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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78265 ***
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1907 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
+ Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
+ Symbole gekennzeichnet:
+
+ kursiv: _Unterstriche_
+ fett: =Gleichheitszeichen=
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+ Kapitälchen: Großbuchstaben
+ unterstrichen: •Mittelpunkte•
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+ Sherlock Holmes-Serie
+
+ Gesammelte Detektivgeschichten
+ von
+ Conan Doyle
+
+ I.
+
+
+
+
+ Sherlock Holmes-Serie I.
+
+ Späte Rache
+
+ Von
+ Conan Doyle
+
+ Autorisiert
+
+ Illustriert von Rich. Gutschmidt
+
+ 32.-34. Tausend.
+
+ [Illustration]
+
+ Stuttgart
+ +Verlag von Robert Lutz+
+ 1907.
+
+
+
+
+ Verlags- und Handelsdruckerei Stuttgart, Hans Bleher.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ I. Aus Watsons Erinnerungen.
+
+ Seite
+
+ 1. Kapitel: Sherlock Holmes 7
+
+ 2. „ Die Kunst der Schlußfolgerung 22
+
+ 3. „ Brixtonstraße Nummer 3 39
+
+ 4. „ Was uns John Rance erzählte 59
+
+ 5. „ Wir bekommen Besuch 73
+
+ 6. „ Tobias Gregson thut große Thaten 86
+
+ 7. „ Es kommt Licht in das Dunkel 104
+
+
+ II. Im Lande der Heiligen.
+
+ 8. Kapitel: Auf der großen Alkali-Ebene 121
+
+ 9. „ Die Blume von Utah 140
+
+ 10. „ John Ferrier spricht mit dem Propheten 155
+
+ 11. „ Eine Flucht auf Leben und Tod 165
+
+ 12. „ Die Würgengel 184
+
+ +Fortsetzung von+ ~Dr.~ +Watsons Erinnerungen+ 201
+
+
+
+
+Aus Watsons Erinnerungen.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Sherlock Holmes.
+
+
+[Illustration]
+
+Im Jahre 1878 hatte ich mein Doktorexamen an der Londoner Universität
+bestanden und in Nelley den für Militärärzte vorgeschriebenen
+medizinischen Kursus durchgemacht. Bald darauf ward ich dem fünften
+Füsilierregiment Northumberland zugeteilt, welches damals in Indien
+stand. Bevor ich jedoch an den Ort meiner Bestimmung gelangte, brach
+der zweite afghanische Krieg aus, und bei meiner Landung in Bombay
+erfuhr ich, mein Regiment sei bereits durch die Gebirgspässe marschiert
+und weit in Feindesland vorgedrungen. In Gesellschaft mehrerer
+Offiziere, die sich in gleicher Lage befanden, folgte ich meinem
+Corps, erreichte dasselbe glücklich in Kandahar und trat in meine neue
+Stellung ein.
+
+Der Feldzug, in welchem andere Ehre und Auszeichnungen fanden, brachte
+mir indessen nur Unglück und Mißerfolg. Gleich in der ersten Schlacht
+zerschmetterte mir eine Kugel das Schulterblatt und ich wäre sicherlich
+den grausamen Ghazia in die Hände gefallen, hätte mich nicht Murray,
+mein treuer Bursche, rasch auf ein Packpferd geworfen und mit eigener
+Lebensgefahr mit sich geführt, bis wir die britische Schlachtlinie
+erreichten.
+
+Lange lag ich krank, und erst nachdem ich mit einer großen Anzahl
+verwundeter Offiziere in das Hospital von Peshawur geschafft worden
+war, erholte ich mich allmählich von den ausgestandenen Leiden; ich
+war bereits wieder so weit, daß ich in den Krankensälen umhergehen
+und auf der Veranda frische Luft schöpfen durfte. Da befiel mich
+unglücklicherweise ein Entzündungsfieber und zwar mit solcher
+Heftigkeit, daß man monatelang an meinem Wiederaufkommen zweifelte.
+Als endlich die Macht der Krankheit gebrochen war und mein Bewußtsein
+zurückkehrte, befand ich mich in solchem Zustand der Kraftlosigkeit,
+daß die Aerzte beschlossen, mich ohne Zeitverlust wieder nach England
+zu schicken. Einen Monat später landete ich mit dem Truppenschiff
+‚Orontes‘ in Portsmouth; meine Gesundheit war völlig zerrüttet, doch
+erlaubte mir eine fürsorgliche Regierung, während der nächsten neun
+Monate den Versuch zu machen, sie wiederherzustellen.
+
+Verwandte besaß ich in England nicht; ich beschloß daher, mich in
+einem Privathotel einzuquartieren. Mein tägliches Einkommen belief
+sich auf elf und einen halben Schilling und da ich zuerst nicht sehr
+haushälterisch damit umging, machten mir meine Finanzen bald große
+Sorge. Ich sah ein, daß ich entweder aufs Land ziehen oder meine
+Lebensweise in der Hauptstadt völlig ändern müsse.
+
+Da ich letzteres vorzog, sah ich mich genötigt, das Hotel zu verlassen
+und mir eine anspruchslosere und weniger kostspielige Wohnung zu suchen.
+
+Während ich noch hiermit beschäftigt war, begegnete ich eines Tages auf
+der Straße einem mir bekannten Gesicht, ein höchst erfreulicher Anblick
+für einen einsamen Menschen wie mich in der Riesenstadt London. Ich
+hatte mit dem jungen Stamford während meiner Studienzeit verkehrt, ohne
+daß wir einander besonders nahe getreten waren, jetzt aber begrüßte
+ich ihn mit Entzücken, und auch er schien sich über das Wiedersehen zu
+freuen. Bald saßen wir in einer nahen Restauration zusammen bei einem
+Glase Wein und tauschten unsere Erlebnisse aus.
+
+„Was in aller Welt ist denn mit dir geschehen, Watson?“ fragte Stamford
+verwundert, „du siehst braun aus wie eine Nuß und bist so dürr wie eine
+Bohnenstange.“
+
+Ich gab ihm einen kurzen Abriß meiner Abenteuer und er hörte mir
+teilnehmend zu.
+
+„Armer Kerl,“ sagte er mitleidig, „und was gedenkst du jetzt zu thun?“
+
+„Ich bin auf der Wohnungssuche,“ versetzte ich; „es gilt die Aufgabe zu
+lösen, mir um billigen Preis ein behagliches Quartier zu verschaffen.“
+
+„Wie sonderbar,“ rief Stamford; „du bist der zweite Mensch, der heute
+gegen mich diese Aeußerung thut.“
+
+„Und wer war der erste?“
+
+„Ein Bekannter von mir, der in dem chemischen Laboratorium des
+Hospitals arbeitet. Er klagte mir diesen Morgen sein Leid, daß er
+niemand finden könne, um mit ihm gemeinsam ein sehr preiswürdiges,
+hübsches Quartier zu mieten, das für seinen Beutel allein zu
+kostspielig sei.“
+
+„Meiner Treu,“ rief ich, „wenn er Lust hat, die Kosten der Wohnung zu
+teilen, so bin ich sein Mann. Ich würde weit lieber mit einem Gefährten
+zusammenziehen, statt ganz allein zu hausen.“
+
+Stamford sah mich über sein Weinglas hinweg mit bedeutsamen Blicken an.
+„Wer weiß, ob du Sherlock Holmes zum Stubengenossen wählen würdest,
+wenn du ihn kenntest,“ sagte er.
+
+„Ist denn irgend etwas an ihm auszusetzen?“
+
+„Das will ich nicht behaupten. Er hat in mancher Hinsicht eigentümliche
+Anschauungen und schwärmt für die Wissenschaft. Im übrigen ist er ein
+höchst anständiger Mensch, soviel ich weiß.“
+
+„Ein Mediziner vermutlich?“
+
+„Nein -- ich habe keine Ahnung, was er eigentlich treibt. In der
+Anatomie ist er gut bewandert und ein vorzüglicher Chemiker. Aber
+meines Wissens hat er nie regelrecht Medizin studiert. Er ist überhaupt
+ziemlich überspannt und unmethodisch in seinen Studien, doch besitzt er
+auf verschiedenen Gebieten eine Menge ungewöhnlicher Kenntnisse, um die
+ihn mancher Professor beneiden könnte.“
+
+„Hast du ihn nie nach seinem Beruf gefragt?“
+
+„Nein -- er ist kein Mensch, der sich leicht ausfragen läßt; doch kann
+er zuweilen sehr mitteilsam sein, wenn ihm gerade danach zu Mute ist.“
+
+„Ich möchte ihn doch kennen lernen,“ sagte ich; „ein Mensch, der sich
+mit Vorliebe in seine Studien vertieft, wäre für mich der angenehmste
+Gefährte. Bei meinem schwachen Gesundheitszustand kann ich weder Lärm
+noch Aufregung vertragen. Ich habe beides in Afghanistan so reichlich
+genossen, daß ich für meine Lebenszeit genug daran habe. Bitte, sage
+mir, wo ich deinen Freund treffen kann.“
+
+„Vermutlich ist er jetzt noch im Laboratorium. Manchmal läßt er sich
+dort wochenlang nicht sehen und zu anderen Zeiten bleibt er wieder von
+früh bis spät bei der Arbeit. Wenn es dir recht ist, suchen wir ihn
+zusammen auf.“
+
+Ich willigte mit Freuden ein und wir machten uns sogleich auf den Weg
+nach dem Hospital.
+
+„Du darfst mir aber keine Vorwürfe machen, wenn ihr nicht miteinander
+auskommt,“ sagte Stamford, als wir in die Droschke stiegen; „ich möchte
+dir weder zu- noch abraten.“
+
+„Wenn wir nicht zu einander passen, können wir uns ja leicht wieder
+trennen. Deine Vorsicht scheint mir fast übertrieben, es muß noch etwas
+anderes dahinter stecken. Heraus mit der Sprache, was hast du gegen den
+Menschen einzuwenden?“
+
+„Nichts, gar nichts; er ist nur nach meinem Geschmack seiner
+Wissenschaft allzusehr ergeben. -- Das grenzt schon an
+Gefühllosigkeit. Ich halte es nicht für undenkbar, daß er einem guten
+Freunde eine Priese des neuesten vegetabilischen Alkaloids eingeben
+würde -- nicht etwa aus Bosheit, nein, aus Forschungstrieb -- um die
+Wirkung genau zu beobachten. Ebenso gern würde er freilich die Probe an
+sich selber machen, +die+ Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen.
+Ueberhaupt ist Klarheit und Genauigkeit des Wissens seine größte
+Leidenschaft; aber zu welchem Zweck er alle seine Studien betreibt,
+weiß der liebe Himmel.“
+
+Vor dem Hospital angekommen, stiegen wir aus, gingen ein Gäßchen
+hinunter und traten durch eine Thür in den Nebenflügel des weitläufigen
+Gebäudes. Hier war mir alles wohl bekannt und ich brauchte keinen
+Führer mehr. Es ging die kahle Steintreppe hinauf, durch den langen,
+weißgetünchten Korridor, mit den Thüren auf beiden Seiten, an den
+sich der niedrige Bogengang anschloß, welcher nach dem chemischen
+Laboratorium führte.
+
+In dem großen Saal, den wir betraten, waren sämtliche Tische mit
+Retorten, Reagensgläsern und kleinen Weingeistlampen besetzt, während
+rings an den Wänden und überhaupt, wohin man blickte, Flaschen von
+allen Größen und Formen umherstanden. Wir dachten zuerst, der Raum
+sei leer, bis wir an dem andern Ende einen jungen Mann gewahrten,
+der, in seine Beobachtungen versunken, über einen Tisch gebeugt dasaß.
+Beim Schall unserer Fußtritte blickte er von seinem Experiment auf und
+sprang mit einem Freudenruf in die Höhe. „Viktoria, Viktoria,“ jubelte
+er, und kam uns, mit der Retorte in der Hand, entgegen. „Ich habe
+das Reagens gefunden, das sich mit Hämoglobin zu einem Niederschlag
+verbindet und sonst mit keinem Stoff.“
+
+Er sah so glückstrahlend aus, als hätte er eine Goldmine entdeckt.
+
+„Mein Freund, Doktor Watson -- Herr Sherlock Holmes,“ sagte Stamford
+uns einander vorstellend.
+
+„Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen,“ erwiderte Holmes
+in herzlichem Ton und mit kräftigem Händedruck. „Sie kommen aus
+Afghanistan, wie ich sehe.“
+
+Ich blickte ihn verwundert an. „Wieso wissen Sie denn das?“
+
+„O, das thut nichts zur Sache,“ rief er, sich vergnügt die Hände
+reibend; „ich denke jetzt nur an Hämoglobin. Sicherlich werden Sie die
+Tragweite meiner Erfindung begreifen.“
+
+„Es mag wohl als chemisches Experiment sehr interessant sein, aber für
+die Praxis --“
+
+[Illustration]
+
+„Gerade in der Praxis ist es von größter Wichtigkeit für die
+Gerichtschemie, weil es dazu dient, das etwaige Vorhandensein von
+Blutflecken zu beweisen. -- Bitte, kommen Sie doch einmal her.“ In
+seinem Eifer ergriff er meinen Rockärmel und zog mich nach dem Tische
+hin, an welchem er experimentiert hatte. „Wir müssen etwas frisches
+Blut haben,“ sagte er und stach sich mit einer großen Stopfnadel in
+den Finger, worauf er das herabtropfende Blut in einem Saugröhrchen
+auffing. „Jetzt mische ich diese kleine Blutmenge mit einem Liter
+Wasser -- das Verhältnis ist etwa wie eins zu einer Million -- und die
+Flüssigkeit sieht ganz aus wie reines Wasser. Trotzdem wird sich, denke
+ich, die gewünschte Reaktion herstellen lassen.“ Er hatte, während er
+sprach, einige weiße Krystalle in das Gefäß geworfen und goß jetzt noch
+mehrere Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit hinzu. Sofort nahm das
+Wasser eine dunkle Färbung an und ein bräunlicher Niederschlag erschien
+auf dem Boden des Glases.
+
+„Sehen Sie,“ rief er und klatschte in die Hände, wie ein Kind vor
+Freude über ein neues Spielzeug. „Was sagen Sie dazu?“
+
+„Es scheint mir ein sehr gelungenes Experiment.“
+
+„Wundervoll, wundervoll! Die alte Methode, die Probe mit Guajacum
+anzustellen, war sehr umständlich und unsicher, die mikroskopische
+Untersuchung der Blutkügelchen aber ist wertlos, sobald die Flecken ein
+paar Stunden alt sind. Meine Erfindung wird sich dagegen ebenso gut bei
+altem wie bei frischem Blut bewähren. Wäre sie schon früher gemacht
+worden, so hätte man Hunderte von Verbrechern zur Rechenschaft ziehen
+können, die straflos davongekommen sind.“
+
+„Meinen Sie wirklich?“
+
+„Ohne Frage. Bei der Kriminaljustiz dreht sich ja meist alles um diesen
++einen+ Punkt. Vielleicht Monate, nachdem die Missethat begangen ist,
+fällt der Verdacht auf einen Menschen, man untersucht seine Kleider und
+findet braune Flecke am Rock oder in der Wäsche. Das können Blutspuren
+sein, aber auch Rostflecke, Obstflecke oder Schmutzflecke. Mancher
+Sachverständige hat sich darüber schon den Kopf zerbrochen und zwar
+bloß, weil es an einer zuverlässigen Beweismethode fehlte. Nun man
+aber das Sherlock Holmessche Mittel besitzt, ist jede Schwierigkeit
+beseitigt.“
+
+Seine Augen funkelten, während er sprach, er legte die Hand aufs Herz
+und machte eine feierliche Verbeugung, als sähe er sich im Geist einer
+Beifall klatschenden Menge gegenüber.
+
+„Da kann man Ihnen ja Glück wünschen,“ sagte ich, verwundert über
+seinen Feuereifer.
+
+„Hätte man die Probe schon letztes Jahr anstellen können,“ fuhr er
+fort, „es wäre dem Mason aus Bradford sicherlich an den Hals gegangen;
+auch der berüchtigte Müller, sowie Lefevre aus Montpellier und Samson
+aus New-Orleans wären überführt worden. Ich könnte Ihnen Dutzende von
+Fällen nennen, bei denen meine Erfindung den Ausschlag gegeben hätte.“
+
+„Sie scheinen ja ein wandelnder Verbrecheralmanach zu sein,“ meinte
+Stamford lachend; „schreiben Sie doch ein Buch über Kriminalstatistik.“
+
+„Das möchte wohl des Lesens wert sein,“ erwiderte Holmes, der sich
+eben ein Pflaster auf den verwundeten Finger klebte. „Ich muß sehr
+vorsichtig sein,“ fügte er erklärend hinzu, „denn ich mache mir viel
+mit Giften zu schaffen.“ Als er die Hand in die Höhe hielt, sah ich,
+daß sie an vielen Stellen bepflastert war und von scharfen Säuren
+gefärbt.
+
+„Wir kommen in Geschäften,“ sagte Stamford, und schob mir einen
+dreibeinigen Schemel zum Sitzen hin, während er ebenfalls Platz nahm.
+„Mein Freund hier sucht eine Wohnung, und da Sie gern mit jemand
+zusammenziehen möchten, dachte ich, es wäre Ihnen vielleicht beiden
+geholfen.“
+
+Sherlock Holmes ging mit Freuden auf den Vorschlag ein. „Ich habe ein
+Auge des Wohlgefallens auf ein Quartier in der Bakerstraße geworfen,
+das vortrefflich für uns passen würde,“ sagte er. „Sie haben doch nicht
+etwa eine Abneigung gegen Tabaksdampf?“
+
+„O nein, ich bin selbst ein starker Raucher.“
+
+„Das trifft sich gut. Ferner habe ich häufig Chemikalien bei mir
+herumstehen, die ich zu meinen Experimenten brauche. Würde Sie das
+belästigen?“
+
+„Durchaus nicht.“
+
+„Warten Sie -- was habe ich sonst noch für Fehler? Manchmal bekomme
+ich Anfälle von Schwermut und thue dann tagelang den Mund nicht auf.
+Sie müssen mir das nicht übel nehmen. Kümmern Sie sich nur dann gar
+nicht um mich, und die Anwandlung wird bald vorüber sein. So -- nun
+ist die Reihe an Ihnen, mir Bekenntnisse zu machen. Wenn zwei Menschen
+zusammen leben wollen, ist es gut, wenn sie im voraus wissen, was sie
+von einander zu erwarten haben.“
+
+Ich mußte über diese Generalbeichte lachen. „Ich halte mir einen jungen
+Bullenbeißer,“ gestand ich, „und kann keinen Lärm vertragen, weil meine
+Nerven angegriffen sind; auch schlafe ich oft in den Tag hinein und
+bin überhaupt sehr träge. In gesunden Zeiten fröhne ich noch Lastern
+anderer Art, aber für jetzt sind dies die hauptsächlichsten.“
+
+„Würden Sie unter ‚Lärm‘ auch das Spielen auf einer Violine verstehen?“
+fragte er besorgt.
+
+„Das kommt auf den Musiker an. Gutes Violinspiel ist ein Genuß für
+Götter -- aber schlechtes --“
+
+„Freilich, freilich,“ rief er vergnügt. „Nun, ich denke, die Sache ist
+abgemacht -- das heißt, wenn Ihnen das Quartier gefällt.“
+
+„Wann können wir es besichtigen?“
+
+„Holen Sie mich morgen mittag hier ab, dann gehen wir zusammen hin und
+bringen gleich alles ins reine.“
+
+„Sehr wohl, also Punkt zwölf Uhr,“ sagte ich, ihm zum Abschied die Hand
+schüttelnd.
+
+Wir ließen ihn dort bei seinen Chemikalien und gingen nach meinem Hotel
+zurück. „Erklären Sie mir nur,“ wandte ich mich, plötzlich stehen
+bleibend, an Stamford, „was ihn auf die Idee gebracht haben kann, daß
+ich aus Afghanistan komme?“
+
+Mein Gefährte lachte geheimnisvoll. „Schon mancher hat gern wissen
+wollen, wie Sherlock Holmes gewisse Dinge ausfindig macht. Er besitzt
+eben eine besondere Gabe.“
+
+„Aha, es steckt ein Rätsel dahinter,“ rief ich belustigt; „das ist
+ja höchst interessant. Ich bin dir sehr verbunden für die neue
+Bekanntschaft. Das beste Studium für den Menschen bleibt ja doch immer
+der Mensch.“
+
+„Studiere ihn nur,“ entgegnete Stamford. „Du wirst dabei manche Nuß zu
+knacken finden. Ich wette darauf, er kennt dich bald besser als du ihn.“
+
+An der nächsten Straßenecke verabschiedeten wir uns und ich schlenderte
+allein nach Hause.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Die Kunst der Schlußfolgerung.
+
+
+Unsere verabredete Besichtigung des Quartiers in der Bakerstraße Nr.
+221~b~ fand am nächsten Tage statt. Es gefiel mir außerordentlich; das
+große, luftige Wohnzimmer, welches sich an zwei behagliche Schlafstuben
+anschloß, war freundlich möbliert und sehr hell, da es sein Licht durch
+zwei große Fenster erhielt. Unter uns beide geteilt, erschien auch der
+Preis der Wohnung so gering, daß wir sie auf der Stelle mieteten und
+sogleich einzuziehen beschlossen. Noch am selben Abend ließ ich meine
+Besitztümer vom Hotel hinüberschaffen und Sherlock Holmes folgte bald
+darauf mit verschiedenen Koffern und Reisetaschen. In den ersten Tagen
+waren wir eifrig beschäftigt, auszupacken und unsere Sachen auf das
+vorteilhafteste unterzubringen. Als dann die Einrichtung fertig war,
+begannen wir uns in Ruhe an unsere neue Umgebung zu gewöhnen.
+
+Holmes war ein Mensch, mit dem sich leicht leben ließ, von stillem
+Wesen und regelmäßig in seinen Gewohnheiten. Selten blieb er abends
+nach zehn Uhr auf, und wenn ich morgens zum Vorschein kam, hatte er
+immer schon gefrühstückt und war ausgegangen. Den Tag über war er
+meist im chemischen Laboratorium oder im Seziersaal, zuweilen machte
+er auch weite Ausflüge, welche ihn bis in die verrufensten Gegenden
+der Stadt zu führen schienen. Seine Thatkraft war unverwüstlich, so
+lange die Arbeitswut bei ihm dauerte; von Zeit zu Zeit trat jedoch
+ein Rückschlag ein, dann lag er den ganzen Tag im Wohnzimmer auf dem
+Sofa, fast ohne ein Glied zu rühren oder ein Wort zu reden. Dabei
+nahmen seine Augen einen so traumhaften, verschwommenen Ausdruck an,
+daß sicher der Verdacht in mir aufgestiegen wäre, er müsse irgend
+ein Betäubungsmittel gebrauchen, hätte nicht seine Mäßigkeit und
+Nüchternheit im gewöhnlichen Leben diese Annahme völlig ausgeschlossen.
+
+Nach den ersten Wochen unseres Beisammenseins war mein Interesse
+für ihn und der Wunsch zu ergründen, welche Zwecke er eigentlich
+verfolgte, in hohem Maße gestiegen. Schon seine äußere Erscheinung
+fiel ungemein auf. Er war über sechs Fuß groß und sehr hager; sein
+scharfkantig vorstehendes Kinn drückte Festigkeit des Charakters
+aus, der Blick seiner Augen war lebhaft und durchdringend, außer in
+den schon erwähnten Zeiten völliger Erschlaffung, und eine spitze
+Habichtsnase gab seinem Gesicht etwas Aufgewecktes und Entschlossenes.
+Die Hände schonte er nicht, sie trugen fortwährend Spuren von
+Tinten und Chemikalien, auch hatte ich oft Gelegenheit, seine große
+Geschicklichkeit bei allen Handgriffen zu bewundern, wenn er mit seinen
+feinen physikalischen Instrumenten experimentierte.
+
+Kein Wunder, daß meine Neugier in hohem Grade rege war und ich immer
+wieder versuchte, die strenge Zurückhaltung zu durchbrechen, die er in
+allem beobachtete, was ihn selbst betraf. Das Geheimnis, welches meinen
+Gefährten umgab, beschäftigte mich um so mehr, als mein eigenes Leben
+damals völlig zweck- und ziellos war und wenige Zerstreuungen bot. Mein
+Gesundheitszustand erlaubte mir nur bei besonders günstiger Witterung
+auszugehen, und Freunde, die mich hätten besuchen können, um etwas
+Abwechslung in mein einförmiges Dasein zu bringen, besaß ich nicht.
+
+Daß Holmes nicht Medizin studiere, wußte ich aus seinem eigenen
+Munde. Auch schien er keinen bestimmten Kursus in irgend einer andern
+Wissenschaft durchgemacht zu haben, der ihm auf herkömmliche Weise die
+Eingangspforte in die Gelehrtenwelt geöffnet hätte. Trotzdem verfolgte
+er gewisse Studien mit wahrem Feuereifer und besaß innerhalb ihrer
+Grenzen ein so ausgedehntes und umfassendes Wissen, daß er mich oft
+höchlich dadurch überraschte.-- War es denkbar, daß ein Mensch so
+angestrengt arbeitete, sich so genau zu unterrichten suchte, ohne einen
+bestimmten Zweck vor Augen zu haben? -- Ein planloses Studium ist meist
+auch oberflächlich, und wer sich den Kopf mit hunderterlei Einzelheiten
+anfüllt, thut dies schwerlich ohne einen triftigen Grund.
+
+Merkwürdigerweise war seine Unwissenheit auf manchen Gebieten ebenso
+erstaunlich, als seine Kenntnisse in anderen Fächern. Von Astronomie
+und Philosophie z. B. wußte er so viel wie gar nichts. Mußte es mir
+schon auffallen, als er sagte, er habe noch nie etwas von Thomas
+Carlyle gelesen, so erreichte meine Verwunderung doch den Gipfelpunkt,
+als sich zufällig herausstellte, daß er sich über unser Sonnensystem
+ganz falsche Vorstellungen machte. Wie in unserem neunzehnten
+Jahrhundert irgend ein zivilisiertes menschliches Wesen darüber im
+unklaren sein kann, daß die Erde sich um die Sonne dreht, war mir
+völlig unbegreiflich.
+
+„Setzt Sie das in Erstaunen?“ fragte er lächelnd. „Nun Sie es mir
+gesagt haben, werde ich suchen, es so schnell wie möglich wieder zu
+vergessen.“
+
+„Es zu vergessen?!“
+
+„Ja. -- Sehen Sie, meiner Ansicht nach gleicht ein Menschenhirn
+ursprünglich einer leeren Dachkammer, die man nach eigener Wahl mit
+Möbeln und Geräten ausstatten kann. Nur ein Thor füllt sie mit
+allerlei Gerümpel an, wie es ihm gerade in den Weg kommt und versperrt
+sich damit den Raum, welchen er für die Dinge braucht, die ihm nützlich
+sind. Ein Verständiger giebt wohl acht, was er in seine Hirnkammer
+einschachtelt. Er beschränkt sich auf die Werkzeuge, deren er bei der
+Arbeit bedarf, aber von diesen schafft er sich eine große Auswahl an
+und hält sie in bester Ordnung. Es ist ein Irrtum, wenn man denkt,
+die kleine Kammer habe dehnbare Wände und könne sich nach Belieben
+ausweiten. Glauben Sie mir, es kommt eine Zeit, da wir für alles
+Neuhinzugelernte etwas von dem vergessen, was wir früher gewußt haben.
+Daher ist es von höchster Wichtigkeit, daß unsere nützlichen Kenntnisse
+nicht durch unnützen Ballast verdrängt werden.“
+
+„Aber das Sonnensystem --“ warf ich ein.
+
+„Was zum Kuckuck kümmert mich das?“ unterbrach er mich ungeduldig. „Sie
+sagen, die Erde dreht sich um die Sonne. Wenn sie sich um den Mond
+drehte, so würde das für meine Zwecke nicht den geringsten Unterschied
+machen.“
+
+Mir schwebte schon die Frage auf der Zunge, was denn eigentlich
+seine Zwecke wären, doch behielt ich sie für mich, um ihn nicht zu
+verdrießen. Unser Gespräch gab mir indessen viel zu denken, und ich
+begann meine Schlüsse daraus zu ziehen. Wenn er sich nur Kenntnisse
+aneignete, die ihm für seine Arbeit Nutzen brachten, so mußte man ja
+aus den Zweigen des Wissens, mit denen er am vertrautesten war, auf
+den Beruf schließen können, dem er sich gewidmet hatte. Ich zählte mir
+nun alles auf, was er mit besonderer Gründlichkeit studierte, ja, ich
+machte mir ein Verzeichnis von den einzelnen Fächern. Lächelnd überlas
+ich das Schriftstück noch einmal, es lautete:
+
++Geistiger Horizont und Kenntnisse von Sherlock Holmes+.
+
+ 1. Litteratur -- Mit Unterschied.
+
+ 2. Philosophie -- Null.
+
+ 3. Astronomie -- Null.
+
+ 4. Politik -- Schwach.
+
+ 5. Botanik -- Mit Unterschied. Wohl bewandert in allen
+ vegetabilischen Giften, Belladonna, Opium u. drgl. Eigentliche
+ Pflanzenkunde -- Null.
+
+ 6. Geologie -- Viel praktische Erfahrung, aber nur auf beschränktem
+ Gebiet. Er unterscheidet sämtliche Erdarten auf den ersten Blick.
+ Von Ausgängen zurückgekehrt, weiß er nach Stoff und Farbe der
+ Schmutzflecke auf seinen bespritzten Beinkleidern die Stadtgegend von
+ London anzugeben, aus welcher die Flecken stammen.
+
+ 7. Chemie -- Sehr gründlich.
+
+ 8. Anatomie -- Genau, aber unmethodisch.
+
+ 9. Kriminalstatistik -- Erstaunlich umfassend. Er scheint alle
+ Einzelheiten jeder Greuelthat, die in unserem Jahrhundert verübt
+ worden ist, zu kennen.
+
+ 10. Ist ein guter Violinspieler.
+
+ 11. Ein gewandter Boxer und Fechter.
+
+ 12. Ein gründlicher Kenner der britischen Gesetze.
+
+Weiter las ich nicht; ich zerriß meine Liste und warf sie ärgerlich ins
+Feuer. „Wie kann der Mensch behaupten, daß es einen Beruf giebt, in dem
+sich alle diese verschiedenartigen Kenntnisse verwerten und unter einen
+Hut bringen lassen,“ rief ich. „Es ist vergebliche Mühe, dies Rätsel
+lösen zu wollen.“
+
+Holmes’ Fertigkeit auf der Violine war groß, aber ganz eigener Art, wie
+alles bei diesem ungewöhnlichen Menschen. Gelegentlich spielte er mir
+wohl des Abends von meinen Lieblingsstücken vor, was ich verlangte; war
+er aber sich selbst überlassen, so ließ er selten eine bekannte Melodie
+hören. Er lehnte sich dann in den Armstuhl zurück, schloß die Augen und
+fuhr mechanisch mit dem Bogen über das Instrument, welches auf seinen
+Knieen lag. Die Töne, die er dann den Saiten entlockte, waren stets der
+Ausdruck seiner augenblicklichen Empfindung, bald leise und klagend,
+bald heiter, bald schwärmerisch. Ob er dabei nur den wechselnden Launen
+seiner Einbildung folgte oder durch die Musik die Gedanken, welche
+ihn gerade beschäftigten, besser in Fluß bringen wollte, vermochte
+ich nicht zu sagen. Ich hätte sicherlich gegen seine herzzerreißenden
+Solovorträge Einspruch erhoben, allein, um mich einigermaßen für
+die Geduldsprobe zu entschädigen, die er mir auferlegte, endigte er
+gewöhnlich damit, daß er rasch hintereinander eine ganze Reihe meiner
+Lieblingsmelodien spielte und das versöhnte mich wieder.
+
+[Illustration]
+
+In der ersten Woche bekamen wir keinen Besuch, und ich fing schon an
+zu glauben, mein Gefährte stehe ebenso allein in der Welt, wie ich
+selber. Bald stellte sich jedoch heraus, daß er viele Bekannte hatte
+und zwar in allen Schichten der Gesellschaft. Der kleine Mensch mit dem
+blaßgelben Gesicht, der einer Ratte ähnelte und mir als Herr Lestrade
+vorgestellt wurde, kam im Lauf von acht Tagen mindestens drei- oder
+viermal. Eines Morgens erschien ein elegant gekleidetes junges Mädchen,
+das über eine halbe Stunde dablieb. Am Nachmittag desselben Tages
+fand sich ein schäbiger Graubart ein, der wie ein jüdischer Hausierer
+aussah und hinter dem ein häßliches, altes Weib hereinschlürfte. Bei
+einer späteren Gelegenheit hatte ein ehrwürdiger Greis eine längere
+Unterredung mit Holmes und dann wieder ein Eisenbahnbeamter in Uniform.
+Jedesmal, wenn sich einer dieser merkwürdigen Besucher einstellte,
+bat mich Holmes, ihm das Wohnzimmer zu überlassen, und ich zog mich
+in meine Schlafstube zurück. Er entschuldigte sich vielmals, daß
+er mir diese Unbequemlichkeit auferlege. „Ich muß das Zimmer als
+Geschäftslokal benützen, die Leute sind meine Klienten.“
+
+Auch diese Gelegenheit, mir Aufschluß über sein Thun zu verschaffen,
+ließ ich aus Zartgefühl ungenützt vorübergehen. Mir widerstand es, ein
+Vertrauen zu erzwingen, das er mir nicht von selbst entgegenbrachte,
+und schließlich bildete ich mir ein, er habe einen bestimmten Grund,
+mir sein Geschäft zu verheimlichen. Daß ich mich hierin getäuscht
+hatte, sollte ich indessen bald erfahren.
+
+Am vierten März -- der Tag ist mir im Gedächtnis geblieben -- war ich
+früher als gewöhnlich aufgestanden und fand Sherlock Holmes beim
+Frühstück. Mein Kaffee war noch nicht fertig, und ärgerlich, daß
+ich warten mußte, nahm ich ein Journal vom Tisch, um mir die Zeit
+zu vertreiben, während mein Gefährte schweigend seine gerösteten
+Brotschnitten verzehrte.
+
+Mein Blick fiel zuerst auf einen Artikel, der mit Blaustift
+angestrichen und ‚Das Buch des Lebens‘ betitelt war. Der Verfasser
+versuchte darin auseinanderzusetzen, daß es für einen aufmerksamen
+Beobachter von Menschen und Dingen im alltäglichen Leben unendlich
+viel zu lernen gäbe, wenn er sich nur gewöhnen wollte, alles, was ihm
+in den Weg käme, genau und eingehend zu prüfen. Die Beweisführung
+war kurz und bündig, aber die Schlußfolgerungen schienen mir weit
+hergeholt und ungereimt, das Ganze eine Mischung von scharfsinnigen
+und abgeschmackten Behauptungen. Ein Mensch, der zu beobachten und
+zu analysieren verstand, mußte danach befähigt sein, die innersten
+Gedanken eines jeden zu lesen und zwar mit solcher Sicherheit, daß es
+dem Uneingeweihten förmlich wie Zauberei vorkam.
+
+„Das Leben ist eine große, gegliederte Kette von Ursachen und
+Wirkungen,“ hieß es weiter; „an einem einzigen Gliede läßt sich das
+Wesen des Ganzen erkennen. Wie jede andere Wissenschaft, so fordert
+auch das Studium der Deduktion und Analyse viel Ausdauer und Geduld;
+ein kurzes Menschendasein genügt nicht, um es darin zur höchsten
+Vollkommenheit zu bringen. Der Anfänger wird immer gut thun, ehe er
+sich an die Lösung hoher geistiger und sittlicher Probleme wagt, welche
+die größten Schwierigkeiten bieten, sich auf einfachere Aufgaben
+zu beschränken. Zur Uebung möge er zum Beispiel bei der flüchtigen
+Begegnung mit einem Unbekannten den Versuch machen, auf den ersten
+Blick die Lebensgeschichte und Berufsart des Menschen zu bestimmen.
+Das schärft die Beobachtungsgabe und man lernt dabei richtig sehen und
+unterscheiden. An den Fingernägeln, dem Rockärmel, den Manschetten,
+den Stiefeln, den Hosenknieen, der Hornhaut an Daumen und Zeigefinger,
+dem Gesichtsausdruck und vielem andern, läßt sich die tägliche
+Beschäftigung eines Menschen deutlich erkennen. Daß ein urteilsfähiger
+Forscher, der die verschiedenen Anzeichen zu vereinigen weiß, nicht zu
+einem richtigen Schluß gelangen sollte, ist einfach undenkbar.“
+
+„Was für ein thörichtes Gewäsch,“ rief ich, und warf das Journal auf
+den Tisch; „meiner Lebtag ist mir dergleichen nicht vorgekommen.“
+
+Sherlock Holmes sah mich fragend an.
+
+„Sie haben den Artikel angestrichen,“ fuhr ich fort, „und müssen ihn
+also gelesen haben. Daß er geschickt abgefaßt ist, will ich nicht
+bestreiten. Mich ärgern aber solche widersinnige Theorien, die daheim
+im Lehnstuhl aufgestellt werden und dann an der Wirklichkeit elend
+scheitern. Der Herr Verfasser sollte nur einmal in einem Eisenbahnwagen
+dritter Klasse fahren und probieren, das Geschäft eines jeden seiner
+Mitreisenden an den Fingern herzuzählen. Ich wette tausend gegen eins,
+er wäre dazu nicht imstande.“
+
+„Sie würden Ihr Geld verlieren,“ erwiderte Holmes ruhig. „Was übrigens
+den Artikel betrifft, so ist er von mir.“
+
+„Von Ihnen?“
+
+„Ja; ich habe ein besonderes Talent zur Beobachtung und
+Schlußfolgerung. Die Theorien, welche ich hier auseinandersetze und
+die Ihnen so ungereimt erscheinen, finden in der Praxis ihre volle
+Bestätigung, ja, was noch mehr ist -- ich verdiene mir damit mein
+tägliches Brot.“
+
+„Wie ist das möglich?“ fragte ich unwillkürlich.
+
+„Mein Handwerk beruht darauf. Ich bin beratender Geheimpolizist --
+wenn Sie verstehen, was das heißt -- vielleicht bin ich der einzige
+meiner Art. Es giebt hier in London Detektivs die Menge, welche teils
+im Dienst der Regierung stehen, teils von Privatpersonen gebraucht
+werden. Wenn diese Herren nicht mehr aus noch ein wissen, kommen sie
+zu mir, und ich helfe ihnen auf die richtige Fährte. Sie bringen
+mir das ganze Beweismaterial, und ich bin meist imstande, ihnen mit
+Hilfe meiner Kenntnis der Geschichte des Verbrechens den rechten
+Weg zu weisen. Die Missethaten der Menschen haben im allgemeinen
+eine starke Familienähnlichkeit unter einander und wenn man alle
+Einzelheiten von tausend Verbrechen im Kopfe hat, so müßte es wunderbar
+zugehen, vermöchte man das tausend und erste nicht zu enträtseln.
+Lestrade ist ein bekannter Detektiv. Er hat sich kürzlich mit einer
+Falschmünzergeschichte herumgequält und mich deshalb so häufig
+aufgesucht.“
+
+„Und die andern Leute?“
+
+„Sie kamen meist auf Veranlassung von Privatagenten. Jeder von ihnen
+hat irgend eine Sorge auf dem Herzen und holt sich Rat bei mir.
+Sie erzählen mir ihre Geschichte und hören auf meine erklärenden
+Bemerkungen und dann streiche ich mein Honorar ein.“
+
+„Können Sie wirklich, während Sie ruhig auf Ihrem Zimmer bleiben,
+die verwickelten Knoten lösen, welche die andern nicht zu entwirren
+vermögen, selbst, wenn sie mit eigenen Augen gesehen haben, wo sich
+alles zugetragen hat?“
+
+„Das habe ich oft gethan; es ist bei mir eine Art innerer Eingebung.
+Liegt ein besonders schwieriger Fall vor, so besehe ich mir den
+Schauplatz der That wohl auch einmal selbst. Ich habe so mancherlei
+Kenntnisse, die mir die Arbeit wesentlich erleichtern. Meine große
+Uebung in der Schlußfolgerung, wie sie jener Artikel darlegt, ist für
+mich zum Beispiel von hohem praktischem Wert. Mir ist die Beobachtung
+zur zweiten Natur geworden. Als ich Ihnen bei unserer ersten Begegnung
+sagte, Sie kämen aus Afghanistan, schienen Sie sich darüber zu
+verwundern.“
+
+„Irgend jemand muß es Ihnen gesagt haben.“
+
+„Bewahre; ich wußte es ganz von selbst. Da mein Gedankengang meist
+sehr schnell ist, kommen mir die Schlüsse in ihrer Reihenfolge kaum
+zum Bewußtsein. Und doch steht alles in logischem Zusammenhang.
+Ich folgerte etwa so: Der Herr sieht aus wie ein Mediziner und hat
+dabei eine soldatische Haltung. Er muß Militärarzt sein. Die dunkle
+Gesichtsfarbe hat er nicht von Natur, denn am Handgelenk ist seine
+Haut weiß, also kommt er geradeswegs aus den Tropen. Daß er allerlei
+Beschwerden durchgemacht hat, zeigen seine abgezehrten Wangen; sein
+linker Arm muß verwundet gewesen sein, er hält ihn unnatürlich steif.
+In welcher Gegend der Tropen kann ein englischer Militärarzt sich
+Wunden und Krankheit geholt haben? -- Versteht sich in Afghanistan. --
+In weniger als einer Sekunde war ich zu dem Schluß gelangt, der Sie in
+Erstaunen setzte.“
+
+„Wie Sie die Sache erklären, scheint sie sehr einfach. In Büchern liest
+man wohl von solchen Dingen, aber daß sie in Wirklichkeit vorkämen,
+hätte ich nicht gedacht.“
+
+„Wenn es nur noch Verbrechen gäbe, zu deren Entdeckung man besonderen
+Scharfsinn braucht,“ fuhr Holmes mißmutig fort. „Ich weiß, es fehlt
+mir nicht an Begabung, um meinen Namen berühmt zu machen. Kein Mensch
+auf Erden hat jemals so viel natürliche Anlage für mein Fach besessen
+oder ein so tiefes Studium darauf verwendet. Aber was nützt mir das
+alles? Die Missethäter sind sämtlich solche Stümper und ihre Zwecke so
+durchsichtig, daß der gewöhnliche Polizeibeamte sie mit Leichtigkeit zu
+ergründen vermag.“
+
+Es verdroß mich, ihn mit solcher Selbstüberschätzung reden zu hören. Um
+der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, trat ich ans Fenster.
+
+„Was mag wohl der Mann da drüben suchen?“ fragte ich, auf einen
+einfach gekleideten, stämmigen Menschen deutend, welcher sämtliche
+Häusernummern auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu mustern
+schien. Er hielt einen großen, blauen Umschlag in der Hand und hatte
+offenbar eine Botschaft auszurichten.
+
+„Sie meinen den verabschiedeten Marinesergeanten?“ fragte Sherlock
+Holmes.
+
+Ich machte große Augen. „Er hat gut mit seiner Weisheit prahlen,“
+dachte ich bei mir; „wer will ihm denn beweisen, daß er falsch geraten
+hat?“
+
+In dem Augenblick hatte der Mann, den wir beobachteten, unsere Nummer
+erblickt, und kam rasch quer über die Straße gegangen. Gleich darauf
+klopfte es laut an der Haustüre unten, man vernahm eine tiefe Stimme
+und dann schwere Schritte auf der Treppe.
+
+Der Mann trat ein.
+
+„Für Herrn Sherlock Holmes,“ sagte er, meinem Gefährten den Brief
+einhändigend.
+
+Ich ergriff die günstige Gelegenheit, um Holmes von seiner Einbildung
+zu heilen. An +die+ Möglichkeit hatte er wohl nicht gedacht, als er den
+raschen Schuß ins Blaue that. „Darf ich Sie wohl fragen, was Sie für
+ein Geschäft betreiben?“ redete ich den Boten freundlich an.
+
+„Dienstmann,“ lautete die kurze Antwort. „Uniform gerade beim Schneider
+zum Ausbessern.“
+
+„Und früher waren Sie --“ fuhr ich mit einem schlauen Blick auf Holmes
+fort.
+
+„Sergeant bei der leichten Infanterie der königlichen Marine. -- Keine
+Rückantwort? -- Sehr wohl. Zu Befehl.“
+
+Er schlug die Fersen aneinander, erhob die Hand zum militärischen Gruß
+und fort war er.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Brixtonstraße Nummer drei.
+
+
+Dieses neue Beispiel von der praktischen Anwendbarkeit der Theorien
+meines Freundes überraschte mich höchlich und flößte mir großen Respekt
+vor seiner Beobachtungsgabe ein. Zwar wollte mich ein leiser Argwohn
+beschleichen, ob die Sache nicht doch am Ende ein zwischen den beiden
+abgekartetes Spiel sei, aber welchen möglichen Zweck hätte das haben
+können? -- Als ich mich nach Holmes umwandte, hatte er eben den Brief
+durchgelesen und starrte mit ausdruckslosem Blick, wie geistesabwesend,
+vor sich hin.
+
+„Wie in aller Welt haben Sie denn das wieder erraten?“ fragte ich.
+
+„Erraten -- was?“ rief er gereizt auffahrend.
+
+„Nun, daß der Mann ein abgedankter Marinesergeant war.“
+
+„Jetzt ist keine Zeit zu Spielereien,“ stieß er in rauhem Ton hervor,
+fuhr aber gleich darauf lächelnd fort: „Entschuldigen Sie meine
+Grobheit, Sie haben meinen Gedankengang unterbrochen; doch, das
+schadet vielleicht nichts. -- Also Sie haben wirklich nicht sehen
+können, daß der Mann Sergeant in der Marine gewesen ist?“
+
+„Wie sollte ich?“
+
+„Es scheint mir doch sehr einfach. Freilich ist es nicht leicht zu
+erklären, wie ich zur Kenntnis solcher Thatsachen komme. Daß zweimal
+zwei vier ist, leuchtet jedem ein, forderte man Sie aber auf, es zu
+beweisen, so würden Sie es schwierig finden. Schon über die Straße
+hatte ich den blauen tätowierten Anker auf der Hand des Mannes
+gesehen und die See gewittert; zudem bemerkte ich seine militärische
+Haltung und das verriet mir den Marinesoldaten. Er trug den Kopf hoch
+und schwang seinen Stock mit Selbstbewußtsein und einer gewissen
+Befehlshabermiene; dabei trat er fest und würdevoll auf und war ein
+Mann in mittleren Jahren -- natürlich mußte er Sergeant gewesen sein.“
+
+„Wunderbar!“ rief ich.
+
+„Höchst alltäglich,“ versetzte Holmes, doch sah ich ihm am Gesicht an,
+daß er sich geschmeichelt fühlte. „Eben noch behauptete ich,“ fuhr er
+fort, „es gäbe keine geheimnisvollen Verbrechen mehr zu enträtseln. Das
+scheint ein Irrtum gewesen zu sein -- hiernach zu urteilen.“ Er schob
+mir den Brief hin, welchen der Dienstmann gebracht hatte.
+
+„Wie schrecklich,“ rief ich, ihn überfliegend.
+
+„Es klingt allerdings etwas ungewöhnlich; wären Sie so gut, mir den
+Brief noch einmal vorzulesen?“
+
+Der Brief lautete wie folgt:
+
+ „+Lieber Herr Holmes!+
+
+ Heute nacht hat sich in der Brixtonstraße Nummer 3 ein schlimmer Fall
+ zugetragen. Unser Posten sah dort auf seinem Rundgang gegen zwei
+ Uhr einen Lichtschimmer, und da das Haus unbewohnt ist, schöpfte er
+ Verdacht. Er fand die Thür offen und in dem unmöblierten Vorderzimmer
+ den Leichnam eines gutgekleideten Herrn am Boden liegen. Enoch J.
+ Drebber, Cleveland, Ohio U. S. A. stand auf den Visitenkarten, die er
+ in seiner Brusttasche trug. Eine Beraubung ist nicht erfolgt und die
+ Todesursache noch unermittelt, denn es finden sich zwar Blutspuren im
+ Zimmer, aber keine Wunde an dem Toten. Wir wissen nicht, wie er in
+ das leere Haus gekommen sein kann, und die ganze Angelegenheit ist
+ uns ein Rätsel.
+
+ Wären Sie geneigt, vor zwölf Uhr den Schauplatz zu besichtigen, so
+ finden Sie mich dort. Ich lasse alles ~in statu quo~ bis zu Ihrer
+ Ankunft. Sind Sie verhindert zu kommen, so werde ich Ihnen alle
+ Einzelheiten berichten, und Sie thäten mir einen großen Gefallen,
+ wenn Sie mir Ihre Ansicht mitteilen wollten.
+
+ Ihr ergebener Tobias Gregson.“
+
+„Gregson ist der schlauste Fuchs in der ganzen Polizeimannschaft,“
+bemerkte mein Freund. „Er und Lestrade sind rasch und thatkräftig, aber
+durch nichts aus dem einmal hergebrachten Geleise zu bringen; dabei
+sind sie einander fortwährend in den Haaren und sind eifersüchtig wie
+zwei gefeierte Ballschönheiten. Wenn sie etwa beide auf dieselbe Fährte
+kommen, giebt es einen Hauptspaß.“
+
+Die behagliche Ruhe, mit der er sprach, schien mir unbegreiflich. „Es
+ist doch sicherlich kein Augenblick zu verlieren,“ rief ich; „soll ich
+Ihnen eine Droschke holen?“
+
+„Noch weiß ich gar nicht, ob ich hingehen werde. Ich habe gerade einen
+Anfall von Trägheit und dann bin ich der faulste Kerl unter der Sonne;
+ein andermal kann ich freilich flink genug bei der Hand sein.“
+
+„Aber dies ist doch gerade ein Fall, wie Sie ihn sich gewünscht haben.“
+
+„Jawohl; aber was kommt schließlich dabei heraus, liebster Freund?
+Gelänge es mir auch, den Knoten zu lösen, so würden doch Gregson,
+Lestrade und Co. sich alles auf ihr Konto schreiben. Das hat man davon,
+wenn man kein Angestellter ist.“
+
+„Aber er bittet ja um Ihre Hilfe.“
+
+„Ja, er weiß, daß ich mehr verstehe als er, und giebt das mir gegenüber
+auch zu; doch würde er sich lieber die Zunge abbeißen, als vor einem
+Dritten meine Ueberlegenheit anzuerkennen. Wir wollen uns die Sache
+indessen doch ansehen. Ich übernehme sie vielleicht auf eigene Faust.
+Dann kann ich die beiden wenigstens auslachen, wenn ich auch sonst
+nichts davon habe. Also vorwärts!“
+
+Er fuhr rasch in seinen Ueberzieher und ging so geschäftig hin und her,
+daß ich wohl sah, die gleichgültige Stimmung war bei ihm vorüber und
+seine volle Thatkraft zurückgekehrt.
+
+„Wo ist Ihr Hut?“ fragte er.
+
+„Wünschen Sie denn, daß ich mitkomme?“
+
+„Ja, wenn Sie nichts Besseres vorhaben.“
+
+Schon im nächsten Augenblick saßen wir in einer Droschke und fuhren mit
+Windeseile nach der Brixtonstraße.
+
+Es war ein bewölkter, nebliger Morgen, alle Häuser lagen in einen
+Schleier gehüllt, von derselben grauen Schmutzfarbe wie die Straßen.
+Jetzt ließ die Laune meines Gefährten nichts mehr zu wünschen übrig;
+er sprach mit großer Zungengeläufigkeit über Cremoneser Geigen und den
+Unterschied zwischen einer Amati und einer Stradivarius. Ich verhielt
+mich ziemlich still; das trübe Wetter und das traurige Geschäft,
+welches wir vorhatten, drückten auf mein Gemüt.
+
+„Es scheint, daß Sie sich in Ihren Gedanken gar nicht mit der Sache
+beschäftigen, um die es sich handelt,“ unterbrach ich Holmes endlich in
+seinen musikalischen Auseinandersetzungen.
+
+„Noch fehlen mir alle Einzelheiten,“ erwiderte er; „es ist ein großer
+Irrtum, sich eine Theorie zu bilden, ehe man sämtliches Beweismaterial
+in Händen hat; das beeinflußt das Urteil.“
+
+„Sie werden bald genug Gelegenheit bekommen, Ihre Beobachtungen
+anzustellen,“ sagte ich; „hier sind wir schon in der Brixtonstraße und
+das dort muß das Haus sein, wenn ich nicht sehr irre.“
+
+„Kein Zweifel. -- Halt, Kutscher, halt! --“ Wir waren noch eine
+ziemliche Strecke entfernt, doch bestand er darauf, daß wir ausstiegen
+und das letzte Ende zu Fuß zurücklegten.
+
+Das Haus Nummer 3 machte einen düstern, unheimlichen Eindruck. Es
+gehörte zu einer Gruppe von vier Gebäuden, die etwas abseits von der
+Straße lagen; zwei waren bewohnt, zwei standen leer. An den trüben
+Fensterscheiben der letzteren fielen nur hier und da die angeklebten
+Zettel in die Augen, auf denen ‚Zu vermieten‘ stand. Jedes der Häuser
+hatte ein kleines Vorgärtchen, mit wenigen kränklichen Pflanzen auf den
+Beeten; mitten hindurch führte ein schmaler mit Kies bestreuter Pfad
+von gelblichem Lehm, der durch die Regengüsse der vergangenen Nacht
+völlig aufgeweicht worden war. Eine drei Fuß hohe Backsteinmauer, die
+ein hölzernes Gitter trug, bildete die Einfassung des Gartens. Am
+Gitterthor lehnte ein handfester Polizist, von einer Schar Neugieriger
+umringt, die ihre Hälse reckten und sich vergeblich abmühten, zu sehen,
+was drinnen im Hause vorging.
+
+Ich hatte erwartet, Sherlock Holmes würde sich sofort hineinbegeben,
+um seine Untersuchungen zu beginnen. Nichts schien ihm jedoch ferner
+zu liegen. Mit einer Gelassenheit, welche mir unter den obwaltenden
+Umständen unnatürlich erschien, schlenderte er vor dem Hause auf
+und ab, den Blick bald auf den Boden gerichtet, bald in die Luft,
+bald wieder nach dem Gitterzaun oder den gegenüberliegenden Häusern.
+Nach einer Weile betrat er den Kiesweg, das heißt, er ging auf dem
+Grasstreifen neben dem Pfad, die Augen forschend zur Erde gesenkt.
+Zweimal blieb er lächelnd stehen und ein Ausruf der Befriedigung
+entfuhr ihm. Es waren zwar viele Fußspuren in dem nassen Lehmboden
+eingedrückt, sie konnten jedoch von den Polizisten herrühren, die
+gekommen und wieder gegangen waren. Wie mein Gefährte hoffen konnte, da
+noch etwas Wesentliches zu entdecken, begriff ich nicht; allein nach
+den Proben seiner Beobachtungskunst, die ich schon von ihm erhalten
+hatte, mußte ich mir sagen, daß er ohne Zweifel vieles sah, was mir
+gänzlich verborgen blieb.
+
+An der Hausthüre kam uns ein großer, blasser, flachshaariger Mann mit
+einem Notizbuch entgegen. Er eilte auf Holmes zu und schüttelte ihm mit
+großer Wärme die Hand. „Sehr freundlich von Ihnen, daß Sie kommen,“
+sagte er, „alles ist noch ganz unberührt geblieben.“
+
+„Nur nicht der Fußweg,“ erwiderte mein Freund. „Wäre eine Büffelherde
+drübergelaufen, sie hätte ihn kaum mehr zertrampeln können. Natürlich
+haben Sie erst genaue Beobachtungen angestellt, Gregson, bevor Sie das
+zuließen.“
+
+„Ich hatte drinnen im Haus zu viel zu thun,“ sagte der Detektiv
+ausweichend. „Mein Kollege Lestrade ist hier; ich dachte, er würde sich
+darum kümmern.“
+
+Holmes zog die Augenbrauen spöttisch in die Höhe und sah mich an.
+„Wo zwei Männer wie Sie und Lestrade an Ort und Stelle sind, hat ein
+Dritter nicht mehr viel zu suchen,“ bemerkte er.
+
+Gregson schmunzelte selbstgefällig, und rieb sich die Hände. „Wir haben
+gethan, was wir konnten; aber es ist ein wunderlicher Fall -- ich kenne
+ja Ihre Vorliebe für dergleichen.“
+
+„Sind Sie in einer Droschke hergekommen?“
+
+„Nein, ich nicht.“
+
+„Aber Lestrade?“
+
+„Der kam auch zu Fuß.“
+
+„So? -- Dann können wir wohl das Zimmer besehen.“
+
+Wie das zusammenhing, war mir nicht recht ersichtlich, auch Gregson
+machte ein verwundertes Gesicht, während er Holmes in das Haus folgte.
+
+Ein sehr staubiger, gedielter Korridor führte nach Küche und
+Speisekammer, rechts und links befanden sich noch zwei Thüren. Die eine
+mochte wohl wochenlang nicht geöffnet worden sein, die andere führte
+in das Zimmer, wo die geheimnisvolle Missethat verübt worden war.
+Holmes trat dort ein, und ich begleitete ihn, von unheimlichen Gefühlen
+ergriffen, wie sie die Gegenwart des Todes uns einzuflößen pflegt. Das
+große, viereckige Gemach sah noch geräumiger aus, weil keine Möbel
+darin standen. Die grelle Tapete an den Wänden war hie und da mit
+Schimmel überzogen, an einigen Stellen hing sie in Fetzen herunter, so
+daß der helle Kalkbewurf zum Vorschein kam. Der Thüre gegenüber befand
+sich ein großer, offener Kamin mit einem Gesims, an dessen einer Ecke
+ein rotes Wachslichtstümpchen klebte. Das einzige Fenster, welches
+den Raum erhellte, war mit einer Schmutzkruste überzogen, die nur ein
+mattes, ungewisses Licht hindurchließ. Die düstere, graue Beleuchtung
+paßte so recht zu der dicken Staubschicht, welche auf der Zimmerdiele
+lagerte.
+
+[Illustration]
+
+Alle diese Einzelheiten fielen mir jedoch erst später auf. Anfangs
+richtete ich mein ganzes Augenmerk auf die leblose Gestalt, welche
+ausgestreckt am Boden lag, den stieren Blick nach der Decke gerichtet.
+Es war ein mittelgroßer Mann von etwa vierundvierzig Jahren,
+breitschulterig, mit krausem, schwarzem Haar und kurzem Stoppelbart.
+Sein Anzug bestand aus Rock und Weste von schwerem Doppeltuch, hellen
+Beinkleidern und tadellosem Weißzeug. Auch gehörte ihm wohl der glatt
+gebürstete, hohe Hut, den ich neben ihm sah. Er hatte die Arme weit
+von sich gestreckt, die Fäuste geballt und die Beine fest übereinander
+geschlagen, wahrscheinlich im Todeskampf. In seinen starren Zügen
+lag ein Ausdruck des Entsetzens und eines so grimmigen Hasses, wie
+ich ihn noch nie zuvor in einem Menschenantlitz erblickt zu haben
+glaubte. Dieser bösartige Zug, dazu die niedere Stirn, die breite
+Stumpfnase und das vorstehende Kinn, gaben dem Toten ein widerliches,
+tierisches Aussehen, das durch seine gekrümmte, unnatürliche Lage
+noch abschreckender wurde. Ich habe den Tod schon in mancher Gestalt
+gesehen, aber nie hat er mir einen so grauenvollen Eindruck gemacht,
+wie in jenem öden Hause der Londoner Vorstadt.
+
+Der Geheimpolizist Lestrade hatte uns an der Stubenthüre empfangen.
+„Der Fall wird Aufsehen machen,“ sagte er mit Nachdruck; „ich bin
+wahrhaftig kein Neuling mehr, aber etwas Aehnliches habe ich noch nie
+erlebt.“
+
+„Wir suchen vergeblich nach einem Aufschluß,“ fiel Gregson ein.
+
+Sherlock Holmes war neben dem Leichnam niedergekniet, den er genau
+untersuchte.
+
+„Eine Wunde haben Sie also nicht entdeckt?“ fragte er, auf die
+zahlreichen Blutspuren am Fußboden deutend.
+
+„Nein, es ist keine zu finden,“ versicherten beide.
+
+„So rührt das Blut also von einem andern Menschen her, von dem Mörder
+vermutlich, wenn nämlich ein Mord verübt worden ist. Der Fall erinnert
+mich an Van Jansens Tod in Utrecht im Jahre 1834. Haben Sie den im
+Gedächtnis, Gregson?“
+
+„Nein, ich weiß nichts davon.“
+
+„Sie sollten die Geschichte nachlesen. Es giebt nichts Neues unter der
+Sonne, alles ist schon dagewesen.“
+
+Während er sprach, fuhren seine geschickten Finger bald hierhin, bald
+dorthin; er drückte, befühlte, betastete alle Glieder und zwar mit
+solcher Schnelligkeit, daß ich kaum begriff, wie er die einzelnen
+Ergebnisse seiner Untersuchung aufzufassen vermochte. Sein Blick trug
+dabei denselben geistesabwesenden Ausdruck, den ich schon öfter an
+ihm bemerkt hatte. Schließlich roch er an den Lippen des Toten und
+betrachtete die Sohlen seiner feinen Lederstiefel.
+
+„Liegt er noch genau so, wie man ihn gefunden hat?“ fragte er.
+
+„Wir haben ihn untersucht, ohne ihn von der Stelle zu bewegen.“
+
+„Gut, dann lassen Sie ihn jetzt nur ins Leichenhaus schaffen. Es ist
+nichts Thatsächliches mehr zu ermitteln.“
+
+Eine Tragbahre stand schon in Bereitschaft, und auf Gregsons Ruf
+kamen vier seiner Leute herbei. Als sie die Leiche aufluden, um sie
+fortzutragen, fiel ein Ring zu Boden und rollte über die Diele.
+Lestrade fuhr wie ein Stoßvogel darauf zu, hob ihn auf und betrachtete
+ihn mit verblüffter Miene.
+
+„Der Trauring einer Frau -- wie kommt der hierher?“ rief er.
+
+Wir starrten alle nach dem goldenen Reif auf seiner flachen Hand;
+welche Braut mochte den am Finger getragen haben?
+
+„Die ohnehin schon verwickelte Angelegenheit wird durch diesen Fund
+noch schwieriger,“ bemerkte Gregson.
+
+„Vielleicht vereinfacht er sie auch,“ äußerte Holmes bedächtig.
+„Jedenfalls nützt es nichts, den Ring noch länger anzusehen; wir werden
+nicht klüger davon. Haben Sie nichts in den Taschen gefunden?“
+
+„Im Flur liegt alles beisammen!“ erwiderte Gregson, „kommen Sie!“ Wir
+verließen das Zimmer. „Hier ist der ganze Inhalt,“ fuhr er fort, auf
+einen Haufen verschiedener Gegenstände deutend. „Eine goldene Uhr No.
+97163 von Barrand in London, eine kurze Uhrkette von massivem Gold, ein
+goldener Ring mit dem Freimaurerzeichen; ein Hundekopf mit Rubinaugen
+als Vorstecknadel; ein Visitenkartentäschchen von russischem Leder,
+auf den Karten steht Enoch J. Drebber aus Cleveland, das stimmt mit
+den Zeichen der Wäsche überein. Kein Portemonnaie, aber loses Geld in
+der Westentasche im Betrag von sieben Pfund dreizehn Schilling. Eine
+Taschenausgabe von Boccaccios Decamerone, auf dem Titelblatt der Name
+Joseph Stangerson. Zwei Briefe, einer an E. J. Drebber, der andere an
+Joseph Stangerson.“
+
+„Wohin adressiert?“
+
+„An die amerikanische Wechselbank. Beide Briefe kommen von der
+Dampfschiffgesellschaft Guion und betreffen die Abfahrt ihres Dampfers
+von Liverpool. Offenbar stand der Unglückliche im Begriff, nach New
+York zurückzukehren.“
+
+„Haben Sie über jenen Stangerson Erkundigungen eingezogen?“
+
+„Versteht sich,“ versetzte Gregson; „an sämtliche Zeitungen sind
+Anzeigen geschickt worden; auch ist einer meiner Leute nach der
+Wechselbank gegangen, ich erwarte ihn bald zurück.“
+
+„Haben Sie in Cleveland angefragt?“
+
+„Ja, die Depesche ist heute früh abgegangen.“
+
+„Was war der Wortlaut?“
+
+„Wir gaben einfach die Umstände an und baten um Mittheilung der
+einschlägigen Thatsachen.“
+
+„Sie haben nicht etwa über einen Punkt, der Ihnen besonders wichtig
+schien, eingehendere Nachricht verlangt?“
+
+„Ich habe nach Stangerson gefragt.“
+
+„Weiter nichts? Liegt nicht eine Thatsache vor, um die sich der ganze
+Fall dreht? Wollen Sie nicht noch einmal telegraphieren?“
+
+„Meine Depesche enthielt alles Erforderliche,“ versetzte Gregson in
+beleidigtem Ton.
+
+Sherlock Holmes lachte in sich hinein und wollte eben noch eine
+Bemerkung machen, als Lestrade, der inzwischen im Zimmer geblieben war,
+zu uns in den Flur kam.
+
+„Soeben habe ich eine Entdeckung gemacht, Gregson,“ sagte er, sich
+mit selbstgefälliger Miene die Hände reibend. „Hätte ich nicht die
+Stubenwände genau untersucht, wir wären schwerlich darauf aufmerksam
+geworden.“
+
+Die Augen des kleinen Detektivs funkelten vor innerem Triumph, daß er
+seinem Kollegen den Rang abgelaufen hatte. „Kommen Sie,“ sagte er, in
+das Zimmer zurückeilend, das uns weit weniger grausig erschien, seit
+die Leiche fortgeschafft war; „so, jetzt treten Sie dorthin.“
+
+Er strich ein Schwefelholz an seiner Stiefelsohle an und hielt es gegen
+die Wand. In einer Ecke war die Tapete abgerissen und auf dem hellen
+Kalkbewurf, der darunter zum Vorschein kam, stand mit großen, blutroten
+Buchstaben das Wort
+
+_~Rache~_
+
+zu lesen.
+
+„Das hat der Mörder mit seinem eigenen Blut geschrieben,“ fuhr Lestrade
+fort, „hier auf der Diele sieht man noch, wo es hinuntergetropft ist.
+Einen besseren Beweis, daß kein Selbstmord vorliegt, könnten wir
+gar nicht haben. Sehen Sie das abgebrannte Licht auf dem Kaminsims?
+Beim Scheine desselben ist das Wort in dieser sonst so dunkeln Ecke
+geschrieben worden!“
+
+„Ich habe noch keine Zeit gehabt, mich in dem Zimmer umzusehen,“ sagte
+Holmes, ein Vergrößerungsglas und ein Zentimetermaß aus der Tasche
+ziehend. „Sie erlauben mir wohl, das jetzt nachzuholen.“
+
+[Illustration]
+
+Geräuschlos ging er in dem Raume hin und her; bald stand er still,
+bald kauerte er am Boden, einmal legte er sich sogar mit dem Gesicht
+platt auf die Diele. Er war so vertieft in seine Beobachtungen, daß
+er unsere Anwesenheit ganz vergessen zu haben schien; auch hielt er
+fortwährend leise Selbstgespräche, dazwischen stöhnte er laut oder
+pfiff wohlgefällig vor sich hin und feuerte sich durch ermutigende
+Ausrufe zu neuer Hoffnung an. Er kam mir vor wie ein edler Jagdhund,
+der rückwärts und vorwärts durch das Dickicht springt, vor Begierde
+heult und winselt und keine Ruhe findet, bis er die verlorene Fährte
+wieder aufgespürt hat. Wohl zwanzig Minuten lang setzte er seine
+Untersuchungen fort, maß mit der größten Genauigkeit die Entfernung
+zwischen verschiedenen Punkten am Boden, die für mein Auge ganz
+unsichtbar waren und dann die Höhe und Breite der Wände. Was er damit
+bezweckte, war mir unerklärlich. An einer Stelle las er behutsam ein
+Häufchen grauen Staubes von der Erde auf und verwahrte es sorgfältig
+in einem Briefumschlag. Zuletzt richtete er sein Vergrößerungsglas auf
+das rätselhafte Wort an der Wand und betrachtete jeden Buchstaben aufs
+genaueste. Das Ergebnis schien ihn zu befriedigen und er steckte das
+Glas wieder ein.
+
+„Man sagt, das Genie sei nichts als unermüdliche Ausdauer,“ bemerkte er
+lächelnd; „so falsch das an und für sich auch ist, auf die Arbeit des
+Geheimpolizisten läßt es sich doch anwenden!“
+
+Gregson und Lestrade waren dem seltsamen Gebahren des eifrigen
+Dilettanten mit neugierigen, aber etwas verächtlichen Blicken gefolgt.
+Sie schienen sich nicht klar zu machen, was ich längst wußte, daß
+nämlich Sherlock Holmes, selbst bei seinen scheinbar unbedeutendsten
+Handlungen, stets ein bestimmtes Ziel fest im Auge behielt.
+
+„Nun, was halten Sie von dem Fall?“ fragten beide jetzt in einem Atem.
+
+„Sie sind auf so gutem Wege, meine Herren,“ erwiderte Holmes nicht ohne
+einen leisen Anflug von Spott, „da wäre es die größte Anmaßung von
+meiner Seite, wollte ich mich Ihnen zur Hilfe anbieten. Den Ruhm, der
+Ihren Verdiensten gebührt, sollen Sie auch allein ernten. Vielleicht
+kann ich Ihnen im weiteren Verlauf Ihrer Forschungen noch von Nutzen
+sein, dann stehe ich gern zu Diensten. Es wäre mir übrigens doch
+erwünscht, wenn ich den Schutzmann sprechen könnte, der die Leiche
+gefunden hat. Sagen Sie mir, bitte, wie er heißt und wo er wohnt.“
+
+Lestrade schlug sein Notizbuch auf. „John Rance hat jetzt keinen
+Dienst; Sie werden ihn sicher in seiner Wohnung am Kennington Parkthor,
+Audley Court No. 46 finden.“ Holmes notierte sich die Adresse.
+
+„Kommen Sie mit, Doktor,“ rief er mir zu, „wir suchen ihn auf.“ Dann
+verabschiedete er sich von den beiden Geheimpolizisten. „Ich will
+Sie noch auf einiges aufmerksam machen, was Ihnen vielleicht einige
+Mühe ersparen kann,“ sagte er. „Hier ist ein Mord begangen worden; der
+Täter ist sechs Fuß groß, im besten Mannesalter, hat verhältnismäßig
+kleine Füße, trug Stiefel mit breiten Spitzen und rauchte eine
+Trichinopolly-Cigarre. Er kam mit seinem Opfer in einer Droschke
+angefahren; von den Hufeisen des Pferdes waren drei alt und das am
+linken Vorderfuß neu. Der Mörder hat eine rötliche Gesichtsfarbe und
+ungewöhnlich lange Fingernägel an der rechten Hand. -- Das sind nur
+ganz unbedeutende Einzelheiten, aber sie könnten Ihnen doch einen
+Anhaltspunkt geben.“
+
+Lestrade und Gregson sahen einander ungläubig lächelnd an.
+
+„Wie ist denn der Mann umgebracht worden, wenn ein Mord vorliegt?“
+fragte ersterer.
+
+„Vergiftet,“ gab Holmes kurz zur Antwort. Nach diesem kategorischen
+Ausspruch entfernte er sich rasch, und seine beiden Nebenbuhler
+blickten ihm mit offenem Munde nach.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Was uns John Rance erzählte.
+
+
+Es war ein Uhr, als wir das Haus in der Brixtonstraße verließen, um uns
+sofort auf das nächste Telegraphenbureau zu begeben. Holmes schickte
+eine lange Depesche ab, dann fuhren wir zusammen nach der Wohnung des
+Schutzmanns.
+
+„Man muß sich die Zeugenaussagen womöglich immer aus erster Hand
+holen,“ bemerkte er. „Wenn mir der Fall auch im allgemeinen ganz klar
+ist, so halte ich es doch für richtig, mich auch von allem übrigen so
+viel als thunlich zu unterrichten.“
+
+„Aber Holmes,“ rief ich in höchster Verwunderung, „Sie können doch
+unmöglich über alle jene Einzelheiten zu so unumstößlicher Gewißheit
+gelangt sein, wie Sie uns glauben machen wollen.“
+
+„Jawohl, jeder Zweifel ist ausgeschlossen,“ entgegnete er. „Als wir
+ankamen, war das Erste, was mir auffiel, die doppelte Räderspur einer
+Droschke, die bis an das Gitterthor führte. Seit einer Woche hatte es
+vergangene Nacht zum erstenmal geregnet, und die tiefen Wagengeleise
+konnten erst entstanden sein, nachdem das Erdreich gehörig aufgeweicht
+war. Auch die Spuren der Pferdehufe waren erkennbar, drei nur
+undeutlich, die vierte klar ausgeprägt, folglich war das Eisen neu. War
+die Droschke erst nach dem Regen am Hause vorgefahren und am Morgen
+nicht mehr da, wie Gregson versichert, so hatte sie also die beiden
+Leute während der Nacht dahin befördert.“
+
+„Das klingt sehr einleuchtend,“ sagte ich; „wie aber konnten Sie auf
+das Aeußere des Mannes schließen?“
+
+„Die Größe eines Menschen läßt sich in den allermeisten Fällen nach
+seinem Schritt bestimmen. Die Berechnung ist schnell gemacht, aber ich
+will Sie nicht mit Zahlen plagen. Ich fand die Schrittweite des Mannes
+sowohl draußen im weichen Erdreich als auf der staubigen Stubendiele.
+Außerdem konnte ich noch die Probe anstellen: Wer auf eine Wand
+schreibt, thut dies unwillkürlich in der Höhe seiner Augen. Die Schrift
+aber ist gerade sechs Fuß hoch über dem Boden. Sie sehen, es war
+kinderleicht.“
+
+„Aber sein Alter?“
+
+„Nun, wenn ein Mann ohne Mühe fünftehalb Fuß weit ausschreiten kann,
+ist er schwerlich schon sehr altersschwach. So breit war nämlich die
+Pfütze auf dem Gartenweg, über die er weggeschritten ist. Die feinen
+Lederstiefel waren am Rande hingegangen, die grobe Fußbekleidung mit
+den breiten Spitzen aber darüber weggeschritten. Ein Geheimnis ist
+gar nicht dabei; alles beruht auf den Grundsätzen der Beobachtung und
+Schlußfolgerung, die ich in meiner Abhandlung auseinandergesetzt habe.
+-- Macht Ihnen sonst noch etwas Kopfzerbrechen?“
+
+„Die Fingernägel und die Trichinopolly-Cigarre.“
+
+„Der Mann hatte den langen Nagel seines Zeigefingers in Blut getaucht
+und damit an die Wand geschrieben. Die Buchstaben waren wie eingekratzt
+in den Kalkbewurf. Auf der Diele fand ich etwas verstreute Asche, die
+dunkel und flockig aussah und nur von einer Trichinopolly-Cigarre
+herrühren konnte. Ueber Cigarrenasche habe ich ganz besondere Studien
+gemacht, ja sogar einen Aufsatz geschrieben; ich schmeichle mir, jede
+Sorte Cigarren- oder Tabaksasche auf den ersten Blick zu erkennen.
+Gerade in solcher speziellen Kenntnis zeigt sich der Unterschied
+zwischen dem wahrhaft gebildeten Detektiv und der Sorte, zu welcher die
+Gregson und Lestrade gehören.“
+
+„Aber die rötliche Gesichtsfarbe?“
+
+„Das war eine etwas kühne Folgerung, über die ich bei dem jetzigen
+Stand der Dinge noch keinen Aufschluß geben kann, obgleich ich
+überzeugt bin, daß ich recht habe.“
+
+Ich faßte mir unwillkürlich mit der Hand an die Stirn. „Es schwirrt
+mir förmlich im Kopfe,“ rief ich, „je mehr ich über die Angelegenheit
+nachdenke, um so rätselhafter erscheint sie mir. Wie kamen die beiden
+Männer -- wenn es ihrer zwei waren -- in das leere Haus? Was ist aus
+dem Kutscher geworden, der sie gefahren hat? Wie konnte der eine den
+andern zwingen, Gift zu nehmen? Woher stammen die Blutspuren? Was
+bewog den Mörder zu seiner That, da er keinen Raub beabsichtigte?
+Welcher Frau hat der Trauring gehört? Warum schrieb der Missethäter
+das Wort Rache an die Wand, bevor er die Flucht ergriff? -- Daß jemand
+imstande sein sollte, alle die Thatsachen in Einklang zu bringen, geht
+wahrhaftig weit über mein Verständnis.“
+
+Mein Gefährte lächelte beifällig.
+
+„Sie haben sämtliche Schwierigkeiten unserer Lage kurz und bündig
+zusammengefaßt,“ sagte er. „Ueber die Hauptsache bin ich zwar im
+reinen, aber manches ist noch unaufgeklärt. Die Schrift, auf deren
+Entdeckung Lestrade so stolz war, ist meiner Meinung nach nur eine
+Kriegslist, um die Polizei auf falsche Fährte zu locken, als sei
+die That im Auftrag einer geheimen Gesellschaft von irgend einem
+Sozialisten ausgeführt worden. -- So -- nun wissen Sie aber genug über
+den Fall, Watson, ich werde mich hüten, Ihnen noch mehr zu verraten.
+Mit dem Ansehen eines Taschenspielers ist es aus, sobald er sein
+Kunststück einmal erklärt hat, und wenn ich Ihnen mein Verfahren allzu
+genau beschreibe, werden Sie mich in kürzester Frist für einen höchst
+alltäglichen Menschen halten.“
+
+„Bewahre,“ rief ich, „das wird nie geschehen. Sie haben die
+polizeiliche Forschung auf die Höhe der Wissenschaft erhoben und bis zu
+einer Vollkommenheit gebracht, wie sie bisher unerreicht war.“
+
+Mein Gefährte wurde rot vor Freude über mein Urteil, das ich im Tone
+aufrichtigster Ueberzeugung aussprach. Schon früher hatte ich bemerkt,
+daß er für jedes Lob, welches man seiner Kunst zollte, empfänglich war,
+wie eine jugendliche Schönheit, deren Reize man bewundert.
+
+„Etwas will ich Ihnen doch noch sagen,“ rief er; „die feinen
+Lederstiefel kamen mit dem groben Schuhwerk in derselben Droschke
+angefahren und schritten zusammen höchst freundschaftlich den Gartenweg
+hinunter, wahrscheinlich sogar Arm in Arm. Im Hause gingen sie im
+Zimmer hin und her, oder richtiger gesagt: die feinen Lederstiefel
+standen still und das grobe Schuhwerk ging auf und ab und geriet dabei
+mehr und mehr in Leidenschaft. Das war in dem Staub, der auf der Diele
+lag, an den immer länger werdenden Schritten deutlich zu erkennen.
+Dabei sprach der Mann unaufhörlich, sein Zorn steigerte sich zur Wut
+und dann beging er die Unthat. Mehr weiß ich jetzt selbst noch nicht;
+das übrige beruht größtenteils auf bloßer Vermutung; doch ist immerhin
+ein guter Grund gelegt, auf dem sich sicher weiter bauen läßt. -- Ich
+darf mich übrigens jetzt nicht lange aufhalten, denn ich will heute
+nachmittag noch in Halles Konzert gehen, um die Neruda spielen zu
+hören.“
+
+Die Droschke war während unseres Gesprächs durch zahllose düstere
+Gäßchen und enge Straßen gefahren; in der allerschmutzigsten und
+trübseligsten Stadtgegend hielt der Kutscher plötzlich still. „Da
+drüben ist Audley Court,“ sagte er, auf eine Reihe räucheriger
+Backsteinhäuser deutend. „Ich will hier warten, bis Sie wieder
+herauskommen.“
+
+Audley Court bot wenig Anziehendes. Eine schmale Gasse führte auf einen
+großen, gepflasterten Hof, der rings von ärmlichen Wohnhäusern umgeben
+war. Nach No. 46 suchend, gingen wir an Scharen schmutziger Kinder
+vorbei und krochen unter aufgehängter, mißfarbener Wäsche durch, bis
+wir auf einem kleinen Messingschild den Namen ‚Rance‘ bemerkten.
+
+Der Schutzmann hatte sich nach dem Nachtdienst zu Bette gelegt und wir
+wurden gebeten, in dem kleinen Wohnzimmer ein wenig zu warten. Bald
+darauf kam Rance zum Vorschein, mißmutig, daß man ihn im Schlaf gestört
+hatte. „Ich habe doch schon auf dem Bureau Bericht erstattet,“ brummte
+er verdrießlich.
+
+[Illustration]
+
+Holmes zog ein Goldstück aus der Tasche und drehte es nachlässig
+zwischen den Fingern.
+
+„Wir wünschten den Sachverhalt aus Ihrem eigenen Munde zu hören, wenn
+Sie nichts dagegen haben,“ sagte er verbindlich.
+
+Der goldene Talisman verfehlte seine Wirkung nicht. „Ich werde Ihnen
+mit Vergnügen sagen, was ich weiß,“ beeilte sich Rance zu erwidern.
+
+„Gut, dann erzählen Sie mir bitte, wie sich alles zugetragen hat.“
+
+Der Schutzmann nahm auf dem alten Roßhaarsofa Platz und legte die
+Stirn in bedächtige Falten. „Ich will beim Anfang beginnen,“ sagte er.
+„Meine Dienstzeit ist von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Um
+elf Uhr war eine Schlägerei im ‚Weißen Hirsch‘, aber sonst fiel zuerst
+nichts Besonderes vor während meiner Runde. Gegen ein Uhr fing es an
+zu regnen, und etwas nach zwei Uhr kam ich die Brixtonstraße hinunter,
+um zu sehen, ob dort alles ruhig wäre. Keine Seele traf ich unterwegs,
+die Gegend war wie ausgestorben, nur ein paar Droschken kamen an mir
+vorbeigerasselt. Eben dachte ich daran, daß ein Schluck heißer Grog zur
+Magenstärkung wohl angebracht wäre -- da sah ich einen Lichtschimmer
+in dem gewissen Hause. Nun wußte ich genau, daß da niemand wohnt, denn
+der Besitzer läßt die Abzugsröhren nicht nachsehen, obgleich der letzte
+Mieter am Typhus gestorben ist. Na, wie ich das Licht sehe, denke ich
+gleich, daß etwas nicht geheuer sein muß. Als ich an die Thüre kam --
+--“
+
+„Sie sind stehen geblieben und nach dem Gartenthor zurückgegangen --
+aus welchem Grunde?“ fragte Holmes.
+
+Rance fuhr zusammen und riß die Augen weit auf.
+
+„Woher wissen Sie denn das?“ stammelte er. „Freilich that ich es,
+denn, sehen Sie, als ich an die Hausthür kam und alles so still und
+unheimlich war, fiel mir ein, daß wir doch eigentlich unser zwei sein
+sollten, und so ging ich zurück, um zu sehen, ob nicht vielleicht ein
+Kamerad mit seiner Laterne des Weges käme. Furcht kenne ich wahrhaftig
+nicht, aber wenn es etwa der verstorbene Mieter war, der dort umging,
+so hätte ich gern Gesellschaft gehabt.“
+
+„War denn gar niemand auf der Straße?“
+
+„Kein Mensch, Herr; nicht einmal ein verlaufener Hund. Ich nahm mich
+zusammen, ging wieder an die Thür und stieß sie auf. Drinnen war alles
+still; ich trat in das Zimmer, aus dem der Lichtschein gekommen war.
+Auf dem Kaminsims stand ein rotes Wachslicht -- es flammte hell auf und
+da sah ich -- --“
+
+„Ich weiß schon, was Sie gesehen haben. Sie sind mehrmals rings um das
+Zimmer gegangen, dann bei dem Leichnam hingekniet, haben versucht, die
+Küchenthür zu öffnen und dann -- --“
+
+Rance schnellte wie besessen von seinem Sitz in die Höhe. „Von wo aus
+haben Sie mich belauscht? Sie müssen doch irgendwo versteckt gewesen
+sein, sonst könnten Sie das nicht alles wissen.“
+
+Mein Gefährte zog seine Visitenkarte heraus und reichte sie dem
+Schutzmann. „Denken Sie nur nicht, daß ich der Mörder bin und Sie mich
+festnehmen müssen,“ sagte er lachend. „Ich bin nicht der Wolf, sondern
+nur einer von den Spürhunden, wie Ihnen die Herren Gregson und Lestrade
+bestätigen werden. Aber, nur weiter -- was thaten Sie zunächst?“
+
+„Ich ging hinunter auf die Straße,“ sagte Rance, der wieder Platz
+genommen hatte, aber noch immer verwundert dreinschaute. „Auf das
+Alarmzeichen, das ich mit meiner Pfeife gab, kamen drei von den
+Kameraden herbeigelaufen.“
+
+„War die Straße noch immer leer?“
+
+„Ja oder nein, wie man’s nimmt.“
+
+„Was soll das heißen?“
+
+Der Schutzmann verzog das Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen. „Na,“
+sagte er, „als ich aus dem Gartenthor trat, lehnte ein Mensch am
+Gitter, der aus vollem Halse etwas von ‚Kolumbias neuem Sternenbanner‘
+oder dergleichen sang. Ich hab’ in meinem Leben schon manchen gesehen,
+der zu schwer geladen hatte, aber ein Betrunkener, wie der Kerl, ist
+mir noch nicht vorgekommen. Er hätte mir keine Hilfe leisten können,
+hielt er sich doch kaum selber auf den Füßen.“
+
+[Illustration]
+
+„Wie sah denn der Mann aus?“ fiel ihm Holmes ins Wort.
+
+Den Schutzmann schien die unnütze Frage zu verdrießen. „Es war eben
+ein sinnlos betrunkener Mensch,“ sagte er, „den wir hätten auf die
+Polizeiwache bringen müssen, wären wir nicht anderweitig beschäftigt
+gewesen.“
+
+„Aber Sie werden doch sein Gesicht, seinen Anzug gesehen haben,“ rief
+Holmes ungeduldig.
+
+„Natürlich -- Murcher und ich mußten ihm ja unter die Arme greifen, um
+ihn aufzurichten. Ein langer Kerl mit rotem Gesicht, um das Kinn ein
+Tuch gewickelt und --“
+
+„Schon gut -- was ist denn aus ihm geworden?“
+
+„Was weiß ich! wir hatten ohnehin genug zu thun. Er wird schon den Weg
+nach Hause gefunden haben, da können Sie ganz ruhig sein.“
+
+„Wie war er denn angezogen?“
+
+„Er trug einen braunen Ueberrock.“
+
+„Hatte er eine Peitsche in der Hand?“
+
+„Eine Peitsche -- bewahre!“
+
+„Die muß er zurückgelassen haben,“ murmelte Holmes. „Kam nicht gleich
+darauf eine Droschke gefahren?“
+
+„Nein.“
+
+Mein Gefährte nahm seinen Hut zur Hand. „Hier, das Goldstück ist
+für Sie, Rance,“ sagte er; „aber ein andermal seien Sie nicht ganz
+so kopflos. Ich fürchte, Sie bringen es sonst Ihr Lebtag zu nichts
+Rechtem und Sie hätten sich doch letzte Nacht mit Leichtigkeit Ihre
+Beförderung zum Sergeanten verdienen können. Statt dessen haben Sie den
+Mann entwischen lassen, nach welchem wir suchen und der den Schlüssel
+zu dem ganzen Geheimnis in Händen hält. Wozu noch lange hin und her
+streiten -- es verhält sich so, wie ich Ihnen sage, verlassen Sie sich
+darauf. Kommen Sie, Watson, wir wollen gehen.“
+
+Der Schutzmann machte zwar ein ungläubiges Gesicht, aber man sah, die
+Sache war ihm nicht ganz geheuer. Wir ließen ihn verblüfft stehen und
+gingen unserer Wege.
+
+„Der Hans Narr,“ rief Holmes ärgerlich, als wir wieder in der Droschke
+saßen, um nach Hause zu fahren. „Ein Glück sondergleichen fällt ihm
+ungesucht in den Schoß und er versteht nicht, es festzuhalten.“
+
+„Sind Sie Ihrer Sache aber auch ganz gewiß?“ fragte ich. „Rances
+Beschreibung des Betrunkenen paßt zwar im allgemeinen zu Ihrer
+Vorstellung von dem zweiten Menschen, der in das Geheimnis verwickelt
+ist, aber was sollte ihn wieder nach dem Hause zurückgeführt haben? Das
+sieht nicht aus, als wäre er der Verbrecher.“
+
+„Der Ring, Freund, der Ring -- den wollte er holen. Wenn wir kein
+anderes Mittel finden, ihn zu fangen, müssen wir den Ring als Köder
+brauchen. Ich sage Ihnen, Doktor, er geht mir ins Netz, ich habe
+ihn sicher. Und Ihnen verdanke ich das alles. Hätten Sie mir nicht
+zugeredet, ich wäre um die schönste Gelegenheit gekommen, meine
+Kriminalstudien zu vervollständigen. -- Jetzt aber, erst zum Lunch
+und dann ins Konzert. Die Neruda hat einen famosen Ansatz und spielt
+köstlich. Wie geht doch das kleine Ding von Chopin, das ich von ihr
+gehört habe? Tra--la--lira--lira--la.“
+
+Er lehnte sich in die Wagenkissen zurück und trillerte wie eine Lerche,
+während ich über die Vielseitigkeit dieses Menschen nachdachte, der von
+der Natur zum Detektiv bestimmt schien und seine Forschungen mit dem
+Eifer eines Kunstliebhabers betrieb.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Wir bekommen Besuch.
+
+
+Die Anstrengungen des Morgens waren zu groß gewesen für meine schwache
+Gesundheit. Ich fühlte mich sehr angegriffen, und sobald Holmes ins
+Konzert gegangen war, legte ich mich auf das Sofa, um mich durch einige
+Stunden Schlafs zu stärken. An Ruhe war jedoch nicht zu denken, denn
+wirre Vorstellungen und Bilder drängten sich unablässig in meinem
+aufgeregten Gehirn. Sobald ich die Augen schloß, sah ich vor mir die
+verzerrten, pavianähnlichen Gesichtszüge des Ermordeten. Der Eindruck
+war so abstoßend, daß ich mich kaum eines Dankgefühls gegen denjenigen
+erwehren konnte, der den Unhold aus der Welt geschafft hatte. Mir war
+noch nie ein Mensch vorgekommen, dessen Gesicht ein so deutliches
+Gepräge von Laster und Bosheit trug. Doch sah ich wohl ein, daß man der
+Gerechtigkeit ihren Lauf lassen müsse. Mochte dieser Enoch J. Drebber
+noch so verworfen gewesen sein, das rechtfertigte die Missethat, deren
+Opfer er war, nicht in den Augen des Gesetzes.
+
+Je mehr ich über die Behauptung meines Freundes nachdachte, daß der
+Mann vergiftet worden sei, um so sonderbarer erschien sie mir. Holmes
+mußte auf den Gedanken gekommen sein, als er an den Lippen des Toten
+roch. Freilich blieb kaum eine andere Annahme übrig -- erdrosselt war
+er nicht, eine Wunde ließ sich auch nicht entdecken. Und doch -- wo kam
+das Blut her, das auf dem Fußboden verspritzt war? Es schien kein Kampf
+stattgefunden zu haben, wenigstens war keine Waffe da, mit welcher
+Drebber seinen Angreifer verwundet haben konnte. Holmes hatte sich wohl
+schon eine bestimmte Theorie über den ganzen Vorgang gebildet, das
+glaubte ich an seinem ruhigen, zuversichtlichen Benehmen zu erkennen.
+Auf welche Weise er sich aber die verschiedenen Thatsachen erklärte,
+die mir so rätselhaft schienen, ahnte ich auch nicht von ferne.
+
+Es war schon spät, als er zurückkam -- unmöglich konnte er die ganze
+Zeit über im Konzert gewesen sein. Das Essen stand bereits auf dem
+Tisch, und er nahm sogleich Platz.
+
+„Ein herrlicher Genuß!“ rief er. „Nichts übt doch solchen Zauber auf
+den Menschen aus, wie die Tonkunst. -- Aber, was ist unterdessen mit
+Ihnen geschehen, Watson? Sie sehen schrecklich angegriffen aus. Hat die
+Geschichte in der Brixtonstraße Sie aus dem Gleichgewicht gebracht?“
+
+„Wahrhaftig, ja -- mehr als ich für möglich gehalten hätte. Seit
+meinen Erlebnissen in Afghanistan, wo ich meine Kameraden in Stücke
+hauen sah, glaubte ich weniger schwach besaitet zu sein.“
+
+„Derartige rätselhafte Vorgänge erhitzen die Einbildungskraft und
+erzeugen ein leicht erklärliches Grauen,“ meinte Holmes. „In der
+Abendzeitung steht ein ziemlich ausführlicher Bericht über die
+Begebenheit, doch freut mich, daß der gefundene Trauring nicht erwähnt
+wird.“
+
+„Wieso?“
+
+„Wegen der Anzeige, die ich heute abend in sämtliche Zeitungen habe
+einrücken lassen. Hier, lesen Sie.“
+
+Er reichte mir das Blatt und unter der Rubrik ‚Gefunden‘ las ich
+folgendes:
+
+ „Ein einfacher, goldener Trauring ist heute früh auf der
+ Brixtonstraße zwischen dem Gasthaus zum ‚Weißen Hirsch‘ und dem
+ Holland-Hain gefunden worden. Zu erfragen bei Dr. Watson, Bakerstraße
+ 221 ~b~, zwischen 8 und 9 Uhr abends.“
+
+„Sie entschuldigen wohl, daß ich auf Ihren Namen verwiesen habe! Hätte
+ich meinen eigenen genannt, ich wäre vor der Einmischung des einen oder
+andern unserer professionellen Dummköpfe nicht sicher gewesen.“
+
+„Wie aber, wenn der Eigentümer sich meldet? Ich habe keinen Ring, den
+ich ihm geben könnte.“
+
+„Dafür ist schon gesorgt,“ sagte er, mir einen Ring einhändigend. „Er
+gleicht dem andern auf ein Haar und wird dieselben Dienste thun.“
+
+„Wer wird sich denn auf die Anzeige hin melden -- was glauben Sie?“
+
+„Natürlich der Mann mit dem braunen Ueberrock -- unser Freund mit dem
+roten Gesicht und dem groben Schuhwerk. Kommt er nicht selbst, so
+schickt er einen Spießgesellen.“
+
+„Sollte er nicht Gefahr wittern?“
+
+„Bewahre. Und wenn auch -- meiner Ansicht nach würde er jeder Gefahr
+trotzen, um den Ring wieder zu bekommen. Ich denke mir, er hat ihn
+verloren, während er sich über Drebbers Leichnam beugte, und es nicht
+gleich bemerkt. Erst als er draußen war, entdeckte er seinen Verlust,
+und eilte zurück. Da er aber die Thorheit begangen hatte, das Licht
+brennen zu lassen, fand er die Polizei bereits an Ort und Stelle. Um
+keinen Argwohn zu erregen, verfiel er auf den Ausweg, sich betrunken
+zu stellen. Nun versetzen Sie sich einmal in seine Lage. Er überlegt
+sich die Sache und hält es nicht für unmöglich, daß er den Ring erst
+verloren hat, nachdem er wieder auf der Straße angelangt war. Was ist
+natürlicher, als daß er sich in den Abendblättern nach den gefundenen
+Sachen umsieht -- er liest unsere Anzeige und ist überglücklich.
+Warum sollte er fürchten, in eine Falle zu geraten? Er hat nicht den
+geringsten Grund, anzunehmen, daß der Verlust des Rings in Beziehung zu
+dem Mord gebracht werden könnte, und wird sein Eigentum abholen wollen.
+Noch vor Ablauf einer Stunde kann er hier sein.“
+
+„Und dann?“
+
+„Dann lassen Sie mich nur mit ihm verhandeln -- das ist meine Sache. --
+Sind Sie mit Waffen versehen?“
+
+„Ich habe noch einen alten Revolver und einige Patronen.“
+
+„Putzen und laden Sie ihn auf alle Fälle; wir haben es mit einem
+verzweifelten Menschen zu thun. Zwar hoffe ich, ihn zu überrumpeln,
+aber es ist immer besser, vorbereitet zu sein.“
+
+Ich ging in mein Schlafzimmer und folgte seinem Rat. Als ich mit
+der Pistole in der Hand wieder eintrat, fand ich Holmes bei seiner
+Lieblingsbeschäftigung -- er kratzte auf der Geige.
+
+„Das Netz zieht sich zusammen,“ sagte er; „eben erhalte ich aus Amerika
+eine Antwort auf mein Telegramm. Meine Ansicht über den Fall war ganz
+richtig.“
+
+„Ja, was denken Sie denn eigentlich darüber?“ fragte ich eifrig.
+
+Er schien es zu überhören. „Ich muß wirklich meine Violine mit
+neuen Saiten beziehen,“ murmelte er vor sich hin. „Wenn der Mensch
+kommt,“ fuhr er gelassen fort, „so sprechen Sie mit ihm in Ihrem ganz
+gewöhnlichen Ton; sehen Sie ihn auch nicht forschend an, damit er
+keinen Verdacht schöpft.“
+
+„Es ist schon acht vorbei,“ sagte ich, meine Uhr herausziehend.
+
+„In wenigen Minuten wird er wohl hier sein. Oeffnen Sie die Thür ein
+wenig und stecken Sie den Schlüssel inwendig ins Schlüsselloch. Danke
+sehr -- jetzt kann er kommen. Ich glaube gar, da ist er schon.“
+
+Draußen wurde stark an der Klingel gezogen, Sherlock Holmes stand
+geräuschlos auf und schob seinen Stuhl näher nach der Thüre hin. Wir
+hörten die Dienerin durch den Vorsaal gehen und die Hausthür öffnen.
+
+„Wohnt Doktor Watson hier?“ fragte eine laute, etwas scharfe Stimme;
+dann ward die Thür geschlossen, und es kam jemand mit schlürfendem Gang
+die Treppe herauf. Verwundert horchte mein Gefährte auf den langsamen,
+unsichern Schritt im Korridor; nun wurde leise angeklopft.
+
+„Herein!“ rief ich.
+
+[Illustration]
+
+Die Thüre ging auf und statt des gewaltthätigen Menschen, den wir
+erwarteten, hinkte ein runzliges, altes Mütterchen ins Zimmer, das, wie
+von dem plötzlichen Lichtschein geblendet, uns mit matten, glanzlosen
+Augen anblinzelte.
+
+Während die Alte stumm vor uns stand, und mit den zitternden Fingern
+ängstlich in ihrer Tasche nach etwas zu suchen schien, nahm das Gesicht
+meines Gefährten einen so trostlosen Ausdruck an, daß ich Mühe hatte,
+meine Fassung zu bewahren. Jetzt zog sie ein Zeitungsblatt heraus und
+deutete auf unsere Anzeige.
+
+„Deswegen komme ich, werte Herren,“ sagte sie mit einem tiefen Knix,
+„der goldene Trauring in der Brixtonstraße gehört meiner Tochter Sally;
+erst seit elf Monaten ist sie verheiratet und wenn ihr Mann nach Hause
+kommt -- er ist nämlich Proviantmeister auf einem Uniondampfer -- und
+sie hat ihren Ring nicht mehr, da giebt’s ein Donnerwetter. Schon an
+guten Tagen ist er sehr kurz angebunden, besonders wenn er getrunken
+hat. Das kam nämlich so: gestern abend war sie im Zirkus mit --“
+
+„Ist das der verlorene Ring?“ fragte ich.
+
+„Unser Herrgott sei gepriesen,“ rief die Alte. „Wie wird sich Sally
+freuen. Ja, das ist ihr Ring.“
+
+Ich griff nach einem Bleistift: „Wo wohnen Sie?“
+
+„In Houndsditch, Dunkanstraße 13. Ein weiter Weg von hier.“
+
+„Wenn man von Houndsditch in den Zirkus will, kommt man nicht durch die
+Brixtonstraße,“ mischte sich hier Sherlock Holmes in das Gespräch.
+
+Die Alte warf ihm einen scharfen Blick aus ihren kleinen,
+rotgeränderten Augen zu. „Der Herr hat mich nach +meiner+ Adresse
+gefragt. Sally wohnt in Peckham auf dem Mayfield-Platz Nummer 3.“
+
+„Und Sie heißen? --“
+
+„Mein Name ist Sawyer, -- sie heißt Dennis weil sie Tom Dennis
+geheiratet hat. Ein wackerer, sauberer Bursche, solange er auf
+See ist; kein Proviantmeister gilt mehr bei den Herren von der
+Dampfschiffsgesellschaft. Aber, kommt er ans Land, so thun’s ihm die
+Weiber an und die Branntweinschenken und --“
+
+„Hier ist Ihr Ring, Frau Sawyer,“ unterbrach ich sie auf ein Zeichen
+meines Freundes; „er gehört ohne Zweifel Ihrer Tochter, und ich freue
+mich, ihn der rechtmäßigen Eigentümerin zustellen zu können.“
+
+Allerlei Dankesworte und Segenswünsche murmelnd, versenkte die Alte
+den Ring in ihre Tasche und schlürfte wieder zur Thüre hinaus und die
+Treppe hinunter. Kaum war sie fort, so sprang Sherlock Holmes vom
+Stuhle auf und verschwand in sein Schlafzimmer. Eine Minute später
+erschien er wieder mit Hut und Ueberrock. „Ich gehe ihr nach,“ sagte
+er, „sie muß mit ihm unter einer Decke stecken und wird mir auf meine
+Spur verhelfen. Bitte, bleiben Sie auf, bis ich wieder da bin.“
+
+Als Holmes die Treppe hinunter ging, hatte sich die Hausthür eben
+hinter der Alten geschlossen. Vom Fenster aus konnte ich sehen, wie sie
+sich langsamen, schlürfenden Schrittes entfernte, während ihr Verfolger
+auf der andern Straßenseite hinterdrein schlich. „Entweder ist seine
+ganze Theorie falsch,“ dachte ich bei mir, „oder es wird ihm jetzt
+gelingen, das Rätsel zu lösen.“
+
+Es hätte der Aufforderung, daß ich seine Rückkunft abwarten möchte,
+nicht bedurft, denn von Schlaf konnte bei mir keine Rede sein, bis
+ich wußte, wie sein Unternehmen abgelaufen wäre. Als er sich auf den
+Weg machte, war es fast neun Uhr; ich steckte mir eine Pfeife an und
+blätterte in einem französischen Roman. Es schlug zehn, und ich hörte
+wie das Dienstmädchen zu Bett ging; um elf Uhr kam die Wirtin durch den
+Korridor, um sich zurückzuziehen; erst kurz vor Mitternacht knarrte
+drunten der Schlüssel in der Hausthür.
+
+Als Holmes bei mir eintrat, sah ich es ihm gleich an, daß er kein
+Glück gehabt hatte. Verdruß und heitere Laune stritten in seinen
+Gesichtszügen um die Herrschaft, bis schließlich letztere die Oberhand
+behielt und er in ein herzliches Gelächter ausbrach.
+
+„Um nichts in der Welt möchte ich, daß die Geheimpolizisten von meinem
+Erlebnis Wind bekämen,“ rief er, und sank auf einen Stuhl. „Ich habe
+sie so oft gehänselt, daß sie froh wären, sich einmal schadlos halten
+zu können. Da ich aber weiß, daß ich ihnen am Ende aller Enden doch den
+Rang ablaufe, lache ich trotz alledem.“
+
+„Was ist denn geschehen?“ fragte ich.
+
+„Sie sollen die ganze Geschichte hören, wie wenig sie mir auch zum
+Ruhm gereicht: Die Person war erst eine kleine Strecke weit gegangen,
+da fing sie an zu hinken und konnte allem Anschein nach nicht mehr
+vom Fleck. Sie blieb stehen und winkte eine vorüberfahrende Droschke
+herbei. Um die Adresse zu hören, lief ich näher herzu, doch das hätte
+ich mir sparen können. ‚Nach Houndsditch, Dunkanstraße 13‘, rief
+sie, daß es weithin schallte. Kaum war sie eingestiegen, so sprang
+ich hinten auf; das ist eine Kunst, in der jeder Detektiv gründlich
+bewandert sein sollte. Fort rasselte die Droschke in gleichmäßiger
+Geschwindigkeit. Schon ehe sie das Ende der Fahrt erreichte, war ich
+abgesprungen und schlenderte gemächlich die Straße hinunter. Jetzt
+hielt der Kutscher, er stieg vom Bock, öffnete die Wagenthür und
+wartete. Aber es kam niemand heraus. Als ich näher trat, sah ich ihn
+wie wild in der leeren Droschke herumfahren, wobei er die kräftigsten
+Verwünschungen hören ließ, die mir je zu Ohren gekommen sind. Von der
+Insassin war keine Spur mehr zu sehen, und ich fürchte, er wird lange
+auf sein Fahrgeld warten müssen. Das Haus Nummer 13 gehört, wie ich
+erfuhr, einem ehrsamen Tapezierer Namens Keswig, von einer Frau Sawyer
+oder Frau Dennis aber wußte kein Mensch dort etwas.“
+
+„Sie wollen doch nicht behaupten,“ rief ich starr vor Staunen, „daß das
+alte, gebrechliche Weib aus dem Wagen gesprungen ist, während er in
+voller Bewegung war, und daß weder der Kutscher noch Sie etwas davon
+gemerkt haben?“
+
+„Zum Henker mit dem alten Weibe,“ rief Holmes ärgerlich. „Die alten
+Weiber waren +wir+, daß wir uns so anführen ließen. Es muß ein junger,
+noch dazu ein sehr gelenkiger Mensch gewesen sein und ein vollendeter
+Schauspieler. Die Verkleidung war ganz vorzüglich! Ohne Zweifel hatte
+er den Verfolger bemerkt und war auf dies Mittel verfallen, mir zu
+entwischen. Es ist ein Beweis, daß der Mann, den wir suchen, nicht so
+allein steht, wie ich glaubte, sondern Freunde hat, die sich im Notfall
+nicht scheuen, um seinetwillen ein Wagnis zu unternehmen. Nun gehen Sie
+aber schnell zu Bett, Doktor, Sie sehen ganz abgemattet aus.“
+
+Ich war in der That todmüde und folgte seinem Rat. Holmes blieb bei
+dem glimmenden Feuer sitzen, und noch bis tief in die Nacht hinein
+hörte ich die schwermütigen Klänge seiner Geige und wußte, daß er fort
+und fort das seltsame Problem in seinem Haupte wälzte, dessen Lösung er
+sich nun einmal vorgesetzt hatte.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Tobias Gregson thut große Thaten.
+
+
+Tags darauf waren alle Zeitungen voll von dem ‚Brixton-Geheimnis‘,
+wie sie es nannten. Viele brachten außer einem langen Bericht noch
+Leitartikel darüber. Sie erzählten mancherlei, was mir neu war, und ich
+bewahre in meiner Brieftasche eine ganze Sammlung von Ausschnitten und
+Auszügen über den Fall. Das Wesentlichste lasse ich hier folgen:
+
+Der ‚Daily Telegraph‘ behauptete, daß die Verbrecherchronik nur wenige
+Tragödien aufzuweisen habe, die von so seltsamen Umständen begleitet
+seien. Der deutsche Name des Opfers, der Mangel jedes Beweggrunds,
+die furchtbare Schrift an der Wand, ließen deutlich erkennen, daß die
+That im Auftrag der Revolutionspartei begangen worden. Die Sozialisten
+besäßen weitverzweigte Verbindungen in Amerika, wahrscheinlich habe der
+Ermordete eines ihrer ungeschriebenen Gesetze übertreten und sei dafür
+zum Tode verurteilt worden. Der Artikel schloß damit, die Regierung zu
+ermahnen, sie möge ein wachsames Auge auf die Ausländer haben, die nach
+England kämen.
+
+Der ‚Standard‘ klagte, dergleichen Gewaltthätigkeiten seien die
+traurigen Früchte einer freisinnigen Regierung, welche die Massen
+aufsässig mache und alle Autorität untergrabe. „Der Verstorbene,“ hieß
+es weiter, „ein Herr aus Amerika, hielt sich längere Zeit in London
+auf, und zwar in der Privatpension von Madame Charpentier in Torquay
+Terrace, Camberwell. Er reiste in Begleitung seines Privatsekretärs
+Joseph Stangerson. Letzten Dienstag, den 4. des Monats, verabschiedeten
+sich beide von ihrer Wirtin und fuhren nach dem Eustoner Bahnhof,
+mit der ausgesprochenen Absicht, den Schnellzug nach Liverpool zu
+benützen. Auch wurden sie dort noch zusammen im Wartesaal gesehen. Von
+da ab fehlen jedoch alle Nachrichten über sie, bis zu dem Augenblick,
+als Drebbers Leichnam, wie bereits mitgeteilt, in einem leeren Hause
+der viele Meilen vom Eustoner Bahnhof entfernten Brixtonstraße
+gefunden wurde. Wie er dorthin gekommen ist, und auf welche Weise
+ihn sein Verhängnis ereilt hat, sind Fragen, die für jetzt noch in
+undurchdringliches Dunkel gehüllt sind. Was aus Stangerson geworden
+ist, weiß man nicht. Wir freuen uns, zu hören, daß die Herren Gregson
+und Lestrade mit der Erforschung des Falles betraut worden sind und
+erwarten zuversichtlich, daß es diesen wohlbekannten Geheimpolizisten
+bald gelingen wird, die rätselhafte Angelegenheit aufzuklären.“
+
+‚Daily News‘ versicherte, es läge ohne allen Zweifel ein politisches
+Verbrechen vor. Dies werde sich bald genug herausstellen, wenn
+der Aufenthaltsort des Sekretärs Stangerson ermittelt sei und man
+Genaueres über die Lebensgewohnheiten des Ermordeten erfahren habe.
+Von wesentlicher Bedeutung sei es, daß man bereits wisse, in welcher
+Pension er sich aufgehalten, eine Kunde, die man einzig und allein dem
+Scharfsinn und der Thatkraft des Geheimpolizisten Gregson verdanke.
+
+Diese und ähnliche Artikel, welche ich mit Sherlock Holmes zusammen
+beim Frühstück las, schienen ihn sehr zu belustigen.
+
+„Sagte ich Ihnen nicht, daß Lestrade und Gregson unter allen Umständen
+Kapital aus der Sache herausschlagen würden?“
+
+„Das kommt doch noch sehr auf den Ausgang an,“ meinte ich.
+
+„Bewahre, der ist dabei höchst gleichgültig. Wird der Mann gefangen, so
+geschieht es infolge ihrer Bemühungen, gelingt es ihm zu entkommen, so
+thut er es trotz ihrer Bemühungen. Die Anerkennung fehlt ihnen nie, sie
+mögen anstellen, was sie wollen.“
+
+„Was geht denn da vor, was soll der Lärm bedeuten? Hören Sie nur,“ rief
+ich, als sich in diesem Augenblick im Hausflur und auf der Treppe das
+Stampfen vieler Füße vernehmen ließ und dazwischen die unwillige Stimme
+unserer Wirtin.
+
+„Das ist die kleine Detektivmannschaft aus der Bakerstraße,“ sagte
+mein Gefährte mit lächelnder Miene, und ehe ich mich’s versah, kam
+ein halbes Dutzend der schmutzigsten und zerlumptesten Gassenjungen
+hereingepoltert, die ich je im Leben zu Gesicht bekommen habe.
+
+„Achtung!“ rief Holmes im Kommandoton, und die sechs schmutzigen Bengel
+standen in Reih und Glied wie wohldressierte Soldaten. „Künftig schickt
+ihr Wiggins allein herauf, um Bericht zu erstatten; ihr andern wartet
+unten auf der Straße! -- Habt ihr sie gefunden, Wiggins?“
+
+„Nee,“ lautete die Antwort, „gefunden haben wir se nich.“
+
+„Das dachte ich mir wohl. Sucht nur weiter, bis ihr sie findet; hier
+ist euer Geld.“ Er händigte jedem der Buben einen Schilling ein. „Jetzt
+fort mit euch, und bringt mir das nächstemal bessern Bescheid.“
+
+[Illustration]
+
+Auf seinen Wink machten sie rechtsumkehrt, und polterten wieder die
+Treppe hinunter. Gleich darauf hörte man sie schon unten auf der
+Straße durcheinander gröhlen und schreien.
+
+„Jeder einzige von den kleinen Halunken bringt mehr vor sich als ein
+Dutzend Polizisten,“ bemerkte Holmes. „Die Leute haben gleich ein
+Schloß vor dem Mund, sobald sich nur ein Beamter von fern blicken läßt.
+Diese Schlingel kommen aber überall hin und hören alles. Sie sind glatt
+wie Aale und schlau wie Füchse, es fehlt ihnen nur die Disziplin.“
+
+„Betrifft denn der Auftrag, den Sie ihnen gegeben haben, den
+Brixton-Fall?“
+
+„Ja, es handelt sich um einen Punkt, über den ich Gewißheit haben muß.
+Die werden sie mir verschaffen -- es ist nur eine Frage der Zeit. --
+Aber, holla! jetzt werden wir Neuigkeiten zu hören bekommen. Eben
+steuert Gregson mit vollen Segeln die Straße herunter. Er strahlt
+förmlich vor Glückseligkeit. Richtig, er will zu uns -- da ist er
+schon.“
+
+Es ward heftig an der Hausglocke gezogen, und gleich darauf kam der
+blonde Detektiv die Treppe heraufgesprungen, immer drei Stufen auf
+einmal, und platzte in unser Wohnzimmer.
+
+„Wünschen Sie mir Glück, werter Freund,“ rief er, Holmes eifrig die
+Hand schüttelnd; „ich habe jetzt Licht in die Sache gebracht -- alles
+liegt klar zu Tage.“
+
+Ein düsterer Schatten glitt über die ausdrucksvollen Züge meines
+Gefährten. „Glauben Sie die rechte Spur gefunden zu haben?“ fragte er.
+
+„Die rechte Spur? Was denken Sie -- ich habe den Verbrecher schon
+hinter Schloß und Riegel.“
+
+„Wer ist es denn?“
+
+Gregson warf sich stolz in die Brust. „Arthur Charpentier,
+Unterleutnant bei der königlichen Marine,“ rief er, sich die
+fleischigen Hände reibend.
+
+Sherlock Holmes atmete sichtlich erleichtert auf.
+
+„Setzen Sie sich, und hier ist eine Cigarre. Wir sind sehr gespannt zu
+hören, wie Sie es angefangen haben. Ist Ihnen vielleicht ein Glas Grog
+gefällig?“
+
+„Habe nichts dagegen,“ versetzte der Detektiv; „wer solche
+Anstrengungen durchgemacht hat, wie ich in den letzten Tagen, bedarf
+wohl einer Erfrischung. Besonders die geistige Ermüdung war übergroß.
+Sie werden das verstehen, Herr Holmes, denn auch Sie arbeiten mit dem
+Kopfe.“
+
+Gregson hatte im Lehnstuhl Platz genommen, und begann mit Wohlgefallen
+seine Cigarre zu rauchen. Plötzlich schlug er sich mit der Hand auf das
+Knie und brach in ein schallendes Gelächter aus.
+
+„Es ist wirklich zu komisch,“ rief er, „daß Lestrade, der Narr, der für
+so ungeheuer klug gilt, sich ganz und gar auf dem Holzweg befindet. Er
+hat es auf den Sekretär Stangerson abgesehen, der doch so unschuldig an
+dem Verbrechen ist, wie ein neugeborenes Kind. Sicherlich hat er ihn
+jetzt schon dingfest gemacht.“ Und wieder wollte er sich vor Lachen
+ausschütten.
+
+„Wie haben Sie denn aber die richtige Spur gefunden?“ fragte Holmes.
+
+„Ich will Ihnen alles erzählen. Es bleibt natürlich ganz unter uns,
+Doktor Watson. Die erste Schwierigkeit, die es zu überwinden galt, war,
+Kenntnis von Drebbers Vorleben in Amerika zu erlangen. Mancher würde
+gewartet haben, bis Antwort auf seine Anzeige kam, oder irgend jemand
+ihm von selbst Mitteilungen machte. Aber das ist nicht Tobias Gregsons
+Art und Weise. Erinnern Sie sich an den Hut, der neben dem Toten auf
+dem Boden lag?“
+
+„Gewiß; aus dem Geschäft von John Underwood & Söhne, Camberwell-Straße
+129.“
+
+Gregson machte ein höchst verblüfftes Gesicht. „Haben Sie das wirklich
+auch bemerkt? Sind Sie da gewesen?“
+
+„Nein!“
+
+„Das wundert mich. Mein Grundsatz ist, keine Gelegenheit unbenützt
+vorbeigehen zu lassen, wie geringfügig sie auch erscheint.“
+
+„Für einen großen Geist ist selbst das Kleinste von Bedeutung,“
+bemerkte Holmes salbungsvoll.
+
+„Ich ging also zu Underwood,“ fuhr Gregson fort, „und fragte ihn, ob er
+kürzlich einen Hut, wie ich ihn beschrieb, verkauft habe. Er schlug in
+seinen Büchern nach und fand sogleich, was ich wollte. Der Hut war an
+einen Herrn Drebber nach Madame Charpentiers Pension in Torquay Terrace
+geschickt worden. So bekam ich seine Adresse.“
+
+„Schlau, sehr schlau,“ murmelte Sherlock Holmes.
+
+„Nun suchte ich Madame Charpentier auf, die ich sehr blaß und
+angegriffen fand. Auch ihre Tochter, ein ungewöhnlich hübsches Mädchen,
+war zugegen; sie hatte rotgeweinte Augen, und als ich sie anredete,
+bebten ihre Lippen. Das entging mir nicht, und ich witterte gleich
+Unrat. Sie kennen das Gefühl, Holmes, wenn man plötzlich auf die
+richtige Spur gerät, es fährt einem durch alle Glieder.
+
+„‚Haben Sie schon etwas von dem rätselhaften Tode des Herrn Drebber aus
+Cleveland gehört, der bei Ihnen gewohnt hat?‘ fragte ich.
+
+„Die Mutter nickte bloß, sie schien außer stande, einen Laut
+hervorzubringen, die Tochter aber brach in Thränen aus. Kein Zweifel,
+die beiden wußten Näheres über die Sache.
+
+„‚Um welche Zeit verließ Herr Drebber Ihr Haus, um sich auf die
+Eisenbahn zu begeben?‘ fuhr ich in meinem Verhör fort.
+
+„‚Um acht Uhr,‘ erwiderte sie, ihre Aufregung mühsam bezwingend. ‚Herr
+Stangerson, sein Sekretär, sagte, es gäbe zwei Züge, einen um 9,15 und
+einen um 11 Uhr. Er wollte mit dem ersten abreisen.‘
+
+„‚Und haben Sie ihn seitdem nicht mehr gesehen?‘
+
+„Bei dieser Frage wurde die Frau leichenblaß, und es dauerte mehrere
+Sekunden, bevor sie das einzige Wort: ‚Nein!‘ hervorstieß. Ihre Stimme
+klang leise und unnatürlich.
+
+„‚Mutter,‘ sagte die Tochter nach einem Augenblick tiefster Stille,
+‚laß uns dem Herrn gegenüber aufrichtig sein. Aus einer Unwahrheit
+kann nie etwas Gutes kommen: Ja, wir haben Herrn Drebber noch einmal
+wiedergesehen.‘
+
+„‚Verzeih dir Gott,‘ rief Frau Charpentier, und sank händeringend auf
+einen Stuhl. ‚Du hast deinen Bruder ums Leben gebracht.‘
+
+„‚Arthur würde selbst wollen, daß wir die Wahrheit sagten,‘ entgegnete
+sie mit Festigkeit.
+
+„‚Sprechen Sie frei heraus,‘ ermahnte ich, ‚ein halbes Vertrauen ist
+schlimmer als gar keines. Auch weiß die Polizei vielleicht schon mehr,
+als Sie ahnen.‘
+
+„‚Mein Sohn ist völlig unschuldig,‘ beteuerte sie. ‚Wenn ich
+seinetwegen besorgt bin, so ist das nur, weil ich fürchte, daß er
+in Ihren Augen, und vielleicht in denen anderer Leute, verdächtig
+erscheinen könnte. Aber das ist ja undenkbar. Sein vortrefflicher Ruf,
+sein Stand, sein ganzes früheres Leben, bürgen dafür, daß er an dieser
+gräßlichen That keinen Anteil hat.‘
+
+„‚Sagen Sie mir nur alles, was Sie wissen,‘ bedeutete ich sie; ‚wenn
+Ihr Sohn unschuldig ist, hat er nichts zu fürchten.‘
+
+„‚Laß uns allein, Mary,‘ gebot Madame Charpentier. Die Tochter verließ
+das Zimmer und die Mutter berichtete nun in heftiger Erregung: ‚Herr
+Drebber hat drei Wochen lang bei uns im Hause gewohnt. Vorher war er
+mit seinem Sekretär Stangerson auf Reisen; nach den Zetteln an ihren
+Koffern zu schließen, kamen sie zuletzt aus Kopenhagen. Stangerson
+zeigte sich schweigsam und zurückhaltend, Drebber aber benahm sich
+höchst anstößig. Er war ein gemeiner Mensch von rohen Sitten. Gleich am
+Abend seiner Ankunft hat er sich sinnlos betrunken und nach zwölf Uhr
+mittags sah man ihn selten nüchtern. Im Verkehr mit den Zimmermädchen
+war er widerlich frech und vertraulich, ja sogar meiner Tochter Mary
+gegenüber erlaubte er sich ein ähnliches Betragen und sprach mehrmals
+in einer Weise mit ihr, die sie in ihrer Unschuld zum Glück nicht
+verstand. Einmal war er sogar unverschämt genug, sie in meinem Beisein
+zu umarmen und zu küssen, so daß sein eigener Sekretär sich ins Mittel
+legte und ihm seine Frechheit verwies.‘
+
+„‚Aber warum ließen Sie sich das alles gefallen? Sie hätten doch den
+lästigen Menschen los werden können, sobald Sie wollten.‘
+
+„‚Ich weiß wohl,‘ sagte Madame Charpentier errötend; ‚hätte ich ihn nur
+gleich am ersten Tage aus dem Hause gewiesen. Allein die Versuchung
+war groß. Sie bezahlten mir zusammen vierzehn Pfund die Woche, und ich
+hielt es für meine Pflicht, in diesen schlechten Zeiten mir eine solche
+Einnahme nicht entgehen zu lassen. Ich bin Witwe und mein Sohn in der
+Marine hat viel Geld gekostet. Nach dem letzten Auftritt zögerte ich
+aber nicht länger, ihm zu kündigen, das war der Grund seiner Abreise.‘
+
+„‚Nun, und wie wurde es weiter?‘
+
+„‚Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihn glücklich fortfahren sah.
+Mein Sohn ist jetzt auf Urlaub hier; ich habe mich jedoch wohlweislich
+gehütet, ihm etwas von meinen Unannehmlichkeiten zu sagen, denn er
+gerät leicht in Harnisch und liebt seine Schwester zärtlich. Meine
+Freude, jenen lästigen Menschen los zu sein, war leider von kurzer
+Dauer. Noch war keine Stunde vorbei, so klingelte es heftig und man
+sagte mir, Drebber sei wieder da, er habe den Zug versäumt. In stark
+berauschtem Zustand erzwang er sich den Eintritt in das Zimmer, wo ich
+mit meiner Tochter saß, trat frech vor Mary hin und machte ihr den
+Vorschlag, mit ihr zu entfliehen. ‚Sie sind großjährig,‘ sagte er, ‚das
+Gesetz hat keine Macht über Sie. Ich besitze Geld die Hülle und Fülle.
+Kümmern Sie sich nicht um die Alte, sondern folgen Sie mir auf der
+Stelle; Sie sollen wie eine Fürstin leben.‘ Die arme Mary war zu Tode
+erschrocken und wich vor ihm zurück, er aber ergriff sie am Arm, um sie
+mit sich fortzuziehen. Ich schrie laut auf vor Angst, und in diesem
+Augenblick trat mein Sohn Arthur ins Zimmer. Was weiter geschehen ist,
+weiß ich nicht, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und hörte nur
+Verwünschungen und ein verworrenes Getöse. Als ich wieder aufzublicken
+wagte, stand Arthur, einen Stock in der Hand, lachend an der Thür. ‚Der
+saubere Kumpan wird uns voraussichtlich nicht mehr belästigen,‘ sagte
+er; ‚ich will mich nur noch überzeugen, was aus ihm geworden ist.‘ Mit
+diesen Worten eilte er die Treppe hinunter. Am nächsten Morgen brachte
+man uns die Nachricht von Drebbers geheimnisvollem Tode.‘
+
+„‚Um wieviel Uhr ist Ihr Sohn nach Hause gekommen?‘ fragte ich, als
+Madame Charpentier mit ihrem Bericht zu Ende war. ‚Das weiß ich
+nicht,‘ stammelte sie; ‚er hat sich selbst mit dem Hausschlüssel
+hereingelassen.‘
+
+„‚Nachdem Sie zu Bett waren?‘
+
+„‚Ja.‘
+
+„‚Wann begaben Sie sich zur Ruhe?‘
+
+„‚Gegen elf Uhr.‘
+
+„‚So blieb Ihr Sohn also wenigstens noch zwei Stunden fort?‘
+
+„‚Ja.‘
+
+„‚Möglicherweise auch vier oder fünf?‘
+
+„‚Ja.‘
+
+„‚Wo war er inzwischen?‘
+
+„‚Ich weiß nicht,‘ flüsterte sie mit bleichen Lippen.
+
+„Unter diesen Umständen war ich natürlich nicht länger im Zweifel, was
+zu thun sei. Ich nahm zwei Polizisten mit, suchte Leutnant Charpentier
+auf und ließ ihn festnehmen. Als ich seine Schulter berührte und ihn
+ermahnte, uns ohne Widerstand zu folgen, richtete er sich stolz in
+die Höhe. ‚Man hegt vermutlich Verdacht, ich sei an der Ermordung des
+schurkischen Drebber beteiligt,‘ waren seine ersten Worte. Sie werden
+mir zugeben, daß das höchst verdächtig aussah.“
+
+„Versteht sich,“ pflichtete Holmes bei.
+
+„Er hielt den Stock in der Hand, von dem seine Mutter gesprochen hatte,
+einen schweren eichenen Knittel.“
+
+„Wie denken Sie sich denn den Verlauf der Sache?“
+
+„Nun, er ist Drebber bis zur Brixtonstraße gefolgt. Dort hat sich ein
+neuer Streit zwischen ihnen entsponnen, Drebber hat mit dem Stock
+einen Schlag erhalten, wahrscheinlich in die Magenhöhle, der seinen
+Tod verursachte, ohne eine Spur zu hinterlassen. In der regnerischen
+Nacht war kein Mensch unterwegs, Charpentier konnte daher die Leiche
+ungesehen nach dem leeren Hause schaffen. Was aber das Licht betrifft,
+das vergossene Blut, die Schrift an der Wand und den Ring, so sind das
+wahrscheinlich alles nur Finten, um die Polizei auf eine falsche Fährte
+zu locken.“
+
+„Vortrefflich,“ rief Holmes beifällig. „Sie machen wirklich
+Fortschritte, Gregson; es kann noch etwas aus Ihnen werden.“
+
+„Ich schmeichle mir, daß ich alles ganz glatt abgewickelt habe,“ sagte
+der Polizist voll Selbstgefühl. „Der junge Mann behauptete zwar steif
+und fest, er sei Drebber nur eine kurze Strecke weit nachgegangen, dann
+habe dieser ihn entdeckt und sei in eine Droschke gestiegen, um ihm
+zu entkommen. Auf dem Heimweg wollte er dann einem früheren Kameraden
+vom Schiff begegnet sein und einen langen Spaziergang mit ihm gemacht
+haben. Als ich aber nach der Wohnung dieses Bekannten fragte, wußte er
+sie nicht anzugeben. Wie gesagt, der Fall ist mir ganz klar; es macht
+mir nur Spaß, daß Lestrade eine so falsche Spur verfolgt, die zu nichts
+führen kann. -- Aber, wahrhaftig, ich glaube, da ist er selbst.“
+
+[Illustration]
+
+Lestrade war wirklich während unseres Gesprächs die Treppe
+heraufgekommen und trat jetzt ins Zimmer. Sein für gewöhnlich so
+selbstbewußtes Wesen war kaum wieder zu erkennen; seine Mienen waren
+verstört, sein sonst so peinlich sauberer Anzug in Unordnung. Er
+wollte sich offenbar bei Holmes guten Rat holen; seinen Kollegen da zu
+finden, hatte er nicht erwartet. Unschlüssig blieb er mitten im Zimmer
+stehen und drehte seinen Hut krampfhaft in den Händen. „Ein höchst
+verwickelter, unverständlicher Fall,“ sagte er endlich.
+
+„Meinen Sie, Lestrade?“ rief Gregson triumphierend, „das habe ich mir
+wohl gedacht. Ist es Ihnen denn gelungen, den Aufenthalt des Sekretärs
+Josef Stangerson zu entdecken?“
+
+„Den Sekretär Stangerson,“ erwiderte Lestrade mit tiefem Ernst, „hat
+man in Hallidays Privathotel heute früh gegen acht Uhr in seinem
+Schlafzimmer ermordet gefunden.“
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Es kommt Licht in das Dunkel.
+
+
+Lestrades furchtbare Mitteilung kam uns so unerwartet, daß wir einige
+Zeit brauchten, um uns von dem ersten Schrecken zu erholen. Gregson
+war von seinem Sitz in die Höhe geschnellt, und ich starrte schweigend
+auf Sherlock Holmes, der mit düster zusammengezogenen Brauen und fest
+geschlossenen Lippen dasaß.
+
+„Stangerson gleichfalls,“ murmelte er endlich -- „der Fall wird
+verwickelter.“
+
+„Und war schon verwickelt genug,“ sagte Lestrade und nahm mißmutig am
+Tische Platz. „Hier wurde wohl Kriegsrat gehalten?“
+
+„Ist denn -- was Sie sagen -- aber auch ganz gewiß wahr?“ stammelte
+Gregson.
+
+„Eben komme ich vom Schauplatz der That,“ lautete seines Kollegen
+Antwort. „Ich war der Erste, welcher entdeckte, was sich zugetragen
+hatte.“
+
+Holmes sah ihn erwartungsvoll an. „Wir haben soeben Gregsons Ansicht
+über den Fall gehört,“ äußerte er, „vielleicht wären Sie geneigt, uns
+nun auch Ihre Erlebnisse und Thaten zu berichten?“
+
+„Warum nicht?“ versetzte Lestrade; „ich gestehe offen, daß ich der
+Meinung war, Stangerson müsse bei Drebbers Ermordung die Hand im
+Spiele gehabt haben -- ein Irrtum, von dem ich durch das jüngste
+Ereignis gründlich zurückgekommen bin. Vor allem wollte ich ermitteln,
+was aus dem Sekretär geworden sei. Man hatte die beiden noch abends
+um halb neun zusammen auf dem Eustoner Bahnhof gesehen. Um zwei Uhr
+morgens war Drebbers Leiche in der Brixtonstraße aufgefunden worden.
+Wo hatte sich Stangerson in der Zeit zwischen 8 Uhr 30 und der Stunde
+des Verbrechens aufgehalten? -- das war die Frage. Ich telegraphierte
+eine Personalbeschreibung des Mannes nach Liverpool, damit er sich
+nicht heimlich auf einem amerikanischen Dampfer einschiffen könne.
+Dann erkundigte ich mich nach ihm in allen Hotels und Privatpensionen
+in der Nähe des Bahnhofs. Es schien mir wahrscheinlich, daß, wenn die
+Reisegefährten sich aus irgend einem Grunde getrennt hätten, Stangerson
+zur Nacht im nächsten Hotel einkehren und am andern Morgen Drebber
+sicherlich wieder am Bahnhof erwarten würde.“
+
+„Sie werden wohl vorher verabredet haben, an welchem Orte sie sich
+treffen wollten,“ warf Holmes ein.
+
+„Wohl möglich,“ meinte Lestrade. „Nun also, den ganzen gestrigen
+Abend brachte ich mit fruchtlosen Erkundigungen zu. Heute früh setzte
+ich meine Nachforschungen beizeiten fort und kam gegen acht Uhr nach
+Hallidays Privathotel in der kleinen Georgstraße. Auf meine Frage,
+ob ein Herr Stangerson dort abgestiegen sei, erhielt ich sofort eine
+bejahende Antwort. ‚Vermutlich sind Sie der Herr, auf den er schon seit
+zwei Tagen wartet,‘ meinte der Portier.
+
+„‚Wo ist er jetzt?‘ fragte ich.
+
+„‚Oben in seinem Schlafzimmer; er wollte um neun Uhr geweckt sein.‘
+
+„‚Ich möchte ihn sofort aufsuchen.‘
+
+„Mit der Absicht, ihn ganz unvermutet zu überraschen, ließ ich mir von
+dem Hausknecht das Zimmer zeigen. Es lag im zweiten Stock am Ende eines
+engen Korridors. Nun stellen Sie sich aber mein Entsetzen vor, als ich,
+bei der Thür angekommen, bemerkte, daß ein dünner, roter Strom über
+die Schwelle rieselte und auf der andern Seite des Ganges eine kleine
+Blutlache gebildet hatte. Der Hausknecht, der schon an der Treppe war,
+kam auf meinen Schreckensruf zurückgestürzt, er wäre bei dem Anblick
+fast umgesunken. Die Thür war von innen verschlossen, doch gelang es
+unsern vereinten Kräften, sie aufzusprengen. Drinnen stand ein Fenster
+offen, und dicht daneben lag zusammengesunken ein Mann im Nachtgewande.
+Er mußte schon seit mehreren Stunden tot sein, denn seine Glieder waren
+steif und kalt. Ein Dolchstich war ihm mitten durchs Herz gedrungen.
+Nun hören Sie aber noch das Seltsamste von der ganzen Begebenheit: An
+der Wand neben der Leiche stand geschrieben -- was glauben Sie wohl?“ --
+
+„Das Wort ‚Rache‘ in Blutbuchstaben,“ sagte Sherlock Holmes, ohne sich
+zu besinnen. Mir erstarrte das Blut in den Adern vor Entsetzen.
+
+„Das war es,“ flüsterte Lestrade, und seine Stimme bebte. Eine Weile
+sprach keiner von uns ein Wort. Die methodische, und doch völlig
+unbegreifliche Weise, auf die der unbekannte Mörder bei seinen
+Missethaten verfuhr, erhöhte noch ihren schauerlichen Eindruck. Unter
+den Greueln des Schlachtfeldes war ich kaltblütig geblieben, jetzt
+zuckte mir jeder Nerv vor Erregung.
+
+„Der Verbrecher ist nicht unbemerkt entkommen,“ fuhr Lestrade fort.
+„Ein Milchjunge, der vom Kuhstall nach der Hotelküche ging, sah, daß
+an einem offenen Fenster des zweiten Stocks eine Leiter lehnte. Als er
+sich verwundert noch einmal umblickte, kam gerade ein Mann die Leiter
+herabgestiegen und zwar so ruhig und ohne jede verdächtige Hast, daß
+der Junge glaubte, es müsse ein Arbeiter sein, der im Hotel etwas
+auszubessern habe. Nach seiner Beschreibung war der Mann groß, rot im
+Gesicht und mit einem langen Rock von bräunlicher Farbe bekleidet.
+Er hat das Zimmer nicht unmittelbar nach der That verlassen, sondern
+sich erst noch im Becken das Blut von den Händen gewaschen und sein
+Dolchmesser sorgfältig an den Betttüchern abgewischt.“
+
+Das Aeußere des Mannes war genau so, wie Holmes es früher beschrieben
+hatte, doch war keine Spur von Triumph oder Genugthuung in den Zügen
+meines Gefährten zu entdecken. „Haben Sie in dem Zimmer nichts
+gefunden, was auf die Spur des Verbrechers leiten könnte?“ fragte er
+begierig.
+
+„Nicht das geringste. Stangerson trug Drebbers Börse in der Tasche,
+doch war das nicht auffällig, da er die Reiseausgaben zu bezahlen
+pflegte. Sie enthielt etwa achtzig Pfund, die unberührt geblieben
+waren. Auf eine Beraubung hatte man es offenbar nicht abgesehen. In den
+Taschen des Ermordeten fanden sich weder Papiere noch Notizen, nur ein
+Telegramm, das vor etwa einem Monat in Cleveland aufgegeben worden war
+und lautete: ‚J. H. ist in Europa.‘ Der Name des Absenders stand nicht
+dabei.“
+
+„Und das war alles?“
+
+„Alles Wichtige. Ein Roman, mit dem sich der Mann in den Schlaf
+gelesen, lag auf dem Bett und seine Tabakspfeife daneben auf dem Stuhl.
+Auf dem Tisch stand ein Glas Wasser und auf dem Fensterbrett ein
+hölzernes Salbenschächtelchen, das mehrere Pillen enthielt.“
+
+Mit einem Ausruf des Entzückens sprang Sherlock Holmes in die Höhe.
+
+„Das fehlende Glied,“ rief er. „Nun ist der letzte Zweifel gelöst.“
+
+Die beiden Polizisten sahen einander sprachlos vor Erstaunen an.
+
+„Ich halte nunmehr alle scheinbar noch so verwirrten Fäden in meinen
+Händen,“ sagte mein Gefährte zuversichtlich. „Einzelheiten sind
+natürlich noch unerledigt, aber über die Hauptsache bin ich völlig
+im klaren. Von der Zeit an, als Drebber sich von Stangerson trennte,
+bis zum Augenblick, da des letzteren Leiche entdeckt wurde, weiß ich
+alles, als hätte ich es mit eigenen Augen gesehen. Sie sollen sogleich
+einen Beweis davon haben. Könnten Sie wohl die fraglichen Pillen
+herbeischaffen?“
+
+„Ich habe sie hier,“ versetzte Lestrade, ein Schächtelchen
+hervorziehend, „ich nahm sie an mich, zugleich mit der Börse und dem
+Telegramm, um sie der Polizei zu übergeben. Daß ich die Pillen nicht
+stehen ließ, war der reinste Zufall, denn ich muß sagen, ich legte
+ihnen keine Wichtigkeit bei.“
+
+„Wissen Sie, Doktor,“ wandte sich Holmes zu mir, „ob das gewöhnliche
+Pillen sind?“
+
+Sie waren von perlgrauer Farbe, klein, rund und fast durchsichtig, wenn
+man sie gegen das Licht hielt. „Nach ihrer Beschaffenheit sollte ich
+meinen, daß sie sich in Wasser auflösen würden,“ bemerkte ich.
+
+„Das glaube ich auch,“ sagte Holmes erfreut. „Bitte,“ fuhr er fort,
+„schaffen Sie doch einmal den kleinen kranken Dachshund herbei, der
+schon lange in einem so traurigen Zustand ist, daß die Wirtin Sie noch
+gestern bat, ihn von seinen Qualen zu erlösen.“
+
+Ich brachte das altersschwache Tier in meinen Armen herauf und legte es
+auf ein Fußkissen nieder, es atmete schwer und schien bereits in den
+letzten Zügen.
+
+„Jetzt schneide ich eine dieser Pillen entzwei,“ sagte Holmes, sein
+Taschenmesser herausziehend; „eine Hälfte bleibt zu späterer Verwendung
+in der Schachtel, die andere thue ich mit einem Theelöffel voll Wasser
+in dieses Weinglas. Sie sehen, der Doktor hat recht, sie löst sich
+schon auf.“
+
+„Das mag sehr interessant sein,“ ließ sich Lestrade in spöttischem Ton
+vernehmen, „nur begreife ich nicht, was es mit Stangersons Tode zu thun
+haben soll.“
+
+„Geduld, mein Freund, Geduld; Sie werden es bald erfahren. Jetzt gieße
+ich noch etwas Milch dazu, um es schmackhaft zu machen.“
+
+Er hatte den Inhalt des Weinglases in einen Napf ausgeleert und der
+Hund leckte die Flüssigkeit bereitwillig auf. Wir saßen schweigend im
+Kreise und erwarteten eine überraschende Wirkung, welche, nach Holmes
+wichtiger Miene zu urteilen, bald eintreten sollte. Aber es geschah
+nichts dergleichen. Der Hund lag auf dem Kissen ausgestreckt, sein
+Zustand war unverändert.
+
+Mein Freund hatte die Uhr herausgezogen, und wie eine Minute nach
+der andern erfolglos verstrich, nahm sein Gesicht einen immer
+kummervolleren Ausdruck an. Er preßte die Lippen zusammen, trommelte
+mit den Fingern auf dem Tisch und verriet auf jede Weise die größte
+Ungeduld. Seine Gemütsbewegung war so unverkennbar, daß er mir
+aufrichtig leid that, während die beiden Polizisten schadenfroh
+lächelten und ihm den offenbaren Mißerfolg von Herzen zu gönnen
+schienen.
+
+„Es kann kein zufälliges Zusammentreffen sein,“ rief er endlich, vom
+Stuhl aufspringend; „das ist unmöglich, völlig unmöglich. Die nämlichen
+Pillen, deren Anwendung ich in Drebbers Fall vermutete, werden nach
+Stangersons Tode wirklich gefunden -- und doch haben sie keine Wirkung.
+Wie läßt sich das erklären? -- Daß meine ganze Schlußfolgerung falsch
+gewesen sein soll, ist undenkbar. Aber der elenden Kreatur dort merkt
+man gar nichts an.“
+
+Er ging aufgeregt im Zimmer hin und her; plötzlich stieß er einen
+Jubelruf aus: „Ich hab’s, ich hab’s!“ Er griff nach der Schachtel,
+schnitt die andere Pille entzwei, löste sie auf, goß Milch dazu und
+ließ sie von dem Hunde auflecken. Kaum hatte das arme Geschöpf sie mit
+der Zunge berührt, als ein krampfhaftes Zucken durch seine Glieder
+ging, dann lag es starr und leblos da, wie vom Blitz getroffen.
+
+Sherlock Holmes atmete tief auf und trocknete sich den Schweiß von
+der Stirn. „Es war unrecht, daß ich mich so leicht irre machen ließ,“
+sagte er. „Wenn eine Thatsache durchaus nicht zu meinen Folgerungen
+passen will, hat sich noch regelmäßig herausgestellt, daß es damit eine
+besondere Bewandtnis hat. Eine der beiden Pillen enthielt das tödliche
+Gift, die andere war völlig unschädlich. Das hätte ich wissen müssen,
+bevor mir noch die Schachtel zu Gesicht kam.“
+
+[Illustration]
+
+Wie seltsam mir auch seine letzte Behauptung klang, so lag doch
+der tote Hund als bester Beweis für ihre Richtigkeit vor uns. Ganz
+allmählich begannen sich die Nebel zu zerstreuen, die mir das
+Verständnis verhüllten, und es dämmerte in mir eine Ahnung von dem
+Zusammenhang der Dinge.
+
+„Das alles erscheint Ihnen nur deshalb so sonderbar,“ fuhr Holmes fort,
+„weil Sie gleich zu Anfang die einzig richtige Spur, welche deutlich
+vorlag, nicht erkannt haben. Ich hatte das Glück, von vornherein darauf
+zu verfallen und alle späteren Ereignisse haben nur dazu gedient, mich
+in meiner ursprünglichen Vermutung zu bestärken, sie waren die logische
+Folge derselben. So kam es, daß alles, was den Fall in Ihren Augen
+verdunkelte, mir neues Licht brachte und meine Annahmen bestätigte.
+Außergewöhnliche Umstände bieten keineswegs immer die schwierigsten
+Rätsel; vielmehr sind die scheinbar alltäglichsten Verbrechen oft am
+geheimnisvollsten, weil wir ohne besondere Anhaltspunkte zu keinen
+neuen Schlüssen gelangen können. Die Lösung unseres Falles würde sehr
+fraglich sein, wenn man den Leichnam einfach auf der Straße gefunden
+hätte. Die merkwürdigen Nebenumstände erschweren die Nachforschung
+nicht, im Gegenteil, sie erleichtern dieselbe.“
+
+Gregson hatte der langen Auseinandersetzung mit wachsender Ungeduld
+zugehört; endlich bezwang er sich nicht länger.
+
+„Wir geben ja gern zu, Herr Holmes,“ sagte er, „daß Sie ein
+ungewöhnlich schlauer Mensch sind und Ihr ganz besonderes Verfahren
+haben. Aber mit Theorien kommt man hier nicht weit. Es handelt sich
+darum, den Mörder festzunehmen. Was +ich+ in dieser Sache gethan habe,
+scheint sich als Mißgriff herauszustellen, denn den zweiten Mord kann
+der junge Charpentier nicht begangen haben. Lestrade seinerseits
+glaubte jenem Stangerson nachspüren zu müssen und auch er war
+augenscheinlich auf falscher Fährte. Nach Ihren Winken und Andeutungen
+scheinen Sie mehr von der Sache zu wissen als wir. So gehen Sie doch
+einmal heraus mit der Sprache, und sagen Sie uns, wer das Verbrechen
+begangen hat.“
+
+„Gregson hat ganz recht,“ nahm Lestrade das Wort. „Wir haben uns
+bis jetzt beide vergeblich bemüht, dahinter zu kommen, und wenn Sie
+wirklich, wie Sie behaupten, alle Beweise in Händen haben, so hoffe
+ich, Sie werden nicht länger zögern, uns reinen Wein einzuschenken.“
+
+„Das Wichtigste scheint mir doch, den Mörder unschädlich zu machen,“
+fiel ich ein, „damit er nicht noch mehr Unthaten begehen kann.“
+
+So von allen Seiten gedrängt, schien Holmes unentschlossen, was er thun
+solle. Mit gerunzelten Brauen, den Kopf auf die Brust gesenkt, schritt
+er im Zimmer auf und ab, wie seine Gewohnheit war, wenn es eine große
+Entscheidung galt. Plötzlich blieb er uns gegenüber stehen.
+
+„Es wird kein Mord mehr verübt werden, darüber können Sie außer Sorge
+sein,“ sagte er mit Bestimmtheit. „Sie fragen mich nach dem Namen
+des Verbrechers -- den kenne ich. Ja, was noch mehr ist, ich hoffe,
+in kürzester Frist ihn selbst in die Hände zu bekommen. Alle meine
+Vorkehrungen zu dem Zweck sind getroffen, aber die Ausführung erfordert
+große Umsicht, denn wir haben es mit einem kühnen Menschen zu thun,
+der zum Aeußersten entschlossen ist. Auch fehlt es ihm nicht an einem
+Gehilfen, der ebenso verschlagen ist wie er selbst -- davon habe ich
+Beweise. Solange der Mann nicht ahnt, daß man ihn beobachtet, ist
+es möglich, seiner habhaft zu werden. Schöpfte er aber auch nur den
+geringsten Argwohn, so würde er einen andern Namen annehmen und unter
+den vier Millionen Einwohnern dieser großen Stadt spurlos verschwinden.
+Ich möchte Sie beide nicht kränken, doch scheint mir, daß die Polizei
+jenem Manne gegenüber machtlos ist. Ich habe Sie deshalb auch nicht um
+Ihre Hilfe angegangen, und will lieber Tadel und Verantwortlichkeit
+allein tragen, wenn die Sache mißlingt. Jedenfalls verspreche ich,
+Ihnen Weiteres mitzuteilen, sobald ich überzeugt bin, daß meine Pläne
+nicht mehr gefährdet werden können.“
+
+Die beiden Polizisten schienen durch diese Versicherung nicht sehr
+befriedigt und überhaupt wenig erbaut von dem abfälligen Urteil meines
+Gefährten. Gregson wurde rot bis zu den Schläfen und Lestrades Augen
+funkelten vor Aerger und Neugier. Sie fanden jedoch keine Zeit, ihrem
+Herzen Luft zu machen, denn in diesem Augenblick klopfte es an der
+Thür, und der Häuptling der zerlumpten Freiwilligenschar, der junge
+Wiggins, erschien in höchsteigener, unansehnlicher Person.
+
+„Ich wollte nur melden, Herr,“ sagte er, eine stramme Haltung
+annehmend, „daß ich die Droschke gebracht habe; sie hält unten.“
+
+„Bravo,“ rief Holmes beifällig. Er holte ein Paar stählerne
+Handschellen aus der Kommodenschublade. „Sehen Sie nur, wie die Feder
+zuschnappt, in einem Augenblick sitzen sie fest. Warum führt man
+eigentlich diese Sorte nicht bei der Polizei ein?“
+
+„Das alte Muster erfüllt seine Zwecke gut genug,“ versetzte Lestrade;
+„die Hauptsache bleibt immer, den Mann zu haben, dem man sie anlegen
+soll.“
+
+„Freilich, freilich,“ bestätigte Holmes lächelnd. „Höre Wiggins, bitte
+doch einmal den Droschkenkutscher heraufzukommen, er soll mir bei dem
+Gepäck behilflich sein.“
+
+Es überraschte mich, daß mein Gefährte im Begriff schien, eine Reise
+anzutreten, denn er hatte davon nichts gegen mich erwähnt. Im Zimmer
+stand ein kleiner Handkoffer, den er jetzt hervorzog und zuzuschließen
+begann. Er war noch damit beschäftigt und kniete am Boden, als der
+Droschkenkutscher eintrat. „Können Sie mir vielleicht hier den Riemen
+fester schnallen, Kutscher,“ sagte er, ohne den Kopf umzuwenden.
+
+Der Mensch trat verdrossen hinzu und streckte die Hände nach dem Riemen
+aus. Man vernahm einen scharfen, metallenen Klang und im nächsten
+Augenblick sprang Sherlock Holmes rasch in die Höhe.
+
+„Meine Herren,“ rief er mit blitzenden Augen, „hier stelle ich Ihnen
+Jefferson Hope vor, den Mörder von Enoch Drebber und Joseph Stangerson.“
+
+Alles war mit solcher Schnelligkeit vor sich gegangen, daß uns kaum
+Zeit zur Besinnung blieb, doch erinnere ich mich deutlich an den
+triumphierenden Ausdruck in Holmes’ Blick und Ton und an des Kutschers
+verdutzte, ingrimmige Miene, mit der er die Handschellen betrachtete,
+welche ihn wie durch Zauberkunst gefesselt hielten.
+
+Wir standen starr wie Bildsäulen, aber nur einen Augenblick, denn
+plötzlich stieß der Gefangene einen Schrei wilder Wut aus, riß sich
+mit gewaltiger Kraft von Holmes los und rannte nach dem Fenster; Glas
+und Holzwerk brachen in tausend Splitter bei seinem mächtigen Anprall.
+Noch ehe er sich jedoch hinausstürzen konnte, sprangen Lestrade,
+Gregson und Holmes auf ihn, wie Jagdhunde auf ihre Beute; er ward ins
+Zimmer zurückgezogen und nun entspann sich ein furchtbarer Kampf.
+Wieder und immer wieder gelang es ihm, uns alle vier abzuschütteln;
+mit der Riesenstärke eines Wahnsinnigen wehrte er sich gegen seine
+Angreifer. Die zertrümmerten Fensterscheiben hatten ihm Gesicht und
+Hände schrecklich verletzt, aber der Blutverlust schwächte seine
+Widerstandskraft nicht. Erst als es Lestrade gelang, ihm von hinten die
+Hand in den Halskragen zu stecken und ihn fast zu erwürgen, sah er ein,
+daß jeder weitere Versuch, uns zu entrinnen, vergeblich sein würde. Der
+Sicherheit halber banden wir ihn noch an den Füßen und konnten nun erst
+wieder zu Atem kommen.
+
+„Seine Droschke steht noch unten, wir wollen sie gleich benützen, um
+ihn auf die Polizei zu bringen,“ sagte Sherlock Holmes. „Und nun,
+meine Herren,“ fuhr er fort, „bin ich bereit, alle Ihre Fragen zu
+beantworten. Mein kleines Geheimnis ist enthüllt, und Sie brauchen
+nicht zu fürchten, daß ich Ihnen die gewünschte Auskunft verweigere.“
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Im Lande der Heiligen.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Auf der großen Alkali-Ebene.
+
+
+Im Innern des Festlandes von Nordamerika liegt eine dürre, unwirtliche
+Wüstengegend, die sich Jahrhunderte lang als ein unübersteigliches
+Hemmnis für jeden Fortschritt der Zivilisation erwiesen hat. Diese
+große Einöde, welche der Yellowstonefluß im Norden, der Colorado im
+Süden begrenzt, dehnt sich von der Sierra Nevada bis Nebraska in
+schauerlichem Todesschweigen aus. Es herrscht zwar auch hier keine
+Einförmigkeit in der Natur -- hohe Schneeberge wechseln mit düstern
+Thalgründen, reißende Ströme stürzen durch zerklüftete Bergschluchten,
+die endlosen Ebenen, die der Winter in ungeheure Schneefelder
+verwandelt, sind im Sommer unter einer grauen Decke von salzigem
+Alkalistaub begraben -- doch eine schrecklichere, trostlosere Gegend
+findet sich nirgends.
+
+Dies Land des Grauens ist menschenleer. Einzelne Scharen von Pawnees
+oder Schwarzfuß-Indianern durchstreifen es wohl, um andere Jagdgründe
+aufzusuchen, aber selbst die tapfersten Rothäute frohlocken, wenn die
+gefürchteten Salzebenen hinter ihnen liegen und sie wieder über ihre
+geliebte Steppe schweifen. Hier lauert nur der Coyote im Gestrüpp, der
+Bussard fliegt schwerfällig durch die Luft und der täppische graue
+Bär sucht in den dunkeln Schluchten der Felsengebirge seine kärgliche
+Nahrung. Dies sind die einzigen Bewohner der schauerlichen Wüste.
+
+Eine trübseligere Aussicht findet man auf Erden nicht, als den Blick
+von den nördlichen Höhen der Sierra Blanca. Soweit das Auge reicht,
+nichts als die endlose, flache Ebene, hier und da ein verkrüppeltes
+Chapparal-Gebüsch und Haufen von Alkalistaub, der die ganze Gegend
+bedeckt. Am fernsten Horizont zieht sich eine Gebirgskette hin, deren
+zerklüftete Gipfel mit Schnee bedeckt sind. Meist ist kein lebendiges
+Wesen zu erblicken, kein Laut unterbricht die fürchterliche Stille,
+starres, totes Schweigen herrscht rings umher.
+
+Mitten in der Wüste aber gewahrt man, in der weiten Ferne sich
+verlierend, eine Karawanenstraße. Manches Fuhrwerk hat dort tiefe
+Räderspuren im Boden zurückgelassen, viele Glücksjäger haben mit
+wanderndem Fuß das Erdreich festgetreten. Hier und da glänzt etwas
+Weißes in der Sonne und hebt sich grell von der grauen Alkalischicht
+ab. Wir betrachten es näher und erkennen, daß es Gebeine sind
+-- die derberen sind Knochen von Zugstieren, die feineren von
+Menschen. Fünfzehnhundert Meilen lang läßt sich diese Totenstraße
+an den irdischen Ueberresten derjenigen verfolgen, die hier am Wege
+niedergesunken sind.
+
+Dies war der Ausblick, der sich am vierten Mai des Jahres 1847 einem
+einsamen Wanderer darbot, welcher von einer kleinen Anhöhe ins Thal
+hinabsah. Ob der Mann ein Vierziger oder Sechziger war, ließ sich
+schwer entscheiden. Sein eingefallenes, abgezehrtes Gesicht, die
+vorstehenden Backenknochen, die braune runzlige Haut, das lange,
+wie mit weißen Fäden durchzogene Haupt- und Barthaar, gaben ihm das
+Ansehen eines hinfälligen Greises. Seine Augen, die mit unnatürlichem
+Glanz funkelten, lagen tief in den Höhlen, die Hand, welche die
+Flinte hielt, war dürr und abgemagert wie bei einem Gerippe, seine
+Kleider schlotterten ihm am Leibe. Und doch, wie er so dastand,
+auf die Waffe gelehnt, ließ seine hohe, starkknochige Gestalt auf
+eine zähe, urkräftige Natur schließen. Das hagere Gesicht, die
+zusammengeschrumpften Glieder, verrieten nur zu deutlich den Grund
+seines verfallenen Aussehens. Der Mann war dem Tode nahe -- er kam
+langsam um vor Hunger und Durst.
+
+Mühselig hatte er sich in die Schlucht hinuntergeschleppt und den
+Hügel hinauf, in der vergeblichen Hoffnung, irgend ein Anzeichen zu
+entdecken, daß Wasser in der Nähe sei. Jetzt lag die große Salzwüste
+vor ihm, von der fernen Bergkette eingerahmt, rings umher weder Baum
+noch Kraut, keine Spur einer Feuchtigkeit. Er schaute nach Norden, nach
+Osten und Westen mit gierigen Blicken, aber wie weit sich das Land
+auch dehnte, nirgends war für ihn ein Schimmer von Hoffnung. Nun sah
+er ein, daß seine Wanderung ihr Ende erreicht habe, und er hier auf
+der öden Klippe seine Todesstunde erwarten müsse. „Ob jetzt auf hartem
+Stein, oder zwanzig Jahre später im weichen Bett -- es macht wenig
+Unterschied,“ murmelte er, sich an die Felswand lehnend.
+
+Ehe er sich niedersetzte, hatte er zuvor seine Flinte auf den Boden
+gelegt und daneben ein großes Bündel, das er in einem grauen Shawl
+eingeknüpft über der rechten Schulter getragen. Das Bündel schien
+zu schwer für seine geschwächten Kräfte und fiel etwas unsanft zur
+Erde, als er es abnahm. Da ließ sich ein leiser Schmerzensschrei
+vernehmen und aus der grauen Umhüllung kam ein erschrecktes Gesichtchen
+mit hellen, braunen Augen zum Vorschein und zwei niedliche, kleine
+Fäustchen.
+
+„Du hast mir wehgethan,“ klagte eine Kinderstimme in vorwurfsvollem Ton.
+
+„Wirklich?“ erwiderte der Mann bedauernd, „das thut mir leid.“ Dabei
+knüpfte er das Bündel auf, und heraus sprang ein etwa fünfjähriges
+Mädchen, dessen zierliche Schuhe, rosa Röckchen und weißleinenes
+Schürzchen auf mütterliche Sorgfalt deuteten. Die Kleine war bleich und
+mager, doch ließen die rundlichen Aermchen und Beinchen erkennen, daß
+sie weniger Mangel gelitten hatte, als ihr Gefährte.
+
+„Ist’s denn noch nicht wieder gut?“ fragte er ängstlich, als sie sich
+noch immer das goldgelbe Lockenhaar auf dem Hinterkopf rieb.
+
+„Gieb mir einen Kuß drauf, dann wird es heil,“ versetzte sie ernsthaft,
+auf die schmerzende Stelle zeigend. „So macht es meine Mutter immer. Wo
+ist denn Mama?“
+
+„Fortgegangen. Aber du wirst sie bald wiedersehen, glaube ich.“
+
+„Fort -- sagst du?“ rief die Kleine. „Na, so was -- sonst ging sie nie
+zur Tante ’rüber, ohne erst ‚B’hüt Gott‘ zu sagen -- und jetzt ist
+sie schon drei Tage weg. -- Mir ist so trocken im Munde. Hast du kein
+Wasser oder etwas zu essen?“
+
+„Nein, Herzchen, es ist nichts da. Hab nur noch ein Weilchen Geduld,
+dann wird alles gut. Leg dein Köpfchen auf meine Schulter, so, nun
+ist’s schon besser. Mir klebt die Zunge am Gaumen, daß ich kaum
+sprechen kann, aber ich muß dir doch sagen, wie die Sachen stehen. Was
+hast du denn da in der Hand?“
+
+„So was Hübsches, das glänzt und funkelt,“ rief die Kleine, entzückt
+zwei Stückchen Glimmerschiefer emporhaltend. „Wenn wir heimkommen,
+bring ich sie Bruder Bertel mit.“
+
+„Du wirst bald schöneres Spielzeug kriegen,“ sagte der Mann
+zuversichtlich, „wart’ nur noch ein wenig. Aber, was ich dir sagen
+wollte -- weißt du noch, wie wir vom Fluß fortzogen?“
+
+„Freilich.“
+
+„Siehst du, wir glaubten, es käme bald ein anderer Fluß -- aber er
+kam nicht. Ich weiß nicht, waren die Karten falsch oder der Kompaß,
+oder woran lag es. Das Wasser ging uns aus; nur für dich war noch ein
+Tröpfchen da -- und --“
+
+„Du konntest dich gar nicht waschen,“ sagte sie, ihm ernsthaft in das
+dunkle Gesicht blickend.
+
+„Nein, und auch nicht trinken. Herr Bender sank zuerst um, und dann
+der Indianerpeter, dann Frau Gregor, dann Johanny Hones, und dann,
+Herzchen, auch deine Mutter.“
+
+„Ist Mutter auch tot?“ Die Kleine verbarg ihr Gesichtchen in der
+Schürze und schluchzte bitterlich.
+
+„Ja, alle außer uns beiden. Ich hoffte, in dieser Richtung würde Wasser
+zu finden sein, so lud ich dich denn auf die Schulter und wanderte fort
+mit dir. Aber es hat nichts genützt und jetzt weiß ich keine Hilfe
+mehr.“
+
+Das Kind hörte plötzlich auf zu weinen.
+
+„Du meinst, wir werden auch sterben?“ fragte es, die nassen Augen zu
+ihm aufschlagend.
+
+„Dazu wird’s wohl kommen.“
+
+„Warum hast du denn das nicht gleich gesagt?“ rief die Kleine, und
+lachte hell auf. „Du hast mich so erschreckt. Natürlich kommen wir
+wieder zur Mutter, wenn wir sterben.“
+
+„Du gewiß, Herzchen.“
+
+„Und du auch. Ich will ihr sagen, wie schrecklich gut du gewesen bist.
+Sie kommt uns gewiß am Himmelsthor entgegen mit einem großen Krug
+Wasser und frisch gebackenen Buchweizenkuchen, heiß und knusperig, wie
+sie Bertel und ich gern haben. Wie lange müssen wir noch warten?“
+
+„Ich weiß nicht -- nur kurze Zeit.“ Der Blick des Mannes war nach dem
+nördlichen Horizont zugewendet, wo in der blauen Luft drei dunkle
+Punkte schwebten, die jeden Augenblick an Umfang zunahmen. Jetzt
+erkannte man, daß es drei große Vögel mit braunem Gefieder waren, die
+über den Häuptern der Wanderer kreisten und sich dann auf den nächsten
+Felsspitzen niederließen. Es waren Bussarde, die Geier des Westens und
+Vorboten des Todes.
+
+Die Kleine klatschte in die Hände. „Die können aber schön fliegen,“
+rief sie fröhlich. „Sag mal, hat denn der liebe Gott dies Land gemacht?“
+
+„Versteht sich,“ erwiderte ihr Gefährte, verwundert über die Frage.
+
+„Er hat Illinois gemacht und Missouri, das weiß ich,“ fuhr das Kind
+fort. „Aber diese Gegend ist lange nicht so hübsch, die hat gewiß
+jemand anders geschaffen und dabei das Wasser und die Bäume vergessen.“
+
+„Willst du nicht jetzt dein Gebet sagen?“ -- Die Stimme des Mannes
+zitterte.
+
+„Soll ich? -- Es ist ja noch nicht Abend.“
+
+„Das thut nichts. Wenn’s auch nicht die richtige Zeit ist, glaub’ nur,
+Gott hört dich doch. Sag’ dein Nachtgebet her, wie jeden Abend im
+Wagen, als wir über die Prairie fuhren.“
+
+„Warum betest du denn nicht selbst?“ fragte die Kleine verwundert zu
+ihm aufschauend.
+
+[Illustration]
+
+„Ich weiß nicht mehr wie -- es ist so lange her, seit ich’s gethan, ich
+hab’ die Worte vergessen. Sag’ du sie mir vor und ich bete mit -- noch
+ist’s nicht zu spät.“
+
+„Dann mußt du niederknieen und ich auch,“ sagte sie, und breitete den
+Shawl auf die Erde. „Du mußt auch die Hände falten -- so -- du wirst
+sehen, wie gut das thut.“
+
+Neben einander knieten sie am Boden, das kleine plaudernde Kind und der
+wetterharte Wanderer. Ihr Unschuldsblick und sein abgezehrtes Antlitz
+waren nach oben gerichtet, zu dem wolkenlosen Himmel. Vor Gottes
+Angesicht flehten sie um Gnade und Vergebung. Der Ton seiner tiefen,
+rauhen Stimme mischte sich in den hellen Klang der ihrigen. Nachdem das
+Gebet gesprochen war, nahmen sie wieder Platz im Schatten der Felswand
+und bald schlummerte die Kleine sanft ein, an die breite Brust ihres
+Beschützers geschmiegt. Seit drei Tagen und Nächten hatte er sich
+weder Ruhe noch Rast gegönnt, auch jetzt wollte er bei ihr wachen,
+aber die Natur forderte ihr Recht. Langsam fielen ihm die müden Augen
+zu, das Haupt sank ihm auf die Brust, sein grauer Bart mischte sich
+mit den blonden Locken des Kindes und beide lagen zusammen in tiefem,
+traumlosem Schlummer da.
+
+Wäre der Wanderer noch eine halbe Stunde länger wach geblieben, er
+hätte ein seltsames Schauspiel erblickt. An dem äußersten Rande der
+großen Alkaliwüste stieg eine Staubwolke auf, die sich zuerst kaum von
+dem Dunst der Ferne unterschied, bis sie allmählich höher und breiter
+wurde und eine dichte, undurchsichtige Masse bildete. Die Wolke wuchs
+und wuchs, bis kein Zweifel mehr war, daß sie nur durch eine ungeheure
+sich bewegende Menge Menschen oder Tiere entstanden sein könne. Auf der
+Prairie würde man geglaubt haben, eine der großen Büffelherden, die
+dort grasen, sei im Anzug, aber hier, in dieser dürren Wüstengegend,
+war an dergleichen nicht zu denken. Immer näher an die einsame
+Felswand, wo die beiden Verschmachtenden ruhten, kam der Staubwirbel
+herangezogen; jetzt unterschied man Fuhrwerke mit leinenem Verdeck, und
+die Gestalten bewaffneter Reiter tauchten aus dem Dunst hervor. Es war
+eine Karawane, die nach dem Westen wanderte. Welch ein gewaltiger Zug!
+-- Als die Spitze desselben das Gebirge erreicht hatte, war am Horizont
+das Ende noch nicht abzusehen. Quer durch die weite Ebene erstreckte
+sich die lange Linie von Wagen und Karren, Reitern und Fußgängern.
+Große Scharen von Frauen schwankten daher unter Lasten, die sie trugen,
+und Kinder trabten neben den Fuhrwerken oder guckten unter der weißen
+Leinwand hervor. Das konnte kein Trupp gewöhnlicher Auswanderer sein,
+es war ein ganzes Nomadenvolk, welches Not oder Verfolgung zwang, sich
+eine neue Heimat zu suchen. Lautes Stimmengewirr und Getöse erhob sich
+aus der Menschenmenge, dazwischen knarrten die Räder und die Rosse
+wieherten. Aber die beiden müden Wanderer oben am Felsenabhang weckte
+der Lärm nicht auf.
+
+An der Spitze der Kolonne ritten etwa zwanzig ernste Männer mit
+eisenharten Zügen. Sie waren mit Flinten bewaffnet und in grobe Stoffe
+gekleidet. Am Fuß der Felswand machten sie Halt und versammelten sich
+zu einem Kriegsrat.
+
+„Die Quellen liegen zur Rechten, meine Brüder,“ sagte ein Mann mit
+glattem Gesicht und kurz geschorenem, grauem Haupthaar.
+
+„Ja, rechts von der Sierra Blanca -- das ist auch der Weg nach dem Rio
+Grande,“ versetzte ein anderer.
+
+„Fürchtet keinen Mangel!“ rief ein Dritter. „Der Herr ließ einst Wasser
+aus dem Felsen fließen; er wird seine Auserwählten auch jetzt nicht
+verlassen.“
+
+„Amen, Amen!“ fiel die ganze Schar ein. Eben wollten sie die Wanderung
+fortsetzen, als einer der Jüngsten einen Ruf der Überraschung ausstieß
+und nach einer Felsklippe deutete, auf welcher sein scharfes Auge etwas
+Rotes flattern sah, das sich grell von dem dunkeln Gestein abhob.
+Wie auf Kommando faßten alle die Zügel ihrer Rosse fester und nahmen
+die Gewehre von der Schulter. Auch galoppierten von hinten neue
+Reiterscharen herbei, um den Vortrab zu verstärken. „Die Rothäute!“
+schallte es aus aller Munde.
+
+„Es können keine Indianer hier in der Nähe sein,“ sagte der ältere
+Mann, welcher den Oberbefehl zu haben schien. An den Pawnees sind wir
+schon vorbeigekommen und andere Stämme giebt es hier nicht, bis wir
+jenseits der hohen Berge sind.“
+
+„Ich will hinaufsteigen, Bruder Stangerson,“ schlug einer aus der Schar
+vor, „und nachsehen, was es bedeutet.“
+
+„Ich auch -- ich auch,“ riefen mehrere Stimmen.
+
+„Laßt eure Pferde unten, wir wollen hier auf euch warten,“ gebot der
+Alte. Schnell stiegen die jungen Männer ab, banden ihre Pferde fest und
+kletterten die steile Anhöhe hinauf, rasch und geräuschlos, mit der
+Sicherheit und Geschicklichkeit geübter Kundschafter. Die Leute in der
+Ebene sahen ihre Gestalten, die sich klar gegen den Himmel abhoben, von
+Fels zu Fels aufwärts steigen. Jetzt hatten sie die Stelle erreicht. Es
+mußte wohl ein seltsamer Anblick sein, der sich ihnen bot -- sie hoben
+ihre Arme in die Höhe und gaben auch sonst durch allerlei Zeichen die
+höchste Verwunderung zu erkennen.
+
+Auf der Platte, die den Gipfel des kahlen Hügels krönte, erhob sich
+ein einziger Felskegel; an diesem lehnte ein Mann mit langem Bart und
+verwittertem Gesicht; seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge zeigten,
+daß er in festem Schlafe lag. Neben ihm aber, die Ärmchen um seinen
+braunen, sehnigen Hals geschlungen, den goldenen Lockenkopf an seine
+Brust gebettet, ruhte ein schlummerndes Kind. Die rosigen Lippen der
+Kleinen waren halb geöffnet, und um ihre lieblichen Züge spielte ein
+friedliches Lächeln.
+
+Drei Raubvögel, die auf der Felsenspitze über ihnen gesessen hatten,
+flogen erschreckt auf, als sie der neuen Ankömmlinge ansichtig wurden.
+Ihr heiseres Geschrei weckte die Schläfer, die verwirrt um sich
+blickten. Der Mann richtete sich schlaftrunken auf und starrte in die
+Ebene hinunter, die noch vor kurzem so verödet gewesen war und auf der
+es jetzt wimmelte von Menschen und Tieren. „Ein Fieberwahn,“ murmelte
+er, die Hand an die Stirn legend. Das Kind stand neben ihm, hielt sich
+an seinem Rock fest und sah mit großen, verwunderten Augen umher.
+
+Den Rettern gelang es schnell, die beiden Wanderer zu überzeugen, daß,
+was sie sahen, keine Täuschung ihrer Sinne, sondern Wirklichkeit sei.
+Einer der jungen Leute hob das kleine Mädchen auf seine Schulter,
+während zwei andere ihrem hageren Gefährten stützend unter die Arme
+griffen.
+
+[Illustration]
+
+„Mein Name ist John Ferrier,“ sagte der Gerettete; „ich und die Kleine
+hier, wir sind die einzig Ueberlebenden von einundzwanzig Personen.
+Alle übrigen sind auf dem Wege vom Süden her vor Hunger und Durst
+verschmachtet.“
+
+„Ist es Ihr Kind?“ fragten die, welche ihn führten.
+
+„Ja, mir gehört es,“ rief er mit entschlossener Miene, „ich habe es
+gerettet. Von heute an heißt die Kleine Lucy Ferrier und niemand, außer
+mir, hat ein Recht an sie. -- Wer seid denn aber ihr?“ fuhr er fort,
+seine mannhaften, sonnverbrannten Retter neugierig betrachtend, „das
+sind ja ganz endlose Schwärme, die da herangezogen kommen.“
+
+„Fast zehntausend,“ versetzte einer der jungen Leute. „Wir sind die
+verfolgten Kinder Gottes, die Auserwählten des Engels Merona.“
+
+„Von dem habe ich noch nie gehört,“ meinte der Wanderer. „Eine schöne
+Masse Menschen hat er auserwählt.“
+
+„Scherze nicht über heilige Dinge,“ sagte der andere streng. „Du
+siehst vor dir das Volk, welches an die geoffenbarten Schriften
+glaubt, die auf goldenen Tafeln dem heiligen Josef Smith in Palmyra
+übergeben wurden. Im Staate Illinois in Nauvoo hatten wir unsern
+Tempel gegründet. Jetzt sind wir ausgezogen, um vor den gottlosen und
+gewaltthätigen Menschen eine neue Zufluchtsstätte zu suchen, und wenn
+es auch mitten in der Wüste wäre.“
+
+Die Erwähnung von Nauvoo schien bei John Ferrier eine Erinnerung zu
+wecken. „O, jetzt verstehe ich,“ rief er, „seid ihr nicht die Mormonen?“
+
+„Jawohl, die Mormonen sind wir,“ riefen alle einstimmig.
+
+„Und wohin geht ihr?“
+
+„Das wissen wir nicht. Die Hand Gottes führt uns durch unsern
+Propheten. Wir bringen euch zu ihm; er muß entscheiden, was mit euch
+geschehen soll.“
+
+Sie hatten inzwischen den Fuß des Hügels erreicht, wo die Pilger sie
+umdrängten -- bleiche Frauen mit demütiger Miene, muntere, kräftige
+Kinder und ernste Männer. Die große Jugend des Mädchens und die
+völlige Erschöpfung ihres Begleiters entlockte der Menge Ausrufe der
+Verwunderung und des Mitleids. Von neugierigen Scharen geleitet,
+schritten die Führer der Geretteten unverweilt vorwärts, bis sie einen
+Wagen erreichten, der sich durch besondere Größe und prächtige Zierate
+vor allen andern auszeichnete. Auch war er mit sechs Pferden bespannt,
+während die andern nur zwei oder höchstens vier hatten. Auf dem
+Wagen saß ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit gewaltigem Haupt und
+entschlossenem Blick -- der Führer des Volkes. Er las in einem Buch mit
+braunem Einband, das er bei dem Herannahen der Menge beiseite legte,
+um dem Bericht über das Ereignis ein aufmerksames Ohr zu leihen. Dann
+wandte er sich in feierlichem Ton an die beiden Wanderer.
+
+„Wenn wir euch mit uns nehmen sollen,“ sagte er, „so müßt ihr auch
+unsern Glauben bekennen. Wir dulden keine Wölfe in unserer Hürde.
+Weit besser, eure Gebeine bleichen hier in der Wüste, als daß ihr wie
+räudige Schafe die Ansteckung in die ganze Herde traget. Wollt ihr
+unter dieser Bedingung mit uns ziehen?“
+
+„Ich ziehe mit, unter jeder Bedingung, die ihr stellt,“ rief Ferrier
+mit solchem Eifer, daß die Ältesten ein Lächeln nicht unterdrücken
+konnten. Der Anführer allein bewahrte sein ernstes, feierliches Wesen.
+
+„Nimm ihn mit, Bruder Stangerson,“ befahl er, „gieb ihm Speise und
+Trank, dem Kinde auch. Es soll deine Aufgabe sein, ihn in unserer
+heiligen Lehre zu unterweisen. -- Doch jetzt haben wir lange genug
+gezögert. Vorwärts. Auf nach Zion!“
+
+„Auf, nach Zion!“ riefen die Mormonen im Chor, und der Ruf pflanzte
+sich in der langen Karawane von Mund zu Mund fort, bis nur noch ein
+dumpfes Gemurmel aus der Ferne herüberklang. Die Peitschen knallten,
+die Räder der großen Fuhrwerke setzten sich in Bewegung und bald zog
+die ungeheure Schar wieder ihres Weges dahin. Der Aelteste, der die
+Sorge für die beiden Verirrten übernommen hatte, führte sie zu seinem
+Wagen, wo ihrer schon eine Mahlzeit wartete.
+
+„Ihr dürft hier bleiben,“ sagte er. „In wenigen Tagen werdet ihr euch
+von euren Anstrengungen erholt haben. Vergeßt aber nicht, daß ihr euch
+von jetzt an zu den Bekennern unseres Glaubens zählt. Brigham Young hat
+es gesagt und aus ihm hat die Stimme Josef Smiths geredet, welche die
+Stimme Gottes ist.“
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Die Blume von Utah.
+
+
+Dies ist nicht der Ort, um die Drangsale und Beschwerden zu schildern,
+welche die ausgewanderten Mormonen zu erdulden hatten, bevor sie ihren
+neuen Zufluchtshafen erreichten. Von den Ufern des Mississippi waren
+sie nach den westlichen Abhängen des Felsengebirges gezogen, und
+hatten dabei eine Ausdauer und Zähigkeit bewiesen, die einzig in der
+Geschichte dasteht. Gegen reißende Tiere und feindliche Wilde, gegen
+allerlei Mühsal, Krankheit, Hunger, Durst und jedes Hindernis, das die
+Elemente ihnen in den Weg legten, hatten sie siegreich gestritten,
+obwohl unter den Schrecknissen der langen Wanderung auch dem Mutigsten
+bange ums Herz geworden sein mochte. Als endlich das weite Thal von
+Utah im Sonnenschein zu ihren Füßen ausgebreitet lag, und sie aus
+dem Munde des Führers vernahmen, daß es das Land der Verheißung sei,
+der jungfräuliche Boden, welcher ihnen auf ewige Zeiten zu eigen
+gehören solle, da gab es wohl keinen unter der großen Schar, der nicht
+freudig auf die Knie gesunken wäre, um ein Dankgebet für seine Rettung
+emporzusenden.
+
+Brigham Young zeigte bald in der Verwaltung der Ländereien ebensoviel
+Geschick, als er bei der Führung des Volkes bewiesen. Er ließ
+Vermessungen vornehmen und Pläne entwerfen, auf welchen die künftige
+Stadt verzeichnet war. Ringsumher wurde Ackerland abgesteckt und jedem,
+ohne Rücksicht auf Rang und Stand, zugeteilt. Der Arbeiter erhielt
+Beschäftigung in seinem Handwerk, der Handelsmann in seinem Gewerbe.
+In der Stadt entstanden wie durch Zauberschlag Straßen und Plätze;
+auf dem Lande wurden Bäume gefällt, Wiesen entwässert, eingezäunt
+und bepflanzt, so daß schon im nächsten Sommer der goldene Weizen
+auf den Feldern wogte. Alles gedieh in der wunderbaren Ansiedlung.
+Mitten in der Stadt wurde der große Tempel erbaut, welcher einen
+immer erstaunlicheren Umfang annahm. Vom ersten Morgengrauen bis zur
+sinkenden Dämmerung waren dort Hammer und Säge unermüdlich beschäftigt,
+denn es galt ja, ein Denkmal zu errichten zu Ehren dessen, der sie
+durch alle Gefahren sicher geleitet hatte.
+
+John Ferrier und seine kleine Schicksalsgefährtin, die er an
+Kindesstatt angenommen, hatten die Mormonen bis ans Ende ihrer
+Pilgerfahrt begleitet. Die kleine Lucy war unterwegs keinen allzugroßen
+Fährlichkeiten ausgesetzt gewesen. Sie durfte den Zug in dem Wagen
+des Aeltesten Stangerson mitmachen, in welchem sich außer ihr noch die
+drei Frauen des Mormonen befanden und sein Sohn, ein eigenwilliges,
+zwölfjähriges Bürschchen. Mit leichtem Kindersinn hatte sie sich
+schnell von dem Kummer erholt, den ihr der Mutter Tod bereitet. Sie
+wurde der Liebling der Frauen und gewöhnte sich bald an das neue
+Leben unter dem beweglichen Leinwandzelt. Auch Ferrier erholte sich
+nach kurzer Zeit von den ausgestandenen Beschwerden; er wußte sich
+als erfahrener Führer und unermüdlicher Jäger seinen neuen Gefährten
+nützlich zu machen und ihre Achtung zu erwerben. Als man das Ziel der
+Wanderung endlich erreicht hatte, wurde ihm ein ebenso großes und
+fruchtbares Ackerland zugewiesen wie allen übrigen Ansiedlern. Außer
+Brigham Young selbst erhielten nur die vier Hauptältesten Stangerson,
+Kemball, Johnston und Drebber ansehnlichere Besitztümer.
+
+Auf dem ihm zugefallenen Strich Landes baute sich John Ferrier ein
+festes Blockhaus, das er im Laufe der Jahre vergrößerte, bis es ein
+geräumiger Landsitz wurde. Er war eine durchaus praktische Natur,
+geschickt zu jedem Handgriff, klug und besonnen in allem, was er
+unternahm. Eine eiserne Gesundheit setzte ihn in den Stand, von früh
+bis spät thätig zu sein beim Anbau seines Grund und Bodens. Dieser
+angestrengte Fleiß brachte ihm reichliche Früchte, und sein Hab und Gut
+mehrte sich zusehends.
+
+Nach Ablauf von drei Jahren besaß er mehr als seine Nachbarn, nach
+sechs Jahren war er wohlhabend, nach neun Jahren reich, und als zwölf
+Jahre um waren, gab es in der ganzen Stadt am Salzsee kaum ein Dutzend
+Leute, die sich mit ihm vergleichen konnten. Von dem großen Binnensee
+bis zu dem Wahsatch-Gebirge kannte und schätzte man John Ferriers Namen
+allgemein.
+
+Einen Punkt gab es jedoch, in welchem er den Anforderungen seiner
+Glaubensbrüder nicht genügte. Kein Drängen und keine Ueberredungskunst
+konnte ihn bewegen, sich einen weiblichen Hausstand nach Art seiner
+Gefährten einzurichten. Er gab für seine hartnäckige Weigerung keine
+Gründe an, sondern begnügte sich damit, unerschütterlich bei seinem
+Entschluß zu verharren. Manche beschuldigten ihn deshalb der Lauheit
+gegen die Religionsgemeinschaft, der er beigetreten war, andere
+meinten, er handle aus Habgier und wünsche die Kosten zu sparen.
+Wieder andere sprachen von einer früheren Liebesgeschichte, und
+sagten, er habe im Osten ein blondes Mädchen zurückgelassen, das er
+nicht vergessen könne. +Eins+ nur war sicher -- Ferrier blieb ein für
+allemal unvermählt. In jeder andern Hinsicht unterwarf er sich aber den
+herrschenden Gebräuchen und galt für ein strenggläubiges Mitglied der
+jungen Ansiedlung.
+
+Lucy Ferrier wuchs in dem Blockhaus auf und half ihrem Pflegevater bei
+allen seinen Unternehmungen. Das Kind gedieh in der scharfen Bergluft
+und den balsamischen Fichtenwäldern besser, als wenn es die Pflege der
+besorgtesten Mutter und Wärterin genossen hätte. Wie die Jahre flohen,
+wurde ihre Gestalt schlanker und kräftiger, ihre Wangen röteten sich,
+ihr Schritt gewann an Elastizität; allmählich und unmerklich hatte sich
+die Knospe zur Blume entfaltet. Mancher Wanderer, den sein Weg auf
+der Landstraße an Ferriers Besitztum vorbeiführte, sah dem anmutigen
+Mädchen mit Wohlgefallen nach, wenn sie durch die Weizenfelder schritt
+oder auf ihres Vaters Mustang einhergeritten kam, den sie leicht und
+sicher zu regieren verstand, wie ein echtes Kind des Westens.
+
+Zur Zeit, als John Ferrier für den reichsten Farmer an den westlichen
+Abhängen des Felsengebirges galt, war Lucy zur Jungfrau erblüht;
+unversehens hatte sie die Schwelle der Kindheit überschritten, und
+nun kam auch für sie der Tag, an dem sie das Erwachen eines neuen,
+schöneren Lebens in ihrem Innern mit Stolz und Freude empfand. Ein
+Ereignis trat ein, das nicht nur für Lucys Zukunft von den wichtigsten
+Folgen war, sondern auch auf das Schicksal vieler anderer einen
+entscheidenden Einfluß übte.
+
+An einem warmen Junimorgen waren die ‚Heiligen des Jüngsten Tages‘ nach
+ihrer Gewohnheit geschäftig wie die Bienen, die sie sich zum Vorbild
+erwählt haben. Ueberall auf den Feldern und in den Werkstätten vernahm
+man das Gewirr und Gesumme menschlicher Thätigkeit. Auch auf den
+staubigen Landstraßen herrschte ein buntes Leben; dort trabten lange
+Züge schwerbeladener Maultiere einher, die alle nach dem Westen zogen,
+denn das Goldfieber war in Kalifornien ausgebrochen und wer zu Lande
+dorthin wollte, den führte sein Weg an der Stadt ‚der Auserwählten‘
+vorbei. Zugleich mit den Scharen dieser Einwanderer, die sich mit ihren
+ermatteten Tieren mühsam weiter schleppten auf der endlosen Fahrt,
+begegnete man großen Herden von Schafen und Jungvieh, welche die ferner
+gelegenen Weideplätze verlassen hatten.
+
+Auf der Straße war ein dichtes Gedränge von Menschen und Tieren
+entstanden, aber mitten durch das Gewühl hindurch galoppierte Lucy
+Ferrier, sich als geschickte Reiterin einen Weg bahnend; ihre Wangen
+waren gerötet von der raschen Bewegung, ihre kastanienbraunen Locken
+flogen im Winde. Der Vater hatte sie mit einem Auftrag nach der
+Stadt geschickt, und sie jagte in jugendlichem Mute, wie sie schon
+so oft gethan, furchtlos dahin, um ihn auszurichten. Mehr als einer
+der wegemüden Abenteurer blickte dem kühnen Mädchen bewundernd nach;
+ja, selbst der stoische Indianer, der mit seinem erbeuteten Pelzwerk
+beladen heimkehrte, ward von Staunen ergriffen über die Schönheit des
+lieblichen Bleichgesichts.
+
+[Illustration]
+
+Schon hatte Lucy die ersten Häuser der Stadt erreicht, als eine große
+Rinderherde, die in der Hut ihrer wildblickenden Treiber von der
+Steppe daherzog, ihr plötzlich den Weg versperrte. Ungeduldig über
+dies Hindernis, sprengte sie in die erste beste Lücke hinein, die sich
+zu öffnen schien. Kaum aber hatte sie das gethan, als die gehörnten
+Scharen hinter ihr nachdrängten und sie sich mit ihrem Pferde fest
+eingekeilt sah in dem unaufhaltsam vorwärts flutenden Strome. Ohne
+über ihre Lage zu erschrecken, benutzte sie geschickt jeden Vorteil,
+der sich ihr bot, um weiter zu kommen, und trieb ihr Pferd an, in
+der Hoffnung, sich einen Weg durch die Herde zu bahnen. Dabei geriet
+jedoch ein junger, feuriger Stier in allzu nahe Berührung mit dem
+Mustang und stieß seine Hörner in dessen Weichen. Das Pferd ward
+wild, stieg auf die Hinterbeine, schnaubte und schüttelte sich mit
+solcher Heftigkeit, daß Lucy ihre ganze Kunst anwenden mußte, um sich
+im Sattel zu halten. Die Gefahr, in der sie schwebte, war groß, bei
+jedem Sprunge stieß das Pferd wieder gegen die spitzigen Hörner und
+wurde zu neuer Wut gereizt. Wenn es seine Reiterin abwarf, wäre diese
+ohne Erbarmen von den Hufen der ungefügen, erschreckten Stiere zu Tode
+getreten worden. Der aufgewirbelte Staub drohte sie zu ersticken,
+ein Schwindel ergriff sie, und schon begann ihre Hand, die den Zügel
+hielt, zu erlahmen. Die Kraft würde ihr versagt haben, wenn nicht in
+diesem Augenblick ein herzhafter Zuruf dicht neben ihr sie mit neuem
+Mut erfüllt hätte. Eine braune, sehnige Faust ergriff den Mustang beim
+Zaume und machte ihm Bahn mitten durch die Herde, bis er wieder freien
+Spielraum vor sich sah und sich ungehindert bewegen konnte.
+
+„Ich hoffe, Sie haben keinen Schaden genommen, Fräulein,“ sagte Lucys
+Retter in ehrfurchtsvollem Ton.
+
+Sie sah ihm beherzt in das dunkle, kühne Antlitz und erwiderte
+unbefangen. „Einen furchtbaren Schrecken habe ich gehabt, wer hätte
+auch denken können, Poncho würde sich von einer Herde Ochsen ins
+Bockshorn jagen lassen.“
+
+„Gottlob, daß Sie sich fest im Sattel hielten,“ sagte der andere
+ernst. Er war ein junger Bursche von kräftigem Gliederbau und etwas
+verwildertem Aeußern, trug ein grobes Jägerwams, eine lange Büchse über
+der Schulter und ritt auf einem mächtigen Braunfuchs.
+
+„Sie sind wohl John Ferriers Tochter,“ fuhr er fort, „ich sah Sie unten
+von seinem Hause wegreiten. Fragen Sie ihn doch einmal, ob er sich noch
+an Jefferson Hope aus St. Louis erinnert. Wenn er der Ferrier ist, den
+ich meine, müssen mein Vater und er gute Freunde gewesen sein.“
+
+„Wollen Sie nicht lieber kommen und ihn selbst danach fragen?“
+entgegnete sie mit freundlicher Miene.
+
+Dem jungen Manne schien der Vorschlag zu behagen, seine dunklen Augen
+glänzten vor Vergnügen. „Das will ich thun,“ sagte er; „ich bin zwar
+jetzt mit meinen Kameraden zwei Monate im Gebirge gewesen, da sehen wir
+nicht gerade besuchsmäßig aus, vielleicht nimmt Herr Ferrier aber mit
+uns fürlieb wie wir sind.“
+
+„Mein Vater ist Ihnen großen Dank schuldig,“ erwiderte sie, „und ich
+gleichfalls. Er hat mich sehr lieb, und wenn mich die Tiere zu Boden
+getreten hätten, wäre er nie wieder froh geworden.“
+
+„Ich auch nicht,“ versicherte der Jäger.
+
+„Sie? -- Ja, was sollten Sie sich denn groß darum kümmern? Sie gehören
+ja nicht einmal zu unsern Freunden.“
+
+Die Miene des jungen Mannes verfinsterte sich so sichtlich, als Lucy
+Ferrier diese Aeußerung that, daß sie hell auflachte.
+
+„Nein, so meine ich das nicht; natürlich sind Sie jetzt ein Freund
+unseres Hauses. Kommen Sie nur recht bald uns zu besuchen. Doch ich muß
+weiter, sonst läßt mich Vater nie wieder ein Geschäft für ihn besorgen.
+Auf Wiedersehen!“
+
+„Auf Wiedersehen,“ sagte er, sich über ihre kleine Hand beugend, und
+nahm seinen breiten Sombrero ab. Sie ließ ihren Mustang eine kühne
+Schwenkung machen, versetzte ihm einen leichten Schlag mit der Peitsche
+und flog davon, die Landstraße hinunter, eine hohe Staubwolke hinter
+sich aufwirbelnd.
+
+Der junge Jefferson Hope ritt mit seinen Gefährten langsam und
+schweigend weiter. Sie waren im Gebirge von Nevada gewesen, um nach
+Silber zu suchen, und kamen jetzt in die Salzseestadt zurück, mit der
+Hoffnung, dort ein Kapital zusammenzubringen, um die Erzgänge ausbeuten
+zu können, welche sie entdeckt hatten. Er war voll Eifer für das
+Unternehmen gewesen, bis das heutige Erlebnis seinen Gedanken eine
+andere Richtung gab. Der Anblick des schönen jungen Mädchens, das so
+frisch und frei war wie die Luft im Gebirge, hatte sein ungestümes,
+leidenschaftliches Herz bis in die innersten Tiefen erregt. Als sie
+ihm aus den Blicken entschwunden war, wußte er, daß ein Wendepunkt in
+seinem Leben eingetreten sei, und daß weder die Silbermine noch sonst
+etwas auf der Welt für ihn von Bedeutung war, neben dem neuen, ihn ganz
+beherrschenden Gefühl. Die Liebe, die in seinem Innern erwachte, glich
+nicht der plötzlichen und veränderlichen Laune eines Knaben, es war die
+wilde, unbezwingbare Leidenschaft eines Mannes von stolzem Sinn und
+starkem Willen. Alles was er bisher unternommen hatte, war von Erfolg
+gekrönt gewesen. In seinem Herzen gelobte er sich, auch dies höchste
+Gut zu erringen, wenn es für sein feuriges Streben irgend erreichbar
+war.
+
+Noch am selben Abend besuchte er John Ferrier und ward seitdem ein
+häufig gesehener Gast in seinem Hause. Der alte Farmer war in den
+letzten zwölf Jahren ausschließlich mit seiner Arbeit beschäftigt
+gewesen und hatte sich wenig um die Außenwelt gekümmert. Durch
+Jefferson Hope erhielt er nun Kunde von dem, was sich draußen
+zugetragen, und alles, was dieser erzählte, zog Lucy ebenso sehr an,
+wie ihren Vater. Der junge Mann war als Pionier nach Kalifornien
+gegangen und wußte seltsame Dinge davon zu berichten, wie Reichtümer
+gewonnen und wieder verloren wurden in jenen Tagen wilder Begierde.
+Auch Pfadfinder war er gewesen und Pelzjäger, Silbergräber und
+Landwirt. Wo es galt, kühne Abenteuer zu bestehen, war Jefferson Hope
+überall als einer der ersten zu finden. Der alte John Ferrier, dem er
+bald lieb und wert wurde, ergriff jede Gelegenheit, um Gutes von ihm
+zu reden und ihm Lob zu spenden. Lucy schwieg dann meist still, aber
+ihre glühenden Wangen und hellen, glückstrahlenden Augen verrieten nur
+zu deutlich, daß die Liebe in ihrem Herzen Einzug gehalten hatte. Ihr
+wackerer Vater gewahrte vielleicht nichts von solchen Anzeichen, aber
+dem Manne, welcher das holde Mädchen für sich zu gewinnen trachtete,
+blieben sie nicht verborgen.
+
+An einem Sommerabend stand Lucy auf der Schwelle des Hauses und sah
+Jefferson die Straße herabreiten und am Gitterthor halten. Als sie die
+Stufen hinunter eilte, um ihn zu begrüßen, band er rasch sein Pferd an
+den Zaun, und kam ihr auf dem Fußsteig entgegen.
+
+„Ich muß fort, Lucy,“ sagte er, ihre Hand ergreifend und ihr zärtlich
+ins Auge blickend. „Ich will dich nicht bitten, mir schon jetzt
+zu folgen, wirst du aber bereit sein, mit mir zu ziehen, wenn ich
+zurückkehre?“
+
+[Illustration]
+
+„Und wann wird das sein?“ fragte sie mit freudigem Erröten.
+
+„In einigen Monaten. Dann komme ich, Geliebte, und bitte um deine Hand.“
+
+„Was wird aber der Vater sagen?“
+
+„Er hat seine Einwilligung gegeben, wenn es uns mit den Silberminen
+glückt. Davor ist mir nicht bange.“
+
+„Nun, wenn ihr darüber eines Sinnes seid, der Vater und du, so darf ich
+keinen Einspruch erheben,“ flüsterte sie und barg ihre glühenden Wangen
+an seiner starken Brust.
+
+„Gottlob!“ rief er beglückt, und drückte ihr einen innigen Kuß auf die
+Lippen, „soweit ist alles gut. Lebe wohl, mein Herz, ich darf nicht
+länger bleiben, sonst wird mir das Scheiden zu schwer. Die Kameraden
+warten auf mich in der Bergschlucht. In zwei Monaten sehen wir uns
+wieder. Lebe wohl!“
+
+Er riß sich aus ihrer Umarmung, sprang in den Sattel und trabte mit
+Windeseile davon. Nicht einen Blick warf er noch zurück, als fürchte
+er, die Kraft möchte ihm versagen, wenn er sich noch einmal umschaute
+nach dem Glück, welches er verließ. Sie blieb am Gitterthor stehen und
+sah ihm nach, bis er ihren Augen entschwunden war. Dann kehrte sie ins
+Haus zurück. Ein glückseligeres Mädchen als Lucy Ferrier gab es in
+jenem Abend in ganz Utah nicht.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+John Ferrier spricht mit dem Propheten.
+
+
+Drei Wochen waren vergangen, seit Jefferson Hope mit seinen Gefährten
+die Salzseestadt verlassen hatte. Bei dem Gedanken an seine Rückkunft
+und den Abschied von der geliebten Pflegetochter wollte John
+Ferrier das Herz wohl oft schwer werden; aber ein Blick in ihre
+glückstrahlenden Augen ließ ihn das eigene Leid vergessen. Er hatte von
+jeher fest bei sich beschlossen, daß ihn nichts in der Welt bewegen
+sollte, sein Kind einem Mormonen zur Frau zu geben, weil er eine solche
+Ehe als Schmach und Schande ansah. Was er auch sonst über die Lehren
+der Mormonen denken mochte, in diesem +einen+ Punkt war er unbeugsam.
+Doch hütete er sich wohl, etwas von seiner abweichenden Ueberzeugung
+verlauten zu lassen, denn im Lande der Heiligen galt es damals für ein
+gefährliches Ding, andere, als die strenggläubigsten Meinungen zu hegen.
+
+Selbst die Frömmsten wagten es nur mit der größten Vorsicht, über
+religiöse Angelegenheiten zu reden, aus Furcht, eins ihrer Worte
+möchte falsch ausgelegt werden und ein schnelles Strafgericht über
+sie heraufbeschwören. Die ehemaligen Opfer der Verfolgung waren
+jetzt selbst zu Verfolgern geworden und betrieben ihr Handwerk
+auf entsetzliche Art. Weder die spanischen Inquisitoren, noch die
+Vehmgerichte des Mittelalters oder die geheimen Gesellschaften
+Italiens, besaßen je eine so furchtbare Gewalt, wie sie hier in Utah
+herrschte und die Gemüter mit Angst und Grauen erfüllte.
+
+Daß diese Herrschaft eine so unsichtbare und geheimnisvolle war, machte
+sie noch gefürchteter. Sie schien allwissend und allmächtig, und doch
+war nichts von ihr zu sehen und zu hören. Ein Gemeindeglied, das
+sich dem Willen der Kirche nicht fügte, verschwand spurlos, ohne daß
+irgend jemand erfuhr, was aus ihm geworden sei. Daheim warteten die
+Seinigen auf den Vater, aber er kehrte nicht zu Weib und Kind zurück,
+um zu erzählen, was das heimliche Gericht über ihn verhängt habe. Auf
+ein rasches Wort, eine vielleicht unbedachte That folgte oft Tod und
+Vernichtung, aber niemand wußte, wann das Verhängnis über ihm schwebte
+oder wessen Hand die Strafe vollzog.
+
+Anfangs sahen sich nur die Abtrünnigen bedroht, welche den Glauben
+der Mormonen bekannt hatten, sich aber später von ihnen loszumachen
+strebten. Dies ward jedoch bald anders. Um die Vielweiberei aufrecht zu
+erhalten, bedurfte man einer zahlreichen weiblichen Bevölkerung und
+der Zuzug von Frauen begann abzunehmen. Es gingen seltsame Gerüchte um,
+daß Einwanderer auf dem Zuge ermordet worden seien und ihre Lagerplätze
+ausgeplündert, in Gegenden, wohin keine Indianer je den Fuß gesetzt
+hatten. Zur selben Zeit sah man in den Harems der Aeltesten fremde
+Frauen auftauchen, welche trostlos weinten und dahinsiechten, im
+Antlitz den Ausdruck untilgbaren Entsetzens.
+
+Verspätete Wanderer im Gebirge erzählten von Banden bewaffneter und
+vermummter Gestalten, die geräuschlos und verstohlen im Dunkel an ihnen
+vorübergehuscht waren. Die zuerst unbestimmten Gerüchte traten bald in
+greifbarer Form und mit größerer Gewißheit auf; sie wurden von allen
+Seiten bestätigt und geglaubt. Bis auf den heutigen Tag spricht man
+in den abgelegenen Farmhäusern des Westens noch mit Grausen von den
+Danitischen Banden, die im Volksmunde auch ‚Würgengel‘ genannt wurden.
+
+Je mehr man von dem Walten dieser Schrecklichen erfuhr, um so größer
+ward das Entsetzen vor ihnen in den Gemütern. Man wußte nicht, wer zu
+der greuelvollen Gesellschaft gehörte; die Namen derer, welche unter
+dem Deckmantel der Religion ihre blutigen Gewaltthaten verübten,
+blieben in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Dem besten Freunde
+selbst durfte man seine etwaigen Zweifel an der Sendung des Propheten
+nicht anvertrauen, denn leicht konnte er zu der Zahl der Rächer
+gehören, welche in nächtlichem Graus Vergeltung zu üben kamen. So
+mißtraute denn ein Nachbar dem andern und keiner wagte von den Dingen
+zu reden, die ihm vor allem am Herzen lagen. --
+
+
+Eines Morgens wollte sich John Ferrier gerade zu einem Gang durch
+seine Weizenfelder rüsten, als er die Gitterthür gehen hörte und einen
+starken, blondhaarigen Mann mittleren Alters den Fußweg heraufkommen
+sah. Er erschrak heftig, denn es war niemand anderes als der große
+Brigham Young in eigener Person. Voll böser Ahnungen, denn er wußte
+wohl, daß ein solcher Besuch nichts Gutes für ihn zu bedeuten habe,
+eilte Ferrier dem Oberhaupt der Mormonen entgegen. Brigham Young nahm
+seine ehrerbietige Begrüßung mit Kälte auf und folgte ihm schweigend
+ins Wohnzimmer.
+
+„Bruder Ferrier,“ sagte er, mit strenger Miene Platz nehmend, und warf
+unter seinen hellfarbenen Augenbrauen hervor einen durchdringenden
+Blick auf den alten Farmer, „die wahren Gläubigen haben dir treue
+Freundschaft erwiesen. Als du nahe daran warst, in der Wüste zu
+verschmachten, nahmen wir dich auf in unsere Mitte, labten dich mit
+Trank und Speise und führten dich sicher in das Land der Verheißung;
+dort gaben wir dir ein schönes Ackerland und ließen dich reich werden
+in unserm Schutz. Ist es nicht, wie ich sage?“
+
+„Ja, so ist es,“ bestätigte Ferrier.
+
+„Zum Dank für alle Wohlthaten stellten wir nur die +eine+ Bedingung,
+daß du den wahren Glauben annehmen und dich unsern Sitten und
+Gebräuchen unterwerfen solltest. Du gelobtest dies zu thun; aber, wenn
+wir recht berichtet sind, hast du dein Versprechen nicht gehalten.“
+
+„Worin habe ich denn gefehlt?“ rief Ferrier. „Habe ich nicht in die
+gemeinsame Kasse gesteuert? Habe ich nicht die Versammlungen im Tempel
+besucht? Habe ich nicht --“
+
+„Wo sind deine Frauen?“ fragte Young, sich umblickend. „Rufe sie
+herbei, daß ich sie begrüßen kann.“
+
+„Es ist wahr,“ versetzte der Farmer, „ich habe nicht geheiratet.
+Aber es war nur eine geringe Anzahl Frauen vorhanden und andere
+Gemeindeglieder hatten bessere Ansprüche als ich. Auch lebte ich nicht
+einsam; meine Tochter sorgte für meine Notdurft.“
+
+„Gerade deine Tochter ist es, von der ich mit dir reden möchte,“
+sagte der Führer der Mormonen. „Sie ist zur Blume von Utah erblüht
+und Männer, die in hohem Ansehen unter uns stehen, haben ein Auge des
+Wohlgefallens auf sie geworfen.“
+
+John Ferrier gingen die Worte wie ein schneidendes Schwert durchs Herz.
+
+„Man erzählt von ihr, was ich nur ungern wiederhole -- daß sie sich
+einem Ungläubigen versiegelt hat. Es muß wohl ein Geschwätz müßiger
+Zungen sein, denn -- wie lautet die dreizehnte Regel im Gesetz Josef
+Smiths, des Heiligen? -- ‚Eine Tochter, die sich zum wahren Glauben
+bekennt, darf nur mit einem der Auserwählten in die Ehe treten.
+Heiratet sie einen Ungläubigen, so macht sie sich einer schweren
+Sünde schuldig.‘ Es ist nicht möglich, daß du, als Anhänger unserer
+heiligen Lehre, deiner Tochter gestattet haben solltest, dies Gebot zu
+übertreten.“
+
+John Ferrier gab keine Antwort, er atmete schwer.
+
+„Im heiligen Rat der Vier ist beschlossen worden, daß dieser eine Punkt
+zum Prüfstein für deinen Glauben dienen soll,“ fuhr der Prophet fort.
+„Das Mädchen ist jung, wir wollen sie nicht einem Graubart vermählen,
+und ihr sogar die Wahl lassen. Wir, die Aeltesten, sind bereits wohl
+versehen, aber wir müssen auch für unsere Kinder sorgen. Stangerson
+und Drebber haben Söhne und jeder von ihnen würde deine Tochter mit
+Freuden in seinem Hause willkommen heißen. Sie soll sich für einen von
+ihnen entscheiden. Beide sind jung, reich und bekennen sich zu dem
+wahren Glauben. Was hast du darauf zu erwidern?“
+
+Ferrier zog die Stirn in düstere Falten und schwieg eine Weile.
+
+„Ihr werdet uns Zeit lassen,“ sagte er endlich. „Meine Tochter ist sehr
+jung -- noch kaum in heiratsfähigem Alter.“
+
+„Sie soll einen Monat Bedenkzeit haben,“ sagte Young von seinem Sitz
+aufstehend. „Ist diese Frist zu Ende, so erwarten wir ihre Antwort.“
+
+In der Thür wandte er sich noch einmal zurück; sein Gesicht war
+gerötet, seine Augen funkelten. „Wenn jetzt dein und ihr Gebein im
+Wüstenstaub bei der Sierra Blanca moderte,“ rief er mit Donnerstimme,
+„es wäre weit besser für dich, John Ferrier, und für sie, als wenn ihr
+in eurer Ohnmacht wagen solltet, dem Befehl des heiligen Rats der Vier
+zu trotzen.“
+
+Er erhob die Hand mit drohender Gebärde, dann verließ er das Haus und
+man hörte den Kies auf dem Fußweg unter seinen Tritten knirschen.
+
+Ferrier saß noch in trübem Sinnen, den Kopf in die Hand gestützt,
+als er sich leise an der Schulter berührt fühlte. Er blickte auf und
+sah Lucy neben sich stehen. Ihr bleiches, verstörtes Gesicht ließ ihm
+keinen Zweifel, daß sie wußte, was geschehen war.
+
+[Illustration]
+
+„Ich konnte nicht anders,“ flüsterte sie voll Bangigkeit, „ich habe
+alles gehört -- seine Stimme schallte durch das ganze Haus. O Vater,
+Vater -- was sollen wir thun?“
+
+„Sei ohne Furcht,“ sagte er, sie an sich ziehend, und ließ seine
+breite, rauhe Hand zärtlich über ihr braunes Haar gleiten. „Irgendwie
+wollen wir’s schon einrichten. Du hängst doch wohl nach wie vor an
+deinem Verlobten, nicht wahr?“
+
+Sie schluchzte nur leise und drückte ihm die Hand.
+
+„Ich hab’ mir’s gleich gedacht; so ein hübscher Bursche und ein
+ordentlicher Christenmensch obendrein; denn das ist hier keiner von
+allen, trotz ihrer vielen Gebete und Predigten. -- Morgen reist eine
+Gesellschaft nach Nevada ab, da werde ich zusehen, daß ich ihm eine
+Botschaft schicken kann, um ihn wissen zu lassen, in welcher Not wir
+stecken. Wenn er dann nicht hier ist, wie der Wind, müßte ich mich sehr
+in dem jungen Mann getäuscht haben.“
+
+Lucy lächelte unter Thränen. „Wenn er kommt, wird er uns zu raten und
+zu helfen wissen,“ sagte sie zuversichtlich. „Aber ich ängstige mich
+deinetwegen, Väterchen. Man hört so schreckliche Dinge erzählen, wie es
+denen ergeht, die sich dem Willen des Propheten widersetzt haben.“
+
+„Aber wir haben das noch gar nicht gethan,“ entgegnete der Alte, „und
+brauchen uns vorläufig nicht zu fürchten. Noch haben wir einen ganzen
+Monat vor uns und ehe der zu Ende geht, werden wir gut thun, Utah den
+Rücken zu kehren.“
+
+„Was wird denn aber aus deinem Besitztum?“
+
+„Wir machen zu Geld, was wir können, und lassen das Uebrige zurück.
+Ich will dir nur offen gestehen, Lucy, daß ich schon längst mit diesem
+Gedanken umgehe. Ich mag vor keinem Menschen zu Kreuze kriechen, wie
+die Leute hier vor ihrem verwünschten Propheten. Als freier Mann bin
+ich geboren und kann mich in diese Art nicht mehr finden -- ich bin
+wohl zu alt dazu. Er soll sich hüten, mir noch einmal ins Gehege
+zu kommen, sonst hat er eine Ladung Schrot im Leibe, ehe er sich’s
+versieht.“
+
+„Sie werden uns aber nicht fortlassen wollen,“ warf Lucy ängstlich ein.
+
+„Dafür laß mich nur sorgen, wenn Jefferson kommt. Beruhige dich jetzt,
+mein Herzchen, und weine dir nicht die Augen rot, sonst macht er mir
+Vorwürfe, wenn er dich sieht. Uns droht keinerlei Gefahr, und du
+brauchst nichts zu fürchten.“
+
+John Ferrier sprach diese tröstlichen Worte mit großer Zuversicht, doch
+konnte Lucy nicht umhin, zu bemerken, wie vorsichtig er alle Thüren zur
+Nacht verschloß und verriegelte, nachdem er zuvor die alte, rostige
+Jagdflinte, welche für gewöhnlich an der Wand seines Schlafzimmers
+hing, aufs sorgfältigste gereinigt und geladen hatte.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Eine Flucht auf Leben und Tod.
+
+
+Am Morgen nach seiner Unterredung mit dem Propheten begab sich John
+Ferrier nach der Salzseestadt, suchte dort seinen Bekannten auf,
+welcher im Begriff stand, ins Gebirge von Nevada zu reisen, und
+vertraute ihm die Botschaft für Jefferson Hope an. Er hatte dem jungen
+Manne geschrieben, von welcher furchtbaren Gefahr sie bedroht seien und
+ihn aufgefordert, unverzüglich zurückzukehren. Nachdem dies geschehen
+war, ging er erleichterten Herzens heim.
+
+Als er sich seinem Hause näherte, sah er mit Verwunderung, daß an jedem
+der Thürpfosten ein Pferd angebunden stand. Im Wohnzimmer aber traf er
+zwei junge Männer, die sich höchst behaglich zu fühlen schienen. Der
+eine, mit hageren, blassen Zügen, lag im Armstuhl ausgestreckt, die
+Füße auf dem niedrigen Ofen. Der andere, ein Mensch mit aufgedunsenem,
+gemeinem Gesicht und einem Stiernacken, stand, die Hände in den
+Taschen, am Fenster und pfiff eine Melodie. Beide nickten Ferrier
+vertraulich zu, und der junge Mensch im Armstuhl begann das Gespräch.
+
+„Sie kennen uns vielleicht nicht,“ sagte er. „Dies hier ist der Sohn
+des Aeltesten Drebber und ich bin Josef Stangerson, der mit im Zuge
+war, als der Herr in der Wüste seine Hand ausstreckte, um Sie mit der
+Herde der Gläubigen zu vereinen.“
+
+„Wie er alle Völker versammeln wird zu seiner Zeit!“ fiel der andere
+mit schnarrender Stimme ein. „Seine Mühlen mahlen langsam, aber sicher.“
+
+John Ferrier verbeugte sich kühl; er hatte sich schon denken können,
+wer die Besucher waren.
+
+„Wir kommen auf den Rat unserer Väter,“ fuhr Stangerson fort, „und
+werben um die Hand Ihrer Tochter für denjenigen von uns beiden, welcher
+Ihnen und ihr am meisten zusagt. Da ich nur vier Frauen habe und Bruder
+Drebber hier deren sieben besitzt, so scheint mir, daß ich den nächsten
+Anspruch habe.“
+
+„Bewahre, Bruder Stangerson,“ rief der andere; „es handelt sich nicht
+darum, wie viele Frauen man hat, sondern wie viele man ernähren kann.
+Mein Vater hat mir jetzt die Fabriken übergeben, und ich bin reicher
+als du.“
+
+„Aber ich habe bessere Aussichten,“ erwiderte jener eifrig. „Wenn der
+Herr meinen Vater zu sich nimmt, bekomme ich die Lohgerberei und die
+Lederfabrik. Auch bin ich älter als du und mein Ansehen in der Kirche
+ist größer.“
+
+„Das Mädchen soll zwischen uns entscheiden,“ entgegnete der junge
+Drebber, sich wohlgefällig im Spiegel betrachtend; „wir wollen es ihr
+ganz überlassen.“
+
+Während dieses Zwiegesprächs stand John Ferrier schäumend vor Wut an
+der Thür. Es zuckte ihm in allen Fingern, seine Reitpeitsche auf den
+Rücken der beiden Bewerber niedersausen zu lassen.
+
+„Hört einmal,“ sagte er endlich, auf sie zuschreitend, „wenn meine
+Tochter euch rufen läßt, mögt ihr kommen; bis dahin bitte ich mir aus,
+daß ihr mir den Anblick eurer Gesichter erspart!“
+
+Die jungen Mormonen starrten ihn in maßlosem Erstaunen an. In ihren
+Augen war dieser Wettbewerb um die Hand des Mädchens die höchste Ehre,
+welche sie Vater und Tochter erweisen konnten.
+
+„Es giebt zwei verschiedene Ausgänge aus diesem Zimmer,“ fuhr Ferrier
+zornglühend fort, „einen durch die Thür, den anderen durch das Fenster.
+Ihr habt die Wahl.“
+
+Seine Miene war so drohend und seine hagern Hände schienen so
+eisenstark, daß die beiden unwillkommenen Besucher eilig aufsprangen
+und den Rückzug antraten. Der alte Mann folgte ihnen bis zur Thür.
+
+„Sobald ihr untereinander ausgemacht habt, wer es sein soll, laßt
+mich’s wissen,“ rief er ihnen höhnisch nach.
+
+„Dafür sollt Ihr büßen,“ schrie Stangerson bleich vor Erregung. „Ihr
+habt dem Propheten getrotzt und dem hohen Rat der Vier -- das sollt Ihr
+bereuen bis an Euer Lebensende.“
+
+„Die Hand des Herrn werdet Ihr fühlen,“ stimmte der junge Drebber ein.
+„Er wird wider Euch aufstehen und Euch schlagen.“
+
+„Mit dem Schlagen kann es gleich seinen Anfang nehmen,“ rief Ferrier
+zornbebend. Er wollte die Flinte von der Wand reißen, aber Lucy war
+herzugeeilt und fiel ihm in den Arm. Bevor er sich noch von ihr
+losmachen konnte, tönte schallender Hufschlag und die Flüchtlinge waren
+außer seinem Bereich.
+
+„Die jungen heuchlerischen Schurken,“ murmelte er voll Ingrimm; „weit
+lieber möchte ich dich im Grabe sehen, mein Herzenskind, als daß dich
+einer von ihnen als sein Weib heimführte.“
+
+„Ja Vater, -- lieber sterben!“ erwiderte sie entschlossen. „Doch bald
+wird Jefferson hier sein.“
+
+„Freilich -- und je früher er kommt, desto besser ist es. Wer kann
+wissen, was jene gegen uns im Schilde führen.“
+
+Es war in der That hohe Zeit, daß ein kluger Ratgeber und Helfer dem
+wackern alten Ferrier und seiner Tochter in ihrer Not beistand. Seit
+der Gründung der Niederlassung war ein solches Beispiel von Ungehorsam
+und Widersetzlichkeit gegen die Befehle der Aeltesten noch niemals
+vorgekommen. Wenn schon kleine Vergehen mit unnachsichtiger Strenge
+bestraft wurden, welches Schicksal erwartete dann diesen Erzrebellen?
+Ferrier wußte, daß weder sein Reichtum noch seine Stellung ihn schützen
+würde. Leute, die über ebenso große Mittel verfügten und in nicht
+geringerem Ansehen standen wie er, waren schon spurlos verschwunden und
+ihre Güter der Kirche anheimgefallen. Der tapfere Mann hätte sich jeder
+offenen Gefahr kühn entgegengestellt, aber das düstere unheimliche
+Verhängnis, das über ihm schwebte, erschütterte seine starke Seele und
+flößte ihm Grauen ein. Zwar verbarg er seine Furcht vor der Tochter und
+that, als lege er der ganzen Sache nicht viel Wert bei, allein, mit dem
+scharfen Auge der Liebe erkannte Lucy nur zu deutlich die Unruhe in
+seinem Gemüt.
+
+Nach dem, was vorgefallen war, mußte er sich darauf gefaßt machen, von
+Young wegen seines Benehmens eine Rüge oder Warnung zu erhalten. Die
+Botschaft traf auch wirklich ein, aber sie kam auf eine ihm völlig
+unerwartete Weise. Als er am nächsten Morgen erwachte, fand er auf der
+Bettdecke gerade über seiner Brust einen kleinen viereckigen Zettel
+angesteckt, auf welchem mit großen deutlichen Buchstaben die Worte
+standen: „Neunundzwanzig Tage sind dir zur Sühne gewährt, und dann --
+--“
+
+Jede Drohung wäre weniger furchtbar gewesen als der beängstigende
+Gedankenstrich. John Ferrier zerbrach sich vergebens den Kopf, wie der
+Zettel in sein Zimmer gekommen sein könne, denn das Gesinde schlief in
+einem Nebenbau und er hatte mit eigener Hand alle Fenster und Thüren
+wohl verwahrt und verschlossen. Er vernichtete das Papier und sagte
+seiner Tochter nichts von dem Vorfall, aber ihn schauderte doch, wenn
+er daran dachte. Die neunundzwanzig Tage waren offenbar der Rest des
+Monats, den Brigham Young ihm zugesagt hatte. Was vermochten aller Mut
+und alle Kraft gegen einen Feind auszurichten, der so geheimnisvolle
+Hilfsmittel besaß? Die Hand, welche jenen Zettel befestigte, hätte
+ihn ebenso gut ins Herz treffen können und kein Mensch würde jemals
+erfahren haben, wer ihn erschlagen.
+
+Am folgenden Morgen wurde er noch heftiger erschüttert. Sie
+saßen zusammen beim Frühstück, als Lucy plötzlich einen Schrei
+der Ueberraschung ausstieß und nach oben blickte. Mitten auf der
+Zimmerdecke stand in schwarzer Schrift die Zahl 28. Seine Tochter
+wußte nicht, was das zu bedeuten habe und er klärte sie nicht auf.
+Die folgende Nacht hindurch saß Ferrier mit der geladenen Flinte da
+und hielt Wache. Alles blieb still, er vernahm keinen Laut, aber am
+nächsten Morgen fand er die Zahl 27 auf seiner Hausthür angeschrieben.
+
+So verging ein Tag nach dem andern und jeder neue Morgen brachte ihm
+Kunde, daß seine unsichtbaren Feinde ihre Rechnung weiter führten.
+An irgend einer Stelle, die ihm ins Auge fallen mußte, hatten sie
+die Anzahl der Tage verzeichnet, die ihm noch von der Gnadenfrist
+übrig blieb. Bald tauchten die verhängnisvollen Nummern an den
+Wänden auf, bald auf dem Fußboden, manchmal standen sie auf kleinen
+Anschlagzetteln, die an dem Gartenthor oder den Gitterstäben befestigt
+waren. Trotz aller Wachsamkeit konnte Ferrier nicht entdecken,
+woher diese täglichen Mahnzeichen kamen und er empfand ein fast
+abergläubisches Grauen, so oft er eine neue Zahl gewahrte. Er kam sich
+vor wie ein gehetztes Wild, eine verzehrende Unruhe ergriff ihn und wer
+in seinem Auge zu lesen verstand, konnte sehen, welche Qualen er litt.
+Nur der Gedanke, daß der junge Jäger jetzt bald aus Nevada eintreffen
+müsse, hielt ihn noch aufrecht.
+
+Aus 20 war 15, aus 15 war 10 geworden, aber noch traf keine Nachricht
+von dem fernen Freunde ein. Immer kleiner ward die Zahl der noch
+übrigen Tage und Jefferson ließ sich nicht blicken. Vernahm man einen
+Hufschlag oder kam ein Fuhrmann des Weges gefahren, so eilte der alte
+Farmer an das Thor, weil er glaubte, daß die ersehnte Hilfe da sei.
+Erst als auf die 5 die 4 folgte und aus dieser eine 3 wurde, sank ihm
+der Mut, und er gab jede Hoffnung verloren.
+
+Wenig vertraut mit Weg und Steg in den Gebirgen, welche die Ansiedlung
+umgaben, konnte er, auf sich allein angewiesen, die Rettung nicht
+ins Werk setzen; alle bekannten Pfade wurden aufs strengste bewacht,
+und jeder Wanderer, der sich darauf betreten ließ, mußte einen
+Passierschein des Hohen Rats vorweisen können. Wohin sich also Ferrier
+wenden mochte, nirgends bot sich ihm die Möglichkeit, dem Verhängnis zu
+entfliehen, das ihn bedrohte; dennoch schwankte der alte Mann keinen
+Augenblick in seinem Entschluß, lieber das Leben zu verlieren, als
+seine Tochter jener Verbindung preiszugeben.
+
+Er war in schweren Sorgen abends allein aufgeblieben und sann vergebens
+nach, ob denn kein Entrinnen mehr möglich sei. Am Morgen war die
+Zahl 2 auf der Hauswand erschienen und mit dem nächsten Tage ging
+die festgesetzte Frist zu Ende. Was würde dann geschehen? -- Seine
+Einbildungskraft war geschäftig, sich alle erdenklichen Schrecken
+auszumalen. Und was sollte aus seiner Tochter werden, wenn er ihr nicht
+mehr zur Seite stand? -- Er sah sich rings von einem unsichtbaren Netz
+umgeben, das sich immer dichter zusammenzog. Von dem Gefühl seiner
+Ohnmacht überwältigt, brach er in schmerzliches Schluchzen aus und das
+Haupt sank ihm auf die Brust.
+
+Aber was war das? -- Durch die Stille der Nacht kam plötzlich ein
+leiser, schnarrender Ton deutlich zu ihm herüber. Er schien von der
+Hausthür zu kommen. Ferrier schlich geräuschlos durch den Gang und
+horchte scharf hinaus. Einige Augenblicke vergingen, dann ließ sich
+der seltsame, schwache Laut wieder vernehmen. Es klopfte jemand mit
+großer Behutsamkeit an der Thür. War es ein nächtlicher Abgesandter
+des heimlichen Gerichts, der gekommen war, um dessen Mordbefehl
+auszuführen, oder sollte ihm noch besonders angekündigt werden, daß der
+letzte Tag herannahe? Die furchtbare Ungewißheit schüttelte ihn wie
+im Fieber und nahm ihm jede Widerstandskraft. Länger vermochte er die
+Qual nicht mehr zu ertragen, mit der verglichen der Tod eine Erlösung
+schien. Rasch entschlossen zog er den Riegel zurück und öffnete die
+Thür.
+
+[Illustration]
+
+Draußen war alles still. Die Sterne flimmerten am klaren Nachthimmel
+und weder in dem kleinen Vorgarten, den der Zaun umschloß, noch auf
+der Straße jenseits des Gitterthors, war ein menschliches Wesen
+zu erblicken. Ferrier sah nach rechts und nach links und atmete
+erleichtert auf. Als er aber zufällig gerade vor sich auf den Boden
+schaute, sah er mit Entsetzen zu seinen Füßen einen Mann platt auf der
+Erde liegen, Arme und Beine weit von sich gestreckt.
+
+Der Anblick erschütterte ihn so sehr, daß er gegen die Wand taumelte
+und Mühe hatte, den wilden Schrei zu ersticken, der sich ihm auf die
+Lippen drängte. Sein erster Gedanke war, daß es ein Verwundeter oder
+Sterbender sein müsse; allein plötzlich kam Leben in die Gestalt,
+sie wand sich wie eine Schlange behende und geräuschlos am Boden
+entlang und erreichte den Hausflur. Sobald der Mann über die Schwelle
+gekommen war, sprang er rasch in die Höhe, schloß die Thür und
+vor dem überraschten Farmer stand Jefferson Hope mit ingrimmiger,
+entschlossener Miene.
+
+„Großer Gott -- du bist es --,“ keuchte John Ferrier; „weshalb kommst
+du so geschlichen? Du hast mich furchtbar erschreckt.“
+
+„Gieb mir zu essen,“ rief jener mit heiserer Stimme, „seit
+achtundvierzig Stunden habe ich weder Trank noch Speise zu mir
+genommen.“ Er griff gierig nach Brot und Fleisch, das noch von Ferriers
+Abendmahlzeit auf dem Tische stand. „Hält sich Lucy tapfer?“ war seine
+erste Frage, sobald er seinen Heißhunger gestillt hatte.
+
+„Ja, doch kennt sie die Größe der Gefahr nicht.“
+
+„Das ist gut. Das Haus wird von allen Seiten bewacht; ich konnte mich
+nur kriechend nähern, um nicht bemerkt zu werden. Sie passen scharf
+auf, doch sind sie nicht schlau genug, um einen Washoe-Jäger zu fangen.“
+
+John Ferrier war wie umgewandelt, nun er auf den Beistand eines
+getreuen Verbündeten zählen durfte. „Du bist ein Mann unter Tausenden,“
+rief er, Jeffersons Hand herzlich schüttelnd; „nicht jeder wäre
+gekommen, um Gefahr und Not mit uns zu teilen.“
+
+„Wärst du allein in der Bedrängnis, Vater, wahrlich -- ich hätte es
+mir wohl zweimal überlegt, bevor ich mich in dieses Wespennest wagte,“
+erwiderte der junge Hope freimütig. „Um Lucys willen bin ich hier und
+ehe ich zugebe, daß ihr ein Leid geschieht, müssen sie mir das Leben
+nehmen.“
+
+„Was soll denn aber nun werden? Laß uns rasch handeln!“
+
+„Morgen ist euer letzter Tag; wenn wir nicht diese Nacht entfliehen,
+seid ihr verloren. In der Adlerschlucht stehen zwei Pferde und ein
+Maultier bereit. Wieviel Geld hast du?“
+
+„Zweitausend Dollars in Gold und fünftausend in Banknoten.“
+
+„Das genügt; ich kann etwa die gleiche Summe hinzulegen. Wir müssen
+übers Gebirge nach Carson City. Lucy soll sich sogleich fertig machen.
+Gut, daß die Dienstboten nicht im Hause schlafen.“
+
+Während Ferrier ging, seine Tochter zu wecken, traf Jefferson Hope die
+nötigen Vorkehrungen zur Flucht. Was sich von Eßwaren vorfand, packte
+er in ein kleines Bündel und füllte einen Steinkrug mit Wasser, da er
+wußte, daß sie in den Bergen nur auf wenige Quellen stoßen würden.
+Jetzt kehrte auch Ferrier mit Lucy zurück; beide waren zum Aufbruch
+bereit. Die Liebenden begrüßten einander mit wenigen herzlichen Worten,
+jeder Augenblick war kostbar und es gab noch viel zu überlegen.
+
+„Wir müssen auf der Stelle fort,“ sagte Jefferson mit leiser, aber
+fester Stimme. „Es gilt der Gefahr mutig zu trotzen. Beide Eingänge,
+der vordere sowohl als der hintere, werden bewacht, aber bei gehöriger
+Vorsicht können wir durch das Seitenfenster entfliehen, das auf die
+Felder geht. Haben wir erst die Straße erreicht, so sind wir nur eine
+kurze halbe Stunde von der Schlucht entfernt, wo die Pferde warten. Bei
+Tagesanbruch müssen wir schon tief im Gebirge sein.“
+
+„Aber, wenn wir angehalten werden?“ fragte Ferrier.
+
+Hope deutete auf die Mündung des Revolvers, den er in seinem Wamse
+trug. „Wenn ihrer zu viele sind, müssen zwei oder drei ins Gras
+beißen,“ sagte er mit grimmigem Lächeln.
+
+Alles Licht im Hause war ausgelöscht und Ferrier warf durch das dunkle
+Fenster noch einen Blick auf seine Wiesen und Felder hinaus, welche
+er für immer verlassen sollte. Schon längst war er jedoch auf dies
+Opfer vorbereitet und der Gedanke an seiner Tochter Glück und Ehre
+verscheuchte allen Kummer über den Verlust seines Eigentums. Die Gegend
+lag so still und friedlich da, die Bäume rauschten und das Korn wogte
+im Winde; es war schwer zu glauben, daß da draußen allerwärts der Mord
+auf sie lauere. Die bleiche, entschlossene Miene des jungen Jägers
+verriet aber nur allzu deutlich, daß er auf dem Wege nach dem Hause
+genug gesehen hatte, um darüber keinerlei Zweifel zu hegen.
+
+Ferrier trug einen Sack mit dem Gold und den Banknoten, Jefferson
+die Vorräte an Eßwaren und den Wasserkrug; Lucy hatte ihre liebsten
+Besitztümer in ein Bündel geschnürt. Langsam und vorsichtig öffneten
+sie das Fenster und warteten, bis eine dunkle Wolke, die herangezogen
+kam, die Gegend in Finsternis hüllte, dann kletterten sie geräuschlos
+in den Vorgarten hinab. Mit verhaltenem Atem, halb schleichend, halb
+kriechend, erreichten sie glücklich den Heckenzaun, in dessen Schutze
+sie vorwärts eilten, bis sie an eine Lücke kamen, durch welche man in
+die Felder hinaus gelangte. Sie befanden sich gerade an dieser Stelle,
+als Jefferson sich plötzlich zu Boden warf, und Vater und Tochter
+mit sich zog. Das geübte Ohr des Steppenjägers hatte ein Geräusch
+vernommen. Kaum lauerten sie in ihrem Versteck, als wenige Schritte
+von ihnen der trübselige Ruf einer Bergeule ertönte, dem ein anderer
+Eulenruf aus einiger Entfernung antwortete. Gleich darauf sahen sie den
+Schatten eines Mannes an der Zaunlücke vorbeigleiten und eine zweite
+Gestalt tauchte aus dem Dunkel auf.
+
+„Morgen um Mitternacht, wenn das Käuzchen dreimal ruft,“ sagte der
+erste im Ton des Befehls.
+
+„Wohl,“ versetzte der zweite; „soll ich Bruder Drebber benachrichtigen?“
+
+„Sage ihm die Weisung, er soll sie weiter geben. +Neun und sieben.+“
+
+„+Sieben und fünf!+“ entgegnete der andere, und die beiden entfernten
+sich nach verschiedenen Richtungen. Ihre letzten Worte sollten offenbar
+eine Art Losung sein. Kaum waren ihre Tritte verhallt, als Jefferson
+aufsprang und mit seinen Gefährten, so rasch sie ihre Füße trugen, quer
+durch die Felder lief.
+
+„Vorwärts, vorwärts,“ keuchte er von Zeit zu Zeit; „wir sind schon an
+den Wachtposten vorbei, nur die größte Eile kann uns retten.“
+
+Wenn Lucys Kräfte zu versagen drohten, half er ihr und stützte sie mit
+starkem Arm. Auf der Landstraße angelangt, kamen sie rasch weiter, und
+kurz vor der Stadt bog ihr Führer in einen schmalen, steilen Pfad ab,
+der zu den Bergen aufstieg. Zwei dunkle, zerklüftete Felsspitzen ragten
+vor ihnen empor in der Finsternis; zwischen diesen öffnete sich die
+Adlerschlucht, wo die Pferde warteten. Von sicherm Instinkt geleitet,
+fand Jefferson den Weg zwischen Felsblöcken und in dem trockenen Bett
+eines Waldbachs, bis sie den versteckten Schlupfwinkel erreichten,
+wo er die treuen Tiere festgebunden hatte. Das Mädchen bestieg das
+Maultier und Ferrier mit dem Geldsack eines der Pferde, während
+Jefferson Hope das andere auf dem gefährlichen Pfade am Zügel führte.
+
+Rechter Hand ragte eine wohl tausend Fuß hohe Felswand und zur Linken
+lagen Steinblöcke und Trümmer wild durcheinander geworfen. Der Fußsteg,
+der in regelmäßigem Zickzack mitten durch diese Wildnis führt, war an
+manchen Stellen so schmal, daß sie ihn hintereinander einzeln verfolgen
+mußten, und so rauh, daß nur die geübtesten Reiter ihn ohne Unfall
+passieren konnten.
+
+Trotz aller Mühsal und Beschwerde war den Flüchtlingen dennoch fröhlich
+zu Mut, weil jeder Schritt, den sie vorwärts thaten, sie weiter aus dem
+Bereich des Tyrannen brachte, dem sie entrinnen wollten.
+
+Bald jedoch erhielten sie den Beweis, daß sie noch immer nicht dem
+Bann der ‚Heiligen‘ entflohen waren. Sie hatten eben die ödeste und
+wildeste Stelle des Gebirgspasses erreicht, als Lucy mit einem Ausruf
+des Schreckens nach oben deutete. Auf einem Felsvorsprung, der den Pfad
+beherrschte und sich klar gegen den Himmel abhob, stand ein einsamer
+Wachtposten. Er hatte die Reiter gleichfalls bemerkt und seine Frage:
+„Wer geht da?“ klang herausfordernd durch die stille Schlucht.
+
+„Reisende nach Nevada,“ rief Jefferson Hope, die Hand an der Flinte,
+welche am Sattel hing.
+
+„Mit wessen Erlaubnis?“ schallte es von oben herunter.
+
+„Der heiligen Vier,“ gab Jefferson zur Antwort. Er wußte von seinem
+Aufenthalt bei den Mormonen, daß dies die höchste Obergewalt sei.
+
+„+Neun und sieben!+“ rief die Schildwache.
+
+„+Sieben und fünf!+“ entgegnete Jefferson rasch, sich der Losung
+erinnernd, die er im Garten gehört hatte.
+
+[Illustration]
+
+„Passiert -- der Herr sei mit euch!“ ertönte es von der Felsspitze.
+
+Bald darauf war der Weg breiter und die Pferde konnten sich in Trab
+setzen. Noch einmal sahen sie zurück nach dem einsamen Wächter, der
+sein Gewehr im Arm, an dem Felsen lehnte. Sie wußten, daß sie den
+letzten Posten der Mormonen hinter sich hatten und die Freiheit vor
+ihnen lag.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Die Würgengel.
+
+
+Die ganze Nacht hindurch wanderten die Flüchtlinge über felsiges
+Gestein und durch die verschlungensten Pfade. Kamen sie auch öfters vom
+Wege ab, so wußte sich doch Jefferson, bei seiner genauen Kenntnis des
+Gebirges, immer wieder zurecht zu finden. Beim Morgengrauen enthüllte
+sich ihnen ein Schauspiel von wilder, aber wunderbarer Schönheit. In
+der weiten Runde sahen sie sich ringsum von hohen, schneebedeckten
+Berggipfeln eingeschlossen, die bis zu unabsehbaren Fernen neben und
+über einander emporragten. Droben im Gestein wurzelten Lärchen- und
+Fichtenbäume, die der nächste Windstoß von den steilen Felswänden
+auf ihre Häupter herabschleudern konnte; es lagen Steintrümmer und
+Baumstämme genug unten im Thal verstreut, zum Zeichen, daß ein solcher
+Absturz wohl zu fürchten sei. Eben jetzt löste sich wieder ein großes
+Felsstück und fiel donnernd in die Tiefe; erschreckt fuhren die müden
+Pferde auf und setzten sich in schärferen Trab.
+
+Nun stieg die Sonne über den östlichen Horizont und entzündete die
+Berggipfel wie Lampen bei einem Fest, einen nach dem andern, bis
+sie alle glühten und leuchteten. Es war ein Anblick von solcher
+Erhabenheit, wie ihn die Flüchtlinge noch nie geschaut; er erfreute
+ihre Herzen und stärkte sie mit neuer Kraft und Zuversicht. Am Ufer
+eines Waldbaches, der aus der Schlucht hervorbrauste, machten sie bald
+darauf Halt, tränkten ihre Pferde und nahmen ein hastiges Mahl ein.
+Lucy und ihr Vater hätten gern eine Weile gerastet, aber Jefferson gab
+das nicht zu. „Sie sind uns jetzt gewiß schon auf der Spur,“ sagte er;
+„Eile thut vor allem not. Erst wenn wir sicher in Carson angelangt
+sind, dürfen wir daran denken, der Ruhe zu pflegen.“
+
+Den ganzen Tag lang ging es weiter durch Hohlwege und Schluchten;
+am Abend mußten sie nach ihrer Berechnung weit mehr als dreißig
+Meilen zurückgelegt haben. Erschöpft suchten sie nun unter einer
+vorspringenden Klippe Schutz vor dem kühlen Nachtwind, schmiegten sich
+fest aneinander, um sich zu erwärmen und gönnten sich einige Stunden
+Schlaf. Bis jetzt hatten sie nicht das geringste Anzeichen einer
+Verfolgung entdeckt und Jefferson Hope glaubte schon, dem grimmigen
+Feinde glücklich entronnen zu sein. Ach, er ahnte nicht, wie weit
+dessen gefürchteter Arm reichte, und wie bald er sich ausstrecken
+würde, um sie erbarmungslos zu zerschmettern.
+
+Um die Mittagszeit des zweiten Tages ihrer Flucht begann ihr geringer
+Vorrat von Lebensmitteln auf die Neige zu gehen. Dem Jäger machte
+das wenig Sorge; es mangelte nicht an Wildpret im Gebirge und seine
+Flinte hatte ihm schon öfters die nötige Nahrung verschafft. An
+einer geschützten Stelle häufte er trockene Zweige auf und zündete
+ein mächtiges Feuer an, damit sich Vater und Tochter wärmen könnten,
+denn sie befanden sich jetzt in einer Höhe von 5000 Fuß über dem
+Meeresspiegel und die Luft wehte scharf und kalt. Jefferson band die
+Pferde fest, nahm Abschied von Lucy, warf die Flinte über die Schulter
+und zog aus, um sein Waidmannsglück zu versuchen. Als er sich noch
+einmal umwandte, sah er den Alten neben dem jungen Mädchen am Feuer
+sitzen und im Hintergrunde die drei Reitpferde, bewegungslos, wie aus
+Stein gehauen. Schon im nächsten Augenblick hatten die Felsen ihm das
+Bild verdeckt.
+
+Mehrere Meilen wanderte er von Schlucht zu Schlucht, ohne auf eine
+Beute zu stoßen, wiewohl er aus mancherlei Anzeichen erkannte, daß
+Bären in der Nähe sein mußten. Schon wollte er nach mehrstündigem
+fruchtlosem Suchen unverrichteter Sache zurückkehren, als er zu seiner
+Freude auf einem Felsvorsprung, um einige hundert Fuß über der Stelle,
+an der er stand, den gewaltigen Kopf eines Dickhorns gewahrte, jenes
+wilden Bergschafes, das sich herdenweise in diesen Höhen findet. Rasch
+warf sich Jefferson zu Boden, stützte sein Schießgewehr auf einen
+Steinblock, zielte lange und gab Feuer. Das Tier that einen Sprung in
+die Luft, schwankte einen Augenblick am Rande des Abgrunds und stürzte
+dann jäh ins Thal hinab, wohin Jefferson eilig nachkletterte. Die ganze
+Beute fortzuschaffen war unmöglich, der Jäger mußte sich begnügen,
+mit seinem Jagdmesser einen Schenkel des Tieres abzuschneiden und auf
+seine Schulter zu laden. Nachdem dies geschehen, machte er sich ohne
+Zaudern auf den Rückweg, -- aber das war kein leichtes Beginnen. Der
+Abend brach schon herein und in dem ungewissen Dämmerlicht war es
+schwer, sich zurecht zu finden, denn das Thal verzweigte sich in viele
+Schluchten, die alle einander zum Verwechseln ähnlich sahen. Mühsam war
+Jefferson in der einen Schlucht emporgeklommen, als ihm ein Bergstrom
+entgegenschoß und seinen Weg hemmte; nun ging er zurück und wählte
+einen andern Aufstieg, aber ohne bessern Erfolg. Es war bereits Nacht
+geworden, als er endlich an einen Hohlweg gelangte, der ihm bekannt
+vorkam. Abermals kletterte er zwischen den steilen Felswänden aufwärts
+mit seiner Last. Der Pfad lag im tiefsten Dunkel, denn der Mond war
+noch nicht aufgegangen, und Jefferson strauchelte oft auf dem rauhen
+Wege; doch der Gedanke, daß er mit jedem Schritt seiner geliebten Lucy
+näher kam, trieb ihn rastlos weiter; auch brachte er ja genug Vorrat
+mit, um sie während der ganzen Dauer der Flucht vor Mangel zu schützen.
+Auf der Höhe angekommen, ward er zu seiner Freude gewahr, daß er von
+der Stelle, wo er seine Schutzbefohlenen verlassen hatte, nicht mehr
+allzufern sei; schon erkannte er, trotz der Finsternis, die schwachen
+Umrisse der Felsspitzen am Eingang der Schlucht. Fast fünf Stunden war
+er fortgeblieben -- mit wie banger Sehnsucht mochten sie ihn erwarten.
+Um seine glückliche Rückkehr zu verkünden, rief er ein lautes Hallo!
+in die Berge hinein. Dann stand er lauschend da, ob keine Antwort
+käme, aber nur der Ton seiner eigenen Stimme schallte in vielfachem
+Wiederhall von den Bergen; sonst blieb alles still. Noch stärker und
+dringender ertönte jetzt sein Ruf, aber kein Laut aus geliebtem Munde
+hieß ihn willkommen. Von unbestimmter Angst ergriffen, ließ er die
+schwer errungene Beute zu Boden fallen und stürmte wie rasend vorwärts.
+
+Jetzt bog er um die Ecke und vor ihm lag der Platz, wo er das Feuer
+angezündet hatte. Noch glühte der Aschenhaufen, aber man hatte kein
+Holz zugelegt und die Flamme war erloschen. Ringsumher herrschte
+Todesschweigen. Seine Furcht ward zur Gewißheit; nirgends ließ sich
+ein lebendes Wesen erblicken -- die Pferde, das Mädchen, der Alte,
+waren spurlos verschwunden. Das Unheil mußte während seiner Abwesenheit
+urplötzlich hereingebrochen sein, zu ihrer aller Verderben.
+
+Verwirrt und betäubt von dem schweren Schicksalsschlag, der ihn so
+unvermutet traf, stützte sich Jefferson auf sein Gewehr, sonst wäre
+er umgesunken. Doch rasch überwand er diesen Anfall von Schwäche,
+denn er war seiner ganzen Natur nach ein Mann der That. Mit bebender
+Hand zog er ein erst halbverkohltes Holzstück aus der Asche, blies
+die glimmenden Funken zur Flamme an und untersuchte mit Hilfe
+dieser Leuchte den Lagerplatz. Der Boden war nach allen Seiten hin
+von Pferdehufen zerstampft, ein Beweis, daß die Flüchtlinge durch
+eine große Schar Berittener eingeholt worden, welche dann, wie die
+vorhandenen Spuren vermuten ließen, die Richtung nach der Salzseestadt
+eingeschlagen hatten. Waren Vater und Tochter in ihre Hände gefallen
+und beide von ihnen mit fortgeschleppt worden? -- Jefferson Hope
+mochte dies zuerst geglaubt haben, allein plötzlich fuhr er zusammen,
+und das Blut erstarrte ihm in den Adern. Etwas abseits von dem
+Lagerplatz sah er einen frisch aufgeworfenen Haufen rötlicher Erde,
+der vorher sicherlich nicht dagewesen war. Hatte man dort ein Grab
+gegraben? -- Der junge Jäger trat näher hinzu -- im Boden steckte ein
+Stab, an dem ein Blatt Papier befestigt war. Es trug eine kurze, aber
+bedeutsame Inschrift:
+
+[Illustration]
+
+ „John Ferrier aus der Salzseestadt,
+ gestorben den 4ten August 1860.“
+
+Der wackere, alte Mann, den er vor wenigen Stunden erst in der Fülle
+der Kraft verlassen, war also tot und dies seine ganze Grabschrift.
+Jefferson sah sich mit wilden Blicken nach einem zweiten Hügel um,
+aber ein solcher war nicht zu entdecken. Die Unmenschen mußten Lucy
+mit sich geführt haben, um sie dem Sohn des Aeltesten zu übergeben,
+damit sie das ihr bestimmte Geschick erfülle und ihm als Frau in seinen
+Harem folge. Als Jefferson erkannte, wie völlig machtlos er sei, dies
+Schicksal von ihr abzuwenden, da schien ihm im ersten Augenblick der
+alte Ferrier beneidenswert, der da unten den stillen Schlaf des Todes
+schlief. Doch nicht lange überließ er sich seiner dumpfen Verzweiflung.
+War ihm nichts anderes geblieben, so konnte er wenigstens sein Leben
+der Rache weihen.
+
+Während er starren Auges dastand und in die Asche blickte, fühlte er,
+daß es für seinen Schmerz keine Linderung gab, bevor er nicht mit
+eigener Hand blutige Wiedervergeltung an seinen Feinden geübt hätte.
+
+Neben unermüdlicher Geduld und Ausdauer lag in Jeffersons Charakter
+eine nicht zu bezähmende Rachsucht, die er vielleicht von den Indianern
+gelernt hatte, unter denen er solange gelebt. Sein starker Wille,
+seine rastlose Thatkraft sollten jetzt nur noch das +eine+ Ziel
+verfolgen, das war sein fester Entschluß. Mit bleicher, ingrimmiger
+Miene kehrte er nach der Stelle zurück, wo seine Jagdbeute noch am
+Boden lag, darauf blies er das Feuer an und bereitete sich Speise für
+die nächsten Tage. Dann brach er auf, ohne seiner Ermüdung zu achten,
+um der Spur der Würgengel durch das Gebirge zu folgen.
+
+Fünf Tage lang pilgerte er mit wunden Füßen durch die Schluchten und
+Hohlwege zurück, welche er vor kurzem hinaufgeritten war. Bei Einbruch
+der Nacht warf er sich unter einem Felsvorsprung nieder, um ein paar
+Stunden zu ruhen, und sobald der Morgen graute, begann er seine
+Wanderung von neuem. Als er am sechsten Tage erschöpft und abgemattet
+die Adlerschlucht erreichte, von wo aus ihre unheilvolle Flucht den
+Anfang genommen, sah er die ‚Stadt der Heiligen‘ weit ausgebreitet zu
+seinen Füßen liegen. In ohnmächtigem Zorn schüttelte er drohend die
+geballte Faust gegen den Wohnplatz der Uebelthäter. Aber halt -- was
+hatte das zu bedeuten? -- In den Hauptstraßen sah er Fahnen von den
+Dächern wehen und festlichen Schmuck an den Häusern. Während er noch
+darüber nachsann, schallte der Hufschlag eines Pferdes und ein Reiter
+kam herangetrabt. Jefferson kannte den Mann, es war der Mormone Cowper,
+dem er früher manchen Dienst erwiesen hatte; von ihm durfte er hoffen,
+Nachricht über Lucys Schicksal zu erhalten.
+
+Der Mormone sah Jefferson zuerst mit ungläubigen Blicken an, als ihm
+dieser in den Weg trat und seinen Namen nannte. Wer hätte auch in dem
+verwilderten und zerzausten Wanderer mit den unheimlich rollenden Augen
+und der bleichen Miene den früher so schmucken jungen Jäger erkennen
+sollen? -- Sobald Cowper jedoch wußte, wen er vor sich hatte, erschrak
+er heftig.
+
+„Seid Ihr rasend, daß Ihr Euch hierher wagt?“ rief er. „Wenn man mich
+hier im Gespräch mit Euch sieht, ist mein eigenes Leben verwirkt. Wißt
+Ihr nicht, daß die ‚heiligen Vier‘ einen Haftbefehl gegen Euch erlassen
+haben, weil Ihr den Ferriers zur Flucht behilflich gewesen seid?“
+
+„Ich fürchte weder die Schurken noch ihren Haftbefehl,“ rief Jefferson
+entrüstet. „Cowper,“ fuhr er dann, seine Erregung bezwingend, fort,
+„wir sind immer Freunde gewesen -- bei allem, was Euch teuer ist,
+beschwöre ich Euch, mir eine Frage zu beantworten. Um Gottes willen,
+verweigert mir die Antwort nicht.“
+
+„Was wünscht Ihr zu wissen?“ fragte der Mormone, sich ängstlich
+umblickend; „redet schnell, hier hat alles Augen und Ohren, auch die
+Felsen und Bäume.“
+
+„Was ist aus Lucy Ferrier geworden?“
+
+„Man hat sie gestern dem jungen Drebber zur Frau gegeben. -- Faßt Euch,
+Mann, faßt Euch -- Ihr werdet ja bleich wie der Tod.“
+
+Jefferson war auf den nächsten Felsblock niedergesunken, seine Lippen
+bebten. „Drebbers Frau, sagt Ihr?“ stammelte er mit brechender Stimme.
+
+„Ja, seit gestern -- deshalb seht Ihr auch die Stadt noch im
+Fahnenschmuck. Drebber und Stangerson, die jüngeren, stritten sich um
+ihren Besitz. Bei der Verfolgung, an der sich beide beteiligt hatten,
+war ihr Vater von Stangersons Hand gefallen, was diesem ein größeres
+Vorrecht zu geben schien. Als jedoch die Frage vor die Ratsversammlung
+gebracht wurde, war Drebbers Anhang stärker und der Prophet entschied
+zu seinen Gunsten. Es wird sie aber keiner lange sein eigen nennen, sie
+sieht geisterbleich aus und der Tod stand ihr schon gestern im Gesicht
+geschrieben. -- Wollt Ihr jetzt fort?“
+
+„Ja, ich gehe,“ sagte Jefferson, sich mühsam erhebend; sein Antlitz war
+bleich und starr, wie aus Marmor gemeißelt, nur in seinen Augen glühte
+ein wildes Feuer.
+
+„Wo wollt Ihr hin?“
+
+„Fragt mich nicht,“ erwiderte er und hing sich die Flinte über die
+Schulter. Dann schritt er die Schlucht hinab und vergrub sich tief in
+den Bergen, wo nur Bären und Wölfe hausten; aber keines der reißenden
+Tiere war grimmiger und blutdürstiger als er.
+
+Was der Mormone vorausgesagt hatte, ging nur zu bald in Erfüllung. War
+es der Schmerz über den plötzlichen Tod ihres Vaters, was der armen
+Lucy am Lebensmark zehrte, oder der Abscheu vor der verhaßten Ehe, zu
+der man sie gezwungen -- sie siechte von Tag zu Tag dahin und starb
+noch ehe ein Monat um war. Der rohe Mensch, welcher sie nur geheiratet
+hatte, um Ferriers reichen Besitz in die Hände zu bekommen, trug
+wenig Kummer zur Schau über seinen Verlust. Aber seine andern Frauen
+trauerten um die Tote und hielten in der Nacht vor dem Begräbnis bei
+ihr die Leichenwache, nach Sitte der Mormonen. Sie saßen noch um die
+Bahre, als beim ersten Morgengrauen die Thür plötzlich aufging und sie
+mit Staunen und Entsetzen einen wilddreinschauenden, wettergebräunten
+Mann in zerfetzter Kleidung eintreten sahen. Ohne auch nur einen
+Blick auf die geängstigten Frauen zu werfen, schritt er nach dem
+Totenschrein, in dem Lucys entseelte Hülle ruhte. Er beugte sich über
+sie und berührte ihre kalte Stirn ehrfurchtsvoll mit den Lippen, dann
+ergriff er sie bei der Hand und zog ihr den Trauring vom Finger. „Den
+soll man ihr nicht mit ins Grab geben,“ murmelte er dumpf. Bevor
+noch jemand die rätselhafte Erscheinung anhalten konnte, verschwand
+sie wieder, wie sie gekommen war. Das alles geschah so rasch, und
+der Vorgang schien so seltsam, daß man dem Bericht der Wächterinnen
+schwerlich Glauben geschenkt hätte, ohne die Thatsache, daß der goldene
+Reif wirklich vom Finger der Toten verschwunden war.
+
+Monatelang hauste Jefferson Hope noch in den Bergen, wo er ein unstätes
+Jägerleben führte und für seinen Rachedurst täglich neue Nahrung
+einsog. Man begann sich allerwärts von dem unheimlichen Gesellen zu
+erzählen, der bald hier, bald da, in der Umgegend der Stadt oder in den
+rauhen Bergschluchten sein Wesen trieb. Einmal kam eine Kugel durch
+Stangersons Fenster geflogen und pfiff dicht an seinem Kopf vorbei. Ein
+andermal, als Drebbers Weg ihn am Bergabhang hinführte, ward aus der
+Höhe ein Felsstück auf ihn herabgeschleudert. Er konnte nur dadurch
+einem gräßlichen Tode entgehen, daß er sich platt zu Boden warf.
+Die beiden jungen Mormonen errieten bald, wer ihnen nach dem Leben
+trachtete, und unternahmen mehrere bewaffnete Streifzüge ins Gebirge,
+in der Hoffnung, ihren Todfeind zu fangen oder zu erlegen -- aber
+immer vergebens. Sie gingen nun aus Vorsicht niemals allein oder nach
+Dunkelwerden ins Freie, und stellten Wachen um ihre Häuser her. Nun
+verstrich jedoch eine geraume Zeit, ohne weitere Angriffe von seiten
+ihres Gegners und allmählich schwand ihre Furcht. Sie hofften, sein
+heißes Blut habe sich abgekühlt und er werde das tollkühne Vorhaben
+aufgeben.
+
+Daran dachte jedoch Jeffersons Seele nicht. Rache zu nehmen war und
+blieb sein einziger Zweck und Gedanke. Bei seiner durchaus praktischen
+Natur hatte er jedoch richtig erkannt, daß selbst die eisernste
+Gesundheit ein Leben, wie er es führte, auf die Dauer nicht ertragen
+könne. Mangel an gesunder Nahrung und Beschwerden aller Art mußten
+bald seine Kräfte verzehren. Was aber sollte aus seiner Rache werden,
+wenn er in den Bergen eines elenden Todes starb? -- Nein, seine Feinde
+durften nicht triumphieren!
+
+So war er denn nach dem Bergwerk in Nevada zurückgekehrt, mit der
+Absicht, sich von den Entbehrungen der letzten Zeit zu erholen und
+Geld genug zu erwerben, um seinen Lebenszweck weiter verfolgen zu
+können. Ursprünglich gedachte er höchstens ein Jahr lang dort zu
+bleiben, allein die Umstände fügten es so, daß fünf Jahre vergingen,
+bevor er zurückkehren konnte. Doch die Erinnerung an das erlittene
+Unrecht und sein Verlangen nach Rache war noch ebenso lebendig in ihm,
+wie in jener entsetzlichen Nacht an John Ferriers Grabe. Verkleidet
+und unter falschem Namen kam er nach der Salzseestadt, um die gerechte
+Sühne zu fordern, sei es auch mit Gefahr des eigenen Lebens. Dort
+erwartete ihn jedoch eine schlimme Kunde, die seine Pläne zu vereiteln
+drohte. Einige Monate zuvor war nämlich unter dem ‚auserwählten Volke‘
+eine Spaltung entstanden. Die Mißvergnügten lehnten sich gegen die
+Obergewalt der Aeltesten auf; viele der jüngeren Gemeindeglieder
+verließen Utah und gesellten sich den Ungläubigen zu. Auch Drebber
+und Stangerson befanden sich unter dieser Zahl. Es ging ein Gerücht,
+daß Drebber es verstanden habe, den größten Teil seines Eigentums zu
+Geld zu machen, so daß er als reicher Mann fortgezogen war, während
+Stangerson, sein Gefährte, wenig Mittel besaß. Wohin sie sich aber
+gewandt hatten, darüber war kein Aufschluß zu erlangen.
+
+Angesichts solcher Schwierigkeiten hätte mancher noch so rachsüchtige
+Mensch sein Vorhaben aufgegeben; daran dachte Jefferson jedoch keinen
+Augenblick. Er reiste von Ort zu Ort durch die Vereinigten Staaten,
+um seine Feinde aufzusuchen. Das kleine Kapital, welches er besaß,
+sicherte ihm zur Not sein Auskommen, doch nahm er Arbeit an, wo er sie
+fand. Jahre vergingen, sein schwarzes Haar war grau geworden, aber
+immer noch wanderte er weiter, das Ziel verfolgend, dem er sein Leben
+gewidmet hatte. Endlich ward seine Ausdauer belohnt. In Cleveland im
+Staate Ohio war es, wo er eines Tages Drebbers verhaßtes Gesicht an
+einem Fenster gewahrte. So hatte er seine Beute doch zuletzt noch
+aufgespürt. Rasch kehrte er in seine ärmliche Wohnung zurück, um
+seinen Racheplan vorzubereiten. Aber das Unglück wollte, daß auch
+Drebber bei dem flüchtigen Blick seinen Todfeind erkannt hatte. Er war
+mit Stangerson, der bei ihm das Amt eines Privatsekretärs versah, zu
+einem Friedensrichter geeilt, den er um Schutz gegen einen früheren
+Nebenbuhler bat, welcher ihnen aus Haß und Eifersucht nach dem Leben
+trachtete. An jenem Abend ward Jefferson Hope plötzlich in Haft
+genommen und da er außer stande war, Bürgschaft zu leisten, hielt man
+ihn mehrere Wochen im Gefängnis zurück. Sobald er wieder in Freiheit
+war, begab er sich nach Drebbers Hause, allein er fand es verlassen und
+erfuhr, der Besitzer habe mit seinem Sekretär eine Reise nach Europa
+angetreten.
+
+Wieder war Jeffersons Rachewerk vereitelt und wieder trieb ihn sein
+grimmiger Haß, die Verfolgung fortzusetzen. Zuvor mußte er sich
+jedoch die nötigen Mittel für die Ueberfahrt erwerben. Als er genug
+zusammengespart hatte, um unterwegs sein Leben fristen zu können,
+schiffte er über den Ozean und folgte der Spur seiner Feinde von Stadt
+zu Stadt. Immer wieder mißlang es ihm, die Flüchtlinge einzuholen.
+Bei seiner Ankunft in Petersburg waren sie eben nach Paris gereist,
+und als er ihnen dahin folgte, hatten sie sich gerade nach Kopenhagen
+eingeschifft; auch dorthin kam er um einige Tage zu spät, da sie
+bereits nach London unterwegs waren. In der englischen Hauptstadt
+gelang es ihm zuletzt doch noch ihrer habhaft zu werden. Auf welche
+Weise dies geschah, erfahren wir am besten aus Jefferson Hopes
+eigenem Bericht, welchen Dr. Watson ausführlich in seinem Tagebuch
+niedergeschrieben hat.
+
+Wir kehren daher wieder zu den Aufzeichnungen des jungen Militärarztes
+zurück, denen wir schon im ersten Teil unserer Erzählung bis zu
+Jeffersons Festnehmung gefolgt sind.
+
+
+Fortsetzung von Dr. Watsons Erinnerungen.
+
+
+Trotz des rasenden Widerstands, den unser Gefangener geleistet hatte,
+schien er doch nicht feindlich gegen uns gesinnt zu sein. Sobald ihm
+klar geworden war, daß er bei unserer Uebermacht nichts auszurichten
+vermöge, ergab er sich in sein Schicksal und sprach mit verbindlichem
+Lächeln die Hoffnung aus, daß keiner von uns bei dem Handgemenge zu
+Schaden gekommen sein möchte.
+
+„Vermutlich wollen Sie mich auf die Polizei bringen,“ wandte er sich
+an Sherlock Holmes; „meine Droschke steht noch unten; wenn Sie mir die
+Füße losbinden, kann ich selbst hinunter gehen; es dürfte Ihnen doch
+schwer fallen, mich zu tragen.“
+
+Gregson und Lestrade wechselten bedeutsame Blicke, der Vorschlag mochte
+ihnen wohl allzu gewagt erscheinen, aber Holmes nahm den Gefangenen
+sogleich beim Wort und befreite ihn von dem Tuch, mit welchem wir
+ihm die Fußgelenke zusammengeschnürt hatten. Als er aufstand, dehnte
+und reckte er sich, wie um sich zu überzeugen, daß er wirklich
+der Bande ledig sei. Selten war mir ein Mann mit so gewaltigem
+Gliederbau vorgekommen, und dabei lag ein Ausdruck von Willensstärke
+und Entschlossenheit in seinem sonnverbrannten Gesicht, der mir noch
+furchtbarer erschien als seine riesige Körperstärke.
+
+„Sie sollten Polizeichef werden,“ sagte er, Holmes mit aufrichtiger
+Bewunderung betrachtend. „Die Art, wie Sie meine Spur verfolgt haben,
+war meisterhaft.“
+
+Mein Freund lächelte. „Sie kommen mit, nicht wahr?“ wandte er sich an
+die beiden Polizisten.
+
+„Ich kann Sie fahren,“ versetzte Lestrade.
+
+„Gut, und Gregson steigt mit ein; Sie auch, Doktor -- da der Fall Sie
+interessiert, müssen Sie ihn auch weiter verfolgen.“
+
+Ich willigte gern ein und wir begaben uns alle zusammen hinunter. Der
+Gefangene machte keine Miene zu entfliehen, sondern stieg ruhig in
+seine Droschke und wir folgten ihm. Lestrade nahm auf dem Bock Platz;
+er trieb die Pferde an, und bald befanden wir uns an Ort und Stelle.
+Man führte uns in ein kleines Zimmer, wo ein Polizeiinspektor die
+Angaben des Gefangenen nebst den Namen der beiden Männer aufschrieb,
+als deren Mörder man ihn anklagte. Der Inspektor, ein Mann mit blassem
+Gesicht und bewegungslosen Zügen, wartete mechanisch seines Amtes.
+[Illustration]
+
+„Im Laufe der Woche wird der Angeklagte dem Richter vorgeführt werden,“
+sagte er, „inzwischen thun Sie jedenfalls am besten, Jefferson Hope,
+wenn Sie keinerlei Aussagen machen und Ihre Worte mit Vorsicht wägen,
+da dieselben vor Gericht gegen Sie zeugen könnten.“
+
+„Ich habe sehr viel zu sagen,“ versetzte der Gefangene eifrig; „es ist
+mein dringender Wunsch, Ihnen meine Herren, die ganze Geschichte zu
+erzählen.“
+
+„Besser, Sie schieben es auf, bis zu Ihrem Verhör,“ sagte der Beamte.
+
+„Wer weiß, ob es dazu überhaupt kommt,“ entgegnete Hope. „Fürchten
+Sie nichts, ich habe keine Selbstmordgedanken, aber doch könnte ein
+Hindernis eintreten. -- Nicht wahr, Sie sind ein Doktor?“ Er sah mich
+mit seinen dunklen Augen fragend an.
+
+Ich nickte bejahend.
+
+„Dann legen Sie Ihre Hand auf meine Brust.“
+
+Ich that, wie er sagte und erschrak, als ich ein heftiges Pulsieren
+fühlte und auffällige Geräusche im Innern vernahm. Sein Brustkasten
+schien zu erzittern und zu erbeben, wie ein schwacher Bau, in dem eine
+mächtige Maschine arbeitet.
+
+„Was ist das?“ rief ich, „Sie haben ja ein Herzleiden, das bereits im
+gefährlichsten Stadium der Entwicklung ist.“
+
+„Ganz recht,“ erwiderte er gelassen. „Letzte Woche bin ich deswegen bei
+einem Arzt gewesen, der mir gesagt hat, es könne nur noch wenige Tage
+dauern, bis der Tod eintritt. Ich habe mir das Uebel durch schlechte
+Nahrung und Entbehrungen aller Art zugezogen, während ich im Gebirge am
+Salzsee hauste und es hat sich seitdem von Jahr zu Jahr verschlimmert.
+Jetzt ist das Werk meines Lebens gethan und mich kümmert’s nicht, wenn
+es mit mir zu Ende geht; doch möchte ich zuvor berichten, wie sich
+alles zugetragen hat, damit man mich nicht für einen gewöhnlichen
+Mordgesellen hält.“
+
+Nach einer kurzen Besprechung mit den beiden Polizisten, ob es ratsam
+sei, ihm den Willen zu thun, wandte sich der Inspektor an mich:
+
+„Glauben Sie, daß eine unmittelbare Gefahr vorliegt, Doktor?“ fragte er.
+
+„Ohne allen Zweifel,“ erwiderte ich mit Bestimmtheit.
+
+„In diesem Fall fordert schon unsere Pflicht im Interesse der
+Gerechtigkeit, daß wir ein Protokoll aufnehmen. Reden Sie also,
+Jefferson Hope, wenn Sie es wünschen, aber vergessen Sie nicht, daß
+Ihre Aussagen zu Ihren Ungunsten gereichen könnten.“
+
+„Wenn Sie nichts dawider haben, will ich mich setzen,“ sagte der
+Gefangene, Platz nehmend. „Seit einiger Zeit werde ich leicht müde;
+mein Uebel bringt das mit sich. Auch mag der Kampf, den wir vor einer
+halben Stunde durchgemacht haben, mir nicht sehr zuträglich gewesen
+sein. Ich stehe am Rande des Grabes, da pflegt man nicht zu lügen; was
+ich sage, ist die lauterste Wahrheit und mir kann gleichgültig sein,
+welchen Gebrauch Sie von meinen Worten machen.“
+
+Er legte sich in seinen Stuhl zurück und sprach in so ruhigem,
+bedächtigem Ton, als handle es sich um die alltäglichsten Vorkommnisse.
+Für die Genauigkeit des hier folgenden Berichts kann ich mich
+verbürgen, denn Lestrade hat jedes Wort des Gefangenen nachgeschrieben
+und mir später sein Notizbuch zur Verfügung gestellt.
+
+„Aus welcher Ursache ich jene beiden Männer so grimmig haßte,“ begann
+Jefferson Hope seine Erzählung, „brauche ich nicht näher zu erörtern.
+Sie hatten den Tod zweier Menschen, eines Vaters und seiner Tochter,
+auf dem Gewissen, und ihr eigenes Leben war verwirkt. Doch hätte kein
+Gerichtshof die Missethäter mehr zur Rechenschaft gezogen, weil schon
+zu lange Zeit verstrichen war, seitdem sie das Verbrechen begangen
+hatten. Ich aber wußte um ihre Schuld und fühlte mich berufen,
+zugleich ihr Richter und der Vollstrecker des Urteils in einer Person
+zu sein. Ich müßte kein Herz im Leibe haben, hätte ich anders handeln
+können.
+
+„Das Mädchen, von dem ich sprach, sollte vor zwanzig Jahren meine
+Gattin werden. Man zwang sie, jenen Drebber zu heiraten und sie
+starb vor Gram. Ich zog der Toten den Trauring vom Finger und that
+den Schwur, daß Drebber mit seinem Blut für die Schandthat zahlen
+solle. Noch in seiner Todesstunde wollte ich die Erinnerung daran in
+dem Bösewicht wachrufen und ihm den Ring zeigen. Ich folgte ihm und
+seinem Mitschuldigen durch Länder und Meere, bis ich sie endlich in
+meine Gewalt bekam; den Ring trug ich stets bei mir. Wenn sie sich
+vorgespiegelt hatten, ich würde jemals von ihnen ablassen, so täuschten
+sie sich völlig. Jetzt kann ich mit dem Bewußtsein sterben, daß mein
+Lebenszweck erfüllt ist: sie sind durch meine Hand gefallen und ich
+habe nun nichts mehr zu wünschen und zu hoffen auf der Welt.
+
+„Ihre Verfolgung ließ sich nicht leicht ins Werk setzen, denn sie waren
+reich und ich arm. Mit leeren Taschen kam ich in London an und sah ein,
+daß ich irgend etwas ergreifen mußte, um meinen Unterhalt zu erwerben.
+Da ich mit Wagen und Pferden gut umzugehen verstehe, begab ich mich
+nach einem Droschkenbureau und fand bald Beschäftigung. Wöchentlich
+mußte ich eine bestimmte Summe abliefern; den Ueberschuß durfte ich
+behalten, er war zwar nur gering, aber ich hatte gelernt, mich mit
+wenigem zu begnügen. Um mich in dem Straßenlabyrinth zurechtzufinden,
+schaffte ich mir eine Karte an, die ich zu Rate zog. Anfänglich machte
+das große Schwierigkeiten, aber sobald mir einmal die hauptsächlichsten
+Hotels und Bahnhöfe geläufig waren, half mein guter Ortssinn alle
+Hindernisse zu überwinden.
+
+„Es währte lange, bevor ich die Spur meiner Feinde entdeckte, doch ließ
+ich in meinen Erkundigungen nicht nach, bis ich wußte, wo ich sie zu
+suchen hatte. Sie waren in Camberwell, auf dem jenseitigen Flußufer,
+in einem Logierhaus abgestiegen. Nun ich ihren Aufenthaltsort kannte,
+heftete ich mich an ihre Fersen -- es gab für sie kein Entrinnen mehr.
+Daß sie mich wiedererkennen würden, fürchtete ich nicht; ich hatte mir
+den Bart wachsen lassen, und mein Aussehen war völlig verändert; nur
+eine günstige Gelegenheit, um mein Vorhaben auszuführen, wollte ich
+abwarten.
+
+„Ich folgte ihnen auf Schritt und Tritt, manchmal zu Fuß, meistens aber
+mit meiner Droschke, weil ich dann sicher war, sie einzuholen. Nur am
+frühen Morgen oder spät am Abend konnte ich noch dem Dienst nachgehen,
+und kam bald in Rückstand bei meinen Brotherren. Das kümmerte mich
+jedoch wenig, denn ich trachtete nur danach, mir die Leute nicht
+entgehen zu lassen.
+
+„Sie mochten wohl ahnen, daß ihnen Gefahr drohe, und waren schlau
+genug, die äußerste Vorsicht zu beobachten. Nie gingen sie nach
+Einbruch der Dunkelheit aus, und stets traf man sie zusammen. Zwei
+Wochen lang fuhr ich täglich hinter ihnen her, aber ich bekam niemals
+den einen ohne den andern zu sehen. Drebber war fast immer betrunken,
+aber dafür hielt Stangerson unablässig die Augen offen. Hatte sich
+auch, trotz meiner Ausdauer und Wachsamkeit, bisher keine Gelegenheit
+zur Ausführung meines Planes geboten, so verlor ich doch den Mut nicht,
+denn eine innere Stimme sagte mir, daß die Stunde der Vergeltung
+nicht mehr fern sei. Was ich am meisten fürchtete, war, daß mich mein
+Herzleiden an der Vollendung des Werkes hindern könne.
+
+„Eines Abends fuhr ich, wie ich öfters that, in der Straße auf und
+ab, in der sie wohnten, und sah, daß eine Droschke vor der Thür ihres
+Hauses hielt. Bald darauf wurden Koffer herausgebracht, Drebber und
+Stangerson erschienen auf der Schwelle, stiegen ein, und der Wagen
+rollte mit ihnen fort. Ich folgte in großer Eile und Bestürzung, um
+sie nicht aus den Augen zu verlieren. Als ich sie am Eustoner Bahnhof
+aussteigen sah, rief ich einen Knaben herbei, um mein Pferd zu halten,
+und betrat gleich nach ihnen den Bahnsteig. Sie kamen jedoch zu
+spät, der Zug nach Liverpool, den sie benützen wollten, war bereits
+abgefahren und bis zu dem nächsten hatte es noch mehrere Stunden Zeit,
+wie ihnen der Schaffner auf ihre Frage mitteilte. Stangerson schien
+hierüber sehr ungehalten, während Drebbers Miene eher Befriedigung
+verriet. Es gelang mir, ihnen in dem Gedränge so nahe zu kommen, daß
+ich jedes Wort ihres Gesprächs verstand. Drebber sagte, er habe noch
+eine kleine Angelegenheit zu ordnen, sein Gefährte möge hier auf seine
+Rückkehr warten. Als Stangerson Einspruch erhob, weil sie beschlossen
+hätten, beisammen zu bleiben, entgegnete Drebber, sein Geschäft sei
+delikater Natur, er müsse es allein besorgen. Stangersons Antwort
+konnte ich nicht verstehen, aber sie versetzte den andern in Wut; mit
+einem wilden Fluche fuhr er auf und schrie, er möge nicht vergessen,
+daß er nur ein bezahlter Diener sei, und ihm nichts zu befehlen habe.
+Der Sekretär gab nun den vergeblichen Widerstand auf und äußerte nur
+noch, daß Drebber ihn in Hallidays Privathotel aufsuchen möge, falls
+er auch noch den letzten Zug versäume. Jener versicherte jedoch, er
+werde vor elf Uhr wieder da sein, und verließ den Bahnhof.
+
+„Nun endlich war der Augenblick gekommen, auf den ich so lange geharrt
+hatte: die Bösewichte waren in meine Hand gegeben. Vereint konnten sie
+einander schützen, getrennt hatte ich Gewalt über sie. Doch wollte ich
+nichts übereilen und ging mit der größten Besonnenheit zu Werke. Die
+Rache gewährt nur Befriedigung, wenn unser Feind sich selbst bewußt
+wird, wessen Hand es ist, die den Streich gegen ihn führt, und weshalb
+ihn die Vergeltung trifft. Mir lag bei meinem Plan vor allem daran, dem
+Schändlichen keinen Zweifel zu lassen, daß er die Strafe für seine alte
+Schuld erleide. Einige Tage zuvor hatte ein Herr, der sich nach der
+Brixtonstraße fahren ließ, um dort verschiedene Häuser zu besichtigen,
+den Schlüssel zu einem derselben zufällig in meiner Droschke vergessen.
+Er forderte ihn mir zwar noch am selben Abend ab und erhielt ihn auch
+zurück, aber ich hatte doch Zeit gehabt, einen Abdruck davon zu nehmen,
+nach welchem ich einen Schlüssel zu meinem Gebrauch anfertigen ließ. So
+verschaffte ich mir den Zugang zu einem Platz in dieser großen Stadt,
+an dem ich sicher war, ungestört zu bleiben. Es galt jetzt nur noch,
+die schwierige Aufgabe zu lösen, Drebber nach diesem Hause zu bringen.
+
+„Er ging die Straße hinunter und trat bald in diese bald in jene
+Schenke; in der letzten, welche er aufsuchte, blieb er wohl eine halbe
+Stunde. Als er wieder zum Vorschein kam, schwankte er unsicher hin
+und her und ich sah ihn in eine Droschke steigen. Natürlich fuhr ich
+dicht hinter ihm drein, über die Waterloo-Brücke und durch endlose
+Straßen, bis wir uns schließlich zu meiner Verwunderung wieder vor dem
+Logierhaus befanden, welches er vor kurzem verlassen hatte. Was ihn
+dorthin zurückführen könne, begriff ich nicht. Während er ausstieg,
+seine Droschke fortschickte und in das Haus trat, fuhr ich noch etwa
+hundert Schritt weiter und wartete. Eine Viertelstunde verging, da
+wurden plötzlich im Innern des Hauses zornige Stimmen laut, die
+Thür ward aufgestoßen und ich sah einen jungen, mir unbekannten
+Menschen, der Drebber am Kragen gepackt hatte. Mit einem kräftigen
+Stoß schleuderte er ihn die Stufen hinunter, bis in die Mitte der
+Straße. ‚Warte, du Hund,‘ rief er und hob drohend den Stock, den
+er in der Hand hielt, ‚ich will dich lehren, ein rechtschaffenes
+Mädchen zu beschimpfen!‘ -- Er war in so heftigem Zorn, daß Drebber
+es wohl geraten fand, sich davonzumachen, so rasch ihn seine Beine
+tragen wollten. Er lief geradewegs auf meine Droschke zu, die an der
+Straßenecke hielt. ‚Nach Hallidays Hotel!‘ rief er und sprang hinein.
+
+„Als ich ihn glücklich im Wagen hatte, pochte mein Herz vor Freude so
+laut, als wollte es zerspringen. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben, fuhr
+langsam weiter und überlegte, was nun zu thun sei. Einen Augenblick
+schwankte ich, ob ich ihn nicht zur Stadt hinausfahren und in irgend
+einer abgelegenen Gegend die letzte Unterredung mit ihm halten
+solle; fast war ich schon dazu entschlossen, als er selbst die Frage
+entschied. Wir kamen an einer Schenke vorbei und der Trunkenbold konnte
+dem Verlangen, einzukehren, nicht widerstehen; er befahl mir zu warten,
+und kam erst wieder heraus, als die Wirtschaft geschlossen wurde. Sein
+Zustand war jetzt derart, daß er keinen Widerstand mehr zu leisten
+vermochte.
+
+„Glauben Sie aber nicht, daß meine Absicht war, ihn mit kaltem Blute
+umzubringen. Längst hatte ich beschlossen, ihm noch eine Möglichkeit
+der Rettung zu gönnen, wenn er auf meinen Plan eingehen wollte.
+Während meines Wanderlebens in Amerika hatte ich auch eine Zeitlang
+den Aufseherposten in einem Laboratorium bekleidet. Eines Tages zeigte
+der Professor bei seiner Vorlesung über die Gifte, den Studenten ein
+Alkaloid, wie er es nannte, welches er aus einem südafrikanischen
+Pfeilgift bereitet hatte, und von dem, wie er sagte, selbst die
+kleinste Dosis unmittelbar den Tod nach sich ziehe. Ich merkte mir das
+Fläschchen und sobald ich allein war, entnahm ich demselben einige
+Tropfen der Flüssigkeit. Da ich mich auch auf das Apothekerhandwerk
+verstand, fertigte ich mir eine Anzahl Pillen an, von denen einige
+vergiftet, die andern ganz unschädlich waren. Eine Pille von jeder
+Sorte that ich in eine Schachtel, mit der Absicht, am Tage der
+Rechenschaft meinem Feinde die Wahl zwischen beiden zu lassen und
+selbst diejenige zu verschlucken, welche er übrig ließ. Es war so gut
+ein Zweikampf auf Tod und Leben wie jeder andere, nur würde er in der
+Stille vor sich gehen. Seit jener Zeit trug ich die Pillenschachteln
+stets bei mir, und jetzt war der Augenblick gekommen, da sie ihren
+Zweck erfüllen sollten.
+
+„Mitternacht war längst vorüber, ein heftiger Wind hatte sich
+erhoben und der Regen fiel in Strömen. Obgleich von Nässe und Kälte
+durchfröstelt, jubelte ich doch innerlich vor Freude. Zwanzig Jahre
+lang hatte ich vergebens danach getrachtet, Wiedervergeltung zu üben,
+jetzt endlich sollte mein heißes Verlangen Befriedigung finden. Aus
+dem Dunkel tauchte vor meinem Geist John Ferriers Gestalt auf und
+ich sah meine geliebte Lucy mir zulächeln, so deutlich, wie ich jetzt
+Sie, meine Herren, hier im Zimmer sehe. Auf der ganzen Fahrt schwebten
+die teuern Schatten neben mir, bis ich endlich vor dem Hause in der
+Brixtonstraße hielt.
+
+„Kein Mensch war zu sehen, nicht ein Laut ließ sich vernehmen, nur der
+Regen rauschte hernieder. In der Droschke lag Drebber zusammengekrümmt
+da in seinem Rausch und schlief. Ich faßte ihn beim Arm. ‚Sie müssen
+aussteigen,‘ rief ich.
+
+„‚Schon gut, Kutscher,‘ gab er zur Antwort.
+
+„Ohne Zweifel glaubte er, bei dem Hotel angekommen zu sein, nach
+welchem er fahren wollte, denn er verließ die Droschke ohne ein
+weiteres Wort und folgte mir durch den Garten in das Haus. Er schwankte
+hin und her, so daß ich ihn stützen mußte. Nun schloß ich die Thür auf
+und brachte ihn in das Vorderzimmer. Den ganzen Weg lang schritten
+meine Lucy und ihr Vater immer vor uns her -- ich versichere Sie.
+
+„‚Hier ist’s verteufelt dunkel,‘ murmelte Drebber umhertastend.
+
+„‚Wir wollen gleich Licht machen,‘ erwiderte ich, holte Streichhölzer
+aus der Tasche und zündete die Wachskerze an, welche ich mitgebracht
+hatte.
+
+„‚Und jetzt, Enoch Drebber,‘ rief ich, das Licht emporhaltend, ‚seht
+mich an -- kennt Ihr mich?‘ --
+
+[Illustration]
+
+„Er starrte mich eine Weile mit ausdruckslosen Blicken an, plötzlich
+aber zuckte es krampfhaft in seinen Zügen und das Entsetzen, welches
+sich darin spiegelte, sagte deutlicher als Worte, daß er seinen Feind
+erkannt habe. Sein Gesicht ward erdfahl, der Angstschweiß trat ihm auf
+die Stirn und er bebte wie Espenlaub.
+
+„Ich lehnte ihm gegenüber an der Thür und betrachtete ihn mit Wollust;
+so süß hatte ich mir die Rache kaum vorgestellt.
+
+„‚Ihr erbärmlicher Mensch,‘ rief ich, ‚vom Salzsee her bin ich Eurer
+Spur gefolgt und stets seid Ihr mir entgangen. Aber jetzt sind wir am
+Ende unserer Wanderung, denn einer von uns beiden wird die Sonne des
+morgenden Tages nicht mehr aufgehen sehen.‘
+
+„Er schreckte noch weiter vor mir zurück; sicherlich glaubte er, daß
+ich im Wahnsinn spräche. Ich war auch nahe daran, vor maßloser Erregung
+den Verstand zu verlieren, meine Pulse pochten wild, und wer weiß, was
+mir zugestoßen wäre, hätte mir nicht ein Blutstrom, der mir aus der
+Nase quoll, plötzlich Erleichterung gebracht.
+
+„‚Denkt an Lucy Ferrier,‘ rief ich und hob drohend den Schlüssel empor,
+mit dem ich die Thür hinter uns abgeschlossen hatte. ‚Die Strafe für
+Eure Missethat hat sich lange verzögert, aber endlich ereilt sie Euch
+doch.‘ Mit bebenden Lippen stand der Feigling vor mir; er hätte wohl
+gern um sein Leben gefleht, doch wußte er nur zu gut, daß ich kein
+Erbarmen üben würde.
+
+„‚Sie wollen mich ermorden?‘ stammelte er.
+
+„‚Von Mord ist hier keine Rede. Wer einen tollen Hund tötet, mordet
+nicht. Habt Ihr etwa Mitleid gefühlt für die Geliebte meines Herzens,
+als Ihr sie von der Seite ihres erschlagenen Vaters risset, um sie in
+Euern verruchten Harem zu schleppen?‘
+
+„‚Ihr Vater ist nicht durch meine Hand gefallen.‘
+
+„‚Aber, daß ihr das Herz brach, ist Eure Schuld. -- So soll denn der
+große Gott Richter sein zwischen mir und Euch.‘ -- Ich hielt ihm die
+Schachtel mit den Pillen hin. ‚Wählet,‘ rief ich, ‚in der einen ist
+Tod, in der andern Leben; die, welche Ihr übrig laßt, nehme ich. Laßt
+uns sehen, ob es noch Gerechtigkeit auf Erden giebt, oder ob uns der
+Zufall regiert.‘
+
+„Er wand sich vor Todesangst und flehte um Gnade; statt der Antwort zog
+ich mein Messer und hielt es ihm an die Kehle, bis er mir den Willen
+gethan hatte. Dann verschluckte ich die zweite Pille, und wir standen
+einander eine Minute lang gegenüber in gespannter Erwartung, wer von
+uns leben und wer sterben solle. -- Nie werde ich den grauenvollen
+Ausdruck seiner Mienen vergessen, als er die ersten Anzeichen des
+Gifts verspürte und wußte, er habe das Todeslos gezogen. Ich hielt ihm
+triumphierend Lucys Trauring vor die Augen. Es war nur ein Moment, denn
+die Wirkung des Alkaloids erfolgte schnell. Seine Züge verzerrten
+sich, er griff mit den Händen in die Luft, stieß einen wilden Schrei
+aus und fiel schwer zu Boden. Ich fühlte nach seinem Herzschlag, aber
+nichts regte sich -- er war tot.
+
+„Ich tauchte den Finger in mein Blut, das noch immer herabgetropft
+war, ohne daß ich es beachtet hatte, und schrieb das Wort ‚Rache‘ an
+die Wand. Ob ich das zu meiner eigenen Befriedigung that, oder um die
+Polizei auf eine falsche Fährte zu locken, ist mir selbst nicht klar.
+Ich hatte von geheimen Gesellschaften gehört, die auf solche Weise ihre
+Opfer zeichnen.
+
+„Nun verließ ich das Haus und bestieg meine Droschke wieder. Draußen
+heulte noch der wilde Sturm, und die Straße war menschenleer. Ich
+mochte schon eine ziemliche Strecke gefahren sein, als ich Lucys
+Trauring vermißte, den ich immer in meiner Brusttasche trug. Es war
+das einzige Erinnerungszeichen an sie, welches ich besaß, und der
+Verlust traf mich wie ein Donnerschlag. Wahrscheinlich hatte ich den
+Ring verloren, als ich mich über Drebbers Leiche beugte; ich mußte ihn
+wieder haben, um jeden Preis. Rasch entschlossen kehrte ich um, ließ
+die Droschke in einer Seitenstraße stehen und schritt beherzt auf das
+Haus zu. Allein, fast wäre ich einem Polizisten in die Arme gelaufen,
+der eben aus dem Gitterthor trat. Es gelang mir, seinen Argwohn zu
+beschwichtigen, indem ich mich sinnlos betrunken stellte.
+
+„Enoch Drebber hatte seinen verdienten Lohn gefunden. Nun sollte auch
+Stangerson für John Ferriers Tod büßen. Ich wartete den ganzen Tag
+über auf ihn in der Nähe von Hallidays Hotel, aber er ließ sich nicht
+blicken; Drebbers Ausbleiben mochte wohl Verdacht in ihm erregt haben.
+Stangerson war schlau und stets auf seiner Hut, doch diesmal nützte
+ihm alle Vorsicht nicht. Welches sein Stubenfenster sei, brachte ich
+leicht in Erfahrung, und mit Hilfe einer Leiter, die noch von einem
+Bau her in einer Nebengasse lag, stieg ich beim Morgengrauen in sein
+Schlafzimmer ein. Ich weckte ihn und kündigte ihm an, daß die Stunde
+der Rechenschaft gekommen sei, und er seine alte Schuld bezahlen müsse.
+Nachdem ich ihm Drebbers Tod geschildert, bot ich ihm dieselbe Wahl an,
+wie seinem Gefährten. Er aber hörte kaum auf mich; wie rasend sprang
+er aus dem Bette und mir an die Kehle. Aus Notwehr stieß ich ihm, zu
+meiner eigenen Rettung, mein Messer in die Brust. Der Tod hätte ihn
+ja so wie so ereilt, denn sicherlich würde seine schuldige Hand die
+vergiftete Pille gewählt haben -- die Wege der Vorsehung sind gerecht.
+
+„Mir bleibt jetzt nur noch wenig zu berichten -- und das ist gut, weil
+ich fühle, daß es mit meinen Kräften zu Ende geht. Ich wollte das
+Kutscherhandwerk weitertreiben, bis ich genug Geld beisammen hätte, um
+nach Amerika zurückzukehren. Als ich heute in unserm Hofe stand, hörte
+ich einen zerlumpten Jungen nach einem Kutscher Namens Jefferson Hope
+fragen. Er war von einem Herrn in der Bakerstraße geschickt, um meine
+Droschke zu holen. Ohne den geringsten Argwohn folgte ich dem Boten;
+bevor ich aber noch recht wußte, wie mir geschah, hatte mir schon der
+junge Mann hier die Handschellen angelegt und ich war Ihr Gefangener.
+Sie kennen jetzt meine ganze Lebensgeschichte. Vielleicht gelte ich in
+Ihren Augen dennoch für einen Mörder. Ich aber, meine Herren, lebe der
+festen Ueberzeugung, daß ich gerade so gut ein Diener der Gerechtigkeit
+bin, wie Sie selber.“
+
+Jefferson Hope hatte seine ergreifende Geschichte mit so
+tiefinnerlichem Gefühl erzählt, daß wir ihm in atemloser Spannung
+zuhörten. Sogar die beiden Detektivs, die doch durch ihren Beruf gegen
+das Verbrechen in jeder Form abgestumpft waren, zeigten ein warmes
+Interesse. Als er geendet hatte, saßen wir noch eine Weile stumm und
+nachdenklich da, und man hörte nur Lestrades Bleistift über das Papier
+fahren, während er seinem stenographischen Bericht die Schlußworte
+hinzufügte.
+
+„Nur +eins+ möchte ich noch wissen,“ unterbrach endlich Sherlock Holmes
+die Stille: „Wer war Ihr Helfershelfer, der auf meine Anzeige hin den
+Ring zu holen kam?“
+
+Der Gefangene schüttelte den Kopf. „Anderer Leute Geheimnisse darf ich
+nicht verraten,“ sagte er; „es könnte sie in Ungelegenheiten bringen.
+Ich war ungewiß, ob man mir nicht eine Falle stelle und mein Freund
+erbot sich, den Ring statt meiner zu holen. Sie werden zugeben, daß er
+die Sache geschickt ausgeführt hat.“
+
+„Das will ich meinen,“ bestätigte Holmes lächelnd.
+
+„Nun, meine Herren,“ nahm der Inspektor das Wort, „dem Gesetz muß
+Genüge geschehen. Nächsten Donnerstag wird der Gefangene dem Richter
+vorgeführt werden, wobei Ihre Gegenwart erforderlich ist. Bis dahin
+übernehme ich die Verantwortlichkeit für ihn.“
+
+Er klingelte, worauf zwei Polizisten erschienen, welche Jefferson Hope
+in Gewahrsam brachten. Ich aber kehrte in Begleitung meines Freundes
+Holmes nach unserer Wohnung in der Bakerstraße zurück.
+
+
+Wir hatten sämtlich eine gerichtliche Vorladung auf Donnerstag
+erhalten. Als jedoch der festgesetzte Termin herankam, bedurfte man
+unseres Zeugnisses nicht mehr. Ein höherer Richter hatte die Sache
+in die Hand genommen und Jefferson Hope zur Rechenschaft vor sein
+Tribunal gefordert. In der Nacht nach seiner Gefangennahme trat das
+erwartete Ende ein und man fand ihn am Morgen tot in seiner Zelle. Ein
+friedliches Lächeln lag in seinen Zügen, als habe die Erinnerung an ein
+wohl angewendetes Leben und glücklich vollbrachtes Werk ihm noch die
+letzten Augenblicke versüßt.
+
+Am Abend saß ich mit Holmes in unserem gemeinschaftlichen Wohnzimmer am
+Kamin und wir besprachen das Ereignis.
+
+„Dieser Todesfall macht Gregson und Lestrade einen rechten Strich durch
+ihre Rechnung,“ sagte mein Freund. „Sie werden sehr unglücklich darüber
+sein; wo bleibt nun ihr pomphafter Zeitungsbericht und der Lohn für
+alle ihre Anstrengung?“
+
+„Mir scheint doch, daß sie mit der Gefangennahme wenig zu thun gehabt
+haben,“ versetzte ich.
+
+„O, in dieser Welt kommt es nicht sowohl darauf an, was man wirklich
+thut,“ rief mein Gefährte, nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit,
+„als darauf, daß man den Leuten einen hohen Begriff von seinen Thaten
+beizubringen weiß. Aber, einerlei,“ fuhr er nach einer Pause in
+heiterem Tone fort, „ich hätte mir den Fall um keinen Preis entgehen
+lassen mögen; es ist einer der besten, die mir je vorgekommen sind.
+Trotz seiner Einfachheit enthielt er mehrere äußerst lehrreiche Punkte.“
+
+[Illustration]
+
+„Das nennen Sie einfach?! --“
+
+Holmes lächelte über mein Erstaunen. „Nun ja, wie wollen Sie es anders
+bezeichnen?“ sagte er. „Schon der Umstand, daß ich ganz allein, nur
+mit Hilfe einiger alltäglicher Schlußfolgerungen, innerhalb drei Tagen
+des Verbrechers habhaft geworden bin, ist doch der schlagendste Beweis
+für die Einfachheit des Falles.“
+
+„Wohl wahr,“ gab ich zu.
+
+„Ich habe Ihnen schon früher einmal auseinander gesetzt, daß alles
+Ungewöhnliche eher eine Erleichterung als ein Hindernis ist. Bei der
+Lösung eines solchen Problems kommt es hauptsächlich darauf an, ob man
+imstande ist, Rückschlüsse zu machen. Das ist eine sehr nützliche und
+leicht zu erwerbende Fertigkeit, aber nur wenige Leute haben Uebung
+darin. Die synthetische Methode erscheint den meisten leichter als die
+analytische.“
+
+„Was das heißen soll, verstehe ich nicht.“
+
+„Das glaube ich gern und will mich näher erklären: Nach meiner
+Erfahrung werden die meisten Leute, denen man verschiedene Ereignisse,
+die stattgefunden haben, der Reihe nach erzählt, zu sagen wissen,
+welches Resultat sich daraus ergeben wird. Dagegen giebt es nur wenige
+Menschen, die, wenn man ihnen ein Resultat mitteilt, imstande sind,
+sich zu vergegenwärtigen, auf welche Art es sich entwickelt, welche
+Schritte stufenweise zu dem Ergebnis hingeleitet haben können. Diese
+Fähigkeit, Rückschlüsse zu machen, nenne ich die analytische Methode.“
+
+„Das klingt schon weniger dunkel,“ sagte ich.
+
+„In unserem Fall lag das Ergebnis klar zu Tage, alles übrige mußten
+wir aber selber finden. Ich will Ihnen nun einmal Schritt für Schritt
+zeigen, wie ich meine Schlüsse gezogen habe. Fangen wir beim Anfang
+an: Ich näherte mich, wie Sie wissen, dem Hause zu Fuß und ohne alle
+Voreingenommenheit. Natürlich untersuchte ich zunächst die Straße,
+und fand da, wie ich Ihnen schon sagte, deutliche Anzeichen, daß eine
+Droschke bei Nacht vorgefahren sein müsse; daß es kein Privatwagen
+gewesen, erkannte ich an der schmaleren Räderspur. Bei unsern Londoner
+Fuhrwerken ist der Unterschied ziemlich bedeutend.“
+
+„Nachdem ich über diesen Punkt Gewißheit hatte, ging ich langsam den
+Gartenpfad hinunter; in dem lehmigen Boden waren alle Fußstapfen mit
+großer Deutlichkeit abgedrückt. Sie haben vielleicht nur Pfützen
+gesehen und zertretenes Erdreich, aber für mein erfahrenes Auge war
+jedes Merkmal von Bedeutung. Die Beobachtung der Fußspuren wird
+im allgemeinen von den Detektivs viel zu sehr vernachlässigt; ich
+habe stets großen Wert darauf gelegt und sie ist mir durch fleißige
+Uebung zur zweiten Natur geworden. Ich konnte die schweren Tritte
+der Schutzleute verfolgen, aber ich sah auch die Spuren der beiden
+Männer, die zuerst durch den Garten gegangen waren. Daß jene den Weg
+später gemacht hatten, unterlag keinem Zweifel, denn ihre Fußstapfen
+verdeckten die andern an manchen Stellen gänzlich. Somit war das zweite
+Glied in meiner Kette gefunden: ich wußte, daß zwei nächtliche Besucher
+dagewesen waren, der eine ungewöhnlich groß -- was sich aus der Länge
+seines Schrittes ergab, -- der andere fein und modisch gekleidet, wie
+der Abdruck der schmalen, eleganten Stiefel bekundete.
+
+„Beim Eintritt in das Haus fand ich letztere Vermutung bestätigt: der
+feingestiefelte Mann lag vor mir. Also mußte der andere, der große,
+den Mord begangen haben, wenn ein solcher überhaupt verübt worden
+war. Eine Wunde ließ sich an dem Toten nicht entdecken, doch bewies
+die leidenschaftliche Erregung in seinen Zügen, daß er sein Schicksal
+vorausgesehen habe. Ein solcher Ausdruck der Unruhe findet sich nie bei
+einem Menschen, der an Herzschlag oder aus einer andern natürlichen
+Ursache eines plötzlichen Todes stirbt. Ich roch an des Mannes Lippen,
+entdeckte eine verdächtige Säure und schloß daraus, daß er gezwungen
+worden sei, Gift zu nehmen. Freiwillig hatte er es nicht gethan, denn
+grimmiger Haß und Todesfurcht standen ihm im Gesicht geschrieben. Ein
+solcher Giftmord ist übrigens durchaus kein unerhörtes Vorkommnis in
+der Geschichte des Verbrechens und steht nicht vereinzelt da. Jeder,
+der sich mit Toxikologie beschäftigt hat, denkt dabei unwillkürlich an
+die Fälle Dolsky in Odessa und Leturier in Montpellier.
+
+„Nun aber kam die große Frage nach dem Beweggrund. Ein Raub konnte
+nicht beabsichtigt sein, denn weder des Toten Börse noch seine Uhr
+waren entwendet worden. Handelte es sich vielleicht um politische
+Zwecke oder war eine Frau im Spiele? -- Ich neigte mich von Anfang an
+letzterer Meinung zu. Der politische Fanatiker bringt seine Opfer so
+rasch als möglich um und ergreift die Flucht. Dieser Mord war aber
+im Gegenteil mit allem Vorbedacht ausgeführt worden und man konnte
+im ganzen Zimmer die Spur des Thäters verfolgen. Allem Anschein nach
+handelte es sich um einen Akt der Privatrache. Die Inschrift an der
+Wand bestärkte mich nur in dieser Ansicht, und als zuletzt der Trauring
+zum Vorschein kam, hielt ich die Frage für entschieden. Der Mörder
+hatte ihn vermutlich benützt, um sein Opfer an ein früheres Verhältnis
+zu irgend einem Mädchen zu erinnern. Um hierüber Aufschluß zu erhalten,
+fragte ich Gregson, ob er in seinem Telegramm um Nachricht über
+Drebbers Vorgeschichte gebeten habe, das hatte er jedoch unterlassen.
+
+„Als ich nunmehr das Zimmer zu untersuchen begann, fand ich meine
+Annahme über den Mörder in allen Einzelheiten bestätigt; es mußte
+sein eigenes Blut sein, das auf den Fußboden getropft war, denn ein
+Kampf hatte nicht stattgefunden und überall, wo er umhergegangen war,
+sah man die Blutspuren. Daß ich glaubte, der Mann sei vollblütig, von
+kräftigem Wuchs und blühender Gesichtsfarbe, war sehr natürlich --
+hätte ihm sonst die bloße innere Aufregung ein so heftiges Nasenbluten
+verursachen können? -- Von der Richtigkeit meiner Schlüsse haben wir
+uns ja später durch den Augenschein überzeugt.
+
+„Nachdem ich das Haus verlassen hatte, telegraphierte ich sofort an den
+Polizeiinspektor in Cleveland und bat um Auskunft über Enoch Drebbers
+eheliche Verhältnisse. Die Antwort klärte mich über verschiedene
+wichtige Punkte auf. Sie lautete dahin, daß Drebber schon einmal den
+Schutz des Gesetzes gegen einen früheren Nebenbuhler Namens Jefferson
+Hope angerufen habe, und daß besagter Hope sich jetzt in Europa
+befinde. Hierdurch bekam ich den Schlüssel des ganzen Geheimnisses
+in die Hände und es handelte sich jetzt nur noch darum, des Mörders
+habhaft zu werden.
+
+„Der Mann, welcher mit Drebber in das Haus gegangen war, hatte auch
+die Droschke gefahren, das stand fest. Sein Pferd war auf der Straße
+sich selbst überlassen geblieben und hatte den Wagen bald hierhin, bald
+dorthin gezogen. Wo anders konnte der Kutscher unterdessen gewesen
+sein, als drinnen im Hause? Es lag ja auch auf der Hand, daß er weit
+sicherer war, unentdeckt zu bleiben, wenn er sein Verbrechen ohne
+Zeugen beging. Diese Erwägung veranlaßte mich, Jefferson Hope unter den
+Droschkenkutschern der Hauptstadt zu suchen. Daß er noch unter ihnen zu
+finden sein müsse, wurde mir bald zur Gewißheit. Wenn er dies Gewerbe
+ergriffen hatte, um seinen Racheplan leichter ausführen zu können, so
+durfte er es nicht gleich nach vollbrachter That aufgeben, das hätte
+verdächtig aussehen können. Seinen Namen hatte er schwerlich verändert,
+da er hier völlig unbekannt war.
+
+„Nachdem ich dies alles wohl erwogen hatte, schickte ich die Bande
+meiner Getreuen zu jedem Droschkenbesitzer Londons, bis sie den Mann
+aufgespürt hatten, nach dem ich suchte. Wie gut ihnen das gelang und
+wie schnell ich die Gelegenheit beim Schopfe nahm, haben Sie selbst
+gesehen.
+
+„Stangersons Ermordung kam mir ganz unvermutet, hätte sich aber
+schwerlich verhindern lassen. Sie brachte mich in den Besitz der
+Pillen, deren Vorhandensein ich bereits ahnte, und dadurch ward auch
+noch mein letzter Zweifel gehoben. Mein ganzes Verfahren beruhte, wie
+Sie sehen, auf einer zusammenhängenden Kette logischer Schlüsse, in
+welcher ein Glied genau an das andere paßt.“
+
+„Sie sind ein merkwürdiger Mensch,“ rief ich, „Ihre Verdienste sollten
+öffentlich anerkannt werden. Sie müssen einen Bericht über den Fall
+drucken lassen. Thun +Sie+ es nicht, so werde +ich+ es übernehmen.“
+
+„Halten Sie das, wie Sie wollen, Doktor,“ entgegnete Holmes, „es kommt
+doch alles auf eins heraus. -- Vielleicht interessiert Sie dieser
+Artikel,“ fuhr er fort, mir eine Zeitung reichend.
+
+Die Stelle im ‚Echo‘, welche er mir zu lesen gab, lautete wie folgt:
+
+ „Durch den plötzlichen Tod eines gewissen Hope, des mutmaßlichen
+ Mörders von Enoch Drebber und Josef Stangerson, ist dem Publikum
+ eine interessante Gerichtsverhandlung entgangen. Die Einzelheiten
+ des Falls werden jetzt vermutlich für immer in Dunkel gehüllt
+ bleiben. Nur soviel hören wir aus guter Quelle, daß es sich um
+ eine langjährige, romantische Feindschaft handelte, bei der das
+ Mormonentum und eine alte Liebe wichtige Rollen spielten. Die beiden
+ Opfer scheinen in früheren Zeiten zu den ‚Heiligen des jüngsten
+ Tages‘ gehört zu haben, und auch der im Gefängnis verstorbene Hope
+ kam aus der Stadt am Salzsee. Obgleich der Fall nicht mehr öffentlich
+ verhandelt werden kann, so liefert er doch einen neuen schlagenden
+ Beweis von der Vortrefflichkeit unserer Londoner Geheimpolizei. Alle
+ Fremden mögen es sich gesagt sein lassen, daß sie wohl daran thun,
+ ihre Streitigkeiten daheim auszufechten, statt sie auf britischen
+ Grund und Boden zu verpflanzen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß
+ wir Hopes Gefangennahme nur dem Scharfsinn und der Geschicklichkeit
+ der beiden wohlbekannten Detektivs Lestrade und Gregson zu verdanken
+ haben. Der Mann soll in der Wohnung eines gewissen Sherlock Holmes
+ verhaftet worden sein, welcher selbst Talent und Interesse für
+ polizeiliche Forschung an den Tag legt. Ein Dilettant, der solche
+ Lehrmeister hat, darf hoffen, ihnen mit der Zeit an Gewandtheit
+ ähnlich zu werden. -- Daß den beiden ausgezeichneten Beamten eine
+ angemessene Belohnung für ihre wertvollen Dienstleistungen zu teil
+ werden möchte, ist dringend zu wünschen.“
+
+„Sagte ich Ihnen nicht gleich, als wir damals unsere Fahrt antraten,
+wie alles kommen würde?“ rief Sherlock Holmes lachend. „Der ganze
+Erfolg, der uns aus unsern Forschungen und Bemühungen erwächst, ist,
+daß +sie+ eine Belohnung erhalten.“
+
+„Seien Sie unbesorgt,“ rief ich, „in meinem Tagebuch stehen sämtliche
+Thatsachen verzeichnet. Das Publikum soll Kenntnis davon erhalten und
+wird dem wahren Verdienst die gebührende Anerkennung nicht versagen.“
+
+ LUTZ’
+ Kriminal- und Detektiv-Romane
+ etc
+
+ Bd. 52 M. 1.--
+
+ Sherlock Holmes
+ als Einbrecher
+
+ Von
+
+ Conan Doyle
+
+
+ STUTTGART
+ Verlag von Robert Lutz
+
+
+
+
+Memoirenbibliothek.
+
+
+Helen Keller
+
+Die Geschichte meines Lebens
+
+
+386 S. +mit Illustrationen+. Preis brosch. M. 5.50, in Lwd. geb. M.
+6.50.
+
+
+24 Auflagen in 24 Monaten
+
++Mark Twain+ hat den Ausspruch getan: „Die größten Wunder des 19.
+Jahrhunderts sind +Napoleon+ und +Helen Keller+.“ -- In Deutschland
+fand das Buch bei Publikum und Presse begeisterte Aufnahme.
+
+
++Einige Urteile+:
+
+ •Marie von Ebner-Eschenbach•: „+Tief ergriffen+ und +voll der
+ wärmsten Bewunderung+ habe ich das Buch zu Ende gelesen. Jede Zeile
+ hat mir +unaussprechliches Interesse+ eingeflößt. +Als ein erhabenes
+ Beispiel stillen Heldentums+ stehen Helen Keller und ihre Freundin
+ vor meinen Augen.“
+
+ •Kölnische Zeitung•: „Mit dem erhebenden Bewußtsein, ein neues Stück
+ menschlichen Heldentums in diesen beiden Frauen kennen gelernt zu
+ haben, legt man diese, +wohl in der ganzen Weltliteratur einzig
+ dastehende Selbstbiographie+ aus der Hand.“
+
+ •Pustets deutscher Hausschatz•: „Je weiter man in dem bedeutsamen
+ Buche vordringt, desto mehr nimmt +unsere Bewunderung für das
+ außerordentliche Mädchen+ zu. -- +Unbestritten gehört+ Helen Kellers
+ Selbstbiographie +zu den interessantesten Büchern der Neuzeit+.“
+
+
+Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+.
+
+
+
+
+Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+
+
+M. Cervantes
+
+Don Quijote
+
+Nach der Tieckschen Uebersetzung neu bearbeitet von ~Dr.~ =Benno
+Diederich=
+
+=Jubiläumsausgabe.= Preis M. 3.50 brosch., M. 4.50 i. Lwd. geb.
+
+Als König Philipp III. von Spanien in Madrid einen Mann sah, der sich,
+brüllend vor Lachen, in der Gosse wälzte, sagte er zu seinen Begleitern:
+
+ Der Mensch ist entweder verrückt --
+ oder er hat den Don Quijote gelesen!
+
+Dies Buch, dem damals ein so phänomenaler Lacherfolg zugetraut wurde,
+steht heute in Gefahr, das Los derjenigen Klassiker zu teilen, die
+jeder lobt und keiner liest, weil ihr Inhalt für den heutigen Geschmack
+zumteil ganz ungenießbar ist. Dem Beispiel der von der +Spanischen
+Akademie+ herausgegebenen +gekürzten+ Jubiläumsausgabe des Don Quijote
+folgend, hat es ~Dr.~ =Benno Diederich= deshalb unternommen, auch dem
+deutschen Volk das einzigartige Buch in einer
+
+ gekürzten Jubiläumsausgabe
+
+wieder näher zu bringen, die +alles+ enthält, was den Ruhm des Buches
+ausmacht und was an ihm unsterblich ist. Für die meisten, die sich mit
+dem Don Quijote bekannt machen wollen, dürfte daher fortan
+
+ •nur diese gekürzte Ausgabe•
+
+in Frage kommen.
+
+
+
+
+•Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+•
+
+W. W. Jacobs
+
+Seemannshumor
+
+Geschichten und Schwänke von der Wasserkante
+
+=I. Band=: 13 Erzählungen. -- =II. Band=: 15 Erzählungen.
+
+Jeder Band ist einzeln käuflich zu M. 2.50 broschiert; M. 3.50 in Lwd.
+gebunden.
+
+
+Einige Urteile:
+
+ Hamburger Nachrichten: „Es herrscht hier •ein wirklicher, behaglicher
+ Humor•, voll der tollsten Einfälle und reger Phantasie. Echt und
+ frisch sind die wetterharten Gestalten gezeichnet. •Es kichert und
+ lacht• in und zwischen den Zeilen.“
+
+ Intern. Literaturberichte: „Wer einmal recht herzlich lachen will,
+ mag getrost zu Jacobs Seemannshumor greifen.“
+
+ Nordd. Allg. Zeitung: „Jede einzelne der Erzählungen ruft herzliches
+ Lachen hervor.“
+
+ Deutsche Tageszeitung: „Die Geschichten zeugen von einem ganz
+ •prächtigen, urwüchsigen Seemannshumor•.“
+
+
+
+
+•Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+.•
+
+
+•W. Weressajew•
+
+Bekenntnisse eines Arztes
+
+4. Auflage. (8.-10. Tausend.)
+
+Preis geh. M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--.
+
+
+Jeder Gebildete sollte dieses Buch lesen!
+
+
+•Einige Urteile•:
+
+ •=Peter Rosegger=•: „Der Verfasser erzählt mit erschütterndem
+ Freimut seine Enttäuschungen, seine Mißerfolge, seine Verzweiflung
+ an der Medizin und -- seine Hoffnung auf sie. Das Buch ist eins der
+ ernstesten, redlichsten und nützlichsten Werke, die je geschrieben
+ wurden. Weressájew ist ein ganzer, ein guter und treuer Mensch.
+ Aber er ist auch ein großer Schriftsteller; sein Buch ist glänzend
+ geschrieben.“
+
+ •=Pustets Deutscher Hausschatz=•: „Man mag mit ihm über diesen
+ und jenen Punkt rechten, Hochachtung indes kann dem Verfasser
+ niemand vorenthalten, ebensowenig als Bewunderung seiner großen
+ schriftstellerischen Begabung, die sein Buch auf jeder Seite
+ auszeichnet.“
+
+ •=Rigaer Tagblatt=•: „Ein Kunstwerk, ein in rückhaltloser Offenheit
+ gezeichnetes Seelengemälde. Manche Kapitel lesen sich in ihrer
+ unbarmherzigen, psychologischen Analyse wie ein moderner Roman und
+ könnten fast unverändert in den Werken unserer zeitgenössischen
+ Literatur Platz finden.“
+
+ •=Deutsche Medizinalzeitung, Berlin=•: „Das Buch ist für jeden
+ Gebildeten von Interesse und von einem über die gewöhnliche
+ Unterhaltungslektüre weit hinausgehenden Wert.“
+
+
+
+
+•Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+.•
+
+
+Anekdoten-Bibliothek
+
+
+ 1. Bd. =Bismarck-Anekdoten.= Heitere Szenen, Scherze und
+ Charakterzüge aus dem Leben des ersten deutschen Reichskanzlers.
+ Bearbeitet von =Fr. Schmidt-Hennigker=. 4. Aufl. 239 S. Geh. M. 2.50,
+ in Lwd. geb. M. 3.50.
+
+ 2. Bd. =Hohenzollern-Anekdoten I. Teil.= Anekdoten, heitere
+ Szenen und charakteristische Züge aus dem Leben der Hohenzollern.
+ Herausgegeben von =Herm. Jahnke=. Geh. M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--.
+
+ 3. Bd. =Hohenzollern-Anekdoten II. Teil.= •Humor Friedrichs des
+ Großen.• Bearbeitet von =Fr. Schmidt-Hennigker=. 5. Auflage. 192 S.
+ Geh. M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--.
+
+ 4. Bd. =Schiller-Anekdoten.= Charakterzüge und Anekdoten, ernste und
+ heitere Bilder aus dem Leben Friedrich Schillers. Herausgegeben von
+ =Th. Mauch=. 5. und 6. Tausend. 312 S. Geh. M. 2.50, in Lwd. geb. M.
+ 3.50.
+
+ 5. Bd. =Habsburger-Anekdoten.= Herausgegeben von ~Dr.~ =Frz.
+ Schnürer=. 205 S. Geh. M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--.
+
+ 6. Bd. =Napoleon-Anekdoten I. Teil.= Herausgegeben von =G. Kuntze=.
+ Ca. 225 S. =Preis brosch.= M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--.
+
+
+•In Vorbereitung:•
+
+Russische Hof-Anekdoten. -- Napoleon-Anekdoten II. Teil. --
+Goethe-Anekdoten.
+
+
+
+
+•Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+•
+
+Fritz Reuters Meisterwerke
+
+Hochdeutsche Ausgabe
+
+Herausgegeben von ~Dr.~ +Heinrich Conrad+ 6 Bände à M. 1.20 broschiert,
+M. 1.80 i. Lwd. geb.
+
+Jeder Band einzeln käuflich
+
++Inhalt+: Bd. 1. Aus der Franzosenzeit. -- Wie ich zu einer Frau kam.
+-- Bd. 2. Aus meiner Festungszeit. -- Bd. 3-5. Aus meiner Stromzeit. --
+Bd. 6. Dörchläuchting.
+
+•Einige Urteile:•
+
+ •J. V. Widmann urteilt•: „Schon nach den ersten Kapiteln der
+ „Franzosenzeit“ war ich mir darüber klar, daß ein bisher im engern
+ Verschluß der Mundart gehaltenes Meisterwerk nun +durch diese
+ Übertragung in die Schriftsprache den Charakter eines+
+
+ •+Nationalgeschenkes für Deutschland+• erhalten hat.“
+
+ •Kölnische Volkszeitung•: „Diese Übertragung, +die
+ übrigens nicht vor dem Dialog Halt macht+, sondern auch
+ diesen +verständigerweise hochdeutsch wiedergibt, zeigt einen
+ Übersetzungskünstler+, der im Stil und der Redeweise der
+ Personen jene Nüancierung der Formen anzuwenden weiß, die auch
+ dem Hochdeutschen gar wohl eigen ist und dem Vorgebrachten +ein
+ charakteristisches Kolorit+ verleiht.“
+
+ •„Dienet einander“ (~Dr.~ W. Rathmann)•: „+Die vorliegende
+ hochdeutsche Ausgabe macht Reuters Werke erst zum Besitz der ganzen
+ Nation+. Die Verlagshandlung verbindet die gute Ausstattung in großem
+ Druck auf holzfreiem Papier mit einem +so billigen Preise+, daß auch
+ die +kleinste Bibliothek+ die geringen Kosten nicht scheuen darf.“
+
+
+
+
+Sherlock Holmes-Serie
+
+Gesammelte Detektivgeschichten
+
+von
+
+Conan Doyle
+
+Illustriert
+
+Inhalt:
+
+ 1. Bd. Späte Rache
+ 2. „ Das Zeichen der Vier
+ 3. „ Der Bund der Rothaarigen
+ u. a. Detektivgeschichten
+ 4. „ Das getupfte Band u. A.
+ 5. „ Fünf Apfelsinenkerne u. A.
+ 6. „ Der Hund von Baskerville
+ 7. „ (II. Serie Band 1): Als Sherlock Holmes
+ aus Lhassa kam u. A.
+ 8. „ (II. Serie Band 2): Die tanzenden
+ Männchen u. A.
+
+Preise:
+
+ •+Band 1-6 (I. Serie)+•. Jeder Band einzeln käuflich brosch. zu
+ M. 2.25, in Leinwd. geb. M. 3.25.
+
+ +Alle 6 Bände+ auf einmal bezogen brosch. M. 12.--, in Leinwd. geb.
+ M. 18.--.
+
+ +Band 7 u. 8 (II. Serie Band 1 u. 2)+. Brosch. à M. 2.25, in Leinwd.
+ geb. à M. 3.25.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78265 ***
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+ Späte Rache | Project Gutenberg
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78265 ***</div>
+
+<div class="transnote mbot3">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
+1907 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche
+Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+unverändert.</p>
+
+<p class="p0 hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
+Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
+gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
+serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe38 x-ebookmaker-drop" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ <span class="u">Original-Einband</span>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p class="s3 center u padtop5 break-before"><b>Sherlock Holmes-Serie</b></p>
+
+<p class="s3 center mtop1">Gesammelte Detektivgeschichten</p>
+
+<p class="center mtop1">von</p>
+
+<p class="s4 center mtop1"><b>Conan Doyle</b></p>
+
+<p class="s3 center mtop1 mbot1">I.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe1" id="illus_0001">
+ <img class="w100" src="images/illus_0001.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<p class="s3 center padtop1 mtop3 break-before"><span class="bbd">&#8195;&#8195;&#8195;
+Sherlock Holmes-Serie I.&#8195;&#8195;&#8195;</span></p>
+
+<h1>Späte Rache</h1>
+
+
+<p class="s3 center">Von<br>
+<span class="s4">Conan Doyle</span></p>
+
+<hr class="r5">
+
+<p class="center">Autorisiert</p>
+
+<hr class="r5">
+
+<p class="s3 center"><b>−• Illustriert von Rich. Gutschmidt •−</b></p>
+
+<hr class="r5">
+
+<p class="s3 center">32.–34. Tausend.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe6 padtop1" id="signet">
+ <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="Signet des Robert Lutz Verlages">
+</figure>
+
+<p class="s3 center mtop2"><b>Stuttgart<br>
+<em class="gesperrt">Verlag von Robert Lutz</em><br>
+1907.</b></p>
+
+<p class="s5 center padtop5 break-before">Verlags- und Handelsdruckerei
+Stuttgart, Hans Bleher.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+ <h2 class="nobreak" id="Inhalt">
+ Inhalt.
+ </h2>
+
+</div>
+
+<table class="toc">
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="4">
+ <div class="center"><b><a href="#Aus_Watsons_Erinnerungen">I. Aus Watsons Erinnerungen.</a></b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5" colspan="3">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="s5">
+ <div class="right">Seite</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Kapitel:</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Sherlock Holmes</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Erstes_Kapitel">7</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Kunst der Schlußfolgerung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zweites_Kapitel">22</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Brixtonstraße Nummer 3</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Drittes_Kapitel">39</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Was uns John Rance erzählte</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Viertes_Kapitel">59</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Wir bekommen Besuch</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Fuenftes_Kapitel">73</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Tobias Gregson thut große Thaten</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Sechstes_Kapitel">86</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">7.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Es kommt Licht in das Dunkel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Siebentes_Kapitel">104</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop1" colspan="4">
+ <div class="center"><b><a href="#Im_Lande_der_Heiligen">II. Im Lande der Heiligen.</a></b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat padtop0_5">
+ <div class="right">8.</div>
+ </td>
+ <td class="vat padtop0_5">
+ <div class="center">Kapitel:</div>
+ </td>
+ <td class="vat padtop0_5">
+ <div class="left">Auf der großen Alkali-Ebene</div>
+ </td>
+ <td class="vab padtop0_5">
+ <div class="right"><a href="#Achtes_Kapitel">121</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">9.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Blume von Utah</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Neuntes_Kapitel">140</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">10.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">John Ferrier spricht mit dem Propheten</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zehntes_Kapitel">155</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">11.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Eine Flucht auf Leben und Tod</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Elftes_Kapitel">165</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">12.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Würgengel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zwoelftes_Kapitel">184</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="left">&#8194;<em class="gesperrt">Fortsetzung von</em>
+ <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Watsons
+ Erinnerungen</em></div>
+ </td>
+ <td class="vab padtop0_5">
+ <div class="right"><a href="#Fortsetzung_von_Dr_Watsons_Erinnerungen">201</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_7">[S. 7]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak padbot1" id="Aus_Watsons_Erinnerungen">
+ <b>Aus Watsons Erinnerungen.</b>
+ </h2>
+
+</div>
+
+<h3 class="noclearleft" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.<br>
+<b class="s4">Sherlock Holmes.</b></h3>
+
+<figure class="figleft_ini illowe10" id="illus_0007">
+ <img class="w100 mtop-4" src="images/illus_0007.jpg" alt="I">
+</figure>
+
+<p class="p0 clearr"><span class="transparent mleft-0_5">I</span>m Jahre 1878 hatte ich
+mein Doktorexamen an der Londoner Universität bestanden und in
+Nelley den für Militärärzte vorgeschriebenen medizinischen Kursus
+durchgemacht. Bald darauf ward ich dem fünften Füsilierregiment
+Northumberland zugeteilt, welches damals in Indien stand. Bevor
+ich jedoch an den Ort meiner Bestimmung gelangte, brach der zweite
+afghanische <span class="pagenum" id="Page_8">[S. 8]</span>Krieg aus,
+und bei meiner Landung in Bombay erfuhr ich, mein Regiment sei bereits
+durch die Gebirgspässe marschiert und weit in Feindesland vorgedrungen.
+In Gesellschaft mehrerer Offiziere, die sich in gleicher Lage befanden,
+folgte ich meinem Corps, erreichte dasselbe glücklich in Kandahar und
+trat in meine neue Stellung ein.</p>
+
+<p>Der Feldzug, in welchem andere Ehre und Auszeichnungen
+fanden, brachte mir indessen nur Unglück
+und Mißerfolg. Gleich in der ersten Schlacht
+zerschmetterte mir eine Kugel das Schulterblatt und
+ich wäre sicherlich den grausamen Ghazia in die
+Hände gefallen, hätte mich nicht Murray, mein
+treuer Bursche, rasch auf ein Packpferd geworfen und
+mit eigener Lebensgefahr mit sich geführt, bis wir
+die britische Schlachtlinie erreichten.</p>
+
+<p>Lange lag ich krank, und erst nachdem ich mit
+einer großen Anzahl verwundeter Offiziere in das
+Hospital von Peshawur geschafft worden war, erholte
+ich mich allmählich von den ausgestandenen Leiden;
+ich war bereits wieder so weit, daß ich in den
+Krankensälen umhergehen und auf der Veranda
+frische Luft schöpfen durfte. Da befiel mich unglücklicherweise
+ein Entzündungsfieber und zwar mit
+solcher Heftigkeit, daß man monatelang an meinem
+Wiederaufkommen zweifelte. Als endlich die Macht
+<span class="pagenum" id="Page_9">[S. 9]</span>der Krankheit gebrochen war und mein Bewußtsein
+zurückkehrte, befand ich mich in solchem Zustand der
+Kraftlosigkeit, daß die Aerzte beschlossen, mich ohne
+Zeitverlust wieder nach England zu schicken. Einen
+Monat später landete ich mit dem Truppenschiff
+‚Orontes‘ in Portsmouth; meine Gesundheit war
+völlig zerrüttet, doch erlaubte mir eine fürsorgliche
+Regierung, während der nächsten neun Monate den
+Versuch zu machen, sie wiederherzustellen.</p>
+
+<p>Verwandte besaß ich in England nicht; ich beschloß
+daher, mich in einem Privathotel einzuquartieren.
+Mein tägliches Einkommen belief sich auf
+elf und einen halben Schilling und da ich zuerst
+nicht sehr haushälterisch damit umging, machten mir
+meine Finanzen bald große Sorge. Ich sah ein,
+daß ich entweder aufs Land ziehen oder meine
+Lebensweise in der Hauptstadt völlig ändern müsse.</p>
+
+<p>Da ich letzteres vorzog, sah ich mich genötigt,
+das Hotel zu verlassen und mir eine anspruchslosere
+und weniger kostspielige Wohnung zu suchen.</p>
+
+<p>Während ich noch hiermit beschäftigt war, begegnete
+ich eines Tages auf der Straße einem mir
+bekannten Gesicht, ein höchst erfreulicher Anblick für
+einen einsamen Menschen wie mich in der Riesenstadt
+London. Ich hatte mit dem jungen Stamford während
+meiner Studienzeit verkehrt, ohne daß wir
+<span class="pagenum" id="Page_10">[S. 10]</span>einander besonders nahe getreten waren, jetzt aber
+begrüßte ich ihn mit Entzücken, und auch er schien
+sich über das Wiedersehen zu freuen. Bald saßen
+wir in einer nahen Restauration zusammen bei einem
+Glase Wein und tauschten unsere Erlebnisse aus.</p>
+
+<p>„Was in aller Welt ist denn mit dir geschehen,
+Watson?“ fragte Stamford verwundert, „du siehst
+braun aus wie eine Nuß und bist so dürr wie eine
+Bohnenstange.“</p>
+
+<p>Ich gab ihm einen kurzen Abriß meiner Abenteuer
+und er hörte mir teilnehmend zu.</p>
+
+<p>„Armer Kerl,“ sagte er mitleidig, „und was
+gedenkst du jetzt zu thun?“</p>
+
+<p>„Ich bin auf der Wohnungssuche,“ versetzte
+ich; „es gilt die Aufgabe zu lösen, mir um billigen
+Preis ein behagliches Quartier zu verschaffen.“</p>
+
+<p>„Wie sonderbar,“ rief Stamford; „du bist der
+zweite Mensch, der heute gegen mich diese Aeußerung
+thut.“</p>
+
+<p>„Und wer war der erste?“</p>
+
+<p>„Ein Bekannter von mir, der in dem chemischen
+Laboratorium des Hospitals arbeitet. Er klagte mir
+diesen Morgen sein Leid, daß er niemand finden
+könne, um mit ihm gemeinsam ein sehr preiswürdiges,
+hübsches Quartier zu mieten, das für seinen
+Beutel allein zu kostspielig sei.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_11">[S. 11]</span></p>
+
+<p>„Meiner Treu,“ rief ich, „wenn er Lust hat, die
+Kosten der Wohnung zu teilen, so bin ich sein Mann.
+Ich würde weit lieber mit einem Gefährten zusammenziehen,
+statt ganz allein zu hausen.“</p>
+
+<p>Stamford sah mich über sein Weinglas hinweg
+mit bedeutsamen Blicken an. „Wer weiß, ob du
+Sherlock Holmes zum Stubengenossen wählen würdest,
+wenn du ihn kenntest,“ sagte er.</p>
+
+<p>„Ist denn irgend etwas an ihm auszusetzen?“</p>
+
+<p>„Das will ich nicht behaupten. Er hat in
+mancher Hinsicht eigentümliche Anschauungen und
+schwärmt für die Wissenschaft. Im übrigen ist er
+ein höchst anständiger Mensch, soviel ich weiß.“</p>
+
+<p>„Ein Mediziner vermutlich?“</p>
+
+<p>„Nein — ich habe keine Ahnung, was er eigentlich
+treibt. In der Anatomie ist er gut bewandert
+und ein vorzüglicher Chemiker. Aber meines
+Wissens hat er nie regelrecht Medizin studiert. Er
+ist überhaupt ziemlich überspannt und unmethodisch
+in seinen Studien, doch besitzt er auf verschiedenen
+Gebieten eine Menge ungewöhnlicher Kenntnisse, um
+die ihn mancher Professor beneiden könnte.“</p>
+
+<p>„Hast du ihn nie nach seinem Beruf gefragt?“</p>
+
+<p>„Nein — er ist kein Mensch, der sich leicht ausfragen
+läßt; doch kann er zuweilen sehr mitteilsam
+sein, wenn ihm gerade danach zu Mute ist.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_12">[S. 12]</span></p>
+
+<p>„Ich möchte ihn doch kennen lernen,“ sagte ich;
+„ein Mensch, der sich mit Vorliebe in seine Studien
+vertieft, wäre für mich der angenehmste Gefährte.
+Bei meinem schwachen Gesundheitszustand kann ich
+weder Lärm noch Aufregung vertragen. Ich habe
+beides in Afghanistan so reichlich genossen, daß ich
+für meine Lebenszeit genug daran habe. Bitte,
+sage mir, wo ich deinen Freund treffen kann.“</p>
+
+<p>„Vermutlich ist er jetzt noch im Laboratorium.
+Manchmal läßt er sich dort wochenlang nicht sehen
+und zu anderen Zeiten bleibt er wieder von früh bis
+spät bei der Arbeit. Wenn es dir recht ist, suchen
+wir ihn zusammen auf.“</p>
+
+<p>Ich willigte mit Freuden ein und wir machten
+uns sogleich auf den Weg nach dem Hospital.</p>
+
+<p>„Du darfst mir aber keine Vorwürfe machen,
+wenn ihr nicht miteinander auskommt,“ sagte
+Stamford, als wir in die Droschke stiegen; „ich
+möchte dir weder zu- noch abraten.“</p>
+
+<p>„Wenn wir nicht zu einander passen, können wir
+uns ja leicht wieder trennen. Deine Vorsicht scheint
+mir fast übertrieben, es muß noch etwas anderes
+dahinter stecken. Heraus mit der Sprache, was hast
+du gegen den Menschen einzuwenden?“</p>
+
+<p>„Nichts, gar nichts; er ist nur nach meinem Geschmack
+seiner Wissenschaft allzusehr ergeben. — Das
+<span class="pagenum" id="Page_13">[S. 13]</span>grenzt schon an Gefühllosigkeit. Ich halte es nicht
+für undenkbar, daß er einem guten Freunde eine
+Priese des neuesten vegetabilischen Alkaloids eingeben
+würde — nicht etwa aus Bosheit, nein, aus
+Forschungstrieb — um die Wirkung genau zu beobachten.
+Ebenso gern würde er freilich die Probe an
+sich selber machen, <em class="gesperrt">die</em> Gerechtigkeit muß man ihm
+widerfahren lassen. Ueberhaupt ist Klarheit und
+Genauigkeit des Wissens seine größte Leidenschaft;
+aber zu welchem Zweck er alle seine Studien betreibt,
+weiß der liebe Himmel.“</p>
+
+<p>Vor dem Hospital angekommen, stiegen wir aus,
+gingen ein Gäßchen hinunter und traten durch eine
+Thür in den Nebenflügel des weitläufigen Gebäudes.
+Hier war mir alles wohl bekannt und ich brauchte
+keinen Führer mehr. Es ging die kahle Steintreppe
+hinauf, durch den langen, weißgetünchten Korridor,
+mit den Thüren auf beiden Seiten, an den sich der
+niedrige Bogengang anschloß, welcher nach dem
+chemischen Laboratorium führte.</p>
+
+<p>In dem großen Saal, den wir betraten, waren
+sämtliche Tische mit Retorten, Reagensgläsern und
+kleinen Weingeistlampen besetzt, während rings an
+den Wänden und überhaupt, wohin man blickte,
+Flaschen von allen Größen und Formen umherstanden.
+Wir dachten zuerst, der Raum sei leer, bis
+<span class="pagenum" id="Page_14">[S. 14]</span>wir an dem andern Ende einen jungen Mann gewahrten,
+der, in seine Beobachtungen versunken, über
+einen Tisch gebeugt dasaß. Beim Schall unserer
+Fußtritte blickte er von seinem Experiment auf und
+sprang mit einem Freudenruf in die Höhe. „Viktoria,
+Viktoria,“ jubelte er, und kam uns, mit der Retorte
+in der Hand, entgegen. „Ich habe das Reagens gefunden,
+das sich mit Hämoglobin zu einem Niederschlag
+verbindet und sonst mit keinem Stoff.“</p>
+
+<p>Er sah so glückstrahlend aus, als hätte er eine
+Goldmine entdeckt.</p>
+
+<p>„Mein Freund, Doktor Watson — Herr Sherlock
+Holmes,“ sagte Stamford uns einander vorstellend.</p>
+
+<p>„Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen,“
+erwiderte Holmes in herzlichem Ton und mit kräftigem
+Händedruck. „Sie kommen aus Afghanistan,
+wie ich sehe.“</p>
+
+<p>Ich blickte ihn verwundert an. „Wieso wissen
+Sie denn das?“</p>
+
+<p>„O, das thut nichts zur Sache,“ rief er, sich
+vergnügt die Hände reibend; „ich denke jetzt nur an
+Hämoglobin. Sicherlich werden Sie die Tragweite
+meiner Erfindung begreifen.“</p>
+
+<p>„Es mag wohl als chemisches Experiment sehr
+interessant sein, aber für die Praxis&#8239;—“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_15">[S. 15]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe29" id="illus_0015">
+ <img class="w100" src="images/illus_0015.jpg" alt="Sherlock Holmes und Dr. Watson werden einander vorgestellt">
+</figure>
+
+<p>„Gerade in der Praxis ist es von größter
+<span class="pagenum" id="Page_16">[S. 16]</span>Wichtigkeit für die Gerichtschemie, weil es dazu
+dient, das etwaige Vorhandensein von Blutflecken
+zu beweisen. — Bitte, kommen Sie doch einmal her.“
+In seinem Eifer ergriff er meinen Rockärmel und
+zog mich nach dem Tische hin, an welchem er experimentiert
+hatte. „Wir müssen etwas frisches Blut
+haben,“ sagte er und stach sich mit einer großen
+Stopfnadel in den Finger, worauf er das herabtropfende
+Blut in einem Saugröhrchen auffing.
+„Jetzt mische ich diese kleine Blutmenge mit einem
+Liter Wasser — das Verhältnis ist etwa wie eins zu
+einer Million — und die Flüssigkeit sieht ganz aus
+wie reines Wasser. Trotzdem wird sich, denke ich,
+die gewünschte Reaktion herstellen lassen.“ Er hatte,
+während er sprach, einige weiße Krystalle in das
+Gefäß geworfen und goß jetzt noch mehrere Tropfen
+einer durchsichtigen Flüssigkeit hinzu. Sofort nahm
+das Wasser eine dunkle Färbung an und ein bräunlicher
+Niederschlag erschien auf dem Boden des
+Glases.</p>
+
+<p>„Sehen Sie,“ rief er und klatschte in die Hände,
+wie ein Kind vor Freude über ein neues Spielzeug.
+„Was sagen Sie dazu?“</p>
+
+<p>„Es scheint mir ein sehr gelungenes Experiment.“</p>
+
+<p>„Wundervoll, wundervoll! Die alte Methode,
+<span class="pagenum" id="Page_17">[S. 17]</span>die Probe mit Guajacum anzustellen, war sehr umständlich
+und unsicher, die mikroskopische Untersuchung
+der Blutkügelchen aber ist wertlos, sobald
+die Flecken ein paar Stunden alt sind. Meine Erfindung
+wird sich dagegen ebenso gut bei altem wie
+bei frischem Blut bewähren. Wäre sie schon früher
+gemacht worden, so hätte man Hunderte von Verbrechern
+zur Rechenschaft ziehen können, die straflos
+davongekommen sind.“</p>
+
+<p>„Meinen Sie wirklich?“</p>
+
+<p>„Ohne Frage. Bei der Kriminaljustiz dreht sich
+ja meist alles um diesen <em class="gesperrt">einen</em> Punkt. Vielleicht
+Monate, nachdem die Missethat begangen ist, fällt
+der Verdacht auf einen Menschen, man untersucht
+seine Kleider und findet braune Flecke am Rock oder
+in der Wäsche. Das können Blutspuren sein, aber
+auch Rostflecke, Obstflecke oder Schmutzflecke. Mancher
+Sachverständige hat sich darüber schon den Kopf
+zerbrochen und zwar bloß, weil es an einer zuverlässigen
+Beweismethode fehlte. Nun man aber das
+Sherlock Holmessche Mittel besitzt, ist jede Schwierigkeit
+beseitigt.“</p>
+
+<p>Seine Augen funkelten, während er sprach, er
+legte die Hand aufs Herz und machte eine feierliche
+Verbeugung, als sähe er sich im Geist einer Beifall
+klatschenden Menge gegenüber.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_18">[S. 18]</span></p>
+
+<p>„Da kann man Ihnen ja Glück wünschen,“ sagte
+ich, verwundert über seinen Feuereifer.</p>
+
+<p>„Hätte man die Probe schon letztes Jahr anstellen
+können,“ fuhr er fort, „es wäre dem Mason
+aus Bradford sicherlich an den Hals gegangen; auch
+der berüchtigte Müller, sowie Lefevre aus Montpellier
+und Samson aus New-Orleans wären überführt
+worden. Ich könnte Ihnen Dutzende von
+Fällen nennen, bei denen meine Erfindung den
+Ausschlag gegeben hätte.“</p>
+
+<p>„Sie scheinen ja ein wandelnder Verbrecheralmanach
+zu sein,“ meinte Stamford lachend;
+„schreiben Sie doch ein Buch über Kriminalstatistik.“</p>
+
+<p>„Das möchte wohl des Lesens wert sein,“ erwiderte
+Holmes, der sich eben ein Pflaster auf den
+verwundeten Finger klebte. „Ich muß sehr vorsichtig
+sein,“ fügte er erklärend hinzu, „denn ich mache
+mir viel mit Giften zu schaffen.“ Als er die Hand
+in die Höhe hielt, sah ich, daß sie an vielen Stellen
+bepflastert war und von scharfen Säuren gefärbt.</p>
+
+<p>„Wir kommen in Geschäften,“ sagte Stamford,
+und schob mir einen dreibeinigen Schemel zum Sitzen
+hin, während er ebenfalls Platz nahm. „Mein
+Freund hier sucht eine Wohnung, und da Sie gern
+mit jemand zusammenziehen möchten, dachte ich, es
+wäre Ihnen vielleicht beiden geholfen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_19">[S. 19]</span></p>
+
+<p>Sherlock Holmes ging mit Freuden auf den
+Vorschlag ein. „Ich habe ein Auge des Wohlgefallens
+auf ein Quartier in der Bakerstraße geworfen,
+das vortrefflich für uns passen würde,“ sagte
+er. „Sie haben doch nicht etwa eine Abneigung
+gegen Tabaksdampf?“</p>
+
+<p>„O nein, ich bin selbst ein starker Raucher.“</p>
+
+<p>„Das trifft sich gut. Ferner habe ich häufig
+Chemikalien bei mir herumstehen, die ich zu meinen
+Experimenten brauche. Würde Sie das belästigen?“</p>
+
+<p>„Durchaus nicht.“</p>
+
+<p>„Warten Sie — was habe ich sonst noch für
+Fehler? Manchmal bekomme ich Anfälle von
+Schwermut und thue dann tagelang den Mund
+nicht auf. Sie müssen mir das nicht übel nehmen.
+Kümmern Sie sich nur dann gar nicht um mich, und
+die Anwandlung wird bald vorüber sein. So —
+nun ist die Reihe an Ihnen, mir Bekenntnisse zu
+machen. Wenn zwei Menschen zusammen leben
+wollen, ist es gut, wenn sie im voraus wissen, was
+sie von einander zu erwarten haben.“</p>
+
+<p>Ich mußte über diese Generalbeichte lachen. „Ich
+halte mir einen jungen Bullenbeißer,“ gestand ich,
+„und kann keinen Lärm vertragen, weil meine
+Nerven angegriffen sind; auch schlafe ich oft in den
+Tag hinein und bin überhaupt sehr träge. In gesunden
+<span class="pagenum" id="Page_20">[S. 20]</span>Zeiten fröhne ich noch Lastern anderer Art,
+aber für jetzt sind dies die hauptsächlichsten.“</p>
+
+<p>„Würden Sie unter ‚Lärm‘ auch das Spielen
+auf einer Violine verstehen?“ fragte er besorgt.</p>
+
+<p>„Das kommt auf den Musiker an. Gutes Violinspiel
+ist ein Genuß für Götter — aber schlechtes&#8239;—“</p>
+
+<p>„Freilich, freilich,“ rief er vergnügt. „Nun, ich
+denke, die Sache ist abgemacht — das heißt, wenn
+Ihnen das Quartier gefällt.“</p>
+
+<p>„Wann können wir es besichtigen?“</p>
+
+<p>„Holen Sie mich morgen mittag hier ab, dann
+gehen wir zusammen hin und bringen gleich alles
+ins reine.“</p>
+
+<p>„Sehr wohl, also Punkt zwölf Uhr,“ sagte ich,
+ihm zum Abschied die Hand schüttelnd.</p>
+
+<p>Wir ließen ihn dort bei seinen Chemikalien und
+gingen nach meinem Hotel zurück. „Erklären Sie
+mir nur,“ wandte ich mich, plötzlich stehen bleibend,
+an Stamford, „was ihn auf die Idee gebracht haben
+kann, daß ich aus Afghanistan komme?“</p>
+
+<p>Mein Gefährte lachte geheimnisvoll. „Schon
+mancher hat gern wissen wollen, wie Sherlock
+Holmes gewisse Dinge ausfindig macht. Er besitzt
+eben eine besondere Gabe.“</p>
+
+<p>„Aha, es steckt ein Rätsel dahinter,“ rief ich belustigt;
+„das ist ja höchst interessant. Ich bin dir
+<span class="pagenum" id="Page_21">[S. 21]</span>sehr verbunden für die neue Bekanntschaft. Das
+beste Studium für den Menschen bleibt ja doch immer
+der Mensch.“</p>
+
+<p>„Studiere ihn nur,“ entgegnete Stamford. „Du
+wirst dabei manche Nuß zu knacken finden. Ich wette
+darauf, er kennt dich bald besser als du ihn.“</p>
+
+<p>An der nächsten Straßenecke verabschiedeten wir
+uns und ich schlenderte allein nach Hause.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_22">[S. 22]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1_5" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.<br>
+<b class="s4">Die Kunst der Schlußfolgerung.</b></h3>
+
+</div>
+
+<p>Unsere verabredete Besichtigung des Quartiers
+in der Bakerstraße Nr. 221<span class="antiqua">b</span> fand am nächsten Tage
+statt. Es gefiel mir außerordentlich; das große,
+luftige Wohnzimmer, welches sich an zwei behagliche
+Schlafstuben anschloß, war freundlich möbliert und
+sehr hell, da es sein Licht durch zwei große Fenster
+erhielt. Unter uns beide geteilt, erschien auch der
+Preis der Wohnung so gering, daß wir sie auf der
+Stelle mieteten und sogleich einzuziehen beschlossen.
+Noch am selben Abend ließ ich meine Besitztümer
+vom Hotel hinüberschaffen und Sherlock Holmes
+folgte bald darauf mit verschiedenen Koffern und
+Reisetaschen. In den ersten Tagen waren wir eifrig
+beschäftigt, auszupacken und unsere Sachen auf das
+vorteilhafteste unterzubringen. Als dann die Einrichtung
+fertig war, begannen wir uns in Ruhe an
+unsere neue Umgebung zu gewöhnen.</p>
+
+<p>Holmes war ein Mensch, mit dem sich leicht leben
+ließ, von stillem Wesen und regelmäßig in seinen
+Gewohnheiten. Selten blieb er abends nach zehn
+Uhr auf, und wenn ich morgens zum Vorschein kam,
+hatte er immer schon gefrühstückt und war ausgegangen.
+<span class="pagenum" id="Page_23">[S. 23]</span>Den Tag über war er meist im chemischen
+Laboratorium oder im Seziersaal, zuweilen machte
+er auch weite Ausflüge, welche ihn bis in die verrufensten
+Gegenden der Stadt zu führen schienen.
+Seine Thatkraft war unverwüstlich, so lange die
+Arbeitswut bei ihm dauerte; von Zeit zu Zeit trat
+jedoch ein Rückschlag ein, dann lag er den ganzen
+Tag im Wohnzimmer auf dem Sofa, fast ohne ein
+Glied zu rühren oder ein Wort zu reden. Dabei
+nahmen seine Augen einen so traumhaften, verschwommenen
+Ausdruck an, daß sicher der Verdacht
+in mir aufgestiegen wäre, er müsse irgend ein Betäubungsmittel
+gebrauchen, hätte nicht seine Mäßigkeit
+und Nüchternheit im gewöhnlichen Leben diese
+Annahme völlig ausgeschlossen.</p>
+
+<p>Nach den ersten Wochen unseres Beisammenseins
+war mein Interesse für ihn und der Wunsch zu ergründen,
+welche Zwecke er eigentlich verfolgte, in
+hohem Maße gestiegen. Schon seine äußere Erscheinung
+fiel ungemein auf. Er war über sechs
+Fuß groß und sehr hager; sein scharfkantig vorstehendes
+Kinn drückte Festigkeit des Charakters aus,
+der Blick seiner Augen war lebhaft und durchdringend,
+außer in den schon erwähnten Zeiten völliger
+Erschlaffung, und eine spitze Habichtsnase gab seinem
+Gesicht etwas Aufgewecktes und Entschlossenes. Die
+<span class="pagenum" id="Page_24">[S. 24]</span>Hände schonte er nicht, sie trugen fortwährend
+Spuren von Tinten und Chemikalien, auch hatte ich
+oft Gelegenheit, seine große Geschicklichkeit bei allen
+Handgriffen zu bewundern, wenn er mit seinen feinen
+physikalischen Instrumenten experimentierte.</p>
+
+<p>Kein Wunder, daß meine Neugier in hohem
+Grade rege war und ich immer wieder versuchte, die
+strenge Zurückhaltung zu durchbrechen, die er in
+allem beobachtete, was ihn selbst betraf. Das Geheimnis,
+welches meinen Gefährten umgab, beschäftigte
+mich um so mehr, als mein eigenes Leben
+damals völlig zweck- und ziellos war und wenige
+Zerstreuungen bot. Mein Gesundheitszustand erlaubte
+mir nur bei besonders günstiger Witterung
+auszugehen, und Freunde, die mich hätten besuchen
+können, um etwas Abwechslung in mein einförmiges
+Dasein zu bringen, besaß ich nicht.</p>
+
+<p>Daß Holmes nicht Medizin studiere, wußte ich
+aus seinem eigenen Munde. Auch schien er keinen
+bestimmten Kursus in irgend einer andern Wissenschaft
+durchgemacht zu haben, der ihm auf herkömmliche
+Weise die Eingangspforte in die Gelehrtenwelt
+geöffnet hätte. Trotzdem verfolgte er gewisse Studien
+mit wahrem Feuereifer und besaß innerhalb ihrer
+Grenzen ein so ausgedehntes und umfassendes
+Wissen, daß er mich oft höchlich dadurch überraschte.—
+<span class="pagenum" id="Page_25">[S. 25]</span>War es denkbar, daß ein Mensch so angestrengt
+arbeitete, sich so genau zu unterrichten suchte, ohne
+einen bestimmten Zweck vor Augen zu haben? — Ein
+planloses Studium ist meist auch oberflächlich, und
+wer sich den Kopf mit hunderterlei Einzelheiten anfüllt,
+thut dies schwerlich ohne einen triftigen Grund.</p>
+
+<p>Merkwürdigerweise war seine Unwissenheit auf
+manchen Gebieten ebenso erstaunlich, als seine Kenntnisse
+in anderen Fächern. Von Astronomie und
+Philosophie z.&#8239;B. wußte er so viel wie gar nichts.
+Mußte es mir schon auffallen, als er sagte, er habe
+noch nie etwas von Thomas Carlyle gelesen, so
+erreichte meine Verwunderung doch den Gipfelpunkt,
+als sich zufällig herausstellte, daß er sich über unser
+Sonnensystem ganz falsche Vorstellungen machte.
+Wie in unserem neunzehnten Jahrhundert irgend
+ein zivilisiertes menschliches Wesen darüber im unklaren
+sein kann, daß die Erde sich um die Sonne
+dreht, war mir völlig unbegreiflich.</p>
+
+<p>„Setzt Sie das in Erstaunen?“ fragte er lächelnd.
+„Nun Sie es mir gesagt haben, werde ich suchen, es
+so schnell wie möglich wieder zu vergessen.“</p>
+
+<p>„Es zu vergessen?!“</p>
+
+<p>„Ja. — Sehen Sie, meiner Ansicht nach gleicht
+ein Menschenhirn ursprünglich einer leeren Dachkammer,
+die man nach eigener Wahl mit Möbeln
+<span class="pagenum" id="Page_26">[S. 26]</span>und Geräten ausstatten kann. Nur ein Thor füllt
+sie mit allerlei Gerümpel an, wie es ihm gerade in
+den Weg kommt und versperrt sich damit den Raum,
+welchen er für die Dinge braucht, die ihm nützlich
+sind. Ein Verständiger giebt wohl acht, was er in
+seine Hirnkammer einschachtelt. Er beschränkt sich
+auf die Werkzeuge, deren er bei der Arbeit bedarf,
+aber von diesen schafft er sich eine große Auswahl
+an und hält sie in bester Ordnung. Es ist ein
+Irrtum, wenn man denkt, die kleine Kammer habe
+dehnbare Wände und könne sich nach Belieben ausweiten.
+Glauben Sie mir, es kommt eine Zeit, da
+wir für alles Neuhinzugelernte etwas von dem vergessen,
+was wir früher gewußt haben. Daher ist es von
+höchster Wichtigkeit, daß unsere nützlichen Kenntnisse
+nicht durch unnützen Ballast verdrängt werden.“</p>
+
+<p>„Aber das Sonnensystem —“ warf ich ein.</p>
+
+<p>„Was zum Kuckuck kümmert mich das?“ unterbrach
+er mich ungeduldig. „Sie sagen, die Erde
+dreht sich um die Sonne. Wenn sie sich um den
+Mond drehte, so würde das für meine Zwecke nicht
+den geringsten Unterschied machen.“</p>
+
+<p>Mir schwebte schon die Frage auf der Zunge, was
+denn eigentlich seine Zwecke wären, doch behielt ich
+sie für mich, um ihn nicht zu verdrießen. Unser
+Gespräch gab mir indessen viel zu denken, und ich
+<span class="pagenum" id="Page_27">[S. 27]</span>begann meine Schlüsse daraus zu ziehen. Wenn er
+sich nur Kenntnisse aneignete, die ihm für seine
+Arbeit Nutzen brachten, so mußte man ja aus den
+Zweigen des Wissens, mit denen er am vertrautesten
+war, auf den Beruf schließen können, dem er sich
+gewidmet hatte. Ich zählte mir nun alles auf, was
+er mit besonderer Gründlichkeit studierte, ja, ich
+machte mir ein Verzeichnis von den einzelnen
+Fächern. Lächelnd überlas ich das Schriftstück noch
+einmal, es lautete:</p>
+
+<p class="s4 center mtop1"><em class="gesperrt">Geistiger Horizont und Kenntnisse
+von Sherlock Holmes</em>.</p>
+
+<ol class="kenntnisse_holmes">
+ <li>Litteratur — Mit Unterschied.</li>
+ <li>Philosophie — Null.</li>
+ <li>Astronomie — Null.</li>
+ <li>Politik — Schwach.</li>
+ <li>Botanik — Mit Unterschied. Wohl bewandert in allen vegetabilischen
+ Giften, Belladonna, Opium u.&#8239;drgl. Eigentliche Pflanzenkunde — Null.</li>
+ <li>Geologie — Viel praktische Erfahrung, aber nur auf beschränktem Gebiet.
+ Er unterscheidet sämtliche Erdarten auf den ersten Blick. Von Ausgängen
+ zurückgekehrt, weiß er nach Stoff und Farbe der Schmutzflecke auf seinen
+ bespritzten Beinkleidern die Stadtgegend von London anzugeben, aus welcher
+ die Flecken stammen.</li>
+ <li>Chemie — Sehr gründlich.</li>
+ <li>Anatomie — Genau, aber unmethodisch.</li>
+ <li>Kriminalstatistik — Erstaunlich umfassend. Er scheint alle
+ Einzelheiten jeder Greuelthat, die in unserem Jahrhundert verübt worden
+ ist, zu kennen.</li>
+ <li>Ist ein guter Violinspieler.</li>
+ <li>Ein gewandter Boxer und Fechter.</li>
+ <li>Ein gründlicher Kenner der britischen Gesetze.</li>
+</ol>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_28">[S. 28]</span></p>
+
+<p>Weiter las ich nicht; ich zerriß meine Liste und
+warf sie ärgerlich ins Feuer. „Wie kann der Mensch
+behaupten, daß es einen Beruf giebt, in dem sich
+alle diese verschiedenartigen Kenntnisse verwerten
+und unter einen Hut bringen lassen,“ rief ich. „Es
+ist vergebliche Mühe, dies Rätsel lösen zu wollen.“</p>
+
+<p>Holmes’ Fertigkeit auf der Violine war groß, aber
+ganz eigener Art, wie alles bei diesem ungewöhnlichen
+Menschen. Gelegentlich spielte er mir wohl
+des Abends von meinen Lieblingsstücken vor, was
+ich verlangte; war er aber sich selbst überlassen, so
+ließ er selten eine bekannte Melodie hören. Er
+lehnte sich dann in den Armstuhl zurück, schloß die
+Augen und fuhr mechanisch mit dem Bogen über
+das Instrument, welches auf seinen Knieen lag. Die
+Töne, die er dann den Saiten entlockte, waren stets
+der Ausdruck seiner augenblicklichen Empfindung,
+bald leise und klagend, bald heiter, bald schwärmerisch.
+Ob er dabei nur den wechselnden Launen
+seiner Einbildung folgte oder durch die Musik die
+Gedanken, welche ihn gerade beschäftigten, besser in
+Fluß bringen wollte, vermochte ich nicht zu sagen.
+Ich hätte sicherlich gegen seine herzzerreißenden Solovorträge
+Einspruch erhoben, allein, um mich einigermaßen
+für die Geduldsprobe zu entschädigen, die
+er mir auferlegte, endigte er gewöhnlich damit, daß
+<span class="pagenum" id="Page_29">[S. 29]</span>er rasch hintereinander eine ganze Reihe meiner Lieblingsmelodien
+spielte und das versöhnte mich wieder.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe35" id="illus_0029">
+ <img class="w100" src="images/illus_0029.jpg" alt="Sherlock Holmes sitzt in
+ Gedanken versunken in seinem Sessel und spielt Violine">
+</figure>
+
+<p>In der ersten Woche bekamen wir keinen Besuch,
+und ich fing schon an zu glauben, mein Gefährte stehe
+ebenso allein in der Welt, wie ich selber. Bald stellte
+sich jedoch heraus, daß er viele Bekannte hatte und
+zwar in allen Schichten der Gesellschaft. Der kleine
+Mensch mit dem blaßgelben Gesicht, der einer Ratte
+ähnelte und mir als Herr Lestrade vorgestellt wurde,
+<span class="pagenum" id="Page_30">[S. 30]</span>kam im Lauf von acht Tagen mindestens drei- oder
+viermal. Eines Morgens erschien ein elegant gekleidetes
+junges Mädchen, das über eine halbe
+Stunde dablieb. Am Nachmittag desselben Tages
+fand sich ein schäbiger Graubart ein, der wie ein
+jüdischer Hausierer aussah und hinter dem ein häßliches,
+altes Weib hereinschlürfte. Bei einer späteren
+Gelegenheit hatte ein ehrwürdiger Greis eine längere
+Unterredung mit Holmes und dann wieder ein Eisenbahnbeamter
+in Uniform. Jedesmal, wenn sich einer
+dieser merkwürdigen Besucher einstellte, bat mich
+Holmes, ihm das Wohnzimmer zu überlassen, und
+ich zog mich in meine Schlafstube zurück. Er entschuldigte
+sich vielmals, daß er mir diese Unbequemlichkeit
+auferlege. „Ich muß das Zimmer als Geschäftslokal
+benützen, die Leute sind meine Klienten.“</p>
+
+<p>Auch diese Gelegenheit, mir Aufschluß über sein
+Thun zu verschaffen, ließ ich aus Zartgefühl ungenützt
+vorübergehen. Mir widerstand es, ein Vertrauen
+zu erzwingen, das er mir nicht von selbst entgegenbrachte,
+und schließlich bildete ich mir ein, er
+habe einen bestimmten Grund, mir sein Geschäft zu
+verheimlichen. Daß ich mich hierin getäuscht hatte,
+sollte ich indessen bald erfahren.</p>
+
+<p>Am vierten März — der Tag ist mir im Gedächtnis
+geblieben — war ich früher als gewöhnlich
+<span class="pagenum" id="Page_31">[S. 31]</span>aufgestanden und fand Sherlock Holmes beim Frühstück.
+Mein Kaffee war noch nicht fertig, und ärgerlich,
+daß ich warten mußte, nahm ich ein Journal
+vom Tisch, um mir die Zeit zu vertreiben, während
+mein Gefährte schweigend seine gerösteten Brotschnitten
+verzehrte.</p>
+
+<p>Mein Blick fiel zuerst auf einen Artikel, der mit
+Blaustift angestrichen und ‚Das Buch des Lebens‘
+betitelt war. Der Verfasser versuchte darin auseinanderzusetzen,
+daß es für einen aufmerksamen
+Beobachter von Menschen und Dingen im alltäglichen
+Leben unendlich viel zu lernen gäbe, wenn er
+sich nur gewöhnen wollte, alles, was ihm in den Weg
+käme, genau und eingehend zu prüfen. Die Beweisführung
+war kurz und bündig, aber die Schlußfolgerungen
+schienen mir weit hergeholt und ungereimt,
+das Ganze eine Mischung von scharfsinnigen
+und abgeschmackten Behauptungen. Ein Mensch, der
+zu beobachten und zu analysieren verstand, mußte
+danach befähigt sein, die innersten Gedanken eines
+jeden zu lesen und zwar mit solcher Sicherheit,
+daß es dem Uneingeweihten förmlich wie Zauberei
+vorkam.</p>
+
+<p>„Das Leben ist eine große, gegliederte Kette
+von Ursachen und Wirkungen,“ hieß es weiter; „an
+einem einzigen Gliede läßt sich das Wesen des
+<span class="pagenum" id="Page_32">[S. 32]</span>Ganzen erkennen. Wie jede andere Wissenschaft, so
+fordert auch das Studium der Deduktion und Analyse
+viel Ausdauer und Geduld; ein kurzes Menschendasein
+genügt nicht, um es darin zur höchsten Vollkommenheit
+zu bringen. Der Anfänger wird
+immer gut thun, ehe er sich an die Lösung hoher
+geistiger und sittlicher Probleme wagt, welche die
+größten Schwierigkeiten bieten, sich auf einfachere
+Aufgaben zu beschränken. Zur Uebung möge er zum
+Beispiel bei der flüchtigen Begegnung mit einem Unbekannten
+den Versuch machen, auf den ersten Blick
+die Lebensgeschichte und Berufsart des Menschen zu
+bestimmen. Das schärft die Beobachtungsgabe und
+man lernt dabei richtig sehen und unterscheiden. An
+den Fingernägeln, dem Rockärmel, den Manschetten,
+den Stiefeln, den Hosenknieen, der Hornhaut an
+Daumen und Zeigefinger, dem Gesichtsausdruck und
+vielem andern, läßt sich die tägliche Beschäftigung
+eines Menschen deutlich erkennen. Daß ein urteilsfähiger
+Forscher, der die verschiedenen Anzeichen zu
+vereinigen weiß, nicht zu einem richtigen Schluß gelangen
+sollte, ist einfach undenkbar.“</p>
+
+<p>„Was für ein thörichtes Gewäsch,“ rief ich, und
+warf das Journal auf den Tisch; „meiner Lebtag ist
+mir dergleichen nicht vorgekommen.“</p>
+
+<p>Sherlock Holmes sah mich fragend an.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_33">[S. 33]</span></p>
+
+<p>„Sie haben den Artikel angestrichen,“ fuhr ich
+fort, „und müssen ihn also gelesen haben. Daß er
+geschickt abgefaßt ist, will ich nicht bestreiten. Mich
+ärgern aber solche widersinnige Theorien, die daheim
+im Lehnstuhl aufgestellt werden und dann an
+der Wirklichkeit elend scheitern. Der Herr Verfasser
+sollte nur einmal in einem Eisenbahnwagen
+dritter Klasse fahren und probieren, das Geschäft
+eines jeden seiner Mitreisenden an den Fingern
+herzuzählen. Ich wette tausend gegen eins, er wäre
+dazu nicht imstande.“</p>
+
+<p>„Sie würden Ihr Geld verlieren,“ erwiderte
+Holmes ruhig. „Was übrigens den Artikel betrifft,
+so ist er von mir.“</p>
+
+<p>„Von Ihnen?“</p>
+
+<p>„Ja; ich habe ein besonderes Talent zur Beobachtung
+und Schlußfolgerung. Die Theorien, welche
+ich hier auseinandersetze und die Ihnen so ungereimt
+erscheinen, finden in der Praxis ihre volle Bestätigung,
+ja, was noch mehr ist — ich verdiene mir
+damit mein tägliches Brot.“</p>
+
+<p>„Wie ist das möglich?“ fragte ich unwillkürlich.</p>
+
+<p>„Mein Handwerk beruht darauf. Ich bin beratender
+Geheimpolizist — wenn Sie verstehen, was
+das heißt — vielleicht bin ich der einzige meiner
+Art. Es giebt hier in London Detektivs die Menge,
+<span class="pagenum" id="Page_34">[S. 34]</span>welche teils im Dienst der Regierung stehen, teils
+von Privatpersonen gebraucht werden. Wenn diese
+Herren nicht mehr aus noch ein wissen, kommen sie
+zu mir, und ich helfe ihnen auf die richtige Fährte.
+Sie bringen mir das ganze Beweismaterial, und ich
+bin meist imstande, ihnen mit Hilfe meiner Kenntnis
+der Geschichte des Verbrechens den rechten Weg
+zu weisen. Die Missethaten der Menschen haben
+im allgemeinen eine starke Familienähnlichkeit unter
+einander und wenn man alle Einzelheiten von
+tausend Verbrechen im Kopfe hat, so müßte es
+wunderbar zugehen, vermöchte man das tausend und
+erste nicht zu enträtseln. Lestrade ist ein bekannter
+Detektiv. Er hat sich kürzlich mit einer Falschmünzergeschichte
+herumgequält und mich deshalb so
+häufig aufgesucht.“</p>
+
+<p>„Und die andern Leute?“</p>
+
+<p>„Sie kamen meist auf Veranlassung von Privatagenten.
+Jeder von ihnen hat irgend eine Sorge
+auf dem Herzen und holt sich Rat bei mir. Sie erzählen
+mir ihre Geschichte und hören auf meine erklärenden
+Bemerkungen und dann streiche ich mein
+Honorar ein.“</p>
+
+<p>„Können Sie wirklich, während Sie ruhig auf
+Ihrem Zimmer bleiben, die verwickelten Knoten
+lösen, welche die andern nicht zu entwirren vermögen,
+<span class="pagenum" id="Page_35">[S. 35]</span>selbst, wenn sie mit eigenen Augen gesehen
+haben, wo sich alles zugetragen hat?“</p>
+
+<p>„Das habe ich oft gethan; es ist bei mir eine Art
+innerer Eingebung. Liegt ein besonders schwieriger
+Fall vor, so besehe ich mir den Schauplatz der That
+wohl auch einmal selbst. Ich habe so mancherlei
+Kenntnisse, die mir die Arbeit wesentlich erleichtern.
+Meine große Uebung in der Schlußfolgerung, wie
+sie jener Artikel darlegt, ist für mich zum Beispiel
+von hohem praktischem Wert. Mir ist die Beobachtung
+zur zweiten Natur geworden. Als ich Ihnen
+bei unserer ersten Begegnung sagte, Sie kämen aus
+Afghanistan, schienen Sie sich darüber zu verwundern.“</p>
+
+<p>„Irgend jemand muß es Ihnen gesagt haben.“</p>
+
+<p>„Bewahre; ich wußte es ganz von selbst. Da
+mein Gedankengang meist sehr schnell ist, kommen
+mir die Schlüsse in ihrer Reihenfolge kaum zum Bewußtsein.
+Und doch steht alles in logischem Zusammenhang.
+Ich folgerte etwa so: Der Herr sieht
+aus wie ein Mediziner und hat dabei eine soldatische
+Haltung. Er muß Militärarzt sein. Die dunkle
+Gesichtsfarbe hat er nicht von Natur, denn am Handgelenk
+ist seine Haut weiß, also kommt er geradeswegs
+aus den Tropen. Daß er allerlei Beschwerden durchgemacht
+hat, zeigen seine abgezehrten Wangen; sein
+<span class="pagenum" id="Page_36">[S. 36]</span>linker Arm muß verwundet gewesen sein, er hält
+ihn unnatürlich steif. In welcher Gegend der Tropen
+kann ein englischer Militärarzt sich Wunden und
+Krankheit geholt haben? — Versteht sich in
+Afghanistan. — In weniger als einer Sekunde
+war ich zu dem Schluß gelangt, der Sie in Erstaunen
+setzte.“</p>
+
+<p>„Wie Sie die Sache erklären, scheint sie sehr
+einfach. In Büchern liest man wohl von solchen
+Dingen, aber daß sie in Wirklichkeit vorkämen, hätte
+ich nicht gedacht.“</p>
+
+<p>„Wenn es nur noch Verbrechen gäbe, zu deren
+Entdeckung man besonderen Scharfsinn braucht,“
+fuhr Holmes mißmutig fort. „Ich weiß, es fehlt
+mir nicht an Begabung, um meinen Namen berühmt
+zu machen. Kein Mensch auf Erden hat jemals so
+viel natürliche Anlage für mein Fach besessen oder
+ein so tiefes Studium darauf verwendet. Aber was
+nützt mir das alles? Die Missethäter sind sämtlich
+solche Stümper und ihre Zwecke so durchsichtig, daß
+der gewöhnliche Polizeibeamte sie mit Leichtigkeit
+zu ergründen vermag.“</p>
+
+<p>Es verdroß mich, ihn mit solcher Selbstüberschätzung
+reden zu hören. Um der Unterhaltung
+eine andere Wendung zu geben, trat ich ans Fenster.</p>
+
+<p>„Was mag wohl der Mann da drüben suchen?“
+<span class="pagenum" id="Page_37">[S. 37]</span>fragte ich, auf einen einfach gekleideten, stämmigen
+Menschen deutend, welcher sämtliche Häusernummern
+auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu
+mustern schien. Er hielt einen großen, blauen Umschlag
+in der Hand und hatte offenbar eine Botschaft
+auszurichten.</p>
+
+<p>„Sie meinen den verabschiedeten Marinesergeanten?“
+fragte Sherlock Holmes.</p>
+
+<p>Ich machte große Augen. „Er hat gut mit seiner
+Weisheit prahlen,“ dachte ich bei mir; „wer will
+ihm denn beweisen, daß er falsch geraten hat?“</p>
+
+<p>In dem Augenblick hatte der Mann, den wir
+beobachteten, unsere Nummer erblickt, und kam rasch
+quer über die Straße gegangen. Gleich darauf
+klopfte es laut an der Haustüre unten, man vernahm
+eine tiefe Stimme und dann schwere Schritte
+auf der Treppe.</p>
+
+<p>Der Mann trat ein.</p>
+
+<p>„Für Herrn Sherlock Holmes,“ sagte er, meinem
+Gefährten den Brief einhändigend.</p>
+
+<p>Ich ergriff die günstige Gelegenheit, um Holmes
+von seiner Einbildung zu heilen. An <em class="gesperrt">die</em> Möglichkeit
+hatte er wohl nicht gedacht, als er den raschen
+Schuß ins Blaue that. „Darf ich Sie wohl fragen,
+was Sie für ein Geschäft betreiben?“ redete ich den
+Boten freundlich an.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_38">[S. 38]</span></p>
+
+<p>„Dienstmann,“ lautete die kurze Antwort.
+„Uniform gerade beim Schneider zum Ausbessern.“</p>
+
+<p>„Und früher waren Sie —“ fuhr ich mit einem
+schlauen Blick auf Holmes fort.</p>
+
+<p>„Sergeant bei der leichten Infanterie der königlichen
+Marine. — Keine Rückantwort? — Sehr
+wohl. Zu Befehl.“</p>
+
+<p>Er schlug die Fersen aneinander, erhob die
+Hand zum militärischen Gruß und fort war er.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe25" id="illus_0038">
+ <img class="w100" src="images/illus_0038.jpg" alt="Der Dienstmann übergibt
+ einen Brief und salutiert dabei">
+</figure>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_39">[S. 39]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1_5" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.<br>
+<b class="s4">Brixtonstraße Nummer drei.</b></h3>
+
+</div>
+
+<p>Dieses neue Beispiel von der praktischen Anwendbarkeit
+der Theorien meines Freundes überraschte
+mich höchlich und flößte mir großen Respekt vor
+seiner Beobachtungsgabe ein. Zwar wollte mich
+ein leiser Argwohn beschleichen, ob die Sache nicht
+doch am Ende ein zwischen den beiden abgekartetes
+Spiel sei, aber welchen möglichen Zweck hätte das
+haben können? — Als ich mich nach Holmes umwandte,
+hatte er eben den Brief durchgelesen und
+starrte mit ausdruckslosem Blick, wie geistesabwesend,
+vor sich hin.</p>
+
+<p>„Wie in aller Welt haben Sie denn das wieder
+erraten?“ fragte ich.</p>
+
+<p>„Erraten — was?“ rief er gereizt auffahrend.</p>
+
+<p>„Nun, daß der Mann ein abgedankter Marinesergeant war.“</p>
+
+<p>„Jetzt ist keine Zeit zu Spielereien,“ stieß er in
+rauhem Ton hervor, fuhr aber gleich darauf lächelnd
+fort: „Entschuldigen Sie meine Grobheit, Sie
+haben meinen Gedankengang unterbrochen; doch, das
+<span class="pagenum" id="Page_40">[S. 40]</span>schadet vielleicht nichts. — Also Sie haben wirklich
+nicht sehen können, daß der Mann Sergeant in der
+Marine gewesen ist?“</p>
+
+<p>„Wie sollte ich?“</p>
+
+<p>„Es scheint mir doch sehr einfach. Freilich ist
+es nicht leicht zu erklären, wie ich zur Kenntnis
+solcher Thatsachen komme. Daß zweimal zwei vier
+ist, leuchtet jedem ein, forderte man Sie aber auf,
+es zu beweisen, so würden Sie es schwierig finden.
+Schon über die Straße hatte ich den blauen tätowierten
+Anker auf der Hand des Mannes gesehen
+und die See gewittert; zudem bemerkte ich seine
+militärische Haltung und das verriet mir den Marinesoldaten.
+Er trug den Kopf hoch und schwang seinen
+Stock mit Selbstbewußtsein und einer gewissen Befehlshabermiene;
+dabei trat er fest und würdevoll
+auf und war ein Mann in mittleren Jahren —
+natürlich mußte er Sergeant gewesen sein.“</p>
+
+<p>„Wunderbar!“ rief ich.</p>
+
+<p>„Höchst alltäglich,“ versetzte Holmes, doch sah ich
+ihm am Gesicht an, daß er sich geschmeichelt fühlte.
+„Eben noch behauptete ich,“ fuhr er fort, „es gäbe
+keine geheimnisvollen Verbrechen mehr zu enträtseln.
+Das scheint ein Irrtum gewesen zu sein —
+hiernach zu urteilen.“ Er schob mir den Brief hin,
+welchen der Dienstmann gebracht hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_41">[S. 41]</span></p>
+
+<p>„Wie schrecklich,“ rief ich, ihn überfliegend.</p>
+
+<p>„Es klingt allerdings etwas ungewöhnlich;
+wären Sie so gut, mir den Brief noch einmal vorzulesen?“</p>
+
+<p>Der Brief lautete wie folgt:</p>
+
+<blockquote>
+
+<p class="mleft2 mbot1">„<em class="gesperrt">Lieber Herr Holmes!</em></p>
+
+<p>Heute nacht hat sich in der Brixtonstraße Nummer
+3 ein schlimmer Fall zugetragen. Unser Posten sah
+dort auf seinem Rundgang gegen zwei Uhr einen Lichtschimmer,
+und da das Haus unbewohnt ist, schöpfte er
+Verdacht. Er fand die Thür offen und in dem unmöblierten
+Vorderzimmer den Leichnam eines gutgekleideten
+Herrn am Boden liegen. Enoch J. Drebber,
+Cleveland, Ohio U.&#8239;S.&#8239;A. stand auf den Visitenkarten,
+die er in seiner Brusttasche trug. Eine Beraubung ist
+nicht erfolgt und die Todesursache noch unermittelt,
+denn es finden sich zwar Blutspuren im Zimmer, aber
+keine Wunde an dem Toten. Wir wissen nicht, wie er
+in das leere Haus gekommen sein kann, und die ganze
+Angelegenheit ist uns ein Rätsel.</p>
+
+<p>Wären Sie geneigt, vor zwölf Uhr den Schauplatz
+zu besichtigen, so finden Sie mich dort. Ich lasse alles
+<span class="antiqua">in statu quo</span> bis zu Ihrer Ankunft. Sind Sie verhindert
+zu kommen, so werde ich Ihnen alle Einzelheiten
+berichten, und Sie thäten mir einen großen Gefallen,
+wenn Sie mir Ihre Ansicht mitteilen wollten.</p>
+
+<p class="right mright2">Ihr ergebener Tobias Gregson.“</p>
+
+</blockquote>
+
+<p>„Gregson ist der schlauste Fuchs in der ganzen
+Polizeimannschaft,“ bemerkte mein Freund. „Er
+und Lestrade sind rasch und thatkräftig, aber durch
+nichts aus dem einmal hergebrachten Geleise zu
+<span class="pagenum" id="Page_42">[S. 42]</span>bringen; dabei sind sie einander fortwährend in
+den Haaren und sind eifersüchtig wie zwei gefeierte
+Ballschönheiten. Wenn sie etwa beide auf dieselbe
+Fährte kommen, giebt es einen Hauptspaß.“</p>
+
+<p>Die behagliche Ruhe, mit der er sprach, schien
+mir unbegreiflich. „Es ist doch sicherlich kein Augenblick
+zu verlieren,“ rief ich; „soll ich Ihnen eine
+Droschke holen?“</p>
+
+<p>„Noch weiß ich gar nicht, ob ich hingehen werde.
+Ich habe gerade einen Anfall von Trägheit und dann
+bin ich der faulste Kerl unter der Sonne; ein andermal
+kann ich freilich flink genug bei der Hand sein.“</p>
+
+<p>„Aber dies ist doch gerade ein Fall, wie Sie ihn
+sich gewünscht haben.“</p>
+
+<p>„Jawohl; aber was kommt schließlich dabei
+heraus, liebster Freund? Gelänge es mir auch, den
+Knoten zu lösen, so würden doch Gregson, Lestrade
+und Co. sich alles auf ihr Konto schreiben. Das hat
+man davon, wenn man kein Angestellter ist.“</p>
+
+<p>„Aber er bittet ja um Ihre Hilfe.“</p>
+
+<p>„Ja, er weiß, daß ich mehr verstehe als er, und
+giebt das mir gegenüber auch zu; doch würde er
+sich lieber die Zunge abbeißen, als vor einem Dritten
+meine Ueberlegenheit anzuerkennen. Wir wollen uns
+die Sache indessen doch ansehen. Ich übernehme sie
+vielleicht auf eigene Faust. Dann kann ich die beiden
+<span class="pagenum" id="Page_43">[S. 43]</span>wenigstens auslachen, wenn ich auch sonst nichts
+davon habe. Also vorwärts!“</p>
+
+<p>Er fuhr rasch in seinen Ueberzieher und ging so
+geschäftig hin und her, daß ich wohl sah, die gleichgültige
+Stimmung war bei ihm vorüber und seine
+volle Thatkraft zurückgekehrt.</p>
+
+<p>„Wo ist Ihr Hut?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Wünschen Sie denn, daß ich mitkomme?“</p>
+
+<p>„Ja, wenn Sie nichts Besseres vorhaben.“</p>
+
+<p>Schon im nächsten Augenblick saßen wir in einer
+Droschke und fuhren mit Windeseile nach der Brixtonstraße.</p>
+
+<p>Es war ein bewölkter, nebliger Morgen, alle
+Häuser lagen in einen Schleier gehüllt, von derselben
+grauen Schmutzfarbe wie die Straßen. Jetzt
+ließ die Laune meines Gefährten nichts mehr zu
+wünschen übrig; er sprach mit großer Zungengeläufigkeit
+über Cremoneser Geigen und den Unterschied
+zwischen einer Amati und einer Stradivarius.
+Ich verhielt mich ziemlich still; das trübe Wetter
+und das traurige Geschäft, welches wir vorhatten,
+drückten auf mein Gemüt.</p>
+
+<p>„Es scheint, daß Sie sich in Ihren Gedanken
+gar nicht mit der Sache beschäftigen, um die es sich
+handelt,“ unterbrach ich Holmes endlich in seinen
+musikalischen Auseinandersetzungen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_44">[S. 44]</span></p>
+
+<p>„Noch fehlen mir alle Einzelheiten,“ erwiderte
+er; „es ist ein großer Irrtum, sich eine Theorie zu
+bilden, ehe man sämtliches Beweismaterial in Händen
+hat; das beeinflußt das Urteil.“</p>
+
+<p>„Sie werden bald genug Gelegenheit bekommen,
+Ihre Beobachtungen anzustellen,“ sagte ich; „hier
+sind wir schon in der Brixtonstraße und das dort
+muß das Haus sein, wenn ich nicht sehr irre.“</p>
+
+<p>„Kein Zweifel. — Halt, Kutscher, halt! —“
+Wir waren noch eine ziemliche Strecke entfernt, doch
+bestand er darauf, daß wir ausstiegen und das letzte
+Ende zu Fuß zurücklegten.</p>
+
+<p>Das Haus Nummer 3 machte einen düstern,
+unheimlichen Eindruck. Es gehörte zu einer Gruppe
+von vier Gebäuden, die etwas abseits von der Straße
+lagen; zwei waren bewohnt, zwei standen leer. An
+den trüben Fensterscheiben der letzteren fielen nur
+hier und da die angeklebten Zettel in die Augen, auf
+denen ‚Zu vermieten‘ stand. Jedes der Häuser
+hatte ein kleines Vorgärtchen, mit wenigen kränklichen
+Pflanzen auf den Beeten; mitten hindurch
+führte ein schmaler mit Kies bestreuter Pfad von
+gelblichem Lehm, der durch die Regengüsse der vergangenen
+Nacht völlig aufgeweicht worden war. Eine
+drei Fuß hohe Backsteinmauer, die ein hölzernes
+Gitter trug, bildete die Einfassung des Gartens.
+<span class="pagenum" id="Page_45">[S. 45]</span>Am Gitterthor lehnte ein handfester Polizist, von
+einer Schar Neugieriger umringt, die ihre Hälse
+reckten und sich vergeblich abmühten, zu sehen, was
+drinnen im Hause vorging.</p>
+
+<p>Ich hatte erwartet, Sherlock Holmes würde sich
+sofort hineinbegeben, um seine Untersuchungen zu
+beginnen. Nichts schien ihm jedoch ferner zu liegen.
+Mit einer Gelassenheit, welche mir unter den obwaltenden
+Umständen unnatürlich erschien, schlenderte
+er vor dem Hause auf und ab, den Blick bald
+auf den Boden gerichtet, bald in die Luft, bald
+wieder nach dem Gitterzaun oder den gegenüberliegenden
+Häusern. Nach einer Weile betrat er den
+Kiesweg, das heißt, er ging auf dem Grasstreifen
+neben dem Pfad, die Augen forschend zur Erde gesenkt.
+Zweimal blieb er lächelnd stehen und ein
+Ausruf der Befriedigung entfuhr ihm. Es waren
+zwar viele Fußspuren in dem nassen Lehmboden eingedrückt,
+sie konnten jedoch von den Polizisten herrühren,
+die gekommen und wieder gegangen waren.
+Wie mein Gefährte hoffen konnte, da noch etwas
+Wesentliches zu entdecken, begriff ich nicht; allein
+nach den Proben seiner Beobachtungskunst, die ich
+schon von ihm erhalten hatte, mußte ich mir sagen,
+daß er ohne Zweifel vieles sah, was mir gänzlich
+verborgen blieb.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_46">[S. 46]</span></p>
+
+<p>An der Hausthüre kam uns ein großer, blasser,
+flachshaariger Mann mit einem Notizbuch entgegen.
+Er eilte auf Holmes zu und schüttelte ihm mit
+großer Wärme die Hand. „Sehr freundlich von
+Ihnen, daß Sie kommen,“ sagte er, „alles ist noch
+ganz unberührt geblieben.“</p>
+
+<p>„Nur nicht der Fußweg,“ erwiderte mein
+Freund. „Wäre eine Büffelherde drübergelaufen,
+sie hätte ihn kaum mehr zertrampeln können. Natürlich
+haben Sie erst genaue Beobachtungen angestellt,
+Gregson, bevor Sie das zuließen.“</p>
+
+<p>„Ich hatte drinnen im Haus zu viel zu thun,“
+sagte der Detektiv ausweichend. „Mein Kollege
+Lestrade ist hier; ich dachte, er würde sich darum
+kümmern.“</p>
+
+<p>Holmes zog die Augenbrauen spöttisch in die
+Höhe und sah mich an. „Wo zwei Männer wie Sie
+und Lestrade an Ort und Stelle sind, hat ein Dritter
+nicht mehr viel zu suchen,“ bemerkte er.</p>
+
+<p>Gregson schmunzelte selbstgefällig, und rieb sich
+die Hände. „Wir haben gethan, was wir konnten;
+aber es ist ein wunderlicher Fall — ich kenne ja
+Ihre Vorliebe für dergleichen.“</p>
+
+<p>„Sind Sie in einer Droschke hergekommen?“</p>
+
+<p>„Nein, ich nicht.“</p>
+
+<p>„Aber Lestrade?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_47">[S. 47]</span></p>
+
+<p>„Der kam auch zu Fuß.“</p>
+
+<p>„So? — Dann können wir wohl das Zimmer
+besehen.“</p>
+
+<p>Wie das zusammenhing, war mir nicht recht
+ersichtlich, auch Gregson machte ein verwundertes
+Gesicht, während er Holmes in das Haus folgte.</p>
+
+<p>Ein sehr staubiger, gedielter Korridor führte
+nach Küche und Speisekammer, rechts und links
+befanden sich noch zwei Thüren. Die eine mochte
+wohl wochenlang nicht geöffnet worden sein, die
+andere führte in das Zimmer, wo die geheimnisvolle
+Missethat verübt worden war. Holmes trat
+dort ein, und ich begleitete ihn, von unheimlichen Gefühlen
+ergriffen, wie sie die Gegenwart des Todes
+uns einzuflößen pflegt. Das große, viereckige Gemach
+sah noch geräumiger aus, weil keine Möbel
+darin standen. Die grelle Tapete an den Wänden
+war hie und da mit Schimmel überzogen, an einigen
+Stellen hing sie in Fetzen herunter, so daß der helle
+Kalkbewurf zum Vorschein kam. Der Thüre gegenüber
+befand sich ein großer, offener Kamin mit
+einem Gesims, an dessen einer Ecke ein rotes Wachslichtstümpchen
+klebte. Das einzige Fenster, welches
+den Raum erhellte, war mit einer Schmutzkruste
+überzogen, die nur ein mattes, ungewisses Licht
+hindurchließ. Die düstere, graue Beleuchtung paßte
+<span class="pagenum" id="Page_48">[S. 48]</span>so recht zu der dicken Staubschicht, welche auf der
+Zimmerdiele lagerte.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe34" id="illus_0048">
+ <img class="w100" src="images/illus_0048.jpg" alt="Ein Toter liegt auf dem
+ Boden, während Holmes und Watson zur Tür hereinkommen">
+</figure>
+
+<p>Alle diese Einzelheiten fielen mir jedoch erst
+später auf. Anfangs richtete ich mein ganzes
+Augenmerk auf die leblose Gestalt, welche ausgestreckt
+am Boden lag, den stieren Blick nach der Decke gerichtet.
+Es war ein mittelgroßer Mann von etwa
+vierundvierzig Jahren, breitschulterig, mit krausem,
+<span class="pagenum" id="Page_49">[S. 49]</span>schwarzem Haar und kurzem Stoppelbart. Sein
+Anzug bestand aus Rock und Weste von schwerem
+Doppeltuch, hellen Beinkleidern und tadellosem Weißzeug.
+Auch gehörte ihm wohl der glatt gebürstete,
+hohe Hut, den ich neben ihm sah. Er hatte die Arme
+weit von sich gestreckt, die Fäuste geballt und die
+Beine fest übereinander geschlagen, wahrscheinlich im
+Todeskampf. In seinen starren Zügen lag ein Ausdruck
+des Entsetzens und eines so grimmigen Hasses,
+wie ich ihn noch nie zuvor in einem Menschenantlitz
+erblickt zu haben glaubte. Dieser bösartige Zug,
+dazu die niedere Stirn, die breite Stumpfnase und
+das vorstehende Kinn, gaben dem Toten ein widerliches,
+tierisches Aussehen, das durch seine gekrümmte,
+unnatürliche Lage noch abschreckender
+wurde. Ich habe den Tod schon in mancher Gestalt
+gesehen, aber nie hat er mir einen so grauenvollen
+Eindruck gemacht, wie in jenem öden Hause der
+Londoner Vorstadt.</p>
+
+<p>Der Geheimpolizist Lestrade hatte uns an der
+Stubenthüre empfangen. „Der Fall wird Aufsehen
+machen,“ sagte er mit Nachdruck; „ich bin wahrhaftig
+kein Neuling mehr, aber etwas Aehnliches habe ich
+noch nie erlebt.“</p>
+
+<p>„Wir suchen vergeblich nach einem Aufschluß,“
+fiel Gregson ein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_50">[S. 50]</span></p>
+
+<p>Sherlock Holmes war neben dem Leichnam
+niedergekniet, den er genau untersuchte.</p>
+
+<p>„Eine Wunde haben Sie also nicht entdeckt?“
+fragte er, auf die zahlreichen Blutspuren am Fußboden
+deutend.</p>
+
+<p>„Nein, es ist keine zu finden,“ versicherten beide.</p>
+
+<p>„So rührt das Blut also von einem andern
+Menschen her, von dem Mörder vermutlich, wenn
+nämlich ein Mord verübt worden ist. Der Fall erinnert
+mich an Van Jansens Tod in Utrecht im Jahre
+1834. Haben Sie den im Gedächtnis, Gregson?“</p>
+
+<p>„Nein, ich weiß nichts davon.“</p>
+
+<p>„Sie sollten die Geschichte nachlesen. Es giebt
+nichts Neues unter der Sonne, alles ist schon dagewesen.“</p>
+
+<p>Während er sprach, fuhren seine geschickten Finger
+bald hierhin, bald dorthin; er drückte, befühlte, betastete
+alle Glieder und zwar mit solcher Schnelligkeit,
+daß ich kaum begriff, wie er die einzelnen Ergebnisse
+seiner Untersuchung aufzufassen vermochte.
+Sein Blick trug dabei denselben geistesabwesenden
+Ausdruck, den ich schon öfter an ihm bemerkt hatte.
+Schließlich roch er an den Lippen des Toten und
+betrachtete die Sohlen seiner feinen Lederstiefel.</p>
+
+<p>„Liegt er noch genau so, wie man ihn gefunden
+hat?“ fragte er.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_51">[S. 51]</span></p>
+
+<p>„Wir haben ihn untersucht, ohne ihn von der
+Stelle zu bewegen.“</p>
+
+<p>„Gut, dann lassen Sie ihn jetzt nur ins
+Leichenhaus schaffen. Es ist nichts Thatsächliches
+mehr zu ermitteln.“</p>
+
+<p>Eine Tragbahre stand schon in Bereitschaft, und
+auf Gregsons Ruf kamen vier seiner Leute herbei.
+Als sie die Leiche aufluden, um sie fortzutragen,
+fiel ein Ring zu Boden und rollte über die Diele.
+Lestrade fuhr wie ein Stoßvogel darauf zu, hob
+ihn auf und betrachtete ihn mit verblüffter Miene.</p>
+
+<p>„Der Trauring einer Frau — wie kommt der
+hierher?“ rief er.</p>
+
+<p>Wir starrten alle nach dem goldenen Reif auf
+seiner flachen Hand; welche Braut mochte den am
+Finger getragen haben?</p>
+
+<p>„Die ohnehin schon verwickelte Angelegenheit
+wird durch diesen Fund noch schwieriger,“ bemerkte
+Gregson.</p>
+
+<p>„Vielleicht vereinfacht er sie auch,“ äußerte
+Holmes bedächtig. „Jedenfalls nützt es nichts, den
+Ring noch länger anzusehen; wir werden nicht klüger
+davon. Haben Sie nichts in den Taschen gefunden?“</p>
+
+<p>„Im Flur liegt alles beisammen!“ erwiderte
+Gregson, „kommen Sie!“ Wir verließen das
+Zimmer. „Hier ist der ganze Inhalt,“ fuhr er fort,
+<span class="pagenum" id="Page_52">[S. 52]</span>auf einen Haufen verschiedener Gegenstände deutend.
+„Eine goldene Uhr No. 97163 von Barrand in
+London, eine kurze Uhrkette von massivem Gold, ein
+goldener Ring mit dem Freimaurerzeichen; ein
+Hundekopf mit Rubinaugen als Vorstecknadel; ein
+Visitenkartentäschchen von russischem Leder, auf den
+Karten steht Enoch J. Drebber aus Cleveland, das
+stimmt mit den Zeichen der Wäsche überein. Kein
+Portemonnaie, aber loses Geld in der Westentasche
+im Betrag von sieben Pfund dreizehn Schilling.
+Eine Taschenausgabe von Boccaccios Decamerone,
+auf dem Titelblatt der Name Joseph Stangerson.
+Zwei Briefe, einer an E. J. Drebber, der andere an
+Joseph Stangerson.“</p>
+
+<p>„Wohin adressiert?“</p>
+
+<p>„An die amerikanische Wechselbank. Beide Briefe
+kommen von der Dampfschiffgesellschaft Guion und
+betreffen die Abfahrt ihres Dampfers von Liverpool.
+Offenbar stand der Unglückliche im Begriff,
+nach New York zurückzukehren.“</p>
+
+<p>„Haben Sie über jenen Stangerson Erkundigungen
+eingezogen?“</p>
+
+<p>„Versteht sich,“ versetzte Gregson; „an sämtliche
+Zeitungen sind Anzeigen geschickt worden; auch ist
+einer meiner Leute nach der Wechselbank gegangen,
+ich erwarte ihn bald zurück.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_53">[S. 53]</span></p>
+
+<p>„Haben Sie in Cleveland angefragt?“</p>
+
+<p>„Ja, die Depesche ist heute früh abgegangen.“</p>
+
+<p>„Was war der Wortlaut?“</p>
+
+<p>„Wir gaben einfach die Umstände an und baten
+um Mittheilung der einschlägigen Thatsachen.“</p>
+
+<p>„Sie haben nicht etwa über einen Punkt, der
+Ihnen besonders wichtig schien, eingehendere Nachricht
+verlangt?“</p>
+
+<p>„Ich habe nach Stangerson gefragt.“</p>
+
+<p>„Weiter nichts? Liegt nicht eine Thatsache vor,
+um die sich der ganze Fall dreht? Wollen Sie nicht
+noch einmal telegraphieren?“</p>
+
+<p>„Meine Depesche enthielt alles Erforderliche,“
+versetzte Gregson in beleidigtem Ton.</p>
+
+<p>Sherlock Holmes lachte in sich hinein und wollte
+eben noch eine Bemerkung machen, als Lestrade, der
+inzwischen im Zimmer geblieben war, zu uns in den
+Flur kam.</p>
+
+<p>„Soeben habe ich eine Entdeckung gemacht,
+Gregson,“ sagte er, sich mit selbstgefälliger Miene
+die Hände reibend. „Hätte ich nicht die Stubenwände
+genau untersucht, wir wären schwerlich darauf
+aufmerksam geworden.“</p>
+
+<p>Die Augen des kleinen Detektivs funkelten vor
+innerem Triumph, daß er seinem Kollegen den Rang
+abgelaufen hatte. „Kommen Sie,“ sagte er, in das
+<span class="pagenum" id="Page_54">[S. 54]</span>Zimmer zurückeilend, das uns weit weniger grausig
+erschien, seit die Leiche fortgeschafft war; „so, jetzt
+treten Sie dorthin.“</p>
+
+<p>Er strich ein Schwefelholz an seiner Stiefelsohle
+an und hielt es gegen die Wand. In einer Ecke
+war die Tapete abgerissen und auf dem hellen Kalkbewurf,
+der darunter zum Vorschein kam, stand mit
+großen, blutroten Buchstaben das Wort</p>
+
+<p class="s4 center sans"><b><span class="antiqua">Rache</span></b></p>
+
+<p class="p0">zu lesen.</p>
+
+<p>„Das hat der Mörder mit seinem eigenen Blut
+geschrieben,“ fuhr Lestrade fort, „hier auf der Diele
+sieht man noch, wo es hinuntergetropft ist. Einen
+besseren Beweis, daß kein Selbstmord vorliegt,
+könnten wir gar nicht haben. Sehen Sie das abgebrannte
+Licht auf dem Kaminsims? Beim Scheine
+desselben ist das Wort in dieser sonst so dunkeln Ecke
+geschrieben worden!“</p>
+
+<p>„Ich habe noch keine Zeit gehabt, mich in dem
+Zimmer umzusehen,“ sagte Holmes, ein Vergrößerungsglas
+und ein Zentimetermaß aus der Tasche
+ziehend. „Sie erlauben mir wohl, das jetzt nachzuholen.“</p>
+
+<figure class="figcenter illowe30" id="illus_0055">
+ <img class="w100" src="images/illus_0055.jpg" alt="Holmes, Watson, Lestrade
+ und Gregson untersuchen den Schriftzug an der Wand">
+</figure>
+
+<p>Geräuschlos ging er in dem Raume hin und her;
+bald stand er still, bald kauerte er am Boden, einmal
+legte er sich sogar mit dem Gesicht platt auf die Diele.
+<span class="pagenum" id="Page_56">[S. 56]</span>Er war so vertieft in seine Beobachtungen, daß er
+unsere Anwesenheit ganz vergessen zu haben schien;
+auch hielt er fortwährend leise Selbstgespräche, dazwischen
+stöhnte er laut oder pfiff wohlgefällig vor
+sich hin und feuerte sich durch ermutigende Ausrufe
+zu neuer Hoffnung an. Er kam mir vor wie ein
+edler Jagdhund, der rückwärts und vorwärts durch
+das Dickicht springt, vor Begierde heult und winselt
+und keine Ruhe findet, bis er die verlorene Fährte
+wieder aufgespürt hat. Wohl zwanzig Minuten lang
+setzte er seine Untersuchungen fort, maß mit der
+größten Genauigkeit die Entfernung zwischen verschiedenen
+Punkten am Boden, die für mein Auge
+ganz unsichtbar waren und dann die Höhe und Breite
+der Wände. Was er damit bezweckte, war mir unerklärlich.
+An einer Stelle las er behutsam ein Häufchen
+grauen Staubes von der Erde auf und verwahrte
+es sorgfältig in einem Briefumschlag. Zuletzt
+richtete er sein Vergrößerungsglas auf das
+rätselhafte Wort an der Wand und betrachtete jeden
+Buchstaben aufs genaueste. Das Ergebnis schien ihn
+zu befriedigen und er steckte das Glas wieder ein.</p>
+
+<p>„Man sagt, das Genie sei nichts als unermüdliche
+Ausdauer,“ bemerkte er lächelnd; „so falsch das
+an und für sich auch ist, auf die Arbeit des Geheimpolizisten
+läßt es sich doch anwenden!“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_57">[S. 57]</span></p>
+
+<p>Gregson und Lestrade waren dem seltsamen Gebahren
+des eifrigen Dilettanten mit neugierigen,
+aber etwas verächtlichen Blicken gefolgt. Sie
+schienen sich nicht klar zu machen, was ich längst
+wußte, daß nämlich Sherlock Holmes, selbst bei seinen
+scheinbar unbedeutendsten Handlungen, stets ein bestimmtes
+Ziel fest im Auge behielt.</p>
+
+<p>„Nun, was halten Sie von dem Fall?“ fragten
+beide jetzt in einem Atem.</p>
+
+<p>„Sie sind auf so gutem Wege, meine Herren,“
+erwiderte Holmes nicht ohne einen leisen Anflug
+von Spott, „da wäre es die größte Anmaßung von
+meiner Seite, wollte ich mich Ihnen zur Hilfe anbieten.
+Den Ruhm, der Ihren Verdiensten gebührt,
+sollen Sie auch allein ernten. Vielleicht kann ich
+Ihnen im weiteren Verlauf Ihrer Forschungen noch
+von Nutzen sein, dann stehe ich gern zu Diensten. Es
+wäre mir übrigens doch erwünscht, wenn ich den Schutzmann
+sprechen könnte, der die Leiche gefunden hat.
+Sagen Sie mir, bitte, wie er heißt und wo er wohnt.“</p>
+
+<p>Lestrade schlug sein Notizbuch auf. „John Rance
+hat jetzt keinen Dienst; Sie werden ihn sicher in seiner
+Wohnung am Kennington Parkthor, Audley Court
+No. 46 finden.“ Holmes notierte sich die Adresse.</p>
+
+<p>„Kommen Sie mit, Doktor,“ rief er mir zu,
+„wir suchen ihn auf.“ Dann verabschiedete er sich von
+<span class="pagenum" id="Page_58">[S. 58]</span>den beiden Geheimpolizisten. „Ich will Sie noch auf
+einiges aufmerksam machen, was Ihnen vielleicht
+einige Mühe ersparen kann,“ sagte er. „Hier ist ein
+Mord begangen worden; der Täter ist sechs Fuß
+groß, im besten Mannesalter, hat verhältnismäßig
+kleine Füße, trug Stiefel mit breiten Spitzen und
+rauchte eine Trichinopolly-Cigarre. Er kam mit
+seinem Opfer in einer Droschke angefahren; von
+den Hufeisen des Pferdes waren drei alt und das
+am linken Vorderfuß neu. Der Mörder hat eine
+rötliche Gesichtsfarbe und ungewöhnlich lange
+Fingernägel an der rechten Hand. — Das sind nur
+ganz unbedeutende Einzelheiten, aber sie könnten
+Ihnen doch einen Anhaltspunkt geben.“</p>
+
+<p>Lestrade und Gregson sahen einander ungläubig
+lächelnd an.</p>
+
+<p>„Wie ist denn der Mann umgebracht worden,
+wenn ein Mord vorliegt?“ fragte ersterer.</p>
+
+<p>„Vergiftet,“ gab Holmes kurz zur Antwort.
+Nach diesem kategorischen Ausspruch entfernte er sich
+rasch, und seine beiden Nebenbuhler blickten ihm mit
+offenem Munde nach.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_59">[S. 59]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1_5" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.<br>
+<b class="s4">Was uns John Rance erzählte.</b></h3>
+
+</div>
+
+<p>Es war ein Uhr, als wir das Haus in der
+Brixtonstraße verließen, um uns sofort auf das
+nächste Telegraphenbureau zu begeben. Holmes
+schickte eine lange Depesche ab, dann fuhren wir zusammen
+nach der Wohnung des Schutzmanns.</p>
+
+<p>„Man muß sich die Zeugenaussagen womöglich
+immer aus erster Hand holen,“ bemerkte er. „Wenn
+mir der Fall auch im allgemeinen ganz klar ist, so
+halte ich es doch für richtig, mich auch von allem
+übrigen so viel als thunlich zu unterrichten.“</p>
+
+<p>„Aber Holmes,“ rief ich in höchster Verwunderung,
+„Sie können doch unmöglich über alle jene
+Einzelheiten zu so unumstößlicher Gewißheit gelangt
+sein, wie Sie uns glauben machen wollen.“</p>
+
+<p>„Jawohl, jeder Zweifel ist ausgeschlossen,“ entgegnete
+er. „Als wir ankamen, war das Erste, was
+mir auffiel, die doppelte Räderspur einer Droschke,
+die bis an das Gitterthor führte. Seit einer Woche
+hatte es vergangene Nacht zum erstenmal geregnet,
+und die tiefen Wagengeleise konnten erst entstanden
+sein, nachdem das Erdreich gehörig aufgeweicht war.
+Auch die Spuren der Pferdehufe waren erkennbar,
+<span class="pagenum" id="Page_60">[S. 60]</span>drei nur undeutlich, die vierte klar ausgeprägt,
+folglich war das Eisen neu. War die Droschke erst
+nach dem Regen am Hause vorgefahren und am
+Morgen nicht mehr da, wie Gregson versichert, so
+hatte sie also die beiden Leute während der Nacht
+dahin befördert.“</p>
+
+<p>„Das klingt sehr einleuchtend,“ sagte ich; „wie
+aber konnten Sie auf das Aeußere des Mannes
+schließen?“</p>
+
+<p>„Die Größe eines Menschen läßt sich in den allermeisten
+Fällen nach seinem Schritt bestimmen. Die
+Berechnung ist schnell gemacht, aber ich will Sie nicht
+mit Zahlen plagen. Ich fand die Schrittweite des
+Mannes sowohl draußen im weichen Erdreich als
+auf der staubigen Stubendiele. Außerdem konnte
+ich noch die Probe anstellen: Wer auf eine Wand
+schreibt, thut dies unwillkürlich in der Höhe seiner
+Augen. Die Schrift aber ist gerade sechs Fuß hoch
+über dem Boden. Sie sehen, es war kinderleicht.“</p>
+
+<p>„Aber sein Alter?“</p>
+
+<p>„Nun, wenn ein Mann ohne Mühe fünftehalb
+Fuß weit ausschreiten kann, ist er schwerlich schon
+sehr altersschwach. So breit war nämlich die Pfütze
+auf dem Gartenweg, über die er weggeschritten ist.
+Die feinen Lederstiefel waren am Rande hingegangen,
+die grobe Fußbekleidung mit den breiten Spitzen
+<span class="pagenum" id="Page_61">[S. 61]</span>aber darüber weggeschritten. Ein Geheimnis ist
+gar nicht dabei; alles beruht auf den Grundsätzen
+der Beobachtung und Schlußfolgerung, die ich in
+meiner Abhandlung auseinandergesetzt habe. —
+Macht Ihnen sonst noch etwas Kopfzerbrechen?“</p>
+
+<p>„Die Fingernägel und die Trichinopolly-Cigarre.“</p>
+
+<p>„Der Mann hatte den langen Nagel seines Zeigefingers
+in Blut getaucht und damit an die Wand geschrieben.
+Die Buchstaben waren wie eingekratzt
+in den Kalkbewurf. Auf der Diele fand ich etwas
+verstreute Asche, die dunkel und flockig aussah und
+nur von einer Trichinopolly-Cigarre herrühren
+konnte. Ueber Cigarrenasche habe ich ganz besondere
+Studien gemacht, ja sogar einen Aufsatz geschrieben;
+ich schmeichle mir, jede Sorte Cigarren- oder Tabaksasche
+auf den ersten Blick zu erkennen. Gerade in
+solcher speziellen Kenntnis zeigt sich der Unterschied
+zwischen dem wahrhaft gebildeten Detektiv und der
+Sorte, zu welcher die Gregson und Lestrade gehören.“</p>
+
+<p>„Aber die rötliche Gesichtsfarbe?“</p>
+
+<p>„Das war eine etwas kühne Folgerung, über die
+ich bei dem jetzigen Stand der Dinge noch keinen
+Aufschluß geben kann, obgleich ich überzeugt bin, daß
+ich recht habe.“</p>
+
+<p>Ich faßte mir unwillkürlich mit der Hand an die
+<span class="pagenum" id="Page_62">[S. 62]</span>Stirn. „Es schwirrt mir förmlich im Kopfe,“ rief
+ich, „je mehr ich über die Angelegenheit nachdenke,
+um so rätselhafter erscheint sie mir. Wie kamen die
+beiden Männer — wenn es ihrer zwei waren — in
+das leere Haus? Was ist aus dem Kutscher geworden,
+der sie gefahren hat? Wie konnte der eine
+den andern zwingen, Gift zu nehmen? Woher
+stammen die Blutspuren? Was bewog den Mörder
+zu seiner That, da er keinen Raub beabsichtigte?
+Welcher Frau hat der Trauring gehört? Warum
+schrieb der Missethäter das Wort Rache an die Wand,
+bevor er die Flucht ergriff? — Daß jemand imstande
+sein sollte, alle die Thatsachen in Einklang zu bringen,
+geht wahrhaftig weit über mein Verständnis.“</p>
+
+<p>Mein Gefährte lächelte beifällig.</p>
+
+<p>„Sie haben sämtliche Schwierigkeiten unserer
+Lage kurz und bündig zusammengefaßt,“ sagte er.
+„Ueber die Hauptsache bin ich zwar im reinen, aber
+manches ist noch unaufgeklärt. Die Schrift, auf
+deren Entdeckung Lestrade so stolz war, ist meiner
+Meinung nach nur eine Kriegslist, um die Polizei
+auf falsche Fährte zu locken, als sei die That im Auftrag
+einer geheimen Gesellschaft von irgend einem
+Sozialisten ausgeführt worden. — So — nun wissen
+Sie aber genug über den Fall, Watson, ich werde
+mich hüten, Ihnen noch mehr zu verraten. Mit
+<span class="pagenum" id="Page_63">[S. 63]</span>dem Ansehen eines Taschenspielers ist es aus, sobald
+er sein Kunststück einmal erklärt hat, und wenn
+ich Ihnen mein Verfahren allzu genau beschreibe,
+werden Sie mich in kürzester Frist für einen höchst
+alltäglichen Menschen halten.“</p>
+
+<p>„Bewahre,“ rief ich, „das wird nie geschehen.
+Sie haben die polizeiliche Forschung auf die Höhe
+der Wissenschaft erhoben und bis zu einer Vollkommenheit
+gebracht, wie sie bisher unerreicht war.“</p>
+
+<p>Mein Gefährte wurde rot vor Freude über mein
+Urteil, das ich im Tone aufrichtigster Ueberzeugung
+aussprach. Schon früher hatte ich bemerkt, daß er
+für jedes Lob, welches man seiner Kunst zollte,
+empfänglich war, wie eine jugendliche Schönheit,
+deren Reize man bewundert.</p>
+
+<p>„Etwas will ich Ihnen doch noch sagen,“ rief
+er; „die feinen Lederstiefel kamen mit dem groben
+Schuhwerk in derselben Droschke angefahren und
+schritten zusammen höchst freundschaftlich den
+Gartenweg hinunter, wahrscheinlich sogar Arm in
+Arm. Im Hause gingen sie im Zimmer hin und her,
+oder richtiger gesagt: die feinen Lederstiefel standen
+still und das grobe Schuhwerk ging auf und ab und
+geriet dabei mehr und mehr in Leidenschaft. Das
+war in dem Staub, der auf der Diele lag, an den
+immer länger werdenden Schritten deutlich zu erkennen.
+<span class="pagenum" id="Page_64">[S. 64]</span>Dabei sprach der Mann unaufhörlich, sein
+Zorn steigerte sich zur Wut und dann beging er die
+Unthat. Mehr weiß ich jetzt selbst noch nicht; das
+übrige beruht größtenteils auf bloßer Vermutung;
+doch ist immerhin ein guter Grund gelegt, auf dem
+sich sicher weiter bauen läßt. — Ich darf mich übrigens
+jetzt nicht lange aufhalten, denn ich will heute
+nachmittag noch in Halles Konzert gehen, um die
+Neruda spielen zu hören.“</p>
+
+<p>Die Droschke war während unseres Gesprächs
+durch zahllose düstere Gäßchen und enge Straßen
+gefahren; in der allerschmutzigsten und trübseligsten
+Stadtgegend hielt der Kutscher plötzlich still. „Da
+drüben ist Audley Court,“ sagte er, auf eine Reihe
+räucheriger Backsteinhäuser deutend. „Ich will hier
+warten, bis Sie wieder herauskommen.“</p>
+
+<p>Audley Court bot wenig Anziehendes. Eine
+schmale Gasse führte auf einen großen, gepflasterten
+Hof, der rings von ärmlichen Wohnhäusern umgeben
+war. Nach No. 46 suchend, gingen wir an Scharen
+schmutziger Kinder vorbei und krochen unter aufgehängter,
+mißfarbener Wäsche durch, bis wir auf
+einem kleinen Messingschild den Namen ‚Rance‘ bemerkten.</p>
+
+<p>Der Schutzmann hatte sich nach dem Nachtdienst
+zu Bette gelegt und wir wurden gebeten, in dem
+<span class="pagenum" id="Page_65">[S. 65]</span>kleinen Wohnzimmer ein wenig zu warten. Bald
+darauf kam Rance zum Vorschein, mißmutig, daß
+man ihn im Schlaf gestört hatte. „Ich habe doch
+schon auf dem Bureau Bericht erstattet,“ brummte
+er verdrießlich.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe25" id="illus_0065">
+ <img class="w100" src="images/illus_0065.jpg" alt="Holmes und Watson suchen
+ die Wohnung von Herrn Rance">
+</figure>
+
+<p>Holmes zog ein Goldstück aus der Tasche und
+drehte es nachlässig zwischen den Fingern.</p>
+
+<p>„Wir wünschten den Sachverhalt aus Ihrem
+<span class="pagenum" id="Page_66">[S. 66]</span>eigenen Munde zu hören, wenn Sie nichts dagegen
+haben,“ sagte er verbindlich.</p>
+
+<p>Der goldene Talisman verfehlte seine Wirkung
+nicht. „Ich werde Ihnen mit Vergnügen sagen,
+was ich weiß,“ beeilte sich Rance zu erwidern.</p>
+
+<p>„Gut, dann erzählen Sie mir bitte, wie sich
+alles zugetragen hat.“</p>
+
+<p>Der Schutzmann nahm auf dem alten Roßhaarsofa
+Platz und legte die Stirn in bedächtige Falten.
+„Ich will beim Anfang beginnen,“ sagte er. „Meine
+Dienstzeit ist von zehn Uhr abends bis sechs Uhr
+morgens. Um elf Uhr war eine Schlägerei im
+‚Weißen Hirsch‘, aber sonst fiel zuerst nichts Besonderes
+vor während meiner Runde. Gegen ein
+Uhr fing es an zu regnen, und etwas nach zwei Uhr
+kam ich die Brixtonstraße hinunter, um zu sehen,
+ob dort alles ruhig wäre. Keine Seele traf ich
+unterwegs, die Gegend war wie ausgestorben, nur
+ein paar Droschken kamen an mir vorbeigerasselt.
+Eben dachte ich daran, daß ein Schluck heißer Grog
+zur Magenstärkung wohl angebracht wäre — da
+sah ich einen Lichtschimmer in dem gewissen Hause.
+Nun wußte ich genau, daß da niemand wohnt, denn
+der Besitzer läßt die Abzugsröhren nicht nachsehen,
+obgleich der letzte Mieter am Typhus gestorben ist.
+Na, wie ich das Licht sehe, denke ich gleich, daß
+<span class="pagenum" id="Page_67">[S. 67]</span>etwas nicht geheuer sein muß. Als ich an die Thüre
+kam —&#8239;—“</p>
+
+<p>„Sie sind stehen geblieben und nach dem Gartenthor
+zurückgegangen — aus welchem Grunde?“
+fragte Holmes.</p>
+
+<p>Rance fuhr zusammen und riß die Augen
+weit auf.</p>
+
+<p>„Woher wissen Sie denn das?“ stammelte er.
+„Freilich that ich es, denn, sehen Sie, als ich an
+die Hausthür kam und alles so still und unheimlich
+war, fiel mir ein, daß wir doch eigentlich unser zwei
+sein sollten, und so ging ich zurück, um zu sehen, ob
+nicht vielleicht ein Kamerad mit seiner Laterne des
+Weges käme. Furcht kenne ich wahrhaftig nicht,
+aber wenn es etwa der verstorbene Mieter war, der
+dort umging, so hätte ich gern Gesellschaft gehabt.“</p>
+
+<p>„War denn gar niemand auf der Straße?“</p>
+
+<p>„Kein Mensch, Herr; nicht einmal ein verlaufener
+Hund. Ich nahm mich zusammen, ging
+wieder an die Thür und stieß sie auf. Drinnen war
+alles still; ich trat in das Zimmer, aus dem der Lichtschein
+gekommen war. Auf dem Kaminsims stand
+ein rotes Wachslicht — es flammte hell auf und da
+sah ich —&#8239;—“</p>
+
+<p>„Ich weiß schon, was Sie gesehen haben. Sie
+sind mehrmals rings um das Zimmer gegangen,
+<span class="pagenum" id="Page_68">[S. 68]</span>dann bei dem Leichnam hingekniet, haben versucht,
+die Küchenthür zu öffnen und dann —&#8239;—“</p>
+
+<p>Rance schnellte wie besessen von seinem Sitz in
+die Höhe. „Von wo aus haben Sie mich belauscht?
+Sie müssen doch irgendwo versteckt gewesen sein,
+sonst könnten Sie das nicht alles wissen.“</p>
+
+<p>Mein Gefährte zog seine Visitenkarte heraus
+und reichte sie dem Schutzmann. „Denken Sie nur
+nicht, daß ich der Mörder bin und Sie mich festnehmen
+müssen,“ sagte er lachend. „Ich bin nicht der
+Wolf, sondern nur einer von den Spürhunden, wie
+Ihnen die Herren Gregson und Lestrade bestätigen
+werden. Aber, nur weiter — was thaten Sie zunächst?“</p>
+
+<p>„Ich ging hinunter auf die Straße,“ sagte
+Rance, der wieder Platz genommen hatte, aber noch
+immer verwundert dreinschaute. „Auf das Alarmzeichen,
+das ich mit meiner Pfeife gab, kamen drei
+von den Kameraden herbeigelaufen.“</p>
+
+<p>„War die Straße noch immer leer?“</p>
+
+<p>„Ja oder nein, wie man’s nimmt.“</p>
+
+<p>„Was soll das heißen?“</p>
+
+<p>Der Schutzmann verzog das Gesicht zu einem
+gutmütigen Grinsen. „Na,“ sagte er, „als ich aus
+dem Gartenthor trat, lehnte ein Mensch am Gitter,
+der aus vollem Halse etwas von ‚Kolumbias neuem
+<span class="pagenum" id="Page_69">[S. 69]</span>Sternenbanner‘ oder dergleichen sang. Ich hab’ in
+meinem Leben schon manchen gesehen, der zu schwer
+geladen hatte, aber ein Betrunkener, wie der Kerl,
+ist mir noch nicht vorgekommen. Er hätte mir
+keine Hilfe leisten können, hielt er sich doch kaum
+selber auf den Füßen.“</p>
+
+<figure class="figcenter illowe25" id="illus_0069">
+ <img class="w100" src="images/illus_0069.jpg" alt="Ein Betrunkener lehnt an
+ einem Gitter">
+</figure>
+
+<p>„Wie sah denn der Mann aus?“ fiel ihm Holmes
+ins Wort.</p>
+
+<p>Den Schutzmann schien die unnütze Frage zu
+verdrießen. „Es war eben ein sinnlos betrunkener
+<span class="pagenum" id="Page_70">[S. 70]</span>Mensch,“ sagte er, „den wir hätten auf die Polizeiwache
+bringen müssen, wären wir nicht anderweitig
+beschäftigt gewesen.“</p>
+
+<p>„Aber Sie werden doch sein Gesicht, seinen Anzug
+gesehen haben,“ rief Holmes ungeduldig.</p>
+
+<p>„Natürlich — Murcher und ich mußten ihm ja
+unter die Arme greifen, um ihn aufzurichten. Ein
+langer Kerl mit rotem Gesicht, um das Kinn ein
+Tuch gewickelt und&#8239;—“</p>
+
+<p>„Schon gut — was ist denn aus ihm geworden?“</p>
+
+<p>„Was weiß ich! wir hatten ohnehin genug zu
+thun. Er wird schon den Weg nach Hause gefunden
+haben, da können Sie ganz ruhig sein.“</p>
+
+<p>„Wie war er denn angezogen?“</p>
+
+<p>„Er trug einen braunen Ueberrock.“</p>
+
+<p>„Hatte er eine Peitsche in der Hand?“</p>
+
+<p>„Eine Peitsche — bewahre!“</p>
+
+<p>„Die muß er zurückgelassen haben,“ murmelte
+Holmes. „Kam nicht gleich darauf eine Droschke gefahren?“</p>
+
+<p>„Nein.“</p>
+
+<p>Mein Gefährte nahm seinen Hut zur Hand.
+„Hier, das Goldstück ist für Sie, Rance,“ sagte er;
+„aber ein andermal seien Sie nicht ganz so kopflos.
+Ich fürchte, Sie bringen es sonst Ihr Lebtag zu
+nichts Rechtem und Sie hätten sich doch letzte Nacht
+<span class="pagenum" id="Page_71">[S. 71]</span>mit Leichtigkeit Ihre Beförderung zum Sergeanten
+verdienen können. Statt dessen haben Sie den
+Mann entwischen lassen, nach welchem wir suchen
+und der den Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis in
+Händen hält. Wozu noch lange hin und her streiten
+— es verhält sich so, wie ich Ihnen sage, verlassen
+Sie sich darauf. Kommen Sie, Watson, wir wollen
+gehen.“</p>
+
+<p>Der Schutzmann machte zwar ein ungläubiges
+Gesicht, aber man sah, die Sache war ihm nicht ganz
+geheuer. Wir ließen ihn verblüfft stehen und gingen
+unserer Wege.</p>
+
+<p>„Der Hans Narr,“ rief Holmes ärgerlich, als
+wir wieder in der Droschke saßen, um nach Hause
+zu fahren. „Ein Glück sondergleichen fällt ihm ungesucht
+in den Schoß und er versteht nicht, es festzuhalten.“</p>
+
+<p>„Sind Sie Ihrer Sache aber auch ganz gewiß?“
+fragte ich. „Rances Beschreibung des Betrunkenen
+paßt zwar im allgemeinen zu Ihrer Vorstellung von
+dem zweiten Menschen, der in das Geheimnis verwickelt
+ist, aber was sollte ihn wieder nach dem Hause
+zurückgeführt haben? Das sieht nicht aus, als wäre
+er der Verbrecher.“</p>
+
+<p>„Der Ring, Freund, der Ring — den wollte er
+holen. Wenn wir kein anderes Mittel finden, ihn
+<span class="pagenum" id="Page_72">[S. 72]</span>zu fangen, müssen wir den Ring als Köder brauchen.
+Ich sage Ihnen, Doktor, er geht mir ins Netz, ich
+habe ihn sicher. Und Ihnen verdanke ich das alles.
+Hätten Sie mir nicht zugeredet, ich wäre um die
+schönste Gelegenheit gekommen, meine Kriminalstudien
+zu vervollständigen. — Jetzt aber, erst zum
+Lunch und dann ins Konzert. Die Neruda hat
+einen famosen Ansatz und spielt köstlich. Wie geht
+doch das kleine Ding von Chopin, das ich von ihr
+gehört habe? Tra—la—lira—lira—la.“</p>
+
+<p>Er lehnte sich in die Wagenkissen zurück und
+trillerte wie eine Lerche, während ich über die Vielseitigkeit
+dieses Menschen nachdachte, der von der
+Natur zum Detektiv bestimmt schien und seine Forschungen
+mit dem Eifer eines Kunstliebhabers betrieb.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_73">[S. 73]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1_5" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.<br>
+<b class="s4">Wir bekommen Besuch.</b></h3>
+
+</div>
+
+<p>Die Anstrengungen des Morgens waren zu groß
+gewesen für meine schwache Gesundheit. Ich fühlte
+mich sehr angegriffen, und sobald Holmes ins Konzert
+gegangen war, legte ich mich auf das Sofa, um
+mich durch einige Stunden Schlafs zu stärken. An
+Ruhe war jedoch nicht zu denken, denn wirre Vorstellungen
+und Bilder drängten sich unablässig in
+meinem aufgeregten Gehirn. Sobald ich die Augen
+schloß, sah ich vor mir die verzerrten, pavianähnlichen
+Gesichtszüge des Ermordeten. Der Eindruck
+war so abstoßend, daß ich mich kaum eines Dankgefühls
+gegen denjenigen erwehren konnte, der den
+Unhold aus der Welt geschafft hatte. Mir war noch
+nie ein Mensch vorgekommen, dessen Gesicht ein so
+deutliches Gepräge von Laster und Bosheit trug.
+Doch sah ich wohl ein, daß man der Gerechtigkeit
+ihren Lauf lassen müsse. Mochte dieser Enoch J.
+Drebber noch so verworfen gewesen sein, das rechtfertigte
+die Missethat, deren Opfer er war, nicht in
+den Augen des Gesetzes.</p>
+
+<p>Je mehr ich über die Behauptung meines
+Freundes nachdachte, daß der Mann vergiftet worden
+<span class="pagenum" id="Page_74">[S. 74]</span>sei, um so sonderbarer erschien sie mir. Holmes
+mußte auf den Gedanken gekommen sein, als er an
+den Lippen des Toten roch. Freilich blieb kaum
+eine andere Annahme übrig — erdrosselt war er
+nicht, eine Wunde ließ sich auch nicht entdecken. Und
+doch — wo kam das Blut her, das auf dem Fußboden
+verspritzt war? Es schien kein Kampf stattgefunden
+zu haben, wenigstens war keine Waffe da, mit welcher
+Drebber seinen Angreifer verwundet haben konnte.
+Holmes hatte sich wohl schon eine bestimmte Theorie
+über den ganzen Vorgang gebildet, das glaubte ich
+an seinem ruhigen, zuversichtlichen Benehmen zu erkennen.
+Auf welche Weise er sich aber die verschiedenen
+Thatsachen erklärte, die mir so rätselhaft
+schienen, ahnte ich auch nicht von ferne.</p>
+
+<p>Es war schon spät, als er zurückkam — unmöglich
+konnte er die ganze Zeit über im Konzert gewesen
+sein. Das Essen stand bereits auf dem Tisch,
+und er nahm sogleich Platz.</p>
+
+<p>„Ein herrlicher Genuß!“ rief er. „Nichts übt doch
+solchen Zauber auf den Menschen aus, wie die Tonkunst.
+— Aber, was ist unterdessen mit Ihnen geschehen,
+Watson? Sie sehen schrecklich angegriffen
+aus. Hat die Geschichte in der Brixtonstraße Sie
+aus dem Gleichgewicht gebracht?“</p>
+
+<p>„Wahrhaftig, ja — mehr als ich für möglich gehalten
+<span class="pagenum" id="Page_75">[S. 75]</span>hätte. Seit meinen Erlebnissen in Afghanistan,
+wo ich meine Kameraden in Stücke hauen sah,
+glaubte ich weniger schwach besaitet zu sein.“</p>
+
+<p>„Derartige rätselhafte Vorgänge erhitzen die Einbildungskraft
+und erzeugen ein leicht erklärliches
+Grauen,“ meinte Holmes. „In der Abendzeitung
+steht ein ziemlich ausführlicher Bericht über die Begebenheit,
+doch freut mich, daß der gefundene Trauring
+nicht erwähnt wird.“</p>
+
+<p>„Wieso?“</p>
+
+<p>„Wegen der Anzeige, die ich heute abend in
+sämtliche Zeitungen habe einrücken lassen. Hier,
+lesen Sie.“</p>
+
+<p>Er reichte mir das Blatt und unter der Rubrik
+‚Gefunden‘ las ich folgendes:</p>
+
+<blockquote>
+
+<p>„Ein einfacher, goldener Trauring ist heute früh auf der
+Brixtonstraße zwischen dem Gasthaus zum ‚Weißen
+Hirsch‘ und dem Holland-Hain gefunden worden. Zu
+erfragen bei Dr. Watson, Bakerstraße 221&#8239;<span class="antiqua">b</span>, zwischen
+8 und 9 Uhr abends.“</p>
+
+</blockquote>
+
+<p>„Sie entschuldigen wohl, daß ich auf Ihren
+Namen verwiesen habe! Hätte ich meinen eigenen
+genannt, ich wäre vor der Einmischung des einen
+oder andern unserer professionellen Dummköpfe nicht
+sicher gewesen.“</p>
+
+<p>„Wie aber, wenn der Eigentümer sich meldet?
+<span class="pagenum" id="Page_76">[S. 76]</span>Ich habe keinen Ring, den ich ihm geben könnte.“</p>
+
+<p>„Dafür ist schon gesorgt,“ sagte er, mir einen
+Ring einhändigend. „Er gleicht dem andern auf
+ein Haar und wird dieselben Dienste thun.“</p>
+
+<p>„Wer wird sich denn auf die Anzeige hin melden
+— was glauben Sie?“</p>
+
+<p>„Natürlich der Mann mit dem braunen Ueberrock
+— unser Freund mit dem roten Gesicht und
+dem groben Schuhwerk. Kommt er nicht selbst, so
+schickt er einen Spießgesellen.“</p>
+
+<p>„Sollte er nicht Gefahr wittern?“</p>
+
+<p>„Bewahre. Und wenn auch — meiner Ansicht
+nach würde er jeder Gefahr trotzen, um den Ring
+wieder zu bekommen. Ich denke mir, er hat ihn
+verloren, während er sich über Drebbers Leichnam
+beugte, und es nicht gleich bemerkt. Erst als
+er draußen war, entdeckte er seinen Verlust, und
+eilte zurück. Da er aber die Thorheit begangen
+hatte, das Licht brennen zu lassen, fand er die Polizei
+bereits an Ort und Stelle. Um keinen Argwohn zu
+erregen, verfiel er auf den Ausweg, sich betrunken
+zu stellen. Nun versetzen Sie sich einmal in seine
+Lage. Er überlegt sich die Sache und hält es nicht
+für unmöglich, daß er den Ring erst verloren hat,
+nachdem er wieder auf der Straße angelangt war.
+Was ist natürlicher, als daß er sich in den Abendblättern
+<span class="pagenum" id="Page_77">[S. 77]</span>nach den gefundenen Sachen umsieht — er
+liest unsere Anzeige und ist überglücklich. Warum
+sollte er fürchten, in eine Falle zu geraten? Er
+hat nicht den geringsten Grund, anzunehmen, daß
+der Verlust des Rings in Beziehung zu dem Mord
+gebracht werden könnte, und wird sein Eigentum
+abholen wollen. Noch vor Ablauf einer Stunde
+kann er hier sein.“</p>
+
+<p>„Und dann?“</p>
+
+<p>„Dann lassen Sie mich nur mit ihm verhandeln
+— das ist meine Sache. — Sind Sie mit Waffen
+versehen?“</p>
+
+<p>„Ich habe noch einen alten Revolver und einige
+Patronen.“</p>
+
+<p>„Putzen und laden Sie ihn auf alle Fälle; wir
+haben es mit einem verzweifelten Menschen zu thun.
+Zwar hoffe ich, ihn zu überrumpeln, aber es ist
+immer besser, vorbereitet zu sein.“</p>
+
+<p>Ich ging in mein Schlafzimmer und folgte seinem
+Rat. Als ich mit der Pistole in der Hand wieder
+eintrat, fand ich Holmes bei seiner Lieblingsbeschäftigung
+— er kratzte auf der Geige.</p>
+
+<p>„Das Netz zieht sich zusammen,“ sagte er; „eben
+erhalte ich aus Amerika eine Antwort auf mein
+Telegramm. Meine Ansicht über den Fall war ganz
+richtig.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_78">[S. 78]</span></p>
+
+<p>„Ja, was denken Sie denn eigentlich darüber?“
+fragte ich eifrig.</p>
+
+<p>Er schien es zu überhören. „Ich muß wirklich
+meine Violine mit neuen Saiten beziehen,“ murmelte
+er vor sich hin. „Wenn der Mensch kommt,“ fuhr
+er gelassen fort, „so sprechen Sie mit ihm in Ihrem
+ganz gewöhnlichen Ton; sehen Sie ihn auch nicht
+forschend an, damit er keinen Verdacht schöpft.“</p>
+
+<p>„Es ist schon acht vorbei,“ sagte ich, meine Uhr
+herausziehend.</p>
+
+<p>„In wenigen Minuten wird er wohl hier sein.
+Oeffnen Sie die Thür ein wenig und stecken Sie den
+Schlüssel inwendig ins Schlüsselloch. Danke sehr —
+jetzt kann er kommen. Ich glaube gar, da ist er
+schon.“</p>
+
+<p>Draußen wurde stark an der Klingel gezogen,
+Sherlock Holmes stand geräuschlos auf und schob
+seinen Stuhl näher nach der Thüre hin. Wir hörten
+die Dienerin durch den Vorsaal gehen und die Hausthür
+öffnen.</p>
+
+<p>„Wohnt Doktor Watson hier?“ fragte eine
+laute, etwas scharfe Stimme; dann ward die Thür
+geschlossen, und es kam jemand mit schlürfendem
+Gang die Treppe herauf. Verwundert horchte mein
+Gefährte auf den langsamen, unsichern Schritt im
+Korridor; nun wurde leise angeklopft.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_79">[S. 79]</span></p>
+
+<p>„Herein!“ rief ich.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe22" id="illus_0079">
+ <img class="w100" src="images/illus_0079.jpg" alt="Eine alte Frau fragt
+ nach dem Ring">
+</figure>
+
+<p>Die Thüre ging auf und statt des gewaltthätigen
+Menschen, den wir erwarteten, hinkte ein runzliges,
+altes Mütterchen ins Zimmer, das, wie von dem
+plötzlichen Lichtschein geblendet, uns mit matten,
+glanzlosen Augen anblinzelte.</p>
+
+<p>Während die Alte stumm vor uns stand, und mit
+den zitternden Fingern ängstlich in ihrer Tasche nach
+etwas zu suchen schien, nahm das Gesicht meines Gefährten
+einen so trostlosen Ausdruck an, daß ich
+<span class="pagenum" id="Page_80">[S. 80]</span>Mühe hatte, meine Fassung zu bewahren. Jetzt zog
+sie ein Zeitungsblatt heraus und deutete auf unsere
+Anzeige.</p>
+
+<p>„Deswegen komme ich, werte Herren,“ sagte sie
+mit einem tiefen Knix, „der goldene Trauring in der
+Brixtonstraße gehört meiner Tochter Sally; erst
+seit elf Monaten ist sie verheiratet und wenn ihr
+Mann nach Hause kommt — er ist nämlich Proviantmeister
+auf einem Uniondampfer — und sie
+hat ihren Ring nicht mehr, da giebt’s ein Donnerwetter.
+Schon an guten Tagen ist er sehr kurz angebunden,
+besonders wenn er getrunken hat. Das
+kam nämlich so: gestern abend war sie im Zirkus
+mit&#8239;—“</p>
+
+<p>„Ist das der verlorene Ring?“ fragte ich.</p>
+
+<p>„Unser Herrgott sei gepriesen,“ rief die Alte.
+„Wie wird sich Sally freuen. Ja, das ist ihr Ring.“</p>
+
+<p>Ich griff nach einem Bleistift: „Wo wohnen
+Sie?“</p>
+
+<p>„In Houndsditch, Dunkanstraße 13. Ein weiter
+Weg von hier.“</p>
+
+<p>„Wenn man von Houndsditch in den Zirkus
+will, kommt man nicht durch die Brixtonstraße,“
+mischte sich hier Sherlock Holmes in das Gespräch.</p>
+
+<p>Die Alte warf ihm einen scharfen Blick aus
+ihren kleinen, rotgeränderten Augen zu. „Der Herr
+<span class="pagenum" id="Page_81">[S. 81]</span>hat mich nach <em class="gesperrt">meiner</em> Adresse gefragt. Sally
+wohnt in Peckham auf dem Mayfield-Platz Nummer
+3.“</p>
+
+<p>„Und Sie heißen?&#8239;—“</p>
+
+<p>„Mein Name ist Sawyer, — sie heißt Dennis
+weil sie Tom Dennis geheiratet hat. Ein wackerer,
+sauberer Bursche, solange er auf See ist; kein Proviantmeister
+gilt mehr bei den Herren von der
+Dampfschiffsgesellschaft. Aber, kommt er ans Land,
+so thun’s ihm die Weiber an und die Branntweinschenken
+und&#8239;—“</p>
+
+<p>„Hier ist Ihr Ring, Frau Sawyer,“ unterbrach
+ich sie auf ein Zeichen meines Freundes; „er gehört
+ohne Zweifel Ihrer Tochter, und ich freue mich,
+ihn der rechtmäßigen Eigentümerin zustellen zu
+können.“</p>
+
+<p>Allerlei Dankesworte und Segenswünsche murmelnd,
+versenkte die Alte den Ring in ihre Tasche
+und schlürfte wieder zur Thüre hinaus und die
+Treppe hinunter. Kaum war sie fort, so sprang
+Sherlock Holmes vom Stuhle auf und verschwand
+in sein Schlafzimmer. Eine Minute später erschien
+er wieder mit Hut und Ueberrock. „Ich gehe ihr
+nach,“ sagte er, „sie muß mit ihm unter einer Decke
+stecken und wird mir auf meine Spur verhelfen.
+Bitte, bleiben Sie auf, bis ich wieder da bin.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_82">[S. 82]</span></p>
+
+<p>Als Holmes die Treppe hinunter ging, hatte sich
+die Hausthür eben hinter der Alten geschlossen. Vom
+Fenster aus konnte ich sehen, wie sie sich langsamen,
+schlürfenden Schrittes entfernte, während ihr Verfolger
+auf der andern Straßenseite hinterdrein
+schlich. „Entweder ist seine ganze Theorie falsch,“
+dachte ich bei mir, „oder es wird ihm jetzt gelingen,
+das Rätsel zu lösen.“</p>
+
+<p>Es hätte der Aufforderung, daß ich seine Rückkunft
+abwarten möchte, nicht bedurft, denn von
+Schlaf konnte bei mir keine Rede sein, bis ich wußte,
+wie sein Unternehmen abgelaufen wäre. Als er
+sich auf den Weg machte, war es fast neun Uhr; ich
+steckte mir eine Pfeife an und blätterte in einem
+französischen Roman. Es schlug zehn, und ich hörte
+wie das Dienstmädchen zu Bett ging; um elf
+Uhr kam die Wirtin durch den Korridor, um sich
+zurückzuziehen; erst kurz vor Mitternacht knarrte
+drunten der Schlüssel in der Hausthür.</p>
+
+<p>Als Holmes bei mir eintrat, sah ich es ihm gleich
+an, daß er kein Glück gehabt hatte. Verdruß und
+heitere Laune stritten in seinen Gesichtszügen um
+die Herrschaft, bis schließlich letztere die Oberhand
+behielt und er in ein herzliches Gelächter ausbrach.</p>
+
+<p>„Um nichts in der Welt möchte ich, daß die Geheimpolizisten
+von meinem Erlebnis Wind bekämen,“
+<span class="pagenum" id="Page_83">[S. 83]</span>rief er, und sank auf einen Stuhl. „Ich habe sie so
+oft gehänselt, daß sie froh wären, sich einmal schadlos
+halten zu können. Da ich aber weiß, daß ich
+ihnen am Ende aller Enden doch den Rang ablaufe,
+lache ich trotz alledem.“</p>
+
+<p>„Was ist denn geschehen?“ fragte ich.</p>
+
+<p>„Sie sollen die ganze Geschichte hören, wie wenig
+sie mir auch zum Ruhm gereicht: Die Person war
+erst eine kleine Strecke weit gegangen, da fing sie
+an zu hinken und konnte allem Anschein nach nicht
+mehr vom Fleck. Sie blieb stehen und winkte eine
+vorüberfahrende Droschke herbei. Um die Adresse
+zu hören, lief ich näher herzu, doch das hätte ich
+mir sparen können. ‚Nach Houndsditch, Dunkanstraße 13‘,
+rief sie, daß es weithin schallte. Kaum
+war sie eingestiegen, so sprang ich hinten auf; das
+ist eine Kunst, in der jeder Detektiv gründlich bewandert
+sein sollte. Fort rasselte die Droschke in
+gleichmäßiger Geschwindigkeit. Schon ehe sie das
+Ende der Fahrt erreichte, war ich abgesprungen und
+schlenderte gemächlich die Straße hinunter. Jetzt
+hielt der Kutscher, er stieg vom Bock, öffnete die
+Wagenthür und wartete. Aber es kam niemand
+heraus. Als ich näher trat, sah ich ihn wie wild in
+der leeren Droschke herumfahren, wobei er die kräftigsten
+Verwünschungen hören ließ, die mir je zu
+<span class="pagenum" id="Page_84">[S. 84]</span>Ohren gekommen sind. Von der Insassin war keine
+Spur mehr zu sehen, und ich fürchte, er wird lange
+auf sein Fahrgeld warten müssen. Das Haus
+Nummer 13 gehört, wie ich erfuhr, einem ehrsamen
+Tapezierer Namens Keswig, von einer Frau Sawyer
+oder Frau Dennis aber wußte kein Mensch dort
+etwas.“</p>
+
+<p>„Sie wollen doch nicht behaupten,“ rief ich starr
+vor Staunen, „daß das alte, gebrechliche Weib
+aus dem Wagen gesprungen ist, während er in voller
+Bewegung war, und daß weder der Kutscher noch
+Sie etwas davon gemerkt haben?“</p>
+
+<p>„Zum Henker mit dem alten Weibe,“ rief Holmes
+ärgerlich. „Die alten Weiber waren <em class="gesperrt">wir</em>, daß
+wir uns so anführen ließen. Es muß ein junger,
+noch dazu ein sehr gelenkiger Mensch gewesen sein
+und ein vollendeter Schauspieler. Die Verkleidung
+war ganz vorzüglich! Ohne Zweifel hatte er den
+Verfolger bemerkt und war auf dies Mittel verfallen,
+mir zu entwischen. Es ist ein Beweis, daß der
+Mann, den wir suchen, nicht so allein steht, wie ich
+glaubte, sondern Freunde hat, die sich im Notfall
+nicht scheuen, um seinetwillen ein Wagnis zu unternehmen.
+Nun gehen Sie aber schnell zu Bett,
+Doktor, Sie sehen ganz abgemattet aus.“</p>
+
+<p>Ich war in der That todmüde und folgte seinem
+<span class="pagenum" id="Page_85">[S. 85]</span>Rat. Holmes blieb bei dem glimmenden Feuer
+sitzen, und noch bis tief in die Nacht hinein hörte
+ich die schwermütigen Klänge seiner Geige und wußte,
+daß er fort und fort das seltsame Problem in seinem
+Haupte wälzte, dessen Lösung er sich nun einmal
+vorgesetzt hatte.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_86">[S. 86]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1_5" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.<br>
+<b class="s4">Tobias Gregson thut große Thaten.</b></h3>
+
+</div>
+
+<p>Tags darauf waren alle Zeitungen voll von
+dem ‚Brixton-Geheimnis‘, wie sie es nannten. Viele
+brachten außer einem langen Bericht noch Leitartikel
+darüber. Sie erzählten mancherlei, was mir
+neu war, und ich bewahre in meiner Brieftasche
+eine ganze Sammlung von Ausschnitten und Auszügen
+über den Fall. Das Wesentlichste lasse ich
+hier folgen:</p>
+
+<p>Der ‚Daily Telegraph‘ behauptete, daß die Verbrecherchronik
+nur wenige Tragödien aufzuweisen
+habe, die von so seltsamen Umständen begleitet seien.
+Der deutsche Name des Opfers, der Mangel jedes
+Beweggrunds, die furchtbare Schrift an der Wand,
+ließen deutlich erkennen, daß die That im Auftrag
+der Revolutionspartei begangen worden. Die Sozialisten
+besäßen weitverzweigte Verbindungen in
+Amerika, wahrscheinlich habe der Ermordete eines
+ihrer ungeschriebenen Gesetze übertreten und sei dafür
+zum Tode verurteilt worden. Der Artikel schloß
+damit, die Regierung zu ermahnen, sie möge ein
+wachsames Auge auf die Ausländer haben, die nach
+England kämen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_87">[S. 87]</span></p>
+
+<p>Der ‚Standard‘ klagte, dergleichen Gewaltthätigkeiten
+seien die traurigen Früchte einer freisinnigen
+Regierung, welche die Massen aufsässig mache und
+alle Autorität untergrabe. „Der Verstorbene,“ hieß
+es weiter, „ein Herr aus Amerika, hielt sich längere
+Zeit in London auf, und zwar in der Privatpension
+von Madame Charpentier in Torquay Terrace,
+Camberwell. Er reiste in Begleitung seines Privatsekretärs
+Joseph Stangerson. Letzten Dienstag, den
+4. des Monats, verabschiedeten sich beide von
+ihrer Wirtin und fuhren nach dem Eustoner Bahnhof,
+mit der ausgesprochenen Absicht, den Schnellzug
+nach Liverpool zu benützen. Auch wurden sie
+dort noch zusammen im Wartesaal gesehen. Von da
+ab fehlen jedoch alle Nachrichten über sie, bis zu
+dem Augenblick, als Drebbers Leichnam, wie bereits
+mitgeteilt, in einem leeren Hause der viele
+Meilen vom Eustoner Bahnhof entfernten Brixtonstraße
+gefunden wurde. Wie er dorthin gekommen
+ist, und auf welche Weise ihn sein Verhängnis ereilt
+hat, sind Fragen, die für jetzt noch in undurchdringliches
+Dunkel gehüllt sind. Was aus Stangerson
+geworden ist, weiß man nicht. Wir freuen uns, zu
+hören, daß die Herren Gregson und Lestrade mit der
+Erforschung des Falles betraut worden sind und
+erwarten zuversichtlich, daß es diesen wohlbekannten
+<span class="pagenum" id="Page_88">[S. 88]</span>Geheimpolizisten bald gelingen wird, die rätselhafte
+Angelegenheit aufzuklären.“</p>
+
+<p>‚Daily News‘ versicherte, es läge ohne allen
+Zweifel ein politisches Verbrechen vor. Dies werde
+sich bald genug herausstellen, wenn der Aufenthaltsort
+des Sekretärs Stangerson ermittelt sei und man
+Genaueres über die Lebensgewohnheiten des Ermordeten
+erfahren habe. Von wesentlicher Bedeutung
+sei es, daß man bereits wisse, in welcher
+Pension er sich aufgehalten, eine Kunde, die man
+einzig und allein dem Scharfsinn und der Thatkraft
+des Geheimpolizisten Gregson verdanke.</p>
+
+<p>Diese und ähnliche Artikel, welche ich mit Sherlock
+Holmes zusammen beim Frühstück las, schienen
+ihn sehr zu belustigen.</p>
+
+<p>„Sagte ich Ihnen nicht, daß Lestrade und Gregson
+unter allen Umständen Kapital aus der Sache
+herausschlagen würden?“</p>
+
+<p>„Das kommt doch noch sehr auf den Ausgang
+an,“ meinte ich.</p>
+
+<p>„Bewahre, der ist dabei höchst gleichgültig.
+Wird der Mann gefangen, so geschieht es infolge
+ihrer Bemühungen, gelingt es ihm zu entkommen,
+so thut er es trotz ihrer Bemühungen. Die Anerkennung
+fehlt ihnen nie, sie mögen anstellen, was
+sie wollen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_89">[S. 89]</span></p>
+
+<p>„Was geht denn da vor, was soll der Lärm bedeuten?
+Hören Sie nur,“ rief ich, als sich in diesem
+Augenblick im Hausflur und auf der Treppe das
+Stampfen vieler Füße vernehmen ließ und dazwischen
+die unwillige Stimme unserer Wirtin.</p>
+
+<p>„Das ist die kleine Detektivmannschaft aus der
+Bakerstraße,“ sagte mein Gefährte mit lächelnder
+Miene, und ehe ich mich’s versah, kam ein halbes
+Dutzend der schmutzigsten und zerlumptesten Gassenjungen
+hereingepoltert, die ich je im Leben zu Gesicht
+bekommen habe.</p>
+
+<p>„Achtung!“ rief Holmes im Kommandoton, und
+die sechs schmutzigen Bengel standen in Reih und
+Glied wie wohldressierte Soldaten. „Künftig schickt
+ihr Wiggins allein herauf, um Bericht zu erstatten;
+ihr andern wartet unten auf der Straße! — Habt
+ihr sie gefunden, Wiggins?“</p>
+
+<p>„Nee,“ lautete die Antwort, „gefunden haben
+wir se nich.“</p>
+
+<p>„Das dachte ich mir wohl. Sucht nur weiter,
+bis ihr sie findet; hier ist euer Geld.“ Er händigte
+jedem der Buben einen Schilling ein. „Jetzt fort
+mit euch, und bringt mir das nächstemal bessern
+Bescheid.“</p>
+
+<figure class="figcenter illowe30" id="illus_0090">
+ <img class="w100" src="images/illus_0090.jpg" alt="Gassenjungen als
+ Detektive für Holmes">
+</figure>
+
+<p>Auf seinen Wink machten sie rechtsumkehrt, und
+polterten wieder die Treppe hinunter. Gleich darauf
+<span class="pagenum" id="Page_91">[S. 91]</span>hörte man sie schon unten auf der Straße durcheinander
+gröhlen und schreien.</p>
+
+<p>„Jeder einzige von den kleinen Halunken bringt
+mehr vor sich als ein Dutzend Polizisten,“ bemerkte
+Holmes. „Die Leute haben gleich ein Schloß vor
+dem Mund, sobald sich nur ein Beamter von fern
+blicken läßt. Diese Schlingel kommen aber überall
+hin und hören alles. Sie sind glatt wie Aale
+und schlau wie Füchse, es fehlt ihnen nur die
+Disziplin.“</p>
+
+<p>„Betrifft denn der Auftrag, den Sie ihnen gegeben
+haben, den Brixton-Fall?“</p>
+
+<p>„Ja, es handelt sich um einen Punkt, über den
+ich Gewißheit haben muß. Die werden sie mir verschaffen
+— es ist nur eine Frage der Zeit. — Aber,
+holla! jetzt werden wir Neuigkeiten zu hören bekommen.
+Eben steuert Gregson mit vollen Segeln
+die Straße herunter. Er strahlt förmlich vor Glückseligkeit.
+Richtig, er will zu uns — da ist er
+schon.“</p>
+
+<p>Es ward heftig an der Hausglocke gezogen, und
+gleich darauf kam der blonde Detektiv die Treppe
+heraufgesprungen, immer drei Stufen auf einmal,
+und platzte in unser Wohnzimmer.</p>
+
+<p>„Wünschen Sie mir Glück, werter Freund,“
+rief er, Holmes eifrig die Hand schüttelnd; „ich
+<span class="pagenum" id="Page_92">[S. 92]</span>habe jetzt Licht in die Sache gebracht — alles liegt
+klar zu Tage.“</p>
+
+<p>Ein düsterer Schatten glitt über die ausdrucksvollen
+Züge meines Gefährten. „Glauben Sie die
+rechte Spur gefunden zu haben?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Die rechte Spur? Was denken Sie — ich habe
+den Verbrecher schon hinter Schloß und Riegel.“</p>
+
+<p>„Wer ist es denn?“</p>
+
+<p>Gregson warf sich stolz in die Brust. „Arthur
+Charpentier, Unterleutnant bei der königlichen
+Marine,“ rief er, sich die fleischigen Hände reibend.</p>
+
+<p>Sherlock Holmes atmete sichtlich erleichtert auf.</p>
+
+<p>„Setzen Sie sich, und hier ist eine Cigarre. Wir
+sind sehr gespannt zu hören, wie Sie es angefangen
+haben. Ist Ihnen vielleicht ein Glas Grog gefällig?“</p>
+
+<p>„Habe nichts dagegen,“ versetzte der Detektiv;
+„wer solche Anstrengungen durchgemacht hat, wie ich
+in den letzten Tagen, bedarf wohl einer Erfrischung.
+Besonders die geistige Ermüdung war übergroß.
+Sie werden das verstehen, Herr Holmes, denn auch
+Sie arbeiten mit dem Kopfe.“</p>
+
+<p>Gregson hatte im Lehnstuhl Platz genommen,
+und begann mit Wohlgefallen seine Cigarre zu
+rauchen. Plötzlich schlug er sich mit der Hand auf das
+Knie und brach in ein schallendes Gelächter aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_93">[S. 93]</span></p>
+
+<p>„Es ist wirklich zu komisch,“ rief er, „daß
+Lestrade, der Narr, der für so ungeheuer klug gilt,
+sich ganz und gar auf dem Holzweg befindet. Er
+hat es auf den Sekretär Stangerson abgesehen, der
+doch so unschuldig an dem Verbrechen ist, wie ein
+neugeborenes Kind. Sicherlich hat er ihn jetzt schon
+dingfest gemacht.“ Und wieder wollte er sich vor
+Lachen ausschütten.</p>
+
+<p>„Wie haben Sie denn aber die richtige Spur
+gefunden?“ fragte Holmes.</p>
+
+<p>„Ich will Ihnen alles erzählen. Es bleibt
+natürlich ganz unter uns, Doktor Watson. Die erste
+Schwierigkeit, die es zu überwinden galt, war,
+Kenntnis von Drebbers Vorleben in Amerika zu
+erlangen. Mancher würde gewartet haben, bis Antwort
+auf seine Anzeige kam, oder irgend jemand
+ihm von selbst Mitteilungen machte. Aber das ist
+nicht Tobias Gregsons Art und Weise. Erinnern
+Sie sich an den Hut, der neben dem Toten auf
+dem Boden lag?“</p>
+
+<p>„Gewiß; aus dem Geschäft von John Underwood
+&amp; Söhne, Camberwell-Straße 129.“</p>
+
+<p>Gregson machte ein höchst verblüfftes Gesicht.
+„Haben Sie das wirklich auch bemerkt? Sind Sie
+da gewesen?“</p>
+
+<p>„Nein!“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_94">[S. 94]</span></p>
+
+<p>„Das wundert mich. Mein Grundsatz ist, keine
+Gelegenheit unbenützt vorbeigehen zu lassen, wie geringfügig
+sie auch erscheint.“</p>
+
+<p>„Für einen großen Geist ist selbst das Kleinste
+von Bedeutung,“ bemerkte Holmes salbungsvoll.</p>
+
+<p>„Ich ging also zu Underwood,“ fuhr Gregson
+fort, „und fragte ihn, ob er kürzlich einen Hut, wie
+ich ihn beschrieb, verkauft habe. Er schlug in seinen
+Büchern nach und fand sogleich, was ich wollte.
+Der Hut war an einen Herrn Drebber nach Madame
+Charpentiers Pension in Torquay Terrace geschickt
+worden. So bekam ich seine Adresse.“</p>
+
+<p>„Schlau, sehr schlau,“ murmelte Sherlock
+Holmes.</p>
+
+<p>„Nun suchte ich Madame Charpentier auf, die
+ich sehr blaß und angegriffen fand. Auch ihre
+Tochter, ein ungewöhnlich hübsches Mädchen, war
+zugegen; sie hatte rotgeweinte Augen, und als ich sie
+anredete, bebten ihre Lippen. Das entging mir
+nicht, und ich witterte gleich Unrat. Sie kennen das
+Gefühl, Holmes, wenn man plötzlich auf die richtige
+Spur gerät, es fährt einem durch alle Glieder.</p>
+
+<p>„‚Haben Sie schon etwas von dem rätselhaften
+Tode des Herrn Drebber aus Cleveland gehört, der
+bei Ihnen gewohnt hat?‘ fragte ich.</p>
+
+<p>„Die Mutter nickte bloß, sie schien außer stande,
+<span class="pagenum" id="Page_95">[S. 95]</span>einen Laut hervorzubringen, die Tochter aber brach
+in Thränen aus. Kein Zweifel, die beiden wußten
+Näheres über die Sache.</p>
+
+<p>„‚Um welche Zeit verließ Herr Drebber Ihr
+Haus, um sich auf die Eisenbahn zu begeben?‘ fuhr
+ich in meinem Verhör fort.</p>
+
+<p>„‚Um acht Uhr,‘ erwiderte sie, ihre Aufregung
+mühsam bezwingend. ‚Herr Stangerson, sein Sekretär,
+sagte, es gäbe zwei Züge, einen um 9,15 und
+einen um 11 Uhr. Er wollte mit dem ersten abreisen.‘</p>
+
+<p>„‚Und haben Sie ihn seitdem nicht mehr gesehen?‘</p>
+
+<p>„Bei dieser Frage wurde die Frau leichenblaß,
+und es dauerte mehrere Sekunden, bevor sie das
+einzige Wort: ‚Nein!‘ hervorstieß. Ihre Stimme
+klang leise und unnatürlich.</p>
+
+<p>„‚Mutter,‘ sagte die Tochter nach einem Augenblick
+tiefster Stille, ‚laß uns dem Herrn gegenüber
+aufrichtig sein. Aus einer Unwahrheit kann
+nie etwas Gutes kommen: Ja, wir haben Herrn
+Drebber noch einmal wiedergesehen.‘</p>
+
+<p>„‚Verzeih dir Gott,‘ rief Frau Charpentier, und
+sank händeringend auf einen Stuhl. ‚Du hast deinen
+Bruder ums Leben gebracht.‘</p>
+
+<p>„‚Arthur würde selbst wollen, daß wir die Wahrheit
+sagten,‘ entgegnete sie mit Festigkeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_96">[S. 96]</span></p>
+
+<p>„‚Sprechen Sie frei heraus,‘ ermahnte ich, ‚ein
+halbes Vertrauen ist schlimmer als gar keines. Auch
+weiß die Polizei vielleicht schon mehr, als Sie
+ahnen.‘</p>
+
+<p>„‚Mein Sohn ist völlig unschuldig,‘ beteuerte
+sie. ‚Wenn ich seinetwegen besorgt bin, so ist das
+nur, weil ich fürchte, daß er in Ihren Augen, und
+vielleicht in denen anderer Leute, verdächtig erscheinen
+könnte. Aber das ist ja undenkbar. Sein
+vortrefflicher Ruf, sein Stand, sein ganzes früheres
+Leben, bürgen dafür, daß er an dieser gräßlichen
+That keinen Anteil hat.‘</p>
+
+<p>„‚Sagen Sie mir nur alles, was Sie wissen,‘
+bedeutete ich sie; ‚wenn Ihr Sohn unschuldig ist,
+hat er nichts zu fürchten.‘</p>
+
+<p>„‚Laß uns allein, Mary,‘ gebot Madame Charpentier.
+Die Tochter verließ das Zimmer und die
+Mutter berichtete nun in heftiger Erregung: ‚Herr
+Drebber hat drei Wochen lang bei uns im Hause gewohnt.
+Vorher war er mit seinem Sekretär Stangerson
+auf Reisen; nach den Zetteln an ihren Koffern
+zu schließen, kamen sie zuletzt aus Kopenhagen.
+Stangerson zeigte sich schweigsam und zurückhaltend,
+Drebber aber benahm sich höchst anstößig. Er war
+ein gemeiner Mensch von rohen Sitten. Gleich am
+Abend seiner Ankunft hat er sich sinnlos betrunken
+<span class="pagenum" id="Page_97">[S. 97]</span>und nach zwölf Uhr mittags sah man ihn selten
+nüchtern. Im Verkehr mit den Zimmermädchen war
+er widerlich frech und vertraulich, ja sogar meiner
+Tochter Mary gegenüber erlaubte er sich ein ähnliches
+Betragen und sprach mehrmals in einer Weise
+mit ihr, die sie in ihrer Unschuld zum Glück nicht
+verstand. Einmal war er sogar unverschämt genug,
+sie in meinem Beisein zu umarmen und zu küssen,
+so daß sein eigener Sekretär sich ins Mittel legte
+und ihm seine Frechheit verwies.‘</p>
+
+<p>„‚Aber warum ließen Sie sich das alles gefallen?
+Sie hätten doch den lästigen Menschen los
+werden können, sobald Sie wollten.‘</p>
+
+<p>„‚Ich weiß wohl,‘ sagte Madame Charpentier
+errötend; ‚hätte ich ihn nur gleich am ersten Tage
+aus dem Hause gewiesen. Allein die Versuchung war
+groß. Sie bezahlten mir zusammen vierzehn Pfund
+die Woche, und ich hielt es für meine Pflicht, in
+diesen schlechten Zeiten mir eine solche Einnahme
+nicht entgehen zu lassen. Ich bin Witwe und mein
+Sohn in der Marine hat viel Geld gekostet. Nach
+dem letzten Auftritt zögerte ich aber nicht länger,
+ihm zu kündigen, das war der Grund seiner Abreise.‘</p>
+
+<p>„‚Nun, und wie wurde es weiter?‘</p>
+
+<p>„‚Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihn
+<span class="pagenum" id="Page_98">[S. 98]</span>glücklich fortfahren sah. Mein Sohn ist jetzt auf
+Urlaub hier; ich habe mich jedoch wohlweislich gehütet,
+ihm etwas von meinen Unannehmlichkeiten zu
+sagen, denn er gerät leicht in Harnisch und liebt
+seine Schwester zärtlich. Meine Freude, jenen
+lästigen Menschen los zu sein, war leider von kurzer
+Dauer. Noch war keine Stunde vorbei, so klingelte
+es heftig und man sagte mir, Drebber sei wieder
+da, er habe den Zug versäumt. In stark berauschtem
+Zustand erzwang er sich den Eintritt in das Zimmer,
+wo ich mit meiner Tochter saß, trat frech vor Mary
+hin und machte ihr den Vorschlag, mit ihr zu entfliehen.
+‚Sie sind großjährig,‘ sagte er, ‚das Gesetz
+hat keine Macht über Sie. Ich besitze Geld die Hülle
+und Fülle. Kümmern Sie sich nicht um die Alte,
+sondern folgen Sie mir auf der Stelle; Sie sollen
+wie eine Fürstin leben.‘ Die arme Mary war zu
+Tode erschrocken und wich vor ihm zurück, er aber
+ergriff sie am Arm, um sie mit sich fortzuziehen.
+Ich schrie laut auf vor Angst, und in diesem Augenblick
+trat mein Sohn Arthur ins Zimmer. Was
+weiter geschehen ist, weiß ich nicht, ich fühlte mich
+einer Ohnmacht nahe und hörte nur Verwünschungen
+und ein verworrenes Getöse. Als ich wieder aufzublicken
+wagte, stand Arthur, einen Stock in der
+Hand, lachend an der Thür. ‚Der saubere Kumpan
+<span class="pagenum" id="Page_99">[S. 99]</span>wird uns voraussichtlich nicht mehr belästigen,‘ sagte
+er; ‚ich will mich nur noch überzeugen, was aus ihm
+geworden ist.‘ Mit diesen Worten eilte er die Treppe
+hinunter. Am nächsten Morgen brachte man uns
+die Nachricht von Drebbers geheimnisvollem Tode.‘</p>
+
+<p>„‚Um wieviel Uhr ist Ihr Sohn nach Hause gekommen?‘
+fragte ich, als Madame Charpentier mit
+ihrem Bericht zu Ende war. ‚Das weiß ich nicht,‘
+stammelte sie; ‚er hat sich selbst mit dem Hausschlüssel
+hereingelassen.‘</p>
+
+<p>„‚Nachdem Sie zu Bett waren?‘</p>
+
+<p>„‚Ja.‘</p>
+
+<p>„‚Wann begaben Sie sich zur Ruhe?‘</p>
+
+<p>„‚Gegen elf Uhr.‘</p>
+
+<p>„‚So blieb Ihr Sohn also wenigstens noch zwei
+Stunden fort?‘</p>
+
+<p>„‚Ja.‘</p>
+
+<p>„‚Möglicherweise auch vier oder fünf?‘</p>
+
+<p>„‚Ja.‘</p>
+
+<p>„‚Wo war er inzwischen?‘</p>
+
+<p>„‚Ich weiß nicht,‘ flüsterte sie mit bleichen
+Lippen.</p>
+
+<p>„Unter diesen Umständen war ich natürlich nicht
+länger im Zweifel, was zu thun sei. Ich nahm zwei
+Polizisten mit, suchte Leutnant Charpentier auf
+<span class="pagenum" id="Page_100">[S. 100]</span>und ließ ihn festnehmen. Als ich seine Schulter
+berührte und ihn ermahnte, uns ohne Widerstand zu
+folgen, richtete er sich stolz in die Höhe. ‚Man hegt
+vermutlich Verdacht, ich sei an der Ermordung des
+schurkischen Drebber beteiligt,‘ waren seine ersten
+Worte. Sie werden mir zugeben, daß das höchst
+verdächtig aussah.“</p>
+
+<p>„Versteht sich,“ pflichtete Holmes bei.</p>
+
+<p>„Er hielt den Stock in der Hand, von dem seine
+Mutter gesprochen hatte, einen schweren eichenen
+Knittel.“</p>
+
+<p>„Wie denken Sie sich denn den Verlauf der
+Sache?“</p>
+
+<p>„Nun, er ist Drebber bis zur Brixtonstraße
+gefolgt. Dort hat sich ein neuer Streit zwischen
+ihnen entsponnen, Drebber hat mit dem Stock einen
+Schlag erhalten, wahrscheinlich in die Magenhöhle,
+der seinen Tod verursachte, ohne eine Spur zu
+hinterlassen. In der regnerischen Nacht war kein
+Mensch unterwegs, Charpentier konnte daher die
+Leiche ungesehen nach dem leeren Hause schaffen.
+Was aber das Licht betrifft, das vergossene Blut,
+die Schrift an der Wand und den Ring, so sind
+das wahrscheinlich alles nur Finten, um die Polizei
+auf eine falsche Fährte zu locken.“</p>
+
+<p>„Vortrefflich,“ rief Holmes beifällig. „Sie
+<span class="pagenum" id="Page_101">[S. 101]</span>machen wirklich Fortschritte, Gregson; es kann noch
+etwas aus Ihnen werden.“</p>
+
+<p>„Ich schmeichle mir, daß ich alles ganz glatt
+abgewickelt habe,“ sagte der Polizist voll Selbstgefühl.
+„Der junge Mann behauptete zwar steif und fest,
+er sei Drebber nur eine kurze Strecke weit nachgegangen,
+dann habe dieser ihn entdeckt und sei in
+eine Droschke gestiegen, um ihm zu entkommen. Auf
+dem Heimweg wollte er dann einem früheren Kameraden
+vom Schiff begegnet sein und einen langen
+Spaziergang mit ihm gemacht haben. Als ich aber
+nach der Wohnung dieses Bekannten fragte, wußte
+er sie nicht anzugeben. Wie gesagt, der Fall ist mir
+ganz klar; es macht mir nur Spaß, daß Lestrade
+eine so falsche Spur verfolgt, die zu nichts führen
+kann. — Aber, wahrhaftig, ich glaube, da ist er
+selbst.“</p>
+
+<figure class="figcenter illowe32" id="illus_0102">
+ <img class="w100" src="images/illus_0102.jpg" alt="Ein ratloser Lestrade
+ bei Holmes">
+</figure>
+
+<p>Lestrade war wirklich während unseres Gesprächs
+die Treppe heraufgekommen und trat jetzt
+ins Zimmer. Sein für gewöhnlich so selbstbewußtes
+Wesen war kaum wieder zu erkennen; seine Mienen
+waren verstört, sein sonst so peinlich sauberer Anzug
+in Unordnung. Er wollte sich offenbar bei Holmes
+guten Rat holen; seinen Kollegen da zu finden, hatte
+er nicht erwartet. Unschlüssig blieb er mitten im
+Zimmer stehen und drehte seinen Hut krampfhaft
+<span class="pagenum" id="Page_103">[S. 103]</span>in den Händen. „Ein höchst verwickelter, unverständlicher
+Fall,“ sagte er endlich.</p>
+
+<p>„Meinen Sie, Lestrade?“ rief Gregson triumphierend,
+„das habe ich mir wohl gedacht. Ist es
+Ihnen denn gelungen, den Aufenthalt des Sekretärs
+Josef Stangerson zu entdecken?“</p>
+
+<p>„Den Sekretär Stangerson,“ erwiderte Lestrade
+mit tiefem Ernst, „hat man in Hallidays Privathotel
+heute früh gegen acht Uhr in seinem Schlafzimmer
+ermordet gefunden.“</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_104">[S. 104]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1_5" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.<br>
+<b class="s4">Es kommt Licht in das Dunkel.</b></h3>
+
+</div>
+
+<p>Lestrades furchtbare Mitteilung kam uns so unerwartet,
+daß wir einige Zeit brauchten, um uns von
+dem ersten Schrecken zu erholen. Gregson war von
+seinem Sitz in die Höhe geschnellt, und ich starrte
+schweigend auf Sherlock Holmes, der mit düster zusammengezogenen
+Brauen und fest geschlossenen
+Lippen dasaß.</p>
+
+<p>„Stangerson gleichfalls,“ murmelte er endlich
+— „der Fall wird verwickelter.“</p>
+
+<p>„Und war schon verwickelt genug,“ sagte
+Lestrade und nahm mißmutig am Tische Platz.
+„Hier wurde wohl Kriegsrat gehalten?“</p>
+
+<p>„Ist denn — was Sie sagen — aber auch
+ganz gewiß wahr?“ stammelte Gregson.</p>
+
+<p>„Eben komme ich vom Schauplatz der That,“
+lautete seines Kollegen Antwort. „Ich war der
+Erste, welcher entdeckte, was sich zugetragen hatte.“</p>
+
+<p>Holmes sah ihn erwartungsvoll an. „Wir
+haben soeben Gregsons Ansicht über den Fall gehört,“
+äußerte er, „vielleicht wären Sie geneigt, uns
+nun auch Ihre Erlebnisse und Thaten zu berichten?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_105">[S. 105]</span></p>
+
+<p>„Warum nicht?“ versetzte Lestrade; „ich gestehe
+offen, daß ich der Meinung war, Stangerson müsse
+bei Drebbers Ermordung die Hand im Spiele gehabt
+haben — ein Irrtum, von dem ich durch das
+jüngste Ereignis gründlich zurückgekommen bin. Vor
+allem wollte ich ermitteln, was aus dem Sekretär
+geworden sei. Man hatte die beiden noch abends um
+halb neun zusammen auf dem Eustoner Bahnhof
+gesehen. Um zwei Uhr morgens war Drebbers Leiche
+in der Brixtonstraße aufgefunden worden. Wo
+hatte sich Stangerson in der Zeit zwischen 8 Uhr 30
+und der Stunde des Verbrechens aufgehalten?
+— das war die Frage. Ich telegraphierte eine Personalbeschreibung
+des Mannes nach Liverpool, damit
+er sich nicht heimlich auf einem amerikanischen
+Dampfer einschiffen könne. Dann erkundigte ich mich
+nach ihm in allen Hotels und Privatpensionen in
+der Nähe des Bahnhofs. Es schien mir wahrscheinlich,
+daß, wenn die Reisegefährten sich aus irgend
+einem Grunde getrennt hätten, Stangerson zur Nacht
+im nächsten Hotel einkehren und am andern Morgen
+Drebber sicherlich wieder am Bahnhof erwarten
+würde.“</p>
+
+<p>„Sie werden wohl vorher verabredet haben, an
+welchem Orte sie sich treffen wollten,“ warf Holmes
+ein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_106">[S. 106]</span></p>
+
+<p>„Wohl möglich,“ meinte Lestrade. „Nun also,
+den ganzen gestrigen Abend brachte ich mit fruchtlosen
+Erkundigungen zu. Heute früh setzte ich meine
+Nachforschungen beizeiten fort und kam gegen acht
+Uhr nach Hallidays Privathotel in der kleinen
+Georgstraße. Auf meine Frage, ob ein Herr Stangerson
+dort abgestiegen sei, erhielt ich sofort eine bejahende
+Antwort. ‚Vermutlich sind Sie der Herr,
+auf den er schon seit zwei Tagen wartet,‘ meinte
+der Portier.</p>
+
+<p>„‚Wo ist er jetzt?‘ fragte ich.</p>
+
+<p>„‚Oben in seinem Schlafzimmer; er wollte um
+neun Uhr geweckt sein.‘</p>
+
+<p>„‚Ich möchte ihn sofort aufsuchen.‘</p>
+
+<p>„Mit der Absicht, ihn ganz unvermutet zu überraschen,
+ließ ich mir von dem Hausknecht das
+Zimmer zeigen. Es lag im zweiten Stock am Ende
+eines engen Korridors. Nun stellen Sie sich aber
+mein Entsetzen vor, als ich, bei der Thür angekommen,
+bemerkte, daß ein dünner, roter Strom
+über die Schwelle rieselte und auf der andern Seite
+des Ganges eine kleine Blutlache gebildet hatte.
+Der Hausknecht, der schon an der Treppe war, kam
+auf meinen Schreckensruf zurückgestürzt, er wäre
+bei dem Anblick fast umgesunken. Die Thür war
+von innen verschlossen, doch gelang es unsern vereinten
+<span class="pagenum" id="Page_107">[S. 107]</span>Kräften, sie aufzusprengen. Drinnen stand
+ein Fenster offen, und dicht daneben lag zusammengesunken
+ein Mann im Nachtgewande. Er mußte
+schon seit mehreren Stunden tot sein, denn seine
+Glieder waren steif und kalt. Ein Dolchstich war
+ihm mitten durchs Herz gedrungen. Nun hören
+Sie aber noch das Seltsamste von der ganzen Begebenheit:
+An der Wand neben der Leiche stand geschrieben
+— was glauben Sie wohl?“&#8239;—</p>
+
+<p>„Das Wort ‚Rache‘ in Blutbuchstaben,“ sagte
+Sherlock Holmes, ohne sich zu besinnen. Mir erstarrte
+das Blut in den Adern vor Entsetzen.</p>
+
+<p>„Das war es,“ flüsterte Lestrade, und seine
+Stimme bebte. Eine Weile sprach keiner von uns
+ein Wort. Die methodische, und doch völlig unbegreifliche
+Weise, auf die der unbekannte Mörder bei
+seinen Missethaten verfuhr, erhöhte noch ihren
+schauerlichen Eindruck. Unter den Greueln des
+Schlachtfeldes war ich kaltblütig geblieben, jetzt
+zuckte mir jeder Nerv vor Erregung.</p>
+
+<p>„Der Verbrecher ist nicht unbemerkt entkommen,“
+fuhr Lestrade fort. „Ein Milchjunge, der vom Kuhstall
+nach der Hotelküche ging, sah, daß an einem
+offenen Fenster des zweiten Stocks eine Leiter lehnte.
+Als er sich verwundert noch einmal umblickte, kam
+gerade ein Mann die Leiter herabgestiegen und zwar
+<span class="pagenum" id="Page_108">[S. 108]</span>so ruhig und ohne jede verdächtige Hast, daß der
+Junge glaubte, es müsse ein Arbeiter sein, der im
+Hotel etwas auszubessern habe. Nach seiner Beschreibung
+war der Mann groß, rot im Gesicht und
+mit einem langen Rock von bräunlicher Farbe bekleidet.
+Er hat das Zimmer nicht unmittelbar nach
+der That verlassen, sondern sich erst noch im Becken
+das Blut von den Händen gewaschen und sein Dolchmesser
+sorgfältig an den Betttüchern abgewischt.“</p>
+
+<p>Das Aeußere des Mannes war genau so, wie
+Holmes es früher beschrieben hatte, doch war keine
+Spur von Triumph oder Genugthuung in den Zügen
+meines Gefährten zu entdecken. „Haben Sie in dem
+Zimmer nichts gefunden, was auf die Spur des
+Verbrechers leiten könnte?“ fragte er begierig.</p>
+
+<p>„Nicht das geringste. Stangerson trug Drebbers
+Börse in der Tasche, doch war das nicht auffällig,
+da er die Reiseausgaben zu bezahlen pflegte. Sie
+enthielt etwa achtzig Pfund, die unberührt geblieben
+waren. Auf eine Beraubung hatte man es offenbar
+nicht abgesehen. In den Taschen des Ermordeten
+fanden sich weder Papiere noch Notizen, nur ein
+Telegramm, das vor etwa einem Monat in Cleveland
+aufgegeben worden war und lautete: ‚J. H. ist
+in Europa.‘ Der Name des Absenders stand nicht
+dabei.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_109">[S. 109]</span></p>
+
+<p>„Und das war alles?“</p>
+
+<p>„Alles Wichtige. Ein Roman, mit dem sich der
+Mann in den Schlaf gelesen, lag auf dem Bett und
+seine Tabakspfeife daneben auf dem Stuhl. Auf
+dem Tisch stand ein Glas Wasser und auf dem
+Fensterbrett ein hölzernes Salbenschächtelchen, das
+mehrere Pillen enthielt.“</p>
+
+<p>Mit einem Ausruf des Entzückens sprang Sherlock
+Holmes in die Höhe.</p>
+
+<p>„Das fehlende Glied,“ rief er. „Nun ist der
+letzte Zweifel gelöst.“</p>
+
+<p>Die beiden Polizisten sahen einander sprachlos
+vor Erstaunen an.</p>
+
+<p>„Ich halte nunmehr alle scheinbar noch so verwirrten
+Fäden in meinen Händen,“ sagte mein Gefährte
+zuversichtlich. „Einzelheiten sind natürlich
+noch unerledigt, aber über die Hauptsache bin ich
+völlig im klaren. Von der Zeit an, als Drebber
+sich von Stangerson trennte, bis zum Augenblick,
+da des letzteren Leiche entdeckt wurde, weiß ich alles,
+als hätte ich es mit eigenen Augen gesehen. Sie
+sollen sogleich einen Beweis davon haben. Könnten
+Sie wohl die fraglichen Pillen herbeischaffen?“</p>
+
+<p>„Ich habe sie hier,“ versetzte Lestrade, ein Schächtelchen
+hervorziehend, „ich nahm sie an mich, zugleich
+mit der Börse und dem Telegramm, um sie der
+<span class="pagenum" id="Page_110">[S. 110]</span>Polizei zu übergeben. Daß ich die Pillen nicht stehen
+ließ, war der reinste Zufall, denn ich muß sagen,
+ich legte ihnen keine Wichtigkeit bei.“</p>
+
+<p>„Wissen Sie, Doktor,“ wandte sich Holmes zu
+mir, „ob das gewöhnliche Pillen sind?“</p>
+
+<p>Sie waren von perlgrauer Farbe, klein, rund
+und fast durchsichtig, wenn man sie gegen das Licht
+hielt. „Nach ihrer Beschaffenheit sollte ich meinen,
+daß sie sich in Wasser auflösen würden,“ bemerkte
+ich.</p>
+
+<p>„Das glaube ich auch,“ sagte Holmes erfreut.
+„Bitte,“ fuhr er fort, „schaffen Sie doch einmal den
+kleinen kranken Dachshund herbei, der schon lange
+in einem so traurigen Zustand ist, daß die Wirtin
+Sie noch gestern bat, ihn von seinen Qualen zu
+erlösen.“</p>
+
+<p>Ich brachte das altersschwache Tier in meinen
+Armen herauf und legte es auf ein Fußkissen nieder,
+es atmete schwer und schien bereits in den letzten
+Zügen.</p>
+
+<p>„Jetzt schneide ich eine dieser Pillen entzwei,“
+sagte Holmes, sein Taschenmesser herausziehend;
+„eine Hälfte bleibt zu späterer Verwendung in der
+Schachtel, die andere thue ich mit einem Theelöffel
+voll Wasser in dieses Weinglas. Sie sehen, der
+Doktor hat recht, sie löst sich schon auf.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_111">[S. 111]</span></p>
+
+<p>„Das mag sehr interessant sein,“ ließ sich
+Lestrade in spöttischem Ton vernehmen, „nur begreife
+ich nicht, was es mit Stangersons Tode zu
+thun haben soll.“</p>
+
+<p>„Geduld, mein Freund, Geduld; Sie werden es
+bald erfahren. Jetzt gieße ich noch etwas Milch
+dazu, um es schmackhaft zu machen.“</p>
+
+<p>Er hatte den Inhalt des Weinglases in einen
+Napf ausgeleert und der Hund leckte die Flüssigkeit
+bereitwillig auf. Wir saßen schweigend im Kreise
+und erwarteten eine überraschende Wirkung, welche,
+nach Holmes wichtiger Miene zu urteilen, bald eintreten
+sollte. Aber es geschah nichts dergleichen.
+Der Hund lag auf dem Kissen ausgestreckt, sein
+Zustand war unverändert.</p>
+
+<p>Mein Freund hatte die Uhr herausgezogen, und
+wie eine Minute nach der andern erfolglos verstrich,
+nahm sein Gesicht einen immer kummervolleren Ausdruck
+an. Er preßte die Lippen zusammen, trommelte
+mit den Fingern auf dem Tisch und verriet
+auf jede Weise die größte Ungeduld. Seine Gemütsbewegung
+war so unverkennbar, daß er mir aufrichtig
+leid that, während die beiden Polizisten schadenfroh
+lächelten und ihm den offenbaren Mißerfolg von
+Herzen zu gönnen schienen.</p>
+
+<p>„Es kann kein zufälliges Zusammentreffen
+<span class="pagenum" id="Page_112">[S. 112]</span>sein,“ rief er endlich, vom Stuhl aufspringend; „das
+ist unmöglich, völlig unmöglich. Die nämlichen Pillen,
+deren Anwendung ich in Drebbers Fall vermutete,
+werden nach Stangersons Tode wirklich gefunden
+— und doch haben sie keine Wirkung. Wie
+läßt sich das erklären? — Daß meine ganze Schlußfolgerung
+falsch gewesen sein soll, ist undenkbar.
+Aber der elenden Kreatur dort merkt man gar
+nichts an.“</p>
+
+<p>Er ging aufgeregt im Zimmer hin und her;
+plötzlich stieß er einen Jubelruf aus: „Ich hab’s, ich
+hab’s!“ Er griff nach der Schachtel, schnitt die
+andere Pille entzwei, löste sie auf, goß Milch dazu
+und ließ sie von dem Hunde auflecken. Kaum hatte
+das arme Geschöpf sie mit der Zunge berührt, als
+ein krampfhaftes Zucken durch seine Glieder ging,
+dann lag es starr und leblos da, wie vom Blitz getroffen.</p>
+
+<p>Sherlock Holmes atmete tief auf und trocknete
+sich den Schweiß von der Stirn. „Es war unrecht,
+daß ich mich so leicht irre machen ließ,“ sagte
+er. „Wenn eine Thatsache durchaus nicht zu meinen
+Folgerungen passen will, hat sich noch regelmäßig
+herausgestellt, daß es damit eine besondere Bewandtnis
+hat. Eine der beiden Pillen enthielt das
+tödliche Gift, die andere war völlig unschädlich. Das
+<span class="pagenum" id="Page_113">[S. 113]</span>hätte ich wissen müssen, bevor mir noch die Schachtel
+zu Gesicht kam.“</p>
+
+<figure class="figcenter illowe28" id="illus_0113">
+ <img class="w100" src="images/illus_0113.jpg" alt="Holmes, Watson und
+ Lestrade beobachten den Hund">
+</figure>
+
+<p>Wie seltsam mir auch seine letzte Behauptung
+klang, so lag doch der tote Hund als bester Beweis
+für ihre Richtigkeit vor uns. Ganz allmählich begannen
+sich die Nebel zu zerstreuen, die mir das
+<span class="pagenum" id="Page_114">[S. 114]</span>Verständnis verhüllten, und es dämmerte in mir
+eine Ahnung von dem Zusammenhang der Dinge.</p>
+
+<p>„Das alles erscheint Ihnen nur deshalb so
+sonderbar,“ fuhr Holmes fort, „weil Sie gleich zu
+Anfang die einzig richtige Spur, welche deutlich
+vorlag, nicht erkannt haben. Ich hatte das Glück,
+von vornherein darauf zu verfallen und alle späteren
+Ereignisse haben nur dazu gedient, mich in meiner
+ursprünglichen Vermutung zu bestärken, sie waren
+die logische Folge derselben. So kam es, daß alles,
+was den Fall in Ihren Augen verdunkelte, mir
+neues Licht brachte und meine Annahmen bestätigte.
+Außergewöhnliche Umstände bieten keineswegs immer
+die schwierigsten Rätsel; vielmehr sind die scheinbar
+alltäglichsten Verbrechen oft am geheimnisvollsten,
+weil wir ohne besondere Anhaltspunkte zu keinen
+neuen Schlüssen gelangen können. Die Lösung
+unseres Falles würde sehr fraglich sein, wenn man
+den Leichnam einfach auf der Straße gefunden hätte.
+Die merkwürdigen Nebenumstände erschweren die
+Nachforschung nicht, im Gegenteil, sie erleichtern
+dieselbe.“</p>
+
+<p>Gregson hatte der langen Auseinandersetzung
+mit wachsender Ungeduld zugehört; endlich bezwang
+er sich nicht länger.</p>
+
+<p>„Wir geben ja gern zu, Herr Holmes,“ sagte er,
+<span class="pagenum" id="Page_115">[S. 115]</span>„daß Sie ein ungewöhnlich schlauer Mensch sind und
+Ihr ganz besonderes Verfahren haben. Aber mit
+Theorien kommt man hier nicht weit. Es handelt sich
+darum, den Mörder festzunehmen. Was <em class="gesperrt">ich</em> in
+dieser Sache gethan habe, scheint sich als Mißgriff
+herauszustellen, denn den zweiten Mord kann der
+junge Charpentier nicht begangen haben. Lestrade
+seinerseits glaubte jenem Stangerson nachspüren zu
+müssen und auch er war augenscheinlich auf falscher
+Fährte. Nach Ihren Winken und Andeutungen
+scheinen Sie mehr von der Sache zu wissen als wir.
+So gehen Sie doch einmal heraus mit der Sprache,
+und sagen Sie uns, wer das Verbrechen begangen
+hat.“</p>
+
+<p>„Gregson hat ganz recht,“ nahm Lestrade das
+Wort. „Wir haben uns bis jetzt beide vergeblich
+bemüht, dahinter zu kommen, und wenn Sie wirklich,
+wie Sie behaupten, alle Beweise in Händen
+haben, so hoffe ich, Sie werden nicht länger zögern,
+uns reinen Wein einzuschenken.“</p>
+
+<p>„Das Wichtigste scheint mir doch, den Mörder
+unschädlich zu machen,“ fiel ich ein, „damit er nicht
+noch mehr Unthaten begehen kann.“</p>
+
+<p>So von allen Seiten gedrängt, schien Holmes
+unentschlossen, was er thun solle. Mit gerunzelten
+Brauen, den Kopf auf die Brust gesenkt, schritt er
+<span class="pagenum" id="Page_116">[S. 116]</span>im Zimmer auf und ab, wie seine Gewohnheit war,
+wenn es eine große Entscheidung galt. Plötzlich
+blieb er uns gegenüber stehen.</p>
+
+<p>„Es wird kein Mord mehr verübt werden, darüber
+können Sie außer Sorge sein,“ sagte er mit
+Bestimmtheit. „Sie fragen mich nach dem Namen
+des Verbrechers — den kenne ich. Ja, was noch
+mehr ist, ich hoffe, in kürzester Frist ihn selbst in die
+Hände zu bekommen. Alle meine Vorkehrungen zu
+dem Zweck sind getroffen, aber die Ausführung erfordert
+große Umsicht, denn wir haben es mit einem
+kühnen Menschen zu thun, der zum Aeußersten entschlossen
+ist. Auch fehlt es ihm nicht an einem Gehilfen,
+der ebenso verschlagen ist wie er selbst —
+davon habe ich Beweise. Solange der Mann nicht
+ahnt, daß man ihn beobachtet, ist es möglich, seiner
+habhaft zu werden. Schöpfte er aber auch nur den
+geringsten Argwohn, so würde er einen andern
+Namen annehmen und unter den vier Millionen
+Einwohnern dieser großen Stadt spurlos verschwinden.
+Ich möchte Sie beide nicht kränken, doch
+scheint mir, daß die Polizei jenem Manne gegenüber
+machtlos ist. Ich habe Sie deshalb auch nicht um
+Ihre Hilfe angegangen, und will lieber Tadel und
+Verantwortlichkeit allein tragen, wenn die Sache
+mißlingt. Jedenfalls verspreche ich, Ihnen Weiteres
+<span class="pagenum" id="Page_117">[S. 117]</span>mitzuteilen, sobald ich überzeugt bin, daß meine
+Pläne nicht mehr gefährdet werden können.“</p>
+
+<p>Die beiden Polizisten schienen durch diese Versicherung
+nicht sehr befriedigt und überhaupt wenig
+erbaut von dem abfälligen Urteil meines Gefährten.
+Gregson wurde rot bis zu den Schläfen und Lestrades
+Augen funkelten vor Aerger und Neugier. Sie
+fanden jedoch keine Zeit, ihrem Herzen Luft zu
+machen, denn in diesem Augenblick klopfte es an der
+Thür, und der Häuptling der zerlumpten Freiwilligenschar,
+der junge Wiggins, erschien in höchsteigener,
+unansehnlicher Person.</p>
+
+<p>„Ich wollte nur melden, Herr,“ sagte er, eine
+stramme Haltung annehmend, „daß ich die Droschke
+gebracht habe; sie hält unten.“</p>
+
+<p>„Bravo,“ rief Holmes beifällig. Er holte ein
+Paar stählerne Handschellen aus der Kommodenschublade.
+„Sehen Sie nur, wie die Feder zuschnappt,
+in einem Augenblick sitzen sie fest. Warum
+führt man eigentlich diese Sorte nicht bei der
+Polizei ein?“</p>
+
+<p>„Das alte Muster erfüllt seine Zwecke gut
+genug,“ versetzte Lestrade; „die Hauptsache bleibt
+immer, den Mann zu haben, dem man sie anlegen
+soll.“</p>
+
+<p>„Freilich, freilich,“ bestätigte Holmes lächelnd.
+<span class="pagenum" id="Page_118">[S. 118]</span>„Höre Wiggins, bitte doch einmal den Droschkenkutscher
+heraufzukommen, er soll mir bei dem Gepäck
+behilflich sein.“</p>
+
+<p>Es überraschte mich, daß mein Gefährte im Begriff
+schien, eine Reise anzutreten, denn er hatte
+davon nichts gegen mich erwähnt. Im Zimmer
+stand ein kleiner Handkoffer, den er jetzt hervorzog
+und zuzuschließen begann. Er war noch damit beschäftigt
+und kniete am Boden, als der Droschkenkutscher
+eintrat. „Können Sie mir vielleicht hier
+den Riemen fester schnallen, Kutscher,“ sagte er,
+ohne den Kopf umzuwenden.</p>
+
+<p>Der Mensch trat verdrossen hinzu und streckte
+die Hände nach dem Riemen aus. Man vernahm
+einen scharfen, metallenen Klang und im nächsten
+Augenblick sprang Sherlock Holmes rasch in die
+Höhe.</p>
+
+<p>„Meine Herren,“ rief er mit blitzenden Augen,
+„hier stelle ich Ihnen Jefferson Hope vor,
+den Mörder von Enoch Drebber und Joseph
+Stangerson.“</p>
+
+<p>Alles war mit solcher Schnelligkeit vor sich gegangen,
+daß uns kaum Zeit zur Besinnung blieb,
+doch erinnere ich mich deutlich an den triumphierenden
+Ausdruck in Holmes’ Blick und Ton und an des
+Kutschers verdutzte, ingrimmige Miene, mit der er
+<span class="pagenum" id="Page_119">[S. 119]</span>die Handschellen betrachtete, welche ihn wie durch
+Zauberkunst gefesselt hielten.</p>
+
+<p>Wir standen starr wie Bildsäulen, aber nur einen
+Augenblick, denn plötzlich stieß der Gefangene einen
+Schrei wilder Wut aus, riß sich mit gewaltiger
+Kraft von Holmes los und rannte nach dem Fenster;
+Glas und Holzwerk brachen in tausend Splitter bei
+seinem mächtigen Anprall. Noch ehe er sich jedoch
+hinausstürzen konnte, sprangen Lestrade, Gregson
+und Holmes auf ihn, wie Jagdhunde auf ihre Beute;
+er ward ins Zimmer zurückgezogen und nun entspann
+sich ein furchtbarer Kampf. Wieder und
+immer wieder gelang es ihm, uns alle vier abzuschütteln;
+mit der Riesenstärke eines Wahnsinnigen
+wehrte er sich gegen seine Angreifer. Die zertrümmerten
+Fensterscheiben hatten ihm Gesicht und
+Hände schrecklich verletzt, aber der Blutverlust
+schwächte seine Widerstandskraft nicht. Erst als es
+Lestrade gelang, ihm von hinten die Hand in den
+Halskragen zu stecken und ihn fast zu erwürgen,
+sah er ein, daß jeder weitere Versuch, uns zu entrinnen,
+vergeblich sein würde. Der Sicherheit halber
+banden wir ihn noch an den Füßen und konnten
+nun erst wieder zu Atem kommen.</p>
+
+<p>„Seine Droschke steht noch unten, wir wollen
+sie gleich benützen, um ihn auf die Polizei zu bringen,“
+<span class="pagenum" id="Page_120">[S. 120]</span>sagte Sherlock Holmes. „Und nun, meine
+Herren,“ fuhr er fort, „bin ich bereit, alle Ihre
+Fragen zu beantworten. Mein kleines Geheimnis
+ist enthüllt, und Sie brauchen nicht zu fürchten,
+daß ich Ihnen die gewünschte Auskunft verweigere.“</p>
+
+<figure class="figcenter illowe30" id="illus_0120">
+ <img class="w100" src="images/illus_0120.jpg" alt="Der Gefangene versucht zu
+ fliehen">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_121">[S. 121]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak padbot1" id="Im_Lande_der_Heiligen">
+ <b>Im Lande der Heiligen.</b>
+ </h2>
+
+</div>
+
+<h3 class="noclearleft" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.<br>
+<b class="s4">Auf der großen Alkali-Ebene.</b></h3>
+
+
+<p>Im Innern des Festlandes von Nordamerika
+liegt eine dürre, unwirtliche Wüstengegend, die
+sich Jahrhunderte lang als ein unübersteigliches
+Hemmnis für jeden Fortschritt der Zivilisation erwiesen
+hat. Diese große Einöde, welche der Yellowstonefluß
+im Norden, der Colorado im Süden begrenzt,
+dehnt sich von der Sierra Nevada bis Nebraska
+in schauerlichem Todesschweigen aus. Es
+herrscht zwar auch hier keine Einförmigkeit in der
+Natur — hohe Schneeberge wechseln mit düstern
+Thalgründen, reißende Ströme stürzen durch zerklüftete
+Bergschluchten, die endlosen Ebenen, die der
+Winter in ungeheure Schneefelder verwandelt, sind
+im Sommer unter einer grauen Decke von salzigem
+<span class="pagenum" id="Page_122">[S. 122]</span>Alkalistaub begraben — doch eine schrecklichere, trostlosere
+Gegend findet sich nirgends.</p>
+
+<p>Dies Land des Grauens ist menschenleer. Einzelne
+Scharen von Pawnees oder Schwarzfuß-Indianern
+durchstreifen es wohl, um andere Jagdgründe
+aufzusuchen, aber selbst die tapfersten Rothäute
+frohlocken, wenn die gefürchteten Salzebenen
+hinter ihnen liegen und sie wieder über ihre geliebte
+Steppe schweifen. Hier lauert nur der Coyote im
+Gestrüpp, der Bussard fliegt schwerfällig durch die
+Luft und der täppische graue Bär sucht in den
+dunkeln Schluchten der Felsengebirge seine kärgliche
+Nahrung. Dies sind die einzigen Bewohner der
+schauerlichen Wüste.</p>
+
+<p>Eine trübseligere Aussicht findet man auf Erden
+nicht, als den Blick von den nördlichen Höhen der
+Sierra Blanca. Soweit das Auge reicht, nichts als
+die endlose, flache Ebene, hier und da ein verkrüppeltes
+Chapparal-Gebüsch und Haufen von
+Alkalistaub, der die ganze Gegend bedeckt. Am
+fernsten Horizont zieht sich eine Gebirgskette hin,
+deren zerklüftete Gipfel mit Schnee bedeckt sind.
+Meist ist kein lebendiges Wesen zu erblicken, kein Laut
+unterbricht die fürchterliche Stille, starres, totes
+Schweigen herrscht rings umher.</p>
+
+<p>Mitten in der Wüste aber gewahrt man, in
+<span class="pagenum" id="Page_123">[S. 123]</span>der weiten Ferne sich verlierend, eine Karawanenstraße.
+Manches Fuhrwerk hat dort tiefe
+Räderspuren im Boden zurückgelassen, viele Glücksjäger
+haben mit wanderndem Fuß das Erdreich festgetreten.
+Hier und da glänzt etwas Weißes in
+der Sonne und hebt sich grell von der grauen Alkalischicht
+ab. Wir betrachten es näher und erkennen,
+daß es Gebeine sind — die derberen sind Knochen
+von Zugstieren, die feineren von Menschen. Fünfzehnhundert
+Meilen lang läßt sich diese Totenstraße
+an den irdischen Ueberresten derjenigen verfolgen,
+die hier am Wege niedergesunken sind.</p>
+
+<p>Dies war der Ausblick, der sich am vierten Mai
+des Jahres 1847 einem einsamen Wanderer darbot,
+welcher von einer kleinen Anhöhe ins Thal hinabsah.
+Ob der Mann ein Vierziger oder Sechziger war, ließ
+sich schwer entscheiden. Sein eingefallenes, abgezehrtes
+Gesicht, die vorstehenden Backenknochen, die
+braune runzlige Haut, das lange, wie mit weißen
+Fäden durchzogene Haupt- und Barthaar, gaben
+ihm das Ansehen eines hinfälligen Greises. Seine
+Augen, die mit unnatürlichem Glanz funkelten, lagen
+tief in den Höhlen, die Hand, welche die Flinte hielt,
+war dürr und abgemagert wie bei einem Gerippe,
+seine Kleider schlotterten ihm am Leibe. Und doch,
+wie er so dastand, auf die Waffe gelehnt, ließ seine
+<span class="pagenum" id="Page_124">[S. 124]</span>hohe, starkknochige Gestalt auf eine zähe, urkräftige
+Natur schließen. Das hagere Gesicht, die zusammengeschrumpften
+Glieder, verrieten nur zu deutlich den
+Grund seines verfallenen Aussehens. Der Mann
+war dem Tode nahe — er kam langsam um vor
+Hunger und Durst.</p>
+
+<p>Mühselig hatte er sich in die Schlucht hinuntergeschleppt
+und den Hügel hinauf, in der vergeblichen
+Hoffnung, irgend ein Anzeichen zu entdecken, daß
+Wasser in der Nähe sei. Jetzt lag die große Salzwüste
+vor ihm, von der fernen Bergkette eingerahmt,
+rings umher weder Baum noch Kraut, keine Spur
+einer Feuchtigkeit. Er schaute nach Norden, nach
+Osten und Westen mit gierigen Blicken, aber wie
+weit sich das Land auch dehnte, nirgends war für
+ihn ein Schimmer von Hoffnung. Nun sah er ein,
+daß seine Wanderung ihr Ende erreicht habe, und
+er hier auf der öden Klippe seine Todesstunde erwarten
+müsse. „Ob jetzt auf hartem Stein, oder
+zwanzig Jahre später im weichen Bett — es macht
+wenig Unterschied,“ murmelte er, sich an die Felswand
+lehnend.</p>
+
+<p>Ehe er sich niedersetzte, hatte er zuvor seine
+Flinte auf den Boden gelegt und daneben ein großes
+Bündel, das er in einem grauen Shawl eingeknüpft
+über der rechten Schulter getragen. Das Bündel
+<span class="pagenum" id="Page_125">[S. 125]</span>schien zu schwer für seine geschwächten Kräfte und fiel
+etwas unsanft zur Erde, als er es abnahm. Da
+ließ sich ein leiser Schmerzensschrei vernehmen und
+aus der grauen Umhüllung kam ein erschrecktes Gesichtchen
+mit hellen, braunen Augen zum Vorschein
+und zwei niedliche, kleine Fäustchen.</p>
+
+<p>„Du hast mir wehgethan,“ klagte eine Kinderstimme
+in vorwurfsvollem Ton.</p>
+
+<p>„Wirklich?“ erwiderte der Mann bedauernd,
+„das thut mir leid.“ Dabei knüpfte er das Bündel
+auf, und heraus sprang ein etwa fünfjähriges Mädchen,
+dessen zierliche Schuhe, rosa Röckchen und weißleinenes
+Schürzchen auf mütterliche Sorgfalt deuteten.
+Die Kleine war bleich und mager, doch ließen
+die rundlichen Aermchen und Beinchen erkennen,
+daß sie weniger Mangel gelitten hatte, als ihr
+Gefährte.</p>
+
+<p>„Ist’s denn noch nicht wieder gut?“ fragte er
+ängstlich, als sie sich noch immer das goldgelbe
+Lockenhaar auf dem Hinterkopf rieb.</p>
+
+<p>„Gieb mir einen Kuß drauf, dann wird es heil,“
+versetzte sie ernsthaft, auf die schmerzende Stelle
+zeigend. „So macht es meine Mutter immer. Wo
+ist denn Mama?“</p>
+
+<p>„Fortgegangen. Aber du wirst sie bald wiedersehen,
+glaube ich.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_126">[S. 126]</span></p>
+
+<p>„Fort — sagst du?“ rief die Kleine. „Na, so
+was — sonst ging sie nie zur Tante ’rüber, ohne
+erst ‚B’hüt Gott‘ zu sagen — und jetzt ist sie schon
+drei Tage weg. — Mir ist so trocken im Munde.
+Hast du kein Wasser oder etwas zu essen?“</p>
+
+<p>„Nein, Herzchen, es ist nichts da. Hab nur noch
+ein Weilchen Geduld, dann wird alles gut. Leg
+dein Köpfchen auf meine Schulter, so, nun ist’s schon
+besser. Mir klebt die Zunge am Gaumen, daß ich
+kaum sprechen kann, aber ich muß dir doch sagen,
+wie die Sachen stehen. Was hast du denn da in der
+Hand?“</p>
+
+<p>„So was Hübsches, das glänzt und funkelt,“ rief
+die Kleine, entzückt zwei Stückchen Glimmerschiefer
+emporhaltend. „Wenn wir heimkommen, bring ich
+sie Bruder Bertel mit.“</p>
+
+<p>„Du wirst bald schöneres Spielzeug kriegen,“
+sagte der Mann zuversichtlich, „wart’ nur noch ein
+wenig. Aber, was ich dir sagen wollte — weißt du
+noch, wie wir vom Fluß fortzogen?“</p>
+
+<p>„Freilich.“</p>
+
+<p>„Siehst du, wir glaubten, es käme bald ein
+anderer Fluß — aber er kam nicht. Ich weiß nicht,
+waren die Karten falsch oder der Kompaß, oder
+woran lag es. Das Wasser ging uns aus; nur für
+dich war noch ein Tröpfchen da — und&#8239;—“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_127">[S. 127]</span></p>
+
+<p>„Du konntest dich gar nicht waschen,“ sagte sie,
+ihm ernsthaft in das dunkle Gesicht blickend.</p>
+
+<p>„Nein, und auch nicht trinken. Herr Bender sank
+zuerst um, und dann der Indianerpeter, dann Frau
+Gregor, dann Johanny Hones, und dann, Herzchen,
+auch deine Mutter.“</p>
+
+<p>„Ist Mutter auch tot?“ Die Kleine verbarg ihr
+Gesichtchen in der Schürze und schluchzte bitterlich.</p>
+
+<p>„Ja, alle außer uns beiden. Ich hoffte, in dieser
+Richtung würde Wasser zu finden sein, so lud ich
+dich denn auf die Schulter und wanderte fort mit
+dir. Aber es hat nichts genützt und jetzt weiß ich
+keine Hilfe mehr.“</p>
+
+<p>Das Kind hörte plötzlich auf zu weinen.</p>
+
+<p>„Du meinst, wir werden auch sterben?“ fragte
+es, die nassen Augen zu ihm aufschlagend.</p>
+
+<p>„Dazu wird’s wohl kommen.“</p>
+
+<p>„Warum hast du denn das nicht gleich gesagt?“
+rief die Kleine, und lachte hell auf. „Du hast mich
+so erschreckt. Natürlich kommen wir wieder zur
+Mutter, wenn wir sterben.“</p>
+
+<p>„Du gewiß, Herzchen.“</p>
+
+<p>„Und du auch. Ich will ihr sagen, wie schrecklich
+gut du gewesen bist. Sie kommt uns gewiß am
+Himmelsthor entgegen mit einem großen Krug
+Wasser und frisch gebackenen Buchweizenkuchen, heiß
+<span class="pagenum" id="Page_128">[S. 128]</span>und knusperig, wie sie Bertel und ich gern haben.
+Wie lange müssen wir noch warten?“</p>
+
+<p>„Ich weiß nicht — nur kurze Zeit.“ Der Blick
+des Mannes war nach dem nördlichen Horizont zugewendet,
+wo in der blauen Luft drei dunkle Punkte
+schwebten, die jeden Augenblick an Umfang zunahmen.
+Jetzt erkannte man, daß es drei große Vögel
+mit braunem Gefieder waren, die über den Häuptern
+der Wanderer kreisten und sich dann auf den nächsten
+Felsspitzen niederließen. Es waren Bussarde, die
+Geier des Westens und Vorboten des Todes.</p>
+
+<p>Die Kleine klatschte in die Hände. „Die
+können aber schön fliegen,“ rief sie fröhlich. „Sag
+mal, hat denn der liebe Gott dies Land gemacht?“</p>
+
+<p>„Versteht sich,“ erwiderte ihr Gefährte, verwundert
+über die Frage.</p>
+
+<p>„Er hat Illinois gemacht und Missouri, das
+weiß ich,“ fuhr das Kind fort. „Aber diese Gegend
+ist lange nicht so hübsch, die hat gewiß jemand
+anders geschaffen und dabei das Wasser und die
+Bäume vergessen.“</p>
+
+<p>„Willst du nicht jetzt dein Gebet sagen?“ —
+Die Stimme des Mannes zitterte.</p>
+
+<p>„Soll ich? — Es ist ja noch nicht Abend.“</p>
+
+<p>„Das thut nichts. Wenn’s auch nicht die richtige
+Zeit ist, glaub’ nur, Gott hört dich doch. Sag’
+<span class="pagenum" id="Page_129">[S. 129]</span>dein Nachtgebet her, wie jeden Abend im Wagen,
+als wir über die Prairie fuhren.“</p>
+
+<p>„Warum betest du denn nicht selbst?“ fragte die
+Kleine verwundert zu ihm aufschauend.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe36" id="illus_0129">
+ <img class="w100" src="images/illus_0129.jpg" alt="Der Wanderer und das
+ betende Mädchen">
+</figure>
+
+<p>„Ich weiß nicht mehr wie — es ist so lange
+her, seit ich’s gethan, ich hab’ die Worte vergessen.
+Sag’ du sie mir vor und ich bete mit — noch ist’s
+nicht zu spät.“</p>
+
+<p>„Dann mußt du niederknieen und ich auch,“
+sagte sie, und breitete den Shawl auf die Erde.
+<span class="pagenum" id="Page_130">[S. 130]</span>„Du mußt auch die Hände falten — so — du wirst
+sehen, wie gut das thut.“</p>
+
+<p>Neben einander knieten sie am Boden, das
+kleine plaudernde Kind und der wetterharte Wanderer.
+Ihr Unschuldsblick und sein abgezehrtes Antlitz
+waren nach oben gerichtet, zu dem wolkenlosen
+Himmel. Vor Gottes Angesicht flehten sie um Gnade
+und Vergebung. Der Ton seiner tiefen, rauhen
+Stimme mischte sich in den hellen Klang der ihrigen.
+Nachdem das Gebet gesprochen war, nahmen sie wieder
+Platz im Schatten der Felswand und bald schlummerte
+die Kleine sanft ein, an die breite Brust ihres
+Beschützers geschmiegt. Seit drei Tagen und Nächten
+hatte er sich weder Ruhe noch Rast gegönnt, auch
+jetzt wollte er bei ihr wachen, aber die Natur forderte
+ihr Recht. Langsam fielen ihm die müden Augen zu,
+das Haupt sank ihm auf die Brust, sein grauer
+Bart mischte sich mit den blonden Locken des Kindes
+und beide lagen zusammen in tiefem, traumlosem
+Schlummer da.</p>
+
+<p>Wäre der Wanderer noch eine halbe Stunde
+länger wach geblieben, er hätte ein seltsames Schauspiel
+erblickt. An dem äußersten Rande der großen
+Alkaliwüste stieg eine Staubwolke auf, die sich zuerst
+kaum von dem Dunst der Ferne unterschied, bis sie
+allmählich höher und breiter wurde und eine dichte,
+<span class="pagenum" id="Page_131">[S. 131]</span>undurchsichtige Masse bildete. Die Wolke wuchs und
+wuchs, bis kein Zweifel mehr war, daß sie nur durch
+eine ungeheure sich bewegende Menge Menschen oder
+Tiere entstanden sein könne. Auf der Prairie würde
+man geglaubt haben, eine der großen Büffelherden, die
+dort grasen, sei im Anzug, aber hier, in dieser dürren
+Wüstengegend, war an dergleichen nicht zu denken.
+Immer näher an die einsame Felswand, wo die
+beiden Verschmachtenden ruhten, kam der Staubwirbel
+herangezogen; jetzt unterschied man Fuhrwerke
+mit leinenem Verdeck, und die Gestalten bewaffneter
+Reiter tauchten aus dem Dunst hervor. Es war
+eine Karawane, die nach dem Westen wanderte.
+Welch ein gewaltiger Zug! — Als die Spitze desselben
+das Gebirge erreicht hatte, war am Horizont
+das Ende noch nicht abzusehen. Quer durch die
+weite Ebene erstreckte sich die lange Linie von Wagen
+und Karren, Reitern und Fußgängern. Große
+Scharen von Frauen schwankten daher unter Lasten,
+die sie trugen, und Kinder trabten neben den Fuhrwerken
+oder guckten unter der weißen Leinwand
+hervor. Das konnte kein Trupp gewöhnlicher Auswanderer
+sein, es war ein ganzes Nomadenvolk,
+welches Not oder Verfolgung zwang, sich eine neue
+Heimat zu suchen. Lautes Stimmengewirr und Getöse
+erhob sich aus der Menschenmenge, dazwischen
+<span class="pagenum" id="Page_132">[S. 132]</span>knarrten die Räder und die Rosse wieherten. Aber
+die beiden müden Wanderer oben am Felsenabhang
+weckte der Lärm nicht auf.</p>
+
+<p>An der Spitze der Kolonne ritten etwa zwanzig
+ernste Männer mit eisenharten Zügen. Sie waren
+mit Flinten bewaffnet und in grobe Stoffe gekleidet.
+Am Fuß der Felswand machten sie Halt und versammelten
+sich zu einem Kriegsrat.</p>
+
+<p>„Die Quellen liegen zur Rechten, meine
+Brüder,“ sagte ein Mann mit glattem Gesicht und
+kurz geschorenem, grauem Haupthaar.</p>
+
+<p>„Ja, rechts von der Sierra Blanca — das ist
+auch der Weg nach dem Rio Grande,“ versetzte ein
+anderer.</p>
+
+<p>„Fürchtet keinen Mangel!“ rief ein Dritter.
+„Der Herr ließ einst Wasser aus dem Felsen fließen;
+er wird seine Auserwählten auch jetzt nicht verlassen.“</p>
+
+<p>„Amen, Amen!“ fiel die ganze Schar ein. Eben
+wollten sie die Wanderung fortsetzen, als einer der
+Jüngsten einen Ruf der Überraschung ausstieß und
+nach einer Felsklippe deutete, auf welcher sein scharfes
+Auge etwas Rotes flattern sah, das sich grell von
+dem dunkeln Gestein abhob. Wie auf Kommando
+faßten alle die Zügel ihrer Rosse fester und nahmen
+die Gewehre von der Schulter. Auch galoppierten
+<span class="pagenum" id="Page_133">[S. 133]</span>von hinten neue Reiterscharen herbei, um den Vortrab
+zu verstärken. „Die Rothäute!“ schallte es
+aus aller Munde.</p>
+
+<p>„Es können keine Indianer hier in der Nähe
+sein,“ sagte der ältere Mann, welcher den Oberbefehl
+zu haben schien. An den Pawnees sind wir schon
+vorbeigekommen und andere Stämme giebt es hier
+nicht, bis wir jenseits der hohen Berge sind.“</p>
+
+<p>„Ich will hinaufsteigen, Bruder Stangerson,“
+schlug einer aus der Schar vor, „und nachsehen,
+was es bedeutet.“</p>
+
+<p>„Ich auch — ich auch,“ riefen mehrere
+Stimmen.</p>
+
+<p>„Laßt eure Pferde unten, wir wollen hier auf
+euch warten,“ gebot der Alte. Schnell stiegen die
+jungen Männer ab, banden ihre Pferde fest und
+kletterten die steile Anhöhe hinauf, rasch und geräuschlos,
+mit der Sicherheit und Geschicklichkeit geübter
+Kundschafter. Die Leute in der Ebene sahen
+ihre Gestalten, die sich klar gegen den Himmel abhoben,
+von Fels zu Fels aufwärts steigen. Jetzt
+hatten sie die Stelle erreicht. Es mußte wohl ein
+seltsamer Anblick sein, der sich ihnen bot — sie hoben
+ihre Arme in die Höhe und gaben auch sonst durch
+allerlei Zeichen die höchste Verwunderung zu erkennen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_134">[S. 134]</span></p>
+
+<p>Auf der Platte, die den Gipfel des kahlen Hügels
+krönte, erhob sich ein einziger Felskegel; an diesem
+lehnte ein Mann mit langem Bart und verwittertem
+Gesicht; seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge zeigten,
+daß er in festem Schlafe lag. Neben ihm aber, die
+Ärmchen um seinen braunen, sehnigen Hals geschlungen,
+den goldenen Lockenkopf an seine Brust
+gebettet, ruhte ein schlummerndes Kind. Die rosigen
+Lippen der Kleinen waren halb geöffnet, und
+um ihre lieblichen Züge spielte ein friedliches
+Lächeln.</p>
+
+<p>Drei Raubvögel, die auf der Felsenspitze über
+ihnen gesessen hatten, flogen erschreckt auf, als sie
+der neuen Ankömmlinge ansichtig wurden. Ihr
+heiseres Geschrei weckte die Schläfer, die verwirrt um
+sich blickten. Der Mann richtete sich schlaftrunken
+auf und starrte in die Ebene hinunter, die noch vor
+kurzem so verödet gewesen war und auf der es jetzt
+wimmelte von Menschen und Tieren. „Ein Fieberwahn,“
+murmelte er, die Hand an die Stirn legend.
+Das Kind stand neben ihm, hielt sich an seinem Rock
+fest und sah mit großen, verwunderten Augen umher.</p>
+
+<p>Den Rettern gelang es schnell, die beiden
+Wanderer zu überzeugen, daß, was sie sahen, keine
+Täuschung ihrer Sinne, sondern Wirklichkeit sei.
+Einer der jungen Leute hob das kleine Mädchen auf
+<span class="pagenum" id="Page_135">[S. 135]</span>seine Schulter, während zwei andere ihrem hageren
+Gefährten stützend unter die Arme griffen.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe32" id="illus_0135">
+ <img class="w100" src="images/illus_0135.jpg" alt="John Ferrier und das
+ Mädchen bei der Wagenkolonne">
+</figure>
+
+<p>„Mein Name ist John Ferrier,“ sagte der Gerettete;
+„ich und die Kleine hier, wir sind die einzig
+Ueberlebenden von einundzwanzig Personen. Alle
+übrigen sind auf dem Wege vom Süden her vor
+Hunger und Durst verschmachtet.“</p>
+
+<p>„Ist es Ihr Kind?“ fragten die, welche ihn
+führten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_136">[S. 136]</span></p>
+
+<p>„Ja, mir gehört es,“ rief er mit entschlossener
+Miene, „ich habe es gerettet. Von heute an heißt
+die Kleine Lucy Ferrier und niemand, außer mir,
+hat ein Recht an sie. — Wer seid denn aber ihr?“
+fuhr er fort, seine mannhaften, sonnverbrannten
+Retter neugierig betrachtend, „das sind ja ganz endlose
+Schwärme, die da herangezogen kommen.“</p>
+
+<p>„Fast zehntausend,“ versetzte einer der jungen
+Leute. „Wir sind die verfolgten Kinder Gottes,
+die Auserwählten des Engels Merona.“</p>
+
+<p>„Von dem habe ich noch nie gehört,“ meinte der
+Wanderer. „Eine schöne Masse Menschen hat er
+auserwählt.“</p>
+
+<p>„Scherze nicht über heilige Dinge,“ sagte der
+andere streng. „Du siehst vor dir das Volk, welches
+an die geoffenbarten Schriften glaubt, die auf goldenen
+Tafeln dem heiligen Josef Smith in Palmyra
+übergeben wurden. Im Staate Illinois in Nauvoo
+hatten wir unsern Tempel gegründet. Jetzt sind
+wir ausgezogen, um vor den gottlosen und gewaltthätigen
+Menschen eine neue Zufluchtsstätte zu
+suchen, und wenn es auch mitten in der Wüste
+wäre.“</p>
+
+<p>Die Erwähnung von Nauvoo schien bei John
+Ferrier eine Erinnerung zu wecken. „O, jetzt verstehe
+ich,“ rief er, „seid ihr nicht die Mormonen?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_137">[S. 137]</span></p>
+
+<p>„Jawohl, die Mormonen sind wir,“ riefen alle
+einstimmig.</p>
+
+<p>„Und wohin geht ihr?“</p>
+
+<p>„Das wissen wir nicht. Die Hand Gottes führt
+uns durch unsern Propheten. Wir bringen euch zu
+ihm; er muß entscheiden, was mit euch geschehen
+soll.“</p>
+
+<p>Sie hatten inzwischen den Fuß des Hügels erreicht,
+wo die Pilger sie umdrängten — bleiche
+Frauen mit demütiger Miene, muntere, kräftige
+Kinder und ernste Männer. Die große Jugend des
+Mädchens und die völlige Erschöpfung ihres Begleiters
+entlockte der Menge Ausrufe der Verwunderung
+und des Mitleids. Von neugierigen
+Scharen geleitet, schritten die Führer der Geretteten
+unverweilt vorwärts, bis sie einen Wagen erreichten,
+der sich durch besondere Größe und prächtige Zierate
+vor allen andern auszeichnete. Auch war er mit
+sechs Pferden bespannt, während die andern nur
+zwei oder höchstens vier hatten. Auf dem Wagen
+saß ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit gewaltigem
+Haupt und entschlossenem Blick — der
+Führer des Volkes. Er las in einem Buch mit
+braunem Einband, das er bei dem Herannahen der
+Menge beiseite legte, um dem Bericht über das Ereignis
+ein aufmerksames Ohr zu leihen. Dann
+<span class="pagenum" id="Page_138">[S. 138]</span>wandte er sich in feierlichem Ton an die beiden
+Wanderer.</p>
+
+<p>„Wenn wir euch mit uns nehmen sollen,“ sagte
+er, „so müßt ihr auch unsern Glauben bekennen.
+Wir dulden keine Wölfe in unserer Hürde. Weit
+besser, eure Gebeine bleichen hier in der Wüste, als
+daß ihr wie räudige Schafe die Ansteckung in die
+ganze Herde traget. Wollt ihr unter dieser Bedingung
+mit uns ziehen?“</p>
+
+<p>„Ich ziehe mit, unter jeder Bedingung, die ihr
+stellt,“ rief Ferrier mit solchem Eifer, daß die
+Ältesten ein Lächeln nicht unterdrücken konnten.
+Der Anführer allein bewahrte sein ernstes, feierliches
+Wesen.</p>
+
+<p>„Nimm ihn mit, Bruder Stangerson,“ befahl
+er, „gieb ihm Speise und Trank, dem Kinde auch.
+Es soll deine Aufgabe sein, ihn in unserer heiligen
+Lehre zu unterweisen. — Doch jetzt haben wir lange
+genug gezögert. Vorwärts. Auf nach Zion!“</p>
+
+<p>„Auf, nach Zion!“ riefen die Mormonen im
+Chor, und der Ruf pflanzte sich in der langen Karawane
+von Mund zu Mund fort, bis nur noch ein
+dumpfes Gemurmel aus der Ferne herüberklang.
+Die Peitschen knallten, die Räder der großen Fuhrwerke
+setzten sich in Bewegung und bald zog die ungeheure
+Schar wieder ihres Weges dahin. Der Aelteste,
+<span class="pagenum" id="Page_139">[S. 139]</span>der die Sorge für die beiden Verirrten übernommen
+hatte, führte sie zu seinem Wagen, wo ihrer schon
+eine Mahlzeit wartete.</p>
+
+<p>„Ihr dürft hier bleiben,“ sagte er. „In wenigen
+Tagen werdet ihr euch von euren Anstrengungen
+erholt haben. Vergeßt aber nicht, daß ihr euch von
+jetzt an zu den Bekennern unseres Glaubens zählt.
+Brigham Young hat es gesagt und aus ihm hat die
+Stimme Josef Smiths geredet, welche die Stimme
+Gottes ist.“</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_140">[S. 140]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1_5" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.<br>
+<b class="s4">Die Blume von Utah.</b></h3>
+
+</div>
+
+<p>Dies ist nicht der Ort, um die Drangsale und
+Beschwerden zu schildern, welche die ausgewanderten
+Mormonen zu erdulden hatten, bevor sie ihren neuen
+Zufluchtshafen erreichten. Von den Ufern des Mississippi
+waren sie nach den westlichen Abhängen des
+Felsengebirges gezogen, und hatten dabei eine Ausdauer
+und Zähigkeit bewiesen, die einzig in der Geschichte
+dasteht. Gegen reißende Tiere und feindliche
+Wilde, gegen allerlei Mühsal, Krankheit, Hunger,
+Durst und jedes Hindernis, das die Elemente ihnen
+in den Weg legten, hatten sie siegreich gestritten,
+obwohl unter den Schrecknissen der langen Wanderung
+auch dem Mutigsten bange ums Herz geworden
+sein mochte. Als endlich das weite Thal
+von Utah im Sonnenschein zu ihren Füßen ausgebreitet
+lag, und sie aus dem Munde des Führers
+vernahmen, daß es das Land der Verheißung sei,
+der jungfräuliche Boden, welcher ihnen auf ewige
+Zeiten zu eigen gehören solle, da gab es wohl keinen
+unter der großen Schar, der nicht freudig auf die
+Knie gesunken wäre, um ein Dankgebet für seine
+Rettung emporzusenden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_141">[S. 141]</span></p>
+
+<p>Brigham Young zeigte bald in der Verwaltung
+der Ländereien ebensoviel Geschick, als er bei der
+Führung des Volkes bewiesen. Er ließ Vermessungen
+vornehmen und Pläne entwerfen, auf
+welchen die künftige Stadt verzeichnet war. Ringsumher
+wurde Ackerland abgesteckt und jedem, ohne
+Rücksicht auf Rang und Stand, zugeteilt. Der
+Arbeiter erhielt Beschäftigung in seinem Handwerk,
+der Handelsmann in seinem Gewerbe. In der Stadt
+entstanden wie durch Zauberschlag Straßen und
+Plätze; auf dem Lande wurden Bäume gefällt,
+Wiesen entwässert, eingezäunt und bepflanzt, so daß
+schon im nächsten Sommer der goldene Weizen auf
+den Feldern wogte. Alles gedieh in der wunderbaren
+Ansiedlung. Mitten in der Stadt wurde der
+große Tempel erbaut, welcher einen immer erstaunlicheren
+Umfang annahm. Vom ersten Morgengrauen
+bis zur sinkenden Dämmerung waren dort
+Hammer und Säge unermüdlich beschäftigt, denn es
+galt ja, ein Denkmal zu errichten zu Ehren dessen,
+der sie durch alle Gefahren sicher geleitet hatte.</p>
+
+<p>John Ferrier und seine kleine Schicksalsgefährtin,
+die er an Kindesstatt angenommen, hatten die
+Mormonen bis ans Ende ihrer Pilgerfahrt begleitet.
+Die kleine Lucy war unterwegs keinen allzugroßen
+Fährlichkeiten ausgesetzt gewesen. Sie durfte den
+<span class="pagenum" id="Page_142">[S. 142]</span>Zug in dem Wagen des Aeltesten Stangerson mitmachen,
+in welchem sich außer ihr noch die drei
+Frauen des Mormonen befanden und sein Sohn,
+ein eigenwilliges, zwölfjähriges Bürschchen. Mit
+leichtem Kindersinn hatte sie sich schnell von dem
+Kummer erholt, den ihr der Mutter Tod bereitet.
+Sie wurde der Liebling der Frauen und gewöhnte
+sich bald an das neue Leben unter dem beweglichen
+Leinwandzelt. Auch Ferrier erholte sich nach kurzer
+Zeit von den ausgestandenen Beschwerden; er wußte
+sich als erfahrener Führer und unermüdlicher Jäger
+seinen neuen Gefährten nützlich zu machen und ihre
+Achtung zu erwerben. Als man das Ziel der Wanderung
+endlich erreicht hatte, wurde ihm ein ebenso
+großes und fruchtbares Ackerland zugewiesen wie
+allen übrigen Ansiedlern. Außer Brigham Young
+selbst erhielten nur die vier Hauptältesten Stangerson,
+Kemball, Johnston und Drebber ansehnlichere
+Besitztümer.</p>
+
+<p>Auf dem ihm zugefallenen Strich Landes baute
+sich John Ferrier ein festes Blockhaus, das er im
+Laufe der Jahre vergrößerte, bis es ein geräumiger
+Landsitz wurde. Er war eine durchaus praktische
+Natur, geschickt zu jedem Handgriff, klug und besonnen
+in allem, was er unternahm. Eine eiserne
+Gesundheit setzte ihn in den Stand, von früh bis
+<span class="pagenum" id="Page_143">[S. 143]</span>spät thätig zu sein beim Anbau seines Grund und
+Bodens. Dieser angestrengte Fleiß brachte ihm reichliche
+Früchte, und sein Hab und Gut mehrte sich zusehends.</p>
+
+<p>Nach Ablauf von drei Jahren besaß er mehr als
+seine Nachbarn, nach sechs Jahren war er wohlhabend,
+nach neun Jahren reich, und als zwölf
+Jahre um waren, gab es in der ganzen Stadt am
+Salzsee kaum ein Dutzend Leute, die sich mit ihm vergleichen
+konnten. Von dem großen Binnensee bis
+zu dem Wahsatch-Gebirge kannte und schätzte man
+John Ferriers Namen allgemein.</p>
+
+<p>Einen Punkt gab es jedoch, in welchem er den
+Anforderungen seiner Glaubensbrüder nicht genügte.
+Kein Drängen und keine Ueberredungskunst konnte
+ihn bewegen, sich einen weiblichen Hausstand nach
+Art seiner Gefährten einzurichten. Er gab für seine
+hartnäckige Weigerung keine Gründe an, sondern
+begnügte sich damit, unerschütterlich bei seinem Entschluß
+zu verharren. Manche beschuldigten ihn deshalb
+der Lauheit gegen die Religionsgemeinschaft, der
+er beigetreten war, andere meinten, er handle aus
+Habgier und wünsche die Kosten zu sparen. Wieder
+andere sprachen von einer früheren Liebesgeschichte,
+und sagten, er habe im Osten ein blondes Mädchen
+zurückgelassen, das er nicht vergessen könne. <em class="gesperrt">Eins</em>
+<span class="pagenum" id="Page_144">[S. 144]</span>nur war sicher — Ferrier blieb ein für allemal unvermählt.
+In jeder andern Hinsicht unterwarf er sich
+aber den herrschenden Gebräuchen und galt für ein
+strenggläubiges Mitglied der jungen Ansiedlung.</p>
+
+<p>Lucy Ferrier wuchs in dem Blockhaus auf und
+half ihrem Pflegevater bei allen seinen Unternehmungen.
+Das Kind gedieh in der scharfen Bergluft
+und den balsamischen Fichtenwäldern besser, als
+wenn es die Pflege der besorgtesten Mutter und
+Wärterin genossen hätte. Wie die Jahre flohen,
+wurde ihre Gestalt schlanker und kräftiger, ihre
+Wangen röteten sich, ihr Schritt gewann an Elastizität;
+allmählich und unmerklich hatte sich die Knospe
+zur Blume entfaltet. Mancher Wanderer, den sein
+Weg auf der Landstraße an Ferriers Besitztum vorbeiführte,
+sah dem anmutigen Mädchen mit Wohlgefallen
+nach, wenn sie durch die Weizenfelder schritt
+oder auf ihres Vaters Mustang einhergeritten kam,
+den sie leicht und sicher zu regieren verstand, wie
+ein echtes Kind des Westens.</p>
+
+<p>Zur Zeit, als John Ferrier für den reichsten Farmer
+an den westlichen Abhängen des Felsengebirges
+galt, war Lucy zur Jungfrau erblüht; unversehens
+hatte sie die Schwelle der Kindheit überschritten,
+und nun kam auch für sie der Tag, an dem sie das
+Erwachen eines neuen, schöneren Lebens in ihrem
+<span class="pagenum" id="Page_145">[S. 145]</span>Innern mit Stolz und Freude empfand. Ein Ereignis
+trat ein, das nicht nur für Lucys Zukunft von
+den wichtigsten Folgen war, sondern auch auf das
+Schicksal vieler anderer einen entscheidenden Einfluß
+übte.</p>
+
+<p>An einem warmen Junimorgen waren die
+‚Heiligen des Jüngsten Tages‘ nach ihrer Gewohnheit
+geschäftig wie die Bienen, die sie sich zum Vorbild
+erwählt haben. Ueberall auf den Feldern und
+in den Werkstätten vernahm man das Gewirr und
+Gesumme menschlicher Thätigkeit. Auch auf den
+staubigen Landstraßen herrschte ein buntes Leben;
+dort trabten lange Züge schwerbeladener Maultiere
+einher, die alle nach dem Westen zogen, denn das
+Goldfieber war in Kalifornien ausgebrochen und wer
+zu Lande dorthin wollte, den führte sein Weg an der
+Stadt ‚der Auserwählten‘ vorbei. Zugleich mit
+den Scharen dieser Einwanderer, die sich mit ihren
+ermatteten Tieren mühsam weiter schleppten auf der
+endlosen Fahrt, begegnete man großen Herden von
+Schafen und Jungvieh, welche die ferner gelegenen
+Weideplätze verlassen hatten.</p>
+
+<p>Auf der Straße war ein dichtes Gedränge von
+Menschen und Tieren entstanden, aber mitten durch
+das Gewühl hindurch galoppierte Lucy Ferrier, sich
+als geschickte Reiterin einen Weg bahnend; ihre
+<span class="pagenum" id="Page_146">[S. 146]</span>Wangen waren gerötet von der raschen Bewegung,
+ihre kastanienbraunen Locken flogen im Winde. Der
+Vater hatte sie mit einem Auftrag nach der Stadt
+geschickt, und sie jagte in jugendlichem Mute, wie
+sie schon so oft gethan, furchtlos dahin, um ihn auszurichten.
+Mehr als einer der wegemüden Abenteurer
+blickte dem kühnen Mädchen bewundernd nach;
+ja, selbst der stoische Indianer, der mit seinem erbeuteten
+Pelzwerk beladen heimkehrte, ward von
+Staunen ergriffen über die Schönheit des lieblichen
+Bleichgesichts.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe32" id="illus_0147">
+ <img class="w100" src="images/illus_0147.jpg" alt="Lucy wird mit ihrem
+ Pferd zwischen den Rindern eingekeilt">
+</figure>
+
+<p>Schon hatte Lucy die ersten Häuser der Stadt
+erreicht, als eine große Rinderherde, die in der
+Hut ihrer wildblickenden Treiber von der Steppe
+daherzog, ihr plötzlich den Weg versperrte. Ungeduldig
+über dies Hindernis, sprengte sie in die erste
+beste Lücke hinein, die sich zu öffnen schien. Kaum
+aber hatte sie das gethan, als die gehörnten Scharen
+hinter ihr nachdrängten und sie sich mit ihrem Pferde
+fest eingekeilt sah in dem unaufhaltsam vorwärts
+flutenden Strome. Ohne über ihre Lage zu erschrecken,
+benutzte sie geschickt jeden Vorteil, der sich
+ihr bot, um weiter zu kommen, und trieb ihr Pferd
+an, in der Hoffnung, sich einen Weg durch die Herde
+zu bahnen. Dabei geriet jedoch ein junger, feuriger
+Stier in allzu nahe Berührung mit dem Mustang
+<span class="pagenum" id="Page_148">[S. 148]</span>und stieß seine Hörner in dessen Weichen. Das
+Pferd ward wild, stieg auf die Hinterbeine, schnaubte
+und schüttelte sich mit solcher Heftigkeit, daß Lucy
+ihre ganze Kunst anwenden mußte, um sich im Sattel
+zu halten. Die Gefahr, in der sie schwebte, war
+groß, bei jedem Sprunge stieß das Pferd wieder
+gegen die spitzigen Hörner und wurde zu neuer Wut
+gereizt. Wenn es seine Reiterin abwarf, wäre diese
+ohne Erbarmen von den Hufen der ungefügen, erschreckten
+Stiere zu Tode getreten worden. Der
+aufgewirbelte Staub drohte sie zu ersticken, ein
+Schwindel ergriff sie, und schon begann ihre Hand,
+die den Zügel hielt, zu erlahmen. Die Kraft würde
+ihr versagt haben, wenn nicht in diesem Augenblick
+ein herzhafter Zuruf dicht neben ihr sie mit neuem
+Mut erfüllt hätte. Eine braune, sehnige Faust ergriff
+den Mustang beim Zaume und machte ihm
+Bahn mitten durch die Herde, bis er wieder freien
+Spielraum vor sich sah und sich ungehindert bewegen
+konnte.</p>
+
+<p>„Ich hoffe, Sie haben keinen Schaden genommen,
+Fräulein,“ sagte Lucys Retter in ehrfurchtsvollem
+Ton.</p>
+
+<p>Sie sah ihm beherzt in das dunkle, kühne Antlitz
+und erwiderte unbefangen. „Einen furchtbaren
+Schrecken habe ich gehabt, wer hätte auch denken
+<span class="pagenum" id="Page_149">[S. 149]</span>können, Poncho würde sich von einer Herde Ochsen
+ins Bockshorn jagen lassen.“</p>
+
+<p>„Gottlob, daß Sie sich fest im Sattel hielten,“
+sagte der andere ernst. Er war ein junger Bursche
+von kräftigem Gliederbau und etwas verwildertem
+Aeußern, trug ein grobes Jägerwams, eine lange
+Büchse über der Schulter und ritt auf einem mächtigen
+Braunfuchs.</p>
+
+<p>„Sie sind wohl John Ferriers Tochter,“ fuhr
+er fort, „ich sah Sie unten von seinem Hause wegreiten.
+Fragen Sie ihn doch einmal, ob er sich noch
+an Jefferson Hope aus St. Louis erinnert. Wenn
+er der Ferrier ist, den ich meine, müssen mein Vater
+und er gute Freunde gewesen sein.“</p>
+
+<p>„Wollen Sie nicht lieber kommen und ihn selbst
+danach fragen?“ entgegnete sie mit freundlicher
+Miene.</p>
+
+<p>Dem jungen Manne schien der Vorschlag zu behagen,
+seine dunklen Augen glänzten vor Vergnügen.
+„Das will ich thun,“ sagte er; „ich bin zwar jetzt
+mit meinen Kameraden zwei Monate im Gebirge
+gewesen, da sehen wir nicht gerade besuchsmäßig
+aus, vielleicht nimmt Herr Ferrier aber mit uns
+fürlieb wie wir sind.“</p>
+
+<p>„Mein Vater ist Ihnen großen Dank schuldig,“
+erwiderte sie, „und ich gleichfalls. Er hat mich sehr
+<span class="pagenum" id="Page_150">[S. 150]</span>lieb, und wenn mich die Tiere zu Boden getreten
+hätten, wäre er nie wieder froh geworden.“</p>
+
+<p>„Ich auch nicht,“ versicherte der Jäger.</p>
+
+<p>„Sie? — Ja, was sollten Sie sich denn groß
+darum kümmern? Sie gehören ja nicht einmal zu
+unsern Freunden.“</p>
+
+<p>Die Miene des jungen Mannes verfinsterte sich
+so sichtlich, als Lucy Ferrier diese Aeußerung that,
+daß sie hell auflachte.</p>
+
+<p>„Nein, so meine ich das nicht; natürlich sind
+Sie jetzt ein Freund unseres Hauses. Kommen Sie
+nur recht bald uns zu besuchen. Doch ich muß weiter,
+sonst läßt mich Vater nie wieder ein Geschäft für ihn
+besorgen. Auf Wiedersehen!“</p>
+
+<p>„Auf Wiedersehen,“ sagte er, sich über ihre kleine
+Hand beugend, und nahm seinen breiten Sombrero
+ab. Sie ließ ihren Mustang eine kühne Schwenkung
+machen, versetzte ihm einen leichten Schlag mit der
+Peitsche und flog davon, die Landstraße hinunter,
+eine hohe Staubwolke hinter sich aufwirbelnd.</p>
+
+<p>Der junge Jefferson Hope ritt mit seinen Gefährten
+langsam und schweigend weiter. Sie waren
+im Gebirge von Nevada gewesen, um nach Silber zu
+suchen, und kamen jetzt in die Salzseestadt zurück,
+mit der Hoffnung, dort ein Kapital zusammenzubringen,
+um die Erzgänge ausbeuten zu können,
+<span class="pagenum" id="Page_151">[S. 151]</span>welche sie entdeckt hatten. Er war voll Eifer für
+das Unternehmen gewesen, bis das heutige Erlebnis
+seinen Gedanken eine andere Richtung gab. Der
+Anblick des schönen jungen Mädchens, das so frisch
+und frei war wie die Luft im Gebirge, hatte sein
+ungestümes, leidenschaftliches Herz bis in die
+innersten Tiefen erregt. Als sie ihm aus den Blicken
+entschwunden war, wußte er, daß ein Wendepunkt
+in seinem Leben eingetreten sei, und daß weder die
+Silbermine noch sonst etwas auf der Welt für ihn
+von Bedeutung war, neben dem neuen, ihn ganz beherrschenden
+Gefühl. Die Liebe, die in seinem
+Innern erwachte, glich nicht der plötzlichen und veränderlichen
+Laune eines Knaben, es war die wilde,
+unbezwingbare Leidenschaft eines Mannes von
+stolzem Sinn und starkem Willen. Alles was er
+bisher unternommen hatte, war von Erfolg gekrönt
+gewesen. In seinem Herzen gelobte er sich, auch
+dies höchste Gut zu erringen, wenn es für sein feuriges
+Streben irgend erreichbar war.</p>
+
+<p>Noch am selben Abend besuchte er John Ferrier
+und ward seitdem ein häufig gesehener Gast in seinem
+Hause. Der alte Farmer war in den letzten zwölf
+Jahren ausschließlich mit seiner Arbeit beschäftigt
+gewesen und hatte sich wenig um die Außenwelt gekümmert.
+Durch Jefferson Hope erhielt er nun
+<span class="pagenum" id="Page_152">[S. 152]</span>Kunde von dem, was sich draußen zugetragen, und
+alles, was dieser erzählte, zog Lucy ebenso sehr an,
+wie ihren Vater. Der junge Mann war als Pionier
+nach Kalifornien gegangen und wußte seltsame Dinge
+davon zu berichten, wie Reichtümer gewonnen und
+wieder verloren wurden in jenen Tagen wilder Begierde.
+Auch Pfadfinder war er gewesen und Pelzjäger,
+Silbergräber und Landwirt. Wo es galt,
+kühne Abenteuer zu bestehen, war Jefferson Hope
+überall als einer der ersten zu finden. Der alte
+John Ferrier, dem er bald lieb und wert wurde,
+ergriff jede Gelegenheit, um Gutes von ihm zu reden
+und ihm Lob zu spenden. Lucy schwieg dann meist
+still, aber ihre glühenden Wangen und hellen, glückstrahlenden
+Augen verrieten nur zu deutlich, daß
+die Liebe in ihrem Herzen Einzug gehalten hatte.
+Ihr wackerer Vater gewahrte vielleicht nichts von
+solchen Anzeichen, aber dem Manne, welcher das
+holde Mädchen für sich zu gewinnen trachtete,
+blieben sie nicht verborgen.</p>
+
+<p>An einem Sommerabend stand Lucy auf der
+Schwelle des Hauses und sah Jefferson die Straße
+herabreiten und am Gitterthor halten. Als sie die
+Stufen hinunter eilte, um ihn zu begrüßen, band er
+rasch sein Pferd an den Zaun, und kam ihr auf dem
+Fußsteig entgegen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_153">[S. 153]</span></p>
+
+<p>„Ich muß fort, Lucy,“ sagte er, ihre Hand ergreifend
+und ihr zärtlich ins Auge blickend. „Ich
+will dich nicht bitten, mir schon jetzt zu folgen, wirst
+du aber bereit sein, mit mir zu ziehen, wenn ich
+zurückkehre?“</p>
+
+<figure class="figcenter illowe32" id="illus_0153">
+ <img class="w100" src="images/illus_0153.jpg" alt="Lucy und Jefferson nehmen
+ Abschied voneinander">
+</figure>
+
+<p>„Und wann wird das sein?“ fragte sie mit
+freudigem Erröten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_154">[S. 154]</span></p>
+
+<p>„In einigen Monaten. Dann komme ich, Geliebte,
+und bitte um deine Hand.“</p>
+
+<p>„Was wird aber der Vater sagen?“</p>
+
+<p>„Er hat seine Einwilligung gegeben, wenn es
+uns mit den Silberminen glückt. Davor ist mir
+nicht bange.“</p>
+
+<p>„Nun, wenn ihr darüber eines Sinnes seid,
+der Vater und du, so darf ich keinen Einspruch erheben,“
+flüsterte sie und barg ihre glühenden Wangen
+an seiner starken Brust.</p>
+
+<p>„Gottlob!“ rief er beglückt, und drückte ihr einen
+innigen Kuß auf die Lippen, „soweit ist alles gut.
+Lebe wohl, mein Herz, ich darf nicht länger bleiben,
+sonst wird mir das Scheiden zu schwer. Die Kameraden
+warten auf mich in der Bergschlucht. In
+zwei Monaten sehen wir uns wieder. Lebe wohl!“</p>
+
+<p>Er riß sich aus ihrer Umarmung, sprang in den
+Sattel und trabte mit Windeseile davon. Nicht einen
+Blick warf er noch zurück, als fürchte er, die Kraft
+möchte ihm versagen, wenn er sich noch einmal umschaute
+nach dem Glück, welches er verließ. Sie blieb
+am Gitterthor stehen und sah ihm nach, bis er ihren
+Augen entschwunden war. Dann kehrte sie ins Haus
+zurück. Ein glückseligeres Mädchen als Lucy Ferrier
+gab es in jenem Abend in ganz Utah nicht.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_155">[S. 155]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1_5" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.<br>
+<b class="s4">John Ferrier spricht mit dem Propheten.</b></h3>
+
+</div>
+
+<p>Drei Wochen waren vergangen, seit Jefferson
+Hope mit seinen Gefährten die Salzseestadt verlassen
+hatte. Bei dem Gedanken an seine Rückkunft
+und den Abschied von der geliebten Pflegetochter
+wollte John Ferrier das Herz wohl oft schwer werden;
+aber ein Blick in ihre glückstrahlenden Augen
+ließ ihn das eigene Leid vergessen. Er hatte von
+jeher fest bei sich beschlossen, daß ihn nichts in der
+Welt bewegen sollte, sein Kind einem Mormonen zur
+Frau zu geben, weil er eine solche Ehe als Schmach
+und Schande ansah. Was er auch sonst über die
+Lehren der Mormonen denken mochte, in diesem
+<em class="gesperrt">einen</em> Punkt war er unbeugsam. Doch hütete er
+sich wohl, etwas von seiner abweichenden Ueberzeugung
+verlauten zu lassen, denn im Lande der Heiligen
+galt es damals für ein gefährliches Ding, andere,
+als die strenggläubigsten Meinungen zu hegen.</p>
+
+<p>Selbst die Frömmsten wagten es nur mit der
+größten Vorsicht, über religiöse Angelegenheiten zu
+reden, aus Furcht, eins ihrer Worte möchte falsch
+ausgelegt werden und ein schnelles Strafgericht über
+sie heraufbeschwören. Die ehemaligen Opfer der
+<span class="pagenum" id="Page_156">[S. 156]</span>Verfolgung waren jetzt selbst zu Verfolgern geworden
+und betrieben ihr Handwerk auf entsetzliche
+Art. Weder die spanischen Inquisitoren, noch die
+Vehmgerichte des Mittelalters oder die geheimen
+Gesellschaften Italiens, besaßen je eine so furchtbare Gewalt,
+wie sie hier in Utah herrschte und die
+Gemüter mit Angst und Grauen erfüllte.</p>
+
+<p>Daß diese Herrschaft eine so unsichtbare und
+geheimnisvolle war, machte sie noch gefürchteter. Sie
+schien allwissend und allmächtig, und doch war nichts
+von ihr zu sehen und zu hören. Ein Gemeindeglied,
+das sich dem Willen der Kirche nicht fügte, verschwand
+spurlos, ohne daß irgend jemand erfuhr,
+was aus ihm geworden sei. Daheim warteten die
+Seinigen auf den Vater, aber er kehrte nicht zu
+Weib und Kind zurück, um zu erzählen, was das
+heimliche Gericht über ihn verhängt habe. Auf ein
+rasches Wort, eine vielleicht unbedachte That folgte
+oft Tod und Vernichtung, aber niemand wußte,
+wann das Verhängnis über ihm schwebte oder wessen
+Hand die Strafe vollzog.</p>
+
+<p>Anfangs sahen sich nur die Abtrünnigen bedroht,
+welche den Glauben der Mormonen bekannt
+hatten, sich aber später von ihnen loszumachen
+strebten. Dies ward jedoch bald anders. Um die
+Vielweiberei aufrecht zu erhalten, bedurfte man einer
+<span class="pagenum" id="Page_157">[S. 157]</span>zahlreichen weiblichen Bevölkerung und der Zuzug
+von Frauen begann abzunehmen. Es gingen seltsame
+Gerüchte um, daß Einwanderer auf dem Zuge
+ermordet worden seien und ihre Lagerplätze ausgeplündert,
+in Gegenden, wohin keine Indianer je
+den Fuß gesetzt hatten. Zur selben Zeit sah man in
+den Harems der Aeltesten fremde Frauen auftauchen,
+welche trostlos weinten und dahinsiechten, im Antlitz
+den Ausdruck untilgbaren Entsetzens.</p>
+
+<p>Verspätete Wanderer im Gebirge erzählten von
+Banden bewaffneter und vermummter Gestalten, die
+geräuschlos und verstohlen im Dunkel an ihnen vorübergehuscht
+waren. Die zuerst unbestimmten Gerüchte
+traten bald in greifbarer Form und mit
+größerer Gewißheit auf; sie wurden von allen Seiten
+bestätigt und geglaubt. Bis auf den heutigen Tag
+spricht man in den abgelegenen Farmhäusern des
+Westens noch mit Grausen von den Danitischen
+Banden, die im Volksmunde auch ‚Würgengel‘ genannt
+wurden.</p>
+
+<p>Je mehr man von dem Walten dieser Schrecklichen
+erfuhr, um so größer ward das Entsetzen vor
+ihnen in den Gemütern. Man wußte nicht, wer zu
+der greuelvollen Gesellschaft gehörte; die Namen
+derer, welche unter dem Deckmantel der Religion
+ihre blutigen Gewaltthaten verübten, blieben in
+<span class="pagenum" id="Page_158">[S. 158]</span>undurchdringliches Dunkel gehüllt. Dem besten
+Freunde selbst durfte man seine etwaigen Zweifel an
+der Sendung des Propheten nicht anvertrauen,
+denn leicht konnte er zu der Zahl der Rächer gehören,
+welche in nächtlichem Graus Vergeltung zu
+üben kamen. So mißtraute denn ein Nachbar dem
+andern und keiner wagte von den Dingen zu reden,
+die ihm vor allem am Herzen lagen.&#8239;—</p>
+
+<p class="mtop2">Eines Morgens wollte sich John Ferrier gerade
+zu einem Gang durch seine Weizenfelder rüsten, als
+er die Gitterthür gehen hörte und einen starken,
+blondhaarigen Mann mittleren Alters den Fußweg
+heraufkommen sah. Er erschrak heftig, denn es war
+niemand anderes als der große Brigham Young
+in eigener Person. Voll böser Ahnungen, denn er
+wußte wohl, daß ein solcher Besuch nichts Gutes für
+ihn zu bedeuten habe, eilte Ferrier dem Oberhaupt
+der Mormonen entgegen. Brigham Young nahm
+seine ehrerbietige Begrüßung mit Kälte auf und
+folgte ihm schweigend ins Wohnzimmer.</p>
+
+<p>„Bruder Ferrier,“ sagte er, mit strenger Miene
+Platz nehmend, und warf unter seinen hellfarbenen
+Augenbrauen hervor einen durchdringenden Blick auf
+den alten Farmer, „die wahren Gläubigen haben
+dir treue Freundschaft erwiesen. Als du nahe daran
+<span class="pagenum" id="Page_159">[S. 159]</span>warst, in der Wüste zu verschmachten, nahmen wir
+dich auf in unsere Mitte, labten dich mit Trank und
+Speise und führten dich sicher in das Land der Verheißung;
+dort gaben wir dir ein schönes Ackerland
+und ließen dich reich werden in unserm Schutz. Ist
+es nicht, wie ich sage?“</p>
+
+<p>„Ja, so ist es,“ bestätigte Ferrier.</p>
+
+<p>„Zum Dank für alle Wohlthaten stellten wir nur
+die <em class="gesperrt">eine</em> Bedingung, daß du den wahren Glauben
+annehmen und dich unsern Sitten und Gebräuchen
+unterwerfen solltest. Du gelobtest dies zu thun;
+aber, wenn wir recht berichtet sind, hast du dein Versprechen
+nicht gehalten.“</p>
+
+<p>„Worin habe ich denn gefehlt?“ rief Ferrier.
+„Habe ich nicht in die gemeinsame Kasse gesteuert?
+Habe ich nicht die Versammlungen im Tempel besucht?
+Habe ich nicht&#8239;—“</p>
+
+<p>„Wo sind deine Frauen?“ fragte Young, sich
+umblickend. „Rufe sie herbei, daß ich sie begrüßen
+kann.“</p>
+
+<p>„Es ist wahr,“ versetzte der Farmer, „ich habe
+nicht geheiratet. Aber es war nur eine geringe Anzahl
+Frauen vorhanden und andere Gemeindeglieder
+hatten bessere Ansprüche als ich. Auch lebte ich nicht
+einsam; meine Tochter sorgte für meine Notdurft.“</p>
+
+<p>„Gerade deine Tochter ist es, von der ich mit
+<span class="pagenum" id="Page_160">[S. 160]</span>dir reden möchte,“ sagte der Führer der Mormonen.
+„Sie ist zur Blume von Utah erblüht und Männer,
+die in hohem Ansehen unter uns stehen, haben ein
+Auge des Wohlgefallens auf sie geworfen.“</p>
+
+<p>John Ferrier gingen die Worte wie ein schneidendes
+Schwert durchs Herz.</p>
+
+<p>„Man erzählt von ihr, was ich nur ungern
+wiederhole — daß sie sich einem Ungläubigen versiegelt
+hat. Es muß wohl ein Geschwätz müßiger
+Zungen sein, denn — wie lautet die dreizehnte Regel
+im Gesetz Josef Smiths, des Heiligen? — ‚Eine
+Tochter, die sich zum wahren Glauben bekennt, darf
+nur mit einem der Auserwählten in die Ehe treten.
+Heiratet sie einen Ungläubigen, so macht sie sich einer
+schweren Sünde schuldig.‘ Es ist nicht möglich, daß
+du, als Anhänger unserer heiligen Lehre, deiner Tochter
+gestattet haben solltest, dies Gebot zu übertreten.“</p>
+
+<p>John Ferrier gab keine Antwort, er atmete
+schwer.</p>
+
+<p>„Im heiligen Rat der Vier ist beschlossen worden,
+daß dieser eine Punkt zum Prüfstein für deinen
+Glauben dienen soll,“ fuhr der Prophet fort. „Das
+Mädchen ist jung, wir wollen sie nicht einem Graubart
+vermählen, und ihr sogar die Wahl lassen. Wir,
+die Aeltesten, sind bereits wohl versehen, aber wir
+müssen auch für unsere Kinder sorgen. Stangerson
+<span class="pagenum" id="Page_161">[S. 161]</span>und Drebber haben Söhne und jeder von ihnen
+würde deine Tochter mit Freuden in seinem Hause
+willkommen heißen. Sie soll sich für einen von
+ihnen entscheiden. Beide sind jung, reich und bekennen
+sich zu dem wahren Glauben. Was hast du
+darauf zu erwidern?“</p>
+
+<p>Ferrier zog die Stirn in düstere Falten und
+schwieg eine Weile.</p>
+
+<p>„Ihr werdet uns Zeit lassen,“ sagte er endlich.
+„Meine Tochter ist sehr jung — noch kaum in heiratsfähigem
+Alter.“</p>
+
+<p>„Sie soll einen Monat Bedenkzeit haben,“ sagte
+Young von seinem Sitz aufstehend. „Ist diese Frist
+zu Ende, so erwarten wir ihre Antwort.“</p>
+
+<p>In der Thür wandte er sich noch einmal zurück;
+sein Gesicht war gerötet, seine Augen funkelten.
+„Wenn jetzt dein und ihr Gebein im Wüstenstaub bei
+der Sierra Blanca moderte,“ rief er mit Donnerstimme,
+„es wäre weit besser für dich, John Ferrier,
+und für sie, als wenn ihr in eurer Ohnmacht wagen
+solltet, dem Befehl des heiligen Rats der Vier zu
+trotzen.“</p>
+
+<p>Er erhob die Hand mit drohender Gebärde, dann
+verließ er das Haus und man hörte den Kies auf
+dem Fußweg unter seinen Tritten knirschen.</p>
+
+<p>Ferrier saß noch in trübem Sinnen, den Kopf
+<span class="pagenum" id="Page_162">[S. 162]</span>in die Hand gestützt, als er sich leise an der Schulter
+berührt fühlte. Er blickte auf und sah Lucy neben
+sich stehen. Ihr bleiches, verstörtes Gesicht ließ ihm
+keinen Zweifel, daß sie wußte, was geschehen war.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe21" id="illus_0162">
+ <img class="w100" src="images/illus_0162.jpg" alt="Brigham Young hebt
+ drohend seinen Regenschirm">
+</figure>
+
+<p>„Ich konnte nicht anders,“ flüsterte sie voll
+Bangigkeit, „ich habe alles gehört — seine Stimme
+schallte durch das ganze Haus. O Vater, Vater
+— was sollen wir thun?“</p>
+
+<p>„Sei ohne Furcht,“ sagte er, sie an sich ziehend,
+und ließ seine breite, rauhe Hand zärtlich über ihr
+<span class="pagenum" id="Page_163">[S. 163]</span>braunes Haar gleiten. „Irgendwie wollen wir’s
+schon einrichten. Du hängst doch wohl nach wie vor
+an deinem Verlobten, nicht wahr?“</p>
+
+<p>Sie schluchzte nur leise und drückte ihm die Hand.</p>
+
+<p>„Ich hab’ mir’s gleich gedacht; so ein hübscher
+Bursche und ein ordentlicher Christenmensch obendrein;
+denn das ist hier keiner von allen, trotz ihrer
+vielen Gebete und Predigten. — Morgen reist eine
+Gesellschaft nach Nevada ab, da werde ich zusehen,
+daß ich ihm eine Botschaft schicken kann, um ihn
+wissen zu lassen, in welcher Not wir stecken. Wenn
+er dann nicht hier ist, wie der Wind, müßte ich mich
+sehr in dem jungen Mann getäuscht haben.“</p>
+
+<p>Lucy lächelte unter Thränen. „Wenn er kommt,
+wird er uns zu raten und zu helfen wissen,“ sagte
+sie zuversichtlich. „Aber ich ängstige mich deinetwegen,
+Väterchen. Man hört so schreckliche Dinge
+erzählen, wie es denen ergeht, die sich dem Willen
+des Propheten widersetzt haben.“</p>
+
+<p>„Aber wir haben das noch gar nicht gethan,“
+entgegnete der Alte, „und brauchen uns vorläufig
+nicht zu fürchten. Noch haben wir einen ganzen
+Monat vor uns und ehe der zu Ende geht, werden
+wir gut thun, Utah den Rücken zu kehren.“</p>
+
+<p>„Was wird denn aber aus deinem Besitztum?“</p>
+
+<p>„Wir machen zu Geld, was wir können, und
+<span class="pagenum" id="Page_164">[S. 164]</span>lassen das Uebrige zurück. Ich will dir nur offen gestehen,
+Lucy, daß ich schon längst mit diesem Gedanken
+umgehe. Ich mag vor keinem Menschen zu
+Kreuze kriechen, wie die Leute hier vor ihrem verwünschten
+Propheten. Als freier Mann bin ich geboren
+und kann mich in diese Art nicht mehr finden
+— ich bin wohl zu alt dazu. Er soll sich hüten,
+mir noch einmal ins Gehege zu kommen, sonst hat
+er eine Ladung Schrot im Leibe, ehe er sich’s
+versieht.“</p>
+
+<p>„Sie werden uns aber nicht fortlassen wollen,“
+warf Lucy ängstlich ein.</p>
+
+<p>„Dafür laß mich nur sorgen, wenn Jefferson
+kommt. Beruhige dich jetzt, mein Herzchen, und
+weine dir nicht die Augen rot, sonst macht er mir
+Vorwürfe, wenn er dich sieht. Uns droht keinerlei
+Gefahr, und du brauchst nichts zu fürchten.“</p>
+
+<p>John Ferrier sprach diese tröstlichen Worte mit
+großer Zuversicht, doch konnte Lucy nicht umhin,
+zu bemerken, wie vorsichtig er alle Thüren zur Nacht
+verschloß und verriegelte, nachdem er zuvor die alte,
+rostige Jagdflinte, welche für gewöhnlich an der
+Wand seines Schlafzimmers hing, aufs sorgfältigste
+gereinigt und geladen hatte.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_165">[S. 165]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1_5" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.<br>
+<b class="s4">Eine Flucht auf Leben und Tod.</b></h3>
+
+</div>
+
+<p>Am Morgen nach seiner Unterredung mit dem
+Propheten begab sich John Ferrier nach der Salzseestadt,
+suchte dort seinen Bekannten auf, welcher
+im Begriff stand, ins Gebirge von Nevada zu reisen,
+und vertraute ihm die Botschaft für Jefferson Hope
+an. Er hatte dem jungen Manne geschrieben, von
+welcher furchtbaren Gefahr sie bedroht seien und ihn
+aufgefordert, unverzüglich zurückzukehren. Nachdem
+dies geschehen war, ging er erleichterten Herzens
+heim.</p>
+
+<p>Als er sich seinem Hause näherte, sah er mit Verwunderung,
+daß an jedem der Thürpfosten ein Pferd
+angebunden stand. Im Wohnzimmer aber traf er
+zwei junge Männer, die sich höchst behaglich zu fühlen
+schienen. Der eine, mit hageren, blassen Zügen,
+lag im Armstuhl ausgestreckt, die Füße auf dem
+niedrigen Ofen. Der andere, ein Mensch mit aufgedunsenem,
+gemeinem Gesicht und einem Stiernacken,
+stand, die Hände in den Taschen, am Fenster
+und pfiff eine Melodie. Beide nickten Ferrier vertraulich
+zu, und der junge Mensch im Armstuhl begann
+das Gespräch.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_166">[S. 166]</span></p>
+
+<p>„Sie kennen uns vielleicht nicht,“ sagte er. „Dies
+hier ist der Sohn des Aeltesten Drebber und ich bin
+Josef Stangerson, der mit im Zuge war, als der
+Herr in der Wüste seine Hand ausstreckte, um Sie
+mit der Herde der Gläubigen zu vereinen.“</p>
+
+<p>„Wie er alle Völker versammeln wird zu seiner
+Zeit!“ fiel der andere mit schnarrender Stimme ein.
+„Seine Mühlen mahlen langsam, aber sicher.“</p>
+
+<p>John Ferrier verbeugte sich kühl; er hatte sich
+schon denken können, wer die Besucher waren.</p>
+
+<p>„Wir kommen auf den Rat unserer Väter,“ fuhr
+Stangerson fort, „und werben um die Hand Ihrer
+Tochter für denjenigen von uns beiden, welcher Ihnen
+und ihr am meisten zusagt. Da ich nur vier Frauen
+habe und Bruder Drebber hier deren sieben besitzt,
+so scheint mir, daß ich den nächsten Anspruch habe.“</p>
+
+<p>„Bewahre, Bruder Stangerson,“ rief der andere;
+„es handelt sich nicht darum, wie viele Frauen
+man hat, sondern wie viele man ernähren kann.
+Mein Vater hat mir jetzt die Fabriken übergeben,
+und ich bin reicher als du.“</p>
+
+<p>„Aber ich habe bessere Aussichten,“ erwiderte
+jener eifrig. „Wenn der Herr meinen Vater zu sich
+nimmt, bekomme ich die Lohgerberei und die Lederfabrik.
+Auch bin ich älter als du und mein Ansehen
+in der Kirche ist größer.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_167">[S. 167]</span></p>
+
+<p>„Das Mädchen soll zwischen uns entscheiden,“
+entgegnete der junge Drebber, sich wohlgefällig im
+Spiegel betrachtend; „wir wollen es ihr ganz überlassen.“</p>
+
+<p>Während dieses Zwiegesprächs stand John
+Ferrier schäumend vor Wut an der Thür. Es zuckte
+ihm in allen Fingern, seine Reitpeitsche auf den
+Rücken der beiden Bewerber niedersausen zu lassen.</p>
+
+<p>„Hört einmal,“ sagte er endlich, auf sie zuschreitend,
+„wenn meine Tochter euch rufen läßt,
+mögt ihr kommen; bis dahin bitte ich mir aus, daß
+ihr mir den Anblick eurer Gesichter erspart!“</p>
+
+<p>Die jungen Mormonen starrten ihn in maßlosem
+Erstaunen an. In ihren Augen war dieser Wettbewerb
+um die Hand des Mädchens die höchste Ehre,
+welche sie Vater und Tochter erweisen konnten.</p>
+
+<p>„Es giebt zwei verschiedene Ausgänge aus diesem
+Zimmer,“ fuhr Ferrier zornglühend fort, „einen
+durch die Thür, den anderen durch das Fenster.
+Ihr habt die Wahl.“</p>
+
+<p>Seine Miene war so drohend und seine hagern
+Hände schienen so eisenstark, daß die beiden unwillkommenen
+Besucher eilig aufsprangen und den Rückzug
+antraten. Der alte Mann folgte ihnen bis zur
+Thür.</p>
+
+<p>„Sobald ihr untereinander ausgemacht habt,
+<span class="pagenum" id="Page_168">[S. 168]</span>wer es sein soll, laßt mich’s wissen,“ rief er ihnen
+höhnisch nach.</p>
+
+<p>„Dafür sollt Ihr büßen,“ schrie Stangerson
+bleich vor Erregung. „Ihr habt dem Propheten
+getrotzt und dem hohen Rat der Vier — das sollt
+Ihr bereuen bis an Euer Lebensende.“</p>
+
+<p>„Die Hand des Herrn werdet Ihr fühlen,“
+stimmte der junge Drebber ein. „Er wird wider
+Euch aufstehen und Euch schlagen.“</p>
+
+<p>„Mit dem Schlagen kann es gleich seinen Anfang
+nehmen,“ rief Ferrier zornbebend. Er wollte die
+Flinte von der Wand reißen, aber Lucy war herzugeeilt
+und fiel ihm in den Arm. Bevor er sich noch
+von ihr losmachen konnte, tönte schallender Hufschlag
+und die Flüchtlinge waren außer seinem
+Bereich.</p>
+
+<p>„Die jungen heuchlerischen Schurken,“ murmelte
+er voll Ingrimm; „weit lieber möchte ich dich im
+Grabe sehen, mein Herzenskind, als daß dich einer
+von ihnen als sein Weib heimführte.“</p>
+
+<p>„Ja Vater, — lieber sterben!“ erwiderte sie entschlossen.
+„Doch bald wird Jefferson hier sein.“</p>
+
+<p>„Freilich — und je früher er kommt, desto besser
+ist es. Wer kann wissen, was jene gegen uns im
+Schilde führen.“</p>
+
+<p>Es war in der That hohe Zeit, daß ein kluger
+<span class="pagenum" id="Page_169">[S. 169]</span>Ratgeber und Helfer dem wackern alten Ferrier und
+seiner Tochter in ihrer Not beistand. Seit der
+Gründung der Niederlassung war ein solches Beispiel
+von Ungehorsam und Widersetzlichkeit gegen
+die Befehle der Aeltesten noch niemals vorgekommen.
+Wenn schon kleine Vergehen mit unnachsichtiger
+Strenge bestraft wurden, welches Schicksal erwartete
+dann diesen Erzrebellen? Ferrier wußte, daß weder
+sein Reichtum noch seine Stellung ihn schützen würde.
+Leute, die über ebenso große Mittel verfügten und in
+nicht geringerem Ansehen standen wie er, waren schon
+spurlos verschwunden und ihre Güter der Kirche
+anheimgefallen. Der tapfere Mann hätte sich jeder
+offenen Gefahr kühn entgegengestellt, aber das düstere
+unheimliche Verhängnis, das über ihm schwebte, erschütterte
+seine starke Seele und flößte ihm Grauen
+ein. Zwar verbarg er seine Furcht vor der Tochter
+und that, als lege er der ganzen Sache nicht viel
+Wert bei, allein, mit dem scharfen Auge der Liebe
+erkannte Lucy nur zu deutlich die Unruhe in seinem
+Gemüt.</p>
+
+<p>Nach dem, was vorgefallen war, mußte er sich
+darauf gefaßt machen, von Young wegen seines Benehmens
+eine Rüge oder Warnung zu erhalten. Die
+Botschaft traf auch wirklich ein, aber sie kam auf eine
+ihm völlig unerwartete Weise. Als er am nächsten
+<span class="pagenum" id="Page_170">[S. 170]</span>Morgen erwachte, fand er auf der Bettdecke gerade
+über seiner Brust einen kleinen viereckigen Zettel
+angesteckt, auf welchem mit großen deutlichen Buchstaben
+die Worte standen: „Neunundzwanzig Tage
+sind dir zur Sühne gewährt, und dann —&#8239;—“</p>
+
+<p>Jede Drohung wäre weniger furchtbar gewesen
+als der beängstigende Gedankenstrich. John Ferrier
+zerbrach sich vergebens den Kopf, wie der Zettel in
+sein Zimmer gekommen sein könne, denn das Gesinde
+schlief in einem Nebenbau und er hatte mit eigener
+Hand alle Fenster und Thüren wohl verwahrt und
+verschlossen. Er vernichtete das Papier und sagte
+seiner Tochter nichts von dem Vorfall, aber ihn
+schauderte doch, wenn er daran dachte. Die neunundzwanzig
+Tage waren offenbar der Rest des Monats,
+den Brigham Young ihm zugesagt hatte. Was
+vermochten aller Mut und alle Kraft gegen einen
+Feind auszurichten, der so geheimnisvolle Hilfsmittel
+besaß? Die Hand, welche jenen Zettel befestigte,
+hätte ihn ebenso gut ins Herz treffen können
+und kein Mensch würde jemals erfahren haben, wer
+ihn erschlagen.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen wurde er noch heftiger
+erschüttert. Sie saßen zusammen beim Frühstück, als
+Lucy plötzlich einen Schrei der Ueberraschung ausstieß
+und nach oben blickte. Mitten auf der Zimmerdecke
+<span class="pagenum" id="Page_171">[S. 171]</span>stand in schwarzer Schrift die Zahl 28. Seine
+Tochter wußte nicht, was das zu bedeuten habe und
+er klärte sie nicht auf. Die folgende Nacht hindurch
+saß Ferrier mit der geladenen Flinte da und hielt
+Wache. Alles blieb still, er vernahm keinen Laut,
+aber am nächsten Morgen fand er die Zahl 27 auf
+seiner Hausthür angeschrieben.</p>
+
+<p>So verging ein Tag nach dem andern und jeder
+neue Morgen brachte ihm Kunde, daß seine unsichtbaren
+Feinde ihre Rechnung weiter führten. An
+irgend einer Stelle, die ihm ins Auge fallen mußte,
+hatten sie die Anzahl der Tage verzeichnet, die ihm
+noch von der Gnadenfrist übrig blieb. Bald tauchten
+die verhängnisvollen Nummern an den Wänden auf,
+bald auf dem Fußboden, manchmal standen sie auf
+kleinen Anschlagzetteln, die an dem Gartenthor oder
+den Gitterstäben befestigt waren. Trotz aller Wachsamkeit
+konnte Ferrier nicht entdecken, woher diese
+täglichen Mahnzeichen kamen und er empfand ein fast
+abergläubisches Grauen, so oft er eine neue Zahl
+gewahrte. Er kam sich vor wie ein gehetztes Wild,
+eine verzehrende Unruhe ergriff ihn und wer in
+seinem Auge zu lesen verstand, konnte sehen, welche
+Qualen er litt. Nur der Gedanke, daß der junge
+Jäger jetzt bald aus Nevada eintreffen müsse, hielt
+ihn noch aufrecht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_172">[S. 172]</span></p>
+
+<p>Aus 20 war 15, aus 15 war 10 geworden, aber
+noch traf keine Nachricht von dem fernen Freunde
+ein. Immer kleiner ward die Zahl der noch übrigen
+Tage und Jefferson ließ sich nicht blicken. Vernahm
+man einen Hufschlag oder kam ein Fuhrmann
+des Weges gefahren, so eilte der alte Farmer an
+das Thor, weil er glaubte, daß die ersehnte Hilfe da
+sei. Erst als auf die 5 die 4 folgte und aus dieser
+eine 3 wurde, sank ihm der Mut, und er gab jede
+Hoffnung verloren.</p>
+
+<p>Wenig vertraut mit Weg und Steg in den Gebirgen,
+welche die Ansiedlung umgaben, konnte er,
+auf sich allein angewiesen, die Rettung nicht ins
+Werk setzen; alle bekannten Pfade wurden aufs
+strengste bewacht, und jeder Wanderer, der sich darauf
+betreten ließ, mußte einen Passierschein des Hohen
+Rats vorweisen können. Wohin sich also Ferrier
+wenden mochte, nirgends bot sich ihm die Möglichkeit,
+dem Verhängnis zu entfliehen, das ihn bedrohte;
+dennoch schwankte der alte Mann keinen Augenblick
+in seinem Entschluß, lieber das Leben zu verlieren,
+als seine Tochter jener Verbindung preiszugeben.</p>
+
+<p>Er war in schweren Sorgen abends allein aufgeblieben
+und sann vergebens nach, ob denn kein
+Entrinnen mehr möglich sei. Am Morgen war die
+<span class="pagenum" id="Page_173">[S. 173]</span>Zahl 2 auf der Hauswand erschienen und mit dem
+nächsten Tage ging die festgesetzte Frist zu Ende.
+Was würde dann geschehen? — Seine Einbildungskraft
+war geschäftig, sich alle erdenklichen Schrecken
+auszumalen. Und was sollte aus seiner Tochter
+werden, wenn er ihr nicht mehr zur Seite stand? —
+Er sah sich rings von einem unsichtbaren Netz umgeben,
+das sich immer dichter zusammenzog. Von
+dem Gefühl seiner Ohnmacht überwältigt, brach er
+in schmerzliches Schluchzen aus und das Haupt sank
+ihm auf die Brust.</p>
+
+<p>Aber was war das? — Durch die Stille der
+Nacht kam plötzlich ein leiser, schnarrender Ton deutlich
+zu ihm herüber. Er schien von der Hausthür
+zu kommen. Ferrier schlich geräuschlos durch den
+Gang und horchte scharf hinaus. Einige Augenblicke
+vergingen, dann ließ sich der seltsame, schwache Laut
+wieder vernehmen. Es klopfte jemand mit großer
+Behutsamkeit an der Thür. War es ein nächtlicher
+Abgesandter des heimlichen Gerichts, der gekommen
+war, um dessen Mordbefehl auszuführen, oder sollte
+ihm noch besonders angekündigt werden, daß der
+letzte Tag herannahe? Die furchtbare Ungewißheit
+schüttelte ihn wie im Fieber und nahm ihm jede
+Widerstandskraft. Länger vermochte er die Qual
+nicht mehr zu ertragen, mit der verglichen der Tod
+<span class="pagenum" id="Page_174">[S. 174]</span>eine Erlösung schien. Rasch entschlossen zog er den
+Riegel zurück und öffnete die Thür.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe25" id="illus_0174">
+ <img class="w100" src="images/illus_0174.jpg" alt="Vor der offenen Tür liegt
+ ein Mann auf dem Boden">
+</figure>
+
+<p>Draußen war alles still. Die Sterne flimmerten
+am klaren Nachthimmel und weder in dem kleinen
+Vorgarten, den der Zaun umschloß, noch auf der
+Straße jenseits des Gitterthors, war ein menschliches
+Wesen zu erblicken. Ferrier sah nach rechts
+und nach links und atmete erleichtert auf. Als er
+aber zufällig gerade vor sich auf den Boden schaute,
+sah er mit Entsetzen zu seinen Füßen einen Mann
+<span class="pagenum" id="Page_175">[S. 175]</span>platt auf der Erde liegen, Arme und Beine weit von
+sich gestreckt.</p>
+
+<p>Der Anblick erschütterte ihn so sehr, daß er
+gegen die Wand taumelte und Mühe hatte, den
+wilden Schrei zu ersticken, der sich ihm auf die Lippen
+drängte. Sein erster Gedanke war, daß es ein Verwundeter
+oder Sterbender sein müsse; allein plötzlich
+kam Leben in die Gestalt, sie wand sich wie eine
+Schlange behende und geräuschlos am Boden entlang
+und erreichte den Hausflur. Sobald der Mann über
+die Schwelle gekommen war, sprang er rasch in die
+Höhe, schloß die Thür und vor dem überraschten
+Farmer stand Jefferson Hope mit ingrimmiger, entschlossener
+Miene.</p>
+
+<p>„Großer Gott — du bist es —,“ keuchte John
+Ferrier; „weshalb kommst du so geschlichen? Du
+hast mich furchtbar erschreckt.“</p>
+
+<p>„Gieb mir zu essen,“ rief jener mit heiserer
+Stimme, „seit achtundvierzig Stunden habe ich weder
+Trank noch Speise zu mir genommen.“ Er griff
+gierig nach Brot und Fleisch, das noch von Ferriers
+Abendmahlzeit auf dem Tische stand. „Hält sich
+Lucy tapfer?“ war seine erste Frage, sobald er seinen
+Heißhunger gestillt hatte.</p>
+
+<p>„Ja, doch kennt sie die Größe der Gefahr nicht.“</p>
+
+<p>„Das ist gut. Das Haus wird von allen Seiten
+<span class="pagenum" id="Page_176">[S. 176]</span>bewacht; ich konnte mich nur kriechend nähern, um
+nicht bemerkt zu werden. Sie passen scharf auf,
+doch sind sie nicht schlau genug, um einen Washoe-Jäger
+zu fangen.“</p>
+
+<p>John Ferrier war wie umgewandelt, nun er auf
+den Beistand eines getreuen Verbündeten zählen
+durfte. „Du bist ein Mann unter Tausenden,“ rief
+er, Jeffersons Hand herzlich schüttelnd; „nicht jeder
+wäre gekommen, um Gefahr und Not mit uns zu
+teilen.“</p>
+
+<p>„Wärst du allein in der Bedrängnis, Vater,
+wahrlich — ich hätte es mir wohl zweimal überlegt,
+bevor ich mich in dieses Wespennest wagte,“ erwiderte
+der junge Hope freimütig. „Um Lucys willen bin
+ich hier und ehe ich zugebe, daß ihr ein Leid geschieht,
+müssen sie mir das Leben nehmen.“</p>
+
+<p>„Was soll denn aber nun werden? Laß uns
+rasch handeln!“</p>
+
+<p>„Morgen ist euer letzter Tag; wenn wir nicht
+diese Nacht entfliehen, seid ihr verloren. In der
+Adlerschlucht stehen zwei Pferde und ein Maultier
+bereit. Wieviel Geld hast du?“</p>
+
+<p>„Zweitausend Dollars in Gold und fünftausend
+in Banknoten.“</p>
+
+<p>„Das genügt; ich kann etwa die gleiche Summe
+hinzulegen. Wir müssen übers Gebirge nach Carson
+<span class="pagenum" id="Page_177">[S. 177]</span>City. Lucy soll sich sogleich fertig machen. Gut,
+daß die Dienstboten nicht im Hause schlafen.“</p>
+
+<p>Während Ferrier ging, seine Tochter zu wecken,
+traf Jefferson Hope die nötigen Vorkehrungen zur
+Flucht. Was sich von Eßwaren vorfand, packte er
+in ein kleines Bündel und füllte einen Steinkrug mit
+Wasser, da er wußte, daß sie in den Bergen nur auf
+wenige Quellen stoßen würden. Jetzt kehrte auch
+Ferrier mit Lucy zurück; beide waren zum Aufbruch
+bereit. Die Liebenden begrüßten einander mit wenigen
+herzlichen Worten, jeder Augenblick war kostbar
+und es gab noch viel zu überlegen.</p>
+
+<p>„Wir müssen auf der Stelle fort,“ sagte Jefferson
+mit leiser, aber fester Stimme. „Es gilt der
+Gefahr mutig zu trotzen. Beide Eingänge, der
+vordere sowohl als der hintere, werden bewacht,
+aber bei gehöriger Vorsicht können wir durch das
+Seitenfenster entfliehen, das auf die Felder geht.
+Haben wir erst die Straße erreicht, so sind wir nur
+eine kurze halbe Stunde von der Schlucht entfernt,
+wo die Pferde warten. Bei Tagesanbruch müssen
+wir schon tief im Gebirge sein.“</p>
+
+<p>„Aber, wenn wir angehalten werden?“ fragte
+Ferrier.</p>
+
+<p>Hope deutete auf die Mündung des Revolvers,
+den er in seinem Wamse trug. „Wenn ihrer zu
+<span class="pagenum" id="Page_178">[S. 178]</span>viele sind, müssen zwei oder drei ins Gras beißen,“
+sagte er mit grimmigem Lächeln.</p>
+
+<p>Alles Licht im Hause war ausgelöscht und Ferrier
+warf durch das dunkle Fenster noch einen Blick auf
+seine Wiesen und Felder hinaus, welche er für immer
+verlassen sollte. Schon längst war er jedoch auf dies
+Opfer vorbereitet und der Gedanke an seiner Tochter
+Glück und Ehre verscheuchte allen Kummer über den
+Verlust seines Eigentums. Die Gegend lag so still
+und friedlich da, die Bäume rauschten und das Korn
+wogte im Winde; es war schwer zu glauben, daß da
+draußen allerwärts der Mord auf sie lauere. Die
+bleiche, entschlossene Miene des jungen Jägers verriet
+aber nur allzu deutlich, daß er auf dem Wege
+nach dem Hause genug gesehen hatte, um darüber
+keinerlei Zweifel zu hegen.</p>
+
+<p>Ferrier trug einen Sack mit dem Gold und den
+Banknoten, Jefferson die Vorräte an Eßwaren und
+den Wasserkrug; Lucy hatte ihre liebsten Besitztümer
+in ein Bündel geschnürt. Langsam und vorsichtig
+öffneten sie das Fenster und warteten, bis eine dunkle
+Wolke, die herangezogen kam, die Gegend in Finsternis
+hüllte, dann kletterten sie geräuschlos in den
+Vorgarten hinab. Mit verhaltenem Atem, halb
+schleichend, halb kriechend, erreichten sie glücklich den
+Heckenzaun, in dessen Schutze sie vorwärts eilten,
+<span class="pagenum" id="Page_179">[S. 179]</span>bis sie an eine Lücke kamen, durch welche man in die
+Felder hinaus gelangte. Sie befanden sich gerade
+an dieser Stelle, als Jefferson sich plötzlich zu Boden
+warf, und Vater und Tochter mit sich zog. Das
+geübte Ohr des Steppenjägers hatte ein Geräusch
+vernommen. Kaum lauerten sie in ihrem Versteck,
+als wenige Schritte von ihnen der trübselige Ruf
+einer Bergeule ertönte, dem ein anderer Eulenruf
+aus einiger Entfernung antwortete. Gleich darauf
+sahen sie den Schatten eines Mannes an der Zaunlücke
+vorbeigleiten und eine zweite Gestalt tauchte
+aus dem Dunkel auf.</p>
+
+<p>„Morgen um Mitternacht, wenn das Käuzchen
+dreimal ruft,“ sagte der erste im Ton des Befehls.</p>
+
+<p>„Wohl,“ versetzte der zweite; „soll ich Bruder
+Drebber benachrichtigen?“</p>
+
+<p>„Sage ihm die Weisung, er soll sie weiter geben.
+<em class="gesperrt">Neun und sieben.</em>“</p>
+
+<p>„<em class="gesperrt">Sieben und fünf!</em>“ entgegnete der andere,
+und die beiden entfernten sich nach verschiedenen
+Richtungen. Ihre letzten Worte sollten offenbar
+eine Art Losung sein. Kaum waren ihre Tritte
+verhallt, als Jefferson aufsprang und mit seinen
+Gefährten, so rasch sie ihre Füße trugen, quer durch
+die Felder lief.</p>
+
+<p>„Vorwärts, vorwärts,“ keuchte er von Zeit zu
+<span class="pagenum" id="Page_180">[S. 180]</span>Zeit; „wir sind schon an den Wachtposten vorbei,
+nur die größte Eile kann uns retten.“</p>
+
+<p>Wenn Lucys Kräfte zu versagen drohten, half
+er ihr und stützte sie mit starkem Arm. Auf der
+Landstraße angelangt, kamen sie rasch weiter, und
+kurz vor der Stadt bog ihr Führer in einen schmalen,
+steilen Pfad ab, der zu den Bergen aufstieg. Zwei
+dunkle, zerklüftete Felsspitzen ragten vor ihnen empor
+in der Finsternis; zwischen diesen öffnete sich
+die Adlerschlucht, wo die Pferde warteten. Von
+sicherm Instinkt geleitet, fand Jefferson den Weg
+zwischen Felsblöcken und in dem trockenen Bett eines
+Waldbachs, bis sie den versteckten Schlupfwinkel erreichten,
+wo er die treuen Tiere festgebunden hatte.
+Das Mädchen bestieg das Maultier und Ferrier mit
+dem Geldsack eines der Pferde, während Jefferson
+Hope das andere auf dem gefährlichen Pfade am
+Zügel führte.</p>
+
+<p>Rechter Hand ragte eine wohl tausend Fuß hohe
+Felswand und zur Linken lagen Steinblöcke und
+Trümmer wild durcheinander geworfen. Der Fußsteg,
+der in regelmäßigem Zickzack mitten durch
+diese Wildnis führt, war an manchen Stellen so
+schmal, daß sie ihn hintereinander einzeln verfolgen
+mußten, und so rauh, daß nur die geübtesten Reiter
+ihn ohne Unfall passieren konnten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_181">[S. 181]</span></p>
+
+<p>Trotz aller Mühsal und Beschwerde war den
+Flüchtlingen dennoch fröhlich zu Mut, weil jeder
+Schritt, den sie vorwärts thaten, sie weiter aus dem
+Bereich des Tyrannen brachte, dem sie entrinnen
+wollten.</p>
+
+<p>Bald jedoch erhielten sie den Beweis, daß sie
+noch immer nicht dem Bann der ‚Heiligen‘ entflohen
+waren. Sie hatten eben die ödeste und wildeste
+Stelle des Gebirgspasses erreicht, als Lucy mit einem
+Ausruf des Schreckens nach oben deutete. Auf einem
+Felsvorsprung, der den Pfad beherrschte und sich
+klar gegen den Himmel abhob, stand ein einsamer
+Wachtposten. Er hatte die Reiter gleichfalls bemerkt
+und seine Frage: „Wer geht da?“ klang herausfordernd
+durch die stille Schlucht.</p>
+
+<p>„Reisende nach Nevada,“ rief Jefferson Hope,
+die Hand an der Flinte, welche am Sattel hing.</p>
+
+<p>„Mit wessen Erlaubnis?“ schallte es von oben
+herunter.</p>
+
+<p>„Der heiligen Vier,“ gab Jefferson zur Antwort.
+Er wußte von seinem Aufenthalt bei den
+Mormonen, daß dies die höchste Obergewalt sei.</p>
+
+<p>„<em class="gesperrt">Neun und sieben!</em>“ rief die Schildwache.</p>
+
+<p>„<em class="gesperrt">Sieben und fünf!</em>“ entgegnete Jefferson
+rasch, sich der Losung erinnernd, die er im Garten
+gehört hatte.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe32" id="illus_0182">
+ <img class="w100" src="images/illus_0182.jpg" alt="Die Flüchtenden passieren
+ den Wächter, der mit seinem Gewehr im Arm auf einem Felsen steht">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_183">[S. 183]</span></p>
+
+<p>„Passiert — der Herr sei mit euch!“ ertönte es
+von der Felsspitze.</p>
+
+<p>Bald darauf war der Weg breiter und die Pferde
+konnten sich in Trab setzen. Noch einmal sahen sie
+zurück nach dem einsamen Wächter, der sein Gewehr
+im Arm, an dem Felsen lehnte. Sie wußten, daß
+sie den letzten Posten der Mormonen hinter sich
+hatten und die Freiheit vor ihnen lag.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_184">[S. 184]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1_5" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.<br>
+<b class="s4">Die Würgengel.</b></h3>
+
+</div>
+
+<p>Die ganze Nacht hindurch wanderten die Flüchtlinge
+über felsiges Gestein und durch die verschlungensten
+Pfade. Kamen sie auch öfters vom Wege
+ab, so wußte sich doch Jefferson, bei seiner genauen
+Kenntnis des Gebirges, immer wieder zurecht zu
+finden. Beim Morgengrauen enthüllte sich ihnen
+ein Schauspiel von wilder, aber wunderbarer Schönheit.
+In der weiten Runde sahen sie sich ringsum
+von hohen, schneebedeckten Berggipfeln eingeschlossen,
+die bis zu unabsehbaren Fernen neben und über
+einander emporragten. Droben im Gestein wurzelten
+Lärchen- und Fichtenbäume, die der nächste
+Windstoß von den steilen Felswänden auf ihre
+Häupter herabschleudern konnte; es lagen Steintrümmer
+und Baumstämme genug unten im Thal
+verstreut, zum Zeichen, daß ein solcher Absturz wohl
+zu fürchten sei. Eben jetzt löste sich wieder ein
+großes Felsstück und fiel donnernd in die Tiefe;
+erschreckt fuhren die müden Pferde auf und setzten
+sich in schärferen Trab.</p>
+
+<p>Nun stieg die Sonne über den östlichen Horizont
+und entzündete die Berggipfel wie Lampen bei
+<span class="pagenum" id="Page_185">[S. 185]</span>einem Fest, einen nach dem andern, bis sie alle
+glühten und leuchteten. Es war ein Anblick von
+solcher Erhabenheit, wie ihn die Flüchtlinge noch
+nie geschaut; er erfreute ihre Herzen und stärkte sie
+mit neuer Kraft und Zuversicht. Am Ufer eines
+Waldbaches, der aus der Schlucht hervorbrauste,
+machten sie bald darauf Halt, tränkten ihre Pferde
+und nahmen ein hastiges Mahl ein. Lucy und ihr
+Vater hätten gern eine Weile gerastet, aber Jefferson
+gab das nicht zu. „Sie sind uns jetzt gewiß
+schon auf der Spur,“ sagte er; „Eile thut vor allem
+not. Erst wenn wir sicher in Carson angelangt
+sind, dürfen wir daran denken, der Ruhe zu
+pflegen.“</p>
+
+<p>Den ganzen Tag lang ging es weiter durch
+Hohlwege und Schluchten; am Abend mußten sie nach
+ihrer Berechnung weit mehr als dreißig Meilen
+zurückgelegt haben. Erschöpft suchten sie nun unter
+einer vorspringenden Klippe Schutz vor dem kühlen
+Nachtwind, schmiegten sich fest aneinander, um sich
+zu erwärmen und gönnten sich einige Stunden
+Schlaf. Bis jetzt hatten sie nicht das geringste Anzeichen
+einer Verfolgung entdeckt und Jefferson
+Hope glaubte schon, dem grimmigen Feinde glücklich
+entronnen zu sein. Ach, er ahnte nicht, wie weit
+dessen gefürchteter Arm reichte, und wie bald er
+<span class="pagenum" id="Page_186">[S. 186]</span>sich ausstrecken würde, um sie erbarmungslos zu
+zerschmettern.</p>
+
+<p>Um die Mittagszeit des zweiten Tages ihrer
+Flucht begann ihr geringer Vorrat von Lebensmitteln
+auf die Neige zu gehen. Dem Jäger machte
+das wenig Sorge; es mangelte nicht an Wildpret im
+Gebirge und seine Flinte hatte ihm schon öfters
+die nötige Nahrung verschafft. An einer geschützten
+Stelle häufte er trockene Zweige auf und zündete
+ein mächtiges Feuer an, damit sich Vater und Tochter
+wärmen könnten, denn sie befanden sich jetzt in einer
+Höhe von 5000 Fuß über dem Meeresspiegel und die
+Luft wehte scharf und kalt. Jefferson band die Pferde
+fest, nahm Abschied von Lucy, warf die Flinte
+über die Schulter und zog aus, um sein Waidmannsglück
+zu versuchen. Als er sich noch einmal umwandte,
+sah er den Alten neben dem jungen Mädchen
+am Feuer sitzen und im Hintergrunde die drei
+Reitpferde, bewegungslos, wie aus Stein gehauen.
+Schon im nächsten Augenblick hatten die Felsen ihm
+das Bild verdeckt.</p>
+
+<p>Mehrere Meilen wanderte er von Schlucht zu
+Schlucht, ohne auf eine Beute zu stoßen, wiewohl er
+aus mancherlei Anzeichen erkannte, daß Bären in
+der Nähe sein mußten. Schon wollte er nach mehrstündigem
+fruchtlosem Suchen unverrichteter Sache
+<span class="pagenum" id="Page_187">[S. 187]</span>zurückkehren, als er zu seiner Freude auf einem
+Felsvorsprung, um einige hundert Fuß über der
+Stelle, an der er stand, den gewaltigen Kopf eines
+Dickhorns gewahrte, jenes wilden Bergschafes, das
+sich herdenweise in diesen Höhen findet. Rasch warf
+sich Jefferson zu Boden, stützte sein Schießgewehr auf
+einen Steinblock, zielte lange und gab Feuer. Das
+Tier that einen Sprung in die Luft, schwankte einen
+Augenblick am Rande des Abgrunds und stürzte
+dann jäh ins Thal hinab, wohin Jefferson eilig
+nachkletterte. Die ganze Beute fortzuschaffen war
+unmöglich, der Jäger mußte sich begnügen, mit
+seinem Jagdmesser einen Schenkel des Tieres abzuschneiden
+und auf seine Schulter zu laden. Nachdem
+dies geschehen, machte er sich ohne Zaudern
+auf den Rückweg, — aber das war kein leichtes Beginnen.
+Der Abend brach schon herein und in dem
+ungewissen Dämmerlicht war es schwer, sich zurecht
+zu finden, denn das Thal verzweigte sich in viele
+Schluchten, die alle einander zum Verwechseln ähnlich
+sahen. Mühsam war Jefferson in der einen
+Schlucht emporgeklommen, als ihm ein Bergstrom
+entgegenschoß und seinen Weg hemmte; nun ging
+er zurück und wählte einen andern Aufstieg, aber
+ohne bessern Erfolg. Es war bereits Nacht geworden,
+als er endlich an einen Hohlweg gelangte,
+<span class="pagenum" id="Page_188">[S. 188]</span>der ihm bekannt vorkam. Abermals kletterte er
+zwischen den steilen Felswänden aufwärts mit seiner
+Last. Der Pfad lag im tiefsten Dunkel, denn der
+Mond war noch nicht aufgegangen, und Jefferson
+strauchelte oft auf dem rauhen Wege; doch der Gedanke,
+daß er mit jedem Schritt seiner geliebten
+Lucy näher kam, trieb ihn rastlos weiter; auch
+brachte er ja genug Vorrat mit, um sie während der
+ganzen Dauer der Flucht vor Mangel zu schützen.
+Auf der Höhe angekommen, ward er zu seiner Freude
+gewahr, daß er von der Stelle, wo er seine Schutzbefohlenen
+verlassen hatte, nicht mehr allzufern sei;
+schon erkannte er, trotz der Finsternis, die schwachen
+Umrisse der Felsspitzen am Eingang der Schlucht.
+Fast fünf Stunden war er fortgeblieben — mit wie
+banger Sehnsucht mochten sie ihn erwarten. Um
+seine glückliche Rückkehr zu verkünden, rief er ein
+lautes Hallo! in die Berge hinein. Dann stand er
+lauschend da, ob keine Antwort käme, aber nur der
+Ton seiner eigenen Stimme schallte in vielfachem
+Wiederhall von den Bergen; sonst blieb alles still.
+Noch stärker und dringender ertönte jetzt sein Ruf,
+aber kein Laut aus geliebtem Munde hieß ihn willkommen.
+Von unbestimmter Angst ergriffen, ließ
+er die schwer errungene Beute zu Boden fallen und
+stürmte wie rasend vorwärts.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_189">[S. 189]</span></p>
+
+<p>Jetzt bog er um die Ecke und vor ihm lag der
+Platz, wo er das Feuer angezündet hatte. Noch
+glühte der Aschenhaufen, aber man hatte kein Holz
+zugelegt und die Flamme war erloschen. Ringsumher
+herrschte Todesschweigen. Seine Furcht ward
+zur Gewißheit; nirgends ließ sich ein lebendes Wesen
+erblicken — die Pferde, das Mädchen, der Alte,
+waren spurlos verschwunden. Das Unheil mußte
+während seiner Abwesenheit urplötzlich hereingebrochen
+sein, zu ihrer aller Verderben.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe42" id="illus_0190">
+ <img class="w100" src="images/illus_0190.jpg" alt="Jefferson Hope untersucht
+ das Lager der Geflüchteten">
+</figure>
+
+<p>Verwirrt und betäubt von dem schweren Schicksalsschlag,
+der ihn so unvermutet traf, stützte sich
+Jefferson auf sein Gewehr, sonst wäre er umgesunken.
+Doch rasch überwand er diesen Anfall von
+Schwäche, denn er war seiner ganzen Natur nach ein
+Mann der That. Mit bebender Hand zog er ein erst
+halbverkohltes Holzstück aus der Asche, blies die
+glimmenden Funken zur Flamme an und untersuchte
+mit Hilfe dieser Leuchte den Lagerplatz. Der
+Boden war nach allen Seiten hin von Pferdehufen
+zerstampft, ein Beweis, daß die Flüchtlinge durch
+eine große Schar Berittener eingeholt worden, welche
+dann, wie die vorhandenen Spuren vermuten ließen,
+die Richtung nach der Salzseestadt eingeschlagen
+hatten. Waren Vater und Tochter in ihre Hände
+gefallen und beide von ihnen mit fortgeschleppt
+<span class="pagenum" id="Page_190">[S. 190]</span>worden? — Jefferson Hope mochte dies zuerst geglaubt
+haben, allein plötzlich fuhr er zusammen, und
+das Blut erstarrte ihm in den Adern. Etwas abseits
+von dem Lagerplatz sah er einen frisch aufgeworfenen
+Haufen rötlicher Erde, der vorher sicherlich
+nicht dagewesen war. Hatte man dort ein Grab
+gegraben? — Der junge Jäger trat näher hinzu —
+im Boden steckte ein Stab, an dem ein Blatt Papier
+befestigt war. Es trug eine kurze, aber bedeutsame
+Inschrift:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_191">[S. 191]</span></p>
+
+<p class="center">
+ „John Ferrier aus der Salzseestadt,<br>
+ &#8194;gestorben den 4ten August 1860.“
+</p>
+
+<p>Der wackere, alte Mann, den er vor wenigen
+Stunden erst in der Fülle der Kraft verlassen, war
+also tot und dies seine ganze Grabschrift. Jefferson
+sah sich mit wilden Blicken nach einem zweiten Hügel
+um, aber ein solcher war nicht zu entdecken. Die
+Unmenschen mußten Lucy mit sich geführt haben,
+um sie dem Sohn des Aeltesten zu übergeben, damit
+sie das ihr bestimmte Geschick erfülle und ihm als
+Frau in seinen Harem folge. Als Jefferson erkannte,
+wie völlig machtlos er sei, dies Schicksal
+von ihr abzuwenden, da schien ihm im ersten Augenblick
+der alte Ferrier beneidenswert, der da unten
+den stillen Schlaf des Todes schlief. Doch nicht lange
+überließ er sich seiner dumpfen Verzweiflung. War
+ihm nichts anderes geblieben, so konnte er wenigstens
+sein Leben der Rache weihen.</p>
+
+<p>Während er starren Auges dastand und in die
+Asche blickte, fühlte er, daß es für seinen Schmerz
+keine Linderung gab, bevor er nicht mit eigener Hand
+blutige Wiedervergeltung an seinen Feinden geübt
+hätte.</p>
+
+<p>Neben unermüdlicher Geduld und Ausdauer lag
+in Jeffersons Charakter eine nicht zu bezähmende
+Rachsucht, die er vielleicht von den Indianern gelernt
+<span class="pagenum" id="Page_192">[S. 192]</span>hatte, unter denen er solange gelebt. Sein
+starker Wille, seine rastlose Thatkraft sollten jetzt
+nur noch das <em class="gesperrt">eine</em> Ziel verfolgen, das war sein
+fester Entschluß. Mit bleicher, ingrimmiger Miene
+kehrte er nach der Stelle zurück, wo seine Jagdbeute
+noch am Boden lag, darauf blies er das Feuer an
+und bereitete sich Speise für die nächsten Tage. Dann
+brach er auf, ohne seiner Ermüdung zu achten,
+um der Spur der Würgengel durch das Gebirge zu
+folgen.</p>
+
+<p>Fünf Tage lang pilgerte er mit wunden Füßen
+durch die Schluchten und Hohlwege zurück, welche er
+vor kurzem hinaufgeritten war. Bei Einbruch der
+Nacht warf er sich unter einem Felsvorsprung nieder,
+um ein paar Stunden zu ruhen, und sobald der
+Morgen graute, begann er seine Wanderung von
+neuem. Als er am sechsten Tage erschöpft und abgemattet
+die Adlerschlucht erreichte, von wo aus
+ihre unheilvolle Flucht den Anfang genommen, sah
+er die ‚Stadt der Heiligen‘ weit ausgebreitet zu
+seinen Füßen liegen. In ohnmächtigem Zorn
+schüttelte er drohend die geballte Faust gegen den
+Wohnplatz der Uebelthäter. Aber halt — was hatte
+das zu bedeuten? — In den Hauptstraßen sah er
+Fahnen von den Dächern wehen und festlichen
+Schmuck an den Häusern. Während er noch darüber
+<span class="pagenum" id="Page_193">[S. 193]</span>nachsann, schallte der Hufschlag eines Pferdes und
+ein Reiter kam herangetrabt. Jefferson kannte den
+Mann, es war der Mormone Cowper, dem er früher
+manchen Dienst erwiesen hatte; von ihm durfte er
+hoffen, Nachricht über Lucys Schicksal zu erhalten.</p>
+
+<p>Der Mormone sah Jefferson zuerst mit ungläubigen
+Blicken an, als ihm dieser in den Weg trat und
+seinen Namen nannte. Wer hätte auch in dem verwilderten
+und zerzausten Wanderer mit den unheimlich
+rollenden Augen und der bleichen Miene
+den früher so schmucken jungen Jäger erkennen
+sollen? — Sobald Cowper jedoch wußte, wen er
+vor sich hatte, erschrak er heftig.</p>
+
+<p>„Seid Ihr rasend, daß Ihr Euch hierher wagt?“
+rief er. „Wenn man mich hier im Gespräch mit
+Euch sieht, ist mein eigenes Leben verwirkt. Wißt
+Ihr nicht, daß die ‚heiligen Vier‘ einen Haftbefehl
+gegen Euch erlassen haben, weil Ihr den Ferriers
+zur Flucht behilflich gewesen seid?“</p>
+
+<p>„Ich fürchte weder die Schurken noch ihren Haftbefehl,“
+rief Jefferson entrüstet. „Cowper,“ fuhr
+er dann, seine Erregung bezwingend, fort, „wir
+sind immer Freunde gewesen — bei allem, was Euch
+teuer ist, beschwöre ich Euch, mir eine Frage zu
+beantworten. Um Gottes willen, verweigert mir die
+Antwort nicht.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_194">[S. 194]</span></p>
+
+<p>„Was wünscht Ihr zu wissen?“ fragte der Mormone,
+sich ängstlich umblickend; „redet schnell, hier
+hat alles Augen und Ohren, auch die Felsen und
+Bäume.“</p>
+
+<p>„Was ist aus Lucy Ferrier geworden?“</p>
+
+<p>„Man hat sie gestern dem jungen Drebber zur
+Frau gegeben. — Faßt Euch, Mann, faßt Euch
+— Ihr werdet ja bleich wie der Tod.“</p>
+
+<p>Jefferson war auf den nächsten Felsblock niedergesunken,
+seine Lippen bebten. „Drebbers Frau,
+sagt Ihr?“ stammelte er mit brechender Stimme.</p>
+
+<p>„Ja, seit gestern — deshalb seht Ihr auch die
+Stadt noch im Fahnenschmuck. Drebber und Stangerson,
+die jüngeren, stritten sich um ihren Besitz.
+Bei der Verfolgung, an der sich beide beteiligt
+hatten, war ihr Vater von Stangersons Hand gefallen,
+was diesem ein größeres Vorrecht zu geben
+schien. Als jedoch die Frage vor die Ratsversammlung
+gebracht wurde, war Drebbers Anhang stärker
+und der Prophet entschied zu seinen Gunsten. Es
+wird sie aber keiner lange sein eigen nennen, sie
+sieht geisterbleich aus und der Tod stand ihr schon
+gestern im Gesicht geschrieben. — Wollt Ihr jetzt
+fort?“</p>
+
+<p>„Ja, ich gehe,“ sagte Jefferson, sich mühsam erhebend;
+sein Antlitz war bleich und starr, wie aus
+<span class="pagenum" id="Page_195">[S. 195]</span>Marmor gemeißelt, nur in seinen Augen glühte ein
+wildes Feuer.</p>
+
+<p>„Wo wollt Ihr hin?“</p>
+
+<p>„Fragt mich nicht,“ erwiderte er und hing sich
+die Flinte über die Schulter. Dann schritt er die
+Schlucht hinab und vergrub sich tief in den Bergen,
+wo nur Bären und Wölfe hausten; aber keines der
+reißenden Tiere war grimmiger und blutdürstiger
+als er.</p>
+
+<p>Was der Mormone vorausgesagt hatte, ging nur
+zu bald in Erfüllung. War es der Schmerz über
+den plötzlichen Tod ihres Vaters, was der armen
+Lucy am Lebensmark zehrte, oder der Abscheu vor
+der verhaßten Ehe, zu der man sie gezwungen —
+sie siechte von Tag zu Tag dahin und starb noch
+ehe ein Monat um war. Der rohe Mensch, welcher
+sie nur geheiratet hatte, um Ferriers reichen Besitz
+in die Hände zu bekommen, trug wenig Kummer zur
+Schau über seinen Verlust. Aber seine andern
+Frauen trauerten um die Tote und hielten in der
+Nacht vor dem Begräbnis bei ihr die Leichenwache,
+nach Sitte der Mormonen. Sie saßen noch um die
+Bahre, als beim ersten Morgengrauen die Thür
+plötzlich aufging und sie mit Staunen und Entsetzen
+einen wilddreinschauenden, wettergebräunten Mann
+in zerfetzter Kleidung eintreten sahen. Ohne auch
+<span class="pagenum" id="Page_196">[S. 196]</span>nur einen Blick auf die geängstigten Frauen zu
+werfen, schritt er nach dem Totenschrein, in dem
+Lucys entseelte Hülle ruhte. Er beugte sich über
+sie und berührte ihre kalte Stirn ehrfurchtsvoll mit
+den Lippen, dann ergriff er sie bei der Hand und
+zog ihr den Trauring vom Finger. „Den soll man
+ihr nicht mit ins Grab geben,“ murmelte er dumpf.
+Bevor noch jemand die rätselhafte Erscheinung anhalten
+konnte, verschwand sie wieder, wie sie gekommen
+war. Das alles geschah so rasch, und der
+Vorgang schien so seltsam, daß man dem Bericht der
+Wächterinnen schwerlich Glauben geschenkt hätte,
+ohne die Thatsache, daß der goldene Reif wirklich
+vom Finger der Toten verschwunden war.</p>
+
+<p>Monatelang hauste Jefferson Hope noch in den
+Bergen, wo er ein unstätes Jägerleben führte und
+für seinen Rachedurst täglich neue Nahrung einsog.
+Man begann sich allerwärts von dem unheimlichen
+Gesellen zu erzählen, der bald hier, bald da, in der
+Umgegend der Stadt oder in den rauhen Bergschluchten
+sein Wesen trieb. Einmal kam eine Kugel
+durch Stangersons Fenster geflogen und pfiff dicht an
+seinem Kopf vorbei. Ein andermal, als Drebbers
+Weg ihn am Bergabhang hinführte, ward aus der
+Höhe ein Felsstück auf ihn herabgeschleudert. Er
+konnte nur dadurch einem gräßlichen Tode entgehen,
+<span class="pagenum" id="Page_197">[S. 197]</span>daß er sich platt zu Boden warf. Die beiden jungen
+Mormonen errieten bald, wer ihnen nach dem Leben
+trachtete, und unternahmen mehrere bewaffnete
+Streifzüge ins Gebirge, in der Hoffnung, ihren Todfeind
+zu fangen oder zu erlegen — aber immer vergebens.
+Sie gingen nun aus Vorsicht niemals allein
+oder nach Dunkelwerden ins Freie, und stellten
+Wachen um ihre Häuser her. Nun verstrich jedoch
+eine geraume Zeit, ohne weitere Angriffe von
+seiten ihres Gegners und allmählich schwand ihre
+Furcht. Sie hofften, sein heißes Blut habe sich abgekühlt
+und er werde das tollkühne Vorhaben aufgeben.</p>
+
+<p>Daran dachte jedoch Jeffersons Seele nicht.
+Rache zu nehmen war und blieb sein einziger Zweck
+und Gedanke. Bei seiner durchaus praktischen Natur
+hatte er jedoch richtig erkannt, daß selbst die eisernste
+Gesundheit ein Leben, wie er es führte, auf die
+Dauer nicht ertragen könne. Mangel an gesunder
+Nahrung und Beschwerden aller Art mußten bald
+seine Kräfte verzehren. Was aber sollte aus seiner
+Rache werden, wenn er in den Bergen eines elenden
+Todes starb? — Nein, seine Feinde durften nicht
+triumphieren!</p>
+
+<p>So war er denn nach dem Bergwerk in Nevada
+zurückgekehrt, mit der Absicht, sich von den Entbehrungen
+<span class="pagenum" id="Page_198">[S. 198]</span>der letzten Zeit zu erholen und Geld
+genug zu erwerben, um seinen Lebenszweck weiter
+verfolgen zu können. Ursprünglich gedachte er
+höchstens ein Jahr lang dort zu bleiben, allein die
+Umstände fügten es so, daß fünf Jahre vergingen,
+bevor er zurückkehren konnte. Doch die Erinnerung
+an das erlittene Unrecht und sein Verlangen nach
+Rache war noch ebenso lebendig in ihm, wie in jener
+entsetzlichen Nacht an John Ferriers Grabe. Verkleidet
+und unter falschem Namen kam er nach der
+Salzseestadt, um die gerechte Sühne zu fordern, sei
+es auch mit Gefahr des eigenen Lebens. Dort erwartete
+ihn jedoch eine schlimme Kunde, die seine
+Pläne zu vereiteln drohte. Einige Monate zuvor
+war nämlich unter dem ‚auserwählten Volke‘ eine
+Spaltung entstanden. Die Mißvergnügten lehnten
+sich gegen die Obergewalt der Aeltesten auf; viele
+der jüngeren Gemeindeglieder verließen Utah und
+gesellten sich den Ungläubigen zu. Auch Drebber
+und Stangerson befanden sich unter dieser Zahl.
+Es ging ein Gerücht, daß Drebber es verstanden
+habe, den größten Teil seines Eigentums zu Geld
+zu machen, so daß er als reicher Mann fortgezogen
+war, während Stangerson, sein Gefährte, wenig
+Mittel besaß. Wohin sie sich aber gewandt hatten,
+darüber war kein Aufschluß zu erlangen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_199">[S. 199]</span></p>
+
+<p>Angesichts solcher Schwierigkeiten hätte mancher
+noch so rachsüchtige Mensch sein Vorhaben aufgegeben;
+daran dachte Jefferson jedoch keinen Augenblick.
+Er reiste von Ort zu Ort durch die Vereinigten
+Staaten, um seine Feinde aufzusuchen. Das kleine
+Kapital, welches er besaß, sicherte ihm zur Not sein
+Auskommen, doch nahm er Arbeit an, wo er sie fand.
+Jahre vergingen, sein schwarzes Haar war grau geworden,
+aber immer noch wanderte er weiter, das
+Ziel verfolgend, dem er sein Leben gewidmet hatte.
+Endlich ward seine Ausdauer belohnt. In Cleveland
+im Staate Ohio war es, wo er eines Tages
+Drebbers verhaßtes Gesicht an einem Fenster gewahrte.
+So hatte er seine Beute doch zuletzt noch
+aufgespürt. Rasch kehrte er in seine ärmliche Wohnung
+zurück, um seinen Racheplan vorzubereiten.
+Aber das Unglück wollte, daß auch Drebber bei dem
+flüchtigen Blick seinen Todfeind erkannt hatte. Er
+war mit Stangerson, der bei ihm das Amt eines
+Privatsekretärs versah, zu einem Friedensrichter geeilt,
+den er um Schutz gegen einen früheren Nebenbuhler
+bat, welcher ihnen aus Haß und Eifersucht
+nach dem Leben trachtete. An jenem Abend ward
+Jefferson Hope plötzlich in Haft genommen und da
+er außer stande war, Bürgschaft zu leisten, hielt man
+ihn mehrere Wochen im Gefängnis zurück. Sobald
+<span class="pagenum" id="Page_200">[S. 200]</span>er wieder in Freiheit war, begab er sich nach Drebbers Hause,
+allein er fand es verlassen und erfuhr,
+der Besitzer habe mit seinem Sekretär eine Reise
+nach Europa angetreten.</p>
+
+<p>Wieder war Jeffersons Rachewerk vereitelt und
+wieder trieb ihn sein grimmiger Haß, die Verfolgung
+fortzusetzen. Zuvor mußte er sich jedoch die nötigen
+Mittel für die Ueberfahrt erwerben. Als er genug
+zusammengespart hatte, um unterwegs sein Leben
+fristen zu können, schiffte er über den Ozean und
+folgte der Spur seiner Feinde von Stadt zu Stadt.
+Immer wieder mißlang es ihm, die Flüchtlinge einzuholen.
+Bei seiner Ankunft in Petersburg waren
+sie eben nach Paris gereist, und als er ihnen dahin
+folgte, hatten sie sich gerade nach Kopenhagen eingeschifft;
+auch dorthin kam er um einige Tage zu
+spät, da sie bereits nach London unterwegs waren.
+In der englischen Hauptstadt gelang es ihm zuletzt
+doch noch ihrer habhaft zu werden. Auf welche Weise
+dies geschah, erfahren wir am besten aus Jefferson
+Hopes eigenem Bericht, welchen Dr. Watson ausführlich
+in seinem Tagebuch niedergeschrieben hat.</p>
+
+<p>Wir kehren daher wieder zu den Aufzeichnungen
+des jungen Militärarztes zurück, denen wir schon
+im ersten Teil unserer Erzählung bis zu Jeffersons
+Festnehmung gefolgt sind.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_201">[S. 201]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak padbot1" id="Fortsetzung_von_Dr_Watsons_Erinnerungen">
+ <b>Fortsetzung von Dr. Watsons Erinnerungen.</b>
+ </h2>
+
+</div>
+
+<p>Trotz des rasenden Widerstands, den unser Gefangener
+geleistet hatte, schien er doch nicht feindlich
+gegen uns gesinnt zu sein. Sobald ihm klar geworden
+war, daß er bei unserer Uebermacht nichts
+auszurichten vermöge, ergab er sich in sein Schicksal
+und sprach mit verbindlichem Lächeln die Hoffnung
+aus, daß keiner von uns bei dem Handgemenge zu
+Schaden gekommen sein möchte.</p>
+
+<p>„Vermutlich wollen Sie mich auf die Polizei
+bringen,“ wandte er sich an Sherlock Holmes; „meine
+Droschke steht noch unten; wenn Sie mir die Füße
+losbinden, kann ich selbst hinunter gehen; es dürfte
+Ihnen doch schwer fallen, mich zu tragen.“</p>
+
+<p>Gregson und Lestrade wechselten bedeutsame
+Blicke, der Vorschlag mochte ihnen wohl allzu gewagt
+erscheinen, aber Holmes nahm den Gefangenen sogleich
+beim Wort und befreite ihn von dem Tuch,
+mit welchem wir ihm die Fußgelenke zusammengeschnürt
+hatten. Als er aufstand, dehnte und reckte
+er sich, wie um sich zu überzeugen, daß er wirklich
+der Bande ledig sei. Selten war mir ein Mann mit
+<span class="pagenum" id="Page_202">[S. 202]</span>so gewaltigem Gliederbau vorgekommen, und dabei
+lag ein Ausdruck von Willensstärke und Entschlossenheit
+in seinem sonnverbrannten Gesicht, der mir noch
+furchtbarer erschien als seine riesige Körperstärke.</p>
+
+<p>„Sie sollten Polizeichef werden,“ sagte er, Holmes
+mit aufrichtiger Bewunderung betrachtend.
+„Die Art, wie Sie meine Spur verfolgt haben,
+war meisterhaft.“</p>
+
+<p>Mein Freund lächelte. „Sie kommen mit, nicht
+wahr?“ wandte er sich an die beiden Polizisten.</p>
+
+<p>„Ich kann Sie fahren,“ versetzte Lestrade.</p>
+
+<p>„Gut, und Gregson steigt mit ein; Sie auch,
+Doktor — da der Fall Sie interessiert, müssen Sie
+ihn auch weiter verfolgen.“</p>
+
+<p>Ich willigte gern ein und wir begaben uns alle
+zusammen hinunter. Der Gefangene machte keine
+Miene zu entfliehen, sondern stieg ruhig in seine
+Droschke und wir folgten ihm. Lestrade nahm auf
+dem Bock Platz; er trieb die Pferde an, und bald befanden
+wir uns an Ort und Stelle. Man führte
+uns in ein kleines Zimmer, wo ein Polizeiinspektor
+die Angaben des Gefangenen nebst den Namen der
+beiden Männer aufschrieb, als deren Mörder man
+ihn anklagte. Der Inspektor, ein Mann mit blassem
+Gesicht und bewegungslosen Zügen, wartete mechanisch
+seines Amtes.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe29" id="illus_0203">
+ <img class="w100" src="images/illus_0203.jpg" alt="Jefferson Hope bei Holmes,
+ Watson und Lestrade">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_204">[S. 204]</span></p>
+
+<p>„Im Laufe der Woche wird der Angeklagte dem
+Richter vorgeführt werden,“ sagte er, „inzwischen
+thun Sie jedenfalls am besten, Jefferson Hope,
+wenn Sie keinerlei Aussagen machen und Ihre
+Worte mit Vorsicht wägen, da dieselben vor Gericht
+gegen Sie zeugen könnten.“</p>
+
+<p>„Ich habe sehr viel zu sagen,“ versetzte der Gefangene
+eifrig; „es ist mein dringender Wunsch,
+Ihnen meine Herren, die ganze Geschichte zu erzählen.“</p>
+
+<p>„Besser, Sie schieben es auf, bis zu Ihrem Verhör,“
+sagte der Beamte.</p>
+
+<p>„Wer weiß, ob es dazu überhaupt kommt,“ entgegnete
+Hope. „Fürchten Sie nichts, ich habe keine
+Selbstmordgedanken, aber doch könnte ein Hindernis
+eintreten. — Nicht wahr, Sie sind ein Doktor?“
+Er sah mich mit seinen dunklen Augen fragend an.</p>
+
+<p>Ich nickte bejahend.</p>
+
+<p>„Dann legen Sie Ihre Hand auf meine
+Brust.“</p>
+
+<p>Ich that, wie er sagte und erschrak, als ich ein
+heftiges Pulsieren fühlte und auffällige Geräusche
+im Innern vernahm. Sein Brustkasten schien zu
+erzittern und zu erbeben, wie ein schwacher Bau,
+in dem eine mächtige Maschine arbeitet.</p>
+
+<p>„Was ist das?“ rief ich, „Sie haben ja ein
+<span class="pagenum" id="Page_205">[S. 205]</span>Herzleiden, das bereits im gefährlichsten Stadium
+der Entwicklung ist.“</p>
+
+<p>„Ganz recht,“ erwiderte er gelassen. „Letzte
+Woche bin ich deswegen bei einem Arzt gewesen,
+der mir gesagt hat, es könne nur noch wenige Tage
+dauern, bis der Tod eintritt. Ich habe mir das
+Uebel durch schlechte Nahrung und Entbehrungen
+aller Art zugezogen, während ich im Gebirge am
+Salzsee hauste und es hat sich seitdem von Jahr zu
+Jahr verschlimmert. Jetzt ist das Werk meines
+Lebens gethan und mich kümmert’s nicht, wenn es
+mit mir zu Ende geht; doch möchte ich zuvor berichten,
+wie sich alles zugetragen hat, damit man
+mich nicht für einen gewöhnlichen Mordgesellen hält.“</p>
+
+<p>Nach einer kurzen Besprechung mit den beiden
+Polizisten, ob es ratsam sei, ihm den Willen zu
+thun, wandte sich der Inspektor an mich:</p>
+
+<p>„Glauben Sie, daß eine unmittelbare Gefahr
+vorliegt, Doktor?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Ohne allen Zweifel,“ erwiderte ich mit Bestimmtheit.</p>
+
+<p>„In diesem Fall fordert schon unsere Pflicht im
+Interesse der Gerechtigkeit, daß wir ein Protokoll
+aufnehmen. Reden Sie also, Jefferson Hope, wenn
+Sie es wünschen, aber vergessen Sie nicht, daß Ihre
+Aussagen zu Ihren Ungunsten gereichen könnten.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_206">[S. 206]</span></p>
+
+<p>„Wenn Sie nichts dawider haben, will ich mich
+setzen,“ sagte der Gefangene, Platz nehmend. „Seit
+einiger Zeit werde ich leicht müde; mein Uebel bringt
+das mit sich. Auch mag der Kampf, den wir vor
+einer halben Stunde durchgemacht haben, mir nicht
+sehr zuträglich gewesen sein. Ich stehe am Rande
+des Grabes, da pflegt man nicht zu lügen; was ich
+sage, ist die lauterste Wahrheit und mir kann gleichgültig
+sein, welchen Gebrauch Sie von meinen
+Worten machen.“</p>
+
+<p>Er legte sich in seinen Stuhl zurück und sprach
+in so ruhigem, bedächtigem Ton, als handle es
+sich um die alltäglichsten Vorkommnisse. Für die
+Genauigkeit des hier folgenden Berichts kann ich
+mich verbürgen, denn Lestrade hat jedes Wort des
+Gefangenen nachgeschrieben und mir später sein
+Notizbuch zur Verfügung gestellt.</p>
+
+<p>„Aus welcher Ursache ich jene beiden Männer so
+grimmig haßte,“ begann Jefferson Hope seine Erzählung,
+„brauche ich nicht näher zu erörtern. Sie
+hatten den Tod zweier Menschen, eines Vaters und
+seiner Tochter, auf dem Gewissen, und ihr eigenes
+Leben war verwirkt. Doch hätte kein Gerichtshof die
+Missethäter mehr zur Rechenschaft gezogen, weil
+schon zu lange Zeit verstrichen war, seitdem sie das
+Verbrechen begangen hatten. Ich aber wußte um
+<span class="pagenum" id="Page_207">[S. 207]</span>ihre Schuld und fühlte mich berufen, zugleich ihr
+Richter und der Vollstrecker des Urteils in einer
+Person zu sein. Ich müßte kein Herz im Leibe
+haben, hätte ich anders handeln können.</p>
+
+<p>„Das Mädchen, von dem ich sprach, sollte vor
+zwanzig Jahren meine Gattin werden. Man zwang
+sie, jenen Drebber zu heiraten und sie starb vor
+Gram. Ich zog der Toten den Trauring vom
+Finger und that den Schwur, daß Drebber mit
+seinem Blut für die Schandthat zahlen solle. Noch
+in seiner Todesstunde wollte ich die Erinnerung daran
+in dem Bösewicht wachrufen und ihm den Ring zeigen.
+Ich folgte ihm und seinem Mitschuldigen durch
+Länder und Meere, bis ich sie endlich in meine Gewalt
+bekam; den Ring trug ich stets bei mir. Wenn
+sie sich vorgespiegelt hatten, ich würde jemals von
+ihnen ablassen, so täuschten sie sich völlig. Jetzt
+kann ich mit dem Bewußtsein sterben, daß mein
+Lebenszweck erfüllt ist: sie sind durch meine Hand
+gefallen und ich habe nun nichts mehr zu wünschen
+und zu hoffen auf der Welt.</p>
+
+<p>„Ihre Verfolgung ließ sich nicht leicht ins Werk
+setzen, denn sie waren reich und ich arm. Mit leeren
+Taschen kam ich in London an und sah ein, daß ich
+irgend etwas ergreifen mußte, um meinen Unterhalt
+zu erwerben. Da ich mit Wagen und Pferden
+<span class="pagenum" id="Page_208">[S. 208]</span>gut umzugehen verstehe, begab ich mich nach einem
+Droschkenbureau und fand bald Beschäftigung.
+Wöchentlich mußte ich eine bestimmte Summe abliefern;
+den Ueberschuß durfte ich behalten, er war
+zwar nur gering, aber ich hatte gelernt, mich mit
+wenigem zu begnügen. Um mich in dem Straßenlabyrinth
+zurechtzufinden, schaffte ich mir eine Karte
+an, die ich zu Rate zog. Anfänglich machte das große
+Schwierigkeiten, aber sobald mir einmal die hauptsächlichsten
+Hotels und Bahnhöfe geläufig waren,
+half mein guter Ortssinn alle Hindernisse zu überwinden.</p>
+
+<p>„Es währte lange, bevor ich die Spur meiner
+Feinde entdeckte, doch ließ ich in meinen Erkundigungen
+nicht nach, bis ich wußte, wo ich sie zu suchen
+hatte. Sie waren in Camberwell, auf dem jenseitigen
+Flußufer, in einem Logierhaus abgestiegen. Nun
+ich ihren Aufenthaltsort kannte, heftete ich mich
+an ihre Fersen — es gab für sie kein Entrinnen
+mehr. Daß sie mich wiedererkennen würden, fürchtete
+ich nicht; ich hatte mir den Bart wachsen lassen,
+und mein Aussehen war völlig verändert; nur eine
+günstige Gelegenheit, um mein Vorhaben auszuführen,
+wollte ich abwarten.</p>
+
+<p>„Ich folgte ihnen auf Schritt und Tritt, manchmal
+zu Fuß, meistens aber mit meiner Droschke, weil
+<span class="pagenum" id="Page_209">[S. 209]</span>ich dann sicher war, sie einzuholen. Nur am frühen
+Morgen oder spät am Abend konnte ich noch dem
+Dienst nachgehen, und kam bald in Rückstand bei
+meinen Brotherren. Das kümmerte mich jedoch
+wenig, denn ich trachtete nur danach, mir die Leute
+nicht entgehen zu lassen.</p>
+
+<p>„Sie mochten wohl ahnen, daß ihnen Gefahr
+drohe, und waren schlau genug, die äußerste Vorsicht
+zu beobachten. Nie gingen sie nach Einbruch der
+Dunkelheit aus, und stets traf man sie zusammen.
+Zwei Wochen lang fuhr ich täglich hinter ihnen her,
+aber ich bekam niemals den einen ohne den andern
+zu sehen. Drebber war fast immer betrunken, aber
+dafür hielt Stangerson unablässig die Augen offen.
+Hatte sich auch, trotz meiner Ausdauer und Wachsamkeit,
+bisher keine Gelegenheit zur Ausführung meines
+Planes geboten, so verlor ich doch den Mut nicht,
+denn eine innere Stimme sagte mir, daß die Stunde
+der Vergeltung nicht mehr fern sei. Was ich am
+meisten fürchtete, war, daß mich mein Herzleiden an
+der Vollendung des Werkes hindern könne.</p>
+
+<p>„Eines Abends fuhr ich, wie ich öfters that, in
+der Straße auf und ab, in der sie wohnten, und
+sah, daß eine Droschke vor der Thür ihres Hauses
+hielt. Bald darauf wurden Koffer herausgebracht,
+Drebber und Stangerson erschienen auf der Schwelle,
+<span class="pagenum" id="Page_210">[S. 210]</span>stiegen ein, und der Wagen rollte mit ihnen fort.
+Ich folgte in großer Eile und Bestürzung, um sie
+nicht aus den Augen zu verlieren. Als ich sie am
+Eustoner Bahnhof aussteigen sah, rief ich einen
+Knaben herbei, um mein Pferd zu halten, und betrat
+gleich nach ihnen den Bahnsteig. Sie kamen
+jedoch zu spät, der Zug nach Liverpool, den sie benützen
+wollten, war bereits abgefahren und bis zu
+dem nächsten hatte es noch mehrere Stunden Zeit,
+wie ihnen der Schaffner auf ihre Frage mitteilte.
+Stangerson schien hierüber sehr ungehalten, während
+Drebbers Miene eher Befriedigung verriet. Es
+gelang mir, ihnen in dem Gedränge so nahe zu
+kommen, daß ich jedes Wort ihres Gesprächs verstand.
+Drebber sagte, er habe noch eine kleine Angelegenheit
+zu ordnen, sein Gefährte möge hier auf
+seine Rückkehr warten. Als Stangerson Einspruch
+erhob, weil sie beschlossen hätten, beisammen zu
+bleiben, entgegnete Drebber, sein Geschäft sei delikater
+Natur, er müsse es allein besorgen. Stangersons
+Antwort konnte ich nicht verstehen, aber sie versetzte
+den andern in Wut; mit einem wilden Fluche
+fuhr er auf und schrie, er möge nicht vergessen, daß
+er nur ein bezahlter Diener sei, und ihm nichts
+zu befehlen habe. Der Sekretär gab nun den vergeblichen
+Widerstand auf und äußerte nur noch,
+<span class="pagenum" id="Page_211">[S. 211]</span>daß Drebber ihn in Hallidays Privathotel aufsuchen
+möge, falls er auch noch den letzten Zug versäume.
+Jener versicherte jedoch, er werde vor elf Uhr wieder
+da sein, und verließ den Bahnhof.</p>
+
+<p>„Nun endlich war der Augenblick gekommen, auf
+den ich so lange geharrt hatte: die Bösewichte waren
+in meine Hand gegeben. Vereint konnten sie einander
+schützen, getrennt hatte ich Gewalt über sie.
+Doch wollte ich nichts übereilen und ging mit der
+größten Besonnenheit zu Werke. Die Rache gewährt
+nur Befriedigung, wenn unser Feind sich selbst bewußt
+wird, wessen Hand es ist, die den Streich gegen
+ihn führt, und weshalb ihn die Vergeltung trifft.
+Mir lag bei meinem Plan vor allem daran, dem
+Schändlichen keinen Zweifel zu lassen, daß er die
+Strafe für seine alte Schuld erleide. Einige Tage
+zuvor hatte ein Herr, der sich nach der Brixtonstraße
+fahren ließ, um dort verschiedene Häuser zu
+besichtigen, den Schlüssel zu einem derselben zufällig
+in meiner Droschke vergessen. Er forderte ihn mir
+zwar noch am selben Abend ab und erhielt ihn auch
+zurück, aber ich hatte doch Zeit gehabt, einen Abdruck
+davon zu nehmen, nach welchem ich einen Schlüssel
+zu meinem Gebrauch anfertigen ließ. So verschaffte
+ich mir den Zugang zu einem Platz in dieser großen
+Stadt, an dem ich sicher war, ungestört zu bleiben.
+<span class="pagenum" id="Page_212">[S. 212]</span>Es galt jetzt nur noch, die schwierige Aufgabe zu
+lösen, Drebber nach diesem Hause zu bringen.</p>
+
+<p>„Er ging die Straße hinunter und trat bald in
+diese bald in jene Schenke; in der letzten, welche er
+aufsuchte, blieb er wohl eine halbe Stunde. Als
+er wieder zum Vorschein kam, schwankte er unsicher
+hin und her und ich sah ihn in eine Droschke steigen.
+Natürlich fuhr ich dicht hinter ihm drein, über die
+Waterloo-Brücke und durch endlose Straßen, bis
+wir uns schließlich zu meiner Verwunderung wieder
+vor dem Logierhaus befanden, welches er vor kurzem
+verlassen hatte. Was ihn dorthin zurückführen
+könne, begriff ich nicht. Während er ausstieg, seine
+Droschke fortschickte und in das Haus trat, fuhr ich
+noch etwa hundert Schritt weiter und wartete. Eine
+Viertelstunde verging, da wurden plötzlich im Innern
+des Hauses zornige Stimmen laut, die Thür ward
+aufgestoßen und ich sah einen jungen, mir unbekannten
+Menschen, der Drebber am Kragen gepackt
+hatte. Mit einem kräftigen Stoß schleuderte er ihn
+die Stufen hinunter, bis in die Mitte der Straße.
+‚Warte, du Hund,‘ rief er und hob drohend den Stock,
+den er in der Hand hielt, ‚ich will dich lehren, ein
+rechtschaffenes Mädchen zu beschimpfen!‘ — Er war
+in so heftigem Zorn, daß Drebber es wohl geraten
+fand, sich davonzumachen, so rasch ihn seine Beine
+<span class="pagenum" id="Page_213">[S. 213]</span>tragen wollten. Er lief geradewegs auf meine
+Droschke zu, die an der Straßenecke hielt. ‚Nach
+Hallidays Hotel!‘ rief er und sprang hinein.</p>
+
+<p>„Als ich ihn glücklich im Wagen hatte, pochte
+mein Herz vor Freude so laut, als wollte es zerspringen.
+Ich zwang mich, ruhig zu bleiben, fuhr
+langsam weiter und überlegte, was nun zu thun sei.
+Einen Augenblick schwankte ich, ob ich ihn nicht zur
+Stadt hinausfahren und in irgend einer abgelegenen
+Gegend die letzte Unterredung mit ihm halten solle;
+fast war ich schon dazu entschlossen, als er selbst die
+Frage entschied. Wir kamen an einer Schenke vorbei
+und der Trunkenbold konnte dem Verlangen, einzukehren,
+nicht widerstehen; er befahl mir zu warten,
+und kam erst wieder heraus, als die Wirtschaft geschlossen
+wurde. Sein Zustand war jetzt derart,
+daß er keinen Widerstand mehr zu leisten vermochte.</p>
+
+<p>„Glauben Sie aber nicht, daß meine Absicht
+war, ihn mit kaltem Blute umzubringen. Längst
+hatte ich beschlossen, ihm noch eine Möglichkeit der
+Rettung zu gönnen, wenn er auf meinen Plan eingehen
+wollte. Während meines Wanderlebens in
+Amerika hatte ich auch eine Zeitlang den Aufseherposten
+in einem Laboratorium bekleidet. Eines Tages
+zeigte der Professor bei seiner Vorlesung über die
+Gifte, den Studenten ein Alkaloid, wie er es nannte,
+<span class="pagenum" id="Page_214">[S. 214]</span>welches er aus einem südafrikanischen Pfeilgift bereitet
+hatte, und von dem, wie er sagte, selbst die
+kleinste Dosis unmittelbar den Tod nach sich ziehe.
+Ich merkte mir das Fläschchen und sobald ich allein
+war, entnahm ich demselben einige Tropfen der
+Flüssigkeit. Da ich mich auch auf das Apothekerhandwerk
+verstand, fertigte ich mir eine Anzahl
+Pillen an, von denen einige vergiftet, die andern
+ganz unschädlich waren. Eine Pille von jeder Sorte
+that ich in eine Schachtel, mit der Absicht, am Tage
+der Rechenschaft meinem Feinde die Wahl zwischen
+beiden zu lassen und selbst diejenige zu verschlucken,
+welche er übrig ließ. Es war so gut ein Zweikampf
+auf Tod und Leben wie jeder andere, nur würde er
+in der Stille vor sich gehen. Seit jener Zeit trug
+ich die Pillenschachteln stets bei mir, und jetzt war
+der Augenblick gekommen, da sie ihren Zweck erfüllen
+sollten.</p>
+
+<p>„Mitternacht war längst vorüber, ein heftiger
+Wind hatte sich erhoben und der Regen fiel in
+Strömen. Obgleich von Nässe und Kälte durchfröstelt,
+jubelte ich doch innerlich vor Freude. Zwanzig
+Jahre lang hatte ich vergebens danach getrachtet,
+Wiedervergeltung zu üben, jetzt endlich sollte mein
+heißes Verlangen Befriedigung finden. Aus dem
+Dunkel tauchte vor meinem Geist John Ferriers
+<span class="pagenum" id="Page_215">[S. 215]</span>Gestalt auf und ich sah meine geliebte Lucy mir zulächeln,
+so deutlich, wie ich jetzt Sie, meine Herren,
+hier im Zimmer sehe. Auf der ganzen Fahrt
+schwebten die teuern Schatten neben mir, bis
+ich endlich vor dem Hause in der Brixtonstraße
+hielt.</p>
+
+<p>„Kein Mensch war zu sehen, nicht ein Laut ließ
+sich vernehmen, nur der Regen rauschte hernieder.
+In der Droschke lag Drebber zusammengekrümmt
+da in seinem Rausch und schlief. Ich faßte ihn beim
+Arm. ‚Sie müssen aussteigen,‘ rief ich.</p>
+
+<p>„‚Schon gut, Kutscher,‘ gab er zur Antwort.</p>
+
+<p>„Ohne Zweifel glaubte er, bei dem Hotel angekommen
+zu sein, nach welchem er fahren wollte,
+denn er verließ die Droschke ohne ein weiteres Wort
+und folgte mir durch den Garten in das Haus. Er
+schwankte hin und her, so daß ich ihn stützen mußte.
+Nun schloß ich die Thür auf und brachte ihn in das
+Vorderzimmer. Den ganzen Weg lang schritten
+meine Lucy und ihr Vater immer vor uns her —
+ich versichere Sie.</p>
+
+<p>„‚Hier ist’s verteufelt dunkel,‘ murmelte Drebber
+umhertastend.</p>
+
+<p>„‚Wir wollen gleich Licht machen,‘ erwiderte ich,
+holte Streichhölzer aus der Tasche und zündete die
+Wachskerze an, welche ich mitgebracht hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_216">[S. 216]</span></p>
+
+<p>„‚Und jetzt, Enoch Drebber,‘ rief ich, das Licht
+emporhaltend, ‚seht mich an — kennt Ihr mich?‘&#8239;—</p>
+
+<figure class="figcenter illowe44" id="illus_0216">
+ <img class="w100" src="images/illus_0216.jpg" alt="Angstvoll erkennt Enoch
+ Drebber seinen Widersacher">
+</figure>
+
+<p>„Er starrte mich eine Weile mit ausdruckslosen
+Blicken an, plötzlich aber zuckte es krampfhaft in
+seinen Zügen und das Entsetzen, welches sich darin
+spiegelte, sagte deutlicher als Worte, daß er seinen
+Feind erkannt habe. Sein Gesicht ward erdfahl,
+der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn und er
+bebte wie Espenlaub.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_217">[S. 217]</span></p>
+
+<p>„Ich lehnte ihm gegenüber an der Thür und
+betrachtete ihn mit Wollust; so süß hatte ich mir die
+Rache kaum vorgestellt.</p>
+
+<p>„‚Ihr erbärmlicher Mensch,‘ rief ich, ‚vom Salzsee
+her bin ich Eurer Spur gefolgt und stets seid Ihr
+mir entgangen. Aber jetzt sind wir am Ende unserer
+Wanderung, denn einer von uns beiden wird die
+Sonne des morgenden Tages nicht mehr aufgehen
+sehen.‘</p>
+
+<p>„Er schreckte noch weiter vor mir zurück; sicherlich
+glaubte er, daß ich im Wahnsinn spräche. Ich
+war auch nahe daran, vor maßloser Erregung den
+Verstand zu verlieren, meine Pulse pochten wild,
+und wer weiß, was mir zugestoßen wäre, hätte mir
+nicht ein Blutstrom, der mir aus der Nase quoll,
+plötzlich Erleichterung gebracht.</p>
+
+<p>„‚Denkt an Lucy Ferrier,‘ rief ich und hob
+drohend den Schlüssel empor, mit dem ich die Thür
+hinter uns abgeschlossen hatte. ‚Die Strafe für
+Eure Missethat hat sich lange verzögert, aber endlich
+ereilt sie Euch doch.‘ Mit bebenden Lippen stand
+der Feigling vor mir; er hätte wohl gern um sein
+Leben gefleht, doch wußte er nur zu gut, daß ich kein
+Erbarmen üben würde.</p>
+
+<p>„‚Sie wollen mich ermorden?‘ stammelte er.</p>
+
+<p>„‚Von Mord ist hier keine Rede. Wer einen
+<span class="pagenum" id="Page_218">[S. 218]</span>tollen Hund tötet, mordet nicht. Habt Ihr etwa
+Mitleid gefühlt für die Geliebte meines Herzens,
+als Ihr sie von der Seite ihres erschlagenen Vaters
+risset, um sie in Euern verruchten Harem zu
+schleppen?‘</p>
+
+<p>„‚Ihr Vater ist nicht durch meine Hand gefallen.‘</p>
+
+<p>„‚Aber, daß ihr das Herz brach, ist Eure Schuld.
+— So soll denn der große Gott Richter sein zwischen
+mir und Euch.‘ — Ich hielt ihm die Schachtel mit
+den Pillen hin. ‚Wählet,‘ rief ich, ‚in der einen ist
+Tod, in der andern Leben; die, welche Ihr übrig
+laßt, nehme ich. Laßt uns sehen, ob es noch Gerechtigkeit
+auf Erden giebt, oder ob uns der Zufall
+regiert.‘</p>
+
+<p>„Er wand sich vor Todesangst und flehte um
+Gnade; statt der Antwort zog ich mein Messer und
+hielt es ihm an die Kehle, bis er mir den Willen
+gethan hatte. Dann verschluckte ich die zweite Pille,
+und wir standen einander eine Minute lang gegenüber
+in gespannter Erwartung, wer von uns leben
+und wer sterben solle. — Nie werde ich den grauenvollen
+Ausdruck seiner Mienen vergessen, als er
+die ersten Anzeichen des Gifts verspürte und wußte,
+er habe das Todeslos gezogen. Ich hielt ihm triumphierend
+Lucys Trauring vor die Augen. Es war
+nur ein Moment, denn die Wirkung des Alkaloids
+<span class="pagenum" id="Page_219">[S. 219]</span>erfolgte schnell. Seine Züge verzerrten sich, er griff
+mit den Händen in die Luft, stieß einen wilden Schrei
+aus und fiel schwer zu Boden. Ich fühlte nach seinem
+Herzschlag, aber nichts regte sich — er war tot.</p>
+
+<p>„Ich tauchte den Finger in mein Blut, das noch
+immer herabgetropft war, ohne daß ich es beachtet
+hatte, und schrieb das Wort ‚Rache‘ an die Wand.
+Ob ich das zu meiner eigenen Befriedigung that,
+oder um die Polizei auf eine falsche Fährte zu
+locken, ist mir selbst nicht klar. Ich hatte von geheimen
+Gesellschaften gehört, die auf solche Weise
+ihre Opfer zeichnen.</p>
+
+<p>„Nun verließ ich das Haus und bestieg meine
+Droschke wieder. Draußen heulte noch der wilde
+Sturm, und die Straße war menschenleer. Ich mochte
+schon eine ziemliche Strecke gefahren sein, als ich
+Lucys Trauring vermißte, den ich immer in meiner
+Brusttasche trug. Es war das einzige Erinnerungszeichen
+an sie, welches ich besaß, und der Verlust traf
+mich wie ein Donnerschlag. Wahrscheinlich hatte ich
+den Ring verloren, als ich mich über Drebbers
+Leiche beugte; ich mußte ihn wieder haben, um jeden
+Preis. Rasch entschlossen kehrte ich um, ließ die
+Droschke in einer Seitenstraße stehen und schritt
+beherzt auf das Haus zu. Allein, fast wäre ich einem
+Polizisten in die Arme gelaufen, der eben aus
+<span class="pagenum" id="Page_220">[S. 220]</span>dem Gitterthor trat. Es gelang mir, seinen Argwohn
+zu beschwichtigen, indem ich mich sinnlos betrunken
+stellte.</p>
+
+<p>„Enoch Drebber hatte seinen verdienten Lohn
+gefunden. Nun sollte auch Stangerson für John
+Ferriers Tod büßen. Ich wartete den ganzen Tag
+über auf ihn in der Nähe von Hallidays Hotel, aber
+er ließ sich nicht blicken; Drebbers Ausbleiben mochte
+wohl Verdacht in ihm erregt haben. Stangerson war
+schlau und stets auf seiner Hut, doch diesmal nützte
+ihm alle Vorsicht nicht. Welches sein Stubenfenster
+sei, brachte ich leicht in Erfahrung, und mit Hilfe einer
+Leiter, die noch von einem Bau her in einer Nebengasse
+lag, stieg ich beim Morgengrauen in sein
+Schlafzimmer ein. Ich weckte ihn und kündigte ihm
+an, daß die Stunde der Rechenschaft gekommen sei,
+und er seine alte Schuld bezahlen müsse. Nachdem
+ich ihm Drebbers Tod geschildert, bot ich ihm dieselbe
+Wahl an, wie seinem Gefährten. Er aber hörte
+kaum auf mich; wie rasend sprang er aus dem
+Bette und mir an die Kehle. Aus Notwehr stieß ich
+ihm, zu meiner eigenen Rettung, mein Messer in
+die Brust. Der Tod hätte ihn ja so wie so ereilt,
+denn sicherlich würde seine schuldige Hand die vergiftete
+Pille gewählt haben — die Wege der Vorsehung
+sind gerecht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_221">[S. 221]</span></p>
+
+<p>„Mir bleibt jetzt nur noch wenig zu berichten
+— und das ist gut, weil ich fühle, daß es mit meinen
+Kräften zu Ende geht. Ich wollte das Kutscherhandwerk
+weitertreiben, bis ich genug Geld beisammen
+hätte, um nach Amerika zurückzukehren. Als
+ich heute in unserm Hofe stand, hörte ich einen zerlumpten
+Jungen nach einem Kutscher Namens
+Jefferson Hope fragen. Er war von einem Herrn
+in der Bakerstraße geschickt, um meine Droschke zu
+holen. Ohne den geringsten Argwohn folgte ich
+dem Boten; bevor ich aber noch recht wußte, wie mir
+geschah, hatte mir schon der junge Mann hier die
+Handschellen angelegt und ich war Ihr Gefangener.
+Sie kennen jetzt meine ganze Lebensgeschichte. Vielleicht
+gelte ich in Ihren Augen dennoch für einen
+Mörder. Ich aber, meine Herren, lebe der festen
+Ueberzeugung, daß ich gerade so gut ein Diener der
+Gerechtigkeit bin, wie Sie selber.“</p>
+
+<p>Jefferson Hope hatte seine ergreifende Geschichte
+mit so tiefinnerlichem Gefühl erzählt, daß wir ihm
+in atemloser Spannung zuhörten. Sogar die beiden
+Detektivs, die doch durch ihren Beruf gegen das
+Verbrechen in jeder Form abgestumpft waren, zeigten
+ein warmes Interesse. Als er geendet hatte, saßen
+wir noch eine Weile stumm und nachdenklich da,
+und man hörte nur Lestrades Bleistift über das
+<span class="pagenum" id="Page_222">[S. 222]</span>Papier fahren, während er seinem stenographischen
+Bericht die Schlußworte hinzufügte.</p>
+
+<p>„Nur <em class="gesperrt">eins</em> möchte ich noch wissen,“ unterbrach
+endlich Sherlock Holmes die Stille: „Wer war Ihr
+Helfershelfer, der auf meine Anzeige hin den Ring
+zu holen kam?“</p>
+
+<p>Der Gefangene schüttelte den Kopf. „Anderer
+Leute Geheimnisse darf ich nicht verraten,“ sagte
+er; „es könnte sie in Ungelegenheiten bringen.
+Ich war ungewiß, ob man mir nicht eine Falle stelle
+und mein Freund erbot sich, den Ring statt meiner
+zu holen. Sie werden zugeben, daß er die Sache
+geschickt ausgeführt hat.“</p>
+
+<p>„Das will ich meinen,“ bestätigte Holmes
+lächelnd.</p>
+
+<p>„Nun, meine Herren,“ nahm der Inspektor das
+Wort, „dem Gesetz muß Genüge geschehen. Nächsten
+Donnerstag wird der Gefangene dem Richter vorgeführt
+werden, wobei Ihre Gegenwart erforderlich
+ist. Bis dahin übernehme ich die Verantwortlichkeit
+für ihn.“</p>
+
+<p>Er klingelte, worauf zwei Polizisten erschienen,
+welche Jefferson Hope in Gewahrsam brachten. Ich
+aber kehrte in Begleitung meines Freundes Holmes
+nach unserer Wohnung in der Bakerstraße zurück.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_223">[S. 223]</span></p>
+
+<p class="mtop2">Wir hatten sämtlich eine gerichtliche Vorladung
+auf Donnerstag erhalten. Als jedoch der festgesetzte
+Termin herankam, bedurfte man unseres Zeugnisses
+nicht mehr. Ein höherer Richter hatte die
+Sache in die Hand genommen und Jefferson Hope
+zur Rechenschaft vor sein Tribunal gefordert. In
+der Nacht nach seiner Gefangennahme trat das erwartete
+Ende ein und man fand ihn am Morgen
+tot in seiner Zelle. Ein friedliches Lächeln lag
+in seinen Zügen, als habe die Erinnerung an ein
+wohl angewendetes Leben und glücklich vollbrachtes
+Werk ihm noch die letzten Augenblicke versüßt.</p>
+
+<p>Am Abend saß ich mit Holmes in unserem gemeinschaftlichen
+Wohnzimmer am Kamin und wir
+besprachen das Ereignis.</p>
+
+<p>„Dieser Todesfall macht Gregson und Lestrade
+einen rechten Strich durch ihre Rechnung,“ sagte
+mein Freund. „Sie werden sehr unglücklich darüber
+sein; wo bleibt nun ihr pomphafter Zeitungsbericht
+und der Lohn für alle ihre Anstrengung?“</p>
+
+<p>„Mir scheint doch, daß sie mit der Gefangennahme
+wenig zu thun gehabt haben,“ versetzte ich.</p>
+
+<p>„O, in dieser Welt kommt es nicht sowohl darauf
+an, was man wirklich thut,“ rief mein Gefährte, nicht
+ohne einen Anflug von Bitterkeit, „als darauf,
+<span class="pagenum" id="Page_224">[S. 224]</span>daß man den Leuten einen hohen Begriff von
+seinen Thaten beizubringen weiß. Aber, einerlei,“
+fuhr er nach einer Pause in heiterem Tone fort,
+„ich hätte mir den Fall um keinen Preis entgehen
+lassen mögen; es ist einer der besten, die mir je vorgekommen
+sind. Trotz seiner Einfachheit enthielt
+er mehrere äußerst lehrreiche Punkte.“</p>
+
+<figure class="figcenter illowe49" id="illus_0224">
+ <img class="w100" src="images/illus_0224.jpg" alt="Holmes und Watson
+ unterhalten sich im Wohnzimmer">
+</figure>
+
+<p>„Das nennen Sie einfach?!&#8239;—“</p>
+
+<p>Holmes lächelte über mein Erstaunen. „Nun
+ja, wie wollen Sie es anders bezeichnen?“ sagte er.
+<span class="pagenum" id="Page_225">[S. 225]</span>„Schon der Umstand, daß ich ganz allein, nur
+mit Hilfe einiger alltäglicher Schlußfolgerungen,
+innerhalb drei Tagen des Verbrechers habhaft geworden
+bin, ist doch der schlagendste Beweis für
+die Einfachheit des Falles.“</p>
+
+<p>„Wohl wahr,“ gab ich zu.</p>
+
+<p>„Ich habe Ihnen schon früher einmal auseinander
+gesetzt, daß alles Ungewöhnliche eher eine
+Erleichterung als ein Hindernis ist. Bei der Lösung
+eines solchen Problems kommt es hauptsächlich darauf
+an, ob man imstande ist, Rückschlüsse zu machen.
+Das ist eine sehr nützliche und leicht zu erwerbende
+Fertigkeit, aber nur wenige Leute haben Uebung
+darin. Die synthetische Methode erscheint den
+meisten leichter als die analytische.“</p>
+
+<p>„Was das heißen soll, verstehe ich nicht.“</p>
+
+<p>„Das glaube ich gern und will mich näher erklären:
+Nach meiner Erfahrung werden die meisten
+Leute, denen man verschiedene Ereignisse, die stattgefunden
+haben, der Reihe nach erzählt, zu sagen
+wissen, welches Resultat sich daraus ergeben wird.
+Dagegen giebt es nur wenige Menschen, die, wenn
+man ihnen ein Resultat mitteilt, imstande sind,
+sich zu vergegenwärtigen, auf welche Art es sich
+entwickelt, welche Schritte stufenweise zu dem Ergebnis
+hingeleitet haben können. Diese Fähigkeit,
+<span class="pagenum" id="Page_226">[S. 226]</span>Rückschlüsse zu machen, nenne ich die analytische
+Methode.“</p>
+
+<p>„Das klingt schon weniger dunkel,“ sagte ich.</p>
+
+<p>„In unserem Fall lag das Ergebnis klar zu
+Tage, alles übrige mußten wir aber selber finden.
+Ich will Ihnen nun einmal Schritt für Schritt
+zeigen, wie ich meine Schlüsse gezogen habe. Fangen
+wir beim Anfang an: Ich näherte mich, wie Sie
+wissen, dem Hause zu Fuß und ohne alle Voreingenommenheit.
+Natürlich untersuchte ich zunächst
+die Straße, und fand da, wie ich Ihnen schon sagte,
+deutliche Anzeichen, daß eine Droschke bei Nacht
+vorgefahren sein müsse; daß es kein Privatwagen
+gewesen, erkannte ich an der schmaleren Räderspur.
+Bei unsern Londoner Fuhrwerken ist der Unterschied
+ziemlich bedeutend.“</p>
+
+<p>„Nachdem ich über diesen Punkt Gewißheit hatte,
+ging ich langsam den Gartenpfad hinunter; in dem
+lehmigen Boden waren alle Fußstapfen mit großer
+Deutlichkeit abgedrückt. Sie haben vielleicht nur
+Pfützen gesehen und zertretenes Erdreich, aber für
+mein erfahrenes Auge war jedes Merkmal von Bedeutung.
+Die Beobachtung der Fußspuren wird
+im allgemeinen von den Detektivs viel zu sehr vernachlässigt;
+ich habe stets großen Wert darauf gelegt
+und sie ist mir durch fleißige Uebung zur zweiten
+<span class="pagenum" id="Page_227">[S. 227]</span>Natur geworden. Ich konnte die schweren Tritte
+der Schutzleute verfolgen, aber ich sah auch die
+Spuren der beiden Männer, die zuerst durch den
+Garten gegangen waren. Daß jene den Weg später
+gemacht hatten, unterlag keinem Zweifel, denn ihre
+Fußstapfen verdeckten die andern an manchen Stellen
+gänzlich. Somit war das zweite Glied in meiner
+Kette gefunden: ich wußte, daß zwei nächtliche
+Besucher dagewesen waren, der eine ungewöhnlich groß
+— was sich aus der Länge seines Schrittes ergab,
+— der andere fein und modisch gekleidet, wie der
+Abdruck der schmalen, eleganten Stiefel bekundete.</p>
+
+<p>„Beim Eintritt in das Haus fand ich letztere
+Vermutung bestätigt: der feingestiefelte Mann lag
+vor mir. Also mußte der andere, der große, den
+Mord begangen haben, wenn ein solcher überhaupt
+verübt worden war. Eine Wunde ließ sich an dem
+Toten nicht entdecken, doch bewies die leidenschaftliche
+Erregung in seinen Zügen, daß er sein Schicksal
+vorausgesehen habe. Ein solcher Ausdruck der Unruhe
+findet sich nie bei einem Menschen, der an Herzschlag
+oder aus einer andern natürlichen Ursache eines
+plötzlichen Todes stirbt. Ich roch an des Mannes
+Lippen, entdeckte eine verdächtige Säure und schloß
+daraus, daß er gezwungen worden sei, Gift zu
+nehmen. Freiwillig hatte er es nicht gethan, denn
+<span class="pagenum" id="Page_228">[S. 228]</span>grimmiger Haß und Todesfurcht standen ihm im
+Gesicht geschrieben. Ein solcher Giftmord ist übrigens
+durchaus kein unerhörtes Vorkommnis in der
+Geschichte des Verbrechens und steht nicht vereinzelt
+da. Jeder, der sich mit Toxikologie beschäftigt hat,
+denkt dabei unwillkürlich an die Fälle Dolsky in
+Odessa und Leturier in Montpellier.</p>
+
+<p>„Nun aber kam die große Frage nach dem Beweggrund.
+Ein Raub konnte nicht beabsichtigt sein,
+denn weder des Toten Börse noch seine Uhr waren
+entwendet worden. Handelte es sich vielleicht um
+politische Zwecke oder war eine Frau im Spiele? —
+Ich neigte mich von Anfang an letzterer Meinung
+zu. Der politische Fanatiker bringt seine Opfer so
+rasch als möglich um und ergreift die Flucht. Dieser
+Mord war aber im Gegenteil mit allem Vorbedacht
+ausgeführt worden und man konnte im ganzen
+Zimmer die Spur des Thäters verfolgen. Allem
+Anschein nach handelte es sich um einen Akt der
+Privatrache. Die Inschrift an der Wand bestärkte
+mich nur in dieser Ansicht, und als zuletzt der Trauring
+zum Vorschein kam, hielt ich die Frage für entschieden.
+Der Mörder hatte ihn vermutlich benützt,
+um sein Opfer an ein früheres Verhältnis zu irgend
+einem Mädchen zu erinnern. Um hierüber Aufschluß
+zu erhalten, fragte ich Gregson, ob er in seinem Telegramm
+<span class="pagenum" id="Page_229">[S. 229]</span>um Nachricht über Drebbers Vorgeschichte
+gebeten habe, das hatte er jedoch unterlassen.</p>
+
+<p>„Als ich nunmehr das Zimmer zu untersuchen
+begann, fand ich meine Annahme über den Mörder
+in allen Einzelheiten bestätigt; es mußte sein eigenes
+Blut sein, das auf den Fußboden getropft war,
+denn ein Kampf hatte nicht stattgefunden und überall,
+wo er umhergegangen war, sah man die Blutspuren.
+Daß ich glaubte, der Mann sei vollblütig, von kräftigem
+Wuchs und blühender Gesichtsfarbe, war sehr
+natürlich — hätte ihm sonst die bloße innere Aufregung
+ein so heftiges Nasenbluten verursachen können?
+— Von der Richtigkeit meiner Schlüsse haben
+wir uns ja später durch den Augenschein überzeugt.</p>
+
+<p>„Nachdem ich das Haus verlassen hatte, telegraphierte
+ich sofort an den Polizeiinspektor in Cleveland
+und bat um Auskunft über Enoch Drebbers
+eheliche Verhältnisse. Die Antwort klärte mich über
+verschiedene wichtige Punkte auf. Sie lautete dahin,
+daß Drebber schon einmal den Schutz des Gesetzes
+gegen einen früheren Nebenbuhler Namens Jefferson
+Hope angerufen habe, und daß besagter Hope sich jetzt
+in Europa befinde. Hierdurch bekam ich den
+Schlüssel des ganzen Geheimnisses in die Hände und
+es handelte sich jetzt nur noch darum, des Mörders
+habhaft zu werden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_230">[S. 230]</span></p>
+
+<p>„Der Mann, welcher mit Drebber in das Haus
+gegangen war, hatte auch die Droschke gefahren,
+das stand fest. Sein Pferd war auf der Straße sich
+selbst überlassen geblieben und hatte den Wagen
+bald hierhin, bald dorthin gezogen. Wo anders
+konnte der Kutscher unterdessen gewesen sein, als
+drinnen im Hause? Es lag ja auch auf der Hand,
+daß er weit sicherer war, unentdeckt zu bleiben,
+wenn er sein Verbrechen ohne Zeugen beging. Diese
+Erwägung veranlaßte mich, Jefferson Hope unter
+den Droschkenkutschern der Hauptstadt zu suchen.
+Daß er noch unter ihnen zu finden sein müsse, wurde
+mir bald zur Gewißheit. Wenn er dies Gewerbe ergriffen
+hatte, um seinen Racheplan leichter ausführen
+zu können, so durfte er es nicht gleich nach vollbrachter
+That aufgeben, das hätte verdächtig aussehen
+können. Seinen Namen hatte er schwerlich
+verändert, da er hier völlig unbekannt war.</p>
+
+<p>„Nachdem ich dies alles wohl erwogen hatte,
+schickte ich die Bande meiner Getreuen zu jedem
+Droschkenbesitzer Londons, bis sie den Mann aufgespürt
+hatten, nach dem ich suchte. Wie gut ihnen
+das gelang und wie schnell ich die Gelegenheit beim
+Schopfe nahm, haben Sie selbst gesehen.</p>
+
+<p>„Stangersons Ermordung kam mir ganz unvermutet,
+hätte sich aber schwerlich verhindern lassen.
+<span class="pagenum" id="Page_231">[S. 231]</span>Sie brachte mich in den Besitz der Pillen, deren
+Vorhandensein ich bereits ahnte, und dadurch ward
+auch noch mein letzter Zweifel gehoben. Mein ganzes
+Verfahren beruhte, wie Sie sehen, auf einer zusammenhängenden
+Kette logischer Schlüsse, in welcher
+ein Glied genau an das andere paßt.“</p>
+
+<p>„Sie sind ein merkwürdiger Mensch,“ rief ich,
+„Ihre Verdienste sollten öffentlich anerkannt werden.
+Sie müssen einen Bericht über den Fall drucken lassen.
+Thun <em class="gesperrt">Sie</em> es nicht, so werde <em class="gesperrt">ich</em> es übernehmen.“</p>
+
+<p>„Halten Sie das, wie Sie wollen, Doktor,“ entgegnete
+Holmes, „es kommt doch alles auf eins
+heraus. — Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel,“
+fuhr er fort, mir eine Zeitung reichend.</p>
+
+<p>Die Stelle im ‚Echo‘, welche er mir zu lesen
+gab, lautete wie folgt:</p>
+
+<blockquote>
+
+<p>„Durch den plötzlichen Tod eines gewissen Hope, des
+mutmaßlichen Mörders von Enoch Drebber und Josef
+Stangerson, ist dem Publikum eine interessante
+Gerichtsverhandlung entgangen. Die Einzelheiten des Falls
+werden jetzt vermutlich für immer in Dunkel gehüllt
+bleiben. Nur soviel hören wir aus guter Quelle, daß
+es sich um eine langjährige, romantische Feindschaft
+handelte, bei der das Mormonentum und eine alte Liebe
+wichtige Rollen spielten. Die beiden Opfer scheinen in
+früheren Zeiten zu den ‚Heiligen des jüngsten Tages‘
+gehört zu haben, und auch der im Gefängnis verstorbene
+Hope kam aus der Stadt am Salzsee. Obgleich der
+Fall nicht mehr öffentlich verhandelt werden kann, so
+<span class="pagenum" id="Page_232">[S. 232]</span>liefert er doch einen neuen schlagenden Beweis von der
+Vortrefflichkeit unserer Londoner Geheimpolizei. Alle
+Fremden mögen es sich gesagt sein lassen, daß sie wohl
+daran thun, ihre Streitigkeiten daheim auszufechten,
+statt sie auf britischen Grund und Boden zu verpflanzen.
+Es ist ein offenes Geheimnis, daß wir Hopes Gefangennahme
+nur dem Scharfsinn und der Geschicklichkeit der
+beiden wohlbekannten Detektivs Lestrade und Gregson
+zu verdanken haben. Der Mann soll in der Wohnung
+eines gewissen Sherlock Holmes verhaftet worden sein,
+welcher selbst Talent und Interesse für polizeiliche
+Forschung an den Tag legt. Ein Dilettant, der solche
+Lehrmeister hat, darf hoffen, ihnen mit der Zeit an
+Gewandtheit ähnlich zu werden. — Daß den beiden
+ausgezeichneten Beamten eine angemessene Belohnung
+für ihre wertvollen Dienstleistungen zu teil werden
+möchte, ist dringend zu wünschen.“</p>
+
+</blockquote>
+
+<p>„Sagte ich Ihnen nicht gleich, als wir damals
+unsere Fahrt antraten, wie alles kommen würde?“
+rief Sherlock Holmes lachend. „Der ganze Erfolg,
+der uns aus unsern Forschungen und Bemühungen
+erwächst, ist, daß <em class="gesperrt">sie</em> eine Belohnung erhalten.“</p>
+
+<p>„Seien Sie unbesorgt,“ rief ich, „in meinem
+Tagebuch stehen sämtliche Thatsachen verzeichnet.
+Das Publikum soll Kenntnis davon erhalten und
+wird dem wahren Verdienst die gebührende
+Anerkennung nicht versagen.“</p>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<figure class="figcenter illowe22 break-before" id="illus_0233">
+ <img class="w100" src="images/illus_0233.jpg" alt="Buchanzeige: Sherlock
+ Holmes als Einbrecher">
+</figure>
+
+<div class="eng">
+
+<p class="s3 center mtop1">L<span class="smaller">UTZ</span>’<br>
+Kriminal- und Detektiv-<br>
+Romane<br>
+etc</p>
+
+<p class="center">Bd. 52 <span class="mleft5">M. 1.—</span></p>
+
+<p class="s1 center"><b class="s5">Sherlock Holmes<br>
+als Einbrecher</b></p>
+
+<p class="s5 center">Von</p>
+
+<p class="s2 center">Conan Doyle</p>
+
+<p class="s3 center mtop2">S<span class="smaller">TUTTGART</span><br>
+Verlag von Robert Lutz</p>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="s4 center break-before">Memoirenbibliothek.</p>
+
+<hr class="r65">
+
+<p class="s2 center"><b class="u">Helen Keller</b></p>
+
+<p class="s3 center">Die Geschichte meines Lebens</p>
+
+<p class="center mtop1">386 S. <em class="gesperrt">mit Illustrationen</em>.
+Preis brosch. M. 5.50, in Lwd. geb. M. 6.50.</p>
+
+<p class="s4 center u mtop1">24 Auflagen in 24 Monaten</p>
+
+<p class="s5 mtop1"><em class="gesperrt">Mark Twain</em> hat den Ausspruch getan: „Die größten
+Wunder des 19. Jahrhunderts sind <em class="gesperrt">Napoleon</em> und <em class="gesperrt">Helen
+Keller</em>.“ — In Deutschland fand das Buch bei Publikum und
+Presse begeisterte Aufnahme.</p>
+
+<p class="s4 center mtop1"><em class="gesperrt">Einige Urteile</em>:</p>
+
+<p class="s5"><span class="u">Marie von Ebner-Eschenbach</span>: „<em class="gesperrt">Tief ergriffen</em> und <em class="gesperrt">voll
+der wärmsten Bewunderung</em> habe ich das Buch zu
+Ende gelesen. Jede Zeile hat mir <em class="gesperrt">unaussprechliches
+Interesse</em> eingeflößt. <em class="gesperrt">Als ein erhabenes Beispiel stillen
+Heldentums</em> stehen Helen Keller und ihre Freundin vor
+meinen Augen.“</p>
+
+<p class="s5"><span class="u">Kölnische Zeitung</span>: „Mit dem erhebenden Bewußtsein, ein
+neues Stück menschlichen Heldentums in diesen beiden Frauen
+kennen gelernt zu haben, legt man diese, <em class="gesperrt">wohl in der ganzen
+Weltliteratur einzig dastehende Selbstbiographie</em>
+aus der Hand.“</p>
+
+<p class="s5 mbot1"><span class="u">Pustets deutscher Hausschatz</span>: „Je weiter man in dem bedeutsamen
+Buche vordringt, desto mehr nimmt <em class="gesperrt">unsere Bewunderung
+für das außerordentliche Mädchen</em> zu. —
+<em class="gesperrt">Unbestritten gehört</em> Helen Kellers Selbstbiographie <em class="gesperrt">zu den
+interessantesten Büchern der Neuzeit</em>.“</p>
+
+<hr class="r65">
+
+<p class="s4 center">Verlag von <em class="gesperrt">Robert Lutz</em> in
+<em class="gesperrt">Stuttgart</em>.</p>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="s4 center break-before">Verlag von <em class="gesperrt">Robert Lutz</em> in
+<em class="gesperrt">Stuttgart</em></p>
+
+<hr class="r65">
+
+<p class="s3 center mtop1">M. Cervantes</p>
+
+<p class="s2 center"><b>Don Quijote</b></p>
+
+<p class="center">Nach der Tieckschen Uebersetzung neu bearbeitet
+von <span class="antiqua">Dr.</span> <b>Benno Diederich</b></p>
+
+<p class="s5 center"><b>Jubiläumsausgabe.</b> Preis M. 3.50 brosch., M. 4.50
+i. Lwd. geb.</p>
+
+<p class="mtop1">Als König Philipp III. von Spanien in Madrid
+einen Mann sah, der sich, brüllend vor Lachen, in
+der Gosse wälzte, sagte er zu seinen Begleitern:</p>
+
+<p class="s4 center">Der Mensch ist entweder verrückt —<br>
+oder er hat den Don Quijote gelesen!</p>
+
+<p>Dies Buch, dem damals ein so phänomenaler
+Lacherfolg zugetraut wurde, steht heute in Gefahr,
+das Los derjenigen Klassiker zu teilen, die jeder lobt
+und keiner liest, weil ihr Inhalt für den heutigen
+Geschmack zumteil ganz ungenießbar ist. Dem Beispiel
+der von der <em class="gesperrt">Spanischen Akademie</em> herausgegebenen
+<em class="gesperrt">gekürzten</em> Jubiläumsausgabe des Don
+Quijote folgend, hat es <span class="antiqua">Dr.</span> <b>Benno Diederich</b> deshalb
+unternommen, auch dem deutschen Volk das
+einzigartige Buch in einer</p>
+
+<p class="s4 center">gekürzten Jubiläumsausgabe</p>
+
+<p class="p0">wieder näher zu bringen, die <em class="gesperrt">alles</em> enthält, was den
+Ruhm des Buches ausmacht und was an ihm unsterblich
+ist. Für die meisten, die sich mit dem Don
+Quijote bekannt machen wollen, dürfte daher fortan</p>
+
+<p class="center"><span class="u">nur diese gekürzte Ausgabe</span></p>
+
+<p class="p0">in Frage kommen.</p>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="s4 center break-before">Verlag von <em class="gesperrt">Robert Lutz</em> in
+<em class="gesperrt">Stuttgart</em></p>
+
+<hr class="r65">
+
+<p class="s3 center mtop1">W. W. Jacobs</p>
+
+<p class="s2 center"><b>Seemannshumor</b></p>
+
+<p class="s4 center">Geschichten und Schwänke von der Wasserkante</p>
+
+<p class="center mtop1"><b>I. Band</b>: 13 Erzählungen. — <b>II. Band</b>: 15 Erzählungen.</p>
+
+<p class="center mtop1"><b>Jeder Band ist einzeln käuflich<br>
+ zu</b> M. 2.50 <b>broschiert;</b> M. 3.50 <b>in Lwd. gebunden.</b></p>
+
+<hr class="r20">
+
+<p class="s3 center">Einige Urteile:</p>
+
+<p class="hang1 mtop1">Hamburger Nachrichten: <span class="s5">„Es herrscht hier <span class="u">ein
+wirklicher, behaglicher Humor</span>, voll der tollsten
+Einfälle und reger Phantasie. Echt und frisch
+sind die wetterharten Gestalten gezeichnet. <span class="u">Es
+kichert und lacht</span> in und zwischen den Zeilen.“</span></p>
+
+<p class="hang1">Intern. Literaturberichte: <span class="s5">„Wer einmal recht herzlich
+lachen will, mag getrost zu Jacobs Seemannshumor greifen.“</span></p>
+
+<p class="hang1">Nordd. Allg. Zeitung: <span class="s5">„Jede einzelne der Erzählungen
+ruft herzliches Lachen hervor.“</span></p>
+
+<p class="hang1">Deutsche Tageszeitung: <span class="s5">„Die Geschichten zeugen
+von einem ganz <span class="u">prächtigen, urwüchsigen Seemannshumor</span>.“</span></p>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="s4 center break-before">Verlag von <em class="gesperrt">Robert Lutz</em> in
+<em class="gesperrt">Stuttgart</em></p>
+
+<hr class="r65">
+
+<p class="s2 center mtop1"><span class="u">W. Weressajew</span></p>
+
+<p class="s2 center"><b>Bekenntnisse eines Arztes</b></p>
+
+<p class="s4 center">4. Auflage. (8.–10. Tausend.)</p>
+
+<p class="center">Preis geh. M. 2.—, in Lwd. geb. M. 3.—.</p>
+
+<hr class="r5">
+
+<p class="s4 center"><b>Jeder Gebildete sollte dieses Buch lesen!</b></p>
+
+<hr class="r5">
+
+<p class="s3 center"><span class="u">Einige Urteile</span>:</p>
+
+<p class="s5"><span class="u"><b class="s3">Peter Rosegger</b></span>: „Der Verfasser erzählt mit erschütterndem
+Freimut seine Enttäuschungen, seine Mißerfolge, seine Verzweiflung an der Medizin
+und — seine Hoffnung auf sie. Das Buch ist eins der
+ernstesten, redlichsten und nützlichsten Werke, die je geschrieben
+wurden. Weressájew ist ein ganzer, ein guter und treuer Mensch.
+Aber er ist auch ein großer Schriftsteller; sein Buch ist glänzend
+geschrieben.“</p>
+
+<p class="s5"><span class="u"><b class="s3">Pustets Deutscher Hausschatz</b></span>: „Man mag
+mit ihm über diesen und jenen Punkt rechten, Hochachtung indes kann
+dem Verfasser niemand vorenthalten, ebensowenig als Bewunderung
+seiner großen schriftstellerischen Begabung, die sein Buch
+auf jeder Seite auszeichnet.“</p>
+
+<p class="s5"><span class="u"><b class="s3">Rigaer Tagblatt</b></span>: „Ein Kunstwerk, ein in rückhaltloser
+Offenheit gezeichnetes Seelengemälde. Manche Kapitel lesen sich in ihrer unbarmherzigen,
+psychologischen Analyse wie ein moderner Roman
+und könnten fast unverändert in den Werken unserer zeitgenössischen
+Literatur Platz finden.“</p>
+
+<p class="s5"><span class="u"><b class="s3">Deutsche Medizinalzeitung, Berlin</b></span>: „Das
+Buch ist für jeden Gebildeten von Interesse und von einem über die
+gewöhnliche Unterhaltungslektüre weit hinausgehenden Wert.“</p>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drope">
+
+<p class="s4 center break-before">Verlag von <em class="gesperrt">Robert Lutz</em> in
+<em class="gesperrt">Stuttgart</em></p>
+
+<hr class="r65">
+
+<p class="s3 center mtop1"><b>Anekdoten-Bibliothek</b></p>
+
+<div class="csstab">
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell s5 left">1.&#160;Bd.&#8194;</div>
+ <div class="csscell s5 left"><b class="s4">Bismarck-Anekdoten.</b>
+ Heitere Szenen, Scherze und Charakterzüge aus dem Leben des ersten
+ deutschen Reichskanzlers. Bearbeitet von <b>Fr. Schmidt-Hennigker</b>.
+ 4. Aufl. 239 S. Geh. M. 2.50, in Lwd. geb. M. 3.50.</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell s5 left padtop0_5">2.&#160;Bd.&#8194;</div>
+ <div class="csscell s5 left padtop0_5"><span class="s4"><b>Hohenzollern-Anekdoten</b>
+ I. Teil.</span> Anekdoten, heitere Szenen und charakteristische Züge aus dem
+ Leben der Hohenzollern. Herausgegeben von <b>Herm. Jahnke</b>. Geh.
+ M. 2.—, in Lwd. geb. M. 3.&#x2060;—.</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell s5 left padtop0_5">3.&#160;Bd.&#8194;</div>
+ <div class="csscell s5 left padtop0_5"><span class="s4"><b>Hohenzollern-Anekdoten</b>
+ II. Teil.</span> <span class="u">Humor Friedrichs des Großen.</span>
+ Bearbeitet von <b>Fr. Schmidt-Hennigker</b>. 5. Auflage. 192 S. Geh.
+ M. 2.—, in Lwd. geb. M. 3.&#x2060;—.</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell s5 left padtop0_5">4.&#160;Bd.&#8194;</div>
+ <div class="csscell s5 left padtop0_5"><b class="s4">Schiller-Anekdoten.</b>
+ Charakterzüge und Anekdoten, ernste und heitere Bilder aus dem Leben
+ Friedrich Schillers. Herausgegeben von <b>Th. Mauch</b>. 5. und
+ 6. Tausend. 312 S. Geh. M. 2.50, in Lwd. geb. M. 3.50.</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell s5 left padtop0_5">5.&#160;Bd.&#8194;</div>
+ <div class="csscell s5 left padtop0_5"><b class="s4">Habsburger-Anekdoten.</b>
+ Herausgegeben von <span class="antiqua">Dr.</span> <b>Frz. Schnürer</b>.
+ 205 S. Geh. M. 2.—, in Lwd. geb. M. 3.&#x2060;—.</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell s5 left padtop0_5">6.&#160;Bd.&#8194;</div>
+ <div class="csscell s5 left padtop0_5"><span class="s4"><b>Napoleon-Anekdoten</b>
+ I. Teil.</span> Herausgegeben von <b>G. Kuntze</b>. Ca. 225 S. <b>Preis
+ brosch.</b> M. 2.—, in Lwd. geb. M. 3.&#x2060;—.</div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="s3 center mtop1 u"><em class="gesperrt">In Vorbereitung:</em></p>
+
+<p class="hang1">Russische Hof-Anekdoten. — Napoleon-Anekdoten
+II. Teil. — Goethe-Anekdoten.</p>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="s4 center break-before">Verlag von <em class="gesperrt">Robert Lutz</em> in
+<em class="gesperrt">Stuttgart</em></p>
+
+<hr class="r65">
+
+<p class="s2 center mtop1"><span class="bbd">&#8195;Fritz Reuters Meisterwerke&#8195;</span></p>
+
+<p class="s3 center">Hochdeutsche Ausgabe</p>
+
+<p class="center mtop1">Herausgegeben von <span class="antiqua">Dr.</span>
+<em class="gesperrt">Heinrich Conrad</em></p>
+
+<p class="s5 center">6 Bände à M. 1.20 broschiert, M. 1.80 i. Lwd. geb.</p>
+
+<p class="s5 center">═══ Jeder Band einzeln käuflich ═══</p>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">Inhalt</em>: Bd. 1. Aus der
+Franzosenzeit. — Wie ich zu einer Frau kam. — Bd. 2. Aus meiner Festungszeit.
+— Bd. 3–5. Aus meiner Stromzeit. — Bd. 6. Dörchläuchting.</p>
+
+<hr class="r5">
+
+<p class="s4 center u">&#8194;<em class="gesperrt">Einige Urteile:</em>&#8194;</p>
+
+<p class="s5"><span class="u">J. V. Widmann urteilt</span>: „Schon nach den ersten Kapiteln
+der „Franzosenzeit“ war ich mir darüber klar, daß ein bisher im
+engern Verschluß der Mundart gehaltenes Meisterwerk nun
+<em class="gesperrt">durch diese Übertragung in die Schriftsprache den
+Charakter eines</em></p>
+
+<p class="center"><span class="u"><em class="gesperrt">Nationalgeschenkes für
+Deutschland</em></span></p>
+
+<p class="p0 s5">erhalten hat.“</p>
+
+<p class="s5"><span class="u">Kölnische Volkszeitung</span>: „Diese Übertragung, <em class="gesperrt">die übrigens
+nicht vor dem Dialog Halt macht</em>, sondern auch diesen
+<em class="gesperrt">verständigerweise hochdeutsch wiedergibt, zeigt
+einen Übersetzungskünstler</em>, der im Stil und der Redeweise
+der Personen jene Nüancierung der Formen anzuwenden
+weiß, die auch dem Hochdeutschen gar wohl eigen ist und dem
+Vorgebrachten <em class="gesperrt">ein charakteristisches Kolorit</em> verleiht.“</p>
+
+<p class="s5"><span class="u">„Dienet einander“ (<span class="antiqua">Dr.</span> W. Rathmann)</span>: „<em class="gesperrt">Die vorliegende
+hochdeutsche Ausgabe macht Reuters Werke erst zum
+Besitz der ganzen Nation</em>. Die Verlagshandlung verbindet
+die gute Ausstattung in großem Druck auf holzfreiem Papier
+mit einem <em class="gesperrt">so billigen Preise</em>, daß auch die <em class="gesperrt">kleinste
+Bibliothek</em> die geringen Kosten nicht scheuen darf.“</p>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="bbox break-before">
+
+<p class="s2 center"><b class="s4">Sherlock Holmes-Serie</b></p>
+
+<p class="s2 center">Gesammelte Detektivgeschichten</p>
+
+<p class="center">von</p>
+
+<p class="s2 center"><b>Conan Doyle</b></p>
+
+<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Illustriert</em></p>
+
+<p class="s4 center mtop1"><em class="gesperrt">Inhalt</em>:</p>
+
+<div class="csstab mleft1">
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell left">1.&#160;</div>
+ <div class="csscell center">Bd.&#160;</div>
+ <div class="csscell left">Späte Rache</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell left">2.&#160;</div>
+ <div class="csscell center">„&#160;</div>
+ <div class="csscell left">Das Zeichen der Vier</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell left">3.&#160;</div>
+ <div class="csscell center">„&#160;</div>
+ <div class="csscell left">Der Bund der Rothaarigen u.&#8239;a.
+ Detektivgeschichten</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell left">4.&#160;</div>
+ <div class="csscell center">„&#160;</div>
+ <div class="csscell left">Das getupfte Band u. A.</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell left">5.&#160;</div>
+ <div class="csscell center">„&#160;</div>
+ <div class="csscell left">Fünf Apfelsinenkerne u. A.</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell left">6.&#160;</div>
+ <div class="csscell center">„&#160;</div>
+ <div class="csscell left">Der Hund von Baskerville</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell left">7.&#160;</div>
+ <div class="csscell center">„&#160;</div>
+ <div class="csscell left">(II. Serie Band 1): Als Sherlock Holmes
+ aus Lhassa kam u. A.</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell left">8.&#160;</div>
+ <div class="csscell center">„&#160;</div>
+ <div class="csscell left">(II. Serie Band 2): Die tanzenden
+ Männchen u. A.</div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="s5 center mtop1"><em class="gesperrt">Preise</em>:</p>
+
+<p class="s5"><span class="u"><em class="gesperrt">Band</em> 1–6 (I. <em class="gesperrt">Serie</em>).</span>
+Jeder Band einzeln käuflich brosch. zu M. 2.25, in Leinwd. geb. M. 3.25.</p>
+
+<p class="s5"><em class="gesperrt">Alle</em> 6 <em class="gesperrt">Bände</em>
+auf einmal bezogen brosch. M. 12.&#x2060;—, in Leinwd. geb. M. 18.&#x2060;—.</p>
+
+<p class="s5"><em class="gesperrt">Band</em> 7 u. 8 (II.
+<em class="gesperrt">Serie Band</em> 1 u. 2). Brosch. à M. 2.25, in Leinwd.
+geb. à M. 3.25.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78265 ***</div>
+</body>
+</html>
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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+This book, including all associated images, markup, improvements,
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+++ b/README.md
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