wie bei den allgemeinen +Sätzen, wenn man nämlich A einem Teile dessen zukommen läßt, von dem +ein Teil B nicht zum Prädikat hat.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Siebentes_Kapitel"><em class="gesperrt">Siebentes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>In der dritten Figur kann man, wenn beide Prämissen allgemein gefaßt +sind, nicht auseinander beweisen. Denn Allgemeines wird durch +allgemeine Prämissen bewiesen, <span class="sidenote">59 a</span>der Schlußsatz der dritten Figur ist +aber immer partikulär, und so kann denn offenbar die allgemeine +Prämisse durch diese Figur gar nicht bewiesen werden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_110">[Pg 110]</span></p> + +<p>Ist aber die eine Prämisse allgemein, die andere partikulär, so ist der +gedachte Beweis bald möglich, bald nicht: möglich, wenn beide Prämissen +bejahend gefaßt sind und das Allgemeine sich mit dem Unterbegriff +verbindet, nicht möglich, wenn es beim Oberbegriff auftritt.</p> + +<p>Denn A komme jedem, B einem C zu; Schlußsatz: AB. Läßt man nun C jedem +A zukommen, so ist zwar bewiesen, daß C einem B, nicht aber, daß B +einem C zukommt. Freilich muß, wenn C einem B, auch B einem C zukommen. +Aber es ist nicht dasselbe, wenn das dem und wenn dem das zukommt, +sondern man muß noch die Bestimmung hinzunehmen: wenn das eine dem +anderen nach einem Teile von dessen Umfange zukommt, dann auch ebenso +umgekehrt. Nimmt man das aber an, so geschieht der Schluß nicht mehr +einzig aus der Konklusion und der anderen Prämisse.</p> + +<p>Kommt aber B jedem und A einem C zu, so wird sich der Satz AC beweisen +lassen, wenn man C jedem und A einem B zukommen läßt. Denn wenn C jedem +und A einem B zukommt, so muß A einem C zukommen; Mittelbegriff: B.</p> + +<p>Und, wenn die eine Prämisse bejahend, die andere verneinend und die +bejahende allgemein ist, kann die andere bewiesen werden. Denn B komme +jedem C zu und A einem C nicht zu; Schlußsatz: A kommt einigem B zu. +Läßt man nun noch dazu C jedem B beiwohnen, so muß A einigem C nicht +beiwohnen; Mittelbegriff: B.</p> + +<p>Ist dagegen die verneinende Prämisse allgemein, so läßt die andere +sich nicht beweisen, außer so wie oben, wenn man das eine einem +Teil des anderen nicht zukommen und das andere einem Teil von eben +jenem zukommen läßt, wie etwa, wenn A keinem und B einem C zukommt; +Schlußsatz: A kommt einigem B nicht zu. Läßt man nun einem Teile +dessen, dessen einem Teile A nicht beiwohnt, C beiwohnen, so muß C +einem B beiwohnen. Anders ist es nicht möglich, durch Umkehrung <span class="pagenum" id="Page_111">[Pg 111]</span>der +allgemeinen Prämisse die andere zu beweisen, da sich keinerlei Schluß +ergibt.</p> + +<p>Man sieht also, daß in der ersten Figur der Beweis zweier Sätze +auseinander durch die dritte und durch die erste Figur zustande kommt: +ist der Schlußsatz bejahend, durch die erste, ist er verneinend, durch +die letzte. Denn man nimmt an: während das eine einem bestimmten +Dritten gar nicht zukommt, kommt das andere jedem zu, was unter ihm +begriffen ist.</p> + +<p>In der mittleren Figur beweist man, wenn der Schluß allgemein ist, +durch sie und durch die erste Figur, ist er partikulär, durch sie und +durch die letzte.</p> + +<p id="K7_2_letzte_2_Abs">In der dritten Figur gehen alle Schlüsse durch diese selbst.</p> + +<p>Man sieht aber auch, daß in der dritten und der mittleren Figur die +Schlüsse, die nicht durch diese Figuren selbst zustande kommen, +entweder überhaupt nicht durch Zirkelbeweis errichtet werden können, +oder unvollkommen sind⁠<a id="FNanchor_229_236" href="#Footnote_229_236" class="fnanchor">[229]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Achtes_Kapitel"><em class="gesperrt">Achtes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p><span class="sidenote">59 b</span>Die Umkehrung besteht darin, daß man die Konklusion wendet und den +Schluß zieht, daß entweder der Oberbegriff dem Mittelbegriff oder +dieser dem Unterbegriff nicht zukommen kann. Denn wenn die Konklusion +umgekehrt worden ist und die eine Prämisse bleibt, muß die andere +umgestoßen werden, da, wenn sie gelten bliebe, auch die Konklusion +gelten bleiben müßte⁠<a id="FNanchor_230_237" href="#Footnote_230_237" class="fnanchor">[230]</a>⁠.</p> + +<p id="Kap8_2_Abs_2">Es ist aber ein Unterschied, ob man die Konklusion in +kontradiktorischer oder in konträrer Weise umkehrt. Denn es ergibt +sich nicht derselbe Schluß, wenn man sie so oder so umkehrt, wie +aus dem folgenden klar werden wird. Ich lasse aber kontradiktorisch +entgegengesetzt sein: jedem und nicht jedem zukommen, einem und keinem, +konträr dagegen: jedem und keinem, einem und einem nicht⁠<a id="FNanchor_231_238" href="#Footnote_231_238" class="fnanchor">[231]</a>⁠.</p> + +<p id="Kap8_2_Abs_3">Denn es sei A als Prädikat von C durch den <span class="pagenum" id="Page_112">[Pg 112]</span>Mittelbegriff B bewiesen. +Läßt man nun A keinem C zukommen, aber jedem B, so wird B keinem C +zukommen. Und läßt man A keinem, B aber jedem C zukommen, so wird A +nicht jedem B, nicht aber keinem B zukommen, da, wie wir gesehen haben, +das Allgemeine nicht durch die letzte Figur bewiesen wird. überhaupt +kann man den Obersatz nicht allgemein durch die Umkehrung widerlegen. +Denn er wird immer durch die dritte Figur umgestoßen, da sich beide +Prämissen auf den Unterbegriff beziehen müssen.</p> + +<p>Und wenn der Schluß verneinend ist, ist es ebenso. Denn es soll durch B +bewiesen sein, daß A keinem C zukommt. Somit wird, wenn man A jedem C +und keinem B zukommen läßt, B keinem C zukommen. Und wenn man A und B +jedem C zukommen läßt, so wird A einem B zukommen. Aber zuerst kam es +keinem zu.</p> + +<p>Wird die Konklusion aber kontradiktorisch umgekehrt, so werden auch +die Schlüsse kontradiktorisch und nicht allgemein sein. Denn die eine +Prämisse wird partikulär, und so wird auch die Konklusion partikulär +sein. Es sei der Schluß bejahend, und man nehme die Umkehrung so vor. +Mithin kommt, wenn A nicht jedem C, aber jedem B zukommt, B nicht jedem +C zu. Und wenn A nicht jedem C zukommt, wohl aber B, so A nicht jedem +B. Ebenso, wenn der Schluß verneinend ist. Denn wenn A einem und C +keinem B zukommt, so wird B einigem C nicht zukommen, nicht schlechthin +keinem. Und wenn A einem und B jedem C zukommt, wie anfänglich +angenommen worden ist, so wird A einem B zukommen.</p> + +<p>Bei den partikulären Schlüssen werden, wenn die Konklusion +kontradiktorisch umgekehrt wird, beide Prämissen umgestoßen, wenn +konträr, keine. Denn es erfolgt nicht mehr, wie bei den allgemeinen +Schlüssen, eine solche Umstoßung, daß die Konklusion, die sich aus der +Umkehrung ergibt, mangelhaft ist, sondern es erfolgt überhaupt keine +Umstoßung⁠<a id="FNanchor_232_239" href="#Footnote_232_239" class="fnanchor">[232]</a>⁠.</p> + +<p><span class="sidenote">60 a</span>Denn es soll bewiesen sein, daß A von einem C <span class="pagenum" id="Page_113">[Pg 113]</span>gilt. Läßt man nun +A keinem und B einem C zukommen, so wird A einem B nicht zukommen. +Und wenn A keinem C und jedem B zukommt, so kommt B keinem C zu. Und +so werden denn beide Prämissen umgestoßen. Wird aber die Konklusion +konträr umgekehrt, so fällt keine Prämisse. Denn wenn A einem C nicht +zukommt, aber jedem A, so wird B einem C nicht zukommen. Damit ist aber +das ursprünglich Gesetzte noch nicht aufgehoben. Denn B kann einem C +zukommen und einem nicht zukommen. Für den allgemeinen Satz AB aber +ergibt sich überhaupt kein Schluß. Denn wenn A einem C nicht zukommt, B +aber wohl, ist keine von beiden Prämissen allgemein.</p> + +<p>Ebenso, wenn der Schluß verneinend ist. Denn wenn man A jedem C +zukommen läßt, werden beide Prämissen umgestoßen, wenn einem, keine. +Der Beweis ist derselbe.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Neuntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Neuntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>In der zweiten Figur läßt der Obersatz sich nicht so umstoßen, daß er +in sein Kontrarium umschlüge, mag man nun die Umkehrung der Konklusion +so oder so vornehmen. Denn man erhält die Konklusion immer nach der +dritten Figur, und wir haben gesehen, daß in ihr kein allgemeiner +Schluß möglich ist.</p> + +<p>Die andere Prämisse dagegen, den Untersatz, kann man in derselben +Weise wie die Konklusion umstoßen, in derselben Weise, das heißt, wenn +man die Konklusion konträr umkehrt, konträr, wenn kontradiktorisch, +kontradiktorisch. Denn A komme jedem B und keinem C zu; Schlußsatz: +BC. Läßt man nun B jedem C zukommen und bleibt AB, so wird A jedem C +zukommen. Denn man erhält die erste Figur.</p> + +<p>Kommt aber B jedem und A keinem C zu, so kommt A nicht jedem B zu; +letzte Figur. Kehrt man aber BC kontradiktorisch um, so wird AB in +derselben Weise bewiesen werden, dagegen AC kontradiktorisch. Denn wenn +B einem und A keinem C zukommt, so <span class="pagenum" id="Page_114">[Pg 114]</span>wird A einem B nicht zukommen. +Und wenn wieder B einem C und A jedem B zukommt, so wird A einem C +zukommen, und so entsteht denn ein Schluß in kontradiktorischer Form. +Und ebenso wird der Beweis zu führen sein, wenn sich die Prämissen (in +Bezug auf Bejahung und Verneinung) umgekehrt verhalten.</p> + +<p>Ist der Schluß partikulär, so wird bei konträrer Umkehrung der +Konklusion keine von beiden Prämissen umgestoßen, wie auch nicht in der +ersten Figur, aber bei kontradiktorischer Umkehrung werden es beide.</p> + +<p>Denn es sei vorausgesetzt, daß A keinem B und einem C zukommt; +Konklusion BC. Läßt man nun B einem C zukommen und bleibt AB, so wird +die Konklusion besagen, daß A einem C nicht zukommt. Aber damit ist die +anfängliche Voraussetzung nicht umgestoßen, weil es gleichzeitig einem +zukommen und einem nicht zukommen kann.</p> + +<p>Wiederum, wenn B einem C und A einem C zukommt, kann sich kein Schluß +ergeben, weil keine der beiden Voraussetzungen allgemein ist, und so +wird denn AB nicht umgestoßen. <span class="sidenote">60 b</span>Bei kontradiktorischer Umkehrung aber +werden beide Prämissen aufgehoben. Denn kommt B jedem C und A keinem B +zu, dann A keinem C; es sollte aber einem zukommen. Wiederum, wenn B +jedem C und A einem C zukommt, dann A einem B. Derselbe Beweis gilt, +wenn das Allgemeine bejahend ist.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Zehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Zehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>In der dritten Figur wird bei konträrer Umkehrung der Konklusion keine +der beiden Prämissen umgestoßen, der Schluß mag lauten wie er will; +bei kontradiktorischer Umkehrung aber werden es beide und in allen +Schlüssen.</p> + +<p>Denn es soll bewiesen sein, daß A einem B zukommt; als Mittelbegriff +sei C angenommen, und die Prämissen seien allgemein. Läßt man nun A +einem B <span class="pagenum" id="Page_115">[Pg 115]</span>nicht zukommen, B aber jedem C, so erhält man keinen Schluß +mit A und C. Und auch wenn A einem B nicht zukommt, aber jedem C, +erhält man keinen Schluß mit B und C⁠<a id="FNanchor_233_240" href="#Footnote_233_240" class="fnanchor">[233]</a>⁠.</p> + +<p>Ebenso läßt sich unsere Regel beweisen, wenn die Prämissen nicht +allgemein sind. Denn entweder müssen beide Prämissen infolge der +Umkehrung partikulär sein, oder das Allgemeine muß zum Unterbegriff +treten. So aber ergibt sich, wie wir gesehen haben, kein Schluß, weder +in der ersten noch in der mittleren Figur⁠<a id="FNanchor_234_241" href="#Footnote_234_241" class="fnanchor">[234]</a>⁠.</p> + +<p>Aber bei kontradiktorischer Umkehrung werden beide Prämissen +umgestoßen. Denn wenn A keinem B zukommt und B jedem C, dann A keinem +C. Wieder, wenn A keinem B zukommt, aber jedem C, dann B keinem C.</p> + +<p>Und ebenso, wenn die eine Prämisse nicht allgemein ist. Denn wenn A +keinem B und B einem C zukommt, wird A einem C nicht zukommen. Wenn +aber A keinem B, aber jedem C zukommt, wird B keinem C zukommen.</p> + +<p>Ebenso, wenn der Schluß verneinend ist. Denn es soll bewiesen sein, +daß A einem B nicht zukommt, und BC soll bejahend, AC verneinend sein. +So entsteht dieser Schluß ja. Legt man nun das konträre Gegenteil der +Konklusion zugrunde, so kann sich kein Schluß ergeben. Denn wenn A +einem B und B jedem C zukommt, gab es keinen Schluß mit A und B. Und +ebenso gab es, wenn A einem B und keinem C zukommt, keinen Schluß mit B +und C. So werden denn die Prämissen nicht umgestoßen.</p> + +<p>Legt man dagegen das kontradiktorische Gegenteil zugrunde, so werden +sie umgestoßen. Denn wenn A jedem B und B jedem C zukommt, dann A jedem +C; aber es kam keinem zu. Wieder, wenn A jedem B und keinem C zukommt, +dann B keinem C. Aber es kam jedem zu.</p> + +<p>Ebenso wird der Beweis erbracht, wenn die Prämissen nicht allgemein +sind. Denn dann wird AC allgemein und verneinend, der andere Satz +aber wird partikulär <span class="pagenum" id="Page_116">[Pg 116]</span>und bejahend. Wenn nun A jedem B und B einem C +zukommt, kommt A einem C zu; aber es kam keinem zu. <span class="sidenote">61 a</span>Wieder, wenn A +jedem B, aber keinem C zukommt, so B keinem C. Aber die Voraussetzung +war, daß es einem C zukommt. Wenn aber A einem B und B einem C zukommt, +so ergibt sich kein Schluß. Und, wenn A einem B, aber keinem C +zukommt, ebensowenig. Und so werden die Prämissen denn auf jene Weise +umgestoßen, und auf diese Weise werden sie es nicht.</p> + +<p>Man sieht also aus dem Gesagten, wie bei Umkehrung der Konklusion in +jeder Figur ein Schluß zustande kommt, und wann derselbe der Prämisse +konträr und wann er ihr kontradiktorisch gegenübersteht.</p> + +<p>Und, daß in der ersten Figur die Schlüsse durch die mittlere und die +letzte Figur zustande kommen, und daß der Untersatz immer durch die +mittlere, der Obersatz durch die letzte Figur umgestoßen wird.</p> + +<p>Dagegen in der mittleren Figur durch die erste und die letzte, und daß +der Untersatz immer durch die erste, der Obersatz durch die letzte +Figur umgestoßen wird.</p> + +<p>Endlich in der dritten Figur durch die erste und durch die mittlere, +und daß der Obersatz immer durch die erste, der Untersatz durch die +mittlere Figur umgestoßen wird.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Elftes_Kapitel"><em class="gesperrt">Elftes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Was nun die Umkehrung ist und wie bei derselben in jeder Figur ein +Schluß errichtet wird und welcher, haben wir hiermit erklärt. Was aber +den Schluß durch das Unmögliche betrifft, so tritt er auf, wenn man +das kontradiktorische Gegenteil der Konklusion setzt und eine andere +Prämisse hinzu nimmt, und er läuft durch alle Figuren; denn er ist +der Umkehrung gleich, und ein Unterschied besteht nur insoweit, als +man die Umkehrung vornimmt, nachdem <span class="pagenum" id="Page_117">[Pg 117]</span>ein Schluß geschehen ist und +man sich beider Prämissen versichert hat, dagegen auf das Unmögliche +zurückführt, ohne sich zuvor die Wahrheit seines kontradiktorischen +Gegenteils einräumen zu lassen, da dieselbe vielmehr am Tage liegt⁠<a id="FNanchor_235_242" href="#Footnote_235_242" class="fnanchor">[235]</a>⁠.</p> + +<p>Die Begriffe verhalten sich bei beiden Arten der Folgerung gleich und +werden bei beiden auf dieselbe Weise aufgestellt⁠<a id="FNanchor_236_243" href="#Footnote_236_243" class="fnanchor">[236]</a>⁠.</p> + +<p>Es soll z. B. A jedem B zukommen und C Mittelbegriff sein. Setzt man +nun voraus, daß A entweder nicht jedem oder keinem B zukommt, aber +jedem C, was ja wahr war, so muß C entweder keinem oder nicht jedem B +zukommen. Das ist aber unmöglich und folglich die Voraussetzung falsch, +mithin das Gegenteil wahr. Ebenso in den anderen Figuren. Denn wo +Umkehrung möglich ist, da auch der Schluß durch das Unmögliche.</p> + +<p>Alle anderen Sätze nun, um deren Wahrheit es sich fragt, werden in +allen Figuren durch das Unmögliche bewiesen, der allgemein bejahende +Satz aber kann zwar in der mittleren und der dritten Figur so bewiesen +werden, nicht aber in der ersten.</p> + +<p>Denn man nehme an, daß A nicht jedem oder keinem B zukommt, und nehme +noch eine andere Prämisse von der einen oder von der anderen Seite zu +Hilfe, d. h. man lasse entweder C jedem A oder B jedem D zukommen. +Denn so bekommt man die erste Figur. Gilt nun die Annahme, daß A nicht +jedem B zukommt, so ergibt sich kein Schluß, nehme man die Prämisse von +der einen oder von der anderen Seite; <span class="sidenote">61 b</span>soll es aber keinem zukommen, so +wird, falls man die Prämisse BD zu Hilfe nimmt, zwar ein Schluß auf +das Falsche gewonnen, aber es wird nicht bewiesen, was bewiesen werden +soll. Denn wenn A keinem B und B jedem D zukommt, so A keinem D. Das +aber möge unmöglich sein. Mithin ist es falsch, daß A keinem B zukommt. +Aber wenn es falsch ist, daß es keinem zukommt, ist es darum noch nicht +wahr, daß es jedem zukommt. Nimmt man aber die Prämisse CA zu Hilfe, +<span class="pagenum" id="Page_118">[Pg 118]</span>so erhält man keinen Schluß, wie auch nicht, wenn man A nicht jedem B +zukommen läßt⁠<a id="FNanchor_237_244" href="#Footnote_237_244" class="fnanchor">[237]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also: daß etwas jedem zukommt, wird in der ersten Figur nicht +durch das Unmögliche bewiesen.</p> + +<p>Wohl aber beweist man so in ihr, daß etwas einem und keinem und nicht +jedem zukommt. Denn man nehme an, daß A keinem B zukomme, lasse aber +B jedem oder einem C zukommen. Mithin kommt A notwendig keinem oder +nicht jedem C zu. Das ist aber unmöglich. Denn es möge wahr und +augenscheinlich sein, daß A jedem C zukommt. So muß denn, wenn jenes +falsch ist, A einem C zukommen. Wenn man aber die andere Prämisse zu +A zieht, erhält man keinen Schluß. Auch nicht, wenn man das konträre +Gegenteil der Konklusion annimmt, daß es nämlich einem nicht zukommt. +Man sieht also, daß man das kontradiktorische Gegenteil annehmen muß.</p> + +<p>Wiederum, man nehme an, daß A einem B zukomme, und lasse C jedem A +zukommen. Dann muß C einem B zukommen. Das aber möge unmöglich sein, +und so ist denn die gedachte Annahme falsch. Wenn aber das, so ist es +wahr, daß es keinem zukommt. Ebenso, wenn man CA verneinend nimmt. +Nimmt man aber die Prämisse mit B, so entsteht kein Schluß. Nimmt man +aber das Konträre an, so ergibt sich zwar ein Schluß, und es ergibt +sich Unmögliches, aber es wird nicht bewiesen, was man sich vorgesetzt +hatte. Denn man nehme an, daß A jedem B zukomme, und lasse C jedem +A zukommen. So muß C jedem B zukommen. Das ist aber unmöglich, und +so ist es falsch, daß A jedem B zukommt. Aber es braucht noch nicht +notwendig, wenn es nicht jedem zukommt, keinem zuzukommen. Ebenso, +wenn man die andere Prämisse zu B setzt. Denn Schluß und Unmögliches +ergibt sich da zwar, aber die Annahme fällt nicht, und so muß denn das +kontradiktorische Gegenteil die Annahme bilden.</p> + +<p>Um aber zu beweisen, daß A nicht jedem B zukommt, muß man annehmen, es +komme jedem zu. <span class="pagenum" id="Page_119">[Pg 119]</span>Denn wenn A jedem B zukommt und C jedem A, so C jedem +B, so daß, wenn dieses unmöglich ist, die Annahme falsch ist. Ebenso, +wenn man die andere Prämisse zu B setzt. Und wenn CA verneinend ist, +desgleichen. Denn auch so entsteht ein Schluß. Wenn aber die Verneinung +mit B verbunden wird, wird nichts bewiesen.</p> + +<p id="K11_2_drittl_Abs">Wenn man aber nicht annimmt, daß es jedem, sondern daß es einem +zukommt, so beweist man damit nicht, daß es nicht jedem, sondern daß +es keinem zukommt. Denn wenn A einem B und C jedem A zukommt, wird C +einem B zukommen. <span class="sidenote">62 a</span>Ist das nun unmöglich, so ist es falsch, daß A einem +B zukommt, also wahr, daß es keinem zukommt. Mit diesem Nachweis wird +aber auch das Wahre aufgehoben, da A einem B zukam und einem nicht +zukam. Auch stellt sich das Unmögliche nicht auf Grund der Annahme +ein. Denn sie wäre falsch, da man Falsches nicht aus wahren Prämissen +schließen kann. Nun aber ist sie wahr. Denn A kommt einem B zu. Man muß +also nicht annehmen, daß es einem, sondern daß es jedem zukommt.</p> + +<p>Ebenso ist zu verfahren bei dem Beweis, daß A einigem B nicht zukommt. +Denn wenn einigem nicht zukommen und nicht jedem zukommen dasselbe ist, +so fällt beides unter denselben Beweis.</p> + +<p>Man sieht also, daß man bei allen Schlüssen nicht das Konträre, sondern +das Kontradiktorische annehmen muß. Denn so stellt sich das Notwendige +ein und macht sich das probable Axiom⁠<a id="FNanchor_238_245" href="#Footnote_238_245" class="fnanchor">[238]</a> geltend: wenn alles entweder +zu bejahen oder zu verneinen ist, so knüpft sich an den Beweis, daß +die Verneinung nicht wahr ist, logisch die Folge, daß die Bejahung es +ist; und wieder: läßt man die Bejahung nicht wahr sein, so ist es als +probabel anzusprechen, daß die Verneinung es ist. Das Konträre aber +fügt sich diesem Satz auf keine von beiden Weisen. Denn wenn es falsch +ist, daß etwas keinem zukommt, braucht es nicht wahr zu sein, daß es +jedem zukommt, und es ist nicht probabel, daß wenn das eine falsch ist, +das andere wahr ist.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_120">[Pg 120]</span></p> + +<h3 id="Zweites_Buch_Zwoelftes_Kapitel"><em class="gesperrt">Zwölftes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Man sieht also, daß in der ersten Figur die Probleme insgesamt durch +das Unmögliche bewiesen werden mit Ausnahme derjenigen, die allgemein +bejahend sind. In der mittleren und der letzten Figur aber werden auch +sie so bewiesen.</p> + +<p>Denn man nehme an, daß A nicht jedem B zukommt, lasse aber A jedem C +zukommen. Wenn es nun nicht jedem B, aber jedem C zukommt, so C nicht +jedem B. Das ist aber unmöglich. Denn es möge einleuchtend sein, daß +C jedem B zukommt. Und so ist denn die Annahme falsch, wahr mithin, +daß es jedem zukommt. Nimmt man aber das konträre Gegenteil an, so +ergibt sich zwar ein Schluß und das Unmögliche, aber es wird nicht +bewiesen, was man sich vorgesetzt hatte. Denn wenn A keinem B und jedem +C zukommt, so C keinem B. Das ist aber unmöglich, und so ist es denn +falsch, daß es keinem zukommt. Aber wenn dies falsch ist, ist es noch +nicht wahr, daß es jedem zukommt.</p> + +<p>Wenn aber A einem B zukommt, so sei angenommen, daß A keinem B und +jedem C zukommt: mithin notwendig C keinem B. So kommt denn, wenn das +unmöglich ist, A notwendig einem B zu. Nimmt man aber an, daß es einem +nicht zukommt, so stellt sich dieselbe Folge ein wie bei der ersten +Figur⁠<a id="FNanchor_239_246" href="#Footnote_239_246" class="fnanchor">[239]</a>⁠.</p> + +<p>Wiederum, man nehme an, A komme einem B zu, dagegen soll es keinem C +zukommen. Es kommt also C notwendig einem B nicht zu. Aber es kam jedem +zu. Die Annahme ist also falsch, und mithin wird A keinem B zukommen.</p> + +<p>Endlich, wenn A nicht jedem B zukommt, mache man die Annahme, daß es +jedem zukommt, dagegen keinem C. <span class="sidenote">62 b</span>Nun kommt C notwendig keinem B zu. Das +ist aber unmöglich, und so ist es denn wahr, daß es (A) nicht jedem +zukommt.</p> + +<p>Man sieht also: in der mittleren Figur können alle Schlüsse durch das +Unmögliche bewiesen werden.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_121">[Pg 121]</span></p> + +<h3 id="Zweites_Buch_Dreizehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Dreizehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Ebenso in der letzten Figur. Man nehme an, daß A einem B nicht +zukomme, dagegen C jedem. Mithin kommt A einem C nicht zu. Wenn das +nun unmöglich ist, so ist es falsch, daß es einem nicht zukommt, also +wahr, daß es jedem zukommt. Nimmt man aber an, daß es keinem zukommt, +so erhält man zwar einen Schluß und ein Unmögliches, aber es wird nicht +bewiesen, was man sich vorgesetzt hatte. Denn wenn man das konträre +Gegenteil annimmt, so ergibt sich dieselbe Folge wie vorhin⁠<a id="FNanchor_240_247" href="#Footnote_240_247" class="fnanchor">[240]</a>⁠.</p> + +<p>Vielmehr muß man diese Annahme machen, um zu beweisen, daß es einem +zukommt. Denn wenn A keinem B und C einem B zukommt, so A nicht jedem +C. Ist das nun falsch, so ist wahr, daß A einem B zukommt.</p> + +<p>In dem Falle ferner, wo A keinem B zukommt, nehme man an, daß es einem +zukommt, und dazu lasse man C jedem B zukommen. Also muß A einem C +zukommen. Aber es kam keinem zu, und so ist es falsch, daß A einem B +zukommt.</p> + +<p>Wenn man aber annimmt, daß A jedem B zukommt, wird das Beabsichtigte +nicht bewiesen, sondern diese Annahme muß man machen, wenn es nicht +jedem beiwohnen soll. Denn wenn A jedem B und C einem B zukommt, so +A einem C. Dem war aber nicht so, und demnach ist es falsch, daß es +(A) jedem (B) zukommt. Wenn aber das, so ist wahr, daß es nicht jedem +zukommt. Nimmt man aber an, daß es einem zukommt, so ergibt sich +dieselbe Folge wie in den vorgenannten Fällen.</p> + +<p>Man sieht also, daß in allen Schlüssen durch das Unmögliche das +kontradiktorische Gegenteil von dem, was man zeigen will, die Annahme +bilden muß.</p> + +<p>Auch ist klar, daß in der mittleren Figur in gewisser Weise das +Bejahende, und in der letzten Figur das Allgemeine unter Beweis +gestellt wird⁠<a id="FNanchor_241_248" href="#Footnote_241_248" class="fnanchor">[241]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_122">[Pg 122]</span></p> + +<h3 id="Zweites_Buch_Vierzehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Vierzehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Es unterscheidet sich aber der Beweis, der auf das Unmögliche führt, +von dem direkten Beweis dadurch, daß er das zur Voraussetzung +nimmt, was er umstoßen will, indem er es auf ein anerkannt Falsches +zurückführt, während der direkte Beweis von anerkannt wahren Sätzen +ausgeht. Es nehmen also beide Beweisarten zwei anerkannte Prämissen, +aber die eine nimmt solche Prämissen, aus denen der Schluß erwächst, +die andere aber nimmt zwar eine von diesen, aber dazu eine andere, die +das kontradiktorische Gegenteil des Schlußsatzes ist. Und dort braucht +der Schlußsatz nicht bekannt zu sein, und man braucht nicht im voraus +zu wissen, daß er gilt oder nicht gilt, hier aber muß man im voraus +wissen, daß er nicht gilt. Es macht aber keinen Unterschied, ob der +Schlußsatz eine Bejahung oder eine Verneinung ist, sondern es hat mit +beiden die gleiche Bewandtnis.</p> + +<p>Es kann aber alles, was direkt erschlossen wird, auch durch das +Unmögliche, und was durch das Unmögliche erschlossen wird, direkt, mit +Hilfe derselben Begriffe, aber nicht in denselben Figuren, bewiesen +werden⁠<a id="FNanchor_242_249" href="#Footnote_242_249" class="fnanchor">[242]</a>⁠.</p> + +<p><span class="sidenote">63 a</span>Denn wenn der Schluß (auf das Unmögliche) in der ersten Figur errichtet +wird, so wird man das Wahre (direkt beweisend) in der mittleren oder +in der letzten Figur erhalten. Das Verneinende in der mittleren, das +Bejahende in der letzten.</p> + +<p>Geschieht der Schluß in der mittleren Figur, so erhält man das Wahre in +der ersten Figur bei allen Sätzen (die bewiesen werden sollen).</p> + +<p>Geschieht der Schluß in der letzten Figur, so erhält man das Wahre in +der ersten und in der mittleren Figur: die bejahenden Sätze in der +ersten, die verneinenden in der mittleren.</p> + +<p>Denn es sei durch die erste Figur (indirekt) bewiesen, daß A keinem +oder nicht jedem B zukommt. Da war nun die Annahme, daß A einem B +zukomme, <span class="pagenum" id="Page_123">[Pg 123]</span>C aber ließ man jedem A, aber keinem B zukommen. Denn so +ergab sich der Schluß und das Unmögliche. Es ist aber die mittlere +Figur, wenn C jedem A und keinem B zukommt. Und hieraus geht hervor, +daß A keinem B zukommt⁠<a id="FNanchor_243_250" href="#Footnote_243_250" class="fnanchor">[243]</a>⁠.</p> + +<p>Ebenso, wenn gezeigt worden ist, daß es nicht jedem zukommt. Die +Annahme ist dann, daß es jedem zukommt. C aber ließ man jedem A, aber +nicht jedem B zukommen. Und wenn man CA verneinend setzt, ist es grade +so. Denn auch so ergibt sich die mittlere Figur.</p> + +<p>Wieder, es sei bewiesen, daß A einem B zukommt. Die Annahme war nun, +es komme keinem zu; dagegen ließ man B jedem C, und A entweder jedem +oder einem C zukommen. Denn so möge sich das Unmögliche einstellen. Es +ist aber die letzte Figur, wenn A und B jedem C zukommt. Und hieraus +ist klar, daß A einem B zukommen muß. Ebenso, wenn man B oder A +<em class="gesperrt">einem</em> C zukommen läßt⁠<a id="FNanchor_244_251" href="#Footnote_244_251" class="fnanchor">[244]</a>⁠.</p> + +<p>Wiederum, es sei in der mittleren Figur bewiesen worden, daß A jedem +B zukommt. Die Annahme war also, daß A nicht jedem B zukomme, und man +ließ A jedem C und C jedem B zukommen. Denn so wird man das Unmögliche +erhalten. Es ist aber die erste Figur, daß A jedem C und C jedem B +beiwohnt.</p> + +<p>Ebenso verfährt man, wenn man bewiesen hat, daß es <em class="gesperrt">einem</em> +zukommt. Denn die Annahme war dann, daß A keinem B zukommt, und man hat +eben dieses A jedem C und C einem B zukommen lassen.</p> + +<p>Ist der Schluß aber verneinend, so war die Annahme, daß A einem B +zukommt, und dazu ließ man A keinem C und C jedem B zukommen, so daß +man die erste Figur erhält.</p> + +<p>Und, wenn der Schluß nicht allgemein ist, sondern nur bewiesen wurde, +daß A <em class="gesperrt">einem</em> B nicht zukommt, so hat es die nämliche Bewandtnis. +Denn die Annahme war dann, daß A jedem B zukommt, und dazu ließ man +eben dieses A keinem C und C einem B zukommen. Denn so stellte sich die +erste Figur ein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_124">[Pg 124]</span></p> + +<p>Wiederum, es sei in der dritten Figur bewiesen worden, daß A jedem B +zukommt. Die Annahme war also, <span class="sidenote">63 b</span>daß A nicht jedem B zukomme, und man +ließ C jedem B, und A jedem C zukommen. Denn so muß sich das Unmögliche +ergeben. Das ist aber die erste Figur.</p> + +<p>Ebenso, wenn der Beweis ergeben sollte, daß es <em class="gesperrt">einem</em> beiwohnt. +Denn die Annahme war dann, daß A keinem B zukommt, und dazu ließ man C +einem B und A jedem C zukommen.</p> + +<p>War der Schluß aber verneinend, so war die Annahme, daß A einem C +zukomme, und dazu ließ man C keinem A, aber jedem B zukommen. Das ist +aber die mittlere Figur.</p> + +<p>Ebenso aber endlich, wenn der Beweis nicht allgemein war. Da wird die +Annahme sein, A komme jedem B zu, und man ließ C keinem A, aber einem B +zukommen. Das ist aber die mittlere Figur.</p> + +<p>Man sieht also, daß man jedes Problem mit Hilfe derselben Begriffe, +die man bei dem Beweis durch das Unmögliche verwendet, auch deiktisch +oder direkt beweisen kann. Ebenso wird man umgekehrt, wenn die +Schlüsse deiktisch sind, mit Anwendung derselben Begriffe die Sache +aufs Unmögliche zurückführen können, falls man das kontradiktorische +Gegenteil der Konklusion als Prämisse setzt. Denn man erhält dieselben +Schlüsse wie bei der Umkehrung, so daß wir sofort auch die Figuren +erhalten, durch die der jeweilige Satz gewonnen wird⁠<a id="FNanchor_245_252" href="#Footnote_245_252" class="fnanchor">[245]</a>⁠.</p> + +<p>Es erhellt also, daß jeder Satz nach beiden Weisen, durch Umkehrung und +deiktisch, bewiesen wird und es hier keinen Unterschied gibt.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Fuenfzehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Fünfzehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Auf die Frage, in welcher Figur aus (kontradiktorisch oder konträr) +entgegengesetzten Prämissen geschlossen werden kann und in welcher +nicht, lautet die Antwort wie folgt. Ich lasse aber dem sprachlichen +<span class="pagenum" id="Page_125">[Pg 125]</span>Ausdruck nach sich vier Arten von Sätzen entgegengesetzt sein: +jedem und keinem zukommen, jedem und nicht jedem, einem und keinem, +einem und einem nicht, in Wirklichkeit aber nur drei. Denn einem und +einem nicht ist sich nur im Worte entgegengesetzt. Hiervon sind mir +konträr entgegengesetzt die allgemeinen Aussagen: jedem und keinem +zukommen: wie: jede Wissenschaft ist sittlich gut oder ist eine +Tugend, und: keine ist es; die anderen gelten mir als kontradiktorisch +entgegengesetzt⁠<a id="FNanchor_246_253" href="#Footnote_246_253" class="fnanchor">[246]</a>⁠.</p> + +<p>In der ersten Figur also ist (überhaupt) kein Schluß aus +entgegengesetzten Prämissen möglich, kein bejahender und kein +verneinender: kein bejahender, weil beide Prämissen bejahend sein +müßten, während doch die entgegengesetzten Prämissen Bejahung und +Verneinung sind; kein verneinender, weil die entgegengesetzten Aussagen +dasselbe von demselben bejahen und verneinen, während der Mittelbegriff +der ersten Figur nicht von den beiden anderen Begriffen ausgesagt +wird, sondern von ihm wird ein anderes geleugnet und anderes von ihm +ausgesagt; das gibt aber keine entgegengesetzten Prämissen⁠<a id="FNanchor_247_254" href="#Footnote_247_254" class="fnanchor">[247]</a>⁠.</p> + +<p>In der mittleren Figur dagegen kann ein Schluß sowohl aus +kontradiktorisch als aus konträr entgegengesetzten Prämissen gebildet +werden.</p> + +<p><span class="sidenote">64 a</span>Denn unter A sei gut, unter B und C Wissenschaft verstanden. Hat man +nun jede Wissenschaft und keine Wissenschaft sittlich gut sein lassen, +so kommt A jedem B und keinem C zu, mithin B keinem C. Also ist keine +Wissenschaft Wissenschaft⁠<a id="FNanchor_248_255" href="#Footnote_248_255" class="fnanchor">[248]</a>⁠. — Ebenso, wenn man jede Wissenschaft +gut, die Heilkunst aber nicht gut sein läßt. Denn A käme dann jedem B, +aber keinem C zu. Und so wäre denn eine bestimmte Wissenschaft keine +Wissenschaft. Und, wenn A jedem C, aber keinem B zukommt, und B gleich +Wissenschaft, C gleich Heilkunst, A gleich Meinung ist. Denn man hat +dann zuerst angenommen, daß keine Wissenschaft Meinung ist, und dann +wieder, daß eine es doch ist. Der Fall unterscheidet sich von dem +vorigen dadurch, daß mit den Begriffen eine Umkehrung <span class="pagenum" id="Page_126">[Pg 126]</span>vorgenommen +wird: vorhin stand die Bejahung bei B, jetzt steht sie bei C. Dieselbe +Bewandtnis hat es, wenn die eine Prämisse nicht allgemein ist⁠<a id="FNanchor_249_256" href="#Footnote_249_256" class="fnanchor">[249]</a>⁠. +Denn es ist immer der Mittelbegriff, der von dem einen verneint und +von dem anderen bejaht wird. So ist es denn möglich, Entgegengesetztes +zu folgern, nur nicht immer und allgemein, sondern nur wenn das dem +Mittelbegriff Untergeordnete sich so verhält, daß es entweder ein und +dasselbe ist oder Ganzes und Teil. Sonst ist es unmöglich. Denn die +Prämissen werden sonst keineswegs konträr oder kontradiktorisch sein.</p> + +<p>In der dritten Figur kann ein bejahender Schluß aus (irgendwie) +entgegengesetzten Prämissen niemals erfolgen, aus dem schon bei der +ersten Figur angegebenen Grunde, wohl aber ein verneinender, mögen die +Begriffe nun allgemein oder nicht allgemein sein.</p> + +<p>Denn man denke Wissenschaft unter B und C, und Heilkunst unter A. +Läßt man nun jede Heilkunst und keine Heilkunst Wissenschaft sein, so +hat man B jedem und C keinem A zukommen lassen, und so muß denn eine +Wissenschaft keine Wissenschaft sein. Ebenso, wenn man die Prämisse AB +nicht allgemein faßt. Denn wenn eine Heilkunst Wissenschaft und wieder +keine Heilkunst Wissenschaft ist, so ist folglich eine Wissenschaft +keine Wissenschaft. Die Prämissen sind aber konträr, wenn man die +Begriffe allgemein faßt, kontradiktorisch, wenn der eine partikulär ist.</p> + +<p>Man bemerke aber, daß man zwar die Entgegensetzung so fassen kann, wie +wir sagten, daß jede Wissenschaft gut ist und wieder keine, oder daß +eine nicht gut ist, eine Fassung, deren sophistischer Charakter nicht +verborgen zu bleiben pflegt, daß man aber auch sonst durch Fragen auf +das andere, entgegengesetzte Glied schließen oder es so erhalten kann, +wie wir in der Topik angegeben haben⁠<a id="FNanchor_250_257" href="#Footnote_250_257" class="fnanchor">[250]</a>⁠.</p> + +<p>Da aber die Bejahungen drei Gegensätze haben, so folgt, daß man +sechserlei entgegengesetzte Aussagen machen kann: daß etwas entweder +jedem und keinem zukommt, oder jedem und nicht jedem, oder einem und +<span class="pagenum" id="Page_127">[Pg 127]</span>keinem, und daß man dabei die Begriffe wieder umkehren kann, also: +<span class="sidenote">64 b</span>A kommt jedem B und keinem C zu, oder: jedem C und keinem B, oder: +jedem B und nicht jedem C, und dabei kann man dann wieder die Begriffe +umkehren. Und dies kann auch bei der dritten Figur geschehen⁠<a id="FNanchor_251_258" href="#Footnote_251_258" class="fnanchor">[251]</a>⁠.</p> + +<p>So haben wir denn gesehen, auf wie vielerlei Weise und in welchen +Figuren ein Schluß aus entgegengesetzten Prämissen möglich ist.</p> + +<p>Es leuchtet aber auch ein, daß sich zwar aus falschen Prämissen +Wahres folgern läßt, wie wir vorhin erklärt haben, aber nicht aus +entgegengesetzten. Denn der Schluß fällt immer gegen den Sachverhalt +aus, ergibt z. B., wenn etwas gut ist, daß es nicht gut ist, oder wenn +ein Sinnenwesen, daß es kein Sinnenwesen ist, weil eben die Folgerung +aus dem kontradiktorischen Gegenteil gezogen wird und die zugrunde +liegenden Begriffe entweder dieselben sind oder sich wie Ganzes und +Teil verhalten.</p> + +<p>Es ist aber auch klar, daß sich bei den Paralogismen gar wohl das +Gegenteil der Annahme ergeben kann, z. B. daß, wenn etwas ungerad ist, +es nicht ungerad ist. Denn aus entgegengesetzten Prämissen, die man +gewonnen hat, geht ein entgegengesetzter Schluß hervor. Hat man also +solche Prämissen zugrunde gelegt, so muß das Gegenteil der Annahme +herauskommen⁠<a id="FNanchor_252_259" href="#Footnote_252_259" class="fnanchor">[252]</a>⁠.</p> + +<p>Es kann aber, wie man wohl bemerken möge, Entgegengesetztes nicht +durch einen Schluß so gefolgert werden, daß die Konklusion lautet: +das Nichtgute ist gut, oder wie es sonst heißen soll, wenn man nicht +die Prämisse sofort entsprechend gefaßt hat, also etwa so: alles +Animalische ist weiß und nicht weiß, nun ist aber der Mensch ein +animalisches Wesen. Man muß vielmehr entweder das Gegenteil zu Hilfe +nehmen, wie z. B.: jede Wissenschaft ist Meinung⁠<a id="FNanchor_G_7" href="#Footnote_G_7" class="fnanchor">[G]</a>⁠, und dann annehmen, +daß die Heilkunst Wissenschaft ist, aber keine <span class="pagenum" id="Page_128">[Pg 128]</span>(Heilkunst) Meinung, +nach der Weise, wie die Widerlegungen geliefert werden, oder man +muß zwei Schlüsse errichten. Daß aber die Annahmen wirklich konträr +sind, dafür gibt es keine andere Weise als diese, wie vorhin erklärt +wurde⁠<a id="FNanchor_253_260" href="#Footnote_253_260" class="fnanchor">[253]</a>⁠.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_G_7" href="#FNanchor_G_7" class="label">[G]</a> Z. 23 καὶ οὐχ ὑπόληψις mit Codex B ausgelassen.</p></div> + +</div> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Sechzehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Sechzehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Die Forderung und Voraussetzung des ursprünglich Gefragten (petitio +principii) besteht, allgemein gefaßt, darin, daß man das vorliegende +jeweilige Problem unbewiesen läßt⁠<a id="FNanchor_254_261" href="#Footnote_254_261" class="fnanchor">[254]</a>⁠. Dieses kann jedoch auf +verschiedene Weise geschehen: einmal so, daß man überhaupt nicht +schließt, dann so, daß man von Unbekannterem oder gleich Unbekanntem +ausgeht, oder so, daß man von dem, was erst später ist, auf dasjenige +schließt, was früher ist. Denn der (wirkliche) Beweis muß auf solchem +fußen, was glaubwürdiger und früher ist.</p> + +<p>Von all dem ist nun keines die Forderung dessen, was erst die Frage +ist, sondern da manches von Natur unmittelbar gewiß oder von selbst +erkennbar ist, während anderes durch ein anderes erkannt wird — denn +die Prinzipien werden unmittelbar durch sich selbst erkannt, aber das +unter den Prinzipien Begriffene durch ein anderes —, so wird dann, +wenn man das nicht von selbst Erkennbare aus sich selbst beweisen will, +das ursprünglich Gefragte gefordert.</p> + +<p>Das läßt sich zwar so machen, daß man sofort den vorliegenden Satz +fordert, man kann aber auch zuerst zu anderem abschweifen, was +naturgemäß erst durch jenes bewiesen wird, <span class="sidenote">65 a</span>um darauf aus diesem das +ursprünglich Gefragte zu beweisen. Das trifft z. B. in dem Falle +zu, daß man A aus B, B aber aus C beweisen will, während doch C +naturgemäß aus A bewiesen werden muß. Denn da beweisen diejenigen, die +so schließen, wirklich A aus sich selbst. Das tun z. B. diejenigen, +die die Parallelen zu demonstrieren glauben. Denn sie machen unbewußt +Voraussetzungen, die man nicht beweisen kann, wenn man keine Parallelen +<span class="pagenum" id="Page_129">[Pg 129]</span>hat⁠<a id="FNanchor_255_262" href="#Footnote_255_262" class="fnanchor">[255]</a>⁠. + So muß es ihnen denn bei einem solchen Schlußverfahren +begegnen, daß sie sagen: jegliches ist, wenn jegliches ist. So wäre +aber alles unmittelbar gewiß und von selbst erkennbar; was nicht sein +kann.</p> + +<p>Wenn es also unbekannt ist, daß A dem C zukommt, aber auch ebenso +unbekannt, daß es dem B zukommt, und man postuliert, daß A dem B +zukommt, so ist es noch nicht klar, ob man eine petitio principii +begeht, wohl aber ist es klar, daß man nicht beweist. Denn etwas +ist kein Prinzip des Beweises, wenn es ebenso unbekannt ist (wie +das Demonstrandum selbst). Wenn aber B sich so zu C verhält, daß es +dasselbe ist, oder beide offenbar konvertibel sind, oder eines dem +anderen zukommt, so begeht man eine petitio principii. Denn man kann +durch diese Begriffe auch beweisen, daß das A dem B zukommt, wenn man +sie miteinander vertauscht. Nun aber steht dieses im Wege, nicht aber +das Verfahren. Tut man dieses aber (kehrt man sie um), so tut man das +Gesagte (beweist, daß A dem B zukommt), und zwar tut man es, indem man +die Umkehrung vollzieht, wie durch einen regelrechten Schluß mit drei +Begriffen⁠<a id="FNanchor_256_263" href="#Footnote_256_263" class="fnanchor">[256]</a>⁠.</p> + +<p>Ebenso begeht man noch keine petitio principii, sondern beweist nur +nicht, wenn man dem C das B zukommen läßt und dieses ebenso unbekannt +ist, wie wenn man ihm A zukommen läßt. Wenn aber A und B identisch ist, +entweder sofern es sich umkehren läßt oder A auf B logisch folgt, so +begeht man eine petitio principii aus demselben Grunde (wie vorhin). +Denn wir haben angegeben, was dieses Verfahren bedeutet: man beweist +durch sich selbst, was nicht durch sich selbst bekannt ist⁠<a id="FNanchor_257_264" href="#Footnote_257_264" class="fnanchor">[257]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn nun die petitio principii darin besteht, daß man durch sich +selbst beweist, was nicht durch sich selbst klar ist, d. h. eben +nicht beweist, was geschieht, wenn das zu Beweisende und das, wodurch +es bewiesen wird, gleich unbekannt ist, sofern entweder einem zwei +identische Bestimmungen zukommen oder zweien eine zukommt, so wird man +in der mittleren und der dritten <span class="pagenum" id="Page_130">[Pg 130]</span>Figur eine petitio principii auf jede +von beiden Weisen begehen können, bei einem bejahenden Schluß aber nur +in der dritten und der ersten Figur. Bei einem verneinenden Schluß +aber kann es nur geschehen, wenn dieselben Bestimmungen demselben +Subjekt abgesprochen werden und die beiden Prämissen sich nicht gleich +verhalten — ebenso ist es in der mittleren Figur —, weil sich die +Begriffe in den verneinenden Schlüssen nicht umkehren lassen⁠<a id="FNanchor_258_265" href="#Footnote_258_265" class="fnanchor">[258]</a>⁠.</p> + +<p>Die petitio principii besteht bei den wissenschaftlichen Beweisen +darin, daß man postuliert, was sich nach der Wahrheit, bei den +dialektischen Schlüssen darin, daß man postuliert, was sich nach der +Wahrscheinlichkeit so verhält⁠<a id="FNanchor_259_266" href="#Footnote_259_266" class="fnanchor">[259]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Siebzehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Siebzehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Von dem Einwand, den wir bei den Disputationen oft zu erheben pflegen, +daß das Falsche nicht aus der Annahme entspringt, ist erstens zu sagen, +daß er seine Stelle in den Schlüssen hat, die auf das Unmögliche +führen, wenn er sich gegen das Gegenteil dessen kehrt, <span class="sidenote">65 b</span>was durch die +Zurückführung auf das Unmögliche bewiesen wurde⁠<a id="FNanchor_260_267" href="#Footnote_260_267" class="fnanchor">[260]</a>⁠. Denn man wird +den gedachten Einwand weder erheben, wo es sich nicht um das fragliche +Gegenteil handelt, sondern sagen, unter den Prämissen sei eine falsch, +noch überhaupt bei dem direkt beweisenden Schluß, der ja aus dem +Gegenteil keine Annahme macht. Auch kann man, wenn etwas direkt durch +ABC umgestoßen worden ist, nicht sagen, der Schluß sei nicht auf Grund +der Annahme erfolgt. Denn wir wenden dann ein, daß etwas nicht auf +deren Grund sich ergebe, wenn die Konklusion auch ohne das herauskommt, +was ja beim direkten Beweis nicht zutrifft. Denn wenn die These +umgestoßen wird, kann auch der Schluß auf sie keinen Bestand haben⁠<a id="FNanchor_261_268" href="#Footnote_261_268" class="fnanchor">[261]</a>⁠.</p> + +<p>Man sieht also: der Einwand mit dem „nicht daraus“ hat seine Stelle bei +den indirekten Beweisen, da nämlich, wo die ursprüngliche Voraussetzung +sich so zu <span class="pagenum" id="Page_131">[Pg 131]</span>dem Unmöglichen verhält, daß, mag dieselbe gelten oder +nicht gelten, die Unmöglichkeit sich um nichts weniger einstellt (vgl. +soph. el. 29, 181 a, 31 ff.).</p> + +<p>Der augenscheinlichste Fall, daß das Falsche nicht aus der Annahme +folgt, ist der, wo der Schluß von den vermittelnden Begriffen auf das +Unmögliche nicht mit der Voraussetzung zusammenhängt, wie wir schon in +der <em class="gesperrt">Topik</em>⁠<a id="FNanchor_262_269" href="#Footnote_262_269" class="fnanchor">[262]</a> erklärt haben. Denn das heißt die Nichtursache +als Ursache setzen, wie wenn man z. B. beweisen wollte, daß die +Diagonale sich nicht durch die Seite messen läßt, und zu diesem Zweck +mit dem Argument des <em class="gesperrt">Zeno</em> für die Unmöglichkeit der Bewegung +anhöbe und hierauf das Absurdum zurückführte. Denn das Falsche hängt +mit der anfänglichen Behauptung auf keine Weise und in keiner Weise +zusammen.</p> + +<p>Ein anderer Fall ist der, wo das Unmögliche zwar mit der Voraussetzung +zusammenhängt, aber nicht ihretwegen eintritt. Denn das kann geschehen, +mag man nun einen Zusammenhang nach oben oder nach unten annehmen, +so, wenn man etwa setzt, daß A dem B, B dem C, C dem D zukommt, und +es wäre falsch, daß B dem D zukommt. Denn wenn man A aufhebt und dann +doch B dem C und C dem D zukommt, so würde das Falsche nicht auf +Grund der anfänglichen Annahme eintreten. Oder wenn man hinwieder den +Zusammenhang nach oben verlegte und ließe zwar A dem B, dem A aber E +und dem E das F zukommen, und es wäre falsch, daß dem A das F zukommt. +Denn auch so würde die Unmöglichkeit bestehen bleiben, wenn die +ursprüngliche Annahme fällt⁠<a id="FNanchor_263_270" href="#Footnote_263_270" class="fnanchor">[263]</a>⁠.</p> + +<p>Man muß vielmehr die Unmöglichkeit mit den ursprünglichen Begriffen +in Zusammenhang bringen, weil sie sich erst dann auf Grund der +Voraussetzung ergibt, muß z. B., wenn man einen Zusammenhang nach +unten annimmt, die Unmöglichkeit an den Prädikatsbegriff knüpfen. Denn +wenn es unmöglich ist, daß A dem C zukommt, so wird nach Ausschaltung +von A <span class="pagenum" id="Page_132">[Pg 132]</span>das Falsche nicht mehr bleiben. Wenn man den Zusammenhang aber +nach oben verlegt, so muß man die Unmöglichkeit an das Subjekt der +Aussage knüpfen. Denn wenn F dem B nicht zukommen kann, so wird die +Unmöglichkeit nach Ausschaltung von B nicht mehr bleiben. Dieselbe +Bewandtnis hat es, wenn die Schlüsse verneinend sind.</p> + +<p><span class="sidenote">66 a</span>So folgt denn offenbar, wenn die Unmöglichkeit nicht mit den +ursprünglichen Begriffen zusammenhängt, das Falsche nicht aus der +Setzung.</p> + +<p>Oder sollte das Falsche vielleicht auch so sich nicht immer wegen der +Voraussetzung ergeben?</p> + +<p>Denn auch wenn man A nicht dem B, sondern dem K zukommen läßt, K aber +dem C und dieses dem D, bleibt das Unmögliche nicht minder, und ebenso, +wenn man die Begriffe nach oben verfolgt, und so beruhte denn die +Unmöglichkeit nicht auf der ursprünglichen Setzung, da sie gleichmäßig +eintritt, mag AB gelten oder nicht.</p> + +<p>Die Lösung möchte in folgendem liegen. Das Kriterium (für die +Verkehrtheit des Verfahrens): wenn die Voraussetzung nicht gilt, +ergibt sich das Falsche nichtsdestoweniger, ist nicht so aufzufassen, +als richtete es sich gegen den Fall, daß die Unmöglichkeit aus einer +anderen Voraussetzung entspringen kann, sondern so: wenn nach Aufhebung +der gedachten Voraussetzung dieselbe Unmöglichkeit aus den anderen +Prämissen derselben Reihe entspringt. Denn es ist vielleicht keine +Ungereimtheit, wenn dasselbe Falsche aus mehr als einer Voraussetzung +folgt. So folgt z. B., daß die Parallelen zusammentreffen, sowohl wenn +der Innenwinkel größer ist als der Außenwinkel, als auch, wenn das +Dreieck mehr als zwei rechte Winkel hat⁠<a id="FNanchor_264_271" href="#Footnote_264_271" class="fnanchor">[264]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Achtzehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Achtzehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Der falsche Schluß entsteht aber aus dem ersten Falschen. Denn jeder +Schluß erwächst entweder aus seinen beiden Prämissen oder aus ihrer +mehreren. Wenn <span class="pagenum" id="Page_133">[Pg 133]</span>aus den beiden Prämissen, so muß deren eine oder müssen +auch beide falsch sein. Denn, wir haben es schon gesagt, aus wahren +Prämissen ergibt sich kein falscher Schluß. Wenn er aber aus mehreren +erwächst, wenn z. B. B aus AB geschlossen wird und AB aus DEFG, so muß +etwas von diesem weiter Zurückliegenden falsch sein und deshalb auch +der Schluß. Denn A und B leitet sich aus diesen Voraussetzungen ab, und +so folgt denn aus ihrer einer der Schlußsatz und das Falsche.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Neunzehntes_Kapitel"><em class="gesperrt">Neunzehntes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Um nicht durch Schlüsse widerlegt zu werden, muß man, wenn einer ohne +Angabe der Konklusionen nach der Begründung fragt, zusehen, daß man +keine zwei Prämissen einräumt, in denen derselbe Begriff wiederkehrt, +da wir wissen, daß kein Schluß ohne Mittelbegriff zustande kommt, und +Mittelbegriff ist, was mehr als einmal genannt wird. Wie man aber bei +der jeweiligen Konklusion auf den Mittelbegriff sehen muß, ergibt sich +einem, wenn man weiß, welche Konklusion in jeder Figur bewiesen wird. +Das kann uns aber nicht verborgen sein, da wir wissen, wie wir einen +Beweis zu erbringen haben.</p> + +<p>Wovor man aber nach dieser Anleitung beim Antworten auf der Hut +sein muß, das muß man, wenn man selbst der Fragende ist und es tut, +möglichst nicht merken lassen. Man wird das erreichen, erstens, wenn +man die Schlußsätze der Prosyllogismen nicht ausspricht, sondern sie +nach Sicherstellung der notwendigen Prämissen verborgen hält; ferner, +wenn man nicht nach dem Nächstliegenden fragt, sondern nach solchem, +was auf dem ganzen Wege von den Voraussetzungen zu dem Schlußsatze +möglichst in der Mitte liegt. So soll z. B. auf A als Prädikat von F +geschlossen werden müssen; Mittelglieder: BCDE. Man muß also fragen, +ob A dem B beiwohnt, und dann nicht, ob B dem C, sondern ob D dem E, +und dann erst, ob auch B dem <span class="pagenum" id="Page_134">[Pg 134]</span>C beiwohnt usw. +<span class="sidenote">66 b</span>Und geht der Schluß nur +durch einen Mittelbegriff, so fange man mit diesem an, weil man den +Antwortenden so am sichersten im unklaren läßt⁠<a id="FNanchor_265_272" href="#Footnote_265_272" class="fnanchor">[265]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Zwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Zwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Da wir aber wissen, wann ein Schluß erfolgt und wie sich dabei die +Begriffe verhalten müssen, so ist auch klar, wann eine Widerlegung +möglich ist und wann nicht: wenn alles eingeräumt wird oder wenn die +Antworten abwechselnd lauten, die eine verneinend, die andere bejahend, +kann eine Widerlegung erfolgen. Ein Schluß ergab sich ja, wenn die +Begriffe sich so und wenn sie sich so verhalten und so muß denn, wenn +das zuerst Behauptete der Konklusion konträr ist, eine Widerlegung +erfolgen. Denn die Widerlegung ist ein Schluß auf das kontradiktorische +Gegenteil. Wird nichts eingeräumt, so kann keine Widerlegung erfolgen. +Denn es gab keinen Schluß, wenn alle Begriffe verneinend sind, und so +gibt es denn in einem solchen Falle auch keine Widerlegung. Denn wo +eine Widerlegung ist, muß auch ein Schluß sein, wo aber ein Schluß, +nicht notwendig eine Widerlegung. Es ist ebenso, wenn in der Antwort +nichts allgemein behauptet wird. Denn für die Widerlegung müssen +dieselben Bestimmungen gelten wie für den Schluß⁠<a id="FNanchor_266_273" href="#Footnote_266_273" class="fnanchor">[266]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Einundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Einundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Zuweilen kommt es vor, daß uns, wie wir bei dem Ansatz der Begriffe +irren, auch über die Meinung ein Irrtum begegnet, wenn es z. B. möglich +ist, daß eines und dasselbe mehrerem ursprünglich beiwohnt und man +es von dem einen nicht weiß, und meint, es wohne keinem unter ihm +Begriffenen bei, während man es von dem anderen weiß⁠<a id="FNanchor_267_274" href="#Footnote_267_274" class="fnanchor">[267]</a>⁠. Denn A soll +dem B an sich und dem C an sich zukommen, und diese jedem D ebenso. +Wenn man nun meint, A komme jedem B zu und dieses jedem D, aber A +keinem C, und dieses jedem B, so wird man von <span class="pagenum" id="Page_135">[Pg 135]</span>einem und demselben in +einer und derselben Beziehung ein Wissen und ein Nichtwissen haben⁠<a id="FNanchor_268_275" href="#Footnote_268_275" class="fnanchor">[268]</a>⁠.</p> + +<p>Wiederum, wenn man sich in solchem täuscht, was zu derselben Reihe +gehört, indem es sich begrifflich untergeordnet ist, wie wenn A dem B, +dieses dem C und C dem D zukommt, man nähme aber an, A komme jedem B +und hinwieder keinem C zu. Denn da wird man gleichzeitig wissen, daß es +keinem zukommt, und annehmen, daß es ihm nicht zukommt. Glaubt man nun +hiernach nicht wirklich, daß man das, was man weiß, gleichwohl nicht +annimmt? Denn man weiß gewissermaßen, daß A dem C durch B zukommt, +wie man in und mit dem allgemeinen Satz das Besondere weiß, — und so +glaubt man, daß man das, was man gewissermaßen weiß, schlechthin nicht +annimmt, was unmöglich ist⁠<a id="FNanchor_269_276" href="#Footnote_269_276" class="fnanchor">[269]</a>⁠.</p> + +<p>Es ist aber in dem zuerst angeführten Falle, wo der Mittelbegriff +nicht zu derselben Reihe gehört, nicht möglich, die Prämissen nach +beiden Mittelbegriffen anzunehmen, also etwa anzunehmen, daß A jedem +B und keinem C und diese beiden jedem D zukommen. Denn da folgt, daß +die erste Prämisse (der Obersatz) entweder ganz oder zum Teil in +einem Sinne angenommen wird, der sich selbst konträr ist. Denn wenn +man annimmt, allem, dem B zukommt, komme A zu, und weiß, <span class="sidenote">67 a</span>daß B dem +D zukommt, so weiß man auch, daß A dem D zukommt. Wenn man mithin +wieder meint, A komme keinem zu, dem C zukommt, so meint man, dem +komme A nicht zu, was einiges unter sich begreift, dem B zukommt. Zu +meinen aber, einmal, A komme jedem zu, dem B zukommt; und dann wieder, +es komme einem nicht zu, dem B zukommt, ist sich ganz oder zum Teil +konträr⁠<a id="FNanchor_270_277" href="#Footnote_270_277" class="fnanchor">[270]</a>⁠.</p> + +<p>In dieser Weise kann man also etwas nicht annehmen. Dagegen hindert +nichts, daß man den einen Satz nach beiden Mittelbegriffen oder beide +nach einem als wahr annimmt, so daß z. B. A jedem B und B jedem C +zukäme, und wieder A keinem C⁠<a id="FNanchor_271_278" href="#Footnote_271_278" class="fnanchor">[271]</a>⁠.</p> + +<p>Denn ein solcher Irrtum ist dem Irrtum über das <span class="pagenum" id="Page_136">[Pg 136]</span>Besondere gleich. Wenn +z. B. A jedem B und B jedem C zukommt, muß A jedem C zukommen. Weiß +man also, daß A jedem zukommt, dem B, so weiß man auch, daß es dem C +zukommt. Aber es steht nichts im Wege, daß man nicht wisse, daß C ist, +wenn z. B. A zwei rechte Winkel bezeichnet, B ein Dreieck und C ein +sinnliches einzelnes Dreieck. Denn da könnte man meinen, C sei nicht, +obgleich man weiß, daß jedes Dreieck zwei rechte Winkel hat, so daß +man also ein und dasselbe gleichzeitig weiß und nicht weiß. Denn der +Begriff „Wissen, daß jedes Dreieck eine Winkelsumme von zwei Rechten +hat“, ist nicht eindeutig, sondern er bedeutet einmal, daß man das +Wissen um das Allgemeine, und dann, daß man das Wissen um das Einzelne +hat. So weiß man denn mit allgemeinem Wissen, daß C eine Winkelsumme +von zwei Rechten hat, aber mit dem Wissen, das das Einzelne erreicht, +weiß man es nicht, und so wird man denn keine konträren Verfassungen +haben.</p> + +<p>Dieselbe Bewandtnis hat es mit dem Satze des <em class="gesperrt">Meno</em> (81 D), daß +Lernen Erinnerung ist. Denn nirgendwo folgt dort aus der Argumentation, +daß man das Einzelne vorher weiß, sondern es folgt nur, daß man über +der Induktion die Wissenschaft des Besonderen gewinnt, indem man es +gleichsam wiedererkennt. Denn manches wissen wir, wenn wir diesen Weg +gehen, sofort, z. B.: es enthält zwei rechte Winkel, wenn wir wissen: +es ist ein Dreieck. Und ebenso in den anderen Fällen. Wir denken also +das Besondere in der Wissenschaft des Allgemeinen, wissen es aber +nicht in besonderer Wissenschaft, so daß wir darin auch irren können, +nur nicht in konträrer Weise, sondern wir können die allgemeine +Wissenschaft haben und in der besonderen irren⁠<a id="FNanchor_272_279" href="#Footnote_272_279" class="fnanchor">[272]</a>⁠.</p> + +<p>Eben dieses ist nun auch bei dem vorhin Genannten der Fall: der Irrtum +bezüglich des Mittelbegriffs ist dem durch den Schluß gewonnenen Wissen +nicht konträr, und ebensowenig ist es sich die Meinung bezüglich beider +Mittelbegriffe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_137">[Pg 137]</span></p> + +<p>Nichts hindert aber, daß man zwar weiß, sowohl, A komme dem ganzen B, +wie auch, dieses komme dem ganzen C zu, und gleichwohl meint, A komme C +nicht zu, daß man also z. B. weiß, jede Mauleselin sei unfruchtbar und +dieses Tier sei eine Mauleselin, und gleichwohl meint, es sei trächtig. +Denn man weiß nicht, daß A dem C zukommt, wenn man an die beiden Sätze +nicht gleichzeitig denkt.</p> + +<p>Hieraus sieht man also, daß man auch irren muß, wenn man das eine +weiß und das andere nicht weiß. Das ist aber eben das Verhältnis, daß +zwischen dem Wissen des Allgemeinen und des Besonderen besteht. Denn +wir wissen nichts Sinnenfälliges, nachdem es sich der Wahrnehmung +entzogen hat, <span class="sidenote">67 b</span>auch wenn wir es etwa zuvor wahrgenommen haben, außer +durch den Besitz des allgemeinen und des besonderen Wissens, aber +nicht mit aktuellem (wirklichem) Wissen. Denn man spricht von Wissen +in dreifachem Sinne: es bedeutet das allgemeine, das besondere und das +aktuelle Wissen, und so hat auch das Irren diesen dreifachen Sinn. So +steht denn nichts im Wege, daß man bezüglich eines und desselben Dinges +ein Wissen hat und irrt, nur nicht in konträrer Weise. Das geschieht +auch dem, der beide Vordersätze weiß und nicht zuvor zugesehen hat. +Denn da er annimmt, die Mauleselin sei trächtig, so hat er das aktuelle +Wissen nicht, er befindet sich aber auch wieder nicht wegen dieser +Annahme in einem dem Wissen konträren Irrtum. Denn ein dem allgemeinen +Wissen konträrer Irrtum müßte ein Schluß sein⁠<a id="FNanchor_273_280" href="#Footnote_273_280" class="fnanchor">[273]</a>⁠.</p> + +<p>Wer aber annimmt, das Gutsein sei Schlechtsein, muß annehmen, das Sein +und Wesen von Gut und Schlecht sei identisch. Denn das Gutsein soll A +sein, das Schlechtsein B, und das Gutsein wieder C. Da man nun meint, B +und C sei identisch, so muß man auch meinen, C sei B, und ebenso auch +B sei A, und so denn auch, C sei A. Denn sowie, wenn es wahr wäre, daß +wovon C, davon B, und wovon B, davon A gilt, auch wahr wäre, daß A von +C gilt, ebenso ist es mit dem <span class="pagenum" id="Page_138">[Pg 138]</span>Annehmen, und ebenso wieder mit dem +Sein. Denn wäre C mit B und wieder B mit A identisch, so wäre es auch C +mit A. Demnach müßte es sich also mit dem Meinen geradeso verhalten.</p> + +<p>Ist das nun nicht wirklich notwendig, wenn man die Voraussetzung +zugibt? Aber vielleicht liegt der Irrtum darin, daß man auch noch +in anderem Sinne soll meinen können, das Schlechtsein sei Gutsein, +als bloß mitfolgenderweise. Denn man kann dieses in vielfachem Sinne +annehmen, ein Punkt freilich, der einer genaueren Untersuchung +bedürfte⁠<a id="FNanchor_274_281" href="#Footnote_274_281" class="fnanchor">[274]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Zweiundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Zweiundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Wenn die Außenbegriffe konvertibel sind, muß sich auch der +Mittelbegriff mit beiden vertauschen lassen⁠<a id="FNanchor_275_282" href="#Footnote_275_282" class="fnanchor">[275]</a>⁠.</p> + +<p>Denn wenn A dem C durch B zukommt, so läßt sich, wenn das umgekehrt +werden kann und C allem zukommt, dem A zukommt, auch B mit A +vertauschen, und es kommt allem, dem A zukommt, auch B zu durch +den Mittelbegriff C; und C läßt sich mit B vertauschen durch den +Mittelbegriff A⁠<a id="FNanchor_276_283" href="#Footnote_276_283" class="fnanchor">[276]</a>⁠.</p> + +<p>Ebenso verhält es sich mit den verneinenden Sätzen; also, wenn B dem +C zukommt, aber dem B das A nicht zukommt, wird A auch dem C nicht +zukommen. Wenn nun B mit A vertauscht werden kann, muß auch C mit A +vertauscht werden können. Denn B darf A nicht zukommen, also auch C +nicht; denn B kommt nach der Voraussetzung jedem C zu⁠<a id="FNanchor_277_284" href="#Footnote_277_284" class="fnanchor">[277]</a>⁠.</p> + +<p>Und, wenn C mit B vertauscht werden kann, so auch mit A. Denn von wem +nach dessen ganzem Umfange B gilt, von dem auch C.</p> + +<p><span class="sidenote">68 a</span>Und, wenn C mit A vertauscht wird, wird auch B mit A vertauscht. Denn +wem B zukommt, dem C; wem aber A, dem kommt C nicht zu⁠<a id="FNanchor_H_8" href="#Footnote_H_8" class="fnanchor">[H]</a>⁠. +Und nur hier fängt man mit der Konklusion an — nicht so bei den anderen Weisen —, +wie bei dem bejahenden Schluß.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_H_8" href="#FNanchor_H_8" class="label">[H]</a> 68 a 1 nach Waitz.</p></div> + +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_139">[Pg 139]</span></p> + +<p>Wiederum, wenn A und B konvertibel ist, und ebenso C und D, und jedem +Ding A oder C zukommen muß, so wird auch C und D sich so verhalten, daß +allem eins davon zukommt.</p> + +<p>Denn da wem A, dem B, und wem C, dem D zukommt, und allem A oder B +zukommt, aber nicht beides zugleich, so kommt offenbar auch B oder +D allem zu, aber nicht beides zugleich. Wenn z. B. das Ungewordene +unvergänglich und das Unvergängliche ungeworden ist, so muß das +Gewordene vergänglich sein und das Vergängliche geworden sein. Denn +hier werden zwei Schlüsse verbunden.</p> + +<p>Wiederum, wenn allem entweder A oder B und C oder D zukommt, nicht aber +je beides zugleich, und dann A und C konvertibel ist, so ist es auch B +und D.</p> + +<p>Denn wenn B einem Subjekt nicht zukommt, dem D zukommt, so kommt ihm +offenbar A zu. Wenn aber A, auch C. Denn sie lassen sich umkehren. Also +zugleich C und D. Das ist aber unmöglich.</p> + +<p>Wenn aber A dem ganzen B und C zukommt und von nichts anderem gilt, B +aber auch jedem C zukommt, so muß A und B konvertibel sein. Denn da A +nur von BC gilt und B sowohl von sich selbst als von C ausgesagt wird, +so wird offenbar von allem, wovon A ausgesagt wird, auch B es werden, +außer von A selbst.</p> + +<p>Wiederum, wenn A und B dem ganzen C zukommt und C mit B konvertibel +ist, muß A jedem B zukommen. Denn da A jedem C und C wegen der +Konvertibilität jedem B zukommt, so muß auch A jedem B zukommen.</p> + +<p>Wenn aber von zweien Dingen, A und B, die sich entgegengesetzt sind, +das erste vorzüglicher ist als das zweite, und ebenso D vorzüglicher +ist als C, so ist, wenn AC vorzüglicher ist als BD, A vorzüglicher als +D.</p> + +<p>Denn A ist ebenso zu erstreben, als B zu fliehen, da sie Gegensätze +sind; und ebenso C und D; denn auch sie sind sich entgegengesetzt. +Wenn nun A gleich vorzüglich ist wie D, ist auch B in gleichem Maße zu +fliehen wie C. Denn das eine ist jedesmal gleich sehr <span class="pagenum" id="Page_140">[Pg 140]</span>zu fliehen wie +das andere zu erstreben. Mithin gilt das Gleiche von beiden zusammen, +also von AC, gegenüber BD. Da nun aber AC vorzüglicher sein soll als +BD, so können jene nicht gleich vorzüglich sein. Denn sonst wäre es +auch BD.</p> + +<p>Wem aber D vorzüglicher ist als A, ist auch B minder zu fliehen als +C. Denn das Mindere steht dem Minderen gegenüber. Das größere Gut und +mindere Übel ist aber vorzüglicher als das mindere Gut und größere +Übel. Mithin wäre auch das Ganze, BD, vorzüglicher als AC. Nun aber ist +es das nicht. Mithin ist A vorzüglicher als D, und mithin auch C minder +zu fliehen als B.</p> + +<p>Wenn also jeder Liebende auf Grund seiner Liebe in dem anderen den +Habitus oder die Gesinnung der Willfährigkeit — sie heiße A —, +verbunden mit keinem Willfahren — es heiße C —, höher schätzt als +Willfahren, D, ohne diese Gesinnung, B, <span class="sidenote">68 b</span>so ist offenbar A oder die +gedachte Qualität vorzüglicher als die Willfährigkeit. Mithin ist das +Geliebtwerden für den Liebenden als solchen wünschenswerter als der +Verkehr. Und mithin geht der Eros (die Liebe) mehr auf die Freundschaft +als auf den Verkehr. Wenn aber zumeist auf sie, so ist sie auch Ziel. +Mithin ist der Verkehr entweder überhaupt nicht das Ziel der Liebe, +oder ein solches, das zugleich Mittel ist, um geliebt zu werden. Ist +das ja auch die Weise, auf die die schönen Künste und Fertigkeiten +entstehen⁠<a id="FNanchor_278_285" href="#Footnote_278_285" class="fnanchor">[278]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Dreiundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Dreiundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Wie sich nun die Begriffe in bezug auf die Umkehrung und die Frage, +was in höherem Grade zu erstreben oder zu fliehen sei, verhalten, +haben wir hiermit erklärt. Wir müssen aber jetzt weiter davon reden, +daß nicht nur die dialektischen und beweisenden Schlüsse durch die +vorgenannten Figuren gehen, sondern auch die rhetorischen und überhaupt +alle Überzeugungsweisen⁠<a id="FNanchor_279_286" href="#Footnote_279_286" class="fnanchor">[279]</a>⁠, welches auch ihre Methode sein möge. Denn +<span class="pagenum" id="Page_141">[Pg 141]</span>alles, was wir glauben, glauben wir entweder auf Grund eines Schlusses +oder auf Grund der Induktion.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Induktion</em> nun und <em class="gesperrt">der induktive Schluß</em> besteht darin, +daß man durch den einen Außenbegriff den anderen für den Mittelbegriff +erschließt, daß man z. B., wenn zu AC das Mittelglied B ist, durch +C zeigt, daß A dem B zukommt; denn so bringen wir die Induktionen +zustande. Es sei z. B. A langlebig, B ohne Galle, C das einzelne +Langlebige, wie Mensch, Pferd, Maultier⁠<a id="FNanchor_280_287" href="#Footnote_280_287" class="fnanchor">[280]</a>⁠.</p> + +<p>Nun kommt dem ganzen C das A zu, da alles, was keine Galle hat, +langlebig ist. Aber auch B, keine Galle haben, kommt jedem C zu. +Wenn nun C mit B konvertibel ist und nicht über den Mittelbegriff +hinausreicht, so muß A dem B zukommen⁠<a id="FNanchor_281_288" href="#Footnote_281_288" class="fnanchor">[281]</a>⁠. Denn es ist vorhin gezeigt +worden, daß wenn zwei Begriffe einem und demselben Subjekt zukommen +und der Außenbegriff mit einem von ihnen konvertibel ist, dem, womit +er es ist, auch das andere Prädikat zukommen muß. Man muß aber unter C +das aus allen einzelnen Gliedern Zusammengesetzte verstehen. Denn die +Induktion geschieht durch alle hindurch⁠<a id="FNanchor_282_289" href="#Footnote_282_289" class="fnanchor">[282]</a>⁠.</p> + +<p>Es geht aber ein solcher Schluß auf die erste und unvermittelte +Prämisse. Denn das, wofür es einen Mittelbegriff gibt, wird durch +dieses Mittlere erschlossen, dagegen das, wofür es keinen gibt, durch +die Induktion⁠<a id="FNanchor_283_290" href="#Footnote_283_290" class="fnanchor">[283]</a>⁠.</p> + +<p>Und die Induktion ist auf gewisse Weise das Gegenteil des Schlusses. +Denn dieser weist durch den Mittelbegriff den Oberbegriff für den +Unterbegriff nach; jene durch den Unterbegriff den Oberbegriff für den +Mittelbegriff⁠<a id="FNanchor_284_291" href="#Footnote_284_291" class="fnanchor">[284]</a>⁠.</p> + +<p>Von Natur ist demnach der Schluß durch den Mittelbegriff früher +und bekannter, für uns aber ist der Schluß durch Induktion +einleuchtender⁠<a id="FNanchor_285_292" href="#Footnote_285_292" class="fnanchor">[285]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Vierundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Vierundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Ein <em class="gesperrt">Beispiel</em>, Paradeigma, ist es, wenn gezeigt wird, daß dem +mittleren Begriff der obere zukommt, <span class="pagenum" id="Page_142">[Pg 142]</span>und zwar durch ein dem dritten +(unteren) Ähnliches. Es muß dabei aber bekannt sein, daß der mittlere +dem dritten und der obere Begriff dem Ähnlichen zukommt⁠<a id="FNanchor_286_293" href="#Footnote_286_293" class="fnanchor">[286]</a>⁠.</p> + +<p><span class="sidenote">69 a</span>Z. B. es sei A Übel, B gegen Grenznachbarn Krieg anfangen, C Athener +gegen Thebaner, D Thebaner gegen Phokier. Wenn wir nun zeigen wollen, +daß es ein Übel ist, mit den Thebanern zu kriegen, so muß gesetzt +werden, daß es ein Übel ist, mit den Grenznachbarn zu kriegen. Dies +wird nun aus den ähnlichen Fällen glaublich, z. B. weil den Thebanern +der Krieg mit den Phokiern verderblich war. Da nun der Krieg mit den +Grenznachbarn ein Übel und der Krieg mit den Thebanern ein solcher mit +Grenznachbarn ist, so ist es offenbar ein Übel, mit den Thebanern zu +kriegen. Daß nun B dem C und D zukommt, ist klar — denn beides heißt +gegen Grenznachbarn Krieg anfangen —, und ebenso, daß A dem D — denn +den Thebanern brachte der Krieg mit den Phokiern kein Heil —; daß aber +A dem B zukommt, wird durch D gezeigt werden; ebenso, wenn es durch +mehreres Ähnliche glaublich gemacht wird, daß der mittlere Begriff zu +dem oberen gehört.</p> + +<p>Man sieht also, daß sich das Beispiel weder wie ein Teil zum Ganzen, +noch wie das Ganze zu einem Teil verhält, sondern wie ein Teil zu einem +Teil, wenn beides unter einem begriffen, und das eine davon bekannter +ist. Und es unterscheidet sich von der Induktion dadurch, daß diese +aus allem Unteilbaren (Einzelnen) zusammen den oberen Begriff für den +mittleren nachwies und an den oberen keinen weiteren Schluß knüpfte, +während das Beispiel diese Verknüpfung wohl vornimmt und nicht aus +allen Einzelfällen beweist⁠<a id="FNanchor_287_294" href="#Footnote_287_294" class="fnanchor">[287]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Fuenfundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Fünfundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Eine <em class="gesperrt">Apagoge</em> (Umbiegung), Abduktion ist es, wenn es sicher ist, +daß der erste (obere) Begriff dem mittleren zukommt, das aber, daß der +mittlere dem <span class="pagenum" id="Page_143">[Pg 143]</span>letzten (unteren) zukommt, zwar unsicher, aber ebenso +glaubwürdig oder glaubwürdiger ist als der Schlußsatz⁠<a id="FNanchor_288_295" href="#Footnote_288_295" class="fnanchor">[288]</a>⁠.</p> + +<p>Ferner, wenn der Zwischenglieder zwischen dem letzten und dem mittleren +Begriff wenige sind. Denn auf alle Fälle kommen wir so dem Wissen näher.</p> + +<p>Z. B. es sei A lehrbar, B Wissenschaft, C Gerechtigkeit. Daß nun +die Wissenschaft lehrbar ist, leuchtet ein; ob aber die Tugend eine +Wissenschaft sei, ist unsicher. Wenn nun BC ebenso glaubwürdig oder +noch glaubwürdiger ist als AC, so ist das Apagoge. Denn wir kommen, +indem wir BC zu Hilfe nehmen, der Wissenschaft AC näher, ohne sie doch +schon zu haben.</p> + +<p>Oder wieder, wenn der Zwischenglieder zu BC wenige sind; denn auch +so kommen wir dem Wissen näher. Z. B. wenn D aufs Quadrat zu bringen +ist, E geradlinig, F Kreis. Wäre dann für EF nur der eine vermittelnde +Gedanke nötig, daß ein Kreis vermittels der Menisken oder der Halbmonde +auf eine geradlinige Figur gebracht wird, so wäre damit die Sache dem +Wissen nahe gebracht⁠<a id="FNanchor_289_296" href="#Footnote_289_296" class="fnanchor">[289]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn BC weder glaubwürdiger ist als AC, noch der Zwischenglieder +wenige sind, so nenne ich das nicht Apagoge; auch nicht, wenn BC keine +Vermittlung hat; denn solches ist Wissenschaft⁠<a id="FNanchor_290_297" href="#Footnote_290_297" class="fnanchor">[290]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Sechsundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Sechsundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p>Ein <em class="gesperrt">Einwand</em>, Instanz, ist ein Satz, der das Gegenteil eines +anderen Satzes ausspricht. Er unterscheidet sich von diesem letzteren +dadurch, daß der Einwand partikulär sein kann, während der Satz, gegen +den er sich richtet, es entweder überhaupt nicht sein kann <span class="sidenote">69 b</span>oder doch +nicht bei allgemeinen Schlüssen⁠<a id="FNanchor_291_298" href="#Footnote_291_298" class="fnanchor">[291]</a>⁠.</p> + +<p>Ein Einwand wird in zweifacher Weise und in zwei Figuren erhoben: in +zweifacher Weise, weil jeder Einwand entweder allgemein oder partikulär +ist, in zwei Figuren, weil die Einwände im Gegensatz zu der <span class="pagenum" id="Page_144">[Pg 144]</span>Prämisse +erhoben werden und Gegenteiliges nur in der ersten und der dritten +Figur gefolgert werden kann. Denn wenn man eingeräumt haben will, daß +etwas jedem zukommt, wenden wir ein, daß es keinem zukommt oder einem +nicht zukommt, und davon wird das „keinem“ auf Grund der ersten und das +„einem nicht“ auf Grund der letzten Figur nachgewiesen.</p> + +<p>Z. B. es sei A eine einzige Wissenschaft, B konträr. Hat man nun den +Satz aufgestellt, das Konträre falle unter eine Wissenschaft, so wendet +man hiergegen entweder ein, daß die Wissenschaft des Entgegengesetzten +überhaupt nicht dieselbe und das Konträre entgegengesetzt ist, so daß +sich die erste Figur ergibt, oder daß die Wissenschaft des Erkennbaren +und die Wissenschaft des Unerkennbaren nicht eine ist, was die dritte +Figur ist. Denn von C, das ist dem Erkennbaren und Unerkennbaren, ist +es wahr, daß es konträr ist, und falsch, daß es unter eine Wissenschaft +fällt⁠<a id="FNanchor_292_299" href="#Footnote_292_299" class="fnanchor">[292]</a>⁠.</p> + +<p>Bei einer verneinenden Prämisse hinwieder ist es ebenso. Denn wenn man +eingeräumt haben will, daß die Wissenschaft des Konträren nicht eine +ist, so sagen wir entweder, daß die Wissenschaft von allem, oder daß +die von einigem Konträren dieselbe ist, wie die des Gesunden und des +Gesundheitsschädlichen; das „von allem“ wird nun aber auf Grund der +ersten, das „von einigem“ auf Grund der dritten Figur bewiesen⁠<a id="FNanchor_293_300" href="#Footnote_293_300" class="fnanchor">[293]</a>⁠.</p> + +<p>Denn man muß überhaupt in allen Fällen, wenn man allgemein insistiert, +den Widerspruch so fassen, daß er das Ganze der Prämissen trifft, indem +man etwa, wenn der andere die Wissenschaft alles Konträren nicht für +dieselbe gelten lassen will, sagt, daß die des Entgegengesetzten eine +ist. So muß sich aber die erste Figur ergeben, indem das Allgemeine +entsprechend dem in der Behauptung gesetzten Begriff Mittelbegriff +wird. Wenn man dagegen seinen Einwand nur in partikulärem Sinne geltend +macht, muß man solches vorbringen, wozu sich das Subjekt der Prämisse +wie das Allgemeine verhält, muß also etwa sagen, die Wissenschaft von +Erkennbarem und Unerkennbarem <span class="pagenum" id="Page_145">[Pg 145]</span>sei nicht dieselbe. Denn das Konträre +ist im Verhältnis zu diesen beiden Begriffen das Allgemeine. Und es +stellt sich die dritte Figur ein. Denn das partikulär Genommene, also +erkennbar und unerkennbar, ist Mittelbegriff.</p> + +<p>Denn aus dem, woraus sich Konträres schließen läßt, suchen wir auch +die Einwände zu entnehmen. Daher erheben wir sie auch nur aus diesen +Figuren. Denn nur durch sie können entgegengesetzte Schlüsse gehen: +durch die mittlere Figur läßt sich, wie wir gesehen haben, nicht +bejahend schließen.</p> + +<p>Auch würde ein Einwand durch die mittlere Figur eine eingehendere +Begründung erfordern, z. B. wenn man nicht zugäbe, daß A dem B zukomme, +weil ihm C nicht logisch folge. Denn das ergibt sich erst aus anderen +Prämissen, und der Einwand darf nicht auf anderes übergreifen, sondern +muß die abweichende Prämisse sofort klar bereit haben. Deshalb liefert +auch nur diese Figur kein Zeichen⁠<a id="FNanchor_294_301" href="#Footnote_294_301" class="fnanchor">[294]</a>⁠.</p> + +<p>Es kommen hier aber auch die anderen Einwände in Betracht, wie die aus +dem Konträren, dem Ähnlichen und dem, was Gegenstand der Meinung ist. +Auch wäre noch zu untersuchen, ob man einen partikulären Einwand <span class="sidenote">70 a</span>aus +der ersten oder einen verneinenden aus der mittleren Figur entnehmen +kann⁠<a id="FNanchor_295_302" href="#Footnote_295_302" class="fnanchor">[295]</a>⁠.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Zweites_Buch_Siebenundzwanzigstes_Kapitel"><em class="gesperrt">Siebenundzwanzigstes Kapitel</em>.</h3> + +</div> + +<p><em class="gesperrt">Wahrscheinliches</em> und <em class="gesperrt">Zeichen</em> ist nicht dasselbe, sondern +das Wahrscheinliche ist ein glaubhafter Satz (endoxos). Denn wovon man +weiß, daß es meistens so geschieht oder nicht geschieht, so ist oder +nicht so ist, das ist wahrscheinlich, z. B. der Satz, daß die Neider +hassen oder daß die Geliebten lieben.</p> + +<p>Ein Zeichen aber will ein beweisender Satz sein, ein notwendiger oder +ein glaubhafter. Denn bei wessen Sein ein Ding ist oder bei wessen +Geschehen es früher oder später geschieht, das ist ein Zeichen, daß es +geschehen ist oder daß es ist⁠<a id="FNanchor_296_303" href="#Footnote_296_303" class="fnanchor">[296]</a>⁠.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_146">[Pg 146]</span></p> + +<p>Ein <em class="gesperrt">Enthymema</em> (Gemeinschluß) nun ist ein Schluß aus +Wahrscheinlichem oder aus Zeichen (Indizien).</p> + +<p>Das Zeichen wird in dreifacher Weise angesetzt, auf so viele, wie +der Mittelbegriff in den Figuren. Denn es wird wie der Mittelbegriff +entweder in der ersten oder in der mittleren oder in der dritten Figur +angesetzt. Z. B. wenn man beweist, daß eine Frau schwanger ist, weil +sie Milch hat, so gehört das in die erste Figur, weil Milch haben +Mittelbegriff ist; A: schwanger sein, B: Milch haben, C: Frau. Die +Folgerung, daß die Weisen tugendhaft sind, weil Pittakus tugendhaft +ist, fußt auf der letzten Figur; A: tugendhaft, B: die Weisen, C: +Pittakus. Man würde hier sowohl A wie B von C wahrheitsgemäß aussagen, +aber man sagt das eine nicht, weil man es weiß, das andere aber nimmt +man an. Die Folgerung endlich, daß eine Frau schwanger ist, weil sie +blaß ist, will auf der mittleren Figur fußen. Denn da die Blässe sich +an die Schwangerschaft knüpft und sie auch an dieser bestimmten Frau +hervortritt, glaubt man gezeigt zu haben, daß sie schwanger ist. Blaß: +A, schwanger sein: B, Frau: C⁠<a id="FNanchor_297_304" href="#Footnote_297_304" class="fnanchor">[297]</a>⁠.</p> + +<p>Wird nun bloß die eine Prämisse ausgesprochen, so erhält man nur +ein Zeichen, nimmt man aber noch die zweite hinzu, so hat man einen +Schluß, wie z. B.: Pittakus ist freigebig; denn die Ehrliebenden sind +freigebig, Pittakus aber ist ehrliebend. Oder wieder: die Weisen sind +gut; denn Pittakus ist gut, aber auch weise.</p> + +<p>So ergeben sich also Schlüsse, nur ist der Schluß durch die erste Figur +unwiderlegbar, wenn er wahr ist — denn er ist allgemein —, aber der +Schluß durch die letzte Figur ist widerlegbar, auch wenn die Konklusion +wahr ist, weil er nicht allgemein und nicht sachentsprechend ist. Denn +wenn Pittakus tugendhaft ist, brauchen deshalb nicht auch die anderen +Weltweisen es zu sein. Der Schluß durch die mittlere Figur aber ist +immer und in allen Fällen widerlegbar. Denn wenn die Begriffe sich so +verhalten, kommt nie ein Schluß zustande. <span class="pagenum" id="Page_147">[Pg 147]</span>Es braucht ja, wenn die +Schwangere bleich und auch diese bestimmte Frau bleich ist, dieselbe +nicht schwanger zu sein. So wird sich denn in allen Zeichen Wahres +finden, aber mit den angegebenen Unterschieden⁠<a id="FNanchor_298_305" href="#Footnote_298_305" class="fnanchor">[298]</a>⁠.</p> + +<p><span class="sidenote">70 b</span>Man muß also das Zeichen entweder in dieser Weise unterscheiden und +dann unter den Zeichen den Mittelbegriff als tekmerion (strengen Beleg) +auffassen — denn sie sagen, tekmerion sei, was einen wissen macht, das +gilt aber besonders von dem Mittelbegriff —; oder man muß das, was man +auf die Seite der Außenbegriffe setzt, Zeichen, und das, was man auf +die Seite des Mittelbegriffs setzt, tekmerion nennen⁠<a id="FNanchor_299_306" href="#Footnote_299_306" class="fnanchor">[299]</a>⁠. Denn was man +durch die erste Figur erschließt, ist am glaubhaftesten und am meisten +wahr.</p> + +<p><em class="gesperrt">Physiognomik</em> (Erratung der Physis) ist möglich, wenn man zugibt, +daß alles, was physische Affektion ist, Leib und Seele zugleich +verändert. Denn wer Musik gelernt hat, hat sich vielleicht in etwas +an seiner Seele verändert, indessen gehört so etwas nicht zu unseren +physischen Affektionen, sondern physische Bewegungen sind z. B. die +Regungen des Zornes und der Begierde⁠<a id="FNanchor_300_307" href="#Footnote_300_307" class="fnanchor">[300]</a>⁠.</p> + +<p>Wenn also dieses zugegeben wird, wie auch, daß es für je eine Affektion +je ein Zeichen gibt, und wenn wir die jeder Gattung eigentümliche +Affektion und deren jeweiliges Zeichen ermitteln können, so werden wir +Physiognomik treiben oder die Physis, die Natur und den Charakter, +erraten können.</p> + +<p>Denn wenn irgendeiner nicht weiter teilbaren Gattung ein Affekt oder +eine Eigenschaft eigentümlich zukommt, wie z. B. den Löwen der Mut, +so gibt es notwendig auch ein Zeichen dafür. Wir stehen ja auf der +Voraussetzung, daß es eine Sympathie von Leib und Seele gibt. Dieses +Zeichen soll also der Besitz großer Extremitäten sein, was auch anderen +Gattungen zukommen kann, aber nicht nach ihrem ganzen Umfange. Denn das +Zeichen ist in dieser Weise eigentümlich, weil es eine einer ganzen +Gattung eigentümliche, nicht eine ihr allein eigentümliche Affektion +ist, <span class="pagenum" id="Page_148">[Pg 148]</span>gemäß der Anwendung, die wir von diesem Wort zu machen pflegen. +Es wird mithin dasselbe auch in anderen Gattungen vorkommen, und es +wird auch ein Mensch und irgendein anderes sinnliches Wesen mutig sein, +kann also das Zeichen haben. Es gab ja ein Zeichen für <em class="gesperrt">eine</em> +psychische Eigenschaft. Wenn also dem so ist und wir solche Zeichen +von den sinnlichen Wesen abnehmen können, die bloß eine Affektion +eigentümlich haben — jede hat aber ein Zeichen; denn eines muß sie ja +haben —, dann können wir Physiognomik treiben.</p> + +<p>Wenn aber die ganze Gattung zwei eigentümliche psychische Züge auf +weist, wie der Löwe Mut und Großmut, wie kann man da erkennen, welches +von beiden ihnen eigentümlich zukommenden Zeichen welchem von beiden +entspricht?</p> + +<p>Ich denke, man kann es in dem Falle, daß die beiden fraglichen Züge +einer anderen Gattung, aber nicht in ihrem ganzen Umfang, zukommen, und +daß die Individuen der Gattungen, innerhalb deren beides nur einem Teil +zukommt, den einen Zug aufweisen und den anderen nicht. Denn wenn einer +mutig, aber nicht großmütig ist, und er dann von den beiden Zeichen +dieses bestimmte hat, so ist einleuchtend, daß dasselbe auch bei einem +Löwen das Zeichen des Mutes ist.</p> + +<p>Der physiognomische Schluß deckt sich also mit dem Fall, wo von den +Begriffen in der ersten Figur der mittlere mit dem oberen konvertibel +ist, während er über den unteren hinausreicht und nicht mit ihm +konvertibel ist. Z. B. A sei Mut, B große Extremitäten, C Löwe. Wem +nun C zukommt, dem allen kommt B zu, aber auch noch anderem. Wem aber +B zukommt, dem allen kommt A zu und nicht noch anderem, sondern diese +beiden Begriffe sind konvertibel. Wären sie es nicht, so gäbe es nicht +für je <em class="gesperrt">eine</em> Eigenschaft je <em class="gesperrt">ein</em> Zeichen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_149">[Pg 149]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Anmerkungen"> + Anmerkungen. + </h2> + +</div> + +<h3 id="Anmerkungen_erstes_Buch"><em class="gesperrt">Zum ersten Buche</em>.</h3> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_1_9" href="#FNanchor_1_9" class="label">[1]</a> Dieses ist wohl der Sinn der Worte 24 b 17: ἢ προςτιεμένον +ἡ διαιρουμένον τοῦ εἶναι καὶ μὴ εἶναι. So fassen sie Alexander, +Silvester Maurus, Waitz und Maier. Bender und v. Kirchmann lassen sie +sagen: mag nun das Sein oder Nichtsein dabei stehen oder nicht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_2_10" href="#FNanchor_2_10" class="label">[2]</a> Das sind drei Bedeutungen von kontingent, endechomenon: +das Notwendige ist kontingent, weil es sein kann, ohne auch nicht sein +zu können, wie z. B. das Absolute, Gott; das nicht Notwendige ist +kontingent, weil es sein und nicht sein kann, wie die Geschöpfe; das +Mögliche, dynaton, ist kontingent, weil es sein kann, abgesehen davon, +ob es notwendig ist oder nicht; so ist es z. B. möglich, daß überhaupt +etwas ist. Nach Silvester Maurus. Die zweite Bedeutung ist die engere +und eigentliche.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_3_11" href="#FNanchor_3_11" class="label">[3]</a> Hier scheint διορίζομεν nicht sowohl definieren zu +bedeuten als einteilen, unterscheiden, gemäß <a href="#K3_Abs_2">Absatz 2</a>: da es ein +Kontingentes gibt, das nicht notwendig ist, so kann es auch ein solches +geben, das nur meistens ist, so wie es der natürliche und gewöhnliche +Lauf der Dinge mit sich bringt; gegen Bender und v. Kirchmann. Auch +Waitz überzeugt nicht, der hier die Bedeutung von Definition annimmt +und in den Worten des Aristoteles angemerkt findet, daß das, was +meistenteils geschieht, der ursprüngliche und eigentliche Sinn des +ἐνδεχόμενον ist. Das soll auch der Sinn des δυνατόν 25 a 39 sein. Das +letztere scheint unerweisbar, das erstere dagegen, daß ἐνδεχόμενον das +Gewöhnliche bedeutet — im Deutschen läßt sich das in der Übersetzung +von kontingent nicht wiedergeben — ist glaubhaft. Man kann ἐνδέχεσθαι +als aufnehmen verstehen, und das logische Subjekt ist dann die Natur +der Dinge, also: τῇ φύσει ἐνδέχεται, wobei freilich dieses Verbum +passive Bedeutung hätte.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_4_12" href="#FNanchor_4_12" class="label">[4]</a> Beispiel: Jedes sinnlich wahrnehmende Wesen (ζῷον animal) +ist mit Leben begabt; jeder Mensch ist ein sinnlich wahrnehmendes Wesen +(Sinnenwesen); also ist jeder Mensch mit Leben begabt. — Man sieht +hier, warum es im folgenden Absatz heißt, daß der Mittelbegriff auch +seiner Stellung nach der mittlere Begriff wird oder ist (γίνεται): er +wird in der einen Prämisse unter den ersten Begriff gebracht, in der +anderen der letzte Begriff unter ihn. — Es wäre deutlicher gewesen, +wenn wir übersetzt hätten: wenn der Oberbegriff (mit Leben begabt) in +dem ganzen mittleren Begriff (Sinnenwesen) ist oder, in ihm nach dessen +ganzem Umfange ist, statt zu übersetzen: in dem mittleren Begriff als +Ganzem; aber es galt mit Aristoteles den Anschluß an den Ausdruck im <a href="#K1_Abs_1">1. +Kapitel, Absatz 1</a>, wahren: in einem anderen als Ganzem.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_150">[Pg 150]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_5_13" href="#FNanchor_5_13" class="label">[5]</a> A ist Oberbegriff. Er wird so bezeichnet, weil er logisch +vorangeht, da er umfassender und allgemeiner ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_6_14" href="#FNanchor_6_14" class="label">[6]</a> Beispiel: Kein Sinnenwesen ist eine Pflanze; jeder Mensch +ist ein Sinnenwesen; also ist kein Mensch eine Pflanze.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_7_15" href="#FNanchor_7_15" class="label">[7]</a> Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; kein Pferd ist ein +Mensch; also ist kein Pferd ein Sinnenwesen.</p> + +<p>Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; kein Stein ist ein Mensch; also +ist jeder Stein ein Sinnenwesen. Hier wird beide Male aus richtigen +Prämissen geschlossen, aber beide Male mit falschem Ergebnis, woraus +folgt, daß man weder einen allgemein bejahenden, noch einen allgemein +verneinenden Schlußsatz gewinnt. Ebenso läßt sich nicht partikulär +schließen, daß einige Steine Sinnenwesen oder einige Pferde keine +Sinnenwesen sind.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_8_16" href="#FNanchor_8_16" class="label">[8]</a> Keine Linie ist Wissenschaft; keine Heilkunst ist Linie; +also ist keine Heilkunst Wissenschaft. — Keine Linie ist Wissenschaft; +keine Eins ist Linie; also ist jede Eins Wissenschaft. — Der Heilkunst +kommt aber tatsächlich das Prädikat Wissenschaft zu, der Eins kommt +es nicht zu. — Es ist irreführend, wenn Bender Zeile 26 11 f. so +übersetzt: „für den einen Fall, daß ein Zukommen sich ergibt, nehme man +die Begriffe Wissenschaft, Linie, Heilkunst, für den anderen Fall, daß +kein Zukommen sich ergibt, die Begriffe Wissenschaft, Linie, Einheit.“ +Denn es ergibt sich logisch in keinem von beiden Fällen ein Zukommen, +aber tatsächlich gilt im ersten Falle das Zukommen, im zweiten das +Nichtzukommen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_9_17" href="#FNanchor_9_17" class="label">[9]</a> Aristoteles gebraucht hier zum ersten Male und +unvermittelt den Ausdruck Figur, Schema, für die Anordnung der Schlüsse +je nach der Stellung des Mittelbegriffs. Er stellt nur drei, nicht vier +Schlußfiguren auf. Ist der Mittelbegriff in der einen Prämisse, genauer +im Obersatz, Subjekt, in der anderen Prädikat, so ist das die erste +Figur; vgl. den <a href="#K_1_4_Schluss">Schluß dieses Kapitels</a>. Ist er in beiden Prädikat, so +hat man die zweite; ist er in beiden Subjekt, so hat man die dritte +Figur; vgl. <a href="#Erstes_Buch_Fuenftes_Kapitel">K. 5</a> Anf. und <a href="#Erstes_Buch_Sechstes_Kapitel">K. 6</a> Anf. Die vierte Figur der neueren Logik +bekäme man, wenn der Mittelbegriff im Obersatz Prädikat, im Untersatz +Subjekt wäre. Der Oberbegriff wäre dann im Obersatz Subjekt. Das aber +will A. nicht. Der Oberbegriff ist dieses darum, weil er als Form die +Aussage darstellt, während der Unterbegriff als Stoff ihr Gegenstand +ist. Darum muß der Oberbegriff im Obersatz als Prädikat stehen. Der +Obersatz enthält gleichsam das probandum, der Untersatz die probatio. +Jener gibt die Bestimmung an, die zu beweisen ist, dieser das Substrat, +das sich der Bestimmung unterwirft. Jener stellt für einen bestimmten +Umfang das Gesetz auf, dieser weist etwas in diesen Umfang ein. Vgl. +<a href="#Footnote_48_56">Anm. 48</a>.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_151">[Pg 151]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_10_18" href="#FNanchor_10_18" class="label">[10]</a> Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; ein Weißes ist ein +Mensch; also ist ein Weißes oder einiges Weiße ein Sinnenwesen. — Kein +Mensch ist ein Pferd; ein Weißes ist ein Mensch; also ist ein Weißes +oder einiges Weiße kein Pferd.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_11_19" href="#FNanchor_11_19" class="label">[11]</a> Wenn man also, statt zu sagen: ein Weißes oder irgendein +Weißes ist ein Mensch, sagt: Weißes ist Mensch. Denn da folgt +unbestimmt: Weißes ist Sinnenwesen, oder: Weißes ist kein Pferd. +Singuläre Prämissen berücksichtigt Aristoteles nicht, sie unterscheiden +sich für den Schluß nicht von den partikulären. Darum hat er auch <a href="#K1_Abs_2">K. 1, +Absatz 2</a>, bei der Einteilung der Sätze nach der Quantität, der Sätze, +die etwas von einem Einzelding aussagen, nicht gedacht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_12_20" href="#FNanchor_12_20" class="label">[12]</a> Schluß für Zukommen, das heißt, wo tatsächlich, nicht +logisch, ein Zukommen stattfindet. Irgendein Habitus, eine seelische +Eigentümlichkeit, ist nicht gut; jede Klugheit ist ein Habitus; +also ist jede Klugheit oder irgendeine Klugheit nicht gut. Sie ist +es aber gleichwohl. Schluß für Nichtzukommen: Irgendein Habitus ist +gut; jede Ungeschicktheit ist ein Habitus; also ist jede oder eine +Ungeschicktheit gut. Sie ist es aber gleichwohl nicht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_13_21" href="#FNanchor_13_21" class="label">[13]</a> 1. Ein Pferd ist weiß; kein Schwan ist ein Pferd, also +ist kein Schwan weiß, oder: ein Schwan ist nicht weiß. Falsch! Also +ergibt sich kein negativer Schlußsatz. 2. Ein Pferd ist weiß; kein Rabe +ist ein Pferd; also ist jeder oder sind einige Raben weiß! Falsch! Also +ergibt sich kein affirmativer Schlußsatz. Ebenso ist es, wenn man statt +des partikulären Obersatzes einen unbestimmten nimmt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_14_22" href="#FNanchor_14_22" class="label">[14]</a> 1. Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; nicht alles Weiße +ist Mensch, oder ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch; also ist kein +Weißes ein Sinnenwesen oder ist ein bestimmtes Weißes kein Sinnenwesen. +Es folgt also kein verneinender Schlußsatz, da der vorliegende falsch +ist: man denke z. B. an Schwan. 2. Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; +einiges Weiße oder ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch; also ist +jedes Weiße oder ein bestimmtes Weißes ein Sinnenwesen. Es folgt also +kein bejahender Schlußsatz, da der Vorliegende falsch ist: man denke +z. B. an Schnee.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_15_23" href="#FNanchor_15_23" class="label">[15]</a> 1. Kein Mensch ist unbeseelt; einiges Weiße oder ein +bestimmtes Weißes ist kein Mensch; also ist jedes Weiße oder ein +bestimmtes Weißes unbeseelt. Aber der Schwan ist beseelt. 2. Kein +Mensch ist unbeseelt; einiges Weiße oder ein bestimmtes Weißes ist +kein Mensch; also ist kein Weißes unbeseelt oder ist ein bestimmtes +Weißes nicht unbeseelt. Aber der Schnee ist es. — Der Gegensatz +zwischen partikulär und unbestimmt ist hier anders gemeint als der +Gegensatz zwischen partikulären und allgemeinen Sätzen einerseits und +unbestimmten Sätzen andererseits in <a href="#K1_Abs_2">K. 1, Abs. 2</a>. Auch der unbestimmte +Satz ist jetzt partikulär gedacht, aber sein Subjekt ist unbestimmt, +wie z. B. in dem Satz: einiges Weiße ist kein Mensch. Sage ich aber: +ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch, so meine ich etwa den Schwan +oder den Schnee, und ein solcher Satz heißt hier partikulär.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_152">[Pg 152]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_16_24" href="#FNanchor_16_24" class="label">[16]</a> Ein zweiter Beweis für denselben Fall! Der Fall wird +zurückgeführt auf den anderen, 26 a 2 ff., wo der Obersatz allgemein +bejahend oder verneinend, und der Untersatz allgemein verneinend ist. +— Man sieht, daß hier von unbestimmtem Satz in einem wieder anderen +Sinne geredet wird: bei dem Satz: B kommt einem C nicht zu, bleibt es +unbestimmt, ob es irgendeinem anderen C zukommt oder keinem. Da es nun +möglicherweise keinem zukommt, darf man auch nicht mehr schließen, als +wenn es keinem zukommt. Um es anders zu sagen: für die Wahrheit des +Satzes: B kommt einem C nicht zu, genügt es, daß es keinem zukommt. Was +nun daraus nicht folgt, daß es keinem zukommt, folgt auch nicht daraus, +daß es einem nicht zukommt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_17_25" href="#FNanchor_17_25" class="label">[17]</a> a) Irgendein Weißes ist ein Sinnenwesen; irgendein Pferd +ist weiß, b) Irgendein Weißes ist kein Sinnenwesen; irgendein Pferd ist +nicht weiß, c) Irgendein Weißes ist ein Sinnenwesen; irgendein Pferd +ist nicht weiß, d) Irgendein Weißes ist kein Sinnenwesen; irgendein +Pferd ist weiß. In allen diesen Fällen folgt kein allgemein oder +partikulär verneinender Schlußsatz, folgt also nicht: kein Weißes ist +ein Sinnenwesen, oder: das und das Weiße ist kein Sinnenwesen. Denn +das Pferd kann weiß sein und ist doch ein Sinnenwesen. Ebenso folgt, +wenn man die Begriffe nimmt: Sinnenwesen, weiß, Stein, nicht, daß alles +Weiße oder ein bestimmtes Weißes ein Sinnenwesen ist. Denn der Stein +kann weiß sein und ist doch kein Sinnenwesen. Es macht auch keinen +Unterschied, ob ich sage: nicht jedes Weiße ist ein Sinnenwesen, oder +ob ich sage: ein bestimmtes Weißes ist kein Sinnenwesen, mit anderen +Worten, ob die Prämisse unbestimmt oder ob sie partikulär ist. Es heiße +z. B.: nicht jedes Weiße ist ein Sinnenwesen; nicht jedes Pferd ist +weiß. Da folgt nicht: kein Weißes ist ein Sinnenwesen, und nicht: das +und das Weiße ist kein Sinnenwesen usw.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_18_26" href="#FNanchor_18_26" class="label">[18]</a> Die unbestimmte Frage, ob es nicht jedem zukommt, und die +singuläre Frage, ob es diesem Individuum zukommt oder nicht zukommt, +bleiben unerwähnt, die eine, weil sie unter die partikuläre Frage +fällt, die andere, weil sie nicht die Wissenschaft berührt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_19_27" href="#FNanchor_19_27" class="label">[19]</a> Der Oberbegriff steht näher bei dem Mittelbegriff, +weil er im Schlußsatz ausgesagt wird, wie der Mittelbegriff in den +Prämissen. In dieser Figur steht der Mittelbegriff nicht in der Mitte, +weil er Prädikat ist, sondern außerhalb der Außenbegriffe, und nimmt +als Prädikat und Umfassendes die erste Stelle ein. Nach Silvester +Maurus.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_153">[Pg 153]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_20_28" href="#FNanchor_20_28" class="label">[20]</a> M bezeichnet den Mittelbegriff, N den Oberbegriff, X den +Unterbegriff. Beispiel: Keine Pflanze ist ein Sinnenwesen; jeder Mensch +ist ein Sinnenwesen; also ist kein Mensch eine Pflanze. Beweis. Der +Obersatz läßt sich umkehren, also: Kein Sinnenwesen ist eine Pflanze. +Dann folgt der Schlußsatz nach Celarent in der ersten Figur.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_21_29" href="#FNanchor_21_29" class="label">[21]</a> Jede Pflanze ist sinnenlos; kein Sinnenwesen ist +sinnenlos; also ist kein Sinnenwesen eine Pflanze. Beweis. Der +Untersatz wird umgekehrt in: kein Sinnenloses ist ein Sinnenwesen, +und zum Obersatz gemacht. Dann folgt: also ist keine Pflanze ein +Sinnenwesen, oder umgekehrt, kein Sinnenwesen eine Pflanze.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_22_30" href="#FNanchor_22_30" class="label">[22]</a> a) Beispiel für Zukommen: Jedes sinnbegabte Wesen ist +eine Substanz; jeder Mensch ist eine Substanz; also ist kein Mensch ein +sinnbegabtes Wesen oder ist irgendein Mensch keines. b) Beispiel für +Nichtzukommen: Jedes sinnbegabte Wesen ist eine Substanz; also ist jede +Zahl oder ist irgendeine Zahl ein sinnbegabtes Wesen. — Die Zahl wird +hier im Sinne der Platoniker als Substanz genommen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_23_31" href="#FNanchor_23_31" class="label">[23]</a> Beispiel: a) für Zukommen: Kein Sinnenwesen ist eine +Linie; kein Mensch ist eine Linie; also ist kein Mensch ein Sinnenwesen +oder ist irgendeiner keines; b) für Nichtzukommen: Kein Sinnenwesen ist +eine Linie; kein Stein ist eine Linie; also ist jeder oder ein Stein +eine Linie.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_24_32" href="#FNanchor_24_32" class="label">[24]</a> Keine Pflanze ist ein Sinnenwesen, irgendein Lebendes +ist ein Sinnenwesen, also irgendein Lebendes keine Pflanze. Beweis. +Durch Umkehrung des Obersatzes erhalte ich den Satz: kein Sinnenwesen +ist eine Pflanze, und bilde den Schluß nach dem Modus Ferio der ersten +Figur.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_25_33" href="#FNanchor_25_33" class="label">[25]</a> Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; irgendein Lebendes +(die Pflanze z. B.) ist kein Sinnenwesen, also irgendein Lebendes +kein Mensch. Beweis indirekt. Der Schlußsatz folgt notwendig aus den +Vordersätzen, wenn er nicht falsch sein kann, ohne daß ein Vordersatz +falsch ist. Gesetzt also, er sei falsch. Dann gälte: jedes Lebende ist +ein Mensch. Daraus und aus dem Obersatz folgte: jedes Lebende ist ein +Sinnenwesen, im Widerspruch mit dem Untersatz.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_26_34" href="#FNanchor_26_34" class="label">[26]</a> Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; nicht jedes Lebendige +ist ein Sinnenwesen, also nicht jedes ein Mensch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_27_35" href="#FNanchor_27_35" class="label">[27]</a> a) Für Zukommen: nicht jede Substanz ist ein Sinnenwesen; +jeder Rabe ist ein Sinnenwesen; also ist kein oder nicht jeder Rabe +eine Substanz. b) Für Nichtzukommen: nicht jedes Weiße ist ein +Sinnenwesen; jeder Rabe ist ein Sinnenwesen, also jeder oder ein Rabe +weiß.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_28_36" href="#FNanchor_28_36" class="label">[28]</a> a) Für Zukommen: Irgendeine Substanz ist ein Sinnenwesen; +keine Eins ist Sinnenwesen, also keine oder nicht jede Eins +Substanz. Nach den Platonikern ist aber die Eins Substanz. b) Für +Nichtzukommen: Manche Substanz ist ein Sinnenwesen; keine Wissenschaft +ist ein Sinnenwesen, also jede oder eine Wissenschaft Substanz. Die +Wissenschaft ist aber nicht Substanz, sondern geistige Habe oder +Habitus.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_154">[Pg 154]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_29_37" href="#FNanchor_29_37" class="label">[29]</a> Beispiel für Nichtzukommen: Kein Schnee ist schwarz; +manches Sinnenwesen ist nicht schwarz, also jedes oder manches +Sinnenwesen Schnee. Für jedem Zukommen gibt es keine Begriffe, wenn der +Mittelbegriff dem Unterbegriff teils zukommen, teils nicht zukommen +soll. Denn wenn kein N = M ist und jedes X = N, so ist nach Celarent +kein X = M. Es wurde aber angenommen, daß manches X = M ist, weil +die Begriffe als Beispiel für „jedem Zukommen“ dienen sollten. Die +aufgestellte Regel läßt sich also daraus nicht begründen, daß sich in +dem angenommenen Falle je keine bejahenden und keine verneinenden Sätze +ergeben würden. Aber der partikulär verneinende Untersatz ist in seiner +unbestimmten Fassung auch dann wahr, wenn M keinem X zukommt. Dann wäre +er also gleich dem Obersatz allgemein verneinend, und dann erhielte man +keinen Schluß, vgl. <a href="#Footnote_23_31">Anm. 23</a>. S. auch <a href="#Footnote_30_38">A. 30</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_30_38" href="#FNanchor_30_38" class="label">[30]</a> Beispiel für keinem Zukommen: Jeder Schwan ist weiß; +mancher Stein ist weiß, also jeder oder mancher Stein ein Schwan. Für +jedem Zukommen gibt es keine Begriffe, und es wird wie vorhin — vgl. +die <a href="#Footnote_29_37">vorige Anm.</a> — bewiesen, daß bei den Voraussetzungen des Falles +überhaupt nichts folgt, vgl. <a href="#Footnote_22_30">A. 22</a>. Dadurch wird dann das Beispiel +für keinem Zukommen entbehrlich, und wird auf dem schon mit einem +Fuß betretenen Wege der ersten Begründung eingehalten. Oder es wird, +nachdem gezeigt worden ist, daß kein bejahender Schluß entsteht, das +andere, daß auch kein verneinender entsteht, daraus gezeigt, daß +überhaupt keiner entsteht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_31_39" href="#FNanchor_31_39" class="label">[31]</a> Beispiel für Zukommen: Manches Sinnenwesen ist nicht +weiß; kein Rabe ist weiß; also ist kein Rabe ein Sinnenwesen oder ist +mancher Rabe kein Sinnenwesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_32_40" href="#FNanchor_32_40" class="label">[32]</a> Beispiel für Nichtzukommen: Manches Sinnenwesen ist +weiß; jeder Schwan ist weiß; also ist jeder oder mancher Schnee ein +Sinnenwesen. Für Zukommen: Manches Sinnenwesen ist weiß; jeder Schwan +ist weiß; also ist kein Schwan ein Sinnenwesen oder mancher Schwan kein +Sinnenwesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_33_41" href="#FNanchor_33_41" class="label">[33]</a> Begriffe für Zukommen. Aus den Prämissen a) manches +Sinnenwesen ist weiß, mancher Mensch ist weiß, oder b) manches +Sinnenwesen ist nicht weiß, mancher Mensch ist nicht weiß, oder c) +manches Sinnenwesen ist weiß, mancher Mensch ist nicht weiß, oder d) +manches Sinnenwesen ist nicht weiß, mancher Mensch ist weiß — folgt +nicht: kein Mensch ist ein Sinnenwesen, oder mancher Mensch ist kein +Sinnenwesen. Begriffe für Nichtzukommen. Aus den Prämissen a) manches +Sinnenwesen ist weiß, manches Unbeseelte ist weiß, oder b) manches +Sinnenwesen ist nicht weiß, manches Unbeseelte ist nicht weiß, oder c) +manches Sinnenwesen ist weiß, manches Unbeseelte ist nicht weiß, oder +d) manches Sinnenwesen ist nicht weiß, manches Unbeseelte ist weiß — +folgt nicht: jedes oder manches Unbeseelte ist ein Sinnenwesen.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_155">[Pg 155]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_34_42" href="#FNanchor_34_42" class="label">[34]</a> Der Oberbegriff ist weiter von dem Mittelbegriff +entfernt: er ist in beiden Fällen Prädikat, der Mittelbegriff Subjekt. +Der Unterbegriff steht näher bei ihm: er ist im Schlußsatz Subjekt wie +der Mittelbegriff in den Prämissen. Auch in dieser Figur steht der +Mittelbegriff nicht zwischen den Außenbegriffen, sondern außerhalb +ihrer, und hat die letzte Stelle, weil er Subjekt ist. Gleichwohl ist +er der logische Mittelbegriff, sofern er der Grund für die logische +Verknüpfung der Außenbegriffe im Schlußsatz ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_35_43" href="#FNanchor_35_43" class="label">[35]</a> Jeder Mensch ist vernünftig; jeder Mensch ist ein +Sinnenwesen. Kehrt man den zweiten Satz in den anderen um: manches +Sinnenwesen ist ein Mensch, so folgt in Darii: manches Sinnenwesen ist +vernünftig.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_36_44" href="#FNanchor_36_44" class="label">[36]</a> Ist kein Sinnenwesen vernünftig, so ist kein +Vernünftiges, also kein Mensch, ein Sinnenwesen, was gegen den +Vordersatz ist. — Ist jeder Mensch vernünftig und sinnenbegabt +zugleich, so können wir einen bestimmten Menschen, N, ausheben oder +hernehmen — ἐκτέσθαι —, der beides ist, und folglich kommt es einem +Sinnenwesen zu, daß es vernünftig ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_37_45" href="#FNanchor_37_45" class="label">[37]</a> Kein Mensch ist ein Pferd; jeder Mensch ist ein +Sinnenwesen. Kehrt man den zweiten Satz in den anderen um: manches +Sinnenwesen ist ein Mensch, so folgt in Ferio: manches Sinnenwesen ist +kein Pferd. — Ist jedes Sinnenwesen ein Pferd, so ist auch der Mensch +eines, gegen den Obersatz.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_38_46" href="#FNanchor_38_46" class="label">[38]</a> Für Zukommen: Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; kein +Mensch ist ein Pferd; also ist kein Pferd ein Sinnenwesen oder ist +manches keines. Für Nichtzukommen: Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen, +kein Mensch ist unbeseelt; also ist jedes oder manches Unbeseelte ein +Sinnenwesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_39_47" href="#FNanchor_39_47" class="label">[39]</a> Für Zukommen: Kein Unbeseeltes ein Sinnenwesen; kein +Unbeseeltes ein Pferd; also kein Pferd ein Sinnenwesen oder manches +Pferd kein Sinnenwesen. Für Nichtzukommen: Kein Unbeseeltes ein Mensch; +kein Unbeseeltes ein Pferd; also jedes oder manches Pferd ein Mensch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_40_48" href="#FNanchor_40_48" class="label">[40]</a> Manches Sinnenwesen ist vernünftig; jedes Sinnenwesen +hat Wahrnehmung; also manches Wahrnehmende vernünftig. Beweis. Kehrt +man den Obersatz um in: manches Vernünftige ist ein Sinnenwesen, und +macht ihn zum Untersatz, so folgt in Darii: manches Vernünftige hat +Wahrnehmung, und durch Umkehrung der Schlußsatz.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_41_49" href="#FNanchor_41_49" class="label">[41]</a> Jedes Sinnenwesen nimmt wahr; manches Sinnenwesen ist +vernünftig; also nimmt manches Vernünftige wahr. Beweis wird wie in der +vorigen Anm. geführt. Auch indirekt und durch Heraushebung, wie wenn +beide Prämissen allgemein sind, vgl. <a href="#Footnote_36_44">A. 36</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_42_50" href="#FNanchor_42_50" class="label">[42]</a> Manches Sinnenwesen ist nicht vernünftig; jedes +Sinnenwesen nimmt wahr; also ist manches Wahrnehmende nicht vernünftig. +Beweis indirekt: ist alles Wahrnehmende vernünftig, und nimmt jegliches +Sinnenwesen wahr, so folgt in Barbara: jedes Sinnenwesen vernünftig, +gegen die Voraussetzung im Obersatz; es läßt sich auch durch +Heraushebung zeigen.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_156">[Pg 156]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_43_51" href="#FNanchor_43_51" class="label">[43]</a> Begriffe für jedem Zukommen: Jedes Sinnenwesen ist +beseelt, manches Sinnenwesen kein Mensch, also kein Mensch beseelt +oder mancher Mensch nicht beseelt. Für keinem Zukommen gibt es keine +Begriffe. Denn wenn gilt: jedes S = P, und: ein R = S, gilt auch in +Darii: ein R = P. Es sollten aber Begriffe für den Fall sein, daß kein +R = P ist, sowie die ersten drei Begriffe voraussetzten, daß jedes R = +P ist. Man muß also die Sache angehen, wie in den früheren Fällen, vgl. +<a href="#Footnote_29_37">Anm. 29</a> u. <a href="#Footnote_30_38">30</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_44_52" href="#FNanchor_44_52" class="label">[44]</a> Kein Sinnenwesen ist eine Pflanze; manches Sinnenwesen +ist weiß; also ist manches Weiße kein Sinnenwesen. Beweis durch +Umkehrung des Untersatzes. So folgt der Schlußsatz in Ferio.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_45_53" href="#FNanchor_45_53" class="label">[45]</a> Begriffe für Zukommen: manches Wilde ist ein Sinnenwesen; +kein Wildes ist ein Mensch; also ist kein Mensch ein Sinnenwesen oder +ist mancher Mensch kein Sinnenwesen. Für Nichtzukommen: manches Wilde +ist ein Sinnenwesen; kein Wildes ist Wissenschaft; also ist jede oder +manche Wissenschaft ein Sinnenwesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_46_54" href="#FNanchor_46_54" class="label">[46]</a> Begriffe für Zukommen, wenn der Untersatz allgemein ist: +manches Wilde ist kein Sinnenwesen; kein Wildes ist ein Mensch; also +ist jeder oder mancher Mensch kein Sinnenwesen. Für Nichtzukommen: +manches Wilde ist kein Sinnenwesen; kein Wildes ist Wissenschaft; also +ist jede oder manche Wissenschaft ein Sinnenwesen. — Begriffe für +Nichtzukommen, wenn der Obersatz allgemein ist: kein Weißes ist ein +Rabe; manches Weiße ist kein Schnee: also ist jeder oder mancher Schnee +ein Rabe. In bezug auf Zukommen wird wieder wie schon in drei früheren +Fällen gezeigt, daß es dafür keine Begriffe gibt und folglich die +aufgestellte Regel wieder „aus dem Unbestimmten“ bewiesen werden muß.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_47_55" href="#FNanchor_47_55" class="label">[47]</a> Nimmt man alle möglichen partikulären Sätze mit +Sinnenwesen, Mensch, weiß, so folgt nicht: jeder Mensch oder +mancher Mensch ist kein Sinnenwesen; wenn ebenso mit Sinnenwesen, +unbeseelt, weiß, so folgt nicht: jedes oder manches Unbeseelte ist ein +Sinnenwesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_48_56" href="#FNanchor_48_56" class="label">[48]</a> Warum übergeht Aristoteles die vierte Schlußfigur? Wir +haben diese Frage in <a href="#Footnote_9_17">A. 9</a> beantwortet; v. Kirchmann sagt im Vorwort zu +seiner Übersetzung S. VII: „Von mancher Seite wird mit Unrecht gerügt, +daß Aristoteles die sog. vierte Schlußfigur (die Galenische) nicht +behandelt habe. Dieses gereicht ihm vielmehr zum Lobe. Die von dem Arzt +Galenus erfundene vierte Figur ist nur eine Umstellung der ersten des +Aristoteles; sie schmiegt sich zwar dem Sprachgebrauche leichter an +als die erste des Aristoteles, dagegen entspricht letztere mehr dem +logischen Sachverhalt und dem wissenschaftlichen Gebrauche, und es kann +deshalb mit Recht die Galenische Figur ganz beiseite bleiben.“</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_49_57" href="#FNanchor_49_57" class="label">[49]</a> Aus den Prämissen: Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen, kein +Pferd ein Mensch, folgt nicht der direkte Schluß: jedes oder manches +Pferd ist ein Sinnenwesen, sondern der indirekte: manches Sinnenwesen +ist kein Pferd, und zwar in Ferio, durch Konversion und durch +Umstellung der Prämissen. Aus den Prämissen: Manches Vernünftige ist +ein Sinnenwesen, kein Pferd ist vernünftig, wo der Obersatz partikulär +ist, folgt auch kein direkter Schluß. Verfährt man mit ihnen aber wie +vorhin, so ergibt sich wieder derselbe Schlußsatz; Kein Vernünftiges +ist ein Pferd; manches Sinnenwesen ist vernünftig; manches Sinnenwesen +ist kein Pferd.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_157">[Pg 157]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_50_58" href="#FNanchor_50_58" class="label">[50]</a> Hier nur ein Beispiel für notwendig Zukommen: Jedes +Bewegte hat notwendig Wahrnehmung; jeder Mensch bewegt sich; also hat +jeder Mensch notwendig Wahrnehmung. Denn was von allem gilt und von +allem notwendig gilt, gilt auch und gilt notwendig von allem, was unter +ihm begriffen ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_51_59" href="#FNanchor_51_59" class="label">[51]</a> Jedes Sinnenwesen bewegt sich; jeder Mensch ist notwendig +ein Sinnenwesen. Hier folgt nicht, daß jeder Mensch sich notwendig +bewegt. Denn der Mensch bewegt sich nicht notwendig, sondern zufällig. +Indirekter Beweis in 1, c (Darii): Gesetzt jeder Mensch bewegte sich +notwendig; nun ist aber manches Sinnenwesen notwendig ein Mensch; +also bewegte sich manches Sinnenwesen notwendig; aber es wurde +vorausgesetzt, daß sich jedes Sinnenwesen zufällig bewegt; indir. Bew. +in III, a (Darapti): Jeder Mensch bewegt sich notwendig; jeder Mensch +ist notwendig ein Sinnenwesen; also bewegt sich manches Sinnenwesen +notwendig.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_52_60" href="#FNanchor_52_60" class="label">[52]</a> Nimmt jedes sinnbegabte Geschöpf notwendig wahr und +ist manches Weiße ein sinnbegabtes Geschöpf, so nimmt manches Weiße +notwendig wahr. Wenn aber jedes sinnbegabte Geschöpf sich bewegt und +manches Weiße notwendig ein sinnbegabtes Geschöpf ist, folgt nicht, daß +manches Weiße sich notwendig bewegt, weil der Schluß durch den Obersatz +reguliert wird, der formell nur Tatsächliches aussagt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_53_61" href="#FNanchor_53_61" class="label">[53]</a> a) (Cesare): Notwendig ist keine Pflanze ein Sinnenwesen; +jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; also ist notwendig kein Mensch eine +Pflanze. Beweis in Celarent. Der Obersatz wird umgekehrt und lautet: +notwendig ist kein Sinnenwesen eine Pflanze. Dann folgt der Schlußsatz +nach <a href="#K9_Abs_1">K. 9, Abs. 1</a>. b) (Camestres): Jedes Sinnenwesen nimmt wahr; +notwendig nimmt keine Pflanze wahr; also ist notwendig keine Pflanze +ein Sinnenwesen. Beweis in Celarent: Notwendig ist kein Wahrnehmendes +eine Pflanze; jedes Sinnenwesen nimmt wahr; also ist notwendig kein +Sinnenwesen eine Pflanze; also ist notwendig keine Pflanze ein +Sinnenwesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_54_62" href="#FNanchor_54_62" class="label">[54]</a> Schließt man z. B. in Cesare: Kein Weißes ist ein +Sinnenwesen; jeder Mensch ist notwendig ein Sinnenwesen, so folgt +nicht: notwendig ist kein Mensch ein Weißes, sondern nur: tatsächlich +ist kein Mensch ein Weißes. Beweis: 1. Derselbe Schluß müßte sich +in Celarent ergeben. Kehrt man aber den Obersatz um, so folgt, nach +<a href="#Erstes_Buch_Neuntes_Kapitel">K. 9</a>, 30 a 32, nicht: notwendig ist kein Mensch weiß. 2. Gesetzt, +es folgte der Schlußsatz: notwendig ist kein Mensch weiß, so folgte +auch: notwendig ist manches Sinnenwesen nicht weiß. Aber wenn auch +der Obersatz: kein Weißes ist ein Sinnenwesen, wahr ist, so kann es +doch dabei auch der andere Satz sein: es ist nicht notwendig, daß kein +Weißes ein Sinnenwesen ist oder daß manches Weiße kein Sinnenwesen ist, +und ebenso: es ist nicht notwendig, daß manches Sinnenwesen nicht weiß +ist. Das geht nun aber mit dem fraglichen Schlußsatz nicht zusammen, +wohl aber geht es mit dem Antezedenz zusammen, was der logischen Regel +zuwiderläuft: quicquid non potest stare cum veritate consequentis, +nec potest stare cum veritate antecedentis. Schließt man hinwieder in +Camestres: Jeder Mensch ist notwendig ein Sinnenwesen; kein Weißes ist +ein Sinnenwesen, so folgt nicht: notwendig ist kein Weißes ein Mensch; +denn wenn auch tatsächlich kein Weißes ein Sinnenwesen wäre, so könnte +doch ein Weißes ein Mensch werden und sein.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_158">[Pg 158]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_55_63" href="#FNanchor_55_63" class="label">[55]</a> Jeder Mensch notwendig vernünftig, jeder Mensch ein +Sinnenwesen; also manches Sinnenwesen notwendig vernünftig. Denn wenn +der Untersatz umgekehrt wird in: manches Sinnenwesen ein Mensch, folgt +die Konklusion oder der Schlußsatz nach <a href="#K9_Abs_3">K. 9, Abs. 3</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_56_64" href="#FNanchor_56_64" class="label">[56]</a> Jeder Mensch vernünftig, jeder Mensch notwendig ein +Sinnenwesen; also manches Sinnenwesen notwendig vernünftig. Denn wenn +man den Obersatz umkehrt und die Prämissen umstellt, folgt: manches +Vernünftige notwendig ein Sinnenwesen, daraus, durch Konversion, nach +<a href="#K3_Abs_1">K. 3, Abs. 1</a>: manches Sinnenwesen notwendig vernünftig.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_57_65" href="#FNanchor_57_65" class="label">[57]</a> Notwendig kein Sinnenwesen eine Pflanze, jedes +Sinnenwesen lebendig; also notwendig manches Lebendige kein +Sinnenwesen. Denn wenn man den Untersatz umkehrt in: manches Lebendige +ein Sinnenwesen, so folgt die gedachte Konklusion in Ferio nach <a href="#K9_Abs_3">K. 9, +Abs. 3</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_58_66" href="#FNanchor_58_66" class="label">[58]</a> Kein Pferd schläft zurzeit, jedes Pferd notwendig ein +Sinnenwesen. Daraus folgt nicht: manches Sinnenwesen schläft zurzeit +notwendig nicht. Denn wenn man den Untersatz umkehrt in: manches +Sinnenwesen notwendig ein Pferd, erfolgt ein Schluß in Ferio. Dort +folgt aber nach <a href="#K9_Abs_3">9, 3</a> kein Satz de necessario. — Kein Pferd ist zurzeit +gut, manches Sinnenwesen notwendig ein Pferd. Daraus folgt nicht: +manches Sinnenwesen ist zurzeit notwendig nicht gut. Denn es kann der +Fall sein, daß jedes Pferd und jedes Sinnenwesen gut ist. Wenn aber +die Voraussetzung, daß gut möglicherweise keinem Pferde zukommt, nicht +denkbar sein soll, da im metaphysischen Sinne jedes Wesen gut ist, so +nehme man eben die an erster Stelle verwandten Begriffe: Schlafen, +Sinnenwesen, Pferd.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_59_67" href="#FNanchor_59_67" class="label">[59]</a> Jedes Sinnenwesen ist zurzeit wach, manches Sinnenwesen +notwendig ein Mensch. Daraus folgt nicht: ein Mensch zurzeit notwendig +wach. Denn wenn ich den Untersatz einfach umkehre, so folgt nach <a href="#K9_Abs_3">9, 3</a> +keine conclusio de necessario.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_159">[Pg 159]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_60_68" href="#FNanchor_60_68" class="label">[60]</a> a) Notwendig ist kein Sinnenwesen eine Pflanze, manches +Sinnenwesen lebendig, also manches Lebendige notwendig keine Pflanze; +folgt durch einfache Umkehrung des Untersatzes in Ferio. b) Mancher +Mensch ist nicht wach, jeder Mensch notwendig ein Sinnenwesen. Daraus +folgt nicht: manches Sinnenwesen notwendig nicht wach. c) Kein +Sinnenwesen wach, manches Sinnenwesen notwendig weiß. Daraus folgt +nicht: manches Weiße notwendig nicht wach. d) Manches Sinnenwesen +notwendig nicht zweifüßig, jedes Sinnenwesen bewegt sich. Daraus folgt +nicht: manches, was sich bewegt, ist notwendig nicht zweifüßig, da +es der Fall sein kann, daß nur das Zweifüßige sich bewegt, und somit +alles, was sich bewegt, zweifüßig ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_61_69" href="#FNanchor_61_69" class="label">[61]</a> Wenn auch eine Prämisse de necessario ist, so ist sie +doch eben damit auch de inesse, und so gilt: ein Schluß auf einfaches +Zukommen ist nicht möglich, wenn nicht beide Prämissen de inesse sind.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_62_70" href="#FNanchor_62_70" class="label">[62]</a> Entweder müssen beide Prämissen de inesse sein, wenn +ein Schlußsatz de inesse herauskommen soll, oder es muß wenigstens +eine Prämisse de necessario sein, wenn ein Schlußsatz de necessario +herauskommen soll.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_63_71" href="#FNanchor_63_71" class="label">[63]</a> Vgl. <a href="#Footnote_2_10">A. 2</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_64_72" href="#FNanchor_64_72" class="label">[64]</a> Das πάλιν 32 b 4 heißt nicht, wie Bender übersetzt, +„weiter“ (vielleicht ist es bei ihm auch nur ein Druckfehler), sondern, +wie v. Kirchmann hat, „nochmals“, vgl. <a href="#s_25_b">K. 3, 25 b 14</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_65_73" href="#FNanchor_65_73" class="label">[65]</a> Der Satz: es ist kontingent, daß der Mensch grau wird, +d. h. er wird gewöhnlich mit den Jahren grau, läßt sich umkehren in +den anderen: es ist nicht notwendig, daß er grau wird; der Satz: der +Mensch, das Tier geht, läßt sich umkehren in den anderen: sie gehen +nicht, weil wo das eine gilt, das andere ebensogut gelten kann.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_66_74" href="#FNanchor_66_74" class="label">[66]</a> Der Mittelbegriff ist „ungeordnet“, weil er unbestimmt +ist, und er ist unbestimmt, weil die Ursache unbestimmt ist, die der +Mittelbegriff angibt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_67_75" href="#FNanchor_67_75" class="label">[67]</a> Der Satz: das Weiße kann gebildet sein, kann einen +zweifachen Sinn haben: 1. was tatsächlich weiß ist, kann gebildet sein, +2. was weiß sein kann, kann gebildet sein. Im ersten Fall hat man eine +Mischung von Möglichem und Wirklichem, im zweiten nur Mögliches, also +Gleichartiges. Mit solchem soll auch hier der Anfang gemacht werden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_68_76" href="#FNanchor_68_76" class="label">[68]</a> Jeder, der Musik lernen kann, kann Logik lernen; jeder +Mensch kann Musik lernen; also kann jeder Mensch Logik lernen. Wenn +nicht, so könnte ein Mensch Musik lernen, ohne Logik lernen zu können. +Wir haben aber im Sinne von <a href="#K13_letzter_Abs">K. 13, letzter Absatz</a> das Gegenteil +angenommen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_69_77" href="#FNanchor_69_77" class="label">[69]</a> Möglicherweise ist kein musikalisch Gebildeter logisch +gebildet; möglicherweise ist jeder Mensch musikalisch gebildet; also +ist möglicherweise kein Mensch logisch gebildet.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_160">[Pg 160]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_70_78" href="#FNanchor_70_78" class="label">[70]</a> Jeder musikalisch Gebildete kann logisch gebildet sein; +möglicherweise ist kein Mensch musikalisch gebildet. Daraus läßt sich +der Schluß gewinnen: jeder Mensch kann logisch gebildet sein. Denn der +Untersatz läßt sich nach <a href="#K_13_Abs_5">K. 13, Abs. 5</a> umkehren in: jeder Mensch kann +musikalisch gebildet sein.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_71_79" href="#FNanchor_71_79" class="label">[71]</a> Möglicherweise ist kein musikalisch Gebildeter logisch +gebildet; möglicherweise ist kein Mensch musikalisch gebildet. Daraus +läßt sich der Schluß gewinnen: möglicherweise ist kein Mensch logisch +gebildet. Denn der Untersatz läßt sich umkehren in: möglicherweise ist +jeder Mensch musikalisch gebildet. Dann erhält man den Schlußsatz, wie +das Schema in <a href="#Footnote_69_77">A. 69</a> zeigt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_72_80" href="#FNanchor_72_80" class="label">[72]</a> Jeder, der Musik lernen kann, kann Logik lernen; mancher +Mensch kann Musik lernen; also kann mancher Mensch Logik lernen. Denn +wenn kein Mensch Logik lernen könnte, so könnte ein Mensch Musik +lernen, ohne Logik lernen zu können; vgl. <a href="#Footnote_68_76">A. 68</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_73_81" href="#FNanchor_73_81" class="label">[73]</a> Möglicherweise ist kein musikalisch Gebildeter logisch +gebildet; möglicherweise ist ein Mensch musikalisch gebildet; also ist +möglicherweise ein Mensch nicht logisch gebildet. Beweis: der Schluß +wird durch den Obersatz regiert; vgl. <a href="#Footnote_69_77">A. 69</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_74_82" href="#FNanchor_74_82" class="label">[74]</a> Jeder musikalisch Gebildete kann logisch gebildet sein; +möglicherweise ist ein Mensch nicht musikalisch gebildet. Daraus läßt +sich der Schluß gewinnen: ein Mensch kann logisch gebildet sein. Denn +der Untersatz läßt sich nach <a href="#K_13_Abs_5">K. 13, Abs. 5</a> umkehren in: ein Mensch kann +musikalisch gebildet sein; vgl. <a href="#Footnote_70_78">A. 70</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_75_83" href="#FNanchor_75_83" class="label">[75]</a> Der Beweis wird in der schon so oft angewandten Weise +geführt. Daß kein Schluß auf ein mögliches Nichtzukommen gilt, wird +an Begriffen gezeigt, wo das Zukommen tatsächlich notwendig ist; daß +keiner auf ein mögliches Zukommen, an Begriffen, wo kein Zukommen +möglich ist. Begriffe für notwendig Zukommen: Sinnenwesen, weiß, +Mensch. Möglicherweise ist ein Weißes ein Sinnenwesen; möglicherweise +ist jeder Mensch weiß. Daraus folgt nicht: möglicherweise ist ein +Mensch ein Sinnenwesen oder kein Sinnenwesen, da jeder Mensch notwendig +und kein Mensch zufällig ein Sinnenwesen ist. Begriffe für nicht +Zukommenkönnen: Sinnenwesen, weiß, Kleid: möglicherweise ist ein +Weißes ein Sinnenwesen; möglicherweise ist jedes Kleid weiß. Daraus +folgt nicht: möglicherweise ist ein Kleid ein Sinnenwesen oder kein +Sinnenwesen, da jedes Kleid notwendig kein Sinnenwesen ist. Ebenso +geht der Beweis durch diese Begriffe, wenn die Prämissen nach den +angegebenen Weisen verändert werden, nur muß der Obersatz partikulär +bleiben. Die Sätze de contingenti lassen sich ja umkehren. Der Grund a +priori für die aufgestellte Regel aber ist dieser. Der Mittelbegriff, +das Subjekt im Obersatz, wird nicht allgemein genommen. Daher kann im +Untersatz gar wohl etwas als Subjekt genommen werden, was außerhalb +dessen liegt, wovon die Aussage im Obersatz wahr ist. Sagt man z. B.: +ein Weißes ist möglicherweise ein Sinnenwesen, so kann das Weiße im +Untersatz etwa ein Weißes sein, das nicht unter jenes Weiße im Obersatz +fällt, es kann z. B. ein Kleid sein.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_161">[Pg 161]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_76_84" href="#FNanchor_76_84" class="label">[76]</a> Bejahend: Jedes Sinnenwesen kann sich bewegen; jeder +Mensch ist ein Sinnenwesen; also kann jeder Mensch sich bewegen. +Verneinend: Möglicherweise bewegt sich kein Sinnenwesen; jeder Mensch +ist ein Sinnenwesen; also bewegt sich möglicherweise kein Mensch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_77_85" href="#FNanchor_77_85" class="label">[77]</a> Wenn der Mensch ist, ist notwendig auch das Sinnenwesen. +So muß denn auch, wenn der Mensch sein kann, das Sinnenwesen sein +können. Denn nehmen wir an, der Mensch könnte sein, ohne daß das +Sinnenwesen sein könnte, so könnte der Fall eintreten, daß der Mensch +wird und ist, während das Sinnenwesen nicht wird und ist. Dann wäre +also der Mensch, ohne daß das Sinnenwesen ist, was der Voraussetzung +zuwiderläuft.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_78_86" href="#FNanchor_78_86" class="label">[78]</a> Wenn A falsch, aber nicht unmöglich ist, so ist es +möglich. Nun wird aber angenommen, daß wenn A ist, B ist. Also ist +auch, wie vorhin gezeigt wurde, wenn A möglich ist, B möglich; also +kann, wenn auch A irrtümlich als vorhanden gesetzt ist, B nicht +unmöglich sein.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_79_87" href="#FNanchor_79_87" class="label">[79]</a> Begriffe: A, weiß; B, Mensch; C, wach. Jeder Mensch ist +weiß; jedes Wache kann ein Mensch sein; also kann jedes Wache weiß +sein. Beweis indirekt. Angenommen, es wäre dem nicht so, so setze +man: jedes Wache ist ein Mensch, nicht als wahr, aber doch als nicht +unmöglich. Wenn also weiß dem Wachen nicht zukommen kann und Mensch +jedem Wachen zukommt, so folgt in der dritten Figur, daß weiß keinem +Menschen zukommen kann. Aber es ist Voraussetzung, daß es jedem +zukommt. Mithin muß weiß jedem Wachen zukommen können. Es ist ja, im +Widerspruch mit dem im letzten Absatz aufgestellten Axiom — vgl. <a href="#Footnote_78_86">A. +78</a> —, die Folge unmöglich, obwohl bloß Falsches und nicht Unmögliches +zugrunde gelegt worden ist, daß nämlich jedes Wache ein Mensch ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_80_88" href="#FNanchor_80_88" class="label">[80]</a> Jeder Mensch ist weiß; jedes Wache kann ein Mensch sein; +also kann jedes Wache weiß sein. Zweiter indirekter Beweis. Ist der +vorstehende Untersatz wahr, so kann der Untersatz: jedes Wache ist ein +Mensch, zwar falsch, aber nicht unmöglich sein. Nun kann man aus ihm +und dem Obersatz folgenden Schluß in Barbara errichten: jeder Mensch +ist weiß; jedes Wache ist ein Mensch; also ist jedes Wache weiß. Dieser +Schlußsatz kann nun falsch, aber nicht unmöglich sein. Denn sonst +folgte Unmögliches aus dem, was zwar falsch, aber nicht unmöglich sein +kann.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_81_89" href="#FNanchor_81_89" class="label">[81]</a> Wenn in Barbara aus einem einfach ausgesagten Obersatz +und einem kontingenten Untersatz ein kontingenter Schlußsatz folgen +soll, so muß der Obersatz für jede Zeit gelten. Denn sonst kann der +Schlußsatz falsch sein. Denn wenn man z. B. sagt: alles, was sich +zurzeit bewegt, ist ein Mensch; jedes Pferd kann sich bewegen, so folgt +nicht: jedes Pferd kann ein Mensch sein, da es unmöglich ist, daß ein +Pferd ein Mensch ist. Wiederum, wenn man sagt: alles, was sich bewegt, +ist ein Sinnenwesen; jeder Mensch kann sich bewegen, so folgt nicht: +jeder Mensch kann ein Sinnenwesen sein, da es notwendig ist, daß jeder +Mensch ein Sinnenwesen ist. Damit also ein kontingenter Schlußsatz sich +ergibt, muß der Obersatz ohne Rücksicht auf die Zeit wahr sein, wie +das erste Beispiel zeigt; aber der Schlußsatz braucht nicht immer im +strengen Sinne kontingent zu sein, wie das zweite Beispiel zeigt.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_162">[Pg 162]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_82_90" href="#FNanchor_82_90" class="label">[82]</a> Kein Mensch ist weiß; jedes Wache kann ein Mensch sein; +also ist möglicherweise kein Waches weiß. Denn wenn notwendig ein +Waches weiß wäre und dann, wie vorhin angenommen wird, daß jedes +Wache ein Mensch ist, was zwar nicht wahr, aber nicht unmöglich ist, +so folgte, daß notwendig ein Mensch weiß wäre, was, als dem ersten +Obersatz zuwider, unmöglich ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_83_91" href="#FNanchor_83_91" class="label">[83]</a> Es bleibt unentschieden, ob weiß, A, einem Wachen, +C, ebenso zukommen wie nicht zukommen kann. Es folgt auf Grund des +indirekten Beweises, der von dem kontradiktorischen Gegenteil der +Behauptung ausgeht, lediglich, daß A nicht notwendig einem C zukommt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_84_92" href="#FNanchor_84_92" class="label">[84]</a> Kein Denkendes ein Rabe; jeder Mensch kann denken; +also jeder Mensch möglicherweise kein Rabe, oder: möglicherweise +kein Mensch ein Rabe, und doch ist notwendig kein Mensch ein Rabe. +— Keine Wissenschaft ist bewegt; jedem Menschen kann Wissenschaft +zukommen; also möglicherweise jeder Mensch nicht bewegt oder kein +Mensch bewegt. Hier ist der Satz, daß kein Mensch sich bewegt, nicht +notwendig. — Also da das Prädikat im Schlußsatz bald notwendig keinem +unter das Subjekt Fallenden zukommt, bald nicht, so folgt auf Grund +der Prämissen nicht, daß es notwendig keinem, sondern, daß es keinem +notwendig zukommt. — Die Bemerkung wegen der minder glücklichen Wahl +der Begriffe soll darauf gehen, daß der Mensch, wie es doch in dem +Schema des Syllogismus nahe gelegt wird, die Wissenschaft nicht ist, +sondern hat. So Bender und Maier. Waitz will hier ein Indizium finden, +daß „hi libri satis levi brachio“ geschrieben sind, v. Kirchmann einen +mißlungenen Versuch des Philosophen, sich herauszuhelfen, da doch +die gewählten Begriffe zeigten, daß die aufgestellte syllogistische +Regel nicht ausnahmslos gelte, indem sich bei diesen Begriffen für die +Schlußfolgerung keine Notwendigkeit ergebe! Von Kirchmann scheint die +Notwendigkeit, die jeder Schluß haben muß, mit der Notwendigkeit des +Schlußsatzes zu verwechseln. Der Schlußsatz ist eben in unserem Falle +seinem Inhalte nach nicht notwendig, sondern kontingent. Silvester +Maurus versteht die Sache dahin, daß der Mensch die Wissenschaft, +wenigstens actu, nur zeitweise hat, indem er nicht immer die +wissenschaftlichen Sätze wirklich denkt, und so hätte Aristoteles +angedeutet, daß man einen Obersatz nehmen müsse, der immer gilt, +etwa so: Kein Sitzender wandelt; es ist möglich, daß jeder Mensch +sitzt; also ist es möglich, nicht notwendig, daß kein Mensch wandelt. +Silvester Maurus hat dieses Beispiel von Philoponus, von dem aber die +von Aristoteles gerügte Mangelhaftigkeit der Begriffe so aufgefaßt zu +werden scheint, wie Bender und Maier es tun. „Die Wissenschaft“, so +schreibt er, „nimmt Aristoteles hier offenbar statt des Wissenden.“ +Ich möchte unmaßgeblich noch eine andere Deutung für möglich halten. +Der Mangel liegt in der Zweideutigkeit von „bewegt“, so daß der Schluß +statt dreier vier Begriffe hat. Daß die Wissenschaft sich nicht bewegt, +bedeutet ihre Unerschütterlichkeit, vgl. ἀμετάπειστος 72 b 3, während +die Bewegung des Menschen der Wechsel des Ortes ist. Wenn Waitz zu 35 +a 2 schreibt: „Cur non sumpsit igitur meliores terminos? Satis levi +brachio hi libri videntur conscripti esse,“ so ist es mir erstens +unverständlich, wie Waitz, dieser Kenner der Analytik, sie für flüchtig +geschrieben ansehen kann, und zweitens, wie er es auf einen solchen +Grund hin kann. Ar. mag die Begriffe minder sorgfältig gewählt und +darauf aufmerksam gemacht haben, um zu eigener Tätigkeit anzuregen, um +zu erinnern, daß es bei Beispielen auf Nebendinge nicht ankommt, um den +Scharfsinn auf die Probe zu stellen.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_163">[Pg 163]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_85_93" href="#FNanchor_85_93" class="label">[85]</a> Jedes Sitzende ruht; möglicherweise sitzt kein Mensch; +also ruht möglicherweise jeder Mensch. Beweis: der Untersatz wird nach +<a href="#s_32_b">K. 13, 32 b</a> 13 ff., vgl. <a href="#Footnote_65_73">A. 65</a>, umgekehrt in: möglicherweise sitzt +jeder Mensch. Dann folgt der Schlußsatz nach <a href="#s_34_a">K. 15, 34 a</a> 34 ff., vgl. +<a href="#Footnote_80_88">A. 80</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_86_94" href="#FNanchor_86_94" class="label">[86]</a> Kein Sitzendes bewegt sich; möglicherweise sitzt kein +Mensch; also bewegt sich möglicherweise kein Mensch. Man kehrt den +Untersatz um in: möglicherweise sitzt jeder Mensch. Dann folgt der +Schlußsatz nach dem vorliegenden Kapitel <a href="#s_34_b">34 b</a> 19 ff., vgl. +<a href="#Footnote_82_90">Anm. 82</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_87_95" href="#FNanchor_87_95" class="label">[87]</a> Begriffe für notwendig zukommen: Möglicherweise ist jedes +oder kein Sinnenwesen weiß; kein Schnee ist ein Sinnenwesen; also +möglicherweise kein Schnee weiß oder mancher Schnee nicht weiß. Falsch! +Jeder Schnee ist notwendig weiß. Begriffe für nichtzukommen können: +Möglicherweise ist jedes oder kein Sinnenwesen weiß; kein Pech ist ein +Sinnenwesen; also möglicherweise jedes oder manches Pech weiß. Falsch! +Kein Pech kann weiß sein. Also kann jeder Schluß auf das Mögliche, sei +er nun verneinend oder bejahend, falsch sein. Also ist kein solcher +Schluß gestattet.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_88_96" href="#FNanchor_88_96" class="label">[88]</a> Es ist möglich, daß jeder oder kein Mensch schläft; +manches Sinnenwesen ist ein Mensch; also ist es möglich, daß manches +Sinnenwesen schläft oder nicht schläft. Man vergleiche die Regel im 2. +Abs. dieses Kapitels und die Anmerkung 76. Hier gilt das Gesetz von +dem dictum de omni und dem dictum de nullo. Wenn es von jedem Menschen +wahr ist, daß er schlafen kann, so kann nichts angenommen werden, was +ein Mensch ist und nicht schlafen kann. Nun wird aber im Untersatz +angenommen, daß manches Sinnenwesen ein Mensch ist. Dasselbe ist zu +sagen, wenn es von jedem Menschen wahr ist, daß er auch nicht schlafen +kann, oder, was dasselbe ist, wenn es wahr ist, daß möglicherweise kein +Mensch schläft.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_164">[Pg 164]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_89_97" href="#FNanchor_89_97" class="label">[89]</a> Dieser Fall ist den früheren in diesem Kapitel analog, +wo der Obersatz allgemein ist und einfach bejaht oder verneint und +der Untersatz allgemein und kontingent ist, sei er bejahend oder +verneinend. Nur ist jetzt der Untersatz nicht allgemein, sondern +partikulär. Ist er verneinend, so wird er in einen bejahenden Satz +umgekehrt und dann der Beweis per impossibile geführt. Z. B.: jeder +Mensch wacht; möglicherweise ist ein Weißes kein Mensch; also wird +möglicherweise ein Weißes wachen. Der Untersatz wird umgekehrt in: +möglicherweise ist ein Weißes ein Mensch. Oder: kein Mensch wacht; +möglicherweise ist ein Weißes kein Mensch; also wird möglicherweise ein +Weißes nicht wachen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_90_98" href="#FNanchor_90_98" class="label">[90]</a> Es folgt 1. kein verneinender Schlußsatz. Denn man +nehme den Schluß: möglicherweise ist jedes oder ist kein Sinnenwesen +weiß; mancher Schnee ist kein Sinnenwesen; also möglicherweise kein +Schnee weiß oder mancher Schnee nicht weiß. Aber jeder Schnee ist +notwendig weiß. Es folgt 2. kein bejahender Schlußsatz. Denn man nehme +den Schluß: möglicherweise ist jedes oder ist kein Sinnenwesen weiß; +manches Pech ist kein Sinnenwesen. Also möglicherweise jedes oder +manches Pech weiß. Aber kein Pech kann weiß sein. — Der Untersatz ist +jedesmal auch allgemein wahr. Aber das steht dem Beweis nicht im Wege; +vgl. <a href="#s_28_b">K. 6, 28 b</a> 22 ff. und <a href="#Footnote_43_51">Anm. 43</a>; +auch <a href="#Footnote_29_37">Anm. 29</a> und <a href="#Footnote_30_38">30</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_91_99" href="#FNanchor_91_99" class="label">[91]</a> Es wird wieder in derselben Weise wie vorhin, siehe <a href="#Footnote_90_98">A. +90</a>, gezeigt, daß weder ein verneinender, noch ein bejahender Schlußsatz +möglich ist: kein verneinender: denn gesetzt, die Begriffe seien: +Sinnenwesen, weiß, Mensch. Man kombiniere sie, wie man wolle, so sind +die Prämissen wahr und der verneinende Schlußsatz: möglicherweise jeder +oder mancher Mensch kein sinnliches Wesen, falsch. Kein bejahender. +Denn gesetzt, die Begriffe seien: Sinnenwesen, weiß, Kleid. Man sage: +manches Weiße kein Sinnenwesen, manches Kleid weiß, oder wie immer +man wolle, nie folgt: möglicherweise jedes Kleid oder ein Kleid ein +Sinnenwesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_92_100" href="#FNanchor_92_100" class="label">[92]</a> Wie im vorigen Kapitel, wo eine kontingente und eine +einfach ausgesagte Prämisse angenommen wurde.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_93_101" href="#FNanchor_93_101" class="label">[93]</a> Eine erste Regel! Sie betrifft die vollkommenen Schlüsse +für den Fall, daß der Obersatz, ob bejahend, ob verneinend, allgemein +und kontingent, und der Untersatz, ob allgemein, ob partikulär, +bejahend und notwendig ist. Alle diese Schlüsse werden durch den +Obersatz reguliert: contingit omni aut nulli inesse. — Dieser und der +folgende Absatz fassen die hier geltenden Schlußregeln zusammen. In der +Folge werden sie einzeln aufgestellt und in einer bestimmten Ordnung +bewiesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_94_102" href="#FNanchor_94_102" class="label">[94]</a> Zwei weitere Regeln! Welcher Schlußsatz folgt in +bejahenden und welcher in verneinenden Schlüssen? Sind beide Prämissen +bejahend, so folgt ein Schlußsatz, der das mögliche Sein aussagt. +Sind die Prämissen gemischt, so folgt, wenn die bejahende Prämisse +notwendig ist, ein Schlußsatz, der das mögliche Nichtsein aussagt; +wenn aber die verneinende Prämisse notwendig ist, so folgt sowohl ein +Schlußsatz, der das mögliche, wie ein solcher, der das tatsächliche +Nichtsein aussagt. Wir setzen folgende Beispiele her. 1. wenn beide +Prämissen bejahend sind. a) Jedes Sinnenwesen kann sich bewegen: jeder +Mensch muß ein Sinnenwesen sein; also kann sich jeder Mensch bewegen. +b) Jedes Sinnenwesen kann sich bewegen; manches Lebende bewegen. +2. bei gemischten Prämissen, wenn die bejahende Prämisse notwendig +ist. Möglicherweise schläft kein Sinnenwesen; jeder Mensch muß ein +Sinnenwesen sein; möglicherweise schläft kein Mensch. 3. wenn die +verneinende Prämisse notwendig ist. Beispiel für einen Schluß auf das +Können: kein Sinnenwesen kann eine Pflanze sein; ein Weißes kann ein +Sinnenwesen sein; also ist möglicherweise ein Weißes keine Pflanze. +Dieses Beispiel ist auch brauchbar für einen Schluß auf das einfache +Sein oder vielmehr Nichtsein. Denn der Untersatz kann nach griechischem +Sprachgebrauch, in Anbetracht der möglichen Bedeutung von ἐνδέχεται: es +kommt vor oder es kommt meistens vor, vgl. <a href="#K2_Abs_2">Kap. 2, Abs. 2</a> +und <a href="#Footnote_3_11">Anm. 3</a>, +auch den Sinn haben: manches Weiße ist ein Sinnenwesen. Dann folgt nach +<a href="#Erstes_Buch_Neuntes_Kapitel">K. 9</a>: manches Weiße ist keine Pflanze.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_165">[Pg 165]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_95_103" href="#FNanchor_95_103" class="label">[95]</a> Vgl. <a href="#K15_Abs_1">K. 15, Abs. 1</a>. Bei den vollkommenen Schlüssen hat +Kontingent in der Konklusion den strikten Sinn, bei den unvollkommenen +den weiteren, s. oben <a href="#Footnote_2_10">Anm. 2</a>. Aber in den Fällen des <a href="#Erstes_Buch_Sechzehntes_Kapitel">K. 16</a> soll sich +nicht, wie in <a href="#Erstes_Buch_Fuenfzehntes_Kapitel">K. 15</a>, ein Kontingentes ergeben im Sinne dessen, was +notwendig nicht zukommt und so auch möglicherweise nicht zukommt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_96_104" href="#FNanchor_96_104" class="label">[96]</a> Es wird damit angefangen, die vorausgeschickten Regeln +zu beweisen. Zuerst wird die Behauptung des unmittelbar vorausgehenden +Absatzes bewiesen, daß in dem bewußten Falle der Schlußsatz nicht +notwendig ist. Zu dem Beweis ist <a href="#s_34_a">K. 15, 34 a</a> 34 und +<a href="#Footnote_79_87">Anmerkung 79</a> f. zu vergleichen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_97_105" href="#FNanchor_97_105" class="label">[97]</a> Es wird damit angefangen, die Regel in +<a href="#K16_Abs_2">Absatz 2</a> zu +beweisen, vgl. <a href="#Footnote_93_101">A. 93</a>. Beispiel. Es ist möglich, daß jedes Sinnenwesen +sich bewegt; jeder Mensch ist notwendig ein Sinnenwesen; also ist es +möglich, daß jeder Mensch sich bewegt. Denn was von jedem Sinnenwesen +gilt, gilt von jedem Menschen, da jeder Mensch ein Sinnenwesen ist. +Sonst gäbe es ein Sinnenwesen, das sich nicht bewegen kann.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_98_106" href="#FNanchor_98_106" class="label">[98]</a> In den Fällen der beiden vorausgehenden Absätze waren +beide Prämissen allgemein bejahend und ergaben einen kontingenten +Schlußsatz. Jetzt wird der Fall genommen, daß die Prämissen zwar +beide allgemein, aber von ungleicher Qualität sind, und zunächst, daß +der Obersatz verneinend und notwendig und der Untersatz bejahend und +kontingent ist. Dann ist der Schlußsatz nicht kontingent, sondern +notwendig und, wie Aristoteles beifügt, weil notwendig, auch im Sinne +der Tatsächlichkeit und Möglichkeit wahr. Die allgemeine Regel in +<a href="#K16_Abs_3">Absatz 3</a> f. wird hiernach genauer gefaßt und eingeschränkt. Der Beweis +wird von Aristoteles in folgender Weise geführt. Wir setzen statt der +Buchstaben Begriffe ein. Notwendig ist nichts, was lacht, ein Tier; +jeder Mensch kann lachen; also ist notwendig kein Mensch ein Tier. Denn +gesetzt, ein Mensch sei ein Tier. Es wurde aber vorausgesetzt, daß +nichts, was lacht, ein Tier sein kann. Das läßt sich dahin umkehren, +daß kein Tier lachen kann. Aus dieser Prämisse aber und der anderen, +daß irgendein Mensch ein Tier ist, würde folgen, daß irgendein Mensch +nicht lachen kann, was der ursprünglichen Voraussetzung widerstreitet, +daß jeder Mensch lachen kann. Silvester Maurus entfernt sich in diesem +Absatz von dem Text des Aristoteles und kommt mithin für die Erklärung +nicht in Betracht. Er beweist an Hand frei gewählter Begriffe — die +von mir verwandten sind aus dem Kommentar von Julius Pacius —, daß +sich ein verneinender Schlußsatz de inesse und darum auch de posse +non inesse ergibt. Von Kirchmann behauptet in seinen Erläuterungen, +N. 106, S. 83–85, und will beweisen, daß Aristoteles hier, wie nach +seinem Vorgeben sonst des öfteren, eine falsche Schlußregel aufstelle. +Der Untersatz: B kann in jedem C sein, oder jeder Mensch kann lachen, +lasse sich umkehren in: es kann sein, daß B in keinem C ist, oder daß +kein Mensch lacht, und bei solchem Ansatze gebe es gar keinen Schluß. +Aber was wäre damit dargetan? Gibt es so keinen Schluß, folgt dann, daß +es auch bei bejahendem Untersatz keinen gibt? Es muß einen geben, mit +einem notwendigen Schlußsatz, denn wenn der bejahende Untersatz gilt, +so ist damit das Vorhandensein einer Fähigkeit in C dargetan, mit der +A unverträglich ist. Ebendarum ist der Obersatz notwendig: kein B ein +A, kein Lachendes ein Tier. Denn wo das Lachen als Tatsache ist, da ist +eine Fähigkeit, die mit Tierheit unverträglich ist. Der Fall der <a href="#Footnote_94_102">Anm. +94</a> beweist hiergegen nichts. Der Satz: ein Weißes oder jedes Weiße kann +eine Pflanze sein, geht auf zwei Begriffe ohne innere oder notwendige +Beziehung. — Bei den anderen Auslegern und Übersetzern, Philoponus, +Julius Pacius, Waitz, Zell und Bender, kommt kein Bedenken wegen der +Richtigkeit dieser Schlußregel zum Ausdruck.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_166">[Pg 166]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_99_107" href="#FNanchor_99_107" class="label">[99]</a> Fortsetzung des Beweises für die Regel in <a href="#K16_Abs_2">Abs. 2</a>; vgl. +<a href="#Footnote_93_101">Anm. 93</a> und <a href="#Footnote_97_105">97</a>. Es ist möglich, daß kein Sinnenwesen sich bewegt; es +ist notwendig, daß jeder Mensch ein Sinnenwesen ist; es ist möglich, +daß kein Mensch sich bewegt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_100_108" href="#FNanchor_100_108" class="label">[100]</a> Es ist notwendig, daß jedes Sinnenwesen wahrnimmt; es +ist möglich, daß kein Weißes ein Sinnenwesen ist; es ist möglich, daß +kein Weißes wahrnimmt. Beweis: man kehrt den Untersatz um in: es ist +möglich, daß jedes Weiße ein Sinnenwesen ist, vgl. <a href="#Footnote_96_104">A 96</a>. Wir haben hier +die Fortsetzung des Beweises für die Regeln in <a href="#K16_Abs_3">Absatz 3</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_101_109" href="#FNanchor_101_109" class="label">[101]</a> Es folgt a) kein verneinender Schlußsatz. Die Prämissen +seien: es ist möglich, daß jedes Sinnenwesen weiß ist, oder daß kein +Sinnenwesen weiß ist; es ist notwendig, daß kein Schnee ein Sinnenwesen +ist. Hier folgt nicht: es ist möglich, daß jeder oder mancher Schnee +nicht weiß ist. Es folgt b) kein bejahender Schlußsatz. Die Prämissen +seien: es ist möglich, daß jedes Sinnenwesen weiß ist; es ist +notwendig, daß kein Pech ein Sinnenwesen ist. Hier folgt nicht: es ist +möglich, daß jedes oder manches Pech weiß ist. Die Begriffe wurden +schon früher verwandt, vgl. <a href="#Footnote_90_98">A. 90</a>.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_167">[Pg 167]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_102_110" href="#FNanchor_102_110" class="label">[102]</a> Hier wieder derselbe Fall wie in der <a href="#Footnote_98_106">A. 98</a> besprochene, +nur daß der Untersatz partikulär ist. Von Kirchmann bestreitet auch +hier die Richtigkeit der Regel, läßt aber überdies den Philosophen +behaupten, daß der Schlußsatz nur ein einfaches Nichtsein aussagt, und +bemerkt dazu: „Dies ist ein zweiter Grund, welcher diese Beweise des +Ar. erschüttert“, Erläut. 108, S. 86.</p> + +<p>Aber es ist ein Mißverständnis, daß Aristoteles von einem einfachen +Nichtzukommen reden soll. Sein Ausdruck mag verfänglich klingen, aber +sein Gedanke ist klar. Er will offenbar sagen, daß der Schlußsatz auf +das Nichtzukommenkönnen geht. Denn er sagt erstens gleich im folgenden +Satze: A kommt notwendig einem C nicht zu; er sagt zweitens: es muß +sich mit den partikulären Schlüssen ebenso verhalten. Der Schlußsatz +muß also notwendig sein, wie bei den allgemeinen Schlüssen. Er zeigt +drittens seinen Gedanken durch das Wörtchen „auch“ an, in dem Satz: +auch der Schlußsatz wird auf das Nichtzukommen gehen, nämlich ebenso +notwendig, wie der verneinende Vordersatz. Der Ausdruck ist etwas +ungezwungen oder nachlässig. Von Kirchmann unterdrückt das Auch in +seiner Übersetzung und gibt den Text so wieder: „so wird der Schluß +auf das einfache Nichtenthaltensein lauten.“ — Nehmen wir, um uns die +hier aufgestellte Regel und ihre Begründung an einem Beispiel klar zu +machen, folgende Begriffe: Tier, Malen, Mensch. Notwendig ist kein +Malendes ein Tier, mancher Mensch kann malen; also ist mancher Mensch +notwendig kein Tier. Denn dem sei nicht so, und jeder Mensch sei ein +Tier. Hieraus aber und aus dem Satz: kein Tier kann malen, folgte: +kein Mensch kann malen. Es sollte aber mancher Mensch malen können. +— Julius Pacius unterdrückt das Auch 36 a 33 ebenfalls und gibt +wieder: Colligetur non inesse. Demgemäß versteht auch Silvester Maurus +die Regel von einem möglichen oder tatsächlichen Nichtzukommen und +gestaltet entsprechend die Begründung.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_103_111" href="#FNanchor_103_111" class="label">[103]</a> Es ergibt sich nur ein Schluß auf das mögliche Zukommen +und Nichtzukommen, vgl. <a href="#Footnote_97_105">A. 97</a> und <a href="#Footnote_99_107">99</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_104_112" href="#FNanchor_104_112" class="label">[104]</a> Begriffe für notwendiges Zukommen, zum Beweise, daß +kein verneinender Schluß möglich ist: notwendig ist einiges Weiße +ein Sinnenwesen; möglicherweise ist jeder Mensch weiß; also ist +möglicherweise kein Mensch ein Sinnenwesen oder mancher Mensch kein +Sinnenwesen. Begriffe für Nichtzukommenkönnen, zum Beweise, daß +kein bejahender Schluß möglich ist: notwendig ist einiges Weiße +ein Sinnenwesen; möglicherweise ist jedes Kleid weiß; also ist +möglicherweise jedes Kleid oder manches Kleid ein Sinnenwesen.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_168">[Pg 168]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_105_113" href="#FNanchor_105_113" class="label">[105]</a> Der allgemeine Untersatz sei verneinend. Dann sieht man, +daß kein verneinender Schluß möglich ist, an folgendem Beispiel für +Zukommen: ein Weißes kann ein Sinnenwesen sein; kein Rabe kann weiß +sein; also kann jeder oder mancher Rabe kein Sinnenwesen sein. Daß +kein bejahender Schluß möglich ist, sieht man an folgendem Beispiel +für Nichtzukommen: ein Weißes kann ein Sinnenwesen sein; kein Pech +kann weiß sein; also kann jedes oder manches Pech ein Sinnenwesen +sein. Der allgemeine Untersatz sei bejahend. Dann sieht man, daß kein +verneinender Schluß möglich ist, an folgendem Beispiel für Zukommen: +möglicherweise ist einiges Weiße kein Sinnenwesen; jeder Schwan muß +weiß sein; also ist möglicherweise jeder oder mancher Schwan kein +Sinnenwesen. Daß kein bejahender Schluß möglich ist, sieht man an +folgendem Beispiel für Nichtzukommen: ein Weißes kann ein Sinnenwesen +sein; jeder Schnee muß weiß sein; also kann jeder Schnee ein +Sinnenwesen sein.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_106_114" href="#FNanchor_106_114" class="label">[106]</a> Ein letzter Fall, wo sich gar kein Schluß ergibt! Man +vergleiche die zwei vorhergehenden Absätze. Da hier viele Kombinationen +möglich sind, so sei nur ein Beispiel als Beleg gebracht, daß sich +weder ein verneinender, noch ein bejahender Schlußsatz ergibt. a) +Manches Weiße muß ein Sinnenwesen sein; möglicherweise sind einige +Menschen nicht weiß; also sind einige Menschen kein Sinnenwesen. b) +Manches Weiße muß ein Sinnenwesen sein; möglicherweise ist einiges +Unbeseelte nicht weiß; also ist einiges Unbeseelte ein Sinnenwesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_107_115" href="#FNanchor_107_115" class="label">[107]</a> Eine Vergleichung der Regeln in diesem Kapitel mit denen +im vorausgehenden Kapitel! Sie stimmen miteinander überein mit einer +Ausnahme. Wenn der verneinende Vordersatz das bloße Sein betrifft, +so geht der Schluß auf das mögliche Nichtsein, vgl. <a href="#Footnote_82_90">Anm. 82</a>. Wenn er +aber das notwendige Sein betrifft, so geht der Schluß auf das mögliche +Nichtsein und auf das tatsächliche Nichtsein. In dieser besonderen +Bestimmung bezüglich der Schlüsse im <a href="#Erstes_Buch_Sechzehntes_Kapitel">16. Kapitel</a> verstehen wir, +entsprechend den verschiedenen Anmerkungen in eben diesem Kapitel, das +Möglich anders als vorhin: im Sinne des notwendigen, das auch möglich +und tatsächlich ist. Am Ende des <a href="#Abs_mit_36_a">Absatzes im 16. Kapitel</a>, der mit Zeile +36 a 7 beginnt, vgl. <a href="#Footnote_98_106">A. 98</a>, heißt es ausdrücklich, daß der Schluß auf +die Unmöglichkeit auch Tatsächliches und Mögliches ergibt. Dagegen +heißt es unmittelbar nach dem <a href="#Abs_mit_FN82">Absatz, dem die Anmerkung 82 gilt</a>, es +ergebe sich aus den betreffenden Prämissen nur ein möglich im Sinne von +nicht notwendig, vgl. <a href="#Footnote_83_91">A. 83</a>. — Silvester Maurus bezieht die Bemerkung +36 b 23 zunächst auf den Absatz 36 a 32, obschon Ar. hier scheinbar +nur von einem Schlusse auf einfaches Nichtzukommen spricht, vgl. <a href="#Footnote_102_110">Anm. +102</a>. Waitz erklärt, wie v. Kirchmann Erl. 111 mit Recht bemerkt, +die ganze Stelle von 36 b 21 an nicht genügend, v. Kirchmann selbst +findet gesagt, wenn bei notwendigem Obersatz der kontingente Untersatz +allgemein sei, so laute der Schlußsatz auf das tatsächliche, wenn aber +partikulär, auf das mögliche Nichtsein. Und doch hatte er früher gesagt +gefunden, er laute das erste Mal auf das notwendige, das zweite Mal auf +das tatsächliche Nichtsein! Vgl. <a href="#Footnote_98_106">A. 98</a> und <a href="#Footnote_102_110">102</a>, und bei v. Kirchmann +die Erläuterung 106, S. 83.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_169">[Pg 169]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_108_116" href="#FNanchor_108_116" class="label">[108]</a> Die vollkommenen Schlüsse der ersten Figur ergeben eine +kontingente Konklusion im strengen, die unvollkommenen eine solche im +weiteren Sinne, entsprechend dem in <a href="#K16_Abs_4">K. 16, Abs. 4</a> und vorher in <a href="#K15_Abs_1">K. 15, +Abs. 1</a> Gesagten, wozu man wegen des eigentlichen Sinnes von Kontingent +gegenüber dem weiteren Sinne auch noch <a href="#K13_Abs_3">K. 13, Abs. 3</a> f. vergleichen +möge. Die Schlüsse der zweiten Figur im gegenwärtigen und in den zwei +folgenden Kapiteln ergeben eine kontingente Konklusion im weiteren +Sinne.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_109_117" href="#FNanchor_109_117" class="label">[109]</a> Beweis der Regel in <a href="#K17_Abs_1">Abs. 1</a>: aus zwei kontingenten +Prämissen folgt kein Schluß. Denn es gibt hier keine Zurückführung auf +die erste Figur, weder durch Umkehrung einer Prämisse wie in Cesare, +Camestres und Festino, noch indirekt oder ab absurdo wie in Barocco. +Nicht durch Umkehrung. Denn die allgemein verneinende Prämisse läßt +sich hier nicht in eine andere allgemein verneinende umkehren. Dies +wird im folgenden dreifach bewiesen; ab absurdo, per instantiam und ex +signo; nach Silvester Maurus.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_110_118" href="#FNanchor_110_118" class="label">[110]</a> Beweis ab absurdo. Wäre die gedachte Umkehrung möglich, +dann auch die andere eines allgemein bejahenden Satzes in einen anderen +allgemein bejahenden Satz, z. B. des Satzes: möglicherweise ist jeder +Mensch weiß, in: möglicherweise ist jedes Weiße ein Mensch. Denn nach +<a href="#K_13_Abs_5">K. 13, Abs. 5</a> lassen sich die kontingenten Sätze in ihr konträres +Gegenteil umkehren, also der Satz: möglicherweise ist jeder Mensch +weiß, in: möglicherweise ist kein Mensch weiß. Dieser Satz aber soll +nach der Voraussetzung sich umkehren lassen in den anderen verneinenden +Satz: möglicherweise ist kein Weißes ein Mensch, und das kann wieder, +ebenfalls nach <a href="#Erstes_Buch_Dreizehntes_Kapitel">K. 13</a>, umgekehrt werden in: möglicherweise ist jedes +Weiße ein Mensch. Das ist aber unmöglich. Denn wenn auch jeder Mensch +weiß sein kann, so doch nicht jedes Weiße ein Mensch, z. B. Schwan und +Schnee nicht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_111_119" href="#FNanchor_111_119" class="label">[111]</a> Beweis per instantiam. Möglicherweise ist zwar kein +Mensch weiß, aber darum nicht möglicherweise kein Weißer Mensch, weil +z. B. ein Schwan nicht möglicherweise, sondern notwendig kein Mensch +ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_112_120" href="#FNanchor_112_120" class="label">[112]</a> Beweis ex signo. Von den vorgeblich konvertiblen +Sätzen kann der eine falsch sein, ohne daß der andere es ist. Denn +es ist wahr, daß möglicherweise kein Mensch weiß ist, aber nicht daß +möglicherweise kein Weißes ein Mensch ist. Denn der Beweis, den man +hierfür indirekt könnte führen wollen, ist falsch. Man könnte sagen: +das Kontradiktorium wäre: es ist nicht möglich, daß kein Weißes ein +Mensch ist. Dieses müßte also wahr sein. Wenn aber das, so wäre es +wahr: notwendig ist ein Weißes ein Mensch, und so denn auch: notwendig +ist ein Mensch weiß. Das ist aber unmöglich. Denn die Voraussetzung +war: es ist möglich, daß kein Mensch weiß ist. Dieser Beweis ist aber +falsch, wie im folgenden Absatz gezeigt wird.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_170">[Pg 170]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_113_121" href="#FNanchor_113_121" class="label">[113]</a> Die Annahme der Äquipollenz von: es ist nicht möglich, +daß kein Weißes ein Mensch ist, und: notwendig ist irgendein Weißes ein +Mensch, trifft nicht zu. Der erste Satz kann sich auf doppelte Weise +bestätigt finden: einmal, wenn ein Weißes oder jedes Weiße notwendig +ein Mensch ist; denn dann ist es nicht möglich, sondern unmöglich, +daß kein Weißes ein Mensch ist; dann, wenn irgendein Weißes notwendig +kein Mensch ist. Denn dann ist es nicht möglich, daß kein Weißes ein +Mensch ist oder jedes Weiße kein Mensch ist, sondern es ist ein Weißes +notwendig kein Mensch. Das wird aber in dem gedachten Beweis übersehen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_114_122" href="#FNanchor_114_122" class="label">[114]</a> Es gibt auch keine Zurückführung auf die erste Figur +durch indirekten Beweis. Wenn man z. B., um nur einen aus den möglichen +Fällen zu nehmen, in Cesare sagt: es ist möglich, daß kein Mensch weiß +ist; es ist möglich, daß jedes Vernünftige weiß ist, so würde folgen: +es ist möglich, daß kein Vernünftiges ein Mensch ist. Setzt man nun +das Kontradiktorium der Konklusion: es ist nicht möglich, daß kein +Vernünftiges ein Mensch ist, oder, was dasselbe ist: jedes oder manches +Vernünftige muß ein Mensch sein, und stellt als Obersatz voran: es ist +möglich, daß kein Mensch weiß ist, so folgt: es ist möglich, daß jedes +oder manches Vernünftige nicht weiß ist. Damit ist aber die Prämisse +nicht unverträglich: es ist möglich, daß jedes Vernünftige weiß ist. +Denn weiß kann jedem und kann keinem Vernünftigen zukommen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_115_123" href="#FNanchor_115_123" class="label">[115]</a> Ein induktiver Beweis, daß in dem angenommenen Fall kein +Schluß möglich ist, 37 a 38–b 16. Es ist möglich, daß kein Mensch weiß +ist; es ist möglich, daß jedes Pferd weiß ist. Hier folgt nicht: es ist +möglich, daß jedes Pferd ein Mensch ist, weil kein Pferd ein Mensch +sein kann, und nicht: es ist möglich, daß kein Pferd ein Mensch ist, +weil es nicht möglich, sondern notwendig ist, daß kein Pferd ein Mensch +ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_116_124" href="#FNanchor_116_124" class="label">[116]</a> Dasselbe gilt, wenn die Prämissen so gefaßt werden: es +ist möglich, daß jeder Mensch und kein Pferd weiß ist usw.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_117_125" href="#FNanchor_117_125" class="label">[117]</a> Beweis für die erste Regel in dem +<a href="#K17_Abs_2">zweiten Absatz von Kapitel 17</a>: sagt die bejahende Prämisse das tatsächliche, die +verneinende das mögliche Sein aus, so ist kein Schluß möglich. Das +Beispiel ist dasselbe. Jeder Mensch ist weiß; es ist möglich, daß kein +Pferd weiß ist. Hier folgt aus dem angegebenen Grunde weder: es ist +möglich, daß jedes Pferd ein Mensch ist, noch: es ist möglich, daß +kein Pferd ein Mensch ist. Es ist verfehlt, wenn v. Kirchmann in den +Erläuterungen n. 119, S. 97 meint, der Ausdruck: dieselben Begriffe, +gehe nicht auf weiß, Mensch, Pferd; verfehlt auch die Art, wie er die +Begründung des Aristoteles versteht. Es ist richtig, daß, wie er sagt, +das Weiß weder in allen Pferden, noch in allen Menschen einfach-seiend +enthalten ist. Aber es kann in ihnen enthalten sein, und wenn man das +Mögliche als wirklich setzt, so darf nichts Unmögliches folgen.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_171">[Pg 171]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_118_126" href="#FNanchor_118_126" class="label">[118]</a> Beweis für die zweite Regel in dem +<a href="#K17_Abs_2">zweiten Absatz von Kapitel 17</a>: sagt die bejahende Prämisse das mögliche, die verneinende +das tatsächliche Sein aus, so erhält man immer einen Schluß. Beweis. +Kein Mensch ist weiß; jedes Pferd kann weiß sein. Wenn man die +Verneinung umkehrt, so wird kein Weißes ein Mensch sein. Also folgt in +der ersten Figur, daß kein Pferd ein Mensch sein kann. Denn so lange es +gilt, daß der Mensch nicht weiß ist, kann er nicht mit dem Pferde weiß +sein, kann also kein Pferd sein, und umgekehrt das Pferd kein Mensch. +Das ἐνδέχεται τὸ β μηδενὶ τῳ γ Zeile 37 b 28 übersetzt v. Kirchmann +richtig: „daß B in keinem C statthafterweise enthalten ist“, Bender +falsch: „daß denkbarerweise B keinem C zukommt.“ Die griechischen Worte +sind doppelsinnig.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_119_127" href="#FNanchor_119_127" class="label">[119]</a> Kein Mensch ist weiß; möglicherweise kein Pferd weiß. +Daraus wird durch Umkehrung: möglicherweise jedes Pferd weiß. So haben +wir die Prämissen wie in <a href="#Footnote_118_126">A. 118</a>. Und so folgt wieder dasselbe, daß +kein Pferd ein Mensch sein kann. v. Kirchmann übersetzt diesmal das +τὸ β τῷ γ ἐνδέχεται υνδενὶ ὑπάρχειν Zeile 33 f. falsch: „daß B +statthafterweise in keinem C enthalten ist“.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_120_128" href="#FNanchor_120_128" class="label">[120]</a> Jedes Sinnenwesen kann gesund sein; jeder Mensch ist +gesund; jeder Mensch ist möglicherweise kein Sinnenwesen. — Jedes +Pferd kann gesund sein; jeder Mensch ist gesund; jeder Mensch ist +möglicherweise ein Pferd.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_121_129" href="#FNanchor_121_129" class="label">[121]</a> Siehe <a href="#Footnote_117_125">Anmerkungen 117 f.</a></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_122_130" href="#FNanchor_122_130" class="label">[122]</a> Kein Mensch weiß, möglicherweise manches Pferd nicht +weiß, oder: möglicherweise manches Pferd weiß; also kann manches +Pferd kein Mensch sein; s. <a href="#Footnote_119_127">A. 119</a>. — Mancher Mensch nicht weiß; +möglicherweise manches Pferd weiß. Es folgt nicht: manches Pferd kann +ein Mensch sein, da das unmöglich ist, und nicht: manches Pferd kann +kein Mensch sein oder ist möglicherweise keiner, da es notwendig keiner +ist. — Silv. Maurus gebraucht andere Begriffe, da doch nach Ar. der +Beweis durch dieselben Begriffe gehen soll. — Man könnte hier, wie in +analogen früheren Fällen, vgl. <a href="#Footnote_115_123">A. 115</a>, versucht sein, einzuwenden, zu +dem Satz: manches Pferd kann ein Mensch sein, sei das Kontradiktorium +nicht: manches Pferd kann kein Mensch sein, sondern: es kann nicht +manches Pferd ein Mensch sein. Aber Aristoteles hat nur den Schlußsatz +im Auge, der Mögliches aussagt, und so behauptet er mit Recht: man kann +nicht sagen, daß möglicherweise manches Pferd ein Mensch ist, und auch +nicht, daß möglicherweise manches Pferd kein Mensch ist. Er hatte ja +schon 37 a 38 gesagt, der Schluß müsse in bestimmten Fällen auf das +ἐνδέχεσθαι, möglich sein, gehen, und wenn er beifügt, er müsse entweder +bejahend oder verneinend sein, so meint er damit nicht die Bejahung +oder Verneinung der Möglichkeit, sondern umgekehrt die Möglichkeit der +Bejahung und der Verneinung.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_172">[Pg 172]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_123_131" href="#FNanchor_123_131" class="label">[123]</a> In diesem Kapitel wird die Regel im +<a href="#K17_Abs_3">dritten Absatz von K. 17</a> bewiesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_124_132" href="#FNanchor_124_132" class="label">[124]</a> Es ist notwendig, daß kein Mensch ein Pferd ist; es ist +möglich, daß jedes Wache ein Pferd ist; also ist möglich, daß kein +Waches ein Mensch ist. Beweis. Der Obersatz wird umgekehrt in: es ist +notwendig, daß kein Pferd ein Mensch ist. Dann folgt die Konklusion in +Celarent.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_125_133" href="#FNanchor_125_133" class="label">[125]</a> Es ist möglich, daß jedes Weiße ein Pferd ist; es ist +notwendig, daß kein Mensch ein Pferd ist; also ist möglich, daß kein +Mensch weiß ist. Beweis. Der Untersatz wird umgekehrt und zum Obersatz +gemacht. Dann folgt in Celarent: es ist möglich, daß kein Weißes ein +Mensch oder daß kein Mensch weiß ist. Aus denselben Prämissen folgt in +Camestres: kein Mensch ist weiß. Denn gesetzt, ein Mensch sei weiß, +so folgt hieraus und aus dem Obersatz: notwendig ist kein Mensch ein +Pferd, in der 3. Figur und in Ferison: notwendig ist ein Weißes kein +Pferd, im Widerspruch mit der Prämisse: es ist möglich, daß jedes Weiße +ein Pferd ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_126_134" href="#FNanchor_126_134" class="label">[126]</a> Es folgt erstens kein kontingenter Schlußsatz. Beispiel. +Es ist möglich, daß kein Mensch weiß ist; es ist notwendig, daß jeder +Schwan weiß ist. Es folgt nicht, daß möglicherweise jeder oder ein +Schwan ein Mensch ist, und auch nicht, daß möglicherweise jeder oder +ein Schwan kein Mensch ist. Denn das Erste ist unmöglich und das Zweite +ist notwendig. Zweitens folgt kein notwendiger Schlußsatz. Denn einmal +folgt nach <a href="#K17_Abs_3">K. 17, Abs. 3</a> kein Schlußsatz, wenn nicht beide Prämissen +notwendig sind oder doch die verneinende, aber in unserem Falle ist +es nur die bejahende. Und dann läßt es sich, und zugleich, daß kein +tatsächlicher Satz folgt, so zeigen. Für bejahende Schlußsätze an +den vorhin angenommenen Begriffen. Man setze: möglicherweise ist +kein Mensch weiß; notwendig ist kein Schwan weiß, so folgt nicht: +notwendig oder tatsächlich ist jeder oder mancher Schwan ein Mensch. +Für verneinende Schlußsätze läßt sich an den Begriffen Bewegung, +Sinnenwesen, wach zeigen, daß möglicherweise beide Prämissen wahr +sind und der Schlußsatz falsch. Man setze: möglicherweise bewegt sich +kein Sinnenwesen; notwendig bewegt sich jedes Wache, so folgt nicht: +notwendig oder tatsächlich ist kein Waches ein Sinnenwesen oder manches +Wache keines.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_127_135" href="#FNanchor_127_135" class="label">[127]</a> Notwendig ist kein Mensch ein Pferd; möglicherweise ist +kein Weißes ein Pferd, oder: möglicherweise ist jedes Weiße ein Pferd. +Man erhält nach <a href="#K19_Abs_2">Absatz 2</a>, vgl. <a href="#Footnote_124_132">Anm. 124</a>, den Schluß: möglicherweise +kein Weißes ein Mensch. — Für den Fall, daß die Verneinung bei C +steht, vgl. <a href="#Footnote_125_133">Anm. 125</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_128_136" href="#FNanchor_128_136" class="label">[128]</a> Es folgt kein verneinender Schlußsatz, weil keine +Prämisse verneinend ist, aber auch kein bejahender Schlußsatz. +Beispiel. Notwendig jeder Schwan weiß, möglicherweise jeder Mensch +weiß. Es folgt nicht: jeder oder mancher Mensch ein Schwan, oder: es +ist so notwendig oder möglich. Dieses Beispiel zeigt auch, daß kein +streng kontingenter verneinender Satz folgt, wie: möglicherweise ist +kein Mensch ein Schwan, oder: ist mancher Mensch kein Schwan.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_173">[Pg 173]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_129_137" href="#FNanchor_129_137" class="label">[129]</a> +Vgl. Kap. 16, <a href="#Footnote_106_114">Anm. 106</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_130_138" href="#FNanchor_130_138" class="label">[130]</a> Man vergleiche zu diesem und dem <a href="#K20_Abs_4">vorausgehenden Absatz</a> +die <a href="#Footnote_72_80">Anm. 72</a> f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_131_139" href="#FNanchor_131_139" class="label">[131]</a> Möglicherweise ist kein Mensch logisch gebildet; +möglicherweise ist kein Mensch musikalisch gebildet; also ist +möglicherweise ein musikalisch Gebildetes kein logisch Gebildetes. +Beweis: man kehrt den Untersatz nach Kap. 13, <a href="#Footnote_65_73">Anm. 65</a> um in: +möglicherweise ist jeder Mensch musikalisch gebildet. Dann hat man +einen Schluß in Felapton. Man kann aber auch noch den Obersatz so +umkehren und erhält einen Schluß in Darapti: möglicherweise ist ein +musikalisch Gebildetes ein logisch Gebildetes. Beide Schlüsse sind nach +den beiden vorhergehenden Absätzen gültig.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_132_140" href="#FNanchor_132_140" class="label">[132]</a> Vgl. zu diesem und dem +<a href="#K20_Abs_8">vorausgehenden Absatz</a> <a href="#K14_Abs_6">Kap. 14, +Abs. 6</a> und <a href="#Footnote_72_80">Anm. 72</a>. Ist der Obersatz partikulär und der Untersatz +allgemein, so kehrt man den Obersatz um und macht ihn zum Untersatz. +Beispiel: ein Mensch kann schlafen; jeder Mensch kann musikalisch +sein. Daraus: jeder Mensch kann musikalisch sein; ein Schlafendes kann +ein Mensch sein. Also kann ein Schlafendes musikalisch sein oder ein +Musikalisches schlafen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_133_141" href="#FNanchor_133_141" class="label">[133]</a> Möglicherweise kein Mensch musikalisch; möglicherweise +ein Mensch logisch geschult; also möglicherweise ein logisch +Geschultes nicht musikalisch. Beweis: der Untersatz wird umgekehrt +in: möglicherweise ein logisch Geschultes ein Mensch. Dann folgt der +Schlußsatz nach <a href="#K14_Abs_6">Kap. 14, Abs. 6</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_134_142" href="#FNanchor_134_142" class="label">[134]</a> M. W. kein Mensch musikalisch; m. W. ein Mensch nicht +logisch geschult. Daraus: m. W. ein Mensch logisch geschult. Dann hat +man den vorigen Fall.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_135_143" href="#FNanchor_135_143" class="label">[135]</a> Es folgt kein negativer Schlußsatz. Sagt man: m. W. ist +ein Weißes kein Sinnenwesen; m. W. ist ein Weißes ein Mensch, so folgt +nicht: möglicherweise oder tatsächlich oder notwendig ist ein Mensch +kein Sinnenwesen. Es folgt auch kein affirmativer Schlußsatz. Sagt man: +m. W. ist ein Weißes kein Pferd: m. W. ist ein Weißes ein Mensch, so +folgt nicht: möglicherweise oder tatsächlich oder notwendig ist ein +Mensch ein Pferd.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_136_144" href="#FNanchor_136_144" class="label">[136]</a> Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; jeder Mensch kann +musikalisch sein, also kann ein Musikalisches ein Sinnenwesen sein. Man +kehre den Untersatz um in: ein Musikalisches kann ein Mensch sein. Dann +folgt der Schlußsatz nach <a href="#s_35_a">Kap. 15, 35 a 35</a> ff. u. <a href="#Footnote_89_97">Anm. 89</a>. — Jeder +Mensch kann musikalisch sein; jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; also +kann ein Sinnenwesen musikalisch sein. Man kehre den Untersatz um in: +einige Sinnenwesen sind Menschen. — Das erste Beispiel könnte besser +gewählt sein. Denn der Satz: ein Musikalisches kann ein Mensch sein, +ist nicht richtig: es muß einer sein.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_174">[Pg 174]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_137_145" href="#FNanchor_137_145" class="label">[137]</a> Kein Mensch ist weiß (es ist zwar nicht wahr, aber +nicht unmöglich); jeder Mensch kann wachen; also kann es sein, daß +ein Wachendes nicht weiß ist. — Möglicherweise ist kein Mensch +musikalisch; jeder Mensch ist weiß (es ist zwar nicht wahr, aber nicht +unmöglich); also ist möglicherweise ein Weißes nicht musikalisch. Man +kehrt den Untersatz um in: ein Weißes ist ein Mensch, so folgt der +Schlußsatz nach <a href="#s_35_a">Kap. 15, 35 a 30</a> ff. und <a href="#Footnote_88_96">Anm. 88</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_138_146" href="#FNanchor_138_146" class="label">[138]</a> Man kehrt die kontingente Verneinung um in Bejahung. +Dann erhält man einen Schluß; vgl. die <a href="#Footnote_137_145">vorige Anmerkung</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_139_147" href="#FNanchor_139_147" class="label">[139]</a> Möglicherweise ist jeder Mensch musikalisch; einige +Menschen sind logisch geschult oder einiges logisch Geschulte ein +Mensch; also ist m. W. ein logisch Geschultes musikalisch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_140_148" href="#FNanchor_140_148" class="label">[140]</a> Es ist möglich, daß einige Menschen nicht gebildet sind; +jeder Mensch bewegt sich; also ist es möglich, daß einiges Bewegte +nicht gebildet ist. Denn sonst wäre jedes Bewegte und somit alle +Menschen notwendig gebildet.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_141_149" href="#FNanchor_141_149" class="label">[141]</a> Vgl. +<a href="#K20_vorl_Abs">Kap. 16, vorletzter Absatz</a>, und <a href="#Footnote_106_114">Anm. 106</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_142_150" href="#FNanchor_142_150" class="label">[142]</a> Der Fall, bzw. die beiden Fälle, werden auf die erste +Figur und <a href="#Erstes_Buch_Sechzehntes_Kapitel">Kap. 16</a> zurückgeführt, indem je eine Prämisse nach Subjekt +und Prädikat umgekehrt wird; vgl. <a href="#Footnote_96_104">Anm. 96 f.</a></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_143_151" href="#FNanchor_143_151" class="label">[143]</a> Möglicherweise ist kein Mensch weiß; notwendig ist jeder +Mensch ein Sinnenwesen (oder manches Sinnenwesen ein Mensch); also ist +m. W. manches Sinnenwesen nicht weiß.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_144_152" href="#FNanchor_144_152" class="label">[144]</a> Notwendigerweise ist kein Sinnenwesen eine Pflanze; +möglicherweise ist jedes Sinnenwesen weiß (oder manches Weiße ein +Sinnenwesen); also ist m. W. manches Weiße keine Pflanze. Darüber, +daß auch tatsächlich manches Weiße keine Pflanze ist, da tatsächlich +manches Weiße ein Sinnenwesen ist, vgl. <a href="#K16_Abs_3">Kap. 16, Abs. 3</a>, <a href="#Footnote_94_102">Anm. 94</a>. +Aristoteles sagt Z. 40 a 30 ff.: die Folge war, daß A einem C +nicht zukam, indem er C statt B sagt, entsprechend der Bedeutung +der Buchstaben in der 1. Figur. Dann sagt er: deshalb kommt A auch +notwendig einem B nicht zu, und nimmt hier die Buchstaben, wie sie in +der 3. Figur üblich sind. Notwendig bedeutet folgerichtig.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_145_153" href="#FNanchor_145_153" class="label">[145]</a> Notwendig ist jeder Mensch ein Sinnenwesen: +möglicherweise ist kein Mensch weiß oder jeder Mensch weiß oder +manches Weiße ein Mensch; also ist möglicherweise manches Weiße ein +Sinnenwesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_146_154" href="#FNanchor_146_154" class="label">[146]</a> Man erhält keine negative Konklusion. Beispiel. +Möglicherweise schläft jeder Mensch; notwendig ist kein Mensch +ein schlafendes Pferd. Hier folgt nicht: es ist möglich, daß kein +schlafendes Pferd schläft oder manches schlafende Pferd nicht schläft. +Man erhält auch keine affirmative Konklusion. Beispiel. Möglicherweise +schläft jeder Mensch; notwendig ist kein Mensch ein wachendes Pferd. +Hier folgt nicht: es ist möglich, daß jedes oder manches wachende Pferd +schläft.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_147_155" href="#FNanchor_147_155" class="label">[147]</a> Vgl. den +<a href="#K22_Abs_4">vorigen Abs.</a> und <a href="#Footnote_144_152">Anm. 144</a>. <em class="gesperrt">Bender</em> +übersetzt die Zeile 40 b 4, offenbar durch die Stellung des καὶ im +Satz irregeführt, sinn- und stilwidrig: „so wird auch der Schlußsatz +das einfache Nichtsein enthalten.“ Aber warum heißt es dann „auch“, +und worauf soll sich dieses „auch“ beziehen? <em class="gesperrt">v. Kirchmann</em> +läßt das „auch“ unübersetzt und überträgt; „so lautet der Schlußsatz +auf das einfache Nichtsein.“ Dann versichert er von diesem Satze und +seinem Beweis, aus Mißverständnis, in der Erläuterung 136 c, daß sie +bezweifelt werden müßten.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_175">[Pg 175]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_148_156" href="#FNanchor_148_156" class="label">[148]</a> Vergl. +<a href="#Footnote_145_153">Anm. 145</a> f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_149_157" href="#FNanchor_149_157" class="label">[149]</a> Die Lehre von der Errichtung der Schlüsse mit +kontingenten Prämissen, wie sie von Aristoteles K. 13–22 vorgetragen +worden ist, wird nicht nur von Herrn <em class="gesperrt">v. Kirchmann</em>, sondern +auch von <em class="gesperrt">Heinr. Maier</em> in seiner <em class="gesperrt">Syllogistik</em> d. Ar. +bemängelt. „Man wird,“ so schreibt er, „nicht leugnen können, daß +die aristotelische Theorie der Möglichkeitsschlüsse nicht überall +mit gleichmäßiger Exaktheit durchgebildet ist. Nachlässigkeiten, +Inkonsequenzen, Willkürlichkeiten, ja wirkliche Verstöße sind +uns wiederholt begegnet. Gewiß ist, daß wiederum schon die +<em class="gesperrt">Theophrastische Schule</em> an vielen Punkten Berichtigungen +für notwendig hält, ohne daß sie eine prinzipielle Umbildung der +aristotelischen Logik beabsichtigen würde. Theophrast überträgt den +Grundsatz, daß im Syllogismus der Schlußsatz stets der schwächeren +Prämisse folge, auch auf die Möglichkeitsschlüsse. So ergibt sich +unmittelbar die allgemeine Regel, daß in <em class="gesperrt">sämtlichen Kombinationen, +die eine Möglichkeitsprämisse enthalten, der Schlußsatz ein +Möglichkeitsurteil sein müsse</em>“, a. a. O. 206. Ähnlich hatte Maier +Anstoß genommen an der Behauptung, vgl. oben <a href="#Footnote_50_58">K. 9, Anm. 50–52</a>, daß aus +einer notwendigen und einer tatsächlichen Prämisse ein notwendiger +Schlußsatz hervorgehen kann. „Die aristotelische Lehre“, sagt er, +„daß aus gewissen Verbindungen mit tatsächlichen Prämissen notwendige +Schlußsätze hervorgehen, hat im Altertum eine lebhafte Kontroverse +hervorgerufen. Auch hier weichen schon die Schüler des Aristoteles, +<em class="gesperrt">Theophrast</em> und <em class="gesperrt">Eudem</em>, vom Meister ab. Ihre Theorie, +die in der älteren peripatetischen Schule und zum Teil auch in der +Akademie zur Geltung kam, ist, das in den Syllogismen, in denen die +eine Prämisse notwendig, die andere tatsächlich ist, sich nur ein +tatsächlicher Schluß gewinnen lasse“, a. a O. 125. Hier nimmt Maier +freilich noch nicht bestimmt Stellung, vgl. 136, letzter Abs., wohl +aber deutet er S. 217 am Schluß des 2. Kapitels seinen ablehnenden +Standpunkt an, um später genauer auf die Sache einzugehen. Man muß +aber gleichwohl sagen, daß Aristoteles recht hat. Ich verweise auf die +<a href="#Footnote_98_106">Anm. 98</a>. Das dort Gesagte kann auch auf bestimmte Schlüsse mit einer +notwendigen und einer tatsächlichen Prämisse angewandt werden. Maier +bringt S. 126 unter verschiedenen Beispielen für Syllogismen mit einem +tatsächlichen, nicht notwendigen Schlußsatz an letzter Stelle dieses: +allem Gehenden kommt notwendig Schenkelbewegung zu; aller Mensch +geht tatsächlich; allem Menschen kommt tatsächlich, nicht notwendig +Schenkelbewegung zu. Aber dem ist nicht so. Diese Bewegung muß der +Mensch haben, als animal gressile, durch Gehen sich fortbewegendes +Wesen, da ohne sie kein Gehen sein kann, wenn auch, falls alle Menschen +einmal tatsächlich gingen, dies nur zufällig wäre. Anders ist es mit +den anderen Beispielen, wie etwa mit diesem: alles der Grammatik +Kundige besitzt notwendig Wissenschaft; aller Mensch ist tatsächlich +der Grammatik kundig; aller Mensch besitzt tatsächlich, nicht notwendig +Wissenschaft. Es ist nicht notwendig, daß der Mensch Wissenschaft hat, +da, wenn auch alle Menschen der Grammatik kundig sind, sie es doch nur +zufällig sind.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_176">[Pg 176]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_150_158" href="#FNanchor_150_158" class="label">[150]</a> Dieses widersprechende Ergebnis mag nach Ar. daraus +abgeleitet werden, daß, da die Summe der Quadrate der beiden Katheten +eines rechtwinkligen Dreiecks dem Quadrate der Hypotenuse gleich ist, +trotzdem das eine durch eine grade, das andere durch eine ungrade Zahl +dargestellt wird, wenn man Hypotenuse und Kathete kommensurabel sein +läßt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_151_159" href="#FNanchor_151_159" class="label">[151]</a> Im Griechischen: die anderen Kategorien. Damit ist +nicht, wie <em class="gesperrt">v. Kirchmann</em> annimmt, der Unterschied der Quantität +gemeint, von dem schon die Rede war; auch nicht, wie <em class="gesperrt">Alexander</em> +für möglich hält, daß eine Prämisse falsch oder unmöglich ist. Denn +das ist einmal keine Kategorie, und dann ist es in dem gedachten Falle +nicht notwendig, daß auch der Schlußsatz falsch oder unmöglich ist. +Auch ist wohl nicht mit A. daran zu denken, daß eine Prämisse auf das +meistenteils Geschehende oder Geltende lautet, was schon in „möglichst“ +einbegriffen ist. Vielmehr scheinen, was A. als letzte Möglichkeit +bezeichnet, die verschiedenen Kategorien gemeint, die Quantität, die +Qualität usw. Wenn der Schlußsatz auf die Quantität geht, muß auf sie +auch wenigstens eine von den Prämissen gehen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_152_160" href="#FNanchor_152_160" class="label">[152]</a> Der bloßen Anlage nach, δυνατόν, wenn der Schluß nicht +vollkommen ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_153_161" href="#FNanchor_153_161" class="label">[153]</a> Der Satz, daß <em class="gesperrt">ein</em> Schluß nur drei Begriffe hat, +wird so bewiesen. Im <a href="#K25_Abs_1">1. Absatz</a> wird der Obersatz bewiesen: kein Schluß, +der dieselbe Konklusion entweder durch mehr Begriffe oder durch eine +vermittelnde Konklusion gewinnt, ist <em class="gesperrt">ein</em> Schluß; im <a href="#K25_Abs_2">2. Abs.</a> +wird der Untersatz bewiesen: hat ein Schluß mehr als drei Begriffe, +so gewinnt er dieselbe Konklusion entweder durch mehr Begriffe oder +durch eine vermittelnde Konklusion. Daß z. B. der Mensch lacht, kann +man einmal entweder daraus beweisen, daß er vernünftig ist, oder daß er +weint, und dann stufenweise, in dem man zuerst zeigt, daß er vernünftig +ist, und dann, daß das Vernünftige lacht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_154_162" href="#FNanchor_154_162" class="label">[154]</a> Der Begriffe sind drei, also sind sie der Zahl nach +ungrad. Der Hauptprämissen sind zwei, also sind sie der Zahl nach grad. +Der Schlußsatz ist einer, also sind der Schlußsätze um die Hälfte +weniger als der Prämissen. — Dieses ist ein zweites Korollarium zu dem +Hauptsatze des Kap. Das erste brachte der vorausgehende Absatz. Zwei +weitere bringen die zwei letzten Absätze.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_177">[Pg 177]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_155_163" href="#FNanchor_155_163" class="label">[155]</a> Wenn es heißt, daß der Sätze um einen weniger sind als +der Begriffe, so sind unter Sätzen, διαστήματα, die unmittelbaren +Prämissen zu verstehen, die nicht noch durch einen Prosyllogismus +oder vorgängigen Schluß bewiesen werden. Ein weiterer Begriff wird +neben den anderen oder von außen, als nicht kontinuierlicher oder +stetiger Begriff, zugesetzt, wenn er entweder über dem Oberbegriff +oder unter dem Unterbegriff steht. Er wird zwischen die anderen oder +innerhalb ihrer als kontinuierlich gesetzt, wenn er zwischen dem +Mittelbegriff steht. Nach Silvester Maurus. Man sieht, daß es nach +dieser Erklärung Zeile 42 b 6 heißt: μέσων μὴ συνεχῶν, und daß das +μὴ nicht gestrichen werden darf, wie Julius Pacius, Waitz und Bender +wollen. Man sieht auch, was die Worte im Anfang des Absatzes wollen: +„durch Prosyllogismen oder durch mehrere, nicht kontinuierliche +Mittelbegriffe“: sind die Mittelbegriffe kontinuierlich, so sind es +Prosyllogismen, die die Konklusion vorbereiten.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_156_164" href="#FNanchor_156_164" class="label">[156]</a> In nicht einfachen Syllogismen verhält sich die Zahl +der Begriffe und Prämissen zu der Zahl der Konklusionen nicht so wie +in einfachen, sondern mit jedem neuen Begriff kommen so viele neue +Konklusionen hinzu, als, mit Ausnahme von einem, der Begriffe sind. +So erhält man denn viel mehr Konklusionen, als der einfache Schluß +Begriffe und Prämissen hat.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_157_165" href="#FNanchor_157_165" class="label">[157]</a> Die +<a href="#Erstes_Buch_Siebenundzwanzigstes_Kapitel">Kapitel 27</a>–<a href="#Erstes_Buch_Einunddreissigstes_Kapitel">31</a> bilden den 2. Teil des 1. Buches der +Ersten Analytik und handeln von der Auffindung des Mittelbegriffs.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_158_166" href="#FNanchor_158_166" class="label">[158]</a> Von dieser letzten Art ist, wie im folgenden Absatz +gesagt wird, dasjenige, wonach die Wissenschaft in der Regel fragt +und was sie schlußweise ermitteln will. Sie fragt nicht, wovon +das Konkreteste und nicht, was vom Allgemeinsten gilt. Zu der +Unterscheidung des Seienden bezüglich der Prädizierung vergleiche man +das 2. Kap. der Kategorien.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_159_167" href="#FNanchor_159_167" class="label">[159]</a> Was wir übersetzt haben mit: „in dialektischer Weise“, +heißt bei Ar.: κατὰ δόξαν. Man kann z. B. zeigen, daß es auch den +obersten Genera zukommt, eins und seiend zu sein; nach Alexander, der +an den Satz der Topik 1, 2 erinnert: „Die Dialektik ist eine Kunst der +Erfindung und darum beherrscht sie den Weg zu den Prinzipien aller +Wissenschaften.“</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_160_168" href="#FNanchor_160_168" class="label">[160]</a> Von dem, was einem Ding folgt oder zukommt, gehört +das eine zu seiner Wesenheit oder seinem Begriff, wie z. B. daß das +Dreieck eine gradlinige geschlossene Figur mit drei Seiten ist, anderes +ist Proprium, wie z. B. daß das ebene Dreieck eine Winkelsumme von +zwei Rechten hat, anderes ist Akzidenz, wie z. B. daß ein Dreieck +gleichseitig oder gleichschenklig ist. Einiges kommt einem Ding in +Wahrheit, einiges auf Grund der eigenen oder der fremden Meinung zu. +Dieses heißt δοξαστῶς, entsprechend dem vorausgehenden κατὰ δόξαν, +siehe die <a href="#Footnote_159_167">vorige Anmerkung</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_161_169" href="#FNanchor_161_169" class="label">[161]</a> Vgl. Perihermenias 7, 17 b 12 ff.: „Wird von allgemein +Gefaßtem das Allgemeine ausgesagt, so ist das unwahr. Denn keine +Bejahung, in der von allgemein Gefaßtem das Allgemeine ausgesagt wird, +kann wahr sein. Als Beispiel diene der Satz: jeder Mensch ist jedes +Sinnenwesen.“</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_178">[Pg 178]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_162_170" href="#FNanchor_162_170" class="label">[162]</a> Will man finden, was der Art folgt, so darf man sich +nicht an die Gattung halten, und ebenso nicht, wenn man finden will, +wem die Art folgt. Das ist z. B. bei Mensch lachen. Auf lachen folgt +zwar auch animalisches Wesen, aber nur mittelbar, unmittelbar folgt +darauf Mensch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_163_171" href="#FNanchor_163_171" class="label">[163]</a> Um den Schlußsatz zu gewinnen: jeder Mensch ist lebend, +sieht man, worauf lebend folgt: auf animalisches Wesen, und, was +auf Mensch folgt: wieder animalisches Wesen; also ist dieses ein +Mittelbegriff für den Schluß.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_164_172" href="#FNanchor_164_172" class="label">[164]</a> Um den Schlußsatz zu gewinnen: manches animalische Wesen +ist vernünftig, sieht man, worauf vernünftig und animalisches Wesen +folgt: beides folgt auf Mensch; also ist dieses ein Mittelbegriff für +einen Schluß in der dritten Figur.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_165_173" href="#FNanchor_165_173" class="label">[165]</a> Um den Schlußsatz zu gewinnen: kein Mensch ist ein +Pferd, sieht man bei Mensch auf das, was ihm folgt: vernünftig, und +bei Pferd auf das, was ihm nicht beiwohnen kann; wieder vernünftig. +So folgt in der 2. Figur: Kein Pferd ist vernünftig; jeder Mensch ist +vernünftig; also ist kein Mensch ein Pferd. Oder man schließt in der +Figur, indem man den Obersatz umkehrt: kein Vernünftiges ist ein Pferd; +jeder Mensch ist vernünftig; also ist kein Mensch ein Pferd. Man kann +aber auch umgekehrt bei Mensch sehen, was ihm nicht beiwohnen kann: +unvernünftig, und bei Pferd, was ihm folgt: unvernünftig, so ergibt +sich der Schluß in der 2. Figur: jedes Pferd ist unvernünftig; kein +Mensch ist unvernünftig; also kein Mensch ein Pferd.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_166_174" href="#FNanchor_166_174" class="label">[166]</a> Um den Schlußsatz zu gewinnen: manches animalische Wesen +ist nicht vernünftig, sieht man bei: manches animalische Wesen, was ihm +folgt: Tier, und bei vernünftig, was ihm nicht beiwohnen kann: Tier. +Dann errichtet man den Schluß in der 3. Figur: kein Tier vernünftig; +jedes Tier an. Wesen; also manches an. Wesen nicht vernünftig; oder in +der 1. Figur, indem man den Untersatz umkehrt in: manches an. Wesen ein +Tier.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_167_175" href="#FNanchor_167_175" class="label">[167]</a> A sei Körper, B Substanz, C Element, D Geist; wieder: +E Erde, F Element, G schwer und trocken, H leicht. C ist mit F +identisch. Also kommt Körper notwendig jeder Erde zu. Denn Element +kommt jeder Erde zu und Körper jedem Element, demnach, wenn man die +Prämissen umstellt, in Barbara: jede Erde ist ein Körper. Von den +früheren Erklärern hat niemand für die sämtlichen Buchstaben dieses +Absatzes Begriffe eingesetzt. Denn es zeigt sich, daß man für die +folgenden Absätze mit den Begriffen wechseln muß. In unserem Absatze +galt es, den Mittelbegriff für einen allgemein bejahenden Schlußsatz zu +finden, im folgenden für einen partikulär bejahenden. Darum müssen C +und G identisch sein: das, worauf A und das worauf E folgt. — Zu den +folgenden 4 Abs. sind <a href="#K28_Abs_2">Abs. 2–4</a> dieses Kapitels zu vergleichen.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_179">[Pg 179]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_168_176" href="#FNanchor_168_176" class="label">[168]</a> Eine zusätzliche Regel, um einen partikulär bejahenden +Schlußsatz zu gewinnen! Er heiße: manches Lebende ist ein Mensch. B, +animalisches Wesen, sei mit C identisch, folge auf Mensch und ihm +selbst folge lebend. So gilt denn: jedes an. W. lebt; jeder Mensch +ein an. Wesen; also jeder Mensch lebt, also auch: manches Lebende ein +Mensch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_169_177" href="#FNanchor_169_177" class="label">[169]</a> Eine Anweisung bezüglich +der 1. Regel, vgl. <a href="#Footnote_163_171">A. 163</a>. +Man muß aus dem, was auf das Subjekt folgt, als Mittelbegriff das +Allgemeinste wählen, wenn nur darauf das Prädikat folgt. Um z. B. den +Schlußsatz zu gewinnen: jeder Mensch ist eine Substanz, muß man nicht +animalisches oder lebendes, sondern körperliches Wesen verwenden und +sagen: jedes körperliche Wesen ist eine Substanz; jeder Mensch ist +ein körperliches Wesen; also jeder Mensch eine Substanz. Denn wenn +das Prädikat auf das Allgemeine folgt, muß es auch auf das Besondere +folgen, das unter ihm begriffen ist. Wenn es aber auf das Besondere +folgt, braucht es nicht auf das Allgemeine zu folgen; wenn z. B. auf +sinnlich lebendes Wesen Gefühl folgt, braucht es nicht auf körperliches +oder auf lebendes Wesen zu folgen. Die toten Körper und die Pflanzen +haben ja kein Gefühl.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_170_178" href="#FNanchor_170_178" class="label">[170]</a> Vgl. +<a href="#Erstes_Buch_Fuenftes_Kapitel">Kap. 5</a> und <a href="#Footnote_22_30">Anm. 22</a>; +vergl. auch <a href="#K27_Ende">Kap. 27 Ende</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_171_179" href="#FNanchor_171_179" class="label">[171]</a> Die Regeln zur Auffindung des Mittelbegriffs, die hier +abgelehnt werden, sind: 1) wenn das, was auf das Subjekt und das, +was auf das Prädikat folgt, sich ausschließt, kann ein allgemein +verneinender, 2) wenn das, was auf das Prädikat folgt und dem Subjekt +vorangeht, sich ausschließt, kann ein partikulär verneinender Satz +gefolgert werden. Sie werden abgelehnt 1) weil der Mittelbegriff einer +sein soll, 2) weil sie auf die früheren Regeln zurückgehen und ohne sie +nicht gelten.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_172_180" href="#FNanchor_172_180" class="label">[172]</a> Die hypothetischen Schlüsse sind, wie wir schon wissen, +gegenüber den apagogischen die Gattung. Sie legen einen Satz zugrunde, +auf den das Gewollte folgt, und beweisen ihn. Dieser Satz ist entweder +anerkannt als das Gewollte oder er sagt die Qualität eines bestimmten +Subjekts aus, von der man annimmt, daß auch Verwandtes sie hat. Für +solche Schlüsse sind die gewöhnlichen, schon aufgestellten vier oder +fünf Regeln maßgebend. Man muß aber auch diese Schlüsse nach Quantität +und Qualität unterscheiden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_173_181" href="#FNanchor_173_181" class="label">[173]</a> Nach den aufgestellten Regeln gewinnt man einen +partikulär bejahenden Schlußsatz, wenn der Mittelbegriff das Prädikat +und das Subjekt nach sich zieht. Läßt man ihn aber zugleich mit dem +Subjekt umkehrbar sein, so gewinnt man vermittelst seiner auch einen +allgemein bejahenden Satz. Beispiel: alles Vernünftige (rationale) +ein Sinnenwesen; alles Vernünftige ein Mensch; also mancher Mensch +ein Sinnenwesen. Weil aber vernünftig mit Mensch konvertibel ist, so +kann der Untersatz allgemein umgekehrt werden in: jeder Mensch ist +vernünftig, und dann folgt: jeder Mensch ist ein Sinnenwesen. Ebenso +gewinnt man einen partikulär verneinenden Satz, wenn der Mittelbegriff +dem Prädikat widerstreitet, aber das Subjekt nach sich zieht, aber +einen allgemein verneinenden Satz, wenn er mit dem Subjekt konvertibel +ist. Beispiel: kein Vernünftiges ein Pferd; alles Vernünftige ein +Mensch. Die Buchstaben sind aus <a href="#Erstes_Buch_Achtundzwanzigstes_Kapitel">Kap. 28</a> genommen, vgl. <a href="#Footnote_167_175">Anm. 167</a>.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_180">[Pg 180]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_174_182" href="#FNanchor_174_182" class="label">[174]</a> Solches, was nicht ist, aber sein kann, ist ein +Kontingentes im strengen Sinne: quod potest esse et non esse; mit +den sonstigen Weisen der Aussage, „den anderen Kategorien“, wie es +im Text heißt, sind die Sätze über Tatsächliches, aber Zufälliges, +und über Notwendiges gemeint; das „in derselben Ordnung“ geht auf die +Reihenfolge in Kap. 28, vgl. Anm. 167.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_175_183" href="#FNanchor_175_183" class="label">[175]</a> Dieses Kapitel bildet eine Art Ruhepunkt und schließt +das Bisherige ab, da das folgende, <a href="#Erstes_Buch_Einunddreissigstes_Kapitel">31. Kapitel</a> nur eine nachträgliche +Ergänzung bringt. Die Regeln für die Errichtung der Schlüsse und die +Auffindung des Mittelbegriffs sind erledigt, und so folgt denn eine +Erwägung über die Bedeutung und Tragweite dieser Regeln: sie finden +ihre Anwendung im ganzen Umfang des menschlichen Wissens und Forschens; +denn hier gilt es überall, durch den Schluß aus vorhandenen Daten +neue Erkenntnisse zu gewinnen und demgemäß den Schluß selbst so zu +fassen, daß er dieser Bestimmung entspricht: die aufgewandte Mühe, +um die Gesetze der Syllogistik zu finden, ist also nicht vergeblich +gewesen! — Was in diesem Kapitel von den Prinzipien steht, ist +bemerkenswert, weil es klar zeigt, was auch unter den Prinzipien 2. +Anal. 2, 19 zu verstehen ist: es sind die eigentümlichen Prinzipien der +Einzelwissenschaften, wobei Prinzip im weiteren Sinne zu nehmen ist, +gemäß dem es nicht bloß die ersten Grundsätze, sondern auch selbst den +Begriff der betreffenden Disziplin umfaßt. Mich hat lange und oft der +Zweifel beschäftigt, ob unter den dort genannten Prinzipien, ἀρχαί, +nicht etwa die höchsten Denkgesetze zu verstehen seien und somit nach +dem Ursprunge der allgemeinen Begriffe gefragt werde, mit denen die +Denkgesetze zugleich gegeben sind. Aber das vorliegende <a href="#Erstes_Buch_Dreissigstes_Kapitel">30. Kapitel</a> +zeigt zusammen mit dem Schluß der 2. Analytik und mit dem Anfang der +Metaphysik als dritter Parallelstelle, daß an die besonderen Prinzipien +der Einzelwissenschaften zu denken ist. — Auf sie könnte man versucht +sein auch die Bemerkung am <a href="#K30_Schluss">Schluß dieses 30. Kapitels</a> zu beziehen, daß +das Nähere über die Auswahl der Prämissen in der Topik zu finden ist, +wenn auch hier sicher mit Prämissen nicht bloß die allerersten Sätze +einer Wissenschaft gemeint sind. Maier glaubt in seiner Syllogistik II +a 305, A. 1, diese Bemerkung treffe in Wahrheit nur auf die Prämissen +der dialektischen Schlüsse zu. Aber Aristoteles erklärt ausdrücklich +die Topik für zuständig, die Prinzipien aller Einzelwissenschaften zu +bestimmen. Man sehe Topik I, 1 f., besonders den letzten Absatz von +Kap. 2 und in unserer Übersetzung die <a href="#Footnote_6_14">Anm. 6 zum 1. B.</a> Es sind z. B. +Metaphysik I, 2 wahrscheinliche Sätze, mittelst deren die Definition +der Metaphysik gewonnen wird. Am nächsten kommt man aber zweifellos +dem Sinn des A., wenn man ihm sagen läßt, das bisher Vorgetragene sei +das Erste, was zu beobachten sei, um die notwendigen Begriffe für ein +Beweisobjekt oder überhaupt einen Schluß zu finden; das noch weiter +Erforderliche, besonders wie man es angehen muß, um reichlichen Stoff +für die Begriffe zu sammeln, lehre die Topik. Man vergleiche hierzu die +Aporien, mehr oder minder wahrscheinliche Gründe, die im dritten Buche +der Metaphysik aufgestellt und erörtert werden, um dann in den späteren +Büchern die streng wissenschaftliche Untersuchung der Probleme folgen +zu lassen; vgl. auch in unserer Topik d. Ar. Einleitung VI.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_181">[Pg 181]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_176_184" href="#FNanchor_176_184" class="label">[176]</a> Diese Verwahrung gegen das Beweisverfahren durch +Einteilung kehrt sich vielleicht gegen Plato, und dann nur, weil er +nicht streng auf die schulgerechte Form sah. Mit der Einteilung allein +läßt sich nichts beweisen, so lange nicht gezeigt ist, in welche Klasse +der Einteilung ein Ding gehört. Der Begriff eines Dinges läßt sich +überhaupt nicht beweisen, wie in der Folge gezeigt werden wird. Der +Mittelbegriff darf auch nicht allgemeiner sein als der Oberbegriff. Bei +dem Einteilungsverfahren ist er das aber. Wenn ich z. B. zeigen will, +daß Mensch die und die Art von Sinnenwesen ist, und als Mittelbegriff +alle verschiedenen Arten von Sinnenwesen verwende, so hat der +Mittelbegriff einen weiteren Umfang als der Oberbegriff. — Von der +Einteilung handelt auch 2. Anal. 2, 5.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_177_185" href="#FNanchor_177_185" class="label">[177]</a> Von +<a href="#Erstes_Buch_Zweiunddreissigstes_Kapitel">diesem Kapitel</a> bis zum Schluß geht der dritte und +letzte Teil des 1. Buches: von der Reduktion der formlosen Begründungen +auf einen normalen Syllogismus. Die ersten zwei Kapitel handeln von der +Fassung der Prämissen, die folgenden von der Fassung oder Exposition +der Termini gemäß der in Abs. 3, Kap. 32 bezeichneten und begründeten +Methode.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_178_186" href="#FNanchor_178_186" class="label">[178]</a> Der Schluß lautete vollständig: eine Substanz kann nicht +zugrunde gehen, wenn das, womit sie zugrunde geht, nicht auch eine +Substanz ist; nun geht aber der Mensch mit dem Leibe zugrunde; also ist +der Leib Substanz.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_179_187" href="#FNanchor_179_187" class="label">[179]</a> Der Schluß oder die Schlüsse würden vollständig lauten: +ist Mensch, so ist sinnliches Wesen; nun ist Mensch; also sinnliches +Wesen. Wenn weiterhin sinnliches Wesen ist, ist Substanz; nun ist +sinnliches Wesen; also ist Substanz.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_180_188" href="#FNanchor_180_188" class="label">[180]</a> Ein Problem, d. h. ein zu beweisender Satz, der +allgemein bejahend ist, geht nur durch die erste Figur. Deshalb braucht +man hier nach den anderen Figuren nicht zu fragen. Kann der Schlußsatz +aber durch mehrere Figuren gewonnen werden, so ergibt die zutreffende +sich aus der Stellung des Mittelbegriffs.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_181_189" href="#FNanchor_181_189" class="label">[181]</a> Zu +den Fällen des <a href="#Erstes_Buch_Zweiunddreissigstes_Kapitel">vorigen Kapitels</a>, in denen kein +schulgerechter Schluß vorliegt, tritt ein weiterer: wenn die Begriffe +zwar die rechte Stellung haben und zwei Prämissen bilden, aber ohne +daß eine von ihnen allgemein ist. Die Folge kann sein, daß weder +ein Schluß noch eine wahre Konklusion herauskommt. Hieraus folgt +die Reduktionsregel, daß die Begründungen, um rechtmäßig zu sein, +in einen Schluß mit einer allgemeinen Prämisse müssen aufgelöst +werden können. Es werden zwei Beispiele eines scheinbaren Schlusses +angeführt: 1. der denkbare Aristomenes ist immer; Aristomenes ist ein +denkbarer Aristomenes; also ist Aristomenes immer. Hier müßte, wenn der +Schlußsatz wahr und rechtmäßig abgeleitet sein sollte, der Obersatz +gelten: jeder denkbare Aristomenes ist immer. Aber das ist unmöglich. +Der denkbare Aristomenes ist zwar als solcher selbstverständlich +immer. Aber daß jeder denkbare Aristomenes immer sein soll, ist eine +Ungereimtheit. Hier gibt es kein jedes; denn Aristomenes ist einer. 2. +Mikkalos ist ein gebildeter Mikkalos; der gebildete Mikkalos stirbt +morgen; also stirbt Mikkalos morgen. Hier mag der Schlußsatz wahr sein, +aber der Schluß ist falsch. Er erheischt die Prämisse: jeder gebildete +Mikkalos stirbt morgen, was nicht wahr und ein Unsinn ist. — Es +scheint nicht nötig, Zeile 47 b 26 mit Waitz und Maier γὰρ st. ἄρα zu +lesen.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_182">[Pg 182]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_182_190" href="#FNanchor_182_190" class="label">[182]</a> Wenn derselbe Mensch, freilich zu verschiedenen Zeiten, +krank und gesund sein kann, so kann auch das Kranke per accidens gesund +sein, wie es im vorletzten Absatz hieß. Man kommt aber durch den +Syllogismus in der 3. Figur auf die Läugnung dieser Möglichkeit, wenn +man Subjekt und Zustand durcheinanderlaufen läßt. Die Stelle bereitet +dem Verständnis Schwierigkeit, weil sie zu sagen scheint, Gesundheit +und Krankheit usw. könnten sich gegenseitig zukommen. Es ist aber an +das nachträglich Genannte zu denken, das Konträre überhaupt. Denn Ar. +sagt, wie Gesundheit und Krankheit usw., so müßte auch das Konträre +überhaupt nicht voneinander ausgesagt werden können.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_183_191" href="#FNanchor_183_191" class="label">[183]</a> Für gleichschenkelig wird das +Prädikat = 2 R durch das +Wort (ὄνομα) Dreieck vermittelt, für das Dreieck selbst aber nicht +wieder durch ein einzelnes Wort, da ein solches nicht existiert, +sondern durch eine Rede, d. i. durch den Beweis, daß der Außenwinkel +des Dreiecks der Summe der beiden gegenüberliegenden Dreieckswinkel +gleich ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_184_192" href="#FNanchor_184_192" class="label">[184]</a> Es erscheint unbegründet, wenn <em class="gesperrt">Maier</em> II a 315 A. +1 hierzu schreibt: „In b 12 lese ich mit Waitz und Alexander, welch +letzterer sich eingehend über diese Lesart äußert (362, 4 ff.): τοῦ +δ’ ἀγαθοῦ ἐστὶν ἡ σοφία ἐπιστήμη. Es liegt hier, wie öfters, eine +Nachlässigkeit des Aristoteles vor. In 27 oder vielmehr in 24–27 ist +ihm ein wirkliches Versehen passiert. Es liegt auf der Hand, daß +die beiden Begriffe des Obersatzes sich wie Subjekt und Prädikat +verhalten“. — Auf diesen zweiten Punkt werde ich gleich zurückkommen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_185_193" href="#FNanchor_185_193" class="label">[185]</a> Der Oberbegriff Gattung wird in der Konklusion von dem +Unterbegriff das Gute in recto ausgesagt, während die Prämissen beide +in obliquo aussagen: das, wovon es eine Wissenschaft gibt, ist Gattung; +von dem Guten gibt es eine Wissenschaft; also ist das Gute Gattung. +Es fragt sich also nicht, ob man auch mit Wahrheit sagen kann, daß +Wissenschaft Gattung ist, was ja keinen Zweifel leidet, sondern es +fragt sich um die Weise, wie in unserem Falle ausgesagt wird; vgl. <a href="#Footnote_184_192">d. +vor. Anm.</a></p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_183">[Pg 183]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_186_194" href="#FNanchor_186_194" class="label">[186]</a> Man wolle es mir zugute halten, wenn ich hier, in lauter +trockenen logischen Zusammenhängen, eine Bemerkung über den „Theismus +des Aristoteles“ einschiebe. Das vorliegende, offenbar ganz unbefangen +gewählte Beispiel scheint mir blitzartig die Theologie des Philosophen +zu beleuchten. Gott ist ihm kein rein kontemplatives Wesen ohne jede +Tätigkeit nach außen. Wie könnte es für ein solches einen καιρός geben, +eine Gelegenheit? Wohl aber ist er das Wesen, das sich selbst genügt +und durch seine Tätigkeit keinen Zuwachs seiner Güte und Seligkeit +erhält. „Dixi Domino: Deus meus es tu, quoniam bonorum meorum non +eges“, Ps. 15, 2.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_187_195" href="#FNanchor_187_195" class="label">[187]</a> Was mit Reduplikation gemeint ist, erklären die +Beispiele. Sagt man: von der Gerechtigkeit gibt es eine Wissenschaft, +so hat man keine Reduplikation; sagt man aber: es gibt von ihr +eine Wissenschaft, daß sie ein Gut ist, so hat man eine. Die +Reduplikation liegt eigentlich in dem Ausdruck „gut als Gutes“. Es +gibt eine Wissenschaft von der Gerechtigkeit als einem Gute, aber die +Gerechtigkeit ist nicht gut als ein Gut.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_188_196" href="#FNanchor_188_196" class="label">[188]</a> <em class="gesperrt">Maier</em> übersieht 317 f. den Zusammenhang von +<a href="#Erstes_Buch_Neununddreissigstes_Kapitel">Kap. 39</a> und <a href="#Erstes_Buch_Vierzigstes_Kapitel">40</a> und berichtet darum auch über <a href="#Erstes_Buch_Vierzigstes_Kapitel">Kap. 40</a> vor <a href="#Erstes_Buch_Neununddreissigstes_Kapitel">Kap. 39</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_189_197" href="#FNanchor_189_197" class="label">[189]</a> Das hat +bezug auf <a href="#Erstes_Buch_Siebenunddreissigstes_Kapitel">Kap. 37</a>: das Zukommen hat auch +insofern einen verschiedenen Sinn, als es eine verschiedene Zuteilung +der Begriffe gibt. Es ist ein Unterschied, ob das B, schön, nur einigem +C, weiß, zukommt, oder allem. Man sagt zwar auch im ersten Falle: B +kommt dem C zu; aber es braucht nicht jedem C zuzukommen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_190_198" href="#FNanchor_190_198" class="label">[190]</a> Wenn A, etwa klug, dem B zukommt, aber nicht allem, +wovon B ausgesagt wird, so braucht A keinem C zuzukommen, mag nun B +einigem oder auch allem C zukommen: alle Weißen mögen schön sein, es +braucht deshalb kein Weißer klug zu sein, weil die Schönen, die klug +sind, nicht weiß zu sein brauchen. Wir erhalten nämlich die Prämissen: +Ein B = A; ein oder alles C = B; hieraus folgt aber nach <a href="#Erstes_Buch_Viertes_Kapitel">Kap. 4</a> kein +Schluß, weil der Obersatz in der 1. Figur nicht partikulär sein darf. +Wenn aber A allem zukommt, wovon B gilt, oder einfacher allem B, so +gilt es auch von allem, was seinem ganzen Umfang nach B ist: alle +Weißen sind klug, wenn alle Schönen klug und alle Weißen schön sind. +Wir haben dann einen Schluß in 1 a: alles B = A; alles C = B; also +alles C = A. Ein dritter Fall würde sich, wenn der Text stimmte, so +stellen: C = B; alles C = A. Das wären Prämissen, wie sie in der 3. +Figur vorkommen. Wenn es nun heißt: nichts hindert, daß dem C das B +zukommt, so kann man das deuten: nichts hindert, daß B allem C zukommt. +Wenn es aber weiter heißt, daß möglicherweise A nicht jedem oder gar +keinem C zukommt, so ist das gegenüber der Prämisse: alles C = A +sinnlos, und wenn man etwa statt des C das B denken wollte, so wäre +das nach den Schlußregeln der 3. Figur, vgl. <a href="#Erstes_Buch_Sechstes_Kapitel">Kap. 6</a>, unrichtig. Es hat +nun <em class="gesperrt">Waitz</em> I, 469 f. folgende Auskunft getroffen: das Komma Z. +26 nach λέγηται fällt aus, und es ergibt sich: „wenn jedoch A von dem +gelten soll, wovon nach dessen ganzem Umfang B gilt“, usw. Die Worte: +wovon usw., sollen nämlich denselben Sinn haben wie die Worte Z. 23: +„von dem wahrheitsgemäß B ausgesagt wird“, und der Gedanke hier nur der +größeren Klarheit wegen wiederholt und zum vorigen hinzugefügt werden. +Denn wahrheitsgemäß ausgesagt werden, soll bedeuten: im eigentlichen +Sinne ausgesagt werden; wie die Gattung von der Art, nicht per +accidens, wie etwa schön von weiß, S. 469. Ähnlich <em class="gesperrt">Maier</em> II a +319. Ich muß die Sache dahin stehen lassen.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_184">[Pg 184]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_191_199" href="#FNanchor_191_199" class="label">[191]</a> Davon, daß wir die Begriffe in der ekthetischen Linie +graphisch, durch Buchstaben, darstellen, nach <em class="gesperrt">Maier</em> a. a. O. +320.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_192_200" href="#FNanchor_192_200" class="label">[192]</a> Ein allgemein bejahender Schlußsatz wird nur in +der ersten, ein allgemeiner überhaupt nie in der dritten Figur +gewonnen usw. Man muß also, sei es bei der Haupt-, sei es bei der +Zwischenkonklusion, hierauf achten, um sie durch die rechte Figur +zu leiten. — Hier begegnet uns eine weitere Verschiedenheit in der +Zuteilung der Begriffe, vgl. <a href="#Erstes_Buch_Siebenunddreissigstes_Kapitel">Kap. 37</a>: ein Begriff wird dem anderen +durch Vermittelung mehrerer Syllogismen zugeteilt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_193_201" href="#FNanchor_193_201" class="label">[193]</a> Die im Text angegebene Begründung für den Satz, daß +nicht alles Konträre unter <em class="gesperrt">ein</em> Vermögen fällt, ist falsch, also +kein Beweis. Daher verdient die von <em class="gesperrt">Waitz</em> rezipierte Variante +den Vorzug.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_194_202" href="#FNanchor_194_202" class="label">[194]</a> Vgl. +<a href="#Footnote_150_158">Anm. 150</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_195_203" href="#FNanchor_195_203" class="label">[195]</a> Geschieht 1. Anal. 2. B. und in der Topik, sofern sie +lehrt, wie man aus wahrscheinlichen Prämissen, deren Wahrheit also +vorausgesetzt wird, schließt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_196_204" href="#FNanchor_196_204" class="label">[196]</a> Dies je ein Beispiel für Reduktion des verneinenden +Schlusses in der 1. auf die 2. Figur.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_197_205" href="#FNanchor_197_205" class="label">[197]</a> Von den Schlüssen der 2. Figur werden die beiden +allgemeinen auf die 1. zurückgeführt: Cesare durch Umkehrung des +Obersatzes, Camestres durch Umkehrung des Untersatzes, Umstellung +der Prämissen und Umkehrung des Schlußsatzes, vgl. <a href="#K5_Abs_3">Kap. 5, Abs. 3–5</a>. +Von den beiden partikulären Schlüssen wird Festino auf Ferio durch +Umkehrung des Obersatzes zurückgeführt, vgl. Kap. 5, Abs. 9. Barocco +kann auf die 1. Figur nicht durch Umkehrung zurückgeführt werden. +Denn der partikulär verneinende Untersatz läßt sich überhaupt nicht +umkehren, und der Obersatz nur in einen partikulären Satz; zwei +partikuläre Sätze ergeben aber keinen Schluß.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_198_206" href="#FNanchor_198_206" class="label">[198]</a> Eine Schwierigkeit könnte Disamis bereiten, sofern man +den Obersatz umkehren muß. Aber weil man die Prämissen umstellen muß, +wird dieser zum Untersatz, vgl. <a href="#Footnote_40_48">Anm. 40</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_199_207" href="#FNanchor_199_207" class="label">[199]</a> <em class="gesperrt">Maier</em> macht in dankenswerter Weise darauf +aufmerksam, daß auf diesen Beweis für den bejahenden Charakter der +Sätze mit unbestimmtem Prädikat in <a href="#K3_Ende">Kap. 3 Ende</a>, Zeile 25 b 24, im +voraus hingewiesen worden ist, Syllogistik II a 27 und Anm. 1, sowie S. +324 Anm. 1.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_185">[Pg 185]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_200_208" href="#FNanchor_200_208" class="label">[200]</a> Etwas kann nicht zugleich A (weiß) und C (nichtweiß) +sein, und etwas kann zugleich B (nichtweiß) und D (kein nichtweißes) +sein, weil B und D reine Negationen sind. Besser ist vielleicht +folgendes Beispiel: B = kein weißes Holz, D = kein nichtweißes Holz. So +kann B und D zugleich Prädikat von Mensch sein.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_201_209" href="#FNanchor_201_209" class="label">[201]</a> Wenn es schwarze und weiße Menschen oder Tiere gibt, so +gilt: nicht alle sind oder nicht jeder oder jedes ist weiß, aber nicht: +alle sind oder jeder oder jedes ist nichtweiß, woraus wieder erhellt, +daß diese Aussagen verschieden sind.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_202_210" href="#FNanchor_202_210" class="label">[202]</a> Die drei angeführten Modi sind Celarent in der 1. und +Cesare und Camestres in der 2. Figur.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_203_211" href="#FNanchor_203_211" class="label">[203]</a> Bisher ist in diesem Kapitel gezeigt worden, wie +sich die bejahenden Sätze mit unbestimmtem und die verneinenden mit +bestimmtem Prädikat, oder einfacher die unbestimmten Bejahungen und +die bestimmten Verneinungen, logisch folgen. Jetzt werden hieraus +vier Regeln für die Folgerungen abgeleitet, die sich bei der Bejahung +oder der Verneinung des logischen Antecedens oder Consequens ergeben. +Erste Regel: wenn sich etwas wie Antecedens und Consequens verhält, +so folgt auf das Contradictorium des Consequens das Contradictorium +des Antecedens. Z. B. weil auf C (Mensch) A (animalisches Wesen) +folgt, so folgt auf B (nichtanimalisch) D (Nichtmensch). Zweite Regel: +wenn sich etwas wie Antecedens und Consequens verhält, ohne sich +umkehren zu lassen, so folgt auf das Contradictorium des Consequens +das Contradictorium des Antecedens ohne Möglichkeit der Umkehrung: +was Mensch ist, ist Sinnenwesen, aber was Sinnenwesen ist, ist nicht +Mensch; also ist zwar was kein Sinnenwesen ist, kein Mensch, aber von +dem, was kein Mensch oder was Nichtmensch ist, braucht nicht zu gelten, +daß es kein Sinnenwesen oder daß es Nichtsinnenwesen ist. Dritte +Regel: das Consequens kann zugleich mit dem Kontradiktorium des nicht +umkehrbaren Antecedens bestehen: Sinnenwesen folgt auf Mensch, nicht +umgekehrt, deshalb kann dasselbe zugleich Sinnenwesen und Nichtmensch +sein. Vierte Regel: das Antecedens kann nicht mit dem Kontradiktorium +des Consequens verbunden werden: dasselbe kann nicht Mensch und +nichtanimalisch sein. Diese vier Regeln werden in den <a href="#K46_folg_4">folgenden vier +Absätzen</a> bewiesen, die 2. an 4. Stelle.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_204_212" href="#FNanchor_204_212" class="label">[204]</a> Das ist die Lösung eines sophistischen Einwurfs gegen +die eben bewiesene 2. Regel, nach der auf das Contradiktorium B des +Antecedens (nichtsinnlich) das Contradictorium D des Consequens +(Nichtmensch), aber nicht umgekehrt auf Nichtmensch nichtsinnlich +folgt. Der Einwurf will, daß auch auf Nichtmensch nichtsinnlich folgt. +Denn das gemeinsame Contradictorium von sinnlich und nichtsinnlich +ist: weder sinnlich noch nichtsinnlich, und auf dieses folgt: weder +Mensch noch Nichtmensch. Nun folgt aber nach der 1. Regel auf das +Contradictorium des Consequens das des Antecedens, also auf das +Contradictorium von weder Mensch noch Nichtmensch das von weder +sinnlich noch nichtsinnlich. Contradictorium von weder Mensch noch +Nichtmensch ist aber auch: nicht Mensch. Also folgt auf nicht Mensch +das Contradictorium von weder sinnlich noch nichtsinnlich. Aber davon +ist das Contradictorium auch: nichtsinnlich. Also folgt auf Nichtmensch +nichtsinnlich. Die Lösung ist: das Contradictorium von sinnlich kann +nicht sein: weder sinnlich noch nichtsinnlich. Denn Kontradiktorisches +ist nicht zugleich falsch. Nun ist es aber zugleich falsch, daß die +Pflanze z. B. Sinne hat und daß sie weder Sinne hat, noch nicht.</p></div> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_186">[Pg 186]</span></p> + +<h3 id="Anmerkungen_zweites_Buch"><em class="gesperrt">Zum zweiten Buche</em>.</h3> + +</div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_205_213" href="#FNanchor_205_213" class="label">[205]</a> Der Inhalt des 1. Buches wird nach seinen drei Teilen +unterschieden. Die beiden „ferner“, ἔτι, grenzen die Teile deutlich +voneinander ab. Als Inhalt des 2. Teiles wird zu verstehen gegeben die +Auffindung des Mittelbegriffs bei bejahenden und verneinenden Sätzen, +die zur Erörterung stehen. Das „nach jedweder Methode“ geht auf die +Unterscheidungen in <a href="#Erstes_Buch_Achtundzwanzigstes_Kapitel">Kap. 28 f.</a></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_206_213a" href="#FNanchor_206_213a" class="label">[206]</a> Das 1. Buch der 1. Analytik hat die Schlüsse gleichsam +in ihrer Entstehung verfolgt, das 2. untersucht die schon errichteten +Schlüsse nach ihrer Tragweite und ihren Mängeln und führt gewisse +Begründungen auf den Schluß zurück. Die Tragweite der Schlüsse besteht +zunächst darin, daß <em class="gesperrt">ein</em> Schluß mehrere Schlußsätze ergeben +kann. Aristoteles geht in diesem Absatz ohne weiteres daran, dieses zu +erklären.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_207_214" href="#FNanchor_207_214" class="label">[207]</a> Das gilt nicht nur für die bejahenden, sondern auch +für die verneinenden Konklusionen. Der Satz: kein Mensch ist ohne +Gebrechen, sagt etwas anderes aus als der Satz: viele Menschen sind +nicht ohne Gebrechen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_208_215" href="#FNanchor_208_215" class="label">[208]</a> Die zwei ersten Modi der 1. Figur ergeben virtuell, daß +man den Oberbegriff auch in bezug auf alles, bejahend oder verneinend, +erschließen kann, was unter den Mittelbegriff und den Unterbegriff +fällt. Hat man z. B. von allem Lebenden durch den Mittelbegriff Körper +als Prädikat Substanz erschlossen — der Schluß lautet: jeder Körper +ist Substanz; jedes Lebende ist ein Körper; also ist jedes Lebende +Substanz. Das Beispiel ist mangelhaft; weil alles (auf Erden) Lebende +nicht ein Körper ist, sondern einen Körper hat —, so folgt, daß auch +jeder Stein, weil er unter Körper, und jeder Mensch, weil er unter +lebend fällt, Substanz ist. Wenn man ebenso sagt: kein Lebendes ein +Stein, alles Animalische lebend, also kein Animalisches ein Stein, so +ist damit virtuell auch gesagt, daß keine Pflanze und kein Mensch ein +Stein ist, da Pflanze unter lebend fällt und Mensch unter animalisch.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_187">[Pg 187]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_209_216" href="#FNanchor_209_216" class="label">[209]</a> Wenn es heißt: man kann in der 2. Figur nur auf das +schließen, was unter die Konklusion fällt, so ist mit Konklusion +selbstverständlich das Subjekt derselben gemeint. — Daß das Prädikat +allem, was unter den Mittelbegriff fällt, nicht zukommen kann, ist +zwar wahr, folgt aber nur, wenn man den Obersatz des ursprünglichen +Schlusses umkehrt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_210_217" href="#FNanchor_210_217" class="label">[210]</a> Beispiel: Jedes Sinnenwesen ist sterblich; manches +Vernünftige ist ein Sinnenwesen. Hier folgt nur: manches Vernünftige +ist sterblich, nicht alles, z. B. nicht die reinen Geister. Wohl aber +folgt es für alles, was unter den Mittelbegriff fällt, aber nicht auf +Grund des zuvor errichteten Schlusses. Dazu ist vielmehr der Schluß +erforderlich: jedes Sinnenwesen ist sterblich; alle Menschen und Tiere +sind Sinnenwesen; also sind sie alle sterblich.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_211_218" href="#FNanchor_211_218" class="label">[211]</a> Wenn es heißt, daß der aufgestellte Satz schon für +die allgemeinen Modi bewiesen worden ist, so sind die der 2. Figur +gemeint, von denen nach den allgemeinen Modi der 1. Figur die Rede war. +Die 3. Figur hat keine allgemeinen Modi. Wenn nun der Satz für die +allgemeinen Modi gilt, dann auch für die partikulären. Ein Beispiel +in der 3. Figur: jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; jeder Mensch hat +Verstand; also ist manches, was Verstand hat, ein Sinnenwesen. Hier +kann Sinnenwesen nicht für alles gefolgert werden, was unter „Verstand +haben“ fällt, nicht für den reinen Geist, wohl aber für alles, was +unter Mensch fällt. Denn der Obersatz enthält virtuell einen dahin +gehenden Schluß.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_212_219" href="#FNanchor_212_219" class="label">[212]</a> Auf die Ausführung der Analytik, nach der man aus +Falschem Wahres schließen kann, wird in der <em class="gesperrt">Topik</em> hingewiesen, +8, 11. 162 a 11. Ein Beispiel dafür, wenn auch nicht in regelrechter +Schlußform sei: 2 > 3; 10 > 7, also 12 > 10, nach dem Grundsatz: +Größeres zu Größerem addiert, gibt Größeres. Die eine Prämisse, um sie +so zu nennen, ist falsch. Dennoch ist der Schluß formell richtig und +der Schlußsatz materiell wahr. Aber der Schluß ist kein Beweis, weil er +nicht auf der Wahrheit und dem Warum fußt: Um ein Beweis zu sein, müßte +er etwa diese Fassung haben: 4 > 3; 8 > 7; also 12 > 10. — Vgl. unten +<a href="#s_57_a">Kap. 4, 57 a</a> 44 ff. und <a href="#Footnote_221_228">Anm. 221</a>; auch 2. Anal. 1, 2.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_213_220" href="#FNanchor_213_220" class="label">[213]</a> Vgl. oben <a href="#Erstes_Buch_Sechsundvierzigstes_Kapitel">Kap. 46</a> gegen Ende die Regel: auf die +Verneinung des Consequens folgt die Verneinung des Antecedens, siehe +<a href="#Footnote_203_211">Anm. 203</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_214_221" href="#FNanchor_214_221" class="label">[214]</a> Vgl. oben +<a href="#s_34_a">Kap. 15, 34 a 16 ff.</a></p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_215_222" href="#FNanchor_215_222" class="label">[215]</a> Beispiel für einen solchen Schluß, 1. in Barbara: jedes +Weiße ist ein Sinnenwesen: jeder Mensch ist weiß; also ist jeder Mensch +ein Sinnenwesen; 2. in Celarent: kein Weißes ein Sinnenwesen; jeder +Stein weiß; also kein Stein ein Sinnenwesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_216_223" href="#FNanchor_216_223" class="label">[216]</a> Ein Schluß in Barbara mit falscher Konklusion: Jedes +Sinnenwesen ein Stein; jeder Mensch ein Sinnenwesen; also jeder Mensch +ein Stein. Da der Obersatz ganz falsch ist, so ist das Kontrarium wahr: +kein Sinnenwesen ein Stein. Nimmt man dazu den Untersatz: jeder Mensch +ein Sinnenwesen, so folgt in Celarent: kein Mensch ein Stein. Wäre nun +auch der Schlußsatz wahr: jeder Mensch ein Stein, so wäre Konträres +wahr.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_188">[Pg 188]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_217_224" href="#FNanchor_217_224" class="label">[217]</a> Ein Schluß in Celarent mit falscher Konklusion: kein +Mensch ein Sinnenwesen; alles Lachende Mensch; also kein Lachendes ein +Sinnenwesen usw., wie in <a href="#Footnote_216_223">Anm. 216</a>. Es wäre auch wahr: jedes Lachende ein +Sinnenwesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_218_225" href="#FNanchor_218_225" class="label">[218]</a> Keine Klugheit ist ein Sinnenwesen; jede theoretische +Tugend ist Klugheit; also keine theoretische Tugend ein Sinnenwesen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_219_226" href="#FNanchor_219_226" class="label">[219]</a> Bisher ist gezeigt worden, wie Wahres aus Falschem in +den allgemeinen Modi der 1. Figur geschlossen werden kann, jetzt wird +dasselbe von den partikulären Modi der 1. Figur behauptet und mit Bezug +auf die verschiedenen Fälle der Reihe nach erhärtet.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_220_227" href="#FNanchor_220_227" class="label">[220]</a> Wahl ist Zeile 35 durch ἔκθεσις ausgedrückt. Das +griechische Wort hat hier den weiteren Sinn von Wahl, Aushebung, nicht +den engeren und technischen, wie z. B. bei dem Reduktionsverfahren.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_221_228" href="#FNanchor_221_228" class="label">[221]</a> „Mit Notwendigkeit“ Z. 40 und „notwendig“ Z. 37 bedeutet +nicht nur, daß der Schluß notwendig folgt, denn das ist, auf Grund der +Definition des Schlusses, bei allen Schlüssen erforderlich, sondern daß +er von dem Zusammenhang der Dinge selbst gefordert wird. Man sehe auch +oben <a href="#Footnote_212_219">Anm. 212</a> und im Text <a href="#K2_2_Abs_2">Kap. 2, Abs. 2</a>. <em class="gesperrt">Silvester Maurus</em> deutet +an beiden Stellen die Worte so, als ob der Schlußsatz nicht darum +folgen sollte, weil die Vordersätze falsch sind, was mir minder zusagt. +Der wahre Gedanke des Ar. ergibt sich aus dem, übrigens von Maurus +richtig wiedergegebenen Beweise in den zwei folgenden Absätzen, und +auf diesen Beweis nimmt auch die Stelle <a href="#K2_2_Abs_2">Kap. 2, Abs. 2</a> Bezug. Es kann +unmöglich gelten: wenn A weiß ist, ist B groß, und auch gelten: wenn A +nicht weiß ist, ist B groß, als ob sowohl die Weiße wie die Nichtweiße +von A die reale und objektive Ursache, das Warum, der Größe von B wäre. +Denn dann würde auch die offenbar unmögliche Folgerung gelten: wenn +A groß ist, ist A nicht groß. Denn was notwendig auf das Consequens +folgt, folgt auch notwendig auf das Antecedens. Es gälte ja: wenn A +weiß ist, ist B groß. Wenn aber B groß ist, ist C nicht weiß. Mithin: +wenn A weiß ist, ist C nicht weiß. Entsprechend gälte: wenn A weiß ist, +ist B groß. Wenn also B nicht groß ist, ist A nicht weiß. Mithin ist, +wenn B nicht groß ist, B groß. Beweis: wenn B nicht groß ist, ist A +nicht weiß. Denn wenn A weiß ist, war B groß. Wenn aber A nicht weiß +ist, ist B groß. Denn es sollte gelten: wenn A weiß ist, ist B groß, +und auch wenn es nicht weiß ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_222_229" href="#FNanchor_222_229" class="label">[222]</a> Die drei Begriffe wären ABC. <em class="gesperrt">Maier</em> sagt S. 261, +I: „daß die drei letzten Worte (ὡς διὰ τριῶν) nicht von Aristoteles +stammen, steht mir fest.“ Ich enthalte mich des Urteils.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_223_230" href="#FNanchor_223_230" class="label">[223]</a> Der Zirkelbeweis ist hier kein logischer Fehler, +sondern ein rechtmäßiges Verfahren, das aber nur in zwei Fällen +angewandt werden kann, wenn die eine oder wenn die andere Prämisse +eines Schlusses, den man errichtet hat, konvertibel ist. In Zeile 20 +ist die Form λαβόντα sehr ungezwungen, korrekter hieße es λαμφθῆναι. +Zwei Beispiele für den Zirkelbeweis: 1. Der Syllogismus, durch den +man schließt: jeder Mensch lacht, sei: alles Vernünftige lacht, jeder +Mensch ist vernünftig; jeder Mensch lacht. Aus dieser Konklusion und +der Umkehrung des Untersatzes in: jedes Vernünftige ist ein Mensch, +folgt wieder der Obersatz: alles Vernünftige lacht. Der Grund davon +ist, daß dieser Obersatz, wie er virtuell die erste Konklusion enthält, +so auch in ihr virtuell enthalten ist. 2) Aus dieser Konklusion und der +Umkehrung des Obersatzes folgt der Untersatz. Der Schluß heißt: alles +Lachende vernünftig; jeder Mensch lacht; jeder Mensch vernünftig.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_189">[Pg 189]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_224_231" href="#FNanchor_224_231" class="label">[224]</a> Beispiel. Jedes Sinnbegabte lebt; jeder Mensch ist +sinnbegabt, jeder Mensch lebt. Die Prämissen müssen hier durch andere +Termini bewiesen werden, weil sie nicht umgekehrt werden können. Nicht +jedes Lebende ist sinnbegabt, und nicht jedes Sinnbegabte ist ein +Mensch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_225_232" href="#FNanchor_225_232" class="label">[225]</a> Sind alle drei Begriffe konvertibel, so lassen sich +unter Umständen alle drei Sätze, Obersatz, Untersatz und Schlußsatz, +auseinander beweisen, ebenso deren Umkehrungen. Dieses wird der +Reihe nach in den vier Modi der 1. Figur bis zum Schluß des Kapitels +gezeigt, in dem vorliegenden Absatz in Barbara. Der ursprüngliche +Schluß soll wieder lauten: jedes Vernünftige lacht; jeder Mensch ist +vernünftig; jeder Mensch lacht. Wie der Obersatz aus der Konklusion +und der Umkehrung des Untersatzes und dieser aus der Konklusion und +der Umkehrung des Obersatzes folgt, haben wir schon gesehen, vgl. <a href="#Footnote_223_230">Anm. +223</a>. Aber die Umkehrung des Obersatzes und des Untersatzes muß noch +bewiesen werden. Der Obersatz: jedes Lachende ist vernünftig, wird es +durch den Untersatz und die Umkehrung des Schlußsatzes, der Untersatz: +jedes Vernünftige ist ein Mensch, durch die Umkehrung des Schlußsatzes +und den Obersatz. In diesen beiden Schlüssen ist aber die Umkehrung des +Schlußsatzes: jedes Lachende ist ein Mensch, noch nicht bewiesen. Das +kann nun geschehen durch die Konversion des Unter- und des Obersatzes, +so daß der Syllogismus herauskommt: jedes Vernünftige ist ein Mensch; +jedes Lachende vernünftig; jedes Lachende Mensch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_226_233" href="#FNanchor_226_233" class="label">[226]</a> Den Obersatz darf man nicht umkehren, weil er verneinend +bleibt und auch die Konklusion verneinend ist und aus zwei verneinenden +Vordersätzen kein Schluß geschieht, sondern man muß bejahende +Vordersätze bilden und etwa sagen: alles, wovon A allgemein verneint +wird, ist B; C ist ein solches, wovon A allgemein verneint wird; alles +C ist B. Begriffe: unvernünftig, vernünftig, Mensch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_227_234" href="#FNanchor_227_234" class="label">[227]</a> Weshalb man in Ferio die allgemeine Prämisse nicht +beweisen kann, erklärt der vorige Absatz. Die partikuläre Prämisse +beweist man durch Umwandlung der allgemein verneinenden in eine +allgemein bejahende. Der ursprüngliche Schluß soll lauten: kein +Vernünftiges ist unvernünftig; einiges Animalische ist vernünftig; +einiges Animalische ist nicht unvernünftig. Dann lautet der Beweis für +den Untersatz in Darii: alles, wovon jegliches Unvernünftige verneint +wird, ist vernünftig; einiges Animalische ist nicht unvernünftig und +ist mithin ein solches, wovon jegliches Unvernünftige verneint wird; +einiges Animalische ist vernünftig. Von dieser Umwandlung gebraucht Ar. +den allgemeinen Ausdruck Proslepsis, Hinzunahme, Zuhilfenahme. Ohne +sie gibt es keinen Schluß, weil der Untersatz: einiges Animalische +nicht unvernünftig (ebenso wie der Obersatz), verneinend wäre und ein +bejahender Satz nur aus 2 bejahenden Prämissen bewiesen werden kann.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_190">[Pg 190]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_228_235" href="#FNanchor_228_235" class="label">[228]</a> a) Jeder Mensch vernünftig; kein Pferd vern.; kein Pferd +ein Mensch. — Jedes Vernünftige ein Mensch; kein Pferd ein Mensch; +kein Pferd vern. b) kein Pferd vern.; jeder Mensch vern.; kein Mensch +ein Pferd. — Kein Mensch ein Pferd; jedes Vernünftige ein Mensch; +kein Vernünftiges ein Pferd; kein Pferd vernünftig. Hier erhält man +also den Obersatz nur, wenn man den in Celarent erhaltenen Schlußsatz +umkehrt. Auf die Umkehrung wird hier mit demselben Wort πρόςληψις, +προςλαμβάνεσθαι hingewiesen, daß im vorigen Kap. stand; vgl. die <a href="#Footnote_227_234">vorige +Anm.</a> Auch 59 a 12 und 22 findet sich das Wort προςλαμβάνεσθαι.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_229_236" href="#FNanchor_229_236" class="label">[229]</a> Sie sind unvollkommen, da sie unmittelbar nicht die +betreffende Prämisse, sondern ihre Umkehrung ergeben. — Wir haben +<a href="#Zweites_Buch_Fuenftes_Kapitel">Kap. 5</a> gesehen, daß bei den verneinenden Schlüssen der 1. Figur die +Prämissen der 3. zu Hilfe genommen werden, der Fall, daß einem, dem +nach dessen ganzem oder teilweisem Umfang a zukommt, b ebenso nicht +zukommt. Desgleichen hat <a href="#Zweites_Buch_Sechstes_Kapitel">Kap. 6 f.</a> gezeigt, daß die Schlüsse durch die +Figuren gehen, die in den <a href="#K7_2_letzte_2_Abs">zwei letzten Absätzen von Kap. 7</a> angegeben +sind.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_230_237" href="#FNanchor_230_237" class="label">[230]</a> Die Umkehrung zeigt die Tragweite des Schlusses nicht +wie der Zirkelbeweis aus der Konklusion, sondern aus deren Gegenteil. +In dem Zirkelbeweis wird die Konklusion und eine Prämisse zum Beweise +der anderen Prämisse verwandt. Bei der Umkehrung wird das Gegenteil +der Konklusion und eine Prämisse zur Widerlegung der anderen Prämisse +verwandt. Von der Umkehrung des Syllogismus liest man im Anfang +des Schlußkapitels der <em class="gesperrt">Topik</em>: „Um aber in dieser Art von +Beweisführungen Übung und Gewandtheit zu erlangen, muß man sich erstens +die Kunst aneignen, die Schlüsse umzukehren. So wird man einmal die +Probleme geschickter begründen können und dann die volle Fertigkeit +gewinnen, in wenigen Schlüssen gleichsam viel zu erhalten. Denn einen +Schluß umkehren heißt, das Gegenteil der Konklusion nehmen und mit ihm +und den übrigen Prämissen einen von den gegebenen Sätzen umstoßen. +Denn wenn die Konklusion nicht gilt, wird notwendig einer von den +Vordersätzen aufgehoben, da ja die Konklusion ihre Notwendigkeit aus +ihrer Gesamtheit schöpfte.“</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_191">[Pg 191]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_231_238" href="#FNanchor_231_238" class="label">[231]</a> <em class="gesperrt">Maier</em> schreibt a. a. O. 342: „Zu bemerken ist, +daß Aristoteles in diesem Zusammenhang zu den konträren Gegensätzen +auch das Verhältnis von partikulär bejahenden und partikulär +verneinenden Urteilen zählt“. Das tut Ar., weil das part. vern. Urteil +mehr ist als die bloße Verneinung eines part. bej. Urteils und ein +größerer Gegensatz zu ihm. Von: manches Animalische lacht, ist die +Verneinung nicht: manches Animalische lacht nicht, sondern: kein +Animalisches lacht, was auch wahr ist, wenn kein Animalisches ist. Sagt +man aber: manches Animalische lacht nicht, so behauptet man, daß ein +Animalisches ist und nicht lacht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_232_239" href="#FNanchor_232_239" class="label">[232]</a> Der ursprüngliche Syllogismus: jeder Mensch vernünftig; +einiges Animalische ein Mensch; einiges Animalische vernünftig. Dann +ist der Syllogismus aus dem Kontradiktorium der Konklusion und dem +Obersatz: jeder Mensch vern.; kein Anim. vernünftig; kein Anim. ein +Mensch. So wird also der Untersatz aufgehoben. Der Obersatz wird es +so: kein Anim. vern.; einiges Animal. Mensch; mancher Mensch nicht +vernünftig. Nimmt man aber das konträre Gegenteil der Konklusion: +einiges Animalische ist nicht vernünftig, so wird keine Prämisse +aufgehoben. Bei den allgemeinen Schlußformen kommt es vor, daß der +Schlußsatz, der sich aus der Umkehrung ergibt, nur kontradiktorisch, +nicht konträr aufgehoben wird. Daraus sind die Worte 59 a 39 ff. +verständlich. Es ist der Obersatz, der nur kontradiktorisch aufgehoben +wird, wie vorhin im <a href="#Kap8_2_Abs_3">3. Absatz dieses Kapitels</a> gezeigt wurde. Beispiel: +der ursprüngliche Schluß: alles Vernünftige lacht; jeder Mensch +vernünftig; jeder Mensch lacht. Umkehrung: kein Mensch lacht; jeder +Mensch vernünftig; manches Vernünftige lacht nicht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_233_240" href="#FNanchor_233_240" class="label">[233]</a> Das eine Mal sind die Prämissen das konträre Gegenteil +der Konklusion und der Untersatz, das andere Mal jenes und der +Obersatz. In beiden Fällen ergibt sich kein Schluß.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_234_241" href="#FNanchor_234_241" class="label">[234]</a> Wenn der ursprüngliche Schluß in Disamis ist, so laute +er: einiges Animalische ist Mensch; alles Animalische lebt; einiges +Lebende ist Mensch. Aus den Prämissen: einiges Lebende ist kein Mensch +— einiges Animalische ist Mensch, folgt nichts. Denn beide sind +partikulär. Aber auch aus der ersten dieser Prämissen und dem Satz: +jedes Animalische lebt, folgt nichts, weil in der 1. Figur der Obersatz +allgemein sein muß. Ist der ursprüngliche Schluß in Datisi, so sei er: +jeder Mensch ist animalisch; mancher Mensch ist weiß; manches Weiße +animalisch. Aus dem Kontrarium der Konklusion: manches Weiße ist nicht +animalisch, und dem Untersatz folgt nichts, weil beide Sätze partikulär +sind. Aus jenem und dem Obersatz folgt nichts, weil sich in der 2. +Figur aus einem partikulären Obersatz und einem verneinenden Untersatz +kein Schluß ergibt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_235_242" href="#FNanchor_235_242" class="label">[235]</a> Daß bei dem indirekten Beweisverfahren das +kontradiktorische Gegenteil der Annahme wahr ist, ergibt sich ohne +Zugeständnis und liegt am Tage, einzig auf Grund des Unmöglichen +oder Falschen, das sich aus der Annahme ergeben würde, da aus Wahrem +nichts Falsches folgen kann. — Vorgreifend hat die Analytik von +dem apagogischen Verfahren bereits in der Lehre von der Errichtung +der Schlüsse im <a href="#Erstes_Buch_Neunundzwanzigstes_Kapitel">29. Kap. des 1. Buches</a> gehandelt, wo auch auf das +<a href="#Zweites_Buch_Elftes_Kapitel">gegenwärtige Kapitel</a> hingewiesen wird. Hier ist der eigentliche Ort, um +von dem apagogischen Verfahren zu handeln, weil es den Schluß, der in +den Dienst dieses Verfahrens gestellt werden soll, schon als errichtet +voraussetzt. — Man sollte meinen, es bedürfe keiner eigenen Erörterung +der apagogischen Schlüsse, da sie, sofern sie einen bestimmten Satz +auf direktem Wege gewinnen, an die allgemeinen Regeln gebunden sind. +Aber der so zu gewinnende Satz muß das Kontradiktorium des anderen +Satzes sein, der apagogisch bewiesen werden soll, und daraus ergeben +sich besondere Bestimmungen. Dieselben kommen darauf hinaus, daß +ein allgemein bejahender Satz nur in der 2. und 3. Figur apagogisch +bewiesen werden kann, während direkt nur die 1. Figur solche Sätze +ergibt, die 2. nur verneinende, die 3. nur partikuläre.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_192">[Pg 192]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_236_243" href="#FNanchor_236_243" class="label">[236]</a> In beiden Fällen nimmt man als Prämissen das Gegenteil +der Konklusion und einen anderen Satz.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_237_244" href="#FNanchor_237_244" class="label">[237]</a> Es soll indirekt bewiesen werden: jeder Mensch lacht. +Man nehme zuerst das Kontradiktorium an: mancher Mensch lacht nicht. +Verwende man nun diese Prämisse als Ober- oder als Untersatz: man +erhält keinen Beweis durch einen Schluß in der 1. Figur. Denn in der +1. Figur darf der Obersatz nicht partikulär und der Untersatz nicht +verneinend sein. Man nehme dann das Kontrarium an: kein Mensch lacht. +Verwendet man diese Prämisse als Untersatz, so erhält man keinen +Schluß, wieder weil der Untersatz in der 1. Figur nicht verneinend sein +darf. Verwendet man sie aber als Obersatz, so läßt sich zwar ein Schluß +gewinnen und daraus die Falschheit der Annahme ableiten, daß kein +Mensch lacht. Aber wenn dieses falsch ist, so ist es noch nicht wahr, +daß jeder Mensch lacht. Denn dieses ist nicht sein Kontradiktorium.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_238_245" href="#FNanchor_238_245" class="label">[238]</a> Die Worte 62 a 12: οὕτω γὰρ τὸ ἀναγκαῖον ἔσται καὶ τὸ +ἀξίωμα ἔνδοξον, übersetzen <em class="gesperrt">Bender</em> und <em class="gesperrt">v. Kirchmann</em> falsch +und unverständlich. Jener hat: „nur so ergibt sich das notwendige und +wird der angenommene Satz (die ursprüngliche Thesis) einleuchtend,“ +dieser: „nur so ergibt sich eine Notwendigkeit und wird der angenommene +Satz glaubwürdig.“ Ähnlich auch Maier 241, 3: „und die Folgerung +wird evident sein“; vgl. ibid. S. 243. Auch heißt endoxon nicht +einleuchtend. Auffallend ist aber, daß das fragliche Axiom endoxon +genannt wird: es ist ja wirklich einleuchtend. Aber endoxon hat +zwei Bedeutungen: probabel und gefeiert, entsprechend der doppelten +Bedeutung von doxa. <em class="gesperrt">Waitz</em> schreibt S. 505 zutreffend: „ἀξίωμα +ἔνδοξον appellat quod 61 a 25 dixit manifesto verum esse, ut non +pendeat ex concessione, sed non dari nequeat.“ Vgl. <a href="#Footnote_235_242">A. 235</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_239_246" href="#FNanchor_239_246" class="label">[239]</a> Es sei indirekt zu beweisen: manches Animalische lacht. +Der Beweis gelingt bei Annahme des Kontradiktorium: es ist nicht wahr, +daß manches Animalische lacht, oder: es lacht kein Animalisches. Er +gelingt nicht bei Annahme des Kontrarium. Das Kontrarium ist nach <a href="#Footnote_231_238">A 231</a>: +manches Animalische lacht nicht. Nehmen wir dieses als Untersatz, und +als Obersatz die Prämisse: alles Vernünftige lacht, so folgt: manches +Animalische nicht vernünftig. Da das nun möglich ist, weil es zuläßt, +daß auch manches Animalische vernünftig ist, so erhält man keinen +Beweis; vgl. <a href="#K11_2_drittl_Abs">Kap. 11, drittletzter Absatz</a>.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_193">[Pg 193]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_240_247" href="#FNanchor_240_247" class="label">[240]</a> Indirekt zu beweisen: jeder Mensch lacht. Angenommen: +mancher Mensch lacht nicht, dazu: jeder Mensch vernünftig; also manches +Vernünftige lacht nicht. Also Annahme falsch. Also wahr: jeder Mensch +lacht. Nimmt man aber das konträre Gegenteil an: kein Mensch lacht, +und dazu: jeder Mensch vernünftig, so folgt: manches Vernünftige lacht +nicht. Also falsch, daß kein Mensch lacht, aber noch nicht wahr, daß +jeder Mensch lacht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_241_248" href="#FNanchor_241_248" class="label">[241]</a> In den beiden letzten Figuren werden auch allgemein +bejahende Sätze oder Probleme bewiesen, aber nur in gewisser Weise, +d. h. indirekt. Aristoteles sagt hier nur, daß so in der 2. Figur das +Bejahende, in der 3. das Allgemeine bewiesen wird. Die 2. Figur ergibt +direkt nur verneinende, die 3. partikuläre Sätze. Vgl. <a href="#Footnote_235_242">A. 235</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_242_249" href="#FNanchor_242_249" class="label">[242]</a> Im folgenden wird nur der zweite Teil dieses Themas +ausgeführt, daß jeder indirekte Beweis in einen direkten verwandelt +werden kann. Das „aber nicht in denselben Figuren“ lassen die Codices +ABC aus, es versteht sich aber von selbst, daß es inhaltlich richtig +ist. Es wird nun zuerst von den indirekten Beweisen der 1. und dann +von denen der 2. und der 3. Figur gezeigt, wie sie in direkte Beweise +umgekehrt werden. Bei den indirekten Beweisen der 1. Figur wird es +zuerst an denen mit einem allgemein verneinenden, dann an denen mit +einem partikulär verneinenden und endlich an denen mit einem partikulär +bejahenden Ergebnis gezeigt. Entsprechend in den anderen Figuren.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_243_250" href="#FNanchor_243_250" class="label">[243]</a> Zur Begründung des Satzes: kein Mensch ist ein Pferd, +sei folgender apagogische Schluß in I 3 errichtet worden: jedes Pferd +unvernünftig; mancher Mensch ein Pferd; mancher Mensch unvernünftig. +Das ist unmöglich, also gilt: kein Mensch ein Pferd. Nun wird in II 2 +aus dem Obersatz: jedes Pferd unvernünftig; und dem Kontradiktorium +der unmöglichen Konklusion, das lautet: kein Mensch unvernünftig; die +Konklusion abgeleitet: kein Mensch ein Pferd.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_244_251" href="#FNanchor_244_251" class="label">[244]</a> A sei Mensch, B animalisch, C lachend. Es sei indirekt +bewiesen: manches Animalische ist ein Mensch. Denn angenommen, kein +Animalisches sei ein Mensch. Nimmt man dazu: alles Lachende ist +animalisch, so folgte: kein Lachendes ist ein Mensch. Da hieraus die +Falschheit der Annahme erhellt, so gilt: manches Animalische ist ein +Mensch. Dasselbe läßt sich direkt in III 5 (bei anderen Begriffen +auch in III 1) beweisen: manches Lachende ein Mensch; alles Lachende +animalisch. Der Zusatz: „ebenso, wenn man B oder A <em class="gesperrt">einem</em> C +zukommen läßt“, bedeutet: einen eben solchen partikulär bejahenden Satz +erhält man, wenn man statt Darapti die modi Datisi oder Disamis nimmt.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_194">[Pg 194]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_245_252" href="#FNanchor_245_252" class="label">[245]</a> Das der Grund, daß der ursprünglich erste Teil des +Themas, vgl. <a href="#Footnote_242_249">Anm. 242</a>, nicht weiter ausgeführt wird.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_246_253" href="#FNanchor_246_253" class="label">[246]</a> Die Tragweite der Schlüsse erhellt auch daraus, daß ihre +Prämissen, verbunden mit ihrem Gegenteil, neue Schlußsätze ergeben +können. Bezüglich der 4 gegensätzlichen Urteile vgl. <a href="#Kap8_2_Abs_2">Kap. 8, Abs. 2</a> +und <a href="#Footnote_231_238">Anm. 231</a>. Der Gegensatz: einem, einem nicht, ist nur nominell, weil +in dem „einem“ das „einem nicht“ schon liegt. <em class="gesperrt">Maier</em> II a 349 +scheint diesen Gegensatz so zu verstehen: einiges — nicht einiges. +Ebenso <em class="gesperrt">Bender</em>. <em class="gesperrt">v. Kirchmann</em> hat unverständlich: „das +‚Einige‘ ist dem ‚Nicht-Einigen‘ nur im Ausdrucke entgegengesetzt.“ +Dagegen erklärt er in den Erläuterungen N. 234, S. 222 richtig: „daß +bei Dingen, wo bloß einigen derselben ein bestimmtes Prädikat zukommt, +notwendig den übrigen dieses Prädikat nicht zukommt; deshalb ist mit +dem Satze: A in einigen B, im strengen Sinne aufgefaßt, d. h. als: +<em class="gesperrt">nur</em> in einigen B, zugleich allemal auch gesetzt, daß A in +einigen B nicht enthalten sei.“</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_247_254" href="#FNanchor_247_254" class="label">[247]</a> Jeder Syllogismus schließt entweder bejahend oder +verneinend. Schließt er bejahend, so müssen beide Prämissen bejahend +sein. Nun ist aber von entgegengesetzten Prämissen die eine bejahend +und die andere verneinend. Schließt er verneinend, so ist zu bedenken, +daß Prämissen, um entgegengesetzt zu sein, dasselbe Prädikat von +demselben Subjekt bejahen oder verneinen müssen. In der 1. Figur wird +aber in der einen Prämisse der Oberbegriff von dem Mittelbegriff +verneint und in der anderen nicht der Oberbegriff, sondern der +Mittelbegriff von dem Unterbegriff bejaht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_248_255" href="#FNanchor_248_255" class="label">[248]</a> Die Konklusion ist ein Absurdum, aber rechtmäßig +abgeleitet.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_249_256" href="#FNanchor_249_256" class="label">[249]</a> In dem 2. Beispiel galt die Prämisse: die Heilkunst +ist nicht gut (kein C ist A) oder nicht sittlich gut, απουδαία, für +allgemein gleich: keine Heilkunst ist sittlich gut; ebenso im 3. +Beispiel die Prämisse: die Heilkunst ist Meinung (A kommt jedem C zu). +Wenn es im folgenden heißt, daß das dem Mittelbegriff Untergeordnete +sich entweder decken oder wie Teil und Ganzes sein muß, so sind mit dem +Untergeordneten, das im Griechischen Pluralis ist, die Außenbegriffe +gemeint.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_250_257" href="#FNanchor_250_257" class="label">[250]</a> In dem Gegenstand der Topik, der Dialektik, handelt es +sich nicht darum, die Wahrheit zu beweisen, sondern eine Position zu +verfechten. Als Dialektiker würde man z. B. die Absicht verschleiern, +den Satz zu gewinnen, daß eine Heilkunst nicht sittlich gut ist, aus +dem und dem anderen, daß jede es ist, folgen muß, daß das sittlich +Gute nicht sittlich gut ist, sondern man wird sich zuerst einräumen +lassen: jede Heilkunst ist sittlich gut; dann wird man die Prämissen +feststellen für die Konklusion: eine Heilkunst ist nicht sittlich gut, +und dann erst aus dieser und daraus, daß jede gut ist, die Folgerung +ziehen. Vgl. <em class="gesperrt">Topik</em> 8, 1. — Wenn Ar. hier von der Topik wie +von einem früheren Werke spricht, so folgt daraus für die Zeit der +Abfassung nichts Sicheres.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_195">[Pg 195]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_251_258" href="#FNanchor_251_258" class="label">[251]</a> Da drei Gegensätze sind, ein konträrer und zwei +kontradiktorische, und jeder zweifach sein kann, indem entweder der +Obersatz bejahend und der Untersatz verneinend ist oder umgekehrt, so +ergeben sich sechs entgegengesetzte Aussagen. Die Fälle, die durch die +Buchstaben als Beispiel angeführt werden, sind aus der 2. Figur. In der +ersten sind keine Schlüsse aus entgegengesetzten Prämissen möglich.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_252_259" href="#FNanchor_252_259" class="label">[252]</a> Hier wird gefolgert, daß sich in den Trugschlüssen +aus dem Gegenteil der Annahme das Gegenteil der Konklusion ergibt. +Die wahre Konklusion, z. B.: vier ist gerade; wird aus dem Obersatz +gewonnen: jede durch 2 teilbare Zahl ist gerade. Setzt man statt +dessen: keine durch 2 teilbare Zahl ist gerade, so folgt: vier ist +keine gerade Zahl.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_253_260" href="#FNanchor_253_260" class="label">[253]</a> Schlußsätze wie dieser: das Nichtweiße ist weiß, erhält +man nur dann durch einen einzigen Schluß, wenn die Prämissen etwa +lauten: jedes Animalische ist weiß und nichtweiß; jeder Mensch ist +animalisch, obgleich hier zunächst nur folgt: der Mensch ist weiß und +nichtweiß, und daraus erst: das Nichtweiße ist weiß. Sonst aber muß +man entweder das eine Glied des Gegensatzes direkt aufstellen und das +andere durch Schluß gewinnen, oder beide durch Schluß. Im zweiten +Falle wird die Absicht der Widerlegung noch besser verschleiert als +im ersten, vgl. <a href="#Footnote_250_257">Anm. 250</a>. Aus dieser Erklärung sieht man, daß die +angenommene Lesart die richtige ist. Darauf hat schon <em class="gesperrt">Waitz</em> S. +511 f. aufmerksam gemacht, vgl. auch <em class="gesperrt">Maier</em> II a 352. — Der +letzte Satz in diesem Kapitel 64 b 25 ff. scheint auf die Erklärung +über die Weisen des Gegensatzes zurückzuverweisen, die am Anfang des +Kapitels steht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_254_261" href="#FNanchor_254_261" class="label">[254]</a> Hier beginnt der 2. Teil des 2. Buches, der bis +<a href="#Zweites_Buch_Einundzwanzigstes_Kapitel">Kap. 21</a> einschließlich geht. Er handelt von den Schwächen und Mängeln +des Syllogismus, nachdem der 1. Teil von seiner Tragweite und Kraft +gehandelt hat. Fehler beim Schließen sind freilich bereits im <a href="#Erstes_Buch_Zweiunddreissigstes_Kapitel">3. Teil +des 1. Buches</a> erörtert worden. Aber das waren, wie <em class="gesperrt">Maier</em> 353 f. +mit Recht bemerkt, formale Verstöße gegen die syllogistischen Regeln. +Noch ist aber auf allgemein methodische Fehler hinzuweisen, die den +<em class="gesperrt">Beweis</em> gefährden. Es sind das Verstöße, die vorliegen können, +auch wenn der Syllogismus selbst formell völlig korrekt ist. Ein +erster Fehler dieser Art ist die sog. petitio principii, τὸ ἐν ἀρχᾖ +oder ἐξ ἀρχῆς αἰτεῖσθαι, vgl. <em class="gesperrt">Soph. Widerll.</em> 5, 167 a 36 ff.; +6, 168 b 22 ff.; 7, 169 b 13; 27, 181 a 15 ff. Er besteht darin, daß +man voraussetzt, was zu beweisen ist. Die lat. technische Bezeichnung +ist, wie <em class="gesperrt">Trendelenburg Elem. log. Arist</em>. § 42 betont, nicht +ganz zutreffend. Ein Prinzip kommt hier nicht in Frage, sondern eine +von Anfang ins Auge gefaßte Folgerung, die man, statt sie zu beweisen, +vorausgesetzt; vgl. in unserer Übersetzung der Soph. Widerll. <a href="#Footnote_262_269">Anm. 262</a>.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_196">[Pg 196]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_255_262" href="#FNanchor_255_262" class="label">[255]</a> Sie setzen entweder voraus, daß sie nicht konvergieren, +oder, daß die Gegenwinkel, die eine Transversale mit ihnen bildet, sich +gleich sind, was beides doch erst eine Folge der Parallelität ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_256_263" href="#FNanchor_256_263" class="label">[256]</a> A sei eine Winkelsumme von 2 Rechten haben, B +dreiseitige Figur, C Dreieck. Es soll unbekannt sein, daß das Dreieck +eine Winkelsumme von 2 Rechten hat, aber ebensowenig bekannt, daß die +dreiseitige Figur sie hat. Postuliert man nun, daß die dreiseitige +Figur sie hat, so ist es noch nicht klar, daß eine petitio principii +vorliegt. Denn es kann ja auch ein B und ein C geben, die voneinander +verschieden sind. Wohl aber liegt am Tage, daß man mit Hilfe eines +solchen Postulates keinen apodiktischen Schluß errichten kann, weil das +Beweismittel logisch früher sein muß als das Demonstrandum. Wenn aber, +wie in unserem Falle, C und B, Dreieck und dreiseitige Figur, identisch +und umkehrbar sind, so liegt tatsächlich die petitio principii vor. +Denn man beweist idem per idem. Ob aus der gleichseitigen Figur auf das +Dreieck geschlossen wird, oder umgekehrt, trägt nichts aus. — Mit νῦν +δὲ τοῦτο κολύει Z. 17 scheint gemeint: nun aber steht die Unterlassung +der Umkehrung der Begriffe der Führung eines förmlichen Beweises oder +der Errichtung eines förmlichen Schlusses im Wege. Es scheint nicht +gemeint, was <em class="gesperrt">Maier</em> 355, 1 angibt: „nun aber verhindert man das.“ +Dagegen hat Maier das Folgende, Z. 18 f., vortrefflich erklärt, und wir +sind ihm in der Wiedergabe gefolgt. Nimmt man die Umkehrung vor, so +beweist man, daß A dem B zukommt. Der Schluß heißt dann: jedes Dreieck +hat eine Winkelsumme von 2 Rechten; jede dreiseitige Figur ist ein +Dreieck; jede dreiseitige Figur hat eine Winkelsumme von 2 Rechten. +Hier wird τόἐξ ἀοχῆς postuliert.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_257_264" href="#FNanchor_257_264" class="label">[257]</a> Der Fall unterscheidet sich von dem vorigen dadurch, daß +nicht der Obersatz, sondern der Untersatz so wenig bekannt ist wie der +Schlußsatz. Beispiel. Alles, was lacht, weint auch; jeder Mensch lacht; +jeder Mensch weint.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_258_265" href="#FNanchor_258_265" class="label">[258]</a> In den bejahenden Schlüssen kann die petitio principii +wie in der 1. so in der 3. Figur vorkommen, nicht in der 2., die +keine bejahenden Schlüsse hat. Beispiel: Manches Animalische weint; +jedes Animalische nimmt wahr; manches Wahrnehmende weint. Man kann +ebensogut sagen: Manches Wahrnehmende weint; jedes Wahrnehmende ist +ein animalisches Wesen; manches Animalische weint. In den verneinenden +Schlüssen kann die verneinende Konklusion und die bejahende Prämisse +nicht identisch sein, und darum kommen für die 1. und für die 3. Figur +nur die Fälle in Betracht, wo dieselben Bestimmungen einem tatsächlich +identischen Subjekt abgesprochen werden. Beispiel: Keine dreiseitige +Figur hat eine Winkelsumme, die nicht 2 Rechten gleich ist; jede +dreiseitige Figur ist ein Dreieck; kein Dreieck hat eine Winkelsumme, +die nicht 2 Rechten gleich ist. Man kann ebensogut sagen: kein Dreieck +hat eine Winkelsumme, die nicht 2 Rechten gleich ist; jedes Dreieck +ist eine dreiseitige Figur; keine dreiseitige Figur hat usw. In der 2. +Figur kommen umgekehrt nur die Fälle in Betracht, wo demselben Subjekt +tatsächlich identische Bestimmungen abgesprochen werden. Beispiel: +Jede Tugend ist ein löblicher Habitus; die Feigheit ist kein löblicher +Habitus; die Feigheit ist keine Tugend. Man könnte ebensogut sagen: +jeder löbliche Habitus ist eine Tugend; die Feigheit ist keine Tugend; +die Feigheit ist kein löblicher Habitus; vgl. <em class="gesperrt">Maier</em> 356 f.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_197">[Pg 197]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_259_266" href="#FNanchor_259_266" class="label">[259]</a> Vgl. <em class="gesperrt">Topik</em> 8, 13 Anfang: „Wie der Fragende das +ursprünglich zur Erörterung Stehende und das Gegenteil fordert, ist +für den Fall, daß das Gespräch um der Wahrheit willen geführt wird, in +der Analytik erklärt worden; wie man es aber fordert, wenn es sich um +Wahrscheinliches handelt, soll jetzt erklärt werden usw.“</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_260_267" href="#FNanchor_260_267" class="label">[260]</a> Bei dem apagogischen Verfahren zeigt man, daß das +kontradiktorische Gegenteil, die Antiphasis, des Demonstrandum auf ein +falsum führt. Wenn man nun einwendet, daß das falsum nicht aus der +Antiphasis entspringt, so richtet man sich gewissermaßen gegen diese +selbst, und in diesem Sinne redet Aristoteles hier. Man vergleiche, +auch zu der Wiedergabe der unmittelbar folgenden Sätze, <em class="gesperrt">Maier</em> +245, 1.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_261_268" href="#FNanchor_261_268" class="label">[261]</a> Der Einwand: die Falschheit entspringt nicht aus der +Annahme, hat also auch im verneinenden deiktischen Schluß keine Stelle.</p></div> + + +<p><span class="pagenum" id="Page_198">[Pg 198]</span></p> +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_262_269" href="#FNanchor_262_269" class="label">[262]</a> Unter Topik sind die sophistischen Widerlegungen +verstanden. Vgl. uns. Übersetzung der letzteren, Einl. IV. Gemeint ist +die Stelle 5, 167 b 21 ff. Das Beispiel von der absurden Behauptung +des Zeno zielt darauf, daß dieser Sophist die Bewegung leugnete, weil, +wie er vorgab, die Annahme einer Bewegung den Satz umstoßen würde, +daß das Unendliche nicht durchmessen oder durchschritten werden kann. +Er illustrierte, wie man weiß, diesen Gedanken an dem Beispiel des +Achilles, der eine Schildkröte verfolgt und sie nie erreicht, vgl. +<em class="gesperrt">Physik</em> 6, 2. 233 a 21 ff. und besonders 9, 239 b 14 ff. Man +könnte also daraufhin schließen: gesetzt die Seite und die Diagonale +des Quadrates wären kommensurabel, dann würde, eben durch die Messung, +das Unendliche durchschritten, was unmöglich ist. Also sind sie nicht +kommensurabel. Aber das Durchschreiten des Unendlichen folgt nicht aus +der angenommenen Messung, sondern aus der Annahme, daß jede Strecke +unendlich viele aktuelle Teile hat. Wenn Aristoteles sagt, daß die +falsche Folge mit der anfänglichen Annahme in diesem Beispiel gar nicht +zusammenhängt, so meint er, daß das Beweismittel — die Strecke hat +unendlich viele Teile — mit der Annahme — Seite und Diagonale haben +ein Maß — keinen Terminus gemein hat. Er meint aber selbstverständlich +nicht, daß die Folge mit der Annahme so wenig zu tun hat, wie eine +beliebige falsche Folge mit einer beliebigen Annahme. Das müßte z. B. +<em class="gesperrt">v. Kirchmann</em> annehmen, wenn er Erläuterung 239 d, S. 233 +schreibt: „Es würde der logisch falsche Unmöglichkeitsbeweis lauten: +die Diagonale des Quadrats ist durch die Seitenlinie des Quadrats +meßbar. Nun folgt der Beweis des Zeno, dessen Schlußsatz lautet: also +gibt es keine Bewegung. Da nun dieser Schlußsatz unmöglich ist, so +könnte man sagen: Also ist der Obersatz falsch, mithin sein Gegensatz +wahr, d. h. die Diagonale wird nicht durch die Seitenlinie gemessen. +Hier kann man nun einwenden: daß das Falsche des Obersatzes nicht +aus dem unmöglichen Schlußsatze folge, weil sie beide keinen solchen +logischen Zusammenhang haben, wie es zu einem richtigen Schluß gehört.“</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_263_270" href="#FNanchor_263_270" class="label">[263]</a> Das ist der Fall, in dem der Beweis für das Absurdum +mit der falschen Annahme einen Terminus gemein hat. 1. Beispiel: Alles +Vernünftige ist ein Mensch; alles Wahrnehmende ist vernünftig; jedes +Pferd nimmt wahr; also ist jedes Pferd vernünftig. Das ist absurd. Also +ist es falsch, daß alles Vernünftige ein Mensch ist. 2. Beispiel: Alles +Wahrnehmende ist vernünftig; jeder Vierfüßler nimmt wahr; jedes Pferd +ein Vierfüßler; also jeder Vierfüßler vernünftig. Das ist absurd. Also +ist es falsch, daß jedes Pferd ein Vierfüßler ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_264_271" href="#FNanchor_264_271" class="label">[264]</a> Die Konvergenz zweier Parallelen kann sowohl aus +der Ungleichheit der Gegenwinkel folgen, die durch sie und eine +Transversale gebildet werden, als auch daraus, daß sie mit der +Transversalen, die senkrecht auf ihnen steht, ein Dreieck bilden. Den +Einwand und seine Lösung hat <em class="gesperrt">Maier</em> 248 f. gut erklärt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_265_272" href="#FNanchor_265_272" class="label">[265]</a> Dieses Kapitel ist praktischer Natur: es gibt an, wie +man beim Disputieren einer Niederlage vorbeugt und die eigene Sache zum +Siege führt. Mit dem Vorausgehenden hängt es insofern zusammen, als +dort methodische Fehler erörtert werden, die den Beweis fälschen, worin +die praktische Mahnung liegt, sie zu vermeiden. Die Anweisung am Schluß +besagt, daß man mit dem Untersatz anfangen soll, der den Mittelbegriff +zum Prädikat hat, nicht mit dem Obersatz. Will man z. B. den Satz +gewinnen: der Mensch lacht, so fange man mit dem Satz an: der Mensch +ist vernünftig.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_266_273" href="#FNanchor_266_273" class="label">[266]</a> Während das vorige Kapitel eher in die Dialektik oder +Topik gehört, ist das gegenwärtige, entsprechend dem Charakter der +ersten Analytik, wieder allgemein syllogistischer Natur. Wann ist eine +Widerlegung, ein Elenchus, möglich? Wo ein Schluß möglich ist. Denn die +Widerlegung ist ein Schluß, dessen Konklusion das kontradiktorische +Gegenteil der gegnerischen Behauptung besagt, wie es Soph. el. 1, 165 +a 2 f. heißt. Es muß also wenigstens eine Prämisse zugestanden sein. +Denn aus zwei verneinenden Prämissen geht kein Schluß hervor. Auch muß +wenigstens eine Prämisse allgemein sein.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_267_274" href="#FNanchor_267_274" class="label">[267]</a> Der formell richtige Ansatz der syllogistischen +Begriffe war der Gegenstand des 1. Beispiels, methodische Fehler beim +dialektischen und wissenschaftlichen Beweisverfahren sind innerhalb +des 2. Beispiels behandelt worden. Dieses Verfahren kann aber auch +durch die inhaltliche Falschheit der Prämissen gefährdet werden, und +von dieser ist im gegenwärtigen Kapitel wenigstens insofern die Rede, +als nach der Möglichkeit gefragt wird, ob man etwas zugleich wissen +und nicht wissen kann, so daß man von dem einen, dem ein Prädikat +ursprünglich zukommt, es weiß und von dem anderen, dem es ebenso +ursprünglich zukommt, es nicht weiß. Vgl. <em class="gesperrt">Maier</em> 360. <em class="gesperrt">Silv. +Maurus</em> bezieht den Ausdruck „beim Ansatz oder der Thesis der +Begriffe irren“ speziell auf die Fehler beim apagogischen Schluß.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_199">[Pg 199]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_268_275" href="#FNanchor_268_275" class="label">[268]</a> Körperlich kommt dem Animalischen und dem Wahrnehmenden +an sich zu. Beides kann ebenso einem Dritten, z. B. dem Pferd, nach +dem ganzen Umfang der Art zukommen. Wenn man nun meint, körperlich +komme allem Animalischen und dieses jedem Pferd zu, und zugleich meint, +körperlich komme keinem Wahrnehmenden und dieses jedem Pferde zu, und +aus beiden Prämissenpaaren den Schluß zieht, so meint man gleichzeitig: +jedes Pferd ist körperlich — kein Pferd ist körperlich.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_269_276" href="#FNanchor_269_276" class="label">[269]</a> Körperlich kommt dem Lebenden und dem Animalischen +zu, aber dem Animalischen durch das Lebende. Man kann nun wieder +beides jedem Menschen zukommen lassen und so wie <a href="#Footnote_268_275">Anm. 268</a> aus je einem +Prämissenpaare die Konklusionen gewinnen: jeder Mensch ist körperlich +— kein Mensch ist körperlich.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_270_277" href="#FNanchor_270_277" class="label">[270]</a> Man kann nicht annehmen, daß körperlich jedem +Animalischen und keinem Wahrnehmenden zukommt, beides aber dem Pferde. +Denn da müssen sich die Sätze: jedes Animalische ist körperlich, +und kein Wahrnehmendes ist körperlich, widersprechen. Denn wenn man +annimmt: allem, dem animalisch zukommt, kommt körperlich zu, und weiß, +daß animalisch dem Pferde zukommt, so weiß man auch, daß dem Pferd das +Prädikat körperlich zukommt. Wenn man nun aber wieder meint, körperlich +komme keinem zu, dem Wahrnehmendes zukommt, und läßt wahrnehmend jedem +Pferde zukommen, so kann körperlich keinem Pferd zukommen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_271_278" href="#FNanchor_271_278" class="label">[271]</a> Gemeint ist, daß man zwar die beiden Prämissenpaare in +<a href="#Footnote_269_276">Anm. 269</a> nicht zugleich annehmen kann, wohl aber von jedem Paare etwa +den Obersatz ohne den Untersatz oder das eine Paar ganz und von dem +anderen nur eine Prämisse. Zieht man dann die andere Prämisse nicht +bei, so zieht man auch nicht immer die Folgerung aus beiden. Und dann +kann man bezüglich dieser Folgerung auch irren. Im nachstehenden wird +erklärt, wie man eine Folgerung nicht immer absieht, um eben dies +verständlich zu machen, daß man bezüglich ihrer auch irren kann.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_272_279" href="#FNanchor_272_279" class="label">[272]</a> Hier tut sich eine grundsätzliche Kluft zwischen der +arist. und der platonischen Erkenntnislehre auf, vorausgesetzt, daß +<em class="gesperrt">Plato</em> nicht bildlich gesprochen hat, sondern im eigentlichen +Sinne zu verstehen ist. Nach Plato würden wir keine Wissenschaft ganz +neu erwerben, nach Aristoteles aber ist jede eigentliche Wissenschaft +die Gewinnung und der Besitz eines Wissens, das wir vorher nicht gehabt +haben. Der apodiktische oder wissenschaftlich beweisende Syllogismus +hat darin seine Bedeutung, daß er das einzige uns gegebene Mittel +ist, um von der Erkenntnis der Prinzipien zu anderen Erkenntnissen +fortzuschreiten, die in den Prinzipien dem Keime nach enthalten sind.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_200">[Pg 200]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_273_280" href="#FNanchor_273_280" class="label">[273]</a> Er glaubt nicht, daß alle Mauleselinnen fruchtbar sind, +weil er keinen dahin gehenden Schluß errichtet hat. Und so ist seine +Meinung, daß diese Mauleselin trächtig ist, seiner Wissenschaft, daß +alle Mauleselinnen unfruchtbar sind, nicht entgegengesetzt und mit ihr +verträglich. Die Wissenschaft ist dreifach: allgemein, partikulär und +aktuell. Die erste hat wer weiß, daß alle Mauleselinnen unfruchtbar +sind; die zweite wer weiß, daß diese Mauleselin es ist; damit er +aber auch die dritte habe, muß er sie sehen. Denn wenn er sie nicht +mehr sieht, kann sie etwa eingegangen sein, und alsdann ist die +Wissenschaft: sie ist unfruchtbar, keine Wissenschaft mehr, weil was +nicht ist, auch nicht gewußt wird. Deshalb heißt es in der 2. Analytik, +Buch 1, Kap. 8 Anf.: „Von dem Vergänglichen gibt es keine Wissenschaft +schlechthin, sondern nur per accidens, weil die Wissenschaft von ihm +nur zu Zeiten Gültigkeit hat.“</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_274_281" href="#FNanchor_274_281" class="label">[274]</a> Kleon kann tapfer und lügenhaft, und so gut und schlecht +sein, und so kann was gut ist, schlecht sein.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_275_282" href="#FNanchor_275_282" class="label">[275]</a> Unvermittelter Übergang zum 3. und letzten Teil des 2. +Buches! Nachdem der 1. von der Tragweite und der 2. von den Mängeln +der Schlüsse gehandelt hat, handelt der 3. von der Zurückführung +der rhetorischen Begründungen auf den Schluß. Das vorliegende +Übergangskapitel handelt von der Umkehrung der syllogistischen Begriffe +und den neuen Urteilen, die man so gewinnt und von denen im folgenden +Gebrauch gemacht werden soll. Der erste kurze Absatz enthält die 1. +Regel für die Umkehrung, die im folgenden Absatz begründet wird.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_276_283" href="#FNanchor_276_283" class="label">[276]</a> Wenn man in Barbara durch vernünftig als Mittelbegriff +schließt, daß jeder Mensch lacht, und der Begriff Mensch mit dem +Begriff lachen konvertibel ist und ebenso der Schlußsatz es ist, so +läßt sich auch der Mittelbegriff mit den Außenbegriffen vertauschen und +somit jede der beiden Prämissen umkehren.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_277_284" href="#FNanchor_277_284" class="label">[277]</a> 2. Regel: In einem verneinenden Schluß werden, wenn +der Mittelbegriff mit den Außenbegriffen konvertibel ist, diese +negativ unter sich vertauscht. Sind die Außenbegriffe konvertibel, +so wird auch der Mittelbegriff negativ mit demjenigen Außenbegriff +vertauscht, von dem er verneint wird. Die Regel wird in diesem +und den zwei folgenden Absätzen begründet und erklärt. — 1. Wenn +der Mittelbegriff negativ mit dem Oberbegriff konvertibel ist, so +werden die Außenbegriffe negativ unter sich vertauscht. Denn in dem +Schluß I b: kein Vernünftiges wiehert; jeder Mensch vernünftig; kein +Mensch wiehert — wird vernünftig negativ mit wiehern vertauscht — +kein Wieherndes vernünftig. Schließt man nun in II b: jeder Mensch +vernünftig; kein Wieherndes vernünftig; kein Wieherndes ein Mensch, +so hat man die Außenbegriffe negativ miteinander vertauscht. 2. Auch +wenn der Mittelbegriff affirmativ mit dem Unterbegriff konvertibel +ist, werden die Außenbegriffe negativ unter sich vertauscht, wenn +z. B. der Untersatz, wie vorhin, heißt: jeder Mensch ist vernünftig. +3. Wenn im Untersatz der Mittelbegriff affirmativ und im Schlußsatz +der Oberbegriff negativ mit dem Unterbegriff konvertibel ist, so +kann auch im Obersatz der Oberbegriff negativ mit dem Mittelbegriff +vertauscht werden. Beweis: Der Schluß sei: Kein Vernünftiges wiehert; +jeder Mensch vernünftig; kein Mensch wiehert. Kehrt man Unter- und +Schlußsatz um, so folgt in II b: jedes Vernünftige ein Mensch; kein +Wieherndes ein Mensch; kein Wieherndes vernünftig. Man sieht hieraus, +daß es im Text heißen muß: wem A zukommt, dem kommt C nicht zu, nicht +umgekehrt, wie Bekker hat: wem C zukommt, dem kommt A nicht zu. Wir +stehen hier auf der Seite von <em class="gesperrt">Waitz</em> u. <em class="gesperrt">Maier</em>. Am Schluß +bemerkt Ar., daß man unter 3 vom Schlußsatz ausgeht, wie es bei der 1. +Regel geschah. — Im folgenden werden noch vier weitere Regeln für die +Umkehrung der Begriffe aufgestellt und erklärt, bis 68 a 25. Bezüglich +ihrer verweisen wir der Kürze halber auf <em class="gesperrt">Maier</em> 340 f., Anm. 3; +ebenso für den 2. Teil des Kapitels auf 353, 1. In diesem 2. Teil wird +im Vorübergehen eine 7. Regel beigefügt, darüber, welche Opposita mehr +oder minder wünschenswert sind.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_201">[Pg 201]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_278_285" href="#FNanchor_278_285" class="label">[278]</a> Vgl. <em class="gesperrt">Nikomachische Ethik</em> 2, 3. 1105 b 9.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_279_286" href="#FNanchor_279_286" class="label">[279]</a> Der dritte und letzte Teil des 2. Buches ist ein +Gegenstück zu dem <a href="#Erstes_Buch_Zweiunddreissigstes_Kapitel">3. Teil des 1. Buches</a>. Dort wurde gezeigt, wie die +formlosen Schlüsse auf die schulgerechten Schlüsse zurückgeführt +werden, hier wird gezeigt, wie andere Methoden der Begründung doch +zuletzt auf einen Schluß und eine bestimmte Figur zurückgehen müssen, +wenn sie überhaupt geeignet sein sollen, ein Urteil hervorzurufen. +Insofern bringt dieser Abschnitt eine letzte Begründung für die +Wichtigkeit der syllogistischen Theorie und für die Notwendigkeit, +die Regeln alles geordneten Schließens zu kennen und zu beobachten. +In diesem Sinne schreibt <em class="gesperrt">Maier</em> a. a. O. 368 ff.: „Der +Syllogismus ist nicht eine Begründungsform neben anderen, sondern die +Begründungsform schlechthin. Darum werden auch die Folgerungsmethoden, +die vom normalen Syllogismus abweichen, die syllogistische Gestalt +wenigstens durchscheinen lassen müssen, wenn anders sie Anteil haben +wollen an der Stringenz, die der syllogistischen Funktion zukommt. +In der Tat liegen nicht bloß die gewöhnlichen apodeiktischen und +dialektischen Schlüsse, sondern ebenso die rhetorischen und überhaupt +alle Überzeugungsweisen, welches nun auch ihre Argumentationsmethode +sein möge, in einer der drei Figuren. Das will der letzte Teil +der ersten Analytik beweisen. Aristoteles stellt also die +nicht-syllogistischen Begründungsmethoden zusammen, um nun auch sie +auf die syllogistischen Figuren zu reduzieren: die Induktion, das +Paradeigma, die Apagoge, die Enstase und das Enthymen. Nun lehrt die +genauere Untersuchung, daß diese Begründungsmethoden alle zuletzt auf +zwei fundamental verschiedene Formen zurückgehen: den Syllogismus und +die Epagoge. In allen Fällen verwenden wir zum Beweisen und Überzeugen +entweder den Syllogismus oder die ἐπαγωγή. So ist es die nächste +Aufgabe der Untersuchung, die Epagoge auf die syllogistischen Figuren +zurückzuführen. Die übrigen ‚nichtsyllogistischen‘ Begründungsmethoden +sind nichts anderes als irgendwie modifizierte Formen des Syllogismus +oder der Induktion.“</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_202">[Pg 202]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_280_287" href="#FNanchor_280_287" class="label">[280]</a> Man folgert z. B. durch den Außenbegriff Krähe, Elefant, +Mensch, Pferd, Maultier und alles andere Langlebige den anderen +Außenbegriff die Langlebigkeit, als Prädikat für das, was ohne (zu +viel) Galle ist und was im Syllogismus als Mittelbegriff steht. Denn +der Syllogismus würde lauten: das Gallenlose langlebig; Krähe usw. +gallenlos; Krähe usw. langlebig.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_281_288" href="#FNanchor_281_288" class="label">[281]</a> Der vollkommene induktive Schluß lautet: C (jede Krähe +usw.) ist A (langlebig); B (alles Gallenlose) ist C (Krähe usw.); B +(alles Gallenlose) ist A (langlebig). Dieser Schluß setzt aber voraus, +daß C mit B konvertibel ist und es kein C gibt, das kein B ist. Die +Ansicht von <em class="gesperrt">Grote</em>, Aristotle 190 a u. <em class="gesperrt">Maier</em> 371 a, als ob +Zeile 68 b 24 τὸ μέσον Nominativ wäre: „wenn der Mittelbegriff nicht +noch weiter reicht als C“, lehnen wir ab.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_282_289" href="#FNanchor_282_289" class="label">[282]</a> Berufung auf die 6. Regel im <a href="#Zweites_Buch_Zweiundzwanzigstes_Kapitel">vorigen Kapitel</a>! „Wenn A +und B dem ganzen C zukommt und C mit B konvertibel ist, muß A jedem +B zukommen.“ In unserem Falle kommt langlebig und gallenlos allem C +zu, das ist dem, was sich aus allen einzelnen Gliedern, Krähe usw., +zusammensetzt, und langlebig und gallenlos sind konvertibel. So muß +denn alles Gallenlose langlebig sein.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_283_290" href="#FNanchor_283_290" class="label">[283]</a> Das ist der Unterschied zwischen Induktion und +Syllogismus. Die Induktion liefert die Prinzipien, erste und +unvermittelte Sätze, während der Syllogismus aus den Prinzipien durch +einen Mittelbegriff die Folgerungen zieht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_284_291" href="#FNanchor_284_291" class="label">[284]</a> Ein zweiter Unterschied dieser Begründungsmethoden! Vgl. +<a href="#Footnote_280_287">Anm. 280</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_285_292" href="#FNanchor_285_292" class="label">[285]</a> Eine Folgerung! Der Syllogismus fußt auf dem, was von +Natur früher ist, dem Mittelbegriff als dem Gedanken der Ursache, +während die Induktion auf dem fußt, was für uns früher, bekannter +und einleuchtender ist, der Erfahrung als Ergebnis der sinnlichen +Wahrnehmung. Vgl. <em class="gesperrt">Topik</em> I, 12 Ende und 8, 2 Anfang.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_286_293" href="#FNanchor_286_293" class="label">[286]</a> Das Paradeigma oder Beispiel geht auf die Induktion +zurück. Bei der Induktion wird ein Außenbegriff dem Mittelbegriff durch +den anderen Außenbegriff vindiziert, s. <a href="#Footnote_280_287">Anm. 280</a>. Dasselbe geschieht bei +dem Beispiel, nur daß der Beweis statt durch den anderen Außenbegriff +durch ein ihm Ähnliches geführt wird.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_287_294" href="#FNanchor_287_294" class="label">[287]</a> Das Beispiel unterscheidet sich von dem normalen +Syllogismus, sofern dieser von dem Ganzen auf den Teil, von dem +Allgemeinen auf das Besondere schließt, während jenes von dem einen +verwandten Fall auf den anderen die Anwendung macht. Von der Induktion +hinwieder unterscheidet es sich dadurch, daß diese von den Teilen zu +dem Ganzen übergeht, während das Beispiel von einem bekannteren Teil zu +einem anderen minder bekannten gelangt. Außerdem beweist die Induktion +nicht noch den Oberbegriff, z. B. nicht gut, von einem Dritten, z. B. +Bekriegung der Thebaner durch Athen, während das Beispiel dies wohl +tut.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_203">[Pg 203]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_288_295" href="#FNanchor_288_295" class="label">[288]</a> Die Abduktion, von der hier die Rede ist — nicht zu +verwechseln mit der Apagoge im Sinne der deductio ad absurdum —, +gehört hierher, sofern auch sie eine Weise darstellt, einen Satz +außerhalb des streng syllogistischen Weges zu gewinnen, nur freilich +nicht so, daß man ihn vollständig gewinnt, sondern ihm nur näher kommt. +Dies geschieht, wenn man statt des Untersatzes entweder einen Satz +nimmt, der ebenso oder noch mehr glaubwürdig ist als der Schlußsatz +oder einen solchen, der durch weniger Zwischenglieder bewiesen wird.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_289_296" href="#FNanchor_289_296" class="label">[289]</a> Jede geradlinige Figur läßt sich quadrieren; jeder +Kreis läßt sich auf eine geradlinige Figur bringen; jeder Kreis läßt +sich quadrieren. Der Obersatz ist einleuchtend, der Untersatz ist es +so wenig als der Schlußsatz. Ließe er sich aber durch einen einzigen +Mittelbegriff beweisen, so hätten wir eine Abduktion der 2. Art vor +uns. Einen solchen Mittelbegriff glaubte <em class="gesperrt">Hippokrates von Chios</em> +gefunden zu haben. Er konstruierte Menisken oder Halbmonde um den +Kreis, die je ein Stück von ihm quadrierten, aber damit war noch +nicht der Kreis quadriert, vgl. <em class="gesperrt">Prantl</em>, <em class="gesperrt">Phys.</em> 1, 2. +185 a 16. Für solche, die sich für die Versuche der Alten zur Lösung +dieses Problems interessieren, sei noch hinzugesetzt, daß ein gewisser +Antiphon und ein gewisser Bryson der Sache auf nicht geometrische Weise +beizukommen suchten. Zwei aneinanderstoßende Seiten eines in den Kreis +gezeichneten regelmäßigen Vielecks sollten mit der wachsenden Zahl der +Seiten so klein werden, daß sie mit dem gemeinsamen Bogen über ihnen +zusammenfielen. Vgl. 2. Anal, 1, 9. 75 b 40; soph. elench. 11, 171 b +12–18; 172 a 2–7. Man ging es auch noch anders an, um wenigstens die +Möglichkeit der Quadrierung zu erhärten, vgl. uns. Übers. der soph. +Widerl. 72, Anm. 26.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_290_297" href="#FNanchor_290_297" class="label">[290]</a> Wenn BC keine Vermittlung hat, so heißt das, daß der +Untersatz: C ist B, unmittelbar gewiß ist, und dann haben wir die +Prämissen zu einem wissenschaftlichen Beweis.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_291_298" href="#FNanchor_291_298" class="label">[291]</a> Von dem griechischen Entstasis kommt das gerichtliche +Instanz und Instanzenzug als Stelle, wo man einen rechtlichen Einspruch +anbringt, und Stufenfolge dieser Stellen. In der Syllogistik bedeutet +Entstasis oder Instanz einen Satz, den man einem anderen entgegenstellt +und durch Schluß erhält. Es handelt sich also auch hier um die +Gewinnung eines neuen Satzes, der aber nur insofern nicht der Ertrag +der normalen syllogistischen Begründung ist, als diese sich nicht +notwendig gegen eine andere richtet.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_204">[Pg 204]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_292_299" href="#FNanchor_292_299" class="label">[292]</a> Der Schluß in III c lautet: kein Erkennbares und +Unerkennbares fällt unter eine Wissenschaft; alles Erkennbare und +Unerkennbare ist konträr; einiges Konträre fällt nicht unter eine +Wissenschaft. Das Erkennbare und das Unerkennbare ist sich freilich +nicht konträr, sondern kontradiktorisch entgegengesetzt. Das Zweite ist +die Verneinung des Ersten.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_293_300" href="#FNanchor_293_300" class="label">[293]</a> Vorhin kehrte die Instanz sich gegen eine bejahende +Konklusion, jetzt kehrt sie sich gegen eine verneinende.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_294_301" href="#FNanchor_294_301" class="label">[294]</a> Man kann zwar in der 2. Figur eine verneinende Instanz +geltend machen, kann z. B. gegen die Konklusion: alles Konträre fällt +unter <em class="gesperrt">eine</em> Wissenschaft, einwenden: nichts, was unter eine +Wissenschaft fällt, ist sich entgegengesetzt: alles Konträre ist sich +entgegengesetzt; kein Konträres fällt unter eine Wissenschaft. Aber +diese Instanz würde erst durch Umkehrung einer Prämisse die nötige +Klarheit erhalten. Auch kann die 2. Figur, weil sie nur verneinende +Schlußsätze ergibt, keinen Schluß ex signo hergeben, weil ein solcher +Schluß, wie im folgenden Kapitel erklärt wird, bejahend sein muß.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_295_302" href="#FNanchor_295_302" class="label">[295]</a> Nach Erörterung der unmittelbar einleuchtenden Einwände +ließen sich auch noch solche besprechen, die nur wahrscheinlich sind: +aus dem Konträren, dem Ähnlichen, der Autorität, der Meinung. Der +eine sagt etwa: jede Freude ist gut; der andere wendet ein: nicht +jede Traurigkeit ist schlimm. Der eine sagt: die Linie besteht aus +Punkten; der andere wendet ein: die Fläche besteht nicht aus Linien. +Der eine sagt: auch die vernünftige Seele stirbt, der andere wendet auf +Grund des allgemeinen Glaubens ein: sie stirbt nicht. Gegenbedenken +aus Wahrscheinlichem lassen sich auch, wie wir hier einschalten, auf +Grund der Regeln im 2. Teil des <a href="#Zweites_Buch_Zweiundzwanzigstes_Kapitel">22. Kapitels</a> erheben. Von der Instanz +ist auch die Rede <em class="gesperrt">Topik</em> 1, 12 Ende und 8, 2 Anfang; ferner im +8. Buche in Kap. 8 und 10. Von dem verneinenden Einwand aus der 2. +Figur war schon vorhin die Rede, vgl. Anm. 90. Von dem partikulären +Einwand hieß es, daß er naturgemäß durch die 3. Figur geht, vgl. 69 b +18 f. Er kann aber auch durch die erste gehen. Man kann z. B. gegen +den Satz: kein Konträres fällt unter das nämliche Wissen, in der 3. +Figur einwenden: Gesundes und Ungesundes ist konträr; einiges Konträre +fällt unter das nämliche Wissen. Man kann aber ebenso in der 1. Figur +einwenden: Gesundes und Ungesundes fällt unter das nämliche Wissen; +einiges Konträre ist gesund und ungesund; einiges Konträre fällt unter +das nämliche Wissen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_296_303" href="#FNanchor_296_303" class="label">[296]</a> Das Enthymema, im Eingang der 2. Analytik als +rhetorischer Schluß bezeichnet, ist die letzte Begründungsmethode, +die hier in Betracht kommt. Ihr Besonderes ist, daß sie oft nur ein +wahrscheinliches Ergebnis liefert. Da in der Definition des Enthymema +das Wahrscheinliche, εἰκός, und das Zeichen, σημεῖον steht, so +werden diese beiden vorher begrifflich bestimmt. Sie unterscheiden +sich dadurch, daß das Erste ein Urteil für sich ist, während das +Zweite als Voraussetzung für andere Sätze dient. Ein bemerkenswertes +Beispiel für die Verwendung des σημεῖον auch in der wissenschaftlichen +Darstellung findet sich gleich in den ersten Sätzen der Metaphysik. +Zur Begründung des gleichsam thematisch vorangestellten Axioms: „alle +Menschen verlangen von Natur zu wissen“, heißt es: „ein Zeichen +dessen ist die Wertschätzung der Sinneswahrnehmungen, an denen wir +uns um ihrer selbst willen freuen, weil sie uns die Dinge in ihrer +Eigentümlichkeit erkennen lassen.“ Der Trieb verrät sich in der Neigung +und die Neigung in der Freude. Nun ist die sinnliche Erkenntnis zwar +kein Wissen, aber dieses wird aus ihr geschöpft, und so ist die Freude +an ihr ein σημεῖον, ein Zeichen, für den allen Menschen eingepflanzten +Wissenstrieb.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_205">[Pg 205]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_297_304" href="#FNanchor_297_304" class="label">[297]</a> Statt „Schluß“ in der Definition des Enthymema 70 a +10 haben einige Handschriften „unvollkommener Schluß“, συλλογισμὸς +ἀτελής, als müßte immer eine Prämisse fehlen, eine Lesart, die von +Julius Pacius im Kommentar zu dieser Stelle, von Silv. Maurus und +den Neueren mit Recht abgelehnt wird. — Für die 1. Figur ist der +natürliche Mittelbegriff derjenige, der wirklich in der Mitte steht, +so daß er nicht so umfassend und allgemein ist wie der Oberbegriff +und allgemeiner als der Unterbegriff oder mit ihm konvertibel, für +die zweite ist es der, der allgemeiner ist als die Außenbegriffe und +deshalb in den Prämissen Prädikat ist, für die dritte der, der nicht +so allgemein ist wie die Außenbegriffe und deshalb in den Prämissen +Subjekt ist. Analog ist es mit dem „Zeichen“. Das Zeichen „Milch haben“ +hat nicht den Umfang von empfangen haben und geht über Frau hinaus, das +letztere, sofern jede Person, bei der es sich findet eine Frau ist, +aber nicht jede Frau es aufweist. Das Zeichen „Pittakus“ hat nicht +den Umfang von tugendhaft und weise, und das Zeichen „blaß“ hat einen +größeren Umfang als schwanger und die und die. — Zu der Stelle und dem +Folgenden vergleiche man <em class="gesperrt">Trendelenburg</em>, Erläuterungen zu den +Elementen der ar. Logik § 37, S. 76–81, und <em class="gesperrt">Rhetorik</em> I, 2. 1357 +a 32—b 21.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_298_305" href="#FNanchor_298_305" class="label">[298]</a> In der 1. Figur folgt der aus dem Zeichen abgeleitete +Satz notwendig. Z. B. folgt aus den Prämissen: jede Frau, die Milch +hat, hat empfangen; diese Frau hat Milch, notwendig: diese Frau +hat empfangen. Gleichwohl ist dieser Schluß keine Apodeixis, kein +wissenschaftlicher Beweis. Er geht nicht von dem aus, was von Natur +früher ist. Die Frau hat nicht empfangen, weil sie Milch hat, sondern +sie hat Milch, weil sie empfangen hat. Ebenso ist es mit dem vorhin, +<a href="#Footnote_296_303">Anm. 296</a>, angeführten Zeichen aus Met. 1, 1. Wir haben den Wissenstrieb +nicht, weil uns die Wahrnehmung Freude macht, sondern die Wahrnehmung +macht uns Freude, weil wir den Trieb zum Wissen haben, das in gewissem +Sinne aus der Wahrnehmung geschöpft wird. Was weiterhin die 3. Figur +angeht, so folgt zwar auch in ihr etwas notwendig, aber das, was man +will, folgt nicht notwendig. Z. B. wenn Pittakus tugendhaft ist und +Pittakus weise ist, folgt nicht, daß die Weisen oder Philosophen +tugendhaft sind, sondern nur, daß ein Weiser, eben Pittakus, tugendhaft +ist. In der 2. Figur folgt nichts notwendig, sondern der Schlußsatz ist +immer nur wahrscheinlich.</p></div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_206">[Pg 206]</span></p> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_299_306" href="#FNanchor_299_306" class="label">[299]</a> Tekmerion, das wir vorhin als strengen Beleg bezeichnet +haben, nennt Trendelenburg a. a. O. S. 77 beweisendes Zeichen, wozu man +<a href="#Footnote_298_305">Anm. 298</a> vergleichen möge.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_300_307" href="#FNanchor_300_307" class="label">[300]</a> Der physiognomische Schluß gehört als Teil in die +Semiotik, er ist eine besondere Art desjenigen Schlusses, der auf +Zeichen fußt. Gegenwärtig bezieht man die Physiognomik ausschließlich +auf den Menschen, man schließt aus dem Äußeren auf das Innere. Die ar. +Physiognomik ist teils weiteren, teils engeren Umfangs als die moderne, +weiteren Umfangs, sofern sie auch die Tiere einbegreift, engeren, +sofern sie beim Menschen nur auf diejenigen seelischen Erscheinungen +und Eigenschaften schließt, die der Seele, um mit Aristoteles zu +reden, mit dem Leibe gemeinsam sind, sofern ihr Subjekt oder Träger +der beseelte Leib ist. Von der Art sind z. B. der Zorn und die +Begierde. Die moderne Physiognomik zieht dagegen aus dem Körperlichen, +wie Gesichts- und Kopfbildung, Folgerungen auf den Geist, z. B. auf +spekulative Anlage oder auf Geistesschärfe. Die arist. Physiognomik +scheint insofern wissenschaftlicher zu sein, als der beseelte Leib und +seine Organe der Träger der sinnlichen Erscheinungen sind, während das +Denken und wollen nur der Seele angehört, vgl. de anima 1, 1 und 3, 4.</p></div> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_207">[Pg 207]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Namen-_und_Sachverzeichnis"> + Namen- und Sachverzeichnis. + </h2> + +</div> + +<div class="ind"> + +<ul class="index"> + +<li class="ifrst">A</li> + + <li class="indx">Abduktion, Apagoge, Umbiegung, 69 a 20.</li> + + <li class="indx">Affekt, physischer, verändert Leib u. Seele zugleich, 70 b 8.</li> + + <li class="indx">Affekt, seine Anzeichen, 70 b 13.</li> + + <li class="indx">Aktueller Irrtum, 67 b 5.</li> + + <li class="indx">Aktuelles Wissen, 67 b 3 u. 5.</li> + + <li class="indx">Allgemeines, auf keine bestimmte Zeit beschränkt, 34 b 17.</li> + + <li class="indx">Allgemeinstes, von ihm nichts ausgesagt, 43 a 36.</li> + + <li class="indx">Ansatz der Begriffe, Ekthesis, 48 a 1, 49 a 27;</li> + <li class="isub1">falscher Ansatz Z. 25.</li> + + <li class="indx">Anschauung hat didaktischen Wert, 50 a 1.</li> + + <li class="indx">Aristomenes, der denkbare, 47 b 21.</li> + + <li class="indx">Astronomie, wie ihre Prinzipien gefunden worden sind, 46 a 19.</li> + + <li class="indx">Athener, 69 a 1.</li> + +<li class="ifrst">B</li> + + <li class="indx">Begriffe, minder gut gewählte, 35 a 2;</li> + <li class="isub1">ihre Lage, 35 a 11.</li> + <li class="isub1">Außenbegriff, Mittelbegriff, 25 b 36.</li> + <li class="isub1">Ober-, Unterbegriff, 26 a 21 f, 26 b 37, 28 a 13.</li> + <li class="isub1">Begriffsreihe, Systoichia, 66 b 27.</li> + + <li class="indx">Beweis, auseinander, 57 b 18, 59 a 32.</li> + <li class="isub1">Beweis, deiktischer, gleich direkter Beweis, 63 b 12.</li> + <li class="isub1">Indirekter Beweis für allgemein bejahende Sätze ist in der + 1. Figur unmöglich, 61 a 34.</li> + +<li class="ifrst">E</li> + + <li class="indx">Eigentümliche Bestimmung, proprium, 43 b 2 u. 7.</li> + <li class="isub1">Eigentümliche Prinzipien der Wissenschaften, 46 a 17.</li> + + <li class="indx">Eins oder Monas, nach den Platonikern Substanz, 27 b 7.</li> + + <li class="indx">Einsatz einer Behauptung, Metalepsis, 41 a 39.</li> + + <li class="indx">Einteilung der Platoniker ist gleichsam ein schwacher Schluß, 46 a 32.</li> + + <li class="indx">Erhebung und Auswahl der Prämissen, 43 b 1.</li> + + <li class="indx">Eros, der achtet die Liebe höher als den Verkehr, 68 b 4.</li> + + <li class="indx">Erstes Falsches, 66 a 16.</li> + + <li class="indx">Extremitäten, große, zeigen Mut an, 70 b 16.</li> + +<li class="ifrst">F</li> + + <li class="indx">Falsches, aus ihm kann Wahres folgen, aber nicht wie aus seinem + Grunde, 53 b 7, 55 b 3, 56 b 4.</li> + <li class="isub1">Dagegen kann aus entgegengesetzten Prämissen nicht Wahres + folgen, 64 b 8.</li> + + <li class="indx"><span class="pagenum" id="Page_208">[Pg 208]</span> + Falsch — unmöglich, 34 a 25.</li> + + <li class="indx">Fassung, sprachlich falsche der Begriffe, 48 a 8.</li> + + <li class="indx">Figur der Schlüsse, 26 a 13.</li> + +<li class="ifrst">G</li> + + <li class="indx">Ganzes und Teil bei entgegengesetzten Schlußsätzen, 64 a 17.</li> + + <li class="indx">Gegensatz ist vierfach, 63 b 24, dreifach 26.</li> + <li class="isub1">Gegensätze richtig zu fassen, 52 b 15.</li> + + <li class="indx">Gegenteil bei den indirekten Schlüssen zu setzen, 62 b 26.</li> + + <li class="indx">Gott nach außen tätig, 48 b 35.</li> + + <li class="indx">Gut — das Gute, 49 b 10.</li> + +<li class="ifrst">H</li> + + <li class="indx">Halbmonde, Menisken, 69 a 33.</li> + + <li class="indx">Hauptprämisse, 42 b 1.</li> + + <li class="indx">Herausheben, 30 a 9 u. 11, 30 b 31.</li> + + <li class="indx">Heraushebung, 28 a 23, 28 b 14.</li> + + <li class="indx">Hypothetische Schlüsse, 40 b 25, 28; 41 a 38; 45 b 16 u. 20;</li> + <li class="isub1">lassen sich nicht reduzieren, 50 a 16.</li> + +<li class="ifrst">I</li> + + <li class="indx">Individuum, von keinem ausgesagt, außer per accidens, 43 a 27 u. 34.</li> + + <li class="indx">Induktion für uns einleuchtender als der Syllogismus, 68 b 36.</li> + + <li class="indx">Inkommensurabel, 41 a 26, 29.</li> + +<li class="ifrst">K</li> + + <li class="indx">Kontingent, zufällig, hat einen vielfachen Sinn, 25 a 37.</li> + <li class="isub1">Kontingent, nicht im Sinne der Definition, 34 b 27.</li> + <li class="isub1">Kontingent sein so viel als meistens geschehen, 32 b 5;</li> + <li class="isub1">so viel als zufällig sein, 32 b 12.</li> + + <li class="indx">Kontingenz, ihr Begriff, 32 a 18, 33 a 25, 33 b 23.</li> + + <li class="indx">Kontradiktorisches Gegenteil — konträres G., 59 b 8 ff.</li> + + <li class="indx">Konträr entgegengesetzte Sätze — kontradiktorisch entgegengesetzte S., 63 b 28.</li> + +<li class="ifrst">L</li> + + <li class="indx">Langlebig, 68 b 19.</li> + + <li class="indx">Lernen nach Plato gleich Erinnerung, 67 a 21.</li> + +<li class="ifrst">M</li> + + <li class="indx">Maulesel unfruchtbar, 67 a 35.</li> + + <li class="indx">Meno, 67 a 21.</li> + + <li class="indx">Methode, 53 a 2.</li> + + <li class="indx">Mikkalos, der Gebildete, 47 b 30.</li> + + <li class="indx">Mittelbegriff, durch eine Rede ausgedrückt, 48 a 38.</li> + + <li class="indx">Modalität der Sätze, 25 a 2.</li> + + <li class="indx">Modus der Schlußfigur, 42 b 30, 43 a 10.</li> + + <li class="indx">Mögliches Werden — mögliches Sein, 34 a 13</li> + +<li class="ifrst">N</li> + + <li class="indx">Nennform, Nominativ, bei Angabe der Begriffe zu nehmen, 48 b 41.</li> + + <li class="indx">Nichtweißes sein — nicht weiß sein, 51 b 8.</li> + + <li class="indx">Nichtursache als Ursache setzen, 65 b 16.</li> + +<li class="ifrst">P</li> + + <li class="indx">Parallelität, falsch bewiesen, 64 a 4.</li> + + <li class="indx">Petitio principii, 41 b 18 ff; 64 b 28;</li> + <li class="isub1">bei den Beweisen, 65 b 36;</li> + <li class="isub1">bei den dialektischen Schlüssen, 65 b 37.</li> + + <li class="indx">Phocier, 69 a 2.</li> + + <li class="indx">Pittakus, 70 a 16.</li> + + <li class="indx">Probables Axiom, 62 a 13.</li> + + <li class="indx">Proslepsis, Hinzunahme eines weiteren Schlusses, 58 b 9.</li> + + <li class="indx">Prosyllogismus, 42 b 5.</li> + +<li class="ifrst">Q</li> + + <li class="indx">Qualität gleich Form, 36 a 7, 38 b 6.</li> + + <li class="indx">Qualitätsgleiche Sätze, 27 b 11, 34.</li> + +<li class="ifrst">R</li> + + <li class="indx"><span class="pagenum" id="Page_209">[Pg 209]</span> + Rhetorische Schlüsse, 68 b 11.</li> + +<li class="ifrst">S</li> + + <li class="indx">Satz, apodiktischer — dialektischer, 24 a 22;</li> + <li class="isub1">syllogistischer, 24 a 28.</li> + + <li class="indx">Schluß, sein Begriff allgemeiner als der Begriff von Beweis, 25 b 29.</li> + + <li class="indx">Schluß der Möglichkeit oder der Anlage nach, 41 b 33.</li> + + <li class="indx">Schluß vollkommener und unvollkommener, 24 a 12;</li> + <li class="isub1">vollkommener, 24 a 22,</li> + <li class="isub1">unvollkommener, 24 a 24.</li> + <li class="isub1">Alle unvollkommenen Schlüsse werden durch die 1. Figur vollendet, 29 a 30.</li> + + <li class="indx">Schlußsatz zeigt die Figur für die Reduktion an, 50 a 8.</li> + + <li class="indx">Seiendes und etwas Seiendes als Mittelbegriff, 49 a 30.</li> + +<li class="ifrst">T</li> + + <li class="indx">Tekmerion, strenger Beleg, 70 b 2.</li> + +<li class="ifrst">U</li> + + <li class="indx">Umkehrung, Metathesis, Antistrophe des Schlußsatzes, 59 b 1 u. 3.</li> + + <li class="indx">Umkehrung — indirekter Beweis, 61 a 21.</li> + + <li class="indx">Umstellung der Prämissen, Umkehrung des Untersatzes in den Obersatz + und umgekehrt, 38 a 26, 38 b 5 u. 10.</li> + + <li class="indx">Unbestimmt, 24 a 19;</li> + <li class="isub1">unbestimmte Fassung, 29 a 8;</li> + <li class="isub1">Beweis aus dem Unbestimmten, 27 b 20, 28; 29 a 6; 35 b 11.</li> + + <li class="indx">Ungeworden — unvergänglich, 68 a 9.</li> + + <li class="indx">Unteilbar = individuell, 69 a 17.</li> + + <li class="indx">Unvermittelter Satz, 48 a 32.</li> + + <li class="indx">Unwiderlegbar, unlösbar, 70 a 29.</li> + + <li class="indx">Ursache, statt ihrer Nichtursache setzen, 65 b 16.</li> + +<li class="ifrst">V</li> + + <li class="indx">Verschleierung des Schlußsatzes, 42 a 23.</li> + +<li class="ifrst">W</li> + + <li class="indx">Wahl gleich Ekthesis, 57 a 35.</li> + + <li class="indx">Wahres, aus ihm kann nichts Falsches geschlossen werden, 53 b 7 ff.</li> + + <li class="indx">Wahrheit immer und in allem mit sich selbst im Einklang, 47 a 8.</li> + + <li class="indx">Wahrheitsgemäße Aussage des einen von dem anderen, 49 a 6.</li> + + <li class="indx">Winkel an der Grundlinie des gleichschenkeligen Dreiecks einander gleich, 41 b 14;</li> + <li class="isub1">ebenso alle Winkel im Halbkreis, 41 b 17.</li> + + <li class="indx">Wissen und Nichtwissen oder Irren bezüglich desselben Objekts, 67 b 5.</li> + +<li class="ifrst">Z</li> + + <li class="indx">Zahl im Sinne der Platoniker Substanz, 27 a 20.</li> + + <li class="indx">Zeit nötige, und günstige Gelegenheit nicht begrifflich identisch, 48 b 35.</li> + + <li class="indx">Zirkelbeweis und Zirkelschluß bei konvertibeln Sätzen möglich, 58 a 13.</li> + + <li class="indx">Zirkelbeweis und Umkehrung, 59 b 11.</li> + + <li class="indx">Zuhilfenahme eines Satzes, 61 a 38.</li> + + <li class="indx">Zukommen und Nichtzukommen hat viele Bedeutungen, 48 b 4, 49 a 6.</li> + + <li class="indx">Zustand und sein Subjekt, 48 a 10, 19 u. 26.</li> + +</ul> + +</div> + +<div class="transnote" id="Bekker"> + +<p class="center"><b class="s3">Hinweise des Bearbeiters zur ‚Bekker-Zählung‘</b></p> + +<p class="p0">In Zitaten wie ‚24 b 10‘ haben die einzelnen Elemente die folgende + Bedeutung:</p> + +<div class="csstab padleft1"> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell vat left">24: </div> + <div class="csscell vab left">Seitenzahl in Bekkers Ausgabe von Aristoteles’ Werken;</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell vat left">b: </div> + <div class="csscell vab left">Spalte auf der betreffenden Seite (a oder b);</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell vat left">10: </div> + <div class="csscell vab left">Zeilennummer innerhalb der jeweiligen Spalte.</div> + </div> +</div> + +<p class="p0">Die Zeilennummer wird im vorliegenden Buch, mit Ausnahme +der ersten drei Kapitel, weggelassen. Die Nummerierung bezieht sich in +diesen Fällen auf den Anfang der Spalte.</p> + +</div> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78423 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/78423-h/images/cover.jpg b/78423-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..1eea23c --- /dev/null +++ b/78423-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..de0929d --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for eBook #78423 +(https://www.gutenberg.org/ebooks/78423) |
