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| author | www-data <www-data@mail.pglaf.org> | 2026-04-11 10:11:23 -0700 |
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Die Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. + +Das Inhaltsverzeichnis ist zur besseren Übersicht an den Anfang des +Textes verschoben worden. + +Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; +gesperrte so: ~gesperrt~[**HTML/epub: hier überflüssiger Zeilenumbruch]. + +======================================================================= + + Kaspar Krumbholtz + + Roman + + von + + Herm. Anders Krüger + + + + + Georg Westermann + Braunschweig / Hamburg / Leipzig + + + + + +Copyright 1910 by Alfred Janssen, Hamburg+ + + + + + Der Kampf mit der Welt + + + ~Motto~: + + Der letzte leise Schmerz und Spott + Verschwindet aus des Herzens Grund. + Es ist, als tät der alte Gott + Mir endlich seinen Namen kund. + + ~Gottfried Keller~ + + + + + Marie v. Ebner-Eschenbach + + und der + + Germanistic Society of America + + zum Dank + + + + +Inhaltsverzeichnis + + + Seite + + ~Erstes Buch~: ~In der Kelter~ 11 + + 1. Kapitel: Der Holzkollege 13 + + 2. " Antrittsbesuche 26 + + 3. " Der angehende Weltmann 47 + + 4. " Der Gottsucher 70 + + 5. " Das Londoner Magdalenchen 86 + + 6. " Feriengäste 102 + + 7. " Die Tänzer 130 + + 8. " Die pädagogische Ohrfeige 138 + + 9. " Abschiedsbriefe 168 + + 10. " Die Synode 186 + + + ~Zweites Buch~: ~Gärender Most~ 215 + + 1. Kapitel: Im Rock des Königs 217 + + 2. " Sündenfälle 227 + + 3. " Charlotte 268 + + 4. " Auseinander 281 + + 5. " Die Moravenrunde 309 + + 6. " Carina 321 + + 7. " Silvester 358 + + 8. " Die neue Welt 370 + + 9. " Shaky San Francisco 387 + + 10. " Heimkehr 411 + + + + +Erstes Buch + +In der Kelter + + + + +Erstes Kapitel + +Der Holzkollege + + +Samstag Abend wars. Wieder war eine Woche vorüber, und zwar eine +besonders böse, die letzte der Osterferien, in denen überdies die +Ordnung mit Frühling und Schulfreiheit in harter Fehde lag. + +Die Lehrerschaft der Tramberger Knabenanstalt versammelte sich nach und +nach zum gewohnten Teeabend im Konferenzzimmer. + +Schmauchend und schwatzend saßen bereits die dienstfreien Stubenlehrer +um den länglichrunden Eichentisch. An den beiden Polen, möglichst +weit voneinander entfernt, hatten sich Herr Schlegelmeyer von der +1. Stube, der sogenannte Chef der heute noch feiernden Lehrerreihe, +und Herr Schnäbele, der angehende Missionar, dem die Vierten in +Liebe untertan waren, niedergelassen; dazwischen Bruder Teuchert +und Behring, die Lehrer der 2. und 3. Stube. Auf den beiden +Ehrenplätzen des alten Ledersofas thronten mit Würde der umfangreiche +Mitdirektor, Bruder Leonhard Ludwig Lohmann, genannt L³, und der +magere Hypochonder, Religionslehrer und Pfleger, Bruder Wiesendahl. +Seitab in seinem geliebten Schmollwinkel, unter 17 Bänden von Meyers +Konversationslexikon, sog still an seiner langen Pfeife der wortkarge +Supernumerar Bruder Hinzelmann, und am Klavier endlich phantasierte +versunken und weltentrückt in leisen Akkorden Herr Vogel, der +Musiklehrer. + +Die Tür flog heftig auf und zu. Herr Thilo Kratt, der trotzige +Hessenhüne und Bändiger der Ersten, trat höflich grüßend an den Tisch, +rieb sich behaglich die Hände und knurrte doch scheinbar grimmig: »Mer +hunns, mer kunns, die Bengels sind in der Falle!« + +Der Mitdirektor fragte verbindlich lächelnd: »Sie meinen die lieben +Zöglinge?« + +»Jawohl, Rasselbande,« erwiderte Kratt mit Laune, »ist ein wahrer +Segen, daß am Montag der Hundetrab wieder beginnt.« + +»Sie meinen den angenehmen Schulunterricht --« + +»Den Deubel mein ich, mit Verlaub, Herr Mitdirektor, aber wenn man +von 6 Uhr früh bis abends 9 Uhr vor der Rotte Korah da oben mühsam +Schriftdeutsch geheuchelt hat, dann ist man doch heilsfroh, hier +unten mal wieder Männerworte schmettern zu dürfen in der Urväter +Umgangssprache.« + +»Sell isch gewieß, sell isch nit verloge!« schwäbelte Herr Schnäbele +bestätigend, und alles lachte. Nur Herr Schlegelmeyer wandte in +edelstem Hannoveranerdeutsch ein: »An Ihrer Stelle spräche ich eben +beständig in der Schriftsprache.« + +»Na, dann tun Sies nur in Gottes Namen, will gar nicht stören,« +erwiderte Kratt schmunzelnd, »werde mich freun, wenn Sie mich würdig +bei der Satansbrut da oben vertreten, pardon, Herr Mitdirektor, ich +meine die lieben Zöglinge.« + +Geschmeichelt verneigte sich L³ und fragte dann: »Wo bleiben denn die +beiden bösen Buben?« + +»Pardon --« unterbrach ihn Kratt nun grinsend, »Sie meinen die lieben +Herren Kollegen Knortz und Muffke.« + +Wieder lachte alles, am herzlichsten L³. Da traten die eben genannten +Lehrer der 2. und 3. Stube ein und grüßten mit einem forschen: »Nabend, +Kinnings!« + +Karl Knortz, genannt Moritz, und Martin Muffke, genannt Max, waren zwei +handfeste Mecklenburger und als zwei immer vergnügte Menschenkinder +von allen Kollegen gern gesehen; nur Herrn Schlegelmeyer waren sie zu +unfeierlich, oft gar zu kurz angebunden oder zu witzig. + +Auch jetzt erregte der ungenierte Moritz des Reihenchefs höchstes +Entsetzen, als er frischweg behauptete: Kollege Schlegelmeyer +(der natürlich die Mäßigkeit in Person war) habe bereits allen +Tee weggetrunken. Und Max bestätigte schleunigst zum allgemeinen +Gaudium: »Natürlich, Schlegelmeyer! Na, so ein Saufaus!«, während +der Angeschuldigte mühsam gute Miene zu dem bösen Spiele machte und +verlegen hüstelte: »Das stimmt wohl nicht ganz.« + +Dann holten Max und Moritz ihre langen Pfeifen aus dem Schrank, setzten +sich qualmend an den Tisch und ausgerechnet neben Schlegelmeyer, ja sie +klopften ihm niederträchtig zutraulich auf Schultern und Knie, weil sie +wußten, daß dieser dergleichen durchaus nicht vertragen konnte. Und +wie gewöhnlich rutschte der Hannoveraner auch heute schleunigst mit +seinem Stuhle rückwärts zur schützenden Fensternische, worauf Moritz +behaglich paffend zu der gewaltigen Teekanne griff und sich und Max mit +den Worten einschenkte: »So, Schlegelmeyer ist glücklich in die Flucht +geschlagen, nun wolln wir armen Diensthengste auch man feste supen.« + +Alles lachte wieder und recht von Herzen. + + * * * * * + +»Wer hat denn heute Schlafsaalwache?« fragte der Mitdirektor plötzlich. + +»Der Doppelkollege,« sagte Moritz noch schlürfend. + +»Dem wirds wohltun,« fügte Max schadenfroh hinzu, »der wird so zu fett +in dem leichten Ortskindergeschirr.« + +»Sell isch recht -- ebbes muß er doch leiste für sei Schmerbäuchle.« + +»Wie kann man nur so roh sein!« monierte Schlegelmeyer aus der +Fensternische und löste damit abermals eine Lachsalve aus. Trotzdem +fuhr er unbeirrt fort: »Nein, ich lache gar nicht. Ich begreife nämlich +nicht, wie man Herrn Schneese gerade an einem so kritischen Tage wie +heute die Schlafsaalwache anvertrauen kann.« + +Thilo Kratt schlunzte seinen Stubenkollegen mit listigen Äuglein +schrägüber an und meinte dazu bombenruhig: »Na, ewig kann man Schneese +auch nich in Watte wickeln, er ist so schon weich genug in seinem Fett +gebettet.« + +L³ erklärte lächelnd: »Ich muß dringend gegen die hier scheinbar +allgemein geteilte Ansicht protestieren, daß die Korpulenz etwa +angenehm sei. Im Gegenteil! Wir Schmerbäuche sind sogar sehr übel +dran.« + +Wieder dröhnten die Wände von einem stürmischen Gelächter, so daß +auch der verträumte Herr Vogel von seinem Klavier verdutzt aufsah +und schüchtern fragte: »Was ist denn los?« Das entfachte neue +Heiterkeitsstürme, so daß man gar nicht hörte, daß draußen mehrfach an +die Tür geklopft wurde. + +Man war daher einigermaßen erstaunt, als plötzlich ein altes, kleines +Frauchen, die Pförtnerin, verlegen hereinhuschte und vergeblich mit +ihrem Nastüchel gegen den Rauch ankämpfte. + +Sofort sprangen Max und Moritz auf und schrien: »Hallo, Mutter +Frutschen -- Tasse Tee gefällig?« + +Schämig dankte Schwester Frutsch, machte eine Art von Hofknix und sagte +dann unter allgemeinem ehrerbietigem Schweigen: »Ich wollte nur den +Herren Lehrern mitteilen, daß soeben der neue Kollege eingetroffen +ist.« + +»Wat forn Kollege denn?« platzte Moritz dazwischen. + +»Nun, ich glaube, Herr Holz nannte er sich,« flüsterte Schwester +Frutsch süßlich. + +»Hurra -- een Holzkollege,« rief Max, »feine Nummer!« + +»Nein, bitte -- keine Witze, er heißt Krumbholtz,« berichtigte der +Mitdirektor. + +»Ach wat, Holz is Holz, ob et krumm oder jerade, is schnurz!« erklärte +Moritz. + +»Na, da hätte er ja seinen Spitznamen weg,« jammerte Mutter Frutsch, +»und nun bin ich dumme, halbtaube Person noch daran schuld.« + +»Nee -- nee -- Mutter Frutschen, heulen Se man nich gleich,« begütigte +Max, »aber wo haben Se n denn hingesteckt, den Holzkollegen?« + +»Ich hab ihm gesagt, die Herren hätten hier Teeabend und würden sich +gewiß freuen; aber der neue Herr -- Herr oder Bruder, wie wars, Herr +Mitdirektor?« + +»Bruder -- jawohl -- Bruder Krumbholtz,« antwortete L³. + +»Ach, etwa -- vom Missionar ein Sohn?« + +»Nein -- das wohl nicht -- aber aus der Familie jedenfalls!« + +»So -- nein, ach -- wie mich das freut,« sagte Schwester Frutsch, +wieder holdselig lächelnd, »ich habe mal eine Missionsstunde von einem +Bruder Krumbholtz aus Labrador gehört, nein -- was war die schön -- und +so interessant, diese Seehundsgeschichten -- entzückend! Aber nun, was +ich sagen wollte --« + +»Ja, wo haben Sie denn nun unsern neuen Kollegen hingetan?« + +»O bitte, der Herr scheint sehr selbständig zu sein. Als er Ihren Lärm +hier, um Verzeihung, Ihre Fröhlichkeit hörte, meinte er nur: da wolle +er nicht stören, er wäre überdies müde und für den Direktor wäre es nun +auch schon zu spät. So bät er nur um Angabe seines Kleiderschrankes +auf der Waschkammer -- das wußte er gleich alles -- ließ sich den Weg +zum Schlafsaal zeigen, sein Bett Nr. 24 an der Verbindungstür rechts +angeben, dankte, packte seine Handtasche aus und ist schon soeben auf +den Schlafsaal hinauf gegangen.« + +»Na, das kann ja gut werden da oben,« meinte Herr Schlegelmeyer +entrüstet. »Herr Schneese und nun noch dieser blutjunge Neuling, der +nicht mal fertig studiert hat --« + +»Ach -- was Sie sagen -- hat er das nicht?« fragte neugierig Schwester +Frutsch, »warum denn nicht? Da hats wohl was gegeben?« + +»Unsinn, Schwester Frutsch,« fiel der Mitdirektor, der ihren losen Mund +zur Genüge kannte, vorbeugend ein, »Bruder Krumbholtz wollte nur gern +Lehrer werden --« + +»Ach -- aber warum wartete er da nicht, bis er hübsch fertig war?« + +»Das können Sie ihn ja morgen selber fragen.« + +»Aber was denken Sie denn von mir? Nein, Bruder Lohmann, ich werde mich +doch nicht um Dinge kümmern, die mich nichts angehen -- das tue ich +doch nie!« + +»Ach wo,« ulkte Moritz dazwischen, »so wat duht Mutter Frutschen nich.« + +»Nun also, sehen Sie, Herr Knortz sagt das auch! Im übrigen scheint +mir dieser Bruder Krumbholtz auch gar nicht der Mann zu sein, der +Geständnisse liebt -- im Gegenteil, er scheint sogar recht kurz +angebunden zu sein. Aber nun will ich nicht weiter die schöne +Geselligkeit der Herren stören, ich wollte Ihnen nur gemeldet haben, +was Ihnen doch gewiß interessant sein würde, und damit allerseits +schönen guten Abend und gesegnete Nachtruhe!« + +Lächelnd grüßten die Lehrer wieder. + +Max verneigte sich ebenso tief und förmlich wie Mutter Frutsch, und +Moritz klopfte der Abgehenden noch vertraulich auf die Schulter: »Et +jeht nischt über Mutter Frutschen un ihren Hausschlüssel.« + +Dann, als er die Tür hinter ihr geschlossen hatte, knurrte er +ärgerlich: »Wat son olles Schalaster doch forn Riecher hat -- nu hat se +dat ok wedder rut --« + +»Sell isch mal wieder ganz Schlegelmeyer gesi!« sagte darauf Herr +Schnäbele so laut, daß es der Hannoveraner in der Fensternische hören +mußte. + +Prompt kam auch die Antwort zurück: »Ich sagte das nur im Interesse +eines ungestörten Aufsichtdienstes. Ja, ich frage nochmals allen +Ernstes: was soll denn da oben werden?« + +»Dafür bin ich wohl in diesem Falle kompetent,« erklärte Herr Kratt +mit der gewohnten Ruhe, »es ist meine Reihe. Im übrigen abwarten +und erst Tee trinken, dann werde ich mir schon mal die neue +Schlafsaalkonstellation ansehen.« + +Herr Schlegelmeyer verneigte sich stumm gegen seinen etwas gefürchteten +Stubenkollegen, und dann schwieg man eine geraume Weile wie verstimmt, +bis plötzlich der sonst so schweigsame Bruder Hinzelmann sagte: »Na, +jedenfalls war Ihre Bemerkung, Herr Kollege Schlegelmeyer, wenig +angebracht und kann dem neuen Kollegen nur Schwierigkeiten bereiten.« + +»Wieso?« fragte der Hannoveraner sichtlich verlegen, denn Hinzelmann +achtete auch er. + +»Na -- bei die olle Klatschsnut,« brummte Max, »da is et morjen abend +rum in der janzen Jemeine Jottes.« + +»Aber ich bitte sehr,« verteidigte sich Schlegelmeyer, »es kann doch in +diesen kleinen Verhältnissen so wie so nicht verborgen bleiben, daß der +neue Kollege sein Studium abgebrochen hat!« + +»Na, un wat is denn man dabei?« fuhr Moritz streitbar heraus, »ick +un Muffkemartin da haben doch janz datselbe jetan un werden mit die +Bengels da oben man mindestens so jut fertig wie Sie mit Ihrem zweiten +Examen und Ihrer Schriftsprache.« + +Jetzt legte sich L³ begütigend ins Mittel und sagte väterlich: +»Kinder, immer hübsch friedlich. Ihre Bemerkung, lieber Schlegelmeyer, +war wirklich nicht ganz schön, zum mindesten unvorsichtig gegenüber +unserer schwatzseligen Oberhof- und Hausschlüsselbewahrerin. Im übrigen +kennen wir den neuen Herrn Kollegen ja gar nicht, und ich bedaure nur, +daß ihn niemand am Bahnhof abgeholt hat. Entweder hat er sich nicht +angemeldet --« + +»Oder der Chef hats, wie üblich, versiebt,« vollendete Herr Thilo Kratt +und wollte sich eben erheben, um auf den Schlafsaal zu gehen, als sich +die Tür öffnete, und Herr Schneese mit wohlgerundeten Mienen lächelnd +hereinschaute. + + * * * * * + +Mit Hallo wurde der Doppelkollege allenthalben begrüßt, nur +Schlegelmeyer sagte mit großer Genugtuung und triumphierender Geste: +»Da haben wir die Bescherung!« + +Als nun Kratt, mit Stentorstimme den Radau übertönend, Herrn Schneese +fragte, ob er etwa vor den Knaben geflüchtet sei, und ob er zum Rechten +sehen solle, antwortete der behäbige Ortskinderlehrer seelenruhig: + +»I bewahre, es ist oben alles in schönster Ordnung. Der neue Kollege, +der sich mir vorhin vorstellte -- den Namen hab ich aber nicht +verstanden -- hat mir gleich freundlich die Schlafsaalwache abgenommen, +da er so wie so zu Bett gehen wolle.« + +Ein Höllengelächter erfüllte jetzt den Raum, endlich fragte Kratt +mühsam: »Und Sie Gemütsmensch nehmen das in aller Bierruhe an, ja sind +Sie denn des Deubels, Schneese? Sie können doch Ihren Posten nicht +verlassen?« + +»Aber warum denn nicht, wenn mich ein Kollege ablöst -- das ist doch +ganz in der Ordnung!« -- + +»Menschenskind, der Mann ist aber doch ganz neu --« + +»Nun ja -- das waren wir alle einmal -- anfangen muß doch jeder; +übrigens der Neue schien doch den Rummel recht gut zu kennen, er ist +wohl aus der Gemeine, denke ich -- na also! Nun lassen Sie mich doch in +Ruhe meinen wohlverdienten Tee genehmigen. Haben Sie vielleicht eine +Zigarre übrig, Kollege Schnäbele?« + +Wieder lachte die ganze Korona dröhnend, denn es war bekannt, daß der +Doppelkollege den gutmütigen Schwaben stets um Zigarren anging und +richtig, auch jetzt nicht umsonst. + +Dann zog sich Schneese den breiten Lehnsessel heran, da alle anderen +Sitzgelegenheiten zu schmal für ihn waren, pflanzte sich, behaglich +paffend, hinein und lächelte zufrieden übers ganze breite Gesicht. Er +wußte ja, daß ihm niemand böse sein konnte, am wenigsten der gutmütige, +humorvolle Kollege Kratt, so grimmig er auch bisweilen tat. + +Unterdessen war Bruder Teuchert rasch und neugierig zum Schlafsaal +hinaufgeeilt und brachte die beruhigende Nachricht zurück, daß in der +Tat oben alles in bester Ordnung sei; worauf Thilo Kratt schmunzelnd +wieder zu seiner langen Pfeife griff und erklärte: »Na, Kinder, dieser +Holzkollege hat scheinbar Schneid und Ruhe -- er paßt also in meine +Reihe, und ich werde ihm ein wohlaffektionierter Reihenchef sein.« + + + + +Zweites Kapitel + +Antrittsbesuche + + +Es war noch ziemlich früh am Morgen, als Kaspar Krumbholtz in seinem +Bett Nr. 24 erwachte. Das erste Tageslicht blinzelte mit bläulichen +Strahlen wie verstohlen durch die Ladenritze, und ringsum schnarchte +noch alles in absonderlichen Tönen. + +Kaspar kam langsam zur Selbstbesinnung und dachte mit seltsamer +Bewegung unwillkürlich an die noch nicht lange vergangenen Tage, da er +als Schüler in einem ähnlichen Schlafsaal gelegen hatte. Und nun sollte +er Lehrer und Vorgesetzter sein, an einem ihm völlig unbekannten Ort, +unter zum Teil fremdartigen Verhältnissen. Zwar der Anstaltbetrieb +würde hier zu Tramberg auch nicht viel anders sein als zu Bethel und +Gnadenzell -- aber die neuen Kollegen stammten großenteils nicht aus +der Brüdergemeine, die Zöglinge waren sogar meist Ausländer. Was konnte +es da für Schwierigkeiten geben, von denen er sich nichts hatte träumen +lassen? + +Auch von seinem neuen Direktor hatte Kaspar nicht sonderlich viel +Ansprechendes gehört. Ein Finanzgenie sollte er sein, ein sehr +genauer Herr, der in erster Linie in jedem Schüler einen wandelnden +Tausendmarkschein zu sehen pflegte -- so spöttelte man im Osten. Aber +der Zug zum Geldverdienen lag wohl zu Tramberg überhaupt in der Luft. +Auch die Bürger dieser kleinen schwäbischen Herrnhuterkolonie galten +zu Bethel und Gotteshaag für eifrige Mammonsdiener, die ihr stilles +Friedensörtchen im Laufe der letzten Jahrzehnte in den Dienst einer +einträglichen Fremdenindustrie gestellt hatten. Doch wer wußte denn, +wie viel Tratsch und Klatsch bei diesem Urteil mitspielte, wie bei so +vielem, was man sich in den Gemeinen voneinander erzählte. + +Kaspar Krumbholtz wollte selber sehen und prüfen. + +Und so stand er mit derselben Eigenmächtigkeit auf, mit der er abends +zuvor schlafen gegangen war, und schritt leise der Türe zu. Aber da +erhob sich plötzlich an der Tür eine schmächtige Gestalt, warf sich +hastig einen Schlafrock über und vertrat ihm den Weg mit den barschen +Worten: »Wo wollen Sie hin?« + +Kaspar maß die ein wenig komische Erscheinung mit schmunzelndem +Erstaunen und sagte ruhig: »Sie gestatten -- Krumbholtz, der neue +Lehrer.« + +»Ah, so --« lispelte der Schmächtige gönnerhaft, »pardon, ich hielt Sie +für einen neuen Zögling. Sie sind wohl auch noch ein wenig jung. Ich +bin nämlich der heute diensttuende Lehrer der ersten Stube, Kandidat +Schlegelmeyer, und trage als Reihenchef eine gewisse Verantwortung.« + +Kaspar Krumbholtz murmelte: »Sehr angenehm gewesen« und wollte weiter, +doch Herr Schlegelmeyer bedeutete ihm, es habe noch nicht geläutet, man +stehe am Sonntag erst um einhalb sieben Uhr auf. + +Der neue Kollege bedankte sich höflichst für die ihm interessante +Nachricht, betonte jedoch, er für seine Person pflege aufzustehen, wann +es ihm beliebe. + +»Ja, wenn aber die Waschkammern vielleicht noch geschlossen sind,« warf +der hartnäckige Hannoveraner ein. + +»Dann suche ich mir einen dienenden Geist oder gehe zum Brunnen.« + +»Sie scheinen ja sehr energisch zu sein, Herr Kollege. Übrigens, wenn +ich Ihnen behilflich sein kann -- nur einen Moment, ich will mich rasch +fertig anziehen.« + +»Aber bitte!« wehrte Krumbholtz ab, »bemühen Sie sich nicht; +meinetwegen sollen Sie ja nicht vor einhalb sieben Uhr aufstehen. Guten +Morgen!« + +Damit entwischte Krumbholtz eiligst zur Tür hinaus. + +Herr Kandidat Schlegelmeyer legte sich mit süßsäuerlichen Mienen +wieder zu Bett und nahm sich vor, mit diesem neuen Kollegen möglichst +vorsichtig umzugehen; von der durchschnittmäßigen Herrnhuter Sorte, +die sich alles in brüderlicher Liebe gefallen läßt, schien dieser +Holzkollege nicht gerade zu sein. + + * * * * * + +Bald darauf schritt Kaspar Krumbholtz zum hinteren Anstalttor in den +strahlenden Frühlingsmorgen hinaus. + +Die Anstalt lag einsam, wie eine mächtige Burg, auf halber Höhe über +dem Dörfchen Tramberg, das noch wie traumverloren inmitten seiner +endlosen Nadelholzwälder friedlich zu schlummern schien. + +Kein Hahn krähte, kein Schornstein rauchte, nur die ersten Schwalben +strichen mit fröhlichem Kwiwitt pfeilschnell über die hohen Dächer der +wie Kinderspielzeug auf einer Waldwiese verstreuten Häuser. + +Überrascht fuhr Kaspar, der am Abend zuvor nichts von dem Ort hatte +sehen können, ein »Donnerwetter, ist das schön« heraus. + +Eilends flog er den Hügel hinab und mit immer steigender Befriedigung +spazierte er nun langsamer und alles ungeniert betrachtend durch die +mehrfach gewundene Hauptstraße Trambergs, zu deren beiden Seiten +allerlei städtisch frisierte Villen wie blind, mit ihren geschlossenen +Läden, zwischen alten hochgiebligen Bauernhäusern standen. + +Schnell erfaßte der junge Lehrer den eigentümlichen Mischmaschcharakter +dieses Kurortes und dachte bei sich: »So könnte unser gutes Ingelbach +auch mal aussehen, wenn es sich in Oberhof oder Friedrichroda an der +Fremdenepidemie angesteckt hätte. Schade, weder Fisch noch Fleisch!« + +Allzulange dauerte es nicht, da ging die Hauptstraße in vornehme, +wohlgepflegte Parkanlagen über. Ein Springbrunnen plätscherte +verschlafen zwischen schlanken Koniferen und leeren Bänken. Einige +verliebte Amselpärchen jagten zankend über eben umgegrabene Beete und +Rabatten, die noch der sommerlichen Bepflanzung harrten. + +Im Geist sah Krumbholtz diese jetzt schweigenden und öden Plätze und +Alleen schon von bunten, jauchzenden Kindergruppen, von Damen in +eleganten Toiletten belebt; sein welthungriges Gemüt versöhnte sich im +stillen rasch mit der bösen Fremdenkultur. + +Vergnüglich malte er sich so all die bevorstehenden Sommerfreuden aus +und schritt, an Tennisplätzen und einem stattlichen Musikkiosk vorbei, +summend dem nahen Walde zu, dessen vorderste Schutzfichten ihm mit +ihren lang herunterhängenden Riesenarmen wie bewillkommnend zuwinkten. + +Es schritt sich wahrlich gut und leicht durch diesen »hohen Tann«, +so hieß die berühmte Hauptpromenade Trambergs. Die Vögel trieben +schon überall ihr vergnügliches Wesen in den Zweigen; Eichkatzen und +Spechtmeisen spielten neckisch um die dicken Stämme oder suchten +an den Zweigen ihr erstes Frühstück, da -- krachten Zweige -- eine +aufgescheuchte Auerhenne purrte ungestüm durchs Dickicht. + +Kaspar Krumbholtz sah ihr ein wenig erschrocken mit offenem Munde nach, +-- dann lachte er hell auf über sich selbst. Nun wußte ers vollends, +er war in einer völlig anderen Landschaft als bisher zu Gotteshaag und +Bethel. + +Da drüben auf die gradlinigen Bastionen der nahen Rauhen Alp wollte er +baldigst steigen, um in der Ferne die Höhen und Burgen des lieblichen +Hegau, den blinkenden Bodensee und darüber vielleicht auch die ersten +Schneehäupter der Alpen zu schauen. Das sollte eine Lust werden, heidi! + +Und pfeifend marschierte das angehende Schulmeisterlein tiefer in den +herrlichen Wald hinein, bis er an den Gottesacker der Gemeine kam, der +stimmungsvoll in feierlicher Waldeinsamkeit sich vor seinen erstaunten +Blicken ausbreitete. + +Da dachte die arme Missionswaise in stiller Andacht an seine lieben +Verstorbenen, an den aufrechten, allzu tapferen Vater, der drüben +irgendwo im zentralamerikanischen Urwald verscharrt worden war, an die +treue, stille Mutter, die auf dem Herrnhuter Hutberg nicht weit von den +Zinzendorfgräbern der Auferstehung harrte. Ja -- wenn? Und plötzlich +war der noch eben so fröhliche Kaspar mitten in seinen alten, trüben +Zweifeln. + +Nachdenklich setzte er sich auf eine einsame Waldbank und sann und +sann. Seltsam -- daß er, der immer wieder so schwer an Christi +Auferstehung zweifeln mußte, an die Auferstehung seiner Eltern zu +glauben nicht lassen konnte! + +In tiefe Gedanken versunken, ging er achtlos wie ein Nachtwandler +denselben Weg langsam zurück, den er soeben noch rasch und mit hellen, +scharfen Augen um sich schauend gekommen war. + +Als er am Anstalttor wieder angelangt war, stand ein Entschluß bei +ihm fest: er wollte den neuen Direktor dringend bitten, ihn vom +Religionsunterricht zu dispensieren. + + * * * * * + +Im Hause stieß Kaspar Krumbholtz zuerst auf das allzeit fröhliche +Dioskurenpaar Knortz und Muffke, die ihren dienstfreien Sonntag schon +mit einer Morgenpfeife feierten. + +Man schloß schnell Bekanntschaft und frühstückte behaglich zusammen auf +der Lehrerstube. Dabei weihten die biederen Mecklenburger den neuen +Reihenkollegen humorvoll in allerlei Sach-, Schul- und Personalfragen +ein und wollten sich ausschütten vor Lachen über Kaspars erstes +Abenteuer mit Schlegelmeyer. + +Herzhaft klopfte Moritz nach seiner Art dem neuen Kollegen auf die +Schulter und meinte ermutigend: »Nur so weiter, junger Mann! Will Ihnen +wat sagen: Dem hannoverschen Unteroffizier müssen Sie immer gleich +feste auf die Hühneraugen treten, dann werden Sie ihn am ersten los. +Angst muß er haben, sonst spuckt er Gift, wie ne olle Klapperschlange.« + +Bald darauf erschien Thilo Kratts ragende Hünengestalt und ward +dem »Fuchsen«, wie Moritz den Neuling frischweg nannte, als sein +nunmehriger Reihenchef vorgestellt; Krumbholtz sollte nämlich +Stubenlehrer bei den Vierten werden. + +Herr Kratt gratulierte ihm scherzhaft zu seinem gestern abend bereits +bewährten kalten Blut, und riet ihm recht bald, womöglich noch vor der +Predigt, den »Chef« und den Mitdirektor aufzusuchen, denn Sonntags +wären sonst die beiden nicht leicht zu treffen. + +Mit einem nicht ganz behaglichen Gefühl schritt Kaspar Krumbholtz die +Treppe hinauf zu seinem Direktor, Bruder Nitschke, der anscheinend im +ganzen Hause nur kaufmännisch als »Chef« bezeichnet wurde. + +Unwillkürlich stieg vor des jungen Schulmeisters Seele das Bild seines +ehemaligen Gnadenzeller »Onkels« auf, der auch des vertraulichen Titels +Bruder nicht gewürdigt wurde. Das gab immerhin zu denken. + +Um so angenehmer überrascht war Kaspar, als er auf einen freundlich +lächelnden, liebenswürdigen Mann stieß, der ihn mit weltmännisch +verbindlichen Formen herzlich willkommen hieß und sich sofort höflichst +entschuldigte, daß ihm eine plötzliche Abhaltung das Vergnügen +persönlicher Abholung vom Bahnhof versagt hätte. + +Kaspar wunderte sich nur, daß er als Mitglied der Brüdergemeine mit Sie +angeredet wurde, aber er sagte nichts. Der redselige »Chef« half ihm +rasch über jede Verlegenheit fort und deutete ihm an, wie gut er es +hier im schönen Süden und in der wohlausgestatteten Anstalt haben +würde. + +»Das Leben,« schloß er, »hat hier einen freieren und reichlicheren +Zuschnitt als im Norden und zumal in Oberschlesien. Wir sind +wahrscheinlich nicht so altgemeinmäßig, wie Sie das vielleicht gewohnt +sind; aber mein verehrter Kollege, warten Sie nur einige Wochen, und +es wird Ihnen bei uns schon gefallen. Bald werden Sie gar nicht mehr +anderswo leben wollen. Sie bekommen ja auch die vierte Stube und damit +einen prächtigen Kollegen, Herrn Schnäbele, der uns nur leider nicht +mehr lang erhalten bleiben wird. Lernen Sie von ihm, mit den Kleinen +recht väterlich umzugehen; das ist oft schwerer als die Großen zu +zügeln. Doch mit Ermahnungen will ich Sie nicht gleich belästigen. +Ich darf Sie überhaupt wohl darauf aufmerksam machen, daß ich im +allgemeinen mehr für die Verwaltung und den äußeren Dienst zuständig +bin. Der innere Dienst dagegen und insonderheit der Schulbetrieb ist +Bruder Lohmanns bewährter Leitung unterstellt, der Ihnen demnächst +alles Nähere mitteilen wird. Was die Reisekosten anlangt, so +liquidieren Sie wohl die üblichen 100 Mark. Darf ich sie Ihnen gleich +aushändigen?« + +»Ich habe aber nur 62 Mark und 35 Pfennige gebraucht,« antwortete +Kaspar. + +»Nun, da waren Sie ja sehr sparsam,« meinte der Direktor lächelnd. +»Aber Verehrter, Sie werden mir nicht böse sein, wenn ich Ihnen +doch hundert Mark gebe. Sie haben hier gewiß noch allerlei kleine +Einrichtungsausgaben; auch ist Ihr Gehalt -- Sie wissen -- die ersten +zwei Jahre nur 25 Mark monatlich -- nicht sehr reichlich -- ich kanns +leider nicht ändern, so gern ichs täte. Mangel sollen Sie jedoch +darum nicht leiden. Wenn Sie mal nicht auskommen, so wenden Sie sich +nur vertrauensvoll gleich an mich. Ich werde Ihnen da gern einige +Nebeneinnahmen zuwenden; es gibt immer so allerlei, Nachhilfestunden, +Badewachen und dergleichen. Zeichnen Sie nicht auch sehr hübsch? Ich +dächte, Bruder Bauding hätte so etwas geschrieben. Na also, und nicht +wahr -- hier hundert Mark?« + +Verlegen dankend nahm Kaspar das Geld und sah seinen Vorgesetzten, der +augenscheinlich eine Verabschiedung erwartete, dann unruhig an. + +»Wollten Sie vielleicht noch einen Wunsch äußern?« fragte schließlich +Bruder Nitschke verbindlich. + +»Ja, Herr Direktor,« begann Kaspar gedrückt, »ich weiß nicht, ob Herr +Unitätdirektor Bauding Ihnen auch geschrieben hat, warum ich Gotteshaag +eher verlassen habe als sonst wohl üblich.« + +»Aber gewiß,« sagte der Direktor lächelnd, »und darum brauchen Sie sich +auch gar keine bitteren Gedanken zu machen. Ich bin kein Ketzerrichter +und überhaupt kein großer Theologus. Ich verlange von meinen Lehrern +nur, daß sie mir meine Zöglinge gut behandeln, sie erziehen und ihnen +-- da es meist Ausländer sind, vor allem ein gutes Deutsch beibringen. +Daran wird es bei Ihnen wohl nicht fehlen, lieber Kollege, trotz der +fehlenden zwei Semester. Im übrigen nur Mut, junger Freund, ich darf +Ihnen verraten, Sie haben sonst eine glänzende Konduite -- gerade +auch als Lehrer -- ich glaube, die Fortbildungsschule haben Sie schon +geleitet. Nun -- im Vertrauen, so schwierig ist unsere Schule hier +nicht einmal. Also ich freue mich, Sie erhalten zu haben.« + +»Ich danke Ihnen, Herr Direktor,« brach es freudig aus Kaspars Innerem +hervor, »und so werden Sie es mir wohl nicht verübeln, wenn ich Sie +bitte, mich nicht Religionsunterricht erteilen zu lassen.« + +»Wenns weiter nichts ist,« erklärte Bruder Nitschke schmunzelnd, »das +will ich Ihnen gern zusagen, auch wenn das eigentlich Sache Bruder +Lohmanns ist. Sagen Sies ihm nur! Nein, nein, für Religion haben wir +immer Angebot, namentlich von den auswärtigen Herren. Also keine +Sorge. Und nun guten Morgen, lieber Kollege -- und alles Gute! Heute +mittag erwartet meine Frau Sie zum Essen, in meiner Wohnung bitte. Auf +Wiedersehen!« + +Mit großer Erleichterung schritt Kaspar Krumbholtz die kleine Treppe am +Direktorzimmer wieder hinab. + +Den Mann hatte er sich freilich anders vorgestellt. Was für ein +Zerrbild hatte der schändliche Gemeinklatsch hier wieder einmal +gezeichnet. An »Onkel Herbst« war nicht zu denken. + + * * * * * + +Als Kaspar nun bei Bruder Lohmann anklopfte, mußte er ziemlich lang +auf die Eintritterlaubnis warten. Erst tönte ein verlegenes »Gleich, +gleich!« von drinnen, weiter ein »Nur noch zwei Minuten«, endlich ein +sonores »Herein!« + +Der Besucher trat in eine geräumige, helle Stube, in der ihn ein +zusammengerollter Dachs mit verständig diskretem Gebell von seiner +Sofaecke aus willkommen hieß; auch einige Waldvögel begrüßten aus +ihren am Fenster hoch übereinandergetürmten Käfigen den Ankömmling +mit neugierigem Gezwitscher. Aber der Herr des Zimmers steckte nur +gerade seinen noch unfrisierten Kopf aus der Türspalte von der +nebenanliegenden Kammer herein, rief lächelnd: »Bitte, einstweilen +Platz nehmen, stehe sofort zu Diensten,« und verschwand abermals für +einige Minuten. + +Unterdessen sah sich Kaspar in dem ein wenig überladenen Raume um, der +sichtlich den Stempel einer eigenartigen, vielleicht etwas krausen, +jedenfalls bewußt moravischen Persönlichkeit trug. + +Da hingen an den Wänden die großen Ölbilder des Grafen Nikolaus Ludwig +von Zinzendorf und seines schier überirdisch verklärten Sohnes +Christian Renatus. Auf eichenen Bücherborten standen wohlgeordnet +sämtliche Ausgaben alter Gemeingesangbücher, eine Menge wertvoller +Brüderschriften, die seltenen Büdingenschen Sammlungen, die +idea +fidei unitatis fratrum+ undsoweiter. Darüber sann das wehmütig milde +Patriarchenhaupt des Brüderbischofs Amos Comenius; daneben hing ein +mächtiges Kupferstichblatt, die Predigt des ersten Brüdermissionars +vor den Indianern darstellend; weiterhin zierten graziöse +Pastellporträts berühmter Brüder und Schwestern, in schönen Empire- +und Biedermeyerrahmen zwischen allerlei feinen Schattenrißbildchen +hängend, die Wände. Und endlich über dem verstaubten Schreibpult, auf +dem Hefte, Bücher, Zigarren, Löffel und allerlei Kästen mit Vogelfutter +in vergnüglichem Wirrwarr durcheinander lagen, grüßte den Beschauer +noch ein herrlicher, weißlockiger Kopf, unter dem stand in klarer +Antiqua: +Leonardus Ludovicus Lohmann, episcopus unitatis fratrum, +suae aetatis LXXIII.+ + +Leise Schauer erfaßten den Sohn der letzten Neißerin, der wohl wußte, +wer jener Bischof gewesen war, und was er mit seinem Urgroßvater +zusammen für sein Kirchlein geleistet hatte. Hier war heiliger Boden, +hier galt es im Geiste die Schuhe ausziehen und Andacht zu üben. + +Da öffnete sich die Kammertür, und der Mitdirektor trat, mit einem +letzten Griff nach seiner verschobenen Krawatte tastend, noch ein +wenig keuchend und verlegen herein und begrüßte den jungen Kollegen +mit warmer Herzlichkeit; natürlich nicht ohne einige umständliche +Entschuldigungen über seine sonntägliche Langschläferei. + +»Ich habe unterdessen Ihre vielen Schätze bewundert, Herr Mitdirektor,« +meinte Kaspar. + +»Hör mal, wir duzen uns doch,« unterbrach ihn Bruder Lohmann rasch, +»das wäre noch schöner! Von den auswärtigen Herren muß ich mir das Sie +und den Herrn Mitdirektor zwar gefallen lassen, aber von dir nicht. Im +Gegenteil, ich hoffe sogar, lieber Bruder und Kollege, wir werden mit +der Zeit ebenso treue Freunde werden wie vor hundert und einigen Jahren +unsere Urgroßväter.« + +Dabei wies Bruder Lohmann sichtlich stolz auf das Bild über seinem +Schreibtisch und reichte dem jungen Kollegen nochmals die Hand, in die +dieser gern und kräftig einschlug. Dann bot der Mitdirektor seinem +Gastfreund eine Zigarre und den Ehrenplatz auf dem Sofa neben dem schon +wieder halbentschlummerten Dachs an. + +Bald schmauchte man behaglich, und das Gespräch floß munter dahin wie +unter guten Gesellen. Kaspar fühlte sich hier wirklich wie zu Hause. + +Auch Bruder Lohmann orientierte den neuen Kollegen rasch über die +wichtigsten Personalfragen, riet ihm, sich mit Vertrauen an seinen +bewährten Stubenkollegen Schnäbele anzuschließen; nur sich nicht +unnötig gegen den sowieso schon unbeliebten Schlegelmeyer aufhetzen +zu lassen. Der Hannoveraner wäre im ganzen wohl kein sonderlich +angenehmer Kollege, aber ein ganz vorzüglicher Lehrer und ein sehr +ruhiger und zuverlässiger Erzieher, dem auch die ältesten Engländer +sich anstandslos fügten. Und das sei ein heikler Punkt hier im Hause. +Die Engländerkolonie bilde leider seit alters eine +ecclesiola in +ecclesia+, und damit müsse man eben rechnen und sich zu stellen +versuchen, was namentlich die auswärtigen Herren in ihrem sonst sehr +gesunden Nationalstolz nicht recht begriffen oder begreifen wollten. + +Auf der vierten Stube spiele die Frage noch keine große Rolle, da +dort die oft recht schwierigen Franzosen und zum Glück auch die +Deutschschweizer, so die prächtigen Basler Büble, in großer Zahl +vertreten seien, nur der Senior Ronald Hooper sei natürlich ein +Engländer, übrigens einer der besten. + +Dann kam der Mitdirektor auf den Unterricht und seine in diesem Hause +durch die besonderen Verhältnisse bedingten Methoden zu reden, fragte +schließlich schonend, ob Kaspar sich getraue gleich in den oberen +Klassen zu unterrichten und ob ihm 28 Stunden, darunter freilich +12 präparationsfreie Zeichen- und deutsche Konversationsstunden für +Anfänger, zu viel sein würden. + +Kaspar verneinte ruhig und setzte dann scheu hinzu: »Wenn nur keine +Religionstunden darunter sind.« + +»Nein, lieber Kollege,« sagte Bruder Lohmann einfach, »davon habe +ich bei deinen besonderen Verhältnissen gleich abgesehen. Du sollst +in dieser Beziehung bei uns ganz in Ruhe gelassen werden; auch zum +Predigen sollst du nicht herangezogen werden, ich habe schon mit Bruder +Wiesendahl darüber gesprochen. Im Vertrauen -- es ist auch keine Freude +zu predigen bei der jetzigen Spannung zwischen Laien und uns jüngeren +Geistlichen. Es steht nicht gut!« + +Kaspar Krumbholtz sah sein Gegenüber mit einem warmen, +verständnisinnigen Blick an, und ein unendlich wohltuendes Gefühl der +Ruhe und des Geborgenseins überkam ihn von neuem in diesem heimlichen +Raume, bei diesem echt brüderlichen Manne, von dem er nach einer +köstlichen Stunde reichster Belehrung schied wie von einem alten +Freunde. + + * * * * * + +Am nächsten Vormittag bereits gab Kaspar Krumbholtz mit gutem Mut und +innerer Freude seine ersten Unterrichtstunden, und nach dem Essen trat +er auf Stube 4 seinen Aufsichtsdienst an, in dem er nun Tag um Tag mit +dem guten Schnäbele, der ihn zunächst wie ein rührend treuer Vormund +bevaterte, abzuwechseln hatte. + +Mit »Papa Schnäbele«, wie der wackere Württemberger Theolog bei +seinen ihn vergötternden, freilich ihn auch gehörig plagenden +Vierten hieß, wetteiferte der Senior Ronald Hooper, eine wandelnde +kleine Hausordnung, in Gewissenhaftigkeit, den neuen Lehrer in alle +Geheimnisse und Pflichten seines Stubendienstes einzuweihen. Da +wurde gezeigt, wie die Schränke und Schubladen in richtiger Ordnung +aussehen mußten; da wurde Rechnung abgelegt über die von Ronald +verwaltete Stubenkasse, aus der die kleinen Kaffeespaziergänge, die +Geburtstagteeabende und die Fußballreparaturen bestritten wurden; +da wurden die Obliegenheiten des Wochendieners, die Machtbefugnisse +der Fußballkapitäne, die Vorrechte der Stube und ihres Seniors +genau angegeben, die Sonntagbestimmungen betreffs des Kaffee- und +Kuchenholens und der Erlaubnis, zwei Stunden in der Heimatsprache zu +sprechen, mitgeteilt; endlich das Strafbuch vorgelegt mit dem stolzen +Hinweis, daß seit zwei Monaten auf der vierten Stube überhaupt keine +größere Bestrafung stattgefunden habe im Gegensatz zu der berüchtigten +zweiten Stube, die allein im letzten Monat 38 Strafen gehabt hätte. + +Kaspar Krumbholtz hielt sich klug zurück, ließ die 13jährige Weisheit +von Senior ruhig reden und prahlen und staunte doch heimlich über +das unverkennbare Herrschertalent der englischen Rasse, das mit +prachtvoller Naivität auch aus dieser kleinen Energenz strahlte. + +Und nun kam die Hauptsache: Präsident Ronald kommandierte nach der +Reihe seine getreuen Stubenuntertanen zur Huldigung heran, nachdem er +kurz zuvor ein knappes, oft verblüffend scharfes, doch -- wie sich +später herausstellte -- ziemlich richtiges Urteil über die einzelnen +Kameraden abgegeben hatte. Die drei Engländer schätzte Ronald natürlich +am höchsten ein, dann kamen einige Schweizer, zwei Schweden und ein +Italiener, endlich die Franzosen und französischen Schweizer, von denen +Ronald offenbar am wenigsten hielt, obgleich er etwas verächtlich +zugab, daß sie in der Klasse die besten seien. + +»Wie bist du denn da?« fragte Bruder Krumbholtz zum ersten Male +dazwischen. + +»O,« antwortete Jung-Ronald lakonisch, »ziemlich schlecht wie wir +Engländer fast alle. Aber wir sind nur da, für Deutsch lernen, nicht +für studieren, das kommt später in Eaton und Oxford.« + +Krumbholtz schmunzelte und dachte bei sich: Menschenkenntnis und +Charakter hilft diesen Albionssöhnen über jede fatale Situation hinweg. + +Dann ging er unter Anleitung seines Premierministers Ronald mit seinen +Vierten zum Fußballspiel. + +Die Kapitäne, der schlanke Rowles und der stämmige Schaffhuser, wählten +und verfügten auch kurzerhand über den neuen Lehrer. + +Als aber Bruder Krumbholtz dreimal spielend den Lagerhalter überrumpelt +hatte, erklärten sie mit einem sonderbaren Gemisch von Verzweiflung und +Ehrerbietung: es müsse anders gewählt werden, Bruder Krumbholtz spiele +ja beinahe so gut wie Huntington und Venobles, die Kapitäne der Ersten. + +Die Neuwahl machte Schwierigkeiten; bis Bruder Krumbholtz vorschlug, +die Kapitäne Rowles und Schaffhuser sollten doch beide gegen ihn +spielen. Das leuchtete plötzlich allen ein, die nun vereinten alten +Gegner spielten wetteifernd mit glänzender Bravour. Bruder Krumbholtz +hielt sich darauf ein wenig zurück, und richtig, ein Lager wurde gegen +ihn gewonnen. Nun war der Jubel und der Stolz der beiden siegreichen +Kapitäne groß, und äußerst befriedigt kehrte man heim zur alltäglichen +Arbeitsstunde. + +Der geschlagene neue Stubenlehrer der Vierten schmunzelte nicht wenig, +als er im Vorübergehen Ronalds großgünstiges Urteil aufschnappte: +»Weißt du, Rowles, Mister Kobolz spielt ganz gut, aber mit Huntington +und Venobles kann er doch nicht spielen!« + +Krumbholtz freute sich, daß er schon so schnell einen Spitznamen weg +hatte. Das ist immer ein gewisses Zeichen von Sympathie bei Buben. + +Am nächsten dienstfreien Nachmittag spielte er bei den Ersten mit, +ward allerdings zweimal von dem schwarzen Harryman, dem gefürchtetsten +Hinterspieler der Ersten, zu Boden gebracht, gewann aber trotzdem +schließlich ein Lager. + +Ob dieses erstaunlichen Erfolges, zu dem die oft und gern, nur ein +wenig ungeschickt mit den Ersten spielenden mecklenburgischen Dioskuren +dem jüngsten Reihenkollegen herzlich gratulierten, berief die englische +Kolonie in der nächsten Frühstückszeit ein geheimes Meeting, nahm von +dem neuen Mister Kobolz ausführlich Notiz und erklärte ihn für einen +»ganz famosen Kerl«. + +Das erleichterte Kaspar Krumbholtz manches in den sechs +Geschichtstunden, die er in den zwei obersten Klassen zu geben hatte. + + + + +Drittes Kapitel + +Der angehende Weltmann + + +Mit einem Hochgefühl sondergleichen schritt Hans Sebalt vom wenig +anmutenden Berliner Bahnhof nach der alten Buchhandelmetropole Leipzig +hinein, wo er nun sein neues Studium beginnen sollte. + +Zum ersten Male kam der junge Herrnhuter in eine Großstadt, kam mit +einem leidlich gefüllten Beutel, kam mit der festen Absicht, nicht nur +zu studieren, was die Väter wünschten, sondern auch, und vor allem, +aufzunehmen, was das flutende Leben ihm bieten konnte. + +Ein Duckmäuser war Hans Sebalt nie gewesen, jetzt wollte er die +Gelegenheit, ein Weltmann zu werden, beim Schopfe fassen -- auch +auf die Gefahr hin, den Ruf eines wahrhaften Gemeinbruders darüber +einzubüßen. + +Ein stilles Lächeln umspielte Hans Sebalts siegesgewisse Mienen. Er +blähte übermütig die Nüstern und sog die aus Ruß und Parfümduft seltsam +gemischten Fabrikgerüche der Berliner Straße befriedigt schnobernd +ein, als gäben sie ihm vorweg die Quintessenz des Großstadtdaseins. + +Am Ende der langweiligen Berliner Straße bog Hans Sebalt rechts nach +Gohlis ab, wo es -- wie man ihm gesagt hatte -- die billigsten und +behaglichsten Studentenwohnungen geben sollte, unwillkürlich dem alten +Witzwort folgend: »Wems zu wohl is, geh nach Gohlis«. + +Gleich an der ersten Ecke neben einem weitläuftigen Barackenkasernement +wies ein stattliches, vierstöckiges Haus zahlreiche Vermietungsplakate, +ein anderes daneben nur ~ein~ Mietangebot auf. Der kluge Hans +Sebalt sagte sich sofort, daß in dem ersten Hause wohl wenig angenehme +Wohnungsverhältnisse herrschen müßten, sonst würden nicht so arg viele +»Buden« leerstehen. + +Also trat er kurzerhand in das zweite Haus ein, und nach fünf Minuten +hatte er in dessen viertem Stock bei einer freundlichen Wirtin, Frau +Breutel, ein ganz hübsches Zimmer nebst einer kleinen Kammer für ein +Billiges ermietet. + +Das war ein stolzes Bewußtsein für ein armes herrnhutisches +Missionskind: zum erstenmal in seinem Leben besaß er ein Stübchen, ganz +für sich allein, noch dazu eines mit einer weiten, herrlichen Aussicht. + +Hans Sebalt setzte sich im Vollgefühl seines Glücks erst eine Weile +ans offene Fenster und sah leise ergriffen hernieder auf die nahe, +menschenwimmelnde und dumpfbrausende Riesenstadt mit ihren Hunderten +qualmender Schlote, ihren Tausenden von nach und nach im blaugrauen +Dämmerdunst aufblitzenden Lichtern, ihrer Unmenge von Straßen und +Gassen, mit ihrem Hasten, Fluten und Drängen und ihren lockenden +Geheimnissen. + +Was war das für ein greller Gegensatz gegen die stillen +Herrnhutergemeinen, in deren einer fern der ehrliche »Schelm« +seinen anstrengenden Schul- und Aufsichtdienst tat wie ein braver +Karrengaul. Warum -- der Narr! Er hätte es ebenso gut haben können +wie sein getreuer »Schuft«. Und was hätte das für ein vergnügliches +Zusammenleben, Zusammenstudieren, Zusammengenießen hier werden können! +Nun -- er hatte einmal seinen Dickkopf, der brave Kaspar! Und er, +Hans Sebalt, war nicht der Mann, der ihm nachlief; aber schreiben und +erzählen von all dieser Herrlichkeit wollte er ihm schon einmal, und +zwar so, daß ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen sollte. + +Mit solchen Gedanken stieg Hans Sebalt seine vier Treppen wieder hinab +und ging zum Bahnhof zurück, um seine Sachen zu holen. Stolz und +trotzig schritt er der Stadt zu, gleichgültig an hunderten vom schweren +Tagwerk eben glücklich erlösten Fabrikarbeitern vorüber, und aus seinen +strahlenden Mienen sprachen deutlich die kecken Worte: »Was kostet die +Welt?« + + * * * * * + +Schon am nächsten Tage erlebte der hochgemute Hans Sebalt seine ersten +Enttäuschungen. + +Als er zur Universitätquästur kam, um sich immatrikulieren zu lassen, +bedeutete man ihm: er könne einstweilen weder als Student noch als +Hörer eingeschrieben werden, da die vielleicht von seiner Behörde +nachgesuchte Reifezeugnisbestätigung bis jetzt vom Kultusministerium +noch nicht eingegangen sei, und der vorgelegte Berechtigungsschein +für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst für ihn gar keine Geltung habe, +da er ja als Kapländer englischer Untertan sei. Als der eben noch so +selbstsichere Gentleman aus Südafrika darob hilflos zusammenzuckte und +dann ganz bescheiden bat, man möchte ihn doch wenigstens vorläufig als +Gastteilnehmer zulassen, erwiderte man ihm lakonisch: er solle sich die +Bestimmungen dafür im Sekretariat geben lassen und sich dann an die +dafür zuständige Stelle wenden. + +Sehr beschämt schlich Hans Sebalt hinaus. + +Auf der Polizei hatte er ebenfalls Schwierigkeiten. Man verlangte +einen ordentlichen englischen Geburtausweis von Sebalt, der deutsche +Taufschein seines Vaters genüge nicht. Er müsse genau nachweisen +können, so hieß es von oben herab, daß er wirklich englischer Untertan +sei und für den deutschen Militärdienst nicht in Frage käme. Ein +Engländer, der nicht englisch spräche, sei immerhin verdächtig. +Wahrscheinlich wolle er sich nur vom Militärdienst drücken. + +Hans Sebalt fehlte es zu seinem Glück an Worten, seiner Empörung +genügenden Ausdruck geben zu können. Er dachte nur im stillen: er würde +ja viel zu gern dienen, wenn es die Unität nur bezahlen wollte, und +entfernte sich tief beleidigt. + +Nach einem guten Mittagessen, das ihm trotz allen Ärgers trefflich +geschmeckt hatte, ging er nach seiner neuen Wohnung, steckte sich eine +seiner letzten Herrnhuter Zigarren an und streckte sich behaglich auf +seiner schönen Chaiselongue aus, um neue Pläne zu schmieden. + +Da klopfte es, und auf sein »Herein« wankte eine lange, schlottrige +Gestalt ins Zimmer, die sich als den Inhaber der Wohnung vorstellte und +um freundliche Vorausbezahlung der Monatsmiete bat. + +Hans Sebalt fuhr ärgerlich empor und fragte hochfahrend: + +»Na, sind Sie denn nicht der Mann von der Frau Breutel da draußen?« + +»Zu dienen, Emanuel Breutel,« flötete süßlich die leis +zusammenklappende Hauswirtsgestalt, »ich bin noch der Ehemann dieser +Frau da draußen, bin auch noch der Besitzer aller dieser Sachen wie +des Buttergeschäfts im Parterre, auch Käse können Sie da haben -- sehr +guten, falls der Herr mal Bedarf haben sollte.« + +»Nee, danke,« wehrte Hans Sebalt gnädig ab, »aber nun sagen Sie mal, +was ist denn los? Ich habe doch gestern, als ich mietete, Ihrer Frau +den Mietzins für einen Monat bezahlt! Hat sie Ihnen das denn nicht +gesagt?« + +»So, so, Sie haben schon bezahlt,« begütigte Herr Breutel mit trauriger +Gebärde, »das tut mir recht leid, denn mir gesagt hat sie natürlich +wieder nichts, die Tücksche! Also dann verzeihen Sie nur untertänigst, +Herr Doktor, -- ja was ich nur sagen wollte -- meine Frau, ja -- ja +-- hm -- ach -- wenn Sie doch von nun an die Güte haben wollten, mir +die Miete zu geben -- ja, ich darf wohl bitten! Ich, ich möchte mich +da nicht so näher auslassen, Herr Doktor werden schon verstehen! Also +nicht wahr, zum nächsten Ersten bitte ich ganz ergebenst um den Betrag; +ich werde Ihnen darüber auch eine rechtmäßige Quittung ausstellen. +Womit ich mich Ihnen hochachtungsvoll empfehle. Nichts für ungut, Herr +Doktor, ich bitte die Störung gütigst zu entschuldigen -- angenehme +Ruhe, guten Bonjour, Herr Doktor, atjee wünsch ich, atjee!« + +Kaum hatte sich der lange Käsehändler dienernd zur Tür hinausgewunden, +da klingelte es draußen heftig. Allerlei Scheltworte waren zu hören, +und wieder klopfte es bei Sebalt, der sich eben erst von neuem +hingestreckt hatte und grimmig »herein« rief. + +Ein robuster, bärtiger Mann trat polternd herein, stellte sich, +breitbeinig hin- und herwuchtend, als Hauswirt und Kohlenhändler Wuppke +vor, und bat mit dem jungen Herrn betreffs der Miete Rücksprache nehmen +zu dürfen. + +»Zum Donnerwetter,« fuhr nun Hans Sebalt los, »wieviel Leuten soll ich +denn hier meine Miete berappen, da hört sich doch alles auf!« + +Herr Wuppke lächelte perfide und meinte dann wohlwollend: »Sie sind ja +wohl fremd und jung, und da fällt man eben leicht mal rein. Es sind +hier etwas mulmige Verhältnisse, in die Sie geraten sind. Der Kerl da, +der soeben bei Ihnen war, kommt gerade aus dem Kittchen. Er hat so +allerlei schöne Sachen auf dem Gewissen, von denen sich ein reeller +Geschäftsmann wie unsereins fern hält. Na und jetzt mit seiner Frau, +das ist ja auch nicht gerade kulant, aber schließlich -- was gehts mich +an --« + +»Wenn Sies wissen,« unterbrach ihn Sebalt neugierig, »dann wäre ich +Ihnen verbunden für Aufklärung, damit ich endlich einmal genau weiß, +woran ich bin.« + +»Schön, sollen Sie haben, junger Mann! Also, was der Breutel is, +sagt ich ja schon. Und seine Frau ist sonst gar nicht übel. Aber sie +paßten halt schlecht zusammen. Kommt so vor. Kinder gabs keine, aber +um so mehr Zank. Natürlich gab jeder dem andern die Schuld, bis der +blöde Emanuel dann eines Tages mal hinter den schwedischen Gardinen +verschwinden mußte. Da hat sich denn die resolute Breuteln rasch +entschlossen, den Gegenbeweis anzutreten mit nem schneidigen Vize +von drüben. Und richtig, als der Emanuel vom behördlichen Nachdenken +wiederkam, da war er der unschuldige Vater von zwei noch unschuldigeren +Göhren. Ach du lieber Gott! Der hat nicht schlecht gejammert! Fluchen +kann er ja nicht, das schleimige Schalaster; aber scheiden will er sich +auch nicht lassen, und ich glaube, die arme Frau kommt nicht los.« + +»Sind ja nette Verhältnisse,« knurrte Sebalt, »in die ich da +hineingeraten bin; aber schließlich, was hat das mit Ihrer +Mietforderung zu tun?« + +»Das kommt nun noch,« erklärte Wuppke höhnisch, »also der Kerl bezahlt +mir keine Miete, und da habe ich ihm gekündigt, hab ihn auch stantupeh +verklagt, und hier junger Mann (er holte einen Schein aus seiner Tasche +hervor) -- hier sehn Sie die gerichtliche Erlaubnis, daß ich auch die +Aftermieter ranziehen darf, falls ich sie den Breutels nicht überhaupt +verbiete, wozu ich nämlich auch das Recht hätte.« + +Da öffnete sich plötzlich stürmisch die Tür, und die Wirtin Sebalts, +die stattliche Frau Breutel, rauschte herein, hochrot vor Zorn, wie +eine gereizte Pute. + +»Um Verzeihung, Herr Doktor,« mischte sie sich sofort ein, »es tut +mir unendlich leid, daß Sie gleich solche Schererei haben. Sie haben +mir die Miete ordnungsgemäß bezahlt, und da sorgen Sie sich gar +nicht. Ich bringe schon alles in Ordnung. Das ist mein notwendiger +und selbstverdienter Unterhalt als Frau, den mir niemand abstreiten +kann, weder der erbärmliche Kerl von unten aus dem Butterladen, der +sich -- Gott seis geklagt -- noch immer als mein Mann ausgeben darf, +noch dieser Herr da, der uns zum nächsten Januar exmittieren lassen +und klagen darf, so viel er will, aber hier in meiner Wohnung vor +der Hand gar nichts zu suchen hat. Also ich bitte, Herr Wuppke, Sie +verlassen mal augenblicklich diese meine Wohnung, oder ich hole nicht +nur die Polizei, sondern ich ziehe auch mein gestriges Angebot zurück, +Ihnen wenigstens für diese meine Wohnung -- der Butterladen geht mich +ja nichts an -- die Miete zu zahlen. Also bitte, wirds nun bald, Herr +Wuppke? Sie haben hier nichts zu suchen!« + +»Oho,« antwortete der Kohlenhändler brummig, »ich kann diesen Herrn +hier besuchen, das steht mir durchaus frei.« + +»Ich danke aber gütigst für Ihren Besuch,« fiel nun Hans Sebalt +schlagfertig ein, »ich bin jedenfalls kraft meiner Zahlung hier in +diesem Zimmer Hausherr und bitte Sie dringend, mich nicht weiter +zu belästigen! Klagen Sie meinetwegen, gegen wen Sie wollen; aber +respektieren Sie gefälligst mein Hausrecht in meinen vier Pfählen! So +-- ich habe die Ehre, Herr Wuppke.« + +Damit wandte sich Hans Sebalt mit der Grandezza eines Spaniers ab und +ließ den verblüfften Kohlenhändler stehen, der nun wirklich murrend +seiner Wege ging, während Frau Breutel ihm triumphierend nachsah. + +Nachdem Sebalt, einigermaßen belustigt, sich seine ausgegangene +Herrnhuterzigarre abermals angezündet hatte, sprach ihm seine Wirtin +mit großer Beredsamkeit ihre Hochachtung, ja Bewunderung aus. Der Herr +Doktor, meinte Sie schließlich, solle sich nur nicht sorgen und etwa +darum ausziehen; sie werde ihm von nun an schon Ruhe schaffen, auch vor +dem Butterhändler da unten, der eigentlich gar nichts mehr bei ihr hier +zu suchen hätte, wenn die Gerichte ein Einsehen hätten. Über sie solle +der Herr Doktor jedenfalls nicht zu klagen haben, sie sei eine saubere +Frau. + +Hans Sebalt erklärte ihr kurz: er wäre noch lange nicht Doktor; mit dem +Ausziehen, das würde er sich noch überlegen. + +Nachdem Frau Breutel mit devoter Freundlichkeit und einer gewissen +Koketterie sich verabschiedet hatte, trat Hans Sebalt befriedigt +lächelnd an sein Aussichtfenster und dachte bei sich: Schade, daß ich +heute früh bei Quästur und Polizei nicht auch so habe abschneiden +können. Aber warte nur, die Polizei kriegen wir schon, und die Quästur +am Ende auch noch. Jetzt schreibe ich nach Berthelsburg, und dann +gehe ich zum englischen Konsul. Und das mit dem famosen Breutelschen +Ehepaar, das kann ganz interessant werden. Wer sich wohl solche +Verhältnisse zu Gotteshaag hätte träumen lassen! Ja -- die Großstadt -- +das ist freilich eine andere Welt. + +Hans Sebalt war ausgezeichneter Laune. + + * * * * * + +Die hohe königlich sächsische Polizeibehörde zog wirklich den Kürzeren +in der Sache Sebalt, und das noch höhere königlich sächsische +Kultusministerium hatte schließlich auch ein Einsehen. Johannes Karl +Rudolf Sebalt aus Witewater im Kapland ward +rite+ immatrikuliert +als +studiosus philosophiae+. + +Als er nun glücklich am ersehnten Ziele war, kam ein frohes, stolzes +Gefühl über ihn, und er beschloß, den großen Tag mit einer kleinen +Abendunternehmung zu feiern. + +Längst schon hatten allerlei Bier- und Weinlokale, zumal die mit +Kellnerinnenbedienung, den frauenunkundigen jungen Herrnhuter gereizt; +aber solange Hans mit der Polizei auf gespanntem Fuße stand, hatte er +sich nicht allzu viel aus seinem Bau getraut. Jetzt, zumal im Besitz +einer Studentenkarte, stand ihm die Welt von neuem offen, und auch +die Geheimnisse der Großstadt, die er vor allem in Kneipen vermutete, +durfte er nunmehr wohl ohne Bedenken zu ergründen suchen. + +So stieg er denn gegen Abend mit keckem Mute in den ersten besten +Bierkeller der Altstadt hinab. + +Der dumpfe, langgestreckte, aber blendend erleuchtete Raum war sehr +voll; die vielbeschäftigte Kellnerin stellte rasch das bestellte Glas +Bier hin und nahm sonst auch nicht die geringste Notiz von dem am +heutigen Tage richtig immatrikulierten Studiosus der Philosophie. + +Das behagte Herrn Sebalt wenig, auch sonst war so gar nichts Besonderes +zu entdecken. Viel Lärm, viel Rauch und schlechte Luft; kein Mensch +kümmerte sich um ihn. Sebalt trank aus, zahlte und stieg ein wenig +enttäuscht wieder zur Straße hinauf. + +Sollte er es einmal mit einem Café versuchen? Es gab da allerlei +Lokale dieser Art mit romantischen Namen. Also hinein und einen Kaffee +bestellt. + +Aber o weh -- hier bedienten Kellner. Es war gar nichts los! + +In einem zweiten warteten zwar wohlfrisierte Mädchen auf, aber sie +setzten Herrn Sebalt nur freundlich das Backwerk vor die Nase und +gingen eilends ihrer Wege, obwohl er ihnen einen freundlichen Blick und +schließlich im Vorübergehen einige verbindliche Worte spendete. + +Ärgerlich verließ er auch dieses Café und ging erwartungsvoll in +eine Bierstube, in der eine zigeunerhaft kostümierte Damenkapelle +konzertierte. Hier wurde Hans Sebalt ein wenig mehr Geld los, da nach +jedem Stück eine recht niedliche Zigeunerin einsammeln kam; aber +anzubändeln gelang ihm auch hier nicht, und gerade dazu hatte er heute +in seiner Siegesstimmung Lust. + +Wieder entfloh er der aussichtlosen Zigeunerhöhle und überlegte hin und +her, ob er es nicht nunmehr mit einer Weinstube versuchen sollte. + +Das konnte freilich ein teurer Spaß werden; aber noch war er gut bei +Kasse, und der Tag wollte einmal gefeiert sein! Später konnte er ja +um so mehr sparen; ein ehemaliger Gotteshaager Student, der an 16 Mark +Taschengeld monatlich gewöhnt war, konnte trotz der Kosten für Logis +und Unterhalt mit 100 Mark ganz schön auskommen. Also vorwärts hinein +in die lockende Weinstube mit der bunten Laterne! + +Und richtig -- hier war es ziemlich leer. Verlockende Lauben und +Nischen mit diskreter Beleuchtung waren vorhanden. Schon stürzte +auch eine vollbusige Hebe eilends auf den Ankömmling zu, nahm ihm +freundlichst den Hut ab und fragte mit verführerischem Lächeln: »Nun, +Blondchen, was trinken wir? Schampus gefällig?« + +Hans Sebalts Herz begann ein wenig zu klopfen; auf Champagner war +er nicht vorbereitet. Rasch jedoch fand er seine wohleinstudierte +weltmännische Sicherheit wieder und sagte überlegen: »Bringen Sie mir +eine Mosel.« + +»Sehr wohl, mein Herr!« antwortete die Kellnerin schon etwas kühler, +»befehlen der Herr eine Flasche Bernkastler Doktor oder Graacher +Himmelreich?« + +Jetzt wurde Hans Sebalt wieder ein wenig verlegen, setzte sich aber +einstweilen zur Fassung gemächlich in eine der düstersten Nischen und +bat möglichst blasiert um die Weinkarte. + +»Weinkarte führen wir keine,« erwiderte resolut das stattliche +Frauenzimmer, »unsere Gäste wissen schon, was für Weine wir haben. +Den Bernkastler Doktor kann ich dem Herrn sehr empfehlen, aber das +Himmelreich ist auch sehr schön.« + +»Haben Sie keine anderen Sorten?« + +Ein Weinkenner war Sebalt nicht. In diesem Augenblick fiel ihm jedoch +ein, daß er ja einmal beim Abiturientenschmaus in Bethel mit Kaspar +zusammen eine Flasche Moselblümchen getrunken hatte, und so fragte er +so großartig wie nur möglich nach dieser Marke. + +Die Kellnerin erwiderte verächtlich: »Solches Planschzeug führen wir +hier nicht. Aber wenn der Herr nicht viel ausgeben will, so kann er ja +auch ein Glas Portwein haben.« + +»Richtig,« fiel Hans Sebalt, wieder ganz Weltmann, ein, »jawohl, +bringen Sie mir ein Glas Portwein, mein schönes Fräulein, vielleicht +trinken Sie auch eins mit?« + +»Aber gern!« flötete nun wieder gnädiger die Hebe und besorgte rasch +den Auftrag, während sich Hans Sebalt innerlich zu diesem billigen +Ausweg beglückwünschte. + +Der Wein kam, man stieß an und begann zu schwatzen. + +Die Kellnerin nannte sich auf seine Anfrage Kathi, und Sebalt gab +sich als Otto aus. Eben wollte er weiteres erfragen, da bat Kathi um +Erlaubnis, sich ein zweites Glas holen zu dürfen. + +»Aber bitte,« sagte Sebalt galant und war nicht wenig erstaunt, als +seine Gesellschafterin gleich mit zwei Gläsern zurückkehrte in der +Annahme, der Herr Doktor werde doch unterdessen auch ausgetrunken +haben. + +»Zum Wohl, Herr Doktor, aufs Spezielle +sine sine+!« rief Kathi +übermütig lachend. Man stieß abermals an. + +Dann tätschelte die rundliche Hebe ihren Partner zärtlich, guckte ihm +verführerisch lachend in die Augen und fragte ihn mundspitzend, ob sie +ihrem süßen Ottchen nicht noch ein Glas mitbringen könnte, sie dürfe +sich ja gewiß auch wieder eins holen. + +Hans Sebalt ward es nun doch ein wenig ungemütlich zumute; er dachte an +seinen Geldbeutel, an die Väter in Berthelsburg, und schwankte. Aber +gerade jetzt schien es doch interessant und vielleicht gar pikant zu +werden -- ach was -- er wollte die Welt sehen und auch mal das Weib +studieren -- die zwei Glas würden sich schon wieder heraussparen +lassen. + +Also Hans Sebalt nickte höchst huldvoll Gewährung, und Kathi flog +davon, um bald darauf mit neugefüllten Gläsern, einem Kaviarbrötchen +und drei Zigaretten wiederzukommen. + +»Gelt, du erlaubst mir, Blondchen,« entschuldigte sie ihre +Proviantzufuhr, »daß ich dazwischen eine Kleinigkeit esse, und +dann muß ich immer ein paar Züge tun. Darf ich dir nicht auch einen +Weinhappen bringen, deine Zigarre geht ja gerade zu Ende.« + +Hans Sebalt schmunzelte. Die Sache ging recht rasch -- schon beim du -- +also nur weiter! Der Weinhappen ward bewilligt, und eine gute Havannah +brachte Kathi dem süßen Blondchen selbstverständlich mit und rauchte +sie ihm sogar mit vollendeter Grazie an. + +Dann setzte sie sich recht nahe zu ihm heran, legte wie von ungefähr +den Arm um Sebalt, so daß dieser ihres stattlichen Busens üppige Fülle +zu spüren bekam, und sagte mit dem verklärtesten Augenaufschlag: »Weißt +du, was ich jetzt möcht, Dickerchen?« + +»Vielleicht einen Kuß,« erwiderte Sebalt scheinbar kühl und keck, +obwohl ihm die völlig ungewohnte Nähe eines anmutigen Frauenkörpers +anfing die Sinne aufzuregen. + +»Ha -- warum nit,« meinte Kathi herausfordernd lachend, »aber an +Schampus dazu darfst mir dann schon spendieren. Weißt, Schatzerl, wir +nehmen an Halben -- für uns zwa langts schon. Gelt -- ich darf?« + +Und ehe Hans Sebalt noch ein Wort entgegnen konnte, war die flinke +Kathi auf und davon und kehrte bald mit einer kleinen Flasche +Champagner zurück, aus der sie zwei hohe Spitzgläser voll eingoß. + +Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel. + +Mit studentischer Eleganz trank Kathi Brüderschaft mit ihm und gab ihm +einen schallenden Kuß. Es war der erste, den Hans Sebalt von einem ihm +fremden jungen Weibe bekam; aber er hat sich seiner nie gern erinnert, +denn was darauf folgte, war einigermaßen schmerzlich. + +Als die listige Kathi ihren Angriff auf Blondchens Herz und Geldbeutel +gar zu energisch fortsetzen wollte, erwachte Sebalts gesunder +Menschenverstand doch rasch. Er bat trotz aller Gegenvorstellungen +Kathis um die Rechnung und wollte schier in den Boden sinken vor +Schrecken, als ihm die neue Bruderliebe mit aller Grazie, die ihr zu +Gebote stand, 21 Mark und 20 Pfennige zusammen rechnete. + +Hans Sebalt erbleichte. Das waren einundzwanzig Mittagessen -- für +einen Kuß! Und mit dem Bezahlen hatte das auch Schwierigkeiten. Ein +Zwanzigmarkstück hatte er zwar eingesteckt, aber das Kleingeld mußte er +noch aus allen Taschen zusammensuchen, ja schließlich gar die letzten +Briefmarken drauflegen. + +In dieser etwas kläglichen Situation ging der Weltmann in Hans Sebalt +vorübergehend unter. + +Als nämlich Kathi mit der grausamen Ruhe einer Königin, die einen +Tribut unterworfener Fürsten abnimmt, auch noch um ein Trinkgeld bat, +ward Sebalt grob. + +Darauf meinte Kathi schnippisch: »Wenn du halt ka Gölld hast, Kloaner, +darfst net in a Weinstub sponsieren gehn,« und ließ den Grobian stehen. + +Mit nicht völlig gewahrter Haltung und ohne Gruß verließ der junge +Herrnhuter die Weinstube. + +Sein heißer Drang nach Weltgenuß und Weibessüße war zunächst gehörig +abgekühlt. Der Weg zu Fuß nach Gohlis tat ein übriges. + + * * * * * + +In den nächsten Wochen gab es kaum einen fleißigeren Studenten in +Leipzig als Hans Sebalt. + +Trotz des schönsten Wetters besuchte er Kolleg um Kolleg mit der +Pünktlichkeit eines Gotteshaager Seminaristen, holte sich ganze +Stöße von Büchern aus der stattlichen Universitätbibliothek, las und +exzerpierte bis spät in die Nacht und fing wirklich nach und nach an, +festen Fuß auf dem Boden seines neuen Studiums zu fassen. + +Auch an Sparsamkeit fehlte es nunmehr nicht; der Abend bei Kathi wurde +richtig dadurch wieder wettgemacht, daß Hans Sebalt eine Zeitlang nur +alle zwei Tage ordentlich zu Mittag aß. Damit es aber seine Wirtin, +die ihren Doktor übrigens mit peinlichster Sorgfalt bediente, nicht +merkte, ging er um die Mittagzeit regelmäßig ein wenig ins Rosental +spazieren, wo der Frühling gerade alle seine Minen springen ließ. + +Auch hübsche Mädchen gab es im Rosental die Hülle und Fülle. Besonders +eine schlanke Brünette mit einem stolzen, elastischen Gang fiel Hans +Sebalt auf, da sie meist um die gleiche Zeit -- so etwa gegen drei Uhr +-- scheinbar ohne große Eile, der Stadt zuwanderte. Von Zeit zu Zeit +gelang es dem Studenten wohl, einen erstaunten, wenn auch nicht gerade +sehr freundlichen Blick des Mädchens bei der fast täglichen Begegnung +zu erhaschen, und bald war es Sebalt, als fehle ihm etwas, wenn er +einige Tage hindurch, wie es mitunter durch die Kollegs nötig wurde, +den Anblick der Brünetten entbehren mußte. + +Schließlich wurden Neugier und Interesse in dem Studenten übermächtig, +und so beschloß er eines schönen Nachmittags zu ermitteln, wohin die +Geheimnisvolle ging. + +Ganz einfach war diese Ermittelung nicht, denn das Mädchen hatte +scheinbar Sebalts Absicht gemerkt und suchte ihn durch gelegentliches +Verschwinden in irgendeinen Laden, in einen der tückischen +Durchgangshöfe, oder in ein großes Haus zu täuschen. + +Je schwieriger jedoch die Nachforschung wurde, um so vergnüglichere +Aufregung bereitete sie Hans, bis er eines Tages als ziemlich sicher +annehmen konnte, daß die interessante Unbekannte in irgendwelchen, +ihm noch dunklen Beziehungen zu einem großen Tanzrestaurant namens +Monplaisir stehen mußte, in dem Sonntags und zweimal wöchentlich +öffentliche Tanzbelustigungen abgehalten wurden. + +Nun war guter Rat teuer, denn tanzen konnte der sonst so vielgewandte +Hans Sebalt nicht. Er hatte es wohl einmal heimlich mit Kaspar zu +Gotteshaag versucht, aber nur der gymnastisch geübtere Freund war des +tückischen Walzerschritts einigermaßen Herr geworden. + +Jetzt erwachte die Lust und der Ehrgeiz Sebalts von neuem. + +Zunächst besuchte der junge Herrnhuter, dessen Finanzen +sich im nächsten und vollends im übernächsten Monat von der +Weinstubenniederlage trotz der hohen Kolleghonorarausgaben wieder +einigermaßen erholt hatten, mehrfach als Zuschauer das Tanzlokal, in +dem er aber trotz aller Mühe die stolze Brünette weder im Saal noch am +Büffet ausfindig machen konnte. Auch im Rosental traf er sie nicht mehr +zu seinem Leidwesen, konnte aber feststellen, daß sie trotzdem auch +weiterhin in Monplaisir zu tun hatte. + +Das Interesse Hans Sebalts wuchs weiter mit den Schwierigkeiten, sich +der Geheimnisvollen zu nähern. Schließlich geriet der sonst so kühle +Hans in eine innere Unruhe, daß er sich immer dringender die ihm etwas +ehrenrührige Frage vorlegen mußte, ob er nicht auf dem besten Wege +wäre, sich bis über die Ohren zu verlieben. + +So kam Hans Sebalt immer öfter zu den Tanzabenden nach Monplaisir, +fand immer mehr Gefallen an dem bunten, mitunter recht ausgelassenen +Treiben, bis ihn eines Tages ein Kommilitone aus dem Kolleg begrüßte +und ihn ganz harmlos fragte, warum er denn nie tanze. + +Hans Sebalt ward ungewöhnlich verlegen. Er mochte weder gleich +verraten, daß er Herrnhuter wäre, noch eingestehen, daß er gar nicht +tanzen könne, also antwortete er ausweichend: er wolle sich das erst +ein bißchen ansehen, im Winter würde er schon gern einmal tanzen, jetzt +im Sommer sei es doch ein wenig warm. + +Der Student sah ihn mit lustigem Blinzeln an und sagte dann lachend: +»Sie Schlauberger, ich glaube, Sie können ebensowenig tanzen wie ich?« + +Nun mußte der kluge Sebalt wohl oder übel Farbe bekennen. Die +Kommilitonen stellten sich lustig als Leidensgefährten vor, und nach +einem gemütlichen Schwatz beschlossen beide, im nächsten Semester +zusammen Tanzstunden zu nehmen. + +Spät trennte man sich, sah sich vor Schluß des Semesters noch öfter und +ward bald gut Freund. + +Niemeyer, so hieß der neue Bekannte, besuchte Sebalt mehrfach auf +seiner Bude, die er als höchst schlemmerhaft bezeichnete, und teilte +ihm unter anderem auch das Resultat seiner Erkundigungen über die +Tanzstunde mit. Die Sache könne ungefähr sechzig bis achtzig Mark +kosten. + +Hans Sebalt erschrak. So viel Geld würde er wohl schwerlich auftreiben +können; überdies standen die kostspieligen Ferien vor der Tür, und +er wußte nicht recht wohin. Sich elf Wochen zu den Eltern ins alte +Gnadenzeller Pilgerhaus zu setzen, konnte er schwerlich über sich +gewinnen. + +Da fielen ihm zur rechten Zeit die Redaer Gastfreunde ein, und rasch +entschlossen schrieb er ein nettes Briefchen an seine alte Gönnerin, +die gute Mama Winkler. Wenn die ihn einlud, war die Tanzstunde möglich. + +Und ein Mann von Welt mußte doch unbedingt tanzen können! + + + + +Viertes Kapitel + +Der Gottsucher + + +Der »Chef«, Bruder Nitschke, hatte wirklich recht behalten: es ließ +sich leben in Tramberg, zumal im Sommer, als das bunte Kurtreiben +begann. + +Auch in der Anstalt ging Kaspar Krumbholtz »das Leben gar lieblich +ein«, immer freudiger tat er seinen Dienst. + +Die Kollegen waren kameradschaftlich und gefällig. Mit den Herren +seiner Reihe, Kratt, Muffke und Knortz, entwickelte sich sogar ein +humorig freundschaftlicher Verkehr in und außer dem Hause. + +Der so gern grimmig dreinschauende Hesse war ein urbehaglicher +Kneipkumpan, der bei einem »Viertele« Markgräfler die allerlustigsten +Studentengeschichten aus Marburg und Gießen erzählen konnte, die durch +einen soliden Oberförsterzuschnitt erst recht wirkungsvoll wurden. + +Die beiden Mecklenburger waren einem guten Trunke auch nicht +abgeneigt; aber beide, armer Leute Kind und noch zu keinem Abschluß +ihrer Studien gelangt, sparten sie womöglich jeden Pfennig für die +Zukunft, entschädigten sich dafür in Wald und Wiese reichlich mit +Sammeln von allerlei Insekten, Gewürm und Geziefer, auch im Angeln und +Krebsegreifen waren beide treffliche Meister. + +So kam es wohl vor, daß oben auf der Lehrerstube von den kochgewandten +Obotriten noch spät abends ein feldmarschmäßiges Krebsessen zubereitet +wurde. Fehlte es einmal an Spiritus, dann wurden kurzer Hand einige +Schlangen oder Kröten aus dem Naturalienkabinett auf Ebbe gesetzt. + +Max und Moritz schreckten vor keiner Schwierigkeit zurück. Ja, +sie stiegen sogar eines Abends, als die sonst stets aufmerksame +Hausschlüsselbewahrerin, Mutter Frutsch, aus Versehen doch einmal vor +Mitternacht zu Bett gegangen war, forsch und frech durch ein schnell +zertrümmertes Fenster der unteren Lehrerstube ein und ließen dann +kaltblütig auf Hausrechnung eine neue Scheibe einziehen. + +Der Mitdirektor erfuhr es freilich und hielt seinen beiden »bösen +Buben« am nächsten Teeabend eine sehr humoristische Standpauke, während +der »Chef«, der von dem Unfug schließlich auch auf allerhand Umwegen +Kenntnis erhalten hatte, kein Wort darüber verlor, den Missetätern +aber zu ihrem Ärger die Rechnung zur gütigen Begleichung zugehen ließ. + +Mit seinem Stubenkollegen Schnäbele stand Kaspar Krumbholtz ganz +ausgezeichnet, auch mit Schlegelmeyer kam er leidlich aus, zumal er ja +wenig mit ihm zu tun hatte. + +Auf der vierten Stube ging alles im gewohnten Geleise; Kaspar war +viel zu klug und zu sehr von der bewährten Weisheit »Papa Schnäbeles« +überzeugt, als daß er irgendwelche Änderungen hervorgerufen hätte. + +Ronald und seine englischen Peers lobten sogar Mister Kobolz, der +fast nie zu strafen nötig hatte, da er vom ersten Tage an den Knaben +durch Ruhe und Konsequenz imponierte, aber auch durch Vertrauen und +kameradschaftliche Anteilnahme ihr Herz gewann. + +Im ganzen hielt er nach seiner Art gern zurück nach dem alten +Grundsatz: Ein Herrscher, der zu oft eingreift, schwächt seine Wirkung. + +Und die etwas aristokratische Selbstverwaltung der kleinen +Stubenrepublik funktionierte unter des Menschenkenners Ronald Führung +wirklich nicht übel. + +Das zeigte sich am erfreulichsten auf der üblichen dreitägigen +Frühlingswanderung in den Schwarzwald, die trotz gesteigerter +Verantwortung für die Lehrer ein herzerfrischender Genuß ward. + +Kurz und gut, Kaspar Krumbholtz hätte alle Ursache gehabt, mit seiner +kleinen Welt zufrieden zu sein, wenn er mit sich und seinem Gott im +Reinen gewesen wäre. + + * * * * * + +Auch im angestrengtesten Schul- und Aufsichtdienst wollten die Fragen +nicht ganz verstummen: Was soll aus dir werden? Bist du nicht ein +Halber, weder ein ganzer Theologe noch ein richtiger Schulmeister? Und +was bedeutet dir Gott? + +Mit seinen weltfröhlichen Reihenkollegen konnte sich Kaspar Krumbholtz +darüber nicht aussprechen. + +Gerade Max und Moritz, die doch in einer ähnlichen Lage waren wie er, +schienen sich am wenigsten über ihre ungewisse Zukunft die Köpfe zu +zerbrechen. + +Als Kaspar sich einmal scherzhaft erkundigte, wofür sie denn eigentlich +sparten, meinte Moritz resolut: »Op unse olen Dagen.« + +Und Max fügte launig hinzu: »Dat kann der Schlemmer wohl sagen, ik +spar nich weiter als auf Leberwurst zum Kommißbrot für Seiner Majestät +allerschneidigsten Königsfreiwilligen.« + +Muffke war Waise wie Krumbholtz, der nun plötzlich daran erinnert +wurde, daß er wahrscheinlich auch bald zu dienen hatte. Damit legten +sich neue Sorgen auf sein so wie so schon bedrücktes Gemüt. + +Eines Abends besuchte Kaspar Bruder Lohmann, zu dem er ein unbegrenztes +Vertrauen hatte, und schüttete ihm offen sein Herz aus. + +Dem seelensguten Mitdirektor ging seines jüngsten Kollegen Kummer +recht nahe. Er verstand das alles sehr gut, da ihm selber allerlei +Zukunftsorgen schwer auf der Seele lasteten. + +Trotz seines lebendigen Glaubens wollte er nämlich nicht Prediger +werden, da er Ritschlianer und auch kein Redner war. Zum Rektorexamen, +das er für einen leitenden Posten im Schulfach brauchte, mochte sich +der ein wenig unentschlossene, ja ängstliche L³ ebenfalls nicht +melden, obwohl er längst und überreichlich dazu vorbereitet war. Dann +und wann kam ihm der Gedanke, auf die Mission zu gehen, aber auch zu +diesem Entschluß konnte sich Bruder Lohmann nicht aufraffen. + +Wie viele gutmütige Menschen, die sich selbst nicht recht zu helfen +wissen, war der Mitdirektor jedoch leidlich energisch, sobald es sich +um andere handelte. Und so tröstete er Bruder Krumbholtz nicht nur und +riet ihm, sich nochmals theologisch gründlich zu orientieren, sondern +er tat auch Schritte bei dem jederzeit entgegenkommenden »Chef«, um +dem jungen Kollegen Orientierungsgelegenheit zu verschaffen. + +Unterdessen waren die großen Ferien herangekommen, die in Tramberg den +ganzen Juli und August hindurch währten, da die meisten Schüler weit +nach der Heimat hatten und sich für kurze Zeit eine teure Reise nicht +lohnte. + +Außerdem nahmen viele der Ausländer in den ersten acht Ferientagen, +während deren das Anstalthaus gründlich gereinigt und ausgebessert +ward, an einer größeren Fußreise teil, die sie mit den Schönheiten der +Schweiz oder Oberitaliens bekannt machte. An dieser Wanderung nahmen +die fünf ältesten Aufsichtlehrer unentgeltlich teil, darunter dies +Jahr zum ersten Male Max und Moritz, die sich schon wie Kinder freuten +und Vorbereitungen trafen, als hätten sie eine naturwissenschaftliche +Forschungs- und Sammelreise im Auftrage einer gelehrten Akademie +mitzumachen. + +Kaspar Krumbholtz als jüngster Lehrer konnte zu der Freunde und seinem +Leidwesen nicht mit von der Partie sein, obwohl Herr Schnäbele, der die +Reisen schon mehrfach mitgemacht hatte, zu seinen Gunsten zurücktreten +wollte. Bruder Teuchert erhob jedoch Anspruch und nach der lebendigen +Haustradition, genannt L³, mit Fug und Recht. + +Kaspar machte sich schweigend mit dem Gedanken vertraut, die langen +Ferien in Tramberg zuzubringen, und nahm sich vor, nun nach Goethe +auch Shakespeare von neuem vorzunehmen und überdies gründlich englisch +zu lernen; das konnte für alle Fälle gut sein. Nebenher wollte er +die herrliche Umgebung Trambergs genießen, vielleicht den Hegau +durchwandern bis zum Bodensee hinunter. + +Viel kosten durfte es freilich nicht, denn trotz Badewachen und +allerlei Privatstunden war der Reiseüberschuß schon bedenklich +zusammengeschmolzen, da ein unbedingt notwendiger Anzug hatte +angeschafft werden müssen. Man konnte in dem eleganten Kurort nicht +so herumlaufen wie in Gotteshaag, das sah erstlich der »Chef« nicht +gern, und auch einige Bürger, denen ihr Geschäft und somit das äußere +Renommee der Brüdergemeine über das Reich Gottes gingen, hatten sich +kürzlich an einem der sogenannten Bierabende über dergleichen wichtige +Toilettenfragen aufgehalten. Immerhin sollte Kaspar der neue Anzug bald +sehr zu statten kommen. + +Er ward nämlich eines Tages zum Chef gerufen, und dieser machte ihm +zu seiner größten Überraschung folgenden Vorschlag: Kaspar solle +zunächst einen französischen Knaben bis nach Straßburg begleiten, um +den ein wenig unsicheren Kantonisten dort in den Pariser Schnellzug zu +spedieren. Zehn Tage darauf solle Kaspar in Appenweier die englischen +Zöglinge, die zuvor noch die große Reise mitmachen wollten, in Empfang +nehmen und nach London begleiten. + +»Ich habe,« schloß der »Chef« vergnügt lächelnd und sich die +Hände reibend, als freue er sich an Kaspars unverhohlener Freude +rechtschaffen mit, »von Bruder Lohmann gehört, Sie haben das Bedürfnis, +sich über allerlei Fragen der Theologie wie der inneren Mission ein +wenig zu orientieren. Wie wäre es denn, wenn Sie in Straßburg die zehn +Tage benutzten, allerlei Kollegs zu hören und sich vielleicht in London +die gewaltigen Leistungen der Stadtmission ansähen? Ich will Ihnen +gern die dazu nötigen Empfehlungsbriefe mitgeben. Nur hoffe ich, daß +es Ihnen nicht gar zu gut in Straßburg oder London gefällt, denn ich +möchte einen so tüchtigen und zuverlässigen Erzieher wie Sie nicht so +bald verlieren.« + +In stummer Bewegung dankte Kaspar Krumbholtz seinem »Chef«, und fünf +Tage später trat er seine Reise an. + + * * * * * + +Mit ehrlich suchender Seele zog Kaspar Krumbholtz zu Straßburg von +einem Gottesgelehrten zum anderen, um zu prüfen, ob der alte schlimme +Eindruck von Gotteshaag sich nicht aus seiner Seele löschen oder sich +wenigstens mildern ließe. + +Wieder saß er, wie nun öfters schon in den letzten Tagen, wartend auf +dem Klappsessel eines eleganten großen Universitäthörsaales, den er +unwillkürlich mit dem armseligen Sälchen Gotteshaags verglich. Das war +wohl ein gewaltiger Unterschied. + +Aber was Kaspar bis jetzt hier gehört hatte, dünkte ihn um nichts +besser als das, was dort die Dozenten gelehrt; im Gegenteil, hier +fehlte nur zu oft bei Professoren wie bei Studenten die redliche +Andacht. + +Nun wollte Kaspar noch die Letzten, die Berühmtesten hören. + +Schon vor sieben Minuten hatte es geklingelt. Endlich kam eiligen +Schrittes der kleine, weißhaarige Gelehrte hereingetrippelt, der als +einer der größten Exegeten des Neuen Testamentes galt. Wie oft hatte +nicht Bruder Bartel diesen Töpelmann als höchste Autorität zitiert. + +Also so sah er aus -- ein kluges, starkgerötetes Fuchsgesicht, fast wie +ein Silen -- jedenfalls ganz anders, als ihn Kaspar sich vorgestellt +hatte. + +Mit zwinkernden Augen maß der Alte erst lächelnd sein Auditorium, +beugte sich dann tief über seine feingekritzelten Kollegzettel, suchte +lange und schließlich ärgerlich nach dem richtigen Blatt und begann +endlich mit stark nasalen Tönen wie vor sich hin zu reden und zwar +über das Gesetz des Geistes. + +Er tiftelte viel an dem Worte Pneuma herum. »Pneumatikos, das heißt ein +im Geiste befindlicher, vom Geiste getriebener«, haftete nach langem +Hin- und Herdeuteln in Kaspars Gedächtnis. + +Dann kam der Prozeß des Hagiasmos. Der wurde dem Gotteshaager +Exseminaristen trotz seiner Bartelschen Vorbildung überhaupt nicht +klar. + +Weiter ward mit spitzfindiger Dialektik das Problem der menschlichen +Freiheit erörtert und schließlich nicht ohne deutliche, höchst +selbstgefällige Ironie über die Prädestination als den konsequenten +Abschluß der Paulinischen Heilslehre gehandelt, wobei einige von +Töpelmann abweichende hermeneutische Kollegen als ganz subjektive +und törichte Tröpfe hingestellt, während andere, dem Vortragenden +zustimmende Kollegen als höchst einsichtige und wertvolle Forscher +gelobt wurden. + +Da klingelte es abermals, und triumphierend lächelnd stieg das kluge, +boshafte Männchen unter dem gewohnheitmäßigen Beifallgetrampel seiner +zum Teil recht gelangweilten Hörer vom Katheder herab und trabte +eiligst hinaus. + +Nachdenklich, aber durchaus unbefriedigt, folgte ihm Kaspar und bog +eine Tür weiter zum Hörsaal des bekannten Alttestamentlers Schütte ein. + +Als er sich nach einigen Minuten hinsetzte, las er unter den vielen +in den Tisch eingeschnittenen Zirkeln, Fratzen und Mädchennamen auch +eine Inschrift: Bestes Mittel gegen Schlaflosigkeit: alttestamentliche +Exegese. Das klang wenig verlockend. + +Aber Kaspar ließ sich nicht abschrecken und hatte es nicht zu bereuen. + +Der Vertreter des Fachs, ein stattlicher, noch ziemlich junger Herr, +war jedenfalls nichts weniger als langweilig; er sprach klar und +eindringlich und machte einen durchaus würdigen, ja sympathischen +Eindruck. + +Es handelte sich um die Legende vom Turmbau zu Babel, die völlig der +Quelle J. angehörte. Bawel war nicht als Verwirrung zu erklären, +sondern mußte Tor Gottes heißen, ebenso wie Schem hier nicht Denkmal, +sondern wie II. Sam. 8, 13 mit Ruhm zu übersetzen sei. Und nun folgte +ein ungemein interessanter Exkurs über die Sagen vom Neid der Götter +und dem Gigantensturm, zu denen auch diese alte semitische Sage gehöre. + +Mit Spannung hatte Kaspar bis zum Ende gelauscht; aber die unbequeme +Frage -- wozu das alles für einen Menschen, der Gott verkündigen soll +-- ward er auch hier nicht los. Was hatten all diese alten Sagen und +Geschichten, was die späteren vielfach so durchtriebenen Geschicht- und +Autoritätfälschungen der jüdischen Priesterautoren für einen Bildungs-, +Kultur- und Religiositätwert für unsereinen, vollends wenn der ganze +Bezug auf das neue Testament in Wegfall kam? + +Noch einmal setzte sich Kaspar Krumbholtz zu Füßen eines großen +Theologen, des berühmten Reimarus, der über das wichtige, so viel +umstrittene Johannisevangelium las. + +Eine ungemein zahlreiche Zuhörerschaft wartete fröhlich lärmend auf +den scheinbar beliebten Lehrer, der pünktlich unter lautem Beifall mit +selbstsicherem Lächeln das Katheder betrat. + +Mit mächtiger und zugleich gezierter Stimme begrüßte der eitle Mann +verbindlich seine Zuhörer und sprach in einer merkwürdigen Mischung von +würdevoller Salbung und salopp-burschikoser Ironie von dem angeblichen +Johannes, der natürlich mit dem Lieblingsschüler des Herrn gar nichts +zu tun habe, sondern nur irgendein viel, viel späterer Schriftsteller +sei, der hier gleichsam frei über die Synoptiker phantasiert habe. + +»Fabulieren kann dieser vierte Evangelist famos,« hieß es unter anderm, +»so bei der Geschichte von Malchus, dessen Name natürlich ganz beliebig +ist. Übrigens vergißt der Verfasser das Ohr wieder anheilen zu lassen. +Und doch besitzt der Mann einen ganz gehörigen Rationalismus, ja +nicht nur zwei Seelen, wie der Dichter sagt, wohnen ach in seiner +Brust, sondern ziemlich viele. Den Hohenpriester setzt er auch nur +so hin, um ihn wie die Perle im Golde leuchten zu lassen. Dann aber +unterschlägt er uns die große Schilderung vom Verhör, und -- noch übler +-- es passiert ihm sogar ein fataler Schreibfehler bei der mehrmaligen +Petrusleugnerei. Wahrscheinlich war der Schreiber -- es braucht +ja nicht unbedingt der Verfasser zu sein -- inzwischen einmal zum +Mittagessen oder sonst wohin gegangen. Darum braucht man schließlich +der Gedankenlosigkeit des Schreibers das ganze Evangelium nicht gleich +zu opfern« undsoweiter. + +Nachdem der große Reimarus dann noch geistreich witzelnd die +Johanneische Schreibweise mit der des Gespensterhoffmanns im Kater Murr +verglichen hatte, schloß er mit einer zierlichen Verneigung unter dem +dröhnenden Beifall seiner augenscheinlich höchlichst ergötzten Zuhörer. + +Tief verstimmt, ja im Innersten empört, verließ Kaspar das stattliche +Universitätgebäude, schritt langsam durch die engen Gassen der Altstadt +zum Münster und stieg hinauf in den Turm. + +Lange stand der junge Herrnhuter hier oben und schaute still bewegt +hinaus in das weite, herrliche Land. Nach und nach löste sich der +bittere Unmut in Kaspars Seele. + +Die Schönheit der teppichbunten Landschaft mit ihrem breiten, silbernen +Rheinband da unten, die Kühnheit des himmelanstrebenden Meisterbaus +neben und über ihm versagten ihre befreiende, innerlich lösende und +klärende Wirkung bei Kaspar so wenig wie vor hundertundzwanzig Jahren +bei dem jungen Goethe. + +Was sollte ihm, dem Gottsucher, jener kleinliche Formelkram der +selbstgefälligen, fündleinstolzen Alexandriner da unten? + +War das alles im Grunde nicht noch viel unfruchtbarer und +hoffnungsloser als die bescheidene Weisheit der zagen, vorsichtig +tastenden Gotteshaager Theologen? + +Konnte diese am Buchstaben hängende und zerrende, mit ihrer im Grunde +nur negativen Methode sich spreizende Wissenschaft ihm auch nur im +geringsten vorwärts helfen in dem Kampf um jene tiefste Wahrheit, +die allein das Geheimnis, die Bedeutung seines Daseins und seiner +Bestimmung ihm enthüllen konnte? + +Ob er diese Wahrheit jemals finden würde, er zweifelte ehrlich daran. +Aber hatte er darum ein inneres Recht, diesem schwersten und doch +wichtigsten Kampfe jedes denkenden Menschen feige auszuweichen? Nein! + +Nur auf das mühselige und sicherlich aussichtslose Ringen im Dienst +einer ihn quälenden und jetzt genau so wie früher ihn unsagbar +verletzenden Wissenschaft wollte er von heute an endgültig verzichten. + +Nicht Gott zu erwissen galt es ihm fürderhin -- nein, ihn zu erfühlen, +ihn zu erleben wollte er von nun an trachten. + +Es gab sicherlich vielerlei Arten, Gott mit der Seele zu suchen und zu +erfassen. Eine würde mit der Zeit auch ihm offenbar werden. + +Wie machtvoll, kühn und unvergänglich erhaben hatte der Schöpfer dieser +herrlichen Formen da vor ihm in seiner Kunst nach dem Herrn der Welten +aus dem Irdischen emporgetastet. + +Wie trotzig und erschütternd zugleich hatte der titanische Faustdichter +mit der einzigartigen poetischen Verkörperung menschlicher Sehnsucht, +Leidenschaft, Verzweiflung und mannhafter Tatenfreude sich seinen Gott +erstrebt? + +Was den Großen nach harter Selbstüberwindung und Selbstbehauptung in +ihrer Kunst, das war ihm, dem Kleinen, vielleicht nach ähnlichen Krisen +in seinem Beruf auch dereinst vergönnt. + +Von hier oben war der seinerzeit -- wie er jetzt -- am Wissen +verzweifelnde berühmteste Straßburger Student frohen Mutes +hinabgetaucht ins Leben! + +Er wollte ein gleiches tun und die theologischen Schiffe hinter sich +verbrennen. + +Und Kaspar Krumbholtz grüßte den Vater Rhein mit trotzigem Jauchzen +und schritt die vielen Treppen leichteren Herzens hinab, als er sie +unlängst hinaufgestiegen war. + +Tags darauf nahm er seine englischen Schüler am Bahnhof zu Appenweier +in Empfang und fuhr in rechter Ferienstimmung mit ihnen nach London. + + + + +Fünftes Kapitel + +Das Londoner Magdalenchen + + +Die Londoner Tage verbrachte Kaspar Krumbholtz wie in einem Rausch. +Eine solche Unmenge neuer Eindrücke wirbelte im Fluge an ihm vorüber, +daß er kaum zur Selbstbesinnung, geschweige denn zu einer ruhigen, +inneren Verarbeitung des Geschauten und Erlebten kam. + +Die Eltern einiger englischer Knaben ließen es sich nicht nehmen, den +Lehrer ihrer Söhne gastfreundlich in ihrem Hause willkommen zu heißen +und ihm trotz der stillen Saison die Hauptsehenswürdigkeiten der +Riesenstadt zu zeigen. + +Der junge Herrnhuter, der überhaupt noch keine Weltstadt gesehen hatte, +ward vor den zahllosen Monumenten, Kirchen, Staats- und Privatpalästen, +vor den Tausenden von herrlichen Kunstschätzen in den Museen und +Galerien immer stiller, ja ängstlicher, und hatte zuletzt nur noch +den einen Gedanken: Was für eine unendliche Fülle von Schönheit und +Reichtum birgt doch die große Welt, von der du bisher keine blasse +Ahnung hattest! + +Erst draußen in Gottes freier Natur, in den weiten, schattigen +Stadtparks, in den stillen, weltverlorenen Gärten alter Grandensitze, +wie in Richmond und Kews garden, kam Kaspar ein wenig zur Sammlung und +zum bewußten Nachgenießen des Geschauten. + +Nach und nach lösten sich Kaspars Beziehungen zu den Tramberger +Schülern und ihren Eltern, die nun meist auf ihre zum Teil paradiesisch +gelegenen Landsitze verreisten und vergeblich den jungen deutschen +Lehrer zum Mitkommen aufgefordert hatten. Ein-, zweimal hatte sich +Kaspar einen solchen Edelsitz wenigstens angesehen; aber er spürte +bei aller Gastlichkeit doch mitunter einen leisen Hauch geheimer +Verachtung, die man in diesen Kreisen der englischen gentry einem armen +Präzeptor gegenüber ebenso hegt, wie etwa in gewissen Kreisen der +deutschen Geburts- oder Geldaristokratie. Und Kaspar, der an seinem +jetzigen Berufe mit um so größerem Stolz und um so innigerer Neigung +hing, je mehr er sich bewußt war, daß er das Beste dabei umsonst tat, +wollte sich nicht unnötig mit dem ersten besten Dienstboten auf die +gleiche Stufe gestellt wissen. + +Außerdem hatte er durchaus das Bedürfnis, noch einige Tage ganz allein +und ohne Rücksicht auf loberpichte Eingeborene sich in das bunte +Treiben der an imposanten wie düsteren Bildern und insonderheit an +schonungslosen Kontrasten überreichen Riesenstadt zu versenken. + +Auch in das soziale Leben der ärmeren Volksschichten wollte Kaspar gern +einige Blicke tun, um so am ehesten ein Verständnis der praktischen +Arbeit am Reiche Gottes zu gewinnen. So besuchte er zum Beispiel an +den Sonntagen in den Parks die gewaltigen öffentlichen Versammlungen +der verschiedensten Interessentengruppen, der Bäcker und Kellner, +der Sozialisten und Anarchisten, der wütendsten Gottleugner und der +übertriebensten Gottverehrer, wies eben kam. + +Mit Staunen und Genugtuung nahm er die überlegene Gelassenheit wahr, +mit der die Londoner Behörden und Polizei all diese Leute gewähren +ließen, solange sie nur redeten oder demonstrierten. In dem wogenden +Tohu-Wabohu dieser ewig gärenden Menschheitmetropole sich irgendwie +zur Geltung zu bringen, hielt allerdings schwer, und da mußte man +den danach Strebenden schon allerlei sensationelle Reklamesucht und +Aufdringlichkeit zugute halten. + +Am meisten stieß den religiös keuschen Herrnhuter das +marktschreierische Gebaren der Heilsarmee ab; aber mit der Zeit, +vollends nach Orientierung durch die Leiter der Londoner Stadtmission, +ward Kaspar auch bei ihrer Beurteilung anderer Meinung. Mit der +zunehmenden Einsicht in die unendlich schwierigen Verhältnisse der +Londoner Mission wuchs die Achtung vor diesen sich oft so seltsam +gebärdenden Pionieren der Rettungs- und Evangelisationsarbeit. + +Immer tiefer und tiefer drang Kaspar in die furchtbaren Geheimnisse +des sozialen Elends bei den untersten Gesellschaftschichten der +Londoner Bevölkerung; immer stärker imponierte ihm die weitverzweigte +Organisation dieser verschiedenen, äußerst geschickt jedem +besonderen Arbeitgebiet angepaßten Werke, in denen Hunderte von +aufopferungsvollen, selbstlosen Männern und Frauen an vielen Tausenden +ihrer armen Mitmenschen arbeiteten. + +Unwillkürlich tauchte in Kaspar die Frage auf: Könntest du nicht +vielleicht hier einen vollgültigen Ersatz finden für den aufgegebenen +Beruf der Gottesverkündigung? Hierbei brauchte er nicht, wie bei +der Lehrerlaufbahn, ein neues, ihm wahrscheinlich unerschwingliches +Studium anzustreben. Gott dienen in der Arbeit an seinen ärmsten und +unglücklichsten Geschöpfen -- das wäre schon das Leben wert, stände +vielleicht auch höher in den Augen des Höchsten als die Erziehung und +der Unterricht der Jugend. + +Immer wieder sann Kaspar darüber nach, während er tagsüber von +Shalter zu Shalter, von Home zu Home, von Asyl zu Asyl zog, während +der aufregenden Nächte, in denen er vorsichtig mit einem alten, in +Whitchapel wohlvertrauten Judenmissionar, namens Moses, durch die +Höhlen des Lasters schlich, an hunderten berauschter, verrohter, ja +vertierter Mitmenschen vorüber, in denen nur noch matte Lebensinstinkte +und die niedersten Triebe flackerten. + +Aber je mehr Kaspar mit den Leitern der Rettungsanstalten und dem +Missionspersonal verkehrte, um so klarer ward es ihm, daß er zu +dieser Art Menschen nicht passen würde, und daß auch in ihnen jener +eigentümlich methodistische Hochmut lebte, der nur den Bekehrten +als gleichwertig und brauchbar anerkennt. Den kannte Kaspar aus der +Brüdergemeine gerade zur Genüge und verabscheute ihn. + +Man verargte es Kaspar, wenn er in seinem Hotel der Inneren Mission +nicht pünktlich zu den Morgensegen und Sonntaggottesdiensten erschien, +und wenn er kam, mutete man ihm zu, irgendwelche Stellen aus der Bibel +vorzulesen oder auszulegen; ja, öffentlich beten und Zeugnis ablegen +sollte er. Als Kaspar sich standhaft weigerte das zu tun, bekam er +nicht nur allerlei Taktloses über die scheinbar in Weltlichkeit +erstarrte Brüdergemeine zu hören, sondern er mußte es auch eines +Abends vor allen Angestellten und Dienstboten mit anhören, daß einer +dieser Apostel in einem öffentlichen Kniegebet den Herrn Jesus unter +Tränen bat: unsern lieben, noch nicht zu rechter Buße und Gnade +durchgedrungenen Bruder Krumbholtz der schnöden Gleichgültigkeit zu +entreißen, ihn aufzurütteln und zu erwecken zu seinem ewigen Heile. + +Sichtlich verletzt erhob sich Kaspar und zog sich auf sein Zimmer +zurück. Mit dieser ungestümen Art, sich Gott zu erzwingen, hatte er in +Gotteshaag abgeschlossen; er wollte sich nicht von neuem in Unruhe und +Verzweiflung hineinhetzen lassen. + +Er beschloß daher so bald wie möglich abzureisen. + + * * * * * + +Da klopfte es noch zu später Stunde leise an seine Tür, und ein +auffallend liebliches Mädchen huschte vorsichtig und etwas verlegen +herein. Kaspar hatte die junge Dame schon einige Male im Kontor unten +gesehen und nahm an, sie wolle irgendetwas Geschäftliches mit ihm +erledigen. + +Auf seine englische Anfrage erwiderte sie ihm jedoch im besten Deutsch: +sie sei aus Bremen und hätte nur das Bedürfnis, sich heimlich einem +Landsmann anzuvertrauen. + +Kaspar nannte seinen Namen und stellte sich der Dame, bei deren +Namensnennung er nur den Vornamen, Irmgard, verstand, zur Verfügung, +falls er ihr irgendwie dienlich sein könne. + +Die hübsche Bremerin lächelte, setzte sich und begann erst scheu, dann +immer zutraulicher zu erzählen: + +»Verzeihen Sie, ich habe Sie schon all die Tage über beobachtet, +Herr Krumbholtz. Ich habe mich auch ein wenig um Sie gesorgt, denn +ich merkte sehr wohl, daß man überall Netze auswarf, um auch Sie zu +bekehren und womöglich für dieses Missionswerk einzufangen.« + +Kaspar schüttelte den Kopf und sagte: »Ich glaube, mein Fräulein, da +irren Sie sich doch. Ich bin auch zurzeit gar nicht mein eigner Herr, +und ich denke, heute abend --« + +»Ja, sehn Sie, das hat mir ja so gut an Ihnen gefallen, daß Sie den Mut +hatten, aufzustehen und diese professionellen Seelenfischer einfach +stehen zu lassen. Nur darum habe ich es auch gewagt, hier so heimlich +zu Ihnen zu kommen.« + +»Schön, und was haben Sie mir anzuvertrauen?« + +»Da muß ich wohl weiter ausholen und Ihnen vor allem erst sagen, wer +ich bin und was ich war. Aber bitte, erschrecken Sie nicht, Herr +Kollege. Ja, ja, machen Sie nur große Augen. Ich bin auch eine Lehrerin +gewesen da drüben in meiner guten soliden Hansestadt Bremen. Ich habe +auch nichts pexiert, damit Sie nicht etwa zu früh erschrecken. Ich bin +Waise und mußte mich durchschlagen. Um perfekt Englisch zu lernen für +ein höheres Examen, nahm ich Urlaub und kam so hierher. Ich fand aber +wie Tausende und Abertausende von deutschen Mädchen trotz allen Suchens +keine Stellung. Mein Geld verschwand, mein Schmuck, meine Garderobe +ebenfalls; ich hungerte, verhungerte fast und sank schließlich wider +meinen Willen. Doch -- wozu Ihnen das ausführlich erzählen -- also +kurz und klar: ich ward von dem guten, alten Moses, der Ihnen jetzt +Whitchapel gezeigt hat, auch eines Tages aufgelesen und kam da drüben +in eines dieser herrlichen Magdalenenasyle.« + +Die Erzählerin schwieg. + +Eine schwüle Stille folgte, endlich brach Kaspar erschüttert das +peinliche Schweigen: »Warum beichten Sie mir Fremdem das alles?« + +»Warum?« antwortete Irmgard dumpf, »weil ich mich einmal aussprechen +muß, und weil Sie, Herr Krumbholtz, bisher der erste sind, den ich +in meiner neuen Umgebung kennen gelernt oder richtiger nur gesehen +habe, der sich wohl aus rein menschlichen und nicht aus sogenannten +christlichen Beweggründen für unsere Verhältnisse interessiert hat.« + +»Wer sagt Ihnen das? Man braucht nicht gleich mit diesen +methodistischen Wölfen zu heulen --« + +»Ja, das ist der richtige Ausdruck --« + +»So meine ich das gar nicht! Ich denke nur, man kann schließlich ein +Christ sein auch ohne solche Übertreibungen wie heute abend.« + +»Hier kann man es nicht, lieber Herr! Das ist ja gerade der Star, +den ich Ihnen stechen möchte: Sie wissen ja gar nicht, was für eine +Heuchelei bei dieser ganzen inneren Mission -- hier wie bei anderen +Gesellschaften --, am wenigsten vielleicht noch bei der derben +Heilsarmee, im Schwange ist. Der herrliche äußere Schein ist alles!« + +»Ja -- aber warum sind Sie dann hier, mein Fräulein?« + +»Weil ich lieber für freie Station schreibe, rechne und heuchle, als +hungere.« + +»Sie tun mir aufrichtig leid, Fräulein. Ich bin zwar auch nicht reich, +aber wenn ich Ihnen mit meinem Bißchen --« + +Das Mädchen sprang heftig auf und wehrte ab: »Nein, dazu bin ich +wahrhaftig nicht hier, so gern ich in die Heimat zurück möchte. Sie +sind ein vornehmer Mensch, Herr Krumbholtz, das habe ich instinktiv +empfunden, als ich Sie beobachtete. Ich glaube beinahe, Sie täten es +umsonst --« + +»Umsonst, aber natürlich -- oder wie soll ich das verstehen, Fräulein?« + +»Glauben Sie wirklich daran,« unterbrach ihn Irmgard bitter, »daß auch +nur eine von diesen Hunderten von Magdalenen da drüben durch diese +Mission wieder zu einem anständigen Mädchen gemacht werden kann? Aber +das wollen diese frommen Leute auch gar nicht. Warum helfen Sie uns +nicht, solange es sich lohnt? Wie verzweifelt habe ich und andere +-- das weiß Gott -- gerade auch hier um eine Brotstelle gefleht -- +vergebens! Man will eben nur Gefallene aufrichten, und das gerade ist +Sysiphusarbeit.« + +Kaspar sah sein Gegenüber mit großen Augen tief erschrocken an, dann +sagte er leise: »Lassen Sie mich nicht schlecht von Ihnen denken.« + +Schüchtern reichte das tief errötete Mädchen Kaspar die Hand und sagte +ebenso leise: »Haben Sie Dank für dieses gute Wort und bitten Sie Ihren +Gott, daß er Sie bewahre vor der Not, in der man nach dem schmutzigsten +Strohhalm greift, um sich retten zu können. Sie haben eben zu hoch +von mir gedacht und ich zu tief von Ihnen, Herr Krumbholtz. Ich hatte +gehofft, in Ihnen einen heimlichen Gegner dieser scheinheiligen +Christensippe gefunden zu haben, vielleicht einen trotzig kecken +Verächter, der ihnen hohnlachend ein Schnippchen schlagen würde. Ich +habe statt dessen einen Mann gefunden, dem ich früher hätte begegnen +sollen, um -- vor dem schlimmsten bewahrt zu bleiben.« + +Kaspar Krumbholtz schlug vor dem heißen Blick des Mädchens verwirrt +die Augen zu Boden und erwiderte langsam: »Wer sich selbst so offen +und so schwer anklagt, der kann vielleicht einmal schwach, aber nicht +schlecht sein. Im übrigen, mein liebes Fräulein, wer von uns darf einen +Stein erheben?« + +Da durchbebte ein konvulsivisches Zucken plötzlich den schlanken +Leib der jungen Bremerin, und wie hilfesuchend griff sie nach der +unwillkürlich vorgestreckten Hand des betroffenen Kaspars, beugte sich +darüber und stieß unter heftigstem Schluchzen heraus: + +»Wie gut Sie sind -- lassen Sie mich ausweinen -- nur einmal -- einmal! +Ich habe seit langer Zeit, ja, wohl noch nie einen Menschen gehabt, der +so zu mir gesprochen hat. O könnt ichs Ihnen danken! Aber ein Weib wie +ich -- taugt nicht einmal dazu mehr -- vorbei -- alles vorbei!« + +Tröstend fuhr Kaspar mit linder Hand über den blonden Scheitel der +Weinenden, während seine Gedanken wie erschreckte Vögel aufgeregt hin- +und herflatterten. + +Der weibunkundige junge Herrnhuter fühlte sich in dieser +überraschenden, ihn völlig verwirrenden Situation hilflos. Ein tiefes +Mitleid durchbebte ihn und doch auch ein leises Gefühl des Mißtrauens, +das ihm zwar schnöde und feige vorkommen wollte, das er jedoch nicht +ganz überwinden konnte. + +Hatte dieses Mädchen ihm nicht angedeutet, daß er ihr um jeden Preis +als Rettungsanker willkommen sein würde? Aber hatte er darum nicht +vollends die ritterliche Pflicht, ihr ohne jeden Hintergedanken zu +helfen, es koste, was es wolle? + +Hastig überschlug Kaspar seine zu Ende gehenden Mittel. Würde es +reichen zu einem Billett nach Bremen? Er selbst hatte ja seine +Rückfahrkarte. Jedenfalls wollte er geben, was er hatte, und so sagte +er zögernd, fast schamhaft: »Liebes Fräulein, ich glaube, ich kann drei +Pfund entbehren. Würde das reichen, um Ihnen zur Rückkehr nach Bremen +zu verhelfen?« + +»Nein, nein,« stöhnte Irmgard kopfschüttelnd, »das sollen Sie nicht! So +weit -- und doch --« Sie schwieg eine Weile, dann fuhr sie schüchtern +fort: »Wenn Sie mich mitnehmen wollen -- ich folge Ihnen, wohin Sie +wollen, aber so -- nein -- nein, nicht so!« + +Kaspar errötete und geriet in neue Verwirrung. + +Was wollte das ihm völlig unbekannte Mädchen gerade von ihm? Es +konnte doch nur ein toller Einfall des Augenblicks bei der völlig +Verzweifelten sein. Ruhig Blut -- um Gottes willen, was sollte daraus +werden. Die Anstalt Tramberg, die ganze Brüdergemeine stand Kaspar mit +einem Male vor den inneren Augen. + +Seine schlummernde Energie erwachte jäh, und so hob er den Kopf +des Mädchens mit der Rechten schonend empor und sagte mit jener +Überlegenheit des älteren Kameraden, mit der er bisweilen einem seiner +störrischen Knaben den Kopf zurecht setzte: »Kindchen, nun wollen wir +doch mal ruhig miteinander reden. Sie dürfen keine Dummheiten machen +und ich, als der verantwortliche Mann, erst recht nicht. Sie sind arm +und ich auch. Wir können keine Vergnügungsreisen machen. Ich muß in +meinen Beruf zurück und Sie auch.« + +»Das geht ja doch nie wieder,« unterbrach das Mädchen Kaspar traurig, +»wer stellt so eine wieder an? Und dann -- wenn doch einmal alles +zutage kommt -- nein, nie, nie! -- Lieber in Whitchapel vor die Hunde +gehen!« + +»Also Sie weisen jede Hilfe ab?« + +»Jede Unterstützung, ja! Mir hilft nicht Geld, mir hilft nur ein +Mensch, zu dem ich emporblicken, an dem ich einen Halt haben könnte, +ein Mann wie Sie!« + +Und wieder schaute das Mädchen ihn heiß mit flehenden Augen an. + +Kaspar schwieg. Das Blut stieg ihm siedend zu Haupte und pochte +hämmernd gegen seine Schläfen. Endlich sagte er mühsam: + +»Wenn Sie mich vorhin unterschätzt haben, jetzt überschätzen Sie mich. +Sie kennen mich nicht. Ich bin selbst noch ein Schwankender, ein +Werdender, ein Unfertiger. Ich kann vielleicht Kinder leiten, aber +keinem Weibe einen Halt bieten. Auch bin ich ein armer, abhängiger +Mensch -- wirklich nichts weiter.« + +Da trat Irmgard plötzlich dicht an Kaspar heran, flüsterte leise mit +bebender Stimme: »Sie sind der redlichste Mensch, der je in mein Leben +getreten ist. Retten Sie mich! Sie können es, aber kein anderer!« + +Und dann warf sich das junge Weib mit auflodernder Leidenschaft an +Kaspars Brust, umfing das Haupt des Widerstrebenden mit beiden Armen, +preßte ihre glühenden Lippen stürmisch auf seine Wangen und suchte +seinen Mund. + +Mit freundlicher, aber fester Hand löste Kaspar die zarten Arme von +seinen Schultern und sagte mit entschlossenem Ernst: + +»Nicht so, liebes Fräulein! Wollen Sie denn durchaus, daß ich auch +noch den Kopf verlieren soll? Einer von uns muß wirklich den Verstand +behalten, wenn wir nicht beide ins Unglück geraten sollen. Es sieht roh +und grausam aus, wenn ich Ihre Neigung so undankbar lohne; aber ich +hoffe, Sie werden es mir doch einmal danken. Nein, bitte nicht weinen, +Fräulein. Ich meine es gut, und wenn ich Ihnen wirklich auch nur das +Geringste gelte, so zeigen Sie es mir dadurch, daß Sie meinem Rate +folgen. Kehren Sie nach Deutschland zurück, bitte, wollen Sie es tun?« + +Die Schluchzende gab keine Antwort. Kaspar ging liebreich auf sie zu, +legte seinen Arm wie tröstend auf die zuckenden Schultern des Mädchens +und sagte weich: + +»Wenn ich Sie herzlich bitte, liebes Fräulein Irmgard -- wollen Sie es +nicht mir zuliebe tun?« + +Da hob die Bremerin schüchtern den Blick zu Kaspar empor und antwortete +leise: »Küssen Sie mich -- nur einmal -- nur ein einziges Mal! Und ich +will gehorchen.« + +Und Kaspar Krumbholtz küßte das junge schöne Weib. + +Es war der erste Kuß in seinem liebeleeren Dasein, und er war sich +der Heiligkeit des Augenblicks voll bewußt und hat sich dieses Kusses +auch später nur mit süßer Sehnsucht erinnert. Er glaubte einem holden +Geschöpf nur so zeigen zu können, daß er es achtete, und daß es ihm +wert genug war, alles für seine Rettung zu tun. + +Wie ein Kindchen, das seinen Willen erhalten hatte, ließ sich Irmgard +nun ganz still und gefügig das Geld für die Heimreise aufdrängen, +versprach ernsthaft, diese so bald wie irgend möglich anzutreten, um +sich eine neue Stellung zu suchen. + +Gleich einem treuen älteren Bruder schied Kaspar Krumbholtz von dem +noch immer still vor sich hin weinenden Mädchen und reiste am nächsten +Morgen mit dem ersten Expreßzuge nach Tramberg zurück. + + + + +Sechstes Kapitel + +Feriengäste + + +Nachdem Kaspar seinem Direktor Bericht erstattet und Rechnung gelegt +hatte, übergab ihm dieser mit seinem vergnüglichsten Lächeln einen +Brief nebst einem Scheck und sagte, indem er sich listig die Hände +rieb: »Ich vermute, hier wird jemand seine Weltreisen fortsetzen!« + +Erstaunt sah Kaspar, der noch nie einen Scheck gesehen hatte, erst das +lange Papier an, auf dem 500 Mark zweimal geschrieben stand, öffnete +sodann den Brief, in dem Herr Winkler ihn bat, so bald wie möglich über +Tyrol oder über den Fluelapaß nach Sils Maria ins Engadin zu kommen, wo +er mit Frau, Tochter und Freund Sebalt die Ferien und das schöne Wetter +genieße. + +Kaspar machte das bekannte Gesicht, was der Mensch meistens macht, +wenn ihm etwas völlig unerwartet kommt. Darauf bat er um weiteren +Urlaub, den ihm Bruder Nitschke viel zu gern bewilligte, da er in den +Ferien froh war, wenn sein großes Haus möglichst leer war. Außer den +unentbehrlichen Handwerkern sah er da niemand gern. + +Mit dankbarem Händedruck quittierte Kaspar über eine Summe, wie er sie +noch nie, auch nicht in den Karpathen, sein eigen genannt, ja nicht +einmal im kühnsten Traume erhofft hatte, und setzte sich eilends oben +auf der Lehrerstube vor das große Reichskursbuch des Hauses. + +Nach schwierigen Überlegungen und abermaliger Rücksprache mit dem +freundlichen Direktor entschied sich Kaspar für die Schweizerroute und +gab telegraphisch Herrn Winkler Bescheid. + +Der Marsch über den herrlichen Fluela lockte den jungen Lehrer +gewaltig, und die folgende Nacht tat er kaum ein Auge zu vor Aufregung. + +Von Davos aus begann Kaspar am übernächsten Tage die Wanderung über den +Paß. + +Wieder erschloß sich seiner Seele eine neue Welt eigenartiger strenger +Schönheit, die ihn mit gleicher Wucht und Größe gefangen nahm und still +erschauern ließ, wie vordem die wilden, trotzigen Karpathen. + +Freilich, das berauschende Gefühl unermeßlicher Einsamkeit überkam +Kaspar auf der ziemlich belebten Fremdenstraße nicht so wie in dem +ungarischen Waldgebirge, das ihm auch in Fauna und Flora einen +unberührteren, reicheren Eindruck gemacht hatte. + +Nur die ersten Alpenrosen versetzten den jungen Lehrer in helles +Entzücken, und wie ein Pfingstochse reichlich damit geschmückt, +überschritt er jauchzend die Paßhöhe, unbekümmert um das Gelächter +blasierter Bergfexe und ihn spöttisch lorgnettierender Dämchen. + + * * * * * + +Kurz vor Zernez, dem alten Ladinernest, stieß Kaspar unvermutet auf +Hans Sebalt, der ihm auf gut Glück von Sankt Moritz entgegengefahren +war und nun wie ein Wegelagerer in einer kleinen Schänke die +Fluelastraße abgespäht hatte. Mit lautem Hallo fiel er über den +alpenrosengeschmückten Freund her, und man umarmte sich stürmisch immer +wieder mit ausgelassenster Freude. + +Im nahen Zernez bezog man in einem altertümlichen Gasthofe +Nachtquartier, bestellte sich ein reichliches Mahl und einen guten +Veltliner, und dann gings an ein großes Erzählen bis tief in die Nacht. + +Die ersten Fragen Kaspars galten Ursemi und ihren Eltern. + +Hans Sebalt berichtete ausführlich, nur ein wenig spöttisch, vom lieben +stillen Reda, wo alles so ziemlich beim alten sei. + +Der weise Berthold regiere das Haus noch immer so lautlos wie ein +Geheimrat hinter seinem Minister; die runde Mine sei noch ein bißchen +runder geworden; nur die hübsche Kathrine habe kürzlich geheiratet, +aber die Nachfolgerin sei auch ein ganz appetitliches Mamsellchen. +Die Doggen seien ein bißchen klapperig geworden, besonders der Toni +würde wohl nächstens in die ewigen Jagdgründe eingehen, während die +Cleo, zäh wie ein altes Frauenzimmer, noch gut bei Appetit und Stimme +sei. Bei ihrer Herrschaft wäre es ganz ähnlich. Der stattliche Herr +Winkler habe leider weit mehr eingelegt als seine kleine Frau, der das +Sorgen -- namentlich jetzt um den künftigen Schwiegersohn -- noch immer +ausgezeichnet bekomme. + +An Aspiranten scheine es übrigens nicht zu fehlen, wenigstens sei +all die Tage über in Reda beständig Besuch im Hause gewesen, und +schließlich sei man wohl darum nach Sils Maria ausgerückt. + +Als Kaspar geradezu fragte, ob denn unter den Herren einer gewesen sei, +der Ursemis einigermaßen würdig wäre, da lachte Hans Sebalt schallend +heraus und meinte: + +»Würdig? Köstlich! Du bist doch immer noch der Alte! Gewissenhaft wie +ein Vormund. Menschenskind, wenn ich du wäre, wüßte ich längst, was +ich täte. Du hast einen Stein im Brett bei unserer allergnädigsten +Schlotprinzeß -- doch wem sage ich das? Also die Bewerber! Allzu +ernsthaft nimmt sie wohl keinen, und der Herr Papa auch nicht. Es +ist wie in den alten Märchen. Jeder fremde Prinz zeigt sich von +seiner besten Seite; aber keiner findet Gnade beim König und seiner +Tochter. Da ist der famose Leibkürassier, der Brettwitz, tadellose +Erscheinung, vorzügliche Formen, und reiten kann er wie der Deubel. +Aber von der ersten Silbe seines erlauchten Namens trägt er mehr +draußen vorm Kopf als gut ist, und von der zweiten drin zu wenig. +Chancen so ziemlich gleich Null, um so größer natürlich sein Bemühen. +Dann war unter anderen ein junger Darich da, du weißt von den Belower +Kammgarnkönigen ein Sprößling. Auch kein übler Kerl, immer tipp topp, +spielte Tennis -- blödsinnig sagte Brettwitz. Nur im ganzen mehr Yankee +als Deutscher, und du weißt, das verträgt der Alte schon gar nicht, +während unsere gute Mama Winkler von dem tüchtigen jungen Mann, der +doch so gut ins Geschäft passe, ganz hingerissen war. Ursemi endlich +behandelte ihn mit dem ganzen Übermut einer Dollarlady, scheinbar +höchst kameradschaftlich, tatsächlich wie einen Liftboy. Du, die hat +überhaupt in England einen ganz verfluchten Tick bekommen, der kann +einem jungen Mannsbild bisweilen wirklich auf die Nerven gehn. Ich war +ja leider nie ihr Fall -- jetzt aber werde ich, wenn sie bei Laune ist, +von ihr gelegentlich in einer Weise verknackt, als nähme sie mich +überhaupt nicht mehr ernsthaft. Also im Vertrauen, alter Junge, sei +auf der Hut vor der Dogaressa, wie unsere putzige Dente sie nannte, +die übrigens auch noch im Segen zu Bethel ihres Amtes waltet und aus +dem alten wurmstichigen Schwesternhause Überschüsse auf Überschüsse +herauswirtschaften soll zur großen Freude der Finanzabteilung, die +Stipendien schaffen muß -- wie Figura zeigt -- also -- Prosit!« + +»Prosit! aber nimm mirs nicht übel, Hans!« sagte Kaspar, fast ein +bißchen boshaft lächelnd, »ich glaube, du hast dich mindestens ebenso +verändert wie unsere Ursemi, auf die ich ja schon sehr gespannt bin. Im +übrigen wandeln wir uns wohl alle -- Gott sei Dank! Also freuen wir uns +lieber, daß wir uns mal wieder haben dürfen, anstatt uns über einander +zu wundern.« + +»Also sprach der weise Schulmeister Seneca!« fiel Hans Sebalt mit +großer Gebärde ein, »ja, du hast so recht! Ich merke schon, du +bist schon ein ganz solider, zügelzahmer Schulfuchs da unten im +Wüschteberger Ländle geworden, und ich fange an, in dem lieben, +saufseligen Sumpfnest Leipzig ein windiger, weltfroher Sünder und +Zöllner zu werden und sitze, wo die Spötter sitzen. Aber schön ists +doch, mein Junge, sich so richtig mal den Wind der großen Welt um die +Nase wehen zu lassen, ihren tausend und abertausend Gefahren trotzig +die Stirn zu bieten und sich selber unverzagt den Weg zu suchen, +ohne von Bruder Hinz und Kunz bepapelt und geleithammelt zu werden. +Du braves Kasperle, du hast ja keine Ahnung, was für eine herrliche, +sauvergnügte Welt es noch da draußen gibt -- weit, weit hinter eurem +Gemeindezaun und der Schwäbischen Alp. Ja, mein Lieber, davon läßt du +dir in deinem großen Anstaltskäfig wohl nichts träumen? He, was meinst +du, wenn du auch mal herauskämst? Ich wollte dir das längst schon +schreiben, kam aber nicht dazu. Mußt du nicht bald dein Jahr abbrummen? +Dann komm nach Leipzig, alter Junge, komm zu mir! Wir hausen zusammen +-- das kann eine urgemütliche Kumpanei werden. Und dann -- dann will +ich dir mal die große Seestadt Leipzig zeigen -- Junge, Junge -- da +sollen dir die guten Schwabenaugen übergehn und dein Schulverstand +stille stehn.« + +»Hm,« brummte Kaspar behaglich, »das wäre zu überlegen. Aber vorher +habe ich noch allerlei zu erledigen, auch muß ich mir über gewisse +Dinge erst einigermaßen klar werden.« + +»Das mußt du ja immer,« neckte Hans, »ich glaube, du bist dir mit +achtzig Jahren noch nicht klar über dich selbst. Aber Schwamm drüber, +jedes Tierchen nach seinem Pläsierchen. Wie gefällt dirs sonst in +Tramberg? Ganz so gott- und weltverlassen wie die Arche Gotteshaag ists +doch wohl nicht -- oder? -- Ihr dürft wohl nicht viel raus aus eurem +Bau?« + +»Manchmal doch,« meinte Kaspar seelenruhig, »so bis nach London kommt +man schon einmal.« + +»Nach London? Mach keine faulen Witze. Du meinst eure Jungens -- na ja +-- die haben jetzt Ferien.« + +»O nein, ich selber komme geradenwegs von London zurück,« erklärte +Kaspar lachend. + +Nun war die Reihe erstaunter Fragen an Hans Sebalt, und er fuhr damit +rasch heraus: »Menschenskind -- du in London -- allein in der großen +Weltstadt -- und ohne Aufsicht, Jungchen, Jungchen, wenn das man kein +Unglück gegeben hat. Wie lange warst du denn da, und was hast du da +gemacht?« + +»Na, wieder allerlei,« erwiderte Kaspar mit gutem Humor, »was du nicht +verstehen wirst. Ich habe die Werke der inneren Mission studiert.« + +Hans Sebalt brach in ein Höllengelächter aus und brüllte vor Vergnügen: + +»Innere Mission -- dazu fährt der Kerl nach London -- ausgerechnet +nach London, der großen Sündenbabel! Sag mal, bist du denn schon so +verrückt, daß du etwa Speckapostel werden willst?« + +»Ob ich das je wollte, weiß ich nicht. Jetzt aber weiß ich ganz genau, +daß ich es nicht mehr will. Das ist auch etwas.« + +»Na und mit der Theologie?« + +»Mit der habe ich mich in Straßburg noch einmal auseinandergesetzt und +ihr nun endgültig Valet gesagt.« + +»In Straßburg warst du auch? Na, höre mal -- wann warst du denn da +eigentlich in Tramberg?« + +»Von Ostern bis Ende Juni, abgerechnet die drei Tage der +Schwarzwaldreise.« + +»Schlemmer, den herrlichen Schwarzwald hast du auch noch so nebenbei +besichtigt? Höre, Kaspar, braucht ihr nicht in Tramberg nächstens +auch Oberlehrer? Ich wäre gern bereit, als Auslandreisender bei euch +einzutreten.« + +»Gut, ich wills unserm Chef sagen, der ist so wie so stets in +Lehrernöten. Wie wärs, wenn du mich ablöstest, wenn ich dienen muß?« + +Und wieder lachten beide, daß die Wände der kleinen Schenkstube +fröhlich widerhallten. + +Dann mußte Hans Sebalt von Leipzig erzählen, und er tat es nunmehr ohne +die Ruhmredigkeit der ersten halben Stunde. Von den Kollegs, von den +Kneipen, von seiner Wirtin und Herrn Niemeyer sprach er allerlei; nur +von der stolzen Brünetten erwähnte er ebensowenig ein Wort wie Kaspar +von seinem Londoner Magdalenchen. Spät gingen die Freunde zur Ruhe, +und früh standen sie auf, um dann, fröhlich singend und schwatzend wie +ehedem zu Gotteshaag, miteinander das herrliche Inntal hinaufzuwandern +gen Sils Maria. + + * * * * * + +Als die beiden Freunde nach zwei Tagen staubbedeckt und braungebrannt +am Ziele anlangten, empfing sie Frau Winkler allein, aber mit einer +Herzlichkeit, als wolle sie für die Abwesenheit von Mann und Tochter +Entschädigung bieten. + +Sorglich nahm sie sich ihrer zwei Pflegesöhne an, als wären es +noch die kleinen Tertianer von Bethel. Kaspars Sachen, die er klug +vorausgeschickt hatte, hingen schon, alle wohlgebügelt, im Schranke +seines herrlich gelegenen Zimmers, von dessen Balkon aus man die ganze +Riesengruppe der Piz Bernina überschauen konnte. Rasch zog sich Kaspar +um und trat dann in den herrlichen Abend hinaus. + +Da sah er vom gegenüberliegenden Berghang einen stattlichen, nur +etwas vornübergebeugten Mann und ein tannenschlankes Mädchen langsam +herunterschreiten. Mit einem Blick hatte er die Redaer Freunde erkannt +und stürmte -- wie er war -- ohne Hut hinab und ihnen entgegen. + +An einer Straßenbiegung lauerte er ihnen auf und überraschte Vater und +Tochter vollkommen. Am liebsten wäre er beiden um den Hals gefallen, +aber unwillkürlich dachte er an Sebalts Worte, und so dämpfte er den +Überschwang seiner Gefühle. Immerhin ging es laut genug her. + +Herrn Winkler freilich leuchtete die stille Genugtuung über den +stattlichen Pflegesohn nur aus den gütigen Augen; aber Ursemi +machte kein Hehl aus ihrer hellen Freude wie aus ihrem Erstaunen, +ihren ehemaligen Rekonvaleszenten Kaspar so kraftvoll und frisch +wiederzusehen. Mit glückseligem Stolz wirbelte sie übermütig den +hochgewachsenen Freund ein paarmal im Kreise herum und sagte +befriedigt, fast stolz: + +»Sieh mal einer an, was fürn Berserker aus dem Suppenkasperle vom +Luisenstift geworden ist! Jetzt kann man sich doch wieder mit dir sehen +lassen.« + +»Danke für das Kompliment,« erwiderte Kaspar, lustig sich verneigend, +»ich könnte ja nun eine Retourkutsche vorfahren lassen, aber wozu! Du +weißt, ich war mit dir immer zufrieden. Ich bin nicht so anspruchsvoll +bei meinen Freunden.« + +»Vater,« sagte Ursemi resolut, »was macht man nun mit dem Kerl, +verdrischt man ihn, oder gibt man ihm einen Kuß?« + +»Das halte du, wie du willst,« meinte Herr Winkler trocken, »Pack +schlägt sich, Pack verträgt sich.« + +»Hör mal, Vater, du untertaxierst uns nachgerade.« + +»Um so besser, dann habe ich Hoffnung, euch nächstens mal in neuen +Rollen zu sehen. Einstweilen spielt ihr noch die alten von Bethel, aber +sie sind nicht so langweilig wie die mit Mister Darich und Genossen. +Also nur zu, die +repetitio delectat+ als +variatio+.« + +»Liebster Papa, willst du nicht deutsch reden?« + +»Warum, du redest doch auch so viel englisch. Ich muß dir doch zeigen, +daß ich noch etwas mehr kann als du -- sonst geht der Rest des +väterlichen Respekts auch noch in die Wicken.« + +»Ist er nicht greulich?« wandte sich Ursemi wie hilfesuchend zu Kaspar, +»so ödet mich dieser früher so zärtliche Vater jetzt beständig an, seit +ich mir mit einem jungen +american boy+ den Ulk gemacht habe, ein +bißchen +Gibson girl+ zu spielen.« + +»Ja, Hans hat mir schon davon erzählt,« sagte Kaspar harmlos. + +»So,« fuhr Ursemi herrisch auf, »hat er wieder den süffisanten Schnabel +nicht halten können, der allweise Hans? Werds ihm schon anstreichen. +Was hat er denn noch über mich geklatscht?« + +»Geklatscht?« sagte Kaspar ruhig, »dann müßte ich ja jetzt auch +klatschen, wenn ich dir verriete, was er mir auf meine Fragen +geantwortet hat. Nee, Ursemi, nun halt ich erst recht dicht.« + +Und wieder lachte Herr Winkler behaglich vor sich hin und meinte: +»Kindsköpfe seid ihr doch! Kaum drei Minuten seid ihr beisammen, da +kriegt ihr euch am Kragen. Das kann ja gut werden.« + +»Na, als ob ich schuld wäre --« + +»Sage ich ja gar nicht, Kind, freue mich nur, daß du wieder einen hast, +der dir gewachsen ist.« + +»So -- Schadenfreude. Übrigens -- abwarten! Mit Kaspar bin ich noch +immer famos ausgekommen.« + +»Stimmt, aber fertig geworden doch wohl nicht so ganz,« meinte Herr +Winkler schmunzelnd. + +»O bitte,« wandte nun Kaspar ein, »ich erkenne Ursemis völlige +Oberhoheit ohne jeden Streit an.« + +»Eben darum, lieber Junge,« sagte der Fabrikherr gelassen, »sie liebt +keine Pyrrhussiege.« + +»Vater, nochmals, bitte, nicht so gelehrt,« fiel nun Ursemi wieder +schmollend ein, »du weißt doch, daß ich Geschichte mit Vorliebe +geschwänzt habe -- Gott, die selige, greuliche Gouvernante. Weißt du, +Kaspar, daß die alte Schachtel -- Pardon, das liebe, lederne Geschöpf +noch geheiratet hat?« + +»Nein,« antwortete Kaspar, »das ist allerdings erstaunlich.« + +»Ja,« fuhr Ursemi fort, »einen Witwer mit zwei erwachsenen Kindern +-- ungefährlich, aber immerhin doch ein richtig gehender Mann. Und +unsereins kriegt keinen, beim besten Willen keinen, obwohl sich Mama +die größte Mühe gibt. Nächstens meldet mich Schwester Dente für die +Mission an, aber ich will nur nach Grönland, und da ist die Mission +gerade eingegangen.« + +Kaspar lachte hellauf, während Vater Winkler ironisch meinte: »Labrador +ist ja noch im Gange, dort ist es ebenso kalt. Meinen Segen und die +nötige Ausstattung in Seehundsfellen und Lebertran bin ich anstandslos +bereit zu bewilligen.« + +»So ist er nun, der Vater! Erst nennt er uns Kindsköpfe, und dann macht +er selber die faulsten Witze.« + +»Ja -- mit den Wölfen muß man heulen,« erwiderte lakonisch der +Fabrikherr. + +Da packte ihn seine Tochter ausgelassen um den Hals, gab ihm einen +herzhaften Kuß und rief schelmisch: »Nee, Väterchen, so bald wirst du +dein Ursekindchen nicht los, und als Ramschware lassen wir uns nicht +verkaufen.« + +Glückselig wehrte Vater Winkler seinen großen Wildfang ab und sagte mit +geheuchelter Würde: »Kinder, jetzt benehmt euch! Wir kommen ins Dorf, +und unser Renommee ist so wie so nur mäßig. Jeden Tag liebkost sie +mich nämlich hier zwei- bis dreimal auf offner Straße. In Reda dagegen +spielt sie die kühle +Lady patroness+. Umgekehrt wäre es mir +eigentlich lieber.« + +In der Tat schritt man nun gemessener dem Hotel zu. + +Bei der Ankunft flüsterte Ursemi ihrem Freunde leise zu: »Er macht +mir Sorge, der gute Vater, er muß recht lange hierbleiben, daß er mir +wieder frisch wird.« + + * * * * * + +In ungetrübtem Frohsinn glitten die schönen Ferientage nur allzu rasch +dahin. + +Wagenfahrten und Fußwanderungen wechselten miteinander ab; allerlei +Bekanntschaften wurden gemacht, darunter die eines näheren Landsmannes, +eines Grafen Harry Brosyn, dessen Vater dem Fabrikherrn als ein +oberschlesischer Kohlenmagnat flüchtig bekannt geworden war. + +Der junge Brosyn wollte jedoch nicht nur als Sohn seines Vaters +gewertet werden, sondern erklärte vergnüglich: er habe den Ehrgeiz +als selbständige Nummer zu figurieren, denn er lebe schon längst in +Gütertrennung mit seinem alten Herrn. Zwar betrachte Brosyn senior das +einstweilen als einen der mancherlei Sparren seines +filius+, aber +mit der Zeit werde er, der +filius+, dem Herrn Papa den nötigen +Respekt vor der Firma Brosyn junior schon noch abringen. + +Wie sich herausstellte, hatte der Graf Harry Brosyn trotz seiner +27 Jahre schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Erst +Kavallerieoffizier, dann Gesandtschaftattaché in Argentinien, hatte +er sich auch zweimal an wissenschaftlichen Expeditionen beteiligt und +dazwischen einige Semester in Freiberg und Berkeley Bergbau studiert. +Jetzt war er bei einer großen Minenunternehmung in Kalifornien +beteiligt und hielt sich nur vorübergehend, erst in Pontresina, nun in +Sils auf, um einen letzten Rest von Malaria wegzukurieren. + +Harry war ein unterhaltsamer, witziger Gesell, ein immer fröhlicher, +guter Kamerad ohne jede Feierlichkeit und frei von Adelstolz. An der +schlichten Redaer Gesellschaft schien er jedenfalls weit mehr Gefallen +zu finden als an den feudalen Kurgästen Pontresinas, die ihm zu +seinem Ärger gelegentlich nach Sils Maria »nachstiegen«, wie er sich +burschikos auszudrücken beliebte. + +Mit Ursemi stand Graf Harry ähnlich wie Kaspar auf einem keck +kameradschaftlichen Neckfuß und ließ sich von den gelegentlichen +Launen der jungen Gnädigen, wie er sie gern nannte, wenig imponieren. +Trotzdem trug er seine Zuneigung mit der Zeit immer offner zur Schau. + +Mama Winkler hatte nichts gegen den Grafen einzuwenden, nur daß er so +weit weg wohnte, war ihr ungemütlich. Herr Winkler hatte sogar seine +stille Freude an der ungebrochenen Kraft und dem Lebenstrotz dieser +willensstarken Persönlichkeit, wenngleich ihm die kaufmännischen +und bergbaulichen Riesenpläne des jungen Selfmademan ein wenig +abenteuerlich vorkommen wollten. Aber er dachte bei sich: dergleichen +Burschen müssen reichliche Ellbogenfreiheit haben. + +Mit Sebalt vermochte der junge Graf am wenigsten Seide zu +spinnen, obwohl ihm der Leipziger Studiosus unverkennbare Achtung +entgegenbrachte. + +Dagegen schien Harry für Kaspar nach und nach eine redliche Neigung zu +empfinden; nur der Lehrerberuf imponierte ihm durchaus nicht, und immer +wieder redete er Kaspar zu: er solle seinen Bakel an die Wand hängen +und mit ihm hinüber nach Kalifornien kommen als sein Privatsekretär, +er wolle ihn schon managen. Umsatteln müsse Kaspar doch einmal, so gut +wie er selber -- er kenne die Sorte Menschen, die das nötig hätten, zu +genau. Und je eher, um so besser. + +Kaspar lachte, aber gestand sich heimlich, daß der lustige Minengraf +vielleicht nicht so ganz unrecht hatte mit dem Umsatteln; nur war es +für ihn noch nicht an der Zeit. Erst mußte er wissen, woran er mit der +Brüdergemeine war. + + * * * * * + +Auch Herr Winkler sprach einmal mit Kaspar darüber, als dieser +ihn fragte, ob er ihm nicht den größten Teil des gesandten Geldes +zurückerstatten dürfe. Die Kosten der Reise hin und zurück würden kaum +120 Mark betragen. + +Der Fabrikherr lächelte mild und sagte: »Drückt dich das Geschenk schon +wieder, stolzer Kaspar? Behalte die paar Moneten nur ruhig! Du wirst +sie schon brauchen, eher vielleicht, als du denkst. Mich anzuborgen +würdest du ja auch in der größten Not nicht über dich gewinnen, und +noch hast du einen weiten Weg vor dir, lieber Junge. Wie wirds denn mit +deinem Dienstjahr?« + +»Ich weiß es noch nicht. Bleibe ich im Gemeindienst, so bekomme +ich die uns dafür ausgesetzte Unterstützung; sonst gedenke ich +Königsfreiwilliger zu werden. Zur Not diene ich zwei Jahre, ich habe +nichts zu versäumen.« + +»Weißt du das so genau, Kaspar? Wer weiß, was deines Lebens Ziel +und eigentlicher Inhalt sein soll? Jetzt bist du erst bei den +Vorbereitungen, also verliere nicht unnötig Zeit. Später könnte es +dich bitter gereuen. Im übrigen freue ich mich, daß du so gern deine +Arbeit in Tramberg tust, und daß du den Straßburger und Londoner +Ausflug machen durftest. Paß auf, er wird dir mehr austragen, als du +ahnst. Du siehst mich verwundert an. Ja, Lieber, man muß alt sein, um +die volle Wirkung starker Jugendeindrücke ganz ermessen zu können. +Es wäre darum wirklich nicht das Dümmste, wenn du den Vorschlag des +jungen Grafen mal in ruhige Erwägung zögest. Nein, bitte, lache nicht! +Ich meine es ganz im Ernst und habe selbst schon mit Brosyn darüber +gesprochen. Und du weißt, du kannst jederzeit, wenn dir daran liegt, +durch mich deine Verpflichtungen der Unität gegenüber lösen. Tramberg +ist ganz gut für dich, das zeigt dein frischeres, gefestigteres Wesen, +Kaspar. Aber es kann für Menschen -- oder ich will nun richtiger sagen, +für Männer deiner Art -- nur eine Durchgangsstation sein.« + +Kaspar schwieg eine Weile nach seiner Gewohnheit. Hatte er über Brosyns +Worte seinerzeit gelacht, so gaben ihm nun Herrn Winklers Anregungen um +so mehr zu denken. + +Der Fabrikherr merkte es und setzte schonend hinzu: »Na -- nur ruhig +Blut, es soll weiter nichts als ein kleiner, väterlicher Wink sein, +damit du nicht Gefahr läufst, dich einzuspinnen, wie das die Herrnhuter +lieben. Ein rechter Kerl muß sich auch mal den Sturm des großen +Weltozeans um die Nase wehen lassen, sonst erfriert sie ihm schließlich +beim ersten scharfen Mailüfterl des Lebens. Nach Paris zu reisen nützt +einem Deutschen von heute nichts mehr, und London nur wenig! Die Welt +ist kleiner und enger geworden. Sieh dir diesen Harry an, der treibts +freilich gleich ein bißchen toll -- aber es schadet nichts. Wenn er +nicht von der Rahe stürzt, fährt er einmal mit eigner Jacht stolz zu +den Gruben seines Vaters zurück. Denn zurückkommen wird auch er einmal, +wenn er in die Jahre des tiefen Heimwehs gerät. Ich dachte mit 25 +Jahren in Baltimore auch ernstlich daran nie wiederzukehren und träume +noch jetzt manchmal heimlich unter meinen Redaer Blaufichten von den +Redwoods der Rocky Mountains. Sehnsucht oder Heimweh fehlt hüben und +drüben nicht, sie wechseln nur die Richtung, je nach den Jahren.« + + * * * * * + +Die richtige Antwort auf die ihn tief aufregenden Fragen des +Fabrikherrn konnte Kaspar nicht so rasch finden, aber nach einigen +Tagen sagte er Herrn Winkler in aller Entschiedenheit: Er wolle +vorerst den ihm liebgewordenen Beruf zu Tramberg ruhig weiter ausüben. +Noch fehle ihm innerlich jedes Recht, der Brüdergemeine und der ihm +liebgewordenen Anstalt den Rücken zu kehren. + +Herr Winkler nickte nur gleichmütig zu diesem Bescheid, im geheimen +aber triumphierte er doch: »Er ist ein Charakter, der Junge! Ich +brauche mich nicht zu sorgen, den wirft nichts so leicht aus seiner +Bahn. Für den ist Tiefe mehr als Weite.« + +Unterdessen bereitete sich ein neuer Sturm vor, der Kaspars Seele +schwerer erschüttern sollte als die Anregungen Brosyns und Vater +Winklers. + +Unbefangen wie in alter Zeit hatte Kaspar mit Ursemi all die Tage +über verkehrt, obwohl die taufrische Anmut der nun vollerblühten +Jugendgespielin stärker als je zuvor auf seine durch das Londoner +Abenteuer plötzlich geweckten Sinne wirkte. + +Die leichtsinnige Andeutung Hans Sebalts in Zernez hatte Kaspar nicht +weiter ernsthaft genommen; aber die Folgezeit bestätigte ihm rasch, +daß Ursemi ihm redlich zugetan war, wenn auch wohl -- wie Kaspar sich +einredete -- mit schwesterlicher Zuneigung. + +Als er jedoch mit dem seit Leipzig wirklich oft unleidlichen Hans +Sebalt noch einmal auf dies heikle Kapitel zu sprechen kam, erklärte +ihm dieser am Ende eines für Kaspar wenig glücklichen Disputs: +Geschwisterliche Zuneigung zwischen jungen Menschenkindern, die nicht +leibhaftige Geschwister sind, wäre ebensolcher Unsinn wie jede +Freundschaft zwischen etwa gleichaltrigen Menschen verschiedenen +Geschlechts. + +Kaspar ließ sich nicht irre machen bis zu dem Tage, an dem er zum +ersten Male wahrzunehmen glaubte, daß Ursemi dem jungen Grafen Harry +ebensowenig gleichgültig war wie ihm selber. + +Von da an belauerte Kaspar argwöhnisch jede Regung seiner Seele, und +von Tag zu Tage ward es ihm klarer, daß in ihrem Grunde ein dumpfes +Angstgefühl um Ursemi, ja -- es war eine Schmach -- auch etwas wie +Eifersucht gegen den Grafen sich leise zu regen begann. + +Nunmehr war es um Kaspars Unbefangenheit geschehen. Er wurde stiller +und einsamkeitsbedürftiger. Er begann nach seiner alten Weise zu +grübeln, mit sich abzurechnen und schließlich ernstlich mit sich zu +ringen. + +Er sollte sich rechtschaffen freuen -- so suchte er sich immer wieder +mühsam einzureden -- daß ein so gescheiter, willenskräftiger und +vornehmer Mensch wie Harry Brosyn auf dem besten Wege war, die Liebe +und die Hand Ursemis zu erringen. Dieser Graf war doch wahrhaftig eine +ganz andere geistige wie charakterliche Potenz als die Sorte Brettwitz +oder Darich. Und ein Mann wie Harry war nicht nur Ursemis unbändiger +Art gewachsen, sondern auch am ehesten imstande, mit Tatkraft und +Weitblick dermaleinst die gewaltigen Winklerschen Werke fortzuführen +und den mächtigen Grundbesitz zu verwalten und zu erhalten. Das war ein +doppeltes, ein seltenes Glück für die Eltern Winkler. + +Und all demgegenüber war es doch rein lächerlich, wie er, der armselige +Stipendiat, der kleine Privatlehrer mit 25 Mark Monatsgehalt und freier +Station, überhaupt nur auf den schier wahnsinnigen Gedanken kommen +könnte, seine Augen begehrend zu dieser Millionärstochter zu erheben. +Unrecht, ja Frevel wars! + +Mit Vernunftgründen ließen sich jedoch auf Kaspars Gedankenwalstatt +noch so viele siegreiche Gefechte führen; dennoch erhob das +aufrührerische Gesindel seiner elementaren Empfindungen immer wieder +tückisch und erfolgreich die Fahne des Aufruhrs gegen den gebietenden +Verstand. + +Die Tatsache ließ sich nicht leugnen, daß in Kaspar eine +leidenschaftliche Neigung für Ursemi immer stärker emporflammte, so +daß er selber sich zuletzt gestehen mußte, dergleichen Gefühle für +brüderliche Liebe zu erklären, wäre nichts anderes mehr als eine +gemeine und lächerliche Notlüge. + +Da faßte Kaspar den Entschluß abzureisen, noch ehe er sich verraten. +Das war nur leichter gedacht als getan. + + * * * * * + +Man wußte im Redaer Freundeskreise sehr genau, wann Kaspars Ferien +zu Ende gingen, und seine Ausflüchte -- er habe noch in Tramberg zu +arbeiten -- glaubte ihm keiner. + +Kaspar hatte wirklich kein Talent zum Lügen. Man sah ihm, wie Hans +Sebalt spöttelte, jede Schwindelei gleich an der erbleichenden +Nasenspitze an. + +Kaspar war rechtschaffen in Verlegenheit um eine Ausflucht. Da fiel +ihm zum Glück ein, daß es ja in Tramberg eine Ferienaufsicht gäbe. +In erster Reihe kamen da freilich die Herren in Frage, die auf +Generalunkosten die große Schweizerreise mitgemacht hatten; aber Kaspar +brauchte sich ja nur um eine Vertretung bitten zu lassen. + +Und so schrieb er schleunigst an Martin Muffke. Umgehend kam folgende +lapidare Antwort zurück: + +»Lieber Holzkollege! Sie sind zwar ein Pflichtprotz und ein total +verrücktes Huhn, aber meine Ferienaufsicht möge Ihnen wohltun. ++Habeatis+ vom 19. bis 22. September, Max. Postskriptum: Meine +können Sie auch kriegen! Moritz.« + +Nun hatte Kaspar seinen triftigen Grund und traf auch sobald wie +möglich Anstalten zur Abreise. + +Die alten Winklers bedauerten seinen Entschluß; Sebalt witzelte +niederträchtig etwas von ministeriellen Gesundheitsrücksichten; +Graf Harry schlug Kaspar kurzer Hand vor, wegen dieser verdammten +Ferienaufsicht seinen Abschied einzureichen. Nur Ursemi sprach kein +Wort. + +Als sie aber bald darauf einmal mit Kaspar allein im stillen Garten des +Hotels saß, sagte sie ihm plötzlich auf den Kopf zu: Er sei ein feiger +Ausreißer. + +Kaspar erschrak. Sollte er sich doch verraten haben? + +Mit mühsamer Fassung erwiderte er: »Laß es gut sein, Ursemi. Ich muß +wirklich heim.« + +»Ich kenne ja deinen Dickkopf zur Genüge,« meinte Ursemi herb, ja ein +wenig scharf, »aber wenn du glaubst, mich täuschen zu können, dann +irrst du dich.« + +»Täuschen, wieso?« fragte Kaspar unsicher. + +»Daß deine Arbeiten und Ferienaufsicht Flausen sind, wissen wir alle. +Und wenn du es nicht zugeben willst, dann will ich dir nur sagen, daß +mir Hans -- was freilich perfide war -- den famosen Uriasbrief auf +deinem Schreibtisch gezeigt hat, den du dir da von deinen Spießgesellen +Max und Moritz hast schreiben lassen.« + +Nun lachte Kaspar, allein so ganz geheuer war ihm nicht; denn Ursemi, +die sonst viel zu gern mitlachte, blieb völlig ernst und fuhr leise +fort: »Weißt du noch, Kaspar, was du mir voriges Jahr in Reda gesagt +hast, als ich Chancy erwähnte?« + +Kaspar erbleichte ein wenig, antwortete jedoch ruhig: »Gewiß, und ich +dächte, ich hätte dir doch in diesen Tagen zur Genüge gezeigt, daß ich +dich einem ehrenhaften Manne gönne.« + +»Sehr gütig -- lieber Junge,« unterbrach ihn Ursemi spöttisch, »aber +das meine ich nicht. Sondern ein gewisser jemand vermaß sich voriges +Jahr hoch und heilig: nie eifersüchtig sein zu wollen. Und jetzt reißt +er aus, weil ers doch geworden ist und sich dessen schämt.« + +»Liebe Ursemi,« sagte Kaspar nach einer peinlichen Pause langsam, »was +hast du wohl davon, wenn du mich hier demütigst und quälst? Ich darf +dir über das, was mich im Tiefsten bewegt, doch keine Auskunft geben. +Du weißt so gut wie ich, daß auch der willenskräftigste Mensch nicht +immer seiner letzten Gefühle völlig Herr zu werden vermag. Jeder von +uns hat ein verschleiertes Tempelbild im Herzen, das er vielleicht +selbst nicht zu enthüllen wagt.« + +»Wenn du orakeln willst, lieber Kaspar, dann bitte suche dir jemand +anderen aus. Warum hast du denn nicht den Mut, mir klipp und klar zu +gestehen, daß du auf Harry eifersüchtig bist?« + +»Weil das Unsinn wäre,« fuhr es nun Kaspar heftig heraus, »weil ich +nicht eine Spur von Recht dazu hätte. Ich hätte höchstens allen Anlaß, +mich zu freuen, daß ein so tüchtiger, prächtiger und dir ebenbürtiger +Bursche wie Harry sich für dich interessiert.« + +»So? Woher weißt du denn das?« + +»Ich glaube, das sieht ein Blinder.« + +»Im Gegenteil, nur ein überscharf Sehender, ich weiß nichts davon.« + +»Dann bitte ich um Verzeihung, Ursemi. Ich bin ein Narr, so oder so.« + +Nun wurde die scharfe Ursemi plötzlich wieder die alte. + +Mit siegesfrohem Lachen trat sie auf Kaspar zu, klopfte ihm vertraulich +auf die Schulter und sagte launig: »Na, siehst du wohl, nun bekommst +du als armer Narr und Sünder auch Absolution dafür, daß du dir in +Gedanken schon ausklamüsert hast, ich ginge nächstens mit Graf Harry +Gold graben. Habe durchaus keine Lust dazu. Und noch eins, mein +Lieber! Das Recht, auf jeden, der dir deine Pflegeschwester fortholen +will, greulich eifersüchtig zu sein, das Recht räume ich dir hiermit +ausdrücklich ein, da du es dir nicht zu nehmen wagst, und es am +Ende doch nicht lassen kannst. Aber dafür wahre ich mir auch mein +Recht, es dir ganz gewaltig übel zu nehmen, wenn du bei jedem bißchen +Herzbeklemmung gleich ausrücken willst. Wurscht wider Wurscht -- +wie es unter guten Kameraden üblich ist. Und nun brav nebeneinander +ausgehalten -- wies auch kommt. Hier Hand drauf und nicht gemuckst!« + +Aufatmend schlug Kaspar ein. Es war ihm, als fiele ihm ein Stein vom +Herzen. Dann ging er eilends auf sein Zimmer hinauf und schrieb Max und +Moritz einen sehr verklausulierten Absagebrief. + +In ungetrübter Stimmung gingen die Ferien zu Ende. Kaspar genoß die +letzten Tage mit einem so bewußten Glücksgefühl wie nicht einmal die +ersten Tage. Ursemi goß gleichsam Öl in seine Herzenswunden. + +Dann fuhr er mit froher Arbeitsehnsucht nach Tramberg. Bis Innsbruck +begleitete ihn Hans Sebalt. + +Kurz zuvor hatte sich Harry Brosyn verabschiedet. Hans behauptete steif +und fest: der junge Graf habe sich einen Korb geholt. + +Kaspar zuckte mit den Achseln und meinte nur: »Schade, wenns wahr ist.« + +Da lachte Hans Sebalt wieder spöttisch in sich hinein und dachte +überlegen bei sich: Ich sollte an seiner Stelle stehn, ich wäre nicht +so dumm. + +Der Abschied der beiden Missionskinder war nicht ganz so herzlich wie +ihre erste Begrüßung. + + + + +Siebentes Kapitel + +Die Tänzer + + +Dank der Freigebigkeit Herrn Winklers war es Hans Sebalt möglich, +den kostspieligen Tanzunterricht zu bezahlen, und so war sein Erstes +in Leipzig, Herrn Niemeyer aufzusuchen und mit ihm das Nähere zu +verabreden. + +Besonderes Vergnügen konnten die beiden Studenten der Sache freilich +nicht abgewinnen. Anfangs sahen die mit Spannung erwarteten Lektionen +Freiübungsturnstunden verzweifelt ähnlich, und auch, als die Dämchen +erschienen, ward es nicht weiter aufregend, zumal die betreffenden +Mamas den Abenden beiwohnten und die Töchter zumeist nur gut dressierte +Gänschen waren, mit denen eine Unterhaltung sich kaum lohnte. + +Der Schlußball kostete einen Frack, zwei Paar Handschuhe, ein Bukett +und einiges Geld; von wirklichem Vergnügen war nicht die Rede, um so +mehr als Niemeyer und Sebalt sich gestehen mußten, daß sie noch immer +nicht richtig und flott tanzen konnten. + +Ein alter Restaurantpächter, der an ihrem Tische saß, bemerkte das +auch, meinte aber lachend: tanzen lernten die Wenigsten in einer +solchen Tanzstunde. Die Mädels könntens vorher, und die Herren lerntens +meist erst nachher auf den Vorstadtbällen. Er schlüge ihnen darum vor, +demnächst einmal zu ihm nach Lindenau herauszukommen, da würden sies im +Fluge lernen. + +Niemeyer und Sebalt ließen sich das nicht zweimal sagen und wurden bald +Stammgäste im fröhlichen Lindenau. + +In der Tat lernten sie, dank einiger energischer und +unternehmungslustiger Dämchen, das Tanzen nun rasch und ärgerten sich +nachträglich noch über das viele Geld, das sie im Tanzkursus ausgegeben +hatten. + + * * * * * + +In Lindenau sah Hans Sebalt eines Sonntagnachmittags zu seiner +freudigsten Überraschung in einer Ecke des Saales endlich die stolze +Brünette aus dem Rosental wieder, deren Spur er -- trotz aller +Nachforschungen in Monplaisir und anderswo -- völlig verloren hatte. + +Schnell entschlossen ging Hans auf die so lange schon heimlich Verehrte +zu und bat sie um einen Tanz. + +Trotz seiner tadellosen Verbeugung sagte die große Unbekannte nur sehr +stolz und wie gelangweilt: »Ich danke, ich tanze nicht.« + +Und Hans machte eine zweite, weniger tadellose Verbeugung und ging mit +pumpelrotem Kopf an seinen Platz zurück. + +Er war außer sich vor Aufregung und verletzter Eitelkeit. Er schämte +sich vor all den Hunderten von Menschen, als habe jeder einzelne seiner +Abweisung persönlich beigewohnt. + +Am liebsten wäre er spornstreichs davongelaufen, aber er wollte sich +vor Niemeyer nichts vergeben. Im Gegenteil dachte er rasch: nur nichts +merken lassen, nur ihr zeigen, daß du dir nicht imponieren läßt. + +So tanzte er drauf los, so flott und sicher wie noch nie vorher, und +jedesmal, wenn er an der heiklen Ecke vorüberwirbelte, sah er so +triumphierend wie nur irgend möglich nach der schönen Brünetten, auf +deren stolzen Mienen er jedoch zu seinem geheimen Ärger nicht den +geringsten Eindruck wahrnehmen konnte. + +Wie eine Sphinx saß sie unbeweglich da und sah gleichgültig, ja fast +melancholisch dem rauschenden Treiben zu. + +Hans Sebalt tanzte mit einigen hübschen und liebenswürdigen Mädchen, +aber seine Gedanken waren unwiderruflich bei der Brünetten. + +Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er ihr beikommen konnte; +scheinbar hatte sie keine Bekannten im Saale. + +Hans Sebalt gab seinem Herzen einen Stoß und zog Niemeyer teilweise +in sein Geheimnis, das heißt, er schimpfte ganz gehörig über die +eingebildete Person, die sich da vorn hinsetze und nicht tanzen wolle +und doch wahrscheinlich auch nichts besseres sei als die anderen Mädels +alle. + +Schließlich setzte Sebalt dem Kommilitonen zu, ~er~ solle doch +einmal sein Heil versuchen. + +Niemeyer war ein forscher Kerl, lachte, ging hin, stellte sich höflich +vor und -- zu Sebalts maßlosem Erstaunen und Ärger -- tanzte die stolze +Brünette sofort mit ihm. + +Und wie tanzte sie! Wie eine Göttin schien sie Hans Sebalt, dem Neid +und Eifersucht an der Seele nagten, dahinzuschweben. + +Ruhig und sicher führte sie den noch ein wenig unsicheren Niemeyer +durch das Gewühl wie eine geborene Ballkönigin. Und als sie an Hans +Sebalts Platz vorüberglitt, da schien ihm, als husche ein spöttisches +Lächeln über ihre edel gleichmäßigen Züge. Kurz darauf hielt sie +an ihrem Platze vor der Zeit inne, verneigte sich huldvoll gegen +den dankend dienernden und vor Stolz glühenden Niemeyer, nahm ihre +Handschuhe und ging langsam und hoheitsvoll hinaus -- an Hans vorbei, +würdigte ihn aber keines Blickes. + +Strahlend kam Niemeyer zu dem bestürzten Sebalt zurück. + +»Donnerwetter, die kann tanzen,« prahlte er, »so was Graziöses ist mir +noch gar nicht vorgekommen! Du, das ist was Feines! Die hat sich bloß +hierher mal verlaufen. Aber nobel wars -- danke dir tüchtig, daß du mir +zu dem Genuß verholfen hast.« + +Hans Sebalt schäumte innerlich vor Wut; aber er sagte großspurig: »Pah +-- das dumme Frauenzimmer will mich ja nur ärgern. Darum allein hat sie +mit dir getanzt.« + +»Sebalt -- mein Sohn --« fuhr nun Niemeyer beleidigt auf, »willst du +das dumme Frauenzimmer sofort revozieren oder --« + +»Meinetwegen,« lenkte Sebalt klug ein, »also sag mir mal lieber, wie +heißt der Besen?« + +»Besen -- neue Beleidigung -- revoziere oder --« + +»Alles, was du willst,« sagte Sebalt nun gemütlich, »aber an dir +scheint die junge Dame -- ist dirs so recht?« + +»Jawohl -- junge Dame -- sage lieber entzückende, reizende Dame --« + +»Na, Niemeyerchen, du scheinst ja ordentlich Feuer gefangen zu haben.« + +»Habe ich auch -- genau so wie du, mein Sohn Sebalt! Nur -- daß ich dir +einstweilen einige Nasenlängen zuvor gekommen bin. Trage es mit Würde, +mein Sohn!« + +»Werde mich bemühen. Übrigens ihren Namen kannst du mir wohl verraten.« + +»Könnte ich, da hast du recht. Werde aber den Deubel tun. Damit du +morgen im Adreßbuch nachsuchst, hinstürzt und mir wieder den Rang +abläufst. Nee, min Jung, so helle bin ich auch.« + +Jetzt konnte Sebalt seinen Ingrimm doch nicht mehr verhehlen und brach +offen los: »Na, weißt du, sehr anständig finde ich das nicht. Du weißt, +ich interessiere mich für die Dame und -- eins, zwei, drei -- schnappst +du sie mir vor der Nase weg.« + +Niemeyer lachte gemütlich und erwiderte: »Sebalt, mein Sohn, höre die +Weisheit des Brahmanen Niemeyer: Erstens, in Geld- und Weibersachen +hört unter den besten Freunden jeder Anstand auf. Zweitens, wenn du +dich für die nette Schwarze da wirklich interessierst, dann hast du das +so famos angedreht, daß mir zwar das Herz im Leibe lacht, aber deine +Dummheit eigentlich jeder Beschreibung spottet. Drittens frage die +Pythia, was ich dafür kann, daß dies entzückende Persönchen mich lieber +mag als dich? Und viertens bist du ein braver Sohn der Herrnhuterei und +weißt mit hübschen Mädchen, wie ich aus Erfahrung weiß, doch nichts +anzufangen. Darum danke deinem Schöpfer, Sebalde Nothanker, daß du +durch mich davor bewahrt bleibst, an diesem höchst gefährlichen Felsen +zu scheitern. Prosit!« + +Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel und trank seinem Partner +zu, tatsächlich war ihm übel zumute. + +Er brannte innerlich vor wilder Eifersucht gegen den humorigen Spötter +und war zugleich gewaltig ergrimmt über seine Dummheit. + +Hatte er das schöne Mädchen nicht heute abend doppelt verloren? + +Weinen hätte er mögen über dieses Mißgeschick, denn seit dieser Stunde +wußte er ganz genau, daß er die stolze Brünette liebte, liebte mit +aller Leidenschaft seiner erregten Sinne -- liebte bis zur Raserei! + +Sollte er Niemeyer, der im Grunde ein guter Kerl war, nicht alles +ehrlich enthüllen? Sollte er nicht lieber klein beigeben und den Freund +bitten, nur diesmal zurückzustehen? + +Nein -- betteln wollte er nicht -- dazu war er denn doch zu stolz. +Erobern wollte er sich das stolze Weib schon noch -- es koste, was es +wolle. + +Wenn sie nur wieder herein käme! Dann war doch die Aussicht vorhanden, +daß er sie wenigstens durch Niemeyer noch kennen lernte. + +Vielleicht grollte sie ihm nur, weil er sich nicht vorgestellt hatte -- +vielleicht war sie zu besänftigen, vielleicht hatte sie es wirklich +nur darauf angelegt, ihm einen kleinen Denkzettel zu geben für seine +frühere Neugier -- vielleicht, vielleicht -- wenn sie nur käme! + +Aber sie kam nicht wieder, und die köstliche Spur war wieder verloren, +anscheinend für immer. + +Auch Niemeyer fand sie nicht im Adreßbuch. Wahrscheinlich hatte er den +Namen gar nicht richtig verstanden. + +Der weise Brahmane wußte sich jedoch rasch zu trösten. + + + + +Achtes Kapitel + +Die pädagogische Ohrfeige + + +Mit dem neuen Schuljahr, das nach den großen Ferien begann, hatten in +der Tramberger Anstalt allerlei Veränderungen stattgefunden. + +Der behäbige und ein wenig schwerfällige »Papa Schnäbele« hatte in +den Ferien plötzlich den Mut gefunden, sich mit einer »arg luschtigen +Wüschtebergerin« zu verloben und machte nun ebenso plötzlich ernst mit +seinem alten Plan, auf die Mission zu gehen. + +Die Kollegen und der »Chef« verloren den immer behaglichen und doch +zuverlässigen, überdies stets gefälligen Schwaben sehr ungern; nur Herr +Schlegelmeyer atmete erleichtert auf. + +Besonders trauerte der Doppelkollege um seinen großmütigen +Zigarrenlieferanten, zu dem ihn ein gleichgeartetes Temperament +gezogen hatte, das wohl nicht ganz unabhängig war von der ähnlichen +Körperveranlagung. + +Am meisten vermißte Kaspar den wackeren Schwaben; denn nun erst merkte +er deutlich, wie viel Mühe ihm die scheinbar so mühelose Autorität +Schnäbeles auf der 4. Stube erspart hatte. + +Es waren eine ganze Anzahl neuer Knaben eingetreten, die besten wie +Ronald Hooper und zwei seiner Peers, Schaffhuser und der größte Teil +seiner Baseler Sippe rückten auf die 3. Stube vor, und ein neuer +Kollege trat ein. + +Bruder Abraham war ein älterer Theologe, der mit seinem breiten, +blonden Vollbart sehr väterlich anmutete, fast noch mehr als der gute +»Papa Schnäbele«, aber er war es gar nicht. Im Gegenteil, Abraham war +ein leicht aufgeregter, schwieriger und empfindlicher Herr, der schon +an zwei anderen Anstalten sich nicht recht eingepaßt hatte. + +Mit Rücksicht auf seine angegriffenen Nerven hatte sich die Behörde +schließlich bereit finden lassen, ihn nach dem gesunden Tramberg +zu berufen, obwohl der »Chef« wenig Lust zeigte, den als unbequem +verrufenen Lehrer einzustellen. Am liebsten hätte er Bruder Abraham +wenigstens ohne Aufsichtdienst gelassen, aber es ging durchaus nicht +an. + +Es waren schon drei Supernumerare vorhanden: der Musiklehrer Herr +Vogel, der »als echter Piepmatz immer in den Wolken schwebte,« wie +Moritz ulkte; der Doppelkollege, der trotz des besten Willens ohne jede +Autorität blieb, und endlich der älteste Lehrer, Herr Hinzelmann, +der bereits Diakonus war, Pflegergehalt bezog und trotzdem noch oft +genug mit Aufsicht aushalf, da er bei allen Knaben, besonders bei den +Engländern, sehr beliebt war. + +Also kam Bruder Abraham auf die 4. Stube, aber das Unglück kam mit ihm. + +Schon am ersten Nachmittag hatte der neue Herr so viel zu monieren, +daß darüber das kleine Völkchen der Vierten ganz kopfscheu wurde. Die +ruhige Art des Honorable Sir Ronald Hooper war dem neuen Stubensenior, +einem Franzosen namens Henri Buriet, versagt. Vergeblich suchte er dem +Mann mit dem großen Teutonenbart mit vielen Worten und aufgeregten +Gesten klarzumachen, daß dies und das bei Herrn Schnäbele und Bruder +Krumbholtz immer so gewesen wäre und nicht anders. + +Bruder Abraham erklärte mit Stentorstimme, das sei ihm ganz +gleichgültig. Er sei ein alter Lehrer und wisse allein, was sich +gehöre, und dies und das würde eben bei ihm so gemacht, und damit +basta! + +Henri Buriet fügte sich schließlich, aber ein aristokratisches Baseler +Büble und ein kleiner, englischer Tory, die das goldene Zeitalter +Hooper-Schaffhuser nicht vergessen konnten, revoltierten mit passiver +Resistenz und wurden darob von Bruder Abraham, der sofort ein Exempel +statuieren wollte, schwer bestraft. Das half scheinbar für eine Stunde, +während die heimliche Mißstimmung wuchs. + +Als der neue Herr einmal kurz hinausging, um seinen Hut für den +Spaziergang zu holen, entrollten Henri Buriet und die anderen Gallier +sofort das Banner der Revolution. Zwei Platzstrafen an einem Tage auf +ihrer Stube, wo sonst im ganzen Monat kaum zwei vorkamen, das sei +unerhört! Ob man nicht zum Direktor gehen solle? + +Es ward schnell beschlossen und noch schneller ausgeführt, nur war der +»Chef« gerade nicht da. + +Zum Bruder Lohmann wollte man nicht gehen, der war als ein sehr +gründlicher Herr bekannt und hielt es auch stets mit den Lehrern. So +ging man also zähneknirschend mit Bruder Abraham zum Fußballspiel. + +Nach der Sitte seiner vorigen Anstalt bestimmte der neue Autokrat +kurzerhand selbst die Parteien, anstatt die Knaben wählen zu lassen. + +Buriet und einige andere protestierten abermals lebhaft, es half ihnen +nichts; aber sie rächten sich beim Spiel. + +Sobald die findigen Bürschlein heraus hatten, daß der neue Lehrer +schlecht spiele und kurzsichtig sei, tat man auf beiden Parteien ihm +einen Schabernack nach dem anderen an, bis die tückischen Pygmäen den +blondbärtigen Riesen glücklich zu Falle brachten, und nun lachten sie +ihn noch schallend aus. + +Bruder Abraham ärgerte sich auch richtig darüber und verwies seinen +Untertanen mit entrüsteten Worten das ungezogene Gelächter. Als man +ihm daraufhin so sorgfältig aus dem Wege ging, daß er dreimal mühelos +gewinnen konnte, erklärte er die ganze Stube in »Stille« und ging +erbost mit seiner schweigenden Verschwörerbande im Walde spazieren. + +Natürlich hatte Abraham keine Ahnung von den vielgewundenen Forstwegen, +und, den absichtlich falschen Auskünften Buriets trauend, verlief er +sich mit seiner Schar so gründlich, daß diese heimlich triumphierte. +Infolgedessen kam man zum Vesper um eine gute halbe Stunde zu spät, +so daß das aufwartende Schwabenmädle ganz gehörig schimpfte und Herr +Schlegelmeyer, der Reihenchef, mit Vergnügen seinen ersten Anlaß nahm, +dem neuen Kollegen großgünstig den Text zu lesen. + +In der folgenden Arbeitzeit ging der Kleinkrieg zwischen Bruder Abraham +und seiner Stube lustig weiter. + +Obwohl von den Brüdern Lohmann wie Krumbholtz eingehend über die +Besonderheiten der 4. Stube orientiert, setzte sich Bruder Abraham +dennoch über einige Gewohnheiten weg, verbot andere, -- kurz +und gut, Buriet zieh ihn schließlich des größten Vergehens, des +Majestätsverbrechens: nämlich gegen die geheiligten Hausregeln zu +verstoßen. Nun war der Verfassungskonflikt da. + +Buriet drohte mit einer offiziellen Beschwerde und wagte, auf seinem +guten Rechte fußend, jetzt sogar, Bruder Lohmann als entscheidende +Instanz in Vorschlag zu bringen. Vergebens war jedoch alles, der neue +Selbstherrscher aller Vierten ließ sich nicht aus dem autokratischen +Konzept bringen, er verbot kurzerhand alles, auch den Weg zum »Chef« +oder zum Mitdirektor. + +Da zischte Buriet, giftig wie eine getretene Viper, heraus: »+caporal +prussien!+« und erhielt erstens eine Ohrfeige und zweitens ebenfalls +die entehrende Platzstrafe. Heulend vor Wut gehorchte der gemaßregelte +Senior zwar, aber er schwur Rache. + +Während des Abendessens holte er von der leeren Stube eine absichtlich +vergessene Serviette und schnitt heimlich das Rohrgeflecht des +Lehrerstuhles an. + +Die Katastrophe trat auch ganz nach Wunsch ein. Bruder Abraham +hielt nach dem Essen eine ausführliche Ansprache, in der er nach 14 +wohlgeordneten Punkten die 4. Stube einer gründlichen Reform an Haupt +und Gliedern unterziehen wollte. + +Aber bei Punkt 7 -- als er sich gerade recht gebieterisch zurücklegte +-- brach das Rohrgeflecht knisternd durch, und ein jubelndes Hallo +begrub die stolze Reformrede. + +Nun kam natürlich erst eine neue furchtbare Standpauke, dann eine +völlig ergebnislose Untersuchung; denn Buriet log, daß sich die Balken +bogen, und endlich erfolgte eine große Strafarbeitzeit, in der Bruder +Abraham diktierte, grimmig umherschreitend wie ein gereizter Tiger. + +Um 8 Uhr hatten die Vierten ins Bett zu gehen; aber um 9 Uhr, als +schon die Ersten auf dem Schlafsaal erschienen, schrieben sie noch +unverdrossen, wenn auch meistens Unsinn, da die kleinen zum Teil neuen +Ausländer dem schwierigen und raschen Diktat weder mit dem Verstande +noch mit der Feder folgen konnten. + +Da erschien wie ein zürnender Engel des Gerichts Herr Schlegelmeyer auf +dem Plan und erklärte lakonisch mit der Uhr in der Hand: die Vierten +hätten spätestens um einhalb neun Uhr auf dem Schlafsaal zu sein laut +Hausordnung. + +Bruder Abraham erwiderte überlegen: das wisse er recht gut, es lägen +jedoch gerade heute besondere Verhältnisse vor, die auch eine besondere +Bestrafung nötig gemacht hätten. + +Herr Schlegelmeyer sagte gelassen: »Strafen, die gegen die Hausordnung +verstoßen, darf es bei uns nicht geben. Ich bitte Schluß zu machen.« + +Ärgerlich fuhr der neue Kollege los: »Das ist wohl meine Sache!« Aber +mit unnachahmlicher Würde entgegnete ihm der Hannoveraner: »Sie irren, +Herr Kollege. Die Wahrung der Hausordnung ist meine Sache, und ich +bitte nochmals ihr nachzukommen, oder ich muß mich sofort zum Herrn +Direktor bemühen.« + +Nun lenkte Bruder Abraham ein. Mit Direktoren schien er schlechte +Erfahrungen gemacht zu haben, er war sich lieber selbst genug. + +Mit Haltung erklärte er also knurrend: es wäre gut, er würde jetzt +schließen. + +Mit einer stummen, aber tadellosen Verneigung, die jedem +Zeremonienmeister Ehre gemacht hätte, verabschiedete sich Schlegelmeyer +und schritt steif und langsam hinaus wie die personifizierte +Hausordnung selbst. + +Es wurde jedoch beinahe zehn Uhr, bis Bruder Abraham mit seiner +renitenten Bubenschar auf dem Schlafsaal erscheinen konnte. + +Denn während des Riesendiktats war von dem allzu eifrigen Pädagogen +allerlei menschlichen Bedürfnissen, die namentlich bei kleinen Kindern +eine wichtige Rolle spielen, nicht Rechnung getragen worden. Und +die jungen Revolutionäre benutzten auch diese günstige Gelegenheit +ausgiebig zu einer nunmehr recht aktiven Resistenz. + + * * * * * + +Mit Bruder Abraham hatten in der Folgezeit nicht nur Herr +Schlegelmeyer, sondern auch sein Spezialkollege Krumbholtz, der +Mitdirektor, Bruder Lohmann, und der »Chef« ihren weidlichen Ärger. + +Die Vierten, die ihren neuen Herrn seit seiner mißglückten Programmrede +nur »Punkt Sieben« nannten, setzten ihren Kleinkrieg mit einigem Erfolg +und auch mit sichtlichem Vergnügen fort, im Geheimen unterstützt von +den anderen Stuben und vor allem von der französischen und englischen +Kolonie, die sich in diesem Falle sofort fanden wie Herodes und +Pilatus. + +Schließlich wurde das ganze Haus ein bißchen rebellisch, besonders +die von jeher dazu neigende zweite Stube, auf der nach Herkommen alle +jene bedenklichen Elemente hausten, die, aus triftigen Gründen, der +Vertrauensvorrechte der ersten Stube, die stets vorbildlich wirken +sollte, nicht teilhaftig werden konnten. + +Der Strafstand der zweiten und vierten Stube stieg zusehends, so daß +die Angelegenheit dem Direktor wichtig genug erschien, um auf einem der +halbmonatlichen Konferenzteeabende besprochen zu werden. Ehe es aber +dazu kam, passierte ein neuer Unglücksfall. + +Seit einiger Zeit bestand eine gewisse Spannung zwischen dem in Schul- +und Aufsichtsachen nicht immer ganz korrekten »Chef« und dem überaus +vorschriftmäßigen Lehrer der ersten Stube, Herrn Kratt, der sich bei +aller Ruhe doch nur wenig bieten ließ. + +Zweimal hatte der Direktor, auf irgendwelche Bitten besuchender +Verwandten hin, bestraften Knaben Urlaub erteilt, ohne -- wie es +üblich war -- sich vorher mit dem betreffenden Stubenlehrer, in diesem +Falle eben Herrn Kratt, ins Einvernehmen gesetzt zu haben. Jedesmal +entschuldigte sich der »Chef« nachträglich mit großer Eile, und Bruder +Lohmann, der sich mit Kratt besonders gut verstand, brachte die Sache +wieder ins Geleise. + +Kratt erklärte jedoch kurz und bündig: noch einmal würde er sich eine +solche Schädigung seiner Autorität nicht gefallen lassen. + +Und in der Tat, als Bruder Nitschke abermals über den Kopf Herrn +Kratts hin einem Knaben Urlaub bewilligte, kündigte Herr Kratt wegen +Verletzung seiner Standesehre, verzichtete kühl auf seinen Gehalt und +fuhr noch am selben Abend nach Hause, zum tiefsten Leidwesen Bruder +Lohmanns und der meisten Kollegen. Einige, wie Max und Moritz, waren +sogar so aufgebracht, daß sie ebenfalls kündigen wollten, freilich ++rite+ zum nächsten Quartal. + +Bruder Lohmann, der gerade auf ein ruhiges Semester für seine +Rektorarbeiten gehofft hatte, geriet in die höchste Aufregung; denn +auch die Knaben wurden aufsässig, da der schneidige und doch stets +humorige Herr Kratt ungemein beliebt war. Vorerst sprang der brave +Hinzelmann wieder ein, nachdem Max und Moritz sich energisch geweigert +hatten, Kratts Stelle einzunehmen. + +Dem nächsten Konferenzteeabend, auf dem die ganzen Aufsichtverhältnisse +neu geregelt werden sollten, sahen die Lehrer infolgedessen mit größter +Spannung, die beiden Direktoren mit einigem Bangen entgegen. Da auch +die Affäre Abraham behandelt werden mußte, wurde diesem taktvoll +die Schlafsaalwache übertragen, was freilich -- wie sich später +herausstellte, Anlaß zu einem solennen Schlafsaalulk gab, den nur die +Energie der Mutter Frutsch zu dämpfen vermochte. Daraufhin schlug der +ausgelassene Moritz später vor, sie zur Ehrenkollegin zu ernennen. + + * * * * * + +Unterdessen tagte die große Sitzung der Kollegenschaft im Zimmer +des »Chefs«, der an diesem Abend eine besonders gute Torte und +ganz ausgezeichnete Zigarren hingestellt hatte, was das grollende +Dioskurenpaar Max und Moritz von vornherein einigermaßen besänftigte. + +Auch eine kluge, vornehme Rede des Direktors, der ruhig und offen +seine Ungeschicklichkeit im Falle Kratt zugab und sie sehr überzeugend +bedauerte, wirkte versöhnend. + +Dann sprach L³ und beseitigte mit seiner milden, menschlichen +Auffassung der ganzen Vorkommnisse auch den letzten Groll, und so +konnte ruhig an die Beratung der Neubesetzung der Stuben herangetreten +werden. + +Herr Schlegelmeyer beklagte sich zunächst bitter über den widerhaarigen +Bruder Abraham und bat, ihn womöglich aus seiner Reihe zu entfernen. + +Bruder Lohmann meinte, es wäre jedenfalls angebracht, den neuen +Kollegen Abraham von der vierten Stube, wo er sich nahezu unmöglich +gemacht habe, fortzunehmen, und ihn am besten auf die dritte Stube, +die zurzeit leichteste und ruhigste, zu versetzen, etwa im Tausch mit +Bruder Behring. Dort wären ja die alten Triarier Schnäbeles mit Ronald +Hooper an der Spitze; die seien ungefährlich, wenn man ihnen nicht zu +viel dreinrede, und das werde er dem Kollegen nun mit aller Energie +nahelegen. + +Als bei dem Worte »Energie« die bösen Buben anzüglich lächelten, da +sie dem gutmütigen L³ darin nicht allzuviel zutrauten, erklärte der +»Chef« plötzlich mit verblüffender Schärfe: »Nun, meine Herren, zur +Not bin ich auch noch da. Ich werde den schweren Schaden, den Bruder +Abraham auch hier anrichtet, sofort an die Behörde melden, wenn er +nicht einlenkt.« + +Der boshafte Moritz schmunzelte abermals heimlich und dachte bei sich: +Ob der Direx den Fall Kratt wohl auch meldet? + +Mitten aus diesen respektlosen Erwägungen riß Herrn Knortz jedoch +die äußerst verbindliche Anfrage des »Chefs«: ob er nicht die +gewiß verantwortungsreiche, aber auch ehrenvolle Stelle des ersten +Stubenlehrers einnehmen wolle, mit der überdies eine kleine +Gehaltzulage verbunden sein sollte. + +Der böse Moritz, der jedoch ein sehr guter Rechner war, konnte nun +nicht nein sagen. Und damit war eine weitere Schwierigkeit beseitigt. + +Alsbald kam die heikelste Frage zur Verhandlung, nämlich die der +Neubesetzung von 2 und 4, den beiden kritischen Stubengesellschaften. +Auf Nummer zwei ging von jeher kein Lehrer gern. Ehre war da nicht +zu holen. Auch Moritz, ein gewiß ruhiger und sicherlich energischer +Lehrer, hatte seine Mühe gehabt, zumal der Kollege Teuchert es an +konsequenter Unterstützung oft fehlen ließ. Der letztere schien selbst +das Gefühl zu haben, der Situation nicht ganz gewachsen zu sein, +vollends jetzt nach Abgang des von den Zweiten immerhin gefürchteten +Herrn Knortz, und so regte er schüchtern an, ob er nicht die 4. Stube +erhalten könne. + +Ein freundliches Gelächter bedeutete ihm, daß man den Vorsichtigen +durchschaut habe, und so meinte er denn klug: er wolle schon bleiben, +wenn er nur wieder einen energischen Kollegen bekäme. + +Da fragte der Chef Herrn Knortz abermals auffallend freundlich (er +schien doch wohl von dessen Kündigungsabsichten Wind bekommen zu +haben), wen er, als erster Sachverständiger, für den schwierigen Posten +seines Nachfolgers vorschlagen könne. + +Mit größter Seelenruhe erwiderte Karl Knortz: seiner Meinung nach +könnten im Hause jetzt nur zwei Lehrer mit den Zweiten fertig werden, +und das wären Bruder Hinzelmann, der leider nicht mehr in Frage käme, +und Bruder Krumbholtz. + +Kaspar lachte erschrocken auf, und ein leises: »Nee bitte« fuhr ihm +unwillkürlich heraus; dann fügte er lauter hinzu: »Ich wünschte sehr, +bei meinen Vierten bleiben zu dürfen. Es ist mir Ehrensache, nun nach +Bruder Abrahams Fortgang den alten soliden Status Schnäbele wieder +herzustellen. Ich denke mit Bruder Behring trefflich zu fahren.« + +Dieser verneigte sich geschmeichelt, und alles lachte abermals. + +Die Heiterkeit stieg noch, als weiterhin Herr Muffke wie Bruder +Behring die Übernahme der zweiten Stube mit Dank ablehnten, so daß L³ +mit Humor Einspruch erhob und erklärte: »Na, so schlimm ist die Stube +doch auch nicht, daß wir sie hier ausbieten müssen wie sauer Bier!« + +Der böse Moritz blies jedoch gewaltige Rauchwolken vor sich hin und +brummte grimmig: »Na, regiert will sie schon sein, die Rasselbande.« + +Darauf erhob sich der »Chef« zu seiner ganzen Länge und fragte noch +einmal launig an: »Aber meine verehrten Herren, soll ich denn wie der +König im Taucher stöhnen: Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp? Lieber +Kollege Krumbholtz, Sie sind ja ein Mann, den schwere Aufgaben locken! +Sie sind -- was doch hier auch etwas, ja viel zu bedeuten hat -- +zurzeit unser bester Turner und Fußballspieler! Also wollen Sie nicht +dem ehrenvollen Rufe unserer sachkundigen Stelle, des Herrn Knortz, +folgen und Nummer zwei übernehmen?« + +Kaspar beugte sich ein wenig vor und sagte ruhig: »Wenn Not am Mann +ist, Herr Direktor, brauchen Sie mich nicht zu bitten. Ich gehe auf die +zweite Stube, bitte nur meinerseits für die erste Zeit um etwas längere +Zügel.« + +»Hoho -- pardon,« fiel Moritz ein, »kürzere -- oder Kandare, wollen Sie +sagen.« + +»Möglich -- später vielleicht -- doch, wer weiß?« erwiderte Kaspar +nachdenklich, wie ein Mann, der seinen Plan faßt, »erst will ichs +anders probieren.« + +»Ich meine auch,« bestätigte L³ wohlwollend, »Bruder Krumbholtz +versucht es zuerst mal wie auf 4 mit Ruhe und Güte.« + +»Ruhe und ob!« versetzte Moritz nochmals schroff, »aber Güte, nee! +Damit is bei die Jesellschaft nischt zu wollen. Lieber man feste eene +rinjepfeffert.« + +Einige lachten, nur Herr Schlegelmeyer machte ein höchst indigniertes +Gesicht, ob über des neuen Stubenkollegen Sprache oder über seine +Erziehungsgrundsätze, war nicht zu ersehen. + +Auch der »Chef« sagte, wesentlich kühler als vorher, zu dem allzu +temperamentvollen Mecklenburger: »Sie wissen, lieber Herr Kollege +Knortz, daß jedes Schlagen in unserem Hause strengstens zu vermeiden +ist. Erst jetzt habe ich wieder durch die Ohrfeige Bruder Abrahams die +allergrößten Unannehmlichkeiten gehabt. Um ein Haar hätte Monsieur +Buriet seinen Sohn deswegen fortgenommen. Also bitte, meine Herren, +vermeiden Sie alle doch dergleichen unpädagogische Gewaltmaßregeln.« + +Mit der Übernahme der vierten Stube durch Bruder Behring und Herrn +Vogel, der plötzlich Lust und Mut zum Aufsichtdienst bekommen hatte, +endete die Konferenz zu allgemeiner Zufriedenheit. + +Nur Herr Schlegelmeyer knurrte noch einige Tage, weil der »widerhaarige +Kollege Abraham« doch in seiner Reihe verblieben sei. + +Der niederträchtige Moritz meinte gerade heraus: »Sein Sie doch +man lieber froh, Schlegelmeyer, daß Sie jemand zum Zwiebeln haben. +Schnäbele ist fort, und ohne ein bißchen gesunden Ärger ist Ihnen ja +doch nicht wohl.« + +Schlegelmeyer schnitt daraufhin den Stubenkollegen für einige Tage, was +jedoch auf Karl Knortz nicht den geringsten Eindruck machte. + + * * * * * + +Mit großer Vorsicht ging Kaspar Krumbholtz daran, den allerdings +ziemlich unbotmäßigen Geist seiner neuen Stubengesellschaft zu bändigen +und zu wandeln. + +Einige Knaben, so den recht tüchtigen englischen Senior Hopkins, den +verständigen Nordfranzosen Lagrange, die beiden treuherzigen Schweden +Olafsen und Astrupp, kannte er vom Geschichtsunterricht her als gute +Schüler und anständige Charaktere. An sie suchte er sich zu halten +und sich aus ihnen gleichsam die Kerntruppe für seine Heeresreform zu +bilden. Rasch gewann er sie auch, indem er ihrem Ehrgeiz neue Ziele +setzte. + +Sodann studierte Kaspar Krumbholtz sehr eingehend das Strafbuch, das +allerdings beängstigend aussah, ja kaum noch vier oder fünf Knaben als +unbestraft erkennen ließ. Immerhin ergab sich, daß auf zwei Zöglinge +nahezu die Hälfte aller Strafen gekommen war. + +Es waren Burton, ein durchtriebener Londoner Gamin, der aus sehr +guter Familie war und daher leider bei den Engländern etwas galt, und +Palmier, der im ganzen Hause längst berüchtigte und auch von seinen +Landsleuten gemiedene Sohn eines Genfer Weltreisenden und Millionärs, +der sich wohl niemals um seinen Sohn recht gekümmert hatte. + +An diesen beiden Burschen schien allerdings Hopfen und Malz verloren zu +sein; aber gerade darum lockte es Kaspar ungemein, Einfluß auf sie zu +gewinnen. Zunächst gab er sich einmal fast jeden Tag, an dem er Dienst +hatte, mit ihnen persönlich ab. + +Das schmeichelte dem Genfer, der bisher bei seinen Kameraden und +Lehrern so ziemlich für »unten durch« galt, und so gewährte er dem +neuen Lehrer, wie er sich prahlerisch einmal ausdrückte, »vorläufig +Schonzeit«. Bald hatte auch Bruder Krumbholtz ermittelt, daß Palmier +recht gut zeichnen konnte, und zwar durch eine nicht üble Karikatur auf +sich selbst, wie er als Mister Kobolz durch einen Fußtritt von Hopkins +zur zweiten Stube herausflog. + +Kaspar sagte mit ruhiger Würde, wenn die Karikatur nicht ihn selbst, +sondern etwa einen seiner Kollegen betroffen hätte, so hätte er Palmier +strafen müssen; so könne er nur gestehen, daß sie ihm Spaß mache, so +daß er sie sich zum Andenken aufheben würde. Nur müsse er bemerken, daß +der Fuß von Hopkins völlig verzeichnet sei. + +»Wieso?« fragte Palmier völlig verblüfft. + +Bruder Krumbholtz skizzierte ihm sofort die richtige Haltung des Beins +und demonstrierte ihm an sich als Modell die beabsichtigte Haltung. + +Palmier gab es schließlich zu und zeichnete einstweilen allerhand +andere Dinge, dann aber wieder eine Karikatur, diesmal von Bruder +Abraham, wie er bei Punkt sieben durch das Rohrgeflecht brach. + +Kaspar Krumbholtz fand die neue Arbeit sehr viel besser als die +erste, steckte sie sich auch lächelnd ein, und verhängte zugleich mit +Seelenruhe die erste Platzstrafe über den Zeichner. + +Alles lachte, und Palmier fühlte sich durchaus nicht so als Herr der +Situation, wie er es wohl erhofft hatte. + +Nach ungewöhnlich kurzer Zeit hob Bruder Krumbholtz die Strafe auf und +fragte den Sträfling ruhig: Was er eigentlich daran für ein Vergnügen +fände, Bestrafungen zu erzwingen. + +Kaltblütig antwortete Palmier: »Ich wollte nur sehen, ob Sie Wort +halten.« + +»Das glaube ich dir nicht,« meinte Krumbholtz ebenso kühl, »sondern du +wolltest mich aus Laune mal wieder ärgern. Es ist dir nicht gelungen, +bist du nun befriedigt?« + +»Es wird mir schon noch gelingen,« versetzte Palmier tückisch. + +»Schwerlich,« gab Krumbholtz ruhig zurück, »denn sieh mal, wenn du +deine Streiche fortsetzt, dann strafe ich dich überhaupt nicht mehr, +lasse dich links liegen, bis du reif bist, um aus der Anstalt entfernt +zu werden.« + +»Darauf werde ich es aber nicht ankommen lassen.« + +»Schön, freut mich, Palmier. Wozu dann die viele Mühe? Willst du +deines Witzes Kräfte mit mir messen, bitte, so bin ich gern bereit, +und du weißt, daß ich Spaß verstehe. Willst du indes nur dein Mütchen +an mir kühlen, um vor den Kameraden wenigstens den letzten traurigen +Ruhm zu ernten, ein Hauptkerl in Bosheiten zu sein -- nun dann hast du +eben in mir auch den letzten Menschen im Hause verloren, der dir ganz +unbefangen ein starkes Interesse entgegenbringt.« + +»Warum tun Sie das? Doch nur aus Ehrgeiz, um mich zu bändigen.« + +»Durchaus nicht, sondern teils aus psychologischen, teils aus rein +menschlichen Gründen. Ich weiß, Palmier, daß du nur aus einer gewissen +Verzweiflung, aus einem ängstlichen Vereinsamungsgefühl heraus dein +Dasein mit dergleichen leeren, bisweilen schlechten Vergnügungen +erfüllst, um irgendwie Aufsehen zu erregen.« + +»Woher wissen Sie das?« + +»Ich kann es nicht mathematisch beweisen, aber ich lese es aus den +letzten Beweggründen der meisten deiner sogenannten Streiche, lese es +aus deinem ganzen fahrigen, unsteten Wesen, deinem unsicheren Blick und +allerlei anderen Anzeichen, die ich dir nicht unnötig verraten möchte, +da ich dich weiter aufmerksam zu beobachten gedenke.« + +»Das wünsche ich nicht,« fuhr nun Palmier unruhig auf, »lassen Sie mich +in Ruhe.« + +»Gern, mein Lieber, also schließen wir gegenseitig Frieden, und suchen +wir gute Kameraden zu werden. Ich glaube, wir könnten uns mit der Zeit +doch noch einiges austragen.« + +»Was soll ich Ihnen austragen? Sie verabscheuen mich ebenso im geheimen +wie alle die anderen.« + +»Das bildest du dir eben ein, Palmier. Ich halte dich allerdings hier +auf der zweiten Stube nicht gerade für ein bequemes Element; immerhin +-- ich halte dich zugleich für einen klugen, scharf beobachtenden und +künstlerisch begabten Burschen, der mir an anderer Stelle freilich +lieber wäre, das sage ich ganz offen. Aber, mein Lieber, wenn du +Lehrer wärst, würdest du dich wahrscheinlich auch nicht nur für die +sogenannten Goldjungen interessieren, sondern vielleicht ebenfalls +finden, daß die sogenannten Lausbuben meist sehr viel interessanter +sind; man muß sie nur nicht tragisch nehmen. Also, +mon cher+ -- +wollen wir uns vertragen? Zunächst mal auf vierzehn Tage zur Probe! +Ists dir dann zu langweilig, kannst du mir den Waffenstillstand ja +kündigen.« + +Palmier ergriff die dargebotene Hand, und nach und nach bildete sich +aus der bisherigen Gegnerschaft wirklich eine Art von Freundschaft +heraus. + +Sie war nicht ohne gelegentliche Störungen und mutete oft seltsam +grotesk an -- zum Beispiel in den scharfgeschliffenen Disputen -- aber +sie hielt nicht nur für Tramberg, sondern schließlich fürs Leben. + +Kaspar Krumbholtz wurde mit der Zeit das für Palmier, was dessen Vater +ihm -- wohl aus Bequemlichkeit -- nicht hatte sein wollen. + + * * * * * + +Auch dem anderen schwarzen Schaf, Burton, suchte der neue Lehrer der +zweiten Stube beizukommen; aber bei dem Engländer galt es völlig anders +vorzugehen. + +Burton war weder eine Intelligenz, noch eine im Grunde überfeine und +nur durch falsche Behandlung arg verhärtete Natur wie der Genfer +Bankierssohn; nein, er war ein derber Großstadtlümmel mit einem +ungeschlachten Witz und großer Frechheit. + +Sein Erstes war es, danach zu trachten, mit einigen Helfern »Mr. +Kobolz« beim Fußball über den Haufen zu rennen, aber das glückte +nicht. Im Gegenteil, Kaspar Krumbholtz, der sich ebenso rasch die zwei +getreuen Schweden zu Hilfe gerufen hatte, brachte Burton und seine +Spießgesellen zu Fall; ja, Burton bekam von Olafsen einen Tritt ans +Schienbein, an den er lange mit wenig Vergnügen dachte. + +Nun schwor er Rache und tat alles, um womöglich die ganze englische +Kolonie gegen »Mr. Kobolz« aufzuhetzen. Er streute aus, Kobolz hasse +die Engländer noch mehr als Herr Muffke; er freunde sich mit Franzosen +und Genfern, sogar mit dem verrufenen Palmier an; ja, er bilde sich +eine geheime Schutztruppe aus den Schweden, mit denen der sportfrohe +Kaspar allerdings gern Schneeschuh lief. + +Zunächst fiel Burton mit seinen Verleumdungen bei den vornehmeren +Engländern ab, indessen -- +semper aliquid haeret+! + +Man beobachtete »Mr. Kobolz« nun daraufhin, und man fand, daß er sich +allerdings mit Lagrange, Olafsen, Astrupp und leider auch Palmier +besonders viel abgebe. Dazu kam ein viel schlimmeres Vergehen gegen die +britische Hegemonie und das heilige Nationalgefühl der Söhne Albions. + +Im Geschichtsunterricht der obersten Klasse hatte Bruder Krumbholtz +die Freiheitskriege zu behandeln und schließlich auch die Schlacht bei +Belle Alliance. Schon daß er sie nicht nach Waterloo benannte, war +reichlich verdächtig. Als er dann noch von Wellingtons Fehlern, von +seinem Entschluß und Befehl zum Rückzug sprach und schließlich gar +nachwies, daß nur ein verschwindend kleiner Teil richtiger Engländer in +der Schlacht mitgefochten habe, und daß jedenfalls die Palme des Sieges +nicht in erster Linie Wellingtons bekannter Hartnäckigkeit, sondern +Gneisenaus Feldherrntalent und Blüchers Energie und Charaktergröße +gebühre, da beschloß das englische Sonntagnachmittags-Meeting +einstimmig, »Mr. Kobolz« zu schneiden. + +Nun begann Burtons Weizen zu blühen. Er inszenierte sofort einen rohen +Streich, band während des Abendsegens heimlich die Schlafrockschnüre +von Palmier und Olafsen zusammen, so daß beim Gutenachtsagen der +vom forteilenden Palmier plötzlich nach hinten gerissene Schwede +hinstürzte. + +Bruder Krumbholtz rief die ganze Gesellschaft zusammen und sagte: +Er wolle keine große Untersuchung anstellen, er wolle nur darauf +aufmerksam machen, daß es taktlos sei, gerade eine religiöse Andacht zu +dummen Gassenbubenstreichen zu benutzen. + +Burton ärgerte sich; er hatte natürlich auf ein ausführliches +Gesamtverhör gerechnet und sich schon auf ein handfestes Ausreden mit +der beliebten jesuitischen Wortklauberei, einem Sport vieler englischer +Knaben, gefreut. + +Am übernächsten Abend ward der plumpe Streich an zwei anderen +unschuldigen Opfern wiederholt. + +Diesmal fragte Bruder Krumbholtz nach dem Täter, freilich vergeblich. +Kurzerhand erklärte er nun den Betreffenden für einen Feigling, der +ihn eigentlich nichts anginge, da er es mit vielleicht übermütigen, +aber nur ehrenhaften und mutigen Jungen zu tun haben wolle. Im übrigen +habe er sehr begründeten Verdacht, daß der Täter einer Nation angehöre, +die sonst gerade ungemein empfindlich sei, wenn man ihren religiösen +Bräuchen, zum Beispiel in der Sonntagheiligung, irgendwie zu nahe +trete. + +»Ich bitte mir,« schloß Bruder Krumbholtz, »dieselbe Rücksicht aus für +unsere religiösen Gewohnheiten und mache kein Hehl daraus, daß ich +bei einer abermaligen Störung des Abendsegens dem taktlosen Burschen, +wenn ich ihn ermittle, das geben werde, was ihm gebührt, nämlich eine +Ohrfeige.« + +Nun war allerdings der Stolz Old Englands tief verletzt. Eine Ohrfeige +auf den oberen Stuben auch nur anzudrohen, war etwas Unerhörtes, und +vollends für einen Englishman! Empörend! + +Ein Stubenmeeting tagte sofort heimlich und beschloß folgendes: +Hopkins, der Senior, also ein nahezu Unverletzlicher, solle beim +nächsten Abendsegen des Mr. Kobolz brummen oder grunzen. Dann wolle man +doch sehen, ob er zuschlagen würde. + +Hopkins weigerte sich lange, fügte sich aber schließlich aus +Nationalgefühl und spielte auch wirklich die ihm aufgedrungene Rolle am +übernächsten Abend. + +Bruder Krumbholtz rief ihn vor und sagte sehr ernst: »Hopkins, du +bist sonst ein anständiger Kerl, du hast dich wahrscheinlich nur als +Opfer mißbrauchen lassen. Ich werde dich weder strafen noch züchtigen. +Aber ich fordere nochmals den feigen Gesellen, der dahinter steckt, +auf, sich zu melden. Ich bin sogar bereit, dem mutlosen Burschen die +angedrohte Strafe zu schenken, er kann sich, nur mit meiner Verachtung +beladen, davonschleichen.« + +Keiner meldete sich, und ohne den Knaben Gute Nacht zu sagen, schickte +Bruder Krumbholtz seine Zweiten zu Bett. + +Er war selber verstimmt und auch erregt, denn er merkte gar wohl: es +handle sich nunmehr um die Behauptung seiner Autorität. + +Wieder tagte das Stubenmeeting, und Burton meinte stolz: Nun sähe man +doch klar und deutlich, daß der »Prahlhans Kobolz« Angst habe. Jetzt +könne man ihn endlich schmählich blamieren und vielleicht ganz los +werden, den unbequemen Tugendbeutel. + +Hopkins war anderer Meinung und riet dringend von weiteren Schritten +ab, er mache jedenfalls nicht mehr mit. Man wurde diesmal nicht einig +und brachte, da gerade Samstag war, die ganze Angelegenheit vor das +große Sonntagnachmittagmeeting der gesamten englischen Kolonie. + +Auch hier war man geteilter Meinung. Die Häupter der Ersten fanden es +höchst unpassend von Burton, den Abendsegen für seine Streiche gewählt +zu haben; anderseits konnte man die angedrohte Ohrfeige auch nicht auf +sich sitzen lassen; endlich mußte Rache für Waterloo genommen werden. + +Und so ward Burton beauftragt, selber die Sache siegreich auszutragen. +Er würde vielleicht ausgeschlossen werden auf Nr. 13 -- mehr könne ihm +nicht passieren. Zuschlagen werde Mr. Kobolz doch nicht. + +Burton fügte sich knirschend, so ganz gemütlich war ihm der Handel +nicht. Dieser Kobolz war ein merkwürdiger Kerl, und ganz zu verachten +waren seine Kräfte auch nicht. Auf der Stube war wohl keiner ihm +gewachsen, höchstens Hurlington, ein riesiger, etwas plumper Waliser +mit wahren Bärentatzen, der beste Gawlkeeper der Anstalt. Wegen seiner +Dummheit konnte er nicht auf die erste Stube kommen, denn er saß noch +in der untersten Klasse und erfreute sich keiner großen Achtung, galt +aber für einen guten Kerl. + +An ihn machte sich nun Burton heran und brachte ihn schließlich dazu, +beim übernächsten Abendsegen den Kampf zu wagen. Schlüge Kobolz -- so +orientierte Burton seinen Ersatzmann -- so solle er nur ruhig wieder +schlagen, denn mit Kobolz würde er, der baumstarke Hurlington, schon +fertig. + +Der Waliser fühlte sich sehr geschmeichelt und brummte richtig während +des Abendsegens wie ein Bär. + +Ruhig las Kaspar Krumbholtz seinen kurzen Psalm zu Ende, und schon +triumphierten Burton und seine Kumpane. Dann aber trat Kaspar im Nu vor +den überraschten Hurlington und schlug ihn zu Boden. Unbeholfen, nicht +unähnlich dem Tier, das er nachgeahmt hatte, erhob sich der Waliser vom +Boden und hielt die Fäuste geballt, wie zum Boxkampf entschlossen, vor +sich. Scharf und ebenso entschlossen sah ihm Kaspar Krumbholtz in die +Augen. + +Zwei Sekunden standen sich beide unter atemraubender Spannung +gegenüber, dann neigte sich der Sohn der Waliser Berge achtungsvoll vor +seinem Erzieher und sagte kurz: »Oh, Mister Kromboltz, Sie haben Mut, ++I beg your pardon+.« + +Dann schlich die zweite Stube die Treppe hinauf zum Schlafsaal und +legte sich mäuschenstill schlafen, während Kaspar Krumbholtz zu Bruder +Lohmann ging und ihm von der notwendig gewordenen Ohrfeige Meldung +erstattete, wie es die Hausordnung vorschrieb. + +L³ lächelte, gratulierte dem mutigen Kollegen und sagte: »Bravo, diese +Ausnahme lasse ich gelten, ich denke, jetzt sind Sie dicke durch auf +2. Wie ich die Engländer kenne, ist die Sache nun erledigt. Ich will +daher den lieben Chef nicht erst unnötig durch Weitergabe der Meldung +aufregen. Er versteht dergleichen nicht richtig.« + +Für die Engländer war die Sache freilich noch nicht ganz erledigt. + +Auf dem nächsten Sonntagmeeting wurde Burton öffentlich für einen +Feigling erklärt und ließ sich daraufhin baldigst von seinem Vormund +abmelden. + +Kaspar Krumbholtz hatte von nun an keine größeren Schwierigkeiten mehr +auf seiner 2. Stube -- dank der pädagogischen Ohrfeige. + + + + +Neuntes Kapitel + +Abschiedsbriefe + + +Über Jahr und Tag war Kaspar Krumbholtz nun schon in der Tramberger +Anstalt, aber noch immer war er sich darüber nicht klar, ob er Lehrer +im Dienste der Brüder-Unität bleiben wolle oder nicht. + +Erzieher war er nachgerade mit ehrlicher Begeisterung, aber als Lehrer +fühlte er sich nicht so ganz am richtigen Platze. + +Die Tramberger Anstalt war in erster Linie Ausländer- und +Privatinstitut und nahm als solches in bezug auf staatliche Anerkennung +wie auf Lehrplan eine Ausnahmestellung ein. Erziehen konnte man dort +vorzüglich lernen, denn das Erziehungsmaterial war interessant und oft +schwierig. Aber ein angehender Berufslehrer, der an die Sicherstellung +seiner Zukunft zu denken hatte, kam in Tramberg nicht ganz auf seine +Kosten. + +Das empfand Kaspar nach und nach immer deutlicher. Mit der Theologie +hatte er abgeschlossen, mit seiner unfertigen Vorbildung konnte +er wohl im schwäbischen Tramberg, nicht aber an den brüderischen +Hauptschulen, die unter preußischer Staatskontrolle standen, Dienste +tun. + +Er sprach die Angelegenheit mit dem einsichtigen Bruder Lohmann +gründlich durch und schrieb dann auf dessen Rat an die Unitätbehörde. + +Bruder Bauding schrieb umgehend zurück: die Sache wolle ausführlich +erörtert sein; augenblicklich nähme jedoch die Vorbereitung der Synode +seine Zeit völlig in Anspruch, auch stünden die großen Ferien vor der +Tür. Vielleicht ließe es sich ermöglichen, daß Kaspar dann persönlich +nach Herrnhut käme. Bis dahin solle er sich ernstlich prüfen, ob er +dauernd der Gemeine dienen wolle oder nicht; er wisse ja nunmehr, was +zu diesem Entschluß nötig sei. + +Kaspar schüttelte ärgerlich den Kopf, denn das wußte er eben nicht, und +in wenigen Wochen würde er das ebensowenig wissen. + +Er zeigte den Brief L³, und dieser meinte lächelnd: »Keine Angst, +lieber Kollege; Bauding ist kein Balzar, aber vor der Synode sind die +Herren da oben etwas vorsichtig. Die Lehr- und Bekenntnisfrage steht +wieder mal auf der Tagesordnung, und gegen uns jüngere Theologen ist +man nachgerade ziemlich aufgebracht in den Laienkreisen.« + +»Ach was -- Theologie hin, Theologie her,« entgegnete Kaspar rasch, +»für mich ist das Entscheidende: Wollen die Unitäter mich glauben +lassen, was ich glauben ~muß~, oder verlangen sie von mir, daß +ich glauben soll, was sie glauben. Dann sind wir sofort geschiedene +Leute. Ich stehe freilich schon jetzt nicht mehr auf dem Standpunkt, +auf dem ich vor etwa zwei Jahren in Gotteshaag stand, und bin mir einer +leisen Fortentwickelung froh bewußt. Ich bin ruhiger geworden durch +befriedigende Arbeit und eine fast unmerkliche Spur von Gottes geheimem +Walten in meinem Leben. Ich will auch gern weiter warten und lauschen, +was er mich hier und da hören läßt. Aber den Vätern etwa vorlügen, +ich hätte ein gemeinmäßiges, persönliches Christentum pietistischer +Observanz -- dazu bin ich nicht der Mann, weder heute, noch in vierzehn +Tagen, noch in zehn Jahren.« + +»Nur nicht so hitzig, junger Freund,« begütigte der Mitdirektor, +»wie ich die Leute kenne, wird dich keiner +verbotenus+ auf die +Augustana festlegen oder dergleichen Exerzitien üben. Aber für viel +schwieriger halte ich, die andere Frage zu beantworten betreffs deiner +Verwendbarkeit. Du müßtest entweder nach Gotteshaag zurück --« + +»Niemals --« + +»Oder sie müssen dir ein neues Stipendium bewilligen.« + +»Danke, das will ich auch nicht mehr -- nur keine Fesseln mehr!« + +»Dann mußt du eben den Mittelschullehrer bauen wie ich -- Gott seis +geklagt -- den Rektor.« + +Kaspar lachte, denn der umfängliche L³ stöhnte bei diesen Worten +schwer auf. + +Darauf fragte er, um von dem Bruder Lohmann vielleicht peinlichen +Gesprächsthema abzulenken: »Und wie wirds mit dem Dienen?« + +»Zeit wirds!« antwortete L³ prompt, »das würde ich auf alle +Fälle schleunigst erledigen. Und dazu würde ich die übliche +Unterstützungssumme unbedenklich annehmen, vollends als Missionskind +und Waise.« + +»Meinst du?« erwiderte Kaspar nachdenklich, »wenn es sich irgendwie +vermeiden läßt, vermeide ich weiter, abhängig zu werden.« + +»Wird sich wohl nicht anders machen lassen, Lieber,« erklärte der +Mitdirektor ruhig, »na -- und wenn alle Stricke reißen --« + +»Melde dich auf die Mission, wolltest du wohl sagen,« unterbrach ihn +Kaspar. »Nee, mein Lieber, auf diese +ultima ratio+ so vieler +ratloser Gemeinexistenzen verzichte ich. Ich will mir meinen Weg +schon bahnen, so oder so! Königseinjähriger oder zwei Jahre dienen, +meinetwegen -- ich halts aus. Dann vielleicht als Lehrer ins Ausland +und nachher mit eigenen Mitteln ein neues Studium beginnen! So sehe +ich den Weg, wenn ich der Unität nicht positiv genug bin. Und damit ++addio, caro mio+!« + +Rasch ging Kaspar davon, und bewundernd, fast neidisch sah der gute L³ +dem jungen Kollegen nach. + +»Ja, ja --« brummte er lächelnd, »der hätte seinen Rektor wohl +schneller gebaut als ich alter Esel, +docendo discimus+.« + +Tags darauf fuhr Kaspar Krumbholtz nach Stuttgart zur Untersuchung +durch einen Stabsarzt. Er wurde ohne weiteres für tauglich zum +Militärdienst befunden und teilte seine feste Absicht, demnächst die +Anstalt zu verlassen, dem davon wenig erbauten »Chef« mit. + +Lehrerwechsel ist keinem Schuldirektor angenehm, dem Chef der +Tramberger Anstalt kostete jedoch ein solcher Vorgang stets viele +schlaflose Nächte; denn nur wenige Lehrer paßten in die komplizierten +Verhältnisse seines Instituts. + + * * * * * + +Zufälle spielen oft eine seltsame Rolle im Leben. + +Kaum hatte Kaspar Krumbholtz seinem alten Jugendfreunde Hans Sebalt +mitgeteilt, er würde wahrscheinlich in Leipzig sein Jahr abdienen, +als der Postbote ihm einen Brief aus Magdeburg brachte, in dem ihm +Irmgard von Zweydorff mitteilte, sie habe es in Bremen nicht aushalten +können, habe auch in Hannover und Magdeburg nur vorübergehend Stellung +finden können und wolle es nun in Leipzig versuchen. Sie habe immer +darauf gewartet, ihrem Retter etwas Gutes melden zu können, aber bei +aller Energie war das bisher nicht erreichbar. Auch die geliehene Summe +zurückzuzahlen wäre ihr noch nicht möglich gewesen. + +Anfangs wußte Kaspar gar nicht, wer diese Dame war. Endlich fiel ihm +das arme, schöne Londoner Magdalenchen ein -- ihren Namen hatte er +damals nicht ganz verstanden. Adlig war sie also auch noch, die Ärmste; +da drückt des Lebens Not doppelt schwer, wenn man von Privilegierten +abstammt und den Gedanken an verschwundene Herrlichkeit nicht zu bannen +vermag. + +Kaspar hätte Irmgard von Zweydorff gern einige gute Worte geschrieben +und gemeldet: das mit dem Gelde -- das wäre ja erledigt; aber eine +Adresse war nicht angegeben. Wer weiß, vielleicht besser so! + +Kaspar würde sicherlich sobald nicht in der Lage sein, ihr weiterhelfen +zu können, und dann -- ja dann -- sein Herz war einmal bei Ursemi, +ob mit Recht oder Unrecht war gleichgültig; ändern ließ sich an der +unumstößlichen Tatsache darum nicht das geringste. + +An Reda dachte Kaspar fast täglich ein paarmal; namentlich in den +letzten Tagen, in denen es nach einem Briefe Frau Winklers mit ihrem +Gatten gar nicht gut ging. + +Mehrfach bat Kaspar um weitere Nachricht über den lieben Kranken, aber +vergebens. + +Da mußte es doch wohl besser gehen, sonst hätte man seinen Sorgen gewiß +Rechnung getragen, wenigstens Ursemi hätte es getan. + +Unterdessen ging das kurze Sommerhalbjahr zu Ende, die Ferien kamen. + +Diesmal sollte eigentlich auch Kaspar die große Reise mitmachen, aber +er bat zurücktreten zu dürfen, da er nach Herrnhut wolle, teils um +sich auf der Synode noch einmal selbst über den jetzigen Geist der +Brüdergemeine zu orientieren, teils um Rücksprache mit der Unität zu +nehmen. + +Da kam plötzlich ein Telegramm: Vater Schlaganfall, bitte komme sofort. +Ursula Maria. + + * * * * * + +Mit schwerem Herzen ordnete Kaspar rasch seine wenigen Sachen, +telegraphierte zurück und reiste noch am selben Nachmittage ab. + +Die Verbindung nach Schlesien war umständlich. Erst am übernächsten +Abend kam Kaspar in Reda an. + +Am Bahnhof stand Philipp, der Kutscher, mit wankenden Knien. Unter +krampfartigem Schluchzen brachte er mühsam heraus: »Unsa gutta Harr is +ok nimmär!« Dann fuhr er schweigend und langsam den leise weinenden +Kaspar zur Winklerschen Villa. + +Berthold empfing den »Herrn Kandidaten« mit Fassung und teilte ihm +auf seinem Zimmer das Schreckliche in guter Haltung und genauen +Einzelheiten mit. Abends zuvor hatte ein neuer Schlaganfall das Ende +plötzlich herbeigeführt, die Damen wären dabei gewesen und seien sehr +mitgenommen, aber sie würden den Herrn Kandidaten noch heute abend +empfangen. + +Kaum war Berthold zur Tür hinaus, da stürzte Ursemi herein, umarmte +fassungslos ihren Jugendfreund und weinte still an seiner Schulter, und +Kaspar ließ ebenfalls seinen Tränen freien Lauf. + +Trösten konnte er so wenig wie ein anderer Mensch, nur mitfühlen -- das +ist alles, was einer vom anderen erhoffen darf. + +Und so weinten die beiden Freunde sich ruhig miteinander aus; dann ward +ihnen leichter, und nach und nach fanden sie auch Worte, stammelnd -- +abgerissen, aber voll unendlichen Schmerzes und reiner Liebe. + +Zusammen gingen sie nachher zu Ursemis Mutter, die weit gefaßter war +als die Tochter und in allerlei Sorgen für das Begräbnis, für die zu +erwartenden Leidtragenden, für die Fabrik undsoweiter sichtlich eine +Art von Trost oder wenigstens von Schmerzablenkung gefunden hatte. + +Noch für den selben Abend ward der beste Freund des Dahingeschiedenen, +der Geheimrat Volpelius, der auch Testamentvollstrecker war, erwartet. + +Kaspar erbot sich, ihn abzuholen. Ursemi wollte es sich jedoch nicht +nehmen lassen, ihren nunmehrigen Hauptberater selbst am Bahnhof zu +empfangen, und so fuhren die beiden hinaus. + +Während man durch den herrlichen, mondscheinschummrigen Park fuhr, +erzählte Ursemi von den letzten Tagen und Stunden des Vaters. + +Immer wieder habe er von Kaspar gesprochen, noch zuletzt auf seine +Ankunft gehofft, und eines der letzten Worte an sie wäre gewesen: +»Brauchst du nen Alten, Kind, geh zu Volpelius; brauchst du nen Jungen, +rufe Kaspar! Das sind die treusten, auf die kannst du immer bauen.« + +Leise drückte Kaspar Ursemi die Hand, als wollte er ihr danken anstelle +des Mannes, dem er nicht mehr danken konnte. + +Dann sagte er fest: »Das soll er nicht umsonst gesagt haben. Wo ich +auch bin, Ursemi -- ich komme, wenn du mich rufst, und will dir +treulich zur Seite stehn wie ein guter Bruder.« + +Kaspar wußte, was er sagte, und es durchschauerte ihn leise bei diesem +ehrlich gemeinten, völligen Verzicht auf jedes Begehren; aber er +glaubte nur so das Vertrauen jenes Toten sich verdienen zu können, des +Mannes, der an ihm allzeit gehandelt hatte wie der beste und treuste +Vater. + + * * * * * + +Das Begräbnis mit seinen vielen drückenden Äußerlichkeiten, mit den +üblichen quälenden, verletzenden Unwahrheiten und seinen hergebrachten +Roheiten gegen die Hinterbliebenen war vorüber. + +Zahllose Leidtragende waren erschienen, darunter auch die beiden Grafen +Brosyn, die beiden Brettwitze und von Darichs die ganze Familie. + +Hans Sebalt war ebenfalls eingetroffen. Er war Mama Winkler ein rechter +Trost und bei den vielen Anordnungen, die ein so gewaltiges Begräbnis +verlangte, in der Tat eine brauchbare Hilfe. + +Was Hans der Mutter, war die treue Dente der Tochter. Die tapfere, +tatfreudige Vorsteherin half der gebrochenen Ursemi rasch wieder ins +Leben hinein. + +Die Leiche war vorläufig in der verlassenen Herrschaftsgruft der +Dorfkirche beigesetzt worden, später sollte laut Testament ein +schlichtes Grabhaus inmitten der schönsten Parkbäume für die +Winklersche Familie gebaut werden. Es war dem Verblichenen ein lieber +Gedanke, in seinem Walde der Auferstehung entgegen zu schlummern. + +Am Tage nach der Beisetzung fand man den alten Toni verendet mit +blutiggekratzten Pfoten vor der Kirchtür, neben ihm laut heulend die +unglückliche Cleo, die zwei Tote beklagte, sich aber schließlich +trösten ließ und noch etliche Jahre ihr Dasein fristete. + +Einige Tage nach der feierlichen Testamenteröffnung bat Geheimrat +Volpelius Kaspar und Hans zu sich und teilte ihnen mit, daß der +Verewigte ihnen eine Summe von 10000 Talern in 4 prozentigen Papieren +vermacht habe und außerdem ihre Stipendienverpflichtungen gegenüber +der Unität von ihm als Testamentvollstrecker abzulösen seien. Außerdem +läge je ein Brief an die Herren beim Testament, den er ihnen hiermit +aushändige. Nach mündlichen Verabredungen mit ihm sei es der Wunsch +des Toten gewesen, die Herren sollten ihr kleines Kapital nicht +vor der Zeit anreißen, sondern zusehen, daß sie, wie im Falle des +Stipendiums, mit 100 Mark im Monat auskämen und so einstweilen ihre +Studien beendeten. Er wäre gern bereit, die Verwaltung des Kapitals +ihnen zu besorgen. Für später, nach Vollendung des Studiums, hätte +Herr Winkler gewünscht, daß die Herren eine größere Bildungsreise +unternähmen, dazu würde ihnen seinerzeit die von ihm und sechs +Kuratoren nunmehr zu organisierende Winklerstiftung, der die Fabriken +und ihr Ertrag testamentarisch überwiesen seien, etwaige besondere +Mittel gern gewähren. Alles Nähere über diese Stiftung, die hoffentlich +dereinst auch ihre Dienste in Anspruch nehmen dürfe, würde ihnen nach +Absolvierung ihrer Studien mitgeteilt werden. + +Mit Staunen und tiefer Bewegung hatten Kaspar und Hans den Ausführungen +des ehrwürdigen Volpelius zugehört, dann ergriffen sie dankerfüllt +seine Hand und gelobten, das Vermächtnis des geliebten väterlichen +Freundes nach seinen Wünschen zu gebrauchen und baten den alten Herrn +sofort, ihnen nur monatlich die 100 Mark Zinsen zugehen zu lassen. Dann +schritten die Freunde in den sonnenhellen Park hinaus. + +Kaspar fand keine Worte vor Bewegung und Trauer. Hätte er dem lieben, +herrlichen Manne doch noch einmal in die grauen, treuen Augen blicken +können. + +Was hatte er ihm zu danken -- alles -- alles, was lieb und licht in +seinem Leben gewesen war und sein würde. Was wäre ohne ihn aus dem +schwerblütigen, verbitterten Zögling von Gnadenzell geworden? Kaspar +wagte es nicht auszudenken und schritt allein dem Walde zu. + +Hinauf, hinauf in die Berge mußte er jetzt -- in den blauen Wald des +lieben Dahingegangenen, der so viel in seinem fruchtbringenden Leben +geschaffen und nun auch noch dafür gesorgt hatte, daß seine Schöpfungen +weiterschufen. + +Das war ein Wirken, war ein Dasein, das sich lohnte, das segenspendend +war und blieb, vielleicht für Generationen hinaus. + + * * * * * + +Hans Sebalt hatte sich rasch von Kaspar getrennt und neugierig nach dem +Briefe gegriffen, den er vorhin sorglich in die Brusttasche gesteckt +hatte. Im Gehen durchflog er ihn. + +Plötzlich stand er still, und sein Gesicht verfinsterte sich. + +Was stand da? Herr Winkler traue ihm leider nicht recht zu, daß er, auf +eigene Füße gestellt, sein Kapital auch erhalten könne. Was, er, der +sparsame Hans Sebalt? Darum bitte er ihn noch einmal dringend, nie ein +Papier zu verkaufen, ohne vorher Herrn Volpelius darum zu fragen. Das +Geld festzulegen, wäre vielleicht klüger, aber nicht erzieherischer +gewesen. Jeder solle für sich selber im Leben stehen, nur die Hilfe +anderer nicht ganz verschmähen, am wenigsten den Rat erfahrener +Freunde. + +Hans Sebalt lächelte ein wenig überlegen. Er würde die Befürchtungen +des redlichen Toten schon glänzend widerlegen. Gerade jetzt, in voller +Freiheit, würde er der Welt zeigen, was er leisten und wie er sich +selbst regieren könne. + +Aber keinem wollte er es sagen, daß er ein Krösus geworden. Auch die +Familie durfte es nicht erfahren, höchstens die Eltern. Vor allem -- +die Unitäter müßten schweigen, ha -- die würden Augen machen, er ein +freier Mann -- nun hatte Bethel freilich das Nachsehen -- jetzt stand +ihm die Welt offen, ihm, dem Besitzer von 30000 Mark. + +Beinahe hätte Hans Sebalt Hurra gerufen, aber noch zu rechter Zeit fiel +ihm ein, daß da drüben ein Trauerhaus stand, und daß man ihn hätte +hören können. + +So ging er leise trällernd ins Dorf hinab und grüßte die ihn grüßenden +Arbeiter und Häuslerkinder gönnerhaft verbindlich wieder -- ganz wie es +sich für einen Mann von zehntausend Talern gebührte. + + * * * * * + +Währenddessen schritt Kaspar langsam bergan und dachte über seine +Zukunft nach. An seinem Vorhaben mit Herrnhut sollte das Vermächtnis +nicht das geringste ändern. Ja, wenn die Brüdergemeine ihn wollte, wie +er nun einmal war und dachte -- dann sollte sie ihn jetzt erst recht +haben. + +Jetzt, als ein wahrhaft Freier, jetzt konnte er ihr mit seinen Diensten +etwas von dem zurückzahlen, was er doch schließlich der Gemeine, +wenigstens ihren besten Vertretern, wie einem Hansen, Bartel und +Bauding, schuldete. Hatte man ihn nicht treu und redlich erzogen, ihn +nicht leidlich gut, jedenfalls gerecht behandelt und sich seiner stets, +wenn auch nicht immer warm, aber vornehm, angenommen, ihn nie etwas +unbedingt Notwendiges entbehren lassen, höchstens ein wenig Liebe? + +Nein, jetzt wollte Kaspar auch zeigen, daß er sich nicht lumpen ließe, +wenn anders man ihn brauchen konnte. + +Und 100 Mark monatlich! Du lieber Gott, er und 100 Mark! Davon konnte +er gewiß noch sparen, auch in einer großen, teuren Stadt wie etwa +Leipzig. Vielleicht konnte er nun dem armen Magdalenchen ein wenig +helfen -- er wollte doch nach ihr forschen. + +Herrlich, daß er jetzt einmal auch andern etwas schenken konnte. O +wie süß war doch das Geben, wie bitter das ewige Nehmen! Er wußte es +zur Genüge, und er wollte nun ein fröhlicher Geber werden, den Gott +liebhaben sollte, wie er ihn. + +»Ja -- Gott -- Ewiger -- Gütiger, der Du irgendwo über mir waltest! +Liebe -- unendliche, die Du Dich meiner angenommen und mich so tief +beschämt hast! Gott, großer Gewaltiger, laß Dir mein wirres Stammeln, +mein dankbar überquellendes Herz gefallen, führe mich weiter, +Unergründlicher über den Welten! Laß auch mich Frucht bringen im Leben +wie er -- Dein Diener. Laß mirs gelingen -- ich vertraue Dir blind -- +und will Dein unwürdiger Knecht bleiben -- solange ich atme. Amen!« + +Das war das erste Gebet, das Kaspar Krumbholtz von den Lippen flutete, +seit jener furchtbaren Kampfesnacht auf dem »Berge« zu Gotteshaag. + +In lang nachzitternder Bewegung schritt der junge Lehrer immer +weiter und weiter, bis er endlich mit leisem Schauer in den blauen +Lieblingswald des toten Freundes trat. + +Andächtig setzte er sich auf die Bank, auf der Herr Winkler so oft +und gern gesessen und hinabgeschaut hatte auf seiner Väter Werk, die +Fabriken, und auf seiner Hände Werk, den Park. + +Die Sonne neigte sich mählich da draußen in der weiten, städte- und +dörferreichen Ebene zu Tal; ihre schrägen Strahlen spielten noch +liebevoll mit einigen hohen Fabrikschloten und dem höchsten Hause von +Reda, der Winklerschen Villa. + +Nun lag der Mann, der so oft hier neben ihm gesessen und stets wie ein +liebreicher Vater zu ihm gesprochen hatte -- starr und kalt da unten +in der dumpfen Gruft. Aber nur sein Leib war dahin, sein Geist lebte +und waltete weiter und unsichtbar über dem Dorfe, über der Fabrik, über +Park und Wald, auch über ihm. + +Kaspar glaubte es zu fühlen, und unwillkürlich griff er jetzt +erschrocken nach der Seitentasche, in die er vorhin wie geistesabwesend +den kostbaren Brief hatte gleiten lassen. + +Gott sei Dank, er war noch da, und mit stiller Wehmut entfaltete ihn +Kaspar und las unter heißen Tränen die vertrauten gleichmäßigen Züge +der von ihm so heiß verehrten Hand: + + Mein lieber Junge! + + Du weißt nicht, welche Herzensfreude Du mir allzeit warst, und wie ich + an Dir gehangen habe. Das sollst Du ganz erst erfahren, wenn ich nicht + mehr bin. Ich habe mir zeitlebens heiß einen Sohn gewünscht, er war + mir versagt. Da sandte Gott Dich mir zur Zeit meines tiefsten Wehs, + Dich, den Sohn meines liebsten Lehrers. Ich durfte für Dich sorgen + wie ein rechter Vater, und Du hast mirs mit treuer Liebe vergolten, + Dank Dir, mein Junge! Nun halte die Treue auch weiter meinem Kinde, + es komme, was wolle. Ich habe in Deinem Leben nie Vorsehung spielen + wollen, das tut nie gut, und ich bitte Dich: handle ebenso an meiner + Ursemi. Aber bleibe ihr der ruhige, zurückhaltende Freund, der ich + Dir sein wollte. Freilich -- nun habe ich doch ein wenig in Dein Leben + eingegriffen durch mein Vermächtnis. Verzeih es mir, lieber Junge, + aber ich mußte Dir die Sicherheit zu Deiner ruhigen Entwickelung + aufzwingen um Deiner selbst willen und um meines Kindes wie meiner + Stiftung willen, die für die Zukunft vielleicht beide einen freien, + wissenschaftlich durchgebildeten und welterfahrenen Freund brauchen. + Deiner Entscheidung betreffs des Unitätdienstes vorgreifen zu wollen + liegt mir fern. Tu wie bisher, was Du vor Deinem Gewissen verantworten + kannst und wozu es Dich innerlich treibt. Das, mein lieber Junge, ist + die Hauptsache im Leben, dann bleibt man sich selbst getreu. Und nun + küsse ich Dich noch einmal im Geiste mit väterlicher Liebe und bitte + Dich, bleib wie bisher aufrecht und redlich gegen Dich und andere, + dann wird in Ruh und Ehren schlafen + + Dein lieber Vater + + Wilhelm Winkler. + +Nur mit äußerster Mühe hatte Kaspar zu Ende lesen können, denn die +Buchstaben tanzten gleichsam vor seinen von Tränen überströmenden +Augen. + +Dann brach er, in namenlosem Schmerz zuckend, zusammen -- und die Sonne +sank. + + + + +Zehntes Kapitel + +Die Synode + + +Kaspar Krumbholtz war gerade zur rechten Zeit nach Herrnhut gekommen. + +Die liebliche lausitzische Landstadt prangte nicht nur im üppigsten +Blütenschmuck ihrer altmodisch anmutigen Gärten und ihrer seit +über hundert Jahren steifgestutzten Lindenalleen, sondern auch als +Brüdermetropole erstrahlte die alte Stadt Christian Davids, des +tapferen mährischen Ansiedlers, im Glanze großer Tage und wichtiger +Beratungen. + +Im stattlichen, doch stimmungsvoll intimen Chorsaal des alten +Witwenhauses tagte die Provinzialsynode der Deutschen Brüder-Unität, +und in hartem, heißem Strauß stießen diesmal die Geister aufeinander; +denn es handelte sich um die Lehrfrage, die seit Jahren die Gemüter von +jung und alt in fast allen Gemeinen bewegte und tief beunruhigte. + +Im Mittelpunkt der aufregenden Verhandlungen standen: ein drohender +Antrag der Gemeine Altenworth und ihres Gemeinhelfers Lengwitz auf +Aufhebung des theologischen Seminars zu Gotteshaag; ein anderer kaum +minder gewichtiger Antrag von 27 hochangesehenen Brüdern, Theologen wie +Laien, auf ein Mißtrauensvotum gegen die Dozenten; und schließlich lag +ein dritter vermittelnder Vorschlag vor: die brüderischen Studenten +von nun an wenigstens für 3 oder 4 Semester an eine Landesuniversität, +womöglich zu positiven Theologieprofessoren, zu senden. + +Schnell hatte sich Kaspar, der im Brüderhaus Unterkunft gefunden hatte, +orientiert und ging mit einigen Betheler Bekannten möglichst frühzeitig +zum Sitzungssaal, denn der Andrang war gewaltig. Einen Sitzplatz zu +finden hielt schon jetzt schwer. + +Dicht gedrängt saß bereits um die Stühle der Synodalen eine vor +Spannung ungeduldig wispernde Menge; namentlich viele ältere Schwestern +mit allerlei Handarbeiten und einem Überdrang landläufiger Weisheit. + +Allgemein erwartete man für heute die Entscheidung, und es war gar +nicht unmöglich, daß der Guillotinenantrag Lengwitz auf das Seminar +herabsausen würde. + +Die Stimmung gegen das Seminar und seine Lehrer war jedenfalls +mächtig erregt, zumal einer dieser Brüder kurz zuvor eine Broschüre +veröffentlicht hatte, die völlig auf dem Boden der philologisch +historischen Bibelkritik stand und nicht nur Gemeinmitglieder, sondern +auch sehr viele Freunde der Herrnhuter verwirrt und verletzt hatte. + +Kaspar wußte von alledem nicht viel. Er hatte in letzter Zeit andere +Dinge im Kopf; immerhin fühlte er instinktiv, daß auch über sein +inneres Verhältnis zur Gemeine, über die Möglichkeit seines Verbleibens +im Unitätdienst heute eine Entscheidung herannahte. + +Es drängte ihn auch danach, da er endlich klar wissen wollte, woran er +mit seiner Zukunft sei. + +Und doch bebte der Herrnhuter in ihm. + + * * * * * + +Die Synodalen erschienen, meist schweigend und ernst, voran der +ehrwürdige Vorsitzende, Bischof Kröger. + +Mit dem üblichen kurzen Gottesdienst begann die Sitzung, und nicht +ohne Ergriffenheit nahmen viele von der nachdenksamen Losung des Tages +Notiz, die Paulus den Korinthern schrieb: »Ich wollte, ihr möchtet +ein wenig Torheit von mir ertragen, doch ertraget mich auch, denn ich +eifere um euch mit Gottes Eifer.« + +Einige der Schwestern stießen sich heimlich an und zischelten sich +leise zu: da sei doch deutlich Gottes Finger zu spüren. Aber die einen +betonten die Torheit, die anderen das Ertragen und wieder andere das +Eifern. + +Es folgte die Verlesung zweier brüderlicher Schreiben aus der +englischen und amerikanischen Provinz, beide des Wunsches voll -- man +möge mit Vorsicht und brüderlicher Liebe zu Rate gehen -- und mit der +Versicherung treulichster Fürbitte vor Gott. + +Zur Eröffnung der Verhandlungen wurden die drei schon gedruckten +Anträge nochmals vom Schriftführer, Bruder Röder, verlesen und die +Brüder gebeten, sich der Liebe zu befleißigen auch bei etwaiger +tiefgehender Verschiedenheit der Anschauungen. Darauf erhielt der +Gemeinhelfer der Altenworther das Wort. + +»Liebe Brüder,« begann Bruder Lengwitz mit sichtlicher Befangenheit, +»ich bin mir der historischen Bedeutung dieses für unser Kirchlein +vielleicht entscheidenden Augenblicks ebenso bewußt, wie meiner +Verantwortung. Die allgemeinen Gesichtspunkte für diesen ganzen, uns +so tief erschütternden Lehrstreit haben wir in zahllosen Debatten +längst gewonnen und allerseits zur Genüge vertreten. Heute gilt es, die +verschiedenen Ergebnisse gegeneinander abzuwägen und zu handeln! Die +Kluft, die zwischen dem Gros unserer Gemeingeschwister und den Brüdern +aus den letzten Jahrgängen unseres theologischen Seminars klafft, ist +nicht von heute. Schon auf den beiden vorhergehenden Synoden hat sie +uns schwere Sorgen gemacht und uns eingehend beschäftigt. Wir haben, +namentlich solange Bruder Hansens Autorität uns eine gewisse Gewähr +bot, zu besonderen Schritten gegen das Seminar uns nicht entschließen +können, sondern uns der leider trügerischen Hoffnung hingegeben, +die Entwickelung des Seminars werde von selber in positivere Bahnen +einlenken. Statt dessen ist es schlimmer geworden, viel schlimmer +sogar, als es auch die Pessimisten unter uns befürchtet haben. Von +einem dozierenden Bruder, der mit Titel und Amtsbezeichnung, also +mit voller Verantwortung zeichnete, ist eine Schrift veröffentlicht +worden, die auch dem unverbesserlichsten Optimisten die Augen darüber +öffnen muß, wohin wir eigentlich treiben: nämlich auf die Ausschaltung +der Grundbegriffe unserer Heilslehre durch unsere jungen Diener am +Wort. Man zweifelt nicht nur an diesem oder jenem im Worte Gottes, wie +früher, ja wohl zu allen Zeiten einzelne Lehrer, sondern man schaltet +keck die Hauptsachen aus. Man leugnet die Zuverlässigkeit ganzer +Evangelien und Apostelbriefe, man bezweifelt die Gottessohnschaft +Christi, seine Auferstehung und Himmelfahrt und rüttelt damit an den +Grundfesten unseres Glaubens. Wir wollen keine Ketzerrichter sein, +Geliebte im Herrn, und wollen auch diesen Forschern ihre Redlichkeit +gern zubilligen; aber wir wollen uns ebenso ehrlich fragen: Hat es für +unsere kleine Kirche noch Zweck, ein solches Institut zu unterhalten, +dessen Dozenten und Zöglinge für die heiligsten Überzeugungen der +Gesamtgemeine kein Verständnis mehr haben, vielmehr in schroffsten +Gegensatz zu ihrem Glauben treten, ihren Mitgliedern im besten Falle +mit gewundenen Erklärungen, oft genug gar mit unverhüllten Zweifeln die +frohe Gewißheit ihrer Heilswahrheiten und damit den inneren Frieden, +ja die beste Hoffnung im Leben wie im Sterben rauben? Auf Grund langer +gründlicher Selbstprüfung, auf Grund eingehender Rücksprache mit meiner +Gemeine, mit vielen andern Geschwistern, Laien wie Klerikern, antworte +ich fest und ruhig: Nein! Reißen wir das Glied, das uns ärgert, aus, +ehe denn der ganze Leib verderbe, setzen wir nicht aus brüderlicher +Langmut und Schwachheit gegen diese wenigen, sicherlich ehrlich +ringenden, aber irrenden Brüder die Zukunft von Tausenden, die Zukunft +unserer Gesamtgemeine aufs Spiel! Wir sind langmütig und nachsichtig +genug gewesen, wir haben mehrfach gebeten und gewarnt. Nun ~gilt es +zu handeln~, ehe es zu spät ist, und darum bitte ich die Brüder, für +die ~Aufhebung des Seminars~ in Gotteshaag zu stimmen und bis auf +weiteres unsere jungen Theologen auf die Universitäten zu schicken zu +möglichst positiv gerichteten Professoren.« + +Die meisten Synodalen saßen unbeweglich da. Einige schüttelten die +Köpfe. Nur in der Menge der zuhörenden Geschwister, zumal auf der +Schwesterseite, merkte man vielfach, freilich vornehm verhaltene +Zustimmung. + +Dann erteilte Bruder Kröger dem derzeitigen Direktor des Seminars, +Bruder Krageneck, das Wort. + +Bleich vor innerer Erregung, aber völlig beherrscht in Form und +Gebärde, sprach der hagere, von der schweren Last unendlicher Arbeit +und unaufhörlicher Sorgen schier erdrückte Mann: »Liebe Brüder, wenn +es euer Wille ist, unser Seminar aufzuheben, dann würde ich -- ihr +werdet es mir ohne besondere Versicherung glauben -- nicht gerade der +leidende Teil sein. Aber ich stehe auf meinem Posten, solange es die +Pflicht gebietet. Nur ist es eine unsagbare Qual, in solcher Zeit, +unter solchen Umständen, ein so verantwortungsvolles Werk zu leiten, +wenn das Vertrauen fehlt! Das kann nicht so weitergehen. Und darum rede +ich nicht gegen den Antrag Lengwitz, denn lieber ein Ende mit Schrecken +als ein Schrecken ohne Ende. Auch zu dem Antrag 2 werde ich nicht +mehr sprechen, nur nach seiner eventuellen Annahme handeln, das heißt +sofort zurücktreten. Dafür wende ich mich nun um so schärfer gegen den +3. Antrag, der darauf hinausläuft, die Studienzeit in Gotteshaag zu +verkürzen zugunsten einiger Universitätsemester unserer studierenden +Brüder. Liebe Freunde, sollen wir etwas Ganzes und leidlich Rundes +in Gotteshaag erzielen, brauchen wir mindestens die bisherige Zeit. +Schickt unsere Seminaristen später auf die Universität, aber nicht +zwischenhinein. Im übrigen werden die positiven Professoren wenig +helfen. Das ist eine Laienansicht. Der Student, der ohne ernstliche +Nachprüfung auf die +verba magistri+ schwört, ist nicht der +rechte. Ein jeder muß sich selbst mit den Dingen auseinandersetzen. +Und dazu die Hörer anzuregen -- danach strebt jeder gewissenhafte +Lehrer, und das sind wir -- hoffe ich -- alle, auch der Bruder, den +man um seiner Schrift, die ich nicht für glücklich, aber auch nicht +für unwissenschaftlich halte, angegriffen und versetzt hat. Wir sind +Männer der Wissenschaft, so gut wie jeder auswärtige Dozent, das +heißt wir geben, was wir auf Grunde redlichster Forschung zurzeit +für das Wahrscheinlichste halten müssen. Auch wir stehen, wie jeder +Erdgeborene, im Bann der historischen Entwickelung. Wir sind irrende +Menschen, so gut wie ihr; aber wir ringen auch nach der Wahrheit, +rücksichtslos, wie es unsere Pflicht ist. Denn eine Wissenschaft +mit einem von vornherein festgelegten Endzweck -- und wäre es der +erhabenste -- wäre keine Wissenschaft. Und ich meine, wir haben nach +bestem Vermögen Wissenschaft zu treiben, Forschungsmethode, aber +~nicht einen Glauben zu lehren~! Den muß sich jeder selbst +erkämpfen, für den hat auch jeder selbst einzustehen, und keiner +hat ihm dreinzureden. Die innersten Überzeugungen und Anschauungen +wechseln jedoch bei jedem lebendigen Menschen mit den Phasen seiner +Entwickelung, genau so wie die Anschauungen der Generationen eines +Volkes. Nicht jeder, der als junger Student zweifelt, wird beim Zweifel +verbleiben, oder gar zum bequemen Skeptiker werden. Im Gegenteil, wer +beizeiten kämpfen gelernt hat, wird weiterringen, solang er atmet, +und wird auch ~erringen~. Und nur dazu wie zum unablässigen und +furchtlosen Prüfen haben wir unsere studierenden Brüder zu erziehen. +Könnt ihr, liebe Brüder, solche suchende Diener am Wort nicht mehr +vertragen und fordert statt dessen zuverlässige, genau geaichte +Dogmatisten -- dann ist es allerdings an der Zeit, euch zu fragen, ob +es sich lohnt, für eine innerlich schon erstarrende Gemeine noch weiter +innerlich lebendige Führer heranzubilden.« + +Die Wogen der Erregung gingen hoch im Kreise der Synodalen wie der +zuhörenden Geschwister, die schier atemlos den scharfbetonten Worten +des Redners gelauscht hatten. + +Außer Kaspar Krumbholtz war jedoch kaum einer im ganzen Saale, dem +der eindringliche Warner voll aus der Seele gesprochen hatte; aber +wohl jeder fühlte nach dieser leidenschaftlosen und gerade darum +leidenschafterregenden Rede den ganzen furchtbaren Ernst der Lage. + +Nach einigen bangen Minuten des Zischelns und Tuschelns erhob sich ein +graubärtiger Laienbruder, namens Wechler, seines Zeichens Kaufmann, und +sprach mit einer von verhaltener Rührung zitternden Stimme: + +»Geliebte im Herrn! Es zerreißt mir das Herz, wenn ich solche Worte +hören muß wie die letzten von Bruder Krageneck. Sind wir denn darum +als erstarrt oder wenigstens als nach und nach erstarrende Christen +zu bezeichnen, weil wir um unsere Glaubenszuversicht bangen und für +die unserer Kinder fürchten? Ich bin ein alter Mann, und weiß, daß in +meiner Jugend kein solches Suchen in der Schrift unter uns war, wie +jetzt, seit wir fürchten, daß man uns verwirren will. Vielleicht sind +wir lebendiger als damals. Ich bin ferner ein ungelehrter Mann, wie es +eben über 99 Prozent unserer Gemeine sind; aber ich empfinde es als +eine furchtbare Gefahr für unsere Kirche, wenn Männer, die Christi +Gottheit und Auferstehung öffentlich leugnen, unsere jungen Prediger +lehren und auf ihr Amt vorbereiten. Ich frage mit Beben: Sind unsere +Theologen um Gottes und unsertwillen da, oder Gott, Christus und wir, +seine Gemeine, um ihretwillen! Alle Achtung vor der Wissenschaft, +aber ich lasse mir auch von ihr und ihren besten Vertretern nicht +wegdisputieren oder meinetwegen beweisen, daß Christus nicht für mich +gelitten hat und auferstanden ist. Nein, darauf will ich leben und +sterben und hoffentlich auch meine Kinder. Man kann ein grundgelehrter +Mann und doch nicht geschickt zum Reiche Gottes sein. Ich hege gewiß +auch Achtung vor den jungen ringenden Gottesstreitern und ihren +pflichtgetreuen Lehrern; aber sie mögen in die Stille gehen, wenns +ihnen zweiflerisch zumute ist. Doch an der Spitze unserer Gemeinen, +unserer Schulen und Behörden wollen wir Leute sehen, die mit uns eins +sind im felsenfesten Glauben, nicht gerade an jedes Wort der Schrift +-- das hat schon ein Luther und Zinzendorf nicht verlangt -- aber an +die Hauptsachen, den persönlichen Gott, seinen eingebornen Sohn und +seinen uns allein erlösenden Opfertod und seine Auferstehung. Ich bitte +daher die Brüder, den ~Geist des Seminars zu erneuern~, vielleicht +einige positivere Lehrer zu suchen, zum mindesten aber den studierenden +Brüdern Gelegenheit zu geben, anderwärts Professoren zu hören, die +weniger radikal sind als einige Gotteshaager Dozenten. Sollte es an den +nötigen Mitteln dafür fehlen, so sind meine Freunde und ich bereit, +dazu größere Summen nicht nur im Etat zu bewilligen, sondern auch +persönlich zu spenden.« + +Unsicher tastend setzte sich der alte Mann. + +Hätte er um sich geschaut, hätte er viel warme Anerkennung in den +Mienen seiner Zuhörer lesen können; Beifall zu äußern war nicht Brauch +an dieser gottgeweihten Stätte und vollends nicht bei so ernsten +Beratungen. + +Nun stand der gefürchtete Unitätdirektor Balzar auf, von ihm erwartete +man das entscheidende Wort, und mit äußerster Spannung hingen aller +Augen an seinen Lippen, als er sprach: + +»Liebe Brüder! Was mein lieber Vorredner im Namen Tausender gesagt +hat, war mir und den Brüdern der Behörde, in deren Namen ich rede, aus +der Seele gesprochen! Eine weitgehende Beunruhigung der Gemüter ist +nicht zu leugnen. Wo die Schuld liegt, ist im einzelnen hier nicht zu +untersuchen, es ist an anderer Stelle geschehen. Nur so viel sei offen +bekannt: Es sind Fehler begangen worden, schwere Fehler sogar, von +seiten der Dozenten und ihrer Schüler, wie von seiten der vorgesetzten +Behörde, insonderheit auch von mir. Ich hätte früher und energischer +ein- und durchgreifen sollen. Aber so sehr ich bereit bin, für meine +Unterlassungssünden zu büßen, so wenig glaube ich, daß damit zurzeit +etwas gebessert wird. Ich glaube ferner nicht, daß es schon an der +Zeit ist, das Kind mit dem Bade auszuschütten, und das Seminar, das +uns über ein Jahrhundert zum Segen war, kurzerhand aufzuheben. Noch +sind nicht alle Mittel erschöpft, es zu bessern, und wenn mich die +Synode an der verantwortungsvollen Stelle belassen will, an die sie +mich vor 10 Jahren gesetzt hat, dann will ichs in aller Schwachheit +noch einmal versuchen, ~den Geist des Seminars zu reformieren~, +vorausgesetzt, daß man mir das Wort unserer heutigen Losung vom Eifer +Gottes zubilligt wie Paulus. Ich habe schon jetzt den Bruder, der mir +menschlich und verwandtschaftlich so nahe und leider im Glauben so +fern steht, an eine andere Stelle gesetzt. Und ich werde weiter dafür +sorgen, daß geeignetere, das heißt ihrer gewaltigen Verantwortung für +ihre Schüler sich klarer bewußte Lehrer in das theologische Seminar +eintreten. Umgraben wir also den lieben, alten Baum noch einmal, +begießen und pflegen wir ihn noch einige Jahre mit Gebet und Flehen, +und warten wir vorerst in Geduld, ob er nicht doch noch bessere Früchte +trägt als bisher. Wir wollen gern dafür Sorge tragen, daß einige der +fähigeren Studenten und Kandidaten auswärtige Universitäten besuchen, +und danken Bruder Wechler und seinen Freunden aufs herzlichste, wenn +sie durch persönliche Geldopfer den knappen Mitteln unseres Etats +nachhelfen wollen. Gott lohne ihnen ihre hilfsbereite Bruderliebe. Und +so bitte ich noch einmal um Zutrauen zu uns, der Behörde, und somit um +Ablehnung aller dreier Anträge, die ja mehr oder weniger den Bestand +des Seminars in Frage stellen.« + +Der Redner hatte durch eine ihm sonst nicht eigene Milde seine +Zuhörer sichtlich überrascht und schon damit halb gewonnen; indessen +manchem behagte weder die Halbheit der Entscheidung noch die stark +autokratische Form der weiteren Regelung. + +Das sprach sofort aus den wenigen Worten, die der Fabrikdirektor +Leifert, wieder ein sehr angesehener Laienbruder, sprach: + +»Gegen Bruder Balzars Vorschlag habe ich zweierlei Bedenken: erstens +fürchte ich, daß er, wie die Dinge liegen, zurzeit nicht drei Brüder +finden wird, die nach seiner und unserer Meinung positiv und zugleich +wissenschaftlich bedeutend genug sein dürften, um würdig an der Stelle +solcher Gelehrten zu stehen, wie es Hansen war, wie es Krageneck und +sein eigener Schwager sind. Die Dozenten sind doch nicht für uns da, +sondern für die Studenten und müssen vor allem diesen imponieren +können, und dazu gehört heutzutage -- auch in der theologischen +Wissenschaft -- nicht wenig. Zweitens muß ich ganz offen gestehen, daß +ich glaube, Bruder Balzar überschätzt seinen gewiß wohltätigen Einfluß +auf das Seminar denn doch ein wenig. Ich, als langjähriger Vorgesetzter +von so vielen Beamten und Arbeitern, weiß zur Not auch, wie weit +persönlicher Einfluß geht. Es ist nicht bedeutend. Darum nein! ~Kein +Fortwursteln~, man verzeihe den harten, aber klaren Ausdruck. Ich +bitte die Synode, die ja über der Behörde steht, sie wolle beschließen: +~das Seminar einstweilen zu suspendieren~ und unsere Studenten +zunächst mal ruhig, am besten gleich mit einem oder zwei jungen +Dozenten, nach Halle oder Greifswald zu schicken. Das heißt reiner +Tisch gemacht, und wir sehen in wenigen Jahren, ob die Schuld an unserm +Seminar und seinen Leitern, oder was doch auch sehr wohl möglich ist, +am Zug unserer Zeit lag.« + +Eine lange Pause folgte den energisch hervorgestoßenen Worten des +Fabrikdirektors, und fast schien es, als sollte zur Abstimmung +geschritten werden. + +Da erhob sich die ragende Gestalt des ehemaligen Unitätdirektors +Kämpfer, der sich seit dem ihn schwer betrübenden Austritt seiner +beiden Söhne und dem Tode seiner Brüder ganz ins Privatleben +zurückgezogen hatte, nur auf das Drängen seiner alten Gemeine +Herrenfeld, die noch immer an ihm hing, die Wahl zur Synode schließlich +angenommen hatte. + +Früher einer der bekanntesten und schlagfertigsten Synodenredner, der +glänzende Führer der Konservativen, hatte der rüstige Greis mit dem +schönen wallenden Patriarchenbart auf der jetzigen Synode noch nicht +ein Wort geredet. + +Um so größer war darum das Erstaunen, das selbst bei diesem würdigen +Publikum nun nicht mehr ganz geräuschlos war. + +Mit leiser Stimme begann Ehrentraut Kämpfer, fast zag und unsicher, +doch nach und nach kam die alte Wucht über ihn, als er merkte, daß man +ihm rings mit wahrhaft totenstiller Andacht lauschte: + +»Liebe Brüder und Schwestern! Ich habe eigentlich nur zu der Synode zu +reden. Ich weiß das, aber ich muß -- ehe ich für immer schweige -- doch +noch einmal zu der ~ganzen~ lieben Gemeine reden, zu der ich vor +fünf Jahrzehnten unter schweren Opfern gekommen bin und der mein Herz +gehört und gehören wird bis zu seinem letzten Schlag, auch wenn ich es +erleben müßte, was Gott der Herr verhüte, daß es mit ihr zu Ende geht. +An der Schwierigkeit des Dienernachwuchses ist die alte Brüderkirche +zugrunde gegangen trotz Comenius! An derselben Schwierigkeit scheint +-- es besteht die Gefahr jedenfalls -- auch die erneuerte Brüderkirche +scheitern zu sollen, trotz eines Hansen und anderer hervorragender +Persönlichkeiten. Woran liegt das? Das ist die ernste schwere Frage, +die wir uns einmal vorlegen wollen, ehe wir an die zweite der etwaigen +Aufhebung des Seminars entscheidend herantreten. + +Meine lieben Geschwister! Ich bin noch einer der wenigen Alten, die +von draußen hereinkamen, bin vielleicht darum nicht so gemeinmäßig +vorsichtig, aber auch nicht ganz so befangen in traditionellen +Anschauungen. Weil ich das, was ich mir schwer errungen habe, schätze, +brauche ich es nicht zu überschätzen; denn ich weiß noch sehr wohl, +wie es ist, wenn man es ~nicht~ hat. Und so muß ich sagen: +~Wenn die Brüdergemeine nicht bleiben kann, was sie war~, das +heißt ein kleines aber selbständiges und besonders lebendiges Organ +im großen Organismus der evangelischen Kirche, dann ~möchte ich +lieber, daß sie nicht mehr sei, als daß sie ein Scheinwesen führe~. +Eine orthodoxe Theologie ist wahrlich nichts Besonderes, so wenig wie +heutzutage eine liberale. Aber meine Lieben, ~eine kleine, eng und +brüderlich miteinander verbundene Gemeinschaft mit ihren ehrwürdigen +Kultuseigenheiten und ihren bewährten Erziehungsweisen, fest gegründet +auf ihre besonderen sozialen Fundamente, die durch ihre historische +Entwickelung nach und nach bedingt wurden, vor allem verankert in dem +Felsengrunde eines durch und durch persönlich-religiösen Lebens gerade +ohne starke Betonung des Dogmas und des einzelnen Bekenntnisses -- +das ist etwas Großes, etwas Seltenes~! Und das -- meine Lieben -- +war die Brüdergemeine zu der Zeit, als ich sie suchte, das blieb sie +noch Jahrzehnte hindurch, nachdem ich sie gefunden. Ich will gewiß +nicht die alte gute Zeit loben, wie das ja alte Leute gern tun, um +sich ein wenig herauszustreichen oder den üblichen Pessimismus des +Alters zu bemänteln. Im Gegenteil, ich will hier wie Bruder Wechler +ohne Scheu bekennen: der Durchschnitt war früher weit weniger religiös +interessiert als jetzt, denn Kampf zeitigt Interesse und schafft +neues Leben. Aber Träger des neuen Lebens ist allzeit die Jugend, und +sie stellt darum auch naturgemäß in erster Linie Kämpfer. Auch der +Brüdergemeine wurden solche Streiter zuteil und damit die Möglichkeit +zur Verjüngung. Was aber tut sie oder will sie jetzt wenigstens tun? +Sie will sie hinausjagen vor ihre Tore, sie will Ruhe und Frieden haben +wie ein altes, kinderscheues Ehepaar, das gemächlich seine Pension +verzehrt und mit dem Leben eigentlich abgeschlossen hat. + +Liebe Geschwister! Es ist eine bitter ernste Stunde, in der wir hier +stehen. Die Brüdergemeine hat in den letzten Jahren Stück für Stück von +ihrem besten, zum Teil schon unentbehrlichen Inventar veräußert; sie +lebt längst schon von ihrem Kapital und nicht mehr wie ein geordneter +Pensionär von ihren Zinsen. Sie will jetzt ihr Bestes von sich stoßen, +ihre paar Kinder, und warum? Weil sie ihr auf die Nerven gehn oder +weil sie mit ihnen nicht fertig wird. Viel Kinder hat unsere alternde +Gemeine nicht mehr. Seht die leeren Brüderhäuser und dagegen die mit +Fremden überfüllten Schulen aller Art, von der Fortbildungsschule bis +zur Missionsschule. Da bedarf es zum mindesten reicher, bedeutender +Lehrkräfte -- und daran gebricht es schon allerorten. Und die noch da +sind, dünken euch nicht gut -- warum? Weil sie ~vollblütige Kinder +ihrer Zeit~ sind und nichts anderes. Das ist ihr ganzes Verbrechen. + +Liebste Geschwister! Denkt doch an das Wort des Herrn: An ihren +Früchten sollt ihr sie erkennen -- und nun Hand aufs Herz! Ist auch +nur einer von denen, die euch so bedenklich in der Lehre erscheinen, +schlechter als ihr in eurer Jugend wart? Sind diese Zweifler und +Grübler nicht tapfere, überzeugungstreue Helden, gehalten gegen die +meisten von euch bequemen Gewohnheitchristen? Glüht in dieser so viel +bekritelten Jugend nicht ein religiöses Feuer, mit dem unser bißchen +Leuchten von vor fünfzig Jahren gar nicht zu vergleichen ist? Warum +nicht -- weil damals weder Sturm noch Regen niederging, weil seine +Überzeugung zu behaupten damals gar kein besonderes Kunststück war. + +Meine heißgeliebten Geschwister! Ich komme zum Schluß. In unseres +Vaters Hause sind viele Wohnungen. Sorgt ihr dafür, daß ihr in +sie eingehen könnt, aber wundert euch auch nicht, wenn sie euch +dereinst verschlossen bleiben trotz aller Rechtgläubigkeit, weil +ihr unbrüderlich wart gegen eure Brüder, weil ihr die Pflichten der +Eltern vergessen habt gegenüber den besten Kindern, die Gott euch gab, +Kindern, in denen der Geist einer neuen Zeit rücksichtlos zum Lichte +ringt. Fürchtet ihr euch, weil ihr bequem oder gar feige geworden +seid und nicht mitkämpfen wollt in diesen Zeiten religiösen Kampfes? +Ich hoffe -- noch wißt ihr, was es heißt: kämpfe den guten Kampf des +Glaubens! Sonst laßt es euch sagen, tagtäglich aufs neue sagen von +diesen jungen Streitern, die fast darüber zugrunde gehen und doch nicht +verzweifeln! ~Solche Persönlichkeiten, solche Charaktere sind uns +not, notwendiger als alles Eifern um die Lehre!~ Wollt ihrs nicht +hören von ihnen, gut -- dann schließt nicht nur das Seminar, dann löst +auch die Brüdergemeine auf und tretet zurück in die Landeskirche. Dann +ist eure Zeit erfüllt! Aber den neuen Geist in alte Schläuche füllen, +das dürft ihr nicht, das gibt ein Unglück. Wenn die Jungen nach ihrer +ehrlichen Überzeugung links gehen ~müssen~, werdet ihr sie nicht +nach rechts hinüberzwingen können, keiner vermag es, auch der starke +Bruder Balzar nicht, zu dem ich -- so leid es mir tut -- weniger +Vertrauen habe als zu den Seminarlehrern. Und darum bitte ich euch +inständig, liebe Synodalen: lehnt jede innere wie äußere Beeinflussung +des Seminars rundweg ab, sondern überlaßt die jungen Theologen ruhig +ihrem Gewissen, die Entwickelung unserer Gemeine Gott und das Urteil +der Geschichte.« + +Langsam setzte sich Ehrentraut Kämpfer, beugte sein Haupt und schloß es +in beide Hände wie zum stillen Gebet. + +Lautloses Schweigen füllte den weiten Raum, keiner wagte zu zischeln +oder sich nach anderen umzudrehen; nur hier und da schien es, als ob +ein Schluchzen niedergekämpft werden müsse. + +Kaspar Krumbholtz wäre am liebsten aufgesprungen und hätte dem alten +herrlichen Manne die Hände geküßt vor unnennbarem Dankesgefühl. + +Nie seit Bruder Hansens Tode hatte ein Mann der Brüdergemeine ihm +so das Herz genommen, ihm so aus der Seele gesprochen wie dieser +ehrwürdige Patriarch. + +Mit diesem Manne wollte auch er stehen oder fallen. Stimmte man seinem +Wunsche nicht rückhaltlos zu, dann war auch sein eignes Schicksal +entschieden. Dann ging auch er den Weg, den die Söhne Kämpfers gegangen +waren, hinaus aus der Brüdergemeine, die ihren höchsten und vornehmsten +Zweck, ein Sauerteigtropfen der evangelischen Kirche zu sein, nicht +mehr erfüllen wollte oder konnte. + +Und so erwartete keiner gespannter den Ausgang der nunmehr folgenden +Abstimmung als Kaspar Krumbholtz. + +Der Antrag Lengwitz wurde mit großer, die beiden anderen Anträge mit +knapper Majorität abgelehnt. + +Dann sprang aber Bruder Balzar hastig auf und erklärte knapp und +hart: er empfinde mit der Mehrzahl seiner Kollegen die unbedingte +Notwendigkeit, in dem von ihm vorher angedeuteten Sinne reformierend +an das Seminar heranzutreten, schon um den 99 Prozent der +beunruhigten Gemeingeschwister eine Genugtuung und eine Hoffnung auf +Änderung zu gewähren. Er stelle daher, nachdem die drei schärferen +Anträge gefallen, diesen milderen Antrag und mit ihm zugleich die +Kabinettsfrage. + +Eine kurze Besprechungspause wurde vom Vorsitzenden angeordnet, dann +ging die Abstimmung vor sich. Mit überwältigender Mehrheit ward der +Antrag Balzar angenommen. + +Da ging Bruder Kämpfer hinaus, und Kaspar Krumbholtz folgte ihm. + + * * * * * + +Am nächsten Tage suchte Kaspar Krumbholtz seinen höchsten Vorgesetzten, +Bruder Bauding, auf. + +Herzlich wie immer begrüßte ihn der Unitätdirektor, aber aus seinen +Mienen sprach nicht mehr der gewohnte Frohsinn, die ruhige Sicherheit +und Zuversicht des bewährten Steuermanns. Eine müde Resignation lag +über seinen ein wenig abgespannten Zügen. + +Mit milder, warmer Freundlichkeit sprach er Kaspar sein Beileid aus +zu dem Heimgang seines väterlichen Freundes Winkler und erwähnte, daß +Herr Geheimrat Volpelius der Unität kürzlich die Stipendienregelung +angekündigt hätte. + +Dann schloß er lächelnd: »Dein Freund Sebalt hat uns bereits vorher +den Stuhl vor die Türe gesetzt, und ich fürchte, du hast ähnliche +Absichten, lieber Bruder.« + +Um Kaspars Mundwinkel zuckte es wehmütig. Leicht ward es ihm wahrlich +nicht, seinen allerdings schon gestern gefaßten Entschluß dem verehrten +Manne mitzuteilen. + +Daß seine Beweggründe vermutlich anderer Art waren als die Hans +Sebalts, das brauchte er Bruder Bauding nicht auseinanderzusetzen, +Sebalt hatte für sich selbst einzustehen. + +Aber warum er, Kaspar, gehen wollte, ja gehen mußte, das sollte Bruder +Bauding, der es stets gut und treu mit ihm gemeint hatte, doch wissen, +und so sagte Kaspar langsam, fast feierlich: + +»Herr Unitätdirektor, ich möchte nicht, daß Sie mich mißverstehen +oder ungerecht beurteilen. Ich kam vorgestern hierher mit der leisen +Hoffnung und dem geheimen Wunsche, in der Gemeine wie im Unitätdienst +verbleiben zu können, weil ich an die Zukunft der Brüdergemeine +glaubte und auf weitere Nachsicht mit meiner religiösen Schwachheit +rechnete. Seit gestern, seit ich weiß, daß der Geist Bruder Balzars +auch weiter hier herrschen soll, ist das anders geworden, und ich habe +den Entschluß gefaßt, von nun an mir mein Leben selber zu zimmern und +in völliger Freiheit um meine Weltanschauung zu ringen. Gott suchen und +ihm dienen kann ich wohl auch da draußen, vielleicht sogar ungestörter. +Ich habe sein Walten in mir schon wieder leise verspürt, aber ich weiß +auch, daß ich schwerlich je wieder die gemeinmäßige Gottesauffassung +teilen werde, jedenfalls nicht die im Unitätdienst erwünschte der +Person Christi. Darum will ich lieber beizeiten hinausgehen, und es +ist eine Stimme in mir, die mir sagt, daß ich recht daran tue. Daran +lasse ich mir genügen und bitte Sie, mir nicht zu zürnen. Was ich +meinen Erziehern aus der Brüdergemeine schulde, dessen werde ich mir +immer bewußt bleiben, und auch Ihnen danke ich herzlichst für all Ihr +redliches Interesse für mich armes Missionskind.« + +Lang und väterlich sah Bruder Bauding den jungen Lehrer an, der fest +und ruhig gesprochen hatte und doch voll verhaltener Bewegung. + +Dann legte er ihm liebevoll die Hand auf die Schulter und sagte leise: +»Ich habe dich verstanden, mein lieber Bruder, und ich muß dir mit +bitterstem Schmerze gestehen: ich billige deinen mir so wehtuenden +Entschluß seit gestern auch. Wer weiß, ich ginge am Ende auch, wenn +ichs noch könnte. Aber was ein junger Leichtmatrose darf, das darf +ein Kapitän nicht, er hat auf seinem Schiff zu bleiben, auch wenn er +weiß, daß der Untergang schwerlich zu vermeiden ist. Noch kann Gott +Wunder tun! Hoffen wirs, aber rechnen wir nicht darauf, sondern tun +wir unsere Pflicht, ohne mit der Wimper zu zucken. Und darf ich dir, +lieber junger Freund, noch ein Wort mit hinausgeben in dein ferneres +Leben? Ich denke ja. Du hast dich eben noch einmal Missionskind +genannt, tu es gelegentlich auch fernerhin vor deinem Gewissen, wenn +auch vielleicht von nun an in anderer tieferer Bedeutung. Du bist und +bleibst ein Missionskind auch außerhalb unserer Gemeine, die dich +erzogen hat. Bleib ihrem Geist, ihrem Besten, das doch unvergänglich +ist wie alles Göttliche, getreu und vergiß nie, daß auch du, ja gerade +du eine Mission hast. Was Gott der Allmächtige über das Geschick +unserer kleinen Kirche beschlossen hat, wissen wir nicht; aber wir +wissen, daß nichts umsonst ist in der Welt, auch das Niedergehen und +Vergehen nicht. Wer weiß, ob nicht gerade in all den vielen, die wir +erzogen haben und hoffentlich noch lange erziehen werden, unsere beste +Hoffnung, unser eigentlicher Daseinszweck beschlossen liegt? Es ist +vielleicht an der Zeit, daß wir die Waffen, die wir bisher tapfer, doch +nach und nach mit ermattenden Armen geführt haben, weitergeben sollen +an die, die von uns hinausgehen, um dort in unserm alten Sinn, doch mit +andern Formen und neuem Geiste zu kämpfen. Die Schüler sind die Flügel +des Lehrers, sagte der alte Neander. Fliegen wir mit diesen Fittichen +auf zu neuen Zielen. Das walte der Allmächtige auch durch dich, mein +junger Freund, das könnte deine Mission sein! Und damit Gottes Segen +über dich und deine weitere Arbeit, zieh hin in Frieden!« + +Stumm und beide tief ergriffen reichten sich die Brüder die Hand zum +Abschied. + + * * * * * + +Dann schritt Kaspar Krumbholtz langsam und nachdenklich hinauf zum +stillen Hutberg, um Abschied zu nehmen von seinem letzten Schatz in +der Gemeine, dem Grab seiner Mutter. + +Was er da empfunden, vermag keines Menschen Feder niederzuschreiben; +es gibt Dinge, die unaussprechlich sind oder wenigstens durch jeden +Niederschlag in Worte ihr Bestes, ihren keuschen Duft, verlieren. + +Daß Kaspar an seiner Mutter Grab weinen und beten durfte, war ihm eine +Erleichterung und ein Trost ohnegleichen. + +Er schied mit unnennbarem Schmerz, doch mit reinem Gewissen von +dem schlichten, flachen Hügel, unter dem die letzte Neißerin ihren +Ewigkeitsschlaf schlief. + +Nachdem sich Kaspar Krumbholtz endlich losgerissen hatte, stieg er noch +einmal mit wundem Herzen auf den kleinen Altan, der den runden Gipfel +des Hutberges krönte. + +Es war eine stolze Aussicht, die sich ihm da bot. + +Ringsum reckten blaue Waldberge, drohend in keckem Trotz, die mächtigen +Häupter wie eine Postenkette unüberwindlicher Hüter dieses stillen, +gesegneten Paradieses, in dem üppig wogende Felder und stattliche +rotdachige Dörfer sich wohlig, ja behäbig streckten. + +Dicht vor ihm zu Füßen des Hutbergs lag das liebliche Herrnhut. +Die grauen, sonnenbeschienenen Schieferdächer glitzerten aus dem +Lindengrün empor wie funkelnde Diamanten aus einem herrlichen +Smaragdschmuck. Gleich einer braven Henne über ihren Küchlein wachte +die gewaltig ragende Kirche mit ihrem schweren braunroten Dach, das +ein kupfergrünes Türmchen knopfartig zierte, über den kleinen, alten +Barockhäusern. + +Noch konnte man denken, es sei das alte Herrnhut Zinzendorfs und +Spangenbergs. Nur vom Nachbardorf und vom Bahnhof her rückten allerlei +viereckig grobschlächtige Mietskasernen respektlos und aufdringlich wie +Parvenüs an die ehrwürdige Aristokratenmatrone Herrnhut heran. + +Wie lange würde es wohl noch dauern, fragte sich Kaspar unwillkürlich, +bis auch im Äußeren der letzte Rest der vornehm bescheidenen Eigenart +untergegangen war im Meer der barbarischen Alltäglichkeit? + +Absetzen -- ehe die letzte Neige schal auf der Zunge nachschmeckt -- +aufhören, ehe der letzte Eindruck häßlich sein muß -- scheiden in +Schönheit und nicht mit dem Anblick der verzerrten Züge des furchtbaren +Todeskampfes. + +So dachte Kaspar wehmütig ernst, und so maß er noch einmal +liebevoll mit verzehrenden Blicken das harmonische Bild der trauten +Friedensstätte, die einer seiner Vorfahren mit dem schlichten +Zimmermann Christian David gegründet hatte, prägte dies Bild tief +und unauslöschlich in seine Seele und schritt traumverloren den Berg +seitwärts hinunter zum Bahnhof. + +Da kam ihm ein hochgewachsener und doch gramgebeugter Greis entgegen. +Es war der Mann, der Kaspar gestern noch einmal die ganze Schönheit, +Redlichkeit und Größe moravischen Wesens offenbart hatte, Ehrentraut +Kämpfer. + +Sollte er diesem Mann, der ihm so viel gegeben, der ihm über das +Schwerste hinweggeholfen, nicht dankbar die Hände drücken? + +Er wagte es und sprach zu dem überraschten Greise, wies ihm ums Herz +war. + +Wie verwirrt starrte ihn anfangs der alte Mann an, dann drückte er ihm +innig die Hand und sagte leise: + +»Wieder einer von den Jungen! Es wird Zeit, daß wir Alten uns schlafen +legen. Nach Leipzig gehst du? Viel Glück, und grüß mir meinen Sohn, den +Gottfried. Ich laß ihm sagen, er habe recht gehandelt wie du. Baut da +draußen neu, was hier in Trümmer fällt. Leb wohl!« + + + + +Zweites Buch + +Gärender Most + + + + +Erstes Kapitel + +Im Rock des Königs + + +Mit behaglichem, ein wenig schadenfrohem Schmunzeln schaute die +helle Oktobersonne schräg über den weiten Exerzierplatz des 13. +Infanterieregiments zu Leipzig und schien gar keine Lust zu haben, +durch einen beschleunigten Niedergang den Rekruten ihre gesunden Qualen +zu verkürzen. + +»Was glotzen Sie denn so da rüber,« schnaubte der scheinbar +ewig zürnende und doch urgemütliche Sergeant Schnedermann den +Einjährig-Freiwilligen Krumbholtz an, »Sie sind wohl Sonnenanbeter?« + +»Ich bin Theologe, Herr Sergeant,« erwiderte launig, aber in strammer +Haltung Kaspar Krumbholtz. + +»Ach was, Deologe,« schalt Schnedermann, »jetzt sind Sie Rekrut und ham +Gottverdammich zu sagen, oder wenn Sie lieber wollen Gottverdanzig, +ooch Gottverdanneboom, aber sonst jeht Sie hier der +deus ex +magica+ ebenso wenig an wie da drüben die Sonne. Verstanden! +Übrigens weeß ich gar nich, wie son forscher Kerl wie Sie dazu kommt, +Paschter wern zu wollen.« + +»Ich werds auch nicht, Herr Sergeant. Morgen sattle ich um; der Herr +Hauptmann hat mir schon Urlaub gegeben für die Universität.« + +»So, gehört das hierher? -- Urlaub -- son krummer Rekrut von kaum vier +Wochen. Sein Se froh, daß ich nich der Hauptmann bin.« + +»Bin ich auch, Herr Sergeant.« + +»Hab ich Sie was jefragt?« + +»Zu Befehl, nein, Herr Sergeant.« + +»Also -- ich wer Sie aber nu was fragen: Was wolln Se denn morjen wern +bei Ihrn Urlaub?« + +»+Stud. phil. et hist.+, Herr Sergeant.« + +»Was forn Mist?« + +»+Studiosus philosophiae et historiae+, das heißt, Student der +Weltweisheit und der Geschichte.« + +»Na hörn Se, viel schlauer scheint mir das auch nich zu sein, als die +Gott- und Sonnenanbeterei. Warum wern Se nich Offizier?« + +»Weil ich zu arm, auch schon zu alt bin und noch zu wenig gelernt habe, +Herr Sergeant.« + +»Hm -- das läßt sich hören! En ehrlicher Kerl sind Sie, das hab ich +schon gemerkt, und ein leidlich strammer auch, drum zeichne ich Sie +auch gelegentlich durch ne kleene Ansprache aus. Aber nu tun Se auch +mal wieder was, der Herr Leitnant kommt ruff. Rechtes Ohr tiefer, +Einjähriger Krumbholtz, zum Donnerwetter, wie oft soll ich Sie das +sagen!« + +Und Kaspar Krumbholtz machte seine Gewehrgriffe, als mache es ihm +Freude. + +Vergnügt war er als Soldat jedenfalls, obwohl der Anfang des neuen +Berufs nicht sonderlich unterhaltsam war. Aber sich sorgenfrei +in gesunder Luft zu tummeln, die Muskeln zu stählen im Training +wohlausgedachter Einzelübungen, die doch untrüglich auf eine +Gesamtausbildung des Leibes hinausliefen, -- das war zum mindesten +nicht schwerer zu ertragen als Schul- und Stubendienst, als Hefte +korrigieren und Schlafsaalwache. + +Ein bißchen derb gings freilich zu und nicht immer geistreich. Aber +eine Fülle von Leben und Humor steckte doch unter der ledernen +Oberfläche, gerade wie bei dem scheinbar so grimmigen Schnauzbart +Schnedermann. + + * * * * * + +Kaspar Krumbholtz wohnte vor der Stadt in Eutritzsch, nicht allzu weit +von Hans Sebalt. + +Dieser hauste noch immer bei der stattlichen Frau Breutel, die ihn mit +großer Aufmerksamkeit besorgte; vollends seit sie ihren blöden Emanuel +glücklich los war. Von dem Plan, mit Kaspar zusammen zu ziehen, war +Sebalt sofort zurückgekommen, als der harmlose Freund damit Ernst zu +machen drohte. + +So war Kaspar, unfern der Kaserne, zu einer kinderreichen +Arbeiterfamilie gezogen, die ihn bald innerlich lebhaft beschäftigte, +obwohl er nicht viel zu Hause sein konnte. + +Die Frau war sehr zart, aber scheu und sichtlich vergrämt, als laste +ein Verhängnis über ihr. + +Der Hausherr, Lüders mit Namen, war Vorarbeiter in einer +Orchestrionfabrik und nebenbei Agitator der sozialdemokratischen +Partei, wie er seinem Mieter bald darauf und nicht eben vertraulich +mitteilte. Im Gegenteil, er machte ziemlich viel Wesens davon und kam +sich als ein recht wichtiger Mann vor. + +Auch Kaspar suchte er nach und nach in parteipolitische Behandlung zu +nehmen, und dieser ließ es sich ausnehmend gern gefallen; denn diese +sozialen Probleme, die ihm vor der Hand freilich nur in einer Fülle von +Schlagworten zu Gemüte geführt wurden, hatten den Reiz der Neuheit für +den jungen Exherrnhuter und weckten sein lebhaftestes Interesse. + +Kaspar hoffte unwillkürlich, daß hier ein wichtiges Stück modernen +Lebens sich ihm enthüllen könne, und er ahnte zugleich, daß auf diesem +schwierigen Gebiete noch vielerlei Aufgaben einer Lösung harrten -- +anders wahrscheinlich, als der schnellfertige Agitator sie zu lösen +vorschlug. + +Daß die Arbeiter im allgemeinen nicht den gebührenden Anteil an dem +Gewinn ihrer Arbeit erhielten, daß sie im eignen wie im Interesse ihrer +Kinder vorwärts streben, sich dazu zusammenschließen und ihre damit +errungene Machtstellung kämpfend ausnutzen mußten, das leuchtete Kaspar +allerdings ohne weiteres ein. Aber daß die Unternehmer durch die Bank +eine beutegierige, ihre Machtstellung schonungslos und ungerecht gegen +die Arbeiter ausnutzende Gesellschaft von Egoisten sein sollten, das zu +glauben war dem Pflegesohn des edlen Wilhelm Winkler schlechterdings +unmöglich. + +Ob ferner das moderne Wirtschaftsleben ohne den persönlichen +Unternehmer möglich oder mit Staats- oder Genossenschaftsbetrieb besser +beraten wäre, dünkte dem gern vorsichtig prüfenden Kaspar zum mindesten +zweifelhaft. Jedenfalls erschien es ihm dringend notwendig, sich über +all diese und ähnliche Probleme erst einmal gründlich zu unterrichten, +ehe er sich schroffe Meinungen oder vielleicht schiefe Urteile +nahebringen ließ. Und so war eines der ersten Kollegs, das Kaspar als ++Stud. phil. et hist.+ belegte, Nationalökonomie. + +Überhaupt war es Kaspar Krumbholtz bei seinem neuen, nun endlich völlig +freien Studium vorab darum zu tun, die Fundamente seiner allgemeinen +Bildung zu erweitern oder gar neu zu legen. + +Er hatte zur Genüge kennen gelernt, was es heißt, auf Kommando dies +oder jenes zu studieren. Jetzt wollte er nach eigenem Bedürfnis sich +erst einmal orientieren über die Welt des modernen Wissens, wollte weit +nach allen Seiten ausgreifen und sich dann, so hoffte er, nach und nach +auf das konzentrieren, was seiner Begabung und seinen Neigungen am +meisten lag. + +Zu einem anhaltenden Fachstudium bot die Militärzeit so wie so keine +Möglichkeit, obwohl der Hauptmann in äußerst entgegenkommender Weise +ihm nach Beendigung der Rekrutenausbildung in Aussicht gestellt hatte, +den Besuch von Nachmittag- und Abendkollegs nicht nur zu gestatten, +sondern auch zu erleichtern, falls der Einjährig-Freiwillige Soldat +Krumbholtz gut schießen und sonst anstellig im Dienst sein würde. Und +dem ehemaligen Turner und Fußballspieler fiel das eine dank seiner +guten Augen und seiner angeborenen Ruhe leicht und das andere nicht +schwer. + +So ward ihm denn in der Tat mancher Nachmittag freigegeben und fast +jeder Abend. + +Überhaupt durfte sich Kaspar über seine Vorgesetzten nicht beklagen. +Der Hauptmann von Kruse war im Dienst ein wortkarger, auch oft derber +Herr, der namentlich Montags gar keinen Spaß verstand; aber er pflegte +seinen Leuten mit Vorliebe zu sagen: »Kinder, macht ihr eure Sache, wie +sichs gehört, seid ihr in zwei Stunden wieder im Quartier, wenn nicht, +dann tanzt ihr noch heute abend bei Mondschein nach meiner und des +Herrn Feldwebels Pfeife. Also wie ihrs haben wollt. Nu los!« + +Es kam äußerst selten vor, daß es die Leute anders haben wollten +als der Herr Hauptmann, der auch gern beizeiten in seine behagliche +Junggesellenwohnung zurückkehrte. + +Um seine Mannschaften kümmerte sich der Hauptmann nicht allzu viel, +das überließ er dem Feldwebel Knabe, einem wirklich prächtigen alten +Knaben, dem ältesten Unteroffizier des Regiments, und doch noch dem +jüngsten ein Vorbild an Pflichttreue, an Schießfertigkeit und vor allem +-- darin fast ein weißer Rabe -- an Unbestechlichkeit. Der alte Knabe +hatte nur ~einmal~ im Jahre »Geburtstag«, nämlich zu Weihnachten, +und dann auch gleich für seine Frau mit. Zu diesem Festtage war es +üblich, daß die Einjährigen ihm eine Kiste Zigarren und zwei Flaschen +Kognak verehrten, von dem er mit Vorliebe bei Felddienstübungen den +Einjährigen eine Probe aus seiner Feldflasche anbot, aber schalkhaft +hinzusetzte: »Übrigens ist es streng verboten, Alkohol in den +Feldflaschen zu haben.« »Schmieren« ließ sich der alte Knabe nie, +seine Kompagnie-Unteroffiziere ebenfalls nicht, denn er hielt streng +auf Anstand; aber bei anderen Kompagnien war dieses Hauptübel des +Unteroffizierstandes recht verbreitet. + +Im allgemeinen kam Kaspar mit den Unteroffizieren gut aus, besonders +seit er auf Bitten seines Oberleutnants Buff, eines seltenen Offiziers, +der sich um seine Untergebenen mit hingebender Liebe und fast heiligem +Eifer kümmerte, einige zukünftige Zivilanwärter in Französisch und +deutschem Aufsatz unterrichtete. Diese Unteroffiziere waren für die +kleine Hilfe dankbarer als andere für Freßkörbe und silberne Uhren. +Am klarsten zeigte sich das, als Kaspar von dem ihm nicht gerade +wohlwollenden Kammerunteroffizier wegen falschen Urlaubs und Tragen +von Zivilkleidung zur Meldung gebracht werden sollte. Da half man ihm +treulich. + +Ganz ungerupft kam Kaspar jedoch nicht durch. Er war Gefreiter +geworden, hatte auch bereits eine Korporalschaft erhalten und leitete +das übliche Reinigen der Gewehre. Der aufsichtführende Vizefeldwebel +Knauer, dessen Laune mitunter an den Folgen eines kleinen Rausches +litt, stellte plötzlich fest, daß es abermals bei der Mannschaft +an Schaftöl fehle und die Leute nur trocken »herumfummelten«. Der +Einjährig-Gefreite Krumbholtz erhielt also eine gehörige Nase, zumal +ihm das Lügen wie immer schwer fiel, und er ruhig eingestand, er +habe sich trotz der früheren Ermahnung Knauers nicht darum gekümmert. +Ärgerlich befahl ihm der Vize, er solle sich sofort selber in die Stadt +scheren und Schaftöl holen. + +Kaspar machte erst große Augen, dann eine stramme Kehrtwendung und +ging nachdenklich an seinen Kleiderschrank. Was sollte er tun? Eine +schmutzige Kanne mitten durch die belebte Stadt zu tragen, erschien ihm +für einen Einjährigen ehrenrührig. Wiederum einen andern, etwa seinen +Putzer, zu schicken ging nicht an; denn erstens war der »auf Kammer«, +sodann wäre damit der ihm persönlich aufgetragene Befehl umgangen. + +Endlich fiel ihm ein Ausweg ein. Er zog seines Putzkameraden Ausgehrock +an. So war die Ehre der Schnüre gerettet, und der Feldwebel hatte auch +seinen Willen. + +Alles ging soweit nach Wunsch; mit Humor und Würde nahm Kaspar sogar +eine von dem Ölhändler spendierte Dreipfennig-Zigarre entgegen und +kehrte in die Kaserne zurück. Da aber stieß der unermüdlich im Revier +tätige Oberleutnant Buff auf Kaspar, musterte ihn halb erstaunt, halb +ärgerlich, und fragte ihn schließlich sehr ernsthaft, warum er sich +seine Schnüre und Knöpfe abgeschnitten habe. Verlegen beichtete der +Einjährig-Gemeine seinen salomonischen Ausweg, jedoch ohne dem stets +sachlichen Vorgesetzten ein Lächeln abzulocken, vielmehr nur den +kurzen, bangen Bescheid: »Ich werde die Sache dem Herrn Hauptmann zur +Meldung bringen.« Und es geschah. + +Zum Glück nahm Herr von Kruse die Sache mit mehr Humor auf, aber Knauer +wie Krumbholtz bekamen einen öffentlichen Verweis. + +Von da an hatte Kaspar schlimme Tage, wenn Vizefeldwebel Knauer den +Dienst leitete. Auch als er am 1. Juli Unteroffizier wurde, besserte +sich das Verhältnis zu dem grimmigen Knauer nicht. + +Dennoch war Kaspar mit Leib und Seele Soldat. Ja, er fragte sich +bisweilen ganz ernsthaft, wie ihn schon seinerzeit der Sergeant und +dann einmal der Oberleutnant: ob es sich nicht verlohne, dauernd zu dem +militärischen Erziehungsberufe überzugehen; doch die freie Wissenschaft +lockte ihn von Tag zu Tag mehr, und schon freute er sich darauf, ihr +ganz sich hingeben zu können. + + + + +Zweites Kapitel + +Sündenfälle + + +Vergebens hatte Hans Sebalt gehofft, das Interesse für die schöne +Tänzerin von Lindenau werde bei ihm ebenso rasch verfliegen wie bei +seinem Freunde Niemeyer, der ihrer kaum je wieder gedachte und auch +dann nur mit der angenehmen Erinnerung an eine seiner Eitelkeit +schmeichelnde Episode, nicht mit der Sehnsucht nach Wiederholung. + +Den scheinbar so kühlen, jetzt sogar gern ein wenig blasierten Hans +Sebalt ließ diese Sehnsucht nach einem Wiedersehen nicht los; auch +Ärger, Trotz und Neugier gesellten sich in seinem Innern bohrend hinzu, +und gar mancher Kneipen- und Tanzlokalbesuch Sebalts hatte keinen +anderen Grund als den, nach der geheimnisvollen, stolzen Brünetten zu +spähen, der er den Korb von Lindenau noch immer nicht verziehen hatte. + +Je weniger Erfolg der eigensinnige Hans Sebalt hatte, um so mehr +steigerte sich seine Begierde; ja schließlich loderte eine Leidenschaft +in ihm empor, daß er selbst bisweilen darob erschrak und sich wohl +im geheimen fragte: ob man ein Phantom überhaupt so lieben könne oder +ob es nicht ganz einfach die lang in ihm zurückgedrängten Triebe +des reifenden Mannes wären, die nach Befriedigung durch das andere +Geschlecht lechzten. + +Hans Sebalt erschauerte oft vor Sehnsucht nach dem Weibe und war +ehrlich genug, es sich zu gestehen. Solange er die Notwendigkeit +vor sich gesehen hatte, Herrnhuter zu bleiben und mit dem späteren +Unitätdienst zu rechnen, hielt er sich für verpflichtet, einen sittlich +einwandfreien Lebenswandel zu führen. Jetzt, nachdem er durch das +Winklersche Legat von den ihm längst lästigen Fesseln befreit worden +war, änderte sich diese asketische Anschauung merkwürdig rasch; +ja, es brach sich sogar die Überzeugung in ihm Bahn: ein Mann von +Welt, vielleicht überhaupt jeder richtige Mann müsse, um das Weib zu +verstehen, auch Weiber kennen lernen, und das sei nur möglich im nahen +und nächsten Umgang, im Liebesverkehr. + +Aber sooft sich Hans Sebalt dies Ergebnis seiner kecken Überlegungen +auch zu Gemüte führte, so sehr hütete er sich doch, es in Taten +umzusetzen. Seine gute Erziehung, seine angeborne Keuschheit, wie +endlich seine innere Unsicherheit gegenüber allem weiblichen Wesen +hielten ihn immer wieder vor dem Äußersten zurück, obwohl es in +Leipzig an Gelegenheiten dazu nicht fehlte. + +Immer wieder lachte sich der ehemalige Herrnhuter innerlich aus, wenn +er sich aussprach, daß er mit seinen 23 Jahren noch nie ein hüllenloses +Weib gesehen hatte, daß ihm auch mancherlei Geheimnisse, die ein +ländlicher Gesindejunge oft schon mit zehn Jahren kennt, noch halb +verschlossen waren, so daß er oft bei den gepfefferten Witzen und Zoten +einiger Kommilitonen nur verlegen mitlächeln konnte. + +Es kam wohl vor, daß Hans Sebalt nachts nach einer wüsten Kneiperei +mit heißem Verlangen einem Straßenmädchen nachging, sich ansprechen +und mit prickelndem Behagen ein Stück mitnehmen ließ und schließlich +doch scheue Ausflüchte suchte, wenn eine Entscheidung von ihm gefordert +wurde. Dann dachte er unwillkürlich -- wie zum Schutz gegen die Macht +der Verführung -- an die stolze Schöne von Monplaisir, die er liebte, +dankte rasch und kehrte um. + +Enttäuscht und doch stolz schlich er heim, wälzte sich unruhig und +ärgerlich auf seinem Lager und schalt sich immer aufs neue einen Narren +oder Phantasten, einen Heuchler oder Unmann. + +Aber von den Weibern ganz zu lassen, vermochte Hans Sebalt auch +nicht, obwohl er mit der Zeit ein sehr fleißiger Student der +Naturwissenschaft geworden war, der bei seinen Professoren bereits +Hoffnungen zu selbständigem Forschen erweckte. So nüchtern Hans Sebalt +tagsüber arbeitete und forschte, in den Nächten bekam die Leidenschaft +immer von neuem Gewalt über ihn, und der Kampf um seine Keuschheit ward +immer härter und heißer. + +Da stieß Hans Sebalt eines Abends an einer Straßenecke zu seiner +größten Bestürzung auf die stolze Brünette. Sie stand vor einem +Juwelierladen und musterte wie versonnen die Auslage. + +Hans Sebalt fühlte, wie ihm das Blut gleichsam in den Adern stockte, +wie sein Herz lauter schlug; es war ihm plötzlich, als stünde das +Schicksal selber in dieser verführerisch lieblichen und doch so +unsagbar kühlen Mädchengestalt vor ihm. + +Rasch faßte sich der Student und überlegte, was er tun sollte. Eine +Begegnung, eine Anrede mußte er irgendwie herbeiführen; aber diesmal +galt es auf der Hut zu sein, sonst war alles verloren. + +Noch hatte die Geheimnisvolle ihn nicht gesehen, schnell tauchte er +darum in das schützende Gewühl der Menge zurück; dann ging er wie von +ungefähr an dem Schaufenster vorüber, stieß wie aus Versehen gegen des +Mädchens Arm, rief irgendjemand ein barsches: Passen Sie doch auf! zu +und wandte sich dann mit einem höflichen »Pardon, Fräulein!« geschickt +der Brünetten zu und sagte schließlich mit gutgespieltem Erstaunen: + +»Ah -- meine gnädigste Ungnädige von Lindenau, sieh da -- Sie leben +auch noch. Ich bitte noch nachträglich für damals um Entschuldigung, +daß ich mich nicht vorstellte, mein Name ist Sebalt.« + +Spöttisch lächelnd wandte sich das schöne Mädchen ihm zu und sagte mit +unnachahmlicher Hoheit: »So -- Sie sind mir mal wieder auf der Spur -- +der Rosentaljäger auf der Pirsch! Na -- Weidmannsheil -- aber merken +Sie sichs endlich: ich bin kein Freiwild!« + +Hans Sebalt erbebte vor Ärger und Leidenschaft; doch die Furcht, die +heimlich Geliebte endgültig zu verlieren, gab ihm Selbstbeherrschung, +und so sagte er vornehm: + +»Ich weiß nicht, warum Sie mich so +en canaille+ behandeln? +Schon in Lindenau haben Sie mich durch die Verweigerung eines Tanzes +verletzt, und jetzt tun Sie geradezu, als wäre ich der abgefeimteste +Schürzenjäger. Ich habe Sie wirklich ganz zufällig hier getroffen und +Ihnen nicht im mindesten nachgespürt.« + +»So,« erwiderte die Brünette eisig, »und im Rosental und in +Monplaisir?« + +»Mein Gott ja, ist es ein Verbrechen, wenn man sich für eine Dame +interessiert?« + +»Ich danke gehorsamst für dieses Interesse und habe Ihnen das wohl zur +Genüge zu verstehen gegeben. Also bitte, lassen Sie mich gefälligst in +Ruhe.« + +Scharf und ziemlich laut hatte das dunkellockige Mädchen gesprochen, +und einige Vorübergehende horchten auf. + +Hans Sebalt begann seine Fassung zu verlieren, trat erregt vor und +flüsterte: »Fräulein, bitte nicht so -- Sie wissen nicht, was Sie mir +sind.« + +»Ich Ihnen?« spottete die Brünette, »eine flüchtige Unterhaltung wie +jede andere auch! Also bitte, wollen Sie sich jetzt entfernen?« + +Da hielt Hans Sebalt nicht länger an sich, und mit echter Leidenschaft +brach es aus seiner Seele: »Machen Sie mich nicht wieder so namenlos +unglücklich, Fräulein, wie damals in Lindenau! Ich habe nie an eine +andere gedacht als an Sie; ich liebe Sie und muß Sie lieben -- ich +weiß nicht, wie es kommt, -- Sie haben mein ganzes Denken und Fühlen +eingenommen, und darum bitte ich, rauben Sie mir nicht jede Hoffnung! +Ich will tun, was Sie wollen, nur stoßen Sie mich nicht wieder herzlos +von sich.« + +Mit seltsam irrenden Blicken und sichtlichem Unbehagen hatte die +Brünette den leisen, aber wehdurchzitterten Worten Sebalts zugehört, +dann sagte sie herb, fast bitter: »Ich meine, solche Phrasen schon +gelegentlich in Liebesromanen und schlechten Stücken gelesen zu haben; +aber Sie verzeihen, ich glaube dergleichen Firlefanzereien schon +längst nicht mehr. Geben Sie mir doch Beweise Ihrer Verehrung, dann +wollen wir weiter reden.« + +»Ich bitte darum,« sagte Hans mit leisem Aufatmen. + +»Meinetwegen!« antwortete das Mädchen gleichgültig lächelnd und +wiederum in Gedanken verloren. »Hier, sehn Sie die Brosche, das goldne +Steuerrad mit den Perlen -- gehen Sie hinein und kaufen Sie es.« + +Hans Sebalt erschrak, seine Gedanken jagten sich: War sie so eine? +Hatte er sich also doch getäuscht! Zugleich fiel ihm schwer aufs Herz, +daß er das Schmuckstück wohl kaum würde bezahlen können. Aber die +Blamage! Und dann die Heißersehnte wieder verlieren -- für immer -- +nein -- koste es, was es wolle, er hatte zur Not sein Vermögen, und +stolz schritt er in den Laden. + +Die Brosche war echt und mit 65 Mark ausgezeichnet. Hans Sebalt wußte, +er hatte nur einige 40 Mark bei sich. Mit vornehmer Gelassenheit +erklärte er jedoch dem Juwelier kühl: + +»Ich werde nicht so viel bei mir haben, möchte aber das Geschenk gleich +mitnehmen. Sie gestatten wohl, daß ich Ihnen die größere Hälfte, 35 +Mark gleich anzahle, das andere morgen oder übermorgen, wenn Sie +wünschen, hinterlege ich meine Studentenkarte. Gefahr laufen Sie +nicht.« + +Der Juwelier lächelte verbindlich und machte eine Verbeugung: »Bitte, +keine Gefahr -- gar nicht nötig, Ihre Adresse genügt. Wollen Sie ein +Etui, vielleicht weißer Samt?« + +»Bitte ja,« erwiderte Sebalt ruhig, zählte die 35 Mark auf den +Ladentisch und ging mit der Brosche siegesgewiß hinaus. + +Als sich Hans Sebalt auf der Straße nach der Brünetten umsah, konnte er +sie nirgends entdecken. Irgendein Fremder, den er fragte, gab an, sie +habe plötzlich wild aufgelacht und sei dann wie närrisch davongestürzt. +Genug -- sie war verschwunden, und er war abermals schnöde verspottet +und verschmäht. + +Eine grenzenlose Wut kochte in Sebalt empor. Aufschreien hätte er +mögen, davonrasen, seinen kostbaren Schmuck an der nächsten Hauswand +zerschmettern! + +Diese Elende -- diese eingebildete Person! Nur zum Narren hatte sie ihn +halten wollen. Und überdies ihn in Schulden gestürzt. Sollte er sich +nun auch noch vor dem Juwelier lächerlich machen und ihn bitten, das +Stück zurückzunehmen? Nein! + +Ein wilder Trotz durchflammte Sebalt -- er würde einfach Volpelius um +Geld bitten. + +Und dann -- diese schwarze, tückische Hexe -- mußte sie es denn +durchaus sein? Es gab andere genug, die vielleicht nicht weniger schön +waren und sicherlich entgegenkommender. + +Was war denn die Liebe? Leidenschaft -- Sinnlichkeit! Ein +Naturwissenschaftler wie er brauchte sich wahrlich kein moralisches X +für ein naturgegebenes U zu machen. Dummheit! + +Und mit trotzigen, zynischen Gedanken ging Hans in eine Weinstube, +trank sich Mut, brachte seine schon erregten Sinne zu immer +gefährlicherer Erhitzung und suchte sich schließlich auf der Straße ein +schlankes, brünettes Frauenzimmer. Lachend opferte er ihr die kostbare +Brosche und seine Keuschheit. + +Aber jenes eine stolze Mädchen, das ihm wieder entflohen, und in dessen +Armen er sich bei der andern doch trunken gewähnt hatte, konnte er +trotzalledem nicht vergessen. Er mußte es weiterlieben und suchte es +von neuem rastlos in den engen Gassen Leipzigs, auf den Tanzböden der +Vorstädte und allnächtlich in seinen Träumen. + +Nur in diesen fand er es bisweilen und genoß seine Reize in wilder Lust +und unstillbarer Sehnsucht. + + * * * * * + +Der Verkehr zwischen Hans Sebalt und seinem Jugendfreunde war weniger +häufig und auch nicht so herzlich, als es beide zuvor im Engadin +erträumt hatten. + +Teils lag das an Kaspars Dienst und seinem Kollegienhunger; teils an +Sebalts Hang zur Einspännerei und seiner eigentümlichen Seelenstimmung, +die mehr und mehr zwischen einem galligen Spott, einem hochfahrenden +Trotz und einer dumpfen Melancholie wechselte. + +Mit redlicher Betrübnis sah Kaspar, daß der Freund sich völlig +verändert hatte, und er ahnte, daß irgendein geheimer Kummer ihn +bedrücke. Aber wenn er dergleichen schonend andeutete, um Hans +vielleicht zu einer tröstenden Aussprache zu bringen, dann lachte +Sebalt oft häßlich und höhnte mit seiner alten, aber nicht mehr so +harmlosen Großspurigkeit: + +»Nee, mein lieber Musketier und Beichtvater. Das mußt du schon schlauer +andrehn, wenn du mich ausholen willst. Was soll ich dir auch Rede +stehn, mein Guter? Das sind Dinge, von denen sich deine fromme Seele +nichts träumen läßt. Danke du deinem Schöpfer, daß er dich braven +Musterknaben nicht in Versuchung führt, auf daß deine redliche Seele +nicht Schaden nehme. Verachte mich, wenn du magst, aber laß mich nach +meiner Façon unselig werden.« + +Kaspar horchte auf. Wo hatte er schon einmal einen ähnlichen Ton +vernommen? Richtig -- bei Chancy, der sprach auch so bitter und +überlegen -- damals! + +Hans Sebalt rang wahrscheinlich mit einer schweren Leidenschaft, da +konnte ihm wohl keiner helfen, also schwieg Kaspar. Doch Hans Sebalt +höhnte gelegentlich weiter; und Kaspar trug es weiter geduldig. + +Nur einmal, als Sebalt plötzlich Ursemis Namen neckend mit dem des +Freundes in Verbindung brachte, da verwies ihm das Kaspar rauh und +hart, und Sebalt dachte sich ebenfalls das Seine und schwieg nun auch. + +Verstimmt schieden die Freunde voneinander und sahen sich viele Wochen +nicht wieder. + + * * * * * + +Auch mit seinem Hauswirt geriet Kaspar nach und nach in ein +unerquickliches Verhältnis. + +Erst kam es bei den politischen Disputen, die Herr Lüders immer und +immer wieder herbeiführte, zu einigen Offenheiten. Der Agitator schalt +mit Vorliebe auf seine beiden Fabrikherrn und nannte sie schamlose +Ausbeuter. Als Kaspar darauf nicht reagierte, da er die Herren +nicht kannte, ging Lüders rasch vom Besonderen zum Allgemeinen, zur +Verelendung der Massen, über und zieh seinen Mieter, der ihm jetzt +öfters auswich, schließlich der Feigheit. Nun diente ihm Kaspar, der +sich unterdessen mit dem Marxismus und seinen teilweise schon durch die +Entwickelung +ad absurdum+ geführten Theorien genügend vertraut +gemacht hatte, in aller Sachlichkeit. + +Der Arbeiter fühlte wohl auch die Überlegenheit des nun gründlicher +orientierten Studenten und nahm sich klug die Auswüchse des +Militarismus vor. Kaspar leugnete diese durchaus nicht, aber meinte: +Auswüchse zeitige jedes System mit der Zeit; darum gelte es eben +stets, sie beizeiten zu beseitigen, und daran fehle es auch im +Falle des Militärwesens keineswegs. Er habe sich früher als Laie +die Durchstechereien und Mißhandlungen nach dem Zeitungslärm weit +verbreiteter gedacht; in Wahrheit stehe es nicht allzu schlimm damit, +und Lumpen kämen überall vor. + +»Stimmt,« erklärte Herr Lüders diktatorisch, »aber unter den niederen +Klassen weit weniger als unter den höheren -- natürlich prozentual +berechnet.« + +»Mag sein,« erwiderte Kaspar ruhig, »gegen solche allgemeine +Behauptungen läßt sich ja gar nichts einwenden und auch nichts +beweisen. Aber werden wir doch einmal konkret, Herr Lüders. Ich habe +da kürzlich eine kleine Erfahrung gemacht, die mir beinahe einige Tage +Kasten eingetragen hätte. Ich habe nämlich, um mir mal ein eignes +Urteil über Ihre politischen Ziele und ihre Art zu bilden, zwei +Ihrer Versammlungen besucht, natürlich in Zivil. Das erstemal kam es +zu keiner Resolution, da wegen allzu wüster Schimpfereien -- nein +wirklich -- es war geistlos und wüst -- die Versammlung polizeilich +aufgelöst wurde. Das zweitemal bekam ich Prügel, weil ich bei der +Resolution, der ich beim besten Willen nicht zustimmen konnte, sitzen +zu bleiben wagte. Dafür wurde ich von der Polizei aufgeschrieben und +wäre ohne meine Studentenkarte wohl auch zur Meldung gebracht worden. +Ist das Ihre vielgerühmte Freiheit der Meinung, Herr Lüders?« + +»Ach was,« erwiderte der Agitator unverlegen, »im Kampf ist jedes +Mittel recht. Wenn erst der Sieg erfochten, der Zukunftstaat +-- dann --« + +»Pardon! Daß der Zukunftstaat eine Utopie und nur ein agitatorisches +Lockmittel ist wie die famose Internationale, das haben Sie mir neulich +ja schon halb und halb zugegeben.« + +»Meinetwegen, Herr Studente, aber unsere Weltanschauung wird doch +siegen ebenso wie unsere neue Wirtschaftsordnung.« + +»Ihre Weltanschauung, Verehrter, ist ein abgestandner Materialismus, +dem die Welt und sicherlich Deutschland nie gehören wird. Und die +Wirtschaftsordnung entwickelt sich wie alles historisch Bedeutsame +nach gewissen Gesetzen, die trotz einzelner Schwankungen die Wucht und +Sicherheit der ewigen Naturgesetze haben. Also bange machen gilt nicht. +Wenn der deutsche Bourgeois sich erst seine Hasenangst vor ihrem +sogenannten großen Kladderadatsch abgewöhnt hat, dann werden auch Sie +nach und nach von der Ihnen parteitaktisch so bequemen Negative zur +Positive übergehen müssen, oder Sie werden das Vertrauen der Arbeiter +verlieren. Auch unsere Proletarier sind Deutsche und streben nicht +nur nach der Höhe, sondern dringen auch nach und nach prüfend in die +Tiefe. Gold suchen sie, nicht Talmi. Schon jetzt glaubt keiner mehr an +Ihren Zukunftstaat, auch der Dümmste nicht. Also nur ruhig Blut, Herr +Lüders! Ihrer Oberflächlichkeit und Unfruchtbarkeit werden Sie und Ihre +Kollegen erliegen, nicht den Bajonetten.« + +Solche und ähnliche Dispute führten nicht zu gegenseitiger Überzeugung, +im Gegenteil; jedesmal stießen Meinung und Gegenmeinung heftiger +aufeinander. Aber Kaspar dienten auch sie zur Entwickelung und +Schärfung seines Verstandes, zur Vertiefung seines bis vor kurzem +noch schlummernden politischen Interesses, regten ihn unmittelbar zur +Lebensbeobachtung an und verfeinerten nach und nach sein soziales +Empfinden. + +Zum Bruch mit Herrn Lüders führte jedoch ein völlig anderes Moment. + +Mit tiefem Mitleid hatte Kaspar Krumbholtz die Leidensgeschichte der +kleinen, stillen Frau Lüders in all diesen Monaten verfolgt. Kaum +zwanzigjährig hatte das hübsche, doch sehr zarte Frauchen schon vier +Kinder, darunter zwei recht kränkliche, die deutlich die Spuren der +erschütterten mütterlichen Konstitution verrieten. + +Am Krankenbett des einen Knaben schüttete das vielgeplagte Weib eines +Abends dem von ihr geschätzten Mieter unter bitterlichem Schluchzen +vertrauensvoll ihr Herz und ihre Sorgen aus, daß ihr Mann sie zugrunde +richten würde. Die Partei sei ihm ja ein und alles und die Familie +nichts mehr. Fast jeden Abend müsse er in der Kneipe sitzen, und käme +er bisweilen betrunken nach Hause, so müsse sie ihm zu Willen sein, +obwohl sie kein Kind mehr haben wolle und auch schwerlich könne, denn +sie sei von der letzten Niederkunft her noch nicht wieder gesund. + +Kaspar Krumbholtz war eigen zumute. Die ungeschminkte und doch in +gewisser Weise rührende Aufrichtigkeit des armen Weibes verblüffte, ja +überwältigte ihn, und zugleich war sie ihm peinlich, ja widerwärtig. +Was gingen ihn, den Fremden, dergleichen Intimitäten des Ehelebens an. + +Und doch, je mehr Kaspar darüber nachdachte, um so mehr wuchs die +Teilnahme für den leidenden, die Empörung gegen den schuldigen Teil. + +Auch das war ein Stück typischen sozialen Elends, von dem er sich trotz +London nichts hatte träumen lassen. + +Kaspar konnte jedoch nichts anderes tun als schweigen. Dem ihm von Tag +zu Tage widerwärtigeren Herrn Lüders auch nur ein Wort zu sagen, stand +ihm nicht zu, wäre ihm vielmehr höchst taktlos erschienen. Er sann nur +manchmal darüber nach, ob gerade dieser Mann etwa als Unternehmer seine +Arbeiter rücksichtsvoller behandelt haben würde als jetzt seine kleine, +leidende Frau. Es kam doch wohl nicht darauf an, was man war, sondern +wer und wie man es war. + +Die arme Frau Lüders kam wirklich bald wieder in andere Umstände, wie +sie Kaspar eines Tages verzweifelt gestand, und unheimlich drohend +fügte sie hinzu: »Nun gibts ein Unglück.« Mit steigender Sorge +beobachtete Kaspar seitdem das arme Wesen, das sichtlich mit einem +schweren Entschluß kämpfte und doch wohl immer wieder zauderte ihrer +Kinder wegen, um die sie jetzt oft klagte. Kaspar kämpfte lange Zeit +mit sich; eines Abends endlich gewann er es über sich, Herrn Lüders +wenigstens zu sagen: Er möge auf seine Frau acht geben, sie sei so +aufgeregt, sie könne sich am Ende gar ein Leids antun. + +Herr Lüders lachte nur überlegen und meinte jovial: »Hat nischt zu +sagen; s ist nur wieder was unterwegs, und da sind die Weibsleut +oftmals etwas meschugge. Das gibt sich aber bald.« + +Und es gab sich auch, aber anders, als der weise Lüders dachte: Nach +einem vergeblichen Versuch, sich von dem Kinde zu befreien, ging die +zarte, stille Frau ins Wasser. + +Hart war das Urteil der Welt über sie, am härtesten das ihres +Mannes. Nur Kaspar Krumbholtz trauerte dem armen, ratlos aus einem +unerträglichen Dasein davongestürzten Weibe mit einer Ergriffenheit +nach, die lange in seiner empfindlichen Seele nachzitterte. + +Am Tage nach dem Begräbnis verließ er das Haus des Herrn Lüders, +der schon nach wenigen Wochen ein anderes Weib nahm -- um seiner +mutterlosen Kinder willen. + + * * * * * + +Die Schießübungen waren beendet. Die Felddienstübungen wurden von Tag +zu Tag länger, anstrengender und interessanter; das Manöver stand vor +der Tür. + +An einem heißen Nachmittag kehrten die Einjährigen der Kompagnie von +einer Krokierübung heim, und einer der Herren schlug vor, in ein der +Kaserne benachbartes Kellnerinnen-Café zu gehen. + +Kaspar ging mit; er war nie ein Spaßverderber, auch wenn er sich aus +der »Damenbedienung« wenig machte. Er trat als letzter in das Lokal ein +und bemerkte nur flüchtig, daß mit der einen Kellnerin im Hintergrunde +irgend etwas Aufregendes vor sich ging, dann verschwand die Wirtin mit +ihr. + +Man scherzte mit den andern Kellnerinnen und spielte ein wenig Klavier; +plötzlich kam die Wirtin wieder herein und fragte Kaspar vertraulich: +»Sagen Sie mal, Herr Unteroffizier, haben Sie denn hier eine +Verwandte?« + +»Ich -- nein,« antwortete der Gefragte lachend, »das wäre mir neu.« + +»Nun ja,« meinte die Wirtin verlegen, »ich konnte mir das auch nicht +recht denken; aber vielleicht kennen Sie die Dame sonst irgendwoher? +Es ist nämlich meine Kellnerin, sie heißt Fränze -- ist noch nicht +lange hier -- ein hübsches Mädchen. Als Sie vorhin eintraten, sah sie +erst wie auf eine Geistererscheinung, bekam dann so eine Art Ohnmacht +-- so wie vor Schrecken -- na und nu sitzt sie da drin und heult wien +Schloßhund und erklärt: sie müsse spornstreichs weg. Sie wären ein +Verwandter -- na Gott, ich glaubs ja auch nicht -- also bitt schön, +wollen Sie nicht wenigstens mal mit ihr reden. Vielleicht beruhigt sie +sich dann.« + +Kaspar ging kopfschüttelnd hinein mit den Worten: »Es ist am Ende nur +eine Verwechslung, wahrscheinlich sehe ich einem ihrer Lieben ähnlich.« + +Noch immer heftig schluchzend saß das Mädchen, den Kopf auf den einen +Ellbogen niedergebeugt, an einem kleinen Tisch am Fenster des schmalen, +etwas düstren Gemachs. + +Als Kaspar zu ihr trat, hob sie das liebliche Haupt schüchtern empor, +und er sah zu seiner höchsten Überraschung, daß es Irmgard von +Zweydorff war. + +»O wie schäme ich mich vor Ihnen, Herr Krumbholtz,« klagte das +ehemalige Londoner Magdalenchen, »aber ich war so lange stellenlos, +war am Ende mit meinen Mitteln -- zürnen Sie nicht, ich war anständig, +glauben Sies mir.« + +Kaspar drückte dem Mädchen freundlich die Hand, strich ihm beruhigend +mit der Linken über den runden vollen Arm und sagte launig und warm: +»Aber warum denn so erschrecken, liebes Fräulein? Ich bin doch kein +Inspektor der Inneren Mission. Warum sollen Sie sich als Kellnerin +nicht ebenso ehrlich und anständig Ihr Brot verdienen wie als +Verkäuferin oder als Lehrerin? Der Stand machts doch wirklich nicht. +Im übrigen freue ich mich rechtschaffen, Sie einmal wiederzusehen. Nun +können Sie mir doch gelegentlich erzählen, wies Ihnen ergangen ist. +Aber nun bitte nicht mehr weinen! Warum sich aufregen? Freun Sie sich +doch wie ich!« + +Irmgard schüttelte trostlos das Haupt und sagte dumpf: »Ich habe nicht +gewußt, daß Sie hier sind; sonst wäre ich sicherlich nicht hierher +gegangen.« + +Dann sprang sie auf, drängte sich wie hilfesuchend an Kaspar heran +und flehte: »Liebster, bester Herr Krumbholtz -- ich weiß ja, was für +ein vornehmer Mensch Sie sind -- helfen Sie mir hier fort, ich bitte +Sie flehentlich darum, und ich weiß auch, warum ich das tun muß. +Keine Stunde mag ich hier länger bleiben; oh, es ist so gemein hier, +und die andern Mädchen sind alle so schlecht zu mir, auch die Wirtin +ist ordinär, ich kann gar nicht alles so sagen. Bitte, bitte, lösen +Sie mich aus! Ich hab ja tägliche Kündigung, aber ich habe natürlich +Schulden bei der Wirtin, für Essen und Garderobe, ich bin nicht flott +genug beim Animieren, habe noch zuviel Anstands- und Ehrgefühl. Oh -- +es ist schrecklich! Nur fort, fort von hier -- gehen Sie, bitte, suchen +Sie mir rasch eine Wohnung, wenigstens für ein paar Tage, bis ich eine +neue Stellung habe. Ich will ja so gern wieder arbeiten, anständig und +ehrlich arbeiten.« + +Kaspar wußte nicht recht, was er von alledem denken sollte. Er war +fremd im Lokal, fremd in solchen Verhältnissen. + +Für das Mädchen glaubte er, seit sie seinem Rate einmal gefolgt war, +eine gewisse Verantwortung tragen zu müssen, also versetzte er nach +kurzem Überlegen: »Auslösen will ich Sie gern, damit Sie nicht etwa +gegen Ihren Willen gehalten werden. Hier ist mein Portemonnaie, nehmen +Sie, was Sie brauchen. Auch eine Wohnung will ich suchen, packen Sie +unterdessen Ihre Sachen. Ich komme morgen vor und sage Ihnen Bescheid.« + +»Morgen -- nein, nein,« wehrte Irmgard ab, »nicht zehn Minuten bleibe +ich hier, nachdem ich Sie gesehen. Ich habe nur meine paar Nachtsachen. +Ich mag auch die Schande vor den andern Mädchen nicht mehr erleben. +Und verzeihen Sie mir, daß ich Sie in der Not vor der Wirtin zu meinem +Verwandten gemacht habe. Es ist das gewiß keine Ehre --« + +»O bitte,« scherzte Kaspar, obwohl ihm nichts weniger als behaglich +war. »Ihr Geschlecht ist sicher erlauchter als das meine. Aber was nun +werden soll, wenn Sie so stehenden Fußes hier mit mir davonlaufen, das +weiß ich wirklich nicht. Lassen Sie uns keine Torheiten begehen.« + +»Sie schämen sich doch meiner,« klagte Irmgard, »ich merke es wohl -- +nun ja, der angehende Offizier --« + +»Pardon, der würde mich erst recht verpflichten, einer in Not geratenen +Dame zu helfen; aber die Hilfe muß Hand und Fuß haben, sonst ists +keine.« + +»Nun gut, wenn Sie nur helfen wollen! Das ist die Hauptsache. Hier Ihr +Portemonnaie zurück -- ich nahm, was ich brauchte --, es ist noch viel +darin. Und nun bitte, setzen Sie sich ruhig wieder zu Ihren Herren +Kameraden hinein. Ich mache Toilette und Rechnung. Wo wohnen Sie?« + +Kaspar nannte seine Wohnung. + +»Gut,« erklärte Irmgard wieder zuversichtlicher, »jetzt ists sechs +durch, um sieben Uhr spätestens bin ich bei Ihnen. Dann beschließen +wir in aller Ruhe, was wir tun werden. Wenn Sie bis dahin sich noch +nach einer Wohnung umsehen können, wäre es mir lieb. Anspruchsvoll bin +ich natürlich nicht. Ich schlief bisher mit den drei andern Mädchen in +einer kleinen Dachkammer. Also -- tausend Dank, liebster, bester Herr +Krumbholtz, und auf Wiedersehen um sieben Uhr. Das vergeß ich Ihnen +nie. Dank, Dank!« + + * * * * * + +Kaspar litt es nicht lange bei seinen Kameraden, deren neugierigen +Fragen er ausweichen wollte. So ging er rasch auf die Wohnungssuche +in der ihm ja genügend vertrauten Umgegend. Aber er machte schlimme +Erfahrungen. + +Die Wirtinnen, die gewiß alle gern an den schmucken Einjährigen selbst +oder an sonst einen Herrn vermietet hätten, wollten von einer Dame +nichts wissen, vollends wenn ein junger Mann in Uniform für sie Wohnung +begehrte. + +Die einen erklärten mehr oder weniger verlegen: sie bedauerten +unendlich; die andern lächelten allzu verständnisvoll oder spöttelten +anzüglich; die dritten schlugen gar dem Anfragenden grob die Türe vor +der Nase zu oder riefen ihm entrüstet zu: sie seien anständige Frauen +und vermieteten nicht an liederliche Frauenzimmer. + +Nun war guter Rat teuer; überdies war es fast sieben Uhr geworden, und +so eilte Kaspar nach Hause. + +Seine eigne Wirtin war eine gutmütige ältere Witwe, die still und +aufmerksam ihre drei Mietherren, außer Kaspar noch einen Einjährigen +und einen Volksschullehrer, bediente. Kaspar hatte zu der Frau rasch +ein gewisses Vertrauen gefaßt, und so teilte er ihr seine Verlegenheit +und seine fruchtlosen Versuche, das Mädchen vorläufig unterzubringen, +mit. + +Auch die Witwe schmunzelte ein wenig und meinte: Allzu sehr dürfe der +Herr sich darüber nicht wundern. Mietsviertel und Mietsviertel seien +eben verschieden. Aber, wenn die Dame sonst anständig sei, wie der Herr +meine, so könne sie ja einstweilen in dem gerade freistehenden Zimmer +des Herrn Lehrers, der zu den Ferien verreist sei, logieren. + +Kaspar nahm das Anerbieten dankend an und atmete erleichtert auf. + +Bald hernach stand Irmgard von Zweydorff mit einem bescheidenen +Handköfferchen errötend vor ihm und war außer sich vor Glück und +Dankbarkeit, daß sie das schöne Zimmer des abwesenden Lehrers haben +dürfe. + +Die Wirtin sorgte rasch für ein bißchen Abendbrot, und mit gutem Humor +aßen und plauderten die beiden jungen, verwaisten Menschenkinder, die +das Leben so närrisch wieder zusammen geführt hatte. Dann erklärte +Kaspar, er habe noch Dienst und wünschte seiner neuen Nachbarin mit +galanter Verbeugung eine sorgenfreie und geruhsame Nacht. + +In der Tat ging der Einjährige Unteroffizier auch in die Kaserne; aber +die dienstliche Begründung war eine Notlüge. + +Einmal hatte Kaspar trotz aller frohen Laune doch deutlich gemerkt, +daß ihm das ungewohnte Beisammensein mit einem jungen Weibe, vollends +der holde Liebreiz und die hingebende Dankbarkeit seines Schützlings, +gewaltig das Blut erregten. + +Anderseits kam fast jeden Abend sein Putzkamerad Pfister zu ihm, um ihm +den Dienst für den nächsten Tag zu melden, und ab und zu auch bei einer +Zigarre oder einem Glase Tee ein bißchen zu schwatzen. + +Kaspar liebte den redlichen Pfister, der übrigens auch ein »Roter« war +und darum leider die Knöpfe nicht erhielt, obwohl er der ordentlichste +Soldat und der beste Schütze der Kompagnie war. Das wurmte Kaspar +oft, denn er fühlte es unwillkürlich heraus: solche Burschen wie +Pfister würden ihr Vaterland sicherlich nie verraten, wenn es in Not +geraten sollte. Pfister war wie Hunderttausende nur »rot« aus dem +elementaren Drang nach Verbesserung seiner Lage, aus einer gewissen +Hilflosigkeit oder Torheit und aus einem im Grunde höchst achtbaren +Solidaritätsgefühl. + +Der gemütliche Vogtländer war übrigens keine Klatschbase, war auch +nichts weniger als prüde. Hatte er doch selbst einen Schatz daheim mit +zwei Kindern, für die er treulich sorgte. + +Trotz alledem wäre es Kaspar peinlich gewesen, wenn der Putzer den +Damenbesuch bei ihm getroffen oder auch nur vermutet hätte. + +So sagte Kaspar ihm im Revier; er werde die paar Tage bis zum +Manöverabmarsch sich selbst nach dem Dienst erkundigen, er müsse so wie +so jetzt öfter in die Kaserne kommen. + +Dann meldete sich Unteroffizier Krumbholtz freiwillig für den nächsten +Abend zum Wachthabenden. + +Kopfschüttelnd gab ihm der alte Knabe die Wache, meinte jedoch lachend: +»Streben Sie nicht so unheimlich, Krumbholtz. Die Qualifikation kriegen +Sie auch so, da lassen Sie den Hauptmann und mich nur sorgen.« + + * * * * * + +Irmgard von Zweydorff merkte sehr wohl, daß Kaspar Krumbholtz einem +längeren Beisammensein mit ihr absichtlich auswich. + +Das erfüllte sie teils mit geheimer Genugtuung, denn sie sah, daß sie +dem noch immer Geliebten nicht gleichgültig war; teils fürchtete sie +jedoch, ihm zum Dank für seine Hilfe Verlegenheit zu bereiten. Und +so gab sie sich die ersten zwei Tage redlich Mühe, eine Stellung zu +finden; aber es war schlechte Zeit, und ihre Kellnerinnenstellung hatte +sie um jedes Zutraun gebracht. + +Nach und nach sank Irmgards Mut; sie gestand Kaspar ihre +Niedergeschlagenheit und erklärte, sie wolle es lieber in einer andern +Stadt versuchen. + +Kaspar redete ihr gut zu und meinte, wenn er jetzt ins Manöver ziehe, +solle sie nur ruhig in seiner Wohnung bleiben und weiter in aller Ruhe +suchen; mit der Zeit würde sie schon etwas finden. + +»Sie sind so lieb,« erwiderte Irmgard, »und ich bin Ihnen doch nur eine +Last.« + +Kaspar schüttelte schweigend den Kopf. + +Dann fuhr Irmgard plötzlich mit erwachender Leidenschaftlichkeit fort: +»So reden Sie doch wenigstens! Gehen Sie mir doch nicht so scheu aus +dem Wege, als sei ich die Pest. Sagen Sie mir doch lieber gerade +heraus, wofür Sie mich halten, und es ist ja wahr, etwas Besseres bin +ich ja auch nicht. Wer einmal am Boden gelegen hat, geht nie wieder +ganz aufrecht.« + +»Das wäre schlimm,« sagte nun Kaspar trotzig, »im Gegenteil! Wer +nicht einmal aus allen Himmeln gestürzt ist, wer nicht einmal völlig +verzweifelnd dem Nichts gegenübergestanden hat, der wird nie ein ganzer +Mensch.« + +»Das klingt ja beinahe so, Herr Krumbholtz, als sprächen Sie aus +Erfahrung?« + +»Gewiß, warum nicht, warum soll ichs verschweigen? Ich habe mich im +Staube gewälzt vor einem unbarmherzigen Schicksal und bin doch genesen +von jenem Verzweiflungsschmerz dank lieber Menschen und Gottes Führung. +Also verzweifeln auch Sie nicht, Fräulein! Denken Sie mal in zehn +Jahren an diesen Tag, und Sie werden lächeln und sich ruhig gestehen: +Es hat sich doch gelohnt, weiter zu leben! Das größte Geschenk, das uns +Gott gegeben hat, ist das Versagen dessen, was wir am meisten begehren +-- nämlich in die Zukunft zu schauen.« + +»Sie sind ein seltsamer Mensch, Herr Krumbholtz, so ein Mittelding +zwischen Kavalier und Seelsorger! Eigentlich ist es doch schade, daß +ich Sie der Londoner Stadtmission aus den Klauen gerissen habe. Dafür +müßten Sie mir übrigens ein ganz klein wenig dankbar sein. Nicht? +Und Sie dürfen überzeugt sein, wenn ich Ihnen was Liebes antun könnte +-- o mein Gott, wie gern tät ichs! -- Wissen Sie, oft hab ich schon +geträumt, irgendein reicher Onkel, den ich nur leider nicht habe, +hätte mich zur Erbin eingesetzt; oder ein reicher Nabob hätte mich als +seine Frau gekauft und mich dann -- noch hübsch jung -- als trostlose +Witwe zurückgelassen. Hui -- dann wär ich mit all meinen Schätzen +spornstreichs nach Tramberg gefahren -- statt Ihnen brieflich zu +versichern, daß ich meine Schulden nicht bezahlen kann. Und nun mache +ich gar noch neue. Scheußlich -- nein wirklich, Sie sind wirklich mit +mir geschlagen, wie eine Klette hänge ich --« + +Da legte Kaspar sanft die Hand auf den beweglichen kleinen Mund, um ihn +zu schließen. Aber glückselig küßte Irmgard die ihr liebe Hand, so daß +sie Kaspar eilend zurückzog. + +»Schon wieder nicht recht? Sein Sie doch mal ein bißchen nett zu mir,« +schmollte nun das Londoner Magdalenchen mit unwiderstehlicher Grazie. +»Sie tun gerade, als wären Sie heimlich mit der reichsten Erbin von +Großbritannien und Irland verlobt. Na endlich lachen Sie wieder und +schütteln -- Gott sei Lob und Dank -- den Kopf. Also wozu dann so +traurig sein? Ich verdrehe Ihnen den Kopf schon nicht, das haben wir ja +in London gesehen. Und nun hören Sie mal, heute ist doch unser letzter +Abend. Um sieben Uhr haben Sie wieder solchen greulichen Appell; aber +dann flausen Sie nicht noch was dazu oder verkriechen sich wieder auf +Wache, sondern kommen Sie hübsch pünktlich zum Abendessen hierher +zu Ihrer kleinen Hausdame, die Ihnen einen appetitlichen Abendtisch +servieren wird und noch einmal mit Ihnen lustig sein will. Wer weiß, +wann und ob wir uns wiedersehen. Also nur einmal noch -- ja -- wollen +Sie?« + +Kaspar machte sein gutmütigstes Gesicht, schlug fest in das dargebotene +Händchen ein und ging dann doch nachdenklich davon. + +Er war ein Allzugewissenhafter, ein Narr. Warum sollte er dem armen +Hascherl, dem die redlichste Güte vom Gesicht strahlte, nicht +wenigstens etwas Liebes antun? + +Um Ursemis willen? Hatte er sich nicht unter bitteren Qualen zu dem +inneren Verzicht auf die heißgeliebte Jugendfreundin durchgerungen? War +es da noch ein Unrecht gegen sie, wenn er mit einem andern weiblichen +Wesen, das ihm vielleicht nicht weniger gut war als er Ursemi, +wenigstens ein paar köstliche, stimmungsfrohe Stunden verlebte? + +Aber allerlei anderes kam hinzu. War er sich und seiner Vergangenheit, +seiner Erziehung nicht auch etwas schuldig? Gewiß, doch -- ob gerade +diesen Verzicht? + +Es war allerdings ein recht seltsamer Gegensatz: vor einem Jahre erst +hatte er von Herrnhut Abschied genommen und nun soupierte er mit einem +verführerisch schönen Weibe +tête-à-tête+! -- Toll war es -- +grotesk! Und doch ein lockendes, vielleicht einzigartiges Stück Leben, +dem er nicht feige ausweichen wollte, auch wenn er sich nicht daran +verlieren wollte. + +Und plötzlich lachte er trotzig, ja ausgelassen vor sich hin, als koste +er schon im voraus die lustigen, stimmungsreichen Stunden aus, und dann +überlief es ihn doch wieder kalt, als laure hinter diesem Genuß ein +tückisches Verhängnis. + +In Gedanken versunken machte der sonst so taktfeste Unteroffizier +Krumbholtz heute abend sogar eine falsche Meldung, und sein besonderer +Gönner, Herr Vizefeldwebel Knauer, gab ihm mit Genugtuung einen Verweis +wegen seiner Zerstreutheit. + +Was tats? dachte Kaspar leichtsinnig bei sich: Parole 49 -- »bloß die +paar Tage noch -- die halt mers aus!« + +Abermals stieg das liebe, ernste Bild Ursemis vor ihm auf. Er las +in Gedanken noch einmal ihren letzten guten, treuen und so herzlich +vertrauenden Brief. War er nicht doch ein Verräter? + +Im Bann dieser nagenden Gedanken überhörte er den Gestellungsbefehl für +den nächsten Morgen. + + * * * * * + +Ein einladendes Bild häuslicher Behaglichkeit bot sich Kaspar, als er +von der Kaserne nach Hause kam. + +Ein appetitlich gedeckter Tisch, die Servietten zierlich gefaltet, ein +paar Rosen in einer Vase mitten auf der Tafel, an jedem der beiden +Plätze ein Feldblumensträußchen! Und zur Seite stand Irmgard mit +einer schmucken, funkelnagelneuen Tändelschürze neben der dampfenden +Teemaschine und strahlte glückselig wie ein Kindchen am Weihnachtabend. + +Kaspar nahm feierlich den Helm in die Hand, machte ein +vorschriftsmäßiges Kompliment, küßte der gnädigen Frau vom Hause +verbindlichst die Hand und sagte lustig näselnd: »Danke tausendmal, +meine Gnädigste, für die köstliche Einladung!« + +Nicht minder lustig erwiderte Irmgard: »Nichts zu danken, lieber Herr +Leutnant, bitte, legen Sie das spitze Ding zur Seite und machen Sie +sichs bequem.« + +Kaspar legte in der Tat rasch Helm, Handschuhe und das abgeschnallte +Koppel beiseite und bat lachend mit einem abermaligen Kompliment um +die Ehre, die Allergnädigste zu Tisch führen zu dürfen. + +Nach einem tadellosen Hofknix nahm Irmgard huldvollst den dargebotnen +Arm, hob ihr armseliges Fähnchen ein wenig in die Höhe, als wäre es ein +schweres Brokatkleid, und trippelte, vergnüglich kichernd, neben Kaspar +zu Tisch. + +Als ersten Gang gab es Hering in Gelee, eines der köstlichsten Gerichte +des Abendlandes, wenn -- es so teuer wäre wie Kaviar. + +Dann folgten echte Leipziger Würstchen, die um kein Haar den berühmten +Wiener nachstehn, dazu ein wenig Salat. + +Als dritter Gang folgte rosenzarter Eutritzscher Schinken, gekocht und +saftig wie der leckerste Prager Schinken Karlsbader Observanz. + +Endlich Fromage de Gohlis und zu endlosem Knackvergnügen Rosinen und +Krachmandeln, in denen ein halb Dutzend Vielliebchen tückisch lauerten. + +Kaspar und Irmgard schmausten behaglich und beinahe angetan wie zwei +Kinderchen bei ihrer ersten Tanteneinladung. + +Jeder las dem andern aus den leuchtenden Augen: ich will lustig +und lieb zu dir sein heute abend; du sollst stets gern an diese +Henkersmahlzeit unserer Neigung denken. Und so ward nicht allzu viel +gesprochen an dem kleinen Tisch; aber eine wonnige, die ein wenig +aufgeregten Sinne süß umschmeichelnde und beruhigende Stimmung +schwebte durch den kleinen Raum. + +Lange tafelte man -- scheinbar, als fürchte man sich vor dem Nachher. + +Endlich hob die Frau vom Hause doch entschlossen die Tafel auf, räumte +als Hausmädchen den Tisch sorglich ab; der Lohndiener Kaspar bot dem +gleichnamigen Hausherrn mit Erlaubnis der Dame eine Zigarre an, und +nun setzten sich zwei plauderlustige Gäste in die zwei Sofaecken +und räsonnierten launig über das Essen -- ganz wie bei den oberen +Zehntausend! + +Immer witziger und ausgelassener wurde die Stimmung, je näher die Angst +voreinander den beiden ans Herz schlich. Und doch schossen von Zeit zu +Zeit verräterische Blicke wie elektrische Funken warnend von Auge zu +Auge, so daß plötzlich die Stimmung umschlug. + +Ein schwüles Schweigen trat ein; dann brach bei Irmgard der +Abschiedsschmerz leise klagend heraus. + +Kaspar tröstete sie und meinte: »Warum sollen wir uns nach dem Manöver +nicht ebenso harmlos vergnügt wiedersehen?« + +»Glauben Sie denn, daß wir harmlos sind,« fragte Irmgard dumpf, »ich +wenigstens bin es nicht; ich gestehe ehrlich, ich habe mein Weh bisher +nur übertäuben wollen.« + +»Tun wirs beide weiter,« gab Kaspar rasch zurück, »Kopf hoch und +lachend Abschied genommen! Das ist Soldatenart.« + +»Wers könnte! Sie könnens ja auch nicht. Sehn Sie, wenn ich jetzt so +mein Ohr lauschend an Ihr Herz lege, da höre ich ja ganz deutlich -- +tiktik, tiktak -- wie es genau so rasch schlägt wie das meine.« + +Kaspar zuckte unwillkürlich zusammen. Die gefährliche Brücke zwischen +hüben und drüben war geschlagen, und die gegnerischen Stürmer drangen +siegreich vor an die ersten Umfassungsmauern der Festung. + +Bald schmiegte Irmgard ihr Köpfchen wie schutzsuchend an Kaspars +breite, schon rascher atmende Brust, und sie begann zu erzählen, so +lieblich vertraulich, als sei alles um sie her versunken, als säße sie +mit einem heißgeliebten Prinzen in einem verzauberten Märchenschloß. + +Wie von ungefähr, als könne es gar nicht anders sein, fand sich auch +das trauliche Du. + +»Liebster, Bester,« gestand Irmgard schließlich, »weißt du, daß ich +dich eigentlich ein wenig belogen habe? Erschrick nicht -- wozu -- ich +tat es damals -- vielleicht aus Scham, aus Furcht, was weiß ich? Wir +Frauenzimmer nehmens mit unsern Notlügen alle nicht so genau. Denk nur +-- ich bin kein Fräulein mehr, ich bin eine geschiedene Frau, aber +still -- eine armselige, glücklose -- mein Mann sitzt im Irrenhause. +Ich danke dir für diesen Händedruck, Lieber! Du weißt ja nicht, wie +schwer mein noch nicht langer Lebensweg schon war. Eine Waise bin +ich wirklich; aber keine Lehrerin, wenigstens keine richtige. So ein +bißchen Gouvernante war ich einmal, als mich mein Onkel und Vormund +aus seinem Hause vertrieb, weil ich ihm seine jungen Eleven rebellisch +machte. Ich war damals recht froh, daß ich fortkam; er hielt mich +wie ein Klosterfräulein, obwohl ich zuvor wie ein wilder Bub bei ihm +aufgewachsen war. Schade, daß ich keiner war, ich wär vielleicht +was Besseres geworden, als ich jetzt bin. Ich konnte gut reiten und +schwimmen. Hab drüben unter meinen Sächelchen noch ein zerknittertes +Diplom von der Behörde zur Belobigung, weil ich einen kleinen +Müllerbuben aus dem Fluß gerettet habe. Wär ich ein Mann gewesen, +hätte ich wohl die stolze Medaille am weißen Bande bekommen, denk mal, +was ich da als Einjähriger hätte für Staat machen können! Ists nicht +schade?« + +Kaspar lachte still in sich hinein. Was war das für ein herziges +Geschöpf -- und seine Neigung wuchs in dem Maße, als seine Scheu wich. + +Irmgard plauderte fort wie ein vor sich hin zwitscherndes Vögelchen: + +»Onkel war ein Griesgram, ein Angstmeier und Tugendnarr; er traute +keinem hübschen Weibe über den Weg, und da ich nicht häßlicher wurde +mit der Zeit, tat er mich aus dem Hause, als wäre ich ihm gefährlich. +Mit der Gouvernante wars nicht weit her. Schuldumm war ich immer, und +Englisch habe ich dann wohl auch nur aus Not gelernt, eine Lehrerin +hätte es mir nie beigebracht. So wurde es wieder mit dem Praktischen +versucht, ich lernte Kochen in einem Restaurant. Da nahm mich das +Schicksal das erste Mal am Kragen und warf mich in die Ehe mit einem +armen Leutnant, der meinethalben den Abschied nahm und Gefängnisbeamter +wurde. Mir imponierte das gewaltig; aber schließlich hatte es mir doch +nur der Offizier und nicht der Subalternbeamte angetan. Wir waren +in Waldheim bei den geisteskranken Verbrechern. Es war ein schwerer +Dienst, mein armer Mann konnte den so schnell ausgezogenen Rock nicht +vergessen, die neue Uniform nicht vertragen; die Gefangenen waren ihm +entsetzlich. Mein Gott, wer weiß, was alles in der Seele des immer +Verschlossenen vor sich ging? Er ward plötzlich bitter und hart zu mir, +er schlug mich, mißhandelte mich schließlich, eines Tages schoß er nach +mir. Hier über der linken Brust -- du darfst schon fühlen, wenn ichs +dir zeigen will -- da, da saß die Kugel! man hat mir bei der Operation +den Busen zerfleischt -- mit dem +decolleté+ ists nichts mehr. +Meinen Mann brachte man in eine ähnliche Anstalt wie Waldheim. Er war +unheilbar -- ich erhielt meine Freiheit zurück -- leider, leider. Dem +Onkel war ich nun noch viel mehr zuwider geworden, er verschloß mir +sein Haus, enterbte mich später -- schade, gelt? -- sonst! O du Narr -- +wär das so schlimm? Also gut -- ich verzehrte mein bißchen Geld, ward +noch einmal Gouvernante und ging nach London. Was dann folgte, kommt +nie über meine Lippen -- es war zu grauenhaft.« + +Kaspar erbebte. Da plötzlich hob sich Irmgard leise empor, schlang ihre +Arme voll Sehnsucht um seinen Nacken, sah ihm flehenden Blicks tief in +die mit glitzernden Tränen gefüllten Augen und sagte leise: »Lieber, +willst du mich nun verachten?« + +Stumm schüttelte Kaspar das Haupt und küßte das arme, vom Leben +gehetzte Weib mit heißem Mitleid und unwiderstehlicher Zuneigung, +während zwei schwere Tränen auf ihre glühenden Wangen niederrollten. + +Lang hielten sie sich umfangen. Endlich löste Kaspar seine und ihre +Arme mit schonender Güte und sagte tonlos: »So laß uns scheiden und +habe Dank -- für alles, ich werde diese Stunden nie vergessen.« + +Da flog ein leises, wehes Zucken über Irmgards schönes Gesicht; mit +aufflammender Empörung riß sie sich los und stürzte wortlos davon. + +Kaspar schritt ihr hastig ein paar Schritte nach, griff sich an die +Stirn und rief betroffen: »Nicht so, Irmgard. Nicht böse sein, ich +wollte dir nicht weh tun!« + +Aber schon war sie hinaus und in ihr Zimmer hinüber. + +Kaspar war maßlos bestürzt. Was hatte er getan, was konnte sie so +erregt haben? -- Nein -- so konnte er sich nicht von dem lieben Mädchen +trennen -- das wäre eine Roheit, die er sich niemals verzeihen könnte! + +Wollte er diese herrlichen Stunden, vielleicht die süßesten seines +bisherigen Lebens, in einen so schrillen Mißklang ausgellen lassen? +Nein -- also, er mußte noch einmal und anders Abschied nehmen von ihr +-- denn morgen in aller Frühe -- übrigens wann wurde denn gestellt? +Bah -- das ergab sich schon, nur zeitig aufstehn! -- Aber nun mußte er +Irmgard um Verzeihung bitten -- unbedingt -- sofort natürlich, ehe es +etwa schon zu spät ist. + +Und so ging Kaspar hinüber und klopfte leise an. + +Keine Antwort folgte, noch einmal -- wieder war nichts zu hören! + +Endlich sagte Kaspar mit redlicher Betrübnis und vernehmlich: +»Irmgard, ich will nur um Verzeihung bitten, es war schlecht von mir.« + +Da rief es leise, aber jubilierend wie Lerchengeschmetter: »Herein!« + +Kaspar trat in das dunkle Zimmer. Eine weiße Gestalt umfing ihn mit +ungestümer Wonne, und dem reuigen Sünder ward vergeben in wortloser, +sich selbst vergessender Liebe. + + * * * * * + +Am andern Morgen kam Kaspar Krumbholtz zum erstenmal in seiner +Militärzeit zu spät zum Dienst. + +Als er nach der Kaserne kam, waren sämtliche Kompagnien bereits +ausgerückt, und das Revier geschlossen. Kaspar stand ratlos in seiner +Ausgehuniform da und wußte nicht aus noch ein. Endlich erreichte ihn +eine von Knabe heimlich zugesandte Ordonnanz mit dem Befehl, er solle +mit der Bahn nach Leutzsch fahren, dort sei der Bagagewagen mit seinem +Dienstanzug. + +Der Uniformwechsel war einigermaßen schwierig, aber er gelang, und +Kaspar kam auch nach allerhand Fährlichkeiten, darunter ein höchst +fatales Rencontre mit dem Major, glücklich zu seiner Kompagnie. + +Was der alte Knabe an diesem Tage für ihn getan hatte, vergaß Kaspar +ihm nie, obwohl der Feldwebel es an handfestem Landserspott anfangs +nicht fehlen ließ und die vorgestern noch so totsichere Qualifikation +für rettungslos in den Rauchfang geschrieben erklärte. + +Derbe Neckereien hagelte es von allen Seiten den ganzen Tag über, und +Kaspar trug sie stumm. War ihm doch, als müsse ihm jeder ansehen, daß +er nicht mehr derselbe sei wie gestern. Das Lügen hatte ihm auch sein +Sündenfall nicht gelehrt, und ein unendlich quälendes Schuldgefühl wich +lange nicht von ihm. + +So ward das Manöver für den einjährig-freiwilligen Unteroffizier nicht +allzu fröhlich; aber seine Obliegenheiten erfüllte er mit solcher +Pflichttreue, daß ihm der Oberleutnant Buff mehrfach seine Freude +aussprach und bedauerte, daß er nicht Offizier bleiben wolle; das wäre +doch ein Erzieherberuf, wie ihn Kaspar sich nicht verantwortungsvoller +denken könne. + +Kaspar schwieg auch dazu; er dankte nur innerlich dem Oberleutnant, +der oft wie ein älterer Kamerad zu ihm gesprochen hatte, für seine +Anteilnahme, aber schließlich sprach er sich aus: Schön ist dieser +Beruf, nur zu sehr vom Zufall abhängig. Seiner gewaltigen Verantwortung +entspricht höchst selten die nötige Freiheit der Persönlichkeit. + +Dennoch zog Kaspar mit ehrlichem Bedauern nach seiner Rückkehr in die +Garnison den ihm liebgewordenen bunten Rock mit den blitzenden Tressen +aus und stürzte sich mit einem Eifer in seine Studien, als suche er +Vergessenheit. + +Das Londoner Magdalenchen fand er nicht mehr vor; es war im Strudel des +Lebens spurlos untergetaucht. + +Das letzte Zeichen war ein kleiner Zettel in seiner Kassette. Auf dem +stand: »Ich weiß, ich habe Dir geraubt, was ich selbst nicht mehr +besaß. Aber sei überzeugt, Du mein einzig und wahrhaft Geliebter, ich +hätte es Dir tausendfach geopfert, wenn ichs besessen hätte. Vergiß +mich, ich war Deiner nicht wert, Du sollst mich nie wiedersehn. +Irmgard.« + +In trostlosem Weh schüttelte Kaspar das Haupt. Er hatte in einer +einsamen Manövernacht sich zu dem Entschluß durchgerungen, sein Unrecht +an Irmgard wieder gut zu machen -- es koste, was es wolle, und nun +hatte sie ihm jede Möglichkeit dazu absichtlich genommen. Mehr und mehr +schärfte sich in Kaspar das Scham- und Verantwortungsgefühl gegenüber +dem Weibe, und so bewahrte ihn diese erste Torheit vor weiterem +Leichtsinn. + + + + +Drittes Kapitel + +Charlotte + + +Hans Sebalt hatte das Kneipenleben gründlich satt und saß jetzt fast +Abend für Abend über seiner Doktorarbeit. Um sich irgendeine Anregung +oder Zerstreuung zu gönnen, ging er gelegentlich ins Theater. + +Das war kostspielig, aber Herr Geheimrat Volpelius hatte ihm längst +schon vom Kapital senden müssen und hatte es anstandslos mit wenigen +höflichen Worten getan. + +Überdies stand für Sebalt die Promotion in Sicht, und bei den teuren +Experimenten war mit 100 Mark im Monat vollends nicht auszukommen, wenn +Sebalt nicht leben wollte wie der sparsame Musterknabe Kaspar, der +spazieren lief oder turnte anstatt zu kneipen, und öffentliche Vorträge +oder politische Versammlungen besuchte anstatt Konzerte und Theater. + +Von seinem Jugendfreunde hörte Hans Sebalt immer wunderlichere Dinge: +jetzt war der selbstlose Biedermann gar mit seinen zwei armen +Zwillingsvettern aus Ingelbach zusammengezogen und hielt mit dem einen +Zwilling, der ein leidliches Gehalt als Buchhalter bezog, den andern, +der auf der Akademie studierte, mühsam über Wasser. + +Das fidele Hungertriumvirat, das, ausgerechnet gegenüber dem +Hauptpolizeigebäude, seine Behausung gewählt hatte, nannte sich seitdem +übermütigerweise »+Collegium Mugonianum+« wohl nach der +Pinus +Mugo+, dem Knieholz. + +Höchst töricht und unwissenschaftlich, dachte Sebalt, denn Mugo war, +-- aller Wahrscheinlichkeit nach -- ein italienischer Zuname; aber +die drei Krumbhöltzer hielten es sicher mit Goethes Proteus: »je +wunderlicher, desto respektabler«. Bei einem zufälligen, übrigens +vergeblichen Besuch fand Hans Sebalt sogar ein großes Schild an die Tür +gezweckt mit dem Biertitel »+Collegium Mugonianum+«. »Eigenartiges +Vergnügen!« brummte der Doctorandus und zog kopfschüttelnd wieder von +dannen. + + * * * * * + +Eines Sonntag nachmittags saß Hans Sebalt in der billigen +Theatervorstellung einer kleineren Vorstadtbühne. Er war lediglich des +Stücks wegen hingegangen, die Truppe war nicht berühmt. + +Das Drama hieß »Frühlingssturm« und hatte einen Schulkameraden aus +Bethel zum Verfasser, der unlängst auch in Leipzig seinen Doktor +gemacht hatte. Sebalt hatte ihn nur einmal flüchtig gesehen; fand +den Dichter aber wenig interessant im Gegensatz zu seinem Stück, das +einigermaßen pikant zu werden schien. + +Die ersten Akte hatten nicht viel davon ahnen lassen, waren auch nicht +gerade spannend, wennschon der Theologenkonflikt mit seinem Gegensatz +zwischen Alt und Jung Sebalt interessierte; nur die Hauptperson, ein +unleidlicher Backfisch, war zu dumm und sentimental geraten. Endlich +kam die heimliche Geliebte des jungen Zweiflers auf die Bühne -- da war +schon eher Mumm drin! + +Und bitte! Wer spielte denn? Diese Stimme kannte er doch! + +Hans Sebalt faßte sich an die Stirn und starrte nach der Bühne. +Teufel, dachte er -- narrte ihn was? War das nicht sie -- das infame +Frauenzimmer -- die schlanke Brünette, die ihn damals in Lindenau so +beleidigt, beim Juwelier so schnöde versetzt hatte? + +Zettel her: Charlotte Schubert -- hm -- jedenfalls kein Bühnenname -- +zu simpel -- eigentlich zu dumm für diese -- na -- aber sie kann etwas! +Donnerwetter, wie sie sich den schlappen Kerl von Liebhaber vornimmt +und nun den Alten, heidi -- das sitzt! Menschenskind -- das Abtrumpfen +hat sie los -- das ist ihre Natur -- so ähnlich gings ihm damals an +der Straßenecke. Und jetzt wieder diese wilde Verzweiflung -- Töne -- +so echt -- prachtvoll! + +Hans Sebalt erbat sich von einem Nachbarn das Glas -- und richtig, das +war das verteufelt schöne, fast eherne Sphinxgesicht mit der schwarzen +Haarkrone. Nun wollte er sie erobern, es mochte biegen oder brechen! + +Von da an hatte Sebalt keine ruhige Minute mehr, auch die Doktorarbeit +trat zeitweise ganz in den Hintergrund. Vor allem wollte er diesmal so +klug zu Werke gehn, daß ihm eine abermalige Zurückweisung unmöglich +gemacht wurde. + +Bald hatte Sebalt alles Nötige ausbaldowert: Sie wohnte allein, +ärmlich; Gage sehr mäßig; Rollen zweite Garnitur; trotz Talent und +guter Kritik Aussichten gleich Null. Es fehlte ein kluger Manager. + +Aha, rechnete Hans, jetzt werden meine Chancen schon steigen; ich +werde den Theaterhabitué spielen -- schnobrig -- nobel -- kann mirs +ja schließlich leisten. Ich könnte ihr vielleicht helfen -- aber erst +warte, mein Püppchen! Erst wollen wir dich mal zahm kriegen! Du sollst +Hans Sebalt nicht umsonst bis zum äußersten gebracht haben. + + * * * * * + +Bei einer der nächsten Sonntagnachmittagaufführungen erhielt Charlotte +Schubert ein schönes Bukett mit einer Karte, auf der die rätselvollen +Worte standen: »Dank für den Tort in Lindenau! S.« + +Acht Tage darauf kam ein prächtiger Lorbeerkranz, der ihr beim Publikum +sehr zustatten kam, mit den Worten: »Dank für die Schmach vorm +Juwelier! S.« + +Unterdessen hatte Sebalt, der beobachtet hatte, daß die Schauspieler +nachher noch im Keller des Restaurants zusammensaßen, sich bereits dem +Direktor und einigen Acteurs vorstellen lassen und sich mit ein bißchen +dickaufgetragenem Lob lieb Kind gemacht. + +An jenem Abend lobte er namentlich das Fräulein Schubert und ließ sich +ihr nach dem Lorbeerkranz im Kreise ihrer Kollegen vorstellen. + +Fräulein Charlotte war sehr zuvorkommend und Sebalt ganz Grand +Seigneur. + +Er hatte sich extra eine neue Weste und eine modische, dünne Goldkette +für seinen Triumphabend gekauft, hatte diese höchst schick von einer +Westentasche zur andern durch das zweitoberste Knopfloch gezogen und +merkte mit einiger Genugtuung, daß er von den armen Histrionen für +einen Mann mit respektablem Einkommen und noblen Passionen gehalten +wurde. + +Gegen Mitternacht erfüllte sich sein sehnlichster Wunsch, Fräulein +Charlotte nach Hause begleiten zu dürfen. Sie hatte einen weiten Weg, +wenn sie nicht durchs düstere Rosental gehen wollte. + +Mit neckischer Schalkhaftigkeit, die allerdings etwas Gemachtes und +auch etwas Gedemütigtes an sich hatte, meinte sie beim Fortgehen: +»Schade, daß ich Ihren schönen Lorbeerkranz nicht gleich mitnehmen +kann, aber ich lasse das kostbare Geschenk mir morgen früh holen.« + +»Also wird es dem Lorbeerkranz besser ergehen,« spöttelte Sebalt, »wie +seinerzeit der Perlenbrosche.« + +Die stolze Charlotte zuckte leise zusammen unter diesem Hieb. Wie +geduckt ging sie neben dem eleganten Kavalier und stammelte nur ein +wenig verwirrt: + +»Verzeihen Sie, das war damals nicht recht von mir. Aber wenn Sie alles +wüßten -- ach wozu -- reden wir von was anderm. Wie hat Ihnen das Stück +gefallen?« + +Mit wirklicher Sachkenntnis und ätzendem Sarkasmus äußerte sich der in +der neueren Literatur recht gut versierte Sebalt über das Stück, über +den Autor, sprach auch gescheit über die Rollen und ihre verschiedenen +Chancen; insonderheit unterzog er die Auffassungsmöglichkeiten der +Rolle Charlottens einer ganz geistreichen Untersuchung. + +Charlotte sah ein paarmal ihren Begleiter, der beide Hände straff +in die Überziehertaschen geschoben hatte und etwas blasiert, doch +überzeugt vor sich hinsprach, verwundert von der Seite an. + +Dann sagte sie lächelnd: »Wenn ich jetzt nicht solchen Respekt vor +Ihrer Weisheit hätte, möchte ich übermütig zitieren: ›Wie hast du dir +verändert‹ -- so aber will ich nur hübsch gesetzt bemerken: Wenn Sie +früher so gesprochen hätten und nicht so völlig anders, Herr Sebalt, +dann wären wir wohl eher und besser bekannt miteinander geworden.« + +Sebalt sagte eisig: »Nur immer hübsch langsam mit die jungen Pferde, +meine Gnädigste! Wer langsam fährt, kommt auch nach Halle.« + +Charlotte ärgerte sich sichtlich und schwieg. + +Als Sebalt wie selbstverständlich ins Rosental einbog, zuckte sie einen +Moment zurück, folgte dann aber gehorsam wie eine gebändigte Löwin +ihrem Dompteur. + +»Fürchten sich wohl, meine Gnädigste,« spottete der Begleiter, »der Weg +ist kürzer -- übrigens Ihnen ja auch einigermaßen bekannt, und unter +meiner Bedeckung passiert Ihnen nichts.« + +»Jawohl,« gab Charlotte bitter zurück, »wer den Henker zum Gesellen +hat, braucht für den Strick nicht zu sorgen.« + +»Soll das etwa heißen, daß Sie erwarten, von mir attakiert zu werden? +Nee, Verehrteste, da seien Sie totenruhig! Vor mir sind Sie seit der +Broschenaffäre sicher; nicht ein Haar von ihrem übrigens prächtigen +Schopf soll Ihnen gekrümmt werden.« + +Charlotte ging schweigend neben dem jetzt ebenfalls hartnäckig +schweigenden Weggesellen durch das Dunkel des im Novembersturm +heulenden Waldes, das nur wenige flackernde Laternen hie und da mühsam +erhellten. + +Sebalt reichte der unsicher Schreitenden nicht den Arm, sagte nur +einmal, als sie ein wenig strauchelte, ironisch: »Wollen doch nicht +Traviata spielen?« + +Da blieb Charlotte empört stehen und rief Sebalt zu: »Was wollen Sie +eigentlich von mir, Sie werden mir nachgerade unheimlich!« + +»Wie Sie mir vor Jahr und Tag! -- Was ich will -- nur meine Rache kalt +genießen, Sie ein wenig verachten, meine Gnädigste, weil ich Sie früher +zu viel verehrt habe.« + +»Wenn Sie das wirklich getan hätten --« + +»Bitte, habe ich Ihnen den zahlenmäßigen Beweis, den Sie so +geschmackvoll forderten, nicht +stante pede+ damals angetreten? +65 Mark die kleine Dummheit, eigentlich für nen Studenten ein bißchen +teures Angebinde, meinen Sie nicht, Gnädigste? Und dann noch für die +Katz! Schade!« + +»Mein Gott ja, es war wirklich sehr unrecht von mir. Ich habe Sie ja +schon um Verzeihung gebeten, Herr Sebalt. Und glauben Sie mir, es +war auch nur ein verrückter Einfall, der mir plötzlich meiner gar zu +unwürdig vorkam, und da bin ich eben voll Schrecken davongelaufen. Also +kommen Sie, seien Sie gut, geben Sie mir jetzt Ihren Arm, und ich will +Ihnen alles offen gestehen.« + +»Welche Ehre, meine Gnädigste,« hüstelte Sebalt preziös und reichte den +rechten Arm. + +»Lassen Sie doch endlich das fade Getue und das ewige Gnädigste. Es +glaubt Ihnen ja doch keiner, daß Sie son Laff sind, wie Sie vorgeben. +Also nun hören Sie. Ich war schon in Monplaisir Schauspielelevin; +wir probten da im Saal immer nachmittags. Ich hatte seinerzeit große +Rosinen im Kopf, wie die meisten von uns am Anfang. Unter ner Duse tun +wirs nicht in unsern Erstlingsträumen. Ein wenig Erbteil hatte ich +damals noch, ein leidliches Äußere doch auch, sogar nach dem Urteil +eines gewissen Herrn, der mir immer nachmittags nachstieg. Na kurz +und gut, als ich in Lindenau das erste Mal öffentlich auftrat -- an +jenem Abend wollte ich nur die Akustik im gefüllten Saal prüfen -- da +hing mein Himmel voller Geigen. Dann aber kams anders. Ich spielte +und spielte, kein Hahn und kein Agent krähten nach mir, obwohl das +Publikum immer Beifall spendete und die Kritik stets wohlwollend war. +Ich ging in die Vollen, ich ließ mir Toiletten machen, ließ mir Buketts +spenden, lachen Sie nicht -- es ist mir bitter genug gewesen. Alles +war verlorne Liebesmüh; nur Verehrer, die waren hinter mir her wie +die Teufel hinter ner armen Seele. Damals ging mein Restchen Vermögen +zu Ende, und ich rang bitterlich mit mir, ob ich kapitulieren sollte, +wie so viele Größere vor mir auch in blutiger Not, nur um sich der +geliebten Kunst zu erhalten. In jener Seelennot, Herr Sebalt, stießen +Sie auf mich. Das war an dem bösen Abend vor dem Juwelierladen. Erst +flog mir durch den Kopf -- kapituliere! Dann kam plötzlich die Scham +vor mir selbst, und in bittrem Hohn -- ja mit Undank und Niedertracht +zahlte ich Ihnen für Ihre Neigung, für Ihr vielleicht ehrliches Opfer. +-- -- So, da haben Sie meine Beichte, ohne Schminke und ohne Scham! +Wollen Sie nun aufhören, mich zu peinigen und mir endlich Absolution +erteilen, ein- für allemal!« + +Hans Sebalt war es eigen zumut. Er fühlte, er war mehr ergriffen von +dem schlichten Leidensbericht, als er sich gestehen mochte. + +Und doch schwankte er, ob er nicht zu viel Trümpfe aus der Hand gäbe, +wenn er jetzt schon den ganz Versöhnten spielen würde. + +So sagte er nur unwirsch und doch fast tonlos vor verhaltener Bewegung: +»Narrenhaus -- diese Welt -- man tanzt aneinander vorbei, wenn man sich +am nötigsten braucht.« + +»Was meinen Sie damit,« fragte Charlotte beunruhigt. + +»Bitte, beantworten Sie mir erst eine Frage, die ich mir sicher nicht +erlauben würde, wenn -- nun ja, ich will auch ehrlich sein -- wenn ich +Sie nicht ehedem so wahnsinnig geliebt hätte.« + +»Ich weiß schon, was Sie fragen wollen. Erst eine Gegenfrage: Haben Sie +mal meine Mila im Frühlingssturm gesehen?« + +»Ja, sie war das Erste und -- gestatten Sie -- das Beste von Ihnen!« + +»Nun also! Und glauben Sie, daß eine Non Traviata, oder sagen wir doch +lieber richtiger eine, die ihrem Götzen von Beruf nicht alles -- auch +das letzte -- hingeopfert hätte, so spielen könnte?« + +»Nein, ich dachte mirs,« antwortete Sebalt tief ergriffen. + +»Und sehen Sie,« rief er dann schmerzlich, »hätten Sie mich damals +nicht brauchen können? Ich hätte keinen so hohen Preis gefordert, wie +vielleicht ein anderer -- ich -- ich liebte Sie redlich.« + +»Und heute fordern Sie ihn auch, weil Sie mich nicht mehr lieben, +sondern nur, weil Sie sich noch in Ihrer Rache sonnen wollen.« + +»Ich fordere nichts, aber auch gar nichts mehr!« + +»So -- und warum nicht? Bin ich Ihnen selbst zur Rache zu schlecht?« + +»Nein, Charlotte, dazu sind Sie mir nach Ihrem Geständnis noch immer +viel zu gut! Nur -- ich verlange heute nach beiden nicht mehr -- wie +damals! Ja -- damals schrie ich wohl nach Ihrer Liebe und dann -- dann +glühte ich vor Haß.« + +»Und vergaßen mich am Ende -- trotz oder vielleicht wegen der teuren +Brosche?« + +»Nein,« sagte Hans mit plötzlich erwachter Leidenschaft, »nun sollen +auch Sie alles wissen! Die Brosche -- die warf ich einer andern zu, +der ich mein Bestes verschenkt hatte -- warum -- weil sie Ihnen +ähnlich sah! -- So, nun habe ich gebeichtet und bitte um die gleiche +Sündenvergebung, liebe Beichtigerin.« + +Charlotte sagte kein Wort. In tiefer Bewegung gingen die beiden bis zu +der unfernen kleinen Parterrewohnung der Schauspielerin. + +Als diese ihre Haustür aufgeschlossen hatte und Hans sich verabschieden +wollte, sagte Charlotte leise: »Kommen Sie herein, Herr Sebalt, ich bin +Ihnen viel schuldig geworden und will meine Schulden bezahlen.« + +Da umfaßte Hans Sebalt das schöne, ehedem so bitter gehaßte Weib in +wilder, glückseliger Liebe, und mit verzehrender Glut wurden seine +stürmischen Küsse erwidert. + + + + +Viertes Kapitel + +Auseinander + + +Kaspar Krumbholtz drang tiefer und tiefer in den Geist der modernen +wissenschaftlichen Forschung ein und söhnte sich auch mit der ihm +ehemals so unsympathischen historisch-kritischen Methode aus. + +Nach und nach merkte er eben, daß seine Abneigung nicht eigentlich in +der freilich oft alexandrinisch übertriebenen Buchstabentiftelei der +Philologen, auch nicht in der spezialistischen Kleinkram bisweilen +überschätzenden Einseitigkeit der Historiker ihren letzten Grund hatte, +sondern in dem Unwillen seines autoritätfrommen Gemüts, das gegen das +Experiment am ungeeigneten Objekt Verwahrung einlegte. + +Dieselbe Methode, die ihn bei der Bibelforschung so oft innerlich +verletzt hatte, erschien ihm beim Nibelungenlied oder bei den Quellen +der Reformationsgeschichte durchaus anziehend, notwendig und fast +selbstverständlich. + +Noch immer zog es jedoch Kaspar in die Weite; immer noch wuchs die +Zahl der Fächer, in denen, wenigstens einigermaßen orientiert zu sein, +ihm notwendig erschien. + +Von der Philosophie kam er zu der Ästhetik und Pädagogik, die ihm, +dem Mann der Praxis, allerdings wenig Neues sagen konnte. Die +Nationalökonomie, seine erste Liebe, ließ ihn so wenig wieder los +wie das Interesse für Politik, und beide führten ihn eines Tages zur +Soziologie und zur Geographie. Von der Geschichte und deren wenig +interessanten Hilfswissenschaften drängte es ihn rasch weiter zur +Archäologie und zur Kunstgeschichte. + +Er ging in die Museen und lernte in peripathetischen Übungen ganz neu +sehen und vergleichen. + +Von der Germanistik trieb es ihn nach und nach zur modernen +Literaturgeschichte und aus den Kollegs unwillkürlich in die Theater +und die Leihbibliotheken. + +Vieles in der neusten Literatur verstand er zunächst gar nicht, da +er von Haus aus kaum die Klassiker einigermaßen beherrschte; nur +Liliencron berauschte ihn wie junger Most. Erst über Hebbel, Keller, +Anzengruber, Raabe und die Ebner-Eschenbach fand er langsam den Weg zu +Tolstoi, Ibsen und Hauptmann, während Zola ihm nicht viel zu bieten +vermochte. + +Der Dichterphilosoph Nietzsche verwirrte Kaspar anfangs gewaltig, um +ihn dann um so klarer zu machen. Aus seinem niedergeschlagenen Schüler +ward er nach und nach sein fröhlicher Gegner; aber er dankte ihm ein +Stahlbad. + +Aus Zufall geriet Kaspar in eine sehr besuchte Vorlesung über +Psychiatrie, und sie fesselte ihn bald so sehr, daß er zwei Semester +hindurch in keiner Vorlesung dieses Fachs fehlte. Das trug ihm +für das Verständnis der modernen, teilweise recht pathologisch +durchsetzten Literatur viel aus, und auch für seine tiefgehenden +Erziehungsinteressen fand er hier wie in den lebensvollen, +anschauungsreichen Vorlesungen eines fast sokratischen Psychologen weit +mehr Nahrung und Anregungen als in denen der eigentlichen Pädagogik. + +Je weiter jedoch die Kreise Kaspars wurden, um so schwieriger wollte +es ihm dünken, sich nach und nach zurückzukonzentrieren auf irgendein +praktisches Brotfachstudium. Was die Mehrzahl seiner Kommilitonen zu +früh und zu sehr tat, tat Kaspar zu spät. Manchmal wollte es ihm schier +unmöglich erscheinen, auf das herrliche Ausgreifen nach allen Seiten zu +verzichten. + +Hans Sebalt war längst mit höchstem Lobe zum Doktor promoviert und +traf bereits neue Vorbereitungen für ein Werk, das ihm vielleicht als +Habilitationsschrift dienen konnte. + +Der langsame Kaspar dagegen suchte und suchte und fand und fand so +vieles und so gewaltiges, daß ihm alles eigne Schaffen demgegenüber als +ein von vornherein aussichtsloses, mindestens wertloses Unterfangen +erscheinen wollte. + +Wenn ihm jemals etwas gelingen könnte, so dachte und hoffte Kaspar +mitunter, dann wäre es nur die Reproduktion, die Projektion dieser +reichen Welt von neuen Anschauungen, Ergebnissen und Zielen auf die +Seelen anderer, am liebsten der heranwachsenden Generation, der ein +kundiger Führer in einer so überallhin vorwärtsdrängenden, wirbelnden +Zeit vielleicht fruchtlose Kämpfe und endlose Umwege ersparen könnte. + +Aber einer der Professoren setzte Kaspar auseinander, daß nur die +Erfahrung an einigen eigenen Schöpfungen den vollen Respekt vor +den Leistungen anderer und Größerer zeitigen könne, und daß die +notgedrungene Konzentration, vielleicht auch unter dem bittersten +Verzicht, vom berauschenden Genuß des Empfangens zur schmerzvollen +Geburt der Tat führen müsse, wenn anders der Genuß -- auch in der +Wissenschaft -- seine sittliche Berechtigung haben solle. + +Und so ließ sich Kaspar nach etlichen Semestern seine Examenarbeiten +geben, obwohl Ursemi ihm in ihren Briefen zusetzte, er solle erst +einmal wie Hans Sebalt den Doktortitel erwerben. + +Kaspar lächelte wehmütig über diesen Wunsch. + +Verriet er ihm doch leise, daß Ursemi noch immer nicht ganz begriffen +hatte, daß er ihr nie mehr, aber auch nie weniger sein wollte -- und +jetzt gar nicht mehr sein durfte -- als ein treuer Bruder. + + * * * * * + +In Reda hatte sich äußerlich nicht viel verändert seit dem Tode Wilhelm +Winklers. + +Die Werke wurden von den erprobten Direktoren, Beamten und Arbeitern +im Sinne des Mannes weitergeführt, der ihnen durch eine hochherzige +Testamentbestimmung einen je nach dem Dienstalter steigenden, +schließlich sehr hohen Gewinnanteil gesichert hatte. + +Der Hauptertrag stand der Winklerstiftung zu, die von einem erlauchten +Sechserkonsortium verwaltet, das halb aus bekannten Gelehrten und halb +aus unabhängigen Laien bestand, und vom Geheimrat Volpelius, einem +früheren Verwaltungsbeamten, geleitet wurde. + +Ein kleiner Teil der Gelder wurde zu Stipendien für junge unbemittelte +Forscher oder zur Unterstützung für begabte Schriftsteller und sonstige +geistig oder künstlerisch aufstrebende Männer verwandt, die ihrem Volke +mit der Zeit zu Führern zu reifen versprachen. + +Das Hauptziel der Winkler-Stiftung sollte jedoch die Gründung +einer großen nationalen Erziehungsanstalt sein, in der eine von +Staatsvorschriften und Traditionsdruck freie Jugend heranwachsen +konnte, für die charakterliche Erziehung zur Selbständigkeit und eine +individuelle, zeitgemäße und doch harmonische Bildung das oberste Ziel +sein sollten. Einzelbestimmungen fehlten vor der Hand, nur sollte +jegliches Examen völlig ausgeschlossen sein. Das zur Zeit leider noch +notwendige Übel der Einjährig-Freiwilligen Prüfung sollte darum -- wenn +irgend möglich -- hinter den Knaben liegen. + +Im übrigen standen naturgemäß die Vorbereitungen für das große, ebenso +schwierige wie kostspielige Hauptwerk, für das einstweilen jedes +Jahr die Hälfte des Reingewinns zurückgelegt werden mußte, noch im +weiten Felde. Volpelius und seine sechs Berater arbeiteten jedoch mit +rastlosem Eifer. + + * * * * * + +Frau Winkler wohnte mit ihrer Tochter wie bisher den größten Teil des +Jahres in der behaglichen Redaer Villa inmitten ihres lieblichen Parks, +an den die ausgedehnten Waldbesitzungen der Damen sich anschlossen. + +Ihre Güter wie die Forstverwaltung unterstanden einem bewährten +Generaldirektor, der mit der gern auch fürs Kleinste selbst sorgenden +Frau Winkler freilich weniger gut fuhr als ehedem mit ihrem +großzügigen Manne. + +Es kam mitunter zu allerlei Mißverständnissen und heftigen +Auseinandersetzungen, bei denen Ursemi ihre früher so stille, +gutmütige, sonst so leicht befriedigte Mutter kaum wiederzuerkennen +vermochte. Dann griff sie als mündige Mit-, ja Hauptbesitzerin doch +gelegentlich ein und tat es mit der ganzen Ruhe und Überlegenheit ihres +verstorbenen Vaters. + +Das lockere Verhältnis zur Mutter ward jedoch darüber nicht fester +und inniger; denn was sich die kleine runde Frau von ihrem Gemahl +anstandslos, ja dankbar hatte gefallen lassen, das wollte sie der +Tochter durchaus nicht zugestehen. So bildeten sich nach und nach +Verstimmungen, die Ursemi bedrückten und ihr gewisse Fragen, vor allem +die nach einer selbständigen Zukunft, nahelegten. + +Daß es der reichen Erbin an Bewerbern aller Art nicht fehlte, war +selbstverständlich; aber unter all diesen Männern war eigentlich nur +einer, der Ursemi ein gewisses Interesse abnötigte und nicht zum +wenigsten durch seine vornehm kluge Zurückhaltung, und das war Harry +Brosyn. + +Der junge Graf war noch immer und scheinbar mit großem Erfolg in +Westamerika tätig. Er kam dann und wann auf kürzeren Besuch zu seinem +Vater, den er jedoch noch immer reichlich kühl als »Firma Brosyn +senior« betrachtete. Zweimal sprach er flüchtig in Reda vor, schien +jedoch keine Lust zu haben, sich einen zweiten Korb zu holen. + +Ursemis Herz hing in alter Anhänglichkeit, in einer vielleicht mehr +kameradschaftlich herkömmlichen als bewußt leidenschaftlichen Liebe +unverändert an ihrem getreuen Kaspar. Aber er machte ihr Sorge. + +In seinen oft allzu peinlich gewissenhaften und darum etwas nüchternen +Berichtbriefen verriet er mehr und mehr, daß er in dem berauschend +gewaltigen Meer der Wissenschaft unterzutauchen Gefahr lief, freilich +nicht als zielbewußter Taucher, sondern als ermatteter, ins Treiben +geratener Schwimmer. + +Ursemi las ihm gelegentlich die Leviten, hielt ihm -- zwar gegen ihre +innerste Überzeugung -- den erfolgreicheren Streber Sebalt vor, verriet +schließlich deutlich, daß sie stolz auf ihren Kaspar zu bleiben und +noch mehr zu werden wünsche -- es half wenig! + +Kaspar wich erst aus, führte dann -- ganz gegen seine Gewohnheit -- +seine Vorarbeiten zum Staatsexamen beruhigend ins Treffen; aber von +jeder tieferen Ahnung der geheimsten Sorgen und Wünsche Ursemis war +er weiter entfernt denn je. Nicht eine letzte, noch so leise Spur der +Engadiner Gefühlsaufwallung schien in seinem Innern vorhanden zu sein. + +Sollte ein anderes Mädchen in den Kreis seiner Seele getreten sein? +Oder ging Kaspar vielleicht gar zu sehr in seiner behaglichen +Zwillingsvetterei auf? Freundschaft ging ihm von jeher über Liebe. +Hatte er sich irgendwie verloren? + +Ursemi machte sich in ihrer völligen Einsamkeit immer unruhigere +Gedanken. Mit der Mutter konnte sie über dergleichen nicht reden. +Vollends seit Sebalt seinen Doktor gemacht, spöttelte, neckte und +stichelte Frau Winkler ihre Tochter öfter wegen ihres Verzugs, des +langsamen und faulen Kaspars. + +Ursemi schwieg dazu; sie war unsicher, sie sah nicht mehr klar; sie +fühlte nur dumpf aus Kaspars oft recht unpersönlichen Briefen, daß doch +irgend etwas zwischen sie und den ihr unentbehrlichen Freund getreten +sein müsse. Und so beschloß sie, sobald wie möglich sich selbst zu +überzeugen, was aus Kaspar geworden sei. + +Ein unauffälliger Anlaß zur Reise nach Leipzig fand sich zum Glück +bald, da Frau Winkler, die in letzter Zeit auch recht um sich selbst +und nicht mehr nur für andere zu sorgen pflegte und ein wenig +hypochondrisch geworden war, einen berühmten Spezialarzt in Leipzig zu +konsultieren wünschte. + +So trafen denn die Winklerschen Damen eines Tages auf dem Dresdner +Bahnhof zu Leipzig ein, empfangen von +Dr.+ Sebalt und Kaspar +Krumbholtz. + + * * * * * + +Um Kaspar eine Freude zu machen, hatte Ursemi bei Geheimrat Volpelius +kurz zuvor ein Reisestipendium der Winkler-Stiftung für Kaspars armen +Vetter, der die Leipziger Akademie besuchte, ausgewirkt und teilte ihm +nun diese Nachricht mit. + +Kaspar war glückselig und stürzte sofort davon und holte den +Zwillingsvetter herbei, den Ursemi nach seinem verlegen gestammelten +Dank sofort für einen echten Krumbholtz erklärte. + ++Dr.+ Sebalt, jetzt wirklich eine weltmännisch elegante +Erscheinung, machte in erster Linie seiner Gönnerin, Frau Winkler, in +galantester Weise die Honneurs; während sich Ursemi von den weniger +eleganten Vettern Krumbholtz mit froher Laune die Sehenswürdigkeiten +Leipzigs zeigen ließ. + +Auch Kollegs mußte sie bei Kaspars Lieblingsprofessoren hören und das +dafür besonders aufgeräumte und bescheiden geschmückte +Collegium +Mugonianum+ mit ihrem Besuche beehren. Hier überreichte ihr der +Vetter Akademiker sogar ein künstlerisch entworfenes Patent, das Ursemi +zum Ehrenmitgliede des »hochwohllöblichen +Collegium Mugonianum +vis-à-vis+ der königlichen Polizei« ernannte. + +Dann mußte Ursemi auf dem kleinen, schäbigen, jetzt freilich mit einer +weißen Häkelarbeit der Wirtin schämig verzierten Sofa Platz nehmen +und ein Frühstück genehmigen, zu dem auch der andere Zwilling unter +dem Vorwand eines wichtigen Geschäftsganges sich einstellte, um dem +fürstlichen Besuch des hohen Kollegs seine Aufwartung zu machen. + +In harmlos ausgelassener Fröhlichkeit feierte man das Ehrenmitglied und +den glücklichen Besitzer des Reisestipendiums, der nun -- als sei mit +einem Male der Knoten geplatzt -- von launiger Beredsamkeit überfloß +und drollig den kecksten Streich des Kollegs erzählte: wie einmal +die freundnachbarliche Polizei wegen ruhestörenden Lärms ihnen drei +Schutzleute herüber geschickt habe, die dann fröhlich mit pokuliert und +spektakelt hätten, und wie sie -- die drei Vettern -- tags darauf wegen +Lärms auf der Polizei sich bei der Polizei selber beschwert und dann +dort ebenfalls fidel einen guten Tropfen auf dem Wachlokal getrunken +hätten. + +Auch die lustigen kleinen Mädelgeschichten des vergnüglichen Kollegs, +auf die Ursemi diplomatisch anspielte, wurden ohne Zaudern aufgetischt. +Mit köstlicher Laune berichtete der junge Kaufmann: wie das hohe +Kollegium mit seinen Damen, drei niedlichen Vorstadtkinderchen, zwei +blonden Schwestern und ihrer brünetten Cousine, Miß, Fröle und +Signorina genannt, des Sonntags gelegentlich einen Spaziergang oder +ein Tänzchen gemacht, wie man sich allerlei kleine, frugale Soupers +ausgerichtet, wie man den Mädchen zu Weihnachten neue Hütchen beschert, +wie ihnen der Akademiker kunstgerecht einige Kostüme entworfen hatte -- +und was dergleichen kameradschaftliche Gefälligkeiten mehr waren. + +Ursemi fühlte bald heraus: da handelte es sich keinesfalls um +tiefgehende Liebesaffären! Von Miß, Fröle oder Signorina war nichts zu +befürchten. + +Bei Kaspar mußte jedenfalls etwas ganz anderes vorliegen, was tiefer +saß. + +Und so forschte die kluge Tochter Wilhelm Winklers weiter in redlicher +Sorge um Kaspar, bis sie ihn eines Abends im Hotel Hauffe zu einer +Unterredung nötigte, während Sebalt mit seiner verehrten Gönnerin +im Stadttheater saß und ihr die vielen Feinheiten im Spiel seiner +Freundin, der jetzt dank seiner Bemühungen und ihres entfalteten +Talents so berühmten Charlotte Frémont, geistreich auseinandersetzte. + + * * * * * + +Ursemi hatte Kaspar das Kistchen Zigarren und den Aschenbecher +hingeschoben, dann setzte sie sich wie zum behaglichen Schwatz in +den geräumigen Ledersessel ihm gegenüber und begann im harmlosen +Plauderton, während sie mit dem übergeschlagenen Fuße leise wippte und +Kaspars blauen Rauchwolken nachschaute: + +»Ich finde, es lebt sich wirklich famos in diesem grauen, +hochgiebeligen Buchhändlernest. Unternehmende Kaufleute, gescheite +Professoren, Musiker und Bildhauer, die was können, und kleine, nette +Mädels die Hülle und Fülle! Ich wäre hier auch ganz gern Student und +verstehe, daß du es möglichst lange bleiben willst.« + +Aha, dachte Kaspar, dort willst du hinaus, und lächelte still in sich +hinein, als Ursemi möglichst unbefangen fortfuhr: + +»Ich glaube, du erwartest nun von mir eine Wiederholung allerlei +redlicher Vorhaltungen aus meinen Briefen? Nee, mein alter Junge, da +schneidest du dich. Um dich ist mir jetzt weit weniger bange als -- +um mich. Das wundert dich -- nun ja, es will auch recht verstanden +und vielleicht erklärt sein, und darum ist es mir lieb, mal so in +ungestörter Ruhe mit dir von Mund zu Mund etwas zu erörtern, was sich +schwer oder nur sehr gewunden schreiben läßt. Du weißt, daß ich leider +zu Mama nie in ein so inniges Verhältnis kommen konnte wie zu Vater. +Jetzt bin ich auf Mama weit mehr angewiesen als früher, und doch ist +unser Verhältnis kühler geworden als früher. Vater fehlt mir unendlich. +Und auch der liebe, vornehme Volpelius kann ihn mir nicht ersetzen. +Um so eher erwartete ich das mit der Zeit von dem andern Freunde, den +mir Vater vermacht hat. Aber -- ich kann mir nicht helfen -- auch der +beginnt zu versagen. Seine Briefe werden nüchterner, geschäftsmäßiger; +sie duften mitunter nach Pflicht, und dieser Duft ist mir peinlich, ja +oft beängstigend; er versetzt mir bisweilen den Atem wie der Moderduft +alter Scharteken oder vergilbter Friedhofskränze. Ja, schüttle nur +überlegen das trotzige Haupt, mir machst du nichts vor, und ich will +keine Unklarheiten, keine Halbheiten zwischen uns. Also schenk mir mal +ruhig reinen Wein ein, warum du nicht mehr der Alte bist. Du weißt, ich +bin kein zimperliches Frauenzimmer. Du brauchst weder mich noch, falls +es notwendig sein sollte, dich zu schonen.« + +Kaspar rückte unruhig hin und her, als suche er nach einem passenden +Anfang, endlich sagte er stockend: »Ich weiß, Ursemi, ich bin nicht +viel wert und entspreche jedenfalls den Anforderungen, die du an einen +brüderlichen Freund stellen kannst, zurzeit gar nicht. Aber das hängt +mit meiner Entwickelung zusammen, die in diesen Jahren so gewaltsam +in neue Bahnen drängte, daß ich alle Kraft daran setzen mußte, mich +nicht ganz zu verlieren. In solchen kritischen Zeiten, Ursemi, ist +man nicht in der Lage, anderen etwas sein zu können, am wenigsten +einer Persönlichkeit wie dir, die viel sicherer in ihren Schuhen steht +als ich. Jetzt schüttelst du den Kopf und lächelst. Tus auch nicht, +Ursemi. Wir bleiben schon die Alten, hoffe ich, nur die Rollen des +Gebers und Nehmers wechseln manchmal. Wenn dir auch meine Briefe nichts +sein konnten, die deinen waren mir um so mehr. Das soll bei echter +Freundschaft keine Rolle spielen, wer dem andern mehr austrägt. Mein +Debet bei dir ist so wie so hoffnungslos. Vielleicht kann ich dir +später etwas mehr sein, doch erst laß mich wachsen, und das braucht +Zeit bei dieser Sorte Krumbholtz.« + +»Lieber,« erwiderte Ursemi ernsthaft, »versteh mich nicht falsch! Ich +kenne meinen langsamen Kaspar und will ihm gern Zeit lassen, will +auch schweigend warten, bis das Beste in ihm reif geworden -- aber +ich muß genau wissen, woran ich mit ihm bin. Dieser Kaspar hatte von +jeher eine ganz vertrakte Neigung, sich für geringer zu halten, als +er ist, und jedenfalls für weniger, als er mir ist. Er liebte es, zu +Reda und Sils sich wohlerworbene Ansprüche, ja Rechte wegzugrübeln +und wegzudisputieren, die ich ihm mit Stolz und Freude einräumte als +dem Menschen, der mir innerlich näher steht als alle andern, selbst +meine Mutter. Auch jetzt scheint es mir -- wie schon die Briefe es +verrieten -- daß dieser Kaspar wähnt, er könne nur einmal für die +dritte oder vierte Stelle in meinem Herzen in Frage kommen, aber +niemals für die erste. Ruhig sitzengeblieben, alter Freund, und mich +nicht so erschrocken angeschaut! Jawohl, ich habe den Mut, die Dinge +beim rechten Namen zu nennen. Ich bin kein prüdes, kleines Mädel mehr, +sondern ein aufrechter, ausgewachsener Mensch, der auch sogenannte +heikle Dinge mit seinem besten Freund, seinem liebsten Wandergenossen +offen und tapfer besprechen will. Also klipp und klar: Warum schreibst +du nachgerade an mich, als sei ich deine Gouvernante und nicht mehr +deine beste Vertraute? Ist irgend jemand zwischen uns getreten? Ist +dir jemand lieber geworden als ich? Sage es mir ganz ehrlich, Kaspar. +Ich werde es dir nicht verargen und mich darein zu finden suchen. Nur +verbergen darfst du es mir nicht, das bist du mir schuldig.« + +»Das weiß ich, Ursemi,« erwiderte Kaspar schlicht, »und wenn es an dem +wäre, was du vermutest, dann sagte ich es dir sicherlich am ersten. Es +gibt aber wirklich niemand, der mir näher stünde als du. Auf die kleine +Miß brauchst du nicht eifersüchtig zu sein. Und dennoch muß ich an dem +festhalten, was ich früher schon instinktiv empfunden und mir gar nicht +ergrübelt habe, nämlich an der Überzeugung, daß ich dir nie etwas +anderes sein will und darf als dein Freund und Bruder.« + +»Warum nicht?« fragte Ursemi betroffen, »nur gerade heraus, wenns auch +weh tut.« + +»Schon weil das dein Vater nie gewünscht hätte,« antwortete Kaspar ein +wenig unsicher. + +»Woraus schließt du das, Kaspar? Kennst du Vater so schlecht, um nicht +zu wissen, daß er jedem Menschen seine Freiheit ließ, vorab doch wohl +seiner Tochter. Er ist niemals meiner Selbständigkeit zunahe getreten, +dazu war er viel zu klug und viel zu gut. Er wünschte nur, daß ich frei +meiner Neigung folgen solle, wenn dereinst eine Entscheidung an mich +herantritt. Ich fürchte jetzt, diese Entscheidung wird nicht an mich +herantreten, wenigstens nicht von der Seite, von der ich es im stillen +ersehnt und erhofft hätte.« + +Ein dumpfes Schweigen folgte diesen leidenschaftlichen Worten. + +Kaspar fühlte, er mußte darauf antworten, aber ihm graute, weil er dann +schließlich das Schlimmste enthüllen mußte, und das wollte er sich und +Ursemi ersparen. + +Da flog ihm Ursemis schroffe Frage wie ein scharfer Pfeil entgegen: +»Was steht zwischen dir und mir, Kaspar?« + +»Nichts!« antwortete Kaspar verlegen und zuckte hilflos mit den +Achseln. + +Aber Ursemi ließ nicht nach. Von neuem begann sie: »Du bist seit +dem Engadin ein anderer geworden. Ich nicht. Im Gegenteil! Was +damals zart in mir emporkeimte, hat feste Wurzeln geschlagen und ist +stetig gewachsen. Warum ist es bei dir anders, Kaspar? Hast du die +Pflanze etwa absichtlich mit Stumpf und Stil ausgerissen, ehe sie +dir allzu kräftig gedieh? Kaspar, ich bitte dich bei unsrer alten +Jugendfreundschaft, gib mir endlich volle Klarheit. Ich glaube, ich +habe ein Recht dazu.« + +Zaudernd entgegnete Kaspar: »Du hast ein Recht, gewiß, Ursemi; aber +ich bitte dich dringend, verzichte darauf. Ich hänge noch heute mit +derselben Neigung an dir wie zu Sils Maria, Reda und Bethel. Das darfst +du mir schon glauben ohne große Beteuerungen. Nur das eine muß ich +betonen: Es ist mir bis auf diese Stunde niemals der verwegene Gedanke +gekommen, daß du mich jemals würdigen könntest, dir nicht nur der +treuste Freund zu sein, sondern vielleicht auch der liebste und einzige +Lebenskamerad. Ich habe dich wohl trotzdem geliebt, aber zu Unrecht, +nur weil ich meiner Empfindungen nicht Herr wurde.« + +»Kaspar,« frohlockte Ursemi plötzlich dazwischen, »warum willst du +dir und mir nehmen, was uns zukommt? Bist du noch immer derselbe +Bescheidenheitsnarr? Fühlst du denn nicht, daß mich genau dasselbe zu +dir treibt, was dich zu mir riß?« + +Kaspar sprang erregt auf. In seiner Seele raste ein Sturm wildesten +Wehs. Seine breite Brust atmete rascher, seine Züge wurden so finster +und trotzig, daß Ursemi erschrak. + +Auch sie erhob sich jetzt und wollte auf den Geliebten zugehen, doch +wie abwehrend streckte dieser die Arme vor und sagte: »Laß mich erst +ausreden. Nun muß es eben heraus! Und doch, es wird mir so furchtbar +schwer, denn ich weiß, ich muß dir bitter weh tun, und gerade jetzt, wo +ich dir tausendmal lieber alles andere sagte als so Schmerzliches. Ich +will mich nicht entschuldigen, aber vielleicht hätte ich dich und mich +nicht so schmählich vergessen, wenn ich gewußt hätte, daß du mich doch +-- nein, es war auch so schlecht genug, denn ich liebte dich -- kurz +und gut -- ich bin deiner nicht wert! Du darfst mich nicht mehr lieben, +du mußt mich verachten als einen Unwürdigen.« + +Jäh und wie scheu wandte er sich ab. + +Mit einem verwirrten Kopfschütteln sank Ursemi leise in den Sessel +zurück und starrte zu Boden, während Kaspars harte Tritte, ruckweise +den Boden erschütternd, dumpf in dem dichten Wollhaar des großen +Smyrnateppichs verhallten. + +Endlich fand Ursemi die Sprache wieder und sagte versonnen: »Noch sehe +ich nicht klar. Vorhin sagtest du, du hättest niemand lieber als mich, +und jetzt redest du so, daß ich annehmen muß, du hast mich über einer +anderen vergessen. Verzeih, Kaspar, daß ich mich damit nicht zufrieden +gebe. Es geht doch um meine ganze Zukunft, um mein Lebensglück!« + +»Ursemi, Ursemi!« stieß Kaspar jetzt wie verzweifelt heraus, »was +schaff ich dir für Herzeleid! Mein Gott, mein Gott, wie soll ich das +verantworten vor mir und deinem heimgegangenen Vater.« + +»Kaspar,« erwiderte Ursemi sanfter, als es sonst wohl ihre Art war, »er +war ein Mensch, er war mild im Verstehen und nachsichtig im Urteilen. +Ich will seine Tochter sein. Also sage mir vertrauensvoll, wie alles +steht. Vielleicht komme ich darüber hinweg.« + +Schmerzlich schüttelte Kaspar das Haupt und sagte leise: »Nein -- +darüber kann ein Weib so wenig weg wie ein Mann. Und wenn es anginge +-- und es geht ja im Leben oft genug an -- von meiner Ursemi wünschte +ichs nicht einmal. Was ich ihr nicht verzeihen würde, soll sie mir erst +recht nicht verzeihen. Du sollst nicht heruntersteigen zu einem Mann, +der -- kurz gesagt -- nicht mehr ist, wie Mann und Weib sein sollen, +wenn sie einen Bund fürs Leben schließen. Genügt dir das -- verlange +nicht mehr, Ursemi -- es wäre grausam.« + +»Lieber,« sagte Ursemi nach einer langen Pause leise und mit +sichtlicher Bewegung, »ich glaube, ich könnte dir einen jugendlichen +Fehltritt so gut verzeihen wie Millionen andrer Frauen.« + +»Aber ich verzeih ihn mir nicht,« antwortete Kaspar schroff, »denn er +war schwerer, als du ahnst, und ich könnte nicht mit dem steten Gefühl +einer schweren Schuld neben dir leben. Nein, nein!« + +»Kaspar,« warf Ursemi ernst ein, »wir müssen uns alle viel verzeihn. +Wer weiß --« + +»Nein, nein,« beteuerte Kaspar heftig, »es war unverzeihlich! Du weißt +ja nicht alles.« + +»Hast du denn das Mädchen in Schande gebracht? Hast dus verraten?« + +»Nein, das nicht.« + +»Hast du es sehr geliebt, Kaspar?« + +»Eben nicht! Und schon das ist schlimm. Das wäre sogar gemein, wenn +sie mich nicht geliebt hätte. Was sie tat, ist ihre Sache, und die +Frau war nicht schlecht. Aber ich, ich war schlecht, ich habe wirklich +unverzeihlich gehandelt, denn ich -- das ist das Schlimmste -- ich habe +mich vergangen gegen den heiligen Geist der Liebe: Ich habe mich von +meinen erregten Sinnen hinreißen lassen, obwohl mein Herz einer andern +gehörte, denn ich liebte dich -- dich allein und vergaß mich doch! Das +ist ein unauslöschlicher Frevel. Und solch ein Mann ist deiner nicht +würdig. Niemals! Und nun -- laß mich gehn, Ursemi, ich könnte den +Blick deiner Augen nicht länger ertragen. Ich bin ein Schwächling, ein +Elender, ein Undankbarer, und ein solcher darf nie an deiner Seite +stehn!« + +»Das bist du alles nicht,« sagte Ursemi stark, »dazu kenne ich dich +viel zu gut, Kaspar. Du bist nur wieder der Übergewissenhafte, der ein +ganzes Leben lang es büßen will, daß er sich einen Augenblick vergessen +hat, wie das wohl bei jedem Menschen einmal vorkommen kann.« + +»Was bist du gut, Ursemi,« stöhnte Kaspar zu Boden blickend, »ich +ertrage das nicht! Aber das darf mich nicht hindern, zu tun, was ich +tun muß. Ich muß die Folgen meines Frevels wenigstens auf mich nehmen. +Ich darf das liebste Wesen, das ich schnöde verraten habe, nie in meine +Arme schließen, ich könnte es niemals mit reinem Gewissen tun.« + +»Und an mich denkst du wohl gar nicht?« fragte Ursemi in alter +Herbheit. + +»Wie kannst du so fragen?« antwortete Kaspar in dumpfer Verzweiflung, +»ich denke ja nur an dich, ich denke an deinen Vater, und was ich ihm +schulde. Ich denke daran, daß ich dir ein treuer Freund und Berater +sein soll, und der, der möchte ich dir doch bleiben dürfen. Und soll +ich das, dann darf ich an mich und mein Wohl hierbei gar nicht denken, +ich darf um deinetwillen nie und nimmer dulden, daß du einen Mann +wählst wie mich, der sittlich und charakterlich tief unter dir steht, +den du wohl bemitleiden, aber nie achten könntest, wie ein gutes Weib +es soll. Ursemi, ich kenne dich doch auch, ich weiß, daß du ein stolzes +Mädchen bist und mit Fug und Recht! Du, gerade du brauchst einen nicht +minder Stolzen, einen Eroberer, dem du dich in Liebe und Bewunderung +fügen könntest, aber nie einen so armseligen Gesellen, den du dir aus +Barmherzigkeit aus dem Staube auflesen müßtest. Du brauchst einen +Herrn, nicht einen Sklaven, wenn du glücklich sein sollst.« + +»Lieber Kaspar,« unterbrach ihn Ursemi scharf, »was ich brauche, weiß +ich wohl besser als du. Ich wünsche weder einen Herrn noch einen +Sklaven -- sondern einen guten Kameraden, selbstlos und treu -- seiner +Menschlichkeit sich bewußt wie du! Darum noch einmal -- und nun zum +letztenmal: willst du dereinst dieser Kamerad mir werden -- oder nicht! +Ich will mit Freuden warten, ich will dich achten und lieben, will +gern vergessen, was du glaubst gefehlt zu haben, ehe du mir gehörtest, +Kaspar -- willst du?« + +Eine bange Pause trat ein. + +In Kaspar arbeitete und kämpfte es schwer, endlich sagte er langsam +mit gebrochener Stimme: »Ursemi, liebste Schwester, ich darf nicht +tun, was du wünschest, wenn anders ich die Achtung vor mir selber +nicht verlieren soll. Ich bin in meinem Leben stets der inneren Stimme +gefolgt, die mich nie betrogen hat. Und diese Stimme sagte mir schon +früher: du wirst nie der rechte Mann sein können für eine Ursemi -- und +diese unbestechliche Stimme sagt mir vollends jetzt klar und deutlich: +Nein, Kaspar, du darfst es nicht tun, du tätest ein zweites Unrecht, +schlimmer denn das erste. Und ich will dieser Stimme folgen wie bisher, +will auch gedenken der letzten Worte, die dein Vater mir schrieb: sei +treu gegen dich und andere!« + +»Aus Treue willst du untreu werden,« schrie Ursemi auf, »ich verstehe +dich nicht mehr, Kaspar.« + +»Das ist das Bitterste!« antwortete Kaspar dumpf, »nun wirst du irre +werden an mir. Ursemi -- nur das nicht! Glaub meiner Redlichkeit!« + +»Ich fluche ihr, Kaspar!« In wilder Verzweiflung stieß Ursemi die Worte +heraus und wandte sich heftig ab, ihrer Kammer zu. + +Wie verstört schaute Kaspar ihr nach und wankte dann mühsam zum Zimmer +hinaus. + + * * * * * + +Für Kaspar Krumbholtz folgten Wochen und Monate tiefster Qual. + +Seine oft erschütternden Briefe an Ursemi blieben ohne jede Antwort, +aber er trug diese Nichtachtung geduldig wie eine wohlverdiente +Strafe; ja nach und nach kam das Wohlgefühl des sühnenden Büßers über +ihn. + +Daß er richtig gehandelt hatte, ward ihm von Tag zu Tage klarer, und +schließlich mußte es auch wohl Ursemi eingesehen haben. Denn nach Jahr +und Tag kam doch wieder ein langer, guter Brief von ihr, in dem sie +Kaspar um Verzeihung bat, daß sie ihm so gegrollt habe, aber sie habe +eben zu lange nicht darüber hinweg gekonnt. Vielleicht habe Kaspar +damals recht gehabt, denn sie wolle ihm als ihrem treuen Bruder zuerst +verraten, daß eine andere und leidenschaftlichere Liebe nun über sie +gekommen sei. Harry Brosyn habe ihrs angetan mit seiner unermüdlichen +Ausdauer und auch gerade mit seiner gebieterisch stolzen Art. Er wolle +ihren Bitten, dauernd zurückzukehren, nicht nachgeben, sondern bestünde +unerbittlich darauf, daß ihm seine zukünftige Frau auch in den wilden +Westen, den er übrigens sehr paradiesisch schildere, folge. Das habe +schwere Kämpfe gesetzt, vor allem mit Mutter. Doch gestern habe der +unbeugsame Harry endlich das Jawort erhalten. + +In ehrlicher Freude und mit dem Gefühl einer inneren Erleichterung +schrieb Kaspar seine Antwort, dann suchte er Sebalt auf, der sich +unterdessen habilitiert hatte und Assistent bei seinem verehrten +Ordinarius geworden war. + +Sebalt war, wie jetzt wieder oft, grimmiger Stimmung. Seine Mittel +gingen zu Ende, und mit seiner Geliebten harmonierte er auch nicht +mehr, seit sie eine große Dame und eine berühmte Künstlerin geworden +war. + +Zu Kaspars froher Nachricht sagte Sebalt mit sarkastischem Lächeln: +»Bist ein glücklicher Kauz, Kaspar. Wo ein andrer die Miene des +betrübten Lohgerbers aufstecken würde, da kannst du noch strahlen +wie ein Schneekönig. Ich wünschte manchmal auch, ich könnte wie +du in Selbstlosigkeit schwelgen; aber ich habe das noch immer +nicht raus. Ich müßte der Frémont eigentlich gönnen, daß sie von +mir erlöst wird und die famose Stellung am Wiener Volkstheater +bekommen hat, trotzdem ärgere ich mich grün und blau darüber und bin +fuchsteufelswild. Übrigens -- weißt du, was mir eben einfällt? Ich +werde die Winkler-Stiftung zur Feier der gloriosen Verlobung anzapfen. +Wir haben doch noch so was wie ne Bildungsreise gut, nicht wahr? Na +-- meine Bildung genügt zwar für den Hausgebrauch; aber in der Laune +wäre ich gerade, um mich mit den Südseeinsulanern und ihren Viechern +anzubiedern. Mein Direx hat da unten ganz nette Studien angefangen, bis +ihm die Malaria übern Kopf kam. Ich werde mal sehen, ob ich mit meinem +am Kap der guten Hoffnung imprägnierten dicken Fell und einer soliden +Büchse Chinin nicht weiter komme als der Alte. Noch heute schreibe ich +dem guten Papa Volpelius und der noch besseren Mutter Winkler.« + +»Hoffentlich vergißt du Ursemi und Harry nicht,« fügte Kaspar lachend +hinzu. + +»Fällt mir nicht ein, alle sollen sie eine niedliche Epistel haben, und +zur Hochzeit fahre ich obendrein noch, wenn ich den Mammon kriege,« +schloß Sebalt launig und verabschiedete sich rasch von Kaspar. + +Wenige Wochen darauf konnte +Dr.+ Sebalt in der Tat seine +Südseereise vorbereiten. Das Kuratorium hatte ihm zunächst für drei +Jahre ein ansehnliches Stipendium ausgesetzt. So wohnte er in höchst +aufgeräumter Stimmung der Brosyn-Winklerschen Hochzeit bei und +vertrat Kaspar, der gerade ins Examen mußte, mit »aller Würde und +Gewissenhaftigkeit seines alten Schelmen«, wie er ihm übermütig +schrieb. + +Kaspars Examen glückte besser, als er es erwartet hatte. + +Mit frohem Herzen gab er erst dem jüngsten Südseeforscher das Geleit +bis Hamburg und nahm dann einen ihn tief bewegenden Abschied in +Bremen von Ursemi und Harry, die ihn dringend einluden, sie bald in +Kalifornien zu besuchen. + +Kaspar schüttelte wehmütig das Haupt und sagte: »Daraus wird +wohl nichts werden, ich trete im nächsten Monat an der Leipziger +Reformschule ein. Nun ists mit der Freiheit wohl endgültig vorbei, +aber ich hoffe, ihr kommt bald einmal wieder! Hoffentlich dann für +immer. Reda darf nicht verwaisen.« + +Harry drohte lachend mit dem Finger und meinte: »Also du auch, Kaspar? +Ganz wie Vater und Mama Winkler! Na -- bis ich zur Retraite blase, +kommst du längst mal nach Frisco!« + +Kaspar schwieg erst; als jedoch Ursemi beim letzten Händedruck leise +fragte: »Wenn ich dich riefe?« antwortete er fest: »Dann käme ich.« + + + + +Fünftes Kapitel + +Die Moravenrunde + + +Kaspars Leben lief nun wieder in streng geregelten Bahnen. Der +Schuldienst machte seine Rechte unerbittlich geltend, und es galt, sich +in zwar nicht völlig neue, aber eigenartige Verhältnisse einzugewöhnen, +die auch einen besonderen Verkehr mit sich brachten. + +Allzu anregend war der neue, ziemlich große Kollegenkreis nicht, auch +seine oft philiströs steifen Formen behagten Kaspar wenig, und mit +einer sehnsuchtsvollen Wehmut gedachte er jetzt öfter des kleinen +intimen Institutkreises von Tramberg und seiner fröhlichen, formloseren +Gesellen. Wenig genug hatte er von ihnen gehört. + +L³, mit dem sich Kaspar bisweilen schrieb, hatte schließlich den +Rektor vortrefflich gebaut und leitete eine Gemeinschule im Westen +mit Liebe und gutem Bedacht; kam aber mit Bruder Balzar, seinem +Vorgesetzten, nicht recht zu Rande. Der trutzige Kratt und die wackeren +Mecklenburger waren ebenfalls Schulleiter geworden; der »Chef« war +noch rüstig im Amt, Hinzelmann und Wiesendahl wirkten irgendwo als +Gemeinhelfer, Schlegelmeyer war Divisionspfarrer, der Doppelkollege +vegetierte noch immer kümmerlich als Hilfslehrer an einem kleinen +Privatinstitut, und der gute Vater Schnäbele war den Heldentod des +Missionars gestorben. + +Von dem Schicksal der übrigen hatte Kaspar nichts erfahren; seine +Fühlung mit der Brüdergemeine war gering. Sein alter, nun pensionierter +Onkel Andreas in Ingelbach, der sich mit Tante Renate an den Erfolgen +der braven Zwillinge freuen durfte, schrieb ihm nur dann und wann. Auch +besuchte Kaspar die beiden redlichen Alten nur selten, da sie ihm den +Austritt aus der Gemeine noch immer nicht ganz verziehen hatten. + +Daß es in Leipzig auch eine ganze Reihe ehemaliger Moraven gab, wußte +Kaspar sehr wohl, aber sie aufzusuchen hatte er früher keine Lust und +dann keinen Mut gehabt. + +Nicht einmal den Gruß des ehrwürdigen, unterdessen auch heimgegangenen +Ehrentraut Kämpfer an seinen Sohn Gottfried, der als angesehener +Journalist in Leipzig lebte und nächst Sebalt als der Entdecker des +großen Talents der jungen Frémont galt, hatte er seiner Zeit bestellt. + +Kaspar hatte gar keine literarischen Neigungen, und eine gewisse Scheu +vor Leuten, die im öffentlichen Leben hervortreten wollten oder +mußten, wich auch nicht von ihm. + +Er dachte sich diesen jungen Kämpfer als die in das äußerlich +Streitbare verzerrte Karikatur seines furchtlosen, großen Vaters, +und er wollte nicht eine Enttäuschung erleben, dazu war ihm der Name +Kämpfer zu lieb geworden. + +Da lernte Kaspar eines Tages einen Buchhändler, namens Burkart kennen, +der auch aus der Brüdergemeine stammte und sich nun mit dem Verlegen +pädagogischer Bücher schlecht und recht durchs Leben schlug. + +Burkart hatte kein leichtes Dasein. Das Geschäft ging flau, viel Kredit +hatte er nicht, Krankheit und Familiensorgen hörten nicht auf, und doch +glänzte auf dem Gesicht des stillen Mannes immer eine so sonnige und +milde Heiterkeit, als wäre er ein besonderer Liebling Gottes, der über +nichts zu klagen hätte. + +Er klagte auch in der Tat nie, im Gegenteil, er suchte anderen +noch stets durch seinen unverwüstlichen Frohmut und herzlich +tröstenden Zuspruch zur Lebensfreude zu verhelfen und fand bei aller +Arbeitsüberlastung immer noch Zeit, sich für allerlei gemeinnützige +Zwecke, Sonntagsschule, Jünglingsvereine, Arbeitslosenfürsorge und +dergleichen herzugeben, ja auch finanziell Opfer zu bringen. + +Dieser kleine, grundgütige, apostelhafte Mann, der Leute, die er +mochte, nie so leicht wieder seinem Wirkungskreis entschlüpfen ließ, +hielt auch Kaspar fest und setzte ihm so lange mit herzlichen Bitten +zu, bis dieser ihm versprach, eines Abends mit ihm die Tafelrunde der +alten Moraven aufzusuchen. + +Nur ungern ging Kaspar mit Burkart, denn er fürchtete im geheimen eine +Enttäuschung. Aber das Gegenteil trat ein. + +Die Moravenrunde war eine feine Sammlung seltener Charakterköpfe -- +alles Männer, denen man es nach wenigen Minuten anmerkte, daß sie einen +besonderen Lebensweg hinter sich hatten, reich an verschwiegenem Leid +und schonungslosen Seelenkämpfen. + +Da war vorerst Gottfried Kämpfer, der Journalist, der Vielverfehmte +und auch von Kaspar völlig Verkannte. Kein sogenannter witziger Kopf, +auch keine eigentlich scharfe Zunge, wie seine Feder es wohl vermuten +ließ; sondern ein Mann des stillen Humors, jenes echten, einzigen und +weltüberwindenden Humors, der auf des Lebens tiefster Tragik basiert +und seinem Träger die wahrhaft hellseherische Gabe verleiht, hinter die +wechselnden, gern täuschenden Erscheinungen des Lebens zu lugen und die +wahren Werte des Daseins rasch zu erkennen und an ihnen gerade da -- +wo der klügste Kopf sie nicht vermutet -- seine behagliche Freude zu +finden. + +Mit befriedigtem Lächeln reichte Gottfried Kämpfer Kaspar die Hand und +sagte scheinbar krautzig: »Na, Sie konnten auch mal eher kommen, Sie +waren doch längst reif für unsere Runde der Enterbten.« + +»Warum enterbt?« fragte Kaspar erstaunt nach der Vorstellung. + +»Weil man uns den Boden,« sagte der eine Nachbar Kämpfers, ein +Waisenhausvater, ernst, »den unsere Väter mit ihrem Herzblut gedüngt +haben, vorenthalten und uns in die Fremde gestoßen hat.« + +»Tut nichts,« rief Kämpfers anderer Nachbar, ein stämmiger Jurist und +Parteisekretär der Nationalsozialen, »wir haben Neuland genug und zu +Pionieren sind die Besten gerade gut genug.« + +»Ich meine auch,« fügte Gottfried Kämpfer listig mit den Augen +zwinkernd hinzu, »wir sind reich, uns gabs der Herr im Traum, jedem +ein schönes neues Lehen, dir deine Partei mit dem unerreichbaren +Ziel, den Arbeitern auch das solide schwarz und weiß in die roten +Seelen zu malen; dem Musikokatos und Organiste da drüben seine +Verehrergemeinde, der er, zwischen seine Gavotten hinein, vergeblich +klar zu komponieren sucht, daß die geistliche Musik doch die höchste +aller Kunstoffenbarungen ist; dann hier der grämliche Waisenpapa -- +halt, ruhig geblieben, ich habe mal das Wort --, du Mann der neuen +Ethik, der du mit dem Mitleid allein die böse Welt kurieren willst; +dann der Buchhändler da mit den wegen ihres tiefen Gehalts so gänzlich +unabsetzbaren Büchern; weiter meine Wenigkeit, die tagtäglich gute +Saat auf Hoffnung auswirft und keine blasse Ahnung hat, wo und wann +das Zeug aufgehen wird. Denn die Esel, die an die Redaktion schreiben, +sind allemal die Gottbegnadeten, die da geistlich arm sind und doch +das Himmelreich schon auf Erden in Pacht haben. Und das dicke Ende +kommt nun endlich! Um das halbe Dutzend voll zu machen, tritt heute +abend auch das vielgesuchte Krumbholtzkasperl wie ein Maultier, das +lang im Nebel seinen Pfad gesucht, vorsichtig schnobernd, in unsern +ihm noch stark verdächtigen Kreis. Fahren wir also säuberlich mit dem +Knaben Absalom, liebe Brüder! Die Jugend hat ja die Zukunft, und dieser +geheimnisvolle Nachfahre des obersten der heiligen drei Könige hat +sicher das beste Stück von unsern erträumten Königreichen erwischt, +den steinigen Boden der Jugenderziehung mit den schönen Disteln, die +gewisse Tiere, die mit Unrecht für dumm gehalten werden, besonders +lieben. Heil dir also, mein wackerer Hans der Träumer, du sollst der +Kronprinz der Enterbten sein! Und wenn du das Geheimnis der neuen +nationalen Erziehung ganz erträumt haben wirst, dann setzen wir dir +dereinst die Krone auf dein dann wohl schlohweißes Haupt. Bis dahin +willkommen, du letzter der Enterbten, der du sollst der erste sein! Ich +trink dir zu.« + +Die übrigen vier riefen laut »Bravo« zu der trefflichen Rede ihres +Wortführers und tranken Kaspar ebenfalls zu. Dieser dankte verlegen und +sagte versonnen: + +»Wer weiß, ob wir nicht wirklich die geretteten Kleinode des +moravischen Königsschatzes unterm Mantel tragen?« + +Dann ging es an ein langsam, doch sicher tropfendes Plaudern, das +Kaspar innerlich mehr austrug als manches Kolleg. + +Von nun an fehlte er fast nie mehr in dem traulichen Kreise der +enterbten Moraven und suchte und fand hier stets Ersatz für die oft +trostlosen Stunden, in denen er mit seinen eigentlichen Kollegen +zusammensitzen, ihre auffallend gleichmäßigen Studentenerinnerungen, +Fachsimpeleien und allerlei trüben Schulklatsch anhören mußte. Er tat +es meist schweigend nach seiner Gewohnheit. + +Mit der Zeit galt Kaspar Krumbholtz in der Kollegenschaft für einen +ausgemachten »Stumpfbold«; auch von seiner Lehrbefähigung wußte niemand +unter den Vorgesetzten oder Kollegen viel Rühmliches zu melden. Nur +seine Schüler hingen an ihm. + +»Wohl ein Zufall,« sagten einige Kollegen -- »Er ist halt ein guter +Kerl« die anderen. + + * * * * * + +Still, aber im Innersten nicht recht befriedigt von seiner Lehrarbeit, +lebte Kaspar Krumbholtz seine Tage dahin. + +Er fühlte immer klarer, daß er nicht in erster Linie Lehrer, sondern +Erzieher war. So sehr sich beides bei Leuten, die berufsmäßig an der +Jugend für die Zukunft des Volkes bauen wollen, vereinigen und ergänzen +soll, so wenig schien es Kaspar tatsächlich bei seiner Umgebung der +Fall zu sein. + +Die gescheitesten Lehrer waren oft die talentlosesten Erzieher, und +wer hingegen Erziehungstalent besaß, war nicht immer -- wie er selber +zum Beispiel nicht -- ein kluger Lehrer, ein souveräner Meister +der verschiedenen Methoden, die je nach dem Stoff, je nach der +Individualität der Schüler gewechselt oder vermischt, nicht aber nach +dem allgemein herrschenden Schematismus anzuwenden waren. + +Kaspar sah das alles mit scharfem Blick, dachte auch unaufhörlich über +all diese wichtigen Probleme nach, von deren Lösung -- seiner Meinung +nach -- ein gut Teil der zukünftigen nationalen Leistungen abhängen +würden; aber er fühlte sich nicht berufen, darüber zu sprechen oder +gar zu schreiben. + +Er kannte nur die Sehnsucht nach der ihn und sein Gewissen +beruhigenden, befreienden Tat! + +Aber wie sollte er wohl zu Taten kommen unter den obwaltenden +Verhältnissen? + +Er glaubte sich auf Grunde ehrlichster Selbstprüfung vielleicht für +fähig halten zu dürfen, mitunter den richtigen Mann für die richtige +Stelle zu erkennen. Er hielt sich auch wohl für mutig genug, bei +völliger Freiheit und bei völlig unbeschränkten Mitteln, den stillen, +tastenden Versuch zu einer Neuorganisation zu wagen, freilich nicht +ohne die Ergebnisse und Geheimnisse alter moravischer Erziehungskunst +fruchtbar zu verwerten. + +Doch woher sollte ihm, dem kleinen, nicht einmal an seiner Schule eine +Rolle spielenden Lehrer die Gelegenheit kommen, seine geheimsten Pläne +irgendwo in die Tat umzusetzen? + +In das Kultusministerium würde man ihn nicht gerade berufen, und die +dort nach althergebrachtem Schema waltenden und schaltenden Juristen +würden einen ideenreichen und tatenfrohen Schulmeister wohl auch mit +größerem Mißtrauen und tieferer Verachtung behandeln als eines der +sagenhaften Tiere des Mondes. Also darauf zu warten hieß der Quadratur +des Zirkels nachjagen. + +Dennoch konnte und mochte sich Kaspar mit dem Verzicht auf seine +geheimen Pläne und Wünsche nicht recht zufrieden geben, trotz aller +offenbaren Aussichtslosigkeit. + +Ein Wort Goethes, auf das er irgendwo gestoßen war, ließ ihn nicht +los: »Daß wir uns bilden ist die Hauptforderung; woher wir uns +bilden wäre gleichgültig, wenn wir uns nicht an falschen Mustern zu +~verbilden~ fürchten müßten.« + +Galt das nicht auch jetzt wieder? Ja -- es war Gefahr im Verzuge -- +trotz aller Reformschulen! + +Aber wer sollte helfen? Er gewiß nicht. Und doch, warum nicht auch er? + +Alles Neue und Große in der Welt war von stillen Einzelgängern +ersonnen, von rastlosen Schaffern gefördert, von rücksichtslosen +Herrschernaturen durchgesetzt worden. Er gehörte vielleicht +zu den ersten unscheinbarsten Gliedern einer solchen großen +Entwickelungskette, doch irgendwie handeln mußte auch er! + +So zwang sich Kaspar Krumbholtz in heißen, unaufhörlichen Kämpfen einen +Niederschlag seines inneren Ringens ab, ward sich darüber nach und +nach selber zu seiner Freude klarer, ward sicherer und arbeitete immer +von neuem das ganze Organisationsstatut seiner neuen Erziehungs- und +Bildungsanstalt durch. + +Sie sollte gewiß nicht die bestehende Schule ersetzen oder umwandeln, +sondern sie nur vorsichtig zu ergänzen suchen, sollte die schematisch +uniformierte heutige deutsche Schule wie vor alters um eine neue +Individualität bereichern, denn daran gebrach es. + +Zunächst galt es einmal, ähnlich wie Wilhelm Winkler es geplant, +etwa für die drei obersten Gymnasialklassen, die den so wichtigen +Reifejahren der geistigen und körperlichen Pubertät gerecht zu +werden strebten, etwas zu schaffen, das als eine Art allgemeiner +Bildungsschule dienen konnte, wie es vor alten Zeiten etwa die +Artisten-, später die philosophischen Fakultäten gewesen waren. + +Der Freiheit des erwachenden Individuums müßte sorgfältiger +Rechnung getragen werden als auf den Staatsgymnasien, den Reform- +und Oberrealschulen. Zugleich aber sollte eine gründliche +Orientierungsgelegenheit für alle ernsthaft Suchenden geboten werden, +ehe sie in den oft unbarmherzigen Zwang modernen, spezialistischen +Wissenschaftsbetriebes, der für viele Bildungshungrige eine Gefahr +bedeutete, gerieten. + +Auch für die künftigen Diener und Leiter des praktischen Lebens, die +nicht eigentliche Hochschulen besuchen konnten oder mochten, könnte +eine solche Schule einen Teil der Universität ersetzen und doch mehr +geben, als die höchsten Klassen der Mittelschulen zu geben pflegten. +Freilich -- solch ein Werk zu gestalten war unendlich schwierig und +ohne praktische Experimente kaum möglich. + +Kaspar konnte nur denken und tat es redlich. Mit Bangen und beinahe mit +schwachmütigen Tränen der Verzweiflung hatte Kaspar vor Jahr und Tag +sein stilles Werk begonnen, und mit immer steigender Schaffensfreude +war er unermüdlich daran tätig, bis ein neues, ihn bis auf den Grund +seiner Seele erschütterndes Erlebnis ihn unvermutet aus seiner Bahn +warf. + + + + +Sechstes Kapitel + +Carina + + +Aus der Ferne kamen Kaspar allerlei gute Nachrichten. + +Hans Sebalt schrieb befriedigt von seinen erfolgreichen Forschungen, +die ihn so ausfüllten, daß er mit der Absicht umging, sich aus den +Listen des Lehrkörpers der Leipziger Universität streichen zu lassen +und ganz in den Dienst der amerikanischen Union überzutreten, die +schon jetzt seine Forschungen mit Aufmerksamkeit verfolgte und generös +unterstützte. + +Nur Volpelius wollte davon nichts wissen und bat +Dr.+ Sebalt, +zu bedenken, daß es Wilhelm Winklers Absicht gewesen wäre, mit seinen +Mitteln in erster Linie für deutschnationale Zwecke arbeiten zu lassen. + +Sebalt schrieb trotzig zurück, die Wissenschaft sei international, und +er könne in Amerika der Kultur ebenso gut dienen wie in Deutschland. + +Noch einmal legte Volpelius nach Rücksprache mit den sechs Kuratoren +Hans Sebalt nahe: er möge doch wenigstens in Aussicht nehmen, mit +seiner Forschungsarbeit und ihren Ergebnissen späterhin den Nachwuchs +deutscher Forscher erzieherisch oder belehrend zu fördern; man sei +auch gern bereit, dereinst nach Möglichkeit für eine ehrenvolle +Zurückberufung Sebalts Sorge zu tragen. + +Sebalt antwortete ausweichend und verzichtete einstweilen dankend auf +weitere Zuschüsse von seiten der Stiftung, er bedürfe deren nicht mehr. + +An Kaspar Krumbholtz kam bald darauf eine kleine Karte, auf der stand +lakonisch: + ++Dr.+ John Sebalt, Mary Sherman. Married. + +Viel konnte sich Kaspar dabei nicht denken, aber er gratulierte +herzlich, obwohl ihn die Art der Anzeige und der Untergang des +redlichen deutschen Vornamens Hans ärgerte. + +Durch Frau Winkler, die mehr und mehr kränkelte, erfuhr Kaspar dann +nach Monaten, daß Sebalt die bildschöne Tochter eines amerikanischen +Zuckerkönigs auf Hawai geheiratet habe. + +Öfter als Sebalt schrieb Ursemi, nicht ganz so befriedigt und gar nicht +mehr überlegen, doch treu und offen wie immer. + +Es war deutlich in und zwischen den Zeilen zu lesen, daß Heimweh +nach den schlichten, schlesischen Waldbergen trotz all der +grandiosen Schönheiten des Yosemite-Tales und der vorsündflutlichen +Redwoodurwälder die Tochter Wilhelm Winklers verzehre. + +Auch zwischen den Ehegatten Brosyn war wohl nicht alles so, wie Ursemi +es erhofft hatte. + +Graf Harry war ein lieber, frischer und tapferer Gesell, auch +ritterlich und treu; doch ging er in seinen Geschäften und +Spekulationen so mit ganzer Seele auf, daß Ursemi mit ihren starken +Gemütsbedürfnissen nicht ganz auf ihre Rechnung kam. + +Überdies fragte sie sich und auch Kaspar bisweilen, ob es eigentlich +großen Zweck habe im Leben, solche Riesenreichtümer aufeinander häufen +zu wollen, wie es der tollkühne Harry rücksichtslos anstrebte. Ursemi +war reich, der alte Brosyn einer der begütertsten oberschlesischen +Magnaten, Harry sein einziger Sohn, galt dabei schon jetzt, als einer +der Direktoren der kalifornischen Minenbank-Trust-Kompanie, nicht nur +in San Franzisko, sondern auch in Wallstreet als ein Mann von Gewicht. + +Wozu das alles? Wem nutzte er damit? Immer wieder kehrte diese, Kaspar +schon unheimliche Frage in Ursemis Briefen wieder, auch nachdem sie +ihm glückselig mitgeteilt hatte, daß sie einem lieblichen Töchterchen, +Edith benannt, das Leben geschenkt habe. + +Von nun an begannen übrigens öfters Erziehungsfragen in der +Korrespondenz der alten Jugendfreunde eine Rolle zu spielen. + +Kaspar verriet schließlich seine Entwürfe für seine ideale +Bildungsschule, die er einmal ~sein~ Töchterchen »Utopia« nannte. + +Darauf meinte Ursemi plötzlich wieder mit alter Laune: er solle die +»Utopia« mal hübsch dem Kuratorium der Winklerstiftung ausliefern +-- der Harry übrigens neulich eine halbe Million für Mädchenbildung +überwiesen habe -- und solle lieber erst mal zusehen, daß er zu einer +ordentlichen Frau und dann auch zu andern Töchtern käme. Es würde nun +Zeit. + +Kaspar lachte still in sich hinein und dachte: Frauen mögen noch so +unglücklich sein, sie wollen immer neues Unglück anstiften. + +Im übrigen folgte er wenigstens dem ersten Rat und schickte eines +Tages wirklich seine geliebte »Utopia« an den Geheimrat Volpelius, +der ihm freudig dankte und schrieb: er habe die wertvollen Anregungen +sofort dem Kuratorium zur Prüfung und zur Erwägung praktischer +Versuche überwiesen. Kaspar möge jedoch nicht vergessen, daß für einen +zeitgemäßen Organisator eine gründliche Orientierung über ähnliche +Versuche wünschenswert, ja unerläßlich sei. + +Außerdem möge er Wilhelm Winklers Wunsch nicht vergessen. Das +Kuratorium würde es außerordentlich gern sehen, wenn Kaspar in +absehbarer Zeit eine Studienreise ins Ausland unternähme, etwa zum +Besuch ähnlicher Erziehungsanstalten in den auch darin mächtig +aufstrebenden Vereinigten Staaten von Nordamerika. + +Als dieser lockende Antrag kam, war jedoch Kaspar nicht in der Lage, +ihn anzunehmen. + +Die Liebe war von neuem in sein Leben getreten und hielt ihn fester in +Leipzig denn je. + + * * * * * + +Auf freundliches Zureden von Volpelius hatte Kaspar gelegentlich dessen +Freunde, ein liebes, altes Geheimratehepaar, namens Ewald, aufgesucht +und hatte in ihrem gastlichen Hause mit der Zeit einen ihm menschlich +wohltuenden und auch geistig überaus anregenden Verkehr gefunden. + +Eigene Kinder hatten die alten Ewalds nicht, auch nie besessen; aber +vielleicht gerade darum liebten sie die Jugend zärtlich. Sie hatten +bald diesen Neffen, bald jene Nichte zu Gaste und gaben hie und da +kleine, intime Festlichkeiten, bei denen die jungen Leute zwanglos +verkehren konnten und auch mit ihren Fröhlichkeitsbedürfnissen auf ihre +Kosten kamen. + +Bei Ewalds sah Kaspar öfters eine junge Dame, namens Carina Mutzer, von +Geheimrats kurz die kleine Mutzerin genannt, die in mannigfacher Weise +seine Aufmerksamkeit fesselte und seine Gedankenwelt beschäftigte, da +sie eine seltene Mischung von Vornehmheit und Einfachheit, von Frohsinn +und Ernst, von Klugheit und Bescheidenheit zu sein schien. + +Der ehedem so begeisterte Turner und Fußballspieler Krumbholtz +konnte gelegentlich ein leidlich guter und ausdauernder Tänzer +sein, aber sonst war er noch immer nichts weniger als ein gewandter +Gesellschaftsmensch. + +Dennoch gab sich die kleine Mutzerin gern mit ihm ab und unterhielt +sich lieber still mit ihm in einem lauschigen Winkel, anstatt sich von +anderen feiern zu lassen. + +Kaspar wollte jedoch nicht, daß die tanzfröhliche junge Dame +seinetwegen um ihr Vergnügen käme, und so tanzte er mit ihr öfter, als +es sonst wohl seiner zurückhaltenden Art entsprach. + +Da fügte es ein tückischer Zufall, daß er eines Abends mit der kleinen +Mutzerin im Tanzgedränge zu Falle kam und ihr zwar nicht wehtat, aber +ein kostbares Kleid zerriß. + +Das Unglück kommt bekanntlich selten allein. Wenige Minuten hernach +hatte Kaspar noch das Mißgeschick, daß er, vielleicht im Eifer, das +Vergangene durch besondere Aufmerksamkeit wieder gut zu machen, seiner +Dame beim Anbieten eine Tasse Mokka über das eben mit Stecknadeln +notdürftig reparierte Kleid goß. + +Kaspar war außer sich vor Zerknirschung und Empörung über seine +Ungeschicklichkeit, doch die kleine Mutzerin war durchaus nicht +ungehalten, im Gegenteil, sie schien so voller Vergnügen über die +niederträchtige Laune des Zufalls zu sein, daß Kaspar sich und ihr +gestehen mußte: das gehe sogar noch über des trefflichen Horatius +Weisheit »+aequam memento rebus in arduis servare mentem+«. + +»Lassen Sie doch,« schalt Carina drollig, »den greulichen Horaz +mit seinem abgedroschenen Philistergleichmut aus dem Spiel. Der +Griechenepigone hatte nicht einen Funken Humor, und der ist besser als +alle +aequa mens+. Ja, staunen Sie nur, ich habe Horaz auch einmal +mit heißem Bemühn studiert, als ich mein Abiturium machen wollte. +Gemacht hab ichs nämlich nicht, damit Sie nicht noch einen Schrecken +bekommen und mich vollends für einen Blaustrumpf halten. Schlecht genug +tanze ich ja, denn ich war das Karnikel, das vorhin mit dem Plumpsen +angefangen hat.« + +Kaspar bestritt das heftig. + +Ein gutes und lustiges Wort gab das andere, und als der junge +Oberlehrer abends nach Hause ging, da konnte er sich nicht mehr +verhehlen, was ihm lang schon dämmerte, daß ihm Carina einen tiefen +Eindruck gemacht habe; zumal heute abend hatte sie es ihm angetan mit +ihrer Nachsicht und Güte, ihrem unverwüstlichen Frohsinn. + +Und plötzlich brannte es lichterloh in seinem Herzen. Er konnte gar +nicht einschlafen, weil er sich immer wieder aufs neue aussprach: +Was ist diese kleine Mutzerin für ein natürliches, frisches und +seelensgutes Ding, und was hat sie für einen prächtigen Mutterwitz! + +Und dann kam die zweite Kette von Gedanken, die darin auslief: Was +müßte es doch für ein unendliches Glück sein, ein solches Wesen sein +eigen nennen und mit ihm zusammen durchs Leben wandern zu dürfen! + +Aber was für riesige Wolkenwände stiegen da sogleich am +Zukunftshorizont auf, was für bergehohe Widerstände türmten sich da +empor? + +Er ein armer Lehrer mit 2800 Mark Gehalt und 1200 Mark Zinsen, nun -- +das ging noch zur Not, wenn man sich einrichtete. Freilich verwöhnt war +das liebe Prinzeßchen sicherlich und sollte doch nicht Not leiden bei +ihm. Nein -- um Gottes willen -- unter keinen Umständen! Mit der Zeit +würde er schon im Gehalt steigen, aber -- all das andere! + +So ein Schulmeisterlein, nicht einmal Doktor oder Reserveoffizier, und +sie, die Tochter eines richtigen preußischen Regierungspräsidenten -- +gar nicht auszudenken, auch wenn die kluge Mama Ewald vielleicht ein +gutes Wort für ihn eingelegt hätte. + +Und schließlich der bitterböse, der häßliche Punkt in seiner +Vergangenheit! So schlimm wie bei Ursemi, die er geliebt und verraten +hatte, stand es ja hier nicht; immerhin -- übel stand es doch auch; +denn bekennen mußte er das Carina unter allen Umständen. Sie mußte +wissen, woran sie war mit ihm; wenn es ums Glück der Ehe, um eine +Lebenskameradschaft ging, durften keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen +bestehen. + +Aber wozu jetzt schon sorgen -- noch lag ja alles im weitesten Felde. +Wer sagte ihm denn, daß sich das Mädchen überhaupt für ihn +interessiere. + +Drei, vier Mal hatten sie sich gesehen, heute abend ein bißchen lang +und schließlich auch wohl ein bißchen vertraut miteinander geredet, +sich sehr fest die Hände gedrückt beim Abschied -- das war alles! + +Indessen -- es konnte ein Anfang sein, und seine Pflicht als Mann war +es sicherlich, beizeiten zu überlegen, ob er ein so kühnes Unternehmen +wirklich ernsthaft beginnen wolle, und ob er es innerlich und äußerlich +dazu habe, um es hinauszuführen. Sonst machte er sich und das liebe +Mädchen nur unglücklich. + +Kaspar schwankte und schwankte, prüfte und prüfte. + +Immer neue Bedenken stiegen auf. Würden sie denn überhaupt zusammen +passen, er, der schwerfällige, oft ein wenig plumpe Gesell, und sie, +das leichte, grazile Persönchen? Er, der stille, noch immer weltfremde +Pfadsucher, sie, die sieggewohnte Tochter des Salons, der doch wahrlich +ganz andere Partien offen standen als ein mäßig begabter Oberlehrer +ohne Chancen! + +Und doch, das liebe Mädchen schien einen scharfen Sinn für das Echte +und Schlichte zu haben; es hatte ferner Geschmack, das war sicherlich +viel wert, denn ihm fehlte er bisweilen -- leider -- leider! Die kleine +Mutzerin hatte eine entzückende Leichtigkeit und einen feinen Sinn für +Humor -- wieder eine passende Ergänzung zu seinem schwerflüssigen +Wesen. + +Ob sie wohl fromm war? Männer mögen so aufgeklärt sein, wie sie +wollen, aber skeptische Frauen -- warum schließlich nicht -- nur -- -- +da kam er nicht drum herum mit seinen Bedenken -- zur Mutter seiner +zukünftigen Kinder mochte er eine solche nicht wählen. Zarte Kinder +müssen im linden Schatten mütterlich keuscher Vorsehung und Frömmigkeit +aufwachsen, nicht in der grellen Sonne unbarmherziger Aufklärung und +quälender Zweifel. Die bringt das Leben von selber früh genug an sie +heran; lang dauert das heilige Mysterium der Jugendtorheit so wie so +nicht mehr in unserer brutaleren Zeit. + +Doch wohin schweiften seine Gedanken! Nächstens erzog er wohl schon +seine Enkel in Gedanken! Erziehungsnarr! + +Und Kaspar legte sich auf die andere Seite und versuchte nun ernstlich +zu schlafen, obwohl draußen der Morgen schon graute. + +Aber wieder begann der Tanz der Fragen. + +Wie machte man das wohl alles, das Äußere? + +Mußte man nicht den gestrengen Herrn Papa zuerst fragen? Der war fern +im Norden. Und der Herr Präsident würde ihm schön dienen, wenn er etwa +angezogen käme mit seinem bißchen Schulmeisterherrlichkeit. + +Kaspar, sei nicht verrückt! Warum so hoch hinaus? Such dir eine kleine +Kollegin oder sonst ein Mädchen deiner kleinbürgerlichen Sphäre; aber +nicht die verwöhnte, elegante Tochter eines hohen Regierungsbeamten. + +Wenn sie dich aber doch lieb haben könnte? Ja wenn -- dann Carina, +holdseliges Kind, dann holt dich mein tölpischer Arm, der dich gestern +fallen ließ, doch am Ende noch heraus aus all dem feudalen Flitter +und dem schnobrigen Plunder und trägt dich empor -- ja wohin? Kaspar, +sei ehrlich -- vielleicht in die dritte oder vierte Etage eines öden +Vorstadthauses. + +So tanzte es auf und nieder in Kaspars Gehirn; aber er war zäh, er ging +einmal nicht ungebrannt vom Feuer, das war eben seine Art, und sich +selbst getreu zu bleiben war sein stolzestes Lebensziel, und -- er +liebte Carina, das blieb doch das Entscheidende. + +Also -- er wollte es ruhig versuchen, sie zu erringen -- und damit +genug! + +Nun schlief er beruhigt ein und so fest, daß er seine erste +Unterrichtsstunde verschlief und eine Nase vom Herrn Direktor bekam -- +und das von Rechts wegen! + + * * * * * + +Schon am nächsten Abend ging Kaspar wieder zu Ewalds und immer öfter +und öfter, denn es galt eilen, da Carina bald wieder zu ihrem Vater -- +eine Mutter hatte sie nicht mehr -- zurückkehren wollte. + +Bald merkte Kaspar, daß auch in der kleinen Mutzerin ein Funke glimmte, +und nach und nach spürte er sogar die Wärme ihres Innern hie und da an +einem langen, festen Händedruck, an einem verstohlenen, tiefbohrenden, +ja verzehrenden Blick und an der stimmungsvollen Einsilbigkeit, die +immer öfter an die Stelle des erst so neckischen Geplauders oder +interessierten Gedankenaustausches trat. + +Und eines stillen, einsamen Abends, als es den Abschied galt, waltete +jenes tiefe erwartungsbange Schweigen, das bei ernsten Menschen +gewichtigen inneren Entscheidungen voranzugehen pflegt. + +Die Hände zitterten, als sie sich berührten, zwei Augenpaare schwammen +in Tränen verhaltenen Wehs, und statt des entschlossenen Losreißens +kam ein scheues, schmerzvoll zuckendes Festschmiegen, ein seliges sich +Haben und Halten, ein glücktrunkenes Tasten und Finden von Mund zu +Mund. + + * * * * * + +Kaum hatte das Glück gegrüßt mit zartem Kuß, da krochen auch die +Schwierigkeiten heran -- leise, gierig, tückisch wie die Vorboten einer +unbarmherzig steigenden Flut. + +Kaspar flehte sofort: Carina möge noch einige Zeit schweigen, bis sie +alles miteinander durchdacht oder brieflich erörtert hätten; aber die +kleine Mutzerin wußte auch, was sie wollte, und fühlte sich in der +neuen Macht ihrer Liebe gewaltigen Mutes voll. + +In ihrer jungen, übervollen Seele rauschte und stürmte jene +geheimnisvolle Macht des großen Glücksgefühls, jenes optimistischen +Größenwahns, der sich trotzig vermißt, Berge versetzen zu können, weil +ihm der erste kleine Zauber gelungen ist. Und so erfuhr noch selbigen +Abends die Tante Geheimrat, zu der Carina ein großes Vertrauen hatte, +das ihre kleine Welt so elementar erschütternde Ereignis. + +Frau Elsbet Ewald war eine sehr kluge, taktvolle alte Frau, die das +unsagbare Glück der kleinen Mutzerin nicht stören mochte, schon weil +sie selbst ihre helle Freude daran hatte. Aber auch sie sah nicht +ohne düstere Sorgen in die Zukunft der beiden Liebenden, denen sie +von Herzen wohl wollte, und für deren Schicksal sie sich doch mit +verantwortlich fühlte, da sie ein ganz klein wenig Parze dabei gespielt +hatte. + +Vor allem galt es nun, die Schwester des Präsidenten, ihre intime +Freundin, zu gewinnen, um dann vielleicht den Herrn Papa vor das fait +accompli stellen zu können. + +Zunächst vermeldete die kluge Frau Elsbet die kleine Braut als +unbedenklich erkrankt, um wenigstens die Reise aufzuschieben. Dann +schrieb sie einen äußerst diplomatischen Brief an ihre Freundin, über +den Kaspar, wenn er ihn gelesen, tief errötet wäre, wahrscheinlich +sogar heftig protestiert hätte. + +Unterdessen sonnte sich das liebe Pärchen in der Gnadensonne des +ersten Glückstraums, beichtete sich gegenseitig um die Wette all +seine Schlechtigkeiten und seine redlichsten Vorsätze, baute sich +sein trautes Zukunftsheim bis auf die letzten Möbelstücke und +Lieblingsbilder und begann mit einem funkelnagelneuen Idealismus und +viel gutem Willen die gegenseitige Erziehung. + +Da fuhr wie aus blauem Himmel ein Blitz hernieder: Carina ward umgehend +von ihrem Vater nach Hause beordert, und »Herr Kaspar Krumbholtz, +Lehrer an der städtischen Reformschule zu Leipzig«, erhielt von einem +Präsidialschreiber einen kurzen, aber groben Verweis wegen »seines +ungehörigen Benehmens gegen ein unerfahrenes junges Mädchen von +vornehmer Familie«, gezeichnet Mutzer. + +Kaspar stand, starr über diese Roheit, zitternd da; in hilfloser +Empörung schossen ihm Tränen in die brennenden Augen. Scham, Wut, +Stolz, beleidigtes Menschengefühl revoltierten in seinem Innern. + +Erst gab ihm der Trotz ein, das Schreiben zurückzuschicken mit einem +»gelesen und genehmigt! Krumbholtz.« + +Dann siegte die Vornehmheit in ihm, und so setzte er sich mit bebenden +Gliedern hin und schrieb, totenbleich vor krampfhaft erzwungener +Selbstbeherrschung, einen kurzen Brief an Carina, in dem er ihr das +Jawort zurückgab und sie bat, ihm das Weh, das er ihr angetan, und die +Beleidigung, die er ihrem Herrn Vater unbeabsichtigt zugefügt habe, zu +verzeihen. Das Schreiben des Herrn Präsidenten legte er als Begründung +für sein Zurückweichen bei. + +Umgehend kam ein mit Tränenspuren übersäter, langer Brief Carinas des +Inhalts: sie könne und wolle nie und nimmer auf Kaspar verzichten und +wäre sogar bereit, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, ja, wenn es +nötig wäre, so würde sie mit ihm in die kleinste Dachwohnung ziehen +selbst auf die Gefahr der Enterbung hin; ihr Mütterliches könne sie +übrigens verlangen, da sie mündig sei. Vor allem aber solle Kaspar sie +nicht entgelten lassen, was ihr manchmal vom Dienst verärgerter, im +Grunde so grundguter Papa gesündigt habe, und er solle doch wenigstens +zu Geheimrats kommen, die ihn erwarteten. Vater Ewald sei nun auch +eingeweiht und wolle persönlich an Papa schreiben und ebenso an +Volpelius, der, bei der Regierung wohlbekannt, früher auch einmal der +Vorgesetzte Papas gewesen sei. + +Kaspar atmete ein wenig auf, als er den Brief gelesen hatte, aber er +gab dem wartenden Dienstmann nur wenige Zeilen mit: + + »Liebling! + + Ich muß nun warten, bis Dein Herr Vater mir gestattet, Dich bei + Geheimrats aufzusuchen; auch Dir gegen seinen Willen zu schreiben + erlaubt mir mein Stolz nicht mehr. Stehlen will ich nicht. + + Kaspar.« + +Carina gab sich damit nicht zufrieden. Sie setzte die Dienstmänner der +Karl Tauchnitzbrücke gar weidlich in Bewegung; aber Kaspar war hart und +erklärte einem nach dem andern, wenn auch mit wundem Herzen: »Keine +Antwort!« + +Qualvolle Tage vergingen. Noch hoffte Kaspar leise; doch es kam nur die +Nachricht: Carina sei nun entschlossen, selber ihre Sache bei Papa zu +führen, und bäte Kaspar bei der Treue, die sie sich doch gelobt und die +sie unter allen, auch den schwersten Umständen einander halten wollten, +ihr wenigstens auf dem Bahnhof, in Gegenwart der Tante Geheimrat, +Lebewohl zu sagen. Das sei nichts Unehrliches, das sei er ihr vielmehr +schuldig. + +Kaspar ließ zurück melden: Er werde da sein. + +Und so nahmen sie Abschied. Noch einmal beschwor Carina den Verlobten: +er möge ihr nur treu bleiben; sie werde nie, nie von ihm lassen. + +»Und wenn Papa mich ins Gefängnis würfe, ich bräche aus oder wartete +auf dich, bis er nicht mehr lebte!« Das waren die letzten Worte, +die Kaspar von Carina hörte, sie hallten fast schaurig in seiner +pietätvollen Seele wieder. + +Was mußte das für eine gewaltige Leidenschaft sein, die in diesem +kleinen tapferen Mädchen loderte, wenn sie selbst dem Tode des Vaters +so trotzig entgegen sah. + +Und neues Vertrauen auf die Kraft solcher Liebe senkte sich in Kaspars +zerrissenes Gemüt; er faßte wieder Hoffnung. + +Warten wollte er ja gern, so gern -- nur nicht verzichten müssen für +immer! + +Kaspars Liebe ward stark in Geduld. Briefe über Briefe kamen von +Carina, nicht mehr ganz so zuversichtlich betreffs der väterlichen +Einwilligung, auch nicht mehr ganz so trotzig in bezug auf deren +Verzicht; aber noch immer voll der heißesten Leidenschaft, überströmend +von zärtlicher Neigung zu dem »einzig geliebten Herzensschatz«, der auf +ihre Treue »bauen könne wie auf Granitgrund«. + +Dann flossen die Briefe spärlicher und wurden auch kürzer. + +Entschuldigungen traten an Stelle der Beteuerungen; kühle Vernunft trat +an die Stelle des warmen Gefühls, statt Trost spendete die Schreiberin +Gründe und schließlich Ausflüchte. + +Da merkte Kaspar, daß es zu Ende ging mit der Kraft der kleinen Carina; +auch sie erlag wohl der Übermacht der Gewohnheit, der nur Helden +gewachsen sind. + +Nun packte Kaspar die Angst wie mit Eisenfäusten, schüttelte ihn und +jagte ihn empor. + +War es nicht feige, das arme, schwache Mädchen allein den schweren +Kampf um die Zukunft ihrer Liebe führen zu lassen? Aber waren ihm +denn nicht die Hände gebunden? Erlaubte es denn sein Stolz, um etwas +zu betteln, dessen man ihn nicht für würdig hielt? Konnte er mit +ungeschickten, wenn auch gut gemeinten Schritten nicht Carina nur +Unannehmlichkeiten bereiten und alles verderben? + +Gewiß, es sprachen mancherlei schwerwiegende Gründe gegen eine +persönliche Einmischung. Aber wenn er sich nicht selbst einsetzte, +ging auch alles fehl, das fühlte er unwillkürlich. Nein, jetzt mußte +er handeln, er mußte der ermatteten Braut zu Hilfe kommen, falls Hilfe +noch möglich war. Und so ging er schweren Herzens doch wieder zu +Ewalds, ließ sich raten, schrieb einen dringenden Brief an Volpelius +und reiste schließlich selbst in die nordische Provinzialhauptstadt. + + * * * * * + +Auf Grund der Empfehlungsbriefe empfing Herr Regierungspräsident +Mutzer, ein strengblickender, scheinbar wortkarger Mann, Kaspar, maß +ihn fast drohend von Kopf bis zu Fuße mit den Augen, ehe er ihn mit +einer gebieterischen Geste zum Sofaplatze wies, und dann verging noch +eine geraume Weile, bis er zu reden begann: + +»Wenn ich Sie heute hier empfange, Herr Krumbholtz, so geschieht das +einmal, weil Sie sich in der leidigen Angelegenheit bisher taktvoll +benommen haben, und zweitens, weil ich hoffe, durch eine persönliche +Aussprache mit Ihnen das endlich zu erreichen, was ich bei meiner +Tochter noch nicht ganz erreichen konnte, nämlich eine Aufhebung des +Verhältnisses, ein Verlöbnis kann ich es nicht nennen.« + +»Um von vornherein keine Unklarheit walten zu lassen,« erwiderte +Kaspar gemessen, »so gestehe ich schon jetzt, daß ich gerade mit der +Bitte an Sie herantreten möchte, daß Sie uns endlich Ihre Einwilligung +geben möchten. Ich habe auf Ihren Wunsch seinerzeit Carina mein +Wort zurückgeben wollen, sie hat es nicht gewünscht, und so halte +ich mich für gebunden, halte mich auch für verpflichtet, alles zu +tun, was unserer Verbindung förderlich sein kann. Der Weg zu Ihnen, +Herr Präsident, der Sie für gut befanden, mich durch die Form Ihres +Schreibens so tief zu verletzen, ist mir schwer genug geworden. Ich +habe meinen Stolz so gut wie Sie, aber ich habe nicht in erster Linie +an mich zu denken, sondern an das Glück Ihrer Tochter, dem ich meinen +Stolz opfern muß.« + +»Ich stehe nicht an zu bemerken, Herr Krumbholtz, daß ich mich in der +ersten Empörung und in der völligen Unkenntnis Ihrer Persönlichkeit +vergriffen habe, und ich bedaure das. Das ändert aber nichts an meiner +Meinung, daß ich eine Verbindung zwischen meiner Tochter und Ihnen, +der Sie doch einem völlig andern Gesellschaftskreise angehören, nicht +wünsche. Überdies -- wie wollen Sie die Kosten für einen standesgemäßen +Haushalt aufbringen?« + +»Sie vergessen, Herr Präsident, daß Carina, sobald sie meine Frau +wird, in meinen Stand übertritt, und daß in meinen Kreisen gar manch +eine Familie mit den bescheidenen Mitteln, die mir zu Gebote stehn, +glücklich und gesund lebt. Mehr wünsche ich nicht, mehr wird Carina, +wenn sie mich wirklich lieb hat, auch nicht wünschen.« + +»Sie scheinen das sehr genau zu wissen, Herr Krumbholtz. Sie gestatten, +daß ich daran zweifle bei aller Hochachtung vor Ihrer Lebenskenntnis +und Ihrer Energie. Eine Frau, die durch ihre Ehe ökonomisch wie sozial +herabsteigen muß, fühlt sich auf die Dauer nie glücklich, glauben Sie +mir das!« + +»Es mag sein, daß dies für den Durchschnitt gilt, Herr Präsident. +Ihr Fräulein Tochter ist aber keine Durchschnittsnatur, und sie wird +sich in das Äußere sicherlich leicht finden. Außerdem ist es ja nicht +gesagt, daß ich mein Lebenlang städtischer Oberlehrer bleiben werde.« + +»Ah, ich verstehe, Sie spielen auf das an, was auch Herr Geheimrat +Volpelius mir schon schrieb. Das steht aber wohl noch in weitem Felde. +Wenn Sie daran denken, sich zu verändern, dann -- wüßte ich auch einen +andern Ausweg, der uns schließlich wohl alle drei befriedigen könnte.« + +»Und der wäre, Herr Präsident?« + +»Sie sollen schon einmal umgesattelt sein, wie ich hörte. Wie wäre +es, Herr Krumbholtz, wenn Sies noch einmal riskierten? Sie haben viel +studiert, auch auf allerlei Nachbargebieten der Jurisprudenz, die +Semester würden Ihnen ja angerechnet, und all das kann Ihnen später +noch gute Dienste leisten. Werden Sie Jurist, in zwei, drei Semestern +können Sie mit Hilfe eines guten Repetitors Referendar sein, und ich +verspreche Ihnen, an dem Tage nach Ihrem glücklich bestandenen Examen +gebe ich meine Einwilligung zu Ihrer öffentlichen Verlobung mit meiner +Tochter. Für das weitere lassen Sie mich sorgen. Wenn Sie einigermaßen +fleißig und brauchbar sind, und ich darf das nach Ihrem bisherigen +Lebenslauf annehmen, sollen Sie in dem neuen Beruf mehr erreichen +als in dem alten. -- Nun bitte -- wie denken Sie darüber? Vielleicht +brauchen Sie Zeit, sich die Sache in Ruhe zu überlegen?« + +»Nein, Herr Präsident. Es steht mir völlig klar vor der Seele, daß ich +diesen Weg nicht gehen kann, so sehr ich Ihnen für Ihr Entgegenkommen +danken möchte. Damit Sie mich nicht falsch verstehen, muß ich das näher +begründen. Ich bin zu meinem Beruf, den ich liebe, an dem ich mit allen +Fasern meiner Seele hänge, und mit dem ich innerlich verwachsen bin, +nicht durch Not oder Klugheitsrücksichten gekommen, sondern durch den +Drang meines Herzens, durch meine ganze Lebensentwickelung. Ich bin +gleichsam hineingeboren in den Erzieherberuf und gehöre ihm mit Leib +und Seele, auch wenn ich mir oft genug ausspreche, daß ich ihn, so wie +ich ihn auszuüben wünschte, an der Stelle, wo ich jetzt stehe, nicht +ausüben darf. Doch das kann sich mit der Zeit schon ändern.« + +»Also gut, Herr Krumbholtz, dann schlagen Sie doch wenigstens die +akademische Karriere ein, etwa als Pädagoge, oder lassen Sie mich +dafür sorgen, daß Sie später als Jurist mit Erziehungsangelegenheiten +beschäftigt werden.« + +»Nein, Herr Präsident, keines von beiden. Ich will bleiben, was +ich bin, weil ich es werden ~mußte~. Aus Ihren sicherlich +gutgemeinten Vorschlägen sehe ich nur allzu klar, daß Ihnen mein Stand +gesellschaftlich nicht genügt für den Mann Ihrer Tochter. Und gerade +das verletzt mich bis ins Innerste; denn ich liebe diesen Stand und +halte ihn für den wichtigsten für die Entwickelung unseres Volkes. +Als akademischer Lehrer wäre ich nach meiner ganzen Veranlagung und +Begabung nicht am Platze und wäre in meinen Augen um kein Haar mehr, +so wenig wie als Jurist, zu dem ich erst recht nicht passe. Ein +Kaufmann mag wohl einmal seine Branche wechseln, um in ein Geschäft +einzuheiraten und so zur Selbständigkeit zu gelangen, obwohl mir auch +das nicht gefällt. Aber ein überzeugter Erzieher, der sich um äußerer +Vorteile willen oder selbst aus Liebe zu einem Weibe verleiten ließe, +seinen Beruf aufzugeben und einem aussichtsreicheren sich zuzuwenden, +würde mir als ein ehrloser Deserteur erscheinen, im besten Falle als +ein Schwächling, doch nie als ein Mann, zu dem ein Weib in Achtung und +Liebe emporsehen könnte. Ihr Fräulein Tochter wußte, wer ich war, als +sie mich kennen lernte, sie hat dem armen Schulmeister ihre Neigung +geschenkt und sich damals nicht an seinem Berufe gestoßen. Ich würde +ihr nie wieder offen und stolz ins Antlitz schauen können, wenn ich +mich plötzlich meines Standes schämen würde, nur weil er Ihnen nicht +vornehm genug erscheint. Verlangen Sie von mir, was Sie verlangen +dürfen, aber nicht das Verzichten auf meine Überzeugung, auf meine +Selbstachtung und mein ganzes inneres Sein.« + +Mit kaum verhaltener Erregung hatte Kaspar Krumbholtz gesprochen, und +mit gespanntester Aufmerksamkeit hatte der Präsident ihm zugehört; aber +mit jedem Worte, das dieser hörte, ward ihm klarer, daß er mit dem +Manne da vor ihm schwerlich je zusammenkommen würde. Er hielt das alles +für Schulmeisterhochmut, und sein Gegenüber sah ihm ganz so aus, als ob +er ihn ebenso des Juristenhochmuts zeihen würde, wenn er ihm weiter +zuredete. Eine Brücke ließ sich nicht schlagen, also lieber ein Ende! +Mit eisiger Kälte erklärte Herr Mutzer: + +»Da ich annehmen muß, daß Sie nicht in der Lage sind, meiner Tochter +zuliebe das Opfer zu bringen, das ich als Vater für ihre Zukunft und +ihre gesellschaftliche Stellung verlangen muß, darf ich Sie wohl +bitten, nunmehr jede Beziehung zu Carina abzubrechen.« + +»Ich bedaure,« antwortete Kaspar festen Tones, »diesem Ihrem Wunsche +vor der Hand nicht Folge leisten zu können. So lange Ihr Fräulein +Tochter mich nicht meines gegebenen Wortes entbindet, werde ich tun, +was mir meine Liebe und mein Gewissen gebietet, das heißt, alles daran +setzen, um sie zu erringen, vor allem meine Existenz so zu festigen +oder zu verbessern, daß Ihr Fräulein Tochter ohne Sorgen an meiner +Seite leben kann. Ist das erreicht, werde ich Carina bitten, die Meine +zu werden.« + +»Mein Herr, tun Sie, was Sie verantworten können, ich werde das Meine +tun, und zwar rasch. Noch heute werde ich meine Tochter vor die +entscheidende Frage stellen. Sie hat zwischen Ihnen und mir zu wählen.« + +»Dann bitte ich nur um die Erlaubnis, vorher noch einmal mit Carina +reden zu dürfen. Ich habe, wie Sie wissen, Herr Präsident, mich bisher +zurückgehalten, ihr auch nicht geschrieben, gestatten Sie mir nun +wenigstens eine kurze offene Aussprache in Ihrem Hause.« + +»Es tut mir leid,« erwiderte der Präsident hart, »Ihnen diesen Wunsch +nicht gewähren zu können, da ich meinem überdies schon abgehärmten +Kinde diese Aufregung ersparen möchte. Wollen Sie ihr schriftlich noch +einmal alles klar auseinandersetzen, so bitte tun Sie das in aller Ruhe +hier nebenan in meinem Schreibzimmer. Geben Sie mir nachher den Brief, +und ich verspreche, ihn meiner Tochter sofort zu übergeben. Sie mag +dann alles ruhig durchdenken, ehe sie ihre schwere Entscheidung trifft. +Erlassen kann ich sie ihr nach alledem nicht mehr. Lieber ein Ende mit +Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ich bitte -- hier herein. Tinte, +Feder und Papier finden Sie.« + +Mit totwundem Herzen begann Kaspar Krumbholtz seinen Brief an Carina. + +Er schrieb ihn klar und freundlich, aber ohne rechte Hoffnung, denn +nur von Angesicht zu Angesicht hätte er noch einen Sieg für möglich +gehalten. + +So stand er schließlich wieder auf und ging noch einmal zu dem +Präsidenten und bat ihn abermals, ihm doch wenigstens vielleicht im +Beisein der Tante eine Unterredung mit Carina zu gewähren. + +»Wir kämpfen mit zu ungleichen Waffen,« schloß Kaspar mit bebender +Stimme, »wie jetzt die Verhältnisse liegen, wird mein Einfluß, vollends +durch das geschriebene Wort gegen das gesprochene des geliebten und +gebietenden Vaters, nicht aufkommen können! Lassen Sie mich zu ihr +reden, Herr Präsident, nur das eine Mal; es handelt sich um das Glück +meines Lebens!« + +»Um das meine wohl nicht minder, Herr Krumbholtz! Und wenn Sie von +einem Kampfe reden, so wäre ich doch ein Tor, Ihnen die Chancen, mich +zu überwinden, zu erleichtern. Ich habe soeben Gelegenheit gehabt, Ihre +zähe Energie zu prüfen, und ich fürchte den erneuten Einfluß Ihrer wohl +nicht ungefährlichen Persönlichkeit auf meine Tochter. Also ich bedaure +nochmals --« + +»Herr Präsident,« flammte nun Kaspar empor, »zwingen Sie mich, bitte, +nicht, Wege einzuschlagen, die mir unsympathisch und nur durch die +äußerste Not zu rechtfertigen wären.« + +Ärgerlich griff der Präsident nach der Glocke, läutete dem Diener und +ließ Fräulein Carina zu sich bitten. + +Dann ging er stampfend wie ein gereizter Stier auf und ab und polterte +heraus: »Sie sind wirklich ein Eisenkopf, Herr Krumbholtz.« + +Ruhig erwiderte Kaspar: »Wenn ich nicht alles daran setzte, das +Mädchen, das ich liebe, zu gewinnen, wäre ich kein Mann, und Sie wären +sicher der erste, der mich verachten dürfte. Würden Sie in meiner Lage +anders handeln, Herr Präsident?« + +»Sie wollen aber mit dem Kopf durch die Wand, junger Mann. Doch +meinetwegen, ich bin meines Kindes sicher. Also sagen Sie Carina +nebenan, was Sie für gut halten. Dann werde ich die Kabinettsfrage +stellen. Vorher gebe ich Ihnen jedoch nochmals anheim, meinen Vorschlag +von vorhin in Erwägung zu ziehen. Auch mir liegt daran, ohne Tragik +auszukommen. Sie scheinen ein Mann von Mut und Ausdauer zu sein, ich +würde mich freuen, Ihnen nach Erfüllung der gestellten Bedingung die +Wege zu ebnen.« + +Stumm und traurig schüttelte Kaspar den Kopf und ging langsam in das +Nebengemach. + +Bald darauf erschien Carina. Mit ruhigem Ernst empfing sie der +Präsident und sagte: + +»Liebes Kind, ich sehe mich leider genötigt, dir schon heute die +Entscheidung nahezulegen, von der wir gelegentlich sprachen. Herr +Krumbholtz wünscht noch einmal mit dir zu reden, ehe ich dich +bitte, zwischen ihm und mir zu wählen. Die Gegensätze haben sich so +zugespitzt, daß eine Vermittlung, wie ich sie noch eben anzubahnen +versuchte, ausgeschlossen ist.« + +Erschrocken und zögernden Schrittes trat Carina vor den Geliebten. + +Matt war ihr Händedruck, dann sagte sie leise: »Ich danke dir, Kaspar, +daß du gekommen bist, aber folgen kann ich dir nicht, ich kann nicht +von Papa fort. Er hat niemand außer mir, und ich hänge viel, viel mehr +an ihm, als ich dachte. Dergleichen merkt man immer erst, wenn man mit +dem Gedanken umgeht, sich zu trennen.« + +»Carina,« entgegnete Kaspar weich, »hast du vergessen, was du mir zum +Abschied in Leipzig auf dem Bahnhof zuriefst? Soll ich weiter auf dich +warten, ich will es tun. Viel zu gern! Nur laß mich hoffen. Vielleicht +wird dein Vater doch mit der Zeit anderer Meinung. Ich will unterdes +redlich versuchen vorwärts zu kommen.« + +»Laß es gut sein, Kaspar, es hilft doch nichts. Ich habe mir damals +in Leipzig alles anders und leichter gedacht. Ich habe dich wohl noch +immer so lieb wie ehmals, aber der Mut ist mir gebrochen. Man grübelt +und ringt nicht umsonst wochenlang mit seiner Umgebung, mit seinen +liebsten Angehörigen. Ich müßte an deiner Seite nicht nur in eine neue, +mir fremde und nicht sonderlich verlockende Welt, ich müßte -- ich weiß +es jetzt -- in die völlige Einsamkeit, beladen mit dem väterlichen +Fluch -- und das geht über meine Kräfte. Ich würde bald zusammenbrechen +und dir kein Glück bereiten, nur eine Last sein.« + +»Zwei Menschen, die sich selbst genug sind, können nie einsam sein.« + +»Doch -- ich wäre es -- ich bin anders als du, bin nicht so trotzig, +unabhängig und genügsam wie du.« + +»Du wirst es an meiner Seite bald werden, Carina. Und ich hoffe, mit +der Zeit wird auch dein Vater ein Einsehn haben.« + +»Vater -- nie. Da kenn ich ihn besser. Er ist seelensgut, aber er geht, +wie viele seines Standes, allzu sehr im Äußern, im Formalen auf. Und +ich bin vielleicht auch darin ein wenig seine Tochter. Ich würde mich +wohl in dein Wesen, aber schwerlich in deine Ziele, niemals in deine +Gesellschaftskreise finden können.« + +»Die brauchen wir nicht, Carina, --« + +»Doch -- du vielleicht nicht, aber eine Frau braucht dergleichen.« + +»Aber nicht eine Frau wie du, Carina.« + +Müde lächelte die kleine Mutzerin, dann sagte sie resigniert: »Du hast +eine zu hohe Meinung von mir, Kaspar, wie ich sie selber auch von mir +hatte; aber ich bin leider keine Heldin, ich bin doch nur ein armselig +schwaches Weib, das zu einem Kämpfer, wie du es wohl bist, gar nicht +passen würde.« + +»Carina, sage das nicht. Gerade du bist die beste Ergänzung für mein +Wesen, Carina, laß mich nicht im Stich, du weißt nicht, was du mir +bedeutest!« + +»Ich weiß es vielleicht -- und dennoch, Kaspar -- wenn ich heute eine +Entscheidung treffen muß, und mein Vater fordert sie -- dann muß ich +mein Wort zurücknehmen und dir Lebewohl sagen. Denke nicht zu hart von +mir, Kaspar, verlier nicht den Glauben an unser Geschlecht, weil eine +davon deiner nicht wert war. Vergiß mich, aber verachte mich nicht! +Küsse mich noch einmal zum Abschied -- es lindert meine Qual -- Komm, +hab Mitleid mit mir --« + +»Carina!« schrie Kaspar leise auf, »das soll das Ende sein -- also leb +wohl!« + +Hart stieß Kaspar Krumbholtz die dargebotene Hand zurück, verbeugte +sich kaum merklich und verließ eilends das Zimmer, in dem Carina +schluchzend auf ihres Vaters Schreibstuhl niedersank. + +Mit einem tonlosen »Sie haben gesiegt, Herr Präsident!« grüßte Kaspar +den stumm sich verneigenden Herrn Mutzer und ging trotzig davon. + + * * * * * + +Je wilder der Sturm gewesen war, der zunächst in Kaspars Seele gewütet +hatte, um so tiefer war nun die Niedergeschlagenheit, die sich seiner +bemächtigte. + +Verbitterung, Pessimismus, Menschenverachtung, Mutlosigkeit, ja +Verzweiflung an sich und seiner Zukunft -- alles kam mit einem Male +über ihn und nagte an seiner Seele, deren Widerstandskraft eine +Zeitlang wie gebrochen erschien. Nicht einmal zu hassen vermochte er +mehr, nur Mitleid regte sich bisweilen. Was hatte Carina viel anders +getan als er bei Ursemi? Sie hatte dem inneren Muß gehorcht wie er. + +Gleichgültigkeit kam über Kaspar. Die Arbeit an seinen Schülern, die +ihm sonst über alles ging, wollte ihm nicht mehr viel bedeuten, wollte +ihm auch nicht mehr recht glücken, da Lust und Liebe fehlten. + +Tagtäglich nannte sich Kaspar einen haltlosen, erbärmlichen +Schwächling, verhöhnte sich und lachte sich aus, rief den lieben, alten +Trotz zu seiner Unterstützung herbei und sprach sich immer wieder aus: +Warum sich so werfen lassen? Ist sies denn wert? Zeige wenigstens dem +hochmütigen Präsidenten erst recht, was du kannst! Doch immer wieder +kam die Antwort aus seinem Innern: Wozu das alles? Für wen mühst du +dich ab? Laß alles gehen, wie es geht! + +Die alte Spannkraft der Seele schien völlig geschwunden zu sein. + +Sogar der stille, zuversichtliche Glaube an die allwaltende Liebe +Gottes und das nach und nach wieder sicher gewordene Vertrauen in seine +unergründlich weise Führung wankten von neuem bedenklich in Kaspar +Krumbholtz. Er wußte, daß es unendlich kleinlich und töricht war, seine +Anschauung über Gott, Welt und Menschenbestimmung abhängig zu machen +von trüben persönlichen Erfahrungen und sicherlich vorübergehenden +Eindrücken, und dennoch konnte er sich zurzeit auf einen höheren +Standpunkt nicht erheben. + +Es gab einmal keine absolute Gotteserkenntnis für uns jammervoll +beschränkte Menschen; es gab wohl nur ein Spiegelbild des Höchsten in +unseren Seelen, und dessen Deutlichkeit und Färbung mußten mit unsern +Stimmungen wechseln. + +Und doch -- wozu gab es das Leid, wenn es nicht den Boden des Herzens +pflügend aufreißen sollte, um ihn von neuem und immer fruchtbarer +zu machen für den Samen des Unvergänglichen? Wozu gab es den doch +unausrottbaren Drang zum Erkennen, zum Schaffen und Wagen, zum +Fortschreiten und zur Freude an jedem Gelingen in unserer Brust, wenn +er nach bitteren Enttäuschungen nicht um so kräftiger hervorbrach wie +die Triebkraft eines gekappten Strauchs, der nach Überwindung der +schweren Saftstockung aus vermehrtem Wurzelvermögen zu wirtschaften +vermag. + +Sollte nicht gerade diese letzte, schwerste Erfahrung ihn loslösen +von dem zu billigen Genuß eines Durchschnittlebens, um ihn für +seinen eigentlichen, vielleicht ungewöhnlichen Daseinszweck um so +unabhängiger, um so geschickter zu machen? + +Und Kaspar sann und sann unaufhörlich und konnte sich lang nicht +zurechtsinnen. + +Erst nach einem stillen unablässigen Versenken in die ruhige +Selbstverständlichkeit und zugleich Unergründlichkeit der großen Natur +und ihrer Gesetze, erst im wohltuenden Frieden einer fast ungetrübten +Einsamkeit begannen Kaspars tiefe Wunden nach und nach sich zu +schließen und zu vernarben. + +Die Lust zum Gestalten erwachte plötzlich wieder, bald auch die +Freude an der Entwicklung der ihm anvertrauten Jugend. Und ein neues +Verantwortungsgefühl war dann die erste Spur eines verfeinerten Selbst- +und Pflichtbewußtseins, das in seinem scheinbar so verödeten Innern +langsam erstand. + +Und nun merkte Kaspar deutlich und immer deutlicher, daß die schwere +Niederlage ihn seltsam verwandelt hatte. + +Er blickte tiefer und verständnisvoller in Seelen und Zusammenhänge. + +Vor allem betrachtete er seine Kollegen mit anderen Augen, er sah sie +und ihre Menschlichkeiten in milderem Lichte, und doch sehnte er sich +aus ihrem Kreise fort. + +Er dürstete nach neuen Anregungen, aber er fand sie nicht. Sein +bisheriges Leben dünkte ihm schal und oberflächlich, er glaubte +geträumt, aber nicht mit vollem Bewußtsein gelebt zu haben. + +Neue, tiefere Bedürfnisse waren in ihm wachgeworden und verlangten nach +Befriedigung. + +Nur an der Tafelrunde der Moraven fand er noch immer jenes stille +Behagen, das eine harmonische Gesellschaft gleichgestimmter Seelen +erzeugt. Gottfried Kämpfer fiel Kaspars Veränderung freilich auf; er +neckte ihn wohl erst, nannte ihn »einen Peter Schlemihl, der keinen +Schatten werfen könne, da er selbst nur Schatten sei«. Dann aber +schaute er tiefer und wußte nicht nur scharf zu sehen und zu treffen, +er wußte auch wacker zu trösten. + +Kämpfer nahm den Freund nach einer guten Sitzung nachts mit auf einen +schönen Mondscheinspaziergang, ließ sich Kaspars Herzeleid beichten +und erzählte ihm von seinem großen Weh: Wie er vor Jahren sein schönes +junges Weib und ein zartes Kindchen bald nacheinander hergeben mußte; +wie er darüber seinen Gott abermals verlor in dem rasenden Sturm seiner +bittersten Verzweiflung und dann vergeblich Betäubung suchte auf weiten +Reisen, ja zuletzt eine mitleidige Kugel auf dem Kriegsschauplatz +Südafrikas. + +»Aber sie schossen in Wahrheit längst nicht so gut,« schloß Gottfried +Kämpfer seinen düsteren Bericht, »wie in den Zeitungen, diese dreimal +vermaledeiten Buren! Sie haben mich nur um meinen letzten Funken +idealer Selbsttäuschung gebracht, diese Hallunken! Sie hatten mich +angelogen wie das Leben. Und so dachte ich schließlich: lüge du auch, +die Wahrheit macht sich nun einmal so sehr schlecht bezahlt auf dieser +Welt; es gibt niemand freiwillig einen Dreier dafür. Und so ließ +ich den bösen Buren ihren großen Heldenruhm ungeschmälert, gab aber +gerechterweise den lieben englischen Tommies auch ihr Teil und dem +guten deutschen Publikum erst recht! So log ich mich langsam ins Leben +zurück und kam schließlich wieder glücklich bei meiner Zeitung und +in meinem alten Traumparadies an und pflegte den wunden Helden, mein +törichtes Herz, mit Ach und Krach wieder leidlich gesund. Auch den so +schnöde von mir zertrümmerten Herrgott log und leimte ich mir nach und +nach wieder zusammen; er sieht ja noch ein bißchen geflickt aus, aber +er hält doch und sitzt ganz stattlich wieder auf seinem Throne, als +habe sich nichts verändert. Es hatte sich auch gar nichts verändert, +weder die Welt, noch der Herrgott -- nur mir war die Brille ein bißchen +blind geworden. Das gab sich aber, als es nicht mehr so kalt war um +mich her. So, mein lieber Prinz mit der heimlichen Krone und dem allzu +heißen Herzen unterm Mantel, hm, die Moral von der Geschicht -- ein +bißchen Kälte schadet nicht.« + +Kaspar lächelte gerührt und sagte bewundernd: »Ja, wer deinen Humor +hätte, Kämpfer!« + +Gottfried Kämpfer erwiderte schmunzelnd: »Warts nur ab, lieber +Junge, vielleicht wächst dir diese seltne Rebe auch noch. Sie liebt, +damit dus weißt, vulkanischen Boden wie die Lacrima Christi, je mehr +Herrlichkeiten unter der dunklen Lava liegen, um so üppiger sprießt +sie, um so feiner wird ihre Blume!« + + + + +Siebentes Kapitel + +Silvester + + +Nach reiflicher Überlegung hatte sich Kaspar Krumbholtz entschlossen, +den Antrag des Kuratoriums nunmehr doch anzunehmen, zumal auch Ursemi +ihm keine Ruhe ließ und ihn immer dringender bat, sie doch einmal zu +besuchen. + +Harry habe ihr soeben, schrieb sie, ein geräumiges Palais gebaut, +New-Reda genannt, hoch über San Franzisko, auf dessen wundervolle +Bai vom goldenen Tor sie nun tagtäglich herabschauen könne. Selten +sei auf der lieben Gotteserde so viel Schönheit verschwenderisch +zusammengehäuft worden wie in diesem sonnenheiteren, freilich ein +wenig wackligen Kalifornien, und doch könne sie die ernsten, nebligen +Waldberge Schlesiens darüber niemals vergessen. Kaspar müsse zu ihr +kommen und sie vom Heimweh kurieren, dafür wolle sie ihm auch klar +machen, daß ein alter Junggeselle gar nichts von Kindern verstehen +könne. + +Kaspar lachte -- nach langer, banger Zeit -- endlich einmal wieder +aus vollem Halse und fröhlichem Herzen. Dann ging er voll innerer +Gewißheit und Klarheit zu seinem Direktor, um ihm zu kündigen. + +Der sprach einige schöne bedauernde Worte, die auf Kaspar jedoch +weniger Eindruck machten, als vor Jahren der ehrliche Ärger des +Tramberger »Chefs«. + +Die Kollegen machten große Augen, als sie von Kaspars Austritt und +seiner Begründung hörten, und fragten einander erstaunt, was dieser +gewiß biedere, doch in seinen Fähigkeiten ziemlich begrenzte Kollege da +drüben im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten wolle. + +Kaspar verriet es ihnen nicht, er wußte es ja selbst noch nicht so +recht. Er kam sich selber zur Genüge klein und unwert einer solchen +unverdienten Auszeichnung vor; aber das Kuratorium war seinen +utopischen Entwürfen so nahe getreten, daß es ihm schon eine ganze +Reihe ergänzender Beobachtungen auferlegt und auch eine ziemlich exakte +Marschroute für die bedeutendsten Erziehungsanstalten Nordamerikas +vorgeschrieben hatte. + +Kaspar ging mit gewohnter, zäher Gründlichkeit an die neue schwierige +Aufgabe, in der er doch wieder einen höheren Wink zu erkennen glaubte. + +Er studierte die nicht kleine, aber merkwürdig oberflächliche, +meist nur nach dem äußeren Eindruck urteilende Literatur über +Amerika, aus der jedoch drei bedeutsame und völlig verschiedene +Urteilsindividualitäten hervorragten: ein künstlerisch empfindender +Geograph, sein geliebter verstorbener Lehrer, ein still von ihm +verehrter und auch schon betrauerter Lausitzer Poet und ein ihm noch +unbekannter deutsch-jüdischer Philosoph, der allerdings nicht ganz die +Objektivität der beiden andern aufwies, vielleicht weil er, wie so +viele Deutsche, Amerika zu lieb gewonnen hatte. + +Aus diesen drei deutschen und zwei sehr ergiebigen englischen Quellen +schöpfte Kaspar seine beste Vorbereitung für die bevorstehende eigene +Anschauung. + + * * * * * + +Nun galt es Abschied zu nehmen. Viel Liebes besaß Kaspar nicht im +Vaterlande. + +Die Enterbten der Moravenrunde gaben ihrem »heimlichen Prinzen« launig +ihren Segen, und Gottfried Kämpfer hielt zu seinem Abschied eine +warme, sinnige Scherzrede über den heilkräftigen Wert sogenannter +Kolonialböden. + +Er habe manche Nacht darauf gelegen und nach und nach herausbekommen, +daß sie einen zauberisch würzigen Duft ausströmten, der besonders für +alternde Gehirne, senile Willenspotenzen und verkalkende Arterien +ausgezeichnete Dienste tue. Kaspar solle sich also öfters, namentlich +im jungfräulichen wilden Westen, auf den Boden legen, aber ja nicht auf +den Bauch, sondern hübsch mit der Nase gen Himmel, sonst verlöre der +beste Pionier die Orientierung. + +Mit drei Hurras für »Seine Königliche Hoheit, den Prinzen Schlemihl +von Utopien, zurzeit Ehrenritter des goldenen Kalbes«, schloß der +Journalist und überreichte Kaspar feierlich seinen kleinen Kompaß aus +dem Burenkriege, damit er jederzeit wie der andächtig betende Moslem +wisse, wo sein Mekka, wo »das liebe, närrische Land der solidesten +Träumer« liege. + +Dann fuhr Kaspar nach Reda zu der recht hinfälligen Mutter Winkler, die +ihm, noch immer sorgend, allerlei Päckchen für die große Ursemi und die +kleine Edith mit vielen Grüßen auf die Seele band. + +Auch den +Dr.+ John Sebalt und seine Zwillingsbübchen sollte +Kaspar von ihr grüßen, wenn er ihn irgendwo zu sehen bekäme. + +Volpelius hatte eingehende Besprechungen mit Kaspar und weihte ihn +völlig in die nun schon zu wichtigen Einzelheiten gediehenen Pläne des +Kuratoriums ein. + +Von Kaspars Berichten erwarte man vor allem Klärung in allerlei +schwierigen Fragen für praktische Aufgaben, die eben in Amerika +vielfach mit dem ganzen Mut traditionsloser Pioniere und dem Geschick +lebenskluger Geschäftsleute gelöst seien. + +Kaspar möge als unbefangener Erziehungssachverständiger nachprüfen, ob +und wie weit dabei »der Geist, der sich die Formen schaffe«, zu seinem +Rechte gekommen sei und was, ohne deutscher Eigenart zu schaden, als +fruchtbare Anregung oder gar als Vorbild zu verwerten sei. + +Die Mittel seien so weit beisammen, daß man demnächst mit den ersten +Bauten der Winklerstiftung beginnen könne. + +Dann händigte Volpelius seinem Schützling einen großen Stoß wichtiger +Empfehlungsbriefe und einige Reisescheckbücher ein. + + * * * * * + +Von Reda reiste Kaspar nach Ingelbach zu seinem hoffnungslos +dahinsiechenden Onkel Andreas, den Tante Renate mit selbstloser Hingabe +pflegte. + +Es war ein bewegtes Wiedersehen und -- wie Kaspar deutlich fühlte -- +ein Abschied für immer. + +Zum Skelett abgemagert, lag der ehrwürdige Onkel nun schon seit Monaten +völlig hilflos auf seinem Schmerzenslager. Und doch kam keine Klage +über die schmalen, blutleeren Lippen, im Gegenteil, er dankte seinem +Herrn Jesus, der ihm Gelegenheit gebe, seinen Glauben an ihn auch im +Leiden zu bewähren, und ihn damit zu preisen vor den Menschen. + +Es war ein stiller, rührender Held, der so, leise und eindringlich, +zu seinem Neffen sprach. Es war kein verzückter Märtyrer, kein +überspannter Fanatiker, aus dem etwa unheimlich die Selbstqualfreude +hervorloderte. + +Kaspar fand zwar keinen Trost für das furchtbare Leiden des sterbenden +Mannes, er blieb stumm vor Ergriffenheit; aber er nahm aus den +abgezehrten Knochenhänden des Greises reichen Trost und Segen mit sich. + +Das Bild Christi war in Kaspars Seele lang verschwunden; nun tauchte +es, wie aus Morgennebel, schüchtern wieder empor, lieblich und rührend, +väterlich milde und menschlich gütig wie in den Tagen seiner ersten +Liebe zu ihm. + +Um Dogmen und Forschungsergebnisse war es Kaspar schon längst +nicht mehr zu tun; auch die theologische Auffassung der Person des +Menschenerlösers war ihm, wenn nicht gleichgültig, so doch +unwesentlich. + +Nur eines stand ihm plötzlich wieder fest: Wenn Christi Leben und +Sterben noch immer befreiend, verklärend, ja wunderkräftig auf so +schlichte, reine und ernste Menschen wie Onkel Andreas wirken konnte, +dann konnte seine göttliche Wirkung und Bestimmung, deren letzter +Urgrund für uns Menschen vielleicht absichtlich Geheimnis bleiben +sollte, noch längst nicht nachgelassen haben oder gar erschöpft sein. + +Auch Kaspar wollte ruhig warten, was in seiner Seele nach und nach +offenbar, oder vielleicht nur ~wieder offenbar~ werden wollte. +Erzwingen ließ sich nichts, das hatte er zur Genüge erfahren. + +Eines wußte er nun: Das innere wie äußere Erleben spiegelt uns +unsern Gott. Und wie das Leben millionenfach verschieden ist, gleich +der großen Natur und ihren Offenbarungen, so auch der Spiegel des +göttlichen Wesens in den Seelen der Menschen. Je bewegter die Seelen +sind, um so unklarer wird dieses Bild; darum gilt es ruhig zu werden, +um seine erhebende Schönheit rein und andächtig zu genießen, ruhig wie +die Kinder, die redlichsten Diener Gottes. + + * * * * * + +Es war Silvester, und wie in seinen Jugendjahren ging Kaspar Krumbholtz +mit ernster Fassung in den weihevollen Mitternachtsgottesdienst der +Neujahrsnacht, nachdem er Onkel und Tante nach alter Brüdergemeinsitte +einen gesegneten Übertritt in das neue Jahr gewünscht hatte. + +Rundum warmes, schweigendes Düster, nur hie und da spärlich erhellt +von weichem, bläulich verschleiertem Laternenschimmer. Feuchter +Nebeldunst war beim Atmen zu spüren, unsicher tastete der Fuß über das +schmutzig-schlüpfrige Pflaster. + +Etwas Erwartungsvolles, unheimlich Kreißendes lag über der im Dunkel +versunkenen Landschaft wie vom Brauen und Weben einer fruchtbaren +Vorfrühlingsnacht. + +Das alte, brave Glöcklein rief mit seinem heiseren, dünnen Stimmchen +vom gespenstischen Dachreitertürmchen herab die Andächtigen aus +Ingelbach und Umgegend zum großen Kirchensaal, vor dessen Türen die +Bläser mit vollen Backen und unter einigen redlichen Schweißtropfen +einen schwierigen, nur für diese Gelegenheit üblichen Choral bliesen. + +Im schlichten, weißen Saal standen noch die hohen, duftenden +Christtannen im Schmuck ihrer letzten Lichter, und rings von den Wänden +und den Brüstungen der Emporen herab grüßten feierlich Lichtlein um +Lichtlein. + +Der feinfühlige Organist intonierte stimmungsvoll ein zartes, +wehmütiges Vorspiel, das wie ein müdes Scheidelied an das alte Jahr +klang, während sich Kaspar hinten unters Chor in einen stillen Winkel +schlich, wo er mit sich und seinen Stimmungen und Gedanken allein war. + +Der Liturg schritt gemessen hinter den dunkelgrünen Tuchaltar, auf dem +eine mächtige Bibel lag, und blickte gebietend zur Orgel hinauf. + +Der Chor sang mit wundervoller Harmonie sein »Heilig, heilig, heilig +ist Gott der Herr,« und dann brauste mächtig und doch getragen das Lied +der ergriffenen, dichtgedrängten Gemeine durch das festliche Haus: »O +Ewigkeit, du Donnerwort!« + +In ernster Rede sprach der Geistliche über die schönsten Worte des 90. +Psalms, und alles lauschte mit Aufmerksamkeit. + +Nur Kaspar saß wie träumend und ließ noch einmal an seiner Seele seine +ganze bisherige Entwickelung vorüber ziehen. + +Als Kind hatte er in der ersten Neujahrsnachtfeier, die ihn schon +damals innig bewegte, gelobt: ein redlicher Diener Gottes zu werden wie +sein Vater, der den Heldentod auf dem Felde von Gottes Ehre gefunden +hatte. + +Als junger Student hatte er wieder in einer solchen Nacht davon +geschwärmt: was müsse es doch für ein unsagbares Glück und stolzer +Auftrag sein, in so weihevoller Stunde als gottverordneter Diener am +Wort einer sündigen Menschheit ein drohend donnerndes »Besinne dich« +zuzurufen und damit auch die schlaffsten, gleichgültigsten Seelen +wachzurufen und aufzurütteln. Und dann? + +Dann gingen die paar Menschlein unter den Milliarden hinaus mit jenen +guten Vorsätzen, mit denen die Macht der Finsternis die schönen, +bequemen Wege zu ihrer Hochburg gepflastert hatte. + +War dieser Beruf der Festtagerschütterer und Sonntagtröster wirklich +der höchste der menschlichen? + +Nein, auch er war nur einer unter vielen, nicht besser und nicht +schlechter als andere -- nur gefährlicher! Denn jeder Diener der +Majestät neigt dazu, sich selber ein Stück derselben zuzuschreiben. Die +Geschichte der Kirche lehrte es zur Genüge durch die Jahrhunderte. + +Der Weltenschöpfer hatte sicherlich an jedem redlichen Schaffen seine +Freude, ob es für Ihn, für den Schaffenden selbst oder für andere war, +ob produktiv oder reproduktiv, ob fürs Ideale oder ums liebe Brot -- +galt Ihm, dem über all das Erhabenen, wohl gleich. + +Er stand ja auch nicht still; Er hatte gar viele Mühlen im Gange, +die für Ihn mahlten; und die leisesten und verborgensten waren Ihm +vielleicht die liebsten, sicherlich die wichtigsten. + +Kaspar wollte sorgen, daß seine Mühle nicht stille stand. + +Da brach mit jubelnden Fanfaren das neue Jahr herein -- schnitt +rücksichtslos dem Geistlichen die letzten Worte ab, obwohl er sie nach +der Uhr genau abzuzirkeln versucht hatte. Da läutete das Glöcklein +droben Sturm, denn der Küsterbruder zerrte es gar wild und grimmig. +Da sangen die Männer, Weiber und Kinder ringsum frohlockend: »Nun laßt +uns gehn und treten mit Singen und mit Beten«, und dann beugten sie die +Knie und beteten wirklich und tief erschüttert von der Wucht und den +Schauern des großen Augenblicks: »Du ewiger Gott, heiliger, starker +Gott!« + +Auch Kaspar betete, aber er dankte nur still, daß ihn der +Unerforschliche trotz aller Trübsal seines Lebens, trotz der +niederschmetternden Enttäuschung auch dieses herben Jahres doch den +richtigen Weg geführt habe, und daß er es endlich wieder verstehen +gelernt habe. + +Während die eben noch so Andächtigen sich mit jovialen, breiten +Philistermienen die derben Alltagshände wacker schüttelten, die runden +Handwerksschultern vertraulich klopften und sich laut »Prost Neujahr« +zuschrien oder sich leise »ein gesegnetes neues Jahr« in die Ohren, +Hauben und Kapuzen raunten, schritt Kaspar an dem kleinen, stillen +Friedhof, auf dem gar manch ein Krumbholtz schlummerte, vorbei -- +hinaus in die zukunftgebärende Nacht. + +Von rückwärts verhallte der weiche Orgelklang und der grelle, harte +Klang der Posaunen; vor ihm knallten einige frohe Schüsse übermütiger +Dorflümmel; fern von unsichtbaren Dorftürmen bimmelten dumpfe und helle +Glöcklein. + +Wieder ein Jahr vorüber -- und das Leben schritt unaufhaltsam weiter +von Generation zu Generation. + + * * * * * + +Als Kaspar nach einiger Zeit erfrischt und innerlich geklärt zu dem +kleinen Hause seiner Verwandten zurückkehrte, fand er eine schluchzende +alte Frau über einer noch warmen Leiche hilflos zusammengebrochen. + +Onkel Andreas hatte unter den Klängen der Glocken und Posaunen sein +Lebenswerk zu Ende gebracht. Lächelnd und friedlich lag er da wie ein +glücklicher Sieger. + +Kaspar richtete mit schonender Zärtlichkeit die arme Tante Renate auf, +strich ihr über die verwirrten Strähnen ihres dünnen, silberweißen +Haares und sagte liebreich tröstend: + +»Weine, Tantchen, es erleichtert, aber klage nicht! Es kommt nichts um +in Gottes Reich; auch dieser Mann hat nicht umsonst gelebt. Er hat mit +seinem Leiden und Sterben die schönste Predigt seines Lebens gehalten. +Halten wir uns an das Wort, das ihm so starken Trost gab: Wo ich bin, +da soll mein Diener auch sein!« + +Da umarmte die wankende Greisin ihren aufrechten Neffen und stammelte: +»Wenn du das wieder glauben kannst, mein Junge, dann ist auch er nicht +umsonst gestorben.« + + + + +Achtes Kapitel + +Die neue Welt + + +Wie die stumpfen Riesenzähne eines gierig weitgeöffneten Rachens +bläkten die zahllosen Piers zu beiden Seiten des Hudson aus dem langsam +verebbenden Nebelmeer. + +In tausend Signalen tutete und schrillte, stöhnte und frohlockte +ein scheinbar völlig wirrer Verkehr auf dem tagsüber schmählich +geknechteten Fluß, der nur in schweigender Nacht, im Spiel der +ruhigen Himmelslichter, seine stille Majestät und ursprüngliche Größe +wiederfand. + +Ein dumpfes Brausen, in dem Millionen Stimmen mitklangen, schwoll von +all den Ufern ringsum, vor allem von der langen, schmalen Landzunge, +auf der sich das schier endlose Neuyork dehnte und streckte. + +Mit gefaßter Seele und bohrenden Blicken maß Kaspar Krumbholtz das +seltsame Völkertor Nordamerikas, durch das schon so viele Millionen des +sich immer noch überreichlich verjüngenden deutschen Volkes zu neuem +Leben, zu Freiheit und rastlosem Schaffen gezogen waren. + +Unheimlich drohend standen die Ungetüme von Wolkenkratzern da drüben +in Reih und Glied, gleich einer Schar trotziger Garden. Auf ihren +vergitterten Masken stand ein herrisches »Herein -- doch nicht zurück!« + +Kaspar zuckte zusammen. Auch sein Geschlecht hatte diesem Moloch unter +den Kontinenten wertvolle Opfer bringen müssen. Würde auch er dem +verführerischen Zauber dieses lockenden jungfräulichen Bodens erliegen, +der selbst einen so heimatstolzen und unabhängigen Mann wie den Grafen +Harry Brosyn nach und nach überwältigt hatte und ihn nicht wieder los +ließ? Vielleicht konnte ihm, dem Missionskind, dieser Zauber weniger +anhaben, da er ja schon ein Kind dieses Erdteils war. + +Zu langem Nachsinnen war Hoboken nicht der Ort und das Anlegen eines +Hapagdampfers nicht die Gelegenheit. Der heiße Sturmatem des neuen +Landes wehte dem Ankömmling bereits entgegen, ehe er es betrat. + +In wenigen Minuten war man fest, war man an Land, war man in den +tückischen Klauen schonungsloser Zollinquisitoren, der ersten großen +Schande der stolzen Republik. + +Noch manche andere und schlimmere sollte Kaspar offenbar werden +bei seinem langsamen und zähen Prüfen, das sich von schimmernden +Oberflächen und blendenden Äußerlichkeiten nicht bestechen ließ. + +Aber was bedeuteten allerlei kleine Schönheitsfehler wohl für das große +Ganze? Kinderkrankheiten für einen später vielleicht um so gesünderen +Organismus! + +Stieß Kaspar doch allüberall auf einen mutigen, lebensfrohen und +zukunftsicheren Menschenschlag, der all diese herben Schäden +wie Bestechlichkeit, Spekulationswut, Mammonsgeist, Prahlsucht, +rücksichtslosen Egoismus, Roheit, sittliche wie religiöse Heuchelei, +mehr oder weniger offen zugestand und des festen Glaubens lebte, +mit der Zeit auch darüber ebenso hinweg zu kommen wie über seine +künstlerische Unreife und Unselbständigkeit. + +»Das ist alles nur provisorisch, das Eigentliche muß erst noch kommen«, +so stand es überall auf den Gesichtern dieser nationalstolzen Bürger, +dieser selbstbewußten Bürgerinnen zu lesen. + +Ein starker, unbesieglicher Optimismus waltete wie ein unsichtbar +schützender Genius über dem jungen, zuversichtlichen Volke. + + * * * * * + +Schon am nächsten Morgen begann Kaspar Krumbholtz die ihm aufgetragenen +Studien, indem er der großzügigsten und wissenschaftlich am +selbständigsten und kühnsten aufstrebenden Bildungsstätte Amerikas, der +Columbia-Universität, einen Besuch abstattete. + +Schon hier hatte Kaspar nach wenigen Stunden das Gefühl, daß er vor +einer den deutschen staatlichen Hochschulen ebenbürtigen und doch +privaten Schöpfung stehe; woraus er freudig, doch vorschnell schloß, +seine gründlichen Landsleute würden daheim etwas Ähnliches schaffen +können, sobald nur einmal genügende private Mittel zur Verfügung +ständen. Er vergaß die Wucht der Tradition, den Zwang der historischen +Entwickelung, die Schlaffheit seines Jahrhunderte lang übermäßig +bevormundeten, bürokratisierten Volkes. + +In den Geist und die Eigenart Columbias, dieser monumentalen +amerikanischen Wissenschaftshochburg, einzudringen, dazu bedurfte es +allerdings längeren Ein- und Mitlebens, und Kaspar, der sich für seine +Reise das »+multum, non multa+« als Motto gewählt hatte, scheute +diese Mühe auch nicht und sollte es nicht bereuen. + +In einzigartiger gastlicher und kameradschaftlicher Weise kamen ihm +Dozenten und Studenten entgegen, insonderheit die Herren vom deutschen +Departement, mit denen Kaspar schließlich in freundschaftliche +Beziehungen treten durfte. + +Von Columbia führte ihn die Arbeit zum City College, das in +märchenhafter Schloßherrlichkeit, frei und stolz, hoch über die +Nordstadtteile Neuyorks emporragt. + +Auch hier galt es länger zu verweilen und sich schließlich nur schweren +Herzens loszureißen; denn noch harrten der Besichtigung allein in +Neuyork eine ganze Reihe ähnlicher, freilich nicht mustergültigerer +Bildungsanstalten, in denen eine merkwürdig gleichmäßige Jugend in +kecker, ein wenig geräuschvoller Selbständigkeit, in ritterlicher +Frauenverehrung, gesund an Leib und Seele, heranwuchs. + +Dann ging es in die nähere und weitere Umgegend, in das vornehme Yale +und Princeton, das altehrwürdige, ein bißchen sybaritisch erschlaffte +und verzopfte Harward, das zurzeit auf seinen Lorbeeren eingeschlummert +schien, in das gediegene Johns Hopkins, das solide Pennsylvania und das +jugendfrische Cornell. + +Auch die idyllisch angelegten, zum Teil schon von Natur paradiesisch +ausgestatteten Mädchen-Colleges Vassar, Wellesley und Smith-College +suchte Kaspar auf, nahm neue, reiche und tiefe Eindrücke und Anregungen +in sich auf und verbrachte unvergeßliche Stunden mit edlen, freien, +zielbewußten Frauen, um deren Gestalten bisweilen ein Hauch königlicher +Würde schwebte. + +Es war in der Tat eine neue Welt, die dem ehemaligen Lehrer der +Tramberger Anstalt und der Leipziger Reformschule nach und nach +aufging. Und doch ward er gerade hier oft an alte moravische +Institutionen, zum Beispiel das Jahrgangssystem, die mehr oder +weniger begrenzte Selbstverwaltung der Zöglinge und die intensive +Körperausbildung, erinnert. + +Unabsehbare Perspektiven eröffneten sich jedenfalls, frohe +Zukunftshoffnungen regten sich; klarer und klarer wurde Kaspar, wo +deutsche Nacheiferung mit Erfolg einsetzen konnte, wo nationale +Selbständigkeit und deutsche Stammesart gewichtige Unterschiede +bedingen und behaupten mußten. + +Im großen und ganzen waren es mehr äußere Vorzüge, die den Neid +deutscher Erzieher erregen konnten, so die großlinige Anlage der +behaglichen Wohnheime, der fürstlich ausgestatteten Institute, der +vornehm moderne Zuschnitt des kraftvoll gesunden Lebens, die üppige +Gelegenheit zu Spiel, Sport und Kunstpflege aller Art, die reichen +Bibliotheken, die freie Geselligkeit und anderes mehr. + +Aber auch innere Momente waren sehr beachtenswert, vor allem die +Einheitlichkeit der nationalen Grundstimmung, die frauenstolze +Sittenstrenge, die zielbewußte Erziehung zum unabhängigen +Willensmenschen, der nüchtern, keck, froh und nicht mit allzu viel +gelehrtem Ballast beladen, seinen Mann im praktischen Leben stehen +kann. + +Nur ein wichtiges Moment, das den alten Griechen wie ihren modernen +Nachfahren, den Deutschen, stets als Ideal im Zenith ihrer Erziehung +stand, das der künstlerischen Harmonie, vermißte Kaspar gar zu sehr +in den amerikanischen Bildungsanstalten. Dafür herrschte zu viel +Oberfläche, zu viel Prunk, gab es zu viel Hast, zu wenig Tiefe und +still langsames Reifenlassen. + +Man pflegte anscheinend einen guten und lebenstüchtigen Durchschnitt zu +erzielen, aber keine besonderen Individualitäten, keine Führernaturen, +keine Bahnbrecher, die übrigens wohl nicht zufällig auch dem +amerikanischen Kunst-, Wissenschafts- wie Staatsleben in der Tat +fehlten. Selbst an geistig wie wirtschaftlich wirklich unabhängigen +Forschern gebrach es allenthalben, vielleicht darum, weil die Erzieher +und Lehrer Amerikas nicht ähnlich fürstlich unterhalten und geschätzt +wurden wie die prunkvollen Gebäude, in denen sie wirkten. + +Nur im Geschäftsleben waren geniale Schöpfer zu finden, da hier +einstweilen noch durchaus der Schwerpunkt des amerikanischen Ehrgeizes +und seiner Leistungen lag. + +Weit schärfer traten Kaspar diese Mängel der amerikanischen +Jugenderziehung entgegen, als er nach einigen Monaten in den Middle +West und Westen kam. + +Freilich galt es auch hier, nicht in Bausch und Bogen zu urteilen oder +gar zu verurteilen, es galt vorsichtig und gerecht zu prüfen und zu +werten; es galt vor allem, nicht Früchte von Bäumen zu verlangen, die +erst vor kurzem gepflanzt und noch nicht einmal fest eingewurzelt +waren. + +Überdies gab es Ausnahmen genug, namentlich da, wo sich in älteren +deutschen Ansiedlungen, nach Befriedigung des gierigen Geldhungers, +der alte germanische Bildungstrieb schon wieder geregt und +Eignes geschaffen hatte, wie etwa in der stolzen Metropole der +deutschen Middlewest-Kultur, in Cincinnati, oder im lieblichen, +rührigen Indianapolis, in Milwaukee, Chicago und den selbstbewußt +emporstrebenden Zwillingsstädten St. Paul-Minneapolis. + + * * * * * + +Und weiter gen Westen eilte Kaspar, und nach und nach ging dem bisher +allzu eifrig aufs geistige Amerika Bedachten auch die Eigenart und die +in scharfem Kontrast zwischen arm und üppig schwankende Beschaffenheit +des Landes auf. Mit seinem sprunghaften Klima und seinem tückischen +Wechsel zwischen gar keinen oder zu vielen Bodenschätzen, Naturkräften, +Fauna- und Florabeständen mußte dieses seltsame Land auf den Charakter +der zu Extremen jeder Art neigenden Bevölkerung gewirkt haben und wohl +stets weiter wirken. + +Im Osten hatte sich Kaspar nur wenig um die Landschaft der Gebiete +gekümmert, die er mit den oft rasenden Expreßzügen durcheilte. Dafür +genoß er die Einzelschönheiten seiner Hauptstationen mit um so größerer +Muße und Liebe, wie zum Beispiel die wunderreichen Ufer des Hudson, +die gern versteckten Parkherrlichkeiten des idyllisch lieblichen +Massachusetts oder die ihn an Schlesiens und Thüringens Waldberge +unwillkürlich erinnernden Catskill-Mountains. + +Überhaupt hatte er in den Altenglandstaaten nicht oft das Bewußtsein, +in einem fremden Weltteil zu sein. Nur die traurigen Waldverwüstungen, +fern von den Kulturzentren, erinnerten wie ein schauerliches Menetekel +an die grausame Pranke des niemals schlafenden, gigantischen Raubtiers +Yankee. + +Je mehr sich Kaspar jedoch von der atlantischen Küste entfernte, um so +wuchtiger und großzügiger offenbarte sich ihm die Eigenart der neuen +Welt, in der elementaren Urkraft ihrer Riesenströme und Katarakte (wie +zum Beispiel des im starren Eise doppelt majestätischen Niagara) in +den meergleichen Seen, den noch jungfräulichen Wäldern des Nordens +und den endlosen, eintönigen, aber unermeßlich fruchtbaren Ebenen des +Middlewest. + +Hinter Omaha kam Kaspar kaum noch von der geräumigen Plattform des +letzten, sogenannten Observationscars fort, obwohl es hier jetzt +einsam war, denn für einen Amerikaner gab es nichts zu sehen. Es war +ja nur amerikanische Durchschnittslandschaft; doch gerade sie packte +Kaspar als das wirklich Neue und Große. + +Da lagen die romantischen Prärien seiner jugendlichen Indianerträume, +jetzt voller Zeugnisse von Yankeetatkraft und zähem deutschen +Kolonialfleiß. + +Wie vor Omaha die Gas-Bohrtürme und Petroleumtanks, so reckten hier an +jeder Station hohe Getreideelevatoren ihre ewig hungrigen Hälse empor. +Daneben kauerten praktische Hürden und Viehställe, Saloons und Stores, +und dahinter Farm an Farm, umgeben von reichen, oft noch halbwilden +Herden. + +Eines Abends tanzten viele Tausend lodernde Feuer über die +schwarzbraunen Felder, um mit der Asche der dürren Maisstengel den +langsam schon ermattenden Boden zu erneuter Fruchtbarkeit anzuregen. + +Plötzlich zog ein gewaltiges Frühjahrsgewitter dumpf grollend herauf, +prasselte und knatterte mit Blitzen und Platzregen zwischen die +Farmerfeuerchen. + +Kaspar glaubte brausende Büffelherden stampfen und jauchzende Indianer +hetzen zu hören, und es war ihm, als sähe er das grause Gespensterheer +des ermordeten Uramerikas im nächtlichen Sturm der Elemente heulend +und fluchend dahinrasen wie daheim die Rotte des wilden Jägers. + +Gedankenvoll schritt Kaspar durch das Rauchzimmer, durch Lese- und +Speisewagen zurück nach seinem bequemen Wohnabteil, das ihm der +bedienende Neger bereits in ein sauber überzogenes Bett verwandelt +hatte und nun grinsend präsentierte. + +Es wohnte sich wirklich behaglich auf so einem modernen Schiff der +Wüste. Denn die amerikanische Wüste kam nun, öde, schauerlich schön wie +die große Gobi oder die majestätische Sahara. + +Über Nacht war der brave Overland Limited ein paar tausend Meter +hinaufgestampft, nicht ganz so rasch, wie die Yankees prahlten, aber +doch unaufhaltsam. Schon früh um sechs Uhr stand Kaspar wieder, frisch +und schaugierig, auf seinem Ausguck. + +Alles still, trostlos und einsam ringsum, kein Mensch, kein Tier, kein +Wasser. Groteske gelbe Felsgruppen kränzen den Horizont schanzenförmig, +oft eckig und fast schnurgerade wie Zigarrenkisten über- und +nebeneinander gestellt, ganz fern darüber zarte weiße Spitzen mit +graugrünen Schatten. + +Langsam keucht die Riesenmaschine, es gilt haushalten mit Wasser und +Kohlen. Erst nach langen, bangen Stunden winkt eine kleine Tankstation, +um die ein paar schwarze Minenzechen und zwei armselige schmutzige +Saloons sich reihen. Aus halbzertrümmerten, längst pensionierten Cars +blöden und grinsen zerlumpte Negerweiber und Mischlingskinder. Auch +einige kleine, aber soldatisch straffe Japaner mustern scharf und +tückisch die Reisenden, die sich hastig im Sande die eingeschlafenen +Füße vertreten. + +Die Maschine zieht lautlos wieder an, und alles stürzt zu den Türen +oder klettert unverfroren hinten über die Puffer des Aussichtwagens auf +dessen Plattform, wo Kaspar lachend steht. + +Und weiter gehts durch die gelbbraune Steppe, über der die Sonne +tagaus, tagein erbarmungslos und unfruchtbar brütet. + +Endlich gegen Abend ändert sich das Bild. Ein grüner Fluß schafft +Wandel, zunächst an seinen Ufern, dann ringsum. Herden kurzgeschwänzter +Schafe, auch einzelne Rinder tauchen zwischen niedrigen Büschen auf. +Wachholder und vereinzelte Gruppen trotziger, kleiner Zwergkiefern +klammern sich zäh an steile rote Felswände. + +Kaspar lacht wieder und denkt fröhlich an Leipzig: +Collegia +mugoniana+! + +Ein Tunnel heißt dröhnend den Zug willkommen, und in seinem rauchenden +Tor versinkt schnell das lockende Bild der bizarren Felslandschaft mit +der Devils Slide. + +Dann braust der wildgewordene Dampfrenner plötzlich wie rasend bergab, +zischend bricht er gleich einem grimmen Drachenwurm in die gesegneten +Gefilde des Mormonenstaats Utah. + +Tiefblauer Sommerhimmel, lachende Gärten mit Tausenden rotblühender +Obstbäume zwischen weißen, lieblichen Cottages. + +Bei Ogden, dessen holden Paradiesesfrieden ernste Schneehäupter +bewachen, denkt Kaspar an Innsbruck und Hans Sebalt. Wo mochte der +traute Genosse ferner Jugendtage jetzt weilen? Ursemi hoffte in ihrem +letzten sehnsuchtsvollen Brief auch ihn, den großen Südseefahrer, in +New-Reda begrüßen zu können. + +Und weiter rollt der wackere Überlandzug mitten hinein in ein weites, +seltsames Tal, auf dessen breiter Sohle der tiefblaue, schier +unendliche Salzsee totenstill und ölglatt wie ein Weiher liegt. + +Die Sonne sinkt mählich. Auf einem über hundert englische Meilen +messenden Riesenpfahldamm poltert der Zug mitten durch die klare, nun +grün schimmernde Flut. + +In allen Farben, vom tiefsten Violett bis zum fahlen Gelb, beginnen die +schneeigen Berghäupter zu spielen und wirre, grelle Reflexe sprühen +ringsum aus dem stahlblanken Spiegel des Sees, der nach und nach +immer flacher wird und zuletzt in hundert Lachen zu einer grauweißen +Salzwüste verebbt. + +Glutrot taucht der Sonnenball in die bläulichen Dunstschichten des +Horizonts. Dämmerung breitet sich gespenstisch über die Landschaft, die +Kaspar dünken will wie ein Stück fremder Welten. + +Immer tiefer wird der dunkelblaue Streifen des versinkenden Sees, immer +duftiger die Orangetöne der im Alpenglühen verhauchenden Felsspitzen; +nun sterben sie rasch, und ein hartes Dunkelviolett verkündet ihren +Tod. + +Auch sonst ist alles Leben erstorben. Kein Vogel singt, kein Raubtier +schreit mehr, kein Blatt, kein Hälmchen mehr wagt sich zu rühren. Die +Wüste schläft. Starr wie die Gletscher des ewigen Eises liegen die +Leichen der Bergriesen um sie herum. + +Grün und rot blitzen an der Strecke die Signallaternchen der +Blockstationen auf gleich lustigen Glühwürmchen. Und über schwarzen +Zacken steigt in majestätischer Ruhe die schmale Sichel der silbernen +Luna empor. + + * * * * * + +Und abermals zaubert die Lebenspenderin Sonne in taufrischer Schönheit +den Tag, und noch immer schnauft und prustet der unermüdliche Overland +Limited nunmehr munter 6000 Fuß hinauf zu den gefährlichen Firnen und +Schneejochen der Sierra Nevada. + +Kecke, verwegene Goldgräber in abgeschabten Velvetkostümen, an +den Füßen Ledergamaschen und auf den trotzigen Häuptern breite +Filzhüte, steigen zum Schrecken einiger Fifth-Avenue-Ladies in den +Observationscar, lümmeln sich frech in die ledernen Parlorsessel; +rauchen, spucken, drehen ihre blitzenden Brillantringe und spielen +protzig mit ihren dicken Goldketten. + +Empört fliehen die Dämchen in ihre verschwiegenen Compartements zurück, +drücken ihre Näschen indigniert an die Wagenfenster und mustern +neugierig hochmütig die vertierten, angetrunkenen Indianer, die ihnen +von draußen in malerischen Kostümen allerlei zierliche Knüpf- und +Flechtarbeiten ihrer fleißigeren Squaws feilbieten. + +Die Vergangenheit grüßt die Zukunft Amerikas demütig; die Gegenwart +aber gehört den Pionieren des Glücks und der Kraft. + +Die Strecke steigt immer noch. Dann donnert der Zug 55 Meilen lang +durch einen hölzernen Schneeschutztunnel, ein Kyklopenwerk, das ganzen +Wäldern der schönsten Baumriesen das Leben gekostet hat. + +Da -- ein paar blitzartige Ausblicke auf starre, leichengrüne, von +schneebedeckten Zirbelkiefern umtrauerte Bergseen, die wie gefrorene +Meeraugen aus der Tiefe emporglotzen; und nun endlich gehts in +sausender Fahrt durch das duftende Blue Canyon hinab in das gelobte +Land Kalifornien, das mit herrlich blauen Koniferen, mit blühenden +Pfirsichen, Aprikosen, Birnen und Mandelbäumchen frohlockend den +Welttrotter grüßt. + +Ein ewiger Frühling lacht aus den üppigen Tälern. + +Weinberge, Orangen, Limonen, Feigen, Palmen, Live-Oaks, Eukalypten und +Rosen tanzen um die Wette an dem staunenden Kaspar vorbei. Das ganze +Land ist ein einziger blühender Garten, das Eden Amerikas! + +Die weite Ebene öffnet sich ganz. Auf saftigen Wiesen weidet ein +schwerer Rinderschlag, eine feurige Rasse von Pferden. Hier fährt man +die Heuernte ein, dort ziehen Orangenhändler lachend zu Markt. + +Alles atmet Fröhlichkeit, Üppigkeit, weltvergeßnen Genuß. + +Auch dem soliden Überlandzug scheint kalifornischer Leichtsinn in die +eisernen Knochen gefahren zu sein. Er stiebt wie besessen dahin, so +daß eine wirbelnde Staubsäule ärgerlich hinter ihm herfegt und den +Observern der Plattform so viel Schmutz auf die Kleider und Sand in die +Augen wirft, daß sie die Position räumen. + +Nur Kaspar weicht nicht, er schließt die Augen und träumt. + +»Welt«, klingt es leise durch seine Seele, »wie groß bist du und wie +herrlich! Dank dir, toter Freund und Vater, daß du mich in solche +Weiten gesandt! Dank dir, Allmächtiger, daß du mir die Schönheit deiner +Wunderwerke geoffenbaret hast!« + + + + +Neuntes Kapitel + +Shaky San Francisco + + +Schon in Oakland an der Fähre erwartete Ursemi ihren Kaspar und fuhr +mit ihm in glückseligem Geplauder über die tiefblaue Bai, an zwei +malerischen Inseln vorüber. + +Kaspar sah die schmucken Eilande nicht; er sah nur in das liebe, +seltsam veränderte Gesicht der Jugendfreundin und glaubte allerlei zu +lesen, was ihm nicht gefallen wollte. + +Harry war wie fast immer in Geschäften unterwegs, die kleine Edith ein +wenig erkältet; aber sonst war viel Gutes und Ergötzliches von dem +lieben Putz zu melden; tappeln konnte er schon ganz flott und auch von +Wau-Wau und Mies-Mies, von Brauni und Peter die größten Wunderdinge +zusammenflausen. + +An der Ferry-Station stieg man aus. Ein elegantes Automobil mit +Chauffeur und Diener hielt vor dem mächtigen Portal, und mit +Staunen fuhr Kaspar die imposante Market Street mit ihren riesigen +Geschäftspalästen, ihren monumentalen Banken und Warenhäusern entlang, +an dem ragenden Kuppelbau der mit einer Liberty-Statue gekrönten +City-Hall vorüber, hinauf nach dem stillen Alamo Square, wo weiß +und schlank aus dem Gewühl der Holz- und Konkrethäuser das stolze +Marmorpalais New-Reda emporstrahlte. + +Als Kaspar, vom japanischen Portier Charly gemessen begrüßt, von dem +Hausnigger Samy devot grinsend gefolgt, die mit dicken Smyrnateppichen +belegten kostbaren Mahagonistufen zwischen Bronzegeländern hinaufstieg, +während der Diener mit dem Koffer in der Lift hinauffuhr, da kam +über den gereiften Mann dasselbe Gefühl -- als erlebe er Märchen -- +wie vor achtzehn Jahren in Reda. Wie die Winklersche Villa gegen die +Gnadenzeller und Betheler Bubenzimmer, so verhielt sich Neu-Reda zu +Alt-Reda. + +Und als er gar von seinem hochgelegenen Balkonzimmer die schönere +und nicht minder kühn-aufstrebende Rivalin Neuyorks, die Königin +der Südsee und ihr »goldenes Tor« mit seinen blauen Buchten und +Inseln überschaute, da hätte er in die Knie sinken mögen vor solcher +majestätischen Schönheit. + +Und doch war es Kaspar, als drohe Unheil, als laure in dem bläulichen +Dunst überm fern leuchtenden Ozean, etwa ein tückisches Untier, das +träge auf seine Stunde warte, um seine Riesenarme wie ein gieriger +Polyp um die vulkanische Halbinsel zu klammern und sie zu schütteln und +zu rütteln, daß ihre Grundvesten erbebten. + +Als Kaspar bald darauf den strahlenden Harry Brosyn begrüßte und ihn +schüchtern fragte, ob es nicht ein wenig gewagt sei, gerade auf so +gefährlichem Boden wie hier so gewaltige Bauten aufzuführen, lachte +ihn der Graf weidlich aus, klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und +meinte überlegen: »+Well, my good fellow, our old shaky+ Frisco +hat seine Launen wie jedes schöne Frauenzimmer. Es neckt und shakt und +earthquakt auch manchmal ein bißchen; aber nur keine Angst! Man wird +das hier bald gewohnt und schert sich schließlich den Deubel drum. Wir +Amerikaner sind keine Angstmeier!« + +»Oho --,« fiel Ursemi schalkhaft ein, »ich bin und bleibe eine +Deutsche, verstehst du, lieber Harry. Angst habe ich darum so wenig wie +du, du Bramarbas!« + +Dann kam klein Edith und hinter ihm Brauni, das treue Hündchen. + +Onkel Kaspar mußte Brauni streicheln, sein Pfötchen schütteln und alle +Kunststücke des struppigen Köters bewundern, mußte alle Spielsachen, +die Edith anschleppte, feierlich in Empfang nehmen und ward gründlich +beschäftigt. + +Bald waren Kaspar, Edith und Brauni ein Herz und eine Seele und wurden +immer unzertrennlicher. + + * * * * * + +Die Tage wurden schwüler, die Hitze lastete immer schwerer über der +Riesenstadt und auch an dem sonst so bewegten Strande und auf der Bai +war kein kühles Lüftchen zu spüren, obwohl es noch nicht Mitte April +war. + +Tag und Nacht standen die Fenster offen, doch es half nichts. Schon am +Morgen begann der Schweiß aus den Poren zu brechen. + +Unter diesen Umständen verschob man die Ausflüge in die herrliche +Umgegend, vor allem ins paradiesische Yosemite Valley, auf frischere +Tage; denn von einem Ritt auf den Mount Tamalpais und ins Mill Valley +mit seiner einzigartigen Baumpracht vorsintflutlicher Redwoodriesen +waren Harry und Kaspar wie gebadet zurückgekommen. + +Überdies hatte Harry gerade besonders viel auf seiner Bank zu tun, da +neue gewaltige Unternehmungen vorbereitet wurden und dazu große Summen +flüssig gemacht werden mußten. + +Doch auch in der nächsten Umgebung San Franciscos gab es genug Schönes +zu sehen, insonderheit den wunderbaren Golden Gate Park, dessen +weiträumige Anlagen, Haine, Seen und Tierparks die Energie der Bewohner +erst vor kurzem gleichsam aus dem Boden gestampft hatten. + +Mit Vorliebe stand Kaspar ganz früh auf -- da war es noch leidlich +kühl -- und erging sich auf den jetzt so fruchtbar bewaldeten Hängen +und üppigen Tälern des Parks, der noch vor wenig Jahren unfruchtbare +Sanddüne gewesen war. + +Auch am Morgen des 18. April 1906 stand Kaspar um fünf Uhr auf und zog +sich ruhig an, obwohl es draußen gerade heute besonders dunstig und +schwül zu sein schien. + +Plötzlich hörte Kaspar den treuen Brauni, der jetzt meist schon früh +vor seiner Tür lag und auf den Spaziergang wartete, laut aufheulen. + +Mitleidig sprang Kaspar zur Tür -- da wars ihm, als stürze ihm diese +entgegen. Ein dumpf dröhnendes Rollen quoll aus der Tiefe, ein +furchtbarer Schlag, und mitten in das Zimmer, wo Kaspar noch eben +gestanden, fiel krachend durchs Dach ein mächtiges Stück Schornstein +herein. + +Kaspar stürzte auf dem Gang, den er mit einem Sprung erreicht hatte, +lang hin, dann gellte sein Schrei in wilder Angst durchs Haus. + +Im Nu sprang er auf. Edith! war sein einziger Gedanke -- hinab zu ihrem +Zimmer! Er riß das sanft schlummernde Kind aus seinem Bettchen, während +die Bonne schreiend erwachte und der getreue Brauni winselnd an ihm +hochsprang, als wolle er zur Eile mahnen. + +Dann lief Kaspar an die Tür, hinter der die Eltern schliefen. Wie +wahnsinnig schlug er mit der Faust dagegen und schrie: »Raus, raus, +retten! Ich habe Edith!« + +Und davon stürzte er, einige schon geborstene und verbogene Treppen +vorsichtiger nehmend, glücklich hinaus auf den Alamo Square, gefolgt +von Brauni. + +Zitternd am ganzen Körper, setzte er das weinende Kind sanft auf den +grünen Rasen, rief ihm zu: »Nicht weinen, Onkel kommt gleich wieder, +hier Brauni kusch!« + +Und zurück hetzte er, auf das Palais zu, während von allen Seiten +aus den wankenden, reißenden, hie und da schon aufflammenden Häusern +halb wahnsinnige, schreiende Menschen, kaum mit dem Notdürftigsten +bekleidet, herausstürzten. + +Der kleine Japaner Charly und der Nigger Samy waren die ersten, die ihm +aus New-Reda entgegeneilten. Rasch wies Kaspar ihnen den Platz, wo das +spielende Kind neben dem gerade schönmachenden Brauni schon wieder vor +Vergnügen jauchzte; aber die beiden Farbigen grinsten nur spöttisch, +winkten verächtlich ab und schossen mit allerlei verdächtigen Bündeln +fröhlich davon, als begänne für sie ein großes Fest. + +Den Japaner Charly hat nie wieder jemand gesehen. Samy lag später +mit bestialisch verzerrter Fratze in der schmachvollen Reihe der +erschossenen Plünderer. + +Auf den ersten Stufen der Treppe rannte Kaspar gegen die schreiende +Zofe an. Die Bonne lag weiter oben ohnmächtig und blutend zwischen zwei +Geländer gepreßt. + +Kaspar wollte sie emporziehen, losreißen, sie befreien, vergebens! +Immer dichter und dichter schoben sich Holz, Bronze, Eisen und Teppiche +um die Bewußtlose zusammen. + +»Ein Beil!« brüllte Kaspar; aber niemand hörte. Dann scheuchte ihn +plötzlich die wilde Angst um Ursemi weiter hinauf. + +»Gott sei Dank!« da stieg Harry mit der Ohnmächtigen eilends die leise +knirschenden Treppen hinab. + +»Paß auf,« schrie Kaspar, »hier ist ein tiefer Spalt, spring oder wirf +sie mir zu!« + +Aber das war leichter gesagt als getan. Mit dem Fuß stieß Kaspar ein +schon halb abgerissenes Bronzegeländer vollends los, warf es wie eine +Brücke über den Spalt, und Harry glitt noch eben hinüber, kam freilich +mit seiner Last zu Fall vor Kaspar, der Ursemi auffing und weitertrug. + +»Komm, das Kind ist draußen,« drängte Kaspar den Grafen, der sich +leicht verletzt hatte und nachhumpelte. + +»Aber die Bonne hier, die laß ich nicht liegen!« meinte Harry +mitleidig, obwohl es über ihm immer unheimlicher krachte und schob. + +»Komm,« gellte Kaspars Schrei noch einmal flehend zurück, »nichts zu +machen ohne Beil!« + +»Werden wir gleich haben,« sagte Harry mit kühlem Blut, während Kaspar +mit Ursemi über der Schulter zur Tür hinauskeuchte. + +Neben das mit Brauni spielende Kind bettete er die bleiche Mutter, und +klein Edith legte geheimnisvoll die Rechte an ihr Schnutchen, hob ein +Fingerchen der Linken und sagte mit wichtigem Mienchen: »Mama slafe, +slafe. Didith danz tille sein, Papa atta. Bauni tusch, tusch!« + +Und gehorsam legte sich die treue Hundeseele neben seine gestrenge +Herrin und ließ das Zünglein behaglich hängen. + +Bald darauf neigte sich Palais New-Reda ein wenig vornüber und stürzte +krachend zusammen. + +Unter seinen Trümmern fanden die tapferen Sappeure der Marine +später die völlig zerquetschten Leichen der Bonne und des Grafen +übereinandergepreßt. + +Krampfhaft umklammerte des tapferen Harrys Hand noch das Beil, mit dem +er das arme Mädchen hatte befreien wollen. + + * * * * * + +Furchtbare Stunden und Tage hatte Kaspar durchzumachen. + +Kaum war Ursemi von ihrer schweren Ohnmacht erwacht, so wollte sie auch +in das Haus zurück. Als sie es schon gestürzt sah, brach sie mit einem +entsetzlichen Aufschrei aufs neue zusammen, während das erschreckte +Kind weinend davonzulaufen suchte. + +Die Zofe war erst wie blind davon gestürzt und hatte sich, selbst +völlig verwirrt unter den vielen verwirrten Menschen, die sich bald wie +eine führerlose Schafherde benahmen, scheinbar verloren. Später traf +Kaspar sie dann wieder und konnte ihr wenigstens das Kind anvertrauen. + +Als jedoch gegen zehn Uhr der zweite, noch heftigere Stoß einen großen +Teil der schon erschütterten Häuser vollends umkippte wie dünne +Kartenhäuser, als die Erde sich spaltete, Pflaster und Schienen, Kabel +und Röhren zerrissen, so daß Wasser und Gas allenthalben hervorstoben, +als die Flammen von allen Seiten wie ein glühendes Meer heranwogten +und rasten, da kostete es Kaspar unsägliche Mühe, die völlig ratlose +Zofe bei sich zu behalten und mit ihr die in wilden Phantasien rasende +Gräfin abzuhalten, ihr Kind zu ergreifen und irgendwohin in eines der +brennenden Häuser zu stürzen. + +Und die langen, bangen Stunden schlichen dahin, Hunger und Durst +meldeten sich. Kaspar fing irgendwo von einer noch rinnenden Leitung +Wasser in sein Portemonnaie auf und gab dem weinenden Kinde, gab der +Zofe und dem Hunde zu trinken, wusch Edith und sich ein wenig, füllte +wieder und wieder, netzte von Zeit zu Zeit die lechzenden Lippen der +fiebernden, bewußtlosen Mutter, legte ihr sein feuchtes Taschentuch +auf die glühende Stirn, bettete ihr Haupt sanft auf seine Weste und +deckte mit seiner Jacke notdürftig ihre zitternden Glieder. Denn sobald +der Tag sich neigte, sobald an die Stelle der furchtbaren Schwüle eine +merkliche Kühle trat, gebrach es an Kleidung. Auch die Zofe mußte ihre +dünne Nachtjacke hergeben und klein Edith darin einhüllen. + +Als die Zofe jedoch weinend und stotternd erklärte: sie erfriere +und müsse die Jacke anziehen, stand Kaspar ratlos auf und stahl im +schützenden Dunkel der Nacht einem gutbekleideten Schlafenden eine +Decke, hüllte das weinende Kind darein, nahm es liebkosend in seine +Arme und buschte es ein. + +Eine furchtbare Nacht schlich dahin, bitter kalt und feucht. + +Böige Winde brausten daher, auch Regenschauer, die freilich dem +Feuer nicht Einhalt tun konnten, im Gegenteil, es scheinbar heftiger +anfachten. + +Tausende von Holzhäusern brannten in wenigen Stunden bis auf den +letzten Rest nieder. Steinbauten stürzten laut krachend zusammen, und +bei den riesigen Zementgebäuden lösten sich, nach und nach springend, +die angepatzten Konkretmassen von den glühenden Eisenträgern und +torkelten mit dumpfem Gepolter in die Tiefen oder über die zerrissenen +Straßen. + +Es war ein schauerlich imposanter Anblick, die gewaltige, brennende +Stadt ringsum, vor allem unten in der Tiefe. + +Aus dem noch immer wogenden Flammenmeer ragten die weiß, gelb und +rot glühenden Eisengerüste, wie greuliche Skelette bläkend und +zähnefletschend, in die Höhe; und wenn die Windsbraut ihnen heulend +aufspielte, schien es Kaspar, als wären sie lebendig und tanzten einen +wilden Cancan zwischen den lodernden Flammen, als würfen sie sich mit +hohnlachendem Knattern und Knistern die Riesentrümmer wie Spielbälle +zu. Ja, das höchste Gerippe hielt die kupferne glühende Kuppel der City +Hall mit der Libertypuppe jauchzend empor wie eine glücklich erbeutete +Krone. + +Und dazu das tückische Johlen und Beifallpfeifen des Sturmes, das +wüste Toben der verzweifelten Menschheit, die gellenden Schreie der +zahllosen Verwundeten, der hilflos Verschütteten, der Wahnsinnigen +und Fiebernden, das blöde Wimmern oder wütende Fluchen derer, die +in Minuten verloren, was sie in langen Jahren mühsam verdient und +erschafft, die scharfen Schüsse zwischen Soldaten und Plünderern, +und fern vom Strande dumpf donnernde Brandung wie das befriedigte +Brummen eines gesättigten Raubtiers -- wahrlich -- das klang wie das +schauerliche Mißkonzert einer infernalischen Nacht! + +Und dann graute der Tag. Die Sonne stieg empor -- erst blutig rot +vom Dunst und Qualm -- dann hell strahlend und hart. Mit grausamer +Genugtuung schien sie den furchtbaren Greuel der Verwüstung zu mustern, +spöttisch das wirre bunte Lager der Hunderttausende auf den Squares und +im Golden Gate-Park zu belachen. + +Mit Decken, Plaids und Laken, auf abgebrochene Stakete und Äste +gespannt, hatten sich manche schon notdürftige Zelte errichtet; aber +nur Dutzende unter Tausenden waren so glücklich, mehr gerettet zu haben +als das nackte Leben und zwei oder drei Kleidungsstücke. + +Menschenliebe und Mitleid schafft das wirklich große Unglück nie, nur +Roheit und Verbrechen! Man gab sich nicht nur nichts; man stahl sich +noch das Wenige im Dunkel der Nacht; man stieg heimlich in die Trümmer +zurück, um zu plündern, was man brauchte oder den Toten nicht gönnte. + +Auch der Hunger trieb die Menschen wie gierig lechzende Hyänen schon +durch die Nacht, wie spürende Hunde nun am Tage. Anfangs hatte man +über den aufregenden Ereignissen des Magens Knurren überhört, ihn dann +mit dem ersten Besten, mit Früchten, Straßenabfall, Gras und Blättern, +ein wenig hingehalten. Jetzt in der kalten Morgenluft meldete er sich +wie ein reißendes Tier! Man stürmte die wenigen Läden, man raubte sich +das Gestohlene und fiel sich mit Messern und Revolvern darum an, wie +vor Hunger meuternde Matrosen eines verschlagenen Wracks. + +Jede Ordnung war dahin; keine Autorität galt mehr, und die stolze, +selbstbewußte Freiheit der Republikaner schlug rasch in die Willkür +rücksichtsloser Piraten um. Auch die Achtung vorm Weibe, eine der +tiefsten und edelsten Tugenden der Amerikaner, ging zeitweise im +Strudel des bestialischen Selbsterhaltungstriebes unter. + +Erst am Tage darauf ließ die Wildheit und Roheit nach, und die besseren +altruistischen Gefühle siegten hier und da über den eingebornen +Egoismus. + +Der Hunger und der Durst machte nach und nach auch die zügellosesten +Burschen zahm, und gerade von unten herauf begann die Ordnung zu siegen +vermöge der drängenden Sehnsucht nach dem Leben. + +Allgemach begann man systematisch ans Werk der Rettung zu gehen. Führer +fanden sich und wurden anstandslos anerkannt, wenn sie sich in den +Dienst des allgemeinen Wohls stellten. + +Die erste Sorge galt dem Eindämmen des Feuers. Rasch angerückte +Soldaten unter entschlossenen Offizieren kämpften wie Helden gegen das +anfangs nur in sechzehn, dann in Hunderten verschiedener Quartiere +rasende Feuer, das rasch sich vereinigte und unaufhaltsam weiterfraß. +Wasser war nicht zur Stelle, die Leitungen waren geplatzt und +zerrissen, das Meer zu weit. + +Man begann mit Dynamit zu sprengen und ganze Straßen niederzulegen, und +so mischte sich ein neues derbes Instrument in das wilde Höllenkonzert +des untergehenden San Francisco. + +Auch die Ernährungsfrage ward einigermaßen geregelt. Etwaige Vorräte +wurden gesperrt und gestapelt, Diebe überwältigt, Eßwarengeschäfte +und Bäckereien mit Wachen besetzt und dann ordnungsgemäße Brotreihen +gebildet, in die auch Kaspar als Bettler für seine kranke Freundin, für +das Kind und für sich mehrfach eintreten mußte, da die Rationen nur +klein waren. + +An der endlosen Reihe der Hungrigen zogen oft ganze Wagen voll +schreiender, wimmernder Schwerverletzter vorüber. Schrecklich +verstümmelte und blutig zerquetschte Glieder hingen kraftlos herab und +heraus oder zuckten wie im letzten Todeskampf. + +Man rettete und flüchtete die Verwundeten aus den bedrohten Lazaretten +vor den unwiderstehlich heranwogenden Flammen, die freilich oft +schneller waren als Menschenhilfe. + +Zu Dutzenden mußten beherzte Ärzte allzu schwer Verwundete und nicht +mehr zu Rettende, darunter manche Kinder, mit Chloroform betäuben, um +die Wehrlosen so vor den Qualen des gräßlichen Feuertodes zu bewahren. +Bei vielen jedoch war die Narkose umsonst, und gellend hallten die +fürchterlichen Entsetzensschreie der hilflos Verlassenen aus den +unbarmherzig fressenden Flammen. + + * * * * * + +Kaspar war es ein Trost, daß die schwerkranke Ursemi all den grausen +Jammer nicht mit anhören und ansehen mußte. Schon um den Verstand der +noch immer stotternden Zofe sorgte er bisweilen, denn es wurden immer +wieder neue Unglückliche wahnsinnig, und Wahnsinn steckt an. + +Klein Edith dagegen spielte mit andern Kindern fröhlich, ja ausgelassen +und fragte nur öfters: warum die Mama so lange schliefe und Papa gar +nicht wiederkäme. + +Nachdem Ursemi, die zeitweise wieder zu sich kam, mehrfach vergeblich +Auskunft über das Ende ihres Mannes erfleht hatte, verfiel sie gänzlich +in Apathie und Delirien, und am fünften Tage überließ sie Kaspar der +Zofe und einigen mitleidigen Nachbarn und ging aus, um Hilfe zu holen. + +In dem fliegenden Lazarett wollte man die Kranke nicht aufnehmen, da +die Verwundeten vorgingen. + +Zum Glück wußte die Zofe die Adresse eines jungen deutschen +Bankbeamten, eines Herrn Borchardt, der mit seiner Frau draußen im +Sunset District an der Ocean Beach wohnen sollte. Vielleicht hatte +dort draußen in den kleinen Holzhäusern auf dem weichen Dünensande das +Erdbeben nicht so gewütet. Und richtig, als Kaspar, durch das wüste +Feldlager des Golden Gate Parks eilend, hinabgelangte, sah er die +lieblichen Häuschen unversehrt in ihren bescheidenen Gärtchen stehen. + +Nach allerlei Fragen fand er die junge Frau Borchardt, die Kaspar +mitteilte: ihr Mann sei jetzt Tag und Nacht auf der Bank, sie sei aber +gern bereit, die Kranke aufzunehmen. Hinten im Garten stände ihre erste +Wohnung leer, freilich nur ein zweiräumiges kleines Holzhüttchen -- sie +nannte es Puppenheim -- da wolle sie zurechtmachen. + +Kaspar dankte mit Tränen in den Augen und jagte zurück zum Alamo +Square. + +Aber wie die Kranke über den hohen Hügel und durch den weiten Park nach +den Dünen transportieren? + +Herr Borchardt mußte eben helfen, ein anderer tats jetzt schwerlich +oder nur für vieles Geld, und Kaspars Scheckbücher lagen unter den +Trümmern. + +Nicht einmal die Uhr, nur das fast leere Portemonnaie und den kleinen +Kompaß Gottfried Kämpfers hatte er gerettet von seinen wenigen +Schätzen. + +Durch die brennende, mit Trümmern übersäte Stadt nach der Bank zu +kommen hielt sehr schwer. + +Überall sperrten Schuttmassen, heißes Eisengestänge oder glimmende +Holzbarrikaden die Straßen. + +In den wichtigeren Straßen mußte alles aufräumen helfen. Mit +Gewehrkolben, Gummiknüppeln und oft auch mit vorgehaltenen Revolvern +zwangen Soldaten und Policemen alle Männer zur Mitarbeit. Auch Kaspar +mußte heran, arbeitete in Verzweiflung mit, stahl sich aber dann +heimlich davon. + +An der Van Neß-Street tobte der Kampf gegen das Feuer am wildesten. +Hier, an dieser breiten Verkehrsader, hoffte man endlich die noch immer +unbesiegten Flammen zum Stehen zu bringen. + +Streng waren überall die Verbote, auf offener Straße zur Bereitung von +Lebensmitteln Feuer zu machen; am strengsten und rücksichtslosesten +wurden sie hier, an dieser gefährlichen Stelle, von den fast zu Tode +erschöpften, vielfach nervös überreizten Soldaten gehandhabt. + +Da sah Kaspar, wie ein roher Söldner nach dreimaligem Verbot eine +arme, tapfere Mutter erschoß, die ein Töpfchen Milch für ihr fast +verdurstetes Baby doch auf einem schnell gestohlenen Feuerchen warm +machen wollte und sich nicht warnen ließ. Als die Ärmste, über +Feuer und Kindchen stürzend, lang hinschlug, sprang Kaspar, seiner +Sinne nicht mehr mächtig, wie rasend auf den Soldaten zu; aber ein +Gummiknüttel schlug ihn von hinten zu Boden. Man ließ ihn liegen wie +ein verendetes Stück Vieh. + +Nach Stunden erwachte er. Der Abend sank zum fünften Male herab seit +dem furchtbaren Morgen des 18. April. + +Mit hämmernden Schläfen richtete sich Kaspar mühsam auf und schlich +sich davon, hinten herum, durch Quartiere kleiner Leute, nach der Bank. + +Ihr Prachtbau stand noch zum größten Teile wie auch die Staatsgebäude, +zum Beispiel die nahe Post und die Münze, da sie aus soliden +Steinquadern gefügt und nicht wie die Graftgebäude der Stadtbetrüger +und Spekulanten aus billigen Konkretmassen und Eisen zusammengepappt +waren. + +Das mächtige Prunkportal der Bank, ein wenig verschoben, stand offen; +die vornehmen Offices leer, kein Mensch war zu sehen, auch nicht der +sonst übliche Patrolmann. + +Kaspar stieg vorsichtig lugend in den Keller hinab, aus dem etwas +schimmerte wie Fackel- oder Laternenlicht. Kaum war er einige Stufen +hinab, da rief eine scharfe, militärisch klingende Stimme auf englisch: +»Hände hoch oder ich schieße!« + +Kaspar stand wie vom Blitze gerührt, dann rief er zurück: »Gut Freund, +suche Mr. Borchardt.« + +Lachend kam nun aus dem Kellerdunkel eine deutsche Stimme: »Hallo, +Landsmann, was wollen Sie?« + +Und aus respektvoller Entfernung stand Kaspar Rede und Antwort, denn +jetzt sah er vor sich im Dunkel einige Leichen liegen. + +Es waren weiße und farbige Plünderer, die von den drei tapferen +deutschen Beamten, die hier die Millionen ihrer amerikanischen Herren +treulich bewachten, erschossen waren. + + * * * * * + +Am sechsten Tage endlich gelang es Kaspar mit Hilfe des redlichen +Borchardt, irgendwo eine gebrechliche Karre aufzutreiben und auf ihr +die arme, totkranke Gräfin nach Puppenheim zu schaffen. + +Es war ein seltsamer Zug -- anders als kurz zuvor im stolzen Automobil. + +Mitten durch das endlose Zeltlager des Golden Gate Park, aus dem schon +wieder Gesang und lustiges Geschrei ertönte, ging die stille, langsame +Fahrt. + +Malerische Gruppen lagen rauchend und kartenspielend ringsum. + +Dort schacherte schon wieder ein jüdischer Handelsmann, hier ein +Italiener mit allerlei Dingen, zu denen sie vielleicht kein großes oder +gar kein Anlagekapital gebraucht hatten. + +Ausgelassene Kinder tobten, sich fangend und zankend, wild umher. + +Alte Frauen schimpften laut aufeinander; kichernde Gruppen junger +Mädchen, die sich untergefaßt hatten, erzählten sich die drolligsten +und pikantesten Kostümgeschichten von der großen Flucht. + +Am Ausgang auf der breiten Sportwiese spielten sogar einige junge +Gentlemen ein regelrechtes Baseballgame, und sie spielten wie immer mit +großer Präzision, als hätte die Erde nie gebebt. + +Mitten durch all das bunte Leben und Treiben fuhr Herr Borchardt +langsam und vorsichtig die auf dem kurzen Wagen schlecht gebettete +Kranke, deren Füße herabhängen mußten. + +Kaspar bewahrte die halbtote Jugendfreundin liebevoll vor dem +Herabgleiten und sah mit Bangen der Stunde entgegen, in der auch das +letzte Leben aus diesem abgezehrten, vom Fieber verwüsteten Körper +entfliehen würde. + +Hinter dem Wagen schritt die bleiche Zofe, noch immer nur dürftig +bekleidet, und trug oder führte die kleine Edith, die nur Augen für den +lustig bellenden Brauni hatte, dem einzelne Buben und Männer Schalen +und Kiefernzapfen nachwarfen oder ihm neckend nachblafften. + +Endlich war der lange Weg überwunden, und mit rührender Sorgfalt +nahm sich Frau Borchardt der Kranken an, der sie ihr eigenes Bett +aufgeschlagen hatte. + +Mit stummem Kopfschütteln verabschiedete sich der junge deutsche +Buchhalter von der Frau seines toten Chefs und eilte zu seinem harten +Dienst ins Bankgewölbe zurück. + +Millionen ruhten dort, hinter der Riesentrommel der vielfach +gepanzerten Hauptdepositenkasse; aber keiner vermochte sie zu öffnen. +Denn die das Geheimnis kannten, waren tot, und so mußten schließlich +nach etlichen Wochen die treuen Wächter selbst zu Einbrechern werden. + + * * * * * + +Kaum war Ursemi leidlich geborgen, so brachen Kaspars Kräfte plötzlich +und völlig zusammen. + +Ein tiefer Schlaf schuf ihm jedoch neue Energie, und so wechselte er +mit Frau Borchardt in Pflege und Wache am Bette Ursemis ab. + +Ein rasch herbeigeholter deutscher Arzt gab wenig Hoffnung. Das +Bewußtsein kehrte nur selten und dann nur auf wenige Augenblicke +zurück; das Fieber ließ nicht nach, und das letzte Flämmchen des arg +bedrängten Lebens drohte zu verlöschen. + +Der Arzt machte schließlich ein ernstes Gesicht, schüttelte den Kopf +und zuckte stumm mit den Achseln. + +Da stürzte Kaspar verzweifelt hinaus in das nahe Zederngestrüpp des +Parks, warf sich in den gelben Dünensand, nahm sein Antlitz in beide +Hände und bat Gott unter heißen Tränen: er möge ihm nicht das Letzte +und Liebste nehmen, was ihm die Erde noch trug. + +Dann aber schoß ihm der Gedanke durch die Seele: Hast du nicht oft +genug dir gesagt: Gott ist viel zu groß für menschliche Bitten? +Selbstlos gilt es ihm dienen, an ihn glauben, ihn lieben, auf ihn +hoffen -- trotz allem -- aber nichts von ihm erwarten! + +Und Kaspar schwieg und gab sich -- in unsagbarem Weh verzichtend auf +alles -- in Gottes Hand. + +Eine bange Stunde und länger schritt er dann, in trübe Gedanken +verloren, am Strande des lieblichen, stillen Ozeans entlang. Eine +leichte Brise fächelte, ihm Kühlung spendend, die heiße Stirn. + +Vor ihm lagen die noch qualmenden Trümmer des ehedem so herrlich +stolzen Cliffhauses, ein jammervoller Anblick. + +Links seitwärts in der See ragten einsam und leer die Felsen der +Seelöwen, die von den San Franciscanern früher gern gefüttert worden +waren. Laut aufheulend hatten sich die klugen Tiere ins Meer gestürzt, +als sie das geliebte Cliffhouse in Flammen aufgehen sahen, und waren +seitdem verschwunden. + +Nachdenklich stand Kaspar auf einer Düne und schaute über die +spiegelglatte, blaue Flut. + +Die Sonne stand funkelnd im Zenith, klar lag der Horizont. Totenstille +oder Frieden? + +Und Kaspar dünkte, als habe das greuliche Untier da draußen seine +Krallen und seine Polypenarme eingezogen und schlummere wieder +behaglich in der Tiefe wie ein gesättigter Drache. + + * * * * * + +Als Kaspar in die armselige Bretterbude trat, die nun der Erbin so +vieler Millionen wie ihm, dem armen Missionskinde, als einzige Zuflucht +geblieben war, fand er Ursemi, still und matt, mit offenen Augen +daliegen. + +Es schien zu Ende zu gehen. Doch war die Kranke jetzt klar bei +Bewußtsein, denn sie sprach leise und innig zu Kaspar: »Also du bist +doch bei mir, Lieber -- komm her, daß ich dir noch einmal vorm +Scheiden danke für all das, was du mir gewesen in diesem Leben. Kaspar, +sei, was du mir warst, auch dem Kinde; verlaß es nie, erzieh es zu +deiner Redlichkeit und Wahrheit.« + +Kaspar beugte seine Knie, neigte schluchzend sein Haupt, und Ursemi +tastete selig danach, küßte es mit den bleichen Lippen und hauchte: +»Ich hab dich lieb gehabt, so lieb!« + +Dann schloß sie die Augen von neuem, und ein glückseliges Lächeln +spielte auf ihren friedlichen Mienen. Sie schlief ruhig wie nie zuvor. + +Vorsichtig erhob sich Kaspar und schlich sich auf den Zehen leise +hinaus, um sich draußen laut auszuweinen. + +Dann suchte er Edith, die im Dünensande mit Nachbarskindern spielte, +und führte das Kind an das Bett der Mutter. Es war vergebens. Die +Gräfin erwachte nicht wieder. + +Als der rote Sonnenball in die Fluten des Stillen Ozeans tauchte, tat +Ursemi ihren letzten, leichten Atemzug. + + + + +Zehntes Kapitel + +Heimkehr + + +Tag für Tag fürchtete Kaspar Krumbholtz, er würde über all dem +Entsetzlichen, was ihm diese und die folgenden Wochen brachten, +zusammenbrechen; aber der einzige Gedanke, daß er für Edith zu sorgen +und einzustehen habe, hielt ihn immer wieder aufrecht. + +Die entseelten Hüllen der Eltern zu bergen und schließlich in die +Heimat zu senden, machte unter den obwaltenden Umständen große +Schwierigkeiten, zumal es Kaspar erst völlig an Mitteln fehlte. Die +Bank konnte nichts spenden, bis der Tresor nach Erlaubnis einiger +versprengter Direktoren und der Behörden erbrochen werden durfte. Herr +Borchardt konnte selbst kaum etwas entbehren, denn er mußte schon für +den gesamten Unterhalt der fünf Personen aufzukommen suchen, und das +war bei der Teuerung und dem Mangel an den einfachsten Lebensmitteln +durchaus nicht leicht. + +In der äußersten Not traf +Dr.+ Sebalt mit einem Dampfer von +Hawai ein und fand nach einiger Mühe den alten Jugendgefährten in dem +kleinen Bretterhäuschen. + +Es war ein trübes, bewegtes Wiedersehen. Auch der lebensfrohe Sebalt +konnte sich der Tränen nicht erwehren, als er alles vernommen; doch mit +gewohnter Entschlossenheit und mit reichen Mitteln sprang er sofort dem +Freunde bei, besorgte die schwierigen Verhandlungen mit den Behörden +und ermöglichte die Heimreise. + +Am liebsten hätte er Kaspar und klein Edith begleitet, aber er mußte +auf Frau und Kinder warten, die noch in Hawai zurückgeblieben waren, da +es dort einen großen Haushalt aufzulösen galt. + +Sebalt hatte einen Ruf an die Leipziger Universität als Nachfolger +seines nach Berlin übersiedelnden Ordinarius erhalten und schließlich +angenommen -- »der Kinder wegen«, wie er betonte. + +»Die Erziehung im lieben Deutschland kann mir keine noch so gute +amerikanische Schule ersetzen«, meinte Sebalt nachdenklicher, als es +wohl früher seine Art war, und Kaspar stimmte ihm freudig bei, indem er +hinzufügte: »Wenigstens, wenn deine Buben Deutsche werden sollen und +keine Amerikaner!« + +»Das sollen sie auch,« erwiderte Sebalt sehr bestimmt, »denn sie +könnten sonst nur Halbamerikaner werden, und das wäre schlimm, wie +alles Halbe! Nein, mein alter Junge, seit ich Vater geworden, denke ich +ein wenig anders über das alles. Ich habe mir nun endlich den nötigen +Witz gekauft! Es hat ja lang gedauert und manche Torheit gekostet; +aber ich wünsche doch, daß meine Bengels denselben oder wenigstens +einen ähnlichen Weg spazieren, also etwa von Bethel nach Hawai! Darum +will ich sie in einigen Jahren eben nach Bethel oder sonstwohin in ein +solides deutsches Pennal bringen, wo man auch noch zu erziehen und +nicht nur zu pauken versteht.« + +»Später gibst du sie mir,« sagte Kaspar zuversichtlich, »denn die +Winkler-Stiftung wird nun wirklich ans Werk gehen. Ja, staune nur, +Alterchen, ich selber will in ihren Dienst treten, wenn sie mich +brauchen kann. Auch ich weiß endlich wie du, woran ich mit mir bin. +Gott hat mein Leben hart geführt, er hat mich nach und nach von so +vielem losgelöst, daß ich denken muß, er hat mir Aufgaben vorbehalten, +die einen Mann so völlig ausfüllen sollen, daß er darüber seine +Einsamkeit und das gemeine Glück des Alltagslebens vergißt.« + +Sebalt maß den Freund mit besorgten Blicken, dann sagte er ernst: »Du +solltest Kinder haben, Kaspar -- das bewahrt vor Schrullen und vorm +Altern.« + +»Ich werde Kinder haben -- zu Hunderten und Tausenden -- mit ihnen +will ich jung bleiben, ihnen will ich zahlen, was ich andern schuldig +wurde. Mit klein Edith fang ich an. Ich freue mich auf den Tag, an +dem sie den Grundstein legt zum ersten Bau der Winkler-Stiftung. Dann +darfst du nicht fehlen, Hans. Und paß auf, wenn das Kind fröhlich und +zuversichtlich auf guten Redaer Granit klopft, dann wird auch der Segen +nicht ausbleiben. Das Kind wird ernten, was seine Eltern, was sein +Großvater Wilhelm Winkler gesät haben.« + +»Wilhelm Winkler!« feierlich wiederholte Sebalt den Namen und fuhr +dann wie in Gedanken versunken fort, »ein kluger Menschenkenner und +ein kühner Rechner! Sein Mut hat mich gerettet, Kaspar. Er wußte ganz +genau, daß er mich mit dem freien Kapital an den Abgrund stellte, aber +nur dadurch machte er mich mit der Zeit auch schwindelfrei. An der +Leine des Lehrers lernt die Sorte Sebalt nicht schwimmen, nur im freien +Meer, im Angesicht der steten Gefahr zu ertrinken.« + +»Eines ziemt sich nicht für alle,« erwiderte Kaspar. »Mir schrieb Vater +Winkler ein anderes Rezept, aber es hat auch geholfen. Ehre seinem +Andenken. In seinem Geiste wollen wir andere erziehen, das wird ihm +sicher der liebste Dank sein.« + + * * * * * + +Mit stiller Wehmut fuhr Kaspar durch das weiträumige Amerika mit Edith +und Brauni zurück nach Neuyork. + +Das treue Hundchen, in dem Kaspar seinen Lebensretter sah, war +eigentlich eine bessere Kinderwärterin als die noch immer ein wenig +verstörte Zofe, die das Stottern nie wieder ganz verlor und trotzdem an +San Francisco hing wie eine Katze an ihrem Haus. Sebalt entschädigte +das arme Mädchen reichlich und verschaffte ihr eine neue Stellung. + +In Neuyork holte der alte, tiefgebeugte Graf Brosyn seine Enkelin und +ihren Pflegevater ab und reiste mit ihnen über den Ozean nach Hamburg, +wo sie Frau Winkler mit der treuen Dente erwartete. + +Auf Bitten des Großvaters siedelten alle nach Schloß Schlockendorff +über, wo es freilich klein Edith zunächst gar nicht gefallen wollte. +Sie sehnte sich nach dem Bretterhäuschen und den Dünen am Strande des +Stillen Ozeans oft zurück, bis Großmama, die nun über neuen Sorgen +wieder auch neue Lebenskraft fand, mit ihr, Tante Dente und dem +unentbehrlichen Brauni für einige Wochen an die Nordsee ging. + +Da söhnte sich Edith mit Deutschland aus und vergaß nach und nach das +Land ihrer Sehnsucht und ihrer Jugendheimat. Nur im Grunde ihrer Seele +spiegelte sich dann und wann ein still leuchtendes Idealbild von +beidem. + +Kaspar fand überreichliche Arbeit nach seiner Rückkehr, doch eine +Arbeit, die ihn innerlich völlig ausfüllte, ihn so zufrieden, ja stolz +machte, wie nie zuvor irgendeine Arbeit seines Lebens. + +Er reifte nach und nach zum Vertrauensmann des Kuratoriums, dessen +Ehrenpräsident nun der alte Graf Brosyn ward. + +Seit Harrys furchtbarem Ende hatte der Greis keine Freude mehr an +seinem gewaltigen Bergwerksbesitz. Er verwandelte die Gruben in +Aktiengesellschaften und vergrößerte dafür den Landbesitz fast um das +Doppelte. Trotzdem konnte er der Stiftung zu Ehren seines Sohnes noch +einige Millionen und ein herrlich gelegenes Gut mit stillen Seen und +Forsten schenken, in denen nun nach dem Muster amerikanischer Colleges +die Anstalten der Stiftung nach und nach erbaut werden sollten. + +Der Geist freilich sollte der deutsche sein, deutsch in seinem +langsamen Werden und endlosen Streben, in seinem unermüdlichen Suchen +und redlichen Prüfen, deutsch in seiner gerechten Würdigung fremder +Vorzüge, aber frei von würdeloser und gefährlicher Überschätzung +derselben, deutsch vor allem in seinem zuversichtlichen Glauben an +die verklärende Schönheit und unverlöschliche Kraft des göttlichen +Funkens, der in jeder Menschenseele glimmt, der zu wilden verzehrenden +Flammen auflodern, aber auch zu stillen, wärmenden Herdfeuern angefacht +werden kann. + +In Kaspar brannte ein solches Feuer seit den düstren kalifornischen +Erlebnissen mit gleichmäßiger Glut. + +Er grübelte diesmal nicht wieder, wie das letzte Mal bei Carinas +Verlust, darüber nach, warum ihn Gott bis in die tiefsten Tiefen des +Leids hinabgestoßen hatte. Er hatte sein Geschick nun vertrauensvoll in +Gottes Hand gelegt, ihm überließ er die Verantwortung für Ursachen und +Wirkungen, die er im voraus doch nicht ergründen konnte. + +Mit der Zeit war ihm allerlei davon doch klar geworden, und so wartete +er der weiteren inneren und äußeren Lösungen mit Geduld und ruhiger +Zuversicht. Das gab seiner Arbeit neue Kraft, das tröstete ihn über so +mancherlei Unzulänglichkeit, das verhalf ihm schließlich dazu, sich +seiner eigentlichen Mission immer klarer und fester bewußt zu werden. + +Zunächst konnte er sie nicht erfüllen, wie er wohl mochte. Vorerst +hatte er mit den Vorbereitungen über und über zu tun, nicht nur mit den +Plänen der ersten Heime und des Lehrinstituts; sondern es galt auch +den zukünftigen Schülern im Verein mit Volpelius und den Kuratoren, +tüchtige Erzieher und Lehrer zu suchen. Gut Ding will Weile haben, und +Kaspar hatte gelernt, auf das Reifen zu warten. + + * * * * * + +Doch endlich kam der Tag, an dem klein Edith zum silbernen Hämmerchen +greifen durfte, ein Tag froher Hoffnungen und wehmütigen Gedenkens, ein +Tag, der viel gute und redliche Menschen in Sehnsucht und Zuversicht +verband und alte Freunde zu neuer Arbeit zusammenführte. + +Da standen der alte Graf Brosyn, der väterliche Volpelius und seine +Kuratoren in einem erlauchten Kreise von Gästen und Gönnern, von +Männern der Theorien und Gedanken wie des praktischen Lebens. + +Um sie scharte sich eine stattliche Reihe junger Dozenten, die es wagen +wollen, den Unterricht an der aufstrebenden Generation auch in Fächern +zu übernehmen, die bisher im üblichen Lehrplan zu kurz kamen oder ganz +fehlten. + +So wird zum Beispiel einer der Leipziger »Enterbten«, der ehemalige +Generalsekretär der unterdessen aufgelösten nationalsozialen Partei, +den jungen Bürgern und vielleicht späteren Führern beizeiten zu +einer politischen Bildung verhelfen, die ihnen ein Verständnis und +eine Orientierung über die wichtigsten Zeitfragen, Staats- und +Wirtschaftsprobleme wie über die Parteiverhältnisse ermöglicht, ehe +sie sich selbst entscheiden und betätigen. Und ein andrer aus der +»Moravenrunde«, der vielgetreue Waisenvater, will Wirtschafts- und +Haushaltstechnik, Buchführung und Bankverkehr, Gesetzeskunde und +allerlei praktische Dinge den Zöglingen der Winklerstiftung lehren; ein +dritter sie in die Literatur der jüngsten Vergangenheit einführen. Der +Stiftsgärtner wird ihnen Anleitung zu Obst- und Gartenbau geben, und +der Hausarzt ihnen Aufklärung über allerlei Geheimnisse und Gefahren +erteilen, denen tagtäglich Tausende und Abertausende aus Neugier und +Unwissenheit zum Opfer fallen. Für das alte Ziel jeder Schule, für +das Leben, will diese neue Privatschule bewußter als die Staatsschule +vorbereiten. + +Mit den Lehrern Hand in Hand sollen Erzieher an den jungen Leuten +arbeiten, die sich ihrer gewaltigen Verantwortung voll bewußt sind und +wissen, was es mit der so schwierigen Heranbildung selbständiger und +harmonischer Persönlichkeiten auf sich hat. Jugendfrische Idealisten +haben sich genug gemeldet, doch fehlt es zum Glück auch nicht an +solchen, die ihr Lehrgeld längst und reichlich bezahlt haben in +schweren Lebens- und Schulerfahrungen und doch den goldnen Mut und das +Hoffen aufs Morgen nicht einbüßten. + +Mit Kaspar Krumbholtz, dem zukünftigen Verwalter des Wilhelminum, +disputierten eifrigst L³, der über dem vielen Ärger mit Bruder +Balzer ein wenig schlanker geworden ist, und Bruder Bartel, der den +Unitätdienst nach heißen inneren Kämpfen auch verlassen hat. + +Neben der tapferen, unternehmungslustigen Dente, die auf ihre alten +Tage noch beabsichtigt, Harrys Stiftung, das Ursulanum, einzurichten, +ragte ein stattlicher Kavalier, der sich seinen mächtigen Schnurrbart +gar grimmig strich, und dem doch eine unbezwingliche Güte verräterisch +aus den Augen strahlte, es war der Hessenhüne Thilo Kratt, der unlängst +mit seinem Landschulheim Spekulanten zum Opfer fiel und nun wieder +der Kollege von »Mister Kobolz« werden will. Er ist zum Hausvater des +Henricum ausersehen. + +Auch Gottfried Kämpfer ist erschienen; aber zu Kaspars Leidwesen nur +als flüchtiger Gast. Er wolle seinem lieben Kronprinzen in den Sattel +helfen, wie er launig meint, und hoffe bald den ersten Feldzugsbericht +über die Eroberung des neuen Königreichs zu schreiben. Werber Kaspar +hat ihm hart zugesetzt, aber vergeblich. Mit allerlei lustigen Scherzen +suchte Gottfried Kämpfer seine Weigerung freundlich zu bemänteln; erst +als Kaspar ihn aufs Gewissen fragte, sagte der Freund ernst: »Ich +möchte mir ebenso getreu bleiben wie du, Kaspar. Jeder nach seinen +Gaben und an der für ihn richtigen Stelle. Ich bin dort unter dem +›Federvieh‹ trotz meiner lahmen Flügel noch ganz gut am Platz, hier bei +euch Männern der Tat wäre ich ein Stümper. Also laß mich, mein Junge. +Wir können nicht alle gleich handeln. Es muß sicherlich einige geben, +die denken und schreiben, wie man handeln soll. Übrigens -- auch mit +der Feder kann man Taten tun und Schlachten schlagen.« + +Aus einer andern Gruppe hörte man Professor Sebalts helle Stimme. Er +erzählte Frau Winkler von den Streichen seiner Zwillinge und neckte +sich mit der ungeduldigen Edith, die der Großmama zusetzte und meinte: +Großpapa solle nun endlich anfangen, sonst vergäße sie Tante Dentes +Sprüchel. + +Großpapa Brosyn hatte in der Tat bald ein Einsehen und schritt mit der +wehmütig bewegten Frau Winkler am Arm den drei Grundsteinen zu. + +Onkel Kaspar führte sein Pflegekind, das sein Hämmerchen wichtig hin +und her schwenkte. + +Zuerst ging es zum Platz des ersten Neubaus, der am Waldrand im Schutze +mächtiger Fichten erstehen sollte. + +Ehrfurchtsvolle Stille herrschte ringsum, als der ehrwürdige Graf +mit tiefem Ernst und leisem Beben der Stimme die Worte sprach: »Dem +Andenken meines Sohnes seist du geweiht, Haus und Heim kräftiger +Mannesjugend: Henricum seist du genannt -- trage diesen Namen als das +letzte Vermächtnis eines edlen, nun zur Rüste gehenden Geschlechts, +das deutschem Wesen an gefährdeter Grenzmark Jahrhunderte hindurch +treulich zugetan war. Halte du mit deinen Schützlingen Wacht an Stelle +der tapferen Heinriche von Brosyn, streitbar wie sie mit Waffen und +Wehr, aber auch arbeitsam mit Pflugschar und Axt, mit Feder und Zirkel +und rastlosem Drang zu leiten wie zu dienen! Im Namen Gottes tue ich +den ersten Schlag, im Namen meines kaiserlichen Herrn den zweiten, im +Namen meines alten Hauses den dritten.« + +Schweigend zog man dann hinab zum See, an dessen lieblichem Ufer das +zweite Heim erbaut werden sollte. + +Kaum hatte sich der Kreis gebildet, da hüpfte klein Edith im weißen +Kleidchen eiligst zum Redaer Granitblock heran, reckte den Silberhammer +stolz empor und sagte keck und ohne zu stocken: + + »Meinem Mütterlein zur Ehr, + Ursulanum sei dein Name! + Mägdlein zieh uns, klug, fromm, hehr, + Die auch Weib sind, nicht nur Dame. + Mütter zieh, wie meine war, + Die sich selbst zum Opfer bringen. + Darauf kling es froh und klar: + Eins, zwei, drei! Und gut Gelingen!« + +Lauter, lachender Beifall, in den doch hie und da ein wehmutvoller Ton +sich mischte, scholl ringsum. + +Die Großeltern und Tante Dente zogen nach einander klein Edith in ihre +Arme und küßten das stolz und glücklich lächelnde Kind mit tiefer +Bewegung. + +Hans Sebalt sagte schmunzelnd zu Kaspar: »Das ist Ursemis Tochter, die +wird mal mit Grazie regieren.« + +»Um sich dann doch in Liebe unterzuordnen!« erwiderte Kaspar in ernsten +Gedanken. + +Gottfried Kämpfer stieß ihn an und sagte ermunternd: »Hans der Träumer, +wach auch, freu dich der Erbin! Steht sie nicht da wie das Leben +selbst, das echteste und unvergänglichste Leben, das immer wieder +hoffnungsfroh und unbekümmert aus dem fruchtbaren Humus vergangner +Herrlichkeit emporblüht?« + +Da lächelte Kaspar Krumbholtz still selig in sich hinein, drückte +dem Freunde dankbar die Hand und sagte stark: »Hast recht, Kämpfer. +Schützen wir herangewachsenen Bäume das junge Reis mit unsern dichten +Kronen vor Sonne und Sturm, und streuen wir neue Samen ins Land, bis +auch uns Allmutter Erde zu ihrem Humus braucht.« + +In guter Stimmung schritt nun die Gesellschaft bergan auf die kleine +Anhöhe neben dem Schloß, auf der das mächtige Unterrichtsgebäude seinen +beherrschenden Platz finden sollte. + +Als alle beisammen waren, trat Kaspar Krumbholtz vor, nahm einem +Arbeiter den schweren Werkhammer aus der harten Faust, wog ihn +bedächtig prüfend in seiner Hand und sprach mit innerer Freudigkeit: + +»Liebe Gäste und Freunde! Herr Geheimrat Volpelius hat mich beauftragt, +an seiner Stelle den Weihespruch zu sprechen zu Ehren seines verewigten +Freundes, der auch mir ein Freund und Vater war, des Anregers und +Gründers dieses großen Werkes, in dessen Dienst -- mittelbar oder +unmittelbar -- wir uns alle stellen wollen. Es wäre nicht im Sinne +des schlichten Mannes Wilhelm Winkler, wenn wir ihn rühmten; er und +wir bedürfen dessen wahrlich nicht! Wir wollen mit Taten zeigen, daß +sein Geist auf uns ruht, wir wollen dafür sorgen, daß dieser redliche, +ans Ganze denkende und vorsorgende Geist weiter wirkt und lebendig +bleibt in der Jugend unseres Volks und aus ihr neue, opferwillige +Pioniere, fruchtbare Anreger, kühne Bahnbrecher, unverzagte Streiter, +zielbewußte Führer und besonnene Organisatoren hervorgehen. Jede Zeit +hat ihre besonderen Vorzüge und Nachteile, je nach dem wechselnden +Leben, das durch sie flutet, je nach der Sehnsucht, die in den besten +Kindern dieser Zeit waltet. Seine Zeit richtig zu erkennen hält schwer; +nur wenigen, die geistig oder sozial emporragen, gelingt es. Noch +schwerer ist es, die Linien der notwendigen Fortentwickelung auch +nur einigermaßen klar zu erkennen und für die Bedürfnisse der Zukunft +vorzuarbeiten. Das, liebe Freunde, war das seltene Vermögen, das +Charisma Wilhelm Winklers. Er kannte die Sehnsucht unserer Zeit nach +Gleichheit, aber er erkannte auch früh die Gefahr der Nivellierung und +sann darüber nach, wie er seinem Volke neue Persönlichkeiten erwecken +könne. Aus dieser Sorge heraus ward dieses Werk geplant, in dessen +Dienst wir uns stellen, an dem die einen von uns arbeitend und werbend, +die andern sorgend und hoffend Anteil nehmen wollen. Ganze Menschen, +innerlich freie, in Gott und in sich selber sicher ruhende und doch +von Tag zu Tage rastlos mit beiden ringende Persönlichkeiten soll +dieses Haus durch seine Diener heranbilden und so den Namen Wilhelm +Winklers zu Ehren bringen. Wilhelminum -- so taufe ich dich und tue +den ersten Schlag hart, fest und hell zu deinem Fundament im Namen der +schlichten, fleißigen Weberfamilie Winkler, deren letzter Sohn ihr +bester war, deren letztes Gewebe ihr feinstes und dauerhaftestes sein +wird, den zweiten Schlag im Namen des Volkes, für dessen Zukunft wir +alle arbeiten, und den dritten und letzten wieder im Namen des Ewigen, +von dem wir wie unser Werk Anfang und Ende nehmen müssen.« + + +Ende + + +Spamersche Buchdruckerei, Leipzig. + + + + +Werke von Herm. Anders Krüger + + +Romane + + + Gottfried Kämpfer. Ein herrnhutischer Bubenroman in zwei Büchern. Mit + Buchschmuck von ~Ernst Liebermann~. 1908. 19. bis 22. Tausend. + Gebunden 6 Mark. + +Alle Seligkeiten und alle Sorgen einer heranreifenden Knabenseele, +all ihr Leid und alle ihre Kämpfe, ihren ganzen Haß und der +ersten Liebe goldne Zeit erleben wir mit, da die Charakteristik +meisterhaft nachempfindet und restlos alle Gedanken und Empfindungen +bloßgelegt. Und mit dem jungen Helden treten wir auch ein in ein +echtes Gemeinschaftsleben der Jugend, in ihre Freundschaften, ihre +Feindschaften, ihre Jugendstreiche und ihre Jugendspiele, die ohne +offiziellen und offiziös gezwungenen Spielnachmittag so zwanglos und +so vollsaftig verlaufen, daß man in seinen alten Tagen nicht übel Lust +bekommt, Räuber und Gendarmen mitzuspielen. Neben der Jugend erscheinen +auch die Lehrer in vorzüglicher Charakteristik. In ihrer Zeichnung +haben wir Musterstücke wahrer und schlichter Charakteristik. + + (+Dr.+ A. Matthias in Monatsschrift für höhere Schulen) + + + Sirenenliebe. Ein Rivieraroman. 1897. Gebunden 3 Mark. + +Krüger läßt eine einfache Herzensgeschichte, die aber in gewaltigen +Akkorden ausklingt, sich in einem engbegrenzten Kreise abspielen, ohne +die Hilfsmittel großer Ereignisse, nur mit der einzigen Staffage der +herrlichen italienischen Natur ... Er nimmt die Menschen wie sie sind, +und darum weht auch um seine Gestalten der Atem frischer Morgenluft und +einer derben gesunden Natur. + + (Hamburgischer Korrespondent) + + + Der Weg im Tal. Roman in drei Büchern. Buchschmuck von ~Gustav + Petzold~. 1905. Zweite Auflage. Gebunden 5 Mark. + +Ein ehrliches deutsches Buch. Der Dichter zeichnet scharf umrissene +Charaktere, er offenbart sich als ein feinsinniger Psychologe, dessen +zarte Tönungen in der Darstellung des Innenlebens überraschen. Wir +finden bei Krüger den höchsten sittlichen Ernst in der Auffassung +unserer heutigen Probleme, einen glühenden Idealismus für alles Echte, +eine lebenswarme Liebe zum Menschen und Natur. Und dann noch Humor, +goldigen Humor, die echte Heiterkeit eines Menschen, dessen ganze +Person von harmonischem Lebensrhythmus getragen ist. + + (Tägliche Rundschau) + +Preise ungültig + + + + +Dramen + + + Ritter Hans. Schauspiel in vier Aufzügen. 1897. Broschiert 2 Mark. + +Eins der besten modernen Stücke, voll dramatischer Kraft, lebenswahrer +Darstellung und sittlichen Ernstes. + + (Leipziger Zeitung) + + + Der Kronprinz. Eine dramatische Historie in fünf Aufzügen. 1907. + Broschiert 2 Mark. + +Es ist das Jugenddrama Friedrichs des Großen, das in Krügers Schauspiel +vor uns aufersteht, geschaut und nacherlebt von einem, der ebenso +moderner Dichter wie geschulter Historiker, in diesem Stoffe noch mehr +fand als nur ein Stück Geschichte, nämlich ein tief erschütterndes +Stück eigenes Leben. Vortrefflich und zündend ist der Dialog. Die +Sprache ist bewußt modern, nirgends altertümelnd. Indessen bleibt der +Ausdruck trotz aller Natürlichkeit kraftvoll und edel, getragen von +einem heimlichen Rhythmus. + + (Eckart) + + + Der Graf von Gleichen. Eine deutsche Tragödie in fünf Aufzügen. 1908. + Broschiert 2 Mark. + +Krüger hat die Sage vom Grafen von Gleichen in ganz eigenartiger, +aber höchst fesselnder Weise behandelt. Trefflich im Aufbau, +charakteristisch in der knappen Sprache der Blankverse, voll wahrer +Empfindung sind die lebensvoll gezeichneten Charaktere in Handlung +gesetzt. + + (Literarisches Zentralblatt f. Deutschland) + + + + +Von demselben Verfasser erschien bei + +H. Haessel Verlag in Leipzig + + Der junge Eichendorff. Ein Beitrag zur Geschichte der Romantik. 2. + Auflage. 3 Mark. + + Pseudoromantik: Friedrich Kind und der Dresdner Liederkreis. Ein + Beitrag zur Geschichte der Romantik. 4 Mark. + + Kritische Studien über das Dresdner Hoftheater. 50 Pf. + + +Friedrich Jansa, Verlag in Leipzig + + Waldhüters Weihnacht. Ein dramatisches Festspiel für Kinder in fünf + Auftritten. 4. bis 6. Tausend. Broschiert 75 Pfennig. + + +Verlag von Alfred Janssen in Hamburg + + + + +Romane + + + Die Kinder aus Ohlsens Gang. Roman von ~Gustav Falke~. 1908. + 4.-5. Taus. Geb. 4 M. 50 Pf. + +Ein überaus schlichtes und reines Buch. Der es schrieb, hat jede +Zeile in seinem Herzen getragen. Darum lebt man dieses kleine, frohe, +trauernde, verärgerte, höhnische, manchmal sogar ein wenig tragisch +drohende Leben in einer stillbewegten Teilnahme mit. + + (Literarisches Echo) + + + Chaos. Roman von ~Albert Helms~. 1909. Umschlagzeichnung von + Professor C. O. Czeschka. Gebunden 3 Mark. + +Die grenzenlose Öde der russischen Steppe ist der Hintergrund, auf +dem diese grell beleuchteten, zuckend lebendigen, stimmungsschweren +Bilder entstehen ... in der ein merkwürdiger, grimmig brutaler, ganz +eigenpersönlicher Humor sein Wesen treibt ... Da ist z. B. eine +Vision wilder Hungerhalluzinationen, wie sie seit Hamsum kein Dichter +plastischer gesehen hat. + + (Hamburgischer Correspondent) + + + Peter Michel. Roman von ~Friedrich Huch~. 3. Auflage. Gebunden 5 + Mark. + +Geschrieben ist diese Alltagsgeschichte ... und gesehen ist dieses +stille deutsche Leben ... mit einer Tiefe der Beobachtung, einem Humor +der Anschauung, kurz mit dichterischen Gaben, die vereint dem Buche +einen seltenen und kostbaren Zauber verleihen. + + (Gabriele Reuter im »Tag«) + + + Blut. Roman von ~Waldemar Bonsels~. Umschlagzeichnung von Willy + Geiger. 1909. Gebunden 4 M. + +Hier wird einmal wieder die Tragik eines zerpflückten Mädchenlebens +in ihrer ganzen Reinheit, ihrer herzzerbrechenden Not hingestellt von +einer jungen Meisterhand. + + (Deutsche Romanztg.) + + + + +Novellen von Timm Kröger + + + Des Reiches Kommen. 1909. Gebunden 2 Mark 50 Pfennig. + +Die Timm Krögerschen Novellen gehören immer zu dem Feinsten und +Köstlichsten, was uns unsere Literatur von heute zu bescheren hat, +und die ganze Geistesfrische, die unverzehrte Kraft des Dichters lebt +in diesem seinem letzten Werk. Aus dem alten Geist niederländischer +Genrekunst, nordwestdeutscher Naturalistik heraus geboren, strömt +auch diese Novelle allen feinen Stimmungszauber aus. Licht, Farben +und Töne rinnen, aufs feinste zueinander abgestimmt, in ein +köstliches Helldunkel zusammen, Natur und Mensch erscheinen unlösbar +miteinander verknüpft, völlig miteinander verwoben, alles ist reine +Gegenständlichkeit, und die einzig wahre, einzig echte Kunst, deren +ganzes Geheimnis allein darin besteht, daß sie das Wort zu Fleisch +werden läßt, ist sicher ein Timm Kröger-Besitz. + + (Aus einem Feuilleton von Julius Hart in »Der Tag«, Berlin.) + + +Um den Wegzoll. 2. Auflage. Gebunden 2 Mark. + + +Heimkehr. Skizzen aus einem Leben. Geb. 3 Mk. + + + Leute eigner Art. Novellen eines Optimisten. 3. Auflage. Gebunden 3 + Mark. + + + Aus alter Truhe. Novellen und Erzählungen. 1908. Gebunden 3 Mark. + + + Fröhliche Kinder. Ratschläge für die geistige Gesundheit unserer + Kinder. Von ~Heinrich Scharrelmann~. 1906. 3. bis 5. Tausend. + Gebunden 3 Mark. + +Aus dem Vorwort: An die Eltern und Mütter wendet sich dieses Buch. +Es möchte ihnen praktische Ratschläge und Fingerzeige geben für die +häusliche Erziehung ihrer Kinder. Es will die Eltern aufmerksam machen +auf wenig gekannte und gewürdigte Anlagen und Fähigkeiten im Kinde +und möchte zugleich zeigen, wie ein gesundes Wachstum aller geistigen +Kräfte von der Kinderstube aus angebahnt werden kann. So denke ich, +wird es die innigen Bande zwischen Eltern und Kindern noch um ein +weniges fester zu knüpfen versuchen, indem es das Kind auffaßt -- als +unseresgleichen. + +Erziehern und Eltern, die ihre Kinder lieb haben, sei das Buch warm +empfohlen. + + (Basler Nationalzeitung) + + + + +Billige Ausgabe der + + Hamburger Hafenbilder. Von ~Wilhelm Dittmer~. 12 doppelseitige, + 24 ganzseitige Bilder. 48 Seiten Text. Kartoniert 2 Mark. + +Der Hamburger Hafen ist geistig und wirtschaftlich nicht mehr das +ausschließliche Eigentum der mächtigsten der Hansastädte, sondern ein +Gemeingut der Nation. Hier ist eine ganz neue Schönheit entstanden, +die nichts mehr gemein hat mit lyrischer und phantastischer Romantik. +... Wer Dittmers Buch in der Hand hält, fühlt mit Stolz: da bekennt +sich ein Starker zu unsrer Zeit. Er sah Schönheiten überall ... +Sein technisches Vermögen war sehr groß. Seine zeichnerischen und +malerischen Qualitäten ordnen ihn in die erste Reihe unsrer Künstler +ein. Daß er aber auch ein Meister der Sprache war, ein wundervoller +Erzähler, darf nicht vergessen werden, weil er zu seinem Hafenbuche +selbst einen schlichten, kraftvollen, anschaulichen Text schrieb -- +Dieses Buch hat alle Berechtigung ein Volksbuch zu werden. Es gehört in +die Hand eines jeden Deutschen. + + (General-Anzeiger für Hamburg-Altona) + + +Verlag von Alfred Janssen in Hamburg + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78421 *** diff --git a/78421-h/78421-h.htm b/78421-h/78421-h.htm new file mode 100644 index 0000000..56c8f32 --- /dev/null +++ b/78421-h/78421-h.htm @@ -0,0 +1,10921 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Kaspar Krumbholtz | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3{ + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + font-weight: normal; +} + +h1 {font-size: 275%;} +h2, .s2 {font-size: 175%;} +h3, .s3 {font-size: 125%;} + .s4 {font-size: 110%;} + .s5 {font-size: 90%;} + +h2 { + padding-top: 2.5em; + margin-bottom: 1.0em; + page-break-before: avoid; + font-weight: normal; + text-indent: 1em; +} + +h2.nobreak { + padding-top: 3em; + margin-bottom: 1.5em; +} + +h3 { margin-top: 3em;} + +p {text-indent: 1em; + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; +} + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p2 {margin-top: 2em;} +.p4 {margin-top: 4em;} +.p6 {margin-top: 6em;} + +.mbot2 {margin-bottom: 2em;} + +.padtop1 {padding-top: 1em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +hr.doppelt { + width: 80%; + margin: 1.5em 10%; + border-top: 1px black solid; + border-bottom: 1px black solid; + border-left: none; + border-right: none; + height: 3px;} + +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } +hr.r30 {width: 30%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 35%; margin-right: 35%;} + +div.chapter {page-break-before: always;} + +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +table.toc { + width: 36em; + margin: auto; +} +.x-ebookmaker table.toc { + width: 95%; + margin: auto 2.5%;} + +.vat {vertical-align: top;} +.vab {vertical-align: bottom;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; + color: #777777;} + +.blockquot { + margin-left: 5%; + margin-right: 10%; + font-size: 90%; +} +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.left {text-align: left;} + +.gesperrt +{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} + +em.gesperrt { + font-style: normal; +} + +.x-ebookmaker .gesperrt { + letter-spacing: 0.15em; + margin-right: -0.25em; +} + +.antiqua { font-style: italic;} + +div.ads { + page-break-before: always; + text-indent: 0; + text-align: center; + font-size: 0.8em; + max-width: 50em; + margin: 1em auto 1em auto; + } + +div.ads p { + margin-top: 1em; } + +div.titel_r { + margin: 2em 0 1em 60%; + font-size: 85%;} + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%; +} + +/* Poetry */ +/* uncomment the next line for centered poetry */ + +.poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; +} +.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} + +/* Illustration classes */ +.illowp46 {width: 46%;} +.x-ebookmaker .illowp46 {width: 100%;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78421 ***</div> + + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis ist zur besseren Übersicht an den +Anfang des Textes verschoben worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt</p>. +</div> + +<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover"> +</figure> + + +<h1>Kaspar Krumbholtz</h1> + +<p class="p2 s3 center">Roman</p> + +<p class="center">von</p> + +<p class="s2 center">Herm. Anders Krüger</p> + +<p class="p6 s4 center">Georg Westermann</p> +<p class="s4 center">Braunschweig / Hamburg / Leipzig</p> + + +<div class="chapter"> +<p class="p6 s5 center"><span class="antiqua">Copyright 1910 by Alfred Janssen, Hamburg</span></p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p class="p4 mbot2 s2 center">Der Kampf mit der Welt</p> +</div> + + +<div class="titel_r s5"> +<div class="s5 left"><em class="gesperrt">Motto:</em><br> +Der letzte leise Schmerz und Spott<br> +Verschwindet aus des Herzens Grund.<br> +Es ist, als tät der alte Gott<br> +Mir endlich seinen Namen kund. +</div> + +<div class="s5 right"><em class="gesperrt">Gottfried Keller</em></div> +</div> + +<div class="chapter"> +<p class="p4 s3 center">Marie v. Ebner-Eschenbach</p> +<p class="s5 center">und der</p> +<p class="s3 center">Germanistic Society of America</p> +<p class="s4 center">zum Dank</p> +</div> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<p class="p4 s2 center">Inhaltsverzeichnis</p> + +<table class="toc"> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right"><em class="gesperrt">Erstes</em></div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center"><em class="gesperrt">Buch</em></div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><em class="gesperrt">In der Kelter</em></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">11</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Kapitel:</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_13">Der Holzkollege</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">13</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_26">Antrittsbesuche</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">26</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">D<a href="#Seite_47">er angehende Weltmann</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">47</div> + </td> +</tr> + + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_70">Der Gottsucher</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">70</div> + </td> + </tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_86">Das Londoner Magdalenchen</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">86</div> +</td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_102">Feriengäste</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">102</div> +</td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_130">Die Tänzer</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">130</div> +</td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">8.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_138">Die pädagogische Ohrfeige</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">138</div> +</td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">9.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_168">Abschiedsbriefe</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">168</div> +</td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">10.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_186">Die Synode</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">186</div> +</td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat padtop1"> + <div class="right"><em class="gesperrt">Zweites</em></div> + </td> + <td class="vat padtop1"> + <div class="center"><em class="gesperrt">Buch</em></div> + </td> + <td class="vat padtop1"> + <div class="left"><em class="gesperrt">Gärender Most</em></div> + </td> + <td class="vab padtop1"> + <div class="right">215</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Kapitel:</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_217">Im Rock des Königs</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">217</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_227">Sündenfälle</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">227</div> +</td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_268">Charlotte</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">268</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_281">Auseinander</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">281</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_309">Die Moravenrunde</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">309</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_321">Carina</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">321</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_358">Silvester</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">358</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">8.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_370">Die neue Welt</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">370</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">9.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_387">Shaky San Francisco</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">387</div> + </td> +</tr> + +<tr> + <td class="vat"> + <div class="right">10.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">"</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><a href="#Seite_411">Heimkehr</a></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">411</div> + </td> +</tr> +</table> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2>Erstes Buch<br> +<span class="p2 s3 center"> In der Kelter</span></h2> +</div> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Der Holzkollege</b></span></h3> +</div> + +<p>Samstag Abend wars. Wieder war eine Woche vorüber, und zwar eine +besonders böse, die letzte der Osterferien, in denen überdies die +Ordnung mit Frühling und Schulfreiheit in harter Fehde lag.</p> + +<p>Die Lehrerschaft der Tramberger Knabenanstalt versammelte sich nach und +nach zum gewohnten Teeabend im Konferenzzimmer.</p> + +<p>Schmauchend und schwatzend saßen bereits die dienstfreien Stubenlehrer +um den länglichrunden Eichentisch. An den beiden Polen, möglichst +weit voneinander entfernt, hatten sich Herr Schlegelmeyer von der +1. Stube, der sogenannte Chef der heute noch feiernden Lehrerreihe, +und Herr Schnäbele, der angehende Missionar, dem die Vierten in +Liebe untertan waren, niedergelassen; dazwischen Bruder Teuchert +und Behring, die Lehrer der 2. und 3. Stube. Auf den beiden +Ehrenplätzen des alten Ledersofas thronten mit Würde der umfangreiche +<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span>Mitdirektor, Bruder Leonhard Ludwig Lohmann, genannt L<sup>3</sup>, und der +magere Hypochonder, Religionslehrer und Pfleger, Bruder Wiesendahl. +Seitab in seinem geliebten Schmollwinkel, unter 17 Bänden von Meyers +Konversationslexikon, sog still an seiner langen Pfeife der wortkarge +Supernumerar Bruder Hinzelmann, und am Klavier endlich phantasierte +versunken und weltentrückt in leisen Akkorden Herr Vogel, der +Musiklehrer.</p> + +<p>Die Tür flog heftig auf und zu. Herr Thilo Kratt, der trotzige +Hessenhüne und Bändiger der Ersten, trat höflich grüßend an den Tisch, +rieb sich behaglich die Hände und knurrte doch scheinbar grimmig: »Mer +hunns, mer kunns, die Bengels sind in der Falle!«</p> + +<p>Der Mitdirektor fragte verbindlich lächelnd: »Sie meinen die lieben +Zöglinge?«</p> + +<p>»Jawohl, Rasselbande,« erwiderte Kratt mit Laune, »ist ein wahrer +Segen, daß am Montag der Hundetrab wieder beginnt.«</p> + +<p>»Sie meinen den angenehmen Schulunterricht —«</p> + +<p>»Den Deubel mein ich, mit Verlaub, Herr Mitdirektor, aber wenn man +von 6 Uhr früh bis abends 9 Uhr vor der Rotte Korah da oben mühsam +Schriftdeutsch geheuchelt hat, dann ist man doch heilsfroh, hier +unten mal wieder Männerworte schmettern zu dürfen in der Urväter +Umgangssprache.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p> + +<p>»Sell isch gewieß, sell isch nit verloge!« schwäbelte Herr Schnäbele +bestätigend, und alles lachte. Nur Herr Schlegelmeyer wandte in +edelstem Hannoveranerdeutsch ein: »An Ihrer Stelle spräche ich eben +beständig in der Schriftsprache.«</p> + +<p>»Na, dann tun Sies nur in Gottes Namen, will gar nicht stören,« +erwiderte Kratt schmunzelnd, »werde mich freun, wenn Sie mich würdig +bei der Satansbrut da oben vertreten, pardon, Herr Mitdirektor, ich +meine die lieben Zöglinge.«</p> + +<p>Geschmeichelt verneigte sich L<sup>3</sup> und fragte dann: »Wo bleiben denn die +beiden bösen Buben?«</p> + +<p>»Pardon —« unterbrach ihn Kratt nun grinsend, »Sie meinen die lieben +Herren Kollegen Knortz und Muffke.«</p> + +<p>Wieder lachte alles, am herzlichsten L<sup>3</sup>. Da traten die eben genannten +Lehrer der 2. und 3. Stube ein und grüßten mit einem forschen: »Nabend, +Kinnings!«</p> + +<p>Karl Knortz, genannt Moritz, und Martin Muffke, genannt Max, waren zwei +handfeste Mecklenburger und als zwei immer vergnügte Menschenkinder +von allen Kollegen gern gesehen; nur Herrn Schlegelmeyer waren sie zu +unfeierlich, oft gar zu kurz angebunden oder zu witzig.</p> + +<p>Auch jetzt erregte der ungenierte Moritz des Reihenchefs höchstes +Entsetzen, als er frischweg behauptete: Kollege Schlegelmeyer +(der natürlich<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> die Mäßigkeit in Person war) habe bereits allen +Tee weggetrunken. Und Max bestätigte schleunigst zum allgemeinen +Gaudium: »Natürlich, Schlegelmeyer! Na, so ein Saufaus!«, während +der Angeschuldigte mühsam gute Miene zu dem bösen Spiele machte und +verlegen hüstelte: »Das stimmt wohl nicht ganz.«</p> + +<p>Dann holten Max und Moritz ihre langen Pfeifen aus dem Schrank, setzten +sich qualmend an den Tisch und ausgerechnet neben Schlegelmeyer, ja sie +klopften ihm niederträchtig zutraulich auf Schultern und Knie, weil sie +wußten, daß dieser dergleichen durchaus nicht vertragen konnte. Und +wie gewöhnlich rutschte der Hannoveraner auch heute schleunigst mit +seinem Stuhle rückwärts zur schützenden Fensternische, worauf Moritz +behaglich paffend zu der gewaltigen Teekanne griff und sich und Max mit +den Worten einschenkte: »So, Schlegelmeyer ist glücklich in die Flucht +geschlagen, nun wolln wir armen Diensthengste auch man feste supen.«</p> + +<p>Alles lachte wieder und recht von Herzen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Wer hat denn heute Schlafsaalwache?« fragte der Mitdirektor plötzlich.</p> + +<p>»Der Doppelkollege,« sagte Moritz noch schlürfend.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> + +<p>»Dem wirds wohltun,« fügte Max schadenfroh hinzu, »der wird so zu fett +in dem leichten Ortskindergeschirr.«</p> + +<p>»Sell isch recht — ebbes muß er doch leiste für sei Schmerbäuchle.«</p> + +<p>»Wie kann man nur so roh sein!« monierte Schlegelmeyer aus der +Fensternische und löste damit abermals eine Lachsalve aus. Trotzdem +fuhr er unbeirrt fort: »Nein, ich lache gar nicht. Ich begreife nämlich +nicht, wie man Herrn Schneese gerade an einem so kritischen Tage wie +heute die Schlafsaalwache anvertrauen kann.«</p> + +<p>Thilo Kratt schlunzte seinen Stubenkollegen mit listigen Äuglein +schrägüber an und meinte dazu bombenruhig: »Na, ewig kann man Schneese +auch nich in Watte wickeln, er ist so schon weich genug in seinem Fett +gebettet.«</p> + +<p>L<sup>3</sup> erklärte lächelnd: »Ich muß dringend gegen die hier scheinbar +allgemein geteilte Ansicht protestieren, daß die Korpulenz etwa +angenehm sei. Im Gegenteil! Wir Schmerbäuche sind sogar sehr übel dran.«</p> + +<p>Wieder dröhnten die Wände von einem stürmischen Gelächter, so daß +auch der verträumte Herr Vogel von seinem Klavier verdutzt aufsah +und schüchtern fragte: »Was ist denn los?« Das entfachte neue +Heiterkeitsstürme, so daß man gar nicht hörte, daß draußen mehrfach an +die Tür geklopft wurde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p> + +<p>Man war daher einigermaßen erstaunt, als plötzlich ein altes, kleines +Frauchen, die Pförtnerin, verlegen hereinhuschte und vergeblich mit +ihrem Nastüchel gegen den Rauch ankämpfte.</p> + +<p>Sofort sprangen Max und Moritz auf und schrien: »Hallo, Mutter +Frutschen — Tasse Tee gefällig?«</p> + +<p>Schämig dankte Schwester Frutsch, machte eine Art von Hofknix und sagte +dann unter allgemeinem ehrerbietigem Schweigen: »Ich wollte nur den +Herren Lehrern mitteilen, daß soeben der neue Kollege eingetroffen ist.«</p> + +<p>»Wat forn Kollege denn?« platzte Moritz dazwischen.</p> + +<p>»Nun, ich glaube, Herr Holz nannte er sich,« flüsterte Schwester +Frutsch süßlich.</p> + +<p>»Hurra — een Holzkollege,« rief Max, »feine Nummer!«</p> + +<p>»Nein, bitte — keine Witze, er heißt Krumbholtz,« berichtigte der +Mitdirektor.</p> + +<p>»Ach wat, Holz is Holz, ob et krumm oder jerade, is schnurz!« erklärte +Moritz.</p> + +<p>»Na, da hätte er ja seinen Spitznamen weg,« jammerte Mutter Frutsch, +»und nun bin ich dumme, halbtaube Person noch daran schuld.«</p> + +<p>»Nee — nee — Mutter Frutschen, heulen Se man nich gleich,« begütigte +Max, »aber wo haben Se n denn hingesteckt, den Holzkollegen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p> + +<p>»Ich hab ihm gesagt, die Herren hätten hier Teeabend und würden sich +gewiß freuen; aber der neue Herr — Herr oder Bruder, wie wars, Herr +Mitdirektor?«</p> + +<p>»Bruder — jawohl — Bruder Krumbholtz,« antwortete L<sup>3</sup>.</p> + +<p>»Ach, etwa — vom Missionar ein Sohn?«</p> + +<p>»Nein — das wohl nicht — aber aus der Familie jedenfalls!«</p> + +<p>»So — nein, ach — wie mich das freut,« sagte Schwester Frutsch, +wieder holdselig lächelnd, »ich habe mal eine Missionsstunde von einem +Bruder Krumbholtz aus Labrador gehört, nein — was war die schön — und +so interessant, diese Seehundsgeschichten — entzückend! Aber nun, was +ich sagen wollte —«</p> + +<p>»Ja, wo haben Sie denn nun unsern neuen Kollegen hingetan?«</p> + +<p>»O bitte, der Herr scheint sehr selbständig zu sein. Als er Ihren Lärm +hier, um Verzeihung, Ihre Fröhlichkeit hörte, meinte er nur: da wolle +er nicht stören, er wäre überdies müde und für den Direktor wäre es nun +auch schon zu spät. So bät er nur um Angabe seines Kleiderschrankes +auf der Waschkammer — das wußte er gleich alles — ließ sich den Weg +zum Schlafsaal zeigen, sein Bett Nr. 24 an der Verbindungstür rechts +angeben, dankte, packte seine Handtasche aus und<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> ist schon soeben auf +den Schlafsaal hinauf gegangen.«</p> + +<p>»Na, das kann ja gut werden da oben,« meinte Herr Schlegelmeyer +entrüstet. »Herr Schneese und nun noch dieser blutjunge Neuling, der +nicht mal fertig studiert hat —«</p> + +<p>»Ach — was Sie sagen — hat er das nicht?« fragte neugierig Schwester +Frutsch, »warum denn nicht? Da hats wohl was gegeben?«</p> + +<p>»Unsinn, Schwester Frutsch,« fiel der Mitdirektor, der ihren losen Mund +zur Genüge kannte, vorbeugend ein, »Bruder Krumbholtz wollte nur gern +Lehrer werden —«</p> + +<p>»Ach — aber warum wartete er da nicht, bis er hübsch fertig war?«</p> + +<p>»Das können Sie ihn ja morgen selber fragen.«</p> + +<p>»Aber was denken Sie denn von mir? Nein, Bruder Lohmann, ich werde mich +doch nicht um Dinge kümmern, die mich nichts angehen — das tue ich +doch nie!«</p> + +<p>»Ach wo,« ulkte Moritz dazwischen, »so wat duht Mutter Frutschen nich.«</p> + +<p>»Nun also, sehen Sie, Herr Knortz sagt das auch! Im übrigen scheint +mir dieser Bruder Krumbholtz auch gar nicht der Mann zu sein, der +Geständnisse liebt — im Gegenteil, er scheint sogar recht kurz +angebunden zu sein. Aber nun<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> will ich nicht weiter die schöne +Geselligkeit der Herren stören, ich wollte Ihnen nur gemeldet haben, +was Ihnen doch gewiß interessant sein würde, und damit allerseits +schönen guten Abend und gesegnete Nachtruhe!«</p> + +<p>Lächelnd grüßten die Lehrer wieder.</p> + +<p>Max verneigte sich ebenso tief und förmlich wie Mutter Frutsch, und +Moritz klopfte der Abgehenden noch vertraulich auf die Schulter: »Et +jeht nischt über Mutter Frutschen un ihren Hausschlüssel.«</p> + +<p>Dann, als er die Tür hinter ihr geschlossen hatte, knurrte er +ärgerlich: »Wat son olles Schalaster doch forn Riecher hat — nu hat se +dat ok wedder rut —«</p> + +<p>»Sell isch mal wieder ganz Schlegelmeyer gesi!« sagte darauf Herr +Schnäbele so laut, daß es der Hannoveraner in der Fensternische hören +mußte.</p> + +<p>Prompt kam auch die Antwort zurück: »Ich sagte das nur im Interesse +eines ungestörten Aufsichtdienstes. Ja, ich frage nochmals allen +Ernstes: was soll denn da oben werden?«</p> + +<p>»Dafür bin ich wohl in diesem Falle kompetent,« erklärte Herr Kratt +mit der gewohnten Ruhe, »es ist meine Reihe. Im übrigen abwarten +und erst Tee trinken, dann werde ich mir schon mal die neue +Schlafsaalkonstellation ansehen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> + +<p>Herr Schlegelmeyer verneigte sich stumm gegen seinen etwas gefürchteten +Stubenkollegen, und dann schwieg man eine geraume Weile wie verstimmt, +bis plötzlich der sonst so schweigsame Bruder Hinzelmann sagte: »Na, +jedenfalls war Ihre Bemerkung, Herr Kollege Schlegelmeyer, wenig +angebracht und kann dem neuen Kollegen nur Schwierigkeiten bereiten.«</p> + +<p>»Wieso?« fragte der Hannoveraner sichtlich verlegen, denn Hinzelmann +achtete auch er.</p> + +<p>»Na — bei die olle Klatschsnut,« brummte Max, »da is et morjen abend +rum in der janzen Jemeine Jottes.«</p> + +<p>»Aber ich bitte sehr,« verteidigte sich Schlegelmeyer, »es kann doch in +diesen kleinen Verhältnissen so wie so nicht verborgen bleiben, daß der +neue Kollege sein Studium abgebrochen hat!«</p> + +<p>»Na, un wat is denn man dabei?« fuhr Moritz streitbar heraus, »ick +un Muffkemartin da haben doch janz datselbe jetan un werden mit die +Bengels da oben man mindestens so jut fertig wie Sie mit Ihrem zweiten +Examen und Ihrer Schriftsprache.«</p> + +<p>Jetzt legte sich L<sup>3</sup> begütigend ins Mittel und sagte väterlich: +»Kinder, immer hübsch friedlich. Ihre Bemerkung, lieber Schlegelmeyer, +war wirklich nicht ganz schön, zum mindesten unvorsichtig gegenüber +unserer schwatzseligen Oberhof- und<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Hausschlüsselbewahrerin. Im übrigen +kennen wir den neuen Herrn Kollegen ja gar nicht, und ich bedaure nur, +daß ihn niemand am Bahnhof abgeholt hat. Entweder hat er sich nicht +angemeldet —«</p> + +<p>»Oder der Chef hats, wie üblich, versiebt,« vollendete Herr Thilo Kratt +und wollte sich eben erheben, um auf den Schlafsaal zu gehen, als sich +die Tür öffnete, und Herr Schneese mit wohlgerundeten Mienen lächelnd +hereinschaute.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mit Hallo wurde der Doppelkollege allenthalben begrüßt, nur +Schlegelmeyer sagte mit großer Genugtuung und triumphierender Geste: +»Da haben wir die Bescherung!«</p> + +<p>Als nun Kratt, mit Stentorstimme den Radau übertönend, Herrn Schneese +fragte, ob er etwa vor den Knaben geflüchtet sei, und ob er zum Rechten +sehen solle, antwortete der behäbige Ortskinderlehrer seelenruhig:</p> + +<p>»I bewahre, es ist oben alles in schönster Ordnung. Der neue Kollege, +der sich mir vorhin vorstellte — den Namen hab ich aber nicht +verstanden — hat mir gleich freundlich die Schlafsaalwache abgenommen, +da er so wie so zu Bett gehen wolle.«</p> + +<p>Ein Höllengelächter erfüllte jetzt den Raum,<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> endlich fragte Kratt +mühsam: »Und Sie Gemütsmensch nehmen das in aller Bierruhe an, ja sind +Sie denn des Deubels, Schneese? Sie können doch Ihren Posten nicht +verlassen?«</p> + +<p>»Aber warum denn nicht, wenn mich ein Kollege ablöst — das ist doch +ganz in der Ordnung!« —</p> + +<p>»Menschenskind, der Mann ist aber doch ganz neu —«</p> + +<p>»Nun ja — das waren wir alle einmal — anfangen muß doch jeder; +übrigens der Neue schien doch den Rummel recht gut zu kennen, er ist +wohl aus der Gemeine, denke ich — na also! Nun lassen Sie mich doch in +Ruhe meinen wohlverdienten Tee genehmigen. Haben Sie vielleicht eine +Zigarre übrig, Kollege Schnäbele?«</p> + +<p>Wieder lachte die ganze Korona dröhnend, denn es war bekannt, daß der +Doppelkollege den gutmütigen Schwaben stets um Zigarren anging und +richtig, auch jetzt nicht umsonst.</p> + +<p>Dann zog sich Schneese den breiten Lehnsessel heran, da alle anderen +Sitzgelegenheiten zu schmal für ihn waren, pflanzte sich, behaglich +paffend, hinein und lächelte zufrieden übers ganze breite Gesicht. Er +wußte ja, daß ihm niemand böse sein konnte, am wenigsten der gutmütige, +humorvolle Kollege Kratt, so grimmig er auch bisweilen tat.</p> + +<p>Unterdessen war Bruder Teuchert rasch und<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> neugierig zum Schlafsaal +hinaufgeeilt und brachte die beruhigende Nachricht zurück, daß in der +Tat oben alles in bester Ordnung sei; worauf Thilo Kratt schmunzelnd +wieder zu seiner langen Pfeife griff und erklärte: »Na, Kinder, dieser +Holzkollege hat scheinbar Schneid und Ruhe — er paßt also in meine +Reihe, und ich werde ihm ein wohlaffektionierter Reihenchef sein.«</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Antrittsbesuche</b></span></h3> +</div> + +<p>Es war noch ziemlich früh am Morgen, als Kaspar Krumbholtz in seinem +Bett Nr. 24 erwachte. Das erste Tageslicht blinzelte mit bläulichen +Strahlen wie verstohlen durch die Ladenritze, und ringsum schnarchte +noch alles in absonderlichen Tönen.</p> + +<p>Kaspar kam langsam zur Selbstbesinnung und dachte mit seltsamer +Bewegung unwillkürlich an die noch nicht lange vergangenen Tage, da er +als Schüler in einem ähnlichen Schlafsaal gelegen hatte. Und nun sollte +er Lehrer und Vorgesetzter sein, an einem ihm völlig unbekannten Ort, +unter zum Teil fremdartigen Verhältnissen. Zwar der Anstaltbetrieb +würde hier zu Tramberg auch nicht viel anders sein als zu Bethel und +Gnadenzell — aber die neuen Kollegen stammten großenteils nicht aus +der Brüdergemeine, die Zöglinge waren sogar meist Ausländer. Was konnte +es da für Schwierigkeiten geben, von denen er sich nichts hatte träumen +lassen?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p> + +<p>Auch von seinem neuen Direktor hatte Kaspar nicht sonderlich viel +Ansprechendes gehört. Ein Finanzgenie sollte er sein, ein sehr +genauer Herr, der in erster Linie in jedem Schüler einen wandelnden +Tausendmarkschein zu sehen pflegte — so spöttelte man im Osten. Aber +der Zug zum Geldverdienen lag wohl zu Tramberg überhaupt in der Luft. +Auch die Bürger dieser kleinen schwäbischen Herrnhuterkolonie galten +zu Bethel und Gotteshaag für eifrige Mammonsdiener, die ihr stilles +Friedensörtchen im Laufe der letzten Jahrzehnte in den Dienst einer +einträglichen Fremdenindustrie gestellt hatten. Doch wer wußte denn, +wie viel Tratsch und Klatsch bei diesem Urteil mitspielte, wie bei so +vielem, was man sich in den Gemeinen voneinander erzählte.</p> + +<p>Kaspar Krumbholtz wollte selber sehen und prüfen.</p> + +<p>Und so stand er mit derselben Eigenmächtigkeit auf, mit der er abends +zuvor schlafen gegangen war, und schritt leise der Türe zu. Aber da +erhob sich plötzlich an der Tür eine schmächtige Gestalt, warf sich +hastig einen Schlafrock über und vertrat ihm den Weg mit den barschen +Worten: »Wo wollen Sie hin?«</p> + +<p>Kaspar maß die ein wenig komische Erscheinung mit schmunzelndem +Erstaunen und sagte ruhig: »Sie gestatten — Krumbholtz, der neue +Lehrer.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> + +<p>»Ah, so —« lispelte der Schmächtige gönnerhaft, »pardon, ich hielt Sie +für einen neuen Zögling. Sie sind wohl auch noch ein wenig jung. Ich +bin nämlich der heute diensttuende Lehrer der ersten Stube, Kandidat +Schlegelmeyer, und trage als Reihenchef eine gewisse Verantwortung.«</p> + +<p>Kaspar Krumbholtz murmelte: »Sehr angenehm gewesen« und wollte weiter, +doch Herr Schlegelmeyer bedeutete ihm, es habe noch nicht geläutet, man +stehe am Sonntag erst um einhalb sieben Uhr auf.</p> + +<p>Der neue Kollege bedankte sich höflichst für die ihm interessante +Nachricht, betonte jedoch, er für seine Person pflege aufzustehen, wann +es ihm beliebe.</p> + +<p>»Ja, wenn aber die Waschkammern vielleicht noch geschlossen sind,« warf +der hartnäckige Hannoveraner ein.</p> + +<p>»Dann suche ich mir einen dienenden Geist oder gehe zum Brunnen.«</p> + +<p>»Sie scheinen ja sehr energisch zu sein, Herr Kollege. Übrigens, wenn +ich Ihnen behilflich sein kann — nur einen Moment, ich will mich rasch +fertig anziehen.«</p> + +<p>»Aber bitte!« wehrte Krumbholtz ab, »bemühen Sie sich nicht; +meinetwegen sollen Sie ja nicht vor einhalb sieben Uhr aufstehen. Guten +Morgen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p> + +<p>Damit entwischte Krumbholtz eiligst zur Tür hinaus.</p> + +<p>Herr Kandidat Schlegelmeyer legte sich mit süßsäuerlichen Mienen +wieder zu Bett und nahm sich vor, mit diesem neuen Kollegen möglichst +vorsichtig umzugehen; von der durchschnittmäßigen Herrnhuter Sorte, +die sich alles in brüderlicher Liebe gefallen läßt, schien dieser +Holzkollege nicht gerade zu sein.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Bald darauf schritt Kaspar Krumbholtz zum hinteren Anstalttor in den +strahlenden Frühlingsmorgen hinaus.</p> + +<p>Die Anstalt lag einsam, wie eine mächtige Burg, auf halber Höhe über +dem Dörfchen Tramberg, das noch wie traumverloren inmitten seiner +endlosen Nadelholzwälder friedlich zu schlummern schien.</p> + +<p>Kein Hahn krähte, kein Schornstein rauchte, nur die ersten Schwalben +strichen mit fröhlichem Kwiwitt pfeilschnell über die hohen Dächer der +wie Kinderspielzeug auf einer Waldwiese verstreuten Häuser.</p> + +<p>Überrascht fuhr Kaspar, der am Abend zuvor nichts von dem Ort hatte +sehen können, ein »Donnerwetter, ist das schön« heraus.</p> + +<p>Eilends flog er den Hügel hinab und mit<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> immer steigender Befriedigung +spazierte er nun langsamer und alles ungeniert betrachtend durch die +mehrfach gewundene Hauptstraße Trambergs, zu deren beiden Seiten +allerlei städtisch frisierte Villen wie blind, mit ihren geschlossenen +Läden, zwischen alten hochgiebligen Bauernhäusern standen.</p> + +<p>Schnell erfaßte der junge Lehrer den eigentümlichen Mischmaschcharakter +dieses Kurortes und dachte bei sich: »So könnte unser gutes Ingelbach +auch mal aussehen, wenn es sich in Oberhof oder Friedrichroda an der +Fremdenepidemie angesteckt hätte. Schade, weder Fisch noch Fleisch!«</p> + +<p>Allzulange dauerte es nicht, da ging die Hauptstraße in vornehme, +wohlgepflegte Parkanlagen über. Ein Springbrunnen plätscherte +verschlafen zwischen schlanken Koniferen und leeren Bänken. Einige +verliebte Amselpärchen jagten zankend über eben umgegrabene Beete und +Rabatten, die noch der sommerlichen Bepflanzung harrten.</p> + +<p>Im Geist sah Krumbholtz diese jetzt schweigenden und öden Plätze und +Alleen schon von bunten, jauchzenden Kindergruppen, von Damen in +eleganten Toiletten belebt; sein welthungriges Gemüt versöhnte sich im +stillen rasch mit der bösen Fremdenkultur.</p> + +<p>Vergnüglich malte er sich so all die bevorstehenden Sommerfreuden aus +und schritt, an<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> Tennisplätzen und einem stattlichen Musikkiosk vorbei, +summend dem nahen Walde zu, dessen vorderste Schutzfichten ihm mit +ihren lang herunterhängenden Riesenarmen wie bewillkommnend zuwinkten.</p> + +<p>Es schritt sich wahrlich gut und leicht durch diesen »hohen Tann«, +so hieß die berühmte Hauptpromenade Trambergs. Die Vögel trieben +schon überall ihr vergnügliches Wesen in den Zweigen; Eichkatzen und +Spechtmeisen spielten neckisch um die dicken Stämme oder suchten +an den Zweigen ihr erstes Frühstück, da — krachten Zweige — eine +aufgescheuchte Auerhenne purrte ungestüm durchs Dickicht.</p> + +<p>Kaspar Krumbholtz sah ihr ein wenig erschrocken mit offenem Munde nach, +— dann lachte er hell auf über sich selbst. Nun wußte ers vollends, +er war in einer völlig anderen Landschaft als bisher zu Gotteshaag und +Bethel.</p> + +<p>Da drüben auf die gradlinigen Bastionen der nahen Rauhen Alp wollte er +baldigst steigen, um in der Ferne die Höhen und Burgen des lieblichen +Hegau, den blinkenden Bodensee und darüber vielleicht auch die ersten +Schneehäupter der Alpen zu schauen. Das sollte eine Lust werden, heidi!</p> + +<p>Und pfeifend marschierte das angehende Schulmeisterlein tiefer in den +herrlichen Wald hinein, bis er an den Gottesacker der Gemeine kam, der<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> +stimmungsvoll in feierlicher Waldeinsamkeit sich vor seinen erstaunten +Blicken ausbreitete.</p> + +<p>Da dachte die arme Missionswaise in stiller Andacht an seine lieben +Verstorbenen, an den aufrechten, allzu tapferen Vater, der drüben +irgendwo im zentralamerikanischen Urwald verscharrt worden war, an die +treue, stille Mutter, die auf dem Herrnhuter Hutberg nicht weit von den +Zinzendorfgräbern der Auferstehung harrte. Ja — wenn? Und plötzlich +war der noch eben so fröhliche Kaspar mitten in seinen alten, trüben +Zweifeln.</p> + +<p>Nachdenklich setzte er sich auf eine einsame Waldbank und sann und +sann. Seltsam — daß er, der immer wieder so schwer an Christi +Auferstehung zweifeln mußte, an die Auferstehung seiner Eltern zu +glauben nicht lassen konnte!</p> + +<p>In tiefe Gedanken versunken, ging er achtlos wie ein Nachtwandler +denselben Weg langsam zurück, den er soeben noch rasch und mit hellen, +scharfen Augen um sich schauend gekommen war.</p> + +<p>Als er am Anstalttor wieder angelangt war, stand ein Entschluß bei +ihm fest: er wollte den neuen Direktor dringend bitten, ihn vom +Religionsunterricht zu dispensieren.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im Hause stieß Kaspar Krumbholtz zuerst auf das allzeit fröhliche +Dioskurenpaar Knortz<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> und Muffke, die ihren dienstfreien Sonntag schon +mit einer Morgenpfeife feierten.</p> + +<p>Man schloß schnell Bekanntschaft und frühstückte behaglich zusammen auf +der Lehrerstube. Dabei weihten die biederen Mecklenburger den neuen +Reihenkollegen humorvoll in allerlei Sach-, Schul- und Personalfragen +ein und wollten sich ausschütten vor Lachen über Kaspars erstes +Abenteuer mit Schlegelmeyer.</p> + +<p>Herzhaft klopfte Moritz nach seiner Art dem neuen Kollegen auf die +Schulter und meinte ermutigend: »Nur so weiter, junger Mann! Will Ihnen +wat sagen: Dem hannoverschen Unteroffizier müssen Sie immer gleich +feste auf die Hühneraugen treten, dann werden Sie ihn am ersten los. +Angst muß er haben, sonst spuckt er Gift, wie ne olle Klapperschlange.«</p> + +<p>Bald darauf erschien Thilo Kratts ragende Hünengestalt und ward +dem »Fuchsen«, wie Moritz den Neuling frischweg nannte, als sein +nunmehriger Reihenchef vorgestellt; Krumbholtz sollte nämlich +Stubenlehrer bei den Vierten werden.</p> + +<p>Herr Kratt gratulierte ihm scherzhaft zu seinem gestern abend bereits +bewährten kalten Blut, und riet ihm recht bald, womöglich noch vor der +Predigt, den »Chef« und den Mitdirektor aufzusuchen, denn Sonntags +wären sonst die beiden nicht leicht zu treffen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p> + +<p>Mit einem nicht ganz behaglichen Gefühl schritt Kaspar Krumbholtz die +Treppe hinauf zu seinem Direktor, Bruder Nitschke, der anscheinend im +ganzen Hause nur kaufmännisch als »Chef« bezeichnet wurde.</p> + +<p>Unwillkürlich stieg vor des jungen Schulmeisters Seele das Bild seines +ehemaligen Gnadenzeller »Onkels« auf, der auch des vertraulichen Titels +Bruder nicht gewürdigt wurde. Das gab immerhin zu denken.</p> + +<p>Um so angenehmer überrascht war Kaspar, als er auf einen freundlich +lächelnden, liebenswürdigen Mann stieß, der ihn mit weltmännisch +verbindlichen Formen herzlich willkommen hieß und sich sofort höflichst +entschuldigte, daß ihm eine plötzliche Abhaltung das Vergnügen +persönlicher Abholung vom Bahnhof versagt hätte.</p> + +<p>Kaspar wunderte sich nur, daß er als Mitglied der Brüdergemeine mit Sie +angeredet wurde, aber er sagte nichts. Der redselige »Chef« half ihm +rasch über jede Verlegenheit fort und deutete ihm an, wie gut er es +hier im schönen Süden und in der wohlausgestatteten Anstalt haben würde.</p> + +<p>»Das Leben,« schloß er, »hat hier einen freieren und reichlicheren +Zuschnitt als im Norden und zumal in Oberschlesien. Wir sind +wahrscheinlich nicht so altgemeinmäßig, wie Sie das vielleicht gewohnt +sind; aber mein verehrter Kollege, warten<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Sie nur einige Wochen, und +es wird Ihnen bei uns schon gefallen. Bald werden Sie gar nicht mehr +anderswo leben wollen. Sie bekommen ja auch die vierte Stube und damit +einen prächtigen Kollegen, Herrn Schnäbele, der uns nur leider nicht +mehr lang erhalten bleiben wird. Lernen Sie von ihm, mit den Kleinen +recht väterlich umzugehen; das ist oft schwerer als die Großen zu +zügeln. Doch mit Ermahnungen will ich Sie nicht gleich belästigen. +Ich darf Sie überhaupt wohl darauf aufmerksam machen, daß ich im +allgemeinen mehr für die Verwaltung und den äußeren Dienst zuständig +bin. Der innere Dienst dagegen und insonderheit der Schulbetrieb ist +Bruder Lohmanns bewährter Leitung unterstellt, der Ihnen demnächst +alles Nähere mitteilen wird. Was die Reisekosten anlangt, so +liquidieren Sie wohl die üblichen 100 Mark. Darf ich sie Ihnen gleich +aushändigen?«</p> + +<p>»Ich habe aber nur 62 Mark und 35 Pfennige gebraucht,« antwortete +Kaspar.</p> + +<p>»Nun, da waren Sie ja sehr sparsam,« meinte der Direktor lächelnd. +»Aber Verehrter, Sie werden mir nicht böse sein, wenn ich Ihnen +doch hundert Mark gebe. Sie haben hier gewiß noch allerlei kleine +Einrichtungsausgaben; auch ist Ihr Gehalt — Sie wissen — die ersten +zwei Jahre nur 25 Mark monatlich — nicht sehr reichlich — ich<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> kanns +leider nicht ändern, so gern ichs täte. Mangel sollen Sie jedoch +darum nicht leiden. Wenn Sie mal nicht auskommen, so wenden Sie sich +nur vertrauensvoll gleich an mich. Ich werde Ihnen da gern einige +Nebeneinnahmen zuwenden; es gibt immer so allerlei, Nachhilfestunden, +Badewachen und dergleichen. Zeichnen Sie nicht auch sehr hübsch? Ich +dächte, Bruder Bauding hätte so etwas geschrieben. Na also, und nicht +wahr — hier hundert Mark?«</p> + +<p>Verlegen dankend nahm Kaspar das Geld und sah seinen Vorgesetzten, der +augenscheinlich eine Verabschiedung erwartete, dann unruhig an.</p> + +<p>»Wollten Sie vielleicht noch einen Wunsch äußern?« fragte schließlich +Bruder Nitschke verbindlich.</p> + +<p>»Ja, Herr Direktor,« begann Kaspar gedrückt, »ich weiß nicht, ob Herr +Unitätdirektor Bauding Ihnen auch geschrieben hat, warum ich Gotteshaag +eher verlassen habe als sonst wohl üblich.«</p> + +<p>»Aber gewiß,« sagte der Direktor lächelnd, »und darum brauchen Sie sich +auch gar keine bitteren Gedanken zu machen. Ich bin kein Ketzerrichter +und überhaupt kein großer Theologus. Ich verlange von meinen Lehrern +nur, daß sie mir meine Zöglinge gut behandeln, sie erziehen und ihnen +— da es meist Ausländer sind, vor allem<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> ein gutes Deutsch beibringen. +Daran wird es bei Ihnen wohl nicht fehlen, lieber Kollege, trotz der +fehlenden zwei Semester. Im übrigen nur Mut, junger Freund, ich darf +Ihnen verraten, Sie haben sonst eine glänzende Konduite — gerade +auch als Lehrer — ich glaube, die Fortbildungsschule haben Sie schon +geleitet. Nun — im Vertrauen, so schwierig ist unsere Schule hier +nicht einmal. Also ich freue mich, Sie erhalten zu haben.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Herr Direktor,« brach es freudig aus Kaspars Innerem +hervor, »und so werden Sie es mir wohl nicht verübeln, wenn ich Sie +bitte, mich nicht Religionsunterricht erteilen zu lassen.«</p> + +<p>»Wenns weiter nichts ist,« erklärte Bruder Nitschke schmunzelnd, »das +will ich Ihnen gern zusagen, auch wenn das eigentlich Sache Bruder +Lohmanns ist. Sagen Sies ihm nur! Nein, nein, für Religion haben wir +immer Angebot, namentlich von den auswärtigen Herren. Also keine +Sorge. Und nun guten Morgen, lieber Kollege — und alles Gute! Heute +mittag erwartet meine Frau Sie zum Essen, in meiner Wohnung bitte. Auf +Wiedersehen!«</p> + +<p>Mit großer Erleichterung schritt Kaspar Krumbholtz die kleine Treppe am +Direktorzimmer wieder hinab.</p> + +<p>Den Mann hatte er sich freilich anders vorgestellt.<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Was für ein +Zerrbild hatte der schändliche Gemeinklatsch hier wieder einmal +gezeichnet. An »Onkel Herbst« war nicht zu denken.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als Kaspar nun bei Bruder Lohmann anklopfte, mußte er ziemlich lang +auf die Eintritterlaubnis warten. Erst tönte ein verlegenes »Gleich, +gleich!« von drinnen, weiter ein »Nur noch zwei Minuten«, endlich ein +sonores »Herein!«</p> + +<p>Der Besucher trat in eine geräumige, helle Stube, in der ihn ein +zusammengerollter Dachs mit verständig diskretem Gebell von seiner +Sofaecke aus willkommen hieß; auch einige Waldvögel begrüßten aus +ihren am Fenster hoch übereinandergetürmten Käfigen den Ankömmling +mit neugierigem Gezwitscher. Aber der Herr des Zimmers steckte nur +gerade seinen noch unfrisierten Kopf aus der Türspalte von der +nebenanliegenden Kammer herein, rief lächelnd: »Bitte, einstweilen +Platz nehmen, stehe sofort zu Diensten,« und verschwand abermals für +einige Minuten.</p> + +<p>Unterdessen sah sich Kaspar in dem ein wenig überladenen Raume um, der +sichtlich den Stempel einer eigenartigen, vielleicht etwas krausen, +jedenfalls bewußt moravischen Persönlichkeit trug.</p> + +<p>Da hingen an den Wänden die großen Ölbilder des Grafen Nikolaus Ludwig +von Zinzendorf<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> und seines schier überirdisch verklärten Sohnes +Christian Renatus. Auf eichenen Bücherborten standen wohlgeordnet +sämtliche Ausgaben alter Gemeingesangbücher, eine Menge wertvoller +Brüderschriften, die seltenen Büdingenschen Sammlungen, die <span class="antiqua">idea +fidei unitatis fratrum</span> undsoweiter. Darüber sann das wehmütig milde +Patriarchenhaupt des Brüderbischofs Amos Comenius; daneben hing ein +mächtiges Kupferstichblatt, die Predigt des ersten Brüdermissionars +vor den Indianern darstellend; weiterhin zierten graziöse +Pastellporträts berühmter Brüder und Schwestern, in schönen Empire- +und Biedermeyerrahmen zwischen allerlei feinen Schattenrißbildchen +hängend, die Wände. Und endlich über dem verstaubten Schreibpult, auf +dem Hefte, Bücher, Zigarren, Löffel und allerlei Kästen mit Vogelfutter +in vergnüglichem Wirrwarr durcheinander lagen, grüßte den Beschauer +noch ein herrlicher, weißlockiger Kopf, unter dem stand in klarer +Antiqua: <span class="antiqua">Leonardus Ludovicus Lohmann, episcopus unitatis fratrum, +suae aetatis LXXIII.</span></p> + +<p>Leise Schauer erfaßten den Sohn der letzten Neißerin, der wohl wußte, +wer jener Bischof gewesen war, und was er mit seinem Urgroßvater +zusammen für sein Kirchlein geleistet hatte. Hier war heiliger Boden, +hier galt es im Geiste die Schuhe ausziehen und Andacht zu üben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p> + +<p>Da öffnete sich die Kammertür, und der Mitdirektor trat, mit einem +letzten Griff nach seiner verschobenen Krawatte tastend, noch ein +wenig keuchend und verlegen herein und begrüßte den jungen Kollegen +mit warmer Herzlichkeit; natürlich nicht ohne einige umständliche +Entschuldigungen über seine sonntägliche Langschläferei.</p> + +<p>»Ich habe unterdessen Ihre vielen Schätze bewundert, Herr Mitdirektor,« +meinte Kaspar.</p> + +<p>»Hör mal, wir duzen uns doch,« unterbrach ihn Bruder Lohmann rasch, +»das wäre noch schöner! Von den auswärtigen Herren muß ich mir das Sie +und den Herrn Mitdirektor zwar gefallen lassen, aber von dir nicht. Im +Gegenteil, ich hoffe sogar, lieber Bruder und Kollege, wir werden mit +der Zeit ebenso treue Freunde werden wie vor hundert und einigen Jahren +unsere Urgroßväter.«</p> + +<p>Dabei wies Bruder Lohmann sichtlich stolz auf das Bild über seinem +Schreibtisch und reichte dem jungen Kollegen nochmals die Hand, in die +dieser gern und kräftig einschlug. Dann bot der Mitdirektor seinem +Gastfreund eine Zigarre und den Ehrenplatz auf dem Sofa neben dem schon +wieder halbentschlummerten Dachs an.</p> + +<p>Bald schmauchte man behaglich, und das Gespräch floß munter dahin wie +unter guten Gesellen. Kaspar fühlte sich hier wirklich wie zu Hause.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p> + +<p>Auch Bruder Lohmann orientierte den neuen Kollegen rasch über die +wichtigsten Personalfragen, riet ihm, sich mit Vertrauen an seinen +bewährten Stubenkollegen Schnäbele anzuschließen; nur sich nicht +unnötig gegen den sowieso schon unbeliebten Schlegelmeyer aufhetzen +zu lassen. Der Hannoveraner wäre im ganzen wohl kein sonderlich +angenehmer Kollege, aber ein ganz vorzüglicher Lehrer und ein sehr +ruhiger und zuverlässiger Erzieher, dem auch die ältesten Engländer +sich anstandslos fügten. Und das sei ein heikler Punkt hier im Hause. +Die Engländerkolonie bilde leider seit alters eine <span class="antiqua">ecclesiola in +ecclesia</span>, und damit müsse man eben rechnen und sich zu stellen +versuchen, was namentlich die auswärtigen Herren in ihrem sonst sehr +gesunden Nationalstolz nicht recht begriffen oder begreifen wollten.</p> + +<p>Auf der vierten Stube spiele die Frage noch keine große Rolle, da +dort die oft recht schwierigen Franzosen und zum Glück auch die +Deutschschweizer, so die prächtigen Basler Büble, in großer Zahl +vertreten seien, nur der Senior Ronald Hooper sei natürlich ein +Engländer, übrigens einer der besten.</p> + +<p>Dann kam der Mitdirektor auf den Unterricht und seine in diesem Hause +durch die besonderen Verhältnisse bedingten Methoden zu reden, fragte +schließlich schonend, ob Kaspar sich getraue gleich in den oberen +Klassen zu unterrichten und<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> ob ihm 28 Stunden, darunter freilich +12 präparationsfreie Zeichen- und deutsche Konversationsstunden für +Anfänger, zu viel sein würden.</p> + +<p>Kaspar verneinte ruhig und setzte dann scheu hinzu: »Wenn nur keine +Religionstunden darunter sind.«</p> + +<p>»Nein, lieber Kollege,« sagte Bruder Lohmann einfach, »davon habe +ich bei deinen besonderen Verhältnissen gleich abgesehen. Du sollst +in dieser Beziehung bei uns ganz in Ruhe gelassen werden; auch zum +Predigen sollst du nicht herangezogen werden, ich habe schon mit Bruder +Wiesendahl darüber gesprochen. Im Vertrauen — es ist auch keine Freude +zu predigen bei der jetzigen Spannung zwischen Laien und uns jüngeren +Geistlichen. Es steht nicht gut!«</p> + +<p>Kaspar Krumbholtz sah sein Gegenüber mit einem warmen, +verständnisinnigen Blick an, und ein unendlich wohltuendes Gefühl der +Ruhe und des Geborgenseins überkam ihn von neuem in diesem heimlichen +Raume, bei diesem echt brüderlichen Manne, von dem er nach einer +köstlichen Stunde reichster Belehrung schied wie von einem alten +Freunde.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am nächsten Vormittag bereits gab Kaspar Krumbholtz mit gutem Mut und +innerer Freude<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> seine ersten Unterrichtstunden, und nach dem Essen trat +er auf Stube 4 seinen Aufsichtsdienst an, in dem er nun Tag um Tag mit +dem guten Schnäbele, der ihn zunächst wie ein rührend treuer Vormund +bevaterte, abzuwechseln hatte.</p> + +<p>Mit »Papa Schnäbele«, wie der wackere Württemberger Theolog bei +seinen ihn vergötternden, freilich ihn auch gehörig plagenden +Vierten hieß, wetteiferte der Senior Ronald Hooper, eine wandelnde +kleine Hausordnung, in Gewissenhaftigkeit, den neuen Lehrer in alle +Geheimnisse und Pflichten seines Stubendienstes einzuweihen. Da +wurde gezeigt, wie die Schränke und Schubladen in richtiger Ordnung +aussehen mußten; da wurde Rechnung abgelegt über die von Ronald +verwaltete Stubenkasse, aus der die kleinen Kaffeespaziergänge, die +Geburtstagteeabende und die Fußballreparaturen bestritten wurden; +da wurden die Obliegenheiten des Wochendieners, die Machtbefugnisse +der Fußballkapitäne, die Vorrechte der Stube und ihres Seniors +genau angegeben, die Sonntagbestimmungen betreffs des Kaffee- und +Kuchenholens und der Erlaubnis, zwei Stunden in der Heimatsprache zu +sprechen, mitgeteilt; endlich das Strafbuch vorgelegt mit dem stolzen +Hinweis, daß seit zwei Monaten auf der vierten Stube überhaupt keine +größere Bestrafung stattgefunden habe im Gegensatz zu der berüchtigten +zweiten Stube, die<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> allein im letzten Monat 38 Strafen gehabt hätte.</p> + +<p>Kaspar Krumbholtz hielt sich klug zurück, ließ die 13jährige Weisheit +von Senior ruhig reden und prahlen und staunte doch heimlich über +das unverkennbare Herrschertalent der englischen Rasse, das mit +prachtvoller Naivität auch aus dieser kleinen Energenz strahlte.</p> + +<p>Und nun kam die Hauptsache: Präsident Ronald kommandierte nach der +Reihe seine getreuen Stubenuntertanen zur Huldigung heran, nachdem er +kurz zuvor ein knappes, oft verblüffend scharfes, doch — wie sich +später herausstellte — ziemlich richtiges Urteil über die einzelnen +Kameraden abgegeben hatte. Die drei Engländer schätzte Ronald natürlich +am höchsten ein, dann kamen einige Schweizer, zwei Schweden und ein +Italiener, endlich die Franzosen und französischen Schweizer, von denen +Ronald offenbar am wenigsten hielt, obgleich er etwas verächtlich +zugab, daß sie in der Klasse die besten seien.</p> + +<p>»Wie bist du denn da?« fragte Bruder Krumbholtz zum ersten Male +dazwischen.</p> + +<p>»O,« antwortete Jung-Ronald lakonisch, »ziemlich schlecht wie wir +Engländer fast alle. Aber wir sind nur da, für Deutsch lernen, nicht +für studieren, das kommt später in Eaton und Oxford.«</p> + +<p>Krumbholtz schmunzelte und dachte bei sich:<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> Menschenkenntnis und +Charakter hilft diesen Albionssöhnen über jede fatale Situation hinweg.</p> + +<p>Dann ging er unter Anleitung seines Premierministers Ronald mit seinen +Vierten zum Fußballspiel.</p> + +<p>Die Kapitäne, der schlanke Rowles und der stämmige Schaffhuser, wählten +und verfügten auch kurzerhand über den neuen Lehrer.</p> + +<p>Als aber Bruder Krumbholtz dreimal spielend den Lagerhalter überrumpelt +hatte, erklärten sie mit einem sonderbaren Gemisch von Verzweiflung und +Ehrerbietung: es müsse anders gewählt werden, Bruder Krumbholtz spiele +ja beinahe so gut wie Huntington und Venobles, die Kapitäne der Ersten.</p> + +<p>Die Neuwahl machte Schwierigkeiten; bis Bruder Krumbholtz vorschlug, +die Kapitäne Rowles und Schaffhuser sollten doch beide gegen ihn +spielen. Das leuchtete plötzlich allen ein, die nun vereinten alten +Gegner spielten wetteifernd mit glänzender Bravour. Bruder Krumbholtz +hielt sich darauf ein wenig zurück, und richtig, ein Lager wurde gegen +ihn gewonnen. Nun war der Jubel und der Stolz der beiden siegreichen +Kapitäne groß, und äußerst befriedigt kehrte man heim zur alltäglichen +Arbeitsstunde.</p> + +<p>Der geschlagene neue Stubenlehrer der Vierten schmunzelte nicht wenig, +als er im Vorübergehen<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Ronalds großgünstiges Urteil aufschnappte: +»Weißt du, Rowles, Mister Kobolz spielt ganz gut, aber mit Huntington +und Venobles kann er doch nicht spielen!«</p> + +<p>Krumbholtz freute sich, daß er schon so schnell einen Spitznamen weg +hatte. Das ist immer ein gewisses Zeichen von Sympathie bei Buben.</p> + +<p>Am nächsten dienstfreien Nachmittag spielte er bei den Ersten mit, +ward allerdings zweimal von dem schwarzen Harryman, dem gefürchtetsten +Hinterspieler der Ersten, zu Boden gebracht, gewann aber trotzdem +schließlich ein Lager.</p> + +<p>Ob dieses erstaunlichen Erfolges, zu dem die oft und gern, nur ein +wenig ungeschickt mit den Ersten spielenden mecklenburgischen Dioskuren +dem jüngsten Reihenkollegen herzlich gratulierten, berief die englische +Kolonie in der nächsten Frühstückszeit ein geheimes Meeting, nahm von +dem neuen Mister Kobolz ausführlich Notiz und erklärte ihn für einen +»ganz famosen Kerl«.</p> + +<p>Das erleichterte Kaspar Krumbholtz manches in den sechs +Geschichtstunden, die er in den zwei obersten Klassen zu geben hatte.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel<br> +<span class="s4"><b> Der angehende Weltmann</b></span></h3> +</div> + +<p>Mit einem Hochgefühl sondergleichen schritt Hans Sebalt vom wenig +anmutenden Berliner Bahnhof nach der alten Buchhandelmetropole Leipzig +hinein, wo er nun sein neues Studium beginnen sollte.</p> + +<p>Zum ersten Male kam der junge Herrnhuter in eine Großstadt, kam mit +einem leidlich gefüllten Beutel, kam mit der festen Absicht, nicht nur +zu studieren, was die Väter wünschten, sondern auch, und vor allem, +aufzunehmen, was das flutende Leben ihm bieten konnte.</p> + +<p>Ein Duckmäuser war Hans Sebalt nie gewesen, jetzt wollte er die +Gelegenheit, ein Weltmann zu werden, beim Schopfe fassen — auch +auf die Gefahr hin, den Ruf eines wahrhaften Gemeinbruders darüber +einzubüßen.</p> + +<p>Ein stilles Lächeln umspielte Hans Sebalts siegesgewisse Mienen. Er +blähte übermütig die Nüstern und sog die aus Ruß und Parfümduft seltsam +gemischten Fabrikgerüche der Berliner Straße<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> befriedigt schnobernd +ein, als gäben sie ihm vorweg die Quintessenz des Großstadtdaseins.</p> + +<p>Am Ende der langweiligen Berliner Straße bog Hans Sebalt rechts nach +Gohlis ab, wo es — wie man ihm gesagt hatte — die billigsten und +behaglichsten Studentenwohnungen geben sollte, unwillkürlich dem alten +Witzwort folgend: »Wems zu wohl is, geh nach Gohlis«.</p> + +<p>Gleich an der ersten Ecke neben einem weitläuftigen Barackenkasernement +wies ein stattliches, vierstöckiges Haus zahlreiche Vermietungsplakate, +ein anderes daneben nur <em class="gesperrt">ein</em> Mietangebot auf. Der kluge Hans +Sebalt sagte sich sofort, daß in dem ersten Hause wohl wenig angenehme +Wohnungsverhältnisse herrschen müßten, sonst würden nicht so arg viele +»Buden« leerstehen.</p> + +<p>Also trat er kurzerhand in das zweite Haus ein, und nach fünf Minuten +hatte er in dessen viertem Stock bei einer freundlichen Wirtin, Frau +Breutel, ein ganz hübsches Zimmer nebst einer kleinen Kammer für ein +Billiges ermietet.</p> + +<p>Das war ein stolzes Bewußtsein für ein armes herrnhutisches +Missionskind: zum erstenmal in seinem Leben besaß er ein Stübchen, ganz +für sich allein, noch dazu eines mit einer weiten, herrlichen Aussicht.</p> + +<p>Hans Sebalt setzte sich im Vollgefühl seines Glücks erst eine Weile +ans offene Fenster und sah<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> leise ergriffen hernieder auf die nahe, +menschenwimmelnde und dumpfbrausende Riesenstadt mit ihren Hunderten +qualmender Schlote, ihren Tausenden von nach und nach im blaugrauen +Dämmerdunst aufblitzenden Lichtern, ihrer Unmenge von Straßen und +Gassen, mit ihrem Hasten, Fluten und Drängen und ihren lockenden +Geheimnissen.</p> + +<p>Was war das für ein greller Gegensatz gegen die stillen +Herrnhutergemeinen, in deren einer fern der ehrliche »Schelm« +seinen anstrengenden Schul- und Aufsichtdienst tat wie ein braver +Karrengaul. Warum — der Narr! Er hätte es ebenso gut haben können +wie sein getreuer »Schuft«. Und was hätte das für ein vergnügliches +Zusammenleben, Zusammenstudieren, Zusammengenießen hier werden können! +Nun — er hatte einmal seinen Dickkopf, der brave Kaspar! Und er, +Hans Sebalt, war nicht der Mann, der ihm nachlief; aber schreiben und +erzählen von all dieser Herrlichkeit wollte er ihm schon einmal, und +zwar so, daß ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen sollte.</p> + +<p>Mit solchen Gedanken stieg Hans Sebalt seine vier Treppen wieder hinab +und ging zum Bahnhof zurück, um seine Sachen zu holen. Stolz und +trotzig schritt er der Stadt zu, gleichgültig an hunderten vom schweren +Tagwerk eben glücklich erlösten Fabrikarbeitern vorüber, und aus seinen +strahlenden<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Mienen sprachen deutlich die kecken Worte: »Was kostet die +Welt?«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Schon am nächsten Tage erlebte der hochgemute Hans Sebalt seine ersten +Enttäuschungen.</p> + +<p>Als er zur Universitätquästur kam, um sich immatrikulieren zu lassen, +bedeutete man ihm: er könne einstweilen weder als Student noch als +Hörer eingeschrieben werden, da die vielleicht von seiner Behörde +nachgesuchte Reifezeugnisbestätigung bis jetzt vom Kultusministerium +noch nicht eingegangen sei, und der vorgelegte Berechtigungsschein +für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst für ihn gar keine Geltung habe, +da er ja als Kapländer englischer Untertan sei. Als der eben noch so +selbstsichere Gentleman aus Südafrika darob hilflos zusammenzuckte und +dann ganz bescheiden bat, man möchte ihn doch wenigstens vorläufig als +Gastteilnehmer zulassen, erwiderte man ihm lakonisch: er solle sich die +Bestimmungen dafür im Sekretariat geben lassen und sich dann an die +dafür zuständige Stelle wenden.</p> + +<p>Sehr beschämt schlich Hans Sebalt hinaus.</p> + +<p>Auf der Polizei hatte er ebenfalls Schwierigkeiten. Man verlangte +einen ordentlichen englischen Geburtausweis von Sebalt, der deutsche +Taufschein seines Vaters genüge nicht. Er müsse genau<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> nachweisen +können, so hieß es von oben herab, daß er wirklich englischer Untertan +sei und für den deutschen Militärdienst nicht in Frage käme. Ein +Engländer, der nicht englisch spräche, sei immerhin verdächtig. +Wahrscheinlich wolle er sich nur vom Militärdienst drücken.</p> + +<p>Hans Sebalt fehlte es zu seinem Glück an Worten, seiner Empörung +genügenden Ausdruck geben zu können. Er dachte nur im stillen: er würde +ja viel zu gern dienen, wenn es die Unität nur bezahlen wollte, und +entfernte sich tief beleidigt.</p> + +<p>Nach einem guten Mittagessen, das ihm trotz allen Ärgers trefflich +geschmeckt hatte, ging er nach seiner neuen Wohnung, steckte sich eine +seiner letzten Herrnhuter Zigarren an und streckte sich behaglich auf +seiner schönen Chaiselongue aus, um neue Pläne zu schmieden.</p> + +<p>Da klopfte es, und auf sein »Herein« wankte eine lange, schlottrige +Gestalt ins Zimmer, die sich als den Inhaber der Wohnung vorstellte und +um freundliche Vorausbezahlung der Monatsmiete bat.</p> + +<p>Hans Sebalt fuhr ärgerlich empor und fragte hochfahrend:</p> + +<p>»Na, sind Sie denn nicht der Mann von der Frau Breutel da draußen?«</p> + +<p>»Zu dienen, Emanuel Breutel,« flötete süßlich die leis +zusammenklappende Hauswirtsgestalt,<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> »ich bin noch der Ehemann dieser +Frau da draußen, bin auch noch der Besitzer aller dieser Sachen wie +des Buttergeschäfts im Parterre, auch Käse können Sie da haben — sehr +guten, falls der Herr mal Bedarf haben sollte.«</p> + +<p>»Nee, danke,« wehrte Hans Sebalt gnädig ab, »aber nun sagen Sie mal, +was ist denn los? Ich habe doch gestern, als ich mietete, Ihrer Frau +den Mietzins für einen Monat bezahlt! Hat sie Ihnen das denn nicht +gesagt?«</p> + +<p>»So, so, Sie haben schon bezahlt,« begütigte Herr Breutel mit trauriger +Gebärde, »das tut mir recht leid, denn mir gesagt hat sie natürlich +wieder nichts, die Tücksche! Also dann verzeihen Sie nur untertänigst, +Herr Doktor, — ja was ich nur sagen wollte — meine Frau, ja — ja +— hm — ach — wenn Sie doch von nun an die Güte haben wollten, mir +die Miete zu geben — ja, ich darf wohl bitten! Ich, ich möchte mich +da nicht so näher auslassen, Herr Doktor werden schon verstehen! Also +nicht wahr, zum nächsten Ersten bitte ich ganz ergebenst um den Betrag; +ich werde Ihnen darüber auch eine rechtmäßige Quittung ausstellen. +Womit ich mich Ihnen hochachtungsvoll empfehle. Nichts für ungut, Herr +Doktor, ich bitte die Störung gütigst zu entschuldigen — angenehme +Ruhe, guten Bonjour, Herr Doktor, atjee wünsch ich, atjee!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p> + +<p>Kaum hatte sich der lange Käsehändler dienernd zur Tür hinausgewunden, +da klingelte es draußen heftig. Allerlei Scheltworte waren zu hören, +und wieder klopfte es bei Sebalt, der sich eben erst von neuem +hingestreckt hatte und grimmig »herein« rief.</p> + +<p>Ein robuster, bärtiger Mann trat polternd herein, stellte sich, +breitbeinig hin- und herwuchtend, als Hauswirt und Kohlenhändler Wuppke +vor, und bat mit dem jungen Herrn betreffs der Miete Rücksprache nehmen +zu dürfen.</p> + +<p>»Zum Donnerwetter,« fuhr nun Hans Sebalt los, »wieviel Leuten soll ich +denn hier meine Miete berappen, da hört sich doch alles auf!«</p> + +<p>Herr Wuppke lächelte perfide und meinte dann wohlwollend: »Sie sind ja +wohl fremd und jung, und da fällt man eben leicht mal rein. Es sind +hier etwas mulmige Verhältnisse, in die Sie geraten sind. Der Kerl da, +der soeben bei Ihnen war, kommt gerade aus dem Kittchen. Er hat so +allerlei schöne Sachen auf dem Gewissen, von denen sich ein reeller +Geschäftsmann wie unsereins fern hält. Na und jetzt mit seiner Frau, +das ist ja auch nicht gerade kulant, aber schließlich — was gehts mich +an —«</p> + +<p>»Wenn Sies wissen,« unterbrach ihn Sebalt neugierig, »dann wäre ich +Ihnen verbunden für Aufklärung, damit ich endlich einmal genau weiß, +woran ich bin.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p> + +<p>»Schön, sollen Sie haben, junger Mann! Also, was der Breutel is, +sagt ich ja schon. Und seine Frau ist sonst gar nicht übel. Aber sie +paßten halt schlecht zusammen. Kommt so vor. Kinder gabs keine, aber +um so mehr Zank. Natürlich gab jeder dem andern die Schuld, bis der +blöde Emanuel dann eines Tages mal hinter den schwedischen Gardinen +verschwinden mußte. Da hat sich denn die resolute Breuteln rasch +entschlossen, den Gegenbeweis anzutreten mit nem schneidigen Vize +von drüben. Und richtig, als der Emanuel vom behördlichen Nachdenken +wiederkam, da war er der unschuldige Vater von zwei noch unschuldigeren +Göhren. Ach du lieber Gott! Der hat nicht schlecht gejammert! Fluchen +kann er ja nicht, das schleimige Schalaster; aber scheiden will er sich +auch nicht lassen, und ich glaube, die arme Frau kommt nicht los.«</p> + +<p>»Sind ja nette Verhältnisse,« knurrte Sebalt, »in die ich da +hineingeraten bin; aber schließlich, was hat das mit Ihrer +Mietforderung zu tun?«</p> + +<p>»Das kommt nun noch,« erklärte Wuppke höhnisch, »also der Kerl bezahlt +mir keine Miete, und da habe ich ihm gekündigt, hab ihn auch stantupeh +verklagt, und hier junger Mann (er holte einen Schein aus seiner Tasche +hervor) — hier sehn Sie die gerichtliche Erlaubnis, daß ich auch die +Aftermieter ranziehen darf, falls ich sie<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> den Breutels nicht überhaupt +verbiete, wozu ich nämlich auch das Recht hätte.«</p> + +<p>Da öffnete sich plötzlich stürmisch die Tür, und die Wirtin Sebalts, +die stattliche Frau Breutel, rauschte herein, hochrot vor Zorn, wie +eine gereizte Pute.</p> + +<p>»Um Verzeihung, Herr Doktor,« mischte sie sich sofort ein, »es tut +mir unendlich leid, daß Sie gleich solche Schererei haben. Sie haben +mir die Miete ordnungsgemäß bezahlt, und da sorgen Sie sich gar +nicht. Ich bringe schon alles in Ordnung. Das ist mein notwendiger +und selbstverdienter Unterhalt als Frau, den mir niemand abstreiten +kann, weder der erbärmliche Kerl von unten aus dem Butterladen, der +sich — Gott seis geklagt — noch immer als mein Mann ausgeben darf, +noch dieser Herr da, der uns zum nächsten Januar exmittieren lassen +und klagen darf, so viel er will, aber hier in meiner Wohnung vor +der Hand gar nichts zu suchen hat. Also ich bitte, Herr Wuppke, Sie +verlassen mal augenblicklich diese meine Wohnung, oder ich hole nicht +nur die Polizei, sondern ich ziehe auch mein gestriges Angebot zurück, +Ihnen wenigstens für diese meine Wohnung — der Butterladen geht mich +ja nichts an — die Miete zu zahlen. Also bitte, wirds nun bald, Herr +Wuppke? Sie haben hier nichts zu suchen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> + +<p>»Oho,« antwortete der Kohlenhändler brummig, »ich kann diesen Herrn +hier besuchen, das steht mir durchaus frei.«</p> + +<p>»Ich danke aber gütigst für Ihren Besuch,« fiel nun Hans Sebalt +schlagfertig ein, »ich bin jedenfalls kraft meiner Zahlung hier in +diesem Zimmer Hausherr und bitte Sie dringend, mich nicht weiter +zu belästigen! Klagen Sie meinetwegen, gegen wen Sie wollen; aber +respektieren Sie gefälligst mein Hausrecht in meinen vier Pfählen! So +— ich habe die Ehre, Herr Wuppke.«</p> + +<p>Damit wandte sich Hans Sebalt mit der Grandezza eines Spaniers ab und +ließ den verblüfften Kohlenhändler stehen, der nun wirklich murrend +seiner Wege ging, während Frau Breutel ihm triumphierend nachsah.</p> + +<p>Nachdem Sebalt, einigermaßen belustigt, sich seine ausgegangene +Herrnhuterzigarre abermals angezündet hatte, sprach ihm seine Wirtin +mit großer Beredsamkeit ihre Hochachtung, ja Bewunderung aus. Der Herr +Doktor, meinte Sie schließlich, solle sich nur nicht sorgen und etwa +darum ausziehen; sie werde ihm von nun an schon Ruhe schaffen, auch vor +dem Butterhändler da unten, der eigentlich gar nichts mehr bei ihr hier +zu suchen hätte, wenn die Gerichte ein Einsehen hätten. Über sie solle +der Herr Doktor jedenfalls nicht zu klagen haben, sie sei eine saubere +Frau.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p> + +<p>Hans Sebalt erklärte ihr kurz: er wäre noch lange nicht Doktor; mit dem +Ausziehen, das würde er sich noch überlegen.</p> + +<p>Nachdem Frau Breutel mit devoter Freundlichkeit und einer gewissen +Koketterie sich verabschiedet hatte, trat Hans Sebalt befriedigt +lächelnd an sein Aussichtfenster und dachte bei sich: Schade, daß ich +heute früh bei Quästur und Polizei nicht auch so habe abschneiden +können. Aber warte nur, die Polizei kriegen wir schon, und die Quästur +am Ende auch noch. Jetzt schreibe ich nach Berthelsburg, und dann +gehe ich zum englischen Konsul. Und das mit dem famosen Breutelschen +Ehepaar, das kann ganz interessant werden. Wer sich wohl solche +Verhältnisse zu Gotteshaag hätte träumen lassen! Ja — die Großstadt — +das ist freilich eine andere Welt.</p> + +<p>Hans Sebalt war ausgezeichneter Laune.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die hohe königlich sächsische Polizeibehörde zog wirklich den Kürzeren +in der Sache Sebalt, und das noch höhere königlich sächsische +Kultusministerium hatte schließlich auch ein Einsehen. Johannes Karl +Rudolf Sebalt aus Witewater im Kapland ward <span class="antiqua">rite</span> immatrikuliert +als <span class="antiqua">studiosus philosophiae</span>.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p> + +<p>Als er nun glücklich am ersehnten Ziele war, kam ein frohes, stolzes +Gefühl über ihn, und er beschloß, den großen Tag mit einer kleinen +Abendunternehmung zu feiern.</p> + +<p>Längst schon hatten allerlei Bier- und Weinlokale, zumal die mit +Kellnerinnenbedienung, den frauenunkundigen jungen Herrnhuter gereizt; +aber solange Hans mit der Polizei auf gespanntem Fuße stand, hatte er +sich nicht allzu viel aus seinem Bau getraut. Jetzt, zumal im Besitz +einer Studentenkarte, stand ihm die Welt von neuem offen, und auch +die Geheimnisse der Großstadt, die er vor allem in Kneipen vermutete, +durfte er nunmehr wohl ohne Bedenken zu ergründen suchen.</p> + +<p>So stieg er denn gegen Abend mit keckem Mute in den ersten besten +Bierkeller der Altstadt hinab.</p> + +<p>Der dumpfe, langgestreckte, aber blendend erleuchtete Raum war sehr +voll; die vielbeschäftigte Kellnerin stellte rasch das bestellte Glas +Bier hin und nahm sonst auch nicht die geringste Notiz von dem am +heutigen Tage richtig immatrikulierten Studiosus der Philosophie.</p> + +<p>Das behagte Herrn Sebalt wenig, auch sonst war so gar nichts Besonderes +zu entdecken. Viel Lärm, viel Rauch und schlechte Luft; kein Mensch +kümmerte sich um ihn. Sebalt trank aus, zahlte<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> und stieg ein wenig +enttäuscht wieder zur Straße hinauf.</p> + +<p>Sollte er es einmal mit einem Café versuchen? Es gab da allerlei +Lokale dieser Art mit romantischen Namen. Also hinein und einen Kaffee +bestellt.</p> + +<p>Aber o weh — hier bedienten Kellner. Es war gar nichts los!</p> + +<p>In einem zweiten warteten zwar wohlfrisierte Mädchen auf, aber sie +setzten Herrn Sebalt nur freundlich das Backwerk vor die Nase und +gingen eilends ihrer Wege, obwohl er ihnen einen freundlichen Blick und +schließlich im Vorübergehen einige verbindliche Worte spendete.</p> + +<p>Ärgerlich verließ er auch dieses Café und ging erwartungsvoll in +eine Bierstube, in der eine zigeunerhaft kostümierte Damenkapelle +konzertierte. Hier wurde Hans Sebalt ein wenig mehr Geld los, da nach +jedem Stück eine recht niedliche Zigeunerin einsammeln kam; aber +anzubändeln gelang ihm auch hier nicht, und gerade dazu hatte er heute +in seiner Siegesstimmung Lust.</p> + +<p>Wieder entfloh er der aussichtlosen Zigeunerhöhle und überlegte hin und +her, ob er es nicht nunmehr mit einer Weinstube versuchen sollte.</p> + +<p>Das konnte freilich ein teurer Spaß werden; aber noch war er gut bei +Kasse, und der Tag wollte einmal gefeiert sein! Später konnte<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> er ja +um so mehr sparen; ein ehemaliger Gotteshaager Student, der an 16 Mark +Taschengeld monatlich gewöhnt war, konnte trotz der Kosten für Logis +und Unterhalt mit 100 Mark ganz schön auskommen. Also vorwärts hinein +in die lockende Weinstube mit der bunten Laterne!</p> + +<p>Und richtig — hier war es ziemlich leer. Verlockende Lauben und +Nischen mit diskreter Beleuchtung waren vorhanden. Schon stürzte +auch eine vollbusige Hebe eilends auf den Ankömmling zu, nahm ihm +freundlichst den Hut ab und fragte mit verführerischem Lächeln: »Nun, +Blondchen, was trinken wir? Schampus gefällig?«</p> + +<p>Hans Sebalts Herz begann ein wenig zu klopfen; auf Champagner war +er nicht vorbereitet. Rasch jedoch fand er seine wohleinstudierte +weltmännische Sicherheit wieder und sagte überlegen: »Bringen Sie mir +eine Mosel.«</p> + +<p>»Sehr wohl, mein Herr!« antwortete die Kellnerin schon etwas kühler, +»befehlen der Herr eine Flasche Bernkastler Doktor oder Graacher +Himmelreich?«</p> + +<p>Jetzt wurde Hans Sebalt wieder ein wenig verlegen, setzte sich aber +einstweilen zur Fassung gemächlich in eine der düstersten Nischen und +bat möglichst blasiert um die Weinkarte.</p> + +<p>»Weinkarte führen wir keine,« erwiderte resolut das stattliche +Frauenzimmer, »unsere Gäste<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> wissen schon, was für Weine wir haben. +Den Bernkastler Doktor kann ich dem Herrn sehr empfehlen, aber das +Himmelreich ist auch sehr schön.«</p> + +<p>»Haben Sie keine anderen Sorten?«</p> + +<p>Ein Weinkenner war Sebalt nicht. In diesem Augenblick fiel ihm jedoch +ein, daß er ja einmal beim Abiturientenschmaus in Bethel mit Kaspar +zusammen eine Flasche Moselblümchen getrunken hatte, und so fragte er +so großartig wie nur möglich nach dieser Marke.</p> + +<p>Die Kellnerin erwiderte verächtlich: »Solches Planschzeug führen wir +hier nicht. Aber wenn der Herr nicht viel ausgeben will, so kann er ja +auch ein Glas Portwein haben.«</p> + +<p>»Richtig,« fiel Hans Sebalt, wieder ganz Weltmann, ein, »jawohl, +bringen Sie mir ein Glas Portwein, mein schönes Fräulein, vielleicht +trinken Sie auch eins mit?«</p> + +<p>»Aber gern!« flötete nun wieder gnädiger die Hebe und besorgte rasch +den Auftrag, während sich Hans Sebalt innerlich zu diesem billigen +Ausweg beglückwünschte.</p> + +<p>Der Wein kam, man stieß an und begann zu schwatzen.</p> + +<p>Die Kellnerin nannte sich auf seine Anfrage Kathi, und Sebalt gab +sich als Otto aus. Eben wollte er weiteres erfragen, da bat Kathi um +Erlaubnis, sich ein zweites Glas holen zu dürfen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p> + +<p>»Aber bitte,« sagte Sebalt galant und war nicht wenig erstaunt, als +seine Gesellschafterin gleich mit zwei Gläsern zurückkehrte in der +Annahme, der Herr Doktor werde doch unterdessen auch ausgetrunken haben.</p> + +<p>»Zum Wohl, Herr Doktor, aufs Spezielle <span class="antiqua">sine sine</span>!« rief Kathi +übermütig lachend. Man stieß abermals an.</p> + +<p>Dann tätschelte die rundliche Hebe ihren Partner zärtlich, guckte ihm +verführerisch lachend in die Augen und fragte ihn mundspitzend, ob sie +ihrem süßen Ottchen nicht noch ein Glas mitbringen könnte, sie dürfe +sich ja gewiß auch wieder eins holen.</p> + +<p>Hans Sebalt ward es nun doch ein wenig ungemütlich zumute; er dachte an +seinen Geldbeutel, an die Väter in Berthelsburg, und schwankte. Aber +gerade jetzt schien es doch interessant und vielleicht gar pikant zu +werden — ach was — er wollte die Welt sehen und auch mal das Weib +studieren — die zwei Glas würden sich schon wieder heraussparen lassen.</p> + +<p>Also Hans Sebalt nickte höchst huldvoll Gewährung, und Kathi flog +davon, um bald darauf mit neugefüllten Gläsern, einem Kaviarbrötchen +und drei Zigaretten wiederzukommen.</p> + +<p>»Gelt, du erlaubst mir, Blondchen,« entschuldigte sie ihre +Proviantzufuhr, »daß ich dazwischen<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> eine Kleinigkeit esse, und +dann muß ich immer ein paar Züge tun. Darf ich dir nicht auch einen +Weinhappen bringen, deine Zigarre geht ja gerade zu Ende.«</p> + +<p>Hans Sebalt schmunzelte. Die Sache ging recht rasch — schon beim du — +also nur weiter! Der Weinhappen ward bewilligt, und eine gute Havannah +brachte Kathi dem süßen Blondchen selbstverständlich mit und rauchte +sie ihm sogar mit vollendeter Grazie an.</p> + +<p>Dann setzte sie sich recht nahe zu ihm heran, legte wie von ungefähr +den Arm um Sebalt, so daß dieser ihres stattlichen Busens üppige Fülle +zu spüren bekam, und sagte mit dem verklärtesten Augenaufschlag: »Weißt +du, was ich jetzt möcht, Dickerchen?«</p> + +<p>»Vielleicht einen Kuß,« erwiderte Sebalt scheinbar kühl und keck, +obwohl ihm die völlig ungewohnte Nähe eines anmutigen Frauenkörpers +anfing die Sinne aufzuregen.</p> + +<p>»Ha — warum nit,« meinte Kathi herausfordernd lachend, »aber an +Schampus dazu darfst mir dann schon spendieren. Weißt, Schatzerl, wir +nehmen an Halben — für uns zwa langts schon. Gelt — ich darf?«</p> + +<p>Und ehe Hans Sebalt noch ein Wort entgegnen konnte, war die flinke +Kathi auf und davon und kehrte bald mit einer kleinen Flasche<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> +Champagner zurück, aus der sie zwei hohe Spitzgläser voll eingoß.</p> + +<p>Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel.</p> + +<p>Mit studentischer Eleganz trank Kathi Brüderschaft mit ihm und gab ihm +einen schallenden Kuß. Es war der erste, den Hans Sebalt von einem ihm +fremden jungen Weibe bekam; aber er hat sich seiner nie gern erinnert, +denn was darauf folgte, war einigermaßen schmerzlich.</p> + +<p>Als die listige Kathi ihren Angriff auf Blondchens Herz und Geldbeutel +gar zu energisch fortsetzen wollte, erwachte Sebalts gesunder +Menschenverstand doch rasch. Er bat trotz aller Gegenvorstellungen +Kathis um die Rechnung und wollte schier in den Boden sinken vor +Schrecken, als ihm die neue Bruderliebe mit aller Grazie, die ihr zu +Gebote stand, 21 Mark und 20 Pfennige zusammen rechnete.</p> + +<p>Hans Sebalt erbleichte. Das waren einundzwanzig Mittagessen — für +einen Kuß! Und mit dem Bezahlen hatte das auch Schwierigkeiten. Ein +Zwanzigmarkstück hatte er zwar eingesteckt, aber das Kleingeld mußte er +noch aus allen Taschen zusammensuchen, ja schließlich gar die letzten +Briefmarken drauflegen.</p> + +<p>In dieser etwas kläglichen Situation ging der Weltmann in Hans Sebalt +vorübergehend unter.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p> + +<p>Als nämlich Kathi mit der grausamen Ruhe einer Königin, die einen +Tribut unterworfener Fürsten abnimmt, auch noch um ein Trinkgeld bat, +ward Sebalt grob.</p> + +<p>Darauf meinte Kathi schnippisch: »Wenn du halt ka Gölld hast, Kloaner, +darfst net in a Weinstub sponsieren gehn,« und ließ den Grobian stehen.</p> + +<p>Mit nicht völlig gewahrter Haltung und ohne Gruß verließ der junge +Herrnhuter die Weinstube.</p> + +<p>Sein heißer Drang nach Weltgenuß und Weibessüße war zunächst gehörig +abgekühlt. Der Weg zu Fuß nach Gohlis tat ein übriges.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In den nächsten Wochen gab es kaum einen fleißigeren Studenten in +Leipzig als Hans Sebalt.</p> + +<p>Trotz des schönsten Wetters besuchte er Kolleg um Kolleg mit der +Pünktlichkeit eines Gotteshaager Seminaristen, holte sich ganze +Stöße von Büchern aus der stattlichen Universitätbibliothek, las und +exzerpierte bis spät in die Nacht und fing wirklich nach und nach an, +festen Fuß auf dem Boden seines neuen Studiums zu fassen.</p> + +<p>Auch an Sparsamkeit fehlte es nunmehr nicht; der Abend bei Kathi wurde +richtig dadurch wieder wettgemacht, daß Hans Sebalt eine Zeitlang nur +alle zwei Tage ordentlich zu Mittag aß. Damit<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> es aber seine Wirtin, +die ihren Doktor übrigens mit peinlichster Sorgfalt bediente, nicht +merkte, ging er um die Mittagzeit regelmäßig ein wenig ins Rosental +spazieren, wo der Frühling gerade alle seine Minen springen ließ.</p> + +<p>Auch hübsche Mädchen gab es im Rosental die Hülle und Fülle. Besonders +eine schlanke Brünette mit einem stolzen, elastischen Gang fiel Hans +Sebalt auf, da sie meist um die gleiche Zeit — so etwa gegen drei Uhr +— scheinbar ohne große Eile, der Stadt zuwanderte. Von Zeit zu Zeit +gelang es dem Studenten wohl, einen erstaunten, wenn auch nicht gerade +sehr freundlichen Blick des Mädchens bei der fast täglichen Begegnung +zu erhaschen, und bald war es Sebalt, als fehle ihm etwas, wenn er +einige Tage hindurch, wie es mitunter durch die Kollegs nötig wurde, +den Anblick der Brünetten entbehren mußte.</p> + +<p>Schließlich wurden Neugier und Interesse in dem Studenten übermächtig, +und so beschloß er eines schönen Nachmittags zu ermitteln, wohin die +Geheimnisvolle ging.</p> + +<p>Ganz einfach war diese Ermittelung nicht, denn das Mädchen hatte +scheinbar Sebalts Absicht gemerkt und suchte ihn durch gelegentliches +Verschwinden in irgendeinen Laden, in einen der tückischen +Durchgangshöfe, oder in ein großes Haus zu täuschen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p> + +<p>Je schwieriger jedoch die Nachforschung wurde, um so vergnüglichere +Aufregung bereitete sie Hans, bis er eines Tages als ziemlich sicher +annehmen konnte, daß die interessante Unbekannte in irgendwelchen, +ihm noch dunklen Beziehungen zu einem großen Tanzrestaurant namens +Monplaisir stehen mußte, in dem Sonntags und zweimal wöchentlich +öffentliche Tanzbelustigungen abgehalten wurden.</p> + +<p>Nun war guter Rat teuer, denn tanzen konnte der sonst so vielgewandte +Hans Sebalt nicht. Er hatte es wohl einmal heimlich mit Kaspar zu +Gotteshaag versucht, aber nur der gymnastisch geübtere Freund war des +tückischen Walzerschritts einigermaßen Herr geworden.</p> + +<p>Jetzt erwachte die Lust und der Ehrgeiz Sebalts von neuem.</p> + +<p>Zunächst besuchte der junge Herrnhuter, dessen Finanzen +sich im nächsten und vollends im übernächsten Monat von der +Weinstubenniederlage trotz der hohen Kolleghonorarausgaben wieder +einigermaßen erholt hatten, mehrfach als Zuschauer das Tanzlokal, in +dem er aber trotz aller Mühe die stolze Brünette weder im Saal noch am +Büffet ausfindig machen konnte. Auch im Rosental traf er sie nicht mehr +zu seinem Leidwesen, konnte aber feststellen, daß sie trotzdem auch +weiterhin in Monplaisir zu tun hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p> + +<p>Das Interesse Hans Sebalts wuchs weiter mit den Schwierigkeiten, sich +der Geheimnisvollen zu nähern. Schließlich geriet der sonst so kühle +Hans in eine innere Unruhe, daß er sich immer dringender die ihm etwas +ehrenrührige Frage vorlegen mußte, ob er nicht auf dem besten Wege +wäre, sich bis über die Ohren zu verlieben.</p> + +<p>So kam Hans Sebalt immer öfter zu den Tanzabenden nach Monplaisir, +fand immer mehr Gefallen an dem bunten, mitunter recht ausgelassenen +Treiben, bis ihn eines Tages ein Kommilitone aus dem Kolleg begrüßte +und ihn ganz harmlos fragte, warum er denn nie tanze.</p> + +<p>Hans Sebalt ward ungewöhnlich verlegen. Er mochte weder gleich +verraten, daß er Herrnhuter wäre, noch eingestehen, daß er gar nicht +tanzen könne, also antwortete er ausweichend: er wolle sich das erst +ein bißchen ansehen, im Winter würde er schon gern einmal tanzen, jetzt +im Sommer sei es doch ein wenig warm.</p> + +<p>Der Student sah ihn mit lustigem Blinzeln an und sagte dann lachend: +»Sie Schlauberger, ich glaube, Sie können ebensowenig tanzen wie ich?«</p> + +<p>Nun mußte der kluge Sebalt wohl oder übel Farbe bekennen. Die +Kommilitonen stellten sich lustig als Leidensgefährten vor, und nach +einem gemütlichen Schwatz beschlossen beide, im nächsten<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> Semester +zusammen Tanzstunden zu nehmen.</p> + +<p>Spät trennte man sich, sah sich vor Schluß des Semesters noch öfter und +ward bald gut Freund.</p> + +<p>Niemeyer, so hieß der neue Bekannte, besuchte Sebalt mehrfach auf +seiner Bude, die er als höchst schlemmerhaft bezeichnete, und teilte +ihm unter anderem auch das Resultat seiner Erkundigungen über die +Tanzstunde mit. Die Sache könne ungefähr sechzig bis achtzig Mark +kosten.</p> + +<p>Hans Sebalt erschrak. So viel Geld würde er wohl schwerlich auftreiben +können; überdies standen die kostspieligen Ferien vor der Tür, und +er wußte nicht recht wohin. Sich elf Wochen zu den Eltern ins alte +Gnadenzeller Pilgerhaus zu setzen, konnte er schwerlich über sich +gewinnen.</p> + +<p>Da fielen ihm zur rechten Zeit die Redaer Gastfreunde ein, und rasch +entschlossen schrieb er ein nettes Briefchen an seine alte Gönnerin, +die gute Mama Winkler. Wenn die ihn einlud, war die Tanzstunde möglich.</p> + +<p>Und ein Mann von Welt mußte doch unbedingt tanzen können!</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Der Gottsucher</b></span></h3> +</div> + +<p>Der »Chef«, Bruder Nitschke, hatte wirklich recht behalten: es ließ +sich leben in Tramberg, zumal im Sommer, als das bunte Kurtreiben +begann.</p> + +<p>Auch in der Anstalt ging Kaspar Krumbholtz »das Leben gar lieblich +ein«, immer freudiger tat er seinen Dienst.</p> + +<p>Die Kollegen waren kameradschaftlich und gefällig. Mit den Herren +seiner Reihe, Kratt, Muffke und Knortz, entwickelte sich sogar ein +humorig freundschaftlicher Verkehr in und außer dem Hause.</p> + +<p>Der so gern grimmig dreinschauende Hesse war ein urbehaglicher +Kneipkumpan, der bei einem »Viertele« Markgräfler die allerlustigsten +Studentengeschichten aus Marburg und Gießen erzählen konnte, die durch +einen soliden Oberförsterzuschnitt erst recht wirkungsvoll wurden.</p> + +<p>Die beiden Mecklenburger waren einem guten Trunke auch nicht +abgeneigt; aber beide, armer<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> Leute Kind und noch zu keinem Abschluß +ihrer Studien gelangt, sparten sie womöglich jeden Pfennig für die +Zukunft, entschädigten sich dafür in Wald und Wiese reichlich mit +Sammeln von allerlei Insekten, Gewürm und Geziefer, auch im Angeln und +Krebsegreifen waren beide treffliche Meister.</p> + +<p>So kam es wohl vor, daß oben auf der Lehrerstube von den kochgewandten +Obotriten noch spät abends ein feldmarschmäßiges Krebsessen zubereitet +wurde. Fehlte es einmal an Spiritus, dann wurden kurzer Hand einige +Schlangen oder Kröten aus dem Naturalienkabinett auf Ebbe gesetzt.</p> + +<p>Max und Moritz schreckten vor keiner Schwierigkeit zurück. Ja, +sie stiegen sogar eines Abends, als die sonst stets aufmerksame +Hausschlüsselbewahrerin, Mutter Frutsch, aus Versehen doch einmal vor +Mitternacht zu Bett gegangen war, forsch und frech durch ein schnell +zertrümmertes Fenster der unteren Lehrerstube ein und ließen dann +kaltblütig auf Hausrechnung eine neue Scheibe einziehen.</p> + +<p>Der Mitdirektor erfuhr es freilich und hielt seinen beiden »bösen +Buben« am nächsten Teeabend eine sehr humoristische Standpauke, während +der »Chef«, der von dem Unfug schließlich auch auf allerhand Umwegen +Kenntnis erhalten hatte,<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> kein Wort darüber verlor, den Missetätern +aber zu ihrem Ärger die Rechnung zur gütigen Begleichung zugehen ließ.</p> + +<p>Mit seinem Stubenkollegen Schnäbele stand Kaspar Krumbholtz ganz +ausgezeichnet, auch mit Schlegelmeyer kam er leidlich aus, zumal er ja +wenig mit ihm zu tun hatte.</p> + +<p>Auf der vierten Stube ging alles im gewohnten Geleise; Kaspar war +viel zu klug und zu sehr von der bewährten Weisheit »Papa Schnäbeles« +überzeugt, als daß er irgendwelche Änderungen hervorgerufen hätte.</p> + +<p>Ronald und seine englischen Peers lobten sogar Mister Kobolz, der +fast nie zu strafen nötig hatte, da er vom ersten Tage an den Knaben +durch Ruhe und Konsequenz imponierte, aber auch durch Vertrauen und +kameradschaftliche Anteilnahme ihr Herz gewann.</p> + +<p>Im ganzen hielt er nach seiner Art gern zurück nach dem alten +Grundsatz: Ein Herrscher, der zu oft eingreift, schwächt seine Wirkung.</p> + +<p>Und die etwas aristokratische Selbstverwaltung der kleinen +Stubenrepublik funktionierte unter des Menschenkenners Ronald Führung +wirklich nicht übel.</p> + +<p>Das zeigte sich am erfreulichsten auf der üblichen dreitägigen +Frühlingswanderung in den Schwarzwald, die trotz gesteigerter +Verantwortung<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> für die Lehrer ein herzerfrischender Genuß ward.</p> + +<p>Kurz und gut, Kaspar Krumbholtz hätte alle Ursache gehabt, mit seiner +kleinen Welt zufrieden zu sein, wenn er mit sich und seinem Gott im +Reinen gewesen wäre.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auch im angestrengtesten Schul- und Aufsichtdienst wollten die Fragen +nicht ganz verstummen: Was soll aus dir werden? Bist du nicht ein +Halber, weder ein ganzer Theologe noch ein richtiger Schulmeister? Und +was bedeutet dir Gott?</p> + +<p>Mit seinen weltfröhlichen Reihenkollegen konnte sich Kaspar Krumbholtz +darüber nicht aussprechen.</p> + +<p>Gerade Max und Moritz, die doch in einer ähnlichen Lage waren wie er, +schienen sich am wenigsten über ihre ungewisse Zukunft die Köpfe zu +zerbrechen.</p> + +<p>Als Kaspar sich einmal scherzhaft erkundigte, wofür sie denn eigentlich +sparten, meinte Moritz resolut: »Op unse olen Dagen.«</p> + +<p>Und Max fügte launig hinzu: »Dat kann der Schlemmer wohl sagen, ik +spar nich weiter als auf Leberwurst zum Kommißbrot für Seiner Majestät +allerschneidigsten Königsfreiwilligen.«</p> + +<p>Muffke war Waise wie Krumbholtz, der nun<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> plötzlich daran erinnert +wurde, daß er wahrscheinlich auch bald zu dienen hatte. Damit legten +sich neue Sorgen auf sein so wie so schon bedrücktes Gemüt.</p> + +<p>Eines Abends besuchte Kaspar Bruder Lohmann, zu dem er ein unbegrenztes +Vertrauen hatte, und schüttete ihm offen sein Herz aus.</p> + +<p>Dem seelensguten Mitdirektor ging seines jüngsten Kollegen Kummer +recht nahe. Er verstand das alles sehr gut, da ihm selber allerlei +Zukunftsorgen schwer auf der Seele lasteten.</p> + +<p>Trotz seines lebendigen Glaubens wollte er nämlich nicht Prediger +werden, da er Ritschlianer und auch kein Redner war. Zum Rektorexamen, +das er für einen leitenden Posten im Schulfach brauchte, mochte sich +der ein wenig unentschlossene, ja ängstliche L<sup>3</sup> ebenfalls nicht +melden, obwohl er längst und überreichlich dazu vorbereitet war. Dann +und wann kam ihm der Gedanke, auf die Mission zu gehen, aber auch zu +diesem Entschluß konnte sich Bruder Lohmann nicht aufraffen.</p> + +<p>Wie viele gutmütige Menschen, die sich selbst nicht recht zu helfen +wissen, war der Mitdirektor jedoch leidlich energisch, sobald es sich +um andere handelte. Und so tröstete er Bruder Krumbholtz nicht nur und +riet ihm, sich nochmals theologisch gründlich zu orientieren, sondern +er tat auch Schritte bei dem jederzeit entgegenkommenden<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> »Chef«, um +dem jungen Kollegen Orientierungsgelegenheit zu verschaffen.</p> + +<p>Unterdessen waren die großen Ferien herangekommen, die in Tramberg den +ganzen Juli und August hindurch währten, da die meisten Schüler weit +nach der Heimat hatten und sich für kurze Zeit eine teure Reise nicht +lohnte.</p> + +<p>Außerdem nahmen viele der Ausländer in den ersten acht Ferientagen, +während deren das Anstalthaus gründlich gereinigt und ausgebessert +ward, an einer größeren Fußreise teil, die sie mit den Schönheiten der +Schweiz oder Oberitaliens bekannt machte. An dieser Wanderung nahmen +die fünf ältesten Aufsichtlehrer unentgeltlich teil, darunter dies +Jahr zum ersten Male Max und Moritz, die sich schon wie Kinder freuten +und Vorbereitungen trafen, als hätten sie eine naturwissenschaftliche +Forschungs- und Sammelreise im Auftrage einer gelehrten Akademie +mitzumachen.</p> + +<p>Kaspar Krumbholtz als jüngster Lehrer konnte zu der Freunde und seinem +Leidwesen nicht mit von der Partie sein, obwohl Herr Schnäbele, der die +Reisen schon mehrfach mitgemacht hatte, zu seinen Gunsten zurücktreten +wollte. Bruder Teuchert erhob jedoch Anspruch und nach der lebendigen +Haustradition, genannt L<sup>3</sup>, mit Fug und Recht.</p> + +<p>Kaspar machte sich schweigend mit dem Gedanken vertraut, die langen +Ferien in Tramberg<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> zuzubringen, und nahm sich vor, nun nach Goethe +auch Shakespeare von neuem vorzunehmen und überdies gründlich englisch +zu lernen; das konnte für alle Fälle gut sein. Nebenher wollte er +die herrliche Umgebung Trambergs genießen, vielleicht den Hegau +durchwandern bis zum Bodensee hinunter.</p> + +<p>Viel kosten durfte es freilich nicht, denn trotz Badewachen und +allerlei Privatstunden war der Reiseüberschuß schon bedenklich +zusammengeschmolzen, da ein unbedingt notwendiger Anzug hatte +angeschafft werden müssen. Man konnte in dem eleganten Kurort nicht +so herumlaufen wie in Gotteshaag, das sah erstlich der »Chef« nicht +gern, und auch einige Bürger, denen ihr Geschäft und somit das äußere +Renommee der Brüdergemeine über das Reich Gottes gingen, hatten sich +kürzlich an einem der sogenannten Bierabende über dergleichen wichtige +Toilettenfragen aufgehalten. Immerhin sollte Kaspar der neue Anzug bald +sehr zu statten kommen.</p> + +<p>Er ward nämlich eines Tages zum Chef gerufen, und dieser machte ihm +zu seiner größten Überraschung folgenden Vorschlag: Kaspar solle +zunächst einen französischen Knaben bis nach Straßburg begleiten, um +den ein wenig unsicheren Kantonisten dort in den Pariser Schnellzug zu +spedieren. Zehn Tage darauf solle Kaspar in Appenweier<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> die englischen +Zöglinge, die zuvor noch die große Reise mitmachen wollten, in Empfang +nehmen und nach London begleiten.</p> + +<p>»Ich habe,« schloß der »Chef« vergnügt lächelnd und sich die +Hände reibend, als freue er sich an Kaspars unverhohlener Freude +rechtschaffen mit, »von Bruder Lohmann gehört, Sie haben das Bedürfnis, +sich über allerlei Fragen der Theologie wie der inneren Mission ein +wenig zu orientieren. Wie wäre es denn, wenn Sie in Straßburg die zehn +Tage benutzten, allerlei Kollegs zu hören und sich vielleicht in London +die gewaltigen Leistungen der Stadtmission ansähen? Ich will Ihnen +gern die dazu nötigen Empfehlungsbriefe mitgeben. Nur hoffe ich, daß +es Ihnen nicht gar zu gut in Straßburg oder London gefällt, denn ich +möchte einen so tüchtigen und zuverlässigen Erzieher wie Sie nicht so +bald verlieren.«</p> + +<p>In stummer Bewegung dankte Kaspar Krumbholtz seinem »Chef«, und fünf +Tage später trat er seine Reise an.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mit ehrlich suchender Seele zog Kaspar Krumbholtz zu Straßburg von +einem Gottesgelehrten zum anderen, um zu prüfen, ob der alte schlimme +Eindruck von Gotteshaag sich nicht aus seiner Seele löschen oder sich +wenigstens mildern ließe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p> + +<p>Wieder saß er, wie nun öfters schon in den letzten Tagen, wartend auf +dem Klappsessel eines eleganten großen Universitäthörsaales, den er +unwillkürlich mit dem armseligen Sälchen Gotteshaags verglich. Das war +wohl ein gewaltiger Unterschied.</p> + +<p>Aber was Kaspar bis jetzt hier gehört hatte, dünkte ihn um nichts +besser als das, was dort die Dozenten gelehrt; im Gegenteil, hier +fehlte nur zu oft bei Professoren wie bei Studenten die redliche +Andacht.</p> + +<p>Nun wollte Kaspar noch die Letzten, die Berühmtesten hören.</p> + +<p>Schon vor sieben Minuten hatte es geklingelt. Endlich kam eiligen +Schrittes der kleine, weißhaarige Gelehrte hereingetrippelt, der als +einer der größten Exegeten des Neuen Testamentes galt. Wie oft hatte +nicht Bruder Bartel diesen Töpelmann als höchste Autorität zitiert.</p> + +<p>Also so sah er aus — ein kluges, starkgerötetes Fuchsgesicht, fast wie +ein Silen — jedenfalls ganz anders, als ihn Kaspar sich vorgestellt +hatte.</p> + +<p>Mit zwinkernden Augen maß der Alte erst lächelnd sein Auditorium, +beugte sich dann tief über seine feingekritzelten Kollegzettel, suchte +lange und schließlich ärgerlich nach dem richtigen Blatt und begann +endlich mit stark nasalen Tönen wie<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> vor sich hin zu reden und zwar +über das Gesetz des Geistes.</p> + +<p>Er tiftelte viel an dem Worte Pneuma herum. »Pneumatikos, das heißt ein +im Geiste befindlicher, vom Geiste getriebener«, haftete nach langem +Hin- und Herdeuteln in Kaspars Gedächtnis.</p> + +<p>Dann kam der Prozeß des Hagiasmos. Der wurde dem Gotteshaager +Exseminaristen trotz seiner Bartelschen Vorbildung überhaupt nicht klar.</p> + +<p>Weiter ward mit spitzfindiger Dialektik das Problem der menschlichen +Freiheit erörtert und schließlich nicht ohne deutliche, höchst +selbstgefällige Ironie über die Prädestination als den konsequenten +Abschluß der Paulinischen Heilslehre gehandelt, wobei einige von +Töpelmann abweichende hermeneutische Kollegen als ganz subjektive +und törichte Tröpfe hingestellt, während andere, dem Vortragenden +zustimmende Kollegen als höchst einsichtige und wertvolle Forscher +gelobt wurden.</p> + +<p>Da klingelte es abermals, und triumphierend lächelnd stieg das kluge, +boshafte Männchen unter dem gewohnheitmäßigen Beifallgetrampel seiner +zum Teil recht gelangweilten Hörer vom Katheder herab und trabte +eiligst hinaus.</p> + +<p>Nachdenklich, aber durchaus unbefriedigt, folgte ihm Kaspar und bog +eine Tür weiter zum Hörsaal des bekannten Alttestamentlers Schütte ein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p> + +<p>Als er sich nach einigen Minuten hinsetzte, las er unter den vielen +in den Tisch eingeschnittenen Zirkeln, Fratzen und Mädchennamen auch +eine Inschrift: Bestes Mittel gegen Schlaflosigkeit: alttestamentliche +Exegese. Das klang wenig verlockend.</p> + +<p>Aber Kaspar ließ sich nicht abschrecken und hatte es nicht zu bereuen.</p> + +<p>Der Vertreter des Fachs, ein stattlicher, noch ziemlich junger Herr, +war jedenfalls nichts weniger als langweilig; er sprach klar und +eindringlich und machte einen durchaus würdigen, ja sympathischen +Eindruck.</p> + +<p>Es handelte sich um die Legende vom Turmbau zu Babel, die völlig der +Quelle J. angehörte. Bawel war nicht als Verwirrung zu erklären, +sondern mußte Tor Gottes heißen, ebenso wie Schem hier nicht Denkmal, +sondern wie II. Sam. 8, 13 mit Ruhm zu übersetzen sei. Und nun folgte +ein ungemein interessanter Exkurs über die Sagen vom Neid der Götter +und dem Gigantensturm, zu denen auch diese alte semitische Sage gehöre.</p> + +<p>Mit Spannung hatte Kaspar bis zum Ende gelauscht; aber die unbequeme +Frage — wozu das alles für einen Menschen, der Gott verkündigen soll +— ward er auch hier nicht los. Was hatten all diese alten Sagen und +Geschichten, was die späteren vielfach so durchtriebenen Geschicht- und<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> +Autoritätfälschungen der jüdischen Priesterautoren für einen Bildungs-, +Kultur- und Religiositätwert für unsereinen, vollends wenn der ganze +Bezug auf das neue Testament in Wegfall kam?</p> + +<p>Noch einmal setzte sich Kaspar Krumbholtz zu Füßen eines großen +Theologen, des berühmten Reimarus, der über das wichtige, so viel +umstrittene Johannisevangelium las.</p> + +<p>Eine ungemein zahlreiche Zuhörerschaft wartete fröhlich lärmend auf +den scheinbar beliebten Lehrer, der pünktlich unter lautem Beifall mit +selbstsicherem Lächeln das Katheder betrat.</p> + +<p>Mit mächtiger und zugleich gezierter Stimme begrüßte der eitle Mann +verbindlich seine Zuhörer und sprach in einer merkwürdigen Mischung von +würdevoller Salbung und salopp-burschikoser Ironie von dem angeblichen +Johannes, der natürlich mit dem Lieblingsschüler des Herrn gar nichts +zu tun habe, sondern nur irgendein viel, viel späterer Schriftsteller +sei, der hier gleichsam frei über die Synoptiker phantasiert habe.</p> + +<p>»Fabulieren kann dieser vierte Evangelist famos,« hieß es unter anderm, +»so bei der Geschichte von Malchus, dessen Name natürlich ganz beliebig +ist. Übrigens vergißt der Verfasser das Ohr wieder anheilen zu lassen. +Und doch besitzt der Mann einen ganz gehörigen Rationalismus,<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> ja +nicht nur zwei Seelen, wie der Dichter sagt, wohnen ach in seiner +Brust, sondern ziemlich viele. Den Hohenpriester setzt er auch nur +so hin, um ihn wie die Perle im Golde leuchten zu lassen. Dann aber +unterschlägt er uns die große Schilderung vom Verhör, und — noch übler +— es passiert ihm sogar ein fataler Schreibfehler bei der mehrmaligen +Petrusleugnerei. Wahrscheinlich war der Schreiber — es braucht +ja nicht unbedingt der Verfasser zu sein — inzwischen einmal zum +Mittagessen oder sonst wohin gegangen. Darum braucht man schließlich +der Gedankenlosigkeit des Schreibers das ganze Evangelium nicht gleich +zu opfern« undsoweiter.</p> + +<p>Nachdem der große Reimarus dann noch geistreich witzelnd die +Johanneische Schreibweise mit der des Gespensterhoffmanns im Kater Murr +verglichen hatte, schloß er mit einer zierlichen Verneigung unter dem +dröhnenden Beifall seiner augenscheinlich höchlichst ergötzten Zuhörer.</p> + +<p>Tief verstimmt, ja im Innersten empört, verließ Kaspar das stattliche +Universitätgebäude, schritt langsam durch die engen Gassen der Altstadt +zum Münster und stieg hinauf in den Turm.</p> + +<p>Lange stand der junge Herrnhuter hier oben und schaute still bewegt +hinaus in das weite, herrliche Land. Nach und nach löste sich der +bittere Unmut in Kaspars Seele.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p> + +<p>Die Schönheit der teppichbunten Landschaft mit ihrem breiten, silbernen +Rheinband da unten, die Kühnheit des himmelanstrebenden Meisterbaus +neben und über ihm versagten ihre befreiende, innerlich lösende und +klärende Wirkung bei Kaspar so wenig wie vor hundertundzwanzig Jahren +bei dem jungen Goethe.</p> + +<p>Was sollte ihm, dem Gottsucher, jener kleinliche Formelkram der +selbstgefälligen, fündleinstolzen Alexandriner da unten?</p> + +<p>War das alles im Grunde nicht noch viel unfruchtbarer und +hoffnungsloser als die bescheidene Weisheit der zagen, vorsichtig +tastenden Gotteshaager Theologen?</p> + +<p>Konnte diese am Buchstaben hängende und zerrende, mit ihrer im Grunde +nur negativen Methode sich spreizende Wissenschaft ihm auch nur im +geringsten vorwärts helfen in dem Kampf um jene tiefste Wahrheit, +die allein das Geheimnis, die Bedeutung seines Daseins und seiner +Bestimmung ihm enthüllen konnte?</p> + +<p>Ob er diese Wahrheit jemals finden würde, er zweifelte ehrlich daran. +Aber hatte er darum ein inneres Recht, diesem schwersten und doch +wichtigsten Kampfe jedes denkenden Menschen feige auszuweichen? Nein!</p> + +<p>Nur auf das mühselige und sicherlich aussichtslose Ringen im Dienst +einer ihn quälenden<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> und jetzt genau so wie früher ihn unsagbar +verletzenden Wissenschaft wollte er von heute an endgültig verzichten.</p> + +<p>Nicht Gott zu erwissen galt es ihm fürderhin — nein, ihn zu erfühlen, +ihn zu erleben wollte er von nun an trachten.</p> + +<p>Es gab sicherlich vielerlei Arten, Gott mit der Seele zu suchen und zu +erfassen. Eine würde mit der Zeit auch ihm offenbar werden.</p> + +<p>Wie machtvoll, kühn und unvergänglich erhaben hatte der Schöpfer dieser +herrlichen Formen da vor ihm in seiner Kunst nach dem Herrn der Welten +aus dem Irdischen emporgetastet.</p> + +<p>Wie trotzig und erschütternd zugleich hatte der titanische Faustdichter +mit der einzigartigen poetischen Verkörperung menschlicher Sehnsucht, +Leidenschaft, Verzweiflung und mannhafter Tatenfreude sich seinen Gott +erstrebt?</p> + +<p>Was den Großen nach harter Selbstüberwindung und Selbstbehauptung in +ihrer Kunst, das war ihm, dem Kleinen, vielleicht nach ähnlichen Krisen +in seinem Beruf auch dereinst vergönnt.</p> + +<p>Von hier oben war der seinerzeit — wie er jetzt — am Wissen +verzweifelnde berühmteste Straßburger Student frohen Mutes +hinabgetaucht ins Leben!</p> + +<p>Er wollte ein gleiches tun und die theologischen Schiffe hinter sich +verbrennen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p> + +<p>Und Kaspar Krumbholtz grüßte den Vater Rhein mit trotzigem Jauchzen +und schritt die vielen Treppen leichteren Herzens hinab, als er sie +unlängst hinaufgestiegen war.</p> + +<p>Tags darauf nahm er seine englischen Schüler am Bahnhof zu Appenweier +in Empfang und fuhr in rechter Ferienstimmung mit ihnen nach London.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Das Londoner Magdalenchen</b></span></h3> +</div> + +<p>Die Londoner Tage verbrachte Kaspar Krumbholtz wie in einem Rausch. +Eine solche Unmenge neuer Eindrücke wirbelte im Fluge an ihm vorüber, +daß er kaum zur Selbstbesinnung, geschweige denn zu einer ruhigen, +inneren Verarbeitung des Geschauten und Erlebten kam.</p> + +<p>Die Eltern einiger englischer Knaben ließen es sich nicht nehmen, den +Lehrer ihrer Söhne gastfreundlich in ihrem Hause willkommen zu heißen +und ihm trotz der stillen Saison die Hauptsehenswürdigkeiten der +Riesenstadt zu zeigen.</p> + +<p>Der junge Herrnhuter, der überhaupt noch keine Weltstadt gesehen hatte, +ward vor den zahllosen Monumenten, Kirchen, Staats- und Privatpalästen, +vor den Tausenden von herrlichen Kunstschätzen in den Museen und +Galerien immer stiller, ja ängstlicher, und hatte zuletzt nur noch +den einen Gedanken: Was für eine unendliche Fülle von Schönheit und +Reichtum birgt doch die große Welt, von der du bisher keine blasse +Ahnung hattest!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p> + +<p>Erst draußen in Gottes freier Natur, in den weiten, schattigen +Stadtparks, in den stillen, weltverlorenen Gärten alter Grandensitze, +wie in Richmond und Kews garden, kam Kaspar ein wenig zur Sammlung und +zum bewußten Nachgenießen des Geschauten.</p> + +<p>Nach und nach lösten sich Kaspars Beziehungen zu den Tramberger +Schülern und ihren Eltern, die nun meist auf ihre zum Teil paradiesisch +gelegenen Landsitze verreisten und vergeblich den jungen deutschen +Lehrer zum Mitkommen aufgefordert hatten. Ein-, zweimal hatte sich +Kaspar einen solchen Edelsitz wenigstens angesehen; aber er spürte +bei aller Gastlichkeit doch mitunter einen leisen Hauch geheimer +Verachtung, die man in diesen Kreisen der englischen gentry einem armen +Präzeptor gegenüber ebenso hegt, wie etwa in gewissen Kreisen der +deutschen Geburts- oder Geldaristokratie. Und Kaspar, der an seinem +jetzigen Berufe mit um so größerem Stolz und um so innigerer Neigung +hing, je mehr er sich bewußt war, daß er das Beste dabei umsonst tat, +wollte sich nicht unnötig mit dem ersten besten Dienstboten auf die +gleiche Stufe gestellt wissen.</p> + +<p>Außerdem hatte er durchaus das Bedürfnis, noch einige Tage ganz allein +und ohne Rücksicht auf loberpichte Eingeborene sich in das bunte +Treiben der an imposanten wie düsteren Bildern<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> und insonderheit an +schonungslosen Kontrasten überreichen Riesenstadt zu versenken.</p> + +<p>Auch in das soziale Leben der ärmeren Volksschichten wollte Kaspar gern +einige Blicke tun, um so am ehesten ein Verständnis der praktischen +Arbeit am Reiche Gottes zu gewinnen. So besuchte er zum Beispiel an +den Sonntagen in den Parks die gewaltigen öffentlichen Versammlungen +der verschiedensten Interessentengruppen, der Bäcker und Kellner, +der Sozialisten und Anarchisten, der wütendsten Gottleugner und der +übertriebensten Gottverehrer, wies eben kam.</p> + +<p>Mit Staunen und Genugtuung nahm er die überlegene Gelassenheit wahr, +mit der die Londoner Behörden und Polizei all diese Leute gewähren +ließen, solange sie nur redeten oder demonstrierten. In dem wogenden +Tohu-Wabohu dieser ewig gärenden Menschheitmetropole sich irgendwie +zur Geltung zu bringen, hielt allerdings schwer, und da mußte man +den danach Strebenden schon allerlei sensationelle Reklamesucht und +Aufdringlichkeit zugute halten.</p> + +<p>Am meisten stieß den religiös keuschen Herrnhuter das +marktschreierische Gebaren der Heilsarmee ab; aber mit der Zeit, +vollends nach Orientierung durch die Leiter der Londoner Stadtmission, +ward Kaspar auch bei ihrer Beurteilung anderer Meinung. Mit der +zunehmenden Einsicht<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> in die unendlich schwierigen Verhältnisse der +Londoner Mission wuchs die Achtung vor diesen sich oft so seltsam +gebärdenden Pionieren der Rettungs- und Evangelisationsarbeit.</p> + +<p>Immer tiefer und tiefer drang Kaspar in die furchtbaren Geheimnisse +des sozialen Elends bei den untersten Gesellschaftschichten der +Londoner Bevölkerung; immer stärker imponierte ihm die weitverzweigte +Organisation dieser verschiedenen, äußerst geschickt jedem +besonderen Arbeitgebiet angepaßten Werke, in denen Hunderte von +aufopferungsvollen, selbstlosen Männern und Frauen an vielen Tausenden +ihrer armen Mitmenschen arbeiteten.</p> + +<p>Unwillkürlich tauchte in Kaspar die Frage auf: Könntest du nicht +vielleicht hier einen vollgültigen Ersatz finden für den aufgegebenen +Beruf der Gottesverkündigung? Hierbei brauchte er nicht, wie bei +der Lehrerlaufbahn, ein neues, ihm wahrscheinlich unerschwingliches +Studium anzustreben. Gott dienen in der Arbeit an seinen ärmsten und +unglücklichsten Geschöpfen — das wäre schon das Leben wert, stände +vielleicht auch höher in den Augen des Höchsten als die Erziehung und +der Unterricht der Jugend.</p> + +<p>Immer wieder sann Kaspar darüber nach, während er tagsüber von +Shalter zu Shalter, von Home zu Home, von Asyl zu Asyl zog, während<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> +der aufregenden Nächte, in denen er vorsichtig mit einem alten, in +Whitchapel wohlvertrauten Judenmissionar, namens Moses, durch die +Höhlen des Lasters schlich, an hunderten berauschter, verrohter, ja +vertierter Mitmenschen vorüber, in denen nur noch matte Lebensinstinkte +und die niedersten Triebe flackerten.</p> + +<p>Aber je mehr Kaspar mit den Leitern der Rettungsanstalten und dem +Missionspersonal verkehrte, um so klarer ward es ihm, daß er zu +dieser Art Menschen nicht passen würde, und daß auch in ihnen jener +eigentümlich methodistische Hochmut lebte, der nur den Bekehrten +als gleichwertig und brauchbar anerkennt. Den kannte Kaspar aus der +Brüdergemeine gerade zur Genüge und verabscheute ihn.</p> + +<p>Man verargte es Kaspar, wenn er in seinem Hotel der Inneren Mission +nicht pünktlich zu den Morgensegen und Sonntaggottesdiensten erschien, +und wenn er kam, mutete man ihm zu, irgendwelche Stellen aus der Bibel +vorzulesen oder auszulegen; ja, öffentlich beten und Zeugnis ablegen +sollte er. Als Kaspar sich standhaft weigerte das zu tun, bekam er +nicht nur allerlei Taktloses über die scheinbar in Weltlichkeit +erstarrte Brüdergemeine zu hören, sondern er mußte es auch eines +Abends vor allen Angestellten und Dienstboten mit anhören, daß einer +dieser Apostel in einem<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> öffentlichen Kniegebet den Herrn Jesus unter +Tränen bat: unsern lieben, noch nicht zu rechter Buße und Gnade +durchgedrungenen Bruder Krumbholtz der schnöden Gleichgültigkeit zu +entreißen, ihn aufzurütteln und zu erwecken zu seinem ewigen Heile.</p> + +<p>Sichtlich verletzt erhob sich Kaspar und zog sich auf sein Zimmer +zurück. Mit dieser ungestümen Art, sich Gott zu erzwingen, hatte er in +Gotteshaag abgeschlossen; er wollte sich nicht von neuem in Unruhe und +Verzweiflung hineinhetzen lassen.</p> + +<p>Er beschloß daher so bald wie möglich abzureisen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Da klopfte es noch zu später Stunde leise an seine Tür, und ein +auffallend liebliches Mädchen huschte vorsichtig und etwas verlegen +herein. Kaspar hatte die junge Dame schon einige Male im Kontor unten +gesehen und nahm an, sie wolle irgendetwas Geschäftliches mit ihm +erledigen.</p> + +<p>Auf seine englische Anfrage erwiderte sie ihm jedoch im besten Deutsch: +sie sei aus Bremen und hätte nur das Bedürfnis, sich heimlich einem +Landsmann anzuvertrauen.</p> + +<p>Kaspar nannte seinen Namen und stellte sich der Dame, bei deren +Namensnennung er nur den Vornamen, Irmgard, verstand, zur Verfügung, +falls er ihr irgendwie dienlich sein könne.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p> + +<p>Die hübsche Bremerin lächelte, setzte sich und begann erst scheu, dann +immer zutraulicher zu erzählen:</p> + +<p>»Verzeihen Sie, ich habe Sie schon all die Tage über beobachtet, +Herr Krumbholtz. Ich habe mich auch ein wenig um Sie gesorgt, denn +ich merkte sehr wohl, daß man überall Netze auswarf, um auch Sie zu +bekehren und womöglich für dieses Missionswerk einzufangen.«</p> + +<p>Kaspar schüttelte den Kopf und sagte: »Ich glaube, mein Fräulein, da +irren Sie sich doch. Ich bin auch zurzeit gar nicht mein eigner Herr, +und ich denke, heute abend —«</p> + +<p>»Ja, sehn Sie, das hat mir ja so gut an Ihnen gefallen, daß Sie den Mut +hatten, aufzustehen und diese professionellen Seelenfischer einfach +stehen zu lassen. Nur darum habe ich es auch gewagt, hier so heimlich +zu Ihnen zu kommen.«</p> + +<p>»Schön, und was haben Sie mir anzuvertrauen?«</p> + +<p>»Da muß ich wohl weiter ausholen und Ihnen vor allem erst sagen, wer +ich bin und was ich war. Aber bitte, erschrecken Sie nicht, Herr +Kollege. Ja, ja, machen Sie nur große Augen. Ich bin auch eine Lehrerin +gewesen da drüben in meiner guten soliden Hansestadt Bremen. Ich habe +auch nichts pexiert, damit Sie nicht etwa zu früh erschrecken. Ich bin +Waise und<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> mußte mich durchschlagen. Um perfekt Englisch zu lernen für +ein höheres Examen, nahm ich Urlaub und kam so hierher. Ich fand aber +wie Tausende und Abertausende von deutschen Mädchen trotz allen Suchens +keine Stellung. Mein Geld verschwand, mein Schmuck, meine Garderobe +ebenfalls; ich hungerte, verhungerte fast und sank schließlich wider +meinen Willen. Doch — wozu Ihnen das ausführlich erzählen — also +kurz und klar: ich ward von dem guten, alten Moses, der Ihnen jetzt +Whitchapel gezeigt hat, auch eines Tages aufgelesen und kam da drüben +in eines dieser herrlichen Magdalenenasyle.«</p> + +<p>Die Erzählerin schwieg.</p> + +<p>Eine schwüle Stille folgte, endlich brach Kaspar erschüttert das +peinliche Schweigen: »Warum beichten Sie mir Fremdem das alles?«</p> + +<p>»Warum?« antwortete Irmgard dumpf, »weil ich mich einmal aussprechen +muß, und weil Sie, Herr Krumbholtz, bisher der erste sind, den ich +in meiner neuen Umgebung kennen gelernt oder richtiger nur gesehen +habe, der sich wohl aus rein menschlichen und nicht aus sogenannten +christlichen Beweggründen für unsere Verhältnisse interessiert hat.«</p> + +<p>»Wer sagt Ihnen das? Man braucht nicht gleich mit diesen +methodistischen Wölfen zu heulen —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p> + +<p>»Ja, das ist der richtige Ausdruck —«</p> + +<p>»So meine ich das gar nicht! Ich denke nur, man kann schließlich ein +Christ sein auch ohne solche Übertreibungen wie heute abend.«</p> + +<p>»Hier kann man es nicht, lieber Herr! Das ist ja gerade der Star, +den ich Ihnen stechen möchte: Sie wissen ja gar nicht, was für eine +Heuchelei bei dieser ganzen inneren Mission — hier wie bei anderen +Gesellschaften —, am wenigsten vielleicht noch bei der derben +Heilsarmee, im Schwange ist. Der herrliche äußere Schein ist alles!«</p> + +<p>»Ja — aber warum sind Sie dann hier, mein Fräulein?«</p> + +<p>»Weil ich lieber für freie Station schreibe, rechne und heuchle, als +hungere.«</p> + +<p>»Sie tun mir aufrichtig leid, Fräulein. Ich bin zwar auch nicht reich, +aber wenn ich Ihnen mit meinem Bißchen —«</p> + +<p>Das Mädchen sprang heftig auf und wehrte ab: »Nein, dazu bin ich +wahrhaftig nicht hier, so gern ich in die Heimat zurück möchte. Sie +sind ein vornehmer Mensch, Herr Krumbholtz, das habe ich instinktiv +empfunden, als ich Sie beobachtete. Ich glaube beinahe, Sie täten es +umsonst —«</p> + +<p>»Umsonst, aber natürlich — oder wie soll ich das verstehen, Fräulein?«</p> + +<p>»Glauben Sie wirklich daran,« unterbrach ihn Irmgard bitter, »daß auch +nur eine von diesen<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> Hunderten von Magdalenen da drüben durch diese +Mission wieder zu einem anständigen Mädchen gemacht werden kann? Aber +das wollen diese frommen Leute auch gar nicht. Warum helfen Sie uns +nicht, solange es sich lohnt? Wie verzweifelt habe ich und andere +— das weiß Gott — gerade auch hier um eine Brotstelle gefleht — +vergebens! Man will eben nur Gefallene aufrichten, und das gerade ist +Sysiphusarbeit.«</p> + +<p>Kaspar sah sein Gegenüber mit großen Augen tief erschrocken an, dann +sagte er leise: »Lassen Sie mich nicht schlecht von Ihnen denken.«</p> + +<p>Schüchtern reichte das tief errötete Mädchen Kaspar die Hand und sagte +ebenso leise: »Haben Sie Dank für dieses gute Wort und bitten Sie Ihren +Gott, daß er Sie bewahre vor der Not, in der man nach dem schmutzigsten +Strohhalm greift, um sich retten zu können. Sie haben eben zu hoch +von mir gedacht und ich zu tief von Ihnen, Herr Krumbholtz. Ich hatte +gehofft, in Ihnen einen heimlichen Gegner dieser scheinheiligen +Christensippe gefunden zu haben, vielleicht einen trotzig kecken +Verächter, der ihnen hohnlachend ein Schnippchen schlagen würde. Ich +habe statt dessen einen Mann gefunden, dem ich früher hätte begegnen +sollen, um — vor dem schlimmsten bewahrt zu bleiben.«</p> + +<p>Kaspar Krumbholtz schlug vor dem heißen<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> Blick des Mädchens verwirrt +die Augen zu Boden und erwiderte langsam: »Wer sich selbst so offen +und so schwer anklagt, der kann vielleicht einmal schwach, aber nicht +schlecht sein. Im übrigen, mein liebes Fräulein, wer von uns darf einen +Stein erheben?«</p> + +<p>Da durchbebte ein konvulsivisches Zucken plötzlich den schlanken +Leib der jungen Bremerin, und wie hilfesuchend griff sie nach der +unwillkürlich vorgestreckten Hand des betroffenen Kaspars, beugte sich +darüber und stieß unter heftigstem Schluchzen heraus:</p> + +<p>»Wie gut Sie sind — lassen Sie mich ausweinen — nur einmal — einmal! +Ich habe seit langer Zeit, ja, wohl noch nie einen Menschen gehabt, der +so zu mir gesprochen hat. O könnt ichs Ihnen danken! Aber ein Weib wie +ich — taugt nicht einmal dazu mehr — vorbei — alles vorbei!«</p> + +<p>Tröstend fuhr Kaspar mit linder Hand über den blonden Scheitel der +Weinenden, während seine Gedanken wie erschreckte Vögel aufgeregt hin- +und herflatterten.</p> + +<p>Der weibunkundige junge Herrnhuter fühlte sich in dieser +überraschenden, ihn völlig verwirrenden Situation hilflos. Ein tiefes +Mitleid durchbebte ihn und doch auch ein leises Gefühl des Mißtrauens, +das ihm zwar schnöde und feige vorkommen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> wollte, das er jedoch nicht +ganz überwinden konnte.</p> + +<p>Hatte dieses Mädchen ihm nicht angedeutet, daß er ihr um jeden Preis +als Rettungsanker willkommen sein würde? Aber hatte er darum nicht +vollends die ritterliche Pflicht, ihr ohne jeden Hintergedanken zu +helfen, es koste, was es wolle?</p> + +<p>Hastig überschlug Kaspar seine zu Ende gehenden Mittel. Würde es +reichen zu einem Billett nach Bremen? Er selbst hatte ja seine +Rückfahrkarte. Jedenfalls wollte er geben, was er hatte, und so sagte +er zögernd, fast schamhaft: »Liebes Fräulein, ich glaube, ich kann drei +Pfund entbehren. Würde das reichen, um Ihnen zur Rückkehr nach Bremen +zu verhelfen?«</p> + +<p>»Nein, nein,« stöhnte Irmgard kopfschüttelnd, »das sollen Sie nicht! So +weit — und doch —« Sie schwieg eine Weile, dann fuhr sie schüchtern +fort: »Wenn Sie mich mitnehmen wollen — ich folge Ihnen, wohin Sie +wollen, aber so — nein — nein, nicht so!«</p> + +<p>Kaspar errötete und geriet in neue Verwirrung.</p> + +<p>Was wollte das ihm völlig unbekannte Mädchen gerade von ihm? Es +konnte doch nur ein toller Einfall des Augenblicks bei der völlig +Verzweifelten sein. Ruhig Blut — um Gottes willen, was sollte daraus +werden. Die Anstalt Tramberg,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> die ganze Brüdergemeine stand Kaspar mit +einem Male vor den inneren Augen.</p> + +<p>Seine schlummernde Energie erwachte jäh, und so hob er den Kopf +des Mädchens mit der Rechten schonend empor und sagte mit jener +Überlegenheit des älteren Kameraden, mit der er bisweilen einem seiner +störrischen Knaben den Kopf zurecht setzte: »Kindchen, nun wollen wir +doch mal ruhig miteinander reden. Sie dürfen keine Dummheiten machen +und ich, als der verantwortliche Mann, erst recht nicht. Sie sind arm +und ich auch. Wir können keine Vergnügungsreisen machen. Ich muß in +meinen Beruf zurück und Sie auch.«</p> + +<p>»Das geht ja doch nie wieder,« unterbrach das Mädchen Kaspar traurig, +»wer stellt so eine wieder an? Und dann — wenn doch einmal alles +zutage kommt — nein, nie, nie! — Lieber in Whitchapel vor die Hunde +gehen!«</p> + +<p>»Also Sie weisen jede Hilfe ab?«</p> + +<p>»Jede Unterstützung, ja! Mir hilft nicht Geld, mir hilft nur ein +Mensch, zu dem ich emporblicken, an dem ich einen Halt haben könnte, +ein Mann wie Sie!«</p> + +<p>Und wieder schaute das Mädchen ihn heiß mit flehenden Augen an.</p> + +<p>Kaspar schwieg. Das Blut stieg ihm siedend zu Haupte und pochte +hämmernd gegen seine Schläfen. Endlich sagte er mühsam:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p> + +<p>»Wenn Sie mich vorhin unterschätzt haben, jetzt überschätzen Sie mich. +Sie kennen mich nicht. Ich bin selbst noch ein Schwankender, ein +Werdender, ein Unfertiger. Ich kann vielleicht Kinder leiten, aber +keinem Weibe einen Halt bieten. Auch bin ich ein armer, abhängiger +Mensch — wirklich nichts weiter.«</p> + +<p>Da trat Irmgard plötzlich dicht an Kaspar heran, flüsterte leise mit +bebender Stimme: »Sie sind der redlichste Mensch, der je in mein Leben +getreten ist. Retten Sie mich! Sie können es, aber kein anderer!«</p> + +<p>Und dann warf sich das junge Weib mit auflodernder Leidenschaft an +Kaspars Brust, umfing das Haupt des Widerstrebenden mit beiden Armen, +preßte ihre glühenden Lippen stürmisch auf seine Wangen und suchte +seinen Mund.</p> + +<p>Mit freundlicher, aber fester Hand löste Kaspar die zarten Arme von +seinen Schultern und sagte mit entschlossenem Ernst:</p> + +<p>»Nicht so, liebes Fräulein! Wollen Sie denn durchaus, daß ich auch +noch den Kopf verlieren soll? Einer von uns muß wirklich den Verstand +behalten, wenn wir nicht beide ins Unglück geraten sollen. Es sieht roh +und grausam aus, wenn ich Ihre Neigung so undankbar lohne; aber ich +hoffe, Sie werden es mir doch einmal danken. Nein, bitte nicht weinen, +Fräulein. Ich meine es gut,<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> und wenn ich Ihnen wirklich auch nur das +Geringste gelte, so zeigen Sie es mir dadurch, daß Sie meinem Rate +folgen. Kehren Sie nach Deutschland zurück, bitte, wollen Sie es tun?«</p> + +<p>Die Schluchzende gab keine Antwort. Kaspar ging liebreich auf sie zu, +legte seinen Arm wie tröstend auf die zuckenden Schultern des Mädchens +und sagte weich:</p> + +<p>»Wenn ich Sie herzlich bitte, liebes Fräulein Irmgard — wollen Sie es +nicht mir zuliebe tun?«</p> + +<p>Da hob die Bremerin schüchtern den Blick zu Kaspar empor und antwortete +leise: »Küssen Sie mich — nur einmal — nur ein einziges Mal! Und ich +will gehorchen.«</p> + +<p>Und Kaspar Krumbholtz küßte das junge schöne Weib.</p> + +<p>Es war der erste Kuß in seinem liebeleeren Dasein, und er war sich +der Heiligkeit des Augenblicks voll bewußt und hat sich dieses Kusses +auch später nur mit süßer Sehnsucht erinnert. Er glaubte einem holden +Geschöpf nur so zeigen zu können, daß er es achtete, und daß es ihm +wert genug war, alles für seine Rettung zu tun.</p> + +<p>Wie ein Kindchen, das seinen Willen erhalten hatte, ließ sich Irmgard +nun ganz still und gefügig das Geld für die Heimreise aufdrängen, +versprach ernsthaft, diese so bald wie irgend möglich anzutreten, um +sich eine neue Stellung zu suchen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p> + +<p>Gleich einem treuen älteren Bruder schied Kaspar Krumbholtz von dem +noch immer still vor sich hin weinenden Mädchen und reiste am nächsten +Morgen mit dem ersten Expreßzuge nach Tramberg zurück.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel<br> +<span class="s4"><b> Feriengäste</b></span></h3> +</div> + +<p>Nachdem Kaspar seinem Direktor Bericht erstattet und Rechnung gelegt +hatte, übergab ihm dieser mit seinem vergnüglichsten Lächeln einen +Brief nebst einem Scheck und sagte, indem er sich listig die Hände +rieb: »Ich vermute, hier wird jemand seine Weltreisen fortsetzen!«</p> + +<p>Erstaunt sah Kaspar, der noch nie einen Scheck gesehen hatte, erst das +lange Papier an, auf dem 500 Mark zweimal geschrieben stand, öffnete +sodann den Brief, in dem Herr Winkler ihn bat, so bald wie möglich über +Tyrol oder über den Fluelapaß nach Sils Maria ins Engadin zu kommen, wo +er mit Frau, Tochter und Freund Sebalt die Ferien und das schöne Wetter +genieße.</p> + +<p>Kaspar machte das bekannte Gesicht, was der Mensch meistens macht, +wenn ihm etwas völlig unerwartet kommt. Darauf bat er um weiteren +Urlaub, den ihm Bruder Nitschke viel zu gern bewilligte, da er in den +Ferien froh war, wenn sein großes Haus möglichst leer war. Außer den<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> +unentbehrlichen Handwerkern sah er da niemand gern.</p> + +<p>Mit dankbarem Händedruck quittierte Kaspar über eine Summe, wie er sie +noch nie, auch nicht in den Karpathen, sein eigen genannt, ja nicht +einmal im kühnsten Traume erhofft hatte, und setzte sich eilends oben +auf der Lehrerstube vor das große Reichskursbuch des Hauses.</p> + +<p>Nach schwierigen Überlegungen und abermaliger Rücksprache mit dem +freundlichen Direktor entschied sich Kaspar für die Schweizerroute und +gab telegraphisch Herrn Winkler Bescheid.</p> + +<p>Der Marsch über den herrlichen Fluela lockte den jungen Lehrer +gewaltig, und die folgende Nacht tat er kaum ein Auge zu vor Aufregung.</p> + +<p>Von Davos aus begann Kaspar am übernächsten Tage die Wanderung über den +Paß.</p> + +<p>Wieder erschloß sich seiner Seele eine neue Welt eigenartiger strenger +Schönheit, die ihn mit gleicher Wucht und Größe gefangen nahm und still +erschauern ließ, wie vordem die wilden, trotzigen Karpathen.</p> + +<p>Freilich, das berauschende Gefühl unermeßlicher Einsamkeit überkam +Kaspar auf der ziemlich belebten Fremdenstraße nicht so wie in dem +ungarischen Waldgebirge, das ihm auch in Fauna und Flora einen +unberührteren, reicheren Eindruck gemacht hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p> + +<p>Nur die ersten Alpenrosen versetzten den jungen Lehrer in helles +Entzücken, und wie ein Pfingstochse reichlich damit geschmückt, +überschritt er jauchzend die Paßhöhe, unbekümmert um das Gelächter +blasierter Bergfexe und ihn spöttisch lorgnettierender Dämchen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Kurz vor Zernez, dem alten Ladinernest, stieß Kaspar unvermutet auf +Hans Sebalt, der ihm auf gut Glück von Sankt Moritz entgegengefahren +war und nun wie ein Wegelagerer in einer kleinen Schänke die +Fluelastraße abgespäht hatte. Mit lautem Hallo fiel er über den +alpenrosengeschmückten Freund her, und man umarmte sich stürmisch immer +wieder mit ausgelassenster Freude.</p> + +<p>Im nahen Zernez bezog man in einem altertümlichen Gasthofe +Nachtquartier, bestellte sich ein reichliches Mahl und einen guten +Veltliner, und dann gings an ein großes Erzählen bis tief in die Nacht.</p> + +<p>Die ersten Fragen Kaspars galten Ursemi und ihren Eltern.</p> + +<p>Hans Sebalt berichtete ausführlich, nur ein wenig spöttisch, vom lieben +stillen Reda, wo alles so ziemlich beim alten sei.</p> + +<p>Der weise Berthold regiere das Haus noch immer so lautlos wie ein +Geheimrat hinter seinem<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Minister; die runde Mine sei noch ein bißchen +runder geworden; nur die hübsche Kathrine habe kürzlich geheiratet, +aber die Nachfolgerin sei auch ein ganz appetitliches Mamsellchen. +Die Doggen seien ein bißchen klapperig geworden, besonders der Toni +würde wohl nächstens in die ewigen Jagdgründe eingehen, während die +Cleo, zäh wie ein altes Frauenzimmer, noch gut bei Appetit und Stimme +sei. Bei ihrer Herrschaft wäre es ganz ähnlich. Der stattliche Herr +Winkler habe leider weit mehr eingelegt als seine kleine Frau, der das +Sorgen — namentlich jetzt um den künftigen Schwiegersohn — noch immer +ausgezeichnet bekomme.</p> + +<p>An Aspiranten scheine es übrigens nicht zu fehlen, wenigstens sei +all die Tage über in Reda beständig Besuch im Hause gewesen, und +schließlich sei man wohl darum nach Sils Maria ausgerückt.</p> + +<p>Als Kaspar geradezu fragte, ob denn unter den Herren einer gewesen sei, +der Ursemis einigermaßen würdig wäre, da lachte Hans Sebalt schallend +heraus und meinte:</p> + +<p>»Würdig? Köstlich! Du bist doch immer noch der Alte! Gewissenhaft wie +ein Vormund. Menschenskind, wenn ich du wäre, wüßte ich längst, was +ich täte. Du hast einen Stein im Brett bei unserer allergnädigsten +Schlotprinzeß — doch wem sage ich das? Also die Bewerber! Allzu +ernsthaft<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> nimmt sie wohl keinen, und der Herr Papa auch nicht. Es +ist wie in den alten Märchen. Jeder fremde Prinz zeigt sich von +seiner besten Seite; aber keiner findet Gnade beim König und seiner +Tochter. Da ist der famose Leibkürassier, der Brettwitz, tadellose +Erscheinung, vorzügliche Formen, und reiten kann er wie der Deubel. +Aber von der ersten Silbe seines erlauchten Namens trägt er mehr +draußen vorm Kopf als gut ist, und von der zweiten drin zu wenig. +Chancen so ziemlich gleich Null, um so größer natürlich sein Bemühen. +Dann war unter anderen ein junger Darich da, du weißt von den Belower +Kammgarnkönigen ein Sprößling. Auch kein übler Kerl, immer tipp topp, +spielte Tennis — blödsinnig sagte Brettwitz. Nur im ganzen mehr Yankee +als Deutscher, und du weißt, das verträgt der Alte schon gar nicht, +während unsere gute Mama Winkler von dem tüchtigen jungen Mann, der +doch so gut ins Geschäft passe, ganz hingerissen war. Ursemi endlich +behandelte ihn mit dem ganzen Übermut einer Dollarlady, scheinbar +höchst kameradschaftlich, tatsächlich wie einen Liftboy. Du, die hat +überhaupt in England einen ganz verfluchten Tick bekommen, der kann +einem jungen Mannsbild bisweilen wirklich auf die Nerven gehn. Ich war +ja leider nie ihr Fall — jetzt aber werde ich, wenn sie bei Laune ist, +von ihr gelegentlich in einer Weise<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> verknackt, als nähme sie mich +überhaupt nicht mehr ernsthaft. Also im Vertrauen, alter Junge, sei +auf der Hut vor der Dogaressa, wie unsere putzige Dente sie nannte, +die übrigens auch noch im Segen zu Bethel ihres Amtes waltet und aus +dem alten wurmstichigen Schwesternhause Überschüsse auf Überschüsse +herauswirtschaften soll zur großen Freude der Finanzabteilung, die +Stipendien schaffen muß — wie Figura zeigt — also — Prosit!«</p> + +<p>»Prosit! aber nimm mirs nicht übel, Hans!« sagte Kaspar, fast ein +bißchen boshaft lächelnd, »ich glaube, du hast dich mindestens ebenso +verändert wie unsere Ursemi, auf die ich ja schon sehr gespannt bin. Im +übrigen wandeln wir uns wohl alle — Gott sei Dank! Also freuen wir uns +lieber, daß wir uns mal wieder haben dürfen, anstatt uns über einander +zu wundern.«</p> + +<p>»Also sprach der weise Schulmeister Seneca!« fiel Hans Sebalt mit +großer Gebärde ein, »ja, du hast so recht! Ich merke schon, du +bist schon ein ganz solider, zügelzahmer Schulfuchs da unten im +Wüschteberger Ländle geworden, und ich fange an, in dem lieben, +saufseligen Sumpfnest Leipzig ein windiger, weltfroher Sünder und +Zöllner zu werden und sitze, wo die Spötter sitzen. Aber schön ists +doch, mein Junge, sich so richtig mal den Wind der großen Welt um die +Nase wehen zu<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> lassen, ihren tausend und abertausend Gefahren trotzig +die Stirn zu bieten und sich selber unverzagt den Weg zu suchen, +ohne von Bruder Hinz und Kunz bepapelt und geleithammelt zu werden. +Du braves Kasperle, du hast ja keine Ahnung, was für eine herrliche, +sauvergnügte Welt es noch da draußen gibt — weit, weit hinter eurem +Gemeindezaun und der Schwäbischen Alp. Ja, mein Lieber, davon läßt du +dir in deinem großen Anstaltskäfig wohl nichts träumen? He, was meinst +du, wenn du auch mal herauskämst? Ich wollte dir das längst schon +schreiben, kam aber nicht dazu. Mußt du nicht bald dein Jahr abbrummen? +Dann komm nach Leipzig, alter Junge, komm zu mir! Wir hausen zusammen +— das kann eine urgemütliche Kumpanei werden. Und dann — dann will +ich dir mal die große Seestadt Leipzig zeigen — Junge, Junge — da +sollen dir die guten Schwabenaugen übergehn und dein Schulverstand +stille stehn.«</p> + +<p>»Hm,« brummte Kaspar behaglich, »das wäre zu überlegen. Aber vorher +habe ich noch allerlei zu erledigen, auch muß ich mir über gewisse +Dinge erst einigermaßen klar werden.«</p> + +<p>»Das mußt du ja immer,« neckte Hans, »ich glaube, du bist dir mit +achtzig Jahren noch nicht klar über dich selbst. Aber Schwamm drüber, +jedes Tierchen nach seinem Pläsierchen. Wie gefällt<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> dirs sonst in +Tramberg? Ganz so gott- und weltverlassen wie die Arche Gotteshaag ists +doch wohl nicht — oder? — Ihr dürft wohl nicht viel raus aus eurem +Bau?«</p> + +<p>»Manchmal doch,« meinte Kaspar seelenruhig, »so bis nach London kommt +man schon einmal.«</p> + +<p>»Nach London? Mach keine faulen Witze. Du meinst eure Jungens — na ja +— die haben jetzt Ferien.«</p> + +<p>»O nein, ich selber komme geradenwegs von London zurück,« erklärte +Kaspar lachend.</p> + +<p>Nun war die Reihe erstaunter Fragen an Hans Sebalt, und er fuhr damit +rasch heraus: »Menschenskind — du in London — allein in der großen +Weltstadt — und ohne Aufsicht, Jungchen, Jungchen, wenn das man kein +Unglück gegeben hat. Wie lange warst du denn da, und was hast du da +gemacht?«</p> + +<p>»Na, wieder allerlei,« erwiderte Kaspar mit gutem Humor, »was du nicht +verstehen wirst. Ich habe die Werke der inneren Mission studiert.«</p> + +<p>Hans Sebalt brach in ein Höllengelächter aus und brüllte vor Vergnügen:</p> + +<p>»Innere Mission — dazu fährt der Kerl nach London — ausgerechnet +nach London, der großen Sündenbabel! Sag mal, bist du denn schon so +verrückt, daß du etwa Speckapostel werden willst?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> + +<p>»Ob ich das je wollte, weiß ich nicht. Jetzt aber weiß ich ganz genau, +daß ich es nicht mehr will. Das ist auch etwas.«</p> + +<p>»Na und mit der Theologie?«</p> + +<p>»Mit der habe ich mich in Straßburg noch einmal auseinandergesetzt und +ihr nun endgültig Valet gesagt.«</p> + +<p>»In Straßburg warst du auch? Na, höre mal — wann warst du denn da +eigentlich in Tramberg?«</p> + +<p>»Von Ostern bis Ende Juni, abgerechnet die drei Tage der +Schwarzwaldreise.«</p> + +<p>»Schlemmer, den herrlichen Schwarzwald hast du auch noch so nebenbei +besichtigt? Höre, Kaspar, braucht ihr nicht in Tramberg nächstens +auch Oberlehrer? Ich wäre gern bereit, als Auslandreisender bei euch +einzutreten.«</p> + +<p>»Gut, ich wills unserm Chef sagen, der ist so wie so stets in +Lehrernöten. Wie wärs, wenn du mich ablöstest, wenn ich dienen muß?«</p> + +<p>Und wieder lachten beide, daß die Wände der kleinen Schenkstube +fröhlich widerhallten.</p> + +<p>Dann mußte Hans Sebalt von Leipzig erzählen, und er tat es nunmehr ohne +die Ruhmredigkeit der ersten halben Stunde. Von den Kollegs, von den +Kneipen, von seiner Wirtin und Herrn Niemeyer sprach er allerlei; nur +von der stolzen Brünetten erwähnte er ebensowenig ein<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Wort wie Kaspar +von seinem Londoner Magdalenchen. Spät gingen die Freunde zur Ruhe, +und früh standen sie auf, um dann, fröhlich singend und schwatzend wie +ehedem zu Gotteshaag, miteinander das herrliche Inntal hinaufzuwandern +gen Sils Maria.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als die beiden Freunde nach zwei Tagen staubbedeckt und braungebrannt +am Ziele anlangten, empfing sie Frau Winkler allein, aber mit einer +Herzlichkeit, als wolle sie für die Abwesenheit von Mann und Tochter +Entschädigung bieten.</p> + +<p>Sorglich nahm sie sich ihrer zwei Pflegesöhne an, als wären es +noch die kleinen Tertianer von Bethel. Kaspars Sachen, die er klug +vorausgeschickt hatte, hingen schon, alle wohlgebügelt, im Schranke +seines herrlich gelegenen Zimmers, von dessen Balkon aus man die ganze +Riesengruppe der Piz Bernina überschauen konnte. Rasch zog sich Kaspar +um und trat dann in den herrlichen Abend hinaus.</p> + +<p>Da sah er vom gegenüberliegenden Berghang einen stattlichen, nur +etwas vornübergebeugten Mann und ein tannenschlankes Mädchen langsam +herunterschreiten. Mit einem Blick hatte er die Redaer Freunde erkannt +und stürmte — wie er war — ohne Hut hinab und ihnen entgegen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p> + +<p>An einer Straßenbiegung lauerte er ihnen auf und überraschte Vater und +Tochter vollkommen. Am liebsten wäre er beiden um den Hals gefallen, +aber unwillkürlich dachte er an Sebalts Worte, und so dämpfte er den +Überschwang seiner Gefühle. Immerhin ging es laut genug her.</p> + +<p>Herrn Winkler freilich leuchtete die stille Genugtuung über den +stattlichen Pflegesohn nur aus den gütigen Augen; aber Ursemi +machte kein Hehl aus ihrer hellen Freude wie aus ihrem Erstaunen, +ihren ehemaligen Rekonvaleszenten Kaspar so kraftvoll und frisch +wiederzusehen. Mit glückseligem Stolz wirbelte sie übermütig den +hochgewachsenen Freund ein paarmal im Kreise herum und sagte +befriedigt, fast stolz:</p> + +<p>»Sieh mal einer an, was fürn Berserker aus dem Suppenkasperle vom +Luisenstift geworden ist! Jetzt kann man sich doch wieder mit dir sehen +lassen.«</p> + +<p>»Danke für das Kompliment,« erwiderte Kaspar, lustig sich verneigend, +»ich könnte ja nun eine Retourkutsche vorfahren lassen, aber wozu! Du +weißt, ich war mit dir immer zufrieden. Ich bin nicht so anspruchsvoll +bei meinen Freunden.«</p> + +<p>»Vater,« sagte Ursemi resolut, »was macht man nun mit dem Kerl, +verdrischt man ihn, oder gibt man ihm einen Kuß?«</p> + +<p>»Das halte du, wie du willst,« meinte Herr<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Winkler trocken, »Pack +schlägt sich, Pack verträgt sich.«</p> + +<p>»Hör mal, Vater, du untertaxierst uns nachgerade.«</p> + +<p>»Um so besser, dann habe ich Hoffnung, euch nächstens mal in neuen +Rollen zu sehen. Einstweilen spielt ihr noch die alten von Bethel, aber +sie sind nicht so langweilig wie die mit Mister Darich und Genossen. +Also nur zu, die <span class="antiqua">repetitio delectat</span> als <span class="antiqua">variatio</span>.«</p> + +<p>»Liebster Papa, willst du nicht deutsch reden?«</p> + +<p>»Warum, du redest doch auch so viel englisch. Ich muß dir doch zeigen, +daß ich noch etwas mehr kann als du — sonst geht der Rest des +väterlichen Respekts auch noch in die Wicken.«</p> + +<p>»Ist er nicht greulich?« wandte sich Ursemi wie hilfesuchend zu Kaspar, +»so ödet mich dieser früher so zärtliche Vater jetzt beständig an, seit +ich mir mit einem jungen <span class="antiqua">american boy</span> den Ulk gemacht habe, ein +bißchen <span class="antiqua">Gibson girl</span> zu spielen.«</p> + +<p>»Ja, Hans hat mir schon davon erzählt,« sagte Kaspar harmlos.</p> + +<p>»So,« fuhr Ursemi herrisch auf, »hat er wieder den süffisanten Schnabel +nicht halten können, der allweise Hans? Werds ihm schon anstreichen. +Was hat er denn noch über mich geklatscht?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p> + +<p>»Geklatscht?« sagte Kaspar ruhig, »dann müßte ich ja jetzt auch +klatschen, wenn ich dir verriete, was er mir auf meine Fragen +geantwortet hat. Nee, Ursemi, nun halt ich erst recht dicht.«</p> + +<p>Und wieder lachte Herr Winkler behaglich vor sich hin und meinte: +»Kindsköpfe seid ihr doch! Kaum drei Minuten seid ihr beisammen, da +kriegt ihr euch am Kragen. Das kann ja gut werden.«</p> + +<p>»Na, als ob ich schuld wäre —«</p> + +<p>»Sage ich ja gar nicht, Kind, freue mich nur, daß du wieder einen hast, +der dir gewachsen ist.«</p> + +<p>»So — Schadenfreude. Übrigens — abwarten! Mit Kaspar bin ich noch +immer famos ausgekommen.«</p> + +<p>»Stimmt, aber fertig geworden doch wohl nicht so ganz,« meinte Herr +Winkler schmunzelnd.</p> + +<p>»O bitte,« wandte nun Kaspar ein, »ich erkenne Ursemis völlige +Oberhoheit ohne jeden Streit an.«</p> + +<p>»Eben darum, lieber Junge,« sagte der Fabrikherr gelassen, »sie liebt +keine Pyrrhussiege.«</p> + +<p>»Vater, nochmals, bitte, nicht so gelehrt,« fiel nun Ursemi wieder +schmollend ein, »du weißt doch, daß ich Geschichte mit Vorliebe +geschwänzt habe — Gott, die selige, greuliche Gouvernante.<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> Weißt du, +Kaspar, daß die alte Schachtel — Pardon, das liebe, lederne Geschöpf +noch geheiratet hat?«</p> + +<p>»Nein,« antwortete Kaspar, »das ist allerdings erstaunlich.«</p> + +<p>»Ja,« fuhr Ursemi fort, »einen Witwer mit zwei erwachsenen Kindern +— ungefährlich, aber immerhin doch ein richtig gehender Mann. Und +unsereins kriegt keinen, beim besten Willen keinen, obwohl sich Mama +die größte Mühe gibt. Nächstens meldet mich Schwester Dente für die +Mission an, aber ich will nur nach Grönland, und da ist die Mission +gerade eingegangen.«</p> + +<p>Kaspar lachte hellauf, während Vater Winkler ironisch meinte: »Labrador +ist ja noch im Gange, dort ist es ebenso kalt. Meinen Segen und die +nötige Ausstattung in Seehundsfellen und Lebertran bin ich anstandslos +bereit zu bewilligen.«</p> + +<p>»So ist er nun, der Vater! Erst nennt er uns Kindsköpfe, und dann macht +er selber die faulsten Witze.«</p> + +<p>»Ja — mit den Wölfen muß man heulen,« erwiderte lakonisch der +Fabrikherr.</p> + +<p>Da packte ihn seine Tochter ausgelassen um den Hals, gab ihm einen +herzhaften Kuß und rief schelmisch: »Nee, Väterchen, so bald wirst du +dein Ursekindchen nicht los, und als Ramschware lassen wir uns nicht +verkaufen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p> + +<p>Glückselig wehrte Vater Winkler seinen großen Wildfang ab und sagte mit +geheuchelter Würde: »Kinder, jetzt benehmt euch! Wir kommen ins Dorf, +und unser Renommee ist so wie so nur mäßig. Jeden Tag liebkost sie +mich nämlich hier zwei- bis dreimal auf offner Straße. In Reda dagegen +spielt sie die kühle <span class="antiqua">Lady patroness</span>. Umgekehrt wäre es mir +eigentlich lieber.«</p> + +<p>In der Tat schritt man nun gemessener dem Hotel zu.</p> + +<p>Bei der Ankunft flüsterte Ursemi ihrem Freunde leise zu: »Er macht +mir Sorge, der gute Vater, er muß recht lange hierbleiben, daß er mir +wieder frisch wird.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In ungetrübtem Frohsinn glitten die schönen Ferientage nur allzu rasch +dahin.</p> + +<p>Wagenfahrten und Fußwanderungen wechselten miteinander ab; allerlei +Bekanntschaften wurden gemacht, darunter die eines näheren Landsmannes, +eines Grafen Harry Brosyn, dessen Vater dem Fabrikherrn als ein +oberschlesischer Kohlenmagnat flüchtig bekannt geworden war.</p> + +<p>Der junge Brosyn wollte jedoch nicht nur als Sohn seines Vaters +gewertet werden, sondern erklärte vergnüglich: er habe den Ehrgeiz +als selbständige Nummer zu figurieren, denn er<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> lebe schon längst in +Gütertrennung mit seinem alten Herrn. Zwar betrachte Brosyn senior das +einstweilen als einen der mancherlei Sparren seines <span class="antiqua">filius</span>, aber +mit der Zeit werde er, der <span class="antiqua">filius</span>, dem Herrn Papa den nötigen +Respekt vor der Firma Brosyn junior schon noch abringen.</p> + +<p>Wie sich herausstellte, hatte der Graf Harry Brosyn trotz seiner +27 Jahre schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Erst +Kavallerieoffizier, dann Gesandtschaftattaché in Argentinien, hatte +er sich auch zweimal an wissenschaftlichen Expeditionen beteiligt und +dazwischen einige Semester in Freiberg und Berkeley Bergbau studiert. +Jetzt war er bei einer großen Minenunternehmung in Kalifornien +beteiligt und hielt sich nur vorübergehend, erst in Pontresina, nun in +Sils auf, um einen letzten Rest von Malaria wegzukurieren.</p> + +<p>Harry war ein unterhaltsamer, witziger Gesell, ein immer fröhlicher, +guter Kamerad ohne jede Feierlichkeit und frei von Adelstolz. An der +schlichten Redaer Gesellschaft schien er jedenfalls weit mehr Gefallen +zu finden als an den feudalen Kurgästen Pontresinas, die ihm zu +seinem Ärger gelegentlich nach Sils Maria »nachstiegen«, wie er sich +burschikos auszudrücken beliebte.</p> + +<p>Mit Ursemi stand Graf Harry ähnlich wie Kaspar auf einem keck +kameradschaftlichen Neckfuß und ließ sich von den gelegentlichen +Launen<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> der jungen Gnädigen, wie er sie gern nannte, wenig imponieren. +Trotzdem trug er seine Zuneigung mit der Zeit immer offner zur Schau.</p> + +<p>Mama Winkler hatte nichts gegen den Grafen einzuwenden, nur daß er so +weit weg wohnte, war ihr ungemütlich. Herr Winkler hatte sogar seine +stille Freude an der ungebrochenen Kraft und dem Lebenstrotz dieser +willensstarken Persönlichkeit, wenngleich ihm die kaufmännischen +und bergbaulichen Riesenpläne des jungen Selfmademan ein wenig +abenteuerlich vorkommen wollten. Aber er dachte bei sich: dergleichen +Burschen müssen reichliche Ellbogenfreiheit haben.</p> + +<p>Mit Sebalt vermochte der junge Graf am wenigsten Seide zu +spinnen, obwohl ihm der Leipziger Studiosus unverkennbare Achtung +entgegenbrachte.</p> + +<p>Dagegen schien Harry für Kaspar nach und nach eine redliche Neigung zu +empfinden; nur der Lehrerberuf imponierte ihm durchaus nicht, und immer +wieder redete er Kaspar zu: er solle seinen Bakel an die Wand hängen +und mit ihm hinüber nach Kalifornien kommen als sein Privatsekretär, +er wolle ihn schon managen. Umsatteln müsse Kaspar doch einmal, so gut +wie er selber — er kenne die Sorte Menschen, die das nötig hätten, zu +genau. Und je eher, um so besser.</p> + +<p>Kaspar lachte, aber gestand sich heimlich, daß<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> der lustige Minengraf +vielleicht nicht so ganz unrecht hatte mit dem Umsatteln; nur war es +für ihn noch nicht an der Zeit. Erst mußte er wissen, woran er mit der +Brüdergemeine war.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auch Herr Winkler sprach einmal mit Kaspar darüber, als dieser +ihn fragte, ob er ihm nicht den größten Teil des gesandten Geldes +zurückerstatten dürfe. Die Kosten der Reise hin und zurück würden kaum +120 Mark betragen.</p> + +<p>Der Fabrikherr lächelte mild und sagte: »Drückt dich das Geschenk schon +wieder, stolzer Kaspar? Behalte die paar Moneten nur ruhig! Du wirst +sie schon brauchen, eher vielleicht, als du denkst. Mich anzuborgen +würdest du ja auch in der größten Not nicht über dich gewinnen, und +noch hast du einen weiten Weg vor dir, lieber Junge. Wie wirds denn mit +deinem Dienstjahr?«</p> + +<p>»Ich weiß es noch nicht. Bleibe ich im Gemeindienst, so bekomme +ich die uns dafür ausgesetzte Unterstützung; sonst gedenke ich +Königsfreiwilliger zu werden. Zur Not diene ich zwei Jahre, ich habe +nichts zu versäumen.«</p> + +<p>»Weißt du das so genau, Kaspar? Wer weiß, was deines Lebens Ziel +und eigentlicher Inhalt sein soll? Jetzt bist du erst bei den +Vorbereitungen, also verliere nicht unnötig Zeit. Später könnte<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> es +dich bitter gereuen. Im übrigen freue ich mich, daß du so gern deine +Arbeit in Tramberg tust, und daß du den Straßburger und Londoner +Ausflug machen durftest. Paß auf, er wird dir mehr austragen, als du +ahnst. Du siehst mich verwundert an. Ja, Lieber, man muß alt sein, um +die volle Wirkung starker Jugendeindrücke ganz ermessen zu können. +Es wäre darum wirklich nicht das Dümmste, wenn du den Vorschlag des +jungen Grafen mal in ruhige Erwägung zögest. Nein, bitte, lache nicht! +Ich meine es ganz im Ernst und habe selbst schon mit Brosyn darüber +gesprochen. Und du weißt, du kannst jederzeit, wenn dir daran liegt, +durch mich deine Verpflichtungen der Unität gegenüber lösen. Tramberg +ist ganz gut für dich, das zeigt dein frischeres, gefestigteres Wesen, +Kaspar. Aber es kann für Menschen — oder ich will nun richtiger sagen, +für Männer deiner Art — nur eine Durchgangsstation sein.«</p> + +<p>Kaspar schwieg eine Weile nach seiner Gewohnheit. Hatte er über Brosyns +Worte seinerzeit gelacht, so gaben ihm nun Herrn Winklers Anregungen um +so mehr zu denken.</p> + +<p>Der Fabrikherr merkte es und setzte schonend hinzu: »Na — nur ruhig +Blut, es soll weiter nichts als ein kleiner, väterlicher Wink sein, +damit du nicht Gefahr läufst, dich einzuspinnen, wie das die Herrnhuter +lieben. Ein rechter Kerl muß<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> sich auch mal den Sturm des großen +Weltozeans um die Nase wehen lassen, sonst erfriert sie ihm schließlich +beim ersten scharfen Mailüfterl des Lebens. Nach Paris zu reisen nützt +einem Deutschen von heute nichts mehr, und London nur wenig! Die Welt +ist kleiner und enger geworden. Sieh dir diesen Harry an, der treibts +freilich gleich ein bißchen toll — aber es schadet nichts. Wenn er +nicht von der Rahe stürzt, fährt er einmal mit eigner Jacht stolz zu +den Gruben seines Vaters zurück. Denn zurückkommen wird auch er einmal, +wenn er in die Jahre des tiefen Heimwehs gerät. Ich dachte mit 25 +Jahren in Baltimore auch ernstlich daran nie wiederzukehren und träume +noch jetzt manchmal heimlich unter meinen Redaer Blaufichten von den +Redwoods der Rocky Mountains. Sehnsucht oder Heimweh fehlt hüben und +drüben nicht, sie wechseln nur die Richtung, je nach den Jahren.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die richtige Antwort auf die ihn tief aufregenden Fragen des +Fabrikherrn konnte Kaspar nicht so rasch finden, aber nach einigen +Tagen sagte er Herrn Winkler in aller Entschiedenheit: Er wolle +vorerst den ihm liebgewordenen Beruf zu Tramberg ruhig weiter ausüben. +Noch fehle ihm innerlich jedes Recht, der Brüdergemeine und der<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> ihm +liebgewordenen Anstalt den Rücken zu kehren.</p> + +<p>Herr Winkler nickte nur gleichmütig zu diesem Bescheid, im geheimen +aber triumphierte er doch: »Er ist ein Charakter, der Junge! Ich +brauche mich nicht zu sorgen, den wirft nichts so leicht aus seiner +Bahn. Für den ist Tiefe mehr als Weite.«</p> + +<p>Unterdessen bereitete sich ein neuer Sturm vor, der Kaspars Seele +schwerer erschüttern sollte als die Anregungen Brosyns und Vater +Winklers.</p> + +<p>Unbefangen wie in alter Zeit hatte Kaspar mit Ursemi all die Tage +über verkehrt, obwohl die taufrische Anmut der nun vollerblühten +Jugendgespielin stärker als je zuvor auf seine durch das Londoner +Abenteuer plötzlich geweckten Sinne wirkte.</p> + +<p>Die leichtsinnige Andeutung Hans Sebalts in Zernez hatte Kaspar nicht +weiter ernsthaft genommen; aber die Folgezeit bestätigte ihm rasch, +daß Ursemi ihm redlich zugetan war, wenn auch wohl — wie Kaspar sich +einredete — mit schwesterlicher Zuneigung.</p> + +<p>Als er jedoch mit dem seit Leipzig wirklich oft unleidlichen Hans +Sebalt noch einmal auf dies heikle Kapitel zu sprechen kam, erklärte +ihm dieser am Ende eines für Kaspar wenig glücklichen Disputs: +Geschwisterliche Zuneigung zwischen jungen Menschenkindern, die nicht +leibhaftige Geschwister sind, wäre ebensolcher Unsinn wie jede<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> +Freundschaft zwischen etwa gleichaltrigen Menschen verschiedenen +Geschlechts.</p> + +<p>Kaspar ließ sich nicht irre machen bis zu dem Tage, an dem er zum +ersten Male wahrzunehmen glaubte, daß Ursemi dem jungen Grafen Harry +ebensowenig gleichgültig war wie ihm selber.</p> + +<p>Von da an belauerte Kaspar argwöhnisch jede Regung seiner Seele, und +von Tag zu Tage ward es ihm klarer, daß in ihrem Grunde ein dumpfes +Angstgefühl um Ursemi, ja — es war eine Schmach — auch etwas wie +Eifersucht gegen den Grafen sich leise zu regen begann.</p> + +<p>Nunmehr war es um Kaspars Unbefangenheit geschehen. Er wurde stiller +und einsamkeitsbedürftiger. Er begann nach seiner alten Weise zu +grübeln, mit sich abzurechnen und schließlich ernstlich mit sich zu +ringen.</p> + +<p>Er sollte sich rechtschaffen freuen — so suchte er sich immer wieder +mühsam einzureden — daß ein so gescheiter, willenskräftiger und +vornehmer Mensch wie Harry Brosyn auf dem besten Wege war, die Liebe +und die Hand Ursemis zu erringen. Dieser Graf war doch wahrhaftig eine +ganz andere geistige wie charakterliche Potenz als die Sorte Brettwitz +oder Darich. Und ein Mann wie Harry war nicht nur Ursemis unbändiger +Art gewachsen, sondern auch am ehesten imstande, mit Tatkraft und +Weitblick dermaleinst die gewaltigen Winklerschen<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Werke fortzuführen +und den mächtigen Grundbesitz zu verwalten und zu erhalten. Das war ein +doppeltes, ein seltenes Glück für die Eltern Winkler.</p> + +<p>Und all demgegenüber war es doch rein lächerlich, wie er, der armselige +Stipendiat, der kleine Privatlehrer mit 25 Mark Monatsgehalt und freier +Station, überhaupt nur auf den schier wahnsinnigen Gedanken kommen +könnte, seine Augen begehrend zu dieser Millionärstochter zu erheben. +Unrecht, ja Frevel wars!</p> + +<p>Mit Vernunftgründen ließen sich jedoch auf Kaspars Gedankenwalstatt +noch so viele siegreiche Gefechte führen; dennoch erhob das +aufrührerische Gesindel seiner elementaren Empfindungen immer wieder +tückisch und erfolgreich die Fahne des Aufruhrs gegen den gebietenden +Verstand.</p> + +<p>Die Tatsache ließ sich nicht leugnen, daß in Kaspar eine +leidenschaftliche Neigung für Ursemi immer stärker emporflammte, so +daß er selber sich zuletzt gestehen mußte, dergleichen Gefühle für +brüderliche Liebe zu erklären, wäre nichts anderes mehr als eine +gemeine und lächerliche Notlüge.</p> + +<p>Da faßte Kaspar den Entschluß abzureisen, noch ehe er sich verraten. +Das war nur leichter gedacht als getan.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Man wußte im Redaer Freundeskreise sehr genau, wann Kaspars Ferien +zu Ende gingen, und seine Ausflüchte — er habe noch in Tramberg zu +arbeiten — glaubte ihm keiner.</p> + +<p>Kaspar hatte wirklich kein Talent zum Lügen. Man sah ihm, wie Hans +Sebalt spöttelte, jede Schwindelei gleich an der erbleichenden +Nasenspitze an.</p> + +<p>Kaspar war rechtschaffen in Verlegenheit um eine Ausflucht. Da fiel +ihm zum Glück ein, daß es ja in Tramberg eine Ferienaufsicht gäbe. +In erster Reihe kamen da freilich die Herren in Frage, die auf +Generalunkosten die große Schweizerreise mitgemacht hatten; aber Kaspar +brauchte sich ja nur um eine Vertretung bitten zu lassen.</p> + +<p>Und so schrieb er schleunigst an Martin Muffke. Umgehend kam folgende +lapidare Antwort zurück:</p> + +<p>»Lieber Holzkollege! Sie sind zwar ein Pflichtprotz und ein total +verrücktes Huhn, aber meine Ferienaufsicht möge Ihnen wohltun. +<span class="antiqua">Habeatis</span> vom 19. bis 22. September, Max. Postskriptum: Meine +können Sie auch kriegen! Moritz.«</p> + +<p>Nun hatte Kaspar seinen triftigen Grund und traf auch sobald wie +möglich Anstalten zur Abreise.</p> + +<p>Die alten Winklers bedauerten seinen Entschluß;<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Sebalt witzelte +niederträchtig etwas von ministeriellen Gesundheitsrücksichten; +Graf Harry schlug Kaspar kurzer Hand vor, wegen dieser verdammten +Ferienaufsicht seinen Abschied einzureichen. Nur Ursemi sprach kein +Wort.</p> + +<p>Als sie aber bald darauf einmal mit Kaspar allein im stillen Garten des +Hotels saß, sagte sie ihm plötzlich auf den Kopf zu: Er sei ein feiger +Ausreißer.</p> + +<p>Kaspar erschrak. Sollte er sich doch verraten haben?</p> + +<p>Mit mühsamer Fassung erwiderte er: »Laß es gut sein, Ursemi. Ich muß +wirklich heim.«</p> + +<p>»Ich kenne ja deinen Dickkopf zur Genüge,« meinte Ursemi herb, ja ein +wenig scharf, »aber wenn du glaubst, mich täuschen zu können, dann +irrst du dich.«</p> + +<p>»Täuschen, wieso?« fragte Kaspar unsicher.</p> + +<p>»Daß deine Arbeiten und Ferienaufsicht Flausen sind, wissen wir alle. +Und wenn du es nicht zugeben willst, dann will ich dir nur sagen, daß +mir Hans — was freilich perfide war — den famosen Uriasbrief auf +deinem Schreibtisch gezeigt hat, den du dir da von deinen Spießgesellen +Max und Moritz hast schreiben lassen.«</p> + +<p>Nun lachte Kaspar, allein so ganz geheuer war ihm nicht; denn Ursemi, +die sonst viel zu gern mitlachte, blieb völlig ernst und fuhr leise<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> +fort: »Weißt du noch, Kaspar, was du mir voriges Jahr in Reda gesagt +hast, als ich Chancy erwähnte?«</p> + +<p>Kaspar erbleichte ein wenig, antwortete jedoch ruhig: »Gewiß, und ich +dächte, ich hätte dir doch in diesen Tagen zur Genüge gezeigt, daß ich +dich einem ehrenhaften Manne gönne.«</p> + +<p>»Sehr gütig — lieber Junge,« unterbrach ihn Ursemi spöttisch, »aber +das meine ich nicht. Sondern ein gewisser jemand vermaß sich voriges +Jahr hoch und heilig: nie eifersüchtig sein zu wollen. Und jetzt reißt +er aus, weil ers doch geworden ist und sich dessen schämt.«</p> + +<p>»Liebe Ursemi,« sagte Kaspar nach einer peinlichen Pause langsam, »was +hast du wohl davon, wenn du mich hier demütigst und quälst? Ich darf +dir über das, was mich im Tiefsten bewegt, doch keine Auskunft geben. +Du weißt so gut wie ich, daß auch der willenskräftigste Mensch nicht +immer seiner letzten Gefühle völlig Herr zu werden vermag. Jeder von +uns hat ein verschleiertes Tempelbild im Herzen, das er vielleicht +selbst nicht zu enthüllen wagt.«</p> + +<p>»Wenn du orakeln willst, lieber Kaspar, dann bitte suche dir jemand +anderen aus. Warum hast du denn nicht den Mut, mir klipp und klar zu +gestehen, daß du auf Harry eifersüchtig bist?«</p> + +<p>»Weil das Unsinn wäre,« fuhr es nun Kaspar<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> heftig heraus, »weil ich +nicht eine Spur von Recht dazu hätte. Ich hätte höchstens allen Anlaß, +mich zu freuen, daß ein so tüchtiger, prächtiger und dir ebenbürtiger +Bursche wie Harry sich für dich interessiert.«</p> + +<p>»So? Woher weißt du denn das?«</p> + +<p>»Ich glaube, das sieht ein Blinder.«</p> + +<p>»Im Gegenteil, nur ein überscharf Sehender, ich weiß nichts davon.«</p> + +<p>»Dann bitte ich um Verzeihung, Ursemi. Ich bin ein Narr, so oder so.«</p> + +<p>Nun wurde die scharfe Ursemi plötzlich wieder die alte.</p> + +<p>Mit siegesfrohem Lachen trat sie auf Kaspar zu, klopfte ihm vertraulich +auf die Schulter und sagte launig: »Na, siehst du wohl, nun bekommst +du als armer Narr und Sünder auch Absolution dafür, daß du dir in +Gedanken schon ausklamüsert hast, ich ginge nächstens mit Graf Harry +Gold graben. Habe durchaus keine Lust dazu. Und noch eins, mein +Lieber! Das Recht, auf jeden, der dir deine Pflegeschwester fortholen +will, greulich eifersüchtig zu sein, das Recht räume ich dir hiermit +ausdrücklich ein, da du es dir nicht zu nehmen wagst, und es am +Ende doch nicht lassen kannst. Aber dafür wahre ich mir auch mein +Recht, es dir ganz gewaltig übel zu nehmen, wenn du bei jedem bißchen +Herzbeklemmung gleich ausrücken<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> willst. Wurscht wider Wurscht — +wie es unter guten Kameraden üblich ist. Und nun brav nebeneinander +ausgehalten — wies auch kommt. Hier Hand drauf und nicht gemuckst!«</p> + +<p>Aufatmend schlug Kaspar ein. Es war ihm, als fiele ihm ein Stein vom +Herzen. Dann ging er eilends auf sein Zimmer hinauf und schrieb Max und +Moritz einen sehr verklausulierten Absagebrief.</p> + +<p>In ungetrübter Stimmung gingen die Ferien zu Ende. Kaspar genoß die +letzten Tage mit einem so bewußten Glücksgefühl wie nicht einmal die +ersten Tage. Ursemi goß gleichsam Öl in seine Herzenswunden.</p> + +<p>Dann fuhr er mit froher Arbeitsehnsucht nach Tramberg. Bis Innsbruck +begleitete ihn Hans Sebalt.</p> + +<p>Kurz zuvor hatte sich Harry Brosyn verabschiedet. Hans behauptete steif +und fest: der junge Graf habe sich einen Korb geholt.</p> + +<p>Kaspar zuckte mit den Achseln und meinte nur: »Schade, wenns wahr ist.«</p> + +<p>Da lachte Hans Sebalt wieder spöttisch in sich hinein und dachte +überlegen bei sich: Ich sollte an seiner Stelle stehn, ich wäre nicht +so dumm.</p> + +<p>Der Abschied der beiden Missionskinder war nicht ganz so herzlich wie +ihre erste Begrüßung.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel<br> +<span class="s4"><b> Die Tänzer</b></span></h3> +</div> + +<p>Dank der Freigebigkeit Herrn Winklers war es Hans Sebalt möglich, +den kostspieligen Tanzunterricht zu bezahlen, und so war sein Erstes +in Leipzig, Herrn Niemeyer aufzusuchen und mit ihm das Nähere zu +verabreden.</p> + +<p>Besonderes Vergnügen konnten die beiden Studenten der Sache freilich +nicht abgewinnen. Anfangs sahen die mit Spannung erwarteten Lektionen +Freiübungsturnstunden verzweifelt ähnlich, und auch, als die Dämchen +erschienen, ward es nicht weiter aufregend, zumal die betreffenden +Mamas den Abenden beiwohnten und die Töchter zumeist nur gut dressierte +Gänschen waren, mit denen eine Unterhaltung sich kaum lohnte.</p> + +<p>Der Schlußball kostete einen Frack, zwei Paar Handschuhe, ein Bukett +und einiges Geld; von wirklichem Vergnügen war nicht die Rede, um so +mehr als Niemeyer und Sebalt sich gestehen mußten, daß sie noch immer +nicht richtig und flott tanzen konnten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p> + +<p>Ein alter Restaurantpächter, der an ihrem Tische saß, bemerkte das +auch, meinte aber lachend: tanzen lernten die Wenigsten in einer +solchen Tanzstunde. Die Mädels könntens vorher, und die Herren lerntens +meist erst nachher auf den Vorstadtbällen. Er schlüge ihnen darum vor, +demnächst einmal zu ihm nach Lindenau herauszukommen, da würden sies im +Fluge lernen.</p> + +<p>Niemeyer und Sebalt ließen sich das nicht zweimal sagen und wurden bald +Stammgäste im fröhlichen Lindenau.</p> + +<p>In der Tat lernten sie, dank einiger energischer und +unternehmungslustiger Dämchen, das Tanzen nun rasch und ärgerten sich +nachträglich noch über das viele Geld, das sie im Tanzkursus ausgegeben +hatten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In Lindenau sah Hans Sebalt eines Sonntagnachmittags zu seiner +freudigsten Überraschung in einer Ecke des Saales endlich die stolze +Brünette aus dem Rosental wieder, deren Spur er — trotz aller +Nachforschungen in Monplaisir und anderswo — völlig verloren hatte.</p> + +<p>Schnell entschlossen ging Hans auf die so lange schon heimlich Verehrte +zu und bat sie um einen Tanz.</p> + +<p>Trotz seiner tadellosen Verbeugung sagte die<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> große Unbekannte nur sehr +stolz und wie gelangweilt: »Ich danke, ich tanze nicht.«</p> + +<p>Und Hans machte eine zweite, weniger tadellose Verbeugung und ging mit +pumpelrotem Kopf an seinen Platz zurück.</p> + +<p>Er war außer sich vor Aufregung und verletzter Eitelkeit. Er schämte +sich vor all den Hunderten von Menschen, als habe jeder einzelne seiner +Abweisung persönlich beigewohnt.</p> + +<p>Am liebsten wäre er spornstreichs davongelaufen, aber er wollte sich +vor Niemeyer nichts vergeben. Im Gegenteil dachte er rasch: nur nichts +merken lassen, nur ihr zeigen, daß du dir nicht imponieren läßt.</p> + +<p>So tanzte er drauf los, so flott und sicher wie noch nie vorher, und +jedesmal, wenn er an der heiklen Ecke vorüberwirbelte, sah er so +triumphierend wie nur irgend möglich nach der schönen Brünetten, auf +deren stolzen Mienen er jedoch zu seinem geheimen Ärger nicht den +geringsten Eindruck wahrnehmen konnte.</p> + +<p>Wie eine Sphinx saß sie unbeweglich da und sah gleichgültig, ja fast +melancholisch dem rauschenden Treiben zu.</p> + +<p>Hans Sebalt tanzte mit einigen hübschen und liebenswürdigen Mädchen, +aber seine Gedanken waren unwiderruflich bei der Brünetten.</p> + +<p>Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> ihr beikommen konnte; +scheinbar hatte sie keine Bekannten im Saale.</p> + +<p>Hans Sebalt gab seinem Herzen einen Stoß und zog Niemeyer teilweise +in sein Geheimnis, das heißt, er schimpfte ganz gehörig über die +eingebildete Person, die sich da vorn hinsetze und nicht tanzen wolle +und doch wahrscheinlich auch nichts besseres sei als die anderen Mädels +alle.</p> + +<p>Schließlich setzte Sebalt dem Kommilitonen zu, <em class="gesperrt">er</em> solle doch +einmal sein Heil versuchen.</p> + +<p>Niemeyer war ein forscher Kerl, lachte, ging hin, stellte sich höflich +vor und — zu Sebalts maßlosem Erstaunen und Ärger — tanzte die stolze +Brünette sofort mit ihm.</p> + +<p>Und wie tanzte sie! Wie eine Göttin schien sie Hans Sebalt, dem Neid +und Eifersucht an der Seele nagten, dahinzuschweben.</p> + +<p>Ruhig und sicher führte sie den noch ein wenig unsicheren Niemeyer +durch das Gewühl wie eine geborene Ballkönigin. Und als sie an Hans +Sebalts Platz vorüberglitt, da schien ihm, als husche ein spöttisches +Lächeln über ihre edel gleichmäßigen Züge. Kurz darauf hielt sie +an ihrem Platze vor der Zeit inne, verneigte sich huldvoll gegen +den dankend dienernden und vor Stolz glühenden Niemeyer, nahm ihre +Handschuhe und ging langsam und hoheitsvoll hinaus — an Hans vorbei, +würdigte ihn aber keines Blickes.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p> + +<p>Strahlend kam Niemeyer zu dem bestürzten Sebalt zurück.</p> + +<p>»Donnerwetter, die kann tanzen,« prahlte er, »so was Graziöses ist mir +noch gar nicht vorgekommen! Du, das ist was Feines! Die hat sich bloß +hierher mal verlaufen. Aber nobel wars — danke dir tüchtig, daß du mir +zu dem Genuß verholfen hast.«</p> + +<p>Hans Sebalt schäumte innerlich vor Wut; aber er sagte großspurig: »Pah +— das dumme Frauenzimmer will mich ja nur ärgern. Darum allein hat sie +mit dir getanzt.«</p> + +<p>»Sebalt — mein Sohn —« fuhr nun Niemeyer beleidigt auf, »willst du +das dumme Frauenzimmer sofort revozieren oder —«</p> + +<p>»Meinetwegen,« lenkte Sebalt klug ein, »also sag mir mal lieber, wie +heißt der Besen?«</p> + +<p>»Besen — neue Beleidigung — revoziere oder —«</p> + +<p>»Alles, was du willst,« sagte Sebalt nun gemütlich, »aber an dir +scheint die junge Dame — ist dirs so recht?«</p> + +<p>»Jawohl — junge Dame — sage lieber entzückende, reizende Dame —«</p> + +<p>»Na, Niemeyerchen, du scheinst ja ordentlich Feuer gefangen zu haben.«</p> + +<p>»Habe ich auch — genau so wie du, mein Sohn Sebalt! Nur — daß ich dir +einstweilen<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> einige Nasenlängen zuvor gekommen bin. Trage es mit Würde, +mein Sohn!«</p> + +<p>»Werde mich bemühen. Übrigens ihren Namen kannst du mir wohl verraten.«</p> + +<p>»Könnte ich, da hast du recht. Werde aber den Deubel tun. Damit du +morgen im Adreßbuch nachsuchst, hinstürzt und mir wieder den Rang +abläufst. Nee, min Jung, so helle bin ich auch.«</p> + +<p>Jetzt konnte Sebalt seinen Ingrimm doch nicht mehr verhehlen und brach +offen los: »Na, weißt du, sehr anständig finde ich das nicht. Du weißt, +ich interessiere mich für die Dame und — eins, zwei, drei — schnappst +du sie mir vor der Nase weg.«</p> + +<p>Niemeyer lachte gemütlich und erwiderte: »Sebalt, mein Sohn, höre die +Weisheit des Brahmanen Niemeyer: Erstens, in Geld- und Weibersachen +hört unter den besten Freunden jeder Anstand auf. Zweitens, wenn du +dich für die nette Schwarze da wirklich interessierst, dann hast du das +so famos angedreht, daß mir zwar das Herz im Leibe lacht, aber deine +Dummheit eigentlich jeder Beschreibung spottet. Drittens frage die +Pythia, was ich dafür kann, daß dies entzückende Persönchen mich lieber +mag als dich? Und viertens bist du ein braver Sohn der Herrnhuterei und +weißt mit hübschen Mädchen, wie ich aus Erfahrung weiß, doch nichts +anzufangen. Darum danke deinem Schöpfer, Sebalde Nothanker, daß<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> du +durch mich davor bewahrt bleibst, an diesem höchst gefährlichen Felsen +zu scheitern. Prosit!«</p> + +<p>Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel und trank seinem Partner +zu, tatsächlich war ihm übel zumute.</p> + +<p>Er brannte innerlich vor wilder Eifersucht gegen den humorigen Spötter +und war zugleich gewaltig ergrimmt über seine Dummheit.</p> + +<p>Hatte er das schöne Mädchen nicht heute abend doppelt verloren?</p> + +<p>Weinen hätte er mögen über dieses Mißgeschick, denn seit dieser Stunde +wußte er ganz genau, daß er die stolze Brünette liebte, liebte mit +aller Leidenschaft seiner erregten Sinne — liebte bis zur Raserei!</p> + +<p>Sollte er Niemeyer, der im Grunde ein guter Kerl war, nicht alles +ehrlich enthüllen? Sollte er nicht lieber klein beigeben und den Freund +bitten, nur diesmal zurückzustehen?</p> + +<p>Nein — betteln wollte er nicht — dazu war er denn doch zu stolz. +Erobern wollte er sich das stolze Weib schon noch — es koste, was es +wolle.</p> + +<p>Wenn sie nur wieder herein käme! Dann war doch die Aussicht vorhanden, +daß er sie wenigstens durch Niemeyer noch kennen lernte.</p> + +<p>Vielleicht grollte sie ihm nur, weil er sich nicht vorgestellt hatte — +vielleicht war sie zu<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> besänftigen, vielleicht hatte sie es wirklich +nur darauf angelegt, ihm einen kleinen Denkzettel zu geben für seine +frühere Neugier — vielleicht, vielleicht — wenn sie nur käme!</p> + +<p>Aber sie kam nicht wieder, und die köstliche Spur war wieder verloren, +anscheinend für immer.</p> + +<p>Auch Niemeyer fand sie nicht im Adreßbuch. Wahrscheinlich hatte er den +Namen gar nicht richtig verstanden.</p> + +<p>Der weise Brahmane wußte sich jedoch rasch zu trösten.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Die pädagogische Ohrfeige</b></span></h3> +</div> + +<p>Mit dem neuen Schuljahr, das nach den großen Ferien begann, hatten in +der Tramberger Anstalt allerlei Veränderungen stattgefunden.</p> + +<p>Der behäbige und ein wenig schwerfällige »Papa Schnäbele« hatte in +den Ferien plötzlich den Mut gefunden, sich mit einer »arg luschtigen +Wüschtebergerin« zu verloben und machte nun ebenso plötzlich ernst mit +seinem alten Plan, auf die Mission zu gehen.</p> + +<p>Die Kollegen und der »Chef« verloren den immer behaglichen und doch +zuverlässigen, überdies stets gefälligen Schwaben sehr ungern; nur Herr +Schlegelmeyer atmete erleichtert auf.</p> + +<p>Besonders trauerte der Doppelkollege um seinen großmütigen +Zigarrenlieferanten, zu dem ihn ein gleichgeartetes Temperament +gezogen hatte, das wohl nicht ganz unabhängig war von der ähnlichen +Körperveranlagung.</p> + +<p>Am meisten vermißte Kaspar den wackeren Schwaben; denn nun erst merkte +er deutlich, wie<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> viel Mühe ihm die scheinbar so mühelose Autorität +Schnäbeles auf der 4. Stube erspart hatte.</p> + +<p>Es waren eine ganze Anzahl neuer Knaben eingetreten, die besten wie +Ronald Hooper und zwei seiner Peers, Schaffhuser und der größte Teil +seiner Baseler Sippe rückten auf die 3. Stube vor, und ein neuer +Kollege trat ein.</p> + +<p>Bruder Abraham war ein älterer Theologe, der mit seinem breiten, +blonden Vollbart sehr väterlich anmutete, fast noch mehr als der gute +»Papa Schnäbele«, aber er war es gar nicht. Im Gegenteil, Abraham war +ein leicht aufgeregter, schwieriger und empfindlicher Herr, der schon +an zwei anderen Anstalten sich nicht recht eingepaßt hatte.</p> + +<p>Mit Rücksicht auf seine angegriffenen Nerven hatte sich die Behörde +schließlich bereit finden lassen, ihn nach dem gesunden Tramberg +zu berufen, obwohl der »Chef« wenig Lust zeigte, den als unbequem +verrufenen Lehrer einzustellen. Am liebsten hätte er Bruder Abraham +wenigstens ohne Aufsichtdienst gelassen, aber es ging durchaus nicht an.</p> + +<p>Es waren schon drei Supernumerare vorhanden: der Musiklehrer Herr +Vogel, der »als echter Piepmatz immer in den Wolken schwebte,« wie +Moritz ulkte; der Doppelkollege, der trotz des besten Willens ohne jede +Autorität blieb, und endlich der<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> älteste Lehrer, Herr Hinzelmann, +der bereits Diakonus war, Pflegergehalt bezog und trotzdem noch oft +genug mit Aufsicht aushalf, da er bei allen Knaben, besonders bei den +Engländern, sehr beliebt war.</p> + +<p>Also kam Bruder Abraham auf die 4. Stube, aber das Unglück kam mit ihm.</p> + +<p>Schon am ersten Nachmittag hatte der neue Herr so viel zu monieren, +daß darüber das kleine Völkchen der Vierten ganz kopfscheu wurde. Die +ruhige Art des Honorable Sir Ronald Hooper war dem neuen Stubensenior, +einem Franzosen namens Henri Buriet, versagt. Vergeblich suchte er dem +Mann mit dem großen Teutonenbart mit vielen Worten und aufgeregten +Gesten klarzumachen, daß dies und das bei Herrn Schnäbele und Bruder +Krumbholtz immer so gewesen wäre und nicht anders.</p> + +<p>Bruder Abraham erklärte mit Stentorstimme, das sei ihm ganz +gleichgültig. Er sei ein alter Lehrer und wisse allein, was sich +gehöre, und dies und das würde eben bei ihm so gemacht, und damit basta!</p> + +<p>Henri Buriet fügte sich schließlich, aber ein aristokratisches Baseler +Büble und ein kleiner, englischer Tory, die das goldene Zeitalter +Hooper-Schaffhuser nicht vergessen konnten, revoltierten mit passiver +Resistenz und wurden darob von Bruder<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> Abraham, der sofort ein Exempel +statuieren wollte, schwer bestraft. Das half scheinbar für eine Stunde, +während die heimliche Mißstimmung wuchs.</p> + +<p>Als der neue Herr einmal kurz hinausging, um seinen Hut für den +Spaziergang zu holen, entrollten Henri Buriet und die anderen Gallier +sofort das Banner der Revolution. Zwei Platzstrafen an einem Tage auf +ihrer Stube, wo sonst im ganzen Monat kaum zwei vorkamen, das sei +unerhört! Ob man nicht zum Direktor gehen solle?</p> + +<p>Es ward schnell beschlossen und noch schneller ausgeführt, nur war der +»Chef« gerade nicht da.</p> + +<p>Zum Bruder Lohmann wollte man nicht gehen, der war als ein sehr +gründlicher Herr bekannt und hielt es auch stets mit den Lehrern. So +ging man also zähneknirschend mit Bruder Abraham zum Fußballspiel.</p> + +<p>Nach der Sitte seiner vorigen Anstalt bestimmte der neue Autokrat +kurzerhand selbst die Parteien, anstatt die Knaben wählen zu lassen.</p> + +<p>Buriet und einige andere protestierten abermals lebhaft, es half ihnen +nichts; aber sie rächten sich beim Spiel.</p> + +<p>Sobald die findigen Bürschlein heraus hatten, daß der neue Lehrer +schlecht spiele und kurzsichtig sei, tat man auf beiden Parteien ihm +einen<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> Schabernack nach dem anderen an, bis die tückischen Pygmäen den +blondbärtigen Riesen glücklich zu Falle brachten, und nun lachten sie +ihn noch schallend aus.</p> + +<p>Bruder Abraham ärgerte sich auch richtig darüber und verwies seinen +Untertanen mit entrüsteten Worten das ungezogene Gelächter. Als man +ihm daraufhin so sorgfältig aus dem Wege ging, daß er dreimal mühelos +gewinnen konnte, erklärte er die ganze Stube in »Stille« und ging +erbost mit seiner schweigenden Verschwörerbande im Walde spazieren.</p> + +<p>Natürlich hatte Abraham keine Ahnung von den vielgewundenen Forstwegen, +und, den absichtlich falschen Auskünften Buriets trauend, verlief er +sich mit seiner Schar so gründlich, daß diese heimlich triumphierte. +Infolgedessen kam man zum Vesper um eine gute halbe Stunde zu spät, +so daß das aufwartende Schwabenmädle ganz gehörig schimpfte und Herr +Schlegelmeyer, der Reihenchef, mit Vergnügen seinen ersten Anlaß nahm, +dem neuen Kollegen großgünstig den Text zu lesen.</p> + +<p>In der folgenden Arbeitzeit ging der Kleinkrieg zwischen Bruder Abraham +und seiner Stube lustig weiter.</p> + +<p>Obwohl von den Brüdern Lohmann wie Krumbholtz eingehend über die +Besonderheiten der 4. Stube orientiert, setzte sich Bruder Abraham<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> +dennoch über einige Gewohnheiten weg, verbot andere, — kurz +und gut, Buriet zieh ihn schließlich des größten Vergehens, des +Majestätsverbrechens: nämlich gegen die geheiligten Hausregeln zu +verstoßen. Nun war der Verfassungskonflikt da.</p> + +<p>Buriet drohte mit einer offiziellen Beschwerde und wagte, auf seinem +guten Rechte fußend, jetzt sogar, Bruder Lohmann als entscheidende +Instanz in Vorschlag zu bringen. Vergebens war jedoch alles, der neue +Selbstherrscher aller Vierten ließ sich nicht aus dem autokratischen +Konzept bringen, er verbot kurzerhand alles, auch den Weg zum »Chef« +oder zum Mitdirektor.</p> + +<p>Da zischte Buriet, giftig wie eine getretene Viper, heraus: »<span class="antiqua">caporal +prussien!</span>« und erhielt erstens eine Ohrfeige und zweitens ebenfalls +die entehrende Platzstrafe. Heulend vor Wut gehorchte der gemaßregelte +Senior zwar, aber er schwur Rache.</p> + +<p>Während des Abendessens holte er von der leeren Stube eine absichtlich +vergessene Serviette und schnitt heimlich das Rohrgeflecht des +Lehrerstuhles an.</p> + +<p>Die Katastrophe trat auch ganz nach Wunsch ein. Bruder Abraham +hielt nach dem Essen eine ausführliche Ansprache, in der er nach 14 +wohlgeordneten Punkten die 4. Stube einer gründlichen<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> Reform an Haupt +und Gliedern unterziehen wollte.</p> + +<p>Aber bei Punkt 7 — als er sich gerade recht gebieterisch zurücklegte +— brach das Rohrgeflecht knisternd durch, und ein jubelndes Hallo +begrub die stolze Reformrede.</p> + +<p>Nun kam natürlich erst eine neue furchtbare Standpauke, dann eine +völlig ergebnislose Untersuchung; denn Buriet log, daß sich die Balken +bogen, und endlich erfolgte eine große Strafarbeitzeit, in der Bruder +Abraham diktierte, grimmig umherschreitend wie ein gereizter Tiger.</p> + +<p>Um 8 Uhr hatten die Vierten ins Bett zu gehen; aber um 9 Uhr, als +schon die Ersten auf dem Schlafsaal erschienen, schrieben sie noch +unverdrossen, wenn auch meistens Unsinn, da die kleinen zum Teil neuen +Ausländer dem schwierigen und raschen Diktat weder mit dem Verstande +noch mit der Feder folgen konnten.</p> + +<p>Da erschien wie ein zürnender Engel des Gerichts Herr Schlegelmeyer auf +dem Plan und erklärte lakonisch mit der Uhr in der Hand: die Vierten +hätten spätestens um einhalb neun Uhr auf dem Schlafsaal zu sein laut +Hausordnung.</p> + +<p>Bruder Abraham erwiderte überlegen: das wisse er recht gut, es lägen +jedoch gerade heute besondere Verhältnisse vor, die auch eine besondere +Bestrafung nötig gemacht hätten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p> + +<p>Herr Schlegelmeyer sagte gelassen: »Strafen, die gegen die Hausordnung +verstoßen, darf es bei uns nicht geben. Ich bitte Schluß zu machen.«</p> + +<p>Ärgerlich fuhr der neue Kollege los: »Das ist wohl meine Sache!« Aber +mit unnachahmlicher Würde entgegnete ihm der Hannoveraner: »Sie irren, +Herr Kollege. Die Wahrung der Hausordnung ist meine Sache, und ich +bitte nochmals ihr nachzukommen, oder ich muß mich sofort zum Herrn +Direktor bemühen.«</p> + +<p>Nun lenkte Bruder Abraham ein. Mit Direktoren schien er schlechte +Erfahrungen gemacht zu haben, er war sich lieber selbst genug.</p> + +<p>Mit Haltung erklärte er also knurrend: es wäre gut, er würde jetzt +schließen.</p> + +<p>Mit einer stummen, aber tadellosen Verneigung, die jedem +Zeremonienmeister Ehre gemacht hätte, verabschiedete sich Schlegelmeyer +und schritt steif und langsam hinaus wie die personifizierte +Hausordnung selbst.</p> + +<p>Es wurde jedoch beinahe zehn Uhr, bis Bruder Abraham mit seiner +renitenten Bubenschar auf dem Schlafsaal erscheinen konnte.</p> + +<p>Denn während des Riesendiktats war von dem allzu eifrigen Pädagogen +allerlei menschlichen Bedürfnissen, die namentlich bei kleinen Kindern +eine wichtige Rolle spielen, nicht Rechnung getragen worden. Und +die jungen Revolutionäre benutzten<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> auch diese günstige Gelegenheit +ausgiebig zu einer nunmehr recht aktiven Resistenz.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mit Bruder Abraham hatten in der Folgezeit nicht nur Herr +Schlegelmeyer, sondern auch sein Spezialkollege Krumbholtz, der +Mitdirektor, Bruder Lohmann, und der »Chef« ihren weidlichen Ärger.</p> + +<p>Die Vierten, die ihren neuen Herrn seit seiner mißglückten Programmrede +nur »Punkt Sieben« nannten, setzten ihren Kleinkrieg mit einigem Erfolg +und auch mit sichtlichem Vergnügen fort, im Geheimen unterstützt von +den anderen Stuben und vor allem von der französischen und englischen +Kolonie, die sich in diesem Falle sofort fanden wie Herodes und Pilatus.</p> + +<p>Schließlich wurde das ganze Haus ein bißchen rebellisch, besonders +die von jeher dazu neigende zweite Stube, auf der nach Herkommen alle +jene bedenklichen Elemente hausten, die, aus triftigen Gründen, der +Vertrauensvorrechte der ersten Stube, die stets vorbildlich wirken +sollte, nicht teilhaftig werden konnten.</p> + +<p>Der Strafstand der zweiten und vierten Stube stieg zusehends, so daß +die Angelegenheit dem Direktor wichtig genug erschien, um auf einem der +halbmonatlichen Konferenzteeabende besprochen zu werden.<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Ehe es aber +dazu kam, passierte ein neuer Unglücksfall.</p> + +<p>Seit einiger Zeit bestand eine gewisse Spannung zwischen dem in Schul- +und Aufsichtsachen nicht immer ganz korrekten »Chef« und dem überaus +vorschriftmäßigen Lehrer der ersten Stube, Herrn Kratt, der sich bei +aller Ruhe doch nur wenig bieten ließ.</p> + +<p>Zweimal hatte der Direktor, auf irgendwelche Bitten besuchender +Verwandten hin, bestraften Knaben Urlaub erteilt, ohne — wie es +üblich war — sich vorher mit dem betreffenden Stubenlehrer, in diesem +Falle eben Herrn Kratt, ins Einvernehmen gesetzt zu haben. Jedesmal +entschuldigte sich der »Chef« nachträglich mit großer Eile, und Bruder +Lohmann, der sich mit Kratt besonders gut verstand, brachte die Sache +wieder ins Geleise.</p> + +<p>Kratt erklärte jedoch kurz und bündig: noch einmal würde er sich eine +solche Schädigung seiner Autorität nicht gefallen lassen.</p> + +<p>Und in der Tat, als Bruder Nitschke abermals über den Kopf Herrn +Kratts hin einem Knaben Urlaub bewilligte, kündigte Herr Kratt wegen +Verletzung seiner Standesehre, verzichtete kühl auf seinen Gehalt und +fuhr noch am selben Abend nach Hause, zum tiefsten Leidwesen Bruder +Lohmanns und der meisten Kollegen. Einige, wie Max und Moritz, waren +sogar so aufgebracht,<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> daß sie ebenfalls kündigen wollten, freilich +<span class="antiqua">rite</span> zum nächsten Quartal.</p> + +<p>Bruder Lohmann, der gerade auf ein ruhiges Semester für seine +Rektorarbeiten gehofft hatte, geriet in die höchste Aufregung; denn +auch die Knaben wurden aufsässig, da der schneidige und doch stets +humorige Herr Kratt ungemein beliebt war. Vorerst sprang der brave +Hinzelmann wieder ein, nachdem Max und Moritz sich energisch geweigert +hatten, Kratts Stelle einzunehmen.</p> + +<p>Dem nächsten Konferenzteeabend, auf dem die ganzen Aufsichtverhältnisse +neu geregelt werden sollten, sahen die Lehrer infolgedessen mit größter +Spannung, die beiden Direktoren mit einigem Bangen entgegen. Da auch +die Affäre Abraham behandelt werden mußte, wurde diesem taktvoll +die Schlafsaalwache übertragen, was freilich — wie sich später +herausstellte, Anlaß zu einem solennen Schlafsaalulk gab, den nur die +Energie der Mutter Frutsch zu dämpfen vermochte. Daraufhin schlug der +ausgelassene Moritz später vor, sie zur Ehrenkollegin zu ernennen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Unterdessen tagte die große Sitzung der Kollegenschaft im Zimmer +des »Chefs«, der an diesem Abend eine besonders gute Torte und +ganz ausgezeichnete Zigarren hingestellt hatte, was das grollende<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> +Dioskurenpaar Max und Moritz von vornherein einigermaßen besänftigte.</p> + +<p>Auch eine kluge, vornehme Rede des Direktors, der ruhig und offen +seine Ungeschicklichkeit im Falle Kratt zugab und sie sehr überzeugend +bedauerte, wirkte versöhnend.</p> + +<p>Dann sprach L<sup>3</sup> und beseitigte mit seiner milden, menschlichen +Auffassung der ganzen Vorkommnisse auch den letzten Groll, und so +konnte ruhig an die Beratung der Neubesetzung der Stuben herangetreten +werden.</p> + +<p>Herr Schlegelmeyer beklagte sich zunächst bitter über den widerhaarigen +Bruder Abraham und bat, ihn womöglich aus seiner Reihe zu entfernen.</p> + +<p>Bruder Lohmann meinte, es wäre jedenfalls angebracht, den neuen +Kollegen Abraham von der vierten Stube, wo er sich nahezu unmöglich +gemacht habe, fortzunehmen, und ihn am besten auf die dritte Stube, +die zurzeit leichteste und ruhigste, zu versetzen, etwa im Tausch mit +Bruder Behring. Dort wären ja die alten Triarier Schnäbeles mit Ronald +Hooper an der Spitze; die seien ungefährlich, wenn man ihnen nicht zu +viel dreinrede, und das werde er dem Kollegen nun mit aller Energie +nahelegen.</p> + +<p>Als bei dem Worte »Energie« die bösen Buben anzüglich lächelten, da +sie dem gutmütigen L<sup>3</sup> darin nicht allzuviel zutrauten, erklärte der +»Chef«<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> plötzlich mit verblüffender Schärfe: »Nun, meine Herren, zur +Not bin ich auch noch da. Ich werde den schweren Schaden, den Bruder +Abraham auch hier anrichtet, sofort an die Behörde melden, wenn er +nicht einlenkt.«</p> + +<p>Der boshafte Moritz schmunzelte abermals heimlich und dachte bei sich: +Ob der Direx den Fall Kratt wohl auch meldet?</p> + +<p>Mitten aus diesen respektlosen Erwägungen riß Herrn Knortz jedoch +die äußerst verbindliche Anfrage des »Chefs«: ob er nicht die +gewiß verantwortungsreiche, aber auch ehrenvolle Stelle des ersten +Stubenlehrers einnehmen wolle, mit der überdies eine kleine +Gehaltzulage verbunden sein sollte.</p> + +<p>Der böse Moritz, der jedoch ein sehr guter Rechner war, konnte nun +nicht nein sagen. Und damit war eine weitere Schwierigkeit beseitigt.</p> + +<p>Alsbald kam die heikelste Frage zur Verhandlung, nämlich die der +Neubesetzung von 2 und 4, den beiden kritischen Stubengesellschaften. +Auf Nummer zwei ging von jeher kein Lehrer gern. Ehre war da nicht +zu holen. Auch Moritz, ein gewiß ruhiger und sicherlich energischer +Lehrer, hatte seine Mühe gehabt, zumal der Kollege Teuchert es an +konsequenter Unterstützung oft fehlen ließ. Der letztere schien selbst +das Gefühl zu haben, der Situation nicht ganz gewachsen zu sein, +vollends jetzt<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> nach Abgang des von den Zweiten immerhin gefürchteten +Herrn Knortz, und so regte er schüchtern an, ob er nicht die 4. Stube +erhalten könne.</p> + +<p>Ein freundliches Gelächter bedeutete ihm, daß man den Vorsichtigen +durchschaut habe, und so meinte er denn klug: er wolle schon bleiben, +wenn er nur wieder einen energischen Kollegen bekäme.</p> + +<p>Da fragte der Chef Herrn Knortz abermals auffallend freundlich (er +schien doch wohl von dessen Kündigungsabsichten Wind bekommen zu +haben), wen er, als erster Sachverständiger, für den schwierigen Posten +seines Nachfolgers vorschlagen könne.</p> + +<p>Mit größter Seelenruhe erwiderte Karl Knortz: seiner Meinung nach +könnten im Hause jetzt nur zwei Lehrer mit den Zweiten fertig werden, +und das wären Bruder Hinzelmann, der leider nicht mehr in Frage käme, +und Bruder Krumbholtz.</p> + +<p>Kaspar lachte erschrocken auf, und ein leises: »Nee bitte« fuhr ihm +unwillkürlich heraus; dann fügte er lauter hinzu: »Ich wünschte sehr, +bei meinen Vierten bleiben zu dürfen. Es ist mir Ehrensache, nun nach +Bruder Abrahams Fortgang den alten soliden Status Schnäbele wieder +herzustellen. Ich denke mit Bruder Behring trefflich zu fahren.«</p> + +<p>Dieser verneigte sich geschmeichelt, und alles lachte abermals.</p> + +<p>Die Heiterkeit stieg noch, als weiterhin Herr<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> Muffke wie Bruder +Behring die Übernahme der zweiten Stube mit Dank ablehnten, so daß L<sup>3</sup> +mit Humor Einspruch erhob und erklärte: »Na, so schlimm ist die Stube +doch auch nicht, daß wir sie hier ausbieten müssen wie sauer Bier!«</p> + +<p>Der böse Moritz blies jedoch gewaltige Rauchwolken vor sich hin und +brummte grimmig: »Na, regiert will sie schon sein, die Rasselbande.«</p> + +<p>Darauf erhob sich der »Chef« zu seiner ganzen Länge und fragte noch +einmal launig an: »Aber meine verehrten Herren, soll ich denn wie der +König im Taucher stöhnen: Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp? Lieber +Kollege Krumbholtz, Sie sind ja ein Mann, den schwere Aufgaben locken! +Sie sind — was doch hier auch etwas, ja viel zu bedeuten hat — +zurzeit unser bester Turner und Fußballspieler! Also wollen Sie nicht +dem ehrenvollen Rufe unserer sachkundigen Stelle, des Herrn Knortz, +folgen und Nummer zwei übernehmen?«</p> + +<p>Kaspar beugte sich ein wenig vor und sagte ruhig: »Wenn Not am Mann +ist, Herr Direktor, brauchen Sie mich nicht zu bitten. Ich gehe auf die +zweite Stube, bitte nur meinerseits für die erste Zeit um etwas längere +Zügel.«</p> + +<p>»Hoho — pardon,« fiel Moritz ein, »kürzere — oder Kandare, wollen Sie +sagen.«</p> + +<p>»Möglich — später vielleicht — doch, wer weiß?« erwiderte Kaspar +nachdenklich, wie ein<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> Mann, der seinen Plan faßt, »erst will ichs +anders probieren.«</p> + +<p>»Ich meine auch,« bestätigte L<sup>3</sup> wohlwollend, »Bruder Krumbholtz +versucht es zuerst mal wie auf 4 mit Ruhe und Güte.«</p> + +<p>»Ruhe und ob!« versetzte Moritz nochmals schroff, »aber Güte, nee! +Damit is bei die Jesellschaft nischt zu wollen. Lieber man feste eene +rinjepfeffert.«</p> + +<p>Einige lachten, nur Herr Schlegelmeyer machte ein höchst indigniertes +Gesicht, ob über des neuen Stubenkollegen Sprache oder über seine +Erziehungsgrundsätze, war nicht zu ersehen.</p> + +<p>Auch der »Chef« sagte, wesentlich kühler als vorher, zu dem allzu +temperamentvollen Mecklenburger: »Sie wissen, lieber Herr Kollege +Knortz, daß jedes Schlagen in unserem Hause strengstens zu vermeiden +ist. Erst jetzt habe ich wieder durch die Ohrfeige Bruder Abrahams die +allergrößten Unannehmlichkeiten gehabt. Um ein Haar hätte Monsieur +Buriet seinen Sohn deswegen fortgenommen. Also bitte, meine Herren, +vermeiden Sie alle doch dergleichen unpädagogische Gewaltmaßregeln.«</p> + +<p>Mit der Übernahme der vierten Stube durch Bruder Behring und Herrn +Vogel, der plötzlich Lust und Mut zum Aufsichtdienst bekommen hatte, +endete die Konferenz zu allgemeiner Zufriedenheit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p> + +<p>Nur Herr Schlegelmeyer knurrte noch einige Tage, weil der »widerhaarige +Kollege Abraham« doch in seiner Reihe verblieben sei.</p> + +<p>Der niederträchtige Moritz meinte gerade heraus: »Sein Sie doch +man lieber froh, Schlegelmeyer, daß Sie jemand zum Zwiebeln haben. +Schnäbele ist fort, und ohne ein bißchen gesunden Ärger ist Ihnen ja +doch nicht wohl.«</p> + +<p>Schlegelmeyer schnitt daraufhin den Stubenkollegen für einige Tage, was +jedoch auf Karl Knortz nicht den geringsten Eindruck machte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mit großer Vorsicht ging Kaspar Krumbholtz daran, den allerdings +ziemlich unbotmäßigen Geist seiner neuen Stubengesellschaft zu bändigen +und zu wandeln.</p> + +<p>Einige Knaben, so den recht tüchtigen englischen Senior Hopkins, den +verständigen Nordfranzosen Lagrange, die beiden treuherzigen Schweden +Olafsen und Astrupp, kannte er vom Geschichtsunterricht her als gute +Schüler und anständige Charaktere. An sie suchte er sich zu halten +und sich aus ihnen gleichsam die Kerntruppe für seine Heeresreform zu +bilden. Rasch gewann er sie auch, indem er ihrem Ehrgeiz neue Ziele +setzte.</p> + +<p>Sodann studierte Kaspar Krumbholtz sehr eingehend das Strafbuch, das +allerdings beängstigend<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> aussah, ja kaum noch vier oder fünf Knaben als +unbestraft erkennen ließ. Immerhin ergab sich, daß auf zwei Zöglinge +nahezu die Hälfte aller Strafen gekommen war.</p> + +<p>Es waren Burton, ein durchtriebener Londoner Gamin, der aus sehr +guter Familie war und daher leider bei den Engländern etwas galt, und +Palmier, der im ganzen Hause längst berüchtigte und auch von seinen +Landsleuten gemiedene Sohn eines Genfer Weltreisenden und Millionärs, +der sich wohl niemals um seinen Sohn recht gekümmert hatte.</p> + +<p>An diesen beiden Burschen schien allerdings Hopfen und Malz verloren zu +sein; aber gerade darum lockte es Kaspar ungemein, Einfluß auf sie zu +gewinnen. Zunächst gab er sich einmal fast jeden Tag, an dem er Dienst +hatte, mit ihnen persönlich ab.</p> + +<p>Das schmeichelte dem Genfer, der bisher bei seinen Kameraden und +Lehrern so ziemlich für »unten durch« galt, und so gewährte er dem +neuen Lehrer, wie er sich prahlerisch einmal ausdrückte, »vorläufig +Schonzeit«. Bald hatte auch Bruder Krumbholtz ermittelt, daß Palmier +recht gut zeichnen konnte, und zwar durch eine nicht üble Karikatur auf +sich selbst, wie er als Mister Kobolz durch einen Fußtritt von Hopkins +zur zweiten Stube herausflog.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p> + +<p>Kaspar sagte mit ruhiger Würde, wenn die Karikatur nicht ihn selbst, +sondern etwa einen seiner Kollegen betroffen hätte, so hätte er Palmier +strafen müssen; so könne er nur gestehen, daß sie ihm Spaß mache, so +daß er sie sich zum Andenken aufheben würde. Nur müsse er bemerken, daß +der Fuß von Hopkins völlig verzeichnet sei.</p> + +<p>»Wieso?« fragte Palmier völlig verblüfft.</p> + +<p>Bruder Krumbholtz skizzierte ihm sofort die richtige Haltung des Beins +und demonstrierte ihm an sich als Modell die beabsichtigte Haltung.</p> + +<p>Palmier gab es schließlich zu und zeichnete einstweilen allerhand +andere Dinge, dann aber wieder eine Karikatur, diesmal von Bruder +Abraham, wie er bei Punkt sieben durch das Rohrgeflecht brach.</p> + +<p>Kaspar Krumbholtz fand die neue Arbeit sehr viel besser als die +erste, steckte sie sich auch lächelnd ein, und verhängte zugleich mit +Seelenruhe die erste Platzstrafe über den Zeichner.</p> + +<p>Alles lachte, und Palmier fühlte sich durchaus nicht so als Herr der +Situation, wie er es wohl erhofft hatte.</p> + +<p>Nach ungewöhnlich kurzer Zeit hob Bruder Krumbholtz die Strafe auf und +fragte den Sträfling ruhig: Was er eigentlich daran für ein Vergnügen +fände, Bestrafungen zu erzwingen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p> + +<p>Kaltblütig antwortete Palmier: »Ich wollte nur sehen, ob Sie Wort +halten.«</p> + +<p>»Das glaube ich dir nicht,« meinte Krumbholtz ebenso kühl, »sondern du +wolltest mich aus Laune mal wieder ärgern. Es ist dir nicht gelungen, +bist du nun befriedigt?«</p> + +<p>»Es wird mir schon noch gelingen,« versetzte Palmier tückisch.</p> + +<p>»Schwerlich,« gab Krumbholtz ruhig zurück, »denn sieh mal, wenn du +deine Streiche fortsetzt, dann strafe ich dich überhaupt nicht mehr, +lasse dich links liegen, bis du reif bist, um aus der Anstalt entfernt +zu werden.«</p> + +<p>»Darauf werde ich es aber nicht ankommen lassen.«</p> + +<p>»Schön, freut mich, Palmier. Wozu dann die viele Mühe? Willst du +deines Witzes Kräfte mit mir messen, bitte, so bin ich gern bereit, +und du weißt, daß ich Spaß verstehe. Willst du indes nur dein Mütchen +an mir kühlen, um vor den Kameraden wenigstens den letzten traurigen +Ruhm zu ernten, ein Hauptkerl in Bosheiten zu sein — nun dann hast du +eben in mir auch den letzten Menschen im Hause verloren, der dir ganz +unbefangen ein starkes Interesse entgegenbringt.«</p> + +<p>»Warum tun Sie das? Doch nur aus Ehrgeiz, um mich zu bändigen.«</p> + +<p>»Durchaus nicht, sondern teils aus psychologischen,<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> teils aus rein +menschlichen Gründen. Ich weiß, Palmier, daß du nur aus einer gewissen +Verzweiflung, aus einem ängstlichen Vereinsamungsgefühl heraus dein +Dasein mit dergleichen leeren, bisweilen schlechten Vergnügungen +erfüllst, um irgendwie Aufsehen zu erregen.«</p> + +<p>»Woher wissen Sie das?«</p> + +<p>»Ich kann es nicht mathematisch beweisen, aber ich lese es aus den +letzten Beweggründen der meisten deiner sogenannten Streiche, lese es +aus deinem ganzen fahrigen, unsteten Wesen, deinem unsicheren Blick und +allerlei anderen Anzeichen, die ich dir nicht unnötig verraten möchte, +da ich dich weiter aufmerksam zu beobachten gedenke.«</p> + +<p>»Das wünsche ich nicht,« fuhr nun Palmier unruhig auf, »lassen Sie mich +in Ruhe.«</p> + +<p>»Gern, mein Lieber, also schließen wir gegenseitig Frieden, und suchen +wir gute Kameraden zu werden. Ich glaube, wir könnten uns mit der Zeit +doch noch einiges austragen.«</p> + +<p>»Was soll ich Ihnen austragen? Sie verabscheuen mich ebenso im geheimen +wie alle die anderen.«</p> + +<p>»Das bildest du dir eben ein, Palmier. Ich halte dich allerdings hier +auf der zweiten Stube nicht gerade für ein bequemes Element; immerhin +— ich halte dich zugleich für einen klugen, scharf beobachtenden und +künstlerisch begabten Burschen,<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> der mir an anderer Stelle freilich +lieber wäre, das sage ich ganz offen. Aber, mein Lieber, wenn du +Lehrer wärst, würdest du dich wahrscheinlich auch nicht nur für die +sogenannten Goldjungen interessieren, sondern vielleicht ebenfalls +finden, daß die sogenannten Lausbuben meist sehr viel interessanter +sind; man muß sie nur nicht tragisch nehmen. Also, <span class="antiqua">mon cher</span> — +wollen wir uns vertragen? Zunächst mal auf vierzehn Tage zur Probe! +Ists dir dann zu langweilig, kannst du mir den Waffenstillstand ja +kündigen.«</p> + +<p>Palmier ergriff die dargebotene Hand, und nach und nach bildete sich +aus der bisherigen Gegnerschaft wirklich eine Art von Freundschaft +heraus.</p> + +<p>Sie war nicht ohne gelegentliche Störungen und mutete oft seltsam +grotesk an — zum Beispiel in den scharfgeschliffenen Disputen — aber +sie hielt nicht nur für Tramberg, sondern schließlich fürs Leben.</p> + +<p>Kaspar Krumbholtz wurde mit der Zeit das für Palmier, was dessen Vater +ihm — wohl aus Bequemlichkeit — nicht hatte sein wollen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auch dem anderen schwarzen Schaf, Burton, suchte der neue Lehrer der +zweiten Stube beizukommen; aber bei dem Engländer galt es völlig anders +vorzugehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p> + +<p>Burton war weder eine Intelligenz, noch eine im Grunde überfeine und +nur durch falsche Behandlung arg verhärtete Natur wie der Genfer +Bankierssohn; nein, er war ein derber Großstadtlümmel mit einem +ungeschlachten Witz und großer Frechheit.</p> + +<p>Sein Erstes war es, danach zu trachten, mit einigen Helfern »Mr. +Kobolz« beim Fußball über den Haufen zu rennen, aber das glückte +nicht. Im Gegenteil, Kaspar Krumbholtz, der sich ebenso rasch die zwei +getreuen Schweden zu Hilfe gerufen hatte, brachte Burton und seine +Spießgesellen zu Fall; ja, Burton bekam von Olafsen einen Tritt ans +Schienbein, an den er lange mit wenig Vergnügen dachte.</p> + +<p>Nun schwor er Rache und tat alles, um womöglich die ganze englische +Kolonie gegen »Mr. Kobolz« aufzuhetzen. Er streute aus, Kobolz hasse +die Engländer noch mehr als Herr Muffke; er freunde sich mit Franzosen +und Genfern, sogar mit dem verrufenen Palmier an; ja, er bilde sich +eine geheime Schutztruppe aus den Schweden, mit denen der sportfrohe +Kaspar allerdings gern Schneeschuh lief.</p> + +<p>Zunächst fiel Burton mit seinen Verleumdungen bei den vornehmeren +Engländern ab, indessen — <span class="antiqua">semper aliquid haeret</span>!</p> + +<p>Man beobachtete »Mr. Kobolz« nun daraufhin,<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> und man fand, daß er sich +allerdings mit Lagrange, Olafsen, Astrupp und leider auch Palmier +besonders viel abgebe. Dazu kam ein viel schlimmeres Vergehen gegen die +britische Hegemonie und das heilige Nationalgefühl der Söhne Albions.</p> + +<p>Im Geschichtsunterricht der obersten Klasse hatte Bruder Krumbholtz +die Freiheitskriege zu behandeln und schließlich auch die Schlacht bei +Belle Alliance. Schon daß er sie nicht nach Waterloo benannte, war +reichlich verdächtig. Als er dann noch von Wellingtons Fehlern, von +seinem Entschluß und Befehl zum Rückzug sprach und schließlich gar +nachwies, daß nur ein verschwindend kleiner Teil richtiger Engländer in +der Schlacht mitgefochten habe, und daß jedenfalls die Palme des Sieges +nicht in erster Linie Wellingtons bekannter Hartnäckigkeit, sondern +Gneisenaus Feldherrntalent und Blüchers Energie und Charaktergröße +gebühre, da beschloß das englische Sonntagnachmittags-Meeting +einstimmig, »Mr. Kobolz« zu schneiden.</p> + +<p>Nun begann Burtons Weizen zu blühen. Er inszenierte sofort einen rohen +Streich, band während des Abendsegens heimlich die Schlafrockschnüre +von Palmier und Olafsen zusammen, so daß beim Gutenachtsagen der +vom forteilenden Palmier plötzlich nach hinten gerissene Schwede +hinstürzte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p> + +<p>Bruder Krumbholtz rief die ganze Gesellschaft zusammen und sagte: +Er wolle keine große Untersuchung anstellen, er wolle nur darauf +aufmerksam machen, daß es taktlos sei, gerade eine religiöse Andacht zu +dummen Gassenbubenstreichen zu benutzen.</p> + +<p>Burton ärgerte sich; er hatte natürlich auf ein ausführliches +Gesamtverhör gerechnet und sich schon auf ein handfestes Ausreden mit +der beliebten jesuitischen Wortklauberei, einem Sport vieler englischer +Knaben, gefreut.</p> + +<p>Am übernächsten Abend ward der plumpe Streich an zwei anderen +unschuldigen Opfern wiederholt.</p> + +<p>Diesmal fragte Bruder Krumbholtz nach dem Täter, freilich vergeblich. +Kurzerhand erklärte er nun den Betreffenden für einen Feigling, der +ihn eigentlich nichts anginge, da er es mit vielleicht übermütigen, +aber nur ehrenhaften und mutigen Jungen zu tun haben wolle. Im übrigen +habe er sehr begründeten Verdacht, daß der Täter einer Nation angehöre, +die sonst gerade ungemein empfindlich sei, wenn man ihren religiösen +Bräuchen, zum Beispiel in der Sonntagheiligung, irgendwie zu nahe trete.</p> + +<p>»Ich bitte mir,« schloß Bruder Krumbholtz, »dieselbe Rücksicht aus für +unsere religiösen Gewohnheiten und mache kein Hehl daraus, daß<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> ich +bei einer abermaligen Störung des Abendsegens dem taktlosen Burschen, +wenn ich ihn ermittle, das geben werde, was ihm gebührt, nämlich eine +Ohrfeige.«</p> + +<p>Nun war allerdings der Stolz Old Englands tief verletzt. Eine Ohrfeige +auf den oberen Stuben auch nur anzudrohen, war etwas Unerhörtes, und +vollends für einen Englishman! Empörend!</p> + +<p>Ein Stubenmeeting tagte sofort heimlich und beschloß folgendes: +Hopkins, der Senior, also ein nahezu Unverletzlicher, solle beim +nächsten Abendsegen des Mr. Kobolz brummen oder grunzen. Dann wolle man +doch sehen, ob er zuschlagen würde.</p> + +<p>Hopkins weigerte sich lange, fügte sich aber schließlich aus +Nationalgefühl und spielte auch wirklich die ihm aufgedrungene Rolle am +übernächsten Abend.</p> + +<p>Bruder Krumbholtz rief ihn vor und sagte sehr ernst: »Hopkins, du +bist sonst ein anständiger Kerl, du hast dich wahrscheinlich nur als +Opfer mißbrauchen lassen. Ich werde dich weder strafen noch züchtigen. +Aber ich fordere nochmals den feigen Gesellen, der dahinter steckt, +auf, sich zu melden. Ich bin sogar bereit, dem mutlosen Burschen die +angedrohte Strafe zu schenken, er kann sich, nur mit meiner Verachtung +beladen, davonschleichen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p> + +<p>Keiner meldete sich, und ohne den Knaben Gute Nacht zu sagen, schickte +Bruder Krumbholtz seine Zweiten zu Bett.</p> + +<p>Er war selber verstimmt und auch erregt, denn er merkte gar wohl: es +handle sich nunmehr um die Behauptung seiner Autorität.</p> + +<p>Wieder tagte das Stubenmeeting, und Burton meinte stolz: Nun sähe man +doch klar und deutlich, daß der »Prahlhans Kobolz« Angst habe. Jetzt +könne man ihn endlich schmählich blamieren und vielleicht ganz los +werden, den unbequemen Tugendbeutel.</p> + +<p>Hopkins war anderer Meinung und riet dringend von weiteren Schritten +ab, er mache jedenfalls nicht mehr mit. Man wurde diesmal nicht einig +und brachte, da gerade Samstag war, die ganze Angelegenheit vor das +große Sonntagnachmittagmeeting der gesamten englischen Kolonie.</p> + +<p>Auch hier war man geteilter Meinung. Die Häupter der Ersten fanden es +höchst unpassend von Burton, den Abendsegen für seine Streiche gewählt +zu haben; anderseits konnte man die angedrohte Ohrfeige auch nicht auf +sich sitzen lassen; endlich mußte Rache für Waterloo genommen werden.</p> + +<p>Und so ward Burton beauftragt, selber die Sache siegreich auszutragen. +Er würde vielleicht ausgeschlossen werden auf Nr. 13 — mehr könne<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> ihm +nicht passieren. Zuschlagen werde Mr. Kobolz doch nicht.</p> + +<p>Burton fügte sich knirschend, so ganz gemütlich war ihm der Handel +nicht. Dieser Kobolz war ein merkwürdiger Kerl, und ganz zu verachten +waren seine Kräfte auch nicht. Auf der Stube war wohl keiner ihm +gewachsen, höchstens Hurlington, ein riesiger, etwas plumper Waliser +mit wahren Bärentatzen, der beste Gawlkeeper der Anstalt. Wegen seiner +Dummheit konnte er nicht auf die erste Stube kommen, denn er saß noch +in der untersten Klasse und erfreute sich keiner großen Achtung, galt +aber für einen guten Kerl.</p> + +<p>An ihn machte sich nun Burton heran und brachte ihn schließlich dazu, +beim übernächsten Abendsegen den Kampf zu wagen. Schlüge Kobolz — so +orientierte Burton seinen Ersatzmann — so solle er nur ruhig wieder +schlagen, denn mit Kobolz würde er, der baumstarke Hurlington, schon +fertig.</p> + +<p>Der Waliser fühlte sich sehr geschmeichelt und brummte richtig während +des Abendsegens wie ein Bär.</p> + +<p>Ruhig las Kaspar Krumbholtz seinen kurzen Psalm zu Ende, und schon +triumphierten Burton und seine Kumpane. Dann aber trat Kaspar im Nu vor +den überraschten Hurlington und schlug<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> ihn zu Boden. Unbeholfen, nicht +unähnlich dem Tier, das er nachgeahmt hatte, erhob sich der Waliser vom +Boden und hielt die Fäuste geballt, wie zum Boxkampf entschlossen, vor +sich. Scharf und ebenso entschlossen sah ihm Kaspar Krumbholtz in die +Augen.</p> + +<p>Zwei Sekunden standen sich beide unter atemraubender Spannung +gegenüber, dann neigte sich der Sohn der Waliser Berge achtungsvoll vor +seinem Erzieher und sagte kurz: »Oh, Mister Kromboltz, Sie haben Mut, +<span class="antiqua">I beg your pardon</span>.«</p> + +<p>Dann schlich die zweite Stube die Treppe hinauf zum Schlafsaal und +legte sich mäuschenstill schlafen, während Kaspar Krumbholtz zu Bruder +Lohmann ging und ihm von der notwendig gewordenen Ohrfeige Meldung +erstattete, wie es die Hausordnung vorschrieb.</p> + +<p>L<sup>3</sup> lächelte, gratulierte dem mutigen Kollegen und sagte: »Bravo, diese +Ausnahme lasse ich gelten, ich denke, jetzt sind Sie dicke durch auf +2. Wie ich die Engländer kenne, ist die Sache nun erledigt. Ich will +daher den lieben Chef nicht erst unnötig durch Weitergabe der Meldung +aufregen. Er versteht dergleichen nicht richtig.«</p> + +<p>Für die Engländer war die Sache freilich noch nicht ganz erledigt.</p> + +<p>Auf dem nächsten Sonntagmeeting wurde Burton öffentlich für einen +Feigling erklärt und<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> ließ sich daraufhin baldigst von seinem Vormund +abmelden.</p> + +<p>Kaspar Krumbholtz hatte von nun an keine größeren Schwierigkeiten mehr +auf seiner 2. Stube — dank der pädagogischen Ohrfeige.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Abschiedsbriefe</b></span></h3> +</div> + +<p>Über Jahr und Tag war Kaspar Krumbholtz nun schon in der Tramberger +Anstalt, aber noch immer war er sich darüber nicht klar, ob er Lehrer +im Dienste der Brüder-Unität bleiben wolle oder nicht.</p> + +<p>Erzieher war er nachgerade mit ehrlicher Begeisterung, aber als Lehrer +fühlte er sich nicht so ganz am richtigen Platze.</p> + +<p>Die Tramberger Anstalt war in erster Linie Ausländer- und +Privatinstitut und nahm als solches in bezug auf staatliche Anerkennung +wie auf Lehrplan eine Ausnahmestellung ein. Erziehen konnte man dort +vorzüglich lernen, denn das Erziehungsmaterial war interessant und oft +schwierig. Aber ein angehender Berufslehrer, der an die Sicherstellung +seiner Zukunft zu denken hatte, kam in Tramberg nicht ganz auf seine +Kosten.</p> + +<p>Das empfand Kaspar nach und nach immer deutlicher. Mit der Theologie +hatte er abgeschlossen, mit seiner unfertigen Vorbildung konnte +er<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> wohl im schwäbischen Tramberg, nicht aber an den brüderischen +Hauptschulen, die unter preußischer Staatskontrolle standen, Dienste +tun.</p> + +<p>Er sprach die Angelegenheit mit dem einsichtigen Bruder Lohmann +gründlich durch und schrieb dann auf dessen Rat an die Unitätbehörde.</p> + +<p>Bruder Bauding schrieb umgehend zurück: die Sache wolle ausführlich +erörtert sein; augenblicklich nähme jedoch die Vorbereitung der Synode +seine Zeit völlig in Anspruch, auch stünden die großen Ferien vor der +Tür. Vielleicht ließe es sich ermöglichen, daß Kaspar dann persönlich +nach Herrnhut käme. Bis dahin solle er sich ernstlich prüfen, ob er +dauernd der Gemeine dienen wolle oder nicht; er wisse ja nunmehr, was +zu diesem Entschluß nötig sei.</p> + +<p>Kaspar schüttelte ärgerlich den Kopf, denn das wußte er eben nicht, und +in wenigen Wochen würde er das ebensowenig wissen.</p> + +<p>Er zeigte den Brief L<sup>3</sup>, und dieser meinte lächelnd: »Keine Angst, +lieber Kollege; Bauding ist kein Balzar, aber vor der Synode sind die +Herren da oben etwas vorsichtig. Die Lehr- und Bekenntnisfrage steht +wieder mal auf der Tagesordnung, und gegen uns jüngere Theologen ist +man nachgerade ziemlich aufgebracht in den Laienkreisen.«</p> + +<p>»Ach was — Theologie hin, Theologie her,«<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> entgegnete Kaspar rasch, +»für mich ist das Entscheidende: Wollen die Unitäter mich glauben +lassen, was ich glauben <em class="gesperrt">muß</em>, oder verlangen sie von mir, daß +ich glauben soll, was sie glauben. Dann sind wir sofort geschiedene +Leute. Ich stehe freilich schon jetzt nicht mehr auf dem Standpunkt, +auf dem ich vor etwa zwei Jahren in Gotteshaag stand, und bin mir einer +leisen Fortentwickelung froh bewußt. Ich bin ruhiger geworden durch +befriedigende Arbeit und eine fast unmerkliche Spur von Gottes geheimem +Walten in meinem Leben. Ich will auch gern weiter warten und lauschen, +was er mich hier und da hören läßt. Aber den Vätern etwa vorlügen, +ich hätte ein gemeinmäßiges, persönliches Christentum pietistischer +Observanz — dazu bin ich nicht der Mann, weder heute, noch in vierzehn +Tagen, noch in zehn Jahren.«</p> + +<p>»Nur nicht so hitzig, junger Freund,« begütigte der Mitdirektor, +»wie ich die Leute kenne, wird dich keiner <span class="antiqua">verbotenus</span> auf die +Augustana festlegen oder dergleichen Exerzitien üben. Aber für viel +schwieriger halte ich, die andere Frage zu beantworten betreffs deiner +Verwendbarkeit. Du müßtest entweder nach Gotteshaag zurück —«</p> + +<p>»Niemals —«</p> + +<p>»Oder sie müssen dir ein neues Stipendium bewilligen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p> + +<p>»Danke, das will ich auch nicht mehr — nur keine Fesseln mehr!«</p> + +<p>»Dann mußt du eben den Mittelschullehrer bauen wie ich — Gott seis +geklagt — den Rektor.«</p> + +<p>Kaspar lachte, denn der umfängliche L<sup>3</sup> stöhnte bei diesen Worten +schwer auf.</p> + +<p>Darauf fragte er, um von dem Bruder Lohmann vielleicht peinlichen +Gesprächsthema abzulenken: »Und wie wirds mit dem Dienen?«</p> + +<p>»Zeit wirds!« antwortete L<sup>3</sup> prompt, »das würde ich auf alle +Fälle schleunigst erledigen. Und dazu würde ich die übliche +Unterstützungssumme unbedenklich annehmen, vollends als Missionskind +und Waise.«</p> + +<p>»Meinst du?« erwiderte Kaspar nachdenklich, »wenn es sich irgendwie +vermeiden läßt, vermeide ich weiter, abhängig zu werden.«</p> + +<p>»Wird sich wohl nicht anders machen lassen, Lieber,« erklärte der +Mitdirektor ruhig, »na — und wenn alle Stricke reißen —«</p> + +<p>»Melde dich auf die Mission, wolltest du wohl sagen,« unterbrach ihn +Kaspar. »Nee, mein Lieber, auf diese <span class="antiqua">ultima ratio</span> so vieler +ratloser Gemeinexistenzen verzichte ich. Ich will mir meinen Weg +schon bahnen, so oder so! Königseinjähriger oder zwei Jahre dienen, +meinetwegen — ich halts aus. Dann vielleicht als Lehrer ins Ausland +und nachher mit eigenen Mitteln ein neues<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> Studium beginnen! So sehe +ich den Weg, wenn ich der Unität nicht positiv genug bin. Und damit +<span class="antiqua">addio, caro mio</span>!«</p> + +<p>Rasch ging Kaspar davon, und bewundernd, fast neidisch sah der gute L<sup>3</sup> +dem jungen Kollegen nach.</p> + +<p>»Ja, ja —« brummte er lächelnd, »der hätte seinen Rektor wohl +schneller gebaut als ich alter Esel, <span class="antiqua">docendo discimus</span>.«</p> + +<p>Tags darauf fuhr Kaspar Krumbholtz nach Stuttgart zur Untersuchung +durch einen Stabsarzt. Er wurde ohne weiteres für tauglich zum +Militärdienst befunden und teilte seine feste Absicht, demnächst die +Anstalt zu verlassen, dem davon wenig erbauten »Chef« mit.</p> + +<p>Lehrerwechsel ist keinem Schuldirektor angenehm, dem Chef der +Tramberger Anstalt kostete jedoch ein solcher Vorgang stets viele +schlaflose Nächte; denn nur wenige Lehrer paßten in die komplizierten +Verhältnisse seines Instituts.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Zufälle spielen oft eine seltsame Rolle im Leben.</p> + +<p>Kaum hatte Kaspar Krumbholtz seinem alten Jugendfreunde Hans Sebalt +mitgeteilt, er würde wahrscheinlich in Leipzig sein Jahr abdienen, +als der Postbote ihm einen Brief aus Magdeburg<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> brachte, in dem ihm +Irmgard von Zweydorff mitteilte, sie habe es in Bremen nicht aushalten +können, habe auch in Hannover und Magdeburg nur vorübergehend Stellung +finden können und wolle es nun in Leipzig versuchen. Sie habe immer +darauf gewartet, ihrem Retter etwas Gutes melden zu können, aber bei +aller Energie war das bisher nicht erreichbar. Auch die geliehene Summe +zurückzuzahlen wäre ihr noch nicht möglich gewesen.</p> + +<p>Anfangs wußte Kaspar gar nicht, wer diese Dame war. Endlich fiel ihm +das arme, schöne Londoner Magdalenchen ein — ihren Namen hatte er +damals nicht ganz verstanden. Adlig war sie also auch noch, die Ärmste; +da drückt des Lebens Not doppelt schwer, wenn man von Privilegierten +abstammt und den Gedanken an verschwundene Herrlichkeit nicht zu bannen +vermag.</p> + +<p>Kaspar hätte Irmgard von Zweydorff gern einige gute Worte geschrieben +und gemeldet: das mit dem Gelde — das wäre ja erledigt; aber eine +Adresse war nicht angegeben. Wer weiß, vielleicht besser so!</p> + +<p>Kaspar würde sicherlich sobald nicht in der Lage sein, ihr weiterhelfen +zu können, und dann — ja dann — sein Herz war einmal bei Ursemi, +ob mit Recht oder Unrecht war gleichgültig; ändern ließ sich an der +unumstößlichen Tatsache darum nicht das geringste.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p> + +<p>An Reda dachte Kaspar fast täglich ein paarmal; namentlich in den +letzten Tagen, in denen es nach einem Briefe Frau Winklers mit ihrem +Gatten gar nicht gut ging.</p> + +<p>Mehrfach bat Kaspar um weitere Nachricht über den lieben Kranken, aber +vergebens.</p> + +<p>Da mußte es doch wohl besser gehen, sonst hätte man seinen Sorgen gewiß +Rechnung getragen, wenigstens Ursemi hätte es getan.</p> + +<p>Unterdessen ging das kurze Sommerhalbjahr zu Ende, die Ferien kamen.</p> + +<p>Diesmal sollte eigentlich auch Kaspar die große Reise mitmachen, aber +er bat zurücktreten zu dürfen, da er nach Herrnhut wolle, teils um +sich auf der Synode noch einmal selbst über den jetzigen Geist der +Brüdergemeine zu orientieren, teils um Rücksprache mit der Unität zu +nehmen.</p> + +<p>Da kam plötzlich ein Telegramm: Vater Schlaganfall, bitte komme sofort. +Ursula Maria.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mit schwerem Herzen ordnete Kaspar rasch seine wenigen Sachen, +telegraphierte zurück und reiste noch am selben Nachmittage ab.</p> + +<p>Die Verbindung nach Schlesien war umständlich. Erst am übernächsten +Abend kam Kaspar in Reda an.</p> + +<p>Am Bahnhof stand Philipp, der Kutscher,<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> mit wankenden Knien. Unter +krampfartigem Schluchzen brachte er mühsam heraus: »Unsa gutta Harr is +ok nimmär!« Dann fuhr er schweigend und langsam den leise weinenden +Kaspar zur Winklerschen Villa.</p> + +<p>Berthold empfing den »Herrn Kandidaten« mit Fassung und teilte ihm +auf seinem Zimmer das Schreckliche in guter Haltung und genauen +Einzelheiten mit. Abends zuvor hatte ein neuer Schlaganfall das Ende +plötzlich herbeigeführt, die Damen wären dabei gewesen und seien sehr +mitgenommen, aber sie würden den Herrn Kandidaten noch heute abend +empfangen.</p> + +<p>Kaum war Berthold zur Tür hinaus, da stürzte Ursemi herein, umarmte +fassungslos ihren Jugendfreund und weinte still an seiner Schulter, und +Kaspar ließ ebenfalls seinen Tränen freien Lauf.</p> + +<p>Trösten konnte er so wenig wie ein anderer Mensch, nur mitfühlen — das +ist alles, was einer vom anderen erhoffen darf.</p> + +<p>Und so weinten die beiden Freunde sich ruhig miteinander aus; dann ward +ihnen leichter, und nach und nach fanden sie auch Worte, stammelnd — +abgerissen, aber voll unendlichen Schmerzes und reiner Liebe.</p> + +<p>Zusammen gingen sie nachher zu Ursemis Mutter, die weit gefaßter war +als die Tochter<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> und in allerlei Sorgen für das Begräbnis, für die zu +erwartenden Leidtragenden, für die Fabrik undsoweiter sichtlich eine +Art von Trost oder wenigstens von Schmerzablenkung gefunden hatte.</p> + +<p>Noch für den selben Abend ward der beste Freund des Dahingeschiedenen, +der Geheimrat Volpelius, der auch Testamentvollstrecker war, erwartet.</p> + +<p>Kaspar erbot sich, ihn abzuholen. Ursemi wollte es sich jedoch nicht +nehmen lassen, ihren nunmehrigen Hauptberater selbst am Bahnhof zu +empfangen, und so fuhren die beiden hinaus.</p> + +<p>Während man durch den herrlichen, mondscheinschummrigen Park fuhr, +erzählte Ursemi von den letzten Tagen und Stunden des Vaters.</p> + +<p>Immer wieder habe er von Kaspar gesprochen, noch zuletzt auf seine +Ankunft gehofft, und eines der letzten Worte an sie wäre gewesen: +»Brauchst du nen Alten, Kind, geh zu Volpelius; brauchst du nen Jungen, +rufe Kaspar! Das sind die treusten, auf die kannst du immer bauen.«</p> + +<p>Leise drückte Kaspar Ursemi die Hand, als wollte er ihr danken anstelle +des Mannes, dem er nicht mehr danken konnte.</p> + +<p>Dann sagte er fest: »Das soll er nicht umsonst gesagt haben. Wo ich +auch bin, Ursemi — ich komme, wenn du mich rufst, und will dir +treulich zur Seite stehn wie ein guter Bruder.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p> + +<p>Kaspar wußte, was er sagte, und es durchschauerte ihn leise bei diesem +ehrlich gemeinten, völligen Verzicht auf jedes Begehren; aber er +glaubte nur so das Vertrauen jenes Toten sich verdienen zu können, des +Mannes, der an ihm allzeit gehandelt hatte wie der beste und treuste +Vater.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das Begräbnis mit seinen vielen drückenden Äußerlichkeiten, mit den +üblichen quälenden, verletzenden Unwahrheiten und seinen hergebrachten +Roheiten gegen die Hinterbliebenen war vorüber.</p> + +<p>Zahllose Leidtragende waren erschienen, darunter auch die beiden Grafen +Brosyn, die beiden Brettwitze und von Darichs die ganze Familie.</p> + +<p>Hans Sebalt war ebenfalls eingetroffen. Er war Mama Winkler ein rechter +Trost und bei den vielen Anordnungen, die ein so gewaltiges Begräbnis +verlangte, in der Tat eine brauchbare Hilfe.</p> + +<p>Was Hans der Mutter, war die treue Dente der Tochter. Die tapfere, +tatfreudige Vorsteherin half der gebrochenen Ursemi rasch wieder ins +Leben hinein.</p> + +<p>Die Leiche war vorläufig in der verlassenen Herrschaftsgruft der +Dorfkirche beigesetzt worden, später sollte laut Testament ein +schlichtes Grabhaus inmitten der schönsten Parkbäume für die<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> +Winklersche Familie gebaut werden. Es war dem Verblichenen ein lieber +Gedanke, in seinem Walde der Auferstehung entgegen zu schlummern.</p> + +<p>Am Tage nach der Beisetzung fand man den alten Toni verendet mit +blutiggekratzten Pfoten vor der Kirchtür, neben ihm laut heulend die +unglückliche Cleo, die zwei Tote beklagte, sich aber schließlich +trösten ließ und noch etliche Jahre ihr Dasein fristete.</p> + +<p>Einige Tage nach der feierlichen Testamenteröffnung bat Geheimrat +Volpelius Kaspar und Hans zu sich und teilte ihnen mit, daß der +Verewigte ihnen eine Summe von 10000 Talern in 4 prozentigen Papieren +vermacht habe und außerdem ihre Stipendienverpflichtungen gegenüber +der Unität von ihm als Testamentvollstrecker abzulösen seien. Außerdem +läge je ein Brief an die Herren beim Testament, den er ihnen hiermit +aushändige. Nach mündlichen Verabredungen mit ihm sei es der Wunsch +des Toten gewesen, die Herren sollten ihr kleines Kapital nicht +vor der Zeit anreißen, sondern zusehen, daß sie, wie im Falle des +Stipendiums, mit 100 Mark im Monat auskämen und so einstweilen ihre +Studien beendeten. Er wäre gern bereit, die Verwaltung des Kapitals +ihnen zu besorgen. Für später, nach Vollendung des Studiums, hätte +Herr Winkler gewünscht, daß die Herren eine größere Bildungsreise +unternähmen,<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> dazu würde ihnen seinerzeit die von ihm und sechs +Kuratoren nunmehr zu organisierende Winklerstiftung, der die Fabriken +und ihr Ertrag testamentarisch überwiesen seien, etwaige besondere +Mittel gern gewähren. Alles Nähere über diese Stiftung, die hoffentlich +dereinst auch ihre Dienste in Anspruch nehmen dürfe, würde ihnen nach +Absolvierung ihrer Studien mitgeteilt werden.</p> + +<p>Mit Staunen und tiefer Bewegung hatten Kaspar und Hans den Ausführungen +des ehrwürdigen Volpelius zugehört, dann ergriffen sie dankerfüllt +seine Hand und gelobten, das Vermächtnis des geliebten väterlichen +Freundes nach seinen Wünschen zu gebrauchen und baten den alten Herrn +sofort, ihnen nur monatlich die 100 Mark Zinsen zugehen zu lassen. Dann +schritten die Freunde in den sonnenhellen Park hinaus.</p> + +<p>Kaspar fand keine Worte vor Bewegung und Trauer. Hätte er dem lieben, +herrlichen Manne doch noch einmal in die grauen, treuen Augen blicken +können.</p> + +<p>Was hatte er ihm zu danken — alles — alles, was lieb und licht in +seinem Leben gewesen war und sein würde. Was wäre ohne ihn aus dem +schwerblütigen, verbitterten Zögling von Gnadenzell geworden? Kaspar +wagte es nicht auszudenken und schritt allein dem Walde zu.</p> + +<p>Hinauf, hinauf in die Berge mußte er jetzt —<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> in den blauen Wald des +lieben Dahingegangenen, der so viel in seinem fruchtbringenden Leben +geschaffen und nun auch noch dafür gesorgt hatte, daß seine Schöpfungen +weiterschufen.</p> + +<p>Das war ein Wirken, war ein Dasein, das sich lohnte, das segenspendend +war und blieb, vielleicht für Generationen hinaus.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Hans Sebalt hatte sich rasch von Kaspar getrennt und neugierig nach dem +Briefe gegriffen, den er vorhin sorglich in die Brusttasche gesteckt +hatte. Im Gehen durchflog er ihn.</p> + +<p>Plötzlich stand er still, und sein Gesicht verfinsterte sich.</p> + +<p>Was stand da? Herr Winkler traue ihm leider nicht recht zu, daß er, auf +eigene Füße gestellt, sein Kapital auch erhalten könne. Was, er, der +sparsame Hans Sebalt? Darum bitte er ihn noch einmal dringend, nie ein +Papier zu verkaufen, ohne vorher Herrn Volpelius darum zu fragen. Das +Geld festzulegen, wäre vielleicht klüger, aber nicht erzieherischer +gewesen. Jeder solle für sich selber im Leben stehen, nur die Hilfe +anderer nicht ganz verschmähen, am wenigsten den Rat erfahrener Freunde.</p> + +<p>Hans Sebalt lächelte ein wenig überlegen. Er würde die Befürchtungen +des redlichen Toten<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> schon glänzend widerlegen. Gerade jetzt, in voller +Freiheit, würde er der Welt zeigen, was er leisten und wie er sich +selbst regieren könne.</p> + +<p>Aber keinem wollte er es sagen, daß er ein Krösus geworden. Auch die +Familie durfte es nicht erfahren, höchstens die Eltern. Vor allem — +die Unitäter müßten schweigen, ha — die würden Augen machen, er ein +freier Mann — nun hatte Bethel freilich das Nachsehen — jetzt stand +ihm die Welt offen, ihm, dem Besitzer von 30000 Mark.</p> + +<p>Beinahe hätte Hans Sebalt Hurra gerufen, aber noch zu rechter Zeit fiel +ihm ein, daß da drüben ein Trauerhaus stand, und daß man ihn hätte +hören können.</p> + +<p>So ging er leise trällernd ins Dorf hinab und grüßte die ihn grüßenden +Arbeiter und Häuslerkinder gönnerhaft verbindlich wieder — ganz wie es +sich für einen Mann von zehntausend Talern gebührte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Währenddessen schritt Kaspar langsam bergan und dachte über seine +Zukunft nach. An seinem Vorhaben mit Herrnhut sollte das Vermächtnis +nicht das geringste ändern. Ja, wenn die Brüdergemeine ihn wollte, wie +er nun einmal war und dachte — dann sollte sie ihn jetzt erst recht +haben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p> + +<p>Jetzt, als ein wahrhaft Freier, jetzt konnte er ihr mit seinen Diensten +etwas von dem zurückzahlen, was er doch schließlich der Gemeine, +wenigstens ihren besten Vertretern, wie einem Hansen, Bartel und +Bauding, schuldete. Hatte man ihn nicht treu und redlich erzogen, ihn +nicht leidlich gut, jedenfalls gerecht behandelt und sich seiner stets, +wenn auch nicht immer warm, aber vornehm, angenommen, ihn nie etwas +unbedingt Notwendiges entbehren lassen, höchstens ein wenig Liebe?</p> + +<p>Nein, jetzt wollte Kaspar auch zeigen, daß er sich nicht lumpen ließe, +wenn anders man ihn brauchen konnte.</p> + +<p>Und 100 Mark monatlich! Du lieber Gott, er und 100 Mark! Davon konnte +er gewiß noch sparen, auch in einer großen, teuren Stadt wie etwa +Leipzig. Vielleicht konnte er nun dem armen Magdalenchen ein wenig +helfen — er wollte doch nach ihr forschen.</p> + +<p>Herrlich, daß er jetzt einmal auch andern etwas schenken konnte. O +wie süß war doch das Geben, wie bitter das ewige Nehmen! Er wußte es +zur Genüge, und er wollte nun ein fröhlicher Geber werden, den Gott +liebhaben sollte, wie er ihn.</p> + +<p>»Ja — Gott — Ewiger — Gütiger, der Du irgendwo über mir waltest! +Liebe — unendliche,<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> die Du Dich meiner angenommen und mich so tief +beschämt hast! Gott, großer Gewaltiger, laß Dir mein wirres Stammeln, +mein dankbar überquellendes Herz gefallen, führe mich weiter, +Unergründlicher über den Welten! Laß auch mich Frucht bringen im Leben +wie er — Dein Diener. Laß mirs gelingen — ich vertraue Dir blind — +und will Dein unwürdiger Knecht bleiben — solange ich atme. Amen!«</p> + +<p>Das war das erste Gebet, das Kaspar Krumbholtz von den Lippen flutete, +seit jener furchtbaren Kampfesnacht auf dem »Berge« zu Gotteshaag.</p> + +<p>In lang nachzitternder Bewegung schritt der junge Lehrer immer +weiter und weiter, bis er endlich mit leisem Schauer in den blauen +Lieblingswald des toten Freundes trat.</p> + +<p>Andächtig setzte er sich auf die Bank, auf der Herr Winkler so oft +und gern gesessen und hinabgeschaut hatte auf seiner Väter Werk, die +Fabriken, und auf seiner Hände Werk, den Park.</p> + +<p>Die Sonne neigte sich mählich da draußen in der weiten, städte- und +dörferreichen Ebene zu Tal; ihre schrägen Strahlen spielten noch +liebevoll mit einigen hohen Fabrikschloten und dem höchsten Hause von +Reda, der Winklerschen Villa.</p> + +<p>Nun lag der Mann, der so oft hier neben ihm gesessen und stets wie ein +liebreicher Vater zu ihm gesprochen hatte — starr und kalt da unten<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> +in der dumpfen Gruft. Aber nur sein Leib war dahin, sein Geist lebte +und waltete weiter und unsichtbar über dem Dorfe, über der Fabrik, über +Park und Wald, auch über ihm.</p> + +<p>Kaspar glaubte es zu fühlen, und unwillkürlich griff er jetzt +erschrocken nach der Seitentasche, in die er vorhin wie geistesabwesend +den kostbaren Brief hatte gleiten lassen.</p> + +<p>Gott sei Dank, er war noch da, und mit stiller Wehmut entfaltete ihn +Kaspar und las unter heißen Tränen die vertrauten gleichmäßigen Züge +der von ihm so heiß verehrten Hand:</p> + +<div class="blockquot"> +<p> +Mein lieber Junge!<br> +</p> + +<p>Du weißt nicht, welche Herzensfreude Du mir allzeit warst, und wie ich +an Dir gehangen habe. Das sollst Du ganz erst erfahren, wenn ich nicht +mehr bin. Ich habe mir zeitlebens heiß einen Sohn gewünscht, er war +mir versagt. Da sandte Gott Dich mir zur Zeit meines tiefsten Wehs, +Dich, den Sohn meines liebsten Lehrers. Ich durfte für Dich sorgen +wie ein rechter Vater, und Du hast mirs mit treuer Liebe vergolten, +Dank Dir, mein Junge! Nun halte die Treue auch weiter meinem Kinde, +es komme, was wolle. Ich habe in Deinem Leben nie Vorsehung spielen +wollen, das tut nie gut, und ich bitte Dich: handle ebenso an meiner +Ursemi. Aber bleibe ihr der<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> ruhige, zurückhaltende Freund, der ich +Dir sein wollte. Freilich — nun habe ich doch ein wenig in Dein Leben +eingegriffen durch mein Vermächtnis. Verzeih es mir, lieber Junge, +aber ich mußte Dir die Sicherheit zu Deiner ruhigen Entwickelung +aufzwingen um Deiner selbst willen und um meines Kindes wie meiner +Stiftung willen, die für die Zukunft vielleicht beide einen freien, +wissenschaftlich durchgebildeten und welterfahrenen Freund brauchen. +Deiner Entscheidung betreffs des Unitätdienstes vorgreifen zu wollen +liegt mir fern. Tu wie bisher, was Du vor Deinem Gewissen verantworten +kannst und wozu es Dich innerlich treibt. Das, mein lieber Junge, ist +die Hauptsache im Leben, dann bleibt man sich selbst getreu. Und nun +küsse ich Dich noch einmal im Geiste mit väterlicher Liebe und bitte +Dich, bleib wie bisher aufrecht und redlich gegen Dich und andere, +dann wird in Ruh und Ehren schlafen</p> + +<p class="center">Dein lieber Vater</p> +<p class="right">Wilhelm Winkler.</p><br> +</div> + +<p>Nur mit äußerster Mühe hatte Kaspar zu Ende lesen können, denn die +Buchstaben tanzten gleichsam vor seinen von Tränen überströmenden Augen.</p> + +<p>Dann brach er, in namenlosem Schmerz zuckend, zusammen — und die Sonne +sank.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Die Synode</b></span></h3> +</div> + +<p>Kaspar Krumbholtz war gerade zur rechten Zeit nach Herrnhut gekommen.</p> + +<p>Die liebliche lausitzische Landstadt prangte nicht nur im üppigsten +Blütenschmuck ihrer altmodisch anmutigen Gärten und ihrer seit +über hundert Jahren steifgestutzten Lindenalleen, sondern auch als +Brüdermetropole erstrahlte die alte Stadt Christian Davids, des +tapferen mährischen Ansiedlers, im Glanze großer Tage und wichtiger +Beratungen.</p> + +<p>Im stattlichen, doch stimmungsvoll intimen Chorsaal des alten +Witwenhauses tagte die Provinzialsynode der Deutschen Brüder-Unität, +und in hartem, heißem Strauß stießen diesmal die Geister aufeinander; +denn es handelte sich um die Lehrfrage, die seit Jahren die Gemüter von +jung und alt in fast allen Gemeinen bewegte und tief beunruhigte.</p> + +<p>Im Mittelpunkt der aufregenden Verhandlungen standen: ein drohender +Antrag der Gemeine Altenworth und ihres Gemeinhelfers Lengwitz auf<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> +Aufhebung des theologischen Seminars zu Gotteshaag; ein anderer kaum +minder gewichtiger Antrag von 27 hochangesehenen Brüdern, Theologen wie +Laien, auf ein Mißtrauensvotum gegen die Dozenten; und schließlich lag +ein dritter vermittelnder Vorschlag vor: die brüderischen Studenten +von nun an wenigstens für 3 oder 4 Semester an eine Landesuniversität, +womöglich zu positiven Theologieprofessoren, zu senden.</p> + +<p>Schnell hatte sich Kaspar, der im Brüderhaus Unterkunft gefunden hatte, +orientiert und ging mit einigen Betheler Bekannten möglichst frühzeitig +zum Sitzungssaal, denn der Andrang war gewaltig. Einen Sitzplatz zu +finden hielt schon jetzt schwer.</p> + +<p>Dicht gedrängt saß bereits um die Stühle der Synodalen eine vor +Spannung ungeduldig wispernde Menge; namentlich viele ältere Schwestern +mit allerlei Handarbeiten und einem Überdrang landläufiger Weisheit.</p> + +<p>Allgemein erwartete man für heute die Entscheidung, und es war gar +nicht unmöglich, daß der Guillotinenantrag Lengwitz auf das Seminar +herabsausen würde.</p> + +<p>Die Stimmung gegen das Seminar und seine Lehrer war jedenfalls +mächtig erregt, zumal einer dieser Brüder kurz zuvor eine Broschüre +veröffentlicht hatte, die völlig auf dem Boden der philologisch +historischen Bibelkritik stand und nicht nur<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> Gemeinmitglieder, sondern +auch sehr viele Freunde der Herrnhuter verwirrt und verletzt hatte.</p> + +<p>Kaspar wußte von alledem nicht viel. Er hatte in letzter Zeit andere +Dinge im Kopf; immerhin fühlte er instinktiv, daß auch über sein +inneres Verhältnis zur Gemeine, über die Möglichkeit seines Verbleibens +im Unitätdienst heute eine Entscheidung herannahte.</p> + +<p>Es drängte ihn auch danach, da er endlich klar wissen wollte, woran er +mit seiner Zukunft sei.</p> + +<p>Und doch bebte der Herrnhuter in ihm.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Synodalen erschienen, meist schweigend und ernst, voran der +ehrwürdige Vorsitzende, Bischof Kröger.</p> + +<p>Mit dem üblichen kurzen Gottesdienst begann die Sitzung, und nicht +ohne Ergriffenheit nahmen viele von der nachdenksamen Losung des Tages +Notiz, die Paulus den Korinthern schrieb: »Ich wollte, ihr möchtet +ein wenig Torheit von mir ertragen, doch ertraget mich auch, denn ich +eifere um euch mit Gottes Eifer.«</p> + +<p>Einige der Schwestern stießen sich heimlich an und zischelten sich +leise zu: da sei doch deutlich Gottes Finger zu spüren. Aber die einen +betonten die Torheit, die anderen das Ertragen und wieder andere das +Eifern.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p> + +<p>Es folgte die Verlesung zweier brüderlicher Schreiben aus der +englischen und amerikanischen Provinz, beide des Wunsches voll — man +möge mit Vorsicht und brüderlicher Liebe zu Rate gehen — und mit der +Versicherung treulichster Fürbitte vor Gott.</p> + +<p>Zur Eröffnung der Verhandlungen wurden die drei schon gedruckten +Anträge nochmals vom Schriftführer, Bruder Röder, verlesen und die +Brüder gebeten, sich der Liebe zu befleißigen auch bei etwaiger +tiefgehender Verschiedenheit der Anschauungen. Darauf erhielt der +Gemeinhelfer der Altenworther das Wort.</p> + +<p>»Liebe Brüder,« begann Bruder Lengwitz mit sichtlicher Befangenheit, +»ich bin mir der historischen Bedeutung dieses für unser Kirchlein +vielleicht entscheidenden Augenblicks ebenso bewußt, wie meiner +Verantwortung. Die allgemeinen Gesichtspunkte für diesen ganzen, uns +so tief erschütternden Lehrstreit haben wir in zahllosen Debatten +längst gewonnen und allerseits zur Genüge vertreten. Heute gilt es, die +verschiedenen Ergebnisse gegeneinander abzuwägen und zu handeln! Die +Kluft, die zwischen dem Gros unserer Gemeingeschwister und den Brüdern +aus den letzten Jahrgängen unseres theologischen Seminars klafft, ist +nicht von heute. Schon auf den beiden vorhergehenden Synoden hat sie +uns schwere Sorgen gemacht und uns eingehend beschäftigt. Wir haben,<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> +namentlich solange Bruder Hansens Autorität uns eine gewisse Gewähr +bot, zu besonderen Schritten gegen das Seminar uns nicht entschließen +können, sondern uns der leider trügerischen Hoffnung hingegeben, +die Entwickelung des Seminars werde von selber in positivere Bahnen +einlenken. Statt dessen ist es schlimmer geworden, viel schlimmer +sogar, als es auch die Pessimisten unter uns befürchtet haben. Von +einem dozierenden Bruder, der mit Titel und Amtsbezeichnung, also +mit voller Verantwortung zeichnete, ist eine Schrift veröffentlicht +worden, die auch dem unverbesserlichsten Optimisten die Augen darüber +öffnen muß, wohin wir eigentlich treiben: nämlich auf die Ausschaltung +der Grundbegriffe unserer Heilslehre durch unsere jungen Diener am +Wort. Man zweifelt nicht nur an diesem oder jenem im Worte Gottes, wie +früher, ja wohl zu allen Zeiten einzelne Lehrer, sondern man schaltet +keck die Hauptsachen aus. Man leugnet die Zuverlässigkeit ganzer +Evangelien und Apostelbriefe, man bezweifelt die Gottessohnschaft +Christi, seine Auferstehung und Himmelfahrt und rüttelt damit an den +Grundfesten unseres Glaubens. Wir wollen keine Ketzerrichter sein, +Geliebte im Herrn, und wollen auch diesen Forschern ihre Redlichkeit +gern zubilligen; aber wir wollen uns ebenso ehrlich fragen: Hat es für +unsere kleine Kirche noch Zweck, ein solches Institut zu unterhalten,<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> +dessen Dozenten und Zöglinge für die heiligsten Überzeugungen der +Gesamtgemeine kein Verständnis mehr haben, vielmehr in schroffsten +Gegensatz zu ihrem Glauben treten, ihren Mitgliedern im besten Falle +mit gewundenen Erklärungen, oft genug gar mit unverhüllten Zweifeln die +frohe Gewißheit ihrer Heilswahrheiten und damit den inneren Frieden, +ja die beste Hoffnung im Leben wie im Sterben rauben? Auf Grund langer +gründlicher Selbstprüfung, auf Grund eingehender Rücksprache mit meiner +Gemeine, mit vielen andern Geschwistern, Laien wie Klerikern, antworte +ich fest und ruhig: Nein! Reißen wir das Glied, das uns ärgert, aus, +ehe denn der ganze Leib verderbe, setzen wir nicht aus brüderlicher +Langmut und Schwachheit gegen diese wenigen, sicherlich ehrlich +ringenden, aber irrenden Brüder die Zukunft von Tausenden, die Zukunft +unserer Gesamtgemeine aufs Spiel! Wir sind langmütig und nachsichtig +genug gewesen, wir haben mehrfach gebeten und gewarnt. Nun <em class="gesperrt">gilt es +zu handeln</em>, ehe es zu spät ist, und darum bitte ich die Brüder, für +die <em class="gesperrt">Aufhebung des Seminars</em> in Gotteshaag zu stimmen und bis auf +weiteres unsere jungen Theologen auf die Universitäten zu schicken zu +möglichst positiv gerichteten Professoren.«</p> + +<p>Die meisten Synodalen saßen unbeweglich da.<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Einige schüttelten die +Köpfe. Nur in der Menge der zuhörenden Geschwister, zumal auf der +Schwesterseite, merkte man vielfach, freilich vornehm verhaltene +Zustimmung.</p> + +<p>Dann erteilte Bruder Kröger dem derzeitigen Direktor des Seminars, +Bruder Krageneck, das Wort.</p> + +<p>Bleich vor innerer Erregung, aber völlig beherrscht in Form und +Gebärde, sprach der hagere, von der schweren Last unendlicher Arbeit +und unaufhörlicher Sorgen schier erdrückte Mann: »Liebe Brüder, wenn +es euer Wille ist, unser Seminar aufzuheben, dann würde ich — ihr +werdet es mir ohne besondere Versicherung glauben — nicht gerade der +leidende Teil sein. Aber ich stehe auf meinem Posten, solange es die +Pflicht gebietet. Nur ist es eine unsagbare Qual, in solcher Zeit, +unter solchen Umständen, ein so verantwortungsvolles Werk zu leiten, +wenn das Vertrauen fehlt! Das kann nicht so weitergehen. Und darum rede +ich nicht gegen den Antrag Lengwitz, denn lieber ein Ende mit Schrecken +als ein Schrecken ohne Ende. Auch zu dem Antrag 2 werde ich nicht +mehr sprechen, nur nach seiner eventuellen Annahme handeln, das heißt +sofort zurücktreten. Dafür wende ich mich nun um so schärfer gegen den +3. Antrag, der darauf hinausläuft, die Studienzeit in Gotteshaag zu +verkürzen zugunsten einiger Universitätsemester<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> unserer studierenden +Brüder. Liebe Freunde, sollen wir etwas Ganzes und leidlich Rundes +in Gotteshaag erzielen, brauchen wir mindestens die bisherige Zeit. +Schickt unsere Seminaristen später auf die Universität, aber nicht +zwischenhinein. Im übrigen werden die positiven Professoren wenig +helfen. Das ist eine Laienansicht. Der Student, der ohne ernstliche +Nachprüfung auf die <span class="antiqua">verba magistri</span> schwört, ist nicht der +rechte. Ein jeder muß sich selbst mit den Dingen auseinandersetzen. +Und dazu die Hörer anzuregen — danach strebt jeder gewissenhafte +Lehrer, und das sind wir — hoffe ich — alle, auch der Bruder, den +man um seiner Schrift, die ich nicht für glücklich, aber auch nicht +für unwissenschaftlich halte, angegriffen und versetzt hat. Wir sind +Männer der Wissenschaft, so gut wie jeder auswärtige Dozent, das +heißt wir geben, was wir auf Grunde redlichster Forschung zurzeit +für das Wahrscheinlichste halten müssen. Auch wir stehen, wie jeder +Erdgeborene, im Bann der historischen Entwickelung. Wir sind irrende +Menschen, so gut wie ihr; aber wir ringen auch nach der Wahrheit, +rücksichtslos, wie es unsere Pflicht ist. Denn eine Wissenschaft +mit einem von vornherein festgelegten Endzweck — und wäre es der +erhabenste — wäre keine Wissenschaft. Und ich meine, wir haben nach +bestem Vermögen Wissenschaft zu treiben,<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Forschungsmethode, aber +<em class="gesperrt">nicht einen Glauben zu lehren</em>! Den muß sich jeder selbst +erkämpfen, für den hat auch jeder selbst einzustehen, und keiner +hat ihm dreinzureden. Die innersten Überzeugungen und Anschauungen +wechseln jedoch bei jedem lebendigen Menschen mit den Phasen seiner +Entwickelung, genau so wie die Anschauungen der Generationen eines +Volkes. Nicht jeder, der als junger Student zweifelt, wird beim Zweifel +verbleiben, oder gar zum bequemen Skeptiker werden. Im Gegenteil, wer +beizeiten kämpfen gelernt hat, wird weiterringen, solang er atmet, +und wird auch <em class="gesperrt">erringen</em>. Und nur dazu wie zum unablässigen und +furchtlosen Prüfen haben wir unsere studierenden Brüder zu erziehen. +Könnt ihr, liebe Brüder, solche suchende Diener am Wort nicht mehr +vertragen und fordert statt dessen zuverlässige, genau geaichte +Dogmatisten — dann ist es allerdings an der Zeit, euch zu fragen, ob +es sich lohnt, für eine innerlich schon erstarrende Gemeine noch weiter +innerlich lebendige Führer heranzubilden.«</p> + +<p>Die Wogen der Erregung gingen hoch im Kreise der Synodalen wie der +zuhörenden Geschwister, die schier atemlos den scharfbetonten Worten +des Redners gelauscht hatten.</p> + +<p>Außer Kaspar Krumbholtz war jedoch kaum einer im ganzen Saale, dem +der eindringliche Warner voll aus der Seele gesprochen hatte; aber +wohl<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> jeder fühlte nach dieser leidenschaftlosen und gerade darum +leidenschafterregenden Rede den ganzen furchtbaren Ernst der Lage.</p> + +<p>Nach einigen bangen Minuten des Zischelns und Tuschelns erhob sich ein +graubärtiger Laienbruder, namens Wechler, seines Zeichens Kaufmann, und +sprach mit einer von verhaltener Rührung zitternden Stimme:</p> + +<p>»Geliebte im Herrn! Es zerreißt mir das Herz, wenn ich solche Worte +hören muß wie die letzten von Bruder Krageneck. Sind wir denn darum +als erstarrt oder wenigstens als nach und nach erstarrende Christen +zu bezeichnen, weil wir um unsere Glaubenszuversicht bangen und für +die unserer Kinder fürchten? Ich bin ein alter Mann, und weiß, daß in +meiner Jugend kein solches Suchen in der Schrift unter uns war, wie +jetzt, seit wir fürchten, daß man uns verwirren will. Vielleicht sind +wir lebendiger als damals. Ich bin ferner ein ungelehrter Mann, wie es +eben über 99 Prozent unserer Gemeine sind; aber ich empfinde es als +eine furchtbare Gefahr für unsere Kirche, wenn Männer, die Christi +Gottheit und Auferstehung öffentlich leugnen, unsere jungen Prediger +lehren und auf ihr Amt vorbereiten. Ich frage mit Beben: Sind unsere +Theologen um Gottes und unsertwillen da, oder Gott, Christus und wir, +seine Gemeine, um ihretwillen! Alle Achtung vor der Wissenschaft,<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> +aber ich lasse mir auch von ihr und ihren besten Vertretern nicht +wegdisputieren oder meinetwegen beweisen, daß Christus nicht für mich +gelitten hat und auferstanden ist. Nein, darauf will ich leben und +sterben und hoffentlich auch meine Kinder. Man kann ein grundgelehrter +Mann und doch nicht geschickt zum Reiche Gottes sein. Ich hege gewiß +auch Achtung vor den jungen ringenden Gottesstreitern und ihren +pflichtgetreuen Lehrern; aber sie mögen in die Stille gehen, wenns +ihnen zweiflerisch zumute ist. Doch an der Spitze unserer Gemeinen, +unserer Schulen und Behörden wollen wir Leute sehen, die mit uns eins +sind im felsenfesten Glauben, nicht gerade an jedes Wort der Schrift +— das hat schon ein Luther und Zinzendorf nicht verlangt — aber an +die Hauptsachen, den persönlichen Gott, seinen eingebornen Sohn und +seinen uns allein erlösenden Opfertod und seine Auferstehung. Ich bitte +daher die Brüder, den <em class="gesperrt">Geist des Seminars zu erneuern</em>, vielleicht +einige positivere Lehrer zu suchen, zum mindesten aber den studierenden +Brüdern Gelegenheit zu geben, anderwärts Professoren zu hören, die +weniger radikal sind als einige Gotteshaager Dozenten. Sollte es an den +nötigen Mitteln dafür fehlen, so sind meine Freunde und ich bereit, +dazu größere Summen nicht nur im Etat zu bewilligen, sondern auch +persönlich zu spenden.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p> + +<p>Unsicher tastend setzte sich der alte Mann.</p> + +<p>Hätte er um sich geschaut, hätte er viel warme Anerkennung in den +Mienen seiner Zuhörer lesen können; Beifall zu äußern war nicht Brauch +an dieser gottgeweihten Stätte und vollends nicht bei so ernsten +Beratungen.</p> + +<p>Nun stand der gefürchtete Unitätdirektor Balzar auf, von ihm erwartete +man das entscheidende Wort, und mit äußerster Spannung hingen aller +Augen an seinen Lippen, als er sprach:</p> + +<p>»Liebe Brüder! Was mein lieber Vorredner im Namen Tausender gesagt +hat, war mir und den Brüdern der Behörde, in deren Namen ich rede, aus +der Seele gesprochen! Eine weitgehende Beunruhigung der Gemüter ist +nicht zu leugnen. Wo die Schuld liegt, ist im einzelnen hier nicht zu +untersuchen, es ist an anderer Stelle geschehen. Nur so viel sei offen +bekannt: Es sind Fehler begangen worden, schwere Fehler sogar, von +seiten der Dozenten und ihrer Schüler, wie von seiten der vorgesetzten +Behörde, insonderheit auch von mir. Ich hätte früher und energischer +ein- und durchgreifen sollen. Aber so sehr ich bereit bin, für meine +Unterlassungssünden zu büßen, so wenig glaube ich, daß damit zurzeit +etwas gebessert wird. Ich glaube ferner nicht, daß es schon an der +Zeit ist, das Kind mit dem Bade auszuschütten, und das Seminar, das +uns über ein Jahrhundert zum<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> Segen war, kurzerhand aufzuheben. Noch +sind nicht alle Mittel erschöpft, es zu bessern, und wenn mich die +Synode an der verantwortungsvollen Stelle belassen will, an die sie +mich vor 10 Jahren gesetzt hat, dann will ichs in aller Schwachheit +noch einmal versuchen, <em class="gesperrt">den Geist des Seminars zu reformieren</em>, +vorausgesetzt, daß man mir das Wort unserer heutigen Losung vom Eifer +Gottes zubilligt wie Paulus. Ich habe schon jetzt den Bruder, der mir +menschlich und verwandtschaftlich so nahe und leider im Glauben so +fern steht, an eine andere Stelle gesetzt. Und ich werde weiter dafür +sorgen, daß geeignetere, das heißt ihrer gewaltigen Verantwortung für +ihre Schüler sich klarer bewußte Lehrer in das theologische Seminar +eintreten. Umgraben wir also den lieben, alten Baum noch einmal, +begießen und pflegen wir ihn noch einige Jahre mit Gebet und Flehen, +und warten wir vorerst in Geduld, ob er nicht doch noch bessere Früchte +trägt als bisher. Wir wollen gern dafür Sorge tragen, daß einige der +fähigeren Studenten und Kandidaten auswärtige Universitäten besuchen, +und danken Bruder Wechler und seinen Freunden aufs herzlichste, wenn +sie durch persönliche Geldopfer den knappen Mitteln unseres Etats +nachhelfen wollen. Gott lohne ihnen ihre hilfsbereite Bruderliebe. Und +so bitte ich noch einmal um Zutrauen zu uns, der Behörde, und somit um<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> +Ablehnung aller dreier Anträge, die ja mehr oder weniger den Bestand +des Seminars in Frage stellen.«</p> + +<p>Der Redner hatte durch eine ihm sonst nicht eigene Milde seine +Zuhörer sichtlich überrascht und schon damit halb gewonnen; indessen +manchem behagte weder die Halbheit der Entscheidung noch die stark +autokratische Form der weiteren Regelung.</p> + +<p>Das sprach sofort aus den wenigen Worten, die der Fabrikdirektor +Leifert, wieder ein sehr angesehener Laienbruder, sprach:</p> + +<p>»Gegen Bruder Balzars Vorschlag habe ich zweierlei Bedenken: erstens +fürchte ich, daß er, wie die Dinge liegen, zurzeit nicht drei Brüder +finden wird, die nach seiner und unserer Meinung positiv und zugleich +wissenschaftlich bedeutend genug sein dürften, um würdig an der Stelle +solcher Gelehrten zu stehen, wie es Hansen war, wie es Krageneck und +sein eigener Schwager sind. Die Dozenten sind doch nicht für uns da, +sondern für die Studenten und müssen vor allem diesen imponieren +können, und dazu gehört heutzutage — auch in der theologischen +Wissenschaft — nicht wenig. Zweitens muß ich ganz offen gestehen, daß +ich glaube, Bruder Balzar überschätzt seinen gewiß wohltätigen Einfluß +auf das Seminar denn doch ein wenig. Ich, als langjähriger Vorgesetzter +von so<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> vielen Beamten und Arbeitern, weiß zur Not auch, wie weit +persönlicher Einfluß geht. Es ist nicht bedeutend. Darum nein! <em class="gesperrt">Kein +Fortwursteln</em>, man verzeihe den harten, aber klaren Ausdruck. Ich +bitte die Synode, die ja über der Behörde steht, sie wolle beschließen: +<em class="gesperrt">das Seminar einstweilen zu suspendieren</em> und unsere Studenten +zunächst mal ruhig, am besten gleich mit einem oder zwei jungen +Dozenten, nach Halle oder Greifswald zu schicken. Das heißt reiner +Tisch gemacht, und wir sehen in wenigen Jahren, ob die Schuld an unserm +Seminar und seinen Leitern, oder was doch auch sehr wohl möglich ist, +am Zug unserer Zeit lag.«</p> + +<p>Eine lange Pause folgte den energisch hervorgestoßenen Worten des +Fabrikdirektors, und fast schien es, als sollte zur Abstimmung +geschritten werden.</p> + +<p>Da erhob sich die ragende Gestalt des ehemaligen Unitätdirektors +Kämpfer, der sich seit dem ihn schwer betrübenden Austritt seiner +beiden Söhne und dem Tode seiner Brüder ganz ins Privatleben +zurückgezogen hatte, nur auf das Drängen seiner alten Gemeine +Herrenfeld, die noch immer an ihm hing, die Wahl zur Synode schließlich +angenommen hatte.</p> + +<p>Früher einer der bekanntesten und schlagfertigsten Synodenredner, der +glänzende Führer<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> der Konservativen, hatte der rüstige Greis mit dem +schönen wallenden Patriarchenbart auf der jetzigen Synode noch nicht +ein Wort geredet.</p> + +<p>Um so größer war darum das Erstaunen, das selbst bei diesem würdigen +Publikum nun nicht mehr ganz geräuschlos war.</p> + +<p>Mit leiser Stimme begann Ehrentraut Kämpfer, fast zag und unsicher, +doch nach und nach kam die alte Wucht über ihn, als er merkte, daß man +ihm rings mit wahrhaft totenstiller Andacht lauschte:</p> + +<p>»Liebe Brüder und Schwestern! Ich habe eigentlich nur zu der Synode zu +reden. Ich weiß das, aber ich muß — ehe ich für immer schweige — doch +noch einmal zu der <em class="gesperrt">ganzen</em> lieben Gemeine reden, zu der ich vor +fünf Jahrzehnten unter schweren Opfern gekommen bin und der mein Herz +gehört und gehören wird bis zu seinem letzten Schlag, auch wenn ich es +erleben müßte, was Gott der Herr verhüte, daß es mit ihr zu Ende geht. +An der Schwierigkeit des Dienernachwuchses ist die alte Brüderkirche +zugrunde gegangen trotz Comenius! An derselben Schwierigkeit scheint +— es besteht die Gefahr jedenfalls — auch die erneuerte Brüderkirche +scheitern zu sollen, trotz eines Hansen und anderer hervorragender +Persönlichkeiten. Woran liegt das? Das ist die ernste schwere Frage, +die wir uns einmal vorlegen wollen,<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> ehe wir an die zweite der etwaigen +Aufhebung des Seminars entscheidend herantreten.</p> + +<p>Meine lieben Geschwister! Ich bin noch einer der wenigen Alten, die +von draußen hereinkamen, bin vielleicht darum nicht so gemeinmäßig +vorsichtig, aber auch nicht ganz so befangen in traditionellen +Anschauungen. Weil ich das, was ich mir schwer errungen habe, schätze, +brauche ich es nicht zu überschätzen; denn ich weiß noch sehr wohl, +wie es ist, wenn man es <em class="gesperrt">nicht</em> hat. Und so muß ich sagen: +<em class="gesperrt">Wenn die Brüdergemeine nicht bleiben kann, was sie war</em>, das +heißt ein kleines aber selbständiges und besonders lebendiges Organ +im großen Organismus der evangelischen Kirche, dann <em class="gesperrt">möchte ich +lieber, daß sie nicht mehr sei, als daß sie ein Scheinwesen führe</em>. +Eine orthodoxe Theologie ist wahrlich nichts Besonderes, so wenig wie +heutzutage eine liberale. Aber meine Lieben, <em class="gesperrt">eine kleine, eng und +brüderlich miteinander verbundene Gemeinschaft mit ihren ehrwürdigen +Kultuseigenheiten und ihren bewährten Erziehungsweisen, fest gegründet +auf ihre besonderen sozialen Fundamente, die durch ihre historische +Entwickelung nach und nach bedingt wurden, vor allem verankert in dem +Felsengrunde eines durch und durch persönlich-religiösen Lebens gerade +ohne starke Betonung des<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> Dogmas und des einzelnen Bekenntnisses — +das ist etwas Großes, etwas Seltenes</em>! Und das — meine Lieben — +war die Brüdergemeine zu der Zeit, als ich sie suchte, das blieb sie +noch Jahrzehnte hindurch, nachdem ich sie gefunden. Ich will gewiß +nicht die alte gute Zeit loben, wie das ja alte Leute gern tun, um +sich ein wenig herauszustreichen oder den üblichen Pessimismus des +Alters zu bemänteln. Im Gegenteil, ich will hier wie Bruder Wechler +ohne Scheu bekennen: der Durchschnitt war früher weit weniger religiös +interessiert als jetzt, denn Kampf zeitigt Interesse und schafft +neues Leben. Aber Träger des neuen Lebens ist allzeit die Jugend, und +sie stellt darum auch naturgemäß in erster Linie Kämpfer. Auch der +Brüdergemeine wurden solche Streiter zuteil und damit die Möglichkeit +zur Verjüngung. Was aber tut sie oder will sie jetzt wenigstens tun? +Sie will sie hinausjagen vor ihre Tore, sie will Ruhe und Frieden haben +wie ein altes, kinderscheues Ehepaar, das gemächlich seine Pension +verzehrt und mit dem Leben eigentlich abgeschlossen hat.</p> + +<p>Liebe Geschwister! Es ist eine bitter ernste Stunde, in der wir hier +stehen. Die Brüdergemeine hat in den letzten Jahren Stück für Stück von +ihrem besten, zum Teil schon unentbehrlichen Inventar veräußert; sie +lebt längst schon von ihrem<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> Kapital und nicht mehr wie ein geordneter +Pensionär von ihren Zinsen. Sie will jetzt ihr Bestes von sich stoßen, +ihre paar Kinder, und warum? Weil sie ihr auf die Nerven gehn oder +weil sie mit ihnen nicht fertig wird. Viel Kinder hat unsere alternde +Gemeine nicht mehr. Seht die leeren Brüderhäuser und dagegen die mit +Fremden überfüllten Schulen aller Art, von der Fortbildungsschule bis +zur Missionsschule. Da bedarf es zum mindesten reicher, bedeutender +Lehrkräfte — und daran gebricht es schon allerorten. Und die noch da +sind, dünken euch nicht gut — warum? Weil sie <em class="gesperrt">vollblütige Kinder +ihrer Zeit</em> sind und nichts anderes. Das ist ihr ganzes Verbrechen.</p> + +<p>Liebste Geschwister! Denkt doch an das Wort des Herrn: An ihren +Früchten sollt ihr sie erkennen — und nun Hand aufs Herz! Ist auch +nur einer von denen, die euch so bedenklich in der Lehre erscheinen, +schlechter als ihr in eurer Jugend wart? Sind diese Zweifler und +Grübler nicht tapfere, überzeugungstreue Helden, gehalten gegen die +meisten von euch bequemen Gewohnheitchristen? Glüht in dieser so viel +bekritelten Jugend nicht ein religiöses Feuer, mit dem unser bißchen +Leuchten von vor fünfzig Jahren gar nicht zu vergleichen ist? Warum +nicht — weil damals weder Sturm noch Regen niederging, weil<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> seine +Überzeugung zu behaupten damals gar kein besonderes Kunststück war.</p> + +<p>Meine heißgeliebten Geschwister! Ich komme zum Schluß. In unseres +Vaters Hause sind viele Wohnungen. Sorgt ihr dafür, daß ihr in +sie eingehen könnt, aber wundert euch auch nicht, wenn sie euch +dereinst verschlossen bleiben trotz aller Rechtgläubigkeit, weil +ihr unbrüderlich wart gegen eure Brüder, weil ihr die Pflichten der +Eltern vergessen habt gegenüber den besten Kindern, die Gott euch gab, +Kindern, in denen der Geist einer neuen Zeit rücksichtlos zum Lichte +ringt. Fürchtet ihr euch, weil ihr bequem oder gar feige geworden +seid und nicht mitkämpfen wollt in diesen Zeiten religiösen Kampfes? +Ich hoffe — noch wißt ihr, was es heißt: kämpfe den guten Kampf des +Glaubens! Sonst laßt es euch sagen, tagtäglich aufs neue sagen von +diesen jungen Streitern, die fast darüber zugrunde gehen und doch nicht +verzweifeln! <em class="gesperrt">Solche Persönlichkeiten, solche Charaktere sind uns +not, notwendiger als alles Eifern um die Lehre!</em> Wollt ihrs nicht +hören von ihnen, gut — dann schließt nicht nur das Seminar, dann löst +auch die Brüdergemeine auf und tretet zurück in die Landeskirche. Dann +ist eure Zeit erfüllt! Aber den neuen Geist in alte Schläuche füllen, +das dürft ihr nicht, das gibt ein Unglück. Wenn die Jungen<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> nach ihrer +ehrlichen Überzeugung links gehen <em class="gesperrt">müssen</em>, werdet ihr sie nicht +nach rechts hinüberzwingen können, keiner vermag es, auch der starke +Bruder Balzar nicht, zu dem ich — so leid es mir tut — weniger +Vertrauen habe als zu den Seminarlehrern. Und darum bitte ich euch +inständig, liebe Synodalen: lehnt jede innere wie äußere Beeinflussung +des Seminars rundweg ab, sondern überlaßt die jungen Theologen ruhig +ihrem Gewissen, die Entwickelung unserer Gemeine Gott und das Urteil +der Geschichte.«</p> + +<p>Langsam setzte sich Ehrentraut Kämpfer, beugte sein Haupt und schloß es +in beide Hände wie zum stillen Gebet.</p> + +<p>Lautloses Schweigen füllte den weiten Raum, keiner wagte zu zischeln +oder sich nach anderen umzudrehen; nur hier und da schien es, als ob +ein Schluchzen niedergekämpft werden müsse.</p> + +<p>Kaspar Krumbholtz wäre am liebsten aufgesprungen und hätte dem alten +herrlichen Manne die Hände geküßt vor unnennbarem Dankesgefühl.</p> + +<p>Nie seit Bruder Hansens Tode hatte ein Mann der Brüdergemeine ihm +so das Herz genommen, ihm so aus der Seele gesprochen wie dieser +ehrwürdige Patriarch.</p> + +<p>Mit diesem Manne wollte auch er stehen oder fallen. Stimmte man seinem +Wunsche nicht<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> rückhaltlos zu, dann war auch sein eignes Schicksal +entschieden. Dann ging auch er den Weg, den die Söhne Kämpfers gegangen +waren, hinaus aus der Brüdergemeine, die ihren höchsten und vornehmsten +Zweck, ein Sauerteigtropfen der evangelischen Kirche zu sein, nicht +mehr erfüllen wollte oder konnte.</p> + +<p>Und so erwartete keiner gespannter den Ausgang der nunmehr folgenden +Abstimmung als Kaspar Krumbholtz.</p> + +<p>Der Antrag Lengwitz wurde mit großer, die beiden anderen Anträge mit +knapper Majorität abgelehnt.</p> + +<p>Dann sprang aber Bruder Balzar hastig auf und erklärte knapp und +hart: er empfinde mit der Mehrzahl seiner Kollegen die unbedingte +Notwendigkeit, in dem von ihm vorher angedeuteten Sinne reformierend +an das Seminar heranzutreten, schon um den 99 Prozent der +beunruhigten Gemeingeschwister eine Genugtuung und eine Hoffnung auf +Änderung zu gewähren. Er stelle daher, nachdem die drei schärferen +Anträge gefallen, diesen milderen Antrag und mit ihm zugleich die +Kabinettsfrage.</p> + +<p>Eine kurze Besprechungspause wurde vom Vorsitzenden angeordnet, dann +ging die Abstimmung vor sich. Mit überwältigender Mehrheit ward der +Antrag Balzar angenommen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p> + +<p>Da ging Bruder Kämpfer hinaus, und Kaspar Krumbholtz folgte ihm.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am nächsten Tage suchte Kaspar Krumbholtz seinen höchsten Vorgesetzten, +Bruder Bauding, auf.</p> + +<p>Herzlich wie immer begrüßte ihn der Unitätdirektor, aber aus seinen +Mienen sprach nicht mehr der gewohnte Frohsinn, die ruhige Sicherheit +und Zuversicht des bewährten Steuermanns. Eine müde Resignation lag +über seinen ein wenig abgespannten Zügen.</p> + +<p>Mit milder, warmer Freundlichkeit sprach er Kaspar sein Beileid aus +zu dem Heimgang seines väterlichen Freundes Winkler und erwähnte, daß +Herr Geheimrat Volpelius der Unität kürzlich die Stipendienregelung +angekündigt hätte.</p> + +<p>Dann schloß er lächelnd: »Dein Freund Sebalt hat uns bereits vorher +den Stuhl vor die Türe gesetzt, und ich fürchte, du hast ähnliche +Absichten, lieber Bruder.«</p> + +<p>Um Kaspars Mundwinkel zuckte es wehmütig. Leicht ward es ihm wahrlich +nicht, seinen allerdings schon gestern gefaßten Entschluß dem verehrten +Manne mitzuteilen.</p> + +<p>Daß seine Beweggründe vermutlich anderer Art waren als die Hans +Sebalts, das brauchte er Bruder Bauding nicht auseinanderzusetzen, +Sebalt hatte für sich selbst einzustehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span></p> + +<p>Aber warum er, Kaspar, gehen wollte, ja gehen mußte, das sollte Bruder +Bauding, der es stets gut und treu mit ihm gemeint hatte, doch wissen, +und so sagte Kaspar langsam, fast feierlich:</p> + +<p>»Herr Unitätdirektor, ich möchte nicht, daß Sie mich mißverstehen +oder ungerecht beurteilen. Ich kam vorgestern hierher mit der leisen +Hoffnung und dem geheimen Wunsche, in der Gemeine wie im Unitätdienst +verbleiben zu können, weil ich an die Zukunft der Brüdergemeine +glaubte und auf weitere Nachsicht mit meiner religiösen Schwachheit +rechnete. Seit gestern, seit ich weiß, daß der Geist Bruder Balzars +auch weiter hier herrschen soll, ist das anders geworden, und ich habe +den Entschluß gefaßt, von nun an mir mein Leben selber zu zimmern und +in völliger Freiheit um meine Weltanschauung zu ringen. Gott suchen und +ihm dienen kann ich wohl auch da draußen, vielleicht sogar ungestörter. +Ich habe sein Walten in mir schon wieder leise verspürt, aber ich weiß +auch, daß ich schwerlich je wieder die gemeinmäßige Gottesauffassung +teilen werde, jedenfalls nicht die im Unitätdienst erwünschte der +Person Christi. Darum will ich lieber beizeiten hinausgehen, und es +ist eine Stimme in mir, die mir sagt, daß ich recht daran tue. Daran +lasse ich mir genügen und bitte Sie, mir nicht zu zürnen. Was ich +meinen<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> Erziehern aus der Brüdergemeine schulde, dessen werde ich mir +immer bewußt bleiben, und auch Ihnen danke ich herzlichst für all Ihr +redliches Interesse für mich armes Missionskind.«</p> + +<p>Lang und väterlich sah Bruder Bauding den jungen Lehrer an, der fest +und ruhig gesprochen hatte und doch voll verhaltener Bewegung.</p> + +<p>Dann legte er ihm liebevoll die Hand auf die Schulter und sagte leise: +»Ich habe dich verstanden, mein lieber Bruder, und ich muß dir mit +bitterstem Schmerze gestehen: ich billige deinen mir so wehtuenden +Entschluß seit gestern auch. Wer weiß, ich ginge am Ende auch, wenn +ichs noch könnte. Aber was ein junger Leichtmatrose darf, das darf +ein Kapitän nicht, er hat auf seinem Schiff zu bleiben, auch wenn er +weiß, daß der Untergang schwerlich zu vermeiden ist. Noch kann Gott +Wunder tun! Hoffen wirs, aber rechnen wir nicht darauf, sondern tun +wir unsere Pflicht, ohne mit der Wimper zu zucken. Und darf ich dir, +lieber junger Freund, noch ein Wort mit hinausgeben in dein ferneres +Leben? Ich denke ja. Du hast dich eben noch einmal Missionskind +genannt, tu es gelegentlich auch fernerhin vor deinem Gewissen, wenn +auch vielleicht von nun an in anderer tieferer Bedeutung. Du bist und +bleibst ein Missionskind auch außerhalb unserer Gemeine, die dich +erzogen hat. Bleib ihrem Geist, ihrem Besten,<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> das doch unvergänglich +ist wie alles Göttliche, getreu und vergiß nie, daß auch du, ja gerade +du eine Mission hast. Was Gott der Allmächtige über das Geschick +unserer kleinen Kirche beschlossen hat, wissen wir nicht; aber wir +wissen, daß nichts umsonst ist in der Welt, auch das Niedergehen und +Vergehen nicht. Wer weiß, ob nicht gerade in all den vielen, die wir +erzogen haben und hoffentlich noch lange erziehen werden, unsere beste +Hoffnung, unser eigentlicher Daseinszweck beschlossen liegt? Es ist +vielleicht an der Zeit, daß wir die Waffen, die wir bisher tapfer, doch +nach und nach mit ermattenden Armen geführt haben, weitergeben sollen +an die, die von uns hinausgehen, um dort in unserm alten Sinn, doch mit +andern Formen und neuem Geiste zu kämpfen. Die Schüler sind die Flügel +des Lehrers, sagte der alte Neander. Fliegen wir mit diesen Fittichen +auf zu neuen Zielen. Das walte der Allmächtige auch durch dich, mein +junger Freund, das könnte deine Mission sein! Und damit Gottes Segen +über dich und deine weitere Arbeit, zieh hin in Frieden!«</p> + +<p>Stumm und beide tief ergriffen reichten sich die Brüder die Hand zum +Abschied.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Dann schritt Kaspar Krumbholtz langsam und nachdenklich hinauf zum +stillen Hutberg, um Abschied<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> zu nehmen von seinem letzten Schatz in +der Gemeine, dem Grab seiner Mutter.</p> + +<p>Was er da empfunden, vermag keines Menschen Feder niederzuschreiben; +es gibt Dinge, die unaussprechlich sind oder wenigstens durch jeden +Niederschlag in Worte ihr Bestes, ihren keuschen Duft, verlieren.</p> + +<p>Daß Kaspar an seiner Mutter Grab weinen und beten durfte, war ihm eine +Erleichterung und ein Trost ohnegleichen.</p> + +<p>Er schied mit unnennbarem Schmerz, doch mit reinem Gewissen von +dem schlichten, flachen Hügel, unter dem die letzte Neißerin ihren +Ewigkeitsschlaf schlief.</p> + +<p>Nachdem sich Kaspar Krumbholtz endlich losgerissen hatte, stieg er noch +einmal mit wundem Herzen auf den kleinen Altan, der den runden Gipfel +des Hutberges krönte.</p> + +<p>Es war eine stolze Aussicht, die sich ihm da bot.</p> + +<p>Ringsum reckten blaue Waldberge, drohend in keckem Trotz, die mächtigen +Häupter wie eine Postenkette unüberwindlicher Hüter dieses stillen, +gesegneten Paradieses, in dem üppig wogende Felder und stattliche +rotdachige Dörfer sich wohlig, ja behäbig streckten.</p> + +<p>Dicht vor ihm zu Füßen des Hutbergs lag das liebliche Herrnhut. +Die grauen, sonnenbeschienenen<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Schieferdächer glitzerten aus dem +Lindengrün empor wie funkelnde Diamanten aus einem herrlichen +Smaragdschmuck. Gleich einer braven Henne über ihren Küchlein wachte +die gewaltig ragende Kirche mit ihrem schweren braunroten Dach, das +ein kupfergrünes Türmchen knopfartig zierte, über den kleinen, alten +Barockhäusern.</p> + +<p>Noch konnte man denken, es sei das alte Herrnhut Zinzendorfs und +Spangenbergs. Nur vom Nachbardorf und vom Bahnhof her rückten allerlei +viereckig grobschlächtige Mietskasernen respektlos und aufdringlich wie +Parvenüs an die ehrwürdige Aristokratenmatrone Herrnhut heran.</p> + +<p>Wie lange würde es wohl noch dauern, fragte sich Kaspar unwillkürlich, +bis auch im Äußeren der letzte Rest der vornehm bescheidenen Eigenart +untergegangen war im Meer der barbarischen Alltäglichkeit?</p> + +<p>Absetzen — ehe die letzte Neige schal auf der Zunge nachschmeckt — +aufhören, ehe der letzte Eindruck häßlich sein muß — scheiden in +Schönheit und nicht mit dem Anblick der verzerrten Züge des furchtbaren +Todeskampfes.</p> + +<p>So dachte Kaspar wehmütig ernst, und so maß er noch einmal +liebevoll mit verzehrenden Blicken das harmonische Bild der trauten +Friedensstätte, die einer seiner Vorfahren mit dem schlichten +Zimmermann Christian David gegründet hatte, prägte<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> dies Bild tief +und unauslöschlich in seine Seele und schritt traumverloren den Berg +seitwärts hinunter zum Bahnhof.</p> + +<p>Da kam ihm ein hochgewachsener und doch gramgebeugter Greis entgegen. +Es war der Mann, der Kaspar gestern noch einmal die ganze Schönheit, +Redlichkeit und Größe moravischen Wesens offenbart hatte, Ehrentraut +Kämpfer.</p> + +<p>Sollte er diesem Mann, der ihm so viel gegeben, der ihm über das +Schwerste hinweggeholfen, nicht dankbar die Hände drücken?</p> + +<p>Er wagte es und sprach zu dem überraschten Greise, wies ihm ums Herz +war.</p> + +<p>Wie verwirrt starrte ihn anfangs der alte Mann an, dann drückte er ihm +innig die Hand und sagte leise:</p> + +<p>»Wieder einer von den Jungen! Es wird Zeit, daß wir Alten uns schlafen +legen. Nach Leipzig gehst du? Viel Glück, und grüß mir meinen Sohn, den +Gottfried. Ich laß ihm sagen, er habe recht gehandelt wie du. Baut da +draußen neu, was hier in Trümmer fällt. Leb wohl!«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Zweites_Buch">Zweites Buch<br> +<span class="p2 s3 center"> Gärender Most</span></h2> +</div> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel_2">Erstes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Im Rock des Königs</b></span></h3> +</div> + +<p>Mit behaglichem, ein wenig schadenfrohem Schmunzeln schaute die +helle Oktobersonne schräg über den weiten Exerzierplatz des 13. +Infanterieregiments zu Leipzig und schien gar keine Lust zu haben, +durch einen beschleunigten Niedergang den Rekruten ihre gesunden Qualen +zu verkürzen.</p> + +<p>»Was glotzen Sie denn so da rüber,« schnaubte der scheinbar +ewig zürnende und doch urgemütliche Sergeant Schnedermann den +Einjährig-Freiwilligen Krumbholtz an, »Sie sind wohl Sonnenanbeter?«</p> + +<p>»Ich bin Theologe, Herr Sergeant,« erwiderte launig, aber in strammer +Haltung Kaspar Krumbholtz.</p> + +<p>»Ach was, Deologe,« schalt Schnedermann, »jetzt sind Sie Rekrut und ham +Gottverdammich zu sagen, oder wenn Sie lieber wollen Gottverdanzig, +ooch Gottverdanneboom, aber sonst jeht Sie hier der <span class="antiqua">deus ex +magica</span> ebenso wenig an wie da drüben die Sonne. Verstanden! +Übrigens weeß<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> ich gar nich, wie son forscher Kerl wie Sie dazu kommt, +Paschter wern zu wollen.«</p> + +<p>»Ich werds auch nicht, Herr Sergeant. Morgen sattle ich um; der Herr +Hauptmann hat mir schon Urlaub gegeben für die Universität.«</p> + +<p>»So, gehört das hierher? — Urlaub — son krummer Rekrut von kaum vier +Wochen. Sein Se froh, daß ich nich der Hauptmann bin.«</p> + +<p>»Bin ich auch, Herr Sergeant.«</p> + +<p>»Hab ich Sie was jefragt?«</p> + +<p>»Zu Befehl, nein, Herr Sergeant.«</p> + +<p>»Also — ich wer Sie aber nu was fragen: Was wolln Se denn morjen wern +bei Ihrn Urlaub?«</p> + +<p>»<span class="antiqua">Stud. phil. et hist.</span>, Herr Sergeant.«</p> + +<p>»Was forn Mist?«</p> + +<p>»<span class="antiqua">Studiosus philosophiae et historiae</span>, das heißt, Student der +Weltweisheit und der Geschichte.«</p> + +<p>»Na hörn Se, viel schlauer scheint mir das auch nich zu sein, als die +Gott- und Sonnenanbeterei. Warum wern Se nich Offizier?«</p> + +<p>»Weil ich zu arm, auch schon zu alt bin und noch zu wenig gelernt habe, +Herr Sergeant.«</p> + +<p>»Hm — das läßt sich hören! En ehrlicher Kerl sind Sie, das hab ich +schon gemerkt, und ein leidlich strammer auch, drum zeichne ich Sie +auch gelegentlich durch ne kleene Ansprache aus. Aber nu tun Se auch +mal wieder was, der Herr Leitnant<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> kommt ruff. Rechtes Ohr tiefer, +Einjähriger Krumbholtz, zum Donnerwetter, wie oft soll ich Sie das +sagen!«</p> + +<p>Und Kaspar Krumbholtz machte seine Gewehrgriffe, als mache es ihm +Freude.</p> + +<p>Vergnügt war er als Soldat jedenfalls, obwohl der Anfang des neuen +Berufs nicht sonderlich unterhaltsam war. Aber sich sorgenfrei +in gesunder Luft zu tummeln, die Muskeln zu stählen im Training +wohlausgedachter Einzelübungen, die doch untrüglich auf eine +Gesamtausbildung des Leibes hinausliefen, — das war zum mindesten +nicht schwerer zu ertragen als Schul- und Stubendienst, als Hefte +korrigieren und Schlafsaalwache.</p> + +<p>Ein bißchen derb gings freilich zu und nicht immer geistreich. Aber +eine Fülle von Leben und Humor steckte doch unter der ledernen +Oberfläche, gerade wie bei dem scheinbar so grimmigen Schnauzbart +Schnedermann.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Kaspar Krumbholtz wohnte vor der Stadt in Eutritzsch, nicht allzu weit +von Hans Sebalt.</p> + +<p>Dieser hauste noch immer bei der stattlichen Frau Breutel, die ihn mit +großer Aufmerksamkeit besorgte; vollends seit sie ihren blöden Emanuel +glücklich los war. Von dem Plan, mit Kaspar zusammen zu ziehen, war +Sebalt sofort zurückgekommen,<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> als der harmlose Freund damit Ernst zu +machen drohte.</p> + +<p>So war Kaspar, unfern der Kaserne, zu einer kinderreichen +Arbeiterfamilie gezogen, die ihn bald innerlich lebhaft beschäftigte, +obwohl er nicht viel zu Hause sein konnte.</p> + +<p>Die Frau war sehr zart, aber scheu und sichtlich vergrämt, als laste +ein Verhängnis über ihr.</p> + +<p>Der Hausherr, Lüders mit Namen, war Vorarbeiter in einer +Orchestrionfabrik und nebenbei Agitator der sozialdemokratischen +Partei, wie er seinem Mieter bald darauf und nicht eben vertraulich +mitteilte. Im Gegenteil, er machte ziemlich viel Wesens davon und kam +sich als ein recht wichtiger Mann vor.</p> + +<p>Auch Kaspar suchte er nach und nach in parteipolitische Behandlung zu +nehmen, und dieser ließ es sich ausnehmend gern gefallen; denn diese +sozialen Probleme, die ihm vor der Hand freilich nur in einer Fülle von +Schlagworten zu Gemüte geführt wurden, hatten den Reiz der Neuheit für +den jungen Exherrnhuter und weckten sein lebhaftestes Interesse.</p> + +<p>Kaspar hoffte unwillkürlich, daß hier ein wichtiges Stück modernen +Lebens sich ihm enthüllen könne, und er ahnte zugleich, daß auf diesem +schwierigen Gebiete noch vielerlei Aufgaben einer Lösung harrten — +anders wahrscheinlich, als<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> der schnellfertige Agitator sie zu lösen +vorschlug.</p> + +<p>Daß die Arbeiter im allgemeinen nicht den gebührenden Anteil an dem +Gewinn ihrer Arbeit erhielten, daß sie im eignen wie im Interesse ihrer +Kinder vorwärts streben, sich dazu zusammenschließen und ihre damit +errungene Machtstellung kämpfend ausnutzen mußten, das leuchtete Kaspar +allerdings ohne weiteres ein. Aber daß die Unternehmer durch die Bank +eine beutegierige, ihre Machtstellung schonungslos und ungerecht gegen +die Arbeiter ausnutzende Gesellschaft von Egoisten sein sollten, das zu +glauben war dem Pflegesohn des edlen Wilhelm Winkler schlechterdings +unmöglich.</p> + +<p>Ob ferner das moderne Wirtschaftsleben ohne den persönlichen +Unternehmer möglich oder mit Staats- oder Genossenschaftsbetrieb besser +beraten wäre, dünkte dem gern vorsichtig prüfenden Kaspar zum mindesten +zweifelhaft. Jedenfalls erschien es ihm dringend notwendig, sich über +all diese und ähnliche Probleme erst einmal gründlich zu unterrichten, +ehe er sich schroffe Meinungen oder vielleicht schiefe Urteile +nahebringen ließ. Und so war eines der ersten Kollegs, das Kaspar als +<span class="antiqua">Stud. phil. et hist.</span> belegte, Nationalökonomie.</p> + +<p>Überhaupt war es Kaspar Krumbholtz bei seinem neuen, nun endlich völlig +freien Studium vorab darum zu tun, die Fundamente seiner allgemeinen<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> +Bildung zu erweitern oder gar neu zu legen.</p> + +<p>Er hatte zur Genüge kennen gelernt, was es heißt, auf Kommando dies +oder jenes zu studieren. Jetzt wollte er nach eigenem Bedürfnis sich +erst einmal orientieren über die Welt des modernen Wissens, wollte weit +nach allen Seiten ausgreifen und sich dann, so hoffte er, nach und nach +auf das konzentrieren, was seiner Begabung und seinen Neigungen am +meisten lag.</p> + +<p>Zu einem anhaltenden Fachstudium bot die Militärzeit so wie so keine +Möglichkeit, obwohl der Hauptmann in äußerst entgegenkommender Weise +ihm nach Beendigung der Rekrutenausbildung in Aussicht gestellt hatte, +den Besuch von Nachmittag- und Abendkollegs nicht nur zu gestatten, +sondern auch zu erleichtern, falls der Einjährig-Freiwillige Soldat +Krumbholtz gut schießen und sonst anstellig im Dienst sein würde. Und +dem ehemaligen Turner und Fußballspieler fiel das eine dank seiner +guten Augen und seiner angeborenen Ruhe leicht und das andere nicht +schwer.</p> + +<p>So ward ihm denn in der Tat mancher Nachmittag freigegeben und fast +jeder Abend.</p> + +<p>Überhaupt durfte sich Kaspar über seine Vorgesetzten nicht beklagen. +Der Hauptmann von Kruse war im Dienst ein wortkarger, auch oft derber +Herr, der namentlich Montags gar keinen Spaß<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> verstand; aber er pflegte +seinen Leuten mit Vorliebe zu sagen: »Kinder, macht ihr eure Sache, wie +sichs gehört, seid ihr in zwei Stunden wieder im Quartier, wenn nicht, +dann tanzt ihr noch heute abend bei Mondschein nach meiner und des +Herrn Feldwebels Pfeife. Also wie ihrs haben wollt. Nu los!«</p> + +<p>Es kam äußerst selten vor, daß es die Leute anders haben wollten +als der Herr Hauptmann, der auch gern beizeiten in seine behagliche +Junggesellenwohnung zurückkehrte.</p> + +<p>Um seine Mannschaften kümmerte sich der Hauptmann nicht allzu viel, +das überließ er dem Feldwebel Knabe, einem wirklich prächtigen alten +Knaben, dem ältesten Unteroffizier des Regiments, und doch noch dem +jüngsten ein Vorbild an Pflichttreue, an Schießfertigkeit und vor allem +— darin fast ein weißer Rabe — an Unbestechlichkeit. Der alte Knabe +hatte nur <em class="gesperrt">einmal</em> im Jahre »Geburtstag«, nämlich zu Weihnachten, +und dann auch gleich für seine Frau mit. Zu diesem Festtage war es +üblich, daß die Einjährigen ihm eine Kiste Zigarren und zwei Flaschen +Kognak verehrten, von dem er mit Vorliebe bei Felddienstübungen den +Einjährigen eine Probe aus seiner Feldflasche anbot, aber schalkhaft +hinzusetzte: »Übrigens ist es streng verboten, Alkohol in den +Feldflaschen zu haben.« »Schmieren« ließ sich der alte Knabe nie,<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> +seine Kompagnie-Unteroffiziere ebenfalls nicht, denn er hielt streng +auf Anstand; aber bei anderen Kompagnien war dieses Hauptübel des +Unteroffizierstandes recht verbreitet.</p> + +<p>Im allgemeinen kam Kaspar mit den Unteroffizieren gut aus, besonders +seit er auf Bitten seines Oberleutnants Buff, eines seltenen Offiziers, +der sich um seine Untergebenen mit hingebender Liebe und fast heiligem +Eifer kümmerte, einige zukünftige Zivilanwärter in Französisch und +deutschem Aufsatz unterrichtete. Diese Unteroffiziere waren für die +kleine Hilfe dankbarer als andere für Freßkörbe und silberne Uhren. +Am klarsten zeigte sich das, als Kaspar von dem ihm nicht gerade +wohlwollenden Kammerunteroffizier wegen falschen Urlaubs und Tragen +von Zivilkleidung zur Meldung gebracht werden sollte. Da half man ihm +treulich.</p> + +<p>Ganz ungerupft kam Kaspar jedoch nicht durch. Er war Gefreiter +geworden, hatte auch bereits eine Korporalschaft erhalten und leitete +das übliche Reinigen der Gewehre. Der aufsichtführende Vizefeldwebel +Knauer, dessen Laune mitunter an den Folgen eines kleinen Rausches +litt, stellte plötzlich fest, daß es abermals bei der Mannschaft +an Schaftöl fehle und die Leute nur trocken »herumfummelten«. Der +Einjährig-Gefreite Krumbholtz erhielt also eine gehörige Nase, zumal +ihm das<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Lügen wie immer schwer fiel, und er ruhig eingestand, er +habe sich trotz der früheren Ermahnung Knauers nicht darum gekümmert. +Ärgerlich befahl ihm der Vize, er solle sich sofort selber in die Stadt +scheren und Schaftöl holen.</p> + +<p>Kaspar machte erst große Augen, dann eine stramme Kehrtwendung und +ging nachdenklich an seinen Kleiderschrank. Was sollte er tun? Eine +schmutzige Kanne mitten durch die belebte Stadt zu tragen, erschien ihm +für einen Einjährigen ehrenrührig. Wiederum einen andern, etwa seinen +Putzer, zu schicken ging nicht an; denn erstens war der »auf Kammer«, +sodann wäre damit der ihm persönlich aufgetragene Befehl umgangen.</p> + +<p>Endlich fiel ihm ein Ausweg ein. Er zog seines Putzkameraden Ausgehrock +an. So war die Ehre der Schnüre gerettet, und der Feldwebel hatte auch +seinen Willen.</p> + +<p>Alles ging soweit nach Wunsch; mit Humor und Würde nahm Kaspar sogar +eine von dem Ölhändler spendierte Dreipfennig-Zigarre entgegen und +kehrte in die Kaserne zurück. Da aber stieß der unermüdlich im Revier +tätige Oberleutnant Buff auf Kaspar, musterte ihn halb erstaunt, halb +ärgerlich, und fragte ihn schließlich sehr ernsthaft, warum er sich +seine Schnüre und Knöpfe abgeschnitten habe. Verlegen beichtete der +Einjährig-Gemeine seinen salomonischen Ausweg, jedoch ohne<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> dem stets +sachlichen Vorgesetzten ein Lächeln abzulocken, vielmehr nur den +kurzen, bangen Bescheid: »Ich werde die Sache dem Herrn Hauptmann zur +Meldung bringen.« Und es geschah.</p> + +<p>Zum Glück nahm Herr von Kruse die Sache mit mehr Humor auf, aber Knauer +wie Krumbholtz bekamen einen öffentlichen Verweis.</p> + +<p>Von da an hatte Kaspar schlimme Tage, wenn Vizefeldwebel Knauer den +Dienst leitete. Auch als er am 1. Juli Unteroffizier wurde, besserte +sich das Verhältnis zu dem grimmigen Knauer nicht.</p> + +<p>Dennoch war Kaspar mit Leib und Seele Soldat. Ja, er fragte sich +bisweilen ganz ernsthaft, wie ihn schon seinerzeit der Sergeant und +dann einmal der Oberleutnant: ob es sich nicht verlohne, dauernd zu dem +militärischen Erziehungsberufe überzugehen; doch die freie Wissenschaft +lockte ihn von Tag zu Tag mehr, und schon freute er sich darauf, ihr +ganz sich hingeben zu können.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel_2">Zweites Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Sündenfälle</b></span></h3> +</div> + +<p>Vergebens hatte Hans Sebalt gehofft, das Interesse für die schöne +Tänzerin von Lindenau werde bei ihm ebenso rasch verfliegen wie bei +seinem Freunde Niemeyer, der ihrer kaum je wieder gedachte und auch +dann nur mit der angenehmen Erinnerung an eine seiner Eitelkeit +schmeichelnde Episode, nicht mit der Sehnsucht nach Wiederholung.</p> + +<p>Den scheinbar so kühlen, jetzt sogar gern ein wenig blasierten Hans +Sebalt ließ diese Sehnsucht nach einem Wiedersehen nicht los; auch +Ärger, Trotz und Neugier gesellten sich in seinem Innern bohrend hinzu, +und gar mancher Kneipen- und Tanzlokalbesuch Sebalts hatte keinen +anderen Grund als den, nach der geheimnisvollen, stolzen Brünetten zu +spähen, der er den Korb von Lindenau noch immer nicht verziehen hatte.</p> + +<p>Je weniger Erfolg der eigensinnige Hans Sebalt hatte, um so mehr +steigerte sich seine Begierde; ja schließlich loderte eine Leidenschaft +in<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> ihm empor, daß er selbst bisweilen darob erschrak und sich wohl +im geheimen fragte: ob man ein Phantom überhaupt so lieben könne oder +ob es nicht ganz einfach die lang in ihm zurückgedrängten Triebe +des reifenden Mannes wären, die nach Befriedigung durch das andere +Geschlecht lechzten.</p> + +<p>Hans Sebalt erschauerte oft vor Sehnsucht nach dem Weibe und war +ehrlich genug, es sich zu gestehen. Solange er die Notwendigkeit +vor sich gesehen hatte, Herrnhuter zu bleiben und mit dem späteren +Unitätdienst zu rechnen, hielt er sich für verpflichtet, einen sittlich +einwandfreien Lebenswandel zu führen. Jetzt, nachdem er durch das +Winklersche Legat von den ihm längst lästigen Fesseln befreit worden +war, änderte sich diese asketische Anschauung merkwürdig rasch; +ja, es brach sich sogar die Überzeugung in ihm Bahn: ein Mann von +Welt, vielleicht überhaupt jeder richtige Mann müsse, um das Weib zu +verstehen, auch Weiber kennen lernen, und das sei nur möglich im nahen +und nächsten Umgang, im Liebesverkehr.</p> + +<p>Aber sooft sich Hans Sebalt dies Ergebnis seiner kecken Überlegungen +auch zu Gemüte führte, so sehr hütete er sich doch, es in Taten +umzusetzen. Seine gute Erziehung, seine angeborne Keuschheit, wie +endlich seine innere Unsicherheit gegenüber allem weiblichen Wesen +hielten ihn immer wieder<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> vor dem Äußersten zurück, obwohl es in +Leipzig an Gelegenheiten dazu nicht fehlte.</p> + +<p>Immer wieder lachte sich der ehemalige Herrnhuter innerlich aus, wenn +er sich aussprach, daß er mit seinen 23 Jahren noch nie ein hüllenloses +Weib gesehen hatte, daß ihm auch mancherlei Geheimnisse, die ein +ländlicher Gesindejunge oft schon mit zehn Jahren kennt, noch halb +verschlossen waren, so daß er oft bei den gepfefferten Witzen und Zoten +einiger Kommilitonen nur verlegen mitlächeln konnte.</p> + +<p>Es kam wohl vor, daß Hans Sebalt nachts nach einer wüsten Kneiperei +mit heißem Verlangen einem Straßenmädchen nachging, sich ansprechen +und mit prickelndem Behagen ein Stück mitnehmen ließ und schließlich +doch scheue Ausflüchte suchte, wenn eine Entscheidung von ihm gefordert +wurde. Dann dachte er unwillkürlich — wie zum Schutz gegen die Macht +der Verführung — an die stolze Schöne von Monplaisir, die er liebte, +dankte rasch und kehrte um.</p> + +<p>Enttäuscht und doch stolz schlich er heim, wälzte sich unruhig und +ärgerlich auf seinem Lager und schalt sich immer aufs neue einen Narren +oder Phantasten, einen Heuchler oder Unmann.</p> + +<p>Aber von den Weibern ganz zu lassen, vermochte Hans Sebalt auch +nicht, obwohl er mit der Zeit ein sehr fleißiger Student der +Naturwissenschaft<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> geworden war, der bei seinen Professoren bereits +Hoffnungen zu selbständigem Forschen erweckte. So nüchtern Hans Sebalt +tagsüber arbeitete und forschte, in den Nächten bekam die Leidenschaft +immer von neuem Gewalt über ihn, und der Kampf um seine Keuschheit ward +immer härter und heißer.</p> + +<p>Da stieß Hans Sebalt eines Abends an einer Straßenecke zu seiner +größten Bestürzung auf die stolze Brünette. Sie stand vor einem +Juwelierladen und musterte wie versonnen die Auslage.</p> + +<p>Hans Sebalt fühlte, wie ihm das Blut gleichsam in den Adern stockte, +wie sein Herz lauter schlug; es war ihm plötzlich, als stünde das +Schicksal selber in dieser verführerisch lieblichen und doch so +unsagbar kühlen Mädchengestalt vor ihm.</p> + +<p>Rasch faßte sich der Student und überlegte, was er tun sollte. Eine +Begegnung, eine Anrede mußte er irgendwie herbeiführen; aber diesmal +galt es auf der Hut zu sein, sonst war alles verloren.</p> + +<p>Noch hatte die Geheimnisvolle ihn nicht gesehen, schnell tauchte er +darum in das schützende Gewühl der Menge zurück; dann ging er wie von +ungefähr an dem Schaufenster vorüber, stieß wie aus Versehen gegen des +Mädchens Arm, rief irgendjemand ein barsches: Passen Sie doch auf! zu +und wandte sich dann mit einem höflichen »Pardon, Fräulein!« geschickt +der Brünetten zu<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> und sagte schließlich mit gutgespieltem Erstaunen:</p> + +<p>»Ah — meine gnädigste Ungnädige von Lindenau, sieh da — Sie leben +auch noch. Ich bitte noch nachträglich für damals um Entschuldigung, +daß ich mich nicht vorstellte, mein Name ist Sebalt.«</p> + +<p>Spöttisch lächelnd wandte sich das schöne Mädchen ihm zu und sagte mit +unnachahmlicher Hoheit: »So — Sie sind mir mal wieder auf der Spur — +der Rosentaljäger auf der Pirsch! Na — Weidmannsheil — aber merken +Sie sichs endlich: ich bin kein Freiwild!«</p> + +<p>Hans Sebalt erbebte vor Ärger und Leidenschaft; doch die Furcht, die +heimlich Geliebte endgültig zu verlieren, gab ihm Selbstbeherrschung, +und so sagte er vornehm:</p> + +<p>»Ich weiß nicht, warum Sie mich so <span class="antiqua">en canaille</span> behandeln? +Schon in Lindenau haben Sie mich durch die Verweigerung eines Tanzes +verletzt, und jetzt tun Sie geradezu, als wäre ich der abgefeimteste +Schürzenjäger. Ich habe Sie wirklich ganz zufällig hier getroffen und +Ihnen nicht im mindesten nachgespürt.«</p> + +<p>»So,« erwiderte die Brünette eisig, »und im Rosental und in Monplaisir?«</p> + +<p>»Mein Gott ja, ist es ein Verbrechen, wenn man sich für eine Dame +interessiert?«</p> + +<p>»Ich danke gehorsamst für dieses Interesse und habe Ihnen das wohl zur +Genüge zu verstehen<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> gegeben. Also bitte, lassen Sie mich gefälligst in +Ruhe.«</p> + +<p>Scharf und ziemlich laut hatte das dunkellockige Mädchen gesprochen, +und einige Vorübergehende horchten auf.</p> + +<p>Hans Sebalt begann seine Fassung zu verlieren, trat erregt vor und +flüsterte: »Fräulein, bitte nicht so — Sie wissen nicht, was Sie mir +sind.«</p> + +<p>»Ich Ihnen?« spottete die Brünette, »eine flüchtige Unterhaltung wie +jede andere auch! Also bitte, wollen Sie sich jetzt entfernen?«</p> + +<p>Da hielt Hans Sebalt nicht länger an sich, und mit echter Leidenschaft +brach es aus seiner Seele: »Machen Sie mich nicht wieder so namenlos +unglücklich, Fräulein, wie damals in Lindenau! Ich habe nie an eine +andere gedacht als an Sie; ich liebe Sie und muß Sie lieben — ich +weiß nicht, wie es kommt, — Sie haben mein ganzes Denken und Fühlen +eingenommen, und darum bitte ich, rauben Sie mir nicht jede Hoffnung! +Ich will tun, was Sie wollen, nur stoßen Sie mich nicht wieder herzlos +von sich.«</p> + +<p>Mit seltsam irrenden Blicken und sichtlichem Unbehagen hatte die +Brünette den leisen, aber wehdurchzitterten Worten Sebalts zugehört, +dann sagte sie herb, fast bitter: »Ich meine, solche Phrasen schon +gelegentlich in Liebesromanen und schlechten Stücken gelesen zu haben; +aber Sie verzeihen, ich<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> glaube dergleichen Firlefanzereien schon +längst nicht mehr. Geben Sie mir doch Beweise Ihrer Verehrung, dann +wollen wir weiter reden.«</p> + +<p>»Ich bitte darum,« sagte Hans mit leisem Aufatmen.</p> + +<p>»Meinetwegen!« antwortete das Mädchen gleichgültig lächelnd und +wiederum in Gedanken verloren. »Hier, sehn Sie die Brosche, das goldne +Steuerrad mit den Perlen — gehen Sie hinein und kaufen Sie es.«</p> + +<p>Hans Sebalt erschrak, seine Gedanken jagten sich: War sie so eine? +Hatte er sich also doch getäuscht! Zugleich fiel ihm schwer aufs Herz, +daß er das Schmuckstück wohl kaum würde bezahlen können. Aber die +Blamage! Und dann die Heißersehnte wieder verlieren — für immer — +nein — koste es, was es wolle, er hatte zur Not sein Vermögen, und +stolz schritt er in den Laden.</p> + +<p>Die Brosche war echt und mit 65 Mark ausgezeichnet. Hans Sebalt wußte, +er hatte nur einige 40 Mark bei sich. Mit vornehmer Gelassenheit +erklärte er jedoch dem Juwelier kühl:</p> + +<p>»Ich werde nicht so viel bei mir haben, möchte aber das Geschenk gleich +mitnehmen. Sie gestatten wohl, daß ich Ihnen die größere Hälfte, 35 +Mark gleich anzahle, das andere morgen oder übermorgen, wenn Sie +wünschen, hinterlege ich meine Studentenkarte. Gefahr laufen Sie +nicht.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p> + +<p>Der Juwelier lächelte verbindlich und machte eine Verbeugung: »Bitte, +keine Gefahr — gar nicht nötig, Ihre Adresse genügt. Wollen Sie ein +Etui, vielleicht weißer Samt?«</p> + +<p>»Bitte ja,« erwiderte Sebalt ruhig, zählte die 35 Mark auf den +Ladentisch und ging mit der Brosche siegesgewiß hinaus.</p> + +<p>Als sich Hans Sebalt auf der Straße nach der Brünetten umsah, konnte er +sie nirgends entdecken. Irgendein Fremder, den er fragte, gab an, sie +habe plötzlich wild aufgelacht und sei dann wie närrisch davongestürzt. +Genug — sie war verschwunden, und er war abermals schnöde verspottet +und verschmäht.</p> + +<p>Eine grenzenlose Wut kochte in Sebalt empor. Aufschreien hätte er +mögen, davonrasen, seinen kostbaren Schmuck an der nächsten Hauswand +zerschmettern!</p> + +<p>Diese Elende — diese eingebildete Person! Nur zum Narren hatte sie ihn +halten wollen. Und überdies ihn in Schulden gestürzt. Sollte er sich +nun auch noch vor dem Juwelier lächerlich machen und ihn bitten, das +Stück zurückzunehmen? Nein!</p> + +<p>Ein wilder Trotz durchflammte Sebalt — er würde einfach Volpelius um +Geld bitten.</p> + +<p>Und dann — diese schwarze, tückische Hexe — mußte sie es denn +durchaus sein? Es gab andere<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> genug, die vielleicht nicht weniger schön +waren und sicherlich entgegenkommender.</p> + +<p>Was war denn die Liebe? Leidenschaft — Sinnlichkeit! Ein +Naturwissenschaftler wie er brauchte sich wahrlich kein moralisches X +für ein naturgegebenes U zu machen. Dummheit!</p> + +<p>Und mit trotzigen, zynischen Gedanken ging Hans in eine Weinstube, +trank sich Mut, brachte seine schon erregten Sinne zu immer +gefährlicherer Erhitzung und suchte sich schließlich auf der Straße ein +schlankes, brünettes Frauenzimmer. Lachend opferte er ihr die kostbare +Brosche und seine Keuschheit.</p> + +<p>Aber jenes eine stolze Mädchen, das ihm wieder entflohen, und in dessen +Armen er sich bei der andern doch trunken gewähnt hatte, konnte er +trotzalledem nicht vergessen. Er mußte es weiterlieben und suchte es +von neuem rastlos in den engen Gassen Leipzigs, auf den Tanzböden der +Vorstädte und allnächtlich in seinen Träumen.</p> + +<p>Nur in diesen fand er es bisweilen und genoß seine Reize in wilder Lust +und unstillbarer Sehnsucht.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Verkehr zwischen Hans Sebalt und seinem Jugendfreunde war weniger +häufig und auch nicht so herzlich, als es beide zuvor im Engadin +erträumt hatten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p> + +<p>Teils lag das an Kaspars Dienst und seinem Kollegienhunger; teils an +Sebalts Hang zur Einspännerei und seiner eigentümlichen Seelenstimmung, +die mehr und mehr zwischen einem galligen Spott, einem hochfahrenden +Trotz und einer dumpfen Melancholie wechselte.</p> + +<p>Mit redlicher Betrübnis sah Kaspar, daß der Freund sich völlig +verändert hatte, und er ahnte, daß irgendein geheimer Kummer ihn +bedrücke. Aber wenn er dergleichen schonend andeutete, um Hans +vielleicht zu einer tröstenden Aussprache zu bringen, dann lachte +Sebalt oft häßlich und höhnte mit seiner alten, aber nicht mehr so +harmlosen Großspurigkeit:</p> + +<p>»Nee, mein lieber Musketier und Beichtvater. Das mußt du schon schlauer +andrehn, wenn du mich ausholen willst. Was soll ich dir auch Rede +stehn, mein Guter? Das sind Dinge, von denen sich deine fromme Seele +nichts träumen läßt. Danke du deinem Schöpfer, daß er dich braven +Musterknaben nicht in Versuchung führt, auf daß deine redliche Seele +nicht Schaden nehme. Verachte mich, wenn du magst, aber laß mich nach +meiner Façon unselig werden.«</p> + +<p>Kaspar horchte auf. Wo hatte er schon einmal einen ähnlichen Ton +vernommen? Richtig — bei Chancy, der sprach auch so bitter und +überlegen — damals!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p> + +<p>Hans Sebalt rang wahrscheinlich mit einer schweren Leidenschaft, da +konnte ihm wohl keiner helfen, also schwieg Kaspar. Doch Hans Sebalt +höhnte gelegentlich weiter; und Kaspar trug es weiter geduldig.</p> + +<p>Nur einmal, als Sebalt plötzlich Ursemis Namen neckend mit dem des +Freundes in Verbindung brachte, da verwies ihm das Kaspar rauh und +hart, und Sebalt dachte sich ebenfalls das Seine und schwieg nun auch.</p> + +<p>Verstimmt schieden die Freunde voneinander und sahen sich viele Wochen +nicht wieder.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auch mit seinem Hauswirt geriet Kaspar nach und nach in ein +unerquickliches Verhältnis.</p> + +<p>Erst kam es bei den politischen Disputen, die Herr Lüders immer und +immer wieder herbeiführte, zu einigen Offenheiten. Der Agitator schalt +mit Vorliebe auf seine beiden Fabrikherrn und nannte sie schamlose +Ausbeuter. Als Kaspar darauf nicht reagierte, da er die Herren +nicht kannte, ging Lüders rasch vom Besonderen zum Allgemeinen, zur +Verelendung der Massen, über und zieh seinen Mieter, der ihm jetzt +öfters auswich, schließlich der Feigheit. Nun diente ihm Kaspar, der +sich unterdessen mit dem Marxismus und seinen teilweise schon durch die +Entwickelung <span class="antiqua">ad absurdum</span> geführten<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> Theorien genügend vertraut +gemacht hatte, in aller Sachlichkeit.</p> + +<p>Der Arbeiter fühlte wohl auch die Überlegenheit des nun gründlicher +orientierten Studenten und nahm sich klug die Auswüchse des +Militarismus vor. Kaspar leugnete diese durchaus nicht, aber meinte: +Auswüchse zeitige jedes System mit der Zeit; darum gelte es eben +stets, sie beizeiten zu beseitigen, und daran fehle es auch im +Falle des Militärwesens keineswegs. Er habe sich früher als Laie +die Durchstechereien und Mißhandlungen nach dem Zeitungslärm weit +verbreiteter gedacht; in Wahrheit stehe es nicht allzu schlimm damit, +und Lumpen kämen überall vor.</p> + +<p>»Stimmt,« erklärte Herr Lüders diktatorisch, »aber unter den niederen +Klassen weit weniger als unter den höheren — natürlich prozentual +berechnet.«</p> + +<p>»Mag sein,« erwiderte Kaspar ruhig, »gegen solche allgemeine +Behauptungen läßt sich ja gar nichts einwenden und auch nichts +beweisen. Aber werden wir doch einmal konkret, Herr Lüders. Ich habe +da kürzlich eine kleine Erfahrung gemacht, die mir beinahe einige Tage +Kasten eingetragen hätte. Ich habe nämlich, um mir mal ein eignes +Urteil über Ihre politischen Ziele und ihre Art zu bilden, zwei +Ihrer Versammlungen besucht, natürlich in Zivil. Das erstemal kam es +zu keiner<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> Resolution, da wegen allzu wüster Schimpfereien — nein +wirklich — es war geistlos und wüst — die Versammlung polizeilich +aufgelöst wurde. Das zweitemal bekam ich Prügel, weil ich bei der +Resolution, der ich beim besten Willen nicht zustimmen konnte, sitzen +zu bleiben wagte. Dafür wurde ich von der Polizei aufgeschrieben und +wäre ohne meine Studentenkarte wohl auch zur Meldung gebracht worden. +Ist das Ihre vielgerühmte Freiheit der Meinung, Herr Lüders?«</p> + +<p>»Ach was,« erwiderte der Agitator unverlegen, »im Kampf ist jedes +Mittel recht. Wenn erst der Sieg erfochten, der Zukunftstaat — dann —«</p> + +<p>»Pardon! Daß der Zukunftstaat eine Utopie und nur ein agitatorisches +Lockmittel ist wie die famose Internationale, das haben Sie mir neulich +ja schon halb und halb zugegeben.«</p> + +<p>»Meinetwegen, Herr Studente, aber unsere Weltanschauung wird doch +siegen ebenso wie unsere neue Wirtschaftsordnung.«</p> + +<p>»Ihre Weltanschauung, Verehrter, ist ein abgestandner Materialismus, +dem die Welt und sicherlich Deutschland nie gehören wird. Und die +Wirtschaftsordnung entwickelt sich wie alles historisch Bedeutsame +nach gewissen Gesetzen, die trotz einzelner Schwankungen die Wucht und +Sicherheit der ewigen Naturgesetze haben. Also bange machen gilt nicht. +Wenn der deutsche Bourgeois sich erst<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> seine Hasenangst vor ihrem +sogenannten großen Kladderadatsch abgewöhnt hat, dann werden auch Sie +nach und nach von der Ihnen parteitaktisch so bequemen Negative zur +Positive übergehen müssen, oder Sie werden das Vertrauen der Arbeiter +verlieren. Auch unsere Proletarier sind Deutsche und streben nicht +nur nach der Höhe, sondern dringen auch nach und nach prüfend in die +Tiefe. Gold suchen sie, nicht Talmi. Schon jetzt glaubt keiner mehr an +Ihren Zukunftstaat, auch der Dümmste nicht. Also nur ruhig Blut, Herr +Lüders! Ihrer Oberflächlichkeit und Unfruchtbarkeit werden Sie und Ihre +Kollegen erliegen, nicht den Bajonetten.«</p> + +<p>Solche und ähnliche Dispute führten nicht zu gegenseitiger Überzeugung, +im Gegenteil; jedesmal stießen Meinung und Gegenmeinung heftiger +aufeinander. Aber Kaspar dienten auch sie zur Entwickelung und +Schärfung seines Verstandes, zur Vertiefung seines bis vor kurzem +noch schlummernden politischen Interesses, regten ihn unmittelbar zur +Lebensbeobachtung an und verfeinerten nach und nach sein soziales +Empfinden.</p> + +<p>Zum Bruch mit Herrn Lüders führte jedoch ein völlig anderes Moment.</p> + +<p>Mit tiefem Mitleid hatte Kaspar Krumbholtz die Leidensgeschichte der +kleinen, stillen Frau Lüders in all diesen Monaten verfolgt. Kaum +zwanzigjährig hatte das hübsche, doch sehr zarte Frauchen<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> schon vier +Kinder, darunter zwei recht kränkliche, die deutlich die Spuren der +erschütterten mütterlichen Konstitution verrieten.</p> + +<p>Am Krankenbett des einen Knaben schüttete das vielgeplagte Weib eines +Abends dem von ihr geschätzten Mieter unter bitterlichem Schluchzen +vertrauensvoll ihr Herz und ihre Sorgen aus, daß ihr Mann sie zugrunde +richten würde. Die Partei sei ihm ja ein und alles und die Familie +nichts mehr. Fast jeden Abend müsse er in der Kneipe sitzen, und käme +er bisweilen betrunken nach Hause, so müsse sie ihm zu Willen sein, +obwohl sie kein Kind mehr haben wolle und auch schwerlich könne, denn +sie sei von der letzten Niederkunft her noch nicht wieder gesund.</p> + +<p>Kaspar Krumbholtz war eigen zumute. Die ungeschminkte und doch in +gewisser Weise rührende Aufrichtigkeit des armen Weibes verblüffte, ja +überwältigte ihn, und zugleich war sie ihm peinlich, ja widerwärtig. +Was gingen ihn, den Fremden, dergleichen Intimitäten des Ehelebens an.</p> + +<p>Und doch, je mehr Kaspar darüber nachdachte, um so mehr wuchs die +Teilnahme für den leidenden, die Empörung gegen den schuldigen Teil.</p> + +<p>Auch das war ein Stück typischen sozialen Elends, von dem er sich trotz +London nichts hatte träumen lassen.</p> + +<p>Kaspar konnte jedoch nichts anderes tun als<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> schweigen. Dem ihm von Tag +zu Tage widerwärtigeren Herrn Lüders auch nur ein Wort zu sagen, stand +ihm nicht zu, wäre ihm vielmehr höchst taktlos erschienen. Er sann nur +manchmal darüber nach, ob gerade dieser Mann etwa als Unternehmer seine +Arbeiter rücksichtsvoller behandelt haben würde als jetzt seine kleine, +leidende Frau. Es kam doch wohl nicht darauf an, was man war, sondern +wer und wie man es war.</p> + +<p>Die arme Frau Lüders kam wirklich bald wieder in andere Umstände, wie +sie Kaspar eines Tages verzweifelt gestand, und unheimlich drohend +fügte sie hinzu: »Nun gibts ein Unglück.« Mit steigender Sorge +beobachtete Kaspar seitdem das arme Wesen, das sichtlich mit einem +schweren Entschluß kämpfte und doch wohl immer wieder zauderte ihrer +Kinder wegen, um die sie jetzt oft klagte. Kaspar kämpfte lange Zeit +mit sich; eines Abends endlich gewann er es über sich, Herrn Lüders +wenigstens zu sagen: Er möge auf seine Frau acht geben, sie sei so +aufgeregt, sie könne sich am Ende gar ein Leids antun.</p> + +<p>Herr Lüders lachte nur überlegen und meinte jovial: »Hat nischt zu +sagen; s ist nur wieder was unterwegs, und da sind die Weibsleut +oftmals etwas meschugge. Das gibt sich aber bald.«</p> + +<p>Und es gab sich auch, aber anders, als der weise Lüders dachte: Nach +einem vergeblichen Versuch,<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> sich von dem Kinde zu befreien, ging die +zarte, stille Frau ins Wasser.</p> + +<p>Hart war das Urteil der Welt über sie, am härtesten das ihres +Mannes. Nur Kaspar Krumbholtz trauerte dem armen, ratlos aus einem +unerträglichen Dasein davongestürzten Weibe mit einer Ergriffenheit +nach, die lange in seiner empfindlichen Seele nachzitterte.</p> + +<p>Am Tage nach dem Begräbnis verließ er das Haus des Herrn Lüders, +der schon nach wenigen Wochen ein anderes Weib nahm — um seiner +mutterlosen Kinder willen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Schießübungen waren beendet. Die Felddienstübungen wurden von Tag +zu Tag länger, anstrengender und interessanter; das Manöver stand vor +der Tür.</p> + +<p>An einem heißen Nachmittag kehrten die Einjährigen der Kompagnie von +einer Krokierübung heim, und einer der Herren schlug vor, in ein der +Kaserne benachbartes Kellnerinnen-Café zu gehen.</p> + +<p>Kaspar ging mit; er war nie ein Spaßverderber, auch wenn er sich aus +der »Damenbedienung« wenig machte. Er trat als letzter in das Lokal ein +und bemerkte nur flüchtig, daß mit der einen Kellnerin im Hintergrunde +irgend etwas Aufregendes<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> vor sich ging, dann verschwand die Wirtin mit +ihr.</p> + +<p>Man scherzte mit den andern Kellnerinnen und spielte ein wenig Klavier; +plötzlich kam die Wirtin wieder herein und fragte Kaspar vertraulich: +»Sagen Sie mal, Herr Unteroffizier, haben Sie denn hier eine Verwandte?«</p> + +<p>»Ich — nein,« antwortete der Gefragte lachend, »das wäre mir neu.«</p> + +<p>»Nun ja,« meinte die Wirtin verlegen, »ich konnte mir das auch nicht +recht denken; aber vielleicht kennen Sie die Dame sonst irgendwoher? +Es ist nämlich meine Kellnerin, sie heißt Fränze — ist noch nicht +lange hier — ein hübsches Mädchen. Als Sie vorhin eintraten, sah sie +erst wie auf eine Geistererscheinung, bekam dann so eine Art Ohnmacht +— so wie vor Schrecken — na und nu sitzt sie da drin und heult wien +Schloßhund und erklärt: sie müsse spornstreichs weg. Sie wären ein +Verwandter — na Gott, ich glaubs ja auch nicht — also bitt schön, +wollen Sie nicht wenigstens mal mit ihr reden. Vielleicht beruhigt sie +sich dann.«</p> + +<p>Kaspar ging kopfschüttelnd hinein mit den Worten: »Es ist am Ende nur +eine Verwechslung, wahrscheinlich sehe ich einem ihrer Lieben ähnlich.«</p> + +<p>Noch immer heftig schluchzend saß das Mädchen,<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> den Kopf auf den einen +Ellbogen niedergebeugt, an einem kleinen Tisch am Fenster des schmalen, +etwas düstren Gemachs.</p> + +<p>Als Kaspar zu ihr trat, hob sie das liebliche Haupt schüchtern empor, +und er sah zu seiner höchsten Überraschung, daß es Irmgard von +Zweydorff war.</p> + +<p>»O wie schäme ich mich vor Ihnen, Herr Krumbholtz,« klagte das +ehemalige Londoner Magdalenchen, »aber ich war so lange stellenlos, +war am Ende mit meinen Mitteln — zürnen Sie nicht, ich war anständig, +glauben Sies mir.«</p> + +<p>Kaspar drückte dem Mädchen freundlich die Hand, strich ihm beruhigend +mit der Linken über den runden vollen Arm und sagte launig und warm: +»Aber warum denn so erschrecken, liebes Fräulein? Ich bin doch kein +Inspektor der Inneren Mission. Warum sollen Sie sich als Kellnerin +nicht ebenso ehrlich und anständig Ihr Brot verdienen wie als +Verkäuferin oder als Lehrerin? Der Stand machts doch wirklich nicht. +Im übrigen freue ich mich rechtschaffen, Sie einmal wiederzusehen. Nun +können Sie mir doch gelegentlich erzählen, wies Ihnen ergangen ist. +Aber nun bitte nicht mehr weinen! Warum sich aufregen? Freun Sie sich +doch wie ich!«</p> + +<p>Irmgard schüttelte trostlos das Haupt und sagte dumpf: »Ich habe nicht +gewußt, daß Sie hier<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> sind; sonst wäre ich sicherlich nicht hierher +gegangen.«</p> + +<p>Dann sprang sie auf, drängte sich wie hilfesuchend an Kaspar heran +und flehte: »Liebster, bester Herr Krumbholtz — ich weiß ja, was für +ein vornehmer Mensch Sie sind — helfen Sie mir hier fort, ich bitte +Sie flehentlich darum, und ich weiß auch, warum ich das tun muß. +Keine Stunde mag ich hier länger bleiben; oh, es ist so gemein hier, +und die andern Mädchen sind alle so schlecht zu mir, auch die Wirtin +ist ordinär, ich kann gar nicht alles so sagen. Bitte, bitte, lösen +Sie mich aus! Ich hab ja tägliche Kündigung, aber ich habe natürlich +Schulden bei der Wirtin, für Essen und Garderobe, ich bin nicht flott +genug beim Animieren, habe noch zuviel Anstands- und Ehrgefühl. Oh — +es ist schrecklich! Nur fort, fort von hier — gehen Sie, bitte, suchen +Sie mir rasch eine Wohnung, wenigstens für ein paar Tage, bis ich eine +neue Stellung habe. Ich will ja so gern wieder arbeiten, anständig und +ehrlich arbeiten.«</p> + +<p>Kaspar wußte nicht recht, was er von alledem denken sollte. Er war +fremd im Lokal, fremd in solchen Verhältnissen.</p> + +<p>Für das Mädchen glaubte er, seit sie seinem Rate einmal gefolgt war, +eine gewisse Verantwortung tragen zu müssen, also versetzte er nach +kurzem Überlegen: »Auslösen will ich Sie gern,<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> damit Sie nicht etwa +gegen Ihren Willen gehalten werden. Hier ist mein Portemonnaie, nehmen +Sie, was Sie brauchen. Auch eine Wohnung will ich suchen, packen Sie +unterdessen Ihre Sachen. Ich komme morgen vor und sage Ihnen Bescheid.«</p> + +<p>»Morgen — nein, nein,« wehrte Irmgard ab, »nicht zehn Minuten bleibe +ich hier, nachdem ich Sie gesehen. Ich habe nur meine paar Nachtsachen. +Ich mag auch die Schande vor den andern Mädchen nicht mehr erleben. +Und verzeihen Sie mir, daß ich Sie in der Not vor der Wirtin zu meinem +Verwandten gemacht habe. Es ist das gewiß keine Ehre —«</p> + +<p>»O bitte,« scherzte Kaspar, obwohl ihm nichts weniger als behaglich +war. »Ihr Geschlecht ist sicher erlauchter als das meine. Aber was nun +werden soll, wenn Sie so stehenden Fußes hier mit mir davonlaufen, das +weiß ich wirklich nicht. Lassen Sie uns keine Torheiten begehen.«</p> + +<p>»Sie schämen sich doch meiner,« klagte Irmgard, »ich merke es wohl — +nun ja, der angehende Offizier —«</p> + +<p>»Pardon, der würde mich erst recht verpflichten, einer in Not geratenen +Dame zu helfen; aber die Hilfe muß Hand und Fuß haben, sonst ists +keine.«</p> + +<p>»Nun gut, wenn Sie nur helfen wollen! Das ist die Hauptsache. Hier Ihr +Portemonnaie zurück — ich nahm, was ich brauchte —, es ist noch<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> viel +darin. Und nun bitte, setzen Sie sich ruhig wieder zu Ihren Herren +Kameraden hinein. Ich mache Toilette und Rechnung. Wo wohnen Sie?«</p> + +<p>Kaspar nannte seine Wohnung.</p> + +<p>»Gut,« erklärte Irmgard wieder zuversichtlicher, »jetzt ists sechs +durch, um sieben Uhr spätestens bin ich bei Ihnen. Dann beschließen +wir in aller Ruhe, was wir tun werden. Wenn Sie bis dahin sich noch +nach einer Wohnung umsehen können, wäre es mir lieb. Anspruchsvoll bin +ich natürlich nicht. Ich schlief bisher mit den drei andern Mädchen in +einer kleinen Dachkammer. Also — tausend Dank, liebster, bester Herr +Krumbholtz, und auf Wiedersehen um sieben Uhr. Das vergeß ich Ihnen +nie. Dank, Dank!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Kaspar litt es nicht lange bei seinen Kameraden, deren neugierigen +Fragen er ausweichen wollte. So ging er rasch auf die Wohnungssuche +in der ihm ja genügend vertrauten Umgegend. Aber er machte schlimme +Erfahrungen.</p> + +<p>Die Wirtinnen, die gewiß alle gern an den schmucken Einjährigen selbst +oder an sonst einen Herrn vermietet hätten, wollten von einer Dame +nichts wissen, vollends wenn ein junger Mann in Uniform für sie Wohnung +begehrte.</p> + +<p>Die einen erklärten mehr oder weniger verlegen:<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> sie bedauerten +unendlich; die andern lächelten allzu verständnisvoll oder spöttelten +anzüglich; die dritten schlugen gar dem Anfragenden grob die Türe vor +der Nase zu oder riefen ihm entrüstet zu: sie seien anständige Frauen +und vermieteten nicht an liederliche Frauenzimmer.</p> + +<p>Nun war guter Rat teuer; überdies war es fast sieben Uhr geworden, und +so eilte Kaspar nach Hause.</p> + +<p>Seine eigne Wirtin war eine gutmütige ältere Witwe, die still und +aufmerksam ihre drei Mietherren, außer Kaspar noch einen Einjährigen +und einen Volksschullehrer, bediente. Kaspar hatte zu der Frau rasch +ein gewisses Vertrauen gefaßt, und so teilte er ihr seine Verlegenheit +und seine fruchtlosen Versuche, das Mädchen vorläufig unterzubringen, +mit.</p> + +<p>Auch die Witwe schmunzelte ein wenig und meinte: Allzu sehr dürfe der +Herr sich darüber nicht wundern. Mietsviertel und Mietsviertel seien +eben verschieden. Aber, wenn die Dame sonst anständig sei, wie der Herr +meine, so könne sie ja einstweilen in dem gerade freistehenden Zimmer +des Herrn Lehrers, der zu den Ferien verreist sei, logieren.</p> + +<p>Kaspar nahm das Anerbieten dankend an und atmete erleichtert auf.</p> + +<p>Bald hernach stand Irmgard von Zweydorff<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> mit einem bescheidenen +Handköfferchen errötend vor ihm und war außer sich vor Glück und +Dankbarkeit, daß sie das schöne Zimmer des abwesenden Lehrers haben +dürfe.</p> + +<p>Die Wirtin sorgte rasch für ein bißchen Abendbrot, und mit gutem Humor +aßen und plauderten die beiden jungen, verwaisten Menschenkinder, die +das Leben so närrisch wieder zusammen geführt hatte. Dann erklärte +Kaspar, er habe noch Dienst und wünschte seiner neuen Nachbarin mit +galanter Verbeugung eine sorgenfreie und geruhsame Nacht.</p> + +<p>In der Tat ging der Einjährige Unteroffizier auch in die Kaserne; aber +die dienstliche Begründung war eine Notlüge.</p> + +<p>Einmal hatte Kaspar trotz aller frohen Laune doch deutlich gemerkt, +daß ihm das ungewohnte Beisammensein mit einem jungen Weibe, vollends +der holde Liebreiz und die hingebende Dankbarkeit seines Schützlings, +gewaltig das Blut erregten.</p> + +<p>Anderseits kam fast jeden Abend sein Putzkamerad Pfister zu ihm, um ihm +den Dienst für den nächsten Tag zu melden, und ab und zu auch bei einer +Zigarre oder einem Glase Tee ein bißchen zu schwatzen.</p> + +<p>Kaspar liebte den redlichen Pfister, der übrigens auch ein »Roter« war +und darum leider die Knöpfe nicht erhielt, obwohl er der ordentlichste +Soldat und der beste Schütze der Kompagnie war.<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> Das wurmte Kaspar +oft, denn er fühlte es unwillkürlich heraus: solche Burschen wie +Pfister würden ihr Vaterland sicherlich nie verraten, wenn es in Not +geraten sollte. Pfister war wie Hunderttausende nur »rot« aus dem +elementaren Drang nach Verbesserung seiner Lage, aus einer gewissen +Hilflosigkeit oder Torheit und aus einem im Grunde höchst achtbaren +Solidaritätsgefühl.</p> + +<p>Der gemütliche Vogtländer war übrigens keine Klatschbase, war auch +nichts weniger als prüde. Hatte er doch selbst einen Schatz daheim mit +zwei Kindern, für die er treulich sorgte.</p> + +<p>Trotz alledem wäre es Kaspar peinlich gewesen, wenn der Putzer den +Damenbesuch bei ihm getroffen oder auch nur vermutet hätte.</p> + +<p>So sagte Kaspar ihm im Revier; er werde die paar Tage bis zum +Manöverabmarsch sich selbst nach dem Dienst erkundigen, er müsse so wie +so jetzt öfter in die Kaserne kommen.</p> + +<p>Dann meldete sich Unteroffizier Krumbholtz freiwillig für den nächsten +Abend zum Wachthabenden.</p> + +<p>Kopfschüttelnd gab ihm der alte Knabe die Wache, meinte jedoch lachend: +»Streben Sie nicht so unheimlich, Krumbholtz. Die Qualifikation kriegen +Sie auch so, da lassen Sie den Hauptmann und mich nur sorgen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Irmgard von Zweydorff merkte sehr wohl, daß Kaspar Krumbholtz einem +längeren Beisammensein mit ihr absichtlich auswich.</p> + +<p>Das erfüllte sie teils mit geheimer Genugtuung, denn sie sah, daß sie +dem noch immer Geliebten nicht gleichgültig war; teils fürchtete sie +jedoch, ihm zum Dank für seine Hilfe Verlegenheit zu bereiten. Und +so gab sie sich die ersten zwei Tage redlich Mühe, eine Stellung zu +finden; aber es war schlechte Zeit, und ihre Kellnerinnenstellung hatte +sie um jedes Zutraun gebracht.</p> + +<p>Nach und nach sank Irmgards Mut; sie gestand Kaspar ihre +Niedergeschlagenheit und erklärte, sie wolle es lieber in einer andern +Stadt versuchen.</p> + +<p>Kaspar redete ihr gut zu und meinte, wenn er jetzt ins Manöver ziehe, +solle sie nur ruhig in seiner Wohnung bleiben und weiter in aller Ruhe +suchen; mit der Zeit würde sie schon etwas finden.</p> + +<p>»Sie sind so lieb,« erwiderte Irmgard, »und ich bin Ihnen doch nur eine +Last.«</p> + +<p>Kaspar schüttelte schweigend den Kopf.</p> + +<p>Dann fuhr Irmgard plötzlich mit erwachender Leidenschaftlichkeit fort: +»So reden Sie doch wenigstens! Gehen Sie mir doch nicht so scheu aus +dem Wege, als sei ich die Pest. Sagen Sie mir<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> doch lieber gerade +heraus, wofür Sie mich halten, und es ist ja wahr, etwas Besseres bin +ich ja auch nicht. Wer einmal am Boden gelegen hat, geht nie wieder +ganz aufrecht.«</p> + +<p>»Das wäre schlimm,« sagte nun Kaspar trotzig, »im Gegenteil! Wer +nicht einmal aus allen Himmeln gestürzt ist, wer nicht einmal völlig +verzweifelnd dem Nichts gegenübergestanden hat, der wird nie ein ganzer +Mensch.«</p> + +<p>»Das klingt ja beinahe so, Herr Krumbholtz, als sprächen Sie aus +Erfahrung?«</p> + +<p>»Gewiß, warum nicht, warum soll ichs verschweigen? Ich habe mich im +Staube gewälzt vor einem unbarmherzigen Schicksal und bin doch genesen +von jenem Verzweiflungsschmerz dank lieber Menschen und Gottes Führung. +Also verzweifeln auch Sie nicht, Fräulein! Denken Sie mal in zehn +Jahren an diesen Tag, und Sie werden lächeln und sich ruhig gestehen: +Es hat sich doch gelohnt, weiter zu leben! Das größte Geschenk, das uns +Gott gegeben hat, ist das Versagen dessen, was wir am meisten begehren +— nämlich in die Zukunft zu schauen.«</p> + +<p>»Sie sind ein seltsamer Mensch, Herr Krumbholtz, so ein Mittelding +zwischen Kavalier und Seelsorger! Eigentlich ist es doch schade, daß +ich Sie der Londoner Stadtmission aus den Klauen gerissen habe. Dafür +müßten Sie mir übrigens<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> ein ganz klein wenig dankbar sein. Nicht? +Und Sie dürfen überzeugt sein, wenn ich Ihnen was Liebes antun könnte +— o mein Gott, wie gern tät ichs! — Wissen Sie, oft hab ich schon +geträumt, irgendein reicher Onkel, den ich nur leider nicht habe, +hätte mich zur Erbin eingesetzt; oder ein reicher Nabob hätte mich als +seine Frau gekauft und mich dann — noch hübsch jung — als trostlose +Witwe zurückgelassen. Hui — dann wär ich mit all meinen Schätzen +spornstreichs nach Tramberg gefahren — statt Ihnen brieflich zu +versichern, daß ich meine Schulden nicht bezahlen kann. Und nun mache +ich gar noch neue. Scheußlich — nein wirklich, Sie sind wirklich mit +mir geschlagen, wie eine Klette hänge ich —«</p> + +<p>Da legte Kaspar sanft die Hand auf den beweglichen kleinen Mund, um ihn +zu schließen. Aber glückselig küßte Irmgard die ihr liebe Hand, so daß +sie Kaspar eilend zurückzog.</p> + +<p>»Schon wieder nicht recht? Sein Sie doch mal ein bißchen nett zu mir,« +schmollte nun das Londoner Magdalenchen mit unwiderstehlicher Grazie. +»Sie tun gerade, als wären Sie heimlich mit der reichsten Erbin von +Großbritannien und Irland verlobt. Na endlich lachen Sie wieder und +schütteln — Gott sei Lob und Dank — den Kopf. Also wozu dann so +traurig sein? Ich verdrehe Ihnen den Kopf schon nicht, das haben wir ja +in London<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> gesehen. Und nun hören Sie mal, heute ist doch unser letzter +Abend. Um sieben Uhr haben Sie wieder solchen greulichen Appell; aber +dann flausen Sie nicht noch was dazu oder verkriechen sich wieder auf +Wache, sondern kommen Sie hübsch pünktlich zum Abendessen hierher +zu Ihrer kleinen Hausdame, die Ihnen einen appetitlichen Abendtisch +servieren wird und noch einmal mit Ihnen lustig sein will. Wer weiß, +wann und ob wir uns wiedersehen. Also nur einmal noch — ja — wollen +Sie?«</p> + +<p>Kaspar machte sein gutmütigstes Gesicht, schlug fest in das dargebotene +Händchen ein und ging dann doch nachdenklich davon.</p> + +<p>Er war ein Allzugewissenhafter, ein Narr. Warum sollte er dem armen +Hascherl, dem die redlichste Güte vom Gesicht strahlte, nicht +wenigstens etwas Liebes antun?</p> + +<p>Um Ursemis willen? Hatte er sich nicht unter bitteren Qualen zu dem +inneren Verzicht auf die heißgeliebte Jugendfreundin durchgerungen? War +es da noch ein Unrecht gegen sie, wenn er mit einem andern weiblichen +Wesen, das ihm vielleicht nicht weniger gut war als er Ursemi, +wenigstens ein paar köstliche, stimmungsfrohe Stunden verlebte?</p> + +<p>Aber allerlei anderes kam hinzu. War er sich und seiner Vergangenheit, +seiner Erziehung nicht<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> auch etwas schuldig? Gewiß, doch — ob gerade +diesen Verzicht?</p> + +<p>Es war allerdings ein recht seltsamer Gegensatz: vor einem Jahre erst +hatte er von Herrnhut Abschied genommen und nun soupierte er mit einem +verführerisch schönen Weibe <span class="antiqua">tête-à-tête</span>! — Toll war es — +grotesk! Und doch ein lockendes, vielleicht einzigartiges Stück Leben, +dem er nicht feige ausweichen wollte, auch wenn er sich nicht daran +verlieren wollte.</p> + +<p>Und plötzlich lachte er trotzig, ja ausgelassen vor sich hin, als koste +er schon im voraus die lustigen, stimmungsreichen Stunden aus, und dann +überlief es ihn doch wieder kalt, als laure hinter diesem Genuß ein +tückisches Verhängnis.</p> + +<p>In Gedanken versunken machte der sonst so taktfeste Unteroffizier +Krumbholtz heute abend sogar eine falsche Meldung, und sein besonderer +Gönner, Herr Vizefeldwebel Knauer, gab ihm mit Genugtuung einen Verweis +wegen seiner Zerstreutheit.</p> + +<p>Was tats? dachte Kaspar leichtsinnig bei sich: Parole 49 — »bloß die +paar Tage noch — die halt mers aus!«</p> + +<p>Abermals stieg das liebe, ernste Bild Ursemis vor ihm auf. Er las +in Gedanken noch einmal ihren letzten guten, treuen und so herzlich +vertrauenden Brief. War er nicht doch ein Verräter?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span></p> + +<p>Im Bann dieser nagenden Gedanken überhörte er den Gestellungsbefehl für +den nächsten Morgen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ein einladendes Bild häuslicher Behaglichkeit bot sich Kaspar, als er +von der Kaserne nach Hause kam.</p> + +<p>Ein appetitlich gedeckter Tisch, die Servietten zierlich gefaltet, ein +paar Rosen in einer Vase mitten auf der Tafel, an jedem der beiden +Plätze ein Feldblumensträußchen! Und zur Seite stand Irmgard mit +einer schmucken, funkelnagelneuen Tändelschürze neben der dampfenden +Teemaschine und strahlte glückselig wie ein Kindchen am Weihnachtabend.</p> + +<p>Kaspar nahm feierlich den Helm in die Hand, machte ein +vorschriftsmäßiges Kompliment, küßte der gnädigen Frau vom Hause +verbindlichst die Hand und sagte lustig näselnd: »Danke tausendmal, +meine Gnädigste, für die köstliche Einladung!«</p> + +<p>Nicht minder lustig erwiderte Irmgard: »Nichts zu danken, lieber Herr +Leutnant, bitte, legen Sie das spitze Ding zur Seite und machen Sie +sichs bequem.«</p> + +<p>Kaspar legte in der Tat rasch Helm, Handschuhe und das abgeschnallte +Koppel beiseite und bat lachend mit einem abermaligen Kompliment<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> um +die Ehre, die Allergnädigste zu Tisch führen zu dürfen.</p> + +<p>Nach einem tadellosen Hofknix nahm Irmgard huldvollst den dargebotnen +Arm, hob ihr armseliges Fähnchen ein wenig in die Höhe, als wäre es ein +schweres Brokatkleid, und trippelte, vergnüglich kichernd, neben Kaspar +zu Tisch.</p> + +<p>Als ersten Gang gab es Hering in Gelee, eines der köstlichsten Gerichte +des Abendlandes, wenn — es so teuer wäre wie Kaviar.</p> + +<p>Dann folgten echte Leipziger Würstchen, die um kein Haar den berühmten +Wiener nachstehn, dazu ein wenig Salat.</p> + +<p>Als dritter Gang folgte rosenzarter Eutritzscher Schinken, gekocht und +saftig wie der leckerste Prager Schinken Karlsbader Observanz.</p> + +<p>Endlich Fromage de Gohlis und zu endlosem Knackvergnügen Rosinen und +Krachmandeln, in denen ein halb Dutzend Vielliebchen tückisch lauerten.</p> + +<p>Kaspar und Irmgard schmausten behaglich und beinahe angetan wie zwei +Kinderchen bei ihrer ersten Tanteneinladung.</p> + +<p>Jeder las dem andern aus den leuchtenden Augen: ich will lustig +und lieb zu dir sein heute abend; du sollst stets gern an diese +Henkersmahlzeit unserer Neigung denken. Und so ward nicht allzu viel +gesprochen an dem kleinen Tisch; aber eine wonnige, die ein wenig +aufgeregten Sinne<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> süß umschmeichelnde und beruhigende Stimmung +schwebte durch den kleinen Raum.</p> + +<p>Lange tafelte man — scheinbar, als fürchte man sich vor dem Nachher.</p> + +<p>Endlich hob die Frau vom Hause doch entschlossen die Tafel auf, räumte +als Hausmädchen den Tisch sorglich ab; der Lohndiener Kaspar bot dem +gleichnamigen Hausherrn mit Erlaubnis der Dame eine Zigarre an, und +nun setzten sich zwei plauderlustige Gäste in die zwei Sofaecken +und räsonnierten launig über das Essen — ganz wie bei den oberen +Zehntausend!</p> + +<p>Immer witziger und ausgelassener wurde die Stimmung, je näher die Angst +voreinander den beiden ans Herz schlich. Und doch schossen von Zeit zu +Zeit verräterische Blicke wie elektrische Funken warnend von Auge zu +Auge, so daß plötzlich die Stimmung umschlug.</p> + +<p>Ein schwüles Schweigen trat ein; dann brach bei Irmgard der +Abschiedsschmerz leise klagend heraus.</p> + +<p>Kaspar tröstete sie und meinte: »Warum sollen wir uns nach dem Manöver +nicht ebenso harmlos vergnügt wiedersehen?«</p> + +<p>»Glauben Sie denn, daß wir harmlos sind,« fragte Irmgard dumpf, »ich +wenigstens bin es nicht; ich gestehe ehrlich, ich habe mein Weh bisher +nur übertäuben wollen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span></p> + +<p>»Tun wirs beide weiter,« gab Kaspar rasch zurück, »Kopf hoch und +lachend Abschied genommen! Das ist Soldatenart.«</p> + +<p>»Wers könnte! Sie könnens ja auch nicht. Sehn Sie, wenn ich jetzt so +mein Ohr lauschend an Ihr Herz lege, da höre ich ja ganz deutlich — +tiktik, tiktak — wie es genau so rasch schlägt wie das meine.«</p> + +<p>Kaspar zuckte unwillkürlich zusammen. Die gefährliche Brücke zwischen +hüben und drüben war geschlagen, und die gegnerischen Stürmer drangen +siegreich vor an die ersten Umfassungsmauern der Festung.</p> + +<p>Bald schmiegte Irmgard ihr Köpfchen wie schutzsuchend an Kaspars +breite, schon rascher atmende Brust, und sie begann zu erzählen, so +lieblich vertraulich, als sei alles um sie her versunken, als säße sie +mit einem heißgeliebten Prinzen in einem verzauberten Märchenschloß.</p> + +<p>Wie von ungefähr, als könne es gar nicht anders sein, fand sich auch +das trauliche Du.</p> + +<p>»Liebster, Bester,« gestand Irmgard schließlich, »weißt du, daß ich +dich eigentlich ein wenig belogen habe? Erschrick nicht — wozu — ich +tat es damals — vielleicht aus Scham, aus Furcht, was weiß ich? Wir +Frauenzimmer nehmens mit unsern Notlügen alle nicht so genau. Denk nur +— ich bin kein Fräulein mehr, ich bin eine geschiedene<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> Frau, aber +still — eine armselige, glücklose — mein Mann sitzt im Irrenhause. +Ich danke dir für diesen Händedruck, Lieber! Du weißt ja nicht, wie +schwer mein noch nicht langer Lebensweg schon war. Eine Waise bin +ich wirklich; aber keine Lehrerin, wenigstens keine richtige. So ein +bißchen Gouvernante war ich einmal, als mich mein Onkel und Vormund +aus seinem Hause vertrieb, weil ich ihm seine jungen Eleven rebellisch +machte. Ich war damals recht froh, daß ich fortkam; er hielt mich +wie ein Klosterfräulein, obwohl ich zuvor wie ein wilder Bub bei ihm +aufgewachsen war. Schade, daß ich keiner war, ich wär vielleicht +was Besseres geworden, als ich jetzt bin. Ich konnte gut reiten und +schwimmen. Hab drüben unter meinen Sächelchen noch ein zerknittertes +Diplom von der Behörde zur Belobigung, weil ich einen kleinen +Müllerbuben aus dem Fluß gerettet habe. Wär ich ein Mann gewesen, +hätte ich wohl die stolze Medaille am weißen Bande bekommen, denk mal, +was ich da als Einjähriger hätte für Staat machen können! Ists nicht +schade?«</p> + +<p>Kaspar lachte still in sich hinein. Was war das für ein herziges +Geschöpf — und seine Neigung wuchs in dem Maße, als seine Scheu wich.</p> + +<p>Irmgard plauderte fort wie ein vor sich hin zwitscherndes Vögelchen:</p> + +<p>»Onkel war ein Griesgram, ein Angstmeier<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> und Tugendnarr; er traute +keinem hübschen Weibe über den Weg, und da ich nicht häßlicher wurde +mit der Zeit, tat er mich aus dem Hause, als wäre ich ihm gefährlich. +Mit der Gouvernante wars nicht weit her. Schuldumm war ich immer, und +Englisch habe ich dann wohl auch nur aus Not gelernt, eine Lehrerin +hätte es mir nie beigebracht. So wurde es wieder mit dem Praktischen +versucht, ich lernte Kochen in einem Restaurant. Da nahm mich das +Schicksal das erste Mal am Kragen und warf mich in die Ehe mit einem +armen Leutnant, der meinethalben den Abschied nahm und Gefängnisbeamter +wurde. Mir imponierte das gewaltig; aber schließlich hatte es mir doch +nur der Offizier und nicht der Subalternbeamte angetan. Wir waren +in Waldheim bei den geisteskranken Verbrechern. Es war ein schwerer +Dienst, mein armer Mann konnte den so schnell ausgezogenen Rock nicht +vergessen, die neue Uniform nicht vertragen; die Gefangenen waren ihm +entsetzlich. Mein Gott, wer weiß, was alles in der Seele des immer +Verschlossenen vor sich ging? Er ward plötzlich bitter und hart zu mir, +er schlug mich, mißhandelte mich schließlich, eines Tages schoß er nach +mir. Hier über der linken Brust — du darfst schon fühlen, wenn ichs +dir zeigen will — da, da saß die Kugel! man hat mir bei der Operation +den Busen zerfleischt — mit dem <span class="antiqua">decolleté</span><span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> ists nichts mehr. +Meinen Mann brachte man in eine ähnliche Anstalt wie Waldheim. Er war +unheilbar — ich erhielt meine Freiheit zurück — leider, leider. Dem +Onkel war ich nun noch viel mehr zuwider geworden, er verschloß mir +sein Haus, enterbte mich später — schade, gelt? — sonst! O du Narr — +wär das so schlimm? Also gut — ich verzehrte mein bißchen Geld, ward +noch einmal Gouvernante und ging nach London. Was dann folgte, kommt +nie über meine Lippen — es war zu grauenhaft.«</p> + +<p>Kaspar erbebte. Da plötzlich hob sich Irmgard leise empor, schlang ihre +Arme voll Sehnsucht um seinen Nacken, sah ihm flehenden Blicks tief in +die mit glitzernden Tränen gefüllten Augen und sagte leise: »Lieber, +willst du mich nun verachten?«</p> + +<p>Stumm schüttelte Kaspar das Haupt und küßte das arme, vom Leben +gehetzte Weib mit heißem Mitleid und unwiderstehlicher Zuneigung, +während zwei schwere Tränen auf ihre glühenden Wangen niederrollten.</p> + +<p>Lang hielten sie sich umfangen. Endlich löste Kaspar seine und ihre +Arme mit schonender Güte und sagte tonlos: »So laß uns scheiden und +habe Dank — für alles, ich werde diese Stunden nie vergessen.«</p> + +<p>Da flog ein leises, wehes Zucken über Irmgards<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> schönes Gesicht; mit +aufflammender Empörung riß sie sich los und stürzte wortlos davon.</p> + +<p>Kaspar schritt ihr hastig ein paar Schritte nach, griff sich an die +Stirn und rief betroffen: »Nicht so, Irmgard. Nicht böse sein, ich +wollte dir nicht weh tun!«</p> + +<p>Aber schon war sie hinaus und in ihr Zimmer hinüber.</p> + +<p>Kaspar war maßlos bestürzt. Was hatte er getan, was konnte sie so +erregt haben? — Nein — so konnte er sich nicht von dem lieben Mädchen +trennen — das wäre eine Roheit, die er sich niemals verzeihen könnte!</p> + +<p>Wollte er diese herrlichen Stunden, vielleicht die süßesten seines +bisherigen Lebens, in einen so schrillen Mißklang ausgellen lassen? +Nein — also, er mußte noch einmal und anders Abschied nehmen von ihr +— denn morgen in aller Frühe — übrigens wann wurde denn gestellt? +Bah — das ergab sich schon, nur zeitig aufstehn! — Aber nun mußte er +Irmgard um Verzeihung bitten — unbedingt — sofort natürlich, ehe es +etwa schon zu spät ist.</p> + +<p>Und so ging Kaspar hinüber und klopfte leise an.</p> + +<p>Keine Antwort folgte, noch einmal — wieder war nichts zu hören!</p> + +<p>Endlich sagte Kaspar mit redlicher Betrübnis<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> und vernehmlich: +»Irmgard, ich will nur um Verzeihung bitten, es war schlecht von mir.«</p> + +<p>Da rief es leise, aber jubilierend wie Lerchengeschmetter: »Herein!«</p> + +<p>Kaspar trat in das dunkle Zimmer. Eine weiße Gestalt umfing ihn mit +ungestümer Wonne, und dem reuigen Sünder ward vergeben in wortloser, +sich selbst vergessender Liebe.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am andern Morgen kam Kaspar Krumbholtz zum erstenmal in seiner +Militärzeit zu spät zum Dienst.</p> + +<p>Als er nach der Kaserne kam, waren sämtliche Kompagnien bereits +ausgerückt, und das Revier geschlossen. Kaspar stand ratlos in seiner +Ausgehuniform da und wußte nicht aus noch ein. Endlich erreichte ihn +eine von Knabe heimlich zugesandte Ordonnanz mit dem Befehl, er solle +mit der Bahn nach Leutzsch fahren, dort sei der Bagagewagen mit seinem +Dienstanzug.</p> + +<p>Der Uniformwechsel war einigermaßen schwierig, aber er gelang, und +Kaspar kam auch nach allerhand Fährlichkeiten, darunter ein höchst +fatales Rencontre mit dem Major, glücklich zu seiner Kompagnie.</p> + +<p>Was der alte Knabe an diesem Tage für ihn getan hatte, vergaß Kaspar +ihm nie, obwohl der<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> Feldwebel es an handfestem Landserspott anfangs +nicht fehlen ließ und die vorgestern noch so totsichere Qualifikation +für rettungslos in den Rauchfang geschrieben erklärte.</p> + +<p>Derbe Neckereien hagelte es von allen Seiten den ganzen Tag über, und +Kaspar trug sie stumm. War ihm doch, als müsse ihm jeder ansehen, daß +er nicht mehr derselbe sei wie gestern. Das Lügen hatte ihm auch sein +Sündenfall nicht gelehrt, und ein unendlich quälendes Schuldgefühl wich +lange nicht von ihm.</p> + +<p>So ward das Manöver für den einjährig-freiwilligen Unteroffizier nicht +allzu fröhlich; aber seine Obliegenheiten erfüllte er mit solcher +Pflichttreue, daß ihm der Oberleutnant Buff mehrfach seine Freude +aussprach und bedauerte, daß er nicht Offizier bleiben wolle; das wäre +doch ein Erzieherberuf, wie ihn Kaspar sich nicht verantwortungsvoller +denken könne.</p> + +<p>Kaspar schwieg auch dazu; er dankte nur innerlich dem Oberleutnant, +der oft wie ein älterer Kamerad zu ihm gesprochen hatte, für seine +Anteilnahme, aber schließlich sprach er sich aus: Schön ist dieser +Beruf, nur zu sehr vom Zufall abhängig. Seiner gewaltigen Verantwortung +entspricht höchst selten die nötige Freiheit der Persönlichkeit.</p> + +<p>Dennoch zog Kaspar mit ehrlichem Bedauern nach seiner Rückkehr in die +Garnison den ihm<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> liebgewordenen bunten Rock mit den blitzenden Tressen +aus und stürzte sich mit einem Eifer in seine Studien, als suche er +Vergessenheit.</p> + +<p>Das Londoner Magdalenchen fand er nicht mehr vor; es war im Strudel des +Lebens spurlos untergetaucht.</p> + +<p>Das letzte Zeichen war ein kleiner Zettel in seiner Kassette. Auf dem +stand: »Ich weiß, ich habe Dir geraubt, was ich selbst nicht mehr +besaß. Aber sei überzeugt, Du mein einzig und wahrhaft Geliebter, ich +hätte es Dir tausendfach geopfert, wenn ichs besessen hätte. Vergiß +mich, ich war Deiner nicht wert, Du sollst mich nie wiedersehn. +Irmgard.«</p> + +<p>In trostlosem Weh schüttelte Kaspar das Haupt. Er hatte in einer +einsamen Manövernacht sich zu dem Entschluß durchgerungen, sein Unrecht +an Irmgard wieder gut zu machen — es koste, was es wolle, und nun +hatte sie ihm jede Möglichkeit dazu absichtlich genommen. Mehr und mehr +schärfte sich in Kaspar das Scham- und Verantwortungsgefühl gegenüber +dem Weibe, und so bewahrte ihn diese erste Torheit vor weiterem +Leichtsinn.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel_2">Drittes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Charlotte</b></span></h3> +</div> + +<p>Hans Sebalt hatte das Kneipenleben gründlich satt und saß jetzt fast +Abend für Abend über seiner Doktorarbeit. Um sich irgendeine Anregung +oder Zerstreuung zu gönnen, ging er gelegentlich ins Theater.</p> + +<p>Das war kostspielig, aber Herr Geheimrat Volpelius hatte ihm längst +schon vom Kapital senden müssen und hatte es anstandslos mit wenigen +höflichen Worten getan.</p> + +<p>Überdies stand für Sebalt die Promotion in Sicht, und bei den teuren +Experimenten war mit 100 Mark im Monat vollends nicht auszukommen, wenn +Sebalt nicht leben wollte wie der sparsame Musterknabe Kaspar, der +spazieren lief oder turnte anstatt zu kneipen, und öffentliche Vorträge +oder politische Versammlungen besuchte anstatt Konzerte und Theater.</p> + +<p>Von seinem Jugendfreunde hörte Hans Sebalt immer wunderlichere Dinge: +jetzt war der selbstlose Biedermann gar mit seinen zwei armen<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> +Zwillingsvettern aus Ingelbach zusammengezogen und hielt mit dem einen +Zwilling, der ein leidliches Gehalt als Buchhalter bezog, den andern, +der auf der Akademie studierte, mühsam über Wasser.</p> + +<p>Das fidele Hungertriumvirat, das, ausgerechnet gegenüber dem +Hauptpolizeigebäude, seine Behausung gewählt hatte, nannte sich seitdem +übermütigerweise »<span class="antiqua">Collegium Mugonianum</span>« wohl nach der <span class="antiqua">Pinus +Mugo</span>, dem Knieholz.</p> + +<p>Höchst töricht und unwissenschaftlich, dachte Sebalt, denn Mugo war, +— aller Wahrscheinlichkeit nach — ein italienischer Zuname; aber +die drei Krumbhöltzer hielten es sicher mit Goethes Proteus: »je +wunderlicher, desto respektabler«. Bei einem zufälligen, übrigens +vergeblichen Besuch fand Hans Sebalt sogar ein großes Schild an die Tür +gezweckt mit dem Biertitel »<span class="antiqua">Collegium Mugonianum</span>«. »Eigenartiges +Vergnügen!« brummte der Doctorandus und zog kopfschüttelnd wieder von +dannen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eines Sonntag nachmittags saß Hans Sebalt in der billigen +Theatervorstellung einer kleineren Vorstadtbühne. Er war lediglich des +Stücks wegen hingegangen, die Truppe war nicht berühmt.</p> + +<p>Das Drama hieß »Frühlingssturm« und hatte einen Schulkameraden aus +Bethel zum Verfasser,<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> der unlängst auch in Leipzig seinen Doktor +gemacht hatte. Sebalt hatte ihn nur einmal flüchtig gesehen; fand +den Dichter aber wenig interessant im Gegensatz zu seinem Stück, das +einigermaßen pikant zu werden schien.</p> + +<p>Die ersten Akte hatten nicht viel davon ahnen lassen, waren auch nicht +gerade spannend, wennschon der Theologenkonflikt mit seinem Gegensatz +zwischen Alt und Jung Sebalt interessierte; nur die Hauptperson, ein +unleidlicher Backfisch, war zu dumm und sentimental geraten. Endlich +kam die heimliche Geliebte des jungen Zweiflers auf die Bühne — da war +schon eher Mumm drin!</p> + +<p>Und bitte! Wer spielte denn? Diese Stimme kannte er doch!</p> + +<p>Hans Sebalt faßte sich an die Stirn und starrte nach der Bühne. +Teufel, dachte er — narrte ihn was? War das nicht sie — das infame +Frauenzimmer — die schlanke Brünette, die ihn damals in Lindenau so +beleidigt, beim Juwelier so schnöde versetzt hatte?</p> + +<p>Zettel her: Charlotte Schubert — hm — jedenfalls kein Bühnenname — +zu simpel — eigentlich zu dumm für diese — na — aber sie kann etwas! +Donnerwetter, wie sie sich den schlappen Kerl von Liebhaber vornimmt +und nun den Alten, heidi — das sitzt! Menschenskind — das Abtrumpfen +hat sie los — das ist ihre Natur — so<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> ähnlich gings ihm damals an +der Straßenecke. Und jetzt wieder diese wilde Verzweiflung — Töne — +so echt — prachtvoll!</p> + +<p>Hans Sebalt erbat sich von einem Nachbarn das Glas — und richtig, das +war das verteufelt schöne, fast eherne Sphinxgesicht mit der schwarzen +Haarkrone. Nun wollte er sie erobern, es mochte biegen oder brechen!</p> + +<p>Von da an hatte Sebalt keine ruhige Minute mehr, auch die Doktorarbeit +trat zeitweise ganz in den Hintergrund. Vor allem wollte er diesmal so +klug zu Werke gehn, daß ihm eine abermalige Zurückweisung unmöglich +gemacht wurde.</p> + +<p>Bald hatte Sebalt alles Nötige ausbaldowert: Sie wohnte allein, +ärmlich; Gage sehr mäßig; Rollen zweite Garnitur; trotz Talent und +guter Kritik Aussichten gleich Null. Es fehlte ein kluger Manager.</p> + +<p>Aha, rechnete Hans, jetzt werden meine Chancen schon steigen; ich +werde den Theaterhabitué spielen — schnobrig — nobel — kann mirs +ja schließlich leisten. Ich könnte ihr vielleicht helfen — aber erst +warte, mein Püppchen! Erst wollen wir dich mal zahm kriegen! Du sollst +Hans Sebalt nicht umsonst bis zum äußersten gebracht haben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Bei einer der nächsten Sonntagnachmittagaufführungen erhielt Charlotte +Schubert ein schönes Bukett mit einer Karte, auf der die rätselvollen +Worte standen: »Dank für den Tort in Lindenau! S.«</p> + +<p>Acht Tage darauf kam ein prächtiger Lorbeerkranz, der ihr beim Publikum +sehr zustatten kam, mit den Worten: »Dank für die Schmach vorm +Juwelier! S.«</p> + +<p>Unterdessen hatte Sebalt, der beobachtet hatte, daß die Schauspieler +nachher noch im Keller des Restaurants zusammensaßen, sich bereits dem +Direktor und einigen Acteurs vorstellen lassen und sich mit ein bißchen +dickaufgetragenem Lob lieb Kind gemacht.</p> + +<p>An jenem Abend lobte er namentlich das Fräulein Schubert und ließ sich +ihr nach dem Lorbeerkranz im Kreise ihrer Kollegen vorstellen.</p> + +<p>Fräulein Charlotte war sehr zuvorkommend und Sebalt ganz Grand Seigneur.</p> + +<p>Er hatte sich extra eine neue Weste und eine modische, dünne Goldkette +für seinen Triumphabend gekauft, hatte diese höchst schick von einer +Westentasche zur andern durch das zweitoberste Knopfloch gezogen und +merkte mit einiger Genugtuung, daß er von den armen Histrionen für +einen Mann mit respektablem Einkommen und noblen Passionen gehalten +wurde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span></p> + +<p>Gegen Mitternacht erfüllte sich sein sehnlichster Wunsch, Fräulein +Charlotte nach Hause begleiten zu dürfen. Sie hatte einen weiten Weg, +wenn sie nicht durchs düstere Rosental gehen wollte.</p> + +<p>Mit neckischer Schalkhaftigkeit, die allerdings etwas Gemachtes und +auch etwas Gedemütigtes an sich hatte, meinte sie beim Fortgehen: +»Schade, daß ich Ihren schönen Lorbeerkranz nicht gleich mitnehmen +kann, aber ich lasse das kostbare Geschenk mir morgen früh holen.«</p> + +<p>»Also wird es dem Lorbeerkranz besser ergehen,« spöttelte Sebalt, »wie +seinerzeit der Perlenbrosche.«</p> + +<p>Die stolze Charlotte zuckte leise zusammen unter diesem Hieb. Wie +geduckt ging sie neben dem eleganten Kavalier und stammelte nur ein +wenig verwirrt:</p> + +<p>»Verzeihen Sie, das war damals nicht recht von mir. Aber wenn Sie alles +wüßten — ach wozu — reden wir von was anderm. Wie hat Ihnen das Stück +gefallen?«</p> + +<p>Mit wirklicher Sachkenntnis und ätzendem Sarkasmus äußerte sich der in +der neueren Literatur recht gut versierte Sebalt über das Stück, über +den Autor, sprach auch gescheit über die Rollen und ihre verschiedenen +Chancen; insonderheit unterzog er die Auffassungsmöglichkeiten der<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> +Rolle Charlottens einer ganz geistreichen Untersuchung.</p> + +<p>Charlotte sah ein paarmal ihren Begleiter, der beide Hände straff +in die Überziehertaschen geschoben hatte und etwas blasiert, doch +überzeugt vor sich hinsprach, verwundert von der Seite an.</p> + +<p>Dann sagte sie lächelnd: »Wenn ich jetzt nicht solchen Respekt vor +Ihrer Weisheit hätte, möchte ich übermütig zitieren: ›Wie hast du dir +verändert‹ — so aber will ich nur hübsch gesetzt bemerken: Wenn Sie +früher so gesprochen hätten und nicht so völlig anders, Herr Sebalt, +dann wären wir wohl eher und besser bekannt miteinander geworden.«</p> + +<p>Sebalt sagte eisig: »Nur immer hübsch langsam mit die jungen Pferde, +meine Gnädigste! Wer langsam fährt, kommt auch nach Halle.«</p> + +<p>Charlotte ärgerte sich sichtlich und schwieg.</p> + +<p>Als Sebalt wie selbstverständlich ins Rosental einbog, zuckte sie einen +Moment zurück, folgte dann aber gehorsam wie eine gebändigte Löwin +ihrem Dompteur.</p> + +<p>»Fürchten sich wohl, meine Gnädigste,« spottete der Begleiter, »der Weg +ist kürzer — übrigens Ihnen ja auch einigermaßen bekannt, und unter +meiner Bedeckung passiert Ihnen nichts.«</p> + +<p>»Jawohl,« gab Charlotte bitter zurück, »wer den Henker zum Gesellen +hat, braucht für den Strick nicht zu sorgen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p> + +<p>»Soll das etwa heißen, daß Sie erwarten, von mir attakiert zu werden? +Nee, Verehrteste, da seien Sie totenruhig! Vor mir sind Sie seit der +Broschenaffäre sicher; nicht ein Haar von ihrem übrigens prächtigen +Schopf soll Ihnen gekrümmt werden.«</p> + +<p>Charlotte ging schweigend neben dem jetzt ebenfalls hartnäckig +schweigenden Weggesellen durch das Dunkel des im Novembersturm +heulenden Waldes, das nur wenige flackernde Laternen hie und da mühsam +erhellten.</p> + +<p>Sebalt reichte der unsicher Schreitenden nicht den Arm, sagte nur +einmal, als sie ein wenig strauchelte, ironisch: »Wollen doch nicht +Traviata spielen?«</p> + +<p>Da blieb Charlotte empört stehen und rief Sebalt zu: »Was wollen Sie +eigentlich von mir, Sie werden mir nachgerade unheimlich!«</p> + +<p>»Wie Sie mir vor Jahr und Tag! — Was ich will — nur meine Rache kalt +genießen, Sie ein wenig verachten, meine Gnädigste, weil ich Sie früher +zu viel verehrt habe.«</p> + +<p>»Wenn Sie das wirklich getan hätten —«</p> + +<p>»Bitte, habe ich Ihnen den zahlenmäßigen Beweis, den Sie so +geschmackvoll forderten, nicht <span class="antiqua">stante pede</span> damals angetreten? +65 Mark die kleine Dummheit, eigentlich für nen Studenten ein bißchen +teures Angebinde, meinen Sie nicht, Gnädigste?<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> Und dann noch für die +Katz! Schade!«</p> + +<p>»Mein Gott ja, es war wirklich sehr unrecht von mir. Ich habe Sie ja +schon um Verzeihung gebeten, Herr Sebalt. Und glauben Sie mir, es +war auch nur ein verrückter Einfall, der mir plötzlich meiner gar zu +unwürdig vorkam, und da bin ich eben voll Schrecken davongelaufen. Also +kommen Sie, seien Sie gut, geben Sie mir jetzt Ihren Arm, und ich will +Ihnen alles offen gestehen.«</p> + +<p>»Welche Ehre, meine Gnädigste,« hüstelte Sebalt preziös und reichte den +rechten Arm.</p> + +<p>»Lassen Sie doch endlich das fade Getue und das ewige Gnädigste. Es +glaubt Ihnen ja doch keiner, daß Sie son Laff sind, wie Sie vorgeben. +Also nun hören Sie. Ich war schon in Monplaisir Schauspielelevin; +wir probten da im Saal immer nachmittags. Ich hatte seinerzeit große +Rosinen im Kopf, wie die meisten von uns am Anfang. Unter ner Duse tun +wirs nicht in unsern Erstlingsträumen. Ein wenig Erbteil hatte ich +damals noch, ein leidliches Äußere doch auch, sogar nach dem Urteil +eines gewissen Herrn, der mir immer nachmittags nachstieg. Na kurz +und gut, als ich in Lindenau das erste Mal öffentlich auftrat — an +jenem Abend wollte ich nur die Akustik im gefüllten Saal prüfen — da +hing mein Himmel voller Geigen. Dann aber kams anders. Ich spielte +und spielte, kein Hahn und kein Agent krähten nach mir, obwohl<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> das +Publikum immer Beifall spendete und die Kritik stets wohlwollend war. +Ich ging in die Vollen, ich ließ mir Toiletten machen, ließ mir Buketts +spenden, lachen Sie nicht — es ist mir bitter genug gewesen. Alles +war verlorne Liebesmüh; nur Verehrer, die waren hinter mir her wie +die Teufel hinter ner armen Seele. Damals ging mein Restchen Vermögen +zu Ende, und ich rang bitterlich mit mir, ob ich kapitulieren sollte, +wie so viele Größere vor mir auch in blutiger Not, nur um sich der +geliebten Kunst zu erhalten. In jener Seelennot, Herr Sebalt, stießen +Sie auf mich. Das war an dem bösen Abend vor dem Juwelierladen. Erst +flog mir durch den Kopf — kapituliere! Dann kam plötzlich die Scham +vor mir selbst, und in bittrem Hohn — ja mit Undank und Niedertracht +zahlte ich Ihnen für Ihre Neigung, für Ihr vielleicht ehrliches Opfer. +— — So, da haben Sie meine Beichte, ohne Schminke und ohne Scham! +Wollen Sie nun aufhören, mich zu peinigen und mir endlich Absolution +erteilen, ein- für allemal!«</p> + +<p>Hans Sebalt war es eigen zumut. Er fühlte, er war mehr ergriffen von +dem schlichten Leidensbericht, als er sich gestehen mochte.</p> + +<p>Und doch schwankte er, ob er nicht zu viel Trümpfe aus der Hand gäbe, +wenn er jetzt schon den ganz Versöhnten spielen würde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p> + +<p>So sagte er nur unwirsch und doch fast tonlos vor verhaltener Bewegung: +»Narrenhaus — diese Welt — man tanzt aneinander vorbei, wenn man sich +am nötigsten braucht.«</p> + +<p>»Was meinen Sie damit,« fragte Charlotte beunruhigt.</p> + +<p>»Bitte, beantworten Sie mir erst eine Frage, die ich mir sicher nicht +erlauben würde, wenn — nun ja, ich will auch ehrlich sein — wenn ich +Sie nicht ehedem so wahnsinnig geliebt hätte.«</p> + +<p>»Ich weiß schon, was Sie fragen wollen. Erst eine Gegenfrage: Haben Sie +mal meine Mila im Frühlingssturm gesehen?«</p> + +<p>»Ja, sie war das Erste und — gestatten Sie — das Beste von Ihnen!«</p> + +<p>»Nun also! Und glauben Sie, daß eine Non Traviata, oder sagen wir doch +lieber richtiger eine, die ihrem Götzen von Beruf nicht alles — auch +das letzte — hingeopfert hätte, so spielen könnte?«</p> + +<p>»Nein, ich dachte mirs,« antwortete Sebalt tief ergriffen.</p> + +<p>»Und sehen Sie,« rief er dann schmerzlich, »hätten Sie mich damals +nicht brauchen können? Ich hätte keinen so hohen Preis gefordert, wie +vielleicht ein anderer — ich — ich liebte Sie redlich.«</p> + +<p>»Und heute fordern Sie ihn auch, weil Sie<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> mich nicht mehr lieben, +sondern nur, weil Sie sich noch in Ihrer Rache sonnen wollen.«</p> + +<p>»Ich fordere nichts, aber auch gar nichts mehr!«</p> + +<p>»So — und warum nicht? Bin ich Ihnen selbst zur Rache zu schlecht?«</p> + +<p>»Nein, Charlotte, dazu sind Sie mir nach Ihrem Geständnis noch immer +viel zu gut! Nur — ich verlange heute nach beiden nicht mehr — wie +damals! Ja — damals schrie ich wohl nach Ihrer Liebe und dann — dann +glühte ich vor Haß.«</p> + +<p>»Und vergaßen mich am Ende — trotz oder vielleicht wegen der teuren +Brosche?«</p> + +<p>»Nein,« sagte Hans mit plötzlich erwachter Leidenschaft, »nun sollen +auch Sie alles wissen! Die Brosche — die warf ich einer andern zu, +der ich mein Bestes verschenkt hatte — warum — weil sie Ihnen +ähnlich sah! — So, nun habe ich gebeichtet und bitte um die gleiche +Sündenvergebung, liebe Beichtigerin.«</p> + +<p>Charlotte sagte kein Wort. In tiefer Bewegung gingen die beiden bis zu +der unfernen kleinen Parterrewohnung der Schauspielerin.</p> + +<p>Als diese ihre Haustür aufgeschlossen hatte und Hans sich verabschieden +wollte, sagte Charlotte leise: »Kommen Sie herein, Herr Sebalt, ich bin +Ihnen viel schuldig geworden und will meine Schulden bezahlen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span></p> + +<p>Da umfaßte Hans Sebalt das schöne, ehedem so bitter gehaßte Weib in +wilder, glückseliger Liebe, und mit verzehrender Glut wurden seine +stürmischen Küsse erwidert.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel_2">Viertes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Auseinander</b></span></h3> +</div> + +<p>Kaspar Krumbholtz drang tiefer und tiefer in den Geist der modernen +wissenschaftlichen Forschung ein und söhnte sich auch mit der ihm +ehemals so unsympathischen historisch-kritischen Methode aus.</p> + +<p>Nach und nach merkte er eben, daß seine Abneigung nicht eigentlich in +der freilich oft alexandrinisch übertriebenen Buchstabentiftelei der +Philologen, auch nicht in der spezialistischen Kleinkram bisweilen +überschätzenden Einseitigkeit der Historiker ihren letzten Grund hatte, +sondern in dem Unwillen seines autoritätfrommen Gemüts, das gegen das +Experiment am ungeeigneten Objekt Verwahrung einlegte.</p> + +<p>Dieselbe Methode, die ihn bei der Bibelforschung so oft innerlich +verletzt hatte, erschien ihm beim Nibelungenlied oder bei den Quellen +der Reformationsgeschichte durchaus anziehend, notwendig und fast +selbstverständlich.</p> + +<p>Noch immer zog es jedoch Kaspar in die Weite;<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> immer noch wuchs die +Zahl der Fächer, in denen, wenigstens einigermaßen orientiert zu sein, +ihm notwendig erschien.</p> + +<p>Von der Philosophie kam er zu der Ästhetik und Pädagogik, die ihm, +dem Mann der Praxis, allerdings wenig Neues sagen konnte. Die +Nationalökonomie, seine erste Liebe, ließ ihn so wenig wieder los +wie das Interesse für Politik, und beide führten ihn eines Tages zur +Soziologie und zur Geographie. Von der Geschichte und deren wenig +interessanten Hilfswissenschaften drängte es ihn rasch weiter zur +Archäologie und zur Kunstgeschichte.</p> + +<p>Er ging in die Museen und lernte in peripathetischen Übungen ganz neu +sehen und vergleichen.</p> + +<p>Von der Germanistik trieb es ihn nach und nach zur modernen +Literaturgeschichte und aus den Kollegs unwillkürlich in die Theater +und die Leihbibliotheken.</p> + +<p>Vieles in der neusten Literatur verstand er zunächst gar nicht, da +er von Haus aus kaum die Klassiker einigermaßen beherrschte; nur +Liliencron berauschte ihn wie junger Most. Erst über Hebbel, Keller, +Anzengruber, Raabe und die Ebner-Eschenbach fand er langsam den Weg zu +Tolstoi, Ibsen und Hauptmann, während Zola ihm nicht viel zu bieten +vermochte.</p> + +<p>Der Dichterphilosoph Nietzsche verwirrte<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> Kaspar anfangs gewaltig, um +ihn dann um so klarer zu machen. Aus seinem niedergeschlagenen Schüler +ward er nach und nach sein fröhlicher Gegner; aber er dankte ihm ein +Stahlbad.</p> + +<p>Aus Zufall geriet Kaspar in eine sehr besuchte Vorlesung über +Psychiatrie, und sie fesselte ihn bald so sehr, daß er zwei Semester +hindurch in keiner Vorlesung dieses Fachs fehlte. Das trug ihm +für das Verständnis der modernen, teilweise recht pathologisch +durchsetzten Literatur viel aus, und auch für seine tiefgehenden +Erziehungsinteressen fand er hier wie in den lebensvollen, +anschauungsreichen Vorlesungen eines fast sokratischen Psychologen weit +mehr Nahrung und Anregungen als in denen der eigentlichen Pädagogik.</p> + +<p>Je weiter jedoch die Kreise Kaspars wurden, um so schwieriger wollte +es ihm dünken, sich nach und nach zurückzukonzentrieren auf irgendein +praktisches Brotfachstudium. Was die Mehrzahl seiner Kommilitonen zu +früh und zu sehr tat, tat Kaspar zu spät. Manchmal wollte es ihm schier +unmöglich erscheinen, auf das herrliche Ausgreifen nach allen Seiten zu +verzichten.</p> + +<p>Hans Sebalt war längst mit höchstem Lobe zum Doktor promoviert und +traf bereits neue Vorbereitungen für ein Werk, das ihm vielleicht als +Habilitationsschrift dienen konnte.</p> + +<p>Der langsame Kaspar dagegen suchte und<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> suchte und fand und fand so +vieles und so gewaltiges, daß ihm alles eigne Schaffen demgegenüber als +ein von vornherein aussichtsloses, mindestens wertloses Unterfangen +erscheinen wollte.</p> + +<p>Wenn ihm jemals etwas gelingen könnte, so dachte und hoffte Kaspar +mitunter, dann wäre es nur die Reproduktion, die Projektion dieser +reichen Welt von neuen Anschauungen, Ergebnissen und Zielen auf die +Seelen anderer, am liebsten der heranwachsenden Generation, der ein +kundiger Führer in einer so überallhin vorwärtsdrängenden, wirbelnden +Zeit vielleicht fruchtlose Kämpfe und endlose Umwege ersparen könnte.</p> + +<p>Aber einer der Professoren setzte Kaspar auseinander, daß nur die +Erfahrung an einigen eigenen Schöpfungen den vollen Respekt vor +den Leistungen anderer und Größerer zeitigen könne, und daß die +notgedrungene Konzentration, vielleicht auch unter dem bittersten +Verzicht, vom berauschenden Genuß des Empfangens zur schmerzvollen +Geburt der Tat führen müsse, wenn anders der Genuß — auch in der +Wissenschaft — seine sittliche Berechtigung haben solle.</p> + +<p>Und so ließ sich Kaspar nach etlichen Semestern seine Examenarbeiten +geben, obwohl Ursemi ihm in ihren Briefen zusetzte, er solle erst +einmal wie Hans Sebalt den Doktortitel erwerben.</p> + +<p>Kaspar lächelte wehmütig über diesen Wunsch.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p> + +<p>Verriet er ihm doch leise, daß Ursemi noch immer nicht ganz begriffen +hatte, daß er ihr nie mehr, aber auch nie weniger sein wollte — und +jetzt gar nicht mehr sein durfte — als ein treuer Bruder.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In Reda hatte sich äußerlich nicht viel verändert seit dem Tode Wilhelm +Winklers.</p> + +<p>Die Werke wurden von den erprobten Direktoren, Beamten und Arbeitern +im Sinne des Mannes weitergeführt, der ihnen durch eine hochherzige +Testamentbestimmung einen je nach dem Dienstalter steigenden, +schließlich sehr hohen Gewinnanteil gesichert hatte.</p> + +<p>Der Hauptertrag stand der Winklerstiftung zu, die von einem erlauchten +Sechserkonsortium verwaltet, das halb aus bekannten Gelehrten und halb +aus unabhängigen Laien bestand, und vom Geheimrat Volpelius, einem +früheren Verwaltungsbeamten, geleitet wurde.</p> + +<p>Ein kleiner Teil der Gelder wurde zu Stipendien für junge unbemittelte +Forscher oder zur Unterstützung für begabte Schriftsteller und sonstige +geistig oder künstlerisch aufstrebende Männer verwandt, die ihrem Volke +mit der Zeit zu Führern zu reifen versprachen.</p> + +<p>Das Hauptziel der Winkler-Stiftung sollte jedoch<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> die Gründung +einer großen nationalen Erziehungsanstalt sein, in der eine von +Staatsvorschriften und Traditionsdruck freie Jugend heranwachsen +konnte, für die charakterliche Erziehung zur Selbständigkeit und eine +individuelle, zeitgemäße und doch harmonische Bildung das oberste Ziel +sein sollten. Einzelbestimmungen fehlten vor der Hand, nur sollte +jegliches Examen völlig ausgeschlossen sein. Das zur Zeit leider noch +notwendige Übel der Einjährig-Freiwilligen Prüfung sollte darum — wenn +irgend möglich — hinter den Knaben liegen.</p> + +<p>Im übrigen standen naturgemäß die Vorbereitungen für das große, ebenso +schwierige wie kostspielige Hauptwerk, für das einstweilen jedes +Jahr die Hälfte des Reingewinns zurückgelegt werden mußte, noch im +weiten Felde. Volpelius und seine sechs Berater arbeiteten jedoch mit +rastlosem Eifer.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Frau Winkler wohnte mit ihrer Tochter wie bisher den größten Teil des +Jahres in der behaglichen Redaer Villa inmitten ihres lieblichen Parks, +an den die ausgedehnten Waldbesitzungen der Damen sich anschlossen.</p> + +<p>Ihre Güter wie die Forstverwaltung unterstanden einem bewährten +Generaldirektor, der mit der gern auch fürs Kleinste selbst sorgenden +Frau<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> Winkler freilich weniger gut fuhr als ehedem mit ihrem +großzügigen Manne.</p> + +<p>Es kam mitunter zu allerlei Mißverständnissen und heftigen +Auseinandersetzungen, bei denen Ursemi ihre früher so stille, +gutmütige, sonst so leicht befriedigte Mutter kaum wiederzuerkennen +vermochte. Dann griff sie als mündige Mit-, ja Hauptbesitzerin doch +gelegentlich ein und tat es mit der ganzen Ruhe und Überlegenheit ihres +verstorbenen Vaters.</p> + +<p>Das lockere Verhältnis zur Mutter ward jedoch darüber nicht fester +und inniger; denn was sich die kleine runde Frau von ihrem Gemahl +anstandslos, ja dankbar hatte gefallen lassen, das wollte sie der +Tochter durchaus nicht zugestehen. So bildeten sich nach und nach +Verstimmungen, die Ursemi bedrückten und ihr gewisse Fragen, vor allem +die nach einer selbständigen Zukunft, nahelegten.</p> + +<p>Daß es der reichen Erbin an Bewerbern aller Art nicht fehlte, war +selbstverständlich; aber unter all diesen Männern war eigentlich nur +einer, der Ursemi ein gewisses Interesse abnötigte und nicht zum +wenigsten durch seine vornehm kluge Zurückhaltung, und das war Harry +Brosyn.</p> + +<p>Der junge Graf war noch immer und scheinbar mit großem Erfolg in +Westamerika tätig. Er kam dann und wann auf kürzeren Besuch zu seinem<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> +Vater, den er jedoch noch immer reichlich kühl als »Firma Brosyn +senior« betrachtete. Zweimal sprach er flüchtig in Reda vor, schien +jedoch keine Lust zu haben, sich einen zweiten Korb zu holen.</p> + +<p>Ursemis Herz hing in alter Anhänglichkeit, in einer vielleicht mehr +kameradschaftlich herkömmlichen als bewußt leidenschaftlichen Liebe +unverändert an ihrem getreuen Kaspar. Aber er machte ihr Sorge.</p> + +<p>In seinen oft allzu peinlich gewissenhaften und darum etwas nüchternen +Berichtbriefen verriet er mehr und mehr, daß er in dem berauschend +gewaltigen Meer der Wissenschaft unterzutauchen Gefahr lief, freilich +nicht als zielbewußter Taucher, sondern als ermatteter, ins Treiben +geratener Schwimmer.</p> + +<p>Ursemi las ihm gelegentlich die Leviten, hielt ihm — zwar gegen ihre +innerste Überzeugung — den erfolgreicheren Streber Sebalt vor, verriet +schließlich deutlich, daß sie stolz auf ihren Kaspar zu bleiben und +noch mehr zu werden wünsche — es half wenig!</p> + +<p>Kaspar wich erst aus, führte dann — ganz gegen seine Gewohnheit — +seine Vorarbeiten zum Staatsexamen beruhigend ins Treffen; aber von +jeder tieferen Ahnung der geheimsten Sorgen und Wünsche Ursemis war +er weiter entfernt denn je. Nicht eine letzte, noch so leise Spur der +Engadiner<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> Gefühlsaufwallung schien in seinem Innern vorhanden zu sein.</p> + +<p>Sollte ein anderes Mädchen in den Kreis seiner Seele getreten sein? +Oder ging Kaspar vielleicht gar zu sehr in seiner behaglichen +Zwillingsvetterei auf? Freundschaft ging ihm von jeher über Liebe. +Hatte er sich irgendwie verloren?</p> + +<p>Ursemi machte sich in ihrer völligen Einsamkeit immer unruhigere +Gedanken. Mit der Mutter konnte sie über dergleichen nicht reden. +Vollends seit Sebalt seinen Doktor gemacht, spöttelte, neckte und +stichelte Frau Winkler ihre Tochter öfter wegen ihres Verzugs, des +langsamen und faulen Kaspars.</p> + +<p>Ursemi schwieg dazu; sie war unsicher, sie sah nicht mehr klar; sie +fühlte nur dumpf aus Kaspars oft recht unpersönlichen Briefen, daß doch +irgend etwas zwischen sie und den ihr unentbehrlichen Freund getreten +sein müsse. Und so beschloß sie, sobald wie möglich sich selbst zu +überzeugen, was aus Kaspar geworden sei.</p> + +<p>Ein unauffälliger Anlaß zur Reise nach Leipzig fand sich zum Glück +bald, da Frau Winkler, die in letzter Zeit auch recht um sich selbst +und nicht mehr nur für andere zu sorgen pflegte und ein wenig +hypochondrisch geworden war, einen berühmten Spezialarzt in Leipzig zu +konsultieren wünschte.</p> + +<p>So trafen denn die Winklerschen Damen eines Tages auf dem Dresdner +Bahnhof zu Leipzig ein,<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> empfangen von <span class="antiqua">Dr.</span> Sebalt und Kaspar +Krumbholtz.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Um Kaspar eine Freude zu machen, hatte Ursemi bei Geheimrat Volpelius +kurz zuvor ein Reisestipendium der Winkler-Stiftung für Kaspars armen +Vetter, der die Leipziger Akademie besuchte, ausgewirkt und teilte ihm +nun diese Nachricht mit.</p> + +<p>Kaspar war glückselig und stürzte sofort davon und holte den +Zwillingsvetter herbei, den Ursemi nach seinem verlegen gestammelten +Dank sofort für einen echten Krumbholtz erklärte.</p> + +<p><span class="antiqua">Dr.</span> Sebalt, jetzt wirklich eine weltmännisch elegante +Erscheinung, machte in erster Linie seiner Gönnerin, Frau Winkler, in +galantester Weise die Honneurs; während sich Ursemi von den weniger +eleganten Vettern Krumbholtz mit froher Laune die Sehenswürdigkeiten +Leipzigs zeigen ließ.</p> + +<p>Auch Kollegs mußte sie bei Kaspars Lieblingsprofessoren hören und das +dafür besonders aufgeräumte und bescheiden geschmückte <span class="antiqua">Collegium +Mugonianum</span> mit ihrem Besuche beehren. Hier überreichte ihr der +Vetter Akademiker sogar ein künstlerisch entworfenes Patent, das Ursemi +zum Ehrenmitgliede des »hochwohllöblichen <span class="antiqua">Collegium Mugonianum +vis-à-vis</span> der königlichen Polizei« ernannte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span></p> + +<p>Dann mußte Ursemi auf dem kleinen, schäbigen, jetzt freilich mit einer +weißen Häkelarbeit der Wirtin schämig verzierten Sofa Platz nehmen +und ein Frühstück genehmigen, zu dem auch der andere Zwilling unter +dem Vorwand eines wichtigen Geschäftsganges sich einstellte, um dem +fürstlichen Besuch des hohen Kollegs seine Aufwartung zu machen.</p> + +<p>In harmlos ausgelassener Fröhlichkeit feierte man das Ehrenmitglied und +den glücklichen Besitzer des Reisestipendiums, der nun — als sei mit +einem Male der Knoten geplatzt — von launiger Beredsamkeit überfloß +und drollig den kecksten Streich des Kollegs erzählte: wie einmal +die freundnachbarliche Polizei wegen ruhestörenden Lärms ihnen drei +Schutzleute herüber geschickt habe, die dann fröhlich mit pokuliert und +spektakelt hätten, und wie sie — die drei Vettern — tags darauf wegen +Lärms auf der Polizei sich bei der Polizei selber beschwert und dann +dort ebenfalls fidel einen guten Tropfen auf dem Wachlokal getrunken +hätten.</p> + +<p>Auch die lustigen kleinen Mädelgeschichten des vergnüglichen Kollegs, +auf die Ursemi diplomatisch anspielte, wurden ohne Zaudern aufgetischt. +Mit köstlicher Laune berichtete der junge Kaufmann: wie das hohe +Kollegium mit seinen Damen, drei niedlichen Vorstadtkinderchen, zwei +blonden Schwestern<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> und ihrer brünetten Cousine, Miß, Fröle und +Signorina genannt, des Sonntags gelegentlich einen Spaziergang oder +ein Tänzchen gemacht, wie man sich allerlei kleine, frugale Soupers +ausgerichtet, wie man den Mädchen zu Weihnachten neue Hütchen beschert, +wie ihnen der Akademiker kunstgerecht einige Kostüme entworfen hatte — +und was dergleichen kameradschaftliche Gefälligkeiten mehr waren.</p> + +<p>Ursemi fühlte bald heraus: da handelte es sich keinesfalls um +tiefgehende Liebesaffären! Von Miß, Fröle oder Signorina war nichts zu +befürchten.</p> + +<p>Bei Kaspar mußte jedenfalls etwas ganz anderes vorliegen, was tiefer +saß.</p> + +<p>Und so forschte die kluge Tochter Wilhelm Winklers weiter in redlicher +Sorge um Kaspar, bis sie ihn eines Abends im Hotel Hauffe zu einer +Unterredung nötigte, während Sebalt mit seiner verehrten Gönnerin +im Stadttheater saß und ihr die vielen Feinheiten im Spiel seiner +Freundin, der jetzt dank seiner Bemühungen und ihres entfalteten +Talents so berühmten Charlotte Frémont, geistreich auseinandersetzte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ursemi hatte Kaspar das Kistchen Zigarren und den Aschenbecher +hingeschoben, dann setzte sie<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> sich wie zum behaglichen Schwatz in +den geräumigen Ledersessel ihm gegenüber und begann im harmlosen +Plauderton, während sie mit dem übergeschlagenen Fuße leise wippte und +Kaspars blauen Rauchwolken nachschaute:</p> + +<p>»Ich finde, es lebt sich wirklich famos in diesem grauen, +hochgiebeligen Buchhändlernest. Unternehmende Kaufleute, gescheite +Professoren, Musiker und Bildhauer, die was können, und kleine, nette +Mädels die Hülle und Fülle! Ich wäre hier auch ganz gern Student und +verstehe, daß du es möglichst lange bleiben willst.«</p> + +<p>Aha, dachte Kaspar, dort willst du hinaus, und lächelte still in sich +hinein, als Ursemi möglichst unbefangen fortfuhr:</p> + +<p>»Ich glaube, du erwartest nun von mir eine Wiederholung allerlei +redlicher Vorhaltungen aus meinen Briefen? Nee, mein alter Junge, da +schneidest du dich. Um dich ist mir jetzt weit weniger bange als — +um mich. Das wundert dich — nun ja, es will auch recht verstanden +und vielleicht erklärt sein, und darum ist es mir lieb, mal so in +ungestörter Ruhe mit dir von Mund zu Mund etwas zu erörtern, was sich +schwer oder nur sehr gewunden schreiben läßt. Du weißt, daß ich leider +zu Mama nie in ein so inniges Verhältnis kommen konnte wie zu Vater. +Jetzt bin ich auf Mama weit mehr angewiesen als früher, und doch ist<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> +unser Verhältnis kühler geworden als früher. Vater fehlt mir unendlich. +Und auch der liebe, vornehme Volpelius kann ihn mir nicht ersetzen. +Um so eher erwartete ich das mit der Zeit von dem andern Freunde, den +mir Vater vermacht hat. Aber — ich kann mir nicht helfen — auch der +beginnt zu versagen. Seine Briefe werden nüchterner, geschäftsmäßiger; +sie duften mitunter nach Pflicht, und dieser Duft ist mir peinlich, ja +oft beängstigend; er versetzt mir bisweilen den Atem wie der Moderduft +alter Scharteken oder vergilbter Friedhofskränze. Ja, schüttle nur +überlegen das trotzige Haupt, mir machst du nichts vor, und ich will +keine Unklarheiten, keine Halbheiten zwischen uns. Also schenk mir mal +ruhig reinen Wein ein, warum du nicht mehr der Alte bist. Du weißt, ich +bin kein zimperliches Frauenzimmer. Du brauchst weder mich noch, falls +es notwendig sein sollte, dich zu schonen.«</p> + +<p>Kaspar rückte unruhig hin und her, als suche er nach einem passenden +Anfang, endlich sagte er stockend: »Ich weiß, Ursemi, ich bin nicht +viel wert und entspreche jedenfalls den Anforderungen, die du an einen +brüderlichen Freund stellen kannst, zurzeit gar nicht. Aber das hängt +mit meiner Entwickelung zusammen, die in diesen Jahren so gewaltsam +in neue Bahnen drängte, daß ich alle Kraft daran setzen mußte, mich +nicht ganz zu verlieren.<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> In solchen kritischen Zeiten, Ursemi, ist +man nicht in der Lage, anderen etwas sein zu können, am wenigsten +einer Persönlichkeit wie dir, die viel sicherer in ihren Schuhen steht +als ich. Jetzt schüttelst du den Kopf und lächelst. Tus auch nicht, +Ursemi. Wir bleiben schon die Alten, hoffe ich, nur die Rollen des +Gebers und Nehmers wechseln manchmal. Wenn dir auch meine Briefe nichts +sein konnten, die deinen waren mir um so mehr. Das soll bei echter +Freundschaft keine Rolle spielen, wer dem andern mehr austrägt. Mein +Debet bei dir ist so wie so hoffnungslos. Vielleicht kann ich dir +später etwas mehr sein, doch erst laß mich wachsen, und das braucht +Zeit bei dieser Sorte Krumbholtz.«</p> + +<p>»Lieber,« erwiderte Ursemi ernsthaft, »versteh mich nicht falsch! Ich +kenne meinen langsamen Kaspar und will ihm gern Zeit lassen, will +auch schweigend warten, bis das Beste in ihm reif geworden — aber +ich muß genau wissen, woran ich mit ihm bin. Dieser Kaspar hatte von +jeher eine ganz vertrakte Neigung, sich für geringer zu halten, als +er ist, und jedenfalls für weniger, als er mir ist. Er liebte es, zu +Reda und Sils sich wohlerworbene Ansprüche, ja Rechte wegzugrübeln +und wegzudisputieren, die ich ihm mit Stolz und Freude einräumte als +dem Menschen, der mir innerlich näher steht als alle andern, selbst +meine Mutter.<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> Auch jetzt scheint es mir — wie schon die Briefe es +verrieten — daß dieser Kaspar wähnt, er könne nur einmal für die +dritte oder vierte Stelle in meinem Herzen in Frage kommen, aber +niemals für die erste. Ruhig sitzengeblieben, alter Freund, und mich +nicht so erschrocken angeschaut! Jawohl, ich habe den Mut, die Dinge +beim rechten Namen zu nennen. Ich bin kein prüdes, kleines Mädel mehr, +sondern ein aufrechter, ausgewachsener Mensch, der auch sogenannte +heikle Dinge mit seinem besten Freund, seinem liebsten Wandergenossen +offen und tapfer besprechen will. Also klipp und klar: Warum schreibst +du nachgerade an mich, als sei ich deine Gouvernante und nicht mehr +deine beste Vertraute? Ist irgend jemand zwischen uns getreten? Ist +dir jemand lieber geworden als ich? Sage es mir ganz ehrlich, Kaspar. +Ich werde es dir nicht verargen und mich darein zu finden suchen. Nur +verbergen darfst du es mir nicht, das bist du mir schuldig.«</p> + +<p>»Das weiß ich, Ursemi,« erwiderte Kaspar schlicht, »und wenn es an dem +wäre, was du vermutest, dann sagte ich es dir sicherlich am ersten. Es +gibt aber wirklich niemand, der mir näher stünde als du. Auf die kleine +Miß brauchst du nicht eifersüchtig zu sein. Und dennoch muß ich an dem +festhalten, was ich früher schon instinktiv empfunden und mir gar nicht +ergrübelt habe, nämlich<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> an der Überzeugung, daß ich dir nie etwas +anderes sein will und darf als dein Freund und Bruder.«</p> + +<p>»Warum nicht?« fragte Ursemi betroffen, »nur gerade heraus, wenns auch +weh tut.«</p> + +<p>»Schon weil das dein Vater nie gewünscht hätte,« antwortete Kaspar ein +wenig unsicher.</p> + +<p>»Woraus schließt du das, Kaspar? Kennst du Vater so schlecht, um nicht +zu wissen, daß er jedem Menschen seine Freiheit ließ, vorab doch wohl +seiner Tochter. Er ist niemals meiner Selbständigkeit zunahe getreten, +dazu war er viel zu klug und viel zu gut. Er wünschte nur, daß ich frei +meiner Neigung folgen solle, wenn dereinst eine Entscheidung an mich +herantritt. Ich fürchte jetzt, diese Entscheidung wird nicht an mich +herantreten, wenigstens nicht von der Seite, von der ich es im stillen +ersehnt und erhofft hätte.«</p> + +<p>Ein dumpfes Schweigen folgte diesen leidenschaftlichen Worten.</p> + +<p>Kaspar fühlte, er mußte darauf antworten, aber ihm graute, weil er dann +schließlich das Schlimmste enthüllen mußte, und das wollte er sich und +Ursemi ersparen.</p> + +<p>Da flog ihm Ursemis schroffe Frage wie ein scharfer Pfeil entgegen: +»Was steht zwischen dir und mir, Kaspar?«</p> + +<p>»Nichts!« antwortete Kaspar verlegen und zuckte hilflos mit den +Achseln.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span></p> + +<p>Aber Ursemi ließ nicht nach. Von neuem begann sie: »Du bist seit +dem Engadin ein anderer geworden. Ich nicht. Im Gegenteil! Was +damals zart in mir emporkeimte, hat feste Wurzeln geschlagen und ist +stetig gewachsen. Warum ist es bei dir anders, Kaspar? Hast du die +Pflanze etwa absichtlich mit Stumpf und Stil ausgerissen, ehe sie +dir allzu kräftig gedieh? Kaspar, ich bitte dich bei unsrer alten +Jugendfreundschaft, gib mir endlich volle Klarheit. Ich glaube, ich +habe ein Recht dazu.«</p> + +<p>Zaudernd entgegnete Kaspar: »Du hast ein Recht, gewiß, Ursemi; aber +ich bitte dich dringend, verzichte darauf. Ich hänge noch heute mit +derselben Neigung an dir wie zu Sils Maria, Reda und Bethel. Das darfst +du mir schon glauben ohne große Beteuerungen. Nur das eine muß ich +betonen: Es ist mir bis auf diese Stunde niemals der verwegene Gedanke +gekommen, daß du mich jemals würdigen könntest, dir nicht nur der +treuste Freund zu sein, sondern vielleicht auch der liebste und einzige +Lebenskamerad. Ich habe dich wohl trotzdem geliebt, aber zu Unrecht, +nur weil ich meiner Empfindungen nicht Herr wurde.«</p> + +<p>»Kaspar,« frohlockte Ursemi plötzlich dazwischen, »warum willst du +dir und mir nehmen, was uns zukommt? Bist du noch immer derselbe +Bescheidenheitsnarr? Fühlst du denn nicht, daß mich<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> genau dasselbe zu +dir treibt, was dich zu mir riß?«</p> + +<p>Kaspar sprang erregt auf. In seiner Seele raste ein Sturm wildesten +Wehs. Seine breite Brust atmete rascher, seine Züge wurden so finster +und trotzig, daß Ursemi erschrak.</p> + +<p>Auch sie erhob sich jetzt und wollte auf den Geliebten zugehen, doch +wie abwehrend streckte dieser die Arme vor und sagte: »Laß mich erst +ausreden. Nun muß es eben heraus! Und doch, es wird mir so furchtbar +schwer, denn ich weiß, ich muß dir bitter weh tun, und gerade jetzt, wo +ich dir tausendmal lieber alles andere sagte als so Schmerzliches. Ich +will mich nicht entschuldigen, aber vielleicht hätte ich dich und mich +nicht so schmählich vergessen, wenn ich gewußt hätte, daß du mich doch +— nein, es war auch so schlecht genug, denn ich liebte dich — kurz +und gut — ich bin deiner nicht wert! Du darfst mich nicht mehr lieben, +du mußt mich verachten als einen Unwürdigen.«</p> + +<p>Jäh und wie scheu wandte er sich ab.</p> + +<p>Mit einem verwirrten Kopfschütteln sank Ursemi leise in den Sessel +zurück und starrte zu Boden, während Kaspars harte Tritte, ruckweise +den Boden erschütternd, dumpf in dem dichten Wollhaar des großen +Smyrnateppichs verhallten.</p> + +<p>Endlich fand Ursemi die Sprache wieder und<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> sagte versonnen: »Noch sehe +ich nicht klar. Vorhin sagtest du, du hättest niemand lieber als mich, +und jetzt redest du so, daß ich annehmen muß, du hast mich über einer +anderen vergessen. Verzeih, Kaspar, daß ich mich damit nicht zufrieden +gebe. Es geht doch um meine ganze Zukunft, um mein Lebensglück!«</p> + +<p>»Ursemi, Ursemi!« stieß Kaspar jetzt wie verzweifelt heraus, »was +schaff ich dir für Herzeleid! Mein Gott, mein Gott, wie soll ich das +verantworten vor mir und deinem heimgegangenen Vater.«</p> + +<p>»Kaspar,« erwiderte Ursemi sanfter, als es sonst wohl ihre Art war, »er +war ein Mensch, er war mild im Verstehen und nachsichtig im Urteilen. +Ich will seine Tochter sein. Also sage mir vertrauensvoll, wie alles +steht. Vielleicht komme ich darüber hinweg.«</p> + +<p>Schmerzlich schüttelte Kaspar das Haupt und sagte leise: »Nein — +darüber kann ein Weib so wenig weg wie ein Mann. Und wenn es anginge +— und es geht ja im Leben oft genug an — von meiner Ursemi wünschte +ichs nicht einmal. Was ich ihr nicht verzeihen würde, soll sie mir erst +recht nicht verzeihen. Du sollst nicht heruntersteigen zu einem Mann, +der — kurz gesagt — nicht mehr ist, wie Mann und Weib sein sollen, +wenn sie einen Bund fürs Leben schließen. Genügt dir das — verlange +nicht mehr, Ursemi — es wäre grausam.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span></p> + +<p>»Lieber,« sagte Ursemi nach einer langen Pause leise und mit +sichtlicher Bewegung, »ich glaube, ich könnte dir einen jugendlichen +Fehltritt so gut verzeihen wie Millionen andrer Frauen.«</p> + +<p>»Aber ich verzeih ihn mir nicht,« antwortete Kaspar schroff, »denn er +war schwerer, als du ahnst, und ich könnte nicht mit dem steten Gefühl +einer schweren Schuld neben dir leben. Nein, nein!«</p> + +<p>»Kaspar,« warf Ursemi ernst ein, »wir müssen uns alle viel verzeihn. +Wer weiß —«</p> + +<p>»Nein, nein,« beteuerte Kaspar heftig, »es war unverzeihlich! Du weißt +ja nicht alles.«</p> + +<p>»Hast du denn das Mädchen in Schande gebracht? Hast dus verraten?«</p> + +<p>»Nein, das nicht.«</p> + +<p>»Hast du es sehr geliebt, Kaspar?«</p> + +<p>»Eben nicht! Und schon das ist schlimm. Das wäre sogar gemein, wenn +sie mich nicht geliebt hätte. Was sie tat, ist ihre Sache, und die +Frau war nicht schlecht. Aber ich, ich war schlecht, ich habe wirklich +unverzeihlich gehandelt, denn ich — das ist das Schlimmste — ich habe +mich vergangen gegen den heiligen Geist der Liebe: Ich habe mich von +meinen erregten Sinnen hinreißen lassen, obwohl mein Herz einer andern +gehörte, denn ich liebte dich — dich allein und vergaß mich doch! Das +ist ein unauslöschlicher Frevel. Und solch ein Mann ist deiner nicht +würdig. Niemals! Und nun<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> — laß mich gehn, Ursemi, ich könnte den +Blick deiner Augen nicht länger ertragen. Ich bin ein Schwächling, ein +Elender, ein Undankbarer, und ein solcher darf nie an deiner Seite +stehn!«</p> + +<p>»Das bist du alles nicht,« sagte Ursemi stark, »dazu kenne ich dich +viel zu gut, Kaspar. Du bist nur wieder der Übergewissenhafte, der ein +ganzes Leben lang es büßen will, daß er sich einen Augenblick vergessen +hat, wie das wohl bei jedem Menschen einmal vorkommen kann.«</p> + +<p>»Was bist du gut, Ursemi,« stöhnte Kaspar zu Boden blickend, »ich +ertrage das nicht! Aber das darf mich nicht hindern, zu tun, was ich +tun muß. Ich muß die Folgen meines Frevels wenigstens auf mich nehmen. +Ich darf das liebste Wesen, das ich schnöde verraten habe, nie in meine +Arme schließen, ich könnte es niemals mit reinem Gewissen tun.«</p> + +<p>»Und an mich denkst du wohl gar nicht?« fragte Ursemi in alter Herbheit.</p> + +<p>»Wie kannst du so fragen?« antwortete Kaspar in dumpfer Verzweiflung, +»ich denke ja nur an dich, ich denke an deinen Vater, und was ich ihm +schulde. Ich denke daran, daß ich dir ein treuer Freund und Berater +sein soll, und der, der möchte ich dir doch bleiben dürfen. Und soll +ich das, dann darf ich an mich und mein Wohl hierbei gar nicht denken, +ich darf um deinetwillen nie und nimmer<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> dulden, daß du einen Mann +wählst wie mich, der sittlich und charakterlich tief unter dir steht, +den du wohl bemitleiden, aber nie achten könntest, wie ein gutes Weib +es soll. Ursemi, ich kenne dich doch auch, ich weiß, daß du ein stolzes +Mädchen bist und mit Fug und Recht! Du, gerade du brauchst einen nicht +minder Stolzen, einen Eroberer, dem du dich in Liebe und Bewunderung +fügen könntest, aber nie einen so armseligen Gesellen, den du dir aus +Barmherzigkeit aus dem Staube auflesen müßtest. Du brauchst einen +Herrn, nicht einen Sklaven, wenn du glücklich sein sollst.«</p> + +<p>»Lieber Kaspar,« unterbrach ihn Ursemi scharf, »was ich brauche, weiß +ich wohl besser als du. Ich wünsche weder einen Herrn noch einen +Sklaven — sondern einen guten Kameraden, selbstlos und treu — seiner +Menschlichkeit sich bewußt wie du! Darum noch einmal — und nun zum +letztenmal: willst du dereinst dieser Kamerad mir werden — oder nicht! +Ich will mit Freuden warten, ich will dich achten und lieben, will +gern vergessen, was du glaubst gefehlt zu haben, ehe du mir gehörtest, +Kaspar — willst du?«</p> + +<p>Eine bange Pause trat ein.</p> + +<p>In Kaspar arbeitete und kämpfte es schwer, endlich sagte er langsam +mit gebrochener Stimme: »Ursemi, liebste Schwester, ich darf nicht +tun, was du wünschest, wenn anders ich die Achtung vor<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> mir selber +nicht verlieren soll. Ich bin in meinem Leben stets der inneren Stimme +gefolgt, die mich nie betrogen hat. Und diese Stimme sagte mir schon +früher: du wirst nie der rechte Mann sein können für eine Ursemi — und +diese unbestechliche Stimme sagt mir vollends jetzt klar und deutlich: +Nein, Kaspar, du darfst es nicht tun, du tätest ein zweites Unrecht, +schlimmer denn das erste. Und ich will dieser Stimme folgen wie bisher, +will auch gedenken der letzten Worte, die dein Vater mir schrieb: sei +treu gegen dich und andere!«</p> + +<p>»Aus Treue willst du untreu werden,« schrie Ursemi auf, »ich verstehe +dich nicht mehr, Kaspar.«</p> + +<p>»Das ist das Bitterste!« antwortete Kaspar dumpf, »nun wirst du irre +werden an mir. Ursemi — nur das nicht! Glaub meiner Redlichkeit!«</p> + +<p>»Ich fluche ihr, Kaspar!« In wilder Verzweiflung stieß Ursemi die Worte +heraus und wandte sich heftig ab, ihrer Kammer zu.</p> + +<p>Wie verstört schaute Kaspar ihr nach und wankte dann mühsam zum Zimmer +hinaus.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Für Kaspar Krumbholtz folgten Wochen und Monate tiefster Qual.</p> + +<p>Seine oft erschütternden Briefe an Ursemi blieben ohne jede Antwort, +aber er trug diese Nichtachtung geduldig wie eine wohlverdiente +Strafe;<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> ja nach und nach kam das Wohlgefühl des sühnenden Büßers über +ihn.</p> + +<p>Daß er richtig gehandelt hatte, ward ihm von Tag zu Tage klarer, und +schließlich mußte es auch wohl Ursemi eingesehen haben. Denn nach Jahr +und Tag kam doch wieder ein langer, guter Brief von ihr, in dem sie +Kaspar um Verzeihung bat, daß sie ihm so gegrollt habe, aber sie habe +eben zu lange nicht darüber hinweg gekonnt. Vielleicht habe Kaspar +damals recht gehabt, denn sie wolle ihm als ihrem treuen Bruder zuerst +verraten, daß eine andere und leidenschaftlichere Liebe nun über sie +gekommen sei. Harry Brosyn habe ihrs angetan mit seiner unermüdlichen +Ausdauer und auch gerade mit seiner gebieterisch stolzen Art. Er wolle +ihren Bitten, dauernd zurückzukehren, nicht nachgeben, sondern bestünde +unerbittlich darauf, daß ihm seine zukünftige Frau auch in den wilden +Westen, den er übrigens sehr paradiesisch schildere, folge. Das habe +schwere Kämpfe gesetzt, vor allem mit Mutter. Doch gestern habe der +unbeugsame Harry endlich das Jawort erhalten.</p> + +<p>In ehrlicher Freude und mit dem Gefühl einer inneren Erleichterung +schrieb Kaspar seine Antwort, dann suchte er Sebalt auf, der sich +unterdessen habilitiert hatte und Assistent bei seinem verehrten +Ordinarius geworden war.</p> + +<p>Sebalt war, wie jetzt wieder oft, grimmiger<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> Stimmung. Seine Mittel +gingen zu Ende, und mit seiner Geliebten harmonierte er auch nicht +mehr, seit sie eine große Dame und eine berühmte Künstlerin geworden +war.</p> + +<p>Zu Kaspars froher Nachricht sagte Sebalt mit sarkastischem Lächeln: +»Bist ein glücklicher Kauz, Kaspar. Wo ein andrer die Miene des +betrübten Lohgerbers aufstecken würde, da kannst du noch strahlen +wie ein Schneekönig. Ich wünschte manchmal auch, ich könnte wie +du in Selbstlosigkeit schwelgen; aber ich habe das noch immer +nicht raus. Ich müßte der Frémont eigentlich gönnen, daß sie von +mir erlöst wird und die famose Stellung am Wiener Volkstheater +bekommen hat, trotzdem ärgere ich mich grün und blau darüber und bin +fuchsteufelswild. Übrigens — weißt du, was mir eben einfällt? Ich +werde die Winkler-Stiftung zur Feier der gloriosen Verlobung anzapfen. +Wir haben doch noch so was wie ne Bildungsreise gut, nicht wahr? Na +— meine Bildung genügt zwar für den Hausgebrauch; aber in der Laune +wäre ich gerade, um mich mit den Südseeinsulanern und ihren Viechern +anzubiedern. Mein Direx hat da unten ganz nette Studien angefangen, bis +ihm die Malaria übern Kopf kam. Ich werde mal sehen, ob ich mit meinem +am Kap der guten Hoffnung imprägnierten dicken Fell und einer soliden +Büchse Chinin nicht weiter komme als der<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> Alte. Noch heute schreibe ich +dem guten Papa Volpelius und der noch besseren Mutter Winkler.«</p> + +<p>»Hoffentlich vergißt du Ursemi und Harry nicht,« fügte Kaspar lachend +hinzu.</p> + +<p>»Fällt mir nicht ein, alle sollen sie eine niedliche Epistel haben, und +zur Hochzeit fahre ich obendrein noch, wenn ich den Mammon kriege,« +schloß Sebalt launig und verabschiedete sich rasch von Kaspar.</p> + +<p>Wenige Wochen darauf konnte <span class="antiqua">Dr.</span> Sebalt in der Tat seine +Südseereise vorbereiten. Das Kuratorium hatte ihm zunächst für drei +Jahre ein ansehnliches Stipendium ausgesetzt. So wohnte er in höchst +aufgeräumter Stimmung der Brosyn-Winklerschen Hochzeit bei und +vertrat Kaspar, der gerade ins Examen mußte, mit »aller Würde und +Gewissenhaftigkeit seines alten Schelmen«, wie er ihm übermütig schrieb.</p> + +<p>Kaspars Examen glückte besser, als er es erwartet hatte.</p> + +<p>Mit frohem Herzen gab er erst dem jüngsten Südseeforscher das Geleit +bis Hamburg und nahm dann einen ihn tief bewegenden Abschied in +Bremen von Ursemi und Harry, die ihn dringend einluden, sie bald in +Kalifornien zu besuchen.</p> + +<p>Kaspar schüttelte wehmütig das Haupt und sagte: »Daraus wird +wohl nichts werden, ich trete im nächsten Monat an der Leipziger +Reformschule<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> ein. Nun ists mit der Freiheit wohl endgültig vorbei, +aber ich hoffe, ihr kommt bald einmal wieder! Hoffentlich dann für +immer. Reda darf nicht verwaisen.«</p> + +<p>Harry drohte lachend mit dem Finger und meinte: »Also du auch, Kaspar? +Ganz wie Vater und Mama Winkler! Na — bis ich zur Retraite blase, +kommst du längst mal nach Frisco!«</p> + +<p>Kaspar schwieg erst; als jedoch Ursemi beim letzten Händedruck leise +fragte: »Wenn ich dich riefe?« antwortete er fest: »Dann käme ich.«</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel_2">Fünftes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Die Moravenrunde</b></span></h3> +</div> + +<p>Kaspars Leben lief nun wieder in streng geregelten Bahnen. Der +Schuldienst machte seine Rechte unerbittlich geltend, und es galt, sich +in zwar nicht völlig neue, aber eigenartige Verhältnisse einzugewöhnen, +die auch einen besonderen Verkehr mit sich brachten.</p> + +<p>Allzu anregend war der neue, ziemlich große Kollegenkreis nicht, auch +seine oft philiströs steifen Formen behagten Kaspar wenig, und mit +einer sehnsuchtsvollen Wehmut gedachte er jetzt öfter des kleinen +intimen Institutkreises von Tramberg und seiner fröhlichen, formloseren +Gesellen. Wenig genug hatte er von ihnen gehört.</p> + +<p>L<sup>3</sup>, mit dem sich Kaspar bisweilen schrieb, hatte schließlich den +Rektor vortrefflich gebaut und leitete eine Gemeinschule im Westen +mit Liebe und gutem Bedacht; kam aber mit Bruder Balzar, seinem +Vorgesetzten, nicht recht zu Rande. Der trutzige Kratt und die wackeren +Mecklenburger waren ebenfalls Schulleiter geworden; der »Chef«<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> war +noch rüstig im Amt, Hinzelmann und Wiesendahl wirkten irgendwo als +Gemeinhelfer, Schlegelmeyer war Divisionspfarrer, der Doppelkollege +vegetierte noch immer kümmerlich als Hilfslehrer an einem kleinen +Privatinstitut, und der gute Vater Schnäbele war den Heldentod des +Missionars gestorben.</p> + +<p>Von dem Schicksal der übrigen hatte Kaspar nichts erfahren; seine +Fühlung mit der Brüdergemeine war gering. Sein alter, nun pensionierter +Onkel Andreas in Ingelbach, der sich mit Tante Renate an den Erfolgen +der braven Zwillinge freuen durfte, schrieb ihm nur dann und wann. Auch +besuchte Kaspar die beiden redlichen Alten nur selten, da sie ihm den +Austritt aus der Gemeine noch immer nicht ganz verziehen hatten.</p> + +<p>Daß es in Leipzig auch eine ganze Reihe ehemaliger Moraven gab, wußte +Kaspar sehr wohl, aber sie aufzusuchen hatte er früher keine Lust und +dann keinen Mut gehabt.</p> + +<p>Nicht einmal den Gruß des ehrwürdigen, unterdessen auch heimgegangenen +Ehrentraut Kämpfer an seinen Sohn Gottfried, der als angesehener +Journalist in Leipzig lebte und nächst Sebalt als der Entdecker des +großen Talents der jungen Frémont galt, hatte er seiner Zeit bestellt.</p> + +<p>Kaspar hatte gar keine literarischen Neigungen, und eine gewisse Scheu +vor Leuten, die im<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> öffentlichen Leben hervortreten wollten oder +mußten, wich auch nicht von ihm.</p> + +<p>Er dachte sich diesen jungen Kämpfer als die in das äußerlich +Streitbare verzerrte Karikatur seines furchtlosen, großen Vaters, +und er wollte nicht eine Enttäuschung erleben, dazu war ihm der Name +Kämpfer zu lieb geworden.</p> + +<p>Da lernte Kaspar eines Tages einen Buchhändler, namens Burkart kennen, +der auch aus der Brüdergemeine stammte und sich nun mit dem Verlegen +pädagogischer Bücher schlecht und recht durchs Leben schlug.</p> + +<p>Burkart hatte kein leichtes Dasein. Das Geschäft ging flau, viel Kredit +hatte er nicht, Krankheit und Familiensorgen hörten nicht auf, und doch +glänzte auf dem Gesicht des stillen Mannes immer eine so sonnige und +milde Heiterkeit, als wäre er ein besonderer Liebling Gottes, der über +nichts zu klagen hätte.</p> + +<p>Er klagte auch in der Tat nie, im Gegenteil, er suchte anderen +noch stets durch seinen unverwüstlichen Frohmut und herzlich +tröstenden Zuspruch zur Lebensfreude zu verhelfen und fand bei aller +Arbeitsüberlastung immer noch Zeit, sich für allerlei gemeinnützige +Zwecke, Sonntagsschule, Jünglingsvereine, Arbeitslosenfürsorge und +dergleichen herzugeben, ja auch finanziell Opfer zu bringen.</p> + +<p>Dieser kleine, grundgütige, apostelhafte Mann,<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> der Leute, die er +mochte, nie so leicht wieder seinem Wirkungskreis entschlüpfen ließ, +hielt auch Kaspar fest und setzte ihm so lange mit herzlichen Bitten +zu, bis dieser ihm versprach, eines Abends mit ihm die Tafelrunde der +alten Moraven aufzusuchen.</p> + +<p>Nur ungern ging Kaspar mit Burkart, denn er fürchtete im geheimen eine +Enttäuschung. Aber das Gegenteil trat ein.</p> + +<p>Die Moravenrunde war eine feine Sammlung seltener Charakterköpfe — +alles Männer, denen man es nach wenigen Minuten anmerkte, daß sie einen +besonderen Lebensweg hinter sich hatten, reich an verschwiegenem Leid +und schonungslosen Seelenkämpfen.</p> + +<p>Da war vorerst Gottfried Kämpfer, der Journalist, der Vielverfehmte +und auch von Kaspar völlig Verkannte. Kein sogenannter witziger Kopf, +auch keine eigentlich scharfe Zunge, wie seine Feder es wohl vermuten +ließ; sondern ein Mann des stillen Humors, jenes echten, einzigen und +weltüberwindenden Humors, der auf des Lebens tiefster Tragik basiert +und seinem Träger die wahrhaft hellseherische Gabe verleiht, hinter die +wechselnden, gern täuschenden Erscheinungen des Lebens zu lugen und die +wahren Werte des Daseins rasch zu erkennen und an ihnen gerade da — +wo der klügste Kopf sie nicht vermutet — seine behagliche Freude zu +finden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p> + +<p>Mit befriedigtem Lächeln reichte Gottfried Kämpfer Kaspar die Hand und +sagte scheinbar krautzig: »Na, Sie konnten auch mal eher kommen, Sie +waren doch längst reif für unsere Runde der Enterbten.«</p> + +<p>»Warum enterbt?« fragte Kaspar erstaunt nach der Vorstellung.</p> + +<p>»Weil man uns den Boden,« sagte der eine Nachbar Kämpfers, ein +Waisenhausvater, ernst, »den unsere Väter mit ihrem Herzblut gedüngt +haben, vorenthalten und uns in die Fremde gestoßen hat.«</p> + +<p>»Tut nichts,« rief Kämpfers anderer Nachbar, ein stämmiger Jurist und +Parteisekretär der Nationalsozialen, »wir haben Neuland genug und zu +Pionieren sind die Besten gerade gut genug.«</p> + +<p>»Ich meine auch,« fügte Gottfried Kämpfer listig mit den Augen +zwinkernd hinzu, »wir sind reich, uns gabs der Herr im Traum, jedem +ein schönes neues Lehen, dir deine Partei mit dem unerreichbaren +Ziel, den Arbeitern auch das solide schwarz und weiß in die roten +Seelen zu malen; dem Musikokatos und Organiste da drüben seine +Verehrergemeinde, der er, zwischen seine Gavotten hinein, vergeblich +klar zu komponieren sucht, daß die geistliche Musik doch die höchste +aller Kunstoffenbarungen ist; dann hier der grämliche Waisenpapa — +halt, ruhig geblieben, ich habe mal das Wort —, du<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> Mann der neuen +Ethik, der du mit dem Mitleid allein die böse Welt kurieren willst; +dann der Buchhändler da mit den wegen ihres tiefen Gehalts so gänzlich +unabsetzbaren Büchern; weiter meine Wenigkeit, die tagtäglich gute +Saat auf Hoffnung auswirft und keine blasse Ahnung hat, wo und wann +das Zeug aufgehen wird. Denn die Esel, die an die Redaktion schreiben, +sind allemal die Gottbegnadeten, die da geistlich arm sind und doch +das Himmelreich schon auf Erden in Pacht haben. Und das dicke Ende +kommt nun endlich! Um das halbe Dutzend voll zu machen, tritt heute +abend auch das vielgesuchte Krumbholtzkasperl wie ein Maultier, das +lang im Nebel seinen Pfad gesucht, vorsichtig schnobernd, in unsern +ihm noch stark verdächtigen Kreis. Fahren wir also säuberlich mit dem +Knaben Absalom, liebe Brüder! Die Jugend hat ja die Zukunft, und dieser +geheimnisvolle Nachfahre des obersten der heiligen drei Könige hat +sicher das beste Stück von unsern erträumten Königreichen erwischt, +den steinigen Boden der Jugenderziehung mit den schönen Disteln, die +gewisse Tiere, die mit Unrecht für dumm gehalten werden, besonders +lieben. Heil dir also, mein wackerer Hans der Träumer, du sollst der +Kronprinz der Enterbten sein! Und wenn du das Geheimnis der neuen +nationalen Erziehung ganz erträumt haben wirst, dann setzen wir dir +dereinst<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> die Krone auf dein dann wohl schlohweißes Haupt. Bis dahin +willkommen, du letzter der Enterbten, der du sollst der erste sein! Ich +trink dir zu.«</p> + +<p>Die übrigen vier riefen laut »Bravo« zu der trefflichen Rede ihres +Wortführers und tranken Kaspar ebenfalls zu. Dieser dankte verlegen und +sagte versonnen:</p> + +<p>»Wer weiß, ob wir nicht wirklich die geretteten Kleinode des +moravischen Königsschatzes unterm Mantel tragen?«</p> + +<p>Dann ging es an ein langsam, doch sicher tropfendes Plaudern, das +Kaspar innerlich mehr austrug als manches Kolleg.</p> + +<p>Von nun an fehlte er fast nie mehr in dem traulichen Kreise der +enterbten Moraven und suchte und fand hier stets Ersatz für die oft +trostlosen Stunden, in denen er mit seinen eigentlichen Kollegen +zusammensitzen, ihre auffallend gleichmäßigen Studentenerinnerungen, +Fachsimpeleien und allerlei trüben Schulklatsch anhören mußte. Er tat +es meist schweigend nach seiner Gewohnheit.</p> + +<p>Mit der Zeit galt Kaspar Krumbholtz in der Kollegenschaft für einen +ausgemachten »Stumpfbold«; auch von seiner Lehrbefähigung wußte niemand +unter den Vorgesetzten oder Kollegen viel Rühmliches zu melden. Nur +seine Schüler hingen an ihm.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span></p> + +<p>»Wohl ein Zufall,« sagten einige Kollegen — »Er ist halt ein guter +Kerl« die anderen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Still, aber im Innersten nicht recht befriedigt von seiner Lehrarbeit, +lebte Kaspar Krumbholtz seine Tage dahin.</p> + +<p>Er fühlte immer klarer, daß er nicht in erster Linie Lehrer, sondern +Erzieher war. So sehr sich beides bei Leuten, die berufsmäßig an der +Jugend für die Zukunft des Volkes bauen wollen, vereinigen und ergänzen +soll, so wenig schien es Kaspar tatsächlich bei seiner Umgebung der +Fall zu sein.</p> + +<p>Die gescheitesten Lehrer waren oft die talentlosesten Erzieher, und +wer hingegen Erziehungstalent besaß, war nicht immer — wie er selber +zum Beispiel nicht — ein kluger Lehrer, ein souveräner Meister +der verschiedenen Methoden, die je nach dem Stoff, je nach der +Individualität der Schüler gewechselt oder vermischt, nicht aber nach +dem allgemein herrschenden Schematismus anzuwenden waren.</p> + +<p>Kaspar sah das alles mit scharfem Blick, dachte auch unaufhörlich über +all diese wichtigen Probleme nach, von deren Lösung — seiner Meinung +nach — ein gut Teil der zukünftigen nationalen Leistungen abhängen +würden; aber er fühlte<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> sich nicht berufen, darüber zu sprechen oder +gar zu schreiben.</p> + +<p>Er kannte nur die Sehnsucht nach der ihn und sein Gewissen +beruhigenden, befreienden Tat!</p> + +<p>Aber wie sollte er wohl zu Taten kommen unter den obwaltenden +Verhältnissen?</p> + +<p>Er glaubte sich auf Grunde ehrlichster Selbstprüfung vielleicht für +fähig halten zu dürfen, mitunter den richtigen Mann für die richtige +Stelle zu erkennen. Er hielt sich auch wohl für mutig genug, bei +völliger Freiheit und bei völlig unbeschränkten Mitteln, den stillen, +tastenden Versuch zu einer Neuorganisation zu wagen, freilich nicht +ohne die Ergebnisse und Geheimnisse alter moravischer Erziehungskunst +fruchtbar zu verwerten.</p> + +<p>Doch woher sollte ihm, dem kleinen, nicht einmal an seiner Schule eine +Rolle spielenden Lehrer die Gelegenheit kommen, seine geheimsten Pläne +irgendwo in die Tat umzusetzen?</p> + +<p>In das Kultusministerium würde man ihn nicht gerade berufen, und die +dort nach althergebrachtem Schema waltenden und schaltenden Juristen +würden einen ideenreichen und tatenfrohen Schulmeister wohl auch mit +größerem Mißtrauen und tieferer Verachtung behandeln als eines der +sagenhaften Tiere des Mondes. Also darauf zu warten hieß der Quadratur +des Zirkels nachjagen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p> + +<p>Dennoch konnte und mochte sich Kaspar mit dem Verzicht auf seine +geheimen Pläne und Wünsche nicht recht zufrieden geben, trotz aller +offenbaren Aussichtslosigkeit.</p> + +<p>Ein Wort Goethes, auf das er irgendwo gestoßen war, ließ ihn nicht +los: »Daß wir uns bilden ist die Hauptforderung; woher wir uns +bilden wäre gleichgültig, wenn wir uns nicht an falschen Mustern zu +<em class="gesperrt">verbilden</em> fürchten müßten.«</p> + +<p>Galt das nicht auch jetzt wieder? Ja — es war Gefahr im Verzuge — +trotz aller Reformschulen!</p> + +<p>Aber wer sollte helfen? Er gewiß nicht. Und doch, warum nicht auch er?</p> + +<p>Alles Neue und Große in der Welt war von stillen Einzelgängern +ersonnen, von rastlosen Schaffern gefördert, von rücksichtslosen +Herrschernaturen durchgesetzt worden. Er gehörte vielleicht +zu den ersten unscheinbarsten Gliedern einer solchen großen +Entwickelungskette, doch irgendwie handeln mußte auch er!</p> + +<p>So zwang sich Kaspar Krumbholtz in heißen, unaufhörlichen Kämpfen einen +Niederschlag seines inneren Ringens ab, ward sich darüber nach und +nach selber zu seiner Freude klarer, ward sicherer und arbeitete immer +von neuem das ganze Organisationsstatut seiner neuen Erziehungs- und +Bildungsanstalt durch.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span></p> + +<p>Sie sollte gewiß nicht die bestehende Schule ersetzen oder umwandeln, +sondern sie nur vorsichtig zu ergänzen suchen, sollte die schematisch +uniformierte heutige deutsche Schule wie vor alters um eine neue +Individualität bereichern, denn daran gebrach es.</p> + +<p>Zunächst galt es einmal, ähnlich wie Wilhelm Winkler es geplant, +etwa für die drei obersten Gymnasialklassen, die den so wichtigen +Reifejahren der geistigen und körperlichen Pubertät gerecht zu +werden strebten, etwas zu schaffen, das als eine Art allgemeiner +Bildungsschule dienen konnte, wie es vor alten Zeiten etwa die +Artisten-, später die philosophischen Fakultäten gewesen waren.</p> + +<p>Der Freiheit des erwachenden Individuums müßte sorgfältiger +Rechnung getragen werden als auf den Staatsgymnasien, den Reform- +und Oberrealschulen. Zugleich aber sollte eine gründliche +Orientierungsgelegenheit für alle ernsthaft Suchenden geboten werden, +ehe sie in den oft unbarmherzigen Zwang modernen, spezialistischen +Wissenschaftsbetriebes, der für viele Bildungshungrige eine Gefahr +bedeutete, gerieten.</p> + +<p>Auch für die künftigen Diener und Leiter des praktischen Lebens, die +nicht eigentliche Hochschulen besuchen konnten oder mochten, könnte +eine solche Schule einen Teil der Universität ersetzen und doch mehr +geben, als die höchsten Klassen der Mittelschulen<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> zu geben pflegten. +Freilich — solch ein Werk zu gestalten war unendlich schwierig und +ohne praktische Experimente kaum möglich.</p> + +<p>Kaspar konnte nur denken und tat es redlich. Mit Bangen und beinahe mit +schwachmütigen Tränen der Verzweiflung hatte Kaspar vor Jahr und Tag +sein stilles Werk begonnen, und mit immer steigender Schaffensfreude +war er unermüdlich daran tätig, bis ein neues, ihn bis auf den Grund +seiner Seele erschütterndes Erlebnis ihn unvermutet aus seiner Bahn +warf.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel_2">Sechstes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Carina</b></span></h3> +</div> + +<p>Aus der Ferne kamen Kaspar allerlei gute Nachrichten.</p> + +<p>Hans Sebalt schrieb befriedigt von seinen erfolgreichen Forschungen, +die ihn so ausfüllten, daß er mit der Absicht umging, sich aus den +Listen des Lehrkörpers der Leipziger Universität streichen zu lassen +und ganz in den Dienst der amerikanischen Union überzutreten, die +schon jetzt seine Forschungen mit Aufmerksamkeit verfolgte und generös +unterstützte.</p> + +<p>Nur Volpelius wollte davon nichts wissen und bat <span class="antiqua">Dr.</span> Sebalt, +zu bedenken, daß es Wilhelm Winklers Absicht gewesen wäre, mit seinen +Mitteln in erster Linie für deutschnationale Zwecke arbeiten zu lassen.</p> + +<p>Sebalt schrieb trotzig zurück, die Wissenschaft sei international, und +er könne in Amerika der Kultur ebenso gut dienen wie in Deutschland.</p> + +<p>Noch einmal legte Volpelius nach Rücksprache mit den sechs Kuratoren +Hans Sebalt nahe: er<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> möge doch wenigstens in Aussicht nehmen, mit +seiner Forschungsarbeit und ihren Ergebnissen späterhin den Nachwuchs +deutscher Forscher erzieherisch oder belehrend zu fördern; man sei +auch gern bereit, dereinst nach Möglichkeit für eine ehrenvolle +Zurückberufung Sebalts Sorge zu tragen.</p> + +<p>Sebalt antwortete ausweichend und verzichtete einstweilen dankend auf +weitere Zuschüsse von seiten der Stiftung, er bedürfe deren nicht mehr.</p> + +<p>An Kaspar Krumbholtz kam bald darauf eine kleine Karte, auf der stand +lakonisch:</p> + +<p><span class="antiqua">Dr.</span> John Sebalt, Mary Sherman. Married.</p> + +<p>Viel konnte sich Kaspar dabei nicht denken, aber er gratulierte +herzlich, obwohl ihn die Art der Anzeige und der Untergang des +redlichen deutschen Vornamens Hans ärgerte.</p> + +<p>Durch Frau Winkler, die mehr und mehr kränkelte, erfuhr Kaspar dann +nach Monaten, daß Sebalt die bildschöne Tochter eines amerikanischen +Zuckerkönigs auf Hawai geheiratet habe.</p> + +<p>Öfter als Sebalt schrieb Ursemi, nicht ganz so befriedigt und gar nicht +mehr überlegen, doch treu und offen wie immer.</p> + +<p>Es war deutlich in und zwischen den Zeilen zu lesen, daß Heimweh +nach den schlichten, schlesischen Waldbergen trotz all der +grandiosen Schönheiten des Yosemite-Tales und der vorsündflutlichen<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> +Redwoodurwälder die Tochter Wilhelm Winklers verzehre.</p> + +<p>Auch zwischen den Ehegatten Brosyn war wohl nicht alles so, wie Ursemi +es erhofft hatte.</p> + +<p>Graf Harry war ein lieber, frischer und tapferer Gesell, auch +ritterlich und treu; doch ging er in seinen Geschäften und +Spekulationen so mit ganzer Seele auf, daß Ursemi mit ihren starken +Gemütsbedürfnissen nicht ganz auf ihre Rechnung kam.</p> + +<p>Überdies fragte sie sich und auch Kaspar bisweilen, ob es eigentlich +großen Zweck habe im Leben, solche Riesenreichtümer aufeinander häufen +zu wollen, wie es der tollkühne Harry rücksichtslos anstrebte. Ursemi +war reich, der alte Brosyn einer der begütertsten oberschlesischen +Magnaten, Harry sein einziger Sohn, galt dabei schon jetzt, als einer +der Direktoren der kalifornischen Minenbank-Trust-Kompanie, nicht nur +in San Franzisko, sondern auch in Wallstreet als ein Mann von Gewicht.</p> + +<p>Wozu das alles? Wem nutzte er damit? Immer wieder kehrte diese, Kaspar +schon unheimliche Frage in Ursemis Briefen wieder, auch nachdem sie +ihm glückselig mitgeteilt hatte, daß sie einem lieblichen Töchterchen, +Edith benannt, das Leben geschenkt habe.</p> + +<p>Von nun an begannen übrigens öfters Erziehungsfragen<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> in der +Korrespondenz der alten Jugendfreunde eine Rolle zu spielen.</p> + +<p>Kaspar verriet schließlich seine Entwürfe für seine ideale +Bildungsschule, die er einmal <em class="gesperrt">sein</em> Töchterchen »Utopia« nannte.</p> + +<p>Darauf meinte Ursemi plötzlich wieder mit alter Laune: er solle die +»Utopia« mal hübsch dem Kuratorium der Winklerstiftung ausliefern +— der Harry übrigens neulich eine halbe Million für Mädchenbildung +überwiesen habe — und solle lieber erst mal zusehen, daß er zu einer +ordentlichen Frau und dann auch zu andern Töchtern käme. Es würde nun +Zeit.</p> + +<p>Kaspar lachte still in sich hinein und dachte: Frauen mögen noch so +unglücklich sein, sie wollen immer neues Unglück anstiften.</p> + +<p>Im übrigen folgte er wenigstens dem ersten Rat und schickte eines +Tages wirklich seine geliebte »Utopia« an den Geheimrat Volpelius, +der ihm freudig dankte und schrieb: er habe die wertvollen Anregungen +sofort dem Kuratorium zur Prüfung und zur Erwägung praktischer +Versuche überwiesen. Kaspar möge jedoch nicht vergessen, daß für einen +zeitgemäßen Organisator eine gründliche Orientierung über ähnliche +Versuche wünschenswert, ja unerläßlich sei.</p> + +<p>Außerdem möge er Wilhelm Winklers Wunsch nicht vergessen. Das +Kuratorium würde es außerordentlich<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> gern sehen, wenn Kaspar in +absehbarer Zeit eine Studienreise ins Ausland unternähme, etwa zum +Besuch ähnlicher Erziehungsanstalten in den auch darin mächtig +aufstrebenden Vereinigten Staaten von Nordamerika.</p> + +<p>Als dieser lockende Antrag kam, war jedoch Kaspar nicht in der Lage, +ihn anzunehmen.</p> + +<p>Die Liebe war von neuem in sein Leben getreten und hielt ihn fester in +Leipzig denn je.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auf freundliches Zureden von Volpelius hatte Kaspar gelegentlich dessen +Freunde, ein liebes, altes Geheimratehepaar, namens Ewald, aufgesucht +und hatte in ihrem gastlichen Hause mit der Zeit einen ihm menschlich +wohltuenden und auch geistig überaus anregenden Verkehr gefunden.</p> + +<p>Eigene Kinder hatten die alten Ewalds nicht, auch nie besessen; aber +vielleicht gerade darum liebten sie die Jugend zärtlich. Sie hatten +bald diesen Neffen, bald jene Nichte zu Gaste und gaben hie und da +kleine, intime Festlichkeiten, bei denen die jungen Leute zwanglos +verkehren konnten und auch mit ihren Fröhlichkeitsbedürfnissen auf ihre +Kosten kamen.</p> + +<p>Bei Ewalds sah Kaspar öfters eine junge Dame, namens Carina Mutzer, von +Geheimrats kurz die kleine Mutzerin genannt, die in mannigfacher<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> Weise +seine Aufmerksamkeit fesselte und seine Gedankenwelt beschäftigte, da +sie eine seltene Mischung von Vornehmheit und Einfachheit, von Frohsinn +und Ernst, von Klugheit und Bescheidenheit zu sein schien.</p> + +<p>Der ehedem so begeisterte Turner und Fußballspieler Krumbholtz +konnte gelegentlich ein leidlich guter und ausdauernder Tänzer +sein, aber sonst war er noch immer nichts weniger als ein gewandter +Gesellschaftsmensch.</p> + +<p>Dennoch gab sich die kleine Mutzerin gern mit ihm ab und unterhielt +sich lieber still mit ihm in einem lauschigen Winkel, anstatt sich von +anderen feiern zu lassen.</p> + +<p>Kaspar wollte jedoch nicht, daß die tanzfröhliche junge Dame +seinetwegen um ihr Vergnügen käme, und so tanzte er mit ihr öfter, als +es sonst wohl seiner zurückhaltenden Art entsprach.</p> + +<p>Da fügte es ein tückischer Zufall, daß er eines Abends mit der kleinen +Mutzerin im Tanzgedränge zu Falle kam und ihr zwar nicht wehtat, aber +ein kostbares Kleid zerriß.</p> + +<p>Das Unglück kommt bekanntlich selten allein. Wenige Minuten hernach +hatte Kaspar noch das Mißgeschick, daß er, vielleicht im Eifer, das +Vergangene durch besondere Aufmerksamkeit wieder gut zu machen, seiner +Dame beim Anbieten eine<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> Tasse Mokka über das eben mit Stecknadeln +notdürftig reparierte Kleid goß.</p> + +<p>Kaspar war außer sich vor Zerknirschung und Empörung über seine +Ungeschicklichkeit, doch die kleine Mutzerin war durchaus nicht +ungehalten, im Gegenteil, sie schien so voller Vergnügen über die +niederträchtige Laune des Zufalls zu sein, daß Kaspar sich und ihr +gestehen mußte: das gehe sogar noch über des trefflichen Horatius +Weisheit »<span class="antiqua">aequam memento rebus in arduis servare mentem</span>«.</p> + +<p>»Lassen Sie doch,« schalt Carina drollig, »den greulichen Horaz +mit seinem abgedroschenen Philistergleichmut aus dem Spiel. Der +Griechenepigone hatte nicht einen Funken Humor, und der ist besser als +alle <span class="antiqua">aequa mens</span>. Ja, staunen Sie nur, ich habe Horaz auch einmal +mit heißem Bemühn studiert, als ich mein Abiturium machen wollte. +Gemacht hab ichs nämlich nicht, damit Sie nicht noch einen Schrecken +bekommen und mich vollends für einen Blaustrumpf halten. Schlecht genug +tanze ich ja, denn ich war das Karnikel, das vorhin mit dem Plumpsen +angefangen hat.«</p> + +<p>Kaspar bestritt das heftig.</p> + +<p>Ein gutes und lustiges Wort gab das andere, und als der junge +Oberlehrer abends nach Hause ging, da konnte er sich nicht mehr +verhehlen, was ihm lang schon dämmerte, daß ihm Carina einen<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> tiefen +Eindruck gemacht habe; zumal heute abend hatte sie es ihm angetan mit +ihrer Nachsicht und Güte, ihrem unverwüstlichen Frohsinn.</p> + +<p>Und plötzlich brannte es lichterloh in seinem Herzen. Er konnte gar +nicht einschlafen, weil er sich immer wieder aufs neue aussprach: +Was ist diese kleine Mutzerin für ein natürliches, frisches und +seelensgutes Ding, und was hat sie für einen prächtigen Mutterwitz!</p> + +<p>Und dann kam die zweite Kette von Gedanken, die darin auslief: Was +müßte es doch für ein unendliches Glück sein, ein solches Wesen sein +eigen nennen und mit ihm zusammen durchs Leben wandern zu dürfen!</p> + +<p>Aber was für riesige Wolkenwände stiegen da sogleich am +Zukunftshorizont auf, was für bergehohe Widerstände türmten sich da +empor?</p> + +<p>Er ein armer Lehrer mit 2800 Mark Gehalt und 1200 Mark Zinsen, nun — +das ging noch zur Not, wenn man sich einrichtete. Freilich verwöhnt war +das liebe Prinzeßchen sicherlich und sollte doch nicht Not leiden bei +ihm. Nein — um Gottes willen — unter keinen Umständen! Mit der Zeit +würde er schon im Gehalt steigen, aber — all das andere!</p> + +<p>So ein Schulmeisterlein, nicht einmal Doktor oder Reserveoffizier, und +sie, die Tochter eines richtigen preußischen Regierungspräsidenten — +gar nicht auszudenken, auch wenn die kluge Mama Ewald<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> vielleicht ein +gutes Wort für ihn eingelegt hätte.</p> + +<p>Und schließlich der bitterböse, der häßliche Punkt in seiner +Vergangenheit! So schlimm wie bei Ursemi, die er geliebt und verraten +hatte, stand es ja hier nicht; immerhin — übel stand es doch auch; +denn bekennen mußte er das Carina unter allen Umständen. Sie mußte +wissen, woran sie war mit ihm; wenn es ums Glück der Ehe, um eine +Lebenskameradschaft ging, durften keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen +bestehen.</p> + +<p>Aber wozu jetzt schon sorgen — noch lag ja alles im weitesten Felde. +Wer sagte ihm denn, daß sich das Mädchen überhaupt für ihn interessiere.</p> + +<p>Drei, vier Mal hatten sie sich gesehen, heute abend ein bißchen lang +und schließlich auch wohl ein bißchen vertraut miteinander geredet, +sich sehr fest die Hände gedrückt beim Abschied — das war alles!</p> + +<p>Indessen — es konnte ein Anfang sein, und seine Pflicht als Mann war +es sicherlich, beizeiten zu überlegen, ob er ein so kühnes Unternehmen +wirklich ernsthaft beginnen wolle, und ob er es innerlich und äußerlich +dazu habe, um es hinauszuführen. Sonst machte er sich und das liebe +Mädchen nur unglücklich.</p> + +<p>Kaspar schwankte und schwankte, prüfte und prüfte.</p> + +<p>Immer neue Bedenken stiegen auf. Würden<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> sie denn überhaupt zusammen +passen, er, der schwerfällige, oft ein wenig plumpe Gesell, und sie, +das leichte, grazile Persönchen? Er, der stille, noch immer weltfremde +Pfadsucher, sie, die sieggewohnte Tochter des Salons, der doch wahrlich +ganz andere Partien offen standen als ein mäßig begabter Oberlehrer +ohne Chancen!</p> + +<p>Und doch, das liebe Mädchen schien einen scharfen Sinn für das Echte +und Schlichte zu haben; es hatte ferner Geschmack, das war sicherlich +viel wert, denn ihm fehlte er bisweilen — leider — leider! Die kleine +Mutzerin hatte eine entzückende Leichtigkeit und einen feinen Sinn für +Humor — wieder eine passende Ergänzung zu seinem schwerflüssigen Wesen.</p> + +<p>Ob sie wohl fromm war? Männer mögen so aufgeklärt sein, wie sie +wollen, aber skeptische Frauen — warum schließlich nicht — nur — — +da kam er nicht drum herum mit seinen Bedenken — zur Mutter seiner +zukünftigen Kinder mochte er eine solche nicht wählen. Zarte Kinder +müssen im linden Schatten mütterlich keuscher Vorsehung und Frömmigkeit +aufwachsen, nicht in der grellen Sonne unbarmherziger Aufklärung und +quälender Zweifel. Die bringt das Leben von selber früh genug an sie +heran; lang dauert das heilige Mysterium der Jugendtorheit so wie so +nicht mehr in unserer brutaleren Zeit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span></p> + +<p>Doch wohin schweiften seine Gedanken! Nächstens erzog er wohl schon +seine Enkel in Gedanken! Erziehungsnarr!</p> + +<p>Und Kaspar legte sich auf die andere Seite und versuchte nun ernstlich +zu schlafen, obwohl draußen der Morgen schon graute.</p> + +<p>Aber wieder begann der Tanz der Fragen.</p> + +<p>Wie machte man das wohl alles, das Äußere?</p> + +<p>Mußte man nicht den gestrengen Herrn Papa zuerst fragen? Der war fern +im Norden. Und der Herr Präsident würde ihm schön dienen, wenn er etwa +angezogen käme mit seinem bißchen Schulmeisterherrlichkeit.</p> + +<p>Kaspar, sei nicht verrückt! Warum so hoch hinaus? Such dir eine kleine +Kollegin oder sonst ein Mädchen deiner kleinbürgerlichen Sphäre; aber +nicht die verwöhnte, elegante Tochter eines hohen Regierungsbeamten.</p> + +<p>Wenn sie dich aber doch lieb haben könnte? Ja wenn — dann Carina, +holdseliges Kind, dann holt dich mein tölpischer Arm, der dich gestern +fallen ließ, doch am Ende noch heraus aus all dem feudalen Flitter +und dem schnobrigen Plunder und trägt dich empor — ja wohin? Kaspar, +sei ehrlich — vielleicht in die dritte oder vierte Etage eines öden +Vorstadthauses.</p> + +<p>So tanzte es auf und nieder in Kaspars Gehirn; aber er war zäh, er ging +einmal nicht ungebrannt<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> vom Feuer, das war eben seine Art, und sich +selbst getreu zu bleiben war sein stolzestes Lebensziel, und — er +liebte Carina, das blieb doch das Entscheidende.</p> + +<p>Also — er wollte es ruhig versuchen, sie zu erringen — und damit +genug!</p> + +<p>Nun schlief er beruhigt ein und so fest, daß er seine erste +Unterrichtsstunde verschlief und eine Nase vom Herrn Direktor bekam — +und das von Rechts wegen!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Schon am nächsten Abend ging Kaspar wieder zu Ewalds und immer öfter +und öfter, denn es galt eilen, da Carina bald wieder zu ihrem Vater — +eine Mutter hatte sie nicht mehr — zurückkehren wollte.</p> + +<p>Bald merkte Kaspar, daß auch in der kleinen Mutzerin ein Funke glimmte, +und nach und nach spürte er sogar die Wärme ihres Innern hie und da an +einem langen, festen Händedruck, an einem verstohlenen, tiefbohrenden, +ja verzehrenden Blick und an der stimmungsvollen Einsilbigkeit, die +immer öfter an die Stelle des erst so neckischen Geplauders oder +interessierten Gedankenaustausches trat.</p> + +<p>Und eines stillen, einsamen Abends, als es den Abschied galt, waltete +jenes tiefe erwartungsbange<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> Schweigen, das bei ernsten Menschen +gewichtigen inneren Entscheidungen voranzugehen pflegt.</p> + +<p>Die Hände zitterten, als sie sich berührten, zwei Augenpaare schwammen +in Tränen verhaltenen Wehs, und statt des entschlossenen Losreißens +kam ein scheues, schmerzvoll zuckendes Festschmiegen, ein seliges sich +Haben und Halten, ein glücktrunkenes Tasten und Finden von Mund zu Mund.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Kaum hatte das Glück gegrüßt mit zartem Kuß, da krochen auch die +Schwierigkeiten heran — leise, gierig, tückisch wie die Vorboten einer +unbarmherzig steigenden Flut.</p> + +<p>Kaspar flehte sofort: Carina möge noch einige Zeit schweigen, bis sie +alles miteinander durchdacht oder brieflich erörtert hätten; aber die +kleine Mutzerin wußte auch, was sie wollte, und fühlte sich in der +neuen Macht ihrer Liebe gewaltigen Mutes voll.</p> + +<p>In ihrer jungen, übervollen Seele rauschte und stürmte jene +geheimnisvolle Macht des großen Glücksgefühls, jenes optimistischen +Größenwahns, der sich trotzig vermißt, Berge versetzen zu können, weil +ihm der erste kleine Zauber gelungen ist. Und so erfuhr noch selbigen +Abends die Tante Geheimrat, zu der Carina ein großes Vertrauen hatte, +das<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span> ihre kleine Welt so elementar erschütternde Ereignis.</p> + +<p>Frau Elsbet Ewald war eine sehr kluge, taktvolle alte Frau, die das +unsagbare Glück der kleinen Mutzerin nicht stören mochte, schon weil +sie selbst ihre helle Freude daran hatte. Aber auch sie sah nicht +ohne düstere Sorgen in die Zukunft der beiden Liebenden, denen sie +von Herzen wohl wollte, und für deren Schicksal sie sich doch mit +verantwortlich fühlte, da sie ein ganz klein wenig Parze dabei gespielt +hatte.</p> + +<p>Vor allem galt es nun, die Schwester des Präsidenten, ihre intime +Freundin, zu gewinnen, um dann vielleicht den Herrn Papa vor das fait +accompli stellen zu können.</p> + +<p>Zunächst vermeldete die kluge Frau Elsbet die kleine Braut als +unbedenklich erkrankt, um wenigstens die Reise aufzuschieben. Dann +schrieb sie einen äußerst diplomatischen Brief an ihre Freundin, über +den Kaspar, wenn er ihn gelesen, tief errötet wäre, wahrscheinlich +sogar heftig protestiert hätte.</p> + +<p>Unterdessen sonnte sich das liebe Pärchen in der Gnadensonne des +ersten Glückstraums, beichtete sich gegenseitig um die Wette all +seine Schlechtigkeiten und seine redlichsten Vorsätze, baute sich +sein trautes Zukunftsheim bis auf die letzten Möbelstücke und +Lieblingsbilder und begann mit einem<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> funkelnagelneuen Idealismus und +viel gutem Willen die gegenseitige Erziehung.</p> + +<p>Da fuhr wie aus blauem Himmel ein Blitz hernieder: Carina ward umgehend +von ihrem Vater nach Hause beordert, und »Herr Kaspar Krumbholtz, +Lehrer an der städtischen Reformschule zu Leipzig«, erhielt von einem +Präsidialschreiber einen kurzen, aber groben Verweis wegen »seines +ungehörigen Benehmens gegen ein unerfahrenes junges Mädchen von +vornehmer Familie«, gezeichnet Mutzer.</p> + +<p>Kaspar stand, starr über diese Roheit, zitternd da; in hilfloser +Empörung schossen ihm Tränen in die brennenden Augen. Scham, Wut, +Stolz, beleidigtes Menschengefühl revoltierten in seinem Innern.</p> + +<p>Erst gab ihm der Trotz ein, das Schreiben zurückzuschicken mit einem +»gelesen und genehmigt! Krumbholtz.«</p> + +<p>Dann siegte die Vornehmheit in ihm, und so setzte er sich mit bebenden +Gliedern hin und schrieb, totenbleich vor krampfhaft erzwungener +Selbstbeherrschung, einen kurzen Brief an Carina, in dem er ihr das +Jawort zurückgab und sie bat, ihm das Weh, das er ihr angetan, und die +Beleidigung, die er ihrem Herrn Vater unbeabsichtigt zugefügt habe, zu +verzeihen. Das Schreiben des Herrn Präsidenten legte er als Begründung +für sein Zurückweichen bei.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span></p> + +<p>Umgehend kam ein mit Tränenspuren übersäter, langer Brief Carinas des +Inhalts: sie könne und wolle nie und nimmer auf Kaspar verzichten und +wäre sogar bereit, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, ja, wenn es +nötig wäre, so würde sie mit ihm in die kleinste Dachwohnung ziehen +selbst auf die Gefahr der Enterbung hin; ihr Mütterliches könne sie +übrigens verlangen, da sie mündig sei. Vor allem aber solle Kaspar sie +nicht entgelten lassen, was ihr manchmal vom Dienst verärgerter, im +Grunde so grundguter Papa gesündigt habe, und er solle doch wenigstens +zu Geheimrats kommen, die ihn erwarteten. Vater Ewald sei nun auch +eingeweiht und wolle persönlich an Papa schreiben und ebenso an +Volpelius, der, bei der Regierung wohlbekannt, früher auch einmal der +Vorgesetzte Papas gewesen sei.</p> + +<p>Kaspar atmete ein wenig auf, als er den Brief gelesen hatte, aber er +gab dem wartenden Dienstmann nur wenige Zeilen mit:</p> + +<div class="blockquot"> +<p> +»Liebling!<br> +</p> + +<p>Ich muß nun warten, bis Dein Herr Vater mir gestattet, Dich bei +Geheimrats aufzusuchen; auch Dir gegen seinen Willen zu schreiben +erlaubt mir mein Stolz nicht mehr. Stehlen will ich nicht.</p> + +<p> +Kaspar.«<br> +</p> +</div> + +<p>Carina gab sich damit nicht zufrieden. Sie<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> setzte die Dienstmänner der +Karl Tauchnitzbrücke gar weidlich in Bewegung; aber Kaspar war hart und +erklärte einem nach dem andern, wenn auch mit wundem Herzen: »Keine +Antwort!«</p> + +<p>Qualvolle Tage vergingen. Noch hoffte Kaspar leise; doch es kam nur die +Nachricht: Carina sei nun entschlossen, selber ihre Sache bei Papa zu +führen, und bäte Kaspar bei der Treue, die sie sich doch gelobt und die +sie unter allen, auch den schwersten Umständen einander halten wollten, +ihr wenigstens auf dem Bahnhof, in Gegenwart der Tante Geheimrat, +Lebewohl zu sagen. Das sei nichts Unehrliches, das sei er ihr vielmehr +schuldig.</p> + +<p>Kaspar ließ zurück melden: Er werde da sein.</p> + +<p>Und so nahmen sie Abschied. Noch einmal beschwor Carina den Verlobten: +er möge ihr nur treu bleiben; sie werde nie, nie von ihm lassen.</p> + +<p>»Und wenn Papa mich ins Gefängnis würfe, ich bräche aus oder wartete +auf dich, bis er nicht mehr lebte!« Das waren die letzten Worte, +die Kaspar von Carina hörte, sie hallten fast schaurig in seiner +pietätvollen Seele wieder.</p> + +<p>Was mußte das für eine gewaltige Leidenschaft sein, die in diesem +kleinen tapferen Mädchen loderte, wenn sie selbst dem Tode des Vaters +so trotzig entgegen sah.</p> + +<p>Und neues Vertrauen auf die Kraft solcher<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> Liebe senkte sich in Kaspars +zerrissenes Gemüt; er faßte wieder Hoffnung.</p> + +<p>Warten wollte er ja gern, so gern — nur nicht verzichten müssen für +immer!</p> + +<p>Kaspars Liebe ward stark in Geduld. Briefe über Briefe kamen von +Carina, nicht mehr ganz so zuversichtlich betreffs der väterlichen +Einwilligung, auch nicht mehr ganz so trotzig in bezug auf deren +Verzicht; aber noch immer voll der heißesten Leidenschaft, überströmend +von zärtlicher Neigung zu dem »einzig geliebten Herzensschatz«, der auf +ihre Treue »bauen könne wie auf Granitgrund«.</p> + +<p>Dann flossen die Briefe spärlicher und wurden auch kürzer.</p> + +<p>Entschuldigungen traten an Stelle der Beteuerungen; kühle Vernunft trat +an die Stelle des warmen Gefühls, statt Trost spendete die Schreiberin +Gründe und schließlich Ausflüchte.</p> + +<p>Da merkte Kaspar, daß es zu Ende ging mit der Kraft der kleinen Carina; +auch sie erlag wohl der Übermacht der Gewohnheit, der nur Helden +gewachsen sind.</p> + +<p>Nun packte Kaspar die Angst wie mit Eisenfäusten, schüttelte ihn und +jagte ihn empor.</p> + +<p>War es nicht feige, das arme, schwache Mädchen allein den schweren +Kampf um die Zukunft ihrer Liebe führen zu lassen? Aber waren ihm<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> +denn nicht die Hände gebunden? Erlaubte es denn sein Stolz, um etwas +zu betteln, dessen man ihn nicht für würdig hielt? Konnte er mit +ungeschickten, wenn auch gut gemeinten Schritten nicht Carina nur +Unannehmlichkeiten bereiten und alles verderben?</p> + +<p>Gewiß, es sprachen mancherlei schwerwiegende Gründe gegen eine +persönliche Einmischung. Aber wenn er sich nicht selbst einsetzte, +ging auch alles fehl, das fühlte er unwillkürlich. Nein, jetzt mußte +er handeln, er mußte der ermatteten Braut zu Hilfe kommen, falls Hilfe +noch möglich war. Und so ging er schweren Herzens doch wieder zu +Ewalds, ließ sich raten, schrieb einen dringenden Brief an Volpelius +und reiste schließlich selbst in die nordische Provinzialhauptstadt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Auf Grund der Empfehlungsbriefe empfing Herr Regierungspräsident +Mutzer, ein strengblickender, scheinbar wortkarger Mann, Kaspar, maß +ihn fast drohend von Kopf bis zu Fuße mit den Augen, ehe er ihn mit +einer gebieterischen Geste zum Sofaplatze wies, und dann verging noch +eine geraume Weile, bis er zu reden begann:</p> + +<p>»Wenn ich Sie heute hier empfange, Herr Krumbholtz, so geschieht das +einmal, weil Sie sich in der leidigen Angelegenheit bisher taktvoll +benommen<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> haben, und zweitens, weil ich hoffe, durch eine persönliche +Aussprache mit Ihnen das endlich zu erreichen, was ich bei meiner +Tochter noch nicht ganz erreichen konnte, nämlich eine Aufhebung des +Verhältnisses, ein Verlöbnis kann ich es nicht nennen.«</p> + +<p>»Um von vornherein keine Unklarheit walten zu lassen,« erwiderte +Kaspar gemessen, »so gestehe ich schon jetzt, daß ich gerade mit der +Bitte an Sie herantreten möchte, daß Sie uns endlich Ihre Einwilligung +geben möchten. Ich habe auf Ihren Wunsch seinerzeit Carina mein +Wort zurückgeben wollen, sie hat es nicht gewünscht, und so halte +ich mich für gebunden, halte mich auch für verpflichtet, alles zu +tun, was unserer Verbindung förderlich sein kann. Der Weg zu Ihnen, +Herr Präsident, der Sie für gut befanden, mich durch die Form Ihres +Schreibens so tief zu verletzen, ist mir schwer genug geworden. Ich +habe meinen Stolz so gut wie Sie, aber ich habe nicht in erster Linie +an mich zu denken, sondern an das Glück Ihrer Tochter, dem ich meinen +Stolz opfern muß.«</p> + +<p>»Ich stehe nicht an zu bemerken, Herr Krumbholtz, daß ich mich in der +ersten Empörung und in der völligen Unkenntnis Ihrer Persönlichkeit +vergriffen habe, und ich bedaure das. Das ändert aber nichts an meiner +Meinung, daß ich eine Verbindung zwischen meiner Tochter und Ihnen, +der<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> Sie doch einem völlig andern Gesellschaftskreise angehören, nicht +wünsche. Überdies — wie wollen Sie die Kosten für einen standesgemäßen +Haushalt aufbringen?«</p> + +<p>»Sie vergessen, Herr Präsident, daß Carina, sobald sie meine Frau +wird, in meinen Stand übertritt, und daß in meinen Kreisen gar manch +eine Familie mit den bescheidenen Mitteln, die mir zu Gebote stehn, +glücklich und gesund lebt. Mehr wünsche ich nicht, mehr wird Carina, +wenn sie mich wirklich lieb hat, auch nicht wünschen.«</p> + +<p>»Sie scheinen das sehr genau zu wissen, Herr Krumbholtz. Sie gestatten, +daß ich daran zweifle bei aller Hochachtung vor Ihrer Lebenskenntnis +und Ihrer Energie. Eine Frau, die durch ihre Ehe ökonomisch wie sozial +herabsteigen muß, fühlt sich auf die Dauer nie glücklich, glauben Sie +mir das!«</p> + +<p>»Es mag sein, daß dies für den Durchschnitt gilt, Herr Präsident. +Ihr Fräulein Tochter ist aber keine Durchschnittsnatur, und sie wird +sich in das Äußere sicherlich leicht finden. Außerdem ist es ja nicht +gesagt, daß ich mein Lebenlang städtischer Oberlehrer bleiben werde.«</p> + +<p>»Ah, ich verstehe, Sie spielen auf das an, was auch Herr Geheimrat +Volpelius mir schon schrieb. Das steht aber wohl noch in weitem Felde. +Wenn Sie daran denken, sich zu verändern, dann — wüßte ich auch einen +andern Ausweg, der<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> uns schließlich wohl alle drei befriedigen könnte.«</p> + +<p>»Und der wäre, Herr Präsident?«</p> + +<p>»Sie sollen schon einmal umgesattelt sein, wie ich hörte. Wie wäre +es, Herr Krumbholtz, wenn Sies noch einmal riskierten? Sie haben viel +studiert, auch auf allerlei Nachbargebieten der Jurisprudenz, die +Semester würden Ihnen ja angerechnet, und all das kann Ihnen später +noch gute Dienste leisten. Werden Sie Jurist, in zwei, drei Semestern +können Sie mit Hilfe eines guten Repetitors Referendar sein, und ich +verspreche Ihnen, an dem Tage nach Ihrem glücklich bestandenen Examen +gebe ich meine Einwilligung zu Ihrer öffentlichen Verlobung mit meiner +Tochter. Für das weitere lassen Sie mich sorgen. Wenn Sie einigermaßen +fleißig und brauchbar sind, und ich darf das nach Ihrem bisherigen +Lebenslauf annehmen, sollen Sie in dem neuen Beruf mehr erreichen +als in dem alten. — Nun bitte — wie denken Sie darüber? Vielleicht +brauchen Sie Zeit, sich die Sache in Ruhe zu überlegen?«</p> + +<p>»Nein, Herr Präsident. Es steht mir völlig klar vor der Seele, daß ich +diesen Weg nicht gehen kann, so sehr ich Ihnen für Ihr Entgegenkommen +danken möchte. Damit Sie mich nicht falsch verstehen, muß ich das näher +begründen. Ich bin zu meinem Beruf, den ich liebe, an dem ich mit allen +Fasern meiner Seele hänge, und mit dem ich innerlich<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> verwachsen bin, +nicht durch Not oder Klugheitsrücksichten gekommen, sondern durch den +Drang meines Herzens, durch meine ganze Lebensentwickelung. Ich bin +gleichsam hineingeboren in den Erzieherberuf und gehöre ihm mit Leib +und Seele, auch wenn ich mir oft genug ausspreche, daß ich ihn, so wie +ich ihn auszuüben wünschte, an der Stelle, wo ich jetzt stehe, nicht +ausüben darf. Doch das kann sich mit der Zeit schon ändern.«</p> + +<p>»Also gut, Herr Krumbholtz, dann schlagen Sie doch wenigstens die +akademische Karriere ein, etwa als Pädagoge, oder lassen Sie mich +dafür sorgen, daß Sie später als Jurist mit Erziehungsangelegenheiten +beschäftigt werden.«</p> + +<p>»Nein, Herr Präsident, keines von beiden. Ich will bleiben, was +ich bin, weil ich es werden <em class="gesperrt">mußte</em>. Aus Ihren sicherlich +gutgemeinten Vorschlägen sehe ich nur allzu klar, daß Ihnen mein Stand +gesellschaftlich nicht genügt für den Mann Ihrer Tochter. Und gerade +das verletzt mich bis ins Innerste; denn ich liebe diesen Stand und +halte ihn für den wichtigsten für die Entwickelung unseres Volkes. +Als akademischer Lehrer wäre ich nach meiner ganzen Veranlagung und +Begabung nicht am Platze und wäre in meinen Augen um kein Haar mehr, +so wenig wie als Jurist, zu dem ich erst recht nicht passe. Ein +Kaufmann mag wohl einmal seine Branche wechseln, um in ein Geschäft<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> +einzuheiraten und so zur Selbständigkeit zu gelangen, obwohl mir auch +das nicht gefällt. Aber ein überzeugter Erzieher, der sich um äußerer +Vorteile willen oder selbst aus Liebe zu einem Weibe verleiten ließe, +seinen Beruf aufzugeben und einem aussichtsreicheren sich zuzuwenden, +würde mir als ein ehrloser Deserteur erscheinen, im besten Falle als +ein Schwächling, doch nie als ein Mann, zu dem ein Weib in Achtung und +Liebe emporsehen könnte. Ihr Fräulein Tochter wußte, wer ich war, als +sie mich kennen lernte, sie hat dem armen Schulmeister ihre Neigung +geschenkt und sich damals nicht an seinem Berufe gestoßen. Ich würde +ihr nie wieder offen und stolz ins Antlitz schauen können, wenn ich +mich plötzlich meines Standes schämen würde, nur weil er Ihnen nicht +vornehm genug erscheint. Verlangen Sie von mir, was Sie verlangen +dürfen, aber nicht das Verzichten auf meine Überzeugung, auf meine +Selbstachtung und mein ganzes inneres Sein.«</p> + +<p>Mit kaum verhaltener Erregung hatte Kaspar Krumbholtz gesprochen, und +mit gespanntester Aufmerksamkeit hatte der Präsident ihm zugehört; aber +mit jedem Worte, das dieser hörte, ward ihm klarer, daß er mit dem +Manne da vor ihm schwerlich je zusammenkommen würde. Er hielt das alles +für Schulmeisterhochmut, und sein Gegenüber sah ihm ganz so aus, als ob +er ihn ebenso des Juristenhochmuts<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> zeihen würde, wenn er ihm weiter +zuredete. Eine Brücke ließ sich nicht schlagen, also lieber ein Ende! +Mit eisiger Kälte erklärte Herr Mutzer:</p> + +<p>»Da ich annehmen muß, daß Sie nicht in der Lage sind, meiner Tochter +zuliebe das Opfer zu bringen, das ich als Vater für ihre Zukunft und +ihre gesellschaftliche Stellung verlangen muß, darf ich Sie wohl +bitten, nunmehr jede Beziehung zu Carina abzubrechen.«</p> + +<p>»Ich bedaure,« antwortete Kaspar festen Tones, »diesem Ihrem Wunsche +vor der Hand nicht Folge leisten zu können. So lange Ihr Fräulein +Tochter mich nicht meines gegebenen Wortes entbindet, werde ich tun, +was mir meine Liebe und mein Gewissen gebietet, das heißt, alles daran +setzen, um sie zu erringen, vor allem meine Existenz so zu festigen +oder zu verbessern, daß Ihr Fräulein Tochter ohne Sorgen an meiner +Seite leben kann. Ist das erreicht, werde ich Carina bitten, die Meine +zu werden.«</p> + +<p>»Mein Herr, tun Sie, was Sie verantworten können, ich werde das Meine +tun, und zwar rasch. Noch heute werde ich meine Tochter vor die +entscheidende Frage stellen. Sie hat zwischen Ihnen und mir zu wählen.«</p> + +<p>»Dann bitte ich nur um die Erlaubnis, vorher noch einmal mit Carina +reden zu dürfen. Ich habe, wie Sie wissen, Herr Präsident, mich bisher +zurückgehalten,<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> ihr auch nicht geschrieben, gestatten Sie mir nun +wenigstens eine kurze offene Aussprache in Ihrem Hause.«</p> + +<p>»Es tut mir leid,« erwiderte der Präsident hart, »Ihnen diesen Wunsch +nicht gewähren zu können, da ich meinem überdies schon abgehärmten +Kinde diese Aufregung ersparen möchte. Wollen Sie ihr schriftlich noch +einmal alles klar auseinandersetzen, so bitte tun Sie das in aller Ruhe +hier nebenan in meinem Schreibzimmer. Geben Sie mir nachher den Brief, +und ich verspreche, ihn meiner Tochter sofort zu übergeben. Sie mag +dann alles ruhig durchdenken, ehe sie ihre schwere Entscheidung trifft. +Erlassen kann ich sie ihr nach alledem nicht mehr. Lieber ein Ende mit +Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ich bitte — hier herein. Tinte, +Feder und Papier finden Sie.«</p> + +<p>Mit totwundem Herzen begann Kaspar Krumbholtz seinen Brief an Carina.</p> + +<p>Er schrieb ihn klar und freundlich, aber ohne rechte Hoffnung, denn +nur von Angesicht zu Angesicht hätte er noch einen Sieg für möglich +gehalten.</p> + +<p>So stand er schließlich wieder auf und ging noch einmal zu dem +Präsidenten und bat ihn abermals, ihm doch wenigstens vielleicht im +Beisein der Tante eine Unterredung mit Carina zu gewähren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span></p> + +<p>»Wir kämpfen mit zu ungleichen Waffen,« schloß Kaspar mit bebender +Stimme, »wie jetzt die Verhältnisse liegen, wird mein Einfluß, vollends +durch das geschriebene Wort gegen das gesprochene des geliebten und +gebietenden Vaters, nicht aufkommen können! Lassen Sie mich zu ihr +reden, Herr Präsident, nur das eine Mal; es handelt sich um das Glück +meines Lebens!«</p> + +<p>»Um das meine wohl nicht minder, Herr Krumbholtz! Und wenn Sie von +einem Kampfe reden, so wäre ich doch ein Tor, Ihnen die Chancen, mich +zu überwinden, zu erleichtern. Ich habe soeben Gelegenheit gehabt, Ihre +zähe Energie zu prüfen, und ich fürchte den erneuten Einfluß Ihrer wohl +nicht ungefährlichen Persönlichkeit auf meine Tochter. Also ich bedaure +nochmals —«</p> + +<p>»Herr Präsident,« flammte nun Kaspar empor, »zwingen Sie mich, bitte, +nicht, Wege einzuschlagen, die mir unsympathisch und nur durch die +äußerste Not zu rechtfertigen wären.«</p> + +<p>Ärgerlich griff der Präsident nach der Glocke, läutete dem Diener und +ließ Fräulein Carina zu sich bitten.</p> + +<p>Dann ging er stampfend wie ein gereizter Stier auf und ab und polterte +heraus: »Sie sind wirklich ein Eisenkopf, Herr Krumbholtz.«</p> + +<p>Ruhig erwiderte Kaspar: »Wenn ich nicht alles daran setzte, das +Mädchen, das ich liebe, zu<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> gewinnen, wäre ich kein Mann, und Sie wären +sicher der erste, der mich verachten dürfte. Würden Sie in meiner Lage +anders handeln, Herr Präsident?«</p> + +<p>»Sie wollen aber mit dem Kopf durch die Wand, junger Mann. Doch +meinetwegen, ich bin meines Kindes sicher. Also sagen Sie Carina +nebenan, was Sie für gut halten. Dann werde ich die Kabinettsfrage +stellen. Vorher gebe ich Ihnen jedoch nochmals anheim, meinen Vorschlag +von vorhin in Erwägung zu ziehen. Auch mir liegt daran, ohne Tragik +auszukommen. Sie scheinen ein Mann von Mut und Ausdauer zu sein, ich +würde mich freuen, Ihnen nach Erfüllung der gestellten Bedingung die +Wege zu ebnen.«</p> + +<p>Stumm und traurig schüttelte Kaspar den Kopf und ging langsam in das +Nebengemach.</p> + +<p>Bald darauf erschien Carina. Mit ruhigem Ernst empfing sie der +Präsident und sagte:</p> + +<p>»Liebes Kind, ich sehe mich leider genötigt, dir schon heute die +Entscheidung nahezulegen, von der wir gelegentlich sprachen. Herr +Krumbholtz wünscht noch einmal mit dir zu reden, ehe ich dich +bitte, zwischen ihm und mir zu wählen. Die Gegensätze haben sich so +zugespitzt, daß eine Vermittlung, wie ich sie noch eben anzubahnen +versuchte, ausgeschlossen ist.«</p> + +<p>Erschrocken und zögernden Schrittes trat Carina vor den Geliebten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span></p> + +<p>Matt war ihr Händedruck, dann sagte sie leise: »Ich danke dir, Kaspar, +daß du gekommen bist, aber folgen kann ich dir nicht, ich kann nicht +von Papa fort. Er hat niemand außer mir, und ich hänge viel, viel mehr +an ihm, als ich dachte. Dergleichen merkt man immer erst, wenn man mit +dem Gedanken umgeht, sich zu trennen.«</p> + +<p>»Carina,« entgegnete Kaspar weich, »hast du vergessen, was du mir zum +Abschied in Leipzig auf dem Bahnhof zuriefst? Soll ich weiter auf dich +warten, ich will es tun. Viel zu gern! Nur laß mich hoffen. Vielleicht +wird dein Vater doch mit der Zeit anderer Meinung. Ich will unterdes +redlich versuchen vorwärts zu kommen.«</p> + +<p>»Laß es gut sein, Kaspar, es hilft doch nichts. Ich habe mir damals +in Leipzig alles anders und leichter gedacht. Ich habe dich wohl noch +immer so lieb wie ehmals, aber der Mut ist mir gebrochen. Man grübelt +und ringt nicht umsonst wochenlang mit seiner Umgebung, mit seinen +liebsten Angehörigen. Ich müßte an deiner Seite nicht nur in eine neue, +mir fremde und nicht sonderlich verlockende Welt, ich müßte — ich weiß +es jetzt — in die völlige Einsamkeit, beladen mit dem väterlichen +Fluch — und das geht über meine Kräfte. Ich würde bald zusammenbrechen +und dir kein Glück bereiten, nur eine Last sein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span></p> + +<p>»Zwei Menschen, die sich selbst genug sind, können nie einsam sein.«</p> + +<p>»Doch — ich wäre es — ich bin anders als du, bin nicht so trotzig, +unabhängig und genügsam wie du.«</p> + +<p>»Du wirst es an meiner Seite bald werden, Carina. Und ich hoffe, mit +der Zeit wird auch dein Vater ein Einsehn haben.«</p> + +<p>»Vater — nie. Da kenn ich ihn besser. Er ist seelensgut, aber er geht, +wie viele seines Standes, allzu sehr im Äußern, im Formalen auf. Und +ich bin vielleicht auch darin ein wenig seine Tochter. Ich würde mich +wohl in dein Wesen, aber schwerlich in deine Ziele, niemals in deine +Gesellschaftskreise finden können.«</p> + +<p>»Die brauchen wir nicht, Carina, —«</p> + +<p>»Doch — du vielleicht nicht, aber eine Frau braucht dergleichen.«</p> + +<p>»Aber nicht eine Frau wie du, Carina.«</p> + +<p>Müde lächelte die kleine Mutzerin, dann sagte sie resigniert: »Du hast +eine zu hohe Meinung von mir, Kaspar, wie ich sie selber auch von mir +hatte; aber ich bin leider keine Heldin, ich bin doch nur ein armselig +schwaches Weib, das zu einem Kämpfer, wie du es wohl bist, gar nicht +passen würde.«</p> + +<p>»Carina, sage das nicht. Gerade du bist die beste Ergänzung für mein +Wesen, Carina, laß mich<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> nicht im Stich, du weißt nicht, was du mir +bedeutest!«</p> + +<p>»Ich weiß es vielleicht — und dennoch, Kaspar — wenn ich heute eine +Entscheidung treffen muß, und mein Vater fordert sie — dann muß ich +mein Wort zurücknehmen und dir Lebewohl sagen. Denke nicht zu hart von +mir, Kaspar, verlier nicht den Glauben an unser Geschlecht, weil eine +davon deiner nicht wert war. Vergiß mich, aber verachte mich nicht! +Küsse mich noch einmal zum Abschied — es lindert meine Qual — Komm, +hab Mitleid mit mir —«</p> + +<p>»Carina!« schrie Kaspar leise auf, »das soll das Ende sein — also leb +wohl!«</p> + +<p>Hart stieß Kaspar Krumbholtz die dargebotene Hand zurück, verbeugte +sich kaum merklich und verließ eilends das Zimmer, in dem Carina +schluchzend auf ihres Vaters Schreibstuhl niedersank.</p> + +<p>Mit einem tonlosen »Sie haben gesiegt, Herr Präsident!« grüßte Kaspar +den stumm sich verneigenden Herrn Mutzer und ging trotzig davon.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Je wilder der Sturm gewesen war, der zunächst in Kaspars Seele gewütet +hatte, um so tiefer war nun die Niedergeschlagenheit, die sich seiner +bemächtigte.</p> + +<p>Verbitterung, Pessimismus, Menschenverachtung,<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> Mutlosigkeit, ja +Verzweiflung an sich und seiner Zukunft — alles kam mit einem Male +über ihn und nagte an seiner Seele, deren Widerstandskraft eine +Zeitlang wie gebrochen erschien. Nicht einmal zu hassen vermochte er +mehr, nur Mitleid regte sich bisweilen. Was hatte Carina viel anders +getan als er bei Ursemi? Sie hatte dem inneren Muß gehorcht wie er.</p> + +<p>Gleichgültigkeit kam über Kaspar. Die Arbeit an seinen Schülern, die +ihm sonst über alles ging, wollte ihm nicht mehr viel bedeuten, wollte +ihm auch nicht mehr recht glücken, da Lust und Liebe fehlten.</p> + +<p>Tagtäglich nannte sich Kaspar einen haltlosen, erbärmlichen +Schwächling, verhöhnte sich und lachte sich aus, rief den lieben, alten +Trotz zu seiner Unterstützung herbei und sprach sich immer wieder aus: +Warum sich so werfen lassen? Ist sies denn wert? Zeige wenigstens dem +hochmütigen Präsidenten erst recht, was du kannst! Doch immer wieder +kam die Antwort aus seinem Innern: Wozu das alles? Für wen mühst du +dich ab? Laß alles gehen, wie es geht!</p> + +<p>Die alte Spannkraft der Seele schien völlig geschwunden zu sein.</p> + +<p>Sogar der stille, zuversichtliche Glaube an die allwaltende Liebe +Gottes und das nach und nach wieder sicher gewordene Vertrauen in seine +unergründlich<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> weise Führung wankten von neuem bedenklich in Kaspar +Krumbholtz. Er wußte, daß es unendlich kleinlich und töricht war, seine +Anschauung über Gott, Welt und Menschenbestimmung abhängig zu machen +von trüben persönlichen Erfahrungen und sicherlich vorübergehenden +Eindrücken, und dennoch konnte er sich zurzeit auf einen höheren +Standpunkt nicht erheben.</p> + +<p>Es gab einmal keine absolute Gotteserkenntnis für uns jammervoll +beschränkte Menschen; es gab wohl nur ein Spiegelbild des Höchsten in +unseren Seelen, und dessen Deutlichkeit und Färbung mußten mit unsern +Stimmungen wechseln.</p> + +<p>Und doch — wozu gab es das Leid, wenn es nicht den Boden des Herzens +pflügend aufreißen sollte, um ihn von neuem und immer fruchtbarer +zu machen für den Samen des Unvergänglichen? Wozu gab es den doch +unausrottbaren Drang zum Erkennen, zum Schaffen und Wagen, zum +Fortschreiten und zur Freude an jedem Gelingen in unserer Brust, wenn +er nach bitteren Enttäuschungen nicht um so kräftiger hervorbrach wie +die Triebkraft eines gekappten Strauchs, der nach Überwindung der +schweren Saftstockung aus vermehrtem Wurzelvermögen zu wirtschaften +vermag.</p> + +<p>Sollte nicht gerade diese letzte, schwerste Erfahrung ihn loslösen +von dem zu billigen Genuß eines Durchschnittlebens, um ihn für +seinen eigentlichen,<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> vielleicht ungewöhnlichen Daseinszweck um so +unabhängiger, um so geschickter zu machen?</p> + +<p>Und Kaspar sann und sann unaufhörlich und konnte sich lang nicht +zurechtsinnen.</p> + +<p>Erst nach einem stillen unablässigen Versenken in die ruhige +Selbstverständlichkeit und zugleich Unergründlichkeit der großen Natur +und ihrer Gesetze, erst im wohltuenden Frieden einer fast ungetrübten +Einsamkeit begannen Kaspars tiefe Wunden nach und nach sich zu +schließen und zu vernarben.</p> + +<p>Die Lust zum Gestalten erwachte plötzlich wieder, bald auch die +Freude an der Entwicklung der ihm anvertrauten Jugend. Und ein neues +Verantwortungsgefühl war dann die erste Spur eines verfeinerten Selbst- +und Pflichtbewußtseins, das in seinem scheinbar so verödeten Innern +langsam erstand.</p> + +<p>Und nun merkte Kaspar deutlich und immer deutlicher, daß die schwere +Niederlage ihn seltsam verwandelt hatte.</p> + +<p>Er blickte tiefer und verständnisvoller in Seelen und Zusammenhänge.</p> + +<p>Vor allem betrachtete er seine Kollegen mit anderen Augen, er sah sie +und ihre Menschlichkeiten in milderem Lichte, und doch sehnte er sich +aus ihrem Kreise fort.</p> + +<p>Er dürstete nach neuen Anregungen, aber er fand sie nicht. Sein +bisheriges Leben dünkte ihm<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> schal und oberflächlich, er glaubte +geträumt, aber nicht mit vollem Bewußtsein gelebt zu haben.</p> + +<p>Neue, tiefere Bedürfnisse waren in ihm wachgeworden und verlangten nach +Befriedigung.</p> + +<p>Nur an der Tafelrunde der Moraven fand er noch immer jenes stille +Behagen, das eine harmonische Gesellschaft gleichgestimmter Seelen +erzeugt. Gottfried Kämpfer fiel Kaspars Veränderung freilich auf; er +neckte ihn wohl erst, nannte ihn »einen Peter Schlemihl, der keinen +Schatten werfen könne, da er selbst nur Schatten sei«. Dann aber +schaute er tiefer und wußte nicht nur scharf zu sehen und zu treffen, +er wußte auch wacker zu trösten.</p> + +<p>Kämpfer nahm den Freund nach einer guten Sitzung nachts mit auf einen +schönen Mondscheinspaziergang, ließ sich Kaspars Herzeleid beichten +und erzählte ihm von seinem großen Weh: Wie er vor Jahren sein schönes +junges Weib und ein zartes Kindchen bald nacheinander hergeben mußte; +wie er darüber seinen Gott abermals verlor in dem rasenden Sturm seiner +bittersten Verzweiflung und dann vergeblich Betäubung suchte auf weiten +Reisen, ja zuletzt eine mitleidige Kugel auf dem Kriegsschauplatz +Südafrikas.</p> + +<p>»Aber sie schossen in Wahrheit längst nicht so gut,« schloß Gottfried +Kämpfer seinen düsteren Bericht, »wie in den Zeitungen, diese dreimal +vermaledeiten Buren! Sie haben mich nur um meinen<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> letzten Funken +idealer Selbsttäuschung gebracht, diese Hallunken! Sie hatten mich +angelogen wie das Leben. Und so dachte ich schließlich: lüge du auch, +die Wahrheit macht sich nun einmal so sehr schlecht bezahlt auf dieser +Welt; es gibt niemand freiwillig einen Dreier dafür. Und so ließ +ich den bösen Buren ihren großen Heldenruhm ungeschmälert, gab aber +gerechterweise den lieben englischen Tommies auch ihr Teil und dem +guten deutschen Publikum erst recht! So log ich mich langsam ins Leben +zurück und kam schließlich wieder glücklich bei meiner Zeitung und +in meinem alten Traumparadies an und pflegte den wunden Helden, mein +törichtes Herz, mit Ach und Krach wieder leidlich gesund. Auch den so +schnöde von mir zertrümmerten Herrgott log und leimte ich mir nach und +nach wieder zusammen; er sieht ja noch ein bißchen geflickt aus, aber +er hält doch und sitzt ganz stattlich wieder auf seinem Throne, als +habe sich nichts verändert. Es hatte sich auch gar nichts verändert, +weder die Welt, noch der Herrgott — nur mir war die Brille ein bißchen +blind geworden. Das gab sich aber, als es nicht mehr so kalt war um +mich her. So, mein lieber Prinz mit der heimlichen Krone und dem allzu +heißen Herzen unterm Mantel, hm, die Moral von der Geschicht — ein +bißchen Kälte schadet nicht.«</p> + +<p>Kaspar lächelte gerührt und sagte bewundernd:<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> »Ja, wer deinen Humor +hätte, Kämpfer!«</p> + +<p>Gottfried Kämpfer erwiderte schmunzelnd: »Warts nur ab, lieber +Junge, vielleicht wächst dir diese seltne Rebe auch noch. Sie liebt, +damit dus weißt, vulkanischen Boden wie die Lacrima Christi, je mehr +Herrlichkeiten unter der dunklen Lava liegen, um so üppiger sprießt +sie, um so feiner wird ihre Blume!«</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel_2">Siebentes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Silvester</b></span></h3> +</div> + + +<p>Nach reiflicher Überlegung hatte sich Kaspar Krumbholtz entschlossen, +den Antrag des Kuratoriums nunmehr doch anzunehmen, zumal auch Ursemi +ihm keine Ruhe ließ und ihn immer dringender bat, sie doch einmal zu +besuchen.</p> + +<p>Harry habe ihr soeben, schrieb sie, ein geräumiges Palais gebaut, +New-Reda genannt, hoch über San Franzisko, auf dessen wundervolle +Bai vom goldenen Tor sie nun tagtäglich herabschauen könne. Selten +sei auf der lieben Gotteserde so viel Schönheit verschwenderisch +zusammengehäuft worden wie in diesem sonnenheiteren, freilich ein +wenig wackligen Kalifornien, und doch könne sie die ernsten, nebligen +Waldberge Schlesiens darüber niemals vergessen. Kaspar müsse zu ihr +kommen und sie vom Heimweh kurieren, dafür wolle sie ihm auch klar +machen, daß ein alter Junggeselle gar nichts von Kindern verstehen +könne.</p> + +<p>Kaspar lachte — nach langer, banger Zeit — endlich einmal wieder +aus vollem Halse und<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> fröhlichem Herzen. Dann ging er voll innerer +Gewißheit und Klarheit zu seinem Direktor, um ihm zu kündigen.</p> + +<p>Der sprach einige schöne bedauernde Worte, die auf Kaspar jedoch +weniger Eindruck machten, als vor Jahren der ehrliche Ärger des +Tramberger »Chefs«.</p> + +<p>Die Kollegen machten große Augen, als sie von Kaspars Austritt und +seiner Begründung hörten, und fragten einander erstaunt, was dieser +gewiß biedere, doch in seinen Fähigkeiten ziemlich begrenzte Kollege da +drüben im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten wolle.</p> + +<p>Kaspar verriet es ihnen nicht, er wußte es ja selbst noch nicht so +recht. Er kam sich selber zur Genüge klein und unwert einer solchen +unverdienten Auszeichnung vor; aber das Kuratorium war seinen +utopischen Entwürfen so nahe getreten, daß es ihm schon eine ganze +Reihe ergänzender Beobachtungen auferlegt und auch eine ziemlich exakte +Marschroute für die bedeutendsten Erziehungsanstalten Nordamerikas +vorgeschrieben hatte.</p> + +<p>Kaspar ging mit gewohnter, zäher Gründlichkeit an die neue schwierige +Aufgabe, in der er doch wieder einen höheren Wink zu erkennen glaubte.</p> + +<p>Er studierte die nicht kleine, aber merkwürdig oberflächliche, +meist nur nach dem äußeren Eindruck<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> urteilende Literatur über +Amerika, aus der jedoch drei bedeutsame und völlig verschiedene +Urteilsindividualitäten hervorragten: ein künstlerisch empfindender +Geograph, sein geliebter verstorbener Lehrer, ein still von ihm +verehrter und auch schon betrauerter Lausitzer Poet und ein ihm noch +unbekannter deutsch-jüdischer Philosoph, der allerdings nicht ganz die +Objektivität der beiden andern aufwies, vielleicht weil er, wie so +viele Deutsche, Amerika zu lieb gewonnen hatte.</p> + +<p>Aus diesen drei deutschen und zwei sehr ergiebigen englischen Quellen +schöpfte Kaspar seine beste Vorbereitung für die bevorstehende eigene +Anschauung.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Nun galt es Abschied zu nehmen. Viel Liebes besaß Kaspar nicht im +Vaterlande.</p> + +<p>Die Enterbten der Moravenrunde gaben ihrem »heimlichen Prinzen« launig +ihren Segen, und Gottfried Kämpfer hielt zu seinem Abschied eine +warme, sinnige Scherzrede über den heilkräftigen Wert sogenannter +Kolonialböden.</p> + +<p>Er habe manche Nacht darauf gelegen und nach und nach herausbekommen, +daß sie einen zauberisch würzigen Duft ausströmten, der besonders für +alternde Gehirne, senile Willenspotenzen und verkalkende Arterien +ausgezeichnete Dienste<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> tue. Kaspar solle sich also öfters, namentlich +im jungfräulichen wilden Westen, auf den Boden legen, aber ja nicht auf +den Bauch, sondern hübsch mit der Nase gen Himmel, sonst verlöre der +beste Pionier die Orientierung.</p> + +<p>Mit drei Hurras für »Seine Königliche Hoheit, den Prinzen Schlemihl +von Utopien, zurzeit Ehrenritter des goldenen Kalbes«, schloß der +Journalist und überreichte Kaspar feierlich seinen kleinen Kompaß aus +dem Burenkriege, damit er jederzeit wie der andächtig betende Moslem +wisse, wo sein Mekka, wo »das liebe, närrische Land der solidesten +Träumer« liege.</p> + +<p>Dann fuhr Kaspar nach Reda zu der recht hinfälligen Mutter Winkler, die +ihm, noch immer sorgend, allerlei Päckchen für die große Ursemi und die +kleine Edith mit vielen Grüßen auf die Seele band.</p> + +<p>Auch den <span class="antiqua">Dr.</span> John Sebalt und seine Zwillingsbübchen sollte +Kaspar von ihr grüßen, wenn er ihn irgendwo zu sehen bekäme.</p> + +<p>Volpelius hatte eingehende Besprechungen mit Kaspar und weihte ihn +völlig in die nun schon zu wichtigen Einzelheiten gediehenen Pläne des +Kuratoriums ein.</p> + +<p>Von Kaspars Berichten erwarte man vor allem Klärung in allerlei +schwierigen Fragen für praktische Aufgaben, die eben in Amerika +vielfach mit<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> dem ganzen Mut traditionsloser Pioniere und dem Geschick +lebenskluger Geschäftsleute gelöst seien.</p> + +<p>Kaspar möge als unbefangener Erziehungssachverständiger nachprüfen, ob +und wie weit dabei »der Geist, der sich die Formen schaffe«, zu seinem +Rechte gekommen sei und was, ohne deutscher Eigenart zu schaden, als +fruchtbare Anregung oder gar als Vorbild zu verwerten sei.</p> + +<p>Die Mittel seien so weit beisammen, daß man demnächst mit den ersten +Bauten der Winklerstiftung beginnen könne.</p> + +<p>Dann händigte Volpelius seinem Schützling einen großen Stoß wichtiger +Empfehlungsbriefe und einige Reisescheckbücher ein.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Von Reda reiste Kaspar nach Ingelbach zu seinem hoffnungslos +dahinsiechenden Onkel Andreas, den Tante Renate mit selbstloser Hingabe +pflegte.</p> + +<p>Es war ein bewegtes Wiedersehen und — wie Kaspar deutlich fühlte — +ein Abschied für immer.</p> + +<p>Zum Skelett abgemagert, lag der ehrwürdige Onkel nun schon seit Monaten +völlig hilflos auf seinem Schmerzenslager. Und doch kam keine Klage +über die schmalen, blutleeren Lippen, im Gegenteil, er dankte seinem +Herrn Jesus, der ihm Gelegenheit<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span> gebe, seinen Glauben an ihn auch im +Leiden zu bewähren, und ihn damit zu preisen vor den Menschen.</p> + +<p>Es war ein stiller, rührender Held, der so, leise und eindringlich, +zu seinem Neffen sprach. Es war kein verzückter Märtyrer, kein +überspannter Fanatiker, aus dem etwa unheimlich die Selbstqualfreude +hervorloderte.</p> + +<p>Kaspar fand zwar keinen Trost für das furchtbare Leiden des sterbenden +Mannes, er blieb stumm vor Ergriffenheit; aber er nahm aus den +abgezehrten Knochenhänden des Greises reichen Trost und Segen mit sich.</p> + +<p>Das Bild Christi war in Kaspars Seele lang verschwunden; nun tauchte +es, wie aus Morgennebel, schüchtern wieder empor, lieblich und rührend, +väterlich milde und menschlich gütig wie in den Tagen seiner ersten +Liebe zu ihm.</p> + +<p>Um Dogmen und Forschungsergebnisse war es Kaspar schon längst +nicht mehr zu tun; auch die theologische Auffassung der Person des +Menschenerlösers war ihm, wenn nicht gleichgültig, so doch unwesentlich.</p> + +<p>Nur eines stand ihm plötzlich wieder fest: Wenn Christi Leben und +Sterben noch immer befreiend, verklärend, ja wunderkräftig auf so +schlichte, reine und ernste Menschen wie Onkel Andreas wirken konnte, +dann konnte seine göttliche<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> Wirkung und Bestimmung, deren letzter +Urgrund für uns Menschen vielleicht absichtlich Geheimnis bleiben +sollte, noch längst nicht nachgelassen haben oder gar erschöpft sein.</p> + +<p>Auch Kaspar wollte ruhig warten, was in seiner Seele nach und nach +offenbar, oder vielleicht nur <em class="gesperrt">wieder offenbar</em> werden wollte. +Erzwingen ließ sich nichts, das hatte er zur Genüge erfahren.</p> + +<p>Eines wußte er nun: Das innere wie äußere Erleben spiegelt uns +unsern Gott. Und wie das Leben millionenfach verschieden ist, gleich +der großen Natur und ihren Offenbarungen, so auch der Spiegel des +göttlichen Wesens in den Seelen der Menschen. Je bewegter die Seelen +sind, um so unklarer wird dieses Bild; darum gilt es ruhig zu werden, +um seine erhebende Schönheit rein und andächtig zu genießen, ruhig wie +die Kinder, die redlichsten Diener Gottes.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war Silvester, und wie in seinen Jugendjahren ging Kaspar Krumbholtz +mit ernster Fassung in den weihevollen Mitternachtsgottesdienst der +Neujahrsnacht, nachdem er Onkel und Tante nach alter Brüdergemeinsitte +einen gesegneten Übertritt in das neue Jahr gewünscht hatte.</p> + +<p>Rundum warmes, schweigendes Düster, nur hie und da spärlich erhellt +von weichem, bläulich<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> verschleiertem Laternenschimmer. Feuchter +Nebeldunst war beim Atmen zu spüren, unsicher tastete der Fuß über das +schmutzig-schlüpfrige Pflaster.</p> + +<p>Etwas Erwartungsvolles, unheimlich Kreißendes lag über der im Dunkel +versunkenen Landschaft wie vom Brauen und Weben einer fruchtbaren +Vorfrühlingsnacht.</p> + +<p>Das alte, brave Glöcklein rief mit seinem heiseren, dünnen Stimmchen +vom gespenstischen Dachreitertürmchen herab die Andächtigen aus +Ingelbach und Umgegend zum großen Kirchensaal, vor dessen Türen die +Bläser mit vollen Backen und unter einigen redlichen Schweißtropfen +einen schwierigen, nur für diese Gelegenheit üblichen Choral bliesen.</p> + +<p>Im schlichten, weißen Saal standen noch die hohen, duftenden +Christtannen im Schmuck ihrer letzten Lichter, und rings von den Wänden +und den Brüstungen der Emporen herab grüßten feierlich Lichtlein um +Lichtlein.</p> + +<p>Der feinfühlige Organist intonierte stimmungsvoll ein zartes, +wehmütiges Vorspiel, das wie ein müdes Scheidelied an das alte Jahr +klang, während sich Kaspar hinten unters Chor in einen stillen Winkel +schlich, wo er mit sich und seinen Stimmungen und Gedanken allein war.</p> + +<p>Der Liturg schritt gemessen hinter den dunkelgrünen<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> Tuchaltar, auf dem +eine mächtige Bibel lag, und blickte gebietend zur Orgel hinauf.</p> + +<p>Der Chor sang mit wundervoller Harmonie sein »Heilig, heilig, heilig +ist Gott der Herr,« und dann brauste mächtig und doch getragen das Lied +der ergriffenen, dichtgedrängten Gemeine durch das festliche Haus: »O +Ewigkeit, du Donnerwort!«</p> + +<p>In ernster Rede sprach der Geistliche über die schönsten Worte des 90. +Psalms, und alles lauschte mit Aufmerksamkeit.</p> + +<p>Nur Kaspar saß wie träumend und ließ noch einmal an seiner Seele seine +ganze bisherige Entwickelung vorüber ziehen.</p> + +<p>Als Kind hatte er in der ersten Neujahrsnachtfeier, die ihn schon +damals innig bewegte, gelobt: ein redlicher Diener Gottes zu werden wie +sein Vater, der den Heldentod auf dem Felde von Gottes Ehre gefunden +hatte.</p> + +<p>Als junger Student hatte er wieder in einer solchen Nacht davon +geschwärmt: was müsse es doch für ein unsagbares Glück und stolzer +Auftrag sein, in so weihevoller Stunde als gottverordneter Diener am +Wort einer sündigen Menschheit ein drohend donnerndes »Besinne dich« +zuzurufen und damit auch die schlaffsten, gleichgültigsten Seelen +wachzurufen und aufzurütteln. Und dann?</p> + +<p>Dann gingen die paar Menschlein unter den Milliarden hinaus mit jenen +guten Vorsätzen, mit<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span> denen die Macht der Finsternis die schönen, +bequemen Wege zu ihrer Hochburg gepflastert hatte.</p> + +<p>War dieser Beruf der Festtagerschütterer und Sonntagtröster wirklich +der höchste der menschlichen?</p> + +<p>Nein, auch er war nur einer unter vielen, nicht besser und nicht +schlechter als andere — nur gefährlicher! Denn jeder Diener der +Majestät neigt dazu, sich selber ein Stück derselben zuzuschreiben. Die +Geschichte der Kirche lehrte es zur Genüge durch die Jahrhunderte.</p> + +<p>Der Weltenschöpfer hatte sicherlich an jedem redlichen Schaffen seine +Freude, ob es für Ihn, für den Schaffenden selbst oder für andere war, +ob produktiv oder reproduktiv, ob fürs Ideale oder ums liebe Brot — +galt Ihm, dem über all das Erhabenen, wohl gleich.</p> + +<p>Er stand ja auch nicht still; Er hatte gar viele Mühlen im Gange, +die für Ihn mahlten; und die leisesten und verborgensten waren Ihm +vielleicht die liebsten, sicherlich die wichtigsten.</p> + +<p>Kaspar wollte sorgen, daß seine Mühle nicht stille stand.</p> + +<p>Da brach mit jubelnden Fanfaren das neue Jahr herein — schnitt +rücksichtslos dem Geistlichen die letzten Worte ab, obwohl er sie nach +der Uhr genau abzuzirkeln versucht hatte. Da läutete das Glöcklein +droben Sturm, denn der<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span> Küsterbruder zerrte es gar wild und grimmig. +Da sangen die Männer, Weiber und Kinder ringsum frohlockend: »Nun laßt +uns gehn und treten mit Singen und mit Beten«, und dann beugten sie die +Knie und beteten wirklich und tief erschüttert von der Wucht und den +Schauern des großen Augenblicks: »Du ewiger Gott, heiliger, starker +Gott!«</p> + +<p>Auch Kaspar betete, aber er dankte nur still, daß ihn der +Unerforschliche trotz aller Trübsal seines Lebens, trotz der +niederschmetternden Enttäuschung auch dieses herben Jahres doch den +richtigen Weg geführt habe, und daß er es endlich wieder verstehen +gelernt habe.</p> + +<p>Während die eben noch so Andächtigen sich mit jovialen, breiten +Philistermienen die derben Alltagshände wacker schüttelten, die runden +Handwerksschultern vertraulich klopften und sich laut »Prost Neujahr« +zuschrien oder sich leise »ein gesegnetes neues Jahr« in die Ohren, +Hauben und Kapuzen raunten, schritt Kaspar an dem kleinen, stillen +Friedhof, auf dem gar manch ein Krumbholtz schlummerte, vorbei — +hinaus in die zukunftgebärende Nacht.</p> + +<p>Von rückwärts verhallte der weiche Orgelklang und der grelle, harte +Klang der Posaunen; vor ihm knallten einige frohe Schüsse übermütiger +Dorflümmel; fern von unsichtbaren Dorftürmen bimmelten dumpfe und helle +Glöcklein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span></p> + +<p>Wieder ein Jahr vorüber — und das Leben schritt unaufhaltsam weiter +von Generation zu Generation.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als Kaspar nach einiger Zeit erfrischt und innerlich geklärt zu dem +kleinen Hause seiner Verwandten zurückkehrte, fand er eine schluchzende +alte Frau über einer noch warmen Leiche hilflos zusammengebrochen.</p> + +<p>Onkel Andreas hatte unter den Klängen der Glocken und Posaunen sein +Lebenswerk zu Ende gebracht. Lächelnd und friedlich lag er da wie ein +glücklicher Sieger.</p> + +<p>Kaspar richtete mit schonender Zärtlichkeit die arme Tante Renate auf, +strich ihr über die verwirrten Strähnen ihres dünnen, silberweißen +Haares und sagte liebreich tröstend:</p> + +<p>»Weine, Tantchen, es erleichtert, aber klage nicht! Es kommt nichts um +in Gottes Reich; auch dieser Mann hat nicht umsonst gelebt. Er hat mit +seinem Leiden und Sterben die schönste Predigt seines Lebens gehalten. +Halten wir uns an das Wort, das ihm so starken Trost gab: Wo ich bin, +da soll mein Diener auch sein!«</p> + +<p>Da umarmte die wankende Greisin ihren aufrechten Neffen und stammelte: +»Wenn du das wieder glauben kannst, mein Junge, dann ist auch er nicht +umsonst gestorben.«</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel_2">Achtes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Die neue Welt</b></span></h3> +</div> + +<p>Wie die stumpfen Riesenzähne eines gierig weitgeöffneten Rachens +bläkten die zahllosen Piers zu beiden Seiten des Hudson aus dem langsam +verebbenden Nebelmeer.</p> + +<p>In tausend Signalen tutete und schrillte, stöhnte und frohlockte +ein scheinbar völlig wirrer Verkehr auf dem tagsüber schmählich +geknechteten Fluß, der nur in schweigender Nacht, im Spiel der +ruhigen Himmelslichter, seine stille Majestät und ursprüngliche Größe +wiederfand.</p> + +<p>Ein dumpfes Brausen, in dem Millionen Stimmen mitklangen, schwoll von +all den Ufern ringsum, vor allem von der langen, schmalen Landzunge, +auf der sich das schier endlose Neuyork dehnte und streckte.</p> + +<p>Mit gefaßter Seele und bohrenden Blicken maß Kaspar Krumbholtz das +seltsame Völkertor Nordamerikas, durch das schon so viele Millionen des +sich immer noch überreichlich verjüngenden<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> deutschen Volkes zu neuem +Leben, zu Freiheit und rastlosem Schaffen gezogen waren.</p> + +<p>Unheimlich drohend standen die Ungetüme von Wolkenkratzern da drüben +in Reih und Glied, gleich einer Schar trotziger Garden. Auf ihren +vergitterten Masken stand ein herrisches »Herein — doch nicht zurück!«</p> + +<p>Kaspar zuckte zusammen. Auch sein Geschlecht hatte diesem Moloch unter +den Kontinenten wertvolle Opfer bringen müssen. Würde auch er dem +verführerischen Zauber dieses lockenden jungfräulichen Bodens erliegen, +der selbst einen so heimatstolzen und unabhängigen Mann wie den Grafen +Harry Brosyn nach und nach überwältigt hatte und ihn nicht wieder los +ließ? Vielleicht konnte ihm, dem Missionskind, dieser Zauber weniger +anhaben, da er ja schon ein Kind dieses Erdteils war.</p> + +<p>Zu langem Nachsinnen war Hoboken nicht der Ort und das Anlegen eines +Hapagdampfers nicht die Gelegenheit. Der heiße Sturmatem des neuen +Landes wehte dem Ankömmling bereits entgegen, ehe er es betrat.</p> + +<p>In wenigen Minuten war man fest, war man an Land, war man in den +tückischen Klauen schonungsloser Zollinquisitoren, der ersten großen +Schande der stolzen Republik.</p> + +<p>Noch manche andere und schlimmere sollte Kaspar offenbar werden +bei seinem langsamen und<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> zähen Prüfen, das sich von schimmernden +Oberflächen und blendenden Äußerlichkeiten nicht bestechen ließ.</p> + +<p>Aber was bedeuteten allerlei kleine Schönheitsfehler wohl für das große +Ganze? Kinderkrankheiten für einen später vielleicht um so gesünderen +Organismus!</p> + +<p>Stieß Kaspar doch allüberall auf einen mutigen, lebensfrohen und +zukunftsicheren Menschenschlag, der all diese herben Schäden +wie Bestechlichkeit, Spekulationswut, Mammonsgeist, Prahlsucht, +rücksichtslosen Egoismus, Roheit, sittliche wie religiöse Heuchelei, +mehr oder weniger offen zugestand und des festen Glaubens lebte, +mit der Zeit auch darüber ebenso hinweg zu kommen wie über seine +künstlerische Unreife und Unselbständigkeit.</p> + +<p>»Das ist alles nur provisorisch, das Eigentliche muß erst noch kommen«, +so stand es überall auf den Gesichtern dieser nationalstolzen Bürger, +dieser selbstbewußten Bürgerinnen zu lesen.</p> + +<p>Ein starker, unbesieglicher Optimismus waltete wie ein unsichtbar +schützender Genius über dem jungen, zuversichtlichen Volke.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Schon am nächsten Morgen begann Kaspar Krumbholtz die ihm aufgetragenen +Studien, indem<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> er der großzügigsten und wissenschaftlich am +selbständigsten und kühnsten aufstrebenden Bildungsstätte Amerikas, der +Columbia-Universität, einen Besuch abstattete.</p> + +<p>Schon hier hatte Kaspar nach wenigen Stunden das Gefühl, daß er vor +einer den deutschen staatlichen Hochschulen ebenbürtigen und doch +privaten Schöpfung stehe; woraus er freudig, doch vorschnell schloß, +seine gründlichen Landsleute würden daheim etwas Ähnliches schaffen +können, sobald nur einmal genügende private Mittel zur Verfügung +ständen. Er vergaß die Wucht der Tradition, den Zwang der historischen +Entwickelung, die Schlaffheit seines Jahrhunderte lang übermäßig +bevormundeten, bürokratisierten Volkes.</p> + +<p>In den Geist und die Eigenart Columbias, dieser monumentalen +amerikanischen Wissenschaftshochburg, einzudringen, dazu bedurfte es +allerdings längeren Ein- und Mitlebens, und Kaspar, der sich für seine +Reise das »<span class="antiqua">multum, non multa</span>« als Motto gewählt hatte, scheute +diese Mühe auch nicht und sollte es nicht bereuen.</p> + +<p>In einzigartiger gastlicher und kameradschaftlicher Weise kamen ihm +Dozenten und Studenten entgegen, insonderheit die Herren vom deutschen +Departement, mit denen Kaspar schließlich in freundschaftliche +Beziehungen treten durfte.</p> + +<p>Von Columbia führte ihn die Arbeit zum City<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> College, das in +märchenhafter Schloßherrlichkeit, frei und stolz, hoch über die +Nordstadtteile Neuyorks emporragt.</p> + +<p>Auch hier galt es länger zu verweilen und sich schließlich nur schweren +Herzens loszureißen; denn noch harrten der Besichtigung allein in +Neuyork eine ganze Reihe ähnlicher, freilich nicht mustergültigerer +Bildungsanstalten, in denen eine merkwürdig gleichmäßige Jugend in +kecker, ein wenig geräuschvoller Selbständigkeit, in ritterlicher +Frauenverehrung, gesund an Leib und Seele, heranwuchs.</p> + +<p>Dann ging es in die nähere und weitere Umgegend, in das vornehme Yale +und Princeton, das altehrwürdige, ein bißchen sybaritisch erschlaffte +und verzopfte Harward, das zurzeit auf seinen Lorbeeren eingeschlummert +schien, in das gediegene Johns Hopkins, das solide Pennsylvania und das +jugendfrische Cornell.</p> + +<p>Auch die idyllisch angelegten, zum Teil schon von Natur paradiesisch +ausgestatteten Mädchen-Colleges Vassar, Wellesley und Smith-College +suchte Kaspar auf, nahm neue, reiche und tiefe Eindrücke und Anregungen +in sich auf und verbrachte unvergeßliche Stunden mit edlen, freien, +zielbewußten Frauen, um deren Gestalten bisweilen ein Hauch königlicher +Würde schwebte.</p> + +<p>Es war in der Tat eine neue Welt, die dem<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span> ehemaligen Lehrer der +Tramberger Anstalt und der Leipziger Reformschule nach und nach +aufging. Und doch ward er gerade hier oft an alte moravische +Institutionen, zum Beispiel das Jahrgangssystem, die mehr oder +weniger begrenzte Selbstverwaltung der Zöglinge und die intensive +Körperausbildung, erinnert.</p> + +<p>Unabsehbare Perspektiven eröffneten sich jedenfalls, frohe +Zukunftshoffnungen regten sich; klarer und klarer wurde Kaspar, wo +deutsche Nacheiferung mit Erfolg einsetzen konnte, wo nationale +Selbständigkeit und deutsche Stammesart gewichtige Unterschiede +bedingen und behaupten mußten.</p> + +<p>Im großen und ganzen waren es mehr äußere Vorzüge, die den Neid +deutscher Erzieher erregen konnten, so die großlinige Anlage der +behaglichen Wohnheime, der fürstlich ausgestatteten Institute, der +vornehm moderne Zuschnitt des kraftvoll gesunden Lebens, die üppige +Gelegenheit zu Spiel, Sport und Kunstpflege aller Art, die reichen +Bibliotheken, die freie Geselligkeit und anderes mehr.</p> + +<p>Aber auch innere Momente waren sehr beachtenswert, vor allem die +Einheitlichkeit der nationalen Grundstimmung, die frauenstolze +Sittenstrenge, die zielbewußte Erziehung zum unabhängigen +Willensmenschen, der nüchtern, keck, froh und nicht mit allzu viel +gelehrtem Ballast beladen,<span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span> seinen Mann im praktischen Leben stehen +kann.</p> + +<p>Nur ein wichtiges Moment, das den alten Griechen wie ihren modernen +Nachfahren, den Deutschen, stets als Ideal im Zenith ihrer Erziehung +stand, das der künstlerischen Harmonie, vermißte Kaspar gar zu sehr +in den amerikanischen Bildungsanstalten. Dafür herrschte zu viel +Oberfläche, zu viel Prunk, gab es zu viel Hast, zu wenig Tiefe und +still langsames Reifenlassen.</p> + +<p>Man pflegte anscheinend einen guten und lebenstüchtigen Durchschnitt zu +erzielen, aber keine besonderen Individualitäten, keine Führernaturen, +keine Bahnbrecher, die übrigens wohl nicht zufällig auch dem +amerikanischen Kunst-, Wissenschafts- wie Staatsleben in der Tat +fehlten. Selbst an geistig wie wirtschaftlich wirklich unabhängigen +Forschern gebrach es allenthalben, vielleicht darum, weil die Erzieher +und Lehrer Amerikas nicht ähnlich fürstlich unterhalten und geschätzt +wurden wie die prunkvollen Gebäude, in denen sie wirkten.</p> + +<p>Nur im Geschäftsleben waren geniale Schöpfer zu finden, da hier +einstweilen noch durchaus der Schwerpunkt des amerikanischen Ehrgeizes +und seiner Leistungen lag.</p> + +<p>Weit schärfer traten Kaspar diese Mängel der amerikanischen +Jugenderziehung entgegen, als er nach einigen Monaten in den Middle +West und Westen kam.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span></p> + +<p>Freilich galt es auch hier, nicht in Bausch und Bogen zu urteilen oder +gar zu verurteilen, es galt vorsichtig und gerecht zu prüfen und zu +werten; es galt vor allem, nicht Früchte von Bäumen zu verlangen, die +erst vor kurzem gepflanzt und noch nicht einmal fest eingewurzelt waren.</p> + +<p>Überdies gab es Ausnahmen genug, namentlich da, wo sich in älteren +deutschen Ansiedlungen, nach Befriedigung des gierigen Geldhungers, +der alte germanische Bildungstrieb schon wieder geregt und +Eignes geschaffen hatte, wie etwa in der stolzen Metropole der +deutschen Middlewest-Kultur, in Cincinnati, oder im lieblichen, +rührigen Indianapolis, in Milwaukee, Chicago und den selbstbewußt +emporstrebenden Zwillingsstädten St. Paul-Minneapolis.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Und weiter gen Westen eilte Kaspar, und nach und nach ging dem bisher +allzu eifrig aufs geistige Amerika Bedachten auch die Eigenart und die +in scharfem Kontrast zwischen arm und üppig schwankende Beschaffenheit +des Landes auf. Mit seinem sprunghaften Klima und seinem tückischen +Wechsel zwischen gar keinen oder zu vielen Bodenschätzen, Naturkräften, +Fauna- und Florabeständen mußte dieses seltsame Land auf den Charakter +der zu Extremen jeder Art neigenden Bevölkerung gewirkt haben und wohl +stets weiter wirken.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span></p> + +<p>Im Osten hatte sich Kaspar nur wenig um die Landschaft der Gebiete +gekümmert, die er mit den oft rasenden Expreßzügen durcheilte. Dafür +genoß er die Einzelschönheiten seiner Hauptstationen mit um so größerer +Muße und Liebe, wie zum Beispiel die wunderreichen Ufer des Hudson, +die gern versteckten Parkherrlichkeiten des idyllisch lieblichen +Massachusetts oder die ihn an Schlesiens und Thüringens Waldberge +unwillkürlich erinnernden Catskill-Mountains.</p> + +<p>Überhaupt hatte er in den Altenglandstaaten nicht oft das Bewußtsein, +in einem fremden Weltteil zu sein. Nur die traurigen Waldverwüstungen, +fern von den Kulturzentren, erinnerten wie ein schauerliches Menetekel +an die grausame Pranke des niemals schlafenden, gigantischen Raubtiers +Yankee.</p> + +<p>Je mehr sich Kaspar jedoch von der atlantischen Küste entfernte, um so +wuchtiger und großzügiger offenbarte sich ihm die Eigenart der neuen +Welt, in der elementaren Urkraft ihrer Riesenströme und Katarakte (wie +zum Beispiel des im starren Eise doppelt majestätischen Niagara) in +den meergleichen Seen, den noch jungfräulichen Wäldern des Nordens +und den endlosen, eintönigen, aber unermeßlich fruchtbaren Ebenen des +Middlewest.</p> + +<p>Hinter Omaha kam Kaspar kaum noch von der geräumigen Plattform des +letzten, sogenannten<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> Observationscars fort, obwohl es hier jetzt +einsam war, denn für einen Amerikaner gab es nichts zu sehen. Es war +ja nur amerikanische Durchschnittslandschaft; doch gerade sie packte +Kaspar als das wirklich Neue und Große.</p> + +<p>Da lagen die romantischen Prärien seiner jugendlichen Indianerträume, +jetzt voller Zeugnisse von Yankeetatkraft und zähem deutschen +Kolonialfleiß.</p> + +<p>Wie vor Omaha die Gas-Bohrtürme und Petroleumtanks, so reckten hier an +jeder Station hohe Getreideelevatoren ihre ewig hungrigen Hälse empor. +Daneben kauerten praktische Hürden und Viehställe, Saloons und Stores, +und dahinter Farm an Farm, umgeben von reichen, oft noch halbwilden +Herden.</p> + +<p>Eines Abends tanzten viele Tausend lodernde Feuer über die +schwarzbraunen Felder, um mit der Asche der dürren Maisstengel den +langsam schon ermattenden Boden zu erneuter Fruchtbarkeit anzuregen.</p> + +<p>Plötzlich zog ein gewaltiges Frühjahrsgewitter dumpf grollend herauf, +prasselte und knatterte mit Blitzen und Platzregen zwischen die +Farmerfeuerchen.</p> + +<p>Kaspar glaubte brausende Büffelherden stampfen und jauchzende Indianer +hetzen zu hören, und es war ihm, als sähe er das grause Gespensterheer +des ermordeten Uramerikas im nächtlichen Sturm<span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span> der Elemente heulend +und fluchend dahinrasen wie daheim die Rotte des wilden Jägers.</p> + +<p>Gedankenvoll schritt Kaspar durch das Rauchzimmer, durch Lese- und +Speisewagen zurück nach seinem bequemen Wohnabteil, das ihm der +bedienende Neger bereits in ein sauber überzogenes Bett verwandelt +hatte und nun grinsend präsentierte.</p> + +<p>Es wohnte sich wirklich behaglich auf so einem modernen Schiff der +Wüste. Denn die amerikanische Wüste kam nun, öde, schauerlich schön wie +die große Gobi oder die majestätische Sahara.</p> + +<p>Über Nacht war der brave Overland Limited ein paar tausend Meter +hinaufgestampft, nicht ganz so rasch, wie die Yankees prahlten, aber +doch unaufhaltsam. Schon früh um sechs Uhr stand Kaspar wieder, frisch +und schaugierig, auf seinem Ausguck.</p> + +<p>Alles still, trostlos und einsam ringsum, kein Mensch, kein Tier, kein +Wasser. Groteske gelbe Felsgruppen kränzen den Horizont schanzenförmig, +oft eckig und fast schnurgerade wie Zigarrenkisten über- und +nebeneinander gestellt, ganz fern darüber zarte weiße Spitzen mit +graugrünen Schatten.</p> + +<p>Langsam keucht die Riesenmaschine, es gilt haushalten mit Wasser und +Kohlen. Erst nach langen, bangen Stunden winkt eine kleine Tankstation, +um die ein paar schwarze Minenzechen und<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span> zwei armselige schmutzige +Saloons sich reihen. Aus halbzertrümmerten, längst pensionierten Cars +blöden und grinsen zerlumpte Negerweiber und Mischlingskinder. Auch +einige kleine, aber soldatisch straffe Japaner mustern scharf und +tückisch die Reisenden, die sich hastig im Sande die eingeschlafenen +Füße vertreten.</p> + +<p>Die Maschine zieht lautlos wieder an, und alles stürzt zu den Türen +oder klettert unverfroren hinten über die Puffer des Aussichtwagens auf +dessen Plattform, wo Kaspar lachend steht.</p> + +<p>Und weiter gehts durch die gelbbraune Steppe, über der die Sonne +tagaus, tagein erbarmungslos und unfruchtbar brütet.</p> + +<p>Endlich gegen Abend ändert sich das Bild. Ein grüner Fluß schafft +Wandel, zunächst an seinen Ufern, dann ringsum. Herden kurzgeschwänzter +Schafe, auch einzelne Rinder tauchen zwischen niedrigen Büschen auf. +Wachholder und vereinzelte Gruppen trotziger, kleiner Zwergkiefern +klammern sich zäh an steile rote Felswände.</p> + +<p>Kaspar lacht wieder und denkt fröhlich an Leipzig: <span class="antiqua">Collegia +mugoniana</span>!</p> + +<p>Ein Tunnel heißt dröhnend den Zug willkommen, und in seinem rauchenden +Tor versinkt schnell das lockende Bild der bizarren Felslandschaft mit +der Devils Slide.</p> + +<p>Dann braust der wildgewordene Dampfrenner<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span> plötzlich wie rasend bergab, +zischend bricht er gleich einem grimmen Drachenwurm in die gesegneten +Gefilde des Mormonenstaats Utah.</p> + +<p>Tiefblauer Sommerhimmel, lachende Gärten mit Tausenden rotblühender +Obstbäume zwischen weißen, lieblichen Cottages.</p> + +<p>Bei Ogden, dessen holden Paradiesesfrieden ernste Schneehäupter +bewachen, denkt Kaspar an Innsbruck und Hans Sebalt. Wo mochte der +traute Genosse ferner Jugendtage jetzt weilen? Ursemi hoffte in ihrem +letzten sehnsuchtsvollen Brief auch ihn, den großen Südseefahrer, in +New-Reda begrüßen zu können.</p> + +<p>Und weiter rollt der wackere Überlandzug mitten hinein in ein weites, +seltsames Tal, auf dessen breiter Sohle der tiefblaue, schier +unendliche Salzsee totenstill und ölglatt wie ein Weiher liegt.</p> + +<p>Die Sonne sinkt mählich. Auf einem über hundert englische Meilen +messenden Riesenpfahldamm poltert der Zug mitten durch die klare, nun +grün schimmernde Flut.</p> + +<p>In allen Farben, vom tiefsten Violett bis zum fahlen Gelb, beginnen die +schneeigen Berghäupter zu spielen und wirre, grelle Reflexe sprühen +ringsum aus dem stahlblanken Spiegel des Sees, der nach und nach +immer flacher wird und zuletzt in hundert Lachen zu einer grauweißen +Salzwüste verebbt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span></p> + +<p>Glutrot taucht der Sonnenball in die bläulichen Dunstschichten des +Horizonts. Dämmerung breitet sich gespenstisch über die Landschaft, die +Kaspar dünken will wie ein Stück fremder Welten.</p> + +<p>Immer tiefer wird der dunkelblaue Streifen des versinkenden Sees, immer +duftiger die Orangetöne der im Alpenglühen verhauchenden Felsspitzen; +nun sterben sie rasch, und ein hartes Dunkelviolett verkündet ihren Tod.</p> + +<p>Auch sonst ist alles Leben erstorben. Kein Vogel singt, kein Raubtier +schreit mehr, kein Blatt, kein Hälmchen mehr wagt sich zu rühren. Die +Wüste schläft. Starr wie die Gletscher des ewigen Eises liegen die +Leichen der Bergriesen um sie herum.</p> + +<p>Grün und rot blitzen an der Strecke die Signallaternchen der +Blockstationen auf gleich lustigen Glühwürmchen. Und über schwarzen +Zacken steigt in majestätischer Ruhe die schmale Sichel der silbernen +Luna empor.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Und abermals zaubert die Lebenspenderin Sonne in taufrischer Schönheit +den Tag, und noch immer schnauft und prustet der unermüdliche Overland +Limited nunmehr munter 6000 Fuß hinauf zu den gefährlichen Firnen und +Schneejochen der Sierra Nevada.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span></p> + +<p>Kecke, verwegene Goldgräber in abgeschabten Velvetkostümen, an +den Füßen Ledergamaschen und auf den trotzigen Häuptern breite +Filzhüte, steigen zum Schrecken einiger Fifth-Avenue-Ladies in den +Observationscar, lümmeln sich frech in die ledernen Parlorsessel; +rauchen, spucken, drehen ihre blitzenden Brillantringe und spielen +protzig mit ihren dicken Goldketten.</p> + +<p>Empört fliehen die Dämchen in ihre verschwiegenen Compartements zurück, +drücken ihre Näschen indigniert an die Wagenfenster und mustern +neugierig hochmütig die vertierten, angetrunkenen Indianer, die ihnen +von draußen in malerischen Kostümen allerlei zierliche Knüpf- und +Flechtarbeiten ihrer fleißigeren Squaws feilbieten.</p> + +<p>Die Vergangenheit grüßt die Zukunft Amerikas demütig; die Gegenwart +aber gehört den Pionieren des Glücks und der Kraft.</p> + +<p>Die Strecke steigt immer noch. Dann donnert der Zug 55 Meilen lang +durch einen hölzernen Schneeschutztunnel, ein Kyklopenwerk, das ganzen +Wäldern der schönsten Baumriesen das Leben gekostet hat.</p> + +<p>Da — ein paar blitzartige Ausblicke auf starre, leichengrüne, von +schneebedeckten Zirbelkiefern umtrauerte Bergseen, die wie gefrorene +Meeraugen aus der Tiefe emporglotzen; und nun endlich gehts in +sausender Fahrt durch das duftende<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> Blue Canyon hinab in das gelobte +Land Kalifornien, das mit herrlich blauen Koniferen, mit blühenden +Pfirsichen, Aprikosen, Birnen und Mandelbäumchen frohlockend den +Welttrotter grüßt.</p> + +<p>Ein ewiger Frühling lacht aus den üppigen Tälern.</p> + +<p>Weinberge, Orangen, Limonen, Feigen, Palmen, Live-Oaks, Eukalypten und +Rosen tanzen um die Wette an dem staunenden Kaspar vorbei. Das ganze +Land ist ein einziger blühender Garten, das Eden Amerikas!</p> + +<p>Die weite Ebene öffnet sich ganz. Auf saftigen Wiesen weidet ein +schwerer Rinderschlag, eine feurige Rasse von Pferden. Hier fährt man +die Heuernte ein, dort ziehen Orangenhändler lachend zu Markt.</p> + +<p>Alles atmet Fröhlichkeit, Üppigkeit, weltvergeßnen Genuß.</p> + +<p>Auch dem soliden Überlandzug scheint kalifornischer Leichtsinn in die +eisernen Knochen gefahren zu sein. Er stiebt wie besessen dahin, so +daß eine wirbelnde Staubsäule ärgerlich hinter ihm herfegt und den +Observern der Plattform so viel Schmutz auf die Kleider und Sand in die +Augen wirft, daß sie die Position räumen.</p> + +<p>Nur Kaspar weicht nicht, er schließt die Augen und träumt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span></p> + +<p>»Welt«, klingt es leise durch seine Seele, »wie groß bist du und wie +herrlich! Dank dir, toter Freund und Vater, daß du mich in solche +Weiten gesandt! Dank dir, Allmächtiger, daß du mir die Schönheit deiner +Wunderwerke geoffenbaret hast!«</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel_2">Neuntes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Shaky San Francisco</b></span></h3> +</div> + +<p>Schon in Oakland an der Fähre erwartete Ursemi ihren Kaspar und fuhr +mit ihm in glückseligem Geplauder über die tiefblaue Bai, an zwei +malerischen Inseln vorüber.</p> + +<p>Kaspar sah die schmucken Eilande nicht; er sah nur in das liebe, +seltsam veränderte Gesicht der Jugendfreundin und glaubte allerlei zu +lesen, was ihm nicht gefallen wollte.</p> + +<p>Harry war wie fast immer in Geschäften unterwegs, die kleine Edith ein +wenig erkältet; aber sonst war viel Gutes und Ergötzliches von dem +lieben Putz zu melden; tappeln konnte er schon ganz flott und auch von +Wau-Wau und Mies-Mies, von Brauni und Peter die größten Wunderdinge +zusammenflausen.</p> + +<p>An der Ferry-Station stieg man aus. Ein elegantes Automobil mit +Chauffeur und Diener hielt vor dem mächtigen Portal, und mit +Staunen fuhr Kaspar die imposante Market Street mit ihren riesigen +Geschäftspalästen, ihren monumentalen<span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span> Banken und Warenhäusern entlang, +an dem ragenden Kuppelbau der mit einer Liberty-Statue gekrönten +City-Hall vorüber, hinauf nach dem stillen Alamo Square, wo weiß +und schlank aus dem Gewühl der Holz- und Konkrethäuser das stolze +Marmorpalais New-Reda emporstrahlte.</p> + +<p>Als Kaspar, vom japanischen Portier Charly gemessen begrüßt, von dem +Hausnigger Samy devot grinsend gefolgt, die mit dicken Smyrnateppichen +belegten kostbaren Mahagonistufen zwischen Bronzegeländern hinaufstieg, +während der Diener mit dem Koffer in der Lift hinauffuhr, da kam +über den gereiften Mann dasselbe Gefühl — als erlebe er Märchen — +wie vor achtzehn Jahren in Reda. Wie die Winklersche Villa gegen die +Gnadenzeller und Betheler Bubenzimmer, so verhielt sich Neu-Reda zu +Alt-Reda.</p> + +<p>Und als er gar von seinem hochgelegenen Balkonzimmer die schönere +und nicht minder kühn-aufstrebende Rivalin Neuyorks, die Königin +der Südsee und ihr »goldenes Tor« mit seinen blauen Buchten und +Inseln überschaute, da hätte er in die Knie sinken mögen vor solcher +majestätischen Schönheit.</p> + +<p>Und doch war es Kaspar, als drohe Unheil, als laure in dem bläulichen +Dunst überm fern leuchtenden Ozean, etwa ein tückisches Untier, das +träge auf seine Stunde warte, um seine Riesenarme wie<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span> ein gieriger +Polyp um die vulkanische Halbinsel zu klammern und sie zu schütteln und +zu rütteln, daß ihre Grundvesten erbebten.</p> + +<p>Als Kaspar bald darauf den strahlenden Harry Brosyn begrüßte und ihn +schüchtern fragte, ob es nicht ein wenig gewagt sei, gerade auf so +gefährlichem Boden wie hier so gewaltige Bauten aufzuführen, lachte +ihn der Graf weidlich aus, klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und +meinte überlegen: »<span class="antiqua">Well, my good fellow, our old shaky</span> Frisco +hat seine Launen wie jedes schöne Frauenzimmer. Es neckt und shakt und +earthquakt auch manchmal ein bißchen; aber nur keine Angst! Man wird +das hier bald gewohnt und schert sich schließlich den Deubel drum. Wir +Amerikaner sind keine Angstmeier!«</p> + +<p>»Oho —,« fiel Ursemi schalkhaft ein, »ich bin und bleibe eine +Deutsche, verstehst du, lieber Harry. Angst habe ich darum so wenig wie +du, du Bramarbas!«</p> + +<p>Dann kam klein Edith und hinter ihm Brauni, das treue Hündchen.</p> + +<p>Onkel Kaspar mußte Brauni streicheln, sein Pfötchen schütteln und alle +Kunststücke des struppigen Köters bewundern, mußte alle Spielsachen, +die Edith anschleppte, feierlich in Empfang nehmen und ward gründlich +beschäftigt.</p> + +<p>Bald waren Kaspar, Edith und Brauni ein<span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span> Herz und eine Seele und wurden +immer unzertrennlicher.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Tage wurden schwüler, die Hitze lastete immer schwerer über der +Riesenstadt und auch an dem sonst so bewegten Strande und auf der Bai +war kein kühles Lüftchen zu spüren, obwohl es noch nicht Mitte April +war.</p> + +<p>Tag und Nacht standen die Fenster offen, doch es half nichts. Schon am +Morgen begann der Schweiß aus den Poren zu brechen.</p> + +<p>Unter diesen Umständen verschob man die Ausflüge in die herrliche +Umgegend, vor allem ins paradiesische Yosemite Valley, auf frischere +Tage; denn von einem Ritt auf den Mount Tamalpais und ins Mill Valley +mit seiner einzigartigen Baumpracht vorsintflutlicher Redwoodriesen +waren Harry und Kaspar wie gebadet zurückgekommen.</p> + +<p>Überdies hatte Harry gerade besonders viel auf seiner Bank zu tun, da +neue gewaltige Unternehmungen vorbereitet wurden und dazu große Summen +flüssig gemacht werden mußten.</p> + +<p>Doch auch in der nächsten Umgebung San Franciscos gab es genug Schönes +zu sehen, insonderheit den wunderbaren Golden Gate Park, dessen +weiträumige Anlagen, Haine, Seen und Tierparks die Energie der Bewohner +erst vor kurzem<span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span> gleichsam aus dem Boden gestampft hatten.</p> + +<p>Mit Vorliebe stand Kaspar ganz früh auf — da war es noch leidlich +kühl — und erging sich auf den jetzt so fruchtbar bewaldeten Hängen +und üppigen Tälern des Parks, der noch vor wenig Jahren unfruchtbare +Sanddüne gewesen war.</p> + +<p>Auch am Morgen des 18. April 1906 stand Kaspar um fünf Uhr auf und zog +sich ruhig an, obwohl es draußen gerade heute besonders dunstig und +schwül zu sein schien.</p> + +<p>Plötzlich hörte Kaspar den treuen Brauni, der jetzt meist schon früh +vor seiner Tür lag und auf den Spaziergang wartete, laut aufheulen.</p> + +<p>Mitleidig sprang Kaspar zur Tür — da wars ihm, als stürze ihm diese +entgegen. Ein dumpf dröhnendes Rollen quoll aus der Tiefe, ein +furchtbarer Schlag, und mitten in das Zimmer, wo Kaspar noch eben +gestanden, fiel krachend durchs Dach ein mächtiges Stück Schornstein +herein.</p> + +<p>Kaspar stürzte auf dem Gang, den er mit einem Sprung erreicht hatte, +lang hin, dann gellte sein Schrei in wilder Angst durchs Haus.</p> + +<p>Im Nu sprang er auf. Edith! war sein einziger Gedanke — hinab zu ihrem +Zimmer! Er riß das sanft schlummernde Kind aus seinem Bettchen, während +die Bonne schreiend erwachte und der getreue Brauni winselnd an ihm +hochsprang, als wolle er zur Eile mahnen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span></p> + +<p>Dann lief Kaspar an die Tür, hinter der die Eltern schliefen. Wie +wahnsinnig schlug er mit der Faust dagegen und schrie: »Raus, raus, +retten! Ich habe Edith!«</p> + +<p>Und davon stürzte er, einige schon geborstene und verbogene Treppen +vorsichtiger nehmend, glücklich hinaus auf den Alamo Square, gefolgt +von Brauni.</p> + +<p>Zitternd am ganzen Körper, setzte er das weinende Kind sanft auf den +grünen Rasen, rief ihm zu: »Nicht weinen, Onkel kommt gleich wieder, +hier Brauni kusch!«</p> + +<p>Und zurück hetzte er, auf das Palais zu, während von allen Seiten +aus den wankenden, reißenden, hie und da schon aufflammenden Häusern +halb wahnsinnige, schreiende Menschen, kaum mit dem Notdürftigsten +bekleidet, herausstürzten.</p> + +<p>Der kleine Japaner Charly und der Nigger Samy waren die ersten, die ihm +aus New-Reda entgegeneilten. Rasch wies Kaspar ihnen den Platz, wo das +spielende Kind neben dem gerade schönmachenden Brauni schon wieder vor +Vergnügen jauchzte; aber die beiden Farbigen grinsten nur spöttisch, +winkten verächtlich ab und schossen mit allerlei verdächtigen Bündeln +fröhlich davon, als begänne für sie ein großes Fest.</p> + +<p>Den Japaner Charly hat nie wieder jemand gesehen. Samy lag später +mit bestialisch verzerrter<span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span> Fratze in der schmachvollen Reihe der +erschossenen Plünderer.</p> + +<p>Auf den ersten Stufen der Treppe rannte Kaspar gegen die schreiende +Zofe an. Die Bonne lag weiter oben ohnmächtig und blutend zwischen zwei +Geländer gepreßt.</p> + +<p>Kaspar wollte sie emporziehen, losreißen, sie befreien, vergebens! +Immer dichter und dichter schoben sich Holz, Bronze, Eisen und Teppiche +um die Bewußtlose zusammen.</p> + +<p>»Ein Beil!« brüllte Kaspar; aber niemand hörte. Dann scheuchte ihn +plötzlich die wilde Angst um Ursemi weiter hinauf.</p> + +<p>»Gott sei Dank!« da stieg Harry mit der Ohnmächtigen eilends die leise +knirschenden Treppen hinab.</p> + +<p>»Paß auf,« schrie Kaspar, »hier ist ein tiefer Spalt, spring oder wirf +sie mir zu!«</p> + +<p>Aber das war leichter gesagt als getan. Mit dem Fuß stieß Kaspar ein +schon halb abgerissenes Bronzegeländer vollends los, warf es wie eine +Brücke über den Spalt, und Harry glitt noch eben hinüber, kam freilich +mit seiner Last zu Fall vor Kaspar, der Ursemi auffing und weitertrug.</p> + +<p>»Komm, das Kind ist draußen,« drängte Kaspar den Grafen, der sich +leicht verletzt hatte und nachhumpelte.</p> + +<p>»Aber die Bonne hier, die laß ich nicht liegen!«<span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span> meinte Harry +mitleidig, obwohl es über ihm immer unheimlicher krachte und schob.</p> + +<p>»Komm,« gellte Kaspars Schrei noch einmal flehend zurück, »nichts zu +machen ohne Beil!«</p> + +<p>»Werden wir gleich haben,« sagte Harry mit kühlem Blut, während Kaspar +mit Ursemi über der Schulter zur Tür hinauskeuchte.</p> + +<p>Neben das mit Brauni spielende Kind bettete er die bleiche Mutter, und +klein Edith legte geheimnisvoll die Rechte an ihr Schnutchen, hob ein +Fingerchen der Linken und sagte mit wichtigem Mienchen: »Mama slafe, +slafe. Didith danz tille sein, Papa atta. Bauni tusch, tusch!«</p> + +<p>Und gehorsam legte sich die treue Hundeseele neben seine gestrenge +Herrin und ließ das Zünglein behaglich hängen.</p> + +<p>Bald darauf neigte sich Palais New-Reda ein wenig vornüber und stürzte +krachend zusammen.</p> + +<p>Unter seinen Trümmern fanden die tapferen Sappeure der Marine +später die völlig zerquetschten Leichen der Bonne und des Grafen +übereinandergepreßt.</p> + +<p>Krampfhaft umklammerte des tapferen Harrys Hand noch das Beil, mit dem +er das arme Mädchen hatte befreien wollen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_395">[S. 395]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Furchtbare Stunden und Tage hatte Kaspar durchzumachen.</p> + +<p>Kaum war Ursemi von ihrer schweren Ohnmacht erwacht, so wollte sie auch +in das Haus zurück. Als sie es schon gestürzt sah, brach sie mit einem +entsetzlichen Aufschrei aufs neue zusammen, während das erschreckte +Kind weinend davonzulaufen suchte.</p> + +<p>Die Zofe war erst wie blind davon gestürzt und hatte sich, selbst +völlig verwirrt unter den vielen verwirrten Menschen, die sich bald wie +eine führerlose Schafherde benahmen, scheinbar verloren. Später traf +Kaspar sie dann wieder und konnte ihr wenigstens das Kind anvertrauen.</p> + +<p>Als jedoch gegen zehn Uhr der zweite, noch heftigere Stoß einen großen +Teil der schon erschütterten Häuser vollends umkippte wie dünne +Kartenhäuser, als die Erde sich spaltete, Pflaster und Schienen, Kabel +und Röhren zerrissen, so daß Wasser und Gas allenthalben hervorstoben, +als die Flammen von allen Seiten wie ein glühendes Meer heranwogten +und rasten, da kostete es Kaspar unsägliche Mühe, die völlig ratlose +Zofe bei sich zu behalten und mit ihr die in wilden Phantasien rasende +Gräfin abzuhalten, ihr Kind zu ergreifen und irgendwohin in eines der +brennenden Häuser zu stürzen.</p> + +<p>Und die langen, bangen Stunden schlichen dahin,<span class="pagenum" id="Seite_396">[S. 396]</span> Hunger und Durst +meldeten sich. Kaspar fing irgendwo von einer noch rinnenden Leitung +Wasser in sein Portemonnaie auf und gab dem weinenden Kinde, gab der +Zofe und dem Hunde zu trinken, wusch Edith und sich ein wenig, füllte +wieder und wieder, netzte von Zeit zu Zeit die lechzenden Lippen der +fiebernden, bewußtlosen Mutter, legte ihr sein feuchtes Taschentuch +auf die glühende Stirn, bettete ihr Haupt sanft auf seine Weste und +deckte mit seiner Jacke notdürftig ihre zitternden Glieder. Denn sobald +der Tag sich neigte, sobald an die Stelle der furchtbaren Schwüle eine +merkliche Kühle trat, gebrach es an Kleidung. Auch die Zofe mußte ihre +dünne Nachtjacke hergeben und klein Edith darin einhüllen.</p> + +<p>Als die Zofe jedoch weinend und stotternd erklärte: sie erfriere +und müsse die Jacke anziehen, stand Kaspar ratlos auf und stahl im +schützenden Dunkel der Nacht einem gutbekleideten Schlafenden eine +Decke, hüllte das weinende Kind darein, nahm es liebkosend in seine +Arme und buschte es ein.</p> + +<p>Eine furchtbare Nacht schlich dahin, bitter kalt und feucht.</p> + +<p>Böige Winde brausten daher, auch Regenschauer, die freilich dem +Feuer nicht Einhalt tun konnten, im Gegenteil, es scheinbar heftiger +anfachten.</p> + +<p>Tausende von Holzhäusern brannten in wenigen<span class="pagenum" id="Seite_397">[S. 397]</span> Stunden bis auf den +letzten Rest nieder. Steinbauten stürzten laut krachend zusammen, und +bei den riesigen Zementgebäuden lösten sich, nach und nach springend, +die angepatzten Konkretmassen von den glühenden Eisenträgern und +torkelten mit dumpfem Gepolter in die Tiefen oder über die zerrissenen +Straßen.</p> + +<p>Es war ein schauerlich imposanter Anblick, die gewaltige, brennende +Stadt ringsum, vor allem unten in der Tiefe.</p> + +<p>Aus dem noch immer wogenden Flammenmeer ragten die weiß, gelb und +rot glühenden Eisengerüste, wie greuliche Skelette bläkend und +zähnefletschend, in die Höhe; und wenn die Windsbraut ihnen heulend +aufspielte, schien es Kaspar, als wären sie lebendig und tanzten einen +wilden Cancan zwischen den lodernden Flammen, als würfen sie sich mit +hohnlachendem Knattern und Knistern die Riesentrümmer wie Spielbälle +zu. Ja, das höchste Gerippe hielt die kupferne glühende Kuppel der City +Hall mit der Libertypuppe jauchzend empor wie eine glücklich erbeutete +Krone.</p> + +<p>Und dazu das tückische Johlen und Beifallpfeifen des Sturmes, das +wüste Toben der verzweifelten Menschheit, die gellenden Schreie der +zahllosen Verwundeten, der hilflos Verschütteten, der Wahnsinnigen +und Fiebernden, das blöde Wimmern oder wütende Fluchen derer, die +in Minuten<span class="pagenum" id="Seite_398">[S. 398]</span> verloren, was sie in langen Jahren mühsam verdient und +erschafft, die scharfen Schüsse zwischen Soldaten und Plünderern, +und fern vom Strande dumpf donnernde Brandung wie das befriedigte +Brummen eines gesättigten Raubtiers — wahrlich — das klang wie das +schauerliche Mißkonzert einer infernalischen Nacht!</p> + +<p>Und dann graute der Tag. Die Sonne stieg empor — erst blutig rot +vom Dunst und Qualm — dann hell strahlend und hart. Mit grausamer +Genugtuung schien sie den furchtbaren Greuel der Verwüstung zu mustern, +spöttisch das wirre bunte Lager der Hunderttausende auf den Squares und +im Golden Gate-Park zu belachen.</p> + +<p>Mit Decken, Plaids und Laken, auf abgebrochene Stakete und Äste +gespannt, hatten sich manche schon notdürftige Zelte errichtet; aber +nur Dutzende unter Tausenden waren so glücklich, mehr gerettet zu haben +als das nackte Leben und zwei oder drei Kleidungsstücke.</p> + +<p>Menschenliebe und Mitleid schafft das wirklich große Unglück nie, nur +Roheit und Verbrechen! Man gab sich nicht nur nichts; man stahl sich +noch das Wenige im Dunkel der Nacht; man stieg heimlich in die Trümmer +zurück, um zu plündern, was man brauchte oder den Toten nicht gönnte.</p> + +<p>Auch der Hunger trieb die Menschen wie gierig lechzende Hyänen schon +durch die Nacht, wie spürende<span class="pagenum" id="Seite_399">[S. 399]</span> Hunde nun am Tage. Anfangs hatte man +über den aufregenden Ereignissen des Magens Knurren überhört, ihn dann +mit dem ersten Besten, mit Früchten, Straßenabfall, Gras und Blättern, +ein wenig hingehalten. Jetzt in der kalten Morgenluft meldete er sich +wie ein reißendes Tier! Man stürmte die wenigen Läden, man raubte sich +das Gestohlene und fiel sich mit Messern und Revolvern darum an, wie +vor Hunger meuternde Matrosen eines verschlagenen Wracks.</p> + +<p>Jede Ordnung war dahin; keine Autorität galt mehr, und die stolze, +selbstbewußte Freiheit der Republikaner schlug rasch in die Willkür +rücksichtsloser Piraten um. Auch die Achtung vorm Weibe, eine der +tiefsten und edelsten Tugenden der Amerikaner, ging zeitweise im +Strudel des bestialischen Selbsterhaltungstriebes unter.</p> + +<p>Erst am Tage darauf ließ die Wildheit und Roheit nach, und die besseren +altruistischen Gefühle siegten hier und da über den eingebornen +Egoismus.</p> + +<p>Der Hunger und der Durst machte nach und nach auch die zügellosesten +Burschen zahm, und gerade von unten herauf begann die Ordnung zu siegen +vermöge der drängenden Sehnsucht nach dem Leben.</p> + +<p>Allgemach begann man systematisch ans Werk der Rettung zu gehen. Führer +fanden sich und wurden<span class="pagenum" id="Seite_400">[S. 400]</span> anstandslos anerkannt, wenn sie sich in den +Dienst des allgemeinen Wohls stellten.</p> + +<p>Die erste Sorge galt dem Eindämmen des Feuers. Rasch angerückte +Soldaten unter entschlossenen Offizieren kämpften wie Helden gegen das +anfangs nur in sechzehn, dann in Hunderten verschiedener Quartiere +rasende Feuer, das rasch sich vereinigte und unaufhaltsam weiterfraß. +Wasser war nicht zur Stelle, die Leitungen waren geplatzt und +zerrissen, das Meer zu weit.</p> + +<p>Man begann mit Dynamit zu sprengen und ganze Straßen niederzulegen, und +so mischte sich ein neues derbes Instrument in das wilde Höllenkonzert +des untergehenden San Francisco.</p> + +<p>Auch die Ernährungsfrage ward einigermaßen geregelt. Etwaige Vorräte +wurden gesperrt und gestapelt, Diebe überwältigt, Eßwarengeschäfte +und Bäckereien mit Wachen besetzt und dann ordnungsgemäße Brotreihen +gebildet, in die auch Kaspar als Bettler für seine kranke Freundin, für +das Kind und für sich mehrfach eintreten mußte, da die Rationen nur +klein waren.</p> + +<p>An der endlosen Reihe der Hungrigen zogen oft ganze Wagen voll +schreiender, wimmernder Schwerverletzter vorüber. Schrecklich +verstümmelte und blutig zerquetschte Glieder hingen kraftlos herab und +heraus oder zuckten wie im letzten Todeskampf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_401">[S. 401]</span></p> + +<p>Man rettete und flüchtete die Verwundeten aus den bedrohten Lazaretten +vor den unwiderstehlich heranwogenden Flammen, die freilich oft +schneller waren als Menschenhilfe.</p> + +<p>Zu Dutzenden mußten beherzte Ärzte allzu schwer Verwundete und nicht +mehr zu Rettende, darunter manche Kinder, mit Chloroform betäuben, um +die Wehrlosen so vor den Qualen des gräßlichen Feuertodes zu bewahren. +Bei vielen jedoch war die Narkose umsonst, und gellend hallten die +fürchterlichen Entsetzensschreie der hilflos Verlassenen aus den +unbarmherzig fressenden Flammen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Kaspar war es ein Trost, daß die schwerkranke Ursemi all den grausen +Jammer nicht mit anhören und ansehen mußte. Schon um den Verstand der +noch immer stotternden Zofe sorgte er bisweilen, denn es wurden immer +wieder neue Unglückliche wahnsinnig, und Wahnsinn steckt an.</p> + +<p>Klein Edith dagegen spielte mit andern Kindern fröhlich, ja ausgelassen +und fragte nur öfters: warum die Mama so lange schliefe und Papa gar +nicht wiederkäme.</p> + +<p>Nachdem Ursemi, die zeitweise wieder zu sich kam, mehrfach vergeblich +Auskunft über das Ende ihres Mannes erfleht hatte, verfiel sie gänzlich +in Apathie und Delirien, und am fünften Tage überließ<span class="pagenum" id="Seite_402">[S. 402]</span> sie Kaspar der +Zofe und einigen mitleidigen Nachbarn und ging aus, um Hilfe zu holen.</p> + +<p>In dem fliegenden Lazarett wollte man die Kranke nicht aufnehmen, da +die Verwundeten vorgingen.</p> + +<p>Zum Glück wußte die Zofe die Adresse eines jungen deutschen +Bankbeamten, eines Herrn Borchardt, der mit seiner Frau draußen im +Sunset District an der Ocean Beach wohnen sollte. Vielleicht hatte +dort draußen in den kleinen Holzhäusern auf dem weichen Dünensande das +Erdbeben nicht so gewütet. Und richtig, als Kaspar, durch das wüste +Feldlager des Golden Gate Parks eilend, hinabgelangte, sah er die +lieblichen Häuschen unversehrt in ihren bescheidenen Gärtchen stehen.</p> + +<p>Nach allerlei Fragen fand er die junge Frau Borchardt, die Kaspar +mitteilte: ihr Mann sei jetzt Tag und Nacht auf der Bank, sie sei aber +gern bereit, die Kranke aufzunehmen. Hinten im Garten stände ihre erste +Wohnung leer, freilich nur ein zweiräumiges kleines Holzhüttchen — sie +nannte es Puppenheim — da wolle sie zurechtmachen.</p> + +<p>Kaspar dankte mit Tränen in den Augen und jagte zurück zum Alamo Square.</p> + +<p>Aber wie die Kranke über den hohen Hügel und durch den weiten Park nach +den Dünen transportieren?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_403">[S. 403]</span></p> + +<p>Herr Borchardt mußte eben helfen, ein anderer tats jetzt schwerlich +oder nur für vieles Geld, und Kaspars Scheckbücher lagen unter den +Trümmern.</p> + +<p>Nicht einmal die Uhr, nur das fast leere Portemonnaie und den kleinen +Kompaß Gottfried Kämpfers hatte er gerettet von seinen wenigen Schätzen.</p> + +<p>Durch die brennende, mit Trümmern übersäte Stadt nach der Bank zu +kommen hielt sehr schwer.</p> + +<p>Überall sperrten Schuttmassen, heißes Eisengestänge oder glimmende +Holzbarrikaden die Straßen.</p> + +<p>In den wichtigeren Straßen mußte alles aufräumen helfen. Mit +Gewehrkolben, Gummiknüppeln und oft auch mit vorgehaltenen Revolvern +zwangen Soldaten und Policemen alle Männer zur Mitarbeit. Auch Kaspar +mußte heran, arbeitete in Verzweiflung mit, stahl sich aber dann +heimlich davon.</p> + +<p>An der Van Neß-Street tobte der Kampf gegen das Feuer am wildesten. +Hier, an dieser breiten Verkehrsader, hoffte man endlich die noch immer +unbesiegten Flammen zum Stehen zu bringen.</p> + +<p>Streng waren überall die Verbote, auf offener Straße zur Bereitung von +Lebensmitteln Feuer zu machen; am strengsten und rücksichtslosesten +wurden sie hier, an dieser gefährlichen Stelle, von den fast zu Tode +erschöpften, vielfach nervös überreizten Soldaten gehandhabt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_404">[S. 404]</span></p> + +<p>Da sah Kaspar, wie ein roher Söldner nach dreimaligem Verbot eine +arme, tapfere Mutter erschoß, die ein Töpfchen Milch für ihr fast +verdurstetes Baby doch auf einem schnell gestohlenen Feuerchen warm +machen wollte und sich nicht warnen ließ. Als die Ärmste, über +Feuer und Kindchen stürzend, lang hinschlug, sprang Kaspar, seiner +Sinne nicht mehr mächtig, wie rasend auf den Soldaten zu; aber ein +Gummiknüttel schlug ihn von hinten zu Boden. Man ließ ihn liegen wie +ein verendetes Stück Vieh.</p> + +<p>Nach Stunden erwachte er. Der Abend sank zum fünften Male herab seit +dem furchtbaren Morgen des 18. April.</p> + +<p>Mit hämmernden Schläfen richtete sich Kaspar mühsam auf und schlich +sich davon, hinten herum, durch Quartiere kleiner Leute, nach der Bank.</p> + +<p>Ihr Prachtbau stand noch zum größten Teile wie auch die Staatsgebäude, +zum Beispiel die nahe Post und die Münze, da sie aus soliden +Steinquadern gefügt und nicht wie die Graftgebäude der Stadtbetrüger +und Spekulanten aus billigen Konkretmassen und Eisen zusammengepappt +waren.</p> + +<p>Das mächtige Prunkportal der Bank, ein wenig verschoben, stand offen; +die vornehmen Offices leer, kein Mensch war zu sehen, auch nicht der +sonst übliche Patrolmann.</p> + +<p>Kaspar stieg vorsichtig lugend in den Keller<span class="pagenum" id="Seite_405">[S. 405]</span> hinab, aus dem etwas +schimmerte wie Fackel- oder Laternenlicht. Kaum war er einige Stufen +hinab, da rief eine scharfe, militärisch klingende Stimme auf englisch: +»Hände hoch oder ich schieße!«</p> + +<p>Kaspar stand wie vom Blitze gerührt, dann rief er zurück: »Gut Freund, +suche Mr. Borchardt.«</p> + +<p>Lachend kam nun aus dem Kellerdunkel eine deutsche Stimme: »Hallo, +Landsmann, was wollen Sie?«</p> + +<p>Und aus respektvoller Entfernung stand Kaspar Rede und Antwort, denn +jetzt sah er vor sich im Dunkel einige Leichen liegen.</p> + +<p>Es waren weiße und farbige Plünderer, die von den drei tapferen +deutschen Beamten, die hier die Millionen ihrer amerikanischen Herren +treulich bewachten, erschossen waren.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am sechsten Tage endlich gelang es Kaspar mit Hilfe des redlichen +Borchardt, irgendwo eine gebrechliche Karre aufzutreiben und auf ihr +die arme, totkranke Gräfin nach Puppenheim zu schaffen.</p> + +<p>Es war ein seltsamer Zug — anders als kurz zuvor im stolzen Automobil.</p> + +<p>Mitten durch das endlose Zeltlager des Golden Gate Park, aus dem schon +wieder Gesang<span class="pagenum" id="Seite_406">[S. 406]</span> und lustiges Geschrei ertönte, ging die stille, langsame +Fahrt.</p> + +<p>Malerische Gruppen lagen rauchend und kartenspielend ringsum.</p> + +<p>Dort schacherte schon wieder ein jüdischer Handelsmann, hier ein +Italiener mit allerlei Dingen, zu denen sie vielleicht kein großes oder +gar kein Anlagekapital gebraucht hatten.</p> + +<p>Ausgelassene Kinder tobten, sich fangend und zankend, wild umher.</p> + +<p>Alte Frauen schimpften laut aufeinander; kichernde Gruppen junger +Mädchen, die sich untergefaßt hatten, erzählten sich die drolligsten +und pikantesten Kostümgeschichten von der großen Flucht.</p> + +<p>Am Ausgang auf der breiten Sportwiese spielten sogar einige junge +Gentlemen ein regelrechtes Baseballgame, und sie spielten wie immer mit +großer Präzision, als hätte die Erde nie gebebt.</p> + +<p>Mitten durch all das bunte Leben und Treiben fuhr Herr Borchardt +langsam und vorsichtig die auf dem kurzen Wagen schlecht gebettete +Kranke, deren Füße herabhängen mußten.</p> + +<p>Kaspar bewahrte die halbtote Jugendfreundin liebevoll vor dem +Herabgleiten und sah mit Bangen der Stunde entgegen, in der auch das +letzte Leben aus diesem abgezehrten, vom Fieber verwüsteten Körper +entfliehen würde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_407">[S. 407]</span></p> + +<p>Hinter dem Wagen schritt die bleiche Zofe, noch immer nur dürftig +bekleidet, und trug oder führte die kleine Edith, die nur Augen für den +lustig bellenden Brauni hatte, dem einzelne Buben und Männer Schalen +und Kiefernzapfen nachwarfen oder ihm neckend nachblafften.</p> + +<p>Endlich war der lange Weg überwunden, und mit rührender Sorgfalt +nahm sich Frau Borchardt der Kranken an, der sie ihr eigenes Bett +aufgeschlagen hatte.</p> + +<p>Mit stummem Kopfschütteln verabschiedete sich der junge deutsche +Buchhalter von der Frau seines toten Chefs und eilte zu seinem harten +Dienst ins Bankgewölbe zurück.</p> + +<p>Millionen ruhten dort, hinter der Riesentrommel der vielfach +gepanzerten Hauptdepositenkasse; aber keiner vermochte sie zu öffnen. +Denn die das Geheimnis kannten, waren tot, und so mußten schließlich +nach etlichen Wochen die treuen Wächter selbst zu Einbrechern werden.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Kaum war Ursemi leidlich geborgen, so brachen Kaspars Kräfte plötzlich +und völlig zusammen.</p> + +<p>Ein tiefer Schlaf schuf ihm jedoch neue Energie, und so wechselte er +mit Frau Borchardt in Pflege und Wache am Bette Ursemis ab.</p> + +<p>Ein rasch herbeigeholter deutscher Arzt gab<span class="pagenum" id="Seite_408">[S. 408]</span> wenig Hoffnung. Das +Bewußtsein kehrte nur selten und dann nur auf wenige Augenblicke +zurück; das Fieber ließ nicht nach, und das letzte Flämmchen des arg +bedrängten Lebens drohte zu verlöschen.</p> + +<p>Der Arzt machte schließlich ein ernstes Gesicht, schüttelte den Kopf +und zuckte stumm mit den Achseln.</p> + +<p>Da stürzte Kaspar verzweifelt hinaus in das nahe Zederngestrüpp des +Parks, warf sich in den gelben Dünensand, nahm sein Antlitz in beide +Hände und bat Gott unter heißen Tränen: er möge ihm nicht das Letzte +und Liebste nehmen, was ihm die Erde noch trug.</p> + +<p>Dann aber schoß ihm der Gedanke durch die Seele: Hast du nicht oft +genug dir gesagt: Gott ist viel zu groß für menschliche Bitten? +Selbstlos gilt es ihm dienen, an ihn glauben, ihn lieben, auf ihn +hoffen — trotz allem — aber nichts von ihm erwarten!</p> + +<p>Und Kaspar schwieg und gab sich — in unsagbarem Weh verzichtend auf +alles — in Gottes Hand.</p> + +<p>Eine bange Stunde und länger schritt er dann, in trübe Gedanken +verloren, am Strande des lieblichen, stillen Ozeans entlang. Eine +leichte Brise fächelte, ihm Kühlung spendend, die heiße Stirn.</p> + +<p>Vor ihm lagen die noch qualmenden Trümmer<span class="pagenum" id="Seite_409">[S. 409]</span> des ehedem so herrlich +stolzen Cliffhauses, ein jammervoller Anblick.</p> + +<p>Links seitwärts in der See ragten einsam und leer die Felsen der +Seelöwen, die von den San Franciscanern früher gern gefüttert worden +waren. Laut aufheulend hatten sich die klugen Tiere ins Meer gestürzt, +als sie das geliebte Cliffhouse in Flammen aufgehen sahen, und waren +seitdem verschwunden.</p> + +<p>Nachdenklich stand Kaspar auf einer Düne und schaute über die +spiegelglatte, blaue Flut.</p> + +<p>Die Sonne stand funkelnd im Zenith, klar lag der Horizont. Totenstille +oder Frieden?</p> + +<p>Und Kaspar dünkte, als habe das greuliche Untier da draußen seine +Krallen und seine Polypenarme eingezogen und schlummere wieder +behaglich in der Tiefe wie ein gesättigter Drache.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als Kaspar in die armselige Bretterbude trat, die nun der Erbin so +vieler Millionen wie ihm, dem armen Missionskinde, als einzige Zuflucht +geblieben war, fand er Ursemi, still und matt, mit offenen Augen +daliegen.</p> + +<p>Es schien zu Ende zu gehen. Doch war die Kranke jetzt klar bei +Bewußtsein, denn sie sprach leise und innig zu Kaspar: »Also du bist +doch bei mir, Lieber — komm her, daß ich dir noch einmal<span class="pagenum" id="Seite_410">[S. 410]</span> vorm +Scheiden danke für all das, was du mir gewesen in diesem Leben. Kaspar, +sei, was du mir warst, auch dem Kinde; verlaß es nie, erzieh es zu +deiner Redlichkeit und Wahrheit.«</p> + +<p>Kaspar beugte seine Knie, neigte schluchzend sein Haupt, und Ursemi +tastete selig danach, küßte es mit den bleichen Lippen und hauchte: +»Ich hab dich lieb gehabt, so lieb!«</p> + +<p>Dann schloß sie die Augen von neuem, und ein glückseliges Lächeln +spielte auf ihren friedlichen Mienen. Sie schlief ruhig wie nie zuvor.</p> + +<p>Vorsichtig erhob sich Kaspar und schlich sich auf den Zehen leise +hinaus, um sich draußen laut auszuweinen.</p> + +<p>Dann suchte er Edith, die im Dünensande mit Nachbarskindern spielte, +und führte das Kind an das Bett der Mutter. Es war vergebens. Die +Gräfin erwachte nicht wieder.</p> + +<p>Als der rote Sonnenball in die Fluten des Stillen Ozeans tauchte, tat +Ursemi ihren letzten, leichten Atemzug.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_411">[S. 411]</span></p> + +<h3 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel_2">Zehntes Kapitel<br> +<span class="s4"><b>Heimkehr</b></span></h3> +</div> + + +<p>Tag für Tag fürchtete Kaspar Krumbholtz, er würde über all dem +Entsetzlichen, was ihm diese und die folgenden Wochen brachten, +zusammenbrechen; aber der einzige Gedanke, daß er für Edith zu sorgen +und einzustehen habe, hielt ihn immer wieder aufrecht.</p> + +<p>Die entseelten Hüllen der Eltern zu bergen und schließlich in die +Heimat zu senden, machte unter den obwaltenden Umständen große +Schwierigkeiten, zumal es Kaspar erst völlig an Mitteln fehlte. Die +Bank konnte nichts spenden, bis der Tresor nach Erlaubnis einiger +versprengter Direktoren und der Behörden erbrochen werden durfte. Herr +Borchardt konnte selbst kaum etwas entbehren, denn er mußte schon für +den gesamten Unterhalt der fünf Personen aufzukommen suchen, und das +war bei der Teuerung und dem Mangel an den einfachsten Lebensmitteln +durchaus nicht leicht.</p> + +<p>In der äußersten Not traf <span class="antiqua">Dr.</span> Sebalt mit einem Dampfer von +Hawai ein und fand nach<span class="pagenum" id="Seite_412">[S. 412]</span> einiger Mühe den alten Jugendgefährten in dem +kleinen Bretterhäuschen.</p> + +<p>Es war ein trübes, bewegtes Wiedersehen. Auch der lebensfrohe Sebalt +konnte sich der Tränen nicht erwehren, als er alles vernommen; doch mit +gewohnter Entschlossenheit und mit reichen Mitteln sprang er sofort dem +Freunde bei, besorgte die schwierigen Verhandlungen mit den Behörden +und ermöglichte die Heimreise.</p> + +<p>Am liebsten hätte er Kaspar und klein Edith begleitet, aber er mußte +auf Frau und Kinder warten, die noch in Hawai zurückgeblieben waren, da +es dort einen großen Haushalt aufzulösen galt.</p> + +<p>Sebalt hatte einen Ruf an die Leipziger Universität als Nachfolger +seines nach Berlin übersiedelnden Ordinarius erhalten und schließlich +angenommen — »der Kinder wegen«, wie er betonte.</p> + +<p>»Die Erziehung im lieben Deutschland kann mir keine noch so gute +amerikanische Schule ersetzen«, meinte Sebalt nachdenklicher, als es +wohl früher seine Art war, und Kaspar stimmte ihm freudig bei, indem er +hinzufügte: »Wenigstens, wenn deine Buben Deutsche werden sollen und +keine Amerikaner!«</p> + +<p>»Das sollen sie auch,« erwiderte Sebalt sehr bestimmt, »denn sie +könnten sonst nur Halbamerikaner werden, und das wäre schlimm, wie<span class="pagenum" id="Seite_413">[S. 413]</span> +alles Halbe! Nein, mein alter Junge, seit ich Vater geworden, denke ich +ein wenig anders über das alles. Ich habe mir nun endlich den nötigen +Witz gekauft! Es hat ja lang gedauert und manche Torheit gekostet; +aber ich wünsche doch, daß meine Bengels denselben oder wenigstens +einen ähnlichen Weg spazieren, also etwa von Bethel nach Hawai! Darum +will ich sie in einigen Jahren eben nach Bethel oder sonstwohin in ein +solides deutsches Pennal bringen, wo man auch noch zu erziehen und +nicht nur zu pauken versteht.«</p> + +<p>»Später gibst du sie mir,« sagte Kaspar zuversichtlich, »denn die +Winkler-Stiftung wird nun wirklich ans Werk gehen. Ja, staune nur, +Alterchen, ich selber will in ihren Dienst treten, wenn sie mich +brauchen kann. Auch ich weiß endlich wie du, woran ich mit mir bin. +Gott hat mein Leben hart geführt, er hat mich nach und nach von so +vielem losgelöst, daß ich denken muß, er hat mir Aufgaben vorbehalten, +die einen Mann so völlig ausfüllen sollen, daß er darüber seine +Einsamkeit und das gemeine Glück des Alltagslebens vergißt.«</p> + +<p>Sebalt maß den Freund mit besorgten Blicken, dann sagte er ernst: »Du +solltest Kinder haben, Kaspar — das bewahrt vor Schrullen und vorm +Altern.«</p> + +<p>»Ich werde Kinder haben — zu Hunderten und Tausenden — mit ihnen +will ich jung bleiben,<span class="pagenum" id="Seite_414">[S. 414]</span> ihnen will ich zahlen, was ich andern schuldig +wurde. Mit klein Edith fang ich an. Ich freue mich auf den Tag, an +dem sie den Grundstein legt zum ersten Bau der Winkler-Stiftung. Dann +darfst du nicht fehlen, Hans. Und paß auf, wenn das Kind fröhlich und +zuversichtlich auf guten Redaer Granit klopft, dann wird auch der Segen +nicht ausbleiben. Das Kind wird ernten, was seine Eltern, was sein +Großvater Wilhelm Winkler gesät haben.«</p> + +<p>»Wilhelm Winkler!« feierlich wiederholte Sebalt den Namen und fuhr +dann wie in Gedanken versunken fort, »ein kluger Menschenkenner und +ein kühner Rechner! Sein Mut hat mich gerettet, Kaspar. Er wußte ganz +genau, daß er mich mit dem freien Kapital an den Abgrund stellte, aber +nur dadurch machte er mich mit der Zeit auch schwindelfrei. An der +Leine des Lehrers lernt die Sorte Sebalt nicht schwimmen, nur im freien +Meer, im Angesicht der steten Gefahr zu ertrinken.«</p> + +<p>»Eines ziemt sich nicht für alle,« erwiderte Kaspar. »Mir schrieb Vater +Winkler ein anderes Rezept, aber es hat auch geholfen. Ehre seinem +Andenken. In seinem Geiste wollen wir andere erziehen, das wird ihm +sicher der liebste Dank sein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_415">[S. 415]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mit stiller Wehmut fuhr Kaspar durch das weiträumige Amerika mit Edith +und Brauni zurück nach Neuyork.</p> + +<p>Das treue Hundchen, in dem Kaspar seinen Lebensretter sah, war +eigentlich eine bessere Kinderwärterin als die noch immer ein wenig +verstörte Zofe, die das Stottern nie wieder ganz verlor und trotzdem an +San Francisco hing wie eine Katze an ihrem Haus. Sebalt entschädigte +das arme Mädchen reichlich und verschaffte ihr eine neue Stellung.</p> + +<p>In Neuyork holte der alte, tiefgebeugte Graf Brosyn seine Enkelin und +ihren Pflegevater ab und reiste mit ihnen über den Ozean nach Hamburg, +wo sie Frau Winkler mit der treuen Dente erwartete.</p> + +<p>Auf Bitten des Großvaters siedelten alle nach Schloß Schlockendorff +über, wo es freilich klein Edith zunächst gar nicht gefallen wollte. +Sie sehnte sich nach dem Bretterhäuschen und den Dünen am Strande des +Stillen Ozeans oft zurück, bis Großmama, die nun über neuen Sorgen +wieder auch neue Lebenskraft fand, mit ihr, Tante Dente und dem +unentbehrlichen Brauni für einige Wochen an die Nordsee ging.</p> + +<p>Da söhnte sich Edith mit Deutschland aus und vergaß nach und nach das +Land ihrer Sehnsucht und ihrer Jugendheimat. Nur im Grunde ihrer Seele<span class="pagenum" id="Seite_416">[S. 416]</span> +spiegelte sich dann und wann ein still leuchtendes Idealbild von beidem.</p> + +<p>Kaspar fand überreichliche Arbeit nach seiner Rückkehr, doch eine +Arbeit, die ihn innerlich völlig ausfüllte, ihn so zufrieden, ja stolz +machte, wie nie zuvor irgendeine Arbeit seines Lebens.</p> + +<p>Er reifte nach und nach zum Vertrauensmann des Kuratoriums, dessen +Ehrenpräsident nun der alte Graf Brosyn ward.</p> + +<p>Seit Harrys furchtbarem Ende hatte der Greis keine Freude mehr an +seinem gewaltigen Bergwerksbesitz. Er verwandelte die Gruben in +Aktiengesellschaften und vergrößerte dafür den Landbesitz fast um das +Doppelte. Trotzdem konnte er der Stiftung zu Ehren seines Sohnes noch +einige Millionen und ein herrlich gelegenes Gut mit stillen Seen und +Forsten schenken, in denen nun nach dem Muster amerikanischer Colleges +die Anstalten der Stiftung nach und nach erbaut werden sollten.</p> + +<p>Der Geist freilich sollte der deutsche sein, deutsch in seinem +langsamen Werden und endlosen Streben, in seinem unermüdlichen Suchen +und redlichen Prüfen, deutsch in seiner gerechten Würdigung fremder +Vorzüge, aber frei von würdeloser und gefährlicher Überschätzung +derselben, deutsch vor allem in seinem zuversichtlichen Glauben an +die verklärende Schönheit und unverlöschliche Kraft<span class="pagenum" id="Seite_417">[S. 417]</span> des göttlichen +Funkens, der in jeder Menschenseele glimmt, der zu wilden verzehrenden +Flammen auflodern, aber auch zu stillen, wärmenden Herdfeuern angefacht +werden kann.</p> + +<p>In Kaspar brannte ein solches Feuer seit den düstren kalifornischen +Erlebnissen mit gleichmäßiger Glut.</p> + +<p>Er grübelte diesmal nicht wieder, wie das letzte Mal bei Carinas +Verlust, darüber nach, warum ihn Gott bis in die tiefsten Tiefen des +Leids hinabgestoßen hatte. Er hatte sein Geschick nun vertrauensvoll in +Gottes Hand gelegt, ihm überließ er die Verantwortung für Ursachen und +Wirkungen, die er im voraus doch nicht ergründen konnte.</p> + +<p>Mit der Zeit war ihm allerlei davon doch klar geworden, und so wartete +er der weiteren inneren und äußeren Lösungen mit Geduld und ruhiger +Zuversicht. Das gab seiner Arbeit neue Kraft, das tröstete ihn über so +mancherlei Unzulänglichkeit, das verhalf ihm schließlich dazu, sich +seiner eigentlichen Mission immer klarer und fester bewußt zu werden.</p> + +<p>Zunächst konnte er sie nicht erfüllen, wie er wohl mochte. Vorerst +hatte er mit den Vorbereitungen über und über zu tun, nicht nur mit den +Plänen der ersten Heime und des Lehrinstituts; sondern es galt auch +den zukünftigen Schülern im Verein mit Volpelius und den Kuratoren, +tüchtige Erzieher und<span class="pagenum" id="Seite_418">[S. 418]</span> Lehrer zu suchen. Gut Ding will Weile haben, und +Kaspar hatte gelernt, auf das Reifen zu warten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Doch endlich kam der Tag, an dem klein Edith zum silbernen Hämmerchen +greifen durfte, ein Tag froher Hoffnungen und wehmütigen Gedenkens, ein +Tag, der viel gute und redliche Menschen in Sehnsucht und Zuversicht +verband und alte Freunde zu neuer Arbeit zusammenführte.</p> + +<p>Da standen der alte Graf Brosyn, der väterliche Volpelius und seine +Kuratoren in einem erlauchten Kreise von Gästen und Gönnern, von +Männern der Theorien und Gedanken wie des praktischen Lebens.</p> + +<p>Um sie scharte sich eine stattliche Reihe junger Dozenten, die es wagen +wollen, den Unterricht an der aufstrebenden Generation auch in Fächern +zu übernehmen, die bisher im üblichen Lehrplan zu kurz kamen oder ganz +fehlten.</p> + +<p>So wird zum Beispiel einer der Leipziger »Enterbten«, der ehemalige +Generalsekretär der unterdessen aufgelösten nationalsozialen Partei, +den jungen Bürgern und vielleicht späteren Führern beizeiten zu +einer politischen Bildung verhelfen, die ihnen ein Verständnis und +eine Orientierung über die wichtigsten Zeitfragen, Staats- und +Wirtschaftsprobleme wie über die Parteiverhältnisse ermöglicht,<span class="pagenum" id="Seite_419">[S. 419]</span> ehe +sie sich selbst entscheiden und betätigen. Und ein andrer aus der +»Moravenrunde«, der vielgetreue Waisenvater, will Wirtschafts- und +Haushaltstechnik, Buchführung und Bankverkehr, Gesetzeskunde und +allerlei praktische Dinge den Zöglingen der Winklerstiftung lehren; ein +dritter sie in die Literatur der jüngsten Vergangenheit einführen. Der +Stiftsgärtner wird ihnen Anleitung zu Obst- und Gartenbau geben, und +der Hausarzt ihnen Aufklärung über allerlei Geheimnisse und Gefahren +erteilen, denen tagtäglich Tausende und Abertausende aus Neugier und +Unwissenheit zum Opfer fallen. Für das alte Ziel jeder Schule, für +das Leben, will diese neue Privatschule bewußter als die Staatsschule +vorbereiten.</p> + +<p>Mit den Lehrern Hand in Hand sollen Erzieher an den jungen Leuten +arbeiten, die sich ihrer gewaltigen Verantwortung voll bewußt sind und +wissen, was es mit der so schwierigen Heranbildung selbständiger und +harmonischer Persönlichkeiten auf sich hat. Jugendfrische Idealisten +haben sich genug gemeldet, doch fehlt es zum Glück auch nicht an +solchen, die ihr Lehrgeld längst und reichlich bezahlt haben in +schweren Lebens- und Schulerfahrungen und doch den goldnen Mut und das +Hoffen aufs Morgen nicht einbüßten.</p> + +<p>Mit Kaspar Krumbholtz, dem zukünftigen Verwalter des Wilhelminum, +<span class="pagenum" id="Seite_420">[S. 420]</span>disputierten eifrigst L<sup>3</sup>, der über dem vielen Ärger mit Bruder +Balzer ein wenig schlanker geworden ist, und Bruder Bartel, der den +Unitätdienst nach heißen inneren Kämpfen auch verlassen hat.</p> + +<p>Neben der tapferen, unternehmungslustigen Dente, die auf ihre alten +Tage noch beabsichtigt, Harrys Stiftung, das Ursulanum, einzurichten, +ragte ein stattlicher Kavalier, der sich seinen mächtigen Schnurrbart +gar grimmig strich, und dem doch eine unbezwingliche Güte verräterisch +aus den Augen strahlte, es war der Hessenhüne Thilo Kratt, der unlängst +mit seinem Landschulheim Spekulanten zum Opfer fiel und nun wieder +der Kollege von »Mister Kobolz« werden will. Er ist zum Hausvater des +Henricum ausersehen.</p> + +<p>Auch Gottfried Kämpfer ist erschienen; aber zu Kaspars Leidwesen nur +als flüchtiger Gast. Er wolle seinem lieben Kronprinzen in den Sattel +helfen, wie er launig meint, und hoffe bald den ersten Feldzugsbericht +über die Eroberung des neuen Königreichs zu schreiben. Werber Kaspar +hat ihm hart zugesetzt, aber vergeblich. Mit allerlei lustigen Scherzen +suchte Gottfried Kämpfer seine Weigerung freundlich zu bemänteln; erst +als Kaspar ihn aufs Gewissen fragte, sagte der Freund ernst: »Ich +möchte mir ebenso getreu bleiben wie du, Kaspar. Jeder nach seinen +Gaben und an der für ihn richtigen Stelle. Ich bin<span class="pagenum" id="Seite_421">[S. 421]</span> dort unter dem +›Federvieh‹ trotz meiner lahmen Flügel noch ganz gut am Platz, hier bei +euch Männern der Tat wäre ich ein Stümper. Also laß mich, mein Junge. +Wir können nicht alle gleich handeln. Es muß sicherlich einige geben, +die denken und schreiben, wie man handeln soll. Übrigens — auch mit +der Feder kann man Taten tun und Schlachten schlagen.«</p> + +<p>Aus einer andern Gruppe hörte man Professor Sebalts helle Stimme. Er +erzählte Frau Winkler von den Streichen seiner Zwillinge und neckte +sich mit der ungeduldigen Edith, die der Großmama zusetzte und meinte: +Großpapa solle nun endlich anfangen, sonst vergäße sie Tante Dentes +Sprüchel.</p> + +<p>Großpapa Brosyn hatte in der Tat bald ein Einsehen und schritt mit der +wehmütig bewegten Frau Winkler am Arm den drei Grundsteinen zu.</p> + +<p>Onkel Kaspar führte sein Pflegekind, das sein Hämmerchen wichtig hin +und her schwenkte.</p> + +<p>Zuerst ging es zum Platz des ersten Neubaus, der am Waldrand im Schutze +mächtiger Fichten erstehen sollte.</p> + +<p>Ehrfurchtsvolle Stille herrschte ringsum, als der ehrwürdige Graf +mit tiefem Ernst und leisem Beben der Stimme die Worte sprach: »Dem +Andenken meines Sohnes seist du geweiht, Haus und Heim kräftiger +Mannesjugend: Henricum seist du genannt — trage diesen Namen als das +letzte Vermächtnis<span class="pagenum" id="Seite_422">[S. 422]</span> eines edlen, nun zur Rüste gehenden Geschlechts, +das deutschem Wesen an gefährdeter Grenzmark Jahrhunderte hindurch +treulich zugetan war. Halte du mit deinen Schützlingen Wacht an Stelle +der tapferen Heinriche von Brosyn, streitbar wie sie mit Waffen und +Wehr, aber auch arbeitsam mit Pflugschar und Axt, mit Feder und Zirkel +und rastlosem Drang zu leiten wie zu dienen! Im Namen Gottes tue ich +den ersten Schlag, im Namen meines kaiserlichen Herrn den zweiten, im +Namen meines alten Hauses den dritten.«</p> + +<p>Schweigend zog man dann hinab zum See, an dessen lieblichem Ufer das +zweite Heim erbaut werden sollte.</p> + +<p>Kaum hatte sich der Kreis gebildet, da hüpfte klein Edith im weißen +Kleidchen eiligst zum Redaer Granitblock heran, reckte den Silberhammer +stolz empor und sagte keck und ohne zu stocken:</p> + + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Meinem Mütterlein zur Ehr,</div> + <div class="verse indent0">Ursulanum sei dein Name!</div> + <div class="verse indent0">Mägdlein zieh uns, klug, fromm, hehr,</div> + <div class="verse indent0">Die auch Weib sind, nicht nur Dame.</div> + <div class="verse indent0">Mütter zieh, wie meine war,</div> + <div class="verse indent0">Die sich selbst zum Opfer bringen.</div> + <div class="verse indent0">Darauf kling es froh und klar:</div> + <div class="verse indent0">Eins, zwei, drei! Und gut Gelingen!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Lauter, lachender Beifall, in den doch hie und da ein wehmutvoller Ton +sich mischte, scholl ringsum.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_423">[S. 423]</span></p> + +<p>Die Großeltern und Tante Dente zogen nach einander klein Edith in ihre +Arme und küßten das stolz und glücklich lächelnde Kind mit tiefer +Bewegung.</p> + +<p>Hans Sebalt sagte schmunzelnd zu Kaspar: »Das ist Ursemis Tochter, die +wird mal mit Grazie regieren.«</p> + +<p>»Um sich dann doch in Liebe unterzuordnen!« erwiderte Kaspar in ernsten +Gedanken.</p> + +<p>Gottfried Kämpfer stieß ihn an und sagte ermunternd: »Hans der Träumer, +wach auch, freu dich der Erbin! Steht sie nicht da wie das Leben +selbst, das echteste und unvergänglichste Leben, das immer wieder +hoffnungsfroh und unbekümmert aus dem fruchtbaren Humus vergangner +Herrlichkeit emporblüht?«</p> + +<p>Da lächelte Kaspar Krumbholtz still selig in sich hinein, drückte +dem Freunde dankbar die Hand und sagte stark: »Hast recht, Kämpfer. +Schützen wir herangewachsenen Bäume das junge Reis mit unsern dichten +Kronen vor Sonne und Sturm, und streuen wir neue Samen ins Land, bis +auch uns Allmutter Erde zu ihrem Humus braucht.«</p> + +<p>In guter Stimmung schritt nun die Gesellschaft bergan auf die kleine +Anhöhe neben dem Schloß, auf der das mächtige Unterrichtsgebäude seinen +beherrschenden Platz finden sollte.</p> + +<p>Als alle beisammen waren, trat Kaspar<span class="pagenum" id="Seite_424">[S. 424]</span> Krumbholtz vor, nahm einem +Arbeiter den schweren Werkhammer aus der harten Faust, wog ihn +bedächtig prüfend in seiner Hand und sprach mit innerer Freudigkeit:</p> + +<p>»Liebe Gäste und Freunde! Herr Geheimrat Volpelius hat mich beauftragt, +an seiner Stelle den Weihespruch zu sprechen zu Ehren seines verewigten +Freundes, der auch mir ein Freund und Vater war, des Anregers und +Gründers dieses großen Werkes, in dessen Dienst — mittelbar oder +unmittelbar — wir uns alle stellen wollen. Es wäre nicht im Sinne +des schlichten Mannes Wilhelm Winkler, wenn wir ihn rühmten; er und +wir bedürfen dessen wahrlich nicht! Wir wollen mit Taten zeigen, daß +sein Geist auf uns ruht, wir wollen dafür sorgen, daß dieser redliche, +ans Ganze denkende und vorsorgende Geist weiter wirkt und lebendig +bleibt in der Jugend unseres Volks und aus ihr neue, opferwillige +Pioniere, fruchtbare Anreger, kühne Bahnbrecher, unverzagte Streiter, +zielbewußte Führer und besonnene Organisatoren hervorgehen. Jede Zeit +hat ihre besonderen Vorzüge und Nachteile, je nach dem wechselnden +Leben, das durch sie flutet, je nach der Sehnsucht, die in den besten +Kindern dieser Zeit waltet. Seine Zeit richtig zu erkennen hält schwer; +nur wenigen, die geistig oder sozial emporragen, gelingt es. Noch +schwerer ist es, die Linien der notwendigen Fortentwickelung<span class="pagenum" id="Seite_425">[S. 425]</span> auch +nur einigermaßen klar zu erkennen und für die Bedürfnisse der Zukunft +vorzuarbeiten. Das, liebe Freunde, war das seltene Vermögen, das +Charisma Wilhelm Winklers. Er kannte die Sehnsucht unserer Zeit nach +Gleichheit, aber er erkannte auch früh die Gefahr der Nivellierung und +sann darüber nach, wie er seinem Volke neue Persönlichkeiten erwecken +könne. Aus dieser Sorge heraus ward dieses Werk geplant, in dessen +Dienst wir uns stellen, an dem die einen von uns arbeitend und werbend, +die andern sorgend und hoffend Anteil nehmen wollen. Ganze Menschen, +innerlich freie, in Gott und in sich selber sicher ruhende und doch +von Tag zu Tage rastlos mit beiden ringende Persönlichkeiten soll +dieses Haus durch seine Diener heranbilden und so den Namen Wilhelm +Winklers zu Ehren bringen. Wilhelminum — so taufe ich dich und tue +den ersten Schlag hart, fest und hell zu deinem Fundament im Namen der +schlichten, fleißigen Weberfamilie Winkler, deren letzter Sohn ihr +bester war, deren letztes Gewebe ihr feinstes und dauerhaftestes sein +wird, den zweiten Schlag im Namen des Volkes, für dessen Zukunft wir +alle arbeiten, und den dritten und letzten wieder im Namen des Ewigen, +von dem wir wie unser Werk Anfang und Ende nehmen müssen.«</p> + +<p class="s3 center">Ende</p> + +<p class="p4 center">Spamersche Buchdruckerei, Leipzig.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + + +<div class="chapter"> +<div class="ads"> + +<p class="s3 p4 center">Werke von Herm. Anders Krüger</p> + +<p class="p2 s3 center">Romane</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Gottfried Kämpfer.</b></span> Ein herrnhutischer Bubenroman in zwei Büchern. Mit +Buchschmuck von <em class="gesperrt">Ernst Liebermann</em>. 1908. 19. bis 22. Tausend. +Gebunden 6 Mark.</p> + +<p>Alle Seligkeiten und alle Sorgen einer heranreifenden Knabenseele, +all ihr Leid und alle ihre Kämpfe, ihren ganzen Haß und der +ersten Liebe goldne Zeit erleben wir mit, da die Charakteristik +meisterhaft nachempfindet und restlos alle Gedanken und Empfindungen +bloßgelegt. Und mit dem jungen Helden treten wir auch ein in ein +echtes Gemeinschaftsleben der Jugend, in ihre Freundschaften, ihre +Feindschaften, ihre Jugendstreiche und ihre Jugendspiele, die ohne +offiziellen und offiziös gezwungenen Spielnachmittag so zwanglos und +so vollsaftig verlaufen, daß man in seinen alten Tagen nicht übel Lust +bekommt, Räuber und Gendarmen mitzuspielen. Neben der Jugend erscheinen +auch die Lehrer in vorzüglicher Charakteristik. In ihrer Zeichnung +haben wir Musterstücke wahrer und schlichter Charakteristik.</p> + +<p class="right">(<span class="antiqua">Dr.</span> A. Matthias in Monatsschrift + für höhere Schulen)</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Sirenenliebe.</b></span> Ein Rivieraroman. 1897. Gebunden 3 Mark.</p> + +<p>Krüger läßt eine einfache Herzensgeschichte, die aber in gewaltigen +Akkorden ausklingt, sich in einem engbegrenzten Kreise abspielen, ohne +die Hilfsmittel großer Ereignisse, nur mit der einzigen Staffage der +herrlichen italienischen Natur ... Er nimmt die Menschen wie sie sind, +und darum weht auch um seine Gestalten der Atem frischer Morgenluft und +einer derben gesunden Natur.</p> +<p class="right">(Hamburgischer Korrespondent)</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Der Weg im Tal.</b></span> Roman in drei Büchern. Buchschmuck von <em class="gesperrt">Gustav +Petzold</em>. 1905. Zweite Auflage. Gebunden 5 Mark.</p> + +<p>Ein ehrliches deutsches Buch. Der Dichter zeichnet scharf umrissene +Charaktere, er offenbart sich als ein feinsinniger Psychologe, dessen +zarte Tönungen in der Darstellung des Innenlebens überraschen. Wir +finden bei Krüger den höchsten sittlichen Ernst in der Auffassung +unserer heutigen Probleme, einen glühenden Idealismus für alles Echte, +eine lebenswarme Liebe zum Menschen und Natur. Und dann noch Humor, +goldigen Humor, die echte Heiterkeit eines Menschen, dessen ganze +Person von harmonischem Lebensrhythmus getragen ist.</p> +<p class="right">(Tägliche Rundschau)</p> + +<hr class="r30"> +<p class="center"><em class="gesperrt">Preise ungültig</em></p> +<hr class="r30"> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<div class="ads"> + +<p class="p2 s3 center">Dramen</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Ritter Hans.</b></span> Schauspiel in vier Aufzügen. 1897. Broschiert 2 Mark.</p> + +<p>Eins der besten modernen Stücke, voll dramatischer Kraft, lebenswahrer +Darstellung und sittlichen Ernstes.</p> +<p class="right">(Leipziger Zeitung)</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Der Kronprinz.</b></span> Eine dramatische Historie in fünf Aufzügen. 1907. +Broschiert 2 Mark.</p> + +<p>Es ist das Jugenddrama Friedrichs des Großen, das in Krügers Schauspiel +vor uns aufersteht, geschaut und nacherlebt von einem, der ebenso +moderner Dichter wie geschulter Historiker, in diesem Stoffe noch mehr +fand als nur ein Stück Geschichte, nämlich ein tief erschütterndes +Stück eigenes Leben. Vortrefflich und zündend ist der Dialog. Die +Sprache ist bewußt modern, nirgends altertümelnd. Indessen bleibt der +Ausdruck trotz aller Natürlichkeit kraftvoll und edel, getragen von +einem heimlichen Rhythmus.</p> +<p class="right">(Eckart)</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Der Graf von Gleichen.</b></span> Eine deutsche Tragödie in fünf Aufzügen. 1908. +Broschiert 2 Mark.</p> + +<p>Krüger hat die Sage vom Grafen von Gleichen in ganz eigenartiger, +aber höchst fesselnder Weise behandelt. Trefflich im Aufbau, +charakteristisch in der knappen Sprache der Blankverse, voll wahrer +Empfindung sind die lebensvoll gezeichneten Charaktere in Handlung +gesetzt.</p> +<p class="right">(Literarisches Zentralblatt f. Deutschland)</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<p class="s3">Von demselben Verfasser erschien bei</p> + +<p class="center"><em class="gesperrt">H. Haessel Verlag in Leipzig</em></p> + +<p class="p0"><span class="s4"><b>Der junge Eichendorff.</b></span> Ein Beitrag zur Geschichte der Romantik. 2. +Auflage. 3 Mark.</p> + +<p class="p0"><span class="s4"><b>Pseudoromantik: Friedrich Kind und der Dresdner Liederkreis.</b></span> Ein +Beitrag zur Geschichte der Romantik. 4 Mark.</p> + +<p class="p0"><span class="s4"><b>Kritische Studien über das Dresdner Hoftheater.</b></span> 50 Pf.</p> + +<p class="center"><em class="gesperrt">Friedrich Jansa, Verlag in Leipzig</em></p> + +<p class="p0"><span class="s4"><b>Waldhüters Weihnacht.</b></span> Ein dramatisches Festspiel für Kinder in fünf +Auftritten. 4. bis 6. Tausend. Broschiert 75 Pfennig.</p> +</div> + +<p class="center">Verlag von Alfred Janssen in Hamburg</p> + +<hr class="doppelt"> +</div> + +<div class="ads"> +<p class="p2 s3 center">Romane</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Die Kinder aus Ohlsens Gang.</b></span> Roman von <em class="gesperrt">Gustav Falke</em>. 1908. +4.-5. Taus. Geb. 4 M. 50 Pf.</p> + +<p>Ein überaus schlichtes und reines Buch. Der es schrieb, hat jede +Zeile in seinem Herzen getragen. Darum lebt man dieses kleine, frohe, +trauernde, verärgerte, höhnische, manchmal sogar ein wenig tragisch +drohende Leben in einer stillbewegten Teilnahme mit.</p> + +<p class="right">(Literarisches Echo)</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Chaos.</b></span> Roman von <em class="gesperrt">Albert Helms</em>. 1909. Umschlagzeichnung von +Professor C. O. Czeschka. Gebunden 3 Mark.</p> + +<p>Die grenzenlose Öde der russischen Steppe ist der Hintergrund, auf +dem diese grell beleuchteten, zuckend lebendigen, stimmungsschweren +Bilder entstehen ... in der ein merkwürdiger, grimmig brutaler, ganz +eigenpersönlicher Humor sein Wesen treibt ... Da ist z. B. eine +Vision wilder Hungerhalluzinationen, wie sie seit Hamsum kein Dichter +plastischer gesehen hat.</p> + +<p class="right">(Hamburgischer Correspondent)</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Peter Michel.</b></span> Roman von <em class="gesperrt">Friedrich Huch</em>. 3. Auflage. Gebunden 5 +Mark.</p> + +<p>Geschrieben ist diese Alltagsgeschichte .. und gesehen ist dieses +stille deutsche Leben ... mit einer Tiefe der Beobachtung, einem Humor +der Anschauung, kurz mit dichterischen Gaben, die vereint dem Buche +einen seltenen und kostbaren Zauber verleihen.</p> + +<p class="right">(Gabriele Reuter im »Tag«)</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Blut.</b></span> Roman von <em class="gesperrt">Waldemar Bonsels</em>. Umschlagzeichnung von Willy +Geiger. 1909. Gebunden 4 M.</p> + +<p>Hier wird einmal wieder die Tragik eines zerpflückten Mädchenlebens +in ihrer ganzen Reinheit, ihrer herzzerbrechenden Not hingestellt von +einer jungen Meisterhand.</p> + +<p class="right">(Deutsche Romanztg.)</p><br> +</div> + +<div class="chapter"> +<div class="ads"> +<p class="s3 center">Novellen von Timm Kröger</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Des Reiches Kommen.</b></span> 1909. Gebunden 2 Mark 50 Pfennig.</p> + +<p>Die Timm Krögerschen Novellen gehören immer zu dem Feinsten und +Köstlichsten, was uns unsere Literatur von heute zu bescheren hat, +und die ganze Geistesfrische, die unverzehrte Kraft des Dichters lebt +in diesem seinem letzten Werk. Aus dem alten Geist niederländischer +Genrekunst, nordwestdeutscher Naturalistik heraus geboren, strömt +auch diese Novelle allen feinen Stimmungszauber aus. Licht, Farben +und Töne rinnen, aufs feinste zueinander abgestimmt, in ein +köstliches Helldunkel zusammen, Natur und Mensch erscheinen unlösbar +miteinander verknüpft, völlig miteinander verwoben, alles ist reine +Gegenständlichkeit, und die einzig wahre, einzig echte Kunst, deren +ganzes Geheimnis allein darin besteht, daß sie das Wort zu Fleisch +werden läßt, ist sicher ein Timm Kröger-Besitz.</p> + +<p class="right">(Aus einem Feuilleton von Julius Hart in »Der Tag«, Berlin.)</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Um den Wegzoll.</b></span> 2. Auflage. Gebunden 2 Mark.</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Heimkehr.</b></span> Skizzen aus einem Leben. Geb. 3 Mk.</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Leute eigner Art.</b></span> Novellen eines Optimisten. 3. Auflage. Gebunden 3 +Mark.</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Aus alter Truhe.</b></span> Novellen und Erzählungen. 1908. Gebunden 3 Mark.</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Fröhliche Kinder.</b></span> Ratschläge für die geistige Gesundheit unserer +Kinder. Von <em class="gesperrt">Heinrich Scharrelmann</em>. 1906. 3. bis 5. Tausend. +Gebunden 3 Mark.</p> + +<p>Aus dem Vorwort: An die Eltern und Mütter wendet sich dieses Buch. +Es möchte ihnen praktische Ratschläge und Fingerzeige geben für die +häusliche Erziehung ihrer Kinder. Es will die Eltern aufmerksam machen +auf wenig gekannte und gewürdigte Anlagen und Fähigkeiten im Kinde +und möchte zugleich zeigen, wie ein gesundes Wachstum aller geistigen +Kräfte von der Kinderstube aus angebahnt werden kann. So denke ich, +wird es die innigen Bande zwischen Eltern und Kindern noch um ein +weniges fester zu knüpfen versuchen, indem es das Kind auffaßt — als +unseresgleichen.</p> + +<p>Erziehern und Eltern, die ihre Kinder lieb haben, sei das Buch warm +empfohlen.</p> +<p class="right">(Basler Nationalzeitung)</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +</div> + +<div class="chapter"> +<div class="ads"> +<p class="p2 center">Billige Ausgabe der</p> + +<p class="p0"><span class="s3"><b>Hamburger Hafenbilder.</b></span> Von <em class="gesperrt">Wilhelm Dittmer</em>. 12 doppelseitige, +24 ganzseitige Bilder. 48 Seiten Text. Kartoniert 2 Mark.</p> + +<p>Der Hamburger Hafen ist geistig und wirtschaftlich nicht mehr das +ausschließliche Eigentum der mächtigsten der Hansastädte, sondern ein +Gemeingut der Nation. Hier ist eine ganz neue Schönheit entstanden, +die nichts mehr gemein hat mit lyrischer und phantastischer Romantik. +... Wer Dittmers Buch in der Hand hält, fühlt mit Stolz: da bekennt +sich ein Starker zu unsrer Zeit. Er sah Schönheiten überall ... +Sein technisches Vermögen war sehr groß. Seine zeichnerischen und +malerischen Qualitäten ordnen ihn in die erste Reihe unsrer Künstler +ein. Daß er aber auch ein Meister der Sprache war, ein wundervoller +Erzähler, darf nicht vergessen werden, weil er zu seinem Hafenbuche +selbst einen schlichten, kraftvollen, anschaulichen Text schrieb — +Dieses Buch hat alle Berechtigung ein Volksbuch zu werden. Es gehört in +die Hand eines jeden Deutschen.</p> + +<p class="right">(General-Anzeiger für Hamburg-Altona)</p> +</div> +</div> + +<p>Verlag von Alfred Janssen in Hamburg</p> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78421 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/78421-h/images/cover.jpg b/78421-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..03bb317 --- /dev/null +++ b/78421-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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