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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78421 ***
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Das Inhaltsverzeichnis ist zur besseren Übersicht an den Anfang des
+Textes verschoben worden.
+
+Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+;
+gesperrte so: ~gesperrt~[**HTML/epub: hier überflüssiger Zeilenumbruch].
+
+=======================================================================
+
+ Kaspar Krumbholtz
+
+ Roman
+
+ von
+
+ Herm. Anders Krüger
+
+
+
+
+ Georg Westermann
+ Braunschweig / Hamburg / Leipzig
+
+
+
+
+ +Copyright 1910 by Alfred Janssen, Hamburg+
+
+
+
+
+ Der Kampf mit der Welt
+
+
+ ~Motto~:
+
+ Der letzte leise Schmerz und Spott
+ Verschwindet aus des Herzens Grund.
+ Es ist, als tät der alte Gott
+ Mir endlich seinen Namen kund.
+
+ ~Gottfried Keller~
+
+
+
+
+ Marie v. Ebner-Eschenbach
+
+ und der
+
+ Germanistic Society of America
+
+ zum Dank
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+ Seite
+
+ ~Erstes Buch~: ~In der Kelter~ 11
+
+ 1. Kapitel: Der Holzkollege 13
+
+ 2. " Antrittsbesuche 26
+
+ 3. " Der angehende Weltmann 47
+
+ 4. " Der Gottsucher 70
+
+ 5. " Das Londoner Magdalenchen 86
+
+ 6. " Feriengäste 102
+
+ 7. " Die Tänzer 130
+
+ 8. " Die pädagogische Ohrfeige 138
+
+ 9. " Abschiedsbriefe 168
+
+ 10. " Die Synode 186
+
+
+ ~Zweites Buch~: ~Gärender Most~ 215
+
+ 1. Kapitel: Im Rock des Königs 217
+
+ 2. " Sündenfälle 227
+
+ 3. " Charlotte 268
+
+ 4. " Auseinander 281
+
+ 5. " Die Moravenrunde 309
+
+ 6. " Carina 321
+
+ 7. " Silvester 358
+
+ 8. " Die neue Welt 370
+
+ 9. " Shaky San Francisco 387
+
+ 10. " Heimkehr 411
+
+
+
+
+Erstes Buch
+
+In der Kelter
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Der Holzkollege
+
+
+Samstag Abend wars. Wieder war eine Woche vorüber, und zwar eine
+besonders böse, die letzte der Osterferien, in denen überdies die
+Ordnung mit Frühling und Schulfreiheit in harter Fehde lag.
+
+Die Lehrerschaft der Tramberger Knabenanstalt versammelte sich nach und
+nach zum gewohnten Teeabend im Konferenzzimmer.
+
+Schmauchend und schwatzend saßen bereits die dienstfreien Stubenlehrer
+um den länglichrunden Eichentisch. An den beiden Polen, möglichst
+weit voneinander entfernt, hatten sich Herr Schlegelmeyer von der
+1. Stube, der sogenannte Chef der heute noch feiernden Lehrerreihe,
+und Herr Schnäbele, der angehende Missionar, dem die Vierten in
+Liebe untertan waren, niedergelassen; dazwischen Bruder Teuchert
+und Behring, die Lehrer der 2. und 3. Stube. Auf den beiden
+Ehrenplätzen des alten Ledersofas thronten mit Würde der umfangreiche
+Mitdirektor, Bruder Leonhard Ludwig Lohmann, genannt L³, und der
+magere Hypochonder, Religionslehrer und Pfleger, Bruder Wiesendahl.
+Seitab in seinem geliebten Schmollwinkel, unter 17 Bänden von Meyers
+Konversationslexikon, sog still an seiner langen Pfeife der wortkarge
+Supernumerar Bruder Hinzelmann, und am Klavier endlich phantasierte
+versunken und weltentrückt in leisen Akkorden Herr Vogel, der
+Musiklehrer.
+
+Die Tür flog heftig auf und zu. Herr Thilo Kratt, der trotzige
+Hessenhüne und Bändiger der Ersten, trat höflich grüßend an den Tisch,
+rieb sich behaglich die Hände und knurrte doch scheinbar grimmig: »Mer
+hunns, mer kunns, die Bengels sind in der Falle!«
+
+Der Mitdirektor fragte verbindlich lächelnd: »Sie meinen die lieben
+Zöglinge?«
+
+»Jawohl, Rasselbande,« erwiderte Kratt mit Laune, »ist ein wahrer
+Segen, daß am Montag der Hundetrab wieder beginnt.«
+
+»Sie meinen den angenehmen Schulunterricht --«
+
+»Den Deubel mein ich, mit Verlaub, Herr Mitdirektor, aber wenn man
+von 6 Uhr früh bis abends 9 Uhr vor der Rotte Korah da oben mühsam
+Schriftdeutsch geheuchelt hat, dann ist man doch heilsfroh, hier
+unten mal wieder Männerworte schmettern zu dürfen in der Urväter
+Umgangssprache.«
+
+»Sell isch gewieß, sell isch nit verloge!« schwäbelte Herr Schnäbele
+bestätigend, und alles lachte. Nur Herr Schlegelmeyer wandte in
+edelstem Hannoveranerdeutsch ein: »An Ihrer Stelle spräche ich eben
+beständig in der Schriftsprache.«
+
+»Na, dann tun Sies nur in Gottes Namen, will gar nicht stören,«
+erwiderte Kratt schmunzelnd, »werde mich freun, wenn Sie mich würdig
+bei der Satansbrut da oben vertreten, pardon, Herr Mitdirektor, ich
+meine die lieben Zöglinge.«
+
+Geschmeichelt verneigte sich L³ und fragte dann: »Wo bleiben denn die
+beiden bösen Buben?«
+
+»Pardon --« unterbrach ihn Kratt nun grinsend, »Sie meinen die lieben
+Herren Kollegen Knortz und Muffke.«
+
+Wieder lachte alles, am herzlichsten L³. Da traten die eben genannten
+Lehrer der 2. und 3. Stube ein und grüßten mit einem forschen: »Nabend,
+Kinnings!«
+
+Karl Knortz, genannt Moritz, und Martin Muffke, genannt Max, waren zwei
+handfeste Mecklenburger und als zwei immer vergnügte Menschenkinder
+von allen Kollegen gern gesehen; nur Herrn Schlegelmeyer waren sie zu
+unfeierlich, oft gar zu kurz angebunden oder zu witzig.
+
+Auch jetzt erregte der ungenierte Moritz des Reihenchefs höchstes
+Entsetzen, als er frischweg behauptete: Kollege Schlegelmeyer
+(der natürlich die Mäßigkeit in Person war) habe bereits allen
+Tee weggetrunken. Und Max bestätigte schleunigst zum allgemeinen
+Gaudium: »Natürlich, Schlegelmeyer! Na, so ein Saufaus!«, während
+der Angeschuldigte mühsam gute Miene zu dem bösen Spiele machte und
+verlegen hüstelte: »Das stimmt wohl nicht ganz.«
+
+Dann holten Max und Moritz ihre langen Pfeifen aus dem Schrank, setzten
+sich qualmend an den Tisch und ausgerechnet neben Schlegelmeyer, ja sie
+klopften ihm niederträchtig zutraulich auf Schultern und Knie, weil sie
+wußten, daß dieser dergleichen durchaus nicht vertragen konnte. Und
+wie gewöhnlich rutschte der Hannoveraner auch heute schleunigst mit
+seinem Stuhle rückwärts zur schützenden Fensternische, worauf Moritz
+behaglich paffend zu der gewaltigen Teekanne griff und sich und Max mit
+den Worten einschenkte: »So, Schlegelmeyer ist glücklich in die Flucht
+geschlagen, nun wolln wir armen Diensthengste auch man feste supen.«
+
+Alles lachte wieder und recht von Herzen.
+
+ * * * * *
+
+»Wer hat denn heute Schlafsaalwache?« fragte der Mitdirektor plötzlich.
+
+»Der Doppelkollege,« sagte Moritz noch schlürfend.
+
+»Dem wirds wohltun,« fügte Max schadenfroh hinzu, »der wird so zu fett
+in dem leichten Ortskindergeschirr.«
+
+»Sell isch recht -- ebbes muß er doch leiste für sei Schmerbäuchle.«
+
+»Wie kann man nur so roh sein!« monierte Schlegelmeyer aus der
+Fensternische und löste damit abermals eine Lachsalve aus. Trotzdem
+fuhr er unbeirrt fort: »Nein, ich lache gar nicht. Ich begreife nämlich
+nicht, wie man Herrn Schneese gerade an einem so kritischen Tage wie
+heute die Schlafsaalwache anvertrauen kann.«
+
+Thilo Kratt schlunzte seinen Stubenkollegen mit listigen Äuglein
+schrägüber an und meinte dazu bombenruhig: »Na, ewig kann man Schneese
+auch nich in Watte wickeln, er ist so schon weich genug in seinem Fett
+gebettet.«
+
+L³ erklärte lächelnd: »Ich muß dringend gegen die hier scheinbar
+allgemein geteilte Ansicht protestieren, daß die Korpulenz etwa
+angenehm sei. Im Gegenteil! Wir Schmerbäuche sind sogar sehr übel
+dran.«
+
+Wieder dröhnten die Wände von einem stürmischen Gelächter, so daß
+auch der verträumte Herr Vogel von seinem Klavier verdutzt aufsah
+und schüchtern fragte: »Was ist denn los?« Das entfachte neue
+Heiterkeitsstürme, so daß man gar nicht hörte, daß draußen mehrfach an
+die Tür geklopft wurde.
+
+Man war daher einigermaßen erstaunt, als plötzlich ein altes, kleines
+Frauchen, die Pförtnerin, verlegen hereinhuschte und vergeblich mit
+ihrem Nastüchel gegen den Rauch ankämpfte.
+
+Sofort sprangen Max und Moritz auf und schrien: »Hallo, Mutter
+Frutschen -- Tasse Tee gefällig?«
+
+Schämig dankte Schwester Frutsch, machte eine Art von Hofknix und sagte
+dann unter allgemeinem ehrerbietigem Schweigen: »Ich wollte nur den
+Herren Lehrern mitteilen, daß soeben der neue Kollege eingetroffen
+ist.«
+
+»Wat forn Kollege denn?« platzte Moritz dazwischen.
+
+»Nun, ich glaube, Herr Holz nannte er sich,« flüsterte Schwester
+Frutsch süßlich.
+
+»Hurra -- een Holzkollege,« rief Max, »feine Nummer!«
+
+»Nein, bitte -- keine Witze, er heißt Krumbholtz,« berichtigte der
+Mitdirektor.
+
+»Ach wat, Holz is Holz, ob et krumm oder jerade, is schnurz!« erklärte
+Moritz.
+
+»Na, da hätte er ja seinen Spitznamen weg,« jammerte Mutter Frutsch,
+»und nun bin ich dumme, halbtaube Person noch daran schuld.«
+
+»Nee -- nee -- Mutter Frutschen, heulen Se man nich gleich,« begütigte
+Max, »aber wo haben Se n denn hingesteckt, den Holzkollegen?«
+
+»Ich hab ihm gesagt, die Herren hätten hier Teeabend und würden sich
+gewiß freuen; aber der neue Herr -- Herr oder Bruder, wie wars, Herr
+Mitdirektor?«
+
+»Bruder -- jawohl -- Bruder Krumbholtz,« antwortete L³.
+
+»Ach, etwa -- vom Missionar ein Sohn?«
+
+»Nein -- das wohl nicht -- aber aus der Familie jedenfalls!«
+
+»So -- nein, ach -- wie mich das freut,« sagte Schwester Frutsch,
+wieder holdselig lächelnd, »ich habe mal eine Missionsstunde von einem
+Bruder Krumbholtz aus Labrador gehört, nein -- was war die schön -- und
+so interessant, diese Seehundsgeschichten -- entzückend! Aber nun, was
+ich sagen wollte --«
+
+»Ja, wo haben Sie denn nun unsern neuen Kollegen hingetan?«
+
+»O bitte, der Herr scheint sehr selbständig zu sein. Als er Ihren Lärm
+hier, um Verzeihung, Ihre Fröhlichkeit hörte, meinte er nur: da wolle
+er nicht stören, er wäre überdies müde und für den Direktor wäre es nun
+auch schon zu spät. So bät er nur um Angabe seines Kleiderschrankes
+auf der Waschkammer -- das wußte er gleich alles -- ließ sich den Weg
+zum Schlafsaal zeigen, sein Bett Nr. 24 an der Verbindungstür rechts
+angeben, dankte, packte seine Handtasche aus und ist schon soeben auf
+den Schlafsaal hinauf gegangen.«
+
+»Na, das kann ja gut werden da oben,« meinte Herr Schlegelmeyer
+entrüstet. »Herr Schneese und nun noch dieser blutjunge Neuling, der
+nicht mal fertig studiert hat --«
+
+»Ach -- was Sie sagen -- hat er das nicht?« fragte neugierig Schwester
+Frutsch, »warum denn nicht? Da hats wohl was gegeben?«
+
+»Unsinn, Schwester Frutsch,« fiel der Mitdirektor, der ihren losen Mund
+zur Genüge kannte, vorbeugend ein, »Bruder Krumbholtz wollte nur gern
+Lehrer werden --«
+
+»Ach -- aber warum wartete er da nicht, bis er hübsch fertig war?«
+
+»Das können Sie ihn ja morgen selber fragen.«
+
+»Aber was denken Sie denn von mir? Nein, Bruder Lohmann, ich werde mich
+doch nicht um Dinge kümmern, die mich nichts angehen -- das tue ich
+doch nie!«
+
+»Ach wo,« ulkte Moritz dazwischen, »so wat duht Mutter Frutschen nich.«
+
+»Nun also, sehen Sie, Herr Knortz sagt das auch! Im übrigen scheint
+mir dieser Bruder Krumbholtz auch gar nicht der Mann zu sein, der
+Geständnisse liebt -- im Gegenteil, er scheint sogar recht kurz
+angebunden zu sein. Aber nun will ich nicht weiter die schöne
+Geselligkeit der Herren stören, ich wollte Ihnen nur gemeldet haben,
+was Ihnen doch gewiß interessant sein würde, und damit allerseits
+schönen guten Abend und gesegnete Nachtruhe!«
+
+Lächelnd grüßten die Lehrer wieder.
+
+Max verneigte sich ebenso tief und förmlich wie Mutter Frutsch, und
+Moritz klopfte der Abgehenden noch vertraulich auf die Schulter: »Et
+jeht nischt über Mutter Frutschen un ihren Hausschlüssel.«
+
+Dann, als er die Tür hinter ihr geschlossen hatte, knurrte er
+ärgerlich: »Wat son olles Schalaster doch forn Riecher hat -- nu hat se
+dat ok wedder rut --«
+
+»Sell isch mal wieder ganz Schlegelmeyer gesi!« sagte darauf Herr
+Schnäbele so laut, daß es der Hannoveraner in der Fensternische hören
+mußte.
+
+Prompt kam auch die Antwort zurück: »Ich sagte das nur im Interesse
+eines ungestörten Aufsichtdienstes. Ja, ich frage nochmals allen
+Ernstes: was soll denn da oben werden?«
+
+»Dafür bin ich wohl in diesem Falle kompetent,« erklärte Herr Kratt
+mit der gewohnten Ruhe, »es ist meine Reihe. Im übrigen abwarten
+und erst Tee trinken, dann werde ich mir schon mal die neue
+Schlafsaalkonstellation ansehen.«
+
+Herr Schlegelmeyer verneigte sich stumm gegen seinen etwas gefürchteten
+Stubenkollegen, und dann schwieg man eine geraume Weile wie verstimmt,
+bis plötzlich der sonst so schweigsame Bruder Hinzelmann sagte: »Na,
+jedenfalls war Ihre Bemerkung, Herr Kollege Schlegelmeyer, wenig
+angebracht und kann dem neuen Kollegen nur Schwierigkeiten bereiten.«
+
+»Wieso?« fragte der Hannoveraner sichtlich verlegen, denn Hinzelmann
+achtete auch er.
+
+»Na -- bei die olle Klatschsnut,« brummte Max, »da is et morjen abend
+rum in der janzen Jemeine Jottes.«
+
+»Aber ich bitte sehr,« verteidigte sich Schlegelmeyer, »es kann doch in
+diesen kleinen Verhältnissen so wie so nicht verborgen bleiben, daß der
+neue Kollege sein Studium abgebrochen hat!«
+
+»Na, un wat is denn man dabei?« fuhr Moritz streitbar heraus, »ick
+un Muffkemartin da haben doch janz datselbe jetan un werden mit die
+Bengels da oben man mindestens so jut fertig wie Sie mit Ihrem zweiten
+Examen und Ihrer Schriftsprache.«
+
+Jetzt legte sich L³ begütigend ins Mittel und sagte väterlich:
+»Kinder, immer hübsch friedlich. Ihre Bemerkung, lieber Schlegelmeyer,
+war wirklich nicht ganz schön, zum mindesten unvorsichtig gegenüber
+unserer schwatzseligen Oberhof- und Hausschlüsselbewahrerin. Im übrigen
+kennen wir den neuen Herrn Kollegen ja gar nicht, und ich bedaure nur,
+daß ihn niemand am Bahnhof abgeholt hat. Entweder hat er sich nicht
+angemeldet --«
+
+»Oder der Chef hats, wie üblich, versiebt,« vollendete Herr Thilo Kratt
+und wollte sich eben erheben, um auf den Schlafsaal zu gehen, als sich
+die Tür öffnete, und Herr Schneese mit wohlgerundeten Mienen lächelnd
+hereinschaute.
+
+ * * * * *
+
+Mit Hallo wurde der Doppelkollege allenthalben begrüßt, nur
+Schlegelmeyer sagte mit großer Genugtuung und triumphierender Geste:
+»Da haben wir die Bescherung!«
+
+Als nun Kratt, mit Stentorstimme den Radau übertönend, Herrn Schneese
+fragte, ob er etwa vor den Knaben geflüchtet sei, und ob er zum Rechten
+sehen solle, antwortete der behäbige Ortskinderlehrer seelenruhig:
+
+»I bewahre, es ist oben alles in schönster Ordnung. Der neue Kollege,
+der sich mir vorhin vorstellte -- den Namen hab ich aber nicht
+verstanden -- hat mir gleich freundlich die Schlafsaalwache abgenommen,
+da er so wie so zu Bett gehen wolle.«
+
+Ein Höllengelächter erfüllte jetzt den Raum, endlich fragte Kratt
+mühsam: »Und Sie Gemütsmensch nehmen das in aller Bierruhe an, ja sind
+Sie denn des Deubels, Schneese? Sie können doch Ihren Posten nicht
+verlassen?«
+
+»Aber warum denn nicht, wenn mich ein Kollege ablöst -- das ist doch
+ganz in der Ordnung!« --
+
+»Menschenskind, der Mann ist aber doch ganz neu --«
+
+»Nun ja -- das waren wir alle einmal -- anfangen muß doch jeder;
+übrigens der Neue schien doch den Rummel recht gut zu kennen, er ist
+wohl aus der Gemeine, denke ich -- na also! Nun lassen Sie mich doch in
+Ruhe meinen wohlverdienten Tee genehmigen. Haben Sie vielleicht eine
+Zigarre übrig, Kollege Schnäbele?«
+
+Wieder lachte die ganze Korona dröhnend, denn es war bekannt, daß der
+Doppelkollege den gutmütigen Schwaben stets um Zigarren anging und
+richtig, auch jetzt nicht umsonst.
+
+Dann zog sich Schneese den breiten Lehnsessel heran, da alle anderen
+Sitzgelegenheiten zu schmal für ihn waren, pflanzte sich, behaglich
+paffend, hinein und lächelte zufrieden übers ganze breite Gesicht. Er
+wußte ja, daß ihm niemand böse sein konnte, am wenigsten der gutmütige,
+humorvolle Kollege Kratt, so grimmig er auch bisweilen tat.
+
+Unterdessen war Bruder Teuchert rasch und neugierig zum Schlafsaal
+hinaufgeeilt und brachte die beruhigende Nachricht zurück, daß in der
+Tat oben alles in bester Ordnung sei; worauf Thilo Kratt schmunzelnd
+wieder zu seiner langen Pfeife griff und erklärte: »Na, Kinder, dieser
+Holzkollege hat scheinbar Schneid und Ruhe -- er paßt also in meine
+Reihe, und ich werde ihm ein wohlaffektionierter Reihenchef sein.«
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Antrittsbesuche
+
+
+Es war noch ziemlich früh am Morgen, als Kaspar Krumbholtz in seinem
+Bett Nr. 24 erwachte. Das erste Tageslicht blinzelte mit bläulichen
+Strahlen wie verstohlen durch die Ladenritze, und ringsum schnarchte
+noch alles in absonderlichen Tönen.
+
+Kaspar kam langsam zur Selbstbesinnung und dachte mit seltsamer
+Bewegung unwillkürlich an die noch nicht lange vergangenen Tage, da er
+als Schüler in einem ähnlichen Schlafsaal gelegen hatte. Und nun sollte
+er Lehrer und Vorgesetzter sein, an einem ihm völlig unbekannten Ort,
+unter zum Teil fremdartigen Verhältnissen. Zwar der Anstaltbetrieb
+würde hier zu Tramberg auch nicht viel anders sein als zu Bethel und
+Gnadenzell -- aber die neuen Kollegen stammten großenteils nicht aus
+der Brüdergemeine, die Zöglinge waren sogar meist Ausländer. Was konnte
+es da für Schwierigkeiten geben, von denen er sich nichts hatte träumen
+lassen?
+
+Auch von seinem neuen Direktor hatte Kaspar nicht sonderlich viel
+Ansprechendes gehört. Ein Finanzgenie sollte er sein, ein sehr
+genauer Herr, der in erster Linie in jedem Schüler einen wandelnden
+Tausendmarkschein zu sehen pflegte -- so spöttelte man im Osten. Aber
+der Zug zum Geldverdienen lag wohl zu Tramberg überhaupt in der Luft.
+Auch die Bürger dieser kleinen schwäbischen Herrnhuterkolonie galten
+zu Bethel und Gotteshaag für eifrige Mammonsdiener, die ihr stilles
+Friedensörtchen im Laufe der letzten Jahrzehnte in den Dienst einer
+einträglichen Fremdenindustrie gestellt hatten. Doch wer wußte denn,
+wie viel Tratsch und Klatsch bei diesem Urteil mitspielte, wie bei so
+vielem, was man sich in den Gemeinen voneinander erzählte.
+
+Kaspar Krumbholtz wollte selber sehen und prüfen.
+
+Und so stand er mit derselben Eigenmächtigkeit auf, mit der er abends
+zuvor schlafen gegangen war, und schritt leise der Türe zu. Aber da
+erhob sich plötzlich an der Tür eine schmächtige Gestalt, warf sich
+hastig einen Schlafrock über und vertrat ihm den Weg mit den barschen
+Worten: »Wo wollen Sie hin?«
+
+Kaspar maß die ein wenig komische Erscheinung mit schmunzelndem
+Erstaunen und sagte ruhig: »Sie gestatten -- Krumbholtz, der neue
+Lehrer.«
+
+»Ah, so --« lispelte der Schmächtige gönnerhaft, »pardon, ich hielt Sie
+für einen neuen Zögling. Sie sind wohl auch noch ein wenig jung. Ich
+bin nämlich der heute diensttuende Lehrer der ersten Stube, Kandidat
+Schlegelmeyer, und trage als Reihenchef eine gewisse Verantwortung.«
+
+Kaspar Krumbholtz murmelte: »Sehr angenehm gewesen« und wollte weiter,
+doch Herr Schlegelmeyer bedeutete ihm, es habe noch nicht geläutet, man
+stehe am Sonntag erst um einhalb sieben Uhr auf.
+
+Der neue Kollege bedankte sich höflichst für die ihm interessante
+Nachricht, betonte jedoch, er für seine Person pflege aufzustehen, wann
+es ihm beliebe.
+
+»Ja, wenn aber die Waschkammern vielleicht noch geschlossen sind,« warf
+der hartnäckige Hannoveraner ein.
+
+»Dann suche ich mir einen dienenden Geist oder gehe zum Brunnen.«
+
+»Sie scheinen ja sehr energisch zu sein, Herr Kollege. Übrigens, wenn
+ich Ihnen behilflich sein kann -- nur einen Moment, ich will mich rasch
+fertig anziehen.«
+
+»Aber bitte!« wehrte Krumbholtz ab, »bemühen Sie sich nicht;
+meinetwegen sollen Sie ja nicht vor einhalb sieben Uhr aufstehen. Guten
+Morgen!«
+
+Damit entwischte Krumbholtz eiligst zur Tür hinaus.
+
+Herr Kandidat Schlegelmeyer legte sich mit süßsäuerlichen Mienen
+wieder zu Bett und nahm sich vor, mit diesem neuen Kollegen möglichst
+vorsichtig umzugehen; von der durchschnittmäßigen Herrnhuter Sorte,
+die sich alles in brüderlicher Liebe gefallen läßt, schien dieser
+Holzkollege nicht gerade zu sein.
+
+ * * * * *
+
+Bald darauf schritt Kaspar Krumbholtz zum hinteren Anstalttor in den
+strahlenden Frühlingsmorgen hinaus.
+
+Die Anstalt lag einsam, wie eine mächtige Burg, auf halber Höhe über
+dem Dörfchen Tramberg, das noch wie traumverloren inmitten seiner
+endlosen Nadelholzwälder friedlich zu schlummern schien.
+
+Kein Hahn krähte, kein Schornstein rauchte, nur die ersten Schwalben
+strichen mit fröhlichem Kwiwitt pfeilschnell über die hohen Dächer der
+wie Kinderspielzeug auf einer Waldwiese verstreuten Häuser.
+
+Überrascht fuhr Kaspar, der am Abend zuvor nichts von dem Ort hatte
+sehen können, ein »Donnerwetter, ist das schön« heraus.
+
+Eilends flog er den Hügel hinab und mit immer steigender Befriedigung
+spazierte er nun langsamer und alles ungeniert betrachtend durch die
+mehrfach gewundene Hauptstraße Trambergs, zu deren beiden Seiten
+allerlei städtisch frisierte Villen wie blind, mit ihren geschlossenen
+Läden, zwischen alten hochgiebligen Bauernhäusern standen.
+
+Schnell erfaßte der junge Lehrer den eigentümlichen Mischmaschcharakter
+dieses Kurortes und dachte bei sich: »So könnte unser gutes Ingelbach
+auch mal aussehen, wenn es sich in Oberhof oder Friedrichroda an der
+Fremdenepidemie angesteckt hätte. Schade, weder Fisch noch Fleisch!«
+
+Allzulange dauerte es nicht, da ging die Hauptstraße in vornehme,
+wohlgepflegte Parkanlagen über. Ein Springbrunnen plätscherte
+verschlafen zwischen schlanken Koniferen und leeren Bänken. Einige
+verliebte Amselpärchen jagten zankend über eben umgegrabene Beete und
+Rabatten, die noch der sommerlichen Bepflanzung harrten.
+
+Im Geist sah Krumbholtz diese jetzt schweigenden und öden Plätze und
+Alleen schon von bunten, jauchzenden Kindergruppen, von Damen in
+eleganten Toiletten belebt; sein welthungriges Gemüt versöhnte sich im
+stillen rasch mit der bösen Fremdenkultur.
+
+Vergnüglich malte er sich so all die bevorstehenden Sommerfreuden aus
+und schritt, an Tennisplätzen und einem stattlichen Musikkiosk vorbei,
+summend dem nahen Walde zu, dessen vorderste Schutzfichten ihm mit
+ihren lang herunterhängenden Riesenarmen wie bewillkommnend zuwinkten.
+
+Es schritt sich wahrlich gut und leicht durch diesen »hohen Tann«,
+so hieß die berühmte Hauptpromenade Trambergs. Die Vögel trieben
+schon überall ihr vergnügliches Wesen in den Zweigen; Eichkatzen und
+Spechtmeisen spielten neckisch um die dicken Stämme oder suchten
+an den Zweigen ihr erstes Frühstück, da -- krachten Zweige -- eine
+aufgescheuchte Auerhenne purrte ungestüm durchs Dickicht.
+
+Kaspar Krumbholtz sah ihr ein wenig erschrocken mit offenem Munde nach,
+-- dann lachte er hell auf über sich selbst. Nun wußte ers vollends,
+er war in einer völlig anderen Landschaft als bisher zu Gotteshaag und
+Bethel.
+
+Da drüben auf die gradlinigen Bastionen der nahen Rauhen Alp wollte er
+baldigst steigen, um in der Ferne die Höhen und Burgen des lieblichen
+Hegau, den blinkenden Bodensee und darüber vielleicht auch die ersten
+Schneehäupter der Alpen zu schauen. Das sollte eine Lust werden, heidi!
+
+Und pfeifend marschierte das angehende Schulmeisterlein tiefer in den
+herrlichen Wald hinein, bis er an den Gottesacker der Gemeine kam, der
+stimmungsvoll in feierlicher Waldeinsamkeit sich vor seinen erstaunten
+Blicken ausbreitete.
+
+Da dachte die arme Missionswaise in stiller Andacht an seine lieben
+Verstorbenen, an den aufrechten, allzu tapferen Vater, der drüben
+irgendwo im zentralamerikanischen Urwald verscharrt worden war, an die
+treue, stille Mutter, die auf dem Herrnhuter Hutberg nicht weit von den
+Zinzendorfgräbern der Auferstehung harrte. Ja -- wenn? Und plötzlich
+war der noch eben so fröhliche Kaspar mitten in seinen alten, trüben
+Zweifeln.
+
+Nachdenklich setzte er sich auf eine einsame Waldbank und sann und
+sann. Seltsam -- daß er, der immer wieder so schwer an Christi
+Auferstehung zweifeln mußte, an die Auferstehung seiner Eltern zu
+glauben nicht lassen konnte!
+
+In tiefe Gedanken versunken, ging er achtlos wie ein Nachtwandler
+denselben Weg langsam zurück, den er soeben noch rasch und mit hellen,
+scharfen Augen um sich schauend gekommen war.
+
+Als er am Anstalttor wieder angelangt war, stand ein Entschluß bei
+ihm fest: er wollte den neuen Direktor dringend bitten, ihn vom
+Religionsunterricht zu dispensieren.
+
+ * * * * *
+
+Im Hause stieß Kaspar Krumbholtz zuerst auf das allzeit fröhliche
+Dioskurenpaar Knortz und Muffke, die ihren dienstfreien Sonntag schon
+mit einer Morgenpfeife feierten.
+
+Man schloß schnell Bekanntschaft und frühstückte behaglich zusammen auf
+der Lehrerstube. Dabei weihten die biederen Mecklenburger den neuen
+Reihenkollegen humorvoll in allerlei Sach-, Schul- und Personalfragen
+ein und wollten sich ausschütten vor Lachen über Kaspars erstes
+Abenteuer mit Schlegelmeyer.
+
+Herzhaft klopfte Moritz nach seiner Art dem neuen Kollegen auf die
+Schulter und meinte ermutigend: »Nur so weiter, junger Mann! Will Ihnen
+wat sagen: Dem hannoverschen Unteroffizier müssen Sie immer gleich
+feste auf die Hühneraugen treten, dann werden Sie ihn am ersten los.
+Angst muß er haben, sonst spuckt er Gift, wie ne olle Klapperschlange.«
+
+Bald darauf erschien Thilo Kratts ragende Hünengestalt und ward
+dem »Fuchsen«, wie Moritz den Neuling frischweg nannte, als sein
+nunmehriger Reihenchef vorgestellt; Krumbholtz sollte nämlich
+Stubenlehrer bei den Vierten werden.
+
+Herr Kratt gratulierte ihm scherzhaft zu seinem gestern abend bereits
+bewährten kalten Blut, und riet ihm recht bald, womöglich noch vor der
+Predigt, den »Chef« und den Mitdirektor aufzusuchen, denn Sonntags
+wären sonst die beiden nicht leicht zu treffen.
+
+Mit einem nicht ganz behaglichen Gefühl schritt Kaspar Krumbholtz die
+Treppe hinauf zu seinem Direktor, Bruder Nitschke, der anscheinend im
+ganzen Hause nur kaufmännisch als »Chef« bezeichnet wurde.
+
+Unwillkürlich stieg vor des jungen Schulmeisters Seele das Bild seines
+ehemaligen Gnadenzeller »Onkels« auf, der auch des vertraulichen Titels
+Bruder nicht gewürdigt wurde. Das gab immerhin zu denken.
+
+Um so angenehmer überrascht war Kaspar, als er auf einen freundlich
+lächelnden, liebenswürdigen Mann stieß, der ihn mit weltmännisch
+verbindlichen Formen herzlich willkommen hieß und sich sofort höflichst
+entschuldigte, daß ihm eine plötzliche Abhaltung das Vergnügen
+persönlicher Abholung vom Bahnhof versagt hätte.
+
+Kaspar wunderte sich nur, daß er als Mitglied der Brüdergemeine mit Sie
+angeredet wurde, aber er sagte nichts. Der redselige »Chef« half ihm
+rasch über jede Verlegenheit fort und deutete ihm an, wie gut er es
+hier im schönen Süden und in der wohlausgestatteten Anstalt haben
+würde.
+
+»Das Leben,« schloß er, »hat hier einen freieren und reichlicheren
+Zuschnitt als im Norden und zumal in Oberschlesien. Wir sind
+wahrscheinlich nicht so altgemeinmäßig, wie Sie das vielleicht gewohnt
+sind; aber mein verehrter Kollege, warten Sie nur einige Wochen, und
+es wird Ihnen bei uns schon gefallen. Bald werden Sie gar nicht mehr
+anderswo leben wollen. Sie bekommen ja auch die vierte Stube und damit
+einen prächtigen Kollegen, Herrn Schnäbele, der uns nur leider nicht
+mehr lang erhalten bleiben wird. Lernen Sie von ihm, mit den Kleinen
+recht väterlich umzugehen; das ist oft schwerer als die Großen zu
+zügeln. Doch mit Ermahnungen will ich Sie nicht gleich belästigen.
+Ich darf Sie überhaupt wohl darauf aufmerksam machen, daß ich im
+allgemeinen mehr für die Verwaltung und den äußeren Dienst zuständig
+bin. Der innere Dienst dagegen und insonderheit der Schulbetrieb ist
+Bruder Lohmanns bewährter Leitung unterstellt, der Ihnen demnächst
+alles Nähere mitteilen wird. Was die Reisekosten anlangt, so
+liquidieren Sie wohl die üblichen 100 Mark. Darf ich sie Ihnen gleich
+aushändigen?«
+
+»Ich habe aber nur 62 Mark und 35 Pfennige gebraucht,« antwortete
+Kaspar.
+
+»Nun, da waren Sie ja sehr sparsam,« meinte der Direktor lächelnd.
+»Aber Verehrter, Sie werden mir nicht böse sein, wenn ich Ihnen
+doch hundert Mark gebe. Sie haben hier gewiß noch allerlei kleine
+Einrichtungsausgaben; auch ist Ihr Gehalt -- Sie wissen -- die ersten
+zwei Jahre nur 25 Mark monatlich -- nicht sehr reichlich -- ich kanns
+leider nicht ändern, so gern ichs täte. Mangel sollen Sie jedoch
+darum nicht leiden. Wenn Sie mal nicht auskommen, so wenden Sie sich
+nur vertrauensvoll gleich an mich. Ich werde Ihnen da gern einige
+Nebeneinnahmen zuwenden; es gibt immer so allerlei, Nachhilfestunden,
+Badewachen und dergleichen. Zeichnen Sie nicht auch sehr hübsch? Ich
+dächte, Bruder Bauding hätte so etwas geschrieben. Na also, und nicht
+wahr -- hier hundert Mark?«
+
+Verlegen dankend nahm Kaspar das Geld und sah seinen Vorgesetzten, der
+augenscheinlich eine Verabschiedung erwartete, dann unruhig an.
+
+»Wollten Sie vielleicht noch einen Wunsch äußern?« fragte schließlich
+Bruder Nitschke verbindlich.
+
+»Ja, Herr Direktor,« begann Kaspar gedrückt, »ich weiß nicht, ob Herr
+Unitätdirektor Bauding Ihnen auch geschrieben hat, warum ich Gotteshaag
+eher verlassen habe als sonst wohl üblich.«
+
+»Aber gewiß,« sagte der Direktor lächelnd, »und darum brauchen Sie sich
+auch gar keine bitteren Gedanken zu machen. Ich bin kein Ketzerrichter
+und überhaupt kein großer Theologus. Ich verlange von meinen Lehrern
+nur, daß sie mir meine Zöglinge gut behandeln, sie erziehen und ihnen
+-- da es meist Ausländer sind, vor allem ein gutes Deutsch beibringen.
+Daran wird es bei Ihnen wohl nicht fehlen, lieber Kollege, trotz der
+fehlenden zwei Semester. Im übrigen nur Mut, junger Freund, ich darf
+Ihnen verraten, Sie haben sonst eine glänzende Konduite -- gerade
+auch als Lehrer -- ich glaube, die Fortbildungsschule haben Sie schon
+geleitet. Nun -- im Vertrauen, so schwierig ist unsere Schule hier
+nicht einmal. Also ich freue mich, Sie erhalten zu haben.«
+
+»Ich danke Ihnen, Herr Direktor,« brach es freudig aus Kaspars Innerem
+hervor, »und so werden Sie es mir wohl nicht verübeln, wenn ich Sie
+bitte, mich nicht Religionsunterricht erteilen zu lassen.«
+
+»Wenns weiter nichts ist,« erklärte Bruder Nitschke schmunzelnd, »das
+will ich Ihnen gern zusagen, auch wenn das eigentlich Sache Bruder
+Lohmanns ist. Sagen Sies ihm nur! Nein, nein, für Religion haben wir
+immer Angebot, namentlich von den auswärtigen Herren. Also keine
+Sorge. Und nun guten Morgen, lieber Kollege -- und alles Gute! Heute
+mittag erwartet meine Frau Sie zum Essen, in meiner Wohnung bitte. Auf
+Wiedersehen!«
+
+Mit großer Erleichterung schritt Kaspar Krumbholtz die kleine Treppe am
+Direktorzimmer wieder hinab.
+
+Den Mann hatte er sich freilich anders vorgestellt. Was für ein
+Zerrbild hatte der schändliche Gemeinklatsch hier wieder einmal
+gezeichnet. An »Onkel Herbst« war nicht zu denken.
+
+ * * * * *
+
+Als Kaspar nun bei Bruder Lohmann anklopfte, mußte er ziemlich lang
+auf die Eintritterlaubnis warten. Erst tönte ein verlegenes »Gleich,
+gleich!« von drinnen, weiter ein »Nur noch zwei Minuten«, endlich ein
+sonores »Herein!«
+
+Der Besucher trat in eine geräumige, helle Stube, in der ihn ein
+zusammengerollter Dachs mit verständig diskretem Gebell von seiner
+Sofaecke aus willkommen hieß; auch einige Waldvögel begrüßten aus
+ihren am Fenster hoch übereinandergetürmten Käfigen den Ankömmling
+mit neugierigem Gezwitscher. Aber der Herr des Zimmers steckte nur
+gerade seinen noch unfrisierten Kopf aus der Türspalte von der
+nebenanliegenden Kammer herein, rief lächelnd: »Bitte, einstweilen
+Platz nehmen, stehe sofort zu Diensten,« und verschwand abermals für
+einige Minuten.
+
+Unterdessen sah sich Kaspar in dem ein wenig überladenen Raume um, der
+sichtlich den Stempel einer eigenartigen, vielleicht etwas krausen,
+jedenfalls bewußt moravischen Persönlichkeit trug.
+
+Da hingen an den Wänden die großen Ölbilder des Grafen Nikolaus Ludwig
+von Zinzendorf und seines schier überirdisch verklärten Sohnes
+Christian Renatus. Auf eichenen Bücherborten standen wohlgeordnet
+sämtliche Ausgaben alter Gemeingesangbücher, eine Menge wertvoller
+Brüderschriften, die seltenen Büdingenschen Sammlungen, die +idea
+fidei unitatis fratrum+ undsoweiter. Darüber sann das wehmütig milde
+Patriarchenhaupt des Brüderbischofs Amos Comenius; daneben hing ein
+mächtiges Kupferstichblatt, die Predigt des ersten Brüdermissionars
+vor den Indianern darstellend; weiterhin zierten graziöse
+Pastellporträts berühmter Brüder und Schwestern, in schönen Empire-
+und Biedermeyerrahmen zwischen allerlei feinen Schattenrißbildchen
+hängend, die Wände. Und endlich über dem verstaubten Schreibpult, auf
+dem Hefte, Bücher, Zigarren, Löffel und allerlei Kästen mit Vogelfutter
+in vergnüglichem Wirrwarr durcheinander lagen, grüßte den Beschauer
+noch ein herrlicher, weißlockiger Kopf, unter dem stand in klarer
+Antiqua: +Leonardus Ludovicus Lohmann, episcopus unitatis fratrum,
+suae aetatis LXXIII.+
+
+Leise Schauer erfaßten den Sohn der letzten Neißerin, der wohl wußte,
+wer jener Bischof gewesen war, und was er mit seinem Urgroßvater
+zusammen für sein Kirchlein geleistet hatte. Hier war heiliger Boden,
+hier galt es im Geiste die Schuhe ausziehen und Andacht zu üben.
+
+Da öffnete sich die Kammertür, und der Mitdirektor trat, mit einem
+letzten Griff nach seiner verschobenen Krawatte tastend, noch ein
+wenig keuchend und verlegen herein und begrüßte den jungen Kollegen
+mit warmer Herzlichkeit; natürlich nicht ohne einige umständliche
+Entschuldigungen über seine sonntägliche Langschläferei.
+
+»Ich habe unterdessen Ihre vielen Schätze bewundert, Herr Mitdirektor,«
+meinte Kaspar.
+
+»Hör mal, wir duzen uns doch,« unterbrach ihn Bruder Lohmann rasch,
+»das wäre noch schöner! Von den auswärtigen Herren muß ich mir das Sie
+und den Herrn Mitdirektor zwar gefallen lassen, aber von dir nicht. Im
+Gegenteil, ich hoffe sogar, lieber Bruder und Kollege, wir werden mit
+der Zeit ebenso treue Freunde werden wie vor hundert und einigen Jahren
+unsere Urgroßväter.«
+
+Dabei wies Bruder Lohmann sichtlich stolz auf das Bild über seinem
+Schreibtisch und reichte dem jungen Kollegen nochmals die Hand, in die
+dieser gern und kräftig einschlug. Dann bot der Mitdirektor seinem
+Gastfreund eine Zigarre und den Ehrenplatz auf dem Sofa neben dem schon
+wieder halbentschlummerten Dachs an.
+
+Bald schmauchte man behaglich, und das Gespräch floß munter dahin wie
+unter guten Gesellen. Kaspar fühlte sich hier wirklich wie zu Hause.
+
+Auch Bruder Lohmann orientierte den neuen Kollegen rasch über die
+wichtigsten Personalfragen, riet ihm, sich mit Vertrauen an seinen
+bewährten Stubenkollegen Schnäbele anzuschließen; nur sich nicht
+unnötig gegen den sowieso schon unbeliebten Schlegelmeyer aufhetzen
+zu lassen. Der Hannoveraner wäre im ganzen wohl kein sonderlich
+angenehmer Kollege, aber ein ganz vorzüglicher Lehrer und ein sehr
+ruhiger und zuverlässiger Erzieher, dem auch die ältesten Engländer
+sich anstandslos fügten. Und das sei ein heikler Punkt hier im Hause.
+Die Engländerkolonie bilde leider seit alters eine +ecclesiola in
+ecclesia+, und damit müsse man eben rechnen und sich zu stellen
+versuchen, was namentlich die auswärtigen Herren in ihrem sonst sehr
+gesunden Nationalstolz nicht recht begriffen oder begreifen wollten.
+
+Auf der vierten Stube spiele die Frage noch keine große Rolle, da
+dort die oft recht schwierigen Franzosen und zum Glück auch die
+Deutschschweizer, so die prächtigen Basler Büble, in großer Zahl
+vertreten seien, nur der Senior Ronald Hooper sei natürlich ein
+Engländer, übrigens einer der besten.
+
+Dann kam der Mitdirektor auf den Unterricht und seine in diesem Hause
+durch die besonderen Verhältnisse bedingten Methoden zu reden, fragte
+schließlich schonend, ob Kaspar sich getraue gleich in den oberen
+Klassen zu unterrichten und ob ihm 28 Stunden, darunter freilich
+12 präparationsfreie Zeichen- und deutsche Konversationsstunden für
+Anfänger, zu viel sein würden.
+
+Kaspar verneinte ruhig und setzte dann scheu hinzu: »Wenn nur keine
+Religionstunden darunter sind.«
+
+»Nein, lieber Kollege,« sagte Bruder Lohmann einfach, »davon habe
+ich bei deinen besonderen Verhältnissen gleich abgesehen. Du sollst
+in dieser Beziehung bei uns ganz in Ruhe gelassen werden; auch zum
+Predigen sollst du nicht herangezogen werden, ich habe schon mit Bruder
+Wiesendahl darüber gesprochen. Im Vertrauen -- es ist auch keine Freude
+zu predigen bei der jetzigen Spannung zwischen Laien und uns jüngeren
+Geistlichen. Es steht nicht gut!«
+
+Kaspar Krumbholtz sah sein Gegenüber mit einem warmen,
+verständnisinnigen Blick an, und ein unendlich wohltuendes Gefühl der
+Ruhe und des Geborgenseins überkam ihn von neuem in diesem heimlichen
+Raume, bei diesem echt brüderlichen Manne, von dem er nach einer
+köstlichen Stunde reichster Belehrung schied wie von einem alten
+Freunde.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Vormittag bereits gab Kaspar Krumbholtz mit gutem Mut und
+innerer Freude seine ersten Unterrichtstunden, und nach dem Essen trat
+er auf Stube 4 seinen Aufsichtsdienst an, in dem er nun Tag um Tag mit
+dem guten Schnäbele, der ihn zunächst wie ein rührend treuer Vormund
+bevaterte, abzuwechseln hatte.
+
+Mit »Papa Schnäbele«, wie der wackere Württemberger Theolog bei
+seinen ihn vergötternden, freilich ihn auch gehörig plagenden
+Vierten hieß, wetteiferte der Senior Ronald Hooper, eine wandelnde
+kleine Hausordnung, in Gewissenhaftigkeit, den neuen Lehrer in alle
+Geheimnisse und Pflichten seines Stubendienstes einzuweihen. Da
+wurde gezeigt, wie die Schränke und Schubladen in richtiger Ordnung
+aussehen mußten; da wurde Rechnung abgelegt über die von Ronald
+verwaltete Stubenkasse, aus der die kleinen Kaffeespaziergänge, die
+Geburtstagteeabende und die Fußballreparaturen bestritten wurden;
+da wurden die Obliegenheiten des Wochendieners, die Machtbefugnisse
+der Fußballkapitäne, die Vorrechte der Stube und ihres Seniors
+genau angegeben, die Sonntagbestimmungen betreffs des Kaffee- und
+Kuchenholens und der Erlaubnis, zwei Stunden in der Heimatsprache zu
+sprechen, mitgeteilt; endlich das Strafbuch vorgelegt mit dem stolzen
+Hinweis, daß seit zwei Monaten auf der vierten Stube überhaupt keine
+größere Bestrafung stattgefunden habe im Gegensatz zu der berüchtigten
+zweiten Stube, die allein im letzten Monat 38 Strafen gehabt hätte.
+
+Kaspar Krumbholtz hielt sich klug zurück, ließ die 13jährige Weisheit
+von Senior ruhig reden und prahlen und staunte doch heimlich über
+das unverkennbare Herrschertalent der englischen Rasse, das mit
+prachtvoller Naivität auch aus dieser kleinen Energenz strahlte.
+
+Und nun kam die Hauptsache: Präsident Ronald kommandierte nach der
+Reihe seine getreuen Stubenuntertanen zur Huldigung heran, nachdem er
+kurz zuvor ein knappes, oft verblüffend scharfes, doch -- wie sich
+später herausstellte -- ziemlich richtiges Urteil über die einzelnen
+Kameraden abgegeben hatte. Die drei Engländer schätzte Ronald natürlich
+am höchsten ein, dann kamen einige Schweizer, zwei Schweden und ein
+Italiener, endlich die Franzosen und französischen Schweizer, von denen
+Ronald offenbar am wenigsten hielt, obgleich er etwas verächtlich
+zugab, daß sie in der Klasse die besten seien.
+
+»Wie bist du denn da?« fragte Bruder Krumbholtz zum ersten Male
+dazwischen.
+
+»O,« antwortete Jung-Ronald lakonisch, »ziemlich schlecht wie wir
+Engländer fast alle. Aber wir sind nur da, für Deutsch lernen, nicht
+für studieren, das kommt später in Eaton und Oxford.«
+
+Krumbholtz schmunzelte und dachte bei sich: Menschenkenntnis und
+Charakter hilft diesen Albionssöhnen über jede fatale Situation hinweg.
+
+Dann ging er unter Anleitung seines Premierministers Ronald mit seinen
+Vierten zum Fußballspiel.
+
+Die Kapitäne, der schlanke Rowles und der stämmige Schaffhuser, wählten
+und verfügten auch kurzerhand über den neuen Lehrer.
+
+Als aber Bruder Krumbholtz dreimal spielend den Lagerhalter überrumpelt
+hatte, erklärten sie mit einem sonderbaren Gemisch von Verzweiflung und
+Ehrerbietung: es müsse anders gewählt werden, Bruder Krumbholtz spiele
+ja beinahe so gut wie Huntington und Venobles, die Kapitäne der Ersten.
+
+Die Neuwahl machte Schwierigkeiten; bis Bruder Krumbholtz vorschlug,
+die Kapitäne Rowles und Schaffhuser sollten doch beide gegen ihn
+spielen. Das leuchtete plötzlich allen ein, die nun vereinten alten
+Gegner spielten wetteifernd mit glänzender Bravour. Bruder Krumbholtz
+hielt sich darauf ein wenig zurück, und richtig, ein Lager wurde gegen
+ihn gewonnen. Nun war der Jubel und der Stolz der beiden siegreichen
+Kapitäne groß, und äußerst befriedigt kehrte man heim zur alltäglichen
+Arbeitsstunde.
+
+Der geschlagene neue Stubenlehrer der Vierten schmunzelte nicht wenig,
+als er im Vorübergehen Ronalds großgünstiges Urteil aufschnappte:
+»Weißt du, Rowles, Mister Kobolz spielt ganz gut, aber mit Huntington
+und Venobles kann er doch nicht spielen!«
+
+Krumbholtz freute sich, daß er schon so schnell einen Spitznamen weg
+hatte. Das ist immer ein gewisses Zeichen von Sympathie bei Buben.
+
+Am nächsten dienstfreien Nachmittag spielte er bei den Ersten mit,
+ward allerdings zweimal von dem schwarzen Harryman, dem gefürchtetsten
+Hinterspieler der Ersten, zu Boden gebracht, gewann aber trotzdem
+schließlich ein Lager.
+
+Ob dieses erstaunlichen Erfolges, zu dem die oft und gern, nur ein
+wenig ungeschickt mit den Ersten spielenden mecklenburgischen Dioskuren
+dem jüngsten Reihenkollegen herzlich gratulierten, berief die englische
+Kolonie in der nächsten Frühstückszeit ein geheimes Meeting, nahm von
+dem neuen Mister Kobolz ausführlich Notiz und erklärte ihn für einen
+»ganz famosen Kerl«.
+
+Das erleichterte Kaspar Krumbholtz manches in den sechs
+Geschichtstunden, die er in den zwei obersten Klassen zu geben hatte.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Der angehende Weltmann
+
+
+Mit einem Hochgefühl sondergleichen schritt Hans Sebalt vom wenig
+anmutenden Berliner Bahnhof nach der alten Buchhandelmetropole Leipzig
+hinein, wo er nun sein neues Studium beginnen sollte.
+
+Zum ersten Male kam der junge Herrnhuter in eine Großstadt, kam mit
+einem leidlich gefüllten Beutel, kam mit der festen Absicht, nicht nur
+zu studieren, was die Väter wünschten, sondern auch, und vor allem,
+aufzunehmen, was das flutende Leben ihm bieten konnte.
+
+Ein Duckmäuser war Hans Sebalt nie gewesen, jetzt wollte er die
+Gelegenheit, ein Weltmann zu werden, beim Schopfe fassen -- auch
+auf die Gefahr hin, den Ruf eines wahrhaften Gemeinbruders darüber
+einzubüßen.
+
+Ein stilles Lächeln umspielte Hans Sebalts siegesgewisse Mienen. Er
+blähte übermütig die Nüstern und sog die aus Ruß und Parfümduft seltsam
+gemischten Fabrikgerüche der Berliner Straße befriedigt schnobernd
+ein, als gäben sie ihm vorweg die Quintessenz des Großstadtdaseins.
+
+Am Ende der langweiligen Berliner Straße bog Hans Sebalt rechts nach
+Gohlis ab, wo es -- wie man ihm gesagt hatte -- die billigsten und
+behaglichsten Studentenwohnungen geben sollte, unwillkürlich dem alten
+Witzwort folgend: »Wems zu wohl is, geh nach Gohlis«.
+
+Gleich an der ersten Ecke neben einem weitläuftigen Barackenkasernement
+wies ein stattliches, vierstöckiges Haus zahlreiche Vermietungsplakate,
+ein anderes daneben nur ~ein~ Mietangebot auf. Der kluge Hans
+Sebalt sagte sich sofort, daß in dem ersten Hause wohl wenig angenehme
+Wohnungsverhältnisse herrschen müßten, sonst würden nicht so arg viele
+»Buden« leerstehen.
+
+Also trat er kurzerhand in das zweite Haus ein, und nach fünf Minuten
+hatte er in dessen viertem Stock bei einer freundlichen Wirtin, Frau
+Breutel, ein ganz hübsches Zimmer nebst einer kleinen Kammer für ein
+Billiges ermietet.
+
+Das war ein stolzes Bewußtsein für ein armes herrnhutisches
+Missionskind: zum erstenmal in seinem Leben besaß er ein Stübchen, ganz
+für sich allein, noch dazu eines mit einer weiten, herrlichen Aussicht.
+
+Hans Sebalt setzte sich im Vollgefühl seines Glücks erst eine Weile
+ans offene Fenster und sah leise ergriffen hernieder auf die nahe,
+menschenwimmelnde und dumpfbrausende Riesenstadt mit ihren Hunderten
+qualmender Schlote, ihren Tausenden von nach und nach im blaugrauen
+Dämmerdunst aufblitzenden Lichtern, ihrer Unmenge von Straßen und
+Gassen, mit ihrem Hasten, Fluten und Drängen und ihren lockenden
+Geheimnissen.
+
+Was war das für ein greller Gegensatz gegen die stillen
+Herrnhutergemeinen, in deren einer fern der ehrliche »Schelm«
+seinen anstrengenden Schul- und Aufsichtdienst tat wie ein braver
+Karrengaul. Warum -- der Narr! Er hätte es ebenso gut haben können
+wie sein getreuer »Schuft«. Und was hätte das für ein vergnügliches
+Zusammenleben, Zusammenstudieren, Zusammengenießen hier werden können!
+Nun -- er hatte einmal seinen Dickkopf, der brave Kaspar! Und er,
+Hans Sebalt, war nicht der Mann, der ihm nachlief; aber schreiben und
+erzählen von all dieser Herrlichkeit wollte er ihm schon einmal, und
+zwar so, daß ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen sollte.
+
+Mit solchen Gedanken stieg Hans Sebalt seine vier Treppen wieder hinab
+und ging zum Bahnhof zurück, um seine Sachen zu holen. Stolz und
+trotzig schritt er der Stadt zu, gleichgültig an hunderten vom schweren
+Tagwerk eben glücklich erlösten Fabrikarbeitern vorüber, und aus seinen
+strahlenden Mienen sprachen deutlich die kecken Worte: »Was kostet die
+Welt?«
+
+ * * * * *
+
+Schon am nächsten Tage erlebte der hochgemute Hans Sebalt seine ersten
+Enttäuschungen.
+
+Als er zur Universitätquästur kam, um sich immatrikulieren zu lassen,
+bedeutete man ihm: er könne einstweilen weder als Student noch als
+Hörer eingeschrieben werden, da die vielleicht von seiner Behörde
+nachgesuchte Reifezeugnisbestätigung bis jetzt vom Kultusministerium
+noch nicht eingegangen sei, und der vorgelegte Berechtigungsschein
+für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst für ihn gar keine Geltung habe,
+da er ja als Kapländer englischer Untertan sei. Als der eben noch so
+selbstsichere Gentleman aus Südafrika darob hilflos zusammenzuckte und
+dann ganz bescheiden bat, man möchte ihn doch wenigstens vorläufig als
+Gastteilnehmer zulassen, erwiderte man ihm lakonisch: er solle sich die
+Bestimmungen dafür im Sekretariat geben lassen und sich dann an die
+dafür zuständige Stelle wenden.
+
+Sehr beschämt schlich Hans Sebalt hinaus.
+
+Auf der Polizei hatte er ebenfalls Schwierigkeiten. Man verlangte
+einen ordentlichen englischen Geburtausweis von Sebalt, der deutsche
+Taufschein seines Vaters genüge nicht. Er müsse genau nachweisen
+können, so hieß es von oben herab, daß er wirklich englischer Untertan
+sei und für den deutschen Militärdienst nicht in Frage käme. Ein
+Engländer, der nicht englisch spräche, sei immerhin verdächtig.
+Wahrscheinlich wolle er sich nur vom Militärdienst drücken.
+
+Hans Sebalt fehlte es zu seinem Glück an Worten, seiner Empörung
+genügenden Ausdruck geben zu können. Er dachte nur im stillen: er würde
+ja viel zu gern dienen, wenn es die Unität nur bezahlen wollte, und
+entfernte sich tief beleidigt.
+
+Nach einem guten Mittagessen, das ihm trotz allen Ärgers trefflich
+geschmeckt hatte, ging er nach seiner neuen Wohnung, steckte sich eine
+seiner letzten Herrnhuter Zigarren an und streckte sich behaglich auf
+seiner schönen Chaiselongue aus, um neue Pläne zu schmieden.
+
+Da klopfte es, und auf sein »Herein« wankte eine lange, schlottrige
+Gestalt ins Zimmer, die sich als den Inhaber der Wohnung vorstellte und
+um freundliche Vorausbezahlung der Monatsmiete bat.
+
+Hans Sebalt fuhr ärgerlich empor und fragte hochfahrend:
+
+»Na, sind Sie denn nicht der Mann von der Frau Breutel da draußen?«
+
+»Zu dienen, Emanuel Breutel,« flötete süßlich die leis
+zusammenklappende Hauswirtsgestalt, »ich bin noch der Ehemann dieser
+Frau da draußen, bin auch noch der Besitzer aller dieser Sachen wie
+des Buttergeschäfts im Parterre, auch Käse können Sie da haben -- sehr
+guten, falls der Herr mal Bedarf haben sollte.«
+
+»Nee, danke,« wehrte Hans Sebalt gnädig ab, »aber nun sagen Sie mal,
+was ist denn los? Ich habe doch gestern, als ich mietete, Ihrer Frau
+den Mietzins für einen Monat bezahlt! Hat sie Ihnen das denn nicht
+gesagt?«
+
+»So, so, Sie haben schon bezahlt,« begütigte Herr Breutel mit trauriger
+Gebärde, »das tut mir recht leid, denn mir gesagt hat sie natürlich
+wieder nichts, die Tücksche! Also dann verzeihen Sie nur untertänigst,
+Herr Doktor, -- ja was ich nur sagen wollte -- meine Frau, ja -- ja
+-- hm -- ach -- wenn Sie doch von nun an die Güte haben wollten, mir
+die Miete zu geben -- ja, ich darf wohl bitten! Ich, ich möchte mich
+da nicht so näher auslassen, Herr Doktor werden schon verstehen! Also
+nicht wahr, zum nächsten Ersten bitte ich ganz ergebenst um den Betrag;
+ich werde Ihnen darüber auch eine rechtmäßige Quittung ausstellen.
+Womit ich mich Ihnen hochachtungsvoll empfehle. Nichts für ungut, Herr
+Doktor, ich bitte die Störung gütigst zu entschuldigen -- angenehme
+Ruhe, guten Bonjour, Herr Doktor, atjee wünsch ich, atjee!«
+
+Kaum hatte sich der lange Käsehändler dienernd zur Tür hinausgewunden,
+da klingelte es draußen heftig. Allerlei Scheltworte waren zu hören,
+und wieder klopfte es bei Sebalt, der sich eben erst von neuem
+hingestreckt hatte und grimmig »herein« rief.
+
+Ein robuster, bärtiger Mann trat polternd herein, stellte sich,
+breitbeinig hin- und herwuchtend, als Hauswirt und Kohlenhändler Wuppke
+vor, und bat mit dem jungen Herrn betreffs der Miete Rücksprache nehmen
+zu dürfen.
+
+»Zum Donnerwetter,« fuhr nun Hans Sebalt los, »wieviel Leuten soll ich
+denn hier meine Miete berappen, da hört sich doch alles auf!«
+
+Herr Wuppke lächelte perfide und meinte dann wohlwollend: »Sie sind ja
+wohl fremd und jung, und da fällt man eben leicht mal rein. Es sind
+hier etwas mulmige Verhältnisse, in die Sie geraten sind. Der Kerl da,
+der soeben bei Ihnen war, kommt gerade aus dem Kittchen. Er hat so
+allerlei schöne Sachen auf dem Gewissen, von denen sich ein reeller
+Geschäftsmann wie unsereins fern hält. Na und jetzt mit seiner Frau,
+das ist ja auch nicht gerade kulant, aber schließlich -- was gehts mich
+an --«
+
+»Wenn Sies wissen,« unterbrach ihn Sebalt neugierig, »dann wäre ich
+Ihnen verbunden für Aufklärung, damit ich endlich einmal genau weiß,
+woran ich bin.«
+
+»Schön, sollen Sie haben, junger Mann! Also, was der Breutel is,
+sagt ich ja schon. Und seine Frau ist sonst gar nicht übel. Aber sie
+paßten halt schlecht zusammen. Kommt so vor. Kinder gabs keine, aber
+um so mehr Zank. Natürlich gab jeder dem andern die Schuld, bis der
+blöde Emanuel dann eines Tages mal hinter den schwedischen Gardinen
+verschwinden mußte. Da hat sich denn die resolute Breuteln rasch
+entschlossen, den Gegenbeweis anzutreten mit nem schneidigen Vize
+von drüben. Und richtig, als der Emanuel vom behördlichen Nachdenken
+wiederkam, da war er der unschuldige Vater von zwei noch unschuldigeren
+Göhren. Ach du lieber Gott! Der hat nicht schlecht gejammert! Fluchen
+kann er ja nicht, das schleimige Schalaster; aber scheiden will er sich
+auch nicht lassen, und ich glaube, die arme Frau kommt nicht los.«
+
+»Sind ja nette Verhältnisse,« knurrte Sebalt, »in die ich da
+hineingeraten bin; aber schließlich, was hat das mit Ihrer
+Mietforderung zu tun?«
+
+»Das kommt nun noch,« erklärte Wuppke höhnisch, »also der Kerl bezahlt
+mir keine Miete, und da habe ich ihm gekündigt, hab ihn auch stantupeh
+verklagt, und hier junger Mann (er holte einen Schein aus seiner Tasche
+hervor) -- hier sehn Sie die gerichtliche Erlaubnis, daß ich auch die
+Aftermieter ranziehen darf, falls ich sie den Breutels nicht überhaupt
+verbiete, wozu ich nämlich auch das Recht hätte.«
+
+Da öffnete sich plötzlich stürmisch die Tür, und die Wirtin Sebalts,
+die stattliche Frau Breutel, rauschte herein, hochrot vor Zorn, wie
+eine gereizte Pute.
+
+»Um Verzeihung, Herr Doktor,« mischte sie sich sofort ein, »es tut
+mir unendlich leid, daß Sie gleich solche Schererei haben. Sie haben
+mir die Miete ordnungsgemäß bezahlt, und da sorgen Sie sich gar
+nicht. Ich bringe schon alles in Ordnung. Das ist mein notwendiger
+und selbstverdienter Unterhalt als Frau, den mir niemand abstreiten
+kann, weder der erbärmliche Kerl von unten aus dem Butterladen, der
+sich -- Gott seis geklagt -- noch immer als mein Mann ausgeben darf,
+noch dieser Herr da, der uns zum nächsten Januar exmittieren lassen
+und klagen darf, so viel er will, aber hier in meiner Wohnung vor
+der Hand gar nichts zu suchen hat. Also ich bitte, Herr Wuppke, Sie
+verlassen mal augenblicklich diese meine Wohnung, oder ich hole nicht
+nur die Polizei, sondern ich ziehe auch mein gestriges Angebot zurück,
+Ihnen wenigstens für diese meine Wohnung -- der Butterladen geht mich
+ja nichts an -- die Miete zu zahlen. Also bitte, wirds nun bald, Herr
+Wuppke? Sie haben hier nichts zu suchen!«
+
+»Oho,« antwortete der Kohlenhändler brummig, »ich kann diesen Herrn
+hier besuchen, das steht mir durchaus frei.«
+
+»Ich danke aber gütigst für Ihren Besuch,« fiel nun Hans Sebalt
+schlagfertig ein, »ich bin jedenfalls kraft meiner Zahlung hier in
+diesem Zimmer Hausherr und bitte Sie dringend, mich nicht weiter
+zu belästigen! Klagen Sie meinetwegen, gegen wen Sie wollen; aber
+respektieren Sie gefälligst mein Hausrecht in meinen vier Pfählen! So
+-- ich habe die Ehre, Herr Wuppke.«
+
+Damit wandte sich Hans Sebalt mit der Grandezza eines Spaniers ab und
+ließ den verblüfften Kohlenhändler stehen, der nun wirklich murrend
+seiner Wege ging, während Frau Breutel ihm triumphierend nachsah.
+
+Nachdem Sebalt, einigermaßen belustigt, sich seine ausgegangene
+Herrnhuterzigarre abermals angezündet hatte, sprach ihm seine Wirtin
+mit großer Beredsamkeit ihre Hochachtung, ja Bewunderung aus. Der Herr
+Doktor, meinte Sie schließlich, solle sich nur nicht sorgen und etwa
+darum ausziehen; sie werde ihm von nun an schon Ruhe schaffen, auch vor
+dem Butterhändler da unten, der eigentlich gar nichts mehr bei ihr hier
+zu suchen hätte, wenn die Gerichte ein Einsehen hätten. Über sie solle
+der Herr Doktor jedenfalls nicht zu klagen haben, sie sei eine saubere
+Frau.
+
+Hans Sebalt erklärte ihr kurz: er wäre noch lange nicht Doktor; mit dem
+Ausziehen, das würde er sich noch überlegen.
+
+Nachdem Frau Breutel mit devoter Freundlichkeit und einer gewissen
+Koketterie sich verabschiedet hatte, trat Hans Sebalt befriedigt
+lächelnd an sein Aussichtfenster und dachte bei sich: Schade, daß ich
+heute früh bei Quästur und Polizei nicht auch so habe abschneiden
+können. Aber warte nur, die Polizei kriegen wir schon, und die Quästur
+am Ende auch noch. Jetzt schreibe ich nach Berthelsburg, und dann
+gehe ich zum englischen Konsul. Und das mit dem famosen Breutelschen
+Ehepaar, das kann ganz interessant werden. Wer sich wohl solche
+Verhältnisse zu Gotteshaag hätte träumen lassen! Ja -- die Großstadt --
+das ist freilich eine andere Welt.
+
+Hans Sebalt war ausgezeichneter Laune.
+
+ * * * * *
+
+Die hohe königlich sächsische Polizeibehörde zog wirklich den Kürzeren
+in der Sache Sebalt, und das noch höhere königlich sächsische
+Kultusministerium hatte schließlich auch ein Einsehen. Johannes Karl
+Rudolf Sebalt aus Witewater im Kapland ward +rite+ immatrikuliert
+als +studiosus philosophiae+.
+
+Als er nun glücklich am ersehnten Ziele war, kam ein frohes, stolzes
+Gefühl über ihn, und er beschloß, den großen Tag mit einer kleinen
+Abendunternehmung zu feiern.
+
+Längst schon hatten allerlei Bier- und Weinlokale, zumal die mit
+Kellnerinnenbedienung, den frauenunkundigen jungen Herrnhuter gereizt;
+aber solange Hans mit der Polizei auf gespanntem Fuße stand, hatte er
+sich nicht allzu viel aus seinem Bau getraut. Jetzt, zumal im Besitz
+einer Studentenkarte, stand ihm die Welt von neuem offen, und auch
+die Geheimnisse der Großstadt, die er vor allem in Kneipen vermutete,
+durfte er nunmehr wohl ohne Bedenken zu ergründen suchen.
+
+So stieg er denn gegen Abend mit keckem Mute in den ersten besten
+Bierkeller der Altstadt hinab.
+
+Der dumpfe, langgestreckte, aber blendend erleuchtete Raum war sehr
+voll; die vielbeschäftigte Kellnerin stellte rasch das bestellte Glas
+Bier hin und nahm sonst auch nicht die geringste Notiz von dem am
+heutigen Tage richtig immatrikulierten Studiosus der Philosophie.
+
+Das behagte Herrn Sebalt wenig, auch sonst war so gar nichts Besonderes
+zu entdecken. Viel Lärm, viel Rauch und schlechte Luft; kein Mensch
+kümmerte sich um ihn. Sebalt trank aus, zahlte und stieg ein wenig
+enttäuscht wieder zur Straße hinauf.
+
+Sollte er es einmal mit einem Café versuchen? Es gab da allerlei
+Lokale dieser Art mit romantischen Namen. Also hinein und einen Kaffee
+bestellt.
+
+Aber o weh -- hier bedienten Kellner. Es war gar nichts los!
+
+In einem zweiten warteten zwar wohlfrisierte Mädchen auf, aber sie
+setzten Herrn Sebalt nur freundlich das Backwerk vor die Nase und
+gingen eilends ihrer Wege, obwohl er ihnen einen freundlichen Blick und
+schließlich im Vorübergehen einige verbindliche Worte spendete.
+
+Ärgerlich verließ er auch dieses Café und ging erwartungsvoll in
+eine Bierstube, in der eine zigeunerhaft kostümierte Damenkapelle
+konzertierte. Hier wurde Hans Sebalt ein wenig mehr Geld los, da nach
+jedem Stück eine recht niedliche Zigeunerin einsammeln kam; aber
+anzubändeln gelang ihm auch hier nicht, und gerade dazu hatte er heute
+in seiner Siegesstimmung Lust.
+
+Wieder entfloh er der aussichtlosen Zigeunerhöhle und überlegte hin und
+her, ob er es nicht nunmehr mit einer Weinstube versuchen sollte.
+
+Das konnte freilich ein teurer Spaß werden; aber noch war er gut bei
+Kasse, und der Tag wollte einmal gefeiert sein! Später konnte er ja
+um so mehr sparen; ein ehemaliger Gotteshaager Student, der an 16 Mark
+Taschengeld monatlich gewöhnt war, konnte trotz der Kosten für Logis
+und Unterhalt mit 100 Mark ganz schön auskommen. Also vorwärts hinein
+in die lockende Weinstube mit der bunten Laterne!
+
+Und richtig -- hier war es ziemlich leer. Verlockende Lauben und
+Nischen mit diskreter Beleuchtung waren vorhanden. Schon stürzte
+auch eine vollbusige Hebe eilends auf den Ankömmling zu, nahm ihm
+freundlichst den Hut ab und fragte mit verführerischem Lächeln: »Nun,
+Blondchen, was trinken wir? Schampus gefällig?«
+
+Hans Sebalts Herz begann ein wenig zu klopfen; auf Champagner war
+er nicht vorbereitet. Rasch jedoch fand er seine wohleinstudierte
+weltmännische Sicherheit wieder und sagte überlegen: »Bringen Sie mir
+eine Mosel.«
+
+»Sehr wohl, mein Herr!« antwortete die Kellnerin schon etwas kühler,
+»befehlen der Herr eine Flasche Bernkastler Doktor oder Graacher
+Himmelreich?«
+
+Jetzt wurde Hans Sebalt wieder ein wenig verlegen, setzte sich aber
+einstweilen zur Fassung gemächlich in eine der düstersten Nischen und
+bat möglichst blasiert um die Weinkarte.
+
+»Weinkarte führen wir keine,« erwiderte resolut das stattliche
+Frauenzimmer, »unsere Gäste wissen schon, was für Weine wir haben.
+Den Bernkastler Doktor kann ich dem Herrn sehr empfehlen, aber das
+Himmelreich ist auch sehr schön.«
+
+»Haben Sie keine anderen Sorten?«
+
+Ein Weinkenner war Sebalt nicht. In diesem Augenblick fiel ihm jedoch
+ein, daß er ja einmal beim Abiturientenschmaus in Bethel mit Kaspar
+zusammen eine Flasche Moselblümchen getrunken hatte, und so fragte er
+so großartig wie nur möglich nach dieser Marke.
+
+Die Kellnerin erwiderte verächtlich: »Solches Planschzeug führen wir
+hier nicht. Aber wenn der Herr nicht viel ausgeben will, so kann er ja
+auch ein Glas Portwein haben.«
+
+»Richtig,« fiel Hans Sebalt, wieder ganz Weltmann, ein, »jawohl,
+bringen Sie mir ein Glas Portwein, mein schönes Fräulein, vielleicht
+trinken Sie auch eins mit?«
+
+»Aber gern!« flötete nun wieder gnädiger die Hebe und besorgte rasch
+den Auftrag, während sich Hans Sebalt innerlich zu diesem billigen
+Ausweg beglückwünschte.
+
+Der Wein kam, man stieß an und begann zu schwatzen.
+
+Die Kellnerin nannte sich auf seine Anfrage Kathi, und Sebalt gab
+sich als Otto aus. Eben wollte er weiteres erfragen, da bat Kathi um
+Erlaubnis, sich ein zweites Glas holen zu dürfen.
+
+»Aber bitte,« sagte Sebalt galant und war nicht wenig erstaunt, als
+seine Gesellschafterin gleich mit zwei Gläsern zurückkehrte in der
+Annahme, der Herr Doktor werde doch unterdessen auch ausgetrunken
+haben.
+
+»Zum Wohl, Herr Doktor, aufs Spezielle +sine sine+!« rief Kathi
+übermütig lachend. Man stieß abermals an.
+
+Dann tätschelte die rundliche Hebe ihren Partner zärtlich, guckte ihm
+verführerisch lachend in die Augen und fragte ihn mundspitzend, ob sie
+ihrem süßen Ottchen nicht noch ein Glas mitbringen könnte, sie dürfe
+sich ja gewiß auch wieder eins holen.
+
+Hans Sebalt ward es nun doch ein wenig ungemütlich zumute; er dachte an
+seinen Geldbeutel, an die Väter in Berthelsburg, und schwankte. Aber
+gerade jetzt schien es doch interessant und vielleicht gar pikant zu
+werden -- ach was -- er wollte die Welt sehen und auch mal das Weib
+studieren -- die zwei Glas würden sich schon wieder heraussparen
+lassen.
+
+Also Hans Sebalt nickte höchst huldvoll Gewährung, und Kathi flog
+davon, um bald darauf mit neugefüllten Gläsern, einem Kaviarbrötchen
+und drei Zigaretten wiederzukommen.
+
+»Gelt, du erlaubst mir, Blondchen,« entschuldigte sie ihre
+Proviantzufuhr, »daß ich dazwischen eine Kleinigkeit esse, und
+dann muß ich immer ein paar Züge tun. Darf ich dir nicht auch einen
+Weinhappen bringen, deine Zigarre geht ja gerade zu Ende.«
+
+Hans Sebalt schmunzelte. Die Sache ging recht rasch -- schon beim du --
+also nur weiter! Der Weinhappen ward bewilligt, und eine gute Havannah
+brachte Kathi dem süßen Blondchen selbstverständlich mit und rauchte
+sie ihm sogar mit vollendeter Grazie an.
+
+Dann setzte sie sich recht nahe zu ihm heran, legte wie von ungefähr
+den Arm um Sebalt, so daß dieser ihres stattlichen Busens üppige Fülle
+zu spüren bekam, und sagte mit dem verklärtesten Augenaufschlag: »Weißt
+du, was ich jetzt möcht, Dickerchen?«
+
+»Vielleicht einen Kuß,« erwiderte Sebalt scheinbar kühl und keck,
+obwohl ihm die völlig ungewohnte Nähe eines anmutigen Frauenkörpers
+anfing die Sinne aufzuregen.
+
+»Ha -- warum nit,« meinte Kathi herausfordernd lachend, »aber an
+Schampus dazu darfst mir dann schon spendieren. Weißt, Schatzerl, wir
+nehmen an Halben -- für uns zwa langts schon. Gelt -- ich darf?«
+
+Und ehe Hans Sebalt noch ein Wort entgegnen konnte, war die flinke
+Kathi auf und davon und kehrte bald mit einer kleinen Flasche
+Champagner zurück, aus der sie zwei hohe Spitzgläser voll eingoß.
+
+Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel.
+
+Mit studentischer Eleganz trank Kathi Brüderschaft mit ihm und gab ihm
+einen schallenden Kuß. Es war der erste, den Hans Sebalt von einem ihm
+fremden jungen Weibe bekam; aber er hat sich seiner nie gern erinnert,
+denn was darauf folgte, war einigermaßen schmerzlich.
+
+Als die listige Kathi ihren Angriff auf Blondchens Herz und Geldbeutel
+gar zu energisch fortsetzen wollte, erwachte Sebalts gesunder
+Menschenverstand doch rasch. Er bat trotz aller Gegenvorstellungen
+Kathis um die Rechnung und wollte schier in den Boden sinken vor
+Schrecken, als ihm die neue Bruderliebe mit aller Grazie, die ihr zu
+Gebote stand, 21 Mark und 20 Pfennige zusammen rechnete.
+
+Hans Sebalt erbleichte. Das waren einundzwanzig Mittagessen -- für
+einen Kuß! Und mit dem Bezahlen hatte das auch Schwierigkeiten. Ein
+Zwanzigmarkstück hatte er zwar eingesteckt, aber das Kleingeld mußte er
+noch aus allen Taschen zusammensuchen, ja schließlich gar die letzten
+Briefmarken drauflegen.
+
+In dieser etwas kläglichen Situation ging der Weltmann in Hans Sebalt
+vorübergehend unter.
+
+Als nämlich Kathi mit der grausamen Ruhe einer Königin, die einen
+Tribut unterworfener Fürsten abnimmt, auch noch um ein Trinkgeld bat,
+ward Sebalt grob.
+
+Darauf meinte Kathi schnippisch: »Wenn du halt ka Gölld hast, Kloaner,
+darfst net in a Weinstub sponsieren gehn,« und ließ den Grobian stehen.
+
+Mit nicht völlig gewahrter Haltung und ohne Gruß verließ der junge
+Herrnhuter die Weinstube.
+
+Sein heißer Drang nach Weltgenuß und Weibessüße war zunächst gehörig
+abgekühlt. Der Weg zu Fuß nach Gohlis tat ein übriges.
+
+ * * * * *
+
+In den nächsten Wochen gab es kaum einen fleißigeren Studenten in
+Leipzig als Hans Sebalt.
+
+Trotz des schönsten Wetters besuchte er Kolleg um Kolleg mit der
+Pünktlichkeit eines Gotteshaager Seminaristen, holte sich ganze
+Stöße von Büchern aus der stattlichen Universitätbibliothek, las und
+exzerpierte bis spät in die Nacht und fing wirklich nach und nach an,
+festen Fuß auf dem Boden seines neuen Studiums zu fassen.
+
+Auch an Sparsamkeit fehlte es nunmehr nicht; der Abend bei Kathi wurde
+richtig dadurch wieder wettgemacht, daß Hans Sebalt eine Zeitlang nur
+alle zwei Tage ordentlich zu Mittag aß. Damit es aber seine Wirtin,
+die ihren Doktor übrigens mit peinlichster Sorgfalt bediente, nicht
+merkte, ging er um die Mittagzeit regelmäßig ein wenig ins Rosental
+spazieren, wo der Frühling gerade alle seine Minen springen ließ.
+
+Auch hübsche Mädchen gab es im Rosental die Hülle und Fülle. Besonders
+eine schlanke Brünette mit einem stolzen, elastischen Gang fiel Hans
+Sebalt auf, da sie meist um die gleiche Zeit -- so etwa gegen drei Uhr
+-- scheinbar ohne große Eile, der Stadt zuwanderte. Von Zeit zu Zeit
+gelang es dem Studenten wohl, einen erstaunten, wenn auch nicht gerade
+sehr freundlichen Blick des Mädchens bei der fast täglichen Begegnung
+zu erhaschen, und bald war es Sebalt, als fehle ihm etwas, wenn er
+einige Tage hindurch, wie es mitunter durch die Kollegs nötig wurde,
+den Anblick der Brünetten entbehren mußte.
+
+Schließlich wurden Neugier und Interesse in dem Studenten übermächtig,
+und so beschloß er eines schönen Nachmittags zu ermitteln, wohin die
+Geheimnisvolle ging.
+
+Ganz einfach war diese Ermittelung nicht, denn das Mädchen hatte
+scheinbar Sebalts Absicht gemerkt und suchte ihn durch gelegentliches
+Verschwinden in irgendeinen Laden, in einen der tückischen
+Durchgangshöfe, oder in ein großes Haus zu täuschen.
+
+Je schwieriger jedoch die Nachforschung wurde, um so vergnüglichere
+Aufregung bereitete sie Hans, bis er eines Tages als ziemlich sicher
+annehmen konnte, daß die interessante Unbekannte in irgendwelchen,
+ihm noch dunklen Beziehungen zu einem großen Tanzrestaurant namens
+Monplaisir stehen mußte, in dem Sonntags und zweimal wöchentlich
+öffentliche Tanzbelustigungen abgehalten wurden.
+
+Nun war guter Rat teuer, denn tanzen konnte der sonst so vielgewandte
+Hans Sebalt nicht. Er hatte es wohl einmal heimlich mit Kaspar zu
+Gotteshaag versucht, aber nur der gymnastisch geübtere Freund war des
+tückischen Walzerschritts einigermaßen Herr geworden.
+
+Jetzt erwachte die Lust und der Ehrgeiz Sebalts von neuem.
+
+Zunächst besuchte der junge Herrnhuter, dessen Finanzen
+sich im nächsten und vollends im übernächsten Monat von der
+Weinstubenniederlage trotz der hohen Kolleghonorarausgaben wieder
+einigermaßen erholt hatten, mehrfach als Zuschauer das Tanzlokal, in
+dem er aber trotz aller Mühe die stolze Brünette weder im Saal noch am
+Büffet ausfindig machen konnte. Auch im Rosental traf er sie nicht mehr
+zu seinem Leidwesen, konnte aber feststellen, daß sie trotzdem auch
+weiterhin in Monplaisir zu tun hatte.
+
+Das Interesse Hans Sebalts wuchs weiter mit den Schwierigkeiten, sich
+der Geheimnisvollen zu nähern. Schließlich geriet der sonst so kühle
+Hans in eine innere Unruhe, daß er sich immer dringender die ihm etwas
+ehrenrührige Frage vorlegen mußte, ob er nicht auf dem besten Wege
+wäre, sich bis über die Ohren zu verlieben.
+
+So kam Hans Sebalt immer öfter zu den Tanzabenden nach Monplaisir,
+fand immer mehr Gefallen an dem bunten, mitunter recht ausgelassenen
+Treiben, bis ihn eines Tages ein Kommilitone aus dem Kolleg begrüßte
+und ihn ganz harmlos fragte, warum er denn nie tanze.
+
+Hans Sebalt ward ungewöhnlich verlegen. Er mochte weder gleich
+verraten, daß er Herrnhuter wäre, noch eingestehen, daß er gar nicht
+tanzen könne, also antwortete er ausweichend: er wolle sich das erst
+ein bißchen ansehen, im Winter würde er schon gern einmal tanzen, jetzt
+im Sommer sei es doch ein wenig warm.
+
+Der Student sah ihn mit lustigem Blinzeln an und sagte dann lachend:
+»Sie Schlauberger, ich glaube, Sie können ebensowenig tanzen wie ich?«
+
+Nun mußte der kluge Sebalt wohl oder übel Farbe bekennen. Die
+Kommilitonen stellten sich lustig als Leidensgefährten vor, und nach
+einem gemütlichen Schwatz beschlossen beide, im nächsten Semester
+zusammen Tanzstunden zu nehmen.
+
+Spät trennte man sich, sah sich vor Schluß des Semesters noch öfter und
+ward bald gut Freund.
+
+Niemeyer, so hieß der neue Bekannte, besuchte Sebalt mehrfach auf
+seiner Bude, die er als höchst schlemmerhaft bezeichnete, und teilte
+ihm unter anderem auch das Resultat seiner Erkundigungen über die
+Tanzstunde mit. Die Sache könne ungefähr sechzig bis achtzig Mark
+kosten.
+
+Hans Sebalt erschrak. So viel Geld würde er wohl schwerlich auftreiben
+können; überdies standen die kostspieligen Ferien vor der Tür, und
+er wußte nicht recht wohin. Sich elf Wochen zu den Eltern ins alte
+Gnadenzeller Pilgerhaus zu setzen, konnte er schwerlich über sich
+gewinnen.
+
+Da fielen ihm zur rechten Zeit die Redaer Gastfreunde ein, und rasch
+entschlossen schrieb er ein nettes Briefchen an seine alte Gönnerin,
+die gute Mama Winkler. Wenn die ihn einlud, war die Tanzstunde möglich.
+
+Und ein Mann von Welt mußte doch unbedingt tanzen können!
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Der Gottsucher
+
+
+Der »Chef«, Bruder Nitschke, hatte wirklich recht behalten: es ließ
+sich leben in Tramberg, zumal im Sommer, als das bunte Kurtreiben
+begann.
+
+Auch in der Anstalt ging Kaspar Krumbholtz »das Leben gar lieblich
+ein«, immer freudiger tat er seinen Dienst.
+
+Die Kollegen waren kameradschaftlich und gefällig. Mit den Herren
+seiner Reihe, Kratt, Muffke und Knortz, entwickelte sich sogar ein
+humorig freundschaftlicher Verkehr in und außer dem Hause.
+
+Der so gern grimmig dreinschauende Hesse war ein urbehaglicher
+Kneipkumpan, der bei einem »Viertele« Markgräfler die allerlustigsten
+Studentengeschichten aus Marburg und Gießen erzählen konnte, die durch
+einen soliden Oberförsterzuschnitt erst recht wirkungsvoll wurden.
+
+Die beiden Mecklenburger waren einem guten Trunke auch nicht
+abgeneigt; aber beide, armer Leute Kind und noch zu keinem Abschluß
+ihrer Studien gelangt, sparten sie womöglich jeden Pfennig für die
+Zukunft, entschädigten sich dafür in Wald und Wiese reichlich mit
+Sammeln von allerlei Insekten, Gewürm und Geziefer, auch im Angeln und
+Krebsegreifen waren beide treffliche Meister.
+
+So kam es wohl vor, daß oben auf der Lehrerstube von den kochgewandten
+Obotriten noch spät abends ein feldmarschmäßiges Krebsessen zubereitet
+wurde. Fehlte es einmal an Spiritus, dann wurden kurzer Hand einige
+Schlangen oder Kröten aus dem Naturalienkabinett auf Ebbe gesetzt.
+
+Max und Moritz schreckten vor keiner Schwierigkeit zurück. Ja,
+sie stiegen sogar eines Abends, als die sonst stets aufmerksame
+Hausschlüsselbewahrerin, Mutter Frutsch, aus Versehen doch einmal vor
+Mitternacht zu Bett gegangen war, forsch und frech durch ein schnell
+zertrümmertes Fenster der unteren Lehrerstube ein und ließen dann
+kaltblütig auf Hausrechnung eine neue Scheibe einziehen.
+
+Der Mitdirektor erfuhr es freilich und hielt seinen beiden »bösen
+Buben« am nächsten Teeabend eine sehr humoristische Standpauke, während
+der »Chef«, der von dem Unfug schließlich auch auf allerhand Umwegen
+Kenntnis erhalten hatte, kein Wort darüber verlor, den Missetätern
+aber zu ihrem Ärger die Rechnung zur gütigen Begleichung zugehen ließ.
+
+Mit seinem Stubenkollegen Schnäbele stand Kaspar Krumbholtz ganz
+ausgezeichnet, auch mit Schlegelmeyer kam er leidlich aus, zumal er ja
+wenig mit ihm zu tun hatte.
+
+Auf der vierten Stube ging alles im gewohnten Geleise; Kaspar war
+viel zu klug und zu sehr von der bewährten Weisheit »Papa Schnäbeles«
+überzeugt, als daß er irgendwelche Änderungen hervorgerufen hätte.
+
+Ronald und seine englischen Peers lobten sogar Mister Kobolz, der
+fast nie zu strafen nötig hatte, da er vom ersten Tage an den Knaben
+durch Ruhe und Konsequenz imponierte, aber auch durch Vertrauen und
+kameradschaftliche Anteilnahme ihr Herz gewann.
+
+Im ganzen hielt er nach seiner Art gern zurück nach dem alten
+Grundsatz: Ein Herrscher, der zu oft eingreift, schwächt seine Wirkung.
+
+Und die etwas aristokratische Selbstverwaltung der kleinen
+Stubenrepublik funktionierte unter des Menschenkenners Ronald Führung
+wirklich nicht übel.
+
+Das zeigte sich am erfreulichsten auf der üblichen dreitägigen
+Frühlingswanderung in den Schwarzwald, die trotz gesteigerter
+Verantwortung für die Lehrer ein herzerfrischender Genuß ward.
+
+Kurz und gut, Kaspar Krumbholtz hätte alle Ursache gehabt, mit seiner
+kleinen Welt zufrieden zu sein, wenn er mit sich und seinem Gott im
+Reinen gewesen wäre.
+
+ * * * * *
+
+Auch im angestrengtesten Schul- und Aufsichtdienst wollten die Fragen
+nicht ganz verstummen: Was soll aus dir werden? Bist du nicht ein
+Halber, weder ein ganzer Theologe noch ein richtiger Schulmeister? Und
+was bedeutet dir Gott?
+
+Mit seinen weltfröhlichen Reihenkollegen konnte sich Kaspar Krumbholtz
+darüber nicht aussprechen.
+
+Gerade Max und Moritz, die doch in einer ähnlichen Lage waren wie er,
+schienen sich am wenigsten über ihre ungewisse Zukunft die Köpfe zu
+zerbrechen.
+
+Als Kaspar sich einmal scherzhaft erkundigte, wofür sie denn eigentlich
+sparten, meinte Moritz resolut: »Op unse olen Dagen.«
+
+Und Max fügte launig hinzu: »Dat kann der Schlemmer wohl sagen, ik
+spar nich weiter als auf Leberwurst zum Kommißbrot für Seiner Majestät
+allerschneidigsten Königsfreiwilligen.«
+
+Muffke war Waise wie Krumbholtz, der nun plötzlich daran erinnert
+wurde, daß er wahrscheinlich auch bald zu dienen hatte. Damit legten
+sich neue Sorgen auf sein so wie so schon bedrücktes Gemüt.
+
+Eines Abends besuchte Kaspar Bruder Lohmann, zu dem er ein unbegrenztes
+Vertrauen hatte, und schüttete ihm offen sein Herz aus.
+
+Dem seelensguten Mitdirektor ging seines jüngsten Kollegen Kummer
+recht nahe. Er verstand das alles sehr gut, da ihm selber allerlei
+Zukunftsorgen schwer auf der Seele lasteten.
+
+Trotz seines lebendigen Glaubens wollte er nämlich nicht Prediger
+werden, da er Ritschlianer und auch kein Redner war. Zum Rektorexamen,
+das er für einen leitenden Posten im Schulfach brauchte, mochte sich
+der ein wenig unentschlossene, ja ängstliche L³ ebenfalls nicht
+melden, obwohl er längst und überreichlich dazu vorbereitet war. Dann
+und wann kam ihm der Gedanke, auf die Mission zu gehen, aber auch zu
+diesem Entschluß konnte sich Bruder Lohmann nicht aufraffen.
+
+Wie viele gutmütige Menschen, die sich selbst nicht recht zu helfen
+wissen, war der Mitdirektor jedoch leidlich energisch, sobald es sich
+um andere handelte. Und so tröstete er Bruder Krumbholtz nicht nur und
+riet ihm, sich nochmals theologisch gründlich zu orientieren, sondern
+er tat auch Schritte bei dem jederzeit entgegenkommenden »Chef«, um
+dem jungen Kollegen Orientierungsgelegenheit zu verschaffen.
+
+Unterdessen waren die großen Ferien herangekommen, die in Tramberg den
+ganzen Juli und August hindurch währten, da die meisten Schüler weit
+nach der Heimat hatten und sich für kurze Zeit eine teure Reise nicht
+lohnte.
+
+Außerdem nahmen viele der Ausländer in den ersten acht Ferientagen,
+während deren das Anstalthaus gründlich gereinigt und ausgebessert
+ward, an einer größeren Fußreise teil, die sie mit den Schönheiten der
+Schweiz oder Oberitaliens bekannt machte. An dieser Wanderung nahmen
+die fünf ältesten Aufsichtlehrer unentgeltlich teil, darunter dies
+Jahr zum ersten Male Max und Moritz, die sich schon wie Kinder freuten
+und Vorbereitungen trafen, als hätten sie eine naturwissenschaftliche
+Forschungs- und Sammelreise im Auftrage einer gelehrten Akademie
+mitzumachen.
+
+Kaspar Krumbholtz als jüngster Lehrer konnte zu der Freunde und seinem
+Leidwesen nicht mit von der Partie sein, obwohl Herr Schnäbele, der die
+Reisen schon mehrfach mitgemacht hatte, zu seinen Gunsten zurücktreten
+wollte. Bruder Teuchert erhob jedoch Anspruch und nach der lebendigen
+Haustradition, genannt L³, mit Fug und Recht.
+
+Kaspar machte sich schweigend mit dem Gedanken vertraut, die langen
+Ferien in Tramberg zuzubringen, und nahm sich vor, nun nach Goethe
+auch Shakespeare von neuem vorzunehmen und überdies gründlich englisch
+zu lernen; das konnte für alle Fälle gut sein. Nebenher wollte er
+die herrliche Umgebung Trambergs genießen, vielleicht den Hegau
+durchwandern bis zum Bodensee hinunter.
+
+Viel kosten durfte es freilich nicht, denn trotz Badewachen und
+allerlei Privatstunden war der Reiseüberschuß schon bedenklich
+zusammengeschmolzen, da ein unbedingt notwendiger Anzug hatte
+angeschafft werden müssen. Man konnte in dem eleganten Kurort nicht
+so herumlaufen wie in Gotteshaag, das sah erstlich der »Chef« nicht
+gern, und auch einige Bürger, denen ihr Geschäft und somit das äußere
+Renommee der Brüdergemeine über das Reich Gottes gingen, hatten sich
+kürzlich an einem der sogenannten Bierabende über dergleichen wichtige
+Toilettenfragen aufgehalten. Immerhin sollte Kaspar der neue Anzug bald
+sehr zu statten kommen.
+
+Er ward nämlich eines Tages zum Chef gerufen, und dieser machte ihm
+zu seiner größten Überraschung folgenden Vorschlag: Kaspar solle
+zunächst einen französischen Knaben bis nach Straßburg begleiten, um
+den ein wenig unsicheren Kantonisten dort in den Pariser Schnellzug zu
+spedieren. Zehn Tage darauf solle Kaspar in Appenweier die englischen
+Zöglinge, die zuvor noch die große Reise mitmachen wollten, in Empfang
+nehmen und nach London begleiten.
+
+»Ich habe,« schloß der »Chef« vergnügt lächelnd und sich die
+Hände reibend, als freue er sich an Kaspars unverhohlener Freude
+rechtschaffen mit, »von Bruder Lohmann gehört, Sie haben das Bedürfnis,
+sich über allerlei Fragen der Theologie wie der inneren Mission ein
+wenig zu orientieren. Wie wäre es denn, wenn Sie in Straßburg die zehn
+Tage benutzten, allerlei Kollegs zu hören und sich vielleicht in London
+die gewaltigen Leistungen der Stadtmission ansähen? Ich will Ihnen
+gern die dazu nötigen Empfehlungsbriefe mitgeben. Nur hoffe ich, daß
+es Ihnen nicht gar zu gut in Straßburg oder London gefällt, denn ich
+möchte einen so tüchtigen und zuverlässigen Erzieher wie Sie nicht so
+bald verlieren.«
+
+In stummer Bewegung dankte Kaspar Krumbholtz seinem »Chef«, und fünf
+Tage später trat er seine Reise an.
+
+ * * * * *
+
+Mit ehrlich suchender Seele zog Kaspar Krumbholtz zu Straßburg von
+einem Gottesgelehrten zum anderen, um zu prüfen, ob der alte schlimme
+Eindruck von Gotteshaag sich nicht aus seiner Seele löschen oder sich
+wenigstens mildern ließe.
+
+Wieder saß er, wie nun öfters schon in den letzten Tagen, wartend auf
+dem Klappsessel eines eleganten großen Universitäthörsaales, den er
+unwillkürlich mit dem armseligen Sälchen Gotteshaags verglich. Das war
+wohl ein gewaltiger Unterschied.
+
+Aber was Kaspar bis jetzt hier gehört hatte, dünkte ihn um nichts
+besser als das, was dort die Dozenten gelehrt; im Gegenteil, hier
+fehlte nur zu oft bei Professoren wie bei Studenten die redliche
+Andacht.
+
+Nun wollte Kaspar noch die Letzten, die Berühmtesten hören.
+
+Schon vor sieben Minuten hatte es geklingelt. Endlich kam eiligen
+Schrittes der kleine, weißhaarige Gelehrte hereingetrippelt, der als
+einer der größten Exegeten des Neuen Testamentes galt. Wie oft hatte
+nicht Bruder Bartel diesen Töpelmann als höchste Autorität zitiert.
+
+Also so sah er aus -- ein kluges, starkgerötetes Fuchsgesicht, fast wie
+ein Silen -- jedenfalls ganz anders, als ihn Kaspar sich vorgestellt
+hatte.
+
+Mit zwinkernden Augen maß der Alte erst lächelnd sein Auditorium,
+beugte sich dann tief über seine feingekritzelten Kollegzettel, suchte
+lange und schließlich ärgerlich nach dem richtigen Blatt und begann
+endlich mit stark nasalen Tönen wie vor sich hin zu reden und zwar
+über das Gesetz des Geistes.
+
+Er tiftelte viel an dem Worte Pneuma herum. »Pneumatikos, das heißt ein
+im Geiste befindlicher, vom Geiste getriebener«, haftete nach langem
+Hin- und Herdeuteln in Kaspars Gedächtnis.
+
+Dann kam der Prozeß des Hagiasmos. Der wurde dem Gotteshaager
+Exseminaristen trotz seiner Bartelschen Vorbildung überhaupt nicht
+klar.
+
+Weiter ward mit spitzfindiger Dialektik das Problem der menschlichen
+Freiheit erörtert und schließlich nicht ohne deutliche, höchst
+selbstgefällige Ironie über die Prädestination als den konsequenten
+Abschluß der Paulinischen Heilslehre gehandelt, wobei einige von
+Töpelmann abweichende hermeneutische Kollegen als ganz subjektive
+und törichte Tröpfe hingestellt, während andere, dem Vortragenden
+zustimmende Kollegen als höchst einsichtige und wertvolle Forscher
+gelobt wurden.
+
+Da klingelte es abermals, und triumphierend lächelnd stieg das kluge,
+boshafte Männchen unter dem gewohnheitmäßigen Beifallgetrampel seiner
+zum Teil recht gelangweilten Hörer vom Katheder herab und trabte
+eiligst hinaus.
+
+Nachdenklich, aber durchaus unbefriedigt, folgte ihm Kaspar und bog
+eine Tür weiter zum Hörsaal des bekannten Alttestamentlers Schütte ein.
+
+Als er sich nach einigen Minuten hinsetzte, las er unter den vielen
+in den Tisch eingeschnittenen Zirkeln, Fratzen und Mädchennamen auch
+eine Inschrift: Bestes Mittel gegen Schlaflosigkeit: alttestamentliche
+Exegese. Das klang wenig verlockend.
+
+Aber Kaspar ließ sich nicht abschrecken und hatte es nicht zu bereuen.
+
+Der Vertreter des Fachs, ein stattlicher, noch ziemlich junger Herr,
+war jedenfalls nichts weniger als langweilig; er sprach klar und
+eindringlich und machte einen durchaus würdigen, ja sympathischen
+Eindruck.
+
+Es handelte sich um die Legende vom Turmbau zu Babel, die völlig der
+Quelle J. angehörte. Bawel war nicht als Verwirrung zu erklären,
+sondern mußte Tor Gottes heißen, ebenso wie Schem hier nicht Denkmal,
+sondern wie II. Sam. 8, 13 mit Ruhm zu übersetzen sei. Und nun folgte
+ein ungemein interessanter Exkurs über die Sagen vom Neid der Götter
+und dem Gigantensturm, zu denen auch diese alte semitische Sage gehöre.
+
+Mit Spannung hatte Kaspar bis zum Ende gelauscht; aber die unbequeme
+Frage -- wozu das alles für einen Menschen, der Gott verkündigen soll
+-- ward er auch hier nicht los. Was hatten all diese alten Sagen und
+Geschichten, was die späteren vielfach so durchtriebenen Geschicht- und
+Autoritätfälschungen der jüdischen Priesterautoren für einen Bildungs-,
+Kultur- und Religiositätwert für unsereinen, vollends wenn der ganze
+Bezug auf das neue Testament in Wegfall kam?
+
+Noch einmal setzte sich Kaspar Krumbholtz zu Füßen eines großen
+Theologen, des berühmten Reimarus, der über das wichtige, so viel
+umstrittene Johannisevangelium las.
+
+Eine ungemein zahlreiche Zuhörerschaft wartete fröhlich lärmend auf
+den scheinbar beliebten Lehrer, der pünktlich unter lautem Beifall mit
+selbstsicherem Lächeln das Katheder betrat.
+
+Mit mächtiger und zugleich gezierter Stimme begrüßte der eitle Mann
+verbindlich seine Zuhörer und sprach in einer merkwürdigen Mischung von
+würdevoller Salbung und salopp-burschikoser Ironie von dem angeblichen
+Johannes, der natürlich mit dem Lieblingsschüler des Herrn gar nichts
+zu tun habe, sondern nur irgendein viel, viel späterer Schriftsteller
+sei, der hier gleichsam frei über die Synoptiker phantasiert habe.
+
+»Fabulieren kann dieser vierte Evangelist famos,« hieß es unter anderm,
+»so bei der Geschichte von Malchus, dessen Name natürlich ganz beliebig
+ist. Übrigens vergißt der Verfasser das Ohr wieder anheilen zu lassen.
+Und doch besitzt der Mann einen ganz gehörigen Rationalismus, ja
+nicht nur zwei Seelen, wie der Dichter sagt, wohnen ach in seiner
+Brust, sondern ziemlich viele. Den Hohenpriester setzt er auch nur
+so hin, um ihn wie die Perle im Golde leuchten zu lassen. Dann aber
+unterschlägt er uns die große Schilderung vom Verhör, und -- noch übler
+-- es passiert ihm sogar ein fataler Schreibfehler bei der mehrmaligen
+Petrusleugnerei. Wahrscheinlich war der Schreiber -- es braucht
+ja nicht unbedingt der Verfasser zu sein -- inzwischen einmal zum
+Mittagessen oder sonst wohin gegangen. Darum braucht man schließlich
+der Gedankenlosigkeit des Schreibers das ganze Evangelium nicht gleich
+zu opfern« undsoweiter.
+
+Nachdem der große Reimarus dann noch geistreich witzelnd die
+Johanneische Schreibweise mit der des Gespensterhoffmanns im Kater Murr
+verglichen hatte, schloß er mit einer zierlichen Verneigung unter dem
+dröhnenden Beifall seiner augenscheinlich höchlichst ergötzten Zuhörer.
+
+Tief verstimmt, ja im Innersten empört, verließ Kaspar das stattliche
+Universitätgebäude, schritt langsam durch die engen Gassen der Altstadt
+zum Münster und stieg hinauf in den Turm.
+
+Lange stand der junge Herrnhuter hier oben und schaute still bewegt
+hinaus in das weite, herrliche Land. Nach und nach löste sich der
+bittere Unmut in Kaspars Seele.
+
+Die Schönheit der teppichbunten Landschaft mit ihrem breiten, silbernen
+Rheinband da unten, die Kühnheit des himmelanstrebenden Meisterbaus
+neben und über ihm versagten ihre befreiende, innerlich lösende und
+klärende Wirkung bei Kaspar so wenig wie vor hundertundzwanzig Jahren
+bei dem jungen Goethe.
+
+Was sollte ihm, dem Gottsucher, jener kleinliche Formelkram der
+selbstgefälligen, fündleinstolzen Alexandriner da unten?
+
+War das alles im Grunde nicht noch viel unfruchtbarer und
+hoffnungsloser als die bescheidene Weisheit der zagen, vorsichtig
+tastenden Gotteshaager Theologen?
+
+Konnte diese am Buchstaben hängende und zerrende, mit ihrer im Grunde
+nur negativen Methode sich spreizende Wissenschaft ihm auch nur im
+geringsten vorwärts helfen in dem Kampf um jene tiefste Wahrheit,
+die allein das Geheimnis, die Bedeutung seines Daseins und seiner
+Bestimmung ihm enthüllen konnte?
+
+Ob er diese Wahrheit jemals finden würde, er zweifelte ehrlich daran.
+Aber hatte er darum ein inneres Recht, diesem schwersten und doch
+wichtigsten Kampfe jedes denkenden Menschen feige auszuweichen? Nein!
+
+Nur auf das mühselige und sicherlich aussichtslose Ringen im Dienst
+einer ihn quälenden und jetzt genau so wie früher ihn unsagbar
+verletzenden Wissenschaft wollte er von heute an endgültig verzichten.
+
+Nicht Gott zu erwissen galt es ihm fürderhin -- nein, ihn zu erfühlen,
+ihn zu erleben wollte er von nun an trachten.
+
+Es gab sicherlich vielerlei Arten, Gott mit der Seele zu suchen und zu
+erfassen. Eine würde mit der Zeit auch ihm offenbar werden.
+
+Wie machtvoll, kühn und unvergänglich erhaben hatte der Schöpfer dieser
+herrlichen Formen da vor ihm in seiner Kunst nach dem Herrn der Welten
+aus dem Irdischen emporgetastet.
+
+Wie trotzig und erschütternd zugleich hatte der titanische Faustdichter
+mit der einzigartigen poetischen Verkörperung menschlicher Sehnsucht,
+Leidenschaft, Verzweiflung und mannhafter Tatenfreude sich seinen Gott
+erstrebt?
+
+Was den Großen nach harter Selbstüberwindung und Selbstbehauptung in
+ihrer Kunst, das war ihm, dem Kleinen, vielleicht nach ähnlichen Krisen
+in seinem Beruf auch dereinst vergönnt.
+
+Von hier oben war der seinerzeit -- wie er jetzt -- am Wissen
+verzweifelnde berühmteste Straßburger Student frohen Mutes
+hinabgetaucht ins Leben!
+
+Er wollte ein gleiches tun und die theologischen Schiffe hinter sich
+verbrennen.
+
+Und Kaspar Krumbholtz grüßte den Vater Rhein mit trotzigem Jauchzen
+und schritt die vielen Treppen leichteren Herzens hinab, als er sie
+unlängst hinaufgestiegen war.
+
+Tags darauf nahm er seine englischen Schüler am Bahnhof zu Appenweier
+in Empfang und fuhr in rechter Ferienstimmung mit ihnen nach London.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Das Londoner Magdalenchen
+
+
+Die Londoner Tage verbrachte Kaspar Krumbholtz wie in einem Rausch.
+Eine solche Unmenge neuer Eindrücke wirbelte im Fluge an ihm vorüber,
+daß er kaum zur Selbstbesinnung, geschweige denn zu einer ruhigen,
+inneren Verarbeitung des Geschauten und Erlebten kam.
+
+Die Eltern einiger englischer Knaben ließen es sich nicht nehmen, den
+Lehrer ihrer Söhne gastfreundlich in ihrem Hause willkommen zu heißen
+und ihm trotz der stillen Saison die Hauptsehenswürdigkeiten der
+Riesenstadt zu zeigen.
+
+Der junge Herrnhuter, der überhaupt noch keine Weltstadt gesehen hatte,
+ward vor den zahllosen Monumenten, Kirchen, Staats- und Privatpalästen,
+vor den Tausenden von herrlichen Kunstschätzen in den Museen und
+Galerien immer stiller, ja ängstlicher, und hatte zuletzt nur noch
+den einen Gedanken: Was für eine unendliche Fülle von Schönheit und
+Reichtum birgt doch die große Welt, von der du bisher keine blasse
+Ahnung hattest!
+
+Erst draußen in Gottes freier Natur, in den weiten, schattigen
+Stadtparks, in den stillen, weltverlorenen Gärten alter Grandensitze,
+wie in Richmond und Kews garden, kam Kaspar ein wenig zur Sammlung und
+zum bewußten Nachgenießen des Geschauten.
+
+Nach und nach lösten sich Kaspars Beziehungen zu den Tramberger
+Schülern und ihren Eltern, die nun meist auf ihre zum Teil paradiesisch
+gelegenen Landsitze verreisten und vergeblich den jungen deutschen
+Lehrer zum Mitkommen aufgefordert hatten. Ein-, zweimal hatte sich
+Kaspar einen solchen Edelsitz wenigstens angesehen; aber er spürte
+bei aller Gastlichkeit doch mitunter einen leisen Hauch geheimer
+Verachtung, die man in diesen Kreisen der englischen gentry einem armen
+Präzeptor gegenüber ebenso hegt, wie etwa in gewissen Kreisen der
+deutschen Geburts- oder Geldaristokratie. Und Kaspar, der an seinem
+jetzigen Berufe mit um so größerem Stolz und um so innigerer Neigung
+hing, je mehr er sich bewußt war, daß er das Beste dabei umsonst tat,
+wollte sich nicht unnötig mit dem ersten besten Dienstboten auf die
+gleiche Stufe gestellt wissen.
+
+Außerdem hatte er durchaus das Bedürfnis, noch einige Tage ganz allein
+und ohne Rücksicht auf loberpichte Eingeborene sich in das bunte
+Treiben der an imposanten wie düsteren Bildern und insonderheit an
+schonungslosen Kontrasten überreichen Riesenstadt zu versenken.
+
+Auch in das soziale Leben der ärmeren Volksschichten wollte Kaspar gern
+einige Blicke tun, um so am ehesten ein Verständnis der praktischen
+Arbeit am Reiche Gottes zu gewinnen. So besuchte er zum Beispiel an
+den Sonntagen in den Parks die gewaltigen öffentlichen Versammlungen
+der verschiedensten Interessentengruppen, der Bäcker und Kellner,
+der Sozialisten und Anarchisten, der wütendsten Gottleugner und der
+übertriebensten Gottverehrer, wies eben kam.
+
+Mit Staunen und Genugtuung nahm er die überlegene Gelassenheit wahr,
+mit der die Londoner Behörden und Polizei all diese Leute gewähren
+ließen, solange sie nur redeten oder demonstrierten. In dem wogenden
+Tohu-Wabohu dieser ewig gärenden Menschheitmetropole sich irgendwie
+zur Geltung zu bringen, hielt allerdings schwer, und da mußte man
+den danach Strebenden schon allerlei sensationelle Reklamesucht und
+Aufdringlichkeit zugute halten.
+
+Am meisten stieß den religiös keuschen Herrnhuter das
+marktschreierische Gebaren der Heilsarmee ab; aber mit der Zeit,
+vollends nach Orientierung durch die Leiter der Londoner Stadtmission,
+ward Kaspar auch bei ihrer Beurteilung anderer Meinung. Mit der
+zunehmenden Einsicht in die unendlich schwierigen Verhältnisse der
+Londoner Mission wuchs die Achtung vor diesen sich oft so seltsam
+gebärdenden Pionieren der Rettungs- und Evangelisationsarbeit.
+
+Immer tiefer und tiefer drang Kaspar in die furchtbaren Geheimnisse
+des sozialen Elends bei den untersten Gesellschaftschichten der
+Londoner Bevölkerung; immer stärker imponierte ihm die weitverzweigte
+Organisation dieser verschiedenen, äußerst geschickt jedem
+besonderen Arbeitgebiet angepaßten Werke, in denen Hunderte von
+aufopferungsvollen, selbstlosen Männern und Frauen an vielen Tausenden
+ihrer armen Mitmenschen arbeiteten.
+
+Unwillkürlich tauchte in Kaspar die Frage auf: Könntest du nicht
+vielleicht hier einen vollgültigen Ersatz finden für den aufgegebenen
+Beruf der Gottesverkündigung? Hierbei brauchte er nicht, wie bei
+der Lehrerlaufbahn, ein neues, ihm wahrscheinlich unerschwingliches
+Studium anzustreben. Gott dienen in der Arbeit an seinen ärmsten und
+unglücklichsten Geschöpfen -- das wäre schon das Leben wert, stände
+vielleicht auch höher in den Augen des Höchsten als die Erziehung und
+der Unterricht der Jugend.
+
+Immer wieder sann Kaspar darüber nach, während er tagsüber von
+Shalter zu Shalter, von Home zu Home, von Asyl zu Asyl zog, während
+der aufregenden Nächte, in denen er vorsichtig mit einem alten, in
+Whitchapel wohlvertrauten Judenmissionar, namens Moses, durch die
+Höhlen des Lasters schlich, an hunderten berauschter, verrohter, ja
+vertierter Mitmenschen vorüber, in denen nur noch matte Lebensinstinkte
+und die niedersten Triebe flackerten.
+
+Aber je mehr Kaspar mit den Leitern der Rettungsanstalten und dem
+Missionspersonal verkehrte, um so klarer ward es ihm, daß er zu
+dieser Art Menschen nicht passen würde, und daß auch in ihnen jener
+eigentümlich methodistische Hochmut lebte, der nur den Bekehrten
+als gleichwertig und brauchbar anerkennt. Den kannte Kaspar aus der
+Brüdergemeine gerade zur Genüge und verabscheute ihn.
+
+Man verargte es Kaspar, wenn er in seinem Hotel der Inneren Mission
+nicht pünktlich zu den Morgensegen und Sonntaggottesdiensten erschien,
+und wenn er kam, mutete man ihm zu, irgendwelche Stellen aus der Bibel
+vorzulesen oder auszulegen; ja, öffentlich beten und Zeugnis ablegen
+sollte er. Als Kaspar sich standhaft weigerte das zu tun, bekam er
+nicht nur allerlei Taktloses über die scheinbar in Weltlichkeit
+erstarrte Brüdergemeine zu hören, sondern er mußte es auch eines
+Abends vor allen Angestellten und Dienstboten mit anhören, daß einer
+dieser Apostel in einem öffentlichen Kniegebet den Herrn Jesus unter
+Tränen bat: unsern lieben, noch nicht zu rechter Buße und Gnade
+durchgedrungenen Bruder Krumbholtz der schnöden Gleichgültigkeit zu
+entreißen, ihn aufzurütteln und zu erwecken zu seinem ewigen Heile.
+
+Sichtlich verletzt erhob sich Kaspar und zog sich auf sein Zimmer
+zurück. Mit dieser ungestümen Art, sich Gott zu erzwingen, hatte er in
+Gotteshaag abgeschlossen; er wollte sich nicht von neuem in Unruhe und
+Verzweiflung hineinhetzen lassen.
+
+Er beschloß daher so bald wie möglich abzureisen.
+
+ * * * * *
+
+Da klopfte es noch zu später Stunde leise an seine Tür, und ein
+auffallend liebliches Mädchen huschte vorsichtig und etwas verlegen
+herein. Kaspar hatte die junge Dame schon einige Male im Kontor unten
+gesehen und nahm an, sie wolle irgendetwas Geschäftliches mit ihm
+erledigen.
+
+Auf seine englische Anfrage erwiderte sie ihm jedoch im besten Deutsch:
+sie sei aus Bremen und hätte nur das Bedürfnis, sich heimlich einem
+Landsmann anzuvertrauen.
+
+Kaspar nannte seinen Namen und stellte sich der Dame, bei deren
+Namensnennung er nur den Vornamen, Irmgard, verstand, zur Verfügung,
+falls er ihr irgendwie dienlich sein könne.
+
+Die hübsche Bremerin lächelte, setzte sich und begann erst scheu, dann
+immer zutraulicher zu erzählen:
+
+»Verzeihen Sie, ich habe Sie schon all die Tage über beobachtet,
+Herr Krumbholtz. Ich habe mich auch ein wenig um Sie gesorgt, denn
+ich merkte sehr wohl, daß man überall Netze auswarf, um auch Sie zu
+bekehren und womöglich für dieses Missionswerk einzufangen.«
+
+Kaspar schüttelte den Kopf und sagte: »Ich glaube, mein Fräulein, da
+irren Sie sich doch. Ich bin auch zurzeit gar nicht mein eigner Herr,
+und ich denke, heute abend --«
+
+»Ja, sehn Sie, das hat mir ja so gut an Ihnen gefallen, daß Sie den Mut
+hatten, aufzustehen und diese professionellen Seelenfischer einfach
+stehen zu lassen. Nur darum habe ich es auch gewagt, hier so heimlich
+zu Ihnen zu kommen.«
+
+»Schön, und was haben Sie mir anzuvertrauen?«
+
+»Da muß ich wohl weiter ausholen und Ihnen vor allem erst sagen, wer
+ich bin und was ich war. Aber bitte, erschrecken Sie nicht, Herr
+Kollege. Ja, ja, machen Sie nur große Augen. Ich bin auch eine Lehrerin
+gewesen da drüben in meiner guten soliden Hansestadt Bremen. Ich habe
+auch nichts pexiert, damit Sie nicht etwa zu früh erschrecken. Ich bin
+Waise und mußte mich durchschlagen. Um perfekt Englisch zu lernen für
+ein höheres Examen, nahm ich Urlaub und kam so hierher. Ich fand aber
+wie Tausende und Abertausende von deutschen Mädchen trotz allen Suchens
+keine Stellung. Mein Geld verschwand, mein Schmuck, meine Garderobe
+ebenfalls; ich hungerte, verhungerte fast und sank schließlich wider
+meinen Willen. Doch -- wozu Ihnen das ausführlich erzählen -- also
+kurz und klar: ich ward von dem guten, alten Moses, der Ihnen jetzt
+Whitchapel gezeigt hat, auch eines Tages aufgelesen und kam da drüben
+in eines dieser herrlichen Magdalenenasyle.«
+
+Die Erzählerin schwieg.
+
+Eine schwüle Stille folgte, endlich brach Kaspar erschüttert das
+peinliche Schweigen: »Warum beichten Sie mir Fremdem das alles?«
+
+»Warum?« antwortete Irmgard dumpf, »weil ich mich einmal aussprechen
+muß, und weil Sie, Herr Krumbholtz, bisher der erste sind, den ich
+in meiner neuen Umgebung kennen gelernt oder richtiger nur gesehen
+habe, der sich wohl aus rein menschlichen und nicht aus sogenannten
+christlichen Beweggründen für unsere Verhältnisse interessiert hat.«
+
+»Wer sagt Ihnen das? Man braucht nicht gleich mit diesen
+methodistischen Wölfen zu heulen --«
+
+»Ja, das ist der richtige Ausdruck --«
+
+»So meine ich das gar nicht! Ich denke nur, man kann schließlich ein
+Christ sein auch ohne solche Übertreibungen wie heute abend.«
+
+»Hier kann man es nicht, lieber Herr! Das ist ja gerade der Star,
+den ich Ihnen stechen möchte: Sie wissen ja gar nicht, was für eine
+Heuchelei bei dieser ganzen inneren Mission -- hier wie bei anderen
+Gesellschaften --, am wenigsten vielleicht noch bei der derben
+Heilsarmee, im Schwange ist. Der herrliche äußere Schein ist alles!«
+
+»Ja -- aber warum sind Sie dann hier, mein Fräulein?«
+
+»Weil ich lieber für freie Station schreibe, rechne und heuchle, als
+hungere.«
+
+»Sie tun mir aufrichtig leid, Fräulein. Ich bin zwar auch nicht reich,
+aber wenn ich Ihnen mit meinem Bißchen --«
+
+Das Mädchen sprang heftig auf und wehrte ab: »Nein, dazu bin ich
+wahrhaftig nicht hier, so gern ich in die Heimat zurück möchte. Sie
+sind ein vornehmer Mensch, Herr Krumbholtz, das habe ich instinktiv
+empfunden, als ich Sie beobachtete. Ich glaube beinahe, Sie täten es
+umsonst --«
+
+»Umsonst, aber natürlich -- oder wie soll ich das verstehen, Fräulein?«
+
+»Glauben Sie wirklich daran,« unterbrach ihn Irmgard bitter, »daß auch
+nur eine von diesen Hunderten von Magdalenen da drüben durch diese
+Mission wieder zu einem anständigen Mädchen gemacht werden kann? Aber
+das wollen diese frommen Leute auch gar nicht. Warum helfen Sie uns
+nicht, solange es sich lohnt? Wie verzweifelt habe ich und andere
+-- das weiß Gott -- gerade auch hier um eine Brotstelle gefleht --
+vergebens! Man will eben nur Gefallene aufrichten, und das gerade ist
+Sysiphusarbeit.«
+
+Kaspar sah sein Gegenüber mit großen Augen tief erschrocken an, dann
+sagte er leise: »Lassen Sie mich nicht schlecht von Ihnen denken.«
+
+Schüchtern reichte das tief errötete Mädchen Kaspar die Hand und sagte
+ebenso leise: »Haben Sie Dank für dieses gute Wort und bitten Sie Ihren
+Gott, daß er Sie bewahre vor der Not, in der man nach dem schmutzigsten
+Strohhalm greift, um sich retten zu können. Sie haben eben zu hoch
+von mir gedacht und ich zu tief von Ihnen, Herr Krumbholtz. Ich hatte
+gehofft, in Ihnen einen heimlichen Gegner dieser scheinheiligen
+Christensippe gefunden zu haben, vielleicht einen trotzig kecken
+Verächter, der ihnen hohnlachend ein Schnippchen schlagen würde. Ich
+habe statt dessen einen Mann gefunden, dem ich früher hätte begegnen
+sollen, um -- vor dem schlimmsten bewahrt zu bleiben.«
+
+Kaspar Krumbholtz schlug vor dem heißen Blick des Mädchens verwirrt
+die Augen zu Boden und erwiderte langsam: »Wer sich selbst so offen
+und so schwer anklagt, der kann vielleicht einmal schwach, aber nicht
+schlecht sein. Im übrigen, mein liebes Fräulein, wer von uns darf einen
+Stein erheben?«
+
+Da durchbebte ein konvulsivisches Zucken plötzlich den schlanken
+Leib der jungen Bremerin, und wie hilfesuchend griff sie nach der
+unwillkürlich vorgestreckten Hand des betroffenen Kaspars, beugte sich
+darüber und stieß unter heftigstem Schluchzen heraus:
+
+»Wie gut Sie sind -- lassen Sie mich ausweinen -- nur einmal -- einmal!
+Ich habe seit langer Zeit, ja, wohl noch nie einen Menschen gehabt, der
+so zu mir gesprochen hat. O könnt ichs Ihnen danken! Aber ein Weib wie
+ich -- taugt nicht einmal dazu mehr -- vorbei -- alles vorbei!«
+
+Tröstend fuhr Kaspar mit linder Hand über den blonden Scheitel der
+Weinenden, während seine Gedanken wie erschreckte Vögel aufgeregt hin-
+und herflatterten.
+
+Der weibunkundige junge Herrnhuter fühlte sich in dieser
+überraschenden, ihn völlig verwirrenden Situation hilflos. Ein tiefes
+Mitleid durchbebte ihn und doch auch ein leises Gefühl des Mißtrauens,
+das ihm zwar schnöde und feige vorkommen wollte, das er jedoch nicht
+ganz überwinden konnte.
+
+Hatte dieses Mädchen ihm nicht angedeutet, daß er ihr um jeden Preis
+als Rettungsanker willkommen sein würde? Aber hatte er darum nicht
+vollends die ritterliche Pflicht, ihr ohne jeden Hintergedanken zu
+helfen, es koste, was es wolle?
+
+Hastig überschlug Kaspar seine zu Ende gehenden Mittel. Würde es
+reichen zu einem Billett nach Bremen? Er selbst hatte ja seine
+Rückfahrkarte. Jedenfalls wollte er geben, was er hatte, und so sagte
+er zögernd, fast schamhaft: »Liebes Fräulein, ich glaube, ich kann drei
+Pfund entbehren. Würde das reichen, um Ihnen zur Rückkehr nach Bremen
+zu verhelfen?«
+
+»Nein, nein,« stöhnte Irmgard kopfschüttelnd, »das sollen Sie nicht! So
+weit -- und doch --« Sie schwieg eine Weile, dann fuhr sie schüchtern
+fort: »Wenn Sie mich mitnehmen wollen -- ich folge Ihnen, wohin Sie
+wollen, aber so -- nein -- nein, nicht so!«
+
+Kaspar errötete und geriet in neue Verwirrung.
+
+Was wollte das ihm völlig unbekannte Mädchen gerade von ihm? Es
+konnte doch nur ein toller Einfall des Augenblicks bei der völlig
+Verzweifelten sein. Ruhig Blut -- um Gottes willen, was sollte daraus
+werden. Die Anstalt Tramberg, die ganze Brüdergemeine stand Kaspar mit
+einem Male vor den inneren Augen.
+
+Seine schlummernde Energie erwachte jäh, und so hob er den Kopf
+des Mädchens mit der Rechten schonend empor und sagte mit jener
+Überlegenheit des älteren Kameraden, mit der er bisweilen einem seiner
+störrischen Knaben den Kopf zurecht setzte: »Kindchen, nun wollen wir
+doch mal ruhig miteinander reden. Sie dürfen keine Dummheiten machen
+und ich, als der verantwortliche Mann, erst recht nicht. Sie sind arm
+und ich auch. Wir können keine Vergnügungsreisen machen. Ich muß in
+meinen Beruf zurück und Sie auch.«
+
+»Das geht ja doch nie wieder,« unterbrach das Mädchen Kaspar traurig,
+»wer stellt so eine wieder an? Und dann -- wenn doch einmal alles
+zutage kommt -- nein, nie, nie! -- Lieber in Whitchapel vor die Hunde
+gehen!«
+
+»Also Sie weisen jede Hilfe ab?«
+
+»Jede Unterstützung, ja! Mir hilft nicht Geld, mir hilft nur ein
+Mensch, zu dem ich emporblicken, an dem ich einen Halt haben könnte,
+ein Mann wie Sie!«
+
+Und wieder schaute das Mädchen ihn heiß mit flehenden Augen an.
+
+Kaspar schwieg. Das Blut stieg ihm siedend zu Haupte und pochte
+hämmernd gegen seine Schläfen. Endlich sagte er mühsam:
+
+»Wenn Sie mich vorhin unterschätzt haben, jetzt überschätzen Sie mich.
+Sie kennen mich nicht. Ich bin selbst noch ein Schwankender, ein
+Werdender, ein Unfertiger. Ich kann vielleicht Kinder leiten, aber
+keinem Weibe einen Halt bieten. Auch bin ich ein armer, abhängiger
+Mensch -- wirklich nichts weiter.«
+
+Da trat Irmgard plötzlich dicht an Kaspar heran, flüsterte leise mit
+bebender Stimme: »Sie sind der redlichste Mensch, der je in mein Leben
+getreten ist. Retten Sie mich! Sie können es, aber kein anderer!«
+
+Und dann warf sich das junge Weib mit auflodernder Leidenschaft an
+Kaspars Brust, umfing das Haupt des Widerstrebenden mit beiden Armen,
+preßte ihre glühenden Lippen stürmisch auf seine Wangen und suchte
+seinen Mund.
+
+Mit freundlicher, aber fester Hand löste Kaspar die zarten Arme von
+seinen Schultern und sagte mit entschlossenem Ernst:
+
+»Nicht so, liebes Fräulein! Wollen Sie denn durchaus, daß ich auch
+noch den Kopf verlieren soll? Einer von uns muß wirklich den Verstand
+behalten, wenn wir nicht beide ins Unglück geraten sollen. Es sieht roh
+und grausam aus, wenn ich Ihre Neigung so undankbar lohne; aber ich
+hoffe, Sie werden es mir doch einmal danken. Nein, bitte nicht weinen,
+Fräulein. Ich meine es gut, und wenn ich Ihnen wirklich auch nur das
+Geringste gelte, so zeigen Sie es mir dadurch, daß Sie meinem Rate
+folgen. Kehren Sie nach Deutschland zurück, bitte, wollen Sie es tun?«
+
+Die Schluchzende gab keine Antwort. Kaspar ging liebreich auf sie zu,
+legte seinen Arm wie tröstend auf die zuckenden Schultern des Mädchens
+und sagte weich:
+
+»Wenn ich Sie herzlich bitte, liebes Fräulein Irmgard -- wollen Sie es
+nicht mir zuliebe tun?«
+
+Da hob die Bremerin schüchtern den Blick zu Kaspar empor und antwortete
+leise: »Küssen Sie mich -- nur einmal -- nur ein einziges Mal! Und ich
+will gehorchen.«
+
+Und Kaspar Krumbholtz küßte das junge schöne Weib.
+
+Es war der erste Kuß in seinem liebeleeren Dasein, und er war sich
+der Heiligkeit des Augenblicks voll bewußt und hat sich dieses Kusses
+auch später nur mit süßer Sehnsucht erinnert. Er glaubte einem holden
+Geschöpf nur so zeigen zu können, daß er es achtete, und daß es ihm
+wert genug war, alles für seine Rettung zu tun.
+
+Wie ein Kindchen, das seinen Willen erhalten hatte, ließ sich Irmgard
+nun ganz still und gefügig das Geld für die Heimreise aufdrängen,
+versprach ernsthaft, diese so bald wie irgend möglich anzutreten, um
+sich eine neue Stellung zu suchen.
+
+Gleich einem treuen älteren Bruder schied Kaspar Krumbholtz von dem
+noch immer still vor sich hin weinenden Mädchen und reiste am nächsten
+Morgen mit dem ersten Expreßzuge nach Tramberg zurück.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Feriengäste
+
+
+Nachdem Kaspar seinem Direktor Bericht erstattet und Rechnung gelegt
+hatte, übergab ihm dieser mit seinem vergnüglichsten Lächeln einen
+Brief nebst einem Scheck und sagte, indem er sich listig die Hände
+rieb: »Ich vermute, hier wird jemand seine Weltreisen fortsetzen!«
+
+Erstaunt sah Kaspar, der noch nie einen Scheck gesehen hatte, erst das
+lange Papier an, auf dem 500 Mark zweimal geschrieben stand, öffnete
+sodann den Brief, in dem Herr Winkler ihn bat, so bald wie möglich über
+Tyrol oder über den Fluelapaß nach Sils Maria ins Engadin zu kommen, wo
+er mit Frau, Tochter und Freund Sebalt die Ferien und das schöne Wetter
+genieße.
+
+Kaspar machte das bekannte Gesicht, was der Mensch meistens macht,
+wenn ihm etwas völlig unerwartet kommt. Darauf bat er um weiteren
+Urlaub, den ihm Bruder Nitschke viel zu gern bewilligte, da er in den
+Ferien froh war, wenn sein großes Haus möglichst leer war. Außer den
+unentbehrlichen Handwerkern sah er da niemand gern.
+
+Mit dankbarem Händedruck quittierte Kaspar über eine Summe, wie er sie
+noch nie, auch nicht in den Karpathen, sein eigen genannt, ja nicht
+einmal im kühnsten Traume erhofft hatte, und setzte sich eilends oben
+auf der Lehrerstube vor das große Reichskursbuch des Hauses.
+
+Nach schwierigen Überlegungen und abermaliger Rücksprache mit dem
+freundlichen Direktor entschied sich Kaspar für die Schweizerroute und
+gab telegraphisch Herrn Winkler Bescheid.
+
+Der Marsch über den herrlichen Fluela lockte den jungen Lehrer
+gewaltig, und die folgende Nacht tat er kaum ein Auge zu vor Aufregung.
+
+Von Davos aus begann Kaspar am übernächsten Tage die Wanderung über den
+Paß.
+
+Wieder erschloß sich seiner Seele eine neue Welt eigenartiger strenger
+Schönheit, die ihn mit gleicher Wucht und Größe gefangen nahm und still
+erschauern ließ, wie vordem die wilden, trotzigen Karpathen.
+
+Freilich, das berauschende Gefühl unermeßlicher Einsamkeit überkam
+Kaspar auf der ziemlich belebten Fremdenstraße nicht so wie in dem
+ungarischen Waldgebirge, das ihm auch in Fauna und Flora einen
+unberührteren, reicheren Eindruck gemacht hatte.
+
+Nur die ersten Alpenrosen versetzten den jungen Lehrer in helles
+Entzücken, und wie ein Pfingstochse reichlich damit geschmückt,
+überschritt er jauchzend die Paßhöhe, unbekümmert um das Gelächter
+blasierter Bergfexe und ihn spöttisch lorgnettierender Dämchen.
+
+ * * * * *
+
+Kurz vor Zernez, dem alten Ladinernest, stieß Kaspar unvermutet auf
+Hans Sebalt, der ihm auf gut Glück von Sankt Moritz entgegengefahren
+war und nun wie ein Wegelagerer in einer kleinen Schänke die
+Fluelastraße abgespäht hatte. Mit lautem Hallo fiel er über den
+alpenrosengeschmückten Freund her, und man umarmte sich stürmisch immer
+wieder mit ausgelassenster Freude.
+
+Im nahen Zernez bezog man in einem altertümlichen Gasthofe
+Nachtquartier, bestellte sich ein reichliches Mahl und einen guten
+Veltliner, und dann gings an ein großes Erzählen bis tief in die Nacht.
+
+Die ersten Fragen Kaspars galten Ursemi und ihren Eltern.
+
+Hans Sebalt berichtete ausführlich, nur ein wenig spöttisch, vom lieben
+stillen Reda, wo alles so ziemlich beim alten sei.
+
+Der weise Berthold regiere das Haus noch immer so lautlos wie ein
+Geheimrat hinter seinem Minister; die runde Mine sei noch ein bißchen
+runder geworden; nur die hübsche Kathrine habe kürzlich geheiratet,
+aber die Nachfolgerin sei auch ein ganz appetitliches Mamsellchen.
+Die Doggen seien ein bißchen klapperig geworden, besonders der Toni
+würde wohl nächstens in die ewigen Jagdgründe eingehen, während die
+Cleo, zäh wie ein altes Frauenzimmer, noch gut bei Appetit und Stimme
+sei. Bei ihrer Herrschaft wäre es ganz ähnlich. Der stattliche Herr
+Winkler habe leider weit mehr eingelegt als seine kleine Frau, der das
+Sorgen -- namentlich jetzt um den künftigen Schwiegersohn -- noch immer
+ausgezeichnet bekomme.
+
+An Aspiranten scheine es übrigens nicht zu fehlen, wenigstens sei
+all die Tage über in Reda beständig Besuch im Hause gewesen, und
+schließlich sei man wohl darum nach Sils Maria ausgerückt.
+
+Als Kaspar geradezu fragte, ob denn unter den Herren einer gewesen sei,
+der Ursemis einigermaßen würdig wäre, da lachte Hans Sebalt schallend
+heraus und meinte:
+
+»Würdig? Köstlich! Du bist doch immer noch der Alte! Gewissenhaft wie
+ein Vormund. Menschenskind, wenn ich du wäre, wüßte ich längst, was
+ich täte. Du hast einen Stein im Brett bei unserer allergnädigsten
+Schlotprinzeß -- doch wem sage ich das? Also die Bewerber! Allzu
+ernsthaft nimmt sie wohl keinen, und der Herr Papa auch nicht. Es
+ist wie in den alten Märchen. Jeder fremde Prinz zeigt sich von
+seiner besten Seite; aber keiner findet Gnade beim König und seiner
+Tochter. Da ist der famose Leibkürassier, der Brettwitz, tadellose
+Erscheinung, vorzügliche Formen, und reiten kann er wie der Deubel.
+Aber von der ersten Silbe seines erlauchten Namens trägt er mehr
+draußen vorm Kopf als gut ist, und von der zweiten drin zu wenig.
+Chancen so ziemlich gleich Null, um so größer natürlich sein Bemühen.
+Dann war unter anderen ein junger Darich da, du weißt von den Belower
+Kammgarnkönigen ein Sprößling. Auch kein übler Kerl, immer tipp topp,
+spielte Tennis -- blödsinnig sagte Brettwitz. Nur im ganzen mehr Yankee
+als Deutscher, und du weißt, das verträgt der Alte schon gar nicht,
+während unsere gute Mama Winkler von dem tüchtigen jungen Mann, der
+doch so gut ins Geschäft passe, ganz hingerissen war. Ursemi endlich
+behandelte ihn mit dem ganzen Übermut einer Dollarlady, scheinbar
+höchst kameradschaftlich, tatsächlich wie einen Liftboy. Du, die hat
+überhaupt in England einen ganz verfluchten Tick bekommen, der kann
+einem jungen Mannsbild bisweilen wirklich auf die Nerven gehn. Ich war
+ja leider nie ihr Fall -- jetzt aber werde ich, wenn sie bei Laune ist,
+von ihr gelegentlich in einer Weise verknackt, als nähme sie mich
+überhaupt nicht mehr ernsthaft. Also im Vertrauen, alter Junge, sei
+auf der Hut vor der Dogaressa, wie unsere putzige Dente sie nannte,
+die übrigens auch noch im Segen zu Bethel ihres Amtes waltet und aus
+dem alten wurmstichigen Schwesternhause Überschüsse auf Überschüsse
+herauswirtschaften soll zur großen Freude der Finanzabteilung, die
+Stipendien schaffen muß -- wie Figura zeigt -- also -- Prosit!«
+
+»Prosit! aber nimm mirs nicht übel, Hans!« sagte Kaspar, fast ein
+bißchen boshaft lächelnd, »ich glaube, du hast dich mindestens ebenso
+verändert wie unsere Ursemi, auf die ich ja schon sehr gespannt bin. Im
+übrigen wandeln wir uns wohl alle -- Gott sei Dank! Also freuen wir uns
+lieber, daß wir uns mal wieder haben dürfen, anstatt uns über einander
+zu wundern.«
+
+»Also sprach der weise Schulmeister Seneca!« fiel Hans Sebalt mit
+großer Gebärde ein, »ja, du hast so recht! Ich merke schon, du
+bist schon ein ganz solider, zügelzahmer Schulfuchs da unten im
+Wüschteberger Ländle geworden, und ich fange an, in dem lieben,
+saufseligen Sumpfnest Leipzig ein windiger, weltfroher Sünder und
+Zöllner zu werden und sitze, wo die Spötter sitzen. Aber schön ists
+doch, mein Junge, sich so richtig mal den Wind der großen Welt um die
+Nase wehen zu lassen, ihren tausend und abertausend Gefahren trotzig
+die Stirn zu bieten und sich selber unverzagt den Weg zu suchen,
+ohne von Bruder Hinz und Kunz bepapelt und geleithammelt zu werden.
+Du braves Kasperle, du hast ja keine Ahnung, was für eine herrliche,
+sauvergnügte Welt es noch da draußen gibt -- weit, weit hinter eurem
+Gemeindezaun und der Schwäbischen Alp. Ja, mein Lieber, davon läßt du
+dir in deinem großen Anstaltskäfig wohl nichts träumen? He, was meinst
+du, wenn du auch mal herauskämst? Ich wollte dir das längst schon
+schreiben, kam aber nicht dazu. Mußt du nicht bald dein Jahr abbrummen?
+Dann komm nach Leipzig, alter Junge, komm zu mir! Wir hausen zusammen
+-- das kann eine urgemütliche Kumpanei werden. Und dann -- dann will
+ich dir mal die große Seestadt Leipzig zeigen -- Junge, Junge -- da
+sollen dir die guten Schwabenaugen übergehn und dein Schulverstand
+stille stehn.«
+
+»Hm,« brummte Kaspar behaglich, »das wäre zu überlegen. Aber vorher
+habe ich noch allerlei zu erledigen, auch muß ich mir über gewisse
+Dinge erst einigermaßen klar werden.«
+
+»Das mußt du ja immer,« neckte Hans, »ich glaube, du bist dir mit
+achtzig Jahren noch nicht klar über dich selbst. Aber Schwamm drüber,
+jedes Tierchen nach seinem Pläsierchen. Wie gefällt dirs sonst in
+Tramberg? Ganz so gott- und weltverlassen wie die Arche Gotteshaag ists
+doch wohl nicht -- oder? -- Ihr dürft wohl nicht viel raus aus eurem
+Bau?«
+
+»Manchmal doch,« meinte Kaspar seelenruhig, »so bis nach London kommt
+man schon einmal.«
+
+»Nach London? Mach keine faulen Witze. Du meinst eure Jungens -- na ja
+-- die haben jetzt Ferien.«
+
+»O nein, ich selber komme geradenwegs von London zurück,« erklärte
+Kaspar lachend.
+
+Nun war die Reihe erstaunter Fragen an Hans Sebalt, und er fuhr damit
+rasch heraus: »Menschenskind -- du in London -- allein in der großen
+Weltstadt -- und ohne Aufsicht, Jungchen, Jungchen, wenn das man kein
+Unglück gegeben hat. Wie lange warst du denn da, und was hast du da
+gemacht?«
+
+»Na, wieder allerlei,« erwiderte Kaspar mit gutem Humor, »was du nicht
+verstehen wirst. Ich habe die Werke der inneren Mission studiert.«
+
+Hans Sebalt brach in ein Höllengelächter aus und brüllte vor Vergnügen:
+
+»Innere Mission -- dazu fährt der Kerl nach London -- ausgerechnet
+nach London, der großen Sündenbabel! Sag mal, bist du denn schon so
+verrückt, daß du etwa Speckapostel werden willst?«
+
+»Ob ich das je wollte, weiß ich nicht. Jetzt aber weiß ich ganz genau,
+daß ich es nicht mehr will. Das ist auch etwas.«
+
+»Na und mit der Theologie?«
+
+»Mit der habe ich mich in Straßburg noch einmal auseinandergesetzt und
+ihr nun endgültig Valet gesagt.«
+
+»In Straßburg warst du auch? Na, höre mal -- wann warst du denn da
+eigentlich in Tramberg?«
+
+»Von Ostern bis Ende Juni, abgerechnet die drei Tage der
+Schwarzwaldreise.«
+
+»Schlemmer, den herrlichen Schwarzwald hast du auch noch so nebenbei
+besichtigt? Höre, Kaspar, braucht ihr nicht in Tramberg nächstens
+auch Oberlehrer? Ich wäre gern bereit, als Auslandreisender bei euch
+einzutreten.«
+
+»Gut, ich wills unserm Chef sagen, der ist so wie so stets in
+Lehrernöten. Wie wärs, wenn du mich ablöstest, wenn ich dienen muß?«
+
+Und wieder lachten beide, daß die Wände der kleinen Schenkstube
+fröhlich widerhallten.
+
+Dann mußte Hans Sebalt von Leipzig erzählen, und er tat es nunmehr ohne
+die Ruhmredigkeit der ersten halben Stunde. Von den Kollegs, von den
+Kneipen, von seiner Wirtin und Herrn Niemeyer sprach er allerlei; nur
+von der stolzen Brünetten erwähnte er ebensowenig ein Wort wie Kaspar
+von seinem Londoner Magdalenchen. Spät gingen die Freunde zur Ruhe,
+und früh standen sie auf, um dann, fröhlich singend und schwatzend wie
+ehedem zu Gotteshaag, miteinander das herrliche Inntal hinaufzuwandern
+gen Sils Maria.
+
+ * * * * *
+
+Als die beiden Freunde nach zwei Tagen staubbedeckt und braungebrannt
+am Ziele anlangten, empfing sie Frau Winkler allein, aber mit einer
+Herzlichkeit, als wolle sie für die Abwesenheit von Mann und Tochter
+Entschädigung bieten.
+
+Sorglich nahm sie sich ihrer zwei Pflegesöhne an, als wären es
+noch die kleinen Tertianer von Bethel. Kaspars Sachen, die er klug
+vorausgeschickt hatte, hingen schon, alle wohlgebügelt, im Schranke
+seines herrlich gelegenen Zimmers, von dessen Balkon aus man die ganze
+Riesengruppe der Piz Bernina überschauen konnte. Rasch zog sich Kaspar
+um und trat dann in den herrlichen Abend hinaus.
+
+Da sah er vom gegenüberliegenden Berghang einen stattlichen, nur
+etwas vornübergebeugten Mann und ein tannenschlankes Mädchen langsam
+herunterschreiten. Mit einem Blick hatte er die Redaer Freunde erkannt
+und stürmte -- wie er war -- ohne Hut hinab und ihnen entgegen.
+
+An einer Straßenbiegung lauerte er ihnen auf und überraschte Vater und
+Tochter vollkommen. Am liebsten wäre er beiden um den Hals gefallen,
+aber unwillkürlich dachte er an Sebalts Worte, und so dämpfte er den
+Überschwang seiner Gefühle. Immerhin ging es laut genug her.
+
+Herrn Winkler freilich leuchtete die stille Genugtuung über den
+stattlichen Pflegesohn nur aus den gütigen Augen; aber Ursemi
+machte kein Hehl aus ihrer hellen Freude wie aus ihrem Erstaunen,
+ihren ehemaligen Rekonvaleszenten Kaspar so kraftvoll und frisch
+wiederzusehen. Mit glückseligem Stolz wirbelte sie übermütig den
+hochgewachsenen Freund ein paarmal im Kreise herum und sagte
+befriedigt, fast stolz:
+
+»Sieh mal einer an, was fürn Berserker aus dem Suppenkasperle vom
+Luisenstift geworden ist! Jetzt kann man sich doch wieder mit dir sehen
+lassen.«
+
+»Danke für das Kompliment,« erwiderte Kaspar, lustig sich verneigend,
+»ich könnte ja nun eine Retourkutsche vorfahren lassen, aber wozu! Du
+weißt, ich war mit dir immer zufrieden. Ich bin nicht so anspruchsvoll
+bei meinen Freunden.«
+
+»Vater,« sagte Ursemi resolut, »was macht man nun mit dem Kerl,
+verdrischt man ihn, oder gibt man ihm einen Kuß?«
+
+»Das halte du, wie du willst,« meinte Herr Winkler trocken, »Pack
+schlägt sich, Pack verträgt sich.«
+
+»Hör mal, Vater, du untertaxierst uns nachgerade.«
+
+»Um so besser, dann habe ich Hoffnung, euch nächstens mal in neuen
+Rollen zu sehen. Einstweilen spielt ihr noch die alten von Bethel, aber
+sie sind nicht so langweilig wie die mit Mister Darich und Genossen.
+Also nur zu, die +repetitio delectat+ als +variatio+.«
+
+»Liebster Papa, willst du nicht deutsch reden?«
+
+»Warum, du redest doch auch so viel englisch. Ich muß dir doch zeigen,
+daß ich noch etwas mehr kann als du -- sonst geht der Rest des
+väterlichen Respekts auch noch in die Wicken.«
+
+»Ist er nicht greulich?« wandte sich Ursemi wie hilfesuchend zu Kaspar,
+»so ödet mich dieser früher so zärtliche Vater jetzt beständig an, seit
+ich mir mit einem jungen +american boy+ den Ulk gemacht habe, ein
+bißchen +Gibson girl+ zu spielen.«
+
+»Ja, Hans hat mir schon davon erzählt,« sagte Kaspar harmlos.
+
+»So,« fuhr Ursemi herrisch auf, »hat er wieder den süffisanten Schnabel
+nicht halten können, der allweise Hans? Werds ihm schon anstreichen.
+Was hat er denn noch über mich geklatscht?«
+
+»Geklatscht?« sagte Kaspar ruhig, »dann müßte ich ja jetzt auch
+klatschen, wenn ich dir verriete, was er mir auf meine Fragen
+geantwortet hat. Nee, Ursemi, nun halt ich erst recht dicht.«
+
+Und wieder lachte Herr Winkler behaglich vor sich hin und meinte:
+»Kindsköpfe seid ihr doch! Kaum drei Minuten seid ihr beisammen, da
+kriegt ihr euch am Kragen. Das kann ja gut werden.«
+
+»Na, als ob ich schuld wäre --«
+
+»Sage ich ja gar nicht, Kind, freue mich nur, daß du wieder einen hast,
+der dir gewachsen ist.«
+
+»So -- Schadenfreude. Übrigens -- abwarten! Mit Kaspar bin ich noch
+immer famos ausgekommen.«
+
+»Stimmt, aber fertig geworden doch wohl nicht so ganz,« meinte Herr
+Winkler schmunzelnd.
+
+»O bitte,« wandte nun Kaspar ein, »ich erkenne Ursemis völlige
+Oberhoheit ohne jeden Streit an.«
+
+»Eben darum, lieber Junge,« sagte der Fabrikherr gelassen, »sie liebt
+keine Pyrrhussiege.«
+
+»Vater, nochmals, bitte, nicht so gelehrt,« fiel nun Ursemi wieder
+schmollend ein, »du weißt doch, daß ich Geschichte mit Vorliebe
+geschwänzt habe -- Gott, die selige, greuliche Gouvernante. Weißt du,
+Kaspar, daß die alte Schachtel -- Pardon, das liebe, lederne Geschöpf
+noch geheiratet hat?«
+
+»Nein,« antwortete Kaspar, »das ist allerdings erstaunlich.«
+
+»Ja,« fuhr Ursemi fort, »einen Witwer mit zwei erwachsenen Kindern
+-- ungefährlich, aber immerhin doch ein richtig gehender Mann. Und
+unsereins kriegt keinen, beim besten Willen keinen, obwohl sich Mama
+die größte Mühe gibt. Nächstens meldet mich Schwester Dente für die
+Mission an, aber ich will nur nach Grönland, und da ist die Mission
+gerade eingegangen.«
+
+Kaspar lachte hellauf, während Vater Winkler ironisch meinte: »Labrador
+ist ja noch im Gange, dort ist es ebenso kalt. Meinen Segen und die
+nötige Ausstattung in Seehundsfellen und Lebertran bin ich anstandslos
+bereit zu bewilligen.«
+
+»So ist er nun, der Vater! Erst nennt er uns Kindsköpfe, und dann macht
+er selber die faulsten Witze.«
+
+»Ja -- mit den Wölfen muß man heulen,« erwiderte lakonisch der
+Fabrikherr.
+
+Da packte ihn seine Tochter ausgelassen um den Hals, gab ihm einen
+herzhaften Kuß und rief schelmisch: »Nee, Väterchen, so bald wirst du
+dein Ursekindchen nicht los, und als Ramschware lassen wir uns nicht
+verkaufen.«
+
+Glückselig wehrte Vater Winkler seinen großen Wildfang ab und sagte mit
+geheuchelter Würde: »Kinder, jetzt benehmt euch! Wir kommen ins Dorf,
+und unser Renommee ist so wie so nur mäßig. Jeden Tag liebkost sie
+mich nämlich hier zwei- bis dreimal auf offner Straße. In Reda dagegen
+spielt sie die kühle +Lady patroness+. Umgekehrt wäre es mir
+eigentlich lieber.«
+
+In der Tat schritt man nun gemessener dem Hotel zu.
+
+Bei der Ankunft flüsterte Ursemi ihrem Freunde leise zu: »Er macht
+mir Sorge, der gute Vater, er muß recht lange hierbleiben, daß er mir
+wieder frisch wird.«
+
+ * * * * *
+
+In ungetrübtem Frohsinn glitten die schönen Ferientage nur allzu rasch
+dahin.
+
+Wagenfahrten und Fußwanderungen wechselten miteinander ab; allerlei
+Bekanntschaften wurden gemacht, darunter die eines näheren Landsmannes,
+eines Grafen Harry Brosyn, dessen Vater dem Fabrikherrn als ein
+oberschlesischer Kohlenmagnat flüchtig bekannt geworden war.
+
+Der junge Brosyn wollte jedoch nicht nur als Sohn seines Vaters
+gewertet werden, sondern erklärte vergnüglich: er habe den Ehrgeiz
+als selbständige Nummer zu figurieren, denn er lebe schon längst in
+Gütertrennung mit seinem alten Herrn. Zwar betrachte Brosyn senior das
+einstweilen als einen der mancherlei Sparren seines +filius+, aber
+mit der Zeit werde er, der +filius+, dem Herrn Papa den nötigen
+Respekt vor der Firma Brosyn junior schon noch abringen.
+
+Wie sich herausstellte, hatte der Graf Harry Brosyn trotz seiner
+27 Jahre schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Erst
+Kavallerieoffizier, dann Gesandtschaftattaché in Argentinien, hatte
+er sich auch zweimal an wissenschaftlichen Expeditionen beteiligt und
+dazwischen einige Semester in Freiberg und Berkeley Bergbau studiert.
+Jetzt war er bei einer großen Minenunternehmung in Kalifornien
+beteiligt und hielt sich nur vorübergehend, erst in Pontresina, nun in
+Sils auf, um einen letzten Rest von Malaria wegzukurieren.
+
+Harry war ein unterhaltsamer, witziger Gesell, ein immer fröhlicher,
+guter Kamerad ohne jede Feierlichkeit und frei von Adelstolz. An der
+schlichten Redaer Gesellschaft schien er jedenfalls weit mehr Gefallen
+zu finden als an den feudalen Kurgästen Pontresinas, die ihm zu
+seinem Ärger gelegentlich nach Sils Maria »nachstiegen«, wie er sich
+burschikos auszudrücken beliebte.
+
+Mit Ursemi stand Graf Harry ähnlich wie Kaspar auf einem keck
+kameradschaftlichen Neckfuß und ließ sich von den gelegentlichen
+Launen der jungen Gnädigen, wie er sie gern nannte, wenig imponieren.
+Trotzdem trug er seine Zuneigung mit der Zeit immer offner zur Schau.
+
+Mama Winkler hatte nichts gegen den Grafen einzuwenden, nur daß er so
+weit weg wohnte, war ihr ungemütlich. Herr Winkler hatte sogar seine
+stille Freude an der ungebrochenen Kraft und dem Lebenstrotz dieser
+willensstarken Persönlichkeit, wenngleich ihm die kaufmännischen
+und bergbaulichen Riesenpläne des jungen Selfmademan ein wenig
+abenteuerlich vorkommen wollten. Aber er dachte bei sich: dergleichen
+Burschen müssen reichliche Ellbogenfreiheit haben.
+
+Mit Sebalt vermochte der junge Graf am wenigsten Seide zu
+spinnen, obwohl ihm der Leipziger Studiosus unverkennbare Achtung
+entgegenbrachte.
+
+Dagegen schien Harry für Kaspar nach und nach eine redliche Neigung zu
+empfinden; nur der Lehrerberuf imponierte ihm durchaus nicht, und immer
+wieder redete er Kaspar zu: er solle seinen Bakel an die Wand hängen
+und mit ihm hinüber nach Kalifornien kommen als sein Privatsekretär,
+er wolle ihn schon managen. Umsatteln müsse Kaspar doch einmal, so gut
+wie er selber -- er kenne die Sorte Menschen, die das nötig hätten, zu
+genau. Und je eher, um so besser.
+
+Kaspar lachte, aber gestand sich heimlich, daß der lustige Minengraf
+vielleicht nicht so ganz unrecht hatte mit dem Umsatteln; nur war es
+für ihn noch nicht an der Zeit. Erst mußte er wissen, woran er mit der
+Brüdergemeine war.
+
+ * * * * *
+
+Auch Herr Winkler sprach einmal mit Kaspar darüber, als dieser
+ihn fragte, ob er ihm nicht den größten Teil des gesandten Geldes
+zurückerstatten dürfe. Die Kosten der Reise hin und zurück würden kaum
+120 Mark betragen.
+
+Der Fabrikherr lächelte mild und sagte: »Drückt dich das Geschenk schon
+wieder, stolzer Kaspar? Behalte die paar Moneten nur ruhig! Du wirst
+sie schon brauchen, eher vielleicht, als du denkst. Mich anzuborgen
+würdest du ja auch in der größten Not nicht über dich gewinnen, und
+noch hast du einen weiten Weg vor dir, lieber Junge. Wie wirds denn mit
+deinem Dienstjahr?«
+
+»Ich weiß es noch nicht. Bleibe ich im Gemeindienst, so bekomme
+ich die uns dafür ausgesetzte Unterstützung; sonst gedenke ich
+Königsfreiwilliger zu werden. Zur Not diene ich zwei Jahre, ich habe
+nichts zu versäumen.«
+
+»Weißt du das so genau, Kaspar? Wer weiß, was deines Lebens Ziel
+und eigentlicher Inhalt sein soll? Jetzt bist du erst bei den
+Vorbereitungen, also verliere nicht unnötig Zeit. Später könnte es
+dich bitter gereuen. Im übrigen freue ich mich, daß du so gern deine
+Arbeit in Tramberg tust, und daß du den Straßburger und Londoner
+Ausflug machen durftest. Paß auf, er wird dir mehr austragen, als du
+ahnst. Du siehst mich verwundert an. Ja, Lieber, man muß alt sein, um
+die volle Wirkung starker Jugendeindrücke ganz ermessen zu können.
+Es wäre darum wirklich nicht das Dümmste, wenn du den Vorschlag des
+jungen Grafen mal in ruhige Erwägung zögest. Nein, bitte, lache nicht!
+Ich meine es ganz im Ernst und habe selbst schon mit Brosyn darüber
+gesprochen. Und du weißt, du kannst jederzeit, wenn dir daran liegt,
+durch mich deine Verpflichtungen der Unität gegenüber lösen. Tramberg
+ist ganz gut für dich, das zeigt dein frischeres, gefestigteres Wesen,
+Kaspar. Aber es kann für Menschen -- oder ich will nun richtiger sagen,
+für Männer deiner Art -- nur eine Durchgangsstation sein.«
+
+Kaspar schwieg eine Weile nach seiner Gewohnheit. Hatte er über Brosyns
+Worte seinerzeit gelacht, so gaben ihm nun Herrn Winklers Anregungen um
+so mehr zu denken.
+
+Der Fabrikherr merkte es und setzte schonend hinzu: »Na -- nur ruhig
+Blut, es soll weiter nichts als ein kleiner, väterlicher Wink sein,
+damit du nicht Gefahr läufst, dich einzuspinnen, wie das die Herrnhuter
+lieben. Ein rechter Kerl muß sich auch mal den Sturm des großen
+Weltozeans um die Nase wehen lassen, sonst erfriert sie ihm schließlich
+beim ersten scharfen Mailüfterl des Lebens. Nach Paris zu reisen nützt
+einem Deutschen von heute nichts mehr, und London nur wenig! Die Welt
+ist kleiner und enger geworden. Sieh dir diesen Harry an, der treibts
+freilich gleich ein bißchen toll -- aber es schadet nichts. Wenn er
+nicht von der Rahe stürzt, fährt er einmal mit eigner Jacht stolz zu
+den Gruben seines Vaters zurück. Denn zurückkommen wird auch er einmal,
+wenn er in die Jahre des tiefen Heimwehs gerät. Ich dachte mit 25
+Jahren in Baltimore auch ernstlich daran nie wiederzukehren und träume
+noch jetzt manchmal heimlich unter meinen Redaer Blaufichten von den
+Redwoods der Rocky Mountains. Sehnsucht oder Heimweh fehlt hüben und
+drüben nicht, sie wechseln nur die Richtung, je nach den Jahren.«
+
+ * * * * *
+
+Die richtige Antwort auf die ihn tief aufregenden Fragen des
+Fabrikherrn konnte Kaspar nicht so rasch finden, aber nach einigen
+Tagen sagte er Herrn Winkler in aller Entschiedenheit: Er wolle
+vorerst den ihm liebgewordenen Beruf zu Tramberg ruhig weiter ausüben.
+Noch fehle ihm innerlich jedes Recht, der Brüdergemeine und der ihm
+liebgewordenen Anstalt den Rücken zu kehren.
+
+Herr Winkler nickte nur gleichmütig zu diesem Bescheid, im geheimen
+aber triumphierte er doch: »Er ist ein Charakter, der Junge! Ich
+brauche mich nicht zu sorgen, den wirft nichts so leicht aus seiner
+Bahn. Für den ist Tiefe mehr als Weite.«
+
+Unterdessen bereitete sich ein neuer Sturm vor, der Kaspars Seele
+schwerer erschüttern sollte als die Anregungen Brosyns und Vater
+Winklers.
+
+Unbefangen wie in alter Zeit hatte Kaspar mit Ursemi all die Tage
+über verkehrt, obwohl die taufrische Anmut der nun vollerblühten
+Jugendgespielin stärker als je zuvor auf seine durch das Londoner
+Abenteuer plötzlich geweckten Sinne wirkte.
+
+Die leichtsinnige Andeutung Hans Sebalts in Zernez hatte Kaspar nicht
+weiter ernsthaft genommen; aber die Folgezeit bestätigte ihm rasch,
+daß Ursemi ihm redlich zugetan war, wenn auch wohl -- wie Kaspar sich
+einredete -- mit schwesterlicher Zuneigung.
+
+Als er jedoch mit dem seit Leipzig wirklich oft unleidlichen Hans
+Sebalt noch einmal auf dies heikle Kapitel zu sprechen kam, erklärte
+ihm dieser am Ende eines für Kaspar wenig glücklichen Disputs:
+Geschwisterliche Zuneigung zwischen jungen Menschenkindern, die nicht
+leibhaftige Geschwister sind, wäre ebensolcher Unsinn wie jede
+Freundschaft zwischen etwa gleichaltrigen Menschen verschiedenen
+Geschlechts.
+
+Kaspar ließ sich nicht irre machen bis zu dem Tage, an dem er zum
+ersten Male wahrzunehmen glaubte, daß Ursemi dem jungen Grafen Harry
+ebensowenig gleichgültig war wie ihm selber.
+
+Von da an belauerte Kaspar argwöhnisch jede Regung seiner Seele, und
+von Tag zu Tage ward es ihm klarer, daß in ihrem Grunde ein dumpfes
+Angstgefühl um Ursemi, ja -- es war eine Schmach -- auch etwas wie
+Eifersucht gegen den Grafen sich leise zu regen begann.
+
+Nunmehr war es um Kaspars Unbefangenheit geschehen. Er wurde stiller
+und einsamkeitsbedürftiger. Er begann nach seiner alten Weise zu
+grübeln, mit sich abzurechnen und schließlich ernstlich mit sich zu
+ringen.
+
+Er sollte sich rechtschaffen freuen -- so suchte er sich immer wieder
+mühsam einzureden -- daß ein so gescheiter, willenskräftiger und
+vornehmer Mensch wie Harry Brosyn auf dem besten Wege war, die Liebe
+und die Hand Ursemis zu erringen. Dieser Graf war doch wahrhaftig eine
+ganz andere geistige wie charakterliche Potenz als die Sorte Brettwitz
+oder Darich. Und ein Mann wie Harry war nicht nur Ursemis unbändiger
+Art gewachsen, sondern auch am ehesten imstande, mit Tatkraft und
+Weitblick dermaleinst die gewaltigen Winklerschen Werke fortzuführen
+und den mächtigen Grundbesitz zu verwalten und zu erhalten. Das war ein
+doppeltes, ein seltenes Glück für die Eltern Winkler.
+
+Und all demgegenüber war es doch rein lächerlich, wie er, der armselige
+Stipendiat, der kleine Privatlehrer mit 25 Mark Monatsgehalt und freier
+Station, überhaupt nur auf den schier wahnsinnigen Gedanken kommen
+könnte, seine Augen begehrend zu dieser Millionärstochter zu erheben.
+Unrecht, ja Frevel wars!
+
+Mit Vernunftgründen ließen sich jedoch auf Kaspars Gedankenwalstatt
+noch so viele siegreiche Gefechte führen; dennoch erhob das
+aufrührerische Gesindel seiner elementaren Empfindungen immer wieder
+tückisch und erfolgreich die Fahne des Aufruhrs gegen den gebietenden
+Verstand.
+
+Die Tatsache ließ sich nicht leugnen, daß in Kaspar eine
+leidenschaftliche Neigung für Ursemi immer stärker emporflammte, so
+daß er selber sich zuletzt gestehen mußte, dergleichen Gefühle für
+brüderliche Liebe zu erklären, wäre nichts anderes mehr als eine
+gemeine und lächerliche Notlüge.
+
+Da faßte Kaspar den Entschluß abzureisen, noch ehe er sich verraten.
+Das war nur leichter gedacht als getan.
+
+ * * * * *
+
+Man wußte im Redaer Freundeskreise sehr genau, wann Kaspars Ferien
+zu Ende gingen, und seine Ausflüchte -- er habe noch in Tramberg zu
+arbeiten -- glaubte ihm keiner.
+
+Kaspar hatte wirklich kein Talent zum Lügen. Man sah ihm, wie Hans
+Sebalt spöttelte, jede Schwindelei gleich an der erbleichenden
+Nasenspitze an.
+
+Kaspar war rechtschaffen in Verlegenheit um eine Ausflucht. Da fiel
+ihm zum Glück ein, daß es ja in Tramberg eine Ferienaufsicht gäbe.
+In erster Reihe kamen da freilich die Herren in Frage, die auf
+Generalunkosten die große Schweizerreise mitgemacht hatten; aber Kaspar
+brauchte sich ja nur um eine Vertretung bitten zu lassen.
+
+Und so schrieb er schleunigst an Martin Muffke. Umgehend kam folgende
+lapidare Antwort zurück:
+
+»Lieber Holzkollege! Sie sind zwar ein Pflichtprotz und ein total
+verrücktes Huhn, aber meine Ferienaufsicht möge Ihnen wohltun.
++Habeatis+ vom 19. bis 22. September, Max. Postskriptum: Meine
+können Sie auch kriegen! Moritz.«
+
+Nun hatte Kaspar seinen triftigen Grund und traf auch sobald wie
+möglich Anstalten zur Abreise.
+
+Die alten Winklers bedauerten seinen Entschluß; Sebalt witzelte
+niederträchtig etwas von ministeriellen Gesundheitsrücksichten;
+Graf Harry schlug Kaspar kurzer Hand vor, wegen dieser verdammten
+Ferienaufsicht seinen Abschied einzureichen. Nur Ursemi sprach kein
+Wort.
+
+Als sie aber bald darauf einmal mit Kaspar allein im stillen Garten des
+Hotels saß, sagte sie ihm plötzlich auf den Kopf zu: Er sei ein feiger
+Ausreißer.
+
+Kaspar erschrak. Sollte er sich doch verraten haben?
+
+Mit mühsamer Fassung erwiderte er: »Laß es gut sein, Ursemi. Ich muß
+wirklich heim.«
+
+»Ich kenne ja deinen Dickkopf zur Genüge,« meinte Ursemi herb, ja ein
+wenig scharf, »aber wenn du glaubst, mich täuschen zu können, dann
+irrst du dich.«
+
+»Täuschen, wieso?« fragte Kaspar unsicher.
+
+»Daß deine Arbeiten und Ferienaufsicht Flausen sind, wissen wir alle.
+Und wenn du es nicht zugeben willst, dann will ich dir nur sagen, daß
+mir Hans -- was freilich perfide war -- den famosen Uriasbrief auf
+deinem Schreibtisch gezeigt hat, den du dir da von deinen Spießgesellen
+Max und Moritz hast schreiben lassen.«
+
+Nun lachte Kaspar, allein so ganz geheuer war ihm nicht; denn Ursemi,
+die sonst viel zu gern mitlachte, blieb völlig ernst und fuhr leise
+fort: »Weißt du noch, Kaspar, was du mir voriges Jahr in Reda gesagt
+hast, als ich Chancy erwähnte?«
+
+Kaspar erbleichte ein wenig, antwortete jedoch ruhig: »Gewiß, und ich
+dächte, ich hätte dir doch in diesen Tagen zur Genüge gezeigt, daß ich
+dich einem ehrenhaften Manne gönne.«
+
+»Sehr gütig -- lieber Junge,« unterbrach ihn Ursemi spöttisch, »aber
+das meine ich nicht. Sondern ein gewisser jemand vermaß sich voriges
+Jahr hoch und heilig: nie eifersüchtig sein zu wollen. Und jetzt reißt
+er aus, weil ers doch geworden ist und sich dessen schämt.«
+
+»Liebe Ursemi,« sagte Kaspar nach einer peinlichen Pause langsam, »was
+hast du wohl davon, wenn du mich hier demütigst und quälst? Ich darf
+dir über das, was mich im Tiefsten bewegt, doch keine Auskunft geben.
+Du weißt so gut wie ich, daß auch der willenskräftigste Mensch nicht
+immer seiner letzten Gefühle völlig Herr zu werden vermag. Jeder von
+uns hat ein verschleiertes Tempelbild im Herzen, das er vielleicht
+selbst nicht zu enthüllen wagt.«
+
+»Wenn du orakeln willst, lieber Kaspar, dann bitte suche dir jemand
+anderen aus. Warum hast du denn nicht den Mut, mir klipp und klar zu
+gestehen, daß du auf Harry eifersüchtig bist?«
+
+»Weil das Unsinn wäre,« fuhr es nun Kaspar heftig heraus, »weil ich
+nicht eine Spur von Recht dazu hätte. Ich hätte höchstens allen Anlaß,
+mich zu freuen, daß ein so tüchtiger, prächtiger und dir ebenbürtiger
+Bursche wie Harry sich für dich interessiert.«
+
+»So? Woher weißt du denn das?«
+
+»Ich glaube, das sieht ein Blinder.«
+
+»Im Gegenteil, nur ein überscharf Sehender, ich weiß nichts davon.«
+
+»Dann bitte ich um Verzeihung, Ursemi. Ich bin ein Narr, so oder so.«
+
+Nun wurde die scharfe Ursemi plötzlich wieder die alte.
+
+Mit siegesfrohem Lachen trat sie auf Kaspar zu, klopfte ihm vertraulich
+auf die Schulter und sagte launig: »Na, siehst du wohl, nun bekommst
+du als armer Narr und Sünder auch Absolution dafür, daß du dir in
+Gedanken schon ausklamüsert hast, ich ginge nächstens mit Graf Harry
+Gold graben. Habe durchaus keine Lust dazu. Und noch eins, mein
+Lieber! Das Recht, auf jeden, der dir deine Pflegeschwester fortholen
+will, greulich eifersüchtig zu sein, das Recht räume ich dir hiermit
+ausdrücklich ein, da du es dir nicht zu nehmen wagst, und es am
+Ende doch nicht lassen kannst. Aber dafür wahre ich mir auch mein
+Recht, es dir ganz gewaltig übel zu nehmen, wenn du bei jedem bißchen
+Herzbeklemmung gleich ausrücken willst. Wurscht wider Wurscht --
+wie es unter guten Kameraden üblich ist. Und nun brav nebeneinander
+ausgehalten -- wies auch kommt. Hier Hand drauf und nicht gemuckst!«
+
+Aufatmend schlug Kaspar ein. Es war ihm, als fiele ihm ein Stein vom
+Herzen. Dann ging er eilends auf sein Zimmer hinauf und schrieb Max und
+Moritz einen sehr verklausulierten Absagebrief.
+
+In ungetrübter Stimmung gingen die Ferien zu Ende. Kaspar genoß die
+letzten Tage mit einem so bewußten Glücksgefühl wie nicht einmal die
+ersten Tage. Ursemi goß gleichsam Öl in seine Herzenswunden.
+
+Dann fuhr er mit froher Arbeitsehnsucht nach Tramberg. Bis Innsbruck
+begleitete ihn Hans Sebalt.
+
+Kurz zuvor hatte sich Harry Brosyn verabschiedet. Hans behauptete steif
+und fest: der junge Graf habe sich einen Korb geholt.
+
+Kaspar zuckte mit den Achseln und meinte nur: »Schade, wenns wahr ist.«
+
+Da lachte Hans Sebalt wieder spöttisch in sich hinein und dachte
+überlegen bei sich: Ich sollte an seiner Stelle stehn, ich wäre nicht
+so dumm.
+
+Der Abschied der beiden Missionskinder war nicht ganz so herzlich wie
+ihre erste Begrüßung.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Die Tänzer
+
+
+Dank der Freigebigkeit Herrn Winklers war es Hans Sebalt möglich,
+den kostspieligen Tanzunterricht zu bezahlen, und so war sein Erstes
+in Leipzig, Herrn Niemeyer aufzusuchen und mit ihm das Nähere zu
+verabreden.
+
+Besonderes Vergnügen konnten die beiden Studenten der Sache freilich
+nicht abgewinnen. Anfangs sahen die mit Spannung erwarteten Lektionen
+Freiübungsturnstunden verzweifelt ähnlich, und auch, als die Dämchen
+erschienen, ward es nicht weiter aufregend, zumal die betreffenden
+Mamas den Abenden beiwohnten und die Töchter zumeist nur gut dressierte
+Gänschen waren, mit denen eine Unterhaltung sich kaum lohnte.
+
+Der Schlußball kostete einen Frack, zwei Paar Handschuhe, ein Bukett
+und einiges Geld; von wirklichem Vergnügen war nicht die Rede, um so
+mehr als Niemeyer und Sebalt sich gestehen mußten, daß sie noch immer
+nicht richtig und flott tanzen konnten.
+
+Ein alter Restaurantpächter, der an ihrem Tische saß, bemerkte das
+auch, meinte aber lachend: tanzen lernten die Wenigsten in einer
+solchen Tanzstunde. Die Mädels könntens vorher, und die Herren lerntens
+meist erst nachher auf den Vorstadtbällen. Er schlüge ihnen darum vor,
+demnächst einmal zu ihm nach Lindenau herauszukommen, da würden sies im
+Fluge lernen.
+
+Niemeyer und Sebalt ließen sich das nicht zweimal sagen und wurden bald
+Stammgäste im fröhlichen Lindenau.
+
+In der Tat lernten sie, dank einiger energischer und
+unternehmungslustiger Dämchen, das Tanzen nun rasch und ärgerten sich
+nachträglich noch über das viele Geld, das sie im Tanzkursus ausgegeben
+hatten.
+
+ * * * * *
+
+In Lindenau sah Hans Sebalt eines Sonntagnachmittags zu seiner
+freudigsten Überraschung in einer Ecke des Saales endlich die stolze
+Brünette aus dem Rosental wieder, deren Spur er -- trotz aller
+Nachforschungen in Monplaisir und anderswo -- völlig verloren hatte.
+
+Schnell entschlossen ging Hans auf die so lange schon heimlich Verehrte
+zu und bat sie um einen Tanz.
+
+Trotz seiner tadellosen Verbeugung sagte die große Unbekannte nur sehr
+stolz und wie gelangweilt: »Ich danke, ich tanze nicht.«
+
+Und Hans machte eine zweite, weniger tadellose Verbeugung und ging mit
+pumpelrotem Kopf an seinen Platz zurück.
+
+Er war außer sich vor Aufregung und verletzter Eitelkeit. Er schämte
+sich vor all den Hunderten von Menschen, als habe jeder einzelne seiner
+Abweisung persönlich beigewohnt.
+
+Am liebsten wäre er spornstreichs davongelaufen, aber er wollte sich
+vor Niemeyer nichts vergeben. Im Gegenteil dachte er rasch: nur nichts
+merken lassen, nur ihr zeigen, daß du dir nicht imponieren läßt.
+
+So tanzte er drauf los, so flott und sicher wie noch nie vorher, und
+jedesmal, wenn er an der heiklen Ecke vorüberwirbelte, sah er so
+triumphierend wie nur irgend möglich nach der schönen Brünetten, auf
+deren stolzen Mienen er jedoch zu seinem geheimen Ärger nicht den
+geringsten Eindruck wahrnehmen konnte.
+
+Wie eine Sphinx saß sie unbeweglich da und sah gleichgültig, ja fast
+melancholisch dem rauschenden Treiben zu.
+
+Hans Sebalt tanzte mit einigen hübschen und liebenswürdigen Mädchen,
+aber seine Gedanken waren unwiderruflich bei der Brünetten.
+
+Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er ihr beikommen konnte;
+scheinbar hatte sie keine Bekannten im Saale.
+
+Hans Sebalt gab seinem Herzen einen Stoß und zog Niemeyer teilweise
+in sein Geheimnis, das heißt, er schimpfte ganz gehörig über die
+eingebildete Person, die sich da vorn hinsetze und nicht tanzen wolle
+und doch wahrscheinlich auch nichts besseres sei als die anderen Mädels
+alle.
+
+Schließlich setzte Sebalt dem Kommilitonen zu, ~er~ solle doch
+einmal sein Heil versuchen.
+
+Niemeyer war ein forscher Kerl, lachte, ging hin, stellte sich höflich
+vor und -- zu Sebalts maßlosem Erstaunen und Ärger -- tanzte die stolze
+Brünette sofort mit ihm.
+
+Und wie tanzte sie! Wie eine Göttin schien sie Hans Sebalt, dem Neid
+und Eifersucht an der Seele nagten, dahinzuschweben.
+
+Ruhig und sicher führte sie den noch ein wenig unsicheren Niemeyer
+durch das Gewühl wie eine geborene Ballkönigin. Und als sie an Hans
+Sebalts Platz vorüberglitt, da schien ihm, als husche ein spöttisches
+Lächeln über ihre edel gleichmäßigen Züge. Kurz darauf hielt sie
+an ihrem Platze vor der Zeit inne, verneigte sich huldvoll gegen
+den dankend dienernden und vor Stolz glühenden Niemeyer, nahm ihre
+Handschuhe und ging langsam und hoheitsvoll hinaus -- an Hans vorbei,
+würdigte ihn aber keines Blickes.
+
+Strahlend kam Niemeyer zu dem bestürzten Sebalt zurück.
+
+»Donnerwetter, die kann tanzen,« prahlte er, »so was Graziöses ist mir
+noch gar nicht vorgekommen! Du, das ist was Feines! Die hat sich bloß
+hierher mal verlaufen. Aber nobel wars -- danke dir tüchtig, daß du mir
+zu dem Genuß verholfen hast.«
+
+Hans Sebalt schäumte innerlich vor Wut; aber er sagte großspurig: »Pah
+-- das dumme Frauenzimmer will mich ja nur ärgern. Darum allein hat sie
+mit dir getanzt.«
+
+»Sebalt -- mein Sohn --« fuhr nun Niemeyer beleidigt auf, »willst du
+das dumme Frauenzimmer sofort revozieren oder --«
+
+»Meinetwegen,« lenkte Sebalt klug ein, »also sag mir mal lieber, wie
+heißt der Besen?«
+
+»Besen -- neue Beleidigung -- revoziere oder --«
+
+»Alles, was du willst,« sagte Sebalt nun gemütlich, »aber an dir
+scheint die junge Dame -- ist dirs so recht?«
+
+»Jawohl -- junge Dame -- sage lieber entzückende, reizende Dame --«
+
+»Na, Niemeyerchen, du scheinst ja ordentlich Feuer gefangen zu haben.«
+
+»Habe ich auch -- genau so wie du, mein Sohn Sebalt! Nur -- daß ich dir
+einstweilen einige Nasenlängen zuvor gekommen bin. Trage es mit Würde,
+mein Sohn!«
+
+»Werde mich bemühen. Übrigens ihren Namen kannst du mir wohl verraten.«
+
+»Könnte ich, da hast du recht. Werde aber den Deubel tun. Damit du
+morgen im Adreßbuch nachsuchst, hinstürzt und mir wieder den Rang
+abläufst. Nee, min Jung, so helle bin ich auch.«
+
+Jetzt konnte Sebalt seinen Ingrimm doch nicht mehr verhehlen und brach
+offen los: »Na, weißt du, sehr anständig finde ich das nicht. Du weißt,
+ich interessiere mich für die Dame und -- eins, zwei, drei -- schnappst
+du sie mir vor der Nase weg.«
+
+Niemeyer lachte gemütlich und erwiderte: »Sebalt, mein Sohn, höre die
+Weisheit des Brahmanen Niemeyer: Erstens, in Geld- und Weibersachen
+hört unter den besten Freunden jeder Anstand auf. Zweitens, wenn du
+dich für die nette Schwarze da wirklich interessierst, dann hast du das
+so famos angedreht, daß mir zwar das Herz im Leibe lacht, aber deine
+Dummheit eigentlich jeder Beschreibung spottet. Drittens frage die
+Pythia, was ich dafür kann, daß dies entzückende Persönchen mich lieber
+mag als dich? Und viertens bist du ein braver Sohn der Herrnhuterei und
+weißt mit hübschen Mädchen, wie ich aus Erfahrung weiß, doch nichts
+anzufangen. Darum danke deinem Schöpfer, Sebalde Nothanker, daß du
+durch mich davor bewahrt bleibst, an diesem höchst gefährlichen Felsen
+zu scheitern. Prosit!«
+
+Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel und trank seinem Partner
+zu, tatsächlich war ihm übel zumute.
+
+Er brannte innerlich vor wilder Eifersucht gegen den humorigen Spötter
+und war zugleich gewaltig ergrimmt über seine Dummheit.
+
+Hatte er das schöne Mädchen nicht heute abend doppelt verloren?
+
+Weinen hätte er mögen über dieses Mißgeschick, denn seit dieser Stunde
+wußte er ganz genau, daß er die stolze Brünette liebte, liebte mit
+aller Leidenschaft seiner erregten Sinne -- liebte bis zur Raserei!
+
+Sollte er Niemeyer, der im Grunde ein guter Kerl war, nicht alles
+ehrlich enthüllen? Sollte er nicht lieber klein beigeben und den Freund
+bitten, nur diesmal zurückzustehen?
+
+Nein -- betteln wollte er nicht -- dazu war er denn doch zu stolz.
+Erobern wollte er sich das stolze Weib schon noch -- es koste, was es
+wolle.
+
+Wenn sie nur wieder herein käme! Dann war doch die Aussicht vorhanden,
+daß er sie wenigstens durch Niemeyer noch kennen lernte.
+
+Vielleicht grollte sie ihm nur, weil er sich nicht vorgestellt hatte --
+vielleicht war sie zu besänftigen, vielleicht hatte sie es wirklich
+nur darauf angelegt, ihm einen kleinen Denkzettel zu geben für seine
+frühere Neugier -- vielleicht, vielleicht -- wenn sie nur käme!
+
+Aber sie kam nicht wieder, und die köstliche Spur war wieder verloren,
+anscheinend für immer.
+
+Auch Niemeyer fand sie nicht im Adreßbuch. Wahrscheinlich hatte er den
+Namen gar nicht richtig verstanden.
+
+Der weise Brahmane wußte sich jedoch rasch zu trösten.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Die pädagogische Ohrfeige
+
+
+Mit dem neuen Schuljahr, das nach den großen Ferien begann, hatten in
+der Tramberger Anstalt allerlei Veränderungen stattgefunden.
+
+Der behäbige und ein wenig schwerfällige »Papa Schnäbele« hatte in
+den Ferien plötzlich den Mut gefunden, sich mit einer »arg luschtigen
+Wüschtebergerin« zu verloben und machte nun ebenso plötzlich ernst mit
+seinem alten Plan, auf die Mission zu gehen.
+
+Die Kollegen und der »Chef« verloren den immer behaglichen und doch
+zuverlässigen, überdies stets gefälligen Schwaben sehr ungern; nur Herr
+Schlegelmeyer atmete erleichtert auf.
+
+Besonders trauerte der Doppelkollege um seinen großmütigen
+Zigarrenlieferanten, zu dem ihn ein gleichgeartetes Temperament
+gezogen hatte, das wohl nicht ganz unabhängig war von der ähnlichen
+Körperveranlagung.
+
+Am meisten vermißte Kaspar den wackeren Schwaben; denn nun erst merkte
+er deutlich, wie viel Mühe ihm die scheinbar so mühelose Autorität
+Schnäbeles auf der 4. Stube erspart hatte.
+
+Es waren eine ganze Anzahl neuer Knaben eingetreten, die besten wie
+Ronald Hooper und zwei seiner Peers, Schaffhuser und der größte Teil
+seiner Baseler Sippe rückten auf die 3. Stube vor, und ein neuer
+Kollege trat ein.
+
+Bruder Abraham war ein älterer Theologe, der mit seinem breiten,
+blonden Vollbart sehr väterlich anmutete, fast noch mehr als der gute
+»Papa Schnäbele«, aber er war es gar nicht. Im Gegenteil, Abraham war
+ein leicht aufgeregter, schwieriger und empfindlicher Herr, der schon
+an zwei anderen Anstalten sich nicht recht eingepaßt hatte.
+
+Mit Rücksicht auf seine angegriffenen Nerven hatte sich die Behörde
+schließlich bereit finden lassen, ihn nach dem gesunden Tramberg
+zu berufen, obwohl der »Chef« wenig Lust zeigte, den als unbequem
+verrufenen Lehrer einzustellen. Am liebsten hätte er Bruder Abraham
+wenigstens ohne Aufsichtdienst gelassen, aber es ging durchaus nicht
+an.
+
+Es waren schon drei Supernumerare vorhanden: der Musiklehrer Herr
+Vogel, der »als echter Piepmatz immer in den Wolken schwebte,« wie
+Moritz ulkte; der Doppelkollege, der trotz des besten Willens ohne jede
+Autorität blieb, und endlich der älteste Lehrer, Herr Hinzelmann,
+der bereits Diakonus war, Pflegergehalt bezog und trotzdem noch oft
+genug mit Aufsicht aushalf, da er bei allen Knaben, besonders bei den
+Engländern, sehr beliebt war.
+
+Also kam Bruder Abraham auf die 4. Stube, aber das Unglück kam mit ihm.
+
+Schon am ersten Nachmittag hatte der neue Herr so viel zu monieren,
+daß darüber das kleine Völkchen der Vierten ganz kopfscheu wurde. Die
+ruhige Art des Honorable Sir Ronald Hooper war dem neuen Stubensenior,
+einem Franzosen namens Henri Buriet, versagt. Vergeblich suchte er dem
+Mann mit dem großen Teutonenbart mit vielen Worten und aufgeregten
+Gesten klarzumachen, daß dies und das bei Herrn Schnäbele und Bruder
+Krumbholtz immer so gewesen wäre und nicht anders.
+
+Bruder Abraham erklärte mit Stentorstimme, das sei ihm ganz
+gleichgültig. Er sei ein alter Lehrer und wisse allein, was sich
+gehöre, und dies und das würde eben bei ihm so gemacht, und damit
+basta!
+
+Henri Buriet fügte sich schließlich, aber ein aristokratisches Baseler
+Büble und ein kleiner, englischer Tory, die das goldene Zeitalter
+Hooper-Schaffhuser nicht vergessen konnten, revoltierten mit passiver
+Resistenz und wurden darob von Bruder Abraham, der sofort ein Exempel
+statuieren wollte, schwer bestraft. Das half scheinbar für eine Stunde,
+während die heimliche Mißstimmung wuchs.
+
+Als der neue Herr einmal kurz hinausging, um seinen Hut für den
+Spaziergang zu holen, entrollten Henri Buriet und die anderen Gallier
+sofort das Banner der Revolution. Zwei Platzstrafen an einem Tage auf
+ihrer Stube, wo sonst im ganzen Monat kaum zwei vorkamen, das sei
+unerhört! Ob man nicht zum Direktor gehen solle?
+
+Es ward schnell beschlossen und noch schneller ausgeführt, nur war der
+»Chef« gerade nicht da.
+
+Zum Bruder Lohmann wollte man nicht gehen, der war als ein sehr
+gründlicher Herr bekannt und hielt es auch stets mit den Lehrern. So
+ging man also zähneknirschend mit Bruder Abraham zum Fußballspiel.
+
+Nach der Sitte seiner vorigen Anstalt bestimmte der neue Autokrat
+kurzerhand selbst die Parteien, anstatt die Knaben wählen zu lassen.
+
+Buriet und einige andere protestierten abermals lebhaft, es half ihnen
+nichts; aber sie rächten sich beim Spiel.
+
+Sobald die findigen Bürschlein heraus hatten, daß der neue Lehrer
+schlecht spiele und kurzsichtig sei, tat man auf beiden Parteien ihm
+einen Schabernack nach dem anderen an, bis die tückischen Pygmäen den
+blondbärtigen Riesen glücklich zu Falle brachten, und nun lachten sie
+ihn noch schallend aus.
+
+Bruder Abraham ärgerte sich auch richtig darüber und verwies seinen
+Untertanen mit entrüsteten Worten das ungezogene Gelächter. Als man
+ihm daraufhin so sorgfältig aus dem Wege ging, daß er dreimal mühelos
+gewinnen konnte, erklärte er die ganze Stube in »Stille« und ging
+erbost mit seiner schweigenden Verschwörerbande im Walde spazieren.
+
+Natürlich hatte Abraham keine Ahnung von den vielgewundenen Forstwegen,
+und, den absichtlich falschen Auskünften Buriets trauend, verlief er
+sich mit seiner Schar so gründlich, daß diese heimlich triumphierte.
+Infolgedessen kam man zum Vesper um eine gute halbe Stunde zu spät,
+so daß das aufwartende Schwabenmädle ganz gehörig schimpfte und Herr
+Schlegelmeyer, der Reihenchef, mit Vergnügen seinen ersten Anlaß nahm,
+dem neuen Kollegen großgünstig den Text zu lesen.
+
+In der folgenden Arbeitzeit ging der Kleinkrieg zwischen Bruder Abraham
+und seiner Stube lustig weiter.
+
+Obwohl von den Brüdern Lohmann wie Krumbholtz eingehend über die
+Besonderheiten der 4. Stube orientiert, setzte sich Bruder Abraham
+dennoch über einige Gewohnheiten weg, verbot andere, -- kurz
+und gut, Buriet zieh ihn schließlich des größten Vergehens, des
+Majestätsverbrechens: nämlich gegen die geheiligten Hausregeln zu
+verstoßen. Nun war der Verfassungskonflikt da.
+
+Buriet drohte mit einer offiziellen Beschwerde und wagte, auf seinem
+guten Rechte fußend, jetzt sogar, Bruder Lohmann als entscheidende
+Instanz in Vorschlag zu bringen. Vergebens war jedoch alles, der neue
+Selbstherrscher aller Vierten ließ sich nicht aus dem autokratischen
+Konzept bringen, er verbot kurzerhand alles, auch den Weg zum »Chef«
+oder zum Mitdirektor.
+
+Da zischte Buriet, giftig wie eine getretene Viper, heraus: »+caporal
+prussien!+« und erhielt erstens eine Ohrfeige und zweitens ebenfalls
+die entehrende Platzstrafe. Heulend vor Wut gehorchte der gemaßregelte
+Senior zwar, aber er schwur Rache.
+
+Während des Abendessens holte er von der leeren Stube eine absichtlich
+vergessene Serviette und schnitt heimlich das Rohrgeflecht des
+Lehrerstuhles an.
+
+Die Katastrophe trat auch ganz nach Wunsch ein. Bruder Abraham
+hielt nach dem Essen eine ausführliche Ansprache, in der er nach 14
+wohlgeordneten Punkten die 4. Stube einer gründlichen Reform an Haupt
+und Gliedern unterziehen wollte.
+
+Aber bei Punkt 7 -- als er sich gerade recht gebieterisch zurücklegte
+-- brach das Rohrgeflecht knisternd durch, und ein jubelndes Hallo
+begrub die stolze Reformrede.
+
+Nun kam natürlich erst eine neue furchtbare Standpauke, dann eine
+völlig ergebnislose Untersuchung; denn Buriet log, daß sich die Balken
+bogen, und endlich erfolgte eine große Strafarbeitzeit, in der Bruder
+Abraham diktierte, grimmig umherschreitend wie ein gereizter Tiger.
+
+Um 8 Uhr hatten die Vierten ins Bett zu gehen; aber um 9 Uhr, als
+schon die Ersten auf dem Schlafsaal erschienen, schrieben sie noch
+unverdrossen, wenn auch meistens Unsinn, da die kleinen zum Teil neuen
+Ausländer dem schwierigen und raschen Diktat weder mit dem Verstande
+noch mit der Feder folgen konnten.
+
+Da erschien wie ein zürnender Engel des Gerichts Herr Schlegelmeyer auf
+dem Plan und erklärte lakonisch mit der Uhr in der Hand: die Vierten
+hätten spätestens um einhalb neun Uhr auf dem Schlafsaal zu sein laut
+Hausordnung.
+
+Bruder Abraham erwiderte überlegen: das wisse er recht gut, es lägen
+jedoch gerade heute besondere Verhältnisse vor, die auch eine besondere
+Bestrafung nötig gemacht hätten.
+
+Herr Schlegelmeyer sagte gelassen: »Strafen, die gegen die Hausordnung
+verstoßen, darf es bei uns nicht geben. Ich bitte Schluß zu machen.«
+
+Ärgerlich fuhr der neue Kollege los: »Das ist wohl meine Sache!« Aber
+mit unnachahmlicher Würde entgegnete ihm der Hannoveraner: »Sie irren,
+Herr Kollege. Die Wahrung der Hausordnung ist meine Sache, und ich
+bitte nochmals ihr nachzukommen, oder ich muß mich sofort zum Herrn
+Direktor bemühen.«
+
+Nun lenkte Bruder Abraham ein. Mit Direktoren schien er schlechte
+Erfahrungen gemacht zu haben, er war sich lieber selbst genug.
+
+Mit Haltung erklärte er also knurrend: es wäre gut, er würde jetzt
+schließen.
+
+Mit einer stummen, aber tadellosen Verneigung, die jedem
+Zeremonienmeister Ehre gemacht hätte, verabschiedete sich Schlegelmeyer
+und schritt steif und langsam hinaus wie die personifizierte
+Hausordnung selbst.
+
+Es wurde jedoch beinahe zehn Uhr, bis Bruder Abraham mit seiner
+renitenten Bubenschar auf dem Schlafsaal erscheinen konnte.
+
+Denn während des Riesendiktats war von dem allzu eifrigen Pädagogen
+allerlei menschlichen Bedürfnissen, die namentlich bei kleinen Kindern
+eine wichtige Rolle spielen, nicht Rechnung getragen worden. Und
+die jungen Revolutionäre benutzten auch diese günstige Gelegenheit
+ausgiebig zu einer nunmehr recht aktiven Resistenz.
+
+ * * * * *
+
+Mit Bruder Abraham hatten in der Folgezeit nicht nur Herr
+Schlegelmeyer, sondern auch sein Spezialkollege Krumbholtz, der
+Mitdirektor, Bruder Lohmann, und der »Chef« ihren weidlichen Ärger.
+
+Die Vierten, die ihren neuen Herrn seit seiner mißglückten Programmrede
+nur »Punkt Sieben« nannten, setzten ihren Kleinkrieg mit einigem Erfolg
+und auch mit sichtlichem Vergnügen fort, im Geheimen unterstützt von
+den anderen Stuben und vor allem von der französischen und englischen
+Kolonie, die sich in diesem Falle sofort fanden wie Herodes und
+Pilatus.
+
+Schließlich wurde das ganze Haus ein bißchen rebellisch, besonders
+die von jeher dazu neigende zweite Stube, auf der nach Herkommen alle
+jene bedenklichen Elemente hausten, die, aus triftigen Gründen, der
+Vertrauensvorrechte der ersten Stube, die stets vorbildlich wirken
+sollte, nicht teilhaftig werden konnten.
+
+Der Strafstand der zweiten und vierten Stube stieg zusehends, so daß
+die Angelegenheit dem Direktor wichtig genug erschien, um auf einem der
+halbmonatlichen Konferenzteeabende besprochen zu werden. Ehe es aber
+dazu kam, passierte ein neuer Unglücksfall.
+
+Seit einiger Zeit bestand eine gewisse Spannung zwischen dem in Schul-
+und Aufsichtsachen nicht immer ganz korrekten »Chef« und dem überaus
+vorschriftmäßigen Lehrer der ersten Stube, Herrn Kratt, der sich bei
+aller Ruhe doch nur wenig bieten ließ.
+
+Zweimal hatte der Direktor, auf irgendwelche Bitten besuchender
+Verwandten hin, bestraften Knaben Urlaub erteilt, ohne -- wie es
+üblich war -- sich vorher mit dem betreffenden Stubenlehrer, in diesem
+Falle eben Herrn Kratt, ins Einvernehmen gesetzt zu haben. Jedesmal
+entschuldigte sich der »Chef« nachträglich mit großer Eile, und Bruder
+Lohmann, der sich mit Kratt besonders gut verstand, brachte die Sache
+wieder ins Geleise.
+
+Kratt erklärte jedoch kurz und bündig: noch einmal würde er sich eine
+solche Schädigung seiner Autorität nicht gefallen lassen.
+
+Und in der Tat, als Bruder Nitschke abermals über den Kopf Herrn
+Kratts hin einem Knaben Urlaub bewilligte, kündigte Herr Kratt wegen
+Verletzung seiner Standesehre, verzichtete kühl auf seinen Gehalt und
+fuhr noch am selben Abend nach Hause, zum tiefsten Leidwesen Bruder
+Lohmanns und der meisten Kollegen. Einige, wie Max und Moritz, waren
+sogar so aufgebracht, daß sie ebenfalls kündigen wollten, freilich
++rite+ zum nächsten Quartal.
+
+Bruder Lohmann, der gerade auf ein ruhiges Semester für seine
+Rektorarbeiten gehofft hatte, geriet in die höchste Aufregung; denn
+auch die Knaben wurden aufsässig, da der schneidige und doch stets
+humorige Herr Kratt ungemein beliebt war. Vorerst sprang der brave
+Hinzelmann wieder ein, nachdem Max und Moritz sich energisch geweigert
+hatten, Kratts Stelle einzunehmen.
+
+Dem nächsten Konferenzteeabend, auf dem die ganzen Aufsichtverhältnisse
+neu geregelt werden sollten, sahen die Lehrer infolgedessen mit größter
+Spannung, die beiden Direktoren mit einigem Bangen entgegen. Da auch
+die Affäre Abraham behandelt werden mußte, wurde diesem taktvoll
+die Schlafsaalwache übertragen, was freilich -- wie sich später
+herausstellte, Anlaß zu einem solennen Schlafsaalulk gab, den nur die
+Energie der Mutter Frutsch zu dämpfen vermochte. Daraufhin schlug der
+ausgelassene Moritz später vor, sie zur Ehrenkollegin zu ernennen.
+
+ * * * * *
+
+Unterdessen tagte die große Sitzung der Kollegenschaft im Zimmer
+des »Chefs«, der an diesem Abend eine besonders gute Torte und
+ganz ausgezeichnete Zigarren hingestellt hatte, was das grollende
+Dioskurenpaar Max und Moritz von vornherein einigermaßen besänftigte.
+
+Auch eine kluge, vornehme Rede des Direktors, der ruhig und offen
+seine Ungeschicklichkeit im Falle Kratt zugab und sie sehr überzeugend
+bedauerte, wirkte versöhnend.
+
+Dann sprach L³ und beseitigte mit seiner milden, menschlichen
+Auffassung der ganzen Vorkommnisse auch den letzten Groll, und so
+konnte ruhig an die Beratung der Neubesetzung der Stuben herangetreten
+werden.
+
+Herr Schlegelmeyer beklagte sich zunächst bitter über den widerhaarigen
+Bruder Abraham und bat, ihn womöglich aus seiner Reihe zu entfernen.
+
+Bruder Lohmann meinte, es wäre jedenfalls angebracht, den neuen
+Kollegen Abraham von der vierten Stube, wo er sich nahezu unmöglich
+gemacht habe, fortzunehmen, und ihn am besten auf die dritte Stube,
+die zurzeit leichteste und ruhigste, zu versetzen, etwa im Tausch mit
+Bruder Behring. Dort wären ja die alten Triarier Schnäbeles mit Ronald
+Hooper an der Spitze; die seien ungefährlich, wenn man ihnen nicht zu
+viel dreinrede, und das werde er dem Kollegen nun mit aller Energie
+nahelegen.
+
+Als bei dem Worte »Energie« die bösen Buben anzüglich lächelten, da
+sie dem gutmütigen L³ darin nicht allzuviel zutrauten, erklärte der
+»Chef« plötzlich mit verblüffender Schärfe: »Nun, meine Herren, zur
+Not bin ich auch noch da. Ich werde den schweren Schaden, den Bruder
+Abraham auch hier anrichtet, sofort an die Behörde melden, wenn er
+nicht einlenkt.«
+
+Der boshafte Moritz schmunzelte abermals heimlich und dachte bei sich:
+Ob der Direx den Fall Kratt wohl auch meldet?
+
+Mitten aus diesen respektlosen Erwägungen riß Herrn Knortz jedoch
+die äußerst verbindliche Anfrage des »Chefs«: ob er nicht die
+gewiß verantwortungsreiche, aber auch ehrenvolle Stelle des ersten
+Stubenlehrers einnehmen wolle, mit der überdies eine kleine
+Gehaltzulage verbunden sein sollte.
+
+Der böse Moritz, der jedoch ein sehr guter Rechner war, konnte nun
+nicht nein sagen. Und damit war eine weitere Schwierigkeit beseitigt.
+
+Alsbald kam die heikelste Frage zur Verhandlung, nämlich die der
+Neubesetzung von 2 und 4, den beiden kritischen Stubengesellschaften.
+Auf Nummer zwei ging von jeher kein Lehrer gern. Ehre war da nicht
+zu holen. Auch Moritz, ein gewiß ruhiger und sicherlich energischer
+Lehrer, hatte seine Mühe gehabt, zumal der Kollege Teuchert es an
+konsequenter Unterstützung oft fehlen ließ. Der letztere schien selbst
+das Gefühl zu haben, der Situation nicht ganz gewachsen zu sein,
+vollends jetzt nach Abgang des von den Zweiten immerhin gefürchteten
+Herrn Knortz, und so regte er schüchtern an, ob er nicht die 4. Stube
+erhalten könne.
+
+Ein freundliches Gelächter bedeutete ihm, daß man den Vorsichtigen
+durchschaut habe, und so meinte er denn klug: er wolle schon bleiben,
+wenn er nur wieder einen energischen Kollegen bekäme.
+
+Da fragte der Chef Herrn Knortz abermals auffallend freundlich (er
+schien doch wohl von dessen Kündigungsabsichten Wind bekommen zu
+haben), wen er, als erster Sachverständiger, für den schwierigen Posten
+seines Nachfolgers vorschlagen könne.
+
+Mit größter Seelenruhe erwiderte Karl Knortz: seiner Meinung nach
+könnten im Hause jetzt nur zwei Lehrer mit den Zweiten fertig werden,
+und das wären Bruder Hinzelmann, der leider nicht mehr in Frage käme,
+und Bruder Krumbholtz.
+
+Kaspar lachte erschrocken auf, und ein leises: »Nee bitte« fuhr ihm
+unwillkürlich heraus; dann fügte er lauter hinzu: »Ich wünschte sehr,
+bei meinen Vierten bleiben zu dürfen. Es ist mir Ehrensache, nun nach
+Bruder Abrahams Fortgang den alten soliden Status Schnäbele wieder
+herzustellen. Ich denke mit Bruder Behring trefflich zu fahren.«
+
+Dieser verneigte sich geschmeichelt, und alles lachte abermals.
+
+Die Heiterkeit stieg noch, als weiterhin Herr Muffke wie Bruder
+Behring die Übernahme der zweiten Stube mit Dank ablehnten, so daß L³
+mit Humor Einspruch erhob und erklärte: »Na, so schlimm ist die Stube
+doch auch nicht, daß wir sie hier ausbieten müssen wie sauer Bier!«
+
+Der böse Moritz blies jedoch gewaltige Rauchwolken vor sich hin und
+brummte grimmig: »Na, regiert will sie schon sein, die Rasselbande.«
+
+Darauf erhob sich der »Chef« zu seiner ganzen Länge und fragte noch
+einmal launig an: »Aber meine verehrten Herren, soll ich denn wie der
+König im Taucher stöhnen: Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp? Lieber
+Kollege Krumbholtz, Sie sind ja ein Mann, den schwere Aufgaben locken!
+Sie sind -- was doch hier auch etwas, ja viel zu bedeuten hat --
+zurzeit unser bester Turner und Fußballspieler! Also wollen Sie nicht
+dem ehrenvollen Rufe unserer sachkundigen Stelle, des Herrn Knortz,
+folgen und Nummer zwei übernehmen?«
+
+Kaspar beugte sich ein wenig vor und sagte ruhig: »Wenn Not am Mann
+ist, Herr Direktor, brauchen Sie mich nicht zu bitten. Ich gehe auf die
+zweite Stube, bitte nur meinerseits für die erste Zeit um etwas längere
+Zügel.«
+
+»Hoho -- pardon,« fiel Moritz ein, »kürzere -- oder Kandare, wollen Sie
+sagen.«
+
+»Möglich -- später vielleicht -- doch, wer weiß?« erwiderte Kaspar
+nachdenklich, wie ein Mann, der seinen Plan faßt, »erst will ichs
+anders probieren.«
+
+»Ich meine auch,« bestätigte L³ wohlwollend, »Bruder Krumbholtz
+versucht es zuerst mal wie auf 4 mit Ruhe und Güte.«
+
+»Ruhe und ob!« versetzte Moritz nochmals schroff, »aber Güte, nee!
+Damit is bei die Jesellschaft nischt zu wollen. Lieber man feste eene
+rinjepfeffert.«
+
+Einige lachten, nur Herr Schlegelmeyer machte ein höchst indigniertes
+Gesicht, ob über des neuen Stubenkollegen Sprache oder über seine
+Erziehungsgrundsätze, war nicht zu ersehen.
+
+Auch der »Chef« sagte, wesentlich kühler als vorher, zu dem allzu
+temperamentvollen Mecklenburger: »Sie wissen, lieber Herr Kollege
+Knortz, daß jedes Schlagen in unserem Hause strengstens zu vermeiden
+ist. Erst jetzt habe ich wieder durch die Ohrfeige Bruder Abrahams die
+allergrößten Unannehmlichkeiten gehabt. Um ein Haar hätte Monsieur
+Buriet seinen Sohn deswegen fortgenommen. Also bitte, meine Herren,
+vermeiden Sie alle doch dergleichen unpädagogische Gewaltmaßregeln.«
+
+Mit der Übernahme der vierten Stube durch Bruder Behring und Herrn
+Vogel, der plötzlich Lust und Mut zum Aufsichtdienst bekommen hatte,
+endete die Konferenz zu allgemeiner Zufriedenheit.
+
+Nur Herr Schlegelmeyer knurrte noch einige Tage, weil der »widerhaarige
+Kollege Abraham« doch in seiner Reihe verblieben sei.
+
+Der niederträchtige Moritz meinte gerade heraus: »Sein Sie doch
+man lieber froh, Schlegelmeyer, daß Sie jemand zum Zwiebeln haben.
+Schnäbele ist fort, und ohne ein bißchen gesunden Ärger ist Ihnen ja
+doch nicht wohl.«
+
+Schlegelmeyer schnitt daraufhin den Stubenkollegen für einige Tage, was
+jedoch auf Karl Knortz nicht den geringsten Eindruck machte.
+
+ * * * * *
+
+Mit großer Vorsicht ging Kaspar Krumbholtz daran, den allerdings
+ziemlich unbotmäßigen Geist seiner neuen Stubengesellschaft zu bändigen
+und zu wandeln.
+
+Einige Knaben, so den recht tüchtigen englischen Senior Hopkins, den
+verständigen Nordfranzosen Lagrange, die beiden treuherzigen Schweden
+Olafsen und Astrupp, kannte er vom Geschichtsunterricht her als gute
+Schüler und anständige Charaktere. An sie suchte er sich zu halten
+und sich aus ihnen gleichsam die Kerntruppe für seine Heeresreform zu
+bilden. Rasch gewann er sie auch, indem er ihrem Ehrgeiz neue Ziele
+setzte.
+
+Sodann studierte Kaspar Krumbholtz sehr eingehend das Strafbuch, das
+allerdings beängstigend aussah, ja kaum noch vier oder fünf Knaben als
+unbestraft erkennen ließ. Immerhin ergab sich, daß auf zwei Zöglinge
+nahezu die Hälfte aller Strafen gekommen war.
+
+Es waren Burton, ein durchtriebener Londoner Gamin, der aus sehr
+guter Familie war und daher leider bei den Engländern etwas galt, und
+Palmier, der im ganzen Hause längst berüchtigte und auch von seinen
+Landsleuten gemiedene Sohn eines Genfer Weltreisenden und Millionärs,
+der sich wohl niemals um seinen Sohn recht gekümmert hatte.
+
+An diesen beiden Burschen schien allerdings Hopfen und Malz verloren zu
+sein; aber gerade darum lockte es Kaspar ungemein, Einfluß auf sie zu
+gewinnen. Zunächst gab er sich einmal fast jeden Tag, an dem er Dienst
+hatte, mit ihnen persönlich ab.
+
+Das schmeichelte dem Genfer, der bisher bei seinen Kameraden und
+Lehrern so ziemlich für »unten durch« galt, und so gewährte er dem
+neuen Lehrer, wie er sich prahlerisch einmal ausdrückte, »vorläufig
+Schonzeit«. Bald hatte auch Bruder Krumbholtz ermittelt, daß Palmier
+recht gut zeichnen konnte, und zwar durch eine nicht üble Karikatur auf
+sich selbst, wie er als Mister Kobolz durch einen Fußtritt von Hopkins
+zur zweiten Stube herausflog.
+
+Kaspar sagte mit ruhiger Würde, wenn die Karikatur nicht ihn selbst,
+sondern etwa einen seiner Kollegen betroffen hätte, so hätte er Palmier
+strafen müssen; so könne er nur gestehen, daß sie ihm Spaß mache, so
+daß er sie sich zum Andenken aufheben würde. Nur müsse er bemerken, daß
+der Fuß von Hopkins völlig verzeichnet sei.
+
+»Wieso?« fragte Palmier völlig verblüfft.
+
+Bruder Krumbholtz skizzierte ihm sofort die richtige Haltung des Beins
+und demonstrierte ihm an sich als Modell die beabsichtigte Haltung.
+
+Palmier gab es schließlich zu und zeichnete einstweilen allerhand
+andere Dinge, dann aber wieder eine Karikatur, diesmal von Bruder
+Abraham, wie er bei Punkt sieben durch das Rohrgeflecht brach.
+
+Kaspar Krumbholtz fand die neue Arbeit sehr viel besser als die
+erste, steckte sie sich auch lächelnd ein, und verhängte zugleich mit
+Seelenruhe die erste Platzstrafe über den Zeichner.
+
+Alles lachte, und Palmier fühlte sich durchaus nicht so als Herr der
+Situation, wie er es wohl erhofft hatte.
+
+Nach ungewöhnlich kurzer Zeit hob Bruder Krumbholtz die Strafe auf und
+fragte den Sträfling ruhig: Was er eigentlich daran für ein Vergnügen
+fände, Bestrafungen zu erzwingen.
+
+Kaltblütig antwortete Palmier: »Ich wollte nur sehen, ob Sie Wort
+halten.«
+
+»Das glaube ich dir nicht,« meinte Krumbholtz ebenso kühl, »sondern du
+wolltest mich aus Laune mal wieder ärgern. Es ist dir nicht gelungen,
+bist du nun befriedigt?«
+
+»Es wird mir schon noch gelingen,« versetzte Palmier tückisch.
+
+»Schwerlich,« gab Krumbholtz ruhig zurück, »denn sieh mal, wenn du
+deine Streiche fortsetzt, dann strafe ich dich überhaupt nicht mehr,
+lasse dich links liegen, bis du reif bist, um aus der Anstalt entfernt
+zu werden.«
+
+»Darauf werde ich es aber nicht ankommen lassen.«
+
+»Schön, freut mich, Palmier. Wozu dann die viele Mühe? Willst du
+deines Witzes Kräfte mit mir messen, bitte, so bin ich gern bereit,
+und du weißt, daß ich Spaß verstehe. Willst du indes nur dein Mütchen
+an mir kühlen, um vor den Kameraden wenigstens den letzten traurigen
+Ruhm zu ernten, ein Hauptkerl in Bosheiten zu sein -- nun dann hast du
+eben in mir auch den letzten Menschen im Hause verloren, der dir ganz
+unbefangen ein starkes Interesse entgegenbringt.«
+
+»Warum tun Sie das? Doch nur aus Ehrgeiz, um mich zu bändigen.«
+
+»Durchaus nicht, sondern teils aus psychologischen, teils aus rein
+menschlichen Gründen. Ich weiß, Palmier, daß du nur aus einer gewissen
+Verzweiflung, aus einem ängstlichen Vereinsamungsgefühl heraus dein
+Dasein mit dergleichen leeren, bisweilen schlechten Vergnügungen
+erfüllst, um irgendwie Aufsehen zu erregen.«
+
+»Woher wissen Sie das?«
+
+»Ich kann es nicht mathematisch beweisen, aber ich lese es aus den
+letzten Beweggründen der meisten deiner sogenannten Streiche, lese es
+aus deinem ganzen fahrigen, unsteten Wesen, deinem unsicheren Blick und
+allerlei anderen Anzeichen, die ich dir nicht unnötig verraten möchte,
+da ich dich weiter aufmerksam zu beobachten gedenke.«
+
+»Das wünsche ich nicht,« fuhr nun Palmier unruhig auf, »lassen Sie mich
+in Ruhe.«
+
+»Gern, mein Lieber, also schließen wir gegenseitig Frieden, und suchen
+wir gute Kameraden zu werden. Ich glaube, wir könnten uns mit der Zeit
+doch noch einiges austragen.«
+
+»Was soll ich Ihnen austragen? Sie verabscheuen mich ebenso im geheimen
+wie alle die anderen.«
+
+»Das bildest du dir eben ein, Palmier. Ich halte dich allerdings hier
+auf der zweiten Stube nicht gerade für ein bequemes Element; immerhin
+-- ich halte dich zugleich für einen klugen, scharf beobachtenden und
+künstlerisch begabten Burschen, der mir an anderer Stelle freilich
+lieber wäre, das sage ich ganz offen. Aber, mein Lieber, wenn du
+Lehrer wärst, würdest du dich wahrscheinlich auch nicht nur für die
+sogenannten Goldjungen interessieren, sondern vielleicht ebenfalls
+finden, daß die sogenannten Lausbuben meist sehr viel interessanter
+sind; man muß sie nur nicht tragisch nehmen. Also, +mon cher+ --
+wollen wir uns vertragen? Zunächst mal auf vierzehn Tage zur Probe!
+Ists dir dann zu langweilig, kannst du mir den Waffenstillstand ja
+kündigen.«
+
+Palmier ergriff die dargebotene Hand, und nach und nach bildete sich
+aus der bisherigen Gegnerschaft wirklich eine Art von Freundschaft
+heraus.
+
+Sie war nicht ohne gelegentliche Störungen und mutete oft seltsam
+grotesk an -- zum Beispiel in den scharfgeschliffenen Disputen -- aber
+sie hielt nicht nur für Tramberg, sondern schließlich fürs Leben.
+
+Kaspar Krumbholtz wurde mit der Zeit das für Palmier, was dessen Vater
+ihm -- wohl aus Bequemlichkeit -- nicht hatte sein wollen.
+
+ * * * * *
+
+Auch dem anderen schwarzen Schaf, Burton, suchte der neue Lehrer der
+zweiten Stube beizukommen; aber bei dem Engländer galt es völlig anders
+vorzugehen.
+
+Burton war weder eine Intelligenz, noch eine im Grunde überfeine und
+nur durch falsche Behandlung arg verhärtete Natur wie der Genfer
+Bankierssohn; nein, er war ein derber Großstadtlümmel mit einem
+ungeschlachten Witz und großer Frechheit.
+
+Sein Erstes war es, danach zu trachten, mit einigen Helfern »Mr.
+Kobolz« beim Fußball über den Haufen zu rennen, aber das glückte
+nicht. Im Gegenteil, Kaspar Krumbholtz, der sich ebenso rasch die zwei
+getreuen Schweden zu Hilfe gerufen hatte, brachte Burton und seine
+Spießgesellen zu Fall; ja, Burton bekam von Olafsen einen Tritt ans
+Schienbein, an den er lange mit wenig Vergnügen dachte.
+
+Nun schwor er Rache und tat alles, um womöglich die ganze englische
+Kolonie gegen »Mr. Kobolz« aufzuhetzen. Er streute aus, Kobolz hasse
+die Engländer noch mehr als Herr Muffke; er freunde sich mit Franzosen
+und Genfern, sogar mit dem verrufenen Palmier an; ja, er bilde sich
+eine geheime Schutztruppe aus den Schweden, mit denen der sportfrohe
+Kaspar allerdings gern Schneeschuh lief.
+
+Zunächst fiel Burton mit seinen Verleumdungen bei den vornehmeren
+Engländern ab, indessen -- +semper aliquid haeret+!
+
+Man beobachtete »Mr. Kobolz« nun daraufhin, und man fand, daß er sich
+allerdings mit Lagrange, Olafsen, Astrupp und leider auch Palmier
+besonders viel abgebe. Dazu kam ein viel schlimmeres Vergehen gegen die
+britische Hegemonie und das heilige Nationalgefühl der Söhne Albions.
+
+Im Geschichtsunterricht der obersten Klasse hatte Bruder Krumbholtz
+die Freiheitskriege zu behandeln und schließlich auch die Schlacht bei
+Belle Alliance. Schon daß er sie nicht nach Waterloo benannte, war
+reichlich verdächtig. Als er dann noch von Wellingtons Fehlern, von
+seinem Entschluß und Befehl zum Rückzug sprach und schließlich gar
+nachwies, daß nur ein verschwindend kleiner Teil richtiger Engländer in
+der Schlacht mitgefochten habe, und daß jedenfalls die Palme des Sieges
+nicht in erster Linie Wellingtons bekannter Hartnäckigkeit, sondern
+Gneisenaus Feldherrntalent und Blüchers Energie und Charaktergröße
+gebühre, da beschloß das englische Sonntagnachmittags-Meeting
+einstimmig, »Mr. Kobolz« zu schneiden.
+
+Nun begann Burtons Weizen zu blühen. Er inszenierte sofort einen rohen
+Streich, band während des Abendsegens heimlich die Schlafrockschnüre
+von Palmier und Olafsen zusammen, so daß beim Gutenachtsagen der
+vom forteilenden Palmier plötzlich nach hinten gerissene Schwede
+hinstürzte.
+
+Bruder Krumbholtz rief die ganze Gesellschaft zusammen und sagte:
+Er wolle keine große Untersuchung anstellen, er wolle nur darauf
+aufmerksam machen, daß es taktlos sei, gerade eine religiöse Andacht zu
+dummen Gassenbubenstreichen zu benutzen.
+
+Burton ärgerte sich; er hatte natürlich auf ein ausführliches
+Gesamtverhör gerechnet und sich schon auf ein handfestes Ausreden mit
+der beliebten jesuitischen Wortklauberei, einem Sport vieler englischer
+Knaben, gefreut.
+
+Am übernächsten Abend ward der plumpe Streich an zwei anderen
+unschuldigen Opfern wiederholt.
+
+Diesmal fragte Bruder Krumbholtz nach dem Täter, freilich vergeblich.
+Kurzerhand erklärte er nun den Betreffenden für einen Feigling, der
+ihn eigentlich nichts anginge, da er es mit vielleicht übermütigen,
+aber nur ehrenhaften und mutigen Jungen zu tun haben wolle. Im übrigen
+habe er sehr begründeten Verdacht, daß der Täter einer Nation angehöre,
+die sonst gerade ungemein empfindlich sei, wenn man ihren religiösen
+Bräuchen, zum Beispiel in der Sonntagheiligung, irgendwie zu nahe
+trete.
+
+»Ich bitte mir,« schloß Bruder Krumbholtz, »dieselbe Rücksicht aus für
+unsere religiösen Gewohnheiten und mache kein Hehl daraus, daß ich
+bei einer abermaligen Störung des Abendsegens dem taktlosen Burschen,
+wenn ich ihn ermittle, das geben werde, was ihm gebührt, nämlich eine
+Ohrfeige.«
+
+Nun war allerdings der Stolz Old Englands tief verletzt. Eine Ohrfeige
+auf den oberen Stuben auch nur anzudrohen, war etwas Unerhörtes, und
+vollends für einen Englishman! Empörend!
+
+Ein Stubenmeeting tagte sofort heimlich und beschloß folgendes:
+Hopkins, der Senior, also ein nahezu Unverletzlicher, solle beim
+nächsten Abendsegen des Mr. Kobolz brummen oder grunzen. Dann wolle man
+doch sehen, ob er zuschlagen würde.
+
+Hopkins weigerte sich lange, fügte sich aber schließlich aus
+Nationalgefühl und spielte auch wirklich die ihm aufgedrungene Rolle am
+übernächsten Abend.
+
+Bruder Krumbholtz rief ihn vor und sagte sehr ernst: »Hopkins, du
+bist sonst ein anständiger Kerl, du hast dich wahrscheinlich nur als
+Opfer mißbrauchen lassen. Ich werde dich weder strafen noch züchtigen.
+Aber ich fordere nochmals den feigen Gesellen, der dahinter steckt,
+auf, sich zu melden. Ich bin sogar bereit, dem mutlosen Burschen die
+angedrohte Strafe zu schenken, er kann sich, nur mit meiner Verachtung
+beladen, davonschleichen.«
+
+Keiner meldete sich, und ohne den Knaben Gute Nacht zu sagen, schickte
+Bruder Krumbholtz seine Zweiten zu Bett.
+
+Er war selber verstimmt und auch erregt, denn er merkte gar wohl: es
+handle sich nunmehr um die Behauptung seiner Autorität.
+
+Wieder tagte das Stubenmeeting, und Burton meinte stolz: Nun sähe man
+doch klar und deutlich, daß der »Prahlhans Kobolz« Angst habe. Jetzt
+könne man ihn endlich schmählich blamieren und vielleicht ganz los
+werden, den unbequemen Tugendbeutel.
+
+Hopkins war anderer Meinung und riet dringend von weiteren Schritten
+ab, er mache jedenfalls nicht mehr mit. Man wurde diesmal nicht einig
+und brachte, da gerade Samstag war, die ganze Angelegenheit vor das
+große Sonntagnachmittagmeeting der gesamten englischen Kolonie.
+
+Auch hier war man geteilter Meinung. Die Häupter der Ersten fanden es
+höchst unpassend von Burton, den Abendsegen für seine Streiche gewählt
+zu haben; anderseits konnte man die angedrohte Ohrfeige auch nicht auf
+sich sitzen lassen; endlich mußte Rache für Waterloo genommen werden.
+
+Und so ward Burton beauftragt, selber die Sache siegreich auszutragen.
+Er würde vielleicht ausgeschlossen werden auf Nr. 13 -- mehr könne ihm
+nicht passieren. Zuschlagen werde Mr. Kobolz doch nicht.
+
+Burton fügte sich knirschend, so ganz gemütlich war ihm der Handel
+nicht. Dieser Kobolz war ein merkwürdiger Kerl, und ganz zu verachten
+waren seine Kräfte auch nicht. Auf der Stube war wohl keiner ihm
+gewachsen, höchstens Hurlington, ein riesiger, etwas plumper Waliser
+mit wahren Bärentatzen, der beste Gawlkeeper der Anstalt. Wegen seiner
+Dummheit konnte er nicht auf die erste Stube kommen, denn er saß noch
+in der untersten Klasse und erfreute sich keiner großen Achtung, galt
+aber für einen guten Kerl.
+
+An ihn machte sich nun Burton heran und brachte ihn schließlich dazu,
+beim übernächsten Abendsegen den Kampf zu wagen. Schlüge Kobolz -- so
+orientierte Burton seinen Ersatzmann -- so solle er nur ruhig wieder
+schlagen, denn mit Kobolz würde er, der baumstarke Hurlington, schon
+fertig.
+
+Der Waliser fühlte sich sehr geschmeichelt und brummte richtig während
+des Abendsegens wie ein Bär.
+
+Ruhig las Kaspar Krumbholtz seinen kurzen Psalm zu Ende, und schon
+triumphierten Burton und seine Kumpane. Dann aber trat Kaspar im Nu vor
+den überraschten Hurlington und schlug ihn zu Boden. Unbeholfen, nicht
+unähnlich dem Tier, das er nachgeahmt hatte, erhob sich der Waliser vom
+Boden und hielt die Fäuste geballt, wie zum Boxkampf entschlossen, vor
+sich. Scharf und ebenso entschlossen sah ihm Kaspar Krumbholtz in die
+Augen.
+
+Zwei Sekunden standen sich beide unter atemraubender Spannung
+gegenüber, dann neigte sich der Sohn der Waliser Berge achtungsvoll vor
+seinem Erzieher und sagte kurz: »Oh, Mister Kromboltz, Sie haben Mut,
++I beg your pardon+.«
+
+Dann schlich die zweite Stube die Treppe hinauf zum Schlafsaal und
+legte sich mäuschenstill schlafen, während Kaspar Krumbholtz zu Bruder
+Lohmann ging und ihm von der notwendig gewordenen Ohrfeige Meldung
+erstattete, wie es die Hausordnung vorschrieb.
+
+L³ lächelte, gratulierte dem mutigen Kollegen und sagte: »Bravo, diese
+Ausnahme lasse ich gelten, ich denke, jetzt sind Sie dicke durch auf
+2. Wie ich die Engländer kenne, ist die Sache nun erledigt. Ich will
+daher den lieben Chef nicht erst unnötig durch Weitergabe der Meldung
+aufregen. Er versteht dergleichen nicht richtig.«
+
+Für die Engländer war die Sache freilich noch nicht ganz erledigt.
+
+Auf dem nächsten Sonntagmeeting wurde Burton öffentlich für einen
+Feigling erklärt und ließ sich daraufhin baldigst von seinem Vormund
+abmelden.
+
+Kaspar Krumbholtz hatte von nun an keine größeren Schwierigkeiten mehr
+auf seiner 2. Stube -- dank der pädagogischen Ohrfeige.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Abschiedsbriefe
+
+
+Über Jahr und Tag war Kaspar Krumbholtz nun schon in der Tramberger
+Anstalt, aber noch immer war er sich darüber nicht klar, ob er Lehrer
+im Dienste der Brüder-Unität bleiben wolle oder nicht.
+
+Erzieher war er nachgerade mit ehrlicher Begeisterung, aber als Lehrer
+fühlte er sich nicht so ganz am richtigen Platze.
+
+Die Tramberger Anstalt war in erster Linie Ausländer- und
+Privatinstitut und nahm als solches in bezug auf staatliche Anerkennung
+wie auf Lehrplan eine Ausnahmestellung ein. Erziehen konnte man dort
+vorzüglich lernen, denn das Erziehungsmaterial war interessant und oft
+schwierig. Aber ein angehender Berufslehrer, der an die Sicherstellung
+seiner Zukunft zu denken hatte, kam in Tramberg nicht ganz auf seine
+Kosten.
+
+Das empfand Kaspar nach und nach immer deutlicher. Mit der Theologie
+hatte er abgeschlossen, mit seiner unfertigen Vorbildung konnte
+er wohl im schwäbischen Tramberg, nicht aber an den brüderischen
+Hauptschulen, die unter preußischer Staatskontrolle standen, Dienste
+tun.
+
+Er sprach die Angelegenheit mit dem einsichtigen Bruder Lohmann
+gründlich durch und schrieb dann auf dessen Rat an die Unitätbehörde.
+
+Bruder Bauding schrieb umgehend zurück: die Sache wolle ausführlich
+erörtert sein; augenblicklich nähme jedoch die Vorbereitung der Synode
+seine Zeit völlig in Anspruch, auch stünden die großen Ferien vor der
+Tür. Vielleicht ließe es sich ermöglichen, daß Kaspar dann persönlich
+nach Herrnhut käme. Bis dahin solle er sich ernstlich prüfen, ob er
+dauernd der Gemeine dienen wolle oder nicht; er wisse ja nunmehr, was
+zu diesem Entschluß nötig sei.
+
+Kaspar schüttelte ärgerlich den Kopf, denn das wußte er eben nicht, und
+in wenigen Wochen würde er das ebensowenig wissen.
+
+Er zeigte den Brief L³, und dieser meinte lächelnd: »Keine Angst,
+lieber Kollege; Bauding ist kein Balzar, aber vor der Synode sind die
+Herren da oben etwas vorsichtig. Die Lehr- und Bekenntnisfrage steht
+wieder mal auf der Tagesordnung, und gegen uns jüngere Theologen ist
+man nachgerade ziemlich aufgebracht in den Laienkreisen.«
+
+»Ach was -- Theologie hin, Theologie her,« entgegnete Kaspar rasch,
+»für mich ist das Entscheidende: Wollen die Unitäter mich glauben
+lassen, was ich glauben ~muß~, oder verlangen sie von mir, daß
+ich glauben soll, was sie glauben. Dann sind wir sofort geschiedene
+Leute. Ich stehe freilich schon jetzt nicht mehr auf dem Standpunkt,
+auf dem ich vor etwa zwei Jahren in Gotteshaag stand, und bin mir einer
+leisen Fortentwickelung froh bewußt. Ich bin ruhiger geworden durch
+befriedigende Arbeit und eine fast unmerkliche Spur von Gottes geheimem
+Walten in meinem Leben. Ich will auch gern weiter warten und lauschen,
+was er mich hier und da hören läßt. Aber den Vätern etwa vorlügen,
+ich hätte ein gemeinmäßiges, persönliches Christentum pietistischer
+Observanz -- dazu bin ich nicht der Mann, weder heute, noch in vierzehn
+Tagen, noch in zehn Jahren.«
+
+»Nur nicht so hitzig, junger Freund,« begütigte der Mitdirektor,
+»wie ich die Leute kenne, wird dich keiner +verbotenus+ auf die
+Augustana festlegen oder dergleichen Exerzitien üben. Aber für viel
+schwieriger halte ich, die andere Frage zu beantworten betreffs deiner
+Verwendbarkeit. Du müßtest entweder nach Gotteshaag zurück --«
+
+»Niemals --«
+
+»Oder sie müssen dir ein neues Stipendium bewilligen.«
+
+»Danke, das will ich auch nicht mehr -- nur keine Fesseln mehr!«
+
+»Dann mußt du eben den Mittelschullehrer bauen wie ich -- Gott seis
+geklagt -- den Rektor.«
+
+Kaspar lachte, denn der umfängliche L³ stöhnte bei diesen Worten
+schwer auf.
+
+Darauf fragte er, um von dem Bruder Lohmann vielleicht peinlichen
+Gesprächsthema abzulenken: »Und wie wirds mit dem Dienen?«
+
+»Zeit wirds!« antwortete L³ prompt, »das würde ich auf alle
+Fälle schleunigst erledigen. Und dazu würde ich die übliche
+Unterstützungssumme unbedenklich annehmen, vollends als Missionskind
+und Waise.«
+
+»Meinst du?« erwiderte Kaspar nachdenklich, »wenn es sich irgendwie
+vermeiden läßt, vermeide ich weiter, abhängig zu werden.«
+
+»Wird sich wohl nicht anders machen lassen, Lieber,« erklärte der
+Mitdirektor ruhig, »na -- und wenn alle Stricke reißen --«
+
+»Melde dich auf die Mission, wolltest du wohl sagen,« unterbrach ihn
+Kaspar. »Nee, mein Lieber, auf diese +ultima ratio+ so vieler
+ratloser Gemeinexistenzen verzichte ich. Ich will mir meinen Weg
+schon bahnen, so oder so! Königseinjähriger oder zwei Jahre dienen,
+meinetwegen -- ich halts aus. Dann vielleicht als Lehrer ins Ausland
+und nachher mit eigenen Mitteln ein neues Studium beginnen! So sehe
+ich den Weg, wenn ich der Unität nicht positiv genug bin. Und damit
++addio, caro mio+!«
+
+Rasch ging Kaspar davon, und bewundernd, fast neidisch sah der gute L³
+dem jungen Kollegen nach.
+
+»Ja, ja --« brummte er lächelnd, »der hätte seinen Rektor wohl
+schneller gebaut als ich alter Esel, +docendo discimus+.«
+
+Tags darauf fuhr Kaspar Krumbholtz nach Stuttgart zur Untersuchung
+durch einen Stabsarzt. Er wurde ohne weiteres für tauglich zum
+Militärdienst befunden und teilte seine feste Absicht, demnächst die
+Anstalt zu verlassen, dem davon wenig erbauten »Chef« mit.
+
+Lehrerwechsel ist keinem Schuldirektor angenehm, dem Chef der
+Tramberger Anstalt kostete jedoch ein solcher Vorgang stets viele
+schlaflose Nächte; denn nur wenige Lehrer paßten in die komplizierten
+Verhältnisse seines Instituts.
+
+ * * * * *
+
+Zufälle spielen oft eine seltsame Rolle im Leben.
+
+Kaum hatte Kaspar Krumbholtz seinem alten Jugendfreunde Hans Sebalt
+mitgeteilt, er würde wahrscheinlich in Leipzig sein Jahr abdienen,
+als der Postbote ihm einen Brief aus Magdeburg brachte, in dem ihm
+Irmgard von Zweydorff mitteilte, sie habe es in Bremen nicht aushalten
+können, habe auch in Hannover und Magdeburg nur vorübergehend Stellung
+finden können und wolle es nun in Leipzig versuchen. Sie habe immer
+darauf gewartet, ihrem Retter etwas Gutes melden zu können, aber bei
+aller Energie war das bisher nicht erreichbar. Auch die geliehene Summe
+zurückzuzahlen wäre ihr noch nicht möglich gewesen.
+
+Anfangs wußte Kaspar gar nicht, wer diese Dame war. Endlich fiel ihm
+das arme, schöne Londoner Magdalenchen ein -- ihren Namen hatte er
+damals nicht ganz verstanden. Adlig war sie also auch noch, die Ärmste;
+da drückt des Lebens Not doppelt schwer, wenn man von Privilegierten
+abstammt und den Gedanken an verschwundene Herrlichkeit nicht zu bannen
+vermag.
+
+Kaspar hätte Irmgard von Zweydorff gern einige gute Worte geschrieben
+und gemeldet: das mit dem Gelde -- das wäre ja erledigt; aber eine
+Adresse war nicht angegeben. Wer weiß, vielleicht besser so!
+
+Kaspar würde sicherlich sobald nicht in der Lage sein, ihr weiterhelfen
+zu können, und dann -- ja dann -- sein Herz war einmal bei Ursemi,
+ob mit Recht oder Unrecht war gleichgültig; ändern ließ sich an der
+unumstößlichen Tatsache darum nicht das geringste.
+
+An Reda dachte Kaspar fast täglich ein paarmal; namentlich in den
+letzten Tagen, in denen es nach einem Briefe Frau Winklers mit ihrem
+Gatten gar nicht gut ging.
+
+Mehrfach bat Kaspar um weitere Nachricht über den lieben Kranken, aber
+vergebens.
+
+Da mußte es doch wohl besser gehen, sonst hätte man seinen Sorgen gewiß
+Rechnung getragen, wenigstens Ursemi hätte es getan.
+
+Unterdessen ging das kurze Sommerhalbjahr zu Ende, die Ferien kamen.
+
+Diesmal sollte eigentlich auch Kaspar die große Reise mitmachen, aber
+er bat zurücktreten zu dürfen, da er nach Herrnhut wolle, teils um
+sich auf der Synode noch einmal selbst über den jetzigen Geist der
+Brüdergemeine zu orientieren, teils um Rücksprache mit der Unität zu
+nehmen.
+
+Da kam plötzlich ein Telegramm: Vater Schlaganfall, bitte komme sofort.
+Ursula Maria.
+
+ * * * * *
+
+Mit schwerem Herzen ordnete Kaspar rasch seine wenigen Sachen,
+telegraphierte zurück und reiste noch am selben Nachmittage ab.
+
+Die Verbindung nach Schlesien war umständlich. Erst am übernächsten
+Abend kam Kaspar in Reda an.
+
+Am Bahnhof stand Philipp, der Kutscher, mit wankenden Knien. Unter
+krampfartigem Schluchzen brachte er mühsam heraus: »Unsa gutta Harr is
+ok nimmär!« Dann fuhr er schweigend und langsam den leise weinenden
+Kaspar zur Winklerschen Villa.
+
+Berthold empfing den »Herrn Kandidaten« mit Fassung und teilte ihm
+auf seinem Zimmer das Schreckliche in guter Haltung und genauen
+Einzelheiten mit. Abends zuvor hatte ein neuer Schlaganfall das Ende
+plötzlich herbeigeführt, die Damen wären dabei gewesen und seien sehr
+mitgenommen, aber sie würden den Herrn Kandidaten noch heute abend
+empfangen.
+
+Kaum war Berthold zur Tür hinaus, da stürzte Ursemi herein, umarmte
+fassungslos ihren Jugendfreund und weinte still an seiner Schulter, und
+Kaspar ließ ebenfalls seinen Tränen freien Lauf.
+
+Trösten konnte er so wenig wie ein anderer Mensch, nur mitfühlen -- das
+ist alles, was einer vom anderen erhoffen darf.
+
+Und so weinten die beiden Freunde sich ruhig miteinander aus; dann ward
+ihnen leichter, und nach und nach fanden sie auch Worte, stammelnd --
+abgerissen, aber voll unendlichen Schmerzes und reiner Liebe.
+
+Zusammen gingen sie nachher zu Ursemis Mutter, die weit gefaßter war
+als die Tochter und in allerlei Sorgen für das Begräbnis, für die zu
+erwartenden Leidtragenden, für die Fabrik undsoweiter sichtlich eine
+Art von Trost oder wenigstens von Schmerzablenkung gefunden hatte.
+
+Noch für den selben Abend ward der beste Freund des Dahingeschiedenen,
+der Geheimrat Volpelius, der auch Testamentvollstrecker war, erwartet.
+
+Kaspar erbot sich, ihn abzuholen. Ursemi wollte es sich jedoch nicht
+nehmen lassen, ihren nunmehrigen Hauptberater selbst am Bahnhof zu
+empfangen, und so fuhren die beiden hinaus.
+
+Während man durch den herrlichen, mondscheinschummrigen Park fuhr,
+erzählte Ursemi von den letzten Tagen und Stunden des Vaters.
+
+Immer wieder habe er von Kaspar gesprochen, noch zuletzt auf seine
+Ankunft gehofft, und eines der letzten Worte an sie wäre gewesen:
+»Brauchst du nen Alten, Kind, geh zu Volpelius; brauchst du nen Jungen,
+rufe Kaspar! Das sind die treusten, auf die kannst du immer bauen.«
+
+Leise drückte Kaspar Ursemi die Hand, als wollte er ihr danken anstelle
+des Mannes, dem er nicht mehr danken konnte.
+
+Dann sagte er fest: »Das soll er nicht umsonst gesagt haben. Wo ich
+auch bin, Ursemi -- ich komme, wenn du mich rufst, und will dir
+treulich zur Seite stehn wie ein guter Bruder.«
+
+Kaspar wußte, was er sagte, und es durchschauerte ihn leise bei diesem
+ehrlich gemeinten, völligen Verzicht auf jedes Begehren; aber er
+glaubte nur so das Vertrauen jenes Toten sich verdienen zu können, des
+Mannes, der an ihm allzeit gehandelt hatte wie der beste und treuste
+Vater.
+
+ * * * * *
+
+Das Begräbnis mit seinen vielen drückenden Äußerlichkeiten, mit den
+üblichen quälenden, verletzenden Unwahrheiten und seinen hergebrachten
+Roheiten gegen die Hinterbliebenen war vorüber.
+
+Zahllose Leidtragende waren erschienen, darunter auch die beiden Grafen
+Brosyn, die beiden Brettwitze und von Darichs die ganze Familie.
+
+Hans Sebalt war ebenfalls eingetroffen. Er war Mama Winkler ein rechter
+Trost und bei den vielen Anordnungen, die ein so gewaltiges Begräbnis
+verlangte, in der Tat eine brauchbare Hilfe.
+
+Was Hans der Mutter, war die treue Dente der Tochter. Die tapfere,
+tatfreudige Vorsteherin half der gebrochenen Ursemi rasch wieder ins
+Leben hinein.
+
+Die Leiche war vorläufig in der verlassenen Herrschaftsgruft der
+Dorfkirche beigesetzt worden, später sollte laut Testament ein
+schlichtes Grabhaus inmitten der schönsten Parkbäume für die
+Winklersche Familie gebaut werden. Es war dem Verblichenen ein lieber
+Gedanke, in seinem Walde der Auferstehung entgegen zu schlummern.
+
+Am Tage nach der Beisetzung fand man den alten Toni verendet mit
+blutiggekratzten Pfoten vor der Kirchtür, neben ihm laut heulend die
+unglückliche Cleo, die zwei Tote beklagte, sich aber schließlich
+trösten ließ und noch etliche Jahre ihr Dasein fristete.
+
+Einige Tage nach der feierlichen Testamenteröffnung bat Geheimrat
+Volpelius Kaspar und Hans zu sich und teilte ihnen mit, daß der
+Verewigte ihnen eine Summe von 10000 Talern in 4 prozentigen Papieren
+vermacht habe und außerdem ihre Stipendienverpflichtungen gegenüber
+der Unität von ihm als Testamentvollstrecker abzulösen seien. Außerdem
+läge je ein Brief an die Herren beim Testament, den er ihnen hiermit
+aushändige. Nach mündlichen Verabredungen mit ihm sei es der Wunsch
+des Toten gewesen, die Herren sollten ihr kleines Kapital nicht
+vor der Zeit anreißen, sondern zusehen, daß sie, wie im Falle des
+Stipendiums, mit 100 Mark im Monat auskämen und so einstweilen ihre
+Studien beendeten. Er wäre gern bereit, die Verwaltung des Kapitals
+ihnen zu besorgen. Für später, nach Vollendung des Studiums, hätte
+Herr Winkler gewünscht, daß die Herren eine größere Bildungsreise
+unternähmen, dazu würde ihnen seinerzeit die von ihm und sechs
+Kuratoren nunmehr zu organisierende Winklerstiftung, der die Fabriken
+und ihr Ertrag testamentarisch überwiesen seien, etwaige besondere
+Mittel gern gewähren. Alles Nähere über diese Stiftung, die hoffentlich
+dereinst auch ihre Dienste in Anspruch nehmen dürfe, würde ihnen nach
+Absolvierung ihrer Studien mitgeteilt werden.
+
+Mit Staunen und tiefer Bewegung hatten Kaspar und Hans den Ausführungen
+des ehrwürdigen Volpelius zugehört, dann ergriffen sie dankerfüllt
+seine Hand und gelobten, das Vermächtnis des geliebten väterlichen
+Freundes nach seinen Wünschen zu gebrauchen und baten den alten Herrn
+sofort, ihnen nur monatlich die 100 Mark Zinsen zugehen zu lassen. Dann
+schritten die Freunde in den sonnenhellen Park hinaus.
+
+Kaspar fand keine Worte vor Bewegung und Trauer. Hätte er dem lieben,
+herrlichen Manne doch noch einmal in die grauen, treuen Augen blicken
+können.
+
+Was hatte er ihm zu danken -- alles -- alles, was lieb und licht in
+seinem Leben gewesen war und sein würde. Was wäre ohne ihn aus dem
+schwerblütigen, verbitterten Zögling von Gnadenzell geworden? Kaspar
+wagte es nicht auszudenken und schritt allein dem Walde zu.
+
+Hinauf, hinauf in die Berge mußte er jetzt -- in den blauen Wald des
+lieben Dahingegangenen, der so viel in seinem fruchtbringenden Leben
+geschaffen und nun auch noch dafür gesorgt hatte, daß seine Schöpfungen
+weiterschufen.
+
+Das war ein Wirken, war ein Dasein, das sich lohnte, das segenspendend
+war und blieb, vielleicht für Generationen hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Hans Sebalt hatte sich rasch von Kaspar getrennt und neugierig nach dem
+Briefe gegriffen, den er vorhin sorglich in die Brusttasche gesteckt
+hatte. Im Gehen durchflog er ihn.
+
+Plötzlich stand er still, und sein Gesicht verfinsterte sich.
+
+Was stand da? Herr Winkler traue ihm leider nicht recht zu, daß er, auf
+eigene Füße gestellt, sein Kapital auch erhalten könne. Was, er, der
+sparsame Hans Sebalt? Darum bitte er ihn noch einmal dringend, nie ein
+Papier zu verkaufen, ohne vorher Herrn Volpelius darum zu fragen. Das
+Geld festzulegen, wäre vielleicht klüger, aber nicht erzieherischer
+gewesen. Jeder solle für sich selber im Leben stehen, nur die Hilfe
+anderer nicht ganz verschmähen, am wenigsten den Rat erfahrener
+Freunde.
+
+Hans Sebalt lächelte ein wenig überlegen. Er würde die Befürchtungen
+des redlichen Toten schon glänzend widerlegen. Gerade jetzt, in voller
+Freiheit, würde er der Welt zeigen, was er leisten und wie er sich
+selbst regieren könne.
+
+Aber keinem wollte er es sagen, daß er ein Krösus geworden. Auch die
+Familie durfte es nicht erfahren, höchstens die Eltern. Vor allem --
+die Unitäter müßten schweigen, ha -- die würden Augen machen, er ein
+freier Mann -- nun hatte Bethel freilich das Nachsehen -- jetzt stand
+ihm die Welt offen, ihm, dem Besitzer von 30000 Mark.
+
+Beinahe hätte Hans Sebalt Hurra gerufen, aber noch zu rechter Zeit fiel
+ihm ein, daß da drüben ein Trauerhaus stand, und daß man ihn hätte
+hören können.
+
+So ging er leise trällernd ins Dorf hinab und grüßte die ihn grüßenden
+Arbeiter und Häuslerkinder gönnerhaft verbindlich wieder -- ganz wie es
+sich für einen Mann von zehntausend Talern gebührte.
+
+ * * * * *
+
+Währenddessen schritt Kaspar langsam bergan und dachte über seine
+Zukunft nach. An seinem Vorhaben mit Herrnhut sollte das Vermächtnis
+nicht das geringste ändern. Ja, wenn die Brüdergemeine ihn wollte, wie
+er nun einmal war und dachte -- dann sollte sie ihn jetzt erst recht
+haben.
+
+Jetzt, als ein wahrhaft Freier, jetzt konnte er ihr mit seinen Diensten
+etwas von dem zurückzahlen, was er doch schließlich der Gemeine,
+wenigstens ihren besten Vertretern, wie einem Hansen, Bartel und
+Bauding, schuldete. Hatte man ihn nicht treu und redlich erzogen, ihn
+nicht leidlich gut, jedenfalls gerecht behandelt und sich seiner stets,
+wenn auch nicht immer warm, aber vornehm, angenommen, ihn nie etwas
+unbedingt Notwendiges entbehren lassen, höchstens ein wenig Liebe?
+
+Nein, jetzt wollte Kaspar auch zeigen, daß er sich nicht lumpen ließe,
+wenn anders man ihn brauchen konnte.
+
+Und 100 Mark monatlich! Du lieber Gott, er und 100 Mark! Davon konnte
+er gewiß noch sparen, auch in einer großen, teuren Stadt wie etwa
+Leipzig. Vielleicht konnte er nun dem armen Magdalenchen ein wenig
+helfen -- er wollte doch nach ihr forschen.
+
+Herrlich, daß er jetzt einmal auch andern etwas schenken konnte. O
+wie süß war doch das Geben, wie bitter das ewige Nehmen! Er wußte es
+zur Genüge, und er wollte nun ein fröhlicher Geber werden, den Gott
+liebhaben sollte, wie er ihn.
+
+»Ja -- Gott -- Ewiger -- Gütiger, der Du irgendwo über mir waltest!
+Liebe -- unendliche, die Du Dich meiner angenommen und mich so tief
+beschämt hast! Gott, großer Gewaltiger, laß Dir mein wirres Stammeln,
+mein dankbar überquellendes Herz gefallen, führe mich weiter,
+Unergründlicher über den Welten! Laß auch mich Frucht bringen im Leben
+wie er -- Dein Diener. Laß mirs gelingen -- ich vertraue Dir blind --
+und will Dein unwürdiger Knecht bleiben -- solange ich atme. Amen!«
+
+Das war das erste Gebet, das Kaspar Krumbholtz von den Lippen flutete,
+seit jener furchtbaren Kampfesnacht auf dem »Berge« zu Gotteshaag.
+
+In lang nachzitternder Bewegung schritt der junge Lehrer immer
+weiter und weiter, bis er endlich mit leisem Schauer in den blauen
+Lieblingswald des toten Freundes trat.
+
+Andächtig setzte er sich auf die Bank, auf der Herr Winkler so oft
+und gern gesessen und hinabgeschaut hatte auf seiner Väter Werk, die
+Fabriken, und auf seiner Hände Werk, den Park.
+
+Die Sonne neigte sich mählich da draußen in der weiten, städte- und
+dörferreichen Ebene zu Tal; ihre schrägen Strahlen spielten noch
+liebevoll mit einigen hohen Fabrikschloten und dem höchsten Hause von
+Reda, der Winklerschen Villa.
+
+Nun lag der Mann, der so oft hier neben ihm gesessen und stets wie ein
+liebreicher Vater zu ihm gesprochen hatte -- starr und kalt da unten
+in der dumpfen Gruft. Aber nur sein Leib war dahin, sein Geist lebte
+und waltete weiter und unsichtbar über dem Dorfe, über der Fabrik, über
+Park und Wald, auch über ihm.
+
+Kaspar glaubte es zu fühlen, und unwillkürlich griff er jetzt
+erschrocken nach der Seitentasche, in die er vorhin wie geistesabwesend
+den kostbaren Brief hatte gleiten lassen.
+
+Gott sei Dank, er war noch da, und mit stiller Wehmut entfaltete ihn
+Kaspar und las unter heißen Tränen die vertrauten gleichmäßigen Züge
+der von ihm so heiß verehrten Hand:
+
+ Mein lieber Junge!
+
+ Du weißt nicht, welche Herzensfreude Du mir allzeit warst, und wie ich
+ an Dir gehangen habe. Das sollst Du ganz erst erfahren, wenn ich nicht
+ mehr bin. Ich habe mir zeitlebens heiß einen Sohn gewünscht, er war
+ mir versagt. Da sandte Gott Dich mir zur Zeit meines tiefsten Wehs,
+ Dich, den Sohn meines liebsten Lehrers. Ich durfte für Dich sorgen
+ wie ein rechter Vater, und Du hast mirs mit treuer Liebe vergolten,
+ Dank Dir, mein Junge! Nun halte die Treue auch weiter meinem Kinde,
+ es komme, was wolle. Ich habe in Deinem Leben nie Vorsehung spielen
+ wollen, das tut nie gut, und ich bitte Dich: handle ebenso an meiner
+ Ursemi. Aber bleibe ihr der ruhige, zurückhaltende Freund, der ich
+ Dir sein wollte. Freilich -- nun habe ich doch ein wenig in Dein Leben
+ eingegriffen durch mein Vermächtnis. Verzeih es mir, lieber Junge,
+ aber ich mußte Dir die Sicherheit zu Deiner ruhigen Entwickelung
+ aufzwingen um Deiner selbst willen und um meines Kindes wie meiner
+ Stiftung willen, die für die Zukunft vielleicht beide einen freien,
+ wissenschaftlich durchgebildeten und welterfahrenen Freund brauchen.
+ Deiner Entscheidung betreffs des Unitätdienstes vorgreifen zu wollen
+ liegt mir fern. Tu wie bisher, was Du vor Deinem Gewissen verantworten
+ kannst und wozu es Dich innerlich treibt. Das, mein lieber Junge, ist
+ die Hauptsache im Leben, dann bleibt man sich selbst getreu. Und nun
+ küsse ich Dich noch einmal im Geiste mit väterlicher Liebe und bitte
+ Dich, bleib wie bisher aufrecht und redlich gegen Dich und andere,
+ dann wird in Ruh und Ehren schlafen
+
+ Dein lieber Vater
+
+ Wilhelm Winkler.
+
+Nur mit äußerster Mühe hatte Kaspar zu Ende lesen können, denn die
+Buchstaben tanzten gleichsam vor seinen von Tränen überströmenden
+Augen.
+
+Dann brach er, in namenlosem Schmerz zuckend, zusammen -- und die Sonne
+sank.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+Die Synode
+
+
+Kaspar Krumbholtz war gerade zur rechten Zeit nach Herrnhut gekommen.
+
+Die liebliche lausitzische Landstadt prangte nicht nur im üppigsten
+Blütenschmuck ihrer altmodisch anmutigen Gärten und ihrer seit
+über hundert Jahren steifgestutzten Lindenalleen, sondern auch als
+Brüdermetropole erstrahlte die alte Stadt Christian Davids, des
+tapferen mährischen Ansiedlers, im Glanze großer Tage und wichtiger
+Beratungen.
+
+Im stattlichen, doch stimmungsvoll intimen Chorsaal des alten
+Witwenhauses tagte die Provinzialsynode der Deutschen Brüder-Unität,
+und in hartem, heißem Strauß stießen diesmal die Geister aufeinander;
+denn es handelte sich um die Lehrfrage, die seit Jahren die Gemüter von
+jung und alt in fast allen Gemeinen bewegte und tief beunruhigte.
+
+Im Mittelpunkt der aufregenden Verhandlungen standen: ein drohender
+Antrag der Gemeine Altenworth und ihres Gemeinhelfers Lengwitz auf
+Aufhebung des theologischen Seminars zu Gotteshaag; ein anderer kaum
+minder gewichtiger Antrag von 27 hochangesehenen Brüdern, Theologen wie
+Laien, auf ein Mißtrauensvotum gegen die Dozenten; und schließlich lag
+ein dritter vermittelnder Vorschlag vor: die brüderischen Studenten
+von nun an wenigstens für 3 oder 4 Semester an eine Landesuniversität,
+womöglich zu positiven Theologieprofessoren, zu senden.
+
+Schnell hatte sich Kaspar, der im Brüderhaus Unterkunft gefunden hatte,
+orientiert und ging mit einigen Betheler Bekannten möglichst frühzeitig
+zum Sitzungssaal, denn der Andrang war gewaltig. Einen Sitzplatz zu
+finden hielt schon jetzt schwer.
+
+Dicht gedrängt saß bereits um die Stühle der Synodalen eine vor
+Spannung ungeduldig wispernde Menge; namentlich viele ältere Schwestern
+mit allerlei Handarbeiten und einem Überdrang landläufiger Weisheit.
+
+Allgemein erwartete man für heute die Entscheidung, und es war gar
+nicht unmöglich, daß der Guillotinenantrag Lengwitz auf das Seminar
+herabsausen würde.
+
+Die Stimmung gegen das Seminar und seine Lehrer war jedenfalls
+mächtig erregt, zumal einer dieser Brüder kurz zuvor eine Broschüre
+veröffentlicht hatte, die völlig auf dem Boden der philologisch
+historischen Bibelkritik stand und nicht nur Gemeinmitglieder, sondern
+auch sehr viele Freunde der Herrnhuter verwirrt und verletzt hatte.
+
+Kaspar wußte von alledem nicht viel. Er hatte in letzter Zeit andere
+Dinge im Kopf; immerhin fühlte er instinktiv, daß auch über sein
+inneres Verhältnis zur Gemeine, über die Möglichkeit seines Verbleibens
+im Unitätdienst heute eine Entscheidung herannahte.
+
+Es drängte ihn auch danach, da er endlich klar wissen wollte, woran er
+mit seiner Zukunft sei.
+
+Und doch bebte der Herrnhuter in ihm.
+
+ * * * * *
+
+Die Synodalen erschienen, meist schweigend und ernst, voran der
+ehrwürdige Vorsitzende, Bischof Kröger.
+
+Mit dem üblichen kurzen Gottesdienst begann die Sitzung, und nicht
+ohne Ergriffenheit nahmen viele von der nachdenksamen Losung des Tages
+Notiz, die Paulus den Korinthern schrieb: »Ich wollte, ihr möchtet
+ein wenig Torheit von mir ertragen, doch ertraget mich auch, denn ich
+eifere um euch mit Gottes Eifer.«
+
+Einige der Schwestern stießen sich heimlich an und zischelten sich
+leise zu: da sei doch deutlich Gottes Finger zu spüren. Aber die einen
+betonten die Torheit, die anderen das Ertragen und wieder andere das
+Eifern.
+
+Es folgte die Verlesung zweier brüderlicher Schreiben aus der
+englischen und amerikanischen Provinz, beide des Wunsches voll -- man
+möge mit Vorsicht und brüderlicher Liebe zu Rate gehen -- und mit der
+Versicherung treulichster Fürbitte vor Gott.
+
+Zur Eröffnung der Verhandlungen wurden die drei schon gedruckten
+Anträge nochmals vom Schriftführer, Bruder Röder, verlesen und die
+Brüder gebeten, sich der Liebe zu befleißigen auch bei etwaiger
+tiefgehender Verschiedenheit der Anschauungen. Darauf erhielt der
+Gemeinhelfer der Altenworther das Wort.
+
+»Liebe Brüder,« begann Bruder Lengwitz mit sichtlicher Befangenheit,
+»ich bin mir der historischen Bedeutung dieses für unser Kirchlein
+vielleicht entscheidenden Augenblicks ebenso bewußt, wie meiner
+Verantwortung. Die allgemeinen Gesichtspunkte für diesen ganzen, uns
+so tief erschütternden Lehrstreit haben wir in zahllosen Debatten
+längst gewonnen und allerseits zur Genüge vertreten. Heute gilt es, die
+verschiedenen Ergebnisse gegeneinander abzuwägen und zu handeln! Die
+Kluft, die zwischen dem Gros unserer Gemeingeschwister und den Brüdern
+aus den letzten Jahrgängen unseres theologischen Seminars klafft, ist
+nicht von heute. Schon auf den beiden vorhergehenden Synoden hat sie
+uns schwere Sorgen gemacht und uns eingehend beschäftigt. Wir haben,
+namentlich solange Bruder Hansens Autorität uns eine gewisse Gewähr
+bot, zu besonderen Schritten gegen das Seminar uns nicht entschließen
+können, sondern uns der leider trügerischen Hoffnung hingegeben,
+die Entwickelung des Seminars werde von selber in positivere Bahnen
+einlenken. Statt dessen ist es schlimmer geworden, viel schlimmer
+sogar, als es auch die Pessimisten unter uns befürchtet haben. Von
+einem dozierenden Bruder, der mit Titel und Amtsbezeichnung, also
+mit voller Verantwortung zeichnete, ist eine Schrift veröffentlicht
+worden, die auch dem unverbesserlichsten Optimisten die Augen darüber
+öffnen muß, wohin wir eigentlich treiben: nämlich auf die Ausschaltung
+der Grundbegriffe unserer Heilslehre durch unsere jungen Diener am
+Wort. Man zweifelt nicht nur an diesem oder jenem im Worte Gottes, wie
+früher, ja wohl zu allen Zeiten einzelne Lehrer, sondern man schaltet
+keck die Hauptsachen aus. Man leugnet die Zuverlässigkeit ganzer
+Evangelien und Apostelbriefe, man bezweifelt die Gottessohnschaft
+Christi, seine Auferstehung und Himmelfahrt und rüttelt damit an den
+Grundfesten unseres Glaubens. Wir wollen keine Ketzerrichter sein,
+Geliebte im Herrn, und wollen auch diesen Forschern ihre Redlichkeit
+gern zubilligen; aber wir wollen uns ebenso ehrlich fragen: Hat es für
+unsere kleine Kirche noch Zweck, ein solches Institut zu unterhalten,
+dessen Dozenten und Zöglinge für die heiligsten Überzeugungen der
+Gesamtgemeine kein Verständnis mehr haben, vielmehr in schroffsten
+Gegensatz zu ihrem Glauben treten, ihren Mitgliedern im besten Falle
+mit gewundenen Erklärungen, oft genug gar mit unverhüllten Zweifeln die
+frohe Gewißheit ihrer Heilswahrheiten und damit den inneren Frieden,
+ja die beste Hoffnung im Leben wie im Sterben rauben? Auf Grund langer
+gründlicher Selbstprüfung, auf Grund eingehender Rücksprache mit meiner
+Gemeine, mit vielen andern Geschwistern, Laien wie Klerikern, antworte
+ich fest und ruhig: Nein! Reißen wir das Glied, das uns ärgert, aus,
+ehe denn der ganze Leib verderbe, setzen wir nicht aus brüderlicher
+Langmut und Schwachheit gegen diese wenigen, sicherlich ehrlich
+ringenden, aber irrenden Brüder die Zukunft von Tausenden, die Zukunft
+unserer Gesamtgemeine aufs Spiel! Wir sind langmütig und nachsichtig
+genug gewesen, wir haben mehrfach gebeten und gewarnt. Nun ~gilt es
+zu handeln~, ehe es zu spät ist, und darum bitte ich die Brüder, für
+die ~Aufhebung des Seminars~ in Gotteshaag zu stimmen und bis auf
+weiteres unsere jungen Theologen auf die Universitäten zu schicken zu
+möglichst positiv gerichteten Professoren.«
+
+Die meisten Synodalen saßen unbeweglich da. Einige schüttelten die
+Köpfe. Nur in der Menge der zuhörenden Geschwister, zumal auf der
+Schwesterseite, merkte man vielfach, freilich vornehm verhaltene
+Zustimmung.
+
+Dann erteilte Bruder Kröger dem derzeitigen Direktor des Seminars,
+Bruder Krageneck, das Wort.
+
+Bleich vor innerer Erregung, aber völlig beherrscht in Form und
+Gebärde, sprach der hagere, von der schweren Last unendlicher Arbeit
+und unaufhörlicher Sorgen schier erdrückte Mann: »Liebe Brüder, wenn
+es euer Wille ist, unser Seminar aufzuheben, dann würde ich -- ihr
+werdet es mir ohne besondere Versicherung glauben -- nicht gerade der
+leidende Teil sein. Aber ich stehe auf meinem Posten, solange es die
+Pflicht gebietet. Nur ist es eine unsagbare Qual, in solcher Zeit,
+unter solchen Umständen, ein so verantwortungsvolles Werk zu leiten,
+wenn das Vertrauen fehlt! Das kann nicht so weitergehen. Und darum rede
+ich nicht gegen den Antrag Lengwitz, denn lieber ein Ende mit Schrecken
+als ein Schrecken ohne Ende. Auch zu dem Antrag 2 werde ich nicht
+mehr sprechen, nur nach seiner eventuellen Annahme handeln, das heißt
+sofort zurücktreten. Dafür wende ich mich nun um so schärfer gegen den
+3. Antrag, der darauf hinausläuft, die Studienzeit in Gotteshaag zu
+verkürzen zugunsten einiger Universitätsemester unserer studierenden
+Brüder. Liebe Freunde, sollen wir etwas Ganzes und leidlich Rundes
+in Gotteshaag erzielen, brauchen wir mindestens die bisherige Zeit.
+Schickt unsere Seminaristen später auf die Universität, aber nicht
+zwischenhinein. Im übrigen werden die positiven Professoren wenig
+helfen. Das ist eine Laienansicht. Der Student, der ohne ernstliche
+Nachprüfung auf die +verba magistri+ schwört, ist nicht der
+rechte. Ein jeder muß sich selbst mit den Dingen auseinandersetzen.
+Und dazu die Hörer anzuregen -- danach strebt jeder gewissenhafte
+Lehrer, und das sind wir -- hoffe ich -- alle, auch der Bruder, den
+man um seiner Schrift, die ich nicht für glücklich, aber auch nicht
+für unwissenschaftlich halte, angegriffen und versetzt hat. Wir sind
+Männer der Wissenschaft, so gut wie jeder auswärtige Dozent, das
+heißt wir geben, was wir auf Grunde redlichster Forschung zurzeit
+für das Wahrscheinlichste halten müssen. Auch wir stehen, wie jeder
+Erdgeborene, im Bann der historischen Entwickelung. Wir sind irrende
+Menschen, so gut wie ihr; aber wir ringen auch nach der Wahrheit,
+rücksichtslos, wie es unsere Pflicht ist. Denn eine Wissenschaft
+mit einem von vornherein festgelegten Endzweck -- und wäre es der
+erhabenste -- wäre keine Wissenschaft. Und ich meine, wir haben nach
+bestem Vermögen Wissenschaft zu treiben, Forschungsmethode, aber
+~nicht einen Glauben zu lehren~! Den muß sich jeder selbst
+erkämpfen, für den hat auch jeder selbst einzustehen, und keiner
+hat ihm dreinzureden. Die innersten Überzeugungen und Anschauungen
+wechseln jedoch bei jedem lebendigen Menschen mit den Phasen seiner
+Entwickelung, genau so wie die Anschauungen der Generationen eines
+Volkes. Nicht jeder, der als junger Student zweifelt, wird beim Zweifel
+verbleiben, oder gar zum bequemen Skeptiker werden. Im Gegenteil, wer
+beizeiten kämpfen gelernt hat, wird weiterringen, solang er atmet,
+und wird auch ~erringen~. Und nur dazu wie zum unablässigen und
+furchtlosen Prüfen haben wir unsere studierenden Brüder zu erziehen.
+Könnt ihr, liebe Brüder, solche suchende Diener am Wort nicht mehr
+vertragen und fordert statt dessen zuverlässige, genau geaichte
+Dogmatisten -- dann ist es allerdings an der Zeit, euch zu fragen, ob
+es sich lohnt, für eine innerlich schon erstarrende Gemeine noch weiter
+innerlich lebendige Führer heranzubilden.«
+
+Die Wogen der Erregung gingen hoch im Kreise der Synodalen wie der
+zuhörenden Geschwister, die schier atemlos den scharfbetonten Worten
+des Redners gelauscht hatten.
+
+Außer Kaspar Krumbholtz war jedoch kaum einer im ganzen Saale, dem
+der eindringliche Warner voll aus der Seele gesprochen hatte; aber
+wohl jeder fühlte nach dieser leidenschaftlosen und gerade darum
+leidenschafterregenden Rede den ganzen furchtbaren Ernst der Lage.
+
+Nach einigen bangen Minuten des Zischelns und Tuschelns erhob sich ein
+graubärtiger Laienbruder, namens Wechler, seines Zeichens Kaufmann, und
+sprach mit einer von verhaltener Rührung zitternden Stimme:
+
+»Geliebte im Herrn! Es zerreißt mir das Herz, wenn ich solche Worte
+hören muß wie die letzten von Bruder Krageneck. Sind wir denn darum
+als erstarrt oder wenigstens als nach und nach erstarrende Christen
+zu bezeichnen, weil wir um unsere Glaubenszuversicht bangen und für
+die unserer Kinder fürchten? Ich bin ein alter Mann, und weiß, daß in
+meiner Jugend kein solches Suchen in der Schrift unter uns war, wie
+jetzt, seit wir fürchten, daß man uns verwirren will. Vielleicht sind
+wir lebendiger als damals. Ich bin ferner ein ungelehrter Mann, wie es
+eben über 99 Prozent unserer Gemeine sind; aber ich empfinde es als
+eine furchtbare Gefahr für unsere Kirche, wenn Männer, die Christi
+Gottheit und Auferstehung öffentlich leugnen, unsere jungen Prediger
+lehren und auf ihr Amt vorbereiten. Ich frage mit Beben: Sind unsere
+Theologen um Gottes und unsertwillen da, oder Gott, Christus und wir,
+seine Gemeine, um ihretwillen! Alle Achtung vor der Wissenschaft,
+aber ich lasse mir auch von ihr und ihren besten Vertretern nicht
+wegdisputieren oder meinetwegen beweisen, daß Christus nicht für mich
+gelitten hat und auferstanden ist. Nein, darauf will ich leben und
+sterben und hoffentlich auch meine Kinder. Man kann ein grundgelehrter
+Mann und doch nicht geschickt zum Reiche Gottes sein. Ich hege gewiß
+auch Achtung vor den jungen ringenden Gottesstreitern und ihren
+pflichtgetreuen Lehrern; aber sie mögen in die Stille gehen, wenns
+ihnen zweiflerisch zumute ist. Doch an der Spitze unserer Gemeinen,
+unserer Schulen und Behörden wollen wir Leute sehen, die mit uns eins
+sind im felsenfesten Glauben, nicht gerade an jedes Wort der Schrift
+-- das hat schon ein Luther und Zinzendorf nicht verlangt -- aber an
+die Hauptsachen, den persönlichen Gott, seinen eingebornen Sohn und
+seinen uns allein erlösenden Opfertod und seine Auferstehung. Ich bitte
+daher die Brüder, den ~Geist des Seminars zu erneuern~, vielleicht
+einige positivere Lehrer zu suchen, zum mindesten aber den studierenden
+Brüdern Gelegenheit zu geben, anderwärts Professoren zu hören, die
+weniger radikal sind als einige Gotteshaager Dozenten. Sollte es an den
+nötigen Mitteln dafür fehlen, so sind meine Freunde und ich bereit,
+dazu größere Summen nicht nur im Etat zu bewilligen, sondern auch
+persönlich zu spenden.«
+
+Unsicher tastend setzte sich der alte Mann.
+
+Hätte er um sich geschaut, hätte er viel warme Anerkennung in den
+Mienen seiner Zuhörer lesen können; Beifall zu äußern war nicht Brauch
+an dieser gottgeweihten Stätte und vollends nicht bei so ernsten
+Beratungen.
+
+Nun stand der gefürchtete Unitätdirektor Balzar auf, von ihm erwartete
+man das entscheidende Wort, und mit äußerster Spannung hingen aller
+Augen an seinen Lippen, als er sprach:
+
+»Liebe Brüder! Was mein lieber Vorredner im Namen Tausender gesagt
+hat, war mir und den Brüdern der Behörde, in deren Namen ich rede, aus
+der Seele gesprochen! Eine weitgehende Beunruhigung der Gemüter ist
+nicht zu leugnen. Wo die Schuld liegt, ist im einzelnen hier nicht zu
+untersuchen, es ist an anderer Stelle geschehen. Nur so viel sei offen
+bekannt: Es sind Fehler begangen worden, schwere Fehler sogar, von
+seiten der Dozenten und ihrer Schüler, wie von seiten der vorgesetzten
+Behörde, insonderheit auch von mir. Ich hätte früher und energischer
+ein- und durchgreifen sollen. Aber so sehr ich bereit bin, für meine
+Unterlassungssünden zu büßen, so wenig glaube ich, daß damit zurzeit
+etwas gebessert wird. Ich glaube ferner nicht, daß es schon an der
+Zeit ist, das Kind mit dem Bade auszuschütten, und das Seminar, das
+uns über ein Jahrhundert zum Segen war, kurzerhand aufzuheben. Noch
+sind nicht alle Mittel erschöpft, es zu bessern, und wenn mich die
+Synode an der verantwortungsvollen Stelle belassen will, an die sie
+mich vor 10 Jahren gesetzt hat, dann will ichs in aller Schwachheit
+noch einmal versuchen, ~den Geist des Seminars zu reformieren~,
+vorausgesetzt, daß man mir das Wort unserer heutigen Losung vom Eifer
+Gottes zubilligt wie Paulus. Ich habe schon jetzt den Bruder, der mir
+menschlich und verwandtschaftlich so nahe und leider im Glauben so
+fern steht, an eine andere Stelle gesetzt. Und ich werde weiter dafür
+sorgen, daß geeignetere, das heißt ihrer gewaltigen Verantwortung für
+ihre Schüler sich klarer bewußte Lehrer in das theologische Seminar
+eintreten. Umgraben wir also den lieben, alten Baum noch einmal,
+begießen und pflegen wir ihn noch einige Jahre mit Gebet und Flehen,
+und warten wir vorerst in Geduld, ob er nicht doch noch bessere Früchte
+trägt als bisher. Wir wollen gern dafür Sorge tragen, daß einige der
+fähigeren Studenten und Kandidaten auswärtige Universitäten besuchen,
+und danken Bruder Wechler und seinen Freunden aufs herzlichste, wenn
+sie durch persönliche Geldopfer den knappen Mitteln unseres Etats
+nachhelfen wollen. Gott lohne ihnen ihre hilfsbereite Bruderliebe. Und
+so bitte ich noch einmal um Zutrauen zu uns, der Behörde, und somit um
+Ablehnung aller dreier Anträge, die ja mehr oder weniger den Bestand
+des Seminars in Frage stellen.«
+
+Der Redner hatte durch eine ihm sonst nicht eigene Milde seine
+Zuhörer sichtlich überrascht und schon damit halb gewonnen; indessen
+manchem behagte weder die Halbheit der Entscheidung noch die stark
+autokratische Form der weiteren Regelung.
+
+Das sprach sofort aus den wenigen Worten, die der Fabrikdirektor
+Leifert, wieder ein sehr angesehener Laienbruder, sprach:
+
+»Gegen Bruder Balzars Vorschlag habe ich zweierlei Bedenken: erstens
+fürchte ich, daß er, wie die Dinge liegen, zurzeit nicht drei Brüder
+finden wird, die nach seiner und unserer Meinung positiv und zugleich
+wissenschaftlich bedeutend genug sein dürften, um würdig an der Stelle
+solcher Gelehrten zu stehen, wie es Hansen war, wie es Krageneck und
+sein eigener Schwager sind. Die Dozenten sind doch nicht für uns da,
+sondern für die Studenten und müssen vor allem diesen imponieren
+können, und dazu gehört heutzutage -- auch in der theologischen
+Wissenschaft -- nicht wenig. Zweitens muß ich ganz offen gestehen, daß
+ich glaube, Bruder Balzar überschätzt seinen gewiß wohltätigen Einfluß
+auf das Seminar denn doch ein wenig. Ich, als langjähriger Vorgesetzter
+von so vielen Beamten und Arbeitern, weiß zur Not auch, wie weit
+persönlicher Einfluß geht. Es ist nicht bedeutend. Darum nein! ~Kein
+Fortwursteln~, man verzeihe den harten, aber klaren Ausdruck. Ich
+bitte die Synode, die ja über der Behörde steht, sie wolle beschließen:
+~das Seminar einstweilen zu suspendieren~ und unsere Studenten
+zunächst mal ruhig, am besten gleich mit einem oder zwei jungen
+Dozenten, nach Halle oder Greifswald zu schicken. Das heißt reiner
+Tisch gemacht, und wir sehen in wenigen Jahren, ob die Schuld an unserm
+Seminar und seinen Leitern, oder was doch auch sehr wohl möglich ist,
+am Zug unserer Zeit lag.«
+
+Eine lange Pause folgte den energisch hervorgestoßenen Worten des
+Fabrikdirektors, und fast schien es, als sollte zur Abstimmung
+geschritten werden.
+
+Da erhob sich die ragende Gestalt des ehemaligen Unitätdirektors
+Kämpfer, der sich seit dem ihn schwer betrübenden Austritt seiner
+beiden Söhne und dem Tode seiner Brüder ganz ins Privatleben
+zurückgezogen hatte, nur auf das Drängen seiner alten Gemeine
+Herrenfeld, die noch immer an ihm hing, die Wahl zur Synode schließlich
+angenommen hatte.
+
+Früher einer der bekanntesten und schlagfertigsten Synodenredner, der
+glänzende Führer der Konservativen, hatte der rüstige Greis mit dem
+schönen wallenden Patriarchenbart auf der jetzigen Synode noch nicht
+ein Wort geredet.
+
+Um so größer war darum das Erstaunen, das selbst bei diesem würdigen
+Publikum nun nicht mehr ganz geräuschlos war.
+
+Mit leiser Stimme begann Ehrentraut Kämpfer, fast zag und unsicher,
+doch nach und nach kam die alte Wucht über ihn, als er merkte, daß man
+ihm rings mit wahrhaft totenstiller Andacht lauschte:
+
+»Liebe Brüder und Schwestern! Ich habe eigentlich nur zu der Synode zu
+reden. Ich weiß das, aber ich muß -- ehe ich für immer schweige -- doch
+noch einmal zu der ~ganzen~ lieben Gemeine reden, zu der ich vor
+fünf Jahrzehnten unter schweren Opfern gekommen bin und der mein Herz
+gehört und gehören wird bis zu seinem letzten Schlag, auch wenn ich es
+erleben müßte, was Gott der Herr verhüte, daß es mit ihr zu Ende geht.
+An der Schwierigkeit des Dienernachwuchses ist die alte Brüderkirche
+zugrunde gegangen trotz Comenius! An derselben Schwierigkeit scheint
+-- es besteht die Gefahr jedenfalls -- auch die erneuerte Brüderkirche
+scheitern zu sollen, trotz eines Hansen und anderer hervorragender
+Persönlichkeiten. Woran liegt das? Das ist die ernste schwere Frage,
+die wir uns einmal vorlegen wollen, ehe wir an die zweite der etwaigen
+Aufhebung des Seminars entscheidend herantreten.
+
+Meine lieben Geschwister! Ich bin noch einer der wenigen Alten, die
+von draußen hereinkamen, bin vielleicht darum nicht so gemeinmäßig
+vorsichtig, aber auch nicht ganz so befangen in traditionellen
+Anschauungen. Weil ich das, was ich mir schwer errungen habe, schätze,
+brauche ich es nicht zu überschätzen; denn ich weiß noch sehr wohl,
+wie es ist, wenn man es ~nicht~ hat. Und so muß ich sagen:
+~Wenn die Brüdergemeine nicht bleiben kann, was sie war~, das
+heißt ein kleines aber selbständiges und besonders lebendiges Organ
+im großen Organismus der evangelischen Kirche, dann ~möchte ich
+lieber, daß sie nicht mehr sei, als daß sie ein Scheinwesen führe~.
+Eine orthodoxe Theologie ist wahrlich nichts Besonderes, so wenig wie
+heutzutage eine liberale. Aber meine Lieben, ~eine kleine, eng und
+brüderlich miteinander verbundene Gemeinschaft mit ihren ehrwürdigen
+Kultuseigenheiten und ihren bewährten Erziehungsweisen, fest gegründet
+auf ihre besonderen sozialen Fundamente, die durch ihre historische
+Entwickelung nach und nach bedingt wurden, vor allem verankert in dem
+Felsengrunde eines durch und durch persönlich-religiösen Lebens gerade
+ohne starke Betonung des Dogmas und des einzelnen Bekenntnisses --
+das ist etwas Großes, etwas Seltenes~! Und das -- meine Lieben --
+war die Brüdergemeine zu der Zeit, als ich sie suchte, das blieb sie
+noch Jahrzehnte hindurch, nachdem ich sie gefunden. Ich will gewiß
+nicht die alte gute Zeit loben, wie das ja alte Leute gern tun, um
+sich ein wenig herauszustreichen oder den üblichen Pessimismus des
+Alters zu bemänteln. Im Gegenteil, ich will hier wie Bruder Wechler
+ohne Scheu bekennen: der Durchschnitt war früher weit weniger religiös
+interessiert als jetzt, denn Kampf zeitigt Interesse und schafft
+neues Leben. Aber Träger des neuen Lebens ist allzeit die Jugend, und
+sie stellt darum auch naturgemäß in erster Linie Kämpfer. Auch der
+Brüdergemeine wurden solche Streiter zuteil und damit die Möglichkeit
+zur Verjüngung. Was aber tut sie oder will sie jetzt wenigstens tun?
+Sie will sie hinausjagen vor ihre Tore, sie will Ruhe und Frieden haben
+wie ein altes, kinderscheues Ehepaar, das gemächlich seine Pension
+verzehrt und mit dem Leben eigentlich abgeschlossen hat.
+
+Liebe Geschwister! Es ist eine bitter ernste Stunde, in der wir hier
+stehen. Die Brüdergemeine hat in den letzten Jahren Stück für Stück von
+ihrem besten, zum Teil schon unentbehrlichen Inventar veräußert; sie
+lebt längst schon von ihrem Kapital und nicht mehr wie ein geordneter
+Pensionär von ihren Zinsen. Sie will jetzt ihr Bestes von sich stoßen,
+ihre paar Kinder, und warum? Weil sie ihr auf die Nerven gehn oder
+weil sie mit ihnen nicht fertig wird. Viel Kinder hat unsere alternde
+Gemeine nicht mehr. Seht die leeren Brüderhäuser und dagegen die mit
+Fremden überfüllten Schulen aller Art, von der Fortbildungsschule bis
+zur Missionsschule. Da bedarf es zum mindesten reicher, bedeutender
+Lehrkräfte -- und daran gebricht es schon allerorten. Und die noch da
+sind, dünken euch nicht gut -- warum? Weil sie ~vollblütige Kinder
+ihrer Zeit~ sind und nichts anderes. Das ist ihr ganzes Verbrechen.
+
+Liebste Geschwister! Denkt doch an das Wort des Herrn: An ihren
+Früchten sollt ihr sie erkennen -- und nun Hand aufs Herz! Ist auch
+nur einer von denen, die euch so bedenklich in der Lehre erscheinen,
+schlechter als ihr in eurer Jugend wart? Sind diese Zweifler und
+Grübler nicht tapfere, überzeugungstreue Helden, gehalten gegen die
+meisten von euch bequemen Gewohnheitchristen? Glüht in dieser so viel
+bekritelten Jugend nicht ein religiöses Feuer, mit dem unser bißchen
+Leuchten von vor fünfzig Jahren gar nicht zu vergleichen ist? Warum
+nicht -- weil damals weder Sturm noch Regen niederging, weil seine
+Überzeugung zu behaupten damals gar kein besonderes Kunststück war.
+
+Meine heißgeliebten Geschwister! Ich komme zum Schluß. In unseres
+Vaters Hause sind viele Wohnungen. Sorgt ihr dafür, daß ihr in
+sie eingehen könnt, aber wundert euch auch nicht, wenn sie euch
+dereinst verschlossen bleiben trotz aller Rechtgläubigkeit, weil
+ihr unbrüderlich wart gegen eure Brüder, weil ihr die Pflichten der
+Eltern vergessen habt gegenüber den besten Kindern, die Gott euch gab,
+Kindern, in denen der Geist einer neuen Zeit rücksichtlos zum Lichte
+ringt. Fürchtet ihr euch, weil ihr bequem oder gar feige geworden
+seid und nicht mitkämpfen wollt in diesen Zeiten religiösen Kampfes?
+Ich hoffe -- noch wißt ihr, was es heißt: kämpfe den guten Kampf des
+Glaubens! Sonst laßt es euch sagen, tagtäglich aufs neue sagen von
+diesen jungen Streitern, die fast darüber zugrunde gehen und doch nicht
+verzweifeln! ~Solche Persönlichkeiten, solche Charaktere sind uns
+not, notwendiger als alles Eifern um die Lehre!~ Wollt ihrs nicht
+hören von ihnen, gut -- dann schließt nicht nur das Seminar, dann löst
+auch die Brüdergemeine auf und tretet zurück in die Landeskirche. Dann
+ist eure Zeit erfüllt! Aber den neuen Geist in alte Schläuche füllen,
+das dürft ihr nicht, das gibt ein Unglück. Wenn die Jungen nach ihrer
+ehrlichen Überzeugung links gehen ~müssen~, werdet ihr sie nicht
+nach rechts hinüberzwingen können, keiner vermag es, auch der starke
+Bruder Balzar nicht, zu dem ich -- so leid es mir tut -- weniger
+Vertrauen habe als zu den Seminarlehrern. Und darum bitte ich euch
+inständig, liebe Synodalen: lehnt jede innere wie äußere Beeinflussung
+des Seminars rundweg ab, sondern überlaßt die jungen Theologen ruhig
+ihrem Gewissen, die Entwickelung unserer Gemeine Gott und das Urteil
+der Geschichte.«
+
+Langsam setzte sich Ehrentraut Kämpfer, beugte sein Haupt und schloß es
+in beide Hände wie zum stillen Gebet.
+
+Lautloses Schweigen füllte den weiten Raum, keiner wagte zu zischeln
+oder sich nach anderen umzudrehen; nur hier und da schien es, als ob
+ein Schluchzen niedergekämpft werden müsse.
+
+Kaspar Krumbholtz wäre am liebsten aufgesprungen und hätte dem alten
+herrlichen Manne die Hände geküßt vor unnennbarem Dankesgefühl.
+
+Nie seit Bruder Hansens Tode hatte ein Mann der Brüdergemeine ihm
+so das Herz genommen, ihm so aus der Seele gesprochen wie dieser
+ehrwürdige Patriarch.
+
+Mit diesem Manne wollte auch er stehen oder fallen. Stimmte man seinem
+Wunsche nicht rückhaltlos zu, dann war auch sein eignes Schicksal
+entschieden. Dann ging auch er den Weg, den die Söhne Kämpfers gegangen
+waren, hinaus aus der Brüdergemeine, die ihren höchsten und vornehmsten
+Zweck, ein Sauerteigtropfen der evangelischen Kirche zu sein, nicht
+mehr erfüllen wollte oder konnte.
+
+Und so erwartete keiner gespannter den Ausgang der nunmehr folgenden
+Abstimmung als Kaspar Krumbholtz.
+
+Der Antrag Lengwitz wurde mit großer, die beiden anderen Anträge mit
+knapper Majorität abgelehnt.
+
+Dann sprang aber Bruder Balzar hastig auf und erklärte knapp und
+hart: er empfinde mit der Mehrzahl seiner Kollegen die unbedingte
+Notwendigkeit, in dem von ihm vorher angedeuteten Sinne reformierend
+an das Seminar heranzutreten, schon um den 99 Prozent der
+beunruhigten Gemeingeschwister eine Genugtuung und eine Hoffnung auf
+Änderung zu gewähren. Er stelle daher, nachdem die drei schärferen
+Anträge gefallen, diesen milderen Antrag und mit ihm zugleich die
+Kabinettsfrage.
+
+Eine kurze Besprechungspause wurde vom Vorsitzenden angeordnet, dann
+ging die Abstimmung vor sich. Mit überwältigender Mehrheit ward der
+Antrag Balzar angenommen.
+
+Da ging Bruder Kämpfer hinaus, und Kaspar Krumbholtz folgte ihm.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Tage suchte Kaspar Krumbholtz seinen höchsten Vorgesetzten,
+Bruder Bauding, auf.
+
+Herzlich wie immer begrüßte ihn der Unitätdirektor, aber aus seinen
+Mienen sprach nicht mehr der gewohnte Frohsinn, die ruhige Sicherheit
+und Zuversicht des bewährten Steuermanns. Eine müde Resignation lag
+über seinen ein wenig abgespannten Zügen.
+
+Mit milder, warmer Freundlichkeit sprach er Kaspar sein Beileid aus
+zu dem Heimgang seines väterlichen Freundes Winkler und erwähnte, daß
+Herr Geheimrat Volpelius der Unität kürzlich die Stipendienregelung
+angekündigt hätte.
+
+Dann schloß er lächelnd: »Dein Freund Sebalt hat uns bereits vorher
+den Stuhl vor die Türe gesetzt, und ich fürchte, du hast ähnliche
+Absichten, lieber Bruder.«
+
+Um Kaspars Mundwinkel zuckte es wehmütig. Leicht ward es ihm wahrlich
+nicht, seinen allerdings schon gestern gefaßten Entschluß dem verehrten
+Manne mitzuteilen.
+
+Daß seine Beweggründe vermutlich anderer Art waren als die Hans
+Sebalts, das brauchte er Bruder Bauding nicht auseinanderzusetzen,
+Sebalt hatte für sich selbst einzustehen.
+
+Aber warum er, Kaspar, gehen wollte, ja gehen mußte, das sollte Bruder
+Bauding, der es stets gut und treu mit ihm gemeint hatte, doch wissen,
+und so sagte Kaspar langsam, fast feierlich:
+
+»Herr Unitätdirektor, ich möchte nicht, daß Sie mich mißverstehen
+oder ungerecht beurteilen. Ich kam vorgestern hierher mit der leisen
+Hoffnung und dem geheimen Wunsche, in der Gemeine wie im Unitätdienst
+verbleiben zu können, weil ich an die Zukunft der Brüdergemeine
+glaubte und auf weitere Nachsicht mit meiner religiösen Schwachheit
+rechnete. Seit gestern, seit ich weiß, daß der Geist Bruder Balzars
+auch weiter hier herrschen soll, ist das anders geworden, und ich habe
+den Entschluß gefaßt, von nun an mir mein Leben selber zu zimmern und
+in völliger Freiheit um meine Weltanschauung zu ringen. Gott suchen und
+ihm dienen kann ich wohl auch da draußen, vielleicht sogar ungestörter.
+Ich habe sein Walten in mir schon wieder leise verspürt, aber ich weiß
+auch, daß ich schwerlich je wieder die gemeinmäßige Gottesauffassung
+teilen werde, jedenfalls nicht die im Unitätdienst erwünschte der
+Person Christi. Darum will ich lieber beizeiten hinausgehen, und es
+ist eine Stimme in mir, die mir sagt, daß ich recht daran tue. Daran
+lasse ich mir genügen und bitte Sie, mir nicht zu zürnen. Was ich
+meinen Erziehern aus der Brüdergemeine schulde, dessen werde ich mir
+immer bewußt bleiben, und auch Ihnen danke ich herzlichst für all Ihr
+redliches Interesse für mich armes Missionskind.«
+
+Lang und väterlich sah Bruder Bauding den jungen Lehrer an, der fest
+und ruhig gesprochen hatte und doch voll verhaltener Bewegung.
+
+Dann legte er ihm liebevoll die Hand auf die Schulter und sagte leise:
+»Ich habe dich verstanden, mein lieber Bruder, und ich muß dir mit
+bitterstem Schmerze gestehen: ich billige deinen mir so wehtuenden
+Entschluß seit gestern auch. Wer weiß, ich ginge am Ende auch, wenn
+ichs noch könnte. Aber was ein junger Leichtmatrose darf, das darf
+ein Kapitän nicht, er hat auf seinem Schiff zu bleiben, auch wenn er
+weiß, daß der Untergang schwerlich zu vermeiden ist. Noch kann Gott
+Wunder tun! Hoffen wirs, aber rechnen wir nicht darauf, sondern tun
+wir unsere Pflicht, ohne mit der Wimper zu zucken. Und darf ich dir,
+lieber junger Freund, noch ein Wort mit hinausgeben in dein ferneres
+Leben? Ich denke ja. Du hast dich eben noch einmal Missionskind
+genannt, tu es gelegentlich auch fernerhin vor deinem Gewissen, wenn
+auch vielleicht von nun an in anderer tieferer Bedeutung. Du bist und
+bleibst ein Missionskind auch außerhalb unserer Gemeine, die dich
+erzogen hat. Bleib ihrem Geist, ihrem Besten, das doch unvergänglich
+ist wie alles Göttliche, getreu und vergiß nie, daß auch du, ja gerade
+du eine Mission hast. Was Gott der Allmächtige über das Geschick
+unserer kleinen Kirche beschlossen hat, wissen wir nicht; aber wir
+wissen, daß nichts umsonst ist in der Welt, auch das Niedergehen und
+Vergehen nicht. Wer weiß, ob nicht gerade in all den vielen, die wir
+erzogen haben und hoffentlich noch lange erziehen werden, unsere beste
+Hoffnung, unser eigentlicher Daseinszweck beschlossen liegt? Es ist
+vielleicht an der Zeit, daß wir die Waffen, die wir bisher tapfer, doch
+nach und nach mit ermattenden Armen geführt haben, weitergeben sollen
+an die, die von uns hinausgehen, um dort in unserm alten Sinn, doch mit
+andern Formen und neuem Geiste zu kämpfen. Die Schüler sind die Flügel
+des Lehrers, sagte der alte Neander. Fliegen wir mit diesen Fittichen
+auf zu neuen Zielen. Das walte der Allmächtige auch durch dich, mein
+junger Freund, das könnte deine Mission sein! Und damit Gottes Segen
+über dich und deine weitere Arbeit, zieh hin in Frieden!«
+
+Stumm und beide tief ergriffen reichten sich die Brüder die Hand zum
+Abschied.
+
+ * * * * *
+
+Dann schritt Kaspar Krumbholtz langsam und nachdenklich hinauf zum
+stillen Hutberg, um Abschied zu nehmen von seinem letzten Schatz in
+der Gemeine, dem Grab seiner Mutter.
+
+Was er da empfunden, vermag keines Menschen Feder niederzuschreiben;
+es gibt Dinge, die unaussprechlich sind oder wenigstens durch jeden
+Niederschlag in Worte ihr Bestes, ihren keuschen Duft, verlieren.
+
+Daß Kaspar an seiner Mutter Grab weinen und beten durfte, war ihm eine
+Erleichterung und ein Trost ohnegleichen.
+
+Er schied mit unnennbarem Schmerz, doch mit reinem Gewissen von
+dem schlichten, flachen Hügel, unter dem die letzte Neißerin ihren
+Ewigkeitsschlaf schlief.
+
+Nachdem sich Kaspar Krumbholtz endlich losgerissen hatte, stieg er noch
+einmal mit wundem Herzen auf den kleinen Altan, der den runden Gipfel
+des Hutberges krönte.
+
+Es war eine stolze Aussicht, die sich ihm da bot.
+
+Ringsum reckten blaue Waldberge, drohend in keckem Trotz, die mächtigen
+Häupter wie eine Postenkette unüberwindlicher Hüter dieses stillen,
+gesegneten Paradieses, in dem üppig wogende Felder und stattliche
+rotdachige Dörfer sich wohlig, ja behäbig streckten.
+
+Dicht vor ihm zu Füßen des Hutbergs lag das liebliche Herrnhut.
+Die grauen, sonnenbeschienenen Schieferdächer glitzerten aus dem
+Lindengrün empor wie funkelnde Diamanten aus einem herrlichen
+Smaragdschmuck. Gleich einer braven Henne über ihren Küchlein wachte
+die gewaltig ragende Kirche mit ihrem schweren braunroten Dach, das
+ein kupfergrünes Türmchen knopfartig zierte, über den kleinen, alten
+Barockhäusern.
+
+Noch konnte man denken, es sei das alte Herrnhut Zinzendorfs und
+Spangenbergs. Nur vom Nachbardorf und vom Bahnhof her rückten allerlei
+viereckig grobschlächtige Mietskasernen respektlos und aufdringlich wie
+Parvenüs an die ehrwürdige Aristokratenmatrone Herrnhut heran.
+
+Wie lange würde es wohl noch dauern, fragte sich Kaspar unwillkürlich,
+bis auch im Äußeren der letzte Rest der vornehm bescheidenen Eigenart
+untergegangen war im Meer der barbarischen Alltäglichkeit?
+
+Absetzen -- ehe die letzte Neige schal auf der Zunge nachschmeckt --
+aufhören, ehe der letzte Eindruck häßlich sein muß -- scheiden in
+Schönheit und nicht mit dem Anblick der verzerrten Züge des furchtbaren
+Todeskampfes.
+
+So dachte Kaspar wehmütig ernst, und so maß er noch einmal
+liebevoll mit verzehrenden Blicken das harmonische Bild der trauten
+Friedensstätte, die einer seiner Vorfahren mit dem schlichten
+Zimmermann Christian David gegründet hatte, prägte dies Bild tief
+und unauslöschlich in seine Seele und schritt traumverloren den Berg
+seitwärts hinunter zum Bahnhof.
+
+Da kam ihm ein hochgewachsener und doch gramgebeugter Greis entgegen.
+Es war der Mann, der Kaspar gestern noch einmal die ganze Schönheit,
+Redlichkeit und Größe moravischen Wesens offenbart hatte, Ehrentraut
+Kämpfer.
+
+Sollte er diesem Mann, der ihm so viel gegeben, der ihm über das
+Schwerste hinweggeholfen, nicht dankbar die Hände drücken?
+
+Er wagte es und sprach zu dem überraschten Greise, wies ihm ums Herz
+war.
+
+Wie verwirrt starrte ihn anfangs der alte Mann an, dann drückte er ihm
+innig die Hand und sagte leise:
+
+»Wieder einer von den Jungen! Es wird Zeit, daß wir Alten uns schlafen
+legen. Nach Leipzig gehst du? Viel Glück, und grüß mir meinen Sohn, den
+Gottfried. Ich laß ihm sagen, er habe recht gehandelt wie du. Baut da
+draußen neu, was hier in Trümmer fällt. Leb wohl!«
+
+
+
+
+Zweites Buch
+
+Gärender Most
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Im Rock des Königs
+
+
+Mit behaglichem, ein wenig schadenfrohem Schmunzeln schaute die
+helle Oktobersonne schräg über den weiten Exerzierplatz des 13.
+Infanterieregiments zu Leipzig und schien gar keine Lust zu haben,
+durch einen beschleunigten Niedergang den Rekruten ihre gesunden Qualen
+zu verkürzen.
+
+»Was glotzen Sie denn so da rüber,« schnaubte der scheinbar
+ewig zürnende und doch urgemütliche Sergeant Schnedermann den
+Einjährig-Freiwilligen Krumbholtz an, »Sie sind wohl Sonnenanbeter?«
+
+»Ich bin Theologe, Herr Sergeant,« erwiderte launig, aber in strammer
+Haltung Kaspar Krumbholtz.
+
+»Ach was, Deologe,« schalt Schnedermann, »jetzt sind Sie Rekrut und ham
+Gottverdammich zu sagen, oder wenn Sie lieber wollen Gottverdanzig,
+ooch Gottverdanneboom, aber sonst jeht Sie hier der +deus ex
+magica+ ebenso wenig an wie da drüben die Sonne. Verstanden!
+Übrigens weeß ich gar nich, wie son forscher Kerl wie Sie dazu kommt,
+Paschter wern zu wollen.«
+
+»Ich werds auch nicht, Herr Sergeant. Morgen sattle ich um; der Herr
+Hauptmann hat mir schon Urlaub gegeben für die Universität.«
+
+»So, gehört das hierher? -- Urlaub -- son krummer Rekrut von kaum vier
+Wochen. Sein Se froh, daß ich nich der Hauptmann bin.«
+
+»Bin ich auch, Herr Sergeant.«
+
+»Hab ich Sie was jefragt?«
+
+»Zu Befehl, nein, Herr Sergeant.«
+
+»Also -- ich wer Sie aber nu was fragen: Was wolln Se denn morjen wern
+bei Ihrn Urlaub?«
+
+»+Stud. phil. et hist.+, Herr Sergeant.«
+
+»Was forn Mist?«
+
+»+Studiosus philosophiae et historiae+, das heißt, Student der
+Weltweisheit und der Geschichte.«
+
+»Na hörn Se, viel schlauer scheint mir das auch nich zu sein, als die
+Gott- und Sonnenanbeterei. Warum wern Se nich Offizier?«
+
+»Weil ich zu arm, auch schon zu alt bin und noch zu wenig gelernt habe,
+Herr Sergeant.«
+
+»Hm -- das läßt sich hören! En ehrlicher Kerl sind Sie, das hab ich
+schon gemerkt, und ein leidlich strammer auch, drum zeichne ich Sie
+auch gelegentlich durch ne kleene Ansprache aus. Aber nu tun Se auch
+mal wieder was, der Herr Leitnant kommt ruff. Rechtes Ohr tiefer,
+Einjähriger Krumbholtz, zum Donnerwetter, wie oft soll ich Sie das
+sagen!«
+
+Und Kaspar Krumbholtz machte seine Gewehrgriffe, als mache es ihm
+Freude.
+
+Vergnügt war er als Soldat jedenfalls, obwohl der Anfang des neuen
+Berufs nicht sonderlich unterhaltsam war. Aber sich sorgenfrei
+in gesunder Luft zu tummeln, die Muskeln zu stählen im Training
+wohlausgedachter Einzelübungen, die doch untrüglich auf eine
+Gesamtausbildung des Leibes hinausliefen, -- das war zum mindesten
+nicht schwerer zu ertragen als Schul- und Stubendienst, als Hefte
+korrigieren und Schlafsaalwache.
+
+Ein bißchen derb gings freilich zu und nicht immer geistreich. Aber
+eine Fülle von Leben und Humor steckte doch unter der ledernen
+Oberfläche, gerade wie bei dem scheinbar so grimmigen Schnauzbart
+Schnedermann.
+
+ * * * * *
+
+Kaspar Krumbholtz wohnte vor der Stadt in Eutritzsch, nicht allzu weit
+von Hans Sebalt.
+
+Dieser hauste noch immer bei der stattlichen Frau Breutel, die ihn mit
+großer Aufmerksamkeit besorgte; vollends seit sie ihren blöden Emanuel
+glücklich los war. Von dem Plan, mit Kaspar zusammen zu ziehen, war
+Sebalt sofort zurückgekommen, als der harmlose Freund damit Ernst zu
+machen drohte.
+
+So war Kaspar, unfern der Kaserne, zu einer kinderreichen
+Arbeiterfamilie gezogen, die ihn bald innerlich lebhaft beschäftigte,
+obwohl er nicht viel zu Hause sein konnte.
+
+Die Frau war sehr zart, aber scheu und sichtlich vergrämt, als laste
+ein Verhängnis über ihr.
+
+Der Hausherr, Lüders mit Namen, war Vorarbeiter in einer
+Orchestrionfabrik und nebenbei Agitator der sozialdemokratischen
+Partei, wie er seinem Mieter bald darauf und nicht eben vertraulich
+mitteilte. Im Gegenteil, er machte ziemlich viel Wesens davon und kam
+sich als ein recht wichtiger Mann vor.
+
+Auch Kaspar suchte er nach und nach in parteipolitische Behandlung zu
+nehmen, und dieser ließ es sich ausnehmend gern gefallen; denn diese
+sozialen Probleme, die ihm vor der Hand freilich nur in einer Fülle von
+Schlagworten zu Gemüte geführt wurden, hatten den Reiz der Neuheit für
+den jungen Exherrnhuter und weckten sein lebhaftestes Interesse.
+
+Kaspar hoffte unwillkürlich, daß hier ein wichtiges Stück modernen
+Lebens sich ihm enthüllen könne, und er ahnte zugleich, daß auf diesem
+schwierigen Gebiete noch vielerlei Aufgaben einer Lösung harrten --
+anders wahrscheinlich, als der schnellfertige Agitator sie zu lösen
+vorschlug.
+
+Daß die Arbeiter im allgemeinen nicht den gebührenden Anteil an dem
+Gewinn ihrer Arbeit erhielten, daß sie im eignen wie im Interesse ihrer
+Kinder vorwärts streben, sich dazu zusammenschließen und ihre damit
+errungene Machtstellung kämpfend ausnutzen mußten, das leuchtete Kaspar
+allerdings ohne weiteres ein. Aber daß die Unternehmer durch die Bank
+eine beutegierige, ihre Machtstellung schonungslos und ungerecht gegen
+die Arbeiter ausnutzende Gesellschaft von Egoisten sein sollten, das zu
+glauben war dem Pflegesohn des edlen Wilhelm Winkler schlechterdings
+unmöglich.
+
+Ob ferner das moderne Wirtschaftsleben ohne den persönlichen
+Unternehmer möglich oder mit Staats- oder Genossenschaftsbetrieb besser
+beraten wäre, dünkte dem gern vorsichtig prüfenden Kaspar zum mindesten
+zweifelhaft. Jedenfalls erschien es ihm dringend notwendig, sich über
+all diese und ähnliche Probleme erst einmal gründlich zu unterrichten,
+ehe er sich schroffe Meinungen oder vielleicht schiefe Urteile
+nahebringen ließ. Und so war eines der ersten Kollegs, das Kaspar als
++Stud. phil. et hist.+ belegte, Nationalökonomie.
+
+Überhaupt war es Kaspar Krumbholtz bei seinem neuen, nun endlich völlig
+freien Studium vorab darum zu tun, die Fundamente seiner allgemeinen
+Bildung zu erweitern oder gar neu zu legen.
+
+Er hatte zur Genüge kennen gelernt, was es heißt, auf Kommando dies
+oder jenes zu studieren. Jetzt wollte er nach eigenem Bedürfnis sich
+erst einmal orientieren über die Welt des modernen Wissens, wollte weit
+nach allen Seiten ausgreifen und sich dann, so hoffte er, nach und nach
+auf das konzentrieren, was seiner Begabung und seinen Neigungen am
+meisten lag.
+
+Zu einem anhaltenden Fachstudium bot die Militärzeit so wie so keine
+Möglichkeit, obwohl der Hauptmann in äußerst entgegenkommender Weise
+ihm nach Beendigung der Rekrutenausbildung in Aussicht gestellt hatte,
+den Besuch von Nachmittag- und Abendkollegs nicht nur zu gestatten,
+sondern auch zu erleichtern, falls der Einjährig-Freiwillige Soldat
+Krumbholtz gut schießen und sonst anstellig im Dienst sein würde. Und
+dem ehemaligen Turner und Fußballspieler fiel das eine dank seiner
+guten Augen und seiner angeborenen Ruhe leicht und das andere nicht
+schwer.
+
+So ward ihm denn in der Tat mancher Nachmittag freigegeben und fast
+jeder Abend.
+
+Überhaupt durfte sich Kaspar über seine Vorgesetzten nicht beklagen.
+Der Hauptmann von Kruse war im Dienst ein wortkarger, auch oft derber
+Herr, der namentlich Montags gar keinen Spaß verstand; aber er pflegte
+seinen Leuten mit Vorliebe zu sagen: »Kinder, macht ihr eure Sache, wie
+sichs gehört, seid ihr in zwei Stunden wieder im Quartier, wenn nicht,
+dann tanzt ihr noch heute abend bei Mondschein nach meiner und des
+Herrn Feldwebels Pfeife. Also wie ihrs haben wollt. Nu los!«
+
+Es kam äußerst selten vor, daß es die Leute anders haben wollten
+als der Herr Hauptmann, der auch gern beizeiten in seine behagliche
+Junggesellenwohnung zurückkehrte.
+
+Um seine Mannschaften kümmerte sich der Hauptmann nicht allzu viel,
+das überließ er dem Feldwebel Knabe, einem wirklich prächtigen alten
+Knaben, dem ältesten Unteroffizier des Regiments, und doch noch dem
+jüngsten ein Vorbild an Pflichttreue, an Schießfertigkeit und vor allem
+-- darin fast ein weißer Rabe -- an Unbestechlichkeit. Der alte Knabe
+hatte nur ~einmal~ im Jahre »Geburtstag«, nämlich zu Weihnachten,
+und dann auch gleich für seine Frau mit. Zu diesem Festtage war es
+üblich, daß die Einjährigen ihm eine Kiste Zigarren und zwei Flaschen
+Kognak verehrten, von dem er mit Vorliebe bei Felddienstübungen den
+Einjährigen eine Probe aus seiner Feldflasche anbot, aber schalkhaft
+hinzusetzte: Ȇbrigens ist es streng verboten, Alkohol in den
+Feldflaschen zu haben.« »Schmieren« ließ sich der alte Knabe nie,
+seine Kompagnie-Unteroffiziere ebenfalls nicht, denn er hielt streng
+auf Anstand; aber bei anderen Kompagnien war dieses Hauptübel des
+Unteroffizierstandes recht verbreitet.
+
+Im allgemeinen kam Kaspar mit den Unteroffizieren gut aus, besonders
+seit er auf Bitten seines Oberleutnants Buff, eines seltenen Offiziers,
+der sich um seine Untergebenen mit hingebender Liebe und fast heiligem
+Eifer kümmerte, einige zukünftige Zivilanwärter in Französisch und
+deutschem Aufsatz unterrichtete. Diese Unteroffiziere waren für die
+kleine Hilfe dankbarer als andere für Freßkörbe und silberne Uhren.
+Am klarsten zeigte sich das, als Kaspar von dem ihm nicht gerade
+wohlwollenden Kammerunteroffizier wegen falschen Urlaubs und Tragen
+von Zivilkleidung zur Meldung gebracht werden sollte. Da half man ihm
+treulich.
+
+Ganz ungerupft kam Kaspar jedoch nicht durch. Er war Gefreiter
+geworden, hatte auch bereits eine Korporalschaft erhalten und leitete
+das übliche Reinigen der Gewehre. Der aufsichtführende Vizefeldwebel
+Knauer, dessen Laune mitunter an den Folgen eines kleinen Rausches
+litt, stellte plötzlich fest, daß es abermals bei der Mannschaft
+an Schaftöl fehle und die Leute nur trocken »herumfummelten«. Der
+Einjährig-Gefreite Krumbholtz erhielt also eine gehörige Nase, zumal
+ihm das Lügen wie immer schwer fiel, und er ruhig eingestand, er
+habe sich trotz der früheren Ermahnung Knauers nicht darum gekümmert.
+Ärgerlich befahl ihm der Vize, er solle sich sofort selber in die Stadt
+scheren und Schaftöl holen.
+
+Kaspar machte erst große Augen, dann eine stramme Kehrtwendung und
+ging nachdenklich an seinen Kleiderschrank. Was sollte er tun? Eine
+schmutzige Kanne mitten durch die belebte Stadt zu tragen, erschien ihm
+für einen Einjährigen ehrenrührig. Wiederum einen andern, etwa seinen
+Putzer, zu schicken ging nicht an; denn erstens war der »auf Kammer«,
+sodann wäre damit der ihm persönlich aufgetragene Befehl umgangen.
+
+Endlich fiel ihm ein Ausweg ein. Er zog seines Putzkameraden Ausgehrock
+an. So war die Ehre der Schnüre gerettet, und der Feldwebel hatte auch
+seinen Willen.
+
+Alles ging soweit nach Wunsch; mit Humor und Würde nahm Kaspar sogar
+eine von dem Ölhändler spendierte Dreipfennig-Zigarre entgegen und
+kehrte in die Kaserne zurück. Da aber stieß der unermüdlich im Revier
+tätige Oberleutnant Buff auf Kaspar, musterte ihn halb erstaunt, halb
+ärgerlich, und fragte ihn schließlich sehr ernsthaft, warum er sich
+seine Schnüre und Knöpfe abgeschnitten habe. Verlegen beichtete der
+Einjährig-Gemeine seinen salomonischen Ausweg, jedoch ohne dem stets
+sachlichen Vorgesetzten ein Lächeln abzulocken, vielmehr nur den
+kurzen, bangen Bescheid: »Ich werde die Sache dem Herrn Hauptmann zur
+Meldung bringen.« Und es geschah.
+
+Zum Glück nahm Herr von Kruse die Sache mit mehr Humor auf, aber Knauer
+wie Krumbholtz bekamen einen öffentlichen Verweis.
+
+Von da an hatte Kaspar schlimme Tage, wenn Vizefeldwebel Knauer den
+Dienst leitete. Auch als er am 1. Juli Unteroffizier wurde, besserte
+sich das Verhältnis zu dem grimmigen Knauer nicht.
+
+Dennoch war Kaspar mit Leib und Seele Soldat. Ja, er fragte sich
+bisweilen ganz ernsthaft, wie ihn schon seinerzeit der Sergeant und
+dann einmal der Oberleutnant: ob es sich nicht verlohne, dauernd zu dem
+militärischen Erziehungsberufe überzugehen; doch die freie Wissenschaft
+lockte ihn von Tag zu Tag mehr, und schon freute er sich darauf, ihr
+ganz sich hingeben zu können.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Sündenfälle
+
+
+Vergebens hatte Hans Sebalt gehofft, das Interesse für die schöne
+Tänzerin von Lindenau werde bei ihm ebenso rasch verfliegen wie bei
+seinem Freunde Niemeyer, der ihrer kaum je wieder gedachte und auch
+dann nur mit der angenehmen Erinnerung an eine seiner Eitelkeit
+schmeichelnde Episode, nicht mit der Sehnsucht nach Wiederholung.
+
+Den scheinbar so kühlen, jetzt sogar gern ein wenig blasierten Hans
+Sebalt ließ diese Sehnsucht nach einem Wiedersehen nicht los; auch
+Ärger, Trotz und Neugier gesellten sich in seinem Innern bohrend hinzu,
+und gar mancher Kneipen- und Tanzlokalbesuch Sebalts hatte keinen
+anderen Grund als den, nach der geheimnisvollen, stolzen Brünetten zu
+spähen, der er den Korb von Lindenau noch immer nicht verziehen hatte.
+
+Je weniger Erfolg der eigensinnige Hans Sebalt hatte, um so mehr
+steigerte sich seine Begierde; ja schließlich loderte eine Leidenschaft
+in ihm empor, daß er selbst bisweilen darob erschrak und sich wohl
+im geheimen fragte: ob man ein Phantom überhaupt so lieben könne oder
+ob es nicht ganz einfach die lang in ihm zurückgedrängten Triebe
+des reifenden Mannes wären, die nach Befriedigung durch das andere
+Geschlecht lechzten.
+
+Hans Sebalt erschauerte oft vor Sehnsucht nach dem Weibe und war
+ehrlich genug, es sich zu gestehen. Solange er die Notwendigkeit
+vor sich gesehen hatte, Herrnhuter zu bleiben und mit dem späteren
+Unitätdienst zu rechnen, hielt er sich für verpflichtet, einen sittlich
+einwandfreien Lebenswandel zu führen. Jetzt, nachdem er durch das
+Winklersche Legat von den ihm längst lästigen Fesseln befreit worden
+war, änderte sich diese asketische Anschauung merkwürdig rasch;
+ja, es brach sich sogar die Überzeugung in ihm Bahn: ein Mann von
+Welt, vielleicht überhaupt jeder richtige Mann müsse, um das Weib zu
+verstehen, auch Weiber kennen lernen, und das sei nur möglich im nahen
+und nächsten Umgang, im Liebesverkehr.
+
+Aber sooft sich Hans Sebalt dies Ergebnis seiner kecken Überlegungen
+auch zu Gemüte führte, so sehr hütete er sich doch, es in Taten
+umzusetzen. Seine gute Erziehung, seine angeborne Keuschheit, wie
+endlich seine innere Unsicherheit gegenüber allem weiblichen Wesen
+hielten ihn immer wieder vor dem Äußersten zurück, obwohl es in
+Leipzig an Gelegenheiten dazu nicht fehlte.
+
+Immer wieder lachte sich der ehemalige Herrnhuter innerlich aus, wenn
+er sich aussprach, daß er mit seinen 23 Jahren noch nie ein hüllenloses
+Weib gesehen hatte, daß ihm auch mancherlei Geheimnisse, die ein
+ländlicher Gesindejunge oft schon mit zehn Jahren kennt, noch halb
+verschlossen waren, so daß er oft bei den gepfefferten Witzen und Zoten
+einiger Kommilitonen nur verlegen mitlächeln konnte.
+
+Es kam wohl vor, daß Hans Sebalt nachts nach einer wüsten Kneiperei
+mit heißem Verlangen einem Straßenmädchen nachging, sich ansprechen
+und mit prickelndem Behagen ein Stück mitnehmen ließ und schließlich
+doch scheue Ausflüchte suchte, wenn eine Entscheidung von ihm gefordert
+wurde. Dann dachte er unwillkürlich -- wie zum Schutz gegen die Macht
+der Verführung -- an die stolze Schöne von Monplaisir, die er liebte,
+dankte rasch und kehrte um.
+
+Enttäuscht und doch stolz schlich er heim, wälzte sich unruhig und
+ärgerlich auf seinem Lager und schalt sich immer aufs neue einen Narren
+oder Phantasten, einen Heuchler oder Unmann.
+
+Aber von den Weibern ganz zu lassen, vermochte Hans Sebalt auch
+nicht, obwohl er mit der Zeit ein sehr fleißiger Student der
+Naturwissenschaft geworden war, der bei seinen Professoren bereits
+Hoffnungen zu selbständigem Forschen erweckte. So nüchtern Hans Sebalt
+tagsüber arbeitete und forschte, in den Nächten bekam die Leidenschaft
+immer von neuem Gewalt über ihn, und der Kampf um seine Keuschheit ward
+immer härter und heißer.
+
+Da stieß Hans Sebalt eines Abends an einer Straßenecke zu seiner
+größten Bestürzung auf die stolze Brünette. Sie stand vor einem
+Juwelierladen und musterte wie versonnen die Auslage.
+
+Hans Sebalt fühlte, wie ihm das Blut gleichsam in den Adern stockte,
+wie sein Herz lauter schlug; es war ihm plötzlich, als stünde das
+Schicksal selber in dieser verführerisch lieblichen und doch so
+unsagbar kühlen Mädchengestalt vor ihm.
+
+Rasch faßte sich der Student und überlegte, was er tun sollte. Eine
+Begegnung, eine Anrede mußte er irgendwie herbeiführen; aber diesmal
+galt es auf der Hut zu sein, sonst war alles verloren.
+
+Noch hatte die Geheimnisvolle ihn nicht gesehen, schnell tauchte er
+darum in das schützende Gewühl der Menge zurück; dann ging er wie von
+ungefähr an dem Schaufenster vorüber, stieß wie aus Versehen gegen des
+Mädchens Arm, rief irgendjemand ein barsches: Passen Sie doch auf! zu
+und wandte sich dann mit einem höflichen »Pardon, Fräulein!« geschickt
+der Brünetten zu und sagte schließlich mit gutgespieltem Erstaunen:
+
+»Ah -- meine gnädigste Ungnädige von Lindenau, sieh da -- Sie leben
+auch noch. Ich bitte noch nachträglich für damals um Entschuldigung,
+daß ich mich nicht vorstellte, mein Name ist Sebalt.«
+
+Spöttisch lächelnd wandte sich das schöne Mädchen ihm zu und sagte mit
+unnachahmlicher Hoheit: »So -- Sie sind mir mal wieder auf der Spur --
+der Rosentaljäger auf der Pirsch! Na -- Weidmannsheil -- aber merken
+Sie sichs endlich: ich bin kein Freiwild!«
+
+Hans Sebalt erbebte vor Ärger und Leidenschaft; doch die Furcht, die
+heimlich Geliebte endgültig zu verlieren, gab ihm Selbstbeherrschung,
+und so sagte er vornehm:
+
+»Ich weiß nicht, warum Sie mich so +en canaille+ behandeln?
+Schon in Lindenau haben Sie mich durch die Verweigerung eines Tanzes
+verletzt, und jetzt tun Sie geradezu, als wäre ich der abgefeimteste
+Schürzenjäger. Ich habe Sie wirklich ganz zufällig hier getroffen und
+Ihnen nicht im mindesten nachgespürt.«
+
+»So,« erwiderte die Brünette eisig, »und im Rosental und in
+Monplaisir?«
+
+»Mein Gott ja, ist es ein Verbrechen, wenn man sich für eine Dame
+interessiert?«
+
+»Ich danke gehorsamst für dieses Interesse und habe Ihnen das wohl zur
+Genüge zu verstehen gegeben. Also bitte, lassen Sie mich gefälligst in
+Ruhe.«
+
+Scharf und ziemlich laut hatte das dunkellockige Mädchen gesprochen,
+und einige Vorübergehende horchten auf.
+
+Hans Sebalt begann seine Fassung zu verlieren, trat erregt vor und
+flüsterte: »Fräulein, bitte nicht so -- Sie wissen nicht, was Sie mir
+sind.«
+
+»Ich Ihnen?« spottete die Brünette, »eine flüchtige Unterhaltung wie
+jede andere auch! Also bitte, wollen Sie sich jetzt entfernen?«
+
+Da hielt Hans Sebalt nicht länger an sich, und mit echter Leidenschaft
+brach es aus seiner Seele: »Machen Sie mich nicht wieder so namenlos
+unglücklich, Fräulein, wie damals in Lindenau! Ich habe nie an eine
+andere gedacht als an Sie; ich liebe Sie und muß Sie lieben -- ich
+weiß nicht, wie es kommt, -- Sie haben mein ganzes Denken und Fühlen
+eingenommen, und darum bitte ich, rauben Sie mir nicht jede Hoffnung!
+Ich will tun, was Sie wollen, nur stoßen Sie mich nicht wieder herzlos
+von sich.«
+
+Mit seltsam irrenden Blicken und sichtlichem Unbehagen hatte die
+Brünette den leisen, aber wehdurchzitterten Worten Sebalts zugehört,
+dann sagte sie herb, fast bitter: »Ich meine, solche Phrasen schon
+gelegentlich in Liebesromanen und schlechten Stücken gelesen zu haben;
+aber Sie verzeihen, ich glaube dergleichen Firlefanzereien schon
+längst nicht mehr. Geben Sie mir doch Beweise Ihrer Verehrung, dann
+wollen wir weiter reden.«
+
+»Ich bitte darum,« sagte Hans mit leisem Aufatmen.
+
+»Meinetwegen!« antwortete das Mädchen gleichgültig lächelnd und
+wiederum in Gedanken verloren. »Hier, sehn Sie die Brosche, das goldne
+Steuerrad mit den Perlen -- gehen Sie hinein und kaufen Sie es.«
+
+Hans Sebalt erschrak, seine Gedanken jagten sich: War sie so eine?
+Hatte er sich also doch getäuscht! Zugleich fiel ihm schwer aufs Herz,
+daß er das Schmuckstück wohl kaum würde bezahlen können. Aber die
+Blamage! Und dann die Heißersehnte wieder verlieren -- für immer --
+nein -- koste es, was es wolle, er hatte zur Not sein Vermögen, und
+stolz schritt er in den Laden.
+
+Die Brosche war echt und mit 65 Mark ausgezeichnet. Hans Sebalt wußte,
+er hatte nur einige 40 Mark bei sich. Mit vornehmer Gelassenheit
+erklärte er jedoch dem Juwelier kühl:
+
+»Ich werde nicht so viel bei mir haben, möchte aber das Geschenk gleich
+mitnehmen. Sie gestatten wohl, daß ich Ihnen die größere Hälfte, 35
+Mark gleich anzahle, das andere morgen oder übermorgen, wenn Sie
+wünschen, hinterlege ich meine Studentenkarte. Gefahr laufen Sie
+nicht.«
+
+Der Juwelier lächelte verbindlich und machte eine Verbeugung: »Bitte,
+keine Gefahr -- gar nicht nötig, Ihre Adresse genügt. Wollen Sie ein
+Etui, vielleicht weißer Samt?«
+
+»Bitte ja,« erwiderte Sebalt ruhig, zählte die 35 Mark auf den
+Ladentisch und ging mit der Brosche siegesgewiß hinaus.
+
+Als sich Hans Sebalt auf der Straße nach der Brünetten umsah, konnte er
+sie nirgends entdecken. Irgendein Fremder, den er fragte, gab an, sie
+habe plötzlich wild aufgelacht und sei dann wie närrisch davongestürzt.
+Genug -- sie war verschwunden, und er war abermals schnöde verspottet
+und verschmäht.
+
+Eine grenzenlose Wut kochte in Sebalt empor. Aufschreien hätte er
+mögen, davonrasen, seinen kostbaren Schmuck an der nächsten Hauswand
+zerschmettern!
+
+Diese Elende -- diese eingebildete Person! Nur zum Narren hatte sie ihn
+halten wollen. Und überdies ihn in Schulden gestürzt. Sollte er sich
+nun auch noch vor dem Juwelier lächerlich machen und ihn bitten, das
+Stück zurückzunehmen? Nein!
+
+Ein wilder Trotz durchflammte Sebalt -- er würde einfach Volpelius um
+Geld bitten.
+
+Und dann -- diese schwarze, tückische Hexe -- mußte sie es denn
+durchaus sein? Es gab andere genug, die vielleicht nicht weniger schön
+waren und sicherlich entgegenkommender.
+
+Was war denn die Liebe? Leidenschaft -- Sinnlichkeit! Ein
+Naturwissenschaftler wie er brauchte sich wahrlich kein moralisches X
+für ein naturgegebenes U zu machen. Dummheit!
+
+Und mit trotzigen, zynischen Gedanken ging Hans in eine Weinstube,
+trank sich Mut, brachte seine schon erregten Sinne zu immer
+gefährlicherer Erhitzung und suchte sich schließlich auf der Straße ein
+schlankes, brünettes Frauenzimmer. Lachend opferte er ihr die kostbare
+Brosche und seine Keuschheit.
+
+Aber jenes eine stolze Mädchen, das ihm wieder entflohen, und in dessen
+Armen er sich bei der andern doch trunken gewähnt hatte, konnte er
+trotzalledem nicht vergessen. Er mußte es weiterlieben und suchte es
+von neuem rastlos in den engen Gassen Leipzigs, auf den Tanzböden der
+Vorstädte und allnächtlich in seinen Träumen.
+
+Nur in diesen fand er es bisweilen und genoß seine Reize in wilder Lust
+und unstillbarer Sehnsucht.
+
+ * * * * *
+
+Der Verkehr zwischen Hans Sebalt und seinem Jugendfreunde war weniger
+häufig und auch nicht so herzlich, als es beide zuvor im Engadin
+erträumt hatten.
+
+Teils lag das an Kaspars Dienst und seinem Kollegienhunger; teils an
+Sebalts Hang zur Einspännerei und seiner eigentümlichen Seelenstimmung,
+die mehr und mehr zwischen einem galligen Spott, einem hochfahrenden
+Trotz und einer dumpfen Melancholie wechselte.
+
+Mit redlicher Betrübnis sah Kaspar, daß der Freund sich völlig
+verändert hatte, und er ahnte, daß irgendein geheimer Kummer ihn
+bedrücke. Aber wenn er dergleichen schonend andeutete, um Hans
+vielleicht zu einer tröstenden Aussprache zu bringen, dann lachte
+Sebalt oft häßlich und höhnte mit seiner alten, aber nicht mehr so
+harmlosen Großspurigkeit:
+
+»Nee, mein lieber Musketier und Beichtvater. Das mußt du schon schlauer
+andrehn, wenn du mich ausholen willst. Was soll ich dir auch Rede
+stehn, mein Guter? Das sind Dinge, von denen sich deine fromme Seele
+nichts träumen läßt. Danke du deinem Schöpfer, daß er dich braven
+Musterknaben nicht in Versuchung führt, auf daß deine redliche Seele
+nicht Schaden nehme. Verachte mich, wenn du magst, aber laß mich nach
+meiner Façon unselig werden.«
+
+Kaspar horchte auf. Wo hatte er schon einmal einen ähnlichen Ton
+vernommen? Richtig -- bei Chancy, der sprach auch so bitter und
+überlegen -- damals!
+
+Hans Sebalt rang wahrscheinlich mit einer schweren Leidenschaft, da
+konnte ihm wohl keiner helfen, also schwieg Kaspar. Doch Hans Sebalt
+höhnte gelegentlich weiter; und Kaspar trug es weiter geduldig.
+
+Nur einmal, als Sebalt plötzlich Ursemis Namen neckend mit dem des
+Freundes in Verbindung brachte, da verwies ihm das Kaspar rauh und
+hart, und Sebalt dachte sich ebenfalls das Seine und schwieg nun auch.
+
+Verstimmt schieden die Freunde voneinander und sahen sich viele Wochen
+nicht wieder.
+
+ * * * * *
+
+Auch mit seinem Hauswirt geriet Kaspar nach und nach in ein
+unerquickliches Verhältnis.
+
+Erst kam es bei den politischen Disputen, die Herr Lüders immer und
+immer wieder herbeiführte, zu einigen Offenheiten. Der Agitator schalt
+mit Vorliebe auf seine beiden Fabrikherrn und nannte sie schamlose
+Ausbeuter. Als Kaspar darauf nicht reagierte, da er die Herren
+nicht kannte, ging Lüders rasch vom Besonderen zum Allgemeinen, zur
+Verelendung der Massen, über und zieh seinen Mieter, der ihm jetzt
+öfters auswich, schließlich der Feigheit. Nun diente ihm Kaspar, der
+sich unterdessen mit dem Marxismus und seinen teilweise schon durch die
+Entwickelung +ad absurdum+ geführten Theorien genügend vertraut
+gemacht hatte, in aller Sachlichkeit.
+
+Der Arbeiter fühlte wohl auch die Überlegenheit des nun gründlicher
+orientierten Studenten und nahm sich klug die Auswüchse des
+Militarismus vor. Kaspar leugnete diese durchaus nicht, aber meinte:
+Auswüchse zeitige jedes System mit der Zeit; darum gelte es eben
+stets, sie beizeiten zu beseitigen, und daran fehle es auch im
+Falle des Militärwesens keineswegs. Er habe sich früher als Laie
+die Durchstechereien und Mißhandlungen nach dem Zeitungslärm weit
+verbreiteter gedacht; in Wahrheit stehe es nicht allzu schlimm damit,
+und Lumpen kämen überall vor.
+
+»Stimmt,« erklärte Herr Lüders diktatorisch, »aber unter den niederen
+Klassen weit weniger als unter den höheren -- natürlich prozentual
+berechnet.«
+
+»Mag sein,« erwiderte Kaspar ruhig, »gegen solche allgemeine
+Behauptungen läßt sich ja gar nichts einwenden und auch nichts
+beweisen. Aber werden wir doch einmal konkret, Herr Lüders. Ich habe
+da kürzlich eine kleine Erfahrung gemacht, die mir beinahe einige Tage
+Kasten eingetragen hätte. Ich habe nämlich, um mir mal ein eignes
+Urteil über Ihre politischen Ziele und ihre Art zu bilden, zwei
+Ihrer Versammlungen besucht, natürlich in Zivil. Das erstemal kam es
+zu keiner Resolution, da wegen allzu wüster Schimpfereien -- nein
+wirklich -- es war geistlos und wüst -- die Versammlung polizeilich
+aufgelöst wurde. Das zweitemal bekam ich Prügel, weil ich bei der
+Resolution, der ich beim besten Willen nicht zustimmen konnte, sitzen
+zu bleiben wagte. Dafür wurde ich von der Polizei aufgeschrieben und
+wäre ohne meine Studentenkarte wohl auch zur Meldung gebracht worden.
+Ist das Ihre vielgerühmte Freiheit der Meinung, Herr Lüders?«
+
+»Ach was,« erwiderte der Agitator unverlegen, »im Kampf ist jedes
+Mittel recht. Wenn erst der Sieg erfochten, der Zukunftstaat
+-- dann --«
+
+»Pardon! Daß der Zukunftstaat eine Utopie und nur ein agitatorisches
+Lockmittel ist wie die famose Internationale, das haben Sie mir neulich
+ja schon halb und halb zugegeben.«
+
+»Meinetwegen, Herr Studente, aber unsere Weltanschauung wird doch
+siegen ebenso wie unsere neue Wirtschaftsordnung.«
+
+»Ihre Weltanschauung, Verehrter, ist ein abgestandner Materialismus,
+dem die Welt und sicherlich Deutschland nie gehören wird. Und die
+Wirtschaftsordnung entwickelt sich wie alles historisch Bedeutsame
+nach gewissen Gesetzen, die trotz einzelner Schwankungen die Wucht und
+Sicherheit der ewigen Naturgesetze haben. Also bange machen gilt nicht.
+Wenn der deutsche Bourgeois sich erst seine Hasenangst vor ihrem
+sogenannten großen Kladderadatsch abgewöhnt hat, dann werden auch Sie
+nach und nach von der Ihnen parteitaktisch so bequemen Negative zur
+Positive übergehen müssen, oder Sie werden das Vertrauen der Arbeiter
+verlieren. Auch unsere Proletarier sind Deutsche und streben nicht
+nur nach der Höhe, sondern dringen auch nach und nach prüfend in die
+Tiefe. Gold suchen sie, nicht Talmi. Schon jetzt glaubt keiner mehr an
+Ihren Zukunftstaat, auch der Dümmste nicht. Also nur ruhig Blut, Herr
+Lüders! Ihrer Oberflächlichkeit und Unfruchtbarkeit werden Sie und Ihre
+Kollegen erliegen, nicht den Bajonetten.«
+
+Solche und ähnliche Dispute führten nicht zu gegenseitiger Überzeugung,
+im Gegenteil; jedesmal stießen Meinung und Gegenmeinung heftiger
+aufeinander. Aber Kaspar dienten auch sie zur Entwickelung und
+Schärfung seines Verstandes, zur Vertiefung seines bis vor kurzem
+noch schlummernden politischen Interesses, regten ihn unmittelbar zur
+Lebensbeobachtung an und verfeinerten nach und nach sein soziales
+Empfinden.
+
+Zum Bruch mit Herrn Lüders führte jedoch ein völlig anderes Moment.
+
+Mit tiefem Mitleid hatte Kaspar Krumbholtz die Leidensgeschichte der
+kleinen, stillen Frau Lüders in all diesen Monaten verfolgt. Kaum
+zwanzigjährig hatte das hübsche, doch sehr zarte Frauchen schon vier
+Kinder, darunter zwei recht kränkliche, die deutlich die Spuren der
+erschütterten mütterlichen Konstitution verrieten.
+
+Am Krankenbett des einen Knaben schüttete das vielgeplagte Weib eines
+Abends dem von ihr geschätzten Mieter unter bitterlichem Schluchzen
+vertrauensvoll ihr Herz und ihre Sorgen aus, daß ihr Mann sie zugrunde
+richten würde. Die Partei sei ihm ja ein und alles und die Familie
+nichts mehr. Fast jeden Abend müsse er in der Kneipe sitzen, und käme
+er bisweilen betrunken nach Hause, so müsse sie ihm zu Willen sein,
+obwohl sie kein Kind mehr haben wolle und auch schwerlich könne, denn
+sie sei von der letzten Niederkunft her noch nicht wieder gesund.
+
+Kaspar Krumbholtz war eigen zumute. Die ungeschminkte und doch in
+gewisser Weise rührende Aufrichtigkeit des armen Weibes verblüffte, ja
+überwältigte ihn, und zugleich war sie ihm peinlich, ja widerwärtig.
+Was gingen ihn, den Fremden, dergleichen Intimitäten des Ehelebens an.
+
+Und doch, je mehr Kaspar darüber nachdachte, um so mehr wuchs die
+Teilnahme für den leidenden, die Empörung gegen den schuldigen Teil.
+
+Auch das war ein Stück typischen sozialen Elends, von dem er sich trotz
+London nichts hatte träumen lassen.
+
+Kaspar konnte jedoch nichts anderes tun als schweigen. Dem ihm von Tag
+zu Tage widerwärtigeren Herrn Lüders auch nur ein Wort zu sagen, stand
+ihm nicht zu, wäre ihm vielmehr höchst taktlos erschienen. Er sann nur
+manchmal darüber nach, ob gerade dieser Mann etwa als Unternehmer seine
+Arbeiter rücksichtsvoller behandelt haben würde als jetzt seine kleine,
+leidende Frau. Es kam doch wohl nicht darauf an, was man war, sondern
+wer und wie man es war.
+
+Die arme Frau Lüders kam wirklich bald wieder in andere Umstände, wie
+sie Kaspar eines Tages verzweifelt gestand, und unheimlich drohend
+fügte sie hinzu: »Nun gibts ein Unglück.« Mit steigender Sorge
+beobachtete Kaspar seitdem das arme Wesen, das sichtlich mit einem
+schweren Entschluß kämpfte und doch wohl immer wieder zauderte ihrer
+Kinder wegen, um die sie jetzt oft klagte. Kaspar kämpfte lange Zeit
+mit sich; eines Abends endlich gewann er es über sich, Herrn Lüders
+wenigstens zu sagen: Er möge auf seine Frau acht geben, sie sei so
+aufgeregt, sie könne sich am Ende gar ein Leids antun.
+
+Herr Lüders lachte nur überlegen und meinte jovial: »Hat nischt zu
+sagen; s ist nur wieder was unterwegs, und da sind die Weibsleut
+oftmals etwas meschugge. Das gibt sich aber bald.«
+
+Und es gab sich auch, aber anders, als der weise Lüders dachte: Nach
+einem vergeblichen Versuch, sich von dem Kinde zu befreien, ging die
+zarte, stille Frau ins Wasser.
+
+Hart war das Urteil der Welt über sie, am härtesten das ihres
+Mannes. Nur Kaspar Krumbholtz trauerte dem armen, ratlos aus einem
+unerträglichen Dasein davongestürzten Weibe mit einer Ergriffenheit
+nach, die lange in seiner empfindlichen Seele nachzitterte.
+
+Am Tage nach dem Begräbnis verließ er das Haus des Herrn Lüders,
+der schon nach wenigen Wochen ein anderes Weib nahm -- um seiner
+mutterlosen Kinder willen.
+
+ * * * * *
+
+Die Schießübungen waren beendet. Die Felddienstübungen wurden von Tag
+zu Tag länger, anstrengender und interessanter; das Manöver stand vor
+der Tür.
+
+An einem heißen Nachmittag kehrten die Einjährigen der Kompagnie von
+einer Krokierübung heim, und einer der Herren schlug vor, in ein der
+Kaserne benachbartes Kellnerinnen-Café zu gehen.
+
+Kaspar ging mit; er war nie ein Spaßverderber, auch wenn er sich aus
+der »Damenbedienung« wenig machte. Er trat als letzter in das Lokal ein
+und bemerkte nur flüchtig, daß mit der einen Kellnerin im Hintergrunde
+irgend etwas Aufregendes vor sich ging, dann verschwand die Wirtin mit
+ihr.
+
+Man scherzte mit den andern Kellnerinnen und spielte ein wenig Klavier;
+plötzlich kam die Wirtin wieder herein und fragte Kaspar vertraulich:
+»Sagen Sie mal, Herr Unteroffizier, haben Sie denn hier eine
+Verwandte?«
+
+»Ich -- nein,« antwortete der Gefragte lachend, »das wäre mir neu.«
+
+»Nun ja,« meinte die Wirtin verlegen, »ich konnte mir das auch nicht
+recht denken; aber vielleicht kennen Sie die Dame sonst irgendwoher?
+Es ist nämlich meine Kellnerin, sie heißt Fränze -- ist noch nicht
+lange hier -- ein hübsches Mädchen. Als Sie vorhin eintraten, sah sie
+erst wie auf eine Geistererscheinung, bekam dann so eine Art Ohnmacht
+-- so wie vor Schrecken -- na und nu sitzt sie da drin und heult wien
+Schloßhund und erklärt: sie müsse spornstreichs weg. Sie wären ein
+Verwandter -- na Gott, ich glaubs ja auch nicht -- also bitt schön,
+wollen Sie nicht wenigstens mal mit ihr reden. Vielleicht beruhigt sie
+sich dann.«
+
+Kaspar ging kopfschüttelnd hinein mit den Worten: »Es ist am Ende nur
+eine Verwechslung, wahrscheinlich sehe ich einem ihrer Lieben ähnlich.«
+
+Noch immer heftig schluchzend saß das Mädchen, den Kopf auf den einen
+Ellbogen niedergebeugt, an einem kleinen Tisch am Fenster des schmalen,
+etwas düstren Gemachs.
+
+Als Kaspar zu ihr trat, hob sie das liebliche Haupt schüchtern empor,
+und er sah zu seiner höchsten Überraschung, daß es Irmgard von
+Zweydorff war.
+
+»O wie schäme ich mich vor Ihnen, Herr Krumbholtz,« klagte das
+ehemalige Londoner Magdalenchen, »aber ich war so lange stellenlos,
+war am Ende mit meinen Mitteln -- zürnen Sie nicht, ich war anständig,
+glauben Sies mir.«
+
+Kaspar drückte dem Mädchen freundlich die Hand, strich ihm beruhigend
+mit der Linken über den runden vollen Arm und sagte launig und warm:
+»Aber warum denn so erschrecken, liebes Fräulein? Ich bin doch kein
+Inspektor der Inneren Mission. Warum sollen Sie sich als Kellnerin
+nicht ebenso ehrlich und anständig Ihr Brot verdienen wie als
+Verkäuferin oder als Lehrerin? Der Stand machts doch wirklich nicht.
+Im übrigen freue ich mich rechtschaffen, Sie einmal wiederzusehen. Nun
+können Sie mir doch gelegentlich erzählen, wies Ihnen ergangen ist.
+Aber nun bitte nicht mehr weinen! Warum sich aufregen? Freun Sie sich
+doch wie ich!«
+
+Irmgard schüttelte trostlos das Haupt und sagte dumpf: »Ich habe nicht
+gewußt, daß Sie hier sind; sonst wäre ich sicherlich nicht hierher
+gegangen.«
+
+Dann sprang sie auf, drängte sich wie hilfesuchend an Kaspar heran
+und flehte: »Liebster, bester Herr Krumbholtz -- ich weiß ja, was für
+ein vornehmer Mensch Sie sind -- helfen Sie mir hier fort, ich bitte
+Sie flehentlich darum, und ich weiß auch, warum ich das tun muß.
+Keine Stunde mag ich hier länger bleiben; oh, es ist so gemein hier,
+und die andern Mädchen sind alle so schlecht zu mir, auch die Wirtin
+ist ordinär, ich kann gar nicht alles so sagen. Bitte, bitte, lösen
+Sie mich aus! Ich hab ja tägliche Kündigung, aber ich habe natürlich
+Schulden bei der Wirtin, für Essen und Garderobe, ich bin nicht flott
+genug beim Animieren, habe noch zuviel Anstands- und Ehrgefühl. Oh --
+es ist schrecklich! Nur fort, fort von hier -- gehen Sie, bitte, suchen
+Sie mir rasch eine Wohnung, wenigstens für ein paar Tage, bis ich eine
+neue Stellung habe. Ich will ja so gern wieder arbeiten, anständig und
+ehrlich arbeiten.«
+
+Kaspar wußte nicht recht, was er von alledem denken sollte. Er war
+fremd im Lokal, fremd in solchen Verhältnissen.
+
+Für das Mädchen glaubte er, seit sie seinem Rate einmal gefolgt war,
+eine gewisse Verantwortung tragen zu müssen, also versetzte er nach
+kurzem Überlegen: »Auslösen will ich Sie gern, damit Sie nicht etwa
+gegen Ihren Willen gehalten werden. Hier ist mein Portemonnaie, nehmen
+Sie, was Sie brauchen. Auch eine Wohnung will ich suchen, packen Sie
+unterdessen Ihre Sachen. Ich komme morgen vor und sage Ihnen Bescheid.«
+
+»Morgen -- nein, nein,« wehrte Irmgard ab, »nicht zehn Minuten bleibe
+ich hier, nachdem ich Sie gesehen. Ich habe nur meine paar Nachtsachen.
+Ich mag auch die Schande vor den andern Mädchen nicht mehr erleben.
+Und verzeihen Sie mir, daß ich Sie in der Not vor der Wirtin zu meinem
+Verwandten gemacht habe. Es ist das gewiß keine Ehre --«
+
+»O bitte,« scherzte Kaspar, obwohl ihm nichts weniger als behaglich
+war. »Ihr Geschlecht ist sicher erlauchter als das meine. Aber was nun
+werden soll, wenn Sie so stehenden Fußes hier mit mir davonlaufen, das
+weiß ich wirklich nicht. Lassen Sie uns keine Torheiten begehen.«
+
+»Sie schämen sich doch meiner,« klagte Irmgard, »ich merke es wohl --
+nun ja, der angehende Offizier --«
+
+»Pardon, der würde mich erst recht verpflichten, einer in Not geratenen
+Dame zu helfen; aber die Hilfe muß Hand und Fuß haben, sonst ists
+keine.«
+
+»Nun gut, wenn Sie nur helfen wollen! Das ist die Hauptsache. Hier Ihr
+Portemonnaie zurück -- ich nahm, was ich brauchte --, es ist noch viel
+darin. Und nun bitte, setzen Sie sich ruhig wieder zu Ihren Herren
+Kameraden hinein. Ich mache Toilette und Rechnung. Wo wohnen Sie?«
+
+Kaspar nannte seine Wohnung.
+
+»Gut,« erklärte Irmgard wieder zuversichtlicher, »jetzt ists sechs
+durch, um sieben Uhr spätestens bin ich bei Ihnen. Dann beschließen
+wir in aller Ruhe, was wir tun werden. Wenn Sie bis dahin sich noch
+nach einer Wohnung umsehen können, wäre es mir lieb. Anspruchsvoll bin
+ich natürlich nicht. Ich schlief bisher mit den drei andern Mädchen in
+einer kleinen Dachkammer. Also -- tausend Dank, liebster, bester Herr
+Krumbholtz, und auf Wiedersehen um sieben Uhr. Das vergeß ich Ihnen
+nie. Dank, Dank!«
+
+ * * * * *
+
+Kaspar litt es nicht lange bei seinen Kameraden, deren neugierigen
+Fragen er ausweichen wollte. So ging er rasch auf die Wohnungssuche
+in der ihm ja genügend vertrauten Umgegend. Aber er machte schlimme
+Erfahrungen.
+
+Die Wirtinnen, die gewiß alle gern an den schmucken Einjährigen selbst
+oder an sonst einen Herrn vermietet hätten, wollten von einer Dame
+nichts wissen, vollends wenn ein junger Mann in Uniform für sie Wohnung
+begehrte.
+
+Die einen erklärten mehr oder weniger verlegen: sie bedauerten
+unendlich; die andern lächelten allzu verständnisvoll oder spöttelten
+anzüglich; die dritten schlugen gar dem Anfragenden grob die Türe vor
+der Nase zu oder riefen ihm entrüstet zu: sie seien anständige Frauen
+und vermieteten nicht an liederliche Frauenzimmer.
+
+Nun war guter Rat teuer; überdies war es fast sieben Uhr geworden, und
+so eilte Kaspar nach Hause.
+
+Seine eigne Wirtin war eine gutmütige ältere Witwe, die still und
+aufmerksam ihre drei Mietherren, außer Kaspar noch einen Einjährigen
+und einen Volksschullehrer, bediente. Kaspar hatte zu der Frau rasch
+ein gewisses Vertrauen gefaßt, und so teilte er ihr seine Verlegenheit
+und seine fruchtlosen Versuche, das Mädchen vorläufig unterzubringen,
+mit.
+
+Auch die Witwe schmunzelte ein wenig und meinte: Allzu sehr dürfe der
+Herr sich darüber nicht wundern. Mietsviertel und Mietsviertel seien
+eben verschieden. Aber, wenn die Dame sonst anständig sei, wie der Herr
+meine, so könne sie ja einstweilen in dem gerade freistehenden Zimmer
+des Herrn Lehrers, der zu den Ferien verreist sei, logieren.
+
+Kaspar nahm das Anerbieten dankend an und atmete erleichtert auf.
+
+Bald hernach stand Irmgard von Zweydorff mit einem bescheidenen
+Handköfferchen errötend vor ihm und war außer sich vor Glück und
+Dankbarkeit, daß sie das schöne Zimmer des abwesenden Lehrers haben
+dürfe.
+
+Die Wirtin sorgte rasch für ein bißchen Abendbrot, und mit gutem Humor
+aßen und plauderten die beiden jungen, verwaisten Menschenkinder, die
+das Leben so närrisch wieder zusammen geführt hatte. Dann erklärte
+Kaspar, er habe noch Dienst und wünschte seiner neuen Nachbarin mit
+galanter Verbeugung eine sorgenfreie und geruhsame Nacht.
+
+In der Tat ging der Einjährige Unteroffizier auch in die Kaserne; aber
+die dienstliche Begründung war eine Notlüge.
+
+Einmal hatte Kaspar trotz aller frohen Laune doch deutlich gemerkt,
+daß ihm das ungewohnte Beisammensein mit einem jungen Weibe, vollends
+der holde Liebreiz und die hingebende Dankbarkeit seines Schützlings,
+gewaltig das Blut erregten.
+
+Anderseits kam fast jeden Abend sein Putzkamerad Pfister zu ihm, um ihm
+den Dienst für den nächsten Tag zu melden, und ab und zu auch bei einer
+Zigarre oder einem Glase Tee ein bißchen zu schwatzen.
+
+Kaspar liebte den redlichen Pfister, der übrigens auch ein »Roter« war
+und darum leider die Knöpfe nicht erhielt, obwohl er der ordentlichste
+Soldat und der beste Schütze der Kompagnie war. Das wurmte Kaspar
+oft, denn er fühlte es unwillkürlich heraus: solche Burschen wie
+Pfister würden ihr Vaterland sicherlich nie verraten, wenn es in Not
+geraten sollte. Pfister war wie Hunderttausende nur »rot« aus dem
+elementaren Drang nach Verbesserung seiner Lage, aus einer gewissen
+Hilflosigkeit oder Torheit und aus einem im Grunde höchst achtbaren
+Solidaritätsgefühl.
+
+Der gemütliche Vogtländer war übrigens keine Klatschbase, war auch
+nichts weniger als prüde. Hatte er doch selbst einen Schatz daheim mit
+zwei Kindern, für die er treulich sorgte.
+
+Trotz alledem wäre es Kaspar peinlich gewesen, wenn der Putzer den
+Damenbesuch bei ihm getroffen oder auch nur vermutet hätte.
+
+So sagte Kaspar ihm im Revier; er werde die paar Tage bis zum
+Manöverabmarsch sich selbst nach dem Dienst erkundigen, er müsse so wie
+so jetzt öfter in die Kaserne kommen.
+
+Dann meldete sich Unteroffizier Krumbholtz freiwillig für den nächsten
+Abend zum Wachthabenden.
+
+Kopfschüttelnd gab ihm der alte Knabe die Wache, meinte jedoch lachend:
+»Streben Sie nicht so unheimlich, Krumbholtz. Die Qualifikation kriegen
+Sie auch so, da lassen Sie den Hauptmann und mich nur sorgen.«
+
+ * * * * *
+
+Irmgard von Zweydorff merkte sehr wohl, daß Kaspar Krumbholtz einem
+längeren Beisammensein mit ihr absichtlich auswich.
+
+Das erfüllte sie teils mit geheimer Genugtuung, denn sie sah, daß sie
+dem noch immer Geliebten nicht gleichgültig war; teils fürchtete sie
+jedoch, ihm zum Dank für seine Hilfe Verlegenheit zu bereiten. Und
+so gab sie sich die ersten zwei Tage redlich Mühe, eine Stellung zu
+finden; aber es war schlechte Zeit, und ihre Kellnerinnenstellung hatte
+sie um jedes Zutraun gebracht.
+
+Nach und nach sank Irmgards Mut; sie gestand Kaspar ihre
+Niedergeschlagenheit und erklärte, sie wolle es lieber in einer andern
+Stadt versuchen.
+
+Kaspar redete ihr gut zu und meinte, wenn er jetzt ins Manöver ziehe,
+solle sie nur ruhig in seiner Wohnung bleiben und weiter in aller Ruhe
+suchen; mit der Zeit würde sie schon etwas finden.
+
+»Sie sind so lieb,« erwiderte Irmgard, »und ich bin Ihnen doch nur eine
+Last.«
+
+Kaspar schüttelte schweigend den Kopf.
+
+Dann fuhr Irmgard plötzlich mit erwachender Leidenschaftlichkeit fort:
+»So reden Sie doch wenigstens! Gehen Sie mir doch nicht so scheu aus
+dem Wege, als sei ich die Pest. Sagen Sie mir doch lieber gerade
+heraus, wofür Sie mich halten, und es ist ja wahr, etwas Besseres bin
+ich ja auch nicht. Wer einmal am Boden gelegen hat, geht nie wieder
+ganz aufrecht.«
+
+»Das wäre schlimm,« sagte nun Kaspar trotzig, »im Gegenteil! Wer
+nicht einmal aus allen Himmeln gestürzt ist, wer nicht einmal völlig
+verzweifelnd dem Nichts gegenübergestanden hat, der wird nie ein ganzer
+Mensch.«
+
+»Das klingt ja beinahe so, Herr Krumbholtz, als sprächen Sie aus
+Erfahrung?«
+
+»Gewiß, warum nicht, warum soll ichs verschweigen? Ich habe mich im
+Staube gewälzt vor einem unbarmherzigen Schicksal und bin doch genesen
+von jenem Verzweiflungsschmerz dank lieber Menschen und Gottes Führung.
+Also verzweifeln auch Sie nicht, Fräulein! Denken Sie mal in zehn
+Jahren an diesen Tag, und Sie werden lächeln und sich ruhig gestehen:
+Es hat sich doch gelohnt, weiter zu leben! Das größte Geschenk, das uns
+Gott gegeben hat, ist das Versagen dessen, was wir am meisten begehren
+-- nämlich in die Zukunft zu schauen.«
+
+»Sie sind ein seltsamer Mensch, Herr Krumbholtz, so ein Mittelding
+zwischen Kavalier und Seelsorger! Eigentlich ist es doch schade, daß
+ich Sie der Londoner Stadtmission aus den Klauen gerissen habe. Dafür
+müßten Sie mir übrigens ein ganz klein wenig dankbar sein. Nicht?
+Und Sie dürfen überzeugt sein, wenn ich Ihnen was Liebes antun könnte
+-- o mein Gott, wie gern tät ichs! -- Wissen Sie, oft hab ich schon
+geträumt, irgendein reicher Onkel, den ich nur leider nicht habe,
+hätte mich zur Erbin eingesetzt; oder ein reicher Nabob hätte mich als
+seine Frau gekauft und mich dann -- noch hübsch jung -- als trostlose
+Witwe zurückgelassen. Hui -- dann wär ich mit all meinen Schätzen
+spornstreichs nach Tramberg gefahren -- statt Ihnen brieflich zu
+versichern, daß ich meine Schulden nicht bezahlen kann. Und nun mache
+ich gar noch neue. Scheußlich -- nein wirklich, Sie sind wirklich mit
+mir geschlagen, wie eine Klette hänge ich --«
+
+Da legte Kaspar sanft die Hand auf den beweglichen kleinen Mund, um ihn
+zu schließen. Aber glückselig küßte Irmgard die ihr liebe Hand, so daß
+sie Kaspar eilend zurückzog.
+
+»Schon wieder nicht recht? Sein Sie doch mal ein bißchen nett zu mir,«
+schmollte nun das Londoner Magdalenchen mit unwiderstehlicher Grazie.
+»Sie tun gerade, als wären Sie heimlich mit der reichsten Erbin von
+Großbritannien und Irland verlobt. Na endlich lachen Sie wieder und
+schütteln -- Gott sei Lob und Dank -- den Kopf. Also wozu dann so
+traurig sein? Ich verdrehe Ihnen den Kopf schon nicht, das haben wir ja
+in London gesehen. Und nun hören Sie mal, heute ist doch unser letzter
+Abend. Um sieben Uhr haben Sie wieder solchen greulichen Appell; aber
+dann flausen Sie nicht noch was dazu oder verkriechen sich wieder auf
+Wache, sondern kommen Sie hübsch pünktlich zum Abendessen hierher
+zu Ihrer kleinen Hausdame, die Ihnen einen appetitlichen Abendtisch
+servieren wird und noch einmal mit Ihnen lustig sein will. Wer weiß,
+wann und ob wir uns wiedersehen. Also nur einmal noch -- ja -- wollen
+Sie?«
+
+Kaspar machte sein gutmütigstes Gesicht, schlug fest in das dargebotene
+Händchen ein und ging dann doch nachdenklich davon.
+
+Er war ein Allzugewissenhafter, ein Narr. Warum sollte er dem armen
+Hascherl, dem die redlichste Güte vom Gesicht strahlte, nicht
+wenigstens etwas Liebes antun?
+
+Um Ursemis willen? Hatte er sich nicht unter bitteren Qualen zu dem
+inneren Verzicht auf die heißgeliebte Jugendfreundin durchgerungen? War
+es da noch ein Unrecht gegen sie, wenn er mit einem andern weiblichen
+Wesen, das ihm vielleicht nicht weniger gut war als er Ursemi,
+wenigstens ein paar köstliche, stimmungsfrohe Stunden verlebte?
+
+Aber allerlei anderes kam hinzu. War er sich und seiner Vergangenheit,
+seiner Erziehung nicht auch etwas schuldig? Gewiß, doch -- ob gerade
+diesen Verzicht?
+
+Es war allerdings ein recht seltsamer Gegensatz: vor einem Jahre erst
+hatte er von Herrnhut Abschied genommen und nun soupierte er mit einem
+verführerisch schönen Weibe +tête-à-tête+! -- Toll war es --
+grotesk! Und doch ein lockendes, vielleicht einzigartiges Stück Leben,
+dem er nicht feige ausweichen wollte, auch wenn er sich nicht daran
+verlieren wollte.
+
+Und plötzlich lachte er trotzig, ja ausgelassen vor sich hin, als koste
+er schon im voraus die lustigen, stimmungsreichen Stunden aus, und dann
+überlief es ihn doch wieder kalt, als laure hinter diesem Genuß ein
+tückisches Verhängnis.
+
+In Gedanken versunken machte der sonst so taktfeste Unteroffizier
+Krumbholtz heute abend sogar eine falsche Meldung, und sein besonderer
+Gönner, Herr Vizefeldwebel Knauer, gab ihm mit Genugtuung einen Verweis
+wegen seiner Zerstreutheit.
+
+Was tats? dachte Kaspar leichtsinnig bei sich: Parole 49 -- »bloß die
+paar Tage noch -- die halt mers aus!«
+
+Abermals stieg das liebe, ernste Bild Ursemis vor ihm auf. Er las
+in Gedanken noch einmal ihren letzten guten, treuen und so herzlich
+vertrauenden Brief. War er nicht doch ein Verräter?
+
+Im Bann dieser nagenden Gedanken überhörte er den Gestellungsbefehl für
+den nächsten Morgen.
+
+ * * * * *
+
+Ein einladendes Bild häuslicher Behaglichkeit bot sich Kaspar, als er
+von der Kaserne nach Hause kam.
+
+Ein appetitlich gedeckter Tisch, die Servietten zierlich gefaltet, ein
+paar Rosen in einer Vase mitten auf der Tafel, an jedem der beiden
+Plätze ein Feldblumensträußchen! Und zur Seite stand Irmgard mit
+einer schmucken, funkelnagelneuen Tändelschürze neben der dampfenden
+Teemaschine und strahlte glückselig wie ein Kindchen am Weihnachtabend.
+
+Kaspar nahm feierlich den Helm in die Hand, machte ein
+vorschriftsmäßiges Kompliment, küßte der gnädigen Frau vom Hause
+verbindlichst die Hand und sagte lustig näselnd: »Danke tausendmal,
+meine Gnädigste, für die köstliche Einladung!«
+
+Nicht minder lustig erwiderte Irmgard: »Nichts zu danken, lieber Herr
+Leutnant, bitte, legen Sie das spitze Ding zur Seite und machen Sie
+sichs bequem.«
+
+Kaspar legte in der Tat rasch Helm, Handschuhe und das abgeschnallte
+Koppel beiseite und bat lachend mit einem abermaligen Kompliment um
+die Ehre, die Allergnädigste zu Tisch führen zu dürfen.
+
+Nach einem tadellosen Hofknix nahm Irmgard huldvollst den dargebotnen
+Arm, hob ihr armseliges Fähnchen ein wenig in die Höhe, als wäre es ein
+schweres Brokatkleid, und trippelte, vergnüglich kichernd, neben Kaspar
+zu Tisch.
+
+Als ersten Gang gab es Hering in Gelee, eines der köstlichsten Gerichte
+des Abendlandes, wenn -- es so teuer wäre wie Kaviar.
+
+Dann folgten echte Leipziger Würstchen, die um kein Haar den berühmten
+Wiener nachstehn, dazu ein wenig Salat.
+
+Als dritter Gang folgte rosenzarter Eutritzscher Schinken, gekocht und
+saftig wie der leckerste Prager Schinken Karlsbader Observanz.
+
+Endlich Fromage de Gohlis und zu endlosem Knackvergnügen Rosinen und
+Krachmandeln, in denen ein halb Dutzend Vielliebchen tückisch lauerten.
+
+Kaspar und Irmgard schmausten behaglich und beinahe angetan wie zwei
+Kinderchen bei ihrer ersten Tanteneinladung.
+
+Jeder las dem andern aus den leuchtenden Augen: ich will lustig
+und lieb zu dir sein heute abend; du sollst stets gern an diese
+Henkersmahlzeit unserer Neigung denken. Und so ward nicht allzu viel
+gesprochen an dem kleinen Tisch; aber eine wonnige, die ein wenig
+aufgeregten Sinne süß umschmeichelnde und beruhigende Stimmung
+schwebte durch den kleinen Raum.
+
+Lange tafelte man -- scheinbar, als fürchte man sich vor dem Nachher.
+
+Endlich hob die Frau vom Hause doch entschlossen die Tafel auf, räumte
+als Hausmädchen den Tisch sorglich ab; der Lohndiener Kaspar bot dem
+gleichnamigen Hausherrn mit Erlaubnis der Dame eine Zigarre an, und
+nun setzten sich zwei plauderlustige Gäste in die zwei Sofaecken
+und räsonnierten launig über das Essen -- ganz wie bei den oberen
+Zehntausend!
+
+Immer witziger und ausgelassener wurde die Stimmung, je näher die Angst
+voreinander den beiden ans Herz schlich. Und doch schossen von Zeit zu
+Zeit verräterische Blicke wie elektrische Funken warnend von Auge zu
+Auge, so daß plötzlich die Stimmung umschlug.
+
+Ein schwüles Schweigen trat ein; dann brach bei Irmgard der
+Abschiedsschmerz leise klagend heraus.
+
+Kaspar tröstete sie und meinte: »Warum sollen wir uns nach dem Manöver
+nicht ebenso harmlos vergnügt wiedersehen?«
+
+»Glauben Sie denn, daß wir harmlos sind,« fragte Irmgard dumpf, »ich
+wenigstens bin es nicht; ich gestehe ehrlich, ich habe mein Weh bisher
+nur übertäuben wollen.«
+
+»Tun wirs beide weiter,« gab Kaspar rasch zurück, »Kopf hoch und
+lachend Abschied genommen! Das ist Soldatenart.«
+
+»Wers könnte! Sie könnens ja auch nicht. Sehn Sie, wenn ich jetzt so
+mein Ohr lauschend an Ihr Herz lege, da höre ich ja ganz deutlich --
+tiktik, tiktak -- wie es genau so rasch schlägt wie das meine.«
+
+Kaspar zuckte unwillkürlich zusammen. Die gefährliche Brücke zwischen
+hüben und drüben war geschlagen, und die gegnerischen Stürmer drangen
+siegreich vor an die ersten Umfassungsmauern der Festung.
+
+Bald schmiegte Irmgard ihr Köpfchen wie schutzsuchend an Kaspars
+breite, schon rascher atmende Brust, und sie begann zu erzählen, so
+lieblich vertraulich, als sei alles um sie her versunken, als säße sie
+mit einem heißgeliebten Prinzen in einem verzauberten Märchenschloß.
+
+Wie von ungefähr, als könne es gar nicht anders sein, fand sich auch
+das trauliche Du.
+
+»Liebster, Bester,« gestand Irmgard schließlich, »weißt du, daß ich
+dich eigentlich ein wenig belogen habe? Erschrick nicht -- wozu -- ich
+tat es damals -- vielleicht aus Scham, aus Furcht, was weiß ich? Wir
+Frauenzimmer nehmens mit unsern Notlügen alle nicht so genau. Denk nur
+-- ich bin kein Fräulein mehr, ich bin eine geschiedene Frau, aber
+still -- eine armselige, glücklose -- mein Mann sitzt im Irrenhause.
+Ich danke dir für diesen Händedruck, Lieber! Du weißt ja nicht, wie
+schwer mein noch nicht langer Lebensweg schon war. Eine Waise bin
+ich wirklich; aber keine Lehrerin, wenigstens keine richtige. So ein
+bißchen Gouvernante war ich einmal, als mich mein Onkel und Vormund
+aus seinem Hause vertrieb, weil ich ihm seine jungen Eleven rebellisch
+machte. Ich war damals recht froh, daß ich fortkam; er hielt mich
+wie ein Klosterfräulein, obwohl ich zuvor wie ein wilder Bub bei ihm
+aufgewachsen war. Schade, daß ich keiner war, ich wär vielleicht
+was Besseres geworden, als ich jetzt bin. Ich konnte gut reiten und
+schwimmen. Hab drüben unter meinen Sächelchen noch ein zerknittertes
+Diplom von der Behörde zur Belobigung, weil ich einen kleinen
+Müllerbuben aus dem Fluß gerettet habe. Wär ich ein Mann gewesen,
+hätte ich wohl die stolze Medaille am weißen Bande bekommen, denk mal,
+was ich da als Einjähriger hätte für Staat machen können! Ists nicht
+schade?«
+
+Kaspar lachte still in sich hinein. Was war das für ein herziges
+Geschöpf -- und seine Neigung wuchs in dem Maße, als seine Scheu wich.
+
+Irmgard plauderte fort wie ein vor sich hin zwitscherndes Vögelchen:
+
+»Onkel war ein Griesgram, ein Angstmeier und Tugendnarr; er traute
+keinem hübschen Weibe über den Weg, und da ich nicht häßlicher wurde
+mit der Zeit, tat er mich aus dem Hause, als wäre ich ihm gefährlich.
+Mit der Gouvernante wars nicht weit her. Schuldumm war ich immer, und
+Englisch habe ich dann wohl auch nur aus Not gelernt, eine Lehrerin
+hätte es mir nie beigebracht. So wurde es wieder mit dem Praktischen
+versucht, ich lernte Kochen in einem Restaurant. Da nahm mich das
+Schicksal das erste Mal am Kragen und warf mich in die Ehe mit einem
+armen Leutnant, der meinethalben den Abschied nahm und Gefängnisbeamter
+wurde. Mir imponierte das gewaltig; aber schließlich hatte es mir doch
+nur der Offizier und nicht der Subalternbeamte angetan. Wir waren
+in Waldheim bei den geisteskranken Verbrechern. Es war ein schwerer
+Dienst, mein armer Mann konnte den so schnell ausgezogenen Rock nicht
+vergessen, die neue Uniform nicht vertragen; die Gefangenen waren ihm
+entsetzlich. Mein Gott, wer weiß, was alles in der Seele des immer
+Verschlossenen vor sich ging? Er ward plötzlich bitter und hart zu mir,
+er schlug mich, mißhandelte mich schließlich, eines Tages schoß er nach
+mir. Hier über der linken Brust -- du darfst schon fühlen, wenn ichs
+dir zeigen will -- da, da saß die Kugel! man hat mir bei der Operation
+den Busen zerfleischt -- mit dem +decolleté+ ists nichts mehr.
+Meinen Mann brachte man in eine ähnliche Anstalt wie Waldheim. Er war
+unheilbar -- ich erhielt meine Freiheit zurück -- leider, leider. Dem
+Onkel war ich nun noch viel mehr zuwider geworden, er verschloß mir
+sein Haus, enterbte mich später -- schade, gelt? -- sonst! O du Narr --
+wär das so schlimm? Also gut -- ich verzehrte mein bißchen Geld, ward
+noch einmal Gouvernante und ging nach London. Was dann folgte, kommt
+nie über meine Lippen -- es war zu grauenhaft.«
+
+Kaspar erbebte. Da plötzlich hob sich Irmgard leise empor, schlang ihre
+Arme voll Sehnsucht um seinen Nacken, sah ihm flehenden Blicks tief in
+die mit glitzernden Tränen gefüllten Augen und sagte leise: »Lieber,
+willst du mich nun verachten?«
+
+Stumm schüttelte Kaspar das Haupt und küßte das arme, vom Leben
+gehetzte Weib mit heißem Mitleid und unwiderstehlicher Zuneigung,
+während zwei schwere Tränen auf ihre glühenden Wangen niederrollten.
+
+Lang hielten sie sich umfangen. Endlich löste Kaspar seine und ihre
+Arme mit schonender Güte und sagte tonlos: »So laß uns scheiden und
+habe Dank -- für alles, ich werde diese Stunden nie vergessen.«
+
+Da flog ein leises, wehes Zucken über Irmgards schönes Gesicht; mit
+aufflammender Empörung riß sie sich los und stürzte wortlos davon.
+
+Kaspar schritt ihr hastig ein paar Schritte nach, griff sich an die
+Stirn und rief betroffen: »Nicht so, Irmgard. Nicht böse sein, ich
+wollte dir nicht weh tun!«
+
+Aber schon war sie hinaus und in ihr Zimmer hinüber.
+
+Kaspar war maßlos bestürzt. Was hatte er getan, was konnte sie so
+erregt haben? -- Nein -- so konnte er sich nicht von dem lieben Mädchen
+trennen -- das wäre eine Roheit, die er sich niemals verzeihen könnte!
+
+Wollte er diese herrlichen Stunden, vielleicht die süßesten seines
+bisherigen Lebens, in einen so schrillen Mißklang ausgellen lassen?
+Nein -- also, er mußte noch einmal und anders Abschied nehmen von ihr
+-- denn morgen in aller Frühe -- übrigens wann wurde denn gestellt?
+Bah -- das ergab sich schon, nur zeitig aufstehn! -- Aber nun mußte er
+Irmgard um Verzeihung bitten -- unbedingt -- sofort natürlich, ehe es
+etwa schon zu spät ist.
+
+Und so ging Kaspar hinüber und klopfte leise an.
+
+Keine Antwort folgte, noch einmal -- wieder war nichts zu hören!
+
+Endlich sagte Kaspar mit redlicher Betrübnis und vernehmlich:
+»Irmgard, ich will nur um Verzeihung bitten, es war schlecht von mir.«
+
+Da rief es leise, aber jubilierend wie Lerchengeschmetter: »Herein!«
+
+Kaspar trat in das dunkle Zimmer. Eine weiße Gestalt umfing ihn mit
+ungestümer Wonne, und dem reuigen Sünder ward vergeben in wortloser,
+sich selbst vergessender Liebe.
+
+ * * * * *
+
+Am andern Morgen kam Kaspar Krumbholtz zum erstenmal in seiner
+Militärzeit zu spät zum Dienst.
+
+Als er nach der Kaserne kam, waren sämtliche Kompagnien bereits
+ausgerückt, und das Revier geschlossen. Kaspar stand ratlos in seiner
+Ausgehuniform da und wußte nicht aus noch ein. Endlich erreichte ihn
+eine von Knabe heimlich zugesandte Ordonnanz mit dem Befehl, er solle
+mit der Bahn nach Leutzsch fahren, dort sei der Bagagewagen mit seinem
+Dienstanzug.
+
+Der Uniformwechsel war einigermaßen schwierig, aber er gelang, und
+Kaspar kam auch nach allerhand Fährlichkeiten, darunter ein höchst
+fatales Rencontre mit dem Major, glücklich zu seiner Kompagnie.
+
+Was der alte Knabe an diesem Tage für ihn getan hatte, vergaß Kaspar
+ihm nie, obwohl der Feldwebel es an handfestem Landserspott anfangs
+nicht fehlen ließ und die vorgestern noch so totsichere Qualifikation
+für rettungslos in den Rauchfang geschrieben erklärte.
+
+Derbe Neckereien hagelte es von allen Seiten den ganzen Tag über, und
+Kaspar trug sie stumm. War ihm doch, als müsse ihm jeder ansehen, daß
+er nicht mehr derselbe sei wie gestern. Das Lügen hatte ihm auch sein
+Sündenfall nicht gelehrt, und ein unendlich quälendes Schuldgefühl wich
+lange nicht von ihm.
+
+So ward das Manöver für den einjährig-freiwilligen Unteroffizier nicht
+allzu fröhlich; aber seine Obliegenheiten erfüllte er mit solcher
+Pflichttreue, daß ihm der Oberleutnant Buff mehrfach seine Freude
+aussprach und bedauerte, daß er nicht Offizier bleiben wolle; das wäre
+doch ein Erzieherberuf, wie ihn Kaspar sich nicht verantwortungsvoller
+denken könne.
+
+Kaspar schwieg auch dazu; er dankte nur innerlich dem Oberleutnant,
+der oft wie ein älterer Kamerad zu ihm gesprochen hatte, für seine
+Anteilnahme, aber schließlich sprach er sich aus: Schön ist dieser
+Beruf, nur zu sehr vom Zufall abhängig. Seiner gewaltigen Verantwortung
+entspricht höchst selten die nötige Freiheit der Persönlichkeit.
+
+Dennoch zog Kaspar mit ehrlichem Bedauern nach seiner Rückkehr in die
+Garnison den ihm liebgewordenen bunten Rock mit den blitzenden Tressen
+aus und stürzte sich mit einem Eifer in seine Studien, als suche er
+Vergessenheit.
+
+Das Londoner Magdalenchen fand er nicht mehr vor; es war im Strudel des
+Lebens spurlos untergetaucht.
+
+Das letzte Zeichen war ein kleiner Zettel in seiner Kassette. Auf dem
+stand: »Ich weiß, ich habe Dir geraubt, was ich selbst nicht mehr
+besaß. Aber sei überzeugt, Du mein einzig und wahrhaft Geliebter, ich
+hätte es Dir tausendfach geopfert, wenn ichs besessen hätte. Vergiß
+mich, ich war Deiner nicht wert, Du sollst mich nie wiedersehn.
+Irmgard.«
+
+In trostlosem Weh schüttelte Kaspar das Haupt. Er hatte in einer
+einsamen Manövernacht sich zu dem Entschluß durchgerungen, sein Unrecht
+an Irmgard wieder gut zu machen -- es koste, was es wolle, und nun
+hatte sie ihm jede Möglichkeit dazu absichtlich genommen. Mehr und mehr
+schärfte sich in Kaspar das Scham- und Verantwortungsgefühl gegenüber
+dem Weibe, und so bewahrte ihn diese erste Torheit vor weiterem
+Leichtsinn.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Charlotte
+
+
+Hans Sebalt hatte das Kneipenleben gründlich satt und saß jetzt fast
+Abend für Abend über seiner Doktorarbeit. Um sich irgendeine Anregung
+oder Zerstreuung zu gönnen, ging er gelegentlich ins Theater.
+
+Das war kostspielig, aber Herr Geheimrat Volpelius hatte ihm längst
+schon vom Kapital senden müssen und hatte es anstandslos mit wenigen
+höflichen Worten getan.
+
+Überdies stand für Sebalt die Promotion in Sicht, und bei den teuren
+Experimenten war mit 100 Mark im Monat vollends nicht auszukommen, wenn
+Sebalt nicht leben wollte wie der sparsame Musterknabe Kaspar, der
+spazieren lief oder turnte anstatt zu kneipen, und öffentliche Vorträge
+oder politische Versammlungen besuchte anstatt Konzerte und Theater.
+
+Von seinem Jugendfreunde hörte Hans Sebalt immer wunderlichere Dinge:
+jetzt war der selbstlose Biedermann gar mit seinen zwei armen
+Zwillingsvettern aus Ingelbach zusammengezogen und hielt mit dem einen
+Zwilling, der ein leidliches Gehalt als Buchhalter bezog, den andern,
+der auf der Akademie studierte, mühsam über Wasser.
+
+Das fidele Hungertriumvirat, das, ausgerechnet gegenüber dem
+Hauptpolizeigebäude, seine Behausung gewählt hatte, nannte sich seitdem
+übermütigerweise »+Collegium Mugonianum+« wohl nach der +Pinus
+Mugo+, dem Knieholz.
+
+Höchst töricht und unwissenschaftlich, dachte Sebalt, denn Mugo war,
+-- aller Wahrscheinlichkeit nach -- ein italienischer Zuname; aber
+die drei Krumbhöltzer hielten es sicher mit Goethes Proteus: »je
+wunderlicher, desto respektabler«. Bei einem zufälligen, übrigens
+vergeblichen Besuch fand Hans Sebalt sogar ein großes Schild an die Tür
+gezweckt mit dem Biertitel »+Collegium Mugonianum+«. »Eigenartiges
+Vergnügen!« brummte der Doctorandus und zog kopfschüttelnd wieder von
+dannen.
+
+ * * * * *
+
+Eines Sonntag nachmittags saß Hans Sebalt in der billigen
+Theatervorstellung einer kleineren Vorstadtbühne. Er war lediglich des
+Stücks wegen hingegangen, die Truppe war nicht berühmt.
+
+Das Drama hieß »Frühlingssturm« und hatte einen Schulkameraden aus
+Bethel zum Verfasser, der unlängst auch in Leipzig seinen Doktor
+gemacht hatte. Sebalt hatte ihn nur einmal flüchtig gesehen; fand
+den Dichter aber wenig interessant im Gegensatz zu seinem Stück, das
+einigermaßen pikant zu werden schien.
+
+Die ersten Akte hatten nicht viel davon ahnen lassen, waren auch nicht
+gerade spannend, wennschon der Theologenkonflikt mit seinem Gegensatz
+zwischen Alt und Jung Sebalt interessierte; nur die Hauptperson, ein
+unleidlicher Backfisch, war zu dumm und sentimental geraten. Endlich
+kam die heimliche Geliebte des jungen Zweiflers auf die Bühne -- da war
+schon eher Mumm drin!
+
+Und bitte! Wer spielte denn? Diese Stimme kannte er doch!
+
+Hans Sebalt faßte sich an die Stirn und starrte nach der Bühne.
+Teufel, dachte er -- narrte ihn was? War das nicht sie -- das infame
+Frauenzimmer -- die schlanke Brünette, die ihn damals in Lindenau so
+beleidigt, beim Juwelier so schnöde versetzt hatte?
+
+Zettel her: Charlotte Schubert -- hm -- jedenfalls kein Bühnenname --
+zu simpel -- eigentlich zu dumm für diese -- na -- aber sie kann etwas!
+Donnerwetter, wie sie sich den schlappen Kerl von Liebhaber vornimmt
+und nun den Alten, heidi -- das sitzt! Menschenskind -- das Abtrumpfen
+hat sie los -- das ist ihre Natur -- so ähnlich gings ihm damals an
+der Straßenecke. Und jetzt wieder diese wilde Verzweiflung -- Töne --
+so echt -- prachtvoll!
+
+Hans Sebalt erbat sich von einem Nachbarn das Glas -- und richtig, das
+war das verteufelt schöne, fast eherne Sphinxgesicht mit der schwarzen
+Haarkrone. Nun wollte er sie erobern, es mochte biegen oder brechen!
+
+Von da an hatte Sebalt keine ruhige Minute mehr, auch die Doktorarbeit
+trat zeitweise ganz in den Hintergrund. Vor allem wollte er diesmal so
+klug zu Werke gehn, daß ihm eine abermalige Zurückweisung unmöglich
+gemacht wurde.
+
+Bald hatte Sebalt alles Nötige ausbaldowert: Sie wohnte allein,
+ärmlich; Gage sehr mäßig; Rollen zweite Garnitur; trotz Talent und
+guter Kritik Aussichten gleich Null. Es fehlte ein kluger Manager.
+
+Aha, rechnete Hans, jetzt werden meine Chancen schon steigen; ich
+werde den Theaterhabitué spielen -- schnobrig -- nobel -- kann mirs
+ja schließlich leisten. Ich könnte ihr vielleicht helfen -- aber erst
+warte, mein Püppchen! Erst wollen wir dich mal zahm kriegen! Du sollst
+Hans Sebalt nicht umsonst bis zum äußersten gebracht haben.
+
+ * * * * *
+
+Bei einer der nächsten Sonntagnachmittagaufführungen erhielt Charlotte
+Schubert ein schönes Bukett mit einer Karte, auf der die rätselvollen
+Worte standen: »Dank für den Tort in Lindenau! S.«
+
+Acht Tage darauf kam ein prächtiger Lorbeerkranz, der ihr beim Publikum
+sehr zustatten kam, mit den Worten: »Dank für die Schmach vorm
+Juwelier! S.«
+
+Unterdessen hatte Sebalt, der beobachtet hatte, daß die Schauspieler
+nachher noch im Keller des Restaurants zusammensaßen, sich bereits dem
+Direktor und einigen Acteurs vorstellen lassen und sich mit ein bißchen
+dickaufgetragenem Lob lieb Kind gemacht.
+
+An jenem Abend lobte er namentlich das Fräulein Schubert und ließ sich
+ihr nach dem Lorbeerkranz im Kreise ihrer Kollegen vorstellen.
+
+Fräulein Charlotte war sehr zuvorkommend und Sebalt ganz Grand
+Seigneur.
+
+Er hatte sich extra eine neue Weste und eine modische, dünne Goldkette
+für seinen Triumphabend gekauft, hatte diese höchst schick von einer
+Westentasche zur andern durch das zweitoberste Knopfloch gezogen und
+merkte mit einiger Genugtuung, daß er von den armen Histrionen für
+einen Mann mit respektablem Einkommen und noblen Passionen gehalten
+wurde.
+
+Gegen Mitternacht erfüllte sich sein sehnlichster Wunsch, Fräulein
+Charlotte nach Hause begleiten zu dürfen. Sie hatte einen weiten Weg,
+wenn sie nicht durchs düstere Rosental gehen wollte.
+
+Mit neckischer Schalkhaftigkeit, die allerdings etwas Gemachtes und
+auch etwas Gedemütigtes an sich hatte, meinte sie beim Fortgehen:
+»Schade, daß ich Ihren schönen Lorbeerkranz nicht gleich mitnehmen
+kann, aber ich lasse das kostbare Geschenk mir morgen früh holen.«
+
+»Also wird es dem Lorbeerkranz besser ergehen,« spöttelte Sebalt, »wie
+seinerzeit der Perlenbrosche.«
+
+Die stolze Charlotte zuckte leise zusammen unter diesem Hieb. Wie
+geduckt ging sie neben dem eleganten Kavalier und stammelte nur ein
+wenig verwirrt:
+
+»Verzeihen Sie, das war damals nicht recht von mir. Aber wenn Sie alles
+wüßten -- ach wozu -- reden wir von was anderm. Wie hat Ihnen das Stück
+gefallen?«
+
+Mit wirklicher Sachkenntnis und ätzendem Sarkasmus äußerte sich der in
+der neueren Literatur recht gut versierte Sebalt über das Stück, über
+den Autor, sprach auch gescheit über die Rollen und ihre verschiedenen
+Chancen; insonderheit unterzog er die Auffassungsmöglichkeiten der
+Rolle Charlottens einer ganz geistreichen Untersuchung.
+
+Charlotte sah ein paarmal ihren Begleiter, der beide Hände straff
+in die Überziehertaschen geschoben hatte und etwas blasiert, doch
+überzeugt vor sich hinsprach, verwundert von der Seite an.
+
+Dann sagte sie lächelnd: »Wenn ich jetzt nicht solchen Respekt vor
+Ihrer Weisheit hätte, möchte ich übermütig zitieren: ›Wie hast du dir
+verändert‹ -- so aber will ich nur hübsch gesetzt bemerken: Wenn Sie
+früher so gesprochen hätten und nicht so völlig anders, Herr Sebalt,
+dann wären wir wohl eher und besser bekannt miteinander geworden.«
+
+Sebalt sagte eisig: »Nur immer hübsch langsam mit die jungen Pferde,
+meine Gnädigste! Wer langsam fährt, kommt auch nach Halle.«
+
+Charlotte ärgerte sich sichtlich und schwieg.
+
+Als Sebalt wie selbstverständlich ins Rosental einbog, zuckte sie einen
+Moment zurück, folgte dann aber gehorsam wie eine gebändigte Löwin
+ihrem Dompteur.
+
+»Fürchten sich wohl, meine Gnädigste,« spottete der Begleiter, »der Weg
+ist kürzer -- übrigens Ihnen ja auch einigermaßen bekannt, und unter
+meiner Bedeckung passiert Ihnen nichts.«
+
+»Jawohl,« gab Charlotte bitter zurück, »wer den Henker zum Gesellen
+hat, braucht für den Strick nicht zu sorgen.«
+
+»Soll das etwa heißen, daß Sie erwarten, von mir attakiert zu werden?
+Nee, Verehrteste, da seien Sie totenruhig! Vor mir sind Sie seit der
+Broschenaffäre sicher; nicht ein Haar von ihrem übrigens prächtigen
+Schopf soll Ihnen gekrümmt werden.«
+
+Charlotte ging schweigend neben dem jetzt ebenfalls hartnäckig
+schweigenden Weggesellen durch das Dunkel des im Novembersturm
+heulenden Waldes, das nur wenige flackernde Laternen hie und da mühsam
+erhellten.
+
+Sebalt reichte der unsicher Schreitenden nicht den Arm, sagte nur
+einmal, als sie ein wenig strauchelte, ironisch: »Wollen doch nicht
+Traviata spielen?«
+
+Da blieb Charlotte empört stehen und rief Sebalt zu: »Was wollen Sie
+eigentlich von mir, Sie werden mir nachgerade unheimlich!«
+
+»Wie Sie mir vor Jahr und Tag! -- Was ich will -- nur meine Rache kalt
+genießen, Sie ein wenig verachten, meine Gnädigste, weil ich Sie früher
+zu viel verehrt habe.«
+
+»Wenn Sie das wirklich getan hätten --«
+
+»Bitte, habe ich Ihnen den zahlenmäßigen Beweis, den Sie so
+geschmackvoll forderten, nicht +stante pede+ damals angetreten?
+65 Mark die kleine Dummheit, eigentlich für nen Studenten ein bißchen
+teures Angebinde, meinen Sie nicht, Gnädigste? Und dann noch für die
+Katz! Schade!«
+
+»Mein Gott ja, es war wirklich sehr unrecht von mir. Ich habe Sie ja
+schon um Verzeihung gebeten, Herr Sebalt. Und glauben Sie mir, es
+war auch nur ein verrückter Einfall, der mir plötzlich meiner gar zu
+unwürdig vorkam, und da bin ich eben voll Schrecken davongelaufen. Also
+kommen Sie, seien Sie gut, geben Sie mir jetzt Ihren Arm, und ich will
+Ihnen alles offen gestehen.«
+
+»Welche Ehre, meine Gnädigste,« hüstelte Sebalt preziös und reichte den
+rechten Arm.
+
+»Lassen Sie doch endlich das fade Getue und das ewige Gnädigste. Es
+glaubt Ihnen ja doch keiner, daß Sie son Laff sind, wie Sie vorgeben.
+Also nun hören Sie. Ich war schon in Monplaisir Schauspielelevin;
+wir probten da im Saal immer nachmittags. Ich hatte seinerzeit große
+Rosinen im Kopf, wie die meisten von uns am Anfang. Unter ner Duse tun
+wirs nicht in unsern Erstlingsträumen. Ein wenig Erbteil hatte ich
+damals noch, ein leidliches Äußere doch auch, sogar nach dem Urteil
+eines gewissen Herrn, der mir immer nachmittags nachstieg. Na kurz
+und gut, als ich in Lindenau das erste Mal öffentlich auftrat -- an
+jenem Abend wollte ich nur die Akustik im gefüllten Saal prüfen -- da
+hing mein Himmel voller Geigen. Dann aber kams anders. Ich spielte
+und spielte, kein Hahn und kein Agent krähten nach mir, obwohl das
+Publikum immer Beifall spendete und die Kritik stets wohlwollend war.
+Ich ging in die Vollen, ich ließ mir Toiletten machen, ließ mir Buketts
+spenden, lachen Sie nicht -- es ist mir bitter genug gewesen. Alles
+war verlorne Liebesmüh; nur Verehrer, die waren hinter mir her wie
+die Teufel hinter ner armen Seele. Damals ging mein Restchen Vermögen
+zu Ende, und ich rang bitterlich mit mir, ob ich kapitulieren sollte,
+wie so viele Größere vor mir auch in blutiger Not, nur um sich der
+geliebten Kunst zu erhalten. In jener Seelennot, Herr Sebalt, stießen
+Sie auf mich. Das war an dem bösen Abend vor dem Juwelierladen. Erst
+flog mir durch den Kopf -- kapituliere! Dann kam plötzlich die Scham
+vor mir selbst, und in bittrem Hohn -- ja mit Undank und Niedertracht
+zahlte ich Ihnen für Ihre Neigung, für Ihr vielleicht ehrliches Opfer.
+-- -- So, da haben Sie meine Beichte, ohne Schminke und ohne Scham!
+Wollen Sie nun aufhören, mich zu peinigen und mir endlich Absolution
+erteilen, ein- für allemal!«
+
+Hans Sebalt war es eigen zumut. Er fühlte, er war mehr ergriffen von
+dem schlichten Leidensbericht, als er sich gestehen mochte.
+
+Und doch schwankte er, ob er nicht zu viel Trümpfe aus der Hand gäbe,
+wenn er jetzt schon den ganz Versöhnten spielen würde.
+
+So sagte er nur unwirsch und doch fast tonlos vor verhaltener Bewegung:
+»Narrenhaus -- diese Welt -- man tanzt aneinander vorbei, wenn man sich
+am nötigsten braucht.«
+
+»Was meinen Sie damit,« fragte Charlotte beunruhigt.
+
+»Bitte, beantworten Sie mir erst eine Frage, die ich mir sicher nicht
+erlauben würde, wenn -- nun ja, ich will auch ehrlich sein -- wenn ich
+Sie nicht ehedem so wahnsinnig geliebt hätte.«
+
+»Ich weiß schon, was Sie fragen wollen. Erst eine Gegenfrage: Haben Sie
+mal meine Mila im Frühlingssturm gesehen?«
+
+»Ja, sie war das Erste und -- gestatten Sie -- das Beste von Ihnen!«
+
+»Nun also! Und glauben Sie, daß eine Non Traviata, oder sagen wir doch
+lieber richtiger eine, die ihrem Götzen von Beruf nicht alles -- auch
+das letzte -- hingeopfert hätte, so spielen könnte?«
+
+»Nein, ich dachte mirs,« antwortete Sebalt tief ergriffen.
+
+»Und sehen Sie,« rief er dann schmerzlich, »hätten Sie mich damals
+nicht brauchen können? Ich hätte keinen so hohen Preis gefordert, wie
+vielleicht ein anderer -- ich -- ich liebte Sie redlich.«
+
+»Und heute fordern Sie ihn auch, weil Sie mich nicht mehr lieben,
+sondern nur, weil Sie sich noch in Ihrer Rache sonnen wollen.«
+
+»Ich fordere nichts, aber auch gar nichts mehr!«
+
+»So -- und warum nicht? Bin ich Ihnen selbst zur Rache zu schlecht?«
+
+»Nein, Charlotte, dazu sind Sie mir nach Ihrem Geständnis noch immer
+viel zu gut! Nur -- ich verlange heute nach beiden nicht mehr -- wie
+damals! Ja -- damals schrie ich wohl nach Ihrer Liebe und dann -- dann
+glühte ich vor Haß.«
+
+»Und vergaßen mich am Ende -- trotz oder vielleicht wegen der teuren
+Brosche?«
+
+»Nein,« sagte Hans mit plötzlich erwachter Leidenschaft, »nun sollen
+auch Sie alles wissen! Die Brosche -- die warf ich einer andern zu,
+der ich mein Bestes verschenkt hatte -- warum -- weil sie Ihnen
+ähnlich sah! -- So, nun habe ich gebeichtet und bitte um die gleiche
+Sündenvergebung, liebe Beichtigerin.«
+
+Charlotte sagte kein Wort. In tiefer Bewegung gingen die beiden bis zu
+der unfernen kleinen Parterrewohnung der Schauspielerin.
+
+Als diese ihre Haustür aufgeschlossen hatte und Hans sich verabschieden
+wollte, sagte Charlotte leise: »Kommen Sie herein, Herr Sebalt, ich bin
+Ihnen viel schuldig geworden und will meine Schulden bezahlen.«
+
+Da umfaßte Hans Sebalt das schöne, ehedem so bitter gehaßte Weib in
+wilder, glückseliger Liebe, und mit verzehrender Glut wurden seine
+stürmischen Küsse erwidert.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Auseinander
+
+
+Kaspar Krumbholtz drang tiefer und tiefer in den Geist der modernen
+wissenschaftlichen Forschung ein und söhnte sich auch mit der ihm
+ehemals so unsympathischen historisch-kritischen Methode aus.
+
+Nach und nach merkte er eben, daß seine Abneigung nicht eigentlich in
+der freilich oft alexandrinisch übertriebenen Buchstabentiftelei der
+Philologen, auch nicht in der spezialistischen Kleinkram bisweilen
+überschätzenden Einseitigkeit der Historiker ihren letzten Grund hatte,
+sondern in dem Unwillen seines autoritätfrommen Gemüts, das gegen das
+Experiment am ungeeigneten Objekt Verwahrung einlegte.
+
+Dieselbe Methode, die ihn bei der Bibelforschung so oft innerlich
+verletzt hatte, erschien ihm beim Nibelungenlied oder bei den Quellen
+der Reformationsgeschichte durchaus anziehend, notwendig und fast
+selbstverständlich.
+
+Noch immer zog es jedoch Kaspar in die Weite; immer noch wuchs die
+Zahl der Fächer, in denen, wenigstens einigermaßen orientiert zu sein,
+ihm notwendig erschien.
+
+Von der Philosophie kam er zu der Ästhetik und Pädagogik, die ihm,
+dem Mann der Praxis, allerdings wenig Neues sagen konnte. Die
+Nationalökonomie, seine erste Liebe, ließ ihn so wenig wieder los
+wie das Interesse für Politik, und beide führten ihn eines Tages zur
+Soziologie und zur Geographie. Von der Geschichte und deren wenig
+interessanten Hilfswissenschaften drängte es ihn rasch weiter zur
+Archäologie und zur Kunstgeschichte.
+
+Er ging in die Museen und lernte in peripathetischen Übungen ganz neu
+sehen und vergleichen.
+
+Von der Germanistik trieb es ihn nach und nach zur modernen
+Literaturgeschichte und aus den Kollegs unwillkürlich in die Theater
+und die Leihbibliotheken.
+
+Vieles in der neusten Literatur verstand er zunächst gar nicht, da
+er von Haus aus kaum die Klassiker einigermaßen beherrschte; nur
+Liliencron berauschte ihn wie junger Most. Erst über Hebbel, Keller,
+Anzengruber, Raabe und die Ebner-Eschenbach fand er langsam den Weg zu
+Tolstoi, Ibsen und Hauptmann, während Zola ihm nicht viel zu bieten
+vermochte.
+
+Der Dichterphilosoph Nietzsche verwirrte Kaspar anfangs gewaltig, um
+ihn dann um so klarer zu machen. Aus seinem niedergeschlagenen Schüler
+ward er nach und nach sein fröhlicher Gegner; aber er dankte ihm ein
+Stahlbad.
+
+Aus Zufall geriet Kaspar in eine sehr besuchte Vorlesung über
+Psychiatrie, und sie fesselte ihn bald so sehr, daß er zwei Semester
+hindurch in keiner Vorlesung dieses Fachs fehlte. Das trug ihm
+für das Verständnis der modernen, teilweise recht pathologisch
+durchsetzten Literatur viel aus, und auch für seine tiefgehenden
+Erziehungsinteressen fand er hier wie in den lebensvollen,
+anschauungsreichen Vorlesungen eines fast sokratischen Psychologen weit
+mehr Nahrung und Anregungen als in denen der eigentlichen Pädagogik.
+
+Je weiter jedoch die Kreise Kaspars wurden, um so schwieriger wollte
+es ihm dünken, sich nach und nach zurückzukonzentrieren auf irgendein
+praktisches Brotfachstudium. Was die Mehrzahl seiner Kommilitonen zu
+früh und zu sehr tat, tat Kaspar zu spät. Manchmal wollte es ihm schier
+unmöglich erscheinen, auf das herrliche Ausgreifen nach allen Seiten zu
+verzichten.
+
+Hans Sebalt war längst mit höchstem Lobe zum Doktor promoviert und
+traf bereits neue Vorbereitungen für ein Werk, das ihm vielleicht als
+Habilitationsschrift dienen konnte.
+
+Der langsame Kaspar dagegen suchte und suchte und fand und fand so
+vieles und so gewaltiges, daß ihm alles eigne Schaffen demgegenüber als
+ein von vornherein aussichtsloses, mindestens wertloses Unterfangen
+erscheinen wollte.
+
+Wenn ihm jemals etwas gelingen könnte, so dachte und hoffte Kaspar
+mitunter, dann wäre es nur die Reproduktion, die Projektion dieser
+reichen Welt von neuen Anschauungen, Ergebnissen und Zielen auf die
+Seelen anderer, am liebsten der heranwachsenden Generation, der ein
+kundiger Führer in einer so überallhin vorwärtsdrängenden, wirbelnden
+Zeit vielleicht fruchtlose Kämpfe und endlose Umwege ersparen könnte.
+
+Aber einer der Professoren setzte Kaspar auseinander, daß nur die
+Erfahrung an einigen eigenen Schöpfungen den vollen Respekt vor
+den Leistungen anderer und Größerer zeitigen könne, und daß die
+notgedrungene Konzentration, vielleicht auch unter dem bittersten
+Verzicht, vom berauschenden Genuß des Empfangens zur schmerzvollen
+Geburt der Tat führen müsse, wenn anders der Genuß -- auch in der
+Wissenschaft -- seine sittliche Berechtigung haben solle.
+
+Und so ließ sich Kaspar nach etlichen Semestern seine Examenarbeiten
+geben, obwohl Ursemi ihm in ihren Briefen zusetzte, er solle erst
+einmal wie Hans Sebalt den Doktortitel erwerben.
+
+Kaspar lächelte wehmütig über diesen Wunsch.
+
+Verriet er ihm doch leise, daß Ursemi noch immer nicht ganz begriffen
+hatte, daß er ihr nie mehr, aber auch nie weniger sein wollte -- und
+jetzt gar nicht mehr sein durfte -- als ein treuer Bruder.
+
+ * * * * *
+
+In Reda hatte sich äußerlich nicht viel verändert seit dem Tode Wilhelm
+Winklers.
+
+Die Werke wurden von den erprobten Direktoren, Beamten und Arbeitern
+im Sinne des Mannes weitergeführt, der ihnen durch eine hochherzige
+Testamentbestimmung einen je nach dem Dienstalter steigenden,
+schließlich sehr hohen Gewinnanteil gesichert hatte.
+
+Der Hauptertrag stand der Winklerstiftung zu, die von einem erlauchten
+Sechserkonsortium verwaltet, das halb aus bekannten Gelehrten und halb
+aus unabhängigen Laien bestand, und vom Geheimrat Volpelius, einem
+früheren Verwaltungsbeamten, geleitet wurde.
+
+Ein kleiner Teil der Gelder wurde zu Stipendien für junge unbemittelte
+Forscher oder zur Unterstützung für begabte Schriftsteller und sonstige
+geistig oder künstlerisch aufstrebende Männer verwandt, die ihrem Volke
+mit der Zeit zu Führern zu reifen versprachen.
+
+Das Hauptziel der Winkler-Stiftung sollte jedoch die Gründung
+einer großen nationalen Erziehungsanstalt sein, in der eine von
+Staatsvorschriften und Traditionsdruck freie Jugend heranwachsen
+konnte, für die charakterliche Erziehung zur Selbständigkeit und eine
+individuelle, zeitgemäße und doch harmonische Bildung das oberste Ziel
+sein sollten. Einzelbestimmungen fehlten vor der Hand, nur sollte
+jegliches Examen völlig ausgeschlossen sein. Das zur Zeit leider noch
+notwendige Übel der Einjährig-Freiwilligen Prüfung sollte darum -- wenn
+irgend möglich -- hinter den Knaben liegen.
+
+Im übrigen standen naturgemäß die Vorbereitungen für das große, ebenso
+schwierige wie kostspielige Hauptwerk, für das einstweilen jedes
+Jahr die Hälfte des Reingewinns zurückgelegt werden mußte, noch im
+weiten Felde. Volpelius und seine sechs Berater arbeiteten jedoch mit
+rastlosem Eifer.
+
+ * * * * *
+
+Frau Winkler wohnte mit ihrer Tochter wie bisher den größten Teil des
+Jahres in der behaglichen Redaer Villa inmitten ihres lieblichen Parks,
+an den die ausgedehnten Waldbesitzungen der Damen sich anschlossen.
+
+Ihre Güter wie die Forstverwaltung unterstanden einem bewährten
+Generaldirektor, der mit der gern auch fürs Kleinste selbst sorgenden
+Frau Winkler freilich weniger gut fuhr als ehedem mit ihrem
+großzügigen Manne.
+
+Es kam mitunter zu allerlei Mißverständnissen und heftigen
+Auseinandersetzungen, bei denen Ursemi ihre früher so stille,
+gutmütige, sonst so leicht befriedigte Mutter kaum wiederzuerkennen
+vermochte. Dann griff sie als mündige Mit-, ja Hauptbesitzerin doch
+gelegentlich ein und tat es mit der ganzen Ruhe und Überlegenheit ihres
+verstorbenen Vaters.
+
+Das lockere Verhältnis zur Mutter ward jedoch darüber nicht fester
+und inniger; denn was sich die kleine runde Frau von ihrem Gemahl
+anstandslos, ja dankbar hatte gefallen lassen, das wollte sie der
+Tochter durchaus nicht zugestehen. So bildeten sich nach und nach
+Verstimmungen, die Ursemi bedrückten und ihr gewisse Fragen, vor allem
+die nach einer selbständigen Zukunft, nahelegten.
+
+Daß es der reichen Erbin an Bewerbern aller Art nicht fehlte, war
+selbstverständlich; aber unter all diesen Männern war eigentlich nur
+einer, der Ursemi ein gewisses Interesse abnötigte und nicht zum
+wenigsten durch seine vornehm kluge Zurückhaltung, und das war Harry
+Brosyn.
+
+Der junge Graf war noch immer und scheinbar mit großem Erfolg in
+Westamerika tätig. Er kam dann und wann auf kürzeren Besuch zu seinem
+Vater, den er jedoch noch immer reichlich kühl als »Firma Brosyn
+senior« betrachtete. Zweimal sprach er flüchtig in Reda vor, schien
+jedoch keine Lust zu haben, sich einen zweiten Korb zu holen.
+
+Ursemis Herz hing in alter Anhänglichkeit, in einer vielleicht mehr
+kameradschaftlich herkömmlichen als bewußt leidenschaftlichen Liebe
+unverändert an ihrem getreuen Kaspar. Aber er machte ihr Sorge.
+
+In seinen oft allzu peinlich gewissenhaften und darum etwas nüchternen
+Berichtbriefen verriet er mehr und mehr, daß er in dem berauschend
+gewaltigen Meer der Wissenschaft unterzutauchen Gefahr lief, freilich
+nicht als zielbewußter Taucher, sondern als ermatteter, ins Treiben
+geratener Schwimmer.
+
+Ursemi las ihm gelegentlich die Leviten, hielt ihm -- zwar gegen ihre
+innerste Überzeugung -- den erfolgreicheren Streber Sebalt vor, verriet
+schließlich deutlich, daß sie stolz auf ihren Kaspar zu bleiben und
+noch mehr zu werden wünsche -- es half wenig!
+
+Kaspar wich erst aus, führte dann -- ganz gegen seine Gewohnheit --
+seine Vorarbeiten zum Staatsexamen beruhigend ins Treffen; aber von
+jeder tieferen Ahnung der geheimsten Sorgen und Wünsche Ursemis war
+er weiter entfernt denn je. Nicht eine letzte, noch so leise Spur der
+Engadiner Gefühlsaufwallung schien in seinem Innern vorhanden zu sein.
+
+Sollte ein anderes Mädchen in den Kreis seiner Seele getreten sein?
+Oder ging Kaspar vielleicht gar zu sehr in seiner behaglichen
+Zwillingsvetterei auf? Freundschaft ging ihm von jeher über Liebe.
+Hatte er sich irgendwie verloren?
+
+Ursemi machte sich in ihrer völligen Einsamkeit immer unruhigere
+Gedanken. Mit der Mutter konnte sie über dergleichen nicht reden.
+Vollends seit Sebalt seinen Doktor gemacht, spöttelte, neckte und
+stichelte Frau Winkler ihre Tochter öfter wegen ihres Verzugs, des
+langsamen und faulen Kaspars.
+
+Ursemi schwieg dazu; sie war unsicher, sie sah nicht mehr klar; sie
+fühlte nur dumpf aus Kaspars oft recht unpersönlichen Briefen, daß doch
+irgend etwas zwischen sie und den ihr unentbehrlichen Freund getreten
+sein müsse. Und so beschloß sie, sobald wie möglich sich selbst zu
+überzeugen, was aus Kaspar geworden sei.
+
+Ein unauffälliger Anlaß zur Reise nach Leipzig fand sich zum Glück
+bald, da Frau Winkler, die in letzter Zeit auch recht um sich selbst
+und nicht mehr nur für andere zu sorgen pflegte und ein wenig
+hypochondrisch geworden war, einen berühmten Spezialarzt in Leipzig zu
+konsultieren wünschte.
+
+So trafen denn die Winklerschen Damen eines Tages auf dem Dresdner
+Bahnhof zu Leipzig ein, empfangen von +Dr.+ Sebalt und Kaspar
+Krumbholtz.
+
+ * * * * *
+
+Um Kaspar eine Freude zu machen, hatte Ursemi bei Geheimrat Volpelius
+kurz zuvor ein Reisestipendium der Winkler-Stiftung für Kaspars armen
+Vetter, der die Leipziger Akademie besuchte, ausgewirkt und teilte ihm
+nun diese Nachricht mit.
+
+Kaspar war glückselig und stürzte sofort davon und holte den
+Zwillingsvetter herbei, den Ursemi nach seinem verlegen gestammelten
+Dank sofort für einen echten Krumbholtz erklärte.
+
++Dr.+ Sebalt, jetzt wirklich eine weltmännisch elegante
+Erscheinung, machte in erster Linie seiner Gönnerin, Frau Winkler, in
+galantester Weise die Honneurs; während sich Ursemi von den weniger
+eleganten Vettern Krumbholtz mit froher Laune die Sehenswürdigkeiten
+Leipzigs zeigen ließ.
+
+Auch Kollegs mußte sie bei Kaspars Lieblingsprofessoren hören und das
+dafür besonders aufgeräumte und bescheiden geschmückte +Collegium
+Mugonianum+ mit ihrem Besuche beehren. Hier überreichte ihr der
+Vetter Akademiker sogar ein künstlerisch entworfenes Patent, das Ursemi
+zum Ehrenmitgliede des »hochwohllöblichen +Collegium Mugonianum
+vis-à-vis+ der königlichen Polizei« ernannte.
+
+Dann mußte Ursemi auf dem kleinen, schäbigen, jetzt freilich mit einer
+weißen Häkelarbeit der Wirtin schämig verzierten Sofa Platz nehmen
+und ein Frühstück genehmigen, zu dem auch der andere Zwilling unter
+dem Vorwand eines wichtigen Geschäftsganges sich einstellte, um dem
+fürstlichen Besuch des hohen Kollegs seine Aufwartung zu machen.
+
+In harmlos ausgelassener Fröhlichkeit feierte man das Ehrenmitglied und
+den glücklichen Besitzer des Reisestipendiums, der nun -- als sei mit
+einem Male der Knoten geplatzt -- von launiger Beredsamkeit überfloß
+und drollig den kecksten Streich des Kollegs erzählte: wie einmal
+die freundnachbarliche Polizei wegen ruhestörenden Lärms ihnen drei
+Schutzleute herüber geschickt habe, die dann fröhlich mit pokuliert und
+spektakelt hätten, und wie sie -- die drei Vettern -- tags darauf wegen
+Lärms auf der Polizei sich bei der Polizei selber beschwert und dann
+dort ebenfalls fidel einen guten Tropfen auf dem Wachlokal getrunken
+hätten.
+
+Auch die lustigen kleinen Mädelgeschichten des vergnüglichen Kollegs,
+auf die Ursemi diplomatisch anspielte, wurden ohne Zaudern aufgetischt.
+Mit köstlicher Laune berichtete der junge Kaufmann: wie das hohe
+Kollegium mit seinen Damen, drei niedlichen Vorstadtkinderchen, zwei
+blonden Schwestern und ihrer brünetten Cousine, Miß, Fröle und
+Signorina genannt, des Sonntags gelegentlich einen Spaziergang oder
+ein Tänzchen gemacht, wie man sich allerlei kleine, frugale Soupers
+ausgerichtet, wie man den Mädchen zu Weihnachten neue Hütchen beschert,
+wie ihnen der Akademiker kunstgerecht einige Kostüme entworfen hatte --
+und was dergleichen kameradschaftliche Gefälligkeiten mehr waren.
+
+Ursemi fühlte bald heraus: da handelte es sich keinesfalls um
+tiefgehende Liebesaffären! Von Miß, Fröle oder Signorina war nichts zu
+befürchten.
+
+Bei Kaspar mußte jedenfalls etwas ganz anderes vorliegen, was tiefer
+saß.
+
+Und so forschte die kluge Tochter Wilhelm Winklers weiter in redlicher
+Sorge um Kaspar, bis sie ihn eines Abends im Hotel Hauffe zu einer
+Unterredung nötigte, während Sebalt mit seiner verehrten Gönnerin
+im Stadttheater saß und ihr die vielen Feinheiten im Spiel seiner
+Freundin, der jetzt dank seiner Bemühungen und ihres entfalteten
+Talents so berühmten Charlotte Frémont, geistreich auseinandersetzte.
+
+ * * * * *
+
+Ursemi hatte Kaspar das Kistchen Zigarren und den Aschenbecher
+hingeschoben, dann setzte sie sich wie zum behaglichen Schwatz in
+den geräumigen Ledersessel ihm gegenüber und begann im harmlosen
+Plauderton, während sie mit dem übergeschlagenen Fuße leise wippte und
+Kaspars blauen Rauchwolken nachschaute:
+
+»Ich finde, es lebt sich wirklich famos in diesem grauen,
+hochgiebeligen Buchhändlernest. Unternehmende Kaufleute, gescheite
+Professoren, Musiker und Bildhauer, die was können, und kleine, nette
+Mädels die Hülle und Fülle! Ich wäre hier auch ganz gern Student und
+verstehe, daß du es möglichst lange bleiben willst.«
+
+Aha, dachte Kaspar, dort willst du hinaus, und lächelte still in sich
+hinein, als Ursemi möglichst unbefangen fortfuhr:
+
+»Ich glaube, du erwartest nun von mir eine Wiederholung allerlei
+redlicher Vorhaltungen aus meinen Briefen? Nee, mein alter Junge, da
+schneidest du dich. Um dich ist mir jetzt weit weniger bange als --
+um mich. Das wundert dich -- nun ja, es will auch recht verstanden
+und vielleicht erklärt sein, und darum ist es mir lieb, mal so in
+ungestörter Ruhe mit dir von Mund zu Mund etwas zu erörtern, was sich
+schwer oder nur sehr gewunden schreiben läßt. Du weißt, daß ich leider
+zu Mama nie in ein so inniges Verhältnis kommen konnte wie zu Vater.
+Jetzt bin ich auf Mama weit mehr angewiesen als früher, und doch ist
+unser Verhältnis kühler geworden als früher. Vater fehlt mir unendlich.
+Und auch der liebe, vornehme Volpelius kann ihn mir nicht ersetzen.
+Um so eher erwartete ich das mit der Zeit von dem andern Freunde, den
+mir Vater vermacht hat. Aber -- ich kann mir nicht helfen -- auch der
+beginnt zu versagen. Seine Briefe werden nüchterner, geschäftsmäßiger;
+sie duften mitunter nach Pflicht, und dieser Duft ist mir peinlich, ja
+oft beängstigend; er versetzt mir bisweilen den Atem wie der Moderduft
+alter Scharteken oder vergilbter Friedhofskränze. Ja, schüttle nur
+überlegen das trotzige Haupt, mir machst du nichts vor, und ich will
+keine Unklarheiten, keine Halbheiten zwischen uns. Also schenk mir mal
+ruhig reinen Wein ein, warum du nicht mehr der Alte bist. Du weißt, ich
+bin kein zimperliches Frauenzimmer. Du brauchst weder mich noch, falls
+es notwendig sein sollte, dich zu schonen.«
+
+Kaspar rückte unruhig hin und her, als suche er nach einem passenden
+Anfang, endlich sagte er stockend: »Ich weiß, Ursemi, ich bin nicht
+viel wert und entspreche jedenfalls den Anforderungen, die du an einen
+brüderlichen Freund stellen kannst, zurzeit gar nicht. Aber das hängt
+mit meiner Entwickelung zusammen, die in diesen Jahren so gewaltsam
+in neue Bahnen drängte, daß ich alle Kraft daran setzen mußte, mich
+nicht ganz zu verlieren. In solchen kritischen Zeiten, Ursemi, ist
+man nicht in der Lage, anderen etwas sein zu können, am wenigsten
+einer Persönlichkeit wie dir, die viel sicherer in ihren Schuhen steht
+als ich. Jetzt schüttelst du den Kopf und lächelst. Tus auch nicht,
+Ursemi. Wir bleiben schon die Alten, hoffe ich, nur die Rollen des
+Gebers und Nehmers wechseln manchmal. Wenn dir auch meine Briefe nichts
+sein konnten, die deinen waren mir um so mehr. Das soll bei echter
+Freundschaft keine Rolle spielen, wer dem andern mehr austrägt. Mein
+Debet bei dir ist so wie so hoffnungslos. Vielleicht kann ich dir
+später etwas mehr sein, doch erst laß mich wachsen, und das braucht
+Zeit bei dieser Sorte Krumbholtz.«
+
+»Lieber,« erwiderte Ursemi ernsthaft, »versteh mich nicht falsch! Ich
+kenne meinen langsamen Kaspar und will ihm gern Zeit lassen, will
+auch schweigend warten, bis das Beste in ihm reif geworden -- aber
+ich muß genau wissen, woran ich mit ihm bin. Dieser Kaspar hatte von
+jeher eine ganz vertrakte Neigung, sich für geringer zu halten, als
+er ist, und jedenfalls für weniger, als er mir ist. Er liebte es, zu
+Reda und Sils sich wohlerworbene Ansprüche, ja Rechte wegzugrübeln
+und wegzudisputieren, die ich ihm mit Stolz und Freude einräumte als
+dem Menschen, der mir innerlich näher steht als alle andern, selbst
+meine Mutter. Auch jetzt scheint es mir -- wie schon die Briefe es
+verrieten -- daß dieser Kaspar wähnt, er könne nur einmal für die
+dritte oder vierte Stelle in meinem Herzen in Frage kommen, aber
+niemals für die erste. Ruhig sitzengeblieben, alter Freund, und mich
+nicht so erschrocken angeschaut! Jawohl, ich habe den Mut, die Dinge
+beim rechten Namen zu nennen. Ich bin kein prüdes, kleines Mädel mehr,
+sondern ein aufrechter, ausgewachsener Mensch, der auch sogenannte
+heikle Dinge mit seinem besten Freund, seinem liebsten Wandergenossen
+offen und tapfer besprechen will. Also klipp und klar: Warum schreibst
+du nachgerade an mich, als sei ich deine Gouvernante und nicht mehr
+deine beste Vertraute? Ist irgend jemand zwischen uns getreten? Ist
+dir jemand lieber geworden als ich? Sage es mir ganz ehrlich, Kaspar.
+Ich werde es dir nicht verargen und mich darein zu finden suchen. Nur
+verbergen darfst du es mir nicht, das bist du mir schuldig.«
+
+»Das weiß ich, Ursemi,« erwiderte Kaspar schlicht, »und wenn es an dem
+wäre, was du vermutest, dann sagte ich es dir sicherlich am ersten. Es
+gibt aber wirklich niemand, der mir näher stünde als du. Auf die kleine
+Miß brauchst du nicht eifersüchtig zu sein. Und dennoch muß ich an dem
+festhalten, was ich früher schon instinktiv empfunden und mir gar nicht
+ergrübelt habe, nämlich an der Überzeugung, daß ich dir nie etwas
+anderes sein will und darf als dein Freund und Bruder.«
+
+»Warum nicht?« fragte Ursemi betroffen, »nur gerade heraus, wenns auch
+weh tut.«
+
+»Schon weil das dein Vater nie gewünscht hätte,« antwortete Kaspar ein
+wenig unsicher.
+
+»Woraus schließt du das, Kaspar? Kennst du Vater so schlecht, um nicht
+zu wissen, daß er jedem Menschen seine Freiheit ließ, vorab doch wohl
+seiner Tochter. Er ist niemals meiner Selbständigkeit zunahe getreten,
+dazu war er viel zu klug und viel zu gut. Er wünschte nur, daß ich frei
+meiner Neigung folgen solle, wenn dereinst eine Entscheidung an mich
+herantritt. Ich fürchte jetzt, diese Entscheidung wird nicht an mich
+herantreten, wenigstens nicht von der Seite, von der ich es im stillen
+ersehnt und erhofft hätte.«
+
+Ein dumpfes Schweigen folgte diesen leidenschaftlichen Worten.
+
+Kaspar fühlte, er mußte darauf antworten, aber ihm graute, weil er dann
+schließlich das Schlimmste enthüllen mußte, und das wollte er sich und
+Ursemi ersparen.
+
+Da flog ihm Ursemis schroffe Frage wie ein scharfer Pfeil entgegen:
+»Was steht zwischen dir und mir, Kaspar?«
+
+»Nichts!« antwortete Kaspar verlegen und zuckte hilflos mit den
+Achseln.
+
+Aber Ursemi ließ nicht nach. Von neuem begann sie: »Du bist seit
+dem Engadin ein anderer geworden. Ich nicht. Im Gegenteil! Was
+damals zart in mir emporkeimte, hat feste Wurzeln geschlagen und ist
+stetig gewachsen. Warum ist es bei dir anders, Kaspar? Hast du die
+Pflanze etwa absichtlich mit Stumpf und Stil ausgerissen, ehe sie
+dir allzu kräftig gedieh? Kaspar, ich bitte dich bei unsrer alten
+Jugendfreundschaft, gib mir endlich volle Klarheit. Ich glaube, ich
+habe ein Recht dazu.«
+
+Zaudernd entgegnete Kaspar: »Du hast ein Recht, gewiß, Ursemi; aber
+ich bitte dich dringend, verzichte darauf. Ich hänge noch heute mit
+derselben Neigung an dir wie zu Sils Maria, Reda und Bethel. Das darfst
+du mir schon glauben ohne große Beteuerungen. Nur das eine muß ich
+betonen: Es ist mir bis auf diese Stunde niemals der verwegene Gedanke
+gekommen, daß du mich jemals würdigen könntest, dir nicht nur der
+treuste Freund zu sein, sondern vielleicht auch der liebste und einzige
+Lebenskamerad. Ich habe dich wohl trotzdem geliebt, aber zu Unrecht,
+nur weil ich meiner Empfindungen nicht Herr wurde.«
+
+»Kaspar,« frohlockte Ursemi plötzlich dazwischen, »warum willst du
+dir und mir nehmen, was uns zukommt? Bist du noch immer derselbe
+Bescheidenheitsnarr? Fühlst du denn nicht, daß mich genau dasselbe zu
+dir treibt, was dich zu mir riß?«
+
+Kaspar sprang erregt auf. In seiner Seele raste ein Sturm wildesten
+Wehs. Seine breite Brust atmete rascher, seine Züge wurden so finster
+und trotzig, daß Ursemi erschrak.
+
+Auch sie erhob sich jetzt und wollte auf den Geliebten zugehen, doch
+wie abwehrend streckte dieser die Arme vor und sagte: »Laß mich erst
+ausreden. Nun muß es eben heraus! Und doch, es wird mir so furchtbar
+schwer, denn ich weiß, ich muß dir bitter weh tun, und gerade jetzt, wo
+ich dir tausendmal lieber alles andere sagte als so Schmerzliches. Ich
+will mich nicht entschuldigen, aber vielleicht hätte ich dich und mich
+nicht so schmählich vergessen, wenn ich gewußt hätte, daß du mich doch
+-- nein, es war auch so schlecht genug, denn ich liebte dich -- kurz
+und gut -- ich bin deiner nicht wert! Du darfst mich nicht mehr lieben,
+du mußt mich verachten als einen Unwürdigen.«
+
+Jäh und wie scheu wandte er sich ab.
+
+Mit einem verwirrten Kopfschütteln sank Ursemi leise in den Sessel
+zurück und starrte zu Boden, während Kaspars harte Tritte, ruckweise
+den Boden erschütternd, dumpf in dem dichten Wollhaar des großen
+Smyrnateppichs verhallten.
+
+Endlich fand Ursemi die Sprache wieder und sagte versonnen: »Noch sehe
+ich nicht klar. Vorhin sagtest du, du hättest niemand lieber als mich,
+und jetzt redest du so, daß ich annehmen muß, du hast mich über einer
+anderen vergessen. Verzeih, Kaspar, daß ich mich damit nicht zufrieden
+gebe. Es geht doch um meine ganze Zukunft, um mein Lebensglück!«
+
+»Ursemi, Ursemi!« stieß Kaspar jetzt wie verzweifelt heraus, »was
+schaff ich dir für Herzeleid! Mein Gott, mein Gott, wie soll ich das
+verantworten vor mir und deinem heimgegangenen Vater.«
+
+»Kaspar,« erwiderte Ursemi sanfter, als es sonst wohl ihre Art war, »er
+war ein Mensch, er war mild im Verstehen und nachsichtig im Urteilen.
+Ich will seine Tochter sein. Also sage mir vertrauensvoll, wie alles
+steht. Vielleicht komme ich darüber hinweg.«
+
+Schmerzlich schüttelte Kaspar das Haupt und sagte leise: »Nein --
+darüber kann ein Weib so wenig weg wie ein Mann. Und wenn es anginge
+-- und es geht ja im Leben oft genug an -- von meiner Ursemi wünschte
+ichs nicht einmal. Was ich ihr nicht verzeihen würde, soll sie mir erst
+recht nicht verzeihen. Du sollst nicht heruntersteigen zu einem Mann,
+der -- kurz gesagt -- nicht mehr ist, wie Mann und Weib sein sollen,
+wenn sie einen Bund fürs Leben schließen. Genügt dir das -- verlange
+nicht mehr, Ursemi -- es wäre grausam.«
+
+»Lieber,« sagte Ursemi nach einer langen Pause leise und mit
+sichtlicher Bewegung, »ich glaube, ich könnte dir einen jugendlichen
+Fehltritt so gut verzeihen wie Millionen andrer Frauen.«
+
+»Aber ich verzeih ihn mir nicht,« antwortete Kaspar schroff, »denn er
+war schwerer, als du ahnst, und ich könnte nicht mit dem steten Gefühl
+einer schweren Schuld neben dir leben. Nein, nein!«
+
+»Kaspar,« warf Ursemi ernst ein, »wir müssen uns alle viel verzeihn.
+Wer weiß --«
+
+»Nein, nein,« beteuerte Kaspar heftig, »es war unverzeihlich! Du weißt
+ja nicht alles.«
+
+»Hast du denn das Mädchen in Schande gebracht? Hast dus verraten?«
+
+»Nein, das nicht.«
+
+»Hast du es sehr geliebt, Kaspar?«
+
+»Eben nicht! Und schon das ist schlimm. Das wäre sogar gemein, wenn
+sie mich nicht geliebt hätte. Was sie tat, ist ihre Sache, und die
+Frau war nicht schlecht. Aber ich, ich war schlecht, ich habe wirklich
+unverzeihlich gehandelt, denn ich -- das ist das Schlimmste -- ich habe
+mich vergangen gegen den heiligen Geist der Liebe: Ich habe mich von
+meinen erregten Sinnen hinreißen lassen, obwohl mein Herz einer andern
+gehörte, denn ich liebte dich -- dich allein und vergaß mich doch! Das
+ist ein unauslöschlicher Frevel. Und solch ein Mann ist deiner nicht
+würdig. Niemals! Und nun -- laß mich gehn, Ursemi, ich könnte den
+Blick deiner Augen nicht länger ertragen. Ich bin ein Schwächling, ein
+Elender, ein Undankbarer, und ein solcher darf nie an deiner Seite
+stehn!«
+
+»Das bist du alles nicht,« sagte Ursemi stark, »dazu kenne ich dich
+viel zu gut, Kaspar. Du bist nur wieder der Übergewissenhafte, der ein
+ganzes Leben lang es büßen will, daß er sich einen Augenblick vergessen
+hat, wie das wohl bei jedem Menschen einmal vorkommen kann.«
+
+»Was bist du gut, Ursemi,« stöhnte Kaspar zu Boden blickend, »ich
+ertrage das nicht! Aber das darf mich nicht hindern, zu tun, was ich
+tun muß. Ich muß die Folgen meines Frevels wenigstens auf mich nehmen.
+Ich darf das liebste Wesen, das ich schnöde verraten habe, nie in meine
+Arme schließen, ich könnte es niemals mit reinem Gewissen tun.«
+
+»Und an mich denkst du wohl gar nicht?« fragte Ursemi in alter
+Herbheit.
+
+»Wie kannst du so fragen?« antwortete Kaspar in dumpfer Verzweiflung,
+»ich denke ja nur an dich, ich denke an deinen Vater, und was ich ihm
+schulde. Ich denke daran, daß ich dir ein treuer Freund und Berater
+sein soll, und der, der möchte ich dir doch bleiben dürfen. Und soll
+ich das, dann darf ich an mich und mein Wohl hierbei gar nicht denken,
+ich darf um deinetwillen nie und nimmer dulden, daß du einen Mann
+wählst wie mich, der sittlich und charakterlich tief unter dir steht,
+den du wohl bemitleiden, aber nie achten könntest, wie ein gutes Weib
+es soll. Ursemi, ich kenne dich doch auch, ich weiß, daß du ein stolzes
+Mädchen bist und mit Fug und Recht! Du, gerade du brauchst einen nicht
+minder Stolzen, einen Eroberer, dem du dich in Liebe und Bewunderung
+fügen könntest, aber nie einen so armseligen Gesellen, den du dir aus
+Barmherzigkeit aus dem Staube auflesen müßtest. Du brauchst einen
+Herrn, nicht einen Sklaven, wenn du glücklich sein sollst.«
+
+»Lieber Kaspar,« unterbrach ihn Ursemi scharf, »was ich brauche, weiß
+ich wohl besser als du. Ich wünsche weder einen Herrn noch einen
+Sklaven -- sondern einen guten Kameraden, selbstlos und treu -- seiner
+Menschlichkeit sich bewußt wie du! Darum noch einmal -- und nun zum
+letztenmal: willst du dereinst dieser Kamerad mir werden -- oder nicht!
+Ich will mit Freuden warten, ich will dich achten und lieben, will
+gern vergessen, was du glaubst gefehlt zu haben, ehe du mir gehörtest,
+Kaspar -- willst du?«
+
+Eine bange Pause trat ein.
+
+In Kaspar arbeitete und kämpfte es schwer, endlich sagte er langsam
+mit gebrochener Stimme: »Ursemi, liebste Schwester, ich darf nicht
+tun, was du wünschest, wenn anders ich die Achtung vor mir selber
+nicht verlieren soll. Ich bin in meinem Leben stets der inneren Stimme
+gefolgt, die mich nie betrogen hat. Und diese Stimme sagte mir schon
+früher: du wirst nie der rechte Mann sein können für eine Ursemi -- und
+diese unbestechliche Stimme sagt mir vollends jetzt klar und deutlich:
+Nein, Kaspar, du darfst es nicht tun, du tätest ein zweites Unrecht,
+schlimmer denn das erste. Und ich will dieser Stimme folgen wie bisher,
+will auch gedenken der letzten Worte, die dein Vater mir schrieb: sei
+treu gegen dich und andere!«
+
+»Aus Treue willst du untreu werden,« schrie Ursemi auf, »ich verstehe
+dich nicht mehr, Kaspar.«
+
+»Das ist das Bitterste!« antwortete Kaspar dumpf, »nun wirst du irre
+werden an mir. Ursemi -- nur das nicht! Glaub meiner Redlichkeit!«
+
+»Ich fluche ihr, Kaspar!« In wilder Verzweiflung stieß Ursemi die Worte
+heraus und wandte sich heftig ab, ihrer Kammer zu.
+
+Wie verstört schaute Kaspar ihr nach und wankte dann mühsam zum Zimmer
+hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Für Kaspar Krumbholtz folgten Wochen und Monate tiefster Qual.
+
+Seine oft erschütternden Briefe an Ursemi blieben ohne jede Antwort,
+aber er trug diese Nichtachtung geduldig wie eine wohlverdiente
+Strafe; ja nach und nach kam das Wohlgefühl des sühnenden Büßers über
+ihn.
+
+Daß er richtig gehandelt hatte, ward ihm von Tag zu Tage klarer, und
+schließlich mußte es auch wohl Ursemi eingesehen haben. Denn nach Jahr
+und Tag kam doch wieder ein langer, guter Brief von ihr, in dem sie
+Kaspar um Verzeihung bat, daß sie ihm so gegrollt habe, aber sie habe
+eben zu lange nicht darüber hinweg gekonnt. Vielleicht habe Kaspar
+damals recht gehabt, denn sie wolle ihm als ihrem treuen Bruder zuerst
+verraten, daß eine andere und leidenschaftlichere Liebe nun über sie
+gekommen sei. Harry Brosyn habe ihrs angetan mit seiner unermüdlichen
+Ausdauer und auch gerade mit seiner gebieterisch stolzen Art. Er wolle
+ihren Bitten, dauernd zurückzukehren, nicht nachgeben, sondern bestünde
+unerbittlich darauf, daß ihm seine zukünftige Frau auch in den wilden
+Westen, den er übrigens sehr paradiesisch schildere, folge. Das habe
+schwere Kämpfe gesetzt, vor allem mit Mutter. Doch gestern habe der
+unbeugsame Harry endlich das Jawort erhalten.
+
+In ehrlicher Freude und mit dem Gefühl einer inneren Erleichterung
+schrieb Kaspar seine Antwort, dann suchte er Sebalt auf, der sich
+unterdessen habilitiert hatte und Assistent bei seinem verehrten
+Ordinarius geworden war.
+
+Sebalt war, wie jetzt wieder oft, grimmiger Stimmung. Seine Mittel
+gingen zu Ende, und mit seiner Geliebten harmonierte er auch nicht
+mehr, seit sie eine große Dame und eine berühmte Künstlerin geworden
+war.
+
+Zu Kaspars froher Nachricht sagte Sebalt mit sarkastischem Lächeln:
+»Bist ein glücklicher Kauz, Kaspar. Wo ein andrer die Miene des
+betrübten Lohgerbers aufstecken würde, da kannst du noch strahlen
+wie ein Schneekönig. Ich wünschte manchmal auch, ich könnte wie
+du in Selbstlosigkeit schwelgen; aber ich habe das noch immer
+nicht raus. Ich müßte der Frémont eigentlich gönnen, daß sie von
+mir erlöst wird und die famose Stellung am Wiener Volkstheater
+bekommen hat, trotzdem ärgere ich mich grün und blau darüber und bin
+fuchsteufelswild. Übrigens -- weißt du, was mir eben einfällt? Ich
+werde die Winkler-Stiftung zur Feier der gloriosen Verlobung anzapfen.
+Wir haben doch noch so was wie ne Bildungsreise gut, nicht wahr? Na
+-- meine Bildung genügt zwar für den Hausgebrauch; aber in der Laune
+wäre ich gerade, um mich mit den Südseeinsulanern und ihren Viechern
+anzubiedern. Mein Direx hat da unten ganz nette Studien angefangen, bis
+ihm die Malaria übern Kopf kam. Ich werde mal sehen, ob ich mit meinem
+am Kap der guten Hoffnung imprägnierten dicken Fell und einer soliden
+Büchse Chinin nicht weiter komme als der Alte. Noch heute schreibe ich
+dem guten Papa Volpelius und der noch besseren Mutter Winkler.«
+
+»Hoffentlich vergißt du Ursemi und Harry nicht,« fügte Kaspar lachend
+hinzu.
+
+»Fällt mir nicht ein, alle sollen sie eine niedliche Epistel haben, und
+zur Hochzeit fahre ich obendrein noch, wenn ich den Mammon kriege,«
+schloß Sebalt launig und verabschiedete sich rasch von Kaspar.
+
+Wenige Wochen darauf konnte +Dr.+ Sebalt in der Tat seine
+Südseereise vorbereiten. Das Kuratorium hatte ihm zunächst für drei
+Jahre ein ansehnliches Stipendium ausgesetzt. So wohnte er in höchst
+aufgeräumter Stimmung der Brosyn-Winklerschen Hochzeit bei und
+vertrat Kaspar, der gerade ins Examen mußte, mit »aller Würde und
+Gewissenhaftigkeit seines alten Schelmen«, wie er ihm übermütig
+schrieb.
+
+Kaspars Examen glückte besser, als er es erwartet hatte.
+
+Mit frohem Herzen gab er erst dem jüngsten Südseeforscher das Geleit
+bis Hamburg und nahm dann einen ihn tief bewegenden Abschied in
+Bremen von Ursemi und Harry, die ihn dringend einluden, sie bald in
+Kalifornien zu besuchen.
+
+Kaspar schüttelte wehmütig das Haupt und sagte: »Daraus wird
+wohl nichts werden, ich trete im nächsten Monat an der Leipziger
+Reformschule ein. Nun ists mit der Freiheit wohl endgültig vorbei,
+aber ich hoffe, ihr kommt bald einmal wieder! Hoffentlich dann für
+immer. Reda darf nicht verwaisen.«
+
+Harry drohte lachend mit dem Finger und meinte: »Also du auch, Kaspar?
+Ganz wie Vater und Mama Winkler! Na -- bis ich zur Retraite blase,
+kommst du längst mal nach Frisco!«
+
+Kaspar schwieg erst; als jedoch Ursemi beim letzten Händedruck leise
+fragte: »Wenn ich dich riefe?« antwortete er fest: »Dann käme ich.«
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Die Moravenrunde
+
+
+Kaspars Leben lief nun wieder in streng geregelten Bahnen. Der
+Schuldienst machte seine Rechte unerbittlich geltend, und es galt, sich
+in zwar nicht völlig neue, aber eigenartige Verhältnisse einzugewöhnen,
+die auch einen besonderen Verkehr mit sich brachten.
+
+Allzu anregend war der neue, ziemlich große Kollegenkreis nicht, auch
+seine oft philiströs steifen Formen behagten Kaspar wenig, und mit
+einer sehnsuchtsvollen Wehmut gedachte er jetzt öfter des kleinen
+intimen Institutkreises von Tramberg und seiner fröhlichen, formloseren
+Gesellen. Wenig genug hatte er von ihnen gehört.
+
+L³, mit dem sich Kaspar bisweilen schrieb, hatte schließlich den
+Rektor vortrefflich gebaut und leitete eine Gemeinschule im Westen
+mit Liebe und gutem Bedacht; kam aber mit Bruder Balzar, seinem
+Vorgesetzten, nicht recht zu Rande. Der trutzige Kratt und die wackeren
+Mecklenburger waren ebenfalls Schulleiter geworden; der »Chef« war
+noch rüstig im Amt, Hinzelmann und Wiesendahl wirkten irgendwo als
+Gemeinhelfer, Schlegelmeyer war Divisionspfarrer, der Doppelkollege
+vegetierte noch immer kümmerlich als Hilfslehrer an einem kleinen
+Privatinstitut, und der gute Vater Schnäbele war den Heldentod des
+Missionars gestorben.
+
+Von dem Schicksal der übrigen hatte Kaspar nichts erfahren; seine
+Fühlung mit der Brüdergemeine war gering. Sein alter, nun pensionierter
+Onkel Andreas in Ingelbach, der sich mit Tante Renate an den Erfolgen
+der braven Zwillinge freuen durfte, schrieb ihm nur dann und wann. Auch
+besuchte Kaspar die beiden redlichen Alten nur selten, da sie ihm den
+Austritt aus der Gemeine noch immer nicht ganz verziehen hatten.
+
+Daß es in Leipzig auch eine ganze Reihe ehemaliger Moraven gab, wußte
+Kaspar sehr wohl, aber sie aufzusuchen hatte er früher keine Lust und
+dann keinen Mut gehabt.
+
+Nicht einmal den Gruß des ehrwürdigen, unterdessen auch heimgegangenen
+Ehrentraut Kämpfer an seinen Sohn Gottfried, der als angesehener
+Journalist in Leipzig lebte und nächst Sebalt als der Entdecker des
+großen Talents der jungen Frémont galt, hatte er seiner Zeit bestellt.
+
+Kaspar hatte gar keine literarischen Neigungen, und eine gewisse Scheu
+vor Leuten, die im öffentlichen Leben hervortreten wollten oder
+mußten, wich auch nicht von ihm.
+
+Er dachte sich diesen jungen Kämpfer als die in das äußerlich
+Streitbare verzerrte Karikatur seines furchtlosen, großen Vaters,
+und er wollte nicht eine Enttäuschung erleben, dazu war ihm der Name
+Kämpfer zu lieb geworden.
+
+Da lernte Kaspar eines Tages einen Buchhändler, namens Burkart kennen,
+der auch aus der Brüdergemeine stammte und sich nun mit dem Verlegen
+pädagogischer Bücher schlecht und recht durchs Leben schlug.
+
+Burkart hatte kein leichtes Dasein. Das Geschäft ging flau, viel Kredit
+hatte er nicht, Krankheit und Familiensorgen hörten nicht auf, und doch
+glänzte auf dem Gesicht des stillen Mannes immer eine so sonnige und
+milde Heiterkeit, als wäre er ein besonderer Liebling Gottes, der über
+nichts zu klagen hätte.
+
+Er klagte auch in der Tat nie, im Gegenteil, er suchte anderen
+noch stets durch seinen unverwüstlichen Frohmut und herzlich
+tröstenden Zuspruch zur Lebensfreude zu verhelfen und fand bei aller
+Arbeitsüberlastung immer noch Zeit, sich für allerlei gemeinnützige
+Zwecke, Sonntagsschule, Jünglingsvereine, Arbeitslosenfürsorge und
+dergleichen herzugeben, ja auch finanziell Opfer zu bringen.
+
+Dieser kleine, grundgütige, apostelhafte Mann, der Leute, die er
+mochte, nie so leicht wieder seinem Wirkungskreis entschlüpfen ließ,
+hielt auch Kaspar fest und setzte ihm so lange mit herzlichen Bitten
+zu, bis dieser ihm versprach, eines Abends mit ihm die Tafelrunde der
+alten Moraven aufzusuchen.
+
+Nur ungern ging Kaspar mit Burkart, denn er fürchtete im geheimen eine
+Enttäuschung. Aber das Gegenteil trat ein.
+
+Die Moravenrunde war eine feine Sammlung seltener Charakterköpfe --
+alles Männer, denen man es nach wenigen Minuten anmerkte, daß sie einen
+besonderen Lebensweg hinter sich hatten, reich an verschwiegenem Leid
+und schonungslosen Seelenkämpfen.
+
+Da war vorerst Gottfried Kämpfer, der Journalist, der Vielverfehmte
+und auch von Kaspar völlig Verkannte. Kein sogenannter witziger Kopf,
+auch keine eigentlich scharfe Zunge, wie seine Feder es wohl vermuten
+ließ; sondern ein Mann des stillen Humors, jenes echten, einzigen und
+weltüberwindenden Humors, der auf des Lebens tiefster Tragik basiert
+und seinem Träger die wahrhaft hellseherische Gabe verleiht, hinter die
+wechselnden, gern täuschenden Erscheinungen des Lebens zu lugen und die
+wahren Werte des Daseins rasch zu erkennen und an ihnen gerade da --
+wo der klügste Kopf sie nicht vermutet -- seine behagliche Freude zu
+finden.
+
+Mit befriedigtem Lächeln reichte Gottfried Kämpfer Kaspar die Hand und
+sagte scheinbar krautzig: »Na, Sie konnten auch mal eher kommen, Sie
+waren doch längst reif für unsere Runde der Enterbten.«
+
+»Warum enterbt?« fragte Kaspar erstaunt nach der Vorstellung.
+
+»Weil man uns den Boden,« sagte der eine Nachbar Kämpfers, ein
+Waisenhausvater, ernst, »den unsere Väter mit ihrem Herzblut gedüngt
+haben, vorenthalten und uns in die Fremde gestoßen hat.«
+
+»Tut nichts,« rief Kämpfers anderer Nachbar, ein stämmiger Jurist und
+Parteisekretär der Nationalsozialen, »wir haben Neuland genug und zu
+Pionieren sind die Besten gerade gut genug.«
+
+»Ich meine auch,« fügte Gottfried Kämpfer listig mit den Augen
+zwinkernd hinzu, »wir sind reich, uns gabs der Herr im Traum, jedem
+ein schönes neues Lehen, dir deine Partei mit dem unerreichbaren
+Ziel, den Arbeitern auch das solide schwarz und weiß in die roten
+Seelen zu malen; dem Musikokatos und Organiste da drüben seine
+Verehrergemeinde, der er, zwischen seine Gavotten hinein, vergeblich
+klar zu komponieren sucht, daß die geistliche Musik doch die höchste
+aller Kunstoffenbarungen ist; dann hier der grämliche Waisenpapa --
+halt, ruhig geblieben, ich habe mal das Wort --, du Mann der neuen
+Ethik, der du mit dem Mitleid allein die böse Welt kurieren willst;
+dann der Buchhändler da mit den wegen ihres tiefen Gehalts so gänzlich
+unabsetzbaren Büchern; weiter meine Wenigkeit, die tagtäglich gute
+Saat auf Hoffnung auswirft und keine blasse Ahnung hat, wo und wann
+das Zeug aufgehen wird. Denn die Esel, die an die Redaktion schreiben,
+sind allemal die Gottbegnadeten, die da geistlich arm sind und doch
+das Himmelreich schon auf Erden in Pacht haben. Und das dicke Ende
+kommt nun endlich! Um das halbe Dutzend voll zu machen, tritt heute
+abend auch das vielgesuchte Krumbholtzkasperl wie ein Maultier, das
+lang im Nebel seinen Pfad gesucht, vorsichtig schnobernd, in unsern
+ihm noch stark verdächtigen Kreis. Fahren wir also säuberlich mit dem
+Knaben Absalom, liebe Brüder! Die Jugend hat ja die Zukunft, und dieser
+geheimnisvolle Nachfahre des obersten der heiligen drei Könige hat
+sicher das beste Stück von unsern erträumten Königreichen erwischt,
+den steinigen Boden der Jugenderziehung mit den schönen Disteln, die
+gewisse Tiere, die mit Unrecht für dumm gehalten werden, besonders
+lieben. Heil dir also, mein wackerer Hans der Träumer, du sollst der
+Kronprinz der Enterbten sein! Und wenn du das Geheimnis der neuen
+nationalen Erziehung ganz erträumt haben wirst, dann setzen wir dir
+dereinst die Krone auf dein dann wohl schlohweißes Haupt. Bis dahin
+willkommen, du letzter der Enterbten, der du sollst der erste sein! Ich
+trink dir zu.«
+
+Die übrigen vier riefen laut »Bravo« zu der trefflichen Rede ihres
+Wortführers und tranken Kaspar ebenfalls zu. Dieser dankte verlegen und
+sagte versonnen:
+
+»Wer weiß, ob wir nicht wirklich die geretteten Kleinode des
+moravischen Königsschatzes unterm Mantel tragen?«
+
+Dann ging es an ein langsam, doch sicher tropfendes Plaudern, das
+Kaspar innerlich mehr austrug als manches Kolleg.
+
+Von nun an fehlte er fast nie mehr in dem traulichen Kreise der
+enterbten Moraven und suchte und fand hier stets Ersatz für die oft
+trostlosen Stunden, in denen er mit seinen eigentlichen Kollegen
+zusammensitzen, ihre auffallend gleichmäßigen Studentenerinnerungen,
+Fachsimpeleien und allerlei trüben Schulklatsch anhören mußte. Er tat
+es meist schweigend nach seiner Gewohnheit.
+
+Mit der Zeit galt Kaspar Krumbholtz in der Kollegenschaft für einen
+ausgemachten »Stumpfbold«; auch von seiner Lehrbefähigung wußte niemand
+unter den Vorgesetzten oder Kollegen viel Rühmliches zu melden. Nur
+seine Schüler hingen an ihm.
+
+»Wohl ein Zufall,« sagten einige Kollegen -- »Er ist halt ein guter
+Kerl« die anderen.
+
+ * * * * *
+
+Still, aber im Innersten nicht recht befriedigt von seiner Lehrarbeit,
+lebte Kaspar Krumbholtz seine Tage dahin.
+
+Er fühlte immer klarer, daß er nicht in erster Linie Lehrer, sondern
+Erzieher war. So sehr sich beides bei Leuten, die berufsmäßig an der
+Jugend für die Zukunft des Volkes bauen wollen, vereinigen und ergänzen
+soll, so wenig schien es Kaspar tatsächlich bei seiner Umgebung der
+Fall zu sein.
+
+Die gescheitesten Lehrer waren oft die talentlosesten Erzieher, und
+wer hingegen Erziehungstalent besaß, war nicht immer -- wie er selber
+zum Beispiel nicht -- ein kluger Lehrer, ein souveräner Meister
+der verschiedenen Methoden, die je nach dem Stoff, je nach der
+Individualität der Schüler gewechselt oder vermischt, nicht aber nach
+dem allgemein herrschenden Schematismus anzuwenden waren.
+
+Kaspar sah das alles mit scharfem Blick, dachte auch unaufhörlich über
+all diese wichtigen Probleme nach, von deren Lösung -- seiner Meinung
+nach -- ein gut Teil der zukünftigen nationalen Leistungen abhängen
+würden; aber er fühlte sich nicht berufen, darüber zu sprechen oder
+gar zu schreiben.
+
+Er kannte nur die Sehnsucht nach der ihn und sein Gewissen
+beruhigenden, befreienden Tat!
+
+Aber wie sollte er wohl zu Taten kommen unter den obwaltenden
+Verhältnissen?
+
+Er glaubte sich auf Grunde ehrlichster Selbstprüfung vielleicht für
+fähig halten zu dürfen, mitunter den richtigen Mann für die richtige
+Stelle zu erkennen. Er hielt sich auch wohl für mutig genug, bei
+völliger Freiheit und bei völlig unbeschränkten Mitteln, den stillen,
+tastenden Versuch zu einer Neuorganisation zu wagen, freilich nicht
+ohne die Ergebnisse und Geheimnisse alter moravischer Erziehungskunst
+fruchtbar zu verwerten.
+
+Doch woher sollte ihm, dem kleinen, nicht einmal an seiner Schule eine
+Rolle spielenden Lehrer die Gelegenheit kommen, seine geheimsten Pläne
+irgendwo in die Tat umzusetzen?
+
+In das Kultusministerium würde man ihn nicht gerade berufen, und die
+dort nach althergebrachtem Schema waltenden und schaltenden Juristen
+würden einen ideenreichen und tatenfrohen Schulmeister wohl auch mit
+größerem Mißtrauen und tieferer Verachtung behandeln als eines der
+sagenhaften Tiere des Mondes. Also darauf zu warten hieß der Quadratur
+des Zirkels nachjagen.
+
+Dennoch konnte und mochte sich Kaspar mit dem Verzicht auf seine
+geheimen Pläne und Wünsche nicht recht zufrieden geben, trotz aller
+offenbaren Aussichtslosigkeit.
+
+Ein Wort Goethes, auf das er irgendwo gestoßen war, ließ ihn nicht
+los: »Daß wir uns bilden ist die Hauptforderung; woher wir uns
+bilden wäre gleichgültig, wenn wir uns nicht an falschen Mustern zu
+~verbilden~ fürchten müßten.«
+
+Galt das nicht auch jetzt wieder? Ja -- es war Gefahr im Verzuge --
+trotz aller Reformschulen!
+
+Aber wer sollte helfen? Er gewiß nicht. Und doch, warum nicht auch er?
+
+Alles Neue und Große in der Welt war von stillen Einzelgängern
+ersonnen, von rastlosen Schaffern gefördert, von rücksichtslosen
+Herrschernaturen durchgesetzt worden. Er gehörte vielleicht
+zu den ersten unscheinbarsten Gliedern einer solchen großen
+Entwickelungskette, doch irgendwie handeln mußte auch er!
+
+So zwang sich Kaspar Krumbholtz in heißen, unaufhörlichen Kämpfen einen
+Niederschlag seines inneren Ringens ab, ward sich darüber nach und
+nach selber zu seiner Freude klarer, ward sicherer und arbeitete immer
+von neuem das ganze Organisationsstatut seiner neuen Erziehungs- und
+Bildungsanstalt durch.
+
+Sie sollte gewiß nicht die bestehende Schule ersetzen oder umwandeln,
+sondern sie nur vorsichtig zu ergänzen suchen, sollte die schematisch
+uniformierte heutige deutsche Schule wie vor alters um eine neue
+Individualität bereichern, denn daran gebrach es.
+
+Zunächst galt es einmal, ähnlich wie Wilhelm Winkler es geplant,
+etwa für die drei obersten Gymnasialklassen, die den so wichtigen
+Reifejahren der geistigen und körperlichen Pubertät gerecht zu
+werden strebten, etwas zu schaffen, das als eine Art allgemeiner
+Bildungsschule dienen konnte, wie es vor alten Zeiten etwa die
+Artisten-, später die philosophischen Fakultäten gewesen waren.
+
+Der Freiheit des erwachenden Individuums müßte sorgfältiger
+Rechnung getragen werden als auf den Staatsgymnasien, den Reform-
+und Oberrealschulen. Zugleich aber sollte eine gründliche
+Orientierungsgelegenheit für alle ernsthaft Suchenden geboten werden,
+ehe sie in den oft unbarmherzigen Zwang modernen, spezialistischen
+Wissenschaftsbetriebes, der für viele Bildungshungrige eine Gefahr
+bedeutete, gerieten.
+
+Auch für die künftigen Diener und Leiter des praktischen Lebens, die
+nicht eigentliche Hochschulen besuchen konnten oder mochten, könnte
+eine solche Schule einen Teil der Universität ersetzen und doch mehr
+geben, als die höchsten Klassen der Mittelschulen zu geben pflegten.
+Freilich -- solch ein Werk zu gestalten war unendlich schwierig und
+ohne praktische Experimente kaum möglich.
+
+Kaspar konnte nur denken und tat es redlich. Mit Bangen und beinahe mit
+schwachmütigen Tränen der Verzweiflung hatte Kaspar vor Jahr und Tag
+sein stilles Werk begonnen, und mit immer steigender Schaffensfreude
+war er unermüdlich daran tätig, bis ein neues, ihn bis auf den Grund
+seiner Seele erschütterndes Erlebnis ihn unvermutet aus seiner Bahn
+warf.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Carina
+
+
+Aus der Ferne kamen Kaspar allerlei gute Nachrichten.
+
+Hans Sebalt schrieb befriedigt von seinen erfolgreichen Forschungen,
+die ihn so ausfüllten, daß er mit der Absicht umging, sich aus den
+Listen des Lehrkörpers der Leipziger Universität streichen zu lassen
+und ganz in den Dienst der amerikanischen Union überzutreten, die
+schon jetzt seine Forschungen mit Aufmerksamkeit verfolgte und generös
+unterstützte.
+
+Nur Volpelius wollte davon nichts wissen und bat +Dr.+ Sebalt,
+zu bedenken, daß es Wilhelm Winklers Absicht gewesen wäre, mit seinen
+Mitteln in erster Linie für deutschnationale Zwecke arbeiten zu lassen.
+
+Sebalt schrieb trotzig zurück, die Wissenschaft sei international, und
+er könne in Amerika der Kultur ebenso gut dienen wie in Deutschland.
+
+Noch einmal legte Volpelius nach Rücksprache mit den sechs Kuratoren
+Hans Sebalt nahe: er möge doch wenigstens in Aussicht nehmen, mit
+seiner Forschungsarbeit und ihren Ergebnissen späterhin den Nachwuchs
+deutscher Forscher erzieherisch oder belehrend zu fördern; man sei
+auch gern bereit, dereinst nach Möglichkeit für eine ehrenvolle
+Zurückberufung Sebalts Sorge zu tragen.
+
+Sebalt antwortete ausweichend und verzichtete einstweilen dankend auf
+weitere Zuschüsse von seiten der Stiftung, er bedürfe deren nicht mehr.
+
+An Kaspar Krumbholtz kam bald darauf eine kleine Karte, auf der stand
+lakonisch:
+
++Dr.+ John Sebalt, Mary Sherman. Married.
+
+Viel konnte sich Kaspar dabei nicht denken, aber er gratulierte
+herzlich, obwohl ihn die Art der Anzeige und der Untergang des
+redlichen deutschen Vornamens Hans ärgerte.
+
+Durch Frau Winkler, die mehr und mehr kränkelte, erfuhr Kaspar dann
+nach Monaten, daß Sebalt die bildschöne Tochter eines amerikanischen
+Zuckerkönigs auf Hawai geheiratet habe.
+
+Öfter als Sebalt schrieb Ursemi, nicht ganz so befriedigt und gar nicht
+mehr überlegen, doch treu und offen wie immer.
+
+Es war deutlich in und zwischen den Zeilen zu lesen, daß Heimweh
+nach den schlichten, schlesischen Waldbergen trotz all der
+grandiosen Schönheiten des Yosemite-Tales und der vorsündflutlichen
+Redwoodurwälder die Tochter Wilhelm Winklers verzehre.
+
+Auch zwischen den Ehegatten Brosyn war wohl nicht alles so, wie Ursemi
+es erhofft hatte.
+
+Graf Harry war ein lieber, frischer und tapferer Gesell, auch
+ritterlich und treu; doch ging er in seinen Geschäften und
+Spekulationen so mit ganzer Seele auf, daß Ursemi mit ihren starken
+Gemütsbedürfnissen nicht ganz auf ihre Rechnung kam.
+
+Überdies fragte sie sich und auch Kaspar bisweilen, ob es eigentlich
+großen Zweck habe im Leben, solche Riesenreichtümer aufeinander häufen
+zu wollen, wie es der tollkühne Harry rücksichtslos anstrebte. Ursemi
+war reich, der alte Brosyn einer der begütertsten oberschlesischen
+Magnaten, Harry sein einziger Sohn, galt dabei schon jetzt, als einer
+der Direktoren der kalifornischen Minenbank-Trust-Kompanie, nicht nur
+in San Franzisko, sondern auch in Wallstreet als ein Mann von Gewicht.
+
+Wozu das alles? Wem nutzte er damit? Immer wieder kehrte diese, Kaspar
+schon unheimliche Frage in Ursemis Briefen wieder, auch nachdem sie
+ihm glückselig mitgeteilt hatte, daß sie einem lieblichen Töchterchen,
+Edith benannt, das Leben geschenkt habe.
+
+Von nun an begannen übrigens öfters Erziehungsfragen in der
+Korrespondenz der alten Jugendfreunde eine Rolle zu spielen.
+
+Kaspar verriet schließlich seine Entwürfe für seine ideale
+Bildungsschule, die er einmal ~sein~ Töchterchen »Utopia« nannte.
+
+Darauf meinte Ursemi plötzlich wieder mit alter Laune: er solle die
+»Utopia« mal hübsch dem Kuratorium der Winklerstiftung ausliefern
+-- der Harry übrigens neulich eine halbe Million für Mädchenbildung
+überwiesen habe -- und solle lieber erst mal zusehen, daß er zu einer
+ordentlichen Frau und dann auch zu andern Töchtern käme. Es würde nun
+Zeit.
+
+Kaspar lachte still in sich hinein und dachte: Frauen mögen noch so
+unglücklich sein, sie wollen immer neues Unglück anstiften.
+
+Im übrigen folgte er wenigstens dem ersten Rat und schickte eines
+Tages wirklich seine geliebte »Utopia« an den Geheimrat Volpelius,
+der ihm freudig dankte und schrieb: er habe die wertvollen Anregungen
+sofort dem Kuratorium zur Prüfung und zur Erwägung praktischer
+Versuche überwiesen. Kaspar möge jedoch nicht vergessen, daß für einen
+zeitgemäßen Organisator eine gründliche Orientierung über ähnliche
+Versuche wünschenswert, ja unerläßlich sei.
+
+Außerdem möge er Wilhelm Winklers Wunsch nicht vergessen. Das
+Kuratorium würde es außerordentlich gern sehen, wenn Kaspar in
+absehbarer Zeit eine Studienreise ins Ausland unternähme, etwa zum
+Besuch ähnlicher Erziehungsanstalten in den auch darin mächtig
+aufstrebenden Vereinigten Staaten von Nordamerika.
+
+Als dieser lockende Antrag kam, war jedoch Kaspar nicht in der Lage,
+ihn anzunehmen.
+
+Die Liebe war von neuem in sein Leben getreten und hielt ihn fester in
+Leipzig denn je.
+
+ * * * * *
+
+Auf freundliches Zureden von Volpelius hatte Kaspar gelegentlich dessen
+Freunde, ein liebes, altes Geheimratehepaar, namens Ewald, aufgesucht
+und hatte in ihrem gastlichen Hause mit der Zeit einen ihm menschlich
+wohltuenden und auch geistig überaus anregenden Verkehr gefunden.
+
+Eigene Kinder hatten die alten Ewalds nicht, auch nie besessen; aber
+vielleicht gerade darum liebten sie die Jugend zärtlich. Sie hatten
+bald diesen Neffen, bald jene Nichte zu Gaste und gaben hie und da
+kleine, intime Festlichkeiten, bei denen die jungen Leute zwanglos
+verkehren konnten und auch mit ihren Fröhlichkeitsbedürfnissen auf ihre
+Kosten kamen.
+
+Bei Ewalds sah Kaspar öfters eine junge Dame, namens Carina Mutzer, von
+Geheimrats kurz die kleine Mutzerin genannt, die in mannigfacher Weise
+seine Aufmerksamkeit fesselte und seine Gedankenwelt beschäftigte, da
+sie eine seltene Mischung von Vornehmheit und Einfachheit, von Frohsinn
+und Ernst, von Klugheit und Bescheidenheit zu sein schien.
+
+Der ehedem so begeisterte Turner und Fußballspieler Krumbholtz
+konnte gelegentlich ein leidlich guter und ausdauernder Tänzer
+sein, aber sonst war er noch immer nichts weniger als ein gewandter
+Gesellschaftsmensch.
+
+Dennoch gab sich die kleine Mutzerin gern mit ihm ab und unterhielt
+sich lieber still mit ihm in einem lauschigen Winkel, anstatt sich von
+anderen feiern zu lassen.
+
+Kaspar wollte jedoch nicht, daß die tanzfröhliche junge Dame
+seinetwegen um ihr Vergnügen käme, und so tanzte er mit ihr öfter, als
+es sonst wohl seiner zurückhaltenden Art entsprach.
+
+Da fügte es ein tückischer Zufall, daß er eines Abends mit der kleinen
+Mutzerin im Tanzgedränge zu Falle kam und ihr zwar nicht wehtat, aber
+ein kostbares Kleid zerriß.
+
+Das Unglück kommt bekanntlich selten allein. Wenige Minuten hernach
+hatte Kaspar noch das Mißgeschick, daß er, vielleicht im Eifer, das
+Vergangene durch besondere Aufmerksamkeit wieder gut zu machen, seiner
+Dame beim Anbieten eine Tasse Mokka über das eben mit Stecknadeln
+notdürftig reparierte Kleid goß.
+
+Kaspar war außer sich vor Zerknirschung und Empörung über seine
+Ungeschicklichkeit, doch die kleine Mutzerin war durchaus nicht
+ungehalten, im Gegenteil, sie schien so voller Vergnügen über die
+niederträchtige Laune des Zufalls zu sein, daß Kaspar sich und ihr
+gestehen mußte: das gehe sogar noch über des trefflichen Horatius
+Weisheit »+aequam memento rebus in arduis servare mentem+«.
+
+»Lassen Sie doch,« schalt Carina drollig, »den greulichen Horaz
+mit seinem abgedroschenen Philistergleichmut aus dem Spiel. Der
+Griechenepigone hatte nicht einen Funken Humor, und der ist besser als
+alle +aequa mens+. Ja, staunen Sie nur, ich habe Horaz auch einmal
+mit heißem Bemühn studiert, als ich mein Abiturium machen wollte.
+Gemacht hab ichs nämlich nicht, damit Sie nicht noch einen Schrecken
+bekommen und mich vollends für einen Blaustrumpf halten. Schlecht genug
+tanze ich ja, denn ich war das Karnikel, das vorhin mit dem Plumpsen
+angefangen hat.«
+
+Kaspar bestritt das heftig.
+
+Ein gutes und lustiges Wort gab das andere, und als der junge
+Oberlehrer abends nach Hause ging, da konnte er sich nicht mehr
+verhehlen, was ihm lang schon dämmerte, daß ihm Carina einen tiefen
+Eindruck gemacht habe; zumal heute abend hatte sie es ihm angetan mit
+ihrer Nachsicht und Güte, ihrem unverwüstlichen Frohsinn.
+
+Und plötzlich brannte es lichterloh in seinem Herzen. Er konnte gar
+nicht einschlafen, weil er sich immer wieder aufs neue aussprach:
+Was ist diese kleine Mutzerin für ein natürliches, frisches und
+seelensgutes Ding, und was hat sie für einen prächtigen Mutterwitz!
+
+Und dann kam die zweite Kette von Gedanken, die darin auslief: Was
+müßte es doch für ein unendliches Glück sein, ein solches Wesen sein
+eigen nennen und mit ihm zusammen durchs Leben wandern zu dürfen!
+
+Aber was für riesige Wolkenwände stiegen da sogleich am
+Zukunftshorizont auf, was für bergehohe Widerstände türmten sich da
+empor?
+
+Er ein armer Lehrer mit 2800 Mark Gehalt und 1200 Mark Zinsen, nun --
+das ging noch zur Not, wenn man sich einrichtete. Freilich verwöhnt war
+das liebe Prinzeßchen sicherlich und sollte doch nicht Not leiden bei
+ihm. Nein -- um Gottes willen -- unter keinen Umständen! Mit der Zeit
+würde er schon im Gehalt steigen, aber -- all das andere!
+
+So ein Schulmeisterlein, nicht einmal Doktor oder Reserveoffizier, und
+sie, die Tochter eines richtigen preußischen Regierungspräsidenten --
+gar nicht auszudenken, auch wenn die kluge Mama Ewald vielleicht ein
+gutes Wort für ihn eingelegt hätte.
+
+Und schließlich der bitterböse, der häßliche Punkt in seiner
+Vergangenheit! So schlimm wie bei Ursemi, die er geliebt und verraten
+hatte, stand es ja hier nicht; immerhin -- übel stand es doch auch;
+denn bekennen mußte er das Carina unter allen Umständen. Sie mußte
+wissen, woran sie war mit ihm; wenn es ums Glück der Ehe, um eine
+Lebenskameradschaft ging, durften keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen
+bestehen.
+
+Aber wozu jetzt schon sorgen -- noch lag ja alles im weitesten Felde.
+Wer sagte ihm denn, daß sich das Mädchen überhaupt für ihn
+interessiere.
+
+Drei, vier Mal hatten sie sich gesehen, heute abend ein bißchen lang
+und schließlich auch wohl ein bißchen vertraut miteinander geredet,
+sich sehr fest die Hände gedrückt beim Abschied -- das war alles!
+
+Indessen -- es konnte ein Anfang sein, und seine Pflicht als Mann war
+es sicherlich, beizeiten zu überlegen, ob er ein so kühnes Unternehmen
+wirklich ernsthaft beginnen wolle, und ob er es innerlich und äußerlich
+dazu habe, um es hinauszuführen. Sonst machte er sich und das liebe
+Mädchen nur unglücklich.
+
+Kaspar schwankte und schwankte, prüfte und prüfte.
+
+Immer neue Bedenken stiegen auf. Würden sie denn überhaupt zusammen
+passen, er, der schwerfällige, oft ein wenig plumpe Gesell, und sie,
+das leichte, grazile Persönchen? Er, der stille, noch immer weltfremde
+Pfadsucher, sie, die sieggewohnte Tochter des Salons, der doch wahrlich
+ganz andere Partien offen standen als ein mäßig begabter Oberlehrer
+ohne Chancen!
+
+Und doch, das liebe Mädchen schien einen scharfen Sinn für das Echte
+und Schlichte zu haben; es hatte ferner Geschmack, das war sicherlich
+viel wert, denn ihm fehlte er bisweilen -- leider -- leider! Die kleine
+Mutzerin hatte eine entzückende Leichtigkeit und einen feinen Sinn für
+Humor -- wieder eine passende Ergänzung zu seinem schwerflüssigen
+Wesen.
+
+Ob sie wohl fromm war? Männer mögen so aufgeklärt sein, wie sie
+wollen, aber skeptische Frauen -- warum schließlich nicht -- nur -- --
+da kam er nicht drum herum mit seinen Bedenken -- zur Mutter seiner
+zukünftigen Kinder mochte er eine solche nicht wählen. Zarte Kinder
+müssen im linden Schatten mütterlich keuscher Vorsehung und Frömmigkeit
+aufwachsen, nicht in der grellen Sonne unbarmherziger Aufklärung und
+quälender Zweifel. Die bringt das Leben von selber früh genug an sie
+heran; lang dauert das heilige Mysterium der Jugendtorheit so wie so
+nicht mehr in unserer brutaleren Zeit.
+
+Doch wohin schweiften seine Gedanken! Nächstens erzog er wohl schon
+seine Enkel in Gedanken! Erziehungsnarr!
+
+Und Kaspar legte sich auf die andere Seite und versuchte nun ernstlich
+zu schlafen, obwohl draußen der Morgen schon graute.
+
+Aber wieder begann der Tanz der Fragen.
+
+Wie machte man das wohl alles, das Äußere?
+
+Mußte man nicht den gestrengen Herrn Papa zuerst fragen? Der war fern
+im Norden. Und der Herr Präsident würde ihm schön dienen, wenn er etwa
+angezogen käme mit seinem bißchen Schulmeisterherrlichkeit.
+
+Kaspar, sei nicht verrückt! Warum so hoch hinaus? Such dir eine kleine
+Kollegin oder sonst ein Mädchen deiner kleinbürgerlichen Sphäre; aber
+nicht die verwöhnte, elegante Tochter eines hohen Regierungsbeamten.
+
+Wenn sie dich aber doch lieb haben könnte? Ja wenn -- dann Carina,
+holdseliges Kind, dann holt dich mein tölpischer Arm, der dich gestern
+fallen ließ, doch am Ende noch heraus aus all dem feudalen Flitter
+und dem schnobrigen Plunder und trägt dich empor -- ja wohin? Kaspar,
+sei ehrlich -- vielleicht in die dritte oder vierte Etage eines öden
+Vorstadthauses.
+
+So tanzte es auf und nieder in Kaspars Gehirn; aber er war zäh, er ging
+einmal nicht ungebrannt vom Feuer, das war eben seine Art, und sich
+selbst getreu zu bleiben war sein stolzestes Lebensziel, und -- er
+liebte Carina, das blieb doch das Entscheidende.
+
+Also -- er wollte es ruhig versuchen, sie zu erringen -- und damit
+genug!
+
+Nun schlief er beruhigt ein und so fest, daß er seine erste
+Unterrichtsstunde verschlief und eine Nase vom Herrn Direktor bekam --
+und das von Rechts wegen!
+
+ * * * * *
+
+Schon am nächsten Abend ging Kaspar wieder zu Ewalds und immer öfter
+und öfter, denn es galt eilen, da Carina bald wieder zu ihrem Vater --
+eine Mutter hatte sie nicht mehr -- zurückkehren wollte.
+
+Bald merkte Kaspar, daß auch in der kleinen Mutzerin ein Funke glimmte,
+und nach und nach spürte er sogar die Wärme ihres Innern hie und da an
+einem langen, festen Händedruck, an einem verstohlenen, tiefbohrenden,
+ja verzehrenden Blick und an der stimmungsvollen Einsilbigkeit, die
+immer öfter an die Stelle des erst so neckischen Geplauders oder
+interessierten Gedankenaustausches trat.
+
+Und eines stillen, einsamen Abends, als es den Abschied galt, waltete
+jenes tiefe erwartungsbange Schweigen, das bei ernsten Menschen
+gewichtigen inneren Entscheidungen voranzugehen pflegt.
+
+Die Hände zitterten, als sie sich berührten, zwei Augenpaare schwammen
+in Tränen verhaltenen Wehs, und statt des entschlossenen Losreißens
+kam ein scheues, schmerzvoll zuckendes Festschmiegen, ein seliges sich
+Haben und Halten, ein glücktrunkenes Tasten und Finden von Mund zu
+Mund.
+
+ * * * * *
+
+Kaum hatte das Glück gegrüßt mit zartem Kuß, da krochen auch die
+Schwierigkeiten heran -- leise, gierig, tückisch wie die Vorboten einer
+unbarmherzig steigenden Flut.
+
+Kaspar flehte sofort: Carina möge noch einige Zeit schweigen, bis sie
+alles miteinander durchdacht oder brieflich erörtert hätten; aber die
+kleine Mutzerin wußte auch, was sie wollte, und fühlte sich in der
+neuen Macht ihrer Liebe gewaltigen Mutes voll.
+
+In ihrer jungen, übervollen Seele rauschte und stürmte jene
+geheimnisvolle Macht des großen Glücksgefühls, jenes optimistischen
+Größenwahns, der sich trotzig vermißt, Berge versetzen zu können, weil
+ihm der erste kleine Zauber gelungen ist. Und so erfuhr noch selbigen
+Abends die Tante Geheimrat, zu der Carina ein großes Vertrauen hatte,
+das ihre kleine Welt so elementar erschütternde Ereignis.
+
+Frau Elsbet Ewald war eine sehr kluge, taktvolle alte Frau, die das
+unsagbare Glück der kleinen Mutzerin nicht stören mochte, schon weil
+sie selbst ihre helle Freude daran hatte. Aber auch sie sah nicht
+ohne düstere Sorgen in die Zukunft der beiden Liebenden, denen sie
+von Herzen wohl wollte, und für deren Schicksal sie sich doch mit
+verantwortlich fühlte, da sie ein ganz klein wenig Parze dabei gespielt
+hatte.
+
+Vor allem galt es nun, die Schwester des Präsidenten, ihre intime
+Freundin, zu gewinnen, um dann vielleicht den Herrn Papa vor das fait
+accompli stellen zu können.
+
+Zunächst vermeldete die kluge Frau Elsbet die kleine Braut als
+unbedenklich erkrankt, um wenigstens die Reise aufzuschieben. Dann
+schrieb sie einen äußerst diplomatischen Brief an ihre Freundin, über
+den Kaspar, wenn er ihn gelesen, tief errötet wäre, wahrscheinlich
+sogar heftig protestiert hätte.
+
+Unterdessen sonnte sich das liebe Pärchen in der Gnadensonne des
+ersten Glückstraums, beichtete sich gegenseitig um die Wette all
+seine Schlechtigkeiten und seine redlichsten Vorsätze, baute sich
+sein trautes Zukunftsheim bis auf die letzten Möbelstücke und
+Lieblingsbilder und begann mit einem funkelnagelneuen Idealismus und
+viel gutem Willen die gegenseitige Erziehung.
+
+Da fuhr wie aus blauem Himmel ein Blitz hernieder: Carina ward umgehend
+von ihrem Vater nach Hause beordert, und »Herr Kaspar Krumbholtz,
+Lehrer an der städtischen Reformschule zu Leipzig«, erhielt von einem
+Präsidialschreiber einen kurzen, aber groben Verweis wegen »seines
+ungehörigen Benehmens gegen ein unerfahrenes junges Mädchen von
+vornehmer Familie«, gezeichnet Mutzer.
+
+Kaspar stand, starr über diese Roheit, zitternd da; in hilfloser
+Empörung schossen ihm Tränen in die brennenden Augen. Scham, Wut,
+Stolz, beleidigtes Menschengefühl revoltierten in seinem Innern.
+
+Erst gab ihm der Trotz ein, das Schreiben zurückzuschicken mit einem
+»gelesen und genehmigt! Krumbholtz.«
+
+Dann siegte die Vornehmheit in ihm, und so setzte er sich mit bebenden
+Gliedern hin und schrieb, totenbleich vor krampfhaft erzwungener
+Selbstbeherrschung, einen kurzen Brief an Carina, in dem er ihr das
+Jawort zurückgab und sie bat, ihm das Weh, das er ihr angetan, und die
+Beleidigung, die er ihrem Herrn Vater unbeabsichtigt zugefügt habe, zu
+verzeihen. Das Schreiben des Herrn Präsidenten legte er als Begründung
+für sein Zurückweichen bei.
+
+Umgehend kam ein mit Tränenspuren übersäter, langer Brief Carinas des
+Inhalts: sie könne und wolle nie und nimmer auf Kaspar verzichten und
+wäre sogar bereit, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, ja, wenn es
+nötig wäre, so würde sie mit ihm in die kleinste Dachwohnung ziehen
+selbst auf die Gefahr der Enterbung hin; ihr Mütterliches könne sie
+übrigens verlangen, da sie mündig sei. Vor allem aber solle Kaspar sie
+nicht entgelten lassen, was ihr manchmal vom Dienst verärgerter, im
+Grunde so grundguter Papa gesündigt habe, und er solle doch wenigstens
+zu Geheimrats kommen, die ihn erwarteten. Vater Ewald sei nun auch
+eingeweiht und wolle persönlich an Papa schreiben und ebenso an
+Volpelius, der, bei der Regierung wohlbekannt, früher auch einmal der
+Vorgesetzte Papas gewesen sei.
+
+Kaspar atmete ein wenig auf, als er den Brief gelesen hatte, aber er
+gab dem wartenden Dienstmann nur wenige Zeilen mit:
+
+ »Liebling!
+
+ Ich muß nun warten, bis Dein Herr Vater mir gestattet, Dich bei
+ Geheimrats aufzusuchen; auch Dir gegen seinen Willen zu schreiben
+ erlaubt mir mein Stolz nicht mehr. Stehlen will ich nicht.
+
+ Kaspar.«
+
+Carina gab sich damit nicht zufrieden. Sie setzte die Dienstmänner der
+Karl Tauchnitzbrücke gar weidlich in Bewegung; aber Kaspar war hart und
+erklärte einem nach dem andern, wenn auch mit wundem Herzen: »Keine
+Antwort!«
+
+Qualvolle Tage vergingen. Noch hoffte Kaspar leise; doch es kam nur die
+Nachricht: Carina sei nun entschlossen, selber ihre Sache bei Papa zu
+führen, und bäte Kaspar bei der Treue, die sie sich doch gelobt und die
+sie unter allen, auch den schwersten Umständen einander halten wollten,
+ihr wenigstens auf dem Bahnhof, in Gegenwart der Tante Geheimrat,
+Lebewohl zu sagen. Das sei nichts Unehrliches, das sei er ihr vielmehr
+schuldig.
+
+Kaspar ließ zurück melden: Er werde da sein.
+
+Und so nahmen sie Abschied. Noch einmal beschwor Carina den Verlobten:
+er möge ihr nur treu bleiben; sie werde nie, nie von ihm lassen.
+
+»Und wenn Papa mich ins Gefängnis würfe, ich bräche aus oder wartete
+auf dich, bis er nicht mehr lebte!« Das waren die letzten Worte,
+die Kaspar von Carina hörte, sie hallten fast schaurig in seiner
+pietätvollen Seele wieder.
+
+Was mußte das für eine gewaltige Leidenschaft sein, die in diesem
+kleinen tapferen Mädchen loderte, wenn sie selbst dem Tode des Vaters
+so trotzig entgegen sah.
+
+Und neues Vertrauen auf die Kraft solcher Liebe senkte sich in Kaspars
+zerrissenes Gemüt; er faßte wieder Hoffnung.
+
+Warten wollte er ja gern, so gern -- nur nicht verzichten müssen für
+immer!
+
+Kaspars Liebe ward stark in Geduld. Briefe über Briefe kamen von
+Carina, nicht mehr ganz so zuversichtlich betreffs der väterlichen
+Einwilligung, auch nicht mehr ganz so trotzig in bezug auf deren
+Verzicht; aber noch immer voll der heißesten Leidenschaft, überströmend
+von zärtlicher Neigung zu dem »einzig geliebten Herzensschatz«, der auf
+ihre Treue »bauen könne wie auf Granitgrund«.
+
+Dann flossen die Briefe spärlicher und wurden auch kürzer.
+
+Entschuldigungen traten an Stelle der Beteuerungen; kühle Vernunft trat
+an die Stelle des warmen Gefühls, statt Trost spendete die Schreiberin
+Gründe und schließlich Ausflüchte.
+
+Da merkte Kaspar, daß es zu Ende ging mit der Kraft der kleinen Carina;
+auch sie erlag wohl der Übermacht der Gewohnheit, der nur Helden
+gewachsen sind.
+
+Nun packte Kaspar die Angst wie mit Eisenfäusten, schüttelte ihn und
+jagte ihn empor.
+
+War es nicht feige, das arme, schwache Mädchen allein den schweren
+Kampf um die Zukunft ihrer Liebe führen zu lassen? Aber waren ihm
+denn nicht die Hände gebunden? Erlaubte es denn sein Stolz, um etwas
+zu betteln, dessen man ihn nicht für würdig hielt? Konnte er mit
+ungeschickten, wenn auch gut gemeinten Schritten nicht Carina nur
+Unannehmlichkeiten bereiten und alles verderben?
+
+Gewiß, es sprachen mancherlei schwerwiegende Gründe gegen eine
+persönliche Einmischung. Aber wenn er sich nicht selbst einsetzte,
+ging auch alles fehl, das fühlte er unwillkürlich. Nein, jetzt mußte
+er handeln, er mußte der ermatteten Braut zu Hilfe kommen, falls Hilfe
+noch möglich war. Und so ging er schweren Herzens doch wieder zu
+Ewalds, ließ sich raten, schrieb einen dringenden Brief an Volpelius
+und reiste schließlich selbst in die nordische Provinzialhauptstadt.
+
+ * * * * *
+
+Auf Grund der Empfehlungsbriefe empfing Herr Regierungspräsident
+Mutzer, ein strengblickender, scheinbar wortkarger Mann, Kaspar, maß
+ihn fast drohend von Kopf bis zu Fuße mit den Augen, ehe er ihn mit
+einer gebieterischen Geste zum Sofaplatze wies, und dann verging noch
+eine geraume Weile, bis er zu reden begann:
+
+»Wenn ich Sie heute hier empfange, Herr Krumbholtz, so geschieht das
+einmal, weil Sie sich in der leidigen Angelegenheit bisher taktvoll
+benommen haben, und zweitens, weil ich hoffe, durch eine persönliche
+Aussprache mit Ihnen das endlich zu erreichen, was ich bei meiner
+Tochter noch nicht ganz erreichen konnte, nämlich eine Aufhebung des
+Verhältnisses, ein Verlöbnis kann ich es nicht nennen.«
+
+»Um von vornherein keine Unklarheit walten zu lassen,« erwiderte
+Kaspar gemessen, »so gestehe ich schon jetzt, daß ich gerade mit der
+Bitte an Sie herantreten möchte, daß Sie uns endlich Ihre Einwilligung
+geben möchten. Ich habe auf Ihren Wunsch seinerzeit Carina mein
+Wort zurückgeben wollen, sie hat es nicht gewünscht, und so halte
+ich mich für gebunden, halte mich auch für verpflichtet, alles zu
+tun, was unserer Verbindung förderlich sein kann. Der Weg zu Ihnen,
+Herr Präsident, der Sie für gut befanden, mich durch die Form Ihres
+Schreibens so tief zu verletzen, ist mir schwer genug geworden. Ich
+habe meinen Stolz so gut wie Sie, aber ich habe nicht in erster Linie
+an mich zu denken, sondern an das Glück Ihrer Tochter, dem ich meinen
+Stolz opfern muß.«
+
+»Ich stehe nicht an zu bemerken, Herr Krumbholtz, daß ich mich in der
+ersten Empörung und in der völligen Unkenntnis Ihrer Persönlichkeit
+vergriffen habe, und ich bedaure das. Das ändert aber nichts an meiner
+Meinung, daß ich eine Verbindung zwischen meiner Tochter und Ihnen,
+der Sie doch einem völlig andern Gesellschaftskreise angehören, nicht
+wünsche. Überdies -- wie wollen Sie die Kosten für einen standesgemäßen
+Haushalt aufbringen?«
+
+»Sie vergessen, Herr Präsident, daß Carina, sobald sie meine Frau
+wird, in meinen Stand übertritt, und daß in meinen Kreisen gar manch
+eine Familie mit den bescheidenen Mitteln, die mir zu Gebote stehn,
+glücklich und gesund lebt. Mehr wünsche ich nicht, mehr wird Carina,
+wenn sie mich wirklich lieb hat, auch nicht wünschen.«
+
+»Sie scheinen das sehr genau zu wissen, Herr Krumbholtz. Sie gestatten,
+daß ich daran zweifle bei aller Hochachtung vor Ihrer Lebenskenntnis
+und Ihrer Energie. Eine Frau, die durch ihre Ehe ökonomisch wie sozial
+herabsteigen muß, fühlt sich auf die Dauer nie glücklich, glauben Sie
+mir das!«
+
+»Es mag sein, daß dies für den Durchschnitt gilt, Herr Präsident.
+Ihr Fräulein Tochter ist aber keine Durchschnittsnatur, und sie wird
+sich in das Äußere sicherlich leicht finden. Außerdem ist es ja nicht
+gesagt, daß ich mein Lebenlang städtischer Oberlehrer bleiben werde.«
+
+»Ah, ich verstehe, Sie spielen auf das an, was auch Herr Geheimrat
+Volpelius mir schon schrieb. Das steht aber wohl noch in weitem Felde.
+Wenn Sie daran denken, sich zu verändern, dann -- wüßte ich auch einen
+andern Ausweg, der uns schließlich wohl alle drei befriedigen könnte.«
+
+»Und der wäre, Herr Präsident?«
+
+»Sie sollen schon einmal umgesattelt sein, wie ich hörte. Wie wäre
+es, Herr Krumbholtz, wenn Sies noch einmal riskierten? Sie haben viel
+studiert, auch auf allerlei Nachbargebieten der Jurisprudenz, die
+Semester würden Ihnen ja angerechnet, und all das kann Ihnen später
+noch gute Dienste leisten. Werden Sie Jurist, in zwei, drei Semestern
+können Sie mit Hilfe eines guten Repetitors Referendar sein, und ich
+verspreche Ihnen, an dem Tage nach Ihrem glücklich bestandenen Examen
+gebe ich meine Einwilligung zu Ihrer öffentlichen Verlobung mit meiner
+Tochter. Für das weitere lassen Sie mich sorgen. Wenn Sie einigermaßen
+fleißig und brauchbar sind, und ich darf das nach Ihrem bisherigen
+Lebenslauf annehmen, sollen Sie in dem neuen Beruf mehr erreichen
+als in dem alten. -- Nun bitte -- wie denken Sie darüber? Vielleicht
+brauchen Sie Zeit, sich die Sache in Ruhe zu überlegen?«
+
+»Nein, Herr Präsident. Es steht mir völlig klar vor der Seele, daß ich
+diesen Weg nicht gehen kann, so sehr ich Ihnen für Ihr Entgegenkommen
+danken möchte. Damit Sie mich nicht falsch verstehen, muß ich das näher
+begründen. Ich bin zu meinem Beruf, den ich liebe, an dem ich mit allen
+Fasern meiner Seele hänge, und mit dem ich innerlich verwachsen bin,
+nicht durch Not oder Klugheitsrücksichten gekommen, sondern durch den
+Drang meines Herzens, durch meine ganze Lebensentwickelung. Ich bin
+gleichsam hineingeboren in den Erzieherberuf und gehöre ihm mit Leib
+und Seele, auch wenn ich mir oft genug ausspreche, daß ich ihn, so wie
+ich ihn auszuüben wünschte, an der Stelle, wo ich jetzt stehe, nicht
+ausüben darf. Doch das kann sich mit der Zeit schon ändern.«
+
+»Also gut, Herr Krumbholtz, dann schlagen Sie doch wenigstens die
+akademische Karriere ein, etwa als Pädagoge, oder lassen Sie mich
+dafür sorgen, daß Sie später als Jurist mit Erziehungsangelegenheiten
+beschäftigt werden.«
+
+»Nein, Herr Präsident, keines von beiden. Ich will bleiben, was
+ich bin, weil ich es werden ~mußte~. Aus Ihren sicherlich
+gutgemeinten Vorschlägen sehe ich nur allzu klar, daß Ihnen mein Stand
+gesellschaftlich nicht genügt für den Mann Ihrer Tochter. Und gerade
+das verletzt mich bis ins Innerste; denn ich liebe diesen Stand und
+halte ihn für den wichtigsten für die Entwickelung unseres Volkes.
+Als akademischer Lehrer wäre ich nach meiner ganzen Veranlagung und
+Begabung nicht am Platze und wäre in meinen Augen um kein Haar mehr,
+so wenig wie als Jurist, zu dem ich erst recht nicht passe. Ein
+Kaufmann mag wohl einmal seine Branche wechseln, um in ein Geschäft
+einzuheiraten und so zur Selbständigkeit zu gelangen, obwohl mir auch
+das nicht gefällt. Aber ein überzeugter Erzieher, der sich um äußerer
+Vorteile willen oder selbst aus Liebe zu einem Weibe verleiten ließe,
+seinen Beruf aufzugeben und einem aussichtsreicheren sich zuzuwenden,
+würde mir als ein ehrloser Deserteur erscheinen, im besten Falle als
+ein Schwächling, doch nie als ein Mann, zu dem ein Weib in Achtung und
+Liebe emporsehen könnte. Ihr Fräulein Tochter wußte, wer ich war, als
+sie mich kennen lernte, sie hat dem armen Schulmeister ihre Neigung
+geschenkt und sich damals nicht an seinem Berufe gestoßen. Ich würde
+ihr nie wieder offen und stolz ins Antlitz schauen können, wenn ich
+mich plötzlich meines Standes schämen würde, nur weil er Ihnen nicht
+vornehm genug erscheint. Verlangen Sie von mir, was Sie verlangen
+dürfen, aber nicht das Verzichten auf meine Überzeugung, auf meine
+Selbstachtung und mein ganzes inneres Sein.«
+
+Mit kaum verhaltener Erregung hatte Kaspar Krumbholtz gesprochen, und
+mit gespanntester Aufmerksamkeit hatte der Präsident ihm zugehört; aber
+mit jedem Worte, das dieser hörte, ward ihm klarer, daß er mit dem
+Manne da vor ihm schwerlich je zusammenkommen würde. Er hielt das alles
+für Schulmeisterhochmut, und sein Gegenüber sah ihm ganz so aus, als ob
+er ihn ebenso des Juristenhochmuts zeihen würde, wenn er ihm weiter
+zuredete. Eine Brücke ließ sich nicht schlagen, also lieber ein Ende!
+Mit eisiger Kälte erklärte Herr Mutzer:
+
+»Da ich annehmen muß, daß Sie nicht in der Lage sind, meiner Tochter
+zuliebe das Opfer zu bringen, das ich als Vater für ihre Zukunft und
+ihre gesellschaftliche Stellung verlangen muß, darf ich Sie wohl
+bitten, nunmehr jede Beziehung zu Carina abzubrechen.«
+
+»Ich bedaure,« antwortete Kaspar festen Tones, »diesem Ihrem Wunsche
+vor der Hand nicht Folge leisten zu können. So lange Ihr Fräulein
+Tochter mich nicht meines gegebenen Wortes entbindet, werde ich tun,
+was mir meine Liebe und mein Gewissen gebietet, das heißt, alles daran
+setzen, um sie zu erringen, vor allem meine Existenz so zu festigen
+oder zu verbessern, daß Ihr Fräulein Tochter ohne Sorgen an meiner
+Seite leben kann. Ist das erreicht, werde ich Carina bitten, die Meine
+zu werden.«
+
+»Mein Herr, tun Sie, was Sie verantworten können, ich werde das Meine
+tun, und zwar rasch. Noch heute werde ich meine Tochter vor die
+entscheidende Frage stellen. Sie hat zwischen Ihnen und mir zu wählen.«
+
+»Dann bitte ich nur um die Erlaubnis, vorher noch einmal mit Carina
+reden zu dürfen. Ich habe, wie Sie wissen, Herr Präsident, mich bisher
+zurückgehalten, ihr auch nicht geschrieben, gestatten Sie mir nun
+wenigstens eine kurze offene Aussprache in Ihrem Hause.«
+
+»Es tut mir leid,« erwiderte der Präsident hart, »Ihnen diesen Wunsch
+nicht gewähren zu können, da ich meinem überdies schon abgehärmten
+Kinde diese Aufregung ersparen möchte. Wollen Sie ihr schriftlich noch
+einmal alles klar auseinandersetzen, so bitte tun Sie das in aller Ruhe
+hier nebenan in meinem Schreibzimmer. Geben Sie mir nachher den Brief,
+und ich verspreche, ihn meiner Tochter sofort zu übergeben. Sie mag
+dann alles ruhig durchdenken, ehe sie ihre schwere Entscheidung trifft.
+Erlassen kann ich sie ihr nach alledem nicht mehr. Lieber ein Ende mit
+Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ich bitte -- hier herein. Tinte,
+Feder und Papier finden Sie.«
+
+Mit totwundem Herzen begann Kaspar Krumbholtz seinen Brief an Carina.
+
+Er schrieb ihn klar und freundlich, aber ohne rechte Hoffnung, denn
+nur von Angesicht zu Angesicht hätte er noch einen Sieg für möglich
+gehalten.
+
+So stand er schließlich wieder auf und ging noch einmal zu dem
+Präsidenten und bat ihn abermals, ihm doch wenigstens vielleicht im
+Beisein der Tante eine Unterredung mit Carina zu gewähren.
+
+»Wir kämpfen mit zu ungleichen Waffen,« schloß Kaspar mit bebender
+Stimme, »wie jetzt die Verhältnisse liegen, wird mein Einfluß, vollends
+durch das geschriebene Wort gegen das gesprochene des geliebten und
+gebietenden Vaters, nicht aufkommen können! Lassen Sie mich zu ihr
+reden, Herr Präsident, nur das eine Mal; es handelt sich um das Glück
+meines Lebens!«
+
+»Um das meine wohl nicht minder, Herr Krumbholtz! Und wenn Sie von
+einem Kampfe reden, so wäre ich doch ein Tor, Ihnen die Chancen, mich
+zu überwinden, zu erleichtern. Ich habe soeben Gelegenheit gehabt, Ihre
+zähe Energie zu prüfen, und ich fürchte den erneuten Einfluß Ihrer wohl
+nicht ungefährlichen Persönlichkeit auf meine Tochter. Also ich bedaure
+nochmals --«
+
+»Herr Präsident,« flammte nun Kaspar empor, »zwingen Sie mich, bitte,
+nicht, Wege einzuschlagen, die mir unsympathisch und nur durch die
+äußerste Not zu rechtfertigen wären.«
+
+Ärgerlich griff der Präsident nach der Glocke, läutete dem Diener und
+ließ Fräulein Carina zu sich bitten.
+
+Dann ging er stampfend wie ein gereizter Stier auf und ab und polterte
+heraus: »Sie sind wirklich ein Eisenkopf, Herr Krumbholtz.«
+
+Ruhig erwiderte Kaspar: »Wenn ich nicht alles daran setzte, das
+Mädchen, das ich liebe, zu gewinnen, wäre ich kein Mann, und Sie wären
+sicher der erste, der mich verachten dürfte. Würden Sie in meiner Lage
+anders handeln, Herr Präsident?«
+
+»Sie wollen aber mit dem Kopf durch die Wand, junger Mann. Doch
+meinetwegen, ich bin meines Kindes sicher. Also sagen Sie Carina
+nebenan, was Sie für gut halten. Dann werde ich die Kabinettsfrage
+stellen. Vorher gebe ich Ihnen jedoch nochmals anheim, meinen Vorschlag
+von vorhin in Erwägung zu ziehen. Auch mir liegt daran, ohne Tragik
+auszukommen. Sie scheinen ein Mann von Mut und Ausdauer zu sein, ich
+würde mich freuen, Ihnen nach Erfüllung der gestellten Bedingung die
+Wege zu ebnen.«
+
+Stumm und traurig schüttelte Kaspar den Kopf und ging langsam in das
+Nebengemach.
+
+Bald darauf erschien Carina. Mit ruhigem Ernst empfing sie der
+Präsident und sagte:
+
+»Liebes Kind, ich sehe mich leider genötigt, dir schon heute die
+Entscheidung nahezulegen, von der wir gelegentlich sprachen. Herr
+Krumbholtz wünscht noch einmal mit dir zu reden, ehe ich dich
+bitte, zwischen ihm und mir zu wählen. Die Gegensätze haben sich so
+zugespitzt, daß eine Vermittlung, wie ich sie noch eben anzubahnen
+versuchte, ausgeschlossen ist.«
+
+Erschrocken und zögernden Schrittes trat Carina vor den Geliebten.
+
+Matt war ihr Händedruck, dann sagte sie leise: »Ich danke dir, Kaspar,
+daß du gekommen bist, aber folgen kann ich dir nicht, ich kann nicht
+von Papa fort. Er hat niemand außer mir, und ich hänge viel, viel mehr
+an ihm, als ich dachte. Dergleichen merkt man immer erst, wenn man mit
+dem Gedanken umgeht, sich zu trennen.«
+
+»Carina,« entgegnete Kaspar weich, »hast du vergessen, was du mir zum
+Abschied in Leipzig auf dem Bahnhof zuriefst? Soll ich weiter auf dich
+warten, ich will es tun. Viel zu gern! Nur laß mich hoffen. Vielleicht
+wird dein Vater doch mit der Zeit anderer Meinung. Ich will unterdes
+redlich versuchen vorwärts zu kommen.«
+
+»Laß es gut sein, Kaspar, es hilft doch nichts. Ich habe mir damals
+in Leipzig alles anders und leichter gedacht. Ich habe dich wohl noch
+immer so lieb wie ehmals, aber der Mut ist mir gebrochen. Man grübelt
+und ringt nicht umsonst wochenlang mit seiner Umgebung, mit seinen
+liebsten Angehörigen. Ich müßte an deiner Seite nicht nur in eine neue,
+mir fremde und nicht sonderlich verlockende Welt, ich müßte -- ich weiß
+es jetzt -- in die völlige Einsamkeit, beladen mit dem väterlichen
+Fluch -- und das geht über meine Kräfte. Ich würde bald zusammenbrechen
+und dir kein Glück bereiten, nur eine Last sein.«
+
+»Zwei Menschen, die sich selbst genug sind, können nie einsam sein.«
+
+»Doch -- ich wäre es -- ich bin anders als du, bin nicht so trotzig,
+unabhängig und genügsam wie du.«
+
+»Du wirst es an meiner Seite bald werden, Carina. Und ich hoffe, mit
+der Zeit wird auch dein Vater ein Einsehn haben.«
+
+»Vater -- nie. Da kenn ich ihn besser. Er ist seelensgut, aber er geht,
+wie viele seines Standes, allzu sehr im Äußern, im Formalen auf. Und
+ich bin vielleicht auch darin ein wenig seine Tochter. Ich würde mich
+wohl in dein Wesen, aber schwerlich in deine Ziele, niemals in deine
+Gesellschaftskreise finden können.«
+
+»Die brauchen wir nicht, Carina, --«
+
+»Doch -- du vielleicht nicht, aber eine Frau braucht dergleichen.«
+
+»Aber nicht eine Frau wie du, Carina.«
+
+Müde lächelte die kleine Mutzerin, dann sagte sie resigniert: »Du hast
+eine zu hohe Meinung von mir, Kaspar, wie ich sie selber auch von mir
+hatte; aber ich bin leider keine Heldin, ich bin doch nur ein armselig
+schwaches Weib, das zu einem Kämpfer, wie du es wohl bist, gar nicht
+passen würde.«
+
+»Carina, sage das nicht. Gerade du bist die beste Ergänzung für mein
+Wesen, Carina, laß mich nicht im Stich, du weißt nicht, was du mir
+bedeutest!«
+
+»Ich weiß es vielleicht -- und dennoch, Kaspar -- wenn ich heute eine
+Entscheidung treffen muß, und mein Vater fordert sie -- dann muß ich
+mein Wort zurücknehmen und dir Lebewohl sagen. Denke nicht zu hart von
+mir, Kaspar, verlier nicht den Glauben an unser Geschlecht, weil eine
+davon deiner nicht wert war. Vergiß mich, aber verachte mich nicht!
+Küsse mich noch einmal zum Abschied -- es lindert meine Qual -- Komm,
+hab Mitleid mit mir --«
+
+»Carina!« schrie Kaspar leise auf, »das soll das Ende sein -- also leb
+wohl!«
+
+Hart stieß Kaspar Krumbholtz die dargebotene Hand zurück, verbeugte
+sich kaum merklich und verließ eilends das Zimmer, in dem Carina
+schluchzend auf ihres Vaters Schreibstuhl niedersank.
+
+Mit einem tonlosen »Sie haben gesiegt, Herr Präsident!« grüßte Kaspar
+den stumm sich verneigenden Herrn Mutzer und ging trotzig davon.
+
+ * * * * *
+
+Je wilder der Sturm gewesen war, der zunächst in Kaspars Seele gewütet
+hatte, um so tiefer war nun die Niedergeschlagenheit, die sich seiner
+bemächtigte.
+
+Verbitterung, Pessimismus, Menschenverachtung, Mutlosigkeit, ja
+Verzweiflung an sich und seiner Zukunft -- alles kam mit einem Male
+über ihn und nagte an seiner Seele, deren Widerstandskraft eine
+Zeitlang wie gebrochen erschien. Nicht einmal zu hassen vermochte er
+mehr, nur Mitleid regte sich bisweilen. Was hatte Carina viel anders
+getan als er bei Ursemi? Sie hatte dem inneren Muß gehorcht wie er.
+
+Gleichgültigkeit kam über Kaspar. Die Arbeit an seinen Schülern, die
+ihm sonst über alles ging, wollte ihm nicht mehr viel bedeuten, wollte
+ihm auch nicht mehr recht glücken, da Lust und Liebe fehlten.
+
+Tagtäglich nannte sich Kaspar einen haltlosen, erbärmlichen
+Schwächling, verhöhnte sich und lachte sich aus, rief den lieben, alten
+Trotz zu seiner Unterstützung herbei und sprach sich immer wieder aus:
+Warum sich so werfen lassen? Ist sies denn wert? Zeige wenigstens dem
+hochmütigen Präsidenten erst recht, was du kannst! Doch immer wieder
+kam die Antwort aus seinem Innern: Wozu das alles? Für wen mühst du
+dich ab? Laß alles gehen, wie es geht!
+
+Die alte Spannkraft der Seele schien völlig geschwunden zu sein.
+
+Sogar der stille, zuversichtliche Glaube an die allwaltende Liebe
+Gottes und das nach und nach wieder sicher gewordene Vertrauen in seine
+unergründlich weise Führung wankten von neuem bedenklich in Kaspar
+Krumbholtz. Er wußte, daß es unendlich kleinlich und töricht war, seine
+Anschauung über Gott, Welt und Menschenbestimmung abhängig zu machen
+von trüben persönlichen Erfahrungen und sicherlich vorübergehenden
+Eindrücken, und dennoch konnte er sich zurzeit auf einen höheren
+Standpunkt nicht erheben.
+
+Es gab einmal keine absolute Gotteserkenntnis für uns jammervoll
+beschränkte Menschen; es gab wohl nur ein Spiegelbild des Höchsten in
+unseren Seelen, und dessen Deutlichkeit und Färbung mußten mit unsern
+Stimmungen wechseln.
+
+Und doch -- wozu gab es das Leid, wenn es nicht den Boden des Herzens
+pflügend aufreißen sollte, um ihn von neuem und immer fruchtbarer
+zu machen für den Samen des Unvergänglichen? Wozu gab es den doch
+unausrottbaren Drang zum Erkennen, zum Schaffen und Wagen, zum
+Fortschreiten und zur Freude an jedem Gelingen in unserer Brust, wenn
+er nach bitteren Enttäuschungen nicht um so kräftiger hervorbrach wie
+die Triebkraft eines gekappten Strauchs, der nach Überwindung der
+schweren Saftstockung aus vermehrtem Wurzelvermögen zu wirtschaften
+vermag.
+
+Sollte nicht gerade diese letzte, schwerste Erfahrung ihn loslösen
+von dem zu billigen Genuß eines Durchschnittlebens, um ihn für
+seinen eigentlichen, vielleicht ungewöhnlichen Daseinszweck um so
+unabhängiger, um so geschickter zu machen?
+
+Und Kaspar sann und sann unaufhörlich und konnte sich lang nicht
+zurechtsinnen.
+
+Erst nach einem stillen unablässigen Versenken in die ruhige
+Selbstverständlichkeit und zugleich Unergründlichkeit der großen Natur
+und ihrer Gesetze, erst im wohltuenden Frieden einer fast ungetrübten
+Einsamkeit begannen Kaspars tiefe Wunden nach und nach sich zu
+schließen und zu vernarben.
+
+Die Lust zum Gestalten erwachte plötzlich wieder, bald auch die
+Freude an der Entwicklung der ihm anvertrauten Jugend. Und ein neues
+Verantwortungsgefühl war dann die erste Spur eines verfeinerten Selbst-
+und Pflichtbewußtseins, das in seinem scheinbar so verödeten Innern
+langsam erstand.
+
+Und nun merkte Kaspar deutlich und immer deutlicher, daß die schwere
+Niederlage ihn seltsam verwandelt hatte.
+
+Er blickte tiefer und verständnisvoller in Seelen und Zusammenhänge.
+
+Vor allem betrachtete er seine Kollegen mit anderen Augen, er sah sie
+und ihre Menschlichkeiten in milderem Lichte, und doch sehnte er sich
+aus ihrem Kreise fort.
+
+Er dürstete nach neuen Anregungen, aber er fand sie nicht. Sein
+bisheriges Leben dünkte ihm schal und oberflächlich, er glaubte
+geträumt, aber nicht mit vollem Bewußtsein gelebt zu haben.
+
+Neue, tiefere Bedürfnisse waren in ihm wachgeworden und verlangten nach
+Befriedigung.
+
+Nur an der Tafelrunde der Moraven fand er noch immer jenes stille
+Behagen, das eine harmonische Gesellschaft gleichgestimmter Seelen
+erzeugt. Gottfried Kämpfer fiel Kaspars Veränderung freilich auf; er
+neckte ihn wohl erst, nannte ihn »einen Peter Schlemihl, der keinen
+Schatten werfen könne, da er selbst nur Schatten sei«. Dann aber
+schaute er tiefer und wußte nicht nur scharf zu sehen und zu treffen,
+er wußte auch wacker zu trösten.
+
+Kämpfer nahm den Freund nach einer guten Sitzung nachts mit auf einen
+schönen Mondscheinspaziergang, ließ sich Kaspars Herzeleid beichten
+und erzählte ihm von seinem großen Weh: Wie er vor Jahren sein schönes
+junges Weib und ein zartes Kindchen bald nacheinander hergeben mußte;
+wie er darüber seinen Gott abermals verlor in dem rasenden Sturm seiner
+bittersten Verzweiflung und dann vergeblich Betäubung suchte auf weiten
+Reisen, ja zuletzt eine mitleidige Kugel auf dem Kriegsschauplatz
+Südafrikas.
+
+»Aber sie schossen in Wahrheit längst nicht so gut,« schloß Gottfried
+Kämpfer seinen düsteren Bericht, »wie in den Zeitungen, diese dreimal
+vermaledeiten Buren! Sie haben mich nur um meinen letzten Funken
+idealer Selbsttäuschung gebracht, diese Hallunken! Sie hatten mich
+angelogen wie das Leben. Und so dachte ich schließlich: lüge du auch,
+die Wahrheit macht sich nun einmal so sehr schlecht bezahlt auf dieser
+Welt; es gibt niemand freiwillig einen Dreier dafür. Und so ließ
+ich den bösen Buren ihren großen Heldenruhm ungeschmälert, gab aber
+gerechterweise den lieben englischen Tommies auch ihr Teil und dem
+guten deutschen Publikum erst recht! So log ich mich langsam ins Leben
+zurück und kam schließlich wieder glücklich bei meiner Zeitung und
+in meinem alten Traumparadies an und pflegte den wunden Helden, mein
+törichtes Herz, mit Ach und Krach wieder leidlich gesund. Auch den so
+schnöde von mir zertrümmerten Herrgott log und leimte ich mir nach und
+nach wieder zusammen; er sieht ja noch ein bißchen geflickt aus, aber
+er hält doch und sitzt ganz stattlich wieder auf seinem Throne, als
+habe sich nichts verändert. Es hatte sich auch gar nichts verändert,
+weder die Welt, noch der Herrgott -- nur mir war die Brille ein bißchen
+blind geworden. Das gab sich aber, als es nicht mehr so kalt war um
+mich her. So, mein lieber Prinz mit der heimlichen Krone und dem allzu
+heißen Herzen unterm Mantel, hm, die Moral von der Geschicht -- ein
+bißchen Kälte schadet nicht.«
+
+Kaspar lächelte gerührt und sagte bewundernd: »Ja, wer deinen Humor
+hätte, Kämpfer!«
+
+Gottfried Kämpfer erwiderte schmunzelnd: »Warts nur ab, lieber
+Junge, vielleicht wächst dir diese seltne Rebe auch noch. Sie liebt,
+damit dus weißt, vulkanischen Boden wie die Lacrima Christi, je mehr
+Herrlichkeiten unter der dunklen Lava liegen, um so üppiger sprießt
+sie, um so feiner wird ihre Blume!«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Silvester
+
+
+Nach reiflicher Überlegung hatte sich Kaspar Krumbholtz entschlossen,
+den Antrag des Kuratoriums nunmehr doch anzunehmen, zumal auch Ursemi
+ihm keine Ruhe ließ und ihn immer dringender bat, sie doch einmal zu
+besuchen.
+
+Harry habe ihr soeben, schrieb sie, ein geräumiges Palais gebaut,
+New-Reda genannt, hoch über San Franzisko, auf dessen wundervolle
+Bai vom goldenen Tor sie nun tagtäglich herabschauen könne. Selten
+sei auf der lieben Gotteserde so viel Schönheit verschwenderisch
+zusammengehäuft worden wie in diesem sonnenheiteren, freilich ein
+wenig wackligen Kalifornien, und doch könne sie die ernsten, nebligen
+Waldberge Schlesiens darüber niemals vergessen. Kaspar müsse zu ihr
+kommen und sie vom Heimweh kurieren, dafür wolle sie ihm auch klar
+machen, daß ein alter Junggeselle gar nichts von Kindern verstehen
+könne.
+
+Kaspar lachte -- nach langer, banger Zeit -- endlich einmal wieder
+aus vollem Halse und fröhlichem Herzen. Dann ging er voll innerer
+Gewißheit und Klarheit zu seinem Direktor, um ihm zu kündigen.
+
+Der sprach einige schöne bedauernde Worte, die auf Kaspar jedoch
+weniger Eindruck machten, als vor Jahren der ehrliche Ärger des
+Tramberger »Chefs«.
+
+Die Kollegen machten große Augen, als sie von Kaspars Austritt und
+seiner Begründung hörten, und fragten einander erstaunt, was dieser
+gewiß biedere, doch in seinen Fähigkeiten ziemlich begrenzte Kollege da
+drüben im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten wolle.
+
+Kaspar verriet es ihnen nicht, er wußte es ja selbst noch nicht so
+recht. Er kam sich selber zur Genüge klein und unwert einer solchen
+unverdienten Auszeichnung vor; aber das Kuratorium war seinen
+utopischen Entwürfen so nahe getreten, daß es ihm schon eine ganze
+Reihe ergänzender Beobachtungen auferlegt und auch eine ziemlich exakte
+Marschroute für die bedeutendsten Erziehungsanstalten Nordamerikas
+vorgeschrieben hatte.
+
+Kaspar ging mit gewohnter, zäher Gründlichkeit an die neue schwierige
+Aufgabe, in der er doch wieder einen höheren Wink zu erkennen glaubte.
+
+Er studierte die nicht kleine, aber merkwürdig oberflächliche,
+meist nur nach dem äußeren Eindruck urteilende Literatur über
+Amerika, aus der jedoch drei bedeutsame und völlig verschiedene
+Urteilsindividualitäten hervorragten: ein künstlerisch empfindender
+Geograph, sein geliebter verstorbener Lehrer, ein still von ihm
+verehrter und auch schon betrauerter Lausitzer Poet und ein ihm noch
+unbekannter deutsch-jüdischer Philosoph, der allerdings nicht ganz die
+Objektivität der beiden andern aufwies, vielleicht weil er, wie so
+viele Deutsche, Amerika zu lieb gewonnen hatte.
+
+Aus diesen drei deutschen und zwei sehr ergiebigen englischen Quellen
+schöpfte Kaspar seine beste Vorbereitung für die bevorstehende eigene
+Anschauung.
+
+ * * * * *
+
+Nun galt es Abschied zu nehmen. Viel Liebes besaß Kaspar nicht im
+Vaterlande.
+
+Die Enterbten der Moravenrunde gaben ihrem »heimlichen Prinzen« launig
+ihren Segen, und Gottfried Kämpfer hielt zu seinem Abschied eine
+warme, sinnige Scherzrede über den heilkräftigen Wert sogenannter
+Kolonialböden.
+
+Er habe manche Nacht darauf gelegen und nach und nach herausbekommen,
+daß sie einen zauberisch würzigen Duft ausströmten, der besonders für
+alternde Gehirne, senile Willenspotenzen und verkalkende Arterien
+ausgezeichnete Dienste tue. Kaspar solle sich also öfters, namentlich
+im jungfräulichen wilden Westen, auf den Boden legen, aber ja nicht auf
+den Bauch, sondern hübsch mit der Nase gen Himmel, sonst verlöre der
+beste Pionier die Orientierung.
+
+Mit drei Hurras für »Seine Königliche Hoheit, den Prinzen Schlemihl
+von Utopien, zurzeit Ehrenritter des goldenen Kalbes«, schloß der
+Journalist und überreichte Kaspar feierlich seinen kleinen Kompaß aus
+dem Burenkriege, damit er jederzeit wie der andächtig betende Moslem
+wisse, wo sein Mekka, wo »das liebe, närrische Land der solidesten
+Träumer« liege.
+
+Dann fuhr Kaspar nach Reda zu der recht hinfälligen Mutter Winkler, die
+ihm, noch immer sorgend, allerlei Päckchen für die große Ursemi und die
+kleine Edith mit vielen Grüßen auf die Seele band.
+
+Auch den +Dr.+ John Sebalt und seine Zwillingsbübchen sollte
+Kaspar von ihr grüßen, wenn er ihn irgendwo zu sehen bekäme.
+
+Volpelius hatte eingehende Besprechungen mit Kaspar und weihte ihn
+völlig in die nun schon zu wichtigen Einzelheiten gediehenen Pläne des
+Kuratoriums ein.
+
+Von Kaspars Berichten erwarte man vor allem Klärung in allerlei
+schwierigen Fragen für praktische Aufgaben, die eben in Amerika
+vielfach mit dem ganzen Mut traditionsloser Pioniere und dem Geschick
+lebenskluger Geschäftsleute gelöst seien.
+
+Kaspar möge als unbefangener Erziehungssachverständiger nachprüfen, ob
+und wie weit dabei »der Geist, der sich die Formen schaffe«, zu seinem
+Rechte gekommen sei und was, ohne deutscher Eigenart zu schaden, als
+fruchtbare Anregung oder gar als Vorbild zu verwerten sei.
+
+Die Mittel seien so weit beisammen, daß man demnächst mit den ersten
+Bauten der Winklerstiftung beginnen könne.
+
+Dann händigte Volpelius seinem Schützling einen großen Stoß wichtiger
+Empfehlungsbriefe und einige Reisescheckbücher ein.
+
+ * * * * *
+
+Von Reda reiste Kaspar nach Ingelbach zu seinem hoffnungslos
+dahinsiechenden Onkel Andreas, den Tante Renate mit selbstloser Hingabe
+pflegte.
+
+Es war ein bewegtes Wiedersehen und -- wie Kaspar deutlich fühlte --
+ein Abschied für immer.
+
+Zum Skelett abgemagert, lag der ehrwürdige Onkel nun schon seit Monaten
+völlig hilflos auf seinem Schmerzenslager. Und doch kam keine Klage
+über die schmalen, blutleeren Lippen, im Gegenteil, er dankte seinem
+Herrn Jesus, der ihm Gelegenheit gebe, seinen Glauben an ihn auch im
+Leiden zu bewähren, und ihn damit zu preisen vor den Menschen.
+
+Es war ein stiller, rührender Held, der so, leise und eindringlich,
+zu seinem Neffen sprach. Es war kein verzückter Märtyrer, kein
+überspannter Fanatiker, aus dem etwa unheimlich die Selbstqualfreude
+hervorloderte.
+
+Kaspar fand zwar keinen Trost für das furchtbare Leiden des sterbenden
+Mannes, er blieb stumm vor Ergriffenheit; aber er nahm aus den
+abgezehrten Knochenhänden des Greises reichen Trost und Segen mit sich.
+
+Das Bild Christi war in Kaspars Seele lang verschwunden; nun tauchte
+es, wie aus Morgennebel, schüchtern wieder empor, lieblich und rührend,
+väterlich milde und menschlich gütig wie in den Tagen seiner ersten
+Liebe zu ihm.
+
+Um Dogmen und Forschungsergebnisse war es Kaspar schon längst
+nicht mehr zu tun; auch die theologische Auffassung der Person des
+Menschenerlösers war ihm, wenn nicht gleichgültig, so doch
+unwesentlich.
+
+Nur eines stand ihm plötzlich wieder fest: Wenn Christi Leben und
+Sterben noch immer befreiend, verklärend, ja wunderkräftig auf so
+schlichte, reine und ernste Menschen wie Onkel Andreas wirken konnte,
+dann konnte seine göttliche Wirkung und Bestimmung, deren letzter
+Urgrund für uns Menschen vielleicht absichtlich Geheimnis bleiben
+sollte, noch längst nicht nachgelassen haben oder gar erschöpft sein.
+
+Auch Kaspar wollte ruhig warten, was in seiner Seele nach und nach
+offenbar, oder vielleicht nur ~wieder offenbar~ werden wollte.
+Erzwingen ließ sich nichts, das hatte er zur Genüge erfahren.
+
+Eines wußte er nun: Das innere wie äußere Erleben spiegelt uns
+unsern Gott. Und wie das Leben millionenfach verschieden ist, gleich
+der großen Natur und ihren Offenbarungen, so auch der Spiegel des
+göttlichen Wesens in den Seelen der Menschen. Je bewegter die Seelen
+sind, um so unklarer wird dieses Bild; darum gilt es ruhig zu werden,
+um seine erhebende Schönheit rein und andächtig zu genießen, ruhig wie
+die Kinder, die redlichsten Diener Gottes.
+
+ * * * * *
+
+Es war Silvester, und wie in seinen Jugendjahren ging Kaspar Krumbholtz
+mit ernster Fassung in den weihevollen Mitternachtsgottesdienst der
+Neujahrsnacht, nachdem er Onkel und Tante nach alter Brüdergemeinsitte
+einen gesegneten Übertritt in das neue Jahr gewünscht hatte.
+
+Rundum warmes, schweigendes Düster, nur hie und da spärlich erhellt
+von weichem, bläulich verschleiertem Laternenschimmer. Feuchter
+Nebeldunst war beim Atmen zu spüren, unsicher tastete der Fuß über das
+schmutzig-schlüpfrige Pflaster.
+
+Etwas Erwartungsvolles, unheimlich Kreißendes lag über der im Dunkel
+versunkenen Landschaft wie vom Brauen und Weben einer fruchtbaren
+Vorfrühlingsnacht.
+
+Das alte, brave Glöcklein rief mit seinem heiseren, dünnen Stimmchen
+vom gespenstischen Dachreitertürmchen herab die Andächtigen aus
+Ingelbach und Umgegend zum großen Kirchensaal, vor dessen Türen die
+Bläser mit vollen Backen und unter einigen redlichen Schweißtropfen
+einen schwierigen, nur für diese Gelegenheit üblichen Choral bliesen.
+
+Im schlichten, weißen Saal standen noch die hohen, duftenden
+Christtannen im Schmuck ihrer letzten Lichter, und rings von den Wänden
+und den Brüstungen der Emporen herab grüßten feierlich Lichtlein um
+Lichtlein.
+
+Der feinfühlige Organist intonierte stimmungsvoll ein zartes,
+wehmütiges Vorspiel, das wie ein müdes Scheidelied an das alte Jahr
+klang, während sich Kaspar hinten unters Chor in einen stillen Winkel
+schlich, wo er mit sich und seinen Stimmungen und Gedanken allein war.
+
+Der Liturg schritt gemessen hinter den dunkelgrünen Tuchaltar, auf dem
+eine mächtige Bibel lag, und blickte gebietend zur Orgel hinauf.
+
+Der Chor sang mit wundervoller Harmonie sein »Heilig, heilig, heilig
+ist Gott der Herr,« und dann brauste mächtig und doch getragen das Lied
+der ergriffenen, dichtgedrängten Gemeine durch das festliche Haus: »O
+Ewigkeit, du Donnerwort!«
+
+In ernster Rede sprach der Geistliche über die schönsten Worte des 90.
+Psalms, und alles lauschte mit Aufmerksamkeit.
+
+Nur Kaspar saß wie träumend und ließ noch einmal an seiner Seele seine
+ganze bisherige Entwickelung vorüber ziehen.
+
+Als Kind hatte er in der ersten Neujahrsnachtfeier, die ihn schon
+damals innig bewegte, gelobt: ein redlicher Diener Gottes zu werden wie
+sein Vater, der den Heldentod auf dem Felde von Gottes Ehre gefunden
+hatte.
+
+Als junger Student hatte er wieder in einer solchen Nacht davon
+geschwärmt: was müsse es doch für ein unsagbares Glück und stolzer
+Auftrag sein, in so weihevoller Stunde als gottverordneter Diener am
+Wort einer sündigen Menschheit ein drohend donnerndes »Besinne dich«
+zuzurufen und damit auch die schlaffsten, gleichgültigsten Seelen
+wachzurufen und aufzurütteln. Und dann?
+
+Dann gingen die paar Menschlein unter den Milliarden hinaus mit jenen
+guten Vorsätzen, mit denen die Macht der Finsternis die schönen,
+bequemen Wege zu ihrer Hochburg gepflastert hatte.
+
+War dieser Beruf der Festtagerschütterer und Sonntagtröster wirklich
+der höchste der menschlichen?
+
+Nein, auch er war nur einer unter vielen, nicht besser und nicht
+schlechter als andere -- nur gefährlicher! Denn jeder Diener der
+Majestät neigt dazu, sich selber ein Stück derselben zuzuschreiben. Die
+Geschichte der Kirche lehrte es zur Genüge durch die Jahrhunderte.
+
+Der Weltenschöpfer hatte sicherlich an jedem redlichen Schaffen seine
+Freude, ob es für Ihn, für den Schaffenden selbst oder für andere war,
+ob produktiv oder reproduktiv, ob fürs Ideale oder ums liebe Brot --
+galt Ihm, dem über all das Erhabenen, wohl gleich.
+
+Er stand ja auch nicht still; Er hatte gar viele Mühlen im Gange,
+die für Ihn mahlten; und die leisesten und verborgensten waren Ihm
+vielleicht die liebsten, sicherlich die wichtigsten.
+
+Kaspar wollte sorgen, daß seine Mühle nicht stille stand.
+
+Da brach mit jubelnden Fanfaren das neue Jahr herein -- schnitt
+rücksichtslos dem Geistlichen die letzten Worte ab, obwohl er sie nach
+der Uhr genau abzuzirkeln versucht hatte. Da läutete das Glöcklein
+droben Sturm, denn der Küsterbruder zerrte es gar wild und grimmig.
+Da sangen die Männer, Weiber und Kinder ringsum frohlockend: »Nun laßt
+uns gehn und treten mit Singen und mit Beten«, und dann beugten sie die
+Knie und beteten wirklich und tief erschüttert von der Wucht und den
+Schauern des großen Augenblicks: »Du ewiger Gott, heiliger, starker
+Gott!«
+
+Auch Kaspar betete, aber er dankte nur still, daß ihn der
+Unerforschliche trotz aller Trübsal seines Lebens, trotz der
+niederschmetternden Enttäuschung auch dieses herben Jahres doch den
+richtigen Weg geführt habe, und daß er es endlich wieder verstehen
+gelernt habe.
+
+Während die eben noch so Andächtigen sich mit jovialen, breiten
+Philistermienen die derben Alltagshände wacker schüttelten, die runden
+Handwerksschultern vertraulich klopften und sich laut »Prost Neujahr«
+zuschrien oder sich leise »ein gesegnetes neues Jahr« in die Ohren,
+Hauben und Kapuzen raunten, schritt Kaspar an dem kleinen, stillen
+Friedhof, auf dem gar manch ein Krumbholtz schlummerte, vorbei --
+hinaus in die zukunftgebärende Nacht.
+
+Von rückwärts verhallte der weiche Orgelklang und der grelle, harte
+Klang der Posaunen; vor ihm knallten einige frohe Schüsse übermütiger
+Dorflümmel; fern von unsichtbaren Dorftürmen bimmelten dumpfe und helle
+Glöcklein.
+
+Wieder ein Jahr vorüber -- und das Leben schritt unaufhaltsam weiter
+von Generation zu Generation.
+
+ * * * * *
+
+Als Kaspar nach einiger Zeit erfrischt und innerlich geklärt zu dem
+kleinen Hause seiner Verwandten zurückkehrte, fand er eine schluchzende
+alte Frau über einer noch warmen Leiche hilflos zusammengebrochen.
+
+Onkel Andreas hatte unter den Klängen der Glocken und Posaunen sein
+Lebenswerk zu Ende gebracht. Lächelnd und friedlich lag er da wie ein
+glücklicher Sieger.
+
+Kaspar richtete mit schonender Zärtlichkeit die arme Tante Renate auf,
+strich ihr über die verwirrten Strähnen ihres dünnen, silberweißen
+Haares und sagte liebreich tröstend:
+
+»Weine, Tantchen, es erleichtert, aber klage nicht! Es kommt nichts um
+in Gottes Reich; auch dieser Mann hat nicht umsonst gelebt. Er hat mit
+seinem Leiden und Sterben die schönste Predigt seines Lebens gehalten.
+Halten wir uns an das Wort, das ihm so starken Trost gab: Wo ich bin,
+da soll mein Diener auch sein!«
+
+Da umarmte die wankende Greisin ihren aufrechten Neffen und stammelte:
+»Wenn du das wieder glauben kannst, mein Junge, dann ist auch er nicht
+umsonst gestorben.«
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Die neue Welt
+
+
+Wie die stumpfen Riesenzähne eines gierig weitgeöffneten Rachens
+bläkten die zahllosen Piers zu beiden Seiten des Hudson aus dem langsam
+verebbenden Nebelmeer.
+
+In tausend Signalen tutete und schrillte, stöhnte und frohlockte
+ein scheinbar völlig wirrer Verkehr auf dem tagsüber schmählich
+geknechteten Fluß, der nur in schweigender Nacht, im Spiel der
+ruhigen Himmelslichter, seine stille Majestät und ursprüngliche Größe
+wiederfand.
+
+Ein dumpfes Brausen, in dem Millionen Stimmen mitklangen, schwoll von
+all den Ufern ringsum, vor allem von der langen, schmalen Landzunge,
+auf der sich das schier endlose Neuyork dehnte und streckte.
+
+Mit gefaßter Seele und bohrenden Blicken maß Kaspar Krumbholtz das
+seltsame Völkertor Nordamerikas, durch das schon so viele Millionen des
+sich immer noch überreichlich verjüngenden deutschen Volkes zu neuem
+Leben, zu Freiheit und rastlosem Schaffen gezogen waren.
+
+Unheimlich drohend standen die Ungetüme von Wolkenkratzern da drüben
+in Reih und Glied, gleich einer Schar trotziger Garden. Auf ihren
+vergitterten Masken stand ein herrisches »Herein -- doch nicht zurück!«
+
+Kaspar zuckte zusammen. Auch sein Geschlecht hatte diesem Moloch unter
+den Kontinenten wertvolle Opfer bringen müssen. Würde auch er dem
+verführerischen Zauber dieses lockenden jungfräulichen Bodens erliegen,
+der selbst einen so heimatstolzen und unabhängigen Mann wie den Grafen
+Harry Brosyn nach und nach überwältigt hatte und ihn nicht wieder los
+ließ? Vielleicht konnte ihm, dem Missionskind, dieser Zauber weniger
+anhaben, da er ja schon ein Kind dieses Erdteils war.
+
+Zu langem Nachsinnen war Hoboken nicht der Ort und das Anlegen eines
+Hapagdampfers nicht die Gelegenheit. Der heiße Sturmatem des neuen
+Landes wehte dem Ankömmling bereits entgegen, ehe er es betrat.
+
+In wenigen Minuten war man fest, war man an Land, war man in den
+tückischen Klauen schonungsloser Zollinquisitoren, der ersten großen
+Schande der stolzen Republik.
+
+Noch manche andere und schlimmere sollte Kaspar offenbar werden
+bei seinem langsamen und zähen Prüfen, das sich von schimmernden
+Oberflächen und blendenden Äußerlichkeiten nicht bestechen ließ.
+
+Aber was bedeuteten allerlei kleine Schönheitsfehler wohl für das große
+Ganze? Kinderkrankheiten für einen später vielleicht um so gesünderen
+Organismus!
+
+Stieß Kaspar doch allüberall auf einen mutigen, lebensfrohen und
+zukunftsicheren Menschenschlag, der all diese herben Schäden
+wie Bestechlichkeit, Spekulationswut, Mammonsgeist, Prahlsucht,
+rücksichtslosen Egoismus, Roheit, sittliche wie religiöse Heuchelei,
+mehr oder weniger offen zugestand und des festen Glaubens lebte,
+mit der Zeit auch darüber ebenso hinweg zu kommen wie über seine
+künstlerische Unreife und Unselbständigkeit.
+
+»Das ist alles nur provisorisch, das Eigentliche muß erst noch kommen«,
+so stand es überall auf den Gesichtern dieser nationalstolzen Bürger,
+dieser selbstbewußten Bürgerinnen zu lesen.
+
+Ein starker, unbesieglicher Optimismus waltete wie ein unsichtbar
+schützender Genius über dem jungen, zuversichtlichen Volke.
+
+ * * * * *
+
+Schon am nächsten Morgen begann Kaspar Krumbholtz die ihm aufgetragenen
+Studien, indem er der großzügigsten und wissenschaftlich am
+selbständigsten und kühnsten aufstrebenden Bildungsstätte Amerikas, der
+Columbia-Universität, einen Besuch abstattete.
+
+Schon hier hatte Kaspar nach wenigen Stunden das Gefühl, daß er vor
+einer den deutschen staatlichen Hochschulen ebenbürtigen und doch
+privaten Schöpfung stehe; woraus er freudig, doch vorschnell schloß,
+seine gründlichen Landsleute würden daheim etwas Ähnliches schaffen
+können, sobald nur einmal genügende private Mittel zur Verfügung
+ständen. Er vergaß die Wucht der Tradition, den Zwang der historischen
+Entwickelung, die Schlaffheit seines Jahrhunderte lang übermäßig
+bevormundeten, bürokratisierten Volkes.
+
+In den Geist und die Eigenart Columbias, dieser monumentalen
+amerikanischen Wissenschaftshochburg, einzudringen, dazu bedurfte es
+allerdings längeren Ein- und Mitlebens, und Kaspar, der sich für seine
+Reise das »+multum, non multa+« als Motto gewählt hatte, scheute
+diese Mühe auch nicht und sollte es nicht bereuen.
+
+In einzigartiger gastlicher und kameradschaftlicher Weise kamen ihm
+Dozenten und Studenten entgegen, insonderheit die Herren vom deutschen
+Departement, mit denen Kaspar schließlich in freundschaftliche
+Beziehungen treten durfte.
+
+Von Columbia führte ihn die Arbeit zum City College, das in
+märchenhafter Schloßherrlichkeit, frei und stolz, hoch über die
+Nordstadtteile Neuyorks emporragt.
+
+Auch hier galt es länger zu verweilen und sich schließlich nur schweren
+Herzens loszureißen; denn noch harrten der Besichtigung allein in
+Neuyork eine ganze Reihe ähnlicher, freilich nicht mustergültigerer
+Bildungsanstalten, in denen eine merkwürdig gleichmäßige Jugend in
+kecker, ein wenig geräuschvoller Selbständigkeit, in ritterlicher
+Frauenverehrung, gesund an Leib und Seele, heranwuchs.
+
+Dann ging es in die nähere und weitere Umgegend, in das vornehme Yale
+und Princeton, das altehrwürdige, ein bißchen sybaritisch erschlaffte
+und verzopfte Harward, das zurzeit auf seinen Lorbeeren eingeschlummert
+schien, in das gediegene Johns Hopkins, das solide Pennsylvania und das
+jugendfrische Cornell.
+
+Auch die idyllisch angelegten, zum Teil schon von Natur paradiesisch
+ausgestatteten Mädchen-Colleges Vassar, Wellesley und Smith-College
+suchte Kaspar auf, nahm neue, reiche und tiefe Eindrücke und Anregungen
+in sich auf und verbrachte unvergeßliche Stunden mit edlen, freien,
+zielbewußten Frauen, um deren Gestalten bisweilen ein Hauch königlicher
+Würde schwebte.
+
+Es war in der Tat eine neue Welt, die dem ehemaligen Lehrer der
+Tramberger Anstalt und der Leipziger Reformschule nach und nach
+aufging. Und doch ward er gerade hier oft an alte moravische
+Institutionen, zum Beispiel das Jahrgangssystem, die mehr oder
+weniger begrenzte Selbstverwaltung der Zöglinge und die intensive
+Körperausbildung, erinnert.
+
+Unabsehbare Perspektiven eröffneten sich jedenfalls, frohe
+Zukunftshoffnungen regten sich; klarer und klarer wurde Kaspar, wo
+deutsche Nacheiferung mit Erfolg einsetzen konnte, wo nationale
+Selbständigkeit und deutsche Stammesart gewichtige Unterschiede
+bedingen und behaupten mußten.
+
+Im großen und ganzen waren es mehr äußere Vorzüge, die den Neid
+deutscher Erzieher erregen konnten, so die großlinige Anlage der
+behaglichen Wohnheime, der fürstlich ausgestatteten Institute, der
+vornehm moderne Zuschnitt des kraftvoll gesunden Lebens, die üppige
+Gelegenheit zu Spiel, Sport und Kunstpflege aller Art, die reichen
+Bibliotheken, die freie Geselligkeit und anderes mehr.
+
+Aber auch innere Momente waren sehr beachtenswert, vor allem die
+Einheitlichkeit der nationalen Grundstimmung, die frauenstolze
+Sittenstrenge, die zielbewußte Erziehung zum unabhängigen
+Willensmenschen, der nüchtern, keck, froh und nicht mit allzu viel
+gelehrtem Ballast beladen, seinen Mann im praktischen Leben stehen
+kann.
+
+Nur ein wichtiges Moment, das den alten Griechen wie ihren modernen
+Nachfahren, den Deutschen, stets als Ideal im Zenith ihrer Erziehung
+stand, das der künstlerischen Harmonie, vermißte Kaspar gar zu sehr
+in den amerikanischen Bildungsanstalten. Dafür herrschte zu viel
+Oberfläche, zu viel Prunk, gab es zu viel Hast, zu wenig Tiefe und
+still langsames Reifenlassen.
+
+Man pflegte anscheinend einen guten und lebenstüchtigen Durchschnitt zu
+erzielen, aber keine besonderen Individualitäten, keine Führernaturen,
+keine Bahnbrecher, die übrigens wohl nicht zufällig auch dem
+amerikanischen Kunst-, Wissenschafts- wie Staatsleben in der Tat
+fehlten. Selbst an geistig wie wirtschaftlich wirklich unabhängigen
+Forschern gebrach es allenthalben, vielleicht darum, weil die Erzieher
+und Lehrer Amerikas nicht ähnlich fürstlich unterhalten und geschätzt
+wurden wie die prunkvollen Gebäude, in denen sie wirkten.
+
+Nur im Geschäftsleben waren geniale Schöpfer zu finden, da hier
+einstweilen noch durchaus der Schwerpunkt des amerikanischen Ehrgeizes
+und seiner Leistungen lag.
+
+Weit schärfer traten Kaspar diese Mängel der amerikanischen
+Jugenderziehung entgegen, als er nach einigen Monaten in den Middle
+West und Westen kam.
+
+Freilich galt es auch hier, nicht in Bausch und Bogen zu urteilen oder
+gar zu verurteilen, es galt vorsichtig und gerecht zu prüfen und zu
+werten; es galt vor allem, nicht Früchte von Bäumen zu verlangen, die
+erst vor kurzem gepflanzt und noch nicht einmal fest eingewurzelt
+waren.
+
+Überdies gab es Ausnahmen genug, namentlich da, wo sich in älteren
+deutschen Ansiedlungen, nach Befriedigung des gierigen Geldhungers,
+der alte germanische Bildungstrieb schon wieder geregt und
+Eignes geschaffen hatte, wie etwa in der stolzen Metropole der
+deutschen Middlewest-Kultur, in Cincinnati, oder im lieblichen,
+rührigen Indianapolis, in Milwaukee, Chicago und den selbstbewußt
+emporstrebenden Zwillingsstädten St. Paul-Minneapolis.
+
+ * * * * *
+
+Und weiter gen Westen eilte Kaspar, und nach und nach ging dem bisher
+allzu eifrig aufs geistige Amerika Bedachten auch die Eigenart und die
+in scharfem Kontrast zwischen arm und üppig schwankende Beschaffenheit
+des Landes auf. Mit seinem sprunghaften Klima und seinem tückischen
+Wechsel zwischen gar keinen oder zu vielen Bodenschätzen, Naturkräften,
+Fauna- und Florabeständen mußte dieses seltsame Land auf den Charakter
+der zu Extremen jeder Art neigenden Bevölkerung gewirkt haben und wohl
+stets weiter wirken.
+
+Im Osten hatte sich Kaspar nur wenig um die Landschaft der Gebiete
+gekümmert, die er mit den oft rasenden Expreßzügen durcheilte. Dafür
+genoß er die Einzelschönheiten seiner Hauptstationen mit um so größerer
+Muße und Liebe, wie zum Beispiel die wunderreichen Ufer des Hudson,
+die gern versteckten Parkherrlichkeiten des idyllisch lieblichen
+Massachusetts oder die ihn an Schlesiens und Thüringens Waldberge
+unwillkürlich erinnernden Catskill-Mountains.
+
+Überhaupt hatte er in den Altenglandstaaten nicht oft das Bewußtsein,
+in einem fremden Weltteil zu sein. Nur die traurigen Waldverwüstungen,
+fern von den Kulturzentren, erinnerten wie ein schauerliches Menetekel
+an die grausame Pranke des niemals schlafenden, gigantischen Raubtiers
+Yankee.
+
+Je mehr sich Kaspar jedoch von der atlantischen Küste entfernte, um so
+wuchtiger und großzügiger offenbarte sich ihm die Eigenart der neuen
+Welt, in der elementaren Urkraft ihrer Riesenströme und Katarakte (wie
+zum Beispiel des im starren Eise doppelt majestätischen Niagara) in
+den meergleichen Seen, den noch jungfräulichen Wäldern des Nordens
+und den endlosen, eintönigen, aber unermeßlich fruchtbaren Ebenen des
+Middlewest.
+
+Hinter Omaha kam Kaspar kaum noch von der geräumigen Plattform des
+letzten, sogenannten Observationscars fort, obwohl es hier jetzt
+einsam war, denn für einen Amerikaner gab es nichts zu sehen. Es war
+ja nur amerikanische Durchschnittslandschaft; doch gerade sie packte
+Kaspar als das wirklich Neue und Große.
+
+Da lagen die romantischen Prärien seiner jugendlichen Indianerträume,
+jetzt voller Zeugnisse von Yankeetatkraft und zähem deutschen
+Kolonialfleiß.
+
+Wie vor Omaha die Gas-Bohrtürme und Petroleumtanks, so reckten hier an
+jeder Station hohe Getreideelevatoren ihre ewig hungrigen Hälse empor.
+Daneben kauerten praktische Hürden und Viehställe, Saloons und Stores,
+und dahinter Farm an Farm, umgeben von reichen, oft noch halbwilden
+Herden.
+
+Eines Abends tanzten viele Tausend lodernde Feuer über die
+schwarzbraunen Felder, um mit der Asche der dürren Maisstengel den
+langsam schon ermattenden Boden zu erneuter Fruchtbarkeit anzuregen.
+
+Plötzlich zog ein gewaltiges Frühjahrsgewitter dumpf grollend herauf,
+prasselte und knatterte mit Blitzen und Platzregen zwischen die
+Farmerfeuerchen.
+
+Kaspar glaubte brausende Büffelherden stampfen und jauchzende Indianer
+hetzen zu hören, und es war ihm, als sähe er das grause Gespensterheer
+des ermordeten Uramerikas im nächtlichen Sturm der Elemente heulend
+und fluchend dahinrasen wie daheim die Rotte des wilden Jägers.
+
+Gedankenvoll schritt Kaspar durch das Rauchzimmer, durch Lese- und
+Speisewagen zurück nach seinem bequemen Wohnabteil, das ihm der
+bedienende Neger bereits in ein sauber überzogenes Bett verwandelt
+hatte und nun grinsend präsentierte.
+
+Es wohnte sich wirklich behaglich auf so einem modernen Schiff der
+Wüste. Denn die amerikanische Wüste kam nun, öde, schauerlich schön wie
+die große Gobi oder die majestätische Sahara.
+
+Über Nacht war der brave Overland Limited ein paar tausend Meter
+hinaufgestampft, nicht ganz so rasch, wie die Yankees prahlten, aber
+doch unaufhaltsam. Schon früh um sechs Uhr stand Kaspar wieder, frisch
+und schaugierig, auf seinem Ausguck.
+
+Alles still, trostlos und einsam ringsum, kein Mensch, kein Tier, kein
+Wasser. Groteske gelbe Felsgruppen kränzen den Horizont schanzenförmig,
+oft eckig und fast schnurgerade wie Zigarrenkisten über- und
+nebeneinander gestellt, ganz fern darüber zarte weiße Spitzen mit
+graugrünen Schatten.
+
+Langsam keucht die Riesenmaschine, es gilt haushalten mit Wasser und
+Kohlen. Erst nach langen, bangen Stunden winkt eine kleine Tankstation,
+um die ein paar schwarze Minenzechen und zwei armselige schmutzige
+Saloons sich reihen. Aus halbzertrümmerten, längst pensionierten Cars
+blöden und grinsen zerlumpte Negerweiber und Mischlingskinder. Auch
+einige kleine, aber soldatisch straffe Japaner mustern scharf und
+tückisch die Reisenden, die sich hastig im Sande die eingeschlafenen
+Füße vertreten.
+
+Die Maschine zieht lautlos wieder an, und alles stürzt zu den Türen
+oder klettert unverfroren hinten über die Puffer des Aussichtwagens auf
+dessen Plattform, wo Kaspar lachend steht.
+
+Und weiter gehts durch die gelbbraune Steppe, über der die Sonne
+tagaus, tagein erbarmungslos und unfruchtbar brütet.
+
+Endlich gegen Abend ändert sich das Bild. Ein grüner Fluß schafft
+Wandel, zunächst an seinen Ufern, dann ringsum. Herden kurzgeschwänzter
+Schafe, auch einzelne Rinder tauchen zwischen niedrigen Büschen auf.
+Wachholder und vereinzelte Gruppen trotziger, kleiner Zwergkiefern
+klammern sich zäh an steile rote Felswände.
+
+Kaspar lacht wieder und denkt fröhlich an Leipzig: +Collegia
+mugoniana+!
+
+Ein Tunnel heißt dröhnend den Zug willkommen, und in seinem rauchenden
+Tor versinkt schnell das lockende Bild der bizarren Felslandschaft mit
+der Devils Slide.
+
+Dann braust der wildgewordene Dampfrenner plötzlich wie rasend bergab,
+zischend bricht er gleich einem grimmen Drachenwurm in die gesegneten
+Gefilde des Mormonenstaats Utah.
+
+Tiefblauer Sommerhimmel, lachende Gärten mit Tausenden rotblühender
+Obstbäume zwischen weißen, lieblichen Cottages.
+
+Bei Ogden, dessen holden Paradiesesfrieden ernste Schneehäupter
+bewachen, denkt Kaspar an Innsbruck und Hans Sebalt. Wo mochte der
+traute Genosse ferner Jugendtage jetzt weilen? Ursemi hoffte in ihrem
+letzten sehnsuchtsvollen Brief auch ihn, den großen Südseefahrer, in
+New-Reda begrüßen zu können.
+
+Und weiter rollt der wackere Überlandzug mitten hinein in ein weites,
+seltsames Tal, auf dessen breiter Sohle der tiefblaue, schier
+unendliche Salzsee totenstill und ölglatt wie ein Weiher liegt.
+
+Die Sonne sinkt mählich. Auf einem über hundert englische Meilen
+messenden Riesenpfahldamm poltert der Zug mitten durch die klare, nun
+grün schimmernde Flut.
+
+In allen Farben, vom tiefsten Violett bis zum fahlen Gelb, beginnen die
+schneeigen Berghäupter zu spielen und wirre, grelle Reflexe sprühen
+ringsum aus dem stahlblanken Spiegel des Sees, der nach und nach
+immer flacher wird und zuletzt in hundert Lachen zu einer grauweißen
+Salzwüste verebbt.
+
+Glutrot taucht der Sonnenball in die bläulichen Dunstschichten des
+Horizonts. Dämmerung breitet sich gespenstisch über die Landschaft, die
+Kaspar dünken will wie ein Stück fremder Welten.
+
+Immer tiefer wird der dunkelblaue Streifen des versinkenden Sees, immer
+duftiger die Orangetöne der im Alpenglühen verhauchenden Felsspitzen;
+nun sterben sie rasch, und ein hartes Dunkelviolett verkündet ihren
+Tod.
+
+Auch sonst ist alles Leben erstorben. Kein Vogel singt, kein Raubtier
+schreit mehr, kein Blatt, kein Hälmchen mehr wagt sich zu rühren. Die
+Wüste schläft. Starr wie die Gletscher des ewigen Eises liegen die
+Leichen der Bergriesen um sie herum.
+
+Grün und rot blitzen an der Strecke die Signallaternchen der
+Blockstationen auf gleich lustigen Glühwürmchen. Und über schwarzen
+Zacken steigt in majestätischer Ruhe die schmale Sichel der silbernen
+Luna empor.
+
+ * * * * *
+
+Und abermals zaubert die Lebenspenderin Sonne in taufrischer Schönheit
+den Tag, und noch immer schnauft und prustet der unermüdliche Overland
+Limited nunmehr munter 6000 Fuß hinauf zu den gefährlichen Firnen und
+Schneejochen der Sierra Nevada.
+
+Kecke, verwegene Goldgräber in abgeschabten Velvetkostümen, an
+den Füßen Ledergamaschen und auf den trotzigen Häuptern breite
+Filzhüte, steigen zum Schrecken einiger Fifth-Avenue-Ladies in den
+Observationscar, lümmeln sich frech in die ledernen Parlorsessel;
+rauchen, spucken, drehen ihre blitzenden Brillantringe und spielen
+protzig mit ihren dicken Goldketten.
+
+Empört fliehen die Dämchen in ihre verschwiegenen Compartements zurück,
+drücken ihre Näschen indigniert an die Wagenfenster und mustern
+neugierig hochmütig die vertierten, angetrunkenen Indianer, die ihnen
+von draußen in malerischen Kostümen allerlei zierliche Knüpf- und
+Flechtarbeiten ihrer fleißigeren Squaws feilbieten.
+
+Die Vergangenheit grüßt die Zukunft Amerikas demütig; die Gegenwart
+aber gehört den Pionieren des Glücks und der Kraft.
+
+Die Strecke steigt immer noch. Dann donnert der Zug 55 Meilen lang
+durch einen hölzernen Schneeschutztunnel, ein Kyklopenwerk, das ganzen
+Wäldern der schönsten Baumriesen das Leben gekostet hat.
+
+Da -- ein paar blitzartige Ausblicke auf starre, leichengrüne, von
+schneebedeckten Zirbelkiefern umtrauerte Bergseen, die wie gefrorene
+Meeraugen aus der Tiefe emporglotzen; und nun endlich gehts in
+sausender Fahrt durch das duftende Blue Canyon hinab in das gelobte
+Land Kalifornien, das mit herrlich blauen Koniferen, mit blühenden
+Pfirsichen, Aprikosen, Birnen und Mandelbäumchen frohlockend den
+Welttrotter grüßt.
+
+Ein ewiger Frühling lacht aus den üppigen Tälern.
+
+Weinberge, Orangen, Limonen, Feigen, Palmen, Live-Oaks, Eukalypten und
+Rosen tanzen um die Wette an dem staunenden Kaspar vorbei. Das ganze
+Land ist ein einziger blühender Garten, das Eden Amerikas!
+
+Die weite Ebene öffnet sich ganz. Auf saftigen Wiesen weidet ein
+schwerer Rinderschlag, eine feurige Rasse von Pferden. Hier fährt man
+die Heuernte ein, dort ziehen Orangenhändler lachend zu Markt.
+
+Alles atmet Fröhlichkeit, Üppigkeit, weltvergeßnen Genuß.
+
+Auch dem soliden Überlandzug scheint kalifornischer Leichtsinn in die
+eisernen Knochen gefahren zu sein. Er stiebt wie besessen dahin, so
+daß eine wirbelnde Staubsäule ärgerlich hinter ihm herfegt und den
+Observern der Plattform so viel Schmutz auf die Kleider und Sand in die
+Augen wirft, daß sie die Position räumen.
+
+Nur Kaspar weicht nicht, er schließt die Augen und träumt.
+
+»Welt«, klingt es leise durch seine Seele, »wie groß bist du und wie
+herrlich! Dank dir, toter Freund und Vater, daß du mich in solche
+Weiten gesandt! Dank dir, Allmächtiger, daß du mir die Schönheit deiner
+Wunderwerke geoffenbaret hast!«
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Shaky San Francisco
+
+
+Schon in Oakland an der Fähre erwartete Ursemi ihren Kaspar und fuhr
+mit ihm in glückseligem Geplauder über die tiefblaue Bai, an zwei
+malerischen Inseln vorüber.
+
+Kaspar sah die schmucken Eilande nicht; er sah nur in das liebe,
+seltsam veränderte Gesicht der Jugendfreundin und glaubte allerlei zu
+lesen, was ihm nicht gefallen wollte.
+
+Harry war wie fast immer in Geschäften unterwegs, die kleine Edith ein
+wenig erkältet; aber sonst war viel Gutes und Ergötzliches von dem
+lieben Putz zu melden; tappeln konnte er schon ganz flott und auch von
+Wau-Wau und Mies-Mies, von Brauni und Peter die größten Wunderdinge
+zusammenflausen.
+
+An der Ferry-Station stieg man aus. Ein elegantes Automobil mit
+Chauffeur und Diener hielt vor dem mächtigen Portal, und mit
+Staunen fuhr Kaspar die imposante Market Street mit ihren riesigen
+Geschäftspalästen, ihren monumentalen Banken und Warenhäusern entlang,
+an dem ragenden Kuppelbau der mit einer Liberty-Statue gekrönten
+City-Hall vorüber, hinauf nach dem stillen Alamo Square, wo weiß
+und schlank aus dem Gewühl der Holz- und Konkrethäuser das stolze
+Marmorpalais New-Reda emporstrahlte.
+
+Als Kaspar, vom japanischen Portier Charly gemessen begrüßt, von dem
+Hausnigger Samy devot grinsend gefolgt, die mit dicken Smyrnateppichen
+belegten kostbaren Mahagonistufen zwischen Bronzegeländern hinaufstieg,
+während der Diener mit dem Koffer in der Lift hinauffuhr, da kam
+über den gereiften Mann dasselbe Gefühl -- als erlebe er Märchen --
+wie vor achtzehn Jahren in Reda. Wie die Winklersche Villa gegen die
+Gnadenzeller und Betheler Bubenzimmer, so verhielt sich Neu-Reda zu
+Alt-Reda.
+
+Und als er gar von seinem hochgelegenen Balkonzimmer die schönere
+und nicht minder kühn-aufstrebende Rivalin Neuyorks, die Königin
+der Südsee und ihr »goldenes Tor« mit seinen blauen Buchten und
+Inseln überschaute, da hätte er in die Knie sinken mögen vor solcher
+majestätischen Schönheit.
+
+Und doch war es Kaspar, als drohe Unheil, als laure in dem bläulichen
+Dunst überm fern leuchtenden Ozean, etwa ein tückisches Untier, das
+träge auf seine Stunde warte, um seine Riesenarme wie ein gieriger
+Polyp um die vulkanische Halbinsel zu klammern und sie zu schütteln und
+zu rütteln, daß ihre Grundvesten erbebten.
+
+Als Kaspar bald darauf den strahlenden Harry Brosyn begrüßte und ihn
+schüchtern fragte, ob es nicht ein wenig gewagt sei, gerade auf so
+gefährlichem Boden wie hier so gewaltige Bauten aufzuführen, lachte
+ihn der Graf weidlich aus, klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und
+meinte überlegen: »+Well, my good fellow, our old shaky+ Frisco
+hat seine Launen wie jedes schöne Frauenzimmer. Es neckt und shakt und
+earthquakt auch manchmal ein bißchen; aber nur keine Angst! Man wird
+das hier bald gewohnt und schert sich schließlich den Deubel drum. Wir
+Amerikaner sind keine Angstmeier!«
+
+»Oho --,« fiel Ursemi schalkhaft ein, »ich bin und bleibe eine
+Deutsche, verstehst du, lieber Harry. Angst habe ich darum so wenig wie
+du, du Bramarbas!«
+
+Dann kam klein Edith und hinter ihm Brauni, das treue Hündchen.
+
+Onkel Kaspar mußte Brauni streicheln, sein Pfötchen schütteln und alle
+Kunststücke des struppigen Köters bewundern, mußte alle Spielsachen,
+die Edith anschleppte, feierlich in Empfang nehmen und ward gründlich
+beschäftigt.
+
+Bald waren Kaspar, Edith und Brauni ein Herz und eine Seele und wurden
+immer unzertrennlicher.
+
+ * * * * *
+
+Die Tage wurden schwüler, die Hitze lastete immer schwerer über der
+Riesenstadt und auch an dem sonst so bewegten Strande und auf der Bai
+war kein kühles Lüftchen zu spüren, obwohl es noch nicht Mitte April
+war.
+
+Tag und Nacht standen die Fenster offen, doch es half nichts. Schon am
+Morgen begann der Schweiß aus den Poren zu brechen.
+
+Unter diesen Umständen verschob man die Ausflüge in die herrliche
+Umgegend, vor allem ins paradiesische Yosemite Valley, auf frischere
+Tage; denn von einem Ritt auf den Mount Tamalpais und ins Mill Valley
+mit seiner einzigartigen Baumpracht vorsintflutlicher Redwoodriesen
+waren Harry und Kaspar wie gebadet zurückgekommen.
+
+Überdies hatte Harry gerade besonders viel auf seiner Bank zu tun, da
+neue gewaltige Unternehmungen vorbereitet wurden und dazu große Summen
+flüssig gemacht werden mußten.
+
+Doch auch in der nächsten Umgebung San Franciscos gab es genug Schönes
+zu sehen, insonderheit den wunderbaren Golden Gate Park, dessen
+weiträumige Anlagen, Haine, Seen und Tierparks die Energie der Bewohner
+erst vor kurzem gleichsam aus dem Boden gestampft hatten.
+
+Mit Vorliebe stand Kaspar ganz früh auf -- da war es noch leidlich
+kühl -- und erging sich auf den jetzt so fruchtbar bewaldeten Hängen
+und üppigen Tälern des Parks, der noch vor wenig Jahren unfruchtbare
+Sanddüne gewesen war.
+
+Auch am Morgen des 18. April 1906 stand Kaspar um fünf Uhr auf und zog
+sich ruhig an, obwohl es draußen gerade heute besonders dunstig und
+schwül zu sein schien.
+
+Plötzlich hörte Kaspar den treuen Brauni, der jetzt meist schon früh
+vor seiner Tür lag und auf den Spaziergang wartete, laut aufheulen.
+
+Mitleidig sprang Kaspar zur Tür -- da wars ihm, als stürze ihm diese
+entgegen. Ein dumpf dröhnendes Rollen quoll aus der Tiefe, ein
+furchtbarer Schlag, und mitten in das Zimmer, wo Kaspar noch eben
+gestanden, fiel krachend durchs Dach ein mächtiges Stück Schornstein
+herein.
+
+Kaspar stürzte auf dem Gang, den er mit einem Sprung erreicht hatte,
+lang hin, dann gellte sein Schrei in wilder Angst durchs Haus.
+
+Im Nu sprang er auf. Edith! war sein einziger Gedanke -- hinab zu ihrem
+Zimmer! Er riß das sanft schlummernde Kind aus seinem Bettchen, während
+die Bonne schreiend erwachte und der getreue Brauni winselnd an ihm
+hochsprang, als wolle er zur Eile mahnen.
+
+Dann lief Kaspar an die Tür, hinter der die Eltern schliefen. Wie
+wahnsinnig schlug er mit der Faust dagegen und schrie: »Raus, raus,
+retten! Ich habe Edith!«
+
+Und davon stürzte er, einige schon geborstene und verbogene Treppen
+vorsichtiger nehmend, glücklich hinaus auf den Alamo Square, gefolgt
+von Brauni.
+
+Zitternd am ganzen Körper, setzte er das weinende Kind sanft auf den
+grünen Rasen, rief ihm zu: »Nicht weinen, Onkel kommt gleich wieder,
+hier Brauni kusch!«
+
+Und zurück hetzte er, auf das Palais zu, während von allen Seiten
+aus den wankenden, reißenden, hie und da schon aufflammenden Häusern
+halb wahnsinnige, schreiende Menschen, kaum mit dem Notdürftigsten
+bekleidet, herausstürzten.
+
+Der kleine Japaner Charly und der Nigger Samy waren die ersten, die ihm
+aus New-Reda entgegeneilten. Rasch wies Kaspar ihnen den Platz, wo das
+spielende Kind neben dem gerade schönmachenden Brauni schon wieder vor
+Vergnügen jauchzte; aber die beiden Farbigen grinsten nur spöttisch,
+winkten verächtlich ab und schossen mit allerlei verdächtigen Bündeln
+fröhlich davon, als begänne für sie ein großes Fest.
+
+Den Japaner Charly hat nie wieder jemand gesehen. Samy lag später
+mit bestialisch verzerrter Fratze in der schmachvollen Reihe der
+erschossenen Plünderer.
+
+Auf den ersten Stufen der Treppe rannte Kaspar gegen die schreiende
+Zofe an. Die Bonne lag weiter oben ohnmächtig und blutend zwischen zwei
+Geländer gepreßt.
+
+Kaspar wollte sie emporziehen, losreißen, sie befreien, vergebens!
+Immer dichter und dichter schoben sich Holz, Bronze, Eisen und Teppiche
+um die Bewußtlose zusammen.
+
+»Ein Beil!« brüllte Kaspar; aber niemand hörte. Dann scheuchte ihn
+plötzlich die wilde Angst um Ursemi weiter hinauf.
+
+»Gott sei Dank!« da stieg Harry mit der Ohnmächtigen eilends die leise
+knirschenden Treppen hinab.
+
+»Paß auf,« schrie Kaspar, »hier ist ein tiefer Spalt, spring oder wirf
+sie mir zu!«
+
+Aber das war leichter gesagt als getan. Mit dem Fuß stieß Kaspar ein
+schon halb abgerissenes Bronzegeländer vollends los, warf es wie eine
+Brücke über den Spalt, und Harry glitt noch eben hinüber, kam freilich
+mit seiner Last zu Fall vor Kaspar, der Ursemi auffing und weitertrug.
+
+»Komm, das Kind ist draußen,« drängte Kaspar den Grafen, der sich
+leicht verletzt hatte und nachhumpelte.
+
+»Aber die Bonne hier, die laß ich nicht liegen!« meinte Harry
+mitleidig, obwohl es über ihm immer unheimlicher krachte und schob.
+
+»Komm,« gellte Kaspars Schrei noch einmal flehend zurück, »nichts zu
+machen ohne Beil!«
+
+»Werden wir gleich haben,« sagte Harry mit kühlem Blut, während Kaspar
+mit Ursemi über der Schulter zur Tür hinauskeuchte.
+
+Neben das mit Brauni spielende Kind bettete er die bleiche Mutter, und
+klein Edith legte geheimnisvoll die Rechte an ihr Schnutchen, hob ein
+Fingerchen der Linken und sagte mit wichtigem Mienchen: »Mama slafe,
+slafe. Didith danz tille sein, Papa atta. Bauni tusch, tusch!«
+
+Und gehorsam legte sich die treue Hundeseele neben seine gestrenge
+Herrin und ließ das Zünglein behaglich hängen.
+
+Bald darauf neigte sich Palais New-Reda ein wenig vornüber und stürzte
+krachend zusammen.
+
+Unter seinen Trümmern fanden die tapferen Sappeure der Marine
+später die völlig zerquetschten Leichen der Bonne und des Grafen
+übereinandergepreßt.
+
+Krampfhaft umklammerte des tapferen Harrys Hand noch das Beil, mit dem
+er das arme Mädchen hatte befreien wollen.
+
+ * * * * *
+
+Furchtbare Stunden und Tage hatte Kaspar durchzumachen.
+
+Kaum war Ursemi von ihrer schweren Ohnmacht erwacht, so wollte sie auch
+in das Haus zurück. Als sie es schon gestürzt sah, brach sie mit einem
+entsetzlichen Aufschrei aufs neue zusammen, während das erschreckte
+Kind weinend davonzulaufen suchte.
+
+Die Zofe war erst wie blind davon gestürzt und hatte sich, selbst
+völlig verwirrt unter den vielen verwirrten Menschen, die sich bald wie
+eine führerlose Schafherde benahmen, scheinbar verloren. Später traf
+Kaspar sie dann wieder und konnte ihr wenigstens das Kind anvertrauen.
+
+Als jedoch gegen zehn Uhr der zweite, noch heftigere Stoß einen großen
+Teil der schon erschütterten Häuser vollends umkippte wie dünne
+Kartenhäuser, als die Erde sich spaltete, Pflaster und Schienen, Kabel
+und Röhren zerrissen, so daß Wasser und Gas allenthalben hervorstoben,
+als die Flammen von allen Seiten wie ein glühendes Meer heranwogten
+und rasten, da kostete es Kaspar unsägliche Mühe, die völlig ratlose
+Zofe bei sich zu behalten und mit ihr die in wilden Phantasien rasende
+Gräfin abzuhalten, ihr Kind zu ergreifen und irgendwohin in eines der
+brennenden Häuser zu stürzen.
+
+Und die langen, bangen Stunden schlichen dahin, Hunger und Durst
+meldeten sich. Kaspar fing irgendwo von einer noch rinnenden Leitung
+Wasser in sein Portemonnaie auf und gab dem weinenden Kinde, gab der
+Zofe und dem Hunde zu trinken, wusch Edith und sich ein wenig, füllte
+wieder und wieder, netzte von Zeit zu Zeit die lechzenden Lippen der
+fiebernden, bewußtlosen Mutter, legte ihr sein feuchtes Taschentuch
+auf die glühende Stirn, bettete ihr Haupt sanft auf seine Weste und
+deckte mit seiner Jacke notdürftig ihre zitternden Glieder. Denn sobald
+der Tag sich neigte, sobald an die Stelle der furchtbaren Schwüle eine
+merkliche Kühle trat, gebrach es an Kleidung. Auch die Zofe mußte ihre
+dünne Nachtjacke hergeben und klein Edith darin einhüllen.
+
+Als die Zofe jedoch weinend und stotternd erklärte: sie erfriere
+und müsse die Jacke anziehen, stand Kaspar ratlos auf und stahl im
+schützenden Dunkel der Nacht einem gutbekleideten Schlafenden eine
+Decke, hüllte das weinende Kind darein, nahm es liebkosend in seine
+Arme und buschte es ein.
+
+Eine furchtbare Nacht schlich dahin, bitter kalt und feucht.
+
+Böige Winde brausten daher, auch Regenschauer, die freilich dem
+Feuer nicht Einhalt tun konnten, im Gegenteil, es scheinbar heftiger
+anfachten.
+
+Tausende von Holzhäusern brannten in wenigen Stunden bis auf den
+letzten Rest nieder. Steinbauten stürzten laut krachend zusammen, und
+bei den riesigen Zementgebäuden lösten sich, nach und nach springend,
+die angepatzten Konkretmassen von den glühenden Eisenträgern und
+torkelten mit dumpfem Gepolter in die Tiefen oder über die zerrissenen
+Straßen.
+
+Es war ein schauerlich imposanter Anblick, die gewaltige, brennende
+Stadt ringsum, vor allem unten in der Tiefe.
+
+Aus dem noch immer wogenden Flammenmeer ragten die weiß, gelb und
+rot glühenden Eisengerüste, wie greuliche Skelette bläkend und
+zähnefletschend, in die Höhe; und wenn die Windsbraut ihnen heulend
+aufspielte, schien es Kaspar, als wären sie lebendig und tanzten einen
+wilden Cancan zwischen den lodernden Flammen, als würfen sie sich mit
+hohnlachendem Knattern und Knistern die Riesentrümmer wie Spielbälle
+zu. Ja, das höchste Gerippe hielt die kupferne glühende Kuppel der City
+Hall mit der Libertypuppe jauchzend empor wie eine glücklich erbeutete
+Krone.
+
+Und dazu das tückische Johlen und Beifallpfeifen des Sturmes, das
+wüste Toben der verzweifelten Menschheit, die gellenden Schreie der
+zahllosen Verwundeten, der hilflos Verschütteten, der Wahnsinnigen
+und Fiebernden, das blöde Wimmern oder wütende Fluchen derer, die
+in Minuten verloren, was sie in langen Jahren mühsam verdient und
+erschafft, die scharfen Schüsse zwischen Soldaten und Plünderern,
+und fern vom Strande dumpf donnernde Brandung wie das befriedigte
+Brummen eines gesättigten Raubtiers -- wahrlich -- das klang wie das
+schauerliche Mißkonzert einer infernalischen Nacht!
+
+Und dann graute der Tag. Die Sonne stieg empor -- erst blutig rot
+vom Dunst und Qualm -- dann hell strahlend und hart. Mit grausamer
+Genugtuung schien sie den furchtbaren Greuel der Verwüstung zu mustern,
+spöttisch das wirre bunte Lager der Hunderttausende auf den Squares und
+im Golden Gate-Park zu belachen.
+
+Mit Decken, Plaids und Laken, auf abgebrochene Stakete und Äste
+gespannt, hatten sich manche schon notdürftige Zelte errichtet; aber
+nur Dutzende unter Tausenden waren so glücklich, mehr gerettet zu haben
+als das nackte Leben und zwei oder drei Kleidungsstücke.
+
+Menschenliebe und Mitleid schafft das wirklich große Unglück nie, nur
+Roheit und Verbrechen! Man gab sich nicht nur nichts; man stahl sich
+noch das Wenige im Dunkel der Nacht; man stieg heimlich in die Trümmer
+zurück, um zu plündern, was man brauchte oder den Toten nicht gönnte.
+
+Auch der Hunger trieb die Menschen wie gierig lechzende Hyänen schon
+durch die Nacht, wie spürende Hunde nun am Tage. Anfangs hatte man
+über den aufregenden Ereignissen des Magens Knurren überhört, ihn dann
+mit dem ersten Besten, mit Früchten, Straßenabfall, Gras und Blättern,
+ein wenig hingehalten. Jetzt in der kalten Morgenluft meldete er sich
+wie ein reißendes Tier! Man stürmte die wenigen Läden, man raubte sich
+das Gestohlene und fiel sich mit Messern und Revolvern darum an, wie
+vor Hunger meuternde Matrosen eines verschlagenen Wracks.
+
+Jede Ordnung war dahin; keine Autorität galt mehr, und die stolze,
+selbstbewußte Freiheit der Republikaner schlug rasch in die Willkür
+rücksichtsloser Piraten um. Auch die Achtung vorm Weibe, eine der
+tiefsten und edelsten Tugenden der Amerikaner, ging zeitweise im
+Strudel des bestialischen Selbsterhaltungstriebes unter.
+
+Erst am Tage darauf ließ die Wildheit und Roheit nach, und die besseren
+altruistischen Gefühle siegten hier und da über den eingebornen
+Egoismus.
+
+Der Hunger und der Durst machte nach und nach auch die zügellosesten
+Burschen zahm, und gerade von unten herauf begann die Ordnung zu siegen
+vermöge der drängenden Sehnsucht nach dem Leben.
+
+Allgemach begann man systematisch ans Werk der Rettung zu gehen. Führer
+fanden sich und wurden anstandslos anerkannt, wenn sie sich in den
+Dienst des allgemeinen Wohls stellten.
+
+Die erste Sorge galt dem Eindämmen des Feuers. Rasch angerückte
+Soldaten unter entschlossenen Offizieren kämpften wie Helden gegen das
+anfangs nur in sechzehn, dann in Hunderten verschiedener Quartiere
+rasende Feuer, das rasch sich vereinigte und unaufhaltsam weiterfraß.
+Wasser war nicht zur Stelle, die Leitungen waren geplatzt und
+zerrissen, das Meer zu weit.
+
+Man begann mit Dynamit zu sprengen und ganze Straßen niederzulegen, und
+so mischte sich ein neues derbes Instrument in das wilde Höllenkonzert
+des untergehenden San Francisco.
+
+Auch die Ernährungsfrage ward einigermaßen geregelt. Etwaige Vorräte
+wurden gesperrt und gestapelt, Diebe überwältigt, Eßwarengeschäfte
+und Bäckereien mit Wachen besetzt und dann ordnungsgemäße Brotreihen
+gebildet, in die auch Kaspar als Bettler für seine kranke Freundin, für
+das Kind und für sich mehrfach eintreten mußte, da die Rationen nur
+klein waren.
+
+An der endlosen Reihe der Hungrigen zogen oft ganze Wagen voll
+schreiender, wimmernder Schwerverletzter vorüber. Schrecklich
+verstümmelte und blutig zerquetschte Glieder hingen kraftlos herab und
+heraus oder zuckten wie im letzten Todeskampf.
+
+Man rettete und flüchtete die Verwundeten aus den bedrohten Lazaretten
+vor den unwiderstehlich heranwogenden Flammen, die freilich oft
+schneller waren als Menschenhilfe.
+
+Zu Dutzenden mußten beherzte Ärzte allzu schwer Verwundete und nicht
+mehr zu Rettende, darunter manche Kinder, mit Chloroform betäuben, um
+die Wehrlosen so vor den Qualen des gräßlichen Feuertodes zu bewahren.
+Bei vielen jedoch war die Narkose umsonst, und gellend hallten die
+fürchterlichen Entsetzensschreie der hilflos Verlassenen aus den
+unbarmherzig fressenden Flammen.
+
+ * * * * *
+
+Kaspar war es ein Trost, daß die schwerkranke Ursemi all den grausen
+Jammer nicht mit anhören und ansehen mußte. Schon um den Verstand der
+noch immer stotternden Zofe sorgte er bisweilen, denn es wurden immer
+wieder neue Unglückliche wahnsinnig, und Wahnsinn steckt an.
+
+Klein Edith dagegen spielte mit andern Kindern fröhlich, ja ausgelassen
+und fragte nur öfters: warum die Mama so lange schliefe und Papa gar
+nicht wiederkäme.
+
+Nachdem Ursemi, die zeitweise wieder zu sich kam, mehrfach vergeblich
+Auskunft über das Ende ihres Mannes erfleht hatte, verfiel sie gänzlich
+in Apathie und Delirien, und am fünften Tage überließ sie Kaspar der
+Zofe und einigen mitleidigen Nachbarn und ging aus, um Hilfe zu holen.
+
+In dem fliegenden Lazarett wollte man die Kranke nicht aufnehmen, da
+die Verwundeten vorgingen.
+
+Zum Glück wußte die Zofe die Adresse eines jungen deutschen
+Bankbeamten, eines Herrn Borchardt, der mit seiner Frau draußen im
+Sunset District an der Ocean Beach wohnen sollte. Vielleicht hatte
+dort draußen in den kleinen Holzhäusern auf dem weichen Dünensande das
+Erdbeben nicht so gewütet. Und richtig, als Kaspar, durch das wüste
+Feldlager des Golden Gate Parks eilend, hinabgelangte, sah er die
+lieblichen Häuschen unversehrt in ihren bescheidenen Gärtchen stehen.
+
+Nach allerlei Fragen fand er die junge Frau Borchardt, die Kaspar
+mitteilte: ihr Mann sei jetzt Tag und Nacht auf der Bank, sie sei aber
+gern bereit, die Kranke aufzunehmen. Hinten im Garten stände ihre erste
+Wohnung leer, freilich nur ein zweiräumiges kleines Holzhüttchen -- sie
+nannte es Puppenheim -- da wolle sie zurechtmachen.
+
+Kaspar dankte mit Tränen in den Augen und jagte zurück zum Alamo
+Square.
+
+Aber wie die Kranke über den hohen Hügel und durch den weiten Park nach
+den Dünen transportieren?
+
+Herr Borchardt mußte eben helfen, ein anderer tats jetzt schwerlich
+oder nur für vieles Geld, und Kaspars Scheckbücher lagen unter den
+Trümmern.
+
+Nicht einmal die Uhr, nur das fast leere Portemonnaie und den kleinen
+Kompaß Gottfried Kämpfers hatte er gerettet von seinen wenigen
+Schätzen.
+
+Durch die brennende, mit Trümmern übersäte Stadt nach der Bank zu
+kommen hielt sehr schwer.
+
+Überall sperrten Schuttmassen, heißes Eisengestänge oder glimmende
+Holzbarrikaden die Straßen.
+
+In den wichtigeren Straßen mußte alles aufräumen helfen. Mit
+Gewehrkolben, Gummiknüppeln und oft auch mit vorgehaltenen Revolvern
+zwangen Soldaten und Policemen alle Männer zur Mitarbeit. Auch Kaspar
+mußte heran, arbeitete in Verzweiflung mit, stahl sich aber dann
+heimlich davon.
+
+An der Van Neß-Street tobte der Kampf gegen das Feuer am wildesten.
+Hier, an dieser breiten Verkehrsader, hoffte man endlich die noch immer
+unbesiegten Flammen zum Stehen zu bringen.
+
+Streng waren überall die Verbote, auf offener Straße zur Bereitung von
+Lebensmitteln Feuer zu machen; am strengsten und rücksichtslosesten
+wurden sie hier, an dieser gefährlichen Stelle, von den fast zu Tode
+erschöpften, vielfach nervös überreizten Soldaten gehandhabt.
+
+Da sah Kaspar, wie ein roher Söldner nach dreimaligem Verbot eine
+arme, tapfere Mutter erschoß, die ein Töpfchen Milch für ihr fast
+verdurstetes Baby doch auf einem schnell gestohlenen Feuerchen warm
+machen wollte und sich nicht warnen ließ. Als die Ärmste, über
+Feuer und Kindchen stürzend, lang hinschlug, sprang Kaspar, seiner
+Sinne nicht mehr mächtig, wie rasend auf den Soldaten zu; aber ein
+Gummiknüttel schlug ihn von hinten zu Boden. Man ließ ihn liegen wie
+ein verendetes Stück Vieh.
+
+Nach Stunden erwachte er. Der Abend sank zum fünften Male herab seit
+dem furchtbaren Morgen des 18. April.
+
+Mit hämmernden Schläfen richtete sich Kaspar mühsam auf und schlich
+sich davon, hinten herum, durch Quartiere kleiner Leute, nach der Bank.
+
+Ihr Prachtbau stand noch zum größten Teile wie auch die Staatsgebäude,
+zum Beispiel die nahe Post und die Münze, da sie aus soliden
+Steinquadern gefügt und nicht wie die Graftgebäude der Stadtbetrüger
+und Spekulanten aus billigen Konkretmassen und Eisen zusammengepappt
+waren.
+
+Das mächtige Prunkportal der Bank, ein wenig verschoben, stand offen;
+die vornehmen Offices leer, kein Mensch war zu sehen, auch nicht der
+sonst übliche Patrolmann.
+
+Kaspar stieg vorsichtig lugend in den Keller hinab, aus dem etwas
+schimmerte wie Fackel- oder Laternenlicht. Kaum war er einige Stufen
+hinab, da rief eine scharfe, militärisch klingende Stimme auf englisch:
+»Hände hoch oder ich schieße!«
+
+Kaspar stand wie vom Blitze gerührt, dann rief er zurück: »Gut Freund,
+suche Mr. Borchardt.«
+
+Lachend kam nun aus dem Kellerdunkel eine deutsche Stimme: »Hallo,
+Landsmann, was wollen Sie?«
+
+Und aus respektvoller Entfernung stand Kaspar Rede und Antwort, denn
+jetzt sah er vor sich im Dunkel einige Leichen liegen.
+
+Es waren weiße und farbige Plünderer, die von den drei tapferen
+deutschen Beamten, die hier die Millionen ihrer amerikanischen Herren
+treulich bewachten, erschossen waren.
+
+ * * * * *
+
+Am sechsten Tage endlich gelang es Kaspar mit Hilfe des redlichen
+Borchardt, irgendwo eine gebrechliche Karre aufzutreiben und auf ihr
+die arme, totkranke Gräfin nach Puppenheim zu schaffen.
+
+Es war ein seltsamer Zug -- anders als kurz zuvor im stolzen Automobil.
+
+Mitten durch das endlose Zeltlager des Golden Gate Park, aus dem schon
+wieder Gesang und lustiges Geschrei ertönte, ging die stille, langsame
+Fahrt.
+
+Malerische Gruppen lagen rauchend und kartenspielend ringsum.
+
+Dort schacherte schon wieder ein jüdischer Handelsmann, hier ein
+Italiener mit allerlei Dingen, zu denen sie vielleicht kein großes oder
+gar kein Anlagekapital gebraucht hatten.
+
+Ausgelassene Kinder tobten, sich fangend und zankend, wild umher.
+
+Alte Frauen schimpften laut aufeinander; kichernde Gruppen junger
+Mädchen, die sich untergefaßt hatten, erzählten sich die drolligsten
+und pikantesten Kostümgeschichten von der großen Flucht.
+
+Am Ausgang auf der breiten Sportwiese spielten sogar einige junge
+Gentlemen ein regelrechtes Baseballgame, und sie spielten wie immer mit
+großer Präzision, als hätte die Erde nie gebebt.
+
+Mitten durch all das bunte Leben und Treiben fuhr Herr Borchardt
+langsam und vorsichtig die auf dem kurzen Wagen schlecht gebettete
+Kranke, deren Füße herabhängen mußten.
+
+Kaspar bewahrte die halbtote Jugendfreundin liebevoll vor dem
+Herabgleiten und sah mit Bangen der Stunde entgegen, in der auch das
+letzte Leben aus diesem abgezehrten, vom Fieber verwüsteten Körper
+entfliehen würde.
+
+Hinter dem Wagen schritt die bleiche Zofe, noch immer nur dürftig
+bekleidet, und trug oder führte die kleine Edith, die nur Augen für den
+lustig bellenden Brauni hatte, dem einzelne Buben und Männer Schalen
+und Kiefernzapfen nachwarfen oder ihm neckend nachblafften.
+
+Endlich war der lange Weg überwunden, und mit rührender Sorgfalt
+nahm sich Frau Borchardt der Kranken an, der sie ihr eigenes Bett
+aufgeschlagen hatte.
+
+Mit stummem Kopfschütteln verabschiedete sich der junge deutsche
+Buchhalter von der Frau seines toten Chefs und eilte zu seinem harten
+Dienst ins Bankgewölbe zurück.
+
+Millionen ruhten dort, hinter der Riesentrommel der vielfach
+gepanzerten Hauptdepositenkasse; aber keiner vermochte sie zu öffnen.
+Denn die das Geheimnis kannten, waren tot, und so mußten schließlich
+nach etlichen Wochen die treuen Wächter selbst zu Einbrechern werden.
+
+ * * * * *
+
+Kaum war Ursemi leidlich geborgen, so brachen Kaspars Kräfte plötzlich
+und völlig zusammen.
+
+Ein tiefer Schlaf schuf ihm jedoch neue Energie, und so wechselte er
+mit Frau Borchardt in Pflege und Wache am Bette Ursemis ab.
+
+Ein rasch herbeigeholter deutscher Arzt gab wenig Hoffnung. Das
+Bewußtsein kehrte nur selten und dann nur auf wenige Augenblicke
+zurück; das Fieber ließ nicht nach, und das letzte Flämmchen des arg
+bedrängten Lebens drohte zu verlöschen.
+
+Der Arzt machte schließlich ein ernstes Gesicht, schüttelte den Kopf
+und zuckte stumm mit den Achseln.
+
+Da stürzte Kaspar verzweifelt hinaus in das nahe Zederngestrüpp des
+Parks, warf sich in den gelben Dünensand, nahm sein Antlitz in beide
+Hände und bat Gott unter heißen Tränen: er möge ihm nicht das Letzte
+und Liebste nehmen, was ihm die Erde noch trug.
+
+Dann aber schoß ihm der Gedanke durch die Seele: Hast du nicht oft
+genug dir gesagt: Gott ist viel zu groß für menschliche Bitten?
+Selbstlos gilt es ihm dienen, an ihn glauben, ihn lieben, auf ihn
+hoffen -- trotz allem -- aber nichts von ihm erwarten!
+
+Und Kaspar schwieg und gab sich -- in unsagbarem Weh verzichtend auf
+alles -- in Gottes Hand.
+
+Eine bange Stunde und länger schritt er dann, in trübe Gedanken
+verloren, am Strande des lieblichen, stillen Ozeans entlang. Eine
+leichte Brise fächelte, ihm Kühlung spendend, die heiße Stirn.
+
+Vor ihm lagen die noch qualmenden Trümmer des ehedem so herrlich
+stolzen Cliffhauses, ein jammervoller Anblick.
+
+Links seitwärts in der See ragten einsam und leer die Felsen der
+Seelöwen, die von den San Franciscanern früher gern gefüttert worden
+waren. Laut aufheulend hatten sich die klugen Tiere ins Meer gestürzt,
+als sie das geliebte Cliffhouse in Flammen aufgehen sahen, und waren
+seitdem verschwunden.
+
+Nachdenklich stand Kaspar auf einer Düne und schaute über die
+spiegelglatte, blaue Flut.
+
+Die Sonne stand funkelnd im Zenith, klar lag der Horizont. Totenstille
+oder Frieden?
+
+Und Kaspar dünkte, als habe das greuliche Untier da draußen seine
+Krallen und seine Polypenarme eingezogen und schlummere wieder
+behaglich in der Tiefe wie ein gesättigter Drache.
+
+ * * * * *
+
+Als Kaspar in die armselige Bretterbude trat, die nun der Erbin so
+vieler Millionen wie ihm, dem armen Missionskinde, als einzige Zuflucht
+geblieben war, fand er Ursemi, still und matt, mit offenen Augen
+daliegen.
+
+Es schien zu Ende zu gehen. Doch war die Kranke jetzt klar bei
+Bewußtsein, denn sie sprach leise und innig zu Kaspar: »Also du bist
+doch bei mir, Lieber -- komm her, daß ich dir noch einmal vorm
+Scheiden danke für all das, was du mir gewesen in diesem Leben. Kaspar,
+sei, was du mir warst, auch dem Kinde; verlaß es nie, erzieh es zu
+deiner Redlichkeit und Wahrheit.«
+
+Kaspar beugte seine Knie, neigte schluchzend sein Haupt, und Ursemi
+tastete selig danach, küßte es mit den bleichen Lippen und hauchte:
+»Ich hab dich lieb gehabt, so lieb!«
+
+Dann schloß sie die Augen von neuem, und ein glückseliges Lächeln
+spielte auf ihren friedlichen Mienen. Sie schlief ruhig wie nie zuvor.
+
+Vorsichtig erhob sich Kaspar und schlich sich auf den Zehen leise
+hinaus, um sich draußen laut auszuweinen.
+
+Dann suchte er Edith, die im Dünensande mit Nachbarskindern spielte,
+und führte das Kind an das Bett der Mutter. Es war vergebens. Die
+Gräfin erwachte nicht wieder.
+
+Als der rote Sonnenball in die Fluten des Stillen Ozeans tauchte, tat
+Ursemi ihren letzten, leichten Atemzug.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+Heimkehr
+
+
+Tag für Tag fürchtete Kaspar Krumbholtz, er würde über all dem
+Entsetzlichen, was ihm diese und die folgenden Wochen brachten,
+zusammenbrechen; aber der einzige Gedanke, daß er für Edith zu sorgen
+und einzustehen habe, hielt ihn immer wieder aufrecht.
+
+Die entseelten Hüllen der Eltern zu bergen und schließlich in die
+Heimat zu senden, machte unter den obwaltenden Umständen große
+Schwierigkeiten, zumal es Kaspar erst völlig an Mitteln fehlte. Die
+Bank konnte nichts spenden, bis der Tresor nach Erlaubnis einiger
+versprengter Direktoren und der Behörden erbrochen werden durfte. Herr
+Borchardt konnte selbst kaum etwas entbehren, denn er mußte schon für
+den gesamten Unterhalt der fünf Personen aufzukommen suchen, und das
+war bei der Teuerung und dem Mangel an den einfachsten Lebensmitteln
+durchaus nicht leicht.
+
+In der äußersten Not traf +Dr.+ Sebalt mit einem Dampfer von
+Hawai ein und fand nach einiger Mühe den alten Jugendgefährten in dem
+kleinen Bretterhäuschen.
+
+Es war ein trübes, bewegtes Wiedersehen. Auch der lebensfrohe Sebalt
+konnte sich der Tränen nicht erwehren, als er alles vernommen; doch mit
+gewohnter Entschlossenheit und mit reichen Mitteln sprang er sofort dem
+Freunde bei, besorgte die schwierigen Verhandlungen mit den Behörden
+und ermöglichte die Heimreise.
+
+Am liebsten hätte er Kaspar und klein Edith begleitet, aber er mußte
+auf Frau und Kinder warten, die noch in Hawai zurückgeblieben waren, da
+es dort einen großen Haushalt aufzulösen galt.
+
+Sebalt hatte einen Ruf an die Leipziger Universität als Nachfolger
+seines nach Berlin übersiedelnden Ordinarius erhalten und schließlich
+angenommen -- »der Kinder wegen«, wie er betonte.
+
+»Die Erziehung im lieben Deutschland kann mir keine noch so gute
+amerikanische Schule ersetzen«, meinte Sebalt nachdenklicher, als es
+wohl früher seine Art war, und Kaspar stimmte ihm freudig bei, indem er
+hinzufügte: »Wenigstens, wenn deine Buben Deutsche werden sollen und
+keine Amerikaner!«
+
+»Das sollen sie auch,« erwiderte Sebalt sehr bestimmt, »denn sie
+könnten sonst nur Halbamerikaner werden, und das wäre schlimm, wie
+alles Halbe! Nein, mein alter Junge, seit ich Vater geworden, denke ich
+ein wenig anders über das alles. Ich habe mir nun endlich den nötigen
+Witz gekauft! Es hat ja lang gedauert und manche Torheit gekostet;
+aber ich wünsche doch, daß meine Bengels denselben oder wenigstens
+einen ähnlichen Weg spazieren, also etwa von Bethel nach Hawai! Darum
+will ich sie in einigen Jahren eben nach Bethel oder sonstwohin in ein
+solides deutsches Pennal bringen, wo man auch noch zu erziehen und
+nicht nur zu pauken versteht.«
+
+»Später gibst du sie mir,« sagte Kaspar zuversichtlich, »denn die
+Winkler-Stiftung wird nun wirklich ans Werk gehen. Ja, staune nur,
+Alterchen, ich selber will in ihren Dienst treten, wenn sie mich
+brauchen kann. Auch ich weiß endlich wie du, woran ich mit mir bin.
+Gott hat mein Leben hart geführt, er hat mich nach und nach von so
+vielem losgelöst, daß ich denken muß, er hat mir Aufgaben vorbehalten,
+die einen Mann so völlig ausfüllen sollen, daß er darüber seine
+Einsamkeit und das gemeine Glück des Alltagslebens vergißt.«
+
+Sebalt maß den Freund mit besorgten Blicken, dann sagte er ernst: »Du
+solltest Kinder haben, Kaspar -- das bewahrt vor Schrullen und vorm
+Altern.«
+
+»Ich werde Kinder haben -- zu Hunderten und Tausenden -- mit ihnen
+will ich jung bleiben, ihnen will ich zahlen, was ich andern schuldig
+wurde. Mit klein Edith fang ich an. Ich freue mich auf den Tag, an
+dem sie den Grundstein legt zum ersten Bau der Winkler-Stiftung. Dann
+darfst du nicht fehlen, Hans. Und paß auf, wenn das Kind fröhlich und
+zuversichtlich auf guten Redaer Granit klopft, dann wird auch der Segen
+nicht ausbleiben. Das Kind wird ernten, was seine Eltern, was sein
+Großvater Wilhelm Winkler gesät haben.«
+
+»Wilhelm Winkler!« feierlich wiederholte Sebalt den Namen und fuhr
+dann wie in Gedanken versunken fort, »ein kluger Menschenkenner und
+ein kühner Rechner! Sein Mut hat mich gerettet, Kaspar. Er wußte ganz
+genau, daß er mich mit dem freien Kapital an den Abgrund stellte, aber
+nur dadurch machte er mich mit der Zeit auch schwindelfrei. An der
+Leine des Lehrers lernt die Sorte Sebalt nicht schwimmen, nur im freien
+Meer, im Angesicht der steten Gefahr zu ertrinken.«
+
+»Eines ziemt sich nicht für alle,« erwiderte Kaspar. »Mir schrieb Vater
+Winkler ein anderes Rezept, aber es hat auch geholfen. Ehre seinem
+Andenken. In seinem Geiste wollen wir andere erziehen, das wird ihm
+sicher der liebste Dank sein.«
+
+ * * * * *
+
+Mit stiller Wehmut fuhr Kaspar durch das weiträumige Amerika mit Edith
+und Brauni zurück nach Neuyork.
+
+Das treue Hundchen, in dem Kaspar seinen Lebensretter sah, war
+eigentlich eine bessere Kinderwärterin als die noch immer ein wenig
+verstörte Zofe, die das Stottern nie wieder ganz verlor und trotzdem an
+San Francisco hing wie eine Katze an ihrem Haus. Sebalt entschädigte
+das arme Mädchen reichlich und verschaffte ihr eine neue Stellung.
+
+In Neuyork holte der alte, tiefgebeugte Graf Brosyn seine Enkelin und
+ihren Pflegevater ab und reiste mit ihnen über den Ozean nach Hamburg,
+wo sie Frau Winkler mit der treuen Dente erwartete.
+
+Auf Bitten des Großvaters siedelten alle nach Schloß Schlockendorff
+über, wo es freilich klein Edith zunächst gar nicht gefallen wollte.
+Sie sehnte sich nach dem Bretterhäuschen und den Dünen am Strande des
+Stillen Ozeans oft zurück, bis Großmama, die nun über neuen Sorgen
+wieder auch neue Lebenskraft fand, mit ihr, Tante Dente und dem
+unentbehrlichen Brauni für einige Wochen an die Nordsee ging.
+
+Da söhnte sich Edith mit Deutschland aus und vergaß nach und nach das
+Land ihrer Sehnsucht und ihrer Jugendheimat. Nur im Grunde ihrer Seele
+spiegelte sich dann und wann ein still leuchtendes Idealbild von
+beidem.
+
+Kaspar fand überreichliche Arbeit nach seiner Rückkehr, doch eine
+Arbeit, die ihn innerlich völlig ausfüllte, ihn so zufrieden, ja stolz
+machte, wie nie zuvor irgendeine Arbeit seines Lebens.
+
+Er reifte nach und nach zum Vertrauensmann des Kuratoriums, dessen
+Ehrenpräsident nun der alte Graf Brosyn ward.
+
+Seit Harrys furchtbarem Ende hatte der Greis keine Freude mehr an
+seinem gewaltigen Bergwerksbesitz. Er verwandelte die Gruben in
+Aktiengesellschaften und vergrößerte dafür den Landbesitz fast um das
+Doppelte. Trotzdem konnte er der Stiftung zu Ehren seines Sohnes noch
+einige Millionen und ein herrlich gelegenes Gut mit stillen Seen und
+Forsten schenken, in denen nun nach dem Muster amerikanischer Colleges
+die Anstalten der Stiftung nach und nach erbaut werden sollten.
+
+Der Geist freilich sollte der deutsche sein, deutsch in seinem
+langsamen Werden und endlosen Streben, in seinem unermüdlichen Suchen
+und redlichen Prüfen, deutsch in seiner gerechten Würdigung fremder
+Vorzüge, aber frei von würdeloser und gefährlicher Überschätzung
+derselben, deutsch vor allem in seinem zuversichtlichen Glauben an
+die verklärende Schönheit und unverlöschliche Kraft des göttlichen
+Funkens, der in jeder Menschenseele glimmt, der zu wilden verzehrenden
+Flammen auflodern, aber auch zu stillen, wärmenden Herdfeuern angefacht
+werden kann.
+
+In Kaspar brannte ein solches Feuer seit den düstren kalifornischen
+Erlebnissen mit gleichmäßiger Glut.
+
+Er grübelte diesmal nicht wieder, wie das letzte Mal bei Carinas
+Verlust, darüber nach, warum ihn Gott bis in die tiefsten Tiefen des
+Leids hinabgestoßen hatte. Er hatte sein Geschick nun vertrauensvoll in
+Gottes Hand gelegt, ihm überließ er die Verantwortung für Ursachen und
+Wirkungen, die er im voraus doch nicht ergründen konnte.
+
+Mit der Zeit war ihm allerlei davon doch klar geworden, und so wartete
+er der weiteren inneren und äußeren Lösungen mit Geduld und ruhiger
+Zuversicht. Das gab seiner Arbeit neue Kraft, das tröstete ihn über so
+mancherlei Unzulänglichkeit, das verhalf ihm schließlich dazu, sich
+seiner eigentlichen Mission immer klarer und fester bewußt zu werden.
+
+Zunächst konnte er sie nicht erfüllen, wie er wohl mochte. Vorerst
+hatte er mit den Vorbereitungen über und über zu tun, nicht nur mit den
+Plänen der ersten Heime und des Lehrinstituts; sondern es galt auch
+den zukünftigen Schülern im Verein mit Volpelius und den Kuratoren,
+tüchtige Erzieher und Lehrer zu suchen. Gut Ding will Weile haben, und
+Kaspar hatte gelernt, auf das Reifen zu warten.
+
+ * * * * *
+
+Doch endlich kam der Tag, an dem klein Edith zum silbernen Hämmerchen
+greifen durfte, ein Tag froher Hoffnungen und wehmütigen Gedenkens, ein
+Tag, der viel gute und redliche Menschen in Sehnsucht und Zuversicht
+verband und alte Freunde zu neuer Arbeit zusammenführte.
+
+Da standen der alte Graf Brosyn, der väterliche Volpelius und seine
+Kuratoren in einem erlauchten Kreise von Gästen und Gönnern, von
+Männern der Theorien und Gedanken wie des praktischen Lebens.
+
+Um sie scharte sich eine stattliche Reihe junger Dozenten, die es wagen
+wollen, den Unterricht an der aufstrebenden Generation auch in Fächern
+zu übernehmen, die bisher im üblichen Lehrplan zu kurz kamen oder ganz
+fehlten.
+
+So wird zum Beispiel einer der Leipziger »Enterbten«, der ehemalige
+Generalsekretär der unterdessen aufgelösten nationalsozialen Partei,
+den jungen Bürgern und vielleicht späteren Führern beizeiten zu
+einer politischen Bildung verhelfen, die ihnen ein Verständnis und
+eine Orientierung über die wichtigsten Zeitfragen, Staats- und
+Wirtschaftsprobleme wie über die Parteiverhältnisse ermöglicht, ehe
+sie sich selbst entscheiden und betätigen. Und ein andrer aus der
+»Moravenrunde«, der vielgetreue Waisenvater, will Wirtschafts- und
+Haushaltstechnik, Buchführung und Bankverkehr, Gesetzeskunde und
+allerlei praktische Dinge den Zöglingen der Winklerstiftung lehren; ein
+dritter sie in die Literatur der jüngsten Vergangenheit einführen. Der
+Stiftsgärtner wird ihnen Anleitung zu Obst- und Gartenbau geben, und
+der Hausarzt ihnen Aufklärung über allerlei Geheimnisse und Gefahren
+erteilen, denen tagtäglich Tausende und Abertausende aus Neugier und
+Unwissenheit zum Opfer fallen. Für das alte Ziel jeder Schule, für
+das Leben, will diese neue Privatschule bewußter als die Staatsschule
+vorbereiten.
+
+Mit den Lehrern Hand in Hand sollen Erzieher an den jungen Leuten
+arbeiten, die sich ihrer gewaltigen Verantwortung voll bewußt sind und
+wissen, was es mit der so schwierigen Heranbildung selbständiger und
+harmonischer Persönlichkeiten auf sich hat. Jugendfrische Idealisten
+haben sich genug gemeldet, doch fehlt es zum Glück auch nicht an
+solchen, die ihr Lehrgeld längst und reichlich bezahlt haben in
+schweren Lebens- und Schulerfahrungen und doch den goldnen Mut und das
+Hoffen aufs Morgen nicht einbüßten.
+
+Mit Kaspar Krumbholtz, dem zukünftigen Verwalter des Wilhelminum,
+disputierten eifrigst L³, der über dem vielen Ärger mit Bruder
+Balzer ein wenig schlanker geworden ist, und Bruder Bartel, der den
+Unitätdienst nach heißen inneren Kämpfen auch verlassen hat.
+
+Neben der tapferen, unternehmungslustigen Dente, die auf ihre alten
+Tage noch beabsichtigt, Harrys Stiftung, das Ursulanum, einzurichten,
+ragte ein stattlicher Kavalier, der sich seinen mächtigen Schnurrbart
+gar grimmig strich, und dem doch eine unbezwingliche Güte verräterisch
+aus den Augen strahlte, es war der Hessenhüne Thilo Kratt, der unlängst
+mit seinem Landschulheim Spekulanten zum Opfer fiel und nun wieder
+der Kollege von »Mister Kobolz« werden will. Er ist zum Hausvater des
+Henricum ausersehen.
+
+Auch Gottfried Kämpfer ist erschienen; aber zu Kaspars Leidwesen nur
+als flüchtiger Gast. Er wolle seinem lieben Kronprinzen in den Sattel
+helfen, wie er launig meint, und hoffe bald den ersten Feldzugsbericht
+über die Eroberung des neuen Königreichs zu schreiben. Werber Kaspar
+hat ihm hart zugesetzt, aber vergeblich. Mit allerlei lustigen Scherzen
+suchte Gottfried Kämpfer seine Weigerung freundlich zu bemänteln; erst
+als Kaspar ihn aufs Gewissen fragte, sagte der Freund ernst: »Ich
+möchte mir ebenso getreu bleiben wie du, Kaspar. Jeder nach seinen
+Gaben und an der für ihn richtigen Stelle. Ich bin dort unter dem
+›Federvieh‹ trotz meiner lahmen Flügel noch ganz gut am Platz, hier bei
+euch Männern der Tat wäre ich ein Stümper. Also laß mich, mein Junge.
+Wir können nicht alle gleich handeln. Es muß sicherlich einige geben,
+die denken und schreiben, wie man handeln soll. Übrigens -- auch mit
+der Feder kann man Taten tun und Schlachten schlagen.«
+
+Aus einer andern Gruppe hörte man Professor Sebalts helle Stimme. Er
+erzählte Frau Winkler von den Streichen seiner Zwillinge und neckte
+sich mit der ungeduldigen Edith, die der Großmama zusetzte und meinte:
+Großpapa solle nun endlich anfangen, sonst vergäße sie Tante Dentes
+Sprüchel.
+
+Großpapa Brosyn hatte in der Tat bald ein Einsehen und schritt mit der
+wehmütig bewegten Frau Winkler am Arm den drei Grundsteinen zu.
+
+Onkel Kaspar führte sein Pflegekind, das sein Hämmerchen wichtig hin
+und her schwenkte.
+
+Zuerst ging es zum Platz des ersten Neubaus, der am Waldrand im Schutze
+mächtiger Fichten erstehen sollte.
+
+Ehrfurchtsvolle Stille herrschte ringsum, als der ehrwürdige Graf
+mit tiefem Ernst und leisem Beben der Stimme die Worte sprach: »Dem
+Andenken meines Sohnes seist du geweiht, Haus und Heim kräftiger
+Mannesjugend: Henricum seist du genannt -- trage diesen Namen als das
+letzte Vermächtnis eines edlen, nun zur Rüste gehenden Geschlechts,
+das deutschem Wesen an gefährdeter Grenzmark Jahrhunderte hindurch
+treulich zugetan war. Halte du mit deinen Schützlingen Wacht an Stelle
+der tapferen Heinriche von Brosyn, streitbar wie sie mit Waffen und
+Wehr, aber auch arbeitsam mit Pflugschar und Axt, mit Feder und Zirkel
+und rastlosem Drang zu leiten wie zu dienen! Im Namen Gottes tue ich
+den ersten Schlag, im Namen meines kaiserlichen Herrn den zweiten, im
+Namen meines alten Hauses den dritten.«
+
+Schweigend zog man dann hinab zum See, an dessen lieblichem Ufer das
+zweite Heim erbaut werden sollte.
+
+Kaum hatte sich der Kreis gebildet, da hüpfte klein Edith im weißen
+Kleidchen eiligst zum Redaer Granitblock heran, reckte den Silberhammer
+stolz empor und sagte keck und ohne zu stocken:
+
+ »Meinem Mütterlein zur Ehr,
+ Ursulanum sei dein Name!
+ Mägdlein zieh uns, klug, fromm, hehr,
+ Die auch Weib sind, nicht nur Dame.
+ Mütter zieh, wie meine war,
+ Die sich selbst zum Opfer bringen.
+ Darauf kling es froh und klar:
+ Eins, zwei, drei! Und gut Gelingen!«
+
+Lauter, lachender Beifall, in den doch hie und da ein wehmutvoller Ton
+sich mischte, scholl ringsum.
+
+Die Großeltern und Tante Dente zogen nach einander klein Edith in ihre
+Arme und küßten das stolz und glücklich lächelnde Kind mit tiefer
+Bewegung.
+
+Hans Sebalt sagte schmunzelnd zu Kaspar: »Das ist Ursemis Tochter, die
+wird mal mit Grazie regieren.«
+
+»Um sich dann doch in Liebe unterzuordnen!« erwiderte Kaspar in ernsten
+Gedanken.
+
+Gottfried Kämpfer stieß ihn an und sagte ermunternd: »Hans der Träumer,
+wach auch, freu dich der Erbin! Steht sie nicht da wie das Leben
+selbst, das echteste und unvergänglichste Leben, das immer wieder
+hoffnungsfroh und unbekümmert aus dem fruchtbaren Humus vergangner
+Herrlichkeit emporblüht?«
+
+Da lächelte Kaspar Krumbholtz still selig in sich hinein, drückte
+dem Freunde dankbar die Hand und sagte stark: »Hast recht, Kämpfer.
+Schützen wir herangewachsenen Bäume das junge Reis mit unsern dichten
+Kronen vor Sonne und Sturm, und streuen wir neue Samen ins Land, bis
+auch uns Allmutter Erde zu ihrem Humus braucht.«
+
+In guter Stimmung schritt nun die Gesellschaft bergan auf die kleine
+Anhöhe neben dem Schloß, auf der das mächtige Unterrichtsgebäude seinen
+beherrschenden Platz finden sollte.
+
+Als alle beisammen waren, trat Kaspar Krumbholtz vor, nahm einem
+Arbeiter den schweren Werkhammer aus der harten Faust, wog ihn
+bedächtig prüfend in seiner Hand und sprach mit innerer Freudigkeit:
+
+»Liebe Gäste und Freunde! Herr Geheimrat Volpelius hat mich beauftragt,
+an seiner Stelle den Weihespruch zu sprechen zu Ehren seines verewigten
+Freundes, der auch mir ein Freund und Vater war, des Anregers und
+Gründers dieses großen Werkes, in dessen Dienst -- mittelbar oder
+unmittelbar -- wir uns alle stellen wollen. Es wäre nicht im Sinne
+des schlichten Mannes Wilhelm Winkler, wenn wir ihn rühmten; er und
+wir bedürfen dessen wahrlich nicht! Wir wollen mit Taten zeigen, daß
+sein Geist auf uns ruht, wir wollen dafür sorgen, daß dieser redliche,
+ans Ganze denkende und vorsorgende Geist weiter wirkt und lebendig
+bleibt in der Jugend unseres Volks und aus ihr neue, opferwillige
+Pioniere, fruchtbare Anreger, kühne Bahnbrecher, unverzagte Streiter,
+zielbewußte Führer und besonnene Organisatoren hervorgehen. Jede Zeit
+hat ihre besonderen Vorzüge und Nachteile, je nach dem wechselnden
+Leben, das durch sie flutet, je nach der Sehnsucht, die in den besten
+Kindern dieser Zeit waltet. Seine Zeit richtig zu erkennen hält schwer;
+nur wenigen, die geistig oder sozial emporragen, gelingt es. Noch
+schwerer ist es, die Linien der notwendigen Fortentwickelung auch
+nur einigermaßen klar zu erkennen und für die Bedürfnisse der Zukunft
+vorzuarbeiten. Das, liebe Freunde, war das seltene Vermögen, das
+Charisma Wilhelm Winklers. Er kannte die Sehnsucht unserer Zeit nach
+Gleichheit, aber er erkannte auch früh die Gefahr der Nivellierung und
+sann darüber nach, wie er seinem Volke neue Persönlichkeiten erwecken
+könne. Aus dieser Sorge heraus ward dieses Werk geplant, in dessen
+Dienst wir uns stellen, an dem die einen von uns arbeitend und werbend,
+die andern sorgend und hoffend Anteil nehmen wollen. Ganze Menschen,
+innerlich freie, in Gott und in sich selber sicher ruhende und doch
+von Tag zu Tage rastlos mit beiden ringende Persönlichkeiten soll
+dieses Haus durch seine Diener heranbilden und so den Namen Wilhelm
+Winklers zu Ehren bringen. Wilhelminum -- so taufe ich dich und tue
+den ersten Schlag hart, fest und hell zu deinem Fundament im Namen der
+schlichten, fleißigen Weberfamilie Winkler, deren letzter Sohn ihr
+bester war, deren letztes Gewebe ihr feinstes und dauerhaftestes sein
+wird, den zweiten Schlag im Namen des Volkes, für dessen Zukunft wir
+alle arbeiten, und den dritten und letzten wieder im Namen des Ewigen,
+von dem wir wie unser Werk Anfang und Ende nehmen müssen.«
+
+
+Ende
+
+
+Spamersche Buchdruckerei, Leipzig.
+
+
+
+
+Werke von Herm. Anders Krüger
+
+
+Romane
+
+
+ Gottfried Kämpfer. Ein herrnhutischer Bubenroman in zwei Büchern. Mit
+ Buchschmuck von ~Ernst Liebermann~. 1908. 19. bis 22. Tausend.
+ Gebunden 6 Mark.
+
+Alle Seligkeiten und alle Sorgen einer heranreifenden Knabenseele,
+all ihr Leid und alle ihre Kämpfe, ihren ganzen Haß und der
+ersten Liebe goldne Zeit erleben wir mit, da die Charakteristik
+meisterhaft nachempfindet und restlos alle Gedanken und Empfindungen
+bloßgelegt. Und mit dem jungen Helden treten wir auch ein in ein
+echtes Gemeinschaftsleben der Jugend, in ihre Freundschaften, ihre
+Feindschaften, ihre Jugendstreiche und ihre Jugendspiele, die ohne
+offiziellen und offiziös gezwungenen Spielnachmittag so zwanglos und
+so vollsaftig verlaufen, daß man in seinen alten Tagen nicht übel Lust
+bekommt, Räuber und Gendarmen mitzuspielen. Neben der Jugend erscheinen
+auch die Lehrer in vorzüglicher Charakteristik. In ihrer Zeichnung
+haben wir Musterstücke wahrer und schlichter Charakteristik.
+
+ (+Dr.+ A. Matthias in Monatsschrift für höhere Schulen)
+
+
+ Sirenenliebe. Ein Rivieraroman. 1897. Gebunden 3 Mark.
+
+Krüger läßt eine einfache Herzensgeschichte, die aber in gewaltigen
+Akkorden ausklingt, sich in einem engbegrenzten Kreise abspielen, ohne
+die Hilfsmittel großer Ereignisse, nur mit der einzigen Staffage der
+herrlichen italienischen Natur ... Er nimmt die Menschen wie sie sind,
+und darum weht auch um seine Gestalten der Atem frischer Morgenluft und
+einer derben gesunden Natur.
+
+ (Hamburgischer Korrespondent)
+
+
+ Der Weg im Tal. Roman in drei Büchern. Buchschmuck von ~Gustav
+ Petzold~. 1905. Zweite Auflage. Gebunden 5 Mark.
+
+Ein ehrliches deutsches Buch. Der Dichter zeichnet scharf umrissene
+Charaktere, er offenbart sich als ein feinsinniger Psychologe, dessen
+zarte Tönungen in der Darstellung des Innenlebens überraschen. Wir
+finden bei Krüger den höchsten sittlichen Ernst in der Auffassung
+unserer heutigen Probleme, einen glühenden Idealismus für alles Echte,
+eine lebenswarme Liebe zum Menschen und Natur. Und dann noch Humor,
+goldigen Humor, die echte Heiterkeit eines Menschen, dessen ganze
+Person von harmonischem Lebensrhythmus getragen ist.
+
+ (Tägliche Rundschau)
+
+Preise ungültig
+
+
+
+
+Dramen
+
+
+ Ritter Hans. Schauspiel in vier Aufzügen. 1897. Broschiert 2 Mark.
+
+Eins der besten modernen Stücke, voll dramatischer Kraft, lebenswahrer
+Darstellung und sittlichen Ernstes.
+
+ (Leipziger Zeitung)
+
+
+ Der Kronprinz. Eine dramatische Historie in fünf Aufzügen. 1907.
+ Broschiert 2 Mark.
+
+Es ist das Jugenddrama Friedrichs des Großen, das in Krügers Schauspiel
+vor uns aufersteht, geschaut und nacherlebt von einem, der ebenso
+moderner Dichter wie geschulter Historiker, in diesem Stoffe noch mehr
+fand als nur ein Stück Geschichte, nämlich ein tief erschütterndes
+Stück eigenes Leben. Vortrefflich und zündend ist der Dialog. Die
+Sprache ist bewußt modern, nirgends altertümelnd. Indessen bleibt der
+Ausdruck trotz aller Natürlichkeit kraftvoll und edel, getragen von
+einem heimlichen Rhythmus.
+
+ (Eckart)
+
+
+ Der Graf von Gleichen. Eine deutsche Tragödie in fünf Aufzügen. 1908.
+ Broschiert 2 Mark.
+
+Krüger hat die Sage vom Grafen von Gleichen in ganz eigenartiger,
+aber höchst fesselnder Weise behandelt. Trefflich im Aufbau,
+charakteristisch in der knappen Sprache der Blankverse, voll wahrer
+Empfindung sind die lebensvoll gezeichneten Charaktere in Handlung
+gesetzt.
+
+ (Literarisches Zentralblatt f. Deutschland)
+
+
+
+
+Von demselben Verfasser erschien bei
+
+H. Haessel Verlag in Leipzig
+
+ Der junge Eichendorff. Ein Beitrag zur Geschichte der Romantik. 2.
+ Auflage. 3 Mark.
+
+ Pseudoromantik: Friedrich Kind und der Dresdner Liederkreis. Ein
+ Beitrag zur Geschichte der Romantik. 4 Mark.
+
+ Kritische Studien über das Dresdner Hoftheater. 50 Pf.
+
+
+Friedrich Jansa, Verlag in Leipzig
+
+ Waldhüters Weihnacht. Ein dramatisches Festspiel für Kinder in fünf
+ Auftritten. 4. bis 6. Tausend. Broschiert 75 Pfennig.
+
+
+Verlag von Alfred Janssen in Hamburg
+
+
+
+
+Romane
+
+
+ Die Kinder aus Ohlsens Gang. Roman von ~Gustav Falke~. 1908.
+ 4.-5. Taus. Geb. 4 M. 50 Pf.
+
+Ein überaus schlichtes und reines Buch. Der es schrieb, hat jede
+Zeile in seinem Herzen getragen. Darum lebt man dieses kleine, frohe,
+trauernde, verärgerte, höhnische, manchmal sogar ein wenig tragisch
+drohende Leben in einer stillbewegten Teilnahme mit.
+
+ (Literarisches Echo)
+
+
+ Chaos. Roman von ~Albert Helms~. 1909. Umschlagzeichnung von
+ Professor C. O. Czeschka. Gebunden 3 Mark.
+
+Die grenzenlose Öde der russischen Steppe ist der Hintergrund, auf
+dem diese grell beleuchteten, zuckend lebendigen, stimmungsschweren
+Bilder entstehen ... in der ein merkwürdiger, grimmig brutaler, ganz
+eigenpersönlicher Humor sein Wesen treibt ... Da ist z. B. eine
+Vision wilder Hungerhalluzinationen, wie sie seit Hamsum kein Dichter
+plastischer gesehen hat.
+
+ (Hamburgischer Correspondent)
+
+
+ Peter Michel. Roman von ~Friedrich Huch~. 3. Auflage. Gebunden 5
+ Mark.
+
+Geschrieben ist diese Alltagsgeschichte ... und gesehen ist dieses
+stille deutsche Leben ... mit einer Tiefe der Beobachtung, einem Humor
+der Anschauung, kurz mit dichterischen Gaben, die vereint dem Buche
+einen seltenen und kostbaren Zauber verleihen.
+
+ (Gabriele Reuter im »Tag«)
+
+
+ Blut. Roman von ~Waldemar Bonsels~. Umschlagzeichnung von Willy
+ Geiger. 1909. Gebunden 4 M.
+
+Hier wird einmal wieder die Tragik eines zerpflückten Mädchenlebens
+in ihrer ganzen Reinheit, ihrer herzzerbrechenden Not hingestellt von
+einer jungen Meisterhand.
+
+ (Deutsche Romanztg.)
+
+
+
+
+Novellen von Timm Kröger
+
+
+ Des Reiches Kommen. 1909. Gebunden 2 Mark 50 Pfennig.
+
+Die Timm Krögerschen Novellen gehören immer zu dem Feinsten und
+Köstlichsten, was uns unsere Literatur von heute zu bescheren hat,
+und die ganze Geistesfrische, die unverzehrte Kraft des Dichters lebt
+in diesem seinem letzten Werk. Aus dem alten Geist niederländischer
+Genrekunst, nordwestdeutscher Naturalistik heraus geboren, strömt
+auch diese Novelle allen feinen Stimmungszauber aus. Licht, Farben
+und Töne rinnen, aufs feinste zueinander abgestimmt, in ein
+köstliches Helldunkel zusammen, Natur und Mensch erscheinen unlösbar
+miteinander verknüpft, völlig miteinander verwoben, alles ist reine
+Gegenständlichkeit, und die einzig wahre, einzig echte Kunst, deren
+ganzes Geheimnis allein darin besteht, daß sie das Wort zu Fleisch
+werden läßt, ist sicher ein Timm Kröger-Besitz.
+
+ (Aus einem Feuilleton von Julius Hart in »Der Tag«, Berlin.)
+
+
+Um den Wegzoll. 2. Auflage. Gebunden 2 Mark.
+
+
+Heimkehr. Skizzen aus einem Leben. Geb. 3 Mk.
+
+
+ Leute eigner Art. Novellen eines Optimisten. 3. Auflage. Gebunden 3
+ Mark.
+
+
+ Aus alter Truhe. Novellen und Erzählungen. 1908. Gebunden 3 Mark.
+
+
+ Fröhliche Kinder. Ratschläge für die geistige Gesundheit unserer
+ Kinder. Von ~Heinrich Scharrelmann~. 1906. 3. bis 5. Tausend.
+ Gebunden 3 Mark.
+
+Aus dem Vorwort: An die Eltern und Mütter wendet sich dieses Buch.
+Es möchte ihnen praktische Ratschläge und Fingerzeige geben für die
+häusliche Erziehung ihrer Kinder. Es will die Eltern aufmerksam machen
+auf wenig gekannte und gewürdigte Anlagen und Fähigkeiten im Kinde
+und möchte zugleich zeigen, wie ein gesundes Wachstum aller geistigen
+Kräfte von der Kinderstube aus angebahnt werden kann. So denke ich,
+wird es die innigen Bande zwischen Eltern und Kindern noch um ein
+weniges fester zu knüpfen versuchen, indem es das Kind auffaßt -- als
+unseresgleichen.
+
+Erziehern und Eltern, die ihre Kinder lieb haben, sei das Buch warm
+empfohlen.
+
+ (Basler Nationalzeitung)
+
+
+
+
+Billige Ausgabe der
+
+ Hamburger Hafenbilder. Von ~Wilhelm Dittmer~. 12 doppelseitige,
+ 24 ganzseitige Bilder. 48 Seiten Text. Kartoniert 2 Mark.
+
+Der Hamburger Hafen ist geistig und wirtschaftlich nicht mehr das
+ausschließliche Eigentum der mächtigsten der Hansastädte, sondern ein
+Gemeingut der Nation. Hier ist eine ganz neue Schönheit entstanden,
+die nichts mehr gemein hat mit lyrischer und phantastischer Romantik.
+... Wer Dittmers Buch in der Hand hält, fühlt mit Stolz: da bekennt
+sich ein Starker zu unsrer Zeit. Er sah Schönheiten überall ...
+Sein technisches Vermögen war sehr groß. Seine zeichnerischen und
+malerischen Qualitäten ordnen ihn in die erste Reihe unsrer Künstler
+ein. Daß er aber auch ein Meister der Sprache war, ein wundervoller
+Erzähler, darf nicht vergessen werden, weil er zu seinem Hafenbuche
+selbst einen schlichten, kraftvollen, anschaulichen Text schrieb --
+Dieses Buch hat alle Berechtigung ein Volksbuch zu werden. Es gehört in
+die Hand eines jeden Deutschen.
+
+ (General-Anzeiger für Hamburg-Altona)
+
+
+Verlag von Alfred Janssen in Hamburg
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78421 ***
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+ Kaspar Krumbholtz | Project Gutenberg
+ </title>
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+/* Poetry */
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+/* Transcriber's notes */
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78421 ***</div>
+
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis ist zur besseren Übersicht an den
+Anfang des Textes verschoben worden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt</p>.
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover">
+</figure>
+
+
+<h1>Kaspar Krumbholtz</h1>
+
+<p class="p2 s3 center">Roman</p>
+
+<p class="center">von</p>
+
+<p class="s2 center">Herm. Anders Krüger</p>
+
+<p class="p6 s4 center">Georg Westermann</p>
+<p class="s4 center">Braunschweig / Hamburg / Leipzig</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p class="p6 s5 center"><span class="antiqua">Copyright 1910 by Alfred Janssen, Hamburg</span></p>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p class="p4 mbot2 s2 center">Der Kampf mit der Welt</p>
+</div>
+
+
+<div class="titel_r s5">
+<div class="s5 left"><em class="gesperrt">Motto:</em><br>
+Der letzte leise Schmerz und Spott<br>
+Verschwindet aus des Herzens Grund.<br>
+Es ist, als tät der alte Gott<br>
+Mir endlich seinen Namen kund.
+</div>
+
+<div class="s5 right"><em class="gesperrt">Gottfried Keller</em></div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="p4 s3 center">Marie v. Ebner-Eschenbach</p>
+<p class="s5 center">und der</p>
+<p class="s3 center">Germanistic Society of America</p>
+<p class="s4 center">zum Dank</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<p class="p4 s2 center">Inhaltsverzeichnis</p>
+
+<table class="toc">
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right"><em class="gesperrt">Erstes</em></div>
+ </td>
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+ <div class="center"><em class="gesperrt">Buch</em></div>
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+</tr>
+
+<tr>
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+ <div class="center">Kapitel:</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_13">Der Holzkollege</a></div>
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+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
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+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
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+ <div class="center">"</div>
+ </td>
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+ <div class="left"><a href="#Seite_26">Antrittsbesuche</a></div>
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+ </td>
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+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
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+ <div class="center">"</div>
+ </td>
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+ <div class="left">D<a href="#Seite_47">er angehende Weltmann</a></div>
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+ <div class="right">47</div>
+ </td>
+</tr>
+
+ <tr>
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+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
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+ <div class="center">"</div>
+ </td>
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+ <div class="left"><a href="#Seite_70">Der Gottsucher</a></div>
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+ <td class="vab">
+ <div class="right">70</div>
+ </td>
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+
+<tr>
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+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
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+ <div class="center">"</div>
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+ <div class="left"><a href="#Seite_86">Das Londoner Magdalenchen</a></div>
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+ </td>
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+ <div class="center">"</div>
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+ <div class="left"><a href="#Seite_102">Feriengäste</a></div>
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+</td>
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+
+<tr>
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+ <div class="right">7.</div>
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+ <div class="center">"</div>
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+ <div class="left"><a href="#Seite_130">Die Tänzer</a></div>
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+</td>
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+
+<tr>
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+ <div class="right">8.</div>
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+ <div class="center">"</div>
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+ <div class="left"><a href="#Seite_138">Die pädagogische Ohrfeige</a></div>
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+</td>
+</tr>
+
+<tr>
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+ <div class="right">9.</div>
+ </td>
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+ <div class="center">"</div>
+ </td>
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+ <div class="left"><a href="#Seite_168">Abschiedsbriefe</a></div>
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+</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">10.</div>
+ </td>
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+ <div class="center">"</div>
+ </td>
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+</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat padtop1">
+ <div class="right"><em class="gesperrt">Zweites</em></div>
+ </td>
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+ <div class="right">215</div>
+ </td>
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+
+<tr>
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+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
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+ <div class="center">Kapitel:</div>
+ </td>
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+ <div class="left"><a href="#Seite_217">Im Rock des Königs</a></div>
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+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
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+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
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+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_227">Sündenfälle</a></div>
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+
+<tr>
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+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_268">Charlotte</a></div>
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+ </td>
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+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><a href="#Seite_281">Auseinander</a></div>
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+ <td class="vab">
+ <div class="right">281</div>
+ </td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
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+ <div class="center">"</div>
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+ <div class="left"><a href="#Seite_309">Die Moravenrunde</a></div>
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+ </td>
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+
+<tr>
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+
+<tr>
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+ <div class="right">7.</div>
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+ <div class="center">"</div>
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+ <div class="center">"</div>
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+ </td>
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+
+<tr>
+ <td class="vat">
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+ </td>
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+ <div class="center">"</div>
+ </td>
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+ </td>
+</tr>
+</table>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2>Erstes Buch<br>
+<span class="p2 s3 center"> &nbsp;&nbsp;In der Kelter</span></h2>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Der Holzkollege</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Samstag Abend wars. Wieder war eine Woche vorüber, und zwar eine
+besonders böse, die letzte der Osterferien, in denen überdies die
+Ordnung mit Frühling und Schulfreiheit in harter Fehde lag.</p>
+
+<p>Die Lehrerschaft der Tramberger Knabenanstalt versammelte sich nach und
+nach zum gewohnten Teeabend im Konferenzzimmer.</p>
+
+<p>Schmauchend und schwatzend saßen bereits die dienstfreien Stubenlehrer
+um den länglichrunden Eichentisch. An den beiden Polen, möglichst
+weit voneinander entfernt, hatten sich Herr Schlegelmeyer von der
+1. Stube, der sogenannte Chef der heute noch feiernden Lehrerreihe,
+und Herr Schnäbele, der angehende Missionar, dem die Vierten in
+Liebe untertan waren, niedergelassen; dazwischen Bruder Teuchert
+und Behring, die Lehrer der 2. und 3. Stube. Auf den beiden
+Ehrenplätzen des alten Ledersofas thronten mit Würde der umfangreiche
+<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span>Mitdirektor, Bruder Leonhard Ludwig Lohmann, genannt L<sup>3</sup>, und der
+magere Hypochonder, Religionslehrer und Pfleger, Bruder Wiesendahl.
+Seitab in seinem geliebten Schmollwinkel, unter 17 Bänden von Meyers
+Konversationslexikon, sog still an seiner langen Pfeife der wortkarge
+Supernumerar Bruder Hinzelmann, und am Klavier endlich phantasierte
+versunken und weltentrückt in leisen Akkorden Herr Vogel, der
+Musiklehrer.</p>
+
+<p>Die Tür flog heftig auf und zu. Herr Thilo Kratt, der trotzige
+Hessenhüne und Bändiger der Ersten, trat höflich grüßend an den Tisch,
+rieb sich behaglich die Hände und knurrte doch scheinbar grimmig: »Mer
+hunns, mer kunns, die Bengels sind in der Falle!«</p>
+
+<p>Der Mitdirektor fragte verbindlich lächelnd: »Sie meinen die lieben
+Zöglinge?«</p>
+
+<p>»Jawohl, Rasselbande,« erwiderte Kratt mit Laune, »ist ein wahrer
+Segen, daß am Montag der Hundetrab wieder beginnt.«</p>
+
+<p>»Sie meinen den angenehmen Schulunterricht —«</p>
+
+<p>»Den Deubel mein ich, mit Verlaub, Herr Mitdirektor, aber wenn man
+von 6 Uhr früh bis abends 9 Uhr vor der Rotte Korah da oben mühsam
+Schriftdeutsch geheuchelt hat, dann ist man doch heilsfroh, hier
+unten mal wieder Männerworte schmettern zu dürfen in der Urväter
+Umgangssprache.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p>
+
+<p>»Sell isch gewieß, sell isch nit verloge!« schwäbelte Herr Schnäbele
+bestätigend, und alles lachte. Nur Herr Schlegelmeyer wandte in
+edelstem Hannoveranerdeutsch ein: »An Ihrer Stelle spräche ich eben
+beständig in der Schriftsprache.«</p>
+
+<p>»Na, dann tun Sies nur in Gottes Namen, will gar nicht stören,«
+erwiderte Kratt schmunzelnd, »werde mich freun, wenn Sie mich würdig
+bei der Satansbrut da oben vertreten, pardon, Herr Mitdirektor, ich
+meine die lieben Zöglinge.«</p>
+
+<p>Geschmeichelt verneigte sich L<sup>3</sup> und fragte dann: »Wo bleiben denn die
+beiden bösen Buben?«</p>
+
+<p>»Pardon —« unterbrach ihn Kratt nun grinsend, »Sie meinen die lieben
+Herren Kollegen Knortz und Muffke.«</p>
+
+<p>Wieder lachte alles, am herzlichsten L<sup>3</sup>. Da traten die eben genannten
+Lehrer der 2. und 3. Stube ein und grüßten mit einem forschen: »Nabend,
+Kinnings!«</p>
+
+<p>Karl Knortz, genannt Moritz, und Martin Muffke, genannt Max, waren zwei
+handfeste Mecklenburger und als zwei immer vergnügte Menschenkinder
+von allen Kollegen gern gesehen; nur Herrn Schlegelmeyer waren sie zu
+unfeierlich, oft gar zu kurz angebunden oder zu witzig.</p>
+
+<p>Auch jetzt erregte der ungenierte Moritz des Reihenchefs höchstes
+Entsetzen, als er frischweg behauptete: Kollege Schlegelmeyer
+(der natürlich<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> die Mäßigkeit in Person war) habe bereits allen
+Tee weggetrunken. Und Max bestätigte schleunigst zum allgemeinen
+Gaudium: »Natürlich, Schlegelmeyer! Na, so ein Saufaus!«, während
+der Angeschuldigte mühsam gute Miene zu dem bösen Spiele machte und
+verlegen hüstelte: »Das stimmt wohl nicht ganz.«</p>
+
+<p>Dann holten Max und Moritz ihre langen Pfeifen aus dem Schrank, setzten
+sich qualmend an den Tisch und ausgerechnet neben Schlegelmeyer, ja sie
+klopften ihm niederträchtig zutraulich auf Schultern und Knie, weil sie
+wußten, daß dieser dergleichen durchaus nicht vertragen konnte. Und
+wie gewöhnlich rutschte der Hannoveraner auch heute schleunigst mit
+seinem Stuhle rückwärts zur schützenden Fensternische, worauf Moritz
+behaglich paffend zu der gewaltigen Teekanne griff und sich und Max mit
+den Worten einschenkte: »So, Schlegelmeyer ist glücklich in die Flucht
+geschlagen, nun wolln wir armen Diensthengste auch man feste supen.«</p>
+
+<p>Alles lachte wieder und recht von Herzen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Wer hat denn heute Schlafsaalwache?« fragte der Mitdirektor plötzlich.</p>
+
+<p>»Der Doppelkollege,« sagte Moritz noch schlürfend.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p>
+
+<p>»Dem wirds wohltun,« fügte Max schadenfroh hinzu, »der wird so zu fett
+in dem leichten Ortskindergeschirr.«</p>
+
+<p>»Sell isch recht — ebbes muß er doch leiste für sei Schmerbäuchle.«</p>
+
+<p>»Wie kann man nur so roh sein!« monierte Schlegelmeyer aus der
+Fensternische und löste damit abermals eine Lachsalve aus. Trotzdem
+fuhr er unbeirrt fort: »Nein, ich lache gar nicht. Ich begreife nämlich
+nicht, wie man Herrn Schneese gerade an einem so kritischen Tage wie
+heute die Schlafsaalwache anvertrauen kann.«</p>
+
+<p>Thilo Kratt schlunzte seinen Stubenkollegen mit listigen Äuglein
+schrägüber an und meinte dazu bombenruhig: »Na, ewig kann man Schneese
+auch nich in Watte wickeln, er ist so schon weich genug in seinem Fett
+gebettet.«</p>
+
+<p>L<sup>3</sup> erklärte lächelnd: »Ich muß dringend gegen die hier scheinbar
+allgemein geteilte Ansicht protestieren, daß die Korpulenz etwa
+angenehm sei. Im Gegenteil! Wir Schmerbäuche sind sogar sehr übel dran.«</p>
+
+<p>Wieder dröhnten die Wände von einem stürmischen Gelächter, so daß
+auch der verträumte Herr Vogel von seinem Klavier verdutzt aufsah
+und schüchtern fragte: »Was ist denn los?« Das entfachte neue
+Heiterkeitsstürme, so daß man gar nicht hörte, daß draußen mehrfach an
+die Tür geklopft wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p>
+
+<p>Man war daher einigermaßen erstaunt, als plötzlich ein altes, kleines
+Frauchen, die Pförtnerin, verlegen hereinhuschte und vergeblich mit
+ihrem Nastüchel gegen den Rauch ankämpfte.</p>
+
+<p>Sofort sprangen Max und Moritz auf und schrien: »Hallo, Mutter
+Frutschen — Tasse Tee gefällig?«</p>
+
+<p>Schämig dankte Schwester Frutsch, machte eine Art von Hofknix und sagte
+dann unter allgemeinem ehrerbietigem Schweigen: »Ich wollte nur den
+Herren Lehrern mitteilen, daß soeben der neue Kollege eingetroffen ist.«</p>
+
+<p>»Wat forn Kollege denn?« platzte Moritz dazwischen.</p>
+
+<p>»Nun, ich glaube, Herr Holz nannte er sich,« flüsterte Schwester
+Frutsch süßlich.</p>
+
+<p>»Hurra — een Holzkollege,« rief Max, »feine Nummer!«</p>
+
+<p>»Nein, bitte — keine Witze, er heißt Krumbholtz,« berichtigte der
+Mitdirektor.</p>
+
+<p>»Ach wat, Holz is Holz, ob et krumm oder jerade, is schnurz!« erklärte
+Moritz.</p>
+
+<p>»Na, da hätte er ja seinen Spitznamen weg,« jammerte Mutter Frutsch,
+»und nun bin ich dumme, halbtaube Person noch daran schuld.«</p>
+
+<p>»Nee — nee — Mutter Frutschen, heulen Se man nich gleich,« begütigte
+Max, »aber wo haben Se n denn hingesteckt, den Holzkollegen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p>
+
+<p>»Ich hab ihm gesagt, die Herren hätten hier Teeabend und würden sich
+gewiß freuen; aber der neue Herr — Herr oder Bruder, wie wars, Herr
+Mitdirektor?«</p>
+
+<p>»Bruder — jawohl — Bruder Krumbholtz,« antwortete L<sup>3</sup>.</p>
+
+<p>»Ach, etwa — vom Missionar ein Sohn?«</p>
+
+<p>»Nein — das wohl nicht — aber aus der Familie jedenfalls!«</p>
+
+<p>»So — nein, ach — wie mich das freut,« sagte Schwester Frutsch,
+wieder holdselig lächelnd, »ich habe mal eine Missionsstunde von einem
+Bruder Krumbholtz aus Labrador gehört, nein — was war die schön — und
+so interessant, diese Seehundsgeschichten — entzückend! Aber nun, was
+ich sagen wollte —«</p>
+
+<p>»Ja, wo haben Sie denn nun unsern neuen Kollegen hingetan?«</p>
+
+<p>»O bitte, der Herr scheint sehr selbständig zu sein. Als er Ihren Lärm
+hier, um Verzeihung, Ihre Fröhlichkeit hörte, meinte er nur: da wolle
+er nicht stören, er wäre überdies müde und für den Direktor wäre es nun
+auch schon zu spät. So bät er nur um Angabe seines Kleiderschrankes
+auf der Waschkammer — das wußte er gleich alles — ließ sich den Weg
+zum Schlafsaal zeigen, sein Bett Nr. 24 an der Verbindungstür rechts
+angeben, dankte, packte seine Handtasche aus und<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> ist schon soeben auf
+den Schlafsaal hinauf gegangen.«</p>
+
+<p>»Na, das kann ja gut werden da oben,« meinte Herr Schlegelmeyer
+entrüstet. »Herr Schneese und nun noch dieser blutjunge Neuling, der
+nicht mal fertig studiert hat —«</p>
+
+<p>»Ach — was Sie sagen — hat er das nicht?« fragte neugierig Schwester
+Frutsch, »warum denn nicht? Da hats wohl was gegeben?«</p>
+
+<p>»Unsinn, Schwester Frutsch,« fiel der Mitdirektor, der ihren losen Mund
+zur Genüge kannte, vorbeugend ein, »Bruder Krumbholtz wollte nur gern
+Lehrer werden —«</p>
+
+<p>»Ach — aber warum wartete er da nicht, bis er hübsch fertig war?«</p>
+
+<p>»Das können Sie ihn ja morgen selber fragen.«</p>
+
+<p>»Aber was denken Sie denn von mir? Nein, Bruder Lohmann, ich werde mich
+doch nicht um Dinge kümmern, die mich nichts angehen — das tue ich
+doch nie!«</p>
+
+<p>»Ach wo,« ulkte Moritz dazwischen, »so wat duht Mutter Frutschen nich.«</p>
+
+<p>»Nun also, sehen Sie, Herr Knortz sagt das auch! Im übrigen scheint
+mir dieser Bruder Krumbholtz auch gar nicht der Mann zu sein, der
+Geständnisse liebt — im Gegenteil, er scheint sogar recht kurz
+angebunden zu sein. Aber nun<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> will ich nicht weiter die schöne
+Geselligkeit der Herren stören, ich wollte Ihnen nur gemeldet haben,
+was Ihnen doch gewiß interessant sein würde, und damit allerseits
+schönen guten Abend und gesegnete Nachtruhe!«</p>
+
+<p>Lächelnd grüßten die Lehrer wieder.</p>
+
+<p>Max verneigte sich ebenso tief und förmlich wie Mutter Frutsch, und
+Moritz klopfte der Abgehenden noch vertraulich auf die Schulter: »Et
+jeht nischt über Mutter Frutschen un ihren Hausschlüssel.«</p>
+
+<p>Dann, als er die Tür hinter ihr geschlossen hatte, knurrte er
+ärgerlich: »Wat son olles Schalaster doch forn Riecher hat — nu hat se
+dat ok wedder rut —«</p>
+
+<p>»Sell isch mal wieder ganz Schlegelmeyer gesi!« sagte darauf Herr
+Schnäbele so laut, daß es der Hannoveraner in der Fensternische hören
+mußte.</p>
+
+<p>Prompt kam auch die Antwort zurück: »Ich sagte das nur im Interesse
+eines ungestörten Aufsichtdienstes. Ja, ich frage nochmals allen
+Ernstes: was soll denn da oben werden?«</p>
+
+<p>»Dafür bin ich wohl in diesem Falle kompetent,« erklärte Herr Kratt
+mit der gewohnten Ruhe, »es ist meine Reihe. Im übrigen abwarten
+und erst Tee trinken, dann werde ich mir schon mal die neue
+Schlafsaalkonstellation ansehen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p>
+
+<p>Herr Schlegelmeyer verneigte sich stumm gegen seinen etwas gefürchteten
+Stubenkollegen, und dann schwieg man eine geraume Weile wie verstimmt,
+bis plötzlich der sonst so schweigsame Bruder Hinzelmann sagte: »Na,
+jedenfalls war Ihre Bemerkung, Herr Kollege Schlegelmeyer, wenig
+angebracht und kann dem neuen Kollegen nur Schwierigkeiten bereiten.«</p>
+
+<p>»Wieso?« fragte der Hannoveraner sichtlich verlegen, denn Hinzelmann
+achtete auch er.</p>
+
+<p>»Na — bei die olle Klatschsnut,« brummte Max, »da is et morjen abend
+rum in der janzen Jemeine Jottes.«</p>
+
+<p>»Aber ich bitte sehr,« verteidigte sich Schlegelmeyer, »es kann doch in
+diesen kleinen Verhältnissen so wie so nicht verborgen bleiben, daß der
+neue Kollege sein Studium abgebrochen hat!«</p>
+
+<p>»Na, un wat is denn man dabei?« fuhr Moritz streitbar heraus, »ick
+un Muffkemartin da haben doch janz datselbe jetan un werden mit die
+Bengels da oben man mindestens so jut fertig wie Sie mit Ihrem zweiten
+Examen und Ihrer Schriftsprache.«</p>
+
+<p>Jetzt legte sich L<sup>3</sup> begütigend ins Mittel und sagte väterlich:
+»Kinder, immer hübsch friedlich. Ihre Bemerkung, lieber Schlegelmeyer,
+war wirklich nicht ganz schön, zum mindesten unvorsichtig gegenüber
+unserer schwatzseligen Oberhof- und<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Hausschlüsselbewahrerin. Im übrigen
+kennen wir den neuen Herrn Kollegen ja gar nicht, und ich bedaure nur,
+daß ihn niemand am Bahnhof abgeholt hat. Entweder hat er sich nicht
+angemeldet —«</p>
+
+<p>»Oder der Chef hats, wie üblich, versiebt,« vollendete Herr Thilo Kratt
+und wollte sich eben erheben, um auf den Schlafsaal zu gehen, als sich
+die Tür öffnete, und Herr Schneese mit wohlgerundeten Mienen lächelnd
+hereinschaute.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mit Hallo wurde der Doppelkollege allenthalben begrüßt, nur
+Schlegelmeyer sagte mit großer Genugtuung und triumphierender Geste:
+»Da haben wir die Bescherung!«</p>
+
+<p>Als nun Kratt, mit Stentorstimme den Radau übertönend, Herrn Schneese
+fragte, ob er etwa vor den Knaben geflüchtet sei, und ob er zum Rechten
+sehen solle, antwortete der behäbige Ortskinderlehrer seelenruhig:</p>
+
+<p>»I bewahre, es ist oben alles in schönster Ordnung. Der neue Kollege,
+der sich mir vorhin vorstellte — den Namen hab ich aber nicht
+verstanden — hat mir gleich freundlich die Schlafsaalwache abgenommen,
+da er so wie so zu Bett gehen wolle.«</p>
+
+<p>Ein Höllengelächter erfüllte jetzt den Raum,<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> endlich fragte Kratt
+mühsam: »Und Sie Gemütsmensch nehmen das in aller Bierruhe an, ja sind
+Sie denn des Deubels, Schneese? Sie können doch Ihren Posten nicht
+verlassen?«</p>
+
+<p>»Aber warum denn nicht, wenn mich ein Kollege ablöst — das ist doch
+ganz in der Ordnung!« —</p>
+
+<p>»Menschenskind, der Mann ist aber doch ganz neu —«</p>
+
+<p>»Nun ja — das waren wir alle einmal — anfangen muß doch jeder;
+übrigens der Neue schien doch den Rummel recht gut zu kennen, er ist
+wohl aus der Gemeine, denke ich — na also! Nun lassen Sie mich doch in
+Ruhe meinen wohlverdienten Tee genehmigen. Haben Sie vielleicht eine
+Zigarre übrig, Kollege Schnäbele?«</p>
+
+<p>Wieder lachte die ganze Korona dröhnend, denn es war bekannt, daß der
+Doppelkollege den gutmütigen Schwaben stets um Zigarren anging und
+richtig, auch jetzt nicht umsonst.</p>
+
+<p>Dann zog sich Schneese den breiten Lehnsessel heran, da alle anderen
+Sitzgelegenheiten zu schmal für ihn waren, pflanzte sich, behaglich
+paffend, hinein und lächelte zufrieden übers ganze breite Gesicht. Er
+wußte ja, daß ihm niemand böse sein konnte, am wenigsten der gutmütige,
+humorvolle Kollege Kratt, so grimmig er auch bisweilen tat.</p>
+
+<p>Unterdessen war Bruder Teuchert rasch und<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> neugierig zum Schlafsaal
+hinaufgeeilt und brachte die beruhigende Nachricht zurück, daß in der
+Tat oben alles in bester Ordnung sei; worauf Thilo Kratt schmunzelnd
+wieder zu seiner langen Pfeife griff und erklärte: »Na, Kinder, dieser
+Holzkollege hat scheinbar Schneid und Ruhe — er paßt also in meine
+Reihe, und ich werde ihm ein wohlaffektionierter Reihenchef sein.«</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Antrittsbesuche</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Es war noch ziemlich früh am Morgen, als Kaspar Krumbholtz in seinem
+Bett Nr. 24 erwachte. Das erste Tageslicht blinzelte mit bläulichen
+Strahlen wie verstohlen durch die Ladenritze, und ringsum schnarchte
+noch alles in absonderlichen Tönen.</p>
+
+<p>Kaspar kam langsam zur Selbstbesinnung und dachte mit seltsamer
+Bewegung unwillkürlich an die noch nicht lange vergangenen Tage, da er
+als Schüler in einem ähnlichen Schlafsaal gelegen hatte. Und nun sollte
+er Lehrer und Vorgesetzter sein, an einem ihm völlig unbekannten Ort,
+unter zum Teil fremdartigen Verhältnissen. Zwar der Anstaltbetrieb
+würde hier zu Tramberg auch nicht viel anders sein als zu Bethel und
+Gnadenzell — aber die neuen Kollegen stammten großenteils nicht aus
+der Brüdergemeine, die Zöglinge waren sogar meist Ausländer. Was konnte
+es da für Schwierigkeiten geben, von denen er sich nichts hatte träumen
+lassen?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p>
+
+<p>Auch von seinem neuen Direktor hatte Kaspar nicht sonderlich viel
+Ansprechendes gehört. Ein Finanzgenie sollte er sein, ein sehr
+genauer Herr, der in erster Linie in jedem Schüler einen wandelnden
+Tausendmarkschein zu sehen pflegte — so spöttelte man im Osten. Aber
+der Zug zum Geldverdienen lag wohl zu Tramberg überhaupt in der Luft.
+Auch die Bürger dieser kleinen schwäbischen Herrnhuterkolonie galten
+zu Bethel und Gotteshaag für eifrige Mammonsdiener, die ihr stilles
+Friedensörtchen im Laufe der letzten Jahrzehnte in den Dienst einer
+einträglichen Fremdenindustrie gestellt hatten. Doch wer wußte denn,
+wie viel Tratsch und Klatsch bei diesem Urteil mitspielte, wie bei so
+vielem, was man sich in den Gemeinen voneinander erzählte.</p>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz wollte selber sehen und prüfen.</p>
+
+<p>Und so stand er mit derselben Eigenmächtigkeit auf, mit der er abends
+zuvor schlafen gegangen war, und schritt leise der Türe zu. Aber da
+erhob sich plötzlich an der Tür eine schmächtige Gestalt, warf sich
+hastig einen Schlafrock über und vertrat ihm den Weg mit den barschen
+Worten: »Wo wollen Sie hin?«</p>
+
+<p>Kaspar maß die ein wenig komische Erscheinung mit schmunzelndem
+Erstaunen und sagte ruhig: »Sie gestatten — Krumbholtz, der neue
+Lehrer.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p>
+
+<p>»Ah, so —« lispelte der Schmächtige gönnerhaft, »pardon, ich hielt Sie
+für einen neuen Zögling. Sie sind wohl auch noch ein wenig jung. Ich
+bin nämlich der heute diensttuende Lehrer der ersten Stube, Kandidat
+Schlegelmeyer, und trage als Reihenchef eine gewisse Verantwortung.«</p>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz murmelte: »Sehr angenehm gewesen« und wollte weiter,
+doch Herr Schlegelmeyer bedeutete ihm, es habe noch nicht geläutet, man
+stehe am Sonntag erst um einhalb sieben Uhr auf.</p>
+
+<p>Der neue Kollege bedankte sich höflichst für die ihm interessante
+Nachricht, betonte jedoch, er für seine Person pflege aufzustehen, wann
+es ihm beliebe.</p>
+
+<p>»Ja, wenn aber die Waschkammern vielleicht noch geschlossen sind,« warf
+der hartnäckige Hannoveraner ein.</p>
+
+<p>»Dann suche ich mir einen dienenden Geist oder gehe zum Brunnen.«</p>
+
+<p>»Sie scheinen ja sehr energisch zu sein, Herr Kollege. Übrigens, wenn
+ich Ihnen behilflich sein kann — nur einen Moment, ich will mich rasch
+fertig anziehen.«</p>
+
+<p>»Aber bitte!« wehrte Krumbholtz ab, »bemühen Sie sich nicht;
+meinetwegen sollen Sie ja nicht vor einhalb sieben Uhr aufstehen. Guten
+Morgen!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p>
+
+<p>Damit entwischte Krumbholtz eiligst zur Tür hinaus.</p>
+
+<p>Herr Kandidat Schlegelmeyer legte sich mit süßsäuerlichen Mienen
+wieder zu Bett und nahm sich vor, mit diesem neuen Kollegen möglichst
+vorsichtig umzugehen; von der durchschnittmäßigen Herrnhuter Sorte,
+die sich alles in brüderlicher Liebe gefallen läßt, schien dieser
+Holzkollege nicht gerade zu sein.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Bald darauf schritt Kaspar Krumbholtz zum hinteren Anstalttor in den
+strahlenden Frühlingsmorgen hinaus.</p>
+
+<p>Die Anstalt lag einsam, wie eine mächtige Burg, auf halber Höhe über
+dem Dörfchen Tramberg, das noch wie traumverloren inmitten seiner
+endlosen Nadelholzwälder friedlich zu schlummern schien.</p>
+
+<p>Kein Hahn krähte, kein Schornstein rauchte, nur die ersten Schwalben
+strichen mit fröhlichem Kwiwitt pfeilschnell über die hohen Dächer der
+wie Kinderspielzeug auf einer Waldwiese verstreuten Häuser.</p>
+
+<p>Überrascht fuhr Kaspar, der am Abend zuvor nichts von dem Ort hatte
+sehen können, ein »Donnerwetter, ist das schön« heraus.</p>
+
+<p>Eilends flog er den Hügel hinab und mit<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> immer steigender Befriedigung
+spazierte er nun langsamer und alles ungeniert betrachtend durch die
+mehrfach gewundene Hauptstraße Trambergs, zu deren beiden Seiten
+allerlei städtisch frisierte Villen wie blind, mit ihren geschlossenen
+Läden, zwischen alten hochgiebligen Bauernhäusern standen.</p>
+
+<p>Schnell erfaßte der junge Lehrer den eigentümlichen Mischmaschcharakter
+dieses Kurortes und dachte bei sich: »So könnte unser gutes Ingelbach
+auch mal aussehen, wenn es sich in Oberhof oder Friedrichroda an der
+Fremdenepidemie angesteckt hätte. Schade, weder Fisch noch Fleisch!«</p>
+
+<p>Allzulange dauerte es nicht, da ging die Hauptstraße in vornehme,
+wohlgepflegte Parkanlagen über. Ein Springbrunnen plätscherte
+verschlafen zwischen schlanken Koniferen und leeren Bänken. Einige
+verliebte Amselpärchen jagten zankend über eben umgegrabene Beete und
+Rabatten, die noch der sommerlichen Bepflanzung harrten.</p>
+
+<p>Im Geist sah Krumbholtz diese jetzt schweigenden und öden Plätze und
+Alleen schon von bunten, jauchzenden Kindergruppen, von Damen in
+eleganten Toiletten belebt; sein welthungriges Gemüt versöhnte sich im
+stillen rasch mit der bösen Fremdenkultur.</p>
+
+<p>Vergnüglich malte er sich so all die bevorstehenden Sommerfreuden aus
+und schritt, an<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> Tennisplätzen und einem stattlichen Musikkiosk vorbei,
+summend dem nahen Walde zu, dessen vorderste Schutzfichten ihm mit
+ihren lang herunterhängenden Riesenarmen wie bewillkommnend zuwinkten.</p>
+
+<p>Es schritt sich wahrlich gut und leicht durch diesen »hohen Tann«,
+so hieß die berühmte Hauptpromenade Trambergs. Die Vögel trieben
+schon überall ihr vergnügliches Wesen in den Zweigen; Eichkatzen und
+Spechtmeisen spielten neckisch um die dicken Stämme oder suchten
+an den Zweigen ihr erstes Frühstück, da — krachten Zweige — eine
+aufgescheuchte Auerhenne purrte ungestüm durchs Dickicht.</p>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz sah ihr ein wenig erschrocken mit offenem Munde nach,
+— dann lachte er hell auf über sich selbst. Nun wußte ers vollends,
+er war in einer völlig anderen Landschaft als bisher zu Gotteshaag und
+Bethel.</p>
+
+<p>Da drüben auf die gradlinigen Bastionen der nahen Rauhen Alp wollte er
+baldigst steigen, um in der Ferne die Höhen und Burgen des lieblichen
+Hegau, den blinkenden Bodensee und darüber vielleicht auch die ersten
+Schneehäupter der Alpen zu schauen. Das sollte eine Lust werden, heidi!</p>
+
+<p>Und pfeifend marschierte das angehende Schulmeisterlein tiefer in den
+herrlichen Wald hinein, bis er an den Gottesacker der Gemeine kam, der<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span>
+stimmungsvoll in feierlicher Waldeinsamkeit sich vor seinen erstaunten
+Blicken ausbreitete.</p>
+
+<p>Da dachte die arme Missionswaise in stiller Andacht an seine lieben
+Verstorbenen, an den aufrechten, allzu tapferen Vater, der drüben
+irgendwo im zentralamerikanischen Urwald verscharrt worden war, an die
+treue, stille Mutter, die auf dem Herrnhuter Hutberg nicht weit von den
+Zinzendorfgräbern der Auferstehung harrte. Ja — wenn? Und plötzlich
+war der noch eben so fröhliche Kaspar mitten in seinen alten, trüben
+Zweifeln.</p>
+
+<p>Nachdenklich setzte er sich auf eine einsame Waldbank und sann und
+sann. Seltsam — daß er, der immer wieder so schwer an Christi
+Auferstehung zweifeln mußte, an die Auferstehung seiner Eltern zu
+glauben nicht lassen konnte!</p>
+
+<p>In tiefe Gedanken versunken, ging er achtlos wie ein Nachtwandler
+denselben Weg langsam zurück, den er soeben noch rasch und mit hellen,
+scharfen Augen um sich schauend gekommen war.</p>
+
+<p>Als er am Anstalttor wieder angelangt war, stand ein Entschluß bei
+ihm fest: er wollte den neuen Direktor dringend bitten, ihn vom
+Religionsunterricht zu dispensieren.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Im Hause stieß Kaspar Krumbholtz zuerst auf das allzeit fröhliche
+Dioskurenpaar Knortz<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> und Muffke, die ihren dienstfreien Sonntag schon
+mit einer Morgenpfeife feierten.</p>
+
+<p>Man schloß schnell Bekanntschaft und frühstückte behaglich zusammen auf
+der Lehrerstube. Dabei weihten die biederen Mecklenburger den neuen
+Reihenkollegen humorvoll in allerlei Sach-, Schul- und Personalfragen
+ein und wollten sich ausschütten vor Lachen über Kaspars erstes
+Abenteuer mit Schlegelmeyer.</p>
+
+<p>Herzhaft klopfte Moritz nach seiner Art dem neuen Kollegen auf die
+Schulter und meinte ermutigend: »Nur so weiter, junger Mann! Will Ihnen
+wat sagen: Dem hannoverschen Unteroffizier müssen Sie immer gleich
+feste auf die Hühneraugen treten, dann werden Sie ihn am ersten los.
+Angst muß er haben, sonst spuckt er Gift, wie ne olle Klapperschlange.«</p>
+
+<p>Bald darauf erschien Thilo Kratts ragende Hünengestalt und ward
+dem »Fuchsen«, wie Moritz den Neuling frischweg nannte, als sein
+nunmehriger Reihenchef vorgestellt; Krumbholtz sollte nämlich
+Stubenlehrer bei den Vierten werden.</p>
+
+<p>Herr Kratt gratulierte ihm scherzhaft zu seinem gestern abend bereits
+bewährten kalten Blut, und riet ihm recht bald, womöglich noch vor der
+Predigt, den »Chef« und den Mitdirektor aufzusuchen, denn Sonntags
+wären sonst die beiden nicht leicht zu treffen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p>
+
+<p>Mit einem nicht ganz behaglichen Gefühl schritt Kaspar Krumbholtz die
+Treppe hinauf zu seinem Direktor, Bruder Nitschke, der anscheinend im
+ganzen Hause nur kaufmännisch als »Chef« bezeichnet wurde.</p>
+
+<p>Unwillkürlich stieg vor des jungen Schulmeisters Seele das Bild seines
+ehemaligen Gnadenzeller »Onkels« auf, der auch des vertraulichen Titels
+Bruder nicht gewürdigt wurde. Das gab immerhin zu denken.</p>
+
+<p>Um so angenehmer überrascht war Kaspar, als er auf einen freundlich
+lächelnden, liebenswürdigen Mann stieß, der ihn mit weltmännisch
+verbindlichen Formen herzlich willkommen hieß und sich sofort höflichst
+entschuldigte, daß ihm eine plötzliche Abhaltung das Vergnügen
+persönlicher Abholung vom Bahnhof versagt hätte.</p>
+
+<p>Kaspar wunderte sich nur, daß er als Mitglied der Brüdergemeine mit Sie
+angeredet wurde, aber er sagte nichts. Der redselige »Chef« half ihm
+rasch über jede Verlegenheit fort und deutete ihm an, wie gut er es
+hier im schönen Süden und in der wohlausgestatteten Anstalt haben würde.</p>
+
+<p>»Das Leben,« schloß er, »hat hier einen freieren und reichlicheren
+Zuschnitt als im Norden und zumal in Oberschlesien. Wir sind
+wahrscheinlich nicht so altgemeinmäßig, wie Sie das vielleicht gewohnt
+sind; aber mein verehrter Kollege, warten<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Sie nur einige Wochen, und
+es wird Ihnen bei uns schon gefallen. Bald werden Sie gar nicht mehr
+anderswo leben wollen. Sie bekommen ja auch die vierte Stube und damit
+einen prächtigen Kollegen, Herrn Schnäbele, der uns nur leider nicht
+mehr lang erhalten bleiben wird. Lernen Sie von ihm, mit den Kleinen
+recht väterlich umzugehen; das ist oft schwerer als die Großen zu
+zügeln. Doch mit Ermahnungen will ich Sie nicht gleich belästigen.
+Ich darf Sie überhaupt wohl darauf aufmerksam machen, daß ich im
+allgemeinen mehr für die Verwaltung und den äußeren Dienst zuständig
+bin. Der innere Dienst dagegen und insonderheit der Schulbetrieb ist
+Bruder Lohmanns bewährter Leitung unterstellt, der Ihnen demnächst
+alles Nähere mitteilen wird. Was die Reisekosten anlangt, so
+liquidieren Sie wohl die üblichen 100 Mark. Darf ich sie Ihnen gleich
+aushändigen?«</p>
+
+<p>»Ich habe aber nur 62 Mark und 35 Pfennige gebraucht,« antwortete
+Kaspar.</p>
+
+<p>»Nun, da waren Sie ja sehr sparsam,« meinte der Direktor lächelnd.
+»Aber Verehrter, Sie werden mir nicht böse sein, wenn ich Ihnen
+doch hundert Mark gebe. Sie haben hier gewiß noch allerlei kleine
+Einrichtungsausgaben; auch ist Ihr Gehalt — Sie wissen — die ersten
+zwei Jahre nur 25 Mark monatlich — nicht sehr reichlich — ich<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> kanns
+leider nicht ändern, so gern ichs täte. Mangel sollen Sie jedoch
+darum nicht leiden. Wenn Sie mal nicht auskommen, so wenden Sie sich
+nur vertrauensvoll gleich an mich. Ich werde Ihnen da gern einige
+Nebeneinnahmen zuwenden; es gibt immer so allerlei, Nachhilfestunden,
+Badewachen und dergleichen. Zeichnen Sie nicht auch sehr hübsch? Ich
+dächte, Bruder Bauding hätte so etwas geschrieben. Na also, und nicht
+wahr — hier hundert Mark?«</p>
+
+<p>Verlegen dankend nahm Kaspar das Geld und sah seinen Vorgesetzten, der
+augenscheinlich eine Verabschiedung erwartete, dann unruhig an.</p>
+
+<p>»Wollten Sie vielleicht noch einen Wunsch äußern?« fragte schließlich
+Bruder Nitschke verbindlich.</p>
+
+<p>»Ja, Herr Direktor,« begann Kaspar gedrückt, »ich weiß nicht, ob Herr
+Unitätdirektor Bauding Ihnen auch geschrieben hat, warum ich Gotteshaag
+eher verlassen habe als sonst wohl üblich.«</p>
+
+<p>»Aber gewiß,« sagte der Direktor lächelnd, »und darum brauchen Sie sich
+auch gar keine bitteren Gedanken zu machen. Ich bin kein Ketzerrichter
+und überhaupt kein großer Theologus. Ich verlange von meinen Lehrern
+nur, daß sie mir meine Zöglinge gut behandeln, sie erziehen und ihnen
+— da es meist Ausländer sind, vor allem<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> ein gutes Deutsch beibringen.
+Daran wird es bei Ihnen wohl nicht fehlen, lieber Kollege, trotz der
+fehlenden zwei Semester. Im übrigen nur Mut, junger Freund, ich darf
+Ihnen verraten, Sie haben sonst eine glänzende Konduite — gerade
+auch als Lehrer — ich glaube, die Fortbildungsschule haben Sie schon
+geleitet. Nun — im Vertrauen, so schwierig ist unsere Schule hier
+nicht einmal. Also ich freue mich, Sie erhalten zu haben.«</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen, Herr Direktor,« brach es freudig aus Kaspars Innerem
+hervor, »und so werden Sie es mir wohl nicht verübeln, wenn ich Sie
+bitte, mich nicht Religionsunterricht erteilen zu lassen.«</p>
+
+<p>»Wenns weiter nichts ist,« erklärte Bruder Nitschke schmunzelnd, »das
+will ich Ihnen gern zusagen, auch wenn das eigentlich Sache Bruder
+Lohmanns ist. Sagen Sies ihm nur! Nein, nein, für Religion haben wir
+immer Angebot, namentlich von den auswärtigen Herren. Also keine
+Sorge. Und nun guten Morgen, lieber Kollege — und alles Gute! Heute
+mittag erwartet meine Frau Sie zum Essen, in meiner Wohnung bitte. Auf
+Wiedersehen!«</p>
+
+<p>Mit großer Erleichterung schritt Kaspar Krumbholtz die kleine Treppe am
+Direktorzimmer wieder hinab.</p>
+
+<p>Den Mann hatte er sich freilich anders vorgestellt.<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Was für ein
+Zerrbild hatte der schändliche Gemeinklatsch hier wieder einmal
+gezeichnet. An »Onkel Herbst« war nicht zu denken.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als Kaspar nun bei Bruder Lohmann anklopfte, mußte er ziemlich lang
+auf die Eintritterlaubnis warten. Erst tönte ein verlegenes »Gleich,
+gleich!« von drinnen, weiter ein »Nur noch zwei Minuten«, endlich ein
+sonores »Herein!«</p>
+
+<p>Der Besucher trat in eine geräumige, helle Stube, in der ihn ein
+zusammengerollter Dachs mit verständig diskretem Gebell von seiner
+Sofaecke aus willkommen hieß; auch einige Waldvögel begrüßten aus
+ihren am Fenster hoch übereinandergetürmten Käfigen den Ankömmling
+mit neugierigem Gezwitscher. Aber der Herr des Zimmers steckte nur
+gerade seinen noch unfrisierten Kopf aus der Türspalte von der
+nebenanliegenden Kammer herein, rief lächelnd: »Bitte, einstweilen
+Platz nehmen, stehe sofort zu Diensten,« und verschwand abermals für
+einige Minuten.</p>
+
+<p>Unterdessen sah sich Kaspar in dem ein wenig überladenen Raume um, der
+sichtlich den Stempel einer eigenartigen, vielleicht etwas krausen,
+jedenfalls bewußt moravischen Persönlichkeit trug.</p>
+
+<p>Da hingen an den Wänden die großen Ölbilder des Grafen Nikolaus Ludwig
+von Zinzendorf<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> und seines schier überirdisch verklärten Sohnes
+Christian Renatus. Auf eichenen Bücherborten standen wohlgeordnet
+sämtliche Ausgaben alter Gemeingesangbücher, eine Menge wertvoller
+Brüderschriften, die seltenen Büdingenschen Sammlungen, die <span class="antiqua">idea
+fidei unitatis fratrum</span> undsoweiter. Darüber sann das wehmütig milde
+Patriarchenhaupt des Brüderbischofs Amos Comenius; daneben hing ein
+mächtiges Kupferstichblatt, die Predigt des ersten Brüdermissionars
+vor den Indianern darstellend; weiterhin zierten graziöse
+Pastellporträts berühmter Brüder und Schwestern, in schönen Empire-
+und Biedermeyerrahmen zwischen allerlei feinen Schattenrißbildchen
+hängend, die Wände. Und endlich über dem verstaubten Schreibpult, auf
+dem Hefte, Bücher, Zigarren, Löffel und allerlei Kästen mit Vogelfutter
+in vergnüglichem Wirrwarr durcheinander lagen, grüßte den Beschauer
+noch ein herrlicher, weißlockiger Kopf, unter dem stand in klarer
+Antiqua: <span class="antiqua">Leonardus Ludovicus Lohmann, episcopus unitatis fratrum,
+suae aetatis LXXIII.</span></p>
+
+<p>Leise Schauer erfaßten den Sohn der letzten Neißerin, der wohl wußte,
+wer jener Bischof gewesen war, und was er mit seinem Urgroßvater
+zusammen für sein Kirchlein geleistet hatte. Hier war heiliger Boden,
+hier galt es im Geiste die Schuhe ausziehen und Andacht zu üben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p>
+
+<p>Da öffnete sich die Kammertür, und der Mitdirektor trat, mit einem
+letzten Griff nach seiner verschobenen Krawatte tastend, noch ein
+wenig keuchend und verlegen herein und begrüßte den jungen Kollegen
+mit warmer Herzlichkeit; natürlich nicht ohne einige umständliche
+Entschuldigungen über seine sonntägliche Langschläferei.</p>
+
+<p>»Ich habe unterdessen Ihre vielen Schätze bewundert, Herr Mitdirektor,«
+meinte Kaspar.</p>
+
+<p>»Hör mal, wir duzen uns doch,« unterbrach ihn Bruder Lohmann rasch,
+»das wäre noch schöner! Von den auswärtigen Herren muß ich mir das Sie
+und den Herrn Mitdirektor zwar gefallen lassen, aber von dir nicht. Im
+Gegenteil, ich hoffe sogar, lieber Bruder und Kollege, wir werden mit
+der Zeit ebenso treue Freunde werden wie vor hundert und einigen Jahren
+unsere Urgroßväter.«</p>
+
+<p>Dabei wies Bruder Lohmann sichtlich stolz auf das Bild über seinem
+Schreibtisch und reichte dem jungen Kollegen nochmals die Hand, in die
+dieser gern und kräftig einschlug. Dann bot der Mitdirektor seinem
+Gastfreund eine Zigarre und den Ehrenplatz auf dem Sofa neben dem schon
+wieder halbentschlummerten Dachs an.</p>
+
+<p>Bald schmauchte man behaglich, und das Gespräch floß munter dahin wie
+unter guten Gesellen. Kaspar fühlte sich hier wirklich wie zu Hause.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p>
+
+<p>Auch Bruder Lohmann orientierte den neuen Kollegen rasch über die
+wichtigsten Personalfragen, riet ihm, sich mit Vertrauen an seinen
+bewährten Stubenkollegen Schnäbele anzuschließen; nur sich nicht
+unnötig gegen den sowieso schon unbeliebten Schlegelmeyer aufhetzen
+zu lassen. Der Hannoveraner wäre im ganzen wohl kein sonderlich
+angenehmer Kollege, aber ein ganz vorzüglicher Lehrer und ein sehr
+ruhiger und zuverlässiger Erzieher, dem auch die ältesten Engländer
+sich anstandslos fügten. Und das sei ein heikler Punkt hier im Hause.
+Die Engländerkolonie bilde leider seit alters eine <span class="antiqua">ecclesiola in
+ecclesia</span>, und damit müsse man eben rechnen und sich zu stellen
+versuchen, was namentlich die auswärtigen Herren in ihrem sonst sehr
+gesunden Nationalstolz nicht recht begriffen oder begreifen wollten.</p>
+
+<p>Auf der vierten Stube spiele die Frage noch keine große Rolle, da
+dort die oft recht schwierigen Franzosen und zum Glück auch die
+Deutschschweizer, so die prächtigen Basler Büble, in großer Zahl
+vertreten seien, nur der Senior Ronald Hooper sei natürlich ein
+Engländer, übrigens einer der besten.</p>
+
+<p>Dann kam der Mitdirektor auf den Unterricht und seine in diesem Hause
+durch die besonderen Verhältnisse bedingten Methoden zu reden, fragte
+schließlich schonend, ob Kaspar sich getraue gleich in den oberen
+Klassen zu unterrichten und<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> ob ihm 28 Stunden, darunter freilich
+12 präparationsfreie Zeichen- und deutsche Konversationsstunden für
+Anfänger, zu viel sein würden.</p>
+
+<p>Kaspar verneinte ruhig und setzte dann scheu hinzu: »Wenn nur keine
+Religionstunden darunter sind.«</p>
+
+<p>»Nein, lieber Kollege,« sagte Bruder Lohmann einfach, »davon habe
+ich bei deinen besonderen Verhältnissen gleich abgesehen. Du sollst
+in dieser Beziehung bei uns ganz in Ruhe gelassen werden; auch zum
+Predigen sollst du nicht herangezogen werden, ich habe schon mit Bruder
+Wiesendahl darüber gesprochen. Im Vertrauen — es ist auch keine Freude
+zu predigen bei der jetzigen Spannung zwischen Laien und uns jüngeren
+Geistlichen. Es steht nicht gut!«</p>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz sah sein Gegenüber mit einem warmen,
+verständnisinnigen Blick an, und ein unendlich wohltuendes Gefühl der
+Ruhe und des Geborgenseins überkam ihn von neuem in diesem heimlichen
+Raume, bei diesem echt brüderlichen Manne, von dem er nach einer
+köstlichen Stunde reichster Belehrung schied wie von einem alten
+Freunde.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am nächsten Vormittag bereits gab Kaspar Krumbholtz mit gutem Mut und
+innerer Freude<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> seine ersten Unterrichtstunden, und nach dem Essen trat
+er auf Stube 4 seinen Aufsichtsdienst an, in dem er nun Tag um Tag mit
+dem guten Schnäbele, der ihn zunächst wie ein rührend treuer Vormund
+bevaterte, abzuwechseln hatte.</p>
+
+<p>Mit »Papa Schnäbele«, wie der wackere Württemberger Theolog bei
+seinen ihn vergötternden, freilich ihn auch gehörig plagenden
+Vierten hieß, wetteiferte der Senior Ronald Hooper, eine wandelnde
+kleine Hausordnung, in Gewissenhaftigkeit, den neuen Lehrer in alle
+Geheimnisse und Pflichten seines Stubendienstes einzuweihen. Da
+wurde gezeigt, wie die Schränke und Schubladen in richtiger Ordnung
+aussehen mußten; da wurde Rechnung abgelegt über die von Ronald
+verwaltete Stubenkasse, aus der die kleinen Kaffeespaziergänge, die
+Geburtstagteeabende und die Fußballreparaturen bestritten wurden;
+da wurden die Obliegenheiten des Wochendieners, die Machtbefugnisse
+der Fußballkapitäne, die Vorrechte der Stube und ihres Seniors
+genau angegeben, die Sonntagbestimmungen betreffs des Kaffee- und
+Kuchenholens und der Erlaubnis, zwei Stunden in der Heimatsprache zu
+sprechen, mitgeteilt; endlich das Strafbuch vorgelegt mit dem stolzen
+Hinweis, daß seit zwei Monaten auf der vierten Stube überhaupt keine
+größere Bestrafung stattgefunden habe im Gegensatz zu der berüchtigten
+zweiten Stube, die<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> allein im letzten Monat 38 Strafen gehabt hätte.</p>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz hielt sich klug zurück, ließ die 13jährige Weisheit
+von Senior ruhig reden und prahlen und staunte doch heimlich über
+das unverkennbare Herrschertalent der englischen Rasse, das mit
+prachtvoller Naivität auch aus dieser kleinen Energenz strahlte.</p>
+
+<p>Und nun kam die Hauptsache: Präsident Ronald kommandierte nach der
+Reihe seine getreuen Stubenuntertanen zur Huldigung heran, nachdem er
+kurz zuvor ein knappes, oft verblüffend scharfes, doch — wie sich
+später herausstellte — ziemlich richtiges Urteil über die einzelnen
+Kameraden abgegeben hatte. Die drei Engländer schätzte Ronald natürlich
+am höchsten ein, dann kamen einige Schweizer, zwei Schweden und ein
+Italiener, endlich die Franzosen und französischen Schweizer, von denen
+Ronald offenbar am wenigsten hielt, obgleich er etwas verächtlich
+zugab, daß sie in der Klasse die besten seien.</p>
+
+<p>»Wie bist du denn da?« fragte Bruder Krumbholtz zum ersten Male
+dazwischen.</p>
+
+<p>»O,« antwortete Jung-Ronald lakonisch, »ziemlich schlecht wie wir
+Engländer fast alle. Aber wir sind nur da, für Deutsch lernen, nicht
+für studieren, das kommt später in Eaton und Oxford.«</p>
+
+<p>Krumbholtz schmunzelte und dachte bei sich:<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> Menschenkenntnis und
+Charakter hilft diesen Albionssöhnen über jede fatale Situation hinweg.</p>
+
+<p>Dann ging er unter Anleitung seines Premierministers Ronald mit seinen
+Vierten zum Fußballspiel.</p>
+
+<p>Die Kapitäne, der schlanke Rowles und der stämmige Schaffhuser, wählten
+und verfügten auch kurzerhand über den neuen Lehrer.</p>
+
+<p>Als aber Bruder Krumbholtz dreimal spielend den Lagerhalter überrumpelt
+hatte, erklärten sie mit einem sonderbaren Gemisch von Verzweiflung und
+Ehrerbietung: es müsse anders gewählt werden, Bruder Krumbholtz spiele
+ja beinahe so gut wie Huntington und Venobles, die Kapitäne der Ersten.</p>
+
+<p>Die Neuwahl machte Schwierigkeiten; bis Bruder Krumbholtz vorschlug,
+die Kapitäne Rowles und Schaffhuser sollten doch beide gegen ihn
+spielen. Das leuchtete plötzlich allen ein, die nun vereinten alten
+Gegner spielten wetteifernd mit glänzender Bravour. Bruder Krumbholtz
+hielt sich darauf ein wenig zurück, und richtig, ein Lager wurde gegen
+ihn gewonnen. Nun war der Jubel und der Stolz der beiden siegreichen
+Kapitäne groß, und äußerst befriedigt kehrte man heim zur alltäglichen
+Arbeitsstunde.</p>
+
+<p>Der geschlagene neue Stubenlehrer der Vierten schmunzelte nicht wenig,
+als er im Vorübergehen<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Ronalds großgünstiges Urteil aufschnappte:
+»Weißt du, Rowles, Mister Kobolz spielt ganz gut, aber mit Huntington
+und Venobles kann er doch nicht spielen!«</p>
+
+<p>Krumbholtz freute sich, daß er schon so schnell einen Spitznamen weg
+hatte. Das ist immer ein gewisses Zeichen von Sympathie bei Buben.</p>
+
+<p>Am nächsten dienstfreien Nachmittag spielte er bei den Ersten mit,
+ward allerdings zweimal von dem schwarzen Harryman, dem gefürchtetsten
+Hinterspieler der Ersten, zu Boden gebracht, gewann aber trotzdem
+schließlich ein Lager.</p>
+
+<p>Ob dieses erstaunlichen Erfolges, zu dem die oft und gern, nur ein
+wenig ungeschickt mit den Ersten spielenden mecklenburgischen Dioskuren
+dem jüngsten Reihenkollegen herzlich gratulierten, berief die englische
+Kolonie in der nächsten Frühstückszeit ein geheimes Meeting, nahm von
+dem neuen Mister Kobolz ausführlich Notiz und erklärte ihn für einen
+»ganz famosen Kerl«.</p>
+
+<p>Das erleichterte Kaspar Krumbholtz manches in den sechs
+Geschichtstunden, die er in den zwei obersten Klassen zu geben hatte.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b> Der angehende Weltmann</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Mit einem Hochgefühl sondergleichen schritt Hans Sebalt vom wenig
+anmutenden Berliner Bahnhof nach der alten Buchhandelmetropole Leipzig
+hinein, wo er nun sein neues Studium beginnen sollte.</p>
+
+<p>Zum ersten Male kam der junge Herrnhuter in eine Großstadt, kam mit
+einem leidlich gefüllten Beutel, kam mit der festen Absicht, nicht nur
+zu studieren, was die Väter wünschten, sondern auch, und vor allem,
+aufzunehmen, was das flutende Leben ihm bieten konnte.</p>
+
+<p>Ein Duckmäuser war Hans Sebalt nie gewesen, jetzt wollte er die
+Gelegenheit, ein Weltmann zu werden, beim Schopfe fassen — auch
+auf die Gefahr hin, den Ruf eines wahrhaften Gemeinbruders darüber
+einzubüßen.</p>
+
+<p>Ein stilles Lächeln umspielte Hans Sebalts siegesgewisse Mienen. Er
+blähte übermütig die Nüstern und sog die aus Ruß und Parfümduft seltsam
+gemischten Fabrikgerüche der Berliner Straße<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> befriedigt schnobernd
+ein, als gäben sie ihm vorweg die Quintessenz des Großstadtdaseins.</p>
+
+<p>Am Ende der langweiligen Berliner Straße bog Hans Sebalt rechts nach
+Gohlis ab, wo es — wie man ihm gesagt hatte — die billigsten und
+behaglichsten Studentenwohnungen geben sollte, unwillkürlich dem alten
+Witzwort folgend: »Wems zu wohl is, geh nach Gohlis«.</p>
+
+<p>Gleich an der ersten Ecke neben einem weitläuftigen Barackenkasernement
+wies ein stattliches, vierstöckiges Haus zahlreiche Vermietungsplakate,
+ein anderes daneben nur <em class="gesperrt">ein</em> Mietangebot auf. Der kluge Hans
+Sebalt sagte sich sofort, daß in dem ersten Hause wohl wenig angenehme
+Wohnungsverhältnisse herrschen müßten, sonst würden nicht so arg viele
+»Buden« leerstehen.</p>
+
+<p>Also trat er kurzerhand in das zweite Haus ein, und nach fünf Minuten
+hatte er in dessen viertem Stock bei einer freundlichen Wirtin, Frau
+Breutel, ein ganz hübsches Zimmer nebst einer kleinen Kammer für ein
+Billiges ermietet.</p>
+
+<p>Das war ein stolzes Bewußtsein für ein armes herrnhutisches
+Missionskind: zum erstenmal in seinem Leben besaß er ein Stübchen, ganz
+für sich allein, noch dazu eines mit einer weiten, herrlichen Aussicht.</p>
+
+<p>Hans Sebalt setzte sich im Vollgefühl seines Glücks erst eine Weile
+ans offene Fenster und sah<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> leise ergriffen hernieder auf die nahe,
+menschenwimmelnde und dumpfbrausende Riesenstadt mit ihren Hunderten
+qualmender Schlote, ihren Tausenden von nach und nach im blaugrauen
+Dämmerdunst aufblitzenden Lichtern, ihrer Unmenge von Straßen und
+Gassen, mit ihrem Hasten, Fluten und Drängen und ihren lockenden
+Geheimnissen.</p>
+
+<p>Was war das für ein greller Gegensatz gegen die stillen
+Herrnhutergemeinen, in deren einer fern der ehrliche »Schelm«
+seinen anstrengenden Schul- und Aufsichtdienst tat wie ein braver
+Karrengaul. Warum — der Narr! Er hätte es ebenso gut haben können
+wie sein getreuer »Schuft«. Und was hätte das für ein vergnügliches
+Zusammenleben, Zusammenstudieren, Zusammengenießen hier werden können!
+Nun — er hatte einmal seinen Dickkopf, der brave Kaspar! Und er,
+Hans Sebalt, war nicht der Mann, der ihm nachlief; aber schreiben und
+erzählen von all dieser Herrlichkeit wollte er ihm schon einmal, und
+zwar so, daß ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen sollte.</p>
+
+<p>Mit solchen Gedanken stieg Hans Sebalt seine vier Treppen wieder hinab
+und ging zum Bahnhof zurück, um seine Sachen zu holen. Stolz und
+trotzig schritt er der Stadt zu, gleichgültig an hunderten vom schweren
+Tagwerk eben glücklich erlösten Fabrikarbeitern vorüber, und aus seinen
+strahlenden<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Mienen sprachen deutlich die kecken Worte: »Was kostet die
+Welt?«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Schon am nächsten Tage erlebte der hochgemute Hans Sebalt seine ersten
+Enttäuschungen.</p>
+
+<p>Als er zur Universitätquästur kam, um sich immatrikulieren zu lassen,
+bedeutete man ihm: er könne einstweilen weder als Student noch als
+Hörer eingeschrieben werden, da die vielleicht von seiner Behörde
+nachgesuchte Reifezeugnisbestätigung bis jetzt vom Kultusministerium
+noch nicht eingegangen sei, und der vorgelegte Berechtigungsschein
+für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst für ihn gar keine Geltung habe,
+da er ja als Kapländer englischer Untertan sei. Als der eben noch so
+selbstsichere Gentleman aus Südafrika darob hilflos zusammenzuckte und
+dann ganz bescheiden bat, man möchte ihn doch wenigstens vorläufig als
+Gastteilnehmer zulassen, erwiderte man ihm lakonisch: er solle sich die
+Bestimmungen dafür im Sekretariat geben lassen und sich dann an die
+dafür zuständige Stelle wenden.</p>
+
+<p>Sehr beschämt schlich Hans Sebalt hinaus.</p>
+
+<p>Auf der Polizei hatte er ebenfalls Schwierigkeiten. Man verlangte
+einen ordentlichen englischen Geburtausweis von Sebalt, der deutsche
+Taufschein seines Vaters genüge nicht. Er müsse genau<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> nachweisen
+können, so hieß es von oben herab, daß er wirklich englischer Untertan
+sei und für den deutschen Militärdienst nicht in Frage käme. Ein
+Engländer, der nicht englisch spräche, sei immerhin verdächtig.
+Wahrscheinlich wolle er sich nur vom Militärdienst drücken.</p>
+
+<p>Hans Sebalt fehlte es zu seinem Glück an Worten, seiner Empörung
+genügenden Ausdruck geben zu können. Er dachte nur im stillen: er würde
+ja viel zu gern dienen, wenn es die Unität nur bezahlen wollte, und
+entfernte sich tief beleidigt.</p>
+
+<p>Nach einem guten Mittagessen, das ihm trotz allen Ärgers trefflich
+geschmeckt hatte, ging er nach seiner neuen Wohnung, steckte sich eine
+seiner letzten Herrnhuter Zigarren an und streckte sich behaglich auf
+seiner schönen Chaiselongue aus, um neue Pläne zu schmieden.</p>
+
+<p>Da klopfte es, und auf sein »Herein« wankte eine lange, schlottrige
+Gestalt ins Zimmer, die sich als den Inhaber der Wohnung vorstellte und
+um freundliche Vorausbezahlung der Monatsmiete bat.</p>
+
+<p>Hans Sebalt fuhr ärgerlich empor und fragte hochfahrend:</p>
+
+<p>»Na, sind Sie denn nicht der Mann von der Frau Breutel da draußen?«</p>
+
+<p>»Zu dienen, Emanuel Breutel,« flötete süßlich die leis
+zusammenklappende Hauswirtsgestalt,<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> »ich bin noch der Ehemann dieser
+Frau da draußen, bin auch noch der Besitzer aller dieser Sachen wie
+des Buttergeschäfts im Parterre, auch Käse können Sie da haben — sehr
+guten, falls der Herr mal Bedarf haben sollte.«</p>
+
+<p>»Nee, danke,« wehrte Hans Sebalt gnädig ab, »aber nun sagen Sie mal,
+was ist denn los? Ich habe doch gestern, als ich mietete, Ihrer Frau
+den Mietzins für einen Monat bezahlt! Hat sie Ihnen das denn nicht
+gesagt?«</p>
+
+<p>»So, so, Sie haben schon bezahlt,« begütigte Herr Breutel mit trauriger
+Gebärde, »das tut mir recht leid, denn mir gesagt hat sie natürlich
+wieder nichts, die Tücksche! Also dann verzeihen Sie nur untertänigst,
+Herr Doktor, — ja was ich nur sagen wollte — meine Frau, ja — ja
+— hm — ach — wenn Sie doch von nun an die Güte haben wollten, mir
+die Miete zu geben — ja, ich darf wohl bitten! Ich, ich möchte mich
+da nicht so näher auslassen, Herr Doktor werden schon verstehen! Also
+nicht wahr, zum nächsten Ersten bitte ich ganz ergebenst um den Betrag;
+ich werde Ihnen darüber auch eine rechtmäßige Quittung ausstellen.
+Womit ich mich Ihnen hochachtungsvoll empfehle. Nichts für ungut, Herr
+Doktor, ich bitte die Störung gütigst zu entschuldigen — angenehme
+Ruhe, guten Bonjour, Herr Doktor, atjee wünsch ich, atjee!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p>
+
+<p>Kaum hatte sich der lange Käsehändler dienernd zur Tür hinausgewunden,
+da klingelte es draußen heftig. Allerlei Scheltworte waren zu hören,
+und wieder klopfte es bei Sebalt, der sich eben erst von neuem
+hingestreckt hatte und grimmig »herein« rief.</p>
+
+<p>Ein robuster, bärtiger Mann trat polternd herein, stellte sich,
+breitbeinig hin- und herwuchtend, als Hauswirt und Kohlenhändler Wuppke
+vor, und bat mit dem jungen Herrn betreffs der Miete Rücksprache nehmen
+zu dürfen.</p>
+
+<p>»Zum Donnerwetter,« fuhr nun Hans Sebalt los, »wieviel Leuten soll ich
+denn hier meine Miete berappen, da hört sich doch alles auf!«</p>
+
+<p>Herr Wuppke lächelte perfide und meinte dann wohlwollend: »Sie sind ja
+wohl fremd und jung, und da fällt man eben leicht mal rein. Es sind
+hier etwas mulmige Verhältnisse, in die Sie geraten sind. Der Kerl da,
+der soeben bei Ihnen war, kommt gerade aus dem Kittchen. Er hat so
+allerlei schöne Sachen auf dem Gewissen, von denen sich ein reeller
+Geschäftsmann wie unsereins fern hält. Na und jetzt mit seiner Frau,
+das ist ja auch nicht gerade kulant, aber schließlich — was gehts mich
+an —«</p>
+
+<p>»Wenn Sies wissen,« unterbrach ihn Sebalt neugierig, »dann wäre ich
+Ihnen verbunden für Aufklärung, damit ich endlich einmal genau weiß,
+woran ich bin.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p>
+
+<p>»Schön, sollen Sie haben, junger Mann! Also, was der Breutel is,
+sagt ich ja schon. Und seine Frau ist sonst gar nicht übel. Aber sie
+paßten halt schlecht zusammen. Kommt so vor. Kinder gabs keine, aber
+um so mehr Zank. Natürlich gab jeder dem andern die Schuld, bis der
+blöde Emanuel dann eines Tages mal hinter den schwedischen Gardinen
+verschwinden mußte. Da hat sich denn die resolute Breuteln rasch
+entschlossen, den Gegenbeweis anzutreten mit nem schneidigen Vize
+von drüben. Und richtig, als der Emanuel vom behördlichen Nachdenken
+wiederkam, da war er der unschuldige Vater von zwei noch unschuldigeren
+Göhren. Ach du lieber Gott! Der hat nicht schlecht gejammert! Fluchen
+kann er ja nicht, das schleimige Schalaster; aber scheiden will er sich
+auch nicht lassen, und ich glaube, die arme Frau kommt nicht los.«</p>
+
+<p>»Sind ja nette Verhältnisse,« knurrte Sebalt, »in die ich da
+hineingeraten bin; aber schließlich, was hat das mit Ihrer
+Mietforderung zu tun?«</p>
+
+<p>»Das kommt nun noch,« erklärte Wuppke höhnisch, »also der Kerl bezahlt
+mir keine Miete, und da habe ich ihm gekündigt, hab ihn auch stantupeh
+verklagt, und hier junger Mann (er holte einen Schein aus seiner Tasche
+hervor) — hier sehn Sie die gerichtliche Erlaubnis, daß ich auch die
+Aftermieter ranziehen darf, falls ich sie<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> den Breutels nicht überhaupt
+verbiete, wozu ich nämlich auch das Recht hätte.«</p>
+
+<p>Da öffnete sich plötzlich stürmisch die Tür, und die Wirtin Sebalts,
+die stattliche Frau Breutel, rauschte herein, hochrot vor Zorn, wie
+eine gereizte Pute.</p>
+
+<p>»Um Verzeihung, Herr Doktor,« mischte sie sich sofort ein, »es tut
+mir unendlich leid, daß Sie gleich solche Schererei haben. Sie haben
+mir die Miete ordnungsgemäß bezahlt, und da sorgen Sie sich gar
+nicht. Ich bringe schon alles in Ordnung. Das ist mein notwendiger
+und selbstverdienter Unterhalt als Frau, den mir niemand abstreiten
+kann, weder der erbärmliche Kerl von unten aus dem Butterladen, der
+sich — Gott seis geklagt — noch immer als mein Mann ausgeben darf,
+noch dieser Herr da, der uns zum nächsten Januar exmittieren lassen
+und klagen darf, so viel er will, aber hier in meiner Wohnung vor
+der Hand gar nichts zu suchen hat. Also ich bitte, Herr Wuppke, Sie
+verlassen mal augenblicklich diese meine Wohnung, oder ich hole nicht
+nur die Polizei, sondern ich ziehe auch mein gestriges Angebot zurück,
+Ihnen wenigstens für diese meine Wohnung — der Butterladen geht mich
+ja nichts an — die Miete zu zahlen. Also bitte, wirds nun bald, Herr
+Wuppke? Sie haben hier nichts zu suchen!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p>
+
+<p>»Oho,« antwortete der Kohlenhändler brummig, »ich kann diesen Herrn
+hier besuchen, das steht mir durchaus frei.«</p>
+
+<p>»Ich danke aber gütigst für Ihren Besuch,« fiel nun Hans Sebalt
+schlagfertig ein, »ich bin jedenfalls kraft meiner Zahlung hier in
+diesem Zimmer Hausherr und bitte Sie dringend, mich nicht weiter
+zu belästigen! Klagen Sie meinetwegen, gegen wen Sie wollen; aber
+respektieren Sie gefälligst mein Hausrecht in meinen vier Pfählen! So
+— ich habe die Ehre, Herr Wuppke.«</p>
+
+<p>Damit wandte sich Hans Sebalt mit der Grandezza eines Spaniers ab und
+ließ den verblüfften Kohlenhändler stehen, der nun wirklich murrend
+seiner Wege ging, während Frau Breutel ihm triumphierend nachsah.</p>
+
+<p>Nachdem Sebalt, einigermaßen belustigt, sich seine ausgegangene
+Herrnhuterzigarre abermals angezündet hatte, sprach ihm seine Wirtin
+mit großer Beredsamkeit ihre Hochachtung, ja Bewunderung aus. Der Herr
+Doktor, meinte Sie schließlich, solle sich nur nicht sorgen und etwa
+darum ausziehen; sie werde ihm von nun an schon Ruhe schaffen, auch vor
+dem Butterhändler da unten, der eigentlich gar nichts mehr bei ihr hier
+zu suchen hätte, wenn die Gerichte ein Einsehen hätten. Über sie solle
+der Herr Doktor jedenfalls nicht zu klagen haben, sie sei eine saubere
+Frau.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p>
+
+<p>Hans Sebalt erklärte ihr kurz: er wäre noch lange nicht Doktor; mit dem
+Ausziehen, das würde er sich noch überlegen.</p>
+
+<p>Nachdem Frau Breutel mit devoter Freundlichkeit und einer gewissen
+Koketterie sich verabschiedet hatte, trat Hans Sebalt befriedigt
+lächelnd an sein Aussichtfenster und dachte bei sich: Schade, daß ich
+heute früh bei Quästur und Polizei nicht auch so habe abschneiden
+können. Aber warte nur, die Polizei kriegen wir schon, und die Quästur
+am Ende auch noch. Jetzt schreibe ich nach Berthelsburg, und dann
+gehe ich zum englischen Konsul. Und das mit dem famosen Breutelschen
+Ehepaar, das kann ganz interessant werden. Wer sich wohl solche
+Verhältnisse zu Gotteshaag hätte träumen lassen! Ja — die Großstadt —
+das ist freilich eine andere Welt.</p>
+
+<p>Hans Sebalt war ausgezeichneter Laune.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die hohe königlich sächsische Polizeibehörde zog wirklich den Kürzeren
+in der Sache Sebalt, und das noch höhere königlich sächsische
+Kultusministerium hatte schließlich auch ein Einsehen. Johannes Karl
+Rudolf Sebalt aus Witewater im Kapland ward <span class="antiqua">rite</span> immatrikuliert
+als <span class="antiqua">studiosus philosophiae</span>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p>
+
+<p>Als er nun glücklich am ersehnten Ziele war, kam ein frohes, stolzes
+Gefühl über ihn, und er beschloß, den großen Tag mit einer kleinen
+Abendunternehmung zu feiern.</p>
+
+<p>Längst schon hatten allerlei Bier- und Weinlokale, zumal die mit
+Kellnerinnenbedienung, den frauenunkundigen jungen Herrnhuter gereizt;
+aber solange Hans mit der Polizei auf gespanntem Fuße stand, hatte er
+sich nicht allzu viel aus seinem Bau getraut. Jetzt, zumal im Besitz
+einer Studentenkarte, stand ihm die Welt von neuem offen, und auch
+die Geheimnisse der Großstadt, die er vor allem in Kneipen vermutete,
+durfte er nunmehr wohl ohne Bedenken zu ergründen suchen.</p>
+
+<p>So stieg er denn gegen Abend mit keckem Mute in den ersten besten
+Bierkeller der Altstadt hinab.</p>
+
+<p>Der dumpfe, langgestreckte, aber blendend erleuchtete Raum war sehr
+voll; die vielbeschäftigte Kellnerin stellte rasch das bestellte Glas
+Bier hin und nahm sonst auch nicht die geringste Notiz von dem am
+heutigen Tage richtig immatrikulierten Studiosus der Philosophie.</p>
+
+<p>Das behagte Herrn Sebalt wenig, auch sonst war so gar nichts Besonderes
+zu entdecken. Viel Lärm, viel Rauch und schlechte Luft; kein Mensch
+kümmerte sich um ihn. Sebalt trank aus, zahlte<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> und stieg ein wenig
+enttäuscht wieder zur Straße hinauf.</p>
+
+<p>Sollte er es einmal mit einem Café versuchen? Es gab da allerlei
+Lokale dieser Art mit romantischen Namen. Also hinein und einen Kaffee
+bestellt.</p>
+
+<p>Aber o weh — hier bedienten Kellner. Es war gar nichts los!</p>
+
+<p>In einem zweiten warteten zwar wohlfrisierte Mädchen auf, aber sie
+setzten Herrn Sebalt nur freundlich das Backwerk vor die Nase und
+gingen eilends ihrer Wege, obwohl er ihnen einen freundlichen Blick und
+schließlich im Vorübergehen einige verbindliche Worte spendete.</p>
+
+<p>Ärgerlich verließ er auch dieses Café und ging erwartungsvoll in
+eine Bierstube, in der eine zigeunerhaft kostümierte Damenkapelle
+konzertierte. Hier wurde Hans Sebalt ein wenig mehr Geld los, da nach
+jedem Stück eine recht niedliche Zigeunerin einsammeln kam; aber
+anzubändeln gelang ihm auch hier nicht, und gerade dazu hatte er heute
+in seiner Siegesstimmung Lust.</p>
+
+<p>Wieder entfloh er der aussichtlosen Zigeunerhöhle und überlegte hin und
+her, ob er es nicht nunmehr mit einer Weinstube versuchen sollte.</p>
+
+<p>Das konnte freilich ein teurer Spaß werden; aber noch war er gut bei
+Kasse, und der Tag wollte einmal gefeiert sein! Später konnte<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> er ja
+um so mehr sparen; ein ehemaliger Gotteshaager Student, der an 16 Mark
+Taschengeld monatlich gewöhnt war, konnte trotz der Kosten für Logis
+und Unterhalt mit 100 Mark ganz schön auskommen. Also vorwärts hinein
+in die lockende Weinstube mit der bunten Laterne!</p>
+
+<p>Und richtig — hier war es ziemlich leer. Verlockende Lauben und
+Nischen mit diskreter Beleuchtung waren vorhanden. Schon stürzte
+auch eine vollbusige Hebe eilends auf den Ankömmling zu, nahm ihm
+freundlichst den Hut ab und fragte mit verführerischem Lächeln: »Nun,
+Blondchen, was trinken wir? Schampus gefällig?«</p>
+
+<p>Hans Sebalts Herz begann ein wenig zu klopfen; auf Champagner war
+er nicht vorbereitet. Rasch jedoch fand er seine wohleinstudierte
+weltmännische Sicherheit wieder und sagte überlegen: »Bringen Sie mir
+eine Mosel.«</p>
+
+<p>»Sehr wohl, mein Herr!« antwortete die Kellnerin schon etwas kühler,
+»befehlen der Herr eine Flasche Bernkastler Doktor oder Graacher
+Himmelreich?«</p>
+
+<p>Jetzt wurde Hans Sebalt wieder ein wenig verlegen, setzte sich aber
+einstweilen zur Fassung gemächlich in eine der düstersten Nischen und
+bat möglichst blasiert um die Weinkarte.</p>
+
+<p>»Weinkarte führen wir keine,« erwiderte resolut das stattliche
+Frauenzimmer, »unsere Gäste<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> wissen schon, was für Weine wir haben.
+Den Bernkastler Doktor kann ich dem Herrn sehr empfehlen, aber das
+Himmelreich ist auch sehr schön.«</p>
+
+<p>»Haben Sie keine anderen Sorten?«</p>
+
+<p>Ein Weinkenner war Sebalt nicht. In diesem Augenblick fiel ihm jedoch
+ein, daß er ja einmal beim Abiturientenschmaus in Bethel mit Kaspar
+zusammen eine Flasche Moselblümchen getrunken hatte, und so fragte er
+so großartig wie nur möglich nach dieser Marke.</p>
+
+<p>Die Kellnerin erwiderte verächtlich: »Solches Planschzeug führen wir
+hier nicht. Aber wenn der Herr nicht viel ausgeben will, so kann er ja
+auch ein Glas Portwein haben.«</p>
+
+<p>»Richtig,« fiel Hans Sebalt, wieder ganz Weltmann, ein, »jawohl,
+bringen Sie mir ein Glas Portwein, mein schönes Fräulein, vielleicht
+trinken Sie auch eins mit?«</p>
+
+<p>»Aber gern!« flötete nun wieder gnädiger die Hebe und besorgte rasch
+den Auftrag, während sich Hans Sebalt innerlich zu diesem billigen
+Ausweg beglückwünschte.</p>
+
+<p>Der Wein kam, man stieß an und begann zu schwatzen.</p>
+
+<p>Die Kellnerin nannte sich auf seine Anfrage Kathi, und Sebalt gab
+sich als Otto aus. Eben wollte er weiteres erfragen, da bat Kathi um
+Erlaubnis, sich ein zweites Glas holen zu dürfen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p>
+
+<p>»Aber bitte,« sagte Sebalt galant und war nicht wenig erstaunt, als
+seine Gesellschafterin gleich mit zwei Gläsern zurückkehrte in der
+Annahme, der Herr Doktor werde doch unterdessen auch ausgetrunken haben.</p>
+
+<p>»Zum Wohl, Herr Doktor, aufs Spezielle <span class="antiqua">sine sine</span>!« rief Kathi
+übermütig lachend. Man stieß abermals an.</p>
+
+<p>Dann tätschelte die rundliche Hebe ihren Partner zärtlich, guckte ihm
+verführerisch lachend in die Augen und fragte ihn mundspitzend, ob sie
+ihrem süßen Ottchen nicht noch ein Glas mitbringen könnte, sie dürfe
+sich ja gewiß auch wieder eins holen.</p>
+
+<p>Hans Sebalt ward es nun doch ein wenig ungemütlich zumute; er dachte an
+seinen Geldbeutel, an die Väter in Berthelsburg, und schwankte. Aber
+gerade jetzt schien es doch interessant und vielleicht gar pikant zu
+werden — ach was — er wollte die Welt sehen und auch mal das Weib
+studieren — die zwei Glas würden sich schon wieder heraussparen lassen.</p>
+
+<p>Also Hans Sebalt nickte höchst huldvoll Gewährung, und Kathi flog
+davon, um bald darauf mit neugefüllten Gläsern, einem Kaviarbrötchen
+und drei Zigaretten wiederzukommen.</p>
+
+<p>»Gelt, du erlaubst mir, Blondchen,« entschuldigte sie ihre
+Proviantzufuhr, »daß ich dazwischen<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> eine Kleinigkeit esse, und
+dann muß ich immer ein paar Züge tun. Darf ich dir nicht auch einen
+Weinhappen bringen, deine Zigarre geht ja gerade zu Ende.«</p>
+
+<p>Hans Sebalt schmunzelte. Die Sache ging recht rasch — schon beim du —
+also nur weiter! Der Weinhappen ward bewilligt, und eine gute Havannah
+brachte Kathi dem süßen Blondchen selbstverständlich mit und rauchte
+sie ihm sogar mit vollendeter Grazie an.</p>
+
+<p>Dann setzte sie sich recht nahe zu ihm heran, legte wie von ungefähr
+den Arm um Sebalt, so daß dieser ihres stattlichen Busens üppige Fülle
+zu spüren bekam, und sagte mit dem verklärtesten Augenaufschlag: »Weißt
+du, was ich jetzt möcht, Dickerchen?«</p>
+
+<p>»Vielleicht einen Kuß,« erwiderte Sebalt scheinbar kühl und keck,
+obwohl ihm die völlig ungewohnte Nähe eines anmutigen Frauenkörpers
+anfing die Sinne aufzuregen.</p>
+
+<p>»Ha — warum nit,« meinte Kathi herausfordernd lachend, »aber an
+Schampus dazu darfst mir dann schon spendieren. Weißt, Schatzerl, wir
+nehmen an Halben — für uns zwa langts schon. Gelt — ich darf?«</p>
+
+<p>Und ehe Hans Sebalt noch ein Wort entgegnen konnte, war die flinke
+Kathi auf und davon und kehrte bald mit einer kleinen Flasche<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span>
+Champagner zurück, aus der sie zwei hohe Spitzgläser voll eingoß.</p>
+
+<p>Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel.</p>
+
+<p>Mit studentischer Eleganz trank Kathi Brüderschaft mit ihm und gab ihm
+einen schallenden Kuß. Es war der erste, den Hans Sebalt von einem ihm
+fremden jungen Weibe bekam; aber er hat sich seiner nie gern erinnert,
+denn was darauf folgte, war einigermaßen schmerzlich.</p>
+
+<p>Als die listige Kathi ihren Angriff auf Blondchens Herz und Geldbeutel
+gar zu energisch fortsetzen wollte, erwachte Sebalts gesunder
+Menschenverstand doch rasch. Er bat trotz aller Gegenvorstellungen
+Kathis um die Rechnung und wollte schier in den Boden sinken vor
+Schrecken, als ihm die neue Bruderliebe mit aller Grazie, die ihr zu
+Gebote stand, 21 Mark und 20 Pfennige zusammen rechnete.</p>
+
+<p>Hans Sebalt erbleichte. Das waren einundzwanzig Mittagessen — für
+einen Kuß! Und mit dem Bezahlen hatte das auch Schwierigkeiten. Ein
+Zwanzigmarkstück hatte er zwar eingesteckt, aber das Kleingeld mußte er
+noch aus allen Taschen zusammensuchen, ja schließlich gar die letzten
+Briefmarken drauflegen.</p>
+
+<p>In dieser etwas kläglichen Situation ging der Weltmann in Hans Sebalt
+vorübergehend unter.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p>
+
+<p>Als nämlich Kathi mit der grausamen Ruhe einer Königin, die einen
+Tribut unterworfener Fürsten abnimmt, auch noch um ein Trinkgeld bat,
+ward Sebalt grob.</p>
+
+<p>Darauf meinte Kathi schnippisch: »Wenn du halt ka Gölld hast, Kloaner,
+darfst net in a Weinstub sponsieren gehn,« und ließ den Grobian stehen.</p>
+
+<p>Mit nicht völlig gewahrter Haltung und ohne Gruß verließ der junge
+Herrnhuter die Weinstube.</p>
+
+<p>Sein heißer Drang nach Weltgenuß und Weibessüße war zunächst gehörig
+abgekühlt. Der Weg zu Fuß nach Gohlis tat ein übriges.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In den nächsten Wochen gab es kaum einen fleißigeren Studenten in
+Leipzig als Hans Sebalt.</p>
+
+<p>Trotz des schönsten Wetters besuchte er Kolleg um Kolleg mit der
+Pünktlichkeit eines Gotteshaager Seminaristen, holte sich ganze
+Stöße von Büchern aus der stattlichen Universitätbibliothek, las und
+exzerpierte bis spät in die Nacht und fing wirklich nach und nach an,
+festen Fuß auf dem Boden seines neuen Studiums zu fassen.</p>
+
+<p>Auch an Sparsamkeit fehlte es nunmehr nicht; der Abend bei Kathi wurde
+richtig dadurch wieder wettgemacht, daß Hans Sebalt eine Zeitlang nur
+alle zwei Tage ordentlich zu Mittag aß. Damit<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> es aber seine Wirtin,
+die ihren Doktor übrigens mit peinlichster Sorgfalt bediente, nicht
+merkte, ging er um die Mittagzeit regelmäßig ein wenig ins Rosental
+spazieren, wo der Frühling gerade alle seine Minen springen ließ.</p>
+
+<p>Auch hübsche Mädchen gab es im Rosental die Hülle und Fülle. Besonders
+eine schlanke Brünette mit einem stolzen, elastischen Gang fiel Hans
+Sebalt auf, da sie meist um die gleiche Zeit — so etwa gegen drei Uhr
+— scheinbar ohne große Eile, der Stadt zuwanderte. Von Zeit zu Zeit
+gelang es dem Studenten wohl, einen erstaunten, wenn auch nicht gerade
+sehr freundlichen Blick des Mädchens bei der fast täglichen Begegnung
+zu erhaschen, und bald war es Sebalt, als fehle ihm etwas, wenn er
+einige Tage hindurch, wie es mitunter durch die Kollegs nötig wurde,
+den Anblick der Brünetten entbehren mußte.</p>
+
+<p>Schließlich wurden Neugier und Interesse in dem Studenten übermächtig,
+und so beschloß er eines schönen Nachmittags zu ermitteln, wohin die
+Geheimnisvolle ging.</p>
+
+<p>Ganz einfach war diese Ermittelung nicht, denn das Mädchen hatte
+scheinbar Sebalts Absicht gemerkt und suchte ihn durch gelegentliches
+Verschwinden in irgendeinen Laden, in einen der tückischen
+Durchgangshöfe, oder in ein großes Haus zu täuschen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p>
+
+<p>Je schwieriger jedoch die Nachforschung wurde, um so vergnüglichere
+Aufregung bereitete sie Hans, bis er eines Tages als ziemlich sicher
+annehmen konnte, daß die interessante Unbekannte in irgendwelchen,
+ihm noch dunklen Beziehungen zu einem großen Tanzrestaurant namens
+Monplaisir stehen mußte, in dem Sonntags und zweimal wöchentlich
+öffentliche Tanzbelustigungen abgehalten wurden.</p>
+
+<p>Nun war guter Rat teuer, denn tanzen konnte der sonst so vielgewandte
+Hans Sebalt nicht. Er hatte es wohl einmal heimlich mit Kaspar zu
+Gotteshaag versucht, aber nur der gymnastisch geübtere Freund war des
+tückischen Walzerschritts einigermaßen Herr geworden.</p>
+
+<p>Jetzt erwachte die Lust und der Ehrgeiz Sebalts von neuem.</p>
+
+<p>Zunächst besuchte der junge Herrnhuter, dessen Finanzen
+sich im nächsten und vollends im übernächsten Monat von der
+Weinstubenniederlage trotz der hohen Kolleghonorarausgaben wieder
+einigermaßen erholt hatten, mehrfach als Zuschauer das Tanzlokal, in
+dem er aber trotz aller Mühe die stolze Brünette weder im Saal noch am
+Büffet ausfindig machen konnte. Auch im Rosental traf er sie nicht mehr
+zu seinem Leidwesen, konnte aber feststellen, daß sie trotzdem auch
+weiterhin in Monplaisir zu tun hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p>
+
+<p>Das Interesse Hans Sebalts wuchs weiter mit den Schwierigkeiten, sich
+der Geheimnisvollen zu nähern. Schließlich geriet der sonst so kühle
+Hans in eine innere Unruhe, daß er sich immer dringender die ihm etwas
+ehrenrührige Frage vorlegen mußte, ob er nicht auf dem besten Wege
+wäre, sich bis über die Ohren zu verlieben.</p>
+
+<p>So kam Hans Sebalt immer öfter zu den Tanzabenden nach Monplaisir,
+fand immer mehr Gefallen an dem bunten, mitunter recht ausgelassenen
+Treiben, bis ihn eines Tages ein Kommilitone aus dem Kolleg begrüßte
+und ihn ganz harmlos fragte, warum er denn nie tanze.</p>
+
+<p>Hans Sebalt ward ungewöhnlich verlegen. Er mochte weder gleich
+verraten, daß er Herrnhuter wäre, noch eingestehen, daß er gar nicht
+tanzen könne, also antwortete er ausweichend: er wolle sich das erst
+ein bißchen ansehen, im Winter würde er schon gern einmal tanzen, jetzt
+im Sommer sei es doch ein wenig warm.</p>
+
+<p>Der Student sah ihn mit lustigem Blinzeln an und sagte dann lachend:
+»Sie Schlauberger, ich glaube, Sie können ebensowenig tanzen wie ich?«</p>
+
+<p>Nun mußte der kluge Sebalt wohl oder übel Farbe bekennen. Die
+Kommilitonen stellten sich lustig als Leidensgefährten vor, und nach
+einem gemütlichen Schwatz beschlossen beide, im nächsten<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> Semester
+zusammen Tanzstunden zu nehmen.</p>
+
+<p>Spät trennte man sich, sah sich vor Schluß des Semesters noch öfter und
+ward bald gut Freund.</p>
+
+<p>Niemeyer, so hieß der neue Bekannte, besuchte Sebalt mehrfach auf
+seiner Bude, die er als höchst schlemmerhaft bezeichnete, und teilte
+ihm unter anderem auch das Resultat seiner Erkundigungen über die
+Tanzstunde mit. Die Sache könne ungefähr sechzig bis achtzig Mark
+kosten.</p>
+
+<p>Hans Sebalt erschrak. So viel Geld würde er wohl schwerlich auftreiben
+können; überdies standen die kostspieligen Ferien vor der Tür, und
+er wußte nicht recht wohin. Sich elf Wochen zu den Eltern ins alte
+Gnadenzeller Pilgerhaus zu setzen, konnte er schwerlich über sich
+gewinnen.</p>
+
+<p>Da fielen ihm zur rechten Zeit die Redaer Gastfreunde ein, und rasch
+entschlossen schrieb er ein nettes Briefchen an seine alte Gönnerin,
+die gute Mama Winkler. Wenn die ihn einlud, war die Tanzstunde möglich.</p>
+
+<p>Und ein Mann von Welt mußte doch unbedingt tanzen können!</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Der Gottsucher</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Der »Chef«, Bruder Nitschke, hatte wirklich recht behalten: es ließ
+sich leben in Tramberg, zumal im Sommer, als das bunte Kurtreiben
+begann.</p>
+
+<p>Auch in der Anstalt ging Kaspar Krumbholtz »das Leben gar lieblich
+ein«, immer freudiger tat er seinen Dienst.</p>
+
+<p>Die Kollegen waren kameradschaftlich und gefällig. Mit den Herren
+seiner Reihe, Kratt, Muffke und Knortz, entwickelte sich sogar ein
+humorig freundschaftlicher Verkehr in und außer dem Hause.</p>
+
+<p>Der so gern grimmig dreinschauende Hesse war ein urbehaglicher
+Kneipkumpan, der bei einem »Viertele« Markgräfler die allerlustigsten
+Studentengeschichten aus Marburg und Gießen erzählen konnte, die durch
+einen soliden Oberförsterzuschnitt erst recht wirkungsvoll wurden.</p>
+
+<p>Die beiden Mecklenburger waren einem guten Trunke auch nicht
+abgeneigt; aber beide, armer<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> Leute Kind und noch zu keinem Abschluß
+ihrer Studien gelangt, sparten sie womöglich jeden Pfennig für die
+Zukunft, entschädigten sich dafür in Wald und Wiese reichlich mit
+Sammeln von allerlei Insekten, Gewürm und Geziefer, auch im Angeln und
+Krebsegreifen waren beide treffliche Meister.</p>
+
+<p>So kam es wohl vor, daß oben auf der Lehrerstube von den kochgewandten
+Obotriten noch spät abends ein feldmarschmäßiges Krebsessen zubereitet
+wurde. Fehlte es einmal an Spiritus, dann wurden kurzer Hand einige
+Schlangen oder Kröten aus dem Naturalienkabinett auf Ebbe gesetzt.</p>
+
+<p>Max und Moritz schreckten vor keiner Schwierigkeit zurück. Ja,
+sie stiegen sogar eines Abends, als die sonst stets aufmerksame
+Hausschlüsselbewahrerin, Mutter Frutsch, aus Versehen doch einmal vor
+Mitternacht zu Bett gegangen war, forsch und frech durch ein schnell
+zertrümmertes Fenster der unteren Lehrerstube ein und ließen dann
+kaltblütig auf Hausrechnung eine neue Scheibe einziehen.</p>
+
+<p>Der Mitdirektor erfuhr es freilich und hielt seinen beiden »bösen
+Buben« am nächsten Teeabend eine sehr humoristische Standpauke, während
+der »Chef«, der von dem Unfug schließlich auch auf allerhand Umwegen
+Kenntnis erhalten hatte,<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> kein Wort darüber verlor, den Missetätern
+aber zu ihrem Ärger die Rechnung zur gütigen Begleichung zugehen ließ.</p>
+
+<p>Mit seinem Stubenkollegen Schnäbele stand Kaspar Krumbholtz ganz
+ausgezeichnet, auch mit Schlegelmeyer kam er leidlich aus, zumal er ja
+wenig mit ihm zu tun hatte.</p>
+
+<p>Auf der vierten Stube ging alles im gewohnten Geleise; Kaspar war
+viel zu klug und zu sehr von der bewährten Weisheit »Papa Schnäbeles«
+überzeugt, als daß er irgendwelche Änderungen hervorgerufen hätte.</p>
+
+<p>Ronald und seine englischen Peers lobten sogar Mister Kobolz, der
+fast nie zu strafen nötig hatte, da er vom ersten Tage an den Knaben
+durch Ruhe und Konsequenz imponierte, aber auch durch Vertrauen und
+kameradschaftliche Anteilnahme ihr Herz gewann.</p>
+
+<p>Im ganzen hielt er nach seiner Art gern zurück nach dem alten
+Grundsatz: Ein Herrscher, der zu oft eingreift, schwächt seine Wirkung.</p>
+
+<p>Und die etwas aristokratische Selbstverwaltung der kleinen
+Stubenrepublik funktionierte unter des Menschenkenners Ronald Führung
+wirklich nicht übel.</p>
+
+<p>Das zeigte sich am erfreulichsten auf der üblichen dreitägigen
+Frühlingswanderung in den Schwarzwald, die trotz gesteigerter
+Verantwortung<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> für die Lehrer ein herzerfrischender Genuß ward.</p>
+
+<p>Kurz und gut, Kaspar Krumbholtz hätte alle Ursache gehabt, mit seiner
+kleinen Welt zufrieden zu sein, wenn er mit sich und seinem Gott im
+Reinen gewesen wäre.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auch im angestrengtesten Schul- und Aufsichtdienst wollten die Fragen
+nicht ganz verstummen: Was soll aus dir werden? Bist du nicht ein
+Halber, weder ein ganzer Theologe noch ein richtiger Schulmeister? Und
+was bedeutet dir Gott?</p>
+
+<p>Mit seinen weltfröhlichen Reihenkollegen konnte sich Kaspar Krumbholtz
+darüber nicht aussprechen.</p>
+
+<p>Gerade Max und Moritz, die doch in einer ähnlichen Lage waren wie er,
+schienen sich am wenigsten über ihre ungewisse Zukunft die Köpfe zu
+zerbrechen.</p>
+
+<p>Als Kaspar sich einmal scherzhaft erkundigte, wofür sie denn eigentlich
+sparten, meinte Moritz resolut: »Op unse olen Dagen.«</p>
+
+<p>Und Max fügte launig hinzu: »Dat kann der Schlemmer wohl sagen, ik
+spar nich weiter als auf Leberwurst zum Kommißbrot für Seiner Majestät
+allerschneidigsten Königsfreiwilligen.«</p>
+
+<p>Muffke war Waise wie Krumbholtz, der nun<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> plötzlich daran erinnert
+wurde, daß er wahrscheinlich auch bald zu dienen hatte. Damit legten
+sich neue Sorgen auf sein so wie so schon bedrücktes Gemüt.</p>
+
+<p>Eines Abends besuchte Kaspar Bruder Lohmann, zu dem er ein unbegrenztes
+Vertrauen hatte, und schüttete ihm offen sein Herz aus.</p>
+
+<p>Dem seelensguten Mitdirektor ging seines jüngsten Kollegen Kummer
+recht nahe. Er verstand das alles sehr gut, da ihm selber allerlei
+Zukunftsorgen schwer auf der Seele lasteten.</p>
+
+<p>Trotz seines lebendigen Glaubens wollte er nämlich nicht Prediger
+werden, da er Ritschlianer und auch kein Redner war. Zum Rektorexamen,
+das er für einen leitenden Posten im Schulfach brauchte, mochte sich
+der ein wenig unentschlossene, ja ängstliche L<sup>3</sup> ebenfalls nicht
+melden, obwohl er längst und überreichlich dazu vorbereitet war. Dann
+und wann kam ihm der Gedanke, auf die Mission zu gehen, aber auch zu
+diesem Entschluß konnte sich Bruder Lohmann nicht aufraffen.</p>
+
+<p>Wie viele gutmütige Menschen, die sich selbst nicht recht zu helfen
+wissen, war der Mitdirektor jedoch leidlich energisch, sobald es sich
+um andere handelte. Und so tröstete er Bruder Krumbholtz nicht nur und
+riet ihm, sich nochmals theologisch gründlich zu orientieren, sondern
+er tat auch Schritte bei dem jederzeit entgegenkommenden<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> »Chef«, um
+dem jungen Kollegen Orientierungsgelegenheit zu verschaffen.</p>
+
+<p>Unterdessen waren die großen Ferien herangekommen, die in Tramberg den
+ganzen Juli und August hindurch währten, da die meisten Schüler weit
+nach der Heimat hatten und sich für kurze Zeit eine teure Reise nicht
+lohnte.</p>
+
+<p>Außerdem nahmen viele der Ausländer in den ersten acht Ferientagen,
+während deren das Anstalthaus gründlich gereinigt und ausgebessert
+ward, an einer größeren Fußreise teil, die sie mit den Schönheiten der
+Schweiz oder Oberitaliens bekannt machte. An dieser Wanderung nahmen
+die fünf ältesten Aufsichtlehrer unentgeltlich teil, darunter dies
+Jahr zum ersten Male Max und Moritz, die sich schon wie Kinder freuten
+und Vorbereitungen trafen, als hätten sie eine naturwissenschaftliche
+Forschungs- und Sammelreise im Auftrage einer gelehrten Akademie
+mitzumachen.</p>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz als jüngster Lehrer konnte zu der Freunde und seinem
+Leidwesen nicht mit von der Partie sein, obwohl Herr Schnäbele, der die
+Reisen schon mehrfach mitgemacht hatte, zu seinen Gunsten zurücktreten
+wollte. Bruder Teuchert erhob jedoch Anspruch und nach der lebendigen
+Haustradition, genannt L<sup>3</sup>, mit Fug und Recht.</p>
+
+<p>Kaspar machte sich schweigend mit dem Gedanken vertraut, die langen
+Ferien in Tramberg<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> zuzubringen, und nahm sich vor, nun nach Goethe
+auch Shakespeare von neuem vorzunehmen und überdies gründlich englisch
+zu lernen; das konnte für alle Fälle gut sein. Nebenher wollte er
+die herrliche Umgebung Trambergs genießen, vielleicht den Hegau
+durchwandern bis zum Bodensee hinunter.</p>
+
+<p>Viel kosten durfte es freilich nicht, denn trotz Badewachen und
+allerlei Privatstunden war der Reiseüberschuß schon bedenklich
+zusammengeschmolzen, da ein unbedingt notwendiger Anzug hatte
+angeschafft werden müssen. Man konnte in dem eleganten Kurort nicht
+so herumlaufen wie in Gotteshaag, das sah erstlich der »Chef« nicht
+gern, und auch einige Bürger, denen ihr Geschäft und somit das äußere
+Renommee der Brüdergemeine über das Reich Gottes gingen, hatten sich
+kürzlich an einem der sogenannten Bierabende über dergleichen wichtige
+Toilettenfragen aufgehalten. Immerhin sollte Kaspar der neue Anzug bald
+sehr zu statten kommen.</p>
+
+<p>Er ward nämlich eines Tages zum Chef gerufen, und dieser machte ihm
+zu seiner größten Überraschung folgenden Vorschlag: Kaspar solle
+zunächst einen französischen Knaben bis nach Straßburg begleiten, um
+den ein wenig unsicheren Kantonisten dort in den Pariser Schnellzug zu
+spedieren. Zehn Tage darauf solle Kaspar in Appenweier<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> die englischen
+Zöglinge, die zuvor noch die große Reise mitmachen wollten, in Empfang
+nehmen und nach London begleiten.</p>
+
+<p>»Ich habe,« schloß der »Chef« vergnügt lächelnd und sich die
+Hände reibend, als freue er sich an Kaspars unverhohlener Freude
+rechtschaffen mit, »von Bruder Lohmann gehört, Sie haben das Bedürfnis,
+sich über allerlei Fragen der Theologie wie der inneren Mission ein
+wenig zu orientieren. Wie wäre es denn, wenn Sie in Straßburg die zehn
+Tage benutzten, allerlei Kollegs zu hören und sich vielleicht in London
+die gewaltigen Leistungen der Stadtmission ansähen? Ich will Ihnen
+gern die dazu nötigen Empfehlungsbriefe mitgeben. Nur hoffe ich, daß
+es Ihnen nicht gar zu gut in Straßburg oder London gefällt, denn ich
+möchte einen so tüchtigen und zuverlässigen Erzieher wie Sie nicht so
+bald verlieren.«</p>
+
+<p>In stummer Bewegung dankte Kaspar Krumbholtz seinem »Chef«, und fünf
+Tage später trat er seine Reise an.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mit ehrlich suchender Seele zog Kaspar Krumbholtz zu Straßburg von
+einem Gottesgelehrten zum anderen, um zu prüfen, ob der alte schlimme
+Eindruck von Gotteshaag sich nicht aus seiner Seele löschen oder sich
+wenigstens mildern ließe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p>
+
+<p>Wieder saß er, wie nun öfters schon in den letzten Tagen, wartend auf
+dem Klappsessel eines eleganten großen Universitäthörsaales, den er
+unwillkürlich mit dem armseligen Sälchen Gotteshaags verglich. Das war
+wohl ein gewaltiger Unterschied.</p>
+
+<p>Aber was Kaspar bis jetzt hier gehört hatte, dünkte ihn um nichts
+besser als das, was dort die Dozenten gelehrt; im Gegenteil, hier
+fehlte nur zu oft bei Professoren wie bei Studenten die redliche
+Andacht.</p>
+
+<p>Nun wollte Kaspar noch die Letzten, die Berühmtesten hören.</p>
+
+<p>Schon vor sieben Minuten hatte es geklingelt. Endlich kam eiligen
+Schrittes der kleine, weißhaarige Gelehrte hereingetrippelt, der als
+einer der größten Exegeten des Neuen Testamentes galt. Wie oft hatte
+nicht Bruder Bartel diesen Töpelmann als höchste Autorität zitiert.</p>
+
+<p>Also so sah er aus — ein kluges, starkgerötetes Fuchsgesicht, fast wie
+ein Silen — jedenfalls ganz anders, als ihn Kaspar sich vorgestellt
+hatte.</p>
+
+<p>Mit zwinkernden Augen maß der Alte erst lächelnd sein Auditorium,
+beugte sich dann tief über seine feingekritzelten Kollegzettel, suchte
+lange und schließlich ärgerlich nach dem richtigen Blatt und begann
+endlich mit stark nasalen Tönen wie<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> vor sich hin zu reden und zwar
+über das Gesetz des Geistes.</p>
+
+<p>Er tiftelte viel an dem Worte Pneuma herum. »Pneumatikos, das heißt ein
+im Geiste befindlicher, vom Geiste getriebener«, haftete nach langem
+Hin- und Herdeuteln in Kaspars Gedächtnis.</p>
+
+<p>Dann kam der Prozeß des Hagiasmos. Der wurde dem Gotteshaager
+Exseminaristen trotz seiner Bartelschen Vorbildung überhaupt nicht klar.</p>
+
+<p>Weiter ward mit spitzfindiger Dialektik das Problem der menschlichen
+Freiheit erörtert und schließlich nicht ohne deutliche, höchst
+selbstgefällige Ironie über die Prädestination als den konsequenten
+Abschluß der Paulinischen Heilslehre gehandelt, wobei einige von
+Töpelmann abweichende hermeneutische Kollegen als ganz subjektive
+und törichte Tröpfe hingestellt, während andere, dem Vortragenden
+zustimmende Kollegen als höchst einsichtige und wertvolle Forscher
+gelobt wurden.</p>
+
+<p>Da klingelte es abermals, und triumphierend lächelnd stieg das kluge,
+boshafte Männchen unter dem gewohnheitmäßigen Beifallgetrampel seiner
+zum Teil recht gelangweilten Hörer vom Katheder herab und trabte
+eiligst hinaus.</p>
+
+<p>Nachdenklich, aber durchaus unbefriedigt, folgte ihm Kaspar und bog
+eine Tür weiter zum Hörsaal des bekannten Alttestamentlers Schütte ein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p>
+
+<p>Als er sich nach einigen Minuten hinsetzte, las er unter den vielen
+in den Tisch eingeschnittenen Zirkeln, Fratzen und Mädchennamen auch
+eine Inschrift: Bestes Mittel gegen Schlaflosigkeit: alttestamentliche
+Exegese. Das klang wenig verlockend.</p>
+
+<p>Aber Kaspar ließ sich nicht abschrecken und hatte es nicht zu bereuen.</p>
+
+<p>Der Vertreter des Fachs, ein stattlicher, noch ziemlich junger Herr,
+war jedenfalls nichts weniger als langweilig; er sprach klar und
+eindringlich und machte einen durchaus würdigen, ja sympathischen
+Eindruck.</p>
+
+<p>Es handelte sich um die Legende vom Turmbau zu Babel, die völlig der
+Quelle J. angehörte. Bawel war nicht als Verwirrung zu erklären,
+sondern mußte Tor Gottes heißen, ebenso wie Schem hier nicht Denkmal,
+sondern wie II. Sam. 8, 13 mit Ruhm zu übersetzen sei. Und nun folgte
+ein ungemein interessanter Exkurs über die Sagen vom Neid der Götter
+und dem Gigantensturm, zu denen auch diese alte semitische Sage gehöre.</p>
+
+<p>Mit Spannung hatte Kaspar bis zum Ende gelauscht; aber die unbequeme
+Frage — wozu das alles für einen Menschen, der Gott verkündigen soll
+— ward er auch hier nicht los. Was hatten all diese alten Sagen und
+Geschichten, was die späteren vielfach so durchtriebenen Geschicht- und<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span>
+Autoritätfälschungen der jüdischen Priesterautoren für einen Bildungs-,
+Kultur- und Religiositätwert für unsereinen, vollends wenn der ganze
+Bezug auf das neue Testament in Wegfall kam?</p>
+
+<p>Noch einmal setzte sich Kaspar Krumbholtz zu Füßen eines großen
+Theologen, des berühmten Reimarus, der über das wichtige, so viel
+umstrittene Johannisevangelium las.</p>
+
+<p>Eine ungemein zahlreiche Zuhörerschaft wartete fröhlich lärmend auf
+den scheinbar beliebten Lehrer, der pünktlich unter lautem Beifall mit
+selbstsicherem Lächeln das Katheder betrat.</p>
+
+<p>Mit mächtiger und zugleich gezierter Stimme begrüßte der eitle Mann
+verbindlich seine Zuhörer und sprach in einer merkwürdigen Mischung von
+würdevoller Salbung und salopp-burschikoser Ironie von dem angeblichen
+Johannes, der natürlich mit dem Lieblingsschüler des Herrn gar nichts
+zu tun habe, sondern nur irgendein viel, viel späterer Schriftsteller
+sei, der hier gleichsam frei über die Synoptiker phantasiert habe.</p>
+
+<p>»Fabulieren kann dieser vierte Evangelist famos,« hieß es unter anderm,
+»so bei der Geschichte von Malchus, dessen Name natürlich ganz beliebig
+ist. Übrigens vergißt der Verfasser das Ohr wieder anheilen zu lassen.
+Und doch besitzt der Mann einen ganz gehörigen Rationalismus,<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> ja
+nicht nur zwei Seelen, wie der Dichter sagt, wohnen ach in seiner
+Brust, sondern ziemlich viele. Den Hohenpriester setzt er auch nur
+so hin, um ihn wie die Perle im Golde leuchten zu lassen. Dann aber
+unterschlägt er uns die große Schilderung vom Verhör, und — noch übler
+— es passiert ihm sogar ein fataler Schreibfehler bei der mehrmaligen
+Petrusleugnerei. Wahrscheinlich war der Schreiber — es braucht
+ja nicht unbedingt der Verfasser zu sein — inzwischen einmal zum
+Mittagessen oder sonst wohin gegangen. Darum braucht man schließlich
+der Gedankenlosigkeit des Schreibers das ganze Evangelium nicht gleich
+zu opfern« undsoweiter.</p>
+
+<p>Nachdem der große Reimarus dann noch geistreich witzelnd die
+Johanneische Schreibweise mit der des Gespensterhoffmanns im Kater Murr
+verglichen hatte, schloß er mit einer zierlichen Verneigung unter dem
+dröhnenden Beifall seiner augenscheinlich höchlichst ergötzten Zuhörer.</p>
+
+<p>Tief verstimmt, ja im Innersten empört, verließ Kaspar das stattliche
+Universitätgebäude, schritt langsam durch die engen Gassen der Altstadt
+zum Münster und stieg hinauf in den Turm.</p>
+
+<p>Lange stand der junge Herrnhuter hier oben und schaute still bewegt
+hinaus in das weite, herrliche Land. Nach und nach löste sich der
+bittere Unmut in Kaspars Seele.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p>
+
+<p>Die Schönheit der teppichbunten Landschaft mit ihrem breiten, silbernen
+Rheinband da unten, die Kühnheit des himmelanstrebenden Meisterbaus
+neben und über ihm versagten ihre befreiende, innerlich lösende und
+klärende Wirkung bei Kaspar so wenig wie vor hundertundzwanzig Jahren
+bei dem jungen Goethe.</p>
+
+<p>Was sollte ihm, dem Gottsucher, jener kleinliche Formelkram der
+selbstgefälligen, fündleinstolzen Alexandriner da unten?</p>
+
+<p>War das alles im Grunde nicht noch viel unfruchtbarer und
+hoffnungsloser als die bescheidene Weisheit der zagen, vorsichtig
+tastenden Gotteshaager Theologen?</p>
+
+<p>Konnte diese am Buchstaben hängende und zerrende, mit ihrer im Grunde
+nur negativen Methode sich spreizende Wissenschaft ihm auch nur im
+geringsten vorwärts helfen in dem Kampf um jene tiefste Wahrheit,
+die allein das Geheimnis, die Bedeutung seines Daseins und seiner
+Bestimmung ihm enthüllen konnte?</p>
+
+<p>Ob er diese Wahrheit jemals finden würde, er zweifelte ehrlich daran.
+Aber hatte er darum ein inneres Recht, diesem schwersten und doch
+wichtigsten Kampfe jedes denkenden Menschen feige auszuweichen? Nein!</p>
+
+<p>Nur auf das mühselige und sicherlich aussichtslose Ringen im Dienst
+einer ihn quälenden<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> und jetzt genau so wie früher ihn unsagbar
+verletzenden Wissenschaft wollte er von heute an endgültig verzichten.</p>
+
+<p>Nicht Gott zu erwissen galt es ihm fürderhin — nein, ihn zu erfühlen,
+ihn zu erleben wollte er von nun an trachten.</p>
+
+<p>Es gab sicherlich vielerlei Arten, Gott mit der Seele zu suchen und zu
+erfassen. Eine würde mit der Zeit auch ihm offenbar werden.</p>
+
+<p>Wie machtvoll, kühn und unvergänglich erhaben hatte der Schöpfer dieser
+herrlichen Formen da vor ihm in seiner Kunst nach dem Herrn der Welten
+aus dem Irdischen emporgetastet.</p>
+
+<p>Wie trotzig und erschütternd zugleich hatte der titanische Faustdichter
+mit der einzigartigen poetischen Verkörperung menschlicher Sehnsucht,
+Leidenschaft, Verzweiflung und mannhafter Tatenfreude sich seinen Gott
+erstrebt?</p>
+
+<p>Was den Großen nach harter Selbstüberwindung und Selbstbehauptung in
+ihrer Kunst, das war ihm, dem Kleinen, vielleicht nach ähnlichen Krisen
+in seinem Beruf auch dereinst vergönnt.</p>
+
+<p>Von hier oben war der seinerzeit — wie er jetzt — am Wissen
+verzweifelnde berühmteste Straßburger Student frohen Mutes
+hinabgetaucht ins Leben!</p>
+
+<p>Er wollte ein gleiches tun und die theologischen Schiffe hinter sich
+verbrennen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p>
+
+<p>Und Kaspar Krumbholtz grüßte den Vater Rhein mit trotzigem Jauchzen
+und schritt die vielen Treppen leichteren Herzens hinab, als er sie
+unlängst hinaufgestiegen war.</p>
+
+<p>Tags darauf nahm er seine englischen Schüler am Bahnhof zu Appenweier
+in Empfang und fuhr in rechter Ferienstimmung mit ihnen nach London.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Das Londoner Magdalenchen</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Die Londoner Tage verbrachte Kaspar Krumbholtz wie in einem Rausch.
+Eine solche Unmenge neuer Eindrücke wirbelte im Fluge an ihm vorüber,
+daß er kaum zur Selbstbesinnung, geschweige denn zu einer ruhigen,
+inneren Verarbeitung des Geschauten und Erlebten kam.</p>
+
+<p>Die Eltern einiger englischer Knaben ließen es sich nicht nehmen, den
+Lehrer ihrer Söhne gastfreundlich in ihrem Hause willkommen zu heißen
+und ihm trotz der stillen Saison die Hauptsehenswürdigkeiten der
+Riesenstadt zu zeigen.</p>
+
+<p>Der junge Herrnhuter, der überhaupt noch keine Weltstadt gesehen hatte,
+ward vor den zahllosen Monumenten, Kirchen, Staats- und Privatpalästen,
+vor den Tausenden von herrlichen Kunstschätzen in den Museen und
+Galerien immer stiller, ja ängstlicher, und hatte zuletzt nur noch
+den einen Gedanken: Was für eine unendliche Fülle von Schönheit und
+Reichtum birgt doch die große Welt, von der du bisher keine blasse
+Ahnung hattest!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p>
+
+<p>Erst draußen in Gottes freier Natur, in den weiten, schattigen
+Stadtparks, in den stillen, weltverlorenen Gärten alter Grandensitze,
+wie in Richmond und Kews garden, kam Kaspar ein wenig zur Sammlung und
+zum bewußten Nachgenießen des Geschauten.</p>
+
+<p>Nach und nach lösten sich Kaspars Beziehungen zu den Tramberger
+Schülern und ihren Eltern, die nun meist auf ihre zum Teil paradiesisch
+gelegenen Landsitze verreisten und vergeblich den jungen deutschen
+Lehrer zum Mitkommen aufgefordert hatten. Ein-, zweimal hatte sich
+Kaspar einen solchen Edelsitz wenigstens angesehen; aber er spürte
+bei aller Gastlichkeit doch mitunter einen leisen Hauch geheimer
+Verachtung, die man in diesen Kreisen der englischen gentry einem armen
+Präzeptor gegenüber ebenso hegt, wie etwa in gewissen Kreisen der
+deutschen Geburts- oder Geldaristokratie. Und Kaspar, der an seinem
+jetzigen Berufe mit um so größerem Stolz und um so innigerer Neigung
+hing, je mehr er sich bewußt war, daß er das Beste dabei umsonst tat,
+wollte sich nicht unnötig mit dem ersten besten Dienstboten auf die
+gleiche Stufe gestellt wissen.</p>
+
+<p>Außerdem hatte er durchaus das Bedürfnis, noch einige Tage ganz allein
+und ohne Rücksicht auf loberpichte Eingeborene sich in das bunte
+Treiben der an imposanten wie düsteren Bildern<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> und insonderheit an
+schonungslosen Kontrasten überreichen Riesenstadt zu versenken.</p>
+
+<p>Auch in das soziale Leben der ärmeren Volksschichten wollte Kaspar gern
+einige Blicke tun, um so am ehesten ein Verständnis der praktischen
+Arbeit am Reiche Gottes zu gewinnen. So besuchte er zum Beispiel an
+den Sonntagen in den Parks die gewaltigen öffentlichen Versammlungen
+der verschiedensten Interessentengruppen, der Bäcker und Kellner,
+der Sozialisten und Anarchisten, der wütendsten Gottleugner und der
+übertriebensten Gottverehrer, wies eben kam.</p>
+
+<p>Mit Staunen und Genugtuung nahm er die überlegene Gelassenheit wahr,
+mit der die Londoner Behörden und Polizei all diese Leute gewähren
+ließen, solange sie nur redeten oder demonstrierten. In dem wogenden
+Tohu-Wabohu dieser ewig gärenden Menschheitmetropole sich irgendwie
+zur Geltung zu bringen, hielt allerdings schwer, und da mußte man
+den danach Strebenden schon allerlei sensationelle Reklamesucht und
+Aufdringlichkeit zugute halten.</p>
+
+<p>Am meisten stieß den religiös keuschen Herrnhuter das
+marktschreierische Gebaren der Heilsarmee ab; aber mit der Zeit,
+vollends nach Orientierung durch die Leiter der Londoner Stadtmission,
+ward Kaspar auch bei ihrer Beurteilung anderer Meinung. Mit der
+zunehmenden Einsicht<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> in die unendlich schwierigen Verhältnisse der
+Londoner Mission wuchs die Achtung vor diesen sich oft so seltsam
+gebärdenden Pionieren der Rettungs- und Evangelisationsarbeit.</p>
+
+<p>Immer tiefer und tiefer drang Kaspar in die furchtbaren Geheimnisse
+des sozialen Elends bei den untersten Gesellschaftschichten der
+Londoner Bevölkerung; immer stärker imponierte ihm die weitverzweigte
+Organisation dieser verschiedenen, äußerst geschickt jedem
+besonderen Arbeitgebiet angepaßten Werke, in denen Hunderte von
+aufopferungsvollen, selbstlosen Männern und Frauen an vielen Tausenden
+ihrer armen Mitmenschen arbeiteten.</p>
+
+<p>Unwillkürlich tauchte in Kaspar die Frage auf: Könntest du nicht
+vielleicht hier einen vollgültigen Ersatz finden für den aufgegebenen
+Beruf der Gottesverkündigung? Hierbei brauchte er nicht, wie bei
+der Lehrerlaufbahn, ein neues, ihm wahrscheinlich unerschwingliches
+Studium anzustreben. Gott dienen in der Arbeit an seinen ärmsten und
+unglücklichsten Geschöpfen — das wäre schon das Leben wert, stände
+vielleicht auch höher in den Augen des Höchsten als die Erziehung und
+der Unterricht der Jugend.</p>
+
+<p>Immer wieder sann Kaspar darüber nach, während er tagsüber von
+Shalter zu Shalter, von Home zu Home, von Asyl zu Asyl zog, während<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span>
+der aufregenden Nächte, in denen er vorsichtig mit einem alten, in
+Whitchapel wohlvertrauten Judenmissionar, namens Moses, durch die
+Höhlen des Lasters schlich, an hunderten berauschter, verrohter, ja
+vertierter Mitmenschen vorüber, in denen nur noch matte Lebensinstinkte
+und die niedersten Triebe flackerten.</p>
+
+<p>Aber je mehr Kaspar mit den Leitern der Rettungsanstalten und dem
+Missionspersonal verkehrte, um so klarer ward es ihm, daß er zu
+dieser Art Menschen nicht passen würde, und daß auch in ihnen jener
+eigentümlich methodistische Hochmut lebte, der nur den Bekehrten
+als gleichwertig und brauchbar anerkennt. Den kannte Kaspar aus der
+Brüdergemeine gerade zur Genüge und verabscheute ihn.</p>
+
+<p>Man verargte es Kaspar, wenn er in seinem Hotel der Inneren Mission
+nicht pünktlich zu den Morgensegen und Sonntaggottesdiensten erschien,
+und wenn er kam, mutete man ihm zu, irgendwelche Stellen aus der Bibel
+vorzulesen oder auszulegen; ja, öffentlich beten und Zeugnis ablegen
+sollte er. Als Kaspar sich standhaft weigerte das zu tun, bekam er
+nicht nur allerlei Taktloses über die scheinbar in Weltlichkeit
+erstarrte Brüdergemeine zu hören, sondern er mußte es auch eines
+Abends vor allen Angestellten und Dienstboten mit anhören, daß einer
+dieser Apostel in einem<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> öffentlichen Kniegebet den Herrn Jesus unter
+Tränen bat: unsern lieben, noch nicht zu rechter Buße und Gnade
+durchgedrungenen Bruder Krumbholtz der schnöden Gleichgültigkeit zu
+entreißen, ihn aufzurütteln und zu erwecken zu seinem ewigen Heile.</p>
+
+<p>Sichtlich verletzt erhob sich Kaspar und zog sich auf sein Zimmer
+zurück. Mit dieser ungestümen Art, sich Gott zu erzwingen, hatte er in
+Gotteshaag abgeschlossen; er wollte sich nicht von neuem in Unruhe und
+Verzweiflung hineinhetzen lassen.</p>
+
+<p>Er beschloß daher so bald wie möglich abzureisen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Da klopfte es noch zu später Stunde leise an seine Tür, und ein
+auffallend liebliches Mädchen huschte vorsichtig und etwas verlegen
+herein. Kaspar hatte die junge Dame schon einige Male im Kontor unten
+gesehen und nahm an, sie wolle irgendetwas Geschäftliches mit ihm
+erledigen.</p>
+
+<p>Auf seine englische Anfrage erwiderte sie ihm jedoch im besten Deutsch:
+sie sei aus Bremen und hätte nur das Bedürfnis, sich heimlich einem
+Landsmann anzuvertrauen.</p>
+
+<p>Kaspar nannte seinen Namen und stellte sich der Dame, bei deren
+Namensnennung er nur den Vornamen, Irmgard, verstand, zur Verfügung,
+falls er ihr irgendwie dienlich sein könne.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p>
+
+<p>Die hübsche Bremerin lächelte, setzte sich und begann erst scheu, dann
+immer zutraulicher zu erzählen:</p>
+
+<p>»Verzeihen Sie, ich habe Sie schon all die Tage über beobachtet,
+Herr Krumbholtz. Ich habe mich auch ein wenig um Sie gesorgt, denn
+ich merkte sehr wohl, daß man überall Netze auswarf, um auch Sie zu
+bekehren und womöglich für dieses Missionswerk einzufangen.«</p>
+
+<p>Kaspar schüttelte den Kopf und sagte: »Ich glaube, mein Fräulein, da
+irren Sie sich doch. Ich bin auch zurzeit gar nicht mein eigner Herr,
+und ich denke, heute abend —«</p>
+
+<p>»Ja, sehn Sie, das hat mir ja so gut an Ihnen gefallen, daß Sie den Mut
+hatten, aufzustehen und diese professionellen Seelenfischer einfach
+stehen zu lassen. Nur darum habe ich es auch gewagt, hier so heimlich
+zu Ihnen zu kommen.«</p>
+
+<p>»Schön, und was haben Sie mir anzuvertrauen?«</p>
+
+<p>»Da muß ich wohl weiter ausholen und Ihnen vor allem erst sagen, wer
+ich bin und was ich war. Aber bitte, erschrecken Sie nicht, Herr
+Kollege. Ja, ja, machen Sie nur große Augen. Ich bin auch eine Lehrerin
+gewesen da drüben in meiner guten soliden Hansestadt Bremen. Ich habe
+auch nichts pexiert, damit Sie nicht etwa zu früh erschrecken. Ich bin
+Waise und<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> mußte mich durchschlagen. Um perfekt Englisch zu lernen für
+ein höheres Examen, nahm ich Urlaub und kam so hierher. Ich fand aber
+wie Tausende und Abertausende von deutschen Mädchen trotz allen Suchens
+keine Stellung. Mein Geld verschwand, mein Schmuck, meine Garderobe
+ebenfalls; ich hungerte, verhungerte fast und sank schließlich wider
+meinen Willen. Doch — wozu Ihnen das ausführlich erzählen — also
+kurz und klar: ich ward von dem guten, alten Moses, der Ihnen jetzt
+Whitchapel gezeigt hat, auch eines Tages aufgelesen und kam da drüben
+in eines dieser herrlichen Magdalenenasyle.«</p>
+
+<p>Die Erzählerin schwieg.</p>
+
+<p>Eine schwüle Stille folgte, endlich brach Kaspar erschüttert das
+peinliche Schweigen: »Warum beichten Sie mir Fremdem das alles?«</p>
+
+<p>»Warum?« antwortete Irmgard dumpf, »weil ich mich einmal aussprechen
+muß, und weil Sie, Herr Krumbholtz, bisher der erste sind, den ich
+in meiner neuen Umgebung kennen gelernt oder richtiger nur gesehen
+habe, der sich wohl aus rein menschlichen und nicht aus sogenannten
+christlichen Beweggründen für unsere Verhältnisse interessiert hat.«</p>
+
+<p>»Wer sagt Ihnen das? Man braucht nicht gleich mit diesen
+methodistischen Wölfen zu heulen —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p>
+
+<p>»Ja, das ist der richtige Ausdruck —«</p>
+
+<p>»So meine ich das gar nicht! Ich denke nur, man kann schließlich ein
+Christ sein auch ohne solche Übertreibungen wie heute abend.«</p>
+
+<p>»Hier kann man es nicht, lieber Herr! Das ist ja gerade der Star,
+den ich Ihnen stechen möchte: Sie wissen ja gar nicht, was für eine
+Heuchelei bei dieser ganzen inneren Mission — hier wie bei anderen
+Gesellschaften —, am wenigsten vielleicht noch bei der derben
+Heilsarmee, im Schwange ist. Der herrliche äußere Schein ist alles!«</p>
+
+<p>»Ja — aber warum sind Sie dann hier, mein Fräulein?«</p>
+
+<p>»Weil ich lieber für freie Station schreibe, rechne und heuchle, als
+hungere.«</p>
+
+<p>»Sie tun mir aufrichtig leid, Fräulein. Ich bin zwar auch nicht reich,
+aber wenn ich Ihnen mit meinem Bißchen —«</p>
+
+<p>Das Mädchen sprang heftig auf und wehrte ab: »Nein, dazu bin ich
+wahrhaftig nicht hier, so gern ich in die Heimat zurück möchte. Sie
+sind ein vornehmer Mensch, Herr Krumbholtz, das habe ich instinktiv
+empfunden, als ich Sie beobachtete. Ich glaube beinahe, Sie täten es
+umsonst —«</p>
+
+<p>»Umsonst, aber natürlich — oder wie soll ich das verstehen, Fräulein?«</p>
+
+<p>»Glauben Sie wirklich daran,« unterbrach ihn Irmgard bitter, »daß auch
+nur eine von diesen<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> Hunderten von Magdalenen da drüben durch diese
+Mission wieder zu einem anständigen Mädchen gemacht werden kann? Aber
+das wollen diese frommen Leute auch gar nicht. Warum helfen Sie uns
+nicht, solange es sich lohnt? Wie verzweifelt habe ich und andere
+— das weiß Gott — gerade auch hier um eine Brotstelle gefleht —
+vergebens! Man will eben nur Gefallene aufrichten, und das gerade ist
+Sysiphusarbeit.«</p>
+
+<p>Kaspar sah sein Gegenüber mit großen Augen tief erschrocken an, dann
+sagte er leise: »Lassen Sie mich nicht schlecht von Ihnen denken.«</p>
+
+<p>Schüchtern reichte das tief errötete Mädchen Kaspar die Hand und sagte
+ebenso leise: »Haben Sie Dank für dieses gute Wort und bitten Sie Ihren
+Gott, daß er Sie bewahre vor der Not, in der man nach dem schmutzigsten
+Strohhalm greift, um sich retten zu können. Sie haben eben zu hoch
+von mir gedacht und ich zu tief von Ihnen, Herr Krumbholtz. Ich hatte
+gehofft, in Ihnen einen heimlichen Gegner dieser scheinheiligen
+Christensippe gefunden zu haben, vielleicht einen trotzig kecken
+Verächter, der ihnen hohnlachend ein Schnippchen schlagen würde. Ich
+habe statt dessen einen Mann gefunden, dem ich früher hätte begegnen
+sollen, um — vor dem schlimmsten bewahrt zu bleiben.«</p>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz schlug vor dem heißen<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> Blick des Mädchens verwirrt
+die Augen zu Boden und erwiderte langsam: »Wer sich selbst so offen
+und so schwer anklagt, der kann vielleicht einmal schwach, aber nicht
+schlecht sein. Im übrigen, mein liebes Fräulein, wer von uns darf einen
+Stein erheben?«</p>
+
+<p>Da durchbebte ein konvulsivisches Zucken plötzlich den schlanken
+Leib der jungen Bremerin, und wie hilfesuchend griff sie nach der
+unwillkürlich vorgestreckten Hand des betroffenen Kaspars, beugte sich
+darüber und stieß unter heftigstem Schluchzen heraus:</p>
+
+<p>»Wie gut Sie sind — lassen Sie mich ausweinen — nur einmal — einmal!
+Ich habe seit langer Zeit, ja, wohl noch nie einen Menschen gehabt, der
+so zu mir gesprochen hat. O könnt ichs Ihnen danken! Aber ein Weib wie
+ich — taugt nicht einmal dazu mehr — vorbei — alles vorbei!«</p>
+
+<p>Tröstend fuhr Kaspar mit linder Hand über den blonden Scheitel der
+Weinenden, während seine Gedanken wie erschreckte Vögel aufgeregt hin-
+und herflatterten.</p>
+
+<p>Der weibunkundige junge Herrnhuter fühlte sich in dieser
+überraschenden, ihn völlig verwirrenden Situation hilflos. Ein tiefes
+Mitleid durchbebte ihn und doch auch ein leises Gefühl des Mißtrauens,
+das ihm zwar schnöde und feige vorkommen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> wollte, das er jedoch nicht
+ganz überwinden konnte.</p>
+
+<p>Hatte dieses Mädchen ihm nicht angedeutet, daß er ihr um jeden Preis
+als Rettungsanker willkommen sein würde? Aber hatte er darum nicht
+vollends die ritterliche Pflicht, ihr ohne jeden Hintergedanken zu
+helfen, es koste, was es wolle?</p>
+
+<p>Hastig überschlug Kaspar seine zu Ende gehenden Mittel. Würde es
+reichen zu einem Billett nach Bremen? Er selbst hatte ja seine
+Rückfahrkarte. Jedenfalls wollte er geben, was er hatte, und so sagte
+er zögernd, fast schamhaft: »Liebes Fräulein, ich glaube, ich kann drei
+Pfund entbehren. Würde das reichen, um Ihnen zur Rückkehr nach Bremen
+zu verhelfen?«</p>
+
+<p>»Nein, nein,« stöhnte Irmgard kopfschüttelnd, »das sollen Sie nicht! So
+weit — und doch —« Sie schwieg eine Weile, dann fuhr sie schüchtern
+fort: »Wenn Sie mich mitnehmen wollen — ich folge Ihnen, wohin Sie
+wollen, aber so — nein — nein, nicht so!«</p>
+
+<p>Kaspar errötete und geriet in neue Verwirrung.</p>
+
+<p>Was wollte das ihm völlig unbekannte Mädchen gerade von ihm? Es
+konnte doch nur ein toller Einfall des Augenblicks bei der völlig
+Verzweifelten sein. Ruhig Blut — um Gottes willen, was sollte daraus
+werden. Die Anstalt Tramberg,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> die ganze Brüdergemeine stand Kaspar mit
+einem Male vor den inneren Augen.</p>
+
+<p>Seine schlummernde Energie erwachte jäh, und so hob er den Kopf
+des Mädchens mit der Rechten schonend empor und sagte mit jener
+Überlegenheit des älteren Kameraden, mit der er bisweilen einem seiner
+störrischen Knaben den Kopf zurecht setzte: »Kindchen, nun wollen wir
+doch mal ruhig miteinander reden. Sie dürfen keine Dummheiten machen
+und ich, als der verantwortliche Mann, erst recht nicht. Sie sind arm
+und ich auch. Wir können keine Vergnügungsreisen machen. Ich muß in
+meinen Beruf zurück und Sie auch.«</p>
+
+<p>»Das geht ja doch nie wieder,« unterbrach das Mädchen Kaspar traurig,
+»wer stellt so eine wieder an? Und dann — wenn doch einmal alles
+zutage kommt — nein, nie, nie! — Lieber in Whitchapel vor die Hunde
+gehen!«</p>
+
+<p>»Also Sie weisen jede Hilfe ab?«</p>
+
+<p>»Jede Unterstützung, ja! Mir hilft nicht Geld, mir hilft nur ein
+Mensch, zu dem ich emporblicken, an dem ich einen Halt haben könnte,
+ein Mann wie Sie!«</p>
+
+<p>Und wieder schaute das Mädchen ihn heiß mit flehenden Augen an.</p>
+
+<p>Kaspar schwieg. Das Blut stieg ihm siedend zu Haupte und pochte
+hämmernd gegen seine Schläfen. Endlich sagte er mühsam:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p>
+
+<p>»Wenn Sie mich vorhin unterschätzt haben, jetzt überschätzen Sie mich.
+Sie kennen mich nicht. Ich bin selbst noch ein Schwankender, ein
+Werdender, ein Unfertiger. Ich kann vielleicht Kinder leiten, aber
+keinem Weibe einen Halt bieten. Auch bin ich ein armer, abhängiger
+Mensch — wirklich nichts weiter.«</p>
+
+<p>Da trat Irmgard plötzlich dicht an Kaspar heran, flüsterte leise mit
+bebender Stimme: »Sie sind der redlichste Mensch, der je in mein Leben
+getreten ist. Retten Sie mich! Sie können es, aber kein anderer!«</p>
+
+<p>Und dann warf sich das junge Weib mit auflodernder Leidenschaft an
+Kaspars Brust, umfing das Haupt des Widerstrebenden mit beiden Armen,
+preßte ihre glühenden Lippen stürmisch auf seine Wangen und suchte
+seinen Mund.</p>
+
+<p>Mit freundlicher, aber fester Hand löste Kaspar die zarten Arme von
+seinen Schultern und sagte mit entschlossenem Ernst:</p>
+
+<p>»Nicht so, liebes Fräulein! Wollen Sie denn durchaus, daß ich auch
+noch den Kopf verlieren soll? Einer von uns muß wirklich den Verstand
+behalten, wenn wir nicht beide ins Unglück geraten sollen. Es sieht roh
+und grausam aus, wenn ich Ihre Neigung so undankbar lohne; aber ich
+hoffe, Sie werden es mir doch einmal danken. Nein, bitte nicht weinen,
+Fräulein. Ich meine es gut,<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> und wenn ich Ihnen wirklich auch nur das
+Geringste gelte, so zeigen Sie es mir dadurch, daß Sie meinem Rate
+folgen. Kehren Sie nach Deutschland zurück, bitte, wollen Sie es tun?«</p>
+
+<p>Die Schluchzende gab keine Antwort. Kaspar ging liebreich auf sie zu,
+legte seinen Arm wie tröstend auf die zuckenden Schultern des Mädchens
+und sagte weich:</p>
+
+<p>»Wenn ich Sie herzlich bitte, liebes Fräulein Irmgard — wollen Sie es
+nicht mir zuliebe tun?«</p>
+
+<p>Da hob die Bremerin schüchtern den Blick zu Kaspar empor und antwortete
+leise: »Küssen Sie mich — nur einmal — nur ein einziges Mal! Und ich
+will gehorchen.«</p>
+
+<p>Und Kaspar Krumbholtz küßte das junge schöne Weib.</p>
+
+<p>Es war der erste Kuß in seinem liebeleeren Dasein, und er war sich
+der Heiligkeit des Augenblicks voll bewußt und hat sich dieses Kusses
+auch später nur mit süßer Sehnsucht erinnert. Er glaubte einem holden
+Geschöpf nur so zeigen zu können, daß er es achtete, und daß es ihm
+wert genug war, alles für seine Rettung zu tun.</p>
+
+<p>Wie ein Kindchen, das seinen Willen erhalten hatte, ließ sich Irmgard
+nun ganz still und gefügig das Geld für die Heimreise aufdrängen,
+versprach ernsthaft, diese so bald wie irgend möglich anzutreten, um
+sich eine neue Stellung zu suchen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p>
+
+<p>Gleich einem treuen älteren Bruder schied Kaspar Krumbholtz von dem
+noch immer still vor sich hin weinenden Mädchen und reiste am nächsten
+Morgen mit dem ersten Expreßzuge nach Tramberg zurück.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b> Feriengäste</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Nachdem Kaspar seinem Direktor Bericht erstattet und Rechnung gelegt
+hatte, übergab ihm dieser mit seinem vergnüglichsten Lächeln einen
+Brief nebst einem Scheck und sagte, indem er sich listig die Hände
+rieb: »Ich vermute, hier wird jemand seine Weltreisen fortsetzen!«</p>
+
+<p>Erstaunt sah Kaspar, der noch nie einen Scheck gesehen hatte, erst das
+lange Papier an, auf dem 500 Mark zweimal geschrieben stand, öffnete
+sodann den Brief, in dem Herr Winkler ihn bat, so bald wie möglich über
+Tyrol oder über den Fluelapaß nach Sils Maria ins Engadin zu kommen, wo
+er mit Frau, Tochter und Freund Sebalt die Ferien und das schöne Wetter
+genieße.</p>
+
+<p>Kaspar machte das bekannte Gesicht, was der Mensch meistens macht,
+wenn ihm etwas völlig unerwartet kommt. Darauf bat er um weiteren
+Urlaub, den ihm Bruder Nitschke viel zu gern bewilligte, da er in den
+Ferien froh war, wenn sein großes Haus möglichst leer war. Außer den<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span>
+unentbehrlichen Handwerkern sah er da niemand gern.</p>
+
+<p>Mit dankbarem Händedruck quittierte Kaspar über eine Summe, wie er sie
+noch nie, auch nicht in den Karpathen, sein eigen genannt, ja nicht
+einmal im kühnsten Traume erhofft hatte, und setzte sich eilends oben
+auf der Lehrerstube vor das große Reichskursbuch des Hauses.</p>
+
+<p>Nach schwierigen Überlegungen und abermaliger Rücksprache mit dem
+freundlichen Direktor entschied sich Kaspar für die Schweizerroute und
+gab telegraphisch Herrn Winkler Bescheid.</p>
+
+<p>Der Marsch über den herrlichen Fluela lockte den jungen Lehrer
+gewaltig, und die folgende Nacht tat er kaum ein Auge zu vor Aufregung.</p>
+
+<p>Von Davos aus begann Kaspar am übernächsten Tage die Wanderung über den
+Paß.</p>
+
+<p>Wieder erschloß sich seiner Seele eine neue Welt eigenartiger strenger
+Schönheit, die ihn mit gleicher Wucht und Größe gefangen nahm und still
+erschauern ließ, wie vordem die wilden, trotzigen Karpathen.</p>
+
+<p>Freilich, das berauschende Gefühl unermeßlicher Einsamkeit überkam
+Kaspar auf der ziemlich belebten Fremdenstraße nicht so wie in dem
+ungarischen Waldgebirge, das ihm auch in Fauna und Flora einen
+unberührteren, reicheren Eindruck gemacht hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p>
+
+<p>Nur die ersten Alpenrosen versetzten den jungen Lehrer in helles
+Entzücken, und wie ein Pfingstochse reichlich damit geschmückt,
+überschritt er jauchzend die Paßhöhe, unbekümmert um das Gelächter
+blasierter Bergfexe und ihn spöttisch lorgnettierender Dämchen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Kurz vor Zernez, dem alten Ladinernest, stieß Kaspar unvermutet auf
+Hans Sebalt, der ihm auf gut Glück von Sankt Moritz entgegengefahren
+war und nun wie ein Wegelagerer in einer kleinen Schänke die
+Fluelastraße abgespäht hatte. Mit lautem Hallo fiel er über den
+alpenrosengeschmückten Freund her, und man umarmte sich stürmisch immer
+wieder mit ausgelassenster Freude.</p>
+
+<p>Im nahen Zernez bezog man in einem altertümlichen Gasthofe
+Nachtquartier, bestellte sich ein reichliches Mahl und einen guten
+Veltliner, und dann gings an ein großes Erzählen bis tief in die Nacht.</p>
+
+<p>Die ersten Fragen Kaspars galten Ursemi und ihren Eltern.</p>
+
+<p>Hans Sebalt berichtete ausführlich, nur ein wenig spöttisch, vom lieben
+stillen Reda, wo alles so ziemlich beim alten sei.</p>
+
+<p>Der weise Berthold regiere das Haus noch immer so lautlos wie ein
+Geheimrat hinter seinem<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Minister; die runde Mine sei noch ein bißchen
+runder geworden; nur die hübsche Kathrine habe kürzlich geheiratet,
+aber die Nachfolgerin sei auch ein ganz appetitliches Mamsellchen.
+Die Doggen seien ein bißchen klapperig geworden, besonders der Toni
+würde wohl nächstens in die ewigen Jagdgründe eingehen, während die
+Cleo, zäh wie ein altes Frauenzimmer, noch gut bei Appetit und Stimme
+sei. Bei ihrer Herrschaft wäre es ganz ähnlich. Der stattliche Herr
+Winkler habe leider weit mehr eingelegt als seine kleine Frau, der das
+Sorgen — namentlich jetzt um den künftigen Schwiegersohn — noch immer
+ausgezeichnet bekomme.</p>
+
+<p>An Aspiranten scheine es übrigens nicht zu fehlen, wenigstens sei
+all die Tage über in Reda beständig Besuch im Hause gewesen, und
+schließlich sei man wohl darum nach Sils Maria ausgerückt.</p>
+
+<p>Als Kaspar geradezu fragte, ob denn unter den Herren einer gewesen sei,
+der Ursemis einigermaßen würdig wäre, da lachte Hans Sebalt schallend
+heraus und meinte:</p>
+
+<p>»Würdig? Köstlich! Du bist doch immer noch der Alte! Gewissenhaft wie
+ein Vormund. Menschenskind, wenn ich du wäre, wüßte ich längst, was
+ich täte. Du hast einen Stein im Brett bei unserer allergnädigsten
+Schlotprinzeß — doch wem sage ich das? Also die Bewerber! Allzu
+ernsthaft<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> nimmt sie wohl keinen, und der Herr Papa auch nicht. Es
+ist wie in den alten Märchen. Jeder fremde Prinz zeigt sich von
+seiner besten Seite; aber keiner findet Gnade beim König und seiner
+Tochter. Da ist der famose Leibkürassier, der Brettwitz, tadellose
+Erscheinung, vorzügliche Formen, und reiten kann er wie der Deubel.
+Aber von der ersten Silbe seines erlauchten Namens trägt er mehr
+draußen vorm Kopf als gut ist, und von der zweiten drin zu wenig.
+Chancen so ziemlich gleich Null, um so größer natürlich sein Bemühen.
+Dann war unter anderen ein junger Darich da, du weißt von den Belower
+Kammgarnkönigen ein Sprößling. Auch kein übler Kerl, immer tipp topp,
+spielte Tennis — blödsinnig sagte Brettwitz. Nur im ganzen mehr Yankee
+als Deutscher, und du weißt, das verträgt der Alte schon gar nicht,
+während unsere gute Mama Winkler von dem tüchtigen jungen Mann, der
+doch so gut ins Geschäft passe, ganz hingerissen war. Ursemi endlich
+behandelte ihn mit dem ganzen Übermut einer Dollarlady, scheinbar
+höchst kameradschaftlich, tatsächlich wie einen Liftboy. Du, die hat
+überhaupt in England einen ganz verfluchten Tick bekommen, der kann
+einem jungen Mannsbild bisweilen wirklich auf die Nerven gehn. Ich war
+ja leider nie ihr Fall — jetzt aber werde ich, wenn sie bei Laune ist,
+von ihr gelegentlich in einer Weise<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> verknackt, als nähme sie mich
+überhaupt nicht mehr ernsthaft. Also im Vertrauen, alter Junge, sei
+auf der Hut vor der Dogaressa, wie unsere putzige Dente sie nannte,
+die übrigens auch noch im Segen zu Bethel ihres Amtes waltet und aus
+dem alten wurmstichigen Schwesternhause Überschüsse auf Überschüsse
+herauswirtschaften soll zur großen Freude der Finanzabteilung, die
+Stipendien schaffen muß — wie Figura zeigt — also — Prosit!«</p>
+
+<p>»Prosit! aber nimm mirs nicht übel, Hans!« sagte Kaspar, fast ein
+bißchen boshaft lächelnd, »ich glaube, du hast dich mindestens ebenso
+verändert wie unsere Ursemi, auf die ich ja schon sehr gespannt bin. Im
+übrigen wandeln wir uns wohl alle — Gott sei Dank! Also freuen wir uns
+lieber, daß wir uns mal wieder haben dürfen, anstatt uns über einander
+zu wundern.«</p>
+
+<p>»Also sprach der weise Schulmeister Seneca!« fiel Hans Sebalt mit
+großer Gebärde ein, »ja, du hast so recht! Ich merke schon, du
+bist schon ein ganz solider, zügelzahmer Schulfuchs da unten im
+Wüschteberger Ländle geworden, und ich fange an, in dem lieben,
+saufseligen Sumpfnest Leipzig ein windiger, weltfroher Sünder und
+Zöllner zu werden und sitze, wo die Spötter sitzen. Aber schön ists
+doch, mein Junge, sich so richtig mal den Wind der großen Welt um die
+Nase wehen zu<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> lassen, ihren tausend und abertausend Gefahren trotzig
+die Stirn zu bieten und sich selber unverzagt den Weg zu suchen,
+ohne von Bruder Hinz und Kunz bepapelt und geleithammelt zu werden.
+Du braves Kasperle, du hast ja keine Ahnung, was für eine herrliche,
+sauvergnügte Welt es noch da draußen gibt — weit, weit hinter eurem
+Gemeindezaun und der Schwäbischen Alp. Ja, mein Lieber, davon läßt du
+dir in deinem großen Anstaltskäfig wohl nichts träumen? He, was meinst
+du, wenn du auch mal herauskämst? Ich wollte dir das längst schon
+schreiben, kam aber nicht dazu. Mußt du nicht bald dein Jahr abbrummen?
+Dann komm nach Leipzig, alter Junge, komm zu mir! Wir hausen zusammen
+— das kann eine urgemütliche Kumpanei werden. Und dann — dann will
+ich dir mal die große Seestadt Leipzig zeigen — Junge, Junge — da
+sollen dir die guten Schwabenaugen übergehn und dein Schulverstand
+stille stehn.«</p>
+
+<p>»Hm,« brummte Kaspar behaglich, »das wäre zu überlegen. Aber vorher
+habe ich noch allerlei zu erledigen, auch muß ich mir über gewisse
+Dinge erst einigermaßen klar werden.«</p>
+
+<p>»Das mußt du ja immer,« neckte Hans, »ich glaube, du bist dir mit
+achtzig Jahren noch nicht klar über dich selbst. Aber Schwamm drüber,
+jedes Tierchen nach seinem Pläsierchen. Wie gefällt<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> dirs sonst in
+Tramberg? Ganz so gott- und weltverlassen wie die Arche Gotteshaag ists
+doch wohl nicht — oder? — Ihr dürft wohl nicht viel raus aus eurem
+Bau?«</p>
+
+<p>»Manchmal doch,« meinte Kaspar seelenruhig, »so bis nach London kommt
+man schon einmal.«</p>
+
+<p>»Nach London? Mach keine faulen Witze. Du meinst eure Jungens — na ja
+— die haben jetzt Ferien.«</p>
+
+<p>»O nein, ich selber komme geradenwegs von London zurück,« erklärte
+Kaspar lachend.</p>
+
+<p>Nun war die Reihe erstaunter Fragen an Hans Sebalt, und er fuhr damit
+rasch heraus: »Menschenskind — du in London — allein in der großen
+Weltstadt — und ohne Aufsicht, Jungchen, Jungchen, wenn das man kein
+Unglück gegeben hat. Wie lange warst du denn da, und was hast du da
+gemacht?«</p>
+
+<p>»Na, wieder allerlei,« erwiderte Kaspar mit gutem Humor, »was du nicht
+verstehen wirst. Ich habe die Werke der inneren Mission studiert.«</p>
+
+<p>Hans Sebalt brach in ein Höllengelächter aus und brüllte vor Vergnügen:</p>
+
+<p>»Innere Mission — dazu fährt der Kerl nach London — ausgerechnet
+nach London, der großen Sündenbabel! Sag mal, bist du denn schon so
+verrückt, daß du etwa Speckapostel werden willst?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p>
+
+<p>»Ob ich das je wollte, weiß ich nicht. Jetzt aber weiß ich ganz genau,
+daß ich es nicht mehr will. Das ist auch etwas.«</p>
+
+<p>»Na und mit der Theologie?«</p>
+
+<p>»Mit der habe ich mich in Straßburg noch einmal auseinandergesetzt und
+ihr nun endgültig Valet gesagt.«</p>
+
+<p>»In Straßburg warst du auch? Na, höre mal — wann warst du denn da
+eigentlich in Tramberg?«</p>
+
+<p>»Von Ostern bis Ende Juni, abgerechnet die drei Tage der
+Schwarzwaldreise.«</p>
+
+<p>»Schlemmer, den herrlichen Schwarzwald hast du auch noch so nebenbei
+besichtigt? Höre, Kaspar, braucht ihr nicht in Tramberg nächstens
+auch Oberlehrer? Ich wäre gern bereit, als Auslandreisender bei euch
+einzutreten.«</p>
+
+<p>»Gut, ich wills unserm Chef sagen, der ist so wie so stets in
+Lehrernöten. Wie wärs, wenn du mich ablöstest, wenn ich dienen muß?«</p>
+
+<p>Und wieder lachten beide, daß die Wände der kleinen Schenkstube
+fröhlich widerhallten.</p>
+
+<p>Dann mußte Hans Sebalt von Leipzig erzählen, und er tat es nunmehr ohne
+die Ruhmredigkeit der ersten halben Stunde. Von den Kollegs, von den
+Kneipen, von seiner Wirtin und Herrn Niemeyer sprach er allerlei; nur
+von der stolzen Brünetten erwähnte er ebensowenig ein<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Wort wie Kaspar
+von seinem Londoner Magdalenchen. Spät gingen die Freunde zur Ruhe,
+und früh standen sie auf, um dann, fröhlich singend und schwatzend wie
+ehedem zu Gotteshaag, miteinander das herrliche Inntal hinaufzuwandern
+gen Sils Maria.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als die beiden Freunde nach zwei Tagen staubbedeckt und braungebrannt
+am Ziele anlangten, empfing sie Frau Winkler allein, aber mit einer
+Herzlichkeit, als wolle sie für die Abwesenheit von Mann und Tochter
+Entschädigung bieten.</p>
+
+<p>Sorglich nahm sie sich ihrer zwei Pflegesöhne an, als wären es
+noch die kleinen Tertianer von Bethel. Kaspars Sachen, die er klug
+vorausgeschickt hatte, hingen schon, alle wohlgebügelt, im Schranke
+seines herrlich gelegenen Zimmers, von dessen Balkon aus man die ganze
+Riesengruppe der Piz Bernina überschauen konnte. Rasch zog sich Kaspar
+um und trat dann in den herrlichen Abend hinaus.</p>
+
+<p>Da sah er vom gegenüberliegenden Berghang einen stattlichen, nur
+etwas vornübergebeugten Mann und ein tannenschlankes Mädchen langsam
+herunterschreiten. Mit einem Blick hatte er die Redaer Freunde erkannt
+und stürmte — wie er war — ohne Hut hinab und ihnen entgegen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p>
+
+<p>An einer Straßenbiegung lauerte er ihnen auf und überraschte Vater und
+Tochter vollkommen. Am liebsten wäre er beiden um den Hals gefallen,
+aber unwillkürlich dachte er an Sebalts Worte, und so dämpfte er den
+Überschwang seiner Gefühle. Immerhin ging es laut genug her.</p>
+
+<p>Herrn Winkler freilich leuchtete die stille Genugtuung über den
+stattlichen Pflegesohn nur aus den gütigen Augen; aber Ursemi
+machte kein Hehl aus ihrer hellen Freude wie aus ihrem Erstaunen,
+ihren ehemaligen Rekonvaleszenten Kaspar so kraftvoll und frisch
+wiederzusehen. Mit glückseligem Stolz wirbelte sie übermütig den
+hochgewachsenen Freund ein paarmal im Kreise herum und sagte
+befriedigt, fast stolz:</p>
+
+<p>»Sieh mal einer an, was fürn Berserker aus dem Suppenkasperle vom
+Luisenstift geworden ist! Jetzt kann man sich doch wieder mit dir sehen
+lassen.«</p>
+
+<p>»Danke für das Kompliment,« erwiderte Kaspar, lustig sich verneigend,
+»ich könnte ja nun eine Retourkutsche vorfahren lassen, aber wozu! Du
+weißt, ich war mit dir immer zufrieden. Ich bin nicht so anspruchsvoll
+bei meinen Freunden.«</p>
+
+<p>»Vater,« sagte Ursemi resolut, »was macht man nun mit dem Kerl,
+verdrischt man ihn, oder gibt man ihm einen Kuß?«</p>
+
+<p>»Das halte du, wie du willst,« meinte Herr<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Winkler trocken, »Pack
+schlägt sich, Pack verträgt sich.«</p>
+
+<p>»Hör mal, Vater, du untertaxierst uns nachgerade.«</p>
+
+<p>»Um so besser, dann habe ich Hoffnung, euch nächstens mal in neuen
+Rollen zu sehen. Einstweilen spielt ihr noch die alten von Bethel, aber
+sie sind nicht so langweilig wie die mit Mister Darich und Genossen.
+Also nur zu, die <span class="antiqua">repetitio delectat</span> als <span class="antiqua">variatio</span>.«</p>
+
+<p>»Liebster Papa, willst du nicht deutsch reden?«</p>
+
+<p>»Warum, du redest doch auch so viel englisch. Ich muß dir doch zeigen,
+daß ich noch etwas mehr kann als du — sonst geht der Rest des
+väterlichen Respekts auch noch in die Wicken.«</p>
+
+<p>»Ist er nicht greulich?« wandte sich Ursemi wie hilfesuchend zu Kaspar,
+»so ödet mich dieser früher so zärtliche Vater jetzt beständig an, seit
+ich mir mit einem jungen <span class="antiqua">american boy</span> den Ulk gemacht habe, ein
+bißchen <span class="antiqua">Gibson girl</span> zu spielen.«</p>
+
+<p>»Ja, Hans hat mir schon davon erzählt,« sagte Kaspar harmlos.</p>
+
+<p>»So,« fuhr Ursemi herrisch auf, »hat er wieder den süffisanten Schnabel
+nicht halten können, der allweise Hans? Werds ihm schon anstreichen.
+Was hat er denn noch über mich geklatscht?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p>
+
+<p>»Geklatscht?« sagte Kaspar ruhig, »dann müßte ich ja jetzt auch
+klatschen, wenn ich dir verriete, was er mir auf meine Fragen
+geantwortet hat. Nee, Ursemi, nun halt ich erst recht dicht.«</p>
+
+<p>Und wieder lachte Herr Winkler behaglich vor sich hin und meinte:
+»Kindsköpfe seid ihr doch! Kaum drei Minuten seid ihr beisammen, da
+kriegt ihr euch am Kragen. Das kann ja gut werden.«</p>
+
+<p>»Na, als ob ich schuld wäre —«</p>
+
+<p>»Sage ich ja gar nicht, Kind, freue mich nur, daß du wieder einen hast,
+der dir gewachsen ist.«</p>
+
+<p>»So — Schadenfreude. Übrigens — abwarten! Mit Kaspar bin ich noch
+immer famos ausgekommen.«</p>
+
+<p>»Stimmt, aber fertig geworden doch wohl nicht so ganz,« meinte Herr
+Winkler schmunzelnd.</p>
+
+<p>»O bitte,« wandte nun Kaspar ein, »ich erkenne Ursemis völlige
+Oberhoheit ohne jeden Streit an.«</p>
+
+<p>»Eben darum, lieber Junge,« sagte der Fabrikherr gelassen, »sie liebt
+keine Pyrrhussiege.«</p>
+
+<p>»Vater, nochmals, bitte, nicht so gelehrt,« fiel nun Ursemi wieder
+schmollend ein, »du weißt doch, daß ich Geschichte mit Vorliebe
+geschwänzt habe — Gott, die selige, greuliche Gouvernante.<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> Weißt du,
+Kaspar, daß die alte Schachtel — Pardon, das liebe, lederne Geschöpf
+noch geheiratet hat?«</p>
+
+<p>»Nein,« antwortete Kaspar, »das ist allerdings erstaunlich.«</p>
+
+<p>»Ja,« fuhr Ursemi fort, »einen Witwer mit zwei erwachsenen Kindern
+— ungefährlich, aber immerhin doch ein richtig gehender Mann. Und
+unsereins kriegt keinen, beim besten Willen keinen, obwohl sich Mama
+die größte Mühe gibt. Nächstens meldet mich Schwester Dente für die
+Mission an, aber ich will nur nach Grönland, und da ist die Mission
+gerade eingegangen.«</p>
+
+<p>Kaspar lachte hellauf, während Vater Winkler ironisch meinte: »Labrador
+ist ja noch im Gange, dort ist es ebenso kalt. Meinen Segen und die
+nötige Ausstattung in Seehundsfellen und Lebertran bin ich anstandslos
+bereit zu bewilligen.«</p>
+
+<p>»So ist er nun, der Vater! Erst nennt er uns Kindsköpfe, und dann macht
+er selber die faulsten Witze.«</p>
+
+<p>»Ja — mit den Wölfen muß man heulen,« erwiderte lakonisch der
+Fabrikherr.</p>
+
+<p>Da packte ihn seine Tochter ausgelassen um den Hals, gab ihm einen
+herzhaften Kuß und rief schelmisch: »Nee, Väterchen, so bald wirst du
+dein Ursekindchen nicht los, und als Ramschware lassen wir uns nicht
+verkaufen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p>
+
+<p>Glückselig wehrte Vater Winkler seinen großen Wildfang ab und sagte mit
+geheuchelter Würde: »Kinder, jetzt benehmt euch! Wir kommen ins Dorf,
+und unser Renommee ist so wie so nur mäßig. Jeden Tag liebkost sie
+mich nämlich hier zwei- bis dreimal auf offner Straße. In Reda dagegen
+spielt sie die kühle <span class="antiqua">Lady patroness</span>. Umgekehrt wäre es mir
+eigentlich lieber.«</p>
+
+<p>In der Tat schritt man nun gemessener dem Hotel zu.</p>
+
+<p>Bei der Ankunft flüsterte Ursemi ihrem Freunde leise zu: »Er macht
+mir Sorge, der gute Vater, er muß recht lange hierbleiben, daß er mir
+wieder frisch wird.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In ungetrübtem Frohsinn glitten die schönen Ferientage nur allzu rasch
+dahin.</p>
+
+<p>Wagenfahrten und Fußwanderungen wechselten miteinander ab; allerlei
+Bekanntschaften wurden gemacht, darunter die eines näheren Landsmannes,
+eines Grafen Harry Brosyn, dessen Vater dem Fabrikherrn als ein
+oberschlesischer Kohlenmagnat flüchtig bekannt geworden war.</p>
+
+<p>Der junge Brosyn wollte jedoch nicht nur als Sohn seines Vaters
+gewertet werden, sondern erklärte vergnüglich: er habe den Ehrgeiz
+als selbständige Nummer zu figurieren, denn er<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> lebe schon längst in
+Gütertrennung mit seinem alten Herrn. Zwar betrachte Brosyn senior das
+einstweilen als einen der mancherlei Sparren seines <span class="antiqua">filius</span>, aber
+mit der Zeit werde er, der <span class="antiqua">filius</span>, dem Herrn Papa den nötigen
+Respekt vor der Firma Brosyn junior schon noch abringen.</p>
+
+<p>Wie sich herausstellte, hatte der Graf Harry Brosyn trotz seiner
+27 Jahre schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Erst
+Kavallerieoffizier, dann Gesandtschaftattaché in Argentinien, hatte
+er sich auch zweimal an wissenschaftlichen Expeditionen beteiligt und
+dazwischen einige Semester in Freiberg und Berkeley Bergbau studiert.
+Jetzt war er bei einer großen Minenunternehmung in Kalifornien
+beteiligt und hielt sich nur vorübergehend, erst in Pontresina, nun in
+Sils auf, um einen letzten Rest von Malaria wegzukurieren.</p>
+
+<p>Harry war ein unterhaltsamer, witziger Gesell, ein immer fröhlicher,
+guter Kamerad ohne jede Feierlichkeit und frei von Adelstolz. An der
+schlichten Redaer Gesellschaft schien er jedenfalls weit mehr Gefallen
+zu finden als an den feudalen Kurgästen Pontresinas, die ihm zu
+seinem Ärger gelegentlich nach Sils Maria »nachstiegen«, wie er sich
+burschikos auszudrücken beliebte.</p>
+
+<p>Mit Ursemi stand Graf Harry ähnlich wie Kaspar auf einem keck
+kameradschaftlichen Neckfuß und ließ sich von den gelegentlichen
+Launen<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> der jungen Gnädigen, wie er sie gern nannte, wenig imponieren.
+Trotzdem trug er seine Zuneigung mit der Zeit immer offner zur Schau.</p>
+
+<p>Mama Winkler hatte nichts gegen den Grafen einzuwenden, nur daß er so
+weit weg wohnte, war ihr ungemütlich. Herr Winkler hatte sogar seine
+stille Freude an der ungebrochenen Kraft und dem Lebenstrotz dieser
+willensstarken Persönlichkeit, wenngleich ihm die kaufmännischen
+und bergbaulichen Riesenpläne des jungen Selfmademan ein wenig
+abenteuerlich vorkommen wollten. Aber er dachte bei sich: dergleichen
+Burschen müssen reichliche Ellbogenfreiheit haben.</p>
+
+<p>Mit Sebalt vermochte der junge Graf am wenigsten Seide zu
+spinnen, obwohl ihm der Leipziger Studiosus unverkennbare Achtung
+entgegenbrachte.</p>
+
+<p>Dagegen schien Harry für Kaspar nach und nach eine redliche Neigung zu
+empfinden; nur der Lehrerberuf imponierte ihm durchaus nicht, und immer
+wieder redete er Kaspar zu: er solle seinen Bakel an die Wand hängen
+und mit ihm hinüber nach Kalifornien kommen als sein Privatsekretär,
+er wolle ihn schon managen. Umsatteln müsse Kaspar doch einmal, so gut
+wie er selber — er kenne die Sorte Menschen, die das nötig hätten, zu
+genau. Und je eher, um so besser.</p>
+
+<p>Kaspar lachte, aber gestand sich heimlich, daß<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> der lustige Minengraf
+vielleicht nicht so ganz unrecht hatte mit dem Umsatteln; nur war es
+für ihn noch nicht an der Zeit. Erst mußte er wissen, woran er mit der
+Brüdergemeine war.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auch Herr Winkler sprach einmal mit Kaspar darüber, als dieser
+ihn fragte, ob er ihm nicht den größten Teil des gesandten Geldes
+zurückerstatten dürfe. Die Kosten der Reise hin und zurück würden kaum
+120 Mark betragen.</p>
+
+<p>Der Fabrikherr lächelte mild und sagte: »Drückt dich das Geschenk schon
+wieder, stolzer Kaspar? Behalte die paar Moneten nur ruhig! Du wirst
+sie schon brauchen, eher vielleicht, als du denkst. Mich anzuborgen
+würdest du ja auch in der größten Not nicht über dich gewinnen, und
+noch hast du einen weiten Weg vor dir, lieber Junge. Wie wirds denn mit
+deinem Dienstjahr?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es noch nicht. Bleibe ich im Gemeindienst, so bekomme
+ich die uns dafür ausgesetzte Unterstützung; sonst gedenke ich
+Königsfreiwilliger zu werden. Zur Not diene ich zwei Jahre, ich habe
+nichts zu versäumen.«</p>
+
+<p>»Weißt du das so genau, Kaspar? Wer weiß, was deines Lebens Ziel
+und eigentlicher Inhalt sein soll? Jetzt bist du erst bei den
+Vorbereitungen, also verliere nicht unnötig Zeit. Später könnte<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> es
+dich bitter gereuen. Im übrigen freue ich mich, daß du so gern deine
+Arbeit in Tramberg tust, und daß du den Straßburger und Londoner
+Ausflug machen durftest. Paß auf, er wird dir mehr austragen, als du
+ahnst. Du siehst mich verwundert an. Ja, Lieber, man muß alt sein, um
+die volle Wirkung starker Jugendeindrücke ganz ermessen zu können.
+Es wäre darum wirklich nicht das Dümmste, wenn du den Vorschlag des
+jungen Grafen mal in ruhige Erwägung zögest. Nein, bitte, lache nicht!
+Ich meine es ganz im Ernst und habe selbst schon mit Brosyn darüber
+gesprochen. Und du weißt, du kannst jederzeit, wenn dir daran liegt,
+durch mich deine Verpflichtungen der Unität gegenüber lösen. Tramberg
+ist ganz gut für dich, das zeigt dein frischeres, gefestigteres Wesen,
+Kaspar. Aber es kann für Menschen — oder ich will nun richtiger sagen,
+für Männer deiner Art — nur eine Durchgangsstation sein.«</p>
+
+<p>Kaspar schwieg eine Weile nach seiner Gewohnheit. Hatte er über Brosyns
+Worte seinerzeit gelacht, so gaben ihm nun Herrn Winklers Anregungen um
+so mehr zu denken.</p>
+
+<p>Der Fabrikherr merkte es und setzte schonend hinzu: »Na — nur ruhig
+Blut, es soll weiter nichts als ein kleiner, väterlicher Wink sein,
+damit du nicht Gefahr läufst, dich einzuspinnen, wie das die Herrnhuter
+lieben. Ein rechter Kerl muß<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> sich auch mal den Sturm des großen
+Weltozeans um die Nase wehen lassen, sonst erfriert sie ihm schließlich
+beim ersten scharfen Mailüfterl des Lebens. Nach Paris zu reisen nützt
+einem Deutschen von heute nichts mehr, und London nur wenig! Die Welt
+ist kleiner und enger geworden. Sieh dir diesen Harry an, der treibts
+freilich gleich ein bißchen toll — aber es schadet nichts. Wenn er
+nicht von der Rahe stürzt, fährt er einmal mit eigner Jacht stolz zu
+den Gruben seines Vaters zurück. Denn zurückkommen wird auch er einmal,
+wenn er in die Jahre des tiefen Heimwehs gerät. Ich dachte mit 25
+Jahren in Baltimore auch ernstlich daran nie wiederzukehren und träume
+noch jetzt manchmal heimlich unter meinen Redaer Blaufichten von den
+Redwoods der Rocky Mountains. Sehnsucht oder Heimweh fehlt hüben und
+drüben nicht, sie wechseln nur die Richtung, je nach den Jahren.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die richtige Antwort auf die ihn tief aufregenden Fragen des
+Fabrikherrn konnte Kaspar nicht so rasch finden, aber nach einigen
+Tagen sagte er Herrn Winkler in aller Entschiedenheit: Er wolle
+vorerst den ihm liebgewordenen Beruf zu Tramberg ruhig weiter ausüben.
+Noch fehle ihm innerlich jedes Recht, der Brüdergemeine und der<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> ihm
+liebgewordenen Anstalt den Rücken zu kehren.</p>
+
+<p>Herr Winkler nickte nur gleichmütig zu diesem Bescheid, im geheimen
+aber triumphierte er doch: »Er ist ein Charakter, der Junge! Ich
+brauche mich nicht zu sorgen, den wirft nichts so leicht aus seiner
+Bahn. Für den ist Tiefe mehr als Weite.«</p>
+
+<p>Unterdessen bereitete sich ein neuer Sturm vor, der Kaspars Seele
+schwerer erschüttern sollte als die Anregungen Brosyns und Vater
+Winklers.</p>
+
+<p>Unbefangen wie in alter Zeit hatte Kaspar mit Ursemi all die Tage
+über verkehrt, obwohl die taufrische Anmut der nun vollerblühten
+Jugendgespielin stärker als je zuvor auf seine durch das Londoner
+Abenteuer plötzlich geweckten Sinne wirkte.</p>
+
+<p>Die leichtsinnige Andeutung Hans Sebalts in Zernez hatte Kaspar nicht
+weiter ernsthaft genommen; aber die Folgezeit bestätigte ihm rasch,
+daß Ursemi ihm redlich zugetan war, wenn auch wohl — wie Kaspar sich
+einredete — mit schwesterlicher Zuneigung.</p>
+
+<p>Als er jedoch mit dem seit Leipzig wirklich oft unleidlichen Hans
+Sebalt noch einmal auf dies heikle Kapitel zu sprechen kam, erklärte
+ihm dieser am Ende eines für Kaspar wenig glücklichen Disputs:
+Geschwisterliche Zuneigung zwischen jungen Menschenkindern, die nicht
+leibhaftige Geschwister sind, wäre ebensolcher Unsinn wie jede<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span>
+Freundschaft zwischen etwa gleichaltrigen Menschen verschiedenen
+Geschlechts.</p>
+
+<p>Kaspar ließ sich nicht irre machen bis zu dem Tage, an dem er zum
+ersten Male wahrzunehmen glaubte, daß Ursemi dem jungen Grafen Harry
+ebensowenig gleichgültig war wie ihm selber.</p>
+
+<p>Von da an belauerte Kaspar argwöhnisch jede Regung seiner Seele, und
+von Tag zu Tage ward es ihm klarer, daß in ihrem Grunde ein dumpfes
+Angstgefühl um Ursemi, ja — es war eine Schmach — auch etwas wie
+Eifersucht gegen den Grafen sich leise zu regen begann.</p>
+
+<p>Nunmehr war es um Kaspars Unbefangenheit geschehen. Er wurde stiller
+und einsamkeitsbedürftiger. Er begann nach seiner alten Weise zu
+grübeln, mit sich abzurechnen und schließlich ernstlich mit sich zu
+ringen.</p>
+
+<p>Er sollte sich rechtschaffen freuen — so suchte er sich immer wieder
+mühsam einzureden — daß ein so gescheiter, willenskräftiger und
+vornehmer Mensch wie Harry Brosyn auf dem besten Wege war, die Liebe
+und die Hand Ursemis zu erringen. Dieser Graf war doch wahrhaftig eine
+ganz andere geistige wie charakterliche Potenz als die Sorte Brettwitz
+oder Darich. Und ein Mann wie Harry war nicht nur Ursemis unbändiger
+Art gewachsen, sondern auch am ehesten imstande, mit Tatkraft und
+Weitblick dermaleinst die gewaltigen Winklerschen<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Werke fortzuführen
+und den mächtigen Grundbesitz zu verwalten und zu erhalten. Das war ein
+doppeltes, ein seltenes Glück für die Eltern Winkler.</p>
+
+<p>Und all demgegenüber war es doch rein lächerlich, wie er, der armselige
+Stipendiat, der kleine Privatlehrer mit 25 Mark Monatsgehalt und freier
+Station, überhaupt nur auf den schier wahnsinnigen Gedanken kommen
+könnte, seine Augen begehrend zu dieser Millionärstochter zu erheben.
+Unrecht, ja Frevel wars!</p>
+
+<p>Mit Vernunftgründen ließen sich jedoch auf Kaspars Gedankenwalstatt
+noch so viele siegreiche Gefechte führen; dennoch erhob das
+aufrührerische Gesindel seiner elementaren Empfindungen immer wieder
+tückisch und erfolgreich die Fahne des Aufruhrs gegen den gebietenden
+Verstand.</p>
+
+<p>Die Tatsache ließ sich nicht leugnen, daß in Kaspar eine
+leidenschaftliche Neigung für Ursemi immer stärker emporflammte, so
+daß er selber sich zuletzt gestehen mußte, dergleichen Gefühle für
+brüderliche Liebe zu erklären, wäre nichts anderes mehr als eine
+gemeine und lächerliche Notlüge.</p>
+
+<p>Da faßte Kaspar den Entschluß abzureisen, noch ehe er sich verraten.
+Das war nur leichter gedacht als getan.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Man wußte im Redaer Freundeskreise sehr genau, wann Kaspars Ferien
+zu Ende gingen, und seine Ausflüchte — er habe noch in Tramberg zu
+arbeiten — glaubte ihm keiner.</p>
+
+<p>Kaspar hatte wirklich kein Talent zum Lügen. Man sah ihm, wie Hans
+Sebalt spöttelte, jede Schwindelei gleich an der erbleichenden
+Nasenspitze an.</p>
+
+<p>Kaspar war rechtschaffen in Verlegenheit um eine Ausflucht. Da fiel
+ihm zum Glück ein, daß es ja in Tramberg eine Ferienaufsicht gäbe.
+In erster Reihe kamen da freilich die Herren in Frage, die auf
+Generalunkosten die große Schweizerreise mitgemacht hatten; aber Kaspar
+brauchte sich ja nur um eine Vertretung bitten zu lassen.</p>
+
+<p>Und so schrieb er schleunigst an Martin Muffke. Umgehend kam folgende
+lapidare Antwort zurück:</p>
+
+<p>»Lieber Holzkollege! Sie sind zwar ein Pflichtprotz und ein total
+verrücktes Huhn, aber meine Ferienaufsicht möge Ihnen wohltun.
+<span class="antiqua">Habeatis</span> vom 19. bis 22. September, Max. Postskriptum: Meine
+können Sie auch kriegen! Moritz.«</p>
+
+<p>Nun hatte Kaspar seinen triftigen Grund und traf auch sobald wie
+möglich Anstalten zur Abreise.</p>
+
+<p>Die alten Winklers bedauerten seinen Entschluß;<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Sebalt witzelte
+niederträchtig etwas von ministeriellen Gesundheitsrücksichten;
+Graf Harry schlug Kaspar kurzer Hand vor, wegen dieser verdammten
+Ferienaufsicht seinen Abschied einzureichen. Nur Ursemi sprach kein
+Wort.</p>
+
+<p>Als sie aber bald darauf einmal mit Kaspar allein im stillen Garten des
+Hotels saß, sagte sie ihm plötzlich auf den Kopf zu: Er sei ein feiger
+Ausreißer.</p>
+
+<p>Kaspar erschrak. Sollte er sich doch verraten haben?</p>
+
+<p>Mit mühsamer Fassung erwiderte er: »Laß es gut sein, Ursemi. Ich muß
+wirklich heim.«</p>
+
+<p>»Ich kenne ja deinen Dickkopf zur Genüge,« meinte Ursemi herb, ja ein
+wenig scharf, »aber wenn du glaubst, mich täuschen zu können, dann
+irrst du dich.«</p>
+
+<p>»Täuschen, wieso?« fragte Kaspar unsicher.</p>
+
+<p>»Daß deine Arbeiten und Ferienaufsicht Flausen sind, wissen wir alle.
+Und wenn du es nicht zugeben willst, dann will ich dir nur sagen, daß
+mir Hans — was freilich perfide war — den famosen Uriasbrief auf
+deinem Schreibtisch gezeigt hat, den du dir da von deinen Spießgesellen
+Max und Moritz hast schreiben lassen.«</p>
+
+<p>Nun lachte Kaspar, allein so ganz geheuer war ihm nicht; denn Ursemi,
+die sonst viel zu gern mitlachte, blieb völlig ernst und fuhr leise<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span>
+fort: »Weißt du noch, Kaspar, was du mir voriges Jahr in Reda gesagt
+hast, als ich Chancy erwähnte?«</p>
+
+<p>Kaspar erbleichte ein wenig, antwortete jedoch ruhig: »Gewiß, und ich
+dächte, ich hätte dir doch in diesen Tagen zur Genüge gezeigt, daß ich
+dich einem ehrenhaften Manne gönne.«</p>
+
+<p>»Sehr gütig — lieber Junge,« unterbrach ihn Ursemi spöttisch, »aber
+das meine ich nicht. Sondern ein gewisser jemand vermaß sich voriges
+Jahr hoch und heilig: nie eifersüchtig sein zu wollen. Und jetzt reißt
+er aus, weil ers doch geworden ist und sich dessen schämt.«</p>
+
+<p>»Liebe Ursemi,« sagte Kaspar nach einer peinlichen Pause langsam, »was
+hast du wohl davon, wenn du mich hier demütigst und quälst? Ich darf
+dir über das, was mich im Tiefsten bewegt, doch keine Auskunft geben.
+Du weißt so gut wie ich, daß auch der willenskräftigste Mensch nicht
+immer seiner letzten Gefühle völlig Herr zu werden vermag. Jeder von
+uns hat ein verschleiertes Tempelbild im Herzen, das er vielleicht
+selbst nicht zu enthüllen wagt.«</p>
+
+<p>»Wenn du orakeln willst, lieber Kaspar, dann bitte suche dir jemand
+anderen aus. Warum hast du denn nicht den Mut, mir klipp und klar zu
+gestehen, daß du auf Harry eifersüchtig bist?«</p>
+
+<p>»Weil das Unsinn wäre,« fuhr es nun Kaspar<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> heftig heraus, »weil ich
+nicht eine Spur von Recht dazu hätte. Ich hätte höchstens allen Anlaß,
+mich zu freuen, daß ein so tüchtiger, prächtiger und dir ebenbürtiger
+Bursche wie Harry sich für dich interessiert.«</p>
+
+<p>»So? Woher weißt du denn das?«</p>
+
+<p>»Ich glaube, das sieht ein Blinder.«</p>
+
+<p>»Im Gegenteil, nur ein überscharf Sehender, ich weiß nichts davon.«</p>
+
+<p>»Dann bitte ich um Verzeihung, Ursemi. Ich bin ein Narr, so oder so.«</p>
+
+<p>Nun wurde die scharfe Ursemi plötzlich wieder die alte.</p>
+
+<p>Mit siegesfrohem Lachen trat sie auf Kaspar zu, klopfte ihm vertraulich
+auf die Schulter und sagte launig: »Na, siehst du wohl, nun bekommst
+du als armer Narr und Sünder auch Absolution dafür, daß du dir in
+Gedanken schon ausklamüsert hast, ich ginge nächstens mit Graf Harry
+Gold graben. Habe durchaus keine Lust dazu. Und noch eins, mein
+Lieber! Das Recht, auf jeden, der dir deine Pflegeschwester fortholen
+will, greulich eifersüchtig zu sein, das Recht räume ich dir hiermit
+ausdrücklich ein, da du es dir nicht zu nehmen wagst, und es am
+Ende doch nicht lassen kannst. Aber dafür wahre ich mir auch mein
+Recht, es dir ganz gewaltig übel zu nehmen, wenn du bei jedem bißchen
+Herzbeklemmung gleich ausrücken<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> willst. Wurscht wider Wurscht —
+wie es unter guten Kameraden üblich ist. Und nun brav nebeneinander
+ausgehalten — wies auch kommt. Hier Hand drauf und nicht gemuckst!«</p>
+
+<p>Aufatmend schlug Kaspar ein. Es war ihm, als fiele ihm ein Stein vom
+Herzen. Dann ging er eilends auf sein Zimmer hinauf und schrieb Max und
+Moritz einen sehr verklausulierten Absagebrief.</p>
+
+<p>In ungetrübter Stimmung gingen die Ferien zu Ende. Kaspar genoß die
+letzten Tage mit einem so bewußten Glücksgefühl wie nicht einmal die
+ersten Tage. Ursemi goß gleichsam Öl in seine Herzenswunden.</p>
+
+<p>Dann fuhr er mit froher Arbeitsehnsucht nach Tramberg. Bis Innsbruck
+begleitete ihn Hans Sebalt.</p>
+
+<p>Kurz zuvor hatte sich Harry Brosyn verabschiedet. Hans behauptete steif
+und fest: der junge Graf habe sich einen Korb geholt.</p>
+
+<p>Kaspar zuckte mit den Achseln und meinte nur: »Schade, wenns wahr ist.«</p>
+
+<p>Da lachte Hans Sebalt wieder spöttisch in sich hinein und dachte
+überlegen bei sich: Ich sollte an seiner Stelle stehn, ich wäre nicht
+so dumm.</p>
+
+<p>Der Abschied der beiden Missionskinder war nicht ganz so herzlich wie
+ihre erste Begrüßung.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b> Die Tänzer</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Dank der Freigebigkeit Herrn Winklers war es Hans Sebalt möglich,
+den kostspieligen Tanzunterricht zu bezahlen, und so war sein Erstes
+in Leipzig, Herrn Niemeyer aufzusuchen und mit ihm das Nähere zu
+verabreden.</p>
+
+<p>Besonderes Vergnügen konnten die beiden Studenten der Sache freilich
+nicht abgewinnen. Anfangs sahen die mit Spannung erwarteten Lektionen
+Freiübungsturnstunden verzweifelt ähnlich, und auch, als die Dämchen
+erschienen, ward es nicht weiter aufregend, zumal die betreffenden
+Mamas den Abenden beiwohnten und die Töchter zumeist nur gut dressierte
+Gänschen waren, mit denen eine Unterhaltung sich kaum lohnte.</p>
+
+<p>Der Schlußball kostete einen Frack, zwei Paar Handschuhe, ein Bukett
+und einiges Geld; von wirklichem Vergnügen war nicht die Rede, um so
+mehr als Niemeyer und Sebalt sich gestehen mußten, daß sie noch immer
+nicht richtig und flott tanzen konnten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p>
+
+<p>Ein alter Restaurantpächter, der an ihrem Tische saß, bemerkte das
+auch, meinte aber lachend: tanzen lernten die Wenigsten in einer
+solchen Tanzstunde. Die Mädels könntens vorher, und die Herren lerntens
+meist erst nachher auf den Vorstadtbällen. Er schlüge ihnen darum vor,
+demnächst einmal zu ihm nach Lindenau herauszukommen, da würden sies im
+Fluge lernen.</p>
+
+<p>Niemeyer und Sebalt ließen sich das nicht zweimal sagen und wurden bald
+Stammgäste im fröhlichen Lindenau.</p>
+
+<p>In der Tat lernten sie, dank einiger energischer und
+unternehmungslustiger Dämchen, das Tanzen nun rasch und ärgerten sich
+nachträglich noch über das viele Geld, das sie im Tanzkursus ausgegeben
+hatten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In Lindenau sah Hans Sebalt eines Sonntagnachmittags zu seiner
+freudigsten Überraschung in einer Ecke des Saales endlich die stolze
+Brünette aus dem Rosental wieder, deren Spur er — trotz aller
+Nachforschungen in Monplaisir und anderswo — völlig verloren hatte.</p>
+
+<p>Schnell entschlossen ging Hans auf die so lange schon heimlich Verehrte
+zu und bat sie um einen Tanz.</p>
+
+<p>Trotz seiner tadellosen Verbeugung sagte die<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> große Unbekannte nur sehr
+stolz und wie gelangweilt: »Ich danke, ich tanze nicht.«</p>
+
+<p>Und Hans machte eine zweite, weniger tadellose Verbeugung und ging mit
+pumpelrotem Kopf an seinen Platz zurück.</p>
+
+<p>Er war außer sich vor Aufregung und verletzter Eitelkeit. Er schämte
+sich vor all den Hunderten von Menschen, als habe jeder einzelne seiner
+Abweisung persönlich beigewohnt.</p>
+
+<p>Am liebsten wäre er spornstreichs davongelaufen, aber er wollte sich
+vor Niemeyer nichts vergeben. Im Gegenteil dachte er rasch: nur nichts
+merken lassen, nur ihr zeigen, daß du dir nicht imponieren läßt.</p>
+
+<p>So tanzte er drauf los, so flott und sicher wie noch nie vorher, und
+jedesmal, wenn er an der heiklen Ecke vorüberwirbelte, sah er so
+triumphierend wie nur irgend möglich nach der schönen Brünetten, auf
+deren stolzen Mienen er jedoch zu seinem geheimen Ärger nicht den
+geringsten Eindruck wahrnehmen konnte.</p>
+
+<p>Wie eine Sphinx saß sie unbeweglich da und sah gleichgültig, ja fast
+melancholisch dem rauschenden Treiben zu.</p>
+
+<p>Hans Sebalt tanzte mit einigen hübschen und liebenswürdigen Mädchen,
+aber seine Gedanken waren unwiderruflich bei der Brünetten.</p>
+
+<p>Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> ihr beikommen konnte;
+scheinbar hatte sie keine Bekannten im Saale.</p>
+
+<p>Hans Sebalt gab seinem Herzen einen Stoß und zog Niemeyer teilweise
+in sein Geheimnis, das heißt, er schimpfte ganz gehörig über die
+eingebildete Person, die sich da vorn hinsetze und nicht tanzen wolle
+und doch wahrscheinlich auch nichts besseres sei als die anderen Mädels
+alle.</p>
+
+<p>Schließlich setzte Sebalt dem Kommilitonen zu, <em class="gesperrt">er</em> solle doch
+einmal sein Heil versuchen.</p>
+
+<p>Niemeyer war ein forscher Kerl, lachte, ging hin, stellte sich höflich
+vor und — zu Sebalts maßlosem Erstaunen und Ärger — tanzte die stolze
+Brünette sofort mit ihm.</p>
+
+<p>Und wie tanzte sie! Wie eine Göttin schien sie Hans Sebalt, dem Neid
+und Eifersucht an der Seele nagten, dahinzuschweben.</p>
+
+<p>Ruhig und sicher führte sie den noch ein wenig unsicheren Niemeyer
+durch das Gewühl wie eine geborene Ballkönigin. Und als sie an Hans
+Sebalts Platz vorüberglitt, da schien ihm, als husche ein spöttisches
+Lächeln über ihre edel gleichmäßigen Züge. Kurz darauf hielt sie
+an ihrem Platze vor der Zeit inne, verneigte sich huldvoll gegen
+den dankend dienernden und vor Stolz glühenden Niemeyer, nahm ihre
+Handschuhe und ging langsam und hoheitsvoll hinaus — an Hans vorbei,
+würdigte ihn aber keines Blickes.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p>
+
+<p>Strahlend kam Niemeyer zu dem bestürzten Sebalt zurück.</p>
+
+<p>»Donnerwetter, die kann tanzen,« prahlte er, »so was Graziöses ist mir
+noch gar nicht vorgekommen! Du, das ist was Feines! Die hat sich bloß
+hierher mal verlaufen. Aber nobel wars — danke dir tüchtig, daß du mir
+zu dem Genuß verholfen hast.«</p>
+
+<p>Hans Sebalt schäumte innerlich vor Wut; aber er sagte großspurig: »Pah
+— das dumme Frauenzimmer will mich ja nur ärgern. Darum allein hat sie
+mit dir getanzt.«</p>
+
+<p>»Sebalt — mein Sohn —« fuhr nun Niemeyer beleidigt auf, »willst du
+das dumme Frauenzimmer sofort revozieren oder —«</p>
+
+<p>»Meinetwegen,« lenkte Sebalt klug ein, »also sag mir mal lieber, wie
+heißt der Besen?«</p>
+
+<p>»Besen — neue Beleidigung — revoziere oder —«</p>
+
+<p>»Alles, was du willst,« sagte Sebalt nun gemütlich, »aber an dir
+scheint die junge Dame — ist dirs so recht?«</p>
+
+<p>»Jawohl — junge Dame — sage lieber entzückende, reizende Dame —«</p>
+
+<p>»Na, Niemeyerchen, du scheinst ja ordentlich Feuer gefangen zu haben.«</p>
+
+<p>»Habe ich auch — genau so wie du, mein Sohn Sebalt! Nur — daß ich dir
+einstweilen<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> einige Nasenlängen zuvor gekommen bin. Trage es mit Würde,
+mein Sohn!«</p>
+
+<p>»Werde mich bemühen. Übrigens ihren Namen kannst du mir wohl verraten.«</p>
+
+<p>»Könnte ich, da hast du recht. Werde aber den Deubel tun. Damit du
+morgen im Adreßbuch nachsuchst, hinstürzt und mir wieder den Rang
+abläufst. Nee, min Jung, so helle bin ich auch.«</p>
+
+<p>Jetzt konnte Sebalt seinen Ingrimm doch nicht mehr verhehlen und brach
+offen los: »Na, weißt du, sehr anständig finde ich das nicht. Du weißt,
+ich interessiere mich für die Dame und — eins, zwei, drei — schnappst
+du sie mir vor der Nase weg.«</p>
+
+<p>Niemeyer lachte gemütlich und erwiderte: »Sebalt, mein Sohn, höre die
+Weisheit des Brahmanen Niemeyer: Erstens, in Geld- und Weibersachen
+hört unter den besten Freunden jeder Anstand auf. Zweitens, wenn du
+dich für die nette Schwarze da wirklich interessierst, dann hast du das
+so famos angedreht, daß mir zwar das Herz im Leibe lacht, aber deine
+Dummheit eigentlich jeder Beschreibung spottet. Drittens frage die
+Pythia, was ich dafür kann, daß dies entzückende Persönchen mich lieber
+mag als dich? Und viertens bist du ein braver Sohn der Herrnhuterei und
+weißt mit hübschen Mädchen, wie ich aus Erfahrung weiß, doch nichts
+anzufangen. Darum danke deinem Schöpfer, Sebalde Nothanker, daß<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> du
+durch mich davor bewahrt bleibst, an diesem höchst gefährlichen Felsen
+zu scheitern. Prosit!«</p>
+
+<p>Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel und trank seinem Partner
+zu, tatsächlich war ihm übel zumute.</p>
+
+<p>Er brannte innerlich vor wilder Eifersucht gegen den humorigen Spötter
+und war zugleich gewaltig ergrimmt über seine Dummheit.</p>
+
+<p>Hatte er das schöne Mädchen nicht heute abend doppelt verloren?</p>
+
+<p>Weinen hätte er mögen über dieses Mißgeschick, denn seit dieser Stunde
+wußte er ganz genau, daß er die stolze Brünette liebte, liebte mit
+aller Leidenschaft seiner erregten Sinne — liebte bis zur Raserei!</p>
+
+<p>Sollte er Niemeyer, der im Grunde ein guter Kerl war, nicht alles
+ehrlich enthüllen? Sollte er nicht lieber klein beigeben und den Freund
+bitten, nur diesmal zurückzustehen?</p>
+
+<p>Nein — betteln wollte er nicht — dazu war er denn doch zu stolz.
+Erobern wollte er sich das stolze Weib schon noch — es koste, was es
+wolle.</p>
+
+<p>Wenn sie nur wieder herein käme! Dann war doch die Aussicht vorhanden,
+daß er sie wenigstens durch Niemeyer noch kennen lernte.</p>
+
+<p>Vielleicht grollte sie ihm nur, weil er sich nicht vorgestellt hatte —
+vielleicht war sie zu<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> besänftigen, vielleicht hatte sie es wirklich
+nur darauf angelegt, ihm einen kleinen Denkzettel zu geben für seine
+frühere Neugier — vielleicht, vielleicht — wenn sie nur käme!</p>
+
+<p>Aber sie kam nicht wieder, und die köstliche Spur war wieder verloren,
+anscheinend für immer.</p>
+
+<p>Auch Niemeyer fand sie nicht im Adreßbuch. Wahrscheinlich hatte er den
+Namen gar nicht richtig verstanden.</p>
+
+<p>Der weise Brahmane wußte sich jedoch rasch zu trösten.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Die pädagogische Ohrfeige</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Mit dem neuen Schuljahr, das nach den großen Ferien begann, hatten in
+der Tramberger Anstalt allerlei Veränderungen stattgefunden.</p>
+
+<p>Der behäbige und ein wenig schwerfällige »Papa Schnäbele« hatte in
+den Ferien plötzlich den Mut gefunden, sich mit einer »arg luschtigen
+Wüschtebergerin« zu verloben und machte nun ebenso plötzlich ernst mit
+seinem alten Plan, auf die Mission zu gehen.</p>
+
+<p>Die Kollegen und der »Chef« verloren den immer behaglichen und doch
+zuverlässigen, überdies stets gefälligen Schwaben sehr ungern; nur Herr
+Schlegelmeyer atmete erleichtert auf.</p>
+
+<p>Besonders trauerte der Doppelkollege um seinen großmütigen
+Zigarrenlieferanten, zu dem ihn ein gleichgeartetes Temperament
+gezogen hatte, das wohl nicht ganz unabhängig war von der ähnlichen
+Körperveranlagung.</p>
+
+<p>Am meisten vermißte Kaspar den wackeren Schwaben; denn nun erst merkte
+er deutlich, wie<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> viel Mühe ihm die scheinbar so mühelose Autorität
+Schnäbeles auf der 4. Stube erspart hatte.</p>
+
+<p>Es waren eine ganze Anzahl neuer Knaben eingetreten, die besten wie
+Ronald Hooper und zwei seiner Peers, Schaffhuser und der größte Teil
+seiner Baseler Sippe rückten auf die 3. Stube vor, und ein neuer
+Kollege trat ein.</p>
+
+<p>Bruder Abraham war ein älterer Theologe, der mit seinem breiten,
+blonden Vollbart sehr väterlich anmutete, fast noch mehr als der gute
+»Papa Schnäbele«, aber er war es gar nicht. Im Gegenteil, Abraham war
+ein leicht aufgeregter, schwieriger und empfindlicher Herr, der schon
+an zwei anderen Anstalten sich nicht recht eingepaßt hatte.</p>
+
+<p>Mit Rücksicht auf seine angegriffenen Nerven hatte sich die Behörde
+schließlich bereit finden lassen, ihn nach dem gesunden Tramberg
+zu berufen, obwohl der »Chef« wenig Lust zeigte, den als unbequem
+verrufenen Lehrer einzustellen. Am liebsten hätte er Bruder Abraham
+wenigstens ohne Aufsichtdienst gelassen, aber es ging durchaus nicht an.</p>
+
+<p>Es waren schon drei Supernumerare vorhanden: der Musiklehrer Herr
+Vogel, der »als echter Piepmatz immer in den Wolken schwebte,« wie
+Moritz ulkte; der Doppelkollege, der trotz des besten Willens ohne jede
+Autorität blieb, und endlich der<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> älteste Lehrer, Herr Hinzelmann,
+der bereits Diakonus war, Pflegergehalt bezog und trotzdem noch oft
+genug mit Aufsicht aushalf, da er bei allen Knaben, besonders bei den
+Engländern, sehr beliebt war.</p>
+
+<p>Also kam Bruder Abraham auf die 4. Stube, aber das Unglück kam mit ihm.</p>
+
+<p>Schon am ersten Nachmittag hatte der neue Herr so viel zu monieren,
+daß darüber das kleine Völkchen der Vierten ganz kopfscheu wurde. Die
+ruhige Art des Honorable Sir Ronald Hooper war dem neuen Stubensenior,
+einem Franzosen namens Henri Buriet, versagt. Vergeblich suchte er dem
+Mann mit dem großen Teutonenbart mit vielen Worten und aufgeregten
+Gesten klarzumachen, daß dies und das bei Herrn Schnäbele und Bruder
+Krumbholtz immer so gewesen wäre und nicht anders.</p>
+
+<p>Bruder Abraham erklärte mit Stentorstimme, das sei ihm ganz
+gleichgültig. Er sei ein alter Lehrer und wisse allein, was sich
+gehöre, und dies und das würde eben bei ihm so gemacht, und damit basta!</p>
+
+<p>Henri Buriet fügte sich schließlich, aber ein aristokratisches Baseler
+Büble und ein kleiner, englischer Tory, die das goldene Zeitalter
+Hooper-Schaffhuser nicht vergessen konnten, revoltierten mit passiver
+Resistenz und wurden darob von Bruder<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> Abraham, der sofort ein Exempel
+statuieren wollte, schwer bestraft. Das half scheinbar für eine Stunde,
+während die heimliche Mißstimmung wuchs.</p>
+
+<p>Als der neue Herr einmal kurz hinausging, um seinen Hut für den
+Spaziergang zu holen, entrollten Henri Buriet und die anderen Gallier
+sofort das Banner der Revolution. Zwei Platzstrafen an einem Tage auf
+ihrer Stube, wo sonst im ganzen Monat kaum zwei vorkamen, das sei
+unerhört! Ob man nicht zum Direktor gehen solle?</p>
+
+<p>Es ward schnell beschlossen und noch schneller ausgeführt, nur war der
+»Chef« gerade nicht da.</p>
+
+<p>Zum Bruder Lohmann wollte man nicht gehen, der war als ein sehr
+gründlicher Herr bekannt und hielt es auch stets mit den Lehrern. So
+ging man also zähneknirschend mit Bruder Abraham zum Fußballspiel.</p>
+
+<p>Nach der Sitte seiner vorigen Anstalt bestimmte der neue Autokrat
+kurzerhand selbst die Parteien, anstatt die Knaben wählen zu lassen.</p>
+
+<p>Buriet und einige andere protestierten abermals lebhaft, es half ihnen
+nichts; aber sie rächten sich beim Spiel.</p>
+
+<p>Sobald die findigen Bürschlein heraus hatten, daß der neue Lehrer
+schlecht spiele und kurzsichtig sei, tat man auf beiden Parteien ihm
+einen<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> Schabernack nach dem anderen an, bis die tückischen Pygmäen den
+blondbärtigen Riesen glücklich zu Falle brachten, und nun lachten sie
+ihn noch schallend aus.</p>
+
+<p>Bruder Abraham ärgerte sich auch richtig darüber und verwies seinen
+Untertanen mit entrüsteten Worten das ungezogene Gelächter. Als man
+ihm daraufhin so sorgfältig aus dem Wege ging, daß er dreimal mühelos
+gewinnen konnte, erklärte er die ganze Stube in »Stille« und ging
+erbost mit seiner schweigenden Verschwörerbande im Walde spazieren.</p>
+
+<p>Natürlich hatte Abraham keine Ahnung von den vielgewundenen Forstwegen,
+und, den absichtlich falschen Auskünften Buriets trauend, verlief er
+sich mit seiner Schar so gründlich, daß diese heimlich triumphierte.
+Infolgedessen kam man zum Vesper um eine gute halbe Stunde zu spät,
+so daß das aufwartende Schwabenmädle ganz gehörig schimpfte und Herr
+Schlegelmeyer, der Reihenchef, mit Vergnügen seinen ersten Anlaß nahm,
+dem neuen Kollegen großgünstig den Text zu lesen.</p>
+
+<p>In der folgenden Arbeitzeit ging der Kleinkrieg zwischen Bruder Abraham
+und seiner Stube lustig weiter.</p>
+
+<p>Obwohl von den Brüdern Lohmann wie Krumbholtz eingehend über die
+Besonderheiten der 4. Stube orientiert, setzte sich Bruder Abraham<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span>
+dennoch über einige Gewohnheiten weg, verbot andere, — kurz
+und gut, Buriet zieh ihn schließlich des größten Vergehens, des
+Majestätsverbrechens: nämlich gegen die geheiligten Hausregeln zu
+verstoßen. Nun war der Verfassungskonflikt da.</p>
+
+<p>Buriet drohte mit einer offiziellen Beschwerde und wagte, auf seinem
+guten Rechte fußend, jetzt sogar, Bruder Lohmann als entscheidende
+Instanz in Vorschlag zu bringen. Vergebens war jedoch alles, der neue
+Selbstherrscher aller Vierten ließ sich nicht aus dem autokratischen
+Konzept bringen, er verbot kurzerhand alles, auch den Weg zum »Chef«
+oder zum Mitdirektor.</p>
+
+<p>Da zischte Buriet, giftig wie eine getretene Viper, heraus: »<span class="antiqua">caporal
+prussien!</span>« und erhielt erstens eine Ohrfeige und zweitens ebenfalls
+die entehrende Platzstrafe. Heulend vor Wut gehorchte der gemaßregelte
+Senior zwar, aber er schwur Rache.</p>
+
+<p>Während des Abendessens holte er von der leeren Stube eine absichtlich
+vergessene Serviette und schnitt heimlich das Rohrgeflecht des
+Lehrerstuhles an.</p>
+
+<p>Die Katastrophe trat auch ganz nach Wunsch ein. Bruder Abraham
+hielt nach dem Essen eine ausführliche Ansprache, in der er nach 14
+wohlgeordneten Punkten die 4. Stube einer gründlichen<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> Reform an Haupt
+und Gliedern unterziehen wollte.</p>
+
+<p>Aber bei Punkt 7 — als er sich gerade recht gebieterisch zurücklegte
+— brach das Rohrgeflecht knisternd durch, und ein jubelndes Hallo
+begrub die stolze Reformrede.</p>
+
+<p>Nun kam natürlich erst eine neue furchtbare Standpauke, dann eine
+völlig ergebnislose Untersuchung; denn Buriet log, daß sich die Balken
+bogen, und endlich erfolgte eine große Strafarbeitzeit, in der Bruder
+Abraham diktierte, grimmig umherschreitend wie ein gereizter Tiger.</p>
+
+<p>Um 8 Uhr hatten die Vierten ins Bett zu gehen; aber um 9 Uhr, als
+schon die Ersten auf dem Schlafsaal erschienen, schrieben sie noch
+unverdrossen, wenn auch meistens Unsinn, da die kleinen zum Teil neuen
+Ausländer dem schwierigen und raschen Diktat weder mit dem Verstande
+noch mit der Feder folgen konnten.</p>
+
+<p>Da erschien wie ein zürnender Engel des Gerichts Herr Schlegelmeyer auf
+dem Plan und erklärte lakonisch mit der Uhr in der Hand: die Vierten
+hätten spätestens um einhalb neun Uhr auf dem Schlafsaal zu sein laut
+Hausordnung.</p>
+
+<p>Bruder Abraham erwiderte überlegen: das wisse er recht gut, es lägen
+jedoch gerade heute besondere Verhältnisse vor, die auch eine besondere
+Bestrafung nötig gemacht hätten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p>
+
+<p>Herr Schlegelmeyer sagte gelassen: »Strafen, die gegen die Hausordnung
+verstoßen, darf es bei uns nicht geben. Ich bitte Schluß zu machen.«</p>
+
+<p>Ärgerlich fuhr der neue Kollege los: »Das ist wohl meine Sache!« Aber
+mit unnachahmlicher Würde entgegnete ihm der Hannoveraner: »Sie irren,
+Herr Kollege. Die Wahrung der Hausordnung ist meine Sache, und ich
+bitte nochmals ihr nachzukommen, oder ich muß mich sofort zum Herrn
+Direktor bemühen.«</p>
+
+<p>Nun lenkte Bruder Abraham ein. Mit Direktoren schien er schlechte
+Erfahrungen gemacht zu haben, er war sich lieber selbst genug.</p>
+
+<p>Mit Haltung erklärte er also knurrend: es wäre gut, er würde jetzt
+schließen.</p>
+
+<p>Mit einer stummen, aber tadellosen Verneigung, die jedem
+Zeremonienmeister Ehre gemacht hätte, verabschiedete sich Schlegelmeyer
+und schritt steif und langsam hinaus wie die personifizierte
+Hausordnung selbst.</p>
+
+<p>Es wurde jedoch beinahe zehn Uhr, bis Bruder Abraham mit seiner
+renitenten Bubenschar auf dem Schlafsaal erscheinen konnte.</p>
+
+<p>Denn während des Riesendiktats war von dem allzu eifrigen Pädagogen
+allerlei menschlichen Bedürfnissen, die namentlich bei kleinen Kindern
+eine wichtige Rolle spielen, nicht Rechnung getragen worden. Und
+die jungen Revolutionäre benutzten<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> auch diese günstige Gelegenheit
+ausgiebig zu einer nunmehr recht aktiven Resistenz.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mit Bruder Abraham hatten in der Folgezeit nicht nur Herr
+Schlegelmeyer, sondern auch sein Spezialkollege Krumbholtz, der
+Mitdirektor, Bruder Lohmann, und der »Chef« ihren weidlichen Ärger.</p>
+
+<p>Die Vierten, die ihren neuen Herrn seit seiner mißglückten Programmrede
+nur »Punkt Sieben« nannten, setzten ihren Kleinkrieg mit einigem Erfolg
+und auch mit sichtlichem Vergnügen fort, im Geheimen unterstützt von
+den anderen Stuben und vor allem von der französischen und englischen
+Kolonie, die sich in diesem Falle sofort fanden wie Herodes und Pilatus.</p>
+
+<p>Schließlich wurde das ganze Haus ein bißchen rebellisch, besonders
+die von jeher dazu neigende zweite Stube, auf der nach Herkommen alle
+jene bedenklichen Elemente hausten, die, aus triftigen Gründen, der
+Vertrauensvorrechte der ersten Stube, die stets vorbildlich wirken
+sollte, nicht teilhaftig werden konnten.</p>
+
+<p>Der Strafstand der zweiten und vierten Stube stieg zusehends, so daß
+die Angelegenheit dem Direktor wichtig genug erschien, um auf einem der
+halbmonatlichen Konferenzteeabende besprochen zu werden.<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Ehe es aber
+dazu kam, passierte ein neuer Unglücksfall.</p>
+
+<p>Seit einiger Zeit bestand eine gewisse Spannung zwischen dem in Schul-
+und Aufsichtsachen nicht immer ganz korrekten »Chef« und dem überaus
+vorschriftmäßigen Lehrer der ersten Stube, Herrn Kratt, der sich bei
+aller Ruhe doch nur wenig bieten ließ.</p>
+
+<p>Zweimal hatte der Direktor, auf irgendwelche Bitten besuchender
+Verwandten hin, bestraften Knaben Urlaub erteilt, ohne — wie es
+üblich war — sich vorher mit dem betreffenden Stubenlehrer, in diesem
+Falle eben Herrn Kratt, ins Einvernehmen gesetzt zu haben. Jedesmal
+entschuldigte sich der »Chef« nachträglich mit großer Eile, und Bruder
+Lohmann, der sich mit Kratt besonders gut verstand, brachte die Sache
+wieder ins Geleise.</p>
+
+<p>Kratt erklärte jedoch kurz und bündig: noch einmal würde er sich eine
+solche Schädigung seiner Autorität nicht gefallen lassen.</p>
+
+<p>Und in der Tat, als Bruder Nitschke abermals über den Kopf Herrn
+Kratts hin einem Knaben Urlaub bewilligte, kündigte Herr Kratt wegen
+Verletzung seiner Standesehre, verzichtete kühl auf seinen Gehalt und
+fuhr noch am selben Abend nach Hause, zum tiefsten Leidwesen Bruder
+Lohmanns und der meisten Kollegen. Einige, wie Max und Moritz, waren
+sogar so aufgebracht,<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> daß sie ebenfalls kündigen wollten, freilich
+<span class="antiqua">rite</span> zum nächsten Quartal.</p>
+
+<p>Bruder Lohmann, der gerade auf ein ruhiges Semester für seine
+Rektorarbeiten gehofft hatte, geriet in die höchste Aufregung; denn
+auch die Knaben wurden aufsässig, da der schneidige und doch stets
+humorige Herr Kratt ungemein beliebt war. Vorerst sprang der brave
+Hinzelmann wieder ein, nachdem Max und Moritz sich energisch geweigert
+hatten, Kratts Stelle einzunehmen.</p>
+
+<p>Dem nächsten Konferenzteeabend, auf dem die ganzen Aufsichtverhältnisse
+neu geregelt werden sollten, sahen die Lehrer infolgedessen mit größter
+Spannung, die beiden Direktoren mit einigem Bangen entgegen. Da auch
+die Affäre Abraham behandelt werden mußte, wurde diesem taktvoll
+die Schlafsaalwache übertragen, was freilich — wie sich später
+herausstellte, Anlaß zu einem solennen Schlafsaalulk gab, den nur die
+Energie der Mutter Frutsch zu dämpfen vermochte. Daraufhin schlug der
+ausgelassene Moritz später vor, sie zur Ehrenkollegin zu ernennen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Unterdessen tagte die große Sitzung der Kollegenschaft im Zimmer
+des »Chefs«, der an diesem Abend eine besonders gute Torte und
+ganz ausgezeichnete Zigarren hingestellt hatte, was das grollende<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span>
+Dioskurenpaar Max und Moritz von vornherein einigermaßen besänftigte.</p>
+
+<p>Auch eine kluge, vornehme Rede des Direktors, der ruhig und offen
+seine Ungeschicklichkeit im Falle Kratt zugab und sie sehr überzeugend
+bedauerte, wirkte versöhnend.</p>
+
+<p>Dann sprach L<sup>3</sup> und beseitigte mit seiner milden, menschlichen
+Auffassung der ganzen Vorkommnisse auch den letzten Groll, und so
+konnte ruhig an die Beratung der Neubesetzung der Stuben herangetreten
+werden.</p>
+
+<p>Herr Schlegelmeyer beklagte sich zunächst bitter über den widerhaarigen
+Bruder Abraham und bat, ihn womöglich aus seiner Reihe zu entfernen.</p>
+
+<p>Bruder Lohmann meinte, es wäre jedenfalls angebracht, den neuen
+Kollegen Abraham von der vierten Stube, wo er sich nahezu unmöglich
+gemacht habe, fortzunehmen, und ihn am besten auf die dritte Stube,
+die zurzeit leichteste und ruhigste, zu versetzen, etwa im Tausch mit
+Bruder Behring. Dort wären ja die alten Triarier Schnäbeles mit Ronald
+Hooper an der Spitze; die seien ungefährlich, wenn man ihnen nicht zu
+viel dreinrede, und das werde er dem Kollegen nun mit aller Energie
+nahelegen.</p>
+
+<p>Als bei dem Worte »Energie« die bösen Buben anzüglich lächelten, da
+sie dem gutmütigen L<sup>3</sup> darin nicht allzuviel zutrauten, erklärte der
+»Chef«<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> plötzlich mit verblüffender Schärfe: »Nun, meine Herren, zur
+Not bin ich auch noch da. Ich werde den schweren Schaden, den Bruder
+Abraham auch hier anrichtet, sofort an die Behörde melden, wenn er
+nicht einlenkt.«</p>
+
+<p>Der boshafte Moritz schmunzelte abermals heimlich und dachte bei sich:
+Ob der Direx den Fall Kratt wohl auch meldet?</p>
+
+<p>Mitten aus diesen respektlosen Erwägungen riß Herrn Knortz jedoch
+die äußerst verbindliche Anfrage des »Chefs«: ob er nicht die
+gewiß verantwortungsreiche, aber auch ehrenvolle Stelle des ersten
+Stubenlehrers einnehmen wolle, mit der überdies eine kleine
+Gehaltzulage verbunden sein sollte.</p>
+
+<p>Der böse Moritz, der jedoch ein sehr guter Rechner war, konnte nun
+nicht nein sagen. Und damit war eine weitere Schwierigkeit beseitigt.</p>
+
+<p>Alsbald kam die heikelste Frage zur Verhandlung, nämlich die der
+Neubesetzung von 2 und 4, den beiden kritischen Stubengesellschaften.
+Auf Nummer zwei ging von jeher kein Lehrer gern. Ehre war da nicht
+zu holen. Auch Moritz, ein gewiß ruhiger und sicherlich energischer
+Lehrer, hatte seine Mühe gehabt, zumal der Kollege Teuchert es an
+konsequenter Unterstützung oft fehlen ließ. Der letztere schien selbst
+das Gefühl zu haben, der Situation nicht ganz gewachsen zu sein,
+vollends jetzt<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> nach Abgang des von den Zweiten immerhin gefürchteten
+Herrn Knortz, und so regte er schüchtern an, ob er nicht die 4. Stube
+erhalten könne.</p>
+
+<p>Ein freundliches Gelächter bedeutete ihm, daß man den Vorsichtigen
+durchschaut habe, und so meinte er denn klug: er wolle schon bleiben,
+wenn er nur wieder einen energischen Kollegen bekäme.</p>
+
+<p>Da fragte der Chef Herrn Knortz abermals auffallend freundlich (er
+schien doch wohl von dessen Kündigungsabsichten Wind bekommen zu
+haben), wen er, als erster Sachverständiger, für den schwierigen Posten
+seines Nachfolgers vorschlagen könne.</p>
+
+<p>Mit größter Seelenruhe erwiderte Karl Knortz: seiner Meinung nach
+könnten im Hause jetzt nur zwei Lehrer mit den Zweiten fertig werden,
+und das wären Bruder Hinzelmann, der leider nicht mehr in Frage käme,
+und Bruder Krumbholtz.</p>
+
+<p>Kaspar lachte erschrocken auf, und ein leises: »Nee bitte« fuhr ihm
+unwillkürlich heraus; dann fügte er lauter hinzu: »Ich wünschte sehr,
+bei meinen Vierten bleiben zu dürfen. Es ist mir Ehrensache, nun nach
+Bruder Abrahams Fortgang den alten soliden Status Schnäbele wieder
+herzustellen. Ich denke mit Bruder Behring trefflich zu fahren.«</p>
+
+<p>Dieser verneigte sich geschmeichelt, und alles lachte abermals.</p>
+
+<p>Die Heiterkeit stieg noch, als weiterhin Herr<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> Muffke wie Bruder
+Behring die Übernahme der zweiten Stube mit Dank ablehnten, so daß L<sup>3</sup>
+mit Humor Einspruch erhob und erklärte: »Na, so schlimm ist die Stube
+doch auch nicht, daß wir sie hier ausbieten müssen wie sauer Bier!«</p>
+
+<p>Der böse Moritz blies jedoch gewaltige Rauchwolken vor sich hin und
+brummte grimmig: »Na, regiert will sie schon sein, die Rasselbande.«</p>
+
+<p>Darauf erhob sich der »Chef« zu seiner ganzen Länge und fragte noch
+einmal launig an: »Aber meine verehrten Herren, soll ich denn wie der
+König im Taucher stöhnen: Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp? Lieber
+Kollege Krumbholtz, Sie sind ja ein Mann, den schwere Aufgaben locken!
+Sie sind — was doch hier auch etwas, ja viel zu bedeuten hat —
+zurzeit unser bester Turner und Fußballspieler! Also wollen Sie nicht
+dem ehrenvollen Rufe unserer sachkundigen Stelle, des Herrn Knortz,
+folgen und Nummer zwei übernehmen?«</p>
+
+<p>Kaspar beugte sich ein wenig vor und sagte ruhig: »Wenn Not am Mann
+ist, Herr Direktor, brauchen Sie mich nicht zu bitten. Ich gehe auf die
+zweite Stube, bitte nur meinerseits für die erste Zeit um etwas längere
+Zügel.«</p>
+
+<p>»Hoho — pardon,« fiel Moritz ein, »kürzere — oder Kandare, wollen Sie
+sagen.«</p>
+
+<p>»Möglich — später vielleicht — doch, wer weiß?« erwiderte Kaspar
+nachdenklich, wie ein<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> Mann, der seinen Plan faßt, »erst will ichs
+anders probieren.«</p>
+
+<p>»Ich meine auch,« bestätigte L<sup>3</sup> wohlwollend, »Bruder Krumbholtz
+versucht es zuerst mal wie auf 4 mit Ruhe und Güte.«</p>
+
+<p>»Ruhe und ob!« versetzte Moritz nochmals schroff, »aber Güte, nee!
+Damit is bei die Jesellschaft nischt zu wollen. Lieber man feste eene
+rinjepfeffert.«</p>
+
+<p>Einige lachten, nur Herr Schlegelmeyer machte ein höchst indigniertes
+Gesicht, ob über des neuen Stubenkollegen Sprache oder über seine
+Erziehungsgrundsätze, war nicht zu ersehen.</p>
+
+<p>Auch der »Chef« sagte, wesentlich kühler als vorher, zu dem allzu
+temperamentvollen Mecklenburger: »Sie wissen, lieber Herr Kollege
+Knortz, daß jedes Schlagen in unserem Hause strengstens zu vermeiden
+ist. Erst jetzt habe ich wieder durch die Ohrfeige Bruder Abrahams die
+allergrößten Unannehmlichkeiten gehabt. Um ein Haar hätte Monsieur
+Buriet seinen Sohn deswegen fortgenommen. Also bitte, meine Herren,
+vermeiden Sie alle doch dergleichen unpädagogische Gewaltmaßregeln.«</p>
+
+<p>Mit der Übernahme der vierten Stube durch Bruder Behring und Herrn
+Vogel, der plötzlich Lust und Mut zum Aufsichtdienst bekommen hatte,
+endete die Konferenz zu allgemeiner Zufriedenheit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p>
+
+<p>Nur Herr Schlegelmeyer knurrte noch einige Tage, weil der »widerhaarige
+Kollege Abraham« doch in seiner Reihe verblieben sei.</p>
+
+<p>Der niederträchtige Moritz meinte gerade heraus: »Sein Sie doch
+man lieber froh, Schlegelmeyer, daß Sie jemand zum Zwiebeln haben.
+Schnäbele ist fort, und ohne ein bißchen gesunden Ärger ist Ihnen ja
+doch nicht wohl.«</p>
+
+<p>Schlegelmeyer schnitt daraufhin den Stubenkollegen für einige Tage, was
+jedoch auf Karl Knortz nicht den geringsten Eindruck machte.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mit großer Vorsicht ging Kaspar Krumbholtz daran, den allerdings
+ziemlich unbotmäßigen Geist seiner neuen Stubengesellschaft zu bändigen
+und zu wandeln.</p>
+
+<p>Einige Knaben, so den recht tüchtigen englischen Senior Hopkins, den
+verständigen Nordfranzosen Lagrange, die beiden treuherzigen Schweden
+Olafsen und Astrupp, kannte er vom Geschichtsunterricht her als gute
+Schüler und anständige Charaktere. An sie suchte er sich zu halten
+und sich aus ihnen gleichsam die Kerntruppe für seine Heeresreform zu
+bilden. Rasch gewann er sie auch, indem er ihrem Ehrgeiz neue Ziele
+setzte.</p>
+
+<p>Sodann studierte Kaspar Krumbholtz sehr eingehend das Strafbuch, das
+allerdings beängstigend<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> aussah, ja kaum noch vier oder fünf Knaben als
+unbestraft erkennen ließ. Immerhin ergab sich, daß auf zwei Zöglinge
+nahezu die Hälfte aller Strafen gekommen war.</p>
+
+<p>Es waren Burton, ein durchtriebener Londoner Gamin, der aus sehr
+guter Familie war und daher leider bei den Engländern etwas galt, und
+Palmier, der im ganzen Hause längst berüchtigte und auch von seinen
+Landsleuten gemiedene Sohn eines Genfer Weltreisenden und Millionärs,
+der sich wohl niemals um seinen Sohn recht gekümmert hatte.</p>
+
+<p>An diesen beiden Burschen schien allerdings Hopfen und Malz verloren zu
+sein; aber gerade darum lockte es Kaspar ungemein, Einfluß auf sie zu
+gewinnen. Zunächst gab er sich einmal fast jeden Tag, an dem er Dienst
+hatte, mit ihnen persönlich ab.</p>
+
+<p>Das schmeichelte dem Genfer, der bisher bei seinen Kameraden und
+Lehrern so ziemlich für »unten durch« galt, und so gewährte er dem
+neuen Lehrer, wie er sich prahlerisch einmal ausdrückte, »vorläufig
+Schonzeit«. Bald hatte auch Bruder Krumbholtz ermittelt, daß Palmier
+recht gut zeichnen konnte, und zwar durch eine nicht üble Karikatur auf
+sich selbst, wie er als Mister Kobolz durch einen Fußtritt von Hopkins
+zur zweiten Stube herausflog.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p>
+
+<p>Kaspar sagte mit ruhiger Würde, wenn die Karikatur nicht ihn selbst,
+sondern etwa einen seiner Kollegen betroffen hätte, so hätte er Palmier
+strafen müssen; so könne er nur gestehen, daß sie ihm Spaß mache, so
+daß er sie sich zum Andenken aufheben würde. Nur müsse er bemerken, daß
+der Fuß von Hopkins völlig verzeichnet sei.</p>
+
+<p>»Wieso?« fragte Palmier völlig verblüfft.</p>
+
+<p>Bruder Krumbholtz skizzierte ihm sofort die richtige Haltung des Beins
+und demonstrierte ihm an sich als Modell die beabsichtigte Haltung.</p>
+
+<p>Palmier gab es schließlich zu und zeichnete einstweilen allerhand
+andere Dinge, dann aber wieder eine Karikatur, diesmal von Bruder
+Abraham, wie er bei Punkt sieben durch das Rohrgeflecht brach.</p>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz fand die neue Arbeit sehr viel besser als die
+erste, steckte sie sich auch lächelnd ein, und verhängte zugleich mit
+Seelenruhe die erste Platzstrafe über den Zeichner.</p>
+
+<p>Alles lachte, und Palmier fühlte sich durchaus nicht so als Herr der
+Situation, wie er es wohl erhofft hatte.</p>
+
+<p>Nach ungewöhnlich kurzer Zeit hob Bruder Krumbholtz die Strafe auf und
+fragte den Sträfling ruhig: Was er eigentlich daran für ein Vergnügen
+fände, Bestrafungen zu erzwingen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p>
+
+<p>Kaltblütig antwortete Palmier: »Ich wollte nur sehen, ob Sie Wort
+halten.«</p>
+
+<p>»Das glaube ich dir nicht,« meinte Krumbholtz ebenso kühl, »sondern du
+wolltest mich aus Laune mal wieder ärgern. Es ist dir nicht gelungen,
+bist du nun befriedigt?«</p>
+
+<p>»Es wird mir schon noch gelingen,« versetzte Palmier tückisch.</p>
+
+<p>»Schwerlich,« gab Krumbholtz ruhig zurück, »denn sieh mal, wenn du
+deine Streiche fortsetzt, dann strafe ich dich überhaupt nicht mehr,
+lasse dich links liegen, bis du reif bist, um aus der Anstalt entfernt
+zu werden.«</p>
+
+<p>»Darauf werde ich es aber nicht ankommen lassen.«</p>
+
+<p>»Schön, freut mich, Palmier. Wozu dann die viele Mühe? Willst du
+deines Witzes Kräfte mit mir messen, bitte, so bin ich gern bereit,
+und du weißt, daß ich Spaß verstehe. Willst du indes nur dein Mütchen
+an mir kühlen, um vor den Kameraden wenigstens den letzten traurigen
+Ruhm zu ernten, ein Hauptkerl in Bosheiten zu sein — nun dann hast du
+eben in mir auch den letzten Menschen im Hause verloren, der dir ganz
+unbefangen ein starkes Interesse entgegenbringt.«</p>
+
+<p>»Warum tun Sie das? Doch nur aus Ehrgeiz, um mich zu bändigen.«</p>
+
+<p>»Durchaus nicht, sondern teils aus psychologischen,<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> teils aus rein
+menschlichen Gründen. Ich weiß, Palmier, daß du nur aus einer gewissen
+Verzweiflung, aus einem ängstlichen Vereinsamungsgefühl heraus dein
+Dasein mit dergleichen leeren, bisweilen schlechten Vergnügungen
+erfüllst, um irgendwie Aufsehen zu erregen.«</p>
+
+<p>»Woher wissen Sie das?«</p>
+
+<p>»Ich kann es nicht mathematisch beweisen, aber ich lese es aus den
+letzten Beweggründen der meisten deiner sogenannten Streiche, lese es
+aus deinem ganzen fahrigen, unsteten Wesen, deinem unsicheren Blick und
+allerlei anderen Anzeichen, die ich dir nicht unnötig verraten möchte,
+da ich dich weiter aufmerksam zu beobachten gedenke.«</p>
+
+<p>»Das wünsche ich nicht,« fuhr nun Palmier unruhig auf, »lassen Sie mich
+in Ruhe.«</p>
+
+<p>»Gern, mein Lieber, also schließen wir gegenseitig Frieden, und suchen
+wir gute Kameraden zu werden. Ich glaube, wir könnten uns mit der Zeit
+doch noch einiges austragen.«</p>
+
+<p>»Was soll ich Ihnen austragen? Sie verabscheuen mich ebenso im geheimen
+wie alle die anderen.«</p>
+
+<p>»Das bildest du dir eben ein, Palmier. Ich halte dich allerdings hier
+auf der zweiten Stube nicht gerade für ein bequemes Element; immerhin
+— ich halte dich zugleich für einen klugen, scharf beobachtenden und
+künstlerisch begabten Burschen,<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> der mir an anderer Stelle freilich
+lieber wäre, das sage ich ganz offen. Aber, mein Lieber, wenn du
+Lehrer wärst, würdest du dich wahrscheinlich auch nicht nur für die
+sogenannten Goldjungen interessieren, sondern vielleicht ebenfalls
+finden, daß die sogenannten Lausbuben meist sehr viel interessanter
+sind; man muß sie nur nicht tragisch nehmen. Also, <span class="antiqua">mon cher</span> —
+wollen wir uns vertragen? Zunächst mal auf vierzehn Tage zur Probe!
+Ists dir dann zu langweilig, kannst du mir den Waffenstillstand ja
+kündigen.«</p>
+
+<p>Palmier ergriff die dargebotene Hand, und nach und nach bildete sich
+aus der bisherigen Gegnerschaft wirklich eine Art von Freundschaft
+heraus.</p>
+
+<p>Sie war nicht ohne gelegentliche Störungen und mutete oft seltsam
+grotesk an — zum Beispiel in den scharfgeschliffenen Disputen — aber
+sie hielt nicht nur für Tramberg, sondern schließlich fürs Leben.</p>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz wurde mit der Zeit das für Palmier, was dessen Vater
+ihm — wohl aus Bequemlichkeit — nicht hatte sein wollen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auch dem anderen schwarzen Schaf, Burton, suchte der neue Lehrer der
+zweiten Stube beizukommen; aber bei dem Engländer galt es völlig anders
+vorzugehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p>
+
+<p>Burton war weder eine Intelligenz, noch eine im Grunde überfeine und
+nur durch falsche Behandlung arg verhärtete Natur wie der Genfer
+Bankierssohn; nein, er war ein derber Großstadtlümmel mit einem
+ungeschlachten Witz und großer Frechheit.</p>
+
+<p>Sein Erstes war es, danach zu trachten, mit einigen Helfern »Mr.
+Kobolz« beim Fußball über den Haufen zu rennen, aber das glückte
+nicht. Im Gegenteil, Kaspar Krumbholtz, der sich ebenso rasch die zwei
+getreuen Schweden zu Hilfe gerufen hatte, brachte Burton und seine
+Spießgesellen zu Fall; ja, Burton bekam von Olafsen einen Tritt ans
+Schienbein, an den er lange mit wenig Vergnügen dachte.</p>
+
+<p>Nun schwor er Rache und tat alles, um womöglich die ganze englische
+Kolonie gegen »Mr. Kobolz« aufzuhetzen. Er streute aus, Kobolz hasse
+die Engländer noch mehr als Herr Muffke; er freunde sich mit Franzosen
+und Genfern, sogar mit dem verrufenen Palmier an; ja, er bilde sich
+eine geheime Schutztruppe aus den Schweden, mit denen der sportfrohe
+Kaspar allerdings gern Schneeschuh lief.</p>
+
+<p>Zunächst fiel Burton mit seinen Verleumdungen bei den vornehmeren
+Engländern ab, indessen — <span class="antiqua">semper aliquid haeret</span>!</p>
+
+<p>Man beobachtete »Mr. Kobolz« nun daraufhin,<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> und man fand, daß er sich
+allerdings mit Lagrange, Olafsen, Astrupp und leider auch Palmier
+besonders viel abgebe. Dazu kam ein viel schlimmeres Vergehen gegen die
+britische Hegemonie und das heilige Nationalgefühl der Söhne Albions.</p>
+
+<p>Im Geschichtsunterricht der obersten Klasse hatte Bruder Krumbholtz
+die Freiheitskriege zu behandeln und schließlich auch die Schlacht bei
+Belle Alliance. Schon daß er sie nicht nach Waterloo benannte, war
+reichlich verdächtig. Als er dann noch von Wellingtons Fehlern, von
+seinem Entschluß und Befehl zum Rückzug sprach und schließlich gar
+nachwies, daß nur ein verschwindend kleiner Teil richtiger Engländer in
+der Schlacht mitgefochten habe, und daß jedenfalls die Palme des Sieges
+nicht in erster Linie Wellingtons bekannter Hartnäckigkeit, sondern
+Gneisenaus Feldherrntalent und Blüchers Energie und Charaktergröße
+gebühre, da beschloß das englische Sonntagnachmittags-Meeting
+einstimmig, »Mr. Kobolz« zu schneiden.</p>
+
+<p>Nun begann Burtons Weizen zu blühen. Er inszenierte sofort einen rohen
+Streich, band während des Abendsegens heimlich die Schlafrockschnüre
+von Palmier und Olafsen zusammen, so daß beim Gutenachtsagen der
+vom forteilenden Palmier plötzlich nach hinten gerissene Schwede
+hinstürzte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p>
+
+<p>Bruder Krumbholtz rief die ganze Gesellschaft zusammen und sagte:
+Er wolle keine große Untersuchung anstellen, er wolle nur darauf
+aufmerksam machen, daß es taktlos sei, gerade eine religiöse Andacht zu
+dummen Gassenbubenstreichen zu benutzen.</p>
+
+<p>Burton ärgerte sich; er hatte natürlich auf ein ausführliches
+Gesamtverhör gerechnet und sich schon auf ein handfestes Ausreden mit
+der beliebten jesuitischen Wortklauberei, einem Sport vieler englischer
+Knaben, gefreut.</p>
+
+<p>Am übernächsten Abend ward der plumpe Streich an zwei anderen
+unschuldigen Opfern wiederholt.</p>
+
+<p>Diesmal fragte Bruder Krumbholtz nach dem Täter, freilich vergeblich.
+Kurzerhand erklärte er nun den Betreffenden für einen Feigling, der
+ihn eigentlich nichts anginge, da er es mit vielleicht übermütigen,
+aber nur ehrenhaften und mutigen Jungen zu tun haben wolle. Im übrigen
+habe er sehr begründeten Verdacht, daß der Täter einer Nation angehöre,
+die sonst gerade ungemein empfindlich sei, wenn man ihren religiösen
+Bräuchen, zum Beispiel in der Sonntagheiligung, irgendwie zu nahe trete.</p>
+
+<p>»Ich bitte mir,« schloß Bruder Krumbholtz, »dieselbe Rücksicht aus für
+unsere religiösen Gewohnheiten und mache kein Hehl daraus, daß<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> ich
+bei einer abermaligen Störung des Abendsegens dem taktlosen Burschen,
+wenn ich ihn ermittle, das geben werde, was ihm gebührt, nämlich eine
+Ohrfeige.«</p>
+
+<p>Nun war allerdings der Stolz Old Englands tief verletzt. Eine Ohrfeige
+auf den oberen Stuben auch nur anzudrohen, war etwas Unerhörtes, und
+vollends für einen Englishman! Empörend!</p>
+
+<p>Ein Stubenmeeting tagte sofort heimlich und beschloß folgendes:
+Hopkins, der Senior, also ein nahezu Unverletzlicher, solle beim
+nächsten Abendsegen des Mr. Kobolz brummen oder grunzen. Dann wolle man
+doch sehen, ob er zuschlagen würde.</p>
+
+<p>Hopkins weigerte sich lange, fügte sich aber schließlich aus
+Nationalgefühl und spielte auch wirklich die ihm aufgedrungene Rolle am
+übernächsten Abend.</p>
+
+<p>Bruder Krumbholtz rief ihn vor und sagte sehr ernst: »Hopkins, du
+bist sonst ein anständiger Kerl, du hast dich wahrscheinlich nur als
+Opfer mißbrauchen lassen. Ich werde dich weder strafen noch züchtigen.
+Aber ich fordere nochmals den feigen Gesellen, der dahinter steckt,
+auf, sich zu melden. Ich bin sogar bereit, dem mutlosen Burschen die
+angedrohte Strafe zu schenken, er kann sich, nur mit meiner Verachtung
+beladen, davonschleichen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p>
+
+<p>Keiner meldete sich, und ohne den Knaben Gute Nacht zu sagen, schickte
+Bruder Krumbholtz seine Zweiten zu Bett.</p>
+
+<p>Er war selber verstimmt und auch erregt, denn er merkte gar wohl: es
+handle sich nunmehr um die Behauptung seiner Autorität.</p>
+
+<p>Wieder tagte das Stubenmeeting, und Burton meinte stolz: Nun sähe man
+doch klar und deutlich, daß der »Prahlhans Kobolz« Angst habe. Jetzt
+könne man ihn endlich schmählich blamieren und vielleicht ganz los
+werden, den unbequemen Tugendbeutel.</p>
+
+<p>Hopkins war anderer Meinung und riet dringend von weiteren Schritten
+ab, er mache jedenfalls nicht mehr mit. Man wurde diesmal nicht einig
+und brachte, da gerade Samstag war, die ganze Angelegenheit vor das
+große Sonntagnachmittagmeeting der gesamten englischen Kolonie.</p>
+
+<p>Auch hier war man geteilter Meinung. Die Häupter der Ersten fanden es
+höchst unpassend von Burton, den Abendsegen für seine Streiche gewählt
+zu haben; anderseits konnte man die angedrohte Ohrfeige auch nicht auf
+sich sitzen lassen; endlich mußte Rache für Waterloo genommen werden.</p>
+
+<p>Und so ward Burton beauftragt, selber die Sache siegreich auszutragen.
+Er würde vielleicht ausgeschlossen werden auf Nr. 13 — mehr könne<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> ihm
+nicht passieren. Zuschlagen werde Mr. Kobolz doch nicht.</p>
+
+<p>Burton fügte sich knirschend, so ganz gemütlich war ihm der Handel
+nicht. Dieser Kobolz war ein merkwürdiger Kerl, und ganz zu verachten
+waren seine Kräfte auch nicht. Auf der Stube war wohl keiner ihm
+gewachsen, höchstens Hurlington, ein riesiger, etwas plumper Waliser
+mit wahren Bärentatzen, der beste Gawlkeeper der Anstalt. Wegen seiner
+Dummheit konnte er nicht auf die erste Stube kommen, denn er saß noch
+in der untersten Klasse und erfreute sich keiner großen Achtung, galt
+aber für einen guten Kerl.</p>
+
+<p>An ihn machte sich nun Burton heran und brachte ihn schließlich dazu,
+beim übernächsten Abendsegen den Kampf zu wagen. Schlüge Kobolz — so
+orientierte Burton seinen Ersatzmann — so solle er nur ruhig wieder
+schlagen, denn mit Kobolz würde er, der baumstarke Hurlington, schon
+fertig.</p>
+
+<p>Der Waliser fühlte sich sehr geschmeichelt und brummte richtig während
+des Abendsegens wie ein Bär.</p>
+
+<p>Ruhig las Kaspar Krumbholtz seinen kurzen Psalm zu Ende, und schon
+triumphierten Burton und seine Kumpane. Dann aber trat Kaspar im Nu vor
+den überraschten Hurlington und schlug<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> ihn zu Boden. Unbeholfen, nicht
+unähnlich dem Tier, das er nachgeahmt hatte, erhob sich der Waliser vom
+Boden und hielt die Fäuste geballt, wie zum Boxkampf entschlossen, vor
+sich. Scharf und ebenso entschlossen sah ihm Kaspar Krumbholtz in die
+Augen.</p>
+
+<p>Zwei Sekunden standen sich beide unter atemraubender Spannung
+gegenüber, dann neigte sich der Sohn der Waliser Berge achtungsvoll vor
+seinem Erzieher und sagte kurz: »Oh, Mister Kromboltz, Sie haben Mut,
+<span class="antiqua">I beg your pardon</span>.«</p>
+
+<p>Dann schlich die zweite Stube die Treppe hinauf zum Schlafsaal und
+legte sich mäuschenstill schlafen, während Kaspar Krumbholtz zu Bruder
+Lohmann ging und ihm von der notwendig gewordenen Ohrfeige Meldung
+erstattete, wie es die Hausordnung vorschrieb.</p>
+
+<p>L<sup>3</sup> lächelte, gratulierte dem mutigen Kollegen und sagte: »Bravo, diese
+Ausnahme lasse ich gelten, ich denke, jetzt sind Sie dicke durch auf
+2. Wie ich die Engländer kenne, ist die Sache nun erledigt. Ich will
+daher den lieben Chef nicht erst unnötig durch Weitergabe der Meldung
+aufregen. Er versteht dergleichen nicht richtig.«</p>
+
+<p>Für die Engländer war die Sache freilich noch nicht ganz erledigt.</p>
+
+<p>Auf dem nächsten Sonntagmeeting wurde Burton öffentlich für einen
+Feigling erklärt und<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> ließ sich daraufhin baldigst von seinem Vormund
+abmelden.</p>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz hatte von nun an keine größeren Schwierigkeiten mehr
+auf seiner 2. Stube — dank der pädagogischen Ohrfeige.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Abschiedsbriefe</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Über Jahr und Tag war Kaspar Krumbholtz nun schon in der Tramberger
+Anstalt, aber noch immer war er sich darüber nicht klar, ob er Lehrer
+im Dienste der Brüder-Unität bleiben wolle oder nicht.</p>
+
+<p>Erzieher war er nachgerade mit ehrlicher Begeisterung, aber als Lehrer
+fühlte er sich nicht so ganz am richtigen Platze.</p>
+
+<p>Die Tramberger Anstalt war in erster Linie Ausländer- und
+Privatinstitut und nahm als solches in bezug auf staatliche Anerkennung
+wie auf Lehrplan eine Ausnahmestellung ein. Erziehen konnte man dort
+vorzüglich lernen, denn das Erziehungsmaterial war interessant und oft
+schwierig. Aber ein angehender Berufslehrer, der an die Sicherstellung
+seiner Zukunft zu denken hatte, kam in Tramberg nicht ganz auf seine
+Kosten.</p>
+
+<p>Das empfand Kaspar nach und nach immer deutlicher. Mit der Theologie
+hatte er abgeschlossen, mit seiner unfertigen Vorbildung konnte
+er<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> wohl im schwäbischen Tramberg, nicht aber an den brüderischen
+Hauptschulen, die unter preußischer Staatskontrolle standen, Dienste
+tun.</p>
+
+<p>Er sprach die Angelegenheit mit dem einsichtigen Bruder Lohmann
+gründlich durch und schrieb dann auf dessen Rat an die Unitätbehörde.</p>
+
+<p>Bruder Bauding schrieb umgehend zurück: die Sache wolle ausführlich
+erörtert sein; augenblicklich nähme jedoch die Vorbereitung der Synode
+seine Zeit völlig in Anspruch, auch stünden die großen Ferien vor der
+Tür. Vielleicht ließe es sich ermöglichen, daß Kaspar dann persönlich
+nach Herrnhut käme. Bis dahin solle er sich ernstlich prüfen, ob er
+dauernd der Gemeine dienen wolle oder nicht; er wisse ja nunmehr, was
+zu diesem Entschluß nötig sei.</p>
+
+<p>Kaspar schüttelte ärgerlich den Kopf, denn das wußte er eben nicht, und
+in wenigen Wochen würde er das ebensowenig wissen.</p>
+
+<p>Er zeigte den Brief L<sup>3</sup>, und dieser meinte lächelnd: »Keine Angst,
+lieber Kollege; Bauding ist kein Balzar, aber vor der Synode sind die
+Herren da oben etwas vorsichtig. Die Lehr- und Bekenntnisfrage steht
+wieder mal auf der Tagesordnung, und gegen uns jüngere Theologen ist
+man nachgerade ziemlich aufgebracht in den Laienkreisen.«</p>
+
+<p>»Ach was — Theologie hin, Theologie her,«<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> entgegnete Kaspar rasch,
+»für mich ist das Entscheidende: Wollen die Unitäter mich glauben
+lassen, was ich glauben <em class="gesperrt">muß</em>, oder verlangen sie von mir, daß
+ich glauben soll, was sie glauben. Dann sind wir sofort geschiedene
+Leute. Ich stehe freilich schon jetzt nicht mehr auf dem Standpunkt,
+auf dem ich vor etwa zwei Jahren in Gotteshaag stand, und bin mir einer
+leisen Fortentwickelung froh bewußt. Ich bin ruhiger geworden durch
+befriedigende Arbeit und eine fast unmerkliche Spur von Gottes geheimem
+Walten in meinem Leben. Ich will auch gern weiter warten und lauschen,
+was er mich hier und da hören läßt. Aber den Vätern etwa vorlügen,
+ich hätte ein gemeinmäßiges, persönliches Christentum pietistischer
+Observanz — dazu bin ich nicht der Mann, weder heute, noch in vierzehn
+Tagen, noch in zehn Jahren.«</p>
+
+<p>»Nur nicht so hitzig, junger Freund,« begütigte der Mitdirektor,
+»wie ich die Leute kenne, wird dich keiner <span class="antiqua">verbotenus</span> auf die
+Augustana festlegen oder dergleichen Exerzitien üben. Aber für viel
+schwieriger halte ich, die andere Frage zu beantworten betreffs deiner
+Verwendbarkeit. Du müßtest entweder nach Gotteshaag zurück —«</p>
+
+<p>»Niemals —«</p>
+
+<p>»Oder sie müssen dir ein neues Stipendium bewilligen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p>
+
+<p>»Danke, das will ich auch nicht mehr — nur keine Fesseln mehr!«</p>
+
+<p>»Dann mußt du eben den Mittelschullehrer bauen wie ich — Gott seis
+geklagt — den Rektor.«</p>
+
+<p>Kaspar lachte, denn der umfängliche L<sup>3</sup> stöhnte bei diesen Worten
+schwer auf.</p>
+
+<p>Darauf fragte er, um von dem Bruder Lohmann vielleicht peinlichen
+Gesprächsthema abzulenken: »Und wie wirds mit dem Dienen?«</p>
+
+<p>»Zeit wirds!« antwortete L<sup>3</sup> prompt, »das würde ich auf alle
+Fälle schleunigst erledigen. Und dazu würde ich die übliche
+Unterstützungssumme unbedenklich annehmen, vollends als Missionskind
+und Waise.«</p>
+
+<p>»Meinst du?« erwiderte Kaspar nachdenklich, »wenn es sich irgendwie
+vermeiden läßt, vermeide ich weiter, abhängig zu werden.«</p>
+
+<p>»Wird sich wohl nicht anders machen lassen, Lieber,« erklärte der
+Mitdirektor ruhig, »na — und wenn alle Stricke reißen —«</p>
+
+<p>»Melde dich auf die Mission, wolltest du wohl sagen,« unterbrach ihn
+Kaspar. »Nee, mein Lieber, auf diese <span class="antiqua">ultima ratio</span> so vieler
+ratloser Gemeinexistenzen verzichte ich. Ich will mir meinen Weg
+schon bahnen, so oder so! Königseinjähriger oder zwei Jahre dienen,
+meinetwegen — ich halts aus. Dann vielleicht als Lehrer ins Ausland
+und nachher mit eigenen Mitteln ein neues<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> Studium beginnen! So sehe
+ich den Weg, wenn ich der Unität nicht positiv genug bin. Und damit
+<span class="antiqua">addio, caro mio</span>!«</p>
+
+<p>Rasch ging Kaspar davon, und bewundernd, fast neidisch sah der gute L<sup>3</sup>
+dem jungen Kollegen nach.</p>
+
+<p>»Ja, ja —« brummte er lächelnd, »der hätte seinen Rektor wohl
+schneller gebaut als ich alter Esel, <span class="antiqua">docendo discimus</span>.«</p>
+
+<p>Tags darauf fuhr Kaspar Krumbholtz nach Stuttgart zur Untersuchung
+durch einen Stabsarzt. Er wurde ohne weiteres für tauglich zum
+Militärdienst befunden und teilte seine feste Absicht, demnächst die
+Anstalt zu verlassen, dem davon wenig erbauten »Chef« mit.</p>
+
+<p>Lehrerwechsel ist keinem Schuldirektor angenehm, dem Chef der
+Tramberger Anstalt kostete jedoch ein solcher Vorgang stets viele
+schlaflose Nächte; denn nur wenige Lehrer paßten in die komplizierten
+Verhältnisse seines Instituts.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Zufälle spielen oft eine seltsame Rolle im Leben.</p>
+
+<p>Kaum hatte Kaspar Krumbholtz seinem alten Jugendfreunde Hans Sebalt
+mitgeteilt, er würde wahrscheinlich in Leipzig sein Jahr abdienen,
+als der Postbote ihm einen Brief aus Magdeburg<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> brachte, in dem ihm
+Irmgard von Zweydorff mitteilte, sie habe es in Bremen nicht aushalten
+können, habe auch in Hannover und Magdeburg nur vorübergehend Stellung
+finden können und wolle es nun in Leipzig versuchen. Sie habe immer
+darauf gewartet, ihrem Retter etwas Gutes melden zu können, aber bei
+aller Energie war das bisher nicht erreichbar. Auch die geliehene Summe
+zurückzuzahlen wäre ihr noch nicht möglich gewesen.</p>
+
+<p>Anfangs wußte Kaspar gar nicht, wer diese Dame war. Endlich fiel ihm
+das arme, schöne Londoner Magdalenchen ein — ihren Namen hatte er
+damals nicht ganz verstanden. Adlig war sie also auch noch, die Ärmste;
+da drückt des Lebens Not doppelt schwer, wenn man von Privilegierten
+abstammt und den Gedanken an verschwundene Herrlichkeit nicht zu bannen
+vermag.</p>
+
+<p>Kaspar hätte Irmgard von Zweydorff gern einige gute Worte geschrieben
+und gemeldet: das mit dem Gelde — das wäre ja erledigt; aber eine
+Adresse war nicht angegeben. Wer weiß, vielleicht besser so!</p>
+
+<p>Kaspar würde sicherlich sobald nicht in der Lage sein, ihr weiterhelfen
+zu können, und dann — ja dann — sein Herz war einmal bei Ursemi,
+ob mit Recht oder Unrecht war gleichgültig; ändern ließ sich an der
+unumstößlichen Tatsache darum nicht das geringste.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p>
+
+<p>An Reda dachte Kaspar fast täglich ein paarmal; namentlich in den
+letzten Tagen, in denen es nach einem Briefe Frau Winklers mit ihrem
+Gatten gar nicht gut ging.</p>
+
+<p>Mehrfach bat Kaspar um weitere Nachricht über den lieben Kranken, aber
+vergebens.</p>
+
+<p>Da mußte es doch wohl besser gehen, sonst hätte man seinen Sorgen gewiß
+Rechnung getragen, wenigstens Ursemi hätte es getan.</p>
+
+<p>Unterdessen ging das kurze Sommerhalbjahr zu Ende, die Ferien kamen.</p>
+
+<p>Diesmal sollte eigentlich auch Kaspar die große Reise mitmachen, aber
+er bat zurücktreten zu dürfen, da er nach Herrnhut wolle, teils um
+sich auf der Synode noch einmal selbst über den jetzigen Geist der
+Brüdergemeine zu orientieren, teils um Rücksprache mit der Unität zu
+nehmen.</p>
+
+<p>Da kam plötzlich ein Telegramm: Vater Schlaganfall, bitte komme sofort.
+Ursula Maria.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mit schwerem Herzen ordnete Kaspar rasch seine wenigen Sachen,
+telegraphierte zurück und reiste noch am selben Nachmittage ab.</p>
+
+<p>Die Verbindung nach Schlesien war umständlich. Erst am übernächsten
+Abend kam Kaspar in Reda an.</p>
+
+<p>Am Bahnhof stand Philipp, der Kutscher,<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> mit wankenden Knien. Unter
+krampfartigem Schluchzen brachte er mühsam heraus: »Unsa gutta Harr is
+ok nimmär!« Dann fuhr er schweigend und langsam den leise weinenden
+Kaspar zur Winklerschen Villa.</p>
+
+<p>Berthold empfing den »Herrn Kandidaten« mit Fassung und teilte ihm
+auf seinem Zimmer das Schreckliche in guter Haltung und genauen
+Einzelheiten mit. Abends zuvor hatte ein neuer Schlaganfall das Ende
+plötzlich herbeigeführt, die Damen wären dabei gewesen und seien sehr
+mitgenommen, aber sie würden den Herrn Kandidaten noch heute abend
+empfangen.</p>
+
+<p>Kaum war Berthold zur Tür hinaus, da stürzte Ursemi herein, umarmte
+fassungslos ihren Jugendfreund und weinte still an seiner Schulter, und
+Kaspar ließ ebenfalls seinen Tränen freien Lauf.</p>
+
+<p>Trösten konnte er so wenig wie ein anderer Mensch, nur mitfühlen — das
+ist alles, was einer vom anderen erhoffen darf.</p>
+
+<p>Und so weinten die beiden Freunde sich ruhig miteinander aus; dann ward
+ihnen leichter, und nach und nach fanden sie auch Worte, stammelnd —
+abgerissen, aber voll unendlichen Schmerzes und reiner Liebe.</p>
+
+<p>Zusammen gingen sie nachher zu Ursemis Mutter, die weit gefaßter war
+als die Tochter<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> und in allerlei Sorgen für das Begräbnis, für die zu
+erwartenden Leidtragenden, für die Fabrik undsoweiter sichtlich eine
+Art von Trost oder wenigstens von Schmerzablenkung gefunden hatte.</p>
+
+<p>Noch für den selben Abend ward der beste Freund des Dahingeschiedenen,
+der Geheimrat Volpelius, der auch Testamentvollstrecker war, erwartet.</p>
+
+<p>Kaspar erbot sich, ihn abzuholen. Ursemi wollte es sich jedoch nicht
+nehmen lassen, ihren nunmehrigen Hauptberater selbst am Bahnhof zu
+empfangen, und so fuhren die beiden hinaus.</p>
+
+<p>Während man durch den herrlichen, mondscheinschummrigen Park fuhr,
+erzählte Ursemi von den letzten Tagen und Stunden des Vaters.</p>
+
+<p>Immer wieder habe er von Kaspar gesprochen, noch zuletzt auf seine
+Ankunft gehofft, und eines der letzten Worte an sie wäre gewesen:
+»Brauchst du nen Alten, Kind, geh zu Volpelius; brauchst du nen Jungen,
+rufe Kaspar! Das sind die treusten, auf die kannst du immer bauen.«</p>
+
+<p>Leise drückte Kaspar Ursemi die Hand, als wollte er ihr danken anstelle
+des Mannes, dem er nicht mehr danken konnte.</p>
+
+<p>Dann sagte er fest: »Das soll er nicht umsonst gesagt haben. Wo ich
+auch bin, Ursemi — ich komme, wenn du mich rufst, und will dir
+treulich zur Seite stehn wie ein guter Bruder.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p>
+
+<p>Kaspar wußte, was er sagte, und es durchschauerte ihn leise bei diesem
+ehrlich gemeinten, völligen Verzicht auf jedes Begehren; aber er
+glaubte nur so das Vertrauen jenes Toten sich verdienen zu können, des
+Mannes, der an ihm allzeit gehandelt hatte wie der beste und treuste
+Vater.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das Begräbnis mit seinen vielen drückenden Äußerlichkeiten, mit den
+üblichen quälenden, verletzenden Unwahrheiten und seinen hergebrachten
+Roheiten gegen die Hinterbliebenen war vorüber.</p>
+
+<p>Zahllose Leidtragende waren erschienen, darunter auch die beiden Grafen
+Brosyn, die beiden Brettwitze und von Darichs die ganze Familie.</p>
+
+<p>Hans Sebalt war ebenfalls eingetroffen. Er war Mama Winkler ein rechter
+Trost und bei den vielen Anordnungen, die ein so gewaltiges Begräbnis
+verlangte, in der Tat eine brauchbare Hilfe.</p>
+
+<p>Was Hans der Mutter, war die treue Dente der Tochter. Die tapfere,
+tatfreudige Vorsteherin half der gebrochenen Ursemi rasch wieder ins
+Leben hinein.</p>
+
+<p>Die Leiche war vorläufig in der verlassenen Herrschaftsgruft der
+Dorfkirche beigesetzt worden, später sollte laut Testament ein
+schlichtes Grabhaus inmitten der schönsten Parkbäume für die<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span>
+Winklersche Familie gebaut werden. Es war dem Verblichenen ein lieber
+Gedanke, in seinem Walde der Auferstehung entgegen zu schlummern.</p>
+
+<p>Am Tage nach der Beisetzung fand man den alten Toni verendet mit
+blutiggekratzten Pfoten vor der Kirchtür, neben ihm laut heulend die
+unglückliche Cleo, die zwei Tote beklagte, sich aber schließlich
+trösten ließ und noch etliche Jahre ihr Dasein fristete.</p>
+
+<p>Einige Tage nach der feierlichen Testamenteröffnung bat Geheimrat
+Volpelius Kaspar und Hans zu sich und teilte ihnen mit, daß der
+Verewigte ihnen eine Summe von 10000 Talern in 4 prozentigen Papieren
+vermacht habe und außerdem ihre Stipendienverpflichtungen gegenüber
+der Unität von ihm als Testamentvollstrecker abzulösen seien. Außerdem
+läge je ein Brief an die Herren beim Testament, den er ihnen hiermit
+aushändige. Nach mündlichen Verabredungen mit ihm sei es der Wunsch
+des Toten gewesen, die Herren sollten ihr kleines Kapital nicht
+vor der Zeit anreißen, sondern zusehen, daß sie, wie im Falle des
+Stipendiums, mit 100 Mark im Monat auskämen und so einstweilen ihre
+Studien beendeten. Er wäre gern bereit, die Verwaltung des Kapitals
+ihnen zu besorgen. Für später, nach Vollendung des Studiums, hätte
+Herr Winkler gewünscht, daß die Herren eine größere Bildungsreise
+unternähmen,<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> dazu würde ihnen seinerzeit die von ihm und sechs
+Kuratoren nunmehr zu organisierende Winklerstiftung, der die Fabriken
+und ihr Ertrag testamentarisch überwiesen seien, etwaige besondere
+Mittel gern gewähren. Alles Nähere über diese Stiftung, die hoffentlich
+dereinst auch ihre Dienste in Anspruch nehmen dürfe, würde ihnen nach
+Absolvierung ihrer Studien mitgeteilt werden.</p>
+
+<p>Mit Staunen und tiefer Bewegung hatten Kaspar und Hans den Ausführungen
+des ehrwürdigen Volpelius zugehört, dann ergriffen sie dankerfüllt
+seine Hand und gelobten, das Vermächtnis des geliebten väterlichen
+Freundes nach seinen Wünschen zu gebrauchen und baten den alten Herrn
+sofort, ihnen nur monatlich die 100 Mark Zinsen zugehen zu lassen. Dann
+schritten die Freunde in den sonnenhellen Park hinaus.</p>
+
+<p>Kaspar fand keine Worte vor Bewegung und Trauer. Hätte er dem lieben,
+herrlichen Manne doch noch einmal in die grauen, treuen Augen blicken
+können.</p>
+
+<p>Was hatte er ihm zu danken — alles — alles, was lieb und licht in
+seinem Leben gewesen war und sein würde. Was wäre ohne ihn aus dem
+schwerblütigen, verbitterten Zögling von Gnadenzell geworden? Kaspar
+wagte es nicht auszudenken und schritt allein dem Walde zu.</p>
+
+<p>Hinauf, hinauf in die Berge mußte er jetzt —<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> in den blauen Wald des
+lieben Dahingegangenen, der so viel in seinem fruchtbringenden Leben
+geschaffen und nun auch noch dafür gesorgt hatte, daß seine Schöpfungen
+weiterschufen.</p>
+
+<p>Das war ein Wirken, war ein Dasein, das sich lohnte, das segenspendend
+war und blieb, vielleicht für Generationen hinaus.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Hans Sebalt hatte sich rasch von Kaspar getrennt und neugierig nach dem
+Briefe gegriffen, den er vorhin sorglich in die Brusttasche gesteckt
+hatte. Im Gehen durchflog er ihn.</p>
+
+<p>Plötzlich stand er still, und sein Gesicht verfinsterte sich.</p>
+
+<p>Was stand da? Herr Winkler traue ihm leider nicht recht zu, daß er, auf
+eigene Füße gestellt, sein Kapital auch erhalten könne. Was, er, der
+sparsame Hans Sebalt? Darum bitte er ihn noch einmal dringend, nie ein
+Papier zu verkaufen, ohne vorher Herrn Volpelius darum zu fragen. Das
+Geld festzulegen, wäre vielleicht klüger, aber nicht erzieherischer
+gewesen. Jeder solle für sich selber im Leben stehen, nur die Hilfe
+anderer nicht ganz verschmähen, am wenigsten den Rat erfahrener Freunde.</p>
+
+<p>Hans Sebalt lächelte ein wenig überlegen. Er würde die Befürchtungen
+des redlichen Toten<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> schon glänzend widerlegen. Gerade jetzt, in voller
+Freiheit, würde er der Welt zeigen, was er leisten und wie er sich
+selbst regieren könne.</p>
+
+<p>Aber keinem wollte er es sagen, daß er ein Krösus geworden. Auch die
+Familie durfte es nicht erfahren, höchstens die Eltern. Vor allem —
+die Unitäter müßten schweigen, ha — die würden Augen machen, er ein
+freier Mann — nun hatte Bethel freilich das Nachsehen — jetzt stand
+ihm die Welt offen, ihm, dem Besitzer von 30000 Mark.</p>
+
+<p>Beinahe hätte Hans Sebalt Hurra gerufen, aber noch zu rechter Zeit fiel
+ihm ein, daß da drüben ein Trauerhaus stand, und daß man ihn hätte
+hören können.</p>
+
+<p>So ging er leise trällernd ins Dorf hinab und grüßte die ihn grüßenden
+Arbeiter und Häuslerkinder gönnerhaft verbindlich wieder — ganz wie es
+sich für einen Mann von zehntausend Talern gebührte.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Währenddessen schritt Kaspar langsam bergan und dachte über seine
+Zukunft nach. An seinem Vorhaben mit Herrnhut sollte das Vermächtnis
+nicht das geringste ändern. Ja, wenn die Brüdergemeine ihn wollte, wie
+er nun einmal war und dachte — dann sollte sie ihn jetzt erst recht
+haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p>
+
+<p>Jetzt, als ein wahrhaft Freier, jetzt konnte er ihr mit seinen Diensten
+etwas von dem zurückzahlen, was er doch schließlich der Gemeine,
+wenigstens ihren besten Vertretern, wie einem Hansen, Bartel und
+Bauding, schuldete. Hatte man ihn nicht treu und redlich erzogen, ihn
+nicht leidlich gut, jedenfalls gerecht behandelt und sich seiner stets,
+wenn auch nicht immer warm, aber vornehm, angenommen, ihn nie etwas
+unbedingt Notwendiges entbehren lassen, höchstens ein wenig Liebe?</p>
+
+<p>Nein, jetzt wollte Kaspar auch zeigen, daß er sich nicht lumpen ließe,
+wenn anders man ihn brauchen konnte.</p>
+
+<p>Und 100 Mark monatlich! Du lieber Gott, er und 100 Mark! Davon konnte
+er gewiß noch sparen, auch in einer großen, teuren Stadt wie etwa
+Leipzig. Vielleicht konnte er nun dem armen Magdalenchen ein wenig
+helfen — er wollte doch nach ihr forschen.</p>
+
+<p>Herrlich, daß er jetzt einmal auch andern etwas schenken konnte. O
+wie süß war doch das Geben, wie bitter das ewige Nehmen! Er wußte es
+zur Genüge, und er wollte nun ein fröhlicher Geber werden, den Gott
+liebhaben sollte, wie er ihn.</p>
+
+<p>»Ja — Gott — Ewiger — Gütiger, der Du irgendwo über mir waltest!
+Liebe — unendliche,<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> die Du Dich meiner angenommen und mich so tief
+beschämt hast! Gott, großer Gewaltiger, laß Dir mein wirres Stammeln,
+mein dankbar überquellendes Herz gefallen, führe mich weiter,
+Unergründlicher über den Welten! Laß auch mich Frucht bringen im Leben
+wie er — Dein Diener. Laß mirs gelingen — ich vertraue Dir blind —
+und will Dein unwürdiger Knecht bleiben — solange ich atme. Amen!«</p>
+
+<p>Das war das erste Gebet, das Kaspar Krumbholtz von den Lippen flutete,
+seit jener furchtbaren Kampfesnacht auf dem »Berge« zu Gotteshaag.</p>
+
+<p>In lang nachzitternder Bewegung schritt der junge Lehrer immer
+weiter und weiter, bis er endlich mit leisem Schauer in den blauen
+Lieblingswald des toten Freundes trat.</p>
+
+<p>Andächtig setzte er sich auf die Bank, auf der Herr Winkler so oft
+und gern gesessen und hinabgeschaut hatte auf seiner Väter Werk, die
+Fabriken, und auf seiner Hände Werk, den Park.</p>
+
+<p>Die Sonne neigte sich mählich da draußen in der weiten, städte- und
+dörferreichen Ebene zu Tal; ihre schrägen Strahlen spielten noch
+liebevoll mit einigen hohen Fabrikschloten und dem höchsten Hause von
+Reda, der Winklerschen Villa.</p>
+
+<p>Nun lag der Mann, der so oft hier neben ihm gesessen und stets wie ein
+liebreicher Vater zu ihm gesprochen hatte — starr und kalt da unten<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span>
+in der dumpfen Gruft. Aber nur sein Leib war dahin, sein Geist lebte
+und waltete weiter und unsichtbar über dem Dorfe, über der Fabrik, über
+Park und Wald, auch über ihm.</p>
+
+<p>Kaspar glaubte es zu fühlen, und unwillkürlich griff er jetzt
+erschrocken nach der Seitentasche, in die er vorhin wie geistesabwesend
+den kostbaren Brief hatte gleiten lassen.</p>
+
+<p>Gott sei Dank, er war noch da, und mit stiller Wehmut entfaltete ihn
+Kaspar und las unter heißen Tränen die vertrauten gleichmäßigen Züge
+der von ihm so heiß verehrten Hand:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>
+Mein lieber Junge!<br>
+</p>
+
+<p>Du weißt nicht, welche Herzensfreude Du mir allzeit warst, und wie ich
+an Dir gehangen habe. Das sollst Du ganz erst erfahren, wenn ich nicht
+mehr bin. Ich habe mir zeitlebens heiß einen Sohn gewünscht, er war
+mir versagt. Da sandte Gott Dich mir zur Zeit meines tiefsten Wehs,
+Dich, den Sohn meines liebsten Lehrers. Ich durfte für Dich sorgen
+wie ein rechter Vater, und Du hast mirs mit treuer Liebe vergolten,
+Dank Dir, mein Junge! Nun halte die Treue auch weiter meinem Kinde,
+es komme, was wolle. Ich habe in Deinem Leben nie Vorsehung spielen
+wollen, das tut nie gut, und ich bitte Dich: handle ebenso an meiner
+Ursemi. Aber bleibe ihr der<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> ruhige, zurückhaltende Freund, der ich
+Dir sein wollte. Freilich — nun habe ich doch ein wenig in Dein Leben
+eingegriffen durch mein Vermächtnis. Verzeih es mir, lieber Junge,
+aber ich mußte Dir die Sicherheit zu Deiner ruhigen Entwickelung
+aufzwingen um Deiner selbst willen und um meines Kindes wie meiner
+Stiftung willen, die für die Zukunft vielleicht beide einen freien,
+wissenschaftlich durchgebildeten und welterfahrenen Freund brauchen.
+Deiner Entscheidung betreffs des Unitätdienstes vorgreifen zu wollen
+liegt mir fern. Tu wie bisher, was Du vor Deinem Gewissen verantworten
+kannst und wozu es Dich innerlich treibt. Das, mein lieber Junge, ist
+die Hauptsache im Leben, dann bleibt man sich selbst getreu. Und nun
+küsse ich Dich noch einmal im Geiste mit väterlicher Liebe und bitte
+Dich, bleib wie bisher aufrecht und redlich gegen Dich und andere,
+dann wird in Ruh und Ehren schlafen</p>
+
+<p class="center">Dein lieber Vater</p>
+<p class="right">Wilhelm Winkler.</p><br>
+</div>
+
+<p>Nur mit äußerster Mühe hatte Kaspar zu Ende lesen können, denn die
+Buchstaben tanzten gleichsam vor seinen von Tränen überströmenden Augen.</p>
+
+<p>Dann brach er, in namenlosem Schmerz zuckend, zusammen — und die Sonne
+sank.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Die Synode</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz war gerade zur rechten Zeit nach Herrnhut gekommen.</p>
+
+<p>Die liebliche lausitzische Landstadt prangte nicht nur im üppigsten
+Blütenschmuck ihrer altmodisch anmutigen Gärten und ihrer seit
+über hundert Jahren steifgestutzten Lindenalleen, sondern auch als
+Brüdermetropole erstrahlte die alte Stadt Christian Davids, des
+tapferen mährischen Ansiedlers, im Glanze großer Tage und wichtiger
+Beratungen.</p>
+
+<p>Im stattlichen, doch stimmungsvoll intimen Chorsaal des alten
+Witwenhauses tagte die Provinzialsynode der Deutschen Brüder-Unität,
+und in hartem, heißem Strauß stießen diesmal die Geister aufeinander;
+denn es handelte sich um die Lehrfrage, die seit Jahren die Gemüter von
+jung und alt in fast allen Gemeinen bewegte und tief beunruhigte.</p>
+
+<p>Im Mittelpunkt der aufregenden Verhandlungen standen: ein drohender
+Antrag der Gemeine Altenworth und ihres Gemeinhelfers Lengwitz auf<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span>
+Aufhebung des theologischen Seminars zu Gotteshaag; ein anderer kaum
+minder gewichtiger Antrag von 27 hochangesehenen Brüdern, Theologen wie
+Laien, auf ein Mißtrauensvotum gegen die Dozenten; und schließlich lag
+ein dritter vermittelnder Vorschlag vor: die brüderischen Studenten
+von nun an wenigstens für 3 oder 4 Semester an eine Landesuniversität,
+womöglich zu positiven Theologieprofessoren, zu senden.</p>
+
+<p>Schnell hatte sich Kaspar, der im Brüderhaus Unterkunft gefunden hatte,
+orientiert und ging mit einigen Betheler Bekannten möglichst frühzeitig
+zum Sitzungssaal, denn der Andrang war gewaltig. Einen Sitzplatz zu
+finden hielt schon jetzt schwer.</p>
+
+<p>Dicht gedrängt saß bereits um die Stühle der Synodalen eine vor
+Spannung ungeduldig wispernde Menge; namentlich viele ältere Schwestern
+mit allerlei Handarbeiten und einem Überdrang landläufiger Weisheit.</p>
+
+<p>Allgemein erwartete man für heute die Entscheidung, und es war gar
+nicht unmöglich, daß der Guillotinenantrag Lengwitz auf das Seminar
+herabsausen würde.</p>
+
+<p>Die Stimmung gegen das Seminar und seine Lehrer war jedenfalls
+mächtig erregt, zumal einer dieser Brüder kurz zuvor eine Broschüre
+veröffentlicht hatte, die völlig auf dem Boden der philologisch
+historischen Bibelkritik stand und nicht nur<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> Gemeinmitglieder, sondern
+auch sehr viele Freunde der Herrnhuter verwirrt und verletzt hatte.</p>
+
+<p>Kaspar wußte von alledem nicht viel. Er hatte in letzter Zeit andere
+Dinge im Kopf; immerhin fühlte er instinktiv, daß auch über sein
+inneres Verhältnis zur Gemeine, über die Möglichkeit seines Verbleibens
+im Unitätdienst heute eine Entscheidung herannahte.</p>
+
+<p>Es drängte ihn auch danach, da er endlich klar wissen wollte, woran er
+mit seiner Zukunft sei.</p>
+
+<p>Und doch bebte der Herrnhuter in ihm.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Synodalen erschienen, meist schweigend und ernst, voran der
+ehrwürdige Vorsitzende, Bischof Kröger.</p>
+
+<p>Mit dem üblichen kurzen Gottesdienst begann die Sitzung, und nicht
+ohne Ergriffenheit nahmen viele von der nachdenksamen Losung des Tages
+Notiz, die Paulus den Korinthern schrieb: »Ich wollte, ihr möchtet
+ein wenig Torheit von mir ertragen, doch ertraget mich auch, denn ich
+eifere um euch mit Gottes Eifer.«</p>
+
+<p>Einige der Schwestern stießen sich heimlich an und zischelten sich
+leise zu: da sei doch deutlich Gottes Finger zu spüren. Aber die einen
+betonten die Torheit, die anderen das Ertragen und wieder andere das
+Eifern.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p>
+
+<p>Es folgte die Verlesung zweier brüderlicher Schreiben aus der
+englischen und amerikanischen Provinz, beide des Wunsches voll — man
+möge mit Vorsicht und brüderlicher Liebe zu Rate gehen — und mit der
+Versicherung treulichster Fürbitte vor Gott.</p>
+
+<p>Zur Eröffnung der Verhandlungen wurden die drei schon gedruckten
+Anträge nochmals vom Schriftführer, Bruder Röder, verlesen und die
+Brüder gebeten, sich der Liebe zu befleißigen auch bei etwaiger
+tiefgehender Verschiedenheit der Anschauungen. Darauf erhielt der
+Gemeinhelfer der Altenworther das Wort.</p>
+
+<p>»Liebe Brüder,« begann Bruder Lengwitz mit sichtlicher Befangenheit,
+»ich bin mir der historischen Bedeutung dieses für unser Kirchlein
+vielleicht entscheidenden Augenblicks ebenso bewußt, wie meiner
+Verantwortung. Die allgemeinen Gesichtspunkte für diesen ganzen, uns
+so tief erschütternden Lehrstreit haben wir in zahllosen Debatten
+längst gewonnen und allerseits zur Genüge vertreten. Heute gilt es, die
+verschiedenen Ergebnisse gegeneinander abzuwägen und zu handeln! Die
+Kluft, die zwischen dem Gros unserer Gemeingeschwister und den Brüdern
+aus den letzten Jahrgängen unseres theologischen Seminars klafft, ist
+nicht von heute. Schon auf den beiden vorhergehenden Synoden hat sie
+uns schwere Sorgen gemacht und uns eingehend beschäftigt. Wir haben,<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span>
+namentlich solange Bruder Hansens Autorität uns eine gewisse Gewähr
+bot, zu besonderen Schritten gegen das Seminar uns nicht entschließen
+können, sondern uns der leider trügerischen Hoffnung hingegeben,
+die Entwickelung des Seminars werde von selber in positivere Bahnen
+einlenken. Statt dessen ist es schlimmer geworden, viel schlimmer
+sogar, als es auch die Pessimisten unter uns befürchtet haben. Von
+einem dozierenden Bruder, der mit Titel und Amtsbezeichnung, also
+mit voller Verantwortung zeichnete, ist eine Schrift veröffentlicht
+worden, die auch dem unverbesserlichsten Optimisten die Augen darüber
+öffnen muß, wohin wir eigentlich treiben: nämlich auf die Ausschaltung
+der Grundbegriffe unserer Heilslehre durch unsere jungen Diener am
+Wort. Man zweifelt nicht nur an diesem oder jenem im Worte Gottes, wie
+früher, ja wohl zu allen Zeiten einzelne Lehrer, sondern man schaltet
+keck die Hauptsachen aus. Man leugnet die Zuverlässigkeit ganzer
+Evangelien und Apostelbriefe, man bezweifelt die Gottessohnschaft
+Christi, seine Auferstehung und Himmelfahrt und rüttelt damit an den
+Grundfesten unseres Glaubens. Wir wollen keine Ketzerrichter sein,
+Geliebte im Herrn, und wollen auch diesen Forschern ihre Redlichkeit
+gern zubilligen; aber wir wollen uns ebenso ehrlich fragen: Hat es für
+unsere kleine Kirche noch Zweck, ein solches Institut zu unterhalten,<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span>
+dessen Dozenten und Zöglinge für die heiligsten Überzeugungen der
+Gesamtgemeine kein Verständnis mehr haben, vielmehr in schroffsten
+Gegensatz zu ihrem Glauben treten, ihren Mitgliedern im besten Falle
+mit gewundenen Erklärungen, oft genug gar mit unverhüllten Zweifeln die
+frohe Gewißheit ihrer Heilswahrheiten und damit den inneren Frieden,
+ja die beste Hoffnung im Leben wie im Sterben rauben? Auf Grund langer
+gründlicher Selbstprüfung, auf Grund eingehender Rücksprache mit meiner
+Gemeine, mit vielen andern Geschwistern, Laien wie Klerikern, antworte
+ich fest und ruhig: Nein! Reißen wir das Glied, das uns ärgert, aus,
+ehe denn der ganze Leib verderbe, setzen wir nicht aus brüderlicher
+Langmut und Schwachheit gegen diese wenigen, sicherlich ehrlich
+ringenden, aber irrenden Brüder die Zukunft von Tausenden, die Zukunft
+unserer Gesamtgemeine aufs Spiel! Wir sind langmütig und nachsichtig
+genug gewesen, wir haben mehrfach gebeten und gewarnt. Nun <em class="gesperrt">gilt es
+zu handeln</em>, ehe es zu spät ist, und darum bitte ich die Brüder, für
+die <em class="gesperrt">Aufhebung des Seminars</em> in Gotteshaag zu stimmen und bis auf
+weiteres unsere jungen Theologen auf die Universitäten zu schicken zu
+möglichst positiv gerichteten Professoren.«</p>
+
+<p>Die meisten Synodalen saßen unbeweglich da.<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Einige schüttelten die
+Köpfe. Nur in der Menge der zuhörenden Geschwister, zumal auf der
+Schwesterseite, merkte man vielfach, freilich vornehm verhaltene
+Zustimmung.</p>
+
+<p>Dann erteilte Bruder Kröger dem derzeitigen Direktor des Seminars,
+Bruder Krageneck, das Wort.</p>
+
+<p>Bleich vor innerer Erregung, aber völlig beherrscht in Form und
+Gebärde, sprach der hagere, von der schweren Last unendlicher Arbeit
+und unaufhörlicher Sorgen schier erdrückte Mann: »Liebe Brüder, wenn
+es euer Wille ist, unser Seminar aufzuheben, dann würde ich — ihr
+werdet es mir ohne besondere Versicherung glauben — nicht gerade der
+leidende Teil sein. Aber ich stehe auf meinem Posten, solange es die
+Pflicht gebietet. Nur ist es eine unsagbare Qual, in solcher Zeit,
+unter solchen Umständen, ein so verantwortungsvolles Werk zu leiten,
+wenn das Vertrauen fehlt! Das kann nicht so weitergehen. Und darum rede
+ich nicht gegen den Antrag Lengwitz, denn lieber ein Ende mit Schrecken
+als ein Schrecken ohne Ende. Auch zu dem Antrag 2 werde ich nicht
+mehr sprechen, nur nach seiner eventuellen Annahme handeln, das heißt
+sofort zurücktreten. Dafür wende ich mich nun um so schärfer gegen den
+3. Antrag, der darauf hinausläuft, die Studienzeit in Gotteshaag zu
+verkürzen zugunsten einiger Universitätsemester<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> unserer studierenden
+Brüder. Liebe Freunde, sollen wir etwas Ganzes und leidlich Rundes
+in Gotteshaag erzielen, brauchen wir mindestens die bisherige Zeit.
+Schickt unsere Seminaristen später auf die Universität, aber nicht
+zwischenhinein. Im übrigen werden die positiven Professoren wenig
+helfen. Das ist eine Laienansicht. Der Student, der ohne ernstliche
+Nachprüfung auf die <span class="antiqua">verba magistri</span> schwört, ist nicht der
+rechte. Ein jeder muß sich selbst mit den Dingen auseinandersetzen.
+Und dazu die Hörer anzuregen — danach strebt jeder gewissenhafte
+Lehrer, und das sind wir — hoffe ich — alle, auch der Bruder, den
+man um seiner Schrift, die ich nicht für glücklich, aber auch nicht
+für unwissenschaftlich halte, angegriffen und versetzt hat. Wir sind
+Männer der Wissenschaft, so gut wie jeder auswärtige Dozent, das
+heißt wir geben, was wir auf Grunde redlichster Forschung zurzeit
+für das Wahrscheinlichste halten müssen. Auch wir stehen, wie jeder
+Erdgeborene, im Bann der historischen Entwickelung. Wir sind irrende
+Menschen, so gut wie ihr; aber wir ringen auch nach der Wahrheit,
+rücksichtslos, wie es unsere Pflicht ist. Denn eine Wissenschaft
+mit einem von vornherein festgelegten Endzweck — und wäre es der
+erhabenste — wäre keine Wissenschaft. Und ich meine, wir haben nach
+bestem Vermögen Wissenschaft zu treiben,<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Forschungsmethode, aber
+<em class="gesperrt">nicht einen Glauben zu lehren</em>! Den muß sich jeder selbst
+erkämpfen, für den hat auch jeder selbst einzustehen, und keiner
+hat ihm dreinzureden. Die innersten Überzeugungen und Anschauungen
+wechseln jedoch bei jedem lebendigen Menschen mit den Phasen seiner
+Entwickelung, genau so wie die Anschauungen der Generationen eines
+Volkes. Nicht jeder, der als junger Student zweifelt, wird beim Zweifel
+verbleiben, oder gar zum bequemen Skeptiker werden. Im Gegenteil, wer
+beizeiten kämpfen gelernt hat, wird weiterringen, solang er atmet,
+und wird auch <em class="gesperrt">erringen</em>. Und nur dazu wie zum unablässigen und
+furchtlosen Prüfen haben wir unsere studierenden Brüder zu erziehen.
+Könnt ihr, liebe Brüder, solche suchende Diener am Wort nicht mehr
+vertragen und fordert statt dessen zuverlässige, genau geaichte
+Dogmatisten — dann ist es allerdings an der Zeit, euch zu fragen, ob
+es sich lohnt, für eine innerlich schon erstarrende Gemeine noch weiter
+innerlich lebendige Führer heranzubilden.«</p>
+
+<p>Die Wogen der Erregung gingen hoch im Kreise der Synodalen wie der
+zuhörenden Geschwister, die schier atemlos den scharfbetonten Worten
+des Redners gelauscht hatten.</p>
+
+<p>Außer Kaspar Krumbholtz war jedoch kaum einer im ganzen Saale, dem
+der eindringliche Warner voll aus der Seele gesprochen hatte; aber
+wohl<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> jeder fühlte nach dieser leidenschaftlosen und gerade darum
+leidenschafterregenden Rede den ganzen furchtbaren Ernst der Lage.</p>
+
+<p>Nach einigen bangen Minuten des Zischelns und Tuschelns erhob sich ein
+graubärtiger Laienbruder, namens Wechler, seines Zeichens Kaufmann, und
+sprach mit einer von verhaltener Rührung zitternden Stimme:</p>
+
+<p>»Geliebte im Herrn! Es zerreißt mir das Herz, wenn ich solche Worte
+hören muß wie die letzten von Bruder Krageneck. Sind wir denn darum
+als erstarrt oder wenigstens als nach und nach erstarrende Christen
+zu bezeichnen, weil wir um unsere Glaubenszuversicht bangen und für
+die unserer Kinder fürchten? Ich bin ein alter Mann, und weiß, daß in
+meiner Jugend kein solches Suchen in der Schrift unter uns war, wie
+jetzt, seit wir fürchten, daß man uns verwirren will. Vielleicht sind
+wir lebendiger als damals. Ich bin ferner ein ungelehrter Mann, wie es
+eben über 99 Prozent unserer Gemeine sind; aber ich empfinde es als
+eine furchtbare Gefahr für unsere Kirche, wenn Männer, die Christi
+Gottheit und Auferstehung öffentlich leugnen, unsere jungen Prediger
+lehren und auf ihr Amt vorbereiten. Ich frage mit Beben: Sind unsere
+Theologen um Gottes und unsertwillen da, oder Gott, Christus und wir,
+seine Gemeine, um ihretwillen! Alle Achtung vor der Wissenschaft,<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span>
+aber ich lasse mir auch von ihr und ihren besten Vertretern nicht
+wegdisputieren oder meinetwegen beweisen, daß Christus nicht für mich
+gelitten hat und auferstanden ist. Nein, darauf will ich leben und
+sterben und hoffentlich auch meine Kinder. Man kann ein grundgelehrter
+Mann und doch nicht geschickt zum Reiche Gottes sein. Ich hege gewiß
+auch Achtung vor den jungen ringenden Gottesstreitern und ihren
+pflichtgetreuen Lehrern; aber sie mögen in die Stille gehen, wenns
+ihnen zweiflerisch zumute ist. Doch an der Spitze unserer Gemeinen,
+unserer Schulen und Behörden wollen wir Leute sehen, die mit uns eins
+sind im felsenfesten Glauben, nicht gerade an jedes Wort der Schrift
+— das hat schon ein Luther und Zinzendorf nicht verlangt — aber an
+die Hauptsachen, den persönlichen Gott, seinen eingebornen Sohn und
+seinen uns allein erlösenden Opfertod und seine Auferstehung. Ich bitte
+daher die Brüder, den <em class="gesperrt">Geist des Seminars zu erneuern</em>, vielleicht
+einige positivere Lehrer zu suchen, zum mindesten aber den studierenden
+Brüdern Gelegenheit zu geben, anderwärts Professoren zu hören, die
+weniger radikal sind als einige Gotteshaager Dozenten. Sollte es an den
+nötigen Mitteln dafür fehlen, so sind meine Freunde und ich bereit,
+dazu größere Summen nicht nur im Etat zu bewilligen, sondern auch
+persönlich zu spenden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p>
+
+<p>Unsicher tastend setzte sich der alte Mann.</p>
+
+<p>Hätte er um sich geschaut, hätte er viel warme Anerkennung in den
+Mienen seiner Zuhörer lesen können; Beifall zu äußern war nicht Brauch
+an dieser gottgeweihten Stätte und vollends nicht bei so ernsten
+Beratungen.</p>
+
+<p>Nun stand der gefürchtete Unitätdirektor Balzar auf, von ihm erwartete
+man das entscheidende Wort, und mit äußerster Spannung hingen aller
+Augen an seinen Lippen, als er sprach:</p>
+
+<p>»Liebe Brüder! Was mein lieber Vorredner im Namen Tausender gesagt
+hat, war mir und den Brüdern der Behörde, in deren Namen ich rede, aus
+der Seele gesprochen! Eine weitgehende Beunruhigung der Gemüter ist
+nicht zu leugnen. Wo die Schuld liegt, ist im einzelnen hier nicht zu
+untersuchen, es ist an anderer Stelle geschehen. Nur so viel sei offen
+bekannt: Es sind Fehler begangen worden, schwere Fehler sogar, von
+seiten der Dozenten und ihrer Schüler, wie von seiten der vorgesetzten
+Behörde, insonderheit auch von mir. Ich hätte früher und energischer
+ein- und durchgreifen sollen. Aber so sehr ich bereit bin, für meine
+Unterlassungssünden zu büßen, so wenig glaube ich, daß damit zurzeit
+etwas gebessert wird. Ich glaube ferner nicht, daß es schon an der
+Zeit ist, das Kind mit dem Bade auszuschütten, und das Seminar, das
+uns über ein Jahrhundert zum<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> Segen war, kurzerhand aufzuheben. Noch
+sind nicht alle Mittel erschöpft, es zu bessern, und wenn mich die
+Synode an der verantwortungsvollen Stelle belassen will, an die sie
+mich vor 10 Jahren gesetzt hat, dann will ichs in aller Schwachheit
+noch einmal versuchen, <em class="gesperrt">den Geist des Seminars zu reformieren</em>,
+vorausgesetzt, daß man mir das Wort unserer heutigen Losung vom Eifer
+Gottes zubilligt wie Paulus. Ich habe schon jetzt den Bruder, der mir
+menschlich und verwandtschaftlich so nahe und leider im Glauben so
+fern steht, an eine andere Stelle gesetzt. Und ich werde weiter dafür
+sorgen, daß geeignetere, das heißt ihrer gewaltigen Verantwortung für
+ihre Schüler sich klarer bewußte Lehrer in das theologische Seminar
+eintreten. Umgraben wir also den lieben, alten Baum noch einmal,
+begießen und pflegen wir ihn noch einige Jahre mit Gebet und Flehen,
+und warten wir vorerst in Geduld, ob er nicht doch noch bessere Früchte
+trägt als bisher. Wir wollen gern dafür Sorge tragen, daß einige der
+fähigeren Studenten und Kandidaten auswärtige Universitäten besuchen,
+und danken Bruder Wechler und seinen Freunden aufs herzlichste, wenn
+sie durch persönliche Geldopfer den knappen Mitteln unseres Etats
+nachhelfen wollen. Gott lohne ihnen ihre hilfsbereite Bruderliebe. Und
+so bitte ich noch einmal um Zutrauen zu uns, der Behörde, und somit um<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span>
+Ablehnung aller dreier Anträge, die ja mehr oder weniger den Bestand
+des Seminars in Frage stellen.«</p>
+
+<p>Der Redner hatte durch eine ihm sonst nicht eigene Milde seine
+Zuhörer sichtlich überrascht und schon damit halb gewonnen; indessen
+manchem behagte weder die Halbheit der Entscheidung noch die stark
+autokratische Form der weiteren Regelung.</p>
+
+<p>Das sprach sofort aus den wenigen Worten, die der Fabrikdirektor
+Leifert, wieder ein sehr angesehener Laienbruder, sprach:</p>
+
+<p>»Gegen Bruder Balzars Vorschlag habe ich zweierlei Bedenken: erstens
+fürchte ich, daß er, wie die Dinge liegen, zurzeit nicht drei Brüder
+finden wird, die nach seiner und unserer Meinung positiv und zugleich
+wissenschaftlich bedeutend genug sein dürften, um würdig an der Stelle
+solcher Gelehrten zu stehen, wie es Hansen war, wie es Krageneck und
+sein eigener Schwager sind. Die Dozenten sind doch nicht für uns da,
+sondern für die Studenten und müssen vor allem diesen imponieren
+können, und dazu gehört heutzutage — auch in der theologischen
+Wissenschaft — nicht wenig. Zweitens muß ich ganz offen gestehen, daß
+ich glaube, Bruder Balzar überschätzt seinen gewiß wohltätigen Einfluß
+auf das Seminar denn doch ein wenig. Ich, als langjähriger Vorgesetzter
+von so<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> vielen Beamten und Arbeitern, weiß zur Not auch, wie weit
+persönlicher Einfluß geht. Es ist nicht bedeutend. Darum nein! <em class="gesperrt">Kein
+Fortwursteln</em>, man verzeihe den harten, aber klaren Ausdruck. Ich
+bitte die Synode, die ja über der Behörde steht, sie wolle beschließen:
+<em class="gesperrt">das Seminar einstweilen zu suspendieren</em> und unsere Studenten
+zunächst mal ruhig, am besten gleich mit einem oder zwei jungen
+Dozenten, nach Halle oder Greifswald zu schicken. Das heißt reiner
+Tisch gemacht, und wir sehen in wenigen Jahren, ob die Schuld an unserm
+Seminar und seinen Leitern, oder was doch auch sehr wohl möglich ist,
+am Zug unserer Zeit lag.«</p>
+
+<p>Eine lange Pause folgte den energisch hervorgestoßenen Worten des
+Fabrikdirektors, und fast schien es, als sollte zur Abstimmung
+geschritten werden.</p>
+
+<p>Da erhob sich die ragende Gestalt des ehemaligen Unitätdirektors
+Kämpfer, der sich seit dem ihn schwer betrübenden Austritt seiner
+beiden Söhne und dem Tode seiner Brüder ganz ins Privatleben
+zurückgezogen hatte, nur auf das Drängen seiner alten Gemeine
+Herrenfeld, die noch immer an ihm hing, die Wahl zur Synode schließlich
+angenommen hatte.</p>
+
+<p>Früher einer der bekanntesten und schlagfertigsten Synodenredner, der
+glänzende Führer<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> der Konservativen, hatte der rüstige Greis mit dem
+schönen wallenden Patriarchenbart auf der jetzigen Synode noch nicht
+ein Wort geredet.</p>
+
+<p>Um so größer war darum das Erstaunen, das selbst bei diesem würdigen
+Publikum nun nicht mehr ganz geräuschlos war.</p>
+
+<p>Mit leiser Stimme begann Ehrentraut Kämpfer, fast zag und unsicher,
+doch nach und nach kam die alte Wucht über ihn, als er merkte, daß man
+ihm rings mit wahrhaft totenstiller Andacht lauschte:</p>
+
+<p>»Liebe Brüder und Schwestern! Ich habe eigentlich nur zu der Synode zu
+reden. Ich weiß das, aber ich muß — ehe ich für immer schweige — doch
+noch einmal zu der <em class="gesperrt">ganzen</em> lieben Gemeine reden, zu der ich vor
+fünf Jahrzehnten unter schweren Opfern gekommen bin und der mein Herz
+gehört und gehören wird bis zu seinem letzten Schlag, auch wenn ich es
+erleben müßte, was Gott der Herr verhüte, daß es mit ihr zu Ende geht.
+An der Schwierigkeit des Dienernachwuchses ist die alte Brüderkirche
+zugrunde gegangen trotz Comenius! An derselben Schwierigkeit scheint
+— es besteht die Gefahr jedenfalls — auch die erneuerte Brüderkirche
+scheitern zu sollen, trotz eines Hansen und anderer hervorragender
+Persönlichkeiten. Woran liegt das? Das ist die ernste schwere Frage,
+die wir uns einmal vorlegen wollen,<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> ehe wir an die zweite der etwaigen
+Aufhebung des Seminars entscheidend herantreten.</p>
+
+<p>Meine lieben Geschwister! Ich bin noch einer der wenigen Alten, die
+von draußen hereinkamen, bin vielleicht darum nicht so gemeinmäßig
+vorsichtig, aber auch nicht ganz so befangen in traditionellen
+Anschauungen. Weil ich das, was ich mir schwer errungen habe, schätze,
+brauche ich es nicht zu überschätzen; denn ich weiß noch sehr wohl,
+wie es ist, wenn man es <em class="gesperrt">nicht</em> hat. Und so muß ich sagen:
+<em class="gesperrt">Wenn die Brüdergemeine nicht bleiben kann, was sie war</em>, das
+heißt ein kleines aber selbständiges und besonders lebendiges Organ
+im großen Organismus der evangelischen Kirche, dann <em class="gesperrt">möchte ich
+lieber, daß sie nicht mehr sei, als daß sie ein Scheinwesen führe</em>.
+Eine orthodoxe Theologie ist wahrlich nichts Besonderes, so wenig wie
+heutzutage eine liberale. Aber meine Lieben, <em class="gesperrt">eine kleine, eng und
+brüderlich miteinander verbundene Gemeinschaft mit ihren ehrwürdigen
+Kultuseigenheiten und ihren bewährten Erziehungsweisen, fest gegründet
+auf ihre besonderen sozialen Fundamente, die durch ihre historische
+Entwickelung nach und nach bedingt wurden, vor allem verankert in dem
+Felsengrunde eines durch und durch persönlich-religiösen Lebens gerade
+ohne starke Betonung des<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> Dogmas und des einzelnen Bekenntnisses —
+das ist etwas Großes, etwas Seltenes</em>! Und das — meine Lieben —
+war die Brüdergemeine zu der Zeit, als ich sie suchte, das blieb sie
+noch Jahrzehnte hindurch, nachdem ich sie gefunden. Ich will gewiß
+nicht die alte gute Zeit loben, wie das ja alte Leute gern tun, um
+sich ein wenig herauszustreichen oder den üblichen Pessimismus des
+Alters zu bemänteln. Im Gegenteil, ich will hier wie Bruder Wechler
+ohne Scheu bekennen: der Durchschnitt war früher weit weniger religiös
+interessiert als jetzt, denn Kampf zeitigt Interesse und schafft
+neues Leben. Aber Träger des neuen Lebens ist allzeit die Jugend, und
+sie stellt darum auch naturgemäß in erster Linie Kämpfer. Auch der
+Brüdergemeine wurden solche Streiter zuteil und damit die Möglichkeit
+zur Verjüngung. Was aber tut sie oder will sie jetzt wenigstens tun?
+Sie will sie hinausjagen vor ihre Tore, sie will Ruhe und Frieden haben
+wie ein altes, kinderscheues Ehepaar, das gemächlich seine Pension
+verzehrt und mit dem Leben eigentlich abgeschlossen hat.</p>
+
+<p>Liebe Geschwister! Es ist eine bitter ernste Stunde, in der wir hier
+stehen. Die Brüdergemeine hat in den letzten Jahren Stück für Stück von
+ihrem besten, zum Teil schon unentbehrlichen Inventar veräußert; sie
+lebt längst schon von ihrem<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> Kapital und nicht mehr wie ein geordneter
+Pensionär von ihren Zinsen. Sie will jetzt ihr Bestes von sich stoßen,
+ihre paar Kinder, und warum? Weil sie ihr auf die Nerven gehn oder
+weil sie mit ihnen nicht fertig wird. Viel Kinder hat unsere alternde
+Gemeine nicht mehr. Seht die leeren Brüderhäuser und dagegen die mit
+Fremden überfüllten Schulen aller Art, von der Fortbildungsschule bis
+zur Missionsschule. Da bedarf es zum mindesten reicher, bedeutender
+Lehrkräfte — und daran gebricht es schon allerorten. Und die noch da
+sind, dünken euch nicht gut — warum? Weil sie <em class="gesperrt">vollblütige Kinder
+ihrer Zeit</em> sind und nichts anderes. Das ist ihr ganzes Verbrechen.</p>
+
+<p>Liebste Geschwister! Denkt doch an das Wort des Herrn: An ihren
+Früchten sollt ihr sie erkennen — und nun Hand aufs Herz! Ist auch
+nur einer von denen, die euch so bedenklich in der Lehre erscheinen,
+schlechter als ihr in eurer Jugend wart? Sind diese Zweifler und
+Grübler nicht tapfere, überzeugungstreue Helden, gehalten gegen die
+meisten von euch bequemen Gewohnheitchristen? Glüht in dieser so viel
+bekritelten Jugend nicht ein religiöses Feuer, mit dem unser bißchen
+Leuchten von vor fünfzig Jahren gar nicht zu vergleichen ist? Warum
+nicht — weil damals weder Sturm noch Regen niederging, weil<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> seine
+Überzeugung zu behaupten damals gar kein besonderes Kunststück war.</p>
+
+<p>Meine heißgeliebten Geschwister! Ich komme zum Schluß. In unseres
+Vaters Hause sind viele Wohnungen. Sorgt ihr dafür, daß ihr in
+sie eingehen könnt, aber wundert euch auch nicht, wenn sie euch
+dereinst verschlossen bleiben trotz aller Rechtgläubigkeit, weil
+ihr unbrüderlich wart gegen eure Brüder, weil ihr die Pflichten der
+Eltern vergessen habt gegenüber den besten Kindern, die Gott euch gab,
+Kindern, in denen der Geist einer neuen Zeit rücksichtlos zum Lichte
+ringt. Fürchtet ihr euch, weil ihr bequem oder gar feige geworden
+seid und nicht mitkämpfen wollt in diesen Zeiten religiösen Kampfes?
+Ich hoffe — noch wißt ihr, was es heißt: kämpfe den guten Kampf des
+Glaubens! Sonst laßt es euch sagen, tagtäglich aufs neue sagen von
+diesen jungen Streitern, die fast darüber zugrunde gehen und doch nicht
+verzweifeln! <em class="gesperrt">Solche Persönlichkeiten, solche Charaktere sind uns
+not, notwendiger als alles Eifern um die Lehre!</em> Wollt ihrs nicht
+hören von ihnen, gut — dann schließt nicht nur das Seminar, dann löst
+auch die Brüdergemeine auf und tretet zurück in die Landeskirche. Dann
+ist eure Zeit erfüllt! Aber den neuen Geist in alte Schläuche füllen,
+das dürft ihr nicht, das gibt ein Unglück. Wenn die Jungen<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> nach ihrer
+ehrlichen Überzeugung links gehen <em class="gesperrt">müssen</em>, werdet ihr sie nicht
+nach rechts hinüberzwingen können, keiner vermag es, auch der starke
+Bruder Balzar nicht, zu dem ich — so leid es mir tut — weniger
+Vertrauen habe als zu den Seminarlehrern. Und darum bitte ich euch
+inständig, liebe Synodalen: lehnt jede innere wie äußere Beeinflussung
+des Seminars rundweg ab, sondern überlaßt die jungen Theologen ruhig
+ihrem Gewissen, die Entwickelung unserer Gemeine Gott und das Urteil
+der Geschichte.«</p>
+
+<p>Langsam setzte sich Ehrentraut Kämpfer, beugte sein Haupt und schloß es
+in beide Hände wie zum stillen Gebet.</p>
+
+<p>Lautloses Schweigen füllte den weiten Raum, keiner wagte zu zischeln
+oder sich nach anderen umzudrehen; nur hier und da schien es, als ob
+ein Schluchzen niedergekämpft werden müsse.</p>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz wäre am liebsten aufgesprungen und hätte dem alten
+herrlichen Manne die Hände geküßt vor unnennbarem Dankesgefühl.</p>
+
+<p>Nie seit Bruder Hansens Tode hatte ein Mann der Brüdergemeine ihm
+so das Herz genommen, ihm so aus der Seele gesprochen wie dieser
+ehrwürdige Patriarch.</p>
+
+<p>Mit diesem Manne wollte auch er stehen oder fallen. Stimmte man seinem
+Wunsche nicht<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> rückhaltlos zu, dann war auch sein eignes Schicksal
+entschieden. Dann ging auch er den Weg, den die Söhne Kämpfers gegangen
+waren, hinaus aus der Brüdergemeine, die ihren höchsten und vornehmsten
+Zweck, ein Sauerteigtropfen der evangelischen Kirche zu sein, nicht
+mehr erfüllen wollte oder konnte.</p>
+
+<p>Und so erwartete keiner gespannter den Ausgang der nunmehr folgenden
+Abstimmung als Kaspar Krumbholtz.</p>
+
+<p>Der Antrag Lengwitz wurde mit großer, die beiden anderen Anträge mit
+knapper Majorität abgelehnt.</p>
+
+<p>Dann sprang aber Bruder Balzar hastig auf und erklärte knapp und
+hart: er empfinde mit der Mehrzahl seiner Kollegen die unbedingte
+Notwendigkeit, in dem von ihm vorher angedeuteten Sinne reformierend
+an das Seminar heranzutreten, schon um den 99 Prozent der
+beunruhigten Gemeingeschwister eine Genugtuung und eine Hoffnung auf
+Änderung zu gewähren. Er stelle daher, nachdem die drei schärferen
+Anträge gefallen, diesen milderen Antrag und mit ihm zugleich die
+Kabinettsfrage.</p>
+
+<p>Eine kurze Besprechungspause wurde vom Vorsitzenden angeordnet, dann
+ging die Abstimmung vor sich. Mit überwältigender Mehrheit ward der
+Antrag Balzar angenommen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p>
+
+<p>Da ging Bruder Kämpfer hinaus, und Kaspar Krumbholtz folgte ihm.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am nächsten Tage suchte Kaspar Krumbholtz seinen höchsten Vorgesetzten,
+Bruder Bauding, auf.</p>
+
+<p>Herzlich wie immer begrüßte ihn der Unitätdirektor, aber aus seinen
+Mienen sprach nicht mehr der gewohnte Frohsinn, die ruhige Sicherheit
+und Zuversicht des bewährten Steuermanns. Eine müde Resignation lag
+über seinen ein wenig abgespannten Zügen.</p>
+
+<p>Mit milder, warmer Freundlichkeit sprach er Kaspar sein Beileid aus
+zu dem Heimgang seines väterlichen Freundes Winkler und erwähnte, daß
+Herr Geheimrat Volpelius der Unität kürzlich die Stipendienregelung
+angekündigt hätte.</p>
+
+<p>Dann schloß er lächelnd: »Dein Freund Sebalt hat uns bereits vorher
+den Stuhl vor die Türe gesetzt, und ich fürchte, du hast ähnliche
+Absichten, lieber Bruder.«</p>
+
+<p>Um Kaspars Mundwinkel zuckte es wehmütig. Leicht ward es ihm wahrlich
+nicht, seinen allerdings schon gestern gefaßten Entschluß dem verehrten
+Manne mitzuteilen.</p>
+
+<p>Daß seine Beweggründe vermutlich anderer Art waren als die Hans
+Sebalts, das brauchte er Bruder Bauding nicht auseinanderzusetzen,
+Sebalt hatte für sich selbst einzustehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span></p>
+
+<p>Aber warum er, Kaspar, gehen wollte, ja gehen mußte, das sollte Bruder
+Bauding, der es stets gut und treu mit ihm gemeint hatte, doch wissen,
+und so sagte Kaspar langsam, fast feierlich:</p>
+
+<p>»Herr Unitätdirektor, ich möchte nicht, daß Sie mich mißverstehen
+oder ungerecht beurteilen. Ich kam vorgestern hierher mit der leisen
+Hoffnung und dem geheimen Wunsche, in der Gemeine wie im Unitätdienst
+verbleiben zu können, weil ich an die Zukunft der Brüdergemeine
+glaubte und auf weitere Nachsicht mit meiner religiösen Schwachheit
+rechnete. Seit gestern, seit ich weiß, daß der Geist Bruder Balzars
+auch weiter hier herrschen soll, ist das anders geworden, und ich habe
+den Entschluß gefaßt, von nun an mir mein Leben selber zu zimmern und
+in völliger Freiheit um meine Weltanschauung zu ringen. Gott suchen und
+ihm dienen kann ich wohl auch da draußen, vielleicht sogar ungestörter.
+Ich habe sein Walten in mir schon wieder leise verspürt, aber ich weiß
+auch, daß ich schwerlich je wieder die gemeinmäßige Gottesauffassung
+teilen werde, jedenfalls nicht die im Unitätdienst erwünschte der
+Person Christi. Darum will ich lieber beizeiten hinausgehen, und es
+ist eine Stimme in mir, die mir sagt, daß ich recht daran tue. Daran
+lasse ich mir genügen und bitte Sie, mir nicht zu zürnen. Was ich
+meinen<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> Erziehern aus der Brüdergemeine schulde, dessen werde ich mir
+immer bewußt bleiben, und auch Ihnen danke ich herzlichst für all Ihr
+redliches Interesse für mich armes Missionskind.«</p>
+
+<p>Lang und väterlich sah Bruder Bauding den jungen Lehrer an, der fest
+und ruhig gesprochen hatte und doch voll verhaltener Bewegung.</p>
+
+<p>Dann legte er ihm liebevoll die Hand auf die Schulter und sagte leise:
+»Ich habe dich verstanden, mein lieber Bruder, und ich muß dir mit
+bitterstem Schmerze gestehen: ich billige deinen mir so wehtuenden
+Entschluß seit gestern auch. Wer weiß, ich ginge am Ende auch, wenn
+ichs noch könnte. Aber was ein junger Leichtmatrose darf, das darf
+ein Kapitän nicht, er hat auf seinem Schiff zu bleiben, auch wenn er
+weiß, daß der Untergang schwerlich zu vermeiden ist. Noch kann Gott
+Wunder tun! Hoffen wirs, aber rechnen wir nicht darauf, sondern tun
+wir unsere Pflicht, ohne mit der Wimper zu zucken. Und darf ich dir,
+lieber junger Freund, noch ein Wort mit hinausgeben in dein ferneres
+Leben? Ich denke ja. Du hast dich eben noch einmal Missionskind
+genannt, tu es gelegentlich auch fernerhin vor deinem Gewissen, wenn
+auch vielleicht von nun an in anderer tieferer Bedeutung. Du bist und
+bleibst ein Missionskind auch außerhalb unserer Gemeine, die dich
+erzogen hat. Bleib ihrem Geist, ihrem Besten,<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> das doch unvergänglich
+ist wie alles Göttliche, getreu und vergiß nie, daß auch du, ja gerade
+du eine Mission hast. Was Gott der Allmächtige über das Geschick
+unserer kleinen Kirche beschlossen hat, wissen wir nicht; aber wir
+wissen, daß nichts umsonst ist in der Welt, auch das Niedergehen und
+Vergehen nicht. Wer weiß, ob nicht gerade in all den vielen, die wir
+erzogen haben und hoffentlich noch lange erziehen werden, unsere beste
+Hoffnung, unser eigentlicher Daseinszweck beschlossen liegt? Es ist
+vielleicht an der Zeit, daß wir die Waffen, die wir bisher tapfer, doch
+nach und nach mit ermattenden Armen geführt haben, weitergeben sollen
+an die, die von uns hinausgehen, um dort in unserm alten Sinn, doch mit
+andern Formen und neuem Geiste zu kämpfen. Die Schüler sind die Flügel
+des Lehrers, sagte der alte Neander. Fliegen wir mit diesen Fittichen
+auf zu neuen Zielen. Das walte der Allmächtige auch durch dich, mein
+junger Freund, das könnte deine Mission sein! Und damit Gottes Segen
+über dich und deine weitere Arbeit, zieh hin in Frieden!«</p>
+
+<p>Stumm und beide tief ergriffen reichten sich die Brüder die Hand zum
+Abschied.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Dann schritt Kaspar Krumbholtz langsam und nachdenklich hinauf zum
+stillen Hutberg, um Abschied<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> zu nehmen von seinem letzten Schatz in
+der Gemeine, dem Grab seiner Mutter.</p>
+
+<p>Was er da empfunden, vermag keines Menschen Feder niederzuschreiben;
+es gibt Dinge, die unaussprechlich sind oder wenigstens durch jeden
+Niederschlag in Worte ihr Bestes, ihren keuschen Duft, verlieren.</p>
+
+<p>Daß Kaspar an seiner Mutter Grab weinen und beten durfte, war ihm eine
+Erleichterung und ein Trost ohnegleichen.</p>
+
+<p>Er schied mit unnennbarem Schmerz, doch mit reinem Gewissen von
+dem schlichten, flachen Hügel, unter dem die letzte Neißerin ihren
+Ewigkeitsschlaf schlief.</p>
+
+<p>Nachdem sich Kaspar Krumbholtz endlich losgerissen hatte, stieg er noch
+einmal mit wundem Herzen auf den kleinen Altan, der den runden Gipfel
+des Hutberges krönte.</p>
+
+<p>Es war eine stolze Aussicht, die sich ihm da bot.</p>
+
+<p>Ringsum reckten blaue Waldberge, drohend in keckem Trotz, die mächtigen
+Häupter wie eine Postenkette unüberwindlicher Hüter dieses stillen,
+gesegneten Paradieses, in dem üppig wogende Felder und stattliche
+rotdachige Dörfer sich wohlig, ja behäbig streckten.</p>
+
+<p>Dicht vor ihm zu Füßen des Hutbergs lag das liebliche Herrnhut.
+Die grauen, sonnenbeschienenen<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Schieferdächer glitzerten aus dem
+Lindengrün empor wie funkelnde Diamanten aus einem herrlichen
+Smaragdschmuck. Gleich einer braven Henne über ihren Küchlein wachte
+die gewaltig ragende Kirche mit ihrem schweren braunroten Dach, das
+ein kupfergrünes Türmchen knopfartig zierte, über den kleinen, alten
+Barockhäusern.</p>
+
+<p>Noch konnte man denken, es sei das alte Herrnhut Zinzendorfs und
+Spangenbergs. Nur vom Nachbardorf und vom Bahnhof her rückten allerlei
+viereckig grobschlächtige Mietskasernen respektlos und aufdringlich wie
+Parvenüs an die ehrwürdige Aristokratenmatrone Herrnhut heran.</p>
+
+<p>Wie lange würde es wohl noch dauern, fragte sich Kaspar unwillkürlich,
+bis auch im Äußeren der letzte Rest der vornehm bescheidenen Eigenart
+untergegangen war im Meer der barbarischen Alltäglichkeit?</p>
+
+<p>Absetzen — ehe die letzte Neige schal auf der Zunge nachschmeckt —
+aufhören, ehe der letzte Eindruck häßlich sein muß — scheiden in
+Schönheit und nicht mit dem Anblick der verzerrten Züge des furchtbaren
+Todeskampfes.</p>
+
+<p>So dachte Kaspar wehmütig ernst, und so maß er noch einmal
+liebevoll mit verzehrenden Blicken das harmonische Bild der trauten
+Friedensstätte, die einer seiner Vorfahren mit dem schlichten
+Zimmermann Christian David gegründet hatte, prägte<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> dies Bild tief
+und unauslöschlich in seine Seele und schritt traumverloren den Berg
+seitwärts hinunter zum Bahnhof.</p>
+
+<p>Da kam ihm ein hochgewachsener und doch gramgebeugter Greis entgegen.
+Es war der Mann, der Kaspar gestern noch einmal die ganze Schönheit,
+Redlichkeit und Größe moravischen Wesens offenbart hatte, Ehrentraut
+Kämpfer.</p>
+
+<p>Sollte er diesem Mann, der ihm so viel gegeben, der ihm über das
+Schwerste hinweggeholfen, nicht dankbar die Hände drücken?</p>
+
+<p>Er wagte es und sprach zu dem überraschten Greise, wies ihm ums Herz
+war.</p>
+
+<p>Wie verwirrt starrte ihn anfangs der alte Mann an, dann drückte er ihm
+innig die Hand und sagte leise:</p>
+
+<p>»Wieder einer von den Jungen! Es wird Zeit, daß wir Alten uns schlafen
+legen. Nach Leipzig gehst du? Viel Glück, und grüß mir meinen Sohn, den
+Gottfried. Ich laß ihm sagen, er habe recht gehandelt wie du. Baut da
+draußen neu, was hier in Trümmer fällt. Leb wohl!«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Zweites_Buch">Zweites Buch<br>
+<span class="p2 s3 center">&nbsp;&nbsp;Gärender Most</span></h2>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel_2">Erstes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Im Rock des Königs</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Mit behaglichem, ein wenig schadenfrohem Schmunzeln schaute die
+helle Oktobersonne schräg über den weiten Exerzierplatz des 13.
+Infanterieregiments zu Leipzig und schien gar keine Lust zu haben,
+durch einen beschleunigten Niedergang den Rekruten ihre gesunden Qualen
+zu verkürzen.</p>
+
+<p>»Was glotzen Sie denn so da rüber,« schnaubte der scheinbar
+ewig zürnende und doch urgemütliche Sergeant Schnedermann den
+Einjährig-Freiwilligen Krumbholtz an, »Sie sind wohl Sonnenanbeter?«</p>
+
+<p>»Ich bin Theologe, Herr Sergeant,« erwiderte launig, aber in strammer
+Haltung Kaspar Krumbholtz.</p>
+
+<p>»Ach was, Deologe,« schalt Schnedermann, »jetzt sind Sie Rekrut und ham
+Gottverdammich zu sagen, oder wenn Sie lieber wollen Gottverdanzig,
+ooch Gottverdanneboom, aber sonst jeht Sie hier der <span class="antiqua">deus ex
+magica</span> ebenso wenig an wie da drüben die Sonne. Verstanden!
+Übrigens weeß<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> ich gar nich, wie son forscher Kerl wie Sie dazu kommt,
+Paschter wern zu wollen.«</p>
+
+<p>»Ich werds auch nicht, Herr Sergeant. Morgen sattle ich um; der Herr
+Hauptmann hat mir schon Urlaub gegeben für die Universität.«</p>
+
+<p>»So, gehört das hierher? — Urlaub — son krummer Rekrut von kaum vier
+Wochen. Sein Se froh, daß ich nich der Hauptmann bin.«</p>
+
+<p>»Bin ich auch, Herr Sergeant.«</p>
+
+<p>»Hab ich Sie was jefragt?«</p>
+
+<p>»Zu Befehl, nein, Herr Sergeant.«</p>
+
+<p>»Also — ich wer Sie aber nu was fragen: Was wolln Se denn morjen wern
+bei Ihrn Urlaub?«</p>
+
+<p>»<span class="antiqua">Stud. phil. et hist.</span>, Herr Sergeant.«</p>
+
+<p>»Was forn Mist?«</p>
+
+<p>»<span class="antiqua">Studiosus philosophiae et historiae</span>, das heißt, Student der
+Weltweisheit und der Geschichte.«</p>
+
+<p>»Na hörn Se, viel schlauer scheint mir das auch nich zu sein, als die
+Gott- und Sonnenanbeterei. Warum wern Se nich Offizier?«</p>
+
+<p>»Weil ich zu arm, auch schon zu alt bin und noch zu wenig gelernt habe,
+Herr Sergeant.«</p>
+
+<p>»Hm — das läßt sich hören! En ehrlicher Kerl sind Sie, das hab ich
+schon gemerkt, und ein leidlich strammer auch, drum zeichne ich Sie
+auch gelegentlich durch ne kleene Ansprache aus. Aber nu tun Se auch
+mal wieder was, der Herr Leitnant<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> kommt ruff. Rechtes Ohr tiefer,
+Einjähriger Krumbholtz, zum Donnerwetter, wie oft soll ich Sie das
+sagen!«</p>
+
+<p>Und Kaspar Krumbholtz machte seine Gewehrgriffe, als mache es ihm
+Freude.</p>
+
+<p>Vergnügt war er als Soldat jedenfalls, obwohl der Anfang des neuen
+Berufs nicht sonderlich unterhaltsam war. Aber sich sorgenfrei
+in gesunder Luft zu tummeln, die Muskeln zu stählen im Training
+wohlausgedachter Einzelübungen, die doch untrüglich auf eine
+Gesamtausbildung des Leibes hinausliefen, — das war zum mindesten
+nicht schwerer zu ertragen als Schul- und Stubendienst, als Hefte
+korrigieren und Schlafsaalwache.</p>
+
+<p>Ein bißchen derb gings freilich zu und nicht immer geistreich. Aber
+eine Fülle von Leben und Humor steckte doch unter der ledernen
+Oberfläche, gerade wie bei dem scheinbar so grimmigen Schnauzbart
+Schnedermann.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Kaspar Krumbholtz wohnte vor der Stadt in Eutritzsch, nicht allzu weit
+von Hans Sebalt.</p>
+
+<p>Dieser hauste noch immer bei der stattlichen Frau Breutel, die ihn mit
+großer Aufmerksamkeit besorgte; vollends seit sie ihren blöden Emanuel
+glücklich los war. Von dem Plan, mit Kaspar zusammen zu ziehen, war
+Sebalt sofort zurückgekommen,<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> als der harmlose Freund damit Ernst zu
+machen drohte.</p>
+
+<p>So war Kaspar, unfern der Kaserne, zu einer kinderreichen
+Arbeiterfamilie gezogen, die ihn bald innerlich lebhaft beschäftigte,
+obwohl er nicht viel zu Hause sein konnte.</p>
+
+<p>Die Frau war sehr zart, aber scheu und sichtlich vergrämt, als laste
+ein Verhängnis über ihr.</p>
+
+<p>Der Hausherr, Lüders mit Namen, war Vorarbeiter in einer
+Orchestrionfabrik und nebenbei Agitator der sozialdemokratischen
+Partei, wie er seinem Mieter bald darauf und nicht eben vertraulich
+mitteilte. Im Gegenteil, er machte ziemlich viel Wesens davon und kam
+sich als ein recht wichtiger Mann vor.</p>
+
+<p>Auch Kaspar suchte er nach und nach in parteipolitische Behandlung zu
+nehmen, und dieser ließ es sich ausnehmend gern gefallen; denn diese
+sozialen Probleme, die ihm vor der Hand freilich nur in einer Fülle von
+Schlagworten zu Gemüte geführt wurden, hatten den Reiz der Neuheit für
+den jungen Exherrnhuter und weckten sein lebhaftestes Interesse.</p>
+
+<p>Kaspar hoffte unwillkürlich, daß hier ein wichtiges Stück modernen
+Lebens sich ihm enthüllen könne, und er ahnte zugleich, daß auf diesem
+schwierigen Gebiete noch vielerlei Aufgaben einer Lösung harrten —
+anders wahrscheinlich, als<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> der schnellfertige Agitator sie zu lösen
+vorschlug.</p>
+
+<p>Daß die Arbeiter im allgemeinen nicht den gebührenden Anteil an dem
+Gewinn ihrer Arbeit erhielten, daß sie im eignen wie im Interesse ihrer
+Kinder vorwärts streben, sich dazu zusammenschließen und ihre damit
+errungene Machtstellung kämpfend ausnutzen mußten, das leuchtete Kaspar
+allerdings ohne weiteres ein. Aber daß die Unternehmer durch die Bank
+eine beutegierige, ihre Machtstellung schonungslos und ungerecht gegen
+die Arbeiter ausnutzende Gesellschaft von Egoisten sein sollten, das zu
+glauben war dem Pflegesohn des edlen Wilhelm Winkler schlechterdings
+unmöglich.</p>
+
+<p>Ob ferner das moderne Wirtschaftsleben ohne den persönlichen
+Unternehmer möglich oder mit Staats- oder Genossenschaftsbetrieb besser
+beraten wäre, dünkte dem gern vorsichtig prüfenden Kaspar zum mindesten
+zweifelhaft. Jedenfalls erschien es ihm dringend notwendig, sich über
+all diese und ähnliche Probleme erst einmal gründlich zu unterrichten,
+ehe er sich schroffe Meinungen oder vielleicht schiefe Urteile
+nahebringen ließ. Und so war eines der ersten Kollegs, das Kaspar als
+<span class="antiqua">Stud. phil. et hist.</span> belegte, Nationalökonomie.</p>
+
+<p>Überhaupt war es Kaspar Krumbholtz bei seinem neuen, nun endlich völlig
+freien Studium vorab darum zu tun, die Fundamente seiner allgemeinen<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span>
+Bildung zu erweitern oder gar neu zu legen.</p>
+
+<p>Er hatte zur Genüge kennen gelernt, was es heißt, auf Kommando dies
+oder jenes zu studieren. Jetzt wollte er nach eigenem Bedürfnis sich
+erst einmal orientieren über die Welt des modernen Wissens, wollte weit
+nach allen Seiten ausgreifen und sich dann, so hoffte er, nach und nach
+auf das konzentrieren, was seiner Begabung und seinen Neigungen am
+meisten lag.</p>
+
+<p>Zu einem anhaltenden Fachstudium bot die Militärzeit so wie so keine
+Möglichkeit, obwohl der Hauptmann in äußerst entgegenkommender Weise
+ihm nach Beendigung der Rekrutenausbildung in Aussicht gestellt hatte,
+den Besuch von Nachmittag- und Abendkollegs nicht nur zu gestatten,
+sondern auch zu erleichtern, falls der Einjährig-Freiwillige Soldat
+Krumbholtz gut schießen und sonst anstellig im Dienst sein würde. Und
+dem ehemaligen Turner und Fußballspieler fiel das eine dank seiner
+guten Augen und seiner angeborenen Ruhe leicht und das andere nicht
+schwer.</p>
+
+<p>So ward ihm denn in der Tat mancher Nachmittag freigegeben und fast
+jeder Abend.</p>
+
+<p>Überhaupt durfte sich Kaspar über seine Vorgesetzten nicht beklagen.
+Der Hauptmann von Kruse war im Dienst ein wortkarger, auch oft derber
+Herr, der namentlich Montags gar keinen Spaß<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> verstand; aber er pflegte
+seinen Leuten mit Vorliebe zu sagen: »Kinder, macht ihr eure Sache, wie
+sichs gehört, seid ihr in zwei Stunden wieder im Quartier, wenn nicht,
+dann tanzt ihr noch heute abend bei Mondschein nach meiner und des
+Herrn Feldwebels Pfeife. Also wie ihrs haben wollt. Nu los!«</p>
+
+<p>Es kam äußerst selten vor, daß es die Leute anders haben wollten
+als der Herr Hauptmann, der auch gern beizeiten in seine behagliche
+Junggesellenwohnung zurückkehrte.</p>
+
+<p>Um seine Mannschaften kümmerte sich der Hauptmann nicht allzu viel,
+das überließ er dem Feldwebel Knabe, einem wirklich prächtigen alten
+Knaben, dem ältesten Unteroffizier des Regiments, und doch noch dem
+jüngsten ein Vorbild an Pflichttreue, an Schießfertigkeit und vor allem
+— darin fast ein weißer Rabe — an Unbestechlichkeit. Der alte Knabe
+hatte nur <em class="gesperrt">einmal</em> im Jahre »Geburtstag«, nämlich zu Weihnachten,
+und dann auch gleich für seine Frau mit. Zu diesem Festtage war es
+üblich, daß die Einjährigen ihm eine Kiste Zigarren und zwei Flaschen
+Kognak verehrten, von dem er mit Vorliebe bei Felddienstübungen den
+Einjährigen eine Probe aus seiner Feldflasche anbot, aber schalkhaft
+hinzusetzte: Ȇbrigens ist es streng verboten, Alkohol in den
+Feldflaschen zu haben.« »Schmieren« ließ sich der alte Knabe nie,<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span>
+seine Kompagnie-Unteroffiziere ebenfalls nicht, denn er hielt streng
+auf Anstand; aber bei anderen Kompagnien war dieses Hauptübel des
+Unteroffizierstandes recht verbreitet.</p>
+
+<p>Im allgemeinen kam Kaspar mit den Unteroffizieren gut aus, besonders
+seit er auf Bitten seines Oberleutnants Buff, eines seltenen Offiziers,
+der sich um seine Untergebenen mit hingebender Liebe und fast heiligem
+Eifer kümmerte, einige zukünftige Zivilanwärter in Französisch und
+deutschem Aufsatz unterrichtete. Diese Unteroffiziere waren für die
+kleine Hilfe dankbarer als andere für Freßkörbe und silberne Uhren.
+Am klarsten zeigte sich das, als Kaspar von dem ihm nicht gerade
+wohlwollenden Kammerunteroffizier wegen falschen Urlaubs und Tragen
+von Zivilkleidung zur Meldung gebracht werden sollte. Da half man ihm
+treulich.</p>
+
+<p>Ganz ungerupft kam Kaspar jedoch nicht durch. Er war Gefreiter
+geworden, hatte auch bereits eine Korporalschaft erhalten und leitete
+das übliche Reinigen der Gewehre. Der aufsichtführende Vizefeldwebel
+Knauer, dessen Laune mitunter an den Folgen eines kleinen Rausches
+litt, stellte plötzlich fest, daß es abermals bei der Mannschaft
+an Schaftöl fehle und die Leute nur trocken »herumfummelten«. Der
+Einjährig-Gefreite Krumbholtz erhielt also eine gehörige Nase, zumal
+ihm das<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Lügen wie immer schwer fiel, und er ruhig eingestand, er
+habe sich trotz der früheren Ermahnung Knauers nicht darum gekümmert.
+Ärgerlich befahl ihm der Vize, er solle sich sofort selber in die Stadt
+scheren und Schaftöl holen.</p>
+
+<p>Kaspar machte erst große Augen, dann eine stramme Kehrtwendung und
+ging nachdenklich an seinen Kleiderschrank. Was sollte er tun? Eine
+schmutzige Kanne mitten durch die belebte Stadt zu tragen, erschien ihm
+für einen Einjährigen ehrenrührig. Wiederum einen andern, etwa seinen
+Putzer, zu schicken ging nicht an; denn erstens war der »auf Kammer«,
+sodann wäre damit der ihm persönlich aufgetragene Befehl umgangen.</p>
+
+<p>Endlich fiel ihm ein Ausweg ein. Er zog seines Putzkameraden Ausgehrock
+an. So war die Ehre der Schnüre gerettet, und der Feldwebel hatte auch
+seinen Willen.</p>
+
+<p>Alles ging soweit nach Wunsch; mit Humor und Würde nahm Kaspar sogar
+eine von dem Ölhändler spendierte Dreipfennig-Zigarre entgegen und
+kehrte in die Kaserne zurück. Da aber stieß der unermüdlich im Revier
+tätige Oberleutnant Buff auf Kaspar, musterte ihn halb erstaunt, halb
+ärgerlich, und fragte ihn schließlich sehr ernsthaft, warum er sich
+seine Schnüre und Knöpfe abgeschnitten habe. Verlegen beichtete der
+Einjährig-Gemeine seinen salomonischen Ausweg, jedoch ohne<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> dem stets
+sachlichen Vorgesetzten ein Lächeln abzulocken, vielmehr nur den
+kurzen, bangen Bescheid: »Ich werde die Sache dem Herrn Hauptmann zur
+Meldung bringen.« Und es geschah.</p>
+
+<p>Zum Glück nahm Herr von Kruse die Sache mit mehr Humor auf, aber Knauer
+wie Krumbholtz bekamen einen öffentlichen Verweis.</p>
+
+<p>Von da an hatte Kaspar schlimme Tage, wenn Vizefeldwebel Knauer den
+Dienst leitete. Auch als er am 1. Juli Unteroffizier wurde, besserte
+sich das Verhältnis zu dem grimmigen Knauer nicht.</p>
+
+<p>Dennoch war Kaspar mit Leib und Seele Soldat. Ja, er fragte sich
+bisweilen ganz ernsthaft, wie ihn schon seinerzeit der Sergeant und
+dann einmal der Oberleutnant: ob es sich nicht verlohne, dauernd zu dem
+militärischen Erziehungsberufe überzugehen; doch die freie Wissenschaft
+lockte ihn von Tag zu Tag mehr, und schon freute er sich darauf, ihr
+ganz sich hingeben zu können.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel_2">Zweites Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Sündenfälle</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Vergebens hatte Hans Sebalt gehofft, das Interesse für die schöne
+Tänzerin von Lindenau werde bei ihm ebenso rasch verfliegen wie bei
+seinem Freunde Niemeyer, der ihrer kaum je wieder gedachte und auch
+dann nur mit der angenehmen Erinnerung an eine seiner Eitelkeit
+schmeichelnde Episode, nicht mit der Sehnsucht nach Wiederholung.</p>
+
+<p>Den scheinbar so kühlen, jetzt sogar gern ein wenig blasierten Hans
+Sebalt ließ diese Sehnsucht nach einem Wiedersehen nicht los; auch
+Ärger, Trotz und Neugier gesellten sich in seinem Innern bohrend hinzu,
+und gar mancher Kneipen- und Tanzlokalbesuch Sebalts hatte keinen
+anderen Grund als den, nach der geheimnisvollen, stolzen Brünetten zu
+spähen, der er den Korb von Lindenau noch immer nicht verziehen hatte.</p>
+
+<p>Je weniger Erfolg der eigensinnige Hans Sebalt hatte, um so mehr
+steigerte sich seine Begierde; ja schließlich loderte eine Leidenschaft
+in<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> ihm empor, daß er selbst bisweilen darob erschrak und sich wohl
+im geheimen fragte: ob man ein Phantom überhaupt so lieben könne oder
+ob es nicht ganz einfach die lang in ihm zurückgedrängten Triebe
+des reifenden Mannes wären, die nach Befriedigung durch das andere
+Geschlecht lechzten.</p>
+
+<p>Hans Sebalt erschauerte oft vor Sehnsucht nach dem Weibe und war
+ehrlich genug, es sich zu gestehen. Solange er die Notwendigkeit
+vor sich gesehen hatte, Herrnhuter zu bleiben und mit dem späteren
+Unitätdienst zu rechnen, hielt er sich für verpflichtet, einen sittlich
+einwandfreien Lebenswandel zu führen. Jetzt, nachdem er durch das
+Winklersche Legat von den ihm längst lästigen Fesseln befreit worden
+war, änderte sich diese asketische Anschauung merkwürdig rasch;
+ja, es brach sich sogar die Überzeugung in ihm Bahn: ein Mann von
+Welt, vielleicht überhaupt jeder richtige Mann müsse, um das Weib zu
+verstehen, auch Weiber kennen lernen, und das sei nur möglich im nahen
+und nächsten Umgang, im Liebesverkehr.</p>
+
+<p>Aber sooft sich Hans Sebalt dies Ergebnis seiner kecken Überlegungen
+auch zu Gemüte führte, so sehr hütete er sich doch, es in Taten
+umzusetzen. Seine gute Erziehung, seine angeborne Keuschheit, wie
+endlich seine innere Unsicherheit gegenüber allem weiblichen Wesen
+hielten ihn immer wieder<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> vor dem Äußersten zurück, obwohl es in
+Leipzig an Gelegenheiten dazu nicht fehlte.</p>
+
+<p>Immer wieder lachte sich der ehemalige Herrnhuter innerlich aus, wenn
+er sich aussprach, daß er mit seinen 23 Jahren noch nie ein hüllenloses
+Weib gesehen hatte, daß ihm auch mancherlei Geheimnisse, die ein
+ländlicher Gesindejunge oft schon mit zehn Jahren kennt, noch halb
+verschlossen waren, so daß er oft bei den gepfefferten Witzen und Zoten
+einiger Kommilitonen nur verlegen mitlächeln konnte.</p>
+
+<p>Es kam wohl vor, daß Hans Sebalt nachts nach einer wüsten Kneiperei
+mit heißem Verlangen einem Straßenmädchen nachging, sich ansprechen
+und mit prickelndem Behagen ein Stück mitnehmen ließ und schließlich
+doch scheue Ausflüchte suchte, wenn eine Entscheidung von ihm gefordert
+wurde. Dann dachte er unwillkürlich — wie zum Schutz gegen die Macht
+der Verführung — an die stolze Schöne von Monplaisir, die er liebte,
+dankte rasch und kehrte um.</p>
+
+<p>Enttäuscht und doch stolz schlich er heim, wälzte sich unruhig und
+ärgerlich auf seinem Lager und schalt sich immer aufs neue einen Narren
+oder Phantasten, einen Heuchler oder Unmann.</p>
+
+<p>Aber von den Weibern ganz zu lassen, vermochte Hans Sebalt auch
+nicht, obwohl er mit der Zeit ein sehr fleißiger Student der
+Naturwissenschaft<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> geworden war, der bei seinen Professoren bereits
+Hoffnungen zu selbständigem Forschen erweckte. So nüchtern Hans Sebalt
+tagsüber arbeitete und forschte, in den Nächten bekam die Leidenschaft
+immer von neuem Gewalt über ihn, und der Kampf um seine Keuschheit ward
+immer härter und heißer.</p>
+
+<p>Da stieß Hans Sebalt eines Abends an einer Straßenecke zu seiner
+größten Bestürzung auf die stolze Brünette. Sie stand vor einem
+Juwelierladen und musterte wie versonnen die Auslage.</p>
+
+<p>Hans Sebalt fühlte, wie ihm das Blut gleichsam in den Adern stockte,
+wie sein Herz lauter schlug; es war ihm plötzlich, als stünde das
+Schicksal selber in dieser verführerisch lieblichen und doch so
+unsagbar kühlen Mädchengestalt vor ihm.</p>
+
+<p>Rasch faßte sich der Student und überlegte, was er tun sollte. Eine
+Begegnung, eine Anrede mußte er irgendwie herbeiführen; aber diesmal
+galt es auf der Hut zu sein, sonst war alles verloren.</p>
+
+<p>Noch hatte die Geheimnisvolle ihn nicht gesehen, schnell tauchte er
+darum in das schützende Gewühl der Menge zurück; dann ging er wie von
+ungefähr an dem Schaufenster vorüber, stieß wie aus Versehen gegen des
+Mädchens Arm, rief irgendjemand ein barsches: Passen Sie doch auf! zu
+und wandte sich dann mit einem höflichen »Pardon, Fräulein!« geschickt
+der Brünetten zu<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> und sagte schließlich mit gutgespieltem Erstaunen:</p>
+
+<p>»Ah — meine gnädigste Ungnädige von Lindenau, sieh da — Sie leben
+auch noch. Ich bitte noch nachträglich für damals um Entschuldigung,
+daß ich mich nicht vorstellte, mein Name ist Sebalt.«</p>
+
+<p>Spöttisch lächelnd wandte sich das schöne Mädchen ihm zu und sagte mit
+unnachahmlicher Hoheit: »So — Sie sind mir mal wieder auf der Spur —
+der Rosentaljäger auf der Pirsch! Na — Weidmannsheil — aber merken
+Sie sichs endlich: ich bin kein Freiwild!«</p>
+
+<p>Hans Sebalt erbebte vor Ärger und Leidenschaft; doch die Furcht, die
+heimlich Geliebte endgültig zu verlieren, gab ihm Selbstbeherrschung,
+und so sagte er vornehm:</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, warum Sie mich so <span class="antiqua">en canaille</span> behandeln?
+Schon in Lindenau haben Sie mich durch die Verweigerung eines Tanzes
+verletzt, und jetzt tun Sie geradezu, als wäre ich der abgefeimteste
+Schürzenjäger. Ich habe Sie wirklich ganz zufällig hier getroffen und
+Ihnen nicht im mindesten nachgespürt.«</p>
+
+<p>»So,« erwiderte die Brünette eisig, »und im Rosental und in Monplaisir?«</p>
+
+<p>»Mein Gott ja, ist es ein Verbrechen, wenn man sich für eine Dame
+interessiert?«</p>
+
+<p>»Ich danke gehorsamst für dieses Interesse und habe Ihnen das wohl zur
+Genüge zu verstehen<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> gegeben. Also bitte, lassen Sie mich gefälligst in
+Ruhe.«</p>
+
+<p>Scharf und ziemlich laut hatte das dunkellockige Mädchen gesprochen,
+und einige Vorübergehende horchten auf.</p>
+
+<p>Hans Sebalt begann seine Fassung zu verlieren, trat erregt vor und
+flüsterte: »Fräulein, bitte nicht so — Sie wissen nicht, was Sie mir
+sind.«</p>
+
+<p>»Ich Ihnen?« spottete die Brünette, »eine flüchtige Unterhaltung wie
+jede andere auch! Also bitte, wollen Sie sich jetzt entfernen?«</p>
+
+<p>Da hielt Hans Sebalt nicht länger an sich, und mit echter Leidenschaft
+brach es aus seiner Seele: »Machen Sie mich nicht wieder so namenlos
+unglücklich, Fräulein, wie damals in Lindenau! Ich habe nie an eine
+andere gedacht als an Sie; ich liebe Sie und muß Sie lieben — ich
+weiß nicht, wie es kommt, — Sie haben mein ganzes Denken und Fühlen
+eingenommen, und darum bitte ich, rauben Sie mir nicht jede Hoffnung!
+Ich will tun, was Sie wollen, nur stoßen Sie mich nicht wieder herzlos
+von sich.«</p>
+
+<p>Mit seltsam irrenden Blicken und sichtlichem Unbehagen hatte die
+Brünette den leisen, aber wehdurchzitterten Worten Sebalts zugehört,
+dann sagte sie herb, fast bitter: »Ich meine, solche Phrasen schon
+gelegentlich in Liebesromanen und schlechten Stücken gelesen zu haben;
+aber Sie verzeihen, ich<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> glaube dergleichen Firlefanzereien schon
+längst nicht mehr. Geben Sie mir doch Beweise Ihrer Verehrung, dann
+wollen wir weiter reden.«</p>
+
+<p>»Ich bitte darum,« sagte Hans mit leisem Aufatmen.</p>
+
+<p>»Meinetwegen!« antwortete das Mädchen gleichgültig lächelnd und
+wiederum in Gedanken verloren. »Hier, sehn Sie die Brosche, das goldne
+Steuerrad mit den Perlen — gehen Sie hinein und kaufen Sie es.«</p>
+
+<p>Hans Sebalt erschrak, seine Gedanken jagten sich: War sie so eine?
+Hatte er sich also doch getäuscht! Zugleich fiel ihm schwer aufs Herz,
+daß er das Schmuckstück wohl kaum würde bezahlen können. Aber die
+Blamage! Und dann die Heißersehnte wieder verlieren — für immer —
+nein — koste es, was es wolle, er hatte zur Not sein Vermögen, und
+stolz schritt er in den Laden.</p>
+
+<p>Die Brosche war echt und mit 65 Mark ausgezeichnet. Hans Sebalt wußte,
+er hatte nur einige 40 Mark bei sich. Mit vornehmer Gelassenheit
+erklärte er jedoch dem Juwelier kühl:</p>
+
+<p>»Ich werde nicht so viel bei mir haben, möchte aber das Geschenk gleich
+mitnehmen. Sie gestatten wohl, daß ich Ihnen die größere Hälfte, 35
+Mark gleich anzahle, das andere morgen oder übermorgen, wenn Sie
+wünschen, hinterlege ich meine Studentenkarte. Gefahr laufen Sie
+nicht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p>
+
+<p>Der Juwelier lächelte verbindlich und machte eine Verbeugung: »Bitte,
+keine Gefahr — gar nicht nötig, Ihre Adresse genügt. Wollen Sie ein
+Etui, vielleicht weißer Samt?«</p>
+
+<p>»Bitte ja,« erwiderte Sebalt ruhig, zählte die 35 Mark auf den
+Ladentisch und ging mit der Brosche siegesgewiß hinaus.</p>
+
+<p>Als sich Hans Sebalt auf der Straße nach der Brünetten umsah, konnte er
+sie nirgends entdecken. Irgendein Fremder, den er fragte, gab an, sie
+habe plötzlich wild aufgelacht und sei dann wie närrisch davongestürzt.
+Genug — sie war verschwunden, und er war abermals schnöde verspottet
+und verschmäht.</p>
+
+<p>Eine grenzenlose Wut kochte in Sebalt empor. Aufschreien hätte er
+mögen, davonrasen, seinen kostbaren Schmuck an der nächsten Hauswand
+zerschmettern!</p>
+
+<p>Diese Elende — diese eingebildete Person! Nur zum Narren hatte sie ihn
+halten wollen. Und überdies ihn in Schulden gestürzt. Sollte er sich
+nun auch noch vor dem Juwelier lächerlich machen und ihn bitten, das
+Stück zurückzunehmen? Nein!</p>
+
+<p>Ein wilder Trotz durchflammte Sebalt — er würde einfach Volpelius um
+Geld bitten.</p>
+
+<p>Und dann — diese schwarze, tückische Hexe — mußte sie es denn
+durchaus sein? Es gab andere<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> genug, die vielleicht nicht weniger schön
+waren und sicherlich entgegenkommender.</p>
+
+<p>Was war denn die Liebe? Leidenschaft — Sinnlichkeit! Ein
+Naturwissenschaftler wie er brauchte sich wahrlich kein moralisches X
+für ein naturgegebenes U zu machen. Dummheit!</p>
+
+<p>Und mit trotzigen, zynischen Gedanken ging Hans in eine Weinstube,
+trank sich Mut, brachte seine schon erregten Sinne zu immer
+gefährlicherer Erhitzung und suchte sich schließlich auf der Straße ein
+schlankes, brünettes Frauenzimmer. Lachend opferte er ihr die kostbare
+Brosche und seine Keuschheit.</p>
+
+<p>Aber jenes eine stolze Mädchen, das ihm wieder entflohen, und in dessen
+Armen er sich bei der andern doch trunken gewähnt hatte, konnte er
+trotzalledem nicht vergessen. Er mußte es weiterlieben und suchte es
+von neuem rastlos in den engen Gassen Leipzigs, auf den Tanzböden der
+Vorstädte und allnächtlich in seinen Träumen.</p>
+
+<p>Nur in diesen fand er es bisweilen und genoß seine Reize in wilder Lust
+und unstillbarer Sehnsucht.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Verkehr zwischen Hans Sebalt und seinem Jugendfreunde war weniger
+häufig und auch nicht so herzlich, als es beide zuvor im Engadin
+erträumt hatten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p>
+
+<p>Teils lag das an Kaspars Dienst und seinem Kollegienhunger; teils an
+Sebalts Hang zur Einspännerei und seiner eigentümlichen Seelenstimmung,
+die mehr und mehr zwischen einem galligen Spott, einem hochfahrenden
+Trotz und einer dumpfen Melancholie wechselte.</p>
+
+<p>Mit redlicher Betrübnis sah Kaspar, daß der Freund sich völlig
+verändert hatte, und er ahnte, daß irgendein geheimer Kummer ihn
+bedrücke. Aber wenn er dergleichen schonend andeutete, um Hans
+vielleicht zu einer tröstenden Aussprache zu bringen, dann lachte
+Sebalt oft häßlich und höhnte mit seiner alten, aber nicht mehr so
+harmlosen Großspurigkeit:</p>
+
+<p>»Nee, mein lieber Musketier und Beichtvater. Das mußt du schon schlauer
+andrehn, wenn du mich ausholen willst. Was soll ich dir auch Rede
+stehn, mein Guter? Das sind Dinge, von denen sich deine fromme Seele
+nichts träumen läßt. Danke du deinem Schöpfer, daß er dich braven
+Musterknaben nicht in Versuchung führt, auf daß deine redliche Seele
+nicht Schaden nehme. Verachte mich, wenn du magst, aber laß mich nach
+meiner Façon unselig werden.«</p>
+
+<p>Kaspar horchte auf. Wo hatte er schon einmal einen ähnlichen Ton
+vernommen? Richtig — bei Chancy, der sprach auch so bitter und
+überlegen — damals!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p>
+
+<p>Hans Sebalt rang wahrscheinlich mit einer schweren Leidenschaft, da
+konnte ihm wohl keiner helfen, also schwieg Kaspar. Doch Hans Sebalt
+höhnte gelegentlich weiter; und Kaspar trug es weiter geduldig.</p>
+
+<p>Nur einmal, als Sebalt plötzlich Ursemis Namen neckend mit dem des
+Freundes in Verbindung brachte, da verwies ihm das Kaspar rauh und
+hart, und Sebalt dachte sich ebenfalls das Seine und schwieg nun auch.</p>
+
+<p>Verstimmt schieden die Freunde voneinander und sahen sich viele Wochen
+nicht wieder.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auch mit seinem Hauswirt geriet Kaspar nach und nach in ein
+unerquickliches Verhältnis.</p>
+
+<p>Erst kam es bei den politischen Disputen, die Herr Lüders immer und
+immer wieder herbeiführte, zu einigen Offenheiten. Der Agitator schalt
+mit Vorliebe auf seine beiden Fabrikherrn und nannte sie schamlose
+Ausbeuter. Als Kaspar darauf nicht reagierte, da er die Herren
+nicht kannte, ging Lüders rasch vom Besonderen zum Allgemeinen, zur
+Verelendung der Massen, über und zieh seinen Mieter, der ihm jetzt
+öfters auswich, schließlich der Feigheit. Nun diente ihm Kaspar, der
+sich unterdessen mit dem Marxismus und seinen teilweise schon durch die
+Entwickelung <span class="antiqua">ad absurdum</span> geführten<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> Theorien genügend vertraut
+gemacht hatte, in aller Sachlichkeit.</p>
+
+<p>Der Arbeiter fühlte wohl auch die Überlegenheit des nun gründlicher
+orientierten Studenten und nahm sich klug die Auswüchse des
+Militarismus vor. Kaspar leugnete diese durchaus nicht, aber meinte:
+Auswüchse zeitige jedes System mit der Zeit; darum gelte es eben
+stets, sie beizeiten zu beseitigen, und daran fehle es auch im
+Falle des Militärwesens keineswegs. Er habe sich früher als Laie
+die Durchstechereien und Mißhandlungen nach dem Zeitungslärm weit
+verbreiteter gedacht; in Wahrheit stehe es nicht allzu schlimm damit,
+und Lumpen kämen überall vor.</p>
+
+<p>»Stimmt,« erklärte Herr Lüders diktatorisch, »aber unter den niederen
+Klassen weit weniger als unter den höheren — natürlich prozentual
+berechnet.«</p>
+
+<p>»Mag sein,« erwiderte Kaspar ruhig, »gegen solche allgemeine
+Behauptungen läßt sich ja gar nichts einwenden und auch nichts
+beweisen. Aber werden wir doch einmal konkret, Herr Lüders. Ich habe
+da kürzlich eine kleine Erfahrung gemacht, die mir beinahe einige Tage
+Kasten eingetragen hätte. Ich habe nämlich, um mir mal ein eignes
+Urteil über Ihre politischen Ziele und ihre Art zu bilden, zwei
+Ihrer Versammlungen besucht, natürlich in Zivil. Das erstemal kam es
+zu keiner<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> Resolution, da wegen allzu wüster Schimpfereien — nein
+wirklich — es war geistlos und wüst — die Versammlung polizeilich
+aufgelöst wurde. Das zweitemal bekam ich Prügel, weil ich bei der
+Resolution, der ich beim besten Willen nicht zustimmen konnte, sitzen
+zu bleiben wagte. Dafür wurde ich von der Polizei aufgeschrieben und
+wäre ohne meine Studentenkarte wohl auch zur Meldung gebracht worden.
+Ist das Ihre vielgerühmte Freiheit der Meinung, Herr Lüders?«</p>
+
+<p>»Ach was,« erwiderte der Agitator unverlegen, »im Kampf ist jedes
+Mittel recht. Wenn erst der Sieg erfochten, der Zukunftstaat — dann —«</p>
+
+<p>»Pardon! Daß der Zukunftstaat eine Utopie und nur ein agitatorisches
+Lockmittel ist wie die famose Internationale, das haben Sie mir neulich
+ja schon halb und halb zugegeben.«</p>
+
+<p>»Meinetwegen, Herr Studente, aber unsere Weltanschauung wird doch
+siegen ebenso wie unsere neue Wirtschaftsordnung.«</p>
+
+<p>»Ihre Weltanschauung, Verehrter, ist ein abgestandner Materialismus,
+dem die Welt und sicherlich Deutschland nie gehören wird. Und die
+Wirtschaftsordnung entwickelt sich wie alles historisch Bedeutsame
+nach gewissen Gesetzen, die trotz einzelner Schwankungen die Wucht und
+Sicherheit der ewigen Naturgesetze haben. Also bange machen gilt nicht.
+Wenn der deutsche Bourgeois sich erst<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> seine Hasenangst vor ihrem
+sogenannten großen Kladderadatsch abgewöhnt hat, dann werden auch Sie
+nach und nach von der Ihnen parteitaktisch so bequemen Negative zur
+Positive übergehen müssen, oder Sie werden das Vertrauen der Arbeiter
+verlieren. Auch unsere Proletarier sind Deutsche und streben nicht
+nur nach der Höhe, sondern dringen auch nach und nach prüfend in die
+Tiefe. Gold suchen sie, nicht Talmi. Schon jetzt glaubt keiner mehr an
+Ihren Zukunftstaat, auch der Dümmste nicht. Also nur ruhig Blut, Herr
+Lüders! Ihrer Oberflächlichkeit und Unfruchtbarkeit werden Sie und Ihre
+Kollegen erliegen, nicht den Bajonetten.«</p>
+
+<p>Solche und ähnliche Dispute führten nicht zu gegenseitiger Überzeugung,
+im Gegenteil; jedesmal stießen Meinung und Gegenmeinung heftiger
+aufeinander. Aber Kaspar dienten auch sie zur Entwickelung und
+Schärfung seines Verstandes, zur Vertiefung seines bis vor kurzem
+noch schlummernden politischen Interesses, regten ihn unmittelbar zur
+Lebensbeobachtung an und verfeinerten nach und nach sein soziales
+Empfinden.</p>
+
+<p>Zum Bruch mit Herrn Lüders führte jedoch ein völlig anderes Moment.</p>
+
+<p>Mit tiefem Mitleid hatte Kaspar Krumbholtz die Leidensgeschichte der
+kleinen, stillen Frau Lüders in all diesen Monaten verfolgt. Kaum
+zwanzigjährig hatte das hübsche, doch sehr zarte Frauchen<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> schon vier
+Kinder, darunter zwei recht kränkliche, die deutlich die Spuren der
+erschütterten mütterlichen Konstitution verrieten.</p>
+
+<p>Am Krankenbett des einen Knaben schüttete das vielgeplagte Weib eines
+Abends dem von ihr geschätzten Mieter unter bitterlichem Schluchzen
+vertrauensvoll ihr Herz und ihre Sorgen aus, daß ihr Mann sie zugrunde
+richten würde. Die Partei sei ihm ja ein und alles und die Familie
+nichts mehr. Fast jeden Abend müsse er in der Kneipe sitzen, und käme
+er bisweilen betrunken nach Hause, so müsse sie ihm zu Willen sein,
+obwohl sie kein Kind mehr haben wolle und auch schwerlich könne, denn
+sie sei von der letzten Niederkunft her noch nicht wieder gesund.</p>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz war eigen zumute. Die ungeschminkte und doch in
+gewisser Weise rührende Aufrichtigkeit des armen Weibes verblüffte, ja
+überwältigte ihn, und zugleich war sie ihm peinlich, ja widerwärtig.
+Was gingen ihn, den Fremden, dergleichen Intimitäten des Ehelebens an.</p>
+
+<p>Und doch, je mehr Kaspar darüber nachdachte, um so mehr wuchs die
+Teilnahme für den leidenden, die Empörung gegen den schuldigen Teil.</p>
+
+<p>Auch das war ein Stück typischen sozialen Elends, von dem er sich trotz
+London nichts hatte träumen lassen.</p>
+
+<p>Kaspar konnte jedoch nichts anderes tun als<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> schweigen. Dem ihm von Tag
+zu Tage widerwärtigeren Herrn Lüders auch nur ein Wort zu sagen, stand
+ihm nicht zu, wäre ihm vielmehr höchst taktlos erschienen. Er sann nur
+manchmal darüber nach, ob gerade dieser Mann etwa als Unternehmer seine
+Arbeiter rücksichtsvoller behandelt haben würde als jetzt seine kleine,
+leidende Frau. Es kam doch wohl nicht darauf an, was man war, sondern
+wer und wie man es war.</p>
+
+<p>Die arme Frau Lüders kam wirklich bald wieder in andere Umstände, wie
+sie Kaspar eines Tages verzweifelt gestand, und unheimlich drohend
+fügte sie hinzu: »Nun gibts ein Unglück.« Mit steigender Sorge
+beobachtete Kaspar seitdem das arme Wesen, das sichtlich mit einem
+schweren Entschluß kämpfte und doch wohl immer wieder zauderte ihrer
+Kinder wegen, um die sie jetzt oft klagte. Kaspar kämpfte lange Zeit
+mit sich; eines Abends endlich gewann er es über sich, Herrn Lüders
+wenigstens zu sagen: Er möge auf seine Frau acht geben, sie sei so
+aufgeregt, sie könne sich am Ende gar ein Leids antun.</p>
+
+<p>Herr Lüders lachte nur überlegen und meinte jovial: »Hat nischt zu
+sagen; s ist nur wieder was unterwegs, und da sind die Weibsleut
+oftmals etwas meschugge. Das gibt sich aber bald.«</p>
+
+<p>Und es gab sich auch, aber anders, als der weise Lüders dachte: Nach
+einem vergeblichen Versuch,<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> sich von dem Kinde zu befreien, ging die
+zarte, stille Frau ins Wasser.</p>
+
+<p>Hart war das Urteil der Welt über sie, am härtesten das ihres
+Mannes. Nur Kaspar Krumbholtz trauerte dem armen, ratlos aus einem
+unerträglichen Dasein davongestürzten Weibe mit einer Ergriffenheit
+nach, die lange in seiner empfindlichen Seele nachzitterte.</p>
+
+<p>Am Tage nach dem Begräbnis verließ er das Haus des Herrn Lüders,
+der schon nach wenigen Wochen ein anderes Weib nahm — um seiner
+mutterlosen Kinder willen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Schießübungen waren beendet. Die Felddienstübungen wurden von Tag
+zu Tag länger, anstrengender und interessanter; das Manöver stand vor
+der Tür.</p>
+
+<p>An einem heißen Nachmittag kehrten die Einjährigen der Kompagnie von
+einer Krokierübung heim, und einer der Herren schlug vor, in ein der
+Kaserne benachbartes Kellnerinnen-Café zu gehen.</p>
+
+<p>Kaspar ging mit; er war nie ein Spaßverderber, auch wenn er sich aus
+der »Damenbedienung« wenig machte. Er trat als letzter in das Lokal ein
+und bemerkte nur flüchtig, daß mit der einen Kellnerin im Hintergrunde
+irgend etwas Aufregendes<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> vor sich ging, dann verschwand die Wirtin mit
+ihr.</p>
+
+<p>Man scherzte mit den andern Kellnerinnen und spielte ein wenig Klavier;
+plötzlich kam die Wirtin wieder herein und fragte Kaspar vertraulich:
+»Sagen Sie mal, Herr Unteroffizier, haben Sie denn hier eine Verwandte?«</p>
+
+<p>»Ich — nein,« antwortete der Gefragte lachend, »das wäre mir neu.«</p>
+
+<p>»Nun ja,« meinte die Wirtin verlegen, »ich konnte mir das auch nicht
+recht denken; aber vielleicht kennen Sie die Dame sonst irgendwoher?
+Es ist nämlich meine Kellnerin, sie heißt Fränze — ist noch nicht
+lange hier — ein hübsches Mädchen. Als Sie vorhin eintraten, sah sie
+erst wie auf eine Geistererscheinung, bekam dann so eine Art Ohnmacht
+— so wie vor Schrecken — na und nu sitzt sie da drin und heult wien
+Schloßhund und erklärt: sie müsse spornstreichs weg. Sie wären ein
+Verwandter — na Gott, ich glaubs ja auch nicht — also bitt schön,
+wollen Sie nicht wenigstens mal mit ihr reden. Vielleicht beruhigt sie
+sich dann.«</p>
+
+<p>Kaspar ging kopfschüttelnd hinein mit den Worten: »Es ist am Ende nur
+eine Verwechslung, wahrscheinlich sehe ich einem ihrer Lieben ähnlich.«</p>
+
+<p>Noch immer heftig schluchzend saß das Mädchen,<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> den Kopf auf den einen
+Ellbogen niedergebeugt, an einem kleinen Tisch am Fenster des schmalen,
+etwas düstren Gemachs.</p>
+
+<p>Als Kaspar zu ihr trat, hob sie das liebliche Haupt schüchtern empor,
+und er sah zu seiner höchsten Überraschung, daß es Irmgard von
+Zweydorff war.</p>
+
+<p>»O wie schäme ich mich vor Ihnen, Herr Krumbholtz,« klagte das
+ehemalige Londoner Magdalenchen, »aber ich war so lange stellenlos,
+war am Ende mit meinen Mitteln — zürnen Sie nicht, ich war anständig,
+glauben Sies mir.«</p>
+
+<p>Kaspar drückte dem Mädchen freundlich die Hand, strich ihm beruhigend
+mit der Linken über den runden vollen Arm und sagte launig und warm:
+»Aber warum denn so erschrecken, liebes Fräulein? Ich bin doch kein
+Inspektor der Inneren Mission. Warum sollen Sie sich als Kellnerin
+nicht ebenso ehrlich und anständig Ihr Brot verdienen wie als
+Verkäuferin oder als Lehrerin? Der Stand machts doch wirklich nicht.
+Im übrigen freue ich mich rechtschaffen, Sie einmal wiederzusehen. Nun
+können Sie mir doch gelegentlich erzählen, wies Ihnen ergangen ist.
+Aber nun bitte nicht mehr weinen! Warum sich aufregen? Freun Sie sich
+doch wie ich!«</p>
+
+<p>Irmgard schüttelte trostlos das Haupt und sagte dumpf: »Ich habe nicht
+gewußt, daß Sie hier<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> sind; sonst wäre ich sicherlich nicht hierher
+gegangen.«</p>
+
+<p>Dann sprang sie auf, drängte sich wie hilfesuchend an Kaspar heran
+und flehte: »Liebster, bester Herr Krumbholtz — ich weiß ja, was für
+ein vornehmer Mensch Sie sind — helfen Sie mir hier fort, ich bitte
+Sie flehentlich darum, und ich weiß auch, warum ich das tun muß.
+Keine Stunde mag ich hier länger bleiben; oh, es ist so gemein hier,
+und die andern Mädchen sind alle so schlecht zu mir, auch die Wirtin
+ist ordinär, ich kann gar nicht alles so sagen. Bitte, bitte, lösen
+Sie mich aus! Ich hab ja tägliche Kündigung, aber ich habe natürlich
+Schulden bei der Wirtin, für Essen und Garderobe, ich bin nicht flott
+genug beim Animieren, habe noch zuviel Anstands- und Ehrgefühl. Oh —
+es ist schrecklich! Nur fort, fort von hier — gehen Sie, bitte, suchen
+Sie mir rasch eine Wohnung, wenigstens für ein paar Tage, bis ich eine
+neue Stellung habe. Ich will ja so gern wieder arbeiten, anständig und
+ehrlich arbeiten.«</p>
+
+<p>Kaspar wußte nicht recht, was er von alledem denken sollte. Er war
+fremd im Lokal, fremd in solchen Verhältnissen.</p>
+
+<p>Für das Mädchen glaubte er, seit sie seinem Rate einmal gefolgt war,
+eine gewisse Verantwortung tragen zu müssen, also versetzte er nach
+kurzem Überlegen: »Auslösen will ich Sie gern,<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> damit Sie nicht etwa
+gegen Ihren Willen gehalten werden. Hier ist mein Portemonnaie, nehmen
+Sie, was Sie brauchen. Auch eine Wohnung will ich suchen, packen Sie
+unterdessen Ihre Sachen. Ich komme morgen vor und sage Ihnen Bescheid.«</p>
+
+<p>»Morgen — nein, nein,« wehrte Irmgard ab, »nicht zehn Minuten bleibe
+ich hier, nachdem ich Sie gesehen. Ich habe nur meine paar Nachtsachen.
+Ich mag auch die Schande vor den andern Mädchen nicht mehr erleben.
+Und verzeihen Sie mir, daß ich Sie in der Not vor der Wirtin zu meinem
+Verwandten gemacht habe. Es ist das gewiß keine Ehre —«</p>
+
+<p>»O bitte,« scherzte Kaspar, obwohl ihm nichts weniger als behaglich
+war. »Ihr Geschlecht ist sicher erlauchter als das meine. Aber was nun
+werden soll, wenn Sie so stehenden Fußes hier mit mir davonlaufen, das
+weiß ich wirklich nicht. Lassen Sie uns keine Torheiten begehen.«</p>
+
+<p>»Sie schämen sich doch meiner,« klagte Irmgard, »ich merke es wohl —
+nun ja, der angehende Offizier —«</p>
+
+<p>»Pardon, der würde mich erst recht verpflichten, einer in Not geratenen
+Dame zu helfen; aber die Hilfe muß Hand und Fuß haben, sonst ists
+keine.«</p>
+
+<p>»Nun gut, wenn Sie nur helfen wollen! Das ist die Hauptsache. Hier Ihr
+Portemonnaie zurück — ich nahm, was ich brauchte —, es ist noch<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> viel
+darin. Und nun bitte, setzen Sie sich ruhig wieder zu Ihren Herren
+Kameraden hinein. Ich mache Toilette und Rechnung. Wo wohnen Sie?«</p>
+
+<p>Kaspar nannte seine Wohnung.</p>
+
+<p>»Gut,« erklärte Irmgard wieder zuversichtlicher, »jetzt ists sechs
+durch, um sieben Uhr spätestens bin ich bei Ihnen. Dann beschließen
+wir in aller Ruhe, was wir tun werden. Wenn Sie bis dahin sich noch
+nach einer Wohnung umsehen können, wäre es mir lieb. Anspruchsvoll bin
+ich natürlich nicht. Ich schlief bisher mit den drei andern Mädchen in
+einer kleinen Dachkammer. Also — tausend Dank, liebster, bester Herr
+Krumbholtz, und auf Wiedersehen um sieben Uhr. Das vergeß ich Ihnen
+nie. Dank, Dank!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Kaspar litt es nicht lange bei seinen Kameraden, deren neugierigen
+Fragen er ausweichen wollte. So ging er rasch auf die Wohnungssuche
+in der ihm ja genügend vertrauten Umgegend. Aber er machte schlimme
+Erfahrungen.</p>
+
+<p>Die Wirtinnen, die gewiß alle gern an den schmucken Einjährigen selbst
+oder an sonst einen Herrn vermietet hätten, wollten von einer Dame
+nichts wissen, vollends wenn ein junger Mann in Uniform für sie Wohnung
+begehrte.</p>
+
+<p>Die einen erklärten mehr oder weniger verlegen:<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> sie bedauerten
+unendlich; die andern lächelten allzu verständnisvoll oder spöttelten
+anzüglich; die dritten schlugen gar dem Anfragenden grob die Türe vor
+der Nase zu oder riefen ihm entrüstet zu: sie seien anständige Frauen
+und vermieteten nicht an liederliche Frauenzimmer.</p>
+
+<p>Nun war guter Rat teuer; überdies war es fast sieben Uhr geworden, und
+so eilte Kaspar nach Hause.</p>
+
+<p>Seine eigne Wirtin war eine gutmütige ältere Witwe, die still und
+aufmerksam ihre drei Mietherren, außer Kaspar noch einen Einjährigen
+und einen Volksschullehrer, bediente. Kaspar hatte zu der Frau rasch
+ein gewisses Vertrauen gefaßt, und so teilte er ihr seine Verlegenheit
+und seine fruchtlosen Versuche, das Mädchen vorläufig unterzubringen,
+mit.</p>
+
+<p>Auch die Witwe schmunzelte ein wenig und meinte: Allzu sehr dürfe der
+Herr sich darüber nicht wundern. Mietsviertel und Mietsviertel seien
+eben verschieden. Aber, wenn die Dame sonst anständig sei, wie der Herr
+meine, so könne sie ja einstweilen in dem gerade freistehenden Zimmer
+des Herrn Lehrers, der zu den Ferien verreist sei, logieren.</p>
+
+<p>Kaspar nahm das Anerbieten dankend an und atmete erleichtert auf.</p>
+
+<p>Bald hernach stand Irmgard von Zweydorff<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> mit einem bescheidenen
+Handköfferchen errötend vor ihm und war außer sich vor Glück und
+Dankbarkeit, daß sie das schöne Zimmer des abwesenden Lehrers haben
+dürfe.</p>
+
+<p>Die Wirtin sorgte rasch für ein bißchen Abendbrot, und mit gutem Humor
+aßen und plauderten die beiden jungen, verwaisten Menschenkinder, die
+das Leben so närrisch wieder zusammen geführt hatte. Dann erklärte
+Kaspar, er habe noch Dienst und wünschte seiner neuen Nachbarin mit
+galanter Verbeugung eine sorgenfreie und geruhsame Nacht.</p>
+
+<p>In der Tat ging der Einjährige Unteroffizier auch in die Kaserne; aber
+die dienstliche Begründung war eine Notlüge.</p>
+
+<p>Einmal hatte Kaspar trotz aller frohen Laune doch deutlich gemerkt,
+daß ihm das ungewohnte Beisammensein mit einem jungen Weibe, vollends
+der holde Liebreiz und die hingebende Dankbarkeit seines Schützlings,
+gewaltig das Blut erregten.</p>
+
+<p>Anderseits kam fast jeden Abend sein Putzkamerad Pfister zu ihm, um ihm
+den Dienst für den nächsten Tag zu melden, und ab und zu auch bei einer
+Zigarre oder einem Glase Tee ein bißchen zu schwatzen.</p>
+
+<p>Kaspar liebte den redlichen Pfister, der übrigens auch ein »Roter« war
+und darum leider die Knöpfe nicht erhielt, obwohl er der ordentlichste
+Soldat und der beste Schütze der Kompagnie war.<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> Das wurmte Kaspar
+oft, denn er fühlte es unwillkürlich heraus: solche Burschen wie
+Pfister würden ihr Vaterland sicherlich nie verraten, wenn es in Not
+geraten sollte. Pfister war wie Hunderttausende nur »rot« aus dem
+elementaren Drang nach Verbesserung seiner Lage, aus einer gewissen
+Hilflosigkeit oder Torheit und aus einem im Grunde höchst achtbaren
+Solidaritätsgefühl.</p>
+
+<p>Der gemütliche Vogtländer war übrigens keine Klatschbase, war auch
+nichts weniger als prüde. Hatte er doch selbst einen Schatz daheim mit
+zwei Kindern, für die er treulich sorgte.</p>
+
+<p>Trotz alledem wäre es Kaspar peinlich gewesen, wenn der Putzer den
+Damenbesuch bei ihm getroffen oder auch nur vermutet hätte.</p>
+
+<p>So sagte Kaspar ihm im Revier; er werde die paar Tage bis zum
+Manöverabmarsch sich selbst nach dem Dienst erkundigen, er müsse so wie
+so jetzt öfter in die Kaserne kommen.</p>
+
+<p>Dann meldete sich Unteroffizier Krumbholtz freiwillig für den nächsten
+Abend zum Wachthabenden.</p>
+
+<p>Kopfschüttelnd gab ihm der alte Knabe die Wache, meinte jedoch lachend:
+»Streben Sie nicht so unheimlich, Krumbholtz. Die Qualifikation kriegen
+Sie auch so, da lassen Sie den Hauptmann und mich nur sorgen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Irmgard von Zweydorff merkte sehr wohl, daß Kaspar Krumbholtz einem
+längeren Beisammensein mit ihr absichtlich auswich.</p>
+
+<p>Das erfüllte sie teils mit geheimer Genugtuung, denn sie sah, daß sie
+dem noch immer Geliebten nicht gleichgültig war; teils fürchtete sie
+jedoch, ihm zum Dank für seine Hilfe Verlegenheit zu bereiten. Und
+so gab sie sich die ersten zwei Tage redlich Mühe, eine Stellung zu
+finden; aber es war schlechte Zeit, und ihre Kellnerinnenstellung hatte
+sie um jedes Zutraun gebracht.</p>
+
+<p>Nach und nach sank Irmgards Mut; sie gestand Kaspar ihre
+Niedergeschlagenheit und erklärte, sie wolle es lieber in einer andern
+Stadt versuchen.</p>
+
+<p>Kaspar redete ihr gut zu und meinte, wenn er jetzt ins Manöver ziehe,
+solle sie nur ruhig in seiner Wohnung bleiben und weiter in aller Ruhe
+suchen; mit der Zeit würde sie schon etwas finden.</p>
+
+<p>»Sie sind so lieb,« erwiderte Irmgard, »und ich bin Ihnen doch nur eine
+Last.«</p>
+
+<p>Kaspar schüttelte schweigend den Kopf.</p>
+
+<p>Dann fuhr Irmgard plötzlich mit erwachender Leidenschaftlichkeit fort:
+»So reden Sie doch wenigstens! Gehen Sie mir doch nicht so scheu aus
+dem Wege, als sei ich die Pest. Sagen Sie mir<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> doch lieber gerade
+heraus, wofür Sie mich halten, und es ist ja wahr, etwas Besseres bin
+ich ja auch nicht. Wer einmal am Boden gelegen hat, geht nie wieder
+ganz aufrecht.«</p>
+
+<p>»Das wäre schlimm,« sagte nun Kaspar trotzig, »im Gegenteil! Wer
+nicht einmal aus allen Himmeln gestürzt ist, wer nicht einmal völlig
+verzweifelnd dem Nichts gegenübergestanden hat, der wird nie ein ganzer
+Mensch.«</p>
+
+<p>»Das klingt ja beinahe so, Herr Krumbholtz, als sprächen Sie aus
+Erfahrung?«</p>
+
+<p>»Gewiß, warum nicht, warum soll ichs verschweigen? Ich habe mich im
+Staube gewälzt vor einem unbarmherzigen Schicksal und bin doch genesen
+von jenem Verzweiflungsschmerz dank lieber Menschen und Gottes Führung.
+Also verzweifeln auch Sie nicht, Fräulein! Denken Sie mal in zehn
+Jahren an diesen Tag, und Sie werden lächeln und sich ruhig gestehen:
+Es hat sich doch gelohnt, weiter zu leben! Das größte Geschenk, das uns
+Gott gegeben hat, ist das Versagen dessen, was wir am meisten begehren
+— nämlich in die Zukunft zu schauen.«</p>
+
+<p>»Sie sind ein seltsamer Mensch, Herr Krumbholtz, so ein Mittelding
+zwischen Kavalier und Seelsorger! Eigentlich ist es doch schade, daß
+ich Sie der Londoner Stadtmission aus den Klauen gerissen habe. Dafür
+müßten Sie mir übrigens<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> ein ganz klein wenig dankbar sein. Nicht?
+Und Sie dürfen überzeugt sein, wenn ich Ihnen was Liebes antun könnte
+— o mein Gott, wie gern tät ichs! — Wissen Sie, oft hab ich schon
+geträumt, irgendein reicher Onkel, den ich nur leider nicht habe,
+hätte mich zur Erbin eingesetzt; oder ein reicher Nabob hätte mich als
+seine Frau gekauft und mich dann — noch hübsch jung — als trostlose
+Witwe zurückgelassen. Hui — dann wär ich mit all meinen Schätzen
+spornstreichs nach Tramberg gefahren — statt Ihnen brieflich zu
+versichern, daß ich meine Schulden nicht bezahlen kann. Und nun mache
+ich gar noch neue. Scheußlich — nein wirklich, Sie sind wirklich mit
+mir geschlagen, wie eine Klette hänge ich —«</p>
+
+<p>Da legte Kaspar sanft die Hand auf den beweglichen kleinen Mund, um ihn
+zu schließen. Aber glückselig küßte Irmgard die ihr liebe Hand, so daß
+sie Kaspar eilend zurückzog.</p>
+
+<p>»Schon wieder nicht recht? Sein Sie doch mal ein bißchen nett zu mir,«
+schmollte nun das Londoner Magdalenchen mit unwiderstehlicher Grazie.
+»Sie tun gerade, als wären Sie heimlich mit der reichsten Erbin von
+Großbritannien und Irland verlobt. Na endlich lachen Sie wieder und
+schütteln — Gott sei Lob und Dank — den Kopf. Also wozu dann so
+traurig sein? Ich verdrehe Ihnen den Kopf schon nicht, das haben wir ja
+in London<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> gesehen. Und nun hören Sie mal, heute ist doch unser letzter
+Abend. Um sieben Uhr haben Sie wieder solchen greulichen Appell; aber
+dann flausen Sie nicht noch was dazu oder verkriechen sich wieder auf
+Wache, sondern kommen Sie hübsch pünktlich zum Abendessen hierher
+zu Ihrer kleinen Hausdame, die Ihnen einen appetitlichen Abendtisch
+servieren wird und noch einmal mit Ihnen lustig sein will. Wer weiß,
+wann und ob wir uns wiedersehen. Also nur einmal noch — ja — wollen
+Sie?«</p>
+
+<p>Kaspar machte sein gutmütigstes Gesicht, schlug fest in das dargebotene
+Händchen ein und ging dann doch nachdenklich davon.</p>
+
+<p>Er war ein Allzugewissenhafter, ein Narr. Warum sollte er dem armen
+Hascherl, dem die redlichste Güte vom Gesicht strahlte, nicht
+wenigstens etwas Liebes antun?</p>
+
+<p>Um Ursemis willen? Hatte er sich nicht unter bitteren Qualen zu dem
+inneren Verzicht auf die heißgeliebte Jugendfreundin durchgerungen? War
+es da noch ein Unrecht gegen sie, wenn er mit einem andern weiblichen
+Wesen, das ihm vielleicht nicht weniger gut war als er Ursemi,
+wenigstens ein paar köstliche, stimmungsfrohe Stunden verlebte?</p>
+
+<p>Aber allerlei anderes kam hinzu. War er sich und seiner Vergangenheit,
+seiner Erziehung nicht<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> auch etwas schuldig? Gewiß, doch — ob gerade
+diesen Verzicht?</p>
+
+<p>Es war allerdings ein recht seltsamer Gegensatz: vor einem Jahre erst
+hatte er von Herrnhut Abschied genommen und nun soupierte er mit einem
+verführerisch schönen Weibe <span class="antiqua">tête-à-tête</span>! — Toll war es —
+grotesk! Und doch ein lockendes, vielleicht einzigartiges Stück Leben,
+dem er nicht feige ausweichen wollte, auch wenn er sich nicht daran
+verlieren wollte.</p>
+
+<p>Und plötzlich lachte er trotzig, ja ausgelassen vor sich hin, als koste
+er schon im voraus die lustigen, stimmungsreichen Stunden aus, und dann
+überlief es ihn doch wieder kalt, als laure hinter diesem Genuß ein
+tückisches Verhängnis.</p>
+
+<p>In Gedanken versunken machte der sonst so taktfeste Unteroffizier
+Krumbholtz heute abend sogar eine falsche Meldung, und sein besonderer
+Gönner, Herr Vizefeldwebel Knauer, gab ihm mit Genugtuung einen Verweis
+wegen seiner Zerstreutheit.</p>
+
+<p>Was tats? dachte Kaspar leichtsinnig bei sich: Parole 49 — »bloß die
+paar Tage noch — die halt mers aus!«</p>
+
+<p>Abermals stieg das liebe, ernste Bild Ursemis vor ihm auf. Er las
+in Gedanken noch einmal ihren letzten guten, treuen und so herzlich
+vertrauenden Brief. War er nicht doch ein Verräter?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span></p>
+
+<p>Im Bann dieser nagenden Gedanken überhörte er den Gestellungsbefehl für
+den nächsten Morgen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ein einladendes Bild häuslicher Behaglichkeit bot sich Kaspar, als er
+von der Kaserne nach Hause kam.</p>
+
+<p>Ein appetitlich gedeckter Tisch, die Servietten zierlich gefaltet, ein
+paar Rosen in einer Vase mitten auf der Tafel, an jedem der beiden
+Plätze ein Feldblumensträußchen! Und zur Seite stand Irmgard mit
+einer schmucken, funkelnagelneuen Tändelschürze neben der dampfenden
+Teemaschine und strahlte glückselig wie ein Kindchen am Weihnachtabend.</p>
+
+<p>Kaspar nahm feierlich den Helm in die Hand, machte ein
+vorschriftsmäßiges Kompliment, küßte der gnädigen Frau vom Hause
+verbindlichst die Hand und sagte lustig näselnd: »Danke tausendmal,
+meine Gnädigste, für die köstliche Einladung!«</p>
+
+<p>Nicht minder lustig erwiderte Irmgard: »Nichts zu danken, lieber Herr
+Leutnant, bitte, legen Sie das spitze Ding zur Seite und machen Sie
+sichs bequem.«</p>
+
+<p>Kaspar legte in der Tat rasch Helm, Handschuhe und das abgeschnallte
+Koppel beiseite und bat lachend mit einem abermaligen Kompliment<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> um
+die Ehre, die Allergnädigste zu Tisch führen zu dürfen.</p>
+
+<p>Nach einem tadellosen Hofknix nahm Irmgard huldvollst den dargebotnen
+Arm, hob ihr armseliges Fähnchen ein wenig in die Höhe, als wäre es ein
+schweres Brokatkleid, und trippelte, vergnüglich kichernd, neben Kaspar
+zu Tisch.</p>
+
+<p>Als ersten Gang gab es Hering in Gelee, eines der köstlichsten Gerichte
+des Abendlandes, wenn — es so teuer wäre wie Kaviar.</p>
+
+<p>Dann folgten echte Leipziger Würstchen, die um kein Haar den berühmten
+Wiener nachstehn, dazu ein wenig Salat.</p>
+
+<p>Als dritter Gang folgte rosenzarter Eutritzscher Schinken, gekocht und
+saftig wie der leckerste Prager Schinken Karlsbader Observanz.</p>
+
+<p>Endlich Fromage de Gohlis und zu endlosem Knackvergnügen Rosinen und
+Krachmandeln, in denen ein halb Dutzend Vielliebchen tückisch lauerten.</p>
+
+<p>Kaspar und Irmgard schmausten behaglich und beinahe angetan wie zwei
+Kinderchen bei ihrer ersten Tanteneinladung.</p>
+
+<p>Jeder las dem andern aus den leuchtenden Augen: ich will lustig
+und lieb zu dir sein heute abend; du sollst stets gern an diese
+Henkersmahlzeit unserer Neigung denken. Und so ward nicht allzu viel
+gesprochen an dem kleinen Tisch; aber eine wonnige, die ein wenig
+aufgeregten Sinne<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> süß umschmeichelnde und beruhigende Stimmung
+schwebte durch den kleinen Raum.</p>
+
+<p>Lange tafelte man — scheinbar, als fürchte man sich vor dem Nachher.</p>
+
+<p>Endlich hob die Frau vom Hause doch entschlossen die Tafel auf, räumte
+als Hausmädchen den Tisch sorglich ab; der Lohndiener Kaspar bot dem
+gleichnamigen Hausherrn mit Erlaubnis der Dame eine Zigarre an, und
+nun setzten sich zwei plauderlustige Gäste in die zwei Sofaecken
+und räsonnierten launig über das Essen — ganz wie bei den oberen
+Zehntausend!</p>
+
+<p>Immer witziger und ausgelassener wurde die Stimmung, je näher die Angst
+voreinander den beiden ans Herz schlich. Und doch schossen von Zeit zu
+Zeit verräterische Blicke wie elektrische Funken warnend von Auge zu
+Auge, so daß plötzlich die Stimmung umschlug.</p>
+
+<p>Ein schwüles Schweigen trat ein; dann brach bei Irmgard der
+Abschiedsschmerz leise klagend heraus.</p>
+
+<p>Kaspar tröstete sie und meinte: »Warum sollen wir uns nach dem Manöver
+nicht ebenso harmlos vergnügt wiedersehen?«</p>
+
+<p>»Glauben Sie denn, daß wir harmlos sind,« fragte Irmgard dumpf, »ich
+wenigstens bin es nicht; ich gestehe ehrlich, ich habe mein Weh bisher
+nur übertäuben wollen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span></p>
+
+<p>»Tun wirs beide weiter,« gab Kaspar rasch zurück, »Kopf hoch und
+lachend Abschied genommen! Das ist Soldatenart.«</p>
+
+<p>»Wers könnte! Sie könnens ja auch nicht. Sehn Sie, wenn ich jetzt so
+mein Ohr lauschend an Ihr Herz lege, da höre ich ja ganz deutlich —
+tiktik, tiktak — wie es genau so rasch schlägt wie das meine.«</p>
+
+<p>Kaspar zuckte unwillkürlich zusammen. Die gefährliche Brücke zwischen
+hüben und drüben war geschlagen, und die gegnerischen Stürmer drangen
+siegreich vor an die ersten Umfassungsmauern der Festung.</p>
+
+<p>Bald schmiegte Irmgard ihr Köpfchen wie schutzsuchend an Kaspars
+breite, schon rascher atmende Brust, und sie begann zu erzählen, so
+lieblich vertraulich, als sei alles um sie her versunken, als säße sie
+mit einem heißgeliebten Prinzen in einem verzauberten Märchenschloß.</p>
+
+<p>Wie von ungefähr, als könne es gar nicht anders sein, fand sich auch
+das trauliche Du.</p>
+
+<p>»Liebster, Bester,« gestand Irmgard schließlich, »weißt du, daß ich
+dich eigentlich ein wenig belogen habe? Erschrick nicht — wozu — ich
+tat es damals — vielleicht aus Scham, aus Furcht, was weiß ich? Wir
+Frauenzimmer nehmens mit unsern Notlügen alle nicht so genau. Denk nur
+— ich bin kein Fräulein mehr, ich bin eine geschiedene<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> Frau, aber
+still — eine armselige, glücklose — mein Mann sitzt im Irrenhause.
+Ich danke dir für diesen Händedruck, Lieber! Du weißt ja nicht, wie
+schwer mein noch nicht langer Lebensweg schon war. Eine Waise bin
+ich wirklich; aber keine Lehrerin, wenigstens keine richtige. So ein
+bißchen Gouvernante war ich einmal, als mich mein Onkel und Vormund
+aus seinem Hause vertrieb, weil ich ihm seine jungen Eleven rebellisch
+machte. Ich war damals recht froh, daß ich fortkam; er hielt mich
+wie ein Klosterfräulein, obwohl ich zuvor wie ein wilder Bub bei ihm
+aufgewachsen war. Schade, daß ich keiner war, ich wär vielleicht
+was Besseres geworden, als ich jetzt bin. Ich konnte gut reiten und
+schwimmen. Hab drüben unter meinen Sächelchen noch ein zerknittertes
+Diplom von der Behörde zur Belobigung, weil ich einen kleinen
+Müllerbuben aus dem Fluß gerettet habe. Wär ich ein Mann gewesen,
+hätte ich wohl die stolze Medaille am weißen Bande bekommen, denk mal,
+was ich da als Einjähriger hätte für Staat machen können! Ists nicht
+schade?«</p>
+
+<p>Kaspar lachte still in sich hinein. Was war das für ein herziges
+Geschöpf — und seine Neigung wuchs in dem Maße, als seine Scheu wich.</p>
+
+<p>Irmgard plauderte fort wie ein vor sich hin zwitscherndes Vögelchen:</p>
+
+<p>»Onkel war ein Griesgram, ein Angstmeier<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> und Tugendnarr; er traute
+keinem hübschen Weibe über den Weg, und da ich nicht häßlicher wurde
+mit der Zeit, tat er mich aus dem Hause, als wäre ich ihm gefährlich.
+Mit der Gouvernante wars nicht weit her. Schuldumm war ich immer, und
+Englisch habe ich dann wohl auch nur aus Not gelernt, eine Lehrerin
+hätte es mir nie beigebracht. So wurde es wieder mit dem Praktischen
+versucht, ich lernte Kochen in einem Restaurant. Da nahm mich das
+Schicksal das erste Mal am Kragen und warf mich in die Ehe mit einem
+armen Leutnant, der meinethalben den Abschied nahm und Gefängnisbeamter
+wurde. Mir imponierte das gewaltig; aber schließlich hatte es mir doch
+nur der Offizier und nicht der Subalternbeamte angetan. Wir waren
+in Waldheim bei den geisteskranken Verbrechern. Es war ein schwerer
+Dienst, mein armer Mann konnte den so schnell ausgezogenen Rock nicht
+vergessen, die neue Uniform nicht vertragen; die Gefangenen waren ihm
+entsetzlich. Mein Gott, wer weiß, was alles in der Seele des immer
+Verschlossenen vor sich ging? Er ward plötzlich bitter und hart zu mir,
+er schlug mich, mißhandelte mich schließlich, eines Tages schoß er nach
+mir. Hier über der linken Brust — du darfst schon fühlen, wenn ichs
+dir zeigen will — da, da saß die Kugel! man hat mir bei der Operation
+den Busen zerfleischt — mit dem <span class="antiqua">decolleté</span><span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> ists nichts mehr.
+Meinen Mann brachte man in eine ähnliche Anstalt wie Waldheim. Er war
+unheilbar — ich erhielt meine Freiheit zurück — leider, leider. Dem
+Onkel war ich nun noch viel mehr zuwider geworden, er verschloß mir
+sein Haus, enterbte mich später — schade, gelt? — sonst! O du Narr —
+wär das so schlimm? Also gut — ich verzehrte mein bißchen Geld, ward
+noch einmal Gouvernante und ging nach London. Was dann folgte, kommt
+nie über meine Lippen — es war zu grauenhaft.«</p>
+
+<p>Kaspar erbebte. Da plötzlich hob sich Irmgard leise empor, schlang ihre
+Arme voll Sehnsucht um seinen Nacken, sah ihm flehenden Blicks tief in
+die mit glitzernden Tränen gefüllten Augen und sagte leise: »Lieber,
+willst du mich nun verachten?«</p>
+
+<p>Stumm schüttelte Kaspar das Haupt und küßte das arme, vom Leben
+gehetzte Weib mit heißem Mitleid und unwiderstehlicher Zuneigung,
+während zwei schwere Tränen auf ihre glühenden Wangen niederrollten.</p>
+
+<p>Lang hielten sie sich umfangen. Endlich löste Kaspar seine und ihre
+Arme mit schonender Güte und sagte tonlos: »So laß uns scheiden und
+habe Dank — für alles, ich werde diese Stunden nie vergessen.«</p>
+
+<p>Da flog ein leises, wehes Zucken über Irmgards<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> schönes Gesicht; mit
+aufflammender Empörung riß sie sich los und stürzte wortlos davon.</p>
+
+<p>Kaspar schritt ihr hastig ein paar Schritte nach, griff sich an die
+Stirn und rief betroffen: »Nicht so, Irmgard. Nicht böse sein, ich
+wollte dir nicht weh tun!«</p>
+
+<p>Aber schon war sie hinaus und in ihr Zimmer hinüber.</p>
+
+<p>Kaspar war maßlos bestürzt. Was hatte er getan, was konnte sie so
+erregt haben? — Nein — so konnte er sich nicht von dem lieben Mädchen
+trennen — das wäre eine Roheit, die er sich niemals verzeihen könnte!</p>
+
+<p>Wollte er diese herrlichen Stunden, vielleicht die süßesten seines
+bisherigen Lebens, in einen so schrillen Mißklang ausgellen lassen?
+Nein — also, er mußte noch einmal und anders Abschied nehmen von ihr
+— denn morgen in aller Frühe — übrigens wann wurde denn gestellt?
+Bah — das ergab sich schon, nur zeitig aufstehn! — Aber nun mußte er
+Irmgard um Verzeihung bitten — unbedingt — sofort natürlich, ehe es
+etwa schon zu spät ist.</p>
+
+<p>Und so ging Kaspar hinüber und klopfte leise an.</p>
+
+<p>Keine Antwort folgte, noch einmal — wieder war nichts zu hören!</p>
+
+<p>Endlich sagte Kaspar mit redlicher Betrübnis<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> und vernehmlich:
+»Irmgard, ich will nur um Verzeihung bitten, es war schlecht von mir.«</p>
+
+<p>Da rief es leise, aber jubilierend wie Lerchengeschmetter: »Herein!«</p>
+
+<p>Kaspar trat in das dunkle Zimmer. Eine weiße Gestalt umfing ihn mit
+ungestümer Wonne, und dem reuigen Sünder ward vergeben in wortloser,
+sich selbst vergessender Liebe.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am andern Morgen kam Kaspar Krumbholtz zum erstenmal in seiner
+Militärzeit zu spät zum Dienst.</p>
+
+<p>Als er nach der Kaserne kam, waren sämtliche Kompagnien bereits
+ausgerückt, und das Revier geschlossen. Kaspar stand ratlos in seiner
+Ausgehuniform da und wußte nicht aus noch ein. Endlich erreichte ihn
+eine von Knabe heimlich zugesandte Ordonnanz mit dem Befehl, er solle
+mit der Bahn nach Leutzsch fahren, dort sei der Bagagewagen mit seinem
+Dienstanzug.</p>
+
+<p>Der Uniformwechsel war einigermaßen schwierig, aber er gelang, und
+Kaspar kam auch nach allerhand Fährlichkeiten, darunter ein höchst
+fatales Rencontre mit dem Major, glücklich zu seiner Kompagnie.</p>
+
+<p>Was der alte Knabe an diesem Tage für ihn getan hatte, vergaß Kaspar
+ihm nie, obwohl der<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> Feldwebel es an handfestem Landserspott anfangs
+nicht fehlen ließ und die vorgestern noch so totsichere Qualifikation
+für rettungslos in den Rauchfang geschrieben erklärte.</p>
+
+<p>Derbe Neckereien hagelte es von allen Seiten den ganzen Tag über, und
+Kaspar trug sie stumm. War ihm doch, als müsse ihm jeder ansehen, daß
+er nicht mehr derselbe sei wie gestern. Das Lügen hatte ihm auch sein
+Sündenfall nicht gelehrt, und ein unendlich quälendes Schuldgefühl wich
+lange nicht von ihm.</p>
+
+<p>So ward das Manöver für den einjährig-freiwilligen Unteroffizier nicht
+allzu fröhlich; aber seine Obliegenheiten erfüllte er mit solcher
+Pflichttreue, daß ihm der Oberleutnant Buff mehrfach seine Freude
+aussprach und bedauerte, daß er nicht Offizier bleiben wolle; das wäre
+doch ein Erzieherberuf, wie ihn Kaspar sich nicht verantwortungsvoller
+denken könne.</p>
+
+<p>Kaspar schwieg auch dazu; er dankte nur innerlich dem Oberleutnant,
+der oft wie ein älterer Kamerad zu ihm gesprochen hatte, für seine
+Anteilnahme, aber schließlich sprach er sich aus: Schön ist dieser
+Beruf, nur zu sehr vom Zufall abhängig. Seiner gewaltigen Verantwortung
+entspricht höchst selten die nötige Freiheit der Persönlichkeit.</p>
+
+<p>Dennoch zog Kaspar mit ehrlichem Bedauern nach seiner Rückkehr in die
+Garnison den ihm<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> liebgewordenen bunten Rock mit den blitzenden Tressen
+aus und stürzte sich mit einem Eifer in seine Studien, als suche er
+Vergessenheit.</p>
+
+<p>Das Londoner Magdalenchen fand er nicht mehr vor; es war im Strudel des
+Lebens spurlos untergetaucht.</p>
+
+<p>Das letzte Zeichen war ein kleiner Zettel in seiner Kassette. Auf dem
+stand: »Ich weiß, ich habe Dir geraubt, was ich selbst nicht mehr
+besaß. Aber sei überzeugt, Du mein einzig und wahrhaft Geliebter, ich
+hätte es Dir tausendfach geopfert, wenn ichs besessen hätte. Vergiß
+mich, ich war Deiner nicht wert, Du sollst mich nie wiedersehn.
+Irmgard.«</p>
+
+<p>In trostlosem Weh schüttelte Kaspar das Haupt. Er hatte in einer
+einsamen Manövernacht sich zu dem Entschluß durchgerungen, sein Unrecht
+an Irmgard wieder gut zu machen — es koste, was es wolle, und nun
+hatte sie ihm jede Möglichkeit dazu absichtlich genommen. Mehr und mehr
+schärfte sich in Kaspar das Scham- und Verantwortungsgefühl gegenüber
+dem Weibe, und so bewahrte ihn diese erste Torheit vor weiterem
+Leichtsinn.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel_2">Drittes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Charlotte</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Hans Sebalt hatte das Kneipenleben gründlich satt und saß jetzt fast
+Abend für Abend über seiner Doktorarbeit. Um sich irgendeine Anregung
+oder Zerstreuung zu gönnen, ging er gelegentlich ins Theater.</p>
+
+<p>Das war kostspielig, aber Herr Geheimrat Volpelius hatte ihm längst
+schon vom Kapital senden müssen und hatte es anstandslos mit wenigen
+höflichen Worten getan.</p>
+
+<p>Überdies stand für Sebalt die Promotion in Sicht, und bei den teuren
+Experimenten war mit 100 Mark im Monat vollends nicht auszukommen, wenn
+Sebalt nicht leben wollte wie der sparsame Musterknabe Kaspar, der
+spazieren lief oder turnte anstatt zu kneipen, und öffentliche Vorträge
+oder politische Versammlungen besuchte anstatt Konzerte und Theater.</p>
+
+<p>Von seinem Jugendfreunde hörte Hans Sebalt immer wunderlichere Dinge:
+jetzt war der selbstlose Biedermann gar mit seinen zwei armen<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span>
+Zwillingsvettern aus Ingelbach zusammengezogen und hielt mit dem einen
+Zwilling, der ein leidliches Gehalt als Buchhalter bezog, den andern,
+der auf der Akademie studierte, mühsam über Wasser.</p>
+
+<p>Das fidele Hungertriumvirat, das, ausgerechnet gegenüber dem
+Hauptpolizeigebäude, seine Behausung gewählt hatte, nannte sich seitdem
+übermütigerweise »<span class="antiqua">Collegium Mugonianum</span>« wohl nach der <span class="antiqua">Pinus
+Mugo</span>, dem Knieholz.</p>
+
+<p>Höchst töricht und unwissenschaftlich, dachte Sebalt, denn Mugo war,
+— aller Wahrscheinlichkeit nach — ein italienischer Zuname; aber
+die drei Krumbhöltzer hielten es sicher mit Goethes Proteus: »je
+wunderlicher, desto respektabler«. Bei einem zufälligen, übrigens
+vergeblichen Besuch fand Hans Sebalt sogar ein großes Schild an die Tür
+gezweckt mit dem Biertitel »<span class="antiqua">Collegium Mugonianum</span>«. »Eigenartiges
+Vergnügen!« brummte der Doctorandus und zog kopfschüttelnd wieder von
+dannen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eines Sonntag nachmittags saß Hans Sebalt in der billigen
+Theatervorstellung einer kleineren Vorstadtbühne. Er war lediglich des
+Stücks wegen hingegangen, die Truppe war nicht berühmt.</p>
+
+<p>Das Drama hieß »Frühlingssturm« und hatte einen Schulkameraden aus
+Bethel zum Verfasser,<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> der unlängst auch in Leipzig seinen Doktor
+gemacht hatte. Sebalt hatte ihn nur einmal flüchtig gesehen; fand
+den Dichter aber wenig interessant im Gegensatz zu seinem Stück, das
+einigermaßen pikant zu werden schien.</p>
+
+<p>Die ersten Akte hatten nicht viel davon ahnen lassen, waren auch nicht
+gerade spannend, wennschon der Theologenkonflikt mit seinem Gegensatz
+zwischen Alt und Jung Sebalt interessierte; nur die Hauptperson, ein
+unleidlicher Backfisch, war zu dumm und sentimental geraten. Endlich
+kam die heimliche Geliebte des jungen Zweiflers auf die Bühne — da war
+schon eher Mumm drin!</p>
+
+<p>Und bitte! Wer spielte denn? Diese Stimme kannte er doch!</p>
+
+<p>Hans Sebalt faßte sich an die Stirn und starrte nach der Bühne.
+Teufel, dachte er — narrte ihn was? War das nicht sie — das infame
+Frauenzimmer — die schlanke Brünette, die ihn damals in Lindenau so
+beleidigt, beim Juwelier so schnöde versetzt hatte?</p>
+
+<p>Zettel her: Charlotte Schubert — hm — jedenfalls kein Bühnenname —
+zu simpel — eigentlich zu dumm für diese — na — aber sie kann etwas!
+Donnerwetter, wie sie sich den schlappen Kerl von Liebhaber vornimmt
+und nun den Alten, heidi — das sitzt! Menschenskind — das Abtrumpfen
+hat sie los — das ist ihre Natur — so<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> ähnlich gings ihm damals an
+der Straßenecke. Und jetzt wieder diese wilde Verzweiflung — Töne —
+so echt — prachtvoll!</p>
+
+<p>Hans Sebalt erbat sich von einem Nachbarn das Glas — und richtig, das
+war das verteufelt schöne, fast eherne Sphinxgesicht mit der schwarzen
+Haarkrone. Nun wollte er sie erobern, es mochte biegen oder brechen!</p>
+
+<p>Von da an hatte Sebalt keine ruhige Minute mehr, auch die Doktorarbeit
+trat zeitweise ganz in den Hintergrund. Vor allem wollte er diesmal so
+klug zu Werke gehn, daß ihm eine abermalige Zurückweisung unmöglich
+gemacht wurde.</p>
+
+<p>Bald hatte Sebalt alles Nötige ausbaldowert: Sie wohnte allein,
+ärmlich; Gage sehr mäßig; Rollen zweite Garnitur; trotz Talent und
+guter Kritik Aussichten gleich Null. Es fehlte ein kluger Manager.</p>
+
+<p>Aha, rechnete Hans, jetzt werden meine Chancen schon steigen; ich
+werde den Theaterhabitué spielen — schnobrig — nobel — kann mirs
+ja schließlich leisten. Ich könnte ihr vielleicht helfen — aber erst
+warte, mein Püppchen! Erst wollen wir dich mal zahm kriegen! Du sollst
+Hans Sebalt nicht umsonst bis zum äußersten gebracht haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Bei einer der nächsten Sonntagnachmittagaufführungen erhielt Charlotte
+Schubert ein schönes Bukett mit einer Karte, auf der die rätselvollen
+Worte standen: »Dank für den Tort in Lindenau! S.«</p>
+
+<p>Acht Tage darauf kam ein prächtiger Lorbeerkranz, der ihr beim Publikum
+sehr zustatten kam, mit den Worten: »Dank für die Schmach vorm
+Juwelier! S.«</p>
+
+<p>Unterdessen hatte Sebalt, der beobachtet hatte, daß die Schauspieler
+nachher noch im Keller des Restaurants zusammensaßen, sich bereits dem
+Direktor und einigen Acteurs vorstellen lassen und sich mit ein bißchen
+dickaufgetragenem Lob lieb Kind gemacht.</p>
+
+<p>An jenem Abend lobte er namentlich das Fräulein Schubert und ließ sich
+ihr nach dem Lorbeerkranz im Kreise ihrer Kollegen vorstellen.</p>
+
+<p>Fräulein Charlotte war sehr zuvorkommend und Sebalt ganz Grand Seigneur.</p>
+
+<p>Er hatte sich extra eine neue Weste und eine modische, dünne Goldkette
+für seinen Triumphabend gekauft, hatte diese höchst schick von einer
+Westentasche zur andern durch das zweitoberste Knopfloch gezogen und
+merkte mit einiger Genugtuung, daß er von den armen Histrionen für
+einen Mann mit respektablem Einkommen und noblen Passionen gehalten
+wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span></p>
+
+<p>Gegen Mitternacht erfüllte sich sein sehnlichster Wunsch, Fräulein
+Charlotte nach Hause begleiten zu dürfen. Sie hatte einen weiten Weg,
+wenn sie nicht durchs düstere Rosental gehen wollte.</p>
+
+<p>Mit neckischer Schalkhaftigkeit, die allerdings etwas Gemachtes und
+auch etwas Gedemütigtes an sich hatte, meinte sie beim Fortgehen:
+»Schade, daß ich Ihren schönen Lorbeerkranz nicht gleich mitnehmen
+kann, aber ich lasse das kostbare Geschenk mir morgen früh holen.«</p>
+
+<p>»Also wird es dem Lorbeerkranz besser ergehen,« spöttelte Sebalt, »wie
+seinerzeit der Perlenbrosche.«</p>
+
+<p>Die stolze Charlotte zuckte leise zusammen unter diesem Hieb. Wie
+geduckt ging sie neben dem eleganten Kavalier und stammelte nur ein
+wenig verwirrt:</p>
+
+<p>»Verzeihen Sie, das war damals nicht recht von mir. Aber wenn Sie alles
+wüßten — ach wozu — reden wir von was anderm. Wie hat Ihnen das Stück
+gefallen?«</p>
+
+<p>Mit wirklicher Sachkenntnis und ätzendem Sarkasmus äußerte sich der in
+der neueren Literatur recht gut versierte Sebalt über das Stück, über
+den Autor, sprach auch gescheit über die Rollen und ihre verschiedenen
+Chancen; insonderheit unterzog er die Auffassungsmöglichkeiten der<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span>
+Rolle Charlottens einer ganz geistreichen Untersuchung.</p>
+
+<p>Charlotte sah ein paarmal ihren Begleiter, der beide Hände straff
+in die Überziehertaschen geschoben hatte und etwas blasiert, doch
+überzeugt vor sich hinsprach, verwundert von der Seite an.</p>
+
+<p>Dann sagte sie lächelnd: »Wenn ich jetzt nicht solchen Respekt vor
+Ihrer Weisheit hätte, möchte ich übermütig zitieren: ›Wie hast du dir
+verändert‹ — so aber will ich nur hübsch gesetzt bemerken: Wenn Sie
+früher so gesprochen hätten und nicht so völlig anders, Herr Sebalt,
+dann wären wir wohl eher und besser bekannt miteinander geworden.«</p>
+
+<p>Sebalt sagte eisig: »Nur immer hübsch langsam mit die jungen Pferde,
+meine Gnädigste! Wer langsam fährt, kommt auch nach Halle.«</p>
+
+<p>Charlotte ärgerte sich sichtlich und schwieg.</p>
+
+<p>Als Sebalt wie selbstverständlich ins Rosental einbog, zuckte sie einen
+Moment zurück, folgte dann aber gehorsam wie eine gebändigte Löwin
+ihrem Dompteur.</p>
+
+<p>»Fürchten sich wohl, meine Gnädigste,« spottete der Begleiter, »der Weg
+ist kürzer — übrigens Ihnen ja auch einigermaßen bekannt, und unter
+meiner Bedeckung passiert Ihnen nichts.«</p>
+
+<p>»Jawohl,« gab Charlotte bitter zurück, »wer den Henker zum Gesellen
+hat, braucht für den Strick nicht zu sorgen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p>
+
+<p>»Soll das etwa heißen, daß Sie erwarten, von mir attakiert zu werden?
+Nee, Verehrteste, da seien Sie totenruhig! Vor mir sind Sie seit der
+Broschenaffäre sicher; nicht ein Haar von ihrem übrigens prächtigen
+Schopf soll Ihnen gekrümmt werden.«</p>
+
+<p>Charlotte ging schweigend neben dem jetzt ebenfalls hartnäckig
+schweigenden Weggesellen durch das Dunkel des im Novembersturm
+heulenden Waldes, das nur wenige flackernde Laternen hie und da mühsam
+erhellten.</p>
+
+<p>Sebalt reichte der unsicher Schreitenden nicht den Arm, sagte nur
+einmal, als sie ein wenig strauchelte, ironisch: »Wollen doch nicht
+Traviata spielen?«</p>
+
+<p>Da blieb Charlotte empört stehen und rief Sebalt zu: »Was wollen Sie
+eigentlich von mir, Sie werden mir nachgerade unheimlich!«</p>
+
+<p>»Wie Sie mir vor Jahr und Tag! — Was ich will — nur meine Rache kalt
+genießen, Sie ein wenig verachten, meine Gnädigste, weil ich Sie früher
+zu viel verehrt habe.«</p>
+
+<p>»Wenn Sie das wirklich getan hätten —«</p>
+
+<p>»Bitte, habe ich Ihnen den zahlenmäßigen Beweis, den Sie so
+geschmackvoll forderten, nicht <span class="antiqua">stante pede</span> damals angetreten?
+65 Mark die kleine Dummheit, eigentlich für nen Studenten ein bißchen
+teures Angebinde, meinen Sie nicht, Gnädigste?<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> Und dann noch für die
+Katz! Schade!«</p>
+
+<p>»Mein Gott ja, es war wirklich sehr unrecht von mir. Ich habe Sie ja
+schon um Verzeihung gebeten, Herr Sebalt. Und glauben Sie mir, es
+war auch nur ein verrückter Einfall, der mir plötzlich meiner gar zu
+unwürdig vorkam, und da bin ich eben voll Schrecken davongelaufen. Also
+kommen Sie, seien Sie gut, geben Sie mir jetzt Ihren Arm, und ich will
+Ihnen alles offen gestehen.«</p>
+
+<p>»Welche Ehre, meine Gnädigste,« hüstelte Sebalt preziös und reichte den
+rechten Arm.</p>
+
+<p>»Lassen Sie doch endlich das fade Getue und das ewige Gnädigste. Es
+glaubt Ihnen ja doch keiner, daß Sie son Laff sind, wie Sie vorgeben.
+Also nun hören Sie. Ich war schon in Monplaisir Schauspielelevin;
+wir probten da im Saal immer nachmittags. Ich hatte seinerzeit große
+Rosinen im Kopf, wie die meisten von uns am Anfang. Unter ner Duse tun
+wirs nicht in unsern Erstlingsträumen. Ein wenig Erbteil hatte ich
+damals noch, ein leidliches Äußere doch auch, sogar nach dem Urteil
+eines gewissen Herrn, der mir immer nachmittags nachstieg. Na kurz
+und gut, als ich in Lindenau das erste Mal öffentlich auftrat — an
+jenem Abend wollte ich nur die Akustik im gefüllten Saal prüfen — da
+hing mein Himmel voller Geigen. Dann aber kams anders. Ich spielte
+und spielte, kein Hahn und kein Agent krähten nach mir, obwohl<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> das
+Publikum immer Beifall spendete und die Kritik stets wohlwollend war.
+Ich ging in die Vollen, ich ließ mir Toiletten machen, ließ mir Buketts
+spenden, lachen Sie nicht — es ist mir bitter genug gewesen. Alles
+war verlorne Liebesmüh; nur Verehrer, die waren hinter mir her wie
+die Teufel hinter ner armen Seele. Damals ging mein Restchen Vermögen
+zu Ende, und ich rang bitterlich mit mir, ob ich kapitulieren sollte,
+wie so viele Größere vor mir auch in blutiger Not, nur um sich der
+geliebten Kunst zu erhalten. In jener Seelennot, Herr Sebalt, stießen
+Sie auf mich. Das war an dem bösen Abend vor dem Juwelierladen. Erst
+flog mir durch den Kopf — kapituliere! Dann kam plötzlich die Scham
+vor mir selbst, und in bittrem Hohn — ja mit Undank und Niedertracht
+zahlte ich Ihnen für Ihre Neigung, für Ihr vielleicht ehrliches Opfer.
+— — So, da haben Sie meine Beichte, ohne Schminke und ohne Scham!
+Wollen Sie nun aufhören, mich zu peinigen und mir endlich Absolution
+erteilen, ein- für allemal!«</p>
+
+<p>Hans Sebalt war es eigen zumut. Er fühlte, er war mehr ergriffen von
+dem schlichten Leidensbericht, als er sich gestehen mochte.</p>
+
+<p>Und doch schwankte er, ob er nicht zu viel Trümpfe aus der Hand gäbe,
+wenn er jetzt schon den ganz Versöhnten spielen würde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p>
+
+<p>So sagte er nur unwirsch und doch fast tonlos vor verhaltener Bewegung:
+»Narrenhaus — diese Welt — man tanzt aneinander vorbei, wenn man sich
+am nötigsten braucht.«</p>
+
+<p>»Was meinen Sie damit,« fragte Charlotte beunruhigt.</p>
+
+<p>»Bitte, beantworten Sie mir erst eine Frage, die ich mir sicher nicht
+erlauben würde, wenn — nun ja, ich will auch ehrlich sein — wenn ich
+Sie nicht ehedem so wahnsinnig geliebt hätte.«</p>
+
+<p>»Ich weiß schon, was Sie fragen wollen. Erst eine Gegenfrage: Haben Sie
+mal meine Mila im Frühlingssturm gesehen?«</p>
+
+<p>»Ja, sie war das Erste und — gestatten Sie — das Beste von Ihnen!«</p>
+
+<p>»Nun also! Und glauben Sie, daß eine Non Traviata, oder sagen wir doch
+lieber richtiger eine, die ihrem Götzen von Beruf nicht alles — auch
+das letzte — hingeopfert hätte, so spielen könnte?«</p>
+
+<p>»Nein, ich dachte mirs,« antwortete Sebalt tief ergriffen.</p>
+
+<p>»Und sehen Sie,« rief er dann schmerzlich, »hätten Sie mich damals
+nicht brauchen können? Ich hätte keinen so hohen Preis gefordert, wie
+vielleicht ein anderer — ich — ich liebte Sie redlich.«</p>
+
+<p>»Und heute fordern Sie ihn auch, weil Sie<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> mich nicht mehr lieben,
+sondern nur, weil Sie sich noch in Ihrer Rache sonnen wollen.«</p>
+
+<p>»Ich fordere nichts, aber auch gar nichts mehr!«</p>
+
+<p>»So — und warum nicht? Bin ich Ihnen selbst zur Rache zu schlecht?«</p>
+
+<p>»Nein, Charlotte, dazu sind Sie mir nach Ihrem Geständnis noch immer
+viel zu gut! Nur — ich verlange heute nach beiden nicht mehr — wie
+damals! Ja — damals schrie ich wohl nach Ihrer Liebe und dann — dann
+glühte ich vor Haß.«</p>
+
+<p>»Und vergaßen mich am Ende — trotz oder vielleicht wegen der teuren
+Brosche?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Hans mit plötzlich erwachter Leidenschaft, »nun sollen
+auch Sie alles wissen! Die Brosche — die warf ich einer andern zu,
+der ich mein Bestes verschenkt hatte — warum — weil sie Ihnen
+ähnlich sah! — So, nun habe ich gebeichtet und bitte um die gleiche
+Sündenvergebung, liebe Beichtigerin.«</p>
+
+<p>Charlotte sagte kein Wort. In tiefer Bewegung gingen die beiden bis zu
+der unfernen kleinen Parterrewohnung der Schauspielerin.</p>
+
+<p>Als diese ihre Haustür aufgeschlossen hatte und Hans sich verabschieden
+wollte, sagte Charlotte leise: »Kommen Sie herein, Herr Sebalt, ich bin
+Ihnen viel schuldig geworden und will meine Schulden bezahlen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p>
+
+<p>Da umfaßte Hans Sebalt das schöne, ehedem so bitter gehaßte Weib in
+wilder, glückseliger Liebe, und mit verzehrender Glut wurden seine
+stürmischen Küsse erwidert.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel_2">Viertes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Auseinander</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Kaspar Krumbholtz drang tiefer und tiefer in den Geist der modernen
+wissenschaftlichen Forschung ein und söhnte sich auch mit der ihm
+ehemals so unsympathischen historisch-kritischen Methode aus.</p>
+
+<p>Nach und nach merkte er eben, daß seine Abneigung nicht eigentlich in
+der freilich oft alexandrinisch übertriebenen Buchstabentiftelei der
+Philologen, auch nicht in der spezialistischen Kleinkram bisweilen
+überschätzenden Einseitigkeit der Historiker ihren letzten Grund hatte,
+sondern in dem Unwillen seines autoritätfrommen Gemüts, das gegen das
+Experiment am ungeeigneten Objekt Verwahrung einlegte.</p>
+
+<p>Dieselbe Methode, die ihn bei der Bibelforschung so oft innerlich
+verletzt hatte, erschien ihm beim Nibelungenlied oder bei den Quellen
+der Reformationsgeschichte durchaus anziehend, notwendig und fast
+selbstverständlich.</p>
+
+<p>Noch immer zog es jedoch Kaspar in die Weite;<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> immer noch wuchs die
+Zahl der Fächer, in denen, wenigstens einigermaßen orientiert zu sein,
+ihm notwendig erschien.</p>
+
+<p>Von der Philosophie kam er zu der Ästhetik und Pädagogik, die ihm,
+dem Mann der Praxis, allerdings wenig Neues sagen konnte. Die
+Nationalökonomie, seine erste Liebe, ließ ihn so wenig wieder los
+wie das Interesse für Politik, und beide führten ihn eines Tages zur
+Soziologie und zur Geographie. Von der Geschichte und deren wenig
+interessanten Hilfswissenschaften drängte es ihn rasch weiter zur
+Archäologie und zur Kunstgeschichte.</p>
+
+<p>Er ging in die Museen und lernte in peripathetischen Übungen ganz neu
+sehen und vergleichen.</p>
+
+<p>Von der Germanistik trieb es ihn nach und nach zur modernen
+Literaturgeschichte und aus den Kollegs unwillkürlich in die Theater
+und die Leihbibliotheken.</p>
+
+<p>Vieles in der neusten Literatur verstand er zunächst gar nicht, da
+er von Haus aus kaum die Klassiker einigermaßen beherrschte; nur
+Liliencron berauschte ihn wie junger Most. Erst über Hebbel, Keller,
+Anzengruber, Raabe und die Ebner-Eschenbach fand er langsam den Weg zu
+Tolstoi, Ibsen und Hauptmann, während Zola ihm nicht viel zu bieten
+vermochte.</p>
+
+<p>Der Dichterphilosoph Nietzsche verwirrte<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> Kaspar anfangs gewaltig, um
+ihn dann um so klarer zu machen. Aus seinem niedergeschlagenen Schüler
+ward er nach und nach sein fröhlicher Gegner; aber er dankte ihm ein
+Stahlbad.</p>
+
+<p>Aus Zufall geriet Kaspar in eine sehr besuchte Vorlesung über
+Psychiatrie, und sie fesselte ihn bald so sehr, daß er zwei Semester
+hindurch in keiner Vorlesung dieses Fachs fehlte. Das trug ihm
+für das Verständnis der modernen, teilweise recht pathologisch
+durchsetzten Literatur viel aus, und auch für seine tiefgehenden
+Erziehungsinteressen fand er hier wie in den lebensvollen,
+anschauungsreichen Vorlesungen eines fast sokratischen Psychologen weit
+mehr Nahrung und Anregungen als in denen der eigentlichen Pädagogik.</p>
+
+<p>Je weiter jedoch die Kreise Kaspars wurden, um so schwieriger wollte
+es ihm dünken, sich nach und nach zurückzukonzentrieren auf irgendein
+praktisches Brotfachstudium. Was die Mehrzahl seiner Kommilitonen zu
+früh und zu sehr tat, tat Kaspar zu spät. Manchmal wollte es ihm schier
+unmöglich erscheinen, auf das herrliche Ausgreifen nach allen Seiten zu
+verzichten.</p>
+
+<p>Hans Sebalt war längst mit höchstem Lobe zum Doktor promoviert und
+traf bereits neue Vorbereitungen für ein Werk, das ihm vielleicht als
+Habilitationsschrift dienen konnte.</p>
+
+<p>Der langsame Kaspar dagegen suchte und<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> suchte und fand und fand so
+vieles und so gewaltiges, daß ihm alles eigne Schaffen demgegenüber als
+ein von vornherein aussichtsloses, mindestens wertloses Unterfangen
+erscheinen wollte.</p>
+
+<p>Wenn ihm jemals etwas gelingen könnte, so dachte und hoffte Kaspar
+mitunter, dann wäre es nur die Reproduktion, die Projektion dieser
+reichen Welt von neuen Anschauungen, Ergebnissen und Zielen auf die
+Seelen anderer, am liebsten der heranwachsenden Generation, der ein
+kundiger Führer in einer so überallhin vorwärtsdrängenden, wirbelnden
+Zeit vielleicht fruchtlose Kämpfe und endlose Umwege ersparen könnte.</p>
+
+<p>Aber einer der Professoren setzte Kaspar auseinander, daß nur die
+Erfahrung an einigen eigenen Schöpfungen den vollen Respekt vor
+den Leistungen anderer und Größerer zeitigen könne, und daß die
+notgedrungene Konzentration, vielleicht auch unter dem bittersten
+Verzicht, vom berauschenden Genuß des Empfangens zur schmerzvollen
+Geburt der Tat führen müsse, wenn anders der Genuß — auch in der
+Wissenschaft — seine sittliche Berechtigung haben solle.</p>
+
+<p>Und so ließ sich Kaspar nach etlichen Semestern seine Examenarbeiten
+geben, obwohl Ursemi ihm in ihren Briefen zusetzte, er solle erst
+einmal wie Hans Sebalt den Doktortitel erwerben.</p>
+
+<p>Kaspar lächelte wehmütig über diesen Wunsch.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p>
+
+<p>Verriet er ihm doch leise, daß Ursemi noch immer nicht ganz begriffen
+hatte, daß er ihr nie mehr, aber auch nie weniger sein wollte — und
+jetzt gar nicht mehr sein durfte — als ein treuer Bruder.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In Reda hatte sich äußerlich nicht viel verändert seit dem Tode Wilhelm
+Winklers.</p>
+
+<p>Die Werke wurden von den erprobten Direktoren, Beamten und Arbeitern
+im Sinne des Mannes weitergeführt, der ihnen durch eine hochherzige
+Testamentbestimmung einen je nach dem Dienstalter steigenden,
+schließlich sehr hohen Gewinnanteil gesichert hatte.</p>
+
+<p>Der Hauptertrag stand der Winklerstiftung zu, die von einem erlauchten
+Sechserkonsortium verwaltet, das halb aus bekannten Gelehrten und halb
+aus unabhängigen Laien bestand, und vom Geheimrat Volpelius, einem
+früheren Verwaltungsbeamten, geleitet wurde.</p>
+
+<p>Ein kleiner Teil der Gelder wurde zu Stipendien für junge unbemittelte
+Forscher oder zur Unterstützung für begabte Schriftsteller und sonstige
+geistig oder künstlerisch aufstrebende Männer verwandt, die ihrem Volke
+mit der Zeit zu Führern zu reifen versprachen.</p>
+
+<p>Das Hauptziel der Winkler-Stiftung sollte jedoch<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> die Gründung
+einer großen nationalen Erziehungsanstalt sein, in der eine von
+Staatsvorschriften und Traditionsdruck freie Jugend heranwachsen
+konnte, für die charakterliche Erziehung zur Selbständigkeit und eine
+individuelle, zeitgemäße und doch harmonische Bildung das oberste Ziel
+sein sollten. Einzelbestimmungen fehlten vor der Hand, nur sollte
+jegliches Examen völlig ausgeschlossen sein. Das zur Zeit leider noch
+notwendige Übel der Einjährig-Freiwilligen Prüfung sollte darum — wenn
+irgend möglich — hinter den Knaben liegen.</p>
+
+<p>Im übrigen standen naturgemäß die Vorbereitungen für das große, ebenso
+schwierige wie kostspielige Hauptwerk, für das einstweilen jedes
+Jahr die Hälfte des Reingewinns zurückgelegt werden mußte, noch im
+weiten Felde. Volpelius und seine sechs Berater arbeiteten jedoch mit
+rastlosem Eifer.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Frau Winkler wohnte mit ihrer Tochter wie bisher den größten Teil des
+Jahres in der behaglichen Redaer Villa inmitten ihres lieblichen Parks,
+an den die ausgedehnten Waldbesitzungen der Damen sich anschlossen.</p>
+
+<p>Ihre Güter wie die Forstverwaltung unterstanden einem bewährten
+Generaldirektor, der mit der gern auch fürs Kleinste selbst sorgenden
+Frau<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> Winkler freilich weniger gut fuhr als ehedem mit ihrem
+großzügigen Manne.</p>
+
+<p>Es kam mitunter zu allerlei Mißverständnissen und heftigen
+Auseinandersetzungen, bei denen Ursemi ihre früher so stille,
+gutmütige, sonst so leicht befriedigte Mutter kaum wiederzuerkennen
+vermochte. Dann griff sie als mündige Mit-, ja Hauptbesitzerin doch
+gelegentlich ein und tat es mit der ganzen Ruhe und Überlegenheit ihres
+verstorbenen Vaters.</p>
+
+<p>Das lockere Verhältnis zur Mutter ward jedoch darüber nicht fester
+und inniger; denn was sich die kleine runde Frau von ihrem Gemahl
+anstandslos, ja dankbar hatte gefallen lassen, das wollte sie der
+Tochter durchaus nicht zugestehen. So bildeten sich nach und nach
+Verstimmungen, die Ursemi bedrückten und ihr gewisse Fragen, vor allem
+die nach einer selbständigen Zukunft, nahelegten.</p>
+
+<p>Daß es der reichen Erbin an Bewerbern aller Art nicht fehlte, war
+selbstverständlich; aber unter all diesen Männern war eigentlich nur
+einer, der Ursemi ein gewisses Interesse abnötigte und nicht zum
+wenigsten durch seine vornehm kluge Zurückhaltung, und das war Harry
+Brosyn.</p>
+
+<p>Der junge Graf war noch immer und scheinbar mit großem Erfolg in
+Westamerika tätig. Er kam dann und wann auf kürzeren Besuch zu seinem<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span>
+Vater, den er jedoch noch immer reichlich kühl als »Firma Brosyn
+senior« betrachtete. Zweimal sprach er flüchtig in Reda vor, schien
+jedoch keine Lust zu haben, sich einen zweiten Korb zu holen.</p>
+
+<p>Ursemis Herz hing in alter Anhänglichkeit, in einer vielleicht mehr
+kameradschaftlich herkömmlichen als bewußt leidenschaftlichen Liebe
+unverändert an ihrem getreuen Kaspar. Aber er machte ihr Sorge.</p>
+
+<p>In seinen oft allzu peinlich gewissenhaften und darum etwas nüchternen
+Berichtbriefen verriet er mehr und mehr, daß er in dem berauschend
+gewaltigen Meer der Wissenschaft unterzutauchen Gefahr lief, freilich
+nicht als zielbewußter Taucher, sondern als ermatteter, ins Treiben
+geratener Schwimmer.</p>
+
+<p>Ursemi las ihm gelegentlich die Leviten, hielt ihm — zwar gegen ihre
+innerste Überzeugung — den erfolgreicheren Streber Sebalt vor, verriet
+schließlich deutlich, daß sie stolz auf ihren Kaspar zu bleiben und
+noch mehr zu werden wünsche — es half wenig!</p>
+
+<p>Kaspar wich erst aus, führte dann — ganz gegen seine Gewohnheit —
+seine Vorarbeiten zum Staatsexamen beruhigend ins Treffen; aber von
+jeder tieferen Ahnung der geheimsten Sorgen und Wünsche Ursemis war
+er weiter entfernt denn je. Nicht eine letzte, noch so leise Spur der
+Engadiner<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> Gefühlsaufwallung schien in seinem Innern vorhanden zu sein.</p>
+
+<p>Sollte ein anderes Mädchen in den Kreis seiner Seele getreten sein?
+Oder ging Kaspar vielleicht gar zu sehr in seiner behaglichen
+Zwillingsvetterei auf? Freundschaft ging ihm von jeher über Liebe.
+Hatte er sich irgendwie verloren?</p>
+
+<p>Ursemi machte sich in ihrer völligen Einsamkeit immer unruhigere
+Gedanken. Mit der Mutter konnte sie über dergleichen nicht reden.
+Vollends seit Sebalt seinen Doktor gemacht, spöttelte, neckte und
+stichelte Frau Winkler ihre Tochter öfter wegen ihres Verzugs, des
+langsamen und faulen Kaspars.</p>
+
+<p>Ursemi schwieg dazu; sie war unsicher, sie sah nicht mehr klar; sie
+fühlte nur dumpf aus Kaspars oft recht unpersönlichen Briefen, daß doch
+irgend etwas zwischen sie und den ihr unentbehrlichen Freund getreten
+sein müsse. Und so beschloß sie, sobald wie möglich sich selbst zu
+überzeugen, was aus Kaspar geworden sei.</p>
+
+<p>Ein unauffälliger Anlaß zur Reise nach Leipzig fand sich zum Glück
+bald, da Frau Winkler, die in letzter Zeit auch recht um sich selbst
+und nicht mehr nur für andere zu sorgen pflegte und ein wenig
+hypochondrisch geworden war, einen berühmten Spezialarzt in Leipzig zu
+konsultieren wünschte.</p>
+
+<p>So trafen denn die Winklerschen Damen eines Tages auf dem Dresdner
+Bahnhof zu Leipzig ein,<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> empfangen von <span class="antiqua">Dr.</span> Sebalt und Kaspar
+Krumbholtz.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Um Kaspar eine Freude zu machen, hatte Ursemi bei Geheimrat Volpelius
+kurz zuvor ein Reisestipendium der Winkler-Stiftung für Kaspars armen
+Vetter, der die Leipziger Akademie besuchte, ausgewirkt und teilte ihm
+nun diese Nachricht mit.</p>
+
+<p>Kaspar war glückselig und stürzte sofort davon und holte den
+Zwillingsvetter herbei, den Ursemi nach seinem verlegen gestammelten
+Dank sofort für einen echten Krumbholtz erklärte.</p>
+
+<p><span class="antiqua">Dr.</span> Sebalt, jetzt wirklich eine weltmännisch elegante
+Erscheinung, machte in erster Linie seiner Gönnerin, Frau Winkler, in
+galantester Weise die Honneurs; während sich Ursemi von den weniger
+eleganten Vettern Krumbholtz mit froher Laune die Sehenswürdigkeiten
+Leipzigs zeigen ließ.</p>
+
+<p>Auch Kollegs mußte sie bei Kaspars Lieblingsprofessoren hören und das
+dafür besonders aufgeräumte und bescheiden geschmückte <span class="antiqua">Collegium
+Mugonianum</span> mit ihrem Besuche beehren. Hier überreichte ihr der
+Vetter Akademiker sogar ein künstlerisch entworfenes Patent, das Ursemi
+zum Ehrenmitgliede des »hochwohllöblichen <span class="antiqua">Collegium Mugonianum
+vis-à-vis</span> der königlichen Polizei« ernannte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p>
+
+<p>Dann mußte Ursemi auf dem kleinen, schäbigen, jetzt freilich mit einer
+weißen Häkelarbeit der Wirtin schämig verzierten Sofa Platz nehmen
+und ein Frühstück genehmigen, zu dem auch der andere Zwilling unter
+dem Vorwand eines wichtigen Geschäftsganges sich einstellte, um dem
+fürstlichen Besuch des hohen Kollegs seine Aufwartung zu machen.</p>
+
+<p>In harmlos ausgelassener Fröhlichkeit feierte man das Ehrenmitglied und
+den glücklichen Besitzer des Reisestipendiums, der nun — als sei mit
+einem Male der Knoten geplatzt — von launiger Beredsamkeit überfloß
+und drollig den kecksten Streich des Kollegs erzählte: wie einmal
+die freundnachbarliche Polizei wegen ruhestörenden Lärms ihnen drei
+Schutzleute herüber geschickt habe, die dann fröhlich mit pokuliert und
+spektakelt hätten, und wie sie — die drei Vettern — tags darauf wegen
+Lärms auf der Polizei sich bei der Polizei selber beschwert und dann
+dort ebenfalls fidel einen guten Tropfen auf dem Wachlokal getrunken
+hätten.</p>
+
+<p>Auch die lustigen kleinen Mädelgeschichten des vergnüglichen Kollegs,
+auf die Ursemi diplomatisch anspielte, wurden ohne Zaudern aufgetischt.
+Mit köstlicher Laune berichtete der junge Kaufmann: wie das hohe
+Kollegium mit seinen Damen, drei niedlichen Vorstadtkinderchen, zwei
+blonden Schwestern<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> und ihrer brünetten Cousine, Miß, Fröle und
+Signorina genannt, des Sonntags gelegentlich einen Spaziergang oder
+ein Tänzchen gemacht, wie man sich allerlei kleine, frugale Soupers
+ausgerichtet, wie man den Mädchen zu Weihnachten neue Hütchen beschert,
+wie ihnen der Akademiker kunstgerecht einige Kostüme entworfen hatte —
+und was dergleichen kameradschaftliche Gefälligkeiten mehr waren.</p>
+
+<p>Ursemi fühlte bald heraus: da handelte es sich keinesfalls um
+tiefgehende Liebesaffären! Von Miß, Fröle oder Signorina war nichts zu
+befürchten.</p>
+
+<p>Bei Kaspar mußte jedenfalls etwas ganz anderes vorliegen, was tiefer
+saß.</p>
+
+<p>Und so forschte die kluge Tochter Wilhelm Winklers weiter in redlicher
+Sorge um Kaspar, bis sie ihn eines Abends im Hotel Hauffe zu einer
+Unterredung nötigte, während Sebalt mit seiner verehrten Gönnerin
+im Stadttheater saß und ihr die vielen Feinheiten im Spiel seiner
+Freundin, der jetzt dank seiner Bemühungen und ihres entfalteten
+Talents so berühmten Charlotte Frémont, geistreich auseinandersetzte.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ursemi hatte Kaspar das Kistchen Zigarren und den Aschenbecher
+hingeschoben, dann setzte sie<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> sich wie zum behaglichen Schwatz in
+den geräumigen Ledersessel ihm gegenüber und begann im harmlosen
+Plauderton, während sie mit dem übergeschlagenen Fuße leise wippte und
+Kaspars blauen Rauchwolken nachschaute:</p>
+
+<p>»Ich finde, es lebt sich wirklich famos in diesem grauen,
+hochgiebeligen Buchhändlernest. Unternehmende Kaufleute, gescheite
+Professoren, Musiker und Bildhauer, die was können, und kleine, nette
+Mädels die Hülle und Fülle! Ich wäre hier auch ganz gern Student und
+verstehe, daß du es möglichst lange bleiben willst.«</p>
+
+<p>Aha, dachte Kaspar, dort willst du hinaus, und lächelte still in sich
+hinein, als Ursemi möglichst unbefangen fortfuhr:</p>
+
+<p>»Ich glaube, du erwartest nun von mir eine Wiederholung allerlei
+redlicher Vorhaltungen aus meinen Briefen? Nee, mein alter Junge, da
+schneidest du dich. Um dich ist mir jetzt weit weniger bange als —
+um mich. Das wundert dich — nun ja, es will auch recht verstanden
+und vielleicht erklärt sein, und darum ist es mir lieb, mal so in
+ungestörter Ruhe mit dir von Mund zu Mund etwas zu erörtern, was sich
+schwer oder nur sehr gewunden schreiben läßt. Du weißt, daß ich leider
+zu Mama nie in ein so inniges Verhältnis kommen konnte wie zu Vater.
+Jetzt bin ich auf Mama weit mehr angewiesen als früher, und doch ist<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span>
+unser Verhältnis kühler geworden als früher. Vater fehlt mir unendlich.
+Und auch der liebe, vornehme Volpelius kann ihn mir nicht ersetzen.
+Um so eher erwartete ich das mit der Zeit von dem andern Freunde, den
+mir Vater vermacht hat. Aber — ich kann mir nicht helfen — auch der
+beginnt zu versagen. Seine Briefe werden nüchterner, geschäftsmäßiger;
+sie duften mitunter nach Pflicht, und dieser Duft ist mir peinlich, ja
+oft beängstigend; er versetzt mir bisweilen den Atem wie der Moderduft
+alter Scharteken oder vergilbter Friedhofskränze. Ja, schüttle nur
+überlegen das trotzige Haupt, mir machst du nichts vor, und ich will
+keine Unklarheiten, keine Halbheiten zwischen uns. Also schenk mir mal
+ruhig reinen Wein ein, warum du nicht mehr der Alte bist. Du weißt, ich
+bin kein zimperliches Frauenzimmer. Du brauchst weder mich noch, falls
+es notwendig sein sollte, dich zu schonen.«</p>
+
+<p>Kaspar rückte unruhig hin und her, als suche er nach einem passenden
+Anfang, endlich sagte er stockend: »Ich weiß, Ursemi, ich bin nicht
+viel wert und entspreche jedenfalls den Anforderungen, die du an einen
+brüderlichen Freund stellen kannst, zurzeit gar nicht. Aber das hängt
+mit meiner Entwickelung zusammen, die in diesen Jahren so gewaltsam
+in neue Bahnen drängte, daß ich alle Kraft daran setzen mußte, mich
+nicht ganz zu verlieren.<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> In solchen kritischen Zeiten, Ursemi, ist
+man nicht in der Lage, anderen etwas sein zu können, am wenigsten
+einer Persönlichkeit wie dir, die viel sicherer in ihren Schuhen steht
+als ich. Jetzt schüttelst du den Kopf und lächelst. Tus auch nicht,
+Ursemi. Wir bleiben schon die Alten, hoffe ich, nur die Rollen des
+Gebers und Nehmers wechseln manchmal. Wenn dir auch meine Briefe nichts
+sein konnten, die deinen waren mir um so mehr. Das soll bei echter
+Freundschaft keine Rolle spielen, wer dem andern mehr austrägt. Mein
+Debet bei dir ist so wie so hoffnungslos. Vielleicht kann ich dir
+später etwas mehr sein, doch erst laß mich wachsen, und das braucht
+Zeit bei dieser Sorte Krumbholtz.«</p>
+
+<p>»Lieber,« erwiderte Ursemi ernsthaft, »versteh mich nicht falsch! Ich
+kenne meinen langsamen Kaspar und will ihm gern Zeit lassen, will
+auch schweigend warten, bis das Beste in ihm reif geworden — aber
+ich muß genau wissen, woran ich mit ihm bin. Dieser Kaspar hatte von
+jeher eine ganz vertrakte Neigung, sich für geringer zu halten, als
+er ist, und jedenfalls für weniger, als er mir ist. Er liebte es, zu
+Reda und Sils sich wohlerworbene Ansprüche, ja Rechte wegzugrübeln
+und wegzudisputieren, die ich ihm mit Stolz und Freude einräumte als
+dem Menschen, der mir innerlich näher steht als alle andern, selbst
+meine Mutter.<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> Auch jetzt scheint es mir — wie schon die Briefe es
+verrieten — daß dieser Kaspar wähnt, er könne nur einmal für die
+dritte oder vierte Stelle in meinem Herzen in Frage kommen, aber
+niemals für die erste. Ruhig sitzengeblieben, alter Freund, und mich
+nicht so erschrocken angeschaut! Jawohl, ich habe den Mut, die Dinge
+beim rechten Namen zu nennen. Ich bin kein prüdes, kleines Mädel mehr,
+sondern ein aufrechter, ausgewachsener Mensch, der auch sogenannte
+heikle Dinge mit seinem besten Freund, seinem liebsten Wandergenossen
+offen und tapfer besprechen will. Also klipp und klar: Warum schreibst
+du nachgerade an mich, als sei ich deine Gouvernante und nicht mehr
+deine beste Vertraute? Ist irgend jemand zwischen uns getreten? Ist
+dir jemand lieber geworden als ich? Sage es mir ganz ehrlich, Kaspar.
+Ich werde es dir nicht verargen und mich darein zu finden suchen. Nur
+verbergen darfst du es mir nicht, das bist du mir schuldig.«</p>
+
+<p>»Das weiß ich, Ursemi,« erwiderte Kaspar schlicht, »und wenn es an dem
+wäre, was du vermutest, dann sagte ich es dir sicherlich am ersten. Es
+gibt aber wirklich niemand, der mir näher stünde als du. Auf die kleine
+Miß brauchst du nicht eifersüchtig zu sein. Und dennoch muß ich an dem
+festhalten, was ich früher schon instinktiv empfunden und mir gar nicht
+ergrübelt habe, nämlich<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> an der Überzeugung, daß ich dir nie etwas
+anderes sein will und darf als dein Freund und Bruder.«</p>
+
+<p>»Warum nicht?« fragte Ursemi betroffen, »nur gerade heraus, wenns auch
+weh tut.«</p>
+
+<p>»Schon weil das dein Vater nie gewünscht hätte,« antwortete Kaspar ein
+wenig unsicher.</p>
+
+<p>»Woraus schließt du das, Kaspar? Kennst du Vater so schlecht, um nicht
+zu wissen, daß er jedem Menschen seine Freiheit ließ, vorab doch wohl
+seiner Tochter. Er ist niemals meiner Selbständigkeit zunahe getreten,
+dazu war er viel zu klug und viel zu gut. Er wünschte nur, daß ich frei
+meiner Neigung folgen solle, wenn dereinst eine Entscheidung an mich
+herantritt. Ich fürchte jetzt, diese Entscheidung wird nicht an mich
+herantreten, wenigstens nicht von der Seite, von der ich es im stillen
+ersehnt und erhofft hätte.«</p>
+
+<p>Ein dumpfes Schweigen folgte diesen leidenschaftlichen Worten.</p>
+
+<p>Kaspar fühlte, er mußte darauf antworten, aber ihm graute, weil er dann
+schließlich das Schlimmste enthüllen mußte, und das wollte er sich und
+Ursemi ersparen.</p>
+
+<p>Da flog ihm Ursemis schroffe Frage wie ein scharfer Pfeil entgegen:
+»Was steht zwischen dir und mir, Kaspar?«</p>
+
+<p>»Nichts!« antwortete Kaspar verlegen und zuckte hilflos mit den
+Achseln.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span></p>
+
+<p>Aber Ursemi ließ nicht nach. Von neuem begann sie: »Du bist seit
+dem Engadin ein anderer geworden. Ich nicht. Im Gegenteil! Was
+damals zart in mir emporkeimte, hat feste Wurzeln geschlagen und ist
+stetig gewachsen. Warum ist es bei dir anders, Kaspar? Hast du die
+Pflanze etwa absichtlich mit Stumpf und Stil ausgerissen, ehe sie
+dir allzu kräftig gedieh? Kaspar, ich bitte dich bei unsrer alten
+Jugendfreundschaft, gib mir endlich volle Klarheit. Ich glaube, ich
+habe ein Recht dazu.«</p>
+
+<p>Zaudernd entgegnete Kaspar: »Du hast ein Recht, gewiß, Ursemi; aber
+ich bitte dich dringend, verzichte darauf. Ich hänge noch heute mit
+derselben Neigung an dir wie zu Sils Maria, Reda und Bethel. Das darfst
+du mir schon glauben ohne große Beteuerungen. Nur das eine muß ich
+betonen: Es ist mir bis auf diese Stunde niemals der verwegene Gedanke
+gekommen, daß du mich jemals würdigen könntest, dir nicht nur der
+treuste Freund zu sein, sondern vielleicht auch der liebste und einzige
+Lebenskamerad. Ich habe dich wohl trotzdem geliebt, aber zu Unrecht,
+nur weil ich meiner Empfindungen nicht Herr wurde.«</p>
+
+<p>»Kaspar,« frohlockte Ursemi plötzlich dazwischen, »warum willst du
+dir und mir nehmen, was uns zukommt? Bist du noch immer derselbe
+Bescheidenheitsnarr? Fühlst du denn nicht, daß mich<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> genau dasselbe zu
+dir treibt, was dich zu mir riß?«</p>
+
+<p>Kaspar sprang erregt auf. In seiner Seele raste ein Sturm wildesten
+Wehs. Seine breite Brust atmete rascher, seine Züge wurden so finster
+und trotzig, daß Ursemi erschrak.</p>
+
+<p>Auch sie erhob sich jetzt und wollte auf den Geliebten zugehen, doch
+wie abwehrend streckte dieser die Arme vor und sagte: »Laß mich erst
+ausreden. Nun muß es eben heraus! Und doch, es wird mir so furchtbar
+schwer, denn ich weiß, ich muß dir bitter weh tun, und gerade jetzt, wo
+ich dir tausendmal lieber alles andere sagte als so Schmerzliches. Ich
+will mich nicht entschuldigen, aber vielleicht hätte ich dich und mich
+nicht so schmählich vergessen, wenn ich gewußt hätte, daß du mich doch
+— nein, es war auch so schlecht genug, denn ich liebte dich — kurz
+und gut — ich bin deiner nicht wert! Du darfst mich nicht mehr lieben,
+du mußt mich verachten als einen Unwürdigen.«</p>
+
+<p>Jäh und wie scheu wandte er sich ab.</p>
+
+<p>Mit einem verwirrten Kopfschütteln sank Ursemi leise in den Sessel
+zurück und starrte zu Boden, während Kaspars harte Tritte, ruckweise
+den Boden erschütternd, dumpf in dem dichten Wollhaar des großen
+Smyrnateppichs verhallten.</p>
+
+<p>Endlich fand Ursemi die Sprache wieder und<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> sagte versonnen: »Noch sehe
+ich nicht klar. Vorhin sagtest du, du hättest niemand lieber als mich,
+und jetzt redest du so, daß ich annehmen muß, du hast mich über einer
+anderen vergessen. Verzeih, Kaspar, daß ich mich damit nicht zufrieden
+gebe. Es geht doch um meine ganze Zukunft, um mein Lebensglück!«</p>
+
+<p>»Ursemi, Ursemi!« stieß Kaspar jetzt wie verzweifelt heraus, »was
+schaff ich dir für Herzeleid! Mein Gott, mein Gott, wie soll ich das
+verantworten vor mir und deinem heimgegangenen Vater.«</p>
+
+<p>»Kaspar,« erwiderte Ursemi sanfter, als es sonst wohl ihre Art war, »er
+war ein Mensch, er war mild im Verstehen und nachsichtig im Urteilen.
+Ich will seine Tochter sein. Also sage mir vertrauensvoll, wie alles
+steht. Vielleicht komme ich darüber hinweg.«</p>
+
+<p>Schmerzlich schüttelte Kaspar das Haupt und sagte leise: »Nein —
+darüber kann ein Weib so wenig weg wie ein Mann. Und wenn es anginge
+— und es geht ja im Leben oft genug an — von meiner Ursemi wünschte
+ichs nicht einmal. Was ich ihr nicht verzeihen würde, soll sie mir erst
+recht nicht verzeihen. Du sollst nicht heruntersteigen zu einem Mann,
+der — kurz gesagt — nicht mehr ist, wie Mann und Weib sein sollen,
+wenn sie einen Bund fürs Leben schließen. Genügt dir das — verlange
+nicht mehr, Ursemi — es wäre grausam.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span></p>
+
+<p>»Lieber,« sagte Ursemi nach einer langen Pause leise und mit
+sichtlicher Bewegung, »ich glaube, ich könnte dir einen jugendlichen
+Fehltritt so gut verzeihen wie Millionen andrer Frauen.«</p>
+
+<p>»Aber ich verzeih ihn mir nicht,« antwortete Kaspar schroff, »denn er
+war schwerer, als du ahnst, und ich könnte nicht mit dem steten Gefühl
+einer schweren Schuld neben dir leben. Nein, nein!«</p>
+
+<p>»Kaspar,« warf Ursemi ernst ein, »wir müssen uns alle viel verzeihn.
+Wer weiß —«</p>
+
+<p>»Nein, nein,« beteuerte Kaspar heftig, »es war unverzeihlich! Du weißt
+ja nicht alles.«</p>
+
+<p>»Hast du denn das Mädchen in Schande gebracht? Hast dus verraten?«</p>
+
+<p>»Nein, das nicht.«</p>
+
+<p>»Hast du es sehr geliebt, Kaspar?«</p>
+
+<p>»Eben nicht! Und schon das ist schlimm. Das wäre sogar gemein, wenn
+sie mich nicht geliebt hätte. Was sie tat, ist ihre Sache, und die
+Frau war nicht schlecht. Aber ich, ich war schlecht, ich habe wirklich
+unverzeihlich gehandelt, denn ich — das ist das Schlimmste — ich habe
+mich vergangen gegen den heiligen Geist der Liebe: Ich habe mich von
+meinen erregten Sinnen hinreißen lassen, obwohl mein Herz einer andern
+gehörte, denn ich liebte dich — dich allein und vergaß mich doch! Das
+ist ein unauslöschlicher Frevel. Und solch ein Mann ist deiner nicht
+würdig. Niemals! Und nun<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> — laß mich gehn, Ursemi, ich könnte den
+Blick deiner Augen nicht länger ertragen. Ich bin ein Schwächling, ein
+Elender, ein Undankbarer, und ein solcher darf nie an deiner Seite
+stehn!«</p>
+
+<p>»Das bist du alles nicht,« sagte Ursemi stark, »dazu kenne ich dich
+viel zu gut, Kaspar. Du bist nur wieder der Übergewissenhafte, der ein
+ganzes Leben lang es büßen will, daß er sich einen Augenblick vergessen
+hat, wie das wohl bei jedem Menschen einmal vorkommen kann.«</p>
+
+<p>»Was bist du gut, Ursemi,« stöhnte Kaspar zu Boden blickend, »ich
+ertrage das nicht! Aber das darf mich nicht hindern, zu tun, was ich
+tun muß. Ich muß die Folgen meines Frevels wenigstens auf mich nehmen.
+Ich darf das liebste Wesen, das ich schnöde verraten habe, nie in meine
+Arme schließen, ich könnte es niemals mit reinem Gewissen tun.«</p>
+
+<p>»Und an mich denkst du wohl gar nicht?« fragte Ursemi in alter Herbheit.</p>
+
+<p>»Wie kannst du so fragen?« antwortete Kaspar in dumpfer Verzweiflung,
+»ich denke ja nur an dich, ich denke an deinen Vater, und was ich ihm
+schulde. Ich denke daran, daß ich dir ein treuer Freund und Berater
+sein soll, und der, der möchte ich dir doch bleiben dürfen. Und soll
+ich das, dann darf ich an mich und mein Wohl hierbei gar nicht denken,
+ich darf um deinetwillen nie und nimmer<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> dulden, daß du einen Mann
+wählst wie mich, der sittlich und charakterlich tief unter dir steht,
+den du wohl bemitleiden, aber nie achten könntest, wie ein gutes Weib
+es soll. Ursemi, ich kenne dich doch auch, ich weiß, daß du ein stolzes
+Mädchen bist und mit Fug und Recht! Du, gerade du brauchst einen nicht
+minder Stolzen, einen Eroberer, dem du dich in Liebe und Bewunderung
+fügen könntest, aber nie einen so armseligen Gesellen, den du dir aus
+Barmherzigkeit aus dem Staube auflesen müßtest. Du brauchst einen
+Herrn, nicht einen Sklaven, wenn du glücklich sein sollst.«</p>
+
+<p>»Lieber Kaspar,« unterbrach ihn Ursemi scharf, »was ich brauche, weiß
+ich wohl besser als du. Ich wünsche weder einen Herrn noch einen
+Sklaven — sondern einen guten Kameraden, selbstlos und treu — seiner
+Menschlichkeit sich bewußt wie du! Darum noch einmal — und nun zum
+letztenmal: willst du dereinst dieser Kamerad mir werden — oder nicht!
+Ich will mit Freuden warten, ich will dich achten und lieben, will
+gern vergessen, was du glaubst gefehlt zu haben, ehe du mir gehörtest,
+Kaspar — willst du?«</p>
+
+<p>Eine bange Pause trat ein.</p>
+
+<p>In Kaspar arbeitete und kämpfte es schwer, endlich sagte er langsam
+mit gebrochener Stimme: »Ursemi, liebste Schwester, ich darf nicht
+tun, was du wünschest, wenn anders ich die Achtung vor<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> mir selber
+nicht verlieren soll. Ich bin in meinem Leben stets der inneren Stimme
+gefolgt, die mich nie betrogen hat. Und diese Stimme sagte mir schon
+früher: du wirst nie der rechte Mann sein können für eine Ursemi — und
+diese unbestechliche Stimme sagt mir vollends jetzt klar und deutlich:
+Nein, Kaspar, du darfst es nicht tun, du tätest ein zweites Unrecht,
+schlimmer denn das erste. Und ich will dieser Stimme folgen wie bisher,
+will auch gedenken der letzten Worte, die dein Vater mir schrieb: sei
+treu gegen dich und andere!«</p>
+
+<p>»Aus Treue willst du untreu werden,« schrie Ursemi auf, »ich verstehe
+dich nicht mehr, Kaspar.«</p>
+
+<p>»Das ist das Bitterste!« antwortete Kaspar dumpf, »nun wirst du irre
+werden an mir. Ursemi — nur das nicht! Glaub meiner Redlichkeit!«</p>
+
+<p>»Ich fluche ihr, Kaspar!« In wilder Verzweiflung stieß Ursemi die Worte
+heraus und wandte sich heftig ab, ihrer Kammer zu.</p>
+
+<p>Wie verstört schaute Kaspar ihr nach und wankte dann mühsam zum Zimmer
+hinaus.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Für Kaspar Krumbholtz folgten Wochen und Monate tiefster Qual.</p>
+
+<p>Seine oft erschütternden Briefe an Ursemi blieben ohne jede Antwort,
+aber er trug diese Nichtachtung geduldig wie eine wohlverdiente
+Strafe;<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> ja nach und nach kam das Wohlgefühl des sühnenden Büßers über
+ihn.</p>
+
+<p>Daß er richtig gehandelt hatte, ward ihm von Tag zu Tage klarer, und
+schließlich mußte es auch wohl Ursemi eingesehen haben. Denn nach Jahr
+und Tag kam doch wieder ein langer, guter Brief von ihr, in dem sie
+Kaspar um Verzeihung bat, daß sie ihm so gegrollt habe, aber sie habe
+eben zu lange nicht darüber hinweg gekonnt. Vielleicht habe Kaspar
+damals recht gehabt, denn sie wolle ihm als ihrem treuen Bruder zuerst
+verraten, daß eine andere und leidenschaftlichere Liebe nun über sie
+gekommen sei. Harry Brosyn habe ihrs angetan mit seiner unermüdlichen
+Ausdauer und auch gerade mit seiner gebieterisch stolzen Art. Er wolle
+ihren Bitten, dauernd zurückzukehren, nicht nachgeben, sondern bestünde
+unerbittlich darauf, daß ihm seine zukünftige Frau auch in den wilden
+Westen, den er übrigens sehr paradiesisch schildere, folge. Das habe
+schwere Kämpfe gesetzt, vor allem mit Mutter. Doch gestern habe der
+unbeugsame Harry endlich das Jawort erhalten.</p>
+
+<p>In ehrlicher Freude und mit dem Gefühl einer inneren Erleichterung
+schrieb Kaspar seine Antwort, dann suchte er Sebalt auf, der sich
+unterdessen habilitiert hatte und Assistent bei seinem verehrten
+Ordinarius geworden war.</p>
+
+<p>Sebalt war, wie jetzt wieder oft, grimmiger<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> Stimmung. Seine Mittel
+gingen zu Ende, und mit seiner Geliebten harmonierte er auch nicht
+mehr, seit sie eine große Dame und eine berühmte Künstlerin geworden
+war.</p>
+
+<p>Zu Kaspars froher Nachricht sagte Sebalt mit sarkastischem Lächeln:
+»Bist ein glücklicher Kauz, Kaspar. Wo ein andrer die Miene des
+betrübten Lohgerbers aufstecken würde, da kannst du noch strahlen
+wie ein Schneekönig. Ich wünschte manchmal auch, ich könnte wie
+du in Selbstlosigkeit schwelgen; aber ich habe das noch immer
+nicht raus. Ich müßte der Frémont eigentlich gönnen, daß sie von
+mir erlöst wird und die famose Stellung am Wiener Volkstheater
+bekommen hat, trotzdem ärgere ich mich grün und blau darüber und bin
+fuchsteufelswild. Übrigens — weißt du, was mir eben einfällt? Ich
+werde die Winkler-Stiftung zur Feier der gloriosen Verlobung anzapfen.
+Wir haben doch noch so was wie ne Bildungsreise gut, nicht wahr? Na
+— meine Bildung genügt zwar für den Hausgebrauch; aber in der Laune
+wäre ich gerade, um mich mit den Südseeinsulanern und ihren Viechern
+anzubiedern. Mein Direx hat da unten ganz nette Studien angefangen, bis
+ihm die Malaria übern Kopf kam. Ich werde mal sehen, ob ich mit meinem
+am Kap der guten Hoffnung imprägnierten dicken Fell und einer soliden
+Büchse Chinin nicht weiter komme als der<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> Alte. Noch heute schreibe ich
+dem guten Papa Volpelius und der noch besseren Mutter Winkler.«</p>
+
+<p>»Hoffentlich vergißt du Ursemi und Harry nicht,« fügte Kaspar lachend
+hinzu.</p>
+
+<p>»Fällt mir nicht ein, alle sollen sie eine niedliche Epistel haben, und
+zur Hochzeit fahre ich obendrein noch, wenn ich den Mammon kriege,«
+schloß Sebalt launig und verabschiedete sich rasch von Kaspar.</p>
+
+<p>Wenige Wochen darauf konnte <span class="antiqua">Dr.</span> Sebalt in der Tat seine
+Südseereise vorbereiten. Das Kuratorium hatte ihm zunächst für drei
+Jahre ein ansehnliches Stipendium ausgesetzt. So wohnte er in höchst
+aufgeräumter Stimmung der Brosyn-Winklerschen Hochzeit bei und
+vertrat Kaspar, der gerade ins Examen mußte, mit »aller Würde und
+Gewissenhaftigkeit seines alten Schelmen«, wie er ihm übermütig schrieb.</p>
+
+<p>Kaspars Examen glückte besser, als er es erwartet hatte.</p>
+
+<p>Mit frohem Herzen gab er erst dem jüngsten Südseeforscher das Geleit
+bis Hamburg und nahm dann einen ihn tief bewegenden Abschied in
+Bremen von Ursemi und Harry, die ihn dringend einluden, sie bald in
+Kalifornien zu besuchen.</p>
+
+<p>Kaspar schüttelte wehmütig das Haupt und sagte: »Daraus wird
+wohl nichts werden, ich trete im nächsten Monat an der Leipziger
+Reformschule<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> ein. Nun ists mit der Freiheit wohl endgültig vorbei,
+aber ich hoffe, ihr kommt bald einmal wieder! Hoffentlich dann für
+immer. Reda darf nicht verwaisen.«</p>
+
+<p>Harry drohte lachend mit dem Finger und meinte: »Also du auch, Kaspar?
+Ganz wie Vater und Mama Winkler! Na — bis ich zur Retraite blase,
+kommst du längst mal nach Frisco!«</p>
+
+<p>Kaspar schwieg erst; als jedoch Ursemi beim letzten Händedruck leise
+fragte: »Wenn ich dich riefe?« antwortete er fest: »Dann käme ich.«</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel_2">Fünftes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Die Moravenrunde</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Kaspars Leben lief nun wieder in streng geregelten Bahnen. Der
+Schuldienst machte seine Rechte unerbittlich geltend, und es galt, sich
+in zwar nicht völlig neue, aber eigenartige Verhältnisse einzugewöhnen,
+die auch einen besonderen Verkehr mit sich brachten.</p>
+
+<p>Allzu anregend war der neue, ziemlich große Kollegenkreis nicht, auch
+seine oft philiströs steifen Formen behagten Kaspar wenig, und mit
+einer sehnsuchtsvollen Wehmut gedachte er jetzt öfter des kleinen
+intimen Institutkreises von Tramberg und seiner fröhlichen, formloseren
+Gesellen. Wenig genug hatte er von ihnen gehört.</p>
+
+<p>L<sup>3</sup>, mit dem sich Kaspar bisweilen schrieb, hatte schließlich den
+Rektor vortrefflich gebaut und leitete eine Gemeinschule im Westen
+mit Liebe und gutem Bedacht; kam aber mit Bruder Balzar, seinem
+Vorgesetzten, nicht recht zu Rande. Der trutzige Kratt und die wackeren
+Mecklenburger waren ebenfalls Schulleiter geworden; der »Chef«<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> war
+noch rüstig im Amt, Hinzelmann und Wiesendahl wirkten irgendwo als
+Gemeinhelfer, Schlegelmeyer war Divisionspfarrer, der Doppelkollege
+vegetierte noch immer kümmerlich als Hilfslehrer an einem kleinen
+Privatinstitut, und der gute Vater Schnäbele war den Heldentod des
+Missionars gestorben.</p>
+
+<p>Von dem Schicksal der übrigen hatte Kaspar nichts erfahren; seine
+Fühlung mit der Brüdergemeine war gering. Sein alter, nun pensionierter
+Onkel Andreas in Ingelbach, der sich mit Tante Renate an den Erfolgen
+der braven Zwillinge freuen durfte, schrieb ihm nur dann und wann. Auch
+besuchte Kaspar die beiden redlichen Alten nur selten, da sie ihm den
+Austritt aus der Gemeine noch immer nicht ganz verziehen hatten.</p>
+
+<p>Daß es in Leipzig auch eine ganze Reihe ehemaliger Moraven gab, wußte
+Kaspar sehr wohl, aber sie aufzusuchen hatte er früher keine Lust und
+dann keinen Mut gehabt.</p>
+
+<p>Nicht einmal den Gruß des ehrwürdigen, unterdessen auch heimgegangenen
+Ehrentraut Kämpfer an seinen Sohn Gottfried, der als angesehener
+Journalist in Leipzig lebte und nächst Sebalt als der Entdecker des
+großen Talents der jungen Frémont galt, hatte er seiner Zeit bestellt.</p>
+
+<p>Kaspar hatte gar keine literarischen Neigungen, und eine gewisse Scheu
+vor Leuten, die im<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> öffentlichen Leben hervortreten wollten oder
+mußten, wich auch nicht von ihm.</p>
+
+<p>Er dachte sich diesen jungen Kämpfer als die in das äußerlich
+Streitbare verzerrte Karikatur seines furchtlosen, großen Vaters,
+und er wollte nicht eine Enttäuschung erleben, dazu war ihm der Name
+Kämpfer zu lieb geworden.</p>
+
+<p>Da lernte Kaspar eines Tages einen Buchhändler, namens Burkart kennen,
+der auch aus der Brüdergemeine stammte und sich nun mit dem Verlegen
+pädagogischer Bücher schlecht und recht durchs Leben schlug.</p>
+
+<p>Burkart hatte kein leichtes Dasein. Das Geschäft ging flau, viel Kredit
+hatte er nicht, Krankheit und Familiensorgen hörten nicht auf, und doch
+glänzte auf dem Gesicht des stillen Mannes immer eine so sonnige und
+milde Heiterkeit, als wäre er ein besonderer Liebling Gottes, der über
+nichts zu klagen hätte.</p>
+
+<p>Er klagte auch in der Tat nie, im Gegenteil, er suchte anderen
+noch stets durch seinen unverwüstlichen Frohmut und herzlich
+tröstenden Zuspruch zur Lebensfreude zu verhelfen und fand bei aller
+Arbeitsüberlastung immer noch Zeit, sich für allerlei gemeinnützige
+Zwecke, Sonntagsschule, Jünglingsvereine, Arbeitslosenfürsorge und
+dergleichen herzugeben, ja auch finanziell Opfer zu bringen.</p>
+
+<p>Dieser kleine, grundgütige, apostelhafte Mann,<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> der Leute, die er
+mochte, nie so leicht wieder seinem Wirkungskreis entschlüpfen ließ,
+hielt auch Kaspar fest und setzte ihm so lange mit herzlichen Bitten
+zu, bis dieser ihm versprach, eines Abends mit ihm die Tafelrunde der
+alten Moraven aufzusuchen.</p>
+
+<p>Nur ungern ging Kaspar mit Burkart, denn er fürchtete im geheimen eine
+Enttäuschung. Aber das Gegenteil trat ein.</p>
+
+<p>Die Moravenrunde war eine feine Sammlung seltener Charakterköpfe —
+alles Männer, denen man es nach wenigen Minuten anmerkte, daß sie einen
+besonderen Lebensweg hinter sich hatten, reich an verschwiegenem Leid
+und schonungslosen Seelenkämpfen.</p>
+
+<p>Da war vorerst Gottfried Kämpfer, der Journalist, der Vielverfehmte
+und auch von Kaspar völlig Verkannte. Kein sogenannter witziger Kopf,
+auch keine eigentlich scharfe Zunge, wie seine Feder es wohl vermuten
+ließ; sondern ein Mann des stillen Humors, jenes echten, einzigen und
+weltüberwindenden Humors, der auf des Lebens tiefster Tragik basiert
+und seinem Träger die wahrhaft hellseherische Gabe verleiht, hinter die
+wechselnden, gern täuschenden Erscheinungen des Lebens zu lugen und die
+wahren Werte des Daseins rasch zu erkennen und an ihnen gerade da —
+wo der klügste Kopf sie nicht vermutet — seine behagliche Freude zu
+finden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p>
+
+<p>Mit befriedigtem Lächeln reichte Gottfried Kämpfer Kaspar die Hand und
+sagte scheinbar krautzig: »Na, Sie konnten auch mal eher kommen, Sie
+waren doch längst reif für unsere Runde der Enterbten.«</p>
+
+<p>»Warum enterbt?« fragte Kaspar erstaunt nach der Vorstellung.</p>
+
+<p>»Weil man uns den Boden,« sagte der eine Nachbar Kämpfers, ein
+Waisenhausvater, ernst, »den unsere Väter mit ihrem Herzblut gedüngt
+haben, vorenthalten und uns in die Fremde gestoßen hat.«</p>
+
+<p>»Tut nichts,« rief Kämpfers anderer Nachbar, ein stämmiger Jurist und
+Parteisekretär der Nationalsozialen, »wir haben Neuland genug und zu
+Pionieren sind die Besten gerade gut genug.«</p>
+
+<p>»Ich meine auch,« fügte Gottfried Kämpfer listig mit den Augen
+zwinkernd hinzu, »wir sind reich, uns gabs der Herr im Traum, jedem
+ein schönes neues Lehen, dir deine Partei mit dem unerreichbaren
+Ziel, den Arbeitern auch das solide schwarz und weiß in die roten
+Seelen zu malen; dem Musikokatos und Organiste da drüben seine
+Verehrergemeinde, der er, zwischen seine Gavotten hinein, vergeblich
+klar zu komponieren sucht, daß die geistliche Musik doch die höchste
+aller Kunstoffenbarungen ist; dann hier der grämliche Waisenpapa —
+halt, ruhig geblieben, ich habe mal das Wort —, du<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> Mann der neuen
+Ethik, der du mit dem Mitleid allein die böse Welt kurieren willst;
+dann der Buchhändler da mit den wegen ihres tiefen Gehalts so gänzlich
+unabsetzbaren Büchern; weiter meine Wenigkeit, die tagtäglich gute
+Saat auf Hoffnung auswirft und keine blasse Ahnung hat, wo und wann
+das Zeug aufgehen wird. Denn die Esel, die an die Redaktion schreiben,
+sind allemal die Gottbegnadeten, die da geistlich arm sind und doch
+das Himmelreich schon auf Erden in Pacht haben. Und das dicke Ende
+kommt nun endlich! Um das halbe Dutzend voll zu machen, tritt heute
+abend auch das vielgesuchte Krumbholtzkasperl wie ein Maultier, das
+lang im Nebel seinen Pfad gesucht, vorsichtig schnobernd, in unsern
+ihm noch stark verdächtigen Kreis. Fahren wir also säuberlich mit dem
+Knaben Absalom, liebe Brüder! Die Jugend hat ja die Zukunft, und dieser
+geheimnisvolle Nachfahre des obersten der heiligen drei Könige hat
+sicher das beste Stück von unsern erträumten Königreichen erwischt,
+den steinigen Boden der Jugenderziehung mit den schönen Disteln, die
+gewisse Tiere, die mit Unrecht für dumm gehalten werden, besonders
+lieben. Heil dir also, mein wackerer Hans der Träumer, du sollst der
+Kronprinz der Enterbten sein! Und wenn du das Geheimnis der neuen
+nationalen Erziehung ganz erträumt haben wirst, dann setzen wir dir
+dereinst<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> die Krone auf dein dann wohl schlohweißes Haupt. Bis dahin
+willkommen, du letzter der Enterbten, der du sollst der erste sein! Ich
+trink dir zu.«</p>
+
+<p>Die übrigen vier riefen laut »Bravo« zu der trefflichen Rede ihres
+Wortführers und tranken Kaspar ebenfalls zu. Dieser dankte verlegen und
+sagte versonnen:</p>
+
+<p>»Wer weiß, ob wir nicht wirklich die geretteten Kleinode des
+moravischen Königsschatzes unterm Mantel tragen?«</p>
+
+<p>Dann ging es an ein langsam, doch sicher tropfendes Plaudern, das
+Kaspar innerlich mehr austrug als manches Kolleg.</p>
+
+<p>Von nun an fehlte er fast nie mehr in dem traulichen Kreise der
+enterbten Moraven und suchte und fand hier stets Ersatz für die oft
+trostlosen Stunden, in denen er mit seinen eigentlichen Kollegen
+zusammensitzen, ihre auffallend gleichmäßigen Studentenerinnerungen,
+Fachsimpeleien und allerlei trüben Schulklatsch anhören mußte. Er tat
+es meist schweigend nach seiner Gewohnheit.</p>
+
+<p>Mit der Zeit galt Kaspar Krumbholtz in der Kollegenschaft für einen
+ausgemachten »Stumpfbold«; auch von seiner Lehrbefähigung wußte niemand
+unter den Vorgesetzten oder Kollegen viel Rühmliches zu melden. Nur
+seine Schüler hingen an ihm.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span></p>
+
+<p>»Wohl ein Zufall,« sagten einige Kollegen — »Er ist halt ein guter
+Kerl« die anderen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Still, aber im Innersten nicht recht befriedigt von seiner Lehrarbeit,
+lebte Kaspar Krumbholtz seine Tage dahin.</p>
+
+<p>Er fühlte immer klarer, daß er nicht in erster Linie Lehrer, sondern
+Erzieher war. So sehr sich beides bei Leuten, die berufsmäßig an der
+Jugend für die Zukunft des Volkes bauen wollen, vereinigen und ergänzen
+soll, so wenig schien es Kaspar tatsächlich bei seiner Umgebung der
+Fall zu sein.</p>
+
+<p>Die gescheitesten Lehrer waren oft die talentlosesten Erzieher, und
+wer hingegen Erziehungstalent besaß, war nicht immer — wie er selber
+zum Beispiel nicht — ein kluger Lehrer, ein souveräner Meister
+der verschiedenen Methoden, die je nach dem Stoff, je nach der
+Individualität der Schüler gewechselt oder vermischt, nicht aber nach
+dem allgemein herrschenden Schematismus anzuwenden waren.</p>
+
+<p>Kaspar sah das alles mit scharfem Blick, dachte auch unaufhörlich über
+all diese wichtigen Probleme nach, von deren Lösung — seiner Meinung
+nach — ein gut Teil der zukünftigen nationalen Leistungen abhängen
+würden; aber er fühlte<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> sich nicht berufen, darüber zu sprechen oder
+gar zu schreiben.</p>
+
+<p>Er kannte nur die Sehnsucht nach der ihn und sein Gewissen
+beruhigenden, befreienden Tat!</p>
+
+<p>Aber wie sollte er wohl zu Taten kommen unter den obwaltenden
+Verhältnissen?</p>
+
+<p>Er glaubte sich auf Grunde ehrlichster Selbstprüfung vielleicht für
+fähig halten zu dürfen, mitunter den richtigen Mann für die richtige
+Stelle zu erkennen. Er hielt sich auch wohl für mutig genug, bei
+völliger Freiheit und bei völlig unbeschränkten Mitteln, den stillen,
+tastenden Versuch zu einer Neuorganisation zu wagen, freilich nicht
+ohne die Ergebnisse und Geheimnisse alter moravischer Erziehungskunst
+fruchtbar zu verwerten.</p>
+
+<p>Doch woher sollte ihm, dem kleinen, nicht einmal an seiner Schule eine
+Rolle spielenden Lehrer die Gelegenheit kommen, seine geheimsten Pläne
+irgendwo in die Tat umzusetzen?</p>
+
+<p>In das Kultusministerium würde man ihn nicht gerade berufen, und die
+dort nach althergebrachtem Schema waltenden und schaltenden Juristen
+würden einen ideenreichen und tatenfrohen Schulmeister wohl auch mit
+größerem Mißtrauen und tieferer Verachtung behandeln als eines der
+sagenhaften Tiere des Mondes. Also darauf zu warten hieß der Quadratur
+des Zirkels nachjagen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p>
+
+<p>Dennoch konnte und mochte sich Kaspar mit dem Verzicht auf seine
+geheimen Pläne und Wünsche nicht recht zufrieden geben, trotz aller
+offenbaren Aussichtslosigkeit.</p>
+
+<p>Ein Wort Goethes, auf das er irgendwo gestoßen war, ließ ihn nicht
+los: »Daß wir uns bilden ist die Hauptforderung; woher wir uns
+bilden wäre gleichgültig, wenn wir uns nicht an falschen Mustern zu
+<em class="gesperrt">verbilden</em> fürchten müßten.«</p>
+
+<p>Galt das nicht auch jetzt wieder? Ja — es war Gefahr im Verzuge —
+trotz aller Reformschulen!</p>
+
+<p>Aber wer sollte helfen? Er gewiß nicht. Und doch, warum nicht auch er?</p>
+
+<p>Alles Neue und Große in der Welt war von stillen Einzelgängern
+ersonnen, von rastlosen Schaffern gefördert, von rücksichtslosen
+Herrschernaturen durchgesetzt worden. Er gehörte vielleicht
+zu den ersten unscheinbarsten Gliedern einer solchen großen
+Entwickelungskette, doch irgendwie handeln mußte auch er!</p>
+
+<p>So zwang sich Kaspar Krumbholtz in heißen, unaufhörlichen Kämpfen einen
+Niederschlag seines inneren Ringens ab, ward sich darüber nach und
+nach selber zu seiner Freude klarer, ward sicherer und arbeitete immer
+von neuem das ganze Organisationsstatut seiner neuen Erziehungs- und
+Bildungsanstalt durch.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span></p>
+
+<p>Sie sollte gewiß nicht die bestehende Schule ersetzen oder umwandeln,
+sondern sie nur vorsichtig zu ergänzen suchen, sollte die schematisch
+uniformierte heutige deutsche Schule wie vor alters um eine neue
+Individualität bereichern, denn daran gebrach es.</p>
+
+<p>Zunächst galt es einmal, ähnlich wie Wilhelm Winkler es geplant,
+etwa für die drei obersten Gymnasialklassen, die den so wichtigen
+Reifejahren der geistigen und körperlichen Pubertät gerecht zu
+werden strebten, etwas zu schaffen, das als eine Art allgemeiner
+Bildungsschule dienen konnte, wie es vor alten Zeiten etwa die
+Artisten-, später die philosophischen Fakultäten gewesen waren.</p>
+
+<p>Der Freiheit des erwachenden Individuums müßte sorgfältiger
+Rechnung getragen werden als auf den Staatsgymnasien, den Reform-
+und Oberrealschulen. Zugleich aber sollte eine gründliche
+Orientierungsgelegenheit für alle ernsthaft Suchenden geboten werden,
+ehe sie in den oft unbarmherzigen Zwang modernen, spezialistischen
+Wissenschaftsbetriebes, der für viele Bildungshungrige eine Gefahr
+bedeutete, gerieten.</p>
+
+<p>Auch für die künftigen Diener und Leiter des praktischen Lebens, die
+nicht eigentliche Hochschulen besuchen konnten oder mochten, könnte
+eine solche Schule einen Teil der Universität ersetzen und doch mehr
+geben, als die höchsten Klassen der Mittelschulen<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> zu geben pflegten.
+Freilich — solch ein Werk zu gestalten war unendlich schwierig und
+ohne praktische Experimente kaum möglich.</p>
+
+<p>Kaspar konnte nur denken und tat es redlich. Mit Bangen und beinahe mit
+schwachmütigen Tränen der Verzweiflung hatte Kaspar vor Jahr und Tag
+sein stilles Werk begonnen, und mit immer steigender Schaffensfreude
+war er unermüdlich daran tätig, bis ein neues, ihn bis auf den Grund
+seiner Seele erschütterndes Erlebnis ihn unvermutet aus seiner Bahn
+warf.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel_2">Sechstes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Carina</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Aus der Ferne kamen Kaspar allerlei gute Nachrichten.</p>
+
+<p>Hans Sebalt schrieb befriedigt von seinen erfolgreichen Forschungen,
+die ihn so ausfüllten, daß er mit der Absicht umging, sich aus den
+Listen des Lehrkörpers der Leipziger Universität streichen zu lassen
+und ganz in den Dienst der amerikanischen Union überzutreten, die
+schon jetzt seine Forschungen mit Aufmerksamkeit verfolgte und generös
+unterstützte.</p>
+
+<p>Nur Volpelius wollte davon nichts wissen und bat <span class="antiqua">Dr.</span> Sebalt,
+zu bedenken, daß es Wilhelm Winklers Absicht gewesen wäre, mit seinen
+Mitteln in erster Linie für deutschnationale Zwecke arbeiten zu lassen.</p>
+
+<p>Sebalt schrieb trotzig zurück, die Wissenschaft sei international, und
+er könne in Amerika der Kultur ebenso gut dienen wie in Deutschland.</p>
+
+<p>Noch einmal legte Volpelius nach Rücksprache mit den sechs Kuratoren
+Hans Sebalt nahe: er<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> möge doch wenigstens in Aussicht nehmen, mit
+seiner Forschungsarbeit und ihren Ergebnissen späterhin den Nachwuchs
+deutscher Forscher erzieherisch oder belehrend zu fördern; man sei
+auch gern bereit, dereinst nach Möglichkeit für eine ehrenvolle
+Zurückberufung Sebalts Sorge zu tragen.</p>
+
+<p>Sebalt antwortete ausweichend und verzichtete einstweilen dankend auf
+weitere Zuschüsse von seiten der Stiftung, er bedürfe deren nicht mehr.</p>
+
+<p>An Kaspar Krumbholtz kam bald darauf eine kleine Karte, auf der stand
+lakonisch:</p>
+
+<p><span class="antiqua">Dr.</span> John Sebalt, Mary Sherman. Married.</p>
+
+<p>Viel konnte sich Kaspar dabei nicht denken, aber er gratulierte
+herzlich, obwohl ihn die Art der Anzeige und der Untergang des
+redlichen deutschen Vornamens Hans ärgerte.</p>
+
+<p>Durch Frau Winkler, die mehr und mehr kränkelte, erfuhr Kaspar dann
+nach Monaten, daß Sebalt die bildschöne Tochter eines amerikanischen
+Zuckerkönigs auf Hawai geheiratet habe.</p>
+
+<p>Öfter als Sebalt schrieb Ursemi, nicht ganz so befriedigt und gar nicht
+mehr überlegen, doch treu und offen wie immer.</p>
+
+<p>Es war deutlich in und zwischen den Zeilen zu lesen, daß Heimweh
+nach den schlichten, schlesischen Waldbergen trotz all der
+grandiosen Schönheiten des Yosemite-Tales und der vorsündflutlichen<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span>
+Redwoodurwälder die Tochter Wilhelm Winklers verzehre.</p>
+
+<p>Auch zwischen den Ehegatten Brosyn war wohl nicht alles so, wie Ursemi
+es erhofft hatte.</p>
+
+<p>Graf Harry war ein lieber, frischer und tapferer Gesell, auch
+ritterlich und treu; doch ging er in seinen Geschäften und
+Spekulationen so mit ganzer Seele auf, daß Ursemi mit ihren starken
+Gemütsbedürfnissen nicht ganz auf ihre Rechnung kam.</p>
+
+<p>Überdies fragte sie sich und auch Kaspar bisweilen, ob es eigentlich
+großen Zweck habe im Leben, solche Riesenreichtümer aufeinander häufen
+zu wollen, wie es der tollkühne Harry rücksichtslos anstrebte. Ursemi
+war reich, der alte Brosyn einer der begütertsten oberschlesischen
+Magnaten, Harry sein einziger Sohn, galt dabei schon jetzt, als einer
+der Direktoren der kalifornischen Minenbank-Trust-Kompanie, nicht nur
+in San Franzisko, sondern auch in Wallstreet als ein Mann von Gewicht.</p>
+
+<p>Wozu das alles? Wem nutzte er damit? Immer wieder kehrte diese, Kaspar
+schon unheimliche Frage in Ursemis Briefen wieder, auch nachdem sie
+ihm glückselig mitgeteilt hatte, daß sie einem lieblichen Töchterchen,
+Edith benannt, das Leben geschenkt habe.</p>
+
+<p>Von nun an begannen übrigens öfters Erziehungsfragen<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> in der
+Korrespondenz der alten Jugendfreunde eine Rolle zu spielen.</p>
+
+<p>Kaspar verriet schließlich seine Entwürfe für seine ideale
+Bildungsschule, die er einmal <em class="gesperrt">sein</em> Töchterchen »Utopia« nannte.</p>
+
+<p>Darauf meinte Ursemi plötzlich wieder mit alter Laune: er solle die
+»Utopia« mal hübsch dem Kuratorium der Winklerstiftung ausliefern
+— der Harry übrigens neulich eine halbe Million für Mädchenbildung
+überwiesen habe — und solle lieber erst mal zusehen, daß er zu einer
+ordentlichen Frau und dann auch zu andern Töchtern käme. Es würde nun
+Zeit.</p>
+
+<p>Kaspar lachte still in sich hinein und dachte: Frauen mögen noch so
+unglücklich sein, sie wollen immer neues Unglück anstiften.</p>
+
+<p>Im übrigen folgte er wenigstens dem ersten Rat und schickte eines
+Tages wirklich seine geliebte »Utopia« an den Geheimrat Volpelius,
+der ihm freudig dankte und schrieb: er habe die wertvollen Anregungen
+sofort dem Kuratorium zur Prüfung und zur Erwägung praktischer
+Versuche überwiesen. Kaspar möge jedoch nicht vergessen, daß für einen
+zeitgemäßen Organisator eine gründliche Orientierung über ähnliche
+Versuche wünschenswert, ja unerläßlich sei.</p>
+
+<p>Außerdem möge er Wilhelm Winklers Wunsch nicht vergessen. Das
+Kuratorium würde es außerordentlich<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> gern sehen, wenn Kaspar in
+absehbarer Zeit eine Studienreise ins Ausland unternähme, etwa zum
+Besuch ähnlicher Erziehungsanstalten in den auch darin mächtig
+aufstrebenden Vereinigten Staaten von Nordamerika.</p>
+
+<p>Als dieser lockende Antrag kam, war jedoch Kaspar nicht in der Lage,
+ihn anzunehmen.</p>
+
+<p>Die Liebe war von neuem in sein Leben getreten und hielt ihn fester in
+Leipzig denn je.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auf freundliches Zureden von Volpelius hatte Kaspar gelegentlich dessen
+Freunde, ein liebes, altes Geheimratehepaar, namens Ewald, aufgesucht
+und hatte in ihrem gastlichen Hause mit der Zeit einen ihm menschlich
+wohltuenden und auch geistig überaus anregenden Verkehr gefunden.</p>
+
+<p>Eigene Kinder hatten die alten Ewalds nicht, auch nie besessen; aber
+vielleicht gerade darum liebten sie die Jugend zärtlich. Sie hatten
+bald diesen Neffen, bald jene Nichte zu Gaste und gaben hie und da
+kleine, intime Festlichkeiten, bei denen die jungen Leute zwanglos
+verkehren konnten und auch mit ihren Fröhlichkeitsbedürfnissen auf ihre
+Kosten kamen.</p>
+
+<p>Bei Ewalds sah Kaspar öfters eine junge Dame, namens Carina Mutzer, von
+Geheimrats kurz die kleine Mutzerin genannt, die in mannigfacher<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> Weise
+seine Aufmerksamkeit fesselte und seine Gedankenwelt beschäftigte, da
+sie eine seltene Mischung von Vornehmheit und Einfachheit, von Frohsinn
+und Ernst, von Klugheit und Bescheidenheit zu sein schien.</p>
+
+<p>Der ehedem so begeisterte Turner und Fußballspieler Krumbholtz
+konnte gelegentlich ein leidlich guter und ausdauernder Tänzer
+sein, aber sonst war er noch immer nichts weniger als ein gewandter
+Gesellschaftsmensch.</p>
+
+<p>Dennoch gab sich die kleine Mutzerin gern mit ihm ab und unterhielt
+sich lieber still mit ihm in einem lauschigen Winkel, anstatt sich von
+anderen feiern zu lassen.</p>
+
+<p>Kaspar wollte jedoch nicht, daß die tanzfröhliche junge Dame
+seinetwegen um ihr Vergnügen käme, und so tanzte er mit ihr öfter, als
+es sonst wohl seiner zurückhaltenden Art entsprach.</p>
+
+<p>Da fügte es ein tückischer Zufall, daß er eines Abends mit der kleinen
+Mutzerin im Tanzgedränge zu Falle kam und ihr zwar nicht wehtat, aber
+ein kostbares Kleid zerriß.</p>
+
+<p>Das Unglück kommt bekanntlich selten allein. Wenige Minuten hernach
+hatte Kaspar noch das Mißgeschick, daß er, vielleicht im Eifer, das
+Vergangene durch besondere Aufmerksamkeit wieder gut zu machen, seiner
+Dame beim Anbieten eine<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> Tasse Mokka über das eben mit Stecknadeln
+notdürftig reparierte Kleid goß.</p>
+
+<p>Kaspar war außer sich vor Zerknirschung und Empörung über seine
+Ungeschicklichkeit, doch die kleine Mutzerin war durchaus nicht
+ungehalten, im Gegenteil, sie schien so voller Vergnügen über die
+niederträchtige Laune des Zufalls zu sein, daß Kaspar sich und ihr
+gestehen mußte: das gehe sogar noch über des trefflichen Horatius
+Weisheit »<span class="antiqua">aequam memento rebus in arduis servare mentem</span>«.</p>
+
+<p>»Lassen Sie doch,« schalt Carina drollig, »den greulichen Horaz
+mit seinem abgedroschenen Philistergleichmut aus dem Spiel. Der
+Griechenepigone hatte nicht einen Funken Humor, und der ist besser als
+alle <span class="antiqua">aequa mens</span>. Ja, staunen Sie nur, ich habe Horaz auch einmal
+mit heißem Bemühn studiert, als ich mein Abiturium machen wollte.
+Gemacht hab ichs nämlich nicht, damit Sie nicht noch einen Schrecken
+bekommen und mich vollends für einen Blaustrumpf halten. Schlecht genug
+tanze ich ja, denn ich war das Karnikel, das vorhin mit dem Plumpsen
+angefangen hat.«</p>
+
+<p>Kaspar bestritt das heftig.</p>
+
+<p>Ein gutes und lustiges Wort gab das andere, und als der junge
+Oberlehrer abends nach Hause ging, da konnte er sich nicht mehr
+verhehlen, was ihm lang schon dämmerte, daß ihm Carina einen<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> tiefen
+Eindruck gemacht habe; zumal heute abend hatte sie es ihm angetan mit
+ihrer Nachsicht und Güte, ihrem unverwüstlichen Frohsinn.</p>
+
+<p>Und plötzlich brannte es lichterloh in seinem Herzen. Er konnte gar
+nicht einschlafen, weil er sich immer wieder aufs neue aussprach:
+Was ist diese kleine Mutzerin für ein natürliches, frisches und
+seelensgutes Ding, und was hat sie für einen prächtigen Mutterwitz!</p>
+
+<p>Und dann kam die zweite Kette von Gedanken, die darin auslief: Was
+müßte es doch für ein unendliches Glück sein, ein solches Wesen sein
+eigen nennen und mit ihm zusammen durchs Leben wandern zu dürfen!</p>
+
+<p>Aber was für riesige Wolkenwände stiegen da sogleich am
+Zukunftshorizont auf, was für bergehohe Widerstände türmten sich da
+empor?</p>
+
+<p>Er ein armer Lehrer mit 2800 Mark Gehalt und 1200 Mark Zinsen, nun —
+das ging noch zur Not, wenn man sich einrichtete. Freilich verwöhnt war
+das liebe Prinzeßchen sicherlich und sollte doch nicht Not leiden bei
+ihm. Nein — um Gottes willen — unter keinen Umständen! Mit der Zeit
+würde er schon im Gehalt steigen, aber — all das andere!</p>
+
+<p>So ein Schulmeisterlein, nicht einmal Doktor oder Reserveoffizier, und
+sie, die Tochter eines richtigen preußischen Regierungspräsidenten —
+gar nicht auszudenken, auch wenn die kluge Mama Ewald<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> vielleicht ein
+gutes Wort für ihn eingelegt hätte.</p>
+
+<p>Und schließlich der bitterböse, der häßliche Punkt in seiner
+Vergangenheit! So schlimm wie bei Ursemi, die er geliebt und verraten
+hatte, stand es ja hier nicht; immerhin — übel stand es doch auch;
+denn bekennen mußte er das Carina unter allen Umständen. Sie mußte
+wissen, woran sie war mit ihm; wenn es ums Glück der Ehe, um eine
+Lebenskameradschaft ging, durften keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen
+bestehen.</p>
+
+<p>Aber wozu jetzt schon sorgen — noch lag ja alles im weitesten Felde.
+Wer sagte ihm denn, daß sich das Mädchen überhaupt für ihn interessiere.</p>
+
+<p>Drei, vier Mal hatten sie sich gesehen, heute abend ein bißchen lang
+und schließlich auch wohl ein bißchen vertraut miteinander geredet,
+sich sehr fest die Hände gedrückt beim Abschied — das war alles!</p>
+
+<p>Indessen — es konnte ein Anfang sein, und seine Pflicht als Mann war
+es sicherlich, beizeiten zu überlegen, ob er ein so kühnes Unternehmen
+wirklich ernsthaft beginnen wolle, und ob er es innerlich und äußerlich
+dazu habe, um es hinauszuführen. Sonst machte er sich und das liebe
+Mädchen nur unglücklich.</p>
+
+<p>Kaspar schwankte und schwankte, prüfte und prüfte.</p>
+
+<p>Immer neue Bedenken stiegen auf. Würden<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> sie denn überhaupt zusammen
+passen, er, der schwerfällige, oft ein wenig plumpe Gesell, und sie,
+das leichte, grazile Persönchen? Er, der stille, noch immer weltfremde
+Pfadsucher, sie, die sieggewohnte Tochter des Salons, der doch wahrlich
+ganz andere Partien offen standen als ein mäßig begabter Oberlehrer
+ohne Chancen!</p>
+
+<p>Und doch, das liebe Mädchen schien einen scharfen Sinn für das Echte
+und Schlichte zu haben; es hatte ferner Geschmack, das war sicherlich
+viel wert, denn ihm fehlte er bisweilen — leider — leider! Die kleine
+Mutzerin hatte eine entzückende Leichtigkeit und einen feinen Sinn für
+Humor — wieder eine passende Ergänzung zu seinem schwerflüssigen Wesen.</p>
+
+<p>Ob sie wohl fromm war? Männer mögen so aufgeklärt sein, wie sie
+wollen, aber skeptische Frauen — warum schließlich nicht — nur — —
+da kam er nicht drum herum mit seinen Bedenken — zur Mutter seiner
+zukünftigen Kinder mochte er eine solche nicht wählen. Zarte Kinder
+müssen im linden Schatten mütterlich keuscher Vorsehung und Frömmigkeit
+aufwachsen, nicht in der grellen Sonne unbarmherziger Aufklärung und
+quälender Zweifel. Die bringt das Leben von selber früh genug an sie
+heran; lang dauert das heilige Mysterium der Jugendtorheit so wie so
+nicht mehr in unserer brutaleren Zeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span></p>
+
+<p>Doch wohin schweiften seine Gedanken! Nächstens erzog er wohl schon
+seine Enkel in Gedanken! Erziehungsnarr!</p>
+
+<p>Und Kaspar legte sich auf die andere Seite und versuchte nun ernstlich
+zu schlafen, obwohl draußen der Morgen schon graute.</p>
+
+<p>Aber wieder begann der Tanz der Fragen.</p>
+
+<p>Wie machte man das wohl alles, das Äußere?</p>
+
+<p>Mußte man nicht den gestrengen Herrn Papa zuerst fragen? Der war fern
+im Norden. Und der Herr Präsident würde ihm schön dienen, wenn er etwa
+angezogen käme mit seinem bißchen Schulmeisterherrlichkeit.</p>
+
+<p>Kaspar, sei nicht verrückt! Warum so hoch hinaus? Such dir eine kleine
+Kollegin oder sonst ein Mädchen deiner kleinbürgerlichen Sphäre; aber
+nicht die verwöhnte, elegante Tochter eines hohen Regierungsbeamten.</p>
+
+<p>Wenn sie dich aber doch lieb haben könnte? Ja wenn — dann Carina,
+holdseliges Kind, dann holt dich mein tölpischer Arm, der dich gestern
+fallen ließ, doch am Ende noch heraus aus all dem feudalen Flitter
+und dem schnobrigen Plunder und trägt dich empor — ja wohin? Kaspar,
+sei ehrlich — vielleicht in die dritte oder vierte Etage eines öden
+Vorstadthauses.</p>
+
+<p>So tanzte es auf und nieder in Kaspars Gehirn; aber er war zäh, er ging
+einmal nicht ungebrannt<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> vom Feuer, das war eben seine Art, und sich
+selbst getreu zu bleiben war sein stolzestes Lebensziel, und — er
+liebte Carina, das blieb doch das Entscheidende.</p>
+
+<p>Also — er wollte es ruhig versuchen, sie zu erringen — und damit
+genug!</p>
+
+<p>Nun schlief er beruhigt ein und so fest, daß er seine erste
+Unterrichtsstunde verschlief und eine Nase vom Herrn Direktor bekam —
+und das von Rechts wegen!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Schon am nächsten Abend ging Kaspar wieder zu Ewalds und immer öfter
+und öfter, denn es galt eilen, da Carina bald wieder zu ihrem Vater —
+eine Mutter hatte sie nicht mehr — zurückkehren wollte.</p>
+
+<p>Bald merkte Kaspar, daß auch in der kleinen Mutzerin ein Funke glimmte,
+und nach und nach spürte er sogar die Wärme ihres Innern hie und da an
+einem langen, festen Händedruck, an einem verstohlenen, tiefbohrenden,
+ja verzehrenden Blick und an der stimmungsvollen Einsilbigkeit, die
+immer öfter an die Stelle des erst so neckischen Geplauders oder
+interessierten Gedankenaustausches trat.</p>
+
+<p>Und eines stillen, einsamen Abends, als es den Abschied galt, waltete
+jenes tiefe erwartungsbange<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> Schweigen, das bei ernsten Menschen
+gewichtigen inneren Entscheidungen voranzugehen pflegt.</p>
+
+<p>Die Hände zitterten, als sie sich berührten, zwei Augenpaare schwammen
+in Tränen verhaltenen Wehs, und statt des entschlossenen Losreißens
+kam ein scheues, schmerzvoll zuckendes Festschmiegen, ein seliges sich
+Haben und Halten, ein glücktrunkenes Tasten und Finden von Mund zu Mund.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Kaum hatte das Glück gegrüßt mit zartem Kuß, da krochen auch die
+Schwierigkeiten heran — leise, gierig, tückisch wie die Vorboten einer
+unbarmherzig steigenden Flut.</p>
+
+<p>Kaspar flehte sofort: Carina möge noch einige Zeit schweigen, bis sie
+alles miteinander durchdacht oder brieflich erörtert hätten; aber die
+kleine Mutzerin wußte auch, was sie wollte, und fühlte sich in der
+neuen Macht ihrer Liebe gewaltigen Mutes voll.</p>
+
+<p>In ihrer jungen, übervollen Seele rauschte und stürmte jene
+geheimnisvolle Macht des großen Glücksgefühls, jenes optimistischen
+Größenwahns, der sich trotzig vermißt, Berge versetzen zu können, weil
+ihm der erste kleine Zauber gelungen ist. Und so erfuhr noch selbigen
+Abends die Tante Geheimrat, zu der Carina ein großes Vertrauen hatte,
+das<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span> ihre kleine Welt so elementar erschütternde Ereignis.</p>
+
+<p>Frau Elsbet Ewald war eine sehr kluge, taktvolle alte Frau, die das
+unsagbare Glück der kleinen Mutzerin nicht stören mochte, schon weil
+sie selbst ihre helle Freude daran hatte. Aber auch sie sah nicht
+ohne düstere Sorgen in die Zukunft der beiden Liebenden, denen sie
+von Herzen wohl wollte, und für deren Schicksal sie sich doch mit
+verantwortlich fühlte, da sie ein ganz klein wenig Parze dabei gespielt
+hatte.</p>
+
+<p>Vor allem galt es nun, die Schwester des Präsidenten, ihre intime
+Freundin, zu gewinnen, um dann vielleicht den Herrn Papa vor das fait
+accompli stellen zu können.</p>
+
+<p>Zunächst vermeldete die kluge Frau Elsbet die kleine Braut als
+unbedenklich erkrankt, um wenigstens die Reise aufzuschieben. Dann
+schrieb sie einen äußerst diplomatischen Brief an ihre Freundin, über
+den Kaspar, wenn er ihn gelesen, tief errötet wäre, wahrscheinlich
+sogar heftig protestiert hätte.</p>
+
+<p>Unterdessen sonnte sich das liebe Pärchen in der Gnadensonne des
+ersten Glückstraums, beichtete sich gegenseitig um die Wette all
+seine Schlechtigkeiten und seine redlichsten Vorsätze, baute sich
+sein trautes Zukunftsheim bis auf die letzten Möbelstücke und
+Lieblingsbilder und begann mit einem<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> funkelnagelneuen Idealismus und
+viel gutem Willen die gegenseitige Erziehung.</p>
+
+<p>Da fuhr wie aus blauem Himmel ein Blitz hernieder: Carina ward umgehend
+von ihrem Vater nach Hause beordert, und »Herr Kaspar Krumbholtz,
+Lehrer an der städtischen Reformschule zu Leipzig«, erhielt von einem
+Präsidialschreiber einen kurzen, aber groben Verweis wegen »seines
+ungehörigen Benehmens gegen ein unerfahrenes junges Mädchen von
+vornehmer Familie«, gezeichnet Mutzer.</p>
+
+<p>Kaspar stand, starr über diese Roheit, zitternd da; in hilfloser
+Empörung schossen ihm Tränen in die brennenden Augen. Scham, Wut,
+Stolz, beleidigtes Menschengefühl revoltierten in seinem Innern.</p>
+
+<p>Erst gab ihm der Trotz ein, das Schreiben zurückzuschicken mit einem
+»gelesen und genehmigt! Krumbholtz.«</p>
+
+<p>Dann siegte die Vornehmheit in ihm, und so setzte er sich mit bebenden
+Gliedern hin und schrieb, totenbleich vor krampfhaft erzwungener
+Selbstbeherrschung, einen kurzen Brief an Carina, in dem er ihr das
+Jawort zurückgab und sie bat, ihm das Weh, das er ihr angetan, und die
+Beleidigung, die er ihrem Herrn Vater unbeabsichtigt zugefügt habe, zu
+verzeihen. Das Schreiben des Herrn Präsidenten legte er als Begründung
+für sein Zurückweichen bei.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span></p>
+
+<p>Umgehend kam ein mit Tränenspuren übersäter, langer Brief Carinas des
+Inhalts: sie könne und wolle nie und nimmer auf Kaspar verzichten und
+wäre sogar bereit, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, ja, wenn es
+nötig wäre, so würde sie mit ihm in die kleinste Dachwohnung ziehen
+selbst auf die Gefahr der Enterbung hin; ihr Mütterliches könne sie
+übrigens verlangen, da sie mündig sei. Vor allem aber solle Kaspar sie
+nicht entgelten lassen, was ihr manchmal vom Dienst verärgerter, im
+Grunde so grundguter Papa gesündigt habe, und er solle doch wenigstens
+zu Geheimrats kommen, die ihn erwarteten. Vater Ewald sei nun auch
+eingeweiht und wolle persönlich an Papa schreiben und ebenso an
+Volpelius, der, bei der Regierung wohlbekannt, früher auch einmal der
+Vorgesetzte Papas gewesen sei.</p>
+
+<p>Kaspar atmete ein wenig auf, als er den Brief gelesen hatte, aber er
+gab dem wartenden Dienstmann nur wenige Zeilen mit:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>
+»Liebling!<br>
+</p>
+
+<p>Ich muß nun warten, bis Dein Herr Vater mir gestattet, Dich bei
+Geheimrats aufzusuchen; auch Dir gegen seinen Willen zu schreiben
+erlaubt mir mein Stolz nicht mehr. Stehlen will ich nicht.</p>
+
+<p>
+Kaspar.«<br>
+</p>
+</div>
+
+<p>Carina gab sich damit nicht zufrieden. Sie<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> setzte die Dienstmänner der
+Karl Tauchnitzbrücke gar weidlich in Bewegung; aber Kaspar war hart und
+erklärte einem nach dem andern, wenn auch mit wundem Herzen: »Keine
+Antwort!«</p>
+
+<p>Qualvolle Tage vergingen. Noch hoffte Kaspar leise; doch es kam nur die
+Nachricht: Carina sei nun entschlossen, selber ihre Sache bei Papa zu
+führen, und bäte Kaspar bei der Treue, die sie sich doch gelobt und die
+sie unter allen, auch den schwersten Umständen einander halten wollten,
+ihr wenigstens auf dem Bahnhof, in Gegenwart der Tante Geheimrat,
+Lebewohl zu sagen. Das sei nichts Unehrliches, das sei er ihr vielmehr
+schuldig.</p>
+
+<p>Kaspar ließ zurück melden: Er werde da sein.</p>
+
+<p>Und so nahmen sie Abschied. Noch einmal beschwor Carina den Verlobten:
+er möge ihr nur treu bleiben; sie werde nie, nie von ihm lassen.</p>
+
+<p>»Und wenn Papa mich ins Gefängnis würfe, ich bräche aus oder wartete
+auf dich, bis er nicht mehr lebte!« Das waren die letzten Worte,
+die Kaspar von Carina hörte, sie hallten fast schaurig in seiner
+pietätvollen Seele wieder.</p>
+
+<p>Was mußte das für eine gewaltige Leidenschaft sein, die in diesem
+kleinen tapferen Mädchen loderte, wenn sie selbst dem Tode des Vaters
+so trotzig entgegen sah.</p>
+
+<p>Und neues Vertrauen auf die Kraft solcher<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> Liebe senkte sich in Kaspars
+zerrissenes Gemüt; er faßte wieder Hoffnung.</p>
+
+<p>Warten wollte er ja gern, so gern — nur nicht verzichten müssen für
+immer!</p>
+
+<p>Kaspars Liebe ward stark in Geduld. Briefe über Briefe kamen von
+Carina, nicht mehr ganz so zuversichtlich betreffs der väterlichen
+Einwilligung, auch nicht mehr ganz so trotzig in bezug auf deren
+Verzicht; aber noch immer voll der heißesten Leidenschaft, überströmend
+von zärtlicher Neigung zu dem »einzig geliebten Herzensschatz«, der auf
+ihre Treue »bauen könne wie auf Granitgrund«.</p>
+
+<p>Dann flossen die Briefe spärlicher und wurden auch kürzer.</p>
+
+<p>Entschuldigungen traten an Stelle der Beteuerungen; kühle Vernunft trat
+an die Stelle des warmen Gefühls, statt Trost spendete die Schreiberin
+Gründe und schließlich Ausflüchte.</p>
+
+<p>Da merkte Kaspar, daß es zu Ende ging mit der Kraft der kleinen Carina;
+auch sie erlag wohl der Übermacht der Gewohnheit, der nur Helden
+gewachsen sind.</p>
+
+<p>Nun packte Kaspar die Angst wie mit Eisenfäusten, schüttelte ihn und
+jagte ihn empor.</p>
+
+<p>War es nicht feige, das arme, schwache Mädchen allein den schweren
+Kampf um die Zukunft ihrer Liebe führen zu lassen? Aber waren ihm<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span>
+denn nicht die Hände gebunden? Erlaubte es denn sein Stolz, um etwas
+zu betteln, dessen man ihn nicht für würdig hielt? Konnte er mit
+ungeschickten, wenn auch gut gemeinten Schritten nicht Carina nur
+Unannehmlichkeiten bereiten und alles verderben?</p>
+
+<p>Gewiß, es sprachen mancherlei schwerwiegende Gründe gegen eine
+persönliche Einmischung. Aber wenn er sich nicht selbst einsetzte,
+ging auch alles fehl, das fühlte er unwillkürlich. Nein, jetzt mußte
+er handeln, er mußte der ermatteten Braut zu Hilfe kommen, falls Hilfe
+noch möglich war. Und so ging er schweren Herzens doch wieder zu
+Ewalds, ließ sich raten, schrieb einen dringenden Brief an Volpelius
+und reiste schließlich selbst in die nordische Provinzialhauptstadt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auf Grund der Empfehlungsbriefe empfing Herr Regierungspräsident
+Mutzer, ein strengblickender, scheinbar wortkarger Mann, Kaspar, maß
+ihn fast drohend von Kopf bis zu Fuße mit den Augen, ehe er ihn mit
+einer gebieterischen Geste zum Sofaplatze wies, und dann verging noch
+eine geraume Weile, bis er zu reden begann:</p>
+
+<p>»Wenn ich Sie heute hier empfange, Herr Krumbholtz, so geschieht das
+einmal, weil Sie sich in der leidigen Angelegenheit bisher taktvoll
+benommen<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> haben, und zweitens, weil ich hoffe, durch eine persönliche
+Aussprache mit Ihnen das endlich zu erreichen, was ich bei meiner
+Tochter noch nicht ganz erreichen konnte, nämlich eine Aufhebung des
+Verhältnisses, ein Verlöbnis kann ich es nicht nennen.«</p>
+
+<p>»Um von vornherein keine Unklarheit walten zu lassen,« erwiderte
+Kaspar gemessen, »so gestehe ich schon jetzt, daß ich gerade mit der
+Bitte an Sie herantreten möchte, daß Sie uns endlich Ihre Einwilligung
+geben möchten. Ich habe auf Ihren Wunsch seinerzeit Carina mein
+Wort zurückgeben wollen, sie hat es nicht gewünscht, und so halte
+ich mich für gebunden, halte mich auch für verpflichtet, alles zu
+tun, was unserer Verbindung förderlich sein kann. Der Weg zu Ihnen,
+Herr Präsident, der Sie für gut befanden, mich durch die Form Ihres
+Schreibens so tief zu verletzen, ist mir schwer genug geworden. Ich
+habe meinen Stolz so gut wie Sie, aber ich habe nicht in erster Linie
+an mich zu denken, sondern an das Glück Ihrer Tochter, dem ich meinen
+Stolz opfern muß.«</p>
+
+<p>»Ich stehe nicht an zu bemerken, Herr Krumbholtz, daß ich mich in der
+ersten Empörung und in der völligen Unkenntnis Ihrer Persönlichkeit
+vergriffen habe, und ich bedaure das. Das ändert aber nichts an meiner
+Meinung, daß ich eine Verbindung zwischen meiner Tochter und Ihnen,
+der<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> Sie doch einem völlig andern Gesellschaftskreise angehören, nicht
+wünsche. Überdies — wie wollen Sie die Kosten für einen standesgemäßen
+Haushalt aufbringen?«</p>
+
+<p>»Sie vergessen, Herr Präsident, daß Carina, sobald sie meine Frau
+wird, in meinen Stand übertritt, und daß in meinen Kreisen gar manch
+eine Familie mit den bescheidenen Mitteln, die mir zu Gebote stehn,
+glücklich und gesund lebt. Mehr wünsche ich nicht, mehr wird Carina,
+wenn sie mich wirklich lieb hat, auch nicht wünschen.«</p>
+
+<p>»Sie scheinen das sehr genau zu wissen, Herr Krumbholtz. Sie gestatten,
+daß ich daran zweifle bei aller Hochachtung vor Ihrer Lebenskenntnis
+und Ihrer Energie. Eine Frau, die durch ihre Ehe ökonomisch wie sozial
+herabsteigen muß, fühlt sich auf die Dauer nie glücklich, glauben Sie
+mir das!«</p>
+
+<p>»Es mag sein, daß dies für den Durchschnitt gilt, Herr Präsident.
+Ihr Fräulein Tochter ist aber keine Durchschnittsnatur, und sie wird
+sich in das Äußere sicherlich leicht finden. Außerdem ist es ja nicht
+gesagt, daß ich mein Lebenlang städtischer Oberlehrer bleiben werde.«</p>
+
+<p>»Ah, ich verstehe, Sie spielen auf das an, was auch Herr Geheimrat
+Volpelius mir schon schrieb. Das steht aber wohl noch in weitem Felde.
+Wenn Sie daran denken, sich zu verändern, dann — wüßte ich auch einen
+andern Ausweg, der<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> uns schließlich wohl alle drei befriedigen könnte.«</p>
+
+<p>»Und der wäre, Herr Präsident?«</p>
+
+<p>»Sie sollen schon einmal umgesattelt sein, wie ich hörte. Wie wäre
+es, Herr Krumbholtz, wenn Sies noch einmal riskierten? Sie haben viel
+studiert, auch auf allerlei Nachbargebieten der Jurisprudenz, die
+Semester würden Ihnen ja angerechnet, und all das kann Ihnen später
+noch gute Dienste leisten. Werden Sie Jurist, in zwei, drei Semestern
+können Sie mit Hilfe eines guten Repetitors Referendar sein, und ich
+verspreche Ihnen, an dem Tage nach Ihrem glücklich bestandenen Examen
+gebe ich meine Einwilligung zu Ihrer öffentlichen Verlobung mit meiner
+Tochter. Für das weitere lassen Sie mich sorgen. Wenn Sie einigermaßen
+fleißig und brauchbar sind, und ich darf das nach Ihrem bisherigen
+Lebenslauf annehmen, sollen Sie in dem neuen Beruf mehr erreichen
+als in dem alten. — Nun bitte — wie denken Sie darüber? Vielleicht
+brauchen Sie Zeit, sich die Sache in Ruhe zu überlegen?«</p>
+
+<p>»Nein, Herr Präsident. Es steht mir völlig klar vor der Seele, daß ich
+diesen Weg nicht gehen kann, so sehr ich Ihnen für Ihr Entgegenkommen
+danken möchte. Damit Sie mich nicht falsch verstehen, muß ich das näher
+begründen. Ich bin zu meinem Beruf, den ich liebe, an dem ich mit allen
+Fasern meiner Seele hänge, und mit dem ich innerlich<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> verwachsen bin,
+nicht durch Not oder Klugheitsrücksichten gekommen, sondern durch den
+Drang meines Herzens, durch meine ganze Lebensentwickelung. Ich bin
+gleichsam hineingeboren in den Erzieherberuf und gehöre ihm mit Leib
+und Seele, auch wenn ich mir oft genug ausspreche, daß ich ihn, so wie
+ich ihn auszuüben wünschte, an der Stelle, wo ich jetzt stehe, nicht
+ausüben darf. Doch das kann sich mit der Zeit schon ändern.«</p>
+
+<p>»Also gut, Herr Krumbholtz, dann schlagen Sie doch wenigstens die
+akademische Karriere ein, etwa als Pädagoge, oder lassen Sie mich
+dafür sorgen, daß Sie später als Jurist mit Erziehungsangelegenheiten
+beschäftigt werden.«</p>
+
+<p>»Nein, Herr Präsident, keines von beiden. Ich will bleiben, was
+ich bin, weil ich es werden <em class="gesperrt">mußte</em>. Aus Ihren sicherlich
+gutgemeinten Vorschlägen sehe ich nur allzu klar, daß Ihnen mein Stand
+gesellschaftlich nicht genügt für den Mann Ihrer Tochter. Und gerade
+das verletzt mich bis ins Innerste; denn ich liebe diesen Stand und
+halte ihn für den wichtigsten für die Entwickelung unseres Volkes.
+Als akademischer Lehrer wäre ich nach meiner ganzen Veranlagung und
+Begabung nicht am Platze und wäre in meinen Augen um kein Haar mehr,
+so wenig wie als Jurist, zu dem ich erst recht nicht passe. Ein
+Kaufmann mag wohl einmal seine Branche wechseln, um in ein Geschäft<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span>
+einzuheiraten und so zur Selbständigkeit zu gelangen, obwohl mir auch
+das nicht gefällt. Aber ein überzeugter Erzieher, der sich um äußerer
+Vorteile willen oder selbst aus Liebe zu einem Weibe verleiten ließe,
+seinen Beruf aufzugeben und einem aussichtsreicheren sich zuzuwenden,
+würde mir als ein ehrloser Deserteur erscheinen, im besten Falle als
+ein Schwächling, doch nie als ein Mann, zu dem ein Weib in Achtung und
+Liebe emporsehen könnte. Ihr Fräulein Tochter wußte, wer ich war, als
+sie mich kennen lernte, sie hat dem armen Schulmeister ihre Neigung
+geschenkt und sich damals nicht an seinem Berufe gestoßen. Ich würde
+ihr nie wieder offen und stolz ins Antlitz schauen können, wenn ich
+mich plötzlich meines Standes schämen würde, nur weil er Ihnen nicht
+vornehm genug erscheint. Verlangen Sie von mir, was Sie verlangen
+dürfen, aber nicht das Verzichten auf meine Überzeugung, auf meine
+Selbstachtung und mein ganzes inneres Sein.«</p>
+
+<p>Mit kaum verhaltener Erregung hatte Kaspar Krumbholtz gesprochen, und
+mit gespanntester Aufmerksamkeit hatte der Präsident ihm zugehört; aber
+mit jedem Worte, das dieser hörte, ward ihm klarer, daß er mit dem
+Manne da vor ihm schwerlich je zusammenkommen würde. Er hielt das alles
+für Schulmeisterhochmut, und sein Gegenüber sah ihm ganz so aus, als ob
+er ihn ebenso des Juristenhochmuts<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> zeihen würde, wenn er ihm weiter
+zuredete. Eine Brücke ließ sich nicht schlagen, also lieber ein Ende!
+Mit eisiger Kälte erklärte Herr Mutzer:</p>
+
+<p>»Da ich annehmen muß, daß Sie nicht in der Lage sind, meiner Tochter
+zuliebe das Opfer zu bringen, das ich als Vater für ihre Zukunft und
+ihre gesellschaftliche Stellung verlangen muß, darf ich Sie wohl
+bitten, nunmehr jede Beziehung zu Carina abzubrechen.«</p>
+
+<p>»Ich bedaure,« antwortete Kaspar festen Tones, »diesem Ihrem Wunsche
+vor der Hand nicht Folge leisten zu können. So lange Ihr Fräulein
+Tochter mich nicht meines gegebenen Wortes entbindet, werde ich tun,
+was mir meine Liebe und mein Gewissen gebietet, das heißt, alles daran
+setzen, um sie zu erringen, vor allem meine Existenz so zu festigen
+oder zu verbessern, daß Ihr Fräulein Tochter ohne Sorgen an meiner
+Seite leben kann. Ist das erreicht, werde ich Carina bitten, die Meine
+zu werden.«</p>
+
+<p>»Mein Herr, tun Sie, was Sie verantworten können, ich werde das Meine
+tun, und zwar rasch. Noch heute werde ich meine Tochter vor die
+entscheidende Frage stellen. Sie hat zwischen Ihnen und mir zu wählen.«</p>
+
+<p>»Dann bitte ich nur um die Erlaubnis, vorher noch einmal mit Carina
+reden zu dürfen. Ich habe, wie Sie wissen, Herr Präsident, mich bisher
+zurückgehalten,<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> ihr auch nicht geschrieben, gestatten Sie mir nun
+wenigstens eine kurze offene Aussprache in Ihrem Hause.«</p>
+
+<p>»Es tut mir leid,« erwiderte der Präsident hart, »Ihnen diesen Wunsch
+nicht gewähren zu können, da ich meinem überdies schon abgehärmten
+Kinde diese Aufregung ersparen möchte. Wollen Sie ihr schriftlich noch
+einmal alles klar auseinandersetzen, so bitte tun Sie das in aller Ruhe
+hier nebenan in meinem Schreibzimmer. Geben Sie mir nachher den Brief,
+und ich verspreche, ihn meiner Tochter sofort zu übergeben. Sie mag
+dann alles ruhig durchdenken, ehe sie ihre schwere Entscheidung trifft.
+Erlassen kann ich sie ihr nach alledem nicht mehr. Lieber ein Ende mit
+Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ich bitte — hier herein. Tinte,
+Feder und Papier finden Sie.«</p>
+
+<p>Mit totwundem Herzen begann Kaspar Krumbholtz seinen Brief an Carina.</p>
+
+<p>Er schrieb ihn klar und freundlich, aber ohne rechte Hoffnung, denn
+nur von Angesicht zu Angesicht hätte er noch einen Sieg für möglich
+gehalten.</p>
+
+<p>So stand er schließlich wieder auf und ging noch einmal zu dem
+Präsidenten und bat ihn abermals, ihm doch wenigstens vielleicht im
+Beisein der Tante eine Unterredung mit Carina zu gewähren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span></p>
+
+<p>»Wir kämpfen mit zu ungleichen Waffen,« schloß Kaspar mit bebender
+Stimme, »wie jetzt die Verhältnisse liegen, wird mein Einfluß, vollends
+durch das geschriebene Wort gegen das gesprochene des geliebten und
+gebietenden Vaters, nicht aufkommen können! Lassen Sie mich zu ihr
+reden, Herr Präsident, nur das eine Mal; es handelt sich um das Glück
+meines Lebens!«</p>
+
+<p>»Um das meine wohl nicht minder, Herr Krumbholtz! Und wenn Sie von
+einem Kampfe reden, so wäre ich doch ein Tor, Ihnen die Chancen, mich
+zu überwinden, zu erleichtern. Ich habe soeben Gelegenheit gehabt, Ihre
+zähe Energie zu prüfen, und ich fürchte den erneuten Einfluß Ihrer wohl
+nicht ungefährlichen Persönlichkeit auf meine Tochter. Also ich bedaure
+nochmals —«</p>
+
+<p>»Herr Präsident,« flammte nun Kaspar empor, »zwingen Sie mich, bitte,
+nicht, Wege einzuschlagen, die mir unsympathisch und nur durch die
+äußerste Not zu rechtfertigen wären.«</p>
+
+<p>Ärgerlich griff der Präsident nach der Glocke, läutete dem Diener und
+ließ Fräulein Carina zu sich bitten.</p>
+
+<p>Dann ging er stampfend wie ein gereizter Stier auf und ab und polterte
+heraus: »Sie sind wirklich ein Eisenkopf, Herr Krumbholtz.«</p>
+
+<p>Ruhig erwiderte Kaspar: »Wenn ich nicht alles daran setzte, das
+Mädchen, das ich liebe, zu<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> gewinnen, wäre ich kein Mann, und Sie wären
+sicher der erste, der mich verachten dürfte. Würden Sie in meiner Lage
+anders handeln, Herr Präsident?«</p>
+
+<p>»Sie wollen aber mit dem Kopf durch die Wand, junger Mann. Doch
+meinetwegen, ich bin meines Kindes sicher. Also sagen Sie Carina
+nebenan, was Sie für gut halten. Dann werde ich die Kabinettsfrage
+stellen. Vorher gebe ich Ihnen jedoch nochmals anheim, meinen Vorschlag
+von vorhin in Erwägung zu ziehen. Auch mir liegt daran, ohne Tragik
+auszukommen. Sie scheinen ein Mann von Mut und Ausdauer zu sein, ich
+würde mich freuen, Ihnen nach Erfüllung der gestellten Bedingung die
+Wege zu ebnen.«</p>
+
+<p>Stumm und traurig schüttelte Kaspar den Kopf und ging langsam in das
+Nebengemach.</p>
+
+<p>Bald darauf erschien Carina. Mit ruhigem Ernst empfing sie der
+Präsident und sagte:</p>
+
+<p>»Liebes Kind, ich sehe mich leider genötigt, dir schon heute die
+Entscheidung nahezulegen, von der wir gelegentlich sprachen. Herr
+Krumbholtz wünscht noch einmal mit dir zu reden, ehe ich dich
+bitte, zwischen ihm und mir zu wählen. Die Gegensätze haben sich so
+zugespitzt, daß eine Vermittlung, wie ich sie noch eben anzubahnen
+versuchte, ausgeschlossen ist.«</p>
+
+<p>Erschrocken und zögernden Schrittes trat Carina vor den Geliebten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span></p>
+
+<p>Matt war ihr Händedruck, dann sagte sie leise: »Ich danke dir, Kaspar,
+daß du gekommen bist, aber folgen kann ich dir nicht, ich kann nicht
+von Papa fort. Er hat niemand außer mir, und ich hänge viel, viel mehr
+an ihm, als ich dachte. Dergleichen merkt man immer erst, wenn man mit
+dem Gedanken umgeht, sich zu trennen.«</p>
+
+<p>»Carina,« entgegnete Kaspar weich, »hast du vergessen, was du mir zum
+Abschied in Leipzig auf dem Bahnhof zuriefst? Soll ich weiter auf dich
+warten, ich will es tun. Viel zu gern! Nur laß mich hoffen. Vielleicht
+wird dein Vater doch mit der Zeit anderer Meinung. Ich will unterdes
+redlich versuchen vorwärts zu kommen.«</p>
+
+<p>»Laß es gut sein, Kaspar, es hilft doch nichts. Ich habe mir damals
+in Leipzig alles anders und leichter gedacht. Ich habe dich wohl noch
+immer so lieb wie ehmals, aber der Mut ist mir gebrochen. Man grübelt
+und ringt nicht umsonst wochenlang mit seiner Umgebung, mit seinen
+liebsten Angehörigen. Ich müßte an deiner Seite nicht nur in eine neue,
+mir fremde und nicht sonderlich verlockende Welt, ich müßte — ich weiß
+es jetzt — in die völlige Einsamkeit, beladen mit dem väterlichen
+Fluch — und das geht über meine Kräfte. Ich würde bald zusammenbrechen
+und dir kein Glück bereiten, nur eine Last sein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span></p>
+
+<p>»Zwei Menschen, die sich selbst genug sind, können nie einsam sein.«</p>
+
+<p>»Doch — ich wäre es — ich bin anders als du, bin nicht so trotzig,
+unabhängig und genügsam wie du.«</p>
+
+<p>»Du wirst es an meiner Seite bald werden, Carina. Und ich hoffe, mit
+der Zeit wird auch dein Vater ein Einsehn haben.«</p>
+
+<p>»Vater — nie. Da kenn ich ihn besser. Er ist seelensgut, aber er geht,
+wie viele seines Standes, allzu sehr im Äußern, im Formalen auf. Und
+ich bin vielleicht auch darin ein wenig seine Tochter. Ich würde mich
+wohl in dein Wesen, aber schwerlich in deine Ziele, niemals in deine
+Gesellschaftskreise finden können.«</p>
+
+<p>»Die brauchen wir nicht, Carina, —«</p>
+
+<p>»Doch — du vielleicht nicht, aber eine Frau braucht dergleichen.«</p>
+
+<p>»Aber nicht eine Frau wie du, Carina.«</p>
+
+<p>Müde lächelte die kleine Mutzerin, dann sagte sie resigniert: »Du hast
+eine zu hohe Meinung von mir, Kaspar, wie ich sie selber auch von mir
+hatte; aber ich bin leider keine Heldin, ich bin doch nur ein armselig
+schwaches Weib, das zu einem Kämpfer, wie du es wohl bist, gar nicht
+passen würde.«</p>
+
+<p>»Carina, sage das nicht. Gerade du bist die beste Ergänzung für mein
+Wesen, Carina, laß mich<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> nicht im Stich, du weißt nicht, was du mir
+bedeutest!«</p>
+
+<p>»Ich weiß es vielleicht — und dennoch, Kaspar — wenn ich heute eine
+Entscheidung treffen muß, und mein Vater fordert sie — dann muß ich
+mein Wort zurücknehmen und dir Lebewohl sagen. Denke nicht zu hart von
+mir, Kaspar, verlier nicht den Glauben an unser Geschlecht, weil eine
+davon deiner nicht wert war. Vergiß mich, aber verachte mich nicht!
+Küsse mich noch einmal zum Abschied — es lindert meine Qual — Komm,
+hab Mitleid mit mir —«</p>
+
+<p>»Carina!« schrie Kaspar leise auf, »das soll das Ende sein — also leb
+wohl!«</p>
+
+<p>Hart stieß Kaspar Krumbholtz die dargebotene Hand zurück, verbeugte
+sich kaum merklich und verließ eilends das Zimmer, in dem Carina
+schluchzend auf ihres Vaters Schreibstuhl niedersank.</p>
+
+<p>Mit einem tonlosen »Sie haben gesiegt, Herr Präsident!« grüßte Kaspar
+den stumm sich verneigenden Herrn Mutzer und ging trotzig davon.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Je wilder der Sturm gewesen war, der zunächst in Kaspars Seele gewütet
+hatte, um so tiefer war nun die Niedergeschlagenheit, die sich seiner
+bemächtigte.</p>
+
+<p>Verbitterung, Pessimismus, Menschenverachtung,<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> Mutlosigkeit, ja
+Verzweiflung an sich und seiner Zukunft — alles kam mit einem Male
+über ihn und nagte an seiner Seele, deren Widerstandskraft eine
+Zeitlang wie gebrochen erschien. Nicht einmal zu hassen vermochte er
+mehr, nur Mitleid regte sich bisweilen. Was hatte Carina viel anders
+getan als er bei Ursemi? Sie hatte dem inneren Muß gehorcht wie er.</p>
+
+<p>Gleichgültigkeit kam über Kaspar. Die Arbeit an seinen Schülern, die
+ihm sonst über alles ging, wollte ihm nicht mehr viel bedeuten, wollte
+ihm auch nicht mehr recht glücken, da Lust und Liebe fehlten.</p>
+
+<p>Tagtäglich nannte sich Kaspar einen haltlosen, erbärmlichen
+Schwächling, verhöhnte sich und lachte sich aus, rief den lieben, alten
+Trotz zu seiner Unterstützung herbei und sprach sich immer wieder aus:
+Warum sich so werfen lassen? Ist sies denn wert? Zeige wenigstens dem
+hochmütigen Präsidenten erst recht, was du kannst! Doch immer wieder
+kam die Antwort aus seinem Innern: Wozu das alles? Für wen mühst du
+dich ab? Laß alles gehen, wie es geht!</p>
+
+<p>Die alte Spannkraft der Seele schien völlig geschwunden zu sein.</p>
+
+<p>Sogar der stille, zuversichtliche Glaube an die allwaltende Liebe
+Gottes und das nach und nach wieder sicher gewordene Vertrauen in seine
+unergründlich<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> weise Führung wankten von neuem bedenklich in Kaspar
+Krumbholtz. Er wußte, daß es unendlich kleinlich und töricht war, seine
+Anschauung über Gott, Welt und Menschenbestimmung abhängig zu machen
+von trüben persönlichen Erfahrungen und sicherlich vorübergehenden
+Eindrücken, und dennoch konnte er sich zurzeit auf einen höheren
+Standpunkt nicht erheben.</p>
+
+<p>Es gab einmal keine absolute Gotteserkenntnis für uns jammervoll
+beschränkte Menschen; es gab wohl nur ein Spiegelbild des Höchsten in
+unseren Seelen, und dessen Deutlichkeit und Färbung mußten mit unsern
+Stimmungen wechseln.</p>
+
+<p>Und doch — wozu gab es das Leid, wenn es nicht den Boden des Herzens
+pflügend aufreißen sollte, um ihn von neuem und immer fruchtbarer
+zu machen für den Samen des Unvergänglichen? Wozu gab es den doch
+unausrottbaren Drang zum Erkennen, zum Schaffen und Wagen, zum
+Fortschreiten und zur Freude an jedem Gelingen in unserer Brust, wenn
+er nach bitteren Enttäuschungen nicht um so kräftiger hervorbrach wie
+die Triebkraft eines gekappten Strauchs, der nach Überwindung der
+schweren Saftstockung aus vermehrtem Wurzelvermögen zu wirtschaften
+vermag.</p>
+
+<p>Sollte nicht gerade diese letzte, schwerste Erfahrung ihn loslösen
+von dem zu billigen Genuß eines Durchschnittlebens, um ihn für
+seinen eigentlichen,<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> vielleicht ungewöhnlichen Daseinszweck um so
+unabhängiger, um so geschickter zu machen?</p>
+
+<p>Und Kaspar sann und sann unaufhörlich und konnte sich lang nicht
+zurechtsinnen.</p>
+
+<p>Erst nach einem stillen unablässigen Versenken in die ruhige
+Selbstverständlichkeit und zugleich Unergründlichkeit der großen Natur
+und ihrer Gesetze, erst im wohltuenden Frieden einer fast ungetrübten
+Einsamkeit begannen Kaspars tiefe Wunden nach und nach sich zu
+schließen und zu vernarben.</p>
+
+<p>Die Lust zum Gestalten erwachte plötzlich wieder, bald auch die
+Freude an der Entwicklung der ihm anvertrauten Jugend. Und ein neues
+Verantwortungsgefühl war dann die erste Spur eines verfeinerten Selbst-
+und Pflichtbewußtseins, das in seinem scheinbar so verödeten Innern
+langsam erstand.</p>
+
+<p>Und nun merkte Kaspar deutlich und immer deutlicher, daß die schwere
+Niederlage ihn seltsam verwandelt hatte.</p>
+
+<p>Er blickte tiefer und verständnisvoller in Seelen und Zusammenhänge.</p>
+
+<p>Vor allem betrachtete er seine Kollegen mit anderen Augen, er sah sie
+und ihre Menschlichkeiten in milderem Lichte, und doch sehnte er sich
+aus ihrem Kreise fort.</p>
+
+<p>Er dürstete nach neuen Anregungen, aber er fand sie nicht. Sein
+bisheriges Leben dünkte ihm<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> schal und oberflächlich, er glaubte
+geträumt, aber nicht mit vollem Bewußtsein gelebt zu haben.</p>
+
+<p>Neue, tiefere Bedürfnisse waren in ihm wachgeworden und verlangten nach
+Befriedigung.</p>
+
+<p>Nur an der Tafelrunde der Moraven fand er noch immer jenes stille
+Behagen, das eine harmonische Gesellschaft gleichgestimmter Seelen
+erzeugt. Gottfried Kämpfer fiel Kaspars Veränderung freilich auf; er
+neckte ihn wohl erst, nannte ihn »einen Peter Schlemihl, der keinen
+Schatten werfen könne, da er selbst nur Schatten sei«. Dann aber
+schaute er tiefer und wußte nicht nur scharf zu sehen und zu treffen,
+er wußte auch wacker zu trösten.</p>
+
+<p>Kämpfer nahm den Freund nach einer guten Sitzung nachts mit auf einen
+schönen Mondscheinspaziergang, ließ sich Kaspars Herzeleid beichten
+und erzählte ihm von seinem großen Weh: Wie er vor Jahren sein schönes
+junges Weib und ein zartes Kindchen bald nacheinander hergeben mußte;
+wie er darüber seinen Gott abermals verlor in dem rasenden Sturm seiner
+bittersten Verzweiflung und dann vergeblich Betäubung suchte auf weiten
+Reisen, ja zuletzt eine mitleidige Kugel auf dem Kriegsschauplatz
+Südafrikas.</p>
+
+<p>»Aber sie schossen in Wahrheit längst nicht so gut,« schloß Gottfried
+Kämpfer seinen düsteren Bericht, »wie in den Zeitungen, diese dreimal
+vermaledeiten Buren! Sie haben mich nur um meinen<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> letzten Funken
+idealer Selbsttäuschung gebracht, diese Hallunken! Sie hatten mich
+angelogen wie das Leben. Und so dachte ich schließlich: lüge du auch,
+die Wahrheit macht sich nun einmal so sehr schlecht bezahlt auf dieser
+Welt; es gibt niemand freiwillig einen Dreier dafür. Und so ließ
+ich den bösen Buren ihren großen Heldenruhm ungeschmälert, gab aber
+gerechterweise den lieben englischen Tommies auch ihr Teil und dem
+guten deutschen Publikum erst recht! So log ich mich langsam ins Leben
+zurück und kam schließlich wieder glücklich bei meiner Zeitung und
+in meinem alten Traumparadies an und pflegte den wunden Helden, mein
+törichtes Herz, mit Ach und Krach wieder leidlich gesund. Auch den so
+schnöde von mir zertrümmerten Herrgott log und leimte ich mir nach und
+nach wieder zusammen; er sieht ja noch ein bißchen geflickt aus, aber
+er hält doch und sitzt ganz stattlich wieder auf seinem Throne, als
+habe sich nichts verändert. Es hatte sich auch gar nichts verändert,
+weder die Welt, noch der Herrgott — nur mir war die Brille ein bißchen
+blind geworden. Das gab sich aber, als es nicht mehr so kalt war um
+mich her. So, mein lieber Prinz mit der heimlichen Krone und dem allzu
+heißen Herzen unterm Mantel, hm, die Moral von der Geschicht — ein
+bißchen Kälte schadet nicht.«</p>
+
+<p>Kaspar lächelte gerührt und sagte bewundernd:<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> »Ja, wer deinen Humor
+hätte, Kämpfer!«</p>
+
+<p>Gottfried Kämpfer erwiderte schmunzelnd: »Warts nur ab, lieber
+Junge, vielleicht wächst dir diese seltne Rebe auch noch. Sie liebt,
+damit dus weißt, vulkanischen Boden wie die Lacrima Christi, je mehr
+Herrlichkeiten unter der dunklen Lava liegen, um so üppiger sprießt
+sie, um so feiner wird ihre Blume!«</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel_2">Siebentes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Silvester</b></span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Nach reiflicher Überlegung hatte sich Kaspar Krumbholtz entschlossen,
+den Antrag des Kuratoriums nunmehr doch anzunehmen, zumal auch Ursemi
+ihm keine Ruhe ließ und ihn immer dringender bat, sie doch einmal zu
+besuchen.</p>
+
+<p>Harry habe ihr soeben, schrieb sie, ein geräumiges Palais gebaut,
+New-Reda genannt, hoch über San Franzisko, auf dessen wundervolle
+Bai vom goldenen Tor sie nun tagtäglich herabschauen könne. Selten
+sei auf der lieben Gotteserde so viel Schönheit verschwenderisch
+zusammengehäuft worden wie in diesem sonnenheiteren, freilich ein
+wenig wackligen Kalifornien, und doch könne sie die ernsten, nebligen
+Waldberge Schlesiens darüber niemals vergessen. Kaspar müsse zu ihr
+kommen und sie vom Heimweh kurieren, dafür wolle sie ihm auch klar
+machen, daß ein alter Junggeselle gar nichts von Kindern verstehen
+könne.</p>
+
+<p>Kaspar lachte — nach langer, banger Zeit — endlich einmal wieder
+aus vollem Halse und<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> fröhlichem Herzen. Dann ging er voll innerer
+Gewißheit und Klarheit zu seinem Direktor, um ihm zu kündigen.</p>
+
+<p>Der sprach einige schöne bedauernde Worte, die auf Kaspar jedoch
+weniger Eindruck machten, als vor Jahren der ehrliche Ärger des
+Tramberger »Chefs«.</p>
+
+<p>Die Kollegen machten große Augen, als sie von Kaspars Austritt und
+seiner Begründung hörten, und fragten einander erstaunt, was dieser
+gewiß biedere, doch in seinen Fähigkeiten ziemlich begrenzte Kollege da
+drüben im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten wolle.</p>
+
+<p>Kaspar verriet es ihnen nicht, er wußte es ja selbst noch nicht so
+recht. Er kam sich selber zur Genüge klein und unwert einer solchen
+unverdienten Auszeichnung vor; aber das Kuratorium war seinen
+utopischen Entwürfen so nahe getreten, daß es ihm schon eine ganze
+Reihe ergänzender Beobachtungen auferlegt und auch eine ziemlich exakte
+Marschroute für die bedeutendsten Erziehungsanstalten Nordamerikas
+vorgeschrieben hatte.</p>
+
+<p>Kaspar ging mit gewohnter, zäher Gründlichkeit an die neue schwierige
+Aufgabe, in der er doch wieder einen höheren Wink zu erkennen glaubte.</p>
+
+<p>Er studierte die nicht kleine, aber merkwürdig oberflächliche,
+meist nur nach dem äußeren Eindruck<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> urteilende Literatur über
+Amerika, aus der jedoch drei bedeutsame und völlig verschiedene
+Urteilsindividualitäten hervorragten: ein künstlerisch empfindender
+Geograph, sein geliebter verstorbener Lehrer, ein still von ihm
+verehrter und auch schon betrauerter Lausitzer Poet und ein ihm noch
+unbekannter deutsch-jüdischer Philosoph, der allerdings nicht ganz die
+Objektivität der beiden andern aufwies, vielleicht weil er, wie so
+viele Deutsche, Amerika zu lieb gewonnen hatte.</p>
+
+<p>Aus diesen drei deutschen und zwei sehr ergiebigen englischen Quellen
+schöpfte Kaspar seine beste Vorbereitung für die bevorstehende eigene
+Anschauung.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Nun galt es Abschied zu nehmen. Viel Liebes besaß Kaspar nicht im
+Vaterlande.</p>
+
+<p>Die Enterbten der Moravenrunde gaben ihrem »heimlichen Prinzen« launig
+ihren Segen, und Gottfried Kämpfer hielt zu seinem Abschied eine
+warme, sinnige Scherzrede über den heilkräftigen Wert sogenannter
+Kolonialböden.</p>
+
+<p>Er habe manche Nacht darauf gelegen und nach und nach herausbekommen,
+daß sie einen zauberisch würzigen Duft ausströmten, der besonders für
+alternde Gehirne, senile Willenspotenzen und verkalkende Arterien
+ausgezeichnete Dienste<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> tue. Kaspar solle sich also öfters, namentlich
+im jungfräulichen wilden Westen, auf den Boden legen, aber ja nicht auf
+den Bauch, sondern hübsch mit der Nase gen Himmel, sonst verlöre der
+beste Pionier die Orientierung.</p>
+
+<p>Mit drei Hurras für »Seine Königliche Hoheit, den Prinzen Schlemihl
+von Utopien, zurzeit Ehrenritter des goldenen Kalbes«, schloß der
+Journalist und überreichte Kaspar feierlich seinen kleinen Kompaß aus
+dem Burenkriege, damit er jederzeit wie der andächtig betende Moslem
+wisse, wo sein Mekka, wo »das liebe, närrische Land der solidesten
+Träumer« liege.</p>
+
+<p>Dann fuhr Kaspar nach Reda zu der recht hinfälligen Mutter Winkler, die
+ihm, noch immer sorgend, allerlei Päckchen für die große Ursemi und die
+kleine Edith mit vielen Grüßen auf die Seele band.</p>
+
+<p>Auch den <span class="antiqua">Dr.</span> John Sebalt und seine Zwillingsbübchen sollte
+Kaspar von ihr grüßen, wenn er ihn irgendwo zu sehen bekäme.</p>
+
+<p>Volpelius hatte eingehende Besprechungen mit Kaspar und weihte ihn
+völlig in die nun schon zu wichtigen Einzelheiten gediehenen Pläne des
+Kuratoriums ein.</p>
+
+<p>Von Kaspars Berichten erwarte man vor allem Klärung in allerlei
+schwierigen Fragen für praktische Aufgaben, die eben in Amerika
+vielfach mit<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> dem ganzen Mut traditionsloser Pioniere und dem Geschick
+lebenskluger Geschäftsleute gelöst seien.</p>
+
+<p>Kaspar möge als unbefangener Erziehungssachverständiger nachprüfen, ob
+und wie weit dabei »der Geist, der sich die Formen schaffe«, zu seinem
+Rechte gekommen sei und was, ohne deutscher Eigenart zu schaden, als
+fruchtbare Anregung oder gar als Vorbild zu verwerten sei.</p>
+
+<p>Die Mittel seien so weit beisammen, daß man demnächst mit den ersten
+Bauten der Winklerstiftung beginnen könne.</p>
+
+<p>Dann händigte Volpelius seinem Schützling einen großen Stoß wichtiger
+Empfehlungsbriefe und einige Reisescheckbücher ein.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Von Reda reiste Kaspar nach Ingelbach zu seinem hoffnungslos
+dahinsiechenden Onkel Andreas, den Tante Renate mit selbstloser Hingabe
+pflegte.</p>
+
+<p>Es war ein bewegtes Wiedersehen und — wie Kaspar deutlich fühlte —
+ein Abschied für immer.</p>
+
+<p>Zum Skelett abgemagert, lag der ehrwürdige Onkel nun schon seit Monaten
+völlig hilflos auf seinem Schmerzenslager. Und doch kam keine Klage
+über die schmalen, blutleeren Lippen, im Gegenteil, er dankte seinem
+Herrn Jesus, der ihm Gelegenheit<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span> gebe, seinen Glauben an ihn auch im
+Leiden zu bewähren, und ihn damit zu preisen vor den Menschen.</p>
+
+<p>Es war ein stiller, rührender Held, der so, leise und eindringlich,
+zu seinem Neffen sprach. Es war kein verzückter Märtyrer, kein
+überspannter Fanatiker, aus dem etwa unheimlich die Selbstqualfreude
+hervorloderte.</p>
+
+<p>Kaspar fand zwar keinen Trost für das furchtbare Leiden des sterbenden
+Mannes, er blieb stumm vor Ergriffenheit; aber er nahm aus den
+abgezehrten Knochenhänden des Greises reichen Trost und Segen mit sich.</p>
+
+<p>Das Bild Christi war in Kaspars Seele lang verschwunden; nun tauchte
+es, wie aus Morgennebel, schüchtern wieder empor, lieblich und rührend,
+väterlich milde und menschlich gütig wie in den Tagen seiner ersten
+Liebe zu ihm.</p>
+
+<p>Um Dogmen und Forschungsergebnisse war es Kaspar schon längst
+nicht mehr zu tun; auch die theologische Auffassung der Person des
+Menschenerlösers war ihm, wenn nicht gleichgültig, so doch unwesentlich.</p>
+
+<p>Nur eines stand ihm plötzlich wieder fest: Wenn Christi Leben und
+Sterben noch immer befreiend, verklärend, ja wunderkräftig auf so
+schlichte, reine und ernste Menschen wie Onkel Andreas wirken konnte,
+dann konnte seine göttliche<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> Wirkung und Bestimmung, deren letzter
+Urgrund für uns Menschen vielleicht absichtlich Geheimnis bleiben
+sollte, noch längst nicht nachgelassen haben oder gar erschöpft sein.</p>
+
+<p>Auch Kaspar wollte ruhig warten, was in seiner Seele nach und nach
+offenbar, oder vielleicht nur <em class="gesperrt">wieder offenbar</em> werden wollte.
+Erzwingen ließ sich nichts, das hatte er zur Genüge erfahren.</p>
+
+<p>Eines wußte er nun: Das innere wie äußere Erleben spiegelt uns
+unsern Gott. Und wie das Leben millionenfach verschieden ist, gleich
+der großen Natur und ihren Offenbarungen, so auch der Spiegel des
+göttlichen Wesens in den Seelen der Menschen. Je bewegter die Seelen
+sind, um so unklarer wird dieses Bild; darum gilt es ruhig zu werden,
+um seine erhebende Schönheit rein und andächtig zu genießen, ruhig wie
+die Kinder, die redlichsten Diener Gottes.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war Silvester, und wie in seinen Jugendjahren ging Kaspar Krumbholtz
+mit ernster Fassung in den weihevollen Mitternachtsgottesdienst der
+Neujahrsnacht, nachdem er Onkel und Tante nach alter Brüdergemeinsitte
+einen gesegneten Übertritt in das neue Jahr gewünscht hatte.</p>
+
+<p>Rundum warmes, schweigendes Düster, nur hie und da spärlich erhellt
+von weichem, bläulich<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> verschleiertem Laternenschimmer. Feuchter
+Nebeldunst war beim Atmen zu spüren, unsicher tastete der Fuß über das
+schmutzig-schlüpfrige Pflaster.</p>
+
+<p>Etwas Erwartungsvolles, unheimlich Kreißendes lag über der im Dunkel
+versunkenen Landschaft wie vom Brauen und Weben einer fruchtbaren
+Vorfrühlingsnacht.</p>
+
+<p>Das alte, brave Glöcklein rief mit seinem heiseren, dünnen Stimmchen
+vom gespenstischen Dachreitertürmchen herab die Andächtigen aus
+Ingelbach und Umgegend zum großen Kirchensaal, vor dessen Türen die
+Bläser mit vollen Backen und unter einigen redlichen Schweißtropfen
+einen schwierigen, nur für diese Gelegenheit üblichen Choral bliesen.</p>
+
+<p>Im schlichten, weißen Saal standen noch die hohen, duftenden
+Christtannen im Schmuck ihrer letzten Lichter, und rings von den Wänden
+und den Brüstungen der Emporen herab grüßten feierlich Lichtlein um
+Lichtlein.</p>
+
+<p>Der feinfühlige Organist intonierte stimmungsvoll ein zartes,
+wehmütiges Vorspiel, das wie ein müdes Scheidelied an das alte Jahr
+klang, während sich Kaspar hinten unters Chor in einen stillen Winkel
+schlich, wo er mit sich und seinen Stimmungen und Gedanken allein war.</p>
+
+<p>Der Liturg schritt gemessen hinter den dunkelgrünen<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> Tuchaltar, auf dem
+eine mächtige Bibel lag, und blickte gebietend zur Orgel hinauf.</p>
+
+<p>Der Chor sang mit wundervoller Harmonie sein »Heilig, heilig, heilig
+ist Gott der Herr,« und dann brauste mächtig und doch getragen das Lied
+der ergriffenen, dichtgedrängten Gemeine durch das festliche Haus: »O
+Ewigkeit, du Donnerwort!«</p>
+
+<p>In ernster Rede sprach der Geistliche über die schönsten Worte des 90.
+Psalms, und alles lauschte mit Aufmerksamkeit.</p>
+
+<p>Nur Kaspar saß wie träumend und ließ noch einmal an seiner Seele seine
+ganze bisherige Entwickelung vorüber ziehen.</p>
+
+<p>Als Kind hatte er in der ersten Neujahrsnachtfeier, die ihn schon
+damals innig bewegte, gelobt: ein redlicher Diener Gottes zu werden wie
+sein Vater, der den Heldentod auf dem Felde von Gottes Ehre gefunden
+hatte.</p>
+
+<p>Als junger Student hatte er wieder in einer solchen Nacht davon
+geschwärmt: was müsse es doch für ein unsagbares Glück und stolzer
+Auftrag sein, in so weihevoller Stunde als gottverordneter Diener am
+Wort einer sündigen Menschheit ein drohend donnerndes »Besinne dich«
+zuzurufen und damit auch die schlaffsten, gleichgültigsten Seelen
+wachzurufen und aufzurütteln. Und dann?</p>
+
+<p>Dann gingen die paar Menschlein unter den Milliarden hinaus mit jenen
+guten Vorsätzen, mit<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span> denen die Macht der Finsternis die schönen,
+bequemen Wege zu ihrer Hochburg gepflastert hatte.</p>
+
+<p>War dieser Beruf der Festtagerschütterer und Sonntagtröster wirklich
+der höchste der menschlichen?</p>
+
+<p>Nein, auch er war nur einer unter vielen, nicht besser und nicht
+schlechter als andere — nur gefährlicher! Denn jeder Diener der
+Majestät neigt dazu, sich selber ein Stück derselben zuzuschreiben. Die
+Geschichte der Kirche lehrte es zur Genüge durch die Jahrhunderte.</p>
+
+<p>Der Weltenschöpfer hatte sicherlich an jedem redlichen Schaffen seine
+Freude, ob es für Ihn, für den Schaffenden selbst oder für andere war,
+ob produktiv oder reproduktiv, ob fürs Ideale oder ums liebe Brot —
+galt Ihm, dem über all das Erhabenen, wohl gleich.</p>
+
+<p>Er stand ja auch nicht still; Er hatte gar viele Mühlen im Gange,
+die für Ihn mahlten; und die leisesten und verborgensten waren Ihm
+vielleicht die liebsten, sicherlich die wichtigsten.</p>
+
+<p>Kaspar wollte sorgen, daß seine Mühle nicht stille stand.</p>
+
+<p>Da brach mit jubelnden Fanfaren das neue Jahr herein — schnitt
+rücksichtslos dem Geistlichen die letzten Worte ab, obwohl er sie nach
+der Uhr genau abzuzirkeln versucht hatte. Da läutete das Glöcklein
+droben Sturm, denn der<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span> Küsterbruder zerrte es gar wild und grimmig.
+Da sangen die Männer, Weiber und Kinder ringsum frohlockend: »Nun laßt
+uns gehn und treten mit Singen und mit Beten«, und dann beugten sie die
+Knie und beteten wirklich und tief erschüttert von der Wucht und den
+Schauern des großen Augenblicks: »Du ewiger Gott, heiliger, starker
+Gott!«</p>
+
+<p>Auch Kaspar betete, aber er dankte nur still, daß ihn der
+Unerforschliche trotz aller Trübsal seines Lebens, trotz der
+niederschmetternden Enttäuschung auch dieses herben Jahres doch den
+richtigen Weg geführt habe, und daß er es endlich wieder verstehen
+gelernt habe.</p>
+
+<p>Während die eben noch so Andächtigen sich mit jovialen, breiten
+Philistermienen die derben Alltagshände wacker schüttelten, die runden
+Handwerksschultern vertraulich klopften und sich laut »Prost Neujahr«
+zuschrien oder sich leise »ein gesegnetes neues Jahr« in die Ohren,
+Hauben und Kapuzen raunten, schritt Kaspar an dem kleinen, stillen
+Friedhof, auf dem gar manch ein Krumbholtz schlummerte, vorbei —
+hinaus in die zukunftgebärende Nacht.</p>
+
+<p>Von rückwärts verhallte der weiche Orgelklang und der grelle, harte
+Klang der Posaunen; vor ihm knallten einige frohe Schüsse übermütiger
+Dorflümmel; fern von unsichtbaren Dorftürmen bimmelten dumpfe und helle
+Glöcklein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span></p>
+
+<p>Wieder ein Jahr vorüber — und das Leben schritt unaufhaltsam weiter
+von Generation zu Generation.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als Kaspar nach einiger Zeit erfrischt und innerlich geklärt zu dem
+kleinen Hause seiner Verwandten zurückkehrte, fand er eine schluchzende
+alte Frau über einer noch warmen Leiche hilflos zusammengebrochen.</p>
+
+<p>Onkel Andreas hatte unter den Klängen der Glocken und Posaunen sein
+Lebenswerk zu Ende gebracht. Lächelnd und friedlich lag er da wie ein
+glücklicher Sieger.</p>
+
+<p>Kaspar richtete mit schonender Zärtlichkeit die arme Tante Renate auf,
+strich ihr über die verwirrten Strähnen ihres dünnen, silberweißen
+Haares und sagte liebreich tröstend:</p>
+
+<p>»Weine, Tantchen, es erleichtert, aber klage nicht! Es kommt nichts um
+in Gottes Reich; auch dieser Mann hat nicht umsonst gelebt. Er hat mit
+seinem Leiden und Sterben die schönste Predigt seines Lebens gehalten.
+Halten wir uns an das Wort, das ihm so starken Trost gab: Wo ich bin,
+da soll mein Diener auch sein!«</p>
+
+<p>Da umarmte die wankende Greisin ihren aufrechten Neffen und stammelte:
+»Wenn du das wieder glauben kannst, mein Junge, dann ist auch er nicht
+umsonst gestorben.«</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel_2">Achtes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Die neue Welt</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Wie die stumpfen Riesenzähne eines gierig weitgeöffneten Rachens
+bläkten die zahllosen Piers zu beiden Seiten des Hudson aus dem langsam
+verebbenden Nebelmeer.</p>
+
+<p>In tausend Signalen tutete und schrillte, stöhnte und frohlockte
+ein scheinbar völlig wirrer Verkehr auf dem tagsüber schmählich
+geknechteten Fluß, der nur in schweigender Nacht, im Spiel der
+ruhigen Himmelslichter, seine stille Majestät und ursprüngliche Größe
+wiederfand.</p>
+
+<p>Ein dumpfes Brausen, in dem Millionen Stimmen mitklangen, schwoll von
+all den Ufern ringsum, vor allem von der langen, schmalen Landzunge,
+auf der sich das schier endlose Neuyork dehnte und streckte.</p>
+
+<p>Mit gefaßter Seele und bohrenden Blicken maß Kaspar Krumbholtz das
+seltsame Völkertor Nordamerikas, durch das schon so viele Millionen des
+sich immer noch überreichlich verjüngenden<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> deutschen Volkes zu neuem
+Leben, zu Freiheit und rastlosem Schaffen gezogen waren.</p>
+
+<p>Unheimlich drohend standen die Ungetüme von Wolkenkratzern da drüben
+in Reih und Glied, gleich einer Schar trotziger Garden. Auf ihren
+vergitterten Masken stand ein herrisches »Herein — doch nicht zurück!«</p>
+
+<p>Kaspar zuckte zusammen. Auch sein Geschlecht hatte diesem Moloch unter
+den Kontinenten wertvolle Opfer bringen müssen. Würde auch er dem
+verführerischen Zauber dieses lockenden jungfräulichen Bodens erliegen,
+der selbst einen so heimatstolzen und unabhängigen Mann wie den Grafen
+Harry Brosyn nach und nach überwältigt hatte und ihn nicht wieder los
+ließ? Vielleicht konnte ihm, dem Missionskind, dieser Zauber weniger
+anhaben, da er ja schon ein Kind dieses Erdteils war.</p>
+
+<p>Zu langem Nachsinnen war Hoboken nicht der Ort und das Anlegen eines
+Hapagdampfers nicht die Gelegenheit. Der heiße Sturmatem des neuen
+Landes wehte dem Ankömmling bereits entgegen, ehe er es betrat.</p>
+
+<p>In wenigen Minuten war man fest, war man an Land, war man in den
+tückischen Klauen schonungsloser Zollinquisitoren, der ersten großen
+Schande der stolzen Republik.</p>
+
+<p>Noch manche andere und schlimmere sollte Kaspar offenbar werden
+bei seinem langsamen und<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> zähen Prüfen, das sich von schimmernden
+Oberflächen und blendenden Äußerlichkeiten nicht bestechen ließ.</p>
+
+<p>Aber was bedeuteten allerlei kleine Schönheitsfehler wohl für das große
+Ganze? Kinderkrankheiten für einen später vielleicht um so gesünderen
+Organismus!</p>
+
+<p>Stieß Kaspar doch allüberall auf einen mutigen, lebensfrohen und
+zukunftsicheren Menschenschlag, der all diese herben Schäden
+wie Bestechlichkeit, Spekulationswut, Mammonsgeist, Prahlsucht,
+rücksichtslosen Egoismus, Roheit, sittliche wie religiöse Heuchelei,
+mehr oder weniger offen zugestand und des festen Glaubens lebte,
+mit der Zeit auch darüber ebenso hinweg zu kommen wie über seine
+künstlerische Unreife und Unselbständigkeit.</p>
+
+<p>»Das ist alles nur provisorisch, das Eigentliche muß erst noch kommen«,
+so stand es überall auf den Gesichtern dieser nationalstolzen Bürger,
+dieser selbstbewußten Bürgerinnen zu lesen.</p>
+
+<p>Ein starker, unbesieglicher Optimismus waltete wie ein unsichtbar
+schützender Genius über dem jungen, zuversichtlichen Volke.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Schon am nächsten Morgen begann Kaspar Krumbholtz die ihm aufgetragenen
+Studien, indem<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> er der großzügigsten und wissenschaftlich am
+selbständigsten und kühnsten aufstrebenden Bildungsstätte Amerikas, der
+Columbia-Universität, einen Besuch abstattete.</p>
+
+<p>Schon hier hatte Kaspar nach wenigen Stunden das Gefühl, daß er vor
+einer den deutschen staatlichen Hochschulen ebenbürtigen und doch
+privaten Schöpfung stehe; woraus er freudig, doch vorschnell schloß,
+seine gründlichen Landsleute würden daheim etwas Ähnliches schaffen
+können, sobald nur einmal genügende private Mittel zur Verfügung
+ständen. Er vergaß die Wucht der Tradition, den Zwang der historischen
+Entwickelung, die Schlaffheit seines Jahrhunderte lang übermäßig
+bevormundeten, bürokratisierten Volkes.</p>
+
+<p>In den Geist und die Eigenart Columbias, dieser monumentalen
+amerikanischen Wissenschaftshochburg, einzudringen, dazu bedurfte es
+allerdings längeren Ein- und Mitlebens, und Kaspar, der sich für seine
+Reise das »<span class="antiqua">multum, non multa</span>« als Motto gewählt hatte, scheute
+diese Mühe auch nicht und sollte es nicht bereuen.</p>
+
+<p>In einzigartiger gastlicher und kameradschaftlicher Weise kamen ihm
+Dozenten und Studenten entgegen, insonderheit die Herren vom deutschen
+Departement, mit denen Kaspar schließlich in freundschaftliche
+Beziehungen treten durfte.</p>
+
+<p>Von Columbia führte ihn die Arbeit zum City<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> College, das in
+märchenhafter Schloßherrlichkeit, frei und stolz, hoch über die
+Nordstadtteile Neuyorks emporragt.</p>
+
+<p>Auch hier galt es länger zu verweilen und sich schließlich nur schweren
+Herzens loszureißen; denn noch harrten der Besichtigung allein in
+Neuyork eine ganze Reihe ähnlicher, freilich nicht mustergültigerer
+Bildungsanstalten, in denen eine merkwürdig gleichmäßige Jugend in
+kecker, ein wenig geräuschvoller Selbständigkeit, in ritterlicher
+Frauenverehrung, gesund an Leib und Seele, heranwuchs.</p>
+
+<p>Dann ging es in die nähere und weitere Umgegend, in das vornehme Yale
+und Princeton, das altehrwürdige, ein bißchen sybaritisch erschlaffte
+und verzopfte Harward, das zurzeit auf seinen Lorbeeren eingeschlummert
+schien, in das gediegene Johns Hopkins, das solide Pennsylvania und das
+jugendfrische Cornell.</p>
+
+<p>Auch die idyllisch angelegten, zum Teil schon von Natur paradiesisch
+ausgestatteten Mädchen-Colleges Vassar, Wellesley und Smith-College
+suchte Kaspar auf, nahm neue, reiche und tiefe Eindrücke und Anregungen
+in sich auf und verbrachte unvergeßliche Stunden mit edlen, freien,
+zielbewußten Frauen, um deren Gestalten bisweilen ein Hauch königlicher
+Würde schwebte.</p>
+
+<p>Es war in der Tat eine neue Welt, die dem<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span> ehemaligen Lehrer der
+Tramberger Anstalt und der Leipziger Reformschule nach und nach
+aufging. Und doch ward er gerade hier oft an alte moravische
+Institutionen, zum Beispiel das Jahrgangssystem, die mehr oder
+weniger begrenzte Selbstverwaltung der Zöglinge und die intensive
+Körperausbildung, erinnert.</p>
+
+<p>Unabsehbare Perspektiven eröffneten sich jedenfalls, frohe
+Zukunftshoffnungen regten sich; klarer und klarer wurde Kaspar, wo
+deutsche Nacheiferung mit Erfolg einsetzen konnte, wo nationale
+Selbständigkeit und deutsche Stammesart gewichtige Unterschiede
+bedingen und behaupten mußten.</p>
+
+<p>Im großen und ganzen waren es mehr äußere Vorzüge, die den Neid
+deutscher Erzieher erregen konnten, so die großlinige Anlage der
+behaglichen Wohnheime, der fürstlich ausgestatteten Institute, der
+vornehm moderne Zuschnitt des kraftvoll gesunden Lebens, die üppige
+Gelegenheit zu Spiel, Sport und Kunstpflege aller Art, die reichen
+Bibliotheken, die freie Geselligkeit und anderes mehr.</p>
+
+<p>Aber auch innere Momente waren sehr beachtenswert, vor allem die
+Einheitlichkeit der nationalen Grundstimmung, die frauenstolze
+Sittenstrenge, die zielbewußte Erziehung zum unabhängigen
+Willensmenschen, der nüchtern, keck, froh und nicht mit allzu viel
+gelehrtem Ballast beladen,<span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span> seinen Mann im praktischen Leben stehen
+kann.</p>
+
+<p>Nur ein wichtiges Moment, das den alten Griechen wie ihren modernen
+Nachfahren, den Deutschen, stets als Ideal im Zenith ihrer Erziehung
+stand, das der künstlerischen Harmonie, vermißte Kaspar gar zu sehr
+in den amerikanischen Bildungsanstalten. Dafür herrschte zu viel
+Oberfläche, zu viel Prunk, gab es zu viel Hast, zu wenig Tiefe und
+still langsames Reifenlassen.</p>
+
+<p>Man pflegte anscheinend einen guten und lebenstüchtigen Durchschnitt zu
+erzielen, aber keine besonderen Individualitäten, keine Führernaturen,
+keine Bahnbrecher, die übrigens wohl nicht zufällig auch dem
+amerikanischen Kunst-, Wissenschafts- wie Staatsleben in der Tat
+fehlten. Selbst an geistig wie wirtschaftlich wirklich unabhängigen
+Forschern gebrach es allenthalben, vielleicht darum, weil die Erzieher
+und Lehrer Amerikas nicht ähnlich fürstlich unterhalten und geschätzt
+wurden wie die prunkvollen Gebäude, in denen sie wirkten.</p>
+
+<p>Nur im Geschäftsleben waren geniale Schöpfer zu finden, da hier
+einstweilen noch durchaus der Schwerpunkt des amerikanischen Ehrgeizes
+und seiner Leistungen lag.</p>
+
+<p>Weit schärfer traten Kaspar diese Mängel der amerikanischen
+Jugenderziehung entgegen, als er nach einigen Monaten in den Middle
+West und Westen kam.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span></p>
+
+<p>Freilich galt es auch hier, nicht in Bausch und Bogen zu urteilen oder
+gar zu verurteilen, es galt vorsichtig und gerecht zu prüfen und zu
+werten; es galt vor allem, nicht Früchte von Bäumen zu verlangen, die
+erst vor kurzem gepflanzt und noch nicht einmal fest eingewurzelt waren.</p>
+
+<p>Überdies gab es Ausnahmen genug, namentlich da, wo sich in älteren
+deutschen Ansiedlungen, nach Befriedigung des gierigen Geldhungers,
+der alte germanische Bildungstrieb schon wieder geregt und
+Eignes geschaffen hatte, wie etwa in der stolzen Metropole der
+deutschen Middlewest-Kultur, in Cincinnati, oder im lieblichen,
+rührigen Indianapolis, in Milwaukee, Chicago und den selbstbewußt
+emporstrebenden Zwillingsstädten St. Paul-Minneapolis.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Und weiter gen Westen eilte Kaspar, und nach und nach ging dem bisher
+allzu eifrig aufs geistige Amerika Bedachten auch die Eigenart und die
+in scharfem Kontrast zwischen arm und üppig schwankende Beschaffenheit
+des Landes auf. Mit seinem sprunghaften Klima und seinem tückischen
+Wechsel zwischen gar keinen oder zu vielen Bodenschätzen, Naturkräften,
+Fauna- und Florabeständen mußte dieses seltsame Land auf den Charakter
+der zu Extremen jeder Art neigenden Bevölkerung gewirkt haben und wohl
+stets weiter wirken.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span></p>
+
+<p>Im Osten hatte sich Kaspar nur wenig um die Landschaft der Gebiete
+gekümmert, die er mit den oft rasenden Expreßzügen durcheilte. Dafür
+genoß er die Einzelschönheiten seiner Hauptstationen mit um so größerer
+Muße und Liebe, wie zum Beispiel die wunderreichen Ufer des Hudson,
+die gern versteckten Parkherrlichkeiten des idyllisch lieblichen
+Massachusetts oder die ihn an Schlesiens und Thüringens Waldberge
+unwillkürlich erinnernden Catskill-Mountains.</p>
+
+<p>Überhaupt hatte er in den Altenglandstaaten nicht oft das Bewußtsein,
+in einem fremden Weltteil zu sein. Nur die traurigen Waldverwüstungen,
+fern von den Kulturzentren, erinnerten wie ein schauerliches Menetekel
+an die grausame Pranke des niemals schlafenden, gigantischen Raubtiers
+Yankee.</p>
+
+<p>Je mehr sich Kaspar jedoch von der atlantischen Küste entfernte, um so
+wuchtiger und großzügiger offenbarte sich ihm die Eigenart der neuen
+Welt, in der elementaren Urkraft ihrer Riesenströme und Katarakte (wie
+zum Beispiel des im starren Eise doppelt majestätischen Niagara) in
+den meergleichen Seen, den noch jungfräulichen Wäldern des Nordens
+und den endlosen, eintönigen, aber unermeßlich fruchtbaren Ebenen des
+Middlewest.</p>
+
+<p>Hinter Omaha kam Kaspar kaum noch von der geräumigen Plattform des
+letzten, sogenannten<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> Observationscars fort, obwohl es hier jetzt
+einsam war, denn für einen Amerikaner gab es nichts zu sehen. Es war
+ja nur amerikanische Durchschnittslandschaft; doch gerade sie packte
+Kaspar als das wirklich Neue und Große.</p>
+
+<p>Da lagen die romantischen Prärien seiner jugendlichen Indianerträume,
+jetzt voller Zeugnisse von Yankeetatkraft und zähem deutschen
+Kolonialfleiß.</p>
+
+<p>Wie vor Omaha die Gas-Bohrtürme und Petroleumtanks, so reckten hier an
+jeder Station hohe Getreideelevatoren ihre ewig hungrigen Hälse empor.
+Daneben kauerten praktische Hürden und Viehställe, Saloons und Stores,
+und dahinter Farm an Farm, umgeben von reichen, oft noch halbwilden
+Herden.</p>
+
+<p>Eines Abends tanzten viele Tausend lodernde Feuer über die
+schwarzbraunen Felder, um mit der Asche der dürren Maisstengel den
+langsam schon ermattenden Boden zu erneuter Fruchtbarkeit anzuregen.</p>
+
+<p>Plötzlich zog ein gewaltiges Frühjahrsgewitter dumpf grollend herauf,
+prasselte und knatterte mit Blitzen und Platzregen zwischen die
+Farmerfeuerchen.</p>
+
+<p>Kaspar glaubte brausende Büffelherden stampfen und jauchzende Indianer
+hetzen zu hören, und es war ihm, als sähe er das grause Gespensterheer
+des ermordeten Uramerikas im nächtlichen Sturm<span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span> der Elemente heulend
+und fluchend dahinrasen wie daheim die Rotte des wilden Jägers.</p>
+
+<p>Gedankenvoll schritt Kaspar durch das Rauchzimmer, durch Lese- und
+Speisewagen zurück nach seinem bequemen Wohnabteil, das ihm der
+bedienende Neger bereits in ein sauber überzogenes Bett verwandelt
+hatte und nun grinsend präsentierte.</p>
+
+<p>Es wohnte sich wirklich behaglich auf so einem modernen Schiff der
+Wüste. Denn die amerikanische Wüste kam nun, öde, schauerlich schön wie
+die große Gobi oder die majestätische Sahara.</p>
+
+<p>Über Nacht war der brave Overland Limited ein paar tausend Meter
+hinaufgestampft, nicht ganz so rasch, wie die Yankees prahlten, aber
+doch unaufhaltsam. Schon früh um sechs Uhr stand Kaspar wieder, frisch
+und schaugierig, auf seinem Ausguck.</p>
+
+<p>Alles still, trostlos und einsam ringsum, kein Mensch, kein Tier, kein
+Wasser. Groteske gelbe Felsgruppen kränzen den Horizont schanzenförmig,
+oft eckig und fast schnurgerade wie Zigarrenkisten über- und
+nebeneinander gestellt, ganz fern darüber zarte weiße Spitzen mit
+graugrünen Schatten.</p>
+
+<p>Langsam keucht die Riesenmaschine, es gilt haushalten mit Wasser und
+Kohlen. Erst nach langen, bangen Stunden winkt eine kleine Tankstation,
+um die ein paar schwarze Minenzechen und<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span> zwei armselige schmutzige
+Saloons sich reihen. Aus halbzertrümmerten, längst pensionierten Cars
+blöden und grinsen zerlumpte Negerweiber und Mischlingskinder. Auch
+einige kleine, aber soldatisch straffe Japaner mustern scharf und
+tückisch die Reisenden, die sich hastig im Sande die eingeschlafenen
+Füße vertreten.</p>
+
+<p>Die Maschine zieht lautlos wieder an, und alles stürzt zu den Türen
+oder klettert unverfroren hinten über die Puffer des Aussichtwagens auf
+dessen Plattform, wo Kaspar lachend steht.</p>
+
+<p>Und weiter gehts durch die gelbbraune Steppe, über der die Sonne
+tagaus, tagein erbarmungslos und unfruchtbar brütet.</p>
+
+<p>Endlich gegen Abend ändert sich das Bild. Ein grüner Fluß schafft
+Wandel, zunächst an seinen Ufern, dann ringsum. Herden kurzgeschwänzter
+Schafe, auch einzelne Rinder tauchen zwischen niedrigen Büschen auf.
+Wachholder und vereinzelte Gruppen trotziger, kleiner Zwergkiefern
+klammern sich zäh an steile rote Felswände.</p>
+
+<p>Kaspar lacht wieder und denkt fröhlich an Leipzig: <span class="antiqua">Collegia
+mugoniana</span>!</p>
+
+<p>Ein Tunnel heißt dröhnend den Zug willkommen, und in seinem rauchenden
+Tor versinkt schnell das lockende Bild der bizarren Felslandschaft mit
+der Devils Slide.</p>
+
+<p>Dann braust der wildgewordene Dampfrenner<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span> plötzlich wie rasend bergab,
+zischend bricht er gleich einem grimmen Drachenwurm in die gesegneten
+Gefilde des Mormonenstaats Utah.</p>
+
+<p>Tiefblauer Sommerhimmel, lachende Gärten mit Tausenden rotblühender
+Obstbäume zwischen weißen, lieblichen Cottages.</p>
+
+<p>Bei Ogden, dessen holden Paradiesesfrieden ernste Schneehäupter
+bewachen, denkt Kaspar an Innsbruck und Hans Sebalt. Wo mochte der
+traute Genosse ferner Jugendtage jetzt weilen? Ursemi hoffte in ihrem
+letzten sehnsuchtsvollen Brief auch ihn, den großen Südseefahrer, in
+New-Reda begrüßen zu können.</p>
+
+<p>Und weiter rollt der wackere Überlandzug mitten hinein in ein weites,
+seltsames Tal, auf dessen breiter Sohle der tiefblaue, schier
+unendliche Salzsee totenstill und ölglatt wie ein Weiher liegt.</p>
+
+<p>Die Sonne sinkt mählich. Auf einem über hundert englische Meilen
+messenden Riesenpfahldamm poltert der Zug mitten durch die klare, nun
+grün schimmernde Flut.</p>
+
+<p>In allen Farben, vom tiefsten Violett bis zum fahlen Gelb, beginnen die
+schneeigen Berghäupter zu spielen und wirre, grelle Reflexe sprühen
+ringsum aus dem stahlblanken Spiegel des Sees, der nach und nach
+immer flacher wird und zuletzt in hundert Lachen zu einer grauweißen
+Salzwüste verebbt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span></p>
+
+<p>Glutrot taucht der Sonnenball in die bläulichen Dunstschichten des
+Horizonts. Dämmerung breitet sich gespenstisch über die Landschaft, die
+Kaspar dünken will wie ein Stück fremder Welten.</p>
+
+<p>Immer tiefer wird der dunkelblaue Streifen des versinkenden Sees, immer
+duftiger die Orangetöne der im Alpenglühen verhauchenden Felsspitzen;
+nun sterben sie rasch, und ein hartes Dunkelviolett verkündet ihren Tod.</p>
+
+<p>Auch sonst ist alles Leben erstorben. Kein Vogel singt, kein Raubtier
+schreit mehr, kein Blatt, kein Hälmchen mehr wagt sich zu rühren. Die
+Wüste schläft. Starr wie die Gletscher des ewigen Eises liegen die
+Leichen der Bergriesen um sie herum.</p>
+
+<p>Grün und rot blitzen an der Strecke die Signallaternchen der
+Blockstationen auf gleich lustigen Glühwürmchen. Und über schwarzen
+Zacken steigt in majestätischer Ruhe die schmale Sichel der silbernen
+Luna empor.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Und abermals zaubert die Lebenspenderin Sonne in taufrischer Schönheit
+den Tag, und noch immer schnauft und prustet der unermüdliche Overland
+Limited nunmehr munter 6000 Fuß hinauf zu den gefährlichen Firnen und
+Schneejochen der Sierra Nevada.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span></p>
+
+<p>Kecke, verwegene Goldgräber in abgeschabten Velvetkostümen, an
+den Füßen Ledergamaschen und auf den trotzigen Häuptern breite
+Filzhüte, steigen zum Schrecken einiger Fifth-Avenue-Ladies in den
+Observationscar, lümmeln sich frech in die ledernen Parlorsessel;
+rauchen, spucken, drehen ihre blitzenden Brillantringe und spielen
+protzig mit ihren dicken Goldketten.</p>
+
+<p>Empört fliehen die Dämchen in ihre verschwiegenen Compartements zurück,
+drücken ihre Näschen indigniert an die Wagenfenster und mustern
+neugierig hochmütig die vertierten, angetrunkenen Indianer, die ihnen
+von draußen in malerischen Kostümen allerlei zierliche Knüpf- und
+Flechtarbeiten ihrer fleißigeren Squaws feilbieten.</p>
+
+<p>Die Vergangenheit grüßt die Zukunft Amerikas demütig; die Gegenwart
+aber gehört den Pionieren des Glücks und der Kraft.</p>
+
+<p>Die Strecke steigt immer noch. Dann donnert der Zug 55 Meilen lang
+durch einen hölzernen Schneeschutztunnel, ein Kyklopenwerk, das ganzen
+Wäldern der schönsten Baumriesen das Leben gekostet hat.</p>
+
+<p>Da — ein paar blitzartige Ausblicke auf starre, leichengrüne, von
+schneebedeckten Zirbelkiefern umtrauerte Bergseen, die wie gefrorene
+Meeraugen aus der Tiefe emporglotzen; und nun endlich gehts in
+sausender Fahrt durch das duftende<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> Blue Canyon hinab in das gelobte
+Land Kalifornien, das mit herrlich blauen Koniferen, mit blühenden
+Pfirsichen, Aprikosen, Birnen und Mandelbäumchen frohlockend den
+Welttrotter grüßt.</p>
+
+<p>Ein ewiger Frühling lacht aus den üppigen Tälern.</p>
+
+<p>Weinberge, Orangen, Limonen, Feigen, Palmen, Live-Oaks, Eukalypten und
+Rosen tanzen um die Wette an dem staunenden Kaspar vorbei. Das ganze
+Land ist ein einziger blühender Garten, das Eden Amerikas!</p>
+
+<p>Die weite Ebene öffnet sich ganz. Auf saftigen Wiesen weidet ein
+schwerer Rinderschlag, eine feurige Rasse von Pferden. Hier fährt man
+die Heuernte ein, dort ziehen Orangenhändler lachend zu Markt.</p>
+
+<p>Alles atmet Fröhlichkeit, Üppigkeit, weltvergeßnen Genuß.</p>
+
+<p>Auch dem soliden Überlandzug scheint kalifornischer Leichtsinn in die
+eisernen Knochen gefahren zu sein. Er stiebt wie besessen dahin, so
+daß eine wirbelnde Staubsäule ärgerlich hinter ihm herfegt und den
+Observern der Plattform so viel Schmutz auf die Kleider und Sand in die
+Augen wirft, daß sie die Position räumen.</p>
+
+<p>Nur Kaspar weicht nicht, er schließt die Augen und träumt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span></p>
+
+<p>»Welt«, klingt es leise durch seine Seele, »wie groß bist du und wie
+herrlich! Dank dir, toter Freund und Vater, daß du mich in solche
+Weiten gesandt! Dank dir, Allmächtiger, daß du mir die Schönheit deiner
+Wunderwerke geoffenbaret hast!«</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel_2">Neuntes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Shaky San Francisco</b></span></h3>
+</div>
+
+<p>Schon in Oakland an der Fähre erwartete Ursemi ihren Kaspar und fuhr
+mit ihm in glückseligem Geplauder über die tiefblaue Bai, an zwei
+malerischen Inseln vorüber.</p>
+
+<p>Kaspar sah die schmucken Eilande nicht; er sah nur in das liebe,
+seltsam veränderte Gesicht der Jugendfreundin und glaubte allerlei zu
+lesen, was ihm nicht gefallen wollte.</p>
+
+<p>Harry war wie fast immer in Geschäften unterwegs, die kleine Edith ein
+wenig erkältet; aber sonst war viel Gutes und Ergötzliches von dem
+lieben Putz zu melden; tappeln konnte er schon ganz flott und auch von
+Wau-Wau und Mies-Mies, von Brauni und Peter die größten Wunderdinge
+zusammenflausen.</p>
+
+<p>An der Ferry-Station stieg man aus. Ein elegantes Automobil mit
+Chauffeur und Diener hielt vor dem mächtigen Portal, und mit
+Staunen fuhr Kaspar die imposante Market Street mit ihren riesigen
+Geschäftspalästen, ihren monumentalen<span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span> Banken und Warenhäusern entlang,
+an dem ragenden Kuppelbau der mit einer Liberty-Statue gekrönten
+City-Hall vorüber, hinauf nach dem stillen Alamo Square, wo weiß
+und schlank aus dem Gewühl der Holz- und Konkrethäuser das stolze
+Marmorpalais New-Reda emporstrahlte.</p>
+
+<p>Als Kaspar, vom japanischen Portier Charly gemessen begrüßt, von dem
+Hausnigger Samy devot grinsend gefolgt, die mit dicken Smyrnateppichen
+belegten kostbaren Mahagonistufen zwischen Bronzegeländern hinaufstieg,
+während der Diener mit dem Koffer in der Lift hinauffuhr, da kam
+über den gereiften Mann dasselbe Gefühl — als erlebe er Märchen —
+wie vor achtzehn Jahren in Reda. Wie die Winklersche Villa gegen die
+Gnadenzeller und Betheler Bubenzimmer, so verhielt sich Neu-Reda zu
+Alt-Reda.</p>
+
+<p>Und als er gar von seinem hochgelegenen Balkonzimmer die schönere
+und nicht minder kühn-aufstrebende Rivalin Neuyorks, die Königin
+der Südsee und ihr »goldenes Tor« mit seinen blauen Buchten und
+Inseln überschaute, da hätte er in die Knie sinken mögen vor solcher
+majestätischen Schönheit.</p>
+
+<p>Und doch war es Kaspar, als drohe Unheil, als laure in dem bläulichen
+Dunst überm fern leuchtenden Ozean, etwa ein tückisches Untier, das
+träge auf seine Stunde warte, um seine Riesenarme wie<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span> ein gieriger
+Polyp um die vulkanische Halbinsel zu klammern und sie zu schütteln und
+zu rütteln, daß ihre Grundvesten erbebten.</p>
+
+<p>Als Kaspar bald darauf den strahlenden Harry Brosyn begrüßte und ihn
+schüchtern fragte, ob es nicht ein wenig gewagt sei, gerade auf so
+gefährlichem Boden wie hier so gewaltige Bauten aufzuführen, lachte
+ihn der Graf weidlich aus, klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und
+meinte überlegen: »<span class="antiqua">Well, my good fellow, our old shaky</span> Frisco
+hat seine Launen wie jedes schöne Frauenzimmer. Es neckt und shakt und
+earthquakt auch manchmal ein bißchen; aber nur keine Angst! Man wird
+das hier bald gewohnt und schert sich schließlich den Deubel drum. Wir
+Amerikaner sind keine Angstmeier!«</p>
+
+<p>»Oho —,« fiel Ursemi schalkhaft ein, »ich bin und bleibe eine
+Deutsche, verstehst du, lieber Harry. Angst habe ich darum so wenig wie
+du, du Bramarbas!«</p>
+
+<p>Dann kam klein Edith und hinter ihm Brauni, das treue Hündchen.</p>
+
+<p>Onkel Kaspar mußte Brauni streicheln, sein Pfötchen schütteln und alle
+Kunststücke des struppigen Köters bewundern, mußte alle Spielsachen,
+die Edith anschleppte, feierlich in Empfang nehmen und ward gründlich
+beschäftigt.</p>
+
+<p>Bald waren Kaspar, Edith und Brauni ein<span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span> Herz und eine Seele und wurden
+immer unzertrennlicher.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Tage wurden schwüler, die Hitze lastete immer schwerer über der
+Riesenstadt und auch an dem sonst so bewegten Strande und auf der Bai
+war kein kühles Lüftchen zu spüren, obwohl es noch nicht Mitte April
+war.</p>
+
+<p>Tag und Nacht standen die Fenster offen, doch es half nichts. Schon am
+Morgen begann der Schweiß aus den Poren zu brechen.</p>
+
+<p>Unter diesen Umständen verschob man die Ausflüge in die herrliche
+Umgegend, vor allem ins paradiesische Yosemite Valley, auf frischere
+Tage; denn von einem Ritt auf den Mount Tamalpais und ins Mill Valley
+mit seiner einzigartigen Baumpracht vorsintflutlicher Redwoodriesen
+waren Harry und Kaspar wie gebadet zurückgekommen.</p>
+
+<p>Überdies hatte Harry gerade besonders viel auf seiner Bank zu tun, da
+neue gewaltige Unternehmungen vorbereitet wurden und dazu große Summen
+flüssig gemacht werden mußten.</p>
+
+<p>Doch auch in der nächsten Umgebung San Franciscos gab es genug Schönes
+zu sehen, insonderheit den wunderbaren Golden Gate Park, dessen
+weiträumige Anlagen, Haine, Seen und Tierparks die Energie der Bewohner
+erst vor kurzem<span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span> gleichsam aus dem Boden gestampft hatten.</p>
+
+<p>Mit Vorliebe stand Kaspar ganz früh auf — da war es noch leidlich
+kühl — und erging sich auf den jetzt so fruchtbar bewaldeten Hängen
+und üppigen Tälern des Parks, der noch vor wenig Jahren unfruchtbare
+Sanddüne gewesen war.</p>
+
+<p>Auch am Morgen des 18. April 1906 stand Kaspar um fünf Uhr auf und zog
+sich ruhig an, obwohl es draußen gerade heute besonders dunstig und
+schwül zu sein schien.</p>
+
+<p>Plötzlich hörte Kaspar den treuen Brauni, der jetzt meist schon früh
+vor seiner Tür lag und auf den Spaziergang wartete, laut aufheulen.</p>
+
+<p>Mitleidig sprang Kaspar zur Tür — da wars ihm, als stürze ihm diese
+entgegen. Ein dumpf dröhnendes Rollen quoll aus der Tiefe, ein
+furchtbarer Schlag, und mitten in das Zimmer, wo Kaspar noch eben
+gestanden, fiel krachend durchs Dach ein mächtiges Stück Schornstein
+herein.</p>
+
+<p>Kaspar stürzte auf dem Gang, den er mit einem Sprung erreicht hatte,
+lang hin, dann gellte sein Schrei in wilder Angst durchs Haus.</p>
+
+<p>Im Nu sprang er auf. Edith! war sein einziger Gedanke — hinab zu ihrem
+Zimmer! Er riß das sanft schlummernde Kind aus seinem Bettchen, während
+die Bonne schreiend erwachte und der getreue Brauni winselnd an ihm
+hochsprang, als wolle er zur Eile mahnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span></p>
+
+<p>Dann lief Kaspar an die Tür, hinter der die Eltern schliefen. Wie
+wahnsinnig schlug er mit der Faust dagegen und schrie: »Raus, raus,
+retten! Ich habe Edith!«</p>
+
+<p>Und davon stürzte er, einige schon geborstene und verbogene Treppen
+vorsichtiger nehmend, glücklich hinaus auf den Alamo Square, gefolgt
+von Brauni.</p>
+
+<p>Zitternd am ganzen Körper, setzte er das weinende Kind sanft auf den
+grünen Rasen, rief ihm zu: »Nicht weinen, Onkel kommt gleich wieder,
+hier Brauni kusch!«</p>
+
+<p>Und zurück hetzte er, auf das Palais zu, während von allen Seiten
+aus den wankenden, reißenden, hie und da schon aufflammenden Häusern
+halb wahnsinnige, schreiende Menschen, kaum mit dem Notdürftigsten
+bekleidet, herausstürzten.</p>
+
+<p>Der kleine Japaner Charly und der Nigger Samy waren die ersten, die ihm
+aus New-Reda entgegeneilten. Rasch wies Kaspar ihnen den Platz, wo das
+spielende Kind neben dem gerade schönmachenden Brauni schon wieder vor
+Vergnügen jauchzte; aber die beiden Farbigen grinsten nur spöttisch,
+winkten verächtlich ab und schossen mit allerlei verdächtigen Bündeln
+fröhlich davon, als begänne für sie ein großes Fest.</p>
+
+<p>Den Japaner Charly hat nie wieder jemand gesehen. Samy lag später
+mit bestialisch verzerrter<span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span> Fratze in der schmachvollen Reihe der
+erschossenen Plünderer.</p>
+
+<p>Auf den ersten Stufen der Treppe rannte Kaspar gegen die schreiende
+Zofe an. Die Bonne lag weiter oben ohnmächtig und blutend zwischen zwei
+Geländer gepreßt.</p>
+
+<p>Kaspar wollte sie emporziehen, losreißen, sie befreien, vergebens!
+Immer dichter und dichter schoben sich Holz, Bronze, Eisen und Teppiche
+um die Bewußtlose zusammen.</p>
+
+<p>»Ein Beil!« brüllte Kaspar; aber niemand hörte. Dann scheuchte ihn
+plötzlich die wilde Angst um Ursemi weiter hinauf.</p>
+
+<p>»Gott sei Dank!« da stieg Harry mit der Ohnmächtigen eilends die leise
+knirschenden Treppen hinab.</p>
+
+<p>»Paß auf,« schrie Kaspar, »hier ist ein tiefer Spalt, spring oder wirf
+sie mir zu!«</p>
+
+<p>Aber das war leichter gesagt als getan. Mit dem Fuß stieß Kaspar ein
+schon halb abgerissenes Bronzegeländer vollends los, warf es wie eine
+Brücke über den Spalt, und Harry glitt noch eben hinüber, kam freilich
+mit seiner Last zu Fall vor Kaspar, der Ursemi auffing und weitertrug.</p>
+
+<p>»Komm, das Kind ist draußen,« drängte Kaspar den Grafen, der sich
+leicht verletzt hatte und nachhumpelte.</p>
+
+<p>»Aber die Bonne hier, die laß ich nicht liegen!«<span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span> meinte Harry
+mitleidig, obwohl es über ihm immer unheimlicher krachte und schob.</p>
+
+<p>»Komm,« gellte Kaspars Schrei noch einmal flehend zurück, »nichts zu
+machen ohne Beil!«</p>
+
+<p>»Werden wir gleich haben,« sagte Harry mit kühlem Blut, während Kaspar
+mit Ursemi über der Schulter zur Tür hinauskeuchte.</p>
+
+<p>Neben das mit Brauni spielende Kind bettete er die bleiche Mutter, und
+klein Edith legte geheimnisvoll die Rechte an ihr Schnutchen, hob ein
+Fingerchen der Linken und sagte mit wichtigem Mienchen: »Mama slafe,
+slafe. Didith danz tille sein, Papa atta. Bauni tusch, tusch!«</p>
+
+<p>Und gehorsam legte sich die treue Hundeseele neben seine gestrenge
+Herrin und ließ das Zünglein behaglich hängen.</p>
+
+<p>Bald darauf neigte sich Palais New-Reda ein wenig vornüber und stürzte
+krachend zusammen.</p>
+
+<p>Unter seinen Trümmern fanden die tapferen Sappeure der Marine
+später die völlig zerquetschten Leichen der Bonne und des Grafen
+übereinandergepreßt.</p>
+
+<p>Krampfhaft umklammerte des tapferen Harrys Hand noch das Beil, mit dem
+er das arme Mädchen hatte befreien wollen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_395">[S. 395]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Furchtbare Stunden und Tage hatte Kaspar durchzumachen.</p>
+
+<p>Kaum war Ursemi von ihrer schweren Ohnmacht erwacht, so wollte sie auch
+in das Haus zurück. Als sie es schon gestürzt sah, brach sie mit einem
+entsetzlichen Aufschrei aufs neue zusammen, während das erschreckte
+Kind weinend davonzulaufen suchte.</p>
+
+<p>Die Zofe war erst wie blind davon gestürzt und hatte sich, selbst
+völlig verwirrt unter den vielen verwirrten Menschen, die sich bald wie
+eine führerlose Schafherde benahmen, scheinbar verloren. Später traf
+Kaspar sie dann wieder und konnte ihr wenigstens das Kind anvertrauen.</p>
+
+<p>Als jedoch gegen zehn Uhr der zweite, noch heftigere Stoß einen großen
+Teil der schon erschütterten Häuser vollends umkippte wie dünne
+Kartenhäuser, als die Erde sich spaltete, Pflaster und Schienen, Kabel
+und Röhren zerrissen, so daß Wasser und Gas allenthalben hervorstoben,
+als die Flammen von allen Seiten wie ein glühendes Meer heranwogten
+und rasten, da kostete es Kaspar unsägliche Mühe, die völlig ratlose
+Zofe bei sich zu behalten und mit ihr die in wilden Phantasien rasende
+Gräfin abzuhalten, ihr Kind zu ergreifen und irgendwohin in eines der
+brennenden Häuser zu stürzen.</p>
+
+<p>Und die langen, bangen Stunden schlichen dahin,<span class="pagenum" id="Seite_396">[S. 396]</span> Hunger und Durst
+meldeten sich. Kaspar fing irgendwo von einer noch rinnenden Leitung
+Wasser in sein Portemonnaie auf und gab dem weinenden Kinde, gab der
+Zofe und dem Hunde zu trinken, wusch Edith und sich ein wenig, füllte
+wieder und wieder, netzte von Zeit zu Zeit die lechzenden Lippen der
+fiebernden, bewußtlosen Mutter, legte ihr sein feuchtes Taschentuch
+auf die glühende Stirn, bettete ihr Haupt sanft auf seine Weste und
+deckte mit seiner Jacke notdürftig ihre zitternden Glieder. Denn sobald
+der Tag sich neigte, sobald an die Stelle der furchtbaren Schwüle eine
+merkliche Kühle trat, gebrach es an Kleidung. Auch die Zofe mußte ihre
+dünne Nachtjacke hergeben und klein Edith darin einhüllen.</p>
+
+<p>Als die Zofe jedoch weinend und stotternd erklärte: sie erfriere
+und müsse die Jacke anziehen, stand Kaspar ratlos auf und stahl im
+schützenden Dunkel der Nacht einem gutbekleideten Schlafenden eine
+Decke, hüllte das weinende Kind darein, nahm es liebkosend in seine
+Arme und buschte es ein.</p>
+
+<p>Eine furchtbare Nacht schlich dahin, bitter kalt und feucht.</p>
+
+<p>Böige Winde brausten daher, auch Regenschauer, die freilich dem
+Feuer nicht Einhalt tun konnten, im Gegenteil, es scheinbar heftiger
+anfachten.</p>
+
+<p>Tausende von Holzhäusern brannten in wenigen<span class="pagenum" id="Seite_397">[S. 397]</span> Stunden bis auf den
+letzten Rest nieder. Steinbauten stürzten laut krachend zusammen, und
+bei den riesigen Zementgebäuden lösten sich, nach und nach springend,
+die angepatzten Konkretmassen von den glühenden Eisenträgern und
+torkelten mit dumpfem Gepolter in die Tiefen oder über die zerrissenen
+Straßen.</p>
+
+<p>Es war ein schauerlich imposanter Anblick, die gewaltige, brennende
+Stadt ringsum, vor allem unten in der Tiefe.</p>
+
+<p>Aus dem noch immer wogenden Flammenmeer ragten die weiß, gelb und
+rot glühenden Eisengerüste, wie greuliche Skelette bläkend und
+zähnefletschend, in die Höhe; und wenn die Windsbraut ihnen heulend
+aufspielte, schien es Kaspar, als wären sie lebendig und tanzten einen
+wilden Cancan zwischen den lodernden Flammen, als würfen sie sich mit
+hohnlachendem Knattern und Knistern die Riesentrümmer wie Spielbälle
+zu. Ja, das höchste Gerippe hielt die kupferne glühende Kuppel der City
+Hall mit der Libertypuppe jauchzend empor wie eine glücklich erbeutete
+Krone.</p>
+
+<p>Und dazu das tückische Johlen und Beifallpfeifen des Sturmes, das
+wüste Toben der verzweifelten Menschheit, die gellenden Schreie der
+zahllosen Verwundeten, der hilflos Verschütteten, der Wahnsinnigen
+und Fiebernden, das blöde Wimmern oder wütende Fluchen derer, die
+in Minuten<span class="pagenum" id="Seite_398">[S. 398]</span> verloren, was sie in langen Jahren mühsam verdient und
+erschafft, die scharfen Schüsse zwischen Soldaten und Plünderern,
+und fern vom Strande dumpf donnernde Brandung wie das befriedigte
+Brummen eines gesättigten Raubtiers — wahrlich — das klang wie das
+schauerliche Mißkonzert einer infernalischen Nacht!</p>
+
+<p>Und dann graute der Tag. Die Sonne stieg empor — erst blutig rot
+vom Dunst und Qualm — dann hell strahlend und hart. Mit grausamer
+Genugtuung schien sie den furchtbaren Greuel der Verwüstung zu mustern,
+spöttisch das wirre bunte Lager der Hunderttausende auf den Squares und
+im Golden Gate-Park zu belachen.</p>
+
+<p>Mit Decken, Plaids und Laken, auf abgebrochene Stakete und Äste
+gespannt, hatten sich manche schon notdürftige Zelte errichtet; aber
+nur Dutzende unter Tausenden waren so glücklich, mehr gerettet zu haben
+als das nackte Leben und zwei oder drei Kleidungsstücke.</p>
+
+<p>Menschenliebe und Mitleid schafft das wirklich große Unglück nie, nur
+Roheit und Verbrechen! Man gab sich nicht nur nichts; man stahl sich
+noch das Wenige im Dunkel der Nacht; man stieg heimlich in die Trümmer
+zurück, um zu plündern, was man brauchte oder den Toten nicht gönnte.</p>
+
+<p>Auch der Hunger trieb die Menschen wie gierig lechzende Hyänen schon
+durch die Nacht, wie spürende<span class="pagenum" id="Seite_399">[S. 399]</span> Hunde nun am Tage. Anfangs hatte man
+über den aufregenden Ereignissen des Magens Knurren überhört, ihn dann
+mit dem ersten Besten, mit Früchten, Straßenabfall, Gras und Blättern,
+ein wenig hingehalten. Jetzt in der kalten Morgenluft meldete er sich
+wie ein reißendes Tier! Man stürmte die wenigen Läden, man raubte sich
+das Gestohlene und fiel sich mit Messern und Revolvern darum an, wie
+vor Hunger meuternde Matrosen eines verschlagenen Wracks.</p>
+
+<p>Jede Ordnung war dahin; keine Autorität galt mehr, und die stolze,
+selbstbewußte Freiheit der Republikaner schlug rasch in die Willkür
+rücksichtsloser Piraten um. Auch die Achtung vorm Weibe, eine der
+tiefsten und edelsten Tugenden der Amerikaner, ging zeitweise im
+Strudel des bestialischen Selbsterhaltungstriebes unter.</p>
+
+<p>Erst am Tage darauf ließ die Wildheit und Roheit nach, und die besseren
+altruistischen Gefühle siegten hier und da über den eingebornen
+Egoismus.</p>
+
+<p>Der Hunger und der Durst machte nach und nach auch die zügellosesten
+Burschen zahm, und gerade von unten herauf begann die Ordnung zu siegen
+vermöge der drängenden Sehnsucht nach dem Leben.</p>
+
+<p>Allgemach begann man systematisch ans Werk der Rettung zu gehen. Führer
+fanden sich und wurden<span class="pagenum" id="Seite_400">[S. 400]</span> anstandslos anerkannt, wenn sie sich in den
+Dienst des allgemeinen Wohls stellten.</p>
+
+<p>Die erste Sorge galt dem Eindämmen des Feuers. Rasch angerückte
+Soldaten unter entschlossenen Offizieren kämpften wie Helden gegen das
+anfangs nur in sechzehn, dann in Hunderten verschiedener Quartiere
+rasende Feuer, das rasch sich vereinigte und unaufhaltsam weiterfraß.
+Wasser war nicht zur Stelle, die Leitungen waren geplatzt und
+zerrissen, das Meer zu weit.</p>
+
+<p>Man begann mit Dynamit zu sprengen und ganze Straßen niederzulegen, und
+so mischte sich ein neues derbes Instrument in das wilde Höllenkonzert
+des untergehenden San Francisco.</p>
+
+<p>Auch die Ernährungsfrage ward einigermaßen geregelt. Etwaige Vorräte
+wurden gesperrt und gestapelt, Diebe überwältigt, Eßwarengeschäfte
+und Bäckereien mit Wachen besetzt und dann ordnungsgemäße Brotreihen
+gebildet, in die auch Kaspar als Bettler für seine kranke Freundin, für
+das Kind und für sich mehrfach eintreten mußte, da die Rationen nur
+klein waren.</p>
+
+<p>An der endlosen Reihe der Hungrigen zogen oft ganze Wagen voll
+schreiender, wimmernder Schwerverletzter vorüber. Schrecklich
+verstümmelte und blutig zerquetschte Glieder hingen kraftlos herab und
+heraus oder zuckten wie im letzten Todeskampf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_401">[S. 401]</span></p>
+
+<p>Man rettete und flüchtete die Verwundeten aus den bedrohten Lazaretten
+vor den unwiderstehlich heranwogenden Flammen, die freilich oft
+schneller waren als Menschenhilfe.</p>
+
+<p>Zu Dutzenden mußten beherzte Ärzte allzu schwer Verwundete und nicht
+mehr zu Rettende, darunter manche Kinder, mit Chloroform betäuben, um
+die Wehrlosen so vor den Qualen des gräßlichen Feuertodes zu bewahren.
+Bei vielen jedoch war die Narkose umsonst, und gellend hallten die
+fürchterlichen Entsetzensschreie der hilflos Verlassenen aus den
+unbarmherzig fressenden Flammen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Kaspar war es ein Trost, daß die schwerkranke Ursemi all den grausen
+Jammer nicht mit anhören und ansehen mußte. Schon um den Verstand der
+noch immer stotternden Zofe sorgte er bisweilen, denn es wurden immer
+wieder neue Unglückliche wahnsinnig, und Wahnsinn steckt an.</p>
+
+<p>Klein Edith dagegen spielte mit andern Kindern fröhlich, ja ausgelassen
+und fragte nur öfters: warum die Mama so lange schliefe und Papa gar
+nicht wiederkäme.</p>
+
+<p>Nachdem Ursemi, die zeitweise wieder zu sich kam, mehrfach vergeblich
+Auskunft über das Ende ihres Mannes erfleht hatte, verfiel sie gänzlich
+in Apathie und Delirien, und am fünften Tage überließ<span class="pagenum" id="Seite_402">[S. 402]</span> sie Kaspar der
+Zofe und einigen mitleidigen Nachbarn und ging aus, um Hilfe zu holen.</p>
+
+<p>In dem fliegenden Lazarett wollte man die Kranke nicht aufnehmen, da
+die Verwundeten vorgingen.</p>
+
+<p>Zum Glück wußte die Zofe die Adresse eines jungen deutschen
+Bankbeamten, eines Herrn Borchardt, der mit seiner Frau draußen im
+Sunset District an der Ocean Beach wohnen sollte. Vielleicht hatte
+dort draußen in den kleinen Holzhäusern auf dem weichen Dünensande das
+Erdbeben nicht so gewütet. Und richtig, als Kaspar, durch das wüste
+Feldlager des Golden Gate Parks eilend, hinabgelangte, sah er die
+lieblichen Häuschen unversehrt in ihren bescheidenen Gärtchen stehen.</p>
+
+<p>Nach allerlei Fragen fand er die junge Frau Borchardt, die Kaspar
+mitteilte: ihr Mann sei jetzt Tag und Nacht auf der Bank, sie sei aber
+gern bereit, die Kranke aufzunehmen. Hinten im Garten stände ihre erste
+Wohnung leer, freilich nur ein zweiräumiges kleines Holzhüttchen — sie
+nannte es Puppenheim — da wolle sie zurechtmachen.</p>
+
+<p>Kaspar dankte mit Tränen in den Augen und jagte zurück zum Alamo Square.</p>
+
+<p>Aber wie die Kranke über den hohen Hügel und durch den weiten Park nach
+den Dünen transportieren?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_403">[S. 403]</span></p>
+
+<p>Herr Borchardt mußte eben helfen, ein anderer tats jetzt schwerlich
+oder nur für vieles Geld, und Kaspars Scheckbücher lagen unter den
+Trümmern.</p>
+
+<p>Nicht einmal die Uhr, nur das fast leere Portemonnaie und den kleinen
+Kompaß Gottfried Kämpfers hatte er gerettet von seinen wenigen Schätzen.</p>
+
+<p>Durch die brennende, mit Trümmern übersäte Stadt nach der Bank zu
+kommen hielt sehr schwer.</p>
+
+<p>Überall sperrten Schuttmassen, heißes Eisengestänge oder glimmende
+Holzbarrikaden die Straßen.</p>
+
+<p>In den wichtigeren Straßen mußte alles aufräumen helfen. Mit
+Gewehrkolben, Gummiknüppeln und oft auch mit vorgehaltenen Revolvern
+zwangen Soldaten und Policemen alle Männer zur Mitarbeit. Auch Kaspar
+mußte heran, arbeitete in Verzweiflung mit, stahl sich aber dann
+heimlich davon.</p>
+
+<p>An der Van Neß-Street tobte der Kampf gegen das Feuer am wildesten.
+Hier, an dieser breiten Verkehrsader, hoffte man endlich die noch immer
+unbesiegten Flammen zum Stehen zu bringen.</p>
+
+<p>Streng waren überall die Verbote, auf offener Straße zur Bereitung von
+Lebensmitteln Feuer zu machen; am strengsten und rücksichtslosesten
+wurden sie hier, an dieser gefährlichen Stelle, von den fast zu Tode
+erschöpften, vielfach nervös überreizten Soldaten gehandhabt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_404">[S. 404]</span></p>
+
+<p>Da sah Kaspar, wie ein roher Söldner nach dreimaligem Verbot eine
+arme, tapfere Mutter erschoß, die ein Töpfchen Milch für ihr fast
+verdurstetes Baby doch auf einem schnell gestohlenen Feuerchen warm
+machen wollte und sich nicht warnen ließ. Als die Ärmste, über
+Feuer und Kindchen stürzend, lang hinschlug, sprang Kaspar, seiner
+Sinne nicht mehr mächtig, wie rasend auf den Soldaten zu; aber ein
+Gummiknüttel schlug ihn von hinten zu Boden. Man ließ ihn liegen wie
+ein verendetes Stück Vieh.</p>
+
+<p>Nach Stunden erwachte er. Der Abend sank zum fünften Male herab seit
+dem furchtbaren Morgen des 18. April.</p>
+
+<p>Mit hämmernden Schläfen richtete sich Kaspar mühsam auf und schlich
+sich davon, hinten herum, durch Quartiere kleiner Leute, nach der Bank.</p>
+
+<p>Ihr Prachtbau stand noch zum größten Teile wie auch die Staatsgebäude,
+zum Beispiel die nahe Post und die Münze, da sie aus soliden
+Steinquadern gefügt und nicht wie die Graftgebäude der Stadtbetrüger
+und Spekulanten aus billigen Konkretmassen und Eisen zusammengepappt
+waren.</p>
+
+<p>Das mächtige Prunkportal der Bank, ein wenig verschoben, stand offen;
+die vornehmen Offices leer, kein Mensch war zu sehen, auch nicht der
+sonst übliche Patrolmann.</p>
+
+<p>Kaspar stieg vorsichtig lugend in den Keller<span class="pagenum" id="Seite_405">[S. 405]</span> hinab, aus dem etwas
+schimmerte wie Fackel- oder Laternenlicht. Kaum war er einige Stufen
+hinab, da rief eine scharfe, militärisch klingende Stimme auf englisch:
+»Hände hoch oder ich schieße!«</p>
+
+<p>Kaspar stand wie vom Blitze gerührt, dann rief er zurück: »Gut Freund,
+suche Mr. Borchardt.«</p>
+
+<p>Lachend kam nun aus dem Kellerdunkel eine deutsche Stimme: »Hallo,
+Landsmann, was wollen Sie?«</p>
+
+<p>Und aus respektvoller Entfernung stand Kaspar Rede und Antwort, denn
+jetzt sah er vor sich im Dunkel einige Leichen liegen.</p>
+
+<p>Es waren weiße und farbige Plünderer, die von den drei tapferen
+deutschen Beamten, die hier die Millionen ihrer amerikanischen Herren
+treulich bewachten, erschossen waren.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am sechsten Tage endlich gelang es Kaspar mit Hilfe des redlichen
+Borchardt, irgendwo eine gebrechliche Karre aufzutreiben und auf ihr
+die arme, totkranke Gräfin nach Puppenheim zu schaffen.</p>
+
+<p>Es war ein seltsamer Zug — anders als kurz zuvor im stolzen Automobil.</p>
+
+<p>Mitten durch das endlose Zeltlager des Golden Gate Park, aus dem schon
+wieder Gesang<span class="pagenum" id="Seite_406">[S. 406]</span> und lustiges Geschrei ertönte, ging die stille, langsame
+Fahrt.</p>
+
+<p>Malerische Gruppen lagen rauchend und kartenspielend ringsum.</p>
+
+<p>Dort schacherte schon wieder ein jüdischer Handelsmann, hier ein
+Italiener mit allerlei Dingen, zu denen sie vielleicht kein großes oder
+gar kein Anlagekapital gebraucht hatten.</p>
+
+<p>Ausgelassene Kinder tobten, sich fangend und zankend, wild umher.</p>
+
+<p>Alte Frauen schimpften laut aufeinander; kichernde Gruppen junger
+Mädchen, die sich untergefaßt hatten, erzählten sich die drolligsten
+und pikantesten Kostümgeschichten von der großen Flucht.</p>
+
+<p>Am Ausgang auf der breiten Sportwiese spielten sogar einige junge
+Gentlemen ein regelrechtes Baseballgame, und sie spielten wie immer mit
+großer Präzision, als hätte die Erde nie gebebt.</p>
+
+<p>Mitten durch all das bunte Leben und Treiben fuhr Herr Borchardt
+langsam und vorsichtig die auf dem kurzen Wagen schlecht gebettete
+Kranke, deren Füße herabhängen mußten.</p>
+
+<p>Kaspar bewahrte die halbtote Jugendfreundin liebevoll vor dem
+Herabgleiten und sah mit Bangen der Stunde entgegen, in der auch das
+letzte Leben aus diesem abgezehrten, vom Fieber verwüsteten Körper
+entfliehen würde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_407">[S. 407]</span></p>
+
+<p>Hinter dem Wagen schritt die bleiche Zofe, noch immer nur dürftig
+bekleidet, und trug oder führte die kleine Edith, die nur Augen für den
+lustig bellenden Brauni hatte, dem einzelne Buben und Männer Schalen
+und Kiefernzapfen nachwarfen oder ihm neckend nachblafften.</p>
+
+<p>Endlich war der lange Weg überwunden, und mit rührender Sorgfalt
+nahm sich Frau Borchardt der Kranken an, der sie ihr eigenes Bett
+aufgeschlagen hatte.</p>
+
+<p>Mit stummem Kopfschütteln verabschiedete sich der junge deutsche
+Buchhalter von der Frau seines toten Chefs und eilte zu seinem harten
+Dienst ins Bankgewölbe zurück.</p>
+
+<p>Millionen ruhten dort, hinter der Riesentrommel der vielfach
+gepanzerten Hauptdepositenkasse; aber keiner vermochte sie zu öffnen.
+Denn die das Geheimnis kannten, waren tot, und so mußten schließlich
+nach etlichen Wochen die treuen Wächter selbst zu Einbrechern werden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Kaum war Ursemi leidlich geborgen, so brachen Kaspars Kräfte plötzlich
+und völlig zusammen.</p>
+
+<p>Ein tiefer Schlaf schuf ihm jedoch neue Energie, und so wechselte er
+mit Frau Borchardt in Pflege und Wache am Bette Ursemis ab.</p>
+
+<p>Ein rasch herbeigeholter deutscher Arzt gab<span class="pagenum" id="Seite_408">[S. 408]</span> wenig Hoffnung. Das
+Bewußtsein kehrte nur selten und dann nur auf wenige Augenblicke
+zurück; das Fieber ließ nicht nach, und das letzte Flämmchen des arg
+bedrängten Lebens drohte zu verlöschen.</p>
+
+<p>Der Arzt machte schließlich ein ernstes Gesicht, schüttelte den Kopf
+und zuckte stumm mit den Achseln.</p>
+
+<p>Da stürzte Kaspar verzweifelt hinaus in das nahe Zederngestrüpp des
+Parks, warf sich in den gelben Dünensand, nahm sein Antlitz in beide
+Hände und bat Gott unter heißen Tränen: er möge ihm nicht das Letzte
+und Liebste nehmen, was ihm die Erde noch trug.</p>
+
+<p>Dann aber schoß ihm der Gedanke durch die Seele: Hast du nicht oft
+genug dir gesagt: Gott ist viel zu groß für menschliche Bitten?
+Selbstlos gilt es ihm dienen, an ihn glauben, ihn lieben, auf ihn
+hoffen — trotz allem — aber nichts von ihm erwarten!</p>
+
+<p>Und Kaspar schwieg und gab sich — in unsagbarem Weh verzichtend auf
+alles — in Gottes Hand.</p>
+
+<p>Eine bange Stunde und länger schritt er dann, in trübe Gedanken
+verloren, am Strande des lieblichen, stillen Ozeans entlang. Eine
+leichte Brise fächelte, ihm Kühlung spendend, die heiße Stirn.</p>
+
+<p>Vor ihm lagen die noch qualmenden Trümmer<span class="pagenum" id="Seite_409">[S. 409]</span> des ehedem so herrlich
+stolzen Cliffhauses, ein jammervoller Anblick.</p>
+
+<p>Links seitwärts in der See ragten einsam und leer die Felsen der
+Seelöwen, die von den San Franciscanern früher gern gefüttert worden
+waren. Laut aufheulend hatten sich die klugen Tiere ins Meer gestürzt,
+als sie das geliebte Cliffhouse in Flammen aufgehen sahen, und waren
+seitdem verschwunden.</p>
+
+<p>Nachdenklich stand Kaspar auf einer Düne und schaute über die
+spiegelglatte, blaue Flut.</p>
+
+<p>Die Sonne stand funkelnd im Zenith, klar lag der Horizont. Totenstille
+oder Frieden?</p>
+
+<p>Und Kaspar dünkte, als habe das greuliche Untier da draußen seine
+Krallen und seine Polypenarme eingezogen und schlummere wieder
+behaglich in der Tiefe wie ein gesättigter Drache.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als Kaspar in die armselige Bretterbude trat, die nun der Erbin so
+vieler Millionen wie ihm, dem armen Missionskinde, als einzige Zuflucht
+geblieben war, fand er Ursemi, still und matt, mit offenen Augen
+daliegen.</p>
+
+<p>Es schien zu Ende zu gehen. Doch war die Kranke jetzt klar bei
+Bewußtsein, denn sie sprach leise und innig zu Kaspar: »Also du bist
+doch bei mir, Lieber — komm her, daß ich dir noch einmal<span class="pagenum" id="Seite_410">[S. 410]</span> vorm
+Scheiden danke für all das, was du mir gewesen in diesem Leben. Kaspar,
+sei, was du mir warst, auch dem Kinde; verlaß es nie, erzieh es zu
+deiner Redlichkeit und Wahrheit.«</p>
+
+<p>Kaspar beugte seine Knie, neigte schluchzend sein Haupt, und Ursemi
+tastete selig danach, küßte es mit den bleichen Lippen und hauchte:
+»Ich hab dich lieb gehabt, so lieb!«</p>
+
+<p>Dann schloß sie die Augen von neuem, und ein glückseliges Lächeln
+spielte auf ihren friedlichen Mienen. Sie schlief ruhig wie nie zuvor.</p>
+
+<p>Vorsichtig erhob sich Kaspar und schlich sich auf den Zehen leise
+hinaus, um sich draußen laut auszuweinen.</p>
+
+<p>Dann suchte er Edith, die im Dünensande mit Nachbarskindern spielte,
+und führte das Kind an das Bett der Mutter. Es war vergebens. Die
+Gräfin erwachte nicht wieder.</p>
+
+<p>Als der rote Sonnenball in die Fluten des Stillen Ozeans tauchte, tat
+Ursemi ihren letzten, leichten Atemzug.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_411">[S. 411]</span></p>
+
+<h3 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel_2">Zehntes Kapitel<br>
+<span class="s4"><b>Heimkehr</b></span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Tag für Tag fürchtete Kaspar Krumbholtz, er würde über all dem
+Entsetzlichen, was ihm diese und die folgenden Wochen brachten,
+zusammenbrechen; aber der einzige Gedanke, daß er für Edith zu sorgen
+und einzustehen habe, hielt ihn immer wieder aufrecht.</p>
+
+<p>Die entseelten Hüllen der Eltern zu bergen und schließlich in die
+Heimat zu senden, machte unter den obwaltenden Umständen große
+Schwierigkeiten, zumal es Kaspar erst völlig an Mitteln fehlte. Die
+Bank konnte nichts spenden, bis der Tresor nach Erlaubnis einiger
+versprengter Direktoren und der Behörden erbrochen werden durfte. Herr
+Borchardt konnte selbst kaum etwas entbehren, denn er mußte schon für
+den gesamten Unterhalt der fünf Personen aufzukommen suchen, und das
+war bei der Teuerung und dem Mangel an den einfachsten Lebensmitteln
+durchaus nicht leicht.</p>
+
+<p>In der äußersten Not traf <span class="antiqua">Dr.</span> Sebalt mit einem Dampfer von
+Hawai ein und fand nach<span class="pagenum" id="Seite_412">[S. 412]</span> einiger Mühe den alten Jugendgefährten in dem
+kleinen Bretterhäuschen.</p>
+
+<p>Es war ein trübes, bewegtes Wiedersehen. Auch der lebensfrohe Sebalt
+konnte sich der Tränen nicht erwehren, als er alles vernommen; doch mit
+gewohnter Entschlossenheit und mit reichen Mitteln sprang er sofort dem
+Freunde bei, besorgte die schwierigen Verhandlungen mit den Behörden
+und ermöglichte die Heimreise.</p>
+
+<p>Am liebsten hätte er Kaspar und klein Edith begleitet, aber er mußte
+auf Frau und Kinder warten, die noch in Hawai zurückgeblieben waren, da
+es dort einen großen Haushalt aufzulösen galt.</p>
+
+<p>Sebalt hatte einen Ruf an die Leipziger Universität als Nachfolger
+seines nach Berlin übersiedelnden Ordinarius erhalten und schließlich
+angenommen — »der Kinder wegen«, wie er betonte.</p>
+
+<p>»Die Erziehung im lieben Deutschland kann mir keine noch so gute
+amerikanische Schule ersetzen«, meinte Sebalt nachdenklicher, als es
+wohl früher seine Art war, und Kaspar stimmte ihm freudig bei, indem er
+hinzufügte: »Wenigstens, wenn deine Buben Deutsche werden sollen und
+keine Amerikaner!«</p>
+
+<p>»Das sollen sie auch,« erwiderte Sebalt sehr bestimmt, »denn sie
+könnten sonst nur Halbamerikaner werden, und das wäre schlimm, wie<span class="pagenum" id="Seite_413">[S. 413]</span>
+alles Halbe! Nein, mein alter Junge, seit ich Vater geworden, denke ich
+ein wenig anders über das alles. Ich habe mir nun endlich den nötigen
+Witz gekauft! Es hat ja lang gedauert und manche Torheit gekostet;
+aber ich wünsche doch, daß meine Bengels denselben oder wenigstens
+einen ähnlichen Weg spazieren, also etwa von Bethel nach Hawai! Darum
+will ich sie in einigen Jahren eben nach Bethel oder sonstwohin in ein
+solides deutsches Pennal bringen, wo man auch noch zu erziehen und
+nicht nur zu pauken versteht.«</p>
+
+<p>»Später gibst du sie mir,« sagte Kaspar zuversichtlich, »denn die
+Winkler-Stiftung wird nun wirklich ans Werk gehen. Ja, staune nur,
+Alterchen, ich selber will in ihren Dienst treten, wenn sie mich
+brauchen kann. Auch ich weiß endlich wie du, woran ich mit mir bin.
+Gott hat mein Leben hart geführt, er hat mich nach und nach von so
+vielem losgelöst, daß ich denken muß, er hat mir Aufgaben vorbehalten,
+die einen Mann so völlig ausfüllen sollen, daß er darüber seine
+Einsamkeit und das gemeine Glück des Alltagslebens vergißt.«</p>
+
+<p>Sebalt maß den Freund mit besorgten Blicken, dann sagte er ernst: »Du
+solltest Kinder haben, Kaspar — das bewahrt vor Schrullen und vorm
+Altern.«</p>
+
+<p>»Ich werde Kinder haben — zu Hunderten und Tausenden — mit ihnen
+will ich jung bleiben,<span class="pagenum" id="Seite_414">[S. 414]</span> ihnen will ich zahlen, was ich andern schuldig
+wurde. Mit klein Edith fang ich an. Ich freue mich auf den Tag, an
+dem sie den Grundstein legt zum ersten Bau der Winkler-Stiftung. Dann
+darfst du nicht fehlen, Hans. Und paß auf, wenn das Kind fröhlich und
+zuversichtlich auf guten Redaer Granit klopft, dann wird auch der Segen
+nicht ausbleiben. Das Kind wird ernten, was seine Eltern, was sein
+Großvater Wilhelm Winkler gesät haben.«</p>
+
+<p>»Wilhelm Winkler!« feierlich wiederholte Sebalt den Namen und fuhr
+dann wie in Gedanken versunken fort, »ein kluger Menschenkenner und
+ein kühner Rechner! Sein Mut hat mich gerettet, Kaspar. Er wußte ganz
+genau, daß er mich mit dem freien Kapital an den Abgrund stellte, aber
+nur dadurch machte er mich mit der Zeit auch schwindelfrei. An der
+Leine des Lehrers lernt die Sorte Sebalt nicht schwimmen, nur im freien
+Meer, im Angesicht der steten Gefahr zu ertrinken.«</p>
+
+<p>»Eines ziemt sich nicht für alle,« erwiderte Kaspar. »Mir schrieb Vater
+Winkler ein anderes Rezept, aber es hat auch geholfen. Ehre seinem
+Andenken. In seinem Geiste wollen wir andere erziehen, das wird ihm
+sicher der liebste Dank sein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_415">[S. 415]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mit stiller Wehmut fuhr Kaspar durch das weiträumige Amerika mit Edith
+und Brauni zurück nach Neuyork.</p>
+
+<p>Das treue Hundchen, in dem Kaspar seinen Lebensretter sah, war
+eigentlich eine bessere Kinderwärterin als die noch immer ein wenig
+verstörte Zofe, die das Stottern nie wieder ganz verlor und trotzdem an
+San Francisco hing wie eine Katze an ihrem Haus. Sebalt entschädigte
+das arme Mädchen reichlich und verschaffte ihr eine neue Stellung.</p>
+
+<p>In Neuyork holte der alte, tiefgebeugte Graf Brosyn seine Enkelin und
+ihren Pflegevater ab und reiste mit ihnen über den Ozean nach Hamburg,
+wo sie Frau Winkler mit der treuen Dente erwartete.</p>
+
+<p>Auf Bitten des Großvaters siedelten alle nach Schloß Schlockendorff
+über, wo es freilich klein Edith zunächst gar nicht gefallen wollte.
+Sie sehnte sich nach dem Bretterhäuschen und den Dünen am Strande des
+Stillen Ozeans oft zurück, bis Großmama, die nun über neuen Sorgen
+wieder auch neue Lebenskraft fand, mit ihr, Tante Dente und dem
+unentbehrlichen Brauni für einige Wochen an die Nordsee ging.</p>
+
+<p>Da söhnte sich Edith mit Deutschland aus und vergaß nach und nach das
+Land ihrer Sehnsucht und ihrer Jugendheimat. Nur im Grunde ihrer Seele<span class="pagenum" id="Seite_416">[S. 416]</span>
+spiegelte sich dann und wann ein still leuchtendes Idealbild von beidem.</p>
+
+<p>Kaspar fand überreichliche Arbeit nach seiner Rückkehr, doch eine
+Arbeit, die ihn innerlich völlig ausfüllte, ihn so zufrieden, ja stolz
+machte, wie nie zuvor irgendeine Arbeit seines Lebens.</p>
+
+<p>Er reifte nach und nach zum Vertrauensmann des Kuratoriums, dessen
+Ehrenpräsident nun der alte Graf Brosyn ward.</p>
+
+<p>Seit Harrys furchtbarem Ende hatte der Greis keine Freude mehr an
+seinem gewaltigen Bergwerksbesitz. Er verwandelte die Gruben in
+Aktiengesellschaften und vergrößerte dafür den Landbesitz fast um das
+Doppelte. Trotzdem konnte er der Stiftung zu Ehren seines Sohnes noch
+einige Millionen und ein herrlich gelegenes Gut mit stillen Seen und
+Forsten schenken, in denen nun nach dem Muster amerikanischer Colleges
+die Anstalten der Stiftung nach und nach erbaut werden sollten.</p>
+
+<p>Der Geist freilich sollte der deutsche sein, deutsch in seinem
+langsamen Werden und endlosen Streben, in seinem unermüdlichen Suchen
+und redlichen Prüfen, deutsch in seiner gerechten Würdigung fremder
+Vorzüge, aber frei von würdeloser und gefährlicher Überschätzung
+derselben, deutsch vor allem in seinem zuversichtlichen Glauben an
+die verklärende Schönheit und unverlöschliche Kraft<span class="pagenum" id="Seite_417">[S. 417]</span> des göttlichen
+Funkens, der in jeder Menschenseele glimmt, der zu wilden verzehrenden
+Flammen auflodern, aber auch zu stillen, wärmenden Herdfeuern angefacht
+werden kann.</p>
+
+<p>In Kaspar brannte ein solches Feuer seit den düstren kalifornischen
+Erlebnissen mit gleichmäßiger Glut.</p>
+
+<p>Er grübelte diesmal nicht wieder, wie das letzte Mal bei Carinas
+Verlust, darüber nach, warum ihn Gott bis in die tiefsten Tiefen des
+Leids hinabgestoßen hatte. Er hatte sein Geschick nun vertrauensvoll in
+Gottes Hand gelegt, ihm überließ er die Verantwortung für Ursachen und
+Wirkungen, die er im voraus doch nicht ergründen konnte.</p>
+
+<p>Mit der Zeit war ihm allerlei davon doch klar geworden, und so wartete
+er der weiteren inneren und äußeren Lösungen mit Geduld und ruhiger
+Zuversicht. Das gab seiner Arbeit neue Kraft, das tröstete ihn über so
+mancherlei Unzulänglichkeit, das verhalf ihm schließlich dazu, sich
+seiner eigentlichen Mission immer klarer und fester bewußt zu werden.</p>
+
+<p>Zunächst konnte er sie nicht erfüllen, wie er wohl mochte. Vorerst
+hatte er mit den Vorbereitungen über und über zu tun, nicht nur mit den
+Plänen der ersten Heime und des Lehrinstituts; sondern es galt auch
+den zukünftigen Schülern im Verein mit Volpelius und den Kuratoren,
+tüchtige Erzieher und<span class="pagenum" id="Seite_418">[S. 418]</span> Lehrer zu suchen. Gut Ding will Weile haben, und
+Kaspar hatte gelernt, auf das Reifen zu warten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Doch endlich kam der Tag, an dem klein Edith zum silbernen Hämmerchen
+greifen durfte, ein Tag froher Hoffnungen und wehmütigen Gedenkens, ein
+Tag, der viel gute und redliche Menschen in Sehnsucht und Zuversicht
+verband und alte Freunde zu neuer Arbeit zusammenführte.</p>
+
+<p>Da standen der alte Graf Brosyn, der väterliche Volpelius und seine
+Kuratoren in einem erlauchten Kreise von Gästen und Gönnern, von
+Männern der Theorien und Gedanken wie des praktischen Lebens.</p>
+
+<p>Um sie scharte sich eine stattliche Reihe junger Dozenten, die es wagen
+wollen, den Unterricht an der aufstrebenden Generation auch in Fächern
+zu übernehmen, die bisher im üblichen Lehrplan zu kurz kamen oder ganz
+fehlten.</p>
+
+<p>So wird zum Beispiel einer der Leipziger »Enterbten«, der ehemalige
+Generalsekretär der unterdessen aufgelösten nationalsozialen Partei,
+den jungen Bürgern und vielleicht späteren Führern beizeiten zu
+einer politischen Bildung verhelfen, die ihnen ein Verständnis und
+eine Orientierung über die wichtigsten Zeitfragen, Staats- und
+Wirtschaftsprobleme wie über die Parteiverhältnisse ermöglicht,<span class="pagenum" id="Seite_419">[S. 419]</span> ehe
+sie sich selbst entscheiden und betätigen. Und ein andrer aus der
+»Moravenrunde«, der vielgetreue Waisenvater, will Wirtschafts- und
+Haushaltstechnik, Buchführung und Bankverkehr, Gesetzeskunde und
+allerlei praktische Dinge den Zöglingen der Winklerstiftung lehren; ein
+dritter sie in die Literatur der jüngsten Vergangenheit einführen. Der
+Stiftsgärtner wird ihnen Anleitung zu Obst- und Gartenbau geben, und
+der Hausarzt ihnen Aufklärung über allerlei Geheimnisse und Gefahren
+erteilen, denen tagtäglich Tausende und Abertausende aus Neugier und
+Unwissenheit zum Opfer fallen. Für das alte Ziel jeder Schule, für
+das Leben, will diese neue Privatschule bewußter als die Staatsschule
+vorbereiten.</p>
+
+<p>Mit den Lehrern Hand in Hand sollen Erzieher an den jungen Leuten
+arbeiten, die sich ihrer gewaltigen Verantwortung voll bewußt sind und
+wissen, was es mit der so schwierigen Heranbildung selbständiger und
+harmonischer Persönlichkeiten auf sich hat. Jugendfrische Idealisten
+haben sich genug gemeldet, doch fehlt es zum Glück auch nicht an
+solchen, die ihr Lehrgeld längst und reichlich bezahlt haben in
+schweren Lebens- und Schulerfahrungen und doch den goldnen Mut und das
+Hoffen aufs Morgen nicht einbüßten.</p>
+
+<p>Mit Kaspar Krumbholtz, dem zukünftigen Verwalter des Wilhelminum,
+<span class="pagenum" id="Seite_420">[S. 420]</span>disputierten eifrigst L<sup>3</sup>, der über dem vielen Ärger mit Bruder
+Balzer ein wenig schlanker geworden ist, und Bruder Bartel, der den
+Unitätdienst nach heißen inneren Kämpfen auch verlassen hat.</p>
+
+<p>Neben der tapferen, unternehmungslustigen Dente, die auf ihre alten
+Tage noch beabsichtigt, Harrys Stiftung, das Ursulanum, einzurichten,
+ragte ein stattlicher Kavalier, der sich seinen mächtigen Schnurrbart
+gar grimmig strich, und dem doch eine unbezwingliche Güte verräterisch
+aus den Augen strahlte, es war der Hessenhüne Thilo Kratt, der unlängst
+mit seinem Landschulheim Spekulanten zum Opfer fiel und nun wieder
+der Kollege von »Mister Kobolz« werden will. Er ist zum Hausvater des
+Henricum ausersehen.</p>
+
+<p>Auch Gottfried Kämpfer ist erschienen; aber zu Kaspars Leidwesen nur
+als flüchtiger Gast. Er wolle seinem lieben Kronprinzen in den Sattel
+helfen, wie er launig meint, und hoffe bald den ersten Feldzugsbericht
+über die Eroberung des neuen Königreichs zu schreiben. Werber Kaspar
+hat ihm hart zugesetzt, aber vergeblich. Mit allerlei lustigen Scherzen
+suchte Gottfried Kämpfer seine Weigerung freundlich zu bemänteln; erst
+als Kaspar ihn aufs Gewissen fragte, sagte der Freund ernst: »Ich
+möchte mir ebenso getreu bleiben wie du, Kaspar. Jeder nach seinen
+Gaben und an der für ihn richtigen Stelle. Ich bin<span class="pagenum" id="Seite_421">[S. 421]</span> dort unter dem
+›Federvieh‹ trotz meiner lahmen Flügel noch ganz gut am Platz, hier bei
+euch Männern der Tat wäre ich ein Stümper. Also laß mich, mein Junge.
+Wir können nicht alle gleich handeln. Es muß sicherlich einige geben,
+die denken und schreiben, wie man handeln soll. Übrigens — auch mit
+der Feder kann man Taten tun und Schlachten schlagen.«</p>
+
+<p>Aus einer andern Gruppe hörte man Professor Sebalts helle Stimme. Er
+erzählte Frau Winkler von den Streichen seiner Zwillinge und neckte
+sich mit der ungeduldigen Edith, die der Großmama zusetzte und meinte:
+Großpapa solle nun endlich anfangen, sonst vergäße sie Tante Dentes
+Sprüchel.</p>
+
+<p>Großpapa Brosyn hatte in der Tat bald ein Einsehen und schritt mit der
+wehmütig bewegten Frau Winkler am Arm den drei Grundsteinen zu.</p>
+
+<p>Onkel Kaspar führte sein Pflegekind, das sein Hämmerchen wichtig hin
+und her schwenkte.</p>
+
+<p>Zuerst ging es zum Platz des ersten Neubaus, der am Waldrand im Schutze
+mächtiger Fichten erstehen sollte.</p>
+
+<p>Ehrfurchtsvolle Stille herrschte ringsum, als der ehrwürdige Graf
+mit tiefem Ernst und leisem Beben der Stimme die Worte sprach: »Dem
+Andenken meines Sohnes seist du geweiht, Haus und Heim kräftiger
+Mannesjugend: Henricum seist du genannt — trage diesen Namen als das
+letzte Vermächtnis<span class="pagenum" id="Seite_422">[S. 422]</span> eines edlen, nun zur Rüste gehenden Geschlechts,
+das deutschem Wesen an gefährdeter Grenzmark Jahrhunderte hindurch
+treulich zugetan war. Halte du mit deinen Schützlingen Wacht an Stelle
+der tapferen Heinriche von Brosyn, streitbar wie sie mit Waffen und
+Wehr, aber auch arbeitsam mit Pflugschar und Axt, mit Feder und Zirkel
+und rastlosem Drang zu leiten wie zu dienen! Im Namen Gottes tue ich
+den ersten Schlag, im Namen meines kaiserlichen Herrn den zweiten, im
+Namen meines alten Hauses den dritten.«</p>
+
+<p>Schweigend zog man dann hinab zum See, an dessen lieblichem Ufer das
+zweite Heim erbaut werden sollte.</p>
+
+<p>Kaum hatte sich der Kreis gebildet, da hüpfte klein Edith im weißen
+Kleidchen eiligst zum Redaer Granitblock heran, reckte den Silberhammer
+stolz empor und sagte keck und ohne zu stocken:</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Meinem Mütterlein zur Ehr,</div>
+ <div class="verse indent0">Ursulanum sei dein Name!</div>
+ <div class="verse indent0">Mägdlein zieh uns, klug, fromm, hehr,</div>
+ <div class="verse indent0">Die auch Weib sind, nicht nur Dame.</div>
+ <div class="verse indent0">Mütter zieh, wie meine war,</div>
+ <div class="verse indent0">Die sich selbst zum Opfer bringen.</div>
+ <div class="verse indent0">Darauf kling es froh und klar:</div>
+ <div class="verse indent0">Eins, zwei, drei! Und gut Gelingen!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Lauter, lachender Beifall, in den doch hie und da ein wehmutvoller Ton
+sich mischte, scholl ringsum.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_423">[S. 423]</span></p>
+
+<p>Die Großeltern und Tante Dente zogen nach einander klein Edith in ihre
+Arme und küßten das stolz und glücklich lächelnde Kind mit tiefer
+Bewegung.</p>
+
+<p>Hans Sebalt sagte schmunzelnd zu Kaspar: »Das ist Ursemis Tochter, die
+wird mal mit Grazie regieren.«</p>
+
+<p>»Um sich dann doch in Liebe unterzuordnen!« erwiderte Kaspar in ernsten
+Gedanken.</p>
+
+<p>Gottfried Kämpfer stieß ihn an und sagte ermunternd: »Hans der Träumer,
+wach auch, freu dich der Erbin! Steht sie nicht da wie das Leben
+selbst, das echteste und unvergänglichste Leben, das immer wieder
+hoffnungsfroh und unbekümmert aus dem fruchtbaren Humus vergangner
+Herrlichkeit emporblüht?«</p>
+
+<p>Da lächelte Kaspar Krumbholtz still selig in sich hinein, drückte
+dem Freunde dankbar die Hand und sagte stark: »Hast recht, Kämpfer.
+Schützen wir herangewachsenen Bäume das junge Reis mit unsern dichten
+Kronen vor Sonne und Sturm, und streuen wir neue Samen ins Land, bis
+auch uns Allmutter Erde zu ihrem Humus braucht.«</p>
+
+<p>In guter Stimmung schritt nun die Gesellschaft bergan auf die kleine
+Anhöhe neben dem Schloß, auf der das mächtige Unterrichtsgebäude seinen
+beherrschenden Platz finden sollte.</p>
+
+<p>Als alle beisammen waren, trat Kaspar<span class="pagenum" id="Seite_424">[S. 424]</span> Krumbholtz vor, nahm einem
+Arbeiter den schweren Werkhammer aus der harten Faust, wog ihn
+bedächtig prüfend in seiner Hand und sprach mit innerer Freudigkeit:</p>
+
+<p>»Liebe Gäste und Freunde! Herr Geheimrat Volpelius hat mich beauftragt,
+an seiner Stelle den Weihespruch zu sprechen zu Ehren seines verewigten
+Freundes, der auch mir ein Freund und Vater war, des Anregers und
+Gründers dieses großen Werkes, in dessen Dienst — mittelbar oder
+unmittelbar — wir uns alle stellen wollen. Es wäre nicht im Sinne
+des schlichten Mannes Wilhelm Winkler, wenn wir ihn rühmten; er und
+wir bedürfen dessen wahrlich nicht! Wir wollen mit Taten zeigen, daß
+sein Geist auf uns ruht, wir wollen dafür sorgen, daß dieser redliche,
+ans Ganze denkende und vorsorgende Geist weiter wirkt und lebendig
+bleibt in der Jugend unseres Volks und aus ihr neue, opferwillige
+Pioniere, fruchtbare Anreger, kühne Bahnbrecher, unverzagte Streiter,
+zielbewußte Führer und besonnene Organisatoren hervorgehen. Jede Zeit
+hat ihre besonderen Vorzüge und Nachteile, je nach dem wechselnden
+Leben, das durch sie flutet, je nach der Sehnsucht, die in den besten
+Kindern dieser Zeit waltet. Seine Zeit richtig zu erkennen hält schwer;
+nur wenigen, die geistig oder sozial emporragen, gelingt es. Noch
+schwerer ist es, die Linien der notwendigen Fortentwickelung<span class="pagenum" id="Seite_425">[S. 425]</span> auch
+nur einigermaßen klar zu erkennen und für die Bedürfnisse der Zukunft
+vorzuarbeiten. Das, liebe Freunde, war das seltene Vermögen, das
+Charisma Wilhelm Winklers. Er kannte die Sehnsucht unserer Zeit nach
+Gleichheit, aber er erkannte auch früh die Gefahr der Nivellierung und
+sann darüber nach, wie er seinem Volke neue Persönlichkeiten erwecken
+könne. Aus dieser Sorge heraus ward dieses Werk geplant, in dessen
+Dienst wir uns stellen, an dem die einen von uns arbeitend und werbend,
+die andern sorgend und hoffend Anteil nehmen wollen. Ganze Menschen,
+innerlich freie, in Gott und in sich selber sicher ruhende und doch
+von Tag zu Tage rastlos mit beiden ringende Persönlichkeiten soll
+dieses Haus durch seine Diener heranbilden und so den Namen Wilhelm
+Winklers zu Ehren bringen. Wilhelminum — so taufe ich dich und tue
+den ersten Schlag hart, fest und hell zu deinem Fundament im Namen der
+schlichten, fleißigen Weberfamilie Winkler, deren letzter Sohn ihr
+bester war, deren letztes Gewebe ihr feinstes und dauerhaftestes sein
+wird, den zweiten Schlag im Namen des Volkes, für dessen Zukunft wir
+alle arbeiten, und den dritten und letzten wieder im Namen des Ewigen,
+von dem wir wie unser Werk Anfang und Ende nehmen müssen.«</p>
+
+<p class="s3 center">Ende</p>
+
+<p class="p4 center">Spamersche Buchdruckerei, Leipzig.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+
+<div class="chapter">
+<div class="ads">
+
+<p class="s3 p4 center">Werke von Herm. Anders Krüger</p>
+
+<p class="p2 s3 center">Romane</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Gottfried Kämpfer.</b></span> Ein herrnhutischer Bubenroman in zwei Büchern. Mit
+Buchschmuck von <em class="gesperrt">Ernst Liebermann</em>. 1908. 19. bis 22. Tausend.
+Gebunden 6 Mark.</p>
+
+<p>Alle Seligkeiten und alle Sorgen einer heranreifenden Knabenseele,
+all ihr Leid und alle ihre Kämpfe, ihren ganzen Haß und der
+ersten Liebe goldne Zeit erleben wir mit, da die Charakteristik
+meisterhaft nachempfindet und restlos alle Gedanken und Empfindungen
+bloßgelegt. Und mit dem jungen Helden treten wir auch ein in ein
+echtes Gemeinschaftsleben der Jugend, in ihre Freundschaften, ihre
+Feindschaften, ihre Jugendstreiche und ihre Jugendspiele, die ohne
+offiziellen und offiziös gezwungenen Spielnachmittag so zwanglos und
+so vollsaftig verlaufen, daß man in seinen alten Tagen nicht übel Lust
+bekommt, Räuber und Gendarmen mitzuspielen. Neben der Jugend erscheinen
+auch die Lehrer in vorzüglicher Charakteristik. In ihrer Zeichnung
+haben wir Musterstücke wahrer und schlichter Charakteristik.</p>
+
+<p class="right">(<span class="antiqua">Dr.</span> A. Matthias in Monatsschrift
+ für höhere Schulen)</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Sirenenliebe.</b></span> Ein Rivieraroman. 1897. Gebunden 3 Mark.</p>
+
+<p>Krüger läßt eine einfache Herzensgeschichte, die aber in gewaltigen
+Akkorden ausklingt, sich in einem engbegrenzten Kreise abspielen, ohne
+die Hilfsmittel großer Ereignisse, nur mit der einzigen Staffage der
+herrlichen italienischen Natur ... Er nimmt die Menschen wie sie sind,
+und darum weht auch um seine Gestalten der Atem frischer Morgenluft und
+einer derben gesunden Natur.</p>
+<p class="right">(Hamburgischer Korrespondent)</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Der Weg im Tal.</b></span> Roman in drei Büchern. Buchschmuck von <em class="gesperrt">Gustav
+Petzold</em>. 1905. Zweite Auflage. Gebunden 5 Mark.</p>
+
+<p>Ein ehrliches deutsches Buch. Der Dichter zeichnet scharf umrissene
+Charaktere, er offenbart sich als ein feinsinniger Psychologe, dessen
+zarte Tönungen in der Darstellung des Innenlebens überraschen. Wir
+finden bei Krüger den höchsten sittlichen Ernst in der Auffassung
+unserer heutigen Probleme, einen glühenden Idealismus für alles Echte,
+eine lebenswarme Liebe zum Menschen und Natur. Und dann noch Humor,
+goldigen Humor, die echte Heiterkeit eines Menschen, dessen ganze
+Person von harmonischem Lebensrhythmus getragen ist.</p>
+<p class="right">(Tägliche Rundschau)</p>
+
+<hr class="r30">
+<p class="center"><em class="gesperrt">Preise ungültig</em></p>
+<hr class="r30">
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<div class="ads">
+
+<p class="p2 s3 center">Dramen</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Ritter Hans.</b></span> Schauspiel in vier Aufzügen. 1897. Broschiert 2 Mark.</p>
+
+<p>Eins der besten modernen Stücke, voll dramatischer Kraft, lebenswahrer
+Darstellung und sittlichen Ernstes.</p>
+<p class="right">(Leipziger Zeitung)</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Der Kronprinz.</b></span> Eine dramatische Historie in fünf Aufzügen. 1907.
+Broschiert 2 Mark.</p>
+
+<p>Es ist das Jugenddrama Friedrichs des Großen, das in Krügers Schauspiel
+vor uns aufersteht, geschaut und nacherlebt von einem, der ebenso
+moderner Dichter wie geschulter Historiker, in diesem Stoffe noch mehr
+fand als nur ein Stück Geschichte, nämlich ein tief erschütterndes
+Stück eigenes Leben. Vortrefflich und zündend ist der Dialog. Die
+Sprache ist bewußt modern, nirgends altertümelnd. Indessen bleibt der
+Ausdruck trotz aller Natürlichkeit kraftvoll und edel, getragen von
+einem heimlichen Rhythmus.</p>
+<p class="right">(Eckart)</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Der Graf von Gleichen.</b></span> Eine deutsche Tragödie in fünf Aufzügen. 1908.
+Broschiert 2 Mark.</p>
+
+<p>Krüger hat die Sage vom Grafen von Gleichen in ganz eigenartiger,
+aber höchst fesselnder Weise behandelt. Trefflich im Aufbau,
+charakteristisch in der knappen Sprache der Blankverse, voll wahrer
+Empfindung sind die lebensvoll gezeichneten Charaktere in Handlung
+gesetzt.</p>
+<p class="right">(Literarisches Zentralblatt f. Deutschland)</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="s3">Von demselben Verfasser erschien bei</p>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">H. Haessel Verlag in Leipzig</em></p>
+
+<p class="p0"><span class="s4"><b>Der junge Eichendorff.</b></span> Ein Beitrag zur Geschichte der Romantik. 2.
+Auflage. 3 Mark.</p>
+
+<p class="p0"><span class="s4"><b>Pseudoromantik: Friedrich Kind und der Dresdner Liederkreis.</b></span> Ein
+Beitrag zur Geschichte der Romantik. 4 Mark.</p>
+
+<p class="p0"><span class="s4"><b>Kritische Studien über das Dresdner Hoftheater.</b></span> 50 Pf.</p>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">Friedrich Jansa, Verlag in Leipzig</em></p>
+
+<p class="p0"><span class="s4"><b>Waldhüters Weihnacht.</b></span> Ein dramatisches Festspiel für Kinder in fünf
+Auftritten. 4. bis 6. Tausend. Broschiert 75 Pfennig.</p>
+</div>
+
+<p class="center">Verlag von Alfred Janssen in Hamburg</p>
+
+<hr class="doppelt">
+</div>
+
+<div class="ads">
+<p class="p2 s3 center">Romane</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Die Kinder aus Ohlsens Gang.</b></span> Roman von <em class="gesperrt">Gustav Falke</em>. 1908.
+4.-5. Taus. Geb. 4 M. 50 Pf.</p>
+
+<p>Ein überaus schlichtes und reines Buch. Der es schrieb, hat jede
+Zeile in seinem Herzen getragen. Darum lebt man dieses kleine, frohe,
+trauernde, verärgerte, höhnische, manchmal sogar ein wenig tragisch
+drohende Leben in einer stillbewegten Teilnahme mit.</p>
+
+<p class="right">(Literarisches Echo)</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Chaos.</b></span> Roman von <em class="gesperrt">Albert Helms</em>. 1909. Umschlagzeichnung von
+Professor C. O. Czeschka. Gebunden 3 Mark.</p>
+
+<p>Die grenzenlose Öde der russischen Steppe ist der Hintergrund, auf
+dem diese grell beleuchteten, zuckend lebendigen, stimmungsschweren
+Bilder entstehen ... in der ein merkwürdiger, grimmig brutaler, ganz
+eigenpersönlicher Humor sein Wesen treibt ... Da ist z. B. eine
+Vision wilder Hungerhalluzinationen, wie sie seit Hamsum kein Dichter
+plastischer gesehen hat.</p>
+
+<p class="right">(Hamburgischer Correspondent)</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Peter Michel.</b></span> Roman von <em class="gesperrt">Friedrich Huch</em>. 3. Auflage. Gebunden 5
+Mark.</p>
+
+<p>Geschrieben ist diese Alltagsgeschichte .. und gesehen ist dieses
+stille deutsche Leben ... mit einer Tiefe der Beobachtung, einem Humor
+der Anschauung, kurz mit dichterischen Gaben, die vereint dem Buche
+einen seltenen und kostbaren Zauber verleihen.</p>
+
+<p class="right">(Gabriele Reuter im »Tag«)</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Blut.</b></span> Roman von <em class="gesperrt">Waldemar Bonsels</em>. Umschlagzeichnung von Willy
+Geiger. 1909. Gebunden 4 M.</p>
+
+<p>Hier wird einmal wieder die Tragik eines zerpflückten Mädchenlebens
+in ihrer ganzen Reinheit, ihrer herzzerbrechenden Not hingestellt von
+einer jungen Meisterhand.</p>
+
+<p class="right">(Deutsche Romanztg.)</p><br>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<div class="ads">
+<p class="s3 center">Novellen von Timm Kröger</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Des Reiches Kommen.</b></span> 1909. Gebunden 2 Mark 50 Pfennig.</p>
+
+<p>Die Timm Krögerschen Novellen gehören immer zu dem Feinsten und
+Köstlichsten, was uns unsere Literatur von heute zu bescheren hat,
+und die ganze Geistesfrische, die unverzehrte Kraft des Dichters lebt
+in diesem seinem letzten Werk. Aus dem alten Geist niederländischer
+Genrekunst, nordwestdeutscher Naturalistik heraus geboren, strömt
+auch diese Novelle allen feinen Stimmungszauber aus. Licht, Farben
+und Töne rinnen, aufs feinste zueinander abgestimmt, in ein
+köstliches Helldunkel zusammen, Natur und Mensch erscheinen unlösbar
+miteinander verknüpft, völlig miteinander verwoben, alles ist reine
+Gegenständlichkeit, und die einzig wahre, einzig echte Kunst, deren
+ganzes Geheimnis allein darin besteht, daß sie das Wort zu Fleisch
+werden läßt, ist sicher ein Timm Kröger-Besitz.</p>
+
+<p class="right">(Aus einem Feuilleton von Julius Hart in »Der Tag«, Berlin.)</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Um den Wegzoll.</b></span> 2. Auflage. Gebunden 2 Mark.</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Heimkehr.</b></span> Skizzen aus einem Leben. Geb. 3 Mk.</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Leute eigner Art.</b></span> Novellen eines Optimisten. 3. Auflage. Gebunden 3
+Mark.</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Aus alter Truhe.</b></span> Novellen und Erzählungen. 1908. Gebunden 3 Mark.</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Fröhliche Kinder.</b></span> Ratschläge für die geistige Gesundheit unserer
+Kinder. Von <em class="gesperrt">Heinrich Scharrelmann</em>. 1906. 3. bis 5. Tausend.
+Gebunden 3 Mark.</p>
+
+<p>Aus dem Vorwort: An die Eltern und Mütter wendet sich dieses Buch.
+Es möchte ihnen praktische Ratschläge und Fingerzeige geben für die
+häusliche Erziehung ihrer Kinder. Es will die Eltern aufmerksam machen
+auf wenig gekannte und gewürdigte Anlagen und Fähigkeiten im Kinde
+und möchte zugleich zeigen, wie ein gesundes Wachstum aller geistigen
+Kräfte von der Kinderstube aus angebahnt werden kann. So denke ich,
+wird es die innigen Bande zwischen Eltern und Kindern noch um ein
+weniges fester zu knüpfen versuchen, indem es das Kind auffaßt — als
+unseresgleichen.</p>
+
+<p>Erziehern und Eltern, die ihre Kinder lieb haben, sei das Buch warm
+empfohlen.</p>
+<p class="right">(Basler Nationalzeitung)</p>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<div class="ads">
+<p class="p2 center">Billige Ausgabe der</p>
+
+<p class="p0"><span class="s3"><b>Hamburger Hafenbilder.</b></span> Von <em class="gesperrt">Wilhelm Dittmer</em>. 12 doppelseitige,
+24 ganzseitige Bilder. 48 Seiten Text. Kartoniert 2 Mark.</p>
+
+<p>Der Hamburger Hafen ist geistig und wirtschaftlich nicht mehr das
+ausschließliche Eigentum der mächtigsten der Hansastädte, sondern ein
+Gemeingut der Nation. Hier ist eine ganz neue Schönheit entstanden,
+die nichts mehr gemein hat mit lyrischer und phantastischer Romantik.
+... Wer Dittmers Buch in der Hand hält, fühlt mit Stolz: da bekennt
+sich ein Starker zu unsrer Zeit. Er sah Schönheiten überall ...
+Sein technisches Vermögen war sehr groß. Seine zeichnerischen und
+malerischen Qualitäten ordnen ihn in die erste Reihe unsrer Künstler
+ein. Daß er aber auch ein Meister der Sprache war, ein wundervoller
+Erzähler, darf nicht vergessen werden, weil er zu seinem Hafenbuche
+selbst einen schlichten, kraftvollen, anschaulichen Text schrieb —
+Dieses Buch hat alle Berechtigung ein Volksbuch zu werden. Es gehört in
+die Hand eines jeden Deutschen.</p>
+
+<p class="right">(General-Anzeiger für Hamburg-Altona)</p>
+</div>
+</div>
+
+<p>Verlag von Alfred Janssen in Hamburg</p>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78421 ***</div>
+</body>
+</html>
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