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Besondere + Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden + Symbole gekennzeichnet: + + kursiv: _Unterstriche_ + fett: =Gleichheitszeichen= + gesperrt: +Pluszeichen+ + Antiqua: ~Tilden~ + Kapitälchen: Großbuchstaben + unterstrichen: •Mittelpunkte• + + #################################################################### + + + + + Sherlock Holmes-Serie + + Gesammelte Detektivgeschichten + von + Conan Doyle + + I. + + + + + Sherlock Holmes-Serie I. + + Späte Rache + + Von + Conan Doyle + + Autorisiert + + Illustriert von Rich. Gutschmidt + + 32.-34. Tausend. + + [Illustration] + + Stuttgart + +Verlag von Robert Lutz+ + 1907. + + + + + Verlags- und Handelsdruckerei Stuttgart, Hans Bleher. + + + + +Inhalt. + + + I. Aus Watsons Erinnerungen. + + Seite + + 1. Kapitel: Sherlock Holmes 7 + + 2. „ Die Kunst der Schlußfolgerung 22 + + 3. „ Brixtonstraße Nummer 3 39 + + 4. „ Was uns John Rance erzählte 59 + + 5. „ Wir bekommen Besuch 73 + + 6. „ Tobias Gregson thut große Thaten 86 + + 7. „ Es kommt Licht in das Dunkel 104 + + + II. Im Lande der Heiligen. + + 8. Kapitel: Auf der großen Alkali-Ebene 121 + + 9. „ Die Blume von Utah 140 + + 10. „ John Ferrier spricht mit dem Propheten 155 + + 11. „ Eine Flucht auf Leben und Tod 165 + + 12. „ Die Würgengel 184 + + +Fortsetzung von+ ~Dr.~ +Watsons Erinnerungen+ 201 + + + + +Aus Watsons Erinnerungen. + + + + +Erstes Kapitel. + +Sherlock Holmes. + + +[Illustration] + +Im Jahre 1878 hatte ich mein Doktorexamen an der Londoner Universität +bestanden und in Nelley den für Militärärzte vorgeschriebenen +medizinischen Kursus durchgemacht. Bald darauf ward ich dem fünften +Füsilierregiment Northumberland zugeteilt, welches damals in Indien +stand. Bevor ich jedoch an den Ort meiner Bestimmung gelangte, brach +der zweite afghanische Krieg aus, und bei meiner Landung in Bombay +erfuhr ich, mein Regiment sei bereits durch die Gebirgspässe marschiert +und weit in Feindesland vorgedrungen. In Gesellschaft mehrerer +Offiziere, die sich in gleicher Lage befanden, folgte ich meinem +Corps, erreichte dasselbe glücklich in Kandahar und trat in meine neue +Stellung ein. + +Der Feldzug, in welchem andere Ehre und Auszeichnungen fanden, brachte +mir indessen nur Unglück und Mißerfolg. Gleich in der ersten Schlacht +zerschmetterte mir eine Kugel das Schulterblatt und ich wäre sicherlich +den grausamen Ghazia in die Hände gefallen, hätte mich nicht Murray, +mein treuer Bursche, rasch auf ein Packpferd geworfen und mit eigener +Lebensgefahr mit sich geführt, bis wir die britische Schlachtlinie +erreichten. + +Lange lag ich krank, und erst nachdem ich mit einer großen Anzahl +verwundeter Offiziere in das Hospital von Peshawur geschafft worden +war, erholte ich mich allmählich von den ausgestandenen Leiden; ich +war bereits wieder so weit, daß ich in den Krankensälen umhergehen +und auf der Veranda frische Luft schöpfen durfte. Da befiel mich +unglücklicherweise ein Entzündungsfieber und zwar mit solcher +Heftigkeit, daß man monatelang an meinem Wiederaufkommen zweifelte. +Als endlich die Macht der Krankheit gebrochen war und mein Bewußtsein +zurückkehrte, befand ich mich in solchem Zustand der Kraftlosigkeit, +daß die Aerzte beschlossen, mich ohne Zeitverlust wieder nach England +zu schicken. Einen Monat später landete ich mit dem Truppenschiff +‚Orontes‘ in Portsmouth; meine Gesundheit war völlig zerrüttet, doch +erlaubte mir eine fürsorgliche Regierung, während der nächsten neun +Monate den Versuch zu machen, sie wiederherzustellen. + +Verwandte besaß ich in England nicht; ich beschloß daher, mich in +einem Privathotel einzuquartieren. Mein tägliches Einkommen belief +sich auf elf und einen halben Schilling und da ich zuerst nicht sehr +haushälterisch damit umging, machten mir meine Finanzen bald große +Sorge. Ich sah ein, daß ich entweder aufs Land ziehen oder meine +Lebensweise in der Hauptstadt völlig ändern müsse. + +Da ich letzteres vorzog, sah ich mich genötigt, das Hotel zu verlassen +und mir eine anspruchslosere und weniger kostspielige Wohnung zu suchen. + +Während ich noch hiermit beschäftigt war, begegnete ich eines Tages auf +der Straße einem mir bekannten Gesicht, ein höchst erfreulicher Anblick +für einen einsamen Menschen wie mich in der Riesenstadt London. Ich +hatte mit dem jungen Stamford während meiner Studienzeit verkehrt, ohne +daß wir einander besonders nahe getreten waren, jetzt aber begrüßte +ich ihn mit Entzücken, und auch er schien sich über das Wiedersehen zu +freuen. Bald saßen wir in einer nahen Restauration zusammen bei einem +Glase Wein und tauschten unsere Erlebnisse aus. + +„Was in aller Welt ist denn mit dir geschehen, Watson?“ fragte Stamford +verwundert, „du siehst braun aus wie eine Nuß und bist so dürr wie eine +Bohnenstange.“ + +Ich gab ihm einen kurzen Abriß meiner Abenteuer und er hörte mir +teilnehmend zu. + +„Armer Kerl,“ sagte er mitleidig, „und was gedenkst du jetzt zu thun?“ + +„Ich bin auf der Wohnungssuche,“ versetzte ich; „es gilt die Aufgabe zu +lösen, mir um billigen Preis ein behagliches Quartier zu verschaffen.“ + +„Wie sonderbar,“ rief Stamford; „du bist der zweite Mensch, der heute +gegen mich diese Aeußerung thut.“ + +„Und wer war der erste?“ + +„Ein Bekannter von mir, der in dem chemischen Laboratorium des +Hospitals arbeitet. Er klagte mir diesen Morgen sein Leid, daß er +niemand finden könne, um mit ihm gemeinsam ein sehr preiswürdiges, +hübsches Quartier zu mieten, das für seinen Beutel allein zu +kostspielig sei.“ + +„Meiner Treu,“ rief ich, „wenn er Lust hat, die Kosten der Wohnung zu +teilen, so bin ich sein Mann. Ich würde weit lieber mit einem Gefährten +zusammenziehen, statt ganz allein zu hausen.“ + +Stamford sah mich über sein Weinglas hinweg mit bedeutsamen Blicken an. +„Wer weiß, ob du Sherlock Holmes zum Stubengenossen wählen würdest, +wenn du ihn kenntest,“ sagte er. + +„Ist denn irgend etwas an ihm auszusetzen?“ + +„Das will ich nicht behaupten. Er hat in mancher Hinsicht eigentümliche +Anschauungen und schwärmt für die Wissenschaft. Im übrigen ist er ein +höchst anständiger Mensch, soviel ich weiß.“ + +„Ein Mediziner vermutlich?“ + +„Nein -- ich habe keine Ahnung, was er eigentlich treibt. In der +Anatomie ist er gut bewandert und ein vorzüglicher Chemiker. Aber +meines Wissens hat er nie regelrecht Medizin studiert. Er ist überhaupt +ziemlich überspannt und unmethodisch in seinen Studien, doch besitzt er +auf verschiedenen Gebieten eine Menge ungewöhnlicher Kenntnisse, um die +ihn mancher Professor beneiden könnte.“ + +„Hast du ihn nie nach seinem Beruf gefragt?“ + +„Nein -- er ist kein Mensch, der sich leicht ausfragen läßt; doch kann +er zuweilen sehr mitteilsam sein, wenn ihm gerade danach zu Mute ist.“ + +„Ich möchte ihn doch kennen lernen,“ sagte ich; „ein Mensch, der sich +mit Vorliebe in seine Studien vertieft, wäre für mich der angenehmste +Gefährte. Bei meinem schwachen Gesundheitszustand kann ich weder Lärm +noch Aufregung vertragen. Ich habe beides in Afghanistan so reichlich +genossen, daß ich für meine Lebenszeit genug daran habe. Bitte, sage +mir, wo ich deinen Freund treffen kann.“ + +„Vermutlich ist er jetzt noch im Laboratorium. Manchmal läßt er sich +dort wochenlang nicht sehen und zu anderen Zeiten bleibt er wieder von +früh bis spät bei der Arbeit. Wenn es dir recht ist, suchen wir ihn +zusammen auf.“ + +Ich willigte mit Freuden ein und wir machten uns sogleich auf den Weg +nach dem Hospital. + +„Du darfst mir aber keine Vorwürfe machen, wenn ihr nicht miteinander +auskommt,“ sagte Stamford, als wir in die Droschke stiegen; „ich möchte +dir weder zu- noch abraten.“ + +„Wenn wir nicht zu einander passen, können wir uns ja leicht wieder +trennen. Deine Vorsicht scheint mir fast übertrieben, es muß noch etwas +anderes dahinter stecken. Heraus mit der Sprache, was hast du gegen den +Menschen einzuwenden?“ + +„Nichts, gar nichts; er ist nur nach meinem Geschmack seiner +Wissenschaft allzusehr ergeben. -- Das grenzt schon an +Gefühllosigkeit. Ich halte es nicht für undenkbar, daß er einem guten +Freunde eine Priese des neuesten vegetabilischen Alkaloids eingeben +würde -- nicht etwa aus Bosheit, nein, aus Forschungstrieb -- um die +Wirkung genau zu beobachten. Ebenso gern würde er freilich die Probe an +sich selber machen, +die+ Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen. +Ueberhaupt ist Klarheit und Genauigkeit des Wissens seine größte +Leidenschaft; aber zu welchem Zweck er alle seine Studien betreibt, +weiß der liebe Himmel.“ + +Vor dem Hospital angekommen, stiegen wir aus, gingen ein Gäßchen +hinunter und traten durch eine Thür in den Nebenflügel des weitläufigen +Gebäudes. Hier war mir alles wohl bekannt und ich brauchte keinen +Führer mehr. Es ging die kahle Steintreppe hinauf, durch den langen, +weißgetünchten Korridor, mit den Thüren auf beiden Seiten, an den +sich der niedrige Bogengang anschloß, welcher nach dem chemischen +Laboratorium führte. + +In dem großen Saal, den wir betraten, waren sämtliche Tische mit +Retorten, Reagensgläsern und kleinen Weingeistlampen besetzt, während +rings an den Wänden und überhaupt, wohin man blickte, Flaschen von +allen Größen und Formen umherstanden. Wir dachten zuerst, der Raum +sei leer, bis wir an dem andern Ende einen jungen Mann gewahrten, +der, in seine Beobachtungen versunken, über einen Tisch gebeugt dasaß. +Beim Schall unserer Fußtritte blickte er von seinem Experiment auf und +sprang mit einem Freudenruf in die Höhe. „Viktoria, Viktoria,“ jubelte +er, und kam uns, mit der Retorte in der Hand, entgegen. „Ich habe +das Reagens gefunden, das sich mit Hämoglobin zu einem Niederschlag +verbindet und sonst mit keinem Stoff.“ + +Er sah so glückstrahlend aus, als hätte er eine Goldmine entdeckt. + +„Mein Freund, Doktor Watson -- Herr Sherlock Holmes,“ sagte Stamford +uns einander vorstellend. + +„Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen,“ erwiderte Holmes +in herzlichem Ton und mit kräftigem Händedruck. „Sie kommen aus +Afghanistan, wie ich sehe.“ + +Ich blickte ihn verwundert an. „Wieso wissen Sie denn das?“ + +„O, das thut nichts zur Sache,“ rief er, sich vergnügt die Hände +reibend; „ich denke jetzt nur an Hämoglobin. Sicherlich werden Sie die +Tragweite meiner Erfindung begreifen.“ + +„Es mag wohl als chemisches Experiment sehr interessant sein, aber für +die Praxis --“ + +[Illustration] + +„Gerade in der Praxis ist es von größter Wichtigkeit für die +Gerichtschemie, weil es dazu dient, das etwaige Vorhandensein von +Blutflecken zu beweisen. -- Bitte, kommen Sie doch einmal her.“ In +seinem Eifer ergriff er meinen Rockärmel und zog mich nach dem Tische +hin, an welchem er experimentiert hatte. „Wir müssen etwas frisches +Blut haben,“ sagte er und stach sich mit einer großen Stopfnadel in +den Finger, worauf er das herabtropfende Blut in einem Saugröhrchen +auffing. „Jetzt mische ich diese kleine Blutmenge mit einem Liter +Wasser -- das Verhältnis ist etwa wie eins zu einer Million -- und die +Flüssigkeit sieht ganz aus wie reines Wasser. Trotzdem wird sich, denke +ich, die gewünschte Reaktion herstellen lassen.“ Er hatte, während er +sprach, einige weiße Krystalle in das Gefäß geworfen und goß jetzt noch +mehrere Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit hinzu. Sofort nahm das +Wasser eine dunkle Färbung an und ein bräunlicher Niederschlag erschien +auf dem Boden des Glases. + +„Sehen Sie,“ rief er und klatschte in die Hände, wie ein Kind vor +Freude über ein neues Spielzeug. „Was sagen Sie dazu?“ + +„Es scheint mir ein sehr gelungenes Experiment.“ + +„Wundervoll, wundervoll! Die alte Methode, die Probe mit Guajacum +anzustellen, war sehr umständlich und unsicher, die mikroskopische +Untersuchung der Blutkügelchen aber ist wertlos, sobald die Flecken ein +paar Stunden alt sind. Meine Erfindung wird sich dagegen ebenso gut bei +altem wie bei frischem Blut bewähren. Wäre sie schon früher gemacht +worden, so hätte man Hunderte von Verbrechern zur Rechenschaft ziehen +können, die straflos davongekommen sind.“ + +„Meinen Sie wirklich?“ + +„Ohne Frage. Bei der Kriminaljustiz dreht sich ja meist alles um diesen ++einen+ Punkt. Vielleicht Monate, nachdem die Missethat begangen ist, +fällt der Verdacht auf einen Menschen, man untersucht seine Kleider und +findet braune Flecke am Rock oder in der Wäsche. Das können Blutspuren +sein, aber auch Rostflecke, Obstflecke oder Schmutzflecke. Mancher +Sachverständige hat sich darüber schon den Kopf zerbrochen und zwar +bloß, weil es an einer zuverlässigen Beweismethode fehlte. Nun man +aber das Sherlock Holmessche Mittel besitzt, ist jede Schwierigkeit +beseitigt.“ + +Seine Augen funkelten, während er sprach, er legte die Hand aufs Herz +und machte eine feierliche Verbeugung, als sähe er sich im Geist einer +Beifall klatschenden Menge gegenüber. + +„Da kann man Ihnen ja Glück wünschen,“ sagte ich, verwundert über +seinen Feuereifer. + +„Hätte man die Probe schon letztes Jahr anstellen können,“ fuhr er +fort, „es wäre dem Mason aus Bradford sicherlich an den Hals gegangen; +auch der berüchtigte Müller, sowie Lefevre aus Montpellier und Samson +aus New-Orleans wären überführt worden. Ich könnte Ihnen Dutzende von +Fällen nennen, bei denen meine Erfindung den Ausschlag gegeben hätte.“ + +„Sie scheinen ja ein wandelnder Verbrecheralmanach zu sein,“ meinte +Stamford lachend; „schreiben Sie doch ein Buch über Kriminalstatistik.“ + +„Das möchte wohl des Lesens wert sein,“ erwiderte Holmes, der sich +eben ein Pflaster auf den verwundeten Finger klebte. „Ich muß sehr +vorsichtig sein,“ fügte er erklärend hinzu, „denn ich mache mir viel +mit Giften zu schaffen.“ Als er die Hand in die Höhe hielt, sah ich, +daß sie an vielen Stellen bepflastert war und von scharfen Säuren +gefärbt. + +„Wir kommen in Geschäften,“ sagte Stamford, und schob mir einen +dreibeinigen Schemel zum Sitzen hin, während er ebenfalls Platz nahm. +„Mein Freund hier sucht eine Wohnung, und da Sie gern mit jemand +zusammenziehen möchten, dachte ich, es wäre Ihnen vielleicht beiden +geholfen.“ + +Sherlock Holmes ging mit Freuden auf den Vorschlag ein. „Ich habe ein +Auge des Wohlgefallens auf ein Quartier in der Bakerstraße geworfen, +das vortrefflich für uns passen würde,“ sagte er. „Sie haben doch nicht +etwa eine Abneigung gegen Tabaksdampf?“ + +„O nein, ich bin selbst ein starker Raucher.“ + +„Das trifft sich gut. Ferner habe ich häufig Chemikalien bei mir +herumstehen, die ich zu meinen Experimenten brauche. Würde Sie das +belästigen?“ + +„Durchaus nicht.“ + +„Warten Sie -- was habe ich sonst noch für Fehler? Manchmal bekomme +ich Anfälle von Schwermut und thue dann tagelang den Mund nicht auf. +Sie müssen mir das nicht übel nehmen. Kümmern Sie sich nur dann gar +nicht um mich, und die Anwandlung wird bald vorüber sein. So -- nun +ist die Reihe an Ihnen, mir Bekenntnisse zu machen. Wenn zwei Menschen +zusammen leben wollen, ist es gut, wenn sie im voraus wissen, was sie +von einander zu erwarten haben.“ + +Ich mußte über diese Generalbeichte lachen. „Ich halte mir einen jungen +Bullenbeißer,“ gestand ich, „und kann keinen Lärm vertragen, weil meine +Nerven angegriffen sind; auch schlafe ich oft in den Tag hinein und +bin überhaupt sehr träge. In gesunden Zeiten fröhne ich noch Lastern +anderer Art, aber für jetzt sind dies die hauptsächlichsten.“ + +„Würden Sie unter ‚Lärm‘ auch das Spielen auf einer Violine verstehen?“ +fragte er besorgt. + +„Das kommt auf den Musiker an. Gutes Violinspiel ist ein Genuß für +Götter -- aber schlechtes --“ + +„Freilich, freilich,“ rief er vergnügt. „Nun, ich denke, die Sache ist +abgemacht -- das heißt, wenn Ihnen das Quartier gefällt.“ + +„Wann können wir es besichtigen?“ + +„Holen Sie mich morgen mittag hier ab, dann gehen wir zusammen hin und +bringen gleich alles ins reine.“ + +„Sehr wohl, also Punkt zwölf Uhr,“ sagte ich, ihm zum Abschied die Hand +schüttelnd. + +Wir ließen ihn dort bei seinen Chemikalien und gingen nach meinem Hotel +zurück. „Erklären Sie mir nur,“ wandte ich mich, plötzlich stehen +bleibend, an Stamford, „was ihn auf die Idee gebracht haben kann, daß +ich aus Afghanistan komme?“ + +Mein Gefährte lachte geheimnisvoll. „Schon mancher hat gern wissen +wollen, wie Sherlock Holmes gewisse Dinge ausfindig macht. Er besitzt +eben eine besondere Gabe.“ + +„Aha, es steckt ein Rätsel dahinter,“ rief ich belustigt; „das ist +ja höchst interessant. Ich bin dir sehr verbunden für die neue +Bekanntschaft. Das beste Studium für den Menschen bleibt ja doch immer +der Mensch.“ + +„Studiere ihn nur,“ entgegnete Stamford. „Du wirst dabei manche Nuß zu +knacken finden. Ich wette darauf, er kennt dich bald besser als du ihn.“ + +An der nächsten Straßenecke verabschiedeten wir uns und ich schlenderte +allein nach Hause. + + + + +Zweites Kapitel. + +Die Kunst der Schlußfolgerung. + + +Unsere verabredete Besichtigung des Quartiers in der Bakerstraße Nr. +221~b~ fand am nächsten Tage statt. Es gefiel mir außerordentlich; das +große, luftige Wohnzimmer, welches sich an zwei behagliche Schlafstuben +anschloß, war freundlich möbliert und sehr hell, da es sein Licht durch +zwei große Fenster erhielt. Unter uns beide geteilt, erschien auch der +Preis der Wohnung so gering, daß wir sie auf der Stelle mieteten und +sogleich einzuziehen beschlossen. Noch am selben Abend ließ ich meine +Besitztümer vom Hotel hinüberschaffen und Sherlock Holmes folgte bald +darauf mit verschiedenen Koffern und Reisetaschen. In den ersten Tagen +waren wir eifrig beschäftigt, auszupacken und unsere Sachen auf das +vorteilhafteste unterzubringen. Als dann die Einrichtung fertig war, +begannen wir uns in Ruhe an unsere neue Umgebung zu gewöhnen. + +Holmes war ein Mensch, mit dem sich leicht leben ließ, von stillem +Wesen und regelmäßig in seinen Gewohnheiten. Selten blieb er abends +nach zehn Uhr auf, und wenn ich morgens zum Vorschein kam, hatte er +immer schon gefrühstückt und war ausgegangen. Den Tag über war er +meist im chemischen Laboratorium oder im Seziersaal, zuweilen machte +er auch weite Ausflüge, welche ihn bis in die verrufensten Gegenden +der Stadt zu führen schienen. Seine Thatkraft war unverwüstlich, so +lange die Arbeitswut bei ihm dauerte; von Zeit zu Zeit trat jedoch +ein Rückschlag ein, dann lag er den ganzen Tag im Wohnzimmer auf dem +Sofa, fast ohne ein Glied zu rühren oder ein Wort zu reden. Dabei +nahmen seine Augen einen so traumhaften, verschwommenen Ausdruck an, +daß sicher der Verdacht in mir aufgestiegen wäre, er müsse irgend +ein Betäubungsmittel gebrauchen, hätte nicht seine Mäßigkeit und +Nüchternheit im gewöhnlichen Leben diese Annahme völlig ausgeschlossen. + +Nach den ersten Wochen unseres Beisammenseins war mein Interesse +für ihn und der Wunsch zu ergründen, welche Zwecke er eigentlich +verfolgte, in hohem Maße gestiegen. Schon seine äußere Erscheinung +fiel ungemein auf. Er war über sechs Fuß groß und sehr hager; sein +scharfkantig vorstehendes Kinn drückte Festigkeit des Charakters +aus, der Blick seiner Augen war lebhaft und durchdringend, außer in +den schon erwähnten Zeiten völliger Erschlaffung, und eine spitze +Habichtsnase gab seinem Gesicht etwas Aufgewecktes und Entschlossenes. +Die Hände schonte er nicht, sie trugen fortwährend Spuren von +Tinten und Chemikalien, auch hatte ich oft Gelegenheit, seine große +Geschicklichkeit bei allen Handgriffen zu bewundern, wenn er mit seinen +feinen physikalischen Instrumenten experimentierte. + +Kein Wunder, daß meine Neugier in hohem Grade rege war und ich immer +wieder versuchte, die strenge Zurückhaltung zu durchbrechen, die er in +allem beobachtete, was ihn selbst betraf. Das Geheimnis, welches meinen +Gefährten umgab, beschäftigte mich um so mehr, als mein eigenes Leben +damals völlig zweck- und ziellos war und wenige Zerstreuungen bot. Mein +Gesundheitszustand erlaubte mir nur bei besonders günstiger Witterung +auszugehen, und Freunde, die mich hätten besuchen können, um etwas +Abwechslung in mein einförmiges Dasein zu bringen, besaß ich nicht. + +Daß Holmes nicht Medizin studiere, wußte ich aus seinem eigenen +Munde. Auch schien er keinen bestimmten Kursus in irgend einer andern +Wissenschaft durchgemacht zu haben, der ihm auf herkömmliche Weise die +Eingangspforte in die Gelehrtenwelt geöffnet hätte. Trotzdem verfolgte +er gewisse Studien mit wahrem Feuereifer und besaß innerhalb ihrer +Grenzen ein so ausgedehntes und umfassendes Wissen, daß er mich oft +höchlich dadurch überraschte.-- War es denkbar, daß ein Mensch so +angestrengt arbeitete, sich so genau zu unterrichten suchte, ohne einen +bestimmten Zweck vor Augen zu haben? -- Ein planloses Studium ist meist +auch oberflächlich, und wer sich den Kopf mit hunderterlei Einzelheiten +anfüllt, thut dies schwerlich ohne einen triftigen Grund. + +Merkwürdigerweise war seine Unwissenheit auf manchen Gebieten ebenso +erstaunlich, als seine Kenntnisse in anderen Fächern. Von Astronomie +und Philosophie z. B. wußte er so viel wie gar nichts. Mußte es mir +schon auffallen, als er sagte, er habe noch nie etwas von Thomas +Carlyle gelesen, so erreichte meine Verwunderung doch den Gipfelpunkt, +als sich zufällig herausstellte, daß er sich über unser Sonnensystem +ganz falsche Vorstellungen machte. Wie in unserem neunzehnten +Jahrhundert irgend ein zivilisiertes menschliches Wesen darüber im +unklaren sein kann, daß die Erde sich um die Sonne dreht, war mir +völlig unbegreiflich. + +„Setzt Sie das in Erstaunen?“ fragte er lächelnd. „Nun Sie es mir +gesagt haben, werde ich suchen, es so schnell wie möglich wieder zu +vergessen.“ + +„Es zu vergessen?!“ + +„Ja. -- Sehen Sie, meiner Ansicht nach gleicht ein Menschenhirn +ursprünglich einer leeren Dachkammer, die man nach eigener Wahl mit +Möbeln und Geräten ausstatten kann. Nur ein Thor füllt sie mit +allerlei Gerümpel an, wie es ihm gerade in den Weg kommt und versperrt +sich damit den Raum, welchen er für die Dinge braucht, die ihm nützlich +sind. Ein Verständiger giebt wohl acht, was er in seine Hirnkammer +einschachtelt. Er beschränkt sich auf die Werkzeuge, deren er bei der +Arbeit bedarf, aber von diesen schafft er sich eine große Auswahl an +und hält sie in bester Ordnung. Es ist ein Irrtum, wenn man denkt, +die kleine Kammer habe dehnbare Wände und könne sich nach Belieben +ausweiten. Glauben Sie mir, es kommt eine Zeit, da wir für alles +Neuhinzugelernte etwas von dem vergessen, was wir früher gewußt haben. +Daher ist es von höchster Wichtigkeit, daß unsere nützlichen Kenntnisse +nicht durch unnützen Ballast verdrängt werden.“ + +„Aber das Sonnensystem --“ warf ich ein. + +„Was zum Kuckuck kümmert mich das?“ unterbrach er mich ungeduldig. „Sie +sagen, die Erde dreht sich um die Sonne. Wenn sie sich um den Mond +drehte, so würde das für meine Zwecke nicht den geringsten Unterschied +machen.“ + +Mir schwebte schon die Frage auf der Zunge, was denn eigentlich +seine Zwecke wären, doch behielt ich sie für mich, um ihn nicht zu +verdrießen. Unser Gespräch gab mir indessen viel zu denken, und ich +begann meine Schlüsse daraus zu ziehen. Wenn er sich nur Kenntnisse +aneignete, die ihm für seine Arbeit Nutzen brachten, so mußte man ja +aus den Zweigen des Wissens, mit denen er am vertrautesten war, auf +den Beruf schließen können, dem er sich gewidmet hatte. Ich zählte mir +nun alles auf, was er mit besonderer Gründlichkeit studierte, ja, ich +machte mir ein Verzeichnis von den einzelnen Fächern. Lächelnd überlas +ich das Schriftstück noch einmal, es lautete: + ++Geistiger Horizont und Kenntnisse von Sherlock Holmes+. + + 1. Litteratur -- Mit Unterschied. + + 2. Philosophie -- Null. + + 3. Astronomie -- Null. + + 4. Politik -- Schwach. + + 5. Botanik -- Mit Unterschied. Wohl bewandert in allen + vegetabilischen Giften, Belladonna, Opium u. drgl. Eigentliche + Pflanzenkunde -- Null. + + 6. Geologie -- Viel praktische Erfahrung, aber nur auf beschränktem + Gebiet. Er unterscheidet sämtliche Erdarten auf den ersten Blick. + Von Ausgängen zurückgekehrt, weiß er nach Stoff und Farbe der + Schmutzflecke auf seinen bespritzten Beinkleidern die Stadtgegend von + London anzugeben, aus welcher die Flecken stammen. + + 7. Chemie -- Sehr gründlich. + + 8. Anatomie -- Genau, aber unmethodisch. + + 9. Kriminalstatistik -- Erstaunlich umfassend. Er scheint alle + Einzelheiten jeder Greuelthat, die in unserem Jahrhundert verübt + worden ist, zu kennen. + + 10. Ist ein guter Violinspieler. + + 11. Ein gewandter Boxer und Fechter. + + 12. Ein gründlicher Kenner der britischen Gesetze. + +Weiter las ich nicht; ich zerriß meine Liste und warf sie ärgerlich ins +Feuer. „Wie kann der Mensch behaupten, daß es einen Beruf giebt, in dem +sich alle diese verschiedenartigen Kenntnisse verwerten und unter einen +Hut bringen lassen,“ rief ich. „Es ist vergebliche Mühe, dies Rätsel +lösen zu wollen.“ + +Holmes’ Fertigkeit auf der Violine war groß, aber ganz eigener Art, wie +alles bei diesem ungewöhnlichen Menschen. Gelegentlich spielte er mir +wohl des Abends von meinen Lieblingsstücken vor, was ich verlangte; war +er aber sich selbst überlassen, so ließ er selten eine bekannte Melodie +hören. Er lehnte sich dann in den Armstuhl zurück, schloß die Augen und +fuhr mechanisch mit dem Bogen über das Instrument, welches auf seinen +Knieen lag. Die Töne, die er dann den Saiten entlockte, waren stets der +Ausdruck seiner augenblicklichen Empfindung, bald leise und klagend, +bald heiter, bald schwärmerisch. Ob er dabei nur den wechselnden Launen +seiner Einbildung folgte oder durch die Musik die Gedanken, welche +ihn gerade beschäftigten, besser in Fluß bringen wollte, vermochte +ich nicht zu sagen. Ich hätte sicherlich gegen seine herzzerreißenden +Solovorträge Einspruch erhoben, allein, um mich einigermaßen für +die Geduldsprobe zu entschädigen, die er mir auferlegte, endigte er +gewöhnlich damit, daß er rasch hintereinander eine ganze Reihe meiner +Lieblingsmelodien spielte und das versöhnte mich wieder. + +[Illustration] + +In der ersten Woche bekamen wir keinen Besuch, und ich fing schon an +zu glauben, mein Gefährte stehe ebenso allein in der Welt, wie ich +selber. Bald stellte sich jedoch heraus, daß er viele Bekannte hatte +und zwar in allen Schichten der Gesellschaft. Der kleine Mensch mit dem +blaßgelben Gesicht, der einer Ratte ähnelte und mir als Herr Lestrade +vorgestellt wurde, kam im Lauf von acht Tagen mindestens drei- oder +viermal. Eines Morgens erschien ein elegant gekleidetes junges Mädchen, +das über eine halbe Stunde dablieb. Am Nachmittag desselben Tages +fand sich ein schäbiger Graubart ein, der wie ein jüdischer Hausierer +aussah und hinter dem ein häßliches, altes Weib hereinschlürfte. Bei +einer späteren Gelegenheit hatte ein ehrwürdiger Greis eine längere +Unterredung mit Holmes und dann wieder ein Eisenbahnbeamter in Uniform. +Jedesmal, wenn sich einer dieser merkwürdigen Besucher einstellte, +bat mich Holmes, ihm das Wohnzimmer zu überlassen, und ich zog mich +in meine Schlafstube zurück. Er entschuldigte sich vielmals, daß +er mir diese Unbequemlichkeit auferlege. „Ich muß das Zimmer als +Geschäftslokal benützen, die Leute sind meine Klienten.“ + +Auch diese Gelegenheit, mir Aufschluß über sein Thun zu verschaffen, +ließ ich aus Zartgefühl ungenützt vorübergehen. Mir widerstand es, ein +Vertrauen zu erzwingen, das er mir nicht von selbst entgegenbrachte, +und schließlich bildete ich mir ein, er habe einen bestimmten Grund, +mir sein Geschäft zu verheimlichen. Daß ich mich hierin getäuscht +hatte, sollte ich indessen bald erfahren. + +Am vierten März -- der Tag ist mir im Gedächtnis geblieben -- war ich +früher als gewöhnlich aufgestanden und fand Sherlock Holmes beim +Frühstück. Mein Kaffee war noch nicht fertig, und ärgerlich, daß +ich warten mußte, nahm ich ein Journal vom Tisch, um mir die Zeit +zu vertreiben, während mein Gefährte schweigend seine gerösteten +Brotschnitten verzehrte. + +Mein Blick fiel zuerst auf einen Artikel, der mit Blaustift +angestrichen und ‚Das Buch des Lebens‘ betitelt war. Der Verfasser +versuchte darin auseinanderzusetzen, daß es für einen aufmerksamen +Beobachter von Menschen und Dingen im alltäglichen Leben unendlich +viel zu lernen gäbe, wenn er sich nur gewöhnen wollte, alles, was ihm +in den Weg käme, genau und eingehend zu prüfen. Die Beweisführung +war kurz und bündig, aber die Schlußfolgerungen schienen mir weit +hergeholt und ungereimt, das Ganze eine Mischung von scharfsinnigen +und abgeschmackten Behauptungen. Ein Mensch, der zu beobachten und +zu analysieren verstand, mußte danach befähigt sein, die innersten +Gedanken eines jeden zu lesen und zwar mit solcher Sicherheit, daß es +dem Uneingeweihten förmlich wie Zauberei vorkam. + +„Das Leben ist eine große, gegliederte Kette von Ursachen und +Wirkungen,“ hieß es weiter; „an einem einzigen Gliede läßt sich das +Wesen des Ganzen erkennen. Wie jede andere Wissenschaft, so fordert +auch das Studium der Deduktion und Analyse viel Ausdauer und Geduld; +ein kurzes Menschendasein genügt nicht, um es darin zur höchsten +Vollkommenheit zu bringen. Der Anfänger wird immer gut thun, ehe er +sich an die Lösung hoher geistiger und sittlicher Probleme wagt, welche +die größten Schwierigkeiten bieten, sich auf einfachere Aufgaben +zu beschränken. Zur Uebung möge er zum Beispiel bei der flüchtigen +Begegnung mit einem Unbekannten den Versuch machen, auf den ersten +Blick die Lebensgeschichte und Berufsart des Menschen zu bestimmen. +Das schärft die Beobachtungsgabe und man lernt dabei richtig sehen und +unterscheiden. An den Fingernägeln, dem Rockärmel, den Manschetten, +den Stiefeln, den Hosenknieen, der Hornhaut an Daumen und Zeigefinger, +dem Gesichtsausdruck und vielem andern, läßt sich die tägliche +Beschäftigung eines Menschen deutlich erkennen. Daß ein urteilsfähiger +Forscher, der die verschiedenen Anzeichen zu vereinigen weiß, nicht zu +einem richtigen Schluß gelangen sollte, ist einfach undenkbar.“ + +„Was für ein thörichtes Gewäsch,“ rief ich, und warf das Journal auf +den Tisch; „meiner Lebtag ist mir dergleichen nicht vorgekommen.“ + +Sherlock Holmes sah mich fragend an. + +„Sie haben den Artikel angestrichen,“ fuhr ich fort, „und müssen ihn +also gelesen haben. Daß er geschickt abgefaßt ist, will ich nicht +bestreiten. Mich ärgern aber solche widersinnige Theorien, die daheim +im Lehnstuhl aufgestellt werden und dann an der Wirklichkeit elend +scheitern. Der Herr Verfasser sollte nur einmal in einem Eisenbahnwagen +dritter Klasse fahren und probieren, das Geschäft eines jeden seiner +Mitreisenden an den Fingern herzuzählen. Ich wette tausend gegen eins, +er wäre dazu nicht imstande.“ + +„Sie würden Ihr Geld verlieren,“ erwiderte Holmes ruhig. „Was übrigens +den Artikel betrifft, so ist er von mir.“ + +„Von Ihnen?“ + +„Ja; ich habe ein besonderes Talent zur Beobachtung und +Schlußfolgerung. Die Theorien, welche ich hier auseinandersetze und +die Ihnen so ungereimt erscheinen, finden in der Praxis ihre volle +Bestätigung, ja, was noch mehr ist -- ich verdiene mir damit mein +tägliches Brot.“ + +„Wie ist das möglich?“ fragte ich unwillkürlich. + +„Mein Handwerk beruht darauf. Ich bin beratender Geheimpolizist -- +wenn Sie verstehen, was das heißt -- vielleicht bin ich der einzige +meiner Art. Es giebt hier in London Detektivs die Menge, welche teils +im Dienst der Regierung stehen, teils von Privatpersonen gebraucht +werden. Wenn diese Herren nicht mehr aus noch ein wissen, kommen sie +zu mir, und ich helfe ihnen auf die richtige Fährte. Sie bringen +mir das ganze Beweismaterial, und ich bin meist imstande, ihnen mit +Hilfe meiner Kenntnis der Geschichte des Verbrechens den rechten +Weg zu weisen. Die Missethaten der Menschen haben im allgemeinen +eine starke Familienähnlichkeit unter einander und wenn man alle +Einzelheiten von tausend Verbrechen im Kopfe hat, so müßte es wunderbar +zugehen, vermöchte man das tausend und erste nicht zu enträtseln. +Lestrade ist ein bekannter Detektiv. Er hat sich kürzlich mit einer +Falschmünzergeschichte herumgequält und mich deshalb so häufig +aufgesucht.“ + +„Und die andern Leute?“ + +„Sie kamen meist auf Veranlassung von Privatagenten. Jeder von ihnen +hat irgend eine Sorge auf dem Herzen und holt sich Rat bei mir. +Sie erzählen mir ihre Geschichte und hören auf meine erklärenden +Bemerkungen und dann streiche ich mein Honorar ein.“ + +„Können Sie wirklich, während Sie ruhig auf Ihrem Zimmer bleiben, +die verwickelten Knoten lösen, welche die andern nicht zu entwirren +vermögen, selbst, wenn sie mit eigenen Augen gesehen haben, wo sich +alles zugetragen hat?“ + +„Das habe ich oft gethan; es ist bei mir eine Art innerer Eingebung. +Liegt ein besonders schwieriger Fall vor, so besehe ich mir den +Schauplatz der That wohl auch einmal selbst. Ich habe so mancherlei +Kenntnisse, die mir die Arbeit wesentlich erleichtern. Meine große +Uebung in der Schlußfolgerung, wie sie jener Artikel darlegt, ist für +mich zum Beispiel von hohem praktischem Wert. Mir ist die Beobachtung +zur zweiten Natur geworden. Als ich Ihnen bei unserer ersten Begegnung +sagte, Sie kämen aus Afghanistan, schienen Sie sich darüber zu +verwundern.“ + +„Irgend jemand muß es Ihnen gesagt haben.“ + +„Bewahre; ich wußte es ganz von selbst. Da mein Gedankengang meist +sehr schnell ist, kommen mir die Schlüsse in ihrer Reihenfolge kaum +zum Bewußtsein. Und doch steht alles in logischem Zusammenhang. +Ich folgerte etwa so: Der Herr sieht aus wie ein Mediziner und hat +dabei eine soldatische Haltung. Er muß Militärarzt sein. Die dunkle +Gesichtsfarbe hat er nicht von Natur, denn am Handgelenk ist seine +Haut weiß, also kommt er geradeswegs aus den Tropen. Daß er allerlei +Beschwerden durchgemacht hat, zeigen seine abgezehrten Wangen; sein +linker Arm muß verwundet gewesen sein, er hält ihn unnatürlich steif. +In welcher Gegend der Tropen kann ein englischer Militärarzt sich +Wunden und Krankheit geholt haben? -- Versteht sich in Afghanistan. -- +In weniger als einer Sekunde war ich zu dem Schluß gelangt, der Sie in +Erstaunen setzte.“ + +„Wie Sie die Sache erklären, scheint sie sehr einfach. In Büchern liest +man wohl von solchen Dingen, aber daß sie in Wirklichkeit vorkämen, +hätte ich nicht gedacht.“ + +„Wenn es nur noch Verbrechen gäbe, zu deren Entdeckung man besonderen +Scharfsinn braucht,“ fuhr Holmes mißmutig fort. „Ich weiß, es fehlt +mir nicht an Begabung, um meinen Namen berühmt zu machen. Kein Mensch +auf Erden hat jemals so viel natürliche Anlage für mein Fach besessen +oder ein so tiefes Studium darauf verwendet. Aber was nützt mir das +alles? Die Missethäter sind sämtlich solche Stümper und ihre Zwecke so +durchsichtig, daß der gewöhnliche Polizeibeamte sie mit Leichtigkeit zu +ergründen vermag.“ + +Es verdroß mich, ihn mit solcher Selbstüberschätzung reden zu hören. Um +der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, trat ich ans Fenster. + +„Was mag wohl der Mann da drüben suchen?“ fragte ich, auf einen +einfach gekleideten, stämmigen Menschen deutend, welcher sämtliche +Häusernummern auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu mustern +schien. Er hielt einen großen, blauen Umschlag in der Hand und hatte +offenbar eine Botschaft auszurichten. + +„Sie meinen den verabschiedeten Marinesergeanten?“ fragte Sherlock +Holmes. + +Ich machte große Augen. „Er hat gut mit seiner Weisheit prahlen,“ +dachte ich bei mir; „wer will ihm denn beweisen, daß er falsch geraten +hat?“ + +In dem Augenblick hatte der Mann, den wir beobachteten, unsere Nummer +erblickt, und kam rasch quer über die Straße gegangen. Gleich darauf +klopfte es laut an der Haustüre unten, man vernahm eine tiefe Stimme +und dann schwere Schritte auf der Treppe. + +Der Mann trat ein. + +„Für Herrn Sherlock Holmes,“ sagte er, meinem Gefährten den Brief +einhändigend. + +Ich ergriff die günstige Gelegenheit, um Holmes von seiner Einbildung +zu heilen. An +die+ Möglichkeit hatte er wohl nicht gedacht, als er den +raschen Schuß ins Blaue that. „Darf ich Sie wohl fragen, was Sie für +ein Geschäft betreiben?“ redete ich den Boten freundlich an. + +„Dienstmann,“ lautete die kurze Antwort. „Uniform gerade beim Schneider +zum Ausbessern.“ + +„Und früher waren Sie --“ fuhr ich mit einem schlauen Blick auf Holmes +fort. + +„Sergeant bei der leichten Infanterie der königlichen Marine. -- Keine +Rückantwort? -- Sehr wohl. Zu Befehl.“ + +Er schlug die Fersen aneinander, erhob die Hand zum militärischen Gruß +und fort war er. + +[Illustration] + + + + +Drittes Kapitel. + +Brixtonstraße Nummer drei. + + +Dieses neue Beispiel von der praktischen Anwendbarkeit der Theorien +meines Freundes überraschte mich höchlich und flößte mir großen Respekt +vor seiner Beobachtungsgabe ein. Zwar wollte mich ein leiser Argwohn +beschleichen, ob die Sache nicht doch am Ende ein zwischen den beiden +abgekartetes Spiel sei, aber welchen möglichen Zweck hätte das haben +können? -- Als ich mich nach Holmes umwandte, hatte er eben den Brief +durchgelesen und starrte mit ausdruckslosem Blick, wie geistesabwesend, +vor sich hin. + +„Wie in aller Welt haben Sie denn das wieder erraten?“ fragte ich. + +„Erraten -- was?“ rief er gereizt auffahrend. + +„Nun, daß der Mann ein abgedankter Marinesergeant war.“ + +„Jetzt ist keine Zeit zu Spielereien,“ stieß er in rauhem Ton hervor, +fuhr aber gleich darauf lächelnd fort: „Entschuldigen Sie meine +Grobheit, Sie haben meinen Gedankengang unterbrochen; doch, das +schadet vielleicht nichts. -- Also Sie haben wirklich nicht sehen +können, daß der Mann Sergeant in der Marine gewesen ist?“ + +„Wie sollte ich?“ + +„Es scheint mir doch sehr einfach. Freilich ist es nicht leicht zu +erklären, wie ich zur Kenntnis solcher Thatsachen komme. Daß zweimal +zwei vier ist, leuchtet jedem ein, forderte man Sie aber auf, es zu +beweisen, so würden Sie es schwierig finden. Schon über die Straße +hatte ich den blauen tätowierten Anker auf der Hand des Mannes +gesehen und die See gewittert; zudem bemerkte ich seine militärische +Haltung und das verriet mir den Marinesoldaten. Er trug den Kopf hoch +und schwang seinen Stock mit Selbstbewußtsein und einer gewissen +Befehlshabermiene; dabei trat er fest und würdevoll auf und war ein +Mann in mittleren Jahren -- natürlich mußte er Sergeant gewesen sein.“ + +„Wunderbar!“ rief ich. + +„Höchst alltäglich,“ versetzte Holmes, doch sah ich ihm am Gesicht an, +daß er sich geschmeichelt fühlte. „Eben noch behauptete ich,“ fuhr er +fort, „es gäbe keine geheimnisvollen Verbrechen mehr zu enträtseln. Das +scheint ein Irrtum gewesen zu sein -- hiernach zu urteilen.“ Er schob +mir den Brief hin, welchen der Dienstmann gebracht hatte. + +„Wie schrecklich,“ rief ich, ihn überfliegend. + +„Es klingt allerdings etwas ungewöhnlich; wären Sie so gut, mir den +Brief noch einmal vorzulesen?“ + +Der Brief lautete wie folgt: + + „+Lieber Herr Holmes!+ + + Heute nacht hat sich in der Brixtonstraße Nummer 3 ein schlimmer Fall + zugetragen. Unser Posten sah dort auf seinem Rundgang gegen zwei + Uhr einen Lichtschimmer, und da das Haus unbewohnt ist, schöpfte er + Verdacht. Er fand die Thür offen und in dem unmöblierten Vorderzimmer + den Leichnam eines gutgekleideten Herrn am Boden liegen. Enoch J. + Drebber, Cleveland, Ohio U. S. A. stand auf den Visitenkarten, die er + in seiner Brusttasche trug. Eine Beraubung ist nicht erfolgt und die + Todesursache noch unermittelt, denn es finden sich zwar Blutspuren im + Zimmer, aber keine Wunde an dem Toten. Wir wissen nicht, wie er in + das leere Haus gekommen sein kann, und die ganze Angelegenheit ist + uns ein Rätsel. + + Wären Sie geneigt, vor zwölf Uhr den Schauplatz zu besichtigen, so + finden Sie mich dort. Ich lasse alles ~in statu quo~ bis zu Ihrer + Ankunft. Sind Sie verhindert zu kommen, so werde ich Ihnen alle + Einzelheiten berichten, und Sie thäten mir einen großen Gefallen, + wenn Sie mir Ihre Ansicht mitteilen wollten. + + Ihr ergebener Tobias Gregson.“ + +„Gregson ist der schlauste Fuchs in der ganzen Polizeimannschaft,“ +bemerkte mein Freund. „Er und Lestrade sind rasch und thatkräftig, aber +durch nichts aus dem einmal hergebrachten Geleise zu bringen; dabei +sind sie einander fortwährend in den Haaren und sind eifersüchtig wie +zwei gefeierte Ballschönheiten. Wenn sie etwa beide auf dieselbe Fährte +kommen, giebt es einen Hauptspaß.“ + +Die behagliche Ruhe, mit der er sprach, schien mir unbegreiflich. „Es +ist doch sicherlich kein Augenblick zu verlieren,“ rief ich; „soll ich +Ihnen eine Droschke holen?“ + +„Noch weiß ich gar nicht, ob ich hingehen werde. Ich habe gerade einen +Anfall von Trägheit und dann bin ich der faulste Kerl unter der Sonne; +ein andermal kann ich freilich flink genug bei der Hand sein.“ + +„Aber dies ist doch gerade ein Fall, wie Sie ihn sich gewünscht haben.“ + +„Jawohl; aber was kommt schließlich dabei heraus, liebster Freund? +Gelänge es mir auch, den Knoten zu lösen, so würden doch Gregson, +Lestrade und Co. sich alles auf ihr Konto schreiben. Das hat man davon, +wenn man kein Angestellter ist.“ + +„Aber er bittet ja um Ihre Hilfe.“ + +„Ja, er weiß, daß ich mehr verstehe als er, und giebt das mir gegenüber +auch zu; doch würde er sich lieber die Zunge abbeißen, als vor einem +Dritten meine Ueberlegenheit anzuerkennen. Wir wollen uns die Sache +indessen doch ansehen. Ich übernehme sie vielleicht auf eigene Faust. +Dann kann ich die beiden wenigstens auslachen, wenn ich auch sonst +nichts davon habe. Also vorwärts!“ + +Er fuhr rasch in seinen Ueberzieher und ging so geschäftig hin und her, +daß ich wohl sah, die gleichgültige Stimmung war bei ihm vorüber und +seine volle Thatkraft zurückgekehrt. + +„Wo ist Ihr Hut?“ fragte er. + +„Wünschen Sie denn, daß ich mitkomme?“ + +„Ja, wenn Sie nichts Besseres vorhaben.“ + +Schon im nächsten Augenblick saßen wir in einer Droschke und fuhren mit +Windeseile nach der Brixtonstraße. + +Es war ein bewölkter, nebliger Morgen, alle Häuser lagen in einen +Schleier gehüllt, von derselben grauen Schmutzfarbe wie die Straßen. +Jetzt ließ die Laune meines Gefährten nichts mehr zu wünschen übrig; +er sprach mit großer Zungengeläufigkeit über Cremoneser Geigen und den +Unterschied zwischen einer Amati und einer Stradivarius. Ich verhielt +mich ziemlich still; das trübe Wetter und das traurige Geschäft, +welches wir vorhatten, drückten auf mein Gemüt. + +„Es scheint, daß Sie sich in Ihren Gedanken gar nicht mit der Sache +beschäftigen, um die es sich handelt,“ unterbrach ich Holmes endlich in +seinen musikalischen Auseinandersetzungen. + +„Noch fehlen mir alle Einzelheiten,“ erwiderte er; „es ist ein großer +Irrtum, sich eine Theorie zu bilden, ehe man sämtliches Beweismaterial +in Händen hat; das beeinflußt das Urteil.“ + +„Sie werden bald genug Gelegenheit bekommen, Ihre Beobachtungen +anzustellen,“ sagte ich; „hier sind wir schon in der Brixtonstraße und +das dort muß das Haus sein, wenn ich nicht sehr irre.“ + +„Kein Zweifel. -- Halt, Kutscher, halt! --“ Wir waren noch eine +ziemliche Strecke entfernt, doch bestand er darauf, daß wir ausstiegen +und das letzte Ende zu Fuß zurücklegten. + +Das Haus Nummer 3 machte einen düstern, unheimlichen Eindruck. Es +gehörte zu einer Gruppe von vier Gebäuden, die etwas abseits von der +Straße lagen; zwei waren bewohnt, zwei standen leer. An den trüben +Fensterscheiben der letzteren fielen nur hier und da die angeklebten +Zettel in die Augen, auf denen ‚Zu vermieten‘ stand. Jedes der Häuser +hatte ein kleines Vorgärtchen, mit wenigen kränklichen Pflanzen auf den +Beeten; mitten hindurch führte ein schmaler mit Kies bestreuter Pfad +von gelblichem Lehm, der durch die Regengüsse der vergangenen Nacht +völlig aufgeweicht worden war. Eine drei Fuß hohe Backsteinmauer, die +ein hölzernes Gitter trug, bildete die Einfassung des Gartens. Am +Gitterthor lehnte ein handfester Polizist, von einer Schar Neugieriger +umringt, die ihre Hälse reckten und sich vergeblich abmühten, zu sehen, +was drinnen im Hause vorging. + +Ich hatte erwartet, Sherlock Holmes würde sich sofort hineinbegeben, +um seine Untersuchungen zu beginnen. Nichts schien ihm jedoch ferner +zu liegen. Mit einer Gelassenheit, welche mir unter den obwaltenden +Umständen unnatürlich erschien, schlenderte er vor dem Hause auf +und ab, den Blick bald auf den Boden gerichtet, bald in die Luft, +bald wieder nach dem Gitterzaun oder den gegenüberliegenden Häusern. +Nach einer Weile betrat er den Kiesweg, das heißt, er ging auf dem +Grasstreifen neben dem Pfad, die Augen forschend zur Erde gesenkt. +Zweimal blieb er lächelnd stehen und ein Ausruf der Befriedigung +entfuhr ihm. Es waren zwar viele Fußspuren in dem nassen Lehmboden +eingedrückt, sie konnten jedoch von den Polizisten herrühren, die +gekommen und wieder gegangen waren. Wie mein Gefährte hoffen konnte, da +noch etwas Wesentliches zu entdecken, begriff ich nicht; allein nach +den Proben seiner Beobachtungskunst, die ich schon von ihm erhalten +hatte, mußte ich mir sagen, daß er ohne Zweifel vieles sah, was mir +gänzlich verborgen blieb. + +An der Hausthüre kam uns ein großer, blasser, flachshaariger Mann mit +einem Notizbuch entgegen. Er eilte auf Holmes zu und schüttelte ihm mit +großer Wärme die Hand. „Sehr freundlich von Ihnen, daß Sie kommen,“ +sagte er, „alles ist noch ganz unberührt geblieben.“ + +„Nur nicht der Fußweg,“ erwiderte mein Freund. „Wäre eine Büffelherde +drübergelaufen, sie hätte ihn kaum mehr zertrampeln können. Natürlich +haben Sie erst genaue Beobachtungen angestellt, Gregson, bevor Sie das +zuließen.“ + +„Ich hatte drinnen im Haus zu viel zu thun,“ sagte der Detektiv +ausweichend. „Mein Kollege Lestrade ist hier; ich dachte, er würde sich +darum kümmern.“ + +Holmes zog die Augenbrauen spöttisch in die Höhe und sah mich an. +„Wo zwei Männer wie Sie und Lestrade an Ort und Stelle sind, hat ein +Dritter nicht mehr viel zu suchen,“ bemerkte er. + +Gregson schmunzelte selbstgefällig, und rieb sich die Hände. „Wir haben +gethan, was wir konnten; aber es ist ein wunderlicher Fall -- ich kenne +ja Ihre Vorliebe für dergleichen.“ + +„Sind Sie in einer Droschke hergekommen?“ + +„Nein, ich nicht.“ + +„Aber Lestrade?“ + +„Der kam auch zu Fuß.“ + +„So? -- Dann können wir wohl das Zimmer besehen.“ + +Wie das zusammenhing, war mir nicht recht ersichtlich, auch Gregson +machte ein verwundertes Gesicht, während er Holmes in das Haus folgte. + +Ein sehr staubiger, gedielter Korridor führte nach Küche und +Speisekammer, rechts und links befanden sich noch zwei Thüren. Die eine +mochte wohl wochenlang nicht geöffnet worden sein, die andere führte +in das Zimmer, wo die geheimnisvolle Missethat verübt worden war. +Holmes trat dort ein, und ich begleitete ihn, von unheimlichen Gefühlen +ergriffen, wie sie die Gegenwart des Todes uns einzuflößen pflegt. Das +große, viereckige Gemach sah noch geräumiger aus, weil keine Möbel +darin standen. Die grelle Tapete an den Wänden war hie und da mit +Schimmel überzogen, an einigen Stellen hing sie in Fetzen herunter, so +daß der helle Kalkbewurf zum Vorschein kam. Der Thüre gegenüber befand +sich ein großer, offener Kamin mit einem Gesims, an dessen einer Ecke +ein rotes Wachslichtstümpchen klebte. Das einzige Fenster, welches +den Raum erhellte, war mit einer Schmutzkruste überzogen, die nur ein +mattes, ungewisses Licht hindurchließ. Die düstere, graue Beleuchtung +paßte so recht zu der dicken Staubschicht, welche auf der Zimmerdiele +lagerte. + +[Illustration] + +Alle diese Einzelheiten fielen mir jedoch erst später auf. Anfangs +richtete ich mein ganzes Augenmerk auf die leblose Gestalt, welche +ausgestreckt am Boden lag, den stieren Blick nach der Decke gerichtet. +Es war ein mittelgroßer Mann von etwa vierundvierzig Jahren, +breitschulterig, mit krausem, schwarzem Haar und kurzem Stoppelbart. +Sein Anzug bestand aus Rock und Weste von schwerem Doppeltuch, hellen +Beinkleidern und tadellosem Weißzeug. Auch gehörte ihm wohl der glatt +gebürstete, hohe Hut, den ich neben ihm sah. Er hatte die Arme weit +von sich gestreckt, die Fäuste geballt und die Beine fest übereinander +geschlagen, wahrscheinlich im Todeskampf. In seinen starren Zügen +lag ein Ausdruck des Entsetzens und eines so grimmigen Hasses, wie +ich ihn noch nie zuvor in einem Menschenantlitz erblickt zu haben +glaubte. Dieser bösartige Zug, dazu die niedere Stirn, die breite +Stumpfnase und das vorstehende Kinn, gaben dem Toten ein widerliches, +tierisches Aussehen, das durch seine gekrümmte, unnatürliche Lage +noch abschreckender wurde. Ich habe den Tod schon in mancher Gestalt +gesehen, aber nie hat er mir einen so grauenvollen Eindruck gemacht, +wie in jenem öden Hause der Londoner Vorstadt. + +Der Geheimpolizist Lestrade hatte uns an der Stubenthüre empfangen. +„Der Fall wird Aufsehen machen,“ sagte er mit Nachdruck; „ich bin +wahrhaftig kein Neuling mehr, aber etwas Aehnliches habe ich noch nie +erlebt.“ + +„Wir suchen vergeblich nach einem Aufschluß,“ fiel Gregson ein. + +Sherlock Holmes war neben dem Leichnam niedergekniet, den er genau +untersuchte. + +„Eine Wunde haben Sie also nicht entdeckt?“ fragte er, auf die +zahlreichen Blutspuren am Fußboden deutend. + +„Nein, es ist keine zu finden,“ versicherten beide. + +„So rührt das Blut also von einem andern Menschen her, von dem Mörder +vermutlich, wenn nämlich ein Mord verübt worden ist. Der Fall erinnert +mich an Van Jansens Tod in Utrecht im Jahre 1834. Haben Sie den im +Gedächtnis, Gregson?“ + +„Nein, ich weiß nichts davon.“ + +„Sie sollten die Geschichte nachlesen. Es giebt nichts Neues unter der +Sonne, alles ist schon dagewesen.“ + +Während er sprach, fuhren seine geschickten Finger bald hierhin, bald +dorthin; er drückte, befühlte, betastete alle Glieder und zwar mit +solcher Schnelligkeit, daß ich kaum begriff, wie er die einzelnen +Ergebnisse seiner Untersuchung aufzufassen vermochte. Sein Blick trug +dabei denselben geistesabwesenden Ausdruck, den ich schon öfter an +ihm bemerkt hatte. Schließlich roch er an den Lippen des Toten und +betrachtete die Sohlen seiner feinen Lederstiefel. + +„Liegt er noch genau so, wie man ihn gefunden hat?“ fragte er. + +„Wir haben ihn untersucht, ohne ihn von der Stelle zu bewegen.“ + +„Gut, dann lassen Sie ihn jetzt nur ins Leichenhaus schaffen. Es ist +nichts Thatsächliches mehr zu ermitteln.“ + +Eine Tragbahre stand schon in Bereitschaft, und auf Gregsons Ruf +kamen vier seiner Leute herbei. Als sie die Leiche aufluden, um sie +fortzutragen, fiel ein Ring zu Boden und rollte über die Diele. +Lestrade fuhr wie ein Stoßvogel darauf zu, hob ihn auf und betrachtete +ihn mit verblüffter Miene. + +„Der Trauring einer Frau -- wie kommt der hierher?“ rief er. + +Wir starrten alle nach dem goldenen Reif auf seiner flachen Hand; +welche Braut mochte den am Finger getragen haben? + +„Die ohnehin schon verwickelte Angelegenheit wird durch diesen Fund +noch schwieriger,“ bemerkte Gregson. + +„Vielleicht vereinfacht er sie auch,“ äußerte Holmes bedächtig. +„Jedenfalls nützt es nichts, den Ring noch länger anzusehen; wir werden +nicht klüger davon. Haben Sie nichts in den Taschen gefunden?“ + +„Im Flur liegt alles beisammen!“ erwiderte Gregson, „kommen Sie!“ Wir +verließen das Zimmer. „Hier ist der ganze Inhalt,“ fuhr er fort, auf +einen Haufen verschiedener Gegenstände deutend. „Eine goldene Uhr No. +97163 von Barrand in London, eine kurze Uhrkette von massivem Gold, ein +goldener Ring mit dem Freimaurerzeichen; ein Hundekopf mit Rubinaugen +als Vorstecknadel; ein Visitenkartentäschchen von russischem Leder, +auf den Karten steht Enoch J. Drebber aus Cleveland, das stimmt mit +den Zeichen der Wäsche überein. Kein Portemonnaie, aber loses Geld in +der Westentasche im Betrag von sieben Pfund dreizehn Schilling. Eine +Taschenausgabe von Boccaccios Decamerone, auf dem Titelblatt der Name +Joseph Stangerson. Zwei Briefe, einer an E. J. Drebber, der andere an +Joseph Stangerson.“ + +„Wohin adressiert?“ + +„An die amerikanische Wechselbank. Beide Briefe kommen von der +Dampfschiffgesellschaft Guion und betreffen die Abfahrt ihres Dampfers +von Liverpool. Offenbar stand der Unglückliche im Begriff, nach New +York zurückzukehren.“ + +„Haben Sie über jenen Stangerson Erkundigungen eingezogen?“ + +„Versteht sich,“ versetzte Gregson; „an sämtliche Zeitungen sind +Anzeigen geschickt worden; auch ist einer meiner Leute nach der +Wechselbank gegangen, ich erwarte ihn bald zurück.“ + +„Haben Sie in Cleveland angefragt?“ + +„Ja, die Depesche ist heute früh abgegangen.“ + +„Was war der Wortlaut?“ + +„Wir gaben einfach die Umstände an und baten um Mittheilung der +einschlägigen Thatsachen.“ + +„Sie haben nicht etwa über einen Punkt, der Ihnen besonders wichtig +schien, eingehendere Nachricht verlangt?“ + +„Ich habe nach Stangerson gefragt.“ + +„Weiter nichts? Liegt nicht eine Thatsache vor, um die sich der ganze +Fall dreht? Wollen Sie nicht noch einmal telegraphieren?“ + +„Meine Depesche enthielt alles Erforderliche,“ versetzte Gregson in +beleidigtem Ton. + +Sherlock Holmes lachte in sich hinein und wollte eben noch eine +Bemerkung machen, als Lestrade, der inzwischen im Zimmer geblieben war, +zu uns in den Flur kam. + +„Soeben habe ich eine Entdeckung gemacht, Gregson,“ sagte er, sich +mit selbstgefälliger Miene die Hände reibend. „Hätte ich nicht die +Stubenwände genau untersucht, wir wären schwerlich darauf aufmerksam +geworden.“ + +Die Augen des kleinen Detektivs funkelten vor innerem Triumph, daß er +seinem Kollegen den Rang abgelaufen hatte. „Kommen Sie,“ sagte er, in +das Zimmer zurückeilend, das uns weit weniger grausig erschien, seit +die Leiche fortgeschafft war; „so, jetzt treten Sie dorthin.“ + +Er strich ein Schwefelholz an seiner Stiefelsohle an und hielt es gegen +die Wand. In einer Ecke war die Tapete abgerissen und auf dem hellen +Kalkbewurf, der darunter zum Vorschein kam, stand mit großen, blutroten +Buchstaben das Wort + +_~Rache~_ + +zu lesen. + +„Das hat der Mörder mit seinem eigenen Blut geschrieben,“ fuhr Lestrade +fort, „hier auf der Diele sieht man noch, wo es hinuntergetropft ist. +Einen besseren Beweis, daß kein Selbstmord vorliegt, könnten wir +gar nicht haben. Sehen Sie das abgebrannte Licht auf dem Kaminsims? +Beim Scheine desselben ist das Wort in dieser sonst so dunkeln Ecke +geschrieben worden!“ + +„Ich habe noch keine Zeit gehabt, mich in dem Zimmer umzusehen,“ sagte +Holmes, ein Vergrößerungsglas und ein Zentimetermaß aus der Tasche +ziehend. „Sie erlauben mir wohl, das jetzt nachzuholen.“ + +[Illustration] + +Geräuschlos ging er in dem Raume hin und her; bald stand er still, +bald kauerte er am Boden, einmal legte er sich sogar mit dem Gesicht +platt auf die Diele. Er war so vertieft in seine Beobachtungen, daß +er unsere Anwesenheit ganz vergessen zu haben schien; auch hielt er +fortwährend leise Selbstgespräche, dazwischen stöhnte er laut oder +pfiff wohlgefällig vor sich hin und feuerte sich durch ermutigende +Ausrufe zu neuer Hoffnung an. Er kam mir vor wie ein edler Jagdhund, +der rückwärts und vorwärts durch das Dickicht springt, vor Begierde +heult und winselt und keine Ruhe findet, bis er die verlorene Fährte +wieder aufgespürt hat. Wohl zwanzig Minuten lang setzte er seine +Untersuchungen fort, maß mit der größten Genauigkeit die Entfernung +zwischen verschiedenen Punkten am Boden, die für mein Auge ganz +unsichtbar waren und dann die Höhe und Breite der Wände. Was er damit +bezweckte, war mir unerklärlich. An einer Stelle las er behutsam ein +Häufchen grauen Staubes von der Erde auf und verwahrte es sorgfältig +in einem Briefumschlag. Zuletzt richtete er sein Vergrößerungsglas auf +das rätselhafte Wort an der Wand und betrachtete jeden Buchstaben aufs +genaueste. Das Ergebnis schien ihn zu befriedigen und er steckte das +Glas wieder ein. + +„Man sagt, das Genie sei nichts als unermüdliche Ausdauer,“ bemerkte er +lächelnd; „so falsch das an und für sich auch ist, auf die Arbeit des +Geheimpolizisten läßt es sich doch anwenden!“ + +Gregson und Lestrade waren dem seltsamen Gebahren des eifrigen +Dilettanten mit neugierigen, aber etwas verächtlichen Blicken gefolgt. +Sie schienen sich nicht klar zu machen, was ich längst wußte, daß +nämlich Sherlock Holmes, selbst bei seinen scheinbar unbedeutendsten +Handlungen, stets ein bestimmtes Ziel fest im Auge behielt. + +„Nun, was halten Sie von dem Fall?“ fragten beide jetzt in einem Atem. + +„Sie sind auf so gutem Wege, meine Herren,“ erwiderte Holmes nicht ohne +einen leisen Anflug von Spott, „da wäre es die größte Anmaßung von +meiner Seite, wollte ich mich Ihnen zur Hilfe anbieten. Den Ruhm, der +Ihren Verdiensten gebührt, sollen Sie auch allein ernten. Vielleicht +kann ich Ihnen im weiteren Verlauf Ihrer Forschungen noch von Nutzen +sein, dann stehe ich gern zu Diensten. Es wäre mir übrigens doch +erwünscht, wenn ich den Schutzmann sprechen könnte, der die Leiche +gefunden hat. Sagen Sie mir, bitte, wie er heißt und wo er wohnt.“ + +Lestrade schlug sein Notizbuch auf. „John Rance hat jetzt keinen +Dienst; Sie werden ihn sicher in seiner Wohnung am Kennington Parkthor, +Audley Court No. 46 finden.“ Holmes notierte sich die Adresse. + +„Kommen Sie mit, Doktor,“ rief er mir zu, „wir suchen ihn auf.“ Dann +verabschiedete er sich von den beiden Geheimpolizisten. „Ich will +Sie noch auf einiges aufmerksam machen, was Ihnen vielleicht einige +Mühe ersparen kann,“ sagte er. „Hier ist ein Mord begangen worden; der +Täter ist sechs Fuß groß, im besten Mannesalter, hat verhältnismäßig +kleine Füße, trug Stiefel mit breiten Spitzen und rauchte eine +Trichinopolly-Cigarre. Er kam mit seinem Opfer in einer Droschke +angefahren; von den Hufeisen des Pferdes waren drei alt und das am +linken Vorderfuß neu. Der Mörder hat eine rötliche Gesichtsfarbe und +ungewöhnlich lange Fingernägel an der rechten Hand. -- Das sind nur +ganz unbedeutende Einzelheiten, aber sie könnten Ihnen doch einen +Anhaltspunkt geben.“ + +Lestrade und Gregson sahen einander ungläubig lächelnd an. + +„Wie ist denn der Mann umgebracht worden, wenn ein Mord vorliegt?“ +fragte ersterer. + +„Vergiftet,“ gab Holmes kurz zur Antwort. Nach diesem kategorischen +Ausspruch entfernte er sich rasch, und seine beiden Nebenbuhler +blickten ihm mit offenem Munde nach. + + + + +Viertes Kapitel. + +Was uns John Rance erzählte. + + +Es war ein Uhr, als wir das Haus in der Brixtonstraße verließen, um uns +sofort auf das nächste Telegraphenbureau zu begeben. Holmes schickte +eine lange Depesche ab, dann fuhren wir zusammen nach der Wohnung des +Schutzmanns. + +„Man muß sich die Zeugenaussagen womöglich immer aus erster Hand +holen,“ bemerkte er. „Wenn mir der Fall auch im allgemeinen ganz klar +ist, so halte ich es doch für richtig, mich auch von allem übrigen so +viel als thunlich zu unterrichten.“ + +„Aber Holmes,“ rief ich in höchster Verwunderung, „Sie können doch +unmöglich über alle jene Einzelheiten zu so unumstößlicher Gewißheit +gelangt sein, wie Sie uns glauben machen wollen.“ + +„Jawohl, jeder Zweifel ist ausgeschlossen,“ entgegnete er. „Als wir +ankamen, war das Erste, was mir auffiel, die doppelte Räderspur einer +Droschke, die bis an das Gitterthor führte. Seit einer Woche hatte es +vergangene Nacht zum erstenmal geregnet, und die tiefen Wagengeleise +konnten erst entstanden sein, nachdem das Erdreich gehörig aufgeweicht +war. Auch die Spuren der Pferdehufe waren erkennbar, drei nur +undeutlich, die vierte klar ausgeprägt, folglich war das Eisen neu. War +die Droschke erst nach dem Regen am Hause vorgefahren und am Morgen +nicht mehr da, wie Gregson versichert, so hatte sie also die beiden +Leute während der Nacht dahin befördert.“ + +„Das klingt sehr einleuchtend,“ sagte ich; „wie aber konnten Sie auf +das Aeußere des Mannes schließen?“ + +„Die Größe eines Menschen läßt sich in den allermeisten Fällen nach +seinem Schritt bestimmen. Die Berechnung ist schnell gemacht, aber ich +will Sie nicht mit Zahlen plagen. Ich fand die Schrittweite des Mannes +sowohl draußen im weichen Erdreich als auf der staubigen Stubendiele. +Außerdem konnte ich noch die Probe anstellen: Wer auf eine Wand +schreibt, thut dies unwillkürlich in der Höhe seiner Augen. Die Schrift +aber ist gerade sechs Fuß hoch über dem Boden. Sie sehen, es war +kinderleicht.“ + +„Aber sein Alter?“ + +„Nun, wenn ein Mann ohne Mühe fünftehalb Fuß weit ausschreiten kann, +ist er schwerlich schon sehr altersschwach. So breit war nämlich die +Pfütze auf dem Gartenweg, über die er weggeschritten ist. Die feinen +Lederstiefel waren am Rande hingegangen, die grobe Fußbekleidung mit +den breiten Spitzen aber darüber weggeschritten. Ein Geheimnis ist +gar nicht dabei; alles beruht auf den Grundsätzen der Beobachtung und +Schlußfolgerung, die ich in meiner Abhandlung auseinandergesetzt habe. +-- Macht Ihnen sonst noch etwas Kopfzerbrechen?“ + +„Die Fingernägel und die Trichinopolly-Cigarre.“ + +„Der Mann hatte den langen Nagel seines Zeigefingers in Blut getaucht +und damit an die Wand geschrieben. Die Buchstaben waren wie eingekratzt +in den Kalkbewurf. Auf der Diele fand ich etwas verstreute Asche, die +dunkel und flockig aussah und nur von einer Trichinopolly-Cigarre +herrühren konnte. Ueber Cigarrenasche habe ich ganz besondere Studien +gemacht, ja sogar einen Aufsatz geschrieben; ich schmeichle mir, jede +Sorte Cigarren- oder Tabaksasche auf den ersten Blick zu erkennen. +Gerade in solcher speziellen Kenntnis zeigt sich der Unterschied +zwischen dem wahrhaft gebildeten Detektiv und der Sorte, zu welcher die +Gregson und Lestrade gehören.“ + +„Aber die rötliche Gesichtsfarbe?“ + +„Das war eine etwas kühne Folgerung, über die ich bei dem jetzigen +Stand der Dinge noch keinen Aufschluß geben kann, obgleich ich +überzeugt bin, daß ich recht habe.“ + +Ich faßte mir unwillkürlich mit der Hand an die Stirn. „Es schwirrt +mir förmlich im Kopfe,“ rief ich, „je mehr ich über die Angelegenheit +nachdenke, um so rätselhafter erscheint sie mir. Wie kamen die beiden +Männer -- wenn es ihrer zwei waren -- in das leere Haus? Was ist aus +dem Kutscher geworden, der sie gefahren hat? Wie konnte der eine den +andern zwingen, Gift zu nehmen? Woher stammen die Blutspuren? Was +bewog den Mörder zu seiner That, da er keinen Raub beabsichtigte? +Welcher Frau hat der Trauring gehört? Warum schrieb der Missethäter +das Wort Rache an die Wand, bevor er die Flucht ergriff? -- Daß jemand +imstande sein sollte, alle die Thatsachen in Einklang zu bringen, geht +wahrhaftig weit über mein Verständnis.“ + +Mein Gefährte lächelte beifällig. + +„Sie haben sämtliche Schwierigkeiten unserer Lage kurz und bündig +zusammengefaßt,“ sagte er. „Ueber die Hauptsache bin ich zwar im +reinen, aber manches ist noch unaufgeklärt. Die Schrift, auf deren +Entdeckung Lestrade so stolz war, ist meiner Meinung nach nur eine +Kriegslist, um die Polizei auf falsche Fährte zu locken, als sei +die That im Auftrag einer geheimen Gesellschaft von irgend einem +Sozialisten ausgeführt worden. -- So -- nun wissen Sie aber genug über +den Fall, Watson, ich werde mich hüten, Ihnen noch mehr zu verraten. +Mit dem Ansehen eines Taschenspielers ist es aus, sobald er sein +Kunststück einmal erklärt hat, und wenn ich Ihnen mein Verfahren allzu +genau beschreibe, werden Sie mich in kürzester Frist für einen höchst +alltäglichen Menschen halten.“ + +„Bewahre,“ rief ich, „das wird nie geschehen. Sie haben die +polizeiliche Forschung auf die Höhe der Wissenschaft erhoben und bis zu +einer Vollkommenheit gebracht, wie sie bisher unerreicht war.“ + +Mein Gefährte wurde rot vor Freude über mein Urteil, das ich im Tone +aufrichtigster Ueberzeugung aussprach. Schon früher hatte ich bemerkt, +daß er für jedes Lob, welches man seiner Kunst zollte, empfänglich war, +wie eine jugendliche Schönheit, deren Reize man bewundert. + +„Etwas will ich Ihnen doch noch sagen,“ rief er; „die feinen +Lederstiefel kamen mit dem groben Schuhwerk in derselben Droschke +angefahren und schritten zusammen höchst freundschaftlich den Gartenweg +hinunter, wahrscheinlich sogar Arm in Arm. Im Hause gingen sie im +Zimmer hin und her, oder richtiger gesagt: die feinen Lederstiefel +standen still und das grobe Schuhwerk ging auf und ab und geriet dabei +mehr und mehr in Leidenschaft. Das war in dem Staub, der auf der Diele +lag, an den immer länger werdenden Schritten deutlich zu erkennen. +Dabei sprach der Mann unaufhörlich, sein Zorn steigerte sich zur Wut +und dann beging er die Unthat. Mehr weiß ich jetzt selbst noch nicht; +das übrige beruht größtenteils auf bloßer Vermutung; doch ist immerhin +ein guter Grund gelegt, auf dem sich sicher weiter bauen läßt. -- Ich +darf mich übrigens jetzt nicht lange aufhalten, denn ich will heute +nachmittag noch in Halles Konzert gehen, um die Neruda spielen zu +hören.“ + +Die Droschke war während unseres Gesprächs durch zahllose düstere +Gäßchen und enge Straßen gefahren; in der allerschmutzigsten und +trübseligsten Stadtgegend hielt der Kutscher plötzlich still. „Da +drüben ist Audley Court,“ sagte er, auf eine Reihe räucheriger +Backsteinhäuser deutend. „Ich will hier warten, bis Sie wieder +herauskommen.“ + +Audley Court bot wenig Anziehendes. Eine schmale Gasse führte auf einen +großen, gepflasterten Hof, der rings von ärmlichen Wohnhäusern umgeben +war. Nach No. 46 suchend, gingen wir an Scharen schmutziger Kinder +vorbei und krochen unter aufgehängter, mißfarbener Wäsche durch, bis +wir auf einem kleinen Messingschild den Namen ‚Rance‘ bemerkten. + +Der Schutzmann hatte sich nach dem Nachtdienst zu Bette gelegt und wir +wurden gebeten, in dem kleinen Wohnzimmer ein wenig zu warten. Bald +darauf kam Rance zum Vorschein, mißmutig, daß man ihn im Schlaf gestört +hatte. „Ich habe doch schon auf dem Bureau Bericht erstattet,“ brummte +er verdrießlich. + +[Illustration] + +Holmes zog ein Goldstück aus der Tasche und drehte es nachlässig +zwischen den Fingern. + +„Wir wünschten den Sachverhalt aus Ihrem eigenen Munde zu hören, wenn +Sie nichts dagegen haben,“ sagte er verbindlich. + +Der goldene Talisman verfehlte seine Wirkung nicht. „Ich werde Ihnen +mit Vergnügen sagen, was ich weiß,“ beeilte sich Rance zu erwidern. + +„Gut, dann erzählen Sie mir bitte, wie sich alles zugetragen hat.“ + +Der Schutzmann nahm auf dem alten Roßhaarsofa Platz und legte die +Stirn in bedächtige Falten. „Ich will beim Anfang beginnen,“ sagte er. +„Meine Dienstzeit ist von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Um +elf Uhr war eine Schlägerei im ‚Weißen Hirsch‘, aber sonst fiel zuerst +nichts Besonderes vor während meiner Runde. Gegen ein Uhr fing es an +zu regnen, und etwas nach zwei Uhr kam ich die Brixtonstraße hinunter, +um zu sehen, ob dort alles ruhig wäre. Keine Seele traf ich unterwegs, +die Gegend war wie ausgestorben, nur ein paar Droschken kamen an mir +vorbeigerasselt. Eben dachte ich daran, daß ein Schluck heißer Grog zur +Magenstärkung wohl angebracht wäre -- da sah ich einen Lichtschimmer +in dem gewissen Hause. Nun wußte ich genau, daß da niemand wohnt, denn +der Besitzer läßt die Abzugsröhren nicht nachsehen, obgleich der letzte +Mieter am Typhus gestorben ist. Na, wie ich das Licht sehe, denke ich +gleich, daß etwas nicht geheuer sein muß. Als ich an die Thüre kam -- +--“ + +„Sie sind stehen geblieben und nach dem Gartenthor zurückgegangen -- +aus welchem Grunde?“ fragte Holmes. + +Rance fuhr zusammen und riß die Augen weit auf. + +„Woher wissen Sie denn das?“ stammelte er. „Freilich that ich es, +denn, sehen Sie, als ich an die Hausthür kam und alles so still und +unheimlich war, fiel mir ein, daß wir doch eigentlich unser zwei sein +sollten, und so ging ich zurück, um zu sehen, ob nicht vielleicht ein +Kamerad mit seiner Laterne des Weges käme. Furcht kenne ich wahrhaftig +nicht, aber wenn es etwa der verstorbene Mieter war, der dort umging, +so hätte ich gern Gesellschaft gehabt.“ + +„War denn gar niemand auf der Straße?“ + +„Kein Mensch, Herr; nicht einmal ein verlaufener Hund. Ich nahm mich +zusammen, ging wieder an die Thür und stieß sie auf. Drinnen war alles +still; ich trat in das Zimmer, aus dem der Lichtschein gekommen war. +Auf dem Kaminsims stand ein rotes Wachslicht -- es flammte hell auf und +da sah ich -- --“ + +„Ich weiß schon, was Sie gesehen haben. Sie sind mehrmals rings um das +Zimmer gegangen, dann bei dem Leichnam hingekniet, haben versucht, die +Küchenthür zu öffnen und dann -- --“ + +Rance schnellte wie besessen von seinem Sitz in die Höhe. „Von wo aus +haben Sie mich belauscht? Sie müssen doch irgendwo versteckt gewesen +sein, sonst könnten Sie das nicht alles wissen.“ + +Mein Gefährte zog seine Visitenkarte heraus und reichte sie dem +Schutzmann. „Denken Sie nur nicht, daß ich der Mörder bin und Sie mich +festnehmen müssen,“ sagte er lachend. „Ich bin nicht der Wolf, sondern +nur einer von den Spürhunden, wie Ihnen die Herren Gregson und Lestrade +bestätigen werden. Aber, nur weiter -- was thaten Sie zunächst?“ + +„Ich ging hinunter auf die Straße,“ sagte Rance, der wieder Platz +genommen hatte, aber noch immer verwundert dreinschaute. „Auf das +Alarmzeichen, das ich mit meiner Pfeife gab, kamen drei von den +Kameraden herbeigelaufen.“ + +„War die Straße noch immer leer?“ + +„Ja oder nein, wie man’s nimmt.“ + +„Was soll das heißen?“ + +Der Schutzmann verzog das Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen. „Na,“ +sagte er, „als ich aus dem Gartenthor trat, lehnte ein Mensch am +Gitter, der aus vollem Halse etwas von ‚Kolumbias neuem Sternenbanner‘ +oder dergleichen sang. Ich hab’ in meinem Leben schon manchen gesehen, +der zu schwer geladen hatte, aber ein Betrunkener, wie der Kerl, ist +mir noch nicht vorgekommen. Er hätte mir keine Hilfe leisten können, +hielt er sich doch kaum selber auf den Füßen.“ + +[Illustration] + +„Wie sah denn der Mann aus?“ fiel ihm Holmes ins Wort. + +Den Schutzmann schien die unnütze Frage zu verdrießen. „Es war eben +ein sinnlos betrunkener Mensch,“ sagte er, „den wir hätten auf die +Polizeiwache bringen müssen, wären wir nicht anderweitig beschäftigt +gewesen.“ + +„Aber Sie werden doch sein Gesicht, seinen Anzug gesehen haben,“ rief +Holmes ungeduldig. + +„Natürlich -- Murcher und ich mußten ihm ja unter die Arme greifen, um +ihn aufzurichten. Ein langer Kerl mit rotem Gesicht, um das Kinn ein +Tuch gewickelt und --“ + +„Schon gut -- was ist denn aus ihm geworden?“ + +„Was weiß ich! wir hatten ohnehin genug zu thun. Er wird schon den Weg +nach Hause gefunden haben, da können Sie ganz ruhig sein.“ + +„Wie war er denn angezogen?“ + +„Er trug einen braunen Ueberrock.“ + +„Hatte er eine Peitsche in der Hand?“ + +„Eine Peitsche -- bewahre!“ + +„Die muß er zurückgelassen haben,“ murmelte Holmes. „Kam nicht gleich +darauf eine Droschke gefahren?“ + +„Nein.“ + +Mein Gefährte nahm seinen Hut zur Hand. „Hier, das Goldstück ist +für Sie, Rance,“ sagte er; „aber ein andermal seien Sie nicht ganz +so kopflos. Ich fürchte, Sie bringen es sonst Ihr Lebtag zu nichts +Rechtem und Sie hätten sich doch letzte Nacht mit Leichtigkeit Ihre +Beförderung zum Sergeanten verdienen können. Statt dessen haben Sie den +Mann entwischen lassen, nach welchem wir suchen und der den Schlüssel +zu dem ganzen Geheimnis in Händen hält. Wozu noch lange hin und her +streiten -- es verhält sich so, wie ich Ihnen sage, verlassen Sie sich +darauf. Kommen Sie, Watson, wir wollen gehen.“ + +Der Schutzmann machte zwar ein ungläubiges Gesicht, aber man sah, die +Sache war ihm nicht ganz geheuer. Wir ließen ihn verblüfft stehen und +gingen unserer Wege. + +„Der Hans Narr,“ rief Holmes ärgerlich, als wir wieder in der Droschke +saßen, um nach Hause zu fahren. „Ein Glück sondergleichen fällt ihm +ungesucht in den Schoß und er versteht nicht, es festzuhalten.“ + +„Sind Sie Ihrer Sache aber auch ganz gewiß?“ fragte ich. „Rances +Beschreibung des Betrunkenen paßt zwar im allgemeinen zu Ihrer +Vorstellung von dem zweiten Menschen, der in das Geheimnis verwickelt +ist, aber was sollte ihn wieder nach dem Hause zurückgeführt haben? Das +sieht nicht aus, als wäre er der Verbrecher.“ + +„Der Ring, Freund, der Ring -- den wollte er holen. Wenn wir kein +anderes Mittel finden, ihn zu fangen, müssen wir den Ring als Köder +brauchen. Ich sage Ihnen, Doktor, er geht mir ins Netz, ich habe +ihn sicher. Und Ihnen verdanke ich das alles. Hätten Sie mir nicht +zugeredet, ich wäre um die schönste Gelegenheit gekommen, meine +Kriminalstudien zu vervollständigen. -- Jetzt aber, erst zum Lunch +und dann ins Konzert. Die Neruda hat einen famosen Ansatz und spielt +köstlich. Wie geht doch das kleine Ding von Chopin, das ich von ihr +gehört habe? Tra--la--lira--lira--la.“ + +Er lehnte sich in die Wagenkissen zurück und trillerte wie eine Lerche, +während ich über die Vielseitigkeit dieses Menschen nachdachte, der von +der Natur zum Detektiv bestimmt schien und seine Forschungen mit dem +Eifer eines Kunstliebhabers betrieb. + + + + +Fünftes Kapitel. + +Wir bekommen Besuch. + + +Die Anstrengungen des Morgens waren zu groß gewesen für meine schwache +Gesundheit. Ich fühlte mich sehr angegriffen, und sobald Holmes ins +Konzert gegangen war, legte ich mich auf das Sofa, um mich durch einige +Stunden Schlafs zu stärken. An Ruhe war jedoch nicht zu denken, denn +wirre Vorstellungen und Bilder drängten sich unablässig in meinem +aufgeregten Gehirn. Sobald ich die Augen schloß, sah ich vor mir die +verzerrten, pavianähnlichen Gesichtszüge des Ermordeten. Der Eindruck +war so abstoßend, daß ich mich kaum eines Dankgefühls gegen denjenigen +erwehren konnte, der den Unhold aus der Welt geschafft hatte. Mir war +noch nie ein Mensch vorgekommen, dessen Gesicht ein so deutliches +Gepräge von Laster und Bosheit trug. Doch sah ich wohl ein, daß man der +Gerechtigkeit ihren Lauf lassen müsse. Mochte dieser Enoch J. Drebber +noch so verworfen gewesen sein, das rechtfertigte die Missethat, deren +Opfer er war, nicht in den Augen des Gesetzes. + +Je mehr ich über die Behauptung meines Freundes nachdachte, daß der +Mann vergiftet worden sei, um so sonderbarer erschien sie mir. Holmes +mußte auf den Gedanken gekommen sein, als er an den Lippen des Toten +roch. Freilich blieb kaum eine andere Annahme übrig -- erdrosselt war +er nicht, eine Wunde ließ sich auch nicht entdecken. Und doch -- wo kam +das Blut her, das auf dem Fußboden verspritzt war? Es schien kein Kampf +stattgefunden zu haben, wenigstens war keine Waffe da, mit welcher +Drebber seinen Angreifer verwundet haben konnte. Holmes hatte sich wohl +schon eine bestimmte Theorie über den ganzen Vorgang gebildet, das +glaubte ich an seinem ruhigen, zuversichtlichen Benehmen zu erkennen. +Auf welche Weise er sich aber die verschiedenen Thatsachen erklärte, +die mir so rätselhaft schienen, ahnte ich auch nicht von ferne. + +Es war schon spät, als er zurückkam -- unmöglich konnte er die ganze +Zeit über im Konzert gewesen sein. Das Essen stand bereits auf dem +Tisch, und er nahm sogleich Platz. + +„Ein herrlicher Genuß!“ rief er. „Nichts übt doch solchen Zauber auf +den Menschen aus, wie die Tonkunst. -- Aber, was ist unterdessen mit +Ihnen geschehen, Watson? Sie sehen schrecklich angegriffen aus. Hat die +Geschichte in der Brixtonstraße Sie aus dem Gleichgewicht gebracht?“ + +„Wahrhaftig, ja -- mehr als ich für möglich gehalten hätte. Seit +meinen Erlebnissen in Afghanistan, wo ich meine Kameraden in Stücke +hauen sah, glaubte ich weniger schwach besaitet zu sein.“ + +„Derartige rätselhafte Vorgänge erhitzen die Einbildungskraft und +erzeugen ein leicht erklärliches Grauen,“ meinte Holmes. „In der +Abendzeitung steht ein ziemlich ausführlicher Bericht über die +Begebenheit, doch freut mich, daß der gefundene Trauring nicht erwähnt +wird.“ + +„Wieso?“ + +„Wegen der Anzeige, die ich heute abend in sämtliche Zeitungen habe +einrücken lassen. Hier, lesen Sie.“ + +Er reichte mir das Blatt und unter der Rubrik ‚Gefunden‘ las ich +folgendes: + + „Ein einfacher, goldener Trauring ist heute früh auf der + Brixtonstraße zwischen dem Gasthaus zum ‚Weißen Hirsch‘ und dem + Holland-Hain gefunden worden. Zu erfragen bei Dr. Watson, Bakerstraße + 221 ~b~, zwischen 8 und 9 Uhr abends.“ + +„Sie entschuldigen wohl, daß ich auf Ihren Namen verwiesen habe! Hätte +ich meinen eigenen genannt, ich wäre vor der Einmischung des einen oder +andern unserer professionellen Dummköpfe nicht sicher gewesen.“ + +„Wie aber, wenn der Eigentümer sich meldet? Ich habe keinen Ring, den +ich ihm geben könnte.“ + +„Dafür ist schon gesorgt,“ sagte er, mir einen Ring einhändigend. „Er +gleicht dem andern auf ein Haar und wird dieselben Dienste thun.“ + +„Wer wird sich denn auf die Anzeige hin melden -- was glauben Sie?“ + +„Natürlich der Mann mit dem braunen Ueberrock -- unser Freund mit dem +roten Gesicht und dem groben Schuhwerk. Kommt er nicht selbst, so +schickt er einen Spießgesellen.“ + +„Sollte er nicht Gefahr wittern?“ + +„Bewahre. Und wenn auch -- meiner Ansicht nach würde er jeder Gefahr +trotzen, um den Ring wieder zu bekommen. Ich denke mir, er hat ihn +verloren, während er sich über Drebbers Leichnam beugte, und es nicht +gleich bemerkt. Erst als er draußen war, entdeckte er seinen Verlust, +und eilte zurück. Da er aber die Thorheit begangen hatte, das Licht +brennen zu lassen, fand er die Polizei bereits an Ort und Stelle. Um +keinen Argwohn zu erregen, verfiel er auf den Ausweg, sich betrunken +zu stellen. Nun versetzen Sie sich einmal in seine Lage. Er überlegt +sich die Sache und hält es nicht für unmöglich, daß er den Ring erst +verloren hat, nachdem er wieder auf der Straße angelangt war. Was ist +natürlicher, als daß er sich in den Abendblättern nach den gefundenen +Sachen umsieht -- er liest unsere Anzeige und ist überglücklich. +Warum sollte er fürchten, in eine Falle zu geraten? Er hat nicht den +geringsten Grund, anzunehmen, daß der Verlust des Rings in Beziehung zu +dem Mord gebracht werden könnte, und wird sein Eigentum abholen wollen. +Noch vor Ablauf einer Stunde kann er hier sein.“ + +„Und dann?“ + +„Dann lassen Sie mich nur mit ihm verhandeln -- das ist meine Sache. -- +Sind Sie mit Waffen versehen?“ + +„Ich habe noch einen alten Revolver und einige Patronen.“ + +„Putzen und laden Sie ihn auf alle Fälle; wir haben es mit einem +verzweifelten Menschen zu thun. Zwar hoffe ich, ihn zu überrumpeln, +aber es ist immer besser, vorbereitet zu sein.“ + +Ich ging in mein Schlafzimmer und folgte seinem Rat. Als ich mit +der Pistole in der Hand wieder eintrat, fand ich Holmes bei seiner +Lieblingsbeschäftigung -- er kratzte auf der Geige. + +„Das Netz zieht sich zusammen,“ sagte er; „eben erhalte ich aus Amerika +eine Antwort auf mein Telegramm. Meine Ansicht über den Fall war ganz +richtig.“ + +„Ja, was denken Sie denn eigentlich darüber?“ fragte ich eifrig. + +Er schien es zu überhören. „Ich muß wirklich meine Violine mit +neuen Saiten beziehen,“ murmelte er vor sich hin. „Wenn der Mensch +kommt,“ fuhr er gelassen fort, „so sprechen Sie mit ihm in Ihrem ganz +gewöhnlichen Ton; sehen Sie ihn auch nicht forschend an, damit er +keinen Verdacht schöpft.“ + +„Es ist schon acht vorbei,“ sagte ich, meine Uhr herausziehend. + +„In wenigen Minuten wird er wohl hier sein. Oeffnen Sie die Thür ein +wenig und stecken Sie den Schlüssel inwendig ins Schlüsselloch. Danke +sehr -- jetzt kann er kommen. Ich glaube gar, da ist er schon.“ + +Draußen wurde stark an der Klingel gezogen, Sherlock Holmes stand +geräuschlos auf und schob seinen Stuhl näher nach der Thüre hin. Wir +hörten die Dienerin durch den Vorsaal gehen und die Hausthür öffnen. + +„Wohnt Doktor Watson hier?“ fragte eine laute, etwas scharfe Stimme; +dann ward die Thür geschlossen, und es kam jemand mit schlürfendem Gang +die Treppe herauf. Verwundert horchte mein Gefährte auf den langsamen, +unsichern Schritt im Korridor; nun wurde leise angeklopft. + +„Herein!“ rief ich. + +[Illustration] + +Die Thüre ging auf und statt des gewaltthätigen Menschen, den wir +erwarteten, hinkte ein runzliges, altes Mütterchen ins Zimmer, das, wie +von dem plötzlichen Lichtschein geblendet, uns mit matten, glanzlosen +Augen anblinzelte. + +Während die Alte stumm vor uns stand, und mit den zitternden Fingern +ängstlich in ihrer Tasche nach etwas zu suchen schien, nahm das Gesicht +meines Gefährten einen so trostlosen Ausdruck an, daß ich Mühe hatte, +meine Fassung zu bewahren. Jetzt zog sie ein Zeitungsblatt heraus und +deutete auf unsere Anzeige. + +„Deswegen komme ich, werte Herren,“ sagte sie mit einem tiefen Knix, +„der goldene Trauring in der Brixtonstraße gehört meiner Tochter Sally; +erst seit elf Monaten ist sie verheiratet und wenn ihr Mann nach Hause +kommt -- er ist nämlich Proviantmeister auf einem Uniondampfer -- und +sie hat ihren Ring nicht mehr, da giebt’s ein Donnerwetter. Schon an +guten Tagen ist er sehr kurz angebunden, besonders wenn er getrunken +hat. Das kam nämlich so: gestern abend war sie im Zirkus mit --“ + +„Ist das der verlorene Ring?“ fragte ich. + +„Unser Herrgott sei gepriesen,“ rief die Alte. „Wie wird sich Sally +freuen. Ja, das ist ihr Ring.“ + +Ich griff nach einem Bleistift: „Wo wohnen Sie?“ + +„In Houndsditch, Dunkanstraße 13. Ein weiter Weg von hier.“ + +„Wenn man von Houndsditch in den Zirkus will, kommt man nicht durch die +Brixtonstraße,“ mischte sich hier Sherlock Holmes in das Gespräch. + +Die Alte warf ihm einen scharfen Blick aus ihren kleinen, +rotgeränderten Augen zu. „Der Herr hat mich nach +meiner+ Adresse +gefragt. Sally wohnt in Peckham auf dem Mayfield-Platz Nummer 3.“ + +„Und Sie heißen? --“ + +„Mein Name ist Sawyer, -- sie heißt Dennis weil sie Tom Dennis +geheiratet hat. Ein wackerer, sauberer Bursche, solange er auf +See ist; kein Proviantmeister gilt mehr bei den Herren von der +Dampfschiffsgesellschaft. Aber, kommt er ans Land, so thun’s ihm die +Weiber an und die Branntweinschenken und --“ + +„Hier ist Ihr Ring, Frau Sawyer,“ unterbrach ich sie auf ein Zeichen +meines Freundes; „er gehört ohne Zweifel Ihrer Tochter, und ich freue +mich, ihn der rechtmäßigen Eigentümerin zustellen zu können.“ + +Allerlei Dankesworte und Segenswünsche murmelnd, versenkte die Alte +den Ring in ihre Tasche und schlürfte wieder zur Thüre hinaus und die +Treppe hinunter. Kaum war sie fort, so sprang Sherlock Holmes vom +Stuhle auf und verschwand in sein Schlafzimmer. Eine Minute später +erschien er wieder mit Hut und Ueberrock. „Ich gehe ihr nach,“ sagte +er, „sie muß mit ihm unter einer Decke stecken und wird mir auf meine +Spur verhelfen. Bitte, bleiben Sie auf, bis ich wieder da bin.“ + +Als Holmes die Treppe hinunter ging, hatte sich die Hausthür eben +hinter der Alten geschlossen. Vom Fenster aus konnte ich sehen, wie sie +sich langsamen, schlürfenden Schrittes entfernte, während ihr Verfolger +auf der andern Straßenseite hinterdrein schlich. „Entweder ist seine +ganze Theorie falsch,“ dachte ich bei mir, „oder es wird ihm jetzt +gelingen, das Rätsel zu lösen.“ + +Es hätte der Aufforderung, daß ich seine Rückkunft abwarten möchte, +nicht bedurft, denn von Schlaf konnte bei mir keine Rede sein, bis +ich wußte, wie sein Unternehmen abgelaufen wäre. Als er sich auf den +Weg machte, war es fast neun Uhr; ich steckte mir eine Pfeife an und +blätterte in einem französischen Roman. Es schlug zehn, und ich hörte +wie das Dienstmädchen zu Bett ging; um elf Uhr kam die Wirtin durch den +Korridor, um sich zurückzuziehen; erst kurz vor Mitternacht knarrte +drunten der Schlüssel in der Hausthür. + +Als Holmes bei mir eintrat, sah ich es ihm gleich an, daß er kein +Glück gehabt hatte. Verdruß und heitere Laune stritten in seinen +Gesichtszügen um die Herrschaft, bis schließlich letztere die Oberhand +behielt und er in ein herzliches Gelächter ausbrach. + +„Um nichts in der Welt möchte ich, daß die Geheimpolizisten von meinem +Erlebnis Wind bekämen,“ rief er, und sank auf einen Stuhl. „Ich habe +sie so oft gehänselt, daß sie froh wären, sich einmal schadlos halten +zu können. Da ich aber weiß, daß ich ihnen am Ende aller Enden doch den +Rang ablaufe, lache ich trotz alledem.“ + +„Was ist denn geschehen?“ fragte ich. + +„Sie sollen die ganze Geschichte hören, wie wenig sie mir auch zum +Ruhm gereicht: Die Person war erst eine kleine Strecke weit gegangen, +da fing sie an zu hinken und konnte allem Anschein nach nicht mehr +vom Fleck. Sie blieb stehen und winkte eine vorüberfahrende Droschke +herbei. Um die Adresse zu hören, lief ich näher herzu, doch das hätte +ich mir sparen können. ‚Nach Houndsditch, Dunkanstraße 13‘, rief +sie, daß es weithin schallte. Kaum war sie eingestiegen, so sprang +ich hinten auf; das ist eine Kunst, in der jeder Detektiv gründlich +bewandert sein sollte. Fort rasselte die Droschke in gleichmäßiger +Geschwindigkeit. Schon ehe sie das Ende der Fahrt erreichte, war ich +abgesprungen und schlenderte gemächlich die Straße hinunter. Jetzt +hielt der Kutscher, er stieg vom Bock, öffnete die Wagenthür und +wartete. Aber es kam niemand heraus. Als ich näher trat, sah ich ihn +wie wild in der leeren Droschke herumfahren, wobei er die kräftigsten +Verwünschungen hören ließ, die mir je zu Ohren gekommen sind. Von der +Insassin war keine Spur mehr zu sehen, und ich fürchte, er wird lange +auf sein Fahrgeld warten müssen. Das Haus Nummer 13 gehört, wie ich +erfuhr, einem ehrsamen Tapezierer Namens Keswig, von einer Frau Sawyer +oder Frau Dennis aber wußte kein Mensch dort etwas.“ + +„Sie wollen doch nicht behaupten,“ rief ich starr vor Staunen, „daß das +alte, gebrechliche Weib aus dem Wagen gesprungen ist, während er in +voller Bewegung war, und daß weder der Kutscher noch Sie etwas davon +gemerkt haben?“ + +„Zum Henker mit dem alten Weibe,“ rief Holmes ärgerlich. „Die alten +Weiber waren +wir+, daß wir uns so anführen ließen. Es muß ein junger, +noch dazu ein sehr gelenkiger Mensch gewesen sein und ein vollendeter +Schauspieler. Die Verkleidung war ganz vorzüglich! Ohne Zweifel hatte +er den Verfolger bemerkt und war auf dies Mittel verfallen, mir zu +entwischen. Es ist ein Beweis, daß der Mann, den wir suchen, nicht so +allein steht, wie ich glaubte, sondern Freunde hat, die sich im Notfall +nicht scheuen, um seinetwillen ein Wagnis zu unternehmen. Nun gehen Sie +aber schnell zu Bett, Doktor, Sie sehen ganz abgemattet aus.“ + +Ich war in der That todmüde und folgte seinem Rat. Holmes blieb bei +dem glimmenden Feuer sitzen, und noch bis tief in die Nacht hinein +hörte ich die schwermütigen Klänge seiner Geige und wußte, daß er fort +und fort das seltsame Problem in seinem Haupte wälzte, dessen Lösung er +sich nun einmal vorgesetzt hatte. + + + + +Sechstes Kapitel. + +Tobias Gregson thut große Thaten. + + +Tags darauf waren alle Zeitungen voll von dem ‚Brixton-Geheimnis‘, +wie sie es nannten. Viele brachten außer einem langen Bericht noch +Leitartikel darüber. Sie erzählten mancherlei, was mir neu war, und ich +bewahre in meiner Brieftasche eine ganze Sammlung von Ausschnitten und +Auszügen über den Fall. Das Wesentlichste lasse ich hier folgen: + +Der ‚Daily Telegraph‘ behauptete, daß die Verbrecherchronik nur wenige +Tragödien aufzuweisen habe, die von so seltsamen Umständen begleitet +seien. Der deutsche Name des Opfers, der Mangel jedes Beweggrunds, +die furchtbare Schrift an der Wand, ließen deutlich erkennen, daß die +That im Auftrag der Revolutionspartei begangen worden. Die Sozialisten +besäßen weitverzweigte Verbindungen in Amerika, wahrscheinlich habe der +Ermordete eines ihrer ungeschriebenen Gesetze übertreten und sei dafür +zum Tode verurteilt worden. Der Artikel schloß damit, die Regierung zu +ermahnen, sie möge ein wachsames Auge auf die Ausländer haben, die nach +England kämen. + +Der ‚Standard‘ klagte, dergleichen Gewaltthätigkeiten seien die +traurigen Früchte einer freisinnigen Regierung, welche die Massen +aufsässig mache und alle Autorität untergrabe. „Der Verstorbene,“ hieß +es weiter, „ein Herr aus Amerika, hielt sich längere Zeit in London +auf, und zwar in der Privatpension von Madame Charpentier in Torquay +Terrace, Camberwell. Er reiste in Begleitung seines Privatsekretärs +Joseph Stangerson. Letzten Dienstag, den 4. des Monats, verabschiedeten +sich beide von ihrer Wirtin und fuhren nach dem Eustoner Bahnhof, +mit der ausgesprochenen Absicht, den Schnellzug nach Liverpool zu +benützen. Auch wurden sie dort noch zusammen im Wartesaal gesehen. Von +da ab fehlen jedoch alle Nachrichten über sie, bis zu dem Augenblick, +als Drebbers Leichnam, wie bereits mitgeteilt, in einem leeren Hause +der viele Meilen vom Eustoner Bahnhof entfernten Brixtonstraße +gefunden wurde. Wie er dorthin gekommen ist, und auf welche Weise +ihn sein Verhängnis ereilt hat, sind Fragen, die für jetzt noch in +undurchdringliches Dunkel gehüllt sind. Was aus Stangerson geworden +ist, weiß man nicht. Wir freuen uns, zu hören, daß die Herren Gregson +und Lestrade mit der Erforschung des Falles betraut worden sind und +erwarten zuversichtlich, daß es diesen wohlbekannten Geheimpolizisten +bald gelingen wird, die rätselhafte Angelegenheit aufzuklären.“ + +‚Daily News‘ versicherte, es läge ohne allen Zweifel ein politisches +Verbrechen vor. Dies werde sich bald genug herausstellen, wenn +der Aufenthaltsort des Sekretärs Stangerson ermittelt sei und man +Genaueres über die Lebensgewohnheiten des Ermordeten erfahren habe. +Von wesentlicher Bedeutung sei es, daß man bereits wisse, in welcher +Pension er sich aufgehalten, eine Kunde, die man einzig und allein dem +Scharfsinn und der Thatkraft des Geheimpolizisten Gregson verdanke. + +Diese und ähnliche Artikel, welche ich mit Sherlock Holmes zusammen +beim Frühstück las, schienen ihn sehr zu belustigen. + +„Sagte ich Ihnen nicht, daß Lestrade und Gregson unter allen Umständen +Kapital aus der Sache herausschlagen würden?“ + +„Das kommt doch noch sehr auf den Ausgang an,“ meinte ich. + +„Bewahre, der ist dabei höchst gleichgültig. Wird der Mann gefangen, so +geschieht es infolge ihrer Bemühungen, gelingt es ihm zu entkommen, so +thut er es trotz ihrer Bemühungen. Die Anerkennung fehlt ihnen nie, sie +mögen anstellen, was sie wollen.“ + +„Was geht denn da vor, was soll der Lärm bedeuten? Hören Sie nur,“ rief +ich, als sich in diesem Augenblick im Hausflur und auf der Treppe das +Stampfen vieler Füße vernehmen ließ und dazwischen die unwillige Stimme +unserer Wirtin. + +„Das ist die kleine Detektivmannschaft aus der Bakerstraße,“ sagte +mein Gefährte mit lächelnder Miene, und ehe ich mich’s versah, kam +ein halbes Dutzend der schmutzigsten und zerlumptesten Gassenjungen +hereingepoltert, die ich je im Leben zu Gesicht bekommen habe. + +„Achtung!“ rief Holmes im Kommandoton, und die sechs schmutzigen Bengel +standen in Reih und Glied wie wohldressierte Soldaten. „Künftig schickt +ihr Wiggins allein herauf, um Bericht zu erstatten; ihr andern wartet +unten auf der Straße! -- Habt ihr sie gefunden, Wiggins?“ + +„Nee,“ lautete die Antwort, „gefunden haben wir se nich.“ + +„Das dachte ich mir wohl. Sucht nur weiter, bis ihr sie findet; hier +ist euer Geld.“ Er händigte jedem der Buben einen Schilling ein. „Jetzt +fort mit euch, und bringt mir das nächstemal bessern Bescheid.“ + +[Illustration] + +Auf seinen Wink machten sie rechtsumkehrt, und polterten wieder die +Treppe hinunter. Gleich darauf hörte man sie schon unten auf der +Straße durcheinander gröhlen und schreien. + +„Jeder einzige von den kleinen Halunken bringt mehr vor sich als ein +Dutzend Polizisten,“ bemerkte Holmes. „Die Leute haben gleich ein +Schloß vor dem Mund, sobald sich nur ein Beamter von fern blicken läßt. +Diese Schlingel kommen aber überall hin und hören alles. Sie sind glatt +wie Aale und schlau wie Füchse, es fehlt ihnen nur die Disziplin.“ + +„Betrifft denn der Auftrag, den Sie ihnen gegeben haben, den +Brixton-Fall?“ + +„Ja, es handelt sich um einen Punkt, über den ich Gewißheit haben muß. +Die werden sie mir verschaffen -- es ist nur eine Frage der Zeit. -- +Aber, holla! jetzt werden wir Neuigkeiten zu hören bekommen. Eben +steuert Gregson mit vollen Segeln die Straße herunter. Er strahlt +förmlich vor Glückseligkeit. Richtig, er will zu uns -- da ist er +schon.“ + +Es ward heftig an der Hausglocke gezogen, und gleich darauf kam der +blonde Detektiv die Treppe heraufgesprungen, immer drei Stufen auf +einmal, und platzte in unser Wohnzimmer. + +„Wünschen Sie mir Glück, werter Freund,“ rief er, Holmes eifrig die +Hand schüttelnd; „ich habe jetzt Licht in die Sache gebracht -- alles +liegt klar zu Tage.“ + +Ein düsterer Schatten glitt über die ausdrucksvollen Züge meines +Gefährten. „Glauben Sie die rechte Spur gefunden zu haben?“ fragte er. + +„Die rechte Spur? Was denken Sie -- ich habe den Verbrecher schon +hinter Schloß und Riegel.“ + +„Wer ist es denn?“ + +Gregson warf sich stolz in die Brust. „Arthur Charpentier, +Unterleutnant bei der königlichen Marine,“ rief er, sich die +fleischigen Hände reibend. + +Sherlock Holmes atmete sichtlich erleichtert auf. + +„Setzen Sie sich, und hier ist eine Cigarre. Wir sind sehr gespannt zu +hören, wie Sie es angefangen haben. Ist Ihnen vielleicht ein Glas Grog +gefällig?“ + +„Habe nichts dagegen,“ versetzte der Detektiv; „wer solche +Anstrengungen durchgemacht hat, wie ich in den letzten Tagen, bedarf +wohl einer Erfrischung. Besonders die geistige Ermüdung war übergroß. +Sie werden das verstehen, Herr Holmes, denn auch Sie arbeiten mit dem +Kopfe.“ + +Gregson hatte im Lehnstuhl Platz genommen, und begann mit Wohlgefallen +seine Cigarre zu rauchen. Plötzlich schlug er sich mit der Hand auf das +Knie und brach in ein schallendes Gelächter aus. + +„Es ist wirklich zu komisch,“ rief er, „daß Lestrade, der Narr, der für +so ungeheuer klug gilt, sich ganz und gar auf dem Holzweg befindet. Er +hat es auf den Sekretär Stangerson abgesehen, der doch so unschuldig an +dem Verbrechen ist, wie ein neugeborenes Kind. Sicherlich hat er ihn +jetzt schon dingfest gemacht.“ Und wieder wollte er sich vor Lachen +ausschütten. + +„Wie haben Sie denn aber die richtige Spur gefunden?“ fragte Holmes. + +„Ich will Ihnen alles erzählen. Es bleibt natürlich ganz unter uns, +Doktor Watson. Die erste Schwierigkeit, die es zu überwinden galt, war, +Kenntnis von Drebbers Vorleben in Amerika zu erlangen. Mancher würde +gewartet haben, bis Antwort auf seine Anzeige kam, oder irgend jemand +ihm von selbst Mitteilungen machte. Aber das ist nicht Tobias Gregsons +Art und Weise. Erinnern Sie sich an den Hut, der neben dem Toten auf +dem Boden lag?“ + +„Gewiß; aus dem Geschäft von John Underwood & Söhne, Camberwell-Straße +129.“ + +Gregson machte ein höchst verblüfftes Gesicht. „Haben Sie das wirklich +auch bemerkt? Sind Sie da gewesen?“ + +„Nein!“ + +„Das wundert mich. Mein Grundsatz ist, keine Gelegenheit unbenützt +vorbeigehen zu lassen, wie geringfügig sie auch erscheint.“ + +„Für einen großen Geist ist selbst das Kleinste von Bedeutung,“ +bemerkte Holmes salbungsvoll. + +„Ich ging also zu Underwood,“ fuhr Gregson fort, „und fragte ihn, ob er +kürzlich einen Hut, wie ich ihn beschrieb, verkauft habe. Er schlug in +seinen Büchern nach und fand sogleich, was ich wollte. Der Hut war an +einen Herrn Drebber nach Madame Charpentiers Pension in Torquay Terrace +geschickt worden. So bekam ich seine Adresse.“ + +„Schlau, sehr schlau,“ murmelte Sherlock Holmes. + +„Nun suchte ich Madame Charpentier auf, die ich sehr blaß und +angegriffen fand. Auch ihre Tochter, ein ungewöhnlich hübsches Mädchen, +war zugegen; sie hatte rotgeweinte Augen, und als ich sie anredete, +bebten ihre Lippen. Das entging mir nicht, und ich witterte gleich +Unrat. Sie kennen das Gefühl, Holmes, wenn man plötzlich auf die +richtige Spur gerät, es fährt einem durch alle Glieder. + +„‚Haben Sie schon etwas von dem rätselhaften Tode des Herrn Drebber aus +Cleveland gehört, der bei Ihnen gewohnt hat?‘ fragte ich. + +„Die Mutter nickte bloß, sie schien außer stande, einen Laut +hervorzubringen, die Tochter aber brach in Thränen aus. Kein Zweifel, +die beiden wußten Näheres über die Sache. + +„‚Um welche Zeit verließ Herr Drebber Ihr Haus, um sich auf die +Eisenbahn zu begeben?‘ fuhr ich in meinem Verhör fort. + +„‚Um acht Uhr,‘ erwiderte sie, ihre Aufregung mühsam bezwingend. ‚Herr +Stangerson, sein Sekretär, sagte, es gäbe zwei Züge, einen um 9,15 und +einen um 11 Uhr. Er wollte mit dem ersten abreisen.‘ + +„‚Und haben Sie ihn seitdem nicht mehr gesehen?‘ + +„Bei dieser Frage wurde die Frau leichenblaß, und es dauerte mehrere +Sekunden, bevor sie das einzige Wort: ‚Nein!‘ hervorstieß. Ihre Stimme +klang leise und unnatürlich. + +„‚Mutter,‘ sagte die Tochter nach einem Augenblick tiefster Stille, +‚laß uns dem Herrn gegenüber aufrichtig sein. Aus einer Unwahrheit +kann nie etwas Gutes kommen: Ja, wir haben Herrn Drebber noch einmal +wiedergesehen.‘ + +„‚Verzeih dir Gott,‘ rief Frau Charpentier, und sank händeringend auf +einen Stuhl. ‚Du hast deinen Bruder ums Leben gebracht.‘ + +„‚Arthur würde selbst wollen, daß wir die Wahrheit sagten,‘ entgegnete +sie mit Festigkeit. + +„‚Sprechen Sie frei heraus,‘ ermahnte ich, ‚ein halbes Vertrauen ist +schlimmer als gar keines. Auch weiß die Polizei vielleicht schon mehr, +als Sie ahnen.‘ + +„‚Mein Sohn ist völlig unschuldig,‘ beteuerte sie. ‚Wenn ich +seinetwegen besorgt bin, so ist das nur, weil ich fürchte, daß er +in Ihren Augen, und vielleicht in denen anderer Leute, verdächtig +erscheinen könnte. Aber das ist ja undenkbar. Sein vortrefflicher Ruf, +sein Stand, sein ganzes früheres Leben, bürgen dafür, daß er an dieser +gräßlichen That keinen Anteil hat.‘ + +„‚Sagen Sie mir nur alles, was Sie wissen,‘ bedeutete ich sie; ‚wenn +Ihr Sohn unschuldig ist, hat er nichts zu fürchten.‘ + +„‚Laß uns allein, Mary,‘ gebot Madame Charpentier. Die Tochter verließ +das Zimmer und die Mutter berichtete nun in heftiger Erregung: ‚Herr +Drebber hat drei Wochen lang bei uns im Hause gewohnt. Vorher war er +mit seinem Sekretär Stangerson auf Reisen; nach den Zetteln an ihren +Koffern zu schließen, kamen sie zuletzt aus Kopenhagen. Stangerson +zeigte sich schweigsam und zurückhaltend, Drebber aber benahm sich +höchst anstößig. Er war ein gemeiner Mensch von rohen Sitten. Gleich am +Abend seiner Ankunft hat er sich sinnlos betrunken und nach zwölf Uhr +mittags sah man ihn selten nüchtern. Im Verkehr mit den Zimmermädchen +war er widerlich frech und vertraulich, ja sogar meiner Tochter Mary +gegenüber erlaubte er sich ein ähnliches Betragen und sprach mehrmals +in einer Weise mit ihr, die sie in ihrer Unschuld zum Glück nicht +verstand. Einmal war er sogar unverschämt genug, sie in meinem Beisein +zu umarmen und zu küssen, so daß sein eigener Sekretär sich ins Mittel +legte und ihm seine Frechheit verwies.‘ + +„‚Aber warum ließen Sie sich das alles gefallen? Sie hätten doch den +lästigen Menschen los werden können, sobald Sie wollten.‘ + +„‚Ich weiß wohl,‘ sagte Madame Charpentier errötend; ‚hätte ich ihn nur +gleich am ersten Tage aus dem Hause gewiesen. Allein die Versuchung +war groß. Sie bezahlten mir zusammen vierzehn Pfund die Woche, und ich +hielt es für meine Pflicht, in diesen schlechten Zeiten mir eine solche +Einnahme nicht entgehen zu lassen. Ich bin Witwe und mein Sohn in der +Marine hat viel Geld gekostet. Nach dem letzten Auftritt zögerte ich +aber nicht länger, ihm zu kündigen, das war der Grund seiner Abreise.‘ + +„‚Nun, und wie wurde es weiter?‘ + +„‚Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihn glücklich fortfahren sah. +Mein Sohn ist jetzt auf Urlaub hier; ich habe mich jedoch wohlweislich +gehütet, ihm etwas von meinen Unannehmlichkeiten zu sagen, denn er +gerät leicht in Harnisch und liebt seine Schwester zärtlich. Meine +Freude, jenen lästigen Menschen los zu sein, war leider von kurzer +Dauer. Noch war keine Stunde vorbei, so klingelte es heftig und man +sagte mir, Drebber sei wieder da, er habe den Zug versäumt. In stark +berauschtem Zustand erzwang er sich den Eintritt in das Zimmer, wo ich +mit meiner Tochter saß, trat frech vor Mary hin und machte ihr den +Vorschlag, mit ihr zu entfliehen. ‚Sie sind großjährig,‘ sagte er, ‚das +Gesetz hat keine Macht über Sie. Ich besitze Geld die Hülle und Fülle. +Kümmern Sie sich nicht um die Alte, sondern folgen Sie mir auf der +Stelle; Sie sollen wie eine Fürstin leben.‘ Die arme Mary war zu Tode +erschrocken und wich vor ihm zurück, er aber ergriff sie am Arm, um sie +mit sich fortzuziehen. Ich schrie laut auf vor Angst, und in diesem +Augenblick trat mein Sohn Arthur ins Zimmer. Was weiter geschehen ist, +weiß ich nicht, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und hörte nur +Verwünschungen und ein verworrenes Getöse. Als ich wieder aufzublicken +wagte, stand Arthur, einen Stock in der Hand, lachend an der Thür. ‚Der +saubere Kumpan wird uns voraussichtlich nicht mehr belästigen,‘ sagte +er; ‚ich will mich nur noch überzeugen, was aus ihm geworden ist.‘ Mit +diesen Worten eilte er die Treppe hinunter. Am nächsten Morgen brachte +man uns die Nachricht von Drebbers geheimnisvollem Tode.‘ + +„‚Um wieviel Uhr ist Ihr Sohn nach Hause gekommen?‘ fragte ich, als +Madame Charpentier mit ihrem Bericht zu Ende war. ‚Das weiß ich +nicht,‘ stammelte sie; ‚er hat sich selbst mit dem Hausschlüssel +hereingelassen.‘ + +„‚Nachdem Sie zu Bett waren?‘ + +„‚Ja.‘ + +„‚Wann begaben Sie sich zur Ruhe?‘ + +„‚Gegen elf Uhr.‘ + +„‚So blieb Ihr Sohn also wenigstens noch zwei Stunden fort?‘ + +„‚Ja.‘ + +„‚Möglicherweise auch vier oder fünf?‘ + +„‚Ja.‘ + +„‚Wo war er inzwischen?‘ + +„‚Ich weiß nicht,‘ flüsterte sie mit bleichen Lippen. + +„Unter diesen Umständen war ich natürlich nicht länger im Zweifel, was +zu thun sei. Ich nahm zwei Polizisten mit, suchte Leutnant Charpentier +auf und ließ ihn festnehmen. Als ich seine Schulter berührte und ihn +ermahnte, uns ohne Widerstand zu folgen, richtete er sich stolz in +die Höhe. ‚Man hegt vermutlich Verdacht, ich sei an der Ermordung des +schurkischen Drebber beteiligt,‘ waren seine ersten Worte. Sie werden +mir zugeben, daß das höchst verdächtig aussah.“ + +„Versteht sich,“ pflichtete Holmes bei. + +„Er hielt den Stock in der Hand, von dem seine Mutter gesprochen hatte, +einen schweren eichenen Knittel.“ + +„Wie denken Sie sich denn den Verlauf der Sache?“ + +„Nun, er ist Drebber bis zur Brixtonstraße gefolgt. Dort hat sich ein +neuer Streit zwischen ihnen entsponnen, Drebber hat mit dem Stock +einen Schlag erhalten, wahrscheinlich in die Magenhöhle, der seinen +Tod verursachte, ohne eine Spur zu hinterlassen. In der regnerischen +Nacht war kein Mensch unterwegs, Charpentier konnte daher die Leiche +ungesehen nach dem leeren Hause schaffen. Was aber das Licht betrifft, +das vergossene Blut, die Schrift an der Wand und den Ring, so sind das +wahrscheinlich alles nur Finten, um die Polizei auf eine falsche Fährte +zu locken.“ + +„Vortrefflich,“ rief Holmes beifällig. „Sie machen wirklich +Fortschritte, Gregson; es kann noch etwas aus Ihnen werden.“ + +„Ich schmeichle mir, daß ich alles ganz glatt abgewickelt habe,“ sagte +der Polizist voll Selbstgefühl. „Der junge Mann behauptete zwar steif +und fest, er sei Drebber nur eine kurze Strecke weit nachgegangen, dann +habe dieser ihn entdeckt und sei in eine Droschke gestiegen, um ihm +zu entkommen. Auf dem Heimweg wollte er dann einem früheren Kameraden +vom Schiff begegnet sein und einen langen Spaziergang mit ihm gemacht +haben. Als ich aber nach der Wohnung dieses Bekannten fragte, wußte er +sie nicht anzugeben. Wie gesagt, der Fall ist mir ganz klar; es macht +mir nur Spaß, daß Lestrade eine so falsche Spur verfolgt, die zu nichts +führen kann. -- Aber, wahrhaftig, ich glaube, da ist er selbst.“ + +[Illustration] + +Lestrade war wirklich während unseres Gesprächs die Treppe +heraufgekommen und trat jetzt ins Zimmer. Sein für gewöhnlich so +selbstbewußtes Wesen war kaum wieder zu erkennen; seine Mienen waren +verstört, sein sonst so peinlich sauberer Anzug in Unordnung. Er +wollte sich offenbar bei Holmes guten Rat holen; seinen Kollegen da zu +finden, hatte er nicht erwartet. Unschlüssig blieb er mitten im Zimmer +stehen und drehte seinen Hut krampfhaft in den Händen. „Ein höchst +verwickelter, unverständlicher Fall,“ sagte er endlich. + +„Meinen Sie, Lestrade?“ rief Gregson triumphierend, „das habe ich mir +wohl gedacht. Ist es Ihnen denn gelungen, den Aufenthalt des Sekretärs +Josef Stangerson zu entdecken?“ + +„Den Sekretär Stangerson,“ erwiderte Lestrade mit tiefem Ernst, „hat +man in Hallidays Privathotel heute früh gegen acht Uhr in seinem +Schlafzimmer ermordet gefunden.“ + + + + +Siebentes Kapitel. + +Es kommt Licht in das Dunkel. + + +Lestrades furchtbare Mitteilung kam uns so unerwartet, daß wir einige +Zeit brauchten, um uns von dem ersten Schrecken zu erholen. Gregson +war von seinem Sitz in die Höhe geschnellt, und ich starrte schweigend +auf Sherlock Holmes, der mit düster zusammengezogenen Brauen und fest +geschlossenen Lippen dasaß. + +„Stangerson gleichfalls,“ murmelte er endlich -- „der Fall wird +verwickelter.“ + +„Und war schon verwickelt genug,“ sagte Lestrade und nahm mißmutig am +Tische Platz. „Hier wurde wohl Kriegsrat gehalten?“ + +„Ist denn -- was Sie sagen -- aber auch ganz gewiß wahr?“ stammelte +Gregson. + +„Eben komme ich vom Schauplatz der That,“ lautete seines Kollegen +Antwort. „Ich war der Erste, welcher entdeckte, was sich zugetragen +hatte.“ + +Holmes sah ihn erwartungsvoll an. „Wir haben soeben Gregsons Ansicht +über den Fall gehört,“ äußerte er, „vielleicht wären Sie geneigt, uns +nun auch Ihre Erlebnisse und Thaten zu berichten?“ + +„Warum nicht?“ versetzte Lestrade; „ich gestehe offen, daß ich der +Meinung war, Stangerson müsse bei Drebbers Ermordung die Hand im +Spiele gehabt haben -- ein Irrtum, von dem ich durch das jüngste +Ereignis gründlich zurückgekommen bin. Vor allem wollte ich ermitteln, +was aus dem Sekretär geworden sei. Man hatte die beiden noch abends +um halb neun zusammen auf dem Eustoner Bahnhof gesehen. Um zwei Uhr +morgens war Drebbers Leiche in der Brixtonstraße aufgefunden worden. +Wo hatte sich Stangerson in der Zeit zwischen 8 Uhr 30 und der Stunde +des Verbrechens aufgehalten? -- das war die Frage. Ich telegraphierte +eine Personalbeschreibung des Mannes nach Liverpool, damit er sich +nicht heimlich auf einem amerikanischen Dampfer einschiffen könne. +Dann erkundigte ich mich nach ihm in allen Hotels und Privatpensionen +in der Nähe des Bahnhofs. Es schien mir wahrscheinlich, daß, wenn die +Reisegefährten sich aus irgend einem Grunde getrennt hätten, Stangerson +zur Nacht im nächsten Hotel einkehren und am andern Morgen Drebber +sicherlich wieder am Bahnhof erwarten würde.“ + +„Sie werden wohl vorher verabredet haben, an welchem Orte sie sich +treffen wollten,“ warf Holmes ein. + +„Wohl möglich,“ meinte Lestrade. „Nun also, den ganzen gestrigen +Abend brachte ich mit fruchtlosen Erkundigungen zu. Heute früh setzte +ich meine Nachforschungen beizeiten fort und kam gegen acht Uhr nach +Hallidays Privathotel in der kleinen Georgstraße. Auf meine Frage, +ob ein Herr Stangerson dort abgestiegen sei, erhielt ich sofort eine +bejahende Antwort. ‚Vermutlich sind Sie der Herr, auf den er schon seit +zwei Tagen wartet,‘ meinte der Portier. + +„‚Wo ist er jetzt?‘ fragte ich. + +„‚Oben in seinem Schlafzimmer; er wollte um neun Uhr geweckt sein.‘ + +„‚Ich möchte ihn sofort aufsuchen.‘ + +„Mit der Absicht, ihn ganz unvermutet zu überraschen, ließ ich mir von +dem Hausknecht das Zimmer zeigen. Es lag im zweiten Stock am Ende eines +engen Korridors. Nun stellen Sie sich aber mein Entsetzen vor, als ich, +bei der Thür angekommen, bemerkte, daß ein dünner, roter Strom über +die Schwelle rieselte und auf der andern Seite des Ganges eine kleine +Blutlache gebildet hatte. Der Hausknecht, der schon an der Treppe war, +kam auf meinen Schreckensruf zurückgestürzt, er wäre bei dem Anblick +fast umgesunken. Die Thür war von innen verschlossen, doch gelang es +unsern vereinten Kräften, sie aufzusprengen. Drinnen stand ein Fenster +offen, und dicht daneben lag zusammengesunken ein Mann im Nachtgewande. +Er mußte schon seit mehreren Stunden tot sein, denn seine Glieder waren +steif und kalt. Ein Dolchstich war ihm mitten durchs Herz gedrungen. +Nun hören Sie aber noch das Seltsamste von der ganzen Begebenheit: An +der Wand neben der Leiche stand geschrieben -- was glauben Sie wohl?“ -- + +„Das Wort ‚Rache‘ in Blutbuchstaben,“ sagte Sherlock Holmes, ohne sich +zu besinnen. Mir erstarrte das Blut in den Adern vor Entsetzen. + +„Das war es,“ flüsterte Lestrade, und seine Stimme bebte. Eine Weile +sprach keiner von uns ein Wort. Die methodische, und doch völlig +unbegreifliche Weise, auf die der unbekannte Mörder bei seinen +Missethaten verfuhr, erhöhte noch ihren schauerlichen Eindruck. Unter +den Greueln des Schlachtfeldes war ich kaltblütig geblieben, jetzt +zuckte mir jeder Nerv vor Erregung. + +„Der Verbrecher ist nicht unbemerkt entkommen,“ fuhr Lestrade fort. +„Ein Milchjunge, der vom Kuhstall nach der Hotelküche ging, sah, daß +an einem offenen Fenster des zweiten Stocks eine Leiter lehnte. Als er +sich verwundert noch einmal umblickte, kam gerade ein Mann die Leiter +herabgestiegen und zwar so ruhig und ohne jede verdächtige Hast, daß +der Junge glaubte, es müsse ein Arbeiter sein, der im Hotel etwas +auszubessern habe. Nach seiner Beschreibung war der Mann groß, rot im +Gesicht und mit einem langen Rock von bräunlicher Farbe bekleidet. +Er hat das Zimmer nicht unmittelbar nach der That verlassen, sondern +sich erst noch im Becken das Blut von den Händen gewaschen und sein +Dolchmesser sorgfältig an den Betttüchern abgewischt.“ + +Das Aeußere des Mannes war genau so, wie Holmes es früher beschrieben +hatte, doch war keine Spur von Triumph oder Genugthuung in den Zügen +meines Gefährten zu entdecken. „Haben Sie in dem Zimmer nichts +gefunden, was auf die Spur des Verbrechers leiten könnte?“ fragte er +begierig. + +„Nicht das geringste. Stangerson trug Drebbers Börse in der Tasche, +doch war das nicht auffällig, da er die Reiseausgaben zu bezahlen +pflegte. Sie enthielt etwa achtzig Pfund, die unberührt geblieben +waren. Auf eine Beraubung hatte man es offenbar nicht abgesehen. In den +Taschen des Ermordeten fanden sich weder Papiere noch Notizen, nur ein +Telegramm, das vor etwa einem Monat in Cleveland aufgegeben worden war +und lautete: ‚J. H. ist in Europa.‘ Der Name des Absenders stand nicht +dabei.“ + +„Und das war alles?“ + +„Alles Wichtige. Ein Roman, mit dem sich der Mann in den Schlaf +gelesen, lag auf dem Bett und seine Tabakspfeife daneben auf dem Stuhl. +Auf dem Tisch stand ein Glas Wasser und auf dem Fensterbrett ein +hölzernes Salbenschächtelchen, das mehrere Pillen enthielt.“ + +Mit einem Ausruf des Entzückens sprang Sherlock Holmes in die Höhe. + +„Das fehlende Glied,“ rief er. „Nun ist der letzte Zweifel gelöst.“ + +Die beiden Polizisten sahen einander sprachlos vor Erstaunen an. + +„Ich halte nunmehr alle scheinbar noch so verwirrten Fäden in meinen +Händen,“ sagte mein Gefährte zuversichtlich. „Einzelheiten sind +natürlich noch unerledigt, aber über die Hauptsache bin ich völlig +im klaren. Von der Zeit an, als Drebber sich von Stangerson trennte, +bis zum Augenblick, da des letzteren Leiche entdeckt wurde, weiß ich +alles, als hätte ich es mit eigenen Augen gesehen. Sie sollen sogleich +einen Beweis davon haben. Könnten Sie wohl die fraglichen Pillen +herbeischaffen?“ + +„Ich habe sie hier,“ versetzte Lestrade, ein Schächtelchen +hervorziehend, „ich nahm sie an mich, zugleich mit der Börse und dem +Telegramm, um sie der Polizei zu übergeben. Daß ich die Pillen nicht +stehen ließ, war der reinste Zufall, denn ich muß sagen, ich legte +ihnen keine Wichtigkeit bei.“ + +„Wissen Sie, Doktor,“ wandte sich Holmes zu mir, „ob das gewöhnliche +Pillen sind?“ + +Sie waren von perlgrauer Farbe, klein, rund und fast durchsichtig, wenn +man sie gegen das Licht hielt. „Nach ihrer Beschaffenheit sollte ich +meinen, daß sie sich in Wasser auflösen würden,“ bemerkte ich. + +„Das glaube ich auch,“ sagte Holmes erfreut. „Bitte,“ fuhr er fort, +„schaffen Sie doch einmal den kleinen kranken Dachshund herbei, der +schon lange in einem so traurigen Zustand ist, daß die Wirtin Sie noch +gestern bat, ihn von seinen Qualen zu erlösen.“ + +Ich brachte das altersschwache Tier in meinen Armen herauf und legte es +auf ein Fußkissen nieder, es atmete schwer und schien bereits in den +letzten Zügen. + +„Jetzt schneide ich eine dieser Pillen entzwei,“ sagte Holmes, sein +Taschenmesser herausziehend; „eine Hälfte bleibt zu späterer Verwendung +in der Schachtel, die andere thue ich mit einem Theelöffel voll Wasser +in dieses Weinglas. Sie sehen, der Doktor hat recht, sie löst sich +schon auf.“ + +„Das mag sehr interessant sein,“ ließ sich Lestrade in spöttischem Ton +vernehmen, „nur begreife ich nicht, was es mit Stangersons Tode zu thun +haben soll.“ + +„Geduld, mein Freund, Geduld; Sie werden es bald erfahren. Jetzt gieße +ich noch etwas Milch dazu, um es schmackhaft zu machen.“ + +Er hatte den Inhalt des Weinglases in einen Napf ausgeleert und der +Hund leckte die Flüssigkeit bereitwillig auf. Wir saßen schweigend im +Kreise und erwarteten eine überraschende Wirkung, welche, nach Holmes +wichtiger Miene zu urteilen, bald eintreten sollte. Aber es geschah +nichts dergleichen. Der Hund lag auf dem Kissen ausgestreckt, sein +Zustand war unverändert. + +Mein Freund hatte die Uhr herausgezogen, und wie eine Minute nach +der andern erfolglos verstrich, nahm sein Gesicht einen immer +kummervolleren Ausdruck an. Er preßte die Lippen zusammen, trommelte +mit den Fingern auf dem Tisch und verriet auf jede Weise die größte +Ungeduld. Seine Gemütsbewegung war so unverkennbar, daß er mir +aufrichtig leid that, während die beiden Polizisten schadenfroh +lächelten und ihm den offenbaren Mißerfolg von Herzen zu gönnen +schienen. + +„Es kann kein zufälliges Zusammentreffen sein,“ rief er endlich, vom +Stuhl aufspringend; „das ist unmöglich, völlig unmöglich. Die nämlichen +Pillen, deren Anwendung ich in Drebbers Fall vermutete, werden nach +Stangersons Tode wirklich gefunden -- und doch haben sie keine Wirkung. +Wie läßt sich das erklären? -- Daß meine ganze Schlußfolgerung falsch +gewesen sein soll, ist undenkbar. Aber der elenden Kreatur dort merkt +man gar nichts an.“ + +Er ging aufgeregt im Zimmer hin und her; plötzlich stieß er einen +Jubelruf aus: „Ich hab’s, ich hab’s!“ Er griff nach der Schachtel, +schnitt die andere Pille entzwei, löste sie auf, goß Milch dazu und +ließ sie von dem Hunde auflecken. Kaum hatte das arme Geschöpf sie mit +der Zunge berührt, als ein krampfhaftes Zucken durch seine Glieder +ging, dann lag es starr und leblos da, wie vom Blitz getroffen. + +Sherlock Holmes atmete tief auf und trocknete sich den Schweiß von +der Stirn. „Es war unrecht, daß ich mich so leicht irre machen ließ,“ +sagte er. „Wenn eine Thatsache durchaus nicht zu meinen Folgerungen +passen will, hat sich noch regelmäßig herausgestellt, daß es damit eine +besondere Bewandtnis hat. Eine der beiden Pillen enthielt das tödliche +Gift, die andere war völlig unschädlich. Das hätte ich wissen müssen, +bevor mir noch die Schachtel zu Gesicht kam.“ + +[Illustration] + +Wie seltsam mir auch seine letzte Behauptung klang, so lag doch +der tote Hund als bester Beweis für ihre Richtigkeit vor uns. Ganz +allmählich begannen sich die Nebel zu zerstreuen, die mir das +Verständnis verhüllten, und es dämmerte in mir eine Ahnung von dem +Zusammenhang der Dinge. + +„Das alles erscheint Ihnen nur deshalb so sonderbar,“ fuhr Holmes fort, +„weil Sie gleich zu Anfang die einzig richtige Spur, welche deutlich +vorlag, nicht erkannt haben. Ich hatte das Glück, von vornherein darauf +zu verfallen und alle späteren Ereignisse haben nur dazu gedient, mich +in meiner ursprünglichen Vermutung zu bestärken, sie waren die logische +Folge derselben. So kam es, daß alles, was den Fall in Ihren Augen +verdunkelte, mir neues Licht brachte und meine Annahmen bestätigte. +Außergewöhnliche Umstände bieten keineswegs immer die schwierigsten +Rätsel; vielmehr sind die scheinbar alltäglichsten Verbrechen oft am +geheimnisvollsten, weil wir ohne besondere Anhaltspunkte zu keinen +neuen Schlüssen gelangen können. Die Lösung unseres Falles würde sehr +fraglich sein, wenn man den Leichnam einfach auf der Straße gefunden +hätte. Die merkwürdigen Nebenumstände erschweren die Nachforschung +nicht, im Gegenteil, sie erleichtern dieselbe.“ + +Gregson hatte der langen Auseinandersetzung mit wachsender Ungeduld +zugehört; endlich bezwang er sich nicht länger. + +„Wir geben ja gern zu, Herr Holmes,“ sagte er, „daß Sie ein +ungewöhnlich schlauer Mensch sind und Ihr ganz besonderes Verfahren +haben. Aber mit Theorien kommt man hier nicht weit. Es handelt sich +darum, den Mörder festzunehmen. Was +ich+ in dieser Sache gethan habe, +scheint sich als Mißgriff herauszustellen, denn den zweiten Mord kann +der junge Charpentier nicht begangen haben. Lestrade seinerseits +glaubte jenem Stangerson nachspüren zu müssen und auch er war +augenscheinlich auf falscher Fährte. Nach Ihren Winken und Andeutungen +scheinen Sie mehr von der Sache zu wissen als wir. So gehen Sie doch +einmal heraus mit der Sprache, und sagen Sie uns, wer das Verbrechen +begangen hat.“ + +„Gregson hat ganz recht,“ nahm Lestrade das Wort. „Wir haben uns +bis jetzt beide vergeblich bemüht, dahinter zu kommen, und wenn Sie +wirklich, wie Sie behaupten, alle Beweise in Händen haben, so hoffe +ich, Sie werden nicht länger zögern, uns reinen Wein einzuschenken.“ + +„Das Wichtigste scheint mir doch, den Mörder unschädlich zu machen,“ +fiel ich ein, „damit er nicht noch mehr Unthaten begehen kann.“ + +So von allen Seiten gedrängt, schien Holmes unentschlossen, was er thun +solle. Mit gerunzelten Brauen, den Kopf auf die Brust gesenkt, schritt +er im Zimmer auf und ab, wie seine Gewohnheit war, wenn es eine große +Entscheidung galt. Plötzlich blieb er uns gegenüber stehen. + +„Es wird kein Mord mehr verübt werden, darüber können Sie außer Sorge +sein,“ sagte er mit Bestimmtheit. „Sie fragen mich nach dem Namen +des Verbrechers -- den kenne ich. Ja, was noch mehr ist, ich hoffe, +in kürzester Frist ihn selbst in die Hände zu bekommen. Alle meine +Vorkehrungen zu dem Zweck sind getroffen, aber die Ausführung erfordert +große Umsicht, denn wir haben es mit einem kühnen Menschen zu thun, +der zum Aeußersten entschlossen ist. Auch fehlt es ihm nicht an einem +Gehilfen, der ebenso verschlagen ist wie er selbst -- davon habe ich +Beweise. Solange der Mann nicht ahnt, daß man ihn beobachtet, ist +es möglich, seiner habhaft zu werden. Schöpfte er aber auch nur den +geringsten Argwohn, so würde er einen andern Namen annehmen und unter +den vier Millionen Einwohnern dieser großen Stadt spurlos verschwinden. +Ich möchte Sie beide nicht kränken, doch scheint mir, daß die Polizei +jenem Manne gegenüber machtlos ist. Ich habe Sie deshalb auch nicht um +Ihre Hilfe angegangen, und will lieber Tadel und Verantwortlichkeit +allein tragen, wenn die Sache mißlingt. Jedenfalls verspreche ich, +Ihnen Weiteres mitzuteilen, sobald ich überzeugt bin, daß meine Pläne +nicht mehr gefährdet werden können.“ + +Die beiden Polizisten schienen durch diese Versicherung nicht sehr +befriedigt und überhaupt wenig erbaut von dem abfälligen Urteil meines +Gefährten. Gregson wurde rot bis zu den Schläfen und Lestrades Augen +funkelten vor Aerger und Neugier. Sie fanden jedoch keine Zeit, ihrem +Herzen Luft zu machen, denn in diesem Augenblick klopfte es an der +Thür, und der Häuptling der zerlumpten Freiwilligenschar, der junge +Wiggins, erschien in höchsteigener, unansehnlicher Person. + +„Ich wollte nur melden, Herr,“ sagte er, eine stramme Haltung +annehmend, „daß ich die Droschke gebracht habe; sie hält unten.“ + +„Bravo,“ rief Holmes beifällig. Er holte ein Paar stählerne +Handschellen aus der Kommodenschublade. „Sehen Sie nur, wie die Feder +zuschnappt, in einem Augenblick sitzen sie fest. Warum führt man +eigentlich diese Sorte nicht bei der Polizei ein?“ + +„Das alte Muster erfüllt seine Zwecke gut genug,“ versetzte Lestrade; +„die Hauptsache bleibt immer, den Mann zu haben, dem man sie anlegen +soll.“ + +„Freilich, freilich,“ bestätigte Holmes lächelnd. „Höre Wiggins, bitte +doch einmal den Droschkenkutscher heraufzukommen, er soll mir bei dem +Gepäck behilflich sein.“ + +Es überraschte mich, daß mein Gefährte im Begriff schien, eine Reise +anzutreten, denn er hatte davon nichts gegen mich erwähnt. Im Zimmer +stand ein kleiner Handkoffer, den er jetzt hervorzog und zuzuschließen +begann. Er war noch damit beschäftigt und kniete am Boden, als der +Droschkenkutscher eintrat. „Können Sie mir vielleicht hier den Riemen +fester schnallen, Kutscher,“ sagte er, ohne den Kopf umzuwenden. + +Der Mensch trat verdrossen hinzu und streckte die Hände nach dem Riemen +aus. Man vernahm einen scharfen, metallenen Klang und im nächsten +Augenblick sprang Sherlock Holmes rasch in die Höhe. + +„Meine Herren,“ rief er mit blitzenden Augen, „hier stelle ich Ihnen +Jefferson Hope vor, den Mörder von Enoch Drebber und Joseph Stangerson.“ + +Alles war mit solcher Schnelligkeit vor sich gegangen, daß uns kaum +Zeit zur Besinnung blieb, doch erinnere ich mich deutlich an den +triumphierenden Ausdruck in Holmes’ Blick und Ton und an des Kutschers +verdutzte, ingrimmige Miene, mit der er die Handschellen betrachtete, +welche ihn wie durch Zauberkunst gefesselt hielten. + +Wir standen starr wie Bildsäulen, aber nur einen Augenblick, denn +plötzlich stieß der Gefangene einen Schrei wilder Wut aus, riß sich +mit gewaltiger Kraft von Holmes los und rannte nach dem Fenster; Glas +und Holzwerk brachen in tausend Splitter bei seinem mächtigen Anprall. +Noch ehe er sich jedoch hinausstürzen konnte, sprangen Lestrade, +Gregson und Holmes auf ihn, wie Jagdhunde auf ihre Beute; er ward ins +Zimmer zurückgezogen und nun entspann sich ein furchtbarer Kampf. +Wieder und immer wieder gelang es ihm, uns alle vier abzuschütteln; +mit der Riesenstärke eines Wahnsinnigen wehrte er sich gegen seine +Angreifer. Die zertrümmerten Fensterscheiben hatten ihm Gesicht und +Hände schrecklich verletzt, aber der Blutverlust schwächte seine +Widerstandskraft nicht. Erst als es Lestrade gelang, ihm von hinten die +Hand in den Halskragen zu stecken und ihn fast zu erwürgen, sah er ein, +daß jeder weitere Versuch, uns zu entrinnen, vergeblich sein würde. Der +Sicherheit halber banden wir ihn noch an den Füßen und konnten nun erst +wieder zu Atem kommen. + +„Seine Droschke steht noch unten, wir wollen sie gleich benützen, um +ihn auf die Polizei zu bringen,“ sagte Sherlock Holmes. „Und nun, +meine Herren,“ fuhr er fort, „bin ich bereit, alle Ihre Fragen zu +beantworten. Mein kleines Geheimnis ist enthüllt, und Sie brauchen +nicht zu fürchten, daß ich Ihnen die gewünschte Auskunft verweigere.“ + +[Illustration] + + + + +Im Lande der Heiligen. + + + + +Achtes Kapitel. + +Auf der großen Alkali-Ebene. + + +Im Innern des Festlandes von Nordamerika liegt eine dürre, unwirtliche +Wüstengegend, die sich Jahrhunderte lang als ein unübersteigliches +Hemmnis für jeden Fortschritt der Zivilisation erwiesen hat. Diese +große Einöde, welche der Yellowstonefluß im Norden, der Colorado im +Süden begrenzt, dehnt sich von der Sierra Nevada bis Nebraska in +schauerlichem Todesschweigen aus. Es herrscht zwar auch hier keine +Einförmigkeit in der Natur -- hohe Schneeberge wechseln mit düstern +Thalgründen, reißende Ströme stürzen durch zerklüftete Bergschluchten, +die endlosen Ebenen, die der Winter in ungeheure Schneefelder +verwandelt, sind im Sommer unter einer grauen Decke von salzigem +Alkalistaub begraben -- doch eine schrecklichere, trostlosere Gegend +findet sich nirgends. + +Dies Land des Grauens ist menschenleer. Einzelne Scharen von Pawnees +oder Schwarzfuß-Indianern durchstreifen es wohl, um andere Jagdgründe +aufzusuchen, aber selbst die tapfersten Rothäute frohlocken, wenn die +gefürchteten Salzebenen hinter ihnen liegen und sie wieder über ihre +geliebte Steppe schweifen. Hier lauert nur der Coyote im Gestrüpp, der +Bussard fliegt schwerfällig durch die Luft und der täppische graue +Bär sucht in den dunkeln Schluchten der Felsengebirge seine kärgliche +Nahrung. Dies sind die einzigen Bewohner der schauerlichen Wüste. + +Eine trübseligere Aussicht findet man auf Erden nicht, als den Blick +von den nördlichen Höhen der Sierra Blanca. Soweit das Auge reicht, +nichts als die endlose, flache Ebene, hier und da ein verkrüppeltes +Chapparal-Gebüsch und Haufen von Alkalistaub, der die ganze Gegend +bedeckt. Am fernsten Horizont zieht sich eine Gebirgskette hin, deren +zerklüftete Gipfel mit Schnee bedeckt sind. Meist ist kein lebendiges +Wesen zu erblicken, kein Laut unterbricht die fürchterliche Stille, +starres, totes Schweigen herrscht rings umher. + +Mitten in der Wüste aber gewahrt man, in der weiten Ferne sich +verlierend, eine Karawanenstraße. Manches Fuhrwerk hat dort tiefe +Räderspuren im Boden zurückgelassen, viele Glücksjäger haben mit +wanderndem Fuß das Erdreich festgetreten. Hier und da glänzt etwas +Weißes in der Sonne und hebt sich grell von der grauen Alkalischicht +ab. Wir betrachten es näher und erkennen, daß es Gebeine sind +-- die derberen sind Knochen von Zugstieren, die feineren von +Menschen. Fünfzehnhundert Meilen lang läßt sich diese Totenstraße +an den irdischen Ueberresten derjenigen verfolgen, die hier am Wege +niedergesunken sind. + +Dies war der Ausblick, der sich am vierten Mai des Jahres 1847 einem +einsamen Wanderer darbot, welcher von einer kleinen Anhöhe ins Thal +hinabsah. Ob der Mann ein Vierziger oder Sechziger war, ließ sich +schwer entscheiden. Sein eingefallenes, abgezehrtes Gesicht, die +vorstehenden Backenknochen, die braune runzlige Haut, das lange, +wie mit weißen Fäden durchzogene Haupt- und Barthaar, gaben ihm das +Ansehen eines hinfälligen Greises. Seine Augen, die mit unnatürlichem +Glanz funkelten, lagen tief in den Höhlen, die Hand, welche die +Flinte hielt, war dürr und abgemagert wie bei einem Gerippe, seine +Kleider schlotterten ihm am Leibe. Und doch, wie er so dastand, +auf die Waffe gelehnt, ließ seine hohe, starkknochige Gestalt auf +eine zähe, urkräftige Natur schließen. Das hagere Gesicht, die +zusammengeschrumpften Glieder, verrieten nur zu deutlich den Grund +seines verfallenen Aussehens. Der Mann war dem Tode nahe -- er kam +langsam um vor Hunger und Durst. + +Mühselig hatte er sich in die Schlucht hinuntergeschleppt und den +Hügel hinauf, in der vergeblichen Hoffnung, irgend ein Anzeichen zu +entdecken, daß Wasser in der Nähe sei. Jetzt lag die große Salzwüste +vor ihm, von der fernen Bergkette eingerahmt, rings umher weder Baum +noch Kraut, keine Spur einer Feuchtigkeit. Er schaute nach Norden, nach +Osten und Westen mit gierigen Blicken, aber wie weit sich das Land +auch dehnte, nirgends war für ihn ein Schimmer von Hoffnung. Nun sah +er ein, daß seine Wanderung ihr Ende erreicht habe, und er hier auf +der öden Klippe seine Todesstunde erwarten müsse. „Ob jetzt auf hartem +Stein, oder zwanzig Jahre später im weichen Bett -- es macht wenig +Unterschied,“ murmelte er, sich an die Felswand lehnend. + +Ehe er sich niedersetzte, hatte er zuvor seine Flinte auf den Boden +gelegt und daneben ein großes Bündel, das er in einem grauen Shawl +eingeknüpft über der rechten Schulter getragen. Das Bündel schien +zu schwer für seine geschwächten Kräfte und fiel etwas unsanft zur +Erde, als er es abnahm. Da ließ sich ein leiser Schmerzensschrei +vernehmen und aus der grauen Umhüllung kam ein erschrecktes Gesichtchen +mit hellen, braunen Augen zum Vorschein und zwei niedliche, kleine +Fäustchen. + +„Du hast mir wehgethan,“ klagte eine Kinderstimme in vorwurfsvollem Ton. + +„Wirklich?“ erwiderte der Mann bedauernd, „das thut mir leid.“ Dabei +knüpfte er das Bündel auf, und heraus sprang ein etwa fünfjähriges +Mädchen, dessen zierliche Schuhe, rosa Röckchen und weißleinenes +Schürzchen auf mütterliche Sorgfalt deuteten. Die Kleine war bleich und +mager, doch ließen die rundlichen Aermchen und Beinchen erkennen, daß +sie weniger Mangel gelitten hatte, als ihr Gefährte. + +„Ist’s denn noch nicht wieder gut?“ fragte er ängstlich, als sie sich +noch immer das goldgelbe Lockenhaar auf dem Hinterkopf rieb. + +„Gieb mir einen Kuß drauf, dann wird es heil,“ versetzte sie ernsthaft, +auf die schmerzende Stelle zeigend. „So macht es meine Mutter immer. Wo +ist denn Mama?“ + +„Fortgegangen. Aber du wirst sie bald wiedersehen, glaube ich.“ + +„Fort -- sagst du?“ rief die Kleine. „Na, so was -- sonst ging sie nie +zur Tante ’rüber, ohne erst ‚B’hüt Gott‘ zu sagen -- und jetzt ist +sie schon drei Tage weg. -- Mir ist so trocken im Munde. Hast du kein +Wasser oder etwas zu essen?“ + +„Nein, Herzchen, es ist nichts da. Hab nur noch ein Weilchen Geduld, +dann wird alles gut. Leg dein Köpfchen auf meine Schulter, so, nun +ist’s schon besser. Mir klebt die Zunge am Gaumen, daß ich kaum +sprechen kann, aber ich muß dir doch sagen, wie die Sachen stehen. Was +hast du denn da in der Hand?“ + +„So was Hübsches, das glänzt und funkelt,“ rief die Kleine, entzückt +zwei Stückchen Glimmerschiefer emporhaltend. „Wenn wir heimkommen, +bring ich sie Bruder Bertel mit.“ + +„Du wirst bald schöneres Spielzeug kriegen,“ sagte der Mann +zuversichtlich, „wart’ nur noch ein wenig. Aber, was ich dir sagen +wollte -- weißt du noch, wie wir vom Fluß fortzogen?“ + +„Freilich.“ + +„Siehst du, wir glaubten, es käme bald ein anderer Fluß -- aber er +kam nicht. Ich weiß nicht, waren die Karten falsch oder der Kompaß, +oder woran lag es. Das Wasser ging uns aus; nur für dich war noch ein +Tröpfchen da -- und --“ + +„Du konntest dich gar nicht waschen,“ sagte sie, ihm ernsthaft in das +dunkle Gesicht blickend. + +„Nein, und auch nicht trinken. Herr Bender sank zuerst um, und dann +der Indianerpeter, dann Frau Gregor, dann Johanny Hones, und dann, +Herzchen, auch deine Mutter.“ + +„Ist Mutter auch tot?“ Die Kleine verbarg ihr Gesichtchen in der +Schürze und schluchzte bitterlich. + +„Ja, alle außer uns beiden. Ich hoffte, in dieser Richtung würde Wasser +zu finden sein, so lud ich dich denn auf die Schulter und wanderte fort +mit dir. Aber es hat nichts genützt und jetzt weiß ich keine Hilfe +mehr.“ + +Das Kind hörte plötzlich auf zu weinen. + +„Du meinst, wir werden auch sterben?“ fragte es, die nassen Augen zu +ihm aufschlagend. + +„Dazu wird’s wohl kommen.“ + +„Warum hast du denn das nicht gleich gesagt?“ rief die Kleine, und +lachte hell auf. „Du hast mich so erschreckt. Natürlich kommen wir +wieder zur Mutter, wenn wir sterben.“ + +„Du gewiß, Herzchen.“ + +„Und du auch. Ich will ihr sagen, wie schrecklich gut du gewesen bist. +Sie kommt uns gewiß am Himmelsthor entgegen mit einem großen Krug +Wasser und frisch gebackenen Buchweizenkuchen, heiß und knusperig, wie +sie Bertel und ich gern haben. Wie lange müssen wir noch warten?“ + +„Ich weiß nicht -- nur kurze Zeit.“ Der Blick des Mannes war nach dem +nördlichen Horizont zugewendet, wo in der blauen Luft drei dunkle +Punkte schwebten, die jeden Augenblick an Umfang zunahmen. Jetzt +erkannte man, daß es drei große Vögel mit braunem Gefieder waren, die +über den Häuptern der Wanderer kreisten und sich dann auf den nächsten +Felsspitzen niederließen. Es waren Bussarde, die Geier des Westens und +Vorboten des Todes. + +Die Kleine klatschte in die Hände. „Die können aber schön fliegen,“ +rief sie fröhlich. „Sag mal, hat denn der liebe Gott dies Land gemacht?“ + +„Versteht sich,“ erwiderte ihr Gefährte, verwundert über die Frage. + +„Er hat Illinois gemacht und Missouri, das weiß ich,“ fuhr das Kind +fort. „Aber diese Gegend ist lange nicht so hübsch, die hat gewiß +jemand anders geschaffen und dabei das Wasser und die Bäume vergessen.“ + +„Willst du nicht jetzt dein Gebet sagen?“ -- Die Stimme des Mannes +zitterte. + +„Soll ich? -- Es ist ja noch nicht Abend.“ + +„Das thut nichts. Wenn’s auch nicht die richtige Zeit ist, glaub’ nur, +Gott hört dich doch. Sag’ dein Nachtgebet her, wie jeden Abend im +Wagen, als wir über die Prairie fuhren.“ + +„Warum betest du denn nicht selbst?“ fragte die Kleine verwundert zu +ihm aufschauend. + +[Illustration] + +„Ich weiß nicht mehr wie -- es ist so lange her, seit ich’s gethan, ich +hab’ die Worte vergessen. Sag’ du sie mir vor und ich bete mit -- noch +ist’s nicht zu spät.“ + +„Dann mußt du niederknieen und ich auch,“ sagte sie, und breitete den +Shawl auf die Erde. „Du mußt auch die Hände falten -- so -- du wirst +sehen, wie gut das thut.“ + +Neben einander knieten sie am Boden, das kleine plaudernde Kind und der +wetterharte Wanderer. Ihr Unschuldsblick und sein abgezehrtes Antlitz +waren nach oben gerichtet, zu dem wolkenlosen Himmel. Vor Gottes +Angesicht flehten sie um Gnade und Vergebung. Der Ton seiner tiefen, +rauhen Stimme mischte sich in den hellen Klang der ihrigen. Nachdem das +Gebet gesprochen war, nahmen sie wieder Platz im Schatten der Felswand +und bald schlummerte die Kleine sanft ein, an die breite Brust ihres +Beschützers geschmiegt. Seit drei Tagen und Nächten hatte er sich +weder Ruhe noch Rast gegönnt, auch jetzt wollte er bei ihr wachen, +aber die Natur forderte ihr Recht. Langsam fielen ihm die müden Augen +zu, das Haupt sank ihm auf die Brust, sein grauer Bart mischte sich +mit den blonden Locken des Kindes und beide lagen zusammen in tiefem, +traumlosem Schlummer da. + +Wäre der Wanderer noch eine halbe Stunde länger wach geblieben, er +hätte ein seltsames Schauspiel erblickt. An dem äußersten Rande der +großen Alkaliwüste stieg eine Staubwolke auf, die sich zuerst kaum von +dem Dunst der Ferne unterschied, bis sie allmählich höher und breiter +wurde und eine dichte, undurchsichtige Masse bildete. Die Wolke wuchs +und wuchs, bis kein Zweifel mehr war, daß sie nur durch eine ungeheure +sich bewegende Menge Menschen oder Tiere entstanden sein könne. Auf der +Prairie würde man geglaubt haben, eine der großen Büffelherden, die +dort grasen, sei im Anzug, aber hier, in dieser dürren Wüstengegend, +war an dergleichen nicht zu denken. Immer näher an die einsame +Felswand, wo die beiden Verschmachtenden ruhten, kam der Staubwirbel +herangezogen; jetzt unterschied man Fuhrwerke mit leinenem Verdeck, und +die Gestalten bewaffneter Reiter tauchten aus dem Dunst hervor. Es war +eine Karawane, die nach dem Westen wanderte. Welch ein gewaltiger Zug! +-- Als die Spitze desselben das Gebirge erreicht hatte, war am Horizont +das Ende noch nicht abzusehen. Quer durch die weite Ebene erstreckte +sich die lange Linie von Wagen und Karren, Reitern und Fußgängern. +Große Scharen von Frauen schwankten daher unter Lasten, die sie trugen, +und Kinder trabten neben den Fuhrwerken oder guckten unter der weißen +Leinwand hervor. Das konnte kein Trupp gewöhnlicher Auswanderer sein, +es war ein ganzes Nomadenvolk, welches Not oder Verfolgung zwang, sich +eine neue Heimat zu suchen. Lautes Stimmengewirr und Getöse erhob sich +aus der Menschenmenge, dazwischen knarrten die Räder und die Rosse +wieherten. Aber die beiden müden Wanderer oben am Felsenabhang weckte +der Lärm nicht auf. + +An der Spitze der Kolonne ritten etwa zwanzig ernste Männer mit +eisenharten Zügen. Sie waren mit Flinten bewaffnet und in grobe Stoffe +gekleidet. Am Fuß der Felswand machten sie Halt und versammelten sich +zu einem Kriegsrat. + +„Die Quellen liegen zur Rechten, meine Brüder,“ sagte ein Mann mit +glattem Gesicht und kurz geschorenem, grauem Haupthaar. + +„Ja, rechts von der Sierra Blanca -- das ist auch der Weg nach dem Rio +Grande,“ versetzte ein anderer. + +„Fürchtet keinen Mangel!“ rief ein Dritter. „Der Herr ließ einst Wasser +aus dem Felsen fließen; er wird seine Auserwählten auch jetzt nicht +verlassen.“ + +„Amen, Amen!“ fiel die ganze Schar ein. Eben wollten sie die Wanderung +fortsetzen, als einer der Jüngsten einen Ruf der Überraschung ausstieß +und nach einer Felsklippe deutete, auf welcher sein scharfes Auge etwas +Rotes flattern sah, das sich grell von dem dunkeln Gestein abhob. +Wie auf Kommando faßten alle die Zügel ihrer Rosse fester und nahmen +die Gewehre von der Schulter. Auch galoppierten von hinten neue +Reiterscharen herbei, um den Vortrab zu verstärken. „Die Rothäute!“ +schallte es aus aller Munde. + +„Es können keine Indianer hier in der Nähe sein,“ sagte der ältere +Mann, welcher den Oberbefehl zu haben schien. An den Pawnees sind wir +schon vorbeigekommen und andere Stämme giebt es hier nicht, bis wir +jenseits der hohen Berge sind.“ + +„Ich will hinaufsteigen, Bruder Stangerson,“ schlug einer aus der Schar +vor, „und nachsehen, was es bedeutet.“ + +„Ich auch -- ich auch,“ riefen mehrere Stimmen. + +„Laßt eure Pferde unten, wir wollen hier auf euch warten,“ gebot der +Alte. Schnell stiegen die jungen Männer ab, banden ihre Pferde fest und +kletterten die steile Anhöhe hinauf, rasch und geräuschlos, mit der +Sicherheit und Geschicklichkeit geübter Kundschafter. Die Leute in der +Ebene sahen ihre Gestalten, die sich klar gegen den Himmel abhoben, von +Fels zu Fels aufwärts steigen. Jetzt hatten sie die Stelle erreicht. Es +mußte wohl ein seltsamer Anblick sein, der sich ihnen bot -- sie hoben +ihre Arme in die Höhe und gaben auch sonst durch allerlei Zeichen die +höchste Verwunderung zu erkennen. + +Auf der Platte, die den Gipfel des kahlen Hügels krönte, erhob sich +ein einziger Felskegel; an diesem lehnte ein Mann mit langem Bart und +verwittertem Gesicht; seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge zeigten, +daß er in festem Schlafe lag. Neben ihm aber, die Ärmchen um seinen +braunen, sehnigen Hals geschlungen, den goldenen Lockenkopf an seine +Brust gebettet, ruhte ein schlummerndes Kind. Die rosigen Lippen der +Kleinen waren halb geöffnet, und um ihre lieblichen Züge spielte ein +friedliches Lächeln. + +Drei Raubvögel, die auf der Felsenspitze über ihnen gesessen hatten, +flogen erschreckt auf, als sie der neuen Ankömmlinge ansichtig wurden. +Ihr heiseres Geschrei weckte die Schläfer, die verwirrt um sich +blickten. Der Mann richtete sich schlaftrunken auf und starrte in die +Ebene hinunter, die noch vor kurzem so verödet gewesen war und auf der +es jetzt wimmelte von Menschen und Tieren. „Ein Fieberwahn,“ murmelte +er, die Hand an die Stirn legend. Das Kind stand neben ihm, hielt sich +an seinem Rock fest und sah mit großen, verwunderten Augen umher. + +Den Rettern gelang es schnell, die beiden Wanderer zu überzeugen, daß, +was sie sahen, keine Täuschung ihrer Sinne, sondern Wirklichkeit sei. +Einer der jungen Leute hob das kleine Mädchen auf seine Schulter, +während zwei andere ihrem hageren Gefährten stützend unter die Arme +griffen. + +[Illustration] + +„Mein Name ist John Ferrier,“ sagte der Gerettete; „ich und die Kleine +hier, wir sind die einzig Ueberlebenden von einundzwanzig Personen. +Alle übrigen sind auf dem Wege vom Süden her vor Hunger und Durst +verschmachtet.“ + +„Ist es Ihr Kind?“ fragten die, welche ihn führten. + +„Ja, mir gehört es,“ rief er mit entschlossener Miene, „ich habe es +gerettet. Von heute an heißt die Kleine Lucy Ferrier und niemand, außer +mir, hat ein Recht an sie. -- Wer seid denn aber ihr?“ fuhr er fort, +seine mannhaften, sonnverbrannten Retter neugierig betrachtend, „das +sind ja ganz endlose Schwärme, die da herangezogen kommen.“ + +„Fast zehntausend,“ versetzte einer der jungen Leute. „Wir sind die +verfolgten Kinder Gottes, die Auserwählten des Engels Merona.“ + +„Von dem habe ich noch nie gehört,“ meinte der Wanderer. „Eine schöne +Masse Menschen hat er auserwählt.“ + +„Scherze nicht über heilige Dinge,“ sagte der andere streng. „Du +siehst vor dir das Volk, welches an die geoffenbarten Schriften +glaubt, die auf goldenen Tafeln dem heiligen Josef Smith in Palmyra +übergeben wurden. Im Staate Illinois in Nauvoo hatten wir unsern +Tempel gegründet. Jetzt sind wir ausgezogen, um vor den gottlosen und +gewaltthätigen Menschen eine neue Zufluchtsstätte zu suchen, und wenn +es auch mitten in der Wüste wäre.“ + +Die Erwähnung von Nauvoo schien bei John Ferrier eine Erinnerung zu +wecken. „O, jetzt verstehe ich,“ rief er, „seid ihr nicht die Mormonen?“ + +„Jawohl, die Mormonen sind wir,“ riefen alle einstimmig. + +„Und wohin geht ihr?“ + +„Das wissen wir nicht. Die Hand Gottes führt uns durch unsern +Propheten. Wir bringen euch zu ihm; er muß entscheiden, was mit euch +geschehen soll.“ + +Sie hatten inzwischen den Fuß des Hügels erreicht, wo die Pilger sie +umdrängten -- bleiche Frauen mit demütiger Miene, muntere, kräftige +Kinder und ernste Männer. Die große Jugend des Mädchens und die +völlige Erschöpfung ihres Begleiters entlockte der Menge Ausrufe der +Verwunderung und des Mitleids. Von neugierigen Scharen geleitet, +schritten die Führer der Geretteten unverweilt vorwärts, bis sie einen +Wagen erreichten, der sich durch besondere Größe und prächtige Zierate +vor allen andern auszeichnete. Auch war er mit sechs Pferden bespannt, +während die andern nur zwei oder höchstens vier hatten. Auf dem +Wagen saß ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit gewaltigem Haupt und +entschlossenem Blick -- der Führer des Volkes. Er las in einem Buch mit +braunem Einband, das er bei dem Herannahen der Menge beiseite legte, +um dem Bericht über das Ereignis ein aufmerksames Ohr zu leihen. Dann +wandte er sich in feierlichem Ton an die beiden Wanderer. + +„Wenn wir euch mit uns nehmen sollen,“ sagte er, „so müßt ihr auch +unsern Glauben bekennen. Wir dulden keine Wölfe in unserer Hürde. +Weit besser, eure Gebeine bleichen hier in der Wüste, als daß ihr wie +räudige Schafe die Ansteckung in die ganze Herde traget. Wollt ihr +unter dieser Bedingung mit uns ziehen?“ + +„Ich ziehe mit, unter jeder Bedingung, die ihr stellt,“ rief Ferrier +mit solchem Eifer, daß die Ältesten ein Lächeln nicht unterdrücken +konnten. Der Anführer allein bewahrte sein ernstes, feierliches Wesen. + +„Nimm ihn mit, Bruder Stangerson,“ befahl er, „gieb ihm Speise und +Trank, dem Kinde auch. Es soll deine Aufgabe sein, ihn in unserer +heiligen Lehre zu unterweisen. -- Doch jetzt haben wir lange genug +gezögert. Vorwärts. Auf nach Zion!“ + +„Auf, nach Zion!“ riefen die Mormonen im Chor, und der Ruf pflanzte +sich in der langen Karawane von Mund zu Mund fort, bis nur noch ein +dumpfes Gemurmel aus der Ferne herüberklang. Die Peitschen knallten, +die Räder der großen Fuhrwerke setzten sich in Bewegung und bald zog +die ungeheure Schar wieder ihres Weges dahin. Der Aelteste, der die +Sorge für die beiden Verirrten übernommen hatte, führte sie zu seinem +Wagen, wo ihrer schon eine Mahlzeit wartete. + +„Ihr dürft hier bleiben,“ sagte er. „In wenigen Tagen werdet ihr euch +von euren Anstrengungen erholt haben. Vergeßt aber nicht, daß ihr euch +von jetzt an zu den Bekennern unseres Glaubens zählt. Brigham Young hat +es gesagt und aus ihm hat die Stimme Josef Smiths geredet, welche die +Stimme Gottes ist.“ + + + + +Neuntes Kapitel + +Die Blume von Utah. + + +Dies ist nicht der Ort, um die Drangsale und Beschwerden zu schildern, +welche die ausgewanderten Mormonen zu erdulden hatten, bevor sie ihren +neuen Zufluchtshafen erreichten. Von den Ufern des Mississippi waren +sie nach den westlichen Abhängen des Felsengebirges gezogen, und +hatten dabei eine Ausdauer und Zähigkeit bewiesen, die einzig in der +Geschichte dasteht. Gegen reißende Tiere und feindliche Wilde, gegen +allerlei Mühsal, Krankheit, Hunger, Durst und jedes Hindernis, das die +Elemente ihnen in den Weg legten, hatten sie siegreich gestritten, +obwohl unter den Schrecknissen der langen Wanderung auch dem Mutigsten +bange ums Herz geworden sein mochte. Als endlich das weite Thal von +Utah im Sonnenschein zu ihren Füßen ausgebreitet lag, und sie aus +dem Munde des Führers vernahmen, daß es das Land der Verheißung sei, +der jungfräuliche Boden, welcher ihnen auf ewige Zeiten zu eigen +gehören solle, da gab es wohl keinen unter der großen Schar, der nicht +freudig auf die Knie gesunken wäre, um ein Dankgebet für seine Rettung +emporzusenden. + +Brigham Young zeigte bald in der Verwaltung der Ländereien ebensoviel +Geschick, als er bei der Führung des Volkes bewiesen. Er ließ +Vermessungen vornehmen und Pläne entwerfen, auf welchen die künftige +Stadt verzeichnet war. Ringsumher wurde Ackerland abgesteckt und jedem, +ohne Rücksicht auf Rang und Stand, zugeteilt. Der Arbeiter erhielt +Beschäftigung in seinem Handwerk, der Handelsmann in seinem Gewerbe. +In der Stadt entstanden wie durch Zauberschlag Straßen und Plätze; +auf dem Lande wurden Bäume gefällt, Wiesen entwässert, eingezäunt +und bepflanzt, so daß schon im nächsten Sommer der goldene Weizen +auf den Feldern wogte. Alles gedieh in der wunderbaren Ansiedlung. +Mitten in der Stadt wurde der große Tempel erbaut, welcher einen +immer erstaunlicheren Umfang annahm. Vom ersten Morgengrauen bis zur +sinkenden Dämmerung waren dort Hammer und Säge unermüdlich beschäftigt, +denn es galt ja, ein Denkmal zu errichten zu Ehren dessen, der sie +durch alle Gefahren sicher geleitet hatte. + +John Ferrier und seine kleine Schicksalsgefährtin, die er an +Kindesstatt angenommen, hatten die Mormonen bis ans Ende ihrer +Pilgerfahrt begleitet. Die kleine Lucy war unterwegs keinen allzugroßen +Fährlichkeiten ausgesetzt gewesen. Sie durfte den Zug in dem Wagen +des Aeltesten Stangerson mitmachen, in welchem sich außer ihr noch die +drei Frauen des Mormonen befanden und sein Sohn, ein eigenwilliges, +zwölfjähriges Bürschchen. Mit leichtem Kindersinn hatte sie sich +schnell von dem Kummer erholt, den ihr der Mutter Tod bereitet. Sie +wurde der Liebling der Frauen und gewöhnte sich bald an das neue +Leben unter dem beweglichen Leinwandzelt. Auch Ferrier erholte sich +nach kurzer Zeit von den ausgestandenen Beschwerden; er wußte sich +als erfahrener Führer und unermüdlicher Jäger seinen neuen Gefährten +nützlich zu machen und ihre Achtung zu erwerben. Als man das Ziel der +Wanderung endlich erreicht hatte, wurde ihm ein ebenso großes und +fruchtbares Ackerland zugewiesen wie allen übrigen Ansiedlern. Außer +Brigham Young selbst erhielten nur die vier Hauptältesten Stangerson, +Kemball, Johnston und Drebber ansehnlichere Besitztümer. + +Auf dem ihm zugefallenen Strich Landes baute sich John Ferrier ein +festes Blockhaus, das er im Laufe der Jahre vergrößerte, bis es ein +geräumiger Landsitz wurde. Er war eine durchaus praktische Natur, +geschickt zu jedem Handgriff, klug und besonnen in allem, was er +unternahm. Eine eiserne Gesundheit setzte ihn in den Stand, von früh +bis spät thätig zu sein beim Anbau seines Grund und Bodens. Dieser +angestrengte Fleiß brachte ihm reichliche Früchte, und sein Hab und Gut +mehrte sich zusehends. + +Nach Ablauf von drei Jahren besaß er mehr als seine Nachbarn, nach +sechs Jahren war er wohlhabend, nach neun Jahren reich, und als zwölf +Jahre um waren, gab es in der ganzen Stadt am Salzsee kaum ein Dutzend +Leute, die sich mit ihm vergleichen konnten. Von dem großen Binnensee +bis zu dem Wahsatch-Gebirge kannte und schätzte man John Ferriers Namen +allgemein. + +Einen Punkt gab es jedoch, in welchem er den Anforderungen seiner +Glaubensbrüder nicht genügte. Kein Drängen und keine Ueberredungskunst +konnte ihn bewegen, sich einen weiblichen Hausstand nach Art seiner +Gefährten einzurichten. Er gab für seine hartnäckige Weigerung keine +Gründe an, sondern begnügte sich damit, unerschütterlich bei seinem +Entschluß zu verharren. Manche beschuldigten ihn deshalb der Lauheit +gegen die Religionsgemeinschaft, der er beigetreten war, andere +meinten, er handle aus Habgier und wünsche die Kosten zu sparen. +Wieder andere sprachen von einer früheren Liebesgeschichte, und +sagten, er habe im Osten ein blondes Mädchen zurückgelassen, das er +nicht vergessen könne. +Eins+ nur war sicher -- Ferrier blieb ein für +allemal unvermählt. In jeder andern Hinsicht unterwarf er sich aber den +herrschenden Gebräuchen und galt für ein strenggläubiges Mitglied der +jungen Ansiedlung. + +Lucy Ferrier wuchs in dem Blockhaus auf und half ihrem Pflegevater bei +allen seinen Unternehmungen. Das Kind gedieh in der scharfen Bergluft +und den balsamischen Fichtenwäldern besser, als wenn es die Pflege der +besorgtesten Mutter und Wärterin genossen hätte. Wie die Jahre flohen, +wurde ihre Gestalt schlanker und kräftiger, ihre Wangen röteten sich, +ihr Schritt gewann an Elastizität; allmählich und unmerklich hatte sich +die Knospe zur Blume entfaltet. Mancher Wanderer, den sein Weg auf +der Landstraße an Ferriers Besitztum vorbeiführte, sah dem anmutigen +Mädchen mit Wohlgefallen nach, wenn sie durch die Weizenfelder schritt +oder auf ihres Vaters Mustang einhergeritten kam, den sie leicht und +sicher zu regieren verstand, wie ein echtes Kind des Westens. + +Zur Zeit, als John Ferrier für den reichsten Farmer an den westlichen +Abhängen des Felsengebirges galt, war Lucy zur Jungfrau erblüht; +unversehens hatte sie die Schwelle der Kindheit überschritten, und +nun kam auch für sie der Tag, an dem sie das Erwachen eines neuen, +schöneren Lebens in ihrem Innern mit Stolz und Freude empfand. Ein +Ereignis trat ein, das nicht nur für Lucys Zukunft von den wichtigsten +Folgen war, sondern auch auf das Schicksal vieler anderer einen +entscheidenden Einfluß übte. + +An einem warmen Junimorgen waren die ‚Heiligen des Jüngsten Tages‘ nach +ihrer Gewohnheit geschäftig wie die Bienen, die sie sich zum Vorbild +erwählt haben. Ueberall auf den Feldern und in den Werkstätten vernahm +man das Gewirr und Gesumme menschlicher Thätigkeit. Auch auf den +staubigen Landstraßen herrschte ein buntes Leben; dort trabten lange +Züge schwerbeladener Maultiere einher, die alle nach dem Westen zogen, +denn das Goldfieber war in Kalifornien ausgebrochen und wer zu Lande +dorthin wollte, den führte sein Weg an der Stadt ‚der Auserwählten‘ +vorbei. Zugleich mit den Scharen dieser Einwanderer, die sich mit ihren +ermatteten Tieren mühsam weiter schleppten auf der endlosen Fahrt, +begegnete man großen Herden von Schafen und Jungvieh, welche die ferner +gelegenen Weideplätze verlassen hatten. + +Auf der Straße war ein dichtes Gedränge von Menschen und Tieren +entstanden, aber mitten durch das Gewühl hindurch galoppierte Lucy +Ferrier, sich als geschickte Reiterin einen Weg bahnend; ihre Wangen +waren gerötet von der raschen Bewegung, ihre kastanienbraunen Locken +flogen im Winde. Der Vater hatte sie mit einem Auftrag nach der +Stadt geschickt, und sie jagte in jugendlichem Mute, wie sie schon +so oft gethan, furchtlos dahin, um ihn auszurichten. Mehr als einer +der wegemüden Abenteurer blickte dem kühnen Mädchen bewundernd nach; +ja, selbst der stoische Indianer, der mit seinem erbeuteten Pelzwerk +beladen heimkehrte, ward von Staunen ergriffen über die Schönheit des +lieblichen Bleichgesichts. + +[Illustration] + +Schon hatte Lucy die ersten Häuser der Stadt erreicht, als eine große +Rinderherde, die in der Hut ihrer wildblickenden Treiber von der +Steppe daherzog, ihr plötzlich den Weg versperrte. Ungeduldig über +dies Hindernis, sprengte sie in die erste beste Lücke hinein, die sich +zu öffnen schien. Kaum aber hatte sie das gethan, als die gehörnten +Scharen hinter ihr nachdrängten und sie sich mit ihrem Pferde fest +eingekeilt sah in dem unaufhaltsam vorwärts flutenden Strome. Ohne +über ihre Lage zu erschrecken, benutzte sie geschickt jeden Vorteil, +der sich ihr bot, um weiter zu kommen, und trieb ihr Pferd an, in +der Hoffnung, sich einen Weg durch die Herde zu bahnen. Dabei geriet +jedoch ein junger, feuriger Stier in allzu nahe Berührung mit dem +Mustang und stieß seine Hörner in dessen Weichen. Das Pferd ward +wild, stieg auf die Hinterbeine, schnaubte und schüttelte sich mit +solcher Heftigkeit, daß Lucy ihre ganze Kunst anwenden mußte, um sich +im Sattel zu halten. Die Gefahr, in der sie schwebte, war groß, bei +jedem Sprunge stieß das Pferd wieder gegen die spitzigen Hörner und +wurde zu neuer Wut gereizt. Wenn es seine Reiterin abwarf, wäre diese +ohne Erbarmen von den Hufen der ungefügen, erschreckten Stiere zu Tode +getreten worden. Der aufgewirbelte Staub drohte sie zu ersticken, +ein Schwindel ergriff sie, und schon begann ihre Hand, die den Zügel +hielt, zu erlahmen. Die Kraft würde ihr versagt haben, wenn nicht in +diesem Augenblick ein herzhafter Zuruf dicht neben ihr sie mit neuem +Mut erfüllt hätte. Eine braune, sehnige Faust ergriff den Mustang beim +Zaume und machte ihm Bahn mitten durch die Herde, bis er wieder freien +Spielraum vor sich sah und sich ungehindert bewegen konnte. + +„Ich hoffe, Sie haben keinen Schaden genommen, Fräulein,“ sagte Lucys +Retter in ehrfurchtsvollem Ton. + +Sie sah ihm beherzt in das dunkle, kühne Antlitz und erwiderte +unbefangen. „Einen furchtbaren Schrecken habe ich gehabt, wer hätte +auch denken können, Poncho würde sich von einer Herde Ochsen ins +Bockshorn jagen lassen.“ + +„Gottlob, daß Sie sich fest im Sattel hielten,“ sagte der andere +ernst. Er war ein junger Bursche von kräftigem Gliederbau und etwas +verwildertem Aeußern, trug ein grobes Jägerwams, eine lange Büchse über +der Schulter und ritt auf einem mächtigen Braunfuchs. + +„Sie sind wohl John Ferriers Tochter,“ fuhr er fort, „ich sah Sie unten +von seinem Hause wegreiten. Fragen Sie ihn doch einmal, ob er sich noch +an Jefferson Hope aus St. Louis erinnert. Wenn er der Ferrier ist, den +ich meine, müssen mein Vater und er gute Freunde gewesen sein.“ + +„Wollen Sie nicht lieber kommen und ihn selbst danach fragen?“ +entgegnete sie mit freundlicher Miene. + +Dem jungen Manne schien der Vorschlag zu behagen, seine dunklen Augen +glänzten vor Vergnügen. „Das will ich thun,“ sagte er; „ich bin zwar +jetzt mit meinen Kameraden zwei Monate im Gebirge gewesen, da sehen wir +nicht gerade besuchsmäßig aus, vielleicht nimmt Herr Ferrier aber mit +uns fürlieb wie wir sind.“ + +„Mein Vater ist Ihnen großen Dank schuldig,“ erwiderte sie, „und ich +gleichfalls. Er hat mich sehr lieb, und wenn mich die Tiere zu Boden +getreten hätten, wäre er nie wieder froh geworden.“ + +„Ich auch nicht,“ versicherte der Jäger. + +„Sie? -- Ja, was sollten Sie sich denn groß darum kümmern? Sie gehören +ja nicht einmal zu unsern Freunden.“ + +Die Miene des jungen Mannes verfinsterte sich so sichtlich, als Lucy +Ferrier diese Aeußerung that, daß sie hell auflachte. + +„Nein, so meine ich das nicht; natürlich sind Sie jetzt ein Freund +unseres Hauses. Kommen Sie nur recht bald uns zu besuchen. Doch ich muß +weiter, sonst läßt mich Vater nie wieder ein Geschäft für ihn besorgen. +Auf Wiedersehen!“ + +„Auf Wiedersehen,“ sagte er, sich über ihre kleine Hand beugend, und +nahm seinen breiten Sombrero ab. Sie ließ ihren Mustang eine kühne +Schwenkung machen, versetzte ihm einen leichten Schlag mit der Peitsche +und flog davon, die Landstraße hinunter, eine hohe Staubwolke hinter +sich aufwirbelnd. + +Der junge Jefferson Hope ritt mit seinen Gefährten langsam und +schweigend weiter. Sie waren im Gebirge von Nevada gewesen, um nach +Silber zu suchen, und kamen jetzt in die Salzseestadt zurück, mit der +Hoffnung, dort ein Kapital zusammenzubringen, um die Erzgänge ausbeuten +zu können, welche sie entdeckt hatten. Er war voll Eifer für das +Unternehmen gewesen, bis das heutige Erlebnis seinen Gedanken eine +andere Richtung gab. Der Anblick des schönen jungen Mädchens, das so +frisch und frei war wie die Luft im Gebirge, hatte sein ungestümes, +leidenschaftliches Herz bis in die innersten Tiefen erregt. Als sie +ihm aus den Blicken entschwunden war, wußte er, daß ein Wendepunkt in +seinem Leben eingetreten sei, und daß weder die Silbermine noch sonst +etwas auf der Welt für ihn von Bedeutung war, neben dem neuen, ihn ganz +beherrschenden Gefühl. Die Liebe, die in seinem Innern erwachte, glich +nicht der plötzlichen und veränderlichen Laune eines Knaben, es war die +wilde, unbezwingbare Leidenschaft eines Mannes von stolzem Sinn und +starkem Willen. Alles was er bisher unternommen hatte, war von Erfolg +gekrönt gewesen. In seinem Herzen gelobte er sich, auch dies höchste +Gut zu erringen, wenn es für sein feuriges Streben irgend erreichbar +war. + +Noch am selben Abend besuchte er John Ferrier und ward seitdem ein +häufig gesehener Gast in seinem Hause. Der alte Farmer war in den +letzten zwölf Jahren ausschließlich mit seiner Arbeit beschäftigt +gewesen und hatte sich wenig um die Außenwelt gekümmert. Durch +Jefferson Hope erhielt er nun Kunde von dem, was sich draußen +zugetragen, und alles, was dieser erzählte, zog Lucy ebenso sehr an, +wie ihren Vater. Der junge Mann war als Pionier nach Kalifornien +gegangen und wußte seltsame Dinge davon zu berichten, wie Reichtümer +gewonnen und wieder verloren wurden in jenen Tagen wilder Begierde. +Auch Pfadfinder war er gewesen und Pelzjäger, Silbergräber und +Landwirt. Wo es galt, kühne Abenteuer zu bestehen, war Jefferson Hope +überall als einer der ersten zu finden. Der alte John Ferrier, dem er +bald lieb und wert wurde, ergriff jede Gelegenheit, um Gutes von ihm +zu reden und ihm Lob zu spenden. Lucy schwieg dann meist still, aber +ihre glühenden Wangen und hellen, glückstrahlenden Augen verrieten nur +zu deutlich, daß die Liebe in ihrem Herzen Einzug gehalten hatte. Ihr +wackerer Vater gewahrte vielleicht nichts von solchen Anzeichen, aber +dem Manne, welcher das holde Mädchen für sich zu gewinnen trachtete, +blieben sie nicht verborgen. + +An einem Sommerabend stand Lucy auf der Schwelle des Hauses und sah +Jefferson die Straße herabreiten und am Gitterthor halten. Als sie die +Stufen hinunter eilte, um ihn zu begrüßen, band er rasch sein Pferd an +den Zaun, und kam ihr auf dem Fußsteig entgegen. + +„Ich muß fort, Lucy,“ sagte er, ihre Hand ergreifend und ihr zärtlich +ins Auge blickend. „Ich will dich nicht bitten, mir schon jetzt +zu folgen, wirst du aber bereit sein, mit mir zu ziehen, wenn ich +zurückkehre?“ + +[Illustration] + +„Und wann wird das sein?“ fragte sie mit freudigem Erröten. + +„In einigen Monaten. Dann komme ich, Geliebte, und bitte um deine Hand.“ + +„Was wird aber der Vater sagen?“ + +„Er hat seine Einwilligung gegeben, wenn es uns mit den Silberminen +glückt. Davor ist mir nicht bange.“ + +„Nun, wenn ihr darüber eines Sinnes seid, der Vater und du, so darf ich +keinen Einspruch erheben,“ flüsterte sie und barg ihre glühenden Wangen +an seiner starken Brust. + +„Gottlob!“ rief er beglückt, und drückte ihr einen innigen Kuß auf die +Lippen, „soweit ist alles gut. Lebe wohl, mein Herz, ich darf nicht +länger bleiben, sonst wird mir das Scheiden zu schwer. Die Kameraden +warten auf mich in der Bergschlucht. In zwei Monaten sehen wir uns +wieder. Lebe wohl!“ + +Er riß sich aus ihrer Umarmung, sprang in den Sattel und trabte mit +Windeseile davon. Nicht einen Blick warf er noch zurück, als fürchte +er, die Kraft möchte ihm versagen, wenn er sich noch einmal umschaute +nach dem Glück, welches er verließ. Sie blieb am Gitterthor stehen und +sah ihm nach, bis er ihren Augen entschwunden war. Dann kehrte sie ins +Haus zurück. Ein glückseligeres Mädchen als Lucy Ferrier gab es in +jenem Abend in ganz Utah nicht. + + + + +Zehntes Kapitel. + +John Ferrier spricht mit dem Propheten. + + +Drei Wochen waren vergangen, seit Jefferson Hope mit seinen Gefährten +die Salzseestadt verlassen hatte. Bei dem Gedanken an seine Rückkunft +und den Abschied von der geliebten Pflegetochter wollte John +Ferrier das Herz wohl oft schwer werden; aber ein Blick in ihre +glückstrahlenden Augen ließ ihn das eigene Leid vergessen. Er hatte von +jeher fest bei sich beschlossen, daß ihn nichts in der Welt bewegen +sollte, sein Kind einem Mormonen zur Frau zu geben, weil er eine solche +Ehe als Schmach und Schande ansah. Was er auch sonst über die Lehren +der Mormonen denken mochte, in diesem +einen+ Punkt war er unbeugsam. +Doch hütete er sich wohl, etwas von seiner abweichenden Ueberzeugung +verlauten zu lassen, denn im Lande der Heiligen galt es damals für ein +gefährliches Ding, andere, als die strenggläubigsten Meinungen zu hegen. + +Selbst die Frömmsten wagten es nur mit der größten Vorsicht, über +religiöse Angelegenheiten zu reden, aus Furcht, eins ihrer Worte +möchte falsch ausgelegt werden und ein schnelles Strafgericht über +sie heraufbeschwören. Die ehemaligen Opfer der Verfolgung waren +jetzt selbst zu Verfolgern geworden und betrieben ihr Handwerk +auf entsetzliche Art. Weder die spanischen Inquisitoren, noch die +Vehmgerichte des Mittelalters oder die geheimen Gesellschaften +Italiens, besaßen je eine so furchtbare Gewalt, wie sie hier in Utah +herrschte und die Gemüter mit Angst und Grauen erfüllte. + +Daß diese Herrschaft eine so unsichtbare und geheimnisvolle war, machte +sie noch gefürchteter. Sie schien allwissend und allmächtig, und doch +war nichts von ihr zu sehen und zu hören. Ein Gemeindeglied, das +sich dem Willen der Kirche nicht fügte, verschwand spurlos, ohne daß +irgend jemand erfuhr, was aus ihm geworden sei. Daheim warteten die +Seinigen auf den Vater, aber er kehrte nicht zu Weib und Kind zurück, +um zu erzählen, was das heimliche Gericht über ihn verhängt habe. Auf +ein rasches Wort, eine vielleicht unbedachte That folgte oft Tod und +Vernichtung, aber niemand wußte, wann das Verhängnis über ihm schwebte +oder wessen Hand die Strafe vollzog. + +Anfangs sahen sich nur die Abtrünnigen bedroht, welche den Glauben +der Mormonen bekannt hatten, sich aber später von ihnen loszumachen +strebten. Dies ward jedoch bald anders. Um die Vielweiberei aufrecht zu +erhalten, bedurfte man einer zahlreichen weiblichen Bevölkerung und +der Zuzug von Frauen begann abzunehmen. Es gingen seltsame Gerüchte um, +daß Einwanderer auf dem Zuge ermordet worden seien und ihre Lagerplätze +ausgeplündert, in Gegenden, wohin keine Indianer je den Fuß gesetzt +hatten. Zur selben Zeit sah man in den Harems der Aeltesten fremde +Frauen auftauchen, welche trostlos weinten und dahinsiechten, im +Antlitz den Ausdruck untilgbaren Entsetzens. + +Verspätete Wanderer im Gebirge erzählten von Banden bewaffneter und +vermummter Gestalten, die geräuschlos und verstohlen im Dunkel an ihnen +vorübergehuscht waren. Die zuerst unbestimmten Gerüchte traten bald in +greifbarer Form und mit größerer Gewißheit auf; sie wurden von allen +Seiten bestätigt und geglaubt. Bis auf den heutigen Tag spricht man +in den abgelegenen Farmhäusern des Westens noch mit Grausen von den +Danitischen Banden, die im Volksmunde auch ‚Würgengel‘ genannt wurden. + +Je mehr man von dem Walten dieser Schrecklichen erfuhr, um so größer +ward das Entsetzen vor ihnen in den Gemütern. Man wußte nicht, wer zu +der greuelvollen Gesellschaft gehörte; die Namen derer, welche unter +dem Deckmantel der Religion ihre blutigen Gewaltthaten verübten, +blieben in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Dem besten Freunde +selbst durfte man seine etwaigen Zweifel an der Sendung des Propheten +nicht anvertrauen, denn leicht konnte er zu der Zahl der Rächer +gehören, welche in nächtlichem Graus Vergeltung zu üben kamen. So +mißtraute denn ein Nachbar dem andern und keiner wagte von den Dingen +zu reden, die ihm vor allem am Herzen lagen. -- + + +Eines Morgens wollte sich John Ferrier gerade zu einem Gang durch +seine Weizenfelder rüsten, als er die Gitterthür gehen hörte und einen +starken, blondhaarigen Mann mittleren Alters den Fußweg heraufkommen +sah. Er erschrak heftig, denn es war niemand anderes als der große +Brigham Young in eigener Person. Voll böser Ahnungen, denn er wußte +wohl, daß ein solcher Besuch nichts Gutes für ihn zu bedeuten habe, +eilte Ferrier dem Oberhaupt der Mormonen entgegen. Brigham Young nahm +seine ehrerbietige Begrüßung mit Kälte auf und folgte ihm schweigend +ins Wohnzimmer. + +„Bruder Ferrier,“ sagte er, mit strenger Miene Platz nehmend, und warf +unter seinen hellfarbenen Augenbrauen hervor einen durchdringenden +Blick auf den alten Farmer, „die wahren Gläubigen haben dir treue +Freundschaft erwiesen. Als du nahe daran warst, in der Wüste zu +verschmachten, nahmen wir dich auf in unsere Mitte, labten dich mit +Trank und Speise und führten dich sicher in das Land der Verheißung; +dort gaben wir dir ein schönes Ackerland und ließen dich reich werden +in unserm Schutz. Ist es nicht, wie ich sage?“ + +„Ja, so ist es,“ bestätigte Ferrier. + +„Zum Dank für alle Wohlthaten stellten wir nur die +eine+ Bedingung, +daß du den wahren Glauben annehmen und dich unsern Sitten und +Gebräuchen unterwerfen solltest. Du gelobtest dies zu thun; aber, wenn +wir recht berichtet sind, hast du dein Versprechen nicht gehalten.“ + +„Worin habe ich denn gefehlt?“ rief Ferrier. „Habe ich nicht in die +gemeinsame Kasse gesteuert? Habe ich nicht die Versammlungen im Tempel +besucht? Habe ich nicht --“ + +„Wo sind deine Frauen?“ fragte Young, sich umblickend. „Rufe sie +herbei, daß ich sie begrüßen kann.“ + +„Es ist wahr,“ versetzte der Farmer, „ich habe nicht geheiratet. +Aber es war nur eine geringe Anzahl Frauen vorhanden und andere +Gemeindeglieder hatten bessere Ansprüche als ich. Auch lebte ich nicht +einsam; meine Tochter sorgte für meine Notdurft.“ + +„Gerade deine Tochter ist es, von der ich mit dir reden möchte,“ +sagte der Führer der Mormonen. „Sie ist zur Blume von Utah erblüht +und Männer, die in hohem Ansehen unter uns stehen, haben ein Auge des +Wohlgefallens auf sie geworfen.“ + +John Ferrier gingen die Worte wie ein schneidendes Schwert durchs Herz. + +„Man erzählt von ihr, was ich nur ungern wiederhole -- daß sie sich +einem Ungläubigen versiegelt hat. Es muß wohl ein Geschwätz müßiger +Zungen sein, denn -- wie lautet die dreizehnte Regel im Gesetz Josef +Smiths, des Heiligen? -- ‚Eine Tochter, die sich zum wahren Glauben +bekennt, darf nur mit einem der Auserwählten in die Ehe treten. +Heiratet sie einen Ungläubigen, so macht sie sich einer schweren +Sünde schuldig.‘ Es ist nicht möglich, daß du, als Anhänger unserer +heiligen Lehre, deiner Tochter gestattet haben solltest, dies Gebot zu +übertreten.“ + +John Ferrier gab keine Antwort, er atmete schwer. + +„Im heiligen Rat der Vier ist beschlossen worden, daß dieser eine Punkt +zum Prüfstein für deinen Glauben dienen soll,“ fuhr der Prophet fort. +„Das Mädchen ist jung, wir wollen sie nicht einem Graubart vermählen, +und ihr sogar die Wahl lassen. Wir, die Aeltesten, sind bereits wohl +versehen, aber wir müssen auch für unsere Kinder sorgen. Stangerson +und Drebber haben Söhne und jeder von ihnen würde deine Tochter mit +Freuden in seinem Hause willkommen heißen. Sie soll sich für einen von +ihnen entscheiden. Beide sind jung, reich und bekennen sich zu dem +wahren Glauben. Was hast du darauf zu erwidern?“ + +Ferrier zog die Stirn in düstere Falten und schwieg eine Weile. + +„Ihr werdet uns Zeit lassen,“ sagte er endlich. „Meine Tochter ist sehr +jung -- noch kaum in heiratsfähigem Alter.“ + +„Sie soll einen Monat Bedenkzeit haben,“ sagte Young von seinem Sitz +aufstehend. „Ist diese Frist zu Ende, so erwarten wir ihre Antwort.“ + +In der Thür wandte er sich noch einmal zurück; sein Gesicht war +gerötet, seine Augen funkelten. „Wenn jetzt dein und ihr Gebein im +Wüstenstaub bei der Sierra Blanca moderte,“ rief er mit Donnerstimme, +„es wäre weit besser für dich, John Ferrier, und für sie, als wenn ihr +in eurer Ohnmacht wagen solltet, dem Befehl des heiligen Rats der Vier +zu trotzen.“ + +Er erhob die Hand mit drohender Gebärde, dann verließ er das Haus und +man hörte den Kies auf dem Fußweg unter seinen Tritten knirschen. + +Ferrier saß noch in trübem Sinnen, den Kopf in die Hand gestützt, +als er sich leise an der Schulter berührt fühlte. Er blickte auf und +sah Lucy neben sich stehen. Ihr bleiches, verstörtes Gesicht ließ ihm +keinen Zweifel, daß sie wußte, was geschehen war. + +[Illustration] + +„Ich konnte nicht anders,“ flüsterte sie voll Bangigkeit, „ich habe +alles gehört -- seine Stimme schallte durch das ganze Haus. O Vater, +Vater -- was sollen wir thun?“ + +„Sei ohne Furcht,“ sagte er, sie an sich ziehend, und ließ seine +breite, rauhe Hand zärtlich über ihr braunes Haar gleiten. „Irgendwie +wollen wir’s schon einrichten. Du hängst doch wohl nach wie vor an +deinem Verlobten, nicht wahr?“ + +Sie schluchzte nur leise und drückte ihm die Hand. + +„Ich hab’ mir’s gleich gedacht; so ein hübscher Bursche und ein +ordentlicher Christenmensch obendrein; denn das ist hier keiner von +allen, trotz ihrer vielen Gebete und Predigten. -- Morgen reist eine +Gesellschaft nach Nevada ab, da werde ich zusehen, daß ich ihm eine +Botschaft schicken kann, um ihn wissen zu lassen, in welcher Not wir +stecken. Wenn er dann nicht hier ist, wie der Wind, müßte ich mich sehr +in dem jungen Mann getäuscht haben.“ + +Lucy lächelte unter Thränen. „Wenn er kommt, wird er uns zu raten und +zu helfen wissen,“ sagte sie zuversichtlich. „Aber ich ängstige mich +deinetwegen, Väterchen. Man hört so schreckliche Dinge erzählen, wie es +denen ergeht, die sich dem Willen des Propheten widersetzt haben.“ + +„Aber wir haben das noch gar nicht gethan,“ entgegnete der Alte, „und +brauchen uns vorläufig nicht zu fürchten. Noch haben wir einen ganzen +Monat vor uns und ehe der zu Ende geht, werden wir gut thun, Utah den +Rücken zu kehren.“ + +„Was wird denn aber aus deinem Besitztum?“ + +„Wir machen zu Geld, was wir können, und lassen das Uebrige zurück. +Ich will dir nur offen gestehen, Lucy, daß ich schon längst mit diesem +Gedanken umgehe. Ich mag vor keinem Menschen zu Kreuze kriechen, wie +die Leute hier vor ihrem verwünschten Propheten. Als freier Mann bin +ich geboren und kann mich in diese Art nicht mehr finden -- ich bin +wohl zu alt dazu. Er soll sich hüten, mir noch einmal ins Gehege +zu kommen, sonst hat er eine Ladung Schrot im Leibe, ehe er sich’s +versieht.“ + +„Sie werden uns aber nicht fortlassen wollen,“ warf Lucy ängstlich ein. + +„Dafür laß mich nur sorgen, wenn Jefferson kommt. Beruhige dich jetzt, +mein Herzchen, und weine dir nicht die Augen rot, sonst macht er mir +Vorwürfe, wenn er dich sieht. Uns droht keinerlei Gefahr, und du +brauchst nichts zu fürchten.“ + +John Ferrier sprach diese tröstlichen Worte mit großer Zuversicht, doch +konnte Lucy nicht umhin, zu bemerken, wie vorsichtig er alle Thüren zur +Nacht verschloß und verriegelte, nachdem er zuvor die alte, rostige +Jagdflinte, welche für gewöhnlich an der Wand seines Schlafzimmers +hing, aufs sorgfältigste gereinigt und geladen hatte. + + + + +Elftes Kapitel. + +Eine Flucht auf Leben und Tod. + + +Am Morgen nach seiner Unterredung mit dem Propheten begab sich John +Ferrier nach der Salzseestadt, suchte dort seinen Bekannten auf, +welcher im Begriff stand, ins Gebirge von Nevada zu reisen, und +vertraute ihm die Botschaft für Jefferson Hope an. Er hatte dem jungen +Manne geschrieben, von welcher furchtbaren Gefahr sie bedroht seien und +ihn aufgefordert, unverzüglich zurückzukehren. Nachdem dies geschehen +war, ging er erleichterten Herzens heim. + +Als er sich seinem Hause näherte, sah er mit Verwunderung, daß an jedem +der Thürpfosten ein Pferd angebunden stand. Im Wohnzimmer aber traf er +zwei junge Männer, die sich höchst behaglich zu fühlen schienen. Der +eine, mit hageren, blassen Zügen, lag im Armstuhl ausgestreckt, die +Füße auf dem niedrigen Ofen. Der andere, ein Mensch mit aufgedunsenem, +gemeinem Gesicht und einem Stiernacken, stand, die Hände in den +Taschen, am Fenster und pfiff eine Melodie. Beide nickten Ferrier +vertraulich zu, und der junge Mensch im Armstuhl begann das Gespräch. + +„Sie kennen uns vielleicht nicht,“ sagte er. „Dies hier ist der Sohn +des Aeltesten Drebber und ich bin Josef Stangerson, der mit im Zuge +war, als der Herr in der Wüste seine Hand ausstreckte, um Sie mit der +Herde der Gläubigen zu vereinen.“ + +„Wie er alle Völker versammeln wird zu seiner Zeit!“ fiel der andere +mit schnarrender Stimme ein. „Seine Mühlen mahlen langsam, aber sicher.“ + +John Ferrier verbeugte sich kühl; er hatte sich schon denken können, +wer die Besucher waren. + +„Wir kommen auf den Rat unserer Väter,“ fuhr Stangerson fort, „und +werben um die Hand Ihrer Tochter für denjenigen von uns beiden, welcher +Ihnen und ihr am meisten zusagt. Da ich nur vier Frauen habe und Bruder +Drebber hier deren sieben besitzt, so scheint mir, daß ich den nächsten +Anspruch habe.“ + +„Bewahre, Bruder Stangerson,“ rief der andere; „es handelt sich nicht +darum, wie viele Frauen man hat, sondern wie viele man ernähren kann. +Mein Vater hat mir jetzt die Fabriken übergeben, und ich bin reicher +als du.“ + +„Aber ich habe bessere Aussichten,“ erwiderte jener eifrig. „Wenn der +Herr meinen Vater zu sich nimmt, bekomme ich die Lohgerberei und die +Lederfabrik. Auch bin ich älter als du und mein Ansehen in der Kirche +ist größer.“ + +„Das Mädchen soll zwischen uns entscheiden,“ entgegnete der junge +Drebber, sich wohlgefällig im Spiegel betrachtend; „wir wollen es ihr +ganz überlassen.“ + +Während dieses Zwiegesprächs stand John Ferrier schäumend vor Wut an +der Thür. Es zuckte ihm in allen Fingern, seine Reitpeitsche auf den +Rücken der beiden Bewerber niedersausen zu lassen. + +„Hört einmal,“ sagte er endlich, auf sie zuschreitend, „wenn meine +Tochter euch rufen läßt, mögt ihr kommen; bis dahin bitte ich mir aus, +daß ihr mir den Anblick eurer Gesichter erspart!“ + +Die jungen Mormonen starrten ihn in maßlosem Erstaunen an. In ihren +Augen war dieser Wettbewerb um die Hand des Mädchens die höchste Ehre, +welche sie Vater und Tochter erweisen konnten. + +„Es giebt zwei verschiedene Ausgänge aus diesem Zimmer,“ fuhr Ferrier +zornglühend fort, „einen durch die Thür, den anderen durch das Fenster. +Ihr habt die Wahl.“ + +Seine Miene war so drohend und seine hagern Hände schienen so +eisenstark, daß die beiden unwillkommenen Besucher eilig aufsprangen +und den Rückzug antraten. Der alte Mann folgte ihnen bis zur Thür. + +„Sobald ihr untereinander ausgemacht habt, wer es sein soll, laßt +mich’s wissen,“ rief er ihnen höhnisch nach. + +„Dafür sollt Ihr büßen,“ schrie Stangerson bleich vor Erregung. „Ihr +habt dem Propheten getrotzt und dem hohen Rat der Vier -- das sollt Ihr +bereuen bis an Euer Lebensende.“ + +„Die Hand des Herrn werdet Ihr fühlen,“ stimmte der junge Drebber ein. +„Er wird wider Euch aufstehen und Euch schlagen.“ + +„Mit dem Schlagen kann es gleich seinen Anfang nehmen,“ rief Ferrier +zornbebend. Er wollte die Flinte von der Wand reißen, aber Lucy war +herzugeeilt und fiel ihm in den Arm. Bevor er sich noch von ihr +losmachen konnte, tönte schallender Hufschlag und die Flüchtlinge waren +außer seinem Bereich. + +„Die jungen heuchlerischen Schurken,“ murmelte er voll Ingrimm; „weit +lieber möchte ich dich im Grabe sehen, mein Herzenskind, als daß dich +einer von ihnen als sein Weib heimführte.“ + +„Ja Vater, -- lieber sterben!“ erwiderte sie entschlossen. „Doch bald +wird Jefferson hier sein.“ + +„Freilich -- und je früher er kommt, desto besser ist es. Wer kann +wissen, was jene gegen uns im Schilde führen.“ + +Es war in der That hohe Zeit, daß ein kluger Ratgeber und Helfer dem +wackern alten Ferrier und seiner Tochter in ihrer Not beistand. Seit +der Gründung der Niederlassung war ein solches Beispiel von Ungehorsam +und Widersetzlichkeit gegen die Befehle der Aeltesten noch niemals +vorgekommen. Wenn schon kleine Vergehen mit unnachsichtiger Strenge +bestraft wurden, welches Schicksal erwartete dann diesen Erzrebellen? +Ferrier wußte, daß weder sein Reichtum noch seine Stellung ihn schützen +würde. Leute, die über ebenso große Mittel verfügten und in nicht +geringerem Ansehen standen wie er, waren schon spurlos verschwunden und +ihre Güter der Kirche anheimgefallen. Der tapfere Mann hätte sich jeder +offenen Gefahr kühn entgegengestellt, aber das düstere unheimliche +Verhängnis, das über ihm schwebte, erschütterte seine starke Seele und +flößte ihm Grauen ein. Zwar verbarg er seine Furcht vor der Tochter und +that, als lege er der ganzen Sache nicht viel Wert bei, allein, mit dem +scharfen Auge der Liebe erkannte Lucy nur zu deutlich die Unruhe in +seinem Gemüt. + +Nach dem, was vorgefallen war, mußte er sich darauf gefaßt machen, von +Young wegen seines Benehmens eine Rüge oder Warnung zu erhalten. Die +Botschaft traf auch wirklich ein, aber sie kam auf eine ihm völlig +unerwartete Weise. Als er am nächsten Morgen erwachte, fand er auf der +Bettdecke gerade über seiner Brust einen kleinen viereckigen Zettel +angesteckt, auf welchem mit großen deutlichen Buchstaben die Worte +standen: „Neunundzwanzig Tage sind dir zur Sühne gewährt, und dann -- +--“ + +Jede Drohung wäre weniger furchtbar gewesen als der beängstigende +Gedankenstrich. John Ferrier zerbrach sich vergebens den Kopf, wie der +Zettel in sein Zimmer gekommen sein könne, denn das Gesinde schlief in +einem Nebenbau und er hatte mit eigener Hand alle Fenster und Thüren +wohl verwahrt und verschlossen. Er vernichtete das Papier und sagte +seiner Tochter nichts von dem Vorfall, aber ihn schauderte doch, wenn +er daran dachte. Die neunundzwanzig Tage waren offenbar der Rest des +Monats, den Brigham Young ihm zugesagt hatte. Was vermochten aller Mut +und alle Kraft gegen einen Feind auszurichten, der so geheimnisvolle +Hilfsmittel besaß? Die Hand, welche jenen Zettel befestigte, hätte +ihn ebenso gut ins Herz treffen können und kein Mensch würde jemals +erfahren haben, wer ihn erschlagen. + +Am folgenden Morgen wurde er noch heftiger erschüttert. Sie +saßen zusammen beim Frühstück, als Lucy plötzlich einen Schrei +der Ueberraschung ausstieß und nach oben blickte. Mitten auf der +Zimmerdecke stand in schwarzer Schrift die Zahl 28. Seine Tochter +wußte nicht, was das zu bedeuten habe und er klärte sie nicht auf. +Die folgende Nacht hindurch saß Ferrier mit der geladenen Flinte da +und hielt Wache. Alles blieb still, er vernahm keinen Laut, aber am +nächsten Morgen fand er die Zahl 27 auf seiner Hausthür angeschrieben. + +So verging ein Tag nach dem andern und jeder neue Morgen brachte ihm +Kunde, daß seine unsichtbaren Feinde ihre Rechnung weiter führten. +An irgend einer Stelle, die ihm ins Auge fallen mußte, hatten sie +die Anzahl der Tage verzeichnet, die ihm noch von der Gnadenfrist +übrig blieb. Bald tauchten die verhängnisvollen Nummern an den +Wänden auf, bald auf dem Fußboden, manchmal standen sie auf kleinen +Anschlagzetteln, die an dem Gartenthor oder den Gitterstäben befestigt +waren. Trotz aller Wachsamkeit konnte Ferrier nicht entdecken, +woher diese täglichen Mahnzeichen kamen und er empfand ein fast +abergläubisches Grauen, so oft er eine neue Zahl gewahrte. Er kam sich +vor wie ein gehetztes Wild, eine verzehrende Unruhe ergriff ihn und wer +in seinem Auge zu lesen verstand, konnte sehen, welche Qualen er litt. +Nur der Gedanke, daß der junge Jäger jetzt bald aus Nevada eintreffen +müsse, hielt ihn noch aufrecht. + +Aus 20 war 15, aus 15 war 10 geworden, aber noch traf keine Nachricht +von dem fernen Freunde ein. Immer kleiner ward die Zahl der noch +übrigen Tage und Jefferson ließ sich nicht blicken. Vernahm man einen +Hufschlag oder kam ein Fuhrmann des Weges gefahren, so eilte der alte +Farmer an das Thor, weil er glaubte, daß die ersehnte Hilfe da sei. +Erst als auf die 5 die 4 folgte und aus dieser eine 3 wurde, sank ihm +der Mut, und er gab jede Hoffnung verloren. + +Wenig vertraut mit Weg und Steg in den Gebirgen, welche die Ansiedlung +umgaben, konnte er, auf sich allein angewiesen, die Rettung nicht +ins Werk setzen; alle bekannten Pfade wurden aufs strengste bewacht, +und jeder Wanderer, der sich darauf betreten ließ, mußte einen +Passierschein des Hohen Rats vorweisen können. Wohin sich also Ferrier +wenden mochte, nirgends bot sich ihm die Möglichkeit, dem Verhängnis zu +entfliehen, das ihn bedrohte; dennoch schwankte der alte Mann keinen +Augenblick in seinem Entschluß, lieber das Leben zu verlieren, als +seine Tochter jener Verbindung preiszugeben. + +Er war in schweren Sorgen abends allein aufgeblieben und sann vergebens +nach, ob denn kein Entrinnen mehr möglich sei. Am Morgen war die +Zahl 2 auf der Hauswand erschienen und mit dem nächsten Tage ging +die festgesetzte Frist zu Ende. Was würde dann geschehen? -- Seine +Einbildungskraft war geschäftig, sich alle erdenklichen Schrecken +auszumalen. Und was sollte aus seiner Tochter werden, wenn er ihr nicht +mehr zur Seite stand? -- Er sah sich rings von einem unsichtbaren Netz +umgeben, das sich immer dichter zusammenzog. Von dem Gefühl seiner +Ohnmacht überwältigt, brach er in schmerzliches Schluchzen aus und das +Haupt sank ihm auf die Brust. + +Aber was war das? -- Durch die Stille der Nacht kam plötzlich ein +leiser, schnarrender Ton deutlich zu ihm herüber. Er schien von der +Hausthür zu kommen. Ferrier schlich geräuschlos durch den Gang und +horchte scharf hinaus. Einige Augenblicke vergingen, dann ließ sich +der seltsame, schwache Laut wieder vernehmen. Es klopfte jemand mit +großer Behutsamkeit an der Thür. War es ein nächtlicher Abgesandter +des heimlichen Gerichts, der gekommen war, um dessen Mordbefehl +auszuführen, oder sollte ihm noch besonders angekündigt werden, daß der +letzte Tag herannahe? Die furchtbare Ungewißheit schüttelte ihn wie +im Fieber und nahm ihm jede Widerstandskraft. Länger vermochte er die +Qual nicht mehr zu ertragen, mit der verglichen der Tod eine Erlösung +schien. Rasch entschlossen zog er den Riegel zurück und öffnete die +Thür. + +[Illustration] + +Draußen war alles still. Die Sterne flimmerten am klaren Nachthimmel +und weder in dem kleinen Vorgarten, den der Zaun umschloß, noch auf +der Straße jenseits des Gitterthors, war ein menschliches Wesen +zu erblicken. Ferrier sah nach rechts und nach links und atmete +erleichtert auf. Als er aber zufällig gerade vor sich auf den Boden +schaute, sah er mit Entsetzen zu seinen Füßen einen Mann platt auf der +Erde liegen, Arme und Beine weit von sich gestreckt. + +Der Anblick erschütterte ihn so sehr, daß er gegen die Wand taumelte +und Mühe hatte, den wilden Schrei zu ersticken, der sich ihm auf die +Lippen drängte. Sein erster Gedanke war, daß es ein Verwundeter oder +Sterbender sein müsse; allein plötzlich kam Leben in die Gestalt, +sie wand sich wie eine Schlange behende und geräuschlos am Boden +entlang und erreichte den Hausflur. Sobald der Mann über die Schwelle +gekommen war, sprang er rasch in die Höhe, schloß die Thür und +vor dem überraschten Farmer stand Jefferson Hope mit ingrimmiger, +entschlossener Miene. + +„Großer Gott -- du bist es --,“ keuchte John Ferrier; „weshalb kommst +du so geschlichen? Du hast mich furchtbar erschreckt.“ + +„Gieb mir zu essen,“ rief jener mit heiserer Stimme, „seit +achtundvierzig Stunden habe ich weder Trank noch Speise zu mir +genommen.“ Er griff gierig nach Brot und Fleisch, das noch von Ferriers +Abendmahlzeit auf dem Tische stand. „Hält sich Lucy tapfer?“ war seine +erste Frage, sobald er seinen Heißhunger gestillt hatte. + +„Ja, doch kennt sie die Größe der Gefahr nicht.“ + +„Das ist gut. Das Haus wird von allen Seiten bewacht; ich konnte mich +nur kriechend nähern, um nicht bemerkt zu werden. Sie passen scharf +auf, doch sind sie nicht schlau genug, um einen Washoe-Jäger zu fangen.“ + +John Ferrier war wie umgewandelt, nun er auf den Beistand eines +getreuen Verbündeten zählen durfte. „Du bist ein Mann unter Tausenden,“ +rief er, Jeffersons Hand herzlich schüttelnd; „nicht jeder wäre +gekommen, um Gefahr und Not mit uns zu teilen.“ + +„Wärst du allein in der Bedrängnis, Vater, wahrlich -- ich hätte es +mir wohl zweimal überlegt, bevor ich mich in dieses Wespennest wagte,“ +erwiderte der junge Hope freimütig. „Um Lucys willen bin ich hier und +ehe ich zugebe, daß ihr ein Leid geschieht, müssen sie mir das Leben +nehmen.“ + +„Was soll denn aber nun werden? Laß uns rasch handeln!“ + +„Morgen ist euer letzter Tag; wenn wir nicht diese Nacht entfliehen, +seid ihr verloren. In der Adlerschlucht stehen zwei Pferde und ein +Maultier bereit. Wieviel Geld hast du?“ + +„Zweitausend Dollars in Gold und fünftausend in Banknoten.“ + +„Das genügt; ich kann etwa die gleiche Summe hinzulegen. Wir müssen +übers Gebirge nach Carson City. Lucy soll sich sogleich fertig machen. +Gut, daß die Dienstboten nicht im Hause schlafen.“ + +Während Ferrier ging, seine Tochter zu wecken, traf Jefferson Hope die +nötigen Vorkehrungen zur Flucht. Was sich von Eßwaren vorfand, packte +er in ein kleines Bündel und füllte einen Steinkrug mit Wasser, da er +wußte, daß sie in den Bergen nur auf wenige Quellen stoßen würden. +Jetzt kehrte auch Ferrier mit Lucy zurück; beide waren zum Aufbruch +bereit. Die Liebenden begrüßten einander mit wenigen herzlichen Worten, +jeder Augenblick war kostbar und es gab noch viel zu überlegen. + +„Wir müssen auf der Stelle fort,“ sagte Jefferson mit leiser, aber +fester Stimme. „Es gilt der Gefahr mutig zu trotzen. Beide Eingänge, +der vordere sowohl als der hintere, werden bewacht, aber bei gehöriger +Vorsicht können wir durch das Seitenfenster entfliehen, das auf die +Felder geht. Haben wir erst die Straße erreicht, so sind wir nur eine +kurze halbe Stunde von der Schlucht entfernt, wo die Pferde warten. Bei +Tagesanbruch müssen wir schon tief im Gebirge sein.“ + +„Aber, wenn wir angehalten werden?“ fragte Ferrier. + +Hope deutete auf die Mündung des Revolvers, den er in seinem Wamse +trug. „Wenn ihrer zu viele sind, müssen zwei oder drei ins Gras +beißen,“ sagte er mit grimmigem Lächeln. + +Alles Licht im Hause war ausgelöscht und Ferrier warf durch das dunkle +Fenster noch einen Blick auf seine Wiesen und Felder hinaus, welche +er für immer verlassen sollte. Schon längst war er jedoch auf dies +Opfer vorbereitet und der Gedanke an seiner Tochter Glück und Ehre +verscheuchte allen Kummer über den Verlust seines Eigentums. Die Gegend +lag so still und friedlich da, die Bäume rauschten und das Korn wogte +im Winde; es war schwer zu glauben, daß da draußen allerwärts der Mord +auf sie lauere. Die bleiche, entschlossene Miene des jungen Jägers +verriet aber nur allzu deutlich, daß er auf dem Wege nach dem Hause +genug gesehen hatte, um darüber keinerlei Zweifel zu hegen. + +Ferrier trug einen Sack mit dem Gold und den Banknoten, Jefferson +die Vorräte an Eßwaren und den Wasserkrug; Lucy hatte ihre liebsten +Besitztümer in ein Bündel geschnürt. Langsam und vorsichtig öffneten +sie das Fenster und warteten, bis eine dunkle Wolke, die herangezogen +kam, die Gegend in Finsternis hüllte, dann kletterten sie geräuschlos +in den Vorgarten hinab. Mit verhaltenem Atem, halb schleichend, halb +kriechend, erreichten sie glücklich den Heckenzaun, in dessen Schutze +sie vorwärts eilten, bis sie an eine Lücke kamen, durch welche man in +die Felder hinaus gelangte. Sie befanden sich gerade an dieser Stelle, +als Jefferson sich plötzlich zu Boden warf, und Vater und Tochter +mit sich zog. Das geübte Ohr des Steppenjägers hatte ein Geräusch +vernommen. Kaum lauerten sie in ihrem Versteck, als wenige Schritte +von ihnen der trübselige Ruf einer Bergeule ertönte, dem ein anderer +Eulenruf aus einiger Entfernung antwortete. Gleich darauf sahen sie den +Schatten eines Mannes an der Zaunlücke vorbeigleiten und eine zweite +Gestalt tauchte aus dem Dunkel auf. + +„Morgen um Mitternacht, wenn das Käuzchen dreimal ruft,“ sagte der +erste im Ton des Befehls. + +„Wohl,“ versetzte der zweite; „soll ich Bruder Drebber benachrichtigen?“ + +„Sage ihm die Weisung, er soll sie weiter geben. +Neun und sieben.+“ + +„+Sieben und fünf!+“ entgegnete der andere, und die beiden entfernten +sich nach verschiedenen Richtungen. Ihre letzten Worte sollten offenbar +eine Art Losung sein. Kaum waren ihre Tritte verhallt, als Jefferson +aufsprang und mit seinen Gefährten, so rasch sie ihre Füße trugen, quer +durch die Felder lief. + +„Vorwärts, vorwärts,“ keuchte er von Zeit zu Zeit; „wir sind schon an +den Wachtposten vorbei, nur die größte Eile kann uns retten.“ + +Wenn Lucys Kräfte zu versagen drohten, half er ihr und stützte sie mit +starkem Arm. Auf der Landstraße angelangt, kamen sie rasch weiter, und +kurz vor der Stadt bog ihr Führer in einen schmalen, steilen Pfad ab, +der zu den Bergen aufstieg. Zwei dunkle, zerklüftete Felsspitzen ragten +vor ihnen empor in der Finsternis; zwischen diesen öffnete sich die +Adlerschlucht, wo die Pferde warteten. Von sicherm Instinkt geleitet, +fand Jefferson den Weg zwischen Felsblöcken und in dem trockenen Bett +eines Waldbachs, bis sie den versteckten Schlupfwinkel erreichten, +wo er die treuen Tiere festgebunden hatte. Das Mädchen bestieg das +Maultier und Ferrier mit dem Geldsack eines der Pferde, während +Jefferson Hope das andere auf dem gefährlichen Pfade am Zügel führte. + +Rechter Hand ragte eine wohl tausend Fuß hohe Felswand und zur Linken +lagen Steinblöcke und Trümmer wild durcheinander geworfen. Der Fußsteg, +der in regelmäßigem Zickzack mitten durch diese Wildnis führt, war an +manchen Stellen so schmal, daß sie ihn hintereinander einzeln verfolgen +mußten, und so rauh, daß nur die geübtesten Reiter ihn ohne Unfall +passieren konnten. + +Trotz aller Mühsal und Beschwerde war den Flüchtlingen dennoch fröhlich +zu Mut, weil jeder Schritt, den sie vorwärts thaten, sie weiter aus dem +Bereich des Tyrannen brachte, dem sie entrinnen wollten. + +Bald jedoch erhielten sie den Beweis, daß sie noch immer nicht dem +Bann der ‚Heiligen‘ entflohen waren. Sie hatten eben die ödeste und +wildeste Stelle des Gebirgspasses erreicht, als Lucy mit einem Ausruf +des Schreckens nach oben deutete. Auf einem Felsvorsprung, der den Pfad +beherrschte und sich klar gegen den Himmel abhob, stand ein einsamer +Wachtposten. Er hatte die Reiter gleichfalls bemerkt und seine Frage: +„Wer geht da?“ klang herausfordernd durch die stille Schlucht. + +„Reisende nach Nevada,“ rief Jefferson Hope, die Hand an der Flinte, +welche am Sattel hing. + +„Mit wessen Erlaubnis?“ schallte es von oben herunter. + +„Der heiligen Vier,“ gab Jefferson zur Antwort. Er wußte von seinem +Aufenthalt bei den Mormonen, daß dies die höchste Obergewalt sei. + +„+Neun und sieben!+“ rief die Schildwache. + +„+Sieben und fünf!+“ entgegnete Jefferson rasch, sich der Losung +erinnernd, die er im Garten gehört hatte. + +[Illustration] + +„Passiert -- der Herr sei mit euch!“ ertönte es von der Felsspitze. + +Bald darauf war der Weg breiter und die Pferde konnten sich in Trab +setzen. Noch einmal sahen sie zurück nach dem einsamen Wächter, der +sein Gewehr im Arm, an dem Felsen lehnte. Sie wußten, daß sie den +letzten Posten der Mormonen hinter sich hatten und die Freiheit vor +ihnen lag. + + + + +Zwölftes Kapitel. + +Die Würgengel. + + +Die ganze Nacht hindurch wanderten die Flüchtlinge über felsiges +Gestein und durch die verschlungensten Pfade. Kamen sie auch öfters vom +Wege ab, so wußte sich doch Jefferson, bei seiner genauen Kenntnis des +Gebirges, immer wieder zurecht zu finden. Beim Morgengrauen enthüllte +sich ihnen ein Schauspiel von wilder, aber wunderbarer Schönheit. In +der weiten Runde sahen sie sich ringsum von hohen, schneebedeckten +Berggipfeln eingeschlossen, die bis zu unabsehbaren Fernen neben und +über einander emporragten. Droben im Gestein wurzelten Lärchen- und +Fichtenbäume, die der nächste Windstoß von den steilen Felswänden +auf ihre Häupter herabschleudern konnte; es lagen Steintrümmer und +Baumstämme genug unten im Thal verstreut, zum Zeichen, daß ein solcher +Absturz wohl zu fürchten sei. Eben jetzt löste sich wieder ein großes +Felsstück und fiel donnernd in die Tiefe; erschreckt fuhren die müden +Pferde auf und setzten sich in schärferen Trab. + +Nun stieg die Sonne über den östlichen Horizont und entzündete die +Berggipfel wie Lampen bei einem Fest, einen nach dem andern, bis +sie alle glühten und leuchteten. Es war ein Anblick von solcher +Erhabenheit, wie ihn die Flüchtlinge noch nie geschaut; er erfreute +ihre Herzen und stärkte sie mit neuer Kraft und Zuversicht. Am Ufer +eines Waldbaches, der aus der Schlucht hervorbrauste, machten sie bald +darauf Halt, tränkten ihre Pferde und nahmen ein hastiges Mahl ein. +Lucy und ihr Vater hätten gern eine Weile gerastet, aber Jefferson gab +das nicht zu. „Sie sind uns jetzt gewiß schon auf der Spur,“ sagte er; +„Eile thut vor allem not. Erst wenn wir sicher in Carson angelangt +sind, dürfen wir daran denken, der Ruhe zu pflegen.“ + +Den ganzen Tag lang ging es weiter durch Hohlwege und Schluchten; +am Abend mußten sie nach ihrer Berechnung weit mehr als dreißig +Meilen zurückgelegt haben. Erschöpft suchten sie nun unter einer +vorspringenden Klippe Schutz vor dem kühlen Nachtwind, schmiegten sich +fest aneinander, um sich zu erwärmen und gönnten sich einige Stunden +Schlaf. Bis jetzt hatten sie nicht das geringste Anzeichen einer +Verfolgung entdeckt und Jefferson Hope glaubte schon, dem grimmigen +Feinde glücklich entronnen zu sein. Ach, er ahnte nicht, wie weit +dessen gefürchteter Arm reichte, und wie bald er sich ausstrecken +würde, um sie erbarmungslos zu zerschmettern. + +Um die Mittagszeit des zweiten Tages ihrer Flucht begann ihr geringer +Vorrat von Lebensmitteln auf die Neige zu gehen. Dem Jäger machte +das wenig Sorge; es mangelte nicht an Wildpret im Gebirge und seine +Flinte hatte ihm schon öfters die nötige Nahrung verschafft. An +einer geschützten Stelle häufte er trockene Zweige auf und zündete +ein mächtiges Feuer an, damit sich Vater und Tochter wärmen könnten, +denn sie befanden sich jetzt in einer Höhe von 5000 Fuß über dem +Meeresspiegel und die Luft wehte scharf und kalt. Jefferson band die +Pferde fest, nahm Abschied von Lucy, warf die Flinte über die Schulter +und zog aus, um sein Waidmannsglück zu versuchen. Als er sich noch +einmal umwandte, sah er den Alten neben dem jungen Mädchen am Feuer +sitzen und im Hintergrunde die drei Reitpferde, bewegungslos, wie aus +Stein gehauen. Schon im nächsten Augenblick hatten die Felsen ihm das +Bild verdeckt. + +Mehrere Meilen wanderte er von Schlucht zu Schlucht, ohne auf eine +Beute zu stoßen, wiewohl er aus mancherlei Anzeichen erkannte, daß +Bären in der Nähe sein mußten. Schon wollte er nach mehrstündigem +fruchtlosem Suchen unverrichteter Sache zurückkehren, als er zu seiner +Freude auf einem Felsvorsprung, um einige hundert Fuß über der Stelle, +an der er stand, den gewaltigen Kopf eines Dickhorns gewahrte, jenes +wilden Bergschafes, das sich herdenweise in diesen Höhen findet. Rasch +warf sich Jefferson zu Boden, stützte sein Schießgewehr auf einen +Steinblock, zielte lange und gab Feuer. Das Tier that einen Sprung in +die Luft, schwankte einen Augenblick am Rande des Abgrunds und stürzte +dann jäh ins Thal hinab, wohin Jefferson eilig nachkletterte. Die ganze +Beute fortzuschaffen war unmöglich, der Jäger mußte sich begnügen, +mit seinem Jagdmesser einen Schenkel des Tieres abzuschneiden und auf +seine Schulter zu laden. Nachdem dies geschehen, machte er sich ohne +Zaudern auf den Rückweg, -- aber das war kein leichtes Beginnen. Der +Abend brach schon herein und in dem ungewissen Dämmerlicht war es +schwer, sich zurecht zu finden, denn das Thal verzweigte sich in viele +Schluchten, die alle einander zum Verwechseln ähnlich sahen. Mühsam war +Jefferson in der einen Schlucht emporgeklommen, als ihm ein Bergstrom +entgegenschoß und seinen Weg hemmte; nun ging er zurück und wählte +einen andern Aufstieg, aber ohne bessern Erfolg. Es war bereits Nacht +geworden, als er endlich an einen Hohlweg gelangte, der ihm bekannt +vorkam. Abermals kletterte er zwischen den steilen Felswänden aufwärts +mit seiner Last. Der Pfad lag im tiefsten Dunkel, denn der Mond war +noch nicht aufgegangen, und Jefferson strauchelte oft auf dem rauhen +Wege; doch der Gedanke, daß er mit jedem Schritt seiner geliebten Lucy +näher kam, trieb ihn rastlos weiter; auch brachte er ja genug Vorrat +mit, um sie während der ganzen Dauer der Flucht vor Mangel zu schützen. +Auf der Höhe angekommen, ward er zu seiner Freude gewahr, daß er von +der Stelle, wo er seine Schutzbefohlenen verlassen hatte, nicht mehr +allzufern sei; schon erkannte er, trotz der Finsternis, die schwachen +Umrisse der Felsspitzen am Eingang der Schlucht. Fast fünf Stunden war +er fortgeblieben -- mit wie banger Sehnsucht mochten sie ihn erwarten. +Um seine glückliche Rückkehr zu verkünden, rief er ein lautes Hallo! +in die Berge hinein. Dann stand er lauschend da, ob keine Antwort +käme, aber nur der Ton seiner eigenen Stimme schallte in vielfachem +Wiederhall von den Bergen; sonst blieb alles still. Noch stärker und +dringender ertönte jetzt sein Ruf, aber kein Laut aus geliebtem Munde +hieß ihn willkommen. Von unbestimmter Angst ergriffen, ließ er die +schwer errungene Beute zu Boden fallen und stürmte wie rasend vorwärts. + +Jetzt bog er um die Ecke und vor ihm lag der Platz, wo er das Feuer +angezündet hatte. Noch glühte der Aschenhaufen, aber man hatte kein +Holz zugelegt und die Flamme war erloschen. Ringsumher herrschte +Todesschweigen. Seine Furcht ward zur Gewißheit; nirgends ließ sich +ein lebendes Wesen erblicken -- die Pferde, das Mädchen, der Alte, +waren spurlos verschwunden. Das Unheil mußte während seiner Abwesenheit +urplötzlich hereingebrochen sein, zu ihrer aller Verderben. + +Verwirrt und betäubt von dem schweren Schicksalsschlag, der ihn so +unvermutet traf, stützte sich Jefferson auf sein Gewehr, sonst wäre +er umgesunken. Doch rasch überwand er diesen Anfall von Schwäche, +denn er war seiner ganzen Natur nach ein Mann der That. Mit bebender +Hand zog er ein erst halbverkohltes Holzstück aus der Asche, blies +die glimmenden Funken zur Flamme an und untersuchte mit Hilfe +dieser Leuchte den Lagerplatz. Der Boden war nach allen Seiten hin +von Pferdehufen zerstampft, ein Beweis, daß die Flüchtlinge durch +eine große Schar Berittener eingeholt worden, welche dann, wie die +vorhandenen Spuren vermuten ließen, die Richtung nach der Salzseestadt +eingeschlagen hatten. Waren Vater und Tochter in ihre Hände gefallen +und beide von ihnen mit fortgeschleppt worden? -- Jefferson Hope +mochte dies zuerst geglaubt haben, allein plötzlich fuhr er zusammen, +und das Blut erstarrte ihm in den Adern. Etwas abseits von dem +Lagerplatz sah er einen frisch aufgeworfenen Haufen rötlicher Erde, +der vorher sicherlich nicht dagewesen war. Hatte man dort ein Grab +gegraben? -- Der junge Jäger trat näher hinzu -- im Boden steckte ein +Stab, an dem ein Blatt Papier befestigt war. Es trug eine kurze, aber +bedeutsame Inschrift: + +[Illustration] + + „John Ferrier aus der Salzseestadt, + gestorben den 4ten August 1860.“ + +Der wackere, alte Mann, den er vor wenigen Stunden erst in der Fülle +der Kraft verlassen, war also tot und dies seine ganze Grabschrift. +Jefferson sah sich mit wilden Blicken nach einem zweiten Hügel um, +aber ein solcher war nicht zu entdecken. Die Unmenschen mußten Lucy +mit sich geführt haben, um sie dem Sohn des Aeltesten zu übergeben, +damit sie das ihr bestimmte Geschick erfülle und ihm als Frau in seinen +Harem folge. Als Jefferson erkannte, wie völlig machtlos er sei, dies +Schicksal von ihr abzuwenden, da schien ihm im ersten Augenblick der +alte Ferrier beneidenswert, der da unten den stillen Schlaf des Todes +schlief. Doch nicht lange überließ er sich seiner dumpfen Verzweiflung. +War ihm nichts anderes geblieben, so konnte er wenigstens sein Leben +der Rache weihen. + +Während er starren Auges dastand und in die Asche blickte, fühlte er, +daß es für seinen Schmerz keine Linderung gab, bevor er nicht mit +eigener Hand blutige Wiedervergeltung an seinen Feinden geübt hätte. + +Neben unermüdlicher Geduld und Ausdauer lag in Jeffersons Charakter +eine nicht zu bezähmende Rachsucht, die er vielleicht von den Indianern +gelernt hatte, unter denen er solange gelebt. Sein starker Wille, +seine rastlose Thatkraft sollten jetzt nur noch das +eine+ Ziel +verfolgen, das war sein fester Entschluß. Mit bleicher, ingrimmiger +Miene kehrte er nach der Stelle zurück, wo seine Jagdbeute noch am +Boden lag, darauf blies er das Feuer an und bereitete sich Speise für +die nächsten Tage. Dann brach er auf, ohne seiner Ermüdung zu achten, +um der Spur der Würgengel durch das Gebirge zu folgen. + +Fünf Tage lang pilgerte er mit wunden Füßen durch die Schluchten und +Hohlwege zurück, welche er vor kurzem hinaufgeritten war. Bei Einbruch +der Nacht warf er sich unter einem Felsvorsprung nieder, um ein paar +Stunden zu ruhen, und sobald der Morgen graute, begann er seine +Wanderung von neuem. Als er am sechsten Tage erschöpft und abgemattet +die Adlerschlucht erreichte, von wo aus ihre unheilvolle Flucht den +Anfang genommen, sah er die ‚Stadt der Heiligen‘ weit ausgebreitet zu +seinen Füßen liegen. In ohnmächtigem Zorn schüttelte er drohend die +geballte Faust gegen den Wohnplatz der Uebelthäter. Aber halt -- was +hatte das zu bedeuten? -- In den Hauptstraßen sah er Fahnen von den +Dächern wehen und festlichen Schmuck an den Häusern. Während er noch +darüber nachsann, schallte der Hufschlag eines Pferdes und ein Reiter +kam herangetrabt. Jefferson kannte den Mann, es war der Mormone Cowper, +dem er früher manchen Dienst erwiesen hatte; von ihm durfte er hoffen, +Nachricht über Lucys Schicksal zu erhalten. + +Der Mormone sah Jefferson zuerst mit ungläubigen Blicken an, als ihm +dieser in den Weg trat und seinen Namen nannte. Wer hätte auch in dem +verwilderten und zerzausten Wanderer mit den unheimlich rollenden Augen +und der bleichen Miene den früher so schmucken jungen Jäger erkennen +sollen? -- Sobald Cowper jedoch wußte, wen er vor sich hatte, erschrak +er heftig. + +„Seid Ihr rasend, daß Ihr Euch hierher wagt?“ rief er. „Wenn man mich +hier im Gespräch mit Euch sieht, ist mein eigenes Leben verwirkt. Wißt +Ihr nicht, daß die ‚heiligen Vier‘ einen Haftbefehl gegen Euch erlassen +haben, weil Ihr den Ferriers zur Flucht behilflich gewesen seid?“ + +„Ich fürchte weder die Schurken noch ihren Haftbefehl,“ rief Jefferson +entrüstet. „Cowper,“ fuhr er dann, seine Erregung bezwingend, fort, +„wir sind immer Freunde gewesen -- bei allem, was Euch teuer ist, +beschwöre ich Euch, mir eine Frage zu beantworten. Um Gottes willen, +verweigert mir die Antwort nicht.“ + +„Was wünscht Ihr zu wissen?“ fragte der Mormone, sich ängstlich +umblickend; „redet schnell, hier hat alles Augen und Ohren, auch die +Felsen und Bäume.“ + +„Was ist aus Lucy Ferrier geworden?“ + +„Man hat sie gestern dem jungen Drebber zur Frau gegeben. -- Faßt Euch, +Mann, faßt Euch -- Ihr werdet ja bleich wie der Tod.“ + +Jefferson war auf den nächsten Felsblock niedergesunken, seine Lippen +bebten. „Drebbers Frau, sagt Ihr?“ stammelte er mit brechender Stimme. + +„Ja, seit gestern -- deshalb seht Ihr auch die Stadt noch im +Fahnenschmuck. Drebber und Stangerson, die jüngeren, stritten sich um +ihren Besitz. Bei der Verfolgung, an der sich beide beteiligt hatten, +war ihr Vater von Stangersons Hand gefallen, was diesem ein größeres +Vorrecht zu geben schien. Als jedoch die Frage vor die Ratsversammlung +gebracht wurde, war Drebbers Anhang stärker und der Prophet entschied +zu seinen Gunsten. Es wird sie aber keiner lange sein eigen nennen, sie +sieht geisterbleich aus und der Tod stand ihr schon gestern im Gesicht +geschrieben. -- Wollt Ihr jetzt fort?“ + +„Ja, ich gehe,“ sagte Jefferson, sich mühsam erhebend; sein Antlitz war +bleich und starr, wie aus Marmor gemeißelt, nur in seinen Augen glühte +ein wildes Feuer. + +„Wo wollt Ihr hin?“ + +„Fragt mich nicht,“ erwiderte er und hing sich die Flinte über die +Schulter. Dann schritt er die Schlucht hinab und vergrub sich tief in +den Bergen, wo nur Bären und Wölfe hausten; aber keines der reißenden +Tiere war grimmiger und blutdürstiger als er. + +Was der Mormone vorausgesagt hatte, ging nur zu bald in Erfüllung. War +es der Schmerz über den plötzlichen Tod ihres Vaters, was der armen +Lucy am Lebensmark zehrte, oder der Abscheu vor der verhaßten Ehe, zu +der man sie gezwungen -- sie siechte von Tag zu Tag dahin und starb +noch ehe ein Monat um war. Der rohe Mensch, welcher sie nur geheiratet +hatte, um Ferriers reichen Besitz in die Hände zu bekommen, trug +wenig Kummer zur Schau über seinen Verlust. Aber seine andern Frauen +trauerten um die Tote und hielten in der Nacht vor dem Begräbnis bei +ihr die Leichenwache, nach Sitte der Mormonen. Sie saßen noch um die +Bahre, als beim ersten Morgengrauen die Thür plötzlich aufging und sie +mit Staunen und Entsetzen einen wilddreinschauenden, wettergebräunten +Mann in zerfetzter Kleidung eintreten sahen. Ohne auch nur einen +Blick auf die geängstigten Frauen zu werfen, schritt er nach dem +Totenschrein, in dem Lucys entseelte Hülle ruhte. Er beugte sich über +sie und berührte ihre kalte Stirn ehrfurchtsvoll mit den Lippen, dann +ergriff er sie bei der Hand und zog ihr den Trauring vom Finger. „Den +soll man ihr nicht mit ins Grab geben,“ murmelte er dumpf. Bevor +noch jemand die rätselhafte Erscheinung anhalten konnte, verschwand +sie wieder, wie sie gekommen war. Das alles geschah so rasch, und +der Vorgang schien so seltsam, daß man dem Bericht der Wächterinnen +schwerlich Glauben geschenkt hätte, ohne die Thatsache, daß der goldene +Reif wirklich vom Finger der Toten verschwunden war. + +Monatelang hauste Jefferson Hope noch in den Bergen, wo er ein unstätes +Jägerleben führte und für seinen Rachedurst täglich neue Nahrung +einsog. Man begann sich allerwärts von dem unheimlichen Gesellen zu +erzählen, der bald hier, bald da, in der Umgegend der Stadt oder in den +rauhen Bergschluchten sein Wesen trieb. Einmal kam eine Kugel durch +Stangersons Fenster geflogen und pfiff dicht an seinem Kopf vorbei. Ein +andermal, als Drebbers Weg ihn am Bergabhang hinführte, ward aus der +Höhe ein Felsstück auf ihn herabgeschleudert. Er konnte nur dadurch +einem gräßlichen Tode entgehen, daß er sich platt zu Boden warf. +Die beiden jungen Mormonen errieten bald, wer ihnen nach dem Leben +trachtete, und unternahmen mehrere bewaffnete Streifzüge ins Gebirge, +in der Hoffnung, ihren Todfeind zu fangen oder zu erlegen -- aber +immer vergebens. Sie gingen nun aus Vorsicht niemals allein oder nach +Dunkelwerden ins Freie, und stellten Wachen um ihre Häuser her. Nun +verstrich jedoch eine geraume Zeit, ohne weitere Angriffe von seiten +ihres Gegners und allmählich schwand ihre Furcht. Sie hofften, sein +heißes Blut habe sich abgekühlt und er werde das tollkühne Vorhaben +aufgeben. + +Daran dachte jedoch Jeffersons Seele nicht. Rache zu nehmen war und +blieb sein einziger Zweck und Gedanke. Bei seiner durchaus praktischen +Natur hatte er jedoch richtig erkannt, daß selbst die eisernste +Gesundheit ein Leben, wie er es führte, auf die Dauer nicht ertragen +könne. Mangel an gesunder Nahrung und Beschwerden aller Art mußten +bald seine Kräfte verzehren. Was aber sollte aus seiner Rache werden, +wenn er in den Bergen eines elenden Todes starb? -- Nein, seine Feinde +durften nicht triumphieren! + +So war er denn nach dem Bergwerk in Nevada zurückgekehrt, mit der +Absicht, sich von den Entbehrungen der letzten Zeit zu erholen und +Geld genug zu erwerben, um seinen Lebenszweck weiter verfolgen zu +können. Ursprünglich gedachte er höchstens ein Jahr lang dort zu +bleiben, allein die Umstände fügten es so, daß fünf Jahre vergingen, +bevor er zurückkehren konnte. Doch die Erinnerung an das erlittene +Unrecht und sein Verlangen nach Rache war noch ebenso lebendig in ihm, +wie in jener entsetzlichen Nacht an John Ferriers Grabe. Verkleidet +und unter falschem Namen kam er nach der Salzseestadt, um die gerechte +Sühne zu fordern, sei es auch mit Gefahr des eigenen Lebens. Dort +erwartete ihn jedoch eine schlimme Kunde, die seine Pläne zu vereiteln +drohte. Einige Monate zuvor war nämlich unter dem ‚auserwählten Volke‘ +eine Spaltung entstanden. Die Mißvergnügten lehnten sich gegen die +Obergewalt der Aeltesten auf; viele der jüngeren Gemeindeglieder +verließen Utah und gesellten sich den Ungläubigen zu. Auch Drebber +und Stangerson befanden sich unter dieser Zahl. Es ging ein Gerücht, +daß Drebber es verstanden habe, den größten Teil seines Eigentums zu +Geld zu machen, so daß er als reicher Mann fortgezogen war, während +Stangerson, sein Gefährte, wenig Mittel besaß. Wohin sie sich aber +gewandt hatten, darüber war kein Aufschluß zu erlangen. + +Angesichts solcher Schwierigkeiten hätte mancher noch so rachsüchtige +Mensch sein Vorhaben aufgegeben; daran dachte Jefferson jedoch keinen +Augenblick. Er reiste von Ort zu Ort durch die Vereinigten Staaten, +um seine Feinde aufzusuchen. Das kleine Kapital, welches er besaß, +sicherte ihm zur Not sein Auskommen, doch nahm er Arbeit an, wo er sie +fand. Jahre vergingen, sein schwarzes Haar war grau geworden, aber +immer noch wanderte er weiter, das Ziel verfolgend, dem er sein Leben +gewidmet hatte. Endlich ward seine Ausdauer belohnt. In Cleveland im +Staate Ohio war es, wo er eines Tages Drebbers verhaßtes Gesicht an +einem Fenster gewahrte. So hatte er seine Beute doch zuletzt noch +aufgespürt. Rasch kehrte er in seine ärmliche Wohnung zurück, um +seinen Racheplan vorzubereiten. Aber das Unglück wollte, daß auch +Drebber bei dem flüchtigen Blick seinen Todfeind erkannt hatte. Er war +mit Stangerson, der bei ihm das Amt eines Privatsekretärs versah, zu +einem Friedensrichter geeilt, den er um Schutz gegen einen früheren +Nebenbuhler bat, welcher ihnen aus Haß und Eifersucht nach dem Leben +trachtete. An jenem Abend ward Jefferson Hope plötzlich in Haft +genommen und da er außer stande war, Bürgschaft zu leisten, hielt man +ihn mehrere Wochen im Gefängnis zurück. Sobald er wieder in Freiheit +war, begab er sich nach Drebbers Hause, allein er fand es verlassen und +erfuhr, der Besitzer habe mit seinem Sekretär eine Reise nach Europa +angetreten. + +Wieder war Jeffersons Rachewerk vereitelt und wieder trieb ihn sein +grimmiger Haß, die Verfolgung fortzusetzen. Zuvor mußte er sich +jedoch die nötigen Mittel für die Ueberfahrt erwerben. Als er genug +zusammengespart hatte, um unterwegs sein Leben fristen zu können, +schiffte er über den Ozean und folgte der Spur seiner Feinde von Stadt +zu Stadt. Immer wieder mißlang es ihm, die Flüchtlinge einzuholen. +Bei seiner Ankunft in Petersburg waren sie eben nach Paris gereist, +und als er ihnen dahin folgte, hatten sie sich gerade nach Kopenhagen +eingeschifft; auch dorthin kam er um einige Tage zu spät, da sie +bereits nach London unterwegs waren. In der englischen Hauptstadt +gelang es ihm zuletzt doch noch ihrer habhaft zu werden. Auf welche +Weise dies geschah, erfahren wir am besten aus Jefferson Hopes +eigenem Bericht, welchen Dr. Watson ausführlich in seinem Tagebuch +niedergeschrieben hat. + +Wir kehren daher wieder zu den Aufzeichnungen des jungen Militärarztes +zurück, denen wir schon im ersten Teil unserer Erzählung bis zu +Jeffersons Festnehmung gefolgt sind. + + +Fortsetzung von Dr. Watsons Erinnerungen. + + +Trotz des rasenden Widerstands, den unser Gefangener geleistet hatte, +schien er doch nicht feindlich gegen uns gesinnt zu sein. Sobald ihm +klar geworden war, daß er bei unserer Uebermacht nichts auszurichten +vermöge, ergab er sich in sein Schicksal und sprach mit verbindlichem +Lächeln die Hoffnung aus, daß keiner von uns bei dem Handgemenge zu +Schaden gekommen sein möchte. + +„Vermutlich wollen Sie mich auf die Polizei bringen,“ wandte er sich +an Sherlock Holmes; „meine Droschke steht noch unten; wenn Sie mir die +Füße losbinden, kann ich selbst hinunter gehen; es dürfte Ihnen doch +schwer fallen, mich zu tragen.“ + +Gregson und Lestrade wechselten bedeutsame Blicke, der Vorschlag mochte +ihnen wohl allzu gewagt erscheinen, aber Holmes nahm den Gefangenen +sogleich beim Wort und befreite ihn von dem Tuch, mit welchem wir +ihm die Fußgelenke zusammengeschnürt hatten. Als er aufstand, dehnte +und reckte er sich, wie um sich zu überzeugen, daß er wirklich +der Bande ledig sei. Selten war mir ein Mann mit so gewaltigem +Gliederbau vorgekommen, und dabei lag ein Ausdruck von Willensstärke +und Entschlossenheit in seinem sonnverbrannten Gesicht, der mir noch +furchtbarer erschien als seine riesige Körperstärke. + +„Sie sollten Polizeichef werden,“ sagte er, Holmes mit aufrichtiger +Bewunderung betrachtend. „Die Art, wie Sie meine Spur verfolgt haben, +war meisterhaft.“ + +Mein Freund lächelte. „Sie kommen mit, nicht wahr?“ wandte er sich an +die beiden Polizisten. + +„Ich kann Sie fahren,“ versetzte Lestrade. + +„Gut, und Gregson steigt mit ein; Sie auch, Doktor -- da der Fall Sie +interessiert, müssen Sie ihn auch weiter verfolgen.“ + +Ich willigte gern ein und wir begaben uns alle zusammen hinunter. Der +Gefangene machte keine Miene zu entfliehen, sondern stieg ruhig in +seine Droschke und wir folgten ihm. Lestrade nahm auf dem Bock Platz; +er trieb die Pferde an, und bald befanden wir uns an Ort und Stelle. +Man führte uns in ein kleines Zimmer, wo ein Polizeiinspektor die +Angaben des Gefangenen nebst den Namen der beiden Männer aufschrieb, +als deren Mörder man ihn anklagte. Der Inspektor, ein Mann mit blassem +Gesicht und bewegungslosen Zügen, wartete mechanisch seines Amtes. +[Illustration] + +„Im Laufe der Woche wird der Angeklagte dem Richter vorgeführt werden,“ +sagte er, „inzwischen thun Sie jedenfalls am besten, Jefferson Hope, +wenn Sie keinerlei Aussagen machen und Ihre Worte mit Vorsicht wägen, +da dieselben vor Gericht gegen Sie zeugen könnten.“ + +„Ich habe sehr viel zu sagen,“ versetzte der Gefangene eifrig; „es ist +mein dringender Wunsch, Ihnen meine Herren, die ganze Geschichte zu +erzählen.“ + +„Besser, Sie schieben es auf, bis zu Ihrem Verhör,“ sagte der Beamte. + +„Wer weiß, ob es dazu überhaupt kommt,“ entgegnete Hope. „Fürchten +Sie nichts, ich habe keine Selbstmordgedanken, aber doch könnte ein +Hindernis eintreten. -- Nicht wahr, Sie sind ein Doktor?“ Er sah mich +mit seinen dunklen Augen fragend an. + +Ich nickte bejahend. + +„Dann legen Sie Ihre Hand auf meine Brust.“ + +Ich that, wie er sagte und erschrak, als ich ein heftiges Pulsieren +fühlte und auffällige Geräusche im Innern vernahm. Sein Brustkasten +schien zu erzittern und zu erbeben, wie ein schwacher Bau, in dem eine +mächtige Maschine arbeitet. + +„Was ist das?“ rief ich, „Sie haben ja ein Herzleiden, das bereits im +gefährlichsten Stadium der Entwicklung ist.“ + +„Ganz recht,“ erwiderte er gelassen. „Letzte Woche bin ich deswegen bei +einem Arzt gewesen, der mir gesagt hat, es könne nur noch wenige Tage +dauern, bis der Tod eintritt. Ich habe mir das Uebel durch schlechte +Nahrung und Entbehrungen aller Art zugezogen, während ich im Gebirge am +Salzsee hauste und es hat sich seitdem von Jahr zu Jahr verschlimmert. +Jetzt ist das Werk meines Lebens gethan und mich kümmert’s nicht, wenn +es mit mir zu Ende geht; doch möchte ich zuvor berichten, wie sich +alles zugetragen hat, damit man mich nicht für einen gewöhnlichen +Mordgesellen hält.“ + +Nach einer kurzen Besprechung mit den beiden Polizisten, ob es ratsam +sei, ihm den Willen zu thun, wandte sich der Inspektor an mich: + +„Glauben Sie, daß eine unmittelbare Gefahr vorliegt, Doktor?“ fragte er. + +„Ohne allen Zweifel,“ erwiderte ich mit Bestimmtheit. + +„In diesem Fall fordert schon unsere Pflicht im Interesse der +Gerechtigkeit, daß wir ein Protokoll aufnehmen. Reden Sie also, +Jefferson Hope, wenn Sie es wünschen, aber vergessen Sie nicht, daß +Ihre Aussagen zu Ihren Ungunsten gereichen könnten.“ + +„Wenn Sie nichts dawider haben, will ich mich setzen,“ sagte der +Gefangene, Platz nehmend. „Seit einiger Zeit werde ich leicht müde; +mein Uebel bringt das mit sich. Auch mag der Kampf, den wir vor einer +halben Stunde durchgemacht haben, mir nicht sehr zuträglich gewesen +sein. Ich stehe am Rande des Grabes, da pflegt man nicht zu lügen; was +ich sage, ist die lauterste Wahrheit und mir kann gleichgültig sein, +welchen Gebrauch Sie von meinen Worten machen.“ + +Er legte sich in seinen Stuhl zurück und sprach in so ruhigem, +bedächtigem Ton, als handle es sich um die alltäglichsten Vorkommnisse. +Für die Genauigkeit des hier folgenden Berichts kann ich mich +verbürgen, denn Lestrade hat jedes Wort des Gefangenen nachgeschrieben +und mir später sein Notizbuch zur Verfügung gestellt. + +„Aus welcher Ursache ich jene beiden Männer so grimmig haßte,“ begann +Jefferson Hope seine Erzählung, „brauche ich nicht näher zu erörtern. +Sie hatten den Tod zweier Menschen, eines Vaters und seiner Tochter, +auf dem Gewissen, und ihr eigenes Leben war verwirkt. Doch hätte kein +Gerichtshof die Missethäter mehr zur Rechenschaft gezogen, weil schon +zu lange Zeit verstrichen war, seitdem sie das Verbrechen begangen +hatten. Ich aber wußte um ihre Schuld und fühlte mich berufen, +zugleich ihr Richter und der Vollstrecker des Urteils in einer Person +zu sein. Ich müßte kein Herz im Leibe haben, hätte ich anders handeln +können. + +„Das Mädchen, von dem ich sprach, sollte vor zwanzig Jahren meine +Gattin werden. Man zwang sie, jenen Drebber zu heiraten und sie +starb vor Gram. Ich zog der Toten den Trauring vom Finger und that +den Schwur, daß Drebber mit seinem Blut für die Schandthat zahlen +solle. Noch in seiner Todesstunde wollte ich die Erinnerung daran in +dem Bösewicht wachrufen und ihm den Ring zeigen. Ich folgte ihm und +seinem Mitschuldigen durch Länder und Meere, bis ich sie endlich in +meine Gewalt bekam; den Ring trug ich stets bei mir. Wenn sie sich +vorgespiegelt hatten, ich würde jemals von ihnen ablassen, so täuschten +sie sich völlig. Jetzt kann ich mit dem Bewußtsein sterben, daß mein +Lebenszweck erfüllt ist: sie sind durch meine Hand gefallen und ich +habe nun nichts mehr zu wünschen und zu hoffen auf der Welt. + +„Ihre Verfolgung ließ sich nicht leicht ins Werk setzen, denn sie waren +reich und ich arm. Mit leeren Taschen kam ich in London an und sah ein, +daß ich irgend etwas ergreifen mußte, um meinen Unterhalt zu erwerben. +Da ich mit Wagen und Pferden gut umzugehen verstehe, begab ich mich +nach einem Droschkenbureau und fand bald Beschäftigung. Wöchentlich +mußte ich eine bestimmte Summe abliefern; den Ueberschuß durfte ich +behalten, er war zwar nur gering, aber ich hatte gelernt, mich mit +wenigem zu begnügen. Um mich in dem Straßenlabyrinth zurechtzufinden, +schaffte ich mir eine Karte an, die ich zu Rate zog. Anfänglich machte +das große Schwierigkeiten, aber sobald mir einmal die hauptsächlichsten +Hotels und Bahnhöfe geläufig waren, half mein guter Ortssinn alle +Hindernisse zu überwinden. + +„Es währte lange, bevor ich die Spur meiner Feinde entdeckte, doch ließ +ich in meinen Erkundigungen nicht nach, bis ich wußte, wo ich sie zu +suchen hatte. Sie waren in Camberwell, auf dem jenseitigen Flußufer, +in einem Logierhaus abgestiegen. Nun ich ihren Aufenthaltsort kannte, +heftete ich mich an ihre Fersen -- es gab für sie kein Entrinnen mehr. +Daß sie mich wiedererkennen würden, fürchtete ich nicht; ich hatte mir +den Bart wachsen lassen, und mein Aussehen war völlig verändert; nur +eine günstige Gelegenheit, um mein Vorhaben auszuführen, wollte ich +abwarten. + +„Ich folgte ihnen auf Schritt und Tritt, manchmal zu Fuß, meistens aber +mit meiner Droschke, weil ich dann sicher war, sie einzuholen. Nur am +frühen Morgen oder spät am Abend konnte ich noch dem Dienst nachgehen, +und kam bald in Rückstand bei meinen Brotherren. Das kümmerte mich +jedoch wenig, denn ich trachtete nur danach, mir die Leute nicht +entgehen zu lassen. + +„Sie mochten wohl ahnen, daß ihnen Gefahr drohe, und waren schlau +genug, die äußerste Vorsicht zu beobachten. Nie gingen sie nach +Einbruch der Dunkelheit aus, und stets traf man sie zusammen. Zwei +Wochen lang fuhr ich täglich hinter ihnen her, aber ich bekam niemals +den einen ohne den andern zu sehen. Drebber war fast immer betrunken, +aber dafür hielt Stangerson unablässig die Augen offen. Hatte sich +auch, trotz meiner Ausdauer und Wachsamkeit, bisher keine Gelegenheit +zur Ausführung meines Planes geboten, so verlor ich doch den Mut nicht, +denn eine innere Stimme sagte mir, daß die Stunde der Vergeltung +nicht mehr fern sei. Was ich am meisten fürchtete, war, daß mich mein +Herzleiden an der Vollendung des Werkes hindern könne. + +„Eines Abends fuhr ich, wie ich öfters that, in der Straße auf und +ab, in der sie wohnten, und sah, daß eine Droschke vor der Thür ihres +Hauses hielt. Bald darauf wurden Koffer herausgebracht, Drebber und +Stangerson erschienen auf der Schwelle, stiegen ein, und der Wagen +rollte mit ihnen fort. Ich folgte in großer Eile und Bestürzung, um +sie nicht aus den Augen zu verlieren. Als ich sie am Eustoner Bahnhof +aussteigen sah, rief ich einen Knaben herbei, um mein Pferd zu halten, +und betrat gleich nach ihnen den Bahnsteig. Sie kamen jedoch zu +spät, der Zug nach Liverpool, den sie benützen wollten, war bereits +abgefahren und bis zu dem nächsten hatte es noch mehrere Stunden Zeit, +wie ihnen der Schaffner auf ihre Frage mitteilte. Stangerson schien +hierüber sehr ungehalten, während Drebbers Miene eher Befriedigung +verriet. Es gelang mir, ihnen in dem Gedränge so nahe zu kommen, daß +ich jedes Wort ihres Gesprächs verstand. Drebber sagte, er habe noch +eine kleine Angelegenheit zu ordnen, sein Gefährte möge hier auf seine +Rückkehr warten. Als Stangerson Einspruch erhob, weil sie beschlossen +hätten, beisammen zu bleiben, entgegnete Drebber, sein Geschäft sei +delikater Natur, er müsse es allein besorgen. Stangersons Antwort +konnte ich nicht verstehen, aber sie versetzte den andern in Wut; mit +einem wilden Fluche fuhr er auf und schrie, er möge nicht vergessen, +daß er nur ein bezahlter Diener sei, und ihm nichts zu befehlen habe. +Der Sekretär gab nun den vergeblichen Widerstand auf und äußerte nur +noch, daß Drebber ihn in Hallidays Privathotel aufsuchen möge, falls +er auch noch den letzten Zug versäume. Jener versicherte jedoch, er +werde vor elf Uhr wieder da sein, und verließ den Bahnhof. + +„Nun endlich war der Augenblick gekommen, auf den ich so lange geharrt +hatte: die Bösewichte waren in meine Hand gegeben. Vereint konnten sie +einander schützen, getrennt hatte ich Gewalt über sie. Doch wollte ich +nichts übereilen und ging mit der größten Besonnenheit zu Werke. Die +Rache gewährt nur Befriedigung, wenn unser Feind sich selbst bewußt +wird, wessen Hand es ist, die den Streich gegen ihn führt, und weshalb +ihn die Vergeltung trifft. Mir lag bei meinem Plan vor allem daran, dem +Schändlichen keinen Zweifel zu lassen, daß er die Strafe für seine alte +Schuld erleide. Einige Tage zuvor hatte ein Herr, der sich nach der +Brixtonstraße fahren ließ, um dort verschiedene Häuser zu besichtigen, +den Schlüssel zu einem derselben zufällig in meiner Droschke vergessen. +Er forderte ihn mir zwar noch am selben Abend ab und erhielt ihn auch +zurück, aber ich hatte doch Zeit gehabt, einen Abdruck davon zu nehmen, +nach welchem ich einen Schlüssel zu meinem Gebrauch anfertigen ließ. So +verschaffte ich mir den Zugang zu einem Platz in dieser großen Stadt, +an dem ich sicher war, ungestört zu bleiben. Es galt jetzt nur noch, +die schwierige Aufgabe zu lösen, Drebber nach diesem Hause zu bringen. + +„Er ging die Straße hinunter und trat bald in diese bald in jene +Schenke; in der letzten, welche er aufsuchte, blieb er wohl eine halbe +Stunde. Als er wieder zum Vorschein kam, schwankte er unsicher hin +und her und ich sah ihn in eine Droschke steigen. Natürlich fuhr ich +dicht hinter ihm drein, über die Waterloo-Brücke und durch endlose +Straßen, bis wir uns schließlich zu meiner Verwunderung wieder vor dem +Logierhaus befanden, welches er vor kurzem verlassen hatte. Was ihn +dorthin zurückführen könne, begriff ich nicht. Während er ausstieg, +seine Droschke fortschickte und in das Haus trat, fuhr ich noch etwa +hundert Schritt weiter und wartete. Eine Viertelstunde verging, da +wurden plötzlich im Innern des Hauses zornige Stimmen laut, die +Thür ward aufgestoßen und ich sah einen jungen, mir unbekannten +Menschen, der Drebber am Kragen gepackt hatte. Mit einem kräftigen +Stoß schleuderte er ihn die Stufen hinunter, bis in die Mitte der +Straße. ‚Warte, du Hund,‘ rief er und hob drohend den Stock, den +er in der Hand hielt, ‚ich will dich lehren, ein rechtschaffenes +Mädchen zu beschimpfen!‘ -- Er war in so heftigem Zorn, daß Drebber +es wohl geraten fand, sich davonzumachen, so rasch ihn seine Beine +tragen wollten. Er lief geradewegs auf meine Droschke zu, die an der +Straßenecke hielt. ‚Nach Hallidays Hotel!‘ rief er und sprang hinein. + +„Als ich ihn glücklich im Wagen hatte, pochte mein Herz vor Freude so +laut, als wollte es zerspringen. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben, fuhr +langsam weiter und überlegte, was nun zu thun sei. Einen Augenblick +schwankte ich, ob ich ihn nicht zur Stadt hinausfahren und in irgend +einer abgelegenen Gegend die letzte Unterredung mit ihm halten +solle; fast war ich schon dazu entschlossen, als er selbst die Frage +entschied. Wir kamen an einer Schenke vorbei und der Trunkenbold konnte +dem Verlangen, einzukehren, nicht widerstehen; er befahl mir zu warten, +und kam erst wieder heraus, als die Wirtschaft geschlossen wurde. Sein +Zustand war jetzt derart, daß er keinen Widerstand mehr zu leisten +vermochte. + +„Glauben Sie aber nicht, daß meine Absicht war, ihn mit kaltem Blute +umzubringen. Längst hatte ich beschlossen, ihm noch eine Möglichkeit +der Rettung zu gönnen, wenn er auf meinen Plan eingehen wollte. +Während meines Wanderlebens in Amerika hatte ich auch eine Zeitlang +den Aufseherposten in einem Laboratorium bekleidet. Eines Tages zeigte +der Professor bei seiner Vorlesung über die Gifte, den Studenten ein +Alkaloid, wie er es nannte, welches er aus einem südafrikanischen +Pfeilgift bereitet hatte, und von dem, wie er sagte, selbst die +kleinste Dosis unmittelbar den Tod nach sich ziehe. Ich merkte mir das +Fläschchen und sobald ich allein war, entnahm ich demselben einige +Tropfen der Flüssigkeit. Da ich mich auch auf das Apothekerhandwerk +verstand, fertigte ich mir eine Anzahl Pillen an, von denen einige +vergiftet, die andern ganz unschädlich waren. Eine Pille von jeder +Sorte that ich in eine Schachtel, mit der Absicht, am Tage der +Rechenschaft meinem Feinde die Wahl zwischen beiden zu lassen und +selbst diejenige zu verschlucken, welche er übrig ließ. Es war so gut +ein Zweikampf auf Tod und Leben wie jeder andere, nur würde er in der +Stille vor sich gehen. Seit jener Zeit trug ich die Pillenschachteln +stets bei mir, und jetzt war der Augenblick gekommen, da sie ihren +Zweck erfüllen sollten. + +„Mitternacht war längst vorüber, ein heftiger Wind hatte sich +erhoben und der Regen fiel in Strömen. Obgleich von Nässe und Kälte +durchfröstelt, jubelte ich doch innerlich vor Freude. Zwanzig Jahre +lang hatte ich vergebens danach getrachtet, Wiedervergeltung zu üben, +jetzt endlich sollte mein heißes Verlangen Befriedigung finden. Aus +dem Dunkel tauchte vor meinem Geist John Ferriers Gestalt auf und +ich sah meine geliebte Lucy mir zulächeln, so deutlich, wie ich jetzt +Sie, meine Herren, hier im Zimmer sehe. Auf der ganzen Fahrt schwebten +die teuern Schatten neben mir, bis ich endlich vor dem Hause in der +Brixtonstraße hielt. + +„Kein Mensch war zu sehen, nicht ein Laut ließ sich vernehmen, nur der +Regen rauschte hernieder. In der Droschke lag Drebber zusammengekrümmt +da in seinem Rausch und schlief. Ich faßte ihn beim Arm. ‚Sie müssen +aussteigen,‘ rief ich. + +„‚Schon gut, Kutscher,‘ gab er zur Antwort. + +„Ohne Zweifel glaubte er, bei dem Hotel angekommen zu sein, nach +welchem er fahren wollte, denn er verließ die Droschke ohne ein +weiteres Wort und folgte mir durch den Garten in das Haus. Er schwankte +hin und her, so daß ich ihn stützen mußte. Nun schloß ich die Thür auf +und brachte ihn in das Vorderzimmer. Den ganzen Weg lang schritten +meine Lucy und ihr Vater immer vor uns her -- ich versichere Sie. + +„‚Hier ist’s verteufelt dunkel,‘ murmelte Drebber umhertastend. + +„‚Wir wollen gleich Licht machen,‘ erwiderte ich, holte Streichhölzer +aus der Tasche und zündete die Wachskerze an, welche ich mitgebracht +hatte. + +„‚Und jetzt, Enoch Drebber,‘ rief ich, das Licht emporhaltend, ‚seht +mich an -- kennt Ihr mich?‘ -- + +[Illustration] + +„Er starrte mich eine Weile mit ausdruckslosen Blicken an, plötzlich +aber zuckte es krampfhaft in seinen Zügen und das Entsetzen, welches +sich darin spiegelte, sagte deutlicher als Worte, daß er seinen Feind +erkannt habe. Sein Gesicht ward erdfahl, der Angstschweiß trat ihm auf +die Stirn und er bebte wie Espenlaub. + +„Ich lehnte ihm gegenüber an der Thür und betrachtete ihn mit Wollust; +so süß hatte ich mir die Rache kaum vorgestellt. + +„‚Ihr erbärmlicher Mensch,‘ rief ich, ‚vom Salzsee her bin ich Eurer +Spur gefolgt und stets seid Ihr mir entgangen. Aber jetzt sind wir am +Ende unserer Wanderung, denn einer von uns beiden wird die Sonne des +morgenden Tages nicht mehr aufgehen sehen.‘ + +„Er schreckte noch weiter vor mir zurück; sicherlich glaubte er, daß +ich im Wahnsinn spräche. Ich war auch nahe daran, vor maßloser Erregung +den Verstand zu verlieren, meine Pulse pochten wild, und wer weiß, was +mir zugestoßen wäre, hätte mir nicht ein Blutstrom, der mir aus der +Nase quoll, plötzlich Erleichterung gebracht. + +„‚Denkt an Lucy Ferrier,‘ rief ich und hob drohend den Schlüssel empor, +mit dem ich die Thür hinter uns abgeschlossen hatte. ‚Die Strafe für +Eure Missethat hat sich lange verzögert, aber endlich ereilt sie Euch +doch.‘ Mit bebenden Lippen stand der Feigling vor mir; er hätte wohl +gern um sein Leben gefleht, doch wußte er nur zu gut, daß ich kein +Erbarmen üben würde. + +„‚Sie wollen mich ermorden?‘ stammelte er. + +„‚Von Mord ist hier keine Rede. Wer einen tollen Hund tötet, mordet +nicht. Habt Ihr etwa Mitleid gefühlt für die Geliebte meines Herzens, +als Ihr sie von der Seite ihres erschlagenen Vaters risset, um sie in +Euern verruchten Harem zu schleppen?‘ + +„‚Ihr Vater ist nicht durch meine Hand gefallen.‘ + +„‚Aber, daß ihr das Herz brach, ist Eure Schuld. -- So soll denn der +große Gott Richter sein zwischen mir und Euch.‘ -- Ich hielt ihm die +Schachtel mit den Pillen hin. ‚Wählet,‘ rief ich, ‚in der einen ist +Tod, in der andern Leben; die, welche Ihr übrig laßt, nehme ich. Laßt +uns sehen, ob es noch Gerechtigkeit auf Erden giebt, oder ob uns der +Zufall regiert.‘ + +„Er wand sich vor Todesangst und flehte um Gnade; statt der Antwort zog +ich mein Messer und hielt es ihm an die Kehle, bis er mir den Willen +gethan hatte. Dann verschluckte ich die zweite Pille, und wir standen +einander eine Minute lang gegenüber in gespannter Erwartung, wer von +uns leben und wer sterben solle. -- Nie werde ich den grauenvollen +Ausdruck seiner Mienen vergessen, als er die ersten Anzeichen des +Gifts verspürte und wußte, er habe das Todeslos gezogen. Ich hielt ihm +triumphierend Lucys Trauring vor die Augen. Es war nur ein Moment, denn +die Wirkung des Alkaloids erfolgte schnell. Seine Züge verzerrten +sich, er griff mit den Händen in die Luft, stieß einen wilden Schrei +aus und fiel schwer zu Boden. Ich fühlte nach seinem Herzschlag, aber +nichts regte sich -- er war tot. + +„Ich tauchte den Finger in mein Blut, das noch immer herabgetropft +war, ohne daß ich es beachtet hatte, und schrieb das Wort ‚Rache‘ an +die Wand. Ob ich das zu meiner eigenen Befriedigung that, oder um die +Polizei auf eine falsche Fährte zu locken, ist mir selbst nicht klar. +Ich hatte von geheimen Gesellschaften gehört, die auf solche Weise ihre +Opfer zeichnen. + +„Nun verließ ich das Haus und bestieg meine Droschke wieder. Draußen +heulte noch der wilde Sturm, und die Straße war menschenleer. Ich +mochte schon eine ziemliche Strecke gefahren sein, als ich Lucys +Trauring vermißte, den ich immer in meiner Brusttasche trug. Es war +das einzige Erinnerungszeichen an sie, welches ich besaß, und der +Verlust traf mich wie ein Donnerschlag. Wahrscheinlich hatte ich den +Ring verloren, als ich mich über Drebbers Leiche beugte; ich mußte ihn +wieder haben, um jeden Preis. Rasch entschlossen kehrte ich um, ließ +die Droschke in einer Seitenstraße stehen und schritt beherzt auf das +Haus zu. Allein, fast wäre ich einem Polizisten in die Arme gelaufen, +der eben aus dem Gitterthor trat. Es gelang mir, seinen Argwohn zu +beschwichtigen, indem ich mich sinnlos betrunken stellte. + +„Enoch Drebber hatte seinen verdienten Lohn gefunden. Nun sollte auch +Stangerson für John Ferriers Tod büßen. Ich wartete den ganzen Tag +über auf ihn in der Nähe von Hallidays Hotel, aber er ließ sich nicht +blicken; Drebbers Ausbleiben mochte wohl Verdacht in ihm erregt haben. +Stangerson war schlau und stets auf seiner Hut, doch diesmal nützte +ihm alle Vorsicht nicht. Welches sein Stubenfenster sei, brachte ich +leicht in Erfahrung, und mit Hilfe einer Leiter, die noch von einem +Bau her in einer Nebengasse lag, stieg ich beim Morgengrauen in sein +Schlafzimmer ein. Ich weckte ihn und kündigte ihm an, daß die Stunde +der Rechenschaft gekommen sei, und er seine alte Schuld bezahlen müsse. +Nachdem ich ihm Drebbers Tod geschildert, bot ich ihm dieselbe Wahl an, +wie seinem Gefährten. Er aber hörte kaum auf mich; wie rasend sprang +er aus dem Bette und mir an die Kehle. Aus Notwehr stieß ich ihm, zu +meiner eigenen Rettung, mein Messer in die Brust. Der Tod hätte ihn +ja so wie so ereilt, denn sicherlich würde seine schuldige Hand die +vergiftete Pille gewählt haben -- die Wege der Vorsehung sind gerecht. + +„Mir bleibt jetzt nur noch wenig zu berichten -- und das ist gut, weil +ich fühle, daß es mit meinen Kräften zu Ende geht. Ich wollte das +Kutscherhandwerk weitertreiben, bis ich genug Geld beisammen hätte, um +nach Amerika zurückzukehren. Als ich heute in unserm Hofe stand, hörte +ich einen zerlumpten Jungen nach einem Kutscher Namens Jefferson Hope +fragen. Er war von einem Herrn in der Bakerstraße geschickt, um meine +Droschke zu holen. Ohne den geringsten Argwohn folgte ich dem Boten; +bevor ich aber noch recht wußte, wie mir geschah, hatte mir schon der +junge Mann hier die Handschellen angelegt und ich war Ihr Gefangener. +Sie kennen jetzt meine ganze Lebensgeschichte. Vielleicht gelte ich in +Ihren Augen dennoch für einen Mörder. Ich aber, meine Herren, lebe der +festen Ueberzeugung, daß ich gerade so gut ein Diener der Gerechtigkeit +bin, wie Sie selber.“ + +Jefferson Hope hatte seine ergreifende Geschichte mit so +tiefinnerlichem Gefühl erzählt, daß wir ihm in atemloser Spannung +zuhörten. Sogar die beiden Detektivs, die doch durch ihren Beruf gegen +das Verbrechen in jeder Form abgestumpft waren, zeigten ein warmes +Interesse. Als er geendet hatte, saßen wir noch eine Weile stumm und +nachdenklich da, und man hörte nur Lestrades Bleistift über das Papier +fahren, während er seinem stenographischen Bericht die Schlußworte +hinzufügte. + +„Nur +eins+ möchte ich noch wissen,“ unterbrach endlich Sherlock Holmes +die Stille: „Wer war Ihr Helfershelfer, der auf meine Anzeige hin den +Ring zu holen kam?“ + +Der Gefangene schüttelte den Kopf. „Anderer Leute Geheimnisse darf ich +nicht verraten,“ sagte er; „es könnte sie in Ungelegenheiten bringen. +Ich war ungewiß, ob man mir nicht eine Falle stelle und mein Freund +erbot sich, den Ring statt meiner zu holen. Sie werden zugeben, daß er +die Sache geschickt ausgeführt hat.“ + +„Das will ich meinen,“ bestätigte Holmes lächelnd. + +„Nun, meine Herren,“ nahm der Inspektor das Wort, „dem Gesetz muß +Genüge geschehen. Nächsten Donnerstag wird der Gefangene dem Richter +vorgeführt werden, wobei Ihre Gegenwart erforderlich ist. Bis dahin +übernehme ich die Verantwortlichkeit für ihn.“ + +Er klingelte, worauf zwei Polizisten erschienen, welche Jefferson Hope +in Gewahrsam brachten. Ich aber kehrte in Begleitung meines Freundes +Holmes nach unserer Wohnung in der Bakerstraße zurück. + + +Wir hatten sämtlich eine gerichtliche Vorladung auf Donnerstag +erhalten. Als jedoch der festgesetzte Termin herankam, bedurfte man +unseres Zeugnisses nicht mehr. Ein höherer Richter hatte die Sache +in die Hand genommen und Jefferson Hope zur Rechenschaft vor sein +Tribunal gefordert. In der Nacht nach seiner Gefangennahme trat das +erwartete Ende ein und man fand ihn am Morgen tot in seiner Zelle. Ein +friedliches Lächeln lag in seinen Zügen, als habe die Erinnerung an ein +wohl angewendetes Leben und glücklich vollbrachtes Werk ihm noch die +letzten Augenblicke versüßt. + +Am Abend saß ich mit Holmes in unserem gemeinschaftlichen Wohnzimmer am +Kamin und wir besprachen das Ereignis. + +„Dieser Todesfall macht Gregson und Lestrade einen rechten Strich durch +ihre Rechnung,“ sagte mein Freund. „Sie werden sehr unglücklich darüber +sein; wo bleibt nun ihr pomphafter Zeitungsbericht und der Lohn für +alle ihre Anstrengung?“ + +„Mir scheint doch, daß sie mit der Gefangennahme wenig zu thun gehabt +haben,“ versetzte ich. + +„O, in dieser Welt kommt es nicht sowohl darauf an, was man wirklich +thut,“ rief mein Gefährte, nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit, +„als darauf, daß man den Leuten einen hohen Begriff von seinen Thaten +beizubringen weiß. Aber, einerlei,“ fuhr er nach einer Pause in +heiterem Tone fort, „ich hätte mir den Fall um keinen Preis entgehen +lassen mögen; es ist einer der besten, die mir je vorgekommen sind. +Trotz seiner Einfachheit enthielt er mehrere äußerst lehrreiche Punkte.“ + +[Illustration] + +„Das nennen Sie einfach?! --“ + +Holmes lächelte über mein Erstaunen. „Nun ja, wie wollen Sie es anders +bezeichnen?“ sagte er. „Schon der Umstand, daß ich ganz allein, nur +mit Hilfe einiger alltäglicher Schlußfolgerungen, innerhalb drei Tagen +des Verbrechers habhaft geworden bin, ist doch der schlagendste Beweis +für die Einfachheit des Falles.“ + +„Wohl wahr,“ gab ich zu. + +„Ich habe Ihnen schon früher einmal auseinander gesetzt, daß alles +Ungewöhnliche eher eine Erleichterung als ein Hindernis ist. Bei der +Lösung eines solchen Problems kommt es hauptsächlich darauf an, ob man +imstande ist, Rückschlüsse zu machen. Das ist eine sehr nützliche und +leicht zu erwerbende Fertigkeit, aber nur wenige Leute haben Uebung +darin. Die synthetische Methode erscheint den meisten leichter als die +analytische.“ + +„Was das heißen soll, verstehe ich nicht.“ + +„Das glaube ich gern und will mich näher erklären: Nach meiner +Erfahrung werden die meisten Leute, denen man verschiedene Ereignisse, +die stattgefunden haben, der Reihe nach erzählt, zu sagen wissen, +welches Resultat sich daraus ergeben wird. Dagegen giebt es nur wenige +Menschen, die, wenn man ihnen ein Resultat mitteilt, imstande sind, +sich zu vergegenwärtigen, auf welche Art es sich entwickelt, welche +Schritte stufenweise zu dem Ergebnis hingeleitet haben können. Diese +Fähigkeit, Rückschlüsse zu machen, nenne ich die analytische Methode.“ + +„Das klingt schon weniger dunkel,“ sagte ich. + +„In unserem Fall lag das Ergebnis klar zu Tage, alles übrige mußten +wir aber selber finden. Ich will Ihnen nun einmal Schritt für Schritt +zeigen, wie ich meine Schlüsse gezogen habe. Fangen wir beim Anfang +an: Ich näherte mich, wie Sie wissen, dem Hause zu Fuß und ohne alle +Voreingenommenheit. Natürlich untersuchte ich zunächst die Straße, +und fand da, wie ich Ihnen schon sagte, deutliche Anzeichen, daß eine +Droschke bei Nacht vorgefahren sein müsse; daß es kein Privatwagen +gewesen, erkannte ich an der schmaleren Räderspur. Bei unsern Londoner +Fuhrwerken ist der Unterschied ziemlich bedeutend.“ + +„Nachdem ich über diesen Punkt Gewißheit hatte, ging ich langsam den +Gartenpfad hinunter; in dem lehmigen Boden waren alle Fußstapfen mit +großer Deutlichkeit abgedrückt. Sie haben vielleicht nur Pfützen +gesehen und zertretenes Erdreich, aber für mein erfahrenes Auge war +jedes Merkmal von Bedeutung. Die Beobachtung der Fußspuren wird +im allgemeinen von den Detektivs viel zu sehr vernachlässigt; ich +habe stets großen Wert darauf gelegt und sie ist mir durch fleißige +Uebung zur zweiten Natur geworden. Ich konnte die schweren Tritte +der Schutzleute verfolgen, aber ich sah auch die Spuren der beiden +Männer, die zuerst durch den Garten gegangen waren. Daß jene den Weg +später gemacht hatten, unterlag keinem Zweifel, denn ihre Fußstapfen +verdeckten die andern an manchen Stellen gänzlich. Somit war das zweite +Glied in meiner Kette gefunden: ich wußte, daß zwei nächtliche Besucher +dagewesen waren, der eine ungewöhnlich groß -- was sich aus der Länge +seines Schrittes ergab, -- der andere fein und modisch gekleidet, wie +der Abdruck der schmalen, eleganten Stiefel bekundete. + +„Beim Eintritt in das Haus fand ich letztere Vermutung bestätigt: der +feingestiefelte Mann lag vor mir. Also mußte der andere, der große, +den Mord begangen haben, wenn ein solcher überhaupt verübt worden +war. Eine Wunde ließ sich an dem Toten nicht entdecken, doch bewies +die leidenschaftliche Erregung in seinen Zügen, daß er sein Schicksal +vorausgesehen habe. Ein solcher Ausdruck der Unruhe findet sich nie bei +einem Menschen, der an Herzschlag oder aus einer andern natürlichen +Ursache eines plötzlichen Todes stirbt. Ich roch an des Mannes Lippen, +entdeckte eine verdächtige Säure und schloß daraus, daß er gezwungen +worden sei, Gift zu nehmen. Freiwillig hatte er es nicht gethan, denn +grimmiger Haß und Todesfurcht standen ihm im Gesicht geschrieben. Ein +solcher Giftmord ist übrigens durchaus kein unerhörtes Vorkommnis in +der Geschichte des Verbrechens und steht nicht vereinzelt da. Jeder, +der sich mit Toxikologie beschäftigt hat, denkt dabei unwillkürlich an +die Fälle Dolsky in Odessa und Leturier in Montpellier. + +„Nun aber kam die große Frage nach dem Beweggrund. Ein Raub konnte +nicht beabsichtigt sein, denn weder des Toten Börse noch seine Uhr +waren entwendet worden. Handelte es sich vielleicht um politische +Zwecke oder war eine Frau im Spiele? -- Ich neigte mich von Anfang an +letzterer Meinung zu. Der politische Fanatiker bringt seine Opfer so +rasch als möglich um und ergreift die Flucht. Dieser Mord war aber +im Gegenteil mit allem Vorbedacht ausgeführt worden und man konnte +im ganzen Zimmer die Spur des Thäters verfolgen. Allem Anschein nach +handelte es sich um einen Akt der Privatrache. Die Inschrift an der +Wand bestärkte mich nur in dieser Ansicht, und als zuletzt der Trauring +zum Vorschein kam, hielt ich die Frage für entschieden. Der Mörder +hatte ihn vermutlich benützt, um sein Opfer an ein früheres Verhältnis +zu irgend einem Mädchen zu erinnern. Um hierüber Aufschluß zu erhalten, +fragte ich Gregson, ob er in seinem Telegramm um Nachricht über +Drebbers Vorgeschichte gebeten habe, das hatte er jedoch unterlassen. + +„Als ich nunmehr das Zimmer zu untersuchen begann, fand ich meine +Annahme über den Mörder in allen Einzelheiten bestätigt; es mußte +sein eigenes Blut sein, das auf den Fußboden getropft war, denn ein +Kampf hatte nicht stattgefunden und überall, wo er umhergegangen war, +sah man die Blutspuren. Daß ich glaubte, der Mann sei vollblütig, von +kräftigem Wuchs und blühender Gesichtsfarbe, war sehr natürlich -- +hätte ihm sonst die bloße innere Aufregung ein so heftiges Nasenbluten +verursachen können? -- Von der Richtigkeit meiner Schlüsse haben wir +uns ja später durch den Augenschein überzeugt. + +„Nachdem ich das Haus verlassen hatte, telegraphierte ich sofort an den +Polizeiinspektor in Cleveland und bat um Auskunft über Enoch Drebbers +eheliche Verhältnisse. Die Antwort klärte mich über verschiedene +wichtige Punkte auf. Sie lautete dahin, daß Drebber schon einmal den +Schutz des Gesetzes gegen einen früheren Nebenbuhler Namens Jefferson +Hope angerufen habe, und daß besagter Hope sich jetzt in Europa +befinde. Hierdurch bekam ich den Schlüssel des ganzen Geheimnisses +in die Hände und es handelte sich jetzt nur noch darum, des Mörders +habhaft zu werden. + +„Der Mann, welcher mit Drebber in das Haus gegangen war, hatte auch +die Droschke gefahren, das stand fest. Sein Pferd war auf der Straße +sich selbst überlassen geblieben und hatte den Wagen bald hierhin, bald +dorthin gezogen. Wo anders konnte der Kutscher unterdessen gewesen +sein, als drinnen im Hause? Es lag ja auch auf der Hand, daß er weit +sicherer war, unentdeckt zu bleiben, wenn er sein Verbrechen ohne +Zeugen beging. Diese Erwägung veranlaßte mich, Jefferson Hope unter den +Droschkenkutschern der Hauptstadt zu suchen. Daß er noch unter ihnen zu +finden sein müsse, wurde mir bald zur Gewißheit. Wenn er dies Gewerbe +ergriffen hatte, um seinen Racheplan leichter ausführen zu können, so +durfte er es nicht gleich nach vollbrachter That aufgeben, das hätte +verdächtig aussehen können. Seinen Namen hatte er schwerlich verändert, +da er hier völlig unbekannt war. + +„Nachdem ich dies alles wohl erwogen hatte, schickte ich die Bande +meiner Getreuen zu jedem Droschkenbesitzer Londons, bis sie den Mann +aufgespürt hatten, nach dem ich suchte. Wie gut ihnen das gelang und +wie schnell ich die Gelegenheit beim Schopfe nahm, haben Sie selbst +gesehen. + +„Stangersons Ermordung kam mir ganz unvermutet, hätte sich aber +schwerlich verhindern lassen. Sie brachte mich in den Besitz der +Pillen, deren Vorhandensein ich bereits ahnte, und dadurch ward auch +noch mein letzter Zweifel gehoben. Mein ganzes Verfahren beruhte, wie +Sie sehen, auf einer zusammenhängenden Kette logischer Schlüsse, in +welcher ein Glied genau an das andere paßt.“ + +„Sie sind ein merkwürdiger Mensch,“ rief ich, „Ihre Verdienste sollten +öffentlich anerkannt werden. Sie müssen einen Bericht über den Fall +drucken lassen. Thun +Sie+ es nicht, so werde +ich+ es übernehmen.“ + +„Halten Sie das, wie Sie wollen, Doktor,“ entgegnete Holmes, „es kommt +doch alles auf eins heraus. -- Vielleicht interessiert Sie dieser +Artikel,“ fuhr er fort, mir eine Zeitung reichend. + +Die Stelle im ‚Echo‘, welche er mir zu lesen gab, lautete wie folgt: + + „Durch den plötzlichen Tod eines gewissen Hope, des mutmaßlichen + Mörders von Enoch Drebber und Josef Stangerson, ist dem Publikum + eine interessante Gerichtsverhandlung entgangen. Die Einzelheiten + des Falls werden jetzt vermutlich für immer in Dunkel gehüllt + bleiben. Nur soviel hören wir aus guter Quelle, daß es sich um + eine langjährige, romantische Feindschaft handelte, bei der das + Mormonentum und eine alte Liebe wichtige Rollen spielten. Die beiden + Opfer scheinen in früheren Zeiten zu den ‚Heiligen des jüngsten + Tages‘ gehört zu haben, und auch der im Gefängnis verstorbene Hope + kam aus der Stadt am Salzsee. Obgleich der Fall nicht mehr öffentlich + verhandelt werden kann, so liefert er doch einen neuen schlagenden + Beweis von der Vortrefflichkeit unserer Londoner Geheimpolizei. Alle + Fremden mögen es sich gesagt sein lassen, daß sie wohl daran thun, + ihre Streitigkeiten daheim auszufechten, statt sie auf britischen + Grund und Boden zu verpflanzen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß + wir Hopes Gefangennahme nur dem Scharfsinn und der Geschicklichkeit + der beiden wohlbekannten Detektivs Lestrade und Gregson zu verdanken + haben. Der Mann soll in der Wohnung eines gewissen Sherlock Holmes + verhaftet worden sein, welcher selbst Talent und Interesse für + polizeiliche Forschung an den Tag legt. Ein Dilettant, der solche + Lehrmeister hat, darf hoffen, ihnen mit der Zeit an Gewandtheit + ähnlich zu werden. -- Daß den beiden ausgezeichneten Beamten eine + angemessene Belohnung für ihre wertvollen Dienstleistungen zu teil + werden möchte, ist dringend zu wünschen.“ + +„Sagte ich Ihnen nicht gleich, als wir damals unsere Fahrt antraten, +wie alles kommen würde?“ rief Sherlock Holmes lachend. „Der ganze +Erfolg, der uns aus unsern Forschungen und Bemühungen erwächst, ist, +daß +sie+ eine Belohnung erhalten.“ + +„Seien Sie unbesorgt,“ rief ich, „in meinem Tagebuch stehen sämtliche +Thatsachen verzeichnet. Das Publikum soll Kenntnis davon erhalten und +wird dem wahren Verdienst die gebührende Anerkennung nicht versagen.“ + + LUTZ’ + Kriminal- und Detektiv-Romane + etc + + Bd. 52 M. 1.-- + + Sherlock Holmes + als Einbrecher + + Von + + Conan Doyle + + + STUTTGART + Verlag von Robert Lutz + + + + +Memoirenbibliothek. + + +Helen Keller + +Die Geschichte meines Lebens + + +386 S. +mit Illustrationen+. Preis brosch. M. 5.50, in Lwd. geb. M. +6.50. + + +24 Auflagen in 24 Monaten + ++Mark Twain+ hat den Ausspruch getan: „Die größten Wunder des 19. +Jahrhunderts sind +Napoleon+ und +Helen Keller+.“ -- In Deutschland +fand das Buch bei Publikum und Presse begeisterte Aufnahme. + + ++Einige Urteile+: + + •Marie von Ebner-Eschenbach•: „+Tief ergriffen+ und +voll der + wärmsten Bewunderung+ habe ich das Buch zu Ende gelesen. Jede Zeile + hat mir +unaussprechliches Interesse+ eingeflößt. +Als ein erhabenes + Beispiel stillen Heldentums+ stehen Helen Keller und ihre Freundin + vor meinen Augen.“ + + •Kölnische Zeitung•: „Mit dem erhebenden Bewußtsein, ein neues Stück + menschlichen Heldentums in diesen beiden Frauen kennen gelernt zu + haben, legt man diese, +wohl in der ganzen Weltliteratur einzig + dastehende Selbstbiographie+ aus der Hand.“ + + •Pustets deutscher Hausschatz•: „Je weiter man in dem bedeutsamen + Buche vordringt, desto mehr nimmt +unsere Bewunderung für das + außerordentliche Mädchen+ zu. -- +Unbestritten gehört+ Helen Kellers + Selbstbiographie +zu den interessantesten Büchern der Neuzeit+.“ + + +Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+. + + + + +Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+ + +M. Cervantes + +Don Quijote + +Nach der Tieckschen Uebersetzung neu bearbeitet von ~Dr.~ =Benno +Diederich= + +=Jubiläumsausgabe.= Preis M. 3.50 brosch., M. 4.50 i. Lwd. geb. + +Als König Philipp III. von Spanien in Madrid einen Mann sah, der sich, +brüllend vor Lachen, in der Gosse wälzte, sagte er zu seinen Begleitern: + + Der Mensch ist entweder verrückt -- + oder er hat den Don Quijote gelesen! + +Dies Buch, dem damals ein so phänomenaler Lacherfolg zugetraut wurde, +steht heute in Gefahr, das Los derjenigen Klassiker zu teilen, die +jeder lobt und keiner liest, weil ihr Inhalt für den heutigen Geschmack +zumteil ganz ungenießbar ist. Dem Beispiel der von der +Spanischen +Akademie+ herausgegebenen +gekürzten+ Jubiläumsausgabe des Don Quijote +folgend, hat es ~Dr.~ =Benno Diederich= deshalb unternommen, auch dem +deutschen Volk das einzigartige Buch in einer + + gekürzten Jubiläumsausgabe + +wieder näher zu bringen, die +alles+ enthält, was den Ruhm des Buches +ausmacht und was an ihm unsterblich ist. Für die meisten, die sich mit +dem Don Quijote bekannt machen wollen, dürfte daher fortan + + •nur diese gekürzte Ausgabe• + +in Frage kommen. + + + + +•Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+• + +W. W. Jacobs + +Seemannshumor + +Geschichten und Schwänke von der Wasserkante + +=I. Band=: 13 Erzählungen. -- =II. Band=: 15 Erzählungen. + +Jeder Band ist einzeln käuflich zu M. 2.50 broschiert; M. 3.50 in Lwd. +gebunden. + + +Einige Urteile: + + Hamburger Nachrichten: „Es herrscht hier •ein wirklicher, behaglicher + Humor•, voll der tollsten Einfälle und reger Phantasie. Echt und + frisch sind die wetterharten Gestalten gezeichnet. •Es kichert und + lacht• in und zwischen den Zeilen.“ + + Intern. Literaturberichte: „Wer einmal recht herzlich lachen will, + mag getrost zu Jacobs Seemannshumor greifen.“ + + Nordd. Allg. Zeitung: „Jede einzelne der Erzählungen ruft herzliches + Lachen hervor.“ + + Deutsche Tageszeitung: „Die Geschichten zeugen von einem ganz + •prächtigen, urwüchsigen Seemannshumor•.“ + + + + +•Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+.• + + +•W. Weressajew• + +Bekenntnisse eines Arztes + +4. Auflage. (8.-10. Tausend.) + +Preis geh. M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--. + + +Jeder Gebildete sollte dieses Buch lesen! + + +•Einige Urteile•: + + •=Peter Rosegger=•: „Der Verfasser erzählt mit erschütterndem + Freimut seine Enttäuschungen, seine Mißerfolge, seine Verzweiflung + an der Medizin und -- seine Hoffnung auf sie. Das Buch ist eins der + ernstesten, redlichsten und nützlichsten Werke, die je geschrieben + wurden. Weressájew ist ein ganzer, ein guter und treuer Mensch. + Aber er ist auch ein großer Schriftsteller; sein Buch ist glänzend + geschrieben.“ + + •=Pustets Deutscher Hausschatz=•: „Man mag mit ihm über diesen + und jenen Punkt rechten, Hochachtung indes kann dem Verfasser + niemand vorenthalten, ebensowenig als Bewunderung seiner großen + schriftstellerischen Begabung, die sein Buch auf jeder Seite + auszeichnet.“ + + •=Rigaer Tagblatt=•: „Ein Kunstwerk, ein in rückhaltloser Offenheit + gezeichnetes Seelengemälde. Manche Kapitel lesen sich in ihrer + unbarmherzigen, psychologischen Analyse wie ein moderner Roman und + könnten fast unverändert in den Werken unserer zeitgenössischen + Literatur Platz finden.“ + + •=Deutsche Medizinalzeitung, Berlin=•: „Das Buch ist für jeden + Gebildeten von Interesse und von einem über die gewöhnliche + Unterhaltungslektüre weit hinausgehenden Wert.“ + + + + +•Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+.• + + +Anekdoten-Bibliothek + + + 1. Bd. =Bismarck-Anekdoten.= Heitere Szenen, Scherze und + Charakterzüge aus dem Leben des ersten deutschen Reichskanzlers. + Bearbeitet von =Fr. Schmidt-Hennigker=. 4. Aufl. 239 S. Geh. M. 2.50, + in Lwd. geb. M. 3.50. + + 2. Bd. =Hohenzollern-Anekdoten I. Teil.= Anekdoten, heitere + Szenen und charakteristische Züge aus dem Leben der Hohenzollern. + Herausgegeben von =Herm. Jahnke=. Geh. M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--. + + 3. Bd. =Hohenzollern-Anekdoten II. Teil.= •Humor Friedrichs des + Großen.• Bearbeitet von =Fr. Schmidt-Hennigker=. 5. Auflage. 192 S. + Geh. M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--. + + 4. Bd. =Schiller-Anekdoten.= Charakterzüge und Anekdoten, ernste und + heitere Bilder aus dem Leben Friedrich Schillers. Herausgegeben von + =Th. Mauch=. 5. und 6. Tausend. 312 S. Geh. M. 2.50, in Lwd. geb. M. + 3.50. + + 5. Bd. =Habsburger-Anekdoten.= Herausgegeben von ~Dr.~ =Frz. + Schnürer=. 205 S. Geh. M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--. + + 6. Bd. =Napoleon-Anekdoten I. Teil.= Herausgegeben von =G. Kuntze=. + Ca. 225 S. =Preis brosch.= M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--. + + +•In Vorbereitung:• + +Russische Hof-Anekdoten. -- Napoleon-Anekdoten II. Teil. -- +Goethe-Anekdoten. + + + + +•Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+• + +Fritz Reuters Meisterwerke + +Hochdeutsche Ausgabe + +Herausgegeben von ~Dr.~ +Heinrich Conrad+ 6 Bände à M. 1.20 broschiert, +M. 1.80 i. Lwd. geb. + +Jeder Band einzeln käuflich + ++Inhalt+: Bd. 1. Aus der Franzosenzeit. -- Wie ich zu einer Frau kam. +-- Bd. 2. Aus meiner Festungszeit. -- Bd. 3-5. Aus meiner Stromzeit. -- +Bd. 6. Dörchläuchting. + +•Einige Urteile:• + + •J. V. Widmann urteilt•: „Schon nach den ersten Kapiteln der + „Franzosenzeit“ war ich mir darüber klar, daß ein bisher im engern + Verschluß der Mundart gehaltenes Meisterwerk nun +durch diese + Übertragung in die Schriftsprache den Charakter eines+ + + •+Nationalgeschenkes für Deutschland+• erhalten hat.“ + + •Kölnische Volkszeitung•: „Diese Übertragung, +die + übrigens nicht vor dem Dialog Halt macht+, sondern auch + diesen +verständigerweise hochdeutsch wiedergibt, zeigt einen + Übersetzungskünstler+, der im Stil und der Redeweise der + Personen jene Nüancierung der Formen anzuwenden weiß, die auch + dem Hochdeutschen gar wohl eigen ist und dem Vorgebrachten +ein + charakteristisches Kolorit+ verleiht.“ + + •„Dienet einander“ (~Dr.~ W. Rathmann)•: „+Die vorliegende + hochdeutsche Ausgabe macht Reuters Werke erst zum Besitz der ganzen + Nation+. Die Verlagshandlung verbindet die gute Ausstattung in großem + Druck auf holzfreiem Papier mit einem +so billigen Preise+, daß auch + die +kleinste Bibliothek+ die geringen Kosten nicht scheuen darf.“ + + + + +Sherlock Holmes-Serie + +Gesammelte Detektivgeschichten + +von + +Conan Doyle + +Illustriert + +Inhalt: + + 1. Bd. Späte Rache + 2. „ Das Zeichen der Vier + 3. „ Der Bund der Rothaarigen + u. a. Detektivgeschichten + 4. „ Das getupfte Band u. A. + 5. „ Fünf Apfelsinenkerne u. A. + 6. „ Der Hund von Baskerville + 7. „ (II. Serie Band 1): Als Sherlock Holmes + aus Lhassa kam u. A. + 8. „ (II. Serie Band 2): Die tanzenden + Männchen u. A. + +Preise: + + •+Band 1-6 (I. Serie)+•. Jeder Band einzeln käuflich brosch. zu + M. 2.25, in Leinwd. geb. M. 3.25. + + +Alle 6 Bände+ auf einmal bezogen brosch. M. 12.--, in Leinwd. geb. + M. 18.--. + + +Band 7 u. 8 (II. Serie Band 1 u. 2)+. Brosch. à M. 2.25, in Leinwd. + geb. à M. 3.25. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78265 *** diff --git a/78265-h/78265-h.htm b/78265-h/78265-h.htm new file mode 100644 index 0000000..1d9d5ec --- /dev/null +++ b/78265-h/78265-h.htm @@ -0,0 +1,7304 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <meta name="viewport" content="width=device-width, initial-scale=1"> + <meta name="format-detection" content="telephone=no,date=no,address=no,email=no,url=no"> + <title> + Späte Rache | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +div.eng { + width: 70%; + margin: auto 15%;} +.x-ebookmaker div.eng { + width: 90%; + margin: auto 5%;} + +h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + font-weight: normal;} + +h1,.s1 {font-size: 275%;} +h2,.s2 {font-size: 175%;} +h3,.s3 {font-size: 125%;} +h4,.s4 {font-size: 110%;} +h5,.s5 {font-size: 90%;} +h6 {font-size: 70%;} + +h2 { + padding-top: 0; 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Offensichtliche +Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute +nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original +unverändert.</p> + +<p class="p0 hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten +Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> +gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl +serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p> + +</div> + +<figure class="figcenter illowe38 x-ebookmaker-drop" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> + <figcaption> + <span class="u">Original-Einband</span> + </figcaption> +</figure> + +<p class="s3 center u padtop5 break-before"><b>Sherlock Holmes-Serie</b></p> + +<p class="s3 center mtop1">Gesammelte Detektivgeschichten</p> + +<p class="center mtop1">von</p> + +<p class="s4 center mtop1"><b>Conan Doyle</b></p> + +<p class="s3 center mtop1 mbot1">I.</p> + +<figure class="figcenter illowe1" id="illus_0001"> + <img class="w100" src="images/illus_0001.jpg" alt="" data-role="presentation"> +</figure> + +<p class="s3 center padtop1 mtop3 break-before"><span class="bbd">    +Sherlock Holmes-Serie I.   </span></p> + +<h1>Späte Rache</h1> + + +<p class="s3 center">Von<br> +<span class="s4">Conan Doyle</span></p> + +<hr class="r5"> + +<p class="center">Autorisiert</p> + +<hr class="r5"> + +<p class="s3 center"><b>−• Illustriert von Rich. Gutschmidt •−</b></p> + +<hr class="r5"> + +<p class="s3 center">32.–34. Tausend.</p> + +<figure class="figcenter illowe6 padtop1" id="signet"> + <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="Signet des Robert Lutz Verlages"> +</figure> + +<p class="s3 center mtop2"><b>Stuttgart<br> +<em class="gesperrt">Verlag von Robert Lutz</em><br> +1907.</b></p> + +<p class="s5 center padtop5 break-before">Verlags- und Handelsdruckerei +Stuttgart, Hans Bleher.</p> + +<div class="chapter"> + + <h2 class="nobreak" id="Inhalt"> + Inhalt. + </h2> + +</div> + +<table class="toc"> + <tr> + <td class="s4" colspan="4"> + <div class="center"><b><a href="#Aus_Watsons_Erinnerungen">I. Aus Watsons Erinnerungen.</a></b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5" colspan="3"> +   + </td> + <td class="s5"> + <div class="right">Seite</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Kapitel:</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Sherlock Holmes</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Kapitel">7</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Kunst der Schlußfolgerung</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Kapitel">22</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Brixtonstraße Nummer 3</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Drittes_Kapitel">39</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Was uns John Rance erzählte</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Viertes_Kapitel">59</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Wir bekommen Besuch</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Fuenftes_Kapitel">73</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Tobias Gregson thut große Thaten</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Sechstes_Kapitel">86</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Es kommt Licht in das Dunkel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Siebentes_Kapitel">104</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop1" colspan="4"> + <div class="center"><b><a href="#Im_Lande_der_Heiligen">II. Im Lande der Heiligen.</a></b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat padtop0_5"> + <div class="right">8.</div> + </td> + <td class="vat padtop0_5"> + <div class="center">Kapitel:</div> + </td> + <td class="vat padtop0_5"> + <div class="left">Auf der großen Alkali-Ebene</div> + </td> + <td class="vab padtop0_5"> + <div class="right"><a href="#Achtes_Kapitel">121</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">9.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Blume von Utah</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Neuntes_Kapitel">140</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">10.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">John Ferrier spricht mit dem Propheten</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zehntes_Kapitel">155</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">11.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Eine Flucht auf Leben und Tod</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Elftes_Kapitel">165</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">12.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Würgengel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zwoelftes_Kapitel">184</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat padtop0_5" colspan="3"> + <div class="left"> <em class="gesperrt">Fortsetzung von</em> + <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Watsons + Erinnerungen</em></div> + </td> + <td class="vab padtop0_5"> + <div class="right"><a href="#Fortsetzung_von_Dr_Watsons_Erinnerungen">201</a></div> + </td> + </tr> +</table> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_7">[S. 7]</span></p> + + <h2 class="nobreak padbot1" id="Aus_Watsons_Erinnerungen"> + <b>Aus Watsons Erinnerungen.</b> + </h2> + +</div> + +<h3 class="noclearleft" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.<br> +<b class="s4">Sherlock Holmes.</b></h3> + +<figure class="figleft_ini illowe10" id="illus_0007"> + <img class="w100 mtop-4" src="images/illus_0007.jpg" alt="I"> +</figure> + +<p class="p0 clearr"><span class="transparent mleft-0_5">I</span>m Jahre 1878 hatte ich +mein Doktorexamen an der Londoner Universität bestanden und in +Nelley den für Militärärzte vorgeschriebenen medizinischen Kursus +durchgemacht. Bald darauf ward ich dem fünften Füsilierregiment +Northumberland zugeteilt, welches damals in Indien stand. Bevor +ich jedoch an den Ort meiner Bestimmung gelangte, brach der zweite +afghanische <span class="pagenum" id="Page_8">[S. 8]</span>Krieg aus, +und bei meiner Landung in Bombay erfuhr ich, mein Regiment sei bereits +durch die Gebirgspässe marschiert und weit in Feindesland vorgedrungen. +In Gesellschaft mehrerer Offiziere, die sich in gleicher Lage befanden, +folgte ich meinem Corps, erreichte dasselbe glücklich in Kandahar und +trat in meine neue Stellung ein.</p> + +<p>Der Feldzug, in welchem andere Ehre und Auszeichnungen +fanden, brachte mir indessen nur Unglück +und Mißerfolg. Gleich in der ersten Schlacht +zerschmetterte mir eine Kugel das Schulterblatt und +ich wäre sicherlich den grausamen Ghazia in die +Hände gefallen, hätte mich nicht Murray, mein +treuer Bursche, rasch auf ein Packpferd geworfen und +mit eigener Lebensgefahr mit sich geführt, bis wir +die britische Schlachtlinie erreichten.</p> + +<p>Lange lag ich krank, und erst nachdem ich mit +einer großen Anzahl verwundeter Offiziere in das +Hospital von Peshawur geschafft worden war, erholte +ich mich allmählich von den ausgestandenen Leiden; +ich war bereits wieder so weit, daß ich in den +Krankensälen umhergehen und auf der Veranda +frische Luft schöpfen durfte. Da befiel mich unglücklicherweise +ein Entzündungsfieber und zwar mit +solcher Heftigkeit, daß man monatelang an meinem +Wiederaufkommen zweifelte. Als endlich die Macht +<span class="pagenum" id="Page_9">[S. 9]</span>der Krankheit gebrochen war und mein Bewußtsein +zurückkehrte, befand ich mich in solchem Zustand der +Kraftlosigkeit, daß die Aerzte beschlossen, mich ohne +Zeitverlust wieder nach England zu schicken. Einen +Monat später landete ich mit dem Truppenschiff +‚Orontes‘ in Portsmouth; meine Gesundheit war +völlig zerrüttet, doch erlaubte mir eine fürsorgliche +Regierung, während der nächsten neun Monate den +Versuch zu machen, sie wiederherzustellen.</p> + +<p>Verwandte besaß ich in England nicht; ich beschloß +daher, mich in einem Privathotel einzuquartieren. +Mein tägliches Einkommen belief sich auf +elf und einen halben Schilling und da ich zuerst +nicht sehr haushälterisch damit umging, machten mir +meine Finanzen bald große Sorge. Ich sah ein, +daß ich entweder aufs Land ziehen oder meine +Lebensweise in der Hauptstadt völlig ändern müsse.</p> + +<p>Da ich letzteres vorzog, sah ich mich genötigt, +das Hotel zu verlassen und mir eine anspruchslosere +und weniger kostspielige Wohnung zu suchen.</p> + +<p>Während ich noch hiermit beschäftigt war, begegnete +ich eines Tages auf der Straße einem mir +bekannten Gesicht, ein höchst erfreulicher Anblick für +einen einsamen Menschen wie mich in der Riesenstadt +London. Ich hatte mit dem jungen Stamford während +meiner Studienzeit verkehrt, ohne daß wir +<span class="pagenum" id="Page_10">[S. 10]</span>einander besonders nahe getreten waren, jetzt aber +begrüßte ich ihn mit Entzücken, und auch er schien +sich über das Wiedersehen zu freuen. Bald saßen +wir in einer nahen Restauration zusammen bei einem +Glase Wein und tauschten unsere Erlebnisse aus.</p> + +<p>„Was in aller Welt ist denn mit dir geschehen, +Watson?“ fragte Stamford verwundert, „du siehst +braun aus wie eine Nuß und bist so dürr wie eine +Bohnenstange.“</p> + +<p>Ich gab ihm einen kurzen Abriß meiner Abenteuer +und er hörte mir teilnehmend zu.</p> + +<p>„Armer Kerl,“ sagte er mitleidig, „und was +gedenkst du jetzt zu thun?“</p> + +<p>„Ich bin auf der Wohnungssuche,“ versetzte +ich; „es gilt die Aufgabe zu lösen, mir um billigen +Preis ein behagliches Quartier zu verschaffen.“</p> + +<p>„Wie sonderbar,“ rief Stamford; „du bist der +zweite Mensch, der heute gegen mich diese Aeußerung +thut.“</p> + +<p>„Und wer war der erste?“</p> + +<p>„Ein Bekannter von mir, der in dem chemischen +Laboratorium des Hospitals arbeitet. Er klagte mir +diesen Morgen sein Leid, daß er niemand finden +könne, um mit ihm gemeinsam ein sehr preiswürdiges, +hübsches Quartier zu mieten, das für seinen +Beutel allein zu kostspielig sei.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_11">[S. 11]</span></p> + +<p>„Meiner Treu,“ rief ich, „wenn er Lust hat, die +Kosten der Wohnung zu teilen, so bin ich sein Mann. +Ich würde weit lieber mit einem Gefährten zusammenziehen, +statt ganz allein zu hausen.“</p> + +<p>Stamford sah mich über sein Weinglas hinweg +mit bedeutsamen Blicken an. „Wer weiß, ob du +Sherlock Holmes zum Stubengenossen wählen würdest, +wenn du ihn kenntest,“ sagte er.</p> + +<p>„Ist denn irgend etwas an ihm auszusetzen?“</p> + +<p>„Das will ich nicht behaupten. Er hat in +mancher Hinsicht eigentümliche Anschauungen und +schwärmt für die Wissenschaft. Im übrigen ist er +ein höchst anständiger Mensch, soviel ich weiß.“</p> + +<p>„Ein Mediziner vermutlich?“</p> + +<p>„Nein — ich habe keine Ahnung, was er eigentlich +treibt. In der Anatomie ist er gut bewandert +und ein vorzüglicher Chemiker. Aber meines +Wissens hat er nie regelrecht Medizin studiert. Er +ist überhaupt ziemlich überspannt und unmethodisch +in seinen Studien, doch besitzt er auf verschiedenen +Gebieten eine Menge ungewöhnlicher Kenntnisse, um +die ihn mancher Professor beneiden könnte.“</p> + +<p>„Hast du ihn nie nach seinem Beruf gefragt?“</p> + +<p>„Nein — er ist kein Mensch, der sich leicht ausfragen +läßt; doch kann er zuweilen sehr mitteilsam +sein, wenn ihm gerade danach zu Mute ist.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_12">[S. 12]</span></p> + +<p>„Ich möchte ihn doch kennen lernen,“ sagte ich; +„ein Mensch, der sich mit Vorliebe in seine Studien +vertieft, wäre für mich der angenehmste Gefährte. +Bei meinem schwachen Gesundheitszustand kann ich +weder Lärm noch Aufregung vertragen. Ich habe +beides in Afghanistan so reichlich genossen, daß ich +für meine Lebenszeit genug daran habe. Bitte, +sage mir, wo ich deinen Freund treffen kann.“</p> + +<p>„Vermutlich ist er jetzt noch im Laboratorium. +Manchmal läßt er sich dort wochenlang nicht sehen +und zu anderen Zeiten bleibt er wieder von früh bis +spät bei der Arbeit. Wenn es dir recht ist, suchen +wir ihn zusammen auf.“</p> + +<p>Ich willigte mit Freuden ein und wir machten +uns sogleich auf den Weg nach dem Hospital.</p> + +<p>„Du darfst mir aber keine Vorwürfe machen, +wenn ihr nicht miteinander auskommt,“ sagte +Stamford, als wir in die Droschke stiegen; „ich +möchte dir weder zu- noch abraten.“</p> + +<p>„Wenn wir nicht zu einander passen, können wir +uns ja leicht wieder trennen. Deine Vorsicht scheint +mir fast übertrieben, es muß noch etwas anderes +dahinter stecken. Heraus mit der Sprache, was hast +du gegen den Menschen einzuwenden?“</p> + +<p>„Nichts, gar nichts; er ist nur nach meinem Geschmack +seiner Wissenschaft allzusehr ergeben. — Das +<span class="pagenum" id="Page_13">[S. 13]</span>grenzt schon an Gefühllosigkeit. Ich halte es nicht +für undenkbar, daß er einem guten Freunde eine +Priese des neuesten vegetabilischen Alkaloids eingeben +würde — nicht etwa aus Bosheit, nein, aus +Forschungstrieb — um die Wirkung genau zu beobachten. +Ebenso gern würde er freilich die Probe an +sich selber machen, <em class="gesperrt">die</em> Gerechtigkeit muß man ihm +widerfahren lassen. Ueberhaupt ist Klarheit und +Genauigkeit des Wissens seine größte Leidenschaft; +aber zu welchem Zweck er alle seine Studien betreibt, +weiß der liebe Himmel.“</p> + +<p>Vor dem Hospital angekommen, stiegen wir aus, +gingen ein Gäßchen hinunter und traten durch eine +Thür in den Nebenflügel des weitläufigen Gebäudes. +Hier war mir alles wohl bekannt und ich brauchte +keinen Führer mehr. Es ging die kahle Steintreppe +hinauf, durch den langen, weißgetünchten Korridor, +mit den Thüren auf beiden Seiten, an den sich der +niedrige Bogengang anschloß, welcher nach dem +chemischen Laboratorium führte.</p> + +<p>In dem großen Saal, den wir betraten, waren +sämtliche Tische mit Retorten, Reagensgläsern und +kleinen Weingeistlampen besetzt, während rings an +den Wänden und überhaupt, wohin man blickte, +Flaschen von allen Größen und Formen umherstanden. +Wir dachten zuerst, der Raum sei leer, bis +<span class="pagenum" id="Page_14">[S. 14]</span>wir an dem andern Ende einen jungen Mann gewahrten, +der, in seine Beobachtungen versunken, über +einen Tisch gebeugt dasaß. Beim Schall unserer +Fußtritte blickte er von seinem Experiment auf und +sprang mit einem Freudenruf in die Höhe. „Viktoria, +Viktoria,“ jubelte er, und kam uns, mit der Retorte +in der Hand, entgegen. „Ich habe das Reagens gefunden, +das sich mit Hämoglobin zu einem Niederschlag +verbindet und sonst mit keinem Stoff.“</p> + +<p>Er sah so glückstrahlend aus, als hätte er eine +Goldmine entdeckt.</p> + +<p>„Mein Freund, Doktor Watson — Herr Sherlock +Holmes,“ sagte Stamford uns einander vorstellend.</p> + +<p>„Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen,“ +erwiderte Holmes in herzlichem Ton und mit kräftigem +Händedruck. „Sie kommen aus Afghanistan, +wie ich sehe.“</p> + +<p>Ich blickte ihn verwundert an. „Wieso wissen +Sie denn das?“</p> + +<p>„O, das thut nichts zur Sache,“ rief er, sich +vergnügt die Hände reibend; „ich denke jetzt nur an +Hämoglobin. Sicherlich werden Sie die Tragweite +meiner Erfindung begreifen.“</p> + +<p>„Es mag wohl als chemisches Experiment sehr +interessant sein, aber für die Praxis —“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_15">[S. 15]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe29" id="illus_0015"> + <img class="w100" src="images/illus_0015.jpg" alt="Sherlock Holmes und Dr. Watson werden einander vorgestellt"> +</figure> + +<p>„Gerade in der Praxis ist es von größter +<span class="pagenum" id="Page_16">[S. 16]</span>Wichtigkeit für die Gerichtschemie, weil es dazu +dient, das etwaige Vorhandensein von Blutflecken +zu beweisen. — Bitte, kommen Sie doch einmal her.“ +In seinem Eifer ergriff er meinen Rockärmel und +zog mich nach dem Tische hin, an welchem er experimentiert +hatte. „Wir müssen etwas frisches Blut +haben,“ sagte er und stach sich mit einer großen +Stopfnadel in den Finger, worauf er das herabtropfende +Blut in einem Saugröhrchen auffing. +„Jetzt mische ich diese kleine Blutmenge mit einem +Liter Wasser — das Verhältnis ist etwa wie eins zu +einer Million — und die Flüssigkeit sieht ganz aus +wie reines Wasser. Trotzdem wird sich, denke ich, +die gewünschte Reaktion herstellen lassen.“ Er hatte, +während er sprach, einige weiße Krystalle in das +Gefäß geworfen und goß jetzt noch mehrere Tropfen +einer durchsichtigen Flüssigkeit hinzu. Sofort nahm +das Wasser eine dunkle Färbung an und ein bräunlicher +Niederschlag erschien auf dem Boden des +Glases.</p> + +<p>„Sehen Sie,“ rief er und klatschte in die Hände, +wie ein Kind vor Freude über ein neues Spielzeug. +„Was sagen Sie dazu?“</p> + +<p>„Es scheint mir ein sehr gelungenes Experiment.“</p> + +<p>„Wundervoll, wundervoll! Die alte Methode, +<span class="pagenum" id="Page_17">[S. 17]</span>die Probe mit Guajacum anzustellen, war sehr umständlich +und unsicher, die mikroskopische Untersuchung +der Blutkügelchen aber ist wertlos, sobald +die Flecken ein paar Stunden alt sind. Meine Erfindung +wird sich dagegen ebenso gut bei altem wie +bei frischem Blut bewähren. Wäre sie schon früher +gemacht worden, so hätte man Hunderte von Verbrechern +zur Rechenschaft ziehen können, die straflos +davongekommen sind.“</p> + +<p>„Meinen Sie wirklich?“</p> + +<p>„Ohne Frage. Bei der Kriminaljustiz dreht sich +ja meist alles um diesen <em class="gesperrt">einen</em> Punkt. Vielleicht +Monate, nachdem die Missethat begangen ist, fällt +der Verdacht auf einen Menschen, man untersucht +seine Kleider und findet braune Flecke am Rock oder +in der Wäsche. Das können Blutspuren sein, aber +auch Rostflecke, Obstflecke oder Schmutzflecke. Mancher +Sachverständige hat sich darüber schon den Kopf +zerbrochen und zwar bloß, weil es an einer zuverlässigen +Beweismethode fehlte. Nun man aber das +Sherlock Holmessche Mittel besitzt, ist jede Schwierigkeit +beseitigt.“</p> + +<p>Seine Augen funkelten, während er sprach, er +legte die Hand aufs Herz und machte eine feierliche +Verbeugung, als sähe er sich im Geist einer Beifall +klatschenden Menge gegenüber.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_18">[S. 18]</span></p> + +<p>„Da kann man Ihnen ja Glück wünschen,“ sagte +ich, verwundert über seinen Feuereifer.</p> + +<p>„Hätte man die Probe schon letztes Jahr anstellen +können,“ fuhr er fort, „es wäre dem Mason +aus Bradford sicherlich an den Hals gegangen; auch +der berüchtigte Müller, sowie Lefevre aus Montpellier +und Samson aus New-Orleans wären überführt +worden. Ich könnte Ihnen Dutzende von +Fällen nennen, bei denen meine Erfindung den +Ausschlag gegeben hätte.“</p> + +<p>„Sie scheinen ja ein wandelnder Verbrecheralmanach +zu sein,“ meinte Stamford lachend; +„schreiben Sie doch ein Buch über Kriminalstatistik.“</p> + +<p>„Das möchte wohl des Lesens wert sein,“ erwiderte +Holmes, der sich eben ein Pflaster auf den +verwundeten Finger klebte. „Ich muß sehr vorsichtig +sein,“ fügte er erklärend hinzu, „denn ich mache +mir viel mit Giften zu schaffen.“ Als er die Hand +in die Höhe hielt, sah ich, daß sie an vielen Stellen +bepflastert war und von scharfen Säuren gefärbt.</p> + +<p>„Wir kommen in Geschäften,“ sagte Stamford, +und schob mir einen dreibeinigen Schemel zum Sitzen +hin, während er ebenfalls Platz nahm. „Mein +Freund hier sucht eine Wohnung, und da Sie gern +mit jemand zusammenziehen möchten, dachte ich, es +wäre Ihnen vielleicht beiden geholfen.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_19">[S. 19]</span></p> + +<p>Sherlock Holmes ging mit Freuden auf den +Vorschlag ein. „Ich habe ein Auge des Wohlgefallens +auf ein Quartier in der Bakerstraße geworfen, +das vortrefflich für uns passen würde,“ sagte +er. „Sie haben doch nicht etwa eine Abneigung +gegen Tabaksdampf?“</p> + +<p>„O nein, ich bin selbst ein starker Raucher.“</p> + +<p>„Das trifft sich gut. Ferner habe ich häufig +Chemikalien bei mir herumstehen, die ich zu meinen +Experimenten brauche. Würde Sie das belästigen?“</p> + +<p>„Durchaus nicht.“</p> + +<p>„Warten Sie — was habe ich sonst noch für +Fehler? Manchmal bekomme ich Anfälle von +Schwermut und thue dann tagelang den Mund +nicht auf. Sie müssen mir das nicht übel nehmen. +Kümmern Sie sich nur dann gar nicht um mich, und +die Anwandlung wird bald vorüber sein. So — +nun ist die Reihe an Ihnen, mir Bekenntnisse zu +machen. Wenn zwei Menschen zusammen leben +wollen, ist es gut, wenn sie im voraus wissen, was +sie von einander zu erwarten haben.“</p> + +<p>Ich mußte über diese Generalbeichte lachen. „Ich +halte mir einen jungen Bullenbeißer,“ gestand ich, +„und kann keinen Lärm vertragen, weil meine +Nerven angegriffen sind; auch schlafe ich oft in den +Tag hinein und bin überhaupt sehr träge. In gesunden +<span class="pagenum" id="Page_20">[S. 20]</span>Zeiten fröhne ich noch Lastern anderer Art, +aber für jetzt sind dies die hauptsächlichsten.“</p> + +<p>„Würden Sie unter ‚Lärm‘ auch das Spielen +auf einer Violine verstehen?“ fragte er besorgt.</p> + +<p>„Das kommt auf den Musiker an. Gutes Violinspiel +ist ein Genuß für Götter — aber schlechtes —“</p> + +<p>„Freilich, freilich,“ rief er vergnügt. „Nun, ich +denke, die Sache ist abgemacht — das heißt, wenn +Ihnen das Quartier gefällt.“</p> + +<p>„Wann können wir es besichtigen?“</p> + +<p>„Holen Sie mich morgen mittag hier ab, dann +gehen wir zusammen hin und bringen gleich alles +ins reine.“</p> + +<p>„Sehr wohl, also Punkt zwölf Uhr,“ sagte ich, +ihm zum Abschied die Hand schüttelnd.</p> + +<p>Wir ließen ihn dort bei seinen Chemikalien und +gingen nach meinem Hotel zurück. „Erklären Sie +mir nur,“ wandte ich mich, plötzlich stehen bleibend, +an Stamford, „was ihn auf die Idee gebracht haben +kann, daß ich aus Afghanistan komme?“</p> + +<p>Mein Gefährte lachte geheimnisvoll. „Schon +mancher hat gern wissen wollen, wie Sherlock +Holmes gewisse Dinge ausfindig macht. Er besitzt +eben eine besondere Gabe.“</p> + +<p>„Aha, es steckt ein Rätsel dahinter,“ rief ich belustigt; +„das ist ja höchst interessant. Ich bin dir +<span class="pagenum" id="Page_21">[S. 21]</span>sehr verbunden für die neue Bekanntschaft. Das +beste Studium für den Menschen bleibt ja doch immer +der Mensch.“</p> + +<p>„Studiere ihn nur,“ entgegnete Stamford. „Du +wirst dabei manche Nuß zu knacken finden. Ich wette +darauf, er kennt dich bald besser als du ihn.“</p> + +<p>An der nächsten Straßenecke verabschiedeten wir +uns und ich schlenderte allein nach Hause.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_22">[S. 22]</span></p> + +<h3 class="padtop1_5" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.<br> +<b class="s4">Die Kunst der Schlußfolgerung.</b></h3> + +</div> + +<p>Unsere verabredete Besichtigung des Quartiers +in der Bakerstraße Nr. 221<span class="antiqua">b</span> fand am nächsten Tage +statt. Es gefiel mir außerordentlich; das große, +luftige Wohnzimmer, welches sich an zwei behagliche +Schlafstuben anschloß, war freundlich möbliert und +sehr hell, da es sein Licht durch zwei große Fenster +erhielt. Unter uns beide geteilt, erschien auch der +Preis der Wohnung so gering, daß wir sie auf der +Stelle mieteten und sogleich einzuziehen beschlossen. +Noch am selben Abend ließ ich meine Besitztümer +vom Hotel hinüberschaffen und Sherlock Holmes +folgte bald darauf mit verschiedenen Koffern und +Reisetaschen. In den ersten Tagen waren wir eifrig +beschäftigt, auszupacken und unsere Sachen auf das +vorteilhafteste unterzubringen. Als dann die Einrichtung +fertig war, begannen wir uns in Ruhe an +unsere neue Umgebung zu gewöhnen.</p> + +<p>Holmes war ein Mensch, mit dem sich leicht leben +ließ, von stillem Wesen und regelmäßig in seinen +Gewohnheiten. Selten blieb er abends nach zehn +Uhr auf, und wenn ich morgens zum Vorschein kam, +hatte er immer schon gefrühstückt und war ausgegangen. +<span class="pagenum" id="Page_23">[S. 23]</span>Den Tag über war er meist im chemischen +Laboratorium oder im Seziersaal, zuweilen machte +er auch weite Ausflüge, welche ihn bis in die verrufensten +Gegenden der Stadt zu führen schienen. +Seine Thatkraft war unverwüstlich, so lange die +Arbeitswut bei ihm dauerte; von Zeit zu Zeit trat +jedoch ein Rückschlag ein, dann lag er den ganzen +Tag im Wohnzimmer auf dem Sofa, fast ohne ein +Glied zu rühren oder ein Wort zu reden. Dabei +nahmen seine Augen einen so traumhaften, verschwommenen +Ausdruck an, daß sicher der Verdacht +in mir aufgestiegen wäre, er müsse irgend ein Betäubungsmittel +gebrauchen, hätte nicht seine Mäßigkeit +und Nüchternheit im gewöhnlichen Leben diese +Annahme völlig ausgeschlossen.</p> + +<p>Nach den ersten Wochen unseres Beisammenseins +war mein Interesse für ihn und der Wunsch zu ergründen, +welche Zwecke er eigentlich verfolgte, in +hohem Maße gestiegen. Schon seine äußere Erscheinung +fiel ungemein auf. Er war über sechs +Fuß groß und sehr hager; sein scharfkantig vorstehendes +Kinn drückte Festigkeit des Charakters aus, +der Blick seiner Augen war lebhaft und durchdringend, +außer in den schon erwähnten Zeiten völliger +Erschlaffung, und eine spitze Habichtsnase gab seinem +Gesicht etwas Aufgewecktes und Entschlossenes. Die +<span class="pagenum" id="Page_24">[S. 24]</span>Hände schonte er nicht, sie trugen fortwährend +Spuren von Tinten und Chemikalien, auch hatte ich +oft Gelegenheit, seine große Geschicklichkeit bei allen +Handgriffen zu bewundern, wenn er mit seinen feinen +physikalischen Instrumenten experimentierte.</p> + +<p>Kein Wunder, daß meine Neugier in hohem +Grade rege war und ich immer wieder versuchte, die +strenge Zurückhaltung zu durchbrechen, die er in +allem beobachtete, was ihn selbst betraf. Das Geheimnis, +welches meinen Gefährten umgab, beschäftigte +mich um so mehr, als mein eigenes Leben +damals völlig zweck- und ziellos war und wenige +Zerstreuungen bot. Mein Gesundheitszustand erlaubte +mir nur bei besonders günstiger Witterung +auszugehen, und Freunde, die mich hätten besuchen +können, um etwas Abwechslung in mein einförmiges +Dasein zu bringen, besaß ich nicht.</p> + +<p>Daß Holmes nicht Medizin studiere, wußte ich +aus seinem eigenen Munde. Auch schien er keinen +bestimmten Kursus in irgend einer andern Wissenschaft +durchgemacht zu haben, der ihm auf herkömmliche +Weise die Eingangspforte in die Gelehrtenwelt +geöffnet hätte. Trotzdem verfolgte er gewisse Studien +mit wahrem Feuereifer und besaß innerhalb ihrer +Grenzen ein so ausgedehntes und umfassendes +Wissen, daß er mich oft höchlich dadurch überraschte.— +<span class="pagenum" id="Page_25">[S. 25]</span>War es denkbar, daß ein Mensch so angestrengt +arbeitete, sich so genau zu unterrichten suchte, ohne +einen bestimmten Zweck vor Augen zu haben? — Ein +planloses Studium ist meist auch oberflächlich, und +wer sich den Kopf mit hunderterlei Einzelheiten anfüllt, +thut dies schwerlich ohne einen triftigen Grund.</p> + +<p>Merkwürdigerweise war seine Unwissenheit auf +manchen Gebieten ebenso erstaunlich, als seine Kenntnisse +in anderen Fächern. Von Astronomie und +Philosophie z. B. wußte er so viel wie gar nichts. +Mußte es mir schon auffallen, als er sagte, er habe +noch nie etwas von Thomas Carlyle gelesen, so +erreichte meine Verwunderung doch den Gipfelpunkt, +als sich zufällig herausstellte, daß er sich über unser +Sonnensystem ganz falsche Vorstellungen machte. +Wie in unserem neunzehnten Jahrhundert irgend +ein zivilisiertes menschliches Wesen darüber im unklaren +sein kann, daß die Erde sich um die Sonne +dreht, war mir völlig unbegreiflich.</p> + +<p>„Setzt Sie das in Erstaunen?“ fragte er lächelnd. +„Nun Sie es mir gesagt haben, werde ich suchen, es +so schnell wie möglich wieder zu vergessen.“</p> + +<p>„Es zu vergessen?!“</p> + +<p>„Ja. — Sehen Sie, meiner Ansicht nach gleicht +ein Menschenhirn ursprünglich einer leeren Dachkammer, +die man nach eigener Wahl mit Möbeln +<span class="pagenum" id="Page_26">[S. 26]</span>und Geräten ausstatten kann. Nur ein Thor füllt +sie mit allerlei Gerümpel an, wie es ihm gerade in +den Weg kommt und versperrt sich damit den Raum, +welchen er für die Dinge braucht, die ihm nützlich +sind. Ein Verständiger giebt wohl acht, was er in +seine Hirnkammer einschachtelt. Er beschränkt sich +auf die Werkzeuge, deren er bei der Arbeit bedarf, +aber von diesen schafft er sich eine große Auswahl +an und hält sie in bester Ordnung. Es ist ein +Irrtum, wenn man denkt, die kleine Kammer habe +dehnbare Wände und könne sich nach Belieben ausweiten. +Glauben Sie mir, es kommt eine Zeit, da +wir für alles Neuhinzugelernte etwas von dem vergessen, +was wir früher gewußt haben. Daher ist es von +höchster Wichtigkeit, daß unsere nützlichen Kenntnisse +nicht durch unnützen Ballast verdrängt werden.“</p> + +<p>„Aber das Sonnensystem —“ warf ich ein.</p> + +<p>„Was zum Kuckuck kümmert mich das?“ unterbrach +er mich ungeduldig. „Sie sagen, die Erde +dreht sich um die Sonne. Wenn sie sich um den +Mond drehte, so würde das für meine Zwecke nicht +den geringsten Unterschied machen.“</p> + +<p>Mir schwebte schon die Frage auf der Zunge, was +denn eigentlich seine Zwecke wären, doch behielt ich +sie für mich, um ihn nicht zu verdrießen. Unser +Gespräch gab mir indessen viel zu denken, und ich +<span class="pagenum" id="Page_27">[S. 27]</span>begann meine Schlüsse daraus zu ziehen. Wenn er +sich nur Kenntnisse aneignete, die ihm für seine +Arbeit Nutzen brachten, so mußte man ja aus den +Zweigen des Wissens, mit denen er am vertrautesten +war, auf den Beruf schließen können, dem er sich +gewidmet hatte. Ich zählte mir nun alles auf, was +er mit besonderer Gründlichkeit studierte, ja, ich +machte mir ein Verzeichnis von den einzelnen +Fächern. Lächelnd überlas ich das Schriftstück noch +einmal, es lautete:</p> + +<p class="s4 center mtop1"><em class="gesperrt">Geistiger Horizont und Kenntnisse +von Sherlock Holmes</em>.</p> + +<ol class="kenntnisse_holmes"> + <li>Litteratur — Mit Unterschied.</li> + <li>Philosophie — Null.</li> + <li>Astronomie — Null.</li> + <li>Politik — Schwach.</li> + <li>Botanik — Mit Unterschied. Wohl bewandert in allen vegetabilischen + Giften, Belladonna, Opium u. drgl. Eigentliche Pflanzenkunde — Null.</li> + <li>Geologie — Viel praktische Erfahrung, aber nur auf beschränktem Gebiet. + Er unterscheidet sämtliche Erdarten auf den ersten Blick. Von Ausgängen + zurückgekehrt, weiß er nach Stoff und Farbe der Schmutzflecke auf seinen + bespritzten Beinkleidern die Stadtgegend von London anzugeben, aus welcher + die Flecken stammen.</li> + <li>Chemie — Sehr gründlich.</li> + <li>Anatomie — Genau, aber unmethodisch.</li> + <li>Kriminalstatistik — Erstaunlich umfassend. Er scheint alle + Einzelheiten jeder Greuelthat, die in unserem Jahrhundert verübt worden + ist, zu kennen.</li> + <li>Ist ein guter Violinspieler.</li> + <li>Ein gewandter Boxer und Fechter.</li> + <li>Ein gründlicher Kenner der britischen Gesetze.</li> +</ol> + +<p><span class="pagenum" id="Page_28">[S. 28]</span></p> + +<p>Weiter las ich nicht; ich zerriß meine Liste und +warf sie ärgerlich ins Feuer. „Wie kann der Mensch +behaupten, daß es einen Beruf giebt, in dem sich +alle diese verschiedenartigen Kenntnisse verwerten +und unter einen Hut bringen lassen,“ rief ich. „Es +ist vergebliche Mühe, dies Rätsel lösen zu wollen.“</p> + +<p>Holmes’ Fertigkeit auf der Violine war groß, aber +ganz eigener Art, wie alles bei diesem ungewöhnlichen +Menschen. Gelegentlich spielte er mir wohl +des Abends von meinen Lieblingsstücken vor, was +ich verlangte; war er aber sich selbst überlassen, so +ließ er selten eine bekannte Melodie hören. Er +lehnte sich dann in den Armstuhl zurück, schloß die +Augen und fuhr mechanisch mit dem Bogen über +das Instrument, welches auf seinen Knieen lag. Die +Töne, die er dann den Saiten entlockte, waren stets +der Ausdruck seiner augenblicklichen Empfindung, +bald leise und klagend, bald heiter, bald schwärmerisch. +Ob er dabei nur den wechselnden Launen +seiner Einbildung folgte oder durch die Musik die +Gedanken, welche ihn gerade beschäftigten, besser in +Fluß bringen wollte, vermochte ich nicht zu sagen. +Ich hätte sicherlich gegen seine herzzerreißenden Solovorträge +Einspruch erhoben, allein, um mich einigermaßen +für die Geduldsprobe zu entschädigen, die +er mir auferlegte, endigte er gewöhnlich damit, daß +<span class="pagenum" id="Page_29">[S. 29]</span>er rasch hintereinander eine ganze Reihe meiner Lieblingsmelodien +spielte und das versöhnte mich wieder.</p> + +<figure class="figcenter illowe35" id="illus_0029"> + <img class="w100" src="images/illus_0029.jpg" alt="Sherlock Holmes sitzt in + Gedanken versunken in seinem Sessel und spielt Violine"> +</figure> + +<p>In der ersten Woche bekamen wir keinen Besuch, +und ich fing schon an zu glauben, mein Gefährte stehe +ebenso allein in der Welt, wie ich selber. Bald stellte +sich jedoch heraus, daß er viele Bekannte hatte und +zwar in allen Schichten der Gesellschaft. Der kleine +Mensch mit dem blaßgelben Gesicht, der einer Ratte +ähnelte und mir als Herr Lestrade vorgestellt wurde, +<span class="pagenum" id="Page_30">[S. 30]</span>kam im Lauf von acht Tagen mindestens drei- oder +viermal. Eines Morgens erschien ein elegant gekleidetes +junges Mädchen, das über eine halbe +Stunde dablieb. Am Nachmittag desselben Tages +fand sich ein schäbiger Graubart ein, der wie ein +jüdischer Hausierer aussah und hinter dem ein häßliches, +altes Weib hereinschlürfte. Bei einer späteren +Gelegenheit hatte ein ehrwürdiger Greis eine längere +Unterredung mit Holmes und dann wieder ein Eisenbahnbeamter +in Uniform. Jedesmal, wenn sich einer +dieser merkwürdigen Besucher einstellte, bat mich +Holmes, ihm das Wohnzimmer zu überlassen, und +ich zog mich in meine Schlafstube zurück. Er entschuldigte +sich vielmals, daß er mir diese Unbequemlichkeit +auferlege. „Ich muß das Zimmer als Geschäftslokal +benützen, die Leute sind meine Klienten.“</p> + +<p>Auch diese Gelegenheit, mir Aufschluß über sein +Thun zu verschaffen, ließ ich aus Zartgefühl ungenützt +vorübergehen. Mir widerstand es, ein Vertrauen +zu erzwingen, das er mir nicht von selbst entgegenbrachte, +und schließlich bildete ich mir ein, er +habe einen bestimmten Grund, mir sein Geschäft zu +verheimlichen. Daß ich mich hierin getäuscht hatte, +sollte ich indessen bald erfahren.</p> + +<p>Am vierten März — der Tag ist mir im Gedächtnis +geblieben — war ich früher als gewöhnlich +<span class="pagenum" id="Page_31">[S. 31]</span>aufgestanden und fand Sherlock Holmes beim Frühstück. +Mein Kaffee war noch nicht fertig, und ärgerlich, +daß ich warten mußte, nahm ich ein Journal +vom Tisch, um mir die Zeit zu vertreiben, während +mein Gefährte schweigend seine gerösteten Brotschnitten +verzehrte.</p> + +<p>Mein Blick fiel zuerst auf einen Artikel, der mit +Blaustift angestrichen und ‚Das Buch des Lebens‘ +betitelt war. Der Verfasser versuchte darin auseinanderzusetzen, +daß es für einen aufmerksamen +Beobachter von Menschen und Dingen im alltäglichen +Leben unendlich viel zu lernen gäbe, wenn er +sich nur gewöhnen wollte, alles, was ihm in den Weg +käme, genau und eingehend zu prüfen. Die Beweisführung +war kurz und bündig, aber die Schlußfolgerungen +schienen mir weit hergeholt und ungereimt, +das Ganze eine Mischung von scharfsinnigen +und abgeschmackten Behauptungen. Ein Mensch, der +zu beobachten und zu analysieren verstand, mußte +danach befähigt sein, die innersten Gedanken eines +jeden zu lesen und zwar mit solcher Sicherheit, +daß es dem Uneingeweihten förmlich wie Zauberei +vorkam.</p> + +<p>„Das Leben ist eine große, gegliederte Kette +von Ursachen und Wirkungen,“ hieß es weiter; „an +einem einzigen Gliede läßt sich das Wesen des +<span class="pagenum" id="Page_32">[S. 32]</span>Ganzen erkennen. Wie jede andere Wissenschaft, so +fordert auch das Studium der Deduktion und Analyse +viel Ausdauer und Geduld; ein kurzes Menschendasein +genügt nicht, um es darin zur höchsten Vollkommenheit +zu bringen. Der Anfänger wird +immer gut thun, ehe er sich an die Lösung hoher +geistiger und sittlicher Probleme wagt, welche die +größten Schwierigkeiten bieten, sich auf einfachere +Aufgaben zu beschränken. Zur Uebung möge er zum +Beispiel bei der flüchtigen Begegnung mit einem Unbekannten +den Versuch machen, auf den ersten Blick +die Lebensgeschichte und Berufsart des Menschen zu +bestimmen. Das schärft die Beobachtungsgabe und +man lernt dabei richtig sehen und unterscheiden. An +den Fingernägeln, dem Rockärmel, den Manschetten, +den Stiefeln, den Hosenknieen, der Hornhaut an +Daumen und Zeigefinger, dem Gesichtsausdruck und +vielem andern, läßt sich die tägliche Beschäftigung +eines Menschen deutlich erkennen. Daß ein urteilsfähiger +Forscher, der die verschiedenen Anzeichen zu +vereinigen weiß, nicht zu einem richtigen Schluß gelangen +sollte, ist einfach undenkbar.“</p> + +<p>„Was für ein thörichtes Gewäsch,“ rief ich, und +warf das Journal auf den Tisch; „meiner Lebtag ist +mir dergleichen nicht vorgekommen.“</p> + +<p>Sherlock Holmes sah mich fragend an.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_33">[S. 33]</span></p> + +<p>„Sie haben den Artikel angestrichen,“ fuhr ich +fort, „und müssen ihn also gelesen haben. Daß er +geschickt abgefaßt ist, will ich nicht bestreiten. Mich +ärgern aber solche widersinnige Theorien, die daheim +im Lehnstuhl aufgestellt werden und dann an +der Wirklichkeit elend scheitern. Der Herr Verfasser +sollte nur einmal in einem Eisenbahnwagen +dritter Klasse fahren und probieren, das Geschäft +eines jeden seiner Mitreisenden an den Fingern +herzuzählen. Ich wette tausend gegen eins, er wäre +dazu nicht imstande.“</p> + +<p>„Sie würden Ihr Geld verlieren,“ erwiderte +Holmes ruhig. „Was übrigens den Artikel betrifft, +so ist er von mir.“</p> + +<p>„Von Ihnen?“</p> + +<p>„Ja; ich habe ein besonderes Talent zur Beobachtung +und Schlußfolgerung. Die Theorien, welche +ich hier auseinandersetze und die Ihnen so ungereimt +erscheinen, finden in der Praxis ihre volle Bestätigung, +ja, was noch mehr ist — ich verdiene mir +damit mein tägliches Brot.“</p> + +<p>„Wie ist das möglich?“ fragte ich unwillkürlich.</p> + +<p>„Mein Handwerk beruht darauf. Ich bin beratender +Geheimpolizist — wenn Sie verstehen, was +das heißt — vielleicht bin ich der einzige meiner +Art. Es giebt hier in London Detektivs die Menge, +<span class="pagenum" id="Page_34">[S. 34]</span>welche teils im Dienst der Regierung stehen, teils +von Privatpersonen gebraucht werden. Wenn diese +Herren nicht mehr aus noch ein wissen, kommen sie +zu mir, und ich helfe ihnen auf die richtige Fährte. +Sie bringen mir das ganze Beweismaterial, und ich +bin meist imstande, ihnen mit Hilfe meiner Kenntnis +der Geschichte des Verbrechens den rechten Weg +zu weisen. Die Missethaten der Menschen haben +im allgemeinen eine starke Familienähnlichkeit unter +einander und wenn man alle Einzelheiten von +tausend Verbrechen im Kopfe hat, so müßte es +wunderbar zugehen, vermöchte man das tausend und +erste nicht zu enträtseln. Lestrade ist ein bekannter +Detektiv. Er hat sich kürzlich mit einer Falschmünzergeschichte +herumgequält und mich deshalb so +häufig aufgesucht.“</p> + +<p>„Und die andern Leute?“</p> + +<p>„Sie kamen meist auf Veranlassung von Privatagenten. +Jeder von ihnen hat irgend eine Sorge +auf dem Herzen und holt sich Rat bei mir. Sie erzählen +mir ihre Geschichte und hören auf meine erklärenden +Bemerkungen und dann streiche ich mein +Honorar ein.“</p> + +<p>„Können Sie wirklich, während Sie ruhig auf +Ihrem Zimmer bleiben, die verwickelten Knoten +lösen, welche die andern nicht zu entwirren vermögen, +<span class="pagenum" id="Page_35">[S. 35]</span>selbst, wenn sie mit eigenen Augen gesehen +haben, wo sich alles zugetragen hat?“</p> + +<p>„Das habe ich oft gethan; es ist bei mir eine Art +innerer Eingebung. Liegt ein besonders schwieriger +Fall vor, so besehe ich mir den Schauplatz der That +wohl auch einmal selbst. Ich habe so mancherlei +Kenntnisse, die mir die Arbeit wesentlich erleichtern. +Meine große Uebung in der Schlußfolgerung, wie +sie jener Artikel darlegt, ist für mich zum Beispiel +von hohem praktischem Wert. Mir ist die Beobachtung +zur zweiten Natur geworden. Als ich Ihnen +bei unserer ersten Begegnung sagte, Sie kämen aus +Afghanistan, schienen Sie sich darüber zu verwundern.“</p> + +<p>„Irgend jemand muß es Ihnen gesagt haben.“</p> + +<p>„Bewahre; ich wußte es ganz von selbst. Da +mein Gedankengang meist sehr schnell ist, kommen +mir die Schlüsse in ihrer Reihenfolge kaum zum Bewußtsein. +Und doch steht alles in logischem Zusammenhang. +Ich folgerte etwa so: Der Herr sieht +aus wie ein Mediziner und hat dabei eine soldatische +Haltung. Er muß Militärarzt sein. Die dunkle +Gesichtsfarbe hat er nicht von Natur, denn am Handgelenk +ist seine Haut weiß, also kommt er geradeswegs +aus den Tropen. Daß er allerlei Beschwerden durchgemacht +hat, zeigen seine abgezehrten Wangen; sein +<span class="pagenum" id="Page_36">[S. 36]</span>linker Arm muß verwundet gewesen sein, er hält +ihn unnatürlich steif. In welcher Gegend der Tropen +kann ein englischer Militärarzt sich Wunden und +Krankheit geholt haben? — Versteht sich in +Afghanistan. — In weniger als einer Sekunde +war ich zu dem Schluß gelangt, der Sie in Erstaunen +setzte.“</p> + +<p>„Wie Sie die Sache erklären, scheint sie sehr +einfach. In Büchern liest man wohl von solchen +Dingen, aber daß sie in Wirklichkeit vorkämen, hätte +ich nicht gedacht.“</p> + +<p>„Wenn es nur noch Verbrechen gäbe, zu deren +Entdeckung man besonderen Scharfsinn braucht,“ +fuhr Holmes mißmutig fort. „Ich weiß, es fehlt +mir nicht an Begabung, um meinen Namen berühmt +zu machen. Kein Mensch auf Erden hat jemals so +viel natürliche Anlage für mein Fach besessen oder +ein so tiefes Studium darauf verwendet. Aber was +nützt mir das alles? Die Missethäter sind sämtlich +solche Stümper und ihre Zwecke so durchsichtig, daß +der gewöhnliche Polizeibeamte sie mit Leichtigkeit +zu ergründen vermag.“</p> + +<p>Es verdroß mich, ihn mit solcher Selbstüberschätzung +reden zu hören. Um der Unterhaltung +eine andere Wendung zu geben, trat ich ans Fenster.</p> + +<p>„Was mag wohl der Mann da drüben suchen?“ +<span class="pagenum" id="Page_37">[S. 37]</span>fragte ich, auf einen einfach gekleideten, stämmigen +Menschen deutend, welcher sämtliche Häusernummern +auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu +mustern schien. Er hielt einen großen, blauen Umschlag +in der Hand und hatte offenbar eine Botschaft +auszurichten.</p> + +<p>„Sie meinen den verabschiedeten Marinesergeanten?“ +fragte Sherlock Holmes.</p> + +<p>Ich machte große Augen. „Er hat gut mit seiner +Weisheit prahlen,“ dachte ich bei mir; „wer will +ihm denn beweisen, daß er falsch geraten hat?“</p> + +<p>In dem Augenblick hatte der Mann, den wir +beobachteten, unsere Nummer erblickt, und kam rasch +quer über die Straße gegangen. Gleich darauf +klopfte es laut an der Haustüre unten, man vernahm +eine tiefe Stimme und dann schwere Schritte +auf der Treppe.</p> + +<p>Der Mann trat ein.</p> + +<p>„Für Herrn Sherlock Holmes,“ sagte er, meinem +Gefährten den Brief einhändigend.</p> + +<p>Ich ergriff die günstige Gelegenheit, um Holmes +von seiner Einbildung zu heilen. An <em class="gesperrt">die</em> Möglichkeit +hatte er wohl nicht gedacht, als er den raschen +Schuß ins Blaue that. „Darf ich Sie wohl fragen, +was Sie für ein Geschäft betreiben?“ redete ich den +Boten freundlich an.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_38">[S. 38]</span></p> + +<p>„Dienstmann,“ lautete die kurze Antwort. +„Uniform gerade beim Schneider zum Ausbessern.“</p> + +<p>„Und früher waren Sie —“ fuhr ich mit einem +schlauen Blick auf Holmes fort.</p> + +<p>„Sergeant bei der leichten Infanterie der königlichen +Marine. — Keine Rückantwort? — Sehr +wohl. Zu Befehl.“</p> + +<p>Er schlug die Fersen aneinander, erhob die +Hand zum militärischen Gruß und fort war er.</p> + +<figure class="figcenter illowe25" id="illus_0038"> + <img class="w100" src="images/illus_0038.jpg" alt="Der Dienstmann übergibt + einen Brief und salutiert dabei"> +</figure> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_39">[S. 39]</span></p> + +<h3 class="padtop1_5" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.<br> +<b class="s4">Brixtonstraße Nummer drei.</b></h3> + +</div> + +<p>Dieses neue Beispiel von der praktischen Anwendbarkeit +der Theorien meines Freundes überraschte +mich höchlich und flößte mir großen Respekt vor +seiner Beobachtungsgabe ein. Zwar wollte mich +ein leiser Argwohn beschleichen, ob die Sache nicht +doch am Ende ein zwischen den beiden abgekartetes +Spiel sei, aber welchen möglichen Zweck hätte das +haben können? — Als ich mich nach Holmes umwandte, +hatte er eben den Brief durchgelesen und +starrte mit ausdruckslosem Blick, wie geistesabwesend, +vor sich hin.</p> + +<p>„Wie in aller Welt haben Sie denn das wieder +erraten?“ fragte ich.</p> + +<p>„Erraten — was?“ rief er gereizt auffahrend.</p> + +<p>„Nun, daß der Mann ein abgedankter Marinesergeant war.“</p> + +<p>„Jetzt ist keine Zeit zu Spielereien,“ stieß er in +rauhem Ton hervor, fuhr aber gleich darauf lächelnd +fort: „Entschuldigen Sie meine Grobheit, Sie +haben meinen Gedankengang unterbrochen; doch, das +<span class="pagenum" id="Page_40">[S. 40]</span>schadet vielleicht nichts. — Also Sie haben wirklich +nicht sehen können, daß der Mann Sergeant in der +Marine gewesen ist?“</p> + +<p>„Wie sollte ich?“</p> + +<p>„Es scheint mir doch sehr einfach. Freilich ist +es nicht leicht zu erklären, wie ich zur Kenntnis +solcher Thatsachen komme. Daß zweimal zwei vier +ist, leuchtet jedem ein, forderte man Sie aber auf, +es zu beweisen, so würden Sie es schwierig finden. +Schon über die Straße hatte ich den blauen tätowierten +Anker auf der Hand des Mannes gesehen +und die See gewittert; zudem bemerkte ich seine +militärische Haltung und das verriet mir den Marinesoldaten. +Er trug den Kopf hoch und schwang seinen +Stock mit Selbstbewußtsein und einer gewissen Befehlshabermiene; +dabei trat er fest und würdevoll +auf und war ein Mann in mittleren Jahren — +natürlich mußte er Sergeant gewesen sein.“</p> + +<p>„Wunderbar!“ rief ich.</p> + +<p>„Höchst alltäglich,“ versetzte Holmes, doch sah ich +ihm am Gesicht an, daß er sich geschmeichelt fühlte. +„Eben noch behauptete ich,“ fuhr er fort, „es gäbe +keine geheimnisvollen Verbrechen mehr zu enträtseln. +Das scheint ein Irrtum gewesen zu sein — +hiernach zu urteilen.“ Er schob mir den Brief hin, +welchen der Dienstmann gebracht hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_41">[S. 41]</span></p> + +<p>„Wie schrecklich,“ rief ich, ihn überfliegend.</p> + +<p>„Es klingt allerdings etwas ungewöhnlich; +wären Sie so gut, mir den Brief noch einmal vorzulesen?“</p> + +<p>Der Brief lautete wie folgt:</p> + +<blockquote> + +<p class="mleft2 mbot1">„<em class="gesperrt">Lieber Herr Holmes!</em></p> + +<p>Heute nacht hat sich in der Brixtonstraße Nummer +3 ein schlimmer Fall zugetragen. Unser Posten sah +dort auf seinem Rundgang gegen zwei Uhr einen Lichtschimmer, +und da das Haus unbewohnt ist, schöpfte er +Verdacht. Er fand die Thür offen und in dem unmöblierten +Vorderzimmer den Leichnam eines gutgekleideten +Herrn am Boden liegen. Enoch J. Drebber, +Cleveland, Ohio U. S. A. stand auf den Visitenkarten, +die er in seiner Brusttasche trug. Eine Beraubung ist +nicht erfolgt und die Todesursache noch unermittelt, +denn es finden sich zwar Blutspuren im Zimmer, aber +keine Wunde an dem Toten. Wir wissen nicht, wie er +in das leere Haus gekommen sein kann, und die ganze +Angelegenheit ist uns ein Rätsel.</p> + +<p>Wären Sie geneigt, vor zwölf Uhr den Schauplatz +zu besichtigen, so finden Sie mich dort. Ich lasse alles +<span class="antiqua">in statu quo</span> bis zu Ihrer Ankunft. Sind Sie verhindert +zu kommen, so werde ich Ihnen alle Einzelheiten +berichten, und Sie thäten mir einen großen Gefallen, +wenn Sie mir Ihre Ansicht mitteilen wollten.</p> + +<p class="right mright2">Ihr ergebener Tobias Gregson.“</p> + +</blockquote> + +<p>„Gregson ist der schlauste Fuchs in der ganzen +Polizeimannschaft,“ bemerkte mein Freund. „Er +und Lestrade sind rasch und thatkräftig, aber durch +nichts aus dem einmal hergebrachten Geleise zu +<span class="pagenum" id="Page_42">[S. 42]</span>bringen; dabei sind sie einander fortwährend in +den Haaren und sind eifersüchtig wie zwei gefeierte +Ballschönheiten. Wenn sie etwa beide auf dieselbe +Fährte kommen, giebt es einen Hauptspaß.“</p> + +<p>Die behagliche Ruhe, mit der er sprach, schien +mir unbegreiflich. „Es ist doch sicherlich kein Augenblick +zu verlieren,“ rief ich; „soll ich Ihnen eine +Droschke holen?“</p> + +<p>„Noch weiß ich gar nicht, ob ich hingehen werde. +Ich habe gerade einen Anfall von Trägheit und dann +bin ich der faulste Kerl unter der Sonne; ein andermal +kann ich freilich flink genug bei der Hand sein.“</p> + +<p>„Aber dies ist doch gerade ein Fall, wie Sie ihn +sich gewünscht haben.“</p> + +<p>„Jawohl; aber was kommt schließlich dabei +heraus, liebster Freund? Gelänge es mir auch, den +Knoten zu lösen, so würden doch Gregson, Lestrade +und Co. sich alles auf ihr Konto schreiben. Das hat +man davon, wenn man kein Angestellter ist.“</p> + +<p>„Aber er bittet ja um Ihre Hilfe.“</p> + +<p>„Ja, er weiß, daß ich mehr verstehe als er, und +giebt das mir gegenüber auch zu; doch würde er +sich lieber die Zunge abbeißen, als vor einem Dritten +meine Ueberlegenheit anzuerkennen. Wir wollen uns +die Sache indessen doch ansehen. Ich übernehme sie +vielleicht auf eigene Faust. Dann kann ich die beiden +<span class="pagenum" id="Page_43">[S. 43]</span>wenigstens auslachen, wenn ich auch sonst nichts +davon habe. Also vorwärts!“</p> + +<p>Er fuhr rasch in seinen Ueberzieher und ging so +geschäftig hin und her, daß ich wohl sah, die gleichgültige +Stimmung war bei ihm vorüber und seine +volle Thatkraft zurückgekehrt.</p> + +<p>„Wo ist Ihr Hut?“ fragte er.</p> + +<p>„Wünschen Sie denn, daß ich mitkomme?“</p> + +<p>„Ja, wenn Sie nichts Besseres vorhaben.“</p> + +<p>Schon im nächsten Augenblick saßen wir in einer +Droschke und fuhren mit Windeseile nach der Brixtonstraße.</p> + +<p>Es war ein bewölkter, nebliger Morgen, alle +Häuser lagen in einen Schleier gehüllt, von derselben +grauen Schmutzfarbe wie die Straßen. Jetzt +ließ die Laune meines Gefährten nichts mehr zu +wünschen übrig; er sprach mit großer Zungengeläufigkeit +über Cremoneser Geigen und den Unterschied +zwischen einer Amati und einer Stradivarius. +Ich verhielt mich ziemlich still; das trübe Wetter +und das traurige Geschäft, welches wir vorhatten, +drückten auf mein Gemüt.</p> + +<p>„Es scheint, daß Sie sich in Ihren Gedanken +gar nicht mit der Sache beschäftigen, um die es sich +handelt,“ unterbrach ich Holmes endlich in seinen +musikalischen Auseinandersetzungen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_44">[S. 44]</span></p> + +<p>„Noch fehlen mir alle Einzelheiten,“ erwiderte +er; „es ist ein großer Irrtum, sich eine Theorie zu +bilden, ehe man sämtliches Beweismaterial in Händen +hat; das beeinflußt das Urteil.“</p> + +<p>„Sie werden bald genug Gelegenheit bekommen, +Ihre Beobachtungen anzustellen,“ sagte ich; „hier +sind wir schon in der Brixtonstraße und das dort +muß das Haus sein, wenn ich nicht sehr irre.“</p> + +<p>„Kein Zweifel. — Halt, Kutscher, halt! —“ +Wir waren noch eine ziemliche Strecke entfernt, doch +bestand er darauf, daß wir ausstiegen und das letzte +Ende zu Fuß zurücklegten.</p> + +<p>Das Haus Nummer 3 machte einen düstern, +unheimlichen Eindruck. Es gehörte zu einer Gruppe +von vier Gebäuden, die etwas abseits von der Straße +lagen; zwei waren bewohnt, zwei standen leer. An +den trüben Fensterscheiben der letzteren fielen nur +hier und da die angeklebten Zettel in die Augen, auf +denen ‚Zu vermieten‘ stand. Jedes der Häuser +hatte ein kleines Vorgärtchen, mit wenigen kränklichen +Pflanzen auf den Beeten; mitten hindurch +führte ein schmaler mit Kies bestreuter Pfad von +gelblichem Lehm, der durch die Regengüsse der vergangenen +Nacht völlig aufgeweicht worden war. Eine +drei Fuß hohe Backsteinmauer, die ein hölzernes +Gitter trug, bildete die Einfassung des Gartens. +<span class="pagenum" id="Page_45">[S. 45]</span>Am Gitterthor lehnte ein handfester Polizist, von +einer Schar Neugieriger umringt, die ihre Hälse +reckten und sich vergeblich abmühten, zu sehen, was +drinnen im Hause vorging.</p> + +<p>Ich hatte erwartet, Sherlock Holmes würde sich +sofort hineinbegeben, um seine Untersuchungen zu +beginnen. Nichts schien ihm jedoch ferner zu liegen. +Mit einer Gelassenheit, welche mir unter den obwaltenden +Umständen unnatürlich erschien, schlenderte +er vor dem Hause auf und ab, den Blick bald +auf den Boden gerichtet, bald in die Luft, bald +wieder nach dem Gitterzaun oder den gegenüberliegenden +Häusern. Nach einer Weile betrat er den +Kiesweg, das heißt, er ging auf dem Grasstreifen +neben dem Pfad, die Augen forschend zur Erde gesenkt. +Zweimal blieb er lächelnd stehen und ein +Ausruf der Befriedigung entfuhr ihm. Es waren +zwar viele Fußspuren in dem nassen Lehmboden eingedrückt, +sie konnten jedoch von den Polizisten herrühren, +die gekommen und wieder gegangen waren. +Wie mein Gefährte hoffen konnte, da noch etwas +Wesentliches zu entdecken, begriff ich nicht; allein +nach den Proben seiner Beobachtungskunst, die ich +schon von ihm erhalten hatte, mußte ich mir sagen, +daß er ohne Zweifel vieles sah, was mir gänzlich +verborgen blieb.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_46">[S. 46]</span></p> + +<p>An der Hausthüre kam uns ein großer, blasser, +flachshaariger Mann mit einem Notizbuch entgegen. +Er eilte auf Holmes zu und schüttelte ihm mit +großer Wärme die Hand. „Sehr freundlich von +Ihnen, daß Sie kommen,“ sagte er, „alles ist noch +ganz unberührt geblieben.“</p> + +<p>„Nur nicht der Fußweg,“ erwiderte mein +Freund. „Wäre eine Büffelherde drübergelaufen, +sie hätte ihn kaum mehr zertrampeln können. Natürlich +haben Sie erst genaue Beobachtungen angestellt, +Gregson, bevor Sie das zuließen.“</p> + +<p>„Ich hatte drinnen im Haus zu viel zu thun,“ +sagte der Detektiv ausweichend. „Mein Kollege +Lestrade ist hier; ich dachte, er würde sich darum +kümmern.“</p> + +<p>Holmes zog die Augenbrauen spöttisch in die +Höhe und sah mich an. „Wo zwei Männer wie Sie +und Lestrade an Ort und Stelle sind, hat ein Dritter +nicht mehr viel zu suchen,“ bemerkte er.</p> + +<p>Gregson schmunzelte selbstgefällig, und rieb sich +die Hände. „Wir haben gethan, was wir konnten; +aber es ist ein wunderlicher Fall — ich kenne ja +Ihre Vorliebe für dergleichen.“</p> + +<p>„Sind Sie in einer Droschke hergekommen?“</p> + +<p>„Nein, ich nicht.“</p> + +<p>„Aber Lestrade?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_47">[S. 47]</span></p> + +<p>„Der kam auch zu Fuß.“</p> + +<p>„So? — Dann können wir wohl das Zimmer +besehen.“</p> + +<p>Wie das zusammenhing, war mir nicht recht +ersichtlich, auch Gregson machte ein verwundertes +Gesicht, während er Holmes in das Haus folgte.</p> + +<p>Ein sehr staubiger, gedielter Korridor führte +nach Küche und Speisekammer, rechts und links +befanden sich noch zwei Thüren. Die eine mochte +wohl wochenlang nicht geöffnet worden sein, die +andere führte in das Zimmer, wo die geheimnisvolle +Missethat verübt worden war. Holmes trat +dort ein, und ich begleitete ihn, von unheimlichen Gefühlen +ergriffen, wie sie die Gegenwart des Todes +uns einzuflößen pflegt. Das große, viereckige Gemach +sah noch geräumiger aus, weil keine Möbel +darin standen. Die grelle Tapete an den Wänden +war hie und da mit Schimmel überzogen, an einigen +Stellen hing sie in Fetzen herunter, so daß der helle +Kalkbewurf zum Vorschein kam. Der Thüre gegenüber +befand sich ein großer, offener Kamin mit +einem Gesims, an dessen einer Ecke ein rotes Wachslichtstümpchen +klebte. Das einzige Fenster, welches +den Raum erhellte, war mit einer Schmutzkruste +überzogen, die nur ein mattes, ungewisses Licht +hindurchließ. Die düstere, graue Beleuchtung paßte +<span class="pagenum" id="Page_48">[S. 48]</span>so recht zu der dicken Staubschicht, welche auf der +Zimmerdiele lagerte.</p> + +<figure class="figcenter illowe34" id="illus_0048"> + <img class="w100" src="images/illus_0048.jpg" alt="Ein Toter liegt auf dem + Boden, während Holmes und Watson zur Tür hereinkommen"> +</figure> + +<p>Alle diese Einzelheiten fielen mir jedoch erst +später auf. Anfangs richtete ich mein ganzes +Augenmerk auf die leblose Gestalt, welche ausgestreckt +am Boden lag, den stieren Blick nach der Decke gerichtet. +Es war ein mittelgroßer Mann von etwa +vierundvierzig Jahren, breitschulterig, mit krausem, +<span class="pagenum" id="Page_49">[S. 49]</span>schwarzem Haar und kurzem Stoppelbart. Sein +Anzug bestand aus Rock und Weste von schwerem +Doppeltuch, hellen Beinkleidern und tadellosem Weißzeug. +Auch gehörte ihm wohl der glatt gebürstete, +hohe Hut, den ich neben ihm sah. Er hatte die Arme +weit von sich gestreckt, die Fäuste geballt und die +Beine fest übereinander geschlagen, wahrscheinlich im +Todeskampf. In seinen starren Zügen lag ein Ausdruck +des Entsetzens und eines so grimmigen Hasses, +wie ich ihn noch nie zuvor in einem Menschenantlitz +erblickt zu haben glaubte. Dieser bösartige Zug, +dazu die niedere Stirn, die breite Stumpfnase und +das vorstehende Kinn, gaben dem Toten ein widerliches, +tierisches Aussehen, das durch seine gekrümmte, +unnatürliche Lage noch abschreckender +wurde. Ich habe den Tod schon in mancher Gestalt +gesehen, aber nie hat er mir einen so grauenvollen +Eindruck gemacht, wie in jenem öden Hause der +Londoner Vorstadt.</p> + +<p>Der Geheimpolizist Lestrade hatte uns an der +Stubenthüre empfangen. „Der Fall wird Aufsehen +machen,“ sagte er mit Nachdruck; „ich bin wahrhaftig +kein Neuling mehr, aber etwas Aehnliches habe ich +noch nie erlebt.“</p> + +<p>„Wir suchen vergeblich nach einem Aufschluß,“ +fiel Gregson ein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_50">[S. 50]</span></p> + +<p>Sherlock Holmes war neben dem Leichnam +niedergekniet, den er genau untersuchte.</p> + +<p>„Eine Wunde haben Sie also nicht entdeckt?“ +fragte er, auf die zahlreichen Blutspuren am Fußboden +deutend.</p> + +<p>„Nein, es ist keine zu finden,“ versicherten beide.</p> + +<p>„So rührt das Blut also von einem andern +Menschen her, von dem Mörder vermutlich, wenn +nämlich ein Mord verübt worden ist. Der Fall erinnert +mich an Van Jansens Tod in Utrecht im Jahre +1834. Haben Sie den im Gedächtnis, Gregson?“</p> + +<p>„Nein, ich weiß nichts davon.“</p> + +<p>„Sie sollten die Geschichte nachlesen. Es giebt +nichts Neues unter der Sonne, alles ist schon dagewesen.“</p> + +<p>Während er sprach, fuhren seine geschickten Finger +bald hierhin, bald dorthin; er drückte, befühlte, betastete +alle Glieder und zwar mit solcher Schnelligkeit, +daß ich kaum begriff, wie er die einzelnen Ergebnisse +seiner Untersuchung aufzufassen vermochte. +Sein Blick trug dabei denselben geistesabwesenden +Ausdruck, den ich schon öfter an ihm bemerkt hatte. +Schließlich roch er an den Lippen des Toten und +betrachtete die Sohlen seiner feinen Lederstiefel.</p> + +<p>„Liegt er noch genau so, wie man ihn gefunden +hat?“ fragte er.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_51">[S. 51]</span></p> + +<p>„Wir haben ihn untersucht, ohne ihn von der +Stelle zu bewegen.“</p> + +<p>„Gut, dann lassen Sie ihn jetzt nur ins +Leichenhaus schaffen. Es ist nichts Thatsächliches +mehr zu ermitteln.“</p> + +<p>Eine Tragbahre stand schon in Bereitschaft, und +auf Gregsons Ruf kamen vier seiner Leute herbei. +Als sie die Leiche aufluden, um sie fortzutragen, +fiel ein Ring zu Boden und rollte über die Diele. +Lestrade fuhr wie ein Stoßvogel darauf zu, hob +ihn auf und betrachtete ihn mit verblüffter Miene.</p> + +<p>„Der Trauring einer Frau — wie kommt der +hierher?“ rief er.</p> + +<p>Wir starrten alle nach dem goldenen Reif auf +seiner flachen Hand; welche Braut mochte den am +Finger getragen haben?</p> + +<p>„Die ohnehin schon verwickelte Angelegenheit +wird durch diesen Fund noch schwieriger,“ bemerkte +Gregson.</p> + +<p>„Vielleicht vereinfacht er sie auch,“ äußerte +Holmes bedächtig. „Jedenfalls nützt es nichts, den +Ring noch länger anzusehen; wir werden nicht klüger +davon. Haben Sie nichts in den Taschen gefunden?“</p> + +<p>„Im Flur liegt alles beisammen!“ erwiderte +Gregson, „kommen Sie!“ Wir verließen das +Zimmer. „Hier ist der ganze Inhalt,“ fuhr er fort, +<span class="pagenum" id="Page_52">[S. 52]</span>auf einen Haufen verschiedener Gegenstände deutend. +„Eine goldene Uhr No. 97163 von Barrand in +London, eine kurze Uhrkette von massivem Gold, ein +goldener Ring mit dem Freimaurerzeichen; ein +Hundekopf mit Rubinaugen als Vorstecknadel; ein +Visitenkartentäschchen von russischem Leder, auf den +Karten steht Enoch J. Drebber aus Cleveland, das +stimmt mit den Zeichen der Wäsche überein. Kein +Portemonnaie, aber loses Geld in der Westentasche +im Betrag von sieben Pfund dreizehn Schilling. +Eine Taschenausgabe von Boccaccios Decamerone, +auf dem Titelblatt der Name Joseph Stangerson. +Zwei Briefe, einer an E. J. Drebber, der andere an +Joseph Stangerson.“</p> + +<p>„Wohin adressiert?“</p> + +<p>„An die amerikanische Wechselbank. Beide Briefe +kommen von der Dampfschiffgesellschaft Guion und +betreffen die Abfahrt ihres Dampfers von Liverpool. +Offenbar stand der Unglückliche im Begriff, +nach New York zurückzukehren.“</p> + +<p>„Haben Sie über jenen Stangerson Erkundigungen +eingezogen?“</p> + +<p>„Versteht sich,“ versetzte Gregson; „an sämtliche +Zeitungen sind Anzeigen geschickt worden; auch ist +einer meiner Leute nach der Wechselbank gegangen, +ich erwarte ihn bald zurück.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_53">[S. 53]</span></p> + +<p>„Haben Sie in Cleveland angefragt?“</p> + +<p>„Ja, die Depesche ist heute früh abgegangen.“</p> + +<p>„Was war der Wortlaut?“</p> + +<p>„Wir gaben einfach die Umstände an und baten +um Mittheilung der einschlägigen Thatsachen.“</p> + +<p>„Sie haben nicht etwa über einen Punkt, der +Ihnen besonders wichtig schien, eingehendere Nachricht +verlangt?“</p> + +<p>„Ich habe nach Stangerson gefragt.“</p> + +<p>„Weiter nichts? Liegt nicht eine Thatsache vor, +um die sich der ganze Fall dreht? Wollen Sie nicht +noch einmal telegraphieren?“</p> + +<p>„Meine Depesche enthielt alles Erforderliche,“ +versetzte Gregson in beleidigtem Ton.</p> + +<p>Sherlock Holmes lachte in sich hinein und wollte +eben noch eine Bemerkung machen, als Lestrade, der +inzwischen im Zimmer geblieben war, zu uns in den +Flur kam.</p> + +<p>„Soeben habe ich eine Entdeckung gemacht, +Gregson,“ sagte er, sich mit selbstgefälliger Miene +die Hände reibend. „Hätte ich nicht die Stubenwände +genau untersucht, wir wären schwerlich darauf +aufmerksam geworden.“</p> + +<p>Die Augen des kleinen Detektivs funkelten vor +innerem Triumph, daß er seinem Kollegen den Rang +abgelaufen hatte. „Kommen Sie,“ sagte er, in das +<span class="pagenum" id="Page_54">[S. 54]</span>Zimmer zurückeilend, das uns weit weniger grausig +erschien, seit die Leiche fortgeschafft war; „so, jetzt +treten Sie dorthin.“</p> + +<p>Er strich ein Schwefelholz an seiner Stiefelsohle +an und hielt es gegen die Wand. In einer Ecke +war die Tapete abgerissen und auf dem hellen Kalkbewurf, +der darunter zum Vorschein kam, stand mit +großen, blutroten Buchstaben das Wort</p> + +<p class="s4 center sans"><b><span class="antiqua">Rache</span></b></p> + +<p class="p0">zu lesen.</p> + +<p>„Das hat der Mörder mit seinem eigenen Blut +geschrieben,“ fuhr Lestrade fort, „hier auf der Diele +sieht man noch, wo es hinuntergetropft ist. Einen +besseren Beweis, daß kein Selbstmord vorliegt, +könnten wir gar nicht haben. Sehen Sie das abgebrannte +Licht auf dem Kaminsims? Beim Scheine +desselben ist das Wort in dieser sonst so dunkeln Ecke +geschrieben worden!“</p> + +<p>„Ich habe noch keine Zeit gehabt, mich in dem +Zimmer umzusehen,“ sagte Holmes, ein Vergrößerungsglas +und ein Zentimetermaß aus der Tasche +ziehend. „Sie erlauben mir wohl, das jetzt nachzuholen.“</p> + +<figure class="figcenter illowe30" id="illus_0055"> + <img class="w100" src="images/illus_0055.jpg" alt="Holmes, Watson, Lestrade + und Gregson untersuchen den Schriftzug an der Wand"> +</figure> + +<p>Geräuschlos ging er in dem Raume hin und her; +bald stand er still, bald kauerte er am Boden, einmal +legte er sich sogar mit dem Gesicht platt auf die Diele. +<span class="pagenum" id="Page_56">[S. 56]</span>Er war so vertieft in seine Beobachtungen, daß er +unsere Anwesenheit ganz vergessen zu haben schien; +auch hielt er fortwährend leise Selbstgespräche, dazwischen +stöhnte er laut oder pfiff wohlgefällig vor +sich hin und feuerte sich durch ermutigende Ausrufe +zu neuer Hoffnung an. Er kam mir vor wie ein +edler Jagdhund, der rückwärts und vorwärts durch +das Dickicht springt, vor Begierde heult und winselt +und keine Ruhe findet, bis er die verlorene Fährte +wieder aufgespürt hat. Wohl zwanzig Minuten lang +setzte er seine Untersuchungen fort, maß mit der +größten Genauigkeit die Entfernung zwischen verschiedenen +Punkten am Boden, die für mein Auge +ganz unsichtbar waren und dann die Höhe und Breite +der Wände. Was er damit bezweckte, war mir unerklärlich. +An einer Stelle las er behutsam ein Häufchen +grauen Staubes von der Erde auf und verwahrte +es sorgfältig in einem Briefumschlag. Zuletzt +richtete er sein Vergrößerungsglas auf das +rätselhafte Wort an der Wand und betrachtete jeden +Buchstaben aufs genaueste. Das Ergebnis schien ihn +zu befriedigen und er steckte das Glas wieder ein.</p> + +<p>„Man sagt, das Genie sei nichts als unermüdliche +Ausdauer,“ bemerkte er lächelnd; „so falsch das +an und für sich auch ist, auf die Arbeit des Geheimpolizisten +läßt es sich doch anwenden!“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_57">[S. 57]</span></p> + +<p>Gregson und Lestrade waren dem seltsamen Gebahren +des eifrigen Dilettanten mit neugierigen, +aber etwas verächtlichen Blicken gefolgt. Sie +schienen sich nicht klar zu machen, was ich längst +wußte, daß nämlich Sherlock Holmes, selbst bei seinen +scheinbar unbedeutendsten Handlungen, stets ein bestimmtes +Ziel fest im Auge behielt.</p> + +<p>„Nun, was halten Sie von dem Fall?“ fragten +beide jetzt in einem Atem.</p> + +<p>„Sie sind auf so gutem Wege, meine Herren,“ +erwiderte Holmes nicht ohne einen leisen Anflug +von Spott, „da wäre es die größte Anmaßung von +meiner Seite, wollte ich mich Ihnen zur Hilfe anbieten. +Den Ruhm, der Ihren Verdiensten gebührt, +sollen Sie auch allein ernten. Vielleicht kann ich +Ihnen im weiteren Verlauf Ihrer Forschungen noch +von Nutzen sein, dann stehe ich gern zu Diensten. Es +wäre mir übrigens doch erwünscht, wenn ich den Schutzmann +sprechen könnte, der die Leiche gefunden hat. +Sagen Sie mir, bitte, wie er heißt und wo er wohnt.“</p> + +<p>Lestrade schlug sein Notizbuch auf. „John Rance +hat jetzt keinen Dienst; Sie werden ihn sicher in seiner +Wohnung am Kennington Parkthor, Audley Court +No. 46 finden.“ Holmes notierte sich die Adresse.</p> + +<p>„Kommen Sie mit, Doktor,“ rief er mir zu, +„wir suchen ihn auf.“ Dann verabschiedete er sich von +<span class="pagenum" id="Page_58">[S. 58]</span>den beiden Geheimpolizisten. „Ich will Sie noch auf +einiges aufmerksam machen, was Ihnen vielleicht +einige Mühe ersparen kann,“ sagte er. „Hier ist ein +Mord begangen worden; der Täter ist sechs Fuß +groß, im besten Mannesalter, hat verhältnismäßig +kleine Füße, trug Stiefel mit breiten Spitzen und +rauchte eine Trichinopolly-Cigarre. Er kam mit +seinem Opfer in einer Droschke angefahren; von +den Hufeisen des Pferdes waren drei alt und das +am linken Vorderfuß neu. Der Mörder hat eine +rötliche Gesichtsfarbe und ungewöhnlich lange +Fingernägel an der rechten Hand. — Das sind nur +ganz unbedeutende Einzelheiten, aber sie könnten +Ihnen doch einen Anhaltspunkt geben.“</p> + +<p>Lestrade und Gregson sahen einander ungläubig +lächelnd an.</p> + +<p>„Wie ist denn der Mann umgebracht worden, +wenn ein Mord vorliegt?“ fragte ersterer.</p> + +<p>„Vergiftet,“ gab Holmes kurz zur Antwort. +Nach diesem kategorischen Ausspruch entfernte er sich +rasch, und seine beiden Nebenbuhler blickten ihm mit +offenem Munde nach.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_59">[S. 59]</span></p> + +<h3 class="padtop1_5" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.<br> +<b class="s4">Was uns John Rance erzählte.</b></h3> + +</div> + +<p>Es war ein Uhr, als wir das Haus in der +Brixtonstraße verließen, um uns sofort auf das +nächste Telegraphenbureau zu begeben. Holmes +schickte eine lange Depesche ab, dann fuhren wir zusammen +nach der Wohnung des Schutzmanns.</p> + +<p>„Man muß sich die Zeugenaussagen womöglich +immer aus erster Hand holen,“ bemerkte er. „Wenn +mir der Fall auch im allgemeinen ganz klar ist, so +halte ich es doch für richtig, mich auch von allem +übrigen so viel als thunlich zu unterrichten.“</p> + +<p>„Aber Holmes,“ rief ich in höchster Verwunderung, +„Sie können doch unmöglich über alle jene +Einzelheiten zu so unumstößlicher Gewißheit gelangt +sein, wie Sie uns glauben machen wollen.“</p> + +<p>„Jawohl, jeder Zweifel ist ausgeschlossen,“ entgegnete +er. „Als wir ankamen, war das Erste, was +mir auffiel, die doppelte Räderspur einer Droschke, +die bis an das Gitterthor führte. Seit einer Woche +hatte es vergangene Nacht zum erstenmal geregnet, +und die tiefen Wagengeleise konnten erst entstanden +sein, nachdem das Erdreich gehörig aufgeweicht war. +Auch die Spuren der Pferdehufe waren erkennbar, +<span class="pagenum" id="Page_60">[S. 60]</span>drei nur undeutlich, die vierte klar ausgeprägt, +folglich war das Eisen neu. War die Droschke erst +nach dem Regen am Hause vorgefahren und am +Morgen nicht mehr da, wie Gregson versichert, so +hatte sie also die beiden Leute während der Nacht +dahin befördert.“</p> + +<p>„Das klingt sehr einleuchtend,“ sagte ich; „wie +aber konnten Sie auf das Aeußere des Mannes +schließen?“</p> + +<p>„Die Größe eines Menschen läßt sich in den allermeisten +Fällen nach seinem Schritt bestimmen. Die +Berechnung ist schnell gemacht, aber ich will Sie nicht +mit Zahlen plagen. Ich fand die Schrittweite des +Mannes sowohl draußen im weichen Erdreich als +auf der staubigen Stubendiele. Außerdem konnte +ich noch die Probe anstellen: Wer auf eine Wand +schreibt, thut dies unwillkürlich in der Höhe seiner +Augen. Die Schrift aber ist gerade sechs Fuß hoch +über dem Boden. Sie sehen, es war kinderleicht.“</p> + +<p>„Aber sein Alter?“</p> + +<p>„Nun, wenn ein Mann ohne Mühe fünftehalb +Fuß weit ausschreiten kann, ist er schwerlich schon +sehr altersschwach. So breit war nämlich die Pfütze +auf dem Gartenweg, über die er weggeschritten ist. +Die feinen Lederstiefel waren am Rande hingegangen, +die grobe Fußbekleidung mit den breiten Spitzen +<span class="pagenum" id="Page_61">[S. 61]</span>aber darüber weggeschritten. Ein Geheimnis ist +gar nicht dabei; alles beruht auf den Grundsätzen +der Beobachtung und Schlußfolgerung, die ich in +meiner Abhandlung auseinandergesetzt habe. — +Macht Ihnen sonst noch etwas Kopfzerbrechen?“</p> + +<p>„Die Fingernägel und die Trichinopolly-Cigarre.“</p> + +<p>„Der Mann hatte den langen Nagel seines Zeigefingers +in Blut getaucht und damit an die Wand geschrieben. +Die Buchstaben waren wie eingekratzt +in den Kalkbewurf. Auf der Diele fand ich etwas +verstreute Asche, die dunkel und flockig aussah und +nur von einer Trichinopolly-Cigarre herrühren +konnte. Ueber Cigarrenasche habe ich ganz besondere +Studien gemacht, ja sogar einen Aufsatz geschrieben; +ich schmeichle mir, jede Sorte Cigarren- oder Tabaksasche +auf den ersten Blick zu erkennen. Gerade in +solcher speziellen Kenntnis zeigt sich der Unterschied +zwischen dem wahrhaft gebildeten Detektiv und der +Sorte, zu welcher die Gregson und Lestrade gehören.“</p> + +<p>„Aber die rötliche Gesichtsfarbe?“</p> + +<p>„Das war eine etwas kühne Folgerung, über die +ich bei dem jetzigen Stand der Dinge noch keinen +Aufschluß geben kann, obgleich ich überzeugt bin, daß +ich recht habe.“</p> + +<p>Ich faßte mir unwillkürlich mit der Hand an die +<span class="pagenum" id="Page_62">[S. 62]</span>Stirn. „Es schwirrt mir förmlich im Kopfe,“ rief +ich, „je mehr ich über die Angelegenheit nachdenke, +um so rätselhafter erscheint sie mir. Wie kamen die +beiden Männer — wenn es ihrer zwei waren — in +das leere Haus? Was ist aus dem Kutscher geworden, +der sie gefahren hat? Wie konnte der eine +den andern zwingen, Gift zu nehmen? Woher +stammen die Blutspuren? Was bewog den Mörder +zu seiner That, da er keinen Raub beabsichtigte? +Welcher Frau hat der Trauring gehört? Warum +schrieb der Missethäter das Wort Rache an die Wand, +bevor er die Flucht ergriff? — Daß jemand imstande +sein sollte, alle die Thatsachen in Einklang zu bringen, +geht wahrhaftig weit über mein Verständnis.“</p> + +<p>Mein Gefährte lächelte beifällig.</p> + +<p>„Sie haben sämtliche Schwierigkeiten unserer +Lage kurz und bündig zusammengefaßt,“ sagte er. +„Ueber die Hauptsache bin ich zwar im reinen, aber +manches ist noch unaufgeklärt. Die Schrift, auf +deren Entdeckung Lestrade so stolz war, ist meiner +Meinung nach nur eine Kriegslist, um die Polizei +auf falsche Fährte zu locken, als sei die That im Auftrag +einer geheimen Gesellschaft von irgend einem +Sozialisten ausgeführt worden. — So — nun wissen +Sie aber genug über den Fall, Watson, ich werde +mich hüten, Ihnen noch mehr zu verraten. Mit +<span class="pagenum" id="Page_63">[S. 63]</span>dem Ansehen eines Taschenspielers ist es aus, sobald +er sein Kunststück einmal erklärt hat, und wenn +ich Ihnen mein Verfahren allzu genau beschreibe, +werden Sie mich in kürzester Frist für einen höchst +alltäglichen Menschen halten.“</p> + +<p>„Bewahre,“ rief ich, „das wird nie geschehen. +Sie haben die polizeiliche Forschung auf die Höhe +der Wissenschaft erhoben und bis zu einer Vollkommenheit +gebracht, wie sie bisher unerreicht war.“</p> + +<p>Mein Gefährte wurde rot vor Freude über mein +Urteil, das ich im Tone aufrichtigster Ueberzeugung +aussprach. Schon früher hatte ich bemerkt, daß er +für jedes Lob, welches man seiner Kunst zollte, +empfänglich war, wie eine jugendliche Schönheit, +deren Reize man bewundert.</p> + +<p>„Etwas will ich Ihnen doch noch sagen,“ rief +er; „die feinen Lederstiefel kamen mit dem groben +Schuhwerk in derselben Droschke angefahren und +schritten zusammen höchst freundschaftlich den +Gartenweg hinunter, wahrscheinlich sogar Arm in +Arm. Im Hause gingen sie im Zimmer hin und her, +oder richtiger gesagt: die feinen Lederstiefel standen +still und das grobe Schuhwerk ging auf und ab und +geriet dabei mehr und mehr in Leidenschaft. Das +war in dem Staub, der auf der Diele lag, an den +immer länger werdenden Schritten deutlich zu erkennen. +<span class="pagenum" id="Page_64">[S. 64]</span>Dabei sprach der Mann unaufhörlich, sein +Zorn steigerte sich zur Wut und dann beging er die +Unthat. Mehr weiß ich jetzt selbst noch nicht; das +übrige beruht größtenteils auf bloßer Vermutung; +doch ist immerhin ein guter Grund gelegt, auf dem +sich sicher weiter bauen läßt. — Ich darf mich übrigens +jetzt nicht lange aufhalten, denn ich will heute +nachmittag noch in Halles Konzert gehen, um die +Neruda spielen zu hören.“</p> + +<p>Die Droschke war während unseres Gesprächs +durch zahllose düstere Gäßchen und enge Straßen +gefahren; in der allerschmutzigsten und trübseligsten +Stadtgegend hielt der Kutscher plötzlich still. „Da +drüben ist Audley Court,“ sagte er, auf eine Reihe +räucheriger Backsteinhäuser deutend. „Ich will hier +warten, bis Sie wieder herauskommen.“</p> + +<p>Audley Court bot wenig Anziehendes. Eine +schmale Gasse führte auf einen großen, gepflasterten +Hof, der rings von ärmlichen Wohnhäusern umgeben +war. Nach No. 46 suchend, gingen wir an Scharen +schmutziger Kinder vorbei und krochen unter aufgehängter, +mißfarbener Wäsche durch, bis wir auf +einem kleinen Messingschild den Namen ‚Rance‘ bemerkten.</p> + +<p>Der Schutzmann hatte sich nach dem Nachtdienst +zu Bette gelegt und wir wurden gebeten, in dem +<span class="pagenum" id="Page_65">[S. 65]</span>kleinen Wohnzimmer ein wenig zu warten. Bald +darauf kam Rance zum Vorschein, mißmutig, daß +man ihn im Schlaf gestört hatte. „Ich habe doch +schon auf dem Bureau Bericht erstattet,“ brummte +er verdrießlich.</p> + +<figure class="figcenter illowe25" id="illus_0065"> + <img class="w100" src="images/illus_0065.jpg" alt="Holmes und Watson suchen + die Wohnung von Herrn Rance"> +</figure> + +<p>Holmes zog ein Goldstück aus der Tasche und +drehte es nachlässig zwischen den Fingern.</p> + +<p>„Wir wünschten den Sachverhalt aus Ihrem +<span class="pagenum" id="Page_66">[S. 66]</span>eigenen Munde zu hören, wenn Sie nichts dagegen +haben,“ sagte er verbindlich.</p> + +<p>Der goldene Talisman verfehlte seine Wirkung +nicht. „Ich werde Ihnen mit Vergnügen sagen, +was ich weiß,“ beeilte sich Rance zu erwidern.</p> + +<p>„Gut, dann erzählen Sie mir bitte, wie sich +alles zugetragen hat.“</p> + +<p>Der Schutzmann nahm auf dem alten Roßhaarsofa +Platz und legte die Stirn in bedächtige Falten. +„Ich will beim Anfang beginnen,“ sagte er. „Meine +Dienstzeit ist von zehn Uhr abends bis sechs Uhr +morgens. Um elf Uhr war eine Schlägerei im +‚Weißen Hirsch‘, aber sonst fiel zuerst nichts Besonderes +vor während meiner Runde. Gegen ein +Uhr fing es an zu regnen, und etwas nach zwei Uhr +kam ich die Brixtonstraße hinunter, um zu sehen, +ob dort alles ruhig wäre. Keine Seele traf ich +unterwegs, die Gegend war wie ausgestorben, nur +ein paar Droschken kamen an mir vorbeigerasselt. +Eben dachte ich daran, daß ein Schluck heißer Grog +zur Magenstärkung wohl angebracht wäre — da +sah ich einen Lichtschimmer in dem gewissen Hause. +Nun wußte ich genau, daß da niemand wohnt, denn +der Besitzer läßt die Abzugsröhren nicht nachsehen, +obgleich der letzte Mieter am Typhus gestorben ist. +Na, wie ich das Licht sehe, denke ich gleich, daß +<span class="pagenum" id="Page_67">[S. 67]</span>etwas nicht geheuer sein muß. Als ich an die Thüre +kam — —“</p> + +<p>„Sie sind stehen geblieben und nach dem Gartenthor +zurückgegangen — aus welchem Grunde?“ +fragte Holmes.</p> + +<p>Rance fuhr zusammen und riß die Augen +weit auf.</p> + +<p>„Woher wissen Sie denn das?“ stammelte er. +„Freilich that ich es, denn, sehen Sie, als ich an +die Hausthür kam und alles so still und unheimlich +war, fiel mir ein, daß wir doch eigentlich unser zwei +sein sollten, und so ging ich zurück, um zu sehen, ob +nicht vielleicht ein Kamerad mit seiner Laterne des +Weges käme. Furcht kenne ich wahrhaftig nicht, +aber wenn es etwa der verstorbene Mieter war, der +dort umging, so hätte ich gern Gesellschaft gehabt.“</p> + +<p>„War denn gar niemand auf der Straße?“</p> + +<p>„Kein Mensch, Herr; nicht einmal ein verlaufener +Hund. Ich nahm mich zusammen, ging +wieder an die Thür und stieß sie auf. Drinnen war +alles still; ich trat in das Zimmer, aus dem der Lichtschein +gekommen war. Auf dem Kaminsims stand +ein rotes Wachslicht — es flammte hell auf und da +sah ich — —“</p> + +<p>„Ich weiß schon, was Sie gesehen haben. Sie +sind mehrmals rings um das Zimmer gegangen, +<span class="pagenum" id="Page_68">[S. 68]</span>dann bei dem Leichnam hingekniet, haben versucht, +die Küchenthür zu öffnen und dann — —“</p> + +<p>Rance schnellte wie besessen von seinem Sitz in +die Höhe. „Von wo aus haben Sie mich belauscht? +Sie müssen doch irgendwo versteckt gewesen sein, +sonst könnten Sie das nicht alles wissen.“</p> + +<p>Mein Gefährte zog seine Visitenkarte heraus +und reichte sie dem Schutzmann. „Denken Sie nur +nicht, daß ich der Mörder bin und Sie mich festnehmen +müssen,“ sagte er lachend. „Ich bin nicht der +Wolf, sondern nur einer von den Spürhunden, wie +Ihnen die Herren Gregson und Lestrade bestätigen +werden. Aber, nur weiter — was thaten Sie zunächst?“</p> + +<p>„Ich ging hinunter auf die Straße,“ sagte +Rance, der wieder Platz genommen hatte, aber noch +immer verwundert dreinschaute. „Auf das Alarmzeichen, +das ich mit meiner Pfeife gab, kamen drei +von den Kameraden herbeigelaufen.“</p> + +<p>„War die Straße noch immer leer?“</p> + +<p>„Ja oder nein, wie man’s nimmt.“</p> + +<p>„Was soll das heißen?“</p> + +<p>Der Schutzmann verzog das Gesicht zu einem +gutmütigen Grinsen. „Na,“ sagte er, „als ich aus +dem Gartenthor trat, lehnte ein Mensch am Gitter, +der aus vollem Halse etwas von ‚Kolumbias neuem +<span class="pagenum" id="Page_69">[S. 69]</span>Sternenbanner‘ oder dergleichen sang. Ich hab’ in +meinem Leben schon manchen gesehen, der zu schwer +geladen hatte, aber ein Betrunkener, wie der Kerl, +ist mir noch nicht vorgekommen. Er hätte mir +keine Hilfe leisten können, hielt er sich doch kaum +selber auf den Füßen.“</p> + +<figure class="figcenter illowe25" id="illus_0069"> + <img class="w100" src="images/illus_0069.jpg" alt="Ein Betrunkener lehnt an + einem Gitter"> +</figure> + +<p>„Wie sah denn der Mann aus?“ fiel ihm Holmes +ins Wort.</p> + +<p>Den Schutzmann schien die unnütze Frage zu +verdrießen. „Es war eben ein sinnlos betrunkener +<span class="pagenum" id="Page_70">[S. 70]</span>Mensch,“ sagte er, „den wir hätten auf die Polizeiwache +bringen müssen, wären wir nicht anderweitig +beschäftigt gewesen.“</p> + +<p>„Aber Sie werden doch sein Gesicht, seinen Anzug +gesehen haben,“ rief Holmes ungeduldig.</p> + +<p>„Natürlich — Murcher und ich mußten ihm ja +unter die Arme greifen, um ihn aufzurichten. Ein +langer Kerl mit rotem Gesicht, um das Kinn ein +Tuch gewickelt und —“</p> + +<p>„Schon gut — was ist denn aus ihm geworden?“</p> + +<p>„Was weiß ich! wir hatten ohnehin genug zu +thun. Er wird schon den Weg nach Hause gefunden +haben, da können Sie ganz ruhig sein.“</p> + +<p>„Wie war er denn angezogen?“</p> + +<p>„Er trug einen braunen Ueberrock.“</p> + +<p>„Hatte er eine Peitsche in der Hand?“</p> + +<p>„Eine Peitsche — bewahre!“</p> + +<p>„Die muß er zurückgelassen haben,“ murmelte +Holmes. „Kam nicht gleich darauf eine Droschke gefahren?“</p> + +<p>„Nein.“</p> + +<p>Mein Gefährte nahm seinen Hut zur Hand. +„Hier, das Goldstück ist für Sie, Rance,“ sagte er; +„aber ein andermal seien Sie nicht ganz so kopflos. +Ich fürchte, Sie bringen es sonst Ihr Lebtag zu +nichts Rechtem und Sie hätten sich doch letzte Nacht +<span class="pagenum" id="Page_71">[S. 71]</span>mit Leichtigkeit Ihre Beförderung zum Sergeanten +verdienen können. Statt dessen haben Sie den +Mann entwischen lassen, nach welchem wir suchen +und der den Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis in +Händen hält. Wozu noch lange hin und her streiten +— es verhält sich so, wie ich Ihnen sage, verlassen +Sie sich darauf. Kommen Sie, Watson, wir wollen +gehen.“</p> + +<p>Der Schutzmann machte zwar ein ungläubiges +Gesicht, aber man sah, die Sache war ihm nicht ganz +geheuer. Wir ließen ihn verblüfft stehen und gingen +unserer Wege.</p> + +<p>„Der Hans Narr,“ rief Holmes ärgerlich, als +wir wieder in der Droschke saßen, um nach Hause +zu fahren. „Ein Glück sondergleichen fällt ihm ungesucht +in den Schoß und er versteht nicht, es festzuhalten.“</p> + +<p>„Sind Sie Ihrer Sache aber auch ganz gewiß?“ +fragte ich. „Rances Beschreibung des Betrunkenen +paßt zwar im allgemeinen zu Ihrer Vorstellung von +dem zweiten Menschen, der in das Geheimnis verwickelt +ist, aber was sollte ihn wieder nach dem Hause +zurückgeführt haben? Das sieht nicht aus, als wäre +er der Verbrecher.“</p> + +<p>„Der Ring, Freund, der Ring — den wollte er +holen. Wenn wir kein anderes Mittel finden, ihn +<span class="pagenum" id="Page_72">[S. 72]</span>zu fangen, müssen wir den Ring als Köder brauchen. +Ich sage Ihnen, Doktor, er geht mir ins Netz, ich +habe ihn sicher. Und Ihnen verdanke ich das alles. +Hätten Sie mir nicht zugeredet, ich wäre um die +schönste Gelegenheit gekommen, meine Kriminalstudien +zu vervollständigen. — Jetzt aber, erst zum +Lunch und dann ins Konzert. Die Neruda hat +einen famosen Ansatz und spielt köstlich. Wie geht +doch das kleine Ding von Chopin, das ich von ihr +gehört habe? Tra—la—lira—lira—la.“</p> + +<p>Er lehnte sich in die Wagenkissen zurück und +trillerte wie eine Lerche, während ich über die Vielseitigkeit +dieses Menschen nachdachte, der von der +Natur zum Detektiv bestimmt schien und seine Forschungen +mit dem Eifer eines Kunstliebhabers betrieb.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_73">[S. 73]</span></p> + +<h3 class="padtop1_5" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.<br> +<b class="s4">Wir bekommen Besuch.</b></h3> + +</div> + +<p>Die Anstrengungen des Morgens waren zu groß +gewesen für meine schwache Gesundheit. Ich fühlte +mich sehr angegriffen, und sobald Holmes ins Konzert +gegangen war, legte ich mich auf das Sofa, um +mich durch einige Stunden Schlafs zu stärken. An +Ruhe war jedoch nicht zu denken, denn wirre Vorstellungen +und Bilder drängten sich unablässig in +meinem aufgeregten Gehirn. Sobald ich die Augen +schloß, sah ich vor mir die verzerrten, pavianähnlichen +Gesichtszüge des Ermordeten. Der Eindruck +war so abstoßend, daß ich mich kaum eines Dankgefühls +gegen denjenigen erwehren konnte, der den +Unhold aus der Welt geschafft hatte. Mir war noch +nie ein Mensch vorgekommen, dessen Gesicht ein so +deutliches Gepräge von Laster und Bosheit trug. +Doch sah ich wohl ein, daß man der Gerechtigkeit +ihren Lauf lassen müsse. Mochte dieser Enoch J. +Drebber noch so verworfen gewesen sein, das rechtfertigte +die Missethat, deren Opfer er war, nicht in +den Augen des Gesetzes.</p> + +<p>Je mehr ich über die Behauptung meines +Freundes nachdachte, daß der Mann vergiftet worden +<span class="pagenum" id="Page_74">[S. 74]</span>sei, um so sonderbarer erschien sie mir. Holmes +mußte auf den Gedanken gekommen sein, als er an +den Lippen des Toten roch. Freilich blieb kaum +eine andere Annahme übrig — erdrosselt war er +nicht, eine Wunde ließ sich auch nicht entdecken. Und +doch — wo kam das Blut her, das auf dem Fußboden +verspritzt war? Es schien kein Kampf stattgefunden +zu haben, wenigstens war keine Waffe da, mit welcher +Drebber seinen Angreifer verwundet haben konnte. +Holmes hatte sich wohl schon eine bestimmte Theorie +über den ganzen Vorgang gebildet, das glaubte ich +an seinem ruhigen, zuversichtlichen Benehmen zu erkennen. +Auf welche Weise er sich aber die verschiedenen +Thatsachen erklärte, die mir so rätselhaft +schienen, ahnte ich auch nicht von ferne.</p> + +<p>Es war schon spät, als er zurückkam — unmöglich +konnte er die ganze Zeit über im Konzert gewesen +sein. Das Essen stand bereits auf dem Tisch, +und er nahm sogleich Platz.</p> + +<p>„Ein herrlicher Genuß!“ rief er. „Nichts übt doch +solchen Zauber auf den Menschen aus, wie die Tonkunst. +— Aber, was ist unterdessen mit Ihnen geschehen, +Watson? Sie sehen schrecklich angegriffen +aus. Hat die Geschichte in der Brixtonstraße Sie +aus dem Gleichgewicht gebracht?“</p> + +<p>„Wahrhaftig, ja — mehr als ich für möglich gehalten +<span class="pagenum" id="Page_75">[S. 75]</span>hätte. Seit meinen Erlebnissen in Afghanistan, +wo ich meine Kameraden in Stücke hauen sah, +glaubte ich weniger schwach besaitet zu sein.“</p> + +<p>„Derartige rätselhafte Vorgänge erhitzen die Einbildungskraft +und erzeugen ein leicht erklärliches +Grauen,“ meinte Holmes. „In der Abendzeitung +steht ein ziemlich ausführlicher Bericht über die Begebenheit, +doch freut mich, daß der gefundene Trauring +nicht erwähnt wird.“</p> + +<p>„Wieso?“</p> + +<p>„Wegen der Anzeige, die ich heute abend in +sämtliche Zeitungen habe einrücken lassen. Hier, +lesen Sie.“</p> + +<p>Er reichte mir das Blatt und unter der Rubrik +‚Gefunden‘ las ich folgendes:</p> + +<blockquote> + +<p>„Ein einfacher, goldener Trauring ist heute früh auf der +Brixtonstraße zwischen dem Gasthaus zum ‚Weißen +Hirsch‘ und dem Holland-Hain gefunden worden. Zu +erfragen bei Dr. Watson, Bakerstraße 221 <span class="antiqua">b</span>, zwischen +8 und 9 Uhr abends.“</p> + +</blockquote> + +<p>„Sie entschuldigen wohl, daß ich auf Ihren +Namen verwiesen habe! Hätte ich meinen eigenen +genannt, ich wäre vor der Einmischung des einen +oder andern unserer professionellen Dummköpfe nicht +sicher gewesen.“</p> + +<p>„Wie aber, wenn der Eigentümer sich meldet? +<span class="pagenum" id="Page_76">[S. 76]</span>Ich habe keinen Ring, den ich ihm geben könnte.“</p> + +<p>„Dafür ist schon gesorgt,“ sagte er, mir einen +Ring einhändigend. „Er gleicht dem andern auf +ein Haar und wird dieselben Dienste thun.“</p> + +<p>„Wer wird sich denn auf die Anzeige hin melden +— was glauben Sie?“</p> + +<p>„Natürlich der Mann mit dem braunen Ueberrock +— unser Freund mit dem roten Gesicht und +dem groben Schuhwerk. Kommt er nicht selbst, so +schickt er einen Spießgesellen.“</p> + +<p>„Sollte er nicht Gefahr wittern?“</p> + +<p>„Bewahre. Und wenn auch — meiner Ansicht +nach würde er jeder Gefahr trotzen, um den Ring +wieder zu bekommen. Ich denke mir, er hat ihn +verloren, während er sich über Drebbers Leichnam +beugte, und es nicht gleich bemerkt. Erst als +er draußen war, entdeckte er seinen Verlust, und +eilte zurück. Da er aber die Thorheit begangen +hatte, das Licht brennen zu lassen, fand er die Polizei +bereits an Ort und Stelle. Um keinen Argwohn zu +erregen, verfiel er auf den Ausweg, sich betrunken +zu stellen. Nun versetzen Sie sich einmal in seine +Lage. Er überlegt sich die Sache und hält es nicht +für unmöglich, daß er den Ring erst verloren hat, +nachdem er wieder auf der Straße angelangt war. +Was ist natürlicher, als daß er sich in den Abendblättern +<span class="pagenum" id="Page_77">[S. 77]</span>nach den gefundenen Sachen umsieht — er +liest unsere Anzeige und ist überglücklich. Warum +sollte er fürchten, in eine Falle zu geraten? Er +hat nicht den geringsten Grund, anzunehmen, daß +der Verlust des Rings in Beziehung zu dem Mord +gebracht werden könnte, und wird sein Eigentum +abholen wollen. Noch vor Ablauf einer Stunde +kann er hier sein.“</p> + +<p>„Und dann?“</p> + +<p>„Dann lassen Sie mich nur mit ihm verhandeln +— das ist meine Sache. — Sind Sie mit Waffen +versehen?“</p> + +<p>„Ich habe noch einen alten Revolver und einige +Patronen.“</p> + +<p>„Putzen und laden Sie ihn auf alle Fälle; wir +haben es mit einem verzweifelten Menschen zu thun. +Zwar hoffe ich, ihn zu überrumpeln, aber es ist +immer besser, vorbereitet zu sein.“</p> + +<p>Ich ging in mein Schlafzimmer und folgte seinem +Rat. Als ich mit der Pistole in der Hand wieder +eintrat, fand ich Holmes bei seiner Lieblingsbeschäftigung +— er kratzte auf der Geige.</p> + +<p>„Das Netz zieht sich zusammen,“ sagte er; „eben +erhalte ich aus Amerika eine Antwort auf mein +Telegramm. Meine Ansicht über den Fall war ganz +richtig.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_78">[S. 78]</span></p> + +<p>„Ja, was denken Sie denn eigentlich darüber?“ +fragte ich eifrig.</p> + +<p>Er schien es zu überhören. „Ich muß wirklich +meine Violine mit neuen Saiten beziehen,“ murmelte +er vor sich hin. „Wenn der Mensch kommt,“ fuhr +er gelassen fort, „so sprechen Sie mit ihm in Ihrem +ganz gewöhnlichen Ton; sehen Sie ihn auch nicht +forschend an, damit er keinen Verdacht schöpft.“</p> + +<p>„Es ist schon acht vorbei,“ sagte ich, meine Uhr +herausziehend.</p> + +<p>„In wenigen Minuten wird er wohl hier sein. +Oeffnen Sie die Thür ein wenig und stecken Sie den +Schlüssel inwendig ins Schlüsselloch. Danke sehr — +jetzt kann er kommen. Ich glaube gar, da ist er +schon.“</p> + +<p>Draußen wurde stark an der Klingel gezogen, +Sherlock Holmes stand geräuschlos auf und schob +seinen Stuhl näher nach der Thüre hin. Wir hörten +die Dienerin durch den Vorsaal gehen und die Hausthür +öffnen.</p> + +<p>„Wohnt Doktor Watson hier?“ fragte eine +laute, etwas scharfe Stimme; dann ward die Thür +geschlossen, und es kam jemand mit schlürfendem +Gang die Treppe herauf. Verwundert horchte mein +Gefährte auf den langsamen, unsichern Schritt im +Korridor; nun wurde leise angeklopft.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_79">[S. 79]</span></p> + +<p>„Herein!“ rief ich.</p> + +<figure class="figcenter illowe22" id="illus_0079"> + <img class="w100" src="images/illus_0079.jpg" alt="Eine alte Frau fragt + nach dem Ring"> +</figure> + +<p>Die Thüre ging auf und statt des gewaltthätigen +Menschen, den wir erwarteten, hinkte ein runzliges, +altes Mütterchen ins Zimmer, das, wie von dem +plötzlichen Lichtschein geblendet, uns mit matten, +glanzlosen Augen anblinzelte.</p> + +<p>Während die Alte stumm vor uns stand, und mit +den zitternden Fingern ängstlich in ihrer Tasche nach +etwas zu suchen schien, nahm das Gesicht meines Gefährten +einen so trostlosen Ausdruck an, daß ich +<span class="pagenum" id="Page_80">[S. 80]</span>Mühe hatte, meine Fassung zu bewahren. Jetzt zog +sie ein Zeitungsblatt heraus und deutete auf unsere +Anzeige.</p> + +<p>„Deswegen komme ich, werte Herren,“ sagte sie +mit einem tiefen Knix, „der goldene Trauring in der +Brixtonstraße gehört meiner Tochter Sally; erst +seit elf Monaten ist sie verheiratet und wenn ihr +Mann nach Hause kommt — er ist nämlich Proviantmeister +auf einem Uniondampfer — und sie +hat ihren Ring nicht mehr, da giebt’s ein Donnerwetter. +Schon an guten Tagen ist er sehr kurz angebunden, +besonders wenn er getrunken hat. Das +kam nämlich so: gestern abend war sie im Zirkus +mit —“</p> + +<p>„Ist das der verlorene Ring?“ fragte ich.</p> + +<p>„Unser Herrgott sei gepriesen,“ rief die Alte. +„Wie wird sich Sally freuen. Ja, das ist ihr Ring.“</p> + +<p>Ich griff nach einem Bleistift: „Wo wohnen +Sie?“</p> + +<p>„In Houndsditch, Dunkanstraße 13. Ein weiter +Weg von hier.“</p> + +<p>„Wenn man von Houndsditch in den Zirkus +will, kommt man nicht durch die Brixtonstraße,“ +mischte sich hier Sherlock Holmes in das Gespräch.</p> + +<p>Die Alte warf ihm einen scharfen Blick aus +ihren kleinen, rotgeränderten Augen zu. „Der Herr +<span class="pagenum" id="Page_81">[S. 81]</span>hat mich nach <em class="gesperrt">meiner</em> Adresse gefragt. Sally +wohnt in Peckham auf dem Mayfield-Platz Nummer +3.“</p> + +<p>„Und Sie heißen? —“</p> + +<p>„Mein Name ist Sawyer, — sie heißt Dennis +weil sie Tom Dennis geheiratet hat. Ein wackerer, +sauberer Bursche, solange er auf See ist; kein Proviantmeister +gilt mehr bei den Herren von der +Dampfschiffsgesellschaft. Aber, kommt er ans Land, +so thun’s ihm die Weiber an und die Branntweinschenken +und —“</p> + +<p>„Hier ist Ihr Ring, Frau Sawyer,“ unterbrach +ich sie auf ein Zeichen meines Freundes; „er gehört +ohne Zweifel Ihrer Tochter, und ich freue mich, +ihn der rechtmäßigen Eigentümerin zustellen zu +können.“</p> + +<p>Allerlei Dankesworte und Segenswünsche murmelnd, +versenkte die Alte den Ring in ihre Tasche +und schlürfte wieder zur Thüre hinaus und die +Treppe hinunter. Kaum war sie fort, so sprang +Sherlock Holmes vom Stuhle auf und verschwand +in sein Schlafzimmer. Eine Minute später erschien +er wieder mit Hut und Ueberrock. „Ich gehe ihr +nach,“ sagte er, „sie muß mit ihm unter einer Decke +stecken und wird mir auf meine Spur verhelfen. +Bitte, bleiben Sie auf, bis ich wieder da bin.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_82">[S. 82]</span></p> + +<p>Als Holmes die Treppe hinunter ging, hatte sich +die Hausthür eben hinter der Alten geschlossen. Vom +Fenster aus konnte ich sehen, wie sie sich langsamen, +schlürfenden Schrittes entfernte, während ihr Verfolger +auf der andern Straßenseite hinterdrein +schlich. „Entweder ist seine ganze Theorie falsch,“ +dachte ich bei mir, „oder es wird ihm jetzt gelingen, +das Rätsel zu lösen.“</p> + +<p>Es hätte der Aufforderung, daß ich seine Rückkunft +abwarten möchte, nicht bedurft, denn von +Schlaf konnte bei mir keine Rede sein, bis ich wußte, +wie sein Unternehmen abgelaufen wäre. Als er +sich auf den Weg machte, war es fast neun Uhr; ich +steckte mir eine Pfeife an und blätterte in einem +französischen Roman. Es schlug zehn, und ich hörte +wie das Dienstmädchen zu Bett ging; um elf +Uhr kam die Wirtin durch den Korridor, um sich +zurückzuziehen; erst kurz vor Mitternacht knarrte +drunten der Schlüssel in der Hausthür.</p> + +<p>Als Holmes bei mir eintrat, sah ich es ihm gleich +an, daß er kein Glück gehabt hatte. Verdruß und +heitere Laune stritten in seinen Gesichtszügen um +die Herrschaft, bis schließlich letztere die Oberhand +behielt und er in ein herzliches Gelächter ausbrach.</p> + +<p>„Um nichts in der Welt möchte ich, daß die Geheimpolizisten +von meinem Erlebnis Wind bekämen,“ +<span class="pagenum" id="Page_83">[S. 83]</span>rief er, und sank auf einen Stuhl. „Ich habe sie so +oft gehänselt, daß sie froh wären, sich einmal schadlos +halten zu können. Da ich aber weiß, daß ich +ihnen am Ende aller Enden doch den Rang ablaufe, +lache ich trotz alledem.“</p> + +<p>„Was ist denn geschehen?“ fragte ich.</p> + +<p>„Sie sollen die ganze Geschichte hören, wie wenig +sie mir auch zum Ruhm gereicht: Die Person war +erst eine kleine Strecke weit gegangen, da fing sie +an zu hinken und konnte allem Anschein nach nicht +mehr vom Fleck. Sie blieb stehen und winkte eine +vorüberfahrende Droschke herbei. Um die Adresse +zu hören, lief ich näher herzu, doch das hätte ich +mir sparen können. ‚Nach Houndsditch, Dunkanstraße 13‘, +rief sie, daß es weithin schallte. Kaum +war sie eingestiegen, so sprang ich hinten auf; das +ist eine Kunst, in der jeder Detektiv gründlich bewandert +sein sollte. Fort rasselte die Droschke in +gleichmäßiger Geschwindigkeit. Schon ehe sie das +Ende der Fahrt erreichte, war ich abgesprungen und +schlenderte gemächlich die Straße hinunter. Jetzt +hielt der Kutscher, er stieg vom Bock, öffnete die +Wagenthür und wartete. Aber es kam niemand +heraus. Als ich näher trat, sah ich ihn wie wild in +der leeren Droschke herumfahren, wobei er die kräftigsten +Verwünschungen hören ließ, die mir je zu +<span class="pagenum" id="Page_84">[S. 84]</span>Ohren gekommen sind. Von der Insassin war keine +Spur mehr zu sehen, und ich fürchte, er wird lange +auf sein Fahrgeld warten müssen. Das Haus +Nummer 13 gehört, wie ich erfuhr, einem ehrsamen +Tapezierer Namens Keswig, von einer Frau Sawyer +oder Frau Dennis aber wußte kein Mensch dort +etwas.“</p> + +<p>„Sie wollen doch nicht behaupten,“ rief ich starr +vor Staunen, „daß das alte, gebrechliche Weib +aus dem Wagen gesprungen ist, während er in voller +Bewegung war, und daß weder der Kutscher noch +Sie etwas davon gemerkt haben?“</p> + +<p>„Zum Henker mit dem alten Weibe,“ rief Holmes +ärgerlich. „Die alten Weiber waren <em class="gesperrt">wir</em>, daß +wir uns so anführen ließen. Es muß ein junger, +noch dazu ein sehr gelenkiger Mensch gewesen sein +und ein vollendeter Schauspieler. Die Verkleidung +war ganz vorzüglich! Ohne Zweifel hatte er den +Verfolger bemerkt und war auf dies Mittel verfallen, +mir zu entwischen. Es ist ein Beweis, daß der +Mann, den wir suchen, nicht so allein steht, wie ich +glaubte, sondern Freunde hat, die sich im Notfall +nicht scheuen, um seinetwillen ein Wagnis zu unternehmen. +Nun gehen Sie aber schnell zu Bett, +Doktor, Sie sehen ganz abgemattet aus.“</p> + +<p>Ich war in der That todmüde und folgte seinem +<span class="pagenum" id="Page_85">[S. 85]</span>Rat. Holmes blieb bei dem glimmenden Feuer +sitzen, und noch bis tief in die Nacht hinein hörte +ich die schwermütigen Klänge seiner Geige und wußte, +daß er fort und fort das seltsame Problem in seinem +Haupte wälzte, dessen Lösung er sich nun einmal +vorgesetzt hatte.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_86">[S. 86]</span></p> + +<h3 class="padtop1_5" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.<br> +<b class="s4">Tobias Gregson thut große Thaten.</b></h3> + +</div> + +<p>Tags darauf waren alle Zeitungen voll von +dem ‚Brixton-Geheimnis‘, wie sie es nannten. Viele +brachten außer einem langen Bericht noch Leitartikel +darüber. Sie erzählten mancherlei, was mir +neu war, und ich bewahre in meiner Brieftasche +eine ganze Sammlung von Ausschnitten und Auszügen +über den Fall. Das Wesentlichste lasse ich +hier folgen:</p> + +<p>Der ‚Daily Telegraph‘ behauptete, daß die Verbrecherchronik +nur wenige Tragödien aufzuweisen +habe, die von so seltsamen Umständen begleitet seien. +Der deutsche Name des Opfers, der Mangel jedes +Beweggrunds, die furchtbare Schrift an der Wand, +ließen deutlich erkennen, daß die That im Auftrag +der Revolutionspartei begangen worden. Die Sozialisten +besäßen weitverzweigte Verbindungen in +Amerika, wahrscheinlich habe der Ermordete eines +ihrer ungeschriebenen Gesetze übertreten und sei dafür +zum Tode verurteilt worden. Der Artikel schloß +damit, die Regierung zu ermahnen, sie möge ein +wachsames Auge auf die Ausländer haben, die nach +England kämen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_87">[S. 87]</span></p> + +<p>Der ‚Standard‘ klagte, dergleichen Gewaltthätigkeiten +seien die traurigen Früchte einer freisinnigen +Regierung, welche die Massen aufsässig mache und +alle Autorität untergrabe. „Der Verstorbene,“ hieß +es weiter, „ein Herr aus Amerika, hielt sich längere +Zeit in London auf, und zwar in der Privatpension +von Madame Charpentier in Torquay Terrace, +Camberwell. Er reiste in Begleitung seines Privatsekretärs +Joseph Stangerson. Letzten Dienstag, den +4. des Monats, verabschiedeten sich beide von +ihrer Wirtin und fuhren nach dem Eustoner Bahnhof, +mit der ausgesprochenen Absicht, den Schnellzug +nach Liverpool zu benützen. Auch wurden sie +dort noch zusammen im Wartesaal gesehen. Von da +ab fehlen jedoch alle Nachrichten über sie, bis zu +dem Augenblick, als Drebbers Leichnam, wie bereits +mitgeteilt, in einem leeren Hause der viele +Meilen vom Eustoner Bahnhof entfernten Brixtonstraße +gefunden wurde. Wie er dorthin gekommen +ist, und auf welche Weise ihn sein Verhängnis ereilt +hat, sind Fragen, die für jetzt noch in undurchdringliches +Dunkel gehüllt sind. Was aus Stangerson +geworden ist, weiß man nicht. Wir freuen uns, zu +hören, daß die Herren Gregson und Lestrade mit der +Erforschung des Falles betraut worden sind und +erwarten zuversichtlich, daß es diesen wohlbekannten +<span class="pagenum" id="Page_88">[S. 88]</span>Geheimpolizisten bald gelingen wird, die rätselhafte +Angelegenheit aufzuklären.“</p> + +<p>‚Daily News‘ versicherte, es läge ohne allen +Zweifel ein politisches Verbrechen vor. Dies werde +sich bald genug herausstellen, wenn der Aufenthaltsort +des Sekretärs Stangerson ermittelt sei und man +Genaueres über die Lebensgewohnheiten des Ermordeten +erfahren habe. Von wesentlicher Bedeutung +sei es, daß man bereits wisse, in welcher +Pension er sich aufgehalten, eine Kunde, die man +einzig und allein dem Scharfsinn und der Thatkraft +des Geheimpolizisten Gregson verdanke.</p> + +<p>Diese und ähnliche Artikel, welche ich mit Sherlock +Holmes zusammen beim Frühstück las, schienen +ihn sehr zu belustigen.</p> + +<p>„Sagte ich Ihnen nicht, daß Lestrade und Gregson +unter allen Umständen Kapital aus der Sache +herausschlagen würden?“</p> + +<p>„Das kommt doch noch sehr auf den Ausgang +an,“ meinte ich.</p> + +<p>„Bewahre, der ist dabei höchst gleichgültig. +Wird der Mann gefangen, so geschieht es infolge +ihrer Bemühungen, gelingt es ihm zu entkommen, +so thut er es trotz ihrer Bemühungen. Die Anerkennung +fehlt ihnen nie, sie mögen anstellen, was +sie wollen.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_89">[S. 89]</span></p> + +<p>„Was geht denn da vor, was soll der Lärm bedeuten? +Hören Sie nur,“ rief ich, als sich in diesem +Augenblick im Hausflur und auf der Treppe das +Stampfen vieler Füße vernehmen ließ und dazwischen +die unwillige Stimme unserer Wirtin.</p> + +<p>„Das ist die kleine Detektivmannschaft aus der +Bakerstraße,“ sagte mein Gefährte mit lächelnder +Miene, und ehe ich mich’s versah, kam ein halbes +Dutzend der schmutzigsten und zerlumptesten Gassenjungen +hereingepoltert, die ich je im Leben zu Gesicht +bekommen habe.</p> + +<p>„Achtung!“ rief Holmes im Kommandoton, und +die sechs schmutzigen Bengel standen in Reih und +Glied wie wohldressierte Soldaten. „Künftig schickt +ihr Wiggins allein herauf, um Bericht zu erstatten; +ihr andern wartet unten auf der Straße! — Habt +ihr sie gefunden, Wiggins?“</p> + +<p>„Nee,“ lautete die Antwort, „gefunden haben +wir se nich.“</p> + +<p>„Das dachte ich mir wohl. Sucht nur weiter, +bis ihr sie findet; hier ist euer Geld.“ Er händigte +jedem der Buben einen Schilling ein. „Jetzt fort +mit euch, und bringt mir das nächstemal bessern +Bescheid.“</p> + +<figure class="figcenter illowe30" id="illus_0090"> + <img class="w100" src="images/illus_0090.jpg" alt="Gassenjungen als + Detektive für Holmes"> +</figure> + +<p>Auf seinen Wink machten sie rechtsumkehrt, und +polterten wieder die Treppe hinunter. Gleich darauf +<span class="pagenum" id="Page_91">[S. 91]</span>hörte man sie schon unten auf der Straße durcheinander +gröhlen und schreien.</p> + +<p>„Jeder einzige von den kleinen Halunken bringt +mehr vor sich als ein Dutzend Polizisten,“ bemerkte +Holmes. „Die Leute haben gleich ein Schloß vor +dem Mund, sobald sich nur ein Beamter von fern +blicken läßt. Diese Schlingel kommen aber überall +hin und hören alles. Sie sind glatt wie Aale +und schlau wie Füchse, es fehlt ihnen nur die +Disziplin.“</p> + +<p>„Betrifft denn der Auftrag, den Sie ihnen gegeben +haben, den Brixton-Fall?“</p> + +<p>„Ja, es handelt sich um einen Punkt, über den +ich Gewißheit haben muß. Die werden sie mir verschaffen +— es ist nur eine Frage der Zeit. — Aber, +holla! jetzt werden wir Neuigkeiten zu hören bekommen. +Eben steuert Gregson mit vollen Segeln +die Straße herunter. Er strahlt förmlich vor Glückseligkeit. +Richtig, er will zu uns — da ist er +schon.“</p> + +<p>Es ward heftig an der Hausglocke gezogen, und +gleich darauf kam der blonde Detektiv die Treppe +heraufgesprungen, immer drei Stufen auf einmal, +und platzte in unser Wohnzimmer.</p> + +<p>„Wünschen Sie mir Glück, werter Freund,“ +rief er, Holmes eifrig die Hand schüttelnd; „ich +<span class="pagenum" id="Page_92">[S. 92]</span>habe jetzt Licht in die Sache gebracht — alles liegt +klar zu Tage.“</p> + +<p>Ein düsterer Schatten glitt über die ausdrucksvollen +Züge meines Gefährten. „Glauben Sie die +rechte Spur gefunden zu haben?“ fragte er.</p> + +<p>„Die rechte Spur? Was denken Sie — ich habe +den Verbrecher schon hinter Schloß und Riegel.“</p> + +<p>„Wer ist es denn?“</p> + +<p>Gregson warf sich stolz in die Brust. „Arthur +Charpentier, Unterleutnant bei der königlichen +Marine,“ rief er, sich die fleischigen Hände reibend.</p> + +<p>Sherlock Holmes atmete sichtlich erleichtert auf.</p> + +<p>„Setzen Sie sich, und hier ist eine Cigarre. Wir +sind sehr gespannt zu hören, wie Sie es angefangen +haben. Ist Ihnen vielleicht ein Glas Grog gefällig?“</p> + +<p>„Habe nichts dagegen,“ versetzte der Detektiv; +„wer solche Anstrengungen durchgemacht hat, wie ich +in den letzten Tagen, bedarf wohl einer Erfrischung. +Besonders die geistige Ermüdung war übergroß. +Sie werden das verstehen, Herr Holmes, denn auch +Sie arbeiten mit dem Kopfe.“</p> + +<p>Gregson hatte im Lehnstuhl Platz genommen, +und begann mit Wohlgefallen seine Cigarre zu +rauchen. Plötzlich schlug er sich mit der Hand auf das +Knie und brach in ein schallendes Gelächter aus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_93">[S. 93]</span></p> + +<p>„Es ist wirklich zu komisch,“ rief er, „daß +Lestrade, der Narr, der für so ungeheuer klug gilt, +sich ganz und gar auf dem Holzweg befindet. Er +hat es auf den Sekretär Stangerson abgesehen, der +doch so unschuldig an dem Verbrechen ist, wie ein +neugeborenes Kind. Sicherlich hat er ihn jetzt schon +dingfest gemacht.“ Und wieder wollte er sich vor +Lachen ausschütten.</p> + +<p>„Wie haben Sie denn aber die richtige Spur +gefunden?“ fragte Holmes.</p> + +<p>„Ich will Ihnen alles erzählen. Es bleibt +natürlich ganz unter uns, Doktor Watson. Die erste +Schwierigkeit, die es zu überwinden galt, war, +Kenntnis von Drebbers Vorleben in Amerika zu +erlangen. Mancher würde gewartet haben, bis Antwort +auf seine Anzeige kam, oder irgend jemand +ihm von selbst Mitteilungen machte. Aber das ist +nicht Tobias Gregsons Art und Weise. Erinnern +Sie sich an den Hut, der neben dem Toten auf +dem Boden lag?“</p> + +<p>„Gewiß; aus dem Geschäft von John Underwood +& Söhne, Camberwell-Straße 129.“</p> + +<p>Gregson machte ein höchst verblüfftes Gesicht. +„Haben Sie das wirklich auch bemerkt? Sind Sie +da gewesen?“</p> + +<p>„Nein!“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_94">[S. 94]</span></p> + +<p>„Das wundert mich. Mein Grundsatz ist, keine +Gelegenheit unbenützt vorbeigehen zu lassen, wie geringfügig +sie auch erscheint.“</p> + +<p>„Für einen großen Geist ist selbst das Kleinste +von Bedeutung,“ bemerkte Holmes salbungsvoll.</p> + +<p>„Ich ging also zu Underwood,“ fuhr Gregson +fort, „und fragte ihn, ob er kürzlich einen Hut, wie +ich ihn beschrieb, verkauft habe. Er schlug in seinen +Büchern nach und fand sogleich, was ich wollte. +Der Hut war an einen Herrn Drebber nach Madame +Charpentiers Pension in Torquay Terrace geschickt +worden. So bekam ich seine Adresse.“</p> + +<p>„Schlau, sehr schlau,“ murmelte Sherlock +Holmes.</p> + +<p>„Nun suchte ich Madame Charpentier auf, die +ich sehr blaß und angegriffen fand. Auch ihre +Tochter, ein ungewöhnlich hübsches Mädchen, war +zugegen; sie hatte rotgeweinte Augen, und als ich sie +anredete, bebten ihre Lippen. Das entging mir +nicht, und ich witterte gleich Unrat. Sie kennen das +Gefühl, Holmes, wenn man plötzlich auf die richtige +Spur gerät, es fährt einem durch alle Glieder.</p> + +<p>„‚Haben Sie schon etwas von dem rätselhaften +Tode des Herrn Drebber aus Cleveland gehört, der +bei Ihnen gewohnt hat?‘ fragte ich.</p> + +<p>„Die Mutter nickte bloß, sie schien außer stande, +<span class="pagenum" id="Page_95">[S. 95]</span>einen Laut hervorzubringen, die Tochter aber brach +in Thränen aus. Kein Zweifel, die beiden wußten +Näheres über die Sache.</p> + +<p>„‚Um welche Zeit verließ Herr Drebber Ihr +Haus, um sich auf die Eisenbahn zu begeben?‘ fuhr +ich in meinem Verhör fort.</p> + +<p>„‚Um acht Uhr,‘ erwiderte sie, ihre Aufregung +mühsam bezwingend. ‚Herr Stangerson, sein Sekretär, +sagte, es gäbe zwei Züge, einen um 9,15 und +einen um 11 Uhr. Er wollte mit dem ersten abreisen.‘</p> + +<p>„‚Und haben Sie ihn seitdem nicht mehr gesehen?‘</p> + +<p>„Bei dieser Frage wurde die Frau leichenblaß, +und es dauerte mehrere Sekunden, bevor sie das +einzige Wort: ‚Nein!‘ hervorstieß. Ihre Stimme +klang leise und unnatürlich.</p> + +<p>„‚Mutter,‘ sagte die Tochter nach einem Augenblick +tiefster Stille, ‚laß uns dem Herrn gegenüber +aufrichtig sein. Aus einer Unwahrheit kann +nie etwas Gutes kommen: Ja, wir haben Herrn +Drebber noch einmal wiedergesehen.‘</p> + +<p>„‚Verzeih dir Gott,‘ rief Frau Charpentier, und +sank händeringend auf einen Stuhl. ‚Du hast deinen +Bruder ums Leben gebracht.‘</p> + +<p>„‚Arthur würde selbst wollen, daß wir die Wahrheit +sagten,‘ entgegnete sie mit Festigkeit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_96">[S. 96]</span></p> + +<p>„‚Sprechen Sie frei heraus,‘ ermahnte ich, ‚ein +halbes Vertrauen ist schlimmer als gar keines. Auch +weiß die Polizei vielleicht schon mehr, als Sie +ahnen.‘</p> + +<p>„‚Mein Sohn ist völlig unschuldig,‘ beteuerte +sie. ‚Wenn ich seinetwegen besorgt bin, so ist das +nur, weil ich fürchte, daß er in Ihren Augen, und +vielleicht in denen anderer Leute, verdächtig erscheinen +könnte. Aber das ist ja undenkbar. Sein +vortrefflicher Ruf, sein Stand, sein ganzes früheres +Leben, bürgen dafür, daß er an dieser gräßlichen +That keinen Anteil hat.‘</p> + +<p>„‚Sagen Sie mir nur alles, was Sie wissen,‘ +bedeutete ich sie; ‚wenn Ihr Sohn unschuldig ist, +hat er nichts zu fürchten.‘</p> + +<p>„‚Laß uns allein, Mary,‘ gebot Madame Charpentier. +Die Tochter verließ das Zimmer und die +Mutter berichtete nun in heftiger Erregung: ‚Herr +Drebber hat drei Wochen lang bei uns im Hause gewohnt. +Vorher war er mit seinem Sekretär Stangerson +auf Reisen; nach den Zetteln an ihren Koffern +zu schließen, kamen sie zuletzt aus Kopenhagen. +Stangerson zeigte sich schweigsam und zurückhaltend, +Drebber aber benahm sich höchst anstößig. Er war +ein gemeiner Mensch von rohen Sitten. Gleich am +Abend seiner Ankunft hat er sich sinnlos betrunken +<span class="pagenum" id="Page_97">[S. 97]</span>und nach zwölf Uhr mittags sah man ihn selten +nüchtern. Im Verkehr mit den Zimmermädchen war +er widerlich frech und vertraulich, ja sogar meiner +Tochter Mary gegenüber erlaubte er sich ein ähnliches +Betragen und sprach mehrmals in einer Weise +mit ihr, die sie in ihrer Unschuld zum Glück nicht +verstand. Einmal war er sogar unverschämt genug, +sie in meinem Beisein zu umarmen und zu küssen, +so daß sein eigener Sekretär sich ins Mittel legte +und ihm seine Frechheit verwies.‘</p> + +<p>„‚Aber warum ließen Sie sich das alles gefallen? +Sie hätten doch den lästigen Menschen los +werden können, sobald Sie wollten.‘</p> + +<p>„‚Ich weiß wohl,‘ sagte Madame Charpentier +errötend; ‚hätte ich ihn nur gleich am ersten Tage +aus dem Hause gewiesen. Allein die Versuchung war +groß. Sie bezahlten mir zusammen vierzehn Pfund +die Woche, und ich hielt es für meine Pflicht, in +diesen schlechten Zeiten mir eine solche Einnahme +nicht entgehen zu lassen. Ich bin Witwe und mein +Sohn in der Marine hat viel Geld gekostet. Nach +dem letzten Auftritt zögerte ich aber nicht länger, +ihm zu kündigen, das war der Grund seiner Abreise.‘</p> + +<p>„‚Nun, und wie wurde es weiter?‘</p> + +<p>„‚Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihn +<span class="pagenum" id="Page_98">[S. 98]</span>glücklich fortfahren sah. Mein Sohn ist jetzt auf +Urlaub hier; ich habe mich jedoch wohlweislich gehütet, +ihm etwas von meinen Unannehmlichkeiten zu +sagen, denn er gerät leicht in Harnisch und liebt +seine Schwester zärtlich. Meine Freude, jenen +lästigen Menschen los zu sein, war leider von kurzer +Dauer. Noch war keine Stunde vorbei, so klingelte +es heftig und man sagte mir, Drebber sei wieder +da, er habe den Zug versäumt. In stark berauschtem +Zustand erzwang er sich den Eintritt in das Zimmer, +wo ich mit meiner Tochter saß, trat frech vor Mary +hin und machte ihr den Vorschlag, mit ihr zu entfliehen. +‚Sie sind großjährig,‘ sagte er, ‚das Gesetz +hat keine Macht über Sie. Ich besitze Geld die Hülle +und Fülle. Kümmern Sie sich nicht um die Alte, +sondern folgen Sie mir auf der Stelle; Sie sollen +wie eine Fürstin leben.‘ Die arme Mary war zu +Tode erschrocken und wich vor ihm zurück, er aber +ergriff sie am Arm, um sie mit sich fortzuziehen. +Ich schrie laut auf vor Angst, und in diesem Augenblick +trat mein Sohn Arthur ins Zimmer. Was +weiter geschehen ist, weiß ich nicht, ich fühlte mich +einer Ohnmacht nahe und hörte nur Verwünschungen +und ein verworrenes Getöse. Als ich wieder aufzublicken +wagte, stand Arthur, einen Stock in der +Hand, lachend an der Thür. ‚Der saubere Kumpan +<span class="pagenum" id="Page_99">[S. 99]</span>wird uns voraussichtlich nicht mehr belästigen,‘ sagte +er; ‚ich will mich nur noch überzeugen, was aus ihm +geworden ist.‘ Mit diesen Worten eilte er die Treppe +hinunter. Am nächsten Morgen brachte man uns +die Nachricht von Drebbers geheimnisvollem Tode.‘</p> + +<p>„‚Um wieviel Uhr ist Ihr Sohn nach Hause gekommen?‘ +fragte ich, als Madame Charpentier mit +ihrem Bericht zu Ende war. ‚Das weiß ich nicht,‘ +stammelte sie; ‚er hat sich selbst mit dem Hausschlüssel +hereingelassen.‘</p> + +<p>„‚Nachdem Sie zu Bett waren?‘</p> + +<p>„‚Ja.‘</p> + +<p>„‚Wann begaben Sie sich zur Ruhe?‘</p> + +<p>„‚Gegen elf Uhr.‘</p> + +<p>„‚So blieb Ihr Sohn also wenigstens noch zwei +Stunden fort?‘</p> + +<p>„‚Ja.‘</p> + +<p>„‚Möglicherweise auch vier oder fünf?‘</p> + +<p>„‚Ja.‘</p> + +<p>„‚Wo war er inzwischen?‘</p> + +<p>„‚Ich weiß nicht,‘ flüsterte sie mit bleichen +Lippen.</p> + +<p>„Unter diesen Umständen war ich natürlich nicht +länger im Zweifel, was zu thun sei. Ich nahm zwei +Polizisten mit, suchte Leutnant Charpentier auf +<span class="pagenum" id="Page_100">[S. 100]</span>und ließ ihn festnehmen. Als ich seine Schulter +berührte und ihn ermahnte, uns ohne Widerstand zu +folgen, richtete er sich stolz in die Höhe. ‚Man hegt +vermutlich Verdacht, ich sei an der Ermordung des +schurkischen Drebber beteiligt,‘ waren seine ersten +Worte. Sie werden mir zugeben, daß das höchst +verdächtig aussah.“</p> + +<p>„Versteht sich,“ pflichtete Holmes bei.</p> + +<p>„Er hielt den Stock in der Hand, von dem seine +Mutter gesprochen hatte, einen schweren eichenen +Knittel.“</p> + +<p>„Wie denken Sie sich denn den Verlauf der +Sache?“</p> + +<p>„Nun, er ist Drebber bis zur Brixtonstraße +gefolgt. Dort hat sich ein neuer Streit zwischen +ihnen entsponnen, Drebber hat mit dem Stock einen +Schlag erhalten, wahrscheinlich in die Magenhöhle, +der seinen Tod verursachte, ohne eine Spur zu +hinterlassen. In der regnerischen Nacht war kein +Mensch unterwegs, Charpentier konnte daher die +Leiche ungesehen nach dem leeren Hause schaffen. +Was aber das Licht betrifft, das vergossene Blut, +die Schrift an der Wand und den Ring, so sind +das wahrscheinlich alles nur Finten, um die Polizei +auf eine falsche Fährte zu locken.“</p> + +<p>„Vortrefflich,“ rief Holmes beifällig. „Sie +<span class="pagenum" id="Page_101">[S. 101]</span>machen wirklich Fortschritte, Gregson; es kann noch +etwas aus Ihnen werden.“</p> + +<p>„Ich schmeichle mir, daß ich alles ganz glatt +abgewickelt habe,“ sagte der Polizist voll Selbstgefühl. +„Der junge Mann behauptete zwar steif und fest, +er sei Drebber nur eine kurze Strecke weit nachgegangen, +dann habe dieser ihn entdeckt und sei in +eine Droschke gestiegen, um ihm zu entkommen. Auf +dem Heimweg wollte er dann einem früheren Kameraden +vom Schiff begegnet sein und einen langen +Spaziergang mit ihm gemacht haben. Als ich aber +nach der Wohnung dieses Bekannten fragte, wußte +er sie nicht anzugeben. Wie gesagt, der Fall ist mir +ganz klar; es macht mir nur Spaß, daß Lestrade +eine so falsche Spur verfolgt, die zu nichts führen +kann. — Aber, wahrhaftig, ich glaube, da ist er +selbst.“</p> + +<figure class="figcenter illowe32" id="illus_0102"> + <img class="w100" src="images/illus_0102.jpg" alt="Ein ratloser Lestrade + bei Holmes"> +</figure> + +<p>Lestrade war wirklich während unseres Gesprächs +die Treppe heraufgekommen und trat jetzt +ins Zimmer. Sein für gewöhnlich so selbstbewußtes +Wesen war kaum wieder zu erkennen; seine Mienen +waren verstört, sein sonst so peinlich sauberer Anzug +in Unordnung. Er wollte sich offenbar bei Holmes +guten Rat holen; seinen Kollegen da zu finden, hatte +er nicht erwartet. Unschlüssig blieb er mitten im +Zimmer stehen und drehte seinen Hut krampfhaft +<span class="pagenum" id="Page_103">[S. 103]</span>in den Händen. „Ein höchst verwickelter, unverständlicher +Fall,“ sagte er endlich.</p> + +<p>„Meinen Sie, Lestrade?“ rief Gregson triumphierend, +„das habe ich mir wohl gedacht. Ist es +Ihnen denn gelungen, den Aufenthalt des Sekretärs +Josef Stangerson zu entdecken?“</p> + +<p>„Den Sekretär Stangerson,“ erwiderte Lestrade +mit tiefem Ernst, „hat man in Hallidays Privathotel +heute früh gegen acht Uhr in seinem Schlafzimmer +ermordet gefunden.“</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_104">[S. 104]</span></p> + +<h3 class="padtop1_5" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.<br> +<b class="s4">Es kommt Licht in das Dunkel.</b></h3> + +</div> + +<p>Lestrades furchtbare Mitteilung kam uns so unerwartet, +daß wir einige Zeit brauchten, um uns von +dem ersten Schrecken zu erholen. Gregson war von +seinem Sitz in die Höhe geschnellt, und ich starrte +schweigend auf Sherlock Holmes, der mit düster zusammengezogenen +Brauen und fest geschlossenen +Lippen dasaß.</p> + +<p>„Stangerson gleichfalls,“ murmelte er endlich +— „der Fall wird verwickelter.“</p> + +<p>„Und war schon verwickelt genug,“ sagte +Lestrade und nahm mißmutig am Tische Platz. +„Hier wurde wohl Kriegsrat gehalten?“</p> + +<p>„Ist denn — was Sie sagen — aber auch +ganz gewiß wahr?“ stammelte Gregson.</p> + +<p>„Eben komme ich vom Schauplatz der That,“ +lautete seines Kollegen Antwort. „Ich war der +Erste, welcher entdeckte, was sich zugetragen hatte.“</p> + +<p>Holmes sah ihn erwartungsvoll an. „Wir +haben soeben Gregsons Ansicht über den Fall gehört,“ +äußerte er, „vielleicht wären Sie geneigt, uns +nun auch Ihre Erlebnisse und Thaten zu berichten?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_105">[S. 105]</span></p> + +<p>„Warum nicht?“ versetzte Lestrade; „ich gestehe +offen, daß ich der Meinung war, Stangerson müsse +bei Drebbers Ermordung die Hand im Spiele gehabt +haben — ein Irrtum, von dem ich durch das +jüngste Ereignis gründlich zurückgekommen bin. Vor +allem wollte ich ermitteln, was aus dem Sekretär +geworden sei. Man hatte die beiden noch abends um +halb neun zusammen auf dem Eustoner Bahnhof +gesehen. Um zwei Uhr morgens war Drebbers Leiche +in der Brixtonstraße aufgefunden worden. Wo +hatte sich Stangerson in der Zeit zwischen 8 Uhr 30 +und der Stunde des Verbrechens aufgehalten? +— das war die Frage. Ich telegraphierte eine Personalbeschreibung +des Mannes nach Liverpool, damit +er sich nicht heimlich auf einem amerikanischen +Dampfer einschiffen könne. Dann erkundigte ich mich +nach ihm in allen Hotels und Privatpensionen in +der Nähe des Bahnhofs. Es schien mir wahrscheinlich, +daß, wenn die Reisegefährten sich aus irgend +einem Grunde getrennt hätten, Stangerson zur Nacht +im nächsten Hotel einkehren und am andern Morgen +Drebber sicherlich wieder am Bahnhof erwarten +würde.“</p> + +<p>„Sie werden wohl vorher verabredet haben, an +welchem Orte sie sich treffen wollten,“ warf Holmes +ein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_106">[S. 106]</span></p> + +<p>„Wohl möglich,“ meinte Lestrade. „Nun also, +den ganzen gestrigen Abend brachte ich mit fruchtlosen +Erkundigungen zu. Heute früh setzte ich meine +Nachforschungen beizeiten fort und kam gegen acht +Uhr nach Hallidays Privathotel in der kleinen +Georgstraße. Auf meine Frage, ob ein Herr Stangerson +dort abgestiegen sei, erhielt ich sofort eine bejahende +Antwort. ‚Vermutlich sind Sie der Herr, +auf den er schon seit zwei Tagen wartet,‘ meinte +der Portier.</p> + +<p>„‚Wo ist er jetzt?‘ fragte ich.</p> + +<p>„‚Oben in seinem Schlafzimmer; er wollte um +neun Uhr geweckt sein.‘</p> + +<p>„‚Ich möchte ihn sofort aufsuchen.‘</p> + +<p>„Mit der Absicht, ihn ganz unvermutet zu überraschen, +ließ ich mir von dem Hausknecht das +Zimmer zeigen. Es lag im zweiten Stock am Ende +eines engen Korridors. Nun stellen Sie sich aber +mein Entsetzen vor, als ich, bei der Thür angekommen, +bemerkte, daß ein dünner, roter Strom +über die Schwelle rieselte und auf der andern Seite +des Ganges eine kleine Blutlache gebildet hatte. +Der Hausknecht, der schon an der Treppe war, kam +auf meinen Schreckensruf zurückgestürzt, er wäre +bei dem Anblick fast umgesunken. Die Thür war +von innen verschlossen, doch gelang es unsern vereinten +<span class="pagenum" id="Page_107">[S. 107]</span>Kräften, sie aufzusprengen. Drinnen stand +ein Fenster offen, und dicht daneben lag zusammengesunken +ein Mann im Nachtgewande. Er mußte +schon seit mehreren Stunden tot sein, denn seine +Glieder waren steif und kalt. Ein Dolchstich war +ihm mitten durchs Herz gedrungen. Nun hören +Sie aber noch das Seltsamste von der ganzen Begebenheit: +An der Wand neben der Leiche stand geschrieben +— was glauben Sie wohl?“ —</p> + +<p>„Das Wort ‚Rache‘ in Blutbuchstaben,“ sagte +Sherlock Holmes, ohne sich zu besinnen. Mir erstarrte +das Blut in den Adern vor Entsetzen.</p> + +<p>„Das war es,“ flüsterte Lestrade, und seine +Stimme bebte. Eine Weile sprach keiner von uns +ein Wort. Die methodische, und doch völlig unbegreifliche +Weise, auf die der unbekannte Mörder bei +seinen Missethaten verfuhr, erhöhte noch ihren +schauerlichen Eindruck. Unter den Greueln des +Schlachtfeldes war ich kaltblütig geblieben, jetzt +zuckte mir jeder Nerv vor Erregung.</p> + +<p>„Der Verbrecher ist nicht unbemerkt entkommen,“ +fuhr Lestrade fort. „Ein Milchjunge, der vom Kuhstall +nach der Hotelküche ging, sah, daß an einem +offenen Fenster des zweiten Stocks eine Leiter lehnte. +Als er sich verwundert noch einmal umblickte, kam +gerade ein Mann die Leiter herabgestiegen und zwar +<span class="pagenum" id="Page_108">[S. 108]</span>so ruhig und ohne jede verdächtige Hast, daß der +Junge glaubte, es müsse ein Arbeiter sein, der im +Hotel etwas auszubessern habe. Nach seiner Beschreibung +war der Mann groß, rot im Gesicht und +mit einem langen Rock von bräunlicher Farbe bekleidet. +Er hat das Zimmer nicht unmittelbar nach +der That verlassen, sondern sich erst noch im Becken +das Blut von den Händen gewaschen und sein Dolchmesser +sorgfältig an den Betttüchern abgewischt.“</p> + +<p>Das Aeußere des Mannes war genau so, wie +Holmes es früher beschrieben hatte, doch war keine +Spur von Triumph oder Genugthuung in den Zügen +meines Gefährten zu entdecken. „Haben Sie in dem +Zimmer nichts gefunden, was auf die Spur des +Verbrechers leiten könnte?“ fragte er begierig.</p> + +<p>„Nicht das geringste. Stangerson trug Drebbers +Börse in der Tasche, doch war das nicht auffällig, +da er die Reiseausgaben zu bezahlen pflegte. Sie +enthielt etwa achtzig Pfund, die unberührt geblieben +waren. Auf eine Beraubung hatte man es offenbar +nicht abgesehen. In den Taschen des Ermordeten +fanden sich weder Papiere noch Notizen, nur ein +Telegramm, das vor etwa einem Monat in Cleveland +aufgegeben worden war und lautete: ‚J. H. ist +in Europa.‘ Der Name des Absenders stand nicht +dabei.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_109">[S. 109]</span></p> + +<p>„Und das war alles?“</p> + +<p>„Alles Wichtige. Ein Roman, mit dem sich der +Mann in den Schlaf gelesen, lag auf dem Bett und +seine Tabakspfeife daneben auf dem Stuhl. Auf +dem Tisch stand ein Glas Wasser und auf dem +Fensterbrett ein hölzernes Salbenschächtelchen, das +mehrere Pillen enthielt.“</p> + +<p>Mit einem Ausruf des Entzückens sprang Sherlock +Holmes in die Höhe.</p> + +<p>„Das fehlende Glied,“ rief er. „Nun ist der +letzte Zweifel gelöst.“</p> + +<p>Die beiden Polizisten sahen einander sprachlos +vor Erstaunen an.</p> + +<p>„Ich halte nunmehr alle scheinbar noch so verwirrten +Fäden in meinen Händen,“ sagte mein Gefährte +zuversichtlich. „Einzelheiten sind natürlich +noch unerledigt, aber über die Hauptsache bin ich +völlig im klaren. Von der Zeit an, als Drebber +sich von Stangerson trennte, bis zum Augenblick, +da des letzteren Leiche entdeckt wurde, weiß ich alles, +als hätte ich es mit eigenen Augen gesehen. Sie +sollen sogleich einen Beweis davon haben. Könnten +Sie wohl die fraglichen Pillen herbeischaffen?“</p> + +<p>„Ich habe sie hier,“ versetzte Lestrade, ein Schächtelchen +hervorziehend, „ich nahm sie an mich, zugleich +mit der Börse und dem Telegramm, um sie der +<span class="pagenum" id="Page_110">[S. 110]</span>Polizei zu übergeben. Daß ich die Pillen nicht stehen +ließ, war der reinste Zufall, denn ich muß sagen, +ich legte ihnen keine Wichtigkeit bei.“</p> + +<p>„Wissen Sie, Doktor,“ wandte sich Holmes zu +mir, „ob das gewöhnliche Pillen sind?“</p> + +<p>Sie waren von perlgrauer Farbe, klein, rund +und fast durchsichtig, wenn man sie gegen das Licht +hielt. „Nach ihrer Beschaffenheit sollte ich meinen, +daß sie sich in Wasser auflösen würden,“ bemerkte +ich.</p> + +<p>„Das glaube ich auch,“ sagte Holmes erfreut. +„Bitte,“ fuhr er fort, „schaffen Sie doch einmal den +kleinen kranken Dachshund herbei, der schon lange +in einem so traurigen Zustand ist, daß die Wirtin +Sie noch gestern bat, ihn von seinen Qualen zu +erlösen.“</p> + +<p>Ich brachte das altersschwache Tier in meinen +Armen herauf und legte es auf ein Fußkissen nieder, +es atmete schwer und schien bereits in den letzten +Zügen.</p> + +<p>„Jetzt schneide ich eine dieser Pillen entzwei,“ +sagte Holmes, sein Taschenmesser herausziehend; +„eine Hälfte bleibt zu späterer Verwendung in der +Schachtel, die andere thue ich mit einem Theelöffel +voll Wasser in dieses Weinglas. Sie sehen, der +Doktor hat recht, sie löst sich schon auf.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_111">[S. 111]</span></p> + +<p>„Das mag sehr interessant sein,“ ließ sich +Lestrade in spöttischem Ton vernehmen, „nur begreife +ich nicht, was es mit Stangersons Tode zu +thun haben soll.“</p> + +<p>„Geduld, mein Freund, Geduld; Sie werden es +bald erfahren. Jetzt gieße ich noch etwas Milch +dazu, um es schmackhaft zu machen.“</p> + +<p>Er hatte den Inhalt des Weinglases in einen +Napf ausgeleert und der Hund leckte die Flüssigkeit +bereitwillig auf. Wir saßen schweigend im Kreise +und erwarteten eine überraschende Wirkung, welche, +nach Holmes wichtiger Miene zu urteilen, bald eintreten +sollte. Aber es geschah nichts dergleichen. +Der Hund lag auf dem Kissen ausgestreckt, sein +Zustand war unverändert.</p> + +<p>Mein Freund hatte die Uhr herausgezogen, und +wie eine Minute nach der andern erfolglos verstrich, +nahm sein Gesicht einen immer kummervolleren Ausdruck +an. Er preßte die Lippen zusammen, trommelte +mit den Fingern auf dem Tisch und verriet +auf jede Weise die größte Ungeduld. Seine Gemütsbewegung +war so unverkennbar, daß er mir aufrichtig +leid that, während die beiden Polizisten schadenfroh +lächelten und ihm den offenbaren Mißerfolg von +Herzen zu gönnen schienen.</p> + +<p>„Es kann kein zufälliges Zusammentreffen +<span class="pagenum" id="Page_112">[S. 112]</span>sein,“ rief er endlich, vom Stuhl aufspringend; „das +ist unmöglich, völlig unmöglich. Die nämlichen Pillen, +deren Anwendung ich in Drebbers Fall vermutete, +werden nach Stangersons Tode wirklich gefunden +— und doch haben sie keine Wirkung. Wie +läßt sich das erklären? — Daß meine ganze Schlußfolgerung +falsch gewesen sein soll, ist undenkbar. +Aber der elenden Kreatur dort merkt man gar +nichts an.“</p> + +<p>Er ging aufgeregt im Zimmer hin und her; +plötzlich stieß er einen Jubelruf aus: „Ich hab’s, ich +hab’s!“ Er griff nach der Schachtel, schnitt die +andere Pille entzwei, löste sie auf, goß Milch dazu +und ließ sie von dem Hunde auflecken. Kaum hatte +das arme Geschöpf sie mit der Zunge berührt, als +ein krampfhaftes Zucken durch seine Glieder ging, +dann lag es starr und leblos da, wie vom Blitz getroffen.</p> + +<p>Sherlock Holmes atmete tief auf und trocknete +sich den Schweiß von der Stirn. „Es war unrecht, +daß ich mich so leicht irre machen ließ,“ sagte +er. „Wenn eine Thatsache durchaus nicht zu meinen +Folgerungen passen will, hat sich noch regelmäßig +herausgestellt, daß es damit eine besondere Bewandtnis +hat. Eine der beiden Pillen enthielt das +tödliche Gift, die andere war völlig unschädlich. Das +<span class="pagenum" id="Page_113">[S. 113]</span>hätte ich wissen müssen, bevor mir noch die Schachtel +zu Gesicht kam.“</p> + +<figure class="figcenter illowe28" id="illus_0113"> + <img class="w100" src="images/illus_0113.jpg" alt="Holmes, Watson und + Lestrade beobachten den Hund"> +</figure> + +<p>Wie seltsam mir auch seine letzte Behauptung +klang, so lag doch der tote Hund als bester Beweis +für ihre Richtigkeit vor uns. Ganz allmählich begannen +sich die Nebel zu zerstreuen, die mir das +<span class="pagenum" id="Page_114">[S. 114]</span>Verständnis verhüllten, und es dämmerte in mir +eine Ahnung von dem Zusammenhang der Dinge.</p> + +<p>„Das alles erscheint Ihnen nur deshalb so +sonderbar,“ fuhr Holmes fort, „weil Sie gleich zu +Anfang die einzig richtige Spur, welche deutlich +vorlag, nicht erkannt haben. Ich hatte das Glück, +von vornherein darauf zu verfallen und alle späteren +Ereignisse haben nur dazu gedient, mich in meiner +ursprünglichen Vermutung zu bestärken, sie waren +die logische Folge derselben. So kam es, daß alles, +was den Fall in Ihren Augen verdunkelte, mir +neues Licht brachte und meine Annahmen bestätigte. +Außergewöhnliche Umstände bieten keineswegs immer +die schwierigsten Rätsel; vielmehr sind die scheinbar +alltäglichsten Verbrechen oft am geheimnisvollsten, +weil wir ohne besondere Anhaltspunkte zu keinen +neuen Schlüssen gelangen können. Die Lösung +unseres Falles würde sehr fraglich sein, wenn man +den Leichnam einfach auf der Straße gefunden hätte. +Die merkwürdigen Nebenumstände erschweren die +Nachforschung nicht, im Gegenteil, sie erleichtern +dieselbe.“</p> + +<p>Gregson hatte der langen Auseinandersetzung +mit wachsender Ungeduld zugehört; endlich bezwang +er sich nicht länger.</p> + +<p>„Wir geben ja gern zu, Herr Holmes,“ sagte er, +<span class="pagenum" id="Page_115">[S. 115]</span>„daß Sie ein ungewöhnlich schlauer Mensch sind und +Ihr ganz besonderes Verfahren haben. Aber mit +Theorien kommt man hier nicht weit. Es handelt sich +darum, den Mörder festzunehmen. Was <em class="gesperrt">ich</em> in +dieser Sache gethan habe, scheint sich als Mißgriff +herauszustellen, denn den zweiten Mord kann der +junge Charpentier nicht begangen haben. Lestrade +seinerseits glaubte jenem Stangerson nachspüren zu +müssen und auch er war augenscheinlich auf falscher +Fährte. Nach Ihren Winken und Andeutungen +scheinen Sie mehr von der Sache zu wissen als wir. +So gehen Sie doch einmal heraus mit der Sprache, +und sagen Sie uns, wer das Verbrechen begangen +hat.“</p> + +<p>„Gregson hat ganz recht,“ nahm Lestrade das +Wort. „Wir haben uns bis jetzt beide vergeblich +bemüht, dahinter zu kommen, und wenn Sie wirklich, +wie Sie behaupten, alle Beweise in Händen +haben, so hoffe ich, Sie werden nicht länger zögern, +uns reinen Wein einzuschenken.“</p> + +<p>„Das Wichtigste scheint mir doch, den Mörder +unschädlich zu machen,“ fiel ich ein, „damit er nicht +noch mehr Unthaten begehen kann.“</p> + +<p>So von allen Seiten gedrängt, schien Holmes +unentschlossen, was er thun solle. Mit gerunzelten +Brauen, den Kopf auf die Brust gesenkt, schritt er +<span class="pagenum" id="Page_116">[S. 116]</span>im Zimmer auf und ab, wie seine Gewohnheit war, +wenn es eine große Entscheidung galt. Plötzlich +blieb er uns gegenüber stehen.</p> + +<p>„Es wird kein Mord mehr verübt werden, darüber +können Sie außer Sorge sein,“ sagte er mit +Bestimmtheit. „Sie fragen mich nach dem Namen +des Verbrechers — den kenne ich. Ja, was noch +mehr ist, ich hoffe, in kürzester Frist ihn selbst in die +Hände zu bekommen. Alle meine Vorkehrungen zu +dem Zweck sind getroffen, aber die Ausführung erfordert +große Umsicht, denn wir haben es mit einem +kühnen Menschen zu thun, der zum Aeußersten entschlossen +ist. Auch fehlt es ihm nicht an einem Gehilfen, +der ebenso verschlagen ist wie er selbst — +davon habe ich Beweise. Solange der Mann nicht +ahnt, daß man ihn beobachtet, ist es möglich, seiner +habhaft zu werden. Schöpfte er aber auch nur den +geringsten Argwohn, so würde er einen andern +Namen annehmen und unter den vier Millionen +Einwohnern dieser großen Stadt spurlos verschwinden. +Ich möchte Sie beide nicht kränken, doch +scheint mir, daß die Polizei jenem Manne gegenüber +machtlos ist. Ich habe Sie deshalb auch nicht um +Ihre Hilfe angegangen, und will lieber Tadel und +Verantwortlichkeit allein tragen, wenn die Sache +mißlingt. Jedenfalls verspreche ich, Ihnen Weiteres +<span class="pagenum" id="Page_117">[S. 117]</span>mitzuteilen, sobald ich überzeugt bin, daß meine +Pläne nicht mehr gefährdet werden können.“</p> + +<p>Die beiden Polizisten schienen durch diese Versicherung +nicht sehr befriedigt und überhaupt wenig +erbaut von dem abfälligen Urteil meines Gefährten. +Gregson wurde rot bis zu den Schläfen und Lestrades +Augen funkelten vor Aerger und Neugier. Sie +fanden jedoch keine Zeit, ihrem Herzen Luft zu +machen, denn in diesem Augenblick klopfte es an der +Thür, und der Häuptling der zerlumpten Freiwilligenschar, +der junge Wiggins, erschien in höchsteigener, +unansehnlicher Person.</p> + +<p>„Ich wollte nur melden, Herr,“ sagte er, eine +stramme Haltung annehmend, „daß ich die Droschke +gebracht habe; sie hält unten.“</p> + +<p>„Bravo,“ rief Holmes beifällig. Er holte ein +Paar stählerne Handschellen aus der Kommodenschublade. +„Sehen Sie nur, wie die Feder zuschnappt, +in einem Augenblick sitzen sie fest. Warum +führt man eigentlich diese Sorte nicht bei der +Polizei ein?“</p> + +<p>„Das alte Muster erfüllt seine Zwecke gut +genug,“ versetzte Lestrade; „die Hauptsache bleibt +immer, den Mann zu haben, dem man sie anlegen +soll.“</p> + +<p>„Freilich, freilich,“ bestätigte Holmes lächelnd. +<span class="pagenum" id="Page_118">[S. 118]</span>„Höre Wiggins, bitte doch einmal den Droschkenkutscher +heraufzukommen, er soll mir bei dem Gepäck +behilflich sein.“</p> + +<p>Es überraschte mich, daß mein Gefährte im Begriff +schien, eine Reise anzutreten, denn er hatte +davon nichts gegen mich erwähnt. Im Zimmer +stand ein kleiner Handkoffer, den er jetzt hervorzog +und zuzuschließen begann. Er war noch damit beschäftigt +und kniete am Boden, als der Droschkenkutscher +eintrat. „Können Sie mir vielleicht hier +den Riemen fester schnallen, Kutscher,“ sagte er, +ohne den Kopf umzuwenden.</p> + +<p>Der Mensch trat verdrossen hinzu und streckte +die Hände nach dem Riemen aus. Man vernahm +einen scharfen, metallenen Klang und im nächsten +Augenblick sprang Sherlock Holmes rasch in die +Höhe.</p> + +<p>„Meine Herren,“ rief er mit blitzenden Augen, +„hier stelle ich Ihnen Jefferson Hope vor, +den Mörder von Enoch Drebber und Joseph +Stangerson.“</p> + +<p>Alles war mit solcher Schnelligkeit vor sich gegangen, +daß uns kaum Zeit zur Besinnung blieb, +doch erinnere ich mich deutlich an den triumphierenden +Ausdruck in Holmes’ Blick und Ton und an des +Kutschers verdutzte, ingrimmige Miene, mit der er +<span class="pagenum" id="Page_119">[S. 119]</span>die Handschellen betrachtete, welche ihn wie durch +Zauberkunst gefesselt hielten.</p> + +<p>Wir standen starr wie Bildsäulen, aber nur einen +Augenblick, denn plötzlich stieß der Gefangene einen +Schrei wilder Wut aus, riß sich mit gewaltiger +Kraft von Holmes los und rannte nach dem Fenster; +Glas und Holzwerk brachen in tausend Splitter bei +seinem mächtigen Anprall. Noch ehe er sich jedoch +hinausstürzen konnte, sprangen Lestrade, Gregson +und Holmes auf ihn, wie Jagdhunde auf ihre Beute; +er ward ins Zimmer zurückgezogen und nun entspann +sich ein furchtbarer Kampf. Wieder und +immer wieder gelang es ihm, uns alle vier abzuschütteln; +mit der Riesenstärke eines Wahnsinnigen +wehrte er sich gegen seine Angreifer. Die zertrümmerten +Fensterscheiben hatten ihm Gesicht und +Hände schrecklich verletzt, aber der Blutverlust +schwächte seine Widerstandskraft nicht. Erst als es +Lestrade gelang, ihm von hinten die Hand in den +Halskragen zu stecken und ihn fast zu erwürgen, +sah er ein, daß jeder weitere Versuch, uns zu entrinnen, +vergeblich sein würde. Der Sicherheit halber +banden wir ihn noch an den Füßen und konnten +nun erst wieder zu Atem kommen.</p> + +<p>„Seine Droschke steht noch unten, wir wollen +sie gleich benützen, um ihn auf die Polizei zu bringen,“ +<span class="pagenum" id="Page_120">[S. 120]</span>sagte Sherlock Holmes. „Und nun, meine +Herren,“ fuhr er fort, „bin ich bereit, alle Ihre +Fragen zu beantworten. Mein kleines Geheimnis +ist enthüllt, und Sie brauchen nicht zu fürchten, +daß ich Ihnen die gewünschte Auskunft verweigere.“</p> + +<figure class="figcenter illowe30" id="illus_0120"> + <img class="w100" src="images/illus_0120.jpg" alt="Der Gefangene versucht zu + fliehen"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_121">[S. 121]</span></p> + + <h2 class="nobreak padbot1" id="Im_Lande_der_Heiligen"> + <b>Im Lande der Heiligen.</b> + </h2> + +</div> + +<h3 class="noclearleft" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.<br> +<b class="s4">Auf der großen Alkali-Ebene.</b></h3> + + +<p>Im Innern des Festlandes von Nordamerika +liegt eine dürre, unwirtliche Wüstengegend, die +sich Jahrhunderte lang als ein unübersteigliches +Hemmnis für jeden Fortschritt der Zivilisation erwiesen +hat. Diese große Einöde, welche der Yellowstonefluß +im Norden, der Colorado im Süden begrenzt, +dehnt sich von der Sierra Nevada bis Nebraska +in schauerlichem Todesschweigen aus. Es +herrscht zwar auch hier keine Einförmigkeit in der +Natur — hohe Schneeberge wechseln mit düstern +Thalgründen, reißende Ströme stürzen durch zerklüftete +Bergschluchten, die endlosen Ebenen, die der +Winter in ungeheure Schneefelder verwandelt, sind +im Sommer unter einer grauen Decke von salzigem +<span class="pagenum" id="Page_122">[S. 122]</span>Alkalistaub begraben — doch eine schrecklichere, trostlosere +Gegend findet sich nirgends.</p> + +<p>Dies Land des Grauens ist menschenleer. Einzelne +Scharen von Pawnees oder Schwarzfuß-Indianern +durchstreifen es wohl, um andere Jagdgründe +aufzusuchen, aber selbst die tapfersten Rothäute +frohlocken, wenn die gefürchteten Salzebenen +hinter ihnen liegen und sie wieder über ihre geliebte +Steppe schweifen. Hier lauert nur der Coyote im +Gestrüpp, der Bussard fliegt schwerfällig durch die +Luft und der täppische graue Bär sucht in den +dunkeln Schluchten der Felsengebirge seine kärgliche +Nahrung. Dies sind die einzigen Bewohner der +schauerlichen Wüste.</p> + +<p>Eine trübseligere Aussicht findet man auf Erden +nicht, als den Blick von den nördlichen Höhen der +Sierra Blanca. Soweit das Auge reicht, nichts als +die endlose, flache Ebene, hier und da ein verkrüppeltes +Chapparal-Gebüsch und Haufen von +Alkalistaub, der die ganze Gegend bedeckt. Am +fernsten Horizont zieht sich eine Gebirgskette hin, +deren zerklüftete Gipfel mit Schnee bedeckt sind. +Meist ist kein lebendiges Wesen zu erblicken, kein Laut +unterbricht die fürchterliche Stille, starres, totes +Schweigen herrscht rings umher.</p> + +<p>Mitten in der Wüste aber gewahrt man, in +<span class="pagenum" id="Page_123">[S. 123]</span>der weiten Ferne sich verlierend, eine Karawanenstraße. +Manches Fuhrwerk hat dort tiefe +Räderspuren im Boden zurückgelassen, viele Glücksjäger +haben mit wanderndem Fuß das Erdreich festgetreten. +Hier und da glänzt etwas Weißes in +der Sonne und hebt sich grell von der grauen Alkalischicht +ab. Wir betrachten es näher und erkennen, +daß es Gebeine sind — die derberen sind Knochen +von Zugstieren, die feineren von Menschen. Fünfzehnhundert +Meilen lang läßt sich diese Totenstraße +an den irdischen Ueberresten derjenigen verfolgen, +die hier am Wege niedergesunken sind.</p> + +<p>Dies war der Ausblick, der sich am vierten Mai +des Jahres 1847 einem einsamen Wanderer darbot, +welcher von einer kleinen Anhöhe ins Thal hinabsah. +Ob der Mann ein Vierziger oder Sechziger war, ließ +sich schwer entscheiden. Sein eingefallenes, abgezehrtes +Gesicht, die vorstehenden Backenknochen, die +braune runzlige Haut, das lange, wie mit weißen +Fäden durchzogene Haupt- und Barthaar, gaben +ihm das Ansehen eines hinfälligen Greises. Seine +Augen, die mit unnatürlichem Glanz funkelten, lagen +tief in den Höhlen, die Hand, welche die Flinte hielt, +war dürr und abgemagert wie bei einem Gerippe, +seine Kleider schlotterten ihm am Leibe. Und doch, +wie er so dastand, auf die Waffe gelehnt, ließ seine +<span class="pagenum" id="Page_124">[S. 124]</span>hohe, starkknochige Gestalt auf eine zähe, urkräftige +Natur schließen. Das hagere Gesicht, die zusammengeschrumpften +Glieder, verrieten nur zu deutlich den +Grund seines verfallenen Aussehens. Der Mann +war dem Tode nahe — er kam langsam um vor +Hunger und Durst.</p> + +<p>Mühselig hatte er sich in die Schlucht hinuntergeschleppt +und den Hügel hinauf, in der vergeblichen +Hoffnung, irgend ein Anzeichen zu entdecken, daß +Wasser in der Nähe sei. Jetzt lag die große Salzwüste +vor ihm, von der fernen Bergkette eingerahmt, +rings umher weder Baum noch Kraut, keine Spur +einer Feuchtigkeit. Er schaute nach Norden, nach +Osten und Westen mit gierigen Blicken, aber wie +weit sich das Land auch dehnte, nirgends war für +ihn ein Schimmer von Hoffnung. Nun sah er ein, +daß seine Wanderung ihr Ende erreicht habe, und +er hier auf der öden Klippe seine Todesstunde erwarten +müsse. „Ob jetzt auf hartem Stein, oder +zwanzig Jahre später im weichen Bett — es macht +wenig Unterschied,“ murmelte er, sich an die Felswand +lehnend.</p> + +<p>Ehe er sich niedersetzte, hatte er zuvor seine +Flinte auf den Boden gelegt und daneben ein großes +Bündel, das er in einem grauen Shawl eingeknüpft +über der rechten Schulter getragen. Das Bündel +<span class="pagenum" id="Page_125">[S. 125]</span>schien zu schwer für seine geschwächten Kräfte und fiel +etwas unsanft zur Erde, als er es abnahm. Da +ließ sich ein leiser Schmerzensschrei vernehmen und +aus der grauen Umhüllung kam ein erschrecktes Gesichtchen +mit hellen, braunen Augen zum Vorschein +und zwei niedliche, kleine Fäustchen.</p> + +<p>„Du hast mir wehgethan,“ klagte eine Kinderstimme +in vorwurfsvollem Ton.</p> + +<p>„Wirklich?“ erwiderte der Mann bedauernd, +„das thut mir leid.“ Dabei knüpfte er das Bündel +auf, und heraus sprang ein etwa fünfjähriges Mädchen, +dessen zierliche Schuhe, rosa Röckchen und weißleinenes +Schürzchen auf mütterliche Sorgfalt deuteten. +Die Kleine war bleich und mager, doch ließen +die rundlichen Aermchen und Beinchen erkennen, +daß sie weniger Mangel gelitten hatte, als ihr +Gefährte.</p> + +<p>„Ist’s denn noch nicht wieder gut?“ fragte er +ängstlich, als sie sich noch immer das goldgelbe +Lockenhaar auf dem Hinterkopf rieb.</p> + +<p>„Gieb mir einen Kuß drauf, dann wird es heil,“ +versetzte sie ernsthaft, auf die schmerzende Stelle +zeigend. „So macht es meine Mutter immer. Wo +ist denn Mama?“</p> + +<p>„Fortgegangen. Aber du wirst sie bald wiedersehen, +glaube ich.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_126">[S. 126]</span></p> + +<p>„Fort — sagst du?“ rief die Kleine. „Na, so +was — sonst ging sie nie zur Tante ’rüber, ohne +erst ‚B’hüt Gott‘ zu sagen — und jetzt ist sie schon +drei Tage weg. — Mir ist so trocken im Munde. +Hast du kein Wasser oder etwas zu essen?“</p> + +<p>„Nein, Herzchen, es ist nichts da. Hab nur noch +ein Weilchen Geduld, dann wird alles gut. Leg +dein Köpfchen auf meine Schulter, so, nun ist’s schon +besser. Mir klebt die Zunge am Gaumen, daß ich +kaum sprechen kann, aber ich muß dir doch sagen, +wie die Sachen stehen. Was hast du denn da in der +Hand?“</p> + +<p>„So was Hübsches, das glänzt und funkelt,“ rief +die Kleine, entzückt zwei Stückchen Glimmerschiefer +emporhaltend. „Wenn wir heimkommen, bring ich +sie Bruder Bertel mit.“</p> + +<p>„Du wirst bald schöneres Spielzeug kriegen,“ +sagte der Mann zuversichtlich, „wart’ nur noch ein +wenig. Aber, was ich dir sagen wollte — weißt du +noch, wie wir vom Fluß fortzogen?“</p> + +<p>„Freilich.“</p> + +<p>„Siehst du, wir glaubten, es käme bald ein +anderer Fluß — aber er kam nicht. Ich weiß nicht, +waren die Karten falsch oder der Kompaß, oder +woran lag es. Das Wasser ging uns aus; nur für +dich war noch ein Tröpfchen da — und —“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_127">[S. 127]</span></p> + +<p>„Du konntest dich gar nicht waschen,“ sagte sie, +ihm ernsthaft in das dunkle Gesicht blickend.</p> + +<p>„Nein, und auch nicht trinken. Herr Bender sank +zuerst um, und dann der Indianerpeter, dann Frau +Gregor, dann Johanny Hones, und dann, Herzchen, +auch deine Mutter.“</p> + +<p>„Ist Mutter auch tot?“ Die Kleine verbarg ihr +Gesichtchen in der Schürze und schluchzte bitterlich.</p> + +<p>„Ja, alle außer uns beiden. Ich hoffte, in dieser +Richtung würde Wasser zu finden sein, so lud ich +dich denn auf die Schulter und wanderte fort mit +dir. Aber es hat nichts genützt und jetzt weiß ich +keine Hilfe mehr.“</p> + +<p>Das Kind hörte plötzlich auf zu weinen.</p> + +<p>„Du meinst, wir werden auch sterben?“ fragte +es, die nassen Augen zu ihm aufschlagend.</p> + +<p>„Dazu wird’s wohl kommen.“</p> + +<p>„Warum hast du denn das nicht gleich gesagt?“ +rief die Kleine, und lachte hell auf. „Du hast mich +so erschreckt. Natürlich kommen wir wieder zur +Mutter, wenn wir sterben.“</p> + +<p>„Du gewiß, Herzchen.“</p> + +<p>„Und du auch. Ich will ihr sagen, wie schrecklich +gut du gewesen bist. Sie kommt uns gewiß am +Himmelsthor entgegen mit einem großen Krug +Wasser und frisch gebackenen Buchweizenkuchen, heiß +<span class="pagenum" id="Page_128">[S. 128]</span>und knusperig, wie sie Bertel und ich gern haben. +Wie lange müssen wir noch warten?“</p> + +<p>„Ich weiß nicht — nur kurze Zeit.“ Der Blick +des Mannes war nach dem nördlichen Horizont zugewendet, +wo in der blauen Luft drei dunkle Punkte +schwebten, die jeden Augenblick an Umfang zunahmen. +Jetzt erkannte man, daß es drei große Vögel +mit braunem Gefieder waren, die über den Häuptern +der Wanderer kreisten und sich dann auf den nächsten +Felsspitzen niederließen. Es waren Bussarde, die +Geier des Westens und Vorboten des Todes.</p> + +<p>Die Kleine klatschte in die Hände. „Die +können aber schön fliegen,“ rief sie fröhlich. „Sag +mal, hat denn der liebe Gott dies Land gemacht?“</p> + +<p>„Versteht sich,“ erwiderte ihr Gefährte, verwundert +über die Frage.</p> + +<p>„Er hat Illinois gemacht und Missouri, das +weiß ich,“ fuhr das Kind fort. „Aber diese Gegend +ist lange nicht so hübsch, die hat gewiß jemand +anders geschaffen und dabei das Wasser und die +Bäume vergessen.“</p> + +<p>„Willst du nicht jetzt dein Gebet sagen?“ — +Die Stimme des Mannes zitterte.</p> + +<p>„Soll ich? — Es ist ja noch nicht Abend.“</p> + +<p>„Das thut nichts. Wenn’s auch nicht die richtige +Zeit ist, glaub’ nur, Gott hört dich doch. Sag’ +<span class="pagenum" id="Page_129">[S. 129]</span>dein Nachtgebet her, wie jeden Abend im Wagen, +als wir über die Prairie fuhren.“</p> + +<p>„Warum betest du denn nicht selbst?“ fragte die +Kleine verwundert zu ihm aufschauend.</p> + +<figure class="figcenter illowe36" id="illus_0129"> + <img class="w100" src="images/illus_0129.jpg" alt="Der Wanderer und das + betende Mädchen"> +</figure> + +<p>„Ich weiß nicht mehr wie — es ist so lange +her, seit ich’s gethan, ich hab’ die Worte vergessen. +Sag’ du sie mir vor und ich bete mit — noch ist’s +nicht zu spät.“</p> + +<p>„Dann mußt du niederknieen und ich auch,“ +sagte sie, und breitete den Shawl auf die Erde. +<span class="pagenum" id="Page_130">[S. 130]</span>„Du mußt auch die Hände falten — so — du wirst +sehen, wie gut das thut.“</p> + +<p>Neben einander knieten sie am Boden, das +kleine plaudernde Kind und der wetterharte Wanderer. +Ihr Unschuldsblick und sein abgezehrtes Antlitz +waren nach oben gerichtet, zu dem wolkenlosen +Himmel. Vor Gottes Angesicht flehten sie um Gnade +und Vergebung. Der Ton seiner tiefen, rauhen +Stimme mischte sich in den hellen Klang der ihrigen. +Nachdem das Gebet gesprochen war, nahmen sie wieder +Platz im Schatten der Felswand und bald schlummerte +die Kleine sanft ein, an die breite Brust ihres +Beschützers geschmiegt. Seit drei Tagen und Nächten +hatte er sich weder Ruhe noch Rast gegönnt, auch +jetzt wollte er bei ihr wachen, aber die Natur forderte +ihr Recht. Langsam fielen ihm die müden Augen zu, +das Haupt sank ihm auf die Brust, sein grauer +Bart mischte sich mit den blonden Locken des Kindes +und beide lagen zusammen in tiefem, traumlosem +Schlummer da.</p> + +<p>Wäre der Wanderer noch eine halbe Stunde +länger wach geblieben, er hätte ein seltsames Schauspiel +erblickt. An dem äußersten Rande der großen +Alkaliwüste stieg eine Staubwolke auf, die sich zuerst +kaum von dem Dunst der Ferne unterschied, bis sie +allmählich höher und breiter wurde und eine dichte, +<span class="pagenum" id="Page_131">[S. 131]</span>undurchsichtige Masse bildete. Die Wolke wuchs und +wuchs, bis kein Zweifel mehr war, daß sie nur durch +eine ungeheure sich bewegende Menge Menschen oder +Tiere entstanden sein könne. Auf der Prairie würde +man geglaubt haben, eine der großen Büffelherden, die +dort grasen, sei im Anzug, aber hier, in dieser dürren +Wüstengegend, war an dergleichen nicht zu denken. +Immer näher an die einsame Felswand, wo die +beiden Verschmachtenden ruhten, kam der Staubwirbel +herangezogen; jetzt unterschied man Fuhrwerke +mit leinenem Verdeck, und die Gestalten bewaffneter +Reiter tauchten aus dem Dunst hervor. Es war +eine Karawane, die nach dem Westen wanderte. +Welch ein gewaltiger Zug! — Als die Spitze desselben +das Gebirge erreicht hatte, war am Horizont +das Ende noch nicht abzusehen. Quer durch die +weite Ebene erstreckte sich die lange Linie von Wagen +und Karren, Reitern und Fußgängern. Große +Scharen von Frauen schwankten daher unter Lasten, +die sie trugen, und Kinder trabten neben den Fuhrwerken +oder guckten unter der weißen Leinwand +hervor. Das konnte kein Trupp gewöhnlicher Auswanderer +sein, es war ein ganzes Nomadenvolk, +welches Not oder Verfolgung zwang, sich eine neue +Heimat zu suchen. Lautes Stimmengewirr und Getöse +erhob sich aus der Menschenmenge, dazwischen +<span class="pagenum" id="Page_132">[S. 132]</span>knarrten die Räder und die Rosse wieherten. Aber +die beiden müden Wanderer oben am Felsenabhang +weckte der Lärm nicht auf.</p> + +<p>An der Spitze der Kolonne ritten etwa zwanzig +ernste Männer mit eisenharten Zügen. Sie waren +mit Flinten bewaffnet und in grobe Stoffe gekleidet. +Am Fuß der Felswand machten sie Halt und versammelten +sich zu einem Kriegsrat.</p> + +<p>„Die Quellen liegen zur Rechten, meine +Brüder,“ sagte ein Mann mit glattem Gesicht und +kurz geschorenem, grauem Haupthaar.</p> + +<p>„Ja, rechts von der Sierra Blanca — das ist +auch der Weg nach dem Rio Grande,“ versetzte ein +anderer.</p> + +<p>„Fürchtet keinen Mangel!“ rief ein Dritter. +„Der Herr ließ einst Wasser aus dem Felsen fließen; +er wird seine Auserwählten auch jetzt nicht verlassen.“</p> + +<p>„Amen, Amen!“ fiel die ganze Schar ein. Eben +wollten sie die Wanderung fortsetzen, als einer der +Jüngsten einen Ruf der Überraschung ausstieß und +nach einer Felsklippe deutete, auf welcher sein scharfes +Auge etwas Rotes flattern sah, das sich grell von +dem dunkeln Gestein abhob. Wie auf Kommando +faßten alle die Zügel ihrer Rosse fester und nahmen +die Gewehre von der Schulter. Auch galoppierten +<span class="pagenum" id="Page_133">[S. 133]</span>von hinten neue Reiterscharen herbei, um den Vortrab +zu verstärken. „Die Rothäute!“ schallte es +aus aller Munde.</p> + +<p>„Es können keine Indianer hier in der Nähe +sein,“ sagte der ältere Mann, welcher den Oberbefehl +zu haben schien. An den Pawnees sind wir schon +vorbeigekommen und andere Stämme giebt es hier +nicht, bis wir jenseits der hohen Berge sind.“</p> + +<p>„Ich will hinaufsteigen, Bruder Stangerson,“ +schlug einer aus der Schar vor, „und nachsehen, +was es bedeutet.“</p> + +<p>„Ich auch — ich auch,“ riefen mehrere +Stimmen.</p> + +<p>„Laßt eure Pferde unten, wir wollen hier auf +euch warten,“ gebot der Alte. Schnell stiegen die +jungen Männer ab, banden ihre Pferde fest und +kletterten die steile Anhöhe hinauf, rasch und geräuschlos, +mit der Sicherheit und Geschicklichkeit geübter +Kundschafter. Die Leute in der Ebene sahen +ihre Gestalten, die sich klar gegen den Himmel abhoben, +von Fels zu Fels aufwärts steigen. Jetzt +hatten sie die Stelle erreicht. Es mußte wohl ein +seltsamer Anblick sein, der sich ihnen bot — sie hoben +ihre Arme in die Höhe und gaben auch sonst durch +allerlei Zeichen die höchste Verwunderung zu erkennen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_134">[S. 134]</span></p> + +<p>Auf der Platte, die den Gipfel des kahlen Hügels +krönte, erhob sich ein einziger Felskegel; an diesem +lehnte ein Mann mit langem Bart und verwittertem +Gesicht; seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge zeigten, +daß er in festem Schlafe lag. Neben ihm aber, die +Ärmchen um seinen braunen, sehnigen Hals geschlungen, +den goldenen Lockenkopf an seine Brust +gebettet, ruhte ein schlummerndes Kind. Die rosigen +Lippen der Kleinen waren halb geöffnet, und +um ihre lieblichen Züge spielte ein friedliches +Lächeln.</p> + +<p>Drei Raubvögel, die auf der Felsenspitze über +ihnen gesessen hatten, flogen erschreckt auf, als sie +der neuen Ankömmlinge ansichtig wurden. Ihr +heiseres Geschrei weckte die Schläfer, die verwirrt um +sich blickten. Der Mann richtete sich schlaftrunken +auf und starrte in die Ebene hinunter, die noch vor +kurzem so verödet gewesen war und auf der es jetzt +wimmelte von Menschen und Tieren. „Ein Fieberwahn,“ +murmelte er, die Hand an die Stirn legend. +Das Kind stand neben ihm, hielt sich an seinem Rock +fest und sah mit großen, verwunderten Augen umher.</p> + +<p>Den Rettern gelang es schnell, die beiden +Wanderer zu überzeugen, daß, was sie sahen, keine +Täuschung ihrer Sinne, sondern Wirklichkeit sei. +Einer der jungen Leute hob das kleine Mädchen auf +<span class="pagenum" id="Page_135">[S. 135]</span>seine Schulter, während zwei andere ihrem hageren +Gefährten stützend unter die Arme griffen.</p> + +<figure class="figcenter illowe32" id="illus_0135"> + <img class="w100" src="images/illus_0135.jpg" alt="John Ferrier und das + Mädchen bei der Wagenkolonne"> +</figure> + +<p>„Mein Name ist John Ferrier,“ sagte der Gerettete; +„ich und die Kleine hier, wir sind die einzig +Ueberlebenden von einundzwanzig Personen. Alle +übrigen sind auf dem Wege vom Süden her vor +Hunger und Durst verschmachtet.“</p> + +<p>„Ist es Ihr Kind?“ fragten die, welche ihn +führten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_136">[S. 136]</span></p> + +<p>„Ja, mir gehört es,“ rief er mit entschlossener +Miene, „ich habe es gerettet. Von heute an heißt +die Kleine Lucy Ferrier und niemand, außer mir, +hat ein Recht an sie. — Wer seid denn aber ihr?“ +fuhr er fort, seine mannhaften, sonnverbrannten +Retter neugierig betrachtend, „das sind ja ganz endlose +Schwärme, die da herangezogen kommen.“</p> + +<p>„Fast zehntausend,“ versetzte einer der jungen +Leute. „Wir sind die verfolgten Kinder Gottes, +die Auserwählten des Engels Merona.“</p> + +<p>„Von dem habe ich noch nie gehört,“ meinte der +Wanderer. „Eine schöne Masse Menschen hat er +auserwählt.“</p> + +<p>„Scherze nicht über heilige Dinge,“ sagte der +andere streng. „Du siehst vor dir das Volk, welches +an die geoffenbarten Schriften glaubt, die auf goldenen +Tafeln dem heiligen Josef Smith in Palmyra +übergeben wurden. Im Staate Illinois in Nauvoo +hatten wir unsern Tempel gegründet. Jetzt sind +wir ausgezogen, um vor den gottlosen und gewaltthätigen +Menschen eine neue Zufluchtsstätte zu +suchen, und wenn es auch mitten in der Wüste +wäre.“</p> + +<p>Die Erwähnung von Nauvoo schien bei John +Ferrier eine Erinnerung zu wecken. „O, jetzt verstehe +ich,“ rief er, „seid ihr nicht die Mormonen?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_137">[S. 137]</span></p> + +<p>„Jawohl, die Mormonen sind wir,“ riefen alle +einstimmig.</p> + +<p>„Und wohin geht ihr?“</p> + +<p>„Das wissen wir nicht. Die Hand Gottes führt +uns durch unsern Propheten. Wir bringen euch zu +ihm; er muß entscheiden, was mit euch geschehen +soll.“</p> + +<p>Sie hatten inzwischen den Fuß des Hügels erreicht, +wo die Pilger sie umdrängten — bleiche +Frauen mit demütiger Miene, muntere, kräftige +Kinder und ernste Männer. Die große Jugend des +Mädchens und die völlige Erschöpfung ihres Begleiters +entlockte der Menge Ausrufe der Verwunderung +und des Mitleids. Von neugierigen +Scharen geleitet, schritten die Führer der Geretteten +unverweilt vorwärts, bis sie einen Wagen erreichten, +der sich durch besondere Größe und prächtige Zierate +vor allen andern auszeichnete. Auch war er mit +sechs Pferden bespannt, während die andern nur +zwei oder höchstens vier hatten. Auf dem Wagen +saß ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit gewaltigem +Haupt und entschlossenem Blick — der +Führer des Volkes. Er las in einem Buch mit +braunem Einband, das er bei dem Herannahen der +Menge beiseite legte, um dem Bericht über das Ereignis +ein aufmerksames Ohr zu leihen. Dann +<span class="pagenum" id="Page_138">[S. 138]</span>wandte er sich in feierlichem Ton an die beiden +Wanderer.</p> + +<p>„Wenn wir euch mit uns nehmen sollen,“ sagte +er, „so müßt ihr auch unsern Glauben bekennen. +Wir dulden keine Wölfe in unserer Hürde. Weit +besser, eure Gebeine bleichen hier in der Wüste, als +daß ihr wie räudige Schafe die Ansteckung in die +ganze Herde traget. Wollt ihr unter dieser Bedingung +mit uns ziehen?“</p> + +<p>„Ich ziehe mit, unter jeder Bedingung, die ihr +stellt,“ rief Ferrier mit solchem Eifer, daß die +Ältesten ein Lächeln nicht unterdrücken konnten. +Der Anführer allein bewahrte sein ernstes, feierliches +Wesen.</p> + +<p>„Nimm ihn mit, Bruder Stangerson,“ befahl +er, „gieb ihm Speise und Trank, dem Kinde auch. +Es soll deine Aufgabe sein, ihn in unserer heiligen +Lehre zu unterweisen. — Doch jetzt haben wir lange +genug gezögert. Vorwärts. Auf nach Zion!“</p> + +<p>„Auf, nach Zion!“ riefen die Mormonen im +Chor, und der Ruf pflanzte sich in der langen Karawane +von Mund zu Mund fort, bis nur noch ein +dumpfes Gemurmel aus der Ferne herüberklang. +Die Peitschen knallten, die Räder der großen Fuhrwerke +setzten sich in Bewegung und bald zog die ungeheure +Schar wieder ihres Weges dahin. Der Aelteste, +<span class="pagenum" id="Page_139">[S. 139]</span>der die Sorge für die beiden Verirrten übernommen +hatte, führte sie zu seinem Wagen, wo ihrer schon +eine Mahlzeit wartete.</p> + +<p>„Ihr dürft hier bleiben,“ sagte er. „In wenigen +Tagen werdet ihr euch von euren Anstrengungen +erholt haben. Vergeßt aber nicht, daß ihr euch von +jetzt an zu den Bekennern unseres Glaubens zählt. +Brigham Young hat es gesagt und aus ihm hat die +Stimme Josef Smiths geredet, welche die Stimme +Gottes ist.“</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_140">[S. 140]</span></p> + +<h3 class="padtop1_5" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.<br> +<b class="s4">Die Blume von Utah.</b></h3> + +</div> + +<p>Dies ist nicht der Ort, um die Drangsale und +Beschwerden zu schildern, welche die ausgewanderten +Mormonen zu erdulden hatten, bevor sie ihren neuen +Zufluchtshafen erreichten. Von den Ufern des Mississippi +waren sie nach den westlichen Abhängen des +Felsengebirges gezogen, und hatten dabei eine Ausdauer +und Zähigkeit bewiesen, die einzig in der Geschichte +dasteht. Gegen reißende Tiere und feindliche +Wilde, gegen allerlei Mühsal, Krankheit, Hunger, +Durst und jedes Hindernis, das die Elemente ihnen +in den Weg legten, hatten sie siegreich gestritten, +obwohl unter den Schrecknissen der langen Wanderung +auch dem Mutigsten bange ums Herz geworden +sein mochte. Als endlich das weite Thal +von Utah im Sonnenschein zu ihren Füßen ausgebreitet +lag, und sie aus dem Munde des Führers +vernahmen, daß es das Land der Verheißung sei, +der jungfräuliche Boden, welcher ihnen auf ewige +Zeiten zu eigen gehören solle, da gab es wohl keinen +unter der großen Schar, der nicht freudig auf die +Knie gesunken wäre, um ein Dankgebet für seine +Rettung emporzusenden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_141">[S. 141]</span></p> + +<p>Brigham Young zeigte bald in der Verwaltung +der Ländereien ebensoviel Geschick, als er bei der +Führung des Volkes bewiesen. Er ließ Vermessungen +vornehmen und Pläne entwerfen, auf +welchen die künftige Stadt verzeichnet war. Ringsumher +wurde Ackerland abgesteckt und jedem, ohne +Rücksicht auf Rang und Stand, zugeteilt. Der +Arbeiter erhielt Beschäftigung in seinem Handwerk, +der Handelsmann in seinem Gewerbe. In der Stadt +entstanden wie durch Zauberschlag Straßen und +Plätze; auf dem Lande wurden Bäume gefällt, +Wiesen entwässert, eingezäunt und bepflanzt, so daß +schon im nächsten Sommer der goldene Weizen auf +den Feldern wogte. Alles gedieh in der wunderbaren +Ansiedlung. Mitten in der Stadt wurde der +große Tempel erbaut, welcher einen immer erstaunlicheren +Umfang annahm. Vom ersten Morgengrauen +bis zur sinkenden Dämmerung waren dort +Hammer und Säge unermüdlich beschäftigt, denn es +galt ja, ein Denkmal zu errichten zu Ehren dessen, +der sie durch alle Gefahren sicher geleitet hatte.</p> + +<p>John Ferrier und seine kleine Schicksalsgefährtin, +die er an Kindesstatt angenommen, hatten die +Mormonen bis ans Ende ihrer Pilgerfahrt begleitet. +Die kleine Lucy war unterwegs keinen allzugroßen +Fährlichkeiten ausgesetzt gewesen. Sie durfte den +<span class="pagenum" id="Page_142">[S. 142]</span>Zug in dem Wagen des Aeltesten Stangerson mitmachen, +in welchem sich außer ihr noch die drei +Frauen des Mormonen befanden und sein Sohn, +ein eigenwilliges, zwölfjähriges Bürschchen. Mit +leichtem Kindersinn hatte sie sich schnell von dem +Kummer erholt, den ihr der Mutter Tod bereitet. +Sie wurde der Liebling der Frauen und gewöhnte +sich bald an das neue Leben unter dem beweglichen +Leinwandzelt. Auch Ferrier erholte sich nach kurzer +Zeit von den ausgestandenen Beschwerden; er wußte +sich als erfahrener Führer und unermüdlicher Jäger +seinen neuen Gefährten nützlich zu machen und ihre +Achtung zu erwerben. Als man das Ziel der Wanderung +endlich erreicht hatte, wurde ihm ein ebenso +großes und fruchtbares Ackerland zugewiesen wie +allen übrigen Ansiedlern. Außer Brigham Young +selbst erhielten nur die vier Hauptältesten Stangerson, +Kemball, Johnston und Drebber ansehnlichere +Besitztümer.</p> + +<p>Auf dem ihm zugefallenen Strich Landes baute +sich John Ferrier ein festes Blockhaus, das er im +Laufe der Jahre vergrößerte, bis es ein geräumiger +Landsitz wurde. Er war eine durchaus praktische +Natur, geschickt zu jedem Handgriff, klug und besonnen +in allem, was er unternahm. Eine eiserne +Gesundheit setzte ihn in den Stand, von früh bis +<span class="pagenum" id="Page_143">[S. 143]</span>spät thätig zu sein beim Anbau seines Grund und +Bodens. Dieser angestrengte Fleiß brachte ihm reichliche +Früchte, und sein Hab und Gut mehrte sich zusehends.</p> + +<p>Nach Ablauf von drei Jahren besaß er mehr als +seine Nachbarn, nach sechs Jahren war er wohlhabend, +nach neun Jahren reich, und als zwölf +Jahre um waren, gab es in der ganzen Stadt am +Salzsee kaum ein Dutzend Leute, die sich mit ihm vergleichen +konnten. Von dem großen Binnensee bis +zu dem Wahsatch-Gebirge kannte und schätzte man +John Ferriers Namen allgemein.</p> + +<p>Einen Punkt gab es jedoch, in welchem er den +Anforderungen seiner Glaubensbrüder nicht genügte. +Kein Drängen und keine Ueberredungskunst konnte +ihn bewegen, sich einen weiblichen Hausstand nach +Art seiner Gefährten einzurichten. Er gab für seine +hartnäckige Weigerung keine Gründe an, sondern +begnügte sich damit, unerschütterlich bei seinem Entschluß +zu verharren. Manche beschuldigten ihn deshalb +der Lauheit gegen die Religionsgemeinschaft, der +er beigetreten war, andere meinten, er handle aus +Habgier und wünsche die Kosten zu sparen. Wieder +andere sprachen von einer früheren Liebesgeschichte, +und sagten, er habe im Osten ein blondes Mädchen +zurückgelassen, das er nicht vergessen könne. <em class="gesperrt">Eins</em> +<span class="pagenum" id="Page_144">[S. 144]</span>nur war sicher — Ferrier blieb ein für allemal unvermählt. +In jeder andern Hinsicht unterwarf er sich +aber den herrschenden Gebräuchen und galt für ein +strenggläubiges Mitglied der jungen Ansiedlung.</p> + +<p>Lucy Ferrier wuchs in dem Blockhaus auf und +half ihrem Pflegevater bei allen seinen Unternehmungen. +Das Kind gedieh in der scharfen Bergluft +und den balsamischen Fichtenwäldern besser, als +wenn es die Pflege der besorgtesten Mutter und +Wärterin genossen hätte. Wie die Jahre flohen, +wurde ihre Gestalt schlanker und kräftiger, ihre +Wangen röteten sich, ihr Schritt gewann an Elastizität; +allmählich und unmerklich hatte sich die Knospe +zur Blume entfaltet. Mancher Wanderer, den sein +Weg auf der Landstraße an Ferriers Besitztum vorbeiführte, +sah dem anmutigen Mädchen mit Wohlgefallen +nach, wenn sie durch die Weizenfelder schritt +oder auf ihres Vaters Mustang einhergeritten kam, +den sie leicht und sicher zu regieren verstand, wie +ein echtes Kind des Westens.</p> + +<p>Zur Zeit, als John Ferrier für den reichsten Farmer +an den westlichen Abhängen des Felsengebirges +galt, war Lucy zur Jungfrau erblüht; unversehens +hatte sie die Schwelle der Kindheit überschritten, +und nun kam auch für sie der Tag, an dem sie das +Erwachen eines neuen, schöneren Lebens in ihrem +<span class="pagenum" id="Page_145">[S. 145]</span>Innern mit Stolz und Freude empfand. Ein Ereignis +trat ein, das nicht nur für Lucys Zukunft von +den wichtigsten Folgen war, sondern auch auf das +Schicksal vieler anderer einen entscheidenden Einfluß +übte.</p> + +<p>An einem warmen Junimorgen waren die +‚Heiligen des Jüngsten Tages‘ nach ihrer Gewohnheit +geschäftig wie die Bienen, die sie sich zum Vorbild +erwählt haben. Ueberall auf den Feldern und +in den Werkstätten vernahm man das Gewirr und +Gesumme menschlicher Thätigkeit. Auch auf den +staubigen Landstraßen herrschte ein buntes Leben; +dort trabten lange Züge schwerbeladener Maultiere +einher, die alle nach dem Westen zogen, denn das +Goldfieber war in Kalifornien ausgebrochen und wer +zu Lande dorthin wollte, den führte sein Weg an der +Stadt ‚der Auserwählten‘ vorbei. Zugleich mit +den Scharen dieser Einwanderer, die sich mit ihren +ermatteten Tieren mühsam weiter schleppten auf der +endlosen Fahrt, begegnete man großen Herden von +Schafen und Jungvieh, welche die ferner gelegenen +Weideplätze verlassen hatten.</p> + +<p>Auf der Straße war ein dichtes Gedränge von +Menschen und Tieren entstanden, aber mitten durch +das Gewühl hindurch galoppierte Lucy Ferrier, sich +als geschickte Reiterin einen Weg bahnend; ihre +<span class="pagenum" id="Page_146">[S. 146]</span>Wangen waren gerötet von der raschen Bewegung, +ihre kastanienbraunen Locken flogen im Winde. Der +Vater hatte sie mit einem Auftrag nach der Stadt +geschickt, und sie jagte in jugendlichem Mute, wie +sie schon so oft gethan, furchtlos dahin, um ihn auszurichten. +Mehr als einer der wegemüden Abenteurer +blickte dem kühnen Mädchen bewundernd nach; +ja, selbst der stoische Indianer, der mit seinem erbeuteten +Pelzwerk beladen heimkehrte, ward von +Staunen ergriffen über die Schönheit des lieblichen +Bleichgesichts.</p> + +<figure class="figcenter illowe32" id="illus_0147"> + <img class="w100" src="images/illus_0147.jpg" alt="Lucy wird mit ihrem + Pferd zwischen den Rindern eingekeilt"> +</figure> + +<p>Schon hatte Lucy die ersten Häuser der Stadt +erreicht, als eine große Rinderherde, die in der +Hut ihrer wildblickenden Treiber von der Steppe +daherzog, ihr plötzlich den Weg versperrte. Ungeduldig +über dies Hindernis, sprengte sie in die erste +beste Lücke hinein, die sich zu öffnen schien. Kaum +aber hatte sie das gethan, als die gehörnten Scharen +hinter ihr nachdrängten und sie sich mit ihrem Pferde +fest eingekeilt sah in dem unaufhaltsam vorwärts +flutenden Strome. Ohne über ihre Lage zu erschrecken, +benutzte sie geschickt jeden Vorteil, der sich +ihr bot, um weiter zu kommen, und trieb ihr Pferd +an, in der Hoffnung, sich einen Weg durch die Herde +zu bahnen. Dabei geriet jedoch ein junger, feuriger +Stier in allzu nahe Berührung mit dem Mustang +<span class="pagenum" id="Page_148">[S. 148]</span>und stieß seine Hörner in dessen Weichen. Das +Pferd ward wild, stieg auf die Hinterbeine, schnaubte +und schüttelte sich mit solcher Heftigkeit, daß Lucy +ihre ganze Kunst anwenden mußte, um sich im Sattel +zu halten. Die Gefahr, in der sie schwebte, war +groß, bei jedem Sprunge stieß das Pferd wieder +gegen die spitzigen Hörner und wurde zu neuer Wut +gereizt. Wenn es seine Reiterin abwarf, wäre diese +ohne Erbarmen von den Hufen der ungefügen, erschreckten +Stiere zu Tode getreten worden. Der +aufgewirbelte Staub drohte sie zu ersticken, ein +Schwindel ergriff sie, und schon begann ihre Hand, +die den Zügel hielt, zu erlahmen. Die Kraft würde +ihr versagt haben, wenn nicht in diesem Augenblick +ein herzhafter Zuruf dicht neben ihr sie mit neuem +Mut erfüllt hätte. Eine braune, sehnige Faust ergriff +den Mustang beim Zaume und machte ihm +Bahn mitten durch die Herde, bis er wieder freien +Spielraum vor sich sah und sich ungehindert bewegen +konnte.</p> + +<p>„Ich hoffe, Sie haben keinen Schaden genommen, +Fräulein,“ sagte Lucys Retter in ehrfurchtsvollem +Ton.</p> + +<p>Sie sah ihm beherzt in das dunkle, kühne Antlitz +und erwiderte unbefangen. „Einen furchtbaren +Schrecken habe ich gehabt, wer hätte auch denken +<span class="pagenum" id="Page_149">[S. 149]</span>können, Poncho würde sich von einer Herde Ochsen +ins Bockshorn jagen lassen.“</p> + +<p>„Gottlob, daß Sie sich fest im Sattel hielten,“ +sagte der andere ernst. Er war ein junger Bursche +von kräftigem Gliederbau und etwas verwildertem +Aeußern, trug ein grobes Jägerwams, eine lange +Büchse über der Schulter und ritt auf einem mächtigen +Braunfuchs.</p> + +<p>„Sie sind wohl John Ferriers Tochter,“ fuhr +er fort, „ich sah Sie unten von seinem Hause wegreiten. +Fragen Sie ihn doch einmal, ob er sich noch +an Jefferson Hope aus St. Louis erinnert. Wenn +er der Ferrier ist, den ich meine, müssen mein Vater +und er gute Freunde gewesen sein.“</p> + +<p>„Wollen Sie nicht lieber kommen und ihn selbst +danach fragen?“ entgegnete sie mit freundlicher +Miene.</p> + +<p>Dem jungen Manne schien der Vorschlag zu behagen, +seine dunklen Augen glänzten vor Vergnügen. +„Das will ich thun,“ sagte er; „ich bin zwar jetzt +mit meinen Kameraden zwei Monate im Gebirge +gewesen, da sehen wir nicht gerade besuchsmäßig +aus, vielleicht nimmt Herr Ferrier aber mit uns +fürlieb wie wir sind.“</p> + +<p>„Mein Vater ist Ihnen großen Dank schuldig,“ +erwiderte sie, „und ich gleichfalls. Er hat mich sehr +<span class="pagenum" id="Page_150">[S. 150]</span>lieb, und wenn mich die Tiere zu Boden getreten +hätten, wäre er nie wieder froh geworden.“</p> + +<p>„Ich auch nicht,“ versicherte der Jäger.</p> + +<p>„Sie? — Ja, was sollten Sie sich denn groß +darum kümmern? Sie gehören ja nicht einmal zu +unsern Freunden.“</p> + +<p>Die Miene des jungen Mannes verfinsterte sich +so sichtlich, als Lucy Ferrier diese Aeußerung that, +daß sie hell auflachte.</p> + +<p>„Nein, so meine ich das nicht; natürlich sind +Sie jetzt ein Freund unseres Hauses. Kommen Sie +nur recht bald uns zu besuchen. Doch ich muß weiter, +sonst läßt mich Vater nie wieder ein Geschäft für ihn +besorgen. Auf Wiedersehen!“</p> + +<p>„Auf Wiedersehen,“ sagte er, sich über ihre kleine +Hand beugend, und nahm seinen breiten Sombrero +ab. Sie ließ ihren Mustang eine kühne Schwenkung +machen, versetzte ihm einen leichten Schlag mit der +Peitsche und flog davon, die Landstraße hinunter, +eine hohe Staubwolke hinter sich aufwirbelnd.</p> + +<p>Der junge Jefferson Hope ritt mit seinen Gefährten +langsam und schweigend weiter. Sie waren +im Gebirge von Nevada gewesen, um nach Silber zu +suchen, und kamen jetzt in die Salzseestadt zurück, +mit der Hoffnung, dort ein Kapital zusammenzubringen, +um die Erzgänge ausbeuten zu können, +<span class="pagenum" id="Page_151">[S. 151]</span>welche sie entdeckt hatten. Er war voll Eifer für +das Unternehmen gewesen, bis das heutige Erlebnis +seinen Gedanken eine andere Richtung gab. Der +Anblick des schönen jungen Mädchens, das so frisch +und frei war wie die Luft im Gebirge, hatte sein +ungestümes, leidenschaftliches Herz bis in die +innersten Tiefen erregt. Als sie ihm aus den Blicken +entschwunden war, wußte er, daß ein Wendepunkt +in seinem Leben eingetreten sei, und daß weder die +Silbermine noch sonst etwas auf der Welt für ihn +von Bedeutung war, neben dem neuen, ihn ganz beherrschenden +Gefühl. Die Liebe, die in seinem +Innern erwachte, glich nicht der plötzlichen und veränderlichen +Laune eines Knaben, es war die wilde, +unbezwingbare Leidenschaft eines Mannes von +stolzem Sinn und starkem Willen. Alles was er +bisher unternommen hatte, war von Erfolg gekrönt +gewesen. In seinem Herzen gelobte er sich, auch +dies höchste Gut zu erringen, wenn es für sein feuriges +Streben irgend erreichbar war.</p> + +<p>Noch am selben Abend besuchte er John Ferrier +und ward seitdem ein häufig gesehener Gast in seinem +Hause. Der alte Farmer war in den letzten zwölf +Jahren ausschließlich mit seiner Arbeit beschäftigt +gewesen und hatte sich wenig um die Außenwelt gekümmert. +Durch Jefferson Hope erhielt er nun +<span class="pagenum" id="Page_152">[S. 152]</span>Kunde von dem, was sich draußen zugetragen, und +alles, was dieser erzählte, zog Lucy ebenso sehr an, +wie ihren Vater. Der junge Mann war als Pionier +nach Kalifornien gegangen und wußte seltsame Dinge +davon zu berichten, wie Reichtümer gewonnen und +wieder verloren wurden in jenen Tagen wilder Begierde. +Auch Pfadfinder war er gewesen und Pelzjäger, +Silbergräber und Landwirt. Wo es galt, +kühne Abenteuer zu bestehen, war Jefferson Hope +überall als einer der ersten zu finden. Der alte +John Ferrier, dem er bald lieb und wert wurde, +ergriff jede Gelegenheit, um Gutes von ihm zu reden +und ihm Lob zu spenden. Lucy schwieg dann meist +still, aber ihre glühenden Wangen und hellen, glückstrahlenden +Augen verrieten nur zu deutlich, daß +die Liebe in ihrem Herzen Einzug gehalten hatte. +Ihr wackerer Vater gewahrte vielleicht nichts von +solchen Anzeichen, aber dem Manne, welcher das +holde Mädchen für sich zu gewinnen trachtete, +blieben sie nicht verborgen.</p> + +<p>An einem Sommerabend stand Lucy auf der +Schwelle des Hauses und sah Jefferson die Straße +herabreiten und am Gitterthor halten. Als sie die +Stufen hinunter eilte, um ihn zu begrüßen, band er +rasch sein Pferd an den Zaun, und kam ihr auf dem +Fußsteig entgegen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_153">[S. 153]</span></p> + +<p>„Ich muß fort, Lucy,“ sagte er, ihre Hand ergreifend +und ihr zärtlich ins Auge blickend. „Ich +will dich nicht bitten, mir schon jetzt zu folgen, wirst +du aber bereit sein, mit mir zu ziehen, wenn ich +zurückkehre?“</p> + +<figure class="figcenter illowe32" id="illus_0153"> + <img class="w100" src="images/illus_0153.jpg" alt="Lucy und Jefferson nehmen + Abschied voneinander"> +</figure> + +<p>„Und wann wird das sein?“ fragte sie mit +freudigem Erröten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_154">[S. 154]</span></p> + +<p>„In einigen Monaten. Dann komme ich, Geliebte, +und bitte um deine Hand.“</p> + +<p>„Was wird aber der Vater sagen?“</p> + +<p>„Er hat seine Einwilligung gegeben, wenn es +uns mit den Silberminen glückt. Davor ist mir +nicht bange.“</p> + +<p>„Nun, wenn ihr darüber eines Sinnes seid, +der Vater und du, so darf ich keinen Einspruch erheben,“ +flüsterte sie und barg ihre glühenden Wangen +an seiner starken Brust.</p> + +<p>„Gottlob!“ rief er beglückt, und drückte ihr einen +innigen Kuß auf die Lippen, „soweit ist alles gut. +Lebe wohl, mein Herz, ich darf nicht länger bleiben, +sonst wird mir das Scheiden zu schwer. Die Kameraden +warten auf mich in der Bergschlucht. In +zwei Monaten sehen wir uns wieder. Lebe wohl!“</p> + +<p>Er riß sich aus ihrer Umarmung, sprang in den +Sattel und trabte mit Windeseile davon. Nicht einen +Blick warf er noch zurück, als fürchte er, die Kraft +möchte ihm versagen, wenn er sich noch einmal umschaute +nach dem Glück, welches er verließ. Sie blieb +am Gitterthor stehen und sah ihm nach, bis er ihren +Augen entschwunden war. Dann kehrte sie ins Haus +zurück. Ein glückseligeres Mädchen als Lucy Ferrier +gab es in jenem Abend in ganz Utah nicht.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_155">[S. 155]</span></p> + +<h3 class="padtop1_5" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.<br> +<b class="s4">John Ferrier spricht mit dem Propheten.</b></h3> + +</div> + +<p>Drei Wochen waren vergangen, seit Jefferson +Hope mit seinen Gefährten die Salzseestadt verlassen +hatte. Bei dem Gedanken an seine Rückkunft +und den Abschied von der geliebten Pflegetochter +wollte John Ferrier das Herz wohl oft schwer werden; +aber ein Blick in ihre glückstrahlenden Augen +ließ ihn das eigene Leid vergessen. Er hatte von +jeher fest bei sich beschlossen, daß ihn nichts in der +Welt bewegen sollte, sein Kind einem Mormonen zur +Frau zu geben, weil er eine solche Ehe als Schmach +und Schande ansah. Was er auch sonst über die +Lehren der Mormonen denken mochte, in diesem +<em class="gesperrt">einen</em> Punkt war er unbeugsam. Doch hütete er +sich wohl, etwas von seiner abweichenden Ueberzeugung +verlauten zu lassen, denn im Lande der Heiligen +galt es damals für ein gefährliches Ding, andere, +als die strenggläubigsten Meinungen zu hegen.</p> + +<p>Selbst die Frömmsten wagten es nur mit der +größten Vorsicht, über religiöse Angelegenheiten zu +reden, aus Furcht, eins ihrer Worte möchte falsch +ausgelegt werden und ein schnelles Strafgericht über +sie heraufbeschwören. Die ehemaligen Opfer der +<span class="pagenum" id="Page_156">[S. 156]</span>Verfolgung waren jetzt selbst zu Verfolgern geworden +und betrieben ihr Handwerk auf entsetzliche +Art. Weder die spanischen Inquisitoren, noch die +Vehmgerichte des Mittelalters oder die geheimen +Gesellschaften Italiens, besaßen je eine so furchtbare Gewalt, +wie sie hier in Utah herrschte und die +Gemüter mit Angst und Grauen erfüllte.</p> + +<p>Daß diese Herrschaft eine so unsichtbare und +geheimnisvolle war, machte sie noch gefürchteter. Sie +schien allwissend und allmächtig, und doch war nichts +von ihr zu sehen und zu hören. Ein Gemeindeglied, +das sich dem Willen der Kirche nicht fügte, verschwand +spurlos, ohne daß irgend jemand erfuhr, +was aus ihm geworden sei. Daheim warteten die +Seinigen auf den Vater, aber er kehrte nicht zu +Weib und Kind zurück, um zu erzählen, was das +heimliche Gericht über ihn verhängt habe. Auf ein +rasches Wort, eine vielleicht unbedachte That folgte +oft Tod und Vernichtung, aber niemand wußte, +wann das Verhängnis über ihm schwebte oder wessen +Hand die Strafe vollzog.</p> + +<p>Anfangs sahen sich nur die Abtrünnigen bedroht, +welche den Glauben der Mormonen bekannt +hatten, sich aber später von ihnen loszumachen +strebten. Dies ward jedoch bald anders. Um die +Vielweiberei aufrecht zu erhalten, bedurfte man einer +<span class="pagenum" id="Page_157">[S. 157]</span>zahlreichen weiblichen Bevölkerung und der Zuzug +von Frauen begann abzunehmen. Es gingen seltsame +Gerüchte um, daß Einwanderer auf dem Zuge +ermordet worden seien und ihre Lagerplätze ausgeplündert, +in Gegenden, wohin keine Indianer je +den Fuß gesetzt hatten. Zur selben Zeit sah man in +den Harems der Aeltesten fremde Frauen auftauchen, +welche trostlos weinten und dahinsiechten, im Antlitz +den Ausdruck untilgbaren Entsetzens.</p> + +<p>Verspätete Wanderer im Gebirge erzählten von +Banden bewaffneter und vermummter Gestalten, die +geräuschlos und verstohlen im Dunkel an ihnen vorübergehuscht +waren. Die zuerst unbestimmten Gerüchte +traten bald in greifbarer Form und mit +größerer Gewißheit auf; sie wurden von allen Seiten +bestätigt und geglaubt. Bis auf den heutigen Tag +spricht man in den abgelegenen Farmhäusern des +Westens noch mit Grausen von den Danitischen +Banden, die im Volksmunde auch ‚Würgengel‘ genannt +wurden.</p> + +<p>Je mehr man von dem Walten dieser Schrecklichen +erfuhr, um so größer ward das Entsetzen vor +ihnen in den Gemütern. Man wußte nicht, wer zu +der greuelvollen Gesellschaft gehörte; die Namen +derer, welche unter dem Deckmantel der Religion +ihre blutigen Gewaltthaten verübten, blieben in +<span class="pagenum" id="Page_158">[S. 158]</span>undurchdringliches Dunkel gehüllt. Dem besten +Freunde selbst durfte man seine etwaigen Zweifel an +der Sendung des Propheten nicht anvertrauen, +denn leicht konnte er zu der Zahl der Rächer gehören, +welche in nächtlichem Graus Vergeltung zu +üben kamen. So mißtraute denn ein Nachbar dem +andern und keiner wagte von den Dingen zu reden, +die ihm vor allem am Herzen lagen. —</p> + +<p class="mtop2">Eines Morgens wollte sich John Ferrier gerade +zu einem Gang durch seine Weizenfelder rüsten, als +er die Gitterthür gehen hörte und einen starken, +blondhaarigen Mann mittleren Alters den Fußweg +heraufkommen sah. Er erschrak heftig, denn es war +niemand anderes als der große Brigham Young +in eigener Person. Voll böser Ahnungen, denn er +wußte wohl, daß ein solcher Besuch nichts Gutes für +ihn zu bedeuten habe, eilte Ferrier dem Oberhaupt +der Mormonen entgegen. Brigham Young nahm +seine ehrerbietige Begrüßung mit Kälte auf und +folgte ihm schweigend ins Wohnzimmer.</p> + +<p>„Bruder Ferrier,“ sagte er, mit strenger Miene +Platz nehmend, und warf unter seinen hellfarbenen +Augenbrauen hervor einen durchdringenden Blick auf +den alten Farmer, „die wahren Gläubigen haben +dir treue Freundschaft erwiesen. Als du nahe daran +<span class="pagenum" id="Page_159">[S. 159]</span>warst, in der Wüste zu verschmachten, nahmen wir +dich auf in unsere Mitte, labten dich mit Trank und +Speise und führten dich sicher in das Land der Verheißung; +dort gaben wir dir ein schönes Ackerland +und ließen dich reich werden in unserm Schutz. Ist +es nicht, wie ich sage?“</p> + +<p>„Ja, so ist es,“ bestätigte Ferrier.</p> + +<p>„Zum Dank für alle Wohlthaten stellten wir nur +die <em class="gesperrt">eine</em> Bedingung, daß du den wahren Glauben +annehmen und dich unsern Sitten und Gebräuchen +unterwerfen solltest. Du gelobtest dies zu thun; +aber, wenn wir recht berichtet sind, hast du dein Versprechen +nicht gehalten.“</p> + +<p>„Worin habe ich denn gefehlt?“ rief Ferrier. +„Habe ich nicht in die gemeinsame Kasse gesteuert? +Habe ich nicht die Versammlungen im Tempel besucht? +Habe ich nicht —“</p> + +<p>„Wo sind deine Frauen?“ fragte Young, sich +umblickend. „Rufe sie herbei, daß ich sie begrüßen +kann.“</p> + +<p>„Es ist wahr,“ versetzte der Farmer, „ich habe +nicht geheiratet. Aber es war nur eine geringe Anzahl +Frauen vorhanden und andere Gemeindeglieder +hatten bessere Ansprüche als ich. Auch lebte ich nicht +einsam; meine Tochter sorgte für meine Notdurft.“</p> + +<p>„Gerade deine Tochter ist es, von der ich mit +<span class="pagenum" id="Page_160">[S. 160]</span>dir reden möchte,“ sagte der Führer der Mormonen. +„Sie ist zur Blume von Utah erblüht und Männer, +die in hohem Ansehen unter uns stehen, haben ein +Auge des Wohlgefallens auf sie geworfen.“</p> + +<p>John Ferrier gingen die Worte wie ein schneidendes +Schwert durchs Herz.</p> + +<p>„Man erzählt von ihr, was ich nur ungern +wiederhole — daß sie sich einem Ungläubigen versiegelt +hat. Es muß wohl ein Geschwätz müßiger +Zungen sein, denn — wie lautet die dreizehnte Regel +im Gesetz Josef Smiths, des Heiligen? — ‚Eine +Tochter, die sich zum wahren Glauben bekennt, darf +nur mit einem der Auserwählten in die Ehe treten. +Heiratet sie einen Ungläubigen, so macht sie sich einer +schweren Sünde schuldig.‘ Es ist nicht möglich, daß +du, als Anhänger unserer heiligen Lehre, deiner Tochter +gestattet haben solltest, dies Gebot zu übertreten.“</p> + +<p>John Ferrier gab keine Antwort, er atmete +schwer.</p> + +<p>„Im heiligen Rat der Vier ist beschlossen worden, +daß dieser eine Punkt zum Prüfstein für deinen +Glauben dienen soll,“ fuhr der Prophet fort. „Das +Mädchen ist jung, wir wollen sie nicht einem Graubart +vermählen, und ihr sogar die Wahl lassen. Wir, +die Aeltesten, sind bereits wohl versehen, aber wir +müssen auch für unsere Kinder sorgen. Stangerson +<span class="pagenum" id="Page_161">[S. 161]</span>und Drebber haben Söhne und jeder von ihnen +würde deine Tochter mit Freuden in seinem Hause +willkommen heißen. Sie soll sich für einen von +ihnen entscheiden. Beide sind jung, reich und bekennen +sich zu dem wahren Glauben. Was hast du +darauf zu erwidern?“</p> + +<p>Ferrier zog die Stirn in düstere Falten und +schwieg eine Weile.</p> + +<p>„Ihr werdet uns Zeit lassen,“ sagte er endlich. +„Meine Tochter ist sehr jung — noch kaum in heiratsfähigem +Alter.“</p> + +<p>„Sie soll einen Monat Bedenkzeit haben,“ sagte +Young von seinem Sitz aufstehend. „Ist diese Frist +zu Ende, so erwarten wir ihre Antwort.“</p> + +<p>In der Thür wandte er sich noch einmal zurück; +sein Gesicht war gerötet, seine Augen funkelten. +„Wenn jetzt dein und ihr Gebein im Wüstenstaub bei +der Sierra Blanca moderte,“ rief er mit Donnerstimme, +„es wäre weit besser für dich, John Ferrier, +und für sie, als wenn ihr in eurer Ohnmacht wagen +solltet, dem Befehl des heiligen Rats der Vier zu +trotzen.“</p> + +<p>Er erhob die Hand mit drohender Gebärde, dann +verließ er das Haus und man hörte den Kies auf +dem Fußweg unter seinen Tritten knirschen.</p> + +<p>Ferrier saß noch in trübem Sinnen, den Kopf +<span class="pagenum" id="Page_162">[S. 162]</span>in die Hand gestützt, als er sich leise an der Schulter +berührt fühlte. Er blickte auf und sah Lucy neben +sich stehen. Ihr bleiches, verstörtes Gesicht ließ ihm +keinen Zweifel, daß sie wußte, was geschehen war.</p> + +<figure class="figcenter illowe21" id="illus_0162"> + <img class="w100" src="images/illus_0162.jpg" alt="Brigham Young hebt + drohend seinen Regenschirm"> +</figure> + +<p>„Ich konnte nicht anders,“ flüsterte sie voll +Bangigkeit, „ich habe alles gehört — seine Stimme +schallte durch das ganze Haus. O Vater, Vater +— was sollen wir thun?“</p> + +<p>„Sei ohne Furcht,“ sagte er, sie an sich ziehend, +und ließ seine breite, rauhe Hand zärtlich über ihr +<span class="pagenum" id="Page_163">[S. 163]</span>braunes Haar gleiten. „Irgendwie wollen wir’s +schon einrichten. Du hängst doch wohl nach wie vor +an deinem Verlobten, nicht wahr?“</p> + +<p>Sie schluchzte nur leise und drückte ihm die Hand.</p> + +<p>„Ich hab’ mir’s gleich gedacht; so ein hübscher +Bursche und ein ordentlicher Christenmensch obendrein; +denn das ist hier keiner von allen, trotz ihrer +vielen Gebete und Predigten. — Morgen reist eine +Gesellschaft nach Nevada ab, da werde ich zusehen, +daß ich ihm eine Botschaft schicken kann, um ihn +wissen zu lassen, in welcher Not wir stecken. Wenn +er dann nicht hier ist, wie der Wind, müßte ich mich +sehr in dem jungen Mann getäuscht haben.“</p> + +<p>Lucy lächelte unter Thränen. „Wenn er kommt, +wird er uns zu raten und zu helfen wissen,“ sagte +sie zuversichtlich. „Aber ich ängstige mich deinetwegen, +Väterchen. Man hört so schreckliche Dinge +erzählen, wie es denen ergeht, die sich dem Willen +des Propheten widersetzt haben.“</p> + +<p>„Aber wir haben das noch gar nicht gethan,“ +entgegnete der Alte, „und brauchen uns vorläufig +nicht zu fürchten. Noch haben wir einen ganzen +Monat vor uns und ehe der zu Ende geht, werden +wir gut thun, Utah den Rücken zu kehren.“</p> + +<p>„Was wird denn aber aus deinem Besitztum?“</p> + +<p>„Wir machen zu Geld, was wir können, und +<span class="pagenum" id="Page_164">[S. 164]</span>lassen das Uebrige zurück. Ich will dir nur offen gestehen, +Lucy, daß ich schon längst mit diesem Gedanken +umgehe. Ich mag vor keinem Menschen zu +Kreuze kriechen, wie die Leute hier vor ihrem verwünschten +Propheten. Als freier Mann bin ich geboren +und kann mich in diese Art nicht mehr finden +— ich bin wohl zu alt dazu. Er soll sich hüten, +mir noch einmal ins Gehege zu kommen, sonst hat +er eine Ladung Schrot im Leibe, ehe er sich’s +versieht.“</p> + +<p>„Sie werden uns aber nicht fortlassen wollen,“ +warf Lucy ängstlich ein.</p> + +<p>„Dafür laß mich nur sorgen, wenn Jefferson +kommt. Beruhige dich jetzt, mein Herzchen, und +weine dir nicht die Augen rot, sonst macht er mir +Vorwürfe, wenn er dich sieht. Uns droht keinerlei +Gefahr, und du brauchst nichts zu fürchten.“</p> + +<p>John Ferrier sprach diese tröstlichen Worte mit +großer Zuversicht, doch konnte Lucy nicht umhin, +zu bemerken, wie vorsichtig er alle Thüren zur Nacht +verschloß und verriegelte, nachdem er zuvor die alte, +rostige Jagdflinte, welche für gewöhnlich an der +Wand seines Schlafzimmers hing, aufs sorgfältigste +gereinigt und geladen hatte.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_165">[S. 165]</span></p> + +<h3 class="padtop1_5" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.<br> +<b class="s4">Eine Flucht auf Leben und Tod.</b></h3> + +</div> + +<p>Am Morgen nach seiner Unterredung mit dem +Propheten begab sich John Ferrier nach der Salzseestadt, +suchte dort seinen Bekannten auf, welcher +im Begriff stand, ins Gebirge von Nevada zu reisen, +und vertraute ihm die Botschaft für Jefferson Hope +an. Er hatte dem jungen Manne geschrieben, von +welcher furchtbaren Gefahr sie bedroht seien und ihn +aufgefordert, unverzüglich zurückzukehren. Nachdem +dies geschehen war, ging er erleichterten Herzens +heim.</p> + +<p>Als er sich seinem Hause näherte, sah er mit Verwunderung, +daß an jedem der Thürpfosten ein Pferd +angebunden stand. Im Wohnzimmer aber traf er +zwei junge Männer, die sich höchst behaglich zu fühlen +schienen. Der eine, mit hageren, blassen Zügen, +lag im Armstuhl ausgestreckt, die Füße auf dem +niedrigen Ofen. Der andere, ein Mensch mit aufgedunsenem, +gemeinem Gesicht und einem Stiernacken, +stand, die Hände in den Taschen, am Fenster +und pfiff eine Melodie. Beide nickten Ferrier vertraulich +zu, und der junge Mensch im Armstuhl begann +das Gespräch.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_166">[S. 166]</span></p> + +<p>„Sie kennen uns vielleicht nicht,“ sagte er. „Dies +hier ist der Sohn des Aeltesten Drebber und ich bin +Josef Stangerson, der mit im Zuge war, als der +Herr in der Wüste seine Hand ausstreckte, um Sie +mit der Herde der Gläubigen zu vereinen.“</p> + +<p>„Wie er alle Völker versammeln wird zu seiner +Zeit!“ fiel der andere mit schnarrender Stimme ein. +„Seine Mühlen mahlen langsam, aber sicher.“</p> + +<p>John Ferrier verbeugte sich kühl; er hatte sich +schon denken können, wer die Besucher waren.</p> + +<p>„Wir kommen auf den Rat unserer Väter,“ fuhr +Stangerson fort, „und werben um die Hand Ihrer +Tochter für denjenigen von uns beiden, welcher Ihnen +und ihr am meisten zusagt. Da ich nur vier Frauen +habe und Bruder Drebber hier deren sieben besitzt, +so scheint mir, daß ich den nächsten Anspruch habe.“</p> + +<p>„Bewahre, Bruder Stangerson,“ rief der andere; +„es handelt sich nicht darum, wie viele Frauen +man hat, sondern wie viele man ernähren kann. +Mein Vater hat mir jetzt die Fabriken übergeben, +und ich bin reicher als du.“</p> + +<p>„Aber ich habe bessere Aussichten,“ erwiderte +jener eifrig. „Wenn der Herr meinen Vater zu sich +nimmt, bekomme ich die Lohgerberei und die Lederfabrik. +Auch bin ich älter als du und mein Ansehen +in der Kirche ist größer.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_167">[S. 167]</span></p> + +<p>„Das Mädchen soll zwischen uns entscheiden,“ +entgegnete der junge Drebber, sich wohlgefällig im +Spiegel betrachtend; „wir wollen es ihr ganz überlassen.“</p> + +<p>Während dieses Zwiegesprächs stand John +Ferrier schäumend vor Wut an der Thür. Es zuckte +ihm in allen Fingern, seine Reitpeitsche auf den +Rücken der beiden Bewerber niedersausen zu lassen.</p> + +<p>„Hört einmal,“ sagte er endlich, auf sie zuschreitend, +„wenn meine Tochter euch rufen läßt, +mögt ihr kommen; bis dahin bitte ich mir aus, daß +ihr mir den Anblick eurer Gesichter erspart!“</p> + +<p>Die jungen Mormonen starrten ihn in maßlosem +Erstaunen an. In ihren Augen war dieser Wettbewerb +um die Hand des Mädchens die höchste Ehre, +welche sie Vater und Tochter erweisen konnten.</p> + +<p>„Es giebt zwei verschiedene Ausgänge aus diesem +Zimmer,“ fuhr Ferrier zornglühend fort, „einen +durch die Thür, den anderen durch das Fenster. +Ihr habt die Wahl.“</p> + +<p>Seine Miene war so drohend und seine hagern +Hände schienen so eisenstark, daß die beiden unwillkommenen +Besucher eilig aufsprangen und den Rückzug +antraten. Der alte Mann folgte ihnen bis zur +Thür.</p> + +<p>„Sobald ihr untereinander ausgemacht habt, +<span class="pagenum" id="Page_168">[S. 168]</span>wer es sein soll, laßt mich’s wissen,“ rief er ihnen +höhnisch nach.</p> + +<p>„Dafür sollt Ihr büßen,“ schrie Stangerson +bleich vor Erregung. „Ihr habt dem Propheten +getrotzt und dem hohen Rat der Vier — das sollt +Ihr bereuen bis an Euer Lebensende.“</p> + +<p>„Die Hand des Herrn werdet Ihr fühlen,“ +stimmte der junge Drebber ein. „Er wird wider +Euch aufstehen und Euch schlagen.“</p> + +<p>„Mit dem Schlagen kann es gleich seinen Anfang +nehmen,“ rief Ferrier zornbebend. Er wollte die +Flinte von der Wand reißen, aber Lucy war herzugeeilt +und fiel ihm in den Arm. Bevor er sich noch +von ihr losmachen konnte, tönte schallender Hufschlag +und die Flüchtlinge waren außer seinem +Bereich.</p> + +<p>„Die jungen heuchlerischen Schurken,“ murmelte +er voll Ingrimm; „weit lieber möchte ich dich im +Grabe sehen, mein Herzenskind, als daß dich einer +von ihnen als sein Weib heimführte.“</p> + +<p>„Ja Vater, — lieber sterben!“ erwiderte sie entschlossen. +„Doch bald wird Jefferson hier sein.“</p> + +<p>„Freilich — und je früher er kommt, desto besser +ist es. Wer kann wissen, was jene gegen uns im +Schilde führen.“</p> + +<p>Es war in der That hohe Zeit, daß ein kluger +<span class="pagenum" id="Page_169">[S. 169]</span>Ratgeber und Helfer dem wackern alten Ferrier und +seiner Tochter in ihrer Not beistand. Seit der +Gründung der Niederlassung war ein solches Beispiel +von Ungehorsam und Widersetzlichkeit gegen +die Befehle der Aeltesten noch niemals vorgekommen. +Wenn schon kleine Vergehen mit unnachsichtiger +Strenge bestraft wurden, welches Schicksal erwartete +dann diesen Erzrebellen? Ferrier wußte, daß weder +sein Reichtum noch seine Stellung ihn schützen würde. +Leute, die über ebenso große Mittel verfügten und in +nicht geringerem Ansehen standen wie er, waren schon +spurlos verschwunden und ihre Güter der Kirche +anheimgefallen. Der tapfere Mann hätte sich jeder +offenen Gefahr kühn entgegengestellt, aber das düstere +unheimliche Verhängnis, das über ihm schwebte, erschütterte +seine starke Seele und flößte ihm Grauen +ein. Zwar verbarg er seine Furcht vor der Tochter +und that, als lege er der ganzen Sache nicht viel +Wert bei, allein, mit dem scharfen Auge der Liebe +erkannte Lucy nur zu deutlich die Unruhe in seinem +Gemüt.</p> + +<p>Nach dem, was vorgefallen war, mußte er sich +darauf gefaßt machen, von Young wegen seines Benehmens +eine Rüge oder Warnung zu erhalten. Die +Botschaft traf auch wirklich ein, aber sie kam auf eine +ihm völlig unerwartete Weise. Als er am nächsten +<span class="pagenum" id="Page_170">[S. 170]</span>Morgen erwachte, fand er auf der Bettdecke gerade +über seiner Brust einen kleinen viereckigen Zettel +angesteckt, auf welchem mit großen deutlichen Buchstaben +die Worte standen: „Neunundzwanzig Tage +sind dir zur Sühne gewährt, und dann — —“</p> + +<p>Jede Drohung wäre weniger furchtbar gewesen +als der beängstigende Gedankenstrich. John Ferrier +zerbrach sich vergebens den Kopf, wie der Zettel in +sein Zimmer gekommen sein könne, denn das Gesinde +schlief in einem Nebenbau und er hatte mit eigener +Hand alle Fenster und Thüren wohl verwahrt und +verschlossen. Er vernichtete das Papier und sagte +seiner Tochter nichts von dem Vorfall, aber ihn +schauderte doch, wenn er daran dachte. Die neunundzwanzig +Tage waren offenbar der Rest des Monats, +den Brigham Young ihm zugesagt hatte. Was +vermochten aller Mut und alle Kraft gegen einen +Feind auszurichten, der so geheimnisvolle Hilfsmittel +besaß? Die Hand, welche jenen Zettel befestigte, +hätte ihn ebenso gut ins Herz treffen können +und kein Mensch würde jemals erfahren haben, wer +ihn erschlagen.</p> + +<p>Am folgenden Morgen wurde er noch heftiger +erschüttert. Sie saßen zusammen beim Frühstück, als +Lucy plötzlich einen Schrei der Ueberraschung ausstieß +und nach oben blickte. Mitten auf der Zimmerdecke +<span class="pagenum" id="Page_171">[S. 171]</span>stand in schwarzer Schrift die Zahl 28. Seine +Tochter wußte nicht, was das zu bedeuten habe und +er klärte sie nicht auf. Die folgende Nacht hindurch +saß Ferrier mit der geladenen Flinte da und hielt +Wache. Alles blieb still, er vernahm keinen Laut, +aber am nächsten Morgen fand er die Zahl 27 auf +seiner Hausthür angeschrieben.</p> + +<p>So verging ein Tag nach dem andern und jeder +neue Morgen brachte ihm Kunde, daß seine unsichtbaren +Feinde ihre Rechnung weiter führten. An +irgend einer Stelle, die ihm ins Auge fallen mußte, +hatten sie die Anzahl der Tage verzeichnet, die ihm +noch von der Gnadenfrist übrig blieb. Bald tauchten +die verhängnisvollen Nummern an den Wänden auf, +bald auf dem Fußboden, manchmal standen sie auf +kleinen Anschlagzetteln, die an dem Gartenthor oder +den Gitterstäben befestigt waren. Trotz aller Wachsamkeit +konnte Ferrier nicht entdecken, woher diese +täglichen Mahnzeichen kamen und er empfand ein fast +abergläubisches Grauen, so oft er eine neue Zahl +gewahrte. Er kam sich vor wie ein gehetztes Wild, +eine verzehrende Unruhe ergriff ihn und wer in +seinem Auge zu lesen verstand, konnte sehen, welche +Qualen er litt. Nur der Gedanke, daß der junge +Jäger jetzt bald aus Nevada eintreffen müsse, hielt +ihn noch aufrecht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_172">[S. 172]</span></p> + +<p>Aus 20 war 15, aus 15 war 10 geworden, aber +noch traf keine Nachricht von dem fernen Freunde +ein. Immer kleiner ward die Zahl der noch übrigen +Tage und Jefferson ließ sich nicht blicken. Vernahm +man einen Hufschlag oder kam ein Fuhrmann +des Weges gefahren, so eilte der alte Farmer an +das Thor, weil er glaubte, daß die ersehnte Hilfe da +sei. Erst als auf die 5 die 4 folgte und aus dieser +eine 3 wurde, sank ihm der Mut, und er gab jede +Hoffnung verloren.</p> + +<p>Wenig vertraut mit Weg und Steg in den Gebirgen, +welche die Ansiedlung umgaben, konnte er, +auf sich allein angewiesen, die Rettung nicht ins +Werk setzen; alle bekannten Pfade wurden aufs +strengste bewacht, und jeder Wanderer, der sich darauf +betreten ließ, mußte einen Passierschein des Hohen +Rats vorweisen können. Wohin sich also Ferrier +wenden mochte, nirgends bot sich ihm die Möglichkeit, +dem Verhängnis zu entfliehen, das ihn bedrohte; +dennoch schwankte der alte Mann keinen Augenblick +in seinem Entschluß, lieber das Leben zu verlieren, +als seine Tochter jener Verbindung preiszugeben.</p> + +<p>Er war in schweren Sorgen abends allein aufgeblieben +und sann vergebens nach, ob denn kein +Entrinnen mehr möglich sei. Am Morgen war die +<span class="pagenum" id="Page_173">[S. 173]</span>Zahl 2 auf der Hauswand erschienen und mit dem +nächsten Tage ging die festgesetzte Frist zu Ende. +Was würde dann geschehen? — Seine Einbildungskraft +war geschäftig, sich alle erdenklichen Schrecken +auszumalen. Und was sollte aus seiner Tochter +werden, wenn er ihr nicht mehr zur Seite stand? — +Er sah sich rings von einem unsichtbaren Netz umgeben, +das sich immer dichter zusammenzog. Von +dem Gefühl seiner Ohnmacht überwältigt, brach er +in schmerzliches Schluchzen aus und das Haupt sank +ihm auf die Brust.</p> + +<p>Aber was war das? — Durch die Stille der +Nacht kam plötzlich ein leiser, schnarrender Ton deutlich +zu ihm herüber. Er schien von der Hausthür +zu kommen. Ferrier schlich geräuschlos durch den +Gang und horchte scharf hinaus. Einige Augenblicke +vergingen, dann ließ sich der seltsame, schwache Laut +wieder vernehmen. Es klopfte jemand mit großer +Behutsamkeit an der Thür. War es ein nächtlicher +Abgesandter des heimlichen Gerichts, der gekommen +war, um dessen Mordbefehl auszuführen, oder sollte +ihm noch besonders angekündigt werden, daß der +letzte Tag herannahe? Die furchtbare Ungewißheit +schüttelte ihn wie im Fieber und nahm ihm jede +Widerstandskraft. Länger vermochte er die Qual +nicht mehr zu ertragen, mit der verglichen der Tod +<span class="pagenum" id="Page_174">[S. 174]</span>eine Erlösung schien. Rasch entschlossen zog er den +Riegel zurück und öffnete die Thür.</p> + +<figure class="figcenter illowe25" id="illus_0174"> + <img class="w100" src="images/illus_0174.jpg" alt="Vor der offenen Tür liegt + ein Mann auf dem Boden"> +</figure> + +<p>Draußen war alles still. Die Sterne flimmerten +am klaren Nachthimmel und weder in dem kleinen +Vorgarten, den der Zaun umschloß, noch auf der +Straße jenseits des Gitterthors, war ein menschliches +Wesen zu erblicken. Ferrier sah nach rechts +und nach links und atmete erleichtert auf. Als er +aber zufällig gerade vor sich auf den Boden schaute, +sah er mit Entsetzen zu seinen Füßen einen Mann +<span class="pagenum" id="Page_175">[S. 175]</span>platt auf der Erde liegen, Arme und Beine weit von +sich gestreckt.</p> + +<p>Der Anblick erschütterte ihn so sehr, daß er +gegen die Wand taumelte und Mühe hatte, den +wilden Schrei zu ersticken, der sich ihm auf die Lippen +drängte. Sein erster Gedanke war, daß es ein Verwundeter +oder Sterbender sein müsse; allein plötzlich +kam Leben in die Gestalt, sie wand sich wie eine +Schlange behende und geräuschlos am Boden entlang +und erreichte den Hausflur. Sobald der Mann über +die Schwelle gekommen war, sprang er rasch in die +Höhe, schloß die Thür und vor dem überraschten +Farmer stand Jefferson Hope mit ingrimmiger, entschlossener +Miene.</p> + +<p>„Großer Gott — du bist es —,“ keuchte John +Ferrier; „weshalb kommst du so geschlichen? Du +hast mich furchtbar erschreckt.“</p> + +<p>„Gieb mir zu essen,“ rief jener mit heiserer +Stimme, „seit achtundvierzig Stunden habe ich weder +Trank noch Speise zu mir genommen.“ Er griff +gierig nach Brot und Fleisch, das noch von Ferriers +Abendmahlzeit auf dem Tische stand. „Hält sich +Lucy tapfer?“ war seine erste Frage, sobald er seinen +Heißhunger gestillt hatte.</p> + +<p>„Ja, doch kennt sie die Größe der Gefahr nicht.“</p> + +<p>„Das ist gut. Das Haus wird von allen Seiten +<span class="pagenum" id="Page_176">[S. 176]</span>bewacht; ich konnte mich nur kriechend nähern, um +nicht bemerkt zu werden. Sie passen scharf auf, +doch sind sie nicht schlau genug, um einen Washoe-Jäger +zu fangen.“</p> + +<p>John Ferrier war wie umgewandelt, nun er auf +den Beistand eines getreuen Verbündeten zählen +durfte. „Du bist ein Mann unter Tausenden,“ rief +er, Jeffersons Hand herzlich schüttelnd; „nicht jeder +wäre gekommen, um Gefahr und Not mit uns zu +teilen.“</p> + +<p>„Wärst du allein in der Bedrängnis, Vater, +wahrlich — ich hätte es mir wohl zweimal überlegt, +bevor ich mich in dieses Wespennest wagte,“ erwiderte +der junge Hope freimütig. „Um Lucys willen bin +ich hier und ehe ich zugebe, daß ihr ein Leid geschieht, +müssen sie mir das Leben nehmen.“</p> + +<p>„Was soll denn aber nun werden? Laß uns +rasch handeln!“</p> + +<p>„Morgen ist euer letzter Tag; wenn wir nicht +diese Nacht entfliehen, seid ihr verloren. In der +Adlerschlucht stehen zwei Pferde und ein Maultier +bereit. Wieviel Geld hast du?“</p> + +<p>„Zweitausend Dollars in Gold und fünftausend +in Banknoten.“</p> + +<p>„Das genügt; ich kann etwa die gleiche Summe +hinzulegen. Wir müssen übers Gebirge nach Carson +<span class="pagenum" id="Page_177">[S. 177]</span>City. Lucy soll sich sogleich fertig machen. Gut, +daß die Dienstboten nicht im Hause schlafen.“</p> + +<p>Während Ferrier ging, seine Tochter zu wecken, +traf Jefferson Hope die nötigen Vorkehrungen zur +Flucht. Was sich von Eßwaren vorfand, packte er +in ein kleines Bündel und füllte einen Steinkrug mit +Wasser, da er wußte, daß sie in den Bergen nur auf +wenige Quellen stoßen würden. Jetzt kehrte auch +Ferrier mit Lucy zurück; beide waren zum Aufbruch +bereit. Die Liebenden begrüßten einander mit wenigen +herzlichen Worten, jeder Augenblick war kostbar +und es gab noch viel zu überlegen.</p> + +<p>„Wir müssen auf der Stelle fort,“ sagte Jefferson +mit leiser, aber fester Stimme. „Es gilt der +Gefahr mutig zu trotzen. Beide Eingänge, der +vordere sowohl als der hintere, werden bewacht, +aber bei gehöriger Vorsicht können wir durch das +Seitenfenster entfliehen, das auf die Felder geht. +Haben wir erst die Straße erreicht, so sind wir nur +eine kurze halbe Stunde von der Schlucht entfernt, +wo die Pferde warten. Bei Tagesanbruch müssen +wir schon tief im Gebirge sein.“</p> + +<p>„Aber, wenn wir angehalten werden?“ fragte +Ferrier.</p> + +<p>Hope deutete auf die Mündung des Revolvers, +den er in seinem Wamse trug. „Wenn ihrer zu +<span class="pagenum" id="Page_178">[S. 178]</span>viele sind, müssen zwei oder drei ins Gras beißen,“ +sagte er mit grimmigem Lächeln.</p> + +<p>Alles Licht im Hause war ausgelöscht und Ferrier +warf durch das dunkle Fenster noch einen Blick auf +seine Wiesen und Felder hinaus, welche er für immer +verlassen sollte. Schon längst war er jedoch auf dies +Opfer vorbereitet und der Gedanke an seiner Tochter +Glück und Ehre verscheuchte allen Kummer über den +Verlust seines Eigentums. Die Gegend lag so still +und friedlich da, die Bäume rauschten und das Korn +wogte im Winde; es war schwer zu glauben, daß da +draußen allerwärts der Mord auf sie lauere. Die +bleiche, entschlossene Miene des jungen Jägers verriet +aber nur allzu deutlich, daß er auf dem Wege +nach dem Hause genug gesehen hatte, um darüber +keinerlei Zweifel zu hegen.</p> + +<p>Ferrier trug einen Sack mit dem Gold und den +Banknoten, Jefferson die Vorräte an Eßwaren und +den Wasserkrug; Lucy hatte ihre liebsten Besitztümer +in ein Bündel geschnürt. Langsam und vorsichtig +öffneten sie das Fenster und warteten, bis eine dunkle +Wolke, die herangezogen kam, die Gegend in Finsternis +hüllte, dann kletterten sie geräuschlos in den +Vorgarten hinab. Mit verhaltenem Atem, halb +schleichend, halb kriechend, erreichten sie glücklich den +Heckenzaun, in dessen Schutze sie vorwärts eilten, +<span class="pagenum" id="Page_179">[S. 179]</span>bis sie an eine Lücke kamen, durch welche man in die +Felder hinaus gelangte. Sie befanden sich gerade +an dieser Stelle, als Jefferson sich plötzlich zu Boden +warf, und Vater und Tochter mit sich zog. Das +geübte Ohr des Steppenjägers hatte ein Geräusch +vernommen. Kaum lauerten sie in ihrem Versteck, +als wenige Schritte von ihnen der trübselige Ruf +einer Bergeule ertönte, dem ein anderer Eulenruf +aus einiger Entfernung antwortete. Gleich darauf +sahen sie den Schatten eines Mannes an der Zaunlücke +vorbeigleiten und eine zweite Gestalt tauchte +aus dem Dunkel auf.</p> + +<p>„Morgen um Mitternacht, wenn das Käuzchen +dreimal ruft,“ sagte der erste im Ton des Befehls.</p> + +<p>„Wohl,“ versetzte der zweite; „soll ich Bruder +Drebber benachrichtigen?“</p> + +<p>„Sage ihm die Weisung, er soll sie weiter geben. +<em class="gesperrt">Neun und sieben.</em>“</p> + +<p>„<em class="gesperrt">Sieben und fünf!</em>“ entgegnete der andere, +und die beiden entfernten sich nach verschiedenen +Richtungen. Ihre letzten Worte sollten offenbar +eine Art Losung sein. Kaum waren ihre Tritte +verhallt, als Jefferson aufsprang und mit seinen +Gefährten, so rasch sie ihre Füße trugen, quer durch +die Felder lief.</p> + +<p>„Vorwärts, vorwärts,“ keuchte er von Zeit zu +<span class="pagenum" id="Page_180">[S. 180]</span>Zeit; „wir sind schon an den Wachtposten vorbei, +nur die größte Eile kann uns retten.“</p> + +<p>Wenn Lucys Kräfte zu versagen drohten, half +er ihr und stützte sie mit starkem Arm. Auf der +Landstraße angelangt, kamen sie rasch weiter, und +kurz vor der Stadt bog ihr Führer in einen schmalen, +steilen Pfad ab, der zu den Bergen aufstieg. Zwei +dunkle, zerklüftete Felsspitzen ragten vor ihnen empor +in der Finsternis; zwischen diesen öffnete sich +die Adlerschlucht, wo die Pferde warteten. Von +sicherm Instinkt geleitet, fand Jefferson den Weg +zwischen Felsblöcken und in dem trockenen Bett eines +Waldbachs, bis sie den versteckten Schlupfwinkel erreichten, +wo er die treuen Tiere festgebunden hatte. +Das Mädchen bestieg das Maultier und Ferrier mit +dem Geldsack eines der Pferde, während Jefferson +Hope das andere auf dem gefährlichen Pfade am +Zügel führte.</p> + +<p>Rechter Hand ragte eine wohl tausend Fuß hohe +Felswand und zur Linken lagen Steinblöcke und +Trümmer wild durcheinander geworfen. Der Fußsteg, +der in regelmäßigem Zickzack mitten durch +diese Wildnis führt, war an manchen Stellen so +schmal, daß sie ihn hintereinander einzeln verfolgen +mußten, und so rauh, daß nur die geübtesten Reiter +ihn ohne Unfall passieren konnten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_181">[S. 181]</span></p> + +<p>Trotz aller Mühsal und Beschwerde war den +Flüchtlingen dennoch fröhlich zu Mut, weil jeder +Schritt, den sie vorwärts thaten, sie weiter aus dem +Bereich des Tyrannen brachte, dem sie entrinnen +wollten.</p> + +<p>Bald jedoch erhielten sie den Beweis, daß sie +noch immer nicht dem Bann der ‚Heiligen‘ entflohen +waren. Sie hatten eben die ödeste und wildeste +Stelle des Gebirgspasses erreicht, als Lucy mit einem +Ausruf des Schreckens nach oben deutete. Auf einem +Felsvorsprung, der den Pfad beherrschte und sich +klar gegen den Himmel abhob, stand ein einsamer +Wachtposten. Er hatte die Reiter gleichfalls bemerkt +und seine Frage: „Wer geht da?“ klang herausfordernd +durch die stille Schlucht.</p> + +<p>„Reisende nach Nevada,“ rief Jefferson Hope, +die Hand an der Flinte, welche am Sattel hing.</p> + +<p>„Mit wessen Erlaubnis?“ schallte es von oben +herunter.</p> + +<p>„Der heiligen Vier,“ gab Jefferson zur Antwort. +Er wußte von seinem Aufenthalt bei den +Mormonen, daß dies die höchste Obergewalt sei.</p> + +<p>„<em class="gesperrt">Neun und sieben!</em>“ rief die Schildwache.</p> + +<p>„<em class="gesperrt">Sieben und fünf!</em>“ entgegnete Jefferson +rasch, sich der Losung erinnernd, die er im Garten +gehört hatte.</p> + +<figure class="figcenter illowe32" id="illus_0182"> + <img class="w100" src="images/illus_0182.jpg" alt="Die Flüchtenden passieren + den Wächter, der mit seinem Gewehr im Arm auf einem Felsen steht"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Page_183">[S. 183]</span></p> + +<p>„Passiert — der Herr sei mit euch!“ ertönte es +von der Felsspitze.</p> + +<p>Bald darauf war der Weg breiter und die Pferde +konnten sich in Trab setzen. Noch einmal sahen sie +zurück nach dem einsamen Wächter, der sein Gewehr +im Arm, an dem Felsen lehnte. Sie wußten, daß +sie den letzten Posten der Mormonen hinter sich +hatten und die Freiheit vor ihnen lag.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_184">[S. 184]</span></p> + +<h3 class="padtop1_5" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.<br> +<b class="s4">Die Würgengel.</b></h3> + +</div> + +<p>Die ganze Nacht hindurch wanderten die Flüchtlinge +über felsiges Gestein und durch die verschlungensten +Pfade. Kamen sie auch öfters vom Wege +ab, so wußte sich doch Jefferson, bei seiner genauen +Kenntnis des Gebirges, immer wieder zurecht zu +finden. Beim Morgengrauen enthüllte sich ihnen +ein Schauspiel von wilder, aber wunderbarer Schönheit. +In der weiten Runde sahen sie sich ringsum +von hohen, schneebedeckten Berggipfeln eingeschlossen, +die bis zu unabsehbaren Fernen neben und über +einander emporragten. Droben im Gestein wurzelten +Lärchen- und Fichtenbäume, die der nächste +Windstoß von den steilen Felswänden auf ihre +Häupter herabschleudern konnte; es lagen Steintrümmer +und Baumstämme genug unten im Thal +verstreut, zum Zeichen, daß ein solcher Absturz wohl +zu fürchten sei. Eben jetzt löste sich wieder ein +großes Felsstück und fiel donnernd in die Tiefe; +erschreckt fuhren die müden Pferde auf und setzten +sich in schärferen Trab.</p> + +<p>Nun stieg die Sonne über den östlichen Horizont +und entzündete die Berggipfel wie Lampen bei +<span class="pagenum" id="Page_185">[S. 185]</span>einem Fest, einen nach dem andern, bis sie alle +glühten und leuchteten. Es war ein Anblick von +solcher Erhabenheit, wie ihn die Flüchtlinge noch +nie geschaut; er erfreute ihre Herzen und stärkte sie +mit neuer Kraft und Zuversicht. Am Ufer eines +Waldbaches, der aus der Schlucht hervorbrauste, +machten sie bald darauf Halt, tränkten ihre Pferde +und nahmen ein hastiges Mahl ein. Lucy und ihr +Vater hätten gern eine Weile gerastet, aber Jefferson +gab das nicht zu. „Sie sind uns jetzt gewiß +schon auf der Spur,“ sagte er; „Eile thut vor allem +not. Erst wenn wir sicher in Carson angelangt +sind, dürfen wir daran denken, der Ruhe zu +pflegen.“</p> + +<p>Den ganzen Tag lang ging es weiter durch +Hohlwege und Schluchten; am Abend mußten sie nach +ihrer Berechnung weit mehr als dreißig Meilen +zurückgelegt haben. Erschöpft suchten sie nun unter +einer vorspringenden Klippe Schutz vor dem kühlen +Nachtwind, schmiegten sich fest aneinander, um sich +zu erwärmen und gönnten sich einige Stunden +Schlaf. Bis jetzt hatten sie nicht das geringste Anzeichen +einer Verfolgung entdeckt und Jefferson +Hope glaubte schon, dem grimmigen Feinde glücklich +entronnen zu sein. Ach, er ahnte nicht, wie weit +dessen gefürchteter Arm reichte, und wie bald er +<span class="pagenum" id="Page_186">[S. 186]</span>sich ausstrecken würde, um sie erbarmungslos zu +zerschmettern.</p> + +<p>Um die Mittagszeit des zweiten Tages ihrer +Flucht begann ihr geringer Vorrat von Lebensmitteln +auf die Neige zu gehen. Dem Jäger machte +das wenig Sorge; es mangelte nicht an Wildpret im +Gebirge und seine Flinte hatte ihm schon öfters +die nötige Nahrung verschafft. An einer geschützten +Stelle häufte er trockene Zweige auf und zündete +ein mächtiges Feuer an, damit sich Vater und Tochter +wärmen könnten, denn sie befanden sich jetzt in einer +Höhe von 5000 Fuß über dem Meeresspiegel und die +Luft wehte scharf und kalt. Jefferson band die Pferde +fest, nahm Abschied von Lucy, warf die Flinte +über die Schulter und zog aus, um sein Waidmannsglück +zu versuchen. Als er sich noch einmal umwandte, +sah er den Alten neben dem jungen Mädchen +am Feuer sitzen und im Hintergrunde die drei +Reitpferde, bewegungslos, wie aus Stein gehauen. +Schon im nächsten Augenblick hatten die Felsen ihm +das Bild verdeckt.</p> + +<p>Mehrere Meilen wanderte er von Schlucht zu +Schlucht, ohne auf eine Beute zu stoßen, wiewohl er +aus mancherlei Anzeichen erkannte, daß Bären in +der Nähe sein mußten. Schon wollte er nach mehrstündigem +fruchtlosem Suchen unverrichteter Sache +<span class="pagenum" id="Page_187">[S. 187]</span>zurückkehren, als er zu seiner Freude auf einem +Felsvorsprung, um einige hundert Fuß über der +Stelle, an der er stand, den gewaltigen Kopf eines +Dickhorns gewahrte, jenes wilden Bergschafes, das +sich herdenweise in diesen Höhen findet. Rasch warf +sich Jefferson zu Boden, stützte sein Schießgewehr auf +einen Steinblock, zielte lange und gab Feuer. Das +Tier that einen Sprung in die Luft, schwankte einen +Augenblick am Rande des Abgrunds und stürzte +dann jäh ins Thal hinab, wohin Jefferson eilig +nachkletterte. Die ganze Beute fortzuschaffen war +unmöglich, der Jäger mußte sich begnügen, mit +seinem Jagdmesser einen Schenkel des Tieres abzuschneiden +und auf seine Schulter zu laden. Nachdem +dies geschehen, machte er sich ohne Zaudern +auf den Rückweg, — aber das war kein leichtes Beginnen. +Der Abend brach schon herein und in dem +ungewissen Dämmerlicht war es schwer, sich zurecht +zu finden, denn das Thal verzweigte sich in viele +Schluchten, die alle einander zum Verwechseln ähnlich +sahen. Mühsam war Jefferson in der einen +Schlucht emporgeklommen, als ihm ein Bergstrom +entgegenschoß und seinen Weg hemmte; nun ging +er zurück und wählte einen andern Aufstieg, aber +ohne bessern Erfolg. Es war bereits Nacht geworden, +als er endlich an einen Hohlweg gelangte, +<span class="pagenum" id="Page_188">[S. 188]</span>der ihm bekannt vorkam. Abermals kletterte er +zwischen den steilen Felswänden aufwärts mit seiner +Last. Der Pfad lag im tiefsten Dunkel, denn der +Mond war noch nicht aufgegangen, und Jefferson +strauchelte oft auf dem rauhen Wege; doch der Gedanke, +daß er mit jedem Schritt seiner geliebten +Lucy näher kam, trieb ihn rastlos weiter; auch +brachte er ja genug Vorrat mit, um sie während der +ganzen Dauer der Flucht vor Mangel zu schützen. +Auf der Höhe angekommen, ward er zu seiner Freude +gewahr, daß er von der Stelle, wo er seine Schutzbefohlenen +verlassen hatte, nicht mehr allzufern sei; +schon erkannte er, trotz der Finsternis, die schwachen +Umrisse der Felsspitzen am Eingang der Schlucht. +Fast fünf Stunden war er fortgeblieben — mit wie +banger Sehnsucht mochten sie ihn erwarten. Um +seine glückliche Rückkehr zu verkünden, rief er ein +lautes Hallo! in die Berge hinein. Dann stand er +lauschend da, ob keine Antwort käme, aber nur der +Ton seiner eigenen Stimme schallte in vielfachem +Wiederhall von den Bergen; sonst blieb alles still. +Noch stärker und dringender ertönte jetzt sein Ruf, +aber kein Laut aus geliebtem Munde hieß ihn willkommen. +Von unbestimmter Angst ergriffen, ließ +er die schwer errungene Beute zu Boden fallen und +stürmte wie rasend vorwärts.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_189">[S. 189]</span></p> + +<p>Jetzt bog er um die Ecke und vor ihm lag der +Platz, wo er das Feuer angezündet hatte. Noch +glühte der Aschenhaufen, aber man hatte kein Holz +zugelegt und die Flamme war erloschen. Ringsumher +herrschte Todesschweigen. Seine Furcht ward +zur Gewißheit; nirgends ließ sich ein lebendes Wesen +erblicken — die Pferde, das Mädchen, der Alte, +waren spurlos verschwunden. Das Unheil mußte +während seiner Abwesenheit urplötzlich hereingebrochen +sein, zu ihrer aller Verderben.</p> + +<figure class="figcenter illowe42" id="illus_0190"> + <img class="w100" src="images/illus_0190.jpg" alt="Jefferson Hope untersucht + das Lager der Geflüchteten"> +</figure> + +<p>Verwirrt und betäubt von dem schweren Schicksalsschlag, +der ihn so unvermutet traf, stützte sich +Jefferson auf sein Gewehr, sonst wäre er umgesunken. +Doch rasch überwand er diesen Anfall von +Schwäche, denn er war seiner ganzen Natur nach ein +Mann der That. Mit bebender Hand zog er ein erst +halbverkohltes Holzstück aus der Asche, blies die +glimmenden Funken zur Flamme an und untersuchte +mit Hilfe dieser Leuchte den Lagerplatz. Der +Boden war nach allen Seiten hin von Pferdehufen +zerstampft, ein Beweis, daß die Flüchtlinge durch +eine große Schar Berittener eingeholt worden, welche +dann, wie die vorhandenen Spuren vermuten ließen, +die Richtung nach der Salzseestadt eingeschlagen +hatten. Waren Vater und Tochter in ihre Hände +gefallen und beide von ihnen mit fortgeschleppt +<span class="pagenum" id="Page_190">[S. 190]</span>worden? — Jefferson Hope mochte dies zuerst geglaubt +haben, allein plötzlich fuhr er zusammen, und +das Blut erstarrte ihm in den Adern. Etwas abseits +von dem Lagerplatz sah er einen frisch aufgeworfenen +Haufen rötlicher Erde, der vorher sicherlich +nicht dagewesen war. Hatte man dort ein Grab +gegraben? — Der junge Jäger trat näher hinzu — +im Boden steckte ein Stab, an dem ein Blatt Papier +befestigt war. Es trug eine kurze, aber bedeutsame +Inschrift:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_191">[S. 191]</span></p> + +<p class="center"> + „John Ferrier aus der Salzseestadt,<br> +  gestorben den 4ten August 1860.“ +</p> + +<p>Der wackere, alte Mann, den er vor wenigen +Stunden erst in der Fülle der Kraft verlassen, war +also tot und dies seine ganze Grabschrift. Jefferson +sah sich mit wilden Blicken nach einem zweiten Hügel +um, aber ein solcher war nicht zu entdecken. Die +Unmenschen mußten Lucy mit sich geführt haben, +um sie dem Sohn des Aeltesten zu übergeben, damit +sie das ihr bestimmte Geschick erfülle und ihm als +Frau in seinen Harem folge. Als Jefferson erkannte, +wie völlig machtlos er sei, dies Schicksal +von ihr abzuwenden, da schien ihm im ersten Augenblick +der alte Ferrier beneidenswert, der da unten +den stillen Schlaf des Todes schlief. Doch nicht lange +überließ er sich seiner dumpfen Verzweiflung. War +ihm nichts anderes geblieben, so konnte er wenigstens +sein Leben der Rache weihen.</p> + +<p>Während er starren Auges dastand und in die +Asche blickte, fühlte er, daß es für seinen Schmerz +keine Linderung gab, bevor er nicht mit eigener Hand +blutige Wiedervergeltung an seinen Feinden geübt +hätte.</p> + +<p>Neben unermüdlicher Geduld und Ausdauer lag +in Jeffersons Charakter eine nicht zu bezähmende +Rachsucht, die er vielleicht von den Indianern gelernt +<span class="pagenum" id="Page_192">[S. 192]</span>hatte, unter denen er solange gelebt. Sein +starker Wille, seine rastlose Thatkraft sollten jetzt +nur noch das <em class="gesperrt">eine</em> Ziel verfolgen, das war sein +fester Entschluß. Mit bleicher, ingrimmiger Miene +kehrte er nach der Stelle zurück, wo seine Jagdbeute +noch am Boden lag, darauf blies er das Feuer an +und bereitete sich Speise für die nächsten Tage. Dann +brach er auf, ohne seiner Ermüdung zu achten, +um der Spur der Würgengel durch das Gebirge zu +folgen.</p> + +<p>Fünf Tage lang pilgerte er mit wunden Füßen +durch die Schluchten und Hohlwege zurück, welche er +vor kurzem hinaufgeritten war. Bei Einbruch der +Nacht warf er sich unter einem Felsvorsprung nieder, +um ein paar Stunden zu ruhen, und sobald der +Morgen graute, begann er seine Wanderung von +neuem. Als er am sechsten Tage erschöpft und abgemattet +die Adlerschlucht erreichte, von wo aus +ihre unheilvolle Flucht den Anfang genommen, sah +er die ‚Stadt der Heiligen‘ weit ausgebreitet zu +seinen Füßen liegen. In ohnmächtigem Zorn +schüttelte er drohend die geballte Faust gegen den +Wohnplatz der Uebelthäter. Aber halt — was hatte +das zu bedeuten? — In den Hauptstraßen sah er +Fahnen von den Dächern wehen und festlichen +Schmuck an den Häusern. Während er noch darüber +<span class="pagenum" id="Page_193">[S. 193]</span>nachsann, schallte der Hufschlag eines Pferdes und +ein Reiter kam herangetrabt. Jefferson kannte den +Mann, es war der Mormone Cowper, dem er früher +manchen Dienst erwiesen hatte; von ihm durfte er +hoffen, Nachricht über Lucys Schicksal zu erhalten.</p> + +<p>Der Mormone sah Jefferson zuerst mit ungläubigen +Blicken an, als ihm dieser in den Weg trat und +seinen Namen nannte. Wer hätte auch in dem verwilderten +und zerzausten Wanderer mit den unheimlich +rollenden Augen und der bleichen Miene +den früher so schmucken jungen Jäger erkennen +sollen? — Sobald Cowper jedoch wußte, wen er +vor sich hatte, erschrak er heftig.</p> + +<p>„Seid Ihr rasend, daß Ihr Euch hierher wagt?“ +rief er. „Wenn man mich hier im Gespräch mit +Euch sieht, ist mein eigenes Leben verwirkt. Wißt +Ihr nicht, daß die ‚heiligen Vier‘ einen Haftbefehl +gegen Euch erlassen haben, weil Ihr den Ferriers +zur Flucht behilflich gewesen seid?“</p> + +<p>„Ich fürchte weder die Schurken noch ihren Haftbefehl,“ +rief Jefferson entrüstet. „Cowper,“ fuhr +er dann, seine Erregung bezwingend, fort, „wir +sind immer Freunde gewesen — bei allem, was Euch +teuer ist, beschwöre ich Euch, mir eine Frage zu +beantworten. Um Gottes willen, verweigert mir die +Antwort nicht.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_194">[S. 194]</span></p> + +<p>„Was wünscht Ihr zu wissen?“ fragte der Mormone, +sich ängstlich umblickend; „redet schnell, hier +hat alles Augen und Ohren, auch die Felsen und +Bäume.“</p> + +<p>„Was ist aus Lucy Ferrier geworden?“</p> + +<p>„Man hat sie gestern dem jungen Drebber zur +Frau gegeben. — Faßt Euch, Mann, faßt Euch +— Ihr werdet ja bleich wie der Tod.“</p> + +<p>Jefferson war auf den nächsten Felsblock niedergesunken, +seine Lippen bebten. „Drebbers Frau, +sagt Ihr?“ stammelte er mit brechender Stimme.</p> + +<p>„Ja, seit gestern — deshalb seht Ihr auch die +Stadt noch im Fahnenschmuck. Drebber und Stangerson, +die jüngeren, stritten sich um ihren Besitz. +Bei der Verfolgung, an der sich beide beteiligt +hatten, war ihr Vater von Stangersons Hand gefallen, +was diesem ein größeres Vorrecht zu geben +schien. Als jedoch die Frage vor die Ratsversammlung +gebracht wurde, war Drebbers Anhang stärker +und der Prophet entschied zu seinen Gunsten. Es +wird sie aber keiner lange sein eigen nennen, sie +sieht geisterbleich aus und der Tod stand ihr schon +gestern im Gesicht geschrieben. — Wollt Ihr jetzt +fort?“</p> + +<p>„Ja, ich gehe,“ sagte Jefferson, sich mühsam erhebend; +sein Antlitz war bleich und starr, wie aus +<span class="pagenum" id="Page_195">[S. 195]</span>Marmor gemeißelt, nur in seinen Augen glühte ein +wildes Feuer.</p> + +<p>„Wo wollt Ihr hin?“</p> + +<p>„Fragt mich nicht,“ erwiderte er und hing sich +die Flinte über die Schulter. Dann schritt er die +Schlucht hinab und vergrub sich tief in den Bergen, +wo nur Bären und Wölfe hausten; aber keines der +reißenden Tiere war grimmiger und blutdürstiger +als er.</p> + +<p>Was der Mormone vorausgesagt hatte, ging nur +zu bald in Erfüllung. War es der Schmerz über +den plötzlichen Tod ihres Vaters, was der armen +Lucy am Lebensmark zehrte, oder der Abscheu vor +der verhaßten Ehe, zu der man sie gezwungen — +sie siechte von Tag zu Tag dahin und starb noch +ehe ein Monat um war. Der rohe Mensch, welcher +sie nur geheiratet hatte, um Ferriers reichen Besitz +in die Hände zu bekommen, trug wenig Kummer zur +Schau über seinen Verlust. Aber seine andern +Frauen trauerten um die Tote und hielten in der +Nacht vor dem Begräbnis bei ihr die Leichenwache, +nach Sitte der Mormonen. Sie saßen noch um die +Bahre, als beim ersten Morgengrauen die Thür +plötzlich aufging und sie mit Staunen und Entsetzen +einen wilddreinschauenden, wettergebräunten Mann +in zerfetzter Kleidung eintreten sahen. Ohne auch +<span class="pagenum" id="Page_196">[S. 196]</span>nur einen Blick auf die geängstigten Frauen zu +werfen, schritt er nach dem Totenschrein, in dem +Lucys entseelte Hülle ruhte. Er beugte sich über +sie und berührte ihre kalte Stirn ehrfurchtsvoll mit +den Lippen, dann ergriff er sie bei der Hand und +zog ihr den Trauring vom Finger. „Den soll man +ihr nicht mit ins Grab geben,“ murmelte er dumpf. +Bevor noch jemand die rätselhafte Erscheinung anhalten +konnte, verschwand sie wieder, wie sie gekommen +war. Das alles geschah so rasch, und der +Vorgang schien so seltsam, daß man dem Bericht der +Wächterinnen schwerlich Glauben geschenkt hätte, +ohne die Thatsache, daß der goldene Reif wirklich +vom Finger der Toten verschwunden war.</p> + +<p>Monatelang hauste Jefferson Hope noch in den +Bergen, wo er ein unstätes Jägerleben führte und +für seinen Rachedurst täglich neue Nahrung einsog. +Man begann sich allerwärts von dem unheimlichen +Gesellen zu erzählen, der bald hier, bald da, in der +Umgegend der Stadt oder in den rauhen Bergschluchten +sein Wesen trieb. Einmal kam eine Kugel +durch Stangersons Fenster geflogen und pfiff dicht an +seinem Kopf vorbei. Ein andermal, als Drebbers +Weg ihn am Bergabhang hinführte, ward aus der +Höhe ein Felsstück auf ihn herabgeschleudert. Er +konnte nur dadurch einem gräßlichen Tode entgehen, +<span class="pagenum" id="Page_197">[S. 197]</span>daß er sich platt zu Boden warf. Die beiden jungen +Mormonen errieten bald, wer ihnen nach dem Leben +trachtete, und unternahmen mehrere bewaffnete +Streifzüge ins Gebirge, in der Hoffnung, ihren Todfeind +zu fangen oder zu erlegen — aber immer vergebens. +Sie gingen nun aus Vorsicht niemals allein +oder nach Dunkelwerden ins Freie, und stellten +Wachen um ihre Häuser her. Nun verstrich jedoch +eine geraume Zeit, ohne weitere Angriffe von +seiten ihres Gegners und allmählich schwand ihre +Furcht. Sie hofften, sein heißes Blut habe sich abgekühlt +und er werde das tollkühne Vorhaben aufgeben.</p> + +<p>Daran dachte jedoch Jeffersons Seele nicht. +Rache zu nehmen war und blieb sein einziger Zweck +und Gedanke. Bei seiner durchaus praktischen Natur +hatte er jedoch richtig erkannt, daß selbst die eisernste +Gesundheit ein Leben, wie er es führte, auf die +Dauer nicht ertragen könne. Mangel an gesunder +Nahrung und Beschwerden aller Art mußten bald +seine Kräfte verzehren. Was aber sollte aus seiner +Rache werden, wenn er in den Bergen eines elenden +Todes starb? — Nein, seine Feinde durften nicht +triumphieren!</p> + +<p>So war er denn nach dem Bergwerk in Nevada +zurückgekehrt, mit der Absicht, sich von den Entbehrungen +<span class="pagenum" id="Page_198">[S. 198]</span>der letzten Zeit zu erholen und Geld +genug zu erwerben, um seinen Lebenszweck weiter +verfolgen zu können. Ursprünglich gedachte er +höchstens ein Jahr lang dort zu bleiben, allein die +Umstände fügten es so, daß fünf Jahre vergingen, +bevor er zurückkehren konnte. Doch die Erinnerung +an das erlittene Unrecht und sein Verlangen nach +Rache war noch ebenso lebendig in ihm, wie in jener +entsetzlichen Nacht an John Ferriers Grabe. Verkleidet +und unter falschem Namen kam er nach der +Salzseestadt, um die gerechte Sühne zu fordern, sei +es auch mit Gefahr des eigenen Lebens. Dort erwartete +ihn jedoch eine schlimme Kunde, die seine +Pläne zu vereiteln drohte. Einige Monate zuvor +war nämlich unter dem ‚auserwählten Volke‘ eine +Spaltung entstanden. Die Mißvergnügten lehnten +sich gegen die Obergewalt der Aeltesten auf; viele +der jüngeren Gemeindeglieder verließen Utah und +gesellten sich den Ungläubigen zu. Auch Drebber +und Stangerson befanden sich unter dieser Zahl. +Es ging ein Gerücht, daß Drebber es verstanden +habe, den größten Teil seines Eigentums zu Geld +zu machen, so daß er als reicher Mann fortgezogen +war, während Stangerson, sein Gefährte, wenig +Mittel besaß. Wohin sie sich aber gewandt hatten, +darüber war kein Aufschluß zu erlangen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_199">[S. 199]</span></p> + +<p>Angesichts solcher Schwierigkeiten hätte mancher +noch so rachsüchtige Mensch sein Vorhaben aufgegeben; +daran dachte Jefferson jedoch keinen Augenblick. +Er reiste von Ort zu Ort durch die Vereinigten +Staaten, um seine Feinde aufzusuchen. Das kleine +Kapital, welches er besaß, sicherte ihm zur Not sein +Auskommen, doch nahm er Arbeit an, wo er sie fand. +Jahre vergingen, sein schwarzes Haar war grau geworden, +aber immer noch wanderte er weiter, das +Ziel verfolgend, dem er sein Leben gewidmet hatte. +Endlich ward seine Ausdauer belohnt. In Cleveland +im Staate Ohio war es, wo er eines Tages +Drebbers verhaßtes Gesicht an einem Fenster gewahrte. +So hatte er seine Beute doch zuletzt noch +aufgespürt. Rasch kehrte er in seine ärmliche Wohnung +zurück, um seinen Racheplan vorzubereiten. +Aber das Unglück wollte, daß auch Drebber bei dem +flüchtigen Blick seinen Todfeind erkannt hatte. Er +war mit Stangerson, der bei ihm das Amt eines +Privatsekretärs versah, zu einem Friedensrichter geeilt, +den er um Schutz gegen einen früheren Nebenbuhler +bat, welcher ihnen aus Haß und Eifersucht +nach dem Leben trachtete. An jenem Abend ward +Jefferson Hope plötzlich in Haft genommen und da +er außer stande war, Bürgschaft zu leisten, hielt man +ihn mehrere Wochen im Gefängnis zurück. Sobald +<span class="pagenum" id="Page_200">[S. 200]</span>er wieder in Freiheit war, begab er sich nach Drebbers Hause, +allein er fand es verlassen und erfuhr, +der Besitzer habe mit seinem Sekretär eine Reise +nach Europa angetreten.</p> + +<p>Wieder war Jeffersons Rachewerk vereitelt und +wieder trieb ihn sein grimmiger Haß, die Verfolgung +fortzusetzen. Zuvor mußte er sich jedoch die nötigen +Mittel für die Ueberfahrt erwerben. Als er genug +zusammengespart hatte, um unterwegs sein Leben +fristen zu können, schiffte er über den Ozean und +folgte der Spur seiner Feinde von Stadt zu Stadt. +Immer wieder mißlang es ihm, die Flüchtlinge einzuholen. +Bei seiner Ankunft in Petersburg waren +sie eben nach Paris gereist, und als er ihnen dahin +folgte, hatten sie sich gerade nach Kopenhagen eingeschifft; +auch dorthin kam er um einige Tage zu +spät, da sie bereits nach London unterwegs waren. +In der englischen Hauptstadt gelang es ihm zuletzt +doch noch ihrer habhaft zu werden. Auf welche Weise +dies geschah, erfahren wir am besten aus Jefferson +Hopes eigenem Bericht, welchen Dr. Watson ausführlich +in seinem Tagebuch niedergeschrieben hat.</p> + +<p>Wir kehren daher wieder zu den Aufzeichnungen +des jungen Militärarztes zurück, denen wir schon +im ersten Teil unserer Erzählung bis zu Jeffersons +Festnehmung gefolgt sind.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_201">[S. 201]</span></p> + + <h2 class="nobreak padbot1" id="Fortsetzung_von_Dr_Watsons_Erinnerungen"> + <b>Fortsetzung von Dr. Watsons Erinnerungen.</b> + </h2> + +</div> + +<p>Trotz des rasenden Widerstands, den unser Gefangener +geleistet hatte, schien er doch nicht feindlich +gegen uns gesinnt zu sein. Sobald ihm klar geworden +war, daß er bei unserer Uebermacht nichts +auszurichten vermöge, ergab er sich in sein Schicksal +und sprach mit verbindlichem Lächeln die Hoffnung +aus, daß keiner von uns bei dem Handgemenge zu +Schaden gekommen sein möchte.</p> + +<p>„Vermutlich wollen Sie mich auf die Polizei +bringen,“ wandte er sich an Sherlock Holmes; „meine +Droschke steht noch unten; wenn Sie mir die Füße +losbinden, kann ich selbst hinunter gehen; es dürfte +Ihnen doch schwer fallen, mich zu tragen.“</p> + +<p>Gregson und Lestrade wechselten bedeutsame +Blicke, der Vorschlag mochte ihnen wohl allzu gewagt +erscheinen, aber Holmes nahm den Gefangenen sogleich +beim Wort und befreite ihn von dem Tuch, +mit welchem wir ihm die Fußgelenke zusammengeschnürt +hatten. Als er aufstand, dehnte und reckte +er sich, wie um sich zu überzeugen, daß er wirklich +der Bande ledig sei. Selten war mir ein Mann mit +<span class="pagenum" id="Page_202">[S. 202]</span>so gewaltigem Gliederbau vorgekommen, und dabei +lag ein Ausdruck von Willensstärke und Entschlossenheit +in seinem sonnverbrannten Gesicht, der mir noch +furchtbarer erschien als seine riesige Körperstärke.</p> + +<p>„Sie sollten Polizeichef werden,“ sagte er, Holmes +mit aufrichtiger Bewunderung betrachtend. +„Die Art, wie Sie meine Spur verfolgt haben, +war meisterhaft.“</p> + +<p>Mein Freund lächelte. „Sie kommen mit, nicht +wahr?“ wandte er sich an die beiden Polizisten.</p> + +<p>„Ich kann Sie fahren,“ versetzte Lestrade.</p> + +<p>„Gut, und Gregson steigt mit ein; Sie auch, +Doktor — da der Fall Sie interessiert, müssen Sie +ihn auch weiter verfolgen.“</p> + +<p>Ich willigte gern ein und wir begaben uns alle +zusammen hinunter. Der Gefangene machte keine +Miene zu entfliehen, sondern stieg ruhig in seine +Droschke und wir folgten ihm. Lestrade nahm auf +dem Bock Platz; er trieb die Pferde an, und bald befanden +wir uns an Ort und Stelle. Man führte +uns in ein kleines Zimmer, wo ein Polizeiinspektor +die Angaben des Gefangenen nebst den Namen der +beiden Männer aufschrieb, als deren Mörder man +ihn anklagte. Der Inspektor, ein Mann mit blassem +Gesicht und bewegungslosen Zügen, wartete mechanisch +seines Amtes.</p> + +<figure class="figcenter illowe29" id="illus_0203"> + <img class="w100" src="images/illus_0203.jpg" alt="Jefferson Hope bei Holmes, + Watson und Lestrade"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Page_204">[S. 204]</span></p> + +<p>„Im Laufe der Woche wird der Angeklagte dem +Richter vorgeführt werden,“ sagte er, „inzwischen +thun Sie jedenfalls am besten, Jefferson Hope, +wenn Sie keinerlei Aussagen machen und Ihre +Worte mit Vorsicht wägen, da dieselben vor Gericht +gegen Sie zeugen könnten.“</p> + +<p>„Ich habe sehr viel zu sagen,“ versetzte der Gefangene +eifrig; „es ist mein dringender Wunsch, +Ihnen meine Herren, die ganze Geschichte zu erzählen.“</p> + +<p>„Besser, Sie schieben es auf, bis zu Ihrem Verhör,“ +sagte der Beamte.</p> + +<p>„Wer weiß, ob es dazu überhaupt kommt,“ entgegnete +Hope. „Fürchten Sie nichts, ich habe keine +Selbstmordgedanken, aber doch könnte ein Hindernis +eintreten. — Nicht wahr, Sie sind ein Doktor?“ +Er sah mich mit seinen dunklen Augen fragend an.</p> + +<p>Ich nickte bejahend.</p> + +<p>„Dann legen Sie Ihre Hand auf meine +Brust.“</p> + +<p>Ich that, wie er sagte und erschrak, als ich ein +heftiges Pulsieren fühlte und auffällige Geräusche +im Innern vernahm. Sein Brustkasten schien zu +erzittern und zu erbeben, wie ein schwacher Bau, +in dem eine mächtige Maschine arbeitet.</p> + +<p>„Was ist das?“ rief ich, „Sie haben ja ein +<span class="pagenum" id="Page_205">[S. 205]</span>Herzleiden, das bereits im gefährlichsten Stadium +der Entwicklung ist.“</p> + +<p>„Ganz recht,“ erwiderte er gelassen. „Letzte +Woche bin ich deswegen bei einem Arzt gewesen, +der mir gesagt hat, es könne nur noch wenige Tage +dauern, bis der Tod eintritt. Ich habe mir das +Uebel durch schlechte Nahrung und Entbehrungen +aller Art zugezogen, während ich im Gebirge am +Salzsee hauste und es hat sich seitdem von Jahr zu +Jahr verschlimmert. Jetzt ist das Werk meines +Lebens gethan und mich kümmert’s nicht, wenn es +mit mir zu Ende geht; doch möchte ich zuvor berichten, +wie sich alles zugetragen hat, damit man +mich nicht für einen gewöhnlichen Mordgesellen hält.“</p> + +<p>Nach einer kurzen Besprechung mit den beiden +Polizisten, ob es ratsam sei, ihm den Willen zu +thun, wandte sich der Inspektor an mich:</p> + +<p>„Glauben Sie, daß eine unmittelbare Gefahr +vorliegt, Doktor?“ fragte er.</p> + +<p>„Ohne allen Zweifel,“ erwiderte ich mit Bestimmtheit.</p> + +<p>„In diesem Fall fordert schon unsere Pflicht im +Interesse der Gerechtigkeit, daß wir ein Protokoll +aufnehmen. Reden Sie also, Jefferson Hope, wenn +Sie es wünschen, aber vergessen Sie nicht, daß Ihre +Aussagen zu Ihren Ungunsten gereichen könnten.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_206">[S. 206]</span></p> + +<p>„Wenn Sie nichts dawider haben, will ich mich +setzen,“ sagte der Gefangene, Platz nehmend. „Seit +einiger Zeit werde ich leicht müde; mein Uebel bringt +das mit sich. Auch mag der Kampf, den wir vor +einer halben Stunde durchgemacht haben, mir nicht +sehr zuträglich gewesen sein. Ich stehe am Rande +des Grabes, da pflegt man nicht zu lügen; was ich +sage, ist die lauterste Wahrheit und mir kann gleichgültig +sein, welchen Gebrauch Sie von meinen +Worten machen.“</p> + +<p>Er legte sich in seinen Stuhl zurück und sprach +in so ruhigem, bedächtigem Ton, als handle es +sich um die alltäglichsten Vorkommnisse. Für die +Genauigkeit des hier folgenden Berichts kann ich +mich verbürgen, denn Lestrade hat jedes Wort des +Gefangenen nachgeschrieben und mir später sein +Notizbuch zur Verfügung gestellt.</p> + +<p>„Aus welcher Ursache ich jene beiden Männer so +grimmig haßte,“ begann Jefferson Hope seine Erzählung, +„brauche ich nicht näher zu erörtern. Sie +hatten den Tod zweier Menschen, eines Vaters und +seiner Tochter, auf dem Gewissen, und ihr eigenes +Leben war verwirkt. Doch hätte kein Gerichtshof die +Missethäter mehr zur Rechenschaft gezogen, weil +schon zu lange Zeit verstrichen war, seitdem sie das +Verbrechen begangen hatten. Ich aber wußte um +<span class="pagenum" id="Page_207">[S. 207]</span>ihre Schuld und fühlte mich berufen, zugleich ihr +Richter und der Vollstrecker des Urteils in einer +Person zu sein. Ich müßte kein Herz im Leibe +haben, hätte ich anders handeln können.</p> + +<p>„Das Mädchen, von dem ich sprach, sollte vor +zwanzig Jahren meine Gattin werden. Man zwang +sie, jenen Drebber zu heiraten und sie starb vor +Gram. Ich zog der Toten den Trauring vom +Finger und that den Schwur, daß Drebber mit +seinem Blut für die Schandthat zahlen solle. Noch +in seiner Todesstunde wollte ich die Erinnerung daran +in dem Bösewicht wachrufen und ihm den Ring zeigen. +Ich folgte ihm und seinem Mitschuldigen durch +Länder und Meere, bis ich sie endlich in meine Gewalt +bekam; den Ring trug ich stets bei mir. Wenn +sie sich vorgespiegelt hatten, ich würde jemals von +ihnen ablassen, so täuschten sie sich völlig. Jetzt +kann ich mit dem Bewußtsein sterben, daß mein +Lebenszweck erfüllt ist: sie sind durch meine Hand +gefallen und ich habe nun nichts mehr zu wünschen +und zu hoffen auf der Welt.</p> + +<p>„Ihre Verfolgung ließ sich nicht leicht ins Werk +setzen, denn sie waren reich und ich arm. Mit leeren +Taschen kam ich in London an und sah ein, daß ich +irgend etwas ergreifen mußte, um meinen Unterhalt +zu erwerben. Da ich mit Wagen und Pferden +<span class="pagenum" id="Page_208">[S. 208]</span>gut umzugehen verstehe, begab ich mich nach einem +Droschkenbureau und fand bald Beschäftigung. +Wöchentlich mußte ich eine bestimmte Summe abliefern; +den Ueberschuß durfte ich behalten, er war +zwar nur gering, aber ich hatte gelernt, mich mit +wenigem zu begnügen. Um mich in dem Straßenlabyrinth +zurechtzufinden, schaffte ich mir eine Karte +an, die ich zu Rate zog. Anfänglich machte das große +Schwierigkeiten, aber sobald mir einmal die hauptsächlichsten +Hotels und Bahnhöfe geläufig waren, +half mein guter Ortssinn alle Hindernisse zu überwinden.</p> + +<p>„Es währte lange, bevor ich die Spur meiner +Feinde entdeckte, doch ließ ich in meinen Erkundigungen +nicht nach, bis ich wußte, wo ich sie zu suchen +hatte. Sie waren in Camberwell, auf dem jenseitigen +Flußufer, in einem Logierhaus abgestiegen. Nun +ich ihren Aufenthaltsort kannte, heftete ich mich +an ihre Fersen — es gab für sie kein Entrinnen +mehr. Daß sie mich wiedererkennen würden, fürchtete +ich nicht; ich hatte mir den Bart wachsen lassen, +und mein Aussehen war völlig verändert; nur eine +günstige Gelegenheit, um mein Vorhaben auszuführen, +wollte ich abwarten.</p> + +<p>„Ich folgte ihnen auf Schritt und Tritt, manchmal +zu Fuß, meistens aber mit meiner Droschke, weil +<span class="pagenum" id="Page_209">[S. 209]</span>ich dann sicher war, sie einzuholen. Nur am frühen +Morgen oder spät am Abend konnte ich noch dem +Dienst nachgehen, und kam bald in Rückstand bei +meinen Brotherren. Das kümmerte mich jedoch +wenig, denn ich trachtete nur danach, mir die Leute +nicht entgehen zu lassen.</p> + +<p>„Sie mochten wohl ahnen, daß ihnen Gefahr +drohe, und waren schlau genug, die äußerste Vorsicht +zu beobachten. Nie gingen sie nach Einbruch der +Dunkelheit aus, und stets traf man sie zusammen. +Zwei Wochen lang fuhr ich täglich hinter ihnen her, +aber ich bekam niemals den einen ohne den andern +zu sehen. Drebber war fast immer betrunken, aber +dafür hielt Stangerson unablässig die Augen offen. +Hatte sich auch, trotz meiner Ausdauer und Wachsamkeit, +bisher keine Gelegenheit zur Ausführung meines +Planes geboten, so verlor ich doch den Mut nicht, +denn eine innere Stimme sagte mir, daß die Stunde +der Vergeltung nicht mehr fern sei. Was ich am +meisten fürchtete, war, daß mich mein Herzleiden an +der Vollendung des Werkes hindern könne.</p> + +<p>„Eines Abends fuhr ich, wie ich öfters that, in +der Straße auf und ab, in der sie wohnten, und +sah, daß eine Droschke vor der Thür ihres Hauses +hielt. Bald darauf wurden Koffer herausgebracht, +Drebber und Stangerson erschienen auf der Schwelle, +<span class="pagenum" id="Page_210">[S. 210]</span>stiegen ein, und der Wagen rollte mit ihnen fort. +Ich folgte in großer Eile und Bestürzung, um sie +nicht aus den Augen zu verlieren. Als ich sie am +Eustoner Bahnhof aussteigen sah, rief ich einen +Knaben herbei, um mein Pferd zu halten, und betrat +gleich nach ihnen den Bahnsteig. Sie kamen +jedoch zu spät, der Zug nach Liverpool, den sie benützen +wollten, war bereits abgefahren und bis zu +dem nächsten hatte es noch mehrere Stunden Zeit, +wie ihnen der Schaffner auf ihre Frage mitteilte. +Stangerson schien hierüber sehr ungehalten, während +Drebbers Miene eher Befriedigung verriet. Es +gelang mir, ihnen in dem Gedränge so nahe zu +kommen, daß ich jedes Wort ihres Gesprächs verstand. +Drebber sagte, er habe noch eine kleine Angelegenheit +zu ordnen, sein Gefährte möge hier auf +seine Rückkehr warten. Als Stangerson Einspruch +erhob, weil sie beschlossen hätten, beisammen zu +bleiben, entgegnete Drebber, sein Geschäft sei delikater +Natur, er müsse es allein besorgen. Stangersons +Antwort konnte ich nicht verstehen, aber sie versetzte +den andern in Wut; mit einem wilden Fluche +fuhr er auf und schrie, er möge nicht vergessen, daß +er nur ein bezahlter Diener sei, und ihm nichts +zu befehlen habe. Der Sekretär gab nun den vergeblichen +Widerstand auf und äußerte nur noch, +<span class="pagenum" id="Page_211">[S. 211]</span>daß Drebber ihn in Hallidays Privathotel aufsuchen +möge, falls er auch noch den letzten Zug versäume. +Jener versicherte jedoch, er werde vor elf Uhr wieder +da sein, und verließ den Bahnhof.</p> + +<p>„Nun endlich war der Augenblick gekommen, auf +den ich so lange geharrt hatte: die Bösewichte waren +in meine Hand gegeben. Vereint konnten sie einander +schützen, getrennt hatte ich Gewalt über sie. +Doch wollte ich nichts übereilen und ging mit der +größten Besonnenheit zu Werke. Die Rache gewährt +nur Befriedigung, wenn unser Feind sich selbst bewußt +wird, wessen Hand es ist, die den Streich gegen +ihn führt, und weshalb ihn die Vergeltung trifft. +Mir lag bei meinem Plan vor allem daran, dem +Schändlichen keinen Zweifel zu lassen, daß er die +Strafe für seine alte Schuld erleide. Einige Tage +zuvor hatte ein Herr, der sich nach der Brixtonstraße +fahren ließ, um dort verschiedene Häuser zu +besichtigen, den Schlüssel zu einem derselben zufällig +in meiner Droschke vergessen. Er forderte ihn mir +zwar noch am selben Abend ab und erhielt ihn auch +zurück, aber ich hatte doch Zeit gehabt, einen Abdruck +davon zu nehmen, nach welchem ich einen Schlüssel +zu meinem Gebrauch anfertigen ließ. So verschaffte +ich mir den Zugang zu einem Platz in dieser großen +Stadt, an dem ich sicher war, ungestört zu bleiben. +<span class="pagenum" id="Page_212">[S. 212]</span>Es galt jetzt nur noch, die schwierige Aufgabe zu +lösen, Drebber nach diesem Hause zu bringen.</p> + +<p>„Er ging die Straße hinunter und trat bald in +diese bald in jene Schenke; in der letzten, welche er +aufsuchte, blieb er wohl eine halbe Stunde. Als +er wieder zum Vorschein kam, schwankte er unsicher +hin und her und ich sah ihn in eine Droschke steigen. +Natürlich fuhr ich dicht hinter ihm drein, über die +Waterloo-Brücke und durch endlose Straßen, bis +wir uns schließlich zu meiner Verwunderung wieder +vor dem Logierhaus befanden, welches er vor kurzem +verlassen hatte. Was ihn dorthin zurückführen +könne, begriff ich nicht. Während er ausstieg, seine +Droschke fortschickte und in das Haus trat, fuhr ich +noch etwa hundert Schritt weiter und wartete. Eine +Viertelstunde verging, da wurden plötzlich im Innern +des Hauses zornige Stimmen laut, die Thür ward +aufgestoßen und ich sah einen jungen, mir unbekannten +Menschen, der Drebber am Kragen gepackt +hatte. Mit einem kräftigen Stoß schleuderte er ihn +die Stufen hinunter, bis in die Mitte der Straße. +‚Warte, du Hund,‘ rief er und hob drohend den Stock, +den er in der Hand hielt, ‚ich will dich lehren, ein +rechtschaffenes Mädchen zu beschimpfen!‘ — Er war +in so heftigem Zorn, daß Drebber es wohl geraten +fand, sich davonzumachen, so rasch ihn seine Beine +<span class="pagenum" id="Page_213">[S. 213]</span>tragen wollten. Er lief geradewegs auf meine +Droschke zu, die an der Straßenecke hielt. ‚Nach +Hallidays Hotel!‘ rief er und sprang hinein.</p> + +<p>„Als ich ihn glücklich im Wagen hatte, pochte +mein Herz vor Freude so laut, als wollte es zerspringen. +Ich zwang mich, ruhig zu bleiben, fuhr +langsam weiter und überlegte, was nun zu thun sei. +Einen Augenblick schwankte ich, ob ich ihn nicht zur +Stadt hinausfahren und in irgend einer abgelegenen +Gegend die letzte Unterredung mit ihm halten solle; +fast war ich schon dazu entschlossen, als er selbst die +Frage entschied. Wir kamen an einer Schenke vorbei +und der Trunkenbold konnte dem Verlangen, einzukehren, +nicht widerstehen; er befahl mir zu warten, +und kam erst wieder heraus, als die Wirtschaft geschlossen +wurde. Sein Zustand war jetzt derart, +daß er keinen Widerstand mehr zu leisten vermochte.</p> + +<p>„Glauben Sie aber nicht, daß meine Absicht +war, ihn mit kaltem Blute umzubringen. Längst +hatte ich beschlossen, ihm noch eine Möglichkeit der +Rettung zu gönnen, wenn er auf meinen Plan eingehen +wollte. Während meines Wanderlebens in +Amerika hatte ich auch eine Zeitlang den Aufseherposten +in einem Laboratorium bekleidet. Eines Tages +zeigte der Professor bei seiner Vorlesung über die +Gifte, den Studenten ein Alkaloid, wie er es nannte, +<span class="pagenum" id="Page_214">[S. 214]</span>welches er aus einem südafrikanischen Pfeilgift bereitet +hatte, und von dem, wie er sagte, selbst die +kleinste Dosis unmittelbar den Tod nach sich ziehe. +Ich merkte mir das Fläschchen und sobald ich allein +war, entnahm ich demselben einige Tropfen der +Flüssigkeit. Da ich mich auch auf das Apothekerhandwerk +verstand, fertigte ich mir eine Anzahl +Pillen an, von denen einige vergiftet, die andern +ganz unschädlich waren. Eine Pille von jeder Sorte +that ich in eine Schachtel, mit der Absicht, am Tage +der Rechenschaft meinem Feinde die Wahl zwischen +beiden zu lassen und selbst diejenige zu verschlucken, +welche er übrig ließ. Es war so gut ein Zweikampf +auf Tod und Leben wie jeder andere, nur würde er +in der Stille vor sich gehen. Seit jener Zeit trug +ich die Pillenschachteln stets bei mir, und jetzt war +der Augenblick gekommen, da sie ihren Zweck erfüllen +sollten.</p> + +<p>„Mitternacht war längst vorüber, ein heftiger +Wind hatte sich erhoben und der Regen fiel in +Strömen. Obgleich von Nässe und Kälte durchfröstelt, +jubelte ich doch innerlich vor Freude. Zwanzig +Jahre lang hatte ich vergebens danach getrachtet, +Wiedervergeltung zu üben, jetzt endlich sollte mein +heißes Verlangen Befriedigung finden. Aus dem +Dunkel tauchte vor meinem Geist John Ferriers +<span class="pagenum" id="Page_215">[S. 215]</span>Gestalt auf und ich sah meine geliebte Lucy mir zulächeln, +so deutlich, wie ich jetzt Sie, meine Herren, +hier im Zimmer sehe. Auf der ganzen Fahrt +schwebten die teuern Schatten neben mir, bis +ich endlich vor dem Hause in der Brixtonstraße +hielt.</p> + +<p>„Kein Mensch war zu sehen, nicht ein Laut ließ +sich vernehmen, nur der Regen rauschte hernieder. +In der Droschke lag Drebber zusammengekrümmt +da in seinem Rausch und schlief. Ich faßte ihn beim +Arm. ‚Sie müssen aussteigen,‘ rief ich.</p> + +<p>„‚Schon gut, Kutscher,‘ gab er zur Antwort.</p> + +<p>„Ohne Zweifel glaubte er, bei dem Hotel angekommen +zu sein, nach welchem er fahren wollte, +denn er verließ die Droschke ohne ein weiteres Wort +und folgte mir durch den Garten in das Haus. Er +schwankte hin und her, so daß ich ihn stützen mußte. +Nun schloß ich die Thür auf und brachte ihn in das +Vorderzimmer. Den ganzen Weg lang schritten +meine Lucy und ihr Vater immer vor uns her — +ich versichere Sie.</p> + +<p>„‚Hier ist’s verteufelt dunkel,‘ murmelte Drebber +umhertastend.</p> + +<p>„‚Wir wollen gleich Licht machen,‘ erwiderte ich, +holte Streichhölzer aus der Tasche und zündete die +Wachskerze an, welche ich mitgebracht hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_216">[S. 216]</span></p> + +<p>„‚Und jetzt, Enoch Drebber,‘ rief ich, das Licht +emporhaltend, ‚seht mich an — kennt Ihr mich?‘ —</p> + +<figure class="figcenter illowe44" id="illus_0216"> + <img class="w100" src="images/illus_0216.jpg" alt="Angstvoll erkennt Enoch + Drebber seinen Widersacher"> +</figure> + +<p>„Er starrte mich eine Weile mit ausdruckslosen +Blicken an, plötzlich aber zuckte es krampfhaft in +seinen Zügen und das Entsetzen, welches sich darin +spiegelte, sagte deutlicher als Worte, daß er seinen +Feind erkannt habe. Sein Gesicht ward erdfahl, +der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn und er +bebte wie Espenlaub.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_217">[S. 217]</span></p> + +<p>„Ich lehnte ihm gegenüber an der Thür und +betrachtete ihn mit Wollust; so süß hatte ich mir die +Rache kaum vorgestellt.</p> + +<p>„‚Ihr erbärmlicher Mensch,‘ rief ich, ‚vom Salzsee +her bin ich Eurer Spur gefolgt und stets seid Ihr +mir entgangen. Aber jetzt sind wir am Ende unserer +Wanderung, denn einer von uns beiden wird die +Sonne des morgenden Tages nicht mehr aufgehen +sehen.‘</p> + +<p>„Er schreckte noch weiter vor mir zurück; sicherlich +glaubte er, daß ich im Wahnsinn spräche. Ich +war auch nahe daran, vor maßloser Erregung den +Verstand zu verlieren, meine Pulse pochten wild, +und wer weiß, was mir zugestoßen wäre, hätte mir +nicht ein Blutstrom, der mir aus der Nase quoll, +plötzlich Erleichterung gebracht.</p> + +<p>„‚Denkt an Lucy Ferrier,‘ rief ich und hob +drohend den Schlüssel empor, mit dem ich die Thür +hinter uns abgeschlossen hatte. ‚Die Strafe für +Eure Missethat hat sich lange verzögert, aber endlich +ereilt sie Euch doch.‘ Mit bebenden Lippen stand +der Feigling vor mir; er hätte wohl gern um sein +Leben gefleht, doch wußte er nur zu gut, daß ich kein +Erbarmen üben würde.</p> + +<p>„‚Sie wollen mich ermorden?‘ stammelte er.</p> + +<p>„‚Von Mord ist hier keine Rede. Wer einen +<span class="pagenum" id="Page_218">[S. 218]</span>tollen Hund tötet, mordet nicht. Habt Ihr etwa +Mitleid gefühlt für die Geliebte meines Herzens, +als Ihr sie von der Seite ihres erschlagenen Vaters +risset, um sie in Euern verruchten Harem zu +schleppen?‘</p> + +<p>„‚Ihr Vater ist nicht durch meine Hand gefallen.‘</p> + +<p>„‚Aber, daß ihr das Herz brach, ist Eure Schuld. +— So soll denn der große Gott Richter sein zwischen +mir und Euch.‘ — Ich hielt ihm die Schachtel mit +den Pillen hin. ‚Wählet,‘ rief ich, ‚in der einen ist +Tod, in der andern Leben; die, welche Ihr übrig +laßt, nehme ich. Laßt uns sehen, ob es noch Gerechtigkeit +auf Erden giebt, oder ob uns der Zufall +regiert.‘</p> + +<p>„Er wand sich vor Todesangst und flehte um +Gnade; statt der Antwort zog ich mein Messer und +hielt es ihm an die Kehle, bis er mir den Willen +gethan hatte. Dann verschluckte ich die zweite Pille, +und wir standen einander eine Minute lang gegenüber +in gespannter Erwartung, wer von uns leben +und wer sterben solle. — Nie werde ich den grauenvollen +Ausdruck seiner Mienen vergessen, als er +die ersten Anzeichen des Gifts verspürte und wußte, +er habe das Todeslos gezogen. Ich hielt ihm triumphierend +Lucys Trauring vor die Augen. Es war +nur ein Moment, denn die Wirkung des Alkaloids +<span class="pagenum" id="Page_219">[S. 219]</span>erfolgte schnell. Seine Züge verzerrten sich, er griff +mit den Händen in die Luft, stieß einen wilden Schrei +aus und fiel schwer zu Boden. Ich fühlte nach seinem +Herzschlag, aber nichts regte sich — er war tot.</p> + +<p>„Ich tauchte den Finger in mein Blut, das noch +immer herabgetropft war, ohne daß ich es beachtet +hatte, und schrieb das Wort ‚Rache‘ an die Wand. +Ob ich das zu meiner eigenen Befriedigung that, +oder um die Polizei auf eine falsche Fährte zu +locken, ist mir selbst nicht klar. Ich hatte von geheimen +Gesellschaften gehört, die auf solche Weise +ihre Opfer zeichnen.</p> + +<p>„Nun verließ ich das Haus und bestieg meine +Droschke wieder. Draußen heulte noch der wilde +Sturm, und die Straße war menschenleer. Ich mochte +schon eine ziemliche Strecke gefahren sein, als ich +Lucys Trauring vermißte, den ich immer in meiner +Brusttasche trug. Es war das einzige Erinnerungszeichen +an sie, welches ich besaß, und der Verlust traf +mich wie ein Donnerschlag. Wahrscheinlich hatte ich +den Ring verloren, als ich mich über Drebbers +Leiche beugte; ich mußte ihn wieder haben, um jeden +Preis. Rasch entschlossen kehrte ich um, ließ die +Droschke in einer Seitenstraße stehen und schritt +beherzt auf das Haus zu. Allein, fast wäre ich einem +Polizisten in die Arme gelaufen, der eben aus +<span class="pagenum" id="Page_220">[S. 220]</span>dem Gitterthor trat. Es gelang mir, seinen Argwohn +zu beschwichtigen, indem ich mich sinnlos betrunken +stellte.</p> + +<p>„Enoch Drebber hatte seinen verdienten Lohn +gefunden. Nun sollte auch Stangerson für John +Ferriers Tod büßen. Ich wartete den ganzen Tag +über auf ihn in der Nähe von Hallidays Hotel, aber +er ließ sich nicht blicken; Drebbers Ausbleiben mochte +wohl Verdacht in ihm erregt haben. Stangerson war +schlau und stets auf seiner Hut, doch diesmal nützte +ihm alle Vorsicht nicht. Welches sein Stubenfenster +sei, brachte ich leicht in Erfahrung, und mit Hilfe einer +Leiter, die noch von einem Bau her in einer Nebengasse +lag, stieg ich beim Morgengrauen in sein +Schlafzimmer ein. Ich weckte ihn und kündigte ihm +an, daß die Stunde der Rechenschaft gekommen sei, +und er seine alte Schuld bezahlen müsse. Nachdem +ich ihm Drebbers Tod geschildert, bot ich ihm dieselbe +Wahl an, wie seinem Gefährten. Er aber hörte +kaum auf mich; wie rasend sprang er aus dem +Bette und mir an die Kehle. Aus Notwehr stieß ich +ihm, zu meiner eigenen Rettung, mein Messer in +die Brust. Der Tod hätte ihn ja so wie so ereilt, +denn sicherlich würde seine schuldige Hand die vergiftete +Pille gewählt haben — die Wege der Vorsehung +sind gerecht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_221">[S. 221]</span></p> + +<p>„Mir bleibt jetzt nur noch wenig zu berichten +— und das ist gut, weil ich fühle, daß es mit meinen +Kräften zu Ende geht. Ich wollte das Kutscherhandwerk +weitertreiben, bis ich genug Geld beisammen +hätte, um nach Amerika zurückzukehren. Als +ich heute in unserm Hofe stand, hörte ich einen zerlumpten +Jungen nach einem Kutscher Namens +Jefferson Hope fragen. Er war von einem Herrn +in der Bakerstraße geschickt, um meine Droschke zu +holen. Ohne den geringsten Argwohn folgte ich +dem Boten; bevor ich aber noch recht wußte, wie mir +geschah, hatte mir schon der junge Mann hier die +Handschellen angelegt und ich war Ihr Gefangener. +Sie kennen jetzt meine ganze Lebensgeschichte. Vielleicht +gelte ich in Ihren Augen dennoch für einen +Mörder. Ich aber, meine Herren, lebe der festen +Ueberzeugung, daß ich gerade so gut ein Diener der +Gerechtigkeit bin, wie Sie selber.“</p> + +<p>Jefferson Hope hatte seine ergreifende Geschichte +mit so tiefinnerlichem Gefühl erzählt, daß wir ihm +in atemloser Spannung zuhörten. Sogar die beiden +Detektivs, die doch durch ihren Beruf gegen das +Verbrechen in jeder Form abgestumpft waren, zeigten +ein warmes Interesse. Als er geendet hatte, saßen +wir noch eine Weile stumm und nachdenklich da, +und man hörte nur Lestrades Bleistift über das +<span class="pagenum" id="Page_222">[S. 222]</span>Papier fahren, während er seinem stenographischen +Bericht die Schlußworte hinzufügte.</p> + +<p>„Nur <em class="gesperrt">eins</em> möchte ich noch wissen,“ unterbrach +endlich Sherlock Holmes die Stille: „Wer war Ihr +Helfershelfer, der auf meine Anzeige hin den Ring +zu holen kam?“</p> + +<p>Der Gefangene schüttelte den Kopf. „Anderer +Leute Geheimnisse darf ich nicht verraten,“ sagte +er; „es könnte sie in Ungelegenheiten bringen. +Ich war ungewiß, ob man mir nicht eine Falle stelle +und mein Freund erbot sich, den Ring statt meiner +zu holen. Sie werden zugeben, daß er die Sache +geschickt ausgeführt hat.“</p> + +<p>„Das will ich meinen,“ bestätigte Holmes +lächelnd.</p> + +<p>„Nun, meine Herren,“ nahm der Inspektor das +Wort, „dem Gesetz muß Genüge geschehen. Nächsten +Donnerstag wird der Gefangene dem Richter vorgeführt +werden, wobei Ihre Gegenwart erforderlich +ist. Bis dahin übernehme ich die Verantwortlichkeit +für ihn.“</p> + +<p>Er klingelte, worauf zwei Polizisten erschienen, +welche Jefferson Hope in Gewahrsam brachten. Ich +aber kehrte in Begleitung meines Freundes Holmes +nach unserer Wohnung in der Bakerstraße zurück.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_223">[S. 223]</span></p> + +<p class="mtop2">Wir hatten sämtlich eine gerichtliche Vorladung +auf Donnerstag erhalten. Als jedoch der festgesetzte +Termin herankam, bedurfte man unseres Zeugnisses +nicht mehr. Ein höherer Richter hatte die +Sache in die Hand genommen und Jefferson Hope +zur Rechenschaft vor sein Tribunal gefordert. In +der Nacht nach seiner Gefangennahme trat das erwartete +Ende ein und man fand ihn am Morgen +tot in seiner Zelle. Ein friedliches Lächeln lag +in seinen Zügen, als habe die Erinnerung an ein +wohl angewendetes Leben und glücklich vollbrachtes +Werk ihm noch die letzten Augenblicke versüßt.</p> + +<p>Am Abend saß ich mit Holmes in unserem gemeinschaftlichen +Wohnzimmer am Kamin und wir +besprachen das Ereignis.</p> + +<p>„Dieser Todesfall macht Gregson und Lestrade +einen rechten Strich durch ihre Rechnung,“ sagte +mein Freund. „Sie werden sehr unglücklich darüber +sein; wo bleibt nun ihr pomphafter Zeitungsbericht +und der Lohn für alle ihre Anstrengung?“</p> + +<p>„Mir scheint doch, daß sie mit der Gefangennahme +wenig zu thun gehabt haben,“ versetzte ich.</p> + +<p>„O, in dieser Welt kommt es nicht sowohl darauf +an, was man wirklich thut,“ rief mein Gefährte, nicht +ohne einen Anflug von Bitterkeit, „als darauf, +<span class="pagenum" id="Page_224">[S. 224]</span>daß man den Leuten einen hohen Begriff von +seinen Thaten beizubringen weiß. Aber, einerlei,“ +fuhr er nach einer Pause in heiterem Tone fort, +„ich hätte mir den Fall um keinen Preis entgehen +lassen mögen; es ist einer der besten, die mir je vorgekommen +sind. Trotz seiner Einfachheit enthielt +er mehrere äußerst lehrreiche Punkte.“</p> + +<figure class="figcenter illowe49" id="illus_0224"> + <img class="w100" src="images/illus_0224.jpg" alt="Holmes und Watson + unterhalten sich im Wohnzimmer"> +</figure> + +<p>„Das nennen Sie einfach?! —“</p> + +<p>Holmes lächelte über mein Erstaunen. „Nun +ja, wie wollen Sie es anders bezeichnen?“ sagte er. +<span class="pagenum" id="Page_225">[S. 225]</span>„Schon der Umstand, daß ich ganz allein, nur +mit Hilfe einiger alltäglicher Schlußfolgerungen, +innerhalb drei Tagen des Verbrechers habhaft geworden +bin, ist doch der schlagendste Beweis für +die Einfachheit des Falles.“</p> + +<p>„Wohl wahr,“ gab ich zu.</p> + +<p>„Ich habe Ihnen schon früher einmal auseinander +gesetzt, daß alles Ungewöhnliche eher eine +Erleichterung als ein Hindernis ist. Bei der Lösung +eines solchen Problems kommt es hauptsächlich darauf +an, ob man imstande ist, Rückschlüsse zu machen. +Das ist eine sehr nützliche und leicht zu erwerbende +Fertigkeit, aber nur wenige Leute haben Uebung +darin. Die synthetische Methode erscheint den +meisten leichter als die analytische.“</p> + +<p>„Was das heißen soll, verstehe ich nicht.“</p> + +<p>„Das glaube ich gern und will mich näher erklären: +Nach meiner Erfahrung werden die meisten +Leute, denen man verschiedene Ereignisse, die stattgefunden +haben, der Reihe nach erzählt, zu sagen +wissen, welches Resultat sich daraus ergeben wird. +Dagegen giebt es nur wenige Menschen, die, wenn +man ihnen ein Resultat mitteilt, imstande sind, +sich zu vergegenwärtigen, auf welche Art es sich +entwickelt, welche Schritte stufenweise zu dem Ergebnis +hingeleitet haben können. Diese Fähigkeit, +<span class="pagenum" id="Page_226">[S. 226]</span>Rückschlüsse zu machen, nenne ich die analytische +Methode.“</p> + +<p>„Das klingt schon weniger dunkel,“ sagte ich.</p> + +<p>„In unserem Fall lag das Ergebnis klar zu +Tage, alles übrige mußten wir aber selber finden. +Ich will Ihnen nun einmal Schritt für Schritt +zeigen, wie ich meine Schlüsse gezogen habe. Fangen +wir beim Anfang an: Ich näherte mich, wie Sie +wissen, dem Hause zu Fuß und ohne alle Voreingenommenheit. +Natürlich untersuchte ich zunächst +die Straße, und fand da, wie ich Ihnen schon sagte, +deutliche Anzeichen, daß eine Droschke bei Nacht +vorgefahren sein müsse; daß es kein Privatwagen +gewesen, erkannte ich an der schmaleren Räderspur. +Bei unsern Londoner Fuhrwerken ist der Unterschied +ziemlich bedeutend.“</p> + +<p>„Nachdem ich über diesen Punkt Gewißheit hatte, +ging ich langsam den Gartenpfad hinunter; in dem +lehmigen Boden waren alle Fußstapfen mit großer +Deutlichkeit abgedrückt. Sie haben vielleicht nur +Pfützen gesehen und zertretenes Erdreich, aber für +mein erfahrenes Auge war jedes Merkmal von Bedeutung. +Die Beobachtung der Fußspuren wird +im allgemeinen von den Detektivs viel zu sehr vernachlässigt; +ich habe stets großen Wert darauf gelegt +und sie ist mir durch fleißige Uebung zur zweiten +<span class="pagenum" id="Page_227">[S. 227]</span>Natur geworden. Ich konnte die schweren Tritte +der Schutzleute verfolgen, aber ich sah auch die +Spuren der beiden Männer, die zuerst durch den +Garten gegangen waren. Daß jene den Weg später +gemacht hatten, unterlag keinem Zweifel, denn ihre +Fußstapfen verdeckten die andern an manchen Stellen +gänzlich. Somit war das zweite Glied in meiner +Kette gefunden: ich wußte, daß zwei nächtliche +Besucher dagewesen waren, der eine ungewöhnlich groß +— was sich aus der Länge seines Schrittes ergab, +— der andere fein und modisch gekleidet, wie der +Abdruck der schmalen, eleganten Stiefel bekundete.</p> + +<p>„Beim Eintritt in das Haus fand ich letztere +Vermutung bestätigt: der feingestiefelte Mann lag +vor mir. Also mußte der andere, der große, den +Mord begangen haben, wenn ein solcher überhaupt +verübt worden war. Eine Wunde ließ sich an dem +Toten nicht entdecken, doch bewies die leidenschaftliche +Erregung in seinen Zügen, daß er sein Schicksal +vorausgesehen habe. Ein solcher Ausdruck der Unruhe +findet sich nie bei einem Menschen, der an Herzschlag +oder aus einer andern natürlichen Ursache eines +plötzlichen Todes stirbt. Ich roch an des Mannes +Lippen, entdeckte eine verdächtige Säure und schloß +daraus, daß er gezwungen worden sei, Gift zu +nehmen. Freiwillig hatte er es nicht gethan, denn +<span class="pagenum" id="Page_228">[S. 228]</span>grimmiger Haß und Todesfurcht standen ihm im +Gesicht geschrieben. Ein solcher Giftmord ist übrigens +durchaus kein unerhörtes Vorkommnis in der +Geschichte des Verbrechens und steht nicht vereinzelt +da. Jeder, der sich mit Toxikologie beschäftigt hat, +denkt dabei unwillkürlich an die Fälle Dolsky in +Odessa und Leturier in Montpellier.</p> + +<p>„Nun aber kam die große Frage nach dem Beweggrund. +Ein Raub konnte nicht beabsichtigt sein, +denn weder des Toten Börse noch seine Uhr waren +entwendet worden. Handelte es sich vielleicht um +politische Zwecke oder war eine Frau im Spiele? — +Ich neigte mich von Anfang an letzterer Meinung +zu. Der politische Fanatiker bringt seine Opfer so +rasch als möglich um und ergreift die Flucht. Dieser +Mord war aber im Gegenteil mit allem Vorbedacht +ausgeführt worden und man konnte im ganzen +Zimmer die Spur des Thäters verfolgen. Allem +Anschein nach handelte es sich um einen Akt der +Privatrache. Die Inschrift an der Wand bestärkte +mich nur in dieser Ansicht, und als zuletzt der Trauring +zum Vorschein kam, hielt ich die Frage für entschieden. +Der Mörder hatte ihn vermutlich benützt, +um sein Opfer an ein früheres Verhältnis zu irgend +einem Mädchen zu erinnern. Um hierüber Aufschluß +zu erhalten, fragte ich Gregson, ob er in seinem Telegramm +<span class="pagenum" id="Page_229">[S. 229]</span>um Nachricht über Drebbers Vorgeschichte +gebeten habe, das hatte er jedoch unterlassen.</p> + +<p>„Als ich nunmehr das Zimmer zu untersuchen +begann, fand ich meine Annahme über den Mörder +in allen Einzelheiten bestätigt; es mußte sein eigenes +Blut sein, das auf den Fußboden getropft war, +denn ein Kampf hatte nicht stattgefunden und überall, +wo er umhergegangen war, sah man die Blutspuren. +Daß ich glaubte, der Mann sei vollblütig, von kräftigem +Wuchs und blühender Gesichtsfarbe, war sehr +natürlich — hätte ihm sonst die bloße innere Aufregung +ein so heftiges Nasenbluten verursachen können? +— Von der Richtigkeit meiner Schlüsse haben +wir uns ja später durch den Augenschein überzeugt.</p> + +<p>„Nachdem ich das Haus verlassen hatte, telegraphierte +ich sofort an den Polizeiinspektor in Cleveland +und bat um Auskunft über Enoch Drebbers +eheliche Verhältnisse. Die Antwort klärte mich über +verschiedene wichtige Punkte auf. Sie lautete dahin, +daß Drebber schon einmal den Schutz des Gesetzes +gegen einen früheren Nebenbuhler Namens Jefferson +Hope angerufen habe, und daß besagter Hope sich jetzt +in Europa befinde. Hierdurch bekam ich den +Schlüssel des ganzen Geheimnisses in die Hände und +es handelte sich jetzt nur noch darum, des Mörders +habhaft zu werden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_230">[S. 230]</span></p> + +<p>„Der Mann, welcher mit Drebber in das Haus +gegangen war, hatte auch die Droschke gefahren, +das stand fest. Sein Pferd war auf der Straße sich +selbst überlassen geblieben und hatte den Wagen +bald hierhin, bald dorthin gezogen. Wo anders +konnte der Kutscher unterdessen gewesen sein, als +drinnen im Hause? Es lag ja auch auf der Hand, +daß er weit sicherer war, unentdeckt zu bleiben, +wenn er sein Verbrechen ohne Zeugen beging. Diese +Erwägung veranlaßte mich, Jefferson Hope unter +den Droschkenkutschern der Hauptstadt zu suchen. +Daß er noch unter ihnen zu finden sein müsse, wurde +mir bald zur Gewißheit. Wenn er dies Gewerbe ergriffen +hatte, um seinen Racheplan leichter ausführen +zu können, so durfte er es nicht gleich nach vollbrachter +That aufgeben, das hätte verdächtig aussehen +können. Seinen Namen hatte er schwerlich +verändert, da er hier völlig unbekannt war.</p> + +<p>„Nachdem ich dies alles wohl erwogen hatte, +schickte ich die Bande meiner Getreuen zu jedem +Droschkenbesitzer Londons, bis sie den Mann aufgespürt +hatten, nach dem ich suchte. Wie gut ihnen +das gelang und wie schnell ich die Gelegenheit beim +Schopfe nahm, haben Sie selbst gesehen.</p> + +<p>„Stangersons Ermordung kam mir ganz unvermutet, +hätte sich aber schwerlich verhindern lassen. +<span class="pagenum" id="Page_231">[S. 231]</span>Sie brachte mich in den Besitz der Pillen, deren +Vorhandensein ich bereits ahnte, und dadurch ward +auch noch mein letzter Zweifel gehoben. Mein ganzes +Verfahren beruhte, wie Sie sehen, auf einer zusammenhängenden +Kette logischer Schlüsse, in welcher +ein Glied genau an das andere paßt.“</p> + +<p>„Sie sind ein merkwürdiger Mensch,“ rief ich, +„Ihre Verdienste sollten öffentlich anerkannt werden. +Sie müssen einen Bericht über den Fall drucken lassen. +Thun <em class="gesperrt">Sie</em> es nicht, so werde <em class="gesperrt">ich</em> es übernehmen.“</p> + +<p>„Halten Sie das, wie Sie wollen, Doktor,“ entgegnete +Holmes, „es kommt doch alles auf eins +heraus. — Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel,“ +fuhr er fort, mir eine Zeitung reichend.</p> + +<p>Die Stelle im ‚Echo‘, welche er mir zu lesen +gab, lautete wie folgt:</p> + +<blockquote> + +<p>„Durch den plötzlichen Tod eines gewissen Hope, des +mutmaßlichen Mörders von Enoch Drebber und Josef +Stangerson, ist dem Publikum eine interessante +Gerichtsverhandlung entgangen. Die Einzelheiten des Falls +werden jetzt vermutlich für immer in Dunkel gehüllt +bleiben. Nur soviel hören wir aus guter Quelle, daß +es sich um eine langjährige, romantische Feindschaft +handelte, bei der das Mormonentum und eine alte Liebe +wichtige Rollen spielten. Die beiden Opfer scheinen in +früheren Zeiten zu den ‚Heiligen des jüngsten Tages‘ +gehört zu haben, und auch der im Gefängnis verstorbene +Hope kam aus der Stadt am Salzsee. Obgleich der +Fall nicht mehr öffentlich verhandelt werden kann, so +<span class="pagenum" id="Page_232">[S. 232]</span>liefert er doch einen neuen schlagenden Beweis von der +Vortrefflichkeit unserer Londoner Geheimpolizei. Alle +Fremden mögen es sich gesagt sein lassen, daß sie wohl +daran thun, ihre Streitigkeiten daheim auszufechten, +statt sie auf britischen Grund und Boden zu verpflanzen. +Es ist ein offenes Geheimnis, daß wir Hopes Gefangennahme +nur dem Scharfsinn und der Geschicklichkeit der +beiden wohlbekannten Detektivs Lestrade und Gregson +zu verdanken haben. Der Mann soll in der Wohnung +eines gewissen Sherlock Holmes verhaftet worden sein, +welcher selbst Talent und Interesse für polizeiliche +Forschung an den Tag legt. Ein Dilettant, der solche +Lehrmeister hat, darf hoffen, ihnen mit der Zeit an +Gewandtheit ähnlich zu werden. — Daß den beiden +ausgezeichneten Beamten eine angemessene Belohnung +für ihre wertvollen Dienstleistungen zu teil werden +möchte, ist dringend zu wünschen.“</p> + +</blockquote> + +<p>„Sagte ich Ihnen nicht gleich, als wir damals +unsere Fahrt antraten, wie alles kommen würde?“ +rief Sherlock Holmes lachend. „Der ganze Erfolg, +der uns aus unsern Forschungen und Bemühungen +erwächst, ist, daß <em class="gesperrt">sie</em> eine Belohnung erhalten.“</p> + +<p>„Seien Sie unbesorgt,“ rief ich, „in meinem +Tagebuch stehen sämtliche Thatsachen verzeichnet. +Das Publikum soll Kenntnis davon erhalten und +wird dem wahren Verdienst die gebührende +Anerkennung nicht versagen.“</p> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<figure class="figcenter illowe22 break-before" id="illus_0233"> + <img class="w100" src="images/illus_0233.jpg" alt="Buchanzeige: Sherlock + Holmes als Einbrecher"> +</figure> + +<div class="eng"> + +<p class="s3 center mtop1">L<span class="smaller">UTZ</span>’<br> +Kriminal- und Detektiv-<br> +Romane<br> +etc</p> + +<p class="center">Bd. 52 <span class="mleft5">M. 1.—</span></p> + +<p class="s1 center"><b class="s5">Sherlock Holmes<br> +als Einbrecher</b></p> + +<p class="s5 center">Von</p> + +<p class="s2 center">Conan Doyle</p> + +<p class="s3 center mtop2">S<span class="smaller">TUTTGART</span><br> +Verlag von Robert Lutz</p> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<p class="s4 center break-before">Memoirenbibliothek.</p> + +<hr class="r65"> + +<p class="s2 center"><b class="u">Helen Keller</b></p> + +<p class="s3 center">Die Geschichte meines Lebens</p> + +<p class="center mtop1">386 S. <em class="gesperrt">mit Illustrationen</em>. +Preis brosch. M. 5.50, in Lwd. geb. M. 6.50.</p> + +<p class="s4 center u mtop1">24 Auflagen in 24 Monaten</p> + +<p class="s5 mtop1"><em class="gesperrt">Mark Twain</em> hat den Ausspruch getan: „Die größten +Wunder des 19. Jahrhunderts sind <em class="gesperrt">Napoleon</em> und <em class="gesperrt">Helen +Keller</em>.“ — In Deutschland fand das Buch bei Publikum und +Presse begeisterte Aufnahme.</p> + +<p class="s4 center mtop1"><em class="gesperrt">Einige Urteile</em>:</p> + +<p class="s5"><span class="u">Marie von Ebner-Eschenbach</span>: „<em class="gesperrt">Tief ergriffen</em> und <em class="gesperrt">voll +der wärmsten Bewunderung</em> habe ich das Buch zu +Ende gelesen. Jede Zeile hat mir <em class="gesperrt">unaussprechliches +Interesse</em> eingeflößt. <em class="gesperrt">Als ein erhabenes Beispiel stillen +Heldentums</em> stehen Helen Keller und ihre Freundin vor +meinen Augen.“</p> + +<p class="s5"><span class="u">Kölnische Zeitung</span>: „Mit dem erhebenden Bewußtsein, ein +neues Stück menschlichen Heldentums in diesen beiden Frauen +kennen gelernt zu haben, legt man diese, <em class="gesperrt">wohl in der ganzen +Weltliteratur einzig dastehende Selbstbiographie</em> +aus der Hand.“</p> + +<p class="s5 mbot1"><span class="u">Pustets deutscher Hausschatz</span>: „Je weiter man in dem bedeutsamen +Buche vordringt, desto mehr nimmt <em class="gesperrt">unsere Bewunderung +für das außerordentliche Mädchen</em> zu. — +<em class="gesperrt">Unbestritten gehört</em> Helen Kellers Selbstbiographie <em class="gesperrt">zu den +interessantesten Büchern der Neuzeit</em>.“</p> + +<hr class="r65"> + +<p class="s4 center">Verlag von <em class="gesperrt">Robert Lutz</em> in +<em class="gesperrt">Stuttgart</em>.</p> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<p class="s4 center break-before">Verlag von <em class="gesperrt">Robert Lutz</em> in +<em class="gesperrt">Stuttgart</em></p> + +<hr class="r65"> + +<p class="s3 center mtop1">M. Cervantes</p> + +<p class="s2 center"><b>Don Quijote</b></p> + +<p class="center">Nach der Tieckschen Uebersetzung neu bearbeitet +von <span class="antiqua">Dr.</span> <b>Benno Diederich</b></p> + +<p class="s5 center"><b>Jubiläumsausgabe.</b> Preis M. 3.50 brosch., M. 4.50 +i. Lwd. geb.</p> + +<p class="mtop1">Als König Philipp III. von Spanien in Madrid +einen Mann sah, der sich, brüllend vor Lachen, in +der Gosse wälzte, sagte er zu seinen Begleitern:</p> + +<p class="s4 center">Der Mensch ist entweder verrückt —<br> +oder er hat den Don Quijote gelesen!</p> + +<p>Dies Buch, dem damals ein so phänomenaler +Lacherfolg zugetraut wurde, steht heute in Gefahr, +das Los derjenigen Klassiker zu teilen, die jeder lobt +und keiner liest, weil ihr Inhalt für den heutigen +Geschmack zumteil ganz ungenießbar ist. Dem Beispiel +der von der <em class="gesperrt">Spanischen Akademie</em> herausgegebenen +<em class="gesperrt">gekürzten</em> Jubiläumsausgabe des Don +Quijote folgend, hat es <span class="antiqua">Dr.</span> <b>Benno Diederich</b> deshalb +unternommen, auch dem deutschen Volk das +einzigartige Buch in einer</p> + +<p class="s4 center">gekürzten Jubiläumsausgabe</p> + +<p class="p0">wieder näher zu bringen, die <em class="gesperrt">alles</em> enthält, was den +Ruhm des Buches ausmacht und was an ihm unsterblich +ist. Für die meisten, die sich mit dem Don +Quijote bekannt machen wollen, dürfte daher fortan</p> + +<p class="center"><span class="u">nur diese gekürzte Ausgabe</span></p> + +<p class="p0">in Frage kommen.</p> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<p class="s4 center break-before">Verlag von <em class="gesperrt">Robert Lutz</em> in +<em class="gesperrt">Stuttgart</em></p> + +<hr class="r65"> + +<p class="s3 center mtop1">W. W. Jacobs</p> + +<p class="s2 center"><b>Seemannshumor</b></p> + +<p class="s4 center">Geschichten und Schwänke von der Wasserkante</p> + +<p class="center mtop1"><b>I. Band</b>: 13 Erzählungen. — <b>II. Band</b>: 15 Erzählungen.</p> + +<p class="center mtop1"><b>Jeder Band ist einzeln käuflich<br> + zu</b> M. 2.50 <b>broschiert;</b> M. 3.50 <b>in Lwd. gebunden.</b></p> + +<hr class="r20"> + +<p class="s3 center">Einige Urteile:</p> + +<p class="hang1 mtop1">Hamburger Nachrichten: <span class="s5">„Es herrscht hier <span class="u">ein +wirklicher, behaglicher Humor</span>, voll der tollsten +Einfälle und reger Phantasie. Echt und frisch +sind die wetterharten Gestalten gezeichnet. <span class="u">Es +kichert und lacht</span> in und zwischen den Zeilen.“</span></p> + +<p class="hang1">Intern. Literaturberichte: <span class="s5">„Wer einmal recht herzlich +lachen will, mag getrost zu Jacobs Seemannshumor greifen.“</span></p> + +<p class="hang1">Nordd. Allg. Zeitung: <span class="s5">„Jede einzelne der Erzählungen +ruft herzliches Lachen hervor.“</span></p> + +<p class="hang1">Deutsche Tageszeitung: <span class="s5">„Die Geschichten zeugen +von einem ganz <span class="u">prächtigen, urwüchsigen Seemannshumor</span>.“</span></p> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<p class="s4 center break-before">Verlag von <em class="gesperrt">Robert Lutz</em> in +<em class="gesperrt">Stuttgart</em></p> + +<hr class="r65"> + +<p class="s2 center mtop1"><span class="u">W. Weressajew</span></p> + +<p class="s2 center"><b>Bekenntnisse eines Arztes</b></p> + +<p class="s4 center">4. Auflage. (8.–10. Tausend.)</p> + +<p class="center">Preis geh. M. 2.—, in Lwd. geb. M. 3.—.</p> + +<hr class="r5"> + +<p class="s4 center"><b>Jeder Gebildete sollte dieses Buch lesen!</b></p> + +<hr class="r5"> + +<p class="s3 center"><span class="u">Einige Urteile</span>:</p> + +<p class="s5"><span class="u"><b class="s3">Peter Rosegger</b></span>: „Der Verfasser erzählt mit erschütterndem +Freimut seine Enttäuschungen, seine Mißerfolge, seine Verzweiflung an der Medizin +und — seine Hoffnung auf sie. Das Buch ist eins der +ernstesten, redlichsten und nützlichsten Werke, die je geschrieben +wurden. Weressájew ist ein ganzer, ein guter und treuer Mensch. +Aber er ist auch ein großer Schriftsteller; sein Buch ist glänzend +geschrieben.“</p> + +<p class="s5"><span class="u"><b class="s3">Pustets Deutscher Hausschatz</b></span>: „Man mag +mit ihm über diesen und jenen Punkt rechten, Hochachtung indes kann +dem Verfasser niemand vorenthalten, ebensowenig als Bewunderung +seiner großen schriftstellerischen Begabung, die sein Buch +auf jeder Seite auszeichnet.“</p> + +<p class="s5"><span class="u"><b class="s3">Rigaer Tagblatt</b></span>: „Ein Kunstwerk, ein in rückhaltloser +Offenheit gezeichnetes Seelengemälde. Manche Kapitel lesen sich in ihrer unbarmherzigen, +psychologischen Analyse wie ein moderner Roman +und könnten fast unverändert in den Werken unserer zeitgenössischen +Literatur Platz finden.“</p> + +<p class="s5"><span class="u"><b class="s3">Deutsche Medizinalzeitung, Berlin</b></span>: „Das +Buch ist für jeden Gebildeten von Interesse und von einem über die +gewöhnliche Unterhaltungslektüre weit hinausgehenden Wert.“</p> + +<hr class="full x-ebookmaker-drope"> + +<p class="s4 center break-before">Verlag von <em class="gesperrt">Robert Lutz</em> in +<em class="gesperrt">Stuttgart</em></p> + +<hr class="r65"> + +<p class="s3 center mtop1"><b>Anekdoten-Bibliothek</b></p> + +<div class="csstab"> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell s5 left">1. Bd. </div> + <div class="csscell s5 left"><b class="s4">Bismarck-Anekdoten.</b> + Heitere Szenen, Scherze und Charakterzüge aus dem Leben des ersten + deutschen Reichskanzlers. Bearbeitet von <b>Fr. Schmidt-Hennigker</b>. + 4. Aufl. 239 S. Geh. M. 2.50, in Lwd. geb. M. 3.50.</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell s5 left padtop0_5">2. Bd. </div> + <div class="csscell s5 left padtop0_5"><span class="s4"><b>Hohenzollern-Anekdoten</b> + I. Teil.</span> Anekdoten, heitere Szenen und charakteristische Züge aus dem + Leben der Hohenzollern. Herausgegeben von <b>Herm. Jahnke</b>. Geh. + M. 2.—, in Lwd. geb. M. 3.⁠—.</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell s5 left padtop0_5">3. Bd. </div> + <div class="csscell s5 left padtop0_5"><span class="s4"><b>Hohenzollern-Anekdoten</b> + II. Teil.</span> <span class="u">Humor Friedrichs des Großen.</span> + Bearbeitet von <b>Fr. Schmidt-Hennigker</b>. 5. Auflage. 192 S. Geh. + M. 2.—, in Lwd. geb. M. 3.⁠—.</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell s5 left padtop0_5">4. Bd. </div> + <div class="csscell s5 left padtop0_5"><b class="s4">Schiller-Anekdoten.</b> + Charakterzüge und Anekdoten, ernste und heitere Bilder aus dem Leben + Friedrich Schillers. Herausgegeben von <b>Th. Mauch</b>. 5. und + 6. Tausend. 312 S. Geh. M. 2.50, in Lwd. geb. M. 3.50.</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell s5 left padtop0_5">5. Bd. </div> + <div class="csscell s5 left padtop0_5"><b class="s4">Habsburger-Anekdoten.</b> + Herausgegeben von <span class="antiqua">Dr.</span> <b>Frz. Schnürer</b>. + 205 S. Geh. M. 2.—, in Lwd. geb. M. 3.⁠—.</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell s5 left padtop0_5">6. Bd. </div> + <div class="csscell s5 left padtop0_5"><span class="s4"><b>Napoleon-Anekdoten</b> + I. Teil.</span> Herausgegeben von <b>G. Kuntze</b>. Ca. 225 S. <b>Preis + brosch.</b> M. 2.—, in Lwd. geb. M. 3.⁠—.</div> + </div> +</div> + +<p class="s3 center mtop1 u"><em class="gesperrt">In Vorbereitung:</em></p> + +<p class="hang1">Russische Hof-Anekdoten. — Napoleon-Anekdoten +II. Teil. — Goethe-Anekdoten.</p> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<p class="s4 center break-before">Verlag von <em class="gesperrt">Robert Lutz</em> in +<em class="gesperrt">Stuttgart</em></p> + +<hr class="r65"> + +<p class="s2 center mtop1"><span class="bbd"> Fritz Reuters Meisterwerke </span></p> + +<p class="s3 center">Hochdeutsche Ausgabe</p> + +<p class="center mtop1">Herausgegeben von <span class="antiqua">Dr.</span> +<em class="gesperrt">Heinrich Conrad</em></p> + +<p class="s5 center">6 Bände à M. 1.20 broschiert, M. 1.80 i. Lwd. geb.</p> + +<p class="s5 center">═══ Jeder Band einzeln käuflich ═══</p> + +<p class="center"><em class="gesperrt">Inhalt</em>: Bd. 1. Aus der +Franzosenzeit. — Wie ich zu einer Frau kam. — Bd. 2. Aus meiner Festungszeit. +— Bd. 3–5. Aus meiner Stromzeit. — Bd. 6. Dörchläuchting.</p> + +<hr class="r5"> + +<p class="s4 center u"> <em class="gesperrt">Einige Urteile:</em> </p> + +<p class="s5"><span class="u">J. V. Widmann urteilt</span>: „Schon nach den ersten Kapiteln +der „Franzosenzeit“ war ich mir darüber klar, daß ein bisher im +engern Verschluß der Mundart gehaltenes Meisterwerk nun +<em class="gesperrt">durch diese Übertragung in die Schriftsprache den +Charakter eines</em></p> + +<p class="center"><span class="u"><em class="gesperrt">Nationalgeschenkes für +Deutschland</em></span></p> + +<p class="p0 s5">erhalten hat.“</p> + +<p class="s5"><span class="u">Kölnische Volkszeitung</span>: „Diese Übertragung, <em class="gesperrt">die übrigens +nicht vor dem Dialog Halt macht</em>, sondern auch diesen +<em class="gesperrt">verständigerweise hochdeutsch wiedergibt, zeigt +einen Übersetzungskünstler</em>, der im Stil und der Redeweise +der Personen jene Nüancierung der Formen anzuwenden +weiß, die auch dem Hochdeutschen gar wohl eigen ist und dem +Vorgebrachten <em class="gesperrt">ein charakteristisches Kolorit</em> verleiht.“</p> + +<p class="s5"><span class="u">„Dienet einander“ (<span class="antiqua">Dr.</span> W. Rathmann)</span>: „<em class="gesperrt">Die vorliegende +hochdeutsche Ausgabe macht Reuters Werke erst zum +Besitz der ganzen Nation</em>. Die Verlagshandlung verbindet +die gute Ausstattung in großem Druck auf holzfreiem Papier +mit einem <em class="gesperrt">so billigen Preise</em>, daß auch die <em class="gesperrt">kleinste +Bibliothek</em> die geringen Kosten nicht scheuen darf.“</p> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<div class="bbox break-before"> + +<p class="s2 center"><b class="s4">Sherlock Holmes-Serie</b></p> + +<p class="s2 center">Gesammelte Detektivgeschichten</p> + +<p class="center">von</p> + +<p class="s2 center"><b>Conan Doyle</b></p> + +<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Illustriert</em></p> + +<p class="s4 center mtop1"><em class="gesperrt">Inhalt</em>:</p> + +<div class="csstab mleft1"> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell left">1. </div> + <div class="csscell center">Bd. </div> + <div class="csscell left">Späte Rache</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell left">2. </div> + <div class="csscell center">„ </div> + <div class="csscell left">Das Zeichen der Vier</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell left">3. </div> + <div class="csscell center">„ </div> + <div class="csscell left">Der Bund der Rothaarigen u. a. + Detektivgeschichten</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell left">4. </div> + <div class="csscell center">„ </div> + <div class="csscell left">Das getupfte Band u. A.</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell left">5. </div> + <div class="csscell center">„ </div> + <div class="csscell left">Fünf Apfelsinenkerne u. A.</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell left">6. </div> + <div class="csscell center">„ </div> + <div class="csscell left">Der Hund von Baskerville</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell left">7. </div> + <div class="csscell center">„ </div> + <div class="csscell left">(II. Serie Band 1): Als Sherlock Holmes + aus Lhassa kam u. A.</div> + </div> + <div class="cssrow"> + <div class="csscell left">8. </div> + <div class="csscell center">„ </div> + <div class="csscell left">(II. Serie Band 2): Die tanzenden + Männchen u. A.</div> + </div> +</div> + +<p class="s5 center mtop1"><em class="gesperrt">Preise</em>:</p> + +<p class="s5"><span class="u"><em class="gesperrt">Band</em> 1–6 (I. <em class="gesperrt">Serie</em>).</span> +Jeder Band einzeln käuflich brosch. zu M. 2.25, in Leinwd. geb. M. 3.25.</p> + +<p class="s5"><em class="gesperrt">Alle</em> 6 <em class="gesperrt">Bände</em> +auf einmal bezogen brosch. M. 12.⁠—, in Leinwd. geb. M. 18.⁠—.</p> + +<p class="s5"><em class="gesperrt">Band</em> 7 u. 8 (II. +<em class="gesperrt">Serie Band</em> 1 u. 2). Brosch. à M. 2.25, in Leinwd. +geb. à M. 3.25.</p> + +</div> + +</div> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78265 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/78265-h/images/cover.jpg b/78265-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..24c1a10 --- /dev/null +++ b/78265-h/images/cover.jpg diff --git a/78265-h/images/illus_0001.jpg b/78265-h/images/illus_0001.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..30fb4cd --- /dev/null +++ b/78265-h/images/illus_0001.jpg diff --git a/78265-h/images/illus_0007.jpg b/78265-h/images/illus_0007.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c1bc881 --- /dev/null +++ b/78265-h/images/illus_0007.jpg diff --git a/78265-h/images/illus_0015.jpg b/78265-h/images/illus_0015.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9a67395 --- /dev/null +++ b/78265-h/images/illus_0015.jpg diff --git a/78265-h/images/illus_0029.jpg 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