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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78190 ***
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1893 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Verschiedene Schreibweisen, auch bei Personennamen, wurden nicht
+ vereinheitlicht, sofern die jeweiligen Formen im Text wiederholt
+ vorkommen.
+
+ Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels versetzt.
+
+ Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ kursiv: _Unterstriche_
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+ Die
+
+ Geschichte der Diphtherie.
+
+ Mit besonderer Berücksichtigung der Immunitätslehre.
+
+ Von
+
+ Stabsarzt Prof. Dr. Behring.
+
+ [Illustration]
+
+ Leipzig.
+
+ Verlag von Georg Thieme.
+
+ 1893.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Die Diphtherie ist im Laufe der letzten 50 Jahre eine _ständige_
+Krankheit der europäischen Länder geworden, und erfahrene Beobachter
+schliessen sich der Ansicht _Henoch_’s an, welcher es für unbestreitbar
+hält, „dass die Diphtherie sowohl in Bezug auf Frequenz, wie auf
+Malignität in einer fortwährenden Steigerung begriffen ist“.
+
+Ueber ihre Häufigkeit speciell im Kindesalter kann man sich ein
+ungefähres Bild aus folgenden Zahlen machen, die sich aus Angaben der
+Preussischen Statistik herausrechnen lassen.
+
+Man kann danach annehmen, dass bei 10000 im ersten Jahre stehenden
+Kindern die allgemeine Sterblichkeit den fünften Theil ausmacht; von
+10000 1 bis 2 Jahre alten Kindern stirbt der 14. Theil, von 10000 2-3
+Jahre alten der 25. Theil, von 10000 3-5 Jahre alten der 40. Theil, von
+10000 5-10 Jahre alten der 100. Theil, von 10000 10-15 Jahre alten nur
+noch der 240. Theil.
+
+Unter den Ursachen für die so hohe Sterblichkeit im _ersten_
+Lebensjahre figuriren hauptsächlich „Krämpfe“, demnächst „angeborene
+Lebensschwäche“, dann kommen „Atrophie“, „Keuchhusten“ und erst in
+fünfter Reihe „Diphtherie und Croup“. Im 2. Lebensjahre stehen „die
+Krämpfe“ noch obenan; die Diphtherie aber rückt an die zweite Stelle,
+indem von den 1-2 Jahre alten, insgesammt sterbenden Kindern ihr etwa
+der 6. Theil zum Opfer fällt. Vom 3. bis 5. Lebensjahre aber ist die
+Diphtherie die am meisten mörderische Krankheit; mehr als der vierte
+Theil der Todesfälle wird in diesem Alter durch sie verursacht;
+es sterben von 10000 2-3 Jahre alten Kindern rund 400, davon an
+Diphtherie allein über 100; an zweiter Stelle stehen „Krämpfe“ mit
+47, dann Scharlach mit 44, dann kommt „Atrophie“ mit 32, Masern mit
+24, Keuchhusten mit 23, Tuberculose mit 13 u. s. w. Für die im 3. bis
+5. Jahr stehenden Kinder, von welchen unter 10000 ca. 240 sterben,
+kommt aber auf die Diphtherie fast der dritte Theil der Sterbefälle
+(über 70); die anderen Krankheiten, wie Krämpfe (15), Atrophie (12),
+Keuchhusten (10), Tuberculose (7), treten da alle weit zurück; und
+Scharlach (35) und Masern (13), die jetzt ihre relativ höchste Frequenz
+haben, erreichen auch zusammen noch lange nicht die Mortalitätsziffer
+der Diphtherie. Auch vom 5. bis 10. Jahre dominirt noch die Diphtherie,
+wird dann aber in den späteren Lebensjahren immer weniger gefährlich.[1]
+
+Wir sehen also, wie die Gefahr der Eltern, ihre Kinder bis zum
+Eintritt in die Schulzeit zu verlieren, vom dritten Jahre ab
+hauptsächlich durch die Diphtherie bedingt wird, und dass die Angst der
+Mütter vor dieser schrecklichen Krankheit nur zu sehr gerechtfertigt
+ist. Sind es doch gerade die Jahre des kindlichen Lebens, in denen das
+erwachende Geistesleben anfangt, am meisten den Angehörigen Freude zu
+machen, in denen die Sorge um den Verlust durch Ernährungsstörungen
+mehr und mehr zurücktritt und die Hülflosigkeit der Kleinen gerade
+einem frischen fröhlichen Gedeihen und der schönsten Bethätigung der
+körperlichen und psychischen Functionen Platz gemacht hat!
+
+Es wird nur nöthig sein, den Beweis zu liefern, dass wir nicht rathlos
+und mittellos der Diphtherie gegenüber stehen, sowohl was ihre Heilung
+betrifft, wie ihre Verhütung, um in den weitesten Kreisen Unterstützung
+zu finden für das Bestreben, derselben Herr zu werden und sie zu einer
+ebenso seltenen Todesursache werden zu lassen, wie das schon jetzt für
+die Pocken erreicht ist.
+
+Dieser Beweis aber _kann_, wie ich muthig behaupten darf, geliefert
+werden.
+
+_Die Diphtherie ist eine vermeidbare Krankheit._
+
+_Bretonneau_, dessen Leistungen bei der Darstellung der Geschichte
+der Diphtherie uns noch eingehend beschäftigen werden, hat das schon
+erkannt, und in seiner Publication aus dem Jahre 1855, von der ich die
+Einleitung dieser meiner Arbeit vorangestellt habe, hat er in beredten
+Worten seiner Ueberzeugung Ausdruck gegeben.[2]
+
+_Wir haben gegenwärtig aber ein viel grösseres Recht, als Bretonneau,
+darauf zu hoffen, dass die Diphtherie zu einer ungefährlichen Krankheit
+gemacht wird, nachdem wir in dem Blutserum diphtherieimmunisirter
+Thiere ein Mittel besitzen, mit Hülfe dessen wir im Stande sind, noch
+viel einfacher, sicherer und in weniger bedenkenerregender Weise einen
+individuellen Krankheitsschutz gegenüber der Diphtherie den Kindern zu
+gewähren, als das für die Pocken der Fall ist._
+
+Es war ursprünglich meine Absicht, die Auseinandersetzungen über
+diesen Gegenstand mit der Mittheilung meiner _experimentellen_
+Ergebnisse zu beginnen, die bei meinen blutserumtherapeutischen
+Arbeiten der letzten Jahre gewonnen sind.
+
+Ich halte es jedoch für zweckmässiger, denselben einen geschichtlichen
+Ueberblick über die Entwicklung der Lehre von der Diphtherie
+vorauszuschicken, um später es nicht nöthig zu haben, immer von Neuem
+gegen Vorurtheile und falsche Anschauungen ankämpfen zu müssen, die
+in sich selbst zusammenfallen, wenn man die Geschichte der Diphtherie
+kennen gelernt hat.
+
+Sollte der Leser finden, dass die Litteratur in einiger Vollständigkeit
+auf Grund des Studiums der Originalarbeiten von mir berücksichtigt ist,
+dann will ich nicht verschweigen, dass mir die Einsicht in dieselben
+verhältnissmässig leicht gemacht worden ist.
+
+Der Geh. Med.-Rath Prof. _G. Lewin_ hat mit einer Sorgfalt die
+Arbeiten über Diphtherie, Croup und Angina, welche seit _Bretonneau_
+veröffentlicht sind, in seiner Bibliothek gesammelt und geordnet, die
+kaum eine gelegentliche Mittheilung in medicinischen und politischen
+Zeitungen sich entgehen liess, wenn sie des Aufhebens werth war;
+deutsche und französische Dissertationen sind von ihm in unübersehbarer
+Fülle gesammelt. Von wichtigeren Monographien aber dürfte ihm kaum eine
+entgangen sein.
+
+Alle seine im Laufe von über 40 Jahren mühsam gesammelten Bücher und
+Aufsätze standen mir durch das Entgegenkommen des Geh. Rath _Lewin_ zur
+Verfügung.
+
+Ich verfehle nicht, dafür auch an dieser Stelle ihm meinen Dank
+abzustatten.
+
+
+[1] S. _A. Gärtner_, Ueber die Erblichkeit der Tuberculose S. 148 und
+ 149 (Zeitschr. f. Hyg. u. Inf. K. Bd. XIII. 1893).
+
+[2] Im Text ist fälschlich die Jahreszahl _1885_ statt _1855_ stehen
+ geblieben.
+
+
+
+
+Inhaltsangabe.
+
+
+ Seite
+
+ I. Offener Brief an die Herren Blache und P. Guersant. Von
+ P. Bretonneau (1855) 3
+
+ II. Historisch-kritische Uebersicht über die epidemiologischen,
+ klinischen und pathologisch-anatomischen Beobachtungen 15
+
+ III. Die Geschichte der ätiologischen Untersuchungen 57
+
+ IV. Historisch-kritische Uebersicht über die klinischen
+ Beobachtungen und experimentellen Untersuchungen
+ betreffend die Heilung und Verhütung der Diphtherie 99
+
+ V. Die wissenschaftlichen Voraussetzungen der Blutserumtherapie 136
+
+ VI. Aufzählung und Classificirung der bisher bekannt gegebenen
+ Methoden der Diphtherie-Immunisirung 147
+
+ VII. Von den Bedingungen, unter welchen die Immunisirung
+ gegenüber der Diphtherie sich vollzieht 164
+
+ VIII. Das Diphtherieheilserum und seine Eigenschaften 182
+
+ Schlusswort zum geschichtlichen Theil 197
+
+
+
+
+Die Geschichte der Diphtherie.
+
+
+
+
+I.
+
+Offener Brief an die Herren Blache und P. Guersant. Von P. Bretonneau
+
+(Arch. génér. 1885 Januar-Heft).
+
+
+„Seitdem die Diphtherie mehr und mehr endemisch in Paris geworden ist,
+hat man nicht wenige Fälle von sehr schnell verlaufenden diphtherischen
+Infectionen zu beklagen gehabt, welche ohne Larynxstenose tödtlich
+endeten.
+
+Es sind jetzt 34 Jahre her, dass die „maligne Angina“ (zur Gangrän
+neigende Form der Rachendiphtherie) nach Tours eingeschleppt durch
+die Vendée-Legion, dort in wenigen Monaten 60 Personen von jedem
+Lebensalter, besonders aber viele Kinder dahinraffte. Angetrieben
+durch das mächtige Interesse, welches solche unerwarteten schlimmen
+Ereignisse hervorrufen, und durch den Wunsch, einen besseren Einblick
+in dieselben zu bekommen, nachdem ich sie zuerst nur unvollkommen
+und flüchtig erschaut, getrieben ferner durch eine Wissbegierde,
+die mir keine Ruhe liess, machte ich mich daran, auf’s eifrigste
+die periodischen Zeitschriften Frankreichs und Englands zu lesen,
+sowie allerlei alte Bücher, die ich mir kaufte und lieh, und endlich
+alles, was überhaupt über das Auftreten dieser schrecklichen Geissel
+des Menschengeschlechtes bis in die fernst gelegenen Jahrhunderte
+geschrieben war.
+
+Aber ich muss gestehen, dass in meiner umfangreichen Sammlung
+alter Bücher Originalarbeiten nicht übermässig zahlreich waren;
+Bücherschreiber haben wenig Geschmack an Specialarbeiten, und es kommt
+ihnen mehr auf das Wahrscheinliche an als auf das Wahre.
+
+Indessen soviel ging doch aus meinen Studien schon hervor, dass
+die ägyptische Krankheit (_Bretonneau_’s. „Diphtheritis“) jedes
+Mal, so oft sie irgendwo auftrat, die Bevölkerung und die Aerzte in
+Schrecken versetzte, alle Betroffenen tödtete, bis die therapeutischen
+Maassnahmen des _Aretaeus_, die aber immer wieder vergessen wurden, mit
+grösserem oder geringerem Geschick zur erneuten Anwendung gelangten.
+
+Sicherlich wird durch Augenzeugen der fürchterlichen Epidemieen des
+16. Jahrhunderts, welche von Spanien und Sicilien aus unseren Erdtheil
+überflutheten und später in Amerika anlangten, wo auch _Washington_ am
+Croup gestorben ist, eine Schilderung dieser schreckenverbreitenden
+Krankheitszüge entworfen sein, und ohne Zweifel liegen Beschreibungen
+dieser Epidemieen vergessen irgendwo in einem verborgenen Winkel.
+Aber nur bei Leuten, die selber mit Aufmerksamkeit eine gleiche Sache
+verfolgen, findet die achtsame Beobachtung Anderer einen Widerhall, und
+wo giebt’s jetzt wohl Interesse und Verständniss dafür? Sicher nicht
+bei uns, wo allerlei verderbenbringende Uebel die volkreichen Städte
+verwüsten und die Aufmerksamkeit von jenen Zeiten ablenken.
+
+Indem ich nun Sie, mein lieber _Blache_, Sie und die Ihrigen im Auge
+habe, welche den Gefahren heimtückischer Ansteckung ausgesetzt sind,
+einer Ansteckung, die entweder überhaupt geleugnet oder nicht richtig
+verstanden wird, fühle ich das Bedürfniss, die Vorsichtsmaassregeln
+Ihnen mitzutheilen, die ich am meisten wirksam gefunden habe.
+
+Ich will Ihnen meine Ueberzeugungen nicht aufdrängen, aber wenigstens
+den Versuch will ich machen, ob Sie sich denselben anschliessen wollen.
+
+Leider geht’s uns hier, wie auch in anderen Dingen, in welchen die
+mit Vorurtheilen erfüllte Zeit im Widerstreit mit der Wahrheit und
+Wirklichkeit steht: _Mit allen Mitteln sucht man den Glauben an die
+Uebertragbarkeit der Krankheit den Leuten zu rauben._
+
+Wenn ich auf diesen Punkt eingehe, so will ich für meine Ueberzeugung
+von dem Vorhandensein einer solchen nicht auf Deductionen mich
+einlassen, sondern Thatsachen anführen; und das wird mir besser
+gelingen, wenn ich von der Uebertragbarkeit der _Pocken_ ausgehe,
+bei welcher Infectionskrankheit das Studium der Contagiosität weiter
+vorgeschritten ist, als bei der Diphtherie.
+
+Die Impfung gegen die Pocken, welche in der Mitte des 18. Jahrhunderts
+aus dem Orient bei uns eingeführt wurde, ist bald in mehreren Staaten
+Europas, besonders aber in England, allgemeiner angewendet worden
+und gab die Veranlassung zu _Jenner_’s Entdeckung. Die Pockenimpfung
+wird danach zu einer Modesache und erregt als solche allgemeine
+Aufmerksamkeit. Verschiedene Arten der Ueberimpfung werden gerühmt,
+studirt, verglichen, angenommen, verworfen; aber nur in geringem Grade
+dient die Wirklichkeit als Führer für das Vorgehen der einzelnen Aerzte.
+
+Meist werden die Bedingungen für die Uebertragbarkeit schlecht
+verstanden; es werden Impfungen von Arm zu Arm, Pockenübertragung durch
+Zusammenliegen Gesunder mit Pockenkranken in einem Bett vorgenommen,
+während andere Aerzte die auf Pockenpusteln sich bildenden trockenen
+Krusten zerreiben und damit die Kinder bepudern, nachdem sie für die
+Haftbarkeit des Infectionsstoffes in geeigneter Weise vorbereitet sind.
+
+Vielfach glaubte man in jener Zeit an spontan auftretende Pocken,
+und dieser Glaube ist noch immer nicht vollständig ausgelöscht. Man
+glaubte auch an einen Krankheitskeim, welchen schon bei der Geburt
+der später krank werdende Mensch mitbekomme. (Solch’ ein Keim müsste
+sich dann Zeit lassen, bevor er sich entwickelt und in Action tritt!)
+Man nahm an, dass der Ausbruch der Pocken ein Reinigungsprocess sei
+(Despumation), welcher von Zeit zu Zeit zum Wohle des Individuums
+sich vollziehe. Ja man hat sich mit der Meinung des arabischen Arztes
+_Rhasez_ befreundet, nach welchem das noch mit dem Menstrualblut
+behaftete Kind einer solchen Reinigung bedürfe.
+
+Heutzutage, nach all’ diesen scholastischen und akademischen
+Hirngespinnsten, wird die Contagiosität der Pocken kaum mehr
+angezweifelt. Jetzt weiss man, dass die Pocken, wie so viele andere
+epidemische Krankheiten, sich nur durch Uebertragung fortpflanzen,
+mögen sie nun sporadisch auftreten oder eine ganze Bevölkerung
+ergreifen; und man weiss, dass die Uebertragbarkeit so gross ist, dass
+sie auf Pistolenschussweite sich noch vollziehen kann. Seitdem durch
+die Schutzpockenimpfung das ungehinderte Umsichgreifen der Pocken
+verhindert ist, konnte diese Thatsache in unzählig vielen Fällen so
+sicher wie in einem Experiment, dessen Beweiskraft den strengsten
+Anforderungen genügt, constatirt werden; man weiss, dass Leute, die an
+einem genau bekannten, isolirten Pockeninfectionsherde sich ansteckten,
+von der gleichen Krankheit nach einem Incubationsstadium von bestimmter
+Dauer befallen wurden; das kann Jeder erkennen, der überhaupt im Stande
+ist, zu beobachten.
+
+Darauf beschränkt sich aber nicht die Ansteckungskraft des
+Pockeninfectionsstoffes. Er kann im Uterus einer schwangeren Frau,
+die während ihrer Schwangerschaft sich viel mit Pockenkranken
+abgegeben hat, ohne selber pockenkrank zu werden, den Fötus befallen.
+Wie geht hier die Uebertragung vor sich? Je mehr man sich in die
+Entstehungsbedingungen einer Ansteckung vertieft, um so dunkler wird
+das Problem. Hier muss das ansteckende Princip doch in der Luft
+vorhanden gewesen, es muss in der Luft fein vertheilt und in Folge
+dieser feinen Vertheilung abgeschwächt (atténué) worden sein, dann
+muss es die verschiedenen Gewebsschichten passirt haben und ist in dem
+Gewebe dem dort statthabenden Stoffwechsel und im Respirationsapparat
+der Bluteinwirkung unterworfen gewesen. Trotzdem, durch nichts wurde
+es aufgehalten, durch nichts unwirksam gemacht; es kam schliesslich
+doch zur Wirkung. Obwohl der Fötus eine ganz andere Art der Circulation
+besitzt, als der mütterliche Organismus, obwohl er nur in der Anlage
+die Merkmale des Säugethiertypus zeigt, nicht athmet und eigentlich nur
+wie ein Fisch lebt, schwimmend in der Amniosflüssigkeit, ist doch das
+Virus bis zu ihm durchgedrungen.
+
+Zwei Fälle von Pocken beim Fötus, ohne Erkrankung der Mutter,
+sind sehr sorgfältig beobachtet von _Mead_, drei andere durch das
+Impfcomité in Paris (Secretär _Husson_), ein sechster Fall wiederholte
+sich im Jahre 1827 in _Tours_: Eine arme Frau kam rechtzeitig nieder
+mit einem Knaben; das Gesicht und die übrige Körperoberfläche waren
+besät mit Pockenpusteln, die eine dem vierten Tage der Entwicklung
+entsprechende Ausbildung zeigten; unter meinen Augen schritt die
+Entwicklung weiter vor und vollzog sich in typischer Weise. Auf’s
+sorgfältigste untersuchte ich die Pusteln; sie zeigten alle Charaktere
+der Hautpocken, trotzdem die Haut zur Zeit des Entstehens derselben
+von einer Flüssigkeit umspült war; die Pusteln sprangen hervor
+(étaient saillantes) und zeigten deutliche Convexität (bombées et non
+nivellées), wie das der Fall ist bei solchen Pusteln, die sich auf den
+Schleimhäuten entwickeln. Der Knabe wuchs heran und dient jetzt beim
+Militär.
+
+Ich habe, um von der Contagiosität der _Diphtherie_ zu reden, weit
+ausgeholt, aber die bei der alten _egyptischen_ Infectionskrankheit
+(Diphtherie) zu beobachtenden Thatsachen sind so eigenartig und
+seltsam, dass zur Vermehrung ihrer Glaubwürdigkeit es vielleicht ganz
+gut sein dürfte, dass man beglaubigte Beispiele von _unerklärlichen_[3]
+Thatsachen (prodiges) bei einer anderen Infectionskrankheit vor Augen
+hat.
+
+Das Pockenvirus kann durch die Luft transportirt werden; aber
+wir müssen weiter hinzufügen, dass ihm auch ein anderer und weit
+greifbarerer Uebertragungsmodus zukommt, nämlich durch den getrockneten
+Pustelinhalt, dessen Ansteckungsfähigkeit sich ausserordentlich lange
+erhält. _Tissot_ konnte sich für seine Impfungen mit Erfolg eines
+Fadens bedienen, den er mit Variolaeiter imprägnirt hatte, indem er
+ihn durch eine Pustel hindurchzog, und welchen er drei Monate lang
+ohne besondere Cautelen in einem Buche aufbewahrt hatte. Abnahme von
+Pusteleiter Seitens der Impfärzte hat gleichfalls in zahllosen Fällen
+die grosse Haltbarkeit der ansteckenden Kraft von Pusteleiter bei der
+Conservirung bewiesen.
+
+_Wenn ich dies besonders betone, so geschieht das deswegen, weil gerade
+diese Art der Pockenübertragung es ist, die für die Uebertragung der
+Diphtherie in Frage kommt; denn die Uebertragung durch die Luft kommt
+bei der Diphtherie nicht vor._
+
+Unzählige Fälle sprechen dafür, dass Krankenpfleger keine Diphtherie
+bekommen, ausser wenn Absonderungsproducte von Diphtheriekranken in
+directen Contact mit ihrer Schleimhaut in succulentem oder succulent
+gewordenem Zustande (membrane muqueuse molle ou amollie) gelangt
+oder mit der äusseren Haut an einer von der Epidermis entblössten
+Stelle. Kurz zur Uebertragung der egyptischen Krankheit bedarf es
+einer wirklichen Einimpfung. Seit dem Jahre 1818 beweisen die in dem
+Departement d’Indre-et-Loire entstandenen Epidemieen aufs deutlichste,
+dass die atmosphärische Luft _nicht_ eine Diphtherieinfection
+vermitteln kann. Durchaus einwandsfreie und beweisende Thatsachen
+sind in dieser Richtung durch sorgfältige Beobachtung gesammelt
+und der Wissenschaft überliefert an sehr kleinen Ortschaften. Die
+Beobachter konnten hier jede Einzelheit notiren, den Tag, ja die
+Stunde der Einschleppung der Krankheit, ihren Sitz, ihr Uebergreifen
+von einer Familie auf die andere, die Bedingungen, unter welchen
+die Weiterwanderung sich vollzog, ihre Uebertragung auf einzelne
+Häusergruppen (hameaux) und andere Ortschaften, unter Angabe der
+Entfernungen und der Jahreszeiten, in denen all’ das eintrat. In
+dieser Beziehung verdanke ich besonders dem Dr. _Henri Brault_, Arzt
+in Beaumont-la-Ronce, zahlreiche und sehr werthvolle Beobachtungen.
+Ich würde allenfalls noch einen Zweifel an meiner Beobachtung für
+berechtigt halten, wenn die dieselbe beweisenden Daten nur von _einem_
+Beobachter und an _einem_ Orte herrührten; aber 35 Jahre lang haben
+sich die gleichen Thatsachen immer wiederholt, und zwar an einer sehr
+grossen Zahl von Orten, und stets in Uebereinstimmung mit denen, die
+uns aus vergangenen Jahrhunderten überliefert sind.
+
+Ist einmal das Diphtherievirus darauf angewiesen, durch _Inoculation_
+die Krankheit zu erzeugen, so fragt es sich, welches der nähere Vorgang
+dabei ist, und wenn wir da den Uebertragungsmodus verfolgen, so sehen
+wir, dass derselbe noch viel mehr Verwunderliches hat, als der der
+Pocken.
+
+Einerseits ist er ähnlich dem der Syphilis; und zwar sind die
+Beziehungen der egyptischen Krankheit (syrischen, Diphtherie) und der
+neapolitanischen (Syphilis) unter einander so innig, dass bei einer
+Classification diese beiden Krankheiten in einer Reihe stehen müssten.
+_Aretaeus_ freilich konnte solche Analogien noch nicht aufstellen, da
+die Syphilis zu seiner Zeit noch unbekannt war; aber im 16. Jahrhundert
+hat ein palermitanischer Arzt, _Alayma_, dieselbe sehr wohl erkannt,
+wenn er sagt: „Ita dum Egyptiaca ulcera dicimus, varios modos,
+quibus hic morbus humanum genus insultat, unico verbo explicamus.“
+„_Aegyptische Geschwüre_“ nennt _Alayma_ die diphtherischen
+Erkrankungen, weil diese Bezeichnungsweise alle verschiedenen Formen
+der Krankheit umfasse, _wie der Ausdruck „le mal français“ alle
+verschiedenen Erscheinungsformen der Syphilis bezeichne_.
+
+Ein ähnlicher Grund, wie derjenige, von welchem _Alayma_ bei seiner
+Namengebung geleitet wurde, hat mich veranlasst, den verschiedenen
+Formen der egyptischen oder diphtherischen Infection die Bezeichnung
+„_Diphtheritis_“ zu geben. _Vielleicht hätte ich besser gethan, den
+alten Namen beizubehalten, aber ich wollte mit diesem besonderen Namen
+die Abtrennung einer_ specifischen _Phlegmasie von anderen ähnlichen
+Krankheitsformen erreichen. Wenn ich nun jedoch sehe, wie meine
+Bezeichnung toto die in einem Sinne gebraucht wird, der das gerade
+Gegentheil ist von dem von mir diesem Krankheitsnamen beigelegten,
+dann muss ich schliesslich nun doch eingestehen, dass ich ein Unrecht
+begangen habe._
+
+Durch die Aehnlichkeit, welche zwischen Diphtherie und Syphilis
+besteht, sind mancherlei folgenschwere Täuschungen hervorgerufen
+worden; so haben _Trousseau_ und _Ramon_ in der Epidemie von Sologne
+Fälle gesammelt, in welchen Fälle von Diphtherie der Vulva und der
+äusseren Haut verkannt und tödtlich verlaufen sind.
+
+Ich möchte noch hinzufügen, dass das Epitheton „_egyptisch_“, welches
+ganz alt sein muss, von practischer Bedeutung ist. Für die alten
+Griechen bezeichnete es die Gegend, aus welcher die Krankheit zu ihnen
+gelangt war; solche von bestimmten Ländern hergenommenen Bezeichnungen,
+wie Cholera _asiatica_, _egyptische_ Augenkrankheit, _orientalische_
+Pest, _französische_ oder _neapolitanische_ Krankheit, zeigen an,
+dass die Krankheit einen exotischen Ursprung hat, und in der Gegend,
+in welcher sie den Namen bekam, ursprünglich unbekannt war. Ich kann
+nur immer wiederholen, dass solche Krankheiten eingeschleppt sein
+müssen durch kranke Individuen oder durch Gegenstände, die mit dem
+contagiösen Princip behaftet sind. Ja, und tausendmal ja, das allein
+ist die Wahrheit; von dort, von _Aegypten_ ist die Diphtherie gekommen,
+bis sie schliesslich bei uns anlangte vermöge ihrer Contagiosität, die
+einzig und allein die Entstehung vermittelt; denn es ist schon zum
+Ueberfluss erwiesen, wie weder die Temperatur, noch die Jahreszeit,
+noch das Klima, noch die Sonnenwärme anders für die Entstehung eine
+Rolle spielen, als durchaus eine solche von untergeordneter Bedeutung,
+und dass alle diese Momente zusammengenommen nie und nimmer die
+geheimnissvollen Wirkungen des contagiösen Agens zu erzeugen im Stande
+sind.
+
+Man wird vergeblich es immer wieder zu leugnen unternehmen, dass die
+Uebertragung durch Ansteckung (contagion) die Ursache der meisten
+Epidemieen ist; das ist die Art, wie diese Geisseln die Menschheit
+peinigen, nur gradweise verschieden treffend die verschiedenen
+Menschenracen, weisse, rothe und schwarze; ja die sogar manche
+Thierarten ergreifen, wenn sie _in Haufen_ zusammenleben.
+
+In der That, es war zu einer Zeit, wo das Wort λοιμος mit Pest,
+Contagion, und contagiösem Agens gleichbedeutend war, als die
+Diphtherie nach Griechenland durch die egyptischen Colonisten
+eingeschleppt wurde und den Namen _egyptische_ Krankheit bekam, eine
+Zeit, die dem _Homer_ noch näher lag als dem _Hippokrates_; und bis
+zu dieser Zeit ist zurückzudatiren die Bezeichnung „_Aegyptische
+Salbe_“ = mel cupratum; die Auflösung von Kupfer in Honig ist ein
+antidiphtherisches Mittel von hohem Werth, welches _heute_ noch in der
+Pharmacopie enthalten ist und seit Jahrhunderten in derselben den Namen
+„Unguentum egyptiacum“ trägt.
+
+Sie sehen, meine lieben Freunde, bis zu welchem Grade die medicinische
+Kunst noch in den Windeln liegt (reste emmailloté). Da haben wir seit
+undenklichen Zeiten ein Mittel für eine tödtliche Krankheit. Was hat
+uns das genützt? Hat man das Mittel benützt, um das Fortschreiten der
+Krankheit aufzuhalten? Der _Name_ des Mittels ist noch übrig; seine
+Anwendung aber ist vergessen worden.
+
+Zehn Jahrhunderte später hat uns der grosse Arzt _Aretaeus_ ein noch
+reicheres Geschenk hinterlassen, er der Zeitgenosse des _Galen_, aber
+in höherem Grade noch als dieser der Nachfolger des gottbegnadeten
+Arztes _Hippocrates_. Sein hinterlassenes Werk ist verstümmelt, aber
+was wir von ihm (_Aretaeus_) besitzen, ist noch heute ein treues
+Gemälde unserer Krankheiten. Eins der schönsten Blätter aber ist
+die bewunderungswürdige Beschreibung, welche er von der egyptischen
+Krankheit gegeben hat, von welcher an einer anderen Stelle er auch die
+kunstgemässe Behandlung schildert.
+
+Bis zur Erfindung der Buchdruckerkunst befand sich das werthvolle
+Manuscript nur in den Händen der Sprachforscher; aber lange Zeit schon
+vor den Epidemieen des 17. Jahrhunderts sind mehrere Uebersetzungen
+veröffentlicht worden.
+
+Ich komme jetzt zu einer Zeit, die uns näher liegt (1809-15). Im Beginn
+dieser Zeit war während der Dauer von mehreren Monaten die Königin
+_Hortense_ von einer _Gingivitis diphtheritica_ ergriffen, ohne dass
+eine Behandlung den Fortschritt des Uebels aufgehalten hätte; da starb
+ihr ältester Sohn an Kehlkopfdiphtherie. Später starb ihre Mutter, die
+Kaiserin _Josephine_ in einem Croupanfall, nachdem sie mehrere Tage
+vorher von einer diphtherischen Pharynx-Angina ergriffen war, ohne dass
+ein Arzt versucht hätte, die Krankheit in diesem Stadium zum Stillstand
+zu bringen.[4]
+
+Unvergessen ist noch die berühmte Preisaufgabe, welche der Kaiser
+_Napoleon_ beim Tode des Prinzen, seines Neffen, stellte und
+unvergessen noch, wie der Preis getheilt wurde zwischen _Jurine_ aus
+Genf und _Albers_ aus Bremen, welche Autoren beide übereinstimmend
+versichern, dass die Angina (maligna) diphtheritica und der Larynxcroup
+ganz verschiedene Dinge seien.
+
+Doch das mögen dieselben mit sich selber ausmachen. Das ist nun
+einmal so mit den wissenschaftlichen Lehrmeinungen (nämlich, dass sie
+immer das Unglück haben, am Richtigen und Wahren vorbeizugehen); aber
+ich habe die feste Ueberzeugung, dass sowohl die Kaiserin sich ihre
+Diphtherie, wie ihr Neffe seinen Croup von der Königin _Hortense_
+geholt haben; und diese war doch zu jener Zeit auf’s sorgfältigste
+ärztlich beobachtet. Der grosse Heilkünstler _Corvisart_ war da und
+viele hervorragende Vertreter unseres Standes, sowie die Chefärzte der
+in Paris vereinigten Armeen.
+
+Das ist eine Sache, meine Freunde, welche mich wenig hoffen lässt von
+weiteren Fortschritten der inneren Medicin, die von der Chirurgie weit
+überholt ist.“
+
+_Bretonneau_ fährt in seinem Exposé über die verschiedenen Arten der
+Diphtherieansteckung weiter fort und führt zahlreiche Beispiele an,
+welche unwiderleglich ihre Contagiosität beweisen.
+
+Er citirt (S. 9) das bekannte Beispiel der Ansteckung des Professor
+_Herpin_, welcher im Jahre 1843 von einem diphtherischen Kinde,
+während er es cauterisirte, in der Weise inficirt wurde, dass etwas
+vom Auswurf des Kindes ihm in die linke Nasenöffnung durch heftiges
+Aushusten hineingeschleudert wurde, und der dann nicht bloss eine
+richtige Diphtherie der Nase und des Rachens bekam, sondern auch
+ganz merkwürdige Gesichts-Motilitäts- und Sensibilitätsstörungen,
+Gaumenlähmung u. s. w. _Bretonneau_ hat die Krankengeschichte nach dem
+Dictat von Prof. _Herpin_ zu Lebzeiten desselben niedergeschrieben.
+_Herpin_ ist elend an den Lähmungen zu Grunde gegangen.
+
+Auf weitere Einzelheiten werde ich noch in der historisch-kritischen
+Uebersicht einzugehen haben.
+
+
+[3] Bei dem heutigen Stande unserer Kenntnisse sind die oben von
+ _Bretonneau_ berichteten Thatsachen, betreffend das Befallenwerden
+ des Fötus von Pocken, ohne dass die Mutter an den Pocken erkrankt,
+ nicht mehr ganz unerklärlich. Wir wissen, dass unter Umständen ein
+ Individuum Immunität gegen sehr gefährliche Infectionskrankheiten
+ erlangen kann, und dass die Immunität dann bedingt wird durch
+ eine specifisch-chemische Veränderung des Blutes. Gerade die
+ besonderen Verhältnisse der Blutcirculation des Fötus, auf welche
+ _Bretonneau_ hinweist, und die besonderen, vom Organismus der
+ Mutter verschiedenen individuellen Eigenschaften des Fötus, die
+ eine grössere Empfänglichkeit desselben für die Pockenerkrankung
+ bedingen, machen es uns verständlich, dass das Pockenvirus die
+ Blutbahn des mütterlichen Organismus passiren kann, ohne an
+ denselben deutliche Krankheitserscheinungen hervorzurufen, während
+ der weniger widerstandsfähige, d. h. leichter empfängliche fötale
+ Organismus mit typischem Kranksein auf das Virus reagirt.
+
+[4] Hier ist zu erwähnen, dass _Bretonneau_ durch seine Erfolge in
+ den verschiedensten Epidemieen sich zu der Ansicht berechtigt
+ glaubt, dass er bei rechtzeitiger Anwendung kunstgemässer
+ Medication den Diphtherietod, besonders bei Erwachsenen, verhüten
+ und den Fortschritt der Erkrankung durch locale Behandlung
+ aufzuhalten im Stande sei.
+
+
+
+
+II.
+
+Historisch-kritische Uebersicht
+
+über die
+
+epidemiologischen, klinischen und pathologisch-anatomischen
+Beobachtungen.
+
+
+Die vielgestaltigen Krankheitsformen, welche beim Menschen durch
+die Invasion der Diphtheriebacillen erzeugt werden können, sind
+als zusammengehörig erkannt und auf eine einzige Art der Infection
+zurückgeführt worden durch _Bretonneau aus Tours_, welcher im Jahre
+1821 das von ihm entworfene Krankheitsbild der Diphtherie in zwei
+Denkschriften schilderte, die in der Academie royale de médécine
+(Paris) vorgelesen und dann (1826) zusammen mit einer grösseren Zahl
+anderer Arbeiten als _Traité de la diphthérite_ unter folgendem
+ausführlicheren Titel veröffentlicht wurden:
+
+ „Des inflammations speciales du tissu muqueux et en particulier de la
+ diphthérite ou inflammation pelliculaire, connue sous le nom de croup
+ d’angine maligne, d’angine gangréneuse etc.“ Par _P. Bretonneau_,
+ médecin en chef de l’hôpital de Tours. (Chez Crevot, Paris.)
+
+ +Motto+: Few men even those of considerable capacity distinguish
+ accurately between opinion and fact.
+
+ _M. Moore._
+
+In diesem Buch erweist sich _Bretonneau_ als medicinischer Klassiker
+ersten Ranges. Trotz des ungemein reichen Inhalts an vorher
+unbekannten, erst durch ihn selbst aufgedeckten Thatsachen, trotz der
+zahlreichen, von aller landläufigen Meinung abweichenden Anschauungen,
+die seinen Zeitgenossen so kühn und gewagt erschienen, dass selbst der
+weitblickende _Laënnec_ erklärte, _Bretonneau_ nicht folgen zu können,
+werden wir heute kaum einen Satz in dem ganzen 540 Seiten starken Buche
+finden, dessen Lectüre uns ein Recht zu dem Gefühl der Ueberlegenheit
+geben könnte, mit welchem wir heutzutage nur zu leicht geneigt sind,
+medicinische und namentlich medicinisch-theoretische Bücher aus
+früherer Zeit nach flüchtigem Einblick bei Seite zu legen.
+
+Ich sage nicht zu viel mit der Behauptung, dass von Anfang bis zu Ende
+der Inhalt dieses traité de la diphthérite noch _actuelle_ Bedeutung
+für uns hat. Die schwierigsten Probleme, betreffend das Zustandekommen
+der Diphtherie, ihre Uebertragung von einem Individuum auf das andere,
+ihre Entstehung bei vielen Individuen gleichzeitig aus gemeinsamer
+Infectionsquelle, die Ursachen des Aufhörens und des Wiederkehrens der
+Epidemieen, die über das gewöhnliche Maass verringerte und vermehrte
+Empfänglichkeit, die Heilung und die Immunisirung --, werden von
+_Bretonneau_ nicht bloss gestreift, sondern scharf erfasst und in
+einem Sinne zu lösen gesucht, des fast überall das Richtige trifft,
+unter allen Umständen aber auch heute noch unsere Bewunderung seiner
+kritischen Schärfe hervorruft.
+
+Mit unbegründeten Hypothesen und Speculationen geht _Bretonneau_
+mitleidslos um, wo er sie überhaupt einer Besprechung würdigt. Ein
+Beispiel dafür mag hier citirt sein, welches geeignet ist, die
+Abneigung unseres Autors gegen Gedankenspielerei und solche geistreiche
+Hypothesen zu illustriren, die nicht durch Thatsachen gestützt sind.
+
+_Franciscus Nola_, ein italienischer Arzt, der zu Anfang des
+17. Jahrhunderts lebte und eine gute Beschreibung einer von ihm
+beobachteten epidemisch auftretenden Krankheit lieferte, die aus
+seiner Schilderung ganz sicher als Diphtherie erkannt werden kann,
+stellte in seiner diesbezüglichen Abhandlung auch eine Theorie der
+Verbreitungsweise der Krankheit auf. Nach _Nola_ ist der „morbus
+strangulatorius“ zweifellos eine Infectionskrankheit. Wenn aber weiter
+entschieden werden soll, ob sie von Person zu Person übertragen
+wird, oder ob der Krankheitsstoff anderswoher komme, dann ist dieser
+morbus nach ihm nicht contagiös, sondern, wie man in späterer Zeit
+sich ausgedrückt haben würde, _miasmatisch_; und zwar sollten es nach
+_Nola_ Bodenexhalationen sein, welche die Krankheit verursachen. Der
+Krankheitsstoff erfahre im Boden auch eine Veränderung, eine Art
+Reifung; erst erkrankten daran bloss Thiere, dann Kinder, später auch
+erwachsene Menschen. „La première année (citirt _Bretonneau_), ces
+exhalaisons ont occasioné une epizootie, en affectant d’abord les
+animaux qu’ils se tiennent le museau plus rapproché de terre: dans les
+années suivantes les enfants en furent atteints, et enfin les adultes.“
+
+Man sollte glauben, dass diese „Bodentheorie“, welche ja im
+Wesentlichen mit denselben Begriffen operirt, die noch bis in die
+neueste Zeit den Hygienikern zu schaffen machen, in Anbetracht des
+Umstandes, dass sie von _Nola_ _originaliter_ aufgestellt war, einige
+Anerkennung verdiene; und etwas derart lässt denn auch _Bretonneau_
+darüber vernehmen, wenn er sagt: „Il n’est pas sans interêt d’entendre,
+sur les mêmes faits, observés dans les mêmes lieux et à la même époque,
+un homme qui paraît assez disposé à se mettre en opposition avec les
+idées reçues.“ Im Uebrigen aber erklärt er _Nola_ für einen Autor, der
+durch solche Betrachtungen zeige, dass er noch nicht aus dem Stadium
+der schriftstellerischen Lehrjahre heraus sei; die Meinung, dass die
+Thiere eher erkranken als die Menschen, hält er für „puérile“ und
+„paradoxale“ und bedauert dann schliesslich, dass _Nola_ nicht, statt
+Phantasiegemälde zu liefern, die Thierkrankheit, von der er spricht,
+ordentlich beschreibt. „_Nola_ aurait pu enrichir la science de faits
+précieux, s’il eût mieux observé l’épizootie dont il parle; mais il la
+décrit plus en poëte qu’en médecin et on ne peut y entrevoir qu’une
+analogie fort douteuse avec l’affection épidémique.“
+
+Sehr wenig rücksichtsvoll ist _Bretonneau_ auch gegen solche Autoren,
+die durch die Macht ihres Namens und durch die Sicherheit, mit welcher
+sie ihre Meinung vorbringen, die anderen Aerzte auf einen falschen Weg
+locken.
+
+Ein Beispiel hierfür giebt _Home_ ab, ein schottischer Arzt, dem
+es zu verdanken ist, dass alle Welt noch bis heute eine bestimmte
+Krankheitsform der Diphtherie als „Croup“ bezeichnet.
+
+_Home_’s berühmte Abhandlung aus dem Jahre 1765 „Ueber die Natur,
+Ursache und Heilung des Croup“ existirt auch in deutscher Uebersetzung
+(von _Mohr_, erschienen in _Bremen_ bei _Joh. G. Heyse_ 1809); sie
+hatte die Wirkung, dass die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
+namentlich durch _Ghisi_ (1740) gewonnene Erkenntniss von der
+Zusammengehörigkeit der Rachendiphtherie mit der Larynx-, Tracheal-
+und Bronchialdiphtherie wieder verloren ging, -- ein Ereigniss,
+das freilich in unserer Zeit nochmals eingetreten ist, trotz der
+epochemachenden Arbeiten _Bretonneau_’s.
+
+_Home_ hatte sich die Aufgabe gestellt, „zu zeigen (Uebersetzung S.
+6), wie man die Krankheit von anderen unterscheidet, wie man ihre
+Natur entdeckt; wie man die Fälle bestimmt, wo sie heilbar und nicht
+heilbar ist, und wie man die bisherige Heilung in ihren verzweifeltsten
+Fällen vielleicht verbessern könne“. Er fügt hier hinzu: „Der erste
+Schriftsteller von einer Krankheit zu sein, keinen Beistand von
+vorhergegangener Erfahrung zu haben, ist in diesen neueren Zeiten eine
+etwas ungewöhnliche Lage“.
+
+Am Schlusse seiner 66 Seiten umfassenden Abhandlung, die 12
+Krankengeschichten enthält, davon mehrere mit Sectionsbefunden, welche
+durch einen Wundarzt (Wood) aufgenommen wurden und meist sich auf die
+Eröffnung des Kehlkopfes und der grösseren Luftröhrenäste beschränkte,
+sagt _Home_ (Uebers. S. 66): „Wir haben nun unsere Untersuchung zu
+Ende gebracht. Wir hoffen, dass die Thatsachen auserlesen, genau und
+zahlreich genug sein werden; dass der Vortrag so wird befunden werden,
+als er in der Mathematik und Naturlehre zur Entdeckung unbekannter
+Wahrheiten gebräuchlich ist, und dass die Schlüsse neu, überraschend
+und von den Thatsachen hergeleitet sein werden u. s. w.“
+
+Nun geht die _Home_’sche Abhandlung in ihrer Durcharbeitung kaum über
+dasjenige hinaus, was wir heutzutage als „vorläufige Mittheilung“
+bezeichnen; und wenn man auch nicht grade verlangen möchte, dass er bei
+einer ihm selbst so wichtig erscheinenden neuen Krankheit in seinen
+litterarischen Studien bis auf _Aretaeus_ und _Aëtius_ zurückging, so
+hätte er mindestens doch die damals modernen Schriftsteller kennen
+müssen, welche Anfangs des 18. Jahrhunderts in Italien (besonders
+_Carnevale_ und _Ghisi_) und in Spanien (_Mercatus_, Leibarzt Philipp
+II.) die grossen Diphtherieepidemieen beschrieben, welche über das
+südliche Europa damals dahinzogen; unter den verschiedensten Namen
+allerdings: in Spanien „garotillo“ (parce que ceux qui en étaient
+atteints périssaient comme s’ils avaient été étranglés avec une
+corde), in _Neapel_ „male in canna“ (Luftröhrenkrankheit) affectus
+suffocatorius u. s. w.
+
+Trotzdem war es _Home_ vollständig gelungen, den Croup aus dem
+Gesammtbilde der Infectionskrankheit, die wir unter dem Namen
+Diphtherie als ätiologische Einheit ansehen müssen, auszuscheiden,
+so dass bis zu _Bretonneau_’s Auftreten kein Arzt mehr es wagte,
+auch nur an die Möglichkeit zu denken, dass der membranbildende
+Krankheitsprozess im Kehlkopf in Zusammenhang stehen kann mit
+dem weissen Belage, der sich auf den Tonsillen zeigt und mit den
+entzündlichen Veränderungen, die im Nasenrachenraum fast ausnahmslos in
+den Fällen von epidemisch auftretendem Croup zu finden sind.
+
+Man sollte so etwas nicht für möglich halten; aber welchen Einfluss
+auf die Denkweise der Aerzte die Stimme einer anerkannten Autorität
+ausübt, haben wir selbst ja erfahren, bei dem Zwange, den wir uns
+auferlegten, am Lebenden zu unterscheiden zwischen Croup und Diphtherie
+und zwar bei denselben Individuen! Wohl haben einzelne Kliniker sich
+lebhaft gegen diese Unterscheidung pathologischer Anatomen gesträubt,
+und das Wort _Waldenburg_’s zu dem ihrigen gemacht: „Lassen wir
+diese Unterschiede den Anatomen, wir haben mit der Diphtherie als
+Infectionskrankheit zu thun.“ Und doch, der Nachwuchs der Aerzte,
+dem die pathologisch-anatomischen Differenzen krankhaft veränderter
+Theile an der _Leiche_ als das einzig sichere Kriterium für die
+_wissenschaftliche_ Betrachtungsweise der Krankheitsprocesse immer
+wieder hingestellt wurde, musste immer von Neuem erst wieder durch
+die praktische Erfahrung belehrt werden, dass uns dieses Kriterium
+am Krankenbett nicht bloss im Stiche lässt, sondern irreführt und am
+richtigen ärztlichen Erkennen, Prognosticiren und Handeln behindert.
+
+Man kann eine Art von Tröstung darin finden, dass es früher hierin
+nicht besser ging, wie jetzt, und dass auch _Bretonneau_ schon gestehen
+musste: „J’ai employé beaucoup de temps à rétourner au point où les
+anciens, et surtout les auteurs du dix-septième siècle, étaient
+parvenus u. s. w.“
+
+Aber wir werden es nun auch verstehen, dass er gelegentlich seinem
+Unwillen darüber Ausdruck in scharfen Worten verleiht, wie in den
+folgenden: „On a peine à concevoir comment un ouvrage (das von _Home_)
+qui ne contient qu’un petit nombre de faits isolés et disparates a pu
+faire perdre la trace des anciennes traditions, et comment il a pu,
+pendant un demi-siècle, conserver une telle influence sur l’opinion
+des praticiens! Telle est cependant la vérité. Frappé du mode de
+terminaison le plus ordinaire de l’angine maligne, François Home se
+persuade qu’il vient de rencontrer une affection des canaux aërifères
+qui avait jusque-là échappé à l’attention de ses prédécesseurs; il
+croit devoir lui donner le nom populaire sous lequel il l’avait trouvée
+désignée dans une province d’Ecosse; le bruit de sa découverte se
+répand, et la nouvelle dénomination fascine tellement tous les yeux,
+qu’elle empêche de réconnaître une maladie observée dès la plus haute
+antiquité, et qui de nos jours s’accompagne de tous les symptomes sous
+lesquelles elle n’a jamais cessé de se montrer.“
+
+Nichts aber wäre verfehlter, als wenn man schliessen wollte, dass
+_Bretonneau_ die Bedeutung der pathologischen Anatomie nicht erkannte,
+weil er die Ueberschätzung eines einzelnen anatomischen Kennzeichens
+verurtheilte, die _Home_ sich zu Schulden kommen liess.
+
+Niemand unter seinen Zeitgenossen hat wie _Bretonneau_ mit Eifer und
+Erfolg den Weg beschritten, welchen _Laënnec_ vorzeichnete, indem er
+das Krankheitsbild der Tuberculose schuf, ausgehend von der häufigen
+Wiederkehr eigenartiger Gebilde in den Leichen solcher Personen, die
+während des Lebens an Lungenphthise gelitten hatten; dieser Weg führte
+schliesslich _Laënnec_ dazu, dass er die tuberculösen Erkrankungen des
+Menschen zu einer einheitlichen Krankheitsgruppe vereinigen konnte, die
+sich ziemlich vollständig deckt mit derjenigen, welche jetzt durch ein
+ätiologisches Moment, durch den Tuberkelbacillus, charakterisirt ist.
+
+Wie aber dieser kühne Griff _Laënnec_’s zugleich ein glücklicher
+nur dadurch werden konnte, dass er für das Zusammenlegen und für die
+Trennung verschiedener Krankheitsformen im letzten Grunde doch wieder
+die am _Lebenden_ gemachten Beobachtungen entscheidend sein liess,
+und dass ihm der Leichenbefund nur dazu diente, um gewissermaassen
+den „ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht“ der klinisch ähnlichen
+Krankheitsprocesse zu finden, so ist auch _Bretonneau_ stets von dem
+Studium am _lebenden_ kranken Menschen ausgegangen. Er selbst spricht
+sich hierüber in folgender Weise aus (S. 5 ff.):
+
+C’est le sentiment de M. le professeur _Laënnec_, que les maladies
+ne peuvent être plus sûrement distinguées que par leurs caractères
+anatomiques. Profondément imbu de cette opinion je n’ai laissé échapper
+aucune occasion de multiplier mes recherches nécroscopiques pendant le
+cours de l’epidémie que j’ai été a portée d’observer. Ce n’est en effet
+qu’en suivant les changements d’aspect de chaque lésion morbide, et en
+comparant les résultats d’un grand nombre d’observations faites dans
+des temps et des lieux différents, qu’il est possible de constater les
+altérations qui appartiennent à une seule et même espèce de maladie.“
+60 Sectionen von Diphtherieleichen hat er bis zum Jahre 1820 ausgeführt
+(S. 12) und bis zum Jahre 1826 dann noch fast ebensoviele. Dabei
+ist zu berücksichtigen, dass dieselben oft unter den schwierigsten
+Verhältnissen und in Privathäusern vorzunehmen waren, und dass zu
+jener Zeit noch viel mehr als jetzt der Widerstand der Angehörigen
+gegen die Leichenöffnungen überwunden werden musste; „aber“, fährt er
+nach Schilderung dieser Hindernisse fort (S. 6): „ich würde mich der
+Uebertreibung und der Undankbarkeit schuldig machen, wenn ich nicht
+anerkennen wollte, dass dieselben oft durch den Einfluss von weltlichen
+und geistlichen Autoritäten geebnet wurden, und wenn ich hinzuzufügen
+vergässe, dass ich den Widerstand, bedingt durch Voreingenommenheit
+gegen die Section, von Tag zu Tag schwinden sah. Mit ein wenig
+Hartnäckigkeit (persévérance) bringt man selbst das tiefstwurzelnde
+Vorurtheil zum Weichen, wenn die Leute erkennen, dass wir uns nicht
+durch unseren eigenen Vortheil dabei bestimmen lassen, sondern dass wir
+alle unsere Kräfte einsetzen, um für das allgemeine Wohl zu wirken.“
+
+Die Sectionen sind stets möglichst vollständig ausgeführt worden, und
+„wenn auch (S. 12) ein oder das andere Mal ein Organ, das während des
+Lebens keinen Anlass zur Annahme krankhafter Veränderung bot, nicht
+genauer untersucht worden ist: die Respirationsorgane wenigstens und
+der Verdauungsapparat (canal digestif) sind stets mit der minutiösesten
+Genauigkeit durchsucht worden“.
+
+Zur Charakterisirung der Gewissenhaftigkeit und des Feuereifers,
+mit dem _Bretonneau_ seine Aufgabe erfasste, möchte ich bloss
+noch folgendes Beispiel anführen, bevor ich zum Specialinhalt des
+Buches übergehe. S. 19 ff. schildert er die Beobachtung des ersten
+Diphtheriefalles, der ihm zur Section kam. (November 1818.) Ein
+fünfjähriges Kind mit starker Dyspnoe, fahlem Gesicht, stimmlos,
+hat stinkenden Athem, zeigt über die ganze Oberfläche des Pharynx
+ausgedehnte Schorfe (escarres) von schmutzig-dunkler Farbe
+(grise-noire); der Puls ist ausserordentlich schnell und klein.
+_Bretonneau_ stellt die Diagnose: Gangrän des Pharynx und des
+Nasenrachenraumes und die Prognose absolut schlecht. Wenige Stunden
+nach der Untersuchung stirbt dies Kind eines ruhigen Todes (une mort
+paisible).
+
+Trotz der nach den damaligen Anschauungen ganz gesicherten Diagnose
+wird _Bretonneau_ doch durch den so schnellen Todeseintritt veranlasst,
+sich die Möglichkeit der Section zu verschaffen, um die Ausbreitung und
+den wahren Sitz der krankhaften Veränderungen kennen zu lernen.
+
+Er findet ausser einem faulig zersetzten Belag auf den Mandeln und den
+schmutzig-dunklen, auf der Wandung des Gaumensegels und des ganzen
+Nasenrachenraumes ausgebreiteten Schorfen einen Belag von unrein
+weisser Farbe (teinte d’un blanc mat), welcher sich in den Kehlkopf
+hinein fortsetzt. Merkwürdig war nun, dass die Gangrän nirgends, wie
+man das bei einem so unheimlich schnellen Verlauf erwarten sollte,
+in die Tiefe des Gewebes gedrungen war, und dass auch sonst der
+Leichenbefund nicht dafür sprach, dass hier überhaupt eine Gangrän im
+eigentlichen Sinne des Wortes vorlag.
+
+Keinenfalls konnte der Eintritt des Todes durch die während des Lebens
+gesehenen Veränderungen erklärt werden und _Bretonneau_ meint, dass
+er bei genügender Würdigung der Incongruenz zwischen Schwere der
+Allgemeinerkrankung und Beschaffenheit des localen Processes schon
+intra vitam nach weiteren Veränderungen hätte suchen müssen, und dass
+er dann den post mortem am Kehlkopf aufgenommenen Befund am Krankenbett
+hätte constatiren können; das hätte aber natürlich eine ganz andere
+Beurtheilung und Behandlung des Falles zur Folge gehabt. Hören wir nun,
+wie er selbst seine Unterlassungssünde auffasst (S. 21): „On ne pouvait
+plus mal observer. A quel point la prévention n’offusque-t-elle pas le
+jugement! La préoccupation d’une affection gangréneuse l’emporta sur
+l’evidence. Si rien ne peut justifier le défaut d’attention dans un cas
+si grave, où tout commandait la plus exacte investigation, quelques
+circonstances excusent du moins la précipitation de cet examen: il fut
+fait au milieu de la nuit, dans un local réservé, et sous les yeux des
+parents, dont la morne douleur m’inspirait la crainte d’avoir déjà
+porté trop loin le zèle de la science.“
+
+Aber diese herbe Selbstkritik trug ihre guten Früchte. In Anbetracht
+des Umstandes, dass solche und ähnliche unheimlich schnell verlaufende
+Krankheitsprocesse, die allgemein bis dahin in Frankreich der Gangrän
+zugerechnet wurden, sich in Tours zu einer schweren Epidemie anhäuften,
+in Anbetracht weiter der Thatsache, dass auch die äussere Aehnlichkeit
+mit einer gangränösen Angina in vielen der weiter beobachteten
+Fälle in den Hintergrund trat und statt dessen das Krankheitsbild
+des Croup prävalirte, endlich unter Berücksichtigung der bei den
+zahlreichen Sectionen fast ausnahmslos zu findenden Croupmembranen,
+konnte schliesslich kein Zweifel mehr sein, dass es sich hier nicht
+um eine gewöhnliche „_maligne Angina_“ handeln konnte, dass vielmehr
+der membranbildende Process im Kehlkopf und in den Luftwegen in den
+tödtlich verlaufenden Fällen dieser Epidemie in Tours die Hauptrolle
+spiele.
+
+Schon bei dem nächsten Fall, der zur Section kam, einem
+siebenjährigen Kinde, bei welchem die maligne Angina mit den
+scheinbar gangränescirenden Eigenschaften des Krankheitsprocesses am
+Gaumensegel und den Pharynxwandungen noch ausgeprägter war, wurde
+die Vergesellschaftung mit ganz typischem Croup ganz evident. Hier
+waren die Trachea und die Verzweigungen der Bronchien mit richtiger
+Croupmembran ausgefüllt: „Un tuyau de substance membraniforme, blanc,
+souple, élastique, consistant, qui adhère faiblement à la membrane
+muqueuse, ou même ne lui est qu’appliqué, s’étend de l’orifice du
+larynx aux dernières divisions des bronches“ (S. 26), und was als
+merkwürdigstes Resultat der Section von _Bretonneau_ bezeichnet wird:
+„_Die Pharynxwand zeigte auch keine Spur von eigentlicher Gangrän,
+wenn sie genauer untersucht wurde._“ S. 27: „Ce qui est plus digne de
+remarque, c’est que les concrétions (des Pharynx) une fois enlevées (et
+pour les enlever et les détacher, il a suffi de les soulever avec des
+pinces à disséquer), les parois du pharynx n’offrent pas la moindre
+trace d’altération gangréneuse; des taches rouges et pointillées
+elles-mêmes de rouge plus foncé, sans érosion, sans épaississement de
+tissu, sont les seules marques d’inflammation qu’on y puisse observer:
+la rougeur inflammatoire est encore moins prononcée dans la trachée.“
+
+In diesem Falle war _Bretonneau_ immer noch im Zweifel, ob es sich
+um eine Complication der malignen Angina mit Croup, oder des Croup
+mit maligner Angina handle, oder ob beide Krankheiten auf die gleiche
+Ursache zurückzuführen seien. (S. 29): „L’angine maligne et le
+croup, n’étaient ils donc que des formes variées d’une seule et même
+espèce de phlegmasie?“ Zuerst war ihm diese letztere Möglichkeit am
+unwahrscheinlichsten. Dann kamen aber Beobachtungen, die unwiderleglich
+bewiesen, dass von älteren Personen, mit maligner Angina ohne Croup,
+jüngere angesteckt wurden, die dann ihrerseits richtigen Croup
+bekamen; anatomisch-mikroskopische Untersuchungen ergaben bei 22
+Leichen, dass sowohl die Beläge auf den Tonsillen und im Pharynx, wie
+die Croupmembranen des Larynx gleicherweise aus _nicht organisirtem
+Material_ bestanden („étaient bien réellement _une substance
+inorganique_“), dass unter diesen „concrétions“, wie _Bretonneau_ von
+jetzt ab die Beläge nennt, die Schleimhaut mehr oder weniger intact war
+(les tissus organisés que les concrétions recouvraient, conservaient
+leur intégrité); endlich kamen in derselben Epidemie Fälle von Croup
+vor, wo der fötide Geruch aus dem Munde gänzlich fehlte. Unter der
+Wucht dieser Thatsachen musste die zuerst am unwahrscheinlichsten
+klingende Möglichkeit die einzig zutreffende sein: _Croup und maligne
+Angina sind auf die gleiche krankmachende Ursache zurückzuführen._
+
+Nun wissen wir jetzt zwar, dass in der That bei gleichzeitigem
+Vorhandensein von weissen Pharynxbelägen und von Kehlkopfcroup beide
+Veränderungen durch die Diphtheriebacillen verursacht werden, wir
+wissen andererseits aber auch, dass die _maligne_ Angina, bezw.
+das _Gangränähnliche_ bei der Angina diphtheritica, durch andere
+Krankheitserreger zu Stande kommt. Aber auch das ist der gewissenhaften
+und scharfsinnigen Beobachtung _Bretonneau_’s auf die Dauer nicht
+entgangen.
+
+In seinem Generalbericht über die Epidemie in _Tours_ sagt er (S. 45):
+Im Beginn der Epidemie herrschte die Neigung vor, bei den schnell
+dahinsterbenden _Kindern_ Croup zu diagnosticiren, bei den chronischen
+Fällen der _Erwachsenen_ mit Rücksicht auf ihren stinkenden Athem und
+ihr septisches Aussehen Gangrän zu supponiren. Aber die Differenz des
+Aussehens der Krankheit, welch’ letztere in beiden Fällen im Wesen die
+gleiche ist, erklärt sich durch die verschiedene Empfänglichkeit der
+verschiedenen Lebensalter und durch den Unterschied in der Entwicklung
+der Luftcanäle.
+
+Was aber den stinkenden Athem betrifft und den gangränös aussehenden
+Pharynx, so liegt das an der putriden Erweichung der Membranen;
+und auch die Farbenveränderung ist etwas Accidentelles; denn (S.
+46): „l’exsudation du sang, phénomène ordinaire de l’inflammation
+diphtheritique, complète l’erreur. La fausse membrane, coloré par
+ce fluide, prend successivement diverses teintes, indices de sa
+décomposition. Le contact de l’air, l’influence de la chaleur humide,
+toutes les conditions propres à favoriser la putréfaction, celles mêmes
+qui peuvent lui imprimer le caractère d’une altération gangréneuse sont
+réunies.“
+
+Können wir heute besseres darüber sagen, als _Bretonneau_ vor 70 Jahren?
+
+Ich habe es nicht für überflüssig gehalten, in solcher Ausführlichkeit
+zu zeigen, wie ungemein vorsichtig _Bretonneau_ in seinen
+Schlussfolgerungen ist und wie er zum Beweise dafür, dass die Angina
+membranacea auch bei dem Gangrän vortäuschendem Krankheitsprocess im
+Pharynx und der Croup der Luftwege nur verschiedene Erscheinungsformen
+_derselben_ Krankheit sind, alle nur möglichen Mittel der Untersuchung
+benutzt hat, insbesondere die Beobachtung des genius epidemicus, das
+Studium der Uebergangsformen zwischen reiner maligner Angina und
+zwischen reinem Croup, die Entstehung einer Krankheitsform aus der
+anderen, die vergleichende Analyse der anatomischen Veränderungen
+durch makroskopische und mikroskopische Betrachtung, die Fixirung
+des Wesentlichen und die Ausscheidung des bloss Zufälligen im
+Krankheitsbilde.
+
+Nicht bloss die Exactheit dieser mühevollen aber zielbewussten
+Arbeiten, sondern auch das schliesslich durch dieselben gewonnene
+Resultat ist so bedeutsam, dass es allein schon genügen müsste, den
+Namen _Bretonneau_’s der Nachwelt zu überliefern; da ist es denn wohl
+nicht ganz gerechtfertigt, wenn _Gerhardt_ in seinem Vortrage über die
+Diphtherie auf dem zweiten Congress für innere Medicin in _Wiesbaden_
+(1883) über diese Leistung _Bretonneau_’s mit dem Bemerken hinweg
+geht, dass „wir wohl nicht mehr vollständig dem beistimmen können,
+dass man Croup und maligne Angina als _eine_ Krankheit bezeichnen
+müsse“, und wenn von den neun Klinikern, die sich auf jenem Congress
+an der Discussion über die Diphtherie betheiligten, auch nicht einer
+es für angemessen hielt, diesem Ausspruch gegenüber _Bretonneau_’s
+Partei zu ergreifen. Unter allen Umständen wissen wir jetzt auf Grund
+der scharfen Abgrenzung der Diphtherie, welche durch die Entdeckung
+der Diphtheriebacillen ermöglicht ist, ganz sicher, dass mit der
+Einschränkung, die von _Bretonneau_ selbst gemacht ist, Croup und
+Angina ätiologisch als _eine_ Krankheit aufzufassen sind.
+
+Auf eben demselben _Wiesbadener_ Congress hat _Gerhardt_ noch
+eine andere Krankheitsform, welche von _Bretonneau_ der Diphtherie
+zugerechnet wird, von derselben abtrennen wollen; auch das, wie ich
+glaube, mit Unrecht. Es handelt sich dabei um eine unter dem Namen
+„scorbutische Gangrän“ in Frankreich bekannt gewordene Krankheit,
+welche _Bretonneau_ bei einem Truppentheil zu beobachten Gelegenheit
+fand, der im Jahre 1818 von der Garnison _Bourbon-Vendée_ nach _Tours_
+versetzt war. Ueberaus zahlreiche Mannschaften dieses Truppentheils
+waren davon befallen. Die Krankheit war von _Bourbon-Vendée_ (jetzt
+_La Roche sur Yon_(?)) aus mitgebracht; in _Tours_ war vorher keine
+ähnliche Erkrankung gesehen worden. Sie äussert sich in der Mehrzahl
+der Fälle in schmutzig-grauen Geschwüren des Zahnfleisches neben abnorm
+reichlicher Zahnsteinbildung an den Zähnen, Lockerung des Zahnfleisches
+und schliesslich Abbrechen der Zähne nach voraufgegangenem Zahnschwund,
+da, wo die Zähne vom Zahnfleisch umgrenzt sind. Die kranken Stellen
+bluten ausserordentlich leicht. Beim Uebergang des Krankheitsprocesses
+auf die Lippen- und Wangenschleimhaut, welcher nicht selten erfolgt,
+sieht man zuerst immer einen weissen Belag entstehen, der aber sehr
+bald sich in’s dunkel-graugrünliche verfärbt. Oft lösen sich Fetzen
+ab, die aber bald durch neue ersetzt werden. Die Lymphdrüsen in
+der Nachbarschaft sind geschwollen. Aus dem Munde entströmt eine
+pestilenzialisch stinkende Luft und in den vorgeschrittenen Fällen
+lässt sich kaum ein Unterschied mehr feststellen zwischen dieser
+Krankheitsform und der im Wesen und Verlauf ganz verschiedenen
+Mundgangrän. Die schliesslich nach langem Bestehen der Krankheit
+eintretende Heilung ist besonders dadurch bemerkenswerth, dass sie
+erfolgen kann, ohne jede Narbenbildung.
+
+_Bretonneau_ erkannte bald, dass diese Krankheit nichts zu thun
+habe mit dem Scorbut (n’avait rien de commun avec le scorbut). Die
+davon befallenen Leute waren, abgesehen von ihrer scheusslichen
+Localaffection, bei vollster Gesundheit; und von dem, was man
+scorbutische Diathese nennt, war bei ihnen nie etwas zu constatiren.
+
+Das Dunkel, welches diese Krankheit ursprünglich umhüllte, begann sich
+allmählich zu lichten, als bei einer nicht geringen Zahl der Soldaten
+die Affection auf die Tonsillen und den Pharynx übergriff und nunmehr,
+abgesehen von dem primären Befallensein des Zahnfleisches, durchaus das
+Bild der malignen Angina darbot, wie es auch sonst in jener Epidemie
+bei erwachsenen Menschen zu sehen war.
+
+Der Grund, aus welchem bei diesen Soldaten, die in einer Kaserne
+zusammenwohnten, der Krankheitsprocess grade am Zahnfleisch anfing,
+wurde von _Bretonneau_ darin gefunden, dass dieselben gemeinsam die
+gleichen Trinkgefässe benutzten, und dass durch diese letzteren das
+Uebel von einem Mann auf den anderen übertragen wurde.
+
+Jeder neunte Mann etwa von den mit Zahnfleischgangrän behafteten zeigte
+gleichzeitig die Symptome der charakteristischen malignen Angina (S.
+120). Die übrigen Stadtbewohner waren fast frei von der sogenannten
+scorbutischen Gangrän; „j’ai déjà dit“ fügt _Bretonneau_ hier nochmals
+hinzu, „que cette différence fut attribuée à l’usage des vases dont les
+soldats se servent en commun“.
+
+Die Gründe, aus welchen auch diese Krankheit der Diphtherie zuzurechnen
+ist, gleichen fast vollständig denjenigen, welche oben für die maligne
+Angina angeführt worden sind.
+
+Später hat _Bretonneau_ die scorbutische Gangrän, oder wie man
+nunmehr vielleicht besser sagen könnte, die Gingivitis diphtheritica
+noch in einer Diphtherieepidemie zu _Chenusson_ (im Winter 1825)
+beobachtet; und zwar sah er dieselbe bei einem Soldaten, der von einem
+anderen angesteckt war, sei es dadurch, dass sie beide in einem Bett
+zusammenschliefen, oder durch gemeinschaftlichen Gebrauch derselben
+Pfeife (S. 448): „en outre, ces deux hommes avaient fréquemment fait
+usage de la même pipe.“ Durch rechtzeitige Alaunbehandlung wurde das
+Fortschreiten des Krankheitsprocesses sehr bald verhindert und schnelle
+Heilung erzielt; auch war es nicht zur eigentlichen Geschwürsbildung
+gekommen, sondern beim häutigen Belage geblieben („inflammation
+pelliculaire, bornée aux gencives des dents incisives“).
+
+Ueberaus wichtig ist nun die Beobachtung _Bretonneau_’s, dass kein
+einziger derjenigen Soldaten in Tours, die eine solche Gingivitis
+überstanden hatten, während der ganzen, zwei Jahre andauernden,
+Epidemie vom Croup befallen wurde. Die aus Vendée nach _Tours_
+versetzte Truppe wurde nach einiger Zeit in eine andere Garnison
+verlegt, und es zog anstatt ihrer ein neuer Truppentheil in die Kaserne
+ein; _unter den Soldaten dieser neuen Truppe trat die Diphtherie in
+Form von schwerer Angina diphtheritica auf_. (S. 55): „Ce n’est point
+la gangrène scorbutique qui s’est montré parmi ces militaires, mais
+l’angine diphthéritique, qui mit trois individus en grand risque de la
+vie“.
+
+Hierzu macht _Bretonneau_ in seiner vorsichtigen Weise folgende
+hochbedeutsame Bemerkungen über die erworbene Immunität, welche
+durchaus auf der Höhe unserer heutigen Betrachtungsweise derselben
+stehen (S. 55): „L’organisme semble acquérir par accontumance la
+faculté de résister aux maladies, comme il acquiert la faculté de
+résister à l’action graduée des poisons et des venins. On l’obtient,
+pour un temps plus ou moins durable, en payant un premier tribut à la
+variole, à la vaccine, au climat etc.“
+
+Ich meine, gegenüber solchen jahrelang fortgesetzten und mit
+dem grössten Scharfsinn ausgeführten Untersuchungen hätte Herr
+Prof. _Gerhardt_ mindestens seine gegenteilige Ansicht, dass die
+sogenannte scorbutische Gangrän von _Bretonneau_ mit Unrecht aus
+dem Krankheitsbegriff des Scorbuts herausgenommen und dem von ihm
+geschaffenen Krankheitsbegriff der Diphtherie einverleibt sei,
+einigermaassen motiviren müssen. Wer nichts weiter von _Bretonneau_
+weiss und hört, als dass derselbe zwar sich das Verdienst der
+Namengebung für eine Krankheit erworben habe, dass aber die
+Krankheitsformen, welche er unter diesem Namen zusammenfasst, ganz
+heterogene Dinge sind, muss sicherlich ein falsches Bild von den
+Leistungen dieses Mannes bekommen; und wenn solch’ ein Urtheil
+_Gerhardt_ ausspricht, der gerade auf diesem Specialgebiet in seiner
+1859 erschienenen Arbeit „der Kehlkopfcroup“ so sorgfältige klinische
+und pathologisch-anatomische Untersuchungen bekannt gegeben hat, dann
+wird die Gefahr der Verkennung von _Bretonneau_’s Bedeutung und seiner
+grossartigen Leistungen um so mehr zu befürchten sein. Aus diesem
+Grunde gehe ich auch noch auf einen dritten principiell wichtigen Punkt
+ein, in welchem _Gerhardt_ mit _Bretonneau_ nicht übereinstimmt. Nicht
+bloss soll _Bretonneau_ in den Krankheitsbegriff der Diphtherie zwei
+Krankheitsformen, die maligne Angina und die scorbutische Gangrän, mit
+Unrecht hineingenommen, er soll auch mit Unrecht eine sehr wichtige,
+rechtmässig zur Diphtherie gehörige Form von jenem Begriff abgetrennt
+haben, nämlich die _scarlatinöse Angina_.
+
+_Bretonneau_ widmet der scarlatinösen Angina ein besonderes Kapitel (S.
+250 ff.) und kommt aus sechs Gründen zu der ganz besonders entschieden
+ausgesprochenen Ansicht, dass sie nichts zu thun habe mit der Angina
+diphtheritica.
+
+Erstens sei das Fibrinexsudat bei der scarlatinösen Angina nicht
+wie bei der diphtheritischen in Gestalt einer Haut abhebbar, sondern
+es liege mehr _in_ der Schleimhaut, ist also eine Diphtherie in
+_Virchow_’s Sinne, nicht im Sinne von _Bretonneau_.
+
+Zweitens sei bei derselben die Entzündung der Pharynxschleimhaut nicht,
+wie das gewöhnlich bei der Diphtherie der Fall ist, zu Anfang eng und
+scharf umgrenzt, sondern breite sich gleich von ihrem Beginn über den
+ganzen Pharynx und den Nasenrachenraum aus.
+
+Drittens habe der scarlatinöse Exsudationsprocess nicht die Tendenz,
+auf den Kehlkopf überzugreifen; wenigstens habe im Verlauf von 20
+Jahren _Bretonneau_ bei keinem an Scarlatina Verstorbenen eine ähnliche
+Larynxaffection gesehen, wie sie zur diphtherischen Angina so häufig
+hinzutritt.
+
+Viertens habe er durch sorgfältigste Section von neun an Scarlatina
+verstorbenen Personen die Ueberzeugung gewonnen, dass der
+Sectionsbefund ganz abweicht von dem bei Diphtherieleichen, und dass
+die localen krankhaften Veränderungen auch nicht entfernt so ausgeprägt
+sind, wie bei der Diphtherie.
+
+Fünftens sei die Dyspnoe Scharlachkranker ein Symptom, das durch
+eine dem Scharlachfieber zu Grunde liegende _Intoxication_ bedingt
+ist, während sie bei der Diphtherie sich auf locale Athemhindernisse
+zurückführen lasse.
+
+Sechstens. Das pfeifende Athmungsgeräusch in Folge von Suffocation
+(suffocation striduleuse) sei kein der Scarlatina zugehöriges Symptom,
+komme dagegen sehr häufig bei der Diphtherie vor.
+
+An einer anderen Stelle (S. 354) erwähnt _Bretonneau_ noch als weitere
+Thatsache, welche für die Verschiedenheit des Wesens der scarlatinösen
+und der diphtherischen Angina spricht, dass er in der Epidemie von _La
+Ferrière_ (Winter 1824) Diphtherie und Scarlatina, beide Krankheiten in
+heftigen Epidemieen, neben einander herrschend gesehen, aber stets die
+scarlatinöse und diphtheritische Angina habe auseinanderhalten können;
+_dabei sei denn auch constatirt worden, dass das Ueberstehen der einen
+Krankheit keinen Schutz gewähre gegen die andere. Das ist ihm für die
+Verschiedenheit beider Krankheiten der stärkste Beweis._
+
+Auch in der Frage, betreffend die Zugehörigkeit der scarlatinösen
+Angina zur Diphtherie, wird wohl _Bretonneau_ wieder Recht behalten.
+Soweit ich bis jetzt unterrichtet bin, hat auch die neuere ätiologische
+Forschung seit _Löffler_’s Entdeckung der Diphtheriebacillen gelehrt,
+dass diphtheritische und scarlatinöse Angina zu trennen sind. _Löffler_
+selbst sagt hierzu auf dem dritten Congress für innere Medicin (1884
+Berlin): „In einer anderen Gruppe fanden sich kettenbildende Coccen; es
+waren dies meist solche Fälle, in welchen nicht sowohl Membranbildung
+vorhanden war, als vielmehr Nekrotisirung und Substanzverluste der
+Schleimhaut. _Sämmtliche Fälle von Scharlachdiphtheritis gehören
+in diese Kategorie._“ In seiner späteren Arbeit aus dem Jahre 1890
+(Deutsche medicinische Wochenschrift 1890 Nr. 5 und 6) citirt
+_Löffler_ dann noch _Kolisko_ und _Paltauf_ (Wien), „welche bei der
+gewöhnlichen mit dem Scharlach einhergehenden, diphtheritischen d.
+h. nekrotisirenden Angina die Diphtheriebacillen stets vermisst
+haben (Wiener klinische Wochenschrift 1889 No. 8), auch _Zarnikow_
+(Centralblatt für Bacteriologie Band 6 u. Dissert. Kiel 1889) habe bei
+der Scharlachangina keine Diphtheriebacillen gefunden.
+
+Dass übrigens _Virchow_’s und _Gerhardt_’s Lehre von der Zugehörigkeit
+der Scharlachangina zur Diphtherie nicht überall die durch _Bretonneau_
+gewonnene Erkenntniss von ihrer wesentlich differenten Natur bei den
+Aerzten hat verloren gehen lassen, dafür mag folgendes Citat aus
+_Henoch_’s „Vorlesungen über Kinderkrankheiten“ (VI. Aufl. 1892)
+Zeugniss ablegen: _Henoch_ charakterisirt daselbst (S. 662) die
+Scharlachangina als eine „_nekrotisirende Entzündung_“ und sagt über
+dieselbe: „Ich ziehe diese Bezeichnung der üblichen „diphtheritisch“
+aus dem Grunde vor, weil meiner Ansicht nach nichts der richtigen
+Anschauung von dem Wesen dieser Processe mehr geschadet hat, als diese
+Benennung. Nachdem _Bretonneau_ unter dem Namen „Diphtherie“ ein
+fast erschöpfend klares Bild dieser specifischen Infectionskrankheit
+aufgestellt hatte, brachte die pathologische Anatomie dadurch
+Verwirrung hervor, dass sie diesen _klinischen_ Begriff in einen
+_anatomischen_ umsetzte und mit dem Namen „_diphtheritisch_“ _alle_
+Processe bezeichnete, welche sich durch Einlagerung fibrinöser Exsudate
+in die Schleimhäute oder auch in die äussere Haut mit nachfolgender
+Nekrose charakterisiren. So kam es, dass die Aerzte, welche
+bereitwillig dieser Lehre _Virchow_’s folgten, bei den verschiedensten
+Krankheiten, in welchen sich die oben erwähnten Processe vorfanden,
+eine Complication mit „_Diphtherie_“ annahmen, und dass diese
+Verwirrung auch auf das Publikum übergriff. Ganz besonders gilt dieses
+in Bezug auf das Scharlachfieber, in welchem jene Processe überaus
+häufig, namentlich im Pharynx, auftreten. Man spricht immer noch von
+Scharlach mit „Diphtheritis“, ohne sich davon Rechenschaft zu geben,
+ob denn die specifische Infectionskrankheit, welche wir „Diphtherie“
+nennen, wirklich dabei im Spiel ist. Die „_nekrotisirende Entzündung_“,
+wie ich sie nenne, kommt bei ganz verschiedenen Krankheiten vor, am
+häufigsten bei wirklicher Diphtherie und beim Scharlach, demnächst
+auch bei Variola, Dysenterie, Pyämie, Cholera. Aber die Aehnlichkeit
+der anatomischen Producte beweist noch nicht die Identität der
+Krankheitsprocesse.“
+
+Wir erkennen an diesen Ausführungen _Henoch_’s auf’s deutlichste,
+wohin es führt, wenn der pathologisch-anatomische Befund zum
+entscheidenden Kriterium für die Beurtheilung der Zugehörigkeit von
+krankhaften Veränderungen zu dieser oder jener Infectionskrankheit
+gemacht wird. Nicht bloss bei der Diphtherie, auch bei der Tuberculose
+und manchen anderen Infectionen war durch die Herrschaft, welche
+_Virchow_’s Autorität über die meisten Mediciner gewonnen hatte, fast
+in Vergessenheit gerathen, dass die Infectionskrankheiten organische
+Processe sind, die sich nur am _lebenden_ Individuum manifestiren. Die
+Diphtherie ist eine _Lebenserscheinung_, deren Gesammtcharakter im
+Laufe der Jahrhunderte und vielleicht im Laufe der Jahrtausende typisch
+sich erhalten hat, und in Folge dessen in denjenigen Fällen, wo sie
+sich an lebenden Individuen manifestirt, identificirt werden kann;
+wenn man nun aber sagen soll, wodurch der Kenner des Krankheitstypus
+der Diphtherie im einzelnen Fall denselben von anderen ähnlichen
+Infectionstypen unterscheidet, dann ist hierfür ein einzelnes
+Kennzeichen nicht ausreichend, am allerwenigsten aber eines, welches
+so wenig charakteristisch ist, wie die von _Virchow_ als diphtherisch
+bezeichnete Art der Schleimhautnekrose.
+
+Dass die Localerscheinungen nicht einmal, wenn sie in ihrer
+fortschreitenden Entwicklung am Lebenden beobachtet werden, zur
+Identificirung der Diphtherie für sich allein ausreichen, hat schon
+_Bretonneau_ gelehrt, indem er beispielsweise durch Canthariden eine
+Entzündung mit genau dem gleichen localen Verlauf erzeugte, wie bei
+diphtherischer Entzündung. Es ist eine überaus exacte experimentelle
+Arbeit, in der er den Beweis hierfür liefert, und von welcher er einen
+Auszug auf Seite 355-364 seines Traité de la diphthérite giebt; ich
+führe hier nur den folgenden Satz an (S. 356): „Le principe vésicant
+des cantharides, extrait au moyen de l’éther et dissous ensuite dans
+l’huile d’olive, a donné naissance à un ensemble de phénomènes morbides
+qui offre une complète analogie avec l’inflammation diphthéritique.“
+In der That, wenn man seine Beschreibung der Pseudomembranen liest,
+die er mit Cantharidenextract im Larynx und den Bronchien von Hunden
+erzeugte, dann tritt die Analogie so vollständig zu Tage, dass man
+sich wundern muss, wie _Bretonneau_ trotzdem an der Specificität des
+Krankheitsprocesses der Diphtherie festhalten konnte, und es wird das
+blos dann erklärlich, wenn man berücksichtigt, dass ihm die Krankheit
+eine _ätiologische_ und nicht eine _anatomische_ Einheit war.
+
+_Bretonneau_ hatte es noch nicht so leicht, wie wir jetzt durch den
+Nachweis des heterogenen ursächlichen Moments der Diphtherie in
+Gestalt des Diphtheriebacillus, zu entscheiden, was dieser Krankheit
+zuzurechnen und was von anatomisch ähnlichen Krankheitsproducten von
+ihr auszuscheiden ist. Erst durch mühsame epidemiologische Studien,
+durch sorgfältigste Beobachtung jedes einzelnen Krankheitsfalles und
+überaus zahlreiche vergleichend anatomische Untersuchungen ist er dazu
+gelangt, alles was wir jetzt als ätiologisch zusammengehörig kennen,
+in seinem Krankheitsbild der Diphtherie zu vereinigen; überall, wo
+eine Epidemie war, ging er selbst hin und in den Jahren 1818-1826,
+über welche er genauer Bericht erstattet, hat er in den Epidemieen von
+_Tours_, _La Ferrière_ und _Chenusson_, ausserdem aber noch in vielen
+sporadisch auftretenden Fällen die Aetiologie mit solchem Aufwand von
+unermüdlicher Thätigkeit und mit solchem Scharfsinn verfolgt, wie
+ausser ihm nur noch _Robert Koch_ es fertig gebracht hat.
+
+Ich will nur ein Beispiel für viele citiren. Zu einer Zeit, wo die
+meisten Aerzte überhaupt noch an dem Charakter der Diphtherie als einer
+ansteckenden Infectionskrankheit zweifelten, war _Bretonneau_ fast
+überall darauf angewiesen, selber dem Ursprung der Einzelerkrankung
+nachzuforschen. In manchen Fällen war das leicht, wenn z. B. (S. 342)
+eine Frau an Diphtherie stirbt, vier Tage später das Kind, welches sie
+noch während der Krankheit gesäugt hatte; wenn ferner, ohne dass sonst
+am Orte (in _La Ferrière_ mit 250 Einwohnern) Diphtherieerkrankungen
+vorkamen, eine junge Frau, der jenes Kind zur Pflege übergeben war,
+acht Tage nach der Inpflegenahme des Kindes an typischem Kehlkopfcroup
+zu Grunde geht; ebenso wenn (S. 339) von allen Nachbarorten kein
+einziger von der Diphtherie befallen wird mit Ausnahme eines Gehöftes,
+in welchem ein 45jähriger Mann Diphtherie bekam, der vorher viel in
+einem Hause von _La Ferrière_ war zu einer Zeit, als in demselben zwei
+Kinder an bösartiger Diphtherie krank lagen und starben.
+
+Aber in anderen Fällen war die Ansteckungsquelle auf keine Weise
+zu finden; da ist es denn geradezu bewunderungswürdig, mit welchem
+Scharfsinn _Bretonneau_ alle Möglichkeiten für das Zustandekommen der
+Diphtherie erwägt, und wie gewissenhaft er zu Werke geht, ehe er eine
+eigene Meinung äussert. S. 289 berichtet er, dass im Jahre 1823 in
+_Tours_ mitten in diphtheriefreier Zeit ein einziges fünfjähriges Kind
+an Croup starb, ohne dass hinterher Diphtheriefälle auftraten.
+
+Alle Zweifel, dass es wirklich Diphtherie war, mussten Angesichts
+des typischen Krankheitsverlaufes im Verein mit dem typischen
+Sectionsbefunde schwinden. Aber in Ermangelung eines gegenwärtigen
+Ansteckungsheerdes forscht _Bretonneau_ weiter nach und erfährt
+endlich, dass vor drei Jahren in derselben Wohnung drei andere Kinder
+an diphtherischem Croup gestorben sind. „Peut-on soupconner que le
+germe de cette affection ait été conservé et transmis après un si long
+espace de temps?“
+
+Wir stehen auch jetzt noch oft genug vor dieser Frage und unsere
+Antwort kann auch jetzt noch nicht viel anders lauten, als wie sie von
+_Bretonneau_ gegeben wird (S. 342): „Sans doute cette affection est
+contagieuse; mais c’est certainement sous des conditions particulières,
+et qui lui sont propres qu’elle se transmet. Comment se conserve le
+germe qui la reproduit?“
+
+Ausser diesen epidemiologischen Nachforschungen, um sich des
+ätiologischen Zusammenhanges zu vergewissern, hat _Bretonneau_
+auch von allen anderen Mitteln Gebrauch gemacht, die ihm zur
+Erforschung der Natur der Krankheit zu Gebote standen; und was die
+pathologisch-anatomische Untersuchung betrifft, so haben wir schon oben
+gesehen, dass er soviel Sectionen selber ausführte, wie sich dessen
+heutzutage nur wenige Aerzte, pathologische Anatomen mit eingerechnet,
+rühmen können.
+
+Aber für ihn blieb der Sectionstisch immer nur die Stelle „ubi mors
+gaudet succurrere vitae“; nicht an sich war ihm der Sectionsbefund von
+Bedeutung, sondern nur insoweit, als er durch denselben besser die
+bei Lebzeiten des Kranken wahrgenommenen oder supponirten materiellen
+Veränderungen der Untersuchung zugänglich machen konnte.
+
+So hat er alle Methoden naturwissenschaftlicher Forschung der damaligen
+Zeit ausgenützt, und so ist es ihm gelungen, herauszufinden, was _wir_
+erst auf Grund unserer Kenntniss der Eigenschaften und Fähigkeiten der
+von aussen stammenden krankmachenden Ursache entdecken konnten, vor
+Allem den Polymorphismus der diphtherischen Infection, bedingt durch
+örtliche, zeitliche und individuelle Disposition und besonders auch
+bedingt durch die Verschiedenheit der Invasionspforten, durch welche
+der Krankheitskeim in den Organismus eintritt.
+
+Er selbst ist darauf aufmerksam geworden, dass ausnahmsweise auch
+einmal die Zunge und der Oesophagus die Primäraffection zeigen; ferner
+hat er auf Grund von Beobachtungen anderer Autoren, wie _Guersant_
+(S. 53) und _Starr_ (S. 54) in Frankreich, _Samuel Bard_ in Amerika,
+uns überliefert, wie nach Entblössung der Epidermis durch Vesicantien
+auch von der Cutis der diphtherische Process ausgehen kann, und seine
+Ausführungen darüber entsprechen durchaus schon im Wesentlichen
+der Schilderung, die uns _Henoch_ von diesen exceptionellen
+Erscheinungsformen der Diphtherie giebt, wenn er (Seite 724 seiner
+Vorlesungen) die Lippenschleimhaut, die Conjunctiva, Gesicht und Ohren
+(bei vorhandenem Ekzem), die übrige äussere Haut, die Genitalien, auf
+Grund eigener Untersuchungen als gelegentlich diphtherisch inficirte
+Stellen anführt.
+
+Besonders bewunderungswürdig ist aber, was _Bretonneau_ über das
+Stationärwerden der Krankheit beim Einzelnen und über das Aufhören
+derselben in der Gesammtbevölkerung sagt, indem er schon dasjenige
+Resultat vorgreift und mit grösster Schärfe präcisirt, welches wir erst
+als Frucht der neuesten Immunitätsarbeiten anzusehen gewohnt sind,
+soweit wir überhaupt uns mit diesem schwierigsten unter allen dem Arzte
+aufstossenden Problemen ernsthaft beschäftigt haben. „Ordinairement
+(sagt er S. 54) quelques jours après son invasion, la marche rapide
+de la diphthérie se ralentit. Ce phenomène ne lui est particulier; il
+se reproduit dans plusieurs autres maladies, et les symptomes locaux
+de la syphilis, par exemple, après avoir assez rapidement leur plus
+haut degré d’intensité et d’étendue, perdent bientôt de leur activité.
+Dans le cas présent, cette tendance à l’état stationnaire est d’une
+importance toute particulière pour le pronostic, puisque c’est par sa
+propagation dans les voies aëriennes que l’inflammation pelliculaire
+devient funeste. En effet il n’y a pas le moindre rapport entre le
+danger d’une affection pelliculaire de la bouche, si grave qu’on la
+suppose, pourvu surtout que le mal en s’étendant ait déjà perdu une
+partie de son énergie, et le péril auquel expose une petite tache
+diphthéritique qui se montre d’abord à la surface des tonsilles,
+d’où elle peut se propager en peu de jours, quelques fois même en
+peu d’heures à la trachée et bientôt aux dernières ramifications des
+bronches.
+
+L’organisme semble acquérir par accoutumance la faculté de résister
+aux maladies, comme il acquiert la faculté de résister à l’action
+graduée des poisons et des venins. On l’obtient, pour un temps plus ou
+moins durable, en payant un premier tribut à la variole, à la vaccine,
+au climat, sans parler de l’inaptitude à contracter la blénorrhagie,
+inaptitude qui peut aussi s’acquerir et s’entretenir, si on en croit
+les assertions de _John Hunter_.
+
+_Peut-être cette influence de l’habitude contribue-t-elle à
+l’extinction de quelques affections contagieuses épidémiques en usant
+la disposition à les contracter._“
+
+Es ist ein „vielleicht“, mit dem er seine Zurückführung des Aufhörens
+von Epidemieen auf das Immunwerden der Individuen, nachdem sie
+leichtere Infectionen erlitten haben, einleitet. Aber schliesslich
+sind wir auch jetzt noch nicht über die blosse Möglichkeit dieses
+Erklärungsprincips hinausgekommen.
+
+Auf gleicher Höhe, wie diese epidemiologischen Bemerkungen, steht
+seine Beschreibung von der specifischen Natur der diphtherischen
+Entzündung. Wenn ich diese hier in extenso anführe, dann geschieht es
+hauptsächlich auch deswegen, weil ich eine bessere nirgends gefunden
+habe und weil ich mir auch kaum einen adäquateren anatomischen Ausdruck
+für die specifisch diphtherischen Processe denken kann, als den von
+_Bretonneau_ gefundenen.
+
+S. 40 ff. sagt er: „Es ist manchmal ziemlich schwer, den organischen
+Process dieser Veränderung zu verfolgen, von welchem die Exsudation,
+die hinterher ein festes Produkt liefert, ausgeht. Oft beschränkt sich
+diese Veränderung auf punktförmig auftretende rothe, unregelmässig
+verbreitete Flecke, ohne jede Spur von Schwellung; selbst eine etwaige
+Schwellung des submucösen Zellgewebes involvirt durchaus nicht auch
+eine solche der Schleimhaut selbst. Was die letztere betrifft, so ist
+sie an einer Schwellung des darunter und in der Nähe befindlichen
+Gewebes nicht mehr betheiligt, als die Haut über den geschwollenen
+Lymphdrüsen, welche in der Gegend der diphtherischen Schleimhautpartien
+gelegen sind.
+
+Die Lymphdrüsenschwellung ist regelmässig vorhanden; und sie ist gleich
+Anfangs verhältnissmässig stark ausgesprochen, correspondirt aber
+durchaus nicht immer in ihrer Stärke mit der Intensität und Extensität
+der diphtherischen Entzündung. Zweimal sah ich, wie die diphtherische
+Drüsenschwellung genau den gleichen Verlauf und Ausgang in Eiterung
+nahmen, wie das bei Bubonen beobachtet wird.
+
+Diese fleckweise Röthe der Schleimhaut, welche ganz oberflächlich
+bleibt und ohne Verdickung der Schleimhaut besteht, trotzdem aber
+sich mit festwerdenden Exsudaten von ausserordentlicher Reichlichkeit
+vergesellschaftet, ist es, die mir der diphtherischen Entzündung einen
+ganz besonderen Charakter zu verleihen scheint.
+
+_Ich würde noch nicht ganz ausdrücken, was ich darüber denke, wenn
+ich nicht noch hinzufügte, dass ich in dieser zur Ausscheidung von
+speckhautähnlichem Exsudat führenden Entzündung eine ganz specifische
+Phlegmasie erblicke, welche von einer katarrhalischen Entzündung ebenso
+verschieden ist, wie der Milzbrand von einem Herpes zoster, die ferner
+von der scarlatinösen Erkrankung noch mehr verschieden ist, als die
+Scarlatina von den Pocken; kurz, dass es sich hier um eine Krankheit
+sui generis handelt, welche ebensowenig ein höherer Grad eines Katarrhs
+ist, wie die Ichthyosis (dartre squameuse) als höherer Grad des
+Erysipels angesehen werden kann._
+
+_Da ich nun unmöglich einer derartig specifischen Entzündung
+einen derjenigen Namen geben kann, mit welchen man partielle
+Erscheinungsformen derselben belegt hat, so sei es mir gestattet, diese
+specifische Phlegmasie als „Diphtheritis“ (von διφθερα, pellis, exuvia,
+vestis coriacea und διφθερóω gleich corio obtego) zu bezeichnen._
+
+Je mehr ich meine Aufmerksamkeit den charakteristischen Merkmalen der
+diphtherischen Entzündung zuwandte, um so mehr erwiesen sich dieselben
+als durchaus verschieden von denen jeder anderen Entzündung. Wenn
+man mikroskopisch die am lebhaftesten in der Entwicklung begriffenen
+circumscripten Flecke untersucht, welche vom blossen Auge punktförmig
+und zwar als rothe und als weisse Punkte gesehen werden, so erkennt
+man eine äusserst feine Vascularisirung der Schleimhaut und dass
+die lebhaft gerötheten Punkte in derselben kleine Ekchymosen sind,
+während die weissen Flecke durch die vorspringenden Oeffnungen der
+Schleimhautfollikel repräsentirt werden.
+
+Was die Verbreitungsweise der diphtherischen Entzündung betrifft,
+so geschieht dieselbe in ganz eigenartiger Weise; _sie schreitet
+in ähnlicher Weise vor, wie ein Flüssigkeitstropfen, der in die
+Umgebung sich imbibirt und an abhängiger Stelle heruntergleitet_.
+(L’inflammation s’y étend à peu près comme un liquide qui s’épanche ou
+qui coule.)
+
+Oft erkennt man, wie ein langer, schmaler Streifen vom tiefsten
+Roth, sich in den Pharynx hinein verbreitet, oder nach der Trachea
+hinuntersteigt, zuweilen auch mehrere solcher Streifen nebeneinander.
+In der Mitte jedes dieser Streifen entsteht nun überall das feste
+Exsudat. In diesem frühesten Stadium der Exsudatbildung kann man noch
+rundliche Oeffnungen oder vielmehr halbdurchscheinende Bläschen in den
+Concretionen beobachten.“
+
+.... „Nun dehnt sich allmählich der Process auch in die Breite
+aus, bis zusammenhängende Lamellen entstehen, die bloss durch
+Exsudatpfröpfe, welche in die Oeffnungen der Schleimhaut_follikel_
+hineingehen, an der darunterliegenden Schleimhaut festhaften. Löst sich
+aber solch’ eine Lamelle los, dann nimmt die Röthung der Schleimhaut
+zu; es entsteht von Neuem eine Membran, die durch Nachschübe verdickt
+wird und gradatim mit zunehmender Verdickung an der organisirten
+Schleimhaut immer mehr festhaftet.“
+
+(Ferner S. 51): „Mit zunehmender Verdickung und engerem Connex zwischen
+Schleimhaut und Pseudomembran wird auch die Schleimhaut selbst mehr
+und mehr verändert: _es kann dann vorkommen, dass sogar das Exsudat in
+der Schleimhaut eingelagert ist_. Erosionen und Ekchymosen entstehen
+an den einer Reibung ausgesetzten Punkten und wenn nun noch Blut
+austritt, dann entstehen jene Veränderungen der ursprünglich weissen
+und geruchlosen Membran, die zu einer Putrefaction führen, welche den
+specifischen Charakter der Diphtherie ganz verdecken kann.“
+
+_Das_ ist das anatomische Bild des diphtherischen Entzündungsprozesses,
+wie ich es auch bei der experimentell zu erzeugenden Diphtherie
+bei Thieren fand. Dagegen das Bild, wie es von pathologischen
+Anatomen entworfen wird, ist alles andere, bloss keine Diphtherie in
+_Bretonneau_’s Sinne.
+
+Hören wir, wie beispielsweise _Orth_ in seinem „Compendium der
+pathologischen Diagnostik“ (III. Aufl. 1884) die diphtherischen
+Veränderungen schildert (S. 257 ff.):
+
+„Nicht ungewöhnlich kommen auch _diphtherische_ Erkrankungen im
+Kehlkopf und Trachea vor. Man wird nicht nur am Kehldeckel, sondern
+auch tiefer im Kehlkopf und in der Trachea zuweilen Membranen finden,
+welche nur mit grosser Gewalt sich entfernen lassen und unter
+denen die Schleimhaut in eine graue nekrotische Masse verwandelt
+erscheint. Am häufigsten sieht man in der Trachea diese diphtherischen
+Veränderungen in der Nähe von Tracheotomiewunden, deren häufige
+diphtherische Infection ja allgemein bekannt ist. Die bei vielen
+Infectionskrankheiten, besonders bei acuten Exanthemen vorkommenden
+Entzündungen des Larynx und der Trachea nehmen oft einen diphtherischen
+Charakter an. Besonders bei Variola kommen kleinere diphtherische
+Herde in der Trachea (meist über den Knorpelringen) vor, die oft
+fälschlich für Pockenpusteln gehalten worden sind. Gerade zu den
+diphtherischen Affectionen des Larynx und der Trachea, aber auch zu
+den auf die Pharynx beschränkten, gesellen sich leicht durch Einathmen
+kleiner Partikel der diphtherischen Massen entstandene Pneumonieen,
+welche meist katarrhalische Bronchopneumonieen sind, aber, wenn
+die diphtherischen Massen zugleich Fäulnissstoffe enthielten, auch
+einen gangränösen Charakter annehmen können. Die fibrinösen und
+diphtherischen Entzündungen kommen hier fast stets im Anschluss an
+ähnliche Veränderungen am Rachen vor, doch kann auch der Rachen
+frei sein, ohne dass deswegen die Entzündungsursache eine andere zu
+sein brauchte.“ Auf Seite 246-249 bespricht _Orth_ eingehender den
+makroskopischen und mikroskopischen Befund bei der Pharynxdiphtherie.
+Danach sind ihm Diphtherie und Croup „höhere Grade von Entzündung“
+und (S. 248) „die Diphtherie des Gaumens und Rachens kann durch
+verschiedene Ursachen erzeugt werden.“ Die vorzugsweise bei Kindern
+auftretende Form will er, _Senator_ folgend, als „_Synanche_“
+bezeichnet wissen.
+
+Damit wäre denn wissenschaftlich die Diphtherie als ätiologisch
+einheitliche Infectionskrankheit aus der Welt geschafft.
+
+Man hat der jüngeren Generation von Aerzten den „historischen Sinn“
+in der medicinischen Wissenschaft abgesprochen; ich glaube aber, wir
+brauchen diesen Vorwurf nicht zu tragisch zu nehmen in einer Zeit,
+wo der medicinischen Forschung neue Gebiete erschlossen sind, deren
+Bearbeitung lohnender ist, als die Beschäftigung mit den Lehrmeinungen
+einer von der Beobachtung des lebenden kranken Menschen losgelösten
+Pathologie. Ja fast möchte ich durch meine historisch-kritischen
+Studien bei denjenigen Krankheiten, mit welchen ich mich genauer
+beschäftigt habe, zu der Meinung kommen, dass die doctrinären
+Anschauungen der pathologischen Anatomie der letzten 50 Jahre erst ein
+überwundener Standpunkt werden müssen, ehe man mit Aussicht auf Erfolg
+bei den Infectionskrankheiten an eigene productive Arbeit herangehen
+kann.
+
+Was die Diphtherie betrifft, so muss sich schon bei der
+bisherigen Analyse des Wesens und der Erscheinungsformen dieser
+Infectionskrankheit ein solches Urtheil aufdrängen. In noch höherem
+Grade wird sich aber bei der Besprechung der weiteren positiven
+Errungenschaften in der Diphtherieforschung zeigen, wie die Herrschaft
+einer einseitig pathologisch-anatomischen Betrachtungsweise der
+Construction eines Krankheitsbildes hinderlich sein musste, in welchem
+das _ätiologische_ Moment entscheidend ist für die Zugehörigkeit ganz
+verschieden aussehender Krankheitsformen zu demselben.
+
+Ganz besonders deutlich tritt dies zu Tage bei derjenigen
+diphtherischen Erkrankung, die uns beim Lebenden in Gestalt von
+Lähmungserscheinungen entgegentritt. Nichts von denjenigen Charakteren,
+die an der Leiche als Kriterium für die Diphtherie geltend gemacht
+werden, ist hier zu finden, und trotzdem ist gerade die Erzeugung
+specifisch-diphtherischer Lähmungserscheinungen, mit ihrem ganz
+eigenthümlichen Auftreten erst nach Ablauf des local diphtherischen
+Processes und mit ihrem zur spontanen Heilung hinneigenden Verlauf,
+entscheidend gewesen für die Beweiskraft der ätiologischen
+Untersuchungen von _Roux_ und _Yersin_.
+
+Hier ist es einleuchtend, dass nicht der pathologische Anatom das
+Superarbitrium darüber abgeben kann, ob wir intra vitam eine richtige
+Diagnose gestellt haben; ebensowenig aber kann er es in den zahlreichen
+anderen Fällen, wo functionelle Störungen einer Krankheit ihren
+specifischen Stempel aufdrücken, beim Tetanus, bei syphilitischen,
+leprösen und vielen anderen Infectionen.
+
+Für den gut beobachtenden Arzt sind gewisse Lähmungsformen so
+zweifellos diphtherische Erkrankungen, dass beispielsweise _Henoch_
+die Diagnose auf Diphtherie auch dann zu stellen sich für berechtigt
+hält, wenn er in Diphtherieepidemieen eine _Gaumenlähmung_ zu Gesichte
+bekommt, ohne dass vorher eine Rachendiphtherie constatirt worden ist;
+und doch würde auch die sorgfältigste anatomische Untersuchung nicht
+im Stande sein, hier die ärztliche Diagnose zu bestätigen. Gleichwohl
+werden wir zur näheren Erforschung des anatomischen Substrats auch
+dieser Krankheitsformen jede Gelegenheit und jedes Mittel benutzen,
+aber nicht in dem Glauben, welcher in den letzten Jahrzehnten
+grossgezogen wurde, dass wir erst in die pathologischen Institute
+gehen müssten, um autoritativen Aufschluss über die bei solchen
+Untersuchungen anzuwendenden Methoden zu bekommen.
+
+Diphtherische Lähmungen sind schon in sehr frühen Zeiten
+ärztlicherseits beobachtet worden.
+
+_Ghisi_ erwähnt in seinem berühmten Briefe aus dem Jahre 1749
+(Cremona), dass sein eigener Sohn, nachdem derselbe von der häutigen
+Bräune fast vollständig geheilt war, von einer Gaumenlähmung befallen
+wurde und fügt hinzu: „Wir (_Ghisi_ und _Scotti_) überliessen es der
+Natur, die Heilung dieser merkwürdigen Nachkrankheit zu besorgen,
+welche man ausserordentlich häufig bei solchen Personen beobachtet,
+die von der ursprünglichen Krankheit schon wiederhergestellt waren,
+und die etwa einen Monat lang nach erfolgter Heilung der Angina und
+des sich an dieselbe anschliessenden Drüsenabscesses bei dem eigenen
+Kinde andauerte; dasselbe sprach andauernd durch die Nase und flüssige
+Speisen liefen oft durch die Nase zurück“ (citirt nach _Bretonneau_,
+Traité de la diphtherite S. 460). Der _Ghisi_’sche Brief scheint sehr
+schwer zu haben zu sein; _Bretonneau_ fand ihn in keiner Bibliothek,
+bekam aber schliesslich ein Originalexemplar durch Dr. _Double_.
+
+In demselben Jahre (1749) gab auch _Chomel_ in seiner Dissertation
+„Sur le mal de gorge gangréneux“ eine naturgetreue Schilderung der
+Gaumenlähmung; eine Dame (Demoiselle _de Bonac_) wurde in einem Hause,
+in welchem mehrere Kinder an häutiger Bräune krank waren, gleichfalls
+von dieser Krankheit ergriffen, aber bald geheilt. 40 Tage später
+stellten sich Lähmungserscheinungen bei ihr ein: „La malade parlait
+beaucoup du nez, était louche et contrefaite; mais en reprenant ses
+forces elle a repris aussi de jour en jour son état naturel“ (citirt
+nach _Maingault_ „De la paralysie diphthérique“ Paris 1860 S. 3).
+
+Wir sehen also, dass schon in den ersten beglaubigten Fällen von
+Diphtherie, und zwar an den weitest von einander entfernten Orten,
+Lähmungserscheinungen die Aufmerksamkeit der Aerzte auf sich lenkten;
+so citirt _Maingault_ (S. 3), auch _Samuel Bard_, welcher aus
+_New-York_ ungefähr zu gleicher Zeit mit den beiden obengenannten
+Autoren folgenden Krankheitsfall berichtete. Ein zweieinhalbjähriges
+Mädchen, welches Angina und Croup überstanden hatte, und dann
+vollständig stimmlos wurde, konnte feste Speisen ziemlich gut zu sich
+nehmen, Flüssigkeiten verursachten aber Hustenanfälle und wurden sehr
+schlecht geschluckt. Die letzteren Symptome verloren sich ziemlich
+schnell; dagegen dauerte die Aphonie und eine allgemeine Schwäche sehr
+lange an; das Gehen ohne Unterstützung lernte die kleine Kranke erst 12
+Monate später.
+
+_Maingault_, dessen umfangreiche Monographie über die
+diphtherischen Lähmungen sehr lesenswerth ist, bringt Auszüge über
+Krankenbeobachtungen von dem jüngeren _Sédillot_ (1810), _Guimier_,
+_Ozanam_, _Loyateté_, hebt besonders rühmend hervor _Orillard_ (Société
+de Poitiers 1834-36), welcher ausser Gaumenlähmungen auch Taubheit
+und Sehstörungen als diphtherische Rachenkrankheiten beobachtete,
+und eine sehr exacte Schilderung von Muskelschwäche und Zittern der
+Extremitäten, sowie von tabischen Erscheinungen entwarf; er zählt
+weiter Beobachtungen auf von _Thirial_ (Assistent von _Trousseau_) und
+geht dann genauer auf die grundlegenden Untersuchungen von _Trousseau_
+selber ein, von denen ab die Litteratur über diphtherische Lähmungen
+fast unübersehbar anschwillt.
+
+_Trousseau_’s scharf entworfene Krankheitsbilder sind hauptsächlich
+durch seine klinischen Vorlesungen Anfangs der fünfziger Jahre weiteren
+Kreisen bekannt geworden. Ich will bloss noch erwähnen, dass in dieser
+Zeit auch _Bretonneau_ noch wieder aus dem grossen Schatz seiner
+Erfahrungen dieses Specialgebiet der Diphtherie bereichert hat in
+seiner Arbeit „Memoire sur les moyens de prévenir le développement et
+les progrès de la diphthérie“, Archives générales de médecine (Janvier
+1855).
+
+Zur Darstellung des _actuellen_ Standes der Frage von den
+diphtherischen Lähmungen führe ich dasjenige hier an, was _Henoch_
+darüber in seinem Lehrbuch der Kinderkrankheiten sagt (S. 747): „Die
+„_diphtherische Lähmung_“ ist eine so häufige Nachkrankheit der
+Diphtherie, dass man in jedem Fall auf dieselbe gefasst sein muss.
+Ich selbst sah die Lähmung immer nur im Gefolge der Rachendiphtherie
+auftreten. Andere wollen sie auch nach der Diphtherie der Haut, z. B.
+der Finger, beobachtet haben. Die Ansichten über die Bedingungen dieser
+Paralyse, die schon dadurch merkwürdig ist, dass die Beeinträchtigung
+des Nervensystems durch den Infectionsstoff sich meistens erst zu
+einer Zeit geltend macht, in welcher die Kranken die Infection längst
+überwunden zu haben scheinen, waren sehr getheilt. Erst in neuester
+Zeit haben sorgfältige Untersuchungen ergeben, dass es sich hier
+vorzugsweise um einen _neuritischen_ Process in den peripherischen
+Nerven handelt, wobei aber analoge Veränderungen auch im Rückenmarke
+vorhanden sein können. _Déjérine_ (Arch. de phys. normale et
+pathologique 1878) fand in den vorderen Wurzeln der Spinalnerven,
+wie auch in vielen peripherischen Nerven Fettkörnchenbildung und
+Schwinden der Achsencylinder, ausserdem Atrophie der Ganglienzellen
+in den Vorderhörnern und Vermehrung des interstitiellen Bindegewebes,
+also eine „_parenchymatöse Neuritis und Myelitis_“ und _P. Meyer_
+(Virch. Arch. Bd. 85 Heft 2) sah in einem Fall von sehr verbreiteter
+diphtheritischer Lähmung fast in allen peripherischen Nerven
+deutliche Zeichen einer parenchymatösen Neuritis (Zerklüftung des
+Markes, Kernwucherung in der _Schwann_’schen Scheide, Umwandlung
+in Körnchenzellen, Knötchenbildung durch Oedem und Schwellung des
+Bindegewebes). Dieselben Veränderungen fanden sich in den Wurzeln der
+Spinalnerven und in vielen Spinalganglien, während im Rückenmark selbst
+viele Ganglienzellen ihre Fortsätze ganz oder zum Theil eingebüsst
+hatten. Diese Befunde, sowie einige schon 1862 von _Charcot_ und
+_Vulpian_, und 1867 von _Buhl_ gemachte Beobachtungen fordern zu
+fortgesetzter Untersuchung des _peripherischen_ Nervensystems bei der
+diphtherischen Lähmung auf. Auch in einem Falle von diphtherischer
+Herzlähmung mit plötzlichem Tode fand _Gombault_ (bei _Gadet de
+Gassicourt_ „Diphthérie prolongée“, Revue mens. 1883 Janvier III. S.
+349) zwar den Vagus, die Medulla oblongata und die Herzmusculatur
+durchaus intact, aber, gleichwie in zwei anderen analogen Fällen, die
+vorderen Wurzeln der Spinalnerven wenigstens theilweise in ähnlicher
+Weise verändert, wie es von _Déjérine_ beschrieben wurde.
+
+Daneben können auch die Muskeln selbst entzündliche Veränderungen,
+interstitielle und fibrilläre, (_Hochhaus_, Virch. Arch. Bd. 124 Heft
+2) darbieten, was besonders an denen des Gaumens und des Rachens leicht
+begreiflich ist. Wahrscheinlich handelt es sich um die Einwirkung des
+von den Bacillen producirten toxischen Stoffes auf das Muskel- und
+Nervensystem, da nach den Untersuchungen von _Roux_ und _Yersin_ (Ann.
+de l’Institut Pasteur 1889 Juin. -- _Hansemann_, Virch. Arch. Bd. 115,
+1889) dieser Stoff auch bei Thieren paralytische Symptome hervorbringt,
+die mit den bei Menschen beobachteten grosse Aehnlichkeit haben.
+
+Die diphtherische Lähmung, welche grade nach den leichteren Fällen der
+Krankheit am häufigsten aufzutreten pflegt, kündigt sich in der Regel
+zwei bis drei Wochen nach Ablauf der Krankheit durch Paralyse des
+Gaumens an. Seltener tritt sie früher auf, so in einem meiner Fälle
+am zehnten, in einem anderen sogar schon am fünften Krankheitstage,
+worauf wenige Tage später der Tod an Herzlähmung erfolgte. Sehr häufig
+bleibt die Paralyse des Gaumens das einzige Lähmungssymptom. Die Kinder
+bekommen eine nasale mehr oder weniger unverständliche Sprache u. s. w.
+
+S. 748: „Die Gaumenlähmung kann, wie ich wiederholt beobachtete,
+besonders in den niederen Ständen, das _erste_ Zeichen sein, welches
+eine vorausgegangene, aber von den Eltern ganz übersehene, und spontan
+geheilte Rachendiphtherie verräth.“
+
+Ferner erwähnt dann Henoch Störungen des _Sehvermögens_ durch Paralyse
+des tensor choroideae; weiterhin Parese der _Rachenmuskeln_, Ataxie und
+Kraftlosigkeit der unteren Extremitäten, _Aphonia_ paralytica, Lähmung
+der _respiratorischen Muskeln_ mit sehr frequenter Athmung; Fehlen der
+_Sehnenreflexe_, insb. der patellaren.
+
+Hemiplektische Formen hat _Henoch_ nicht gesehen.
+Sensibilitätsstörungen seien sehr selten.
+
+Aus dieser kurzen Uebersicht über das Krankheitsgebiet der
+diphtherischen Lähmungen ergiebt sich allein schon eine solche
+Mannigfaltigkeit der symptomatisch in Erscheinung tretenden
+Diphtherieformen, dass dem _Polymorphismus dieser Krankheit_ vielleicht
+bloss noch die durch den Streptococcus longus entstehenden Erkrankungen
+des Menschen an die Seite gestellt werden können.
+
+Demgegenüber nehmen selbst die Tuberculose und die Syphilis, klinisch
+betrachtet, einen relativ einförmigen Verlauf.
+
+Noch weniger polymorph sind andere Infectionen des Menschen,
+wie die durch Malariaparasiten, durch den _A. Fraenkel_’schen
+Pneumoniebacillus, durch den Typhusbacillus erzeugten.
+
+Und gar erst die Cholera asiatica, die Ruhr, der Tetanus, die Gonorrhoe
+sind in der Regel ganz scharf abgegrenzte Krankheiten.
+
+Berücksichtigen wir aber die _gesammten_ Erscheinungsformen
+der Diphtherie mit ihren örtlich, zeitlich und individuell zu
+Tage tretenden Differenzen, dann wird es begreiflich einerseits,
+dass es der Lebensarbeit und der Genialität eines Mannes wie
+_Bretonneau_ bedurfte, um innerhalb derselben das einheitliche
+Band der gemeinsamen Aetiologie aufzufinden, und andererseits,
+dass für weniger weitblickende und weniger in das Wesen der Dinge
+eindringende Geister dieser Ariadnefaden, mit Hilfe dessen man sich
+in dem Labyrinth von Krankheitsformen zurechtfinden kann, immer von
+Neuem abriss und verloren ging, so lange, bis durch die Entdeckung
+des Diphtheriebacillus ein neues, für den Kundigen einfaches und
+zuverlässiges Orientirungsmoment gegeben war.
+
+In der That, wie sollte Jemand ohne epidemiologische Erfahrung
+auf den Gedanken kommen, dass eine Ataxie nur eine verschiedene
+Aeusserung derselben Ursache ist, die vor längerer Zeit bei den
+von ihr befallenen Individuen eine membranöse Gingivitis, oder
+eine Angina, oder einen Croup erzeugt hatte, wo doch der Sitz, das
+Aussehen und der Verlauf dieser ebenerwähnten Krankheitsformen so
+different sind, dass 60 Jahre nach den denkwürdigen Untersuchungen
+_Bretonneau_’s ein so hervorragender Kliniker wie _Gerhardt_ ihre
+ätiologische Zusammengehörigkeit wieder in Frage stellen konnte?
+Wenn im 16. Jahrhundert _Ghisi_ nach der Heilung seines Kindes von
+der Rachendiphtherie die Unfähigkeit desselben, flüssige Speisen zu
+schlucken und die Eigenthümlichkeit, durch die Nase zu sprechen, auf
+die überstandene Krankheit zurückführte, dann darf man die Erkennung
+eines solchen Causalnexus schon als Zeichen scharfer Beobachtungsgabe
+ansehen; indessen hier, wo die Lähmung an demselben Ort auftrat,
+der vorher den diphtherischen Belag zeigte, lag die Annahme eines
+ursächlichen Zusammenhangs noch ziemlich nahe.
+
+Was alles aber musste voraufgehen, ehe der Scharfsinn medicinischer
+Forscher zu dem Resultat gelangen konnte, dass eine mikroskopisch
+sichtbare Kernvermehrung der Ganglienzellen in den grauen
+Vorderhörnern des Rückenmarks im letzten Grunde demselben ursächlichen
+Moment zuzuschreiben ist, welches viele Wochen vorher zu einem
+Exsudationsprocess an der Kehlkopfschleimhaut den Anstoss gegeben
+hatte, und dass auch eine Lähmung des tensor chorioideae, welche
+eigenthümliche Sehstörungen hervorruft, wieder nur eine differente
+Aeusserung desselben ist.
+
+Leichter ist es geworden, ein anderes Krankheitsgebiet der Diphtherie
+einzuverleiben, von welchem bisher hier nur flüchtig die Rede war:
+ich meine _die diphtherischen Erkrankungen der äusseren Haut_. Aber
+auch hier, welche Fülle von Beobachtungen, ehe man einigermaassen
+unterscheiden lernte, was von den membranbildenden und anderweitigen
+Hautkrankheiten zur Diphtherie gehört und was von derselben
+auszuscheiden ist!
+
+Als erste Beobachter von Hautdiphtherie werden von _Bretonneau_ citirt
+_Chomel_ (1759) und _Samuel Bard_ (1771). _Bretonneau_ selbst sah nur
+wenig Fälle und _Trousseau_ ist der eigentliche Begründer der Lehre von
+der Hautdiphtherie; in seinem Kinderhospital zu Paris und bei seinen im
+Regierungsauftrage erfolgten Reisen in die verschiedenen Departements
+von Frankreich zur Erforschung der Diphtherie, vor allem im département
+Loir-et-Cher, hat er ein riesiges Beobachtungsmaterial angesammelt.
+
+Seine die Hautdiphtherie betreffenden Bemerkungen finden sich in
+einem „mémoire“ (1830 publicirt in Archives générales de médecine t.
+XXIII. S. 383), ferner in seiner „clinique médicale“ und in einem
+Bericht, der im „Journal de médecine et de Chirurgie pratiques“
+VI. (p. 125) enthalten ist. Diese letzterwähnte Arbeit ist noch
+dadurch bemerkenswerth, dass hier zum ersten Male die egyptische
+Krankheit nicht, wie es von _Bretonneau_ geschah, als _diphthérite_
+(Diphtheritis) bezeichnet wird, sondern als _diphthérie_; _Trousseau_
+wollte durch diese Namensänderung zum Ausdruck bringen, dass er
+_Bretonneau_’s Ansicht nicht theile, wonach die Krankheit local
+beginne, dass vielmehr die specifische diphtheritische Phlegmasie
+am Pharynx, an der Trachea, an der Haut u. s. w. Localisationen
+einer im Blut ablaufenden krankhaften Veränderung sind. Die von den
+pathologischen Anatomen später versuchte Scheidung des Wortsinnes
+in „Diphtherie“ und „Diphtheritis“ ist vielleicht auf _Trousseau_’s
+Vorgehen zurückzuführen, von welchem wir jetzt wissen, dass es von
+falschen Voraussetzungen den Ausgang genommen hat. Die Diphtherie ist
+thatsächlich, wie _Bretonneau_ lehrte, eine Impfkrankheit, die in
+der Regel im Pharynx ihre Eingangspforte findet und hier erst locale
+Entzündungserscheinungen hervorruft, bevor sie zu einer allgemeinen
+Vergiftung führt; und eine diphtherische Pharynx- und Larynxaffection
+ist nicht etwa gleich den Pockenpusteln als Localeruption bei einer
+primär im Blute beginnenden Krankheit aufzufassen. Uebrigens wurde in
+Frankreich für die locale diphtherische Hauterkrankung auch noch ein
+besonderes Wort „diphthéroide“ einzuführen versucht von _Boussuge_
+(„de la _diphthéroide_“, Thèses de Paris, No. 184 im Jahre 1860,
+eine Arbeit, bemerkenswerth durch anatomische Untersuchungen). Die
+Beobachtungen und Untersuchungen _Trousseau_’s haben noch eine weitere
+Verarbeitung erfahren durch seinen Schüler _Moynier_, welcher vier
+Fälle von Hautdiphtherie aus _Trousseau_’s Klinik beschrieben hat
+(Compte rendu des faits de diphthérie observés dans le Service du
+professeur _Trousseau_ pendant le premier sémestre de l’année 1859).
+
+Von Wichtigkeit ist dann fernerhin _Robert_’s „diphthérie des plaies“
+(conférence chirurgicale 1860); in dieser Publication wird einer
+Verwechslung der fälschlich oft als „Wunddiphtherie“ bezeichneten
+„pourriture d’hôpital“ (Hospitalbrand?) mit wirklicher Hautdiphtherie
+vorzubeugen gesucht.
+
+Wieder eine andere Krankheitsform schildert _Jobert de Lamballe_
+mit seinen Schülern _Chavanne_ und _Blin_, welcher Diphtherieformen
+beschreibt, die er im Anschluss an operirte Urogenitalfisteln bei
+Frauen beobachtete.
+
+Die am ausführlichsten alles zusammenfassende Arbeit über
+Hautdiphtherie dürfte aber die von _Gyoux_ aus Bordeaux sein, welcher
+in einer Monographie vom Jahre 1869 („L’Etude statistique et hygiénique
+sur la diphthérie cutanée“) 32 eigene Fälle beschreibt und eine
+erschöpfende Literaturübersicht daselbst bringt, aus welcher auch ein
+grosser Theil der obigen Citate entnommen ist.
+
+Trotz der im Laufe der Zeit recht stattlich gewordenen Zahl von
+Specialarbeiten und gelegentlich mitgetheilten Untersuchungen über
+die „diphthérie cutanée“ scheint mir doch grade diese Krankheitsform
+auf Grund der gegenwärtig genauer erkannten bezw. besser beweisbaren
+Aetiologie der Diphtherieinfectionen noch einer Neubearbeitung
+bedürftig zu sein, und so mag zur leichteren Orientirung für spätere
+Untersuchungen dieser Literaturauszug hier stehen, ohne dass ich auf
+eine Analyse des Inhalts der citirten Arbeiten eingehe.
+
+Hier und da wird gelegentlich der Mittheilung meiner eigenen
+experimentellen Untersuchungen auf manches darin Enthaltene noch
+zurückzukommen sein.
+
+Ich schliesse hier denjenigen Theil der historisch-kritischen
+Uebersicht ab, in welchem von der Abgrenzung des Geltungsbereiches
+der Diphtherie die Rede war, soweit eine solche auf Grund von
+klinischen Beobachtungen kranker Individuen, auf Grund ferner
+von epidemiologischen Nachforschungen und endlich auf Grund von
+anatomischen Untersuchungen erfolgt ist, und übergehe absichtlich dabei
+die Geschichte der Irrungen, wie sie in den einseitigen Darstellungen
+namentlich der _englischen_ Literatur, in nicht geringem Grade aber
+auch bis in die letzten Jahre hinein in der _deutschen_ sich abgespielt
+hat. Unter den Publicationen, die ich dabei im Auge habe, befinden
+sich ganz ausgezeichnete Detailuntersuchungen; aber für das gesammte
+Krankheitsbild der Diphtherie liefern sie nur Beiträge, die kaum eine
+episodische Bedeutung in Anspruch nehmen können.
+
+
+
+
+III.
+
+Die Geschichte der ätiologischen Untersuchungen.
+
+
+In dem vorhergehenden Abschnitte waren es hauptsächlich _französische_
+Aerzte, welche Arbeiten von bleibendem Werth für die Construction
+des Krankheitsbildes der Diphtherie und für die Beurtheilung ihrer
+Entstehungsweise geliefert haben, und wenn wir jetzt den offenen Brief
+_Bretonneau_’s aus dem Jahre 1869 mit seinem siegesgewissen Tone,
+in welchem der Polymorphismus dieser Krankheit trotz der durchaus
+einheitlichen Aetiologie hervorgehoben, ihr contagiöser Charakter in
+lebhaften Farben geschildert und die praktische Wichtigkeit der neu
+erworbenen Erkenntniss in den Vordergrund gestellt wird, noch einmal
+auf seinen Inhalt prüfen, dann werden wir gestehen müssen, dass nur
+vorübergehend noch durch die Lehrmeinungen pathologischer Anatomen
+und solcher Kliniker, welche durch dieselben sich leiten liessen, die
+wissenschaftlichen Errungenschaften _Bretonneau_’s und der grossen
+französischen Aerzte der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts verloren
+gehen konnten.
+
+In diesem Abschnitt meiner historischen Untersuchungen interessirt
+uns in erster Reihe die Frage nach der Uebertragbarkeit der Diphtherie
+auf Versuchsthiere durch die Krankheitsproducte des von der Diphtherie
+ergriffenen Menschen.
+
+Die ersten Andeutungen über eine Verwerthung experimenteller
+Untersuchungen für die Erkenntniss des Wesens der Diphtherie habe ich
+in der
+
+ _„Sammlung von Beobachtungen und Thatsachen“,
+ welche die häutige Bräune (Croup) betreffen_.
+
+ Von _M. M. Friedländer_ (Paris).
+
+ Uebersetzung in Tübingen 1808 (Cotta)
+
+gefunden.
+
+In dieser Sammlung ist das hauptsächlich von _Schwilgué_
+zusammengestellte litterarische Material enthalten, welches bei der
+Ausschreibung des _Napoléonischen Croup-Preises_ von 12000 Francs
+(durch den Minister des Innern _Champagny_ vom 21. Juli 1807) einer
+Commission zur Bearbeitung übergeben war. Der Commission gehörten die
+Herren _Moreau_, _Laënnec_, _Schwilgué_, _Pariset_ und _Friedländer_
+an. _Schwilgué_ selbst starb ganz unerwartet im Jahre 1808. Die
+Publication erfolgte gleich nach dem Tode _Schwilgué_’s, um den
+Bewerbern um den Croup-Preis „langweilige Nachuntersuchungen zu
+ersparen.“
+
+In dieser Sammlung sind nun auch die sieben Kategorien von Fragen
+mitgetheilt, die von der Commission aufgestellt waren, und welche unter
+allen Umständen von den Preisbewerbern berücksichtigt werden sollten.
+
+In der fünften Kategorie ist von der „Natur der schleimigen Concretion“
+die Rede, „welche zum Entstehen der falschen Membran Veranlassung
+giebt“, und in der Erläuterung dazu wurde noch folgende Unterfrage
+gestellt (S. 70):
+
+„_Besitzt zufolge der natürlichen Ursachen, die diese Concretion in
+der membranösen Bräune bestimmen, wohl die Kunst die Mittel, eine
+ähnliche Wirkung in lebendigen Thieren hervorzubringen? -- Welches sind
+die Erscheinungen, die sich äussern, während man die Untersuchungen,
+die sie veranlassen, anstellt?_“
+
+Die „Sammlung“ selbst giebt darauf folgende orientirende Auskunft:
+„Herr _Chaussier_ ist der einzige Schriftsteller, der sich besonders
+mit dieser Art von Untersuchungen abgegeben hat. „In verschiedenen
+Versuchen, sagt er, die wir mit mehreren Thieren angestellt haben,
+sind wir durch beständiges Reizen dahin gelangt, auf der Oberfläche
+verschiedener Membranen, eine neue Art von Action hervorzubringen,
+die den Zustand der Villositäten der Secretionsoberfläche gänzlich
+verändert und ein Entwickeln von sehr sichtbaren Gefässen, die
+eingespritzt werden konnten, hervorgebracht hat, die wir zuweilen bis
+auf 2 ctm sich verlängern gesehen haben.“ (Essay sur les irritations
+1807.)
+
+Ein solches, auf der Basis der Lehre von den allgemeinen
+Entzündungsreizen erwachsenes Phänomen konnte nur dann zu der
+vorliegenden Frage in Beziehung gesetzt werden, wenn der Begriff einer
+specifischen, heterogenen Krankheitsursache in den Ideenkreis der
+Commission noch nicht eingetreten war; und auch hier wieder ist es
+_Bretonneau_, welcher zuerst (1821) im Experiment denjenigen Standpunkt
+einnahm, welcher als der einzig richtige zwar nicht ihn selbst, aber
+spätere Forscher zum Ziele führte.
+
+_Bretonneau_ zeigt sich in seinen Untersuchungen über die
+membranbildenden Fähigkeiten des Ammoniak, des Calomel, besonders aber
+des Cantharidenextracts als ein Experimentator ersten Ranges. Mit dem
+letzteren (S. 355-364 seines Traité) hatte er bei Hunden ein auf’s
+täuschendste croupähnliches anatomisches Bild im Kehlkopf, der Trachea
+und den Bronchen von Hunden erzeugt. Aber er war weit davon entfernt,
+zu glauben, dass er nun damit einen dem Diphtheriecroup des Menschen
+entsprechenden Krankheitsprocess vor sich habe. In dem Capitel „Von der
+Specificität der diphtherischen Entzündung“ (S. 365-372) sagt er auf S.
+368:
+
+„Welches auch die Natur der diphtherisch entzündlichen Secretion sei,
+sie stellt eine Action dar, welche, ich gestehe es zu, in hohem Grade
+der des Cantharidenextractes gleicht. Aber damit ist auch die Analogie
+zu Ende; und je mehr sie ihren vollständigen Charakter entwickelt,
+um so zweifelloser tritt die Specificität in der verschiedenen Art
+des Verlaufes zu Tage. Man kommt dann zu der Ueberzeugung, dass diese
+beiden Arten der Entzündung, die unter einander eine so grosse Zahl
+von Beziehungen besitzen, durchaus nicht identisch sind; und ferner,
+dass die Gewissheit nur um so grösser dadurch wird, dass nicht jede
+zur Membranbildung führende Entzündung (inflammation couenneuse) wegen
+dieser Eigenschaft auch eine diphtherische Entzündung ist.
+
+Es ist ja auch nicht so verwunderlich, dass zwischen zwei Arten der
+Schleimhautentzündung eine so grosse Aehnlichkeit herrschen kann, ohne
+dass sie deswegen aufhören, differenter Natur zu sein; verhält es sich
+denn mit mehreren anderen Entzündungsformen der Haut (phlegmasies
+cutanées) nicht ebenso? Obwohl es eines geübten Auges bedarf, um die
+Unterschiede, welche zwischen Scharlach und Masern bestehen, schnell zu
+erfassen, so wird ja doch kein verständiger Praktiker es für unnöthig
+oder für besonders schwierig erachten, diese beiden Krankheiten
+auseinanderzuhalten.“
+
+Er erkannte ganz klar, dass der experimentelle Beweis für die
+Contagiosität der Diphtherie nur durch die Erzeugung derselben mit den
+Producten des diphtherischen Krankheitsprocesses selbst zu erbringen
+sei, und dementsprechend hat er auch Thierversuche angestellt; aber
+dieselben leisteten ihm nicht das, was er damit beweisen wollte. „J’ai
+fait des tentations inutiles pour communiquer la diphthérite à des
+animaux“ sagt er auf S. 85 seines „Traité“.
+
+Damit ist nicht ausgeschlossen, dass er gar keine positiven Resultate
+bekommen hat; es ist ihm dabei vielleicht gegangen, wie _Lichtheim_,
+welcher gleichfalls erklärte (II. Congress für innere Medicin 1883),
+dass seine Resultate negativ gewesen seien, während wir aus der
+Beschreibung seiner Thierversuche erkennen können, dass er genau
+dasselbe gesehen hat, was wir jetzt mit Sicherheit als specifische
+Erscheinungsform diphtherischer Hautentzündung bei Thieren kennen. Ich
+gebe diese historisch bemerkenswerthe Beschreibung _Lichtheim_’s (S.
+168 der Congress-Verhandlungen) hier wörtlich wieder.
+
+„Ich meine, wenn man an die Frage der Aetiologie herantritt, soll man
+seinen Ausgang nehmen von derjenigen Form, welche vom Halse anfangend
+in die Respirationswege herabsteigt ... Die Frage, ob diese im
+klinischen Sinne eine einheitliche Krankheit ist, glaube ich, werden
+wir nicht Anstand nehmen zu bejahen, und deshalb habe ich mit ihren
+Producten eine Reihe von Impfversuchen zu einer Zeit vorgenommen, wo
+die Technik noch nicht so entwickelt war, wie heutzutage ... Diese
+Versuche schienen zu dem Resultate zu führen, dass auch diese Form
+der Diphtherie keine einheitliche Krankheit ist, dass auch von dieser
+Affection verschiedene Dinge erzeugt werden können. Es kann davon
+erzeugt werden die bekannte Impfkrankheit, die _Oertel_ beschrieben
+hat, die ihren Ausgang nimmt von der Impfstelle mit ödematöser
+Infiltration der Gegend und längs der Lymphbahnen fortschreitet.
+Eine zweite Form, die viel seltener vorkam, war ganz anderer Natur.
+Sie bestand in einer eigenthümlichen, von der Impfstelle ausgehenden
+nekrotisirenden Entzündung.“
+
+Wenn _Lichtheim_ dazu sagt: „Welchen Schluss habe ich aus diesen
+Resultaten gezogen? Den, dass alle diese Krankheiten absolut nichts
+mit der Diphtherie zu thun haben“, so spricht das nur für die
+Strenge seiner Selbstkritik, welche, auch wenn sie über das Ziel
+hinausschiesst, viel höher steht, als wenn Jemand umgekehrt nichts
+beweisende Versuche anstellt und daraus ein positives Ergebniss
+ableitet, welches dann später sich zufällig als richtig erweist.
+
+Derjenige Autor, welcher zuerst nicht bloss richtige
+specifisch-diphtherische Entzündungen bei Thieren willkürlich erzeugte,
+sondern auch in beweiskräftiger Form daraus die Contagiosität der
+Diphtherie ableitete, ist _Oertel_, der scharfsinnige Begründer
+einer rationellen Therapie von Circulationsstörungen, durch deren
+Uebertragung in die Privat-Praxis später _Schweninger_ sich in weiteren
+Kreisen bekannt gemacht hat.
+
+Vor _Oertel_ hatte schon _Trendelenburg_ in einer Arbeit „Ueber die
+Contagiosität und locale Natur der Diphtheritis“ (Arch. f. klin. Chir.
+Bd. X S. 720) an Kaninchen und Tauben mit diphtheritischen Membranen
+elf mal (bei acht Kaninchen und drei Tauben) eine pseudomembranöse
+Entzündung der Luftröhre und einmal der Kropfschleimhaut erzeugt und
+damit den Grund gelegt für weitere Untersuchungen; was aber _Oertel_’s
+Versuche besonders auszeichnet, das ist die Uebertragung der Diphtherie
+nicht bloss direct vom Menschen auf’s Thier, sondern auch die
+Fortpflanzung derselben von Thier zu Thier und weiterhin die Erkennung
+solcher specifischer Entzündungsproducte als diphtherischer, bei denen
+statt einer Membranbildung, die ödematöse Entzündung, Ekchymosirung und
+Nekrotisirung in den Vordergrund der Beobachtung treten.
+
+_Oertel_ hat seine Beobachtungen veröffentlicht im Archiv
+für klinische Medicin Bd. VIII (1871, 115 Seiten). Von seinen
+Versuchsreihen ist es namentlich die fünfte, welche uns hier
+interessirt, und über deren Anordnung folgende tabellarische
+Darstellung Auskunft giebt.
+
+ Versuch 1. Kaninchen.
+ |
+ /-------------------+---------------------\
+ Impfung in die Trachea.
+ Impfmaterial aus einem kindlichen Larynx.
+ |
+ Versuch 2.| Kaninchen.
+ /---------------------+-------------------------\
+ Impfung in die Nackenmuskeln.
+ Material aus der Trachea des vorigen Kaninchens.
+ |
+ Versuch 3.| Kaninchen.
+ /----------------------+------------------------------\
+ Impfung in die Nackenmuskeln.
+ Mat. aus den inficirten Nackenmuskeln d. v. Kaninchens.
+ |
+ /---------------------------------+--------------------------------\
+ Versuch 4a graue Taube. Versuch 4b schwarze Taube.
+ /----------------------------\ |
+ In den M. pect. maj. geimpft. |
+ Mat. infic. Nackenmuskeln des vor. Kaninchens. |
+ | |
+ /-----------------------+-----------------\ |
+ Versuch 5a Versuch 5b |
+ weisses Kaninchen. schwarzes Kaninchen. |
+ | | |
+ /--------------+-----------------------+------------\ |
+ Impfung in den Schenkel. Impfung in den Schenkel. |
+ Mat. Muskeln des M. pect. Mat. Muskeln des M. pect. |
+ maj. der Taube. maj. der Taube. |
+ | |
+ Versuch 6. schwarzes Kaninchen. |
+ /-----------------+-------------\ |
+ Impfung in den Larynx. |
+ Mater. aus den Schenkelmuskeln des |
+ vor. Kaninchen. /
+ /
+ /
+ /
+ /
+ /
+ /
+ /
+ /--------------------+----------------------\
+ Impfung in den Kropf u. in den M. pect. maj.
+ Mat. Muskelstücke u. seröses Exsudat v. d. v. Kaninchen.
+ |
+ /-----------+------------\
+ Versuch 5α Versuch 5β
+ schwarzes Kaninchen. graues Kaninchen.
+ | |
+ /-----------+---------\ /---------+------------\
+ Impfung in den Larynx. Impfung in den Larynx.
+ Mat. aus dem Kropf und M. Mat. aus dem Kropf u. M.
+ M. pect. maj. d. v. Taube. pect. maj. d. v. Taube.
+
+Die aus den Experimenten sich ergebenden Schlüsse lasse ich hier mit
+_Oertel_’s eigenen Worten folgen:
+
+ „In dieser Versuchsreihe hat somit das Contagium mit dem letzten
+ Experimente bereits sechs Thierkörper, zuerst die Körper von drei
+ Säugethieren, dann den von einem Vogel, und schliesslich wieder jene
+ von zwei Säugethieren durchwandert und bis zum letzten sich noch
+ wirksam erwiesen.
+
+ In gleichem Sinne wurden ferner noch zwei Versuchsreihen ausgeführt.
+
+ Die erste Versuchsreihe umfasste drei Versuchsthiere, von denen das
+ erste mit diphtheritischem Contagium aus einer menschlichen Leiche
+ in die Trachea geimpft wurde; von dem daselbst sich entwickelnden
+ diphtheritischen Exsudate wurden dem zweiten kleine Stückchen in
+ die Nackenmusculatur eingebracht und von den Krankheitsproducten
+ dieses Thieres die Trachea des dritten inficirt. Der Erfolg war
+ beim ersten Kaninchen ein vollkommener, der zweite Versuch glich in
+ seinem Ergebniss dem fünften b der vorigen Versuchsreihe, und bei dem
+ dritten Kaninchen kam es zu keiner Entwicklung einer Pseudomembran in
+ der Luftröhre, während die allgemeinen Erscheinungen Aehnlichkeit mit
+ jenen des sechsten Versuchs der vorigen Reihe hatten.
+
+ Die letzte Versuchsreihe umfasste vier Thiere und die Impfung geschah
+ in der Weise, dass das erste Thier von menschlichem Contagium in
+ die Trachea geimpft wurde, und den übrigen immer diphtheritische
+ Massen von dem vorhergehenden Thiere, und zwar dem zweiten in die
+ Nackenmuskulatur, dem dritten in den Oberschenkel, dem vierten wieder
+ in die Trachea eingebracht wurden. Der Erfolg war bei allen vier
+ Thieren ein vollkommen günstiger, und beim letzten Kaninchen kam es
+ zur Entwicklung einer etwa ein Millimeter dicken Pseudomembran in der
+ Luftröhre, die bis über die Mitte derselben hinabreichte.
+
+
+ _Schluss._
+
+ Durch die Möglichkeit, die Diphtherie auf Thiere zu übertragen ist
+ es, wie ich glaube, auf experimentellem Wege gelungen, die Frage über
+ den Charakter dieser Krankheit und den Gang ihrer Entwicklung in
+ erster Linie zu beantworten.
+
+ Nach diesen Ergebnissen beginnt die Diphtherie local und verbreitet
+ sich allmählig in kürzerer oder längerer Zeit über den inficirten
+ Körper, zerstört immer grössere Parthien seiner Gewebe bis sie durch
+ allgemeine Blutvergiftung als allgemeine Infectionskrankheit die
+ Lebensfähigkeit des Organismus aufhebt, den Tod desselben herbeiführt.
+
+ Die Krankheit haftet somit zuerst an einer ergriffenen Stelle, dem
+ Infectionsheerde, wenn wir diese zuerst erkrankte Parthie so nennen
+ wollen, und breitet sich von da radienförmig über den Körper aus.
+
+ Es ist dieses Verhältniss das vollkommene Gegentheil von jener
+ Ansicht, nach welcher diese Krankheit zuerst als allgemeine
+ Infectionskrankheit, deren Gift auf irgend eine Weise durch Lunge,
+ Magen oder Darm ohne örtlich wahrnehmbare Zerstörungen aufgenommen
+ wurde, den ganzen Organismus durchdringen und schliesslich in
+ centripetaler Richtung an einer Stelle sich gipfeln und dort sich
+ localisiren soll.
+
+ Wo das diphtheritische Contagium am Körper haftet, erzeugt es
+ überall zuerst eine locale Erkrankung und von den anatomischen
+ Verhältnissen der afficirten Theile, ihrer leichtern
+ Durchdringbarkeit, und ihrem Resorptionsvermögen wird es abhängen,
+ in welcher Zeit dieses Contagium immer weiter um sich greifen, den
+ Körper durchseuchen und aus der localen Infection die Erkrankung des
+ ganzen Organismus, die allgemeine Infectionskrankheit herausbilden
+ wird. Dieser Fall wird am schnellsten natürlich da eintreten, wo das
+ diphtheritische Contagium Wunden inficirt, und die durchschnittenen
+ Saftcanälchen, Lymph- und Blutgefässe ein rasches Aufsaugen des
+ auf der Wundfläche haftenden und mit rapider Schnelligkeit sich
+ vermehrenden Giftes vermitteln. So verendeten nicht selten Kaninchen,
+ welchen diphtheritische Exsudatstückchen in das Unterhautzellgewebe
+ und in die Musculatur eingebracht wurden, innerhalb 30 Stunden. Es
+ erklärt sich aus diesen Versuchen die ausserordentliche Gefahr für
+ Wunden, wenn sie vom diphtheritischen Contagium inficirt werden,
+ und der Tod tritt bei hochgradigem Umsichgreifen des Processes
+ unter denselben Bedingungen ein, wie bei jenen unter die Haut
+ und in die Muskeln geimpften Kaninchen. In diesen Fällen ist der
+ Krankheitsprocess, der sich aus der Infection der Wunde entwickelt,
+ identisch mit jenem, welcher durch die Infection der Schleimhäute des
+ Rachens und der Luftwege überhaupt entsteht, und die so auffallenden
+ divergirenden Erscheinungen werden lediglich nur durch die
+ Verschiedenheit der getroffenen Gewebe, ihre Reaction und der durch
+ den Process gesetzten Functionsstörung und der Rückwirkung dieser
+ auf den Gesammtorganismus bedingt. Da das diphtheritische Contagium
+ ohne Zweifel von der atmosphärischen Luft transportirt werden kann,
+ an verschiedenen Gegenständen, mit welchen unser Körper in Berührung
+ kommt, zu haften vermag, so ist eine directe Uebertragung von Rachen-
+ und Kehlkopfsdiphtherie, und das epidemische Vorkommen dieser
+ Krankheit an einem bestimmten Orte für die diphtheritische Infection
+ einer Wunde nicht als nothwendig zu erachten.
+
+ Durch die Versuche mit Ammoniak wurde gezeigt, dass es durch
+ Einträufeln einiger Tropfen dieser Flüssigkeit in die Luftröhre
+ von Kaninchen möglich ist, einen Process zu erregen, welcher mit
+ der croupösen Entzündung alle anatomischen Charactere theilt,
+ und dessen Exsudat ähnliche Elemente aufweist, wie sie in einer
+ diphtheritisch inficirten Trachea gefunden werden. Dagegen fehlte
+ in allen diesen Versuchen jede Spur jener furchtbaren Zerstörungen,
+ welche die Diphtherie als allgemeine Infectionskrankheit
+ charakterisiren, so dass wir nach diesen Experimenten beide Processe
+ streng auseinanderhalten müssen. Die Diphtherie kann eine croupöse
+ Entzündung hervorrufen, der Croup kann nie die Grenzen einer localen
+ Entzündung überschreiten. Wir sind bis jetzt nicht im Mindesten zur
+ Annahme berechtigt, dass nur das diphtheritische Contagium diese
+ Entzündung beim Menschen hervorruft, und nicht auch andere schädliche
+ Einflüsse in der Natur, atmosphärische Verhältnisse u. s. w. dieselbe
+ Einwirkung auf eine empfängliche Trachealschleimhaut ausüben können.
+
+ Die für den diphtheritischen Process eigenthümlichen Zerstörungen
+ wurden in allen Versuchen durch die Vegetation von pflanzlichen
+ Organismen, von Pilzen hervorgerufen, die auf verschiedene
+ thierische Körper übertragbar sind, dort auf der Höhe der Krankheit
+ in Milliarden den Organismus durchsetzen, immer die gleichen
+ Erscheinungen hervorrufen, und mit deren Elimination und deren
+ Verschwinden die Einleitung eines allmähligen Heilungsprocesses
+ einhergeht. Ich habe diese pflanzlichen Organismen, diese Pilzformen
+ als Fäulnisshefe, nach dem Vorgang von _Hallier_ als Micrococcus
+ bezeichnet, und mich enthalten, die rein botanische Frage über ihre
+ Natur und Abstammung an diesem Orte zu besprechen. Sie gehören einer
+ Gruppe an, deren Form bei ihrer ausserordentlichen Kleinheit, indem
+ sie an der Grenze des Sichtbaren stehen, in Beziehung auf ihre
+ Organisation noch höchst ungenügend bekannt sind, und unter den
+ Gattungsnamen Vibrio, Bacterium, Zoogloea _Cohn_ etc. zusammengefasst
+ wurden. _Naegeli_ hat sie als Schizomyceten bezeichnet, welche
+ morphologisch betrachtet, von den Pilzen auszuschliessen und
+ den Oscillarien an die Seite zu stellen seien, wenn auch ihr
+ Vegetationsprocess dem der Pilze gleich sei. _Hallier_ endlich
+ hält diese pflanzlichen Organismen für die Hefeformen bestimmter
+ aërophytischer und anaërophytischer Pilze, aus welchen sich letztere
+ unter bestimmten Verhältnissen entwickelten, so dass aus solchen
+ kleinsten Zellchen, die oft von einander nicht zu unterscheiden sind,
+ durch Cultur ganz specifische Pilze herangezogen werden könnten,
+ und somit jedem Pilze eine eigene wenn auch mikroskopisch nicht im
+ Vornherein bestimmbare Hefe entspreche. Die endgültige Entscheidung
+ dieser Fragen wird den späteren Untersuchungen der Botaniker
+ anheimfallen, für uns sind an diesem Orte die in den obigen Versuchen
+ aufgefundenen Thatsachen allein von Wichtigkeit.
+
+ Ueber die Vegetation der pflanzlichen Parasiten im thierischen
+ Organismus haben wir zur Zeit nur geringe Kenntnisse gewonnen. Es
+ wird daher nicht möglich sein, eine auch nur annähernd ausreichende
+ Erklärung der verschiedenen pathologischen Veränderungen, welche in
+ einem von Pilzen inficirten Organismus getroffen werden, abzugeben,
+ die Ernährungs-Störungen und Reactionserscheinungen in den Geweben
+ zu bestimmen, welche von Flüssigkeiten durchdrungen sind, in denen
+ durch die Vegetations- und Assimilationsthätigkeit von Milliarden von
+ Pilzen abnorme Zersetzungsprocesse eingeleitet wurden. Wir müssen uns
+ daher begnügen, nach den bis jetzt bekannten Erscheinungen, unter
+ welchen die physiologische Thätigkeit der Pilze und Hefe-Zellen sich
+ äussert, uns ungefähr eine Vorstellung über ihre mögliche Einwirkung
+ auf den thierischen Organismus zu bilden.
+
+ Bei den mit diphtheritischem Impfstoff inficirten Thieren
+ verbreiteten sich ausgedehnte Pilzwucherungen weithin über die
+ Schleimhaut der Trachea, belagerten die Zellen, drangen namentlich
+ in die jungen Exsudatzellen ein und führten durch ihre Vegetation
+ eine allmälige Auflösung derselben herbei. Im submucösen und
+ subcutanen Bindegewebe fanden sich massenhafte Lager von Pilzen,
+ erfüllten die Saftkanälchen und Lymphgefässe, und bewirkten auf
+ mechanische Weise eine Aufstauung der abströmenden Gewebsflüssigkeit,
+ die nothwendigerweise zu seröser Exsudation führen musste. Es mag
+ hierin eine Ursache der bei allen Versuchen so charakteristischen
+ weit ausgebreiteten serösen Infiltration des Unterhautzellgewebes
+ liegen. Auch an den Wandungen der Capillargefässe, innerhalb
+ derselben und ihnen aussen in Haufen aufgelagert fanden sich
+ Pilzwucherungen, so dass sie auch hier theils eine Verlangsamung
+ und Stauung in der Blutcirculation bewirkten, theils durch ihre
+ Vegetations- und Assimilationsthätigkeit mehr oder weniger
+ hochgradige Ernährungsstörungen in den Wandungen der Capillaren
+ und schliesslich bei dem durch gehinderten Blutabfluss erhöhten
+ Seitendruck eine Zerreissung derselben hervorbringen mussten. Auch
+ in den Saftkanälchen und Lymphgefässen des Muskelgewebes fanden
+ sich Anschoppungen von Micrococcusballen, und die Muskelfasern
+ selbst waren durch die Wucherungen der parasitischen Pilze, die in
+ Milliarden ihre Nährstoffe aus ihnen aufnahmen, in eigenthümlicher
+ Weise degenerirt und zerstört. In den Nieren waren in Fällen
+ hochgradiger allgemeiner Erkrankung ungeheuere Pilzmassen sowohl in
+ den Harnkanälchen wie in den Malpighi’schen Knäueln angehäuft, die
+ Zellen der Harnkanälchen mit denselben belagert, capilläre Blutungen
+ im Parenchym und alle Zeichen einer acuten Nephritis als Folge
+ der Aufstauung und des Assimilationsprocesses dieser Schmarotzer
+ vorhanden. Ausserdem zeigte der an Pilzen ausserordentlich reiche
+ Urin dieser Thiere, dass in den Nieren eine Ausscheidung der
+ durch das Blut zugeführten pflanzlichen Organismen stattfindet.
+ Im Blute konnten bei der Unzuverlässigkeit aller bisher bekannten
+ Untersuchungsmethoden keine so in die Augen fallenden Veränderungen
+ in seinen Bestandtheilen nachgewiesen werden, die aber bei der
+ physiologischen Bedeutung des an Sauerstoff reichen arteriellen
+ und kohlensäurehaltigen venösen Blutes und der von den Botanikern
+ beobachteten eigenthümlichen Einwirkung der vegetirenden Pilze auf
+ ihre Nährflüssigkeit gewiss von hoher Wichtigkeit sein werden. In den
+ schlimmsten Fällen der Infection übertraf die Zahl der schwärmenden
+ Pilze gewiss weit um das Sechsfache die der rothen Blutkörperchen.
+
+ Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, dass in allen Versuchen die
+ Impfwunde und die entzündliche Reaction der durchschnittenen Theile
+ einen günstigen Boden für das Haften des diphtheritischen Contagiums
+ und für seine Resorption schufen. In dieser Beziehung verhält sich
+ wohl der menschliche und thierische Organismus in analoger Weise.
+ Schon _Trendelenburg_ hat eine grosse Reihe von Versuchen angestellt,
+ in welchen er bestrebt war, das diphtheritische Contagium auf einer
+ unverletzten Schleimhaut haften zu machen, doch immer mit negativem
+ Erfolge. Ich habe gleichfalls bei 11 Thieren versucht, die Krankheit
+ auf die verschiedensten _unverletzten Schleimhäute zu übertragen;
+ und nur in einem einzigen Falle ist es mir gelungen, in der Vagina
+ eines Kaninchens durch Einbringung von diphtheritischen Membranen
+ eine diphtheritische Entzündung mit Membranbildung, Kerninfiltration
+ des subepithelialen Gewebes, und seröse Infiltration mit zahlreichen
+ capillären Blutungen im umliegenden Gewebe hervorzurufen_. Das Thier
+ wurde am dritten Tage nach der Operation getödtet. Beim Menschen
+ ist es eine wiederholt constatirte Thatsache, dass es Individuen
+ giebt, welche unter den günstigsten Verhältnissen mit diphtheritisch
+ Erkrankten zusammenleben, mit ihnen in die innigste Berührung
+ kommen, und von der Krankheit verschont bleiben, während andere eine
+ ausserordentliche Empfänglichkeit für die Krankheit zeigen, und
+ bei der äussersten Vorsicht, wenn sie mit solchen Kranken zusammen
+ kamen, wiederholt inficirt wurden. Ich behandelte vor drei Jahren
+ ein Kind an Diphtherie, bei welchem in Folge rasch eintretender
+ Kehlkopfstenose von Hrn. Prof. _Nussbaum_ der Luftröhrenschnitt
+ gemacht werden musste, und das nach der secundären Infection der
+ Trachealwunde an der allgemeinen Erkrankung zu Grunde ging. Von
+ der Umgebung dieses Kindes erkrankten der Vater, die Mutter, eine
+ Tante, zwei Wärterinnen trotz der scrupulösesten Beobachtung aller
+ Vorsichtsmassregeln, und nur eine Wärterin, die ich überraschte, wie
+ sie allen Warnungen zum Trotz, nachdem die Wunde schon diphtheritisch
+ geworden, die Tracheotomiecanüle zur Reinigung in den Mund nahm
+ und ausblies, ist allein von der Krankheit verschont geblieben.
+ Sie hatte, wie sie nachher eingestand, dieses Manöver zur besseren
+ Reinigung des Röhrchens während der vier Tage, die seit der
+ Tracheotomie verflossen waren, immer mehrmals des Tages ausgeführt
+ und entschuldigte sich damit, dass sie niemals in ihrem Leben an
+ einer Halskrankheit gelitten habe, und überzeugt war, auch davon
+ keinen Schaden zu nehmen. Wir müssen annehmen, dass in solchen Fällen
+ das diphtheritische Contagium mit einer Schleimhaut in Berührung
+ kommt, die aus uns noch unbekannten Gründen unempfänglich für
+ dasselbe ist, und wenn wir die Pilze als Ursache der diphtheritischen
+ Erkrankung ansehen, bei ihrer vollkommen normalen Beschaffenheit
+ nicht jene Bedingungen gewährt, welche zu ihrem Haften auf derselben
+ und ihrer weiteren Entwickelung nothwendig sind. Im Gegensatz zu
+ diesen unempfänglichen Schleimhäuten finden wir andere, auf welchen
+ sich häufig katarrhalische und auch phlegmonöse Processe auszubilden
+ pflegen, die im Zustand einer vorübergehenden katarrhalischen
+ Reizung, einer Auflockerung, oder eines mehr oder weniger
+ ausgesprochenen chronischen Katarrhs sich befinden, am häufigsten und
+ selbst wiederholt von diphtheritischer Entzündung ergriffen. Dass in
+ dieser Weise die klimatologischen Verhältnisse der Länder, rasche
+ Temperatursprünge, sehr hohe oder niedere Temperatur, nasskalte
+ Witterung, scharfe Nordostwinde durch Erzeugung katarrhalischer
+ Processe auf den Schleimhäuten des Rachens und der Luftwege
+ prädisponirend für die Diphtherie wirken, ist als sicheres Factum
+ anzunehmen, und bei jedem häufigeren Auftreten dieser Krankheit sind
+ fast immer katarrhalische Anginen, Nasen-, Kehlkopf-, Brustkatarrhe
+ auch allgemein verbreitet. Die normale Schleimhaut der Kaninchen und
+ einer Reihe von Thieren scheint für das Haften des diphtheritischen
+ Contagium keinen besonders günstigen Boden darzubieten; inwiefern
+ aber, und bis zu welchem Grade eine entzündliche Reizung derselben
+ in der Mehrzahl der Fälle für das Gedeihen jener Pilzwucherungen
+ nothwendig ist, muss einer ferneren Versuchsreihe überlassen werden.
+
+ Es ist nicht möglich, so manchen Fragen in Beziehung auf die
+ Einwirkung der parasitischen Pilze auf den thierischen Organismus in
+ der Art Rechnung zu tragen, wie es in der Pflanzenpathologie bereits
+ geschehen. Hier sind vorerst noch eine Reihe von Principienfragen
+ durch die Botaniker selbst zu lösen, die verschiedenen Hefeformen,
+ die Fäulnisshefe, der Micrococcus, die Schizomyceten etc., ihr
+ Zusammenhang mit bestimmten Pilzformen oder ihre selbständige
+ Individualität und die Bedingungen ihres Vegetationsprocesses werden
+ noch in umfassender Weise zu erforschen sein, bevor die Möglichkeit
+ gegeben ist, durch Einimpfung irgendwelcher Pilzsporen einen exacten
+ pathologischen Versuch anzustellen.
+
+ In diesem Sinne suchten nun die vorliegenden Experimente die Fragen
+ über den Krankheitscharakter der Diphtherie und der Art ihres
+ Contagiums zu lösen und ich glaube auch deshalb bei der gestellten
+ Aufgabe auf eine botanische Bestimmung jener pflanzlichen Parasiten
+ durch Culturversuche und auf Impfungen mit einem auf diese Weise
+ gezogenen Material vorerst verzichten zu müssen. Ebenso wenig konnte
+ ich andere interessante Punkte, welche im Gange der Untersuchung noch
+ hervortraten, näher beleuchten, oder wichtige Fragen über homologe
+ Krankheiten, über die Empfänglichkeit der verschiedenen Schleimhäute
+ für pflanzliche Parasiten, über Vegetationsbedingungen derselben
+ und therapeutische Beobachtungen berücksichtigen, wenn sich die
+ vorliegende Arbeit nicht weit über den abgesteckten Rahmen hinaus
+ verbreiten sollte.
+
+Wir erkennen aus dieser Darstellung, dass _Oertel_ die
+bacteriologischen Irrthümer seiner Zeit und namentlich auch
+seiner näheren Münchener Umgebung theilend, zum Auffinden des
+lebenden Krankheitserregers der Diphtherie nicht gelangt ist;
+insbesondere ergiebt das Studium seiner sehr genauen Beschreibungen
+der makroskopischen und mikroskopischen Sectionsbefunde bei den
+Versuchsthieren, dass ihn die in Diphtheriemembranen so häufig
+vorkommenden Streptococcen an der parasitologischen Begründung der
+Diphtherieätiologie gehindert haben; dagegen darf sein Versuch, durch
+Thierexperimente die contagiöse Natur der Krankheit zu erweisen, als
+durchaus gelungen angesehen werden. Die bacteriologischen Bemerkungen
+_Oertel_’s habe ich nur deswegen hier so ausführlich wiedergegeben,
+um gleichzeitig die Schwierigkeiten anschaulich zu machen, welche in
+Folge der _Hallier_’schen und _Nägeli_’schen Irrlehre in damaliger
+Zeit jeder zu überwinden hatte, der in den Bacterienbefunden bei
+Krankheitsprocessen sich zurecht finden wollte.
+
+Wenn demnach _Bretonneau_ durch _epidemiologische_ Studien richtige
+Anschauungen über die Natur der Diphtherie, als einer contagiösen
+Infectionskrankheit verbreitet hat, so muss _Oertel_ das Verdienst
+zugesprochen werden, den _experimentellen_ Beweis für die
+Uebertragbarkeit der Diphtherie erbracht zu haben.
+
+Der nächste grosse Fortschritt in der Erforschung der Aetiologie
+gebührt dann _Löffler_, welcher in seinem _Diphtheriebacillus_ uns den
+alleinigen specifischen Erreger der Krankheit kennen lehrte.
+
+Zwar hat _Klebs_ ein Jahr vor _Löffler_ (1883) auf dem II. Congress
+für innere Medicin einen Bacillus demonstrirt, der höchstwahrscheinlich
+mit dem _Löffler_’schen identisch gewesen ist. Indessen den Beweis für
+die Specificität desselben hat er ebensowenig erbracht, wie für sein
+Mikrosporon diphtheriticum, welches nach seiner Schilderung „Stäbchen
+und Mikrococcenballen als verschiedene Entwickelungsstadien des
+gleichen Organismus producirt“, und das er als die Ursache einer sehr
+schwer verlaufenen Diphtherieepidemie in Prag bezeichnete. Weder hat
+er Reinculturen der von ihm demonstrirten Bacillen anzulegen vermocht,
+noch hat er in Uebertragungsversuchen die Bacillen als Erreger der
+gleichen oder einer ähnlichen Krankheit bei Thieren nachgewiesen.
+Ueberdies ist die Beschreibung seines Bacillus in wesentlichen Dingen
+nicht auf die wirklichen Diphtheriebacillen zutreffend, z. B. wenn
+er dieselben als „sporentragend“ bezeichnet. Er sagt darüber (S. 145
+der Congressverhandlungen): „Eine ziemliche Anzahl der Bacillen ist
+sporentragend, und zwar befinden sich stets zwei endständige Sporen in
+je einem Stäbchen. Bei dem Eintrocknen diphtherischer Membranen, wenn
+dasselbe allmählich, in gewöhnlicher Temperatur über Schwefelsäure
+geschieht, vermehren sich die Sporen sehr bedeutend, und trifft
+man dann selten ein Stäbchen, welches keine solchen enthält; viele
+enthalten bis vier Sporen.“
+
+Das alles entspricht so wenig den Anforderungen an die Klarlegung der
+parasitären Natur einer Infectionskrankheit, dass meines Erachtens
+ganz mit Unrecht für _Klebs_ von manchen, namentlich von französischen
+Autoren, die Entdeckung des Diphtheriebacillus reclamirt wird. Es
+wird ja wohl auch _Klebs_ bei seinen Diphtherieuntersuchungen die
+_Löffler_’schen Bacillen thatsächlich gesehen haben, ebenso wie ja
+ganz gewiss die mikroskopirenden Untersucher der Choleradärme aus
+den 50ger Jahren die _Koch_’schen Kommabacillen in ihren Präparaten
+gehabt haben werden und wie nicht wenige Autoren angeben, dass sie
+den _R. Pfeiffer_’schen Influenzabacillus vor _Pfeiffer_ gesehen
+und beschrieben hätten. Gleichwohl, wenn wir die Entdeckung der
+Krankheitserreger in diesen Fällen an bestimmte Namen knüpfen,
+dann werden wir stets nur vom _Löffler_’schen Diphtheriebacillus,
+vom _Koch_’schen Kommabacillus der Cholera asiatica und vom
+_Pfeiffer_’schen Influenzabacillus reden können.
+
+ * * * * *
+
+_Löffler_ hat seine erste Darstellung der parasitären Natur der
+Diphtherie im Jahre 1884 auf dem Congress für innere Medicin in Berlin
+gegeben.
+
+Er erklärte daselbst mit vollkommener Bestimmtheit, dass die in
+Diphtheriemembranen fast regelmässig sich vorfindenden Streptococcen
+„mit der Aetiologie der typischen Infectionskrankheit, „der
+Diphtherie“, nichts zu thun haben, da Reinculturen derselben, wenn
+sie auf Mäuse, Meerschweinchen, Kaninchen, verschiedene Vögelarten,
+Affen und Hunde verimpft wurden, nie Veränderungen hervorriefen,
+die mit den durch die Diphtherie beim Menschen gesetzten auch nur
+entfernte Aehnlichkeit gehabt hätten. „Die Meerschweinchen und Vögel
+waren gänzlich unempfänglich für diese Coccen, sei es, dass man diese
+unter die Haut spritzte, oder in die Trachea einführte, oder in die
+Augenbindehaut einimpfte. Die Mäuse verhielten sich etwas anders;
+einzelne starben nach Einführung grösserer Mengen der Coccen. Bei ihnen
+fanden sich zierliche Ketten in den Blutgefässen der inneren Organe.
+Wenn man die Coccen in die Bauchhöhle einspritzte, entstand Peritonitis
+und es erfolgte Aufnahme der Coccen in die Lymphbahnen. Bei den
+Kaninchen entstand nach der Impfung in die Haut ein erysipelasähnlicher
+Process mit Schwellung der Lymphdrüsen an der Ohrbasis; nach einiger
+Zeit ging dieser Process zurück; weitere Erkrankung wurde nicht
+beobachtet. Interessant war es, dass nach Injection grösserer
+Mengen der Coccen in die Blutbahn von Kaninchen sich eitrige
+Gelenkentzündungen entwickelten. 6-7 Tage nach der Injection begannen
+die Thiere lahm zu gehen; meist schwollen zuerst die Hinterfussgelenke
+an, dann auch die Vorderfussgelenke, die Schultergelenke und andere
+Gelenke. Bei der Untersuchung der Gelenke fand ich kettenbildende
+Mikrococcen in dem dieselben erfüllenden käsig-eitrigen Materiale.
+Dieselbe Affection erzielte ich durch Injection von Erysipelascoccen in
+die Blutbahn bei einer Anzahl von Kaninchen ....
+
+Meine Ansicht über die Bedeutung der kettenbildenden Coccen geht nun
+dahin, dass dieselben eine Complication der Diphtherie darstellen.“
+
+Was die von ihm gefundenen Stäbchen betrifft, so gab er ein Verfahren
+an, wie man dieselben leicht und sicher in Reinculturen auf schräg
+erstarrtem Blutserum gewinnen kann, beschrieb ihre Eigenschaften
+auf diesem, wie auch auf allen anderen gebräuchlichen Nährböden,
+das Aussehen im mikroscopischen Bilde, ihre Widerstandsfähigkeit
+gegenüber höheren Temperaturgraden, wobei er constatirte, dass sie bei
+60° C. schon absterben, und dass schon aus diesem Grunde die Annahme
+sporentragender Diphtheriebacillen von _Klebs_ irrthümlich sein müsse.
+
+Weiterhin schildert _Löffler_ die Resultate der Uebertragung von
+Reinculturen bei cutaner und subcutaner Impfung, bei Injection in die
+Blutbahn, bei Verimpfung auf verletzte und unverletzte Schleimhaut
+des Rachens, der Conjunctiva, der Trachea und der Vulva. Er theilte
+mit, dass Mäuse und Ratten sich dabei immun erwiesen; Meerschweinchen
+und kleine Vögel dagegen sehr empfänglich; gab den Vertheilungsmodus
+der Bacillen im inficirten Organismus an und constatirte schon hier
+folgende grundlegende Thatsachen: „In Schnitten findet man, dass nur an
+der Impfstelle Bacillen nachweisbar sind, dagegen in keinem der inneren
+Organe. _Es ist daher unzweifelhaft der Verlauf der Impfung der, dass
+von den Bacillen an der Impfstelle ein chemisches Agens producirt wird,
+welches von den Blutgefässen aufgenommen wird, zu Hämorrhagien in den
+Drüsen führt und zu Ergüssen in die Pleurahöhlen._“
+
+Bei Kaninchen erzeugte er an der Conjunctiva dicke Pseudomembranen, in
+der Trachea membranöse Tracheitis; das gleiche gelang ihm bei Tauben
+und Hühnern.
+
+Er constatirte ferner, dass in der Mundhöhle der meisten gesunden
+Menschen die Bacillen nicht vorhanden sind; indessen unter 29 Fällen
+züchtete er einmal bei einem gesunden Kinde aus dem Rachensecret
+„Colonien von identischem Aussehen, welche auf Meerschweinchen
+verimpft, dieselben Erscheinungen machten, wie die aus den
+Diphtheriemembranen gezüchteten Stäbchen“.
+
+Er wies nach, dass die bei Kälbern und bei Tauben spontan vorkommenden
+diphtherieähnlichen Infectionskrankheiten parasitologisch ganz
+verschieden sind von der Diphtherie des Menschen.
+
+Diese Mittheilungen wurden dann noch vervollständigt durch die
+Beschreibung eines Färbeverfahrens für die Bacillen mittelst
+alkalischer Methylenblaulösung, das namentlich für die Schnittfärbung
+sich bald allgemeiner Anerkennung erfreute.
+
+Wenn wir jetzt auf die späteren Untersuchungen einer unzähligen Schaar
+von anderen Autoren zurückschauen, im Speciellen auf das, was für die
+Aetiologie der Diphtherie neu hinzugekommen ist, dann sind wir erst im
+Stande, die imponirende Fülle und Vollständigkeit der positiven Angaben
+_Löffler_’s zu würdigen. Nur in unwesentlichen Dingen, beispielsweise
+in Bezug auf die Temperatur, bei welcher die Diphtheriebacillen noch
+in Gelatine wachsen, sind seine Befunde etwas zu modificiren. Die
+Diphtheriebacillen wachsen da in der Mehrzahl der Fälle nicht erst bei
+22-23° C., sondern auch schon unter 20° C., bei Zimmertemperatur. Alles
+Wesentliche aber ist vollauf bestätigt worden, und gerade dasjenige,
+was anfänglich die Ursache einer etwas skeptischen Aufnahme von
+_Löffler_’s Mittheilungen gewesen ist, namentlich, dass auch bei einem
+gesunden Individuum sich die Bacillen vorfanden, müssen wir jetzt als
+ein hervorragendes Zeichen der Schärfe und Gewissenhaftigkeit seiner
+Beobachtungen ansehen.
+
+So war durch die _Löffler_’sche Entdeckung von Neuem die glänzende
+Leistungsfähigkeit der durch _R. Koch_ in die ätiologische Forschung
+eingeführten Principien erwiesen. Das zielbewusste Suchen nach
+geeigneten Thierarten für die Uebertragungsversuche, die Trennung
+der verschiedenen Mikroorganismen in den Krankheitsproducten durch
+ihre Züchtung auf festen Nährböden, die Ausscheidung derjenigen
+Mikroorganismen, welche für das Zustandekommen des specifischen
+Charakters der Krankheit unwesentlich sind, die künstliche Züchtung
+der muthmasslichen Krankheitserreger, ihre Reincultur und das genaue
+morphologische Studium derselben, das Arbeiten mit _Reinculturen_
+bei Versuchen, willkürlich durch Impfung die Krankheit zu erzeugen
+-- diese methodischen Errungenschaften erfüllten damals noch mit
+gerechter Bewunderung und mit Staunen die ganze wissenschaftliche
+Welt. Zwei Jahre waren erst vergangen, seit mit ihrer Hilfe die
+parasitäre Natur der _Tuberculose_ unwiderleglich und in solcher
+Vollständigkeit klargelegt war, dass andere Autoren bis heute etwas
+Erhebliches nicht hinzugethan haben; bald darauf wurde durch _Löffler_
+und _Schütz_ die Aetiologie des _Rotz_ klar gelegt, und gerade zur
+Zeit der _Löffler_’schen Arbeiten über _Diphtherie_ kamen aus Egypten
+und Indien die Nachrichten _Koch_’s von dem Krankheitserreger einer
+anderen mörderischen Seuche, der _asiatischen Cholera_, welcher mit
+den gleichen Mitteln der Untersuchung aufgefunden war. Schon hatte
+sich damals _R. Koch_ einen festen Stab von Mitarbeitern herangezogen,
+und die Ueberlegenheit der _Koch_’schen _deutschen_ Schule über die
+in der Meinung vieler noch dominirende _französische_ war durch all’
+diese epochemachenden Forschungsergebnisse fest begründet; der Einfluss
+_Hallier_’s aber und _Nägeli_’s auf die Aerzte, dem selbst ein so
+scharfer Beobachter wie _Oertel_ sich nicht hatte entziehen können,
+war für immer zu Grabe getragen. Von jetzt ab wurde die Lehre _R.
+Koch_’s von der Specificität und Artverschiedenheit der differenten
+Krankheitserreger, welche sich an die von _F. Cohn_ vertretene
+botanische Systematisirung anlehnte, die herrschende, und seine
+Methoden, die im Wesentlichen schon in den „Untersuchungen über die
+Aetiologie der Wundinfectionskrankheiten“ vom Jahre 1878 enthalten
+sind, wurden nunmehr überall, besonders aber auch in Paris, ja sogar in
+München acceptirt; hier allerdings nur mit Widerstreben und daher wohl
+auch nicht mit so grossem Erfolge wie anderswo.
+
+Jede einzelne der vier genannten Infectionen, deren parasitäre
+Natur durch den Nachweis eines specifischen, die Krankheit
+erzeugenden Mikroorganismus erwiesen wurde, bot aber eine Fülle
+neuer Beobachtungen, die nicht nutzlos blieben für die Theorie der
+Infectionskrankheiten, sondern theils eine Erweiterung, theils aber
+auch eine Modifikation der theoretischen Betrachtungsweise zur Folge
+hatten.
+
+Durch die Untersuchungen bei der Diphtherie ist namentlich nach
+_der_ Richtung eine Wandlung eingetreten, dass nicht mehr die
+Forderung aufrecht erhalten wurde, welche _R. Koch_ 1878 (l. c. S.
+22) aufstellte, wonach „die Bacterien ausnahmslos und in derartigen
+Verhältnissen betreffs ihrer Menge und Vertheilung nachgewiesen werden
+müssen, dass die Symptome der Krankheit ihre vollständige Erklärung
+dadurch finden“.
+
+War schon bei der Tuberculose und beim Rotz diese Forderung lange nicht
+mehr in dem Grade erfüllt wie bei den zuerst von _Koch_ studirten
+Krankheiten, dem Milzbrand, der Mäusesepticämie, der Pyämie und
+Septicämie der Kaninchen, so wurde bei der Cholera es auf das höchste
+wahrscheinlich, dass der Tod an dieser Krankheit nicht in Folge der
+„Menge und Vertheilung der lebenden Bacterien im Blut und in den
+Organen“ sondern in Folge der Resorption eines von den Kommabacillen
+im Darm producirten Giftstoffes, also einer Intoxication, eintrete.
+Für das Verständniss der Choleraätiologie postulirte daher _Koch_
+als nothwendige Voraussetzung die Entstehung eines specifischen
+Cholera_giftes_, und in der ersten Choleraconferenz (1884) sprach er
+sich darüber in folgender Weise aus (Berl. klin. Wochenschr. 1884 No.
+32 S. 498):
+
+„Mit der Annahme, dass die Kommabacillen ein specifisches Gift
+produciren, lassen sich die Erscheinungen und der Verlauf in folgender
+Weise erklären: Die Wirkung des Giftes äussert sich theils in
+unmittelbarer Weise, indem dadurch das Epithel und in den schwersten
+Fällen auch die oberen Schichten der Darmschleimhaut abgetödtet
+werden, theils wird es resorbirt und wirkt auf den Gesammtorganismus,
+vorzugsweise aber auf die Circulationsorgane, welche in einen
+lähmungsartigen Zustand versetzt werden. Der Symptomencomplex des
+eigentlichen Choleraanfalles, welchen man gewöhnlich als eine Folge
+des Wasserverlustes und der Eindickung des Blutes auffasst, ist meiner
+Meinung nach im Wesentlichen als eine Vergiftung anzusehen; denn er
+kommt nicht selten auch dann zu Stande, wenn verhältnissmässig sehr
+geringe Mengen Flüssigkeit durch Erbrechen und Diarrhoe bei Lebzeiten
+verloren sind, und wenn gleich nach dem Tode der Darm ebenfalls nur
+wenig Flüssigkeit enthält.“
+
+Die Diphtherie aber ist es gewesen, bei welcher nicht bloss ein
+specifisches Gift als schliessliche Ursache der Krankheit und des Todes
+_supponirt_, sondern auch in _greifbarer_ Form nachgewiesen wurde und
+von den Untersuchungen bei der Diphtherie ist daher der _Beginn der
+neuen Aera in der Lehre von den Infectionskrankheiten herzudatiren,
+welche durch die Auffassung der infectiösen Krankheitsprocesse als
+Reactionen auf die Giftwirkung belebter Organismen charakterisirt wird_.
+
+Wenn wir einen bestimmten Zeitpunkt für den Beginn dieser neuen Aera
+nennen sollen, so werden wir ihn an die im December des Jahres 1888
+in _Pasteur_’s Annalen erschienene Arbeit von _Roux_ und _Yersin_
+anknüpfen müssen, in welcher zuerst die Beschreibung der Gewinnung des
+Diphtheriegiftes und seiner Eigenschaften in solcher Weise enthalten
+ist, dass es seitdem jedem halbwegs geschulten Bacteriologen leicht
+gemacht war, sich durch eigene Versuche von der Existenz desselben zu
+überzeugen. Auf diesen letzteren Umstand lege ich einen besonderen
+Werth, wenn ich in dieser historischen Darstellung die Abgrenzung der
+Perioden, in welchen neue und epochemachende Ideen zur Herrschaft
+gelangten, mit bestimmten Arbeiten und Namen vornehme; denn hier, wie
+überall bei wichtigen Ereignissen kann man die Beobachtung machen, dass
+für dieselben der Boden vorbereitet sein muss, und dass, wenn man mit
+kundigem Blick in vergangenen Zeiten nachforscht, gleiche oder ähnliche
+Ideenkeime schon lange vorhanden gewesen sind, aber sei es wegen
+ungünstiger Zeitverhältnisse, sei es wegen der geringeren Klarheit und
+Energie ihrer Vertreter eine grosse Wirkung und eine werbende Kraft
+nicht entfalten konnten.
+
+Bei der Diphtherie hatte schon in seiner ersten Mittheilung _Löffler_
+davon gesprochen, dass sein Bacillus „ein für so viele Thiere,
+ausserordentlich deletäres Gift erzeugt;“ später (1887) versuchte
+er aus Culturen das wirksame Gift, ohne die Mitwirkung von lebenden
+Bacillen, zur Action zu bringen, zunächst aber ohne Erfolg; erst
+als er im Anschluss an die Enzymlehre und an die Erfahrungen von
+_Salomonsen_ und _Christmas-Dirckink-Holmfeld_ über die geringe
+Widerstandsfähigkeit des enzymähnlichen Giftes in den Iequiritysamen
+gegenüber höheren Temperaturen (65-70°), zusammen mit _Holz_, im
+Sommer 1888 erneute Versuche unternahm und das Eindampfen der Culturen
+sowie andere differente Eingriffe vermied, kam er zu einem positiven
+Resultat; er beschickte Glaskolben mit frischem Fleisch, welches
+zerhackt, neutralisirt, mit Diphtheriebacillen inficirt, dann 4-5
+Tage bei 37° C. im Brütschrank gehalten wurde, und es gelang ihm,
+daraus einen Glycerinauszug herzustellen, welcher das specifische
+Diphtheriegift enthielt. Fällte er nämlich den Glycerinauszug mit
+dem fünffachen Volum von absolutem Alkohol und löste er schliesslich
+den gereinigten Alkoholniederschlag in wenig Wasser auf, so bekam er
+mit 0,1 bis 0,2 ccm nach subcutaner Injection bei Meerschweinchen an
+den Injectionsstellen „derbe fibröse Knoten mit Hämorrhagien in der
+Muskulatur und Oedemen in der Umgebung, welche zu Hautnekrose führten.
+Die der Injectionsstelle entsprechenden Lymphdrüsen waren geschwollen,
+von Blutungen durchsetzt.“ ... „Injectionen in die Bauchhöhle tödteten
+die Thiere mit den Erscheinungen einer heftigen Entzündung des
+Peritoneums“ (Deutsche medic. Wochenschrift 1890 No. 5 u. 6).
+
+Es kann darnach gar kein Zweifel für uns sein, dass _Löffler_ im
+Jahre 1888 das specifische Diphtheriegift in Händen gehabt hat. Die
+Mittheilung seiner Befunde erfolgte im Beginn des Jahres 1889 im
+_Greifswalder_ medicinischen Verein, zu einer Zeit, als die erste
+Arbeit von _Roux_ und _Yersin_ schon im Druck vorlag.
+
+Erst durch die Untersuchungen dieser Autoren sind wir mit den
+Bedingungen bekannt geworden, unter welchen das Diphtheriegift in
+den Culturen leicht nachweisbar wird und von denen es abhängig
+ist, dass man das eine Mal mit Bruchtheilen eines Cubikcentimeters
+Meerschweinchen und Kaninchen in kurzer Zeit unter den
+charakteristischen Symptomen der Diphtherievergiftung tödten kann,
+während ein andermal erst die Einspritzung von 35 ccm und darüber
+Intoxicationserscheinungen hervorruft. Sie zeigten nämlich, dass es gar
+nicht besonders kunstvoll zusammengesetzter Nährböden bedarf, um das
+Gift in reichlicher Menge zu gewinnen, sondern dass die gewöhnliche
+Bouillon dazu genügt; es ist dies auch von principieller Wichtigkeit,
+da hierdurch schon es unwahrscheinlich gemacht wurde, dass das Gift
+etwa präformirt in den Nährböden enthalten und durch die Thätigkeit der
+Diphtheriebacillen nur abgespalten werde; beinahe zur Gewissheit ist
+dann die Abstammung der Giftsubstanz direct von den Zellenleibern der
+Bacterien gemacht worden durch _Guinochet_, welcher im Laboratorium
+von _Straus_ in Paris im eiweissfreien alkalisirten menschlichen Urin
+die Diphtheriebacillen züchtete und daraus in gleicher Weise, wie aus
+Peptonbouillonculturen das Diphtheriegift extrahiren konnte (_Gamaleïa_
+„Les poisons bactériens“ 1892).
+
+Die Versuchsbedingungen, unter welchen eine ergiebige Giftproduction zu
+erzielen ist, sind nach _Roux_ und _Yersin_ hauptsächlich folgende:
+
+_Erstens muss die Cultur, von welcher der flüssige Nährboden geimpft
+wird, einen hohen Grad von Virulenz besitzen._ Es darf _Roux_ und
+_Yersin_ zu besonderem Verdienst angerechnet werden, dass sie auf die
+grossen Unterschiede hingewiesen haben, welche die aus verschiedenen
+Diphtheriefällen beim Menschen gezüchteten Culturen erkennen lassen;
+manchmal genügen schon die kleinsten Culturquantitäten, um eine sehr
+acut verlaufende Diphtherieinfection zu erzeugen, und andere Male
+zeigen sich Culturen so wenig infectiös, dass selbst mit grösseren
+Quantitäten kaum deutlich erkennbare Krankheitserscheinungen
+hervorgerufen werden, so dass man zweifelhaft wurde, ob es sich hier
+überhaupt noch um echte Diphtheriebacillen, trotz morphologischer
+Identität, handle, und dass man eine besondere Art, den
+„Pseudodiphtheriebacillus“, für die unwirksamen Bacterien aufstellte;
+aber es finden sich, wenn man aus sehr vielen diphtherischen Membranen
+Culturen herauszüchtet, alle Uebergänge von den virulentesten Formen
+bis zu gänzlich inoffensiven, und es liegt jetzt kein Grund mehr
+vor, innerhalb derjenigen Bacterien, die morphologische Differenzen
+nicht aufweisen, auf Grund differenter Virulenzgrade besondere Arten
+anzunehmen. Im Allgemeinen sind die Diphtheriebacillen um so mehr
+virulent, je schwerer der Krankheitsprocess war in dem Falle, von
+welchem sie herstammen. Ganz ausnahmslos aber ist ceteris paribus
+die Giftausbeute aus Culturen um so grösser, je virulenter die zur
+Abimpfung benutzte Cultur gewesen war.
+
+_Die zweite Bedingung für reichlichere Giftansammlung in den Culturen
+ist ein längeres Wachsthum derselben._ Die Constatirung dieser
+Thatsache ist uns als ein vollständiges novum von _Roux_ und _Yersin_
+überliefert worden, und es ist dieselbe um so bemerkenswerther,
+als es dabei nicht etwa bloss auf die Reichlichkeit des Wachsthums
+ankommt; nach 14tägigem bis 3 Wochen langem Wachsthum ist die Masse
+der Bacterien so ziemlich auf der Höhe angelangt, aber nicht damit
+auch die Menge des löslichen Giftes. Während dieser Zeit ist die
+Quantität desselben noch verschwindend klein im Verhältniss zu
+derjenigen, welche von der dritten Woche ab bis in die siebente
+hinein und noch später sich allmählich ansammelt. Erst wenn das
+reichlichere Wachsthum aufhört, und wenn die zur Zeit der reichlicheren
+Vermehrung stark getrübte Bouillon sich in Folge des zu Bodenfallens
+der Diphtheriebacillen mehr und mehr klärt, kann man durch die
+Prüfung an Thieren die jetzt schnell sich steigernde Giftproduction
+constatiren. Noch ein anderes Kriterium fanden dann die Autoren,
+welches den Zeitpunkt markirt, von dem ab das Gift schnell an Menge
+zunimmt; dasselbe ist gegeben durch das Verhalten der Reaction in der
+Cultur. Auch eine ursprünglich sehr deutlich alkalische Bouillon zeigt
+ausnahmslos einen Umschlag in immer stärker sauer werdende Reaction,
+sobald die Vermehrung der Diphtheriebacillen in erheblicherem Grade
+begonnen hat, und die saure Reaction dauert so lange an, als noch die
+Cultur sich durchweg deutlich getrübt zeigt. Mit der beginnenden und
+fortschreitenden Klärung wird die Reaction dann aber immer weniger
+sauer, um schliesslich wieder alkalisch zu werden, und zwar zuletzt
+viel stärker alkalisch, als es die ungeimpfte Bouillon gewesen war.
+Diese fundamentalen Beobachtungen und ihre classische Darstellung
+durch _Roux_ und _Yersin_ wurde dann noch ergänzt durch eine sehr
+grosse Zahl äusserst subtiler Untersuchungen, welche sich mit der
+Frage der willkürlichen Vermehrung und Verminderung des Virulenzgrades
+von Diphtherieculturen und mit der willkürlichen Steigerung ihrer
+Toxicität beschäftigten; ferner durch grundlegende Studien über
+die Extraction des Diphtheriegiftes aus den Culturen mittelst
+verschiedener Fällungsmittel, wobei die Widerstandsfähigkeit des
+Giftes gegenüber chemischen Agentien und atmosphärischen Einflüssen
+eingehend berücksichtigt werden musste. Es lässt sich noch nicht
+überall hier beurtheilen, an welche von den diesbezüglichen Resultaten
+anknüpfend die spätere Forschung in ihrem Bestreben, die chemische
+Natur des Diphtheriegiftes zu ergründen, am meisten vorwärts kommen
+wird. Vorläufig müssen wir gestehen, dass Alles, was andere Autoren
+hierüber bekannt gegeben haben, als ein wahrer Fortschritt in der Sache
+nicht angesehen werden kann, weder das, was _Brieger_ und _Fraenkel_
+von ihren sogenannten Toxalbuminen, noch was _Gamaleïa_ von seinen
+Nucleoalbuminen berichtet hat.
+
+_Roux_ und _Yersin_ haben in Uebereinstimmung mit _Löffler_
+das Diphtheriegift als eine ferment- oder enzymartige Substanz
+charakterisirt. Nun kann man sagen, das sei eine nicht zulässige
+Definition, da sie ein ignotum per ignotius zu erklären versuche;
+immerhin knüpft aber diese Classification doch an etwas an, von dessen
+Existenzberechtigung die Mehrzahl der heutigen Forscher auf diesem
+Specialgebiet überzeugt ist. Dagegen durch die Charakterisirung als
+Albumine, als Nucleoalbumine täuschen wir uns selbst bloss über unsere
+thatsächliche Unwissenheit hinweg.
+
+Die Charakterisirung des Diphtheriegiftes als eines Toxalbumins durch
+_Brieger_ und _Fränkel_, mit anderen Worten eines giftigen Albumins,
+ist schon deswegen zu beanstanden, weil bei der Art des Vorgehens
+dieser Autoren zur Gewinnung des Giftes Körper mit genau den gleichen
+chemischen Eigenschaften schon vorher in dem Nährboden enthalten
+waren (_Proskauer_ und _Wassermann_), aus welchem dann später das
+Gift zu isoliren versucht wurde. Sie mussten also unfehlbar bei ihren
+Fällungsversuchen in die Fällung Körper hineinbekommen, welche -- ganz
+gleichgiltig, ob das specifische Gift in derselben mit enthalten war
+oder nicht -- die Reactionen der sogenannten Toxalbumine gaben.
+
+Aber auch alle anderen Classificationen des Diphtheriegiftes, sowie
+anderer Bacteriengifte, welche die Eiweissnatur der letzteren zur
+Voraussetzung haben, leiden an einem Principalfehler, der den Chemikern
+zwar längst bekannt, den chemisch denkenden Medicinern in anschaulicher
+Weise aber erst durch _Duclaux_ zum klaren Bewusstsein gebracht ist.
+
+Als ich im Jahre 1888 im chemischen Institut des Geh. Raths _Kékulé_
+in Bonn von meinem damaligen Lehrer Herrn Prof. _Wallach_ ein Buch
+haben wollte, in welchem die Lehre von den Eiweisskörpern am besten
+dargestellt sei, da bekam ich die Antwort, dass, wenn man die Sache
+im rechten Licht betrachte, ein Chemiker „Eiweiss“ als chemischen
+Stoff überhaupt nicht kenne. Auf den ersten Blick war mir das wohl
+etwas verwunderlich; indessen von Jahr zu Jahr habe ich mich immer
+mehr überzeugen müssen, dass auch wir Mediciner gut daran thun
+würden, den Gebrauch des Wortes „Eiweiss“ (und aller Worte, die damit
+zusammenhängen) zum Zweck einer Aussage über die Natur eines chemischen
+Körpers möglichst zu vermeiden. Nirgends aber habe ich ein so lebhaftes
+Gefühl von der Richtigkeit dieser Ueberzeugung gehabt, als bei der
+Lectüre der „Revue critique“ von _Duclaux_ „Sur la constitution des
+matières albuminoides“ (Ann. de l’Inst. _Pasteur_ 1891 und 1892). Bei
+dem grossen Unfug, welcher gerade in unserem Specialgebiet so viel mit
+den Eiweisskörpern getrieben wird, halte ich diese Stelle für geeignet,
+um das Wesentlichste der lichtvollen Auseinandersetzungen von _Duclaux_
+hier wiederzugeben.
+
+Nach einer genaueren Besprechung der Untersuchungen von _Hlasiwetz_
+und _Habermann_, besonders aber der von _Schützenberger_, welcher
+letztere die Spaltungsproducte des Hühnereiweiss untersuchte, nachdem
+er dasselbe in geschlossenen Gefässen bei 200° einer Behandlung mit
+Barythydrat unterworfen hatte, und welcher dabei ausser Kohlensäure,
+Oxalsäure und Essigsäure, zur Hälfte Amidosäuren und zwar am
+reichlichsten Leucine fand, daneben aber auch Tyrosin, einen Körper,
+welcher sich von jenen Körpern der Fettreihe durch die Anwesenheit
+des Benzolkerns wesentlich unterscheidet, ferner Körper, die mit dem
+Pyrrol in Zusammenhang stehen, -- stellt _Duclaux_ folgende Erwägungen
+an: „Es fragt sich, ob abgesehen von der _Hydratation_, die bei dieser
+Zerlegung des Hühnereiweiss eine Rolle spielt, dasselbe nicht in
+erheblicherer Weise verändert ist, und ob die neu gewonnenen Körper
+thatsächlich im Hühnereiweiss präformirt waren; etwa wie wenn man
+einen Baum zerlegen würde in den Stamm, die Aeste, Blätter u. s. w.
+Das letztere würde sehr wahrscheinlich gemacht werden, wenn man das
+Hühnereiweissmolecül oder wenigstens ein ihm nahestehendes Molecül aus
+den Spaltungsproducten wieder reconstruiren könnte, wie denn in der
+That _Schützenberger_ behauptet, auf diese Weise Peptone componirt zu
+haben.
+
+Aber jene Behauptung stützt sich auf nicht genügend gesicherte
+Fundamente. _Die Analogien der künstlichen Compositionen mit
+Eiweisssubstanzen werden aus der Gemeinsamkeit gewisser Reactionen
+abgeleitet, die man vielfach als charakteristische Eiweissreactionen
+ansieht, ohne dass dieselben diesen Anspruch mit Recht erheben könnten._
+
+Die _Millon’sche Reaction_ ist weiter nichts als eine
+Tyrosin-Reaction, welche auch dem Phenol, Kresol und anderen
+hydroxylirten Benzolabkömmlingen zukommt.
+
+Die _Xanthoproteïn-Reaction_ stammt vom Indol, Skatol und verwandten
+Körpern her.
+
+Die _Adamkiewicz’sche Reaction_ tritt bei der Indolgruppe und
+besonders schön dann auf, wenn die zu prüfende Flüssigkeit „l’acide
+scatolcarbonique“ enthält.
+
+Die _Biuret-Reaction_ fand _Grimaux_ bei der Asparaginsäure und _O.
+Löw_ bei Aethern des Glykocoll.
+
+Die _Liebermann’sche Reaction_ wird durch Körper aus der Fettreihe
+erzeugt.
+
+Keine der fünf oben genannten Reactionen bietet eine Sicherheit, dass
+sie durch unveränderte Eiweisssubstanzen erzeugt werde.
+
+Noch viel weniger einwandsfrei sind die Fällungsreactionen mit Tannin,
+Phosphormolybdänsäure, alkalischen und erdigen Salzen.
+
+_Die letzteren werden benutzt zur Unterscheidung verschiedener Arten
+von Eiweisskörpern und man bezeichnet beispielsweise als Globuline
+Alles, was sich unter der Einwirkung eines Ueberschusses von
+Magnesiumsulfat aus einer Eiweisslösung niederschlägt, als Albumine
+Alles, was durch Ammoniumsulfat im Ueberschuss ausgefällt wird._
+
+Je nach dem Grade der Löslichkeit in salzfreiem Wasser, in verdünnten
+und concentrirten Salzlösungen, sind dann drei Hauptgruppen von
+Eiweisskörpern unterschieden worden, die _Nucleoalbumine_, _Globuline_
+und _Albumine_. Dieselben werden in folgender Weise differenzirt:
+
+_Nucleoalbumine und Globuline sind in reinem Wasser unlöslich,
+Albumine löslich. Nucleoalbumine und Globuline wiederum unterscheiden
+sich dadurch, dass in verdünnten Salzlösungen die ersteren unlöslich,
+die letzteren aber löslich sind. Endlich dient noch zur Unterscheidung,
+dass in concentrirten Salzlösungen nur die Globuline gefällt werden,
+nicht aber die Albumine. Zur schnellen Orientirung ist folgendes Schema
+sehr instructiv, in welchem L = löslich, U = unlöslich bedeutet_:
+
+ ===============+========+============+===============
+ | Reines | Verdünnte | concentrirte
+ | Wasser | Salzlösung | Salzlösung
+ ===============+========+============+===============
+ Nucleoalbumine | U | U | U?
+ Globuline | U | L | L
+ Albumine | L | L | L
+
+_So präcise nun anscheinend diese Unterscheidungen sind, so wenig
+können sie dazu dienen, unsere Kenntniss über die Natur der
+Eiweisskörper zu vermehren. Diese Classification, bei welcher
+das differente Verhalten derselben gegenüber Neutralsalzen als
+Eintheilungsprincip gewählt wird, ist durchaus conventionell. Es wäre
+in Wirklichkeit für das Studium der Natur der Eiweisskörper recht
+Bedeutendes gewonnen, wenn die durch die Salzfällung differenzirten
+Körper, nachdem sie von den Salzen wieder gereinigt sind, sich als
+gut charakterisirte Individuen mit constanten Eigenschaften erweisen
+würden; aber das ist durchaus nicht der Fall._
+
+_Wenn diese drei Substanzen aus Hühnereiweiss mit Hilfe von
+verschiedenen Salzzusätzen ausgeschieden und von einander getrennt
+sind, und, wenn wir nun dieselbe Procedur an der Milch oder an einem
+Blutserum vornehmen, sind dann die Eigenschaften der aus Hühnereiweiss,
+Milch und Serum gewonnenen Albumine identisch? Stimmen die Globuline,
+die Nucleoalbumine in ihren Eigenschaften dann überein?_
+
+_Es ist das so wenig der Fall, dass selbst die überzeugtesten Anhänger
+des Studiums der Eiweisskörper durch Salzfällung ein Serumalbumin, ein
+Lactalbumin, ein Ovalbumin von Neuem unterscheiden müssen, und zwar auf
+Grund sehr wesentlicher Unterschiede. Und so steht’s mit den anderen
+Eiweissgruppen auch. Man hat sich sonst in der Wissenschaft gewöhnt,
+trotz gleicher oder ähnlicher Gewinnungsweise von chemischen Körpern
+dieselben mit verschiedenen Namen zu belegen, wenn sie verschiedene
+Eigenschaften besitzen. Hier geschieht aber Folgendes. Wenn man aus
+Hühnereiweiss und aus Blutserum mittelst Ammoniumsulfat das Albumin
+abgeschieden, dann bei 100° C. bis zum Constantbleiben des Gewichtes
+getrocknet hat, und wenn man nun die noch salzhaltigen Albumine
+in Wasser aufnimmt, so dass das mitgerissene Salz aufgelöst wird,
+so bildet das aus Hühnereiweiss gewonnene Albumin eine schwammige
+hartelastische Masse, auf deren Consistenz das Wasser keinen Einfluss
+auszuüben vermag, wogegen das aus Blutserum gewonnene Albumin, ganz
+ebenso behandelt, durch Wasser zu einer fadenziehenden Flüssigkeit
+aufgelöst wird, die auch durch Erhitzen bis auf 100° nicht wieder
+gerinnt. Trotz dieser so grossen Verschiedenheit giebt man nun beiden
+Substanzen den gleichen Namen „Albumin“. Ist das nicht geradeso, als
+ob man allen Früchten in einem Garten deswegen einen und denselben
+Namen geben wollte, weil man sie mit einem und demselben Stocke von den
+Bäumen herunterschlagen kann?_
+
+_Die ganze Classification der Eiweisskörper in Nucleoalbumine,
+Globuline und Albumine läuft ungefähr auf dasselbe hinaus, wie etwa
+eine Classification der Menschen, die mit der Eisenbahn fahren, in
+reisende Menschen I., II. und III. Klasse, mit der Supposition, dass
+die Individuen einzelner Reiseclassen unter einander wesentlich
+verschieden sein müssten._
+
+_In der Chemie aber sollen die Präcipitationsmethoden nicht zur
+Artbestimmung, sondern nur zur Trennung behufs Reinigung der Körper
+dienen. Die Artbestimmung kann erst durch besondere Arbeiten in Angriff
+genommen werden, nachdem man reine chemische Individuen gewonnen hat._
+
+Nun kommt aber noch hinzu, dass bei der Salzbehandlung nicht einmal
+von einer richtigen Präcipitation die Rede sein kann, sondern bloss
+von einer Congulation, wie wir sie ausser bei den Eiweisssubstanzen
+auch noch bei einer Menge anderer colloidaler Körper kennen, bei
+der Seife, gekochter Stärke, Inulin, Glycogen, Jodstärke, Gelatine,
+bei verschiedenen Farbstoffen; ja nicht bloss bei organischen,
+sondern auch bei anorganischen Stoffen, wie Silicium, Aluminium,
+Eisenoxydverbindungen. Kurz es ist so, wie _Nasse_ näher ausgeführt
+hat, dass für die Fällung nicht die Artbeschaffenheit der Substanzen
+von Bedeutung ist, auf welche die in Frage kommenden Neutralsalze
+einwirken, sondern der colloidale Zustand, bei dem es sich nicht um
+eine wirkliche Lösung, sondern um eine gleichmässige Suspensation
+unlöslicher Theile handelt.
+
+Berücksichtigt man das, so würden wir jetzt, unter zu Grundelegung
+des Verhaltens gegenüber Neutralsalzen, Globuline beispielsweise zu
+definiren haben, als solche Eiweisssubstanzen, die in Gegenwart der in
+Frage kommenden Salze ein Papierfilter nicht passiren, während sie das
+thun, wenn sie bei Abwesenheit der Salze sich in verdünntem Zustande
+befinden, und wir kommen zu dem Resultat, dass die Eiweissfällung nicht
+sowohl ein chemischer, als vielmehr ein physikalischer Vorgang ist, der
+zur chemischen Charakterisirung nichts beitragen kann.
+
+Auf dieselbe Weise können wir durch Salzfällung aus dem Chininsulfat
+ein Nucleochinin, ein Globulochinin, ein Albumochinin abtrennen, ohne
+dass wir thatsächlich etwas anderes abgetrennt haben, als neutrale
+Chininsulfatkrystalle.
+
+_Aus diesen Auseinandersetzungen lässt sich der Werth abmessen,
+den die in jüngster Zeit an’s Tageslicht geförderten Albumotoxine,
+Globulotoxine, Toxopeptone u. s. w. besitzen. Wäre z. B. Chinin,
+Strychnin, Brucin oder ein anderes giftiges Alkaloid in die auf
+Eiweisskörper zu prüfenden Bacterienculturen zufällig hineingekommen,
+so würden wir die schönsten Strychnin- u. s. w. Wirkungen mit den
+Toxalbuminen, Toxoglobulinen, Toxopeptonen bekommen, ohne dass die
+Eiweisskörper das Geringste mit der Giftwirkung zu thun haben._
+
+Nach alledem ist der Satz, mit welchem _Duclaux_ seine Abhandlungen
+abschliesst, gewiss beherzigenswerth:
+
+„Dans le mélange de foi et de scepticisme qu’il faut apporter dans
+l’étude de toutes les questions scientifiques, c’est le scepticisme
+qui doit l’emporter au sujet de la différentiation des matières
+albuminoïdes“; und für mich wenigstens hat sich daraus die gleiche
+Lehre ergeben, wie für _Duclaux_: „de réagir contre ces subtilités et
+cette incohérence.“
+
+Weder in Bezug auf die Bacteriengifte noch in Bezug auf die im Blute
+zu findenden Heilkörper habe ich in meinen Arbeiten die neuen Namen
+adoptirt, welche zu einer hypothetischen Eiweissnatur in Beziehung
+stehen, und ich gedenke auch später das solange nicht zu thun,
+als nicht durch solche Bezeichnungen etwas den thatsächlichen und
+wesentlichen Eigenschaften dieser Dinge nachgewiesenermaassen mehr
+Entsprechendes ausgedrückt wird, als das bis jetzt der Fall war.
+
+Ebensowenig freilich wie durch die Aussage, dass die Bacteriengifte
+Eiweisskörper oder Toxalbumine seien, bisher auch nur das Geringste
+beigetragen ist zur Kenntniss ihrer chemischen Constitution und
+zur Anweisung der Stelle, die sie unter den gut charakterisirten
+Körpergruppen der Chemiker einnehmen, ebensowenig wird das durch ihre
+Bezeichnung als „Fermente“ oder „Enzyme“ geleistet.
+
+Indessen liegt hier doch die Sache etwas anders, als bei den
+Toxalbuminen, Toxopeptonen, Globulotoxinen, giftigen Albumosen u. s. w.
+Wenn _Löffler_ den Ausdruck „Enzym“ auf das Diphtheriegift anwendet,
+so hat er im _Princip_ wenigstens den richtigen Weg eingeschlagen,
+um uns einen Begriff von dem Diphtheriegift zu verschaffen, indem
+er nämlich die Eigenschaften und Wirkungen desselben auf uns schon
+bekannte und geläufige Anschauungen zurückzuführen sucht. Anknüpfend an
+_Salomonsen_’s und _Christmas-Dircking-Holmfeld_’s Untersuchungen über
+das Gift in den Jecquiritysamen, wonach dasselbe in Wasser und Glycerin
+löslich, in Alkohol, Aether, Benzin und Chloroform unlöslich ist,
+durch eine einstündige Erwärmung auf 65° bis 70° vollständig unwirksam
+wird, bei Thieren in wirksamem Zustande auf Schleimhäuten heftige
+Entzündungen und Pseudomembranen erzeugt, constatirt er ähnliche
+Eigenschaften beim Diphtheriegift; und da nun jene Autoren ihr Gift als
+„Enzym“ bezeichnet hatten, so ist _Löffler_ ihnen darin gefolgt.
+
+Aehnliche Erwägungen waren es, die _Roux_ und _Yersin_ zur
+Charakterisirung des Diphtheriegiftes als eines _Ferments_ veranlassten.
+
+Nun glaube ich, dass wir jetzt die Eigenschaften und Wirkungen
+des Diphtheriegiftes besser kennen als die irgend eines Ferments
+oder Enzyms, und vielleicht wird durch weitere Untersuchungen der
+Bacteriengifte auch ein Licht geworfen auf die mit dem Namen „Fermente“
+und „Enzyme“ bezeichnete Klasse von Körpern. Die Einrangirung des
+Diphtheriegiftes unter die Fermente und Enzyme schafft aber eine
+falsche Vorstellung in gewisser Beziehung von dem Wesen desselben.
+
+Mit dem Begriff „Ferment“ und „Enzym“ verbinden wir immer die
+Vorstellung, dass dieselben insofern, als sie andere Körper
+physikalisch verändern oder chemisch zersetzen, von anderen ähnlich
+wirkenden Agentien dadurch sich unterscheiden, dass ihre Wirkung fast
+unbegrenzt ist. Manche Fermente lösen feste Körper auf; das thun andere
+Substanzen auch. Wir kennen ferner hydrolytische Fermente; und auch die
+besondere Art chemischer Zersetzung, welche als Hydrolyse bezeichnet
+wird, kommt nicht den Fermenten allein zu.
+
+Das Besondere der Fermente besteht immer darin, dass, während
+andere Lösungsmittel und Mittel mit hydrolytischer u. s. w. Wirkung
+in quantitativ zu berechnender Menge angewendet werden müssen, um
+Effecte von bestimmter Grösse hervorzurufen dieses bei den Fermenten
+und Enzymen nicht der Fall ist; diese äussern, wenigstens bis zu
+einem gewissen Grade, _unabhängig_ von der Stoffmenge, die man auf
+fermentationsfähige Massen anwendet, ihre Wirkung in’s Unbegrenzte.
+
+Dazu kommt als ein weiterer Nebenbegriff der Fermente und Enzyme, dass
+in den Massen, in welchen durch sie die Fermentation eingeleitet ist,
+nach stattgehabter Wirkung nicht bloss kein Verbrauch der ursprünglich
+angewendeten Stoffmenge von Fermenten und Enzymen zu merken, sondern
+dass vielmehr ein Plus zu finden ist.
+
+Die Frage, ob es solche Stoffe giebt, brauche ich hier nicht zu
+erörtern; aber das ist ganz sicher, dass das Diphtheriegift ebensowenig
+ein solcher Stoff ist, wie das Tetanusgift und andere gut studirte
+Bacteriengifte. Man kann auf’s genaueste die Menge des Giftes
+berechnen, welche erforderlich ist, um Meerschweinchen, Kaninchen,
+Schafe von bekanntem Gewicht und Alter zu tödten oder bloss krank zu
+machen; und wenn wir Analogien in der Art der Entstehungsweise und des
+Verlaufs von Infectionskrankheiten mit fermentartigen Wirkungen suchen,
+dann finden wir solche nie bei dem Arbeiten mit Bacterien_giften_,
+sondern bloss bei den lebenden, vermehrungsfähigen _Bacterien_.
+
+Mit Rücksicht auf diesen fundamentalen Unterschied wird man es für
+sehr gewagt erklären müssen, auf die Bacteriengifte Rückschlüsse zu
+machen von dem, was wir über einige Fermente wissen.
+
+Wohin uns die Bemühungen zur Erforschung der chemischen Zusammensetzung
+des Diphtheriegiftes noch führen werden, das lässt sich zur Zeit kaum
+absehen.
+
+Für sehr wichtig halte ich für das weitere Vorgehen die
+Berücksichtigung der Untersuchungen und Ausführungen von _H. Buchner_
+über diejenigen Körper, welche er als „Alexine“ bezeichnet. Mit
+vollem Recht betont _Buchner_, wie es nicht ausschliesslich auf „den
+Stoff als solchen, d. h. auf seine elementaren Bestandtheile ankommt,
+sondern dass die _Anordnung_, die gegenseitige Lagerung der Theilchen
+wesentlich mitbestimmend ist“ (Münchener medicinische Wochenschrift
+1892 No. 8). In rein chemischer Beziehung könne ein hochconstituirtes
+Molecül, das mit physiologischen Fähigkeiten begabt ist, unverändert
+bleiben und dabei doch die letzteren verlieren, eben in Folge einer
+veränderten Lage der Atome; das sei der Fall bei der Einwirkung
+verhältnissmässig noch nicht sehr hoher Temperaturen, bei verändertem
+Salzgehalt der Lösungen und manchen anderen Eingriffen, die eine
+_chemische_ Zersetzung noch nicht zur Folge haben. _H. Buchner_ hat
+von solchen physiologischen Fähigkeiten die bacterientödtende und die
+globulicide genauer geprüft, und was er dabei im Einzelnen betreffs der
+Labilität und der schweren Dialysirbarkeit der Körper, an welche diese
+Fähigkeiten gebunden sind, eruirt hat, das gilt auch für die toxischen
+Wirkungen des Diphtherie- und Tetanusgiftes.
+
+Sind nun aber die toxischen Eigenschaften gebunden an ein bestimmtes,
+leicht veränderliches Lagerungsverhältniss der Atome in einem
+hochconstituirten Molecül, _oder vielleicht bloss einer Atomgruppe
+in demselben_, dann ist die chemische Analyse selbst nach besserer
+Isolirung der Bacteriengifte, als sie bisher erreicht ist, ziemlich
+werthlos für uns; eine Auskunft darüber, welche Atomverschiebungen vor
+sich gehen, wenn die zu untersuchende Substanz aus dem wirksamen in
+den unwirksamen Zustand übergeht, dürfte von viel grösserem Werth für
+uns sein, als die schönste quantitative Analyse einer Substanz, die
+nothwendiger Weise durch den Act der Analyse schon inactiv geworden
+sein muss; denn worauf es uns ankommt, ist doch immer die Kenntniss von
+der chemischen Zusammensetzung der _activen_ Substanz.
+
+Wenn wir in dieser Richtung noch so gut wie gar nichts wissen, so
+steht es um so besser mit unserer Kenntniss von den _functionellen_
+Eigenschaften des Diphtheriegiftes. Und hier ist es namentlich
+die Erkenntniss der _Specificität_ der Giftwirkung, welche einen
+vollkommenen Umschwung in den Studien über die Entstehung der
+Krankheitserscheinungen nicht bloss bei der Diphtherie, sondern bei den
+Infectionskrankheiten überhaupt, zu Stande gebracht hat.
+
+Die Specificität des Diphtheriegiftes äussert sich in doppelter
+Richtung; einmal unterscheidet sich dasselbe durch die besondere
+Art der localen und allgemeinen Veränderungen, die es im lebenden
+Thierkörper hervorruft; dann aber tritt seine Specificität in
+ausserordentlich stark ausgeprägtem Grade darin zu Tage, dass es manche
+Thierarten giebt, die auf sehr kleine Dosen einer keimfrei gemachten
+alten Diphtheriebouilloncultur schon mit Kranksein reagiren und
+schliesslich daran zu Grunde gehen, während Thiere von anderer Art nur
+wenig oder gar nicht empfänglich sind, so dass, wenn man Individuen
+der letzteren Art zur Prüfung aussuchen würde, die Giftwirkung gar
+nicht zum Ausdruck zu bringen wäre. Ich habe gelegentlich des VII.
+internationalen hygienischen Congresses in London (1891) von einem
+Bouillonfiltrat berichtet, welches noch in der Menge von 0,01 ccm für
+Meerschweinchen giftig war. Dieses Filtrat, welches ich noch besitze,
+und welches nach länger als zwei Jahren fast unverändert wirksam
+geblieben ist, erregt in einer Menge von 0,25 bis 0,5 ccm bei grossen
+Schafen subcutan eingespritzt ein hohes Fieber (bis zu 42°); für
+Kaninchen ist es ebenso giftig, wie für Meerschweinchen, auch Hunde
+sind sehr empfindlich dagegen; aber Ratten vertragen bis zu 1 ccm
+davon, ohne deutlich krank zu werden, und für Mäuse ist es als ungiftig
+zu betrachten, da selbst 1 ccm höchstens local einen entzündlichen
+Process hervorruft. Während also bei Mäusen, auf das Körpergewicht
+dieser Thiere berechnet, 1 : 20 noch fast unwirksam ist, ist diese
+Diphtheriegiftlösung für Schafe schon bei 1 : 150000 ein Gift, also in
+7500mal kleinerer Menge.
+
+Für das Tetanusgift liegen die Verhältnisse ähnlich, nur dass die
+giftempfindlichen Thierspecies hier andere sind; und vom Tuberkulin,
+der aus den Tuberkelbacillen extrahirbaren Substanz, wissen wir, dass
+die Differenzen in der Giftempfindlichkeit noch crasser hervortreten;
+kann man doch von demselben einer Maus 0,5 ccm ohne Schaden
+einspritzen, während manche Menschen schon auf Bruchtheile eines
+Centigramms stark reagiren.
+
+Die Erkennung dieser Specificität der Bacteriengifte ist ein
+Ereigniss in der Lehre von den Infectionskrankheiten, welches man
+in seiner Bedeutung der Erkennung der Specificität der lebenden
+Krankheitserreger an die Seite stellen kann. Sie ist eine rettende That
+gewesen, die mit einem Schlage das Hin- und Herwogen der Meinungen
+über die Rolle, welche den Krankheitsgiften zuzuertheilen sei, zum
+Stillstand gebracht hat, in gleicher Weise, wie die Beseitigung der
+Lehre von der Umwandlungsfähigkeit und die Statuirung der Artconstanz
+der krankmachenden _Bacterien_ durch _R. Koch_ solche Discussionen
+unmöglich gemacht hat, wie sie vor ihm unter den Aerzten die
+Tagesordnung beherrschten mit den Schlagworten „Schädlichkeit der
+Bacterien“ und „Unschädlichkeit der Bacterien“.
+
+Für die Lehre von der Aetiologie der Infectionskrankheiten beginnt die
+Geschichte der Bacteriengifte erst mit der Kenntniss ihrer Labilität
+einerseits, ihrer Specifität andererseits, und so interessant das
+„_putride Bacteriengift_“ _Panum_’s, das „_Sepsin_“ von _Bergmann_ und
+_Schmiedeberg_, die _Ptomaïne_ von _Selmi_, _Nencki_ und _Brieger_
+auch in anderen Beziehungen sein mögen, mit unseren jetzt als
+integrirenden Momenten in der Entstehung der Infectionskrankheiten
+erkannten Bacteriengiften haben alle diese Körper nichts zu thun.
+Ich kann mich daher hier mit dem Hinweis darauf begnügen, dass schon
+die Methoden zur Herstellung des „Tetanins“ aus Tetanusculturen, des
+„Putrescins“ aus Staphylococcusculturen u. s. w. es ausschliessen, dass
+in diesen chemischen Körpern das specifische Tetanusgift bezw. das
+Staphylococcengift gefunden sein könnte.
+
+Einige Andeutungen von der _Labilität_ der Bacteriengifte finden
+wir bei _Bergmann_, wenn er angiebt, dass bei toxisch wirkendem Blut
+die Toxicität nach einigen Tagen geringer werde, und bei _Billroth_,
+welcher zeigte, dass toxisch wirkender Eiter gerade dann am giftigsten
+wirke, wenn er noch am meisten frisch und am wenigsten „putride“
+ist (_Gamaleïa_: „Les poisons bactériens“ S. 5 und 6); bei diesen
+Beobachtungen war wohl aber die Action der lebenden Mikroorganismen
+nicht ausgeschlossen. Später, als durch _R. Koch_ die krankmachende
+Fähigkeit der Bacterien, auch ohne jede Spur von ihnen anhaftendem, aus
+dem Thierkörper stammenden Gift, über allen Zweifel erhoben war, und
+als man die Giftgewinnung aus _Reinculturen_ beabsichtigte, da begegnen
+wir auch dem Begriff der Specificität, wenigstens nach der einen
+der oben erwähnten Richtungen, nämlich in Bezug auf die qualitativ
+differente Toxicität der gewonnenen Substanzen, je nach der Art der
+Culturen; ebenso ist die dritte Haupterrungenschaft der Neuzeit, die
+vegetabilische Herkunft der Bacteriengifte, früher schon discutirt
+worden, um allerdings wieder in der Lehre von den Ptomaïnen verneint
+zu werden: Aber jede dieser drei Eigenschaften für sich kommt auch
+noch einer Menge von anderen Substanzen zu, die nichts mit unseren
+specifischen Bacteriengiften zu thun haben; und erst die Untersuchungen
+von _Roux_ und _Yersin_ und von _Löffler_ über das Diphtheriegift, von
+_Koch_ über das Tuberkulin, von _Kitasato_ unter der Leitung von _Koch_
+über das Tetanusgift, haben die Möglichkeit der Fortschritte angebahnt,
+welche nicht bloss in der Erkenntniss der _Aetiologie_, sondern auch
+in Bezug auf die _Heilung_ und _Verhütung_ der Infectionskrankheiten
+seitdem gemacht sind.
+
+
+
+
+IV.
+
+Historisch-kritische Uebersicht
+
+über die klinischen Beobachtungen und experimentellen Untersuchungen
+betreffend die Heilung und Verhütung der Diphtherie.
+
+
+Ueber die Heilbarkeit der Diphtherie und über Heilungsmittel finden
+sich interessante historische Bemerkungen in dem offenen Briefe
+_Bretonneau_’s, welchen ich dieser Arbeit vorangestellt habe. Wir
+erfahren dort, dass man schon in vorhistorischen Zeiten versucht hat,
+das Fortschreiten des local-diphtherischen Processes im Pharynx mit
+einem Metallsalzpräparat (Kupfer) medicamentös zu beeinflussen.
+
+Es wäre jedoch verlorene Mühe, die im Laufe der Jahrhunderte
+angewendeten Behandlungsmethoden der Diphtherie im Einzelnen
+durchzugehen, und ich fange auch hier gleich damit an, dass ich den
+Standpunkt fixire, welchen _Bretonneau_ auf Grund langjähriger eigener
+Erfahrung am Krankenbett in therapeutischer Beziehung eingenommen hat.
+
+Er hat den Aderlass schädlich, Brechmittel, Vesicantien und andere
+ableitende Verfahren, wie Purgantien, Pediluvien, Sinapismen, von
+höchstens zweifelhaftem Nutzen gefunden (S. 88 ff.).
+
+Eine Allgemeinbehandlung hatte überhaupt nur bei zwei der vielen
+von ihm angewendeten Verfahren einen unverkennbaren Einfluss auf den
+Verlauf der Diphtherie; bei der Anwendung der _Polygala_ (Senega) und
+bei _mercurieller_ Behandlung insbesondere mit _Calomel_.
+
+„Die Polygala (S. 241) ist ein Brechmittel und Abführmittel, wenn
+sie in der Dosis von einigen Gran Kindern verabreicht wird. Auf
+die Schleimhautsecretion der Luftwege übt sie einen moderirenden
+Einfluss aus; bei bestehendem chronischem Katarrh der Luftwege mit
+schleimig-eitriger Absonderung macht sie, in kleineren Dosen öfters
+gegeben, das Secret dünnflüssiger und reichlicher.“ Diese letztere
+Eigenschaft, welche _Bretonneau_ namentlich bei tuberculösen Kranken
+an der Polygala kennen und schätzen gelernt hatte, versuchte er nun in
+denjenigen Diphtheriefällen zu verwerthen, in welchen ein quälender,
+trockener Husten andeutete, dass die Schleimhautsecretion sehr gering
+war, und dass in Folge dessen die Loslösung und das Aushusten der
+Pseudomembranen erschwert wurde. In der That leistete ihm auch dieses
+Mittel gute Dienste, namentlich wenn er es mit der Calomelbehandlung
+combinirte.
+
+Diese wurde von ihm soweit getrieben, dass eine mässige Abführwirkung
+bei Kindern davon erfolgte. Für ein 2½jähriges Kind (32. Beobachtung
+S. 189) waren hierzu ½stündlich je 2 Gran, Tag und Nacht dargereicht,
+erforderlich. Bei eben demselben Kinde, das wegen einer sehr schweren
+Diphtherie des Pharynx und des Larynx am dritten Krankheitstage in die
+Behandlung kam, wurde bei fortgesetzter Calomelbehandlung am fünften
+Krankheitstage der Husten auffallend trocken und heiser; als nunmehr
+noch „polygala sénéka“ in der Dosis von 5 Gran, alterirend mit Calomel,
+stündlich einmal gegeben wurde bis zum Eintritt brechenerregender
+Wirkung, erfolgte sehr bald die Expectoration von Membranstücken.
+In diesem Falle, wie in mehreren anderen genau beschriebenen, ist
+_Bretonneau_ der Ansicht, dass diese combinirte Behandlung eine
+lebensrettende Wirkung gehabt habe; aber, um dieselbe zu erzielen,
+mussten Calomel und event. die Polygala consequent bis zum Verschwinden
+der gefahrdrohenden Symptome fortgegeben werden. Jenes 2½jährige Kind
+hatte innerhalb von 63 Stunden nicht weniger als 216 Gran (3 gros) = 12
+g Calomel und 72 Gran (1 gros) = 4 g Polygala bekommen, ohne dass die
+Reconvalescenz ungünstig durch diese energische Behandlung beeinflusst
+worden wäre.
+
+Bei Erwachsenen wurde zuweilen die Calomelbehandlung noch mit
+energischer Schmiercur vereinigt. In einem Falle (30. Beobachtung S.
+180 ff.), bei einem 23jährigen Soldaten mit sehr weit vorgeschrittener
+und schwerer Diphtherie, wurden vom vierten Krankheitstage ab
+stündlich 3 Gran Calomel (= 0,18 g) gegeben und ausserdem nach
+einander der Hals, die Brust und die Arme mit je 4 g (1 gros)
+grauer Salbe in dreistündlichen Intervallen eingerieben. Am
+fünften Krankheitstage wurden die Einreibungen mit etwas längeren
+Intervallen und ebenso die Calomelbehandlung fortgesetzt. Bis zum
+siebenten Krankheitstage waren 30 g (eine Unze) Ungu. hydrarg,
+cinerei duplic. in Form von Einreibungen und gleichzeitig 10 g (2½
+gros) Calomel (innerhalb von nicht ganz 60 Stunden) verbraucht! --
+Trotz dieser energischen Quecksilbercur sind Stomatitis und andere
+locale Intoxicationserscheinungen vermieden worden. Allerdings waren
+Abmagerung, schneller Puls und sehr starker Durst Folgeerscheinungen
+dieser Cur; aber bei dem sehr starken Appetit des Patienten während
+der Reconvalescenz stellte sich bald volle Gesundheit und blühendes
+Aussehen ein.
+
+Freilich hat einige Male auch eine sehr üble Wirkung der
+Quecksilberbehandlung sich bemerkbar gemacht. Wenn bei bestehender
+hartnäckiger Obstipation Calomel weitergegeben wurde, ohne dass danach
+Stuhlgang erfolgte, beobachtete _Bretonneau_ häufig den Eintritt
+heftiger Salivation. Dieselbe wurde besonders störend bei Patienten,
+die an cariösen Zähnen oder anderweitigen präexistirenden krankhaften
+Veränderungen der Mundhöhle litten. „Un tel effet (die Salivation) sera
+d’autant plus prompt, qu’une fluction, entretenue par la carie d’une
+dent, ou toute autre irritation préexistante, attirera vers la bouche
+l’action de la préparation métallique qui a été avidement absorbé“ (S.
+197).
+
+Zuweilen war scheinbar Alles gut abgelaufen, und erst nach
+Jahr und Tag traten Veränderungen allgemeiner Art ein mit
+scorbutähnlichem kachektischem Charakter, die auf frühere energische
+Quecksilberbehandlung zurückgeführt werden mussten (S. 198).
+
+Diese üblen Erfahrungen gaben _Bretonneau_ Veranlassung, sich
+von den eigenartigen und merkwürdigen Quecksilberwirkungen durch
+Thierexperimente genauere Kenntniss zu verschaffen. Er arbeitete dabei
+an Hunden. Da erkannte er sehr bald, dass die Wirkung verschiedener
+Präparate recht verschieden ausfiel. Ein Quecksilberchlorür, welches
+er durch Sublimation mit Wasserdampf erhielt (e vapore paratum,
+_calomel anglais_), hatte die gleichmässigste Wirkung. Andere
+Chlorüre, die er durch einfache Sublimation und durch Fällung aus
+einer Mercur_o_nitratlösung mittelst kochsalzhaltiger Soda- oder
+Ammoniaklösung gewonnen hatte, zeigten eine sehr ausgesprochene
+brechenerregende und durchfallerzeugende Wirkung; bei jenem _calomel
+anglais_ dagegen war das gar nicht oder doch in viel geringerem Grade
+der Fall. Nach 12-15tägiger Behandlung dreier Hunde mit kleinen,
+öfters wiederholten Calomeldosen, die dreimal kleiner gewählt wurden,
+als die für kleinere Kinder verabreichten, also höchstens zu je 1
+Gran, entstanden Lippengeschwüre von ganz eigenthümlichem Aussehen:
+„Ulcérations chancreuses, exubérantes, se montrèrent à la partie
+interne des lèvres; elles étaient disposées symmétriquement et
+correspondaient aux saillies des dents; la sertissure des canines
+offrait, de plus, un commencement d’érosion.“
+
+Mit Quecksilber_oxydul_ gelang die Erzeugung solcher Geschwüre nicht;
+es traten danach heftige Durchfälle auf, die schnelle Abmagerung zur
+Folge hatten, und obwohl in einem Falle die Behandlung sistirt wurde,
+weil der Hund jede weitere Quecksilberdosis refüsirte („on ne pouvait
+plus le tromper; il reconnaissait la présence de la moindre quantité
+de mercure, sous quelque forme qu’on cherchât à l’introduire dans ses
+aliments“), blieben doch die Entleerungen sehr häufig, wurden blutig
+und enthielten viel Schleim, bis schliesslich das Thier an Marasmus zu
+Grunde ging. Andere Hunde, die Quecksilberoxydul bekamen, verendeten,
+weil sie gar nicht zu bewegen waren, Nahrung anzunehmen. Mehrere
+aber, die _Bretonneau_ dann wieder vorsichtig mit _Calomel_ fütterte,
+zeigten wiederum die Geschwüre an den Lippen und ausserdem auch solche
+am Zahnfleisch und an der Zunge; bei einem Hunde von mittlerer Grösse
+waren im Ganzen 42 Gran Calomel verfüttert worden (S. 203); einmal war
+auch die Glans penis davon befallen, nachdem 1½ Monate mit Calomel
+gefüttert worden war.
+
+Die Ungleichmässigkeit der experimentell zu erzeugenden
+Calomelvergiftungserscheinungen konnte nicht immer auf ihre
+Endursachen zurückgeführt werden. Ganz zweifellos von Einfluss war
+aber die Lufttemperatur und der Umstand, ob die Versuche in feuchter
+oder trockener Zeit angestellt wurden. Racenunterschiede machten
+demgegenüber nicht so viel aus (S. 204 ff. und besonders auch S. 449).
+
+In der Mehrzahl der Fälle glichen die Quecksilbervergiftungssymptome
+den beim Menschen zu beobachtenden. „On voit survenir presque dans tous
+les cas la liquéfaction et la décoloration du sang, la prostration des
+forces, le marasme et la mort.“
+
+Diese experimentellen Resultate und die am Menschen in ganz
+unvorgesehener Weise zuweilen eingetretenen Vergiftungen waren Grund
+genug, um _Bretonneau_ zu der Mahnung an andere Aerzte zu veranlassen:
+„_zu der Quecksilber-Allgemeinbehandlung der Diphtherie, trotz ihrer
+specifischen Beeinflussung des Krankheitsprozesses, nur im Nothfall zu
+greifen_.“
+
+Abgesehen von der _Allgemeinwirkung_ kommt dem Calomel nach
+_Bretonneau_ auch eine locale zu, indem der Contact diphtherisch
+erkrankter Schleimhäute mit dem Calomel die Membranabstossung
+beschleunigt und die Neubildung aufhält.
+
+Eine ausschliesslich locale Behandlung ist bei _beginnender_ Diphtherie
+einzuschlagen, wenn die ersten Anzeichen eines Belages sich auf den
+Tonsillen zeigen.
+
+Die Menge der hierfür empfohlenen Mittel war schon damals eine sehr
+grosse. Eine strengere Kritik hielten aber nur zwei davon aus: Der von
+_Aretaeus_ empfohlene _Alaun_ in Pulverform und die von _van Swieten_
+zuerst angewendete _Salzsäure_.
+
+Die Salzsäure hat _Bretonneau_ zuerst in der Weise mit Erfolg
+angewendet, dass er 1 Theil derselben mit 3 Theilen Honig mischte;
+später fand er die _reine concentrirte Salzsäure_ vorteilhafter. In
+je 24 Stunden ist selbe nicht öfter als einmal zur Cauterisation zu
+verwenden, dann aber in energischer Weise; das sei viel zweckmässiger,
+als wenn man weniger concentrirte Säure und dieselbe öfter am Tage
+benütze (S. 92). Einathmung von Salzsäuredämpfen erwies sich auch
+wirksam, aber wegen der danach leicht eintretenden Erstickungsanfälle
+bedenklich.
+
+Andere Säuren, wie Schwefelsäure, leisteten weniger.
+
+In späterer Zeit, gelegentlich der Epidemie von _Chenusson_ im Jahre
+1825 (S. 444), liessen zahlreiche Beobachtungen den Schluss zu, dass
+die im Allgemeinen von _Bretonneau_ bevorzugte _Salzsäureätzung_ der
+diphtherischen Primärerkrankung doch wohl durch die beiden anderen
+Mittel, deren specifischen Einfluss auf den membranbildenden Process er
+erkannt hatte, mit Vortheil ersetzt werden könne, durch _Calomel_ und
+durch _Alaun_.
+
+Die günstige _allgemeine_ Umstimmung der Krankheit durch energische
+Calomelbehandlung schreibt er der Fähigkeit dieses Mittels zu, das Blut
+so zu verändern, dass seine Consistenz dünnflüssiger wird; ferner der
+Fähigkeit, den Blutzufluss nach schon vorher entzündlich veränderten
+Gewebspartieen zu vermehren und dieselben zur Mortification zu bringen,
+wodurch die specifisch-diphtherische Entzündung modificirt und die
+Neubildung von Membranen verhindert werde (S. 444).
+
+Gegenüber dieser erwünschten Calomelwirkung stehe nun aber die
+Vergiftungsgefahr bei Anwendung so grosser Dosen, wie sie zur
+Erreichung jener Effecte erforderlich seien; und es fragte sich, nach
+Constatirung der _localen_ Calomelwirkung, ob man nicht mit dieser
+allein auch zum Ziel kommen könne, ohne Intoxicationsgefahr.
+
+Leider erwies sich die Hoffnung, dass das Calomel durch die
+Pseudomembran hindurch das darunter liegende lebende Gewebe in der
+beabsichtigten Weise beeinflussen würde, als trügerisch („cette
+action ne peut s’excercer à travers la fausse membrane qui recouvre
+les tissus affectés. On ne doit pas en être surpris quand il s’agit
+d’une substance aussi insoluble que le protochlorure de mercure“), und
+überdies komme man nicht überall hin zu den erkrankten Partieen.
+
+Immerhin versuchte er durch energische Insufflation in den
+Nasenrachenraum möglichst viel Calomelpulver hineinzubringen, wobei die
+unerwünschte Allgemeinwirkung durch die Anwendung von Abführmitteln zu
+verhüten gesucht wurde, indem hierdurch eine schnellere Ausscheidung
+des Quecksilbers erzielt werden sollte (S. 446).
+
+Aber auch so noch blieben unangenehme Nebenwirkungen nicht aus; und
+deswegen nützte später _Bretonneau_ die den diphtherischen Process
+gleichfalls günstig beeinflussende Fähigkeit des _Alaunpulvers_ aus,
+welches allgemeine Vergiftungserscheinungen auch in grösseren Dosen
+nicht zur Folge hat. Auf die günstigen Resultate, die er mit dem
+Alaun in ganz einwandsfreier Weise namentlich bei der Behandlung von
+Hautdiphtherie und der Gingivitis diphtheritica bekam, bezieht sich die
+in seinem „Offenen Brief“ enthaltene Stelle, wo er von dem „Geschenk“
+spricht, „das uns _Aretaeus_ hinterlassen hat“.
+
+Man findet noch öfter in dem Buche _Bretonneau_’s den Kampf
+geschildert, den er mit sich selber immer von Neuem durchzuführen
+hatte, wenn es sich darum handelte, ob er auf die Ueberlegenheit der
+specifisch den Krankheitsprocess alterirenden Quecksilberwirkung in
+schweren Fällen verzichten sollte. Immer von Neuem aber wurde er durch
+die damit verbundene Gefahr für das behandelte Individuum abgeschreckt;
+eine Gefahr, die nicht so sehr von der Grösse der angewendeten
+Dosis abhängig war, als von den zufällig die Krankheit begleitenden
+Umständen, die sich jeder Berechnung entzogen.
+
+Während die Allgemeinbehandlung mit Quecksilberpräparaten und die
+Localbehandlung mit Salzsäure, Calomel und Alaun einer Indicatio
+_causalis_ entsprechen, bleibt dann noch ein rein _symptomatisches_
+Behandlungsverfahren zu nennen, das durch _Bretonneau_ zu hohen Ehren
+gekommen ist: _Die Tracheotomie_.
+
+Bis zum Jahre 1826 hat er dieselbe fünfmal ausgeführt, viermal, ohne
+den tödtlichen Ausgang damit verhüten zu können, darunter aber dreimal
+mit deutlich lebensverlängerndem Erfolg; einmal, bei seiner _dritten_
+Tracheotomie, mit lebensrettender Wirkung.
+
+Diese historisch berühmt gewordene Tracheotomie betraf die jüngste
+vierjährige Tochter des Grafen _von Puiségur_, Elisabeth, welche im
+Jahre 1824 an Diphtherie erkrankte, nachdem drei Geschwister vorher
+dieser Krankheit erlegen waren. Am siebenten Krankheitstage war fast
+jede Hoffnung auf die Lebenserhaltung geschwunden. Fortwährende
+Somnolenz und äusserste Schwäche liessen trotz der zur Operation
+auffordernden Asphyxie _Bretonneau_ lange zweifelhaft bleiben, ob er
+noch die Tracheotomie ausführen sollte, da kaum eine Hoffnung auf mehr
+als vorübergehende Erleichterung, wenn man die bisherigen Misserfolge
+der Tracheotomie berücksichtigte, vorhanden war: „A en juger par
+l’issue des deux cas rapportés (die zwei ersten Tracheotomieen),
+que pouvait-on s’en promettre? Dans l’un, la vie avait à peine été
+prolongée pendant douze heures, et, dans l’autre, des espérances qui
+semblaient mieux fondées, avaient été cruellement déçues. Devais-je
+donc ajouter à un malheur qui semblait inévitable, le tourment d’une
+longue et inutile perplexité?“
+
+Indessen in den beiden voraufgegangenen Jahren hatte _Bretonneau_,
+belehrt durch seine früheren Beobachtungen und durch eigens angestellte
+Thierexperimente, die Verbesserungsfähigkeit in der Ausführung der
+Tracheotomie erkannt.
+
+Der Hauptfehler, dessen er sich in den beiden ersten Fällen
+anschuldigte, war die zu geringe Weite der Canülen, die er in die
+eröffnete Luftröhre eingebracht hatte. In dieser Richtung waren ihm
+Beobachtungen an zwei Pferden ausserordentlich lehrreich. Fortwährend
+während eines Zeitraumes von mehr als zwei Jahren hatte er den Einfluss
+verfolgt, welchen die Canülenweite auf den Athmungsprocess dieser
+Thiere ausübte. Dieselben waren wegen einer mit Erstickungsgefahr
+verbundenen keuchhustenähnlichen Erkrankung („_cornage_“, gêne
+bruyante de la respiration S. 219) tracheotomirt worden, wonach ihnen
+zunächst Canülen eingelegt wurden, die wegen ihres zu geringen Lumens
+die Athmung behinderten. Dann ging es besser, als Canülen mit einer
+lichten Weite von 6-7 Linien in die Luftröhren eingeführt wurden, aber
+nur so lange, als sich die Thiere im Ruhezustande befanden; bei jeder
+Anstrengung trat wieder Athemnoth ein; erst als die Canülendicke die
+Stärke des Daumens (tuyau d’un pouce de diamètre) eines erwachsenen
+Menschen besass, blieb die Athmung unter allen Umständen unbehindert;
+vier Jahre lang sah _Bretonneau_ diese Pferde mit 12 Linien im
+Durchmesser betragenden eisernen Röhren in der Trachea ihre nicht
+leichte Arbeit (in einer Bleifabrik) verrichten.
+
+Neben der Canülenweite hatte er dann seine Aufmerksamkeit der Frage
+nach der Wahl der Operationsstelle und nach der Ausdehnung der
+Trachealöffnung zugewendet. In dieser Beziehung kam er nach Versuchen
+an Hunden, nach Leichenoperationen und unter Berücksichtigung seiner
+Erfahrungen bei den erstoperirten Kindern zu dem Resultat, dass der
+Einschnitt in die Trachea am besten oberhalb der Schilddrüse beginnt,
+deren beide seitliche Hälften ohne Gefahr getheilt werden können
+(divisé); nach unten soll der Schnitt möglichst weit geführt werden,
+jedoch nicht bis an die Kreuzung mit dem oberen Sternalrand (au delà
+de l’échancrure sus-sternale); und zwar aus folgenden drei Gründen:
+Erstens stosse man dort alsbald auf die rechte-Carotis, welche in
+dieser Höhe über die Trachea hinwegzieht, zweitens entspringen hier die
+Schilddrüsenvenen, deren Verletzung unangenehme Blutung verursache, die
+um so heftiger sei, als in der Regel in den zur Operation gelangenden
+Fällen die Venen sehr stark erweitert sind; drittens liege hier
+die Luftröhre schon ziemlich tief, da sie ja, der Wirbelsäule nahe
+bleibend, um so weiter von der vorderen Halsgegend sich entferne, je
+mehr man sich dem Sternum nähert.
+
+Als eine weitere Vorsichtsmaassregel, die sehr zu beachten sei,
+erklärt _Bretonneau_ dann die Verhinderung des Einströmens ungenügend
+vorgewärmter Luft in die Luftröhren und die Lungen (S. 219).
+
+Endlich sei von grosser Wichtigkeit die Nachbehandlung, welche
+nicht bloss auf die zweckmässige Entfernung der Membranen aus den
+Luftröhrenästen und auf die sorgfältige Reinigung und Freihaltung
+der Canüle ihr Augenmerk zu richten habe, sondern auch auf die
+Anwendung geeigneter Mittel, um die Neubildung von Pseudomembranen
+nach Ausstossung der alten zu verhüten. Für diesen Zweck finden wir
+ihn wieder oftmals auf der Suche nach einem Ersatz des Calomels durch
+Einathmung von Säuredämpfen u. ä. Er ist aber schliesslich doch immer
+wieder auf das Calomel zurückgekommen. Erst viele Jahre später fand er
+im _Höllenstein_ ein Mittel, welches bei geringerer Vergiftungsgefahr
+eine noch bessere Localwirkung entfaltete.
+
+Was dann noch das Material betrifft, aus welchem die Canüle zu bestehen
+habe, und ihre Form, so hatte er Anfangs elastische Canülen gewählt,
+sah dann aber, dass ein festes Material zweckmässiger sei, nur müsse
+dann die Canüle eine geeignete Krümmung haben und unten schief
+abgeschnitten sein (coupé en biseau).
+
+Alle diese Erfahrungen und Erwägungen berücksichtigend, entschloss
+sich _Bretonneau_ trotz der traurigen Prognose zur Operation, die wegen
+der colossalen Venenstauung recht schwierig war; durch Unterbindung
+einzelner Venen konnte er eine genügende Blutstillung nicht erwirken,
+und erst nach Anlegung von Massenligaturen riskirte er die Eröffnung
+der Trachea, von welcher er fünf Ringe durchschnitt. Dann legte er
+eine silberne gekrümmte Canüle ein, die etwas abgeplattet war (canule
+d’argent courbe et méplate), und befestigte dieselbe mittelst zweier
+Bänder, welche durch seitlich am Canülenrande angebrachte Oesen
+hindurchgezogen und hinten am Halse zusammengeknotet wurden. Die
+Athmung wurde alsbald etwas ruhiger, aber erst nach Herausbeförderung
+mehrerer Membranen und zäher Schleimmassen im Laufe der folgenden Nacht
+und des folgenden Tages liessen die gefahrdrohenden Störungen nach;
+alsbald nach der Operation und während der folgenden Zeit wurde öfters
+Calomel durch die Canüle hindurch insufflirt. Mancherlei Zwischenfälle
+stellten während der nächsten fünf Tage besonders beim Canülenwechsel
+die Erfindungsgabe _Bretonneau_’s auf die Probe. Am fünften und
+sechsten Tage, als die ersten deutlichen Zeichen sich bemerkbar
+machten, dass Luft durch den Kehlkopf hindurch beim Canülenwechsel
+hindurchging, begann er auf Heilung zu hoffen. Das Calomel wird jetzt
+in Wasser suspendirt durch die Canüle tropfenweise instillirt (S. 314).
+
+Am siebenten Tage war das Kind munter, sass im Bett, zeigte
+Appetit, und die Canüle konnte weggelassen werden. Aber schon in
+der folgenden Nacht musste sie wegen plötzlicher Erstickungsgefahr
+unter grossen Schwierigkeiten wieder eingeführt werden, worauf eine
+ganze Menge von Membranstücken nach und nach ausgehustet wurden.
+Erneute Calomelinstillationen schienen die Membranbildung wieder zu
+beschränken, jedoch nicht gänzlich zu sistiren. Vom 19. Tage ab nach
+der Operation liess _Bretonneau_ wieder die Canüle weg, da ihr Anliegen
+an der Larynxwand heftigen Reizhusten verursachte. Die Wunde wurde
+dabei zuerst durch ein Schwämmchen offen gehalten; dasselbe schien aber
+stark zu reizen und wurde daher entfernt. Alles ging von da ab gut,
+und vom 20. Tage nach der Operation an konnte das Kind als geheilt
+betrachtet werden.
+
+In den epikritischen Bemerkungen, welche _Bretonneau_ an diesen
+Fall anschliesst, geht er auf die unangenehmen Zufälle ein, welche
+die Verstopfung der Canüle und der dadurch häufig nothwendig
+werdende Canülenwechsel mit sich bringt. Das führte ihn darauf, eine
+_Doppelcanüle_ anfertigen zu lassen. „Un second tuyau, exactement
+adapté à la canule, pouvant être enlevé, nettoyé et remis avec la plus
+grande facilité, eût évité les inconvénients d’un déplacement qui, s’il
+n’était pas fort douloureux, avait au moins l’inconvénient de causer à
+la petite malade beaucoup d’impatience et de contrariété. _J’ai fait
+exécuter ce double tuyau par un habile ouvrier_, mais trop tard pour
+qu’on ait pu en faire usage (S. 326).“
+
+Man wird gestehen, dass die Ausführung der Tracheotomie und die
+Technik der Nachbehandlung durch _Bretonneau_ eine Höhe der Ausbildung
+erfahren hat, die nur in weniger wesentlichen Dingen noch durch spätere
+Aerzte und Chirurgen überschritten ist. Was das aber für die damalige
+Zeit besagen will, das können wir erst recht würdigen, wenn wir
+berücksichtigen, dass zwar schon _Home_ die Tracheotomie vorschlug und
+Caron dieselbe befürwortete, weil er einen glücklichen Erfolg derselben
+einmal gesehen hatte, als er sie bei einem Kinde ausführte, _welchem
+eine Bohne in die Trachea gelangt war_, dass aber die allgemeinen
+Anschauungen durchaus den Nutzen der Tracheotomie verneinten. _Jurine_,
+der _Eine_ von den mit _Napoleons Crouppreis_ gekrönten Bewerbern,
+lässt am besten in seiner Arbeit erkennen, worauf dieses Urtheil sich
+stützte: „_Die wesentliche Ursache der Croupanfälle sei in einem
+Krampfzustande zu suchen, und durch den operativen Eingriff werde der
+Krampf bloss noch vermehrt._“ „Ce n’est pas toujours la présence de
+la fausse membrane qui fait périr les malades; le retour périodique
+des accés de suffocation, même avant la formation de la concrétion,
+atteste évidemment l’action d’un autre agent. Ne sait-on pas que la
+concrétion, molle et flexible de sa nature, se moule exactement sur le
+conduit aërien, et n’intercepte jamais entièrement l’ouverture de la
+glotte, comme pourrait le faire un autre corps étranger? Ne sait-on
+pas aussi que plusieurs individus ont porté plus ou moins longtemps de
+semblables concrétions sans en être suffoqués?“ (S. 259 in der Arbeit
+von _Jurine_).
+
+Der Umstand, dass die bedeutendsten Aerzte der damaligen Zeit die
+eine solche Anschauung vertheidigende Arbeit des Preises für würdig
+erachteten, zeigt besser als alles Andere, wie sehr _Bretonneau_
+seine Zeitgenossen überragte, wenn er auf Grund ausschliesslich von
+eigenen klinischen Beobachtungen und experimentellen und chirurgischen
+Erfahrungen eine Zusammenfassung des Vorgehens bei der Tracheotomie
+geben konnte, wie die folgende, welche auch heute noch den besten
+Vorschriften sich würdig an die Seite stellen lässt (S. 339): „S’il
+me fallait aujourd’hui pratiquer la trachéotomie sur un objet parvenu
+au dernier terme de la suffocation croupable, je ferais aux téguments
+une incision qui s’étendrait du corps thyroïdien a l’échancrure
+sus-sternale; avec la pince à mors recourbés, j’écarterais les muscles
+sternohyoïdiens, et si je ne parvenais pas, par ce même moyen, à
+dégager la ligne médiane de la trachée du plexus veineux dont elle est
+ordinairement recouverté, je prendrais le parti de lier dans le sens
+convenable et avant de les ouvrir, celles des veines que je ne pourrais
+éviter. Enfin, aprês avoir incisé un des cerceaux cartilagineux de ce
+conduit, je terminerais l’opération en divisant ensuite trois ou quatre
+autres anneaux avec un bistouri à lame étroite et boutonnée, _et je
+me laisserais d’autant moins arrêter par l’effusion d’un peu de sang,
+que l’hémorrhagie baveuse fournie par les lèvres de la plaie, s’arrête
+aussitôt que la respiration s’exécute librement_.“
+
+_Bretonneau_’s Schüler _Trousseau_ hat 25 Jahre später (1851) in der
+Union médicale (91 und 92) viele weitere Details in meisterhafter
+Weise geschildert, welche bei der Ausführung der Tracheotomie in Frage
+kommen; vor Allem setzte er die Regeln fest für die Art, wie man in
+einem geordneten Krankenhause zu operiren hat; jedoch seine Empfehlung,
+die Unterbindung kleinerer Gefässe zu unterlassen, hat sich auf die
+Dauer nicht bewährt.
+
+_Chassaignac_’s Verfahren bei der Tracheotomie (Leçons sur la
+trachéotomie 1855), welches durch die Schnelligkeit der Ausführung
+zuerst sehr imponirte, ist allgemein wieder verlassen worden. Nach
+_Chassaignac_ soll die cartilago cricroidea mit seinem „ténaculum“
+fixirt werden, und danach könne man mit _einem_ Schnitt die Trachea
+eröffnen, indem man ein Bistouri dem „ténaculum“ entlang durch die
+Haut bis in die Trachea auf einmal („sans hésitation“) einsticht und
+dann drei bis vier Trachealringe durchschneidet. („Saisissant le
+ténaculum de la main gauche, attirant en avant le cartilage cricoïde
+et par conséquent la trachée, puis présentant le bistouri adossé à
+la convexité du ténaculum, le chirurgien le plonge par un mouvement
+de ponction dans la trachée, immédiatement au contact du point où le
+ténaculum est implanté et _divise le conduit d’un seul coup en même
+temps que la peau_. Immédiatement aprês cette première ponction on
+introduit dans la petite plaie un bistouri boutonné et l’on incise, en
+suivant la ligne médiane, tous les tissus, depuis la peau jusqu’à la
+trachée, dans une étendue de deux centimètres environ.“) Man hat diesem
+Operationsverfahren namentlich chirurgischerseits manche ungerechten
+Vorwürfe gemacht; aber beglaubigte Fälle von Scheintod und wirklichem
+Tod in Folge der andauernden Fixation der Trachea bei den an sich
+schon in Erstickungsgefahr befindlichen Kindern hat auch _Chassaignac_
+selbst nicht zu leugnen vermocht; dagegen ist nach dem Urtheil mehrerer
+Autoren (_Isambert_, _Millet_) die Gefahr der _Blutung_ nicht so gross,
+wie man von vornherein glauben sollte, und die Einführung der Canüle
+macht keine Schwierigkeiten, wenn man sich des von _Chassaignac_ eigens
+für diesen Zweck construirten „dilatateur“ bedient.
+
+Auch das ingeniös erfundene „_Tracheotom_“ von _Maisonneuve_, welches
+derselbe 1861 der Akademie demonstrirte, hat nur wenige Anhänger
+gefunden, und auch andere Bestrebungen, den Act der Operation zu
+beschleunigen, wurden nach vorübergehendem Aufsehen bald wieder
+vergessen; man hat sich immer mehr von der Richtigkeit des Ausspruchs
+_Trousseau_’s überzeugt, dass die Tracheotomie nicht zu denjenigen
+Operationen gehört, bei welchen es auf besondere Schnelligkeit ihrer
+Zuendeführung ankomme; im Gegentheil, sie könne nicht langsam genug
+gemacht werden („elle doit être faite lentement, très-lentement, trop
+lentement“).
+
+Als einen wesentlichen Fortschritt dagegen kann man die Einführung
+der _Chloroformnarkose_ bei der Tracheotomie ansehen. Zwar sind die
+Meinungen über den Nutzen derselben noch nicht ganz geklärt; indessen
+auf die Frage: „_Soll man chloroformiren?_“ werden gegenwärtig die
+meisten Chirurgen nur wenig gegen die Antwort einzuwenden haben,
+welche _F. König_ in seinem Lehrbuch der speciellen Chirurgie (1878
+S. 574) giebt. Er sagt daselbst: „Ich war früher mit vielen Anderen
+aus theoretischen Gründen ein Gegner der Narkose, aber die Praxis hat
+mich bekehrt. Gern gestehe ich zu, dass es Fälle giebt, in denen Zeit
+zum Chloroformiren überhaupt nicht mehr bleibt, in denen auch oft
+schon die Kohlensäure eine fast vollkommene Anaesthesie herbeigeführt
+hat, auch sind mir ganz seltene Fälle vorgekommen, in welchen das
+Chloroform die Aufregung und Erstickungsangst so vermehrte, dass man
+sich dadurch bestimmen liess, lieber auf die Anwendung desselben zu
+verzichten; aber im Allgemeinen ist, besonders, wenn man im Stadium
+der Erstickungs_angst_ operirt, die Anästhesie ein entschiedenes
+Erleichterungsmittel der Operation. Die tobenden Kleinen werden ruhig,
+ja sie athmen auch weit ruhiger, und die Chloroformnarkose pflegt die
+Kohlensäurenarkose durchaus nicht zu vermehren. Dazu kommt, dass die
+heftigen Bewegungen und das exspiratorische Drängen durch die Narkose
+aufgehoben wird und somit auch die venösen Blutungen bei weitem nicht
+von der Bedeutung sind, wie bei den meisten unnarkotisirten Kranken.“
+
+An die Ausführung der Tracheotomie schliesst sich noch eine grosse
+Zahl anderer wichtiger Fragen an, die zum Theil auch jetzt noch immer
+discutirt werden.
+
+_Wann soll operirt werden?_ Da stehen sich die Ansichten Derer
+gegenüber, die so früh wie möglich, und Derer, die so spät wie möglich
+operiren wollen. Allgemein wird aber anerkannt, dass das Auftreten
+erheblicher inspiratorischer Einsenkungen im Jugulum, in der Fossa
+supraclavicularis, im Scrobiculum cordis ein wichtiges Anzeichen
+für die beginnende Erstickungs_gefahr_ ist. Es ist das zwar, wie
+_König_ sich ausdrückt, noch ein _actives_ Stadium, in welchem noch
+Sauerstoff genug im Blut ist, um das Gehirn soweit zu ernähren, dass
+das Bewusstsein frei bleibt; durch forcirte Athmung wird ein Ausgleich
+der durch die Stenose bedingten Erschwerung der Luftzufuhr versucht;
+es besteht die äusserste Erstickungs_angst_, aber die Wangen sind noch
+geröthet als Zeichen dafür, dass Kohlensäureüberladung des Blutes
+noch nicht eingetreten ist. Wie lange aber dieses Stadium andauert,
+ob es spontan überwunden wird, oder bald in das der Apathie mit
+Schläfrigkeit übergeht, wobei das weisse Gesicht und die bläulichen
+Lippen die Sauerstoffarmuth des Blutes anzeigen, das lässt sich
+nicht vorausberechnen. Die meisten Chirurgen operiren in jenem
+activen Stadium; freilich kann man auch im Somnolenzstadium noch
+tracheotomiren; aber die Chancen für eine lebensrettende Wirkung der
+Operation sind viel grösser bei früherer Ausführung derselben.
+
+Bezüglich der Frage, ob man statt der Tracheotomie die _Laryngotomie_
+oder die _Laryngo-Tracheotomie_ anwenden solle, können wir uns an
+folgendes Urtheil _Chassaignac_’s („Leçons sur la trachéotomie“, Paris
+1855) halten: „De toutes les opérations qui ont été préconisées pour
+ouvrir l’arbre aërien, la trachéotomie est la meilleure à nos yeux;
+elle est même la seule qui soit bonne et qui mérite d’être adopté comme
+méthode générale. La laryngotomie est une mauvaise opération; on en
+atténue un peu les défauts quand on la combine avec la trachéotomie;
+mais dans ce dernier cas, l’incision du larynx a l’inconvénient d’être
+à peu près inutile. La seule opération vraiment rationelle pour
+l’ouverture chirurgicale des voies aëriennes, c’est la trachéotomie.
+Sans entre dans toutes les considérations qui motivent notre manière
+de voir, nous nous bornerons à dire que _la condition essentielle de
+toute bonne opération faite sur les voies aëriennes, c’est de permettre
+l’établissement d’une canule dans la plaie de l’opération. Or, il n’y a
+que la section des anneaux de la trachée qui mette à même de réaliser
+cette condition d’une manière satisfaisante._“
+
+Welche Methode man aber auch wählen mag für die Operation, und in
+welchem Stadium der Erstickungsgefahr bei _schwerer_ Diphtherie die
+Tracheotomie ausgeführt sein mag, es haben sich die Erfolge seit
+_Bretonneau_ nicht wesentlich gebessert, und die Mühen, welche _die
+Nachbehandlung_ in dem ersten, glücklich verlaufenen Verfall bei
+der kleinen _Elisabeth Puységur_ erforderte, sind gleichfalls nicht
+geringer geworden. „Der Chirurg, welcher glaubt (sagt _König_ l. c.
+S. 579), es sei mit dem Niederlegen des Messers und dem Einführen der
+Canüle bei dem wegen Diphtherie tracheotomirten Kinde Alles geschehen,
+hätte für die meisten Fälle besser gethan, die Operation überhaupt
+nicht vorzunehmen.“
+
+Abgesehen davon, dass durch die Tracheotomie ja nur ein Symptom der
+Krankheit, die Kehlkopfstenose, beseitigt wird, während die Tendenz
+des Krankheitsprocesses, sich auf die Luftröhre und ihre Verzweigungen
+auszubreiten, sowie im Lungengewebe Veränderungen hervorzurufen, nicht
+aufgehoben wird, abgesehen von dem Eintritt asphyktischer Zustände
+in Folge von Verstopfungen der Canüle, welche die sorgfältigste
+Beobachtung und sachverständige Behandlung erfordern, sind noch
+mancherlei Folgezustände der Operation selbst oft genug unheilbringend
+geworden.
+
+Die Erstickungsgefahr nach dem Entfernen der Canüle kann nicht bloss
+durch zu frühzeitiges Entfernen, sondern auch, nachdem sie sehr lange
+getragen war, eintreten; ich sah in der Praxis von Dr. _Pauly_ in Posen
+solche Fälle, wo Granulationswucherungen das Leben bedrohten, nachdem
+schon lange Zeit die Canüle weggelassen und die Hautwunde fast verheilt
+war. Die Stimmbandmuskeln können in Folge des langen Nichtgebrauchs
+gelähmt werden (_Bose_ und _Trendelenburg_). Trachealgeschwüre und
+Blutungen aus denselben sind als Todesursachen beobachtet worden, wenn
+schlecht passende Canülen die Trachea erodirt hatten. Narbige Stenosen
+können die Kranken zum fortwährenden Tragen der Canüle verurtheilen.
+Knorpelnekrose und phlegmonöse Processe an der tracheotomischen Wunde
+sind zwar selten, kommen aber vor. Kurz, auch die vom Erstickungstode
+durch die Tracheotomie zunächst geretteten Kranken sind noch so vielen
+Gefahren ausgesetzt, dass das Wort _Malgaigne_’s sich noch jetzt immer
+bewahrheitet: „Die Einführung des Luftröhrenschnitts in die Behandlung
+der Diphtherie war ein grosses Verdienst um die Menscheit, ein noch
+grösseres aber würde es sein, wenn es gelänge, denselben vermeidbar zu
+machen.“
+
+_Loiseau_, ein Arzt in Montmartre, hatte im Jahre 1857 der Académie
+française ein Verfahren unterbreitet, welches diesen Zweck erfüllen
+sollte. Er versuchte das Athemhinderniss der in Erstickungsgefahr
+befindlichen Kinder dadurch zu beseitigen, dass er den Larynx
+kathetrisirte, und die Commission, welche zur Prüfung seines
+„_catheterisme laryngien_“ eingesetzt war (_Trousseau_, _Blache_ etc.),
+bestätigte, dass in der That das Einführen von elastischen Kathetern
+in den Larynx und die Trachea bei genügender Uebung gut gelinge; aber
+_Loiseau_’s Methode, die übrigens nach _Trousseau_ schon in ähnlicher
+Art 1839 von _Dieffenbach_ angegeben war, hat die Tracheotomie nicht
+verdrängt.
+
+Ebensowenig ist das geschehen durch _Bouchut_’s „_tubage de la
+glotte_“. Bouchut führte mit Hülfe von an beiden Enden offenen
+Kathetern cylindrische Silberringe („des viroles d’argent
+cylindriques“) von 1½-2 cm Länge in den Kehlkopfeingang ein, wo ein
+solcher Ring mit seinem oberen Rande unterhalb der oberen Stimmbänder,
+mit dem unteren an der Innenfläche der cartilago cricoïdea zu liegen
+kam. Die Ränder des Ringes (oder besser der kurzen „Canüle“) waren oben
+und unten mit Einfassungen von elastischem Material („bourrelets“)
+versehen und hatten Oeffnungen, an denen Seidenfäden befestigt waren,
+welche dazu dienen sollten, die Canüle aussen festzuhalten. Diese
+„tubage de la glotte“ wurde von _Trousseau_ in der Académie française
+auf’s heftigste angegriffen. Sie mache Ulcerationen, Nekrosen,
+Phlegmonen und schliesslich Glottisoedem, so dass schliesslich doch die
+Tracheotomie nothwendig werde.
+
+ * * * * *
+
+Verfolgt man die Entwicklung, welche in _Frankreich_ die
+Diphtheriebehandlung bis zu unserer Zeit weiter genommen hat, so
+lässt sich erkennen, dass man dort sich nicht allzuweit von den
+durch _Bretonneau_ aufgestellten Principien entfernte. Zwar ist seit
+dem siegreichen Vordringen der antiseptischen Wundbehandlung die
+_Localbehandlung_ des beginnenden diphtherischen Krankheitsprocesses
+insofern etwas modificirt worden, als in Frankreich ziemlich allgemein
+die Methode von _Gaucher_ acceptirt ist, welche im Wesentlichen darin
+besteht, dass zunächst die Pseudomembranen künstlich entfernt und dann
+die erkrankten Stellen mit einer starken antiseptischen Lösung geätzt
+werden, wobei lösliche Quecksilberpräparate der Mercurireihe den Vorzug
+erhalten haben vor dem unlöslichen Quecksilberchlorür _Bretonneau_’s;
+auch hält man es für erforderlich, hinterher Ausspülungen der Mundhöhle
+und des Rachens mit _dünnen_ antiseptischen Lösungen vorzunehmen
+(_Bourges_, „La diphthérie“ S. 201); indessen einflussreiche Autoren
+halten die gewaltsame Entfernung der Pseudomembranen für keinen
+Fortschritt in der Behandlung; so sagt _Roux_: „Je ne suis pas du
+tout partisan du raclage à outrance des fausses membranes pharyngées.
+On traumatise sans cesse de la sorte la surface des amygdales. En
+détruisant les fausses membranes, on détruit aussi certaines parties de
+la muqueuse, et on crée de nouvelles portes à l’absorption de la toxine
+sans cesse produite par les microbes qui pullulent sur l’épithélium“
+(_Bourges_ l. c. S. 205).
+
+In der _Allgemeinbehandlung_ wird, dem Zuge der Zeit folgend, die
+Ernährungstherapie vorangestellt (l. c. S. 206), aber wir sehen doch
+die Tradition der specifischen Quecksilberwirkung sich forterhalten,
+wenn _Bourges_ (l. c. S. 207 ff.) sagt: „Quand l’engorgement
+ganglionnaire prend des proportions trop considérables, on peut faire
+sur les parties malades des onctions d’onguent napolitain“; daneben
+werden allerdings auch neuere Antiseptica empfohlen.
+
+In Bezug auf die Beseitigung der Erstickungsgefahr ist man wohl ganz
+wieder in die Fussstapfen _Bretonneau_’s gerathen, indem man die
+von demselben eingeführte Tracheotomie als das beste Mittel hierfür
+betrachtet.
+
+In _Deutschland_ ist man bis auf die Tracheotomie nur mit dem
+einen Theil der therapeutischen Erfahrungen _Bretonneau_’s dauernd
+in Uebereinstimmung geblieben, nämlich mit der _negirenden Kritik_.
+Das Wort _Bretonneau_’s „La multitude même des moyens auxquels on a
+eu recours, ne prouve que trop l’insuffisance du plus grand nombre“
+hört man in allen Tonarten variirt wiederholen; den _positiven_
+Theil der therapeutischen Errungenschaften _Bretonneau_’s hat man
+aber immer wieder vergessen;[5] trotz aller Skepsis und trotz aller
+streng wissenschaftlichen Kritik hat dabei aber doch jeder Kliniker
+zeitweise sein besonderes Diphtheriemittel. Wenn _Gerhardt_ („Der
+Kehlkopfcroup“) von der grossen Zahl von Aetzmitteln, von Excitantien,
+von ableitenden Mitteln aller Art, Blutentziehungen u. s. w. nichts
+hält, wenn er vor der „tubage de la glotte“ warnt, „_ehe Beweise ihrer
+Leistungsfähigkeit vorliegen_,“ wenn er die scheinbar so günstigen
+Erfolge der Tracheotomie in den Statistiken des „Hôpital des enfants“,
+mit ihren 63% Heilungen bei früh ausgeführter Operation, in scharfer,
+aber gerechter Weise mit folgenden Worten kennzeichnet: „Schon vor
+diesem Stadium (vor Beginn eigentlicher Asphyxie) soll operirt werden,
+um zahlreiche Heilungen zu erzielen. Wir glauben es gerne, man wird
+mehr Heilungen haben, aber man wird auch den Vorwurf haben, zum
+Messer gegriffen zu haben, wo kein Croup vorlag, jenen Vorwurf, den
+_Malgaigne_ fest auf einzelne, wenn auch wenige Fälle gestützt gegen
+das Verfahren im Hôpital des enfants erhoben hat. Freilich, was liegt
+in einem Hospital daran, drei oder vier Croupfälle ohne Croup operirt
+zu haben; was liegt daran, wo nur die Zahlen entscheiden, wo es nur
+darauf ankommt, entscheidende Zahlen zu gewinnen“ (l. c. S. 79), --
+so wird sich gegen seine _Kritik_ nichts Stichhaltiges einwenden
+lassen; aber wenn wir nun nach dem _positiven_ Theil der Therapie in
+seiner Monographie uns umschauen, dann stossen wir auch wieder auf die
+Empfehlung eines Verfahrens, welches sich einer unbedingten Anerkennung
+kaum erfreuen wird. Er sagt (S. 81): ... „Wir rathen, schon beim ersten
+Verdachte zur Anwendung von Brechmitteln zu schreiten und halten es
+zwar nicht für erwiesen, doch auch keineswegs für unwahrscheinlich,
+dass so eine frühzeitige Beendigung des ganzen Krankheitsprocesses
+erreicht werden könne. Gelingt dies nicht, so wären unter Fortsetzung
+der Emetica Aetzungen oder auch je nach Umständen einige Blutegel
+an das Manubrium sterni damit zu verbinden; wo diese Mittel sich
+nicht bald wirksam erweisen und die Diagnose ganz feststeht, ist die
+Tracheotomie vorzuschlagen“; und bei drohender oder hereingebrochener
+Asphyxie die Excitantien als unwirksam charakterisirend, fährt _G._
+an anderer Stelle fort: „Lange würde ich daher nicht auf die Wirkung
+dieser Excitantien warten, sondern mich in ganz desparaten Fällen, um
+dem Decorum Genüge geleistet zu haben, auf die Application einiger
+Hautreize, Sinapismen u. dergl. beschränken, in etwas besseren Fällen
+alsbald zur Anwendung _kalter Begiessungen_ im lauen Bade wenden.
+Diese stellen das kräftigste, wirksamste, revulsorische Mittel dar
+und vermögen noch am ehesten, wo es überhaupt möglich ist, das
+entschwundene Bewusstsein, wenn auch nur auf Momente, zurückzurufen.“
+Seit dem Erscheinen der Arbeit von _Gerhardt_ sind jetzt mehr als
+30 Jahre vergangen, aber ich glaube, dass sich bei uns noch immer
+nicht eine Uebereinstimmung der Kliniker darin ergeben hat, wie man
+es mit der Localbehandlung, wie mit der allgemeinen Behandlung und
+dem Gebrauch von Brechmitteln, Blutentziehungen, ableitenden Reizen,
+Abführmitteln, Calomel, Bädern u. s. w. zu halten habe, und eventuell
+ob man überhaupt ernstlich etwas gegenüber einer Diphtherieerkrankung
+thun solle.
+
+Ich meine, das wird auch nicht anders werden, bevor wir uns nicht
+durchdringen lassen von der Wahrheit des folgenden Satzes, den
+_Bretonneau_ (S. 92) seinen therapeutischen Betrachtungen zu Grunde
+legt: „_C’est par le fait même de l’efficacité constante du traitement,
+que ses avantages doivent être appréciés._“
+
+_Das einzig sichere Kriterium eines Mittels, welches zuverlässig und
+zu allen Zeiten bei einer Krankheit Bedeutung behalten wird, ist die
+Constanz, die Specificität seiner Wirkung; wie in einem gut gelungenen
+Experiment müssen bestimmte Veränderungen in dem erkrankten Organismus
+mit Sicherheit vorausberechnet werden können nach der Application des
+Mittels, und diese Veränderungen müssen zu dem Wesen der Krankheit in
+intimem Zusammenhang stehen und auch objectiv nachweisbar sein._
+
+Solch’ ein Mittel glaubte _Bretonneau_ in der Salzsäure
+gefunden zu haben gegenüber der Hautdiphtherie und gegenüber der
+Schleimhautdiphtherie bei local begrenztem Krankheitsheerd, unter
+der Voraussetzung, dass das Mittel den Krankheitsheerd in seinem
+ganzen Umfang treffe. Ich glaube, dass _Bretonneau_ in der That
+einen glücklichen Griff mit der Wahl der Salzsäure gemacht hat,
+wenn ich berücksichtige, dass _die Salzsäure zu den wenigen Mitteln
+gehört, mit welchen man diphtherieinficirte Thiere mit Sicherheit
+durch Localbehandlung der Infectionsstelle heilen kann. Die wenigen
+anderen Medicamente, die solches leisten, stehen ausserdem in inniger
+Beziehung zu der Salzsäure, bezüglich zu der Chlorwirkung. Es sind dies
+Chlorzink, Goldnatriumchlorid und Jodtrichlorid._
+
+_Die sonst als vorzügliche Antiseptica bekannten Präparate, welche
+Sanitäts-Rath Boer in sehr sorgfältig angestellten Thierversuchen
+geprüft hat, nämlich die Quecksilberpräparate der Mercurireihe, die
+Anilinfarbstoffe, Arsen, die meisten Präparate aus der Benzolreihe,
+viele sonst bei der Diphtherie angewendeten Mittel, wie das Kali
+chloricum, leisten überhaupt nichts gegenüber der experimentell
+erzeugten Diphtherie oder doch nicht annähernd so viel, wie die
+Salzsäure und solche Körper, welche Salzsäure oder freies Chlor im
+Contact mit lebendem Gewebe abspalten._
+
+Wir können auch noch in anderem Sinne, abgesehen von der _Constanz_ der
+Wirkung auf den localdiphtherischen Process, einen intimen Zusammenhang
+der Salzsäure und der chlorabspaltenden Körper mit der Diphtherie
+erkennen, nämlich das Zustandekommen der Immunität nach dem Ausheilen
+der Heerderkrankung. In der That muss man hierin etwas Specifisches
+erblicken, denn wenn Jemand die Salzsäure- und Chlorwirkung einfach
+auf eine Zerstörung der kranken Stelle und in Folge dessen einer
+Elimination derselben, ähnlich wie wenn man sie aus dem lebenden
+Organismus herausgeschnitten hätte, zurückführen wollte, dann steht
+dieser Auffassung sofort die Thatsache entgegen, dass in dem letzteren
+Fall Immunität nicht eintritt. _Durch die Salzsäurebehandlung wird
+der Krankheitsheerd nicht mit einem Male weggeschafft und damit die
+Krankheit sofort aufgehoben, sondern es entsteht nur eine Modification
+des Krankheitsprocesses, eine leichtere Form der specifischen
+Diphtherieerkrankung._
+
+Eine solche Constanz der Wirkung kommt weder den Antisepticis im
+Allgemeinen, noch den Blutentziehungen, Brechmitteln, Abführmitteln,
+Bädern, guten Nahrungsmitteln u. s. w. zu; und wenn man sich fragt,
+woher es denn eigentlich komme, dass trotzdem jene Mittel und
+Behandlungsmethoden mit solcher Hartnäckigkeit doch immer wieder auf
+der Bildfläche erscheinen, dann ist das _eine_ ganz sicher, dass keines
+derselben nachgewiesenermaassen einen specifischen Zusammenhang mit der
+Diphtherie besitzt; aber sie haben vielleicht bei _anderen_ Krankheiten
+gute Dienste gethan; das Kali chloricum z. B. ist ein ausgezeichnetes
+Specificum gegenüber gangränähnlichen Formen von Mundkrankheiten; oder
+sie haben einen symptomatischen Erfolg, setzen beispielsweise die
+Temperatur herunter, etwas was im Thierexperiment zwar eine ungünstige
+Beeinflussung des Krankheitsprocesses bedeutet, beim Menschen aber von
+vielen Aerzten in unserer Zeit als Ziel der Behandlung hingestellt
+wird; andere Mittel werden auf Treu und Glauben hingenommen, weil
+einflussreiche Persönlichkeiten sie empfohlen haben. Kurz überall
+haben wir zwar Gründe für die Anwendung derjenigen Mittel, die man
+mehr oder weniger als Modesachen ansehen kann, aber es fehlt ihnen das
+einzig sichere Kriterium eines wirklichen Heilmittels: Die Constanz
+der specifischen Beeinflussung des Krankheitsprocesses unter gegebenen
+Bedingungen.
+
+An Stelle dieses Kriteriums ist ein anderes in neuerer Zeit bei den
+Klinikern herrschend geworden: _Die Wahrscheinlichkeitsrechnung der
+Zählmethode_.
+
+Man ist sich vollkommen bewusst, welche Unzuverlässigkeit derselben
+anhaftet, wenn es sich nicht um ganz einfache Fragen und um
+überwältigende Majoritäten handelt; aber sie ist eben bei dem Mangel
+an specifischen Heilmitteln unvermeidlich, wenn man einen Grund dafür
+anführen will, warum kalte Bäder bei der Diphtherie besser sein sollen
+als warme, oder gar keine, oder wenn man bei der Neueinführung des
+Kairins, des Thallins, des Chinolins, Antipyrins, Salipyrins in die
+Behandlung specifischer Infectionskrankheiten schnell ein Urtheil
+gewinnen will, ob diese Mittel mehr leisten als diejenigen, welche
+vorher Mode gewesen waren. Bei der ausserordentlich grossen praktischen
+Bedeutung, welche dem jetzt üblichen Verfahren beigemessen wird, durch
+_Zählung_ zu entscheiden, ob ein Mittel in der Therapie einer Krankheit
+Existenzberechtigung hat, lasse ich hier die beredte Schilderung
+dieser Methode folgen, wie sie von _Bouchard_ in seiner Vorrede zu
+der französischen Ausgabe der Arzeneimittellehre von _Nothnagel_ und
+_Rossbach_ 1880 entworfen ist (übersetzt von Jul. Grosser S. 12 ff.):
+
+„Wenden wir das Verfahren der Zählung auf die Pneumonien an, welche
+verschiedenen Behandlungsweisen unterworfen wurden, so kommen wir zu
+jenen Durchschnittszahlen, welche, zwar immer fehlerhaft, dennoch uns
+zu einem Urtheil über die therapeutischen Methoden gelangen lassen. Ich
+kenne nichts Gröberes, als ein solches Untersuchungsverfahren, allein
+ich weiss nicht, was man ihm substituiren soll. _So hat sich eine neue
+Methode gebildet, die statistische Therapeutik. Sie ist fehlerhaft
+im Princip, fehlerhaft im Verfahren, sie ist nichts weiter als ein
+ungezügelter Empirismus, und dennoch zweifle ich, dass man ohne sie den
+Werth einer Behandlungsmethode feststellen kann_; denn sie ist nichts
+Anderes als die Beobachtung, die Beobachtung, welche im allgemeinen
+Ganzen gewinnt, was sie an Genauigkeit im Einzelnen verliert. Diese
+empirische Methode beurtheilt nicht allein den Werth der empirischen
+Mittel, sie schätzt alle anderen Methoden ab und spricht sich über die
+relative Wirksamkeit aller Behandlungsarten aus, ihrerseits setzt sie
+also allgemeine Indicationen fest. _Diese so hoch gepriesene und so
+sehr verschrieene Methode erfindet nichts, aber sie richtet, und ihre
+Gerichtsbarkeit erstreckt sich auf Alles, was auf Heilenwollen Anspruch
+macht. Welchen Vorbehalt man auch in Hinsicht auf die Infallibilität
+ihres Urtheils machen, mit welcher Geringschätzung man auch auf
+die numerische Methode herabsehen mag, kein Arzt kann sich ihrer
+Beweiskraft entziehen, denn es giebt keinen Arzt, welcher sich nicht
+eine Meinung über den relativen Werth der Behandlungsarten macht oder
+machen will._ Keiner wird diese nach dem glücklichen oder unglücklichen
+Erfolge abschätzen, welche er in einem _einzelnen_ Falle beobachtet
+hat, alle warten ab, ehe sie sich erklären, bis ihre Erfahrung
+sich _vervielfältigt_ hat. Der Arzt, welcher, auf seine eigenen
+Verfahrungsweisen sich stützend, den Eindruck in Betracht zieht, den
+er aus einer ausgebreiteten Praxis gewonnen hat, treibt statistische
+Therapeutik, nur macht er seine Statistik aus dem Gedächtniss und von
+ungefähr. Wir haben alle solche Eindrücke, und es kann geschehen,
+dass, wenn wir die Beobachtungen im Gedächtniss behalten, die diese
+Eindrücke haben entstehen lassen, wenn wir sie zusammenstellen, wenn
+wir sie analysiren, wenn wir sie zählen, wir uns oft genöthigt sehen
+zu erkennen, dass unsere Verstandesrechnung irrthümlich, dass unsere
+Eindrücke ungenau waren. Ein dieses Namens würdiger Arzt wird die
+Elemente seiner Berechnung auswählen: er wird z. B. numerische Daten,
+welche für die Behandlung der Kinder richtig sein mögen, nicht auf die
+Therapie bei Greisen anwenden; er wird sich misstrauisch verhalten
+gegenüber den Statistiken en bloc, welche auf Beobachtungen gegründet
+sind, die wer weiss woher gekommen sind und den Horizont der Kritik
+überschreiten. Aber er wird das Uebergewicht der Schlüsse aufrecht
+erhalten, welche er aus den Thatsachen gezogen hat, die er selbst
+beobachtete, abwog und zählte. _Daraus folgt, dass die individuellen
+Statistiken die besten von allen sind._ Wenn ähnliche Statistiken,
+von Aerzten geliefert, die zu beobachten und zu urtheilen verstehen,
+übereinstimmende Resultate geben, so stellt sich in der Therapeutik
+eine Durchschnittsannahme her, welche zwar der Revision unterliegt,
+welche nicht in Rechnung zu ziehen aber Vermessenheit wäre.“ --
+
+Leider spricht gerade bei der Behandlung der Diphtherie die Erfahrung
+nicht dafür, dass durch die Wahrscheinlichkeitsrechnung der Zählmethode
+ein einigermaassen sicheres Urtheil über den Werth einzelner Mittel
+und Behandlungsmethoden gewonnen wird. Ich habe in vielen hundert
+Einzelabhandlungen über die Diphtherietherapie, welche ich durch Herrn
+Geh. Rath Prof. _G. Lewin_ in elf voluminösen Bänden gesammelt erhielt,
+zu verfolgen gesucht, was dabei herausgekommen ist; und ich kann danach
+nicht sagen, dass das Resultat ermuthigend wäre.
+
+_Bretonneau_’s Quecksilberbehandlung ist von der Mehrzahl der Aerzte
+verurtheilt worden als unwirksam oder als schädlich, und die Zahlen,
+welche man dafür anführt, scheinen in der That zu beweisen, dass
+dieses abfällige Urtheil begründet ist. Aber wenn man genauer zusieht,
+so zeigt sich, dass die von _Bretonneau_ so sorgfältig studirten
+Bedingungen, unter welchen die Inunctionscur und die Localbehandlung
+mit Calomel Gefahren bringt, vergessen waren, die Dosirung aber für
+eine wirksame Therapie ganz unzureichend gewählt wurde. Für die
+Salzsäure-, Alaun- und Höllensteinbehandlung ist einerseits die
+sorgfältige Auswahl der dafür geeigneten Fälle vernachlässigt worden,
+andererseits sind diese Präparate nicht in der richtigen Concentration
+ihrer Lösung und der zweckmässigen Applicationsweise verwendet worden.
+Allermeist aber kann man die betrübende Thatsache erkennen, wie die
+einzelnen Beobachter in ihren Statistiken mit ganz verschiedenem
+Maass messen; die alten Mittel und Methoden werden auf’s strengste
+kritisirt und an ihre Leistungsfähigkeit stellt man ganz unberechtigte
+Anforderungen; die neuen Mittel derselben anspruchsvollen Kritiker
+werden auf Grund von so ungenügenden Erfahrungen empfohlen, dass man
+sich verwundert fragt, wie es nur möglich ist, dass wahrheitsliebende
+und sachlich urtheilende Autoren in dieser Weise sich selbst betrügen
+können.
+
+Wie es aber mit dem Ergebniss der Statistik betreffend den Werth der
+Tracheotomie steht, darüber möchte ich einen Mann reden lassen, über
+dessen Objectivität in der Beurtheilung medicinisch-chirurgischer
+Fragen nur eine Stimme herrscht, und dessen Competenz nicht
+angezweifelt werden kann; ich meine _F. König_. Dass derselbe im
+Uebrigen gerade bezüglich der Tracheotomie nicht zu scharf kritisirend
+verfährt, wird aus dem Tenor seiner diesbezüglichen Schilderung erkannt
+werden können. Auf S. 547 ff. seines Lehrbuches (l. c.) sagt _König_:
+
+„Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass von manchen Seiten Angriffe
+gegen die Berechtigung der Tracheotomie bei Diphtherie gemacht worden
+sind, weil eben trotz der Operation viele, ja zuweilen alle operirten
+Kinder sterben. Wir werden noch auf die statistischen Ergebnisse
+zurückkommen, aber hier muss ich schon als meine feste Ueberzeugung
+hervorheben, dass, wenn auch noch weniger Kranke gerettet würden, als
+die Statistik ergiebt, der Chirurg trotzdem nicht nur die Berechtigung,
+sondern die Verpflichtung hat, dem durch diphtheritische Stenose
+erstickenden Kranken zu helfen, so lange er noch kann. Ob der Kranke
+vielleicht später den Folgen der bösartigen Krankheit erliegen wird,
+das kann den Chirurgen ebensowenig abhalten, seine Pflicht zu thun und
+durch die Eröffnung der Luftröhre die bestehende Beengung momentan
+zu beseitigen, als ihn etwa eine bestehende, wahrscheinlich zum Tode
+führende Pyämie abhalten kann, eine während des Verlaufs derselben
+auftretende schwere Blutung durch Zubinden des Gefässes zu stillen. Ich
+stehe also nicht an, das Unterlassen des Vorschlags zur Tracheotomie
+von Seiten des Arztes für eine Fahrlässigkeit hinzustellen, kann
+aber dazu die aus meiner Praxis entnommene tröstliche Versicherung
+hinzufügen, dass man für das energische Festhalten an dieser
+Verpflichtung nicht selten durch die Rettung eines Lebens belohnt wird,
+welches man selbst für äusserst bedroht halten musste, und dass auch
+in den Fällen, in welchen der tödtliche Ausgang nicht abgewandt werden
+konnte, das Sterben nach der Operation fast stets leichter wurde, als
+die Erstickung bei uneröffneter Trachea.
+
+Bei einer solchen Auffassung ist es überhaupt nicht nöthig, darüber zu
+debattiren, ob man auch operiren soll, falls bereits eine Affection der
+Lunge besteht. Diese Complication kann die Prognose sehr erschweren,
+aber falls eben durch die Kehlkopfstenose der grössere Antheil der
+augenblicklich bestehenden Erstickungsgefahr bedingt wird, die von uns
+aufgestellten Grundsätze nicht erschüttern.
+
+Leider sind wir nicht im Stande, in der Art, wie wir es bei anderen
+Operationen können, durch zuverlässige statistische Belege die
+Ungefährlichkeit und günstige Wirkung der Operation zu stützen.
+
+_Kühn_ hat in seiner Bearbeitung des betreffenden Gegenstandes in der
+_Günther_’schen Operationslehre verschiedene, diese Frage betreffende
+Zahlen zusammengestellt, aus welchen hervorgeht, dass manche Operateure
+von ihren sämmtlichen Operirten auch nicht einen, während andere bis
+zur Hälfte durchbrachten. Eine Zusammenstellung, welche er dann von
+allen den zusammengebrachten Zahlen macht, ergiebt auf 1048 Operationen
+195 Heilungen, also etwa 17½%. _Sestier_ hat aber dagegen eine
+Statistik aufgestellt, welche viel bessere Ergebnisse liefert, welche
+beweist, dass vielleicht ⅓ aller Operirten mit dem Leben davonkamen.
+Es gehört wenig dazu, um einzusehen, wie gering der Werth aller dieser
+Zusammenstellungen ist. Vorerst wissen wir ja nicht, wie viele von
+den operirten Diphtheritischen ohne die Operation noch hätten genesen
+können, denn diese Möglichkeit ist ja, falls wir früh operiren, nicht
+ausgeschlossen.
+
+Aber auch wenn wir von dieser nicht zu beantwortenden Frage absehen,
+so bleiben doch noch eine Reihe von Ursachen, welche für sich ganz
+unabhängig von der Operation die Prognose beeinflussen. Vor Allem
+ist hier zu berücksichtigen die Verschiedenartigkeit der einzelnen
+Epidemien. Die Diphtherie kann in einer Epidemie einen so bösartigen
+Verlauf nehmen, dass das Befallen werden von der Krankheit so gut wie
+ein Todesurtheil ist, während ein andermal fast nur leichte Fälle,
+nur croupöse Affectionen beobachtet werden. So kann es kommen, dass
+_Gosselin_, _Deguise_, _Huguier_ und Andere bei 95 Operationen auch
+nicht ein Kind genesen sahen, während Andere zu bestimmten Zeiten über
+die Hälfte durchbrachten, wie ich selbst einmal in etwa einem Jahre bei
+12 Operationen 7 Kinder am Leben erhielt.
+
+Freilich influiren auch noch andere Umstände sehr wesentlich. Von
+der allergrössten Bedeutung ist der Zeitpunkt, in welchem die Kinder
+operirt werden. Die frühe Operation rettet immer eine Anzahl Kinder
+mehr. Da kann nun allerdings eingewendet werden, dass ein Theil
+dieser Kinder auch noch ohne Operation hätte durchkommen können, ein
+Einwand, welcher für den einzelnen Fall absolut nicht zu widerlegen
+ist. Operirt also ein Chirurg früh, so wird er im Durchschnitt mehr
+Kinder am Leben erhalten als der, welcher den Kehlschnitt als ultimum
+refugium ansieht. Doch ist dies nicht der einzige Grund, weshalb der
+einzelne Operateur bessere Resultate erzielt als der andere. Sehen wir
+hier von der grösseren oder geringeren technischen Befähigung bei der
+Operation selbst ab, so liegt der Schwerpunkt offenbar in der Methode
+der Nachbehandlung, wenn bei gleichem Material der eine günstigere
+Resultate erzielt als der andere. Dass aber auch individuelle
+Differenzen des Operirten vorhanden sind, das ist unzweifelhaft. Ich
+brauche hier nur an ein absolut unleugbares Verhältniss zu erinnern,
+nämlich daran, dass die Prognose der Operation um so schlimmer wird,
+je junger das Kind, so dass Kinder unter einem Jahre nur in seltenen
+Ausnahmefällen durch die Tracheotomie am Leben erhalten bleiben.
+
+Eine sehr dankenswerthe Arbeit für die Würdigung der Tracheotomie hat
+Krönlein geliefert. Er berichtet nämlich über die Resultate, welche in
+Langenbeck’s Klinik bei der Behandlung von 567 diphtheritischen Kindern
+erzielt wurden. Im Allgemeinen bestätigt sie das, was wir in den
+vorhergehenden Zeilen angeführt haben, zum Theil erweitert sie unsere
+Kenntniss, indem sie eine Anzahl von Fragen auf statistischem Wege
+beantwortet.
+
+Die grösste Zahl der aufgenommenen Kinder befand sich im Alter von
+3-4 Jahren, nahm dann allmählich ab, so dass nach dem 16. Jahr fast
+keine Diphtheriekranke zum Zweck der Tracheotomie mehr aufgenommen
+wurden. Die Prognose der Krankheit war am schlechtesten in den ersten 2
+Lebensjahren. Es starben von diphtheritischen Kindern in diesem Alter
+89,4 pCt. Am geringsten war die Letalität der Krankheit im 7.-8. Jahr
+(44,4 pCt.)
+
+Bei 504 Kranken musste die Tracheotomie vorgenommen werden. Nach
+derselben starben 70,8 pCt. Selbst aus dem allerfrühesten Lebensalter
+(7. Monat) bis zum 2. Jahr wurde eine Anzahl von Kindern erhalten (11
+unter 85).“
+
+Ich schliesse hiermit die kritische Uebersicht über die
+_therapeutischen_ Bestrebungen bei der Diphtherie und gehe noch kurz
+ein auf ihre Prophylaxis.
+
+War schon bezw. der Therapie das Ergebniss ein wenig erfreuliches,
+so ist es noch schlimmer bestellt mit dem, was man in der _Verhütung_
+der Diphtherie erreicht hat. Man sollte glauben, dass eine Krankheit,
+die in allen Ländern gegenwärtig ungezählte Opfer in den Hütten der
+Armen und in den Palästen der Reichen in tückischer Weise dahinrafft,
+mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln auszurotten versucht würde.
+Nun ist es gar keine Frage, dass die _Möglichkeit_ dazu vorhanden
+ist. Auch die hartnäckigsten Zweifler an der Lehre _Bretonneau_’s von
+der Entstehung der Diphtherie einzig und allein durch Uebertragung
+von kranken Individuen bezw. von deren Krankheitsprodukten auf
+Gesunde, sind schliesslich, wenn sie mehr Erfahrungen sammelten und
+vorurtheilsfrei die Sache betrachteten, überzeugte Anhänger derselben
+geworden.
+
+Um ein Beispiel für viele zu citiren, will ich bloss daran erinnern,
+dass _Gerhardt_ im Jahre 1859 die Contagiosität für mindestens
+zweifelhaft hielt und erklärte, dass der Croup bezüglich seiner
+Verbreitungsweise streng an bestimmte Verhältnisse von Temperatur und
+Jahreszeit gebunden ist, dass ferner „die grössere Häufigkeit, ja
+Endemicität desselben in grösseren Städten, seine erwiesene Vorliebe
+für die unreinen und feuchten Wohnungen der Armen, besonders sofern
+eine grössere Anzahl von Kindern darin zusammengedrängt lebt“,
+sowie der Umstand, dass (nach _Guersant_) „im Hôpital des enfants
+sich die Zahl der innerhalb zu Stande kommenden Crouperkrankungen
+mit der verminderten Zahl der Betten und der besseren Lüftung der
+Säle beträchtlich verringerte“, „die Annahme einer _miasmatischen_
+Entstehung wahrscheinlich“ und die _Contagiosität_ unwahrscheinlich
+machen.
+
+_Gerhardt_ kannte auch 1859 schon _Bretonneau_’s Argumente für
+die Contagiosität des Croup und führte selbst (l. c. S. 9) ein
+Beispiel an, welches ich anderweitig nicht citirt gefunden habe: Ein
+anticontagionistischer Arzt „von den Ufern des Weener Sees bettete
+sein eigenes Kind zu einem Croupkranken, und sah es erkranken und
+bald sterben -- ein Opfer seines Versuches, dem er bald aus Gram
+in’s Grab gefolgt sein soll.“ Indessen damals (1859) war _Gerhardt_
+der Meinung, (l. c. S. 10) dass viele und gewichtige Autoritäten die
+Contagiosität in Abrede stellen, „dass alltäglich vereinzelte Fälle
+beobachtet werden, von welchen Niemand weiss, woher sie eingeschleppt
+sein könnten, und die keine weiteren Erkrankungen trotz vielfacher
+Gelegenheit zur Uebertragung des Contagiums nach sich ziehen.“ Es sind
+das ganz dieselben Bedenken, welche auch gegenwärtig noch wieder bei
+der Entstehung der _Cholera_ zu ernsten oder scherzhaften Bemerkungen
+hervorragenden Klinikern Veranlassung geben, wenn sie den Versuch für
+vergeblich erklären, herauszubekommen, woher wohl die Cholerakeime nach
+_Nietleben_ gekommen sein mögen.
+
+Im Jahre 1883 dagegen, auf dem II. Congress für innere Medicin,
+ist _Gerhardt_ zu der ganz bestimmten Anschauung gekommen, dass die
+Diphtherie eine contagiöse Krankheit sei. Er sagt daselbst (Verh. S.
+128) „Die Diphtherie ist ansteckend und zwar wenn man unterscheiden
+will zwischen ansteckend und ansteckend, so ist sie zunächst
+überimpfbar. Das hat nicht allein das Thierexperiment, das haben
+zahlreiche Verluste, die der ärztliche Stand erlitten hat, bewiesen,
+von _Valleix_ und _Blache_ bis zu _O. Weber_ und _Carl Heine_, und
+wir kennen von vielen dieser traurigen Fälle die Geschichte so
+genau, dass die Ansteckung wohl kaum bezweifelt werden kann. Das
+Ueberimpfbarsein beweist ja noch nicht, dass sie ansteckend ist im
+gewöhnlichen Sinne. Die Intermittens ist auch überimpfbar aber gewiss
+nicht ansteckend. Ich habe Blut von einem Intermittenskranken einem
+Gesunden subcutan injicirt und nach 14 Tagen Incubation begannen
+Frostanfälle von gleichem Rhythmus. Nun, die Diphtherie ist ansteckend;
+der Ansteckungsstoff ist in den Membranen selbst enthalten.“
+
+Was lag nun näher als die consequente Durchführung von Maassnahmen,
+die in der Familie, in den Gemeinden, im Staat und im internationalen
+Verkehr die Weiterverbreitung der Diphtherie durch die Ansteckung
+gesunder Menschen durch kranke auf jede Weise verhüten? Aber was sehen
+wir in Wirklichkeit geschehen?
+
+Selbst die Anfänge einer zweckmässigen Prophylaxis _staatlicherseits_,
+wie sie von _Bretonneau_ für die _Diphtherie_ erstrebt und von _R.
+Koch_ gegenwärtig für die _Cholera_ durchgeführt wird, fehlen noch
+im neu projectirten Seuchengesetz des deutschen Reiches; und was in
+Krankenhäusern und in der Familie geschieht, um die Uebertragung der
+Diphtherie von einem Individuum auf das andere und die Entstehung von
+Infectionsmöglichkeiten durch inficirte Kleider, Wäschegegenstände,
+Betten, Utensilien und Möbel jeder Art zu vermeiden, das lässt nur zu
+oft jedes Verständniss für die Bedingungen des Zustandekommens der
+Ansteckung vermissen. Hatten wir doch jüngst noch Gelegenheit, einen
+Kliniker in angesehener Versammlung von Medicinern davon reden zu
+hören, dass es in seinem Krankenhause so reinlich zugeht, dass eine
+diphtherische Infection daselbst unmöglich ist! Von einem ernsthaften
+Bestreben, einen allgemeinen Infectionsschutz gegenüber der Diphtherie
+zu erreichen, kann da bis jetzt noch nicht die Rede sein.
+
+Der Infectionsschutz aber für den _einzelnen_ Menschen, wie er
+gegenwärtig empfohlen wird, lässt sich in die Worte zusammenfassen,
+die im 17. Jahrhundert _Carnevale_ seiner Beschreibung der damals in
+Italien herrschenden Diphtherieepidemie voranstellte:
+
+„Cede cito, longinquus abi, serusque reverte.“
+
+Solange, wie noch mit Erfolg Discussionen ins grosse Publikum getragen
+werden, die immer wieder die Specificität der Krankheitsursachen
+in Frage stellen, wird das wohl auch nicht anders werden, und wenn
+_Bretonneau_ wieder auflebend _v. Pettenkofer_ und _Hüppe_ gelegentlich
+der gegenwärtig discutirten Abwehrmaassregeln gegenüber der Cholera an
+der Arbeit sähe, dann würde er schwerlich das geringe Verständniss für
+das, was Noth thut, als ein Zeichen bloss seiner Zeit erklären.
+
+Es kann keine Frage sein, dass Krankheiten wie die Syphilis, die
+Diphtherie, die Cholera _vermeidbare_ Infectionen sind, und man
+mag noch so sehr darüber spötteln, dass der Verkehr sich nicht
+„_pilzdicht_“ gestalten lässt, -- für denjenigen, der in zielbewusster
+experimenteller Arbeit erfahren ist, kann gar kein Zweifel darüber
+bestehen, dass wir in früherer oder späterer Zeit diese Krankheiten für
+das Menschengeschlecht ebenso ungefährlich machen werden, wie das für
+die _Pocken_ schon jetzt geschehen ist.
+
+Allerdings werden wir zur Beurtheilung darüber, welche Mittel hierfür
+zu wählen sind, uns nicht auf die Statistik verlassen dürfen,
+weder wenn wir diese Mittel auffinden, noch wenn wir sie auf ihre
+Leistungsfähigkeit prüfen wollen.
+
+
+[5] Die Quecksilberinunctionen hat _Frerichs_ specifisch wirksam
+ gefunden, wie _Bartels_ (Deutsches Archiv f. klin. Med. II. Bd.
+ S. 367 bis 452) aus seiner Assistententhätigkeit bei demselben
+ berichtet (1852); auch _Bohn_ in Königsberg und _G. Lewin_ rühmen
+ eine energische Quecksilberbehandlung bei der Diphtherie.
+
+
+
+
+V.
+
+Die wissenschaftlichen Voraussetzungen der Blutserumtherapie.
+
+
+Es stände schlimm um die medicinische Kunst, wenn sie auf immer in der
+_therapeutischen Statistik_ das einzige Mittel besitzen sollte, um zu
+neuen Heilmitteln zu gelangen.
+
+Wir wollen jetzt Anderes und Besseres, wir wollen in noch höherem
+Grade, als wie _Bretonneau_ schon es sich zum Ziele setzte,
+_specifische_ Mittel anwenden, die im _Experiment_ constant
+und ausnahmslos unter gegebenen Bedingungen den diphtherischen
+Krankheitsprocess in eigenartiger Weise beeinflussen. Unsere
+specifischen Mittel müssen freilich _jeder_ Kritik und so auch
+derjenigen, welche auf die Zählungsmethode begründet ist, Stand
+halten, wenn sie das leisten, was wir von ihnen erwarten; aber die
+therapeutische Statistik hat weder bei dem Auffinden dieser Mittel
+mitgewirkt, noch ist sie entscheidend für die Zuversicht, mit welcher
+wir darauf rechnen, dass sie uns in der Heilung und Verhütung der
+Diphtherie weiter bringen werden.
+
+Eine Geschichte über die Auffindung der specifischen Heilkörper für die
+Diphtherie zu schreiben, wird die Aufgabe späterer Zeiten sein.
+
+Ich möchte aber meine historisch-kritischen Untersuchungen über
+die Wandlungen, welche im Laufe der Jahrhunderte die ärztlichen
+Anschauungen in Bezug auf die Diphtherie erfahren haben, doch nicht
+weiterführen, ohne wenigstens den Ideengang anzudeuten, der nach vielen
+Irrwegen mich schliesslich zur Entdeckung specifischer Heilkörper
+führte. Man wird auch hier die Verbindungsfäden wahrnehmen, welche die
+uns beschäftigenden Probleme mit denen früherer Zeiten auf’s engste
+verknüpfen.
+
+Naturforschenden Aerzten war von jeher bei ihrer Beobachtung des
+Verlaufes von Krankheiten die spontane Heilbarkeit derselben eines der
+schwierigsten Probleme.
+
+Am meisten musste dieses Problem bei kritisch endigenden Krankheiten
+sich dem medicinischen Denken aufdrängen.
+
+Eine Krankheit beispielsweise wie die Pneumonie, wenn sie den kräftigen
+gesunden Menschen befällt, von Tag zu Tag immer bedrohlicheren Umfang
+annimmt, immer mehr die normaler Weise ablaufenden Lebensfunctionen
+revolutionirt, sieht man von einem bestimmten Tage, ja von einer
+bestimmten Stunde an rückläufig werden; zu einer Zeit, wo die
+Perturbationen am heftigsten geworden sind und der Lebensfaden
+abzureissen scheint, nimmt Alles eine andere Wendung. Die heisse
+trockene Haut wird feucht, bedeckt sich mit Schweiss, die stürmische
+und mühsame Athmung wird ruhiger, die Delirien hören auf, es
+tritt Schlaf ein, und nach dem Erwachen sehen wir statt eines
+lebensgefährlich kranken einen genesenden Menschen vor uns; schwach
+zwar noch und wie von einem schweren Kampfe erschöpft, aber in nichts
+mehr erinnernd an den stürmisch aufgeregten und die beobachtende
+Umgebung aufregenden Zustand von vorher.
+
+Es ist, wie wir sagen, die Krisis eingetreten.
+
+Was ist es da, was diese wunderbare Wendung herbeigeführt hat?
+
+Gewohnt, überall, wo wir eine Wirkung sehen, auch eine Ursache
+vorauszusetzen, stehen wir hier vor einer ähnlichen Frage, wie wenn
+wir in einem stürmischen Gebirgsbach die herunter rollenden Wässer mit
+einem Male stillstehen und schliesslich sogar wieder zurückfliessen
+sehen würden.
+
+Unser Causalitätsbedürfniss zwingt uns, nach der Kraft zu forschen,
+die diesen Stillstand und die rückläufige Bewegung bewirkt hat,
+und so sehen wir in der That, wie die Aerzte von _Hippokrates_
+an in der Krisenlehre die Kräfte, welche in den fortschreitenden
+Krankheitsprocess eingreifen, zum Gegenstand ihrer tiefsinnigsten
+Studien gemacht haben.
+
+Ist nun im Laufe der Jahrtausende, während welcher die scharfsinnigsten
+Köpfe mit dem hier vorliegenden Problem sich beschäftigt haben,
+dasselbe gelöst oder auch nur der Lösung näher gebracht worden?
+
+Ich will gleich hier meine Meinung dahin abgeben, dass das nicht der
+Fall ist.
+
+Zwar sind eine grosse Menge von Begleiterscheinungen, die in näherer
+oder entfernterer Beziehung zur Beendigung ursprünglich progredienter
+Krankheitsprocesse stehen, aufs sorgfältigste analysirt worden; aber
+das Grundproblem, welches auf den vorurtheilsfreien Beobachter einen
+ähnlich verwunderlichen Eindruck macht, wie _Münchhausen_’s Erzählung,
+dass er sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpfe gezogen, dieses
+Grundproblem ist nach wie vor das gleiche Räthsel für uns geblieben.
+
+Wir sind jetzt in der Erkenntniss einiger Bedingungen für das
+Zustandekommen vieler Krankheitsprocesse mit exquisit progressivem
+Charakter weitergekommen, als unsere Altvorderen. Es ist der
+unanfechtbare Beweis geliefert worden, dass dieselben ausgelöst werden
+durch von aussen stammende materielle Ursachen; und durch _R. Koch_’s
+bahnbrechende Untersuchungen haben wir für diejenigen Krankheiten,
+welche jetzt einer Infection zugeschrieben werden, diese materiellen
+Ursachen auf belebte Mikroorganismen zurückzuführen gelernt.
+
+Jenes Grundproblem, welches uns Aerzte beschäftigt, ist dadurch
+zunächst aber noch räthselhafter geworden.
+
+Wenn eine Krankheit durch lebende Mikroorganismen erzeugt und
+unterhalten wird, sei es direkt durch die parasitische Existenz
+derselben im Wirthsorganismus, sei es indirekt durch chemische Gifte,
+die von den Mikroorganismen erzeugt werden, wie sollen wir uns dann
+vorstellen, dass dem Leben der Parasiten, ihrer Vermehrung und der
+Giftproduction ein Ende gesetzt wird, ohne dass ein neues Kraftmoment
+eingreift? Der _progressive_ Charakter der Infectionskrankheiten
+ist durch die Lehre von den belebten Krankheitsursachen in durchaus
+befriedigender Weise verständlich geworden; und ohne Weiteres verstehen
+wir es, wenn die Tendenz der Parasiten zur ungemessenen Vermehrung und
+Ausbreitung das Verderben und den Tod des Wirthsorganismus zur Folge
+hat.
+
+Wie aber ist es zu begreifen, dass dieser tödtliche Ausgang zuweilen
+ausbleibt; wie sollen wir die _Heilung_ von einer schweren Infection
+erklären?
+
+Wenn im einzelnen Fall der behandelnde Arzt zu einer schweren
+Infection hinzugezogen wird und ein Medicament dem kranken Organismus
+einverleibt, dann können wir sagen, dass mit dem Medicament eine neue
+den Krankheitsprocess alterirende Kraft zur Wirkung gelangt.
+
+Wie aber, wenn ohne jeden äusseren Eingriff die Heilung eintritt?
+
+Die alten Aerzte wussten sich nicht anders zu helfen, als dass sie
+eine besondere Kraft im Innern des erkrankten Individuums annahmen;
+sie personificirten dieselbe gewissermaassen und waren nur darüber
+uneinig, ob sie solche eclatante Umstimmung eines Krankheitsprocesses,
+wie wir sie bei der Pneumonie beobachten, der allgemeinen Lebenskraft
+oder einer besonderen Naturheilkraft zuschreiben sollten. Unter allen
+Umständen war es für sie kein Zweifel, dass etwas Metaphysisches hinter
+den Heilungsvorgängen stehe; auch da, wo offenbare Beeinflussung durch
+Medicamente zu constatiren war, fassten sie die medicamentöse Wirkung
+immer nur so auf, dass durch dieselbe die Thätigkeit der Naturheilkraft
+in andere Bahnen gelenkt wurde; immer aber war es diese geheimnissvolle
+_vitale_ Kraft, welcher bei günstigem Ausgang die Genesung zu danken
+war. In unserer Zeit ist die Lebenskraft und die Naturheilkraft in
+Misscredit gekommen. Wir bemühen uns auf’s sorgfältigste bei unseren
+naturwissenschaftlichen Erklärungsversuchen, derartige metaphysische
+Kräfte auszuscheiden, und an Stelle derselben physische und mechanische
+zu setzen, die nicht willkürlich und capriciös in das Geschehen der
+Dinge eingreifen, sondern den allgemeinen Naturgesetzen folgen.
+
+Und so sind wir auch hier nicht auf dem Standpunkt stehen geblieben,
+dass wir die Heilung von parasitären Krankheiten einer nicht weiter
+zu untersuchenden Naturheilkraft zurechnen, sondern wir bemühen uns,
+in der scheinbaren Willkürlichkeit und Regellosigkeit ein Gesetz zu
+entdecken, dem Alles sich fügt.
+
+Aus diesem Bestreben sind die Untersuchungen hervorgegangen, welche
+nach _Pasteur_’s Vorgang dazu geführt haben, in einer solchen Weise
+gesunde Individuen vorzubehandeln, dass sie durch sonst tödtliche
+Infectionen nicht mehr gefährdet werden.
+
+Aus dem gleichen Bestreben sind die Untersuchungen entstanden, welche
+darauf gerichtet waren, den Mechanismus aufzudecken, dessen der lebende
+Organismus sich bedient, wenn er einer schon bestehenden Krankheit Herr
+wird.
+
+Zu dem Zweck wurden lebende und leblose Theile gesunder, kranker und
+geheilter Individuen daraufhin geprüft, ob etwa ganz regelmässige
+Unterschiede in ihren Eigenschaften den verschiedenen Zuständen, die
+zwischen Gesundheit, Krankheit und Heilung liegen, entsprechen.
+
+Es ist nun in der That, zunächst allerdings nur für einzelne
+Infectionen, ein solches Verhalten festgestellt worden, indem nämlich
+in den zellenfreien Körperflüssigkeiten ganz specifische Differenzen
+nachgewiesen wurden, je nachdem die Untersuchung eines und desselben
+Individuums _vor_, _während_ und _nach_ der Infection stattfand.
+
+Die specifischen Differenzen, welche im Verhalten der
+Körperflüssigkeiten eines Individuums in gesundem, krankem und
+geheiltem Zustande zu constatiren sind, bestehen in Folgendem:
+
+1. Die Körperflüssigkeiten des gesunden Individuums, wenn sie auf
+Individuen gleicher oder ähnlicher Art übertragen werden, sind an sich
+nicht im Stande, krankmachende Wirkungen hervorzurufen.
+
+2. Die Körperflüssigkeiten des kranken Individuums sind befähigt,
+die gleiche Krankheit auch auf andere Individuen zu übertragen, auch
+wenn die Anwesenheit lebender Krankheitserreger mit aller Sicherheit
+ausgeschlossen wird.
+
+3. Die Körperflüssigkeiten, insbesondere das Blut, des geheilten
+Individuums besitzen die Fähigkeit, andere gesunde Individuen so zu
+beeinflussen, dass sie auf die Infection nicht mehr mit Kranksein
+reagiren, dass sie dadurch also, wie wir sagen, „immun“ werden.
+Ebendasselbe Blut, nachdem es von allen körperlichen Elementen befreit
+ist, besitzt auch die Fähigkeit, Individuen nach der Infection mit den
+in Frage kommenden Infectionsstoffen zu heilen.
+
+Es sind dies die _Endresultate_ der Blutuntersuchungen, wie sie zuerst
+für die Diphtherie und dann für den Tetanus ausgeführt wurden. Man
+darf aber im einzelnen Fall nicht darauf rechnen, so ohne Weiteres den
+Nachweis jener im Princip ganz ausnahmslos bestehenden Beziehungen
+führen zu können.
+
+Im einzelnen Fall kann das Blut eines ganz gesunden Individuums durch
+Uebertragung auf ein anderes Krankheit und Tod desselben herbeiführen.
+Wir wissen, dass mit dem Blut aus der Luft und von unreinen
+Instrumenten krankheitserregende Agentien zur Wirkung gelangen können,
+dass die Bluttransfundirung als solche bei unzweckmässiger Ausführung
+Gefahren mit sich bringt; vor Allem aber ist es wichtig zu wissen,
+dass in das Blut eines ganz gesunden Individuums heterogene Stoffe von
+aussen hineingelangen können, welche zwar für dieses unschädlich sind,
+für andere Individuen aber krankheitserzeugend wirken können. All das
+hat aber mit unserem ersten Satz nichts Wesentliches zu thun, welcher
+nur den _specifischen_ Unterschied im Verhalten des Blutes _vor_ und
+_nach_ der Infection zum Ausdruck bringen soll.
+
+Noch viel mehr Schwierigkeiten kann die Bestätigung des zweiten Satzes
+machen.
+
+Wenn wir erwägen, dass die Ursache einer krankmachenden Wirkung
+des von allen körperlichen Elementen befreiten Blutes nur in einem
+gelösten, also zweifellos chemisch wirksamen Agens, welches einer
+Reproduction nicht fähig ist, gesucht werden kann, dann ist es auf
+den ersten Blick gar nicht einmal so leicht, den Gedanken zu fassen,
+dass man mit Blutserum überhaupt die gleiche Krankheit auf ein
+anderes Individuum zu übertragen vermag. Chemisch wirksame Stoffe
+kann man quantitativ begrenzen und berechnen; bezeichnen wir nun
+beispielsweise diejenige Menge des diphtherieerzeugenden Giftes, welche
+ein Meerschwein zu tödten im Stande ist, mit der Zahl 1, dann werden
+wir mit einem Bruchtheil der gesammten Blutmenge dieses Meerschweins
+offenbar auch nur einen Bruchtheil der den Tod herbeiführenden
+Giftmenge auf ein anderes übertragen können. Im günstigsten Fall
+wird durch eine solche Blutübertragung höchstens eine leichte
+Localerkrankung erzeugt werden, aber nicht eine tödtliche Vergiftung.
+
+Wenn wir nun doch tödtliche Diphtherievergiftungen mit dem Blutserum
+diphtherieverendeter Thiere zu Wege bringen können, dann kann das erst
+durch Ausnützung ganz besonderer Verhältnisse geschehen, welche durch
+weitere Studien aufgedeckt sind.
+
+Wir wissen, dass, auf das Körpergewicht eines Thieres berechnet, die
+tödtliche Minimaldosis an Diphtheriegift für verschiedene Thierarten
+verschieden ist.
+
+Für Ratten z. B. ist sie viel grösser als für Meerschweinchen,
+und so kann es verständlich werden, dass man mit dem Blut einer
+diphtherievergifteten Ratte leichter bei Meerschweinen Diphtherie
+hervorzurufen vermag, als mit der gleichen Menge Blut von einem
+diphtheriekranken Meerschwein.
+
+Ebenso ist die tödtliche Minimaldosis für ein Meerschwein, das schon
+Diphtherieerkrankungen durchgemacht hat und dadurch immun wurde,
+grösser als 1. Daher kann man auch mit dem Blut solcher immuner
+Meerschweine, wenn sie durch eine intensivere Infection doch noch
+diphtheriekrank gemacht sind, zuweilen andere gesunde Meerschweine an
+Diphtherie sterben lassen. Man kann aus alledem erkennen, dass der
+Satz „mit bacterienfreiem Blutserum eines an einer Infectionskrankheit
+leidenden Individuums kann anderen Individuen die gleiche Krankheit
+übertragen werden“ nicht unrichtig zu sein braucht, wenn im einzelnen
+Fall es nicht gelingt, die Richtigkeit durch’s Experiment zu erweisen.
+
+Vollends mühsam und auf fast unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten
+stossend, erwies sich Anfangs die Beweisführung für die beiden, in
+dem dritten Satz ausgesprochenen Principien, welche besagen, dass die
+Körperflüssigkeiten, in specie das Blutserum geheilter Individuen,
+andere Individuen gegen die gleiche Krankheit zu schützen und von
+derselben zu heilen vermag. Erst die Erkenntniss, dass die Production
+von Heilkörpern um so grösser ist, je intensiver der Krankheitsprocess
+war und weiterhin das Auffinden des merkwürdigen Verhaltens, dass
+durch öfteres Ueberstehen der gleichen Krankheit eine Anhäufung der
+Heilkörper zu Stande kommt, schaffte überhaupt die Möglichkeit, die
+Heilkörper durch’s Experiment nachzuweisen, und wenn Jemand der Meinung
+sein sollte, dass zum Nachweis der specifischen Heilwirkung bei einer
+Infectionskrankheit das Blut eines jeden Individuums, welches schon
+einmal diese Krankheit überstanden hat, genüge, dann würde er in der
+Mehrzahl der Fälle sich täuschen.
+
+_Virtuell und qualitativ ist in der That bei jedem Individuum nach dem
+Ueberstehen einer Infectionskrankheit der specifische Heilkörper im
+Blute desselben vorhanden, ob er aber in solcher Menge darin enthalten
+ist, dass man mit grösseren oder kleineren Quantitäten solchen Blutes
+bei anderen Individuen die gleiche Krankheit heilen kann, das ist eine
+Frage, die mit jener Thatsache im Princip nichts zu thun hat._
+
+Wenn ich nun nach diesen Ausführungen die Untersuchung der oben
+aufgestellten Frage von Neuem aufnehme: „Was ist es, was in den
+Krankheitsprocess der Diphtherie, der Pneumonie und anderer
+Infectionskrankheiten eingriff, wenn derselbe zum Stillstand und
+zur Heilung gebracht wird?“ dann werden wir jetzt geneigt sein, für
+den Versuch der Beantwortung die Heilkörper chemischer Art im Blut
+zu berücksichtigen, die ja auch bei der _Pneumonie_, wie die Brüder
+_Klemperer_ gezeigt haben, mit dem Eintritt der Genesung im Blut
+nachweisbar sind; und dass diese Heilkörper in Wirklichkeit eine
+wesentliche Beziehung zur Spontanheilung haben, dass sie unter den
+Momenten, die dieselbe herbeiführen, ein integrirendes darstellen,
+darüber dürfte gegenwärtig wohl kaum noch irgendwo ein Zweifel sein,
+nachdem auch bei von der Cholera geheilten Menschen ihr Vorhandensein
+von allen Seiten bestätigt ist.
+
+Da müssen wir aber sofort weiter fragen, wo kommen diese Heilkörper
+her, in welchem Moment der beginnenden und fortschreitenden Krankheit
+stellen sie sich ein, und was ist es, was den lebenden Organismus
+veranlasst, diese Heilkörper das eine Mal in solcher Menge zu
+produciren, dass die Krankheit überwunden wird, das andere Mal nicht?
+
+Da stehen wir genau wieder auf demselben Fleck, wie unsere Vorfahren,
+und mir scheint, dass auch bei der Fortführung unserer Studien bis
+zur äussersten Grenze des menschlichen Könnens immer noch die Frage
+nach dem primum movens übrig bleiben, dass immer noch ein mechanisch
+unerklärbarer Rest speculativen Köpfen zu schaffen machen wird.
+
+In meiner Eigenschaft als Mediciner habe ich nicht geglaubt, der
+Neigung zu weiteren theoretischen Untersuchungen gar zu sehr nachgeben
+zu sollen. Vielmehr habe ich mich begnügt, den Mechanismus, dessen
+der lebende Organismus sich bedient, wenn er der Krankheit Herr wird,
+soweit zu verfolgen, dass die Bedingungen, unter welchen die Production
+der specifischen Heilkörper erfolgt, _experimentell_ wiederholt werden
+konnten.
+
+Vor Allem aber habe ich dann versucht, die experimentellen Arbeiten
+bei Versuchsthieren so zu gestalten, dass die Ausbeute an Heilkörpern
+eine so grosse wird, um mit derselben auch für den _Menschen_ die
+Blutserumtherapie brauchbar zu machen.
+
+Das ist jetzt, wie ich glaube, für zwei Krankheiten der Fall, für den
+Tetanus und für die Diphtherie.
+
+Ich werde in dem experimentellen Theil, welcher dieser meiner
+geschichtlichen Darstellung folgen wird, über gelungene Immunisirung
+von 40 Schafen berichten, die ein Serum liefern, welches
+nachgewiesenermaassen für den Menschen ebenso unschädlich ist, wie das
+Tetanusheilserum, und dort Gelegenheit nehmen, über den gegenwärtigen
+Stand der Diphtherieheilungsfrage mich auszusprechen. In diesem
+geschichtlichen Ueberblick bleibt mir aber noch übrig, der Methoden,
+mit Hülfe deren zum Zweck der Gewinnung von Diphtherieheilserum Thiere
+gegenüber der Diphtherie immunisirt werden können, zu gedenken.
+
+
+
+
+VI.
+
+Aufzählung und Classificirung
+
+der bisher bekannt gegebenen Methoden der Diphtherie-Immunisirung.
+
+
+Die künstliche Immunisirung gegenüber der Diphtherie wurde im
+Hygienischen Institut des Geh. Raths _R. Koch_ im Jahre 1890 von
+Prof. _C. Fraenkel_ und von mir in Angriff genommen und ist von
+mir dort auch zu Ende geführt worden, während _C. Fraenkel_ seine
+Arbeit in _Königsberg_ beendigte. Wir gingen von ganz verschiedenen
+Gesichtspunkten aus. Während _C. Fraenkel_ gleich von vornherein
+sein Augenmerk auf die Immunisirung mit Hülfe von Diphtherieculturen
+und den Stoffwechselproducten der Diphtheriebacillen richtete, ergab
+sich mir diese Art der Immunisirung erst als Resultat von Versuchen,
+die ursprünglich auf die _Heilung_ der Diphtherie mit _Chemikalien_
+gerichtet waren. In meiner ersten Diphtheriearbeit sagte ich darüber
+Folgendes (Deutsche med. Wochenschrift 1890 No. 50): „Eine bis jetzt
+wohl noch nicht benutzte Immunisirungsmethode ... _besteht darin,
+dass man die Thiere zuerst inficirt und dann die deletäre Wirkung der
+Infection durch therapeutische Behandlung aufhebt_. Es erinnert diese
+Methode einigermaassen an das Zustandekommen der Immunität nach dem
+Ueberstehen mancher Infectionskrankheiten des Menschen.
+
+Die in einer später mitzutheilenden, gemeinschaftlich mit Herrn Hofarzt
+Dr. _Boer_ ausgeführten Arbeit erzielten Versuchsresultate bei ca. 30
+Mitteln beweisen, dass es nicht leicht ist, diphtherieinficirte Thiere
+zu heilen. Sehr vorzügliche Desinficientien, wie das Silbernitrat
+und das Quecksilber in seinen verschiedenen Verbindungen, das
+Goldkaliumcyanid u. s. w. lassen da vollkommen im Stich. Aber es
+giebt einige wenige Desinfectionsmittel, welche Meerschweinchen, die
+nach subcutan erfolgter Infection alsbald in Behandlung genommen
+werden, zu heilen vermögen. So besitzt Dr. _Boer_ vereinzelte
+Meerschweinchen, die durch _Goldnatriumchlorid_, durch Naphtylamin,
+durch Trichloressigsäure, Carbolsäure geheilt sind.
+
+Obenan in der Leistungsfähigkeit steht aber das Jodtrichlorid. Von
+acht Meerschweinchen, die ich mit 0,3 ccm Cultur subcutan inficirte,
+starben zwei nicht behandelte Thiere nach 24 Stunden. Vier Thiere,
+welchen sofort nach der Infection 2 ccm einer Jodtrichloridlösung (zwei
+kleinere erhielten 1%ige, zwei grössere 2%ige Lösung) an die Stelle der
+Infection subcutan eingespritzt wurden, blieben sämmtlich am Leben; bei
+zwei Thieren wurde die Behandlung erst nach sechs Stunden begonnen;
+eins derselben starb nach vier Tagen, das andere blieb am Leben;
+bei allen Thieren wurde an den drei nächstfolgenden Tagen eine neue
+Jodtrichlorideinspritzung gemacht. Ueber sechs Stunden hinaus nach der
+Infection habe ich bei Meerschweinchen einigermaassen sichere Resultate
+nicht mehr bekommen, auch dann nicht, wenn die Thiere so schwach
+geimpft wurden, dass dabei normale Thiere erst nach vier Tagen starben.
+
+Die überlebenden Meerschweinchen sind lange Zeit krank; ihre
+Heilung wird eingeleitet durch eine demarkirende Entzündung an der
+Injectionsstelle; später bildet sich ein trockener Schorf, der immer
+weniger festsitzend wird, bis man ihn schliesslich abheben kann;
+_unter diesem Schorf sind noch nach drei Wochen lebende und virulente
+Diphtheriebacillen nachweisbar gewesen_.
+
+Inficirt man nun solche Thiere, bei denen zwar das Allgemeinbefinden
+schon ganz gut geworden ist, bei denen aber noch eine offene
+Geschwürsfläche besteht, so zeigen sie eine erheblich grössere
+Widerstandsfähigkeit gegen die Infection als normale; jedoch
+erst nach vollkommener Verheilung und Narbenbildung habe ich
+mehrere jodtrichloridgeheilte Thiere, und hat Dr. _Boer_ ein mit
+Goldnatriumchlorid geheiltes soweit immun gefunden, dass diese
+Meerschweinchen vollvirulente Diphtherieimpfung vertrugen, an der die
+Controllthiere in 36 Stunden starben.
+
+Ich will noch beiläufig erwähnen, dass man mit dem Jodtrichlorid
+bessere Heilerfolge bei Kaninchen erzielen kann. Diese Thiere können
+geheilt werden, ohne dass sie einen Aetzschorf bekommen, und es gelingt
+noch nach 24 Stunden eine erfolgreiche Behandlung, wenn die Infection
+etwa so stark war, dass Controllkaninchen in vier Tagen starben. Ueber
+die etwa eintretende Immunität der geheilten Kaninchen bin ich bis
+jetzt noch nicht in der Lage, etwas aussagen zu können.
+
+„_Ich benutze diese Gelegenheit, um dem Irrthum vorzubeugen, als
+ob wir in dem Jodtrichlorid, welches bei Thieren so respectable
+therapeutische Wirkungen hervorzurufen im Stande ist, nun auch ein
+Diphtherieheilmittel für den Menschen besässen. Abgesehen von der
+starken Aetzwirkung dieses Mittels, und abgesehen davon, dass ich über
+die Heilungsmöglichkeit solcher Thiere, die von dem Larynx oder der
+Trachea aus inficirt worden sind, nur wenig Erfahrungen habe, bin ich
+durch besondere, vorsichtig an diphtheriekranken Kindern angestellte
+Versuche zur forcirteren Anwendung des Jodtrichlorids nicht sehr
+ermuthigt worden, und ich betone, dass ich für den Menschen kein
+Diphtherieheilmittel habe, sondern erst danach suche._“
+
+Die im Vorstehenden geschilderten Erfahrungen sind für mich der
+Ausgangspunkt geworden für die Aufsuchung einer Methode, durch
+deren Anwendung schnell und sicher hohe Diphtherie-Immunitätsgrade
+erreicht werden können. Meine diesbezüglichen Versuche sind bis in die
+jüngste Zeit fortgesetzt worden; sie haben schon jetzt ein Resultat
+ergeben, welches die kühnsten, ursprünglich gehegten Erwartungen
+weit übertrifft, ohne dass ich deswegen glaube, an der Grenze der
+Verbesserungsfähigkeit meiner jetzt bevorzugten „_combinirten
+Immunisirungsmethode_“ angekommen zu sein. Worauf es mir _hier_
+ankommt, ist jedoch nicht sowohl die Beschreibung des am meisten
+zweckmässigen Immunisirungsverfahrens, als vielmehr die Aufzählung der
+einzelnen bis jetzt bekannt gegebenen Methoden.
+
+Die ersten Mittheilungen über gelungene Diphtherie-Immunisirung bei
+Thieren sind, nach vorhergehender Besprechung und Verständigung
+zwischen Professor _C. Fraenkel_ und _mir_, zwar an verschiedenen
+Stellen, jedoch zu gleicher Zeit erfolgt.
+
+Die diesbezügliche Mittheilung von _C. Fraenkel_ ist aus dem
+Laboratorium desselben in Königsberg in der Berliner klinischen
+Wochenschrift No. 49 vom 3. December 1890 publicirt unter der
+Ueberschrift „Immunisirungsversuche bei Diphtherie“.
+
+Meine eigene erste Mittheilung findet sich in der Arbeit „Ueber das
+Zustandekommen der Diphtherie-Immunität und der Tetanus-Immunität
+von Thieren“ von _Behring_ und _Kitasato_, publicirt in No. 49 der
+deutschen medicinischen Wochenschrift vom 4. December 1890.
+
+Die zeitliche Differenz der Publication wurde durch den Umstand
+bedingt, dass die deutsche medicinische Wochenschrift am Donnerstag
+jeder Woche, die Berliner klinische nominell am Montag, de facto
+aber am Sonnabend ausgegeben wird; das ist einigermaassen dadurch
+auszugleichen gesucht worden, dass ausnahmsweise zwischen die No.
+49 und No. 51 der Berl. klin. Wochenschrift eine Zwischennummer
+eingeschoben wurde; diese (No. 50) wurde am Mittwoch, also sogar schon
+einen Tag früher, ausgegeben als die No. 49 der Deutsch, medicin.
+Wochenschrift, und so lässt sich denn die Thatsache nicht aus der
+Welt schaffen, dass _C. Fraenkel_’s Publication eine Priorität
+von _einem_ Tage besitzt. In Wirklichkeit hat uns, den _Autoren_,
+ein Prioritätsstreit so fern gelegen, dass wir monatelang vor der
+Publication uns gegenseitig über unsere Arbeiten orientirten, wie ich
+denn auch in der Lage war, in meiner eigenen Diphtheriearbeit schon
+die _Fraenkel_’sche Immunisirungsmethode als eine „sehr zuverlässige“,
+auf Grund _eigener_ Versuche, zu bezeichnen. Andererseits sind auch
+die von mir angegebenen vier Diphtherie-Immunisirungsmethoden in
+_C. Fraenkel_’s Laboratorium in _Königsberg_ nachgeprüft worden;
+die Publication der Resultate dieser Nachprüfung erfolgte freilich
+erst zu einer Zeit (durch _Zimmer_), als durch die Mittheilung
+wesentlich erweiterter Erfahrungen „Ueber Immunisirung und Heilung von
+Versuchsthieren bei Diphtherie“ (von _Wernicke_ und _mir_, Zeitschrift
+für Hygiene und Infectionskrankheiten 1892 Bd. XI.) die _actuelle_
+Bedeutung meiner ersten Veröffentlichungen sehr verringert war.
+
+Zur Klarlegung des Antheils, welchen verschiedene Autoren an der
+Diphtherie-Immunisirung haben, bedarf es noch einiger weiterer
+Bemerkungen. Aus dem Umstande, dass meine erste diesbezügliche
+Mittheilung in einer gemeinschaftlich mit _Kitasato_ veröffentlichten
+Arbeit enthalten war, haben weniger aufmerksame Leser deducirt, dass
+auch _Kitasato_ an den Untersuchungen über die Diphtherie-Immunisirung
+betheiligt gewesen sei. Das ist nicht der Fall. In unserer
+gemeinschaftlichen Arbeit ist expressis verbis darauf aufmerksam
+gemacht worden, dass die Diphtherieuntersuchungen von mir allein
+ausgeführt worden sind, und dass unsere gemeinschaftlichen Experimente
+nur die Anwendung meiner bei der Diphtherie gesammelten Erfahrungen
+auf den _Tetanus der Kaninchen_ betreffen. _Die Immunisirung gegenüber
+dem Tetanus der Kaninchen ist von mir und Kitasato gemeinschaftlich,
+die Immunisirung gegenüber der Diphtherie aber von mir allein gefunden
+worden, und zwar vor dem Beginn der Tetanus-Immunisirungsversuche._
+
+Bisher war nur von der gelungenen Diphtherie-Immunisirung _im
+Allgemeinen_ die Rede ohne Rücksicht auf die Auffindung der _einzelnen_
+Immunisirungsmethoden.
+
+Es sind das folgende:
+
+1. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen mit Diphtheriebouilloncultur,
+welche durch Einwirkung höherer Temperatur sterilisirt ist.
+
+2. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen mit jodtrichloridbehandelten
+Diphtheriebouillonculturen.
+
+3. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen mit Körpersäften
+diphtheriekranker und diphtherieverendeter Thiere.
+
+4. Die Heilung diphtherieinficirter Meerschweinchen durch
+Localbehandlung mittelst verschiedener chemischer Agentien.
+
+5. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen und Kaninchen mit
+Wasserstoffsuperoxyd.
+
+6. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen mittelst einer combinirten
+Methode zum Zweck der Erreichung hoher Immunitätsgrade, bei welcher
+zuerst die Behandlung mit _abgeschwächten_ Culturen und hinterher
+mit allmählich gesteigerten virulenten Culturen, bezw. mit nicht
+abgeschwächtem Diphtheriegift vorgenommen wird.
+
+7. Die Vorbehandlung von _Kaninchen_ durch subcutane Impfung mit einem
+erhitzten diphtheriegifthaltigen Kalkniederschlag.
+
+8. Die Vorbehandlung von _Hunden_ mit steigenden Dosen eines nicht
+abgeschwächten Diphtheriegiftes und mit nicht abgeschwächten
+Diphtheriebouillonculturen.
+
+9. Die Fütterung von Meerschweinchen, Kaninchen und Hunden mit
+Diphtheriegift.
+
+Von diesen Methoden ist die erste auf _C. Fraenkel_, die vier folgenden
+sind auf mich zurückzuführen.
+
+Bei der sub 4. genannten Methode hat Sanitätsrath _Boer_ mitgewirkt;
+bei der sub 5. zum Theil (soweit es sich um Kaninchen handelte)
+Stabsarzt _Lübbert_ (jetzt in Dresden).
+
+Die sub 6., 7. und 9. genannten Methoden sind in gemeinschaftlich von
+Stabsarzt _Wernicke_ und mir ausgeführten Arbeiten gefunden worden;
+die sub 8. von _Wernicke_ allein, und unabhängig von ihm auch von Dr.
+_Aronson_.
+
+Die diesbezüglichen Mittheilungen sind erfolgt für die Methoden sub
+2. bis 5. in meiner Arbeit „Untersuchungen über das Zustandekommen der
+Diphtherie-Immunität bei Thieren“ Deutsche med. Wochenschrift 1890
+No. 50; für die Methode sub 6. in einem auf dem VII. internationalen
+Congress in London vorgelesenen Vortrag „Ueber Desinfection am
+lebenden Organismus“ (im August 1891), für die Methode sub 7. und zum
+Theil der sub 9. in der Arbeit: „Ueber Immunisirung und Heilung von
+Versuchsthieren bei der Diphtherie“ von _Behring_ und _Wernicke_ (im
+Februar 1892; in dieser Arbeit ist auch die Anwendung der Methode sub
+7. auf _Schafe_ mitgetheilt worden); die Methode sub 8. hat _Wernicke_
+am 19. December 1892 im Verein für öffentliche Gesundheitspflege
+beschrieben und dabei ausserdem auch die Verfütterung eines
+diphtherieverendeten Schafes an _Hunde_ erwähnt; _Aronson_ brachte in
+der Sitzung vom 21. December 1892 der medicinischen Gesellschaft, also
+2 Tage später als _Wernicke_, seine Mittheilung.
+
+Es ist dann noch zu Beginn des Jahres 1892 eine
+Diphtherie-Immunisirungsmethode von _Brieger_, _Kitasato_
+und _Wassermann_ angegeben worden, welche mit Hülfe von
+Thymusdrüsenextract den Immunisirungsvorgang erleichtern sollte, indem
+Diphtheriebouillonculturen, welche mit solchem Extract behandelt waren,
+zur Vorbehandlung von _Meerschweinchen_ benutzt wurden. Indessen diese
+Behandlungsweise kann auf den Namen einer selbstständigen Methode
+nicht Anspruch machen, da die Culturen von jenen Autoren, ebenso
+wie von _C. Fraenkel_, erhitzt wurden; immerhin würde das Verfahren
+derselben noch in dem Falle als besondere Methode aufgeführt werden
+können, wenn die Voraussetzung und Behauptung stichhaltig wäre, dass
+das Thymusdrüsenextract vermöge einer antitoxischen Wirkung das
+Diphtheriegift zu verändern im Stande sei. Diese Voraussetzung hat sich
+aber als irrig erwiesen.
+
+ * * * * *
+
+Untersuchen wir nunmehr, inwieweit durch die oben aufgezählten
+Immunisirungsmethoden nicht bloss für die _Diphtherie_, sondern
+für die Immunisirung gegenüber den Infektionskrankheiten überhaupt
+etwas Neues hinzugekommen ist, dann finden wir, dass zwar jede
+derselben ihre Besonderheiten hat, dass aber mit Ausnahme der
+Wasserstoffsuperoxydmethode bei allen das immunisirende Princip sich
+an die in Frankreich von _Pasteur_ bei der Hühnercholera und beim
+Milzbrand entdeckte, und dann von seinen Schülern und Nachfolgern beim
+Rauschbrand, bei der Pyocyaneus-Erkrankung und anderen Krankheiten
+weiter ausgebildete Vaccinationsmethode anschliesst, während
+andererseits bekanntlich die _Pasteur_’sche Methode auf _Jenner_’s
+Schutzpockenimpfung fusst, und diese wieder zurückzuführen ist auf
+Beobachtungen von der Schutzwirkung des Ueberstehens der Pocken
+nach Spontanerkrankung und von der Schutzwirkung der willkürlichen
+Pockenerzeugung durch den Contact gesunder Menschen mit Pockenkranken,
+wovon Lady _Montague_ im Anfang der 40ger Jahre des vorigen
+Jahrhunderts die Kunde aus China nach West-Europa brachte.
+
+Dass nicht bloss die Uebertragung _lebender_ Keime die Schutzwirkung
+ausüben könne, wie _Pasteur_ anfänglich annahm, sondern auch die von
+lebenden Krankheitserregern befreiten specifischen Krankheits_gifte_,
+hatte zuerst wohl _Toussaint_ in einem am 12. Juli 1880 der
+französischen Akademie übergebenen und am 2. August desselben Jahres
+geöffneten „pli cacheté“ thatsächlich angegeben, indem er dort das
+Gelingen der Milzbrandimmunisirung durch erhitztes Milzbrandblut
+mittheilte. Als jedoch die Immunisirung gegen Milzbrand durch Anwendung
+_lebender_ Culturen, nachdem dieselben durch höhere Temperaturen
+_abgeschwächt_ sind, Seitens _Pasteur_, _Chamberland_ und _Roux_ (am
+28. Februar 1880) ihre epochemachende Bedeutung documentirt hatte, gab
+_Toussaint_ seine Hypothese von der vaccinirenden Wirkung durch ein
+_chemisch_ wirksames Agens wieder auf, und der alleinige Vertreter
+dieser Idee blieb nunmehr _Chauveau_, welcher der französischen
+Akademie am 19. Juli 1880 bekannt gegeben hatte, dass die Föten
+von milzbrandvaccinirten Mutterschafen, wenn sie nach der Geburt
+heranwuchsen und dann versuchsweise geimpft wurden, einen gewissen
+Grad von Milzbrandimmunität erkennen liessen. _Chauveau_ hatte daraus
+den ganz richtigen Schluss gezogen, dass hier das immunisirende
+Princip ein chemischer löslicher Körper sein müsse, der aus dem Blute
+des mütterlichen Organismus in den fötalen Kreislauf übergetreten
+sei. Auf Grund unserer gegenwärtigen Kenntnisse kann freilich der
+weitergehende Schluss _Chauveau_’s, dass dieses chemische Agens
+von den Milzbrandbakterien producirt werde, nicht als einwandsfrei
+bewiesen betrachtet werden; es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass
+es sich hier nicht um die immunisirende Wirkung eines supponirten
+Milzbrandgiftes handelt, sondern um die Wirkung von direkten
+Heilkörpern des mütterlichen Organismus. Der einwandsfreie Beweis einer
+„vaccination chimique“ ist erst 6 Jahre später durch _Salmon_ und
+_Smith_ im September 1887 und durch _Charrin_ in einer Mittheilung vom
+24. October 1887 geliefert worden. Die beiden ersteren hatten Tauben,
+wie _Bouchard_ S. 50 seines Buches „Les microbes pathogènes“ (Paris
+1892) berichtet, „avec les produits solubles du choléra des porcs“
+immunisirt; und _Charrin_ hatte ähnliches für die Pyocyaneus-Erkrankung
+der Kaninchen bewiesen. In einem Briefe _Pasteur_’s an _Duclaux_ vom
+25. Januar 1887 (veröffentlicht in _Pasteur_’s Annalen) war jedoch
+auf die Thatsächlichkeit und Wichtigkeit der „vaccination chimique“
+schon vorher hingewiesen worden auf Grund von theils experimentellen
+Beobachtungen, theils theoretischen Erwägungen.
+
+Die Methoden sub 1, 2, 4, 6, 7 und 8 sind ihrem Princip also bis
+in das Jahr 1887 und dann weiter bis 1880 und schliesslich bis
+zu _Jenner_ und bis zu dem Pockenschutz der Chinesen in alten
+Zeiten zurückzuverfolgen, und gegenwärtig mag es einigermaassen
+unverständlich sein, wie seinerzeit die gelungene Immunisirung von
+diphtherieempfänglichen Thieren als die Lösung eines sehr schwierigen
+Problems gelten konnte, da ja doch die Idee der Immunisirung eine schon
+längst bekannte sei und da es auf so viele Arten gelinge, zum Ziele
+zu kommen. Demgegenüber ist es vielleicht nicht unnöthig, daran zu
+erinnern, dass die Mehrzahl der Aerzte und Bakteriologen beim Beginn
+der Versuche von _C. Fraenkel_ und von mir der Meinung war, dass die
+Diphtherie eine Krankheit sei, bei welcher eine Immunisirung überhaupt
+nicht gelingen _könne_. Es wurde da das schon gegenüber _Pasteur_’s
+Milzbrandimpfungen von _Löffler_ benutzte Argument (I. Band der Mitth.
+aus dem Reichsgesundheits-Amt) in’s Feld geführt, dass eine Krankheit,
+deren einmaliges Ueberstehen keinen Schutz gegen eine Neuerkrankung
+gewähre (und als solch’ eine Krankheit wurde die Diphtherie ebenso
+wie früher der Milzbrand angesehen) keine Aussicht biete, dass man
+bei ihr, wie bei den Pocken, durch Einimpfung der Krankheitsprodukte
+eine Schutzwirkung erreichen könne. Jetzt ist freilich von solchen
+apriorischen Argumenten nicht mehr die Rede; jetzt hält man selbst eine
+Immunisirung gegenüber den Streptokokkenkrankheiten nicht mehr für
+unmöglich. Aber dabei wird dann wieder leicht die Schwierigkeit des
+Auffindens von geeigneten Immunisirungs_methoden_ gegenüber solchen
+Krankheiten übersehen, die nicht erfahrungsgemäss, jedes Mal, nachdem
+sie überstanden sind, einen Infectionsschutz hinterlassen.
+
+In der That kann man es _heute_ noch als ein Zeichen sehr guter
+Schulung ansehen, wenn unter Benutzung der schon bekannten
+Immunisirungsmethoden Jemand ohne erhebliche Verluste eine grössere
+Zahl von _Meerschweinchen_ bis zu einem nennenswerthen Grade der
+Diphtherieimmunität zu bringen vermag.
+
+Die _Möglichkeit_ der Diphtherieimmunisirung war übrigens schon durch
+_Löffler_ bewiesen.
+
+In dem Bericht „Ueber den gegenwärtigen Stand nach der Frage der
+Diphtherie“, (Dtsch. med. Wochenschrift 1890 No. 5 u. 6) findet sich
+folgende Notiz darüber: „Ein schwarzweisses Meerschweinchen wurde am
+30. Mai 1888 mit einer vom 14.-29. Mai auf Agar gewachsenen Cultur der
+Stäbchen geimpft. Das Thier wurde schwerkrank, es entwickelte sich eine
+ausgedehnte Hautnekrose. Als der grosse Defekt der Haut verheilt war,
+was etwa 4-5 Wochen nach der Impfung der Fall gewesen war, impfte ich
+das Thier mit einer frischen Blutserumcultur. Es entwickelte sich nur
+eine lokale Schwellung, wenige Tage später aber fand ich eines Morgens
+das Meerschweinchen in folgendem Zustande. Die Haare waren struppig,
+das Thier sehr mager, die Athmung mühsam. Das hintere Körperende lag
+glatt auf dem Boden, nur mühsam vermochte das Thier bei Anreizungen
+zu Bewegungen diesen Körpertheil mit Hilfe der Rumpfmuskulatur
+nachzuschleppen. Es bestand eine ausgesprochene Lähmung der hinteren
+Körperhälfte. Dabei frass das Thier vorgehaltene Kohlblätter mit
+Begier. Ich glaubte nicht, dass das Meerschweinchen diesen Zustand
+überleben würde. Im Verlauf der nächsten 14 Tage indes besserten sich
+die Erscheinungen. Das Haar wurde glatter, die Parese nahm ab, die
+Respiration wurde freier, und nach etwa 3 Wochen war das Thier als
+geheilt zu betrachten. Es ist noch jetzt in meinem Besitz. Seit jener
+Zeit ist es mehrere Male mit Bacillenculturen geimpft worden, hat die
+Impfungen aber überstanden ohne erhebliche locale Reaction.“
+
+Ganz ähnliche Beobachtungen habe ich selbst im Laufe der beiden letzten
+Jahre mehrfach gemacht, und es ist gegenwärtig gar kein Zweifel
+mehr, dass man durch die von _Löffler_ berichtete Behandlungsweise
+gleichfalls immune Meerschweinchen sich verschaffen kann. Wollte man
+dieselbe methodisch verwerthen, und als Methode classificiren, so würde
+sie ihre geeignetste Stelle neben der von mir sub 4 angeführten finden,
+die ja gleichfalls von diphtherieinficirten Thieren ausgeht, bei der
+aber der Heilungsvorgang durch eine Nachbehandlung mit Jodtrichlorid
+in höherem Grade sichergestellt wird, als wenn man denselben ganz der
+Natur überlässt.
+
+Die sub 5 aufgeführte Immunisirung mit Wasserstoffsuperoxyd hat kaum
+bisher ein Analogen; je mehr die Immunitätsstudien vertieft werden, um
+so mehr gewöhnen wir uns an die Annahme einer derartigen Specificität
+der Immunisirungsmittel, dass dieselben in irgend einem directen oder
+indirecten Zusammenhang stehen mit dem Krankheitserreger selbst, gegen
+welchen man immunisiren will, oder mit seinen Stoffwechselproducten.
+Es sind ja Bedingungen bekannt, die bis zu einem gewissen Grade
+die Widerstandsfähigkeit gegenüber verschiedenen Infectionen
+dadurch beeinflussen, dass sie auf den allgemeinen Ernährungs- und
+Gesundheitszustand einwirken; wir wissen namentlich auch, dass das
+Aelter- und Grösserwerden der Individuen nicht gleichgiltig für die
+Empfänglichkeit ist; aber eine so sehr der specifischen Immunisirung
+gleichende Wirkung, wie die des Wasserstoffsuperoxyds gegenüber der
+Diphtherie der Meerschweinchen, habe ich bei keiner Krankheit und durch
+keine Beeinflussung bisher gefunden, ausgenommen vielleicht noch durch
+das Goldnatriumchlorid auch gegenüber der Diphtherie.
+
+Was die Besonderheit der Methode sub 3 betrifft, welche
+darin besteht, dass bacterienfreie diphtheriegifthaltige
+Körperflüssigkeiten eine Immunisirung zu Stande bringen können,
+so ist auch das Princip _dieser_ Methode nicht neu. An sich macht
+es ja überhaupt keinen _principiellen_ Unterschied aus, ob die
+chemisch vaccinirenden Bacterienprodukte sich in einer bacterienfrei
+gemachten Culturflüssigkeit oder -- nach ihrer Isolirung -- wieder
+aufgelöst im Wasser befinden, oder ob sie im Urin oder im Blut
+oder in Exsudaten gelöst zur Wirkung kommen; ihr naheliegendes
+Analogon findet diese Methode in der Immunisirung gegen die
+Pyoceanuskrankheit, welche _Bouchard_ und seine Schüler erzielten,
+als sie den pyoceanusgifthaltigen Urin von Kaninchen dazu benutzten
+(Mittheilung vom 4. Juni 1884); das ist ohne Weiteres verständlich.
+Entgangen ist es aber den meisten Autoren, die über die Entwicklung
+der Immunisirungslehre nachgedacht haben, dass auch die Versuche von
+_Héricourt_ und _Richet_ hierher gehören, in welchen eine Immunisirung
+gegenüber dem „staphylococcus pyosepticus“ bei Kaninchen mit dem
+_Blute_ solcher Hunde erreicht wurde, denen vorher eine Cultur eben
+desselben Staphylococcus eingespritzt worden war, und welche eine
+darauf erfolgende Erkrankung überstanden. Die Hierhergehörigkeit dieses
+Versuchsresultates ist wohl nur deswegen übersehen worden, weil in der
+Benutzung von Blut für die Immunisirung eine äussere Aehnlichkeit mit
+der immunisirenden Wirkung eines aus dem Blute immunisirter Thiere
+gewonnenen Heilserums besteht. Aber abgesehen davon, dass _Héricourt_
+und _Richet_ selber, sowie auch andere französische Autoren, z. B.
+_Bouchard_, diesen Immunisirungseffect ganz richtig als „vaccination“
+bezeichneten, bedarf es nur einer Nachuntersuchung, um sich davon zu
+überzeugen, dass man auf die Art, wie _Héricourt_ und _Richet_ es
+machten, nämlich bei einmaliger Staphylokokkeninfection, nie zu einem
+_heilenden_ Blut, d. h. zu einem solchen gelangen kann, welches bei
+schon erkrankten Thieren lebensrettende Wirkung ausübt, sondern bloss
+zu einem immunisirenden, welches einige Zeit _vor_ der Infection zur
+Anwendung kommen muss. Solch eine immunisirende Wirkung _kann_ von
+Heilkörpern herstammen, die sich bei immunisirten Thieren infolge
+specifischer Reactionen allmählich im Blute ansammeln; sie kann aber
+auch herstammen von den im Blute inficirter Thiere noch kreisenden
+Bakterien oder von Bakterienproducten. Welche dieser drei Möglichkeiten
+im einzelnen Falle zutrifft, das muss jedesmal besonders untersucht
+werden. Speciell in Bezug auf den Staphylococcus pyogenes aureus habe
+ich mich davon überzeugt, dass _Heil_körper in so kurzer Zeit, wie es
+von _Héricourt_ und _Richet_ in ihren Versuchen berichtet wird, sich
+nicht in solcher Menge im Blute einfinden, dass man damit Kaninchen
+immunisiren, geschweige denn heilen könnte. Es wäre gewiss der Mühe
+werth, wenn solche Autoren, die in den Versuchen von _Héricourt_
+und _Richet_ den Beginn der Blutserumtherapie erblicken, sich durch
+_eigene_ Nachforschungen das Recht zu einer solchen Behauptung erwerben
+wollten.
+
+Ich möchte bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam machen, dass es
+Mittel giebt, um sich davon zu überzeugen, ob die noch nicht ganz
+geschwundenen Staphylokokken bezw. ihre Producte die Schutzwirkung
+ausüben, oder ob in der That _Heilkörper_ im Blute vorhanden, aber
+zur Rettung schon kranker Thiere nicht ausreichend sind. Man inficire
+mehrere Kaninchen von gleichem Alter, Körpergewicht und Race mit
+der als sicher tödtlich erprobten Dosis einer Staphylokokkencultur
+und bringe einem Theil derselben die zur Immunisirung ausreichende
+Blutmenge bei zu einer Zeit _nach_ der Infection, in welcher
+Krankheitserscheinungen noch nicht deutlich bemerkbar sind. Handelt
+es sich nun um immunisirende Heilkörper im eingespritzten Blute, dann
+wird mindestens eine Verzögerung des Todes erkennbar sein müssen;
+sind es aber Staphylokokken oder giftige, von denselben herstammende
+Substanzen, welche im Blute immunisirend wirken, dann tritt eine den
+Tod verzögernde Wirkung voraussichtlich nicht zu Tage; ja es werden
+dann möglicherweise die blutbehandelten Thiere noch in kürzerer Zeit zu
+Grunde gehen als die Controlthiere.
+
+Wir werden in dem folgenden Capitel uns mit solchen Versuchsbedingungen
+zu beschäftigen haben, unter denen auch giftige Producte krankmachender
+Bacterien nicht bloss bei einer _Vor_behandlung Krankheitsschutz
+gewähren, sondern auch _nach_ stattgehabter Infection; es ist
+selbstverständlich, dass in solchen Fällen eine den tödtlichen Ausgang
+hinausschiebende oder gänzlich verhütende Wirkung nicht als Beweis für
+das Vorhandensein von _directen_ Heilkörpern gelten kann. Derartige
+Versuchsbedingungen kommen aber bei dem Immunisirungsverfahren von
+_Héricourt_ und _Richet_ nicht in Frage.
+
+Ueberblicken wir jetzt zum Schluss die bei der Diphtherie zum Ziele
+führenden Immunisirungsmethoden, welche oben beschrieben sind, und
+versuchen wir es, dieselben dem Schema einzufügen, welches ich in
+meiner _Blutserumtherapie I_ (Leipzig, bei Thieme 1892) S. 60 ff.
+aufgestellt habe, so finden wir fast alle Arten der Immunisirung
+vertreten.
+
+_Die Abschwächungsmethode durch Anwendung abgeschwächter lebender
+Culturen_ (Pasteur’s vaccination) ist die einzige, von welcher bisher
+Erfolge nicht publicirt sind. Dagegen ist _die Abschwächungsmethode
+durch Anwendung abgeschwächten Giftes_ in den sub 1, 2, 4, 7
+und 9 aufgezählten Methoden repräsentirt. Ich rechne auch die
+sub 9 (Fütterung von Meerschweinchen, Kaninchen und Hunden mit
+Diphtheriegift) hierher, weil in der That durch die Einwirkung der
+Verdauungssäfte, hauptsächlich wohl durch die Magensäure, eine
+Abschwächung des Diphtheriegiftes resultirt, ehe die Aufnahme desselben
+in die Blutbahn erfolgt.
+
+Für diejenige Methode, welche ich als _Verdünnungsmethode_ bezeichnet
+habe, und deren Wesen darin besteht, dass man die Behandlung
+mit kleineren Dosen vollvirulenter Cultur und vollgiftiger
+Culturflüssigkeiten beginnt, worauf dann die Dosirung allmählich
+gesteigert wird, bieten die sub 3 und 8 genannten Verfahren Beispiele.
+
+_Meine combinirte Methode_ ist sub 6 angeführt.
+
+_Die Immunisirung endlich mit Hilfe von krankmachenden Stoffen anderer
+Art, als diejenigen sind, gegen welche immunisirt werden soll_, gelangt
+in der Wasserstoffsuperoxydmethode (sub 5) zur Anwendung.
+
+Von vornherein hat sich nicht voraussehen lassen, auf welchem
+dieser verschiedenen Wege man am schnellsten und sichersten zu hohen
+Immunitätsgraden gelangen kann, und ich habe daher jede dieser
+Methoden eine Weile weiterverfolgt. _Gegenwärtig bevorzuge ich für die
+Immunisirung von grossen Thieren (Schafen) zum Zweck der Gewinnung
+von Diphtherieheilserum meine combinirte Methode._ Ich gehe dabei
+in der Weise vor, dass ich abgeschwächtes Diphtheriegift in einer
+solchen Dosis den Schafen unter die Haut spritze, dass dieselben
+ähnliche Fieberreactionen bekommen, wie das bei der nach _R. Koch_’s
+Vorschrift geleiteten Tuberkulinbehandlung des Menschen der Fall
+ist. Diese Einspritzungen werden solange wiederholt, bis keine
+Temperatursteigerung mehr eintritt. Danach steigere ich zunächst die
+Dosis des abgeschwächten Giftes, um immer neue Reactionen zu bekommen,
+und erst wenn auch auf grosse Quantitäten desselben (50 bis 100
+ccm) keine Reaction mehr erfolgt, gehe ich zu nicht abgeschwächten
+Culturflüssigkeiten über. Die Frage, ob bezüglich der letzteren sich
+vollvirulente _lebende_ Culturen oder vollgiftige _bacterienfreie_
+Culturflüssigkeiten mehr bewähren werden, ist für mich noch nicht
+abgeschlossen; positive und befriedigende Resultate habe ich sowohl mit
+den ersteren wie mit den letzteren bekommen. Misserfolge habe ich im
+Laufe der letzten 6 Monate nicht mehr gehabt, obwohl ich während dieser
+Zeitdauer mehr als 40 Schafe gegen Diphtherie immunisirt habe.
+
+
+
+
+VII.
+
+Von den Bedingungen,
+
+unter welchen die Immunisirung gegenüber der Diphtherie sich vollzieht.
+
+
+Obwohl die verschiedenen Immunisirungsverfahren, welche auf der
+Anwendung des Princips der Giftabschwächung basiren, sämmtlich zuerst
+bei der Diphtherie ausgearbeitet und später erst für die Immunisirung
+gegen andere Infectionskrankheiten verwerthet sind, so hat doch die
+Vertiefung in die Bedingungen des Zustandekommens der erworbenen
+Immunität besonders gute Früchte getragen, als ich in Gemeinschaft mit
+mehreren Mitarbeitern die _Tetanusimmunisirung_ genauer studirte, und
+allmählich ist jetzt das Verhältniss ein umgekehrtes geworden. Zuerst
+suche ich die neu aufstossenden Probleme in der Immunisirungslehre
+durch Experimente zu lösen, die den _Tetanus_ betreffen, und hinterher
+erst sehe ich zu, ob die Ergebnisse auch für die _Diphtherie_ Anwendung
+finden. Es hat sich im Laufe der Zeit dabei gezeigt, dass in allen
+principiellen Fragen eine vollkommene Analogie zwischen diesen beiden
+Krankheiten besteht, so sehr sie auch in ihren Erscheinungsformen von
+einander differiren. Wegen der mehr in die Augen springenden Art der
+Tetanuserkrankung, ferner wegen des Umstandes, dass das Bacteriengift
+aus Tetanusculturen schneller und in stärkerer Wirksamkeit zu gewinnen
+ist, als aus Diphtherieculturen, endlich wegen der Möglichkeit, die
+Tetanusexperimente an einem verhältnissmässig billigen Thiermaterial
+auszuführen, ist aber das Arbeiten über die Tetanusimmunisirung
+erheblich leichter, als das über die Diphtherieimmunisirung, und das
+ist der Grund, aus welchem -- trotz der grösseren Wichtigkeit der
+Diphtheriestudien -- in letzter Zeit die Publicationen über den Tetanus
+in den Vordergrund gerückt sind.
+
+Es ist nur ein Act der Gerechtigkeit, wenn ich auch an dieser Stelle
+bei der Besprechung der Bedingungen, unter welchen die Immunisirung
+mit Hilfe von Bacteriengiften sich vollzieht, vom Tetanus ausgehe
+und dabei der unermüdlichen Mitarbeit des Herrn Dr. _Knorr_ gedenke,
+welche allein es ermöglicht hat, dass in verhältnissmässig kurzer
+Zeit eine ganze Reihe von principiellen Fragen entschieden werden
+konnte oder wenigstens der Entscheidung näher gebracht worden ist.
+_Vor allem bedeutungsvoll ist von den hauptsächlich durch Knorr
+eruirten Versuchsergebnissen der Nachweis, dass es gelingt aus
+Tetanusbouillonculturen, durch eigenartige Behandlung derselben,
+Stoffe herzustellen, welche auch noch nach der Tetanusinfection und
+Tetanusintoxication lebensrettend wirken._ Die zunächst in diesem
+Capitel zu besprechenden Verhältnisse, betreffend die _Reactionen_,
+welche man im Gefolge der immunisirenden Behandlung auftreten
+sieht, sind allerdings in ihren wesentlichsten Zügen zuerst bei der
+_Diphtherieimmunisirung von Schafen_ beobachtet und dann erst beim
+Tetanus genauer studirt worden.
+
+Gelegentlich der Immunisirung von Pferden und Schafen gegenüber
+dem Tetanus mit Hülfe von Culturflüssigkeiten zeigte sich, dass dem
+Immunwerden mehr oder minder ausgesprochene Reactionen voraufgehen,
+welche durch die Immunisirungsmittel ausgelöst werden.
+
+Diese Reactionen können sich äussern durch ein Krankwerden unter den
+charakteristischen Symptomen des Tetanus.
+
+Es können aber auch tetanische Erscheinungen gänzlich fehlen und dabei
+doch recht erhebliche und langandauernde krankhafte Veränderungen
+bestehen; die Thiere haben dann wochenlang Fieber, verlieren die
+Fresslust und magern ab; bei mehreren _Schafen_ zog sich ein solches
+Kranksein, auch nachdem die immunisirende Vorbehandlung gänzlich
+eingestellt war, sogar zwei bis vier Monate lang hin. Prüfte man
+während dieser Zeit die Widerstandsfähigkeit der Thiere gegenüber dem
+Tetanusgift, so wurde dieselbe im Vergleich zu derjenigen, welche
+vor dem Krankwerden constatirt war, nicht grösser, sondern geringer
+gefunden. Zuweilen war die Giftwiderständigkeit um mehr als das
+hundertfache zurückgegangen. Erst wenn nicht bloss die Körpertemperatur
+wieder normal geworden ist, sondern auch das Gewicht seine alte Höhe
+erreicht hat, fängt die Zunahme der Giftimmunität an, und diese Zunahme
+lässt sich dann wochenlang und monatelang weiter verfolgen, auch wenn
+man inzwischen keine weiteren Gifteinspritzungen macht.
+
+Eine dritte Art der Reaction äussert sich in kurzdauerndem Fieber
+ohne nennenswerthe Gewichtsabnahme. Diese Reaction kann man kaum
+als eine Krankheit bezeichnen. Auch wenn die Temperatursteigerung,
+welche in diesem Fall schon wenige Stunden nach der Gifteinspritzung
+beginnt, sehr hoch wird, bei Pferden von 37,0 bis 41°, bei Schafen
+von 39,5 bis 41,5° und darüber, merkt man äusserlich den Thieren kein
+Kranksein an; ihre Fresslust ist unvermindert; die Munterkeit zuweilen
+scheinbar noch gesteigert; und die Gewichtsmessungen ergeben höchstens
+am zweiten und dritten Tage nach der das Fieber hervorrufenden
+Injection eine geringe Abnahme; dieselbe wird aber an den folgenden
+Tagen nicht bloss ausgeglichen, sondern erheblich übercompensirt. Der
+Verlauf der Temperatursteigerung und des Temperaturabfalls entspricht
+genau dem, was wir von kräftigen Reactionen bei einer gut geleiteten
+Tuberkulinbehandlung wissen.
+
+Endlich lässt sich noch eine vierte Art der Reaction auf das
+Tetanusgift beobachten, die dadurch charakterisirt ist, dass das
+Fieber vollständig fehlt oder bloss durch Decigrade angedeutet ist,
+dass auch ein Gewichtsverlust gar nicht eintritt, dass aber die
+Blutuntersuchung objectiv nachweisbare Veränderungen erkennen lässt.
+Ich habe meine Aufmerksamkeit nach dieser Richtung besonders dem
+Gerinnungsprocess des Aderlassblutes zugewendet und gefunden, dass
+derselbe in Fällen von einer solchen Vorbehandlung mit Tetanusgift,
+die ohne ein Erkennbarwerden sonstiger Krankheitssymptome zur Erhöhung
+der Tetanusgiftwiderständigkeit führte, verlangsamt ist, und ausserdem
+dass die Ausbeute an Serum auch bei längerem Stehen des Blutes eine
+geringere wird.
+
+Die sehr zahlreichen Einzelbeobachtungen haben ergeben, dass diese
+vier Arten der Reaction, von denen die letzte den leichtesten Grad,
+die erste den schwersten repräsentirt, ohne markante Unterschiede
+in einander übergehen. Im Allgemeinen liess sich dabei erkennen,
+dass die der vierten Art der Reaction zukommende Veränderung des
+Gerinnungsprocesses bei der dritten, zweiten und ersten Reaction,
+ferner das hohe Fieber der dritten als Initialfieber bei der zweiten
+und ersten und das continuirliche bezw. remittirende Fieber der zweiten
+Reaction nebst dem Gewichtsverlust bei der ersten wiederzufinden
+sind. Hierzu bedarf es jedoch einiger einschränkender Bemerkungen.
+Bei der ersten Reaction _kann_ das hohe Initialfieber vorhanden sein,
+es kann aber auch gänzlich fehlen oder nur angedeutet sein; und zwar
+fehlt es um so gewisser, je schwerer die tetanische Erkrankung ist.
+Die verlangsamte Gerinnung aber des Aderlassblutes hält nicht während
+der _ganzen_ Dauer des Krankseins an, sondern nur so lange, als
+dabei Temperatursteigerung besteht, und wenige Tage nach dem Ablauf
+derselben; in der Periode des Gewichtsverlustes erfolgt bei _niedriger_
+Temperatur sogar die Beendigung der Blutgerinnung schneller, als bei
+normalem Verhalten der Thiere, und die Serumausbeute ist eine abnorm
+grosse.
+
+Nachdem ich diese bemerkenswerthen Verhältnisse erkannt und
+classificiren gelernt, und nachdem ich für die Leitung der Immunisirung
+die genaue Verfolgung des Ablaufs der Reactionen als ein überaus
+werthvolles Kriterium ausgenützt hatte, ging das weitere Bestreben
+dahin, diejenige Art derselben ausfindig zu machen, welche für meine
+Zwecke am vorteilhaftesten erschien.
+
+Nun sind meine Immunisirungsarbeiten stets auf das Ziel gerichtet,
+mit Hülfe derselben ein möglichst heilkräftiges Blut von den Thieren
+zu bekommen; zur Erreichung dieses Zieles aber ist es _im Princip_
+gleichgültig, ob wir die Immunisirung so handhaben, dass wir die
+Thiere schwere Erkrankungen überstehen lassen, oder ob wir alle
+äusserlich wahrnehmbaren, oder auch durch Temperaturmessungen und
+Gewichtsbestimmungen zu constatirenden Gesundheitsstörungen vermeiden
+und nur durch sorgfältige Blutuntersuchungen kenntlich werdende
+Reactionen auslösen.
+
+Es erwies sich dagegen die Art des Vorgehens _nicht_ gleichgiltig, wenn
+nicht bloss ein hoher Grad der Tetanusimmunität und dementsprechend
+ein kräftiges Heilserum bekommen, sondern wenn dieses Ziel auch in
+möglichst kurzer Zeit und möglichst ohne die Gefahr von Verlusten
+erreicht werden sollte.
+
+Positive und befriedigende Resultate habe ich gewonnen sowohl bei
+solchen Thieren (Pferden), die einen regulären Tetanus überstanden, wie
+bei solchen, die zu keiner Zeit nennenswerthe Krankheitserscheinungen
+erkennen liessen. _Aber die schnellste und sicherste Art der
+Immunisirung ist bisher diejenige gewesen, welche durch häufige
+Wiederholung von Reactionen der dritten Art erhalten wird, die also
+nach dem Typus der von R. Koch empfohlenen Tuberkulinbehandlung
+beginnender Tuberkulose verläuft._ Es verdient hier erwähnt zu werden,
+dass vielleicht die günstigen Erfolge bei meinem Immunisirungsverfahren
+gegenüber dem Tetanus nicht sobald gewonnen worden wären, wenn nicht
+ganz analoge Beobachtungen bei der Diphtherieimmunisirung von Schafen
+voraufgegangen wären; und diese wiederum ist in ganz bewusster Weise
+angelehnt worden an _R. Koch_’s epochemachende Mittheilungen über den
+Eintritt der Tuberkulinimmunität nach subcutaner Injection allmählich
+gesteigerter Tuberkulindosen.
+
+Auf welche Weise man diese schnell und ohne sonstige krankhafte
+Veränderungen ablaufenden Fieberreactionen im Verlauf der
+Tetanusimmunisirung erreicht, ob durch lebende Tetanusculturen,
+oder durch Culturen, in denen die Tetanusbacillen durch Carbolsäure
+abgetödtet sind, sodass bloss noch das Tetanusgift und vielleicht die
+Tetanussporen für die Wirkung in Frage kommen, ob durch filtrirte
+Culturen, in denen das Gift sicher allein als wirksames Princip
+enthalten ist, ob endlich durch _unverändertes_ oder ein durch langes
+Stehenlassen und Einwirkung des atmosphärischen Sauerstoffs, durch
+Hitze oder Chemikalien _abgeschwächtes_ Gift, das alles ist wiederum
+_an sich_ ganz gleichgiltig.
+
+Fragt man aber, wie _im concreten Fall_ sich die Sache gestaltet, dann
+bedarf es der sorgfältigsten Abwägung der verschiedensten Umstände.
+
+Vor Allem kommt es darauf an, von welcher Art die Thiere sind,
+die man immunisiren will, und in welcher Immunisirungsperiode sich
+dieselben befinden. Thiere, welche für die Erkrankung an Tetanus durch
+Gifteinspritzung und durch Infection mit den lebenden Bacillen weniger
+leicht empfänglich sind, wie Hunde und alte Schafe, kann man gleich von
+vornherein mit kleinen Dosen des unveränderten Tetanusgiftes behandeln.
+Allenfalls angängig ist das auch bei Kaninchen. Mäuse, Meerschweinchen,
+Lämmer, Pferde müssen aber, wenn man bei diesen Thieren sicher und
+schnell zum Ziel gelangen will, mit _abgeschwächtem_ Gift in der
+ersten Immunisirungsperiode behandelt werden. Sind sie erst auf einen
+gewissen Immunitätsgrad gebracht, dann _können_ sie nicht bloss mit
+unverändertem Gift oder mit vollvirulenter Cultur zur Erreichung sehr
+hoher Immunitätsgrade weiter behandelt werden, sondern es _muss_ das
+geschehen, da sonst Reactionen ausbleiben und damit auch die Steigerung
+der Immunität.
+
+In Gemeinschaft mit Herrn Prof. _Schütz_ habe ich mich durch eigens
+darauf gerichtete Versuche an Pferden von der _Möglichkeit_,
+durch gleich von vornherein verabfolgte Gaben sehr kleiner
+Mengen _unveränderten_ Tetanusgiftes diese Thiere über die erste
+Immunisirungsperiode hinwegzubringen, überzeugt. Wir haben dabei aber
+Verluste gehabt und gesehen, dass man schneller und sicherer vorwärts
+kommt bei der Anwendung abgeschwächter Culturen.
+
+Wie bei Meerschweinchen und Mäusen die principielle Entscheidung der
+Frage von der Anwendbarkeit dieser _Verdünnungsmethode_ schliesslich
+lauten wird, muss vorläufig noch in suspenso gelassen werden.
+
+Dagegen habe ich in Gemeinschaft mit Dr. _Knorr_ eine andere,
+zunächst theoretisch wichtig erscheinende Frage durch Experimente
+an Mäusen zu beantworten gesucht, die mit dem fundamentalen Problem
+des Unterschiedes zwischen der _Verdünnungsmethode_ und der
+_Abschwächungsmethode_ in innigster Beziehung steht.
+
+Das hier in Frage stehende Problem ist folgendes:
+
+Nach der bis vor Kurzem in _Frankreich_ geltenden Doctrin sollen in den
+Culturen krankmachender Bakterien Giftstoffe und vaccinirende Stoffe
+nebeneinander vorkommen, und man gab sich demgemäss der Hoffnung hin,
+dass man durch geeignete Maassnahmen die Giftwirkung aus den Culturen
+eliminiren und die vaccinirende Wirkung allein übrig behalten könne.
+_Charrin_, _Roger_, später wohl auch die in _Pasteur_’s Institut
+dieses Gebiet bearbeitenden Bakteriologen, nahmen das auf _Bouchard_
+zurückzuführende Dogma von der Selbstständigkeit und Präexistenz eines
+immunisirenden Princips in den Culturen an, wobei namentlich die
+Pyocyaneusimmunisirung der Kaninchen als Paradigma diente.
+
+In _Deutschland_ wurde dieses Dogma von _C. Fraenkel_ für die
+Diphtherie, von _Brieger_, _Kitasato_ und _Wassermann_ für die
+Immunisirung gegenüber dem Tetanus, der Diphtherie, dem Typhus, der
+Cholera gläubig acceptirt und womöglich noch bedingungsloser bekannt.
+Von dieser Doctrin aus musste selbstverständlich die Immunisirung
+als am besten erreichbar betrachtet werden, wenn der Giftstoff von
+dem supponirten immunisirenden Stoff reinlich getrennt würde, und es
+sind denn auch Versuche nach dieser Richtung hin angestellt worden.
+Als dieselben resultatlos verliefen, wurde mehr oder weniger bewusst
+damit gerechnet, dass der Giftstoff durch Hitze und durch Chemikalien
+leichter zerstörbar sei, als die supponirte immunisirende Substanz;
+und so hat _C. Fraenkel_ geglaubt, das giftige Princip aus drei Wochen
+alten Diphtherieculturen vollständig zu entfernen, wenn er dieselben
+auf 65° C. erhitzte, und _Brieger_, _Kitasato_ und _Wassermann_
+haben Aehnliches behauptet für die Wirkung von Thymussubstanz auf
+Bakterienculturen.
+
+Ich habe nun genügende Veranlassung, die diesen Versuchen zu Grunde
+liegende Theorie _Bouchard_’s als nicht zutreffend zurückzuweisen,
+insofern als in meinen eigenen Versuchen Alles dafür spricht, dass
+die giftige und immunisirende Substanz identisch sind und dass in den
+Versuchen _Bouchard_’s und seiner Schüler, sowie in denen der genannten
+_deutschen_ Autoren die Giftwirkung nicht _eliminirt_ worden ist,
+sondern dass die in Frage kommenden Gifte thatsächlich bloss _schwächer
+wirksam_ gemacht worden sind.
+
+Indessen, gar so einfach sind die Verhältnisse nicht, und ein so
+scharfsinniger Beobachter, wie _Bouchard_ es ist, wäre gewiss
+nicht zu seiner Lehre gekommen, wenn nicht eine Reihe wichtiger
+Thatsachen zu Gunsten derselben sprechen würde. Die wichtigste
+unter diesen Thatsachen ist aber eben die, dass es Fälle giebt, wo
+nach dem bisherigen Stande unserer Kenntnisse eine Immunisirung
+mit Bakterienculturen nur dann möglich ist, wenn dieselben durch
+physikalische oder chemische Agentien verändert sind, und dass man da,
+wo _vor_ der Einwirkung der letzteren schon mit kleinen Culturmengen
+der Tod der Versuchsthiere herbeigeführt werden konnte, _nach_ einer
+abschwächenden Behandlung der Culturflüssigkeiten selbst mit sehr
+grossen Mengen derselben nicht einmal eine deutliche Erkrankung
+zu erzielen war, dass aber gerade hierbei, bei der Anwendung
+grosser Mengen scheinbar ungiftig gewordener Cultur, die besten
+Immunisirungseffekte erreicht wurden.
+
+Die Hoffnung, welche an diese Thatsache geknüpft wurde, dass
+es gelingen könnte, unter _gänzlicher_ Ausschaltung des fertigen
+Giftes oder der krankmachenden Wirkung lebensfähiger Parasiten, den
+Krankheitsschutz zu erreichen, hat sich aber nicht erfüllt. Der
+premier vaccin für den Milzbrand der _Schafe_, welcher für diese
+Thiere fast inoffensiv ist, bleibt ein tödtliches Virus für _Mäuse_,
+die immunisirenden Producte in Pyoceanusculturen, welche durch
+Erhitzen und andere Behandlungsmethoden derselben in Erscheinung
+treten, rufen immer noch Fieber hervor, wenn sie in genügender Menge
+Kaninchen incorporirt werden. Aehnliches gilt für die erhitzten und
+mit Chemikalien behandelten immunisirenden Diphtherie-, Tetanus-,
+Typhus- und Choleraculturen und Gifte, und ich habe mich durch eigene
+Versuche davon überzeugt, dass es ein Irrthum ist, wenn _C. Fraenkel_
+glaubt, dass das Diphtheriegift durch Erhitzung auf 65° C. zerstört
+werde. Das ist so wenig der Fall, dass man vielmehr genau die gleiche
+typische Diphtherievergiftung mit so erhitztem Diphtheriegift erzeugen
+kann, wie mit nicht erhitztem und unverändertem, wenn nur die Quantität
+genügend gross genommen wird. Man kann eigentlich kaum mit Sicherheit
+behaupten, dass das Gift eine _qualitative_ Veränderung durch die
+Abschwächung erfährt. Wenn man eine Diphtheriecultur, die nur so wenig
+Giftsubstanz enthält, wie das in 3 Wochen alten, _mässig_ virulenten
+Diphtheriebouillonculturen der Fall ist, eine halbe Stunde lang auf
+65° C. erhitzt, dann wird in der That eine Giftzerstörung vorgetäuscht.
+Selbst 15 ccm, in die Bauchhöhle von Meerschweinchen injicirt, rufen
+bei denselben äusserlich kaum wahrnehmbare Vergiftungserscheinungen
+hervor; _erhitzt man dagegen ebenso stark und ebenso lange eine 6
+Wochen alte, ursprünglich sehr virulente Cultur, oder ein Filtrat
+derselben, so sterben auch grosse Meerschweinchen schon nach 3 ccm
+unter den typischen Symptomen der Diphtherievergiftung, und bei
+der Section findet man genau die gleichen Veränderungen, wie bei
+solchen Meerschweinchen, welche von derselben Cultur die tödtliche
+Minimaldosis vor dem Erhitzen bekommen haben. Der Unterschied ist nur
+ein quantitativer: Während man nach dem Erhitzen 3 ccm zur tödtlichen
+Vergiftung einspritzen muss, genügt zur Erreichung des gleichen
+Effektes von der vollen Cultur 0,01 ccm und noch weniger, von dem
+Filtrat derselben aber 0,15 ccm. Der Wirkungswerth der Cultur ist nach
+der Ausschaltung der noch lebenden Diphtheriebacillen durch Abfiltriren
+also um’s 15fache geringer geworden, nach Abtödtung der Bacillen und
+nach der Beeinflussung des Giftes durch die Erhitzung auf 65° C.
+während ½stündlicher Dauer im Wasserbade mindestens um’s 300fache._
+
+Das Problem, welches uns gegenwärtig noch interessirt, ist nach alledem
+ein anderes geworden, als wie es von _Bouchard_ und seinen Nachfolgern
+aufgestellt wurde. Wir werden jetzt nicht mehr von der irrigen Annahme
+einer _qualitativen_ Differenz der giftigen und immunisirenden Substanz
+in Bacterienculturen ausgehend uns bemühen, einen hypothetischen rein
+vaccinirenden Stoff aus denselben auszuscheiden; wir werden aber
+nichtsdestoweniger uns weiter mit der Frage zu beschäftigen haben, wie
+wir die Thatsache von der differenten immunisirenden Leistungsfähigkeit
+stark giftiger Culturen vor und nach der Verminderung ihrer Giftigkeit
+uns praktisch zu Nutze machen können.
+
+Ich habe diese Thatsache in meinen mit Stabsarzt _Wernicke_ bei
+Meerschweinchen, Kaninchen und Schafen ausgeführten und publicirten
+_Diphterie_immunisirungsversuchen und bei der mit Prof. _Schütz_
+in der thierärztlichen Hochschule erreichten Immunisirung von
+Pferden und Schafen gegenüber dem _Tetanus_ in Wirklichkeit schon
+früher genügend dadurch berücksichtigt, dass ich ein _combinirtes_
+Immunisirungsverfahren einschlug, indem Stabsarzt _Wernicke_, Prof.
+_Schütz_ und ich zunächst jodtrichloridbehandelte Culturen und
+dann erst vollvirulente anwendeten. Eine genaue Untersuchung der
+Unterschiede, welche bei der Anwendung der _Abschwächungsmethode_,
+die mit weniger giftig gemachten Culturen arbeitet, und der
+_Verdünnungsmethode_, bei der vollvirulente und vollgiftige Culturen
+in anfänglich sehr kleinen und dann allmählich gesteigerten Dosen
+eingespritzt werden, ist aber erst möglich geworden, seitdem ich in
+Gemeinschaft mit Dr. _Knorr_ die subtilen Verhältnisse in der Wirkung
+des Tetanusgiftes auf weisse Mäuse kennen gelernt hatte.
+
+Es ist in dieser geschichtlichen Darstellung vielleicht nicht
+ohne Werth, wenn ich hier mittheile, wie wir zur Feststellung der
+differenten Leistungsfähigkeit jener beiden Immunisirungsmethoden auf
+einem weit abseits liegenden Wege gekommen sind, nämlich gelegentlich
+von _Untersuchungen über den Wirkungsmodus des Tetanusheilserums_.
+
+Aus mehrfachen Gründen war es uns zweifelhaft geworden, dass das
+Tetanusheilserum in _der_ Weise die Giftwirkung des Tetanusgiftes
+und der lebend eingeführten Tetanusbacillen und Sporen unschädlich
+mache, wie ich es anfänglich darstellte, dass nämlich das Gift durch
+die im Blutserum immunisirter Thiere vorzufindenden Heilkörper
+_zerstört_ werde. Ursprünglich nämlich stellte ich mir vor, dass bei
+dem Contact der im Serum enthaltenen Heilkörper, der Antitoxine, mit
+dem Tetanusgift das letztere thatsächlich zerstört, gewissermaassen
+chemisch abgebaut oder demolirt wird. Wenn man eine Tetanusgiftlösung
+mit Heilserum zusammen einer Maus einspritzt, dann hört die Lösung
+auf, ein Gift zu sein. Da aber andererseits in einer solchen Mischung
+auch Antitoxin verbraucht resp. unwirksam wird, so hatte ich weiterhin
+angenommen, dass auch dieses sich chemisch zersetzt, so dass wir es
+mit einer Wechselwirkung zu thun hätten, bei der Antitoxin und Gift
+auf einander wirken und dabei beide ihre specifischen Eigenschaften in
+Folge einer chemischen Umsetzung einbüssen.
+
+Wenn aber die lebensrettende Wirkung des Serums auf eine
+Gift_zerstörung_ zurückzuführen ist, dann ist nicht recht einzusehen,
+aus welchem Grunde so grosse Unterschiede in dem Serumbedarf existiren,
+wenn man die Behandlung _vor_ oder _nach_ einer Giftapplication
+vornimmt, so dass zur Heilung kranker Mäuse schliesslich das
+millionenfache derjenigen Serummenge erforderlich ist, die zur
+Immunisirung ausreicht.
+
+Dieses Bedenken und manche andere führten uns zur Untersuchung
+der Frage, ob auch die Thatsachen, welche mir früher für eine
+Giftzerstörung durch das Serum zu sprechen schienen, zu solch’ einer
+Annahme durchaus zwingen.
+
+Das ist nun nicht der Fall. Nehmen wir einmal an, dass das Serum
+gar nicht auf das Tetanusgift _direct_ einwirke, sondern dass seine
+immunisirende Wirkung auf eine Action zurückzuführen ist, die es auf
+irgend welche Theile des lebenden Organismus ausübt, dass z. B. Gift
+und Serum auf gleiche Apparate desselben, aber in entgegengesetztem
+Sinne, wirken, so wird auch unter dieser Annahme das Tetanusgift in
+einer Mischung von Tetanusgiftlösung mit Heilserum unwirksam werden
+müssen. Denn wenn bei der _gesonderten_ Gift- und Serumeinspritzung der
+Tetanustod verhütet wird, so wird er auch verhütet werden müssen, wenn
+beides _zusammen an dieselbe Stelle_ eingespritzt wird, ohne dass man
+daraus auf eine Destruction des Giftes mit Sicherheit schliessen kann.
+
+Diese Ueberlegungen gaben Veranlassung zur Aufsuchung einer Methode,
+welche die Entscheidung durch das Experiment ermöglichen sollte.
+
+Ich glaubte mit Dr. _Knorr_, auf gutem Wege zur Auffindung einer
+solchen Methode zu sein bei der Anwendung folgenden Verfahrens.
+
+Wir erhitzten im Reagensglase eine Mischung von Serum mit Tetanusgift,
+welche das letztere im Ueberschuss enthielt, auf 65° eine halbe
+Stunde lang. Bei dieser Temperatur wird das Tetanusgift für Mäuse
+selbst in grossen Dosen unschädlich; das Heilserum aber behält dabei
+seine specifische Wirkung. Wenn nun die nicht erhitzte Mischung Mäuse
+unter tetanischen Erscheinungen tödtet, die erhitzte aber nicht,
+_und wenn dann weiter die mit erhitzter Mischung behandelten Mäuse
+bei gleichzeitiger anderweitiger Intoxication mit Tetanuscultur
+gegen die tödtliche Wirkung derselben geschützt sind_, so glaubten
+wir, dadurch erwiesen zu haben, dass noch wirksames Antitoxin in der
+Mischung vorhanden sein müsse; und wir glaubten, dass dadurch ein
+Nebeneinanderexistiren des Tetanusgiftes und der Heilkörper, _ohne eine
+eingreifendere gegenseitige Einwirkung derselben aufeinander_, zum
+mindesten wahrscheinlich gemacht werde.
+
+Das Ergebniss war nun in der That für die Hypothese des
+_Nebeneinanderexistirens von Gift und Heilserum in der Mischung ohne
+gegenseitige chemische Zersetzung_ ausserordentlich günstig; die
+Mischung war nach dem Erhitzen ungiftig geworden, und nicht bloss
+erwiesen sich die mit derselben behandelten Mäuse als immun gegen
+_nachfolgende_ Tetanusintoxication, sondern auch wenn sie _vorher_ mit
+einer sicher tödtlichen Dosis vergiftet waren, blieben sie nach dem
+Einspritzen der erhitzten Mischung am Leben.
+
+Es ist dabei zu berücksichtigen, dass nach den Mittheilungen von
+_Kitasato_ und anderen Autoren, besonders aber auch nach den Angaben
+von _Brieger_, _Kitasato_ und _Wassermann_, eine Immunisirung von
+Mäusen gegen Tetanus mit Hülfe von Tetanusculturen unmöglich sein
+sollte, wenn nicht denselben Thymussubstanz hinzugefügt wird; dass
+ferner auch bei dieser Immunisirungsmethode, ebenso wie bei meiner
+Jodtrichloridmethode längere Zeit, Wochen, mindestens aber mehrere Tage
+vergehen müssen, ehe man die Thiere immun findet. Da schien denn der
+Einwand geradezu ausgeschlossen, dass vielleicht der Immunisirungs-
+und Heilerfolg nach Anwendung der erhitzten Mischung auch zum Theil
+oder gar ganz auf Rechnung des in der Mischung enthaltenen erhitzten
+Tetanus_giftes_ gesetzt werden könne. Indessen bei einer solchen
+fundamentalen Frage hielt Dr. _Knorr_ es doch noch für erforderlich,
+durch’s Experiment diesen Einwand zurückzuweisen; er liess das
+Heilserum weg, nahm bloss diejenige Menge von Tetanusgift, die mit der
+Mischung den Mäusen eingespritzt war, und die beiläufig in unerhitztem
+Zustande das 1500fache bis 10000fache der tödtlichen Minimaldosis
+betrug, erhitzte dasselbe auf 65° eine halbe Stunde lang, und was
+wir für ausgeschlossen hielten, das trat in Wirklichkeit ein: _Das
+erhitzte und dadurch abgeschwächte Tetanusgift hatte allein für sich
+die Fähigkeit, nicht bloss Mäuse zu immunisiren, sondern auch nach der
+Vergiftung noch vom Tetanustode zu retten._
+
+Diese Beobachtung wurde der Ausgangspunkt einer Reihe von anderen
+Studien, die sich mit der quantitativen Bestimmung der immunisirenden
+und heilenden Leistungsfähigkeit des erhitzten Tetanusgiftes
+beschäftigten. An dieser Stelle kommt es mir nur darauf an, zu
+constatiren, dass wir für _die Frage nach der differenten Wirkung
+kleiner Dosen einer vollgiftigen Cultur und grosser Dosen einer
+abgeschwächten_ zu einem Resultat gekommen sind, welches auf den ersten
+Blick geeignet scheint, _Bouchard_’s Annahme von der Existenz eines
+selbstständigen immunisirenden Princips in den Culturen zu stützen;
+in Wirklichkeit beweist es aber auch nicht das geringste für eine
+_qualitative_ Differenz zwischen immunisirendem und giftigem Agens.
+Auch hier wieder lassen sich die Versuchsbedingungen so herstellen,
+dass man bei genügender Steigerung der Dosis von der scheinbar
+ungiftig, aber um so mehr immunisirend gewordenen Cultur doch noch
+wieder Krankheitserscheinungen mit derselben erzeugen kann.
+
+Ich habe im Vorstehenden eine grössere Zahl von noch schwebenden
+Fragen in der Immunitätslehre gestreift, deren endgiltige Beantwortung
+vielleicht in langer Zeit noch nicht möglich sein wird. Die
+Erörterung derselben war aber unvermeidlich, wenn es verständlich
+sein soll, wie ich zu der Wahl des gegenwärtig von mir bevorzugten
+Diphtherie-Immunisirungsverfahrens gekommen bin, von welchem im
+experimentellen Theil dieser Arbeit in dem Capitel „Ueber die
+Heilserumgewinnung zum Zweck der Behandlung diphtheriekranker Menschen“
+(„Die Diphtherie“, 2. Heft) die Rede sein wird.
+
+Es hat sich nämlich gezeigt, dass die bei der Immunisirung
+gegenüber dem Tetanus der Mäuse gemachten Erfahrungen auch
+für die Tetanusimmunisirung aller anderen bis jetzt daraufhin
+untersuchten Thiere Geltung haben. Und nicht bloss das: Auch für
+die Diphtherieimmunisirung sind die aus den Beobachtungen an
+tetanusimmunisirten Thieren abgeleiteten Grundsätze maassgebend
+gefunden worden.
+
+Diese Grundsätze lassen sich nach dem gegenwärtigen Stande meiner
+Kenntniss hierüber in folgender Weise zusammenfassen.
+
+_Bei der Anwendung von gifthaltigen Culturflüssigkeiten zum Zweck der
+Immunisirung ist der Immunisirungseffect abhängig:_
+
+_I. von den Reactionen, welche das Gift erzeugt,_ _II. von der
+absoluten Menge des Giftes._
+
+_ad I. 1) Bei gegebener Culturflüssigkeit mit constantem Giftwerth ist
+die Dosirung derselben durchaus nach der individuellen Empfänglichkeit
+des zu immunisirenden Individuums für das Gift zu bemessen. Eine
+immunisirende Wirkung durch dasselbe tritt dabei nur in dem Falle ein,
+wenn durch das Gift Reactionen ausgelöst werden._
+
+_2) Unter sonst gleichen Bedingungen ist der infolge der
+Einzelreaction schliesslich resultirende Immunisirungseffect um so
+grösser, je kräftiger dieselbe gewesen war._
+
+_3) Dagegen erfolgt der Eintritt der Immunität um so später, je
+stärker die Reaction gewesen war, und der Immunisirungserfolg kann
+gänzlich vereitelt werden, wenn infolge von zu heftiger Reaction der
+Tod eintritt, oder wenn die als Krankheit sich äussernde Reaction in
+Siechthum übergeht._
+
+_4) Die am meisten gefahrlose und sicherste Art der Immunisirung wird
+erreicht durch Erzeugung von Reactionen nach dem Typus mässig starker
+Tuberkulinreactionen bei R. Koch’s Behandlung der Tuberkulose des
+Menschen. Diese Reactionen lassen ausser einer schnell vorübergehenden
+Temperatursteigerung keinerlei Krankheitserscheinungen erkennen._
+
+_ad II. i) Obwohl wir noch nicht wissen, ob das für die Immunisirung in
+Frage kommende Gift überhaupt ein chemisch definirbarer und wägbarer
+Stoff ist, so können wir doch bis zu einem gewissen Grade dasselbe
+schon jetzt zahlenmässig durch seine Wirkung auf bestimmte Thiere
+umgrenzen._
+
+_2) Sowohl das Diphtheriegift wie das Tetanusgift erfahren durch höhere
+Temperatur und durch chemische Agentien verschiedenster Art eine
+willkürlich zu dosirende Abschwächung, von der es noch nicht feststeht,
+ob dabei das Gift in seiner specifischen Wirkung qualitativ verändert
+wird, die aber dadurch zum Ausdruck gebracht werden kann, dass man erst
+durch höhere Dosen die gleichen Vergiftungserscheinungen hervorrufen
+kann._
+
+_3) Mit einer Culturflüssigkeit, deren tödtliche Minimaldosis für
+die zur Bestimmung des Giftwerthes gewählte Thierspecies bekannt ist,
+lassen sich die zur schnellen und gefahrlosen Immunisirung geeigneten
+Reactionen um so besser erzielen, je grösser die Dosis ist, mit
+Hilfe deren man die Einzelreaction auslöst. Aus diesem Grunde ist
+es zweckmässig, bei Thieren, die für die Giftwirkung der in Frage
+kommenden Culturflüssigkeit sehr empfänglich sind, was an der geringen
+Höhe der tödtlichen Minimaldosis erkannt werden kann, zur Erreichung
+einer gefahrlosen und schnellen Immunisirung die Abschwächungsmethode
+zu wählen, während man bei weniger empfänglichen Individuen die gleiche
+Culturflüssigkeit in unverändertem, vollgiftigem bezw. vollvirulentem
+Zustande anwenden kann._
+
+_4) Auch ursprünglich sehr empfängliche Individuen werden für die
+Behandlung mit unverändert giftiger Culturflüssigkeit geeignet, wenn
+man sie mittelst der Abschwächungsmethode weniger empfänglich gemacht
+hat._
+
+
+
+
+VIII.
+
+Das Diphtherieheilserum und seine Eigenschaften.
+
+
+Detaillirte Angaben über die Eigenschaften des Diphtherieheilserums
+sind bisher nur an zwei Stellen gemacht worden; zuerst in der
+Arbeit „_Ueber Immunisirung und Heilung von Versuchsthieren bei der
+Diphtherie_“ von _Behring_ und _Wernicke_ (Zeitschr. f. Hyg. (1892) Bd.
+XI, S. 10-44) und dann neuerdings in einem _Vortrage von Wernicke_,
+dessen wesentlichster Inhalt in den Verhandlungen der _Physiologischen
+Gesellschaft_ zu Berlin (No. 6 u. 7 10./2. 93, S. 5 ff.) abgedruckt ist.
+
+In meiner gemeinschaftlich mit _Wernicke_ publicirten Arbeit
+(l. c. S. 18 ff.) sind eine Reihe von wichtigeren Merkmalen des
+Diphtherieheilserums genauer erörtert worden.
+
+Als solche führe ich hier an:
+
+_Erstens_: Durch einen Carbolsäurezusatz zum Serum bis zu einem Gehalt
+von 0,5% lassen sich die Heilkörper in demselben gut conserviren (S.
+18).
+
+_Zweitens_: Die Wirkungsweise des Heilserums ist keine solche, wie
+ich sie für die immunitätverleihende Action der Bacterienproducte
+supponire; diese ist nach meiner Auffassung eine fermentähnliche
+in dem Sinne, „_dass sie nur den Anstoss zu gewissen Veränderungen
+im behandelten Organismus liefert, die dann ihrerseits erst die
+Immunität bedingen_“ (S. 18); „_durch die Serumzufuhr dagegen geben
+wir einem Thiere ein anderes Blut und damit gewisse Eigenschaften und
+Fähigkeiten desjenigen Individuums, von welchem das Serum, gewonnen
+ist. Dementsprechend kommen wir nicht mit einfachen Blutimpfungen aus,
+sondern wir müssen ausgerechnete Serummengen transfundiren_“ (S. 18).
+
+_Drittens_: Die Hauptmenge der heilbringenden Substanz, welche im Blute
+immunisirter Thiere enthalten ist, wird in dem bei der Blutgerinnung
+ausgeschiedenen Serum wieder gewonnen (S. 19).
+
+_Viertens_: „Zur Erreichung von Heileffecten braucht man
+grössere Mengen Serum als für die Immunisirung; und zwar sind
+die zur erfolgreichen Behandlung von vorher diphtherieinficirten
+Meerschweinchen erforderlichen Serummengen um so grösser, je später
+nach der Infection die Behandlung eingeleitet wird. „_Bei solchen
+Infectionen, an welchen Meerschweinchen nach 3 bis 4 Tagen zu Grunde
+gehen, wurde sofort nach der Infection das 1½ bis 2fache derjenigen
+Dosis zur glatten Heilung gebraucht, die zur einfachen Immunisirung
+ausgereicht hatte, wenn das Serum vor der Infection eingespritzt wurde;
+8 Stunden nach der Infection mussten wir das 3fache nehmen; und wenn
+wir erst nach 24 bis 36 Stunden die Behandlung begannen, so mussten wir
+bis zum 8fachen steigen_“ (l. c. S. 19).
+
+Die hier berührten Verhältnisse sind es hauptsächlich, welche in
+_Wernicke_’s Vortrag in der Berliner physiologischen Gesellschaft
+vom 3./II. 93 noch präciser auseinandergesetzt und an der Wirkung
+eines von _Hunden_ gewonnenen Diphtherieheilserums auf Meerschweine
+demonstrirt wurden. In den Verhandlungen der phys. Ges. (l. c. S. 6)
+drückt sich _Wernicke_ in folgender Weise hierüber aus: „Je immuner die
+Hunde gegen Diphtherieinfection würden, desto stärker immunisirende
+und heilende Eigenschaften entfaltete ihr Blutserum. _Bei so starken
+Diphtherieinfectionen, dass Controlthiere in 36 bis 48 Stunden sterben,
+wurden Meerschweinchen durch Seruminjectionen von 1 : 5000 bis
+1 : 10000 (auf das Körpergewicht der Thiere berechnet) noch gerettet,
+wenn man ihnen das Heilserum ¼ Stunde nach der Infection einspritzte.
+Bei 8 Stunden nach der Infection in Behandlung genommenen Thieren
+hatten Serummengen von 1 : 500 noch heilenden Einfluss; aber auch
+Meerschweine, die erst 24 Stunden nach der Infection, während sie schon
+sehr schwere locale und allgemeine Krankheitserscheinungen zeigten, mit
+Serum behandelt wurden, konnten durch Injectionen grösserer Dosen, wie
+1 : 100, 1 : 200, 1 : 300, ja 1 : 500, sicher gerettet werden._“
+
+Die Multipla des Serumbedarfs sind nach diesen Angaben _Wernicke_’s
+etwas grösser, als die aus unserer gemeinsamen Arbeit oben citirten
+Zahlen; es erklärt sich das daraus, dass dort die Behandlung von
+Thieren berichtet wird, welche mit der _einfachen_ tödtlichen
+Minimaldosis einer Diphtheriebouilloncultur inficirt waren, an der sie
+erst nach ca. 4 Tagen zu Grunde gehen, während in _Wernicke_’s neueren
+Versuchen die Infection viel stärker gewählt wurde. Wie sehr aber durch
+diese Differenz der Serumbedarf zur Heilung einer Infectionskrankheit
+beeinflusst werden kann, das habe ich in einer besonderen Arbeit
+in Gemeinschaft mit Dr. _Knorr_ („Ueber den Immunisirungswerth und
+Heilwerth des Tetanusheilserums bei weissen Mäusen“, Zeitschr. f. Hyg.
+u. Inf. K., Bd. XIII (1893) S. 407 ff.) für den _Tetanus_ zu zeigen
+versucht.
+
+Eine Vergleichung der diesbezüglichen Versuchsergebnisse beweist
+übrigens, dass trotz aller principiellen Analogien und trotz
+_qualitativer_ Gleichheit doch _quantitativ_ sich überaus grosse
+Unterschiede erkennen lassen, wenn man das Verhältniss der zur
+_Immunisirung gesunder_ und zur _Heilung kranker Individuen_
+erforderlichen Serumquantität genauer untersucht. _Zur Heilung
+von tetanuskranken Individuen in vorgeschrittenem Stadium braucht
+man schliesslich millionenmal mehr Heilserum als zur Immunisirung
+gesunder; während die Heilung diphtheriekranker Thiere, selbst wenn
+sie schon Pleuraexsudat haben und wenn ihre Athmung sehr erheblich
+erschwert ist, nur ein mässiges Multiplum der zu ihrer Immunisirung
+ausreichenden Dosis erfordert. Selbst wenn wir die grösste von Wernicke
+für die Heilung benutzte Serumquantität für die Berechnung zu Grunde
+legen (1 : 100), so beträgt dieselbe doch immer nur das 100fache der
+immunisirenden Dosis._
+
+Es ist ohne Weiteres verständlich, wie durch diesen Umstand die
+Diphtherieheilung auch in weiter vorgeschrittenen Krankheitsstadien
+günstigere Chancen darbietet als die Tetanusheilung.
+
+_Fünftens_: Bezüglich der differenten Applicationsweise des Serums
+erwies sich die intraperitoneale Injection desselben etwas wirksamer
+als die subcutane, jedoch nicht in dem Grade, dass man deswegen die
+bequemere und weniger gefährliche letztere Art der Injection durch die
+erstere zu ersetzen einen Anlass sehen müsste (l. c. S. 20).
+
+_Wernicke_ und ich haben (l. c. S. 37 ff.) auch darüber Auskunft
+gegeben, wie wir vorzugehen beabsichtigten, um die allgemeinere
+Einführung des Diphtherieheilserums in der Behandlung der Diphtherie
+vorzubereiten. Wir sagten in unserer Arbeit:
+
+„Wir untersuchen von Zeit zu Zeit das Serum des Blutes der immunisirten
+Thiere auf seine immunisirende und heilende Leistungsfähigkeit.
+
+Finden wir schliesslich dieselbe so gross, dass wir damit eclatante
+therapeutische Resultate bekommen können, dann suchen wir uns von
+den Eigenschaften und Fähigkeiten dieses Diphtheriemittels genauere
+Kenntniss zu verschaffen.
+
+Der Endzweck unserer Versuche bleibt immer der, das Mittel in solcher
+Menge und Wirksamkeit zu gewinnen, dass damit auch beim Menschen die
+Diphtherie behandelt werden kann.
+
+Man erkennt ohne Weiteres, dass für den einwandsfreien Beweis
+unserer Behauptung, „jetzt so weit zu sein, dass an die Verwerthung
+unseres Diphtherieheilmittels auch beim Menschen gedacht werden
+könne,“ es genügt, wenn wir unser Mittel in applicabler Form fertig
+solchen Personen behufs eigener Prüfung in die Hand geben, die ein
+sachverständiges Urtheil über die hierher gehörigen Fragen haben.
+
+Wenn dann zunächst bei Versuchsthieren bestätigt wird, dass dieses
+Mittel in der That ein specifisches Diphtherieheilmittel ist, welches
+von der Blutbahn aus überall im Körper die krankmachenden Wirkungen
+der Diphtheriebacillen aufhebt, wenn dann weiter bestätigt wird,
+dass dasselbe für das behandelte Individuum absolut unschädlich ist,
+dann haben wir zum Beweise jener Behauptung Alles beigebracht, was
+billigerweise verlangt werden kann; und es ist sachlich dabei ganz
+gleichgültig, wie wir zu unserem Heilmittel gekommen sind.
+
+Man hört jetzt oft die Forderung erheben, dass bei Neueinführung
+eines Heilmittels dessen Zusammensetzung genau bekannt sein müsse, ja
+womöglich „dasselbe müsse rein dargestellt sein“.
+
+Nun, wir wissen selber noch gar nichts Genaues über die chemische Natur
+der im Blute wirksamen Heilkörper; und nur soweit sind wir darüber
+orientirt, dass wir selbst auf eine sogenannte „Reindarstellung“
+verzichten.
+
+Gleichwohl, wenn wir so weit gekommen sein werden, dass, auf das
+Körpergewicht eines Kindes berechnet, eine Einspritzung von wenigen
+Cubikcentimetern einer im Uebrigen indifferenten Flüssigkeit
+sichere Heilwirkung gegenüber einer sonst absolut tödtlichen
+Diphtherieinfection zu Stande bringt, -- dann haben wir keine Sorge
+darum, dass das Mittel auch beim Menschen angewendet werden wird, auch
+wenn es nicht in seiner Zusammensetzung genau bekannt und nicht rein
+dargestellt ist, ja selbst wenn über seine Herkunft gar nichts bekannt
+wäre.
+
+Soweit sind wir jetzt noch nicht; die grösste Wirkung, welche wir
+mit den bis jetzt untersuchten Serumsorten erzielt haben, ist die
+Heilwirkung des Serums von einigen Meerschweinchen mit 1 : 1000 bei
+sofort nach der Infection eintretender Behandlung und 1 : 400 nach dem
+Auftreten deutlicher und allgemeiner Erkrankung.
+
+Wenn wir nun unter Berücksichtigung der Thatsache, dass der
+Mensch nicht in gleichem Grade wie die Meerschweinchen als
+diphtherieempfänglich angesehen werden kann, und dass die Infection
+in der Regel nicht so stark ist, wie wir sie künstlich machen,
+voraussetzen dürfen, dass die Heilung des Menschen leichter gelingen
+wird, als die der Versuchsthiere, so kommen wir doch noch zu recht
+erheblichen Zahlen für die Serummenge, die voraussichtlich zur Heilung
+eines schwer diphtheriekranken Kindes nothwendig ist.
+
+Bei Zugrundelegung der Zahl 1 : 400 würden wir für ein Kind mit
+einem Körpergewicht von 20 kg noch 50 ccm Heilserum gleich am Anfang
+verbrauchen müssen und zur Weiterbehandlung dann wahrscheinlich noch
+ebensoviel.
+
+Wir möchten noch besonders hervorheben, dass Niemand mit Sicherheit
+voraussagen kann, ob die Diphtherie des Menschen leichter oder schwerer
+durch unser Mittel zu heilen ist, als die der Versuchsthiere; wir
+müssen aber mit der ungünstigeren Möglichkeit rechnen und uns auch auf
+den Fall gefasst machen, dass nicht gleich die ersten Heilversuche
+unzweideutig positiv ausfallen.
+
+Unter diesen Umständen und aus dem weiteren Grunde, weil wir
+selbst darauf verzichten, orientirende Vorversuche am Menschen zu
+machen, halten wir es für zweckmässig, demjenigen, der mit unserem
+Diphtherieheilmittel solche Versuche anstellen will, nicht bloss an
+Thieren die vollkommene Unschädlichkeit desselben zu demonstriren,
+sondern auch ihm ein selbstständiges Urtheil darüber zu verschaffen,
+dass die therapeutische Leistungsfähigkeit unseres Mittels einer noch
+nicht abzusehenden Steigerung fähig ist.
+
+In dem hier dargelegten Sinne sind wir im Laufe der beiden letzten
+Jahre ununterbrochen thätig gewesen, und gegenwärtig können wir sagen,
+dass das Ziel, welches wir uns gesteckt haben, erreicht ist.
+
+_Wernicke_ und ich haben in dieser Zeit aus äusseren Gründen bis zu
+gewissem Grade eine Arbeitstheilung vorgenommen.
+
+Das Ziel „_Diphtherieheilserum in solcher Menge und Wirksamkeit zu
+gewinnen, dass damit auch beim Menschen die Diphtherie behandelt werden
+kann_“, liess sich nur erreichen, wenn mit grossen Mitteln an vielen
+Schafen oder anderen blutliefernden Thieren die Immunisirungsarbeit
+ausgeführt wurde. Ich habe es mir angelegen sein lassen, diese Mittel
+von solchen Stellen zu beschaffen, deren Interesse für die Sache ich
+wachzurufen versuchte. Einen solchen Appell an die Mitbetheiligung
+weiterer Kreise liess ich zunächst ergehen am Schluss meiner
+Abhandlung „Die praktischen Ziele der Blutserumtherapie“ (_Behring_,
+Blutserumtherapie I., Thieme, Leipzig 1892) S. 17 u. 18.
+
+„Wenn ich es unternommen habe, nicht bloss die bisherigen Leistungen
+auf dem Gebiete der Blutserumtherapie, sondern auch die Perspective
+zu schildern, welche die Resultate von Laboratoriumsarbeiten uns
+zu gewähren im Stande sind, so geschieht das hauptsächlich aus dem
+Grunde, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass die Mittheilungen der
+experimentell-wissenschaftlichen Originalarbeiten in Fachzeitschriften
+nur einem kleinen Theile des ärztlichen Publicums zugänglich sind,
+während es doch wünschenswerth ist, dass vor der Uebertragung der
+durch Thierexperimente gewonnenen Ergebnisse auf den kranken Menschen
+die Principien und die Ziele der neuen Heilmethode in der Hauptsache
+_allgemein_ bekannt werden.
+
+Wie man aus meiner Schilderung erkennen kann, wachsen jetzt die
+Arbeiten aus dem Rahmen der eng begrenzten Laboratoriumsthätigkeit
+heraus.
+
+So lange es sich darum handelte, die wissenschaftlichen _Vorarbeiten_
+für die Begründung der neuen Heilmethode auszuführen, konnte es der
+Sache nur förderlich sein, wenn von derselben nicht viel Geräusch
+gemacht und die öffentliche Discussion darüber möglichst vermieden
+wurde. Die Controlle der Arbeiten durch meinen hochverehrten Lehrer,
+Herrn Geheimrath _Koch_, sein Rath und seine Hülfe in allen Stadien
+derselben bot die beste Gewähr dafür, dass ich nicht gar zu sehr auf
+Abwegen mich verlor.
+
+An der Uebertragung der wissenschaftlichen Resultate auf die ärztliche
+Praxis sind wir aber nicht wesentlich mehr interessirt, als alle
+anderen Aerzte und als die kranken und die krankheitbedrohten Menschen,
+denen die neuen Heilmittel zugute kommen sollen.
+
+Es ist jetzt Sache der weiter betheiligten Kreise, dafür zu sorgen,
+dass die Arbeiten im Interesse der leidenden _Menschen_ in ähnlicher
+Weise ermöglicht werden, wie das durch die thatkräftige Unterstützung
+des landwirtschaftlichen Ministeriums im Interesse landwirthschaftlich
+werthvoller _Thiere_ schon jetzt geschehen ist.“
+
+Dem Einwand aber, dass für eine solche Arbeit in grösserem Maassstabe,
+wie ich sie plante, die Zeit noch nicht gekommen sei, suchte ich zu
+begegnen durch folgende Ausführungen (l. c. S. 55 u. 56):
+
+„Nun könnte man sagen: „Dann ist ja der Appell am Schluss des ersten
+Theils dieser Arbeit an weitere Kreise, die Inangriffnahme der
+Diphtherieimmunisirung von grossen Thieren in erweitertem Maassstabe zu
+ermöglichen, verfrüht. Zeigt erst, dass Ihr den Menschen sicher heilen
+könnt, dann kommt das Uebrige von selbst, dann werden auch die Mittel
+zu weiteren Arbeiten nicht fehlen.“
+
+Bis zu einem gewissen Grade ist das richtig.
+
+Ich glaube aber doch nicht unterlassen zu dürfen, auf die Consequenzen
+einer solchen Argumentation hinzuweisen.
+
+Wie schon erwähnt, vergehen voraussichtlich auch später Jahre, ehe
+die Diphtherieimmunisirung ein und desselben Thieres uns ein solches
+Heilserum liefert, dessen Anwendung für praktische Zwecke allen unseren
+Anforderungen Genüge leistet.
+
+Wenn nun mit dem Beginn der Inangriffnahme der Versuche im Grossen
+gewartet wird, bis _Wernicke_ und _ich_ sagen, jetzt können wir die
+Diphtherie des Menschen ganz sicher heilen (da wir vorsichtige Leute
+sind, kann das noch recht lange dauern); 100 und mehr hintereinander
+geheilte Fälle liefern den Beweis dafür, -- dann stehen wir vor der
+Situation, dass wir wissen, es _giebt_ ein specifisches Heilmittel
+gegen die Diphtherie des Menschen, wir _haben_ es bloss nicht und
+können es auch im günstigsten Fall -- unsere dauernde Arbeitsfähigkeit
+und Arbeitsfreudigkeit vorausgesetzt -- erst in einigen Jahren
+bekommen. Da fragt es sich denn doch, ob es nicht besser ist, jetzt
+schon anzufangen.“
+
+Dankbar muss ich anerkennen, dass meine Worte nicht ungehört verhallt
+sind.
+
+Von den verschiedensten Seiten habe ich bei meinen weiteren
+Bestrebungen wirksame Unterstützung gefunden.
+
+Vor Allen aber sind es der Herr Generalstabsarzt der Armee, Excellenz
+_von Coler_, der Geh. Med.-Rath Prof. _R. Koch_ und der Geh.
+Oberregierungsrath Dr. _Althoff_, die ich zu nennen habe, wenn ich
+auch auf den äusseren Erfolg meiner Thätigkeit in der Herstellung von
+Diphtherieheilserum mit Befriedigung zurückblicken kann.
+
+Ferner haben mich meine Mitarbeiter bei der Diphtherie, Herr Stabsarzt
+Dr. _Wernicke_ und San.-Rath und Hofarzt Dr. _O. Boer_, auch bei den
+Arbeiten, welche auf die _Diphtherieheilserumgewinnung im Grossen_
+gerichtet sind, unentwegt unterstützt.
+
+Endlich verdanke ich es der materiellen Unterstützung der Farbwerke
+vorm. _Meister, Lucius & Brüning_, dass ich unter bequemen
+Arbeitsbedingungen die Serumgewinnung an einem grossen Thiermaterial
+ausführen konnte. Zum Theil in _Berlin_, in der Nähe des Instituts für
+Infectionskrankheiten, zum Theil in _Höchst a. M._, sind Stallungen
+eingerichtet worden, welche für meine Zwecke vorzüglich geeignet
+sind; in denselben finden vorläufig ca. 60 Schafe und mehrere Pferde
+Unterkunft, und die Wartung, Beobachtung und Behandlung dieser Thiere
+hat sich in solcher Weise einrichten lassen, dass meine eigene
+Arbeitsleistung dabei nicht übermässig gross ist.
+
+In letzter Zeit habe ich eine Berechnung versucht, was mit dem jetzt
+zur Verfügung stehenden Diphtherieheilserum event. geleistet werden
+kann. Ich legte bei dieser Berechnung die Schlussfolgerungen zu
+Grunde, welche ich aus der Behandlung von ca. 80 diphtheriekranken
+Kindern mit Heilserum (in verschiedenen Kliniken)[6] gezogen habe,
+die allerdings aber vorläufig nur für mich selbst überzeugende Kraft
+haben. Danach ist der Immunisirungsprocess bei 30 Schafen soweit
+vorgeschritten, dass dieselben mir brauchbares Heilserum liefern.
+Die Leistungsfähigkeit desselben ist bei verschiedener Provenienz
+verschieden und nicht überall genau berechnet. Bei mehreren Schafen ist
+sie so gross, dass nach meiner Berechnung und Erfahrung 0,5 ccm Serum
+für ein Jahr alte Kinder zur Immunisirung ausreichen, zur Heilung aber
+nicht sehr schwerer Fälle bei 3 bis 4 Jahre alten Kindern 10 bis 15
+ccm. Nun liefert ein einzelnes Schaf, wenn nöthig, alle 4 Wochen eine
+Serumquantität von mindestens 50 ccm, ohne dass es dadurch irgendwie
+geschädigt wird. _Rechne ich den Serumertrag pro Jahr auf rund 2½
+Liter, so kann also von 1 Schaf pro Jahr die zur Immunisirung von 5000
+Kindern erforderliche Serummenge gewonnen werden._ Eben dieselbe Menge
+würde nach vorstehender Berechnung zur Heilung von ca. 200 Kindern
+ausreichen, wenn die Behandlung derselben alsbald nach festgestellter
+Diagnose vorgenommen wird.
+
+Ich benutze diese Stelle noch, um die Gründe anzuführen, aus welchen
+ich es vorziehe, erst dann das Serum zu Heilversuchen beim Menschen
+abzugeben (ohne dass ich mir die Bestimmung über die Art der Anwendung
+und über den Ort der Publication der Resultate vorbehalte), wenn die
+specifische Heilwirkung klinischerseits, unter meiner Mitbeobachtung,
+ganz einwandsfrei festgestellt ist. Diese Gründe sind zu suchen in den
+Erfahrungen, welche ich bei der Abgabe von Tetanusheilserum gemacht
+habe: Trotzdem ich mich bemühte, so verständlich, wie irgend möglich,
+auseinanderzusetzen, („Das Tetanusheilserum und seine Anwendung auf den
+tetanuskranken Menschen“, _Behring_, Blutserumtherapie II, _Thieme_,
+Leipzig), dass mein bisher verabfolgtes Tetanusheilserum nur für die
+Anfangsstadien der Erkrankung ausreicht, haben doch manche Empfänger
+auf eigene Hand sich überzeugen wollen, ob noch kurz vor dem Tode, mit
+anderen Worten, wenn nach ihrer Ansicht die Prognose _absolut_ schlecht
+geworden ist, eine Heilwirkung eintritt; und wenn dann der Erfolg
+ausblieb, so bemängelten nicht bloss sie selbst die Heilkraft des
+Mittels überhaupt, sondern sie veranlassten auch ihre Umgebung zu einer
+Auffassung, die durchaus geeignet war, mein Mittel zu discreditiren;
+ich hatte dann alle Mühe, brieflich oder auf anderem Wege diese mir
+selbstverständlich unerwünschte Wirkung aufzuheben.
+
+_Aus diesem Grunde werde ich von jetzt ab nur dann Tetanusheilserum
+abgeben, wenn ich selbst oder Dr. Knorr die in Frage kommenden
+Fälle mitbeobachten, solange, bis wir auch mit kleineren Mengen bei
+subcutaner Injection schwere und vorgeschrittene Tetanusfälle sicher
+heilen können. Das Angebot der Serumabgabe durch Vermittelung von Herrn
+Meinhardt und Herrn Lautenschläger, welches in meiner Blutserumtherapie
+II, S. 81 ff. enthalten ist, wird demnach hierdurch aufgehoben, und
+zunächst wird überhaupt nur innerhalb von Berlin von Dr. Knorr_
+(Institut für Infectionskrankheiten, Charitéstr. 1) _Tetanusheilserum,
+welches von mir geprüft ist, zu bekommen sein. Für Militärärzte in
+Garnisonlazarethen wird Tetanusheilserum von Herrn Stabsarzt Wernicke,
+Klosterstr. 36 abgegeben._
+
+Auch die Gründe, aus welchen ich bisher über Diphtherieheilungsversuche
+an Menschen nichts habe verlauten lassen, trotzdem dieselben an
+verschiedenen Orten schon seit einem Jahre ausgeführt werden, sind auf
+meine Erfahrung beim Tetanus zurückzuführen.
+
+Wenn man sich eine Vorstellung davon zu machen sucht, wie es
+anzufangen ist, um ein Urtheil zu bekommen, ob die Heilkraft des
+Diphtherie- oder Tetanusheilserums schon gross genug ist, um damit
+in die Oeffentlichkeit treten zu können, dann sollte man glauben,
+dass nichts einleuchtender wäre als die Nothwendigkeit, sowohl solche
+Dosirung zu versuchen, welche unterhalb der heilenden bleibt, als
+diejenige, welche ein Multiplum derselben darstellt; denn unter der
+Voraussetzung, dass für eine bestimmte Kategorie von Krankheitsfällen
+das Serum überhaupt specifisch heilend und lebensrettend wirkt,
+wollen wir zwar eine _ausreichende_ Dosirung haben, wir wollen aber
+das Mittel auch nicht _verschwenden_. Da macht man’s dann wie der
+Artillerist, wenn er sich auf ein Ziel einschiesst; zuerst geht man
+darüber weg, dann schiesst man zu kurz, und zuletzt stellt man die
+Richtung des Geschützes so ein, dass dieselbe ziemlich genau auf
+das Ziel gerichtet ist. Der Vergleich hinkt zwar etwas; unser Ziel,
+die Krankheit zu heilen, erreichen wir auch, wenn wir die Dosis
+grösser nehmen als nothwendig; _worauf ich aber hinaus will, ist die
+Kenntniss der heilenden Minimaldosis, und diese kann nicht erlangt
+werden, ohne dass probeweise man absichtlich unter der heilenden
+Dosis bleibt_; es sind demnach bei dem Versuch, die richtige Dosirung
+herauszubekommen, eo ipso Misserfolge in der Behandlung nothwendig,
+und es wäre ganz verfehlt, danach den Werth oder Unwerth des Mittels
+aus solchen _Vorversuchen_ abmessen zu wollen; da ich gleichwohl
+aber ein Verständniss hierfür bei meinen Erfahrungen über den
+Tetanus nicht gefunden habe, so theile ich die Vorversuche bei der
+Diphtherie überhaupt nicht mit, bevor sich nicht für mich aus denselben
+diejenige Dosirung ergeben hat, welche ohne Serumverschwendung zur
+Heilung ausreicht. Nachdem diejenigen Herren Kliniker, welche im
+Einverständniss mit mir die Diphtherieheilversuche vornehmen, von
+der Unschädlichkeit des Diphtherieheilserums einerseits, von seinem
+Nutzen andererseits sich überzeugt haben, wird es nicht schwer sein,
+an Hunderten von Fällen schliesslich zu einem gesicherten Urtheil zu
+kommen.
+
+Zum Schluss dieses Capitels habe ich noch einer praktisch wichtigen
+Frage zu gedenken, die gleichfalls schon in der oben citirten Arbeit
+von _Wernicke_ und mir berührt ist, der Frage nach der _Dauer der durch
+das Diphtherieheilserum übertragenen Immunität_. Wir sagten dort (S.
+9): „Was die Dauer der Immunität betrifft, wenn Meerschweinchen bloss
+Serum bekommen haben und keine nachfolgenden Diphtherieinfectionen
+erlitten hatten, so können wir darüber noch nichts Endgiltiges
+aussagen. Mindestens einige Wochen dauert in diesem Falle die Immunität
+an.“ Diesen Worten kann gegenwärtig hinzugefügt werden, dass die
+Dauer der Immunität abhängig ist von der Menge der incorporirten
+Heilsubstanz. Je grösser dieselbe ist, für um so längere Zeit kann man
+das behandelte Individuum immun machen.
+
+Bei der weitgehenden Analogie zwischen den Heilkörpern für die
+Diphtherie und für andere Infectionskrankheiten trage ich kein
+Bedenken, hier auch die Erfahrungen zu verwerthen, welche für
+den Tetanus und für die Hundswuth beweisen, dass die Dauer der
+Immunität über das Individualleben hinaus auf die Descendenten sich
+erstrecken kann. Es sind dabei die Untersuchungen von _Ehrlich_ zu
+berücksichtigen, welche die Vererbung der Tetanusimmunität _von der
+Mutter_ auf die Nachkommen unter gewissen Bedingungen ergeben haben,
+und die Untersuchungen von _Tizzoni_ und seiner Mitarbeiter, aus
+welchen hervorgeht, dass sowohl bei der Hundswuth, wie beim Tetanus die
+erworbene Immunität _vom Vater_ auf die Descendenten vererbt werden
+kann.
+
+Bezüglich der Tragweite namentlich der Resultate _Tizzoni_’s schliesse
+ich mich durchaus der Auffassung des letzteren an, welcher er in seinen
+Mittheilungen vom December 1892 („Die Vererbung der Immunität gegen
+Rabies von dem Vater auf das Kind“, Centralblatt für Bacteriologie und
+Parasitenkunde 1893, No. 3) Ausdruck gegeben hat. _In der That, die
+Thatsache der germinalen Vererbung eines Krankheitsschutzes ist ein
+weiterer Ansporn, die Immunisirungsarbeiten zum Wohle der Menschheit
+mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln fortzusetzen._
+
+
+[6] Ueber die Einzelbeobachtungen wird erst in späterer Zeit berichtet
+ werden.
+
+
+
+
+Schlusswort zum geschichtlichen Theil.
+
+
+Wenn wir zurücksehen auf die Thatsachen und Probleme in der
+Krankheitslehre der Diphtherie, die bisher erörtert worden sind, so
+lässt sich erkennen, wie dieselben in innigem Zusammenhang stehen mit
+denen der Krankheitslehre überhaupt.
+
+Die Diphtherie zeigt vieles Bemerkenswerthe in der Art ihres
+_epidemischen_ und _endemischen_ Auftretens. Das Entstehen und
+Vergehen der Epidemien; ihr Charakter in Bezug auf den Procentsatz
+der befallenen Individuen und in Bezug auf die grössere oder
+geringere Mortalität derselben; die in verschiedenen Epidemien,
+Ländern, Zeiten und bei verschiedenen Racen und Lebensaltern zu Tage
+tretenden Differenzen im Krankheitsbilde und in den Morbiditäts- und
+Mortalitätsziffern bieten noch immer eine unerschöpfliche Fundgrube für
+die epidemiologische Forschung; aber die Errungenschaften der genialen
+Arbeiten _Bretonneau_’s auf diesem Gebiete sind nicht der Diphtherie
+allein zugute gekommen, sondern haben anregend und klärend gewirkt auf
+die Auffassungsweise auch aller anderen Infectionskrankheiten.
+
+Die Lehre von der _Contagiosität_, die für die Diphtherie von
+_Bretonneau_ fest begründet wurde, und die in seinem offenen Briefe
+einen so überzeugenden Ausdruck gefunden hat, kann fast mit denselben
+Worten auf die Cholera übertragen werden; sie zeigt aber auch, wenn
+wir uns in dieselbe vertiefen, wie sehr man sich hüten muss, mit
+Schlagworten und Gemeinplätzen _alle_ Infectionskrankheiten nach
+demselben Schema rücksichtlich ihrer Verbreitungsweise zu beurtheilen.
+Die Unterschiede sind da so gross, dass man fast einen vollständigen
+Gegensatz herausfinden kann, wenn man _die acuten Exantheme_ damit
+vergleicht. Bei einer solchen Gegenüberstellung wird es verständlich,
+wie man zu einer Eintheilung der Infectionskrankheiten in _contagiöse_
+und _miasmatische_ kommen konnte. Auf der einen Seite die Diphtherie,
+die Syphilis, die Pocken; auf der anderen Scharlach, Masern,
+Flecktyphus.
+
+Wie unzulänglich aber solche Unterscheidungen sind, das zeigte sich
+schon früher darin, dass man sich zur Aufstellung einer Gruppe
+von contagiös-miasmatischen Krankheiten genöthigt sah; und seit
+von _R. Koch_ eine Reihe von Krankheiten als Infectionen erkannt
+sind, deren _specifisch infectiösen Charakter_ noch jetzt manche
+Leute in Frage stellen möchten, die Cholera, die Tuberkulose, die
+Pneumonie, der Tetanus, der Abdominaltyphus, da ist es bloss noch
+ein _Streit um Worte, ob man eine Krankheit, welche durch belebte
+und vermehrungsfähige Parasiten übertragen werden kann, deswegen als
+contagiös oder nicht contagiös bezeichnen will, weil der Krankheitskeim
+leichter oder schwerer haften bleibt_.
+
+Der die Diphtherie erzeugende Bacillus haftet im Allgemeinen ziemlich
+leicht, insbesondere bei jugendlichen Individuen und zumal in Zeiten,
+in welchen erfahrungsgemäss die zur Aufnahme der Bacillen befähigten
+Schleimhäute unter dem _Einfluss atmosphärischer Verhältnisse_
+stehen, welche Reizzustände derselben bedingen. Aber wie bei allen
+Infectionskrankheiten gehört zum Entstehen von Diphtherieepidemien
+ausser dem _specifischen Krankheitserreger_ und ausser einer durch
+Witterungseinflüsse und andere Verhältnisse bedingten _Disponirung_
+der Schleimhäute nach manches andere. Unter sonst gleichen Bedingungen
+wird das Umsichgreifen der Diphtherie um so leichter erfolgen, je
+_virulenter_ die in einer Gegend, in einem Hause oder in einem
+bestimmten Zimmer deponirten Krankheitskeime sind. Es wird aber weniger
+leicht stattfinden, je mehr Individuen durch das _Ueberstehen der
+Krankheit_ vor weiteren Infectionen geschützt sind.
+
+In dieser Richtung sind freilich die statistischen Erhebungen noch
+nicht ausreichend, um auch den bisherigen Zweiflern an der _Schutzkraft
+der einmaligen Erkrankung_ zu beweisen, dass eine solche besteht.
+Aber ich habe in der ganzen Litteratur keinen nennenswerthen Autor
+gefunden, welcher nicht mindestens zugesteht, dass eine mehrmalige
+Infection zu den Ausnahmen gehört; und die wenigen beglaubigten Angaben
+darüber sind ausserdem noch einer verschiedenen Deutung fähig; so
+werden von _Millet_ aus _Tours_, einem Schüler _Bretonneau_’s, in
+dessen Preisarbeit vom Jahre 1863 („Traité de la diphtherie“ [ouvrage
+couronné par la société des sciences de Bruxelles] Paris bei F. Savy)
+die oft citirten Fälle von mehrmaliger Tracheotomie bei denselben
+Individuen als _Recidive_ gedeutet, nicht als _Neuinfectionen_, und
+ich möchte glauben, mit vollem Recht, wenn ich meine Erfahrungen in
+den Thierexperimenten berücksichtige. Dass Recidive bei der Diphtherie
+vorkommen, ebensogut wie bei der Syphilis, ohne dass man deswegen an
+der Schutzkraft des einmaligen Ueberstehens der letzteren zweifelt, ist
+ganz sicher; nur nehmen dann dieselben noch viel häufiger als bei der
+Syphilis _besondere Krankheitsformen_ an. Sie documentiren sich als
+Lähmungen und Kachexien; ob aber solche Erkrankungen, die der _primären
+Diphtherie_ gleichen, als Recidive aufzufassen sind oder nicht, das
+lässt sich hier nicht so leicht feststellen, wie bei der Syphilis, beim
+Typhus, bei der Malaria.
+
+Wie lange die Schutzkraft andauert, darüber wissen wir noch weniger
+Sicheres. Von grossem Interesse war es mir bei _Millet_ davon zu
+lesen, dass man in _Tours_, wo _Bretonneau_’s Wirksamkeit naturgemäss
+die Augen für die epidemiologische Beobachtung geschärft hatte, sogar
+über das Individualleben hinaus für die Descendenten eine solche
+nicht ausschloss. Seite 358 (l. c.) sagt er: „A Tours, on dit que
+le croup suit le sang.“ Allerdings wird, wie der Krankheitsschutz,
+auch die _vermehrte Krankheitsdisposition_ „im Blute“ liegen; für
+die hier angeregte Frage nach den Bedingungen des Zustandekommens
+von Diphtherieepidemien werden wir dadurch aber nur noch mehr darin
+bestärkt werden, auch _die Heredität_ als einen wirksamen Factor in
+Rechnung zu ziehen.
+
+Wir sehen, es sind das die gleichen Probleme, die uns bei anderen
+verderblichen Krankheiten des Menschengeschlechts beschäftigen.
+
+Mehr, als je hat aber in neuerer Zeit die medicinische Forschung
+bewiesen, wie man aus der Klarlegung des Krankheitswesens _einer_
+Krankheit reichen Gewinn ziehen kann auch für das Verständniss vieler
+anderer.
+
+Nachdem für die Diphtherie auf’s strengste bewiesen ist, wie
+bei ätiologischer Einheit ein fast in’s Ungemessene gehender
+_Polymorphismus ihrer Erscheinungsformen_[7] bestehen kann, können wir
+mit gutem Muth auch an die Aufgabe herangehen, das vielgestaltige Bild
+der Streptococcenkrankheiten einheitlich zu betrachten, und welchen
+praktischen Werth eine solche Betrachtungsweise für die Verhütung und
+Heilung der Infectionen zur Folge haben kann, das können wir so recht
+erkennen, wenn wir die Tragweite berücksichtigen, welche _die auf dem
+Boden der ätiologischen Einheit erwachsene Lehre von der Specificität
+des krankheitserzeugenden Diphtheriegiftes_ bekommen hat.
+
+Es dürfte in der Geschichte der Medicin noch nicht dagewesen sein,
+dass in dem kurzen Zeitraum von wenigen Jahren sich eine so totale
+Umwälzung in der Krankheitslehre vollzogen hat, wie wir sie erlebten.
+Man lese _Hufeland_’s und _Schönlein_’s oder auch _Virchow_’s
+Darstellung solcher Krankheiten, die wir jetzt als tuberculöse,
+pneumonische, diphtherische u. s. w. bezeichnen, und vergleiche damit,
+was seit _R. Koch_’s Eintreten in die medicinische Forschung daraus
+geworden ist. Man vergegenwärtige sich den gegenwärtigen Stand unserer
+Kenntniss von der Natur der Krankheitsgifte, seitdem vor vier Jahren
+das Diphtheriegift entdeckt ist, und erinnere sich dabei an die vorher
+an die Herstellung der sogenannten Ptomaïne geknüpften Hoffnungen. Man
+berücksichtige die Thatsache, dass seit der Entdeckung von specifischen
+Krankheitsgiften es kaum noch eine Infection giebt, gegen welche
+man nicht willkürlich _unter Zuhülfenahme der Abschwächungsmethode
+Immunität_ erzeugen kann, wo doch, nach den ersten Mittheilungen
+_Pasteur_’s darüber, auf Grund von epidemiologischen Erwägungen
+selbst die _Möglichkeit_ der Schutzimpfung gegenüber der Mehrzahl
+der menschlichen Infectionskrankheiten in Abrede gestellt wurde. Man
+denke daran, dass noch vor wenigen Jahren auf medicinischen Congressen
+die versammelten Kliniker Europa’s kategorisch erklärten, dass _die
+Entgiftung im lebenden Organismus_ in Ewigkeit ein frommer Wunsch
+bleiben werde, und dass _das Auffinden specifischer Heilmittel_ nie und
+nimmer in irgend wie beschaffenen Laboratorien erwartet werden könne,
+während jetzt selbst die hartnäckigsten medicinischen Pessimisten
+zum mindesten eine wohlwollend abwartende Stellung gegenüber der
+_Blutserumtherapie_ für angezeigt halten: und man wird zugeben, dass es
+der Mühe werth ist, sich in das Studium _einer_ Krankheit zu vertiefen.
+Denn in der That, diese Errungenschaften sind nicht das Verdienst der
+Encyclopädisten, die sich ein System zurecht machten, in welchem sie
+von allgemeinen Krankheitsbegriffen ausgehend die wissenschaftliche
+Medicin zu einer Sammlung von schönen Wortdefinitionen machten; sondern
+sie sind das Verdienst von Männern, die in einsamer Arbeit vom Kleinen
+und Kleinsten anfingen, und die sich nicht beirren liessen durch den
+Vorwurf, als ob sie bei ihren bacteriologischen Studien den Blick für’s
+Grosse und Ganze verloren hätten. All’ diese Errungenschaften sind
+schrittweise erworben worden in der Art, dass an einer kleinen Stelle
+zuerst Fuss gefasst und kein Schritt weiter gethan wurde, ehe nicht
+fester Boden für das weitere Vorschreiten gewonnen war.
+
+Diese Art des Vorgehens garantirt auch den neuen Lehren Dauer und
+Bestand. Wohl ist es verständlich, wenn die in der speculativen und
+systematisirenden Methode der medicinischen Wissenschaft alt gewordenen
+verdienstvollen Forscher skeptisch bleiben. Wer nicht mitten in der
+neuen Arbeit drin steht, kann ja über die Zuverlässigkeit der durch
+dieselbe gewonnenen Resultate sich ein eigenes Urtheil nicht bilden.
+
+_Für die selbstthätig experimentell arbeitenden Mediciner ist es aber
+kein Zweifel mehr, dass diese Zuverlässigkeit eine ganz andere ist,
+in Bezug auf die Diagnose der Infectionskrankheiten sowohl, wie in
+Bezug auf ihre Heilung und Verhütung, als wie die, welche man früher
+durch die Statistik bekam._ Wir werden die Statistik auch jetzt noch
+als ein werthvolles Mittel benutzen, um uns Auskunft zu verschaffen
+über die Häufigkeit der Diphtherie und anderer Krankheiten in
+verschiedenen Klimaten und Lebensaltern, über ihre Prognose und über
+den Werth von Abwehrmaassregeln und Heilmitteln; wir werden uns dabei
+aber immer bewusst bleiben der ausserordentlich zahlreichen und meist
+unvermeidbaren Fehlerquellen, welche den aus der Statistik gezogenen
+_Schlussfolgerungen_ anhaften. Der Boden, auf welchem wir fussen,
+wenn wir zum Zweck der Beantwortung wissenschaftlicher Fragen den Weg
+der Statistik beschreiten, ist eben ein so schwankender, dass man da
+nicht weit kommt. _Ganz anders verhält es sich mit den experimentell
+gewonnenen, in jedem Einzelfall ausnahmslos wie ein Naturgesetz
+sich wiederholenden Ergebnissen, die zur Kenntniss der Specificität
+der Krankheitserreger, der Specificität der Krankheitsgifte, der
+Specificität der Immunisirungsmittel und der Specificität der
+Heilkörper im Blute immunisirter Thiere geführt haben._ Mit diesen
+Dingen wird gerechnet werden müssen, solange es eine medicinische
+Forschung giebt.
+
+Mehr noch als die Statistik muss die _Speculation_ mit kritischem
+Auge betrachtet werden, wenn sie den Anspruch erhebt, auf unser
+medicinisches Handeln Einfluss zu gewinnen. _Die Krankheitstheorien_ in
+der Medicin, die humoral-pathologische, die solidare und cellulare und
+alle ihre Unterarten und Abarten sind als speculative Constructionen
+von der Zeitmeinung und dem Stande unserer Kenntnisse abhängig;
+brauchbares Material enthalten sie alle, und jede von ihnen besitzt
+einen gewissen heuristischen Werth, den experimentell arbeitende
+Mediciner nicht hoch genug schätzen können; die Krankheitstheorien
+werden aber verderblich, wenn man sich ihnen nicht als _Kritiker_
+gegenüberstellt, sondern als _Dogmatiker_.
+
+Im Uebrigen giebt es über jede wichtigere medicinische Thatsache ebenso
+viele Theorien, als selbstständig darüber nachdenkende Mediciner;
+und es wäre ein vergebliches Bemühen, wenn ich in dieser Geschichte
+der Diphtherie den Spuren für das _Entstehen der individuellen
+Auffassungsweise von dem Wesen der Krankheit, ihrer Heilung und ihrer
+Verhütung_ ebenso würde nachgehen wollen, wie ich es in Bezug auf
+feststehende Thatsachen und wichtige Probleme gethan habe.
+
+
+[7] Dieser Polymorphismus geht jedoch nicht so weit, wie ein Kliniker
+ der Jetztzeit annimmt, der sogar eine _Diphtherie mit
+ Tetanussymptomen_ für möglich hält.
+
+
+
+
+Namen-Register.
+
+
+ A.
+
+ Adamkiewicz 87 (Reaction auf die Indolgruppe).
+
+ Aetius 19.
+
+ Alayma 10 (Egyptisch. Geschwüre).
+
+ Albers 13 (Napoleons Crouppreis).
+
+ Althoff 191.
+
+ Aretaeus 4. 10. 12. 19. 104. 106.
+
+ Aronson 153 (Diphtherie-Immunisirung von Hunden).
+
+
+ B.
+
+ Bard, Samuel 39. (Hautdiphtherie) 48. (Diphtherische Lähmungen) 54.
+
+ Bartels 120 (Quecksilberbehandlung bei Diphtherie).
+
+ Behring 150. (-- u. Kitasato) 153. (-- u. Wernicke) 182. 183.
+
+ Bergmann, v. 97 (-- u. Schmiedeberg -- „Sepsin“).
+
+ Billroth 97 (Putrider Eiter).
+
+ Blache 3. 4. 118. 133.
+
+ Blin 55 (-- u. Chavanne, Diphtherie im Anschluss an operirte
+ Urogenitalfisteln).
+
+ Boer 123. (Antiseptica) 148. 149. 153 (Diphtherie-Immunisirung).
+
+ Bohn 120 (Inunctionscur bei Diphtherie).
+
+ Bonac 48 (Demoiselle de).
+
+ Bose 117 (Stimmbandlähmung in Folge von Nichtgebrauch).
+
+ Bouchard 125 (Zählmethode). 156. 159 (Vaccination). 160. 171. 172.
+ 174 (produits bactériens vaccinantes) 178.
+
+ Bouchut 118 (tubage de la glotte).
+
+ Bourges 119 („La diphtherie“).
+
+ Boussuge 55 (de la diphthéroide).
+
+ Brault 9.
+
+ Bretonneau 3. 4. 8. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24.
+ 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31. 32. 33. 34. 35. 36. 37. 38. 39. 40.
+ 41. 44. 48. 49. 52. 53. 54. 55. 57. 59. 72. 99. 100. 101. 102.
+ 104. 106. 107. 108. 109. 110. 111. 112. 116. 118. 119. 122.
+ 127. 132. 134. 135. 136. 197. 199. 200.
+
+ Brieger 84 (-- und Fraenkel). 97. (Ptomaïne) 171. (-- Kitasato u.
+ Wassermann) 178.
+
+ Buchner 94 (Alexine).
+
+ Buhl 50 (Diphtherische Affection der peripherischen Nerven).
+
+
+ C.
+
+ Carnevale 19. 134.
+
+ Caron 111 (Tracheotomie).
+
+ Chamberland 155 (-- Pasteur und Roux).
+
+ Champagny 58 (Napoleons Crouppreis).
+
+ Charcot 50.
+
+ Charrin 156. 171 (Pyocyaneus-Immunisirung).
+
+ Chassaignac 113. 114. 116 (Tracheotomie).
+
+ Chaussier 59 (Arteficielle Erzeugung von Croup).
+
+ Chauveau 155 (Immunität, Vererbung derselben).
+
+ Chavanne 55 (-- u. Blin).
+
+ Chenusson 30. 104 (Diphtherieepidemie).
+
+ Chomel 48. 54 (Hautdiphtherie).
+
+ Christmas-Dirking-Holmfeld 80. 92 (Jecquiritygift).
+
+ Cohn 67. 77.
+
+ v. Coler 191.
+
+ Corvisart 14.
+
+
+ D.
+
+ Deguise 130 (Tracheotomie).
+
+ Déjérine 50. 51 (Diphtherische Lähmung).
+
+ Dieffenbach 118 (cathéterisme laryngien).
+
+ Duclaux 85. 86. 91 (Eiweisskörper). 156 (Brief Pasteur’s an --).
+
+
+ E.
+
+ Ehrlich 195 (Vererbung erworbener Immunität).
+
+
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+
+ Fränkel, A., 52 (Pneumoniebacillus).
+
+ Fränkel, C., 84. 147. 150. 151. 154. 156. 171. 173.
+
+ Ferrichs 120 (Inunctionscur bei Diphtherie).
+
+ Friedländer 58 (Napoleon’s Crouppreis).
+
+
+ G.
+
+ Gadet de Gassicourt 50 (Diphtherische Herzlähmung).
+
+ Galen 12.
+
+ Gamaleïa 82. 84. 97 („Les poisons bactériens“).
+
+ Gaucher 119 (Methodische Diphtheriebehandlung).
+
+ Gerhardt 28 (Maligne Angina). 31 (Scorbutische Gangrän). 32. 34
+ (Scarlatinöse Angina). 53. 120. 121 (Kritik). 132. 133
+ (Contagiosiät).
+
+ Ghisi 18. 19. 47. 48. 53.
+
+ Gombault 50 (Diphtherische Herzlähmung).
+
+ Gosselin 130 (Tracheotomie).
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+ Grimaux 87 (Biuret-Reaction).
+
+ Günther 129 (Operationslehre).
+
+ Guersant 3. 39. 132.
+
+ Guimier 49 (Diphtherische Lähmung).
+
+ Guinochet 81 (Züchtung von Diphtheriebacillen im menschlichen Urin).
+
+ Gyoux 55 (Hautdiphtherie).
+
+
+ H.
+
+ Habermann 86 (-- u. Hlasiwetz, Eiweisskörper).
+
+ Hallier 66. 67. 71. 77.
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+ Hansemann 51.
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+ Heine 133 (Tod an Diphtherie).
+
+ Henoch 34. 35. 40. 47. 49. 51. 52.
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+ Hericourt 159. 160. 161 (u. Richet).
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+ Herpin 14 (Tod an diphtherischer Lähmung).
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+ Hippocrates 12. 138.
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+ Hlasiwetz 86 (-- u. Habermann).
+
+ Hochhaus 51 (Diphtherische Muskelentzündung).
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+ Home 18. 19. 21. 111 (Croup).
+
+ Hortense 13. 14 (Königin, Gingivitis diphtheritica).
+
+ Hufeland 201.
+
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+ Husson 7 (Secretär des Pockenimpfungs-Comité).
+
+
+ I (J).
+
+ Jenner 4. 154. 156.
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+ Jobert de Lamballe 55 (Diphtherie bei Urogenitalfisteln).
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+ Josephine 13 (Kaiserin, Tod an Croup).
+
+ Isambert 113.
+
+ Jurine 13. 111. 112 (Crouppreis).
+
+
+ K.
+
+ Kitasato 98. 150. 151. 152. 154. 171. 177.
+
+ Klebs 72. 73. 75 (Diphtheriebacillus).
+
+ Knorr 165. 170. 175. 176. 178. 184. 193.
+
+ Koch, Robert 37. 73. 76. 77. 78. 96. 97. 98. 134. 138. 147. 163. 169.
+ 189. 191. 198. 201.
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+ König 114. 115. 116. 128 (Tracheotomie).
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+ Kolisko 34 (-- u. Paltauff, scarlatinöse Angina).
+
+ Kühn 129 (Tracheotomie).
+
+
+ L.
+
+ Laënnec 16. 21 (Tuberculose). 22. 58 (Napoleon’s Crouppreis,
+ Commission).
+
+ Lautenschläger 193.
+
+ Lewin, G. 120 (Inunctionscur bei Diphtherie). 127 (Literatur über
+ Diphtherie).
+
+ Lichtheim 61 (Diphtherie-Aetiologie).
+
+ Löffler 34. 72. 73. 75. 76. 77. 80. 81. 84. 92. 98. 156. 157. 158.
+
+ Loiseau 118 (cathéterisme laryngien).
+
+ Löw 87 (Biuret-Reactlon).
+
+ Loyatete 49 (Diphtherische Lähmung).
+
+ Lübbert 153 (Wasserstoffsuperoxydmethode).
+
+
+ M.
+
+ Maingault 48. 49 (Monographie über diphtherische Lähmungen).
+
+ Maisonneuve 114 („Tracheotom“).
+
+ Malgaigne 117. 120 (Kritik des Werthes der Tracheotomie).
+
+ Mead 7 (Pockenerkrankung des Fötus ohne Erkrankung der Mutter).
+
+ Meinhardt 193.
+
+ Meister, Lucius & Brüning 191 (Farbwerke in Höchst a. M.).
+
+ Mercatus 19.
+
+ Meyer, P. 50 (Parenchymatöse Neuritis nach Diphtherie).
+
+ Millet 113. 199. 200 (Traité de la diphthérie).
+
+ Millon 86 (Eiweissreaction).
+
+ Mohr 18 (Uebersetzung von Home’s Crouparbeit).
+
+ Montague 155 (lady; Pockenimpfung).
+
+ Moore 15 (Motto zu Bretonneau’s traité de la diphthérite).
+
+ Moreau 58 (Commission für Napoleon’s Crouppreis).
+
+ Moynier 55 (Schüler Trousseau’s).
+
+
+ N.
+
+ Napoleon 13 (Crouppreis).
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+ Naegeli 67. 71. 77.
+
+ Nasse 90 (Fällungsreactionen für Eiweisskörper).
+
+ Nencki 97 (Ptomaïne).
+
+ Nola, Franciskus 16. 17. 18 („Bodentheorie“ betreffend die Entstehung
+ der Diphtherie).
+
+
+ O.
+
+ Oertel 61. 62. 64. 71. 72. 77 (Aetiologie der Diphtherie).
+
+ Orillard 49 (Taubheit und Sehstörungen nach Diphtherie).
+
+ Orth 44. 45 (Pathologisch-anatomische Begriffsbestimmung der
+ Diphtherie).
+
+ Ozanam 49 (Diphtherische Lähmung).
+
+
+ P.
+
+ Paltauff 34 (-- und Kolisko, Scharlach-Angina).
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+ Panum 97 (Putrides Bacteriengift).
+
+ Pariset 58 (Croup-Commission).
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+ Pasteur 79. 140. 154. 155. 156. 162. 201.
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+ Pauly 117 (Granulations-Stenose nach der Tracheotomie).
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+ v. Pettenkofer 135 (Contagiosität der Infectionskrankheiten).
+
+ Pfeiffer 73 (Influenzabacillus).
+
+ Proskauer 85 (-- und Wassermann, Diphtheriegift).
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+ Puységur 107. 116 (Elisabeth de; 3. Tracheotomie Bretonneau’s).
+
+
+ R.
+
+ Ramon 11 (Tödtlich verlaufene Fälle von Diphtherie der Vulva).
+
+ Rhasez 6 (Teleologische Theorie betreffend die Entstehung der Pocken).
+
+ Richet 159. 160. 161 (-- u. Héricourt).
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+ Robert 55 (Wunddiphtherie).
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+ Roux 46. 51. 79. 81. 82. 83. 84. 92. 98. 119. 155.
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+ S.
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+ Salmon 156 (-- und Smith).
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+ Schönlein 201.
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+ Schütz 77. 170. 174 (Tetanus-Immunisirung).
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+ Schwilgué 58 (Vorbericht für Napoleon’s Crouppreis).
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+ Sedillot 49 (Diphther. Lähmung).
+
+ Selmi 97 (Ptomaïne).
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+ Senator 45 („Synanche“).
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+ Sestier 129 (Tracheotomie-Statistik).
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+ Smith 156 (-- und Salmon).
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+ Starr 39 (Seltene Primäraffectionen bei Diphtherie).
+
+ van Swieten 104 (Salzsäurebehandlung der diphtherischen Angina).
+
+
+ T.
+
+ Thirial 49 (Schüler Trousseau’s).
+
+ Tissot 8 (Fäden mit Pockeneiter imprägnirt).
+
+ Tizzoni 195 (Germinale Vererbung der erworbenen Immunität).
+
+ Toussaint 155 (Chemische Stoffe mit immunisirender Wirkung im
+ Milzbrandblut).
+
+ Trendelenburg 62. 69 (Diphtherie-Aetiologie). 117 (Stimmbandlähmung).
+
+ Trousseau 11. 49. 54. 55. 112. 114. 118.
+
+
+ V.
+
+ Valleix 113.
+
+ Virchow 32. 34. 35. 36 (Begriffsbestimmung der Diphtherie). 201.
+
+ Vulpian 50 (Anatomischer Befund bei diphtherischer Lähmung).
+
+
+ W.
+
+ Waldenburg 20 (Citat).
+
+ Wallach 85 (Eiweiss).
+
+ Washington 4 (Tod an Diphtherie).
+
+ Wassermann 85 (-- u. Proskauer). 154. 171. 177 (-- und Brieger und
+ Kitasato).
+
+ Weber, O. 133.
+
+ Wernicke 151. 153. 174. 182. 183. 184. 185. 188. 190. 191. 195.
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+ Y.
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+ Yersin 46. 51. 79. 81. 82. 83. 84. 92. 98 (-- und Roux).
+
+
+ Z.
+
+ Zarnikow 34 (Scharlachangina).
+
+ Zimmer 151 (Diphtherie-Immunisirung).
+
+
+Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin W.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78190 ***
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+ Die Geschichte der Diphtherie. | Project Gutenberg
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78190 ***</div>
+
+<div class="transnote mbot3">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
+1893 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche
+Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+unverändert.</p>
+
+<p class="p0">Verschiedene Schreibweisen, auch bei Personennamen,
+wurden nicht vereinheitlicht, sofern die jeweiligen Formen im Text
+wiederholt vorkommen.</p>
+
+<p class="p0">Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels
+versetzt.</p>
+
+<p class="p0 hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
+Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
+gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
+serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p>
+
+</div>
+
+<h1 class="break-before">
+ <span class="s6">Die</span><br>
+ <b>Geschichte der Diphtherie.</b>
+</h1>
+
+<p class="s3 center">Mit besonderer Berücksichtigung der Immunitätslehre.</p>
+
+<p class="s4 center mtop2 mbot2">Von</p>
+
+<p class="s3 center"><b>Stabsarzt Prof. Dr. Behring.</b></p>
+
+<figure class="figcenter illowe12 padtop5" id="titel_deko">
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+</figure>
+
+<p class="s4 center padtop5">Leipzig.</p>
+
+<p class="s4 center">Verlag von Georg Thieme.</p>
+
+<p class="s4 center">1893.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_iii">[S. iii]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Vorwort">
+ Vorwort.
+ </h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="initial">D</span>ie Diphtherie ist im Laufe der letzten 50 Jahre eine <i>ständige</i>
+Krankheit der europäischen Länder geworden, und erfahrene Beobachter
+schliessen sich der Ansicht <i>Henoch</i>’s an, welcher es für
+unbestreitbar hält, „dass die Diphtherie sowohl in Bezug auf Frequenz,
+wie auf Malignität in einer fortwährenden Steigerung begriffen ist“.</p>
+
+<p>Ueber ihre Häufigkeit speciell im Kindesalter kann man sich ein
+ungefähres Bild aus folgenden Zahlen machen, die sich aus Angaben der
+Preussischen Statistik herausrechnen lassen.</p>
+
+<p>Man kann danach annehmen, dass bei 10000 im ersten Jahre stehenden
+Kindern die allgemeine Sterblichkeit den fünften Theil ausmacht; von
+10000 1 bis 2 Jahre alten Kindern stirbt der 14. Theil, von 10000 2–3
+Jahre alten der 25. Theil, von 10000 3–5 Jahre alten der 40. Theil, von
+10000 5–10 Jahre alten der 100. Theil, von 10000 10–15 Jahre alten nur
+noch der 240. Theil.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_iv">[S. iv]</span></p>
+<p>Unter den Ursachen für die so hohe Sterblichkeit im <i>ersten</i>
+Lebensjahre figuriren hauptsächlich „Krämpfe“, demnächst „angeborene
+Lebensschwäche“, dann kommen „Atrophie“, „Keuchhusten“ und erst in
+fünfter Reihe „Diphtherie und Croup“. Im 2. Lebensjahre stehen „die
+Krämpfe“ noch obenan; die Diphtherie aber rückt an die zweite Stelle,
+indem von den 1–2 Jahre alten, insgesammt sterbenden Kindern ihr etwa
+der 6. Theil zum Opfer fällt. Vom 3. bis 5. Lebensjahre aber ist die
+Diphtherie die am meisten mörderische Krankheit; mehr als der vierte
+Theil der Todesfälle wird in diesem Alter durch sie verursacht;
+es sterben von 10000 2–3 Jahre alten Kindern rund 400, davon an
+Diphtherie allein über 100; an zweiter Stelle stehen „Krämpfe“ mit
+47, dann Scharlach mit 44, dann kommt „Atrophie“ mit 32, Masern mit
+24, Keuchhusten mit 23, Tuberculose mit 13 u.&#8239;s.&#8239;w. Für die im 3. bis
+5. Jahr stehenden Kinder, von welchen unter 10000 ca. 240 sterben,
+kommt aber auf die Diphtherie fast der dritte Theil der Sterbefälle
+(über 70); die anderen Krankheiten, wie Krämpfe (15), Atrophie (12),
+Keuchhusten (10), Tuberculose (7), treten da alle weit zurück; und
+Scharlach (35) und Masern (13), die jetzt ihre relativ höchste Frequenz
+haben, erreichen auch zusammen noch lange nicht die Mortalitätsziffer
+der Diphtherie. Auch vom 5. bis 10. Jahre dominirt noch die Diphtherie,
+wird dann aber in den späteren Lebensjahren immer weniger gefährlich.&#x2060;<a id="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a></p>
+
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_v">[S. v]</span></p>
+<p>Wir sehen also, wie die Gefahr der Eltern, ihre Kinder bis zum
+Eintritt in die Schulzeit zu verlieren, vom dritten Jahre ab
+hauptsächlich durch die Diphtherie bedingt wird, und dass die Angst der
+Mütter vor dieser schrecklichen Krankheit nur zu sehr gerechtfertigt
+ist. Sind es doch gerade die Jahre des kindlichen Lebens, in denen das
+erwachende Geistesleben anfangt, am meisten den Angehörigen Freude zu
+machen, in denen die Sorge um den Verlust durch Ernährungsstörungen
+mehr und mehr zurücktritt und die Hülflosigkeit der Kleinen gerade
+einem frischen fröhlichen Gedeihen und der schönsten Bethätigung der
+körperlichen und psychischen Functionen Platz gemacht hat!</p>
+
+<p>Es wird nur nöthig sein, den Beweis zu liefern, dass wir nicht rathlos
+und mittellos der Diphtherie gegenüber stehen, sowohl was ihre Heilung
+betrifft, wie ihre Verhütung, um in den weitesten Kreisen Unterstützung
+zu finden für das Bestreben, derselben Herr zu werden und sie zu einer
+ebenso seltenen Todesursache werden zu lassen, wie das schon jetzt für
+die Pocken erreicht ist.</p>
+
+<p>Dieser Beweis aber <i>kann</i>, wie ich muthig behaupten darf,
+geliefert werden.</p>
+
+<p><i>Die Diphtherie ist eine vermeidbare Krankheit.</i></p>
+
+<p><i>Bretonneau</i>, dessen Leistungen bei der Darstellung der Geschichte
+der Diphtherie uns noch eingehend beschäftigen werden, hat das schon
+erkannt, und in seiner Publication aus dem Jahre 1855, von der ich die
+Einleitung dieser meiner Arbeit vorangestellt habe, hat er in beredten
+Worten seiner Ueberzeugung Ausdruck gegeben.&#x2060;<a id="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a></p>
+
+<p><i>Wir haben gegenwärtig aber ein viel grösseres Recht, als Bretonneau,
+darauf zu hoffen, dass die Diphtherie zu einer ungefährlichen Krankheit
+gemacht wird, nachdem wir in dem Blutserum diphtherieimmunisirter
+Thiere ein Mittel besitzen, mit Hülfe dessen wir im Stande sind, noch
+viel einfacher, sicherer und in weniger bedenkenerregender Weise einen
+individuellen Krankheitsschutz gegenüber der Diphtherie den Kindern zu
+gewähren, als das für die Pocken der Fall ist.</i></p>
+
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_vi">[S. vi]</span></p>
+<p>Es war ursprünglich meine Absicht, die Auseinandersetzungen über
+diesen Gegenstand mit der Mittheilung meiner <i>experimentellen</i>
+Ergebnisse zu beginnen, die bei meinen blutserumtherapeutischen
+Arbeiten der letzten Jahre gewonnen sind.</p>
+
+<p>Ich halte es jedoch für zweckmässiger, denselben einen geschichtlichen
+Ueberblick über die Entwicklung der Lehre von der Diphtherie
+vorauszuschicken, um später es nicht nöthig zu haben, immer von Neuem
+gegen Vorurtheile und falsche Anschauungen ankämpfen zu müssen, die
+in sich selbst zusammenfallen, wenn man die Geschichte der Diphtherie
+kennen gelernt hat.</p>
+
+<p>Sollte der Leser finden, dass die Litteratur in einiger Vollständigkeit
+auf Grund des Studiums der Originalarbeiten von mir berücksichtigt ist,
+dann will ich nicht verschweigen, dass mir die Einsicht in dieselben
+verhältnissmässig leicht gemacht worden ist.</p>
+
+<p>Der Geh. Med.-Rath Prof. <i>G. Lewin</i> hat mit einer Sorgfalt
+die Arbeiten über Diphtherie, Croup und Angina, welche seit
+<i>Bretonneau</i> veröffentlicht sind, in seiner Bibliothek gesammelt
+und geordnet, die kaum eine gelegentliche Mittheilung in medicinischen
+und politischen Zeitungen sich entgehen liess, wenn sie des Aufhebens
+werth war; deutsche und französische Dissertationen sind von ihm in
+unübersehbarer Fülle gesammelt. Von wichtigeren Monographien aber
+dürfte ihm kaum eine entgangen sein.</p>
+
+<p>Alle seine im Laufe von über 40 Jahren mühsam gesammelten Bücher
+und Aufsätze standen mir durch das Entgegenkommen des Geh. Rath
+<i>Lewin</i> zur Verfügung.</p>
+
+<p>Ich verfehle nicht, dafür auch an dieser Stelle ihm meinen Dank
+abzustatten.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> S. <i>A. Gärtner</i>, Ueber die Erblichkeit der
+Tuberculose S. 148 und 149 (Zeitschr. f. Hyg. u. Inf. K. Bd. XIII.
+1893).</p></div>
+
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_vii">[S. vii]</span></p>
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> Im Text ist fälschlich die Jahreszahl <i>1885</i> statt
+<i>1855</i> stehen geblieben.</p></div>
+
+</div><figure class="figcenter illowe12 padtop3" id="a006_deko">
+ <img class="w100" src="images/a006_deko.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+
+ <h2 class="nobreak" id="Inhaltsangabe">
+ Inhaltsangabe.
+ </h2>
+
+</div>
+
+<table class="toc">
+ <tr>
+ <td class="s5" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="s5">
+ <div class="right">Seite</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">I.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Offener Brief an die Herren Blache und P. Guersant.
+ Von P. Bretonneau (1855)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#I">3</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">II.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Historisch-kritische Uebersicht über die
+ epidemiologischen, klinischen und pathologisch-anatomischen Beobachtungen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#II">15</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">III.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Geschichte der ätiologischen Untersuchungen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#III">57</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">IV.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Historisch-kritische Uebersicht über die klinischen
+ Beobachtungen und experimentellen Untersuchungen betreffend
+ die Heilung und Verhütung der Diphtherie</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#IV">99</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">V.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die wissenschaftlichen Voraussetzungen der
+ Blutserumtherapie</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#V">136</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">VI.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Aufzählung und Classificirung der bisher bekannt
+ gegebenen Methoden der Diphtherie-Immunisirung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#VI">147</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">VII.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Von den Bedingungen, unter welchen die Immunisirung
+ gegenüber der Diphtherie sich vollzieht</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#VII">164</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">VIII.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Das Diphtherieheilserum und seine Eigenschaften</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#VIII">182</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Schlusswort zum geschichtlichen Theil</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Schlusswort_zum_geschichtlichen_Theil">197</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<figure class="figcenter illowe10 padtop1" id="a007_deko">
+ <img class="w100" src="images/a007_deko.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_1"></a><a id="Page_3"></a>[S. 3]</span></p>
+
+<p class="s2 center padtop3"><b class="s4">Die Geschichte der Diphtherie.</b></p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+ <h2 class="nobreak" id="I">
+ I.
+ <br>
+<span class="s5"><b>Offener Brief an die Herren Blache und P. Guersant.</b>
+Von <b>P. Bretonneau</b></span></h2>
+
+</div>
+
+<p class="s4 center mbot2">(Arch. génér. 1885 Januar-Heft).</p>
+
+<p>„<span class="initial">S</span>eitdem die Diphtherie mehr und mehr endemisch in Paris geworden ist,
+hat man nicht wenige Fälle von sehr schnell verlaufenden diphtherischen
+Infectionen zu beklagen gehabt, welche ohne Larynxstenose tödtlich
+endeten.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_4">[S. 4]</span></p>
+<p>Es sind jetzt 34 Jahre her, dass die „maligne Angina“ (zur Gangrän
+neigende Form der Rachendiphtherie) nach Tours eingeschleppt durch
+die Vendée-Legion, dort in wenigen Monaten 60 Personen von jedem
+Lebensalter, besonders aber viele Kinder dahinraffte. Angetrieben
+durch das mächtige Interesse, welches solche unerwarteten schlimmen
+Ereignisse hervorrufen, und durch den Wunsch, einen besseren Einblick
+in dieselben zu bekommen, nachdem ich sie zuerst nur unvollkommen
+und flüchtig erschaut, getrieben ferner durch eine Wissbegierde,
+die mir keine Ruhe liess, machte ich mich daran, auf’s eifrigste
+die periodischen Zeitschriften Frankreichs und Englands zu lesen,
+sowie allerlei alte Bücher, die ich mir kaufte und lieh, und endlich
+alles, was überhaupt über das Auftreten dieser schrecklichen Geissel
+des Menschengeschlechtes bis in die fernst gelegenen Jahrhunderte
+geschrieben war.</p>
+
+<p>Aber ich muss gestehen, dass in meiner umfangreichen Sammlung
+alter Bücher Originalarbeiten nicht übermässig zahlreich waren;
+Bücherschreiber haben wenig Geschmack an Specialarbeiten, und es kommt
+ihnen mehr auf das Wahrscheinliche an als auf das Wahre.</p>
+
+<p>Indessen soviel ging doch aus meinen Studien schon hervor, dass die
+ägyptische Krankheit (<i>Bretonneau</i>’s. „Diphtheritis“) jedes
+Mal, so oft sie irgendwo auftrat, die Bevölkerung und die Aerzte in
+Schrecken versetzte, alle Betroffenen tödtete, bis die therapeutischen
+Maassnahmen des <i>Aretaeus</i>, die aber immer wieder vergessen
+wurden, mit grösserem oder geringerem Geschick zur erneuten Anwendung
+gelangten.</p>
+
+<p>Sicherlich wird durch Augenzeugen der fürchterlichen Epidemieen
+des 16. Jahrhunderts, welche von Spanien und Sicilien aus unseren
+Erdtheil überflutheten und später in Amerika anlangten, wo auch
+<i>Washington</i> am Croup gestorben ist, eine Schilderung dieser
+schreckenverbreitenden Krankheitszüge entworfen sein, und ohne Zweifel
+liegen Beschreibungen dieser Epidemieen vergessen irgendwo in einem
+verborgenen Winkel. Aber nur bei Leuten, die selber mit Aufmerksamkeit
+eine gleiche Sache verfolgen, findet die achtsame Beobachtung Anderer
+einen Widerhall, und wo giebt’s jetzt wohl Interesse und Verständniss
+dafür? Sicher nicht bei uns, wo allerlei verderbenbringende Uebel die
+volkreichen Städte verwüsten und die Aufmerksamkeit von jenen Zeiten
+ablenken.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_5">[S. 5]</span></p>
+
+<p>Indem ich nun Sie, mein lieber <i>Blache</i>, Sie und die Ihrigen
+im Auge habe, welche den Gefahren heimtückischer Ansteckung
+ausgesetzt sind, einer Ansteckung, die entweder überhaupt geleugnet
+oder nicht richtig verstanden wird, fühle ich das Bedürfniss, die
+Vorsichtsmaassregeln Ihnen mitzutheilen, die ich am meisten wirksam
+gefunden habe.</p>
+
+<p>Ich will Ihnen meine Ueberzeugungen nicht aufdrängen, aber wenigstens
+den Versuch will ich machen, ob Sie sich denselben anschliessen wollen.</p>
+
+<p>Leider geht’s uns hier, wie auch in anderen Dingen, in welchen die
+mit Vorurtheilen erfüllte Zeit im Widerstreit mit der Wahrheit und
+Wirklichkeit steht: <i>Mit allen Mitteln sucht man den Glauben an die
+Uebertragbarkeit der Krankheit den Leuten zu rauben.</i></p>
+
+<p>Wenn ich auf diesen Punkt eingehe, so will ich für meine Ueberzeugung
+von dem Vorhandensein einer solchen nicht auf Deductionen mich
+einlassen, sondern Thatsachen anführen; und das wird mir besser
+gelingen, wenn ich von der Uebertragbarkeit der <i>Pocken</i> ausgehe,
+bei welcher Infectionskrankheit das Studium der Contagiosität weiter
+vorgeschritten ist, als bei der Diphtherie.</p>
+
+<p>Die Impfung gegen die Pocken, welche in der Mitte des 18. Jahrhunderts
+aus dem Orient bei uns eingeführt wurde, ist bald in mehreren Staaten
+Europas, besonders aber in England, allgemeiner angewendet worden und
+gab die Veranlassung zu <i>Jenner</i>’s Entdeckung. Die Pockenimpfung
+wird danach zu einer Modesache und erregt als solche allgemeine
+Aufmerksamkeit. Verschiedene Arten der Ueberimpfung werden gerühmt,
+studirt, verglichen, angenommen, verworfen; aber nur in geringem Grade
+dient die Wirklichkeit als Führer für das Vorgehen der einzelnen Aerzte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_6">[S. 6]</span></p>
+
+<p>Meist werden die Bedingungen für die Uebertragbarkeit schlecht
+verstanden; es werden Impfungen von Arm zu Arm, Pockenübertragung durch
+Zusammenliegen Gesunder mit Pockenkranken in einem Bett vorgenommen,
+während andere Aerzte die auf Pockenpusteln sich bildenden trockenen
+Krusten zerreiben und damit die Kinder bepudern, nachdem sie für die
+Haftbarkeit des Infectionsstoffes in geeigneter Weise vorbereitet sind.</p>
+
+<p>Vielfach glaubte man in jener Zeit an spontan auftretende Pocken,
+und dieser Glaube ist noch immer nicht vollständig ausgelöscht. Man
+glaubte auch an einen Krankheitskeim, welchen schon bei der Geburt
+der später krank werdende Mensch mitbekomme. (Solch’ ein Keim müsste
+sich dann Zeit lassen, bevor er sich entwickelt und in Action tritt!)
+Man nahm an, dass der Ausbruch der Pocken ein Reinigungsprocess sei
+(Despumation), welcher von Zeit zu Zeit zum Wohle des Individuums
+sich vollziehe. Ja man hat sich mit der Meinung des arabischen Arztes
+<i>Rhasez</i> befreundet, nach welchem das noch mit dem Menstrualblut
+behaftete Kind einer solchen Reinigung bedürfe.</p>
+
+<p>Heutzutage, nach all’ diesen scholastischen und akademischen
+Hirngespinnsten, wird die Contagiosität der Pocken kaum mehr
+angezweifelt. Jetzt weiss man, dass die Pocken, wie so viele andere
+epidemische Krankheiten, sich nur durch Uebertragung fortpflanzen,
+mögen sie nun sporadisch auftreten oder eine ganze Bevölkerung
+ergreifen; und man weiss, dass die Uebertragbarkeit so gross ist, dass
+sie auf Pistolenschussweite sich noch vollziehen kann. Seitdem durch
+die Schutzpockenimpfung das ungehinderte Umsichgreifen der Pocken
+verhindert ist, konnte diese Thatsache in unzählig vielen Fällen so
+sicher wie in einem Experiment, dessen Beweiskraft den strengsten
+Anforderungen genügt, constatirt werden; man weiss, dass Leute, die an
+einem genau bekannten, isolirten Pockeninfectionsherde sich ansteckten,
+von der gleichen Krankheit nach einem Incubationsstadium von bestimmter
+Dauer befallen wurden; das kann Jeder erkennen, der überhaupt im Stande
+ist, zu beobachten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_7">[S. 7]</span></p>
+
+<p>Darauf beschränkt sich aber nicht die Ansteckungskraft des
+Pockeninfectionsstoffes. Er kann im Uterus einer schwangeren Frau,
+die während ihrer Schwangerschaft sich viel mit Pockenkranken
+abgegeben hat, ohne selber pockenkrank zu werden, den Fötus befallen.
+Wie geht hier die Uebertragung vor sich? Je mehr man sich in die
+Entstehungsbedingungen einer Ansteckung vertieft, um so dunkler wird
+das Problem. Hier muss das ansteckende Princip doch in der Luft
+vorhanden gewesen, es muss in der Luft fein vertheilt und in Folge
+dieser feinen Vertheilung abgeschwächt (<span lang="fr">atténué</span>) worden sein, dann
+muss es die verschiedenen Gewebsschichten passirt haben und ist in dem
+Gewebe dem dort statthabenden Stoffwechsel und im Respirationsapparat
+der Bluteinwirkung unterworfen gewesen. Trotzdem, durch nichts wurde
+es aufgehalten, durch nichts unwirksam gemacht; es kam schliesslich
+doch zur Wirkung. Obwohl der Fötus eine ganz andere Art der Circulation
+besitzt, als der mütterliche Organismus, obwohl er nur in der Anlage
+die Merkmale des Säugethiertypus zeigt, nicht athmet und eigentlich nur
+wie ein Fisch lebt, schwimmend in der Amniosflüssigkeit, ist doch das
+Virus bis zu ihm durchgedrungen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_8">[S. 8]</span></p>
+
+<p>Zwei Fälle von Pocken beim Fötus, ohne Erkrankung der Mutter, sind
+sehr sorgfältig beobachtet von <i>Mead</i>, drei andere durch das
+Impfcomité in Paris (Secretär <i>Husson</i>), ein sechster Fall
+wiederholte sich im Jahre 1827 in <i>Tours</i>: Eine arme Frau kam
+rechtzeitig nieder mit einem Knaben; das Gesicht und die übrige
+Körperoberfläche waren besät mit Pockenpusteln, die eine dem vierten
+Tage der Entwicklung entsprechende Ausbildung zeigten; unter meinen
+Augen schritt die Entwicklung weiter vor und vollzog sich in typischer
+Weise. Auf’s sorgfältigste untersuchte ich die Pusteln; sie zeigten
+alle Charaktere der Hautpocken, trotzdem die Haut zur Zeit des
+Entstehens derselben von einer Flüssigkeit umspült war; die Pusteln
+sprangen hervor (<span lang="fr">étaient saillantes</span>) und zeigten deutliche Convexität
+(<span lang="fr">bombées et non nivellées</span>), wie das der Fall ist bei solchen Pusteln,
+die sich auf den Schleimhäuten entwickeln. Der Knabe wuchs heran und
+dient jetzt beim Militär.</p>
+
+<p>Ich habe, um von der Contagiosität der <i>Diphtherie</i> zu
+reden, weit ausgeholt, aber die bei der alten <i>egyptischen</i>
+Infectionskrankheit (Diphtherie) zu beobachtenden Thatsachen sind so
+eigenartig und seltsam, dass zur Vermehrung ihrer Glaubwürdigkeit
+es vielleicht ganz gut sein dürfte, dass man beglaubigte Beispiele
+von <i>unerklärlichen</i>&#x2060;<a id="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> Thatsachen (<span lang="fr">prodiges</span>) bei einer anderen
+Infectionskrankheit vor Augen hat.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_9">[S. 9]</span></p>
+
+<p>Das Pockenvirus kann durch die Luft transportirt werden; aber
+wir müssen weiter hinzufügen, dass ihm auch ein anderer und weit
+greifbarerer Uebertragungsmodus zukommt, nämlich durch den getrockneten
+Pustelinhalt, dessen Ansteckungsfähigkeit sich ausserordentlich lange
+erhält. <i>Tissot</i> konnte sich für seine Impfungen mit Erfolg eines
+Fadens bedienen, den er mit Variolaeiter imprägnirt hatte, indem er
+ihn durch eine Pustel hindurchzog, und welchen er drei Monate lang
+ohne besondere Cautelen in einem Buche aufbewahrt hatte. Abnahme von
+Pusteleiter Seitens der Impfärzte hat gleichfalls in zahllosen Fällen
+die grosse Haltbarkeit der ansteckenden Kraft von Pusteleiter bei der
+Conservirung bewiesen.</p>
+
+<p><i>Wenn ich dies besonders betone, so geschieht das deswegen, weil
+gerade diese Art der Pockenübertragung es ist, die für die Uebertragung
+der Diphtherie in Frage kommt; denn die Uebertragung durch die Luft
+kommt bei der Diphtherie nicht vor.</i></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_10">[S. 10]</span></p>
+
+<p>Unzählige Fälle sprechen dafür, dass Krankenpfleger keine Diphtherie
+bekommen, ausser wenn Absonderungsproducte von Diphtheriekranken in
+directen Contact mit ihrer Schleimhaut in succulentem oder succulent
+gewordenem Zustande (<span lang="fr">membrane muqueuse molle ou amollie</span>) gelangt
+oder mit der äusseren Haut an einer von der Epidermis entblössten
+Stelle. Kurz zur Uebertragung der egyptischen Krankheit bedarf es
+einer wirklichen Einimpfung. Seit dem Jahre 1818 beweisen die in dem
+Departement d’Indre-et-Loire entstandenen Epidemieen aufs deutlichste,
+dass die atmosphärische Luft <i>nicht</i> eine Diphtherieinfection
+vermitteln kann. Durchaus einwandsfreie und beweisende Thatsachen
+sind in dieser Richtung durch sorgfältige Beobachtung gesammelt
+und der Wissenschaft überliefert an sehr kleinen Ortschaften. Die
+Beobachter konnten hier jede Einzelheit notiren, den Tag, ja die
+Stunde der Einschleppung der Krankheit, ihren Sitz, ihr Uebergreifen
+von einer Familie auf die andere, die Bedingungen, unter welchen
+die Weiterwanderung sich vollzog, ihre Uebertragung auf einzelne
+Häusergruppen (<span lang="fr">hameaux</span>) und andere Ortschaften, unter Angabe der
+Entfernungen und der Jahreszeiten, in denen all’ das eintrat. In dieser
+Beziehung verdanke ich besonders dem Dr. <i>Henri Brault</i>, Arzt
+in Beaumont-la-Ronce, zahlreiche und sehr werthvolle Beobachtungen.
+Ich würde allenfalls noch einen Zweifel an meiner Beobachtung für
+berechtigt halten, wenn die dieselbe beweisenden Daten nur von
+<i>einem</i> Beobachter und an <i>einem</i> Orte herrührten; aber
+35 Jahre lang haben sich die gleichen Thatsachen immer wiederholt,
+und zwar an einer sehr grossen Zahl von Orten, und stets in
+Uebereinstimmung mit denen, die uns aus vergangenen Jahrhunderten
+überliefert sind.</p>
+
+<p>Ist einmal das Diphtherievirus darauf angewiesen, durch
+<i>Inoculation</i> die Krankheit zu erzeugen, so fragt es sich, welches
+der nähere Vorgang dabei ist, und wenn wir da den Uebertragungsmodus
+verfolgen, so sehen wir, dass derselbe noch viel mehr Verwunderliches
+hat, als der der Pocken.</p>
+
+<p>Einerseits ist er ähnlich dem der Syphilis; und zwar sind die
+Beziehungen der egyptischen Krankheit (syrischen, Diphtherie) und
+der neapolitanischen (Syphilis) unter einander so innig, dass bei
+einer Classification diese beiden Krankheiten in einer Reihe stehen
+müssten. <i>Aretaeus</i> freilich konnte solche Analogien noch nicht
+aufstellen, da die Syphilis zu seiner Zeit noch unbekannt war; aber
+im 16. Jahrhundert hat ein palermitanischer Arzt, <i>Alayma</i>,
+dieselbe sehr wohl erkannt, wenn er sagt: „Ita dum Egyptiaca ulcera
+dicimus, varios modos, quibus hic morbus humanum genus insultat, unico
+verbo explicamus.“ „<i>Aegyptische Geschwüre</i>“ nennt <i>Alayma</i>
+die diphtherischen Erkrankungen, weil diese Bezeichnungsweise alle
+verschiedenen Formen der Krankheit umfasse, <i>wie der Ausdruck „<span lang="fr">le
+mal français</span>“ alle verschiedenen Erscheinungsformen der Syphilis
+bezeichne</i>.</p>
+
+<p>Ein ähnlicher Grund, wie derjenige, von welchem <i>Alayma</i>
+bei seiner Namengebung geleitet wurde, hat mich veranlasst, den
+verschiedenen Formen der egyptischen oder diphtherischen Infection
+die Bezeichnung „<i>Diphtheritis</i>“ zu geben. <i>Vielleicht hätte
+ich besser gethan, den alten Namen beizubehalten, aber ich wollte
+mit diesem besonderen Namen die Abtrennung einer</i> specifischen
+<i>Phlegmasie von anderen ähnlichen Krankheitsformen erreichen. Wenn
+ich nun jedoch sehe, wie <span class="pagenum" id="Page_11">[S. 11]</span>meine Bezeichnung <span lang="la">toto die</span> in einem Sinne
+gebraucht wird, der das gerade Gegentheil ist von dem von mir diesem
+Krankheitsnamen beigelegten, dann muss ich schliesslich nun doch
+eingestehen, dass ich ein Unrecht begangen habe.</i></p>
+
+<p>Durch die Aehnlichkeit, welche zwischen Diphtherie und Syphilis
+besteht, sind mancherlei folgenschwere Täuschungen hervorgerufen
+worden; so haben <i>Trousseau</i> und <i>Ramon</i> in der Epidemie von
+Sologne Fälle gesammelt, in welchen Fälle von Diphtherie der Vulva und
+der äusseren Haut verkannt und tödtlich verlaufen sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_12">[S. 12]</span></p>
+
+<p>Ich möchte noch hinzufügen, dass das Epitheton „<i>egyptisch</i>“,
+welches ganz alt sein muss, von practischer Bedeutung ist. Für die
+alten Griechen bezeichnete es die Gegend, aus welcher die Krankheit
+zu ihnen gelangt war; solche von bestimmten Ländern hergenommenen
+Bezeichnungen, wie Cholera <i>asiatica</i>, <i>egyptische</i>
+Augenkrankheit, <i>orientalische</i> Pest, <i>französische</i> oder
+<i>neapolitanische</i> Krankheit, zeigen an, dass die Krankheit einen
+exotischen Ursprung hat, und in der Gegend, in welcher sie den Namen
+bekam, ursprünglich unbekannt war. Ich kann nur immer wiederholen, dass
+solche Krankheiten eingeschleppt sein müssen durch kranke Individuen
+oder durch Gegenstände, die mit dem contagiösen Princip behaftet sind.
+Ja, und tausendmal ja, das allein ist die Wahrheit; von dort, von
+<i>Aegypten</i> ist die Diphtherie gekommen, bis sie schliesslich bei
+uns anlangte vermöge ihrer Contagiosität, die einzig und allein die
+Entstehung vermittelt; denn es ist schon zum Ueberfluss erwiesen, wie
+weder die Temperatur, noch die Jahreszeit, noch das Klima, noch die
+Sonnenwärme anders für die Entstehung eine Rolle spielen, als durchaus
+eine solche von untergeordneter Bedeutung, und dass alle diese Momente
+zusammengenommen nie und nimmer die geheimnissvollen Wirkungen des
+contagiösen Agens zu erzeugen im Stande sind.</p>
+
+<p>Man wird vergeblich es immer wieder zu leugnen unternehmen, dass die
+Uebertragung durch Ansteckung (<span lang="fr">contagion</span>) die Ursache der meisten
+Epidemieen ist; das ist die Art, wie diese Geisseln die Menschheit
+peinigen, nur gradweise verschieden treffend die verschiedenen
+Menschenracen, weisse, rothe und schwarze; ja die sogar manche
+Thierarten ergreifen, wenn sie <i>in Haufen</i> zusammenleben.</p>
+
+<p>In der That, es war zu einer Zeit, wo das Wort λοιμος mit Pest,
+Contagion, und contagiösem Agens gleichbedeutend war, als die
+Diphtherie nach Griechenland durch die egyptischen Colonisten
+eingeschleppt wurde und den Namen <i>egyptische</i> Krankheit
+bekam, eine Zeit, die dem <i>Homer</i> noch näher lag als dem
+<i>Hippokrates</i>; und bis zu dieser Zeit ist zurückzudatiren die
+Bezeichnung „<i>Aegyptische Salbe</i>“ = mel cupratum; die Auflösung
+von Kupfer in Honig ist ein antidiphtherisches Mittel von hohem Werth,
+welches <i>heute</i> noch in der Pharmacopie enthalten ist und seit
+Jahrhunderten in derselben den Namen „Unguentum egyptiacum“ trägt.</p>
+
+<p>Sie sehen, meine lieben Freunde, bis zu welchem Grade die medicinische
+Kunst noch in den Windeln liegt (<span lang="fr">reste emmailloté</span>). Da haben wir seit
+undenklichen Zeiten ein Mittel für eine tödtliche Krankheit. Was hat
+uns das genützt? Hat man das Mittel benützt, um das Fortschreiten der
+Krankheit aufzuhalten? Der <i>Name</i> des Mittels ist noch übrig;
+seine Anwendung aber ist vergessen worden.</p>
+
+<p>Zehn Jahrhunderte später hat uns der grosse Arzt <i>Aretaeus</i>
+ein noch reicheres Geschenk hinterlassen, er der Zeitgenosse des
+<i>Galen</i>, aber in höherem Grade noch als dieser der Nachfolger des
+gottbegnadeten Arztes <i>Hippocrates</i>. Sein hinterlassenes Werk
+ist verstümmelt, aber was wir von ihm (<i>Aretaeus</i>) besitzen, ist
+noch heute ein treues Gemälde unserer Krankheiten. <span class="pagenum" id="Page_13">[S. 13]</span>Eins der schönsten
+Blätter aber ist die bewunderungswürdige Beschreibung, welche er von
+der egyptischen Krankheit gegeben hat, von welcher an einer anderen
+Stelle er auch die kunstgemässe Behandlung schildert.</p>
+
+<p>Bis zur Erfindung der Buchdruckerkunst befand sich das werthvolle
+Manuscript nur in den Händen der Sprachforscher; aber lange Zeit schon
+vor den Epidemieen des 17. Jahrhunderts sind mehrere Uebersetzungen
+veröffentlicht worden.</p>
+
+<p>Ich komme jetzt zu einer Zeit, die uns näher liegt (1809–15). Im Beginn
+dieser Zeit war während der Dauer von mehreren Monaten die Königin
+<i>Hortense</i> von einer <i>Gingivitis diphtheritica</i> ergriffen,
+ohne dass eine Behandlung den Fortschritt des Uebels aufgehalten hätte;
+da starb ihr ältester Sohn an Kehlkopfdiphtherie. Später starb ihre
+Mutter, die Kaiserin <i>Josephine</i> in einem Croupanfall, nachdem sie
+mehrere Tage vorher von einer diphtherischen Pharynx-Angina ergriffen
+war, ohne dass ein Arzt versucht hätte, die Krankheit in diesem Stadium
+zum Stillstand zu bringen.&#x2060;<a id="FNanchor_4_4" href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a></p>
+
+<p>Unvergessen ist noch die berühmte Preisaufgabe, welche der Kaiser
+<i>Napoleon</i> beim Tode des Prinzen, seines Neffen, stellte und
+unvergessen noch, wie der Preis getheilt wurde zwischen <i>Jurine</i>
+aus Genf und <i>Albers</i> aus Bremen, welche Autoren beide
+übereinstimmend versichern, dass die Angina (maligna) diphtheritica und
+der Larynxcroup ganz verschiedene Dinge seien.</p>
+
+<p>Doch das mögen dieselben mit sich selber ausmachen. Das ist nun
+einmal so mit den wissenschaftlichen <span class="pagenum" id="Page_14">[S. 14]</span>Lehrmeinungen (nämlich, dass sie
+immer das Unglück haben, am Richtigen und Wahren vorbeizugehen); aber
+ich habe die feste Ueberzeugung, dass sowohl die Kaiserin sich ihre
+Diphtherie, wie ihr Neffe seinen Croup von der Königin <i>Hortense</i>
+geholt haben; und diese war doch zu jener Zeit auf’s sorgfältigste
+ärztlich beobachtet. Der grosse Heilkünstler <i>Corvisart</i> war da
+und viele hervorragende Vertreter unseres Standes, sowie die Chefärzte
+der in Paris vereinigten Armeen.</p>
+
+<p>Das ist eine Sache, meine Freunde, welche mich wenig hoffen lässt von
+weiteren Fortschritten der inneren Medicin, die von der Chirurgie weit
+überholt ist.“</p>
+
+<p><i>Bretonneau</i> fährt in seinem Exposé über die verschiedenen Arten
+der Diphtherieansteckung weiter fort und führt zahlreiche Beispiele an,
+welche unwiderleglich ihre Contagiosität beweisen.</p>
+
+<p>Er citirt (S. 9) das bekannte Beispiel der Ansteckung des Professor
+<i>Herpin</i>, welcher im Jahre 1843 von einem diphtherischen Kinde,
+während er es cauterisirte, in der Weise inficirt wurde, dass etwas
+vom Auswurf des Kindes ihm in die linke Nasenöffnung durch heftiges
+Aushusten hineingeschleudert wurde, und der dann nicht bloss eine
+richtige Diphtherie der Nase und des Rachens bekam, sondern auch
+ganz merkwürdige Gesichts-Motilitäts- und Sensibilitätsstörungen,
+Gaumenlähmung u.&#8239;s.&#8239;w. <i>Bretonneau</i> hat die Krankengeschichte
+nach dem Dictat von Prof. <i>Herpin</i> zu Lebzeiten desselben
+niedergeschrieben. <i>Herpin</i> ist elend an den Lähmungen zu Grunde
+gegangen.</p>
+
+<p>Auf weitere Einzelheiten werde ich noch in der historisch-kritischen
+Uebersicht einzugehen haben.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> Bei dem heutigen Stande unserer Kenntnisse sind die
+oben von <i>Bretonneau</i> berichteten Thatsachen, betreffend das
+Befallenwerden des Fötus von Pocken, ohne dass die Mutter an den
+Pocken erkrankt, nicht mehr ganz unerklärlich. Wir wissen, dass
+unter Umständen ein Individuum Immunität gegen sehr gefährliche
+Infectionskrankheiten erlangen kann, und dass die Immunität dann
+bedingt wird durch eine specifisch-chemische Veränderung des Blutes.
+Gerade die besonderen Verhältnisse der Blutcirculation des Fötus, auf
+welche <i>Bretonneau</i> hinweist, und die besonderen, vom Organismus
+der Mutter verschiedenen individuellen Eigenschaften des Fötus, die
+eine grössere Empfänglichkeit desselben für die Pockenerkrankung
+bedingen, machen es uns verständlich, dass das Pockenvirus die
+Blutbahn des mütterlichen Organismus passiren kann, ohne an denselben
+deutliche Krankheitserscheinungen hervorzurufen, während der weniger
+widerstandsfähige, d. h. leichter empfängliche fötale Organismus mit
+typischem Kranksein auf das Virus reagirt.</p></div>
+
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_4_4" href="#FNanchor_4_4" class="label">[4]</a> Hier ist zu erwähnen, dass <i>Bretonneau</i> durch
+seine Erfolge in den verschiedensten Epidemieen sich zu der Ansicht
+berechtigt glaubt, dass er bei rechtzeitiger Anwendung kunstgemässer
+Medication den Diphtherietod, besonders bei Erwachsenen, verhüten und
+den Fortschritt der Erkrankung durch locale Behandlung aufzuhalten im
+Stande sei.</p></div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_15">[S. 15]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="II">
+ II.<br>
+ <b>Historisch-kritische Uebersicht</b><br>
+ <span class="s5">über die<br>
+ <b>epidemiologischen, klinischen und pathologisch-anatomischen
+ Beobachtungen.</b></span>
+ </h2>
+
+</div>
+
+<p>Die vielgestaltigen Krankheitsformen, welche beim Menschen durch
+die Invasion der Diphtheriebacillen erzeugt werden können, sind
+als zusammengehörig erkannt und auf eine einzige Art der Infection
+zurückgeführt worden durch <i>Bretonneau aus Tours</i>, welcher im
+Jahre 1821 das von ihm entworfene Krankheitsbild der Diphtherie in
+zwei Denkschriften schilderte, die in der Academie royale de médécine
+(Paris) vorgelesen und dann (1826) zusammen mit einer grösseren Zahl
+anderer Arbeiten als <i>Traité de la diphthérite</i> unter folgendem
+ausführlicheren Titel veröffentlicht wurden:</p>
+
+<blockquote>
+<p class="s5 p0" lang="fr">„Des inflammations speciales du tissu muqueux et en particulier de
+la diphthérite ou inflammation pelliculaire, connue sous le nom
+de croup d’angine maligne, d’angine gangréneuse etc.“ Par <i>P.
+Bretonneau</i>, médecin en chef de l’hôpital de Tours. (Chez Crevot,
+Paris.)</p>
+
+<blockquote>
+<p class="s5a p0"><em class="gesperrt">Motto</em>: <span lang="en">Few men
+even those of considerable capacity distinguish accurately between opinion
+and fact.</span></p>
+
+<p class="s5a right mright2"><i>M. Moore.</i></p>
+
+</blockquote>
+
+</blockquote>
+
+<p>In diesem Buch erweist sich <i>Bretonneau</i> als medicinischer
+Klassiker ersten Ranges. Trotz des ungemein reichen Inhalts an vorher
+unbekannten, erst durch ihn <span class="pagenum" id="Page_16">[S. 16]</span>selbst aufgedeckten Thatsachen, trotz der
+zahlreichen, von aller landläufigen Meinung abweichenden Anschauungen,
+die seinen Zeitgenossen so kühn und gewagt erschienen, dass selbst der
+weitblickende <i>Laënnec</i> erklärte, <i>Bretonneau</i> nicht folgen
+zu können, werden wir heute kaum einen Satz in dem ganzen 540 Seiten
+starken Buche finden, dessen Lectüre uns ein Recht zu dem Gefühl der
+Ueberlegenheit geben könnte, mit welchem wir heutzutage nur zu leicht
+geneigt sind, medicinische und namentlich medicinisch-theoretische
+Bücher aus früherer Zeit nach flüchtigem Einblick bei Seite zu legen.</p>
+
+<p>Ich sage nicht zu viel mit der Behauptung, dass von Anfang bis zu
+Ende der Inhalt dieses traité de la diphthérite noch <i>actuelle</i>
+Bedeutung für uns hat. Die schwierigsten Probleme, betreffend das
+Zustandekommen der Diphtherie, ihre Uebertragung von einem Individuum
+auf das andere, ihre Entstehung bei vielen Individuen gleichzeitig
+aus gemeinsamer Infectionsquelle, die Ursachen des Aufhörens und
+des Wiederkehrens der Epidemieen, die über das gewöhnliche Maass
+verringerte und vermehrte Empfänglichkeit, die Heilung und die
+Immunisirung —, werden von <i>Bretonneau</i> nicht bloss gestreift,
+sondern scharf erfasst und in einem Sinne zu lösen gesucht, des fast
+überall das Richtige trifft, unter allen Umständen aber auch heute noch
+unsere Bewunderung seiner kritischen Schärfe hervorruft.</p>
+
+<p>Mit unbegründeten Hypothesen und Speculationen geht <i>Bretonneau</i>
+mitleidslos um, wo er sie überhaupt einer Besprechung würdigt. Ein
+Beispiel dafür mag hier citirt sein, welches geeignet ist, die
+Abneigung unseres Autors gegen Gedankenspielerei und solche geistreiche
+Hypothesen zu illustriren, die nicht durch Thatsachen gestützt sind.</p>
+
+<p><i>Franciscus Nola</i>, ein italienischer Arzt, der zu Anfang des
+17. Jahrhunderts lebte und eine gute Beschreibung einer von ihm
+beobachteten epidemisch auftretenden <span class="pagenum" id="Page_17">[S. 17]</span>Krankheit lieferte, die aus
+seiner Schilderung ganz sicher als Diphtherie erkannt werden kann,
+stellte in seiner diesbezüglichen Abhandlung auch eine Theorie der
+Verbreitungsweise der Krankheit auf. Nach <i>Nola</i> ist der „morbus
+strangulatorius“ zweifellos eine Infectionskrankheit. Wenn aber weiter
+entschieden werden soll, ob sie von Person zu Person übertragen wird,
+oder ob der Krankheitsstoff anderswoher komme, dann ist dieser morbus
+nach ihm nicht contagiös, sondern, wie man in späterer Zeit sich
+ausgedrückt haben würde, <i>miasmatisch</i>; und zwar sollten es nach
+<i>Nola</i> Bodenexhalationen sein, welche die Krankheit verursachen.
+Der Krankheitsstoff erfahre im Boden auch eine Veränderung, eine Art
+Reifung; erst erkrankten daran bloss Thiere, dann Kinder, später auch
+erwachsene Menschen. „<span lang="fr">La première année</span> (citirt <i>Bretonneau</i>),
+<span lang="fr">ces exhalaisons ont occasioné une epizootie, en affectant d’abord les
+animaux qu’ils se tiennent le museau plus rapproché de terre: dans les
+années suivantes les enfants en furent atteints, et enfin les adultes</span>.“</p>
+
+<p>Man sollte glauben, dass diese „Bodentheorie“, welche ja im
+Wesentlichen mit denselben Begriffen operirt, die noch bis in die
+neueste Zeit den Hygienikern zu schaffen machen, in Anbetracht des
+Umstandes, dass sie von <i>Nola</i> <i>originaliter</i> aufgestellt
+war, einige Anerkennung verdiene; und etwas derart lässt denn auch
+<i>Bretonneau</i> darüber vernehmen, wenn er sagt: „<span lang="fr">Il n’est pas sans
+interêt d’entendre, sur les mêmes faits, observés dans les mêmes lieux
+et à la même époque, un homme qui paraît assez disposé à se mettre
+en opposition avec les idées reçues.</span>“ Im Uebrigen aber erklärt er
+<i>Nola</i> für einen Autor, der durch solche Betrachtungen zeige, dass
+er noch nicht aus dem Stadium der schriftstellerischen Lehrjahre heraus
+sei; die Meinung, dass die Thiere eher erkranken als die Menschen,
+hält er für „<span lang="fr">puérile</span>“ und „<span lang="fr">paradoxale</span>“ und bedauert dann schliesslich,
+<span class="pagenum" id="Page_18">[S. 18]</span>dass <i>Nola</i> nicht, statt Phantasiegemälde zu liefern, die
+Thierkrankheit, von der er spricht, ordentlich beschreibt. „<span lang="fr"><i>Nola</i>
+aurait pu enrichir la science de faits précieux, s’il eût mieux observé
+l’épizootie dont il parle; mais il la décrit plus en poëte qu’en
+médecin et on ne peut y entrevoir qu’une analogie fort douteuse avec
+l’affection épidémique.</span>“</p>
+
+<p>Sehr wenig rücksichtsvoll ist <i>Bretonneau</i> auch gegen solche
+Autoren, die durch die Macht ihres Namens und durch die Sicherheit,
+mit welcher sie ihre Meinung vorbringen, die anderen Aerzte auf einen
+falschen Weg locken.</p>
+
+<p>Ein Beispiel hierfür giebt <i>Home</i> ab, ein schottischer Arzt, dem
+es zu verdanken ist, dass alle Welt noch bis heute eine bestimmte
+Krankheitsform der Diphtherie als „Croup“ bezeichnet.</p>
+
+<p><i>Home</i>’s berühmte Abhandlung aus dem Jahre 1765 „Ueber die Natur,
+Ursache und Heilung des Croup“ existirt auch in deutscher Uebersetzung
+(von <i>Mohr</i>, erschienen in <i>Bremen</i> bei <i>Joh. G. Heyse</i>
+1809); sie hatte die Wirkung, dass die in der ersten Hälfte des 18.
+Jahrhunderts namentlich durch <i>Ghisi</i> (1740) gewonnene Erkenntniss
+von der Zusammengehörigkeit der Rachendiphtherie mit der Larynx-,
+Tracheal- und Bronchialdiphtherie wieder verloren ging, — ein
+Ereigniss, das freilich in unserer Zeit nochmals eingetreten ist, trotz
+der epochemachenden Arbeiten <i>Bretonneau</i>’s.</p>
+
+<p><i>Home</i> hatte sich die Aufgabe gestellt, „zu zeigen (Uebersetzung
+S. 6), wie man die Krankheit von anderen unterscheidet, wie man ihre
+Natur entdeckt; wie man die Fälle bestimmt, wo sie heilbar und nicht
+heilbar ist, und wie man die bisherige Heilung in ihren verzweifeltsten
+Fällen vielleicht verbessern könne“. Er fügt hier hinzu: „Der erste
+Schriftsteller von einer Krankheit zu sein, keinen Beistand von
+vorhergegangener Erfahrung zu haben, ist in diesen neueren Zeiten eine
+etwas ungewöhnliche Lage“.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_19">[S. 19]</span></p>
+
+<p>Am Schlusse seiner 66 Seiten umfassenden Abhandlung, die 12
+Krankengeschichten enthält, davon mehrere mit Sectionsbefunden, welche
+durch einen Wundarzt (Wood) aufgenommen wurden und meist sich auf die
+Eröffnung des Kehlkopfes und der grösseren Luftröhrenäste beschränkte,
+sagt <i>Home</i> (Uebers. S. 66): „Wir haben nun unsere Untersuchung zu
+Ende gebracht. Wir hoffen, dass die Thatsachen auserlesen, genau und
+zahlreich genug sein werden; dass der Vortrag so wird befunden werden,
+als er in der Mathematik und Naturlehre zur Entdeckung unbekannter
+Wahrheiten gebräuchlich ist, und dass die Schlüsse neu, überraschend
+und von den Thatsachen hergeleitet sein werden u.&#8239;s.&#8239;w.“</p>
+
+<p>Nun geht die <i>Home</i>’sche Abhandlung in ihrer Durcharbeitung
+kaum über dasjenige hinaus, was wir heutzutage als „vorläufige
+Mittheilung“ bezeichnen; und wenn man auch nicht grade verlangen
+möchte, dass er bei einer ihm selbst so wichtig erscheinenden neuen
+Krankheit in seinen litterarischen Studien bis auf <i>Aretaeus</i>
+und <i>Aëtius</i> zurückging, so hätte er mindestens doch die damals
+modernen Schriftsteller kennen müssen, welche Anfangs des 18.
+Jahrhunderts in Italien (besonders <i>Carnevale</i> und <i>Ghisi</i>)
+und in Spanien (<i>Mercatus</i>, Leibarzt Philipp II.) die grossen
+Diphtherieepidemieen beschrieben, welche über das südliche Europa
+damals dahinzogen; unter den verschiedensten Namen allerdings:
+in Spanien „<span lang="es">garotillo</span>“ (<span lang="fr">parce que ceux qui en étaient atteints
+périssaient comme s’ils avaient été étranglés avec une corde</span>),
+in <i>Neapel</i> „<span lang="it">male in canna</span>“ (Luftröhrenkrankheit) <span lang="la">affectus
+suffocatorius</span> u.&#8239;s.&#8239;w.</p>
+
+<p>Trotzdem war es <i>Home</i> vollständig gelungen, den Croup aus
+dem Gesammtbilde der Infectionskrankheit, die wir unter dem Namen
+Diphtherie als ätiologische Einheit ansehen müssen, auszuscheiden, so
+dass bis zu <i>Bretonneau</i>’s Auftreten kein Arzt mehr es wagte,
+auch nur an die Möglichkeit zu denken, dass der membranbildende
+<span class="pagenum" id="Page_20">[S. 20]</span>Krankheitsprozess im Kehlkopf in Zusammenhang stehen kann mit
+dem weissen Belage, der sich auf den Tonsillen zeigt und mit den
+entzündlichen Veränderungen, die im Nasenrachenraum fast ausnahmslos in
+den Fällen von epidemisch auftretendem Croup zu finden sind.</p>
+
+<p>Man sollte so etwas nicht für möglich halten; aber welchen Einfluss
+auf die Denkweise der Aerzte die Stimme einer anerkannten Autorität
+ausübt, haben wir selbst ja erfahren, bei dem Zwange, den wir uns
+auferlegten, am Lebenden zu unterscheiden zwischen Croup und Diphtherie
+und zwar bei denselben Individuen! Wohl haben einzelne Kliniker sich
+lebhaft gegen diese Unterscheidung pathologischer Anatomen gesträubt,
+und das Wort <i>Waldenburg</i>’s zu dem ihrigen gemacht: „Lassen wir
+diese Unterschiede den Anatomen, wir haben mit der Diphtherie als
+Infectionskrankheit zu thun.“ Und doch, der Nachwuchs der Aerzte,
+dem die pathologisch-anatomischen Differenzen krankhaft veränderter
+Theile an der <i>Leiche</i> als das einzig sichere Kriterium für die
+<i>wissenschaftliche</i> Betrachtungsweise der Krankheitsprocesse immer
+wieder hingestellt wurde, musste immer von Neuem erst wieder durch
+die praktische Erfahrung belehrt werden, dass uns dieses Kriterium
+am Krankenbett nicht bloss im Stiche lässt, sondern irreführt und am
+richtigen ärztlichen Erkennen, Prognosticiren und Handeln behindert.</p>
+
+<p>Man kann eine Art von Tröstung darin finden, dass es früher hierin
+nicht besser ging, wie jetzt, und dass auch <i>Bretonneau</i> schon
+gestehen musste: „<span lang="fr">J’ai employé beaucoup de temps à rétourner au point
+où les anciens, et surtout les auteurs du dix-septième siècle, étaient
+parvenus</span> u.&#8239;s.&#8239;w.“</p>
+
+
+<p></p>
+<p>Aber wir werden es nun auch verstehen, dass er gelegentlich seinem
+Unwillen darüber Ausdruck in scharfen Worten verleiht, wie in den
+folgenden: „<span lang="fr">On a</span> <span class="pagenum" id="Page_21">[S. 21]</span><span lang="fr">peine à concevoir comment un ouvrage</span> (das von
+<i>Home</i>) <span lang="fr">qui ne contient qu’un petit nombre de faits isolés et
+disparates a pu faire perdre la trace des anciennes traditions,
+et comment il a pu, pendant un demi-siècle, conserver une telle
+influence sur l’opinion des praticiens! Telle est cependant la vérité.
+Frappé du mode de terminaison le plus ordinaire de l’angine maligne,
+François Home se persuade qu’il vient de rencontrer une affection des
+canaux aërifères qui avait jusque-là échappé à l’attention de ses
+prédécesseurs; il croit devoir lui donner le nom populaire sous lequel
+il l’avait trouvée désignée dans une province d’Ecosse; le bruit de sa
+découverte se répand, et la nouvelle dénomination fascine tellement
+tous les yeux, qu’elle empêche de réconnaître une maladie observée dès
+la plus haute antiquité, et qui de nos jours s’accompagne de tous les
+symptomes sous lesquelles elle n’a jamais cessé de se montrer.</span>“</p>
+
+<p>Nichts aber wäre verfehlter, als wenn man schliessen wollte, dass
+<i>Bretonneau</i> die Bedeutung der pathologischen Anatomie nicht
+erkannte, weil er die Ueberschätzung eines einzelnen anatomischen
+Kennzeichens verurtheilte, die <i>Home</i> sich zu Schulden kommen
+liess.</p>
+
+<p>Niemand unter seinen Zeitgenossen hat wie <i>Bretonneau</i> mit Eifer
+und Erfolg den Weg beschritten, welchen <i>Laënnec</i> vorzeichnete,
+indem er das Krankheitsbild der Tuberculose schuf, ausgehend von
+der häufigen Wiederkehr eigenartiger Gebilde in den Leichen solcher
+Personen, die während des Lebens an Lungenphthise gelitten hatten;
+dieser Weg führte schliesslich <i>Laënnec</i> dazu, dass er die
+tuberculösen Erkrankungen des Menschen zu einer einheitlichen
+Krankheitsgruppe vereinigen konnte, die sich ziemlich vollständig deckt
+mit derjenigen, welche jetzt durch ein ätiologisches Moment, durch den
+Tuberkelbacillus, charakterisirt ist.</p>
+
+<p>Wie aber dieser kühne Griff <i>Laënnec</i>’s zugleich ein glücklicher
+nur dadurch werden konnte, dass er für das <span class="pagenum" id="Page_22">[S. 22]</span>Zusammenlegen und für die
+Trennung verschiedener Krankheitsformen im letzten Grunde doch wieder
+die am <i>Lebenden</i> gemachten Beobachtungen entscheidend sein liess,
+und dass ihm der Leichenbefund nur dazu diente, um gewissermaassen
+den „ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht“ der klinisch ähnlichen
+Krankheitsprocesse zu finden, so ist auch <i>Bretonneau</i> stets von
+dem Studium am <i>lebenden</i> kranken Menschen ausgegangen. Er selbst
+spricht sich hierüber in folgender Weise aus (S. 5 ff.):</p>
+
+<p><span lang="fr">C’est le sentiment de M. le professeur <i>Laënnec</i>, que les
+maladies ne peuvent être plus sûrement distinguées que par leurs
+caractères anatomiques. Profondément imbu de cette opinion je
+n’ai laissé échapper aucune occasion de multiplier mes recherches
+nécroscopiques pendant le cours de l’epidémie que j’ai été a portée
+d’observer. Ce n’est en effet qu’en suivant les changements d’aspect de
+chaque lésion morbide, et en comparant les résultats d’un grand nombre
+d’observations faites dans des temps et des lieux différents, qu’il est
+possible de constater les altérations qui appartiennent à une seule
+et même espèce de maladie.</span>“ 60 Sectionen von Diphtherieleichen hat er
+bis zum Jahre 1820 ausgeführt (S. 12) und bis zum Jahre 1826 dann noch
+fast ebensoviele. Dabei ist zu berücksichtigen, dass dieselben oft
+unter den schwierigsten Verhältnissen und in Privathäusern vorzunehmen
+waren, und dass zu jener Zeit noch viel mehr als jetzt der Widerstand
+der Angehörigen gegen die Leichenöffnungen überwunden werden musste;
+„aber“, fährt er nach Schilderung dieser Hindernisse fort (S. 6): „ich
+würde mich der Uebertreibung und der Undankbarkeit schuldig machen,
+wenn ich nicht anerkennen wollte, dass dieselben oft durch den Einfluss
+von weltlichen und geistlichen Autoritäten geebnet wurden, und wenn
+ich hinzuzufügen vergässe, dass ich den Widerstand, bedingt durch
+Voreingenommenheit <span class="pagenum" id="Page_23">[S. 23]</span>gegen die Section, von Tag zu Tag schwinden sah.
+Mit ein wenig Hartnäckigkeit (persévérance) bringt man selbst das
+tiefstwurzelnde Vorurtheil zum Weichen, wenn die Leute erkennen, dass
+wir uns nicht durch unseren eigenen Vortheil dabei bestimmen lassen,
+sondern dass wir alle unsere Kräfte einsetzen, um für das allgemeine
+Wohl zu wirken.“</p>
+
+<p>Die Sectionen sind stets möglichst vollständig ausgeführt worden, und
+„wenn auch (S. 12) ein oder das andere Mal ein Organ, das während des
+Lebens keinen Anlass zur Annahme krankhafter Veränderung bot, nicht
+genauer untersucht worden ist: die Respirationsorgane wenigstens und
+der Verdauungsapparat (canal digestif) sind stets mit der minutiösesten
+Genauigkeit durchsucht worden“.</p>
+
+<p>Zur Charakterisirung der Gewissenhaftigkeit und des Feuereifers,
+mit dem <i>Bretonneau</i> seine Aufgabe erfasste, möchte ich bloss
+noch folgendes Beispiel anführen, bevor ich zum Specialinhalt des
+Buches übergehe. S. 19 ff. schildert er die Beobachtung des ersten
+Diphtheriefalles, der ihm zur Section kam. (November 1818.) Ein
+fünfjähriges Kind mit starker Dyspnoe, fahlem Gesicht, stimmlos,
+hat stinkenden Athem, zeigt über die ganze Oberfläche des Pharynx
+ausgedehnte Schorfe (<span lang="fr">escarres</span>) von schmutzig-dunkler Farbe
+(<span lang="fr">grise-noire</span>); der Puls ist ausserordentlich schnell und klein.
+<i>Bretonneau</i> stellt die Diagnose: Gangrän des Pharynx und des
+Nasenrachenraumes und die Prognose absolut schlecht. Wenige Stunden
+nach der Untersuchung stirbt dies Kind eines ruhigen Todes (<span lang="fr">une mort
+paisible</span>).</p>
+
+<p>Trotz der nach den damaligen Anschauungen ganz gesicherten Diagnose
+wird <i>Bretonneau</i> doch durch den so schnellen Todeseintritt
+veranlasst, sich die Möglichkeit der Section zu verschaffen, um die
+Ausbreitung und den wahren Sitz der krankhaften Veränderungen kennen zu
+lernen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_24">[S. 24]</span></p>
+
+<p>Er findet ausser einem faulig zersetzten Belag auf den Mandeln und den
+schmutzig-dunklen, auf der Wandung des Gaumensegels und des ganzen
+Nasenrachenraumes ausgebreiteten Schorfen einen Belag von unrein
+weisser Farbe (<span lang="fr">teinte d’un blanc mat</span>), welcher sich in den Kehlkopf
+hinein fortsetzt. Merkwürdig war nun, dass die Gangrän nirgends, wie
+man das bei einem so unheimlich schnellen Verlauf erwarten sollte,
+in die Tiefe des Gewebes gedrungen war, und dass auch sonst der
+Leichenbefund nicht dafür sprach, dass hier überhaupt eine Gangrän im
+eigentlichen Sinne des Wortes vorlag.</p>
+
+<p>Keinenfalls konnte der Eintritt des Todes durch die während des Lebens
+gesehenen Veränderungen erklärt werden und <i>Bretonneau</i> meint,
+dass er bei genügender Würdigung der Incongruenz zwischen Schwere der
+Allgemeinerkrankung und Beschaffenheit des localen Processes schon
+intra vitam nach weiteren Veränderungen hätte suchen müssen, und dass
+er dann den post mortem am Kehlkopf aufgenommenen Befund am Krankenbett
+hätte constatiren können; das hätte aber natürlich eine ganz andere
+Beurtheilung und Behandlung des Falles zur Folge gehabt. Hören wir nun,
+wie er selbst seine Unterlassungssünde auffasst (S. 21): „<span lang="fr">On ne pouvait
+plus mal observer. A quel point la prévention n’offusque-t-elle pas le
+jugement! La préoccupation d’une affection gangréneuse l’emporta sur
+l’evidence. Si rien ne peut justifier le défaut d’attention dans un cas
+si grave, où tout commandait la plus exacte investigation, quelques
+circonstances excusent du moins la précipitation de cet examen: il fut
+fait au milieu de la nuit, dans un local réservé, et sous les yeux des
+parents, dont la morne douleur m’inspirait la crainte d’avoir déjà
+porté trop loin le zèle de la science.</span>“</p>
+
+<p>Aber diese herbe Selbstkritik trug ihre guten Früchte. In Anbetracht
+des Umstandes, dass solche <span class="pagenum" id="Page_25">[S. 25]</span>und ähnliche unheimlich schnell verlaufende
+Krankheitsprocesse, die allgemein bis dahin in Frankreich der Gangrän
+zugerechnet wurden, sich in Tours zu einer schweren Epidemie anhäuften,
+in Anbetracht weiter der Thatsache, dass auch die äussere Aehnlichkeit
+mit einer gangränösen Angina in vielen der weiter beobachteten Fälle
+in den Hintergrund trat und statt dessen das Krankheitsbild des Croup
+prävalirte, endlich unter Berücksichtigung der bei den zahlreichen
+Sectionen fast ausnahmslos zu findenden Croupmembranen, konnte
+schliesslich kein Zweifel mehr sein, dass es sich hier nicht um eine
+gewöhnliche „<i>maligne Angina</i>“ handeln konnte, dass vielmehr
+der membranbildende Process im Kehlkopf und in den Luftwegen in den
+tödtlich verlaufenden Fällen dieser Epidemie in Tours die Hauptrolle
+spiele.</p>
+
+<p>Schon bei dem nächsten Fall, der zur Section kam, einem
+siebenjährigen Kinde, bei welchem die maligne Angina mit den
+scheinbar gangränescirenden Eigenschaften des Krankheitsprocesses am
+Gaumensegel und den Pharynxwandungen noch ausgeprägter war, wurde
+die Vergesellschaftung mit ganz typischem Croup ganz evident. Hier
+waren die Trachea und die Verzweigungen der Bronchien mit richtiger
+Croupmembran ausgefüllt: „Un tuyau de substance membraniforme, blanc,
+souple, élastique, consistant, qui adhère faiblement à la membrane
+muqueuse, ou même ne lui est qu’appliqué, s’étend de l’orifice du
+larynx aux dernières divisions des bronches“ (S. 26), und was als
+merkwürdigstes Resultat der Section von <i>Bretonneau</i> bezeichnet
+wird: „<i>Die Pharynxwand zeigte auch keine Spur von eigentlicher
+Gangrän, wenn sie genauer untersucht wurde.</i>“ S. 27: „<span lang="fr">Ce qui est
+plus digne de remarque, c’est que les concrétions</span> (des Pharynx) <span lang="fr">une
+fois enlevées (et pour les enlever et les détacher, il a suffi de les
+soulever avec des pinces à disséquer), les parois du pharynx n’offrent</span>
+<span class="pagenum" id="Page_26">[S. 26]</span><span lang="fr">pas la moindre trace d’altération gangréneuse; des taches rouges
+et pointillées elles-mêmes de rouge plus foncé, sans érosion, sans
+épaississement de tissu, sont les seules marques d’inflammation qu’on
+y puisse observer: la rougeur inflammatoire est encore moins prononcée
+dans la trachée.</span>“</p>
+
+<p>In diesem Falle war <i>Bretonneau</i> immer noch im Zweifel, ob
+es sich um eine Complication der malignen Angina mit Croup, oder
+des Croup mit maligner Angina handle, oder ob beide Krankheiten
+auf die gleiche Ursache zurückzuführen seien. (S. 29): „<span lang="fr">L’angine
+maligne et le croup, n’étaient ils donc que des formes variées d’une
+seule et même espèce de phlegmasie?</span>“ Zuerst war ihm diese letztere
+Möglichkeit am unwahrscheinlichsten. Dann kamen aber Beobachtungen,
+die unwiderleglich bewiesen, dass von älteren Personen, mit maligner
+Angina ohne Croup, jüngere angesteckt wurden, die dann ihrerseits
+richtigen Croup bekamen; anatomisch-mikroskopische Untersuchungen
+ergaben bei 22 Leichen, dass sowohl die Beläge auf den Tonsillen
+und im Pharynx, wie die Croupmembranen des Larynx gleicherweise aus
+<i>nicht organisirtem Material</i> bestanden („<span lang="fr">étaient bien réellement
+<i>une substance inorganique</i></span>“), dass unter diesen „concrétions“,
+wie <i>Bretonneau</i> von jetzt ab die Beläge nennt, die Schleimhaut
+mehr oder weniger intact war (<span lang="fr">les tissus organisés que les concrétions
+recouvraient, conservaient leur intégrité</span>); endlich kamen in derselben
+Epidemie Fälle von Croup vor, wo der fötide Geruch aus dem Munde
+gänzlich fehlte. Unter der Wucht dieser Thatsachen musste die zuerst am
+unwahrscheinlichsten klingende Möglichkeit die einzig zutreffende sein:
+<i>Croup und maligne Angina sind auf die gleiche krankmachende Ursache
+zurückzuführen.</i></p>
+
+<p>Nun wissen wir jetzt zwar, dass in der That bei gleichzeitigem
+Vorhandensein von weissen Pharynxbelägen und von Kehlkopfcroup beide
+Veränderungen <span class="pagenum" id="Page_27">[S. 27]</span>durch die Diphtheriebacillen verursacht werden, wir
+wissen andererseits aber auch, dass die <i>maligne</i> Angina, bezw.
+das <i>Gangränähnliche</i> bei der Angina diphtheritica, durch andere
+Krankheitserreger zu Stande kommt. Aber auch das ist der gewissenhaften
+und scharfsinnigen Beobachtung <i>Bretonneau</i>’s auf die Dauer nicht
+entgangen.</p>
+
+<p>In seinem Generalbericht über die Epidemie in <i>Tours</i> sagt er
+(S. 45): Im Beginn der Epidemie herrschte die Neigung vor, bei den
+schnell dahinsterbenden <i>Kindern</i> Croup zu diagnosticiren, bei
+den chronischen Fällen der <i>Erwachsenen</i> mit Rücksicht auf ihren
+stinkenden Athem und ihr septisches Aussehen Gangrän zu supponiren.
+Aber die Differenz des Aussehens der Krankheit, welch’ letztere
+in beiden Fällen im Wesen die gleiche ist, erklärt sich durch die
+verschiedene Empfänglichkeit der verschiedenen Lebensalter und durch
+den Unterschied in der Entwicklung der Luftcanäle.</p>
+
+<p>Was aber den stinkenden Athem betrifft und den gangränös aussehenden
+Pharynx, so liegt das an der putriden Erweichung der Membranen;
+und auch die Farbenveränderung ist etwas Accidentelles; denn (S.
+46): „<span lang="fr">l’exsudation du sang, phénomène ordinaire de l’inflammation
+diphtheritique, complète l’erreur. La fausse membrane, coloré par
+ce fluide, prend successivement diverses teintes, indices de sa
+décomposition. Le contact de l’air, l’influence de la chaleur humide,
+toutes les conditions propres à favoriser la putréfaction, celles mêmes
+qui peuvent lui imprimer le caractère d’une altération gangréneuse sont
+réunies.</span>“</p>
+
+<p>Können wir heute besseres darüber sagen, als <i>Bretonneau</i> vor 70
+Jahren?</p>
+
+<p>Ich habe es nicht für überflüssig gehalten, in solcher Ausführlichkeit
+zu zeigen, wie ungemein vorsichtig <i>Bretonneau</i> in seinen
+Schlussfolgerungen ist und wie er zum Beweise dafür, dass die Angina
+membranacea auch bei dem Gangrän vortäuschendem Krankheitsprocess im
+Pharynx <span class="pagenum" id="Page_28">[S. 28]</span>und der Croup der Luftwege nur verschiedene Erscheinungsformen
+<i>derselben</i> Krankheit sind, alle nur möglichen Mittel der
+Untersuchung benutzt hat, insbesondere die Beobachtung des genius
+epidemicus, das Studium der Uebergangsformen zwischen reiner maligner
+Angina und zwischen reinem Croup, die Entstehung einer Krankheitsform
+aus der anderen, die vergleichende Analyse der anatomischen
+Veränderungen durch makroskopische und mikroskopische Betrachtung, die
+Fixirung des Wesentlichen und die Ausscheidung des bloss Zufälligen im
+Krankheitsbilde.</p>
+
+<p>Nicht bloss die Exactheit dieser mühevollen aber zielbewussten
+Arbeiten, sondern auch das schliesslich durch dieselben gewonnene
+Resultat ist so bedeutsam, dass es allein schon genügen müsste, den
+Namen <i>Bretonneau</i>’s der Nachwelt zu überliefern; da ist es denn
+wohl nicht ganz gerechtfertigt, wenn <i>Gerhardt</i> in seinem Vortrage
+über die Diphtherie auf dem zweiten Congress für innere Medicin in
+<i>Wiesbaden</i> (1883) über diese Leistung <i>Bretonneau</i>’s mit
+dem Bemerken hinweg geht, dass „wir wohl nicht mehr vollständig dem
+beistimmen können, dass man Croup und maligne Angina als <i>eine</i>
+Krankheit bezeichnen müsse“, und wenn von den neun Klinikern, die sich
+auf jenem Congress an der Discussion über die Diphtherie betheiligten,
+auch nicht einer es für angemessen hielt, diesem Ausspruch gegenüber
+<i>Bretonneau</i>’s Partei zu ergreifen. Unter allen Umständen wissen
+wir jetzt auf Grund der scharfen Abgrenzung der Diphtherie, welche
+durch die Entdeckung der Diphtheriebacillen ermöglicht ist, ganz
+sicher, dass mit der Einschränkung, die von <i>Bretonneau</i> selbst
+gemacht ist, Croup und Angina ätiologisch als <i>eine</i> Krankheit
+aufzufassen sind.</p>
+
+<p>Auf eben demselben <i>Wiesbadener</i> Congress hat <i>Gerhardt</i>
+noch eine andere Krankheitsform, welche von <i>Bretonneau</i>
+der Diphtherie zugerechnet wird, von derselben <span class="pagenum" id="Page_29">[S. 29]</span>abtrennen wollen;
+auch das, wie ich glaube, mit Unrecht. Es handelt sich dabei um
+eine unter dem Namen „scorbutische Gangrän“ in Frankreich bekannt
+gewordene Krankheit, welche <i>Bretonneau</i> bei einem Truppentheil
+zu beobachten Gelegenheit fand, der im Jahre 1818 von der Garnison
+<i>Bourbon-Vendée</i> nach <i>Tours</i> versetzt war. Ueberaus
+zahlreiche Mannschaften dieses Truppentheils waren davon befallen.
+Die Krankheit war von <i>Bourbon-Vendée</i> (jetzt <i>La Roche sur
+Yon</i>(?)) aus mitgebracht; in <i>Tours</i> war vorher keine ähnliche
+Erkrankung gesehen worden. Sie äussert sich in der Mehrzahl der
+Fälle in schmutzig-grauen Geschwüren des Zahnfleisches neben abnorm
+reichlicher Zahnsteinbildung an den Zähnen, Lockerung des Zahnfleisches
+und schliesslich Abbrechen der Zähne nach voraufgegangenem Zahnschwund,
+da, wo die Zähne vom Zahnfleisch umgrenzt sind. Die kranken Stellen
+bluten ausserordentlich leicht. Beim Uebergang des Krankheitsprocesses
+auf die Lippen- und Wangenschleimhaut, welcher nicht selten erfolgt,
+sieht man zuerst immer einen weissen Belag entstehen, der aber sehr
+bald sich in’s dunkel-graugrünliche verfärbt. Oft lösen sich Fetzen
+ab, die aber bald durch neue ersetzt werden. Die Lymphdrüsen in
+der Nachbarschaft sind geschwollen. Aus dem Munde entströmt eine
+pestilenzialisch stinkende Luft und in den vorgeschrittenen Fällen
+lässt sich kaum ein Unterschied mehr feststellen zwischen dieser
+Krankheitsform und der im Wesen und Verlauf ganz verschiedenen
+Mundgangrän. Die schliesslich nach langem Bestehen der Krankheit
+eintretende Heilung ist besonders dadurch bemerkenswerth, dass sie
+erfolgen kann, ohne jede Narbenbildung.</p>
+
+<p><i>Bretonneau</i> erkannte bald, dass diese Krankheit nichts zu
+thun habe mit dem Scorbut (<span lang="fr">n’avait rien de commun avec le scorbut</span>).
+Die davon befallenen Leute waren, abgesehen von ihrer scheusslichen
+Localaffection, <span class="pagenum" id="Page_30">[S. 30]</span>bei vollster Gesundheit; und von dem, was man
+scorbutische Diathese nennt, war bei ihnen nie etwas zu constatiren.</p>
+
+<p>Das Dunkel, welches diese Krankheit ursprünglich umhüllte, begann sich
+allmählich zu lichten, als bei einer nicht geringen Zahl der Soldaten
+die Affection auf die Tonsillen und den Pharynx übergriff und nunmehr,
+abgesehen von dem primären Befallensein des Zahnfleisches, durchaus das
+Bild der malignen Angina darbot, wie es auch sonst in jener Epidemie
+bei erwachsenen Menschen zu sehen war.</p>
+
+<p>Der Grund, aus welchem bei diesen Soldaten, die in einer Kaserne
+zusammenwohnten, der Krankheitsprocess grade am Zahnfleisch anfing,
+wurde von <i>Bretonneau</i> darin gefunden, dass dieselben gemeinsam
+die gleichen Trinkgefässe benutzten, und dass durch diese letzteren das
+Uebel von einem Mann auf den anderen übertragen wurde.</p>
+
+<p>Jeder neunte Mann etwa von den mit Zahnfleischgangrän behafteten zeigte
+gleichzeitig die Symptome der charakteristischen malignen Angina (S.
+120). Die übrigen Stadtbewohner waren fast frei von der sogenannten
+scorbutischen Gangrän; „<span lang="fr">j’ai déjà dit</span>“ fügt <i>Bretonneau</i> hier
+nochmals hinzu, „<span lang="fr">que cette différence fut attribuée à l’usage des vases
+dont les soldats se servent en commun</span>“.</p>
+
+<p>Die Gründe, aus welchen auch diese Krankheit der Diphtherie zuzurechnen
+ist, gleichen fast vollständig denjenigen, welche oben für die maligne
+Angina angeführt worden sind.</p>
+
+<p>Später hat <i>Bretonneau</i> die scorbutische Gangrän, oder wie man
+nunmehr vielleicht besser sagen könnte, die Gingivitis diphtheritica
+noch in einer Diphtherieepidemie zu <i>Chenusson</i> (im Winter 1825)
+beobachtet; und zwar sah er dieselbe bei einem Soldaten, der von einem
+anderen angesteckt war, sei es dadurch, dass sie <span class="pagenum" id="Page_31">[S. 31]</span>beide in einem Bett
+zusammenschliefen, oder durch gemeinschaftlichen Gebrauch derselben
+Pfeife (S. 448): „<span lang="fr">en outre, ces deux hommes avaient fréquemment fait
+usage de la même pipe</span>.“ Durch rechtzeitige Alaunbehandlung wurde das
+Fortschreiten des Krankheitsprocesses sehr bald verhindert und schnelle
+Heilung erzielt; auch war es nicht zur eigentlichen Geschwürsbildung
+gekommen, sondern beim häutigen Belage geblieben („i<span lang="fr">nflammation
+pelliculaire, bornée aux gencives des dents incisives</span>“).</p>
+
+<p>Ueberaus wichtig ist nun die Beobachtung <i>Bretonneau</i>’s, dass
+kein einziger derjenigen Soldaten in Tours, die eine solche Gingivitis
+überstanden hatten, während der ganzen, zwei Jahre andauernden,
+Epidemie vom Croup befallen wurde. Die aus Vendée nach <i>Tours</i>
+versetzte Truppe wurde nach einiger Zeit in eine andere Garnison
+verlegt, und es zog anstatt ihrer ein neuer Truppentheil in die Kaserne
+ein; <i>unter den Soldaten dieser neuen Truppe trat die Diphtherie in
+Form von schwerer Angina diphtheritica auf</i>. (S. 55): „<span lang="fr">Ce n’est
+point la gangrène scorbutique qui s’est montré parmi ces militaires,
+mais l’angine diphthéritique, qui mit trois individus en grand risque
+de la vie.</span>“</p>
+
+<p>Hierzu macht <i>Bretonneau</i> in seiner vorsichtigen Weise folgende
+hochbedeutsame Bemerkungen über die erworbene Immunität, welche
+durchaus auf der Höhe unserer heutigen Betrachtungsweise derselben
+stehen (S. 55): „<span lang="fr">L’organisme semble acquérir par accontumance la
+faculté de résister aux maladies, comme il acquiert la faculté de
+résister à l’action graduée des poisons et des venins. On l’obtient,
+pour un temps plus ou moins durable, en payant un premier tribut à la
+variole, à la vaccine, au climat etc.</span>“</p>
+
+<p>Ich meine, gegenüber solchen jahrelang fortgesetzten und mit dem
+grössten Scharfsinn ausgeführten Untersuchungen hätte Herr Prof.
+<i>Gerhardt</i> mindestens seine gegenteilige Ansicht, dass die
+sogenannte scorbutische <span class="pagenum" id="Page_32">[S. 32]</span>Gangrän von <i>Bretonneau</i> mit Unrecht
+aus dem Krankheitsbegriff des Scorbuts herausgenommen und dem von
+ihm geschaffenen Krankheitsbegriff der Diphtherie einverleibt
+sei, einigermaassen motiviren müssen. Wer nichts weiter von
+<i>Bretonneau</i> weiss und hört, als dass derselbe zwar sich das
+Verdienst der Namengebung für eine Krankheit erworben habe, dass aber
+die Krankheitsformen, welche er unter diesem Namen zusammenfasst,
+ganz heterogene Dinge sind, muss sicherlich ein falsches Bild von
+den Leistungen dieses Mannes bekommen; und wenn solch’ ein Urtheil
+<i>Gerhardt</i> ausspricht, der gerade auf diesem Specialgebiet in
+seiner 1859 erschienenen Arbeit „der Kehlkopfcroup“ so sorgfältige
+klinische und pathologisch-anatomische Untersuchungen bekannt gegeben
+hat, dann wird die Gefahr der Verkennung von <i>Bretonneau</i>’s
+Bedeutung und seiner grossartigen Leistungen um so mehr zu
+befürchten sein. Aus diesem Grunde gehe ich auch noch auf einen
+dritten principiell wichtigen Punkt ein, in welchem <i>Gerhardt</i>
+mit <i>Bretonneau</i> nicht übereinstimmt. Nicht bloss soll
+<i>Bretonneau</i> in den Krankheitsbegriff der Diphtherie zwei
+Krankheitsformen, die maligne Angina und die scorbutische Gangrän, mit
+Unrecht hineingenommen, er soll auch mit Unrecht eine sehr wichtige,
+rechtmässig zur Diphtherie gehörige Form von jenem Begriff abgetrennt
+haben, nämlich die <i>scarlatinöse Angina</i>.</p>
+
+<p><i>Bretonneau</i> widmet der scarlatinösen Angina ein besonderes
+Kapitel (S. 250 ff.) und kommt aus sechs Gründen zu der ganz besonders
+entschieden ausgesprochenen Ansicht, dass sie nichts zu thun habe mit
+der Angina diphtheritica.</p>
+
+<p>Erstens sei das Fibrinexsudat bei der scarlatinösen Angina nicht
+wie bei der diphtheritischen in Gestalt einer Haut abhebbar, sondern
+es liege mehr <i>in</i> der Schleimhaut, ist also eine Diphtherie in
+<i>Virchow</i>’s Sinne, nicht im Sinne von <i>Bretonneau</i>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_33">[S. 33]</span></p>
+
+<p>Zweitens sei bei derselben die Entzündung der Pharynxschleimhaut nicht,
+wie das gewöhnlich bei der Diphtherie der Fall ist, zu Anfang eng und
+scharf umgrenzt, sondern breite sich gleich von ihrem Beginn über den
+ganzen Pharynx und den Nasenrachenraum aus.</p>
+
+<p>Drittens habe der scarlatinöse Exsudationsprocess nicht die Tendenz,
+auf den Kehlkopf überzugreifen; wenigstens habe im Verlauf von 20
+Jahren <i>Bretonneau</i> bei keinem an Scarlatina Verstorbenen eine
+ähnliche Larynxaffection gesehen, wie sie zur diphtherischen Angina so
+häufig hinzutritt.</p>
+
+<p>Viertens habe er durch sorgfältigste Section von neun an Scarlatina
+verstorbenen Personen die Ueberzeugung gewonnen, dass der
+Sectionsbefund ganz abweicht von dem bei Diphtherieleichen, und dass
+die localen krankhaften Veränderungen auch nicht entfernt so ausgeprägt
+sind, wie bei der Diphtherie.</p>
+
+<p>Fünftens sei die Dyspnoe Scharlachkranker ein Symptom, das durch eine
+dem Scharlachfieber zu Grunde liegende <i>Intoxication</i> bedingt
+ist, während sie bei der Diphtherie sich auf locale Athemhindernisse
+zurückführen lasse.</p>
+
+<p>Sechstens. Das pfeifende Athmungsgeräusch in Folge von Suffocation
+(<span lang="fr">suffocation striduleuse</span>) sei kein der Scarlatina zugehöriges Symptom,
+komme dagegen sehr häufig bei der Diphtherie vor.</p>
+
+<p>An einer anderen Stelle (S. 354) erwähnt <i>Bretonneau</i> noch
+als weitere Thatsache, welche für die Verschiedenheit des Wesens
+der scarlatinösen und der diphtherischen Angina spricht, dass er in
+der Epidemie von <i>La Ferrière</i> (Winter 1824) Diphtherie und
+Scarlatina, beide Krankheiten in heftigen Epidemieen, neben einander
+herrschend gesehen, aber stets die scarlatinöse und diphtheritische
+Angina habe auseinanderhalten können; <i>dabei sei denn auch constatirt
+worden, dass das Ueberstehen der einen Krankheit keinen Schutz
+gewähre gegen</i> <span class="pagenum" id="Page_34">[S. 34]</span><i>die andere. Das ist ihm für die Verschiedenheit beider
+Krankheiten der stärkste Beweis.</i></p>
+
+<p>Auch in der Frage, betreffend die Zugehörigkeit der scarlatinösen
+Angina zur Diphtherie, wird wohl <i>Bretonneau</i> wieder Recht
+behalten. Soweit ich bis jetzt unterrichtet bin, hat auch die
+neuere ätiologische Forschung seit <i>Löffler</i>’s Entdeckung der
+Diphtheriebacillen gelehrt, dass diphtheritische und scarlatinöse
+Angina zu trennen sind. <i>Löffler</i> selbst sagt hierzu auf dem
+dritten Congress für innere Medicin (1884 Berlin): „In einer anderen
+Gruppe fanden sich kettenbildende Coccen; es waren dies meist
+solche Fälle, in welchen nicht sowohl Membranbildung vorhanden war,
+als vielmehr Nekrotisirung und Substanzverluste der Schleimhaut.
+<i>Sämmtliche Fälle von Scharlachdiphtheritis gehören in diese
+Kategorie.</i>“ In seiner späteren Arbeit aus dem Jahre 1890 (Deutsche
+medicinische Wochenschrift 1890 Nr. 5 und 6) citirt <i>Löffler</i>
+dann noch <i>Kolisko</i> und <i>Paltauf</i> (Wien), „welche bei der
+gewöhnlichen mit dem Scharlach einhergehenden, diphtheritischen d. h.
+nekrotisirenden Angina die Diphtheriebacillen stets vermisst haben
+(Wiener klinische Wochenschrift 1889 No. 8), auch <i>Zarnikow</i>
+(Centralblatt für Bacteriologie Band 6 u. Dissert. Kiel 1889) habe bei
+der Scharlachangina keine Diphtheriebacillen gefunden.</p>
+
+<p>Dass übrigens <i>Virchow</i>’s und <i>Gerhardt</i>’s Lehre von der
+Zugehörigkeit der Scharlachangina zur Diphtherie nicht überall die
+durch <i>Bretonneau</i> gewonnene Erkenntniss von ihrer wesentlich
+differenten Natur bei den Aerzten hat verloren gehen lassen,
+dafür mag folgendes Citat aus <i>Henoch</i>’s „Vorlesungen über
+Kinderkrankheiten“ (VI. Aufl. 1892) Zeugniss ablegen: <i>Henoch</i>
+charakterisirt daselbst (S. 662) die Scharlachangina als eine
+„<i>nekrotisirende Entzündung</i>“ und sagt über dieselbe: „Ich ziehe
+diese Bezeichnung der üblichen „diphtheritisch“ aus dem Grunde vor,
+weil meiner Ansicht <span class="pagenum" id="Page_35">[S. 35]</span>nach nichts der richtigen Anschauung von dem Wesen
+dieser Processe mehr geschadet hat, als diese Benennung. Nachdem
+<i>Bretonneau</i> unter dem Namen „Diphtherie“ ein fast erschöpfend
+klares Bild dieser specifischen Infectionskrankheit aufgestellt hatte,
+brachte die pathologische Anatomie dadurch Verwirrung hervor, dass
+sie diesen <i>klinischen</i> Begriff in einen <i>anatomischen</i>
+umsetzte und mit dem Namen „<i>diphtheritisch</i>“ <i>alle</i> Processe
+bezeichnete, welche sich durch Einlagerung fibrinöser Exsudate in die
+Schleimhäute oder auch in die äussere Haut mit nachfolgender Nekrose
+charakterisiren. So kam es, dass die Aerzte, welche bereitwillig dieser
+Lehre <i>Virchow</i>’s folgten, bei den verschiedensten Krankheiten, in
+welchen sich die oben erwähnten Processe vorfanden, eine Complication
+mit „<i>Diphtherie</i>“ annahmen, und dass diese Verwirrung auch auf
+das Publikum übergriff. Ganz besonders gilt dieses in Bezug auf das
+Scharlachfieber, in welchem jene Processe überaus häufig, namentlich
+im Pharynx, auftreten. Man spricht immer noch von Scharlach mit
+„Diphtheritis“, ohne sich davon Rechenschaft zu geben, ob denn die
+specifische Infectionskrankheit, welche wir „Diphtherie“ nennen,
+wirklich dabei im Spiel ist. Die „<i>nekrotisirende Entzündung</i>“,
+wie ich sie nenne, kommt bei ganz verschiedenen Krankheiten vor, am
+häufigsten bei wirklicher Diphtherie und beim Scharlach, demnächst
+auch bei Variola, Dysenterie, Pyämie, Cholera. Aber die Aehnlichkeit
+der anatomischen Producte beweist noch nicht die Identität der
+Krankheitsprocesse.“</p>
+
+<p>Wir erkennen an diesen Ausführungen <i>Henoch</i>’s auf’s deutlichste,
+wohin es führt, wenn der pathologisch-anatomische Befund zum
+entscheidenden Kriterium für die Beurtheilung der Zugehörigkeit von
+krankhaften Veränderungen zu dieser oder jener Infectionskrankheit
+gemacht wird. Nicht bloss bei der Diphtherie, auch bei der Tuberculose
+und manchen anderen Infectionen <span class="pagenum" id="Page_36">[S. 36]</span>war durch die Herrschaft, welche
+<i>Virchow</i>’s Autorität über die meisten Mediciner gewonnen hatte,
+fast in Vergessenheit gerathen, dass die Infectionskrankheiten
+organische Processe sind, die sich nur am <i>lebenden</i> Individuum
+manifestiren. Die Diphtherie ist eine <i>Lebenserscheinung</i>, deren
+Gesammtcharakter im Laufe der Jahrhunderte und vielleicht im Laufe
+der Jahrtausende typisch sich erhalten hat, und in Folge dessen in
+denjenigen Fällen, wo sie sich an lebenden Individuen manifestirt,
+identificirt werden kann; wenn man nun aber sagen soll, wodurch der
+Kenner des Krankheitstypus der Diphtherie im einzelnen Fall denselben
+von anderen ähnlichen Infectionstypen unterscheidet, dann ist hierfür
+ein einzelnes Kennzeichen nicht ausreichend, am allerwenigsten
+aber eines, welches so wenig charakteristisch ist, wie die von
+<i>Virchow</i> als diphtherisch bezeichnete Art der Schleimhautnekrose.</p>
+
+<p>Dass die Localerscheinungen nicht einmal, wenn sie in ihrer
+fortschreitenden Entwicklung am Lebenden beobachtet werden, zur
+Identificirung der Diphtherie für sich allein ausreichen, hat
+schon <i>Bretonneau</i> gelehrt, indem er beispielsweise durch
+Canthariden eine Entzündung mit genau dem gleichen localen Verlauf
+erzeugte, wie bei diphtherischer Entzündung. Es ist eine überaus
+exacte experimentelle Arbeit, in der er den Beweis hierfür liefert,
+und von welcher er einen Auszug auf Seite 355–364 seines Traité de
+la diphthérite giebt; ich führe hier nur den folgenden Satz an (S.
+356): „<span lang="fr">Le principe vésicant des cantharides, extrait au moyen de
+l’éther et dissous ensuite dans l’huile d’olive, a donné naissance à
+un ensemble de phénomènes morbides qui offre une complète analogie
+avec l’inflammation diphthéritique.</span>“ In der That, wenn man seine
+Beschreibung der Pseudomembranen liest, die er mit Cantharidenextract
+im Larynx und den Bronchien von Hunden erzeugte, dann tritt die
+Analogie so vollständig zu Tage, <span class="pagenum" id="Page_37">[S. 37]</span>dass man sich wundern muss, wie
+<i>Bretonneau</i> trotzdem an der Specificität des Krankheitsprocesses
+der Diphtherie festhalten konnte, und es wird das blos dann
+erklärlich, wenn man berücksichtigt, dass ihm die Krankheit eine
+<i>ätiologische</i> und nicht eine <i>anatomische</i> Einheit war.</p>
+
+<p><i>Bretonneau</i> hatte es noch nicht so leicht, wie wir jetzt durch
+den Nachweis des heterogenen ursächlichen Moments der Diphtherie in
+Gestalt des Diphtheriebacillus, zu entscheiden, was dieser Krankheit
+zuzurechnen und was von anatomisch ähnlichen Krankheitsproducten von
+ihr auszuscheiden ist. Erst durch mühsame epidemiologische Studien,
+durch sorgfältigste Beobachtung jedes einzelnen Krankheitsfalles und
+überaus zahlreiche vergleichend anatomische Untersuchungen ist er dazu
+gelangt, alles was wir jetzt als ätiologisch zusammengehörig kennen,
+in seinem Krankheitsbild der Diphtherie zu vereinigen; überall, wo
+eine Epidemie war, ging er selbst hin und in den Jahren 1818–1826,
+über welche er genauer Bericht erstattet, hat er in den Epidemieen
+von <i>Tours</i>, <i>La Ferrière</i> und <i>Chenusson</i>, ausserdem
+aber noch in vielen sporadisch auftretenden Fällen die Aetiologie mit
+solchem Aufwand von unermüdlicher Thätigkeit und mit solchem Scharfsinn
+verfolgt, wie ausser ihm nur noch <i>Robert Koch</i> es fertig gebracht
+hat.</p>
+
+<p>Ich will nur ein Beispiel für viele citiren. Zu einer Zeit, wo die
+meisten Aerzte überhaupt noch an dem Charakter der Diphtherie als einer
+ansteckenden Infectionskrankheit zweifelten, war <i>Bretonneau</i> fast
+überall darauf angewiesen, selber dem Ursprung der Einzelerkrankung
+nachzuforschen. In manchen Fällen war das leicht, wenn z.&#8239;B. (S.
+342) eine Frau an Diphtherie stirbt, vier Tage später das Kind,
+welches sie noch während der Krankheit gesäugt hatte; wenn ferner,
+ohne dass sonst am Orte (in <i>La Ferrière</i> mit 250 Einwohnern)
+<span class="pagenum" id="Page_38">[S. 38]</span>
+Diphtherieerkrankungen vorkamen, eine junge Frau, der jenes Kind zur
+Pflege übergeben war, acht Tage nach der Inpflegenahme des Kindes
+an typischem Kehlkopfcroup zu Grunde geht; ebenso wenn (S. 339) von
+allen Nachbarorten kein einziger von der Diphtherie befallen wird mit
+Ausnahme eines Gehöftes, in welchem ein 45jähriger Mann Diphtherie
+bekam, der vorher viel in einem Hause von <i>La Ferrière</i> war zu
+einer Zeit, als in demselben zwei Kinder an bösartiger Diphtherie krank
+lagen und starben.</p>
+
+<p>Aber in anderen Fällen war die Ansteckungsquelle auf keine Weise
+zu finden; da ist es denn geradezu bewunderungswürdig, mit welchem
+Scharfsinn <i>Bretonneau</i> alle Möglichkeiten für das Zustandekommen
+der Diphtherie erwägt, und wie gewissenhaft er zu Werke geht, ehe er
+eine eigene Meinung äussert. S. 289 berichtet er, dass im Jahre 1823 in
+<i>Tours</i> mitten in diphtheriefreier Zeit ein einziges fünfjähriges
+Kind an Croup starb, ohne dass hinterher Diphtheriefälle auftraten.</p>
+
+<p>Alle Zweifel, dass es wirklich Diphtherie war, mussten Angesichts
+des typischen Krankheitsverlaufes im Verein mit dem typischen
+Sectionsbefunde schwinden. Aber in Ermangelung eines gegenwärtigen
+Ansteckungsheerdes forscht <i>Bretonneau</i> weiter nach und erfährt
+endlich, dass vor drei Jahren in derselben Wohnung drei andere Kinder
+an diphtherischem Croup gestorben sind. „<span lang="fr">Peut-on soupçonner que le
+germe de cette affection ait été conservé et transmis après un si long
+espace de temps?</span>“</p>
+
+<p>Wir stehen auch jetzt noch oft genug vor dieser Frage und unsere
+Antwort kann auch jetzt noch nicht viel anders lauten, als wie sie
+von <i>Bretonneau</i> gegeben wird (S. 342): „<span lang="fr">Sans doute cette
+affection est contagieuse; mais c’est certainement sous des conditions
+particulières, et qui lui sont propres qu’elle se transmet. Comment se
+conserve le germe qui la reproduit?</span>“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_39">[S. 39]</span></p>
+
+<p>Ausser diesen epidemiologischen Nachforschungen, um sich des
+ätiologischen Zusammenhanges zu vergewissern, hat <i>Bretonneau</i>
+auch von allen anderen Mitteln Gebrauch gemacht, die ihm zur
+Erforschung der Natur der Krankheit zu Gebote standen; und was die
+pathologisch-anatomische Untersuchung betrifft, so haben wir schon oben
+gesehen, dass er soviel Sectionen selber ausführte, wie sich dessen
+heutzutage nur wenige Aerzte, pathologische Anatomen mit eingerechnet,
+rühmen können.</p>
+
+<p>Aber für ihn blieb der Sectionstisch immer nur die Stelle „<span lang="la">ubi mors
+gaudet succurrere vitae</span>“; nicht an sich war ihm der Sectionsbefund von
+Bedeutung, sondern nur insoweit, als er durch denselben besser die
+bei Lebzeiten des Kranken wahrgenommenen oder supponirten materiellen
+Veränderungen der Untersuchung zugänglich machen konnte.</p>
+
+<p>So hat er alle Methoden naturwissenschaftlicher Forschung der damaligen
+Zeit ausgenützt, und so ist es ihm gelungen, herauszufinden, was
+<i>wir</i> erst auf Grund unserer Kenntniss der Eigenschaften und
+Fähigkeiten der von aussen stammenden krankmachenden Ursache entdecken
+konnten, vor Allem den Polymorphismus der diphtherischen Infection,
+bedingt durch örtliche, zeitliche und individuelle Disposition und
+besonders auch bedingt durch die Verschiedenheit der Invasionspforten,
+durch welche der Krankheitskeim in den Organismus eintritt.</p>
+
+<p>Er selbst ist darauf aufmerksam geworden, dass ausnahmsweise auch
+einmal die Zunge und der Oesophagus die Primäraffection zeigen; ferner
+hat er auf Grund von Beobachtungen anderer Autoren, wie <i>Guersant</i>
+(S. 53) und <i>Starr</i> (S. 54) in Frankreich, <i>Samuel Bard</i> in
+Amerika, uns überliefert, wie nach Entblössung der Epidermis durch
+Vesicantien auch von der Cutis der diphtherische Process ausgehen
+kann, und seine Ausführungen <span class="pagenum" id="Page_40">[S. 40]</span>darüber entsprechen durchaus schon
+im Wesentlichen der Schilderung, die uns <i>Henoch</i> von diesen
+exceptionellen Erscheinungsformen der Diphtherie giebt, wenn er (Seite
+724 seiner Vorlesungen) die Lippenschleimhaut, die Conjunctiva,
+Gesicht und Ohren (bei vorhandenem Ekzem), die übrige äussere Haut,
+die Genitalien, auf Grund eigener Untersuchungen als gelegentlich
+diphtherisch inficirte Stellen anführt.</p>
+
+<p>Besonders bewunderungswürdig ist aber, was <i>Bretonneau</i> über das
+Stationärwerden der Krankheit beim Einzelnen und über das Aufhören
+derselben in der Gesammtbevölkerung sagt, indem er schon dasjenige
+Resultat vorgreift und mit grösster Schärfe präcisirt, welches wir erst
+als Frucht der neuesten Immunitätsarbeiten anzusehen gewohnt sind,
+soweit wir überhaupt uns mit diesem schwierigsten unter allen dem Arzte
+aufstossenden Problemen ernsthaft beschäftigt haben. „<span lang="fr">Ordinairement
+(sagt er S. 54) quelques jours après son invasion, la marche rapide
+de la diphthérie se ralentit. Ce phenomène ne lui est particulier; il
+se reproduit dans plusieurs autres maladies, et les symptomes locaux
+de la syphilis, par exemple, après avoir assez rapidement leur plus
+haut degré d’intensité et d’étendue, perdent bientôt de leur activité.
+Dans le cas présent, cette tendance à l’état stationnaire est d’une
+importance toute particulière pour le pronostic, puisque c’est par sa
+propagation dans les voies aëriennes que l’inflammation pelliculaire
+devient funeste. En effet il n’y a pas le moindre rapport entre le
+danger d’une affection pelliculaire de la bouche, si grave qu’on la
+suppose, pourvu surtout que le mal en s’étendant ait déjà perdu une
+partie de son énergie, et le péril auquel expose une petite tache
+diphthéritique qui se montre d’abord à la surface des tonsilles,
+d’où elle peut se propager en peu de jours, quelques fois même en
+peu d’heures à</span> <span class="pagenum" id="Page_41">[S. 41]</span><span lang="fr">la trachée et bientôt aux dernières ramifications des
+bronches.</span></p>
+
+<p><span lang="fr">L’organisme semble acquérir par accoutumance la faculté de résister
+aux maladies, comme il acquiert la faculté de résister à l’action
+graduée des poisons et des venins. On l’obtient, pour un temps plus ou
+moins durable, en payant un premier tribut à la variole, à la vaccine,
+au climat, sans parler de l’inaptitude à contracter la blénorrhagie,
+inaptitude qui peut aussi s’acquerir et s’entretenir, si on en croit
+les assertions de</span> <i>John Hunter</i>.</p>
+
+<p><i lang="fr">Peut-être cette influence de l’habitude contribue-t-elle à
+l’extinction de quelques affections contagieuses épidémiques en usant
+la disposition à les contracter.</i>“</p>
+
+<p>Es ist ein „vielleicht“, mit dem er seine Zurückführung des Aufhörens
+von Epidemieen auf das Immunwerden der Individuen, nachdem sie
+leichtere Infectionen erlitten haben, einleitet. Aber schliesslich
+sind wir auch jetzt noch nicht über die blosse Möglichkeit dieses
+Erklärungsprincips hinausgekommen.</p>
+
+<p>Auf gleicher Höhe, wie diese epidemiologischen Bemerkungen, steht
+seine Beschreibung von der specifischen Natur der diphtherischen
+Entzündung. Wenn ich diese hier in extenso anführe, dann geschieht es
+hauptsächlich auch deswegen, weil ich eine bessere nirgends gefunden
+habe und weil ich mir auch kaum einen adäquateren anatomischen Ausdruck
+für die specifisch diphtherischen Processe denken kann, als den von
+<i>Bretonneau</i> gefundenen.</p>
+
+<p>S. 40 ff. sagt er: „Es ist manchmal ziemlich schwer, den organischen
+Process dieser Veränderung zu verfolgen, von welchem die Exsudation,
+die hinterher ein festes Produkt liefert, ausgeht. Oft beschränkt sich
+diese Veränderung auf punktförmig auftretende rothe, unregelmässig
+verbreitete Flecke, ohne jede Spur von Schwellung; selbst eine etwaige
+Schwellung des submucösen Zellgewebes <span class="pagenum" id="Page_42">[S. 42]</span>involvirt durchaus nicht auch
+eine solche der Schleimhaut selbst. Was die letztere betrifft, so ist
+sie an einer Schwellung des darunter und in der Nähe befindlichen
+Gewebes nicht mehr betheiligt, als die Haut über den geschwollenen
+Lymphdrüsen, welche in der Gegend der diphtherischen Schleimhautpartien
+gelegen sind.</p>
+
+<p>Die Lymphdrüsenschwellung ist regelmässig vorhanden; und sie ist gleich
+Anfangs verhältnissmässig stark ausgesprochen, correspondirt aber
+durchaus nicht immer in ihrer Stärke mit der Intensität und Extensität
+der diphtherischen Entzündung. Zweimal sah ich, wie die diphtherische
+Drüsenschwellung genau den gleichen Verlauf und Ausgang in Eiterung
+nahmen, wie das bei Bubonen beobachtet wird.</p>
+
+<p>Diese fleckweise Röthe der Schleimhaut, welche ganz oberflächlich
+bleibt und ohne Verdickung der Schleimhaut besteht, trotzdem aber
+sich mit festwerdenden Exsudaten von ausserordentlicher Reichlichkeit
+vergesellschaftet, ist es, die mir der diphtherischen Entzündung einen
+ganz besonderen Charakter zu verleihen scheint.</p>
+
+<p><i>Ich würde noch nicht ganz ausdrücken, was ich darüber denke, wenn
+ich nicht noch hinzufügte, dass ich in dieser zur Ausscheidung von
+speckhautähnlichem Exsudat führenden Entzündung eine ganz specifische
+Phlegmasie erblicke, welche von einer katarrhalischen Entzündung ebenso
+verschieden ist, wie der Milzbrand von einem Herpes zoster, die ferner
+von der scarlatinösen Erkrankung noch mehr verschieden ist, als die
+Scarlatina von den Pocken; kurz, dass es sich hier um eine Krankheit
+sui generis handelt, welche ebensowenig ein höherer Grad eines Katarrhs
+ist, wie die Ichthyosis (<span lang="fr">dartre squameuse</span>) als höherer Grad des
+Erysipels angesehen werden kann.</i></p>
+
+<p><i>Da ich nun unmöglich einer derartig specifischen Entzündung
+einen derjenigen Namen geben kann, mit <span class="pagenum" id="Page_43">[S. 43]</span>welchen man partielle
+Erscheinungsformen derselben belegt hat, so sei es mir gestattet, diese
+specifische Phlegmasie als „Diphtheritis“ (von διφθερα, pellis, exuvia,
+vestis coriacea und <span lang="grc">διφθερóω</span> gleich <span lang="la">corio obtego</span>) zu bezeichnen.</i></p>
+
+<p>Je mehr ich meine Aufmerksamkeit den charakteristischen Merkmalen der
+diphtherischen Entzündung zuwandte, um so mehr erwiesen sich dieselben
+als durchaus verschieden von denen jeder anderen Entzündung. Wenn
+man mikroskopisch die am lebhaftesten in der Entwicklung begriffenen
+circumscripten Flecke untersucht, welche vom blossen Auge punktförmig
+und zwar als rothe und als weisse Punkte gesehen werden, so erkennt
+man eine äusserst feine Vascularisirung der Schleimhaut und dass
+die lebhaft gerötheten Punkte in derselben kleine Ekchymosen sind,
+während die weissen Flecke durch die vorspringenden Oeffnungen der
+Schleimhautfollikel repräsentirt werden.</p>
+
+<p>Was die Verbreitungsweise der diphtherischen Entzündung betrifft,
+so geschieht dieselbe in ganz eigenartiger Weise; <i>sie schreitet
+in ähnlicher Weise vor, wie ein Flüssigkeitstropfen, der in die
+Umgebung sich imbibirt und an abhängiger Stelle heruntergleitet</i>.
+(<span lang="fr">L’inflammation s’y étend à peu près comme un liquide qui s’épanche ou
+qui coule.</span>)</p>
+
+<p>Oft erkennt man, wie ein langer, schmaler Streifen vom tiefsten
+Roth, sich in den Pharynx hinein verbreitet, oder nach der Trachea
+hinuntersteigt, zuweilen auch mehrere solcher Streifen nebeneinander.
+In der Mitte jedes dieser Streifen entsteht nun überall das feste
+Exsudat. In diesem frühesten Stadium der Exsudatbildung kann man noch
+rundliche Oeffnungen oder vielmehr halbdurchscheinende Bläschen in den
+Concretionen beobachten.“</p>
+
+<p>.... „Nun dehnt sich allmählich der Process auch in die Breite
+aus, bis zusammenhängende Lamellen entstehen, <span class="pagenum" id="Page_44">[S. 44]</span>die bloss durch
+Exsudatpfröpfe, welche in die Oeffnungen der Schleimhaut<i>follikel</i>
+hineingehen, an der darunterliegenden Schleimhaut festhaften. Löst sich
+aber solch’ eine Lamelle los, dann nimmt die Röthung der Schleimhaut
+zu; es entsteht von Neuem eine Membran, die durch Nachschübe verdickt
+wird und gradatim mit zunehmender Verdickung an der organisirten
+Schleimhaut immer mehr festhaftet.“</p>
+
+<p>(Ferner S. 51): „Mit zunehmender Verdickung und engerem Connex zwischen
+Schleimhaut und Pseudomembran wird auch die Schleimhaut selbst mehr und
+mehr verändert: <i>es kann dann vorkommen, dass sogar das Exsudat in
+der Schleimhaut eingelagert ist</i>. Erosionen und Ekchymosen entstehen
+an den einer Reibung ausgesetzten Punkten und wenn nun noch Blut
+austritt, dann entstehen jene Veränderungen der ursprünglich weissen
+und geruchlosen Membran, die zu einer Putrefaction führen, welche den
+specifischen Charakter der Diphtherie ganz verdecken kann.“</p>
+
+<p><i>Das</i> ist das anatomische Bild des diphtherischen
+Entzündungsprozesses, wie ich es auch bei der experimentell zu
+erzeugenden Diphtherie bei Thieren fand. Dagegen das Bild, wie es von
+pathologischen Anatomen entworfen wird, ist alles andere, bloss keine
+Diphtherie in <i>Bretonneau</i>’s Sinne.</p>
+
+<p>Hören wir, wie beispielsweise <i>Orth</i> in seinem „Compendium der
+pathologischen Diagnostik“ (III. Aufl. 1884) die diphtherischen
+Veränderungen schildert (S. 257 ff.):</p>
+
+<p>„Nicht ungewöhnlich kommen auch <i>diphtherische</i> Erkrankungen
+im Kehlkopf und Trachea vor. Man wird nicht nur am Kehldeckel,
+sondern auch tiefer im Kehlkopf und in der Trachea zuweilen Membranen
+finden, welche nur mit grosser Gewalt sich entfernen lassen und unter
+denen die Schleimhaut in eine graue nekrotische Masse verwandelt
+erscheint. Am häufigsten sieht <span class="pagenum" id="Page_45">[S. 45]</span>man in der Trachea diese diphtherischen
+Veränderungen in der Nähe von Tracheotomiewunden, deren häufige
+diphtherische Infection ja allgemein bekannt ist. Die bei vielen
+Infectionskrankheiten, besonders bei acuten Exanthemen vorkommenden
+Entzündungen des Larynx und der Trachea nehmen oft einen diphtherischen
+Charakter an. Besonders bei Variola kommen kleinere diphtherische
+Herde in der Trachea (meist über den Knorpelringen) vor, die oft
+fälschlich für Pockenpusteln gehalten worden sind. Gerade zu den
+diphtherischen Affectionen des Larynx und der Trachea, aber auch zu
+den auf die Pharynx beschränkten, gesellen sich leicht durch Einathmen
+kleiner Partikel der diphtherischen Massen entstandene Pneumonieen,
+welche meist katarrhalische Bronchopneumonieen sind, aber, wenn
+die diphtherischen Massen zugleich Fäulnissstoffe enthielten, auch
+einen gangränösen Charakter annehmen können. Die fibrinösen und
+diphtherischen Entzündungen kommen hier fast stets im Anschluss an
+ähnliche Veränderungen am Rachen vor, doch kann auch der Rachen frei
+sein, ohne dass deswegen die Entzündungsursache eine andere zu sein
+brauchte.“ Auf Seite 246–249 bespricht <i>Orth</i> eingehender den
+makroskopischen und mikroskopischen Befund bei der Pharynxdiphtherie.
+Danach sind ihm Diphtherie und Croup „höhere Grade von Entzündung“
+und (S. 248) „die Diphtherie des Gaumens und Rachens kann durch
+verschiedene Ursachen erzeugt werden.“ Die vorzugsweise bei Kindern
+auftretende Form will er, <i>Senator</i> folgend, als „<i>Synanche</i>“
+bezeichnet wissen.</p>
+
+<p>Damit wäre denn wissenschaftlich die Diphtherie als ätiologisch
+einheitliche Infectionskrankheit aus der Welt geschafft.</p>
+
+<p>Man hat der jüngeren Generation von Aerzten den „historischen Sinn“
+in der medicinischen Wissenschaft abgesprochen; ich glaube aber, wir
+brauchen diesen Vorwurf nicht zu tragisch zu nehmen in einer Zeit,
+wo <span class="pagenum" id="Page_46">[S. 46]</span>der medicinischen Forschung neue Gebiete erschlossen sind, deren
+Bearbeitung lohnender ist, als die Beschäftigung mit den Lehrmeinungen
+einer von der Beobachtung des lebenden kranken Menschen losgelösten
+Pathologie. Ja fast möchte ich durch meine historisch-kritischen
+Studien bei denjenigen Krankheiten, mit welchen ich mich genauer
+beschäftigt habe, zu der Meinung kommen, dass die doctrinären
+Anschauungen der pathologischen Anatomie der letzten 50 Jahre erst ein
+überwundener Standpunkt werden müssen, ehe man mit Aussicht auf Erfolg
+bei den Infectionskrankheiten an eigene productive Arbeit herangehen
+kann.</p>
+
+<p>Was die Diphtherie betrifft, so muss sich schon bei der
+bisherigen Analyse des Wesens und der Erscheinungsformen dieser
+Infectionskrankheit ein solches Urtheil aufdrängen. In noch höherem
+Grade wird sich aber bei der Besprechung der weiteren positiven
+Errungenschaften in der Diphtherieforschung zeigen, wie die Herrschaft
+einer einseitig pathologisch-anatomischen Betrachtungsweise der
+Construction eines Krankheitsbildes hinderlich sein musste, in welchem
+das <i>ätiologische</i> Moment entscheidend ist für die Zugehörigkeit
+ganz verschieden aussehender Krankheitsformen zu demselben.</p>
+
+<p>Ganz besonders deutlich tritt dies zu Tage bei derjenigen
+diphtherischen Erkrankung, die uns beim Lebenden in Gestalt von
+Lähmungserscheinungen entgegentritt. Nichts von denjenigen Charakteren,
+die an der Leiche als Kriterium für die Diphtherie geltend gemacht
+werden, ist hier zu finden, und trotzdem ist gerade die Erzeugung
+specifisch-diphtherischer Lähmungserscheinungen, mit ihrem ganz
+eigenthümlichen Auftreten erst nach Ablauf des local diphtherischen
+Processes und mit ihrem zur spontanen Heilung hinneigenden Verlauf,
+entscheidend gewesen für die Beweiskraft der ätiologischen
+Untersuchungen von <i>Roux</i> und <i>Yersin</i>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_47">[S. 47]</span></p>
+
+<p>Hier ist es einleuchtend, dass nicht der pathologische Anatom das
+Superarbitrium darüber abgeben kann, ob wir intra vitam eine richtige
+Diagnose gestellt haben; ebensowenig aber kann er es in den zahlreichen
+anderen Fällen, wo functionelle Störungen einer Krankheit ihren
+specifischen Stempel aufdrücken, beim Tetanus, bei syphilitischen,
+leprösen und vielen anderen Infectionen.</p>
+
+<p>Für den gut beobachtenden Arzt sind gewisse Lähmungsformen so
+zweifellos diphtherische Erkrankungen, dass beispielsweise
+<i>Henoch</i> die Diagnose auf Diphtherie auch dann zu stellen
+sich für berechtigt hält, wenn er in Diphtherieepidemieen eine
+<i>Gaumenlähmung</i> zu Gesichte bekommt, ohne dass vorher eine
+Rachendiphtherie constatirt worden ist; und doch würde auch die
+sorgfältigste anatomische Untersuchung nicht im Stande sein, hier die
+ärztliche Diagnose zu bestätigen. Gleichwohl werden wir zur näheren
+Erforschung des anatomischen Substrats auch dieser Krankheitsformen
+jede Gelegenheit und jedes Mittel benutzen, aber nicht in dem Glauben,
+welcher in den letzten Jahrzehnten grossgezogen wurde, dass wir erst in
+die pathologischen Institute gehen müssten, um autoritativen Aufschluss
+über die bei solchen Untersuchungen anzuwendenden Methoden zu bekommen.</p>
+
+<p>Diphtherische Lähmungen sind schon in sehr frühen Zeiten
+ärztlicherseits beobachtet worden.</p>
+
+<p><i>Ghisi</i> erwähnt in seinem berühmten Briefe aus dem Jahre
+1749 (Cremona), dass sein eigener Sohn, nachdem derselbe von der
+häutigen Bräune fast vollständig geheilt war, von einer Gaumenlähmung
+befallen wurde und fügt hinzu: „Wir (<i>Ghisi</i> und <i>Scotti</i>)
+überliessen es der Natur, die Heilung dieser merkwürdigen
+Nachkrankheit zu besorgen, welche man ausserordentlich häufig bei
+solchen Personen beobachtet, die von der ursprünglichen Krankheit
+schon wiederhergestellt waren, und <span class="pagenum" id="Page_48">[S. 48]</span>die etwa einen Monat lang nach
+erfolgter Heilung der Angina und des sich an dieselbe anschliessenden
+Drüsenabscesses bei dem eigenen Kinde andauerte; dasselbe sprach
+andauernd durch die Nase und flüssige Speisen liefen oft durch die
+Nase zurück“ (citirt nach <i>Bretonneau</i>, Traité de la diphtherite
+S. 460). Der <i>Ghisi</i>’sche Brief scheint sehr schwer zu haben zu
+sein; <i>Bretonneau</i> fand ihn in keiner Bibliothek, bekam aber
+schliesslich ein Originalexemplar durch Dr. <i>Double</i>.</p>
+
+<p>In demselben Jahre (1749) gab auch <i>Chomel</i> in seiner Dissertation
+„<span lang="fr">Sur le mal de gorge gangréneux</span>“ eine naturgetreue Schilderung der
+Gaumenlähmung; eine Dame (Demoiselle <i>de Bonac</i>) wurde in einem
+Hause, in welchem mehrere Kinder an häutiger Bräune krank waren,
+gleichfalls von dieser Krankheit ergriffen, aber bald geheilt. 40 Tage
+später stellten sich Lähmungserscheinungen bei ihr ein: „<span lang="fr">La malade
+parlait beaucoup du nez, était louche et contrefaite; mais en reprenant
+ses forces elle a repris aussi de jour en jour son état naturel</span>“
+(citirt nach <i>Maingault</i> „<span lang="fr">De la paralysie diphthérique</span>“ Paris 1860
+S. 3).</p>
+
+<p>Wir sehen also, dass schon in den ersten beglaubigten Fällen von
+Diphtherie, und zwar an den weitest von einander entfernten Orten,
+Lähmungserscheinungen die Aufmerksamkeit der Aerzte auf sich lenkten;
+so citirt <i>Maingault</i> (S. 3), auch <i>Samuel Bard</i>, welcher aus
+<i>New-York</i> ungefähr zu gleicher Zeit mit den beiden obengenannten
+Autoren folgenden Krankheitsfall berichtete. Ein zweieinhalbjähriges
+Mädchen, welches Angina und Croup überstanden hatte, und dann
+vollständig stimmlos wurde, konnte feste Speisen ziemlich gut zu sich
+nehmen, Flüssigkeiten verursachten aber Hustenanfälle und wurden sehr
+schlecht geschluckt. Die letzteren Symptome verloren sich ziemlich
+schnell; dagegen dauerte die Aphonie und eine allgemeine Schwäche sehr
+lange <span class="pagenum" id="Page_49">[S. 49]</span>an; das Gehen ohne Unterstützung lernte die kleine Kranke erst 12
+Monate später.</p>
+
+<p><i>Maingault</i>, dessen umfangreiche Monographie über die
+diphtherischen Lähmungen sehr lesenswerth ist, bringt Auszüge über
+Krankenbeobachtungen von dem jüngeren <i>Sédillot</i> (1810),
+<i>Guimier</i>, <i>Ozanam</i>, <i>Loyateté</i>, hebt besonders rühmend
+hervor <i>Orillard</i> (Société de Poitiers 1834–36), welcher ausser
+Gaumenlähmungen auch Taubheit und Sehstörungen als diphtherische
+Rachenkrankheiten beobachtete, und eine sehr exacte Schilderung von
+Muskelschwäche und Zittern der Extremitäten, sowie von tabischen
+Erscheinungen entwarf; er zählt weiter Beobachtungen auf von
+<i>Thirial</i> (Assistent von <i>Trousseau</i>) und geht dann genauer
+auf die grundlegenden Untersuchungen von <i>Trousseau</i> selber
+ein, von denen ab die Litteratur über diphtherische Lähmungen fast
+unübersehbar anschwillt.</p>
+
+<p><i>Trousseau</i>’s scharf entworfene Krankheitsbilder sind
+hauptsächlich durch seine klinischen Vorlesungen Anfangs der fünfziger
+Jahre weiteren Kreisen bekannt geworden. Ich will bloss noch erwähnen,
+dass in dieser Zeit auch <i>Bretonneau</i> noch wieder aus dem
+grossen Schatz seiner Erfahrungen dieses Specialgebiet der Diphtherie
+bereichert hat in seiner Arbeit „<span lang="fr">Memoire sur les moyens de prévenir le
+développement et les progrès de la diphthérie</span>“, <span lang="fr">Archives générales de
+médecine (Janvier 1855)</span>.</p>
+
+<p>Zur Darstellung des <i>actuellen</i> Standes der Frage von den
+diphtherischen Lähmungen führe ich dasjenige hier an, was <i>Henoch</i>
+darüber in seinem Lehrbuch der Kinderkrankheiten sagt (S. 747): „Die
+„<i>diphtherische Lähmung</i>“ ist eine so häufige Nachkrankheit der
+Diphtherie, dass man in jedem Fall auf dieselbe gefasst sein muss.
+Ich selbst sah die Lähmung immer nur im Gefolge der Rachendiphtherie
+auftreten. Andere wollen sie auch nach der Diphtherie der Haut, <span class="pagenum" id="Page_50">[S. 50]</span>z.&#8239;B.
+der Finger, beobachtet haben. Die Ansichten über die Bedingungen dieser
+Paralyse, die schon dadurch merkwürdig ist, dass die Beeinträchtigung
+des Nervensystems durch den Infectionsstoff sich meistens erst zu
+einer Zeit geltend macht, in welcher die Kranken die Infection längst
+überwunden zu haben scheinen, waren sehr getheilt. Erst in neuester
+Zeit haben sorgfältige Untersuchungen ergeben, dass es sich hier
+vorzugsweise um einen <i>neuritischen</i> Process in den peripherischen
+Nerven handelt, wobei aber analoge Veränderungen auch im Rückenmarke
+vorhanden sein können. <i>Déjérine</i> (Arch. de phys. normale et
+pathologique 1878) fand in den vorderen Wurzeln der Spinalnerven, wie
+auch in vielen peripherischen Nerven Fettkörnchenbildung und Schwinden
+der Achsencylinder, ausserdem Atrophie der Ganglienzellen in den
+Vorderhörnern und Vermehrung des interstitiellen Bindegewebes, also
+eine „<i>parenchymatöse Neuritis und Myelitis</i>“ und <i>P. Meyer</i>
+(Virch. Arch. Bd. 85 Heft 2) sah in einem Fall von sehr verbreiteter
+diphtheritischer Lähmung fast in allen peripherischen Nerven deutliche
+Zeichen einer parenchymatösen Neuritis (Zerklüftung des Markes,
+Kernwucherung in der <i>Schwann</i>’schen Scheide, Umwandlung in
+Körnchenzellen, Knötchenbildung durch Oedem und Schwellung des
+Bindegewebes). Dieselben Veränderungen fanden sich in den Wurzeln der
+Spinalnerven und in vielen Spinalganglien, während im Rückenmark selbst
+viele Ganglienzellen ihre Fortsätze ganz oder zum Theil eingebüsst
+hatten. Diese Befunde, sowie einige schon 1862 von <i>Charcot</i> und
+<i>Vulpian</i>, und 1867 von <i>Buhl</i> gemachte Beobachtungen fordern
+zu fortgesetzter Untersuchung des <i>peripherischen</i> Nervensystems
+bei der diphtherischen Lähmung auf. Auch in einem Falle von
+diphtherischer Herzlähmung mit plötzlichem Tode fand <i>Gombault</i>
+(bei <i>Gadet de Gassicourt</i> <span lang="fr">„Diphthérie prolongée“, Revue mens.
+1883 Janvier III. S. 349</span>) zwar den <span class="pagenum" id="Page_51">[S. 51]</span>Vagus, die Medulla oblongata und
+die Herzmusculatur durchaus intact, aber, gleichwie in zwei anderen
+analogen Fällen, die vorderen Wurzeln der Spinalnerven wenigstens
+theilweise in ähnlicher Weise verändert, wie es von <i>Déjérine</i>
+beschrieben wurde.</p>
+
+<p>Daneben können auch die Muskeln selbst entzündliche Veränderungen,
+interstitielle und fibrilläre, (<i>Hochhaus</i>, Virch. Arch. Bd.
+124 Heft 2) darbieten, was besonders an denen des Gaumens und des
+Rachens leicht begreiflich ist. Wahrscheinlich handelt es sich um
+die Einwirkung des von den Bacillen producirten toxischen Stoffes
+auf das Muskel- und Nervensystem, da nach den Untersuchungen von
+<i>Roux</i> und <i>Yersin</i> (Ann. de l’Institut Pasteur 1889 Juin.
+— <i>Hansemann</i>, Virch. Arch. Bd. 115, 1889) dieser Stoff auch bei
+Thieren paralytische Symptome hervorbringt, die mit den bei Menschen
+beobachteten grosse Aehnlichkeit haben.</p>
+
+<p>Die diphtherische Lähmung, welche grade nach den leichteren Fällen der
+Krankheit am häufigsten aufzutreten pflegt, kündigt sich in der Regel
+zwei bis drei Wochen nach Ablauf der Krankheit durch Paralyse des
+Gaumens an. Seltener tritt sie früher auf, so in einem meiner Fälle
+am zehnten, in einem anderen sogar schon am fünften Krankheitstage,
+worauf wenige Tage später der Tod an Herzlähmung erfolgte. Sehr häufig
+bleibt die Paralyse des Gaumens das einzige Lähmungssymptom. Die Kinder
+bekommen eine nasale mehr oder weniger unverständliche Sprache u.&#8239;s.&#8239;w.</p>
+
+<p>S. 748: „Die Gaumenlähmung kann, wie ich wiederholt beobachtete,
+besonders in den niederen Ständen, das <i>erste</i> Zeichen sein,
+welches eine vorausgegangene, aber von den Eltern ganz übersehene, und
+spontan geheilte Rachendiphtherie verräth.“</p>
+
+<p>Ferner erwähnt dann Henoch Störungen des <i>Sehvermögens</i>
+durch Paralyse des tensor choroideae; weiterhin Parese
+der <i>Rachenmuskeln</i>, Ataxie und Kraftlosigkeit <span class="pagenum" id="Page_52">[S. 52]</span>der
+unteren Extremitäten, <i>Aphonia</i> paralytica, Lähmung der
+<i>respiratorischen Muskeln</i> mit sehr frequenter Athmung; Fehlen der
+<i>Sehnenreflexe</i>, insb. der patellaren.</p>
+
+<p>Hemiplektische Formen hat <i>Henoch</i> nicht gesehen.
+Sensibilitätsstörungen seien sehr selten.</p>
+
+<p>Aus dieser kurzen Uebersicht über das Krankheitsgebiet der
+diphtherischen Lähmungen ergiebt sich allein schon eine solche
+Mannigfaltigkeit der symptomatisch in Erscheinung tretenden
+Diphtherieformen, dass dem <i>Polymorphismus dieser Krankheit</i>
+vielleicht bloss noch die durch den Streptococcus longus entstehenden
+Erkrankungen des Menschen an die Seite gestellt werden können.</p>
+
+<p>Demgegenüber nehmen selbst die Tuberculose und die Syphilis, klinisch
+betrachtet, einen relativ einförmigen Verlauf.</p>
+
+<p>Noch weniger polymorph sind andere Infectionen des Menschen, wie
+die durch Malariaparasiten, durch den <i>A. Fraenkel</i>’schen
+Pneumoniebacillus, durch den Typhusbacillus erzeugten.</p>
+
+<p>Und gar erst die Cholera asiatica, die Ruhr, der Tetanus, die Gonorrhoe
+sind in der Regel ganz scharf abgegrenzte Krankheiten.</p>
+
+<p>Berücksichtigen wir aber die <i>gesammten</i> Erscheinungsformen
+der Diphtherie mit ihren örtlich, zeitlich und individuell zu
+Tage tretenden Differenzen, dann wird es begreiflich einerseits,
+dass es der Lebensarbeit und der Genialität eines Mannes wie
+<i>Bretonneau</i> bedurfte, um innerhalb derselben das einheitliche
+Band der gemeinsamen Aetiologie aufzufinden, und andererseits,
+dass für weniger weitblickende und weniger in das Wesen der Dinge
+eindringende Geister dieser Ariadnefaden, mit Hilfe dessen man sich
+in dem Labyrinth von Krankheitsformen zurechtfinden kann, immer von
+Neuem abriss und verloren ging, so lange, bis durch die Entdeckung
+des Diphtheriebacillus ein neues, <span class="pagenum" id="Page_53">[S. 53]</span>für den Kundigen einfaches und
+zuverlässiges Orientirungsmoment gegeben war.</p>
+
+<p>In der That, wie sollte Jemand ohne epidemiologische Erfahrung auf den
+Gedanken kommen, dass eine Ataxie nur eine verschiedene Aeusserung
+derselben Ursache ist, die vor längerer Zeit bei den von ihr befallenen
+Individuen eine membranöse Gingivitis, oder eine Angina, oder einen
+Croup erzeugt hatte, wo doch der Sitz, das Aussehen und der Verlauf
+dieser ebenerwähnten Krankheitsformen so different sind, dass 60
+Jahre nach den denkwürdigen Untersuchungen <i>Bretonneau</i>’s ein
+so hervorragender Kliniker wie <i>Gerhardt</i> ihre ätiologische
+Zusammengehörigkeit wieder in Frage stellen konnte? Wenn im 16.
+Jahrhundert <i>Ghisi</i> nach der Heilung seines Kindes von der
+Rachendiphtherie die Unfähigkeit desselben, flüssige Speisen zu
+schlucken und die Eigenthümlichkeit, durch die Nase zu sprechen, auf
+die überstandene Krankheit zurückführte, dann darf man die Erkennung
+eines solchen Causalnexus schon als Zeichen scharfer Beobachtungsgabe
+ansehen; indessen hier, wo die Lähmung an demselben Ort auftrat,
+der vorher den diphtherischen Belag zeigte, lag die Annahme eines
+ursächlichen Zusammenhangs noch ziemlich nahe.</p>
+
+<p>Was alles aber musste voraufgehen, ehe der Scharfsinn medicinischer
+Forscher zu dem Resultat gelangen konnte, dass eine mikroskopisch
+sichtbare Kernvermehrung der Ganglienzellen in den grauen
+Vorderhörnern des Rückenmarks im letzten Grunde demselben ursächlichen
+Moment zuzuschreiben ist, welches viele Wochen vorher zu einem
+Exsudationsprocess an der Kehlkopfschleimhaut den Anstoss gegeben
+hatte, und dass auch eine Lähmung des tensor chorioideae, welche
+eigenthümliche Sehstörungen hervorruft, wieder nur eine differente
+Aeusserung desselben ist.</p>
+
+<p>Leichter ist es geworden, ein anderes Krankheitsgebiet der Diphtherie
+einzuverleiben, von welchem bisher <span class="pagenum" id="Page_54">[S. 54]</span>hier nur flüchtig die Rede war:
+ich meine <i>die diphtherischen Erkrankungen der äusseren Haut</i>.
+Aber auch hier, welche Fülle von Beobachtungen, ehe man einigermaassen
+unterscheiden lernte, was von den membranbildenden und anderweitigen
+Hautkrankheiten zur Diphtherie gehört und was von derselben
+auszuscheiden ist!</p>
+
+<p>Als erste Beobachter von Hautdiphtherie werden von <i>Bretonneau</i>
+citirt <i>Chomel</i> (1759) und <i>Samuel Bard</i> (1771).
+<i>Bretonneau</i> selbst sah nur wenig Fälle und <i>Trousseau</i> ist
+der eigentliche Begründer der Lehre von der Hautdiphtherie; in seinem
+Kinderhospital zu Paris und bei seinen im Regierungsauftrage erfolgten
+Reisen in die verschiedenen Departements von Frankreich zur Erforschung
+der Diphtherie, vor allem im département Loir-et-Cher, hat er ein
+riesiges Beobachtungsmaterial angesammelt.</p>
+
+<p>Seine die Hautdiphtherie betreffenden Bemerkungen finden sich in
+einem „mémoire“ (1830 publicirt in <span lang="fr">Archives générales de médecine t.</span>
+XXIII. S. 383), ferner in seiner „<span lang="fr">clinique médicale</span>“ und in einem
+Bericht, der im „<span lang="fr">Journal de médecine et de Chirurgie pratiques</span>“ VI.
+(p. 125) enthalten ist. Diese letzterwähnte Arbeit ist noch dadurch
+bemerkenswerth, dass hier zum ersten Male die egyptische Krankheit
+nicht, wie es von <i>Bretonneau</i> geschah, als <i>diphthérite</i>
+(Diphtheritis) bezeichnet wird, sondern als <i>diphthérie</i>;
+<i>Trousseau</i> wollte durch diese Namensänderung zum Ausdruck
+bringen, dass er <i>Bretonneau</i>’s Ansicht nicht theile, wonach die
+Krankheit local beginne, dass vielmehr die specifische diphtheritische
+Phlegmasie am Pharynx, an der Trachea, an der Haut u.&#8239;s.&#8239;w.
+Localisationen einer im Blut ablaufenden krankhaften Veränderung
+sind. Die von den pathologischen Anatomen später versuchte Scheidung
+des Wortsinnes in „Diphtherie“ und „Diphtheritis“ ist vielleicht auf
+<i>Trousseau</i>’s Vorgehen zurückzuführen, von welchem wir jetzt
+wissen, dass es von falschen Voraussetzungen <span class="pagenum" id="Page_55">[S. 55]</span>den Ausgang genommen
+hat. Die Diphtherie ist thatsächlich, wie <i>Bretonneau</i> lehrte,
+eine Impfkrankheit, die in der Regel im Pharynx ihre Eingangspforte
+findet und hier erst locale Entzündungserscheinungen hervorruft, bevor
+sie zu einer allgemeinen Vergiftung führt; und eine diphtherische
+Pharynx- und Larynxaffection ist nicht etwa gleich den Pockenpusteln
+als Localeruption bei einer primär im Blute beginnenden Krankheit
+aufzufassen. Uebrigens wurde in Frankreich für die locale diphtherische
+Hauterkrankung auch noch ein besonderes Wort „<span lang="fr">diphthéroide</span>“ einzuführen
+versucht von <i>Boussuge</i> („<span lang="fr">de la <i>diphthéroide</i></span>“, <span lang="fr">Thèses
+de Paris, No. 184</span> im Jahre 1860, eine Arbeit, bemerkenswerth durch
+anatomische Untersuchungen). Die Beobachtungen und Untersuchungen
+<i>Trousseau</i>’s haben noch eine weitere Verarbeitung erfahren durch
+seinen Schüler <i>Moynier</i>, welcher vier Fälle von Hautdiphtherie
+aus <i>Trousseau</i>’s Klinik beschrieben hat (<span lang="fr">Compte rendu des faits
+de diphthérie observés dans le Service du professeur <i>Trousseau</i>
+pendant le premier sémestre de l’année 1859</span>).</p>
+
+<p>Von Wichtigkeit ist dann fernerhin <i>Robert</i>’s „<span lang="fr">diphthérie des
+plaies</span>“ (<span lang="fr">conférence chirurgicale 1860</span>); in dieser Publication wird
+einer Verwechslung der fälschlich oft als „Wunddiphtherie“ bezeichneten
+„<span lang="fr">pourriture d’hôpital</span>“ (Hospitalbrand?) mit wirklicher Hautdiphtherie
+vorzubeugen gesucht.</p>
+
+<p>Wieder eine andere Krankheitsform schildert <i>Jobert de Lamballe</i>
+mit seinen Schülern <i>Chavanne</i> und <i>Blin</i>, welcher
+Diphtherieformen beschreibt, die er im Anschluss an operirte
+Urogenitalfisteln bei Frauen beobachtete.</p>
+
+<p>Die am ausführlichsten alles zusammenfassende Arbeit über
+Hautdiphtherie dürfte aber die von <i>Gyoux</i> aus Bordeaux sein,
+welcher in einer Monographie vom Jahre 1869 („<span lang="fr">L’Etude statistique et
+hygiénique sur la diphthérie cutanée</span>“) 32 eigene Fälle beschreibt und
+eine <span class="pagenum" id="Page_56">[S. 56]</span>erschöpfende Literaturübersicht daselbst bringt, aus welcher auch
+ein grosser Theil der obigen Citate entnommen ist.</p>
+
+<p>Trotz der im Laufe der Zeit recht stattlich gewordenen Zahl von
+Specialarbeiten und gelegentlich mitgetheilten Untersuchungen über
+die „<span lang="fr">diphthérie cutanée</span>“ scheint mir doch grade diese Krankheitsform
+auf Grund der gegenwärtig genauer erkannten bezw. besser beweisbaren
+Aetiologie der Diphtherieinfectionen noch einer Neubearbeitung
+bedürftig zu sein, und so mag zur leichteren Orientirung für spätere
+Untersuchungen dieser Literaturauszug hier stehen, ohne dass ich auf
+eine Analyse des Inhalts der citirten Arbeiten eingehe.</p>
+
+<p>Hier und da wird gelegentlich der Mittheilung meiner eigenen
+experimentellen Untersuchungen auf manches darin Enthaltene noch
+zurückzukommen sein.</p>
+
+<p>Ich schliesse hier denjenigen Theil der historisch-kritischen
+Uebersicht ab, in welchem von der Abgrenzung des Geltungsbereiches
+der Diphtherie die Rede war, soweit eine solche auf Grund von
+klinischen Beobachtungen kranker Individuen, auf Grund ferner
+von epidemiologischen Nachforschungen und endlich auf Grund von
+anatomischen Untersuchungen erfolgt ist, und übergehe absichtlich dabei
+die Geschichte der Irrungen, wie sie in den einseitigen Darstellungen
+namentlich der <i>englischen</i> Literatur, in nicht geringem Grade
+aber auch bis in die letzten Jahre hinein in der <i>deutschen</i> sich
+abgespielt hat. Unter den Publicationen, die ich dabei im Auge habe,
+befinden sich ganz ausgezeichnete Detailuntersuchungen; aber für das
+gesammte Krankheitsbild der Diphtherie liefern sie nur Beiträge, die
+kaum eine episodische Bedeutung in Anspruch nehmen können.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_57">[S. 57]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="III">
+ III.
+ <br>
+ <b class="s5">Die Geschichte der ätiologischen Untersuchungen.</b>
+ </h2>
+
+</div>
+
+<p>In dem vorhergehenden Abschnitte waren es hauptsächlich
+<i>französische</i> Aerzte, welche Arbeiten von bleibendem Werth für
+die Construction des Krankheitsbildes der Diphtherie und für die
+Beurtheilung ihrer Entstehungsweise geliefert haben, und wenn wir
+jetzt den offenen Brief <i>Bretonneau</i>’s aus dem Jahre 1869 mit
+seinem siegesgewissen Tone, in welchem der Polymorphismus dieser
+Krankheit trotz der durchaus einheitlichen Aetiologie hervorgehoben,
+ihr contagiöser Charakter in lebhaften Farben geschildert und
+die praktische Wichtigkeit der neu erworbenen Erkenntniss in den
+Vordergrund gestellt wird, noch einmal auf seinen Inhalt prüfen,
+dann werden wir gestehen müssen, dass nur vorübergehend noch durch
+die Lehrmeinungen pathologischer Anatomen und solcher Kliniker,
+welche durch dieselben sich leiten liessen, die wissenschaftlichen
+Errungenschaften <i>Bretonneau</i>’s und der grossen französischen
+Aerzte der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts verloren gehen konnten.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_58">[S. 58]</span></p>
+<p>In diesem Abschnitt meiner historischen Untersuchungen interessirt
+uns in erster Reihe die Frage nach der Uebertragbarkeit der Diphtherie
+auf Versuchsthiere durch die Krankheitsproducte des von der Diphtherie
+ergriffenen Menschen.</p>
+
+<p>Die ersten Andeutungen über eine Verwerthung experimenteller
+Untersuchungen für die Erkenntniss des Wesens der Diphtherie habe ich
+in der</p>
+
+<p class="center mtop1"><i>„Sammlung von Beobachtungen und Thatsachen“,<br>
+welche die häutige Bräune (Croup) betreffen</i>.</p>
+
+<p class="center">Von <i>M. M. Friedländer</i> (Paris).</p>
+
+<p class="s5a center mbot1">Uebersetzung in Tübingen 1808 (Cotta)</p>
+
+<p class="p0">gefunden.</p>
+
+<p>In dieser Sammlung ist das hauptsächlich von <i>Schwilgué</i>
+zusammengestellte litterarische Material enthalten, welches bei der
+Ausschreibung des <i>Napoléonischen Croup-Preises</i> von 12000
+Francs (durch den Minister des Innern <i>Champagny</i> vom 21. Juli
+1807) einer Commission zur Bearbeitung übergeben war. Der Commission
+gehörten die Herren <i>Moreau</i>, <i>Laënnec</i>, <i>Schwilgué</i>,
+<i>Pariset</i> und <i>Friedländer</i> an. <i>Schwilgué</i> selbst
+starb ganz unerwartet im Jahre 1808. Die Publication erfolgte gleich
+nach dem Tode <i>Schwilgué</i>’s, um den Bewerbern um den Croup-Preis
+„langweilige Nachuntersuchungen zu ersparen.“</p>
+
+<p>In dieser Sammlung sind nun auch die sieben Kategorien von Fragen
+mitgetheilt, die von der Commission aufgestellt waren, und welche unter
+allen Umständen von den Preisbewerbern berücksichtigt werden sollten.</p>
+
+<p>In der fünften Kategorie ist von der „Natur der schleimigen Concretion“
+die Rede, „welche zum Entstehen der falschen Membran Veranlassung
+giebt“, und in der Erläuterung dazu wurde noch folgende Unterfrage
+gestellt (S. 70):</p>
+
+<p>„<i>Besitzt zufolge der natürlichen Ursachen, die diese Concretion
+in der membranösen Bräune bestimmen, wohl die Kunst die Mittel, eine
+ähnliche Wirkung in lebendigen Thieren hervorzubringen? — Welches sind
+die Erscheinungen, die sich äussern, während man die Untersuchungen,
+die sie veranlassen, anstellt?</i>“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_59">[S. 59]</span></p>
+
+<p>Die „Sammlung“ selbst giebt darauf folgende orientirende Auskunft:
+„Herr <i>Chaussier</i> ist der einzige Schriftsteller, der sich
+besonders mit dieser Art von Untersuchungen abgegeben hat. „In
+verschiedenen Versuchen, sagt er, die wir mit mehreren Thieren
+angestellt haben, sind wir durch beständiges Reizen dahin gelangt,
+auf der Oberfläche verschiedener Membranen, eine neue Art von
+Action hervorzubringen, die den Zustand der Villositäten der
+Secretionsoberfläche gänzlich verändert und ein Entwickeln von sehr
+sichtbaren Gefässen, die eingespritzt werden konnten, hervorgebracht
+hat, die wir zuweilen bis auf 2 ctm sich verlängern gesehen haben.“
+(<span lang="fr">Essay sur les irritations 1807.</span>)</p>
+
+<p>Ein solches, auf der Basis der Lehre von den allgemeinen
+Entzündungsreizen erwachsenes Phänomen konnte nur dann zu der
+vorliegenden Frage in Beziehung gesetzt werden, wenn der Begriff
+einer specifischen, heterogenen Krankheitsursache in den Ideenkreis
+der Commission noch nicht eingetreten war; und auch hier wieder ist
+es <i>Bretonneau</i>, welcher zuerst (1821) im Experiment denjenigen
+Standpunkt einnahm, welcher als der einzig richtige zwar nicht ihn
+selbst, aber spätere Forscher zum Ziele führte.</p>
+
+<p><i>Bretonneau</i> zeigt sich in seinen Untersuchungen über die
+membranbildenden Fähigkeiten des Ammoniak, des Calomel, besonders aber
+des Cantharidenextracts als ein Experimentator ersten Ranges. Mit dem
+letzteren (S. 355–364 seines Traité) hatte er bei Hunden ein auf’s
+täuschendste croupähnliches anatomisches Bild im Kehlkopf, der Trachea
+und den Bronchen von Hunden erzeugt. Aber er war weit davon entfernt,
+zu glauben, dass er nun damit einen dem Diphtheriecroup des Menschen
+entsprechenden Krankheitsprocess vor sich habe. In dem Capitel „Von der
+Specificität der diphtherischen Entzündung“ (S. 365–372) sagt er auf S.
+368:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_60">[S. 60]</span></p>
+
+<p>„Welches auch die Natur der diphtherisch entzündlichen Secretion
+sei, sie stellt eine Action dar, welche, ich gestehe es zu, in
+hohem Grade der des Cantharidenextractes gleicht. Aber damit ist
+auch die Analogie zu Ende; und je mehr sie ihren vollständigen
+Charakter entwickelt, um so zweifelloser tritt die Specificität in
+der verschiedenen Art des Verlaufes zu Tage. Man kommt dann zu der
+Ueberzeugung, dass diese beiden Arten der Entzündung, die unter
+einander eine so grosse Zahl von Beziehungen besitzen, durchaus
+nicht identisch sind; und ferner, dass die Gewissheit nur um so
+grösser dadurch wird, dass nicht jede zur Membranbildung führende
+Entzündung (<span lang="fr">inflammation couenneuse</span>) wegen dieser Eigenschaft auch eine
+diphtherische Entzündung ist.</p>
+
+<p>Es ist ja auch nicht so verwunderlich, dass zwischen zwei Arten der
+Schleimhautentzündung eine so grosse Aehnlichkeit herrschen kann, ohne
+dass sie deswegen aufhören, differenter Natur zu sein; verhält es sich
+denn mit mehreren anderen Entzündungsformen der Haut (phlegmasies
+cutanées) nicht ebenso? Obwohl es eines geübten Auges bedarf, um die
+Unterschiede, welche zwischen Scharlach und Masern bestehen, schnell zu
+erfassen, so wird ja doch kein verständiger Praktiker es für unnöthig
+oder für besonders schwierig erachten, diese beiden Krankheiten
+auseinanderzuhalten.“</p>
+
+<p>Er erkannte ganz klar, dass der experimentelle Beweis für die
+Contagiosität der Diphtherie nur durch die Erzeugung derselben mit den
+Producten des diphtherischen Krankheitsprocesses selbst zu erbringen
+sei, und dementsprechend hat er auch Thierversuche angestellt; aber
+dieselben leisteten ihm nicht das, was er damit beweisen wollte. „<span lang="fr">J’ai
+fait des tentations inutiles pour communiquer la diphthérite à des
+animaux</span>“ sagt er auf S. 85 seines „<span lang="fr">Traité</span>“.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_61">[S. 61]</span></p>
+
+<p>Damit ist nicht ausgeschlossen, dass er gar keine positiven
+Resultate bekommen hat; es ist ihm dabei vielleicht gegangen, wie
+<i>Lichtheim</i>, welcher gleichfalls erklärte (II. Congress für
+innere Medicin 1883), dass seine Resultate negativ gewesen seien,
+während wir aus der Beschreibung seiner Thierversuche erkennen können,
+dass er genau dasselbe gesehen hat, was wir jetzt mit Sicherheit
+als specifische Erscheinungsform diphtherischer Hautentzündung bei
+Thieren kennen. Ich gebe diese historisch bemerkenswerthe Beschreibung
+<i>Lichtheim</i>’s (S. 168 der Congress-Verhandlungen) hier wörtlich
+wieder.</p>
+
+<p>„Ich meine, wenn man an die Frage der Aetiologie herantritt, soll man
+seinen Ausgang nehmen von derjenigen Form, welche vom Halse anfangend
+in die Respirationswege herabsteigt ... Die Frage, ob diese im
+klinischen Sinne eine einheitliche Krankheit ist, glaube ich, werden
+wir nicht Anstand nehmen zu bejahen, und deshalb habe ich mit ihren
+Producten eine Reihe von Impfversuchen zu einer Zeit vorgenommen,
+wo die Technik noch nicht so entwickelt war, wie heutzutage ...
+Diese Versuche schienen zu dem Resultate zu führen, dass auch diese
+Form der Diphtherie keine einheitliche Krankheit ist, dass auch von
+dieser Affection verschiedene Dinge erzeugt werden können. Es kann
+davon erzeugt werden die bekannte Impfkrankheit, die <i>Oertel</i>
+beschrieben hat, die ihren Ausgang nimmt von der Impfstelle mit
+ödematöser Infiltration der Gegend und längs der Lymphbahnen
+fortschreitet. Eine zweite Form, die viel seltener vorkam, war ganz
+anderer Natur. Sie bestand in einer eigenthümlichen, von der Impfstelle
+ausgehenden nekrotisirenden Entzündung.“</p>
+
+<p>Wenn <i>Lichtheim</i> dazu sagt: „Welchen Schluss habe ich aus
+diesen Resultaten gezogen? Den, dass alle diese Krankheiten absolut
+nichts mit der Diphtherie zu <span class="pagenum" id="Page_62">[S. 62]</span>thun haben“, so spricht das nur für die
+Strenge seiner Selbstkritik, welche, auch wenn sie über das Ziel
+hinausschiesst, viel höher steht, als wenn Jemand umgekehrt nichts
+beweisende Versuche anstellt und daraus ein positives Ergebniss
+ableitet, welches dann später sich zufällig als richtig erweist.</p>
+
+<p>Derjenige Autor, welcher zuerst nicht bloss richtige
+specifisch-diphtherische Entzündungen bei Thieren willkürlich erzeugte,
+sondern auch in beweiskräftiger Form daraus die Contagiosität der
+Diphtherie ableitete, ist <i>Oertel</i>, der scharfsinnige Begründer
+einer rationellen Therapie von Circulationsstörungen, durch deren
+Uebertragung in die Privat-Praxis später <i>Schweninger</i> sich in
+weiteren Kreisen bekannt gemacht hat.</p>
+
+<p>Vor <i>Oertel</i> hatte schon <i>Trendelenburg</i> in einer Arbeit
+„Ueber die Contagiosität und locale Natur der Diphtheritis“
+(Arch. f. klin. Chir. Bd. X S. 720) an Kaninchen und Tauben mit
+diphtheritischen Membranen elf mal (bei acht Kaninchen und drei
+Tauben) eine pseudomembranöse Entzündung der Luftröhre und einmal
+der Kropfschleimhaut erzeugt und damit den Grund gelegt für weitere
+Untersuchungen; was aber <i>Oertel</i>’s Versuche besonders
+auszeichnet, das ist die Uebertragung der Diphtherie nicht bloss
+direct vom Menschen auf’s Thier, sondern auch die Fortpflanzung
+derselben von Thier zu Thier und weiterhin die Erkennung solcher
+specifischer Entzündungsproducte als diphtherischer, bei denen statt
+einer Membranbildung, die ödematöse Entzündung, Ekchymosirung und
+Nekrotisirung in den Vordergrund der Beobachtung treten.</p>
+
+<p><i>Oertel</i> hat seine Beobachtungen veröffentlicht im Archiv
+für klinische Medicin Bd. VIII (1871, 115 Seiten). Von seinen
+Versuchsreihen ist es namentlich die fünfte, welche uns hier
+interessirt, und über deren Anordnung folgende tabellarische
+Darstellung Auskunft giebt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_63">[S. 63]</span></p>
+
+<table class="versuchsreihe">
+ <tr>
+ <td colspan="5">
+ <div class="center">Versuch 1. Kaninchen.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vam" colspan="5">
+ <div class="center"><img class="illowe20" src="images/klammer_gr_1.jpg" alt="geschweifte Klammer"></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="5">
+ <div class="center">Impfung in die Trachea.<br>
+ Impfmaterial aus einem kindlichen Larynx.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="padtop0_5" colspan="5">
+ <div class="center">Versuch 2. Kaninchen.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vam" colspan="5">
+ <div class="center"><img class="illowe20" src="images/klammer_gr_1.jpg" alt="geschweifte Klammer"></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="5">
+ <div class="center">Impfung in die Nackenmuskeln.<br>
+ Impfmaterial aus der Trachea des vorigen Kaninchens.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="padtop0_5" colspan="5">
+ <div class="center">Versuch 3. Kaninchen.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vam" colspan="5">
+ <div class="center"><img class="illowe20" src="images/klammer_gr_1.jpg" alt="geschweifte Klammer"></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="5">
+ <div class="center">Impfung in die Nackenmuskeln.<br>
+ Mat. aus den inficirten Nackenmuskeln d. v. Kaninchens.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vam" colspan="5">
+ <div class="center"><img class="illowe30" src="images/klammer_gr_2.jpg" alt="geschweifte Klammer"></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vam" colspan="2">
+ <div class="center">Versuch 4a graue Taube.</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam" colspan="2">
+ <div class="center">Versuch 4b schwarze Taube.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vam" colspan="2">
+ <div class="center"><img class="illowe20" src="images/klammer_gr_1.jpg" alt="geschweifte Klammer"></div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam" colspan="2">
+ <div class="center"><img class="illowe20" src="images/klammer_gr_1.jpg" alt="geschweifte Klammer"></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vam" colspan="2">
+ <div class="center">In den M. pect. maj. geimpft.<br>
+ Mat. infic. Nackenmuskeln des vor. Kaninchens.</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam" colspan="2">
+ <div class="center">Impfung in den Kropf u. in den M. pect. maj.<br>
+ Mat. Muskelstücke u. seröses Exsudat v. d. v. Kaninchen.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vam" colspan="2">
+ <div class="center"><img class="illowe15" src="images/klammer_gr_3.jpg" alt="geschweifte Klammer"></div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam" colspan="2">
+ <div class="center"><img class="illowe15" src="images/klammer_gr_3.jpg" alt="geschweifte Klammer"></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vam">
+ <div class="center">Versuch 5a<br>
+ weisses Kaninchen.</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <div class="center">Versuch 5b<br>
+ schwarzes Kaninchen.</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <div class="center">Versuch 5α<br>
+ schwarzes Kaninchen.</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <div class="center">Versuch 5β<br>
+ graues Kaninchen.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vam">
+ <div class="center"><img class="illowe10" src="images/klammer_gr_4.jpg" alt="geschweifte Klammer"></div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <div class="center"><img class="illowe10" src="images/klammer_gr_4.jpg" alt="geschweifte Klammer"></div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <div class="center"><img class="illowe10" src="images/klammer_gr_4.jpg" alt="geschweifte Klammer"></div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <div class="center"><img class="illowe10" src="images/klammer_gr_4.jpg" alt="geschweifte Klammer"></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vam">
+ <div class="center">Impfung in den Schenkel.<br>
+ Mat. Muskeln des M. pect.<br>
+ maj. der Taube.</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <div class="center">Impfung in den Schenkel.<br>
+ Mat. Muskeln des M. pect.<br>
+ maj. der Taube.</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <div class="center">Impfung in den Larynx.<br>
+ aus dem Kropf und M.<br>
+ pect. maj. d. v. Taube.</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <div class="center">Impfung in den Larynx.<br>
+ aus dem Kropf und M.<br>
+ pect. maj. d. v. Taube.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam" colspan="2">
+ <div class="center"><img class="illowe14" src="images/klammer_gr_5.jpg" alt="geschweifte Klammer"></div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam" colspan="2">
+ <div class="center">Impfung in den Larynx.<br>
+ Mater. aus den Schenkelmuskeln des<br>
+ vor. Kaninchen.</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_64">[S. 64]</span></p>
+
+<p>Die aus den Experimenten sich ergebenden Schlüsse lasse ich hier mit
+<i>Oertel</i>’s eigenen Worten folgen:</p>
+
+<div class="s5">
+
+<p>„In dieser Versuchsreihe hat somit das Contagium mit dem letzten
+Experimente bereits sechs Thierkörper, zuerst die Körper von drei
+Säugethieren, dann den von einem Vogel, und schliesslich wieder jene
+von zwei Säugethieren durchwandert und bis zum letzten sich noch
+wirksam erwiesen.</p>
+
+<p>In gleichem Sinne wurden ferner noch zwei Versuchsreihen ausgeführt.</p>
+
+<p>Die erste Versuchsreihe umfasste drei Versuchsthiere, von denen das
+erste mit diphtheritischem Contagium aus einer menschlichen Leiche
+in die Trachea geimpft wurde; von dem daselbst sich entwickelnden
+diphtheritischen Exsudate wurden dem zweiten kleine Stückchen in
+die Nackenmusculatur eingebracht und von den Krankheitsproducten
+dieses Thieres die Trachea des dritten inficirt. Der Erfolg war
+beim ersten Kaninchen ein vollkommener, der zweite Versuch glich in
+seinem Ergebniss dem fünften b der vorigen Versuchsreihe, und bei dem
+dritten Kaninchen kam es zu keiner Entwicklung einer Pseudomembran in
+der Luftröhre, während die allgemeinen Erscheinungen Aehnlichkeit mit
+jenen des sechsten Versuchs der vorigen Reihe hatten.</p>
+
+<p>Die letzte Versuchsreihe umfasste vier Thiere und die Impfung geschah
+in der Weise, dass das erste Thier von menschlichem Contagium in
+die Trachea geimpft wurde, und den übrigen immer diphtheritische
+Massen von dem vorhergehenden Thiere, und zwar dem zweiten in die
+Nackenmuskulatur, dem dritten in den Oberschenkel, dem vierten wieder
+in die Trachea eingebracht wurden. Der Erfolg war bei allen vier
+Thieren ein vollkommen günstiger, und beim letzten Kaninchen kam es
+zur Entwicklung einer etwa ein Millimeter dicken Pseudomembran in der
+Luftröhre, die bis über die Mitte derselben hinabreichte.</p>
+
+<p class="s3 center mtop2 mbot1"><i>Schluss.</i></p>
+
+<p>Durch die Möglichkeit, die Diphtherie auf Thiere zu übertragen ist
+es, wie ich glaube, auf experimentellem Wege gelungen, die Frage über
+den Charakter dieser Krankheit und den Gang ihrer Entwicklung in
+erster Linie zu beantworten.</p>
+
+<p>Nach diesen Ergebnissen beginnt die Diphtherie local und verbreitet
+sich allmählig in kürzerer oder längerer Zeit über den <span class="pagenum" id="Page_65">[S. 65]</span>inficirten
+Körper, zerstört immer grössere Parthien seiner Gewebe bis sie durch
+allgemeine Blutvergiftung als allgemeine Infectionskrankheit die
+Lebensfähigkeit des Organismus aufhebt, den Tod desselben herbeiführt.</p>
+
+<p>Die Krankheit haftet somit zuerst an einer ergriffenen Stelle, dem
+Infectionsheerde, wenn wir diese zuerst erkrankte Parthie so nennen
+wollen, und breitet sich von da radienförmig über den Körper aus.</p>
+
+<p>Es ist dieses Verhältniss das vollkommene Gegentheil von jener
+Ansicht, nach welcher diese Krankheit zuerst als allgemeine
+Infectionskrankheit, deren Gift auf irgend eine Weise durch Lunge,
+Magen oder Darm ohne örtlich wahrnehmbare Zerstörungen aufgenommen
+wurde, den ganzen Organismus durchdringen und schliesslich in
+centripetaler Richtung an einer Stelle sich gipfeln und dort sich
+localisiren soll.</p>
+
+<p>Wo das diphtheritische Contagium am Körper haftet, erzeugt es
+überall zuerst eine locale Erkrankung und von den anatomischen
+Verhältnissen der afficirten Theile, ihrer leichtern
+Durchdringbarkeit, und ihrem Resorptionsvermögen wird es abhängen,
+in welcher Zeit dieses Contagium immer weiter um sich greifen, den
+Körper durchseuchen und aus der localen Infection die Erkrankung des
+ganzen Organismus, die allgemeine Infectionskrankheit herausbilden
+wird. Dieser Fall wird am schnellsten natürlich da eintreten, wo das
+diphtheritische Contagium Wunden inficirt, und die durchschnittenen
+Saftcanälchen, Lymph- und Blutgefässe ein rasches Aufsaugen des
+auf der Wundfläche haftenden und mit rapider Schnelligkeit sich
+vermehrenden Giftes vermitteln. So verendeten nicht selten Kaninchen,
+welchen diphtheritische Exsudatstückchen in das Unterhautzellgewebe
+und in die Musculatur eingebracht wurden, innerhalb 30 Stunden. Es
+erklärt sich aus diesen Versuchen die ausserordentliche Gefahr für
+Wunden, wenn sie vom diphtheritischen Contagium inficirt werden,
+und der Tod tritt bei hochgradigem Umsichgreifen des Processes
+unter denselben Bedingungen ein, wie bei jenen unter die Haut
+und in die Muskeln geimpften Kaninchen. In diesen Fällen ist der
+Krankheitsprocess, der sich aus der Infection der Wunde entwickelt,
+identisch mit jenem, welcher durch die Infection der Schleimhäute des
+Rachens und der Luftwege überhaupt entsteht, und die so auffallenden
+divergirenden Erscheinungen werden <span class="pagenum" id="Page_66">[S. 66]</span>lediglich nur durch die
+Verschiedenheit der getroffenen Gewebe, ihre Reaction und der durch
+den Process gesetzten Functionsstörung und der Rückwirkung dieser
+auf den Gesammtorganismus bedingt. Da das diphtheritische Contagium
+ohne Zweifel von der atmosphärischen Luft transportirt werden kann,
+an verschiedenen Gegenständen, mit welchen unser Körper in Berührung
+kommt, zu haften vermag, so ist eine directe Uebertragung von Rachen-
+und Kehlkopfsdiphtherie, und das epidemische Vorkommen dieser
+Krankheit an einem bestimmten Orte für die diphtheritische Infection
+einer Wunde nicht als nothwendig zu erachten.</p>
+
+<p>Durch die Versuche mit Ammoniak wurde gezeigt, dass es durch
+Einträufeln einiger Tropfen dieser Flüssigkeit in die Luftröhre
+von Kaninchen möglich ist, einen Process zu erregen, welcher mit
+der croupösen Entzündung alle anatomischen Charactere theilt,
+und dessen Exsudat ähnliche Elemente aufweist, wie sie in einer
+diphtheritisch inficirten Trachea gefunden werden. Dagegen fehlte
+in allen diesen Versuchen jede Spur jener furchtbaren Zerstörungen,
+welche die Diphtherie als allgemeine Infectionskrankheit
+charakterisiren, so dass wir nach diesen Experimenten beide Processe
+streng auseinanderhalten müssen. Die Diphtherie kann eine croupöse
+Entzündung hervorrufen, der Croup kann nie die Grenzen einer localen
+Entzündung überschreiten. Wir sind bis jetzt nicht im Mindesten zur
+Annahme berechtigt, dass nur das diphtheritische Contagium diese
+Entzündung beim Menschen hervorruft, und nicht auch andere schädliche
+Einflüsse in der Natur, atmosphärische Verhältnisse u.&#8239;s.&#8239;w. dieselbe
+Einwirkung auf eine empfängliche Trachealschleimhaut ausüben können.</p>
+
+<p>Die für den diphtheritischen Process eigenthümlichen Zerstörungen
+wurden in allen Versuchen durch die Vegetation von pflanzlichen
+Organismen, von Pilzen hervorgerufen, die auf verschiedene
+thierische Körper übertragbar sind, dort auf der Höhe der Krankheit
+in Milliarden den Organismus durchsetzen, immer die gleichen
+Erscheinungen hervorrufen, und mit deren Elimination und deren
+Verschwinden die Einleitung eines allmähligen Heilungsprocesses
+einhergeht. Ich habe diese pflanzlichen Organismen, diese Pilzformen
+als Fäulnisshefe, nach dem Vorgang von <i>Hallier</i> als Micrococcus
+bezeichnet, und mich enthalten, die <span class="pagenum" id="Page_67">[S. 67]</span>rein botanische Frage über
+ihre Natur und Abstammung an diesem Orte zu besprechen. Sie
+gehören einer Gruppe an, deren Form bei ihrer ausserordentlichen
+Kleinheit, indem sie an der Grenze des Sichtbaren stehen, in
+Beziehung auf ihre Organisation noch höchst ungenügend bekannt
+sind, und unter den Gattungsnamen Vibrio, Bacterium, Zoogloea
+<i>Cohn</i> etc. zusammengefasst wurden. <i>Naegeli</i> hat sie als
+Schizomyceten bezeichnet, welche morphologisch betrachtet, von den
+Pilzen auszuschliessen und den Oscillarien an die Seite zu stellen
+seien, wenn auch ihr Vegetationsprocess dem der Pilze gleich sei.
+<i>Hallier</i> endlich hält diese pflanzlichen Organismen für die
+Hefeformen bestimmter aërophytischer und anaërophytischer Pilze, aus
+welchen sich letztere unter bestimmten Verhältnissen entwickelten,
+so dass aus solchen kleinsten Zellchen, die oft von einander
+nicht zu unterscheiden sind, durch Cultur ganz specifische Pilze
+herangezogen werden könnten, und somit jedem Pilze eine eigene wenn
+auch mikroskopisch nicht im Vornherein bestimmbare Hefe entspreche.
+Die endgültige Entscheidung dieser Fragen wird den späteren
+Untersuchungen der Botaniker anheimfallen, für uns sind an diesem
+Orte die in den obigen Versuchen aufgefundenen Thatsachen allein von
+Wichtigkeit.</p>
+
+<p>Ueber die Vegetation der pflanzlichen Parasiten im thierischen
+Organismus haben wir zur Zeit nur geringe Kenntnisse gewonnen. Es
+wird daher nicht möglich sein, eine auch nur annähernd ausreichende
+Erklärung der verschiedenen pathologischen Veränderungen, welche in
+einem von Pilzen inficirten Organismus getroffen werden, abzugeben,
+die Ernährungs-Störungen und Reactionserscheinungen in den Geweben
+zu bestimmen, welche von Flüssigkeiten durchdrungen sind, in denen
+durch die Vegetations- und Assimilationsthätigkeit von Milliarden von
+Pilzen abnorme Zersetzungsprocesse eingeleitet wurden. Wir müssen uns
+daher begnügen, nach den bis jetzt bekannten Erscheinungen, unter
+welchen die physiologische Thätigkeit der Pilze und Hefe-Zellen sich
+äussert, uns ungefähr eine Vorstellung über ihre mögliche Einwirkung
+auf den thierischen Organismus zu bilden.</p>
+
+<p>Bei den mit diphtheritischem Impfstoff inficirten Thieren
+verbreiteten sich ausgedehnte Pilzwucherungen weithin über die
+Schleimhaut der Trachea, belagerten die Zellen, drangen namentlich
+<span class="pagenum" id="Page_68">[S. 68]</span>in die jungen Exsudatzellen ein und führten durch ihre Vegetation
+eine allmälige Auflösung derselben herbei. Im submucösen und
+subcutanen Bindegewebe fanden sich massenhafte Lager von Pilzen,
+erfüllten die Saftkanälchen und Lymphgefässe, und bewirkten auf
+mechanische Weise eine Aufstauung der abströmenden Gewebsflüssigkeit,
+die nothwendigerweise zu seröser Exsudation führen musste. Es mag
+hierin eine Ursache der bei allen Versuchen so charakteristischen
+weit ausgebreiteten serösen Infiltration des Unterhautzellgewebes
+liegen. Auch an den Wandungen der Capillargefässe, innerhalb
+derselben und ihnen aussen in Haufen aufgelagert fanden sich
+Pilzwucherungen, so dass sie auch hier theils eine Verlangsamung
+und Stauung in der Blutcirculation bewirkten, theils durch ihre
+Vegetations- und Assimilationsthätigkeit mehr oder weniger
+hochgradige Ernährungsstörungen in den Wandungen der Capillaren
+und schliesslich bei dem durch gehinderten Blutabfluss erhöhten
+Seitendruck eine Zerreissung derselben hervorbringen mussten. Auch
+in den Saftkanälchen und Lymphgefässen des Muskelgewebes fanden
+sich Anschoppungen von Micrococcusballen, und die Muskelfasern
+selbst waren durch die Wucherungen der parasitischen Pilze, die in
+Milliarden ihre Nährstoffe aus ihnen aufnahmen, in eigenthümlicher
+Weise degenerirt und zerstört. In den Nieren waren in Fällen
+hochgradiger allgemeiner Erkrankung ungeheuere Pilzmassen sowohl in
+den Harnkanälchen wie in den Malpighi’schen Knäueln angehäuft, die
+Zellen der Harnkanälchen mit denselben belagert, capilläre Blutungen
+im Parenchym und alle Zeichen einer acuten Nephritis als Folge
+der Aufstauung und des Assimilationsprocesses dieser Schmarotzer
+vorhanden. Ausserdem zeigte der an Pilzen ausserordentlich reiche
+Urin dieser Thiere, dass in den Nieren eine Ausscheidung der
+durch das Blut zugeführten pflanzlichen Organismen stattfindet.
+Im Blute konnten bei der Unzuverlässigkeit aller bisher bekannten
+Untersuchungsmethoden keine so in die Augen fallenden Veränderungen
+in seinen Bestandtheilen nachgewiesen werden, die aber bei der
+physiologischen Bedeutung des an Sauerstoff reichen arteriellen
+und kohlensäurehaltigen venösen Blutes und der von den Botanikern
+beobachteten eigenthümlichen Einwirkung der vegetirenden Pilze auf
+ihre Nährflüssigkeit gewiss von hoher Wichtigkeit sein werden. In den
+schlimmsten Fällen der Infection übertraf <span class="pagenum" id="Page_69">[S. 69]</span>die Zahl der schwärmenden
+Pilze gewiss weit um das Sechsfache die der rothen Blutkörperchen.</p>
+
+<p>Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, dass in allen Versuchen
+die Impfwunde und die entzündliche Reaction der durchschnittenen
+Theile einen günstigen Boden für das Haften des diphtheritischen
+Contagiums und für seine Resorption schufen. In dieser Beziehung
+verhält sich wohl der menschliche und thierische Organismus in
+analoger Weise. Schon <i>Trendelenburg</i> hat eine grosse Reihe von
+Versuchen angestellt, in welchen er bestrebt war, das diphtheritische
+Contagium auf einer unverletzten Schleimhaut haften zu machen, doch
+immer mit negativem Erfolge. Ich habe gleichfalls bei 11 Thieren
+versucht, die Krankheit auf die verschiedensten <i>unverletzten
+Schleimhäute zu übertragen; und nur in einem einzigen Falle ist
+es mir gelungen, in der Vagina eines Kaninchens durch Einbringung
+von diphtheritischen Membranen eine diphtheritische Entzündung
+mit Membranbildung, Kerninfiltration des subepithelialen Gewebes,
+und seröse Infiltration mit zahlreichen capillären Blutungen
+im umliegenden Gewebe hervorzurufen</i>. Das Thier wurde am
+dritten Tage nach der Operation getödtet. Beim Menschen ist es
+eine wiederholt constatirte Thatsache, dass es Individuen giebt,
+welche unter den günstigsten Verhältnissen mit diphtheritisch
+Erkrankten zusammenleben, mit ihnen in die innigste Berührung
+kommen, und von der Krankheit verschont bleiben, während andere eine
+ausserordentliche Empfänglichkeit für die Krankheit zeigen, und
+bei der äussersten Vorsicht, wenn sie mit solchen Kranken zusammen
+kamen, wiederholt inficirt wurden. Ich behandelte vor drei Jahren
+ein Kind an Diphtherie, bei welchem in Folge rasch eintretender
+Kehlkopfstenose von Hrn. Prof. <i>Nussbaum</i> der Luftröhrenschnitt
+gemacht werden musste, und das nach der secundären Infection der
+Trachealwunde an der allgemeinen Erkrankung zu Grunde ging. Von
+der Umgebung dieses Kindes erkrankten der Vater, die Mutter, eine
+Tante, zwei Wärterinnen trotz der scrupulösesten Beobachtung aller
+Vorsichtsmassregeln, und nur eine Wärterin, die ich überraschte, wie
+sie allen Warnungen zum Trotz, nachdem die Wunde schon diphtheritisch
+geworden, die Tracheotomiecanüle zur Reinigung in den Mund nahm
+und ausblies, ist allein von der Krankheit verschont geblieben.
+Sie hatte, wie sie nachher <span class="pagenum" id="Page_70">[S. 70]</span>eingestand, dieses Manöver zur besseren
+Reinigung des Röhrchens während der vier Tage, die seit der
+Tracheotomie verflossen waren, immer mehrmals des Tages ausgeführt
+und entschuldigte sich damit, dass sie niemals in ihrem Leben an
+einer Halskrankheit gelitten habe, und überzeugt war, auch davon
+keinen Schaden zu nehmen. Wir müssen annehmen, dass in solchen Fällen
+das diphtheritische Contagium mit einer Schleimhaut in Berührung
+kommt, die aus uns noch unbekannten Gründen unempfänglich für
+dasselbe ist, und wenn wir die Pilze als Ursache der diphtheritischen
+Erkrankung ansehen, bei ihrer vollkommen normalen Beschaffenheit
+nicht jene Bedingungen gewährt, welche zu ihrem Haften auf derselben
+und ihrer weiteren Entwickelung nothwendig sind. Im Gegensatz zu
+diesen unempfänglichen Schleimhäuten finden wir andere, auf welchen
+sich häufig katarrhalische und auch phlegmonöse Processe auszubilden
+pflegen, die im Zustand einer vorübergehenden katarrhalischen
+Reizung, einer Auflockerung, oder eines mehr oder weniger
+ausgesprochenen chronischen Katarrhs sich befinden, am häufigsten und
+selbst wiederholt von diphtheritischer Entzündung ergriffen. Dass in
+dieser Weise die klimatologischen Verhältnisse der Länder, rasche
+Temperatursprünge, sehr hohe oder niedere Temperatur, nasskalte
+Witterung, scharfe Nordostwinde durch Erzeugung katarrhalischer
+Processe auf den Schleimhäuten des Rachens und der Luftwege
+prädisponirend für die Diphtherie wirken, ist als sicheres Factum
+anzunehmen, und bei jedem häufigeren Auftreten dieser Krankheit sind
+fast immer katarrhalische Anginen, Nasen-, Kehlkopf-, Brustkatarrhe
+auch allgemein verbreitet. Die normale Schleimhaut der Kaninchen und
+einer Reihe von Thieren scheint für das Haften des diphtheritischen
+Contagium keinen besonders günstigen Boden darzubieten; inwiefern
+aber, und bis zu welchem Grade eine entzündliche Reizung derselben
+in der Mehrzahl der Fälle für das Gedeihen jener Pilzwucherungen
+nothwendig ist, muss einer ferneren Versuchsreihe überlassen werden.</p>
+
+<p>Es ist nicht möglich, so manchen Fragen in Beziehung auf die
+Einwirkung der parasitischen Pilze auf den thierischen Organismus in
+der Art Rechnung zu tragen, wie es in der Pflanzenpathologie bereits
+geschehen. Hier sind vorerst noch eine Reihe von Principienfragen
+durch die Botaniker selbst zu lösen, die verschiedenen Hefeformen,
+die Fäulnisshefe, der Micrococcus, die <span class="pagenum" id="Page_71">[S. 71]</span>Schizomyceten etc., ihr
+Zusammenhang mit bestimmten Pilzformen oder ihre selbständige
+Individualität und die Bedingungen ihres Vegetationsprocesses werden
+noch in umfassender Weise zu erforschen sein, bevor die Möglichkeit
+gegeben ist, durch Einimpfung irgendwelcher Pilzsporen einen exacten
+pathologischen Versuch anzustellen.</p>
+
+<p>In diesem Sinne suchten nun die vorliegenden Experimente die Fragen
+über den Krankheitscharakter der Diphtherie und der Art ihres
+Contagiums zu lösen und ich glaube auch deshalb bei der gestellten
+Aufgabe auf eine botanische Bestimmung jener pflanzlichen Parasiten
+durch Culturversuche und auf Impfungen mit einem auf diese Weise
+gezogenen Material vorerst verzichten zu müssen. Ebenso wenig konnte
+ich andere interessante Punkte, welche im Gange der Untersuchung noch
+hervortraten, näher beleuchten, oder wichtige Fragen über homologe
+Krankheiten, über die Empfänglichkeit der verschiedenen Schleimhäute
+für pflanzliche Parasiten, über Vegetationsbedingungen derselben
+und therapeutische Beobachtungen berücksichtigen, wenn sich die
+vorliegende Arbeit nicht weit über den abgesteckten Rahmen hinaus
+verbreiten sollte.</p>
+
+</div>
+
+<p>Wir erkennen aus dieser Darstellung, dass <i>Oertel</i> die
+bacteriologischen Irrthümer seiner Zeit und namentlich auch
+seiner näheren Münchener Umgebung theilend, zum Auffinden des
+lebenden Krankheitserregers der Diphtherie nicht gelangt ist;
+insbesondere ergiebt das Studium seiner sehr genauen Beschreibungen
+der makroskopischen und mikroskopischen Sectionsbefunde bei den
+Versuchsthieren, dass ihn die in Diphtheriemembranen so häufig
+vorkommenden Streptococcen an der parasitologischen Begründung der
+Diphtherieätiologie gehindert haben; dagegen darf sein Versuch, durch
+Thierexperimente die contagiöse Natur der Krankheit zu erweisen,
+als durchaus gelungen angesehen werden. Die bacteriologischen
+Bemerkungen <i>Oertel</i>’s habe ich nur deswegen hier so
+ausführlich wiedergegeben, um gleichzeitig die Schwierigkeiten
+anschaulich zu machen, welche in Folge der <i>Hallier</i>’schen und
+<i>Nägeli</i>’schen Irrlehre in <span class="pagenum" id="Page_72">[S. 72]</span>damaliger Zeit jeder zu überwinden
+hatte, der in den Bacterienbefunden bei Krankheitsprocessen sich
+zurecht finden wollte.</p>
+
+<p>Wenn demnach <i>Bretonneau</i> durch <i>epidemiologische</i> Studien
+richtige Anschauungen über die Natur der Diphtherie, als einer
+contagiösen Infectionskrankheit verbreitet hat, so muss <i>Oertel</i>
+das Verdienst zugesprochen werden, den <i>experimentellen</i> Beweis
+für die Uebertragbarkeit der Diphtherie erbracht zu haben.</p>
+
+<p>Der nächste grosse Fortschritt in der Erforschung der
+Aetiologie gebührt dann <i>Löffler</i>, welcher in seinem
+<i>Diphtheriebacillus</i> uns den alleinigen specifischen Erreger der
+Krankheit kennen lehrte.</p>
+
+<p>Zwar hat <i>Klebs</i> ein Jahr vor <i>Löffler</i> (1883) auf dem
+II. Congress für innere Medicin einen Bacillus demonstrirt, der
+höchstwahrscheinlich mit dem <i>Löffler</i>’schen identisch gewesen
+ist. Indessen den Beweis für die Specificität desselben hat er
+ebensowenig erbracht, wie für sein Mikrosporon diphtheriticum,
+welches nach seiner Schilderung „Stäbchen und Mikrococcenballen
+als verschiedene Entwickelungsstadien des gleichen Organismus
+producirt“, und das er als die Ursache einer sehr schwer verlaufenen
+Diphtherieepidemie in Prag bezeichnete. Weder hat er Reinculturen
+der von ihm demonstrirten Bacillen anzulegen vermocht, noch hat er
+in Uebertragungsversuchen die Bacillen als Erreger der gleichen
+oder einer ähnlichen Krankheit bei Thieren nachgewiesen. Ueberdies
+ist die Beschreibung seines Bacillus in wesentlichen Dingen nicht
+auf die wirklichen Diphtheriebacillen zutreffend, z.&#8239;B. wenn er
+dieselben als „sporentragend“ bezeichnet. Er sagt darüber (S. 145
+der Congressverhandlungen): „Eine ziemliche Anzahl der Bacillen ist
+sporentragend, und zwar befinden sich stets zwei endständige Sporen in
+je einem Stäbchen. Bei dem Eintrocknen diphtherischer Membranen, wenn
+dasselbe allmählich, in gewöhnlicher Temperatur über <span class="pagenum" id="Page_73">[S. 73]</span>Schwefelsäure
+geschieht, vermehren sich die Sporen sehr bedeutend, und trifft
+man dann selten ein Stäbchen, welches keine solchen enthält; viele
+enthalten bis vier Sporen.“</p>
+
+<p>Das alles entspricht so wenig den Anforderungen an die Klarlegung der
+parasitären Natur einer Infectionskrankheit, dass meines Erachtens ganz
+mit Unrecht für <i>Klebs</i> von manchen, namentlich von französischen
+Autoren, die Entdeckung des Diphtheriebacillus reclamirt wird. Es wird
+ja wohl auch <i>Klebs</i> bei seinen Diphtherieuntersuchungen die
+<i>Löffler</i>’schen Bacillen thatsächlich gesehen haben, ebenso wie ja
+ganz gewiss die mikroskopirenden Untersucher der Choleradärme aus den
+50ger Jahren die <i>Koch</i>’schen Kommabacillen in ihren Präparaten
+gehabt haben werden und wie nicht wenige Autoren angeben, dass sie
+den <i>R. Pfeiffer</i>’schen Influenzabacillus vor <i>Pfeiffer</i>
+gesehen und beschrieben hätten. Gleichwohl, wenn wir die Entdeckung
+der Krankheitserreger in diesen Fällen an bestimmte Namen knüpfen,
+dann werden wir stets nur vom <i>Löffler</i>’schen Diphtheriebacillus,
+vom <i>Koch</i>’schen Kommabacillus der Cholera asiatica und vom
+<i>Pfeiffer</i>’schen Influenzabacillus reden können.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p><i>Löffler</i> hat seine erste Darstellung der parasitären Natur der
+Diphtherie im Jahre 1884 auf dem Congress für innere Medicin in Berlin
+gegeben.</p>
+
+<p>Er erklärte daselbst mit vollkommener Bestimmtheit, dass die in
+Diphtheriemembranen fast regelmässig sich vorfindenden Streptococcen
+„mit der Aetiologie der typischen Infectionskrankheit, „der
+Diphtherie“, nichts zu thun haben, da Reinculturen derselben, wenn
+sie auf Mäuse, Meerschweinchen, Kaninchen, verschiedene Vögelarten,
+Affen und Hunde verimpft wurden, nie Veränderungen hervorriefen,
+die mit den durch die Diphtherie beim Menschen gesetzten auch <span class="pagenum" id="Page_74">[S. 74]</span>nur
+entfernte Aehnlichkeit gehabt hätten. „Die Meerschweinchen und Vögel
+waren gänzlich unempfänglich für diese Coccen, sei es, dass man diese
+unter die Haut spritzte, oder in die Trachea einführte, oder in die
+Augenbindehaut einimpfte. Die Mäuse verhielten sich etwas anders;
+einzelne starben nach Einführung grösserer Mengen der Coccen. Bei ihnen
+fanden sich zierliche Ketten in den Blutgefässen der inneren Organe.
+Wenn man die Coccen in die Bauchhöhle einspritzte, entstand Peritonitis
+und es erfolgte Aufnahme der Coccen in die Lymphbahnen. Bei den
+Kaninchen entstand nach der Impfung in die Haut ein erysipelasähnlicher
+Process mit Schwellung der Lymphdrüsen an der Ohrbasis; nach einiger
+Zeit ging dieser Process zurück; weitere Erkrankung wurde nicht
+beobachtet. Interessant war es, dass nach Injection grösserer
+Mengen der Coccen in die Blutbahn von Kaninchen sich eitrige
+Gelenkentzündungen entwickelten. 6–7 Tage nach der Injection begannen
+die Thiere lahm zu gehen; meist schwollen zuerst die Hinterfussgelenke
+an, dann auch die Vorderfussgelenke, die Schultergelenke und andere
+Gelenke. Bei der Untersuchung der Gelenke fand ich kettenbildende
+Mikrococcen in dem dieselben erfüllenden käsig-eitrigen Materiale.
+Dieselbe Affection erzielte ich durch Injection von Erysipelascoccen in
+die Blutbahn bei einer Anzahl von Kaninchen&#8239;....</p>
+
+<p>Meine Ansicht über die Bedeutung der kettenbildenden Coccen geht nun
+dahin, dass dieselben eine Complication der Diphtherie darstellen.“</p>
+
+<p>Was die von ihm gefundenen Stäbchen betrifft, so gab er ein Verfahren
+an, wie man dieselben leicht und sicher in Reinculturen auf schräg
+erstarrtem Blutserum gewinnen kann, beschrieb ihre Eigenschaften
+auf diesem, wie auch auf allen anderen gebräuchlichen Nährböden,
+das Aussehen im mikroscopischen Bilde, ihre Widerstandsfähigkeit
+gegenüber höheren Temperaturgraden, <span class="pagenum" id="Page_75">[S. 75]</span>wobei er constatirte, dass sie bei
+60°&#8239;C. schon absterben, und dass schon aus diesem Grunde die Annahme
+sporentragender Diphtheriebacillen von <i>Klebs</i> irrthümlich sein
+müsse.</p>
+
+<p>Weiterhin schildert <i>Löffler</i> die Resultate der Uebertragung von
+Reinculturen bei cutaner und subcutaner Impfung, bei Injection in die
+Blutbahn, bei Verimpfung auf verletzte und unverletzte Schleimhaut
+des Rachens, der Conjunctiva, der Trachea und der Vulva. Er theilte
+mit, dass Mäuse und Ratten sich dabei immun erwiesen; Meerschweinchen
+und kleine Vögel dagegen sehr empfänglich; gab den Vertheilungsmodus
+der Bacillen im inficirten Organismus an und constatirte schon hier
+folgende grundlegende Thatsachen: „In Schnitten findet man, dass nur an
+der Impfstelle Bacillen nachweisbar sind, dagegen in keinem der inneren
+Organe. <i>Es ist daher unzweifelhaft der Verlauf der Impfung der, dass
+von den Bacillen an der Impfstelle ein chemisches Agens producirt wird,
+welches von den Blutgefässen aufgenommen wird, zu Hämorrhagien in den
+Drüsen führt und zu Ergüssen in die Pleurahöhlen.</i>“</p>
+
+<p>Bei Kaninchen erzeugte er an der Conjunctiva dicke Pseudomembranen, in
+der Trachea membranöse Tracheitis; das gleiche gelang ihm bei Tauben
+und Hühnern.</p>
+
+<p>Er constatirte ferner, dass in der Mundhöhle der meisten gesunden
+Menschen die Bacillen nicht vorhanden sind; indessen unter 29 Fällen
+züchtete er einmal bei einem gesunden Kinde aus dem Rachensecret
+„Colonien von identischem Aussehen, welche auf Meerschweinchen
+verimpft, dieselben Erscheinungen machten, wie die aus den
+Diphtheriemembranen gezüchteten Stäbchen“.</p>
+
+<p>Er wies nach, dass die bei Kälbern und bei Tauben spontan vorkommenden
+diphtherieähnlichen Infectionskrankheiten parasitologisch ganz
+verschieden sind von der Diphtherie des Menschen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_76">[S. 76]</span></p>
+
+<p>Diese Mittheilungen wurden dann noch vervollständigt durch die
+Beschreibung eines Färbeverfahrens für die Bacillen mittelst
+alkalischer Methylenblaulösung, das namentlich für die Schnittfärbung
+sich bald allgemeiner Anerkennung erfreute.</p>
+
+<p>Wenn wir jetzt auf die späteren Untersuchungen einer unzähligen
+Schaar von anderen Autoren zurückschauen, im Speciellen auf das, was
+für die Aetiologie der Diphtherie neu hinzugekommen ist, dann sind
+wir erst im Stande, die imponirende Fülle und Vollständigkeit der
+positiven Angaben <i>Löffler</i>’s zu würdigen. Nur in unwesentlichen
+Dingen, beispielsweise in Bezug auf die Temperatur, bei welcher die
+Diphtheriebacillen noch in Gelatine wachsen, sind seine Befunde etwas
+zu modificiren. Die Diphtheriebacillen wachsen da in der Mehrzahl
+der Fälle nicht erst bei 22–23° C., sondern auch schon unter 20°&#8239;C.,
+bei Zimmertemperatur. Alles Wesentliche aber ist vollauf bestätigt
+worden, und gerade dasjenige, was anfänglich die Ursache einer etwas
+skeptischen Aufnahme von <i>Löffler</i>’s Mittheilungen gewesen ist,
+namentlich, dass auch bei einem gesunden Individuum sich die Bacillen
+vorfanden, müssen wir jetzt als ein hervorragendes Zeichen der Schärfe
+und Gewissenhaftigkeit seiner Beobachtungen ansehen.</p>
+
+<p>So war durch die <i>Löffler</i>’sche Entdeckung von Neuem
+die glänzende Leistungsfähigkeit der durch <i>R. Koch</i> in
+die ätiologische Forschung eingeführten Principien erwiesen.
+Das zielbewusste Suchen nach geeigneten Thierarten für die
+Uebertragungsversuche, die Trennung der verschiedenen Mikroorganismen
+in den Krankheitsproducten durch ihre Züchtung auf festen Nährböden,
+die Ausscheidung derjenigen Mikroorganismen, welche für das
+Zustandekommen des specifischen Charakters der Krankheit unwesentlich
+sind, die künstliche Züchtung der muthmasslichen Krankheitserreger,
+<span class="pagenum" id="Page_77">[S. 77]</span>
+ihre Reincultur und das genaue morphologische Studium derselben,
+das Arbeiten mit <i>Reinculturen</i> bei Versuchen, willkürlich
+durch Impfung die Krankheit zu erzeugen — diese methodischen
+Errungenschaften erfüllten damals noch mit gerechter Bewunderung
+und mit Staunen die ganze wissenschaftliche Welt. Zwei Jahre waren
+erst vergangen, seit mit ihrer Hilfe die parasitäre Natur der
+<i>Tuberculose</i> unwiderleglich und in solcher Vollständigkeit
+klargelegt war, dass andere Autoren bis heute etwas Erhebliches
+nicht hinzugethan haben; bald darauf wurde durch <i>Löffler</i> und
+<i>Schütz</i> die Aetiologie des <i>Rotz</i> klar gelegt, und gerade
+zur Zeit der <i>Löffler</i>’schen Arbeiten über <i>Diphtherie</i>
+kamen aus Egypten und Indien die Nachrichten <i>Koch</i>’s von dem
+Krankheitserreger einer anderen mörderischen Seuche, der <i>asiatischen
+Cholera</i>, welcher mit den gleichen Mitteln der Untersuchung
+aufgefunden war. Schon hatte sich damals <i>R. Koch</i> einen festen
+Stab von Mitarbeitern herangezogen, und die Ueberlegenheit der
+<i>Koch</i>’schen <i>deutschen</i> Schule über die in der Meinung
+vieler noch dominirende <i>französische</i> war durch all’ diese
+epochemachenden Forschungsergebnisse fest begründet; der Einfluss
+<i>Hallier</i>’s aber und <i>Nägeli</i>’s auf die Aerzte, dem selbst
+ein so scharfer Beobachter wie <i>Oertel</i> sich nicht hatte entziehen
+können, war für immer zu Grabe getragen. Von jetzt ab wurde die Lehre
+<i>R. Koch</i>’s von der Specificität und Artverschiedenheit der
+differenten Krankheitserreger, welche sich an die von <i>F. Cohn</i>
+vertretene botanische Systematisirung anlehnte, die herrschende, und
+seine Methoden, die im Wesentlichen schon in den „Untersuchungen über
+die Aetiologie der Wundinfectionskrankheiten“ vom Jahre 1878 enthalten
+sind, wurden nunmehr überall, besonders aber auch in Paris, ja sogar in
+München acceptirt; hier allerdings nur mit Widerstreben und daher wohl
+auch nicht mit so grossem Erfolge wie anderswo.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_78">[S. 78]</span></p>
+
+<p>Jede einzelne der vier genannten Infectionen, deren parasitäre
+Natur durch den Nachweis eines specifischen, die Krankheit
+erzeugenden Mikroorganismus erwiesen wurde, bot aber eine Fülle
+neuer Beobachtungen, die nicht nutzlos blieben für die Theorie der
+Infectionskrankheiten, sondern theils eine Erweiterung, theils aber
+auch eine Modifikation der theoretischen Betrachtungsweise zur Folge
+hatten.</p>
+
+<p>Durch die Untersuchungen bei der Diphtherie ist namentlich nach
+<i>der</i> Richtung eine Wandlung eingetreten, dass nicht mehr die
+Forderung aufrecht erhalten wurde, welche <i>R. Koch</i> 1878 (l. c.
+S. 22) aufstellte, wonach „die Bacterien ausnahmslos und in derartigen
+Verhältnissen betreffs ihrer Menge und Vertheilung nachgewiesen werden
+müssen, dass die Symptome der Krankheit ihre vollständige Erklärung
+dadurch finden“.</p>
+
+<p>War schon bei der Tuberculose und beim Rotz diese Forderung lange
+nicht mehr in dem Grade erfüllt wie bei den zuerst von <i>Koch</i>
+studirten Krankheiten, dem Milzbrand, der Mäusesepticämie, der Pyämie
+und Septicämie der Kaninchen, so wurde bei der Cholera es auf das
+höchste wahrscheinlich, dass der Tod an dieser Krankheit nicht in Folge
+der „Menge und Vertheilung der lebenden Bacterien im Blut und in den
+Organen“ sondern in Folge der Resorption eines von den Kommabacillen
+im Darm producirten Giftstoffes, also einer Intoxication, eintrete.
+Für das Verständniss der Choleraätiologie postulirte daher <i>Koch</i>
+als nothwendige Voraussetzung die Entstehung eines specifischen
+Cholera<i>giftes</i>, und in der ersten Choleraconferenz (1884) sprach
+er sich darüber in folgender Weise aus (Berl. klin. Wochenschr. 1884
+No. 32 S. 498):</p>
+
+<p>„Mit der Annahme, dass die Kommabacillen ein specifisches Gift
+produciren, lassen sich die Erscheinungen und der Verlauf in folgender
+Weise erklären: Die Wirkung des Giftes äussert sich theils in
+unmittelbarer <span class="pagenum" id="Page_79">[S. 79]</span>Weise, indem dadurch das Epithel und in den schwersten
+Fällen auch die oberen Schichten der Darmschleimhaut abgetödtet
+werden, theils wird es resorbirt und wirkt auf den Gesammtorganismus,
+vorzugsweise aber auf die Circulationsorgane, welche in einen
+lähmungsartigen Zustand versetzt werden. Der Symptomencomplex des
+eigentlichen Choleraanfalles, welchen man gewöhnlich als eine Folge
+des Wasserverlustes und der Eindickung des Blutes auffasst, ist meiner
+Meinung nach im Wesentlichen als eine Vergiftung anzusehen; denn er
+kommt nicht selten auch dann zu Stande, wenn verhältnissmässig sehr
+geringe Mengen Flüssigkeit durch Erbrechen und Diarrhoe bei Lebzeiten
+verloren sind, und wenn gleich nach dem Tode der Darm ebenfalls nur
+wenig Flüssigkeit enthält.“</p>
+
+<p>Die Diphtherie aber ist es gewesen, bei welcher nicht bloss ein
+specifisches Gift als schliessliche Ursache der Krankheit und des Todes
+<i>supponirt</i>, sondern auch in <i>greifbarer</i> Form nachgewiesen
+wurde und von den Untersuchungen bei der Diphtherie ist daher der
+<i>Beginn der neuen Aera in der Lehre von den Infectionskrankheiten
+herzudatiren, welche durch die Auffassung der infectiösen
+Krankheitsprocesse als Reactionen auf die Giftwirkung belebter
+Organismen charakterisirt wird</i>.</p>
+
+<p>Wenn wir einen bestimmten Zeitpunkt für den Beginn dieser neuen Aera
+nennen sollen, so werden wir ihn an die im December des Jahres 1888
+in <i>Pasteur</i>’s Annalen erschienene Arbeit von <i>Roux</i> und
+<i>Yersin</i> anknüpfen müssen, in welcher zuerst die Beschreibung der
+Gewinnung des Diphtheriegiftes und seiner Eigenschaften in solcher
+Weise enthalten ist, dass es seitdem jedem halbwegs geschulten
+Bacteriologen leicht gemacht war, sich durch eigene Versuche von der
+Existenz desselben zu überzeugen. Auf diesen letzteren Umstand lege ich
+einen besonderen Werth, wenn ich in dieser historischen <span class="pagenum" id="Page_80">[S. 80]</span>Darstellung die
+Abgrenzung der Perioden, in welchen neue und epochemachende Ideen zur
+Herrschaft gelangten, mit bestimmten Arbeiten und Namen vornehme; denn
+hier, wie überall bei wichtigen Ereignissen kann man die Beobachtung
+machen, dass für dieselben der Boden vorbereitet sein muss, und dass,
+wenn man mit kundigem Blick in vergangenen Zeiten nachforscht, gleiche
+oder ähnliche Ideenkeime schon lange vorhanden gewesen sind, aber sei
+es wegen ungünstiger Zeitverhältnisse, sei es wegen der geringeren
+Klarheit und Energie ihrer Vertreter eine grosse Wirkung und eine
+werbende Kraft nicht entfalten konnten.</p>
+
+<p>Bei der Diphtherie hatte schon in seiner ersten Mittheilung
+<i>Löffler</i> davon gesprochen, dass sein Bacillus „ein für so viele
+Thiere, ausserordentlich deletäres Gift erzeugt;“ später (1887)
+versuchte er aus Culturen das wirksame Gift, ohne die Mitwirkung von
+lebenden Bacillen, zur Action zu bringen, zunächst aber ohne Erfolg;
+erst als er im Anschluss an die Enzymlehre und an die Erfahrungen
+von <i>Salomonsen</i> und <i>Christmas-Dirckink-Holmfeld</i> über
+die geringe Widerstandsfähigkeit des enzymähnlichen Giftes in den
+Iequiritysamen gegenüber höheren Temperaturen (65–70°), zusammen
+mit <i>Holz</i>, im Sommer 1888 erneute Versuche unternahm und das
+Eindampfen der Culturen sowie andere differente Eingriffe vermied, kam
+er zu einem positiven Resultat; er beschickte Glaskolben mit frischem
+Fleisch, welches zerhackt, neutralisirt, mit Diphtheriebacillen
+inficirt, dann 4–5 Tage bei 37°&#8239;C. im Brütschrank gehalten wurde,
+und es gelang ihm, daraus einen Glycerinauszug herzustellen, welcher
+das specifische Diphtheriegift enthielt. Fällte er nämlich den
+Glycerinauszug mit dem fünffachen Volum von absolutem Alkohol und löste
+er schliesslich den gereinigten Alkoholniederschlag in wenig Wasser
+auf, so bekam er mit 0,1 bis 0,2 ccm nach subcutaner Injection bei
+Meerschweinchen <span class="pagenum" id="Page_81">[S. 81]</span>an den Injectionsstellen „derbe fibröse Knoten mit
+Hämorrhagien in der Muskulatur und Oedemen in der Umgebung, welche
+zu Hautnekrose führten. Die der Injectionsstelle entsprechenden
+Lymphdrüsen waren geschwollen, von Blutungen durchsetzt.“ ...
+„Injectionen in die Bauchhöhle tödteten die Thiere mit den
+Erscheinungen einer heftigen Entzündung des Peritoneums“ (Deutsche
+medic. Wochenschrift 1890 No. 5 u. 6).</p>
+
+<p>Es kann darnach gar kein Zweifel für uns sein, dass <i>Löffler</i>
+im Jahre 1888 das specifische Diphtheriegift in Händen gehabt hat.
+Die Mittheilung seiner Befunde erfolgte im Beginn des Jahres 1889 im
+<i>Greifswalder</i> medicinischen Verein, zu einer Zeit, als die erste
+Arbeit von <i>Roux</i> und <i>Yersin</i> schon im Druck vorlag.</p>
+
+<p>Erst durch die Untersuchungen dieser Autoren sind wir mit den
+Bedingungen bekannt geworden, unter welchen das Diphtheriegift in
+den Culturen leicht nachweisbar wird und von denen es abhängig
+ist, dass man das eine Mal mit Bruchtheilen eines Cubikcentimeters
+Meerschweinchen und Kaninchen in kurzer Zeit unter den
+charakteristischen Symptomen der Diphtherievergiftung tödten kann,
+während ein andermal erst die Einspritzung von 35 ccm und darüber
+Intoxicationserscheinungen hervorruft. Sie zeigten nämlich, dass es gar
+nicht besonders kunstvoll zusammengesetzter Nährböden bedarf, um das
+Gift in reichlicher Menge zu gewinnen, sondern dass die gewöhnliche
+Bouillon dazu genügt; es ist dies auch von principieller Wichtigkeit,
+da hierdurch schon es unwahrscheinlich gemacht wurde, dass das Gift
+etwa präformirt in den Nährböden enthalten und durch die Thätigkeit
+der Diphtheriebacillen nur abgespalten werde; beinahe zur Gewissheit
+ist dann die Abstammung der Giftsubstanz direct von den Zellenleibern
+der Bacterien gemacht worden durch <i>Guinochet</i>, welcher im
+Laboratorium von <i>Straus</i> in Paris im eiweissfreien <span class="pagenum" id="Page_82">[S. 82]</span>alkalisirten
+menschlichen Urin die Diphtheriebacillen züchtete und daraus in
+gleicher Weise, wie aus Peptonbouillonculturen das Diphtheriegift
+extrahiren konnte (<i>Gamaleïa</i> „Les poisons bactériens“ 1892).</p>
+
+<p>Die Versuchsbedingungen, unter welchen eine ergiebige Giftproduction
+zu erzielen ist, sind nach <i>Roux</i> und <i>Yersin</i> hauptsächlich
+folgende:</p>
+
+<p><i>Erstens muss die Cultur, von welcher der flüssige Nährboden
+geimpft wird, einen hohen Grad von Virulenz besitzen.</i> Es darf
+<i>Roux</i> und <i>Yersin</i> zu besonderem Verdienst angerechnet
+werden, dass sie auf die grossen Unterschiede hingewiesen haben,
+welche die aus verschiedenen Diphtheriefällen beim Menschen
+gezüchteten Culturen erkennen lassen; manchmal genügen schon
+die kleinsten Culturquantitäten, um eine sehr acut verlaufende
+Diphtherieinfection zu erzeugen, und andere Male zeigen sich Culturen
+so wenig infectiös, dass selbst mit grösseren Quantitäten kaum
+deutlich erkennbare Krankheitserscheinungen hervorgerufen werden, so
+dass man zweifelhaft wurde, ob es sich hier überhaupt noch um echte
+Diphtheriebacillen, trotz morphologischer Identität, handle, und dass
+man eine besondere Art, den „Pseudodiphtheriebacillus“, für die
+unwirksamen Bacterien aufstellte; aber es finden sich, wenn man aus
+sehr vielen diphtherischen Membranen Culturen herauszüchtet, alle
+Uebergänge von den virulentesten Formen bis zu gänzlich inoffensiven,
+und es liegt jetzt kein Grund mehr vor, innerhalb derjenigen
+Bacterien, die morphologische Differenzen nicht aufweisen, auf Grund
+differenter Virulenzgrade besondere Arten anzunehmen. Im Allgemeinen
+sind die Diphtheriebacillen um so mehr virulent, je schwerer der
+Krankheitsprocess war in dem Falle, von welchem sie herstammen. Ganz
+ausnahmslos aber ist ceteris paribus die Giftausbeute aus Culturen um
+so grösser, je virulenter die zur Abimpfung benutzte Cultur gewesen war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_83">[S. 83]</span></p>
+
+<p><i>Die zweite Bedingung für reichlichere Giftansammlung in den
+Culturen ist ein längeres Wachsthum derselben.</i> Die Constatirung
+dieser Thatsache ist uns als ein vollständiges novum von <i>Roux</i>
+und <i>Yersin</i> überliefert worden, und es ist dieselbe um so
+bemerkenswerther, als es dabei nicht etwa bloss auf die Reichlichkeit
+des Wachsthums ankommt; nach 14tägigem bis 3 Wochen langem Wachsthum
+ist die Masse der Bacterien so ziemlich auf der Höhe angelangt, aber
+nicht damit auch die Menge des löslichen Giftes. Während dieser Zeit
+ist die Quantität desselben noch verschwindend klein im Verhältniss
+zu derjenigen, welche von der dritten Woche ab bis in die siebente
+hinein und noch später sich allmählich ansammelt. Erst wenn das
+reichlichere Wachsthum aufhört, und wenn die zur Zeit der reichlicheren
+Vermehrung stark getrübte Bouillon sich in Folge des zu Bodenfallens
+der Diphtheriebacillen mehr und mehr klärt, kann man durch die
+Prüfung an Thieren die jetzt schnell sich steigernde Giftproduction
+constatiren. Noch ein anderes Kriterium fanden dann die Autoren,
+welches den Zeitpunkt markirt, von dem ab das Gift schnell an Menge
+zunimmt; dasselbe ist gegeben durch das Verhalten der Reaction in der
+Cultur. Auch eine ursprünglich sehr deutlich alkalische Bouillon zeigt
+ausnahmslos einen Umschlag in immer stärker sauer werdende Reaction,
+sobald die Vermehrung der Diphtheriebacillen in erheblicherem Grade
+begonnen hat, und die saure Reaction dauert so lange an, als noch die
+Cultur sich durchweg deutlich getrübt zeigt. Mit der beginnenden und
+fortschreitenden Klärung wird die Reaction dann aber immer weniger
+sauer, um schliesslich wieder alkalisch zu werden, und zwar zuletzt
+viel stärker alkalisch, als es die ungeimpfte Bouillon gewesen war.
+Diese fundamentalen Beobachtungen und ihre classische Darstellung
+durch <i>Roux</i> und <i>Yersin</i> wurde dann noch ergänzt durch
+eine sehr grosse <span class="pagenum" id="Page_84">[S. 84]</span>Zahl äusserst subtiler Untersuchungen, welche sich
+mit der Frage der willkürlichen Vermehrung und Verminderung des
+Virulenzgrades von Diphtherieculturen und mit der willkürlichen
+Steigerung ihrer Toxicität beschäftigten; ferner durch grundlegende
+Studien über die Extraction des Diphtheriegiftes aus den Culturen
+mittelst verschiedener Fällungsmittel, wobei die Widerstandsfähigkeit
+des Giftes gegenüber chemischen Agentien und atmosphärischen Einflüssen
+eingehend berücksichtigt werden musste. Es lässt sich noch nicht
+überall hier beurtheilen, an welche von den diesbezüglichen Resultaten
+anknüpfend die spätere Forschung in ihrem Bestreben, die chemische
+Natur des Diphtheriegiftes zu ergründen, am meisten vorwärts kommen
+wird. Vorläufig müssen wir gestehen, dass Alles, was andere Autoren
+hierüber bekannt gegeben haben, als ein wahrer Fortschritt in der
+Sache nicht angesehen werden kann, weder das, was <i>Brieger</i>
+und <i>Fraenkel</i> von ihren sogenannten Toxalbuminen, noch was
+<i>Gamaleïa</i> von seinen Nucleoalbuminen berichtet hat.</p>
+
+<p><i>Roux</i> und <i>Yersin</i> haben in Uebereinstimmung mit
+<i>Löffler</i> das Diphtheriegift als eine ferment- oder enzymartige
+Substanz charakterisirt. Nun kann man sagen, das sei eine nicht
+zulässige Definition, da sie ein ignotum per ignotius zu erklären
+versuche; immerhin knüpft aber diese Classification doch an etwas an,
+von dessen Existenzberechtigung die Mehrzahl der heutigen Forscher auf
+diesem Specialgebiet überzeugt ist. Dagegen durch die Charakterisirung
+als Albumine, als Nucleoalbumine täuschen wir uns selbst bloss über
+unsere thatsächliche Unwissenheit hinweg.</p>
+
+<p>Die Charakterisirung des Diphtheriegiftes als eines Toxalbumins
+durch <i>Brieger</i> und <i>Fränkel</i>, mit anderen Worten eines
+giftigen Albumins, ist schon deswegen zu beanstanden, weil bei der
+Art des Vorgehens dieser Autoren zur Gewinnung des Giftes Körper
+mit genau <span class="pagenum" id="Page_85">[S. 85]</span>den gleichen chemischen Eigenschaften schon vorher in dem
+Nährboden enthalten waren (<i>Proskauer</i> und <i>Wassermann</i>),
+aus welchem dann später das Gift zu isoliren versucht wurde. Sie
+mussten also unfehlbar bei ihren Fällungsversuchen in die Fällung
+Körper hineinbekommen, welche — ganz gleichgiltig, ob das specifische
+Gift in derselben mit enthalten war oder nicht — die Reactionen der
+sogenannten Toxalbumine gaben.</p>
+
+<p>Aber auch alle anderen Classificationen des Diphtheriegiftes, sowie
+anderer Bacteriengifte, welche die Eiweissnatur der letzteren zur
+Voraussetzung haben, leiden an einem Principalfehler, der den Chemikern
+zwar längst bekannt, den chemisch denkenden Medicinern in anschaulicher
+Weise aber erst durch <i>Duclaux</i> zum klaren Bewusstsein gebracht
+ist.</p>
+
+<p>Als ich im Jahre 1888 im chemischen Institut des Geh. Raths
+<i>Kékulé</i> in Bonn von meinem damaligen Lehrer Herrn Prof.
+<i>Wallach</i> ein Buch haben wollte, in welchem die Lehre von den
+Eiweisskörpern am besten dargestellt sei, da bekam ich die Antwort,
+dass, wenn man die Sache im rechten Licht betrachte, ein Chemiker
+„Eiweiss“ als chemischen Stoff überhaupt nicht kenne. Auf den ersten
+Blick war mir das wohl etwas verwunderlich; indessen von Jahr zu Jahr
+habe ich mich immer mehr überzeugen müssen, dass auch wir Mediciner gut
+daran thun würden, den Gebrauch des Wortes „Eiweiss“ (und aller Worte,
+die damit zusammenhängen) zum Zweck einer Aussage über die Natur eines
+chemischen Körpers möglichst zu vermeiden. Nirgends aber habe ich ein
+so lebhaftes Gefühl von der Richtigkeit dieser Ueberzeugung gehabt,
+als bei der Lectüre der „Revue critique“ von <i>Duclaux</i> „Sur la
+constitution des matières albuminoides“ (Ann. de l’Inst. <i>Pasteur</i>
+1891 und 1892). Bei dem grossen Unfug, welcher gerade in unserem
+Specialgebiet so viel mit den Eiweisskörpern getrieben wird, halte
+ich diese Stelle für geeignet, um das <span class="pagenum" id="Page_86">[S. 86]</span>Wesentlichste der lichtvollen
+Auseinandersetzungen von <i>Duclaux</i> hier wiederzugeben.</p>
+
+<p>Nach einer genaueren Besprechung der Untersuchungen von
+<i>Hlasiwetz</i> und <i>Habermann</i>, besonders aber der von
+<i>Schützenberger</i>, welcher letztere die Spaltungsproducte des
+Hühnereiweiss untersuchte, nachdem er dasselbe in geschlossenen
+Gefässen bei 200° einer Behandlung mit Barythydrat unterworfen hatte,
+und welcher dabei ausser Kohlensäure, Oxalsäure und Essigsäure, zur
+Hälfte Amidosäuren und zwar am reichlichsten Leucine fand, daneben
+aber auch Tyrosin, einen Körper, welcher sich von jenen Körpern
+der Fettreihe durch die Anwesenheit des Benzolkerns wesentlich
+unterscheidet, ferner Körper, die mit dem Pyrrol in Zusammenhang
+stehen, — stellt <i>Duclaux</i> folgende Erwägungen an: „Es fragt
+sich, ob abgesehen von der <i>Hydratation</i>, die bei dieser Zerlegung
+des Hühnereiweiss eine Rolle spielt, dasselbe nicht in erheblicherer
+Weise verändert ist, und ob die neu gewonnenen Körper thatsächlich im
+Hühnereiweiss präformirt waren; etwa wie wenn man einen Baum zerlegen
+würde in den Stamm, die Aeste, Blätter u.&#8239;s.&#8239;w. Das letztere würde sehr
+wahrscheinlich gemacht werden, wenn man das Hühnereiweissmolecül oder
+wenigstens ein ihm nahestehendes Molecül aus den Spaltungsproducten
+wieder reconstruiren könnte, wie denn in der That <i>Schützenberger</i>
+behauptet, auf diese Weise Peptone componirt zu haben.</p>
+
+<p>Aber jene Behauptung stützt sich auf nicht genügend gesicherte
+Fundamente. <i>Die Analogien der künstlichen Compositionen mit
+Eiweisssubstanzen werden aus der Gemeinsamkeit gewisser Reactionen
+abgeleitet, die man vielfach als charakteristische Eiweissreactionen
+ansieht, ohne dass dieselben diesen Anspruch mit Recht erheben
+könnten.</i></p>
+
+<p>Die <i>Millon’sche Reaction</i> ist weiter nichts als eine
+Tyrosin-Reaction, welche auch dem Phenol, Kresol <span class="pagenum" id="Page_87">[S. 87]</span>und anderen
+hydroxylirten Benzolabkömmlingen zukommt.</p>
+
+<p>Die <i>Xanthoproteïn-Reaction</i> stammt vom Indol, Skatol und
+verwandten Körpern her.</p>
+
+<p>Die <i>Adamkiewicz’sche Reaction</i> tritt bei der Indolgruppe und
+besonders schön dann auf, wenn die zu prüfende Flüssigkeit „l’acide
+scatolcarbonique“ enthält.</p>
+
+<p>Die <i>Biuret-Reaction</i> fand <i>Grimaux</i> bei der Asparaginsäure
+und <i>O. Löw</i> bei Aethern des Glykocoll.</p>
+
+<p>Die <i>Liebermann’sche Reaction</i> wird durch Körper aus der Fettreihe
+erzeugt.</p>
+
+<p>Keine der fünf oben genannten Reactionen bietet eine Sicherheit, dass
+sie durch unveränderte Eiweisssubstanzen erzeugt werde.</p>
+
+<p>Noch viel weniger einwandsfrei sind die Fällungsreactionen mit Tannin,
+Phosphormolybdänsäure, alkalischen und erdigen Salzen.</p>
+
+<p><i>Die letzteren werden benutzt zur Unterscheidung verschiedener
+Arten von Eiweisskörpern und man bezeichnet beispielsweise als
+Globuline Alles, was sich unter der Einwirkung eines Ueberschusses von
+Magnesiumsulfat aus einer Eiweisslösung niederschlägt, als Albumine
+Alles, was durch Ammoniumsulfat im Ueberschuss ausgefällt wird.</i></p>
+
+<p>Je nach dem Grade der Löslichkeit in salzfreiem Wasser, in verdünnten
+und concentrirten Salzlösungen, sind dann drei Hauptgruppen von
+Eiweisskörpern unterschieden worden, die <i>Nucleoalbumine</i>,
+<i>Globuline</i> und <i>Albumine</i>. Dieselben werden in folgender
+Weise differenzirt:</p>
+
+<p><i>Nucleoalbumine und Globuline sind in reinem Wasser unlöslich,
+Albumine löslich. Nucleoalbumine und Globuline wiederum unterscheiden
+sich dadurch, dass in verdünnten Salzlösungen die ersteren unlöslich,
+die letzteren aber löslich sind. Endlich dient noch zur Unterscheidung,
+dass in concentrirten Salzlösungen nur <span class="pagenum" id="Page_88">[S. 88]</span>die Globuline gefällt werden,
+nicht aber die Albumine. Zur schnellen Orientirung ist folgendes Schema
+sehr instructiv, in welchem L = löslich, U = unlöslich bedeutet</i>:</p>
+
+<table class="eiweisse_unterscheiden">
+ <tr>
+ <td class="btd brb">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam btd br">
+ <div class="center">Reines Wasser</div>
+ </td>
+ <td class="vam btd br">
+ <div class="center">Verdünnte<br>
+ Salzlösung</div>
+ </td>
+ <td class="vam btd">
+ <div class="center">concentrirte<br>
+ Salzlösung</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="bt brb">
+ <div class="left">Nucleoalbumine</div>
+ </td>
+ <td class="vam bt br">
+ <div class="center">U</div>
+ </td>
+ <td class="vam bt br">
+ <div class="center">U</div>
+ </td>
+ <td class="vam bt">
+ <div class="center">U?</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="brb">
+ <div class="left">Globuline</div>
+ </td>
+ <td class="vam br">
+ <div class="center">U</div>
+ </td>
+ <td class="vam br">
+ <div class="center">L</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <div class="center">U&#8194;</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="brb">
+ <div class="left">Albumine</div>
+ </td>
+ <td class="vam br">
+ <div class="center">L</div>
+ </td>
+ <td class="vam br">
+ <div class="center">L</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <div class="center">L&#8194;</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p><i>So präcise nun anscheinend diese Unterscheidungen sind, so
+wenig können sie dazu dienen, unsere Kenntniss über die Natur der
+Eiweisskörper zu vermehren. Diese Classification, bei welcher
+das differente Verhalten derselben gegenüber Neutralsalzen als
+Eintheilungsprincip gewählt wird, ist durchaus conventionell. Es wäre
+in Wirklichkeit für das Studium der Natur der Eiweisskörper recht
+Bedeutendes gewonnen, wenn die durch die Salzfällung differenzirten
+Körper, nachdem sie von den Salzen wieder gereinigt sind, sich als
+gut charakterisirte Individuen mit constanten Eigenschaften erweisen
+würden; aber das ist durchaus nicht der Fall.</i></p>
+
+<p><i>Wenn diese drei Substanzen aus Hühnereiweiss mit Hilfe von
+verschiedenen Salzzusätzen ausgeschieden und von einander getrennt
+sind, und, wenn wir nun dieselbe Procedur an der Milch oder an einem
+Blutserum vornehmen, sind dann die Eigenschaften der aus Hühnereiweiss,
+Milch und Serum gewonnenen Albumine identisch? Stimmen die Globuline,
+die Nucleoalbumine in ihren Eigenschaften dann überein?</i></p>
+
+<p><i>Es ist das so wenig der Fall, dass selbst die überzeugtesten
+Anhänger des Studiums der Eiweisskörper durch Salzfällung ein
+Serumalbumin, ein Lactalbumin, ein Ovalbumin von Neuem unterscheiden
+müssen, und zwar auf Grund sehr wesentlicher Unterschiede. Und so
+steht’s mit den anderen Eiweissgruppen auch. Man hat sich sonst in der
+Wissenschaft gewöhnt, trotz gleicher oder ähnlicher Gewinnungsweise von
+chemischen Körpern <span class="pagenum" id="Page_89">[S. 89]</span>dieselben mit verschiedenen Namen zu belegen, wenn
+sie verschiedene Eigenschaften besitzen. Hier geschieht aber Folgendes.
+Wenn man aus Hühnereiweiss und aus Blutserum mittelst Ammoniumsulfat
+das Albumin abgeschieden, dann bei 100°&#8239;C. bis zum Constantbleiben
+des Gewichtes getrocknet hat, und wenn man nun die noch salzhaltigen
+Albumine in Wasser aufnimmt, so dass das mitgerissene Salz aufgelöst
+wird, so bildet das aus Hühnereiweiss gewonnene Albumin eine schwammige
+hartelastische Masse, auf deren Consistenz das Wasser keinen Einfluss
+auszuüben vermag, wogegen das aus Blutserum gewonnene Albumin, ganz
+ebenso behandelt, durch Wasser zu einer fadenziehenden Flüssigkeit
+aufgelöst wird, die auch durch Erhitzen bis auf 100° nicht wieder
+gerinnt. Trotz dieser so grossen Verschiedenheit giebt man nun beiden
+Substanzen den gleichen Namen „Albumin“. Ist das nicht geradeso, als
+ob man allen Früchten in einem Garten deswegen einen und denselben
+Namen geben wollte, weil man sie mit einem und demselben Stocke von den
+Bäumen herunterschlagen kann?</i></p>
+
+<p><i>Die ganze Classification der Eiweisskörper in Nucleoalbumine,
+Globuline und Albumine läuft ungefähr auf dasselbe hinaus, wie etwa
+eine Classification der Menschen, die mit der Eisenbahn fahren, in
+reisende Menschen I., II. und III. Klasse, mit der Supposition, dass
+die Individuen einzelner Reiseclassen unter einander wesentlich
+verschieden sein müssten.</i></p>
+
+<p><i>In der Chemie aber sollen die Präcipitationsmethoden nicht zur
+Artbestimmung, sondern nur zur Trennung behufs Reinigung der Körper
+dienen. Die Artbestimmung kann erst durch besondere Arbeiten in Angriff
+genommen werden, nachdem man reine chemische Individuen gewonnen
+hat.</i></p>
+
+<p>Nun kommt aber noch hinzu, dass bei der Salzbehandlung nicht einmal
+von einer richtigen Präcipitation <span class="pagenum" id="Page_90">[S. 90]</span>die Rede sein kann, sondern bloss
+von einer Congulation, wie wir sie ausser bei den Eiweisssubstanzen
+auch noch bei einer Menge anderer colloidaler Körper kennen, bei
+der Seife, gekochter Stärke, Inulin, Glycogen, Jodstärke, Gelatine,
+bei verschiedenen Farbstoffen; ja nicht bloss bei organischen,
+sondern auch bei anorganischen Stoffen, wie Silicium, Aluminium,
+Eisenoxydverbindungen. Kurz es ist so, wie <i>Nasse</i> näher
+ausgeführt hat, dass für die Fällung nicht die Artbeschaffenheit
+der Substanzen von Bedeutung ist, auf welche die in Frage kommenden
+Neutralsalze einwirken, sondern der colloidale Zustand, bei dem es
+sich nicht um eine wirkliche Lösung, sondern um eine gleichmässige
+Suspensation unlöslicher Theile handelt.</p>
+
+<p>Berücksichtigt man das, so würden wir jetzt, unter zu Grundelegung
+des Verhaltens gegenüber Neutralsalzen, Globuline beispielsweise zu
+definiren haben, als solche Eiweisssubstanzen, die in Gegenwart der in
+Frage kommenden Salze ein Papierfilter nicht passiren, während sie das
+thun, wenn sie bei Abwesenheit der Salze sich in verdünntem Zustande
+befinden, und wir kommen zu dem Resultat, dass die Eiweissfällung nicht
+sowohl ein chemischer, als vielmehr ein physikalischer Vorgang ist, der
+zur chemischen Charakterisirung nichts beitragen kann.</p>
+
+<p>Auf dieselbe Weise können wir durch Salzfällung aus dem Chininsulfat
+ein Nucleochinin, ein Globulochinin, ein Albumochinin abtrennen, ohne
+dass wir thatsächlich etwas anderes abgetrennt haben, als neutrale
+Chininsulfatkrystalle.</p>
+
+<p><i>Aus diesen Auseinandersetzungen lässt sich der Werth abmessen,
+den die in jüngster Zeit an’s Tageslicht geförderten Albumotoxine,
+Globulotoxine, Toxopeptone u.&#8239;s.&#8239;w. besitzen. Wäre z.&#8239;B. Chinin,
+Strychnin, Brucin oder ein anderes giftiges Alkaloid in die auf
+<span class="pagenum" id="Page_91">[S. 91]</span>
+Eiweisskörper zu prüfenden Bacterienculturen zufällig hineingekommen,
+so würden wir die schönsten Strychnin- u.&#8239;s.&#8239;w. Wirkungen mit den
+Toxalbuminen, Toxoglobulinen, Toxopeptonen bekommen, ohne dass die
+Eiweisskörper das Geringste mit der Giftwirkung zu thun haben.</i></p>
+
+<p>Nach alledem ist der Satz, mit welchem <i>Duclaux</i> seine
+Abhandlungen abschliesst, gewiss beherzigenswerth:</p>
+
+<p>„Dans le mélange de foi et de scepticisme qu’il faut apporter dans
+l’étude de toutes les questions scientifiques, c’est le scepticisme
+qui doit l’emporter au sujet de la différentiation des matières
+albuminoïdes“; und für mich wenigstens hat sich daraus die gleiche
+Lehre ergeben, wie für <i>Duclaux</i>: „de réagir contre ces subtilités
+et cette incohérence.“</p>
+
+<p>Weder in Bezug auf die Bacteriengifte noch in Bezug auf die im Blute
+zu findenden Heilkörper habe ich in meinen Arbeiten die neuen Namen
+adoptirt, welche zu einer hypothetischen Eiweissnatur in Beziehung
+stehen, und ich gedenke auch später das solange nicht zu thun,
+als nicht durch solche Bezeichnungen etwas den thatsächlichen und
+wesentlichen Eigenschaften dieser Dinge nachgewiesenermaassen mehr
+Entsprechendes ausgedrückt wird, als das bis jetzt der Fall war.</p>
+
+<p>Ebensowenig freilich wie durch die Aussage, dass die Bacteriengifte
+Eiweisskörper oder Toxalbumine seien, bisher auch nur das Geringste
+beigetragen ist zur Kenntniss ihrer chemischen Constitution und
+zur Anweisung der Stelle, die sie unter den gut charakterisirten
+Körpergruppen der Chemiker einnehmen, ebensowenig wird das durch ihre
+Bezeichnung als „Fermente“ oder „Enzyme“ geleistet.</p>
+
+<p>Indessen liegt hier doch die Sache etwas anders, als bei den
+Toxalbuminen, Toxopeptonen, Globulotoxinen, giftigen Albumosen u.&#8239;s.&#8239;w.
+Wenn <i>Löffler</i> <span class="pagenum" id="Page_92">[S. 92]</span>den Ausdruck „Enzym“ auf das Diphtheriegift
+anwendet, so hat er im <i>Princip</i> wenigstens den richtigen
+Weg eingeschlagen, um uns einen Begriff von dem Diphtheriegift
+zu verschaffen, indem er nämlich die Eigenschaften und Wirkungen
+desselben auf uns schon bekannte und geläufige Anschauungen
+zurückzuführen sucht. Anknüpfend an <i>Salomonsen</i>’s und
+<i>Christmas-Dircking-Holmfeld</i>’s Untersuchungen über das Gift in
+den Jecquiritysamen, wonach dasselbe in Wasser und Glycerin löslich,
+in Alkohol, Aether, Benzin und Chloroform unlöslich ist, durch eine
+einstündige Erwärmung auf 65° bis 70° vollständig unwirksam wird, bei
+Thieren in wirksamem Zustande auf Schleimhäuten heftige Entzündungen
+und Pseudomembranen erzeugt, constatirt er ähnliche Eigenschaften beim
+Diphtheriegift; und da nun jene Autoren ihr Gift als „Enzym“ bezeichnet
+hatten, so ist <i>Löffler</i> ihnen darin gefolgt.</p>
+
+<p>Aehnliche Erwägungen waren es, die <i>Roux</i> und <i>Yersin</i>
+zur Charakterisirung des Diphtheriegiftes als eines <i>Ferments</i>
+veranlassten.</p>
+
+<p>Nun glaube ich, dass wir jetzt die Eigenschaften und Wirkungen
+des Diphtheriegiftes besser kennen als die irgend eines Ferments
+oder Enzyms, und vielleicht wird durch weitere Untersuchungen der
+Bacteriengifte auch ein Licht geworfen auf die mit dem Namen „Fermente“
+und „Enzyme“ bezeichnete Klasse von Körpern. Die Einrangirung des
+Diphtheriegiftes unter die Fermente und Enzyme schafft aber eine
+falsche Vorstellung in gewisser Beziehung von dem Wesen desselben.</p>
+
+<p>Mit dem Begriff „Ferment“ und „Enzym“ verbinden wir immer die
+Vorstellung, dass dieselben insofern, als sie andere Körper
+physikalisch verändern oder chemisch zersetzen, von anderen ähnlich
+wirkenden Agentien dadurch sich unterscheiden, dass ihre Wirkung fast
+unbegrenzt ist. Manche Fermente lösen feste Körper auf; das thun andere
+Substanzen auch. Wir kennen ferner <span class="pagenum" id="Page_93">[S. 93]</span>hydrolytische Fermente; und auch die
+besondere Art chemischer Zersetzung, welche als Hydrolyse bezeichnet
+wird, kommt nicht den Fermenten allein zu.</p>
+
+<p>Das Besondere der Fermente besteht immer darin, dass, während andere
+Lösungsmittel und Mittel mit hydrolytischer u.&#8239;s.&#8239;w. Wirkung in
+quantitativ zu berechnender Menge angewendet werden müssen, um Effecte
+von bestimmter Grösse hervorzurufen dieses bei den Fermenten und
+Enzymen nicht der Fall ist; diese äussern, wenigstens bis zu einem
+gewissen Grade, <i>unabhängig</i> von der Stoffmenge, die man auf
+fermentationsfähige Massen anwendet, ihre Wirkung in’s Unbegrenzte.</p>
+
+<p>Dazu kommt als ein weiterer Nebenbegriff der Fermente und Enzyme, dass
+in den Massen, in welchen durch sie die Fermentation eingeleitet ist,
+nach stattgehabter Wirkung nicht bloss kein Verbrauch der ursprünglich
+angewendeten Stoffmenge von Fermenten und Enzymen zu merken, sondern
+dass vielmehr ein Plus zu finden ist.</p>
+
+<p>Die Frage, ob es solche Stoffe giebt, brauche ich hier nicht zu
+erörtern; aber das ist ganz sicher, dass das Diphtheriegift ebensowenig
+ein solcher Stoff ist, wie das Tetanusgift und andere gut studirte
+Bacteriengifte. Man kann auf’s genaueste die Menge des Giftes
+berechnen, welche erforderlich ist, um Meerschweinchen, Kaninchen,
+Schafe von bekanntem Gewicht und Alter zu tödten oder bloss krank zu
+machen; und wenn wir Analogien in der Art der Entstehungsweise und des
+Verlaufs von Infectionskrankheiten mit fermentartigen Wirkungen suchen,
+dann finden wir solche nie bei dem Arbeiten mit Bacterien<i>giften</i>,
+sondern bloss bei den lebenden, vermehrungsfähigen <i>Bacterien</i>.</p>
+
+<p>Mit Rücksicht auf diesen fundamentalen Unterschied wird man es für
+sehr gewagt erklären müssen, auf die Bacteriengifte Rückschlüsse zu
+machen von dem, was wir über einige Fermente wissen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_94">[S. 94]</span></p>
+
+<p>Wohin uns die Bemühungen zur Erforschung der chemischen Zusammensetzung
+des Diphtheriegiftes noch führen werden, das lässt sich zur Zeit kaum
+absehen.</p>
+
+<p>Für sehr wichtig halte ich für das weitere Vorgehen die
+Berücksichtigung der Untersuchungen und Ausführungen von <i>H.
+Buchner</i> über diejenigen Körper, welche er als „Alexine“ bezeichnet.
+Mit vollem Recht betont <i>Buchner</i>, wie es nicht ausschliesslich
+auf „den Stoff als solchen, d. h. auf seine elementaren Bestandtheile
+ankommt, sondern dass die <i>Anordnung</i>, die gegenseitige Lagerung
+der Theilchen wesentlich mitbestimmend ist“ (Münchener medicinische
+Wochenschrift 1892 No. 8). In rein chemischer Beziehung könne ein
+hochconstituirtes Molecül, das mit physiologischen Fähigkeiten begabt
+ist, unverändert bleiben und dabei doch die letzteren verlieren, eben
+in Folge einer veränderten Lage der Atome; das sei der Fall bei der
+Einwirkung verhältnissmässig noch nicht sehr hoher Temperaturen, bei
+verändertem Salzgehalt der Lösungen und manchen anderen Eingriffen,
+die eine <i>chemische</i> Zersetzung noch nicht zur Folge haben.
+<i>H. Buchner</i> hat von solchen physiologischen Fähigkeiten die
+bacterientödtende und die globulicide genauer geprüft, und was er dabei
+im Einzelnen betreffs der Labilität und der schweren Dialysirbarkeit
+der Körper, an welche diese Fähigkeiten gebunden sind, eruirt hat, das
+gilt auch für die toxischen Wirkungen des Diphtherie- und Tetanusgiftes.</p>
+
+<p>Sind nun aber die toxischen Eigenschaften gebunden an ein bestimmtes,
+leicht veränderliches Lagerungsverhältniss der Atome in einem
+hochconstituirten Molecül, <i>oder vielleicht bloss einer Atomgruppe
+in demselben</i>, dann ist die chemische Analyse selbst nach besserer
+Isolirung der Bacteriengifte, als sie bisher erreicht ist, ziemlich
+werthlos für uns; eine Auskunft darüber, welche Atomverschiebungen vor
+sich gehen, wenn die zu untersuchende <span class="pagenum" id="Page_95">[S. 95]</span>Substanz aus dem wirksamen in
+den unwirksamen Zustand übergeht, dürfte von viel grösserem Werth für
+uns sein, als die schönste quantitative Analyse einer Substanz, die
+nothwendiger Weise durch den Act der Analyse schon inactiv geworden
+sein muss; denn worauf es uns ankommt, ist doch immer die Kenntniss von
+der chemischen Zusammensetzung der <i>activen</i> Substanz.</p>
+
+<p>Wenn wir in dieser Richtung noch so gut wie gar nichts wissen, so steht
+es um so besser mit unserer Kenntniss von den <i>functionellen</i>
+Eigenschaften des Diphtheriegiftes. Und hier ist es namentlich die
+Erkenntniss der <i>Specificität</i> der Giftwirkung, welche einen
+vollkommenen Umschwung in den Studien über die Entstehung der
+Krankheitserscheinungen nicht bloss bei der Diphtherie, sondern bei den
+Infectionskrankheiten überhaupt, zu Stande gebracht hat.</p>
+
+<p>Die Specificität des Diphtheriegiftes äussert sich in doppelter
+Richtung; einmal unterscheidet sich dasselbe durch die besondere
+Art der localen und allgemeinen Veränderungen, die es im lebenden
+Thierkörper hervorruft; dann aber tritt seine Specificität in
+ausserordentlich stark ausgeprägtem Grade darin zu Tage, dass es manche
+Thierarten giebt, die auf sehr kleine Dosen einer keimfrei gemachten
+alten Diphtheriebouilloncultur schon mit Kranksein reagiren und
+schliesslich daran zu Grunde gehen, während Thiere von anderer Art nur
+wenig oder gar nicht empfänglich sind, so dass, wenn man Individuen
+der letzteren Art zur Prüfung aussuchen würde, die Giftwirkung gar
+nicht zum Ausdruck zu bringen wäre. Ich habe gelegentlich des VII.
+internationalen hygienischen Congresses in London (1891) von einem
+Bouillonfiltrat berichtet, welches noch in der Menge von 0,01 ccm für
+Meerschweinchen giftig war. Dieses Filtrat, welches ich noch besitze,
+und welches nach länger als zwei Jahren fast unverändert <span class="pagenum" id="Page_96">[S. 96]</span>wirksam
+geblieben ist, erregt in einer Menge von 0,25 bis 0,5 ccm bei grossen
+Schafen subcutan eingespritzt ein hohes Fieber (bis zu 42°); für
+Kaninchen ist es ebenso giftig, wie für Meerschweinchen, auch Hunde
+sind sehr empfindlich dagegen; aber Ratten vertragen bis zu 1 ccm
+davon, ohne deutlich krank zu werden, und für Mäuse ist es als ungiftig
+zu betrachten, da selbst 1 ccm höchstens local einen entzündlichen
+Process hervorruft. Während also bei Mäusen, auf das Körpergewicht
+dieser Thiere berechnet, 1&#8239;:&#8239;20 noch fast unwirksam ist, ist diese
+Diphtheriegiftlösung für Schafe schon bei 1&#8239;:&#8239;150000 ein Gift, also in
+7500mal kleinerer Menge.</p>
+
+<p>Für das Tetanusgift liegen die Verhältnisse ähnlich, nur dass die
+giftempfindlichen Thierspecies hier andere sind; und vom Tuberkulin,
+der aus den Tuberkelbacillen extrahirbaren Substanz, wissen wir, dass
+die Differenzen in der Giftempfindlichkeit noch crasser hervortreten;
+kann man doch von demselben einer Maus 0,5 ccm ohne Schaden
+einspritzen, während manche Menschen schon auf Bruchtheile eines
+Centigramms stark reagiren.</p>
+
+<p>Die Erkennung dieser Specificität der Bacteriengifte ist ein
+Ereigniss in der Lehre von den Infectionskrankheiten, welches man
+in seiner Bedeutung der Erkennung der Specificität der lebenden
+Krankheitserreger an die Seite stellen kann. Sie ist eine rettende That
+gewesen, die mit einem Schlage das Hin- und Herwogen der Meinungen
+über die Rolle, welche den Krankheitsgiften zuzuertheilen sei, zum
+Stillstand gebracht hat, in gleicher Weise, wie die Beseitigung der
+Lehre von der Umwandlungsfähigkeit und die Statuirung der Artconstanz
+der krankmachenden <i>Bacterien</i> durch <i>R. Koch</i> solche
+Discussionen unmöglich gemacht hat, wie sie vor ihm unter den Aerzten
+die Tagesordnung beherrschten mit den Schlagworten „Schädlichkeit der
+Bacterien“ und „Unschädlichkeit der Bacterien“.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_97">[S. 97]</span></p>
+
+<p>Für die Lehre von der Aetiologie der Infectionskrankheiten beginnt die
+Geschichte der Bacteriengifte erst mit der Kenntniss ihrer Labilität
+einerseits, ihrer Specifität andererseits, und so interessant das
+„<i>putride Bacteriengift</i>“ <i>Panum</i>’s, das „<i>Sepsin</i>“
+von <i>Bergmann</i> und <i>Schmiedeberg</i>, die <i>Ptomaïne</i>
+von <i>Selmi</i>, <i>Nencki</i> und <i>Brieger</i> auch in anderen
+Beziehungen sein mögen, mit unseren jetzt als integrirenden Momenten
+in der Entstehung der Infectionskrankheiten erkannten Bacteriengiften
+haben alle diese Körper nichts zu thun. Ich kann mich daher hier
+mit dem Hinweis darauf begnügen, dass schon die Methoden zur
+Herstellung des „Tetanins“ aus Tetanusculturen, des „Putrescins“
+aus Staphylococcusculturen u.&#8239;s.&#8239;w. es ausschliessen, dass in
+diesen chemischen Körpern das specifische Tetanusgift bezw. das
+Staphylococcengift gefunden sein könnte.</p>
+
+<p>Einige Andeutungen von der <i>Labilität</i> der Bacteriengifte
+finden wir bei <i>Bergmann</i>, wenn er angiebt, dass bei toxisch
+wirkendem Blut die Toxicität nach einigen Tagen geringer werde, und
+bei <i>Billroth</i>, welcher zeigte, dass toxisch wirkender Eiter
+gerade dann am giftigsten wirke, wenn er noch am meisten frisch und
+am wenigsten „putride“ ist (<i>Gamaleïa</i>: „Les poisons bactériens“
+S. 5 und 6); bei diesen Beobachtungen war wohl aber die Action der
+lebenden Mikroorganismen nicht ausgeschlossen. Später, als durch
+<i>R. Koch</i> die krankmachende Fähigkeit der Bacterien, auch ohne
+jede Spur von ihnen anhaftendem, aus dem Thierkörper stammenden Gift,
+über allen Zweifel erhoben war, und als man die Giftgewinnung aus
+<i>Reinculturen</i> beabsichtigte, da begegnen wir auch dem Begriff
+der Specificität, wenigstens nach der einen der oben erwähnten
+Richtungen, nämlich in Bezug auf die qualitativ differente Toxicität
+der gewonnenen Substanzen, je nach der Art der Culturen; ebenso ist die
+dritte Haupterrungenschaft der Neuzeit, die vegetabilische Herkunft der
+Bacteriengifte, früher <span class="pagenum" id="Page_98">[S. 98]</span>schon discutirt worden, um allerdings wieder
+in der Lehre von den Ptomaïnen verneint zu werden: Aber jede dieser
+drei Eigenschaften für sich kommt auch noch einer Menge von anderen
+Substanzen zu, die nichts mit unseren specifischen Bacteriengiften
+zu thun haben; und erst die Untersuchungen von <i>Roux</i> und
+<i>Yersin</i> und von <i>Löffler</i> über das Diphtheriegift, von
+<i>Koch</i> über das Tuberkulin, von <i>Kitasato</i> unter der Leitung
+von <i>Koch</i> über das Tetanusgift, haben die Möglichkeit der
+Fortschritte angebahnt, welche nicht bloss in der Erkenntniss der
+<i>Aetiologie</i>, sondern auch in Bezug auf die <i>Heilung</i> und
+<i>Verhütung</i> der Infectionskrankheiten seitdem gemacht sind.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_99">[S. 99]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="IV">
+ IV.
+ <br>
+ <b>Historisch-kritische Uebersicht</b>
+ <br>
+ <b class="s6">über die klinischen Beobachtungen und experimentellen Untersuchungen
+ betreffend die Heilung und Verhütung der Diphtherie.</b>
+ </h2>
+
+</div>
+
+<p>Ueber die Heilbarkeit der Diphtherie und über Heilungsmittel finden
+sich interessante historische Bemerkungen in dem offenen Briefe
+<i>Bretonneau</i>’s, welchen ich dieser Arbeit vorangestellt habe. Wir
+erfahren dort, dass man schon in vorhistorischen Zeiten versucht hat,
+das Fortschreiten des local-diphtherischen Processes im Pharynx mit
+einem Metallsalzpräparat (Kupfer) medicamentös zu beeinflussen.</p>
+
+<p>Es wäre jedoch verlorene Mühe, die im Laufe der Jahrhunderte
+angewendeten Behandlungsmethoden der Diphtherie im Einzelnen
+durchzugehen, und ich fange auch hier gleich damit an, dass ich den
+Standpunkt fixire, welchen <i>Bretonneau</i> auf Grund langjähriger
+eigener Erfahrung am Krankenbett in therapeutischer Beziehung
+eingenommen hat.</p>
+
+<p>Er hat den Aderlass schädlich, Brechmittel, Vesicantien und andere
+ableitende Verfahren, wie Purgantien, Pediluvien, Sinapismen, von
+höchstens zweifelhaftem Nutzen gefunden (S. 88 ff.).</p>
+
+<p>Eine Allgemeinbehandlung hatte überhaupt nur bei zwei der vielen
+von ihm angewendeten Verfahren einen <span class="pagenum" id="Page_100">[S. 100]</span>unverkennbaren Einfluss auf den
+Verlauf der Diphtherie; bei der Anwendung der <i>Polygala</i> (Senega)
+und bei <i>mercurieller</i> Behandlung insbesondere mit <i>Calomel</i>.</p>
+
+<p>„Die Polygala (S. 241) ist ein Brechmittel und Abführmittel, wenn
+sie in der Dosis von einigen Gran Kindern verabreicht wird. Auf
+die Schleimhautsecretion der Luftwege übt sie einen moderirenden
+Einfluss aus; bei bestehendem chronischem Katarrh der Luftwege mit
+schleimig-eitriger Absonderung macht sie, in kleineren Dosen öfters
+gegeben, das Secret dünnflüssiger und reichlicher.“ Diese letztere
+Eigenschaft, welche <i>Bretonneau</i> namentlich bei tuberculösen
+Kranken an der Polygala kennen und schätzen gelernt hatte, versuchte
+er nun in denjenigen Diphtheriefällen zu verwerthen, in welchen ein
+quälender, trockener Husten andeutete, dass die Schleimhautsecretion
+sehr gering war, und dass in Folge dessen die Loslösung und das
+Aushusten der Pseudomembranen erschwert wurde. In der That leistete
+ihm auch dieses Mittel gute Dienste, namentlich wenn er es mit der
+Calomelbehandlung combinirte.</p>
+
+<p>Diese wurde von ihm soweit getrieben, dass eine mässige Abführwirkung
+bei Kindern davon erfolgte. Für ein 2½jähriges Kind (32. Beobachtung
+S. 189) waren hierzu ½stündlich je 2 Gran, Tag und Nacht dargereicht,
+erforderlich. Bei eben demselben Kinde, das wegen einer sehr schweren
+Diphtherie des Pharynx und des Larynx am dritten Krankheitstage in die
+Behandlung kam, wurde bei fortgesetzter Calomelbehandlung am fünften
+Krankheitstage der Husten auffallend trocken und heiser; als nunmehr
+noch „polygala sénéka“ in der Dosis von 5 Gran, alterirend mit Calomel,
+stündlich einmal gegeben wurde bis zum Eintritt brechenerregender
+Wirkung, erfolgte sehr bald die Expectoration von Membranstücken.
+In diesem Falle, wie in mehreren anderen genau beschriebenen, ist
+<i>Bretonneau</i> der Ansicht, dass diese combinirte Behandlung eine
+<span class="pagenum" id="Page_101">[S. 101]</span>
+lebensrettende Wirkung gehabt habe; aber, um dieselbe zu erzielen,
+mussten Calomel und event. die Polygala consequent bis zum Verschwinden
+der gefahrdrohenden Symptome fortgegeben werden. Jenes 2½jährige
+Kind hatte innerhalb von 63 Stunden nicht weniger als 216 Gran (3 gros)
+= 12 g Calomel und 72 Gran (1 gros) = 4 g Polygala bekommen, ohne
+dass die Reconvalescenz ungünstig durch diese energische Behandlung
+beeinflusst worden wäre.</p>
+
+<p>Bei Erwachsenen wurde zuweilen die Calomelbehandlung noch mit
+energischer Schmiercur vereinigt. In einem Falle (30. Beobachtung S.
+180 ff.), bei einem 23jährigen Soldaten mit sehr weit vorgeschrittener
+und schwerer Diphtherie, wurden vom vierten Krankheitstage ab
+stündlich 3 Gran Calomel (= 0,18 g) gegeben und ausserdem nach
+einander der Hals, die Brust und die Arme mit je 4 g (1 gros)
+grauer Salbe in dreistündlichen Intervallen eingerieben. Am
+fünften Krankheitstage wurden die Einreibungen mit etwas längeren
+Intervallen und ebenso die Calomelbehandlung fortgesetzt. Bis zum
+siebenten Krankheitstage waren 30 g (eine Unze) Ungu. hydrarg,
+cinerei duplic. in Form von Einreibungen und gleichzeitig 10 g (2½
+gros) Calomel (innerhalb von nicht ganz 60 Stunden) verbraucht! —
+Trotz dieser energischen Quecksilbercur sind Stomatitis und andere
+locale Intoxicationserscheinungen vermieden worden. Allerdings waren
+Abmagerung, schneller Puls und sehr starker Durst Folgeerscheinungen
+dieser Cur; aber bei dem sehr starken Appetit des Patienten während
+der Reconvalescenz stellte sich bald volle Gesundheit und blühendes
+Aussehen ein.</p>
+
+<p>Freilich hat einige Male auch eine sehr üble Wirkung der
+Quecksilberbehandlung sich bemerkbar gemacht. Wenn bei bestehender
+hartnäckiger Obstipation Calomel weitergegeben wurde, ohne dass danach
+Stuhlgang erfolgte, beobachtete <i>Bretonneau</i> häufig den Eintritt
+<span class="pagenum" id="Page_102">[S. 102]</span>
+heftiger Salivation. Dieselbe wurde besonders störend bei Patienten,
+die an cariösen Zähnen oder anderweitigen präexistirenden krankhaften
+Veränderungen der Mundhöhle litten. „Un tel effet (die Salivation) sera
+d’autant plus prompt, qu’une fluction, entretenue par la carie d’une
+dent, ou toute autre irritation préexistante, attirera vers la bouche
+l’action de la préparation métallique qui a été avidement absorbé“ (S.
+197).</p>
+
+<p>Zuweilen war scheinbar Alles gut abgelaufen, und erst nach
+Jahr und Tag traten Veränderungen allgemeiner Art ein mit
+scorbutähnlichem kachektischem Charakter, die auf frühere energische
+Quecksilberbehandlung zurückgeführt werden mussten (S. 198).</p>
+
+<p>Diese üblen Erfahrungen gaben <i>Bretonneau</i> Veranlassung, sich
+von den eigenartigen und merkwürdigen Quecksilberwirkungen durch
+Thierexperimente genauere Kenntniss zu verschaffen. Er arbeitete dabei
+an Hunden. Da erkannte er sehr bald, dass die Wirkung verschiedener
+Präparate recht verschieden ausfiel. Ein Quecksilberchlorür, welches
+er durch Sublimation mit Wasserdampf erhielt (e vapore paratum,
+<i>calomel anglais</i>), hatte die gleichmässigste Wirkung. Andere
+Chlorüre, die er durch einfache Sublimation und durch Fällung aus
+einer Mercur<i>o</i>nitratlösung mittelst kochsalzhaltiger Soda-
+oder Ammoniaklösung gewonnen hatte, zeigten eine sehr ausgesprochene
+brechenerregende und durchfallerzeugende Wirkung; bei jenem <i>calomel
+anglais</i> dagegen war das gar nicht oder doch in viel geringerem
+Grade der Fall. Nach 12–15tägiger Behandlung dreier Hunde mit kleinen,
+öfters wiederholten Calomeldosen, die dreimal kleiner gewählt wurden,
+als die für kleinere Kinder verabreichten, also höchstens zu je 1
+Gran, entstanden Lippengeschwüre von ganz eigenthümlichem Aussehen:
+„Ulcérations chancreuses, exubérantes, se montrèrent à la partie
+interne des lèvres; elles étaient disposées symmétriquement et
+correspondaient aux <span class="pagenum" id="Page_103">[S. 103]</span>saillies des dents; la sertissure des canines
+offrait, de plus, un commencement d’érosion.“</p>
+
+<p>Mit Quecksilber<i>oxydul</i> gelang die Erzeugung solcher Geschwüre
+nicht; es traten danach heftige Durchfälle auf, die schnelle Abmagerung
+zur Folge hatten, und obwohl in einem Falle die Behandlung sistirt
+wurde, weil der Hund jede weitere Quecksilberdosis refüsirte („on ne
+pouvait plus le tromper; il reconnaissait la présence de la moindre
+quantité de mercure, sous quelque forme qu’on cherchât à l’introduire
+dans ses aliments“), blieben doch die Entleerungen sehr häufig, wurden
+blutig und enthielten viel Schleim, bis schliesslich das Thier an
+Marasmus zu Grunde ging. Andere Hunde, die Quecksilberoxydul bekamen,
+verendeten, weil sie gar nicht zu bewegen waren, Nahrung anzunehmen.
+Mehrere aber, die <i>Bretonneau</i> dann wieder vorsichtig mit
+<i>Calomel</i> fütterte, zeigten wiederum die Geschwüre an den Lippen
+und ausserdem auch solche am Zahnfleisch und an der Zunge; bei einem
+Hunde von mittlerer Grösse waren im Ganzen 42 Gran Calomel verfüttert
+worden (S. 203); einmal war auch die Glans penis davon befallen,
+nachdem 1½ Monate mit Calomel gefüttert worden war.</p>
+
+<p>Die Ungleichmässigkeit der experimentell zu erzeugenden
+Calomelvergiftungserscheinungen konnte nicht immer auf ihre
+Endursachen zurückgeführt werden. Ganz zweifellos von Einfluss war
+aber die Lufttemperatur und der Umstand, ob die Versuche in feuchter
+oder trockener Zeit angestellt wurden. Racenunterschiede machten
+demgegenüber nicht so viel aus (S. 204 ff. und besonders auch S. 449).</p>
+
+<p>In der Mehrzahl der Fälle glichen die Quecksilbervergiftungssymptome
+den beim Menschen zu beobachtenden. „On voit survenir presque dans tous
+les cas la liquéfaction et la décoloration du sang, la prostration des
+forces, le marasme et la mort.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_104">[S. 104]</span></p>
+
+<p>Diese experimentellen Resultate und die am Menschen in ganz
+unvorgesehener Weise zuweilen eingetretenen Vergiftungen waren Grund
+genug, um <i>Bretonneau</i> zu der Mahnung an andere Aerzte zu
+veranlassen: „<i>zu der Quecksilber-Allgemeinbehandlung der Diphtherie,
+trotz ihrer specifischen Beeinflussung des Krankheitsprozesses, nur im
+Nothfall zu greifen</i>.“</p>
+
+<p>Abgesehen von der <i>Allgemeinwirkung</i> kommt dem Calomel nach
+<i>Bretonneau</i> auch eine locale zu, indem der Contact diphtherisch
+erkrankter Schleimhäute mit dem Calomel die Membranabstossung
+beschleunigt und die Neubildung aufhält.</p>
+
+<p>Eine ausschliesslich locale Behandlung ist bei <i>beginnender</i>
+Diphtherie einzuschlagen, wenn die ersten Anzeichen eines Belages sich
+auf den Tonsillen zeigen.</p>
+
+<p>Die Menge der hierfür empfohlenen Mittel war schon damals eine sehr
+grosse. Eine strengere Kritik hielten aber nur zwei davon aus: Der
+von <i>Aretaeus</i> empfohlene <i>Alaun</i> in Pulverform und die von
+<i>van Swieten</i> zuerst angewendete <i>Salzsäure</i>.</p>
+
+<p>Die Salzsäure hat <i>Bretonneau</i> zuerst in der Weise mit Erfolg
+angewendet, dass er 1 Theil derselben mit 3 Theilen Honig mischte;
+später fand er die <i>reine concentrirte Salzsäure</i> vorteilhafter.
+In je 24 Stunden ist selbe nicht öfter als einmal zur Cauterisation zu
+verwenden, dann aber in energischer Weise; das sei viel zweckmässiger,
+als wenn man weniger concentrirte Säure und dieselbe öfter am Tage
+benütze (S. 92). Einathmung von Salzsäuredämpfen erwies sich auch
+wirksam, aber wegen der danach leicht eintretenden Erstickungsanfälle
+bedenklich.</p>
+
+<p>Andere Säuren, wie Schwefelsäure, leisteten weniger.</p>
+
+<p>In späterer Zeit, gelegentlich der Epidemie von <i>Chenusson</i> im
+Jahre 1825 (S. 444), liessen zahlreiche Beobachtungen den Schluss
+zu, dass die im Allgemeinen von <i>Bretonneau</i> bevorzugte
+<i>Salzsäureätzung</i> der diphtherischen <span class="pagenum" id="Page_105">[S. 105]</span>Primärerkrankung doch wohl
+durch die beiden anderen Mittel, deren specifischen Einfluss auf den
+membranbildenden Process er erkannt hatte, mit Vortheil ersetzt werden
+könne, durch <i>Calomel</i> und durch <i>Alaun</i>.</p>
+
+<p>Die günstige <i>allgemeine</i> Umstimmung der Krankheit durch
+energische Calomelbehandlung schreibt er der Fähigkeit dieses Mittels
+zu, das Blut so zu verändern, dass seine Consistenz dünnflüssiger wird;
+ferner der Fähigkeit, den Blutzufluss nach schon vorher entzündlich
+veränderten Gewebspartieen zu vermehren und dieselben zur Mortification
+zu bringen, wodurch die specifisch-diphtherische Entzündung modificirt
+und die Neubildung von Membranen verhindert werde (S. 444).</p>
+
+<p>Gegenüber dieser erwünschten Calomelwirkung stehe nun aber die
+Vergiftungsgefahr bei Anwendung so grosser Dosen, wie sie zur
+Erreichung jener Effecte erforderlich seien; und es fragte sich, nach
+Constatirung der <i>localen</i> Calomelwirkung, ob man nicht mit dieser
+allein auch zum Ziel kommen könne, ohne Intoxicationsgefahr.</p>
+
+<p>Leider erwies sich die Hoffnung, dass das Calomel durch die
+Pseudomembran hindurch das darunter liegende lebende Gewebe in der
+beabsichtigten Weise beeinflussen würde, als trügerisch („cette
+action ne peut s’excercer à travers la fausse membrane qui recouvre
+les tissus affectés. On ne doit pas en être surpris quand il s’agit
+d’une substance aussi insoluble que le protochlorure de mercure“), und
+überdies komme man nicht überall hin zu den erkrankten Partieen.</p>
+
+<p>Immerhin versuchte er durch energische Insufflation in den
+Nasenrachenraum möglichst viel Calomelpulver hineinzubringen, wobei die
+unerwünschte Allgemeinwirkung durch die Anwendung von Abführmitteln zu
+verhüten gesucht wurde, indem hierdurch eine schnellere Ausscheidung
+des Quecksilbers erzielt werden sollte (S. 446).</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_106">[S. 106]</span></p>
+
+<p>Aber auch so noch blieben unangenehme Nebenwirkungen nicht aus; und
+deswegen nützte später <i>Bretonneau</i> die den diphtherischen Process
+gleichfalls günstig beeinflussende Fähigkeit des <i>Alaunpulvers</i>
+aus, welches allgemeine Vergiftungserscheinungen auch in grösseren
+Dosen nicht zur Folge hat. Auf die günstigen Resultate, die er mit dem
+Alaun in ganz einwandsfreier Weise namentlich bei der Behandlung von
+Hautdiphtherie und der Gingivitis diphtheritica bekam, bezieht sich die
+in seinem „Offenen Brief“ enthaltene Stelle, wo er von dem „Geschenk“
+spricht, „das uns <i>Aretaeus</i> hinterlassen hat“.</p>
+
+<p>Man findet noch öfter in dem Buche <i>Bretonneau</i>’s den Kampf
+geschildert, den er mit sich selber immer von Neuem durchzuführen
+hatte, wenn es sich darum handelte, ob er auf die Ueberlegenheit der
+specifisch den Krankheitsprocess alterirenden Quecksilberwirkung in
+schweren Fällen verzichten sollte. Immer von Neuem aber wurde er durch
+die damit verbundene Gefahr für das behandelte Individuum abgeschreckt;
+eine Gefahr, die nicht so sehr von der Grösse der angewendeten
+Dosis abhängig war, als von den zufällig die Krankheit begleitenden
+Umständen, die sich jeder Berechnung entzogen.</p>
+
+<p>Während die Allgemeinbehandlung mit Quecksilberpräparaten und
+die Localbehandlung mit Salzsäure, Calomel und Alaun einer
+Indicatio <i>causalis</i> entsprechen, bleibt dann noch ein rein
+<i>symptomatisches</i> Behandlungsverfahren zu nennen, das durch
+<i>Bretonneau</i> zu hohen Ehren gekommen ist: <i>Die Tracheotomie</i>.</p>
+
+<p>Bis zum Jahre 1826 hat er dieselbe fünfmal ausgeführt, viermal,
+ohne den tödtlichen Ausgang damit verhüten zu können, darunter aber
+dreimal mit deutlich lebensverlängerndem Erfolg; einmal, bei seiner
+<i>dritten</i> Tracheotomie, mit lebensrettender Wirkung.</p>
+
+<p>Diese historisch berühmt gewordene Tracheotomie betraf die jüngste
+vierjährige Tochter des Grafen <i>von <span class="pagenum" id="Page_107">[S. 107]</span>Puiségur</i>, Elisabeth, welche
+im Jahre 1824 an Diphtherie erkrankte, nachdem drei Geschwister
+vorher dieser Krankheit erlegen waren. Am siebenten Krankheitstage
+war fast jede Hoffnung auf die Lebenserhaltung geschwunden.
+Fortwährende Somnolenz und äusserste Schwäche liessen trotz der zur
+Operation auffordernden Asphyxie <i>Bretonneau</i> lange zweifelhaft
+bleiben, ob er noch die Tracheotomie ausführen sollte, da kaum eine
+Hoffnung auf mehr als vorübergehende Erleichterung, wenn man die
+bisherigen Misserfolge der Tracheotomie berücksichtigte, vorhanden
+war: „A en juger par l’issue des deux cas rapportés (die zwei ersten
+Tracheotomieen), que pouvait-on s’en promettre? Dans l’un, la vie
+avait à peine été prolongée pendant douze heures, et, dans l’autre,
+des espérances qui semblaient mieux fondées, avaient été cruellement
+déçues. Devais-je donc ajouter à un malheur qui semblait inévitable, le
+tourment d’une longue et inutile perplexité?“</p>
+
+<p>Indessen in den beiden voraufgegangenen Jahren hatte <i>Bretonneau</i>,
+belehrt durch seine früheren Beobachtungen und durch eigens angestellte
+Thierexperimente, die Verbesserungsfähigkeit in der Ausführung der
+Tracheotomie erkannt.</p>
+
+<p>Der Hauptfehler, dessen er sich in den beiden ersten Fällen
+anschuldigte, war die zu geringe Weite der Canülen, die er in die
+eröffnete Luftröhre eingebracht hatte. In dieser Richtung waren ihm
+Beobachtungen an zwei Pferden ausserordentlich lehrreich. Fortwährend
+während eines Zeitraumes von mehr als zwei Jahren hatte er den Einfluss
+verfolgt, welchen die Canülenweite auf den Athmungsprocess dieser
+Thiere ausübte. Dieselben waren wegen einer mit Erstickungsgefahr
+verbundenen keuchhustenähnlichen Erkrankung („<i>cornage</i>“, gêne
+bruyante de la respiration S. 219) tracheotomirt worden, wonach ihnen
+zunächst Canülen eingelegt wurden, die wegen ihres zu geringen Lumens
+<span class="pagenum" id="Page_108">[S. 108]</span>
+die Athmung behinderten. Dann ging es besser, als Canülen mit einer
+lichten Weite von 6–7 Linien in die Luftröhren eingeführt wurden, aber
+nur so lange, als sich die Thiere im Ruhezustande befanden; bei jeder
+Anstrengung trat wieder Athemnoth ein; erst als die Canülendicke die
+Stärke des Daumens (tuyau d’un pouce de diamètre) eines erwachsenen
+Menschen besass, blieb die Athmung unter allen Umständen unbehindert;
+vier Jahre lang sah <i>Bretonneau</i> diese Pferde mit 12 Linien im
+Durchmesser betragenden eisernen Röhren in der Trachea ihre nicht
+leichte Arbeit (in einer Bleifabrik) verrichten.</p>
+
+<p>Neben der Canülenweite hatte er dann seine Aufmerksamkeit der Frage
+nach der Wahl der Operationsstelle und nach der Ausdehnung der
+Trachealöffnung zugewendet. In dieser Beziehung kam er nach Versuchen
+an Hunden, nach Leichenoperationen und unter Berücksichtigung seiner
+Erfahrungen bei den erstoperirten Kindern zu dem Resultat, dass der
+Einschnitt in die Trachea am besten oberhalb der Schilddrüse beginnt,
+deren beide seitliche Hälften ohne Gefahr getheilt werden können
+(divisé); nach unten soll der Schnitt möglichst weit geführt werden,
+jedoch nicht bis an die Kreuzung mit dem oberen Sternalrand (au delà
+de l’échancrure sus-sternale); und zwar aus folgenden drei Gründen:
+Erstens stosse man dort alsbald auf die rechte-Carotis, welche in
+dieser Höhe über die Trachea hinwegzieht, zweitens entspringen hier die
+Schilddrüsenvenen, deren Verletzung unangenehme Blutung verursache, die
+um so heftiger sei, als in der Regel in den zur Operation gelangenden
+Fällen die Venen sehr stark erweitert sind; drittens liege hier
+die Luftröhre schon ziemlich tief, da sie ja, der Wirbelsäule nahe
+bleibend, um so weiter von der vorderen Halsgegend sich entferne, je
+mehr man sich dem Sternum nähert.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_109">[S. 109]</span></p>
+
+<p>Als eine weitere Vorsichtsmaassregel, die sehr zu beachten sei, erklärt
+<i>Bretonneau</i> dann die Verhinderung des Einströmens ungenügend
+vorgewärmter Luft in die Luftröhren und die Lungen (S. 219).</p>
+
+<p>Endlich sei von grosser Wichtigkeit die Nachbehandlung, welche
+nicht bloss auf die zweckmässige Entfernung der Membranen aus den
+Luftröhrenästen und auf die sorgfältige Reinigung und Freihaltung
+der Canüle ihr Augenmerk zu richten habe, sondern auch auf die
+Anwendung geeigneter Mittel, um die Neubildung von Pseudomembranen
+nach Ausstossung der alten zu verhüten. Für diesen Zweck finden wir
+ihn wieder oftmals auf der Suche nach einem Ersatz des Calomels durch
+Einathmung von Säuredämpfen u.&#8239;ä. Er ist aber schliesslich doch
+immer wieder auf das Calomel zurückgekommen. Erst viele Jahre später
+fand er im <i>Höllenstein</i> ein Mittel, welches bei geringerer
+Vergiftungsgefahr eine noch bessere Localwirkung entfaltete.</p>
+
+<p>Was dann noch das Material betrifft, aus welchem die Canüle zu bestehen
+habe, und ihre Form, so hatte er Anfangs elastische Canülen gewählt,
+sah dann aber, dass ein festes Material zweckmässiger sei, nur müsse
+dann die Canüle eine geeignete Krümmung haben und unten schief
+abgeschnitten sein (coupé en biseau).</p>
+
+<p>Alle diese Erfahrungen und Erwägungen berücksichtigend, entschloss
+sich <i>Bretonneau</i> trotz der traurigen Prognose zur Operation,
+die wegen der colossalen Venenstauung recht schwierig war; durch
+Unterbindung einzelner Venen konnte er eine genügende Blutstillung
+nicht erwirken, und erst nach Anlegung von Massenligaturen riskirte er
+die Eröffnung der Trachea, von welcher er fünf Ringe durchschnitt. Dann
+legte er eine silberne gekrümmte Canüle ein, die etwas abgeplattet war
+(canule d’argent courbe et méplate), und befestigte dieselbe mittelst
+zweier Bänder, welche durch seitlich am Canülenrande angebrachte Oesen
+<span class="pagenum" id="Page_110">[S. 110]</span>
+hindurchgezogen und hinten am Halse zusammengeknotet wurden. Die
+Athmung wurde alsbald etwas ruhiger, aber erst nach Herausbeförderung
+mehrerer Membranen und zäher Schleimmassen im Laufe der folgenden Nacht
+und des folgenden Tages liessen die gefahrdrohenden Störungen nach;
+alsbald nach der Operation und während der folgenden Zeit wurde öfters
+Calomel durch die Canüle hindurch insufflirt. Mancherlei Zwischenfälle
+stellten während der nächsten fünf Tage besonders beim Canülenwechsel
+die Erfindungsgabe <i>Bretonneau</i>’s auf die Probe. Am fünften
+und sechsten Tage, als die ersten deutlichen Zeichen sich bemerkbar
+machten, dass Luft durch den Kehlkopf hindurch beim Canülenwechsel
+hindurchging, begann er auf Heilung zu hoffen. Das Calomel wird jetzt
+in Wasser suspendirt durch die Canüle tropfenweise instillirt (S. 314).</p>
+
+<p>Am siebenten Tage war das Kind munter, sass im Bett, zeigte
+Appetit, und die Canüle konnte weggelassen werden. Aber schon in
+der folgenden Nacht musste sie wegen plötzlicher Erstickungsgefahr
+unter grossen Schwierigkeiten wieder eingeführt werden, worauf eine
+ganze Menge von Membranstücken nach und nach ausgehustet wurden.
+Erneute Calomelinstillationen schienen die Membranbildung wieder zu
+beschränken, jedoch nicht gänzlich zu sistiren. Vom 19. Tage ab nach
+der Operation liess <i>Bretonneau</i> wieder die Canüle weg, da ihr
+Anliegen an der Larynxwand heftigen Reizhusten verursachte. Die Wunde
+wurde dabei zuerst durch ein Schwämmchen offen gehalten; dasselbe
+schien aber stark zu reizen und wurde daher entfernt. Alles ging von
+da ab gut, und vom 20. Tage nach der Operation an konnte das Kind als
+geheilt betrachtet werden.</p>
+
+<p>In den epikritischen Bemerkungen, welche <i>Bretonneau</i> an
+diesen Fall anschliesst, geht er auf die unangenehmen Zufälle ein,
+welche die Verstopfung der Canüle und der dadurch häufig nothwendig
+werdende <span class="pagenum" id="Page_111">[S. 111]</span>Canülenwechsel mit sich bringt. Das führte ihn darauf, eine
+<i>Doppelcanüle</i> anfertigen zu lassen. „Un second tuyau, exactement
+adapté à la canule, pouvant être enlevé, nettoyé et remis avec la plus
+grande facilité, eût évité les inconvénients d’un déplacement qui, s’il
+n’était pas fort douloureux, avait au moins l’inconvénient de causer à
+la petite malade beaucoup d’impatience et de contrariété. <i>J’ai fait
+exécuter ce double tuyau par un habile ouvrier</i>, mais trop tard pour
+qu’on ait pu en faire usage (S. 326).“</p>
+
+<p>Man wird gestehen, dass die Ausführung der Tracheotomie und die
+Technik der Nachbehandlung durch <i>Bretonneau</i> eine Höhe der
+Ausbildung erfahren hat, die nur in weniger wesentlichen Dingen
+noch durch spätere Aerzte und Chirurgen überschritten ist. Was das
+aber für die damalige Zeit besagen will, das können wir erst recht
+würdigen, wenn wir berücksichtigen, dass zwar schon <i>Home</i> die
+Tracheotomie vorschlug und Caron dieselbe befürwortete, weil er einen
+glücklichen Erfolg derselben einmal gesehen hatte, als er sie bei
+einem Kinde ausführte, <i>welchem eine Bohne in die Trachea gelangt
+war</i>, dass aber die allgemeinen Anschauungen durchaus den Nutzen
+der Tracheotomie verneinten. <i>Jurine</i>, der <i>Eine</i> von den
+mit <i>Napoleons Crouppreis</i> gekrönten Bewerbern, lässt am besten
+in seiner Arbeit erkennen, worauf dieses Urtheil sich stützte: „<i>Die
+wesentliche Ursache der Croupanfälle sei in einem Krampfzustande zu
+suchen, und durch den operativen Eingriff werde der Krampf bloss
+noch vermehrt.</i>“ „Ce n’est pas toujours la présence de la fausse
+membrane qui fait périr les malades; le retour périodique des accés
+de suffocation, même avant la formation de la concrétion, atteste
+évidemment l’action d’un autre agent. Ne sait-on pas que la concrétion,
+molle et flexible de sa nature, se moule exactement sur le conduit
+aërien, et n’intercepte jamais entièrement l’ouverture <span class="pagenum" id="Page_112">[S. 112]</span>de la glotte,
+comme pourrait le faire un autre corps étranger? Ne sait-on pas aussi
+que plusieurs individus ont porté plus ou moins longtemps de semblables
+concrétions sans en être suffoqués?“ (S. 259 in der Arbeit von
+<i>Jurine</i>).</p>
+
+<p>Der Umstand, dass die bedeutendsten Aerzte der damaligen Zeit die
+eine solche Anschauung vertheidigende Arbeit des Preises für würdig
+erachteten, zeigt besser als alles Andere, wie sehr <i>Bretonneau</i>
+seine Zeitgenossen überragte, wenn er auf Grund ausschliesslich von
+eigenen klinischen Beobachtungen und experimentellen und chirurgischen
+Erfahrungen eine Zusammenfassung des Vorgehens bei der Tracheotomie
+geben konnte, wie die folgende, welche auch heute noch den besten
+Vorschriften sich würdig an die Seite stellen lässt (S. 339): „S’il
+me fallait aujourd’hui pratiquer la trachéotomie sur un objet parvenu
+au dernier terme de la suffocation croupable, je ferais aux téguments
+une incision qui s’étendrait du corps thyroïdien a l’échancrure
+sus-sternale; avec la pince à mors recourbés, j’écarterais les muscles
+sternohyoïdiens, et si je ne parvenais pas, par ce même moyen, à
+dégager la ligne médiane de la trachée du plexus veineux dont elle est
+ordinairement recouverté, je prendrais le parti de lier dans le sens
+convenable et avant de les ouvrir, celles des veines que je ne pourrais
+éviter. Enfin, aprês avoir incisé un des cerceaux cartilagineux de ce
+conduit, je terminerais l’opération en divisant ensuite trois ou quatre
+autres anneaux avec un bistouri à lame étroite et boutonnée, <i>et je
+me laisserais d’autant moins arrêter par l’effusion d’un peu de sang,
+que l’hémorrhagie baveuse fournie par les lèvres de la plaie, s’arrête
+aussitôt que la respiration s’exécute librement</i>.“</p>
+
+<p><i>Bretonneau</i>’s Schüler <i>Trousseau</i> hat 25 Jahre später
+(1851) in der Union médicale (91 und 92) viele weitere Details in
+meisterhafter Weise geschildert, welche bei <span class="pagenum" id="Page_113">[S. 113]</span>der Ausführung der
+Tracheotomie in Frage kommen; vor Allem setzte er die Regeln fest
+für die Art, wie man in einem geordneten Krankenhause zu operiren
+hat; jedoch seine Empfehlung, die Unterbindung kleinerer Gefässe zu
+unterlassen, hat sich auf die Dauer nicht bewährt.</p>
+
+<p><i>Chassaignac</i>’s Verfahren bei der Tracheotomie (Leçons sur la
+trachéotomie 1855), welches durch die Schnelligkeit der Ausführung
+zuerst sehr imponirte, ist allgemein wieder verlassen worden. Nach
+<i>Chassaignac</i> soll die cartilago cricroidea mit seinem „ténaculum“
+fixirt werden, und danach könne man mit <i>einem</i> Schnitt die
+Trachea eröffnen, indem man ein Bistouri dem „ténaculum“ entlang durch
+die Haut bis in die Trachea auf einmal („sans hésitation“) einsticht
+und dann drei bis vier Trachealringe durchschneidet. („Saisissant le
+ténaculum de la main gauche, attirant en avant le cartilage cricoïde
+et par conséquent la trachée, puis présentant le bistouri adossé à
+la convexité du ténaculum, le chirurgien le plonge par un mouvement
+de ponction dans la trachée, immédiatement au contact du point où le
+ténaculum est implanté et <i>divise le conduit d’un seul coup en même
+temps que la peau</i>. Immédiatement aprês cette première ponction on
+introduit dans la petite plaie un bistouri boutonné et l’on incise, en
+suivant la ligne médiane, tous les tissus, depuis la peau jusqu’à la
+trachée, dans une étendue de deux centimètres environ.“) Man hat diesem
+Operationsverfahren namentlich chirurgischerseits manche ungerechten
+Vorwürfe gemacht; aber beglaubigte Fälle von Scheintod und wirklichem
+Tod in Folge der andauernden Fixation der Trachea bei den an sich schon
+in Erstickungsgefahr befindlichen Kindern hat auch <i>Chassaignac</i>
+selbst nicht zu leugnen vermocht; dagegen ist nach dem Urtheil
+mehrerer Autoren (<i>Isambert</i>, <i>Millet</i>) die Gefahr der
+<i>Blutung</i> nicht so gross, wie man von vornherein glauben sollte,
+und <span class="pagenum" id="Page_114">[S. 114]</span>die Einführung der Canüle macht keine Schwierigkeiten, wenn man
+sich des von <i>Chassaignac</i> eigens für diesen Zweck construirten
+„dilatateur“ bedient.</p>
+
+<p>Auch das ingeniös erfundene „<i>Tracheotom</i>“ von <i>Maisonneuve</i>,
+welches derselbe 1861 der Akademie demonstrirte, hat nur wenige
+Anhänger gefunden, und auch andere Bestrebungen, den Act der Operation
+zu beschleunigen, wurden nach vorübergehendem Aufsehen bald wieder
+vergessen; man hat sich immer mehr von der Richtigkeit des Ausspruchs
+<i>Trousseau</i>’s überzeugt, dass die Tracheotomie nicht zu denjenigen
+Operationen gehört, bei welchen es auf besondere Schnelligkeit ihrer
+Zuendeführung ankomme; im Gegentheil, sie könne nicht langsam genug
+gemacht werden („elle doit être faite lentement, très-lentement, trop
+lentement“).</p>
+
+<p>Als einen wesentlichen Fortschritt dagegen kann man die Einführung der
+<i>Chloroformnarkose</i> bei der Tracheotomie ansehen. Zwar sind die
+Meinungen über den Nutzen derselben noch nicht ganz geklärt; indessen
+auf die Frage: „<i>Soll man chloroformiren?</i>“ werden gegenwärtig die
+meisten Chirurgen nur wenig gegen die Antwort einzuwenden haben, welche
+<i>F. König</i> in seinem Lehrbuch der speciellen Chirurgie (1878 S.
+574) giebt. Er sagt daselbst: „Ich war früher mit vielen Anderen aus
+theoretischen Gründen ein Gegner der Narkose, aber die Praxis hat
+mich bekehrt. Gern gestehe ich zu, dass es Fälle giebt, in denen Zeit
+zum Chloroformiren überhaupt nicht mehr bleibt, in denen auch oft
+schon die Kohlensäure eine fast vollkommene Anaesthesie herbeigeführt
+hat, auch sind mir ganz seltene Fälle vorgekommen, in welchen das
+Chloroform die Aufregung und Erstickungsangst so vermehrte, dass man
+sich dadurch bestimmen liess, lieber auf die Anwendung desselben zu
+verzichten; aber im Allgemeinen ist, besonders, wenn man im Stadium
+der Erstickungs<i>angst</i> operirt, die Anästhesie ein entschiedenes
+Erleichterungsmittel <span class="pagenum" id="Page_115">[S. 115]</span>der Operation. Die tobenden Kleinen werden ruhig,
+ja sie athmen auch weit ruhiger, und die Chloroformnarkose pflegt die
+Kohlensäurenarkose durchaus nicht zu vermehren. Dazu kommt, dass die
+heftigen Bewegungen und das exspiratorische Drängen durch die Narkose
+aufgehoben wird und somit auch die venösen Blutungen bei weitem nicht
+von der Bedeutung sind, wie bei den meisten unnarkotisirten Kranken.“</p>
+
+<p>An die Ausführung der Tracheotomie schliesst sich noch eine grosse
+Zahl anderer wichtiger Fragen an, die zum Theil auch jetzt noch immer
+discutirt werden.</p>
+
+<p><i>Wann soll operirt werden?</i> Da stehen sich die Ansichten Derer
+gegenüber, die so früh wie möglich, und Derer, die so spät wie möglich
+operiren wollen. Allgemein wird aber anerkannt, dass das Auftreten
+erheblicher inspiratorischer Einsenkungen im Jugulum, in der Fossa
+supraclavicularis, im Scrobiculum cordis ein wichtiges Anzeichen für
+die beginnende Erstickungs<i>gefahr</i> ist. Es ist das zwar, wie
+<i>König</i> sich ausdrückt, noch ein <i>actives</i> Stadium, in
+welchem noch Sauerstoff genug im Blut ist, um das Gehirn soweit zu
+ernähren, dass das Bewusstsein frei bleibt; durch forcirte Athmung
+wird ein Ausgleich der durch die Stenose bedingten Erschwerung der
+Luftzufuhr versucht; es besteht die äusserste Erstickungs<i>angst</i>,
+aber die Wangen sind noch geröthet als Zeichen dafür, dass
+Kohlensäureüberladung des Blutes noch nicht eingetreten ist. Wie lange
+aber dieses Stadium andauert, ob es spontan überwunden wird, oder bald
+in das der Apathie mit Schläfrigkeit übergeht, wobei das weisse Gesicht
+und die bläulichen Lippen die Sauerstoffarmuth des Blutes anzeigen, das
+lässt sich nicht vorausberechnen. Die meisten Chirurgen operiren in
+jenem activen Stadium; freilich kann man auch im Somnolenzstadium noch
+tracheotomiren; aber die Chancen für eine lebensrettende Wirkung der
+Operation <span class="pagenum" id="Page_116">[S. 116]</span>sind viel grösser bei früherer Ausführung derselben.</p>
+
+<p>Bezüglich der Frage, ob man statt der Tracheotomie die
+<i>Laryngotomie</i> oder die <i>Laryngo-Tracheotomie</i> anwenden
+solle, können wir uns an folgendes Urtheil <i>Chassaignac</i>’s
+(„Leçons sur la trachéotomie“, Paris 1855) halten: „De toutes les
+opérations qui ont été préconisées pour ouvrir l’arbre aërien, la
+trachéotomie est la meilleure à nos yeux; elle est même la seule qui
+soit bonne et qui mérite d’être adopté comme méthode générale. La
+laryngotomie est une mauvaise opération; on en atténue un peu les
+défauts quand on la combine avec la trachéotomie; mais dans ce dernier
+cas, l’incision du larynx a l’inconvénient d’être à peu près inutile.
+La seule opération vraiment rationelle pour l’ouverture chirurgicale
+des voies aëriennes, c’est la trachéotomie. Sans entre dans toutes les
+considérations qui motivent notre manière de voir, nous nous bornerons
+à dire que <i>la condition essentielle de toute bonne opération faite
+sur les voies aëriennes, c’est de permettre l’établissement d’une
+canule dans la plaie de l’opération. Or, il n’y a que la section des
+anneaux de la trachée qui mette à même de réaliser cette condition
+d’une manière satisfaisante.</i>“</p>
+
+<p>Welche Methode man aber auch wählen mag für die Operation, und in
+welchem Stadium der Erstickungsgefahr bei <i>schwerer</i> Diphtherie
+die Tracheotomie ausgeführt sein mag, es haben sich die Erfolge
+seit <i>Bretonneau</i> nicht wesentlich gebessert, und die Mühen,
+welche <i>die Nachbehandlung</i> in dem ersten, glücklich verlaufenen
+Verfall bei der kleinen <i>Elisabeth Puységur</i> erforderte, sind
+gleichfalls nicht geringer geworden. „Der Chirurg, welcher glaubt (sagt
+<i>König</i> l. c. S. 579), es sei mit dem Niederlegen des Messers
+und dem Einführen der Canüle bei dem wegen Diphtherie tracheotomirten
+Kinde Alles geschehen, hätte für die meisten <span class="pagenum" id="Page_117">[S. 117]</span>Fälle besser gethan, die
+Operation überhaupt nicht vorzunehmen.“</p>
+
+<p>Abgesehen davon, dass durch die Tracheotomie ja nur ein Symptom der
+Krankheit, die Kehlkopfstenose, beseitigt wird, während die Tendenz
+des Krankheitsprocesses, sich auf die Luftröhre und ihre Verzweigungen
+auszubreiten, sowie im Lungengewebe Veränderungen hervorzurufen, nicht
+aufgehoben wird, abgesehen von dem Eintritt asphyktischer Zustände
+in Folge von Verstopfungen der Canüle, welche die sorgfältigste
+Beobachtung und sachverständige Behandlung erfordern, sind noch
+mancherlei Folgezustände der Operation selbst oft genug unheilbringend
+geworden.</p>
+
+<p>Die Erstickungsgefahr nach dem Entfernen der Canüle kann nicht bloss
+durch zu frühzeitiges Entfernen, sondern auch, nachdem sie sehr lange
+getragen war, eintreten; ich sah in der Praxis von Dr. <i>Pauly</i> in
+Posen solche Fälle, wo Granulationswucherungen das Leben bedrohten,
+nachdem schon lange Zeit die Canüle weggelassen und die Hautwunde
+fast verheilt war. Die Stimmbandmuskeln können in Folge des langen
+Nichtgebrauchs gelähmt werden (<i>Bose</i> und <i>Trendelenburg</i>).
+Trachealgeschwüre und Blutungen aus denselben sind als Todesursachen
+beobachtet worden, wenn schlecht passende Canülen die Trachea erodirt
+hatten. Narbige Stenosen können die Kranken zum fortwährenden Tragen
+der Canüle verurtheilen. Knorpelnekrose und phlegmonöse Processe an
+der tracheotomischen Wunde sind zwar selten, kommen aber vor. Kurz,
+auch die vom Erstickungstode durch die Tracheotomie zunächst geretteten
+Kranken sind noch so vielen Gefahren ausgesetzt, dass das Wort
+<i>Malgaigne</i>’s sich noch jetzt immer bewahrheitet: „Die Einführung
+des Luftröhrenschnitts in die Behandlung der Diphtherie war ein grosses
+Verdienst um die Menscheit, ein noch grösseres aber würde es sein, wenn
+es gelänge, denselben vermeidbar zu machen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_118">[S. 118]</span></p>
+
+<p><i>Loiseau</i>, ein Arzt in Montmartre, hatte im Jahre 1857 der
+Académie française ein Verfahren unterbreitet, welches diesen
+Zweck erfüllen sollte. Er versuchte das Athemhinderniss der in
+Erstickungsgefahr befindlichen Kinder dadurch zu beseitigen, dass er
+den Larynx kathetrisirte, und die Commission, welche zur Prüfung seines
+„<i>catheterisme laryngien</i>“ eingesetzt war (<i>Trousseau</i>,
+<i>Blache</i> etc.), bestätigte, dass in der That das Einführen von
+elastischen Kathetern in den Larynx und die Trachea bei genügender
+Uebung gut gelinge; aber <i>Loiseau</i>’s Methode, die übrigens nach
+<i>Trousseau</i> schon in ähnlicher Art 1839 von <i>Dieffenbach</i>
+angegeben war, hat die Tracheotomie nicht verdrängt.</p>
+
+<p>Ebensowenig ist das geschehen durch <i>Bouchut</i>’s „<i>tubage
+de la glotte</i>“. Bouchut führte mit Hülfe von an beiden Enden
+offenen Kathetern cylindrische Silberringe („des viroles d’argent
+cylindriques“) von 1½–2 cm Länge in den Kehlkopfeingang ein, wo ein
+solcher Ring mit seinem oberen Rande unterhalb der oberen Stimmbänder,
+mit dem unteren an der Innenfläche der cartilago cricoïdea zu liegen
+kam. Die Ränder des Ringes (oder besser der kurzen „Canüle“) waren oben
+und unten mit Einfassungen von elastischem Material („bourrelets“)
+versehen und hatten Oeffnungen, an denen Seidenfäden befestigt waren,
+welche dazu dienen sollten, die Canüle aussen festzuhalten. Diese
+„tubage de la glotte“ wurde von <i>Trousseau</i> in der Académie
+française auf’s heftigste angegriffen. Sie mache Ulcerationen,
+Nekrosen, Phlegmonen und schliesslich Glottisoedem, so dass
+schliesslich doch die Tracheotomie nothwendig werde.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Verfolgt man die Entwicklung, welche in <i>Frankreich</i> die
+Diphtheriebehandlung bis zu unserer Zeit weiter genommen hat, so
+lässt sich erkennen, dass man dort sich nicht allzuweit von den
+durch <i>Bretonneau</i> <span class="pagenum" id="Page_119">[S. 119]</span>aufgestellten Principien entfernte. Zwar ist
+seit dem siegreichen Vordringen der antiseptischen Wundbehandlung
+die <i>Localbehandlung</i> des beginnenden diphtherischen
+Krankheitsprocesses insofern etwas modificirt worden, als in
+Frankreich ziemlich allgemein die Methode von <i>Gaucher</i> acceptirt
+ist, welche im Wesentlichen darin besteht, dass zunächst die
+Pseudomembranen künstlich entfernt und dann die erkrankten Stellen
+mit einer starken antiseptischen Lösung geätzt werden, wobei lösliche
+Quecksilberpräparate der Mercurireihe den Vorzug erhalten haben vor dem
+unlöslichen Quecksilberchlorür <i>Bretonneau</i>’s; auch hält man es
+für erforderlich, hinterher Ausspülungen der Mundhöhle und des Rachens
+mit <i>dünnen</i> antiseptischen Lösungen vorzunehmen (<i>Bourges</i>,
+„La diphthérie“ S. 201); indessen einflussreiche Autoren halten die
+gewaltsame Entfernung der Pseudomembranen für keinen Fortschritt in
+der Behandlung; so sagt <i>Roux</i>: „Je ne suis pas du tout partisan
+du raclage à outrance des fausses membranes pharyngées. On traumatise
+sans cesse de la sorte la surface des amygdales. En détruisant les
+fausses membranes, on détruit aussi certaines parties de la muqueuse,
+et on crée de nouvelles portes à l’absorption de la toxine sans
+cesse produite par les microbes qui pullulent sur l’épithélium“
+(<i>Bourges</i> l. c. S. 205).</p>
+
+<p>In der <i>Allgemeinbehandlung</i> wird, dem Zuge der Zeit folgend, die
+Ernährungstherapie vorangestellt (l. c. S. 206), aber wir sehen doch
+die Tradition der specifischen Quecksilberwirkung sich forterhalten,
+wenn <i>Bourges</i> (l. c. S. 207 ff.) sagt: „Quand l’engorgement
+ganglionnaire prend des proportions trop considérables, on peut faire
+sur les parties malades des onctions d’onguent napolitain“; daneben
+werden allerdings auch neuere Antiseptica empfohlen.</p>
+
+<p>In Bezug auf die Beseitigung der Erstickungsgefahr ist man wohl ganz
+wieder in die Fussstapfen <i>Bretonneau</i>’s <span class="pagenum" id="Page_120">[S. 120]</span>gerathen, indem man die
+von demselben eingeführte Tracheotomie als das beste Mittel hierfür
+betrachtet.</p>
+
+<p>In <i>Deutschland</i> ist man bis auf die Tracheotomie nur mit
+dem einen Theil der therapeutischen Erfahrungen <i>Bretonneau</i>’s
+dauernd in Uebereinstimmung geblieben, nämlich mit der <i>negirenden
+Kritik</i>. Das Wort <i>Bretonneau</i>’s „La multitude même des
+moyens auxquels on a eu recours, ne prouve que trop l’insuffisance du
+plus grand nombre“ hört man in allen Tonarten variirt wiederholen;
+den <i>positiven</i> Theil der therapeutischen Errungenschaften
+<i>Bretonneau</i>’s hat man aber immer wieder vergessen;&#x2060;<a id="FNanchor_5_5" href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> trotz aller
+Skepsis und trotz aller streng wissenschaftlichen Kritik hat dabei
+aber doch jeder Kliniker zeitweise sein besonderes Diphtheriemittel.
+Wenn <i>Gerhardt</i> („Der Kehlkopfcroup“) von der grossen Zahl von
+Aetzmitteln, von Excitantien, von ableitenden Mitteln aller Art,
+Blutentziehungen u.&#8239;s.&#8239;w. nichts hält, wenn er vor der „tubage de la
+glotte“ warnt, „<i>ehe Beweise ihrer Leistungsfähigkeit vorliegen</i>,“
+wenn er die scheinbar so günstigen Erfolge der Tracheotomie in den
+Statistiken des „Hôpital des enfants“, mit ihren 63% Heilungen bei
+früh ausgeführter Operation, in scharfer, aber gerechter Weise mit
+folgenden Worten kennzeichnet: „Schon vor diesem Stadium (vor Beginn
+eigentlicher Asphyxie) soll operirt werden, um zahlreiche Heilungen zu
+erzielen. Wir glauben es gerne, man wird mehr Heilungen haben, aber man
+wird auch den Vorwurf haben, zum Messer gegriffen zu haben, wo kein
+Croup vorlag, jenen Vorwurf, den <i>Malgaigne</i> fest auf einzelne,
+wenn auch wenige Fälle gestützt gegen das Verfahren im Hôpital des
+enfants <span class="pagenum" id="Page_121">[S. 121]</span>erhoben hat. Freilich, was liegt in einem Hospital daran, drei
+oder vier Croupfälle ohne Croup operirt zu haben; was liegt daran, wo
+nur die Zahlen entscheiden, wo es nur darauf ankommt, entscheidende
+Zahlen zu gewinnen“ (l. c. S. 79), — so wird sich gegen seine
+<i>Kritik</i> nichts Stichhaltiges einwenden lassen; aber wenn wir nun
+nach dem <i>positiven</i> Theil der Therapie in seiner Monographie
+uns umschauen, dann stossen wir auch wieder auf die Empfehlung eines
+Verfahrens, welches sich einer unbedingten Anerkennung kaum erfreuen
+wird. Er sagt (S. 81): ... „Wir rathen, schon beim ersten Verdachte
+zur Anwendung von Brechmitteln zu schreiten und halten es zwar nicht
+für erwiesen, doch auch keineswegs für unwahrscheinlich, dass so
+eine frühzeitige Beendigung des ganzen Krankheitsprocesses erreicht
+werden könne. Gelingt dies nicht, so wären unter Fortsetzung der
+Emetica Aetzungen oder auch je nach Umständen einige Blutegel an das
+Manubrium sterni damit zu verbinden; wo diese Mittel sich nicht bald
+wirksam erweisen und die Diagnose ganz feststeht, ist die Tracheotomie
+vorzuschlagen“; und bei drohender oder hereingebrochener Asphyxie
+die Excitantien als unwirksam charakterisirend, fährt <i>G.</i> an
+anderer Stelle fort: „Lange würde ich daher nicht auf die Wirkung
+dieser Excitantien warten, sondern mich in ganz desparaten Fällen, um
+dem Decorum Genüge geleistet zu haben, auf die Application einiger
+Hautreize, Sinapismen u.&#8239;dergl. beschränken, in etwas besseren Fällen
+alsbald zur Anwendung <i>kalter Begiessungen</i> im lauen Bade wenden.
+Diese stellen das kräftigste, wirksamste, revulsorische Mittel dar
+und vermögen noch am ehesten, wo es überhaupt möglich ist, das
+entschwundene Bewusstsein, wenn auch nur auf Momente, zurückzurufen.“
+Seit dem Erscheinen der Arbeit von <i>Gerhardt</i> sind jetzt mehr
+als 30 Jahre vergangen, aber ich glaube, dass sich bei uns noch immer
+nicht eine Uebereinstimmung der Kliniker <span class="pagenum" id="Page_122">[S. 122]</span>darin ergeben hat, wie man
+es mit der Localbehandlung, wie mit der allgemeinen Behandlung und
+dem Gebrauch von Brechmitteln, Blutentziehungen, ableitenden Reizen,
+Abführmitteln, Calomel, Bädern u.&#8239;s.&#8239;w. zu halten habe, und eventuell
+ob man überhaupt ernstlich etwas gegenüber einer Diphtherieerkrankung
+thun solle.</p>
+
+<p>Ich meine, das wird auch nicht anders werden, bevor wir uns nicht
+durchdringen lassen von der Wahrheit des folgenden Satzes, den
+<i>Bretonneau</i> (S. 92) seinen therapeutischen Betrachtungen zu
+Grunde legt: „<i>C’est par le fait même de l’efficacité constante du
+traitement, que ses avantages doivent être appréciés.</i>“</p>
+
+<p><i>Das einzig sichere Kriterium eines Mittels, welches zuverlässig und
+zu allen Zeiten bei einer Krankheit Bedeutung behalten wird, ist die
+Constanz, die Specificität seiner Wirkung; wie in einem gut gelungenen
+Experiment müssen bestimmte Veränderungen in dem erkrankten Organismus
+mit Sicherheit vorausberechnet werden können nach der Application des
+Mittels, und diese Veränderungen müssen zu dem Wesen der Krankheit in
+intimem Zusammenhang stehen und auch objectiv nachweisbar sein.</i></p>
+
+<p>Solch’ ein Mittel glaubte <i>Bretonneau</i> in der Salzsäure
+gefunden zu haben gegenüber der Hautdiphtherie und gegenüber der
+Schleimhautdiphtherie bei local begrenztem Krankheitsheerd, unter
+der Voraussetzung, dass das Mittel den Krankheitsheerd in seinem
+ganzen Umfang treffe. Ich glaube, dass <i>Bretonneau</i> in der That
+einen glücklichen Griff mit der Wahl der Salzsäure gemacht hat, wenn
+ich berücksichtige, dass <i>die Salzsäure zu den wenigen Mitteln
+gehört, mit welchen man diphtherieinficirte Thiere mit Sicherheit
+durch Localbehandlung der Infectionsstelle heilen kann. Die wenigen
+anderen Medicamente, die solches leisten, stehen ausserdem in inniger
+Beziehung zu der Salzsäure, bezüglich zu der <span class="pagenum" id="Page_123">[S. 123]</span>Chlorwirkung. Es sind dies
+Chlorzink, Goldnatriumchlorid und Jodtrichlorid.</i></p>
+
+<p><i>Die sonst als vorzügliche Antiseptica bekannten Präparate, welche
+Sanitäts-Rath Boer in sehr sorgfältig angestellten Thierversuchen
+geprüft hat, nämlich die Quecksilberpräparate der Mercurireihe, die
+Anilinfarbstoffe, Arsen, die meisten Präparate aus der Benzolreihe,
+viele sonst bei der Diphtherie angewendeten Mittel, wie das Kali
+chloricum, leisten überhaupt nichts gegenüber der experimentell
+erzeugten Diphtherie oder doch nicht annähernd so viel, wie die
+Salzsäure und solche Körper, welche Salzsäure oder freies Chlor im
+Contact mit lebendem Gewebe abspalten.</i></p>
+
+<p>Wir können auch noch in anderem Sinne, abgesehen von der
+<i>Constanz</i> der Wirkung auf den localdiphtherischen Process, einen
+intimen Zusammenhang der Salzsäure und der chlorabspaltenden Körper
+mit der Diphtherie erkennen, nämlich das Zustandekommen der Immunität
+nach dem Ausheilen der Heerderkrankung. In der That muss man hierin
+etwas Specifisches erblicken, denn wenn Jemand die Salzsäure- und
+Chlorwirkung einfach auf eine Zerstörung der kranken Stelle und in
+Folge dessen einer Elimination derselben, ähnlich wie wenn man sie
+aus dem lebenden Organismus herausgeschnitten hätte, zurückführen
+wollte, dann steht dieser Auffassung sofort die Thatsache entgegen,
+dass in dem letzteren Fall Immunität nicht eintritt. <i>Durch die
+Salzsäurebehandlung wird der Krankheitsheerd nicht mit einem Male
+weggeschafft und damit die Krankheit sofort aufgehoben, sondern es
+entsteht nur eine Modification des Krankheitsprocesses, eine leichtere
+Form der specifischen Diphtherieerkrankung.</i></p>
+
+<p>Eine solche Constanz der Wirkung kommt weder den Antisepticis im
+Allgemeinen, noch den Blutentziehungen, Brechmitteln, Abführmitteln,
+Bädern, guten Nahrungsmitteln u.&#8239;s.&#8239;w. zu; und wenn man sich
+fragt, <span class="pagenum" id="Page_124">[S. 124]</span>woher es denn eigentlich komme, dass trotzdem jene Mittel
+und Behandlungsmethoden mit solcher Hartnäckigkeit doch immer
+wieder auf der Bildfläche erscheinen, dann ist das <i>eine</i>
+ganz sicher, dass keines derselben nachgewiesenermaassen einen
+specifischen Zusammenhang mit der Diphtherie besitzt; aber sie haben
+vielleicht bei <i>anderen</i> Krankheiten gute Dienste gethan; das
+Kali chloricum z.&#8239;B. ist ein ausgezeichnetes Specificum gegenüber
+gangränähnlichen Formen von Mundkrankheiten; oder sie haben einen
+symptomatischen Erfolg, setzen beispielsweise die Temperatur herunter,
+etwas was im Thierexperiment zwar eine ungünstige Beeinflussung des
+Krankheitsprocesses bedeutet, beim Menschen aber von vielen Aerzten
+in unserer Zeit als Ziel der Behandlung hingestellt wird; andere
+Mittel werden auf Treu und Glauben hingenommen, weil einflussreiche
+Persönlichkeiten sie empfohlen haben. Kurz überall haben wir zwar
+Gründe für die Anwendung derjenigen Mittel, die man mehr oder weniger
+als Modesachen ansehen kann, aber es fehlt ihnen das einzig sichere
+Kriterium eines wirklichen Heilmittels: Die Constanz der specifischen
+Beeinflussung des Krankheitsprocesses unter gegebenen Bedingungen.</p>
+
+<p>An Stelle dieses Kriteriums ist ein anderes in neuerer Zeit bei den
+Klinikern herrschend geworden: <i>Die Wahrscheinlichkeitsrechnung der
+Zählmethode</i>.</p>
+
+<p>Man ist sich vollkommen bewusst, welche Unzuverlässigkeit derselben
+anhaftet, wenn es sich nicht um ganz einfache Fragen und um
+überwältigende Majoritäten handelt; aber sie ist eben bei dem Mangel
+an specifischen Heilmitteln unvermeidlich, wenn man einen Grund dafür
+anführen will, warum kalte Bäder bei der Diphtherie besser sein sollen
+als warme, oder gar keine, oder wenn man bei der Neueinführung des
+Kairins, des Thallins, des Chinolins, Antipyrins, Salipyrins in die
+Behandlung specifischer Infectionskrankheiten schnell <span class="pagenum" id="Page_125">[S. 125]</span>ein Urtheil
+gewinnen will, ob diese Mittel mehr leisten als diejenigen, welche
+vorher Mode gewesen waren. Bei der ausserordentlich grossen praktischen
+Bedeutung, welche dem jetzt üblichen Verfahren beigemessen wird,
+durch <i>Zählung</i> zu entscheiden, ob ein Mittel in der Therapie
+einer Krankheit Existenzberechtigung hat, lasse ich hier die beredte
+Schilderung dieser Methode folgen, wie sie von <i>Bouchard</i> in
+seiner Vorrede zu der französischen Ausgabe der Arzeneimittellehre von
+<i>Nothnagel</i> und <i>Rossbach</i> 1880 entworfen ist (übersetzt von
+Jul. Grosser S. 12 ff.):</p>
+
+<p>„Wenden wir das Verfahren der Zählung auf die Pneumonien an, welche
+verschiedenen Behandlungsweisen unterworfen wurden, so kommen wir zu
+jenen Durchschnittszahlen, welche, zwar immer fehlerhaft, dennoch uns
+zu einem Urtheil über die therapeutischen Methoden gelangen lassen.
+Ich kenne nichts Gröberes, als ein solches Untersuchungsverfahren,
+allein ich weiss nicht, was man ihm substituiren soll. <i>So hat sich
+eine neue Methode gebildet, die statistische Therapeutik. Sie ist
+fehlerhaft im Princip, fehlerhaft im Verfahren, sie ist nichts weiter
+als ein ungezügelter Empirismus, und dennoch zweifle ich, dass man
+ohne sie den Werth einer Behandlungsmethode feststellen kann</i>; denn
+sie ist nichts Anderes als die Beobachtung, die Beobachtung, welche
+im allgemeinen Ganzen gewinnt, was sie an Genauigkeit im Einzelnen
+verliert. Diese empirische Methode beurtheilt nicht allein den Werth
+der empirischen Mittel, sie schätzt alle anderen Methoden ab und
+spricht sich über die relative Wirksamkeit aller Behandlungsarten
+aus, ihrerseits setzt sie also allgemeine Indicationen fest. <i>Diese
+so hoch gepriesene und so sehr verschrieene Methode erfindet nichts,
+aber sie richtet, und ihre Gerichtsbarkeit erstreckt sich auf Alles,
+was auf Heilenwollen Anspruch macht. Welchen Vorbehalt man auch in
+Hinsicht auf die Infallibilität ihres Urtheils machen, mit <span class="pagenum" id="Page_126">[S. 126]</span>welcher
+Geringschätzung man auch auf die numerische Methode herabsehen mag,
+kein Arzt kann sich ihrer Beweiskraft entziehen, denn es giebt keinen
+Arzt, welcher sich nicht eine Meinung über den relativen Werth der
+Behandlungsarten macht oder machen will.</i> Keiner wird diese nach
+dem glücklichen oder unglücklichen Erfolge abschätzen, welche er in
+einem <i>einzelnen</i> Falle beobachtet hat, alle warten ab, ehe sie
+sich erklären, bis ihre Erfahrung sich <i>vervielfältigt</i> hat. Der
+Arzt, welcher, auf seine eigenen Verfahrungsweisen sich stützend, den
+Eindruck in Betracht zieht, den er aus einer ausgebreiteten Praxis
+gewonnen hat, treibt statistische Therapeutik, nur macht er seine
+Statistik aus dem Gedächtniss und von ungefähr. Wir haben alle solche
+Eindrücke, und es kann geschehen, dass, wenn wir die Beobachtungen im
+Gedächtniss behalten, die diese Eindrücke haben entstehen lassen, wenn
+wir sie zusammenstellen, wenn wir sie analysiren, wenn wir sie zählen,
+wir uns oft genöthigt sehen zu erkennen, dass unsere Verstandesrechnung
+irrthümlich, dass unsere Eindrücke ungenau waren. Ein dieses Namens
+würdiger Arzt wird die Elemente seiner Berechnung auswählen: er wird
+z.&#8239;B. numerische Daten, welche für die Behandlung der Kinder richtig
+sein mögen, nicht auf die Therapie bei Greisen anwenden; er wird sich
+misstrauisch verhalten gegenüber den Statistiken en bloc, welche auf
+Beobachtungen gegründet sind, die wer weiss woher gekommen sind und den
+Horizont der Kritik überschreiten. Aber er wird das Uebergewicht der
+Schlüsse aufrecht erhalten, welche er aus den Thatsachen gezogen hat,
+die er selbst beobachtete, abwog und zählte. <i>Daraus folgt, dass die
+individuellen Statistiken die besten von allen sind.</i> Wenn ähnliche
+Statistiken, von Aerzten geliefert, die zu beobachten und zu urtheilen
+verstehen, übereinstimmende Resultate geben, so stellt sich in der
+Therapeutik eine Durchschnittsannahme her, welche zwar der Revision
+<span class="pagenum" id="Page_127">[S. 127]</span>
+unterliegt, welche nicht in Rechnung zu ziehen aber Vermessenheit
+wäre.“&#8239;—</p>
+
+<p>Leider spricht gerade bei der Behandlung der Diphtherie die Erfahrung
+nicht dafür, dass durch die Wahrscheinlichkeitsrechnung der Zählmethode
+ein einigermaassen sicheres Urtheil über den Werth einzelner Mittel
+und Behandlungsmethoden gewonnen wird. Ich habe in vielen hundert
+Einzelabhandlungen über die Diphtherietherapie, welche ich durch Herrn
+Geh. Rath Prof. <i>G. Lewin</i> in elf voluminösen Bänden gesammelt
+erhielt, zu verfolgen gesucht, was dabei herausgekommen ist; und ich
+kann danach nicht sagen, dass das Resultat ermuthigend wäre.</p>
+
+<p><i>Bretonneau</i>’s Quecksilberbehandlung ist von der Mehrzahl
+der Aerzte verurtheilt worden als unwirksam oder als schädlich,
+und die Zahlen, welche man dafür anführt, scheinen in der That zu
+beweisen, dass dieses abfällige Urtheil begründet ist. Aber wenn man
+genauer zusieht, so zeigt sich, dass die von <i>Bretonneau</i> so
+sorgfältig studirten Bedingungen, unter welchen die Inunctionscur und
+die Localbehandlung mit Calomel Gefahren bringt, vergessen waren,
+die Dosirung aber für eine wirksame Therapie ganz unzureichend
+gewählt wurde. Für die Salzsäure-, Alaun- und Höllensteinbehandlung
+ist einerseits die sorgfältige Auswahl der dafür geeigneten Fälle
+vernachlässigt worden, andererseits sind diese Präparate nicht in
+der richtigen Concentration ihrer Lösung und der zweckmässigen
+Applicationsweise verwendet worden. Allermeist aber kann man die
+betrübende Thatsache erkennen, wie die einzelnen Beobachter in
+ihren Statistiken mit ganz verschiedenem Maass messen; die alten
+Mittel und Methoden werden auf’s strengste kritisirt und an ihre
+Leistungsfähigkeit stellt man ganz unberechtigte Anforderungen; die
+neuen Mittel derselben anspruchsvollen Kritiker werden auf Grund von
+so ungenügenden Erfahrungen <span class="pagenum" id="Page_128">[S. 128]</span>empfohlen, dass man sich verwundert fragt,
+wie es nur möglich ist, dass wahrheitsliebende und sachlich urtheilende
+Autoren in dieser Weise sich selbst betrügen können.</p>
+
+<p>Wie es aber mit dem Ergebniss der Statistik betreffend den Werth der
+Tracheotomie steht, darüber möchte ich einen Mann reden lassen, über
+dessen Objectivität in der Beurtheilung medicinisch-chirurgischer
+Fragen nur eine Stimme herrscht, und dessen Competenz nicht
+angezweifelt werden kann; ich meine <i>F. König</i>. Dass derselbe im
+Uebrigen gerade bezüglich der Tracheotomie nicht zu scharf kritisirend
+verfährt, wird aus dem Tenor seiner diesbezüglichen Schilderung
+erkannt werden können. Auf S. 547 ff. seines Lehrbuches (l. c.) sagt
+<i>König</i>:</p>
+
+<p>„Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass von manchen Seiten Angriffe
+gegen die Berechtigung der Tracheotomie bei Diphtherie gemacht worden
+sind, weil eben trotz der Operation viele, ja zuweilen alle operirten
+Kinder sterben. Wir werden noch auf die statistischen Ergebnisse
+zurückkommen, aber hier muss ich schon als meine feste Ueberzeugung
+hervorheben, dass, wenn auch noch weniger Kranke gerettet würden, als
+die Statistik ergiebt, der Chirurg trotzdem nicht nur die Berechtigung,
+sondern die Verpflichtung hat, dem durch diphtheritische Stenose
+erstickenden Kranken zu helfen, so lange er noch kann. Ob der Kranke
+vielleicht später den Folgen der bösartigen Krankheit erliegen wird,
+das kann den Chirurgen ebensowenig abhalten, seine Pflicht zu thun und
+durch die Eröffnung der Luftröhre die bestehende Beengung momentan
+zu beseitigen, als ihn etwa eine bestehende, wahrscheinlich zum Tode
+führende Pyämie abhalten kann, eine während des Verlaufs derselben
+auftretende schwere Blutung durch Zubinden des Gefässes zu stillen. Ich
+stehe also nicht an, das Unterlassen des Vorschlags zur Tracheotomie
+von <span class="pagenum" id="Page_129">[S. 129]</span>Seiten des Arztes für eine Fahrlässigkeit hinzustellen, kann
+aber dazu die aus meiner Praxis entnommene tröstliche Versicherung
+hinzufügen, dass man für das energische Festhalten an dieser
+Verpflichtung nicht selten durch die Rettung eines Lebens belohnt wird,
+welches man selbst für äusserst bedroht halten musste, und dass auch
+in den Fällen, in welchen der tödtliche Ausgang nicht abgewandt werden
+konnte, das Sterben nach der Operation fast stets leichter wurde, als
+die Erstickung bei uneröffneter Trachea.</p>
+
+<p>Bei einer solchen Auffassung ist es überhaupt nicht nöthig, darüber zu
+debattiren, ob man auch operiren soll, falls bereits eine Affection der
+Lunge besteht. Diese Complication kann die Prognose sehr erschweren,
+aber falls eben durch die Kehlkopfstenose der grössere Antheil der
+augenblicklich bestehenden Erstickungsgefahr bedingt wird, die von uns
+aufgestellten Grundsätze nicht erschüttern.</p>
+
+<p>Leider sind wir nicht im Stande, in der Art, wie wir es bei anderen
+Operationen können, durch zuverlässige statistische Belege die
+Ungefährlichkeit und günstige Wirkung der Operation zu stützen.</p>
+
+<p><i>Kühn</i> hat in seiner Bearbeitung des betreffenden Gegenstandes
+in der <i>Günther</i>’schen Operationslehre verschiedene, diese Frage
+betreffende Zahlen zusammengestellt, aus welchen hervorgeht, dass
+manche Operateure von ihren sämmtlichen Operirten auch nicht einen,
+während andere bis zur Hälfte durchbrachten. Eine Zusammenstellung,
+welche er dann von allen den zusammengebrachten Zahlen macht, ergiebt
+auf 1048 Operationen 195 Heilungen, also etwa 17½%. <i>Sestier</i>
+hat aber dagegen eine Statistik aufgestellt, welche viel bessere
+Ergebnisse liefert, welche beweist, dass vielleicht ⅓ aller Operirten
+mit dem Leben davonkamen. Es gehört wenig dazu, um einzusehen, wie
+gering der Werth aller dieser Zusammenstellungen ist. Vorerst <span class="pagenum" id="Page_130">[S. 130]</span>wissen
+wir ja nicht, wie viele von den operirten Diphtheritischen ohne die
+Operation noch hätten genesen können, denn diese Möglichkeit ist ja,
+falls wir früh operiren, nicht ausgeschlossen.</p>
+
+<p>Aber auch wenn wir von dieser nicht zu beantwortenden Frage absehen,
+so bleiben doch noch eine Reihe von Ursachen, welche für sich ganz
+unabhängig von der Operation die Prognose beeinflussen. Vor Allem
+ist hier zu berücksichtigen die Verschiedenartigkeit der einzelnen
+Epidemien. Die Diphtherie kann in einer Epidemie einen so bösartigen
+Verlauf nehmen, dass das Befallen werden von der Krankheit so gut wie
+ein Todesurtheil ist, während ein andermal fast nur leichte Fälle,
+nur croupöse Affectionen beobachtet werden. So kann es kommen, dass
+<i>Gosselin</i>, <i>Deguise</i>, <i>Huguier</i> und Andere bei 95
+Operationen auch nicht ein Kind genesen sahen, während Andere zu
+bestimmten Zeiten über die Hälfte durchbrachten, wie ich selbst einmal
+in etwa einem Jahre bei 12 Operationen 7 Kinder am Leben erhielt.</p>
+
+<p>Freilich influiren auch noch andere Umstände sehr wesentlich. Von
+der allergrössten Bedeutung ist der Zeitpunkt, in welchem die Kinder
+operirt werden. Die frühe Operation rettet immer eine Anzahl Kinder
+mehr. Da kann nun allerdings eingewendet werden, dass ein Theil
+dieser Kinder auch noch ohne Operation hätte durchkommen können, ein
+Einwand, welcher für den einzelnen Fall absolut nicht zu widerlegen
+ist. Operirt also ein Chirurg früh, so wird er im Durchschnitt mehr
+Kinder am Leben erhalten als der, welcher den Kehlschnitt als ultimum
+refugium ansieht. Doch ist dies nicht der einzige Grund, weshalb der
+einzelne Operateur bessere Resultate erzielt als der andere. Sehen wir
+hier von der grösseren oder geringeren technischen Befähigung bei der
+Operation selbst ab, so liegt der Schwerpunkt offenbar in der Methode
+der Nachbehandlung,<span class="pagenum" id="Page_131">[S. 131]</span> wenn bei gleichem Material der eine günstigere
+Resultate erzielt als der andere. Dass aber auch individuelle
+Differenzen des Operirten vorhanden sind, das ist unzweifelhaft. Ich
+brauche hier nur an ein absolut unleugbares Verhältniss zu erinnern,
+nämlich daran, dass die Prognose der Operation um so schlimmer wird,
+je junger das Kind, so dass Kinder unter einem Jahre nur in seltenen
+Ausnahmefällen durch die Tracheotomie am Leben erhalten bleiben.</p>
+
+<p>Eine sehr dankenswerthe Arbeit für die Würdigung der Tracheotomie hat
+Krönlein geliefert. Er berichtet nämlich über die Resultate, welche in
+Langenbeck’s Klinik bei der Behandlung von 567 diphtheritischen Kindern
+erzielt wurden. Im Allgemeinen bestätigt sie das, was wir in den
+vorhergehenden Zeilen angeführt haben, zum Theil erweitert sie unsere
+Kenntniss, indem sie eine Anzahl von Fragen auf statistischem Wege
+beantwortet.</p>
+
+<p>Die grösste Zahl der aufgenommenen Kinder befand sich im Alter von
+3–4 Jahren, nahm dann allmählich ab, so dass nach dem 16. Jahr fast
+keine Diphtheriekranke zum Zweck der Tracheotomie mehr aufgenommen
+wurden. Die Prognose der Krankheit war am schlechtesten in den ersten 2
+Lebensjahren. Es starben von diphtheritischen Kindern in diesem Alter
+89,4 pCt. Am geringsten war die Letalität der Krankheit im 7.-8. Jahr
+(44,4 pCt.)</p>
+
+<p>Bei 504 Kranken musste die Tracheotomie vorgenommen werden. Nach
+derselben starben 70,8 pCt. Selbst aus dem allerfrühesten Lebensalter
+(7. Monat) bis zum 2. Jahr wurde eine Anzahl von Kindern erhalten (11
+unter 85).“</p>
+
+<p>Ich schliesse hiermit die kritische Uebersicht über die
+<i>therapeutischen</i> Bestrebungen bei der Diphtherie und gehe noch
+kurz ein auf ihre Prophylaxis.</p>
+
+<p>War schon bezw. der Therapie das Ergebniss ein wenig erfreuliches, so
+ist es noch schlimmer bestellt <span class="pagenum" id="Page_132">[S. 132]</span>mit dem, was man in der <i>Verhütung</i>
+der Diphtherie erreicht hat. Man sollte glauben, dass eine Krankheit,
+die in allen Ländern gegenwärtig ungezählte Opfer in den Hütten der
+Armen und in den Palästen der Reichen in tückischer Weise dahinrafft,
+mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln auszurotten versucht würde.
+Nun ist es gar keine Frage, dass die <i>Möglichkeit</i> dazu vorhanden
+ist. Auch die hartnäckigsten Zweifler an der Lehre <i>Bretonneau</i>’s
+von der Entstehung der Diphtherie einzig und allein durch Uebertragung
+von kranken Individuen bezw. von deren Krankheitsprodukten auf
+Gesunde, sind schliesslich, wenn sie mehr Erfahrungen sammelten und
+vorurtheilsfrei die Sache betrachteten, überzeugte Anhänger derselben
+geworden.</p>
+
+<p>Um ein Beispiel für viele zu citiren, will ich bloss daran erinnern,
+dass <i>Gerhardt</i> im Jahre 1859 die Contagiosität für mindestens
+zweifelhaft hielt und erklärte, dass der Croup bezüglich seiner
+Verbreitungsweise streng an bestimmte Verhältnisse von Temperatur und
+Jahreszeit gebunden ist, dass ferner „die grössere Häufigkeit, ja
+Endemicität desselben in grösseren Städten, seine erwiesene Vorliebe
+für die unreinen und feuchten Wohnungen der Armen, besonders sofern
+eine grössere Anzahl von Kindern darin zusammengedrängt lebt“, sowie
+der Umstand, dass (nach <i>Guersant</i>) „im Hôpital des enfants sich
+die Zahl der innerhalb zu Stande kommenden Crouperkrankungen mit
+der verminderten Zahl der Betten und der besseren Lüftung der Säle
+beträchtlich verringerte“, „die Annahme einer <i>miasmatischen</i>
+Entstehung wahrscheinlich“ und die <i>Contagiosität</i>
+unwahrscheinlich machen.</p>
+
+<p><i>Gerhardt</i> kannte auch 1859 schon <i>Bretonneau</i>’s Argumente
+für die Contagiosität des Croup und führte selbst (l. c. S. 9) ein
+Beispiel an, welches ich anderweitig nicht citirt gefunden habe: Ein
+anticontagionistischer Arzt „von den Ufern des Weener Sees bettete
+<span class="pagenum" id="Page_133">[S. 133]</span>
+sein eigenes Kind zu einem Croupkranken, und sah es erkranken und
+bald sterben — ein Opfer seines Versuches, dem er bald aus Gram in’s
+Grab gefolgt sein soll.“ Indessen damals (1859) war <i>Gerhardt</i>
+der Meinung, (l. c. S. 10) dass viele und gewichtige Autoritäten die
+Contagiosität in Abrede stellen, „dass alltäglich vereinzelte Fälle
+beobachtet werden, von welchen Niemand weiss, woher sie eingeschleppt
+sein könnten, und die keine weiteren Erkrankungen trotz vielfacher
+Gelegenheit zur Uebertragung des Contagiums nach sich ziehen.“ Es
+sind das ganz dieselben Bedenken, welche auch gegenwärtig noch wieder
+bei der Entstehung der <i>Cholera</i> zu ernsten oder scherzhaften
+Bemerkungen hervorragenden Klinikern Veranlassung geben, wenn sie den
+Versuch für vergeblich erklären, herauszubekommen, woher wohl die
+Cholerakeime nach <i>Nietleben</i> gekommen sein mögen.</p>
+
+<p>Im Jahre 1883 dagegen, auf dem II. Congress für innere Medicin, ist
+<i>Gerhardt</i> zu der ganz bestimmten Anschauung gekommen, dass die
+Diphtherie eine contagiöse Krankheit sei. Er sagt daselbst (Verh. S.
+128) „Die Diphtherie ist ansteckend und zwar wenn man unterscheiden
+will zwischen ansteckend und ansteckend, so ist sie zunächst
+überimpfbar. Das hat nicht allein das Thierexperiment, das haben
+zahlreiche Verluste, die der ärztliche Stand erlitten hat, bewiesen,
+von <i>Valleix</i> und <i>Blache</i> bis zu <i>O. Weber</i> und <i>Carl
+Heine</i>, und wir kennen von vielen dieser traurigen Fälle die
+Geschichte so genau, dass die Ansteckung wohl kaum bezweifelt werden
+kann. Das Ueberimpfbarsein beweist ja noch nicht, dass sie ansteckend
+ist im gewöhnlichen Sinne. Die Intermittens ist auch überimpfbar aber
+gewiss nicht ansteckend. Ich habe Blut von einem Intermittenskranken
+einem Gesunden subcutan injicirt und nach 14 Tagen Incubation begannen
+Frostanfälle von gleichem Rhythmus. Nun, die Diphtherie ist ansteckend;
+<span class="pagenum" id="Page_134">[S. 134]</span>
+der Ansteckungsstoff ist in den Membranen selbst enthalten.“</p>
+
+<p>Was lag nun näher als die consequente Durchführung von Maassnahmen,
+die in der Familie, in den Gemeinden, im Staat und im internationalen
+Verkehr die Weiterverbreitung der Diphtherie durch die Ansteckung
+gesunder Menschen durch kranke auf jede Weise verhüten? Aber was sehen
+wir in Wirklichkeit geschehen?</p>
+
+<p>Selbst die Anfänge einer zweckmässigen Prophylaxis
+<i>staatlicherseits</i>, wie sie von <i>Bretonneau</i> für die
+<i>Diphtherie</i> erstrebt und von <i>R. Koch</i> gegenwärtig für die
+<i>Cholera</i> durchgeführt wird, fehlen noch im neu projectirten
+Seuchengesetz des deutschen Reiches; und was in Krankenhäusern
+und in der Familie geschieht, um die Uebertragung der Diphtherie
+von einem Individuum auf das andere und die Entstehung von
+Infectionsmöglichkeiten durch inficirte Kleider, Wäschegegenstände,
+Betten, Utensilien und Möbel jeder Art zu vermeiden, das lässt nur zu
+oft jedes Verständniss für die Bedingungen des Zustandekommens der
+Ansteckung vermissen. Hatten wir doch jüngst noch Gelegenheit, einen
+Kliniker in angesehener Versammlung von Medicinern davon reden zu
+hören, dass es in seinem Krankenhause so reinlich zugeht, dass eine
+diphtherische Infection daselbst unmöglich ist! Von einem ernsthaften
+Bestreben, einen allgemeinen Infectionsschutz gegenüber der Diphtherie
+zu erreichen, kann da bis jetzt noch nicht die Rede sein.</p>
+
+<p>Der Infectionsschutz aber für den <i>einzelnen</i> Menschen, wie er
+gegenwärtig empfohlen wird, lässt sich in die Worte zusammenfassen, die
+im 17. Jahrhundert <i>Carnevale</i> seiner Beschreibung der damals in
+Italien herrschenden Diphtherieepidemie voranstellte:</p>
+
+<p>„Cede cito, longinquus abi, serusque reverte.“</p>
+
+<p>Solange, wie noch mit Erfolg Discussionen ins grosse <span class="pagenum" id="Page_135">[S. 135]</span>Publikum getragen
+werden, die immer wieder die Specificität der Krankheitsursachen
+in Frage stellen, wird das wohl auch nicht anders werden, und
+wenn <i>Bretonneau</i> wieder auflebend <i>v. Pettenkofer</i> und
+<i>Hüppe</i> gelegentlich der gegenwärtig discutirten Abwehrmaassregeln
+gegenüber der Cholera an der Arbeit sähe, dann würde er schwerlich das
+geringe Verständniss für das, was Noth thut, als ein Zeichen bloss
+seiner Zeit erklären.</p>
+
+<p>Es kann keine Frage sein, dass Krankheiten wie die Syphilis, die
+Diphtherie, die Cholera <i>vermeidbare</i> Infectionen sind, und
+man mag noch so sehr darüber spötteln, dass der Verkehr sich nicht
+„<i>pilzdicht</i>“ gestalten lässt, — für denjenigen, der in
+zielbewusster experimenteller Arbeit erfahren ist, kann gar kein
+Zweifel darüber bestehen, dass wir in früherer oder späterer Zeit diese
+Krankheiten für das Menschengeschlecht ebenso ungefährlich machen
+werden, wie das für die <i>Pocken</i> schon jetzt geschehen ist.</p>
+
+<p>Allerdings werden wir zur Beurtheilung darüber, welche Mittel hierfür
+zu wählen sind, uns nicht auf die Statistik verlassen dürfen,
+weder wenn wir diese Mittel auffinden, noch wenn wir sie auf ihre
+Leistungsfähigkeit prüfen wollen.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_5_5" href="#FNanchor_5_5" class="label">[5]</a> Die Quecksilberinunctionen hat <i>Frerichs</i> specifisch
+wirksam gefunden, wie <i>Bartels</i> (Deutsches Archiv f. klin. Med.
+II. Bd. S. 367 bis 452) aus seiner Assistententhätigkeit bei demselben
+berichtet (1852); auch <i>Bohn</i> in Königsberg und <i>G. Lewin</i>
+rühmen eine energische Quecksilberbehandlung bei der Diphtherie.</p></div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_136">[S. 136]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="V">
+ V.
+ <br>
+ <b>Die wissenschaftlichen Voraussetzungen der Blutserumtherapie.</b>
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Es stände schlimm um die medicinische Kunst, wenn sie auf immer in der
+<i>therapeutischen Statistik</i> das einzige Mittel besitzen sollte, um
+zu neuen Heilmitteln zu gelangen.</p>
+
+<p>Wir wollen jetzt Anderes und Besseres, wir wollen in noch höherem
+Grade, als wie <i>Bretonneau</i> schon es sich zum Ziele setzte,
+<i>specifische</i> Mittel anwenden, die im <i>Experiment</i> constant
+und ausnahmslos unter gegebenen Bedingungen den diphtherischen
+Krankheitsprocess in eigenartiger Weise beeinflussen. Unsere
+specifischen Mittel müssen freilich <i>jeder</i> Kritik und so auch
+derjenigen, welche auf die Zählungsmethode begründet ist, Stand
+halten, wenn sie das leisten, was wir von ihnen erwarten; aber die
+therapeutische Statistik hat weder bei dem Auffinden dieser Mittel
+mitgewirkt, noch ist sie entscheidend für die Zuversicht, mit welcher
+wir darauf rechnen, dass sie uns in der Heilung und Verhütung der
+Diphtherie weiter bringen werden.</p>
+
+<p>Eine Geschichte über die Auffindung der specifischen Heilkörper für die
+Diphtherie zu schreiben, wird die Aufgabe späterer Zeiten sein.</p>
+
+<p>Ich möchte aber meine historisch-kritischen Untersuchungen über
+die Wandlungen, welche im Laufe der <span class="pagenum" id="Page_137">[S. 137]</span>Jahrhunderte die ärztlichen
+Anschauungen in Bezug auf die Diphtherie erfahren haben, doch nicht
+weiterführen, ohne wenigstens den Ideengang anzudeuten, der nach vielen
+Irrwegen mich schliesslich zur Entdeckung specifischer Heilkörper
+führte. Man wird auch hier die Verbindungsfäden wahrnehmen, welche die
+uns beschäftigenden Probleme mit denen früherer Zeiten auf’s engste
+verknüpfen.</p>
+
+<p>Naturforschenden Aerzten war von jeher bei ihrer Beobachtung des
+Verlaufes von Krankheiten die spontane Heilbarkeit derselben eines der
+schwierigsten Probleme.</p>
+
+<p>Am meisten musste dieses Problem bei kritisch endigenden Krankheiten
+sich dem medicinischen Denken aufdrängen.</p>
+
+<p>Eine Krankheit beispielsweise wie die Pneumonie, wenn sie den kräftigen
+gesunden Menschen befällt, von Tag zu Tag immer bedrohlicheren Umfang
+annimmt, immer mehr die normaler Weise ablaufenden Lebensfunctionen
+revolutionirt, sieht man von einem bestimmten Tage, ja von einer
+bestimmten Stunde an rückläufig werden; zu einer Zeit, wo die
+Perturbationen am heftigsten geworden sind und der Lebensfaden
+abzureissen scheint, nimmt Alles eine andere Wendung. Die heisse
+trockene Haut wird feucht, bedeckt sich mit Schweiss, die stürmische
+und mühsame Athmung wird ruhiger, die Delirien hören auf, es
+tritt Schlaf ein, und nach dem Erwachen sehen wir statt eines
+lebensgefährlich kranken einen genesenden Menschen vor uns; schwach
+zwar noch und wie von einem schweren Kampfe erschöpft, aber in nichts
+mehr erinnernd an den stürmisch aufgeregten und die beobachtende
+Umgebung aufregenden Zustand von vorher.</p>
+
+<p>Es ist, wie wir sagen, die Krisis eingetreten.</p>
+
+<p>Was ist es da, was diese wunderbare Wendung herbeigeführt hat?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_138">[S. 138]</span></p>
+
+<p>Gewohnt, überall, wo wir eine Wirkung sehen, auch eine Ursache
+vorauszusetzen, stehen wir hier vor einer ähnlichen Frage, wie wenn
+wir in einem stürmischen Gebirgsbach die herunter rollenden Wässer mit
+einem Male stillstehen und schliesslich sogar wieder zurückfliessen
+sehen würden.</p>
+
+<p>Unser Causalitätsbedürfniss zwingt uns, nach der Kraft zu forschen,
+die diesen Stillstand und die rückläufige Bewegung bewirkt hat, und
+so sehen wir in der That, wie die Aerzte von <i>Hippokrates</i>
+an in der Krisenlehre die Kräfte, welche in den fortschreitenden
+Krankheitsprocess eingreifen, zum Gegenstand ihrer tiefsinnigsten
+Studien gemacht haben.</p>
+
+<p>Ist nun im Laufe der Jahrtausende, während welcher die scharfsinnigsten
+Köpfe mit dem hier vorliegenden Problem sich beschäftigt haben,
+dasselbe gelöst oder auch nur der Lösung näher gebracht worden?</p>
+
+<p>Ich will gleich hier meine Meinung dahin abgeben, dass das nicht der
+Fall ist.</p>
+
+<p>Zwar sind eine grosse Menge von Begleiterscheinungen, die in näherer
+oder entfernterer Beziehung zur Beendigung ursprünglich progredienter
+Krankheitsprocesse stehen, aufs sorgfältigste analysirt worden; aber
+das Grundproblem, welches auf den vorurtheilsfreien Beobachter einen
+ähnlich verwunderlichen Eindruck macht, wie <i>Münchhausen</i>’s
+Erzählung, dass er sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpfe gezogen,
+dieses Grundproblem ist nach wie vor das gleiche Räthsel für uns
+geblieben.</p>
+
+<p>Wir sind jetzt in der Erkenntniss einiger Bedingungen für das
+Zustandekommen vieler Krankheitsprocesse mit exquisit progressivem
+Charakter weitergekommen, als unsere Altvorderen. Es ist der
+unanfechtbare Beweis geliefert worden, dass dieselben ausgelöst werden
+durch von aussen stammende materielle Ursachen; und durch <i>R.
+Koch</i>’s bahnbrechende Untersuchungen haben wir für <span class="pagenum" id="Page_139">[S. 139]</span>diejenigen
+Krankheiten, welche jetzt einer Infection zugeschrieben werden, diese
+materiellen Ursachen auf belebte Mikroorganismen zurückzuführen gelernt.</p>
+
+<p>Jenes Grundproblem, welches uns Aerzte beschäftigt, ist dadurch
+zunächst aber noch räthselhafter geworden.</p>
+
+<p>Wenn eine Krankheit durch lebende Mikroorganismen erzeugt und
+unterhalten wird, sei es direkt durch die parasitische Existenz
+derselben im Wirthsorganismus, sei es indirekt durch chemische Gifte,
+die von den Mikroorganismen erzeugt werden, wie sollen wir uns dann
+vorstellen, dass dem Leben der Parasiten, ihrer Vermehrung und der
+Giftproduction ein Ende gesetzt wird, ohne dass ein neues Kraftmoment
+eingreift? Der <i>progressive</i> Charakter der Infectionskrankheiten
+ist durch die Lehre von den belebten Krankheitsursachen in durchaus
+befriedigender Weise verständlich geworden; und ohne Weiteres verstehen
+wir es, wenn die Tendenz der Parasiten zur ungemessenen Vermehrung und
+Ausbreitung das Verderben und den Tod des Wirthsorganismus zur Folge
+hat.</p>
+
+<p>Wie aber ist es zu begreifen, dass dieser tödtliche Ausgang zuweilen
+ausbleibt; wie sollen wir die <i>Heilung</i> von einer schweren
+Infection erklären?</p>
+
+<p>Wenn im einzelnen Fall der behandelnde Arzt zu einer schweren
+Infection hinzugezogen wird und ein Medicament dem kranken Organismus
+einverleibt, dann können wir sagen, dass mit dem Medicament eine neue
+den Krankheitsprocess alterirende Kraft zur Wirkung gelangt.</p>
+
+<p>Wie aber, wenn ohne jeden äusseren Eingriff die Heilung eintritt?</p>
+
+<p>Die alten Aerzte wussten sich nicht anders zu helfen, als dass sie
+eine besondere Kraft im Innern des erkrankten Individuums annahmen;
+sie personificirten dieselbe gewissermaassen und waren nur darüber
+uneinig, ob sie solche eclatante Umstimmung eines Krankheitsprocesses,
+<span class="pagenum" id="Page_140">[S. 140]</span>
+wie wir sie bei der Pneumonie beobachten, der allgemeinen Lebenskraft
+oder einer besonderen Naturheilkraft zuschreiben sollten. Unter allen
+Umständen war es für sie kein Zweifel, dass etwas Metaphysisches hinter
+den Heilungsvorgängen stehe; auch da, wo offenbare Beeinflussung durch
+Medicamente zu constatiren war, fassten sie die medicamentöse Wirkung
+immer nur so auf, dass durch dieselbe die Thätigkeit der Naturheilkraft
+in andere Bahnen gelenkt wurde; immer aber war es diese geheimnissvolle
+<i>vitale</i> Kraft, welcher bei günstigem Ausgang die Genesung zu
+danken war. In unserer Zeit ist die Lebenskraft und die Naturheilkraft
+in Misscredit gekommen. Wir bemühen uns auf’s sorgfältigste bei unseren
+naturwissenschaftlichen Erklärungsversuchen, derartige metaphysische
+Kräfte auszuscheiden, und an Stelle derselben physische und mechanische
+zu setzen, die nicht willkürlich und capriciös in das Geschehen der
+Dinge eingreifen, sondern den allgemeinen Naturgesetzen folgen.</p>
+
+<p>Und so sind wir auch hier nicht auf dem Standpunkt stehen geblieben,
+dass wir die Heilung von parasitären Krankheiten einer nicht weiter
+zu untersuchenden Naturheilkraft zurechnen, sondern wir bemühen uns,
+in der scheinbaren Willkürlichkeit und Regellosigkeit ein Gesetz zu
+entdecken, dem Alles sich fügt.</p>
+
+<p>Aus diesem Bestreben sind die Untersuchungen hervorgegangen, welche
+nach <i>Pasteur</i>’s Vorgang dazu geführt haben, in einer solchen
+Weise gesunde Individuen vorzubehandeln, dass sie durch sonst tödtliche
+Infectionen nicht mehr gefährdet werden.</p>
+
+<p>Aus dem gleichen Bestreben sind die Untersuchungen entstanden, welche
+darauf gerichtet waren, den Mechanismus aufzudecken, dessen der lebende
+Organismus sich bedient, wenn er einer schon bestehenden Krankheit Herr
+wird.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_141">[S. 141]</span></p>
+
+<p>Zu dem Zweck wurden lebende und leblose Theile gesunder, kranker und
+geheilter Individuen daraufhin geprüft, ob etwa ganz regelmässige
+Unterschiede in ihren Eigenschaften den verschiedenen Zuständen, die
+zwischen Gesundheit, Krankheit und Heilung liegen, entsprechen.</p>
+
+<p>Es ist nun in der That, zunächst allerdings nur für einzelne
+Infectionen, ein solches Verhalten festgestellt worden, indem nämlich
+in den zellenfreien Körperflüssigkeiten ganz specifische Differenzen
+nachgewiesen wurden, je nachdem die Untersuchung eines und desselben
+Individuums <i>vor</i>, <i>während</i> und <i>nach</i> der Infection
+stattfand.</p>
+
+<p>Die specifischen Differenzen, welche im Verhalten der
+Körperflüssigkeiten eines Individuums in gesundem, krankem und
+geheiltem Zustande zu constatiren sind, bestehen in Folgendem:</p>
+
+<p>1. Die Körperflüssigkeiten des gesunden Individuums, wenn sie auf
+Individuen gleicher oder ähnlicher Art übertragen werden, sind an sich
+nicht im Stande, krankmachende Wirkungen hervorzurufen.</p>
+
+<p>2. Die Körperflüssigkeiten des kranken Individuums sind befähigt,
+die gleiche Krankheit auch auf andere Individuen zu übertragen, auch
+wenn die Anwesenheit lebender Krankheitserreger mit aller Sicherheit
+ausgeschlossen wird.</p>
+
+<p>3. Die Körperflüssigkeiten, insbesondere das Blut, des geheilten
+Individuums besitzen die Fähigkeit, andere gesunde Individuen so zu
+beeinflussen, dass sie auf die Infection nicht mehr mit Kranksein
+reagiren, dass sie dadurch also, wie wir sagen, „immun“ werden.
+Ebendasselbe Blut, nachdem es von allen körperlichen Elementen befreit
+ist, besitzt auch die Fähigkeit, Individuen nach der Infection mit den
+in Frage kommenden Infectionsstoffen zu heilen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_142">[S. 142]</span></p>
+
+<p>Es sind dies die <i>Endresultate</i> der Blutuntersuchungen, wie sie
+zuerst für die Diphtherie und dann für den Tetanus ausgeführt wurden.
+Man darf aber im einzelnen Fall nicht darauf rechnen, so ohne Weiteres
+den Nachweis jener im Princip ganz ausnahmslos bestehenden Beziehungen
+führen zu können.</p>
+
+<p>Im einzelnen Fall kann das Blut eines ganz gesunden Individuums durch
+Uebertragung auf ein anderes Krankheit und Tod desselben herbeiführen.
+Wir wissen, dass mit dem Blut aus der Luft und von unreinen
+Instrumenten krankheitserregende Agentien zur Wirkung gelangen können,
+dass die Bluttransfundirung als solche bei unzweckmässiger Ausführung
+Gefahren mit sich bringt; vor Allem aber ist es wichtig zu wissen,
+dass in das Blut eines ganz gesunden Individuums heterogene Stoffe
+von aussen hineingelangen können, welche zwar für dieses unschädlich
+sind, für andere Individuen aber krankheitserzeugend wirken können.
+All das hat aber mit unserem ersten Satz nichts Wesentliches zu thun,
+welcher nur den <i>specifischen</i> Unterschied im Verhalten des Blutes
+<i>vor</i> und <i>nach</i> der Infection zum Ausdruck bringen soll.</p>
+
+<p>Noch viel mehr Schwierigkeiten kann die Bestätigung des zweiten Satzes
+machen.</p>
+
+<p>Wenn wir erwägen, dass die Ursache einer krankmachenden Wirkung
+des von allen körperlichen Elementen befreiten Blutes nur in einem
+gelösten, also zweifellos chemisch wirksamen Agens, welches einer
+Reproduction nicht fähig ist, gesucht werden kann, dann ist es auf
+den ersten Blick gar nicht einmal so leicht, den Gedanken zu fassen,
+dass man mit Blutserum überhaupt die gleiche Krankheit auf ein
+anderes Individuum zu übertragen vermag. Chemisch wirksame Stoffe
+kann man quantitativ begrenzen und berechnen; bezeichnen wir nun
+beispielsweise diejenige Menge des diphtherieerzeugenden Giftes, welche
+ein Meerschwein <span class="pagenum" id="Page_143">[S. 143]</span>zu tödten im Stande ist, mit der Zahl 1, dann werden
+wir mit einem Bruchtheil der gesammten Blutmenge dieses Meerschweins
+offenbar auch nur einen Bruchtheil der den Tod herbeiführenden
+Giftmenge auf ein anderes übertragen können. Im günstigsten Fall
+wird durch eine solche Blutübertragung höchstens eine leichte
+Localerkrankung erzeugt werden, aber nicht eine tödtliche Vergiftung.</p>
+
+<p>Wenn wir nun doch tödtliche Diphtherievergiftungen mit dem Blutserum
+diphtherieverendeter Thiere zu Wege bringen können, dann kann das erst
+durch Ausnützung ganz besonderer Verhältnisse geschehen, welche durch
+weitere Studien aufgedeckt sind.</p>
+
+<p>Wir wissen, dass, auf das Körpergewicht eines Thieres berechnet, die
+tödtliche Minimaldosis an Diphtheriegift für verschiedene Thierarten
+verschieden ist.</p>
+
+<p>Für Ratten z.&#8239;B. ist sie viel grösser als für Meerschweinchen,
+und so kann es verständlich werden, dass man mit dem Blut einer
+diphtherievergifteten Ratte leichter bei Meerschweinen Diphtherie
+hervorzurufen vermag, als mit der gleichen Menge Blut von einem
+diphtheriekranken Meerschwein.</p>
+
+<p>Ebenso ist die tödtliche Minimaldosis für ein Meerschwein, das schon
+Diphtherieerkrankungen durchgemacht hat und dadurch immun wurde,
+grösser als 1. Daher kann man auch mit dem Blut solcher immuner
+Meerschweine, wenn sie durch eine intensivere Infection doch noch
+diphtheriekrank gemacht sind, zuweilen andere gesunde Meerschweine an
+Diphtherie sterben lassen. Man kann aus alledem erkennen, dass der
+Satz „mit bacterienfreiem Blutserum eines an einer Infectionskrankheit
+leidenden Individuums kann anderen Individuen die gleiche Krankheit
+übertragen werden“ nicht unrichtig zu sein braucht, wenn im einzelnen
+Fall es nicht gelingt, die Richtigkeit durch’s Experiment zu erweisen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_144">[S. 144]</span></p>
+
+<p>Vollends mühsam und auf fast unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten
+stossend, erwies sich Anfangs die Beweisführung für die beiden, in
+dem dritten Satz ausgesprochenen Principien, welche besagen, dass die
+Körperflüssigkeiten, in specie das Blutserum geheilter Individuen,
+andere Individuen gegen die gleiche Krankheit zu schützen und von
+derselben zu heilen vermag. Erst die Erkenntniss, dass die Production
+von Heilkörpern um so grösser ist, je intensiver der Krankheitsprocess
+war und weiterhin das Auffinden des merkwürdigen Verhaltens, dass
+durch öfteres Ueberstehen der gleichen Krankheit eine Anhäufung der
+Heilkörper zu Stande kommt, schaffte überhaupt die Möglichkeit, die
+Heilkörper durch’s Experiment nachzuweisen, und wenn Jemand der Meinung
+sein sollte, dass zum Nachweis der specifischen Heilwirkung bei einer
+Infectionskrankheit das Blut eines jeden Individuums, welches schon
+einmal diese Krankheit überstanden hat, genüge, dann würde er in der
+Mehrzahl der Fälle sich täuschen.</p>
+
+<p><i>Virtuell und qualitativ ist in der That bei jedem Individuum nach
+dem Ueberstehen einer Infectionskrankheit der specifische Heilkörper im
+Blute desselben vorhanden, ob er aber in solcher Menge darin enthalten
+ist, dass man mit grösseren oder kleineren Quantitäten solchen Blutes
+bei anderen Individuen die gleiche Krankheit heilen kann, das ist eine
+Frage, die mit jener Thatsache im Princip nichts zu thun hat.</i></p>
+
+<p>Wenn ich nun nach diesen Ausführungen die Untersuchung der oben
+aufgestellten Frage von Neuem aufnehme: „Was ist es, was in den
+Krankheitsprocess der Diphtherie, der Pneumonie und anderer
+Infectionskrankheiten eingriff, wenn derselbe zum Stillstand und zur
+Heilung gebracht wird?“ dann werden wir jetzt geneigt sein, für den
+Versuch der Beantwortung die Heilkörper chemischer Art im Blut zu
+berücksichtigen, die ja auch bei der <i>Pneumonie</i>, wie die Brüder
+<i>Klemperer</i> gezeigt <span class="pagenum" id="Page_145">[S. 145]</span>haben, mit dem Eintritt der Genesung im Blut
+nachweisbar sind; und dass diese Heilkörper in Wirklichkeit eine
+wesentliche Beziehung zur Spontanheilung haben, dass sie unter den
+Momenten, die dieselbe herbeiführen, ein integrirendes darstellen,
+darüber dürfte gegenwärtig wohl kaum noch irgendwo ein Zweifel sein,
+nachdem auch bei von der Cholera geheilten Menschen ihr Vorhandensein
+von allen Seiten bestätigt ist.</p>
+
+<p>Da müssen wir aber sofort weiter fragen, wo kommen diese Heilkörper
+her, in welchem Moment der beginnenden und fortschreitenden Krankheit
+stellen sie sich ein, und was ist es, was den lebenden Organismus
+veranlasst, diese Heilkörper das eine Mal in solcher Menge zu
+produciren, dass die Krankheit überwunden wird, das andere Mal nicht?</p>
+
+<p>Da stehen wir genau wieder auf demselben Fleck, wie unsere Vorfahren,
+und mir scheint, dass auch bei der Fortführung unserer Studien bis
+zur äussersten Grenze des menschlichen Könnens immer noch die Frage
+nach dem primum movens übrig bleiben, dass immer noch ein mechanisch
+unerklärbarer Rest speculativen Köpfen zu schaffen machen wird.</p>
+
+<p>In meiner Eigenschaft als Mediciner habe ich nicht geglaubt, der
+Neigung zu weiteren theoretischen Untersuchungen gar zu sehr nachgeben
+zu sollen. Vielmehr habe ich mich begnügt, den Mechanismus, dessen
+der lebende Organismus sich bedient, wenn er der Krankheit Herr wird,
+soweit zu verfolgen, dass die Bedingungen, unter welchen die Production
+der specifischen Heilkörper erfolgt, <i>experimentell</i> wiederholt
+werden konnten.</p>
+
+<p>Vor Allem aber habe ich dann versucht, die experimentellen Arbeiten
+bei Versuchsthieren so zu gestalten, dass die Ausbeute an Heilkörpern
+eine so grosse wird, um mit derselben auch für den <i>Menschen</i> die
+Blutserumtherapie brauchbar zu machen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_146">[S. 146]</span></p>
+
+<p>Das ist jetzt, wie ich glaube, für zwei Krankheiten der Fall, für den
+Tetanus und für die Diphtherie.</p>
+
+<p>Ich werde in dem experimentellen Theil, welcher dieser meiner
+geschichtlichen Darstellung folgen wird, über gelungene Immunisirung
+von 40 Schafen berichten, die ein Serum liefern, welches
+nachgewiesenermaassen für den Menschen ebenso unschädlich ist, wie das
+Tetanusheilserum, und dort Gelegenheit nehmen, über den gegenwärtigen
+Stand der Diphtherieheilungsfrage mich auszusprechen. In diesem
+geschichtlichen Ueberblick bleibt mir aber noch übrig, der Methoden,
+mit Hülfe deren zum Zweck der Gewinnung von Diphtherieheilserum Thiere
+gegenüber der Diphtherie immunisirt werden können, zu gedenken.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_147">[S. 147]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="VI">
+ VI.
+ <br>
+ <b>Aufzählung und Classificirung</b>
+ <br>
+ <span class="s5">der bisher bekannt gegebenen Methoden der
+ Diphtherie-Immunisirung.</span>
+ </h2>
+
+</div>
+
+<p>Die künstliche Immunisirung gegenüber der Diphtherie wurde im
+Hygienischen Institut des Geh. Raths <i>R. Koch</i> im Jahre 1890
+von Prof. <i>C. Fraenkel</i> und von mir in Angriff genommen und ist
+von mir dort auch zu Ende geführt worden, während <i>C. Fraenkel</i>
+seine Arbeit in <i>Königsberg</i> beendigte. Wir gingen von ganz
+verschiedenen Gesichtspunkten aus. Während <i>C. Fraenkel</i> gleich
+von vornherein sein Augenmerk auf die Immunisirung mit Hülfe von
+Diphtherieculturen und den Stoffwechselproducten der Diphtheriebacillen
+richtete, ergab sich mir diese Art der Immunisirung erst als
+Resultat von Versuchen, die ursprünglich auf die <i>Heilung</i>
+der Diphtherie mit <i>Chemikalien</i> gerichtet waren. In meiner
+ersten Diphtheriearbeit sagte ich darüber Folgendes (Deutsche med.
+Wochenschrift 1890 No. 50): „Eine bis jetzt wohl noch nicht benutzte
+Immunisirungsmethode ... <i>besteht darin, dass man die Thiere
+zuerst inficirt und dann die deletäre Wirkung der Infection durch
+therapeutische Behandlung aufhebt</i>. Es erinnert diese Methode
+einigermaassen an das Zustandekommen der Immunität nach dem Ueberstehen
+mancher Infectionskrankheiten des Menschen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_148">[S. 148]</span></p>
+
+<p>Die in einer später mitzutheilenden, gemeinschaftlich mit Herrn Hofarzt
+Dr. <i>Boer</i> ausgeführten Arbeit erzielten Versuchsresultate bei
+ca. 30 Mitteln beweisen, dass es nicht leicht ist, diphtherieinficirte
+Thiere zu heilen. Sehr vorzügliche Desinficientien, wie das
+Silbernitrat und das Quecksilber in seinen verschiedenen Verbindungen,
+das Goldkaliumcyanid u.&#8239;s.&#8239;w. lassen da vollkommen im Stich. Aber
+es giebt einige wenige Desinfectionsmittel, welche Meerschweinchen,
+die nach subcutan erfolgter Infection alsbald in Behandlung genommen
+werden, zu heilen vermögen. So besitzt Dr. <i>Boer</i> vereinzelte
+Meerschweinchen, die durch <i>Goldnatriumchlorid</i>, durch
+Naphtylamin, durch Trichloressigsäure, Carbolsäure geheilt sind.</p>
+
+<p>Obenan in der Leistungsfähigkeit steht aber das Jodtrichlorid. Von
+acht Meerschweinchen, die ich mit 0,3 ccm Cultur subcutan inficirte,
+starben zwei nicht behandelte Thiere nach 24 Stunden. Vier Thiere,
+welchen sofort nach der Infection 2 ccm einer Jodtrichloridlösung (zwei
+kleinere erhielten 1%ige, zwei grössere 2%ige Lösung) an die Stelle der
+Infection subcutan eingespritzt wurden, blieben sämmtlich am Leben; bei
+zwei Thieren wurde die Behandlung erst nach sechs Stunden begonnen;
+eins derselben starb nach vier Tagen, das andere blieb am Leben;
+bei allen Thieren wurde an den drei nächstfolgenden Tagen eine neue
+Jodtrichlorideinspritzung gemacht. Ueber sechs Stunden hinaus nach der
+Infection habe ich bei Meerschweinchen einigermaassen sichere Resultate
+nicht mehr bekommen, auch dann nicht, wenn die Thiere so schwach
+geimpft wurden, dass dabei normale Thiere erst nach vier Tagen starben.</p>
+
+<p>Die überlebenden Meerschweinchen sind lange Zeit krank; ihre
+Heilung wird eingeleitet durch eine demarkirende Entzündung an der
+Injectionsstelle; später bildet sich ein trockener Schorf, der immer
+weniger festsitzend <span class="pagenum" id="Page_149">[S. 149]</span>wird, bis man ihn schliesslich abheben kann;
+<i>unter diesem Schorf sind noch nach drei Wochen lebende und virulente
+Diphtheriebacillen nachweisbar gewesen</i>.</p>
+
+<p>Inficirt man nun solche Thiere, bei denen zwar das Allgemeinbefinden
+schon ganz gut geworden ist, bei denen aber noch eine offene
+Geschwürsfläche besteht, so zeigen sie eine erheblich grössere
+Widerstandsfähigkeit gegen die Infection als normale; jedoch erst
+nach vollkommener Verheilung und Narbenbildung habe ich mehrere
+jodtrichloridgeheilte Thiere, und hat Dr. <i>Boer</i> ein mit
+Goldnatriumchlorid geheiltes soweit immun gefunden, dass diese
+Meerschweinchen vollvirulente Diphtherieimpfung vertrugen, an der die
+Controllthiere in 36 Stunden starben.</p>
+
+<p>Ich will noch beiläufig erwähnen, dass man mit dem Jodtrichlorid
+bessere Heilerfolge bei Kaninchen erzielen kann. Diese Thiere können
+geheilt werden, ohne dass sie einen Aetzschorf bekommen, und es gelingt
+noch nach 24 Stunden eine erfolgreiche Behandlung, wenn die Infection
+etwa so stark war, dass Controllkaninchen in vier Tagen starben. Ueber
+die etwa eintretende Immunität der geheilten Kaninchen bin ich bis
+jetzt noch nicht in der Lage, etwas aussagen zu können.</p>
+
+<p>„<i>Ich benutze diese Gelegenheit, um dem Irrthum vorzubeugen, als
+ob wir in dem Jodtrichlorid, welches bei Thieren so respectable
+therapeutische Wirkungen hervorzurufen im Stande ist, nun auch ein
+Diphtherieheilmittel für den Menschen besässen. Abgesehen von der
+starken Aetzwirkung dieses Mittels, und abgesehen davon, dass ich über
+die Heilungsmöglichkeit solcher Thiere, die von dem Larynx oder der
+Trachea aus inficirt worden sind, nur wenig Erfahrungen habe, bin ich
+durch besondere, vorsichtig an diphtheriekranken Kindern angestellte
+Versuche zur forcirteren Anwendung des Jodtrichlorids nicht sehr
+ermuthigt worden, und ich betone, dass ich <span class="pagenum" id="Page_150">[S. 150]</span>für den Menschen kein
+Diphtherieheilmittel habe, sondern erst danach suche.</i>“</p>
+
+<p>Die im Vorstehenden geschilderten Erfahrungen sind für mich der
+Ausgangspunkt geworden für die Aufsuchung einer Methode, durch
+deren Anwendung schnell und sicher hohe Diphtherie-Immunitätsgrade
+erreicht werden können. Meine diesbezüglichen Versuche sind bis in die
+jüngste Zeit fortgesetzt worden; sie haben schon jetzt ein Resultat
+ergeben, welches die kühnsten, ursprünglich gehegten Erwartungen
+weit übertrifft, ohne dass ich deswegen glaube, an der Grenze der
+Verbesserungsfähigkeit meiner jetzt bevorzugten „<i>combinirten
+Immunisirungsmethode</i>“ angekommen zu sein. Worauf es mir <i>hier</i>
+ankommt, ist jedoch nicht sowohl die Beschreibung des am meisten
+zweckmässigen Immunisirungsverfahrens, als vielmehr die Aufzählung der
+einzelnen bis jetzt bekannt gegebenen Methoden.</p>
+
+<p>Die ersten Mittheilungen über gelungene Diphtherie-Immunisirung bei
+Thieren sind, nach vorhergehender Besprechung und Verständigung
+zwischen Professor <i>C. Fraenkel</i> und <i>mir</i>, zwar an
+verschiedenen Stellen, jedoch zu gleicher Zeit erfolgt.</p>
+
+<p>Die diesbezügliche Mittheilung von <i>C. Fraenkel</i> ist aus dem
+Laboratorium desselben in Königsberg in der Berliner klinischen
+Wochenschrift No. 49 vom 3. December 1890 publicirt unter der
+Ueberschrift „Immunisirungsversuche bei Diphtherie“.</p>
+
+<p>Meine eigene erste Mittheilung findet sich in der Arbeit „Ueber das
+Zustandekommen der Diphtherie-Immunität und der Tetanus-Immunität von
+Thieren“ von <i>Behring</i> und <i>Kitasato</i>, publicirt in No. 49
+der deutschen medicinischen Wochenschrift vom 4. December 1890.</p>
+
+<p>Die zeitliche Differenz der Publication wurde durch den Umstand
+bedingt, dass die deutsche medicinische Wochenschrift am Donnerstag
+jeder Woche, die Berliner klinische nominell am Montag, de facto
+aber am <span class="pagenum" id="Page_151">[S. 151]</span>Sonnabend ausgegeben wird; das ist einigermaassen dadurch
+auszugleichen gesucht worden, dass ausnahmsweise zwischen die No.
+49 und No. 51 der Berl. klin. Wochenschrift eine Zwischennummer
+eingeschoben wurde; diese (No. 50) wurde am Mittwoch, also sogar schon
+einen Tag früher, ausgegeben als die No. 49 der Deutsch, medicin.
+Wochenschrift, und so lässt sich denn die Thatsache nicht aus der Welt
+schaffen, dass <i>C. Fraenkel</i>’s Publication eine Priorität von
+<i>einem</i> Tage besitzt. In Wirklichkeit hat uns, den <i>Autoren</i>,
+ein Prioritätsstreit so fern gelegen, dass wir monatelang vor der
+Publication uns gegenseitig über unsere Arbeiten orientirten, wie ich
+denn auch in der Lage war, in meiner eigenen Diphtheriearbeit schon die
+<i>Fraenkel</i>’sche Immunisirungsmethode als eine „sehr zuverlässige“,
+auf Grund <i>eigener</i> Versuche, zu bezeichnen. Andererseits sind
+auch die von mir angegebenen vier Diphtherie-Immunisirungsmethoden in
+<i>C. Fraenkel</i>’s Laboratorium in <i>Königsberg</i> nachgeprüft
+worden; die Publication der Resultate dieser Nachprüfung erfolgte
+freilich erst zu einer Zeit (durch <i>Zimmer</i>), als durch die
+Mittheilung wesentlich erweiterter Erfahrungen „Ueber Immunisirung und
+Heilung von Versuchsthieren bei Diphtherie“ (von <i>Wernicke</i> und
+<i>mir</i>, Zeitschrift für Hygiene und Infectionskrankheiten 1892 Bd.
+XI.) die <i>actuelle</i> Bedeutung meiner ersten Veröffentlichungen
+sehr verringert war.</p>
+
+<p>Zur Klarlegung des Antheils, welchen verschiedene Autoren an der
+Diphtherie-Immunisirung haben, bedarf es noch einiger weiterer
+Bemerkungen. Aus dem Umstande, dass meine erste diesbezügliche
+Mittheilung in einer gemeinschaftlich mit <i>Kitasato</i>
+veröffentlichten Arbeit enthalten war, haben weniger aufmerksame Leser
+deducirt, dass auch <i>Kitasato</i> an den Untersuchungen über die
+Diphtherie-Immunisirung betheiligt gewesen sei. Das ist nicht der
+Fall. In unserer gemeinschaftlichen Arbeit ist expressis verbis darauf
+aufmerksam <span class="pagenum" id="Page_152">[S. 152]</span>gemacht worden, dass die Diphtherieuntersuchungen von mir
+allein ausgeführt worden sind, und dass unsere gemeinschaftlichen
+Experimente nur die Anwendung meiner bei der Diphtherie gesammelten
+Erfahrungen auf den <i>Tetanus der Kaninchen</i> betreffen. <i>Die
+Immunisirung gegenüber dem Tetanus der Kaninchen ist von mir und
+Kitasato gemeinschaftlich, die Immunisirung gegenüber der Diphtherie
+aber von mir allein gefunden worden, und zwar vor dem Beginn der
+Tetanus-Immunisirungsversuche.</i></p>
+
+<p>Bisher war nur von der gelungenen Diphtherie-Immunisirung <i>im
+Allgemeinen</i> die Rede ohne Rücksicht auf die Auffindung der
+<i>einzelnen</i> Immunisirungsmethoden.</p>
+
+<p>Es sind das folgende:</p>
+
+<p>1. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen mit Diphtheriebouilloncultur,
+welche durch Einwirkung höherer Temperatur sterilisirt ist.</p>
+
+<p>2. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen mit jodtrichloridbehandelten
+Diphtheriebouillonculturen.</p>
+
+<p>3. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen mit Körpersäften
+diphtheriekranker und diphtherieverendeter Thiere.</p>
+
+<p>4. Die Heilung diphtherieinficirter Meerschweinchen durch
+Localbehandlung mittelst verschiedener chemischer Agentien.</p>
+
+<p>5. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen und Kaninchen mit
+Wasserstoffsuperoxyd.</p>
+
+<p>6. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen mittelst einer combinirten
+Methode zum Zweck der Erreichung hoher Immunitätsgrade, bei welcher
+zuerst die Behandlung mit <i>abgeschwächten</i> Culturen und hinterher
+mit allmählich gesteigerten virulenten Culturen, bezw. mit nicht
+abgeschwächtem Diphtheriegift vorgenommen wird.</p>
+
+<p>7. Die Vorbehandlung von <i>Kaninchen</i> durch subcutane Impfung mit
+einem erhitzten diphtheriegifthaltigen Kalkniederschlag.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_153">[S. 153]</span></p>
+
+<p>8. Die Vorbehandlung von <i>Hunden</i> mit steigenden Dosen eines
+nicht abgeschwächten Diphtheriegiftes und mit nicht abgeschwächten
+Diphtheriebouillonculturen.</p>
+
+<p>9. Die Fütterung von Meerschweinchen, Kaninchen und Hunden mit
+Diphtheriegift.</p>
+
+<p>Von diesen Methoden ist die erste auf <i>C. Fraenkel</i>, die vier
+folgenden sind auf mich zurückzuführen.</p>
+
+<p>Bei der sub 4. genannten Methode hat Sanitätsrath <i>Boer</i>
+mitgewirkt; bei der sub 5. zum Theil (soweit es sich um Kaninchen
+handelte) Stabsarzt <i>Lübbert</i> (jetzt in Dresden).</p>
+
+<p>Die sub 6., 7. und 9. genannten Methoden sind in gemeinschaftlich
+von Stabsarzt <i>Wernicke</i> und mir ausgeführten Arbeiten gefunden
+worden; die sub 8. von <i>Wernicke</i> allein, und unabhängig von ihm
+auch von Dr. <i>Aronson</i>.</p>
+
+<p>Die diesbezüglichen Mittheilungen sind erfolgt für die Methoden sub
+2. bis 5. in meiner Arbeit „Untersuchungen über das Zustandekommen der
+Diphtherie-Immunität bei Thieren“ Deutsche med. Wochenschrift 1890
+No. 50; für die Methode sub 6. in einem auf dem VII. internationalen
+Congress in London vorgelesenen Vortrag „Ueber Desinfection am
+lebenden Organismus“ (im August 1891), für die Methode sub 7. und
+zum Theil der sub 9. in der Arbeit: „Ueber Immunisirung und Heilung
+von Versuchsthieren bei der Diphtherie“ von <i>Behring</i> und
+<i>Wernicke</i> (im Februar 1892; in dieser Arbeit ist auch die
+Anwendung der Methode sub 7. auf <i>Schafe</i> mitgetheilt worden);
+die Methode sub 8. hat <i>Wernicke</i> am 19. December 1892 im Verein
+für öffentliche Gesundheitspflege beschrieben und dabei ausserdem auch
+die Verfütterung eines diphtherieverendeten Schafes an <i>Hunde</i>
+erwähnt; <i>Aronson</i> brachte in der Sitzung vom 21. December 1892
+der medicinischen Gesellschaft, also 2 Tage später als <i>Wernicke</i>,
+seine Mittheilung.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_154">[S. 154]</span></p>
+
+<p>Es ist dann noch zu Beginn des Jahres 1892 eine
+Diphtherie-Immunisirungsmethode von <i>Brieger</i>, <i>Kitasato</i>
+und <i>Wassermann</i> angegeben worden, welche mit Hülfe von
+Thymusdrüsenextract den Immunisirungsvorgang erleichtern sollte, indem
+Diphtheriebouillonculturen, welche mit solchem Extract behandelt waren,
+zur Vorbehandlung von <i>Meerschweinchen</i> benutzt wurden. Indessen
+diese Behandlungsweise kann auf den Namen einer selbstständigen Methode
+nicht Anspruch machen, da die Culturen von jenen Autoren, ebenso wie
+von <i>C. Fraenkel</i>, erhitzt wurden; immerhin würde das Verfahren
+derselben noch in dem Falle als besondere Methode aufgeführt werden
+können, wenn die Voraussetzung und Behauptung stichhaltig wäre, dass
+das Thymusdrüsenextract vermöge einer antitoxischen Wirkung das
+Diphtheriegift zu verändern im Stande sei. Diese Voraussetzung hat sich
+aber als irrig erwiesen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Untersuchen wir nunmehr, inwieweit durch die oben aufgezählten
+Immunisirungsmethoden nicht bloss für die <i>Diphtherie</i>,
+sondern für die Immunisirung gegenüber den Infektionskrankheiten
+überhaupt etwas Neues hinzugekommen ist, dann finden wir, dass zwar
+jede derselben ihre Besonderheiten hat, dass aber mit Ausnahme der
+Wasserstoffsuperoxydmethode bei allen das immunisirende Princip
+sich an die in Frankreich von <i>Pasteur</i> bei der Hühnercholera
+und beim Milzbrand entdeckte, und dann von seinen Schülern und
+Nachfolgern beim Rauschbrand, bei der Pyocyaneus-Erkrankung und
+anderen Krankheiten weiter ausgebildete Vaccinationsmethode
+anschliesst, während andererseits bekanntlich die <i>Pasteur</i>’sche
+Methode auf <i>Jenner</i>’s Schutzpockenimpfung fusst, und diese
+wieder zurückzuführen ist auf Beobachtungen von der Schutzwirkung
+des Ueberstehens der Pocken nach Spontanerkrankung und von der
+Schutzwirkung der willkürlichen Pockenerzeugung durch den <span class="pagenum" id="Page_155">[S. 155]</span>Contact
+gesunder Menschen mit Pockenkranken, wovon Lady <i>Montague</i> im
+Anfang der 40ger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Kunde aus China
+nach West-Europa brachte.</p>
+
+<p>Dass nicht bloss die Uebertragung <i>lebender</i> Keime die
+Schutzwirkung ausüben könne, wie <i>Pasteur</i> anfänglich annahm,
+sondern auch die von lebenden Krankheitserregern befreiten specifischen
+Krankheits<i>gifte</i>, hatte zuerst wohl <i>Toussaint</i> in einem
+am 12. Juli 1880 der französischen Akademie übergebenen und am
+2. August desselben Jahres geöffneten „pli cacheté“ thatsächlich
+angegeben, indem er dort das Gelingen der Milzbrandimmunisirung durch
+erhitztes Milzbrandblut mittheilte. Als jedoch die Immunisirung
+gegen Milzbrand durch Anwendung <i>lebender</i> Culturen, nachdem
+dieselben durch höhere Temperaturen <i>abgeschwächt</i> sind,
+Seitens <i>Pasteur</i>, <i>Chamberland</i> und <i>Roux</i> (am 28.
+Februar 1880) ihre epochemachende Bedeutung documentirt hatte, gab
+<i>Toussaint</i> seine Hypothese von der vaccinirenden Wirkung durch
+ein <i>chemisch</i> wirksames Agens wieder auf, und der alleinige
+Vertreter dieser Idee blieb nunmehr <i>Chauveau</i>, welcher der
+französischen Akademie am 19. Juli 1880 bekannt gegeben hatte, dass die
+Föten von milzbrandvaccinirten Mutterschafen, wenn sie nach der Geburt
+heranwuchsen und dann versuchsweise geimpft wurden, einen gewissen
+Grad von Milzbrandimmunität erkennen liessen. <i>Chauveau</i> hatte
+daraus den ganz richtigen Schluss gezogen, dass hier das immunisirende
+Princip ein chemischer löslicher Körper sein müsse, der aus dem Blute
+des mütterlichen Organismus in den fötalen Kreislauf übergetreten
+sei. Auf Grund unserer gegenwärtigen Kenntnisse kann freilich der
+weitergehende Schluss <i>Chauveau</i>’s, dass dieses chemische Agens
+von den Milzbrandbakterien producirt werde, nicht als einwandsfrei
+bewiesen betrachtet werden; es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass
+es sich hier nicht um die immunisirende <span class="pagenum" id="Page_156">[S. 156]</span>Wirkung eines supponirten
+Milzbrandgiftes handelt, sondern um die Wirkung von direkten
+Heilkörpern des mütterlichen Organismus. Der einwandsfreie Beweis einer
+„vaccination chimique“ ist erst 6 Jahre später durch <i>Salmon</i>
+und <i>Smith</i> im September 1887 und durch <i>Charrin</i> in einer
+Mittheilung vom 24. October 1887 geliefert worden. Die beiden ersteren
+hatten Tauben, wie <i>Bouchard</i> S. 50 seines Buches „Les microbes
+pathogènes“ (Paris 1892) berichtet, „avec les produits solubles du
+choléra des porcs“ immunisirt; und <i>Charrin</i> hatte ähnliches für
+die Pyocyaneus-Erkrankung der Kaninchen bewiesen. In einem Briefe
+<i>Pasteur</i>’s an <i>Duclaux</i> vom 25. Januar 1887 (veröffentlicht
+in <i>Pasteur</i>’s Annalen) war jedoch auf die Thatsächlichkeit
+und Wichtigkeit der „vaccination chimique“ schon vorher hingewiesen
+worden auf Grund von theils experimentellen Beobachtungen, theils
+theoretischen Erwägungen.</p>
+
+<p>Die Methoden sub 1, 2, 4, 6, 7 und 8 sind ihrem Princip also bis
+in das Jahr 1887 und dann weiter bis 1880 und schliesslich bis zu
+<i>Jenner</i> und bis zu dem Pockenschutz der Chinesen in alten
+Zeiten zurückzuverfolgen, und gegenwärtig mag es einigermaassen
+unverständlich sein, wie seinerzeit die gelungene Immunisirung von
+diphtherieempfänglichen Thieren als die Lösung eines sehr schwierigen
+Problems gelten konnte, da ja doch die Idee der Immunisirung eine
+schon längst bekannte sei und da es auf so viele Arten gelinge, zum
+Ziele zu kommen. Demgegenüber ist es vielleicht nicht unnöthig,
+daran zu erinnern, dass die Mehrzahl der Aerzte und Bakteriologen
+beim Beginn der Versuche von <i>C. Fraenkel</i> und von mir der
+Meinung war, dass die Diphtherie eine Krankheit sei, bei welcher eine
+Immunisirung überhaupt nicht gelingen <i>könne</i>. Es wurde da das
+schon gegenüber <i>Pasteur</i>’s Milzbrandimpfungen von <i>Löffler</i>
+benutzte Argument (I. Band der Mitth. aus dem Reichsgesundheits-Amt)
+in’s Feld geführt, dass <span class="pagenum" id="Page_157">[S. 157]</span>eine Krankheit, deren einmaliges Ueberstehen
+keinen Schutz gegen eine Neuerkrankung gewähre (und als solch’ eine
+Krankheit wurde die Diphtherie ebenso wie früher der Milzbrand
+angesehen) keine Aussicht biete, dass man bei ihr, wie bei den Pocken,
+durch Einimpfung der Krankheitsprodukte eine Schutzwirkung erreichen
+könne. Jetzt ist freilich von solchen apriorischen Argumenten nicht
+mehr die Rede; jetzt hält man selbst eine Immunisirung gegenüber den
+Streptokokkenkrankheiten nicht mehr für unmöglich. Aber dabei wird
+dann wieder leicht die Schwierigkeit des Auffindens von geeigneten
+Immunisirungs<i>methoden</i> gegenüber solchen Krankheiten übersehen,
+die nicht erfahrungsgemäss, jedes Mal, nachdem sie überstanden sind,
+einen Infectionsschutz hinterlassen.</p>
+
+<p>In der That kann man es <i>heute</i> noch als ein Zeichen sehr
+guter Schulung ansehen, wenn unter Benutzung der schon bekannten
+Immunisirungsmethoden Jemand ohne erhebliche Verluste eine grössere
+Zahl von <i>Meerschweinchen</i> bis zu einem nennenswerthen Grade der
+Diphtherieimmunität zu bringen vermag.</p>
+
+<p>Die <i>Möglichkeit</i> der Diphtherieimmunisirung war übrigens schon
+durch <i>Löffler</i> bewiesen.</p>
+
+<p>In dem Bericht „Ueber den gegenwärtigen Stand nach der Frage der
+Diphtherie“, (Dtsch. med. Wochenschrift 1890 No. 5 u. 6) findet sich
+folgende Notiz darüber: „Ein schwarzweisses Meerschweinchen wurde am
+30. Mai 1888 mit einer vom 14.-29. Mai auf Agar gewachsenen Cultur der
+Stäbchen geimpft. Das Thier wurde schwerkrank, es entwickelte sich eine
+ausgedehnte Hautnekrose. Als der grosse Defekt der Haut verheilt war,
+was etwa 4–5 Wochen nach der Impfung der Fall gewesen war, impfte ich
+das Thier mit einer frischen Blutserumcultur. Es entwickelte sich nur
+eine lokale Schwellung, wenige Tage später aber fand ich eines Morgens
+das Meerschweinchen in folgendem Zustande. <span class="pagenum" id="Page_158">[S. 158]</span>Die Haare waren struppig,
+das Thier sehr mager, die Athmung mühsam. Das hintere Körperende lag
+glatt auf dem Boden, nur mühsam vermochte das Thier bei Anreizungen
+zu Bewegungen diesen Körpertheil mit Hilfe der Rumpfmuskulatur
+nachzuschleppen. Es bestand eine ausgesprochene Lähmung der hinteren
+Körperhälfte. Dabei frass das Thier vorgehaltene Kohlblätter mit
+Begier. Ich glaubte nicht, dass das Meerschweinchen diesen Zustand
+überleben würde. Im Verlauf der nächsten 14 Tage indes besserten sich
+die Erscheinungen. Das Haar wurde glatter, die Parese nahm ab, die
+Respiration wurde freier, und nach etwa 3 Wochen war das Thier als
+geheilt zu betrachten. Es ist noch jetzt in meinem Besitz. Seit jener
+Zeit ist es mehrere Male mit Bacillenculturen geimpft worden, hat die
+Impfungen aber überstanden ohne erhebliche locale Reaction.“</p>
+
+<p>Ganz ähnliche Beobachtungen habe ich selbst im Laufe der beiden letzten
+Jahre mehrfach gemacht, und es ist gegenwärtig gar kein Zweifel mehr,
+dass man durch die von <i>Löffler</i> berichtete Behandlungsweise
+gleichfalls immune Meerschweinchen sich verschaffen kann. Wollte man
+dieselbe methodisch verwerthen, und als Methode classificiren, so würde
+sie ihre geeignetste Stelle neben der von mir sub 4 angeführten finden,
+die ja gleichfalls von diphtherieinficirten Thieren ausgeht, bei der
+aber der Heilungsvorgang durch eine Nachbehandlung mit Jodtrichlorid
+in höherem Grade sichergestellt wird, als wenn man denselben ganz der
+Natur überlässt.</p>
+
+<p>Die sub 5 aufgeführte Immunisirung mit Wasserstoffsuperoxyd hat kaum
+bisher ein Analogen; je mehr die Immunitätsstudien vertieft werden, um
+so mehr gewöhnen wir uns an die Annahme einer derartigen Specificität
+der Immunisirungsmittel, dass dieselben in irgend einem directen oder
+indirecten Zusammenhang <span class="pagenum" id="Page_159">[S. 159]</span>stehen mit dem Krankheitserreger selbst, gegen
+welchen man immunisiren will, oder mit seinen Stoffwechselproducten.
+Es sind ja Bedingungen bekannt, die bis zu einem gewissen Grade
+die Widerstandsfähigkeit gegenüber verschiedenen Infectionen
+dadurch beeinflussen, dass sie auf den allgemeinen Ernährungs- und
+Gesundheitszustand einwirken; wir wissen namentlich auch, dass das
+Aelter- und Grösserwerden der Individuen nicht gleichgiltig für die
+Empfänglichkeit ist; aber eine so sehr der specifischen Immunisirung
+gleichende Wirkung, wie die des Wasserstoffsuperoxyds gegenüber der
+Diphtherie der Meerschweinchen, habe ich bei keiner Krankheit und durch
+keine Beeinflussung bisher gefunden, ausgenommen vielleicht noch durch
+das Goldnatriumchlorid auch gegenüber der Diphtherie.</p>
+
+<p>Was die Besonderheit der Methode sub 3 betrifft, welche darin
+besteht, dass bacterienfreie diphtheriegifthaltige Körperflüssigkeiten
+eine Immunisirung zu Stande bringen können, so ist auch das Princip
+<i>dieser</i> Methode nicht neu. An sich macht es ja überhaupt
+keinen <i>principiellen</i> Unterschied aus, ob die chemisch
+vaccinirenden Bacterienprodukte sich in einer bacterienfrei gemachten
+Culturflüssigkeit oder — nach ihrer Isolirung — wieder aufgelöst im
+Wasser befinden, oder ob sie im Urin oder im Blut oder in Exsudaten
+gelöst zur Wirkung kommen; ihr naheliegendes Analogon findet
+diese Methode in der Immunisirung gegen die Pyoceanuskrankheit,
+welche <i>Bouchard</i> und seine Schüler erzielten, als sie den
+pyoceanusgifthaltigen Urin von Kaninchen dazu benutzten (Mittheilung
+vom 4. Juni 1884); das ist ohne Weiteres verständlich. Entgangen
+ist es aber den meisten Autoren, die über die Entwicklung der
+Immunisirungslehre nachgedacht haben, dass auch die Versuche von
+<i>Héricourt</i> und <i>Richet</i> hierher gehören, in welchen
+eine Immunisirung gegenüber dem „staphylococcus pyosepticus“ bei
+Kaninchen mit dem <i>Blute</i> solcher <span class="pagenum" id="Page_160">[S. 160]</span>Hunde erreicht wurde, denen
+vorher eine Cultur eben desselben Staphylococcus eingespritzt worden
+war, und welche eine darauf erfolgende Erkrankung überstanden. Die
+Hierhergehörigkeit dieses Versuchsresultates ist wohl nur deswegen
+übersehen worden, weil in der Benutzung von Blut für die Immunisirung
+eine äussere Aehnlichkeit mit der immunisirenden Wirkung eines aus
+dem Blute immunisirter Thiere gewonnenen Heilserums besteht. Aber
+abgesehen davon, dass <i>Héricourt</i> und <i>Richet</i> selber,
+sowie auch andere französische Autoren, z.&#8239;B. <i>Bouchard</i>, diesen
+Immunisirungseffect ganz richtig als „vaccination“ bezeichneten, bedarf
+es nur einer Nachuntersuchung, um sich davon zu überzeugen, dass man
+auf die Art, wie <i>Héricourt</i> und <i>Richet</i> es machten, nämlich
+bei einmaliger Staphylokokkeninfection, nie zu einem <i>heilenden</i>
+Blut, d. h. zu einem solchen gelangen kann, welches bei schon
+erkrankten Thieren lebensrettende Wirkung ausübt, sondern bloss zu
+einem immunisirenden, welches einige Zeit <i>vor</i> der Infection zur
+Anwendung kommen muss. Solch eine immunisirende Wirkung <i>kann</i>
+von Heilkörpern herstammen, die sich bei immunisirten Thieren infolge
+specifischer Reactionen allmählich im Blute ansammeln; sie kann aber
+auch herstammen von den im Blute inficirter Thiere noch kreisenden
+Bakterien oder von Bakterienproducten. Welche dieser drei Möglichkeiten
+im einzelnen Falle zutrifft, das muss jedesmal besonders untersucht
+werden. Speciell in Bezug auf den Staphylococcus pyogenes aureus habe
+ich mich davon überzeugt, dass <i>Heil</i>körper in so kurzer Zeit,
+wie es von <i>Héricourt</i> und <i>Richet</i> in ihren Versuchen
+berichtet wird, sich nicht in solcher Menge im Blute einfinden, dass
+man damit Kaninchen immunisiren, geschweige denn heilen könnte. Es wäre
+gewiss der Mühe werth, wenn solche Autoren, die in den Versuchen von
+<i>Héricourt</i> und <i>Richet</i> den Beginn der Blutserumtherapie
+erblicken, sich durch <i>eigene</i> <span class="pagenum" id="Page_161">[S. 161]</span>Nachforschungen das Recht zu einer
+solchen Behauptung erwerben wollten.</p>
+
+<p>Ich möchte bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam machen, dass es
+Mittel giebt, um sich davon zu überzeugen, ob die noch nicht ganz
+geschwundenen Staphylokokken bezw. ihre Producte die Schutzwirkung
+ausüben, oder ob in der That <i>Heilkörper</i> im Blute vorhanden,
+aber zur Rettung schon kranker Thiere nicht ausreichend sind. Man
+inficire mehrere Kaninchen von gleichem Alter, Körpergewicht und Race
+mit der als sicher tödtlich erprobten Dosis einer Staphylokokkencultur
+und bringe einem Theil derselben die zur Immunisirung ausreichende
+Blutmenge bei zu einer Zeit <i>nach</i> der Infection, in welcher
+Krankheitserscheinungen noch nicht deutlich bemerkbar sind. Handelt
+es sich nun um immunisirende Heilkörper im eingespritzten Blute, dann
+wird mindestens eine Verzögerung des Todes erkennbar sein müssen;
+sind es aber Staphylokokken oder giftige, von denselben herstammende
+Substanzen, welche im Blute immunisirend wirken, dann tritt eine den
+Tod verzögernde Wirkung voraussichtlich nicht zu Tage; ja es werden
+dann möglicherweise die blutbehandelten Thiere noch in kürzerer Zeit zu
+Grunde gehen als die Controlthiere.</p>
+
+<p>Wir werden in dem folgenden Capitel uns mit solchen Versuchsbedingungen
+zu beschäftigen haben, unter denen auch giftige Producte krankmachender
+Bacterien nicht bloss bei einer <i>Vor</i>behandlung Krankheitsschutz
+gewähren, sondern auch <i>nach</i> stattgehabter Infection; es ist
+selbstverständlich, dass in solchen Fällen eine den tödtlichen
+Ausgang hinausschiebende oder gänzlich verhütende Wirkung nicht
+als Beweis für das Vorhandensein von <i>directen</i> Heilkörpern
+gelten kann. Derartige Versuchsbedingungen kommen aber bei dem
+Immunisirungsverfahren von <i>Héricourt</i> und <i>Richet</i> nicht in
+Frage.</p>
+
+<p>Ueberblicken wir jetzt zum Schluss die bei der <span class="pagenum" id="Page_162">[S. 162]</span>Diphtherie zum Ziele
+führenden Immunisirungsmethoden, welche oben beschrieben sind, und
+versuchen wir es, dieselben dem Schema einzufügen, welches ich in
+meiner <i>Blutserumtherapie I</i> (Leipzig, bei Thieme 1892) S. 60
+ff. aufgestellt habe, so finden wir fast alle Arten der Immunisirung
+vertreten.</p>
+
+<p><i>Die Abschwächungsmethode durch Anwendung abgeschwächter
+lebender Culturen</i> (Pasteur’s vaccination) ist die einzige, von
+welcher bisher Erfolge nicht publicirt sind. Dagegen ist <i>die
+Abschwächungsmethode durch Anwendung abgeschwächten Giftes</i> in den
+sub 1, 2, 4, 7 und 9 aufgezählten Methoden repräsentirt. Ich rechne
+auch die sub 9 (Fütterung von Meerschweinchen, Kaninchen und Hunden
+mit Diphtheriegift) hierher, weil in der That durch die Einwirkung
+der Verdauungssäfte, hauptsächlich wohl durch die Magensäure, eine
+Abschwächung des Diphtheriegiftes resultirt, ehe die Aufnahme desselben
+in die Blutbahn erfolgt.</p>
+
+<p>Für diejenige Methode, welche ich als <i>Verdünnungsmethode</i>
+bezeichnet habe, und deren Wesen darin besteht, dass man die
+Behandlung mit kleineren Dosen vollvirulenter Cultur und vollgiftiger
+Culturflüssigkeiten beginnt, worauf dann die Dosirung allmählich
+gesteigert wird, bieten die sub 3 und 8 genannten Verfahren Beispiele.</p>
+
+<p><i>Meine combinirte Methode</i> ist sub 6 angeführt.</p>
+
+<p><i>Die Immunisirung endlich mit Hilfe von krankmachenden Stoffen
+anderer Art, als diejenigen sind, gegen welche immunisirt werden
+soll</i>, gelangt in der Wasserstoffsuperoxydmethode (sub 5) zur
+Anwendung.</p>
+
+<p>Von vornherein hat sich nicht voraussehen lassen, auf welchem
+dieser verschiedenen Wege man am schnellsten und sichersten zu hohen
+Immunitätsgraden gelangen kann, und ich habe daher jede dieser
+Methoden eine Weile weiterverfolgt. <i>Gegenwärtig bevorzuge ich
+für die Immunisirung von grossen Thieren <span class="pagenum" id="Page_163">[S. 163]</span>(Schafen) zum Zweck der
+Gewinnung von Diphtherieheilserum meine combinirte Methode.</i> Ich
+gehe dabei in der Weise vor, dass ich abgeschwächtes Diphtheriegift
+in einer solchen Dosis den Schafen unter die Haut spritze, dass
+dieselben ähnliche Fieberreactionen bekommen, wie das bei der nach
+<i>R. Koch</i>’s Vorschrift geleiteten Tuberkulinbehandlung des
+Menschen der Fall ist. Diese Einspritzungen werden solange wiederholt,
+bis keine Temperatursteigerung mehr eintritt. Danach steigere ich
+zunächst die Dosis des abgeschwächten Giftes, um immer neue Reactionen
+zu bekommen, und erst wenn auch auf grosse Quantitäten desselben
+(50 bis 100 ccm) keine Reaction mehr erfolgt, gehe ich zu nicht
+abgeschwächten Culturflüssigkeiten über. Die Frage, ob bezüglich der
+letzteren sich vollvirulente <i>lebende</i> Culturen oder vollgiftige
+<i>bacterienfreie</i> Culturflüssigkeiten mehr bewähren werden, ist für
+mich noch nicht abgeschlossen; positive und befriedigende Resultate
+habe ich sowohl mit den ersteren wie mit den letzteren bekommen.
+Misserfolge habe ich im Laufe der letzten 6 Monate nicht mehr gehabt,
+obwohl ich während dieser Zeitdauer mehr als 40 Schafe gegen Diphtherie
+immunisirt habe.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<span class="pagenum" id="Page_164">[S. 164]</span>
+
+ <h2 class="nobreak" id="VII">
+ VII.
+ <br>
+ <b>Von den Bedingungen,</b>
+ <br>
+ <span class="s5">unter welchen die Immunisirung gegenüber der Diphtherie
+ sich vollzieht.</span>
+ </h2>
+
+</div>
+
+<p>Obwohl die verschiedenen Immunisirungsverfahren, welche auf der
+Anwendung des Princips der Giftabschwächung basiren, sämmtlich zuerst
+bei der Diphtherie ausgearbeitet und später erst für die Immunisirung
+gegen andere Infectionskrankheiten verwerthet sind, so hat doch die
+Vertiefung in die Bedingungen des Zustandekommens der erworbenen
+Immunität besonders gute Früchte getragen, als ich in Gemeinschaft
+mit mehreren Mitarbeitern die <i>Tetanusimmunisirung</i> genauer
+studirte, und allmählich ist jetzt das Verhältniss ein umgekehrtes
+geworden. Zuerst suche ich die neu aufstossenden Probleme in der
+Immunisirungslehre durch Experimente zu lösen, die den <i>Tetanus</i>
+betreffen, und hinterher erst sehe ich zu, ob die Ergebnisse auch für
+die <i>Diphtherie</i> Anwendung finden. Es hat sich im Laufe der Zeit
+dabei gezeigt, dass in allen principiellen Fragen eine vollkommene
+Analogie zwischen diesen beiden Krankheiten besteht, so sehr sie auch
+in ihren Erscheinungsformen von einander differiren. Wegen der mehr
+in die Augen springenden Art der Tetanuserkrankung, ferner wegen des
+Umstandes, dass das Bacteriengift aus Tetanusculturen schneller und
+in stärkerer Wirksamkeit <span class="pagenum" id="Page_165">[S. 165]</span>zu gewinnen ist, als aus Diphtherieculturen,
+endlich wegen der Möglichkeit, die Tetanusexperimente an einem
+verhältnissmässig billigen Thiermaterial auszuführen, ist aber das
+Arbeiten über die Tetanusimmunisirung erheblich leichter, als das über
+die Diphtherieimmunisirung, und das ist der Grund, aus welchem — trotz
+der grösseren Wichtigkeit der Diphtheriestudien — in letzter Zeit die
+Publicationen über den Tetanus in den Vordergrund gerückt sind.</p>
+
+<p>Es ist nur ein Act der Gerechtigkeit, wenn ich auch an dieser Stelle
+bei der Besprechung der Bedingungen, unter welchen die Immunisirung
+mit Hilfe von Bacteriengiften sich vollzieht, vom Tetanus ausgehe
+und dabei der unermüdlichen Mitarbeit des Herrn Dr. <i>Knorr</i>
+gedenke, welche allein es ermöglicht hat, dass in verhältnissmässig
+kurzer Zeit eine ganze Reihe von principiellen Fragen entschieden
+werden konnte oder wenigstens der Entscheidung näher gebracht worden
+ist. <i>Vor allem bedeutungsvoll ist von den hauptsächlich durch
+Knorr eruirten Versuchsergebnissen der Nachweis, dass es gelingt aus
+Tetanusbouillonculturen, durch eigenartige Behandlung derselben,
+Stoffe herzustellen, welche auch noch nach der Tetanusinfection
+und Tetanusintoxication lebensrettend wirken.</i> Die zunächst
+in diesem Capitel zu besprechenden Verhältnisse, betreffend die
+<i>Reactionen</i>, welche man im Gefolge der immunisirenden Behandlung
+auftreten sieht, sind allerdings in ihren wesentlichsten Zügen zuerst
+bei der <i>Diphtherieimmunisirung von Schafen</i> beobachtet und dann
+erst beim Tetanus genauer studirt worden.</p>
+
+<p>Gelegentlich der Immunisirung von Pferden und Schafen gegenüber
+dem Tetanus mit Hülfe von Culturflüssigkeiten zeigte sich, dass dem
+Immunwerden mehr oder minder ausgesprochene Reactionen voraufgehen,
+welche durch die Immunisirungsmittel ausgelöst werden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_166">[S. 166]</span></p>
+
+<p>Diese Reactionen können sich äussern durch ein Krankwerden unter den
+charakteristischen Symptomen des Tetanus.</p>
+
+<p>Es können aber auch tetanische Erscheinungen gänzlich fehlen und dabei
+doch recht erhebliche und langandauernde krankhafte Veränderungen
+bestehen; die Thiere haben dann wochenlang Fieber, verlieren die
+Fresslust und magern ab; bei mehreren <i>Schafen</i> zog sich ein
+solches Kranksein, auch nachdem die immunisirende Vorbehandlung
+gänzlich eingestellt war, sogar zwei bis vier Monate lang hin. Prüfte
+man während dieser Zeit die Widerstandsfähigkeit der Thiere gegenüber
+dem Tetanusgift, so wurde dieselbe im Vergleich zu derjenigen, welche
+vor dem Krankwerden constatirt war, nicht grösser, sondern geringer
+gefunden. Zuweilen war die Giftwiderständigkeit um mehr als das
+hundertfache zurückgegangen. Erst wenn nicht bloss die Körpertemperatur
+wieder normal geworden ist, sondern auch das Gewicht seine alte Höhe
+erreicht hat, fängt die Zunahme der Giftimmunität an, und diese Zunahme
+lässt sich dann wochenlang und monatelang weiter verfolgen, auch wenn
+man inzwischen keine weiteren Gifteinspritzungen macht.</p>
+
+<p>Eine dritte Art der Reaction äussert sich in kurzdauerndem Fieber
+ohne nennenswerthe Gewichtsabnahme. Diese Reaction kann man kaum
+als eine Krankheit bezeichnen. Auch wenn die Temperatursteigerung,
+welche in diesem Fall schon wenige Stunden nach der Gifteinspritzung
+beginnt, sehr hoch wird, bei Pferden von 37,0 bis 41°, bei Schafen
+von 39,5 bis 41,5° und darüber, merkt man äusserlich den Thieren kein
+Kranksein an; ihre Fresslust ist unvermindert; die Munterkeit zuweilen
+scheinbar noch gesteigert; und die Gewichtsmessungen ergeben höchstens
+am zweiten und dritten Tage nach der das Fieber hervorrufenden
+Injection eine geringe Abnahme; dieselbe wird aber an den folgenden
+<span class="pagenum" id="Page_167">[S. 167]</span>
+Tagen nicht bloss ausgeglichen, sondern erheblich übercompensirt. Der
+Verlauf der Temperatursteigerung und des Temperaturabfalls entspricht
+genau dem, was wir von kräftigen Reactionen bei einer gut geleiteten
+Tuberkulinbehandlung wissen.</p>
+
+<p>Endlich lässt sich noch eine vierte Art der Reaction auf das
+Tetanusgift beobachten, die dadurch charakterisirt ist, dass das
+Fieber vollständig fehlt oder bloss durch Decigrade angedeutet ist,
+dass auch ein Gewichtsverlust gar nicht eintritt, dass aber die
+Blutuntersuchung objectiv nachweisbare Veränderungen erkennen lässt.
+Ich habe meine Aufmerksamkeit nach dieser Richtung besonders dem
+Gerinnungsprocess des Aderlassblutes zugewendet und gefunden, dass
+derselbe in Fällen von einer solchen Vorbehandlung mit Tetanusgift,
+die ohne ein Erkennbarwerden sonstiger Krankheitssymptome zur Erhöhung
+der Tetanusgiftwiderständigkeit führte, verlangsamt ist, und ausserdem
+dass die Ausbeute an Serum auch bei längerem Stehen des Blutes eine
+geringere wird.</p>
+
+<p>Die sehr zahlreichen Einzelbeobachtungen haben ergeben, dass diese
+vier Arten der Reaction, von denen die letzte den leichtesten Grad,
+die erste den schwersten repräsentirt, ohne markante Unterschiede
+in einander übergehen. Im Allgemeinen liess sich dabei erkennen,
+dass die der vierten Art der Reaction zukommende Veränderung des
+Gerinnungsprocesses bei der dritten, zweiten und ersten Reaction,
+ferner das hohe Fieber der dritten als Initialfieber bei der zweiten
+und ersten und das continuirliche bezw. remittirende Fieber der zweiten
+Reaction nebst dem Gewichtsverlust bei der ersten wiederzufinden
+sind. Hierzu bedarf es jedoch einiger einschränkender Bemerkungen.
+Bei der ersten Reaction <i>kann</i> das hohe Initialfieber vorhanden
+sein, es kann aber auch gänzlich fehlen oder nur angedeutet sein; und
+zwar fehlt es um so gewisser, je schwerer die <span class="pagenum" id="Page_168">[S. 168]</span>tetanische Erkrankung
+ist. Die verlangsamte Gerinnung aber des Aderlassblutes hält nicht
+während der <i>ganzen</i> Dauer des Krankseins an, sondern nur so
+lange, als dabei Temperatursteigerung besteht, und wenige Tage nach
+dem Ablauf derselben; in der Periode des Gewichtsverlustes erfolgt bei
+<i>niedriger</i> Temperatur sogar die Beendigung der Blutgerinnung
+schneller, als bei normalem Verhalten der Thiere, und die Serumausbeute
+ist eine abnorm grosse.</p>
+
+<p>Nachdem ich diese bemerkenswerthen Verhältnisse erkannt und
+classificiren gelernt, und nachdem ich für die Leitung der Immunisirung
+die genaue Verfolgung des Ablaufs der Reactionen als ein überaus
+werthvolles Kriterium ausgenützt hatte, ging das weitere Bestreben
+dahin, diejenige Art derselben ausfindig zu machen, welche für meine
+Zwecke am vorteilhaftesten erschien.</p>
+
+<p>Nun sind meine Immunisirungsarbeiten stets auf das Ziel gerichtet, mit
+Hülfe derselben ein möglichst heilkräftiges Blut von den Thieren zu
+bekommen; zur Erreichung dieses Zieles aber ist es <i>im Princip</i>
+gleichgültig, ob wir die Immunisirung so handhaben, dass wir die
+Thiere schwere Erkrankungen überstehen lassen, oder ob wir alle
+äusserlich wahrnehmbaren, oder auch durch Temperaturmessungen und
+Gewichtsbestimmungen zu constatirenden Gesundheitsstörungen vermeiden
+und nur durch sorgfältige Blutuntersuchungen kenntlich werdende
+Reactionen auslösen.</p>
+
+<p>Es erwies sich dagegen die Art des Vorgehens <i>nicht</i>
+gleichgiltig, wenn nicht bloss ein hoher Grad der Tetanusimmunität und
+dementsprechend ein kräftiges Heilserum bekommen, sondern wenn dieses
+Ziel auch in möglichst kurzer Zeit und möglichst ohne die Gefahr von
+Verlusten erreicht werden sollte.</p>
+
+<p>Positive und befriedigende Resultate habe ich gewonnen sowohl
+bei solchen Thieren (Pferden), die einen <span class="pagenum" id="Page_169">[S. 169]</span>regulären Tetanus
+überstanden, wie bei solchen, die zu keiner Zeit nennenswerthe
+Krankheitserscheinungen erkennen liessen. <i>Aber die schnellste
+und sicherste Art der Immunisirung ist bisher diejenige gewesen,
+welche durch häufige Wiederholung von Reactionen der dritten Art
+erhalten wird, die also nach dem Typus der von R. Koch empfohlenen
+Tuberkulinbehandlung beginnender Tuberkulose verläuft.</i> Es verdient
+hier erwähnt zu werden, dass vielleicht die günstigen Erfolge bei
+meinem Immunisirungsverfahren gegenüber dem Tetanus nicht sobald
+gewonnen worden wären, wenn nicht ganz analoge Beobachtungen bei
+der Diphtherieimmunisirung von Schafen voraufgegangen wären; und
+diese wiederum ist in ganz bewusster Weise angelehnt worden an
+<i>R. Koch</i>’s epochemachende Mittheilungen über den Eintritt der
+Tuberkulinimmunität nach subcutaner Injection allmählich gesteigerter
+Tuberkulindosen.</p>
+
+<p>Auf welche Weise man diese schnell und ohne sonstige krankhafte
+Veränderungen ablaufenden Fieberreactionen im Verlauf der
+Tetanusimmunisirung erreicht, ob durch lebende Tetanusculturen,
+oder durch Culturen, in denen die Tetanusbacillen durch Carbolsäure
+abgetödtet sind, sodass bloss noch das Tetanusgift und vielleicht die
+Tetanussporen für die Wirkung in Frage kommen, ob durch filtrirte
+Culturen, in denen das Gift sicher allein als wirksames Princip
+enthalten ist, ob endlich durch <i>unverändertes</i> oder ein durch
+langes Stehenlassen und Einwirkung des atmosphärischen Sauerstoffs,
+durch Hitze oder Chemikalien <i>abgeschwächtes</i> Gift, das alles ist
+wiederum <i>an sich</i> ganz gleichgiltig.</p>
+
+<p>Fragt man aber, wie <i>im concreten Fall</i> sich die Sache gestaltet,
+dann bedarf es der sorgfältigsten Abwägung der verschiedensten Umstände.</p>
+
+<p>Vor Allem kommt es darauf an, von welcher Art die Thiere sind,
+die man immunisiren will, und in welcher <span class="pagenum" id="Page_170">[S. 170]</span>Immunisirungsperiode sich
+dieselben befinden. Thiere, welche für die Erkrankung an Tetanus durch
+Gifteinspritzung und durch Infection mit den lebenden Bacillen weniger
+leicht empfänglich sind, wie Hunde und alte Schafe, kann man gleich von
+vornherein mit kleinen Dosen des unveränderten Tetanusgiftes behandeln.
+Allenfalls angängig ist das auch bei Kaninchen. Mäuse, Meerschweinchen,
+Lämmer, Pferde müssen aber, wenn man bei diesen Thieren sicher und
+schnell zum Ziel gelangen will, mit <i>abgeschwächtem</i> Gift in der
+ersten Immunisirungsperiode behandelt werden. Sind sie erst auf einen
+gewissen Immunitätsgrad gebracht, dann <i>können</i> sie nicht bloss
+mit unverändertem Gift oder mit vollvirulenter Cultur zur Erreichung
+sehr hoher Immunitätsgrade weiter behandelt werden, sondern es
+<i>muss</i> das geschehen, da sonst Reactionen ausbleiben und damit
+auch die Steigerung der Immunität.</p>
+
+<p>In Gemeinschaft mit Herrn Prof. <i>Schütz</i> habe ich mich
+durch eigens darauf gerichtete Versuche an Pferden von der
+<i>Möglichkeit</i>, durch gleich von vornherein verabfolgte Gaben sehr
+kleiner Mengen <i>unveränderten</i> Tetanusgiftes diese Thiere über
+die erste Immunisirungsperiode hinwegzubringen, überzeugt. Wir haben
+dabei aber Verluste gehabt und gesehen, dass man schneller und sicherer
+vorwärts kommt bei der Anwendung abgeschwächter Culturen.</p>
+
+<p>Wie bei Meerschweinchen und Mäusen die principielle Entscheidung
+der Frage von der Anwendbarkeit dieser <i>Verdünnungsmethode</i>
+schliesslich lauten wird, muss vorläufig noch in suspenso gelassen
+werden.</p>
+
+<p>Dagegen habe ich in Gemeinschaft mit Dr. <i>Knorr</i> eine andere,
+zunächst theoretisch wichtig erscheinende Frage durch Experimente
+an Mäusen zu beantworten gesucht, die mit dem fundamentalen Problem
+des Unterschiedes zwischen der <i>Verdünnungsmethode</i> und der
+<i>Abschwächungsmethode</i> in innigster Beziehung steht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_171">[S. 171]</span></p>
+
+<p>Das hier in Frage stehende Problem ist folgendes:</p>
+
+<p>Nach der bis vor Kurzem in <i>Frankreich</i> geltenden Doctrin sollen
+in den Culturen krankmachender Bakterien Giftstoffe und vaccinirende
+Stoffe nebeneinander vorkommen, und man gab sich demgemäss der
+Hoffnung hin, dass man durch geeignete Maassnahmen die Giftwirkung
+aus den Culturen eliminiren und die vaccinirende Wirkung allein übrig
+behalten könne. <i>Charrin</i>, <i>Roger</i>, später wohl auch die in
+<i>Pasteur</i>’s Institut dieses Gebiet bearbeitenden Bakteriologen,
+nahmen das auf <i>Bouchard</i> zurückzuführende Dogma von der
+Selbstständigkeit und Präexistenz eines immunisirenden Princips in den
+Culturen an, wobei namentlich die Pyocyaneusimmunisirung der Kaninchen
+als Paradigma diente.</p>
+
+<p>In <i>Deutschland</i> wurde dieses Dogma von <i>C. Fraenkel</i> für die
+Diphtherie, von <i>Brieger</i>, <i>Kitasato</i> und <i>Wassermann</i>
+für die Immunisirung gegenüber dem Tetanus, der Diphtherie, dem Typhus,
+der Cholera gläubig acceptirt und womöglich noch bedingungsloser
+bekannt. Von dieser Doctrin aus musste selbstverständlich die
+Immunisirung als am besten erreichbar betrachtet werden, wenn der
+Giftstoff von dem supponirten immunisirenden Stoff reinlich getrennt
+würde, und es sind denn auch Versuche nach dieser Richtung hin
+angestellt worden. Als dieselben resultatlos verliefen, wurde mehr
+oder weniger bewusst damit gerechnet, dass der Giftstoff durch Hitze
+und durch Chemikalien leichter zerstörbar sei, als die supponirte
+immunisirende Substanz; und so hat <i>C. Fraenkel</i> geglaubt, das
+giftige Princip aus drei Wochen alten Diphtherieculturen vollständig zu
+entfernen, wenn er dieselben auf 65°&#8239;C. erhitzte, und <i>Brieger</i>,
+<i>Kitasato</i> und <i>Wassermann</i> haben Aehnliches behauptet für
+die Wirkung von Thymussubstanz auf Bakterienculturen.</p>
+
+<p>Ich habe nun genügende Veranlassung, die diesen Versuchen zu Grunde
+liegende Theorie <i>Bouchard</i>’s als <span class="pagenum" id="Page_172">[S. 172]</span>nicht zutreffend zurückzuweisen,
+insofern als in meinen eigenen Versuchen Alles dafür spricht, dass
+die giftige und immunisirende Substanz identisch sind und dass
+in den Versuchen <i>Bouchard</i>’s und seiner Schüler, sowie in
+denen der genannten <i>deutschen</i> Autoren die Giftwirkung nicht
+<i>eliminirt</i> worden ist, sondern dass die in Frage kommenden Gifte
+thatsächlich bloss <i>schwächer wirksam</i> gemacht worden sind.</p>
+
+<p>Indessen, gar so einfach sind die Verhältnisse nicht, und ein so
+scharfsinniger Beobachter, wie <i>Bouchard</i> es ist, wäre gewiss
+nicht zu seiner Lehre gekommen, wenn nicht eine Reihe wichtiger
+Thatsachen zu Gunsten derselben sprechen würde. Die wichtigste
+unter diesen Thatsachen ist aber eben die, dass es Fälle giebt, wo
+nach dem bisherigen Stande unserer Kenntnisse eine Immunisirung
+mit Bakterienculturen nur dann möglich ist, wenn dieselben durch
+physikalische oder chemische Agentien verändert sind, und dass man
+da, wo <i>vor</i> der Einwirkung der letzteren schon mit kleinen
+Culturmengen der Tod der Versuchsthiere herbeigeführt werden konnte,
+<i>nach</i> einer abschwächenden Behandlung der Culturflüssigkeiten
+selbst mit sehr grossen Mengen derselben nicht einmal eine deutliche
+Erkrankung zu erzielen war, dass aber gerade hierbei, bei der Anwendung
+grosser Mengen scheinbar ungiftig gewordener Cultur, die besten
+Immunisirungseffekte erreicht wurden.</p>
+
+<p>Die Hoffnung, welche an diese Thatsache geknüpft wurde, dass es
+gelingen könnte, unter <i>gänzlicher</i> Ausschaltung des fertigen
+Giftes oder der krankmachenden Wirkung lebensfähiger Parasiten, den
+Krankheitsschutz zu erreichen, hat sich aber nicht erfüllt. Der premier
+vaccin für den Milzbrand der <i>Schafe</i>, welcher für diese Thiere
+fast inoffensiv ist, bleibt ein tödtliches Virus für <i>Mäuse</i>,
+die immunisirenden Producte in Pyoceanusculturen, welche durch
+Erhitzen und andere Behandlungsmethoden derselben in Erscheinung
+treten, rufen immer <span class="pagenum" id="Page_173">[S. 173]</span>noch Fieber hervor, wenn sie in genügender Menge
+Kaninchen incorporirt werden. Aehnliches gilt für die erhitzten und
+mit Chemikalien behandelten immunisirenden Diphtherie-, Tetanus-,
+Typhus- und Choleraculturen und Gifte, und ich habe mich durch
+eigene Versuche davon überzeugt, dass es ein Irrthum ist, wenn <i>C.
+Fraenkel</i> glaubt, dass das Diphtheriegift durch Erhitzung auf 65°&#8239;C.
+zerstört werde. Das ist so wenig der Fall, dass man vielmehr genau die
+gleiche typische Diphtherievergiftung mit so erhitztem Diphtheriegift
+erzeugen kann, wie mit nicht erhitztem und unverändertem, wenn nur die
+Quantität genügend gross genommen wird. Man kann eigentlich kaum mit
+Sicherheit behaupten, dass das Gift eine <i>qualitative</i> Veränderung
+durch die Abschwächung erfährt. Wenn man eine Diphtheriecultur,
+die nur so wenig Giftsubstanz enthält, wie das in 3 Wochen alten,
+<i>mässig</i> virulenten Diphtheriebouillonculturen der Fall ist,
+eine halbe Stunde lang auf 65°&#8239;C. erhitzt, dann wird in der That
+eine Giftzerstörung vorgetäuscht. Selbst 15 ccm, in die Bauchhöhle
+von Meerschweinchen injicirt, rufen bei denselben äusserlich kaum
+wahrnehmbare Vergiftungserscheinungen hervor; <i>erhitzt man dagegen
+ebenso stark und ebenso lange eine 6 Wochen alte, ursprünglich sehr
+virulente Cultur, oder ein Filtrat derselben, so sterben auch grosse
+Meerschweinchen schon nach 3 ccm unter den typischen Symptomen der
+Diphtherievergiftung, und bei der Section findet man genau die gleichen
+Veränderungen, wie bei solchen Meerschweinchen, welche von derselben
+Cultur die tödtliche Minimaldosis vor dem Erhitzen bekommen haben. Der
+Unterschied ist nur ein quantitativer: Während man nach dem Erhitzen 3
+ccm zur tödtlichen Vergiftung einspritzen muss, genügt zur Erreichung
+des gleichen Effektes von der vollen Cultur 0,01 ccm und noch weniger,
+von dem Filtrat derselben aber 0,15 ccm. Der Wirkungswerth der Cultur
+<span class="pagenum" id="Page_174">[S. 174]</span>
+ist nach der Ausschaltung der noch lebenden Diphtheriebacillen durch
+Abfiltriren also um’s 15fache geringer geworden, nach Abtödtung der
+Bacillen und nach der Beeinflussung des Giftes durch die Erhitzung
+auf 65°&#8239;C. während ½stündlicher Dauer im Wasserbade mindestens um’s
+300fache.</i></p>
+
+<p>Das Problem, welches uns gegenwärtig noch interessirt, ist nach
+alledem ein anderes geworden, als wie es von <i>Bouchard</i> und
+seinen Nachfolgern aufgestellt wurde. Wir werden jetzt nicht mehr von
+der irrigen Annahme einer <i>qualitativen</i> Differenz der giftigen
+und immunisirenden Substanz in Bacterienculturen ausgehend uns
+bemühen, einen hypothetischen rein vaccinirenden Stoff aus denselben
+auszuscheiden; wir werden aber nichtsdestoweniger uns weiter mit der
+Frage zu beschäftigen haben, wie wir die Thatsache von der differenten
+immunisirenden Leistungsfähigkeit stark giftiger Culturen vor und nach
+der Verminderung ihrer Giftigkeit uns praktisch zu Nutze machen können.</p>
+
+<p>Ich habe diese Thatsache in meinen mit Stabsarzt <i>Wernicke</i>
+bei Meerschweinchen, Kaninchen und Schafen ausgeführten und
+publicirten <i>Diphterie</i>immunisirungsversuchen und bei der mit
+Prof. <i>Schütz</i> in der thierärztlichen Hochschule erreichten
+Immunisirung von Pferden und Schafen gegenüber dem <i>Tetanus</i>
+in Wirklichkeit schon früher genügend dadurch berücksichtigt, dass
+ich ein <i>combinirtes</i> Immunisirungsverfahren einschlug, indem
+Stabsarzt <i>Wernicke</i>, Prof. <i>Schütz</i> und ich zunächst
+jodtrichloridbehandelte Culturen und dann erst vollvirulente
+anwendeten. Eine genaue Untersuchung der Unterschiede, welche bei der
+Anwendung der <i>Abschwächungsmethode</i>, die mit weniger giftig
+gemachten Culturen arbeitet, und der <i>Verdünnungsmethode</i>, bei der
+vollvirulente und vollgiftige Culturen in anfänglich sehr kleinen und
+dann allmählich gesteigerten Dosen eingespritzt werden, ist aber erst
+möglich geworden, seitdem <span class="pagenum" id="Page_175">[S. 175]</span>ich in Gemeinschaft mit Dr. <i>Knorr</i> die
+subtilen Verhältnisse in der Wirkung des Tetanusgiftes auf weisse Mäuse
+kennen gelernt hatte.</p>
+
+<p>Es ist in dieser geschichtlichen Darstellung vielleicht nicht
+ohne Werth, wenn ich hier mittheile, wie wir zur Feststellung der
+differenten Leistungsfähigkeit jener beiden Immunisirungsmethoden auf
+einem weit abseits liegenden Wege gekommen sind, nämlich gelegentlich
+von <i>Untersuchungen über den Wirkungsmodus des Tetanusheilserums</i>.</p>
+
+<p>Aus mehrfachen Gründen war es uns zweifelhaft geworden, dass das
+Tetanusheilserum in <i>der</i> Weise die Giftwirkung des Tetanusgiftes
+und der lebend eingeführten Tetanusbacillen und Sporen unschädlich
+mache, wie ich es anfänglich darstellte, dass nämlich das Gift durch
+die im Blutserum immunisirter Thiere vorzufindenden Heilkörper
+<i>zerstört</i> werde. Ursprünglich nämlich stellte ich mir vor, dass
+bei dem Contact der im Serum enthaltenen Heilkörper, der Antitoxine,
+mit dem Tetanusgift das letztere thatsächlich zerstört, gewissermaassen
+chemisch abgebaut oder demolirt wird. Wenn man eine Tetanusgiftlösung
+mit Heilserum zusammen einer Maus einspritzt, dann hört die Lösung
+auf, ein Gift zu sein. Da aber andererseits in einer solchen Mischung
+auch Antitoxin verbraucht resp. unwirksam wird, so hatte ich weiterhin
+angenommen, dass auch dieses sich chemisch zersetzt, so dass wir es
+mit einer Wechselwirkung zu thun hätten, bei der Antitoxin und Gift
+auf einander wirken und dabei beide ihre specifischen Eigenschaften in
+Folge einer chemischen Umsetzung einbüssen.</p>
+
+<p>Wenn aber die lebensrettende Wirkung des Serums auf eine
+Gift<i>zerstörung</i> zurückzuführen ist, dann ist nicht recht
+einzusehen, aus welchem Grunde so grosse Unterschiede in dem
+Serumbedarf existiren, wenn man die Behandlung <i>vor</i> oder
+<i>nach</i> einer Giftapplication vornimmt, <span class="pagenum" id="Page_176">[S. 176]</span>so dass zur Heilung
+kranker Mäuse schliesslich das millionenfache derjenigen Serummenge
+erforderlich ist, die zur Immunisirung ausreicht.</p>
+
+<p>Dieses Bedenken und manche andere führten uns zur Untersuchung
+der Frage, ob auch die Thatsachen, welche mir früher für eine
+Giftzerstörung durch das Serum zu sprechen schienen, zu solch’ einer
+Annahme durchaus zwingen.</p>
+
+<p>Das ist nun nicht der Fall. Nehmen wir einmal an, dass das Serum
+gar nicht auf das Tetanusgift <i>direct</i> einwirke, sondern dass
+seine immunisirende Wirkung auf eine Action zurückzuführen ist,
+die es auf irgend welche Theile des lebenden Organismus ausübt,
+dass z.&#8239;B. Gift und Serum auf gleiche Apparate desselben, aber in
+entgegengesetztem Sinne, wirken, so wird auch unter dieser Annahme
+das Tetanusgift in einer Mischung von Tetanusgiftlösung mit Heilserum
+unwirksam werden müssen. Denn wenn bei der <i>gesonderten</i> Gift-
+und Serumeinspritzung der Tetanustod verhütet wird, so wird er auch
+verhütet werden müssen, wenn beides <i>zusammen an dieselbe Stelle</i>
+eingespritzt wird, ohne dass man daraus auf eine Destruction des Giftes
+mit Sicherheit schliessen kann.</p>
+
+<p>Diese Ueberlegungen gaben Veranlassung zur Aufsuchung einer Methode,
+welche die Entscheidung durch das Experiment ermöglichen sollte.</p>
+
+<p>Ich glaubte mit Dr. <i>Knorr</i>, auf gutem Wege zur Auffindung einer
+solchen Methode zu sein bei der Anwendung folgenden Verfahrens.</p>
+
+<p>Wir erhitzten im Reagensglase eine Mischung von Serum mit Tetanusgift,
+welche das letztere im Ueberschuss enthielt, auf 65° eine halbe Stunde
+lang. Bei dieser Temperatur wird das Tetanusgift für Mäuse selbst
+in grossen Dosen unschädlich; das Heilserum aber behält dabei seine
+specifische Wirkung. Wenn nun die nicht erhitzte Mischung Mäuse unter
+tetanischen Erscheinungen <span class="pagenum" id="Page_177">[S. 177]</span>tödtet, die erhitzte aber nicht, <i>und
+wenn dann weiter die mit erhitzter Mischung behandelten Mäuse bei
+gleichzeitiger anderweitiger Intoxication mit Tetanuscultur gegen
+die tödtliche Wirkung derselben geschützt sind</i>, so glaubten wir,
+dadurch erwiesen zu haben, dass noch wirksames Antitoxin in der
+Mischung vorhanden sein müsse; und wir glaubten, dass dadurch ein
+Nebeneinanderexistiren des Tetanusgiftes und der Heilkörper, <i>ohne
+eine eingreifendere gegenseitige Einwirkung derselben aufeinander</i>,
+zum mindesten wahrscheinlich gemacht werde.</p>
+
+<p>Das Ergebniss war nun in der That für die Hypothese des
+<i>Nebeneinanderexistirens von Gift und Heilserum in der Mischung
+ohne gegenseitige chemische Zersetzung</i> ausserordentlich günstig;
+die Mischung war nach dem Erhitzen ungiftig geworden, und nicht
+bloss erwiesen sich die mit derselben behandelten Mäuse als immun
+gegen <i>nachfolgende</i> Tetanusintoxication, sondern auch wenn sie
+<i>vorher</i> mit einer sicher tödtlichen Dosis vergiftet waren,
+blieben sie nach dem Einspritzen der erhitzten Mischung am Leben.</p>
+
+<p>Es ist dabei zu berücksichtigen, dass nach den Mittheilungen von
+<i>Kitasato</i> und anderen Autoren, besonders aber auch nach den
+Angaben von <i>Brieger</i>, <i>Kitasato</i> und <i>Wassermann</i>, eine
+Immunisirung von Mäusen gegen Tetanus mit Hülfe von Tetanusculturen
+unmöglich sein sollte, wenn nicht denselben Thymussubstanz hinzugefügt
+wird; dass ferner auch bei dieser Immunisirungsmethode, ebenso wie
+bei meiner Jodtrichloridmethode längere Zeit, Wochen, mindestens
+aber mehrere Tage vergehen müssen, ehe man die Thiere immun findet.
+Da schien denn der Einwand geradezu ausgeschlossen, dass vielleicht
+der Immunisirungs- und Heilerfolg nach Anwendung der erhitzten
+Mischung auch zum Theil oder gar ganz auf Rechnung des in der Mischung
+enthaltenen erhitzten Tetanus<i>giftes</i> gesetzt <span class="pagenum" id="Page_178">[S. 178]</span>werden könne.
+Indessen bei einer solchen fundamentalen Frage hielt Dr. <i>Knorr</i>
+es doch noch für erforderlich, durch’s Experiment diesen Einwand
+zurückzuweisen; er liess das Heilserum weg, nahm bloss diejenige Menge
+von Tetanusgift, die mit der Mischung den Mäusen eingespritzt war, und
+die beiläufig in unerhitztem Zustande das 1500fache bis 10000fache
+der tödtlichen Minimaldosis betrug, erhitzte dasselbe auf 65° eine
+halbe Stunde lang, und was wir für ausgeschlossen hielten, das trat in
+Wirklichkeit ein: <i>Das erhitzte und dadurch abgeschwächte Tetanusgift
+hatte allein für sich die Fähigkeit, nicht bloss Mäuse zu immunisiren,
+sondern auch nach der Vergiftung noch vom Tetanustode zu retten.</i></p>
+
+<p>Diese Beobachtung wurde der Ausgangspunkt einer Reihe von anderen
+Studien, die sich mit der quantitativen Bestimmung der immunisirenden
+und heilenden Leistungsfähigkeit des erhitzten Tetanusgiftes
+beschäftigten. An dieser Stelle kommt es mir nur darauf an, zu
+constatiren, dass wir für <i>die Frage nach der differenten Wirkung
+kleiner Dosen einer vollgiftigen Cultur und grosser Dosen einer
+abgeschwächten</i> zu einem Resultat gekommen sind, welches auf den
+ersten Blick geeignet scheint, <i>Bouchard</i>’s Annahme von der
+Existenz eines selbstständigen immunisirenden Princips in den Culturen
+zu stützen; in Wirklichkeit beweist es aber auch nicht das geringste
+für eine <i>qualitative</i> Differenz zwischen immunisirendem und
+giftigem Agens. Auch hier wieder lassen sich die Versuchsbedingungen
+so herstellen, dass man bei genügender Steigerung der Dosis von der
+scheinbar ungiftig, aber um so mehr immunisirend gewordenen Cultur doch
+noch wieder Krankheitserscheinungen mit derselben erzeugen kann.</p>
+
+<p>Ich habe im Vorstehenden eine grössere Zahl von noch schwebenden
+Fragen in der Immunitätslehre gestreift, deren endgiltige Beantwortung
+vielleicht in langer <span class="pagenum" id="Page_179">[S. 179]</span>Zeit noch nicht möglich sein wird. Die
+Erörterung derselben war aber unvermeidlich, wenn es verständlich
+sein soll, wie ich zu der Wahl des gegenwärtig von mir bevorzugten
+Diphtherie-Immunisirungsverfahrens gekommen bin, von welchem im
+experimentellen Theil dieser Arbeit in dem Capitel „Ueber die
+Heilserumgewinnung zum Zweck der Behandlung diphtheriekranker Menschen“
+(„Die Diphtherie“, 2. Heft) die Rede sein wird.</p>
+
+<p>Es hat sich nämlich gezeigt, dass die bei der Immunisirung
+gegenüber dem Tetanus der Mäuse gemachten Erfahrungen auch
+für die Tetanusimmunisirung aller anderen bis jetzt daraufhin
+untersuchten Thiere Geltung haben. Und nicht bloss das: Auch für
+die Diphtherieimmunisirung sind die aus den Beobachtungen an
+tetanusimmunisirten Thieren abgeleiteten Grundsätze maassgebend
+gefunden worden.</p>
+
+<p>Diese Grundsätze lassen sich nach dem gegenwärtigen Stande meiner
+Kenntniss hierüber in folgender Weise zusammenfassen.</p>
+
+<p><i>Bei der Anwendung von gifthaltigen Culturflüssigkeiten zum Zweck der
+Immunisirung ist der Immunisirungseffect abhängig:</i></p>
+
+<ol class="grundsaetze">
+ <li>von den Reactionen, welche das Gift erzeugt,</li>
+ <li>von der absoluten Menge des Giftes.</li>
+</ol>
+
+<p><i>ad I. 1) Bei gegebener Culturflüssigkeit mit constantem Giftwerth
+ist die Dosirung derselben durchaus nach der individuellen
+Empfänglichkeit des zu immunisirenden Individuums für das Gift zu
+bemessen. Eine immunisirende Wirkung durch dasselbe tritt dabei nur in
+dem Falle ein, wenn durch das Gift Reactionen ausgelöst werden.</i></p>
+
+<p><i>2) Unter sonst gleichen Bedingungen ist der infolge der
+Einzelreaction schliesslich resultirende Immunisirungseffect um so
+grösser, je kräftiger dieselbe gewesen war.</i></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_180">[S. 180]</span></p>
+
+<p><i>3) Dagegen erfolgt der Eintritt der Immunität um so später, je
+stärker die Reaction gewesen war, und der Immunisirungserfolg kann
+gänzlich vereitelt werden, wenn infolge von zu heftiger Reaction der
+Tod eintritt, oder wenn die als Krankheit sich äussernde Reaction in
+Siechthum übergeht.</i></p>
+
+<p><i>4) Die am meisten gefahrlose und sicherste Art der Immunisirung wird
+erreicht durch Erzeugung von Reactionen nach dem Typus mässig starker
+Tuberkulinreactionen bei R. Koch’s Behandlung der Tuberkulose des
+Menschen. Diese Reactionen lassen ausser einer schnell vorübergehenden
+Temperatursteigerung keinerlei Krankheitserscheinungen erkennen.</i></p>
+
+<p><i>ad II. i) Obwohl wir noch nicht wissen, ob das für die Immunisirung
+in Frage kommende Gift überhaupt ein chemisch definirbarer und wägbarer
+Stoff ist, so können wir doch bis zu einem gewissen Grade dasselbe
+schon jetzt zahlenmässig durch seine Wirkung auf bestimmte Thiere
+umgrenzen.</i></p>
+
+<p><i>2) Sowohl das Diphtheriegift wie das Tetanusgift erfahren durch
+höhere Temperatur und durch chemische Agentien verschiedenster Art eine
+willkürlich zu dosirende Abschwächung, von der es noch nicht feststeht,
+ob dabei das Gift in seiner specifischen Wirkung qualitativ verändert
+wird, die aber dadurch zum Ausdruck gebracht werden kann, dass man erst
+durch höhere Dosen die gleichen Vergiftungserscheinungen hervorrufen
+kann.</i></p>
+
+<p><i>3) Mit einer Culturflüssigkeit, deren tödtliche Minimaldosis für
+die zur Bestimmung des Giftwerthes gewählte Thierspecies bekannt ist,
+lassen sich die zur schnellen und gefahrlosen Immunisirung geeigneten
+Reactionen um so besser erzielen, je grösser die Dosis ist, mit
+Hilfe deren man die Einzelreaction auslöst. Aus diesem Grunde ist
+es zweckmässig, bei Thieren, die für die Giftwirkung der in Frage
+kommenden Culturflüssigkeit <span class="pagenum" id="Page_181">[S. 181]</span>sehr empfänglich sind, was an der geringen
+Höhe der tödtlichen Minimaldosis erkannt werden kann, zur Erreichung
+einer gefahrlosen und schnellen Immunisirung die Abschwächungsmethode
+zu wählen, während man bei weniger empfänglichen Individuen die gleiche
+Culturflüssigkeit in unverändertem, vollgiftigem bezw. vollvirulentem
+Zustande anwenden kann.</i></p>
+
+<p><i>4) Auch ursprünglich sehr empfängliche Individuen werden für die
+Behandlung mit unverändert giftiger Culturflüssigkeit geeignet, wenn
+man sie mittelst der Abschwächungsmethode weniger empfänglich gemacht
+hat.</i></p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_182">[S. 182]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="VIII">
+ VIII.
+ <br>
+ <b>Das Diphtherieheilserum und seine Eigenschaften.</b>
+ </h2>
+
+</div>
+
+<p>Detaillirte Angaben über die Eigenschaften des Diphtherieheilserums
+sind bisher nur an zwei Stellen gemacht worden; zuerst in der Arbeit
+„<i>Ueber Immunisirung und Heilung von Versuchsthieren bei der
+Diphtherie</i>“ von <i>Behring</i> und <i>Wernicke</i> (Zeitschr. f.
+Hyg. (1892) Bd. XI, S. 10–44) und dann neuerdings in einem <i>Vortrage
+von Wernicke</i>, dessen wesentlichster Inhalt in den Verhandlungen der
+<i>Physiologischen Gesellschaft</i> zu Berlin (No. 6 u. 7 10./2. 93, S.
+5 ff.) abgedruckt ist.</p>
+
+<p>In meiner gemeinschaftlich mit <i>Wernicke</i> publicirten Arbeit
+(l. c. S. 18 ff.) sind eine Reihe von wichtigeren Merkmalen des
+Diphtherieheilserums genauer erörtert worden.</p>
+
+<blockquote>
+<p>Als solche führe ich hier an:</p>
+</blockquote>
+
+<p><i>Erstens</i>: Durch einen Carbolsäurezusatz zum Serum bis zu einem
+Gehalt von 0,5% lassen sich die Heilkörper in demselben gut conserviren
+(S. 18).</p>
+
+<p><i>Zweitens</i>: Die Wirkungsweise des Heilserums ist keine solche,
+wie ich sie für die immunitätverleihende Action der Bacterienproducte
+supponire; diese ist nach meiner Auffassung eine fermentähnliche in
+dem Sinne, „<i>dass sie nur den Anstoss zu gewissen Veränderungen im
+behandelten Organismus liefert, die dann ihrerseits <span class="pagenum" id="Page_183">[S. 183]</span>erst die Immunität
+bedingen</i>“ (S. 18); „<i>durch die Serumzufuhr dagegen geben wir
+einem Thiere ein anderes Blut und damit gewisse Eigenschaften und
+Fähigkeiten desjenigen Individuums, von welchem das Serum, gewonnen
+ist. Dementsprechend kommen wir nicht mit einfachen Blutimpfungen aus,
+sondern wir müssen ausgerechnete Serummengen transfundiren</i>“ (S. 18).</p>
+
+<p><i>Drittens</i>: Die Hauptmenge der heilbringenden Substanz, welche
+im Blute immunisirter Thiere enthalten ist, wird in dem bei der
+Blutgerinnung ausgeschiedenen Serum wieder gewonnen (S. 19).</p>
+
+<p><i>Viertens</i>: „Zur Erreichung von Heileffecten braucht man
+grössere Mengen Serum als für die Immunisirung; und zwar sind
+die zur erfolgreichen Behandlung von vorher diphtherieinficirten
+Meerschweinchen erforderlichen Serummengen um so grösser, je später
+nach der Infection die Behandlung eingeleitet wird. „<i>Bei solchen
+Infectionen, an welchen Meerschweinchen nach 3 bis 4 Tagen zu Grunde
+gehen, wurde sofort nach der Infection das 1½ bis 2fache derjenigen
+Dosis zur glatten Heilung gebraucht, die zur einfachen Immunisirung
+ausgereicht hatte, wenn das Serum vor der Infection eingespritzt wurde;
+8 Stunden nach der Infection mussten wir das 3fache nehmen; und wenn
+wir erst nach 24 bis 36 Stunden die Behandlung begannen, so mussten wir
+bis zum 8fachen steigen</i>“ (l. c. S. 19).</p>
+
+<p>Die hier berührten Verhältnisse sind es hauptsächlich, welche in
+<i>Wernicke</i>’s Vortrag in der Berliner physiologischen Gesellschaft
+vom 3./II. 93 noch präciser auseinandergesetzt und an der Wirkung eines
+von <i>Hunden</i> gewonnenen Diphtherieheilserums auf Meerschweine
+demonstrirt wurden. In den Verhandlungen der phys. Ges. (l. c. S.
+6) drückt sich <i>Wernicke</i> in folgender Weise hierüber aus: „Je
+immuner die Hunde gegen Diphtherieinfection würden, desto stärker
+immunisirende und heilende Eigenschaften entfaltete ihr Blutserum.
+<span class="pagenum" id="Page_184">[S. 184]</span>
+<i>Bei so starken Diphtherieinfectionen, dass Controlthiere in 36 bis
+48 Stunden sterben, wurden Meerschweinchen durch Seruminjectionen von
+1&#8239;:&#8239;5000 bis 1&#8239;:&#8239;10000 (auf das Körpergewicht der Thiere berechnet)
+noch gerettet, wenn man ihnen das Heilserum ¼ Stunde nach der Infection
+einspritzte. Bei 8 Stunden nach der Infection in Behandlung genommenen
+Thieren hatten Serummengen von 1&#8239;:&#8239;500 noch heilenden Einfluss; aber
+auch Meerschweine, die erst 24 Stunden nach der Infection, während
+sie schon sehr schwere locale und allgemeine Krankheitserscheinungen
+zeigten, mit Serum behandelt wurden, konnten durch Injectionen
+grösserer Dosen, wie 1&#8239;:&#8239;100, 1&#8239;:&#8239;200, 1&#8239;:&#8239;300, ja 1&#8239;:&#8239;500, sicher
+gerettet werden.</i>“</p>
+
+<p>Die Multipla des Serumbedarfs sind nach diesen Angaben
+<i>Wernicke</i>’s etwas grösser, als die aus unserer gemeinsamen
+Arbeit oben citirten Zahlen; es erklärt sich das daraus, dass dort die
+Behandlung von Thieren berichtet wird, welche mit der <i>einfachen</i>
+tödtlichen Minimaldosis einer Diphtheriebouilloncultur inficirt
+waren, an der sie erst nach ca. 4 Tagen zu Grunde gehen, während in
+<i>Wernicke</i>’s neueren Versuchen die Infection viel stärker gewählt
+wurde. Wie sehr aber durch diese Differenz der Serumbedarf zur Heilung
+einer Infectionskrankheit beeinflusst werden kann, das habe ich in
+einer besonderen Arbeit in Gemeinschaft mit Dr. <i>Knorr</i> („Ueber
+den Immunisirungswerth und Heilwerth des Tetanusheilserums bei weissen
+Mäusen“, Zeitschr. f. Hyg. u. Inf. K., Bd. XIII (1893) S. 407 ff.) für
+den <i>Tetanus</i> zu zeigen versucht.</p>
+
+<p>Eine Vergleichung der diesbezüglichen Versuchsergebnisse beweist
+übrigens, dass trotz aller principiellen Analogien und trotz
+<i>qualitativer</i> Gleichheit doch <i>quantitativ</i> sich überaus
+grosse Unterschiede erkennen lassen, wenn man das Verhältniss der zur
+<i>Immunisirung gesunder</i> und zur <i>Heilung kranker Individuen</i>
+erforderlichen <span class="pagenum" id="Page_185">[S. 185]</span>Serumquantität genauer untersucht. <i>Zur Heilung
+von tetanuskranken Individuen in vorgeschrittenem Stadium braucht
+man schliesslich millionenmal mehr Heilserum als zur Immunisirung
+gesunder; während die Heilung diphtheriekranker Thiere, selbst wenn
+sie schon Pleuraexsudat haben und wenn ihre Athmung sehr erheblich
+erschwert ist, nur ein mässiges Multiplum der zu ihrer Immunisirung
+ausreichenden Dosis erfordert. Selbst wenn wir die grösste von Wernicke
+für die Heilung benutzte Serumquantität für die Berechnung zu Grunde
+legen (1&#8239;:&#8239;100), so beträgt dieselbe doch immer nur das 100fache der
+immunisirenden Dosis.</i></p>
+
+<p>Es ist ohne Weiteres verständlich, wie durch diesen Umstand die
+Diphtherieheilung auch in weiter vorgeschrittenen Krankheitsstadien
+günstigere Chancen darbietet als die Tetanusheilung.</p>
+
+<p><i>Fünftens</i>: Bezüglich der differenten Applicationsweise des Serums
+erwies sich die intraperitoneale Injection desselben etwas wirksamer
+als die subcutane, jedoch nicht in dem Grade, dass man deswegen die
+bequemere und weniger gefährliche letztere Art der Injection durch die
+erstere zu ersetzen einen Anlass sehen müsste (l. c. S. 20).</p>
+
+<p><i>Wernicke</i> und ich haben (l. c. S. 37 ff.) auch darüber Auskunft
+gegeben, wie wir vorzugehen beabsichtigten, um die allgemeinere
+Einführung des Diphtherieheilserums in der Behandlung der Diphtherie
+vorzubereiten. Wir sagten in unserer Arbeit:</p>
+
+<p>„Wir untersuchen von Zeit zu Zeit das Serum des Blutes der immunisirten
+Thiere auf seine immunisirende und heilende Leistungsfähigkeit.</p>
+
+<p>Finden wir schliesslich dieselbe so gross, dass wir damit eclatante
+therapeutische Resultate bekommen können, dann suchen wir uns von
+den Eigenschaften und Fähigkeiten dieses Diphtheriemittels genauere
+Kenntniss zu verschaffen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_186">[S. 186]</span></p>
+
+<p>Der Endzweck unserer Versuche bleibt immer der, das Mittel in solcher
+Menge und Wirksamkeit zu gewinnen, dass damit auch beim Menschen die
+Diphtherie behandelt werden kann.</p>
+
+<p>Man erkennt ohne Weiteres, dass für den einwandsfreien Beweis
+unserer Behauptung, „jetzt so weit zu sein, dass an die Verwerthung
+unseres Diphtherieheilmittels auch beim Menschen gedacht werden
+könne,“ es genügt, wenn wir unser Mittel in applicabler Form fertig
+solchen Personen behufs eigener Prüfung in die Hand geben, die ein
+sachverständiges Urtheil über die hierher gehörigen Fragen haben.</p>
+
+<p>Wenn dann zunächst bei Versuchsthieren bestätigt wird, dass dieses
+Mittel in der That ein specifisches Diphtherieheilmittel ist, welches
+von der Blutbahn aus überall im Körper die krankmachenden Wirkungen
+der Diphtheriebacillen aufhebt, wenn dann weiter bestätigt wird,
+dass dasselbe für das behandelte Individuum absolut unschädlich ist,
+dann haben wir zum Beweise jener Behauptung Alles beigebracht, was
+billigerweise verlangt werden kann; und es ist sachlich dabei ganz
+gleichgültig, wie wir zu unserem Heilmittel gekommen sind.</p>
+
+<p>Man hört jetzt oft die Forderung erheben, dass bei Neueinführung
+eines Heilmittels dessen Zusammensetzung genau bekannt sein müsse, ja
+womöglich „dasselbe müsse rein dargestellt sein“.</p>
+
+<p>Nun, wir wissen selber noch gar nichts Genaues über die chemische Natur
+der im Blute wirksamen Heilkörper; und nur soweit sind wir darüber
+orientirt, dass wir selbst auf eine sogenannte „Reindarstellung“
+verzichten.</p>
+
+<p>Gleichwohl, wenn wir so weit gekommen sein werden, dass, auf das
+Körpergewicht eines Kindes berechnet, eine Einspritzung von wenigen
+Cubikcentimetern einer im Uebrigen indifferenten Flüssigkeit
+sichere Heilwirkung gegenüber einer sonst absolut tödtlichen
+Diphtherieinfection <span class="pagenum" id="Page_187">[S. 187]</span>zu Stande bringt, — dann haben wir keine Sorge
+darum, dass das Mittel auch beim Menschen angewendet werden wird, auch
+wenn es nicht in seiner Zusammensetzung genau bekannt und nicht rein
+dargestellt ist, ja selbst wenn über seine Herkunft gar nichts bekannt
+wäre.</p>
+
+<p>Soweit sind wir jetzt noch nicht; die grösste Wirkung, welche wir
+mit den bis jetzt untersuchten Serumsorten erzielt haben, ist die
+Heilwirkung des Serums von einigen Meerschweinchen mit 1&#8239;:&#8239;1000 bei
+sofort nach der Infection eintretender Behandlung und 1&#8239;:&#8239;400 nach dem
+Auftreten deutlicher und allgemeiner Erkrankung.</p>
+
+<p>Wenn wir nun unter Berücksichtigung der Thatsache, dass der
+Mensch nicht in gleichem Grade wie die Meerschweinchen als
+diphtherieempfänglich angesehen werden kann, und dass die Infection
+in der Regel nicht so stark ist, wie wir sie künstlich machen,
+voraussetzen dürfen, dass die Heilung des Menschen leichter gelingen
+wird, als die der Versuchsthiere, so kommen wir doch noch zu recht
+erheblichen Zahlen für die Serummenge, die voraussichtlich zur Heilung
+eines schwer diphtheriekranken Kindes nothwendig ist.</p>
+
+<p>Bei Zugrundelegung der Zahl 1&#8239;:&#8239;400 würden wir für ein Kind mit
+einem Körpergewicht von 20 kg noch 50 ccm Heilserum gleich am Anfang
+verbrauchen müssen und zur Weiterbehandlung dann wahrscheinlich noch
+ebensoviel.</p>
+
+<p>Wir möchten noch besonders hervorheben, dass Niemand mit Sicherheit
+voraussagen kann, ob die Diphtherie des Menschen leichter oder schwerer
+durch unser Mittel zu heilen ist, als die der Versuchsthiere; wir
+müssen aber mit der ungünstigeren Möglichkeit rechnen und uns auch auf
+den Fall gefasst machen, dass nicht gleich die ersten Heilversuche
+unzweideutig positiv ausfallen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_188">[S. 188]</span></p>
+
+<p>Unter diesen Umständen und aus dem weiteren Grunde, weil wir
+selbst darauf verzichten, orientirende Vorversuche am Menschen zu
+machen, halten wir es für zweckmässig, demjenigen, der mit unserem
+Diphtherieheilmittel solche Versuche anstellen will, nicht bloss an
+Thieren die vollkommene Unschädlichkeit desselben zu demonstriren,
+sondern auch ihm ein selbstständiges Urtheil darüber zu verschaffen,
+dass die therapeutische Leistungsfähigkeit unseres Mittels einer noch
+nicht abzusehenden Steigerung fähig ist.</p>
+
+<p>In dem hier dargelegten Sinne sind wir im Laufe der beiden letzten
+Jahre ununterbrochen thätig gewesen, und gegenwärtig können wir sagen,
+dass das Ziel, welches wir uns gesteckt haben, erreicht ist.</p>
+
+<p><i>Wernicke</i> und ich haben in dieser Zeit aus äusseren Gründen bis
+zu gewissem Grade eine Arbeitstheilung vorgenommen.</p>
+
+<p>Das Ziel „<i>Diphtherieheilserum in solcher Menge und Wirksamkeit zu
+gewinnen, dass damit auch beim Menschen die Diphtherie behandelt werden
+kann</i>“, liess sich nur erreichen, wenn mit grossen Mitteln an vielen
+Schafen oder anderen blutliefernden Thieren die Immunisirungsarbeit
+ausgeführt wurde. Ich habe es mir angelegen sein lassen, diese Mittel
+von solchen Stellen zu beschaffen, deren Interesse für die Sache ich
+wachzurufen versuchte. Einen solchen Appell an die Mitbetheiligung
+weiterer Kreise liess ich zunächst ergehen am Schluss meiner Abhandlung
+„Die praktischen Ziele der Blutserumtherapie“ (<i>Behring</i>,
+Blutserumtherapie I., Thieme, Leipzig 1892) S. 17 u. 18.</p>
+
+<p>„Wenn ich es unternommen habe, nicht bloss die bisherigen Leistungen
+auf dem Gebiete der Blutserumtherapie, sondern auch die Perspective
+zu schildern, welche die Resultate von Laboratoriumsarbeiten uns
+zu gewähren im Stande sind, so geschieht das hauptsächlich aus dem
+Grunde, weil ich die Erfahrung gemacht habe, <span class="pagenum" id="Page_189">[S. 189]</span>dass die Mittheilungen der
+experimentell-wissenschaftlichen Originalarbeiten in Fachzeitschriften
+nur einem kleinen Theile des ärztlichen Publicums zugänglich sind,
+während es doch wünschenswerth ist, dass vor der Uebertragung der
+durch Thierexperimente gewonnenen Ergebnisse auf den kranken Menschen
+die Principien und die Ziele der neuen Heilmethode in der Hauptsache
+<i>allgemein</i> bekannt werden.</p>
+
+<p>Wie man aus meiner Schilderung erkennen kann, wachsen jetzt die
+Arbeiten aus dem Rahmen der eng begrenzten Laboratoriumsthätigkeit
+heraus.</p>
+
+<p>So lange es sich darum handelte, die wissenschaftlichen
+<i>Vorarbeiten</i> für die Begründung der neuen Heilmethode
+auszuführen, konnte es der Sache nur förderlich sein, wenn von
+derselben nicht viel Geräusch gemacht und die öffentliche Discussion
+darüber möglichst vermieden wurde. Die Controlle der Arbeiten durch
+meinen hochverehrten Lehrer, Herrn Geheimrath <i>Koch</i>, sein Rath
+und seine Hülfe in allen Stadien derselben bot die beste Gewähr dafür,
+dass ich nicht gar zu sehr auf Abwegen mich verlor.</p>
+
+<p>An der Uebertragung der wissenschaftlichen Resultate auf die ärztliche
+Praxis sind wir aber nicht wesentlich mehr interessirt, als alle
+anderen Aerzte und als die kranken und die krankheitbedrohten Menschen,
+denen die neuen Heilmittel zugute kommen sollen.</p>
+
+<p>Es ist jetzt Sache der weiter betheiligten Kreise, dafür zu sorgen,
+dass die Arbeiten im Interesse der leidenden <i>Menschen</i> in
+ähnlicher Weise ermöglicht werden, wie das durch die thatkräftige
+Unterstützung des landwirtschaftlichen Ministeriums im Interesse
+landwirthschaftlich werthvoller <i>Thiere</i> schon jetzt geschehen
+ist.“</p>
+
+<p>Dem Einwand aber, dass für eine solche Arbeit in grösserem Maassstabe,
+wie ich sie plante, die Zeit noch nicht gekommen sei, suchte ich zu
+begegnen durch folgende Ausführungen (l. c. S. 55 u. 56):</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_190">[S. 190]</span></p>
+
+<p>„Nun könnte man sagen: „Dann ist ja der Appell am Schluss des ersten
+Theils dieser Arbeit an weitere Kreise, die Inangriffnahme der
+Diphtherieimmunisirung von grossen Thieren in erweitertem Maassstabe zu
+ermöglichen, verfrüht. Zeigt erst, dass Ihr den Menschen sicher heilen
+könnt, dann kommt das Uebrige von selbst, dann werden auch die Mittel
+zu weiteren Arbeiten nicht fehlen.“</p>
+
+<p>Bis zu einem gewissen Grade ist das richtig.</p>
+
+<p>Ich glaube aber doch nicht unterlassen zu dürfen, auf die Consequenzen
+einer solchen Argumentation hinzuweisen.</p>
+
+<p>Wie schon erwähnt, vergehen voraussichtlich auch später Jahre, ehe
+die Diphtherieimmunisirung ein und desselben Thieres uns ein solches
+Heilserum liefert, dessen Anwendung für praktische Zwecke allen unseren
+Anforderungen Genüge leistet.</p>
+
+<p>Wenn nun mit dem Beginn der Inangriffnahme der Versuche im Grossen
+gewartet wird, bis <i>Wernicke</i> und <i>ich</i> sagen, jetzt
+können wir die Diphtherie des Menschen ganz sicher heilen (da wir
+vorsichtige Leute sind, kann das noch recht lange dauern); 100 und
+mehr hintereinander geheilte Fälle liefern den Beweis dafür, —
+dann stehen wir vor der Situation, dass wir wissen, es <i>giebt</i>
+ein specifisches Heilmittel gegen die Diphtherie des Menschen, wir
+<i>haben</i> es bloss nicht und können es auch im günstigsten Fall —
+unsere dauernde Arbeitsfähigkeit und Arbeitsfreudigkeit vorausgesetzt
+— erst in einigen Jahren bekommen. Da fragt es sich denn doch, ob es
+nicht besser ist, jetzt schon anzufangen.“</p>
+
+<p>Dankbar muss ich anerkennen, dass meine Worte nicht ungehört verhallt
+sind.</p>
+
+<p>Von den verschiedensten Seiten habe ich bei meinen weiteren
+Bestrebungen wirksame Unterstützung gefunden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_191">[S. 191]</span></p>
+
+<p>Vor Allen aber sind es der Herr Generalstabsarzt der Armee, Excellenz
+<i>von Coler</i>, der Geh. Med.-Rath Prof. <i>R. Koch</i> und der Geh.
+Oberregierungsrath Dr. <i>Althoff</i>, die ich zu nennen habe, wenn ich
+auch auf den äusseren Erfolg meiner Thätigkeit in der Herstellung von
+Diphtherieheilserum mit Befriedigung zurückblicken kann.</p>
+
+<p>Ferner haben mich meine Mitarbeiter bei der Diphtherie, Herr Stabsarzt
+Dr. <i>Wernicke</i> und San.-Rath und Hofarzt Dr. <i>O. Boer</i>, auch
+bei den Arbeiten, welche auf die <i>Diphtherieheilserumgewinnung im
+Grossen</i> gerichtet sind, unentwegt unterstützt.</p>
+
+<p>Endlich verdanke ich es der materiellen Unterstützung der Farbwerke
+vorm. <i>Meister, Lucius &amp; Brüning</i>, dass ich unter bequemen
+Arbeitsbedingungen die Serumgewinnung an einem grossen Thiermaterial
+ausführen konnte. Zum Theil in <i>Berlin</i>, in der Nähe des Instituts
+für Infectionskrankheiten, zum Theil in <i>Höchst a. M.</i>, sind
+Stallungen eingerichtet worden, welche für meine Zwecke vorzüglich
+geeignet sind; in denselben finden vorläufig ca. 60 Schafe und mehrere
+Pferde Unterkunft, und die Wartung, Beobachtung und Behandlung dieser
+Thiere hat sich in solcher Weise einrichten lassen, dass meine eigene
+Arbeitsleistung dabei nicht übermässig gross ist.</p>
+
+<p>In letzter Zeit habe ich eine Berechnung versucht, was mit dem jetzt
+zur Verfügung stehenden Diphtherieheilserum event. geleistet werden
+kann. Ich legte bei dieser Berechnung die Schlussfolgerungen zu
+Grunde, welche ich aus der Behandlung von ca. 80 diphtheriekranken
+Kindern mit Heilserum (in verschiedenen Kliniken)&#x2060;<a id="FNanchor_6_6" href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> gezogen habe,
+die allerdings aber vorläufig nur für mich selbst überzeugende Kraft
+haben. Danach ist der Immunisirungsprocess bei 30 Schafen soweit
+<span class="pagenum" id="Page_192">[S. 192]</span>
+vorgeschritten, dass dieselben mir brauchbares Heilserum liefern.
+Die Leistungsfähigkeit desselben ist bei verschiedener Provenienz
+verschieden und nicht überall genau berechnet. Bei mehreren Schafen ist
+sie so gross, dass nach meiner Berechnung und Erfahrung 0,5 ccm Serum
+für ein Jahr alte Kinder zur Immunisirung ausreichen, zur Heilung aber
+nicht sehr schwerer Fälle bei 3 bis 4 Jahre alten Kindern 10 bis 15
+ccm. Nun liefert ein einzelnes Schaf, wenn nöthig, alle 4 Wochen eine
+Serumquantität von mindestens 50 ccm, ohne dass es dadurch irgendwie
+geschädigt wird. <i>Rechne ich den Serumertrag pro Jahr auf rund
+2½ Liter, so kann also von 1 Schaf pro Jahr die zur Immunisirung
+von 5000 Kindern erforderliche Serummenge gewonnen werden.</i> Eben
+dieselbe Menge würde nach vorstehender Berechnung zur Heilung von ca.
+200 Kindern ausreichen, wenn die Behandlung derselben alsbald nach
+festgestellter Diagnose vorgenommen wird.</p>
+
+<p>Ich benutze diese Stelle noch, um die Gründe anzuführen, aus welchen
+ich es vorziehe, erst dann das Serum zu Heilversuchen beim Menschen
+abzugeben (ohne dass ich mir die Bestimmung über die Art der Anwendung
+und über den Ort der Publication der Resultate vorbehalte), wenn die
+specifische Heilwirkung klinischerseits, unter meiner Mitbeobachtung,
+ganz einwandsfrei festgestellt ist. Diese Gründe sind zu suchen in den
+Erfahrungen, welche ich bei der Abgabe von Tetanusheilserum gemacht
+habe: Trotzdem ich mich bemühte, so verständlich, wie irgend möglich,
+auseinanderzusetzen, („Das Tetanusheilserum und seine Anwendung auf
+den tetanuskranken Menschen“, <i>Behring</i>, Blutserumtherapie II,
+<i>Thieme</i>, Leipzig), dass mein bisher verabfolgtes Tetanusheilserum
+nur für die Anfangsstadien der Erkrankung ausreicht, haben doch manche
+Empfänger auf eigene Hand sich überzeugen wollen, ob noch kurz vor
+dem Tode, mit anderen Worten, <span class="pagenum" id="Page_193">[S. 193]</span>wenn nach ihrer Ansicht die Prognose
+<i>absolut</i> schlecht geworden ist, eine Heilwirkung eintritt; und
+wenn dann der Erfolg ausblieb, so bemängelten nicht bloss sie selbst
+die Heilkraft des Mittels überhaupt, sondern sie veranlassten auch ihre
+Umgebung zu einer Auffassung, die durchaus geeignet war, mein Mittel
+zu discreditiren; ich hatte dann alle Mühe, brieflich oder auf anderem
+Wege diese mir selbstverständlich unerwünschte Wirkung aufzuheben.</p>
+
+<p><i>Aus diesem Grunde werde ich von jetzt ab nur dann Tetanusheilserum
+abgeben, wenn ich selbst oder Dr. Knorr die in Frage kommenden
+Fälle mitbeobachten, solange, bis wir auch mit kleineren Mengen
+bei subcutaner Injection schwere und vorgeschrittene Tetanusfälle
+sicher heilen können. Das Angebot der Serumabgabe durch Vermittelung
+von Herrn Meinhardt und Herrn Lautenschläger, welches in meiner
+Blutserumtherapie II, S. 81 ff. enthalten ist, wird demnach hierdurch
+aufgehoben, und zunächst wird überhaupt nur innerhalb von Berlin von
+Dr. Knorr</i> (Institut für Infectionskrankheiten, Charitéstr. 1)
+<i>Tetanusheilserum, welches von mir geprüft ist, zu bekommen sein.
+Für Militärärzte in Garnisonlazarethen wird Tetanusheilserum von Herrn
+Stabsarzt Wernicke, Klosterstr. 36 abgegeben.</i></p>
+
+<p>Auch die Gründe, aus welchen ich bisher über Diphtherieheilungsversuche
+an Menschen nichts habe verlauten lassen, trotzdem dieselben an
+verschiedenen Orten schon seit einem Jahre ausgeführt werden, sind auf
+meine Erfahrung beim Tetanus zurückzuführen.</p>
+
+<p>Wenn man sich eine Vorstellung davon zu machen sucht, wie es
+anzufangen ist, um ein Urtheil zu bekommen, ob die Heilkraft des
+Diphtherie- oder Tetanusheilserums schon gross genug ist, um damit
+in die Oeffentlichkeit treten zu können, dann sollte man glauben,
+<span class="pagenum" id="Page_194">[S. 194]</span>
+dass nichts einleuchtender wäre als die Nothwendigkeit, sowohl solche
+Dosirung zu versuchen, welche unterhalb der heilenden bleibt, als
+diejenige, welche ein Multiplum derselben darstellt; denn unter der
+Voraussetzung, dass für eine bestimmte Kategorie von Krankheitsfällen
+das Serum überhaupt specifisch heilend und lebensrettend wirkt,
+wollen wir zwar eine <i>ausreichende</i> Dosirung haben, wir wollen
+aber das Mittel auch nicht <i>verschwenden</i>. Da macht man’s dann
+wie der Artillerist, wenn er sich auf ein Ziel einschiesst; zuerst
+geht man darüber weg, dann schiesst man zu kurz, und zuletzt stellt
+man die Richtung des Geschützes so ein, dass dieselbe ziemlich genau
+auf das Ziel gerichtet ist. Der Vergleich hinkt zwar etwas; unser
+Ziel, die Krankheit zu heilen, erreichen wir auch, wenn wir die Dosis
+grösser nehmen als nothwendig; <i>worauf ich aber hinaus will, ist die
+Kenntniss der heilenden Minimaldosis, und diese kann nicht erlangt
+werden, ohne dass probeweise man absichtlich unter der heilenden Dosis
+bleibt</i>; es sind demnach bei dem Versuch, die richtige Dosirung
+herauszubekommen, eo ipso Misserfolge in der Behandlung nothwendig,
+und es wäre ganz verfehlt, danach den Werth oder Unwerth des Mittels
+aus solchen <i>Vorversuchen</i> abmessen zu wollen; da ich gleichwohl
+aber ein Verständniss hierfür bei meinen Erfahrungen über den
+Tetanus nicht gefunden habe, so theile ich die Vorversuche bei der
+Diphtherie überhaupt nicht mit, bevor sich nicht für mich aus denselben
+diejenige Dosirung ergeben hat, welche ohne Serumverschwendung zur
+Heilung ausreicht. Nachdem diejenigen Herren Kliniker, welche im
+Einverständniss mit mir die Diphtherieheilversuche vornehmen, von
+der Unschädlichkeit des Diphtherieheilserums einerseits, von seinem
+Nutzen andererseits sich überzeugt haben, wird es nicht schwer sein,
+an Hunderten von Fällen schliesslich zu einem gesicherten Urtheil zu
+kommen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_195">[S. 195]</span></p>
+
+<p>Zum Schluss dieses Capitels habe ich noch einer praktisch wichtigen
+Frage zu gedenken, die gleichfalls schon in der oben citirten Arbeit
+von <i>Wernicke</i> und mir berührt ist, der Frage nach der <i>Dauer
+der durch das Diphtherieheilserum übertragenen Immunität</i>. Wir
+sagten dort (S. 9): „Was die Dauer der Immunität betrifft, wenn
+Meerschweinchen bloss Serum bekommen haben und keine nachfolgenden
+Diphtherieinfectionen erlitten hatten, so können wir darüber noch
+nichts Endgiltiges aussagen. Mindestens einige Wochen dauert in diesem
+Falle die Immunität an.“ Diesen Worten kann gegenwärtig hinzugefügt
+werden, dass die Dauer der Immunität abhängig ist von der Menge der
+incorporirten Heilsubstanz. Je grösser dieselbe ist, für um so längere
+Zeit kann man das behandelte Individuum immun machen.</p>
+
+<p>Bei der weitgehenden Analogie zwischen den Heilkörpern für die
+Diphtherie und für andere Infectionskrankheiten trage ich kein
+Bedenken, hier auch die Erfahrungen zu verwerthen, welche für den
+Tetanus und für die Hundswuth beweisen, dass die Dauer der Immunität
+über das Individualleben hinaus auf die Descendenten sich erstrecken
+kann. Es sind dabei die Untersuchungen von <i>Ehrlich</i> zu
+berücksichtigen, welche die Vererbung der Tetanusimmunität <i>von der
+Mutter</i> auf die Nachkommen unter gewissen Bedingungen ergeben haben,
+und die Untersuchungen von <i>Tizzoni</i> und seiner Mitarbeiter, aus
+welchen hervorgeht, dass sowohl bei der Hundswuth, wie beim Tetanus
+die erworbene Immunität <i>vom Vater</i> auf die Descendenten vererbt
+werden kann.</p>
+
+<p>Bezüglich der Tragweite namentlich der Resultate <i>Tizzoni</i>’s
+schliesse ich mich durchaus der Auffassung des letzteren an, welcher
+er in seinen Mittheilungen vom December 1892 („Die Vererbung der
+Immunität gegen Rabies von dem Vater auf das Kind“, Centralblatt
+<span class="pagenum" id="Page_196">[S. 196]</span>
+für Bacteriologie und Parasitenkunde 1893, No. 3) Ausdruck gegeben
+hat. <i>In der That, die Thatsache der germinalen Vererbung eines
+Krankheitsschutzes ist ein weiterer Ansporn, die Immunisirungsarbeiten
+zum Wohle der Menschheit mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln
+fortzusetzen.</i></p>
+
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_6_6" href="#FNanchor_6_6" class="label">[6]</a> Ueber die Einzelbeobachtungen wird erst in späterer Zeit
+berichtet werden.</p></div>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_197">[S. 197]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Schlusswort_zum_geschichtlichen_Theil">
+ <b>Schlusswort zum geschichtlichen Theil.</b>
+ </h2>
+
+</div>
+
+<p>Wenn wir zurücksehen auf die Thatsachen und Probleme in der
+Krankheitslehre der Diphtherie, die bisher erörtert worden sind, so
+lässt sich erkennen, wie dieselben in innigem Zusammenhang stehen mit
+denen der Krankheitslehre überhaupt.</p>
+
+<p>Die Diphtherie zeigt vieles Bemerkenswerthe in der Art ihres
+<i>epidemischen</i> und <i>endemischen</i> Auftretens. Das Entstehen
+und Vergehen der Epidemien; ihr Charakter in Bezug auf den Procentsatz
+der befallenen Individuen und in Bezug auf die grössere oder
+geringere Mortalität derselben; die in verschiedenen Epidemien,
+Ländern, Zeiten und bei verschiedenen Racen und Lebensaltern zu Tage
+tretenden Differenzen im Krankheitsbilde und in den Morbiditäts- und
+Mortalitätsziffern bieten noch immer eine unerschöpfliche Fundgrube
+für die epidemiologische Forschung; aber die Errungenschaften der
+genialen Arbeiten <i>Bretonneau</i>’s auf diesem Gebiete sind nicht
+der Diphtherie allein zugute gekommen, sondern haben anregend
+und klärend gewirkt auf die Auffassungsweise auch aller anderen
+Infectionskrankheiten.</p>
+
+<p>Die Lehre von der <i>Contagiosität</i>, die für die Diphtherie
+von <i>Bretonneau</i> fest begründet wurde, und die in seinem
+offenen Briefe einen so überzeugenden Ausdruck gefunden hat, kann
+fast mit denselben Worten auf die Cholera übertragen werden; sie
+zeigt aber auch, <span class="pagenum" id="Page_198">[S. 198]</span>wenn wir uns in dieselbe vertiefen, wie sehr man
+sich hüten muss, mit Schlagworten und Gemeinplätzen <i>alle</i>
+Infectionskrankheiten nach demselben Schema rücksichtlich ihrer
+Verbreitungsweise zu beurtheilen. Die Unterschiede sind da so gross,
+dass man fast einen vollständigen Gegensatz herausfinden kann, wenn
+man <i>die acuten Exantheme</i> damit vergleicht. Bei einer solchen
+Gegenüberstellung wird es verständlich, wie man zu einer Eintheilung
+der Infectionskrankheiten in <i>contagiöse</i> und <i>miasmatische</i>
+kommen konnte. Auf der einen Seite die Diphtherie, die Syphilis, die
+Pocken; auf der anderen Scharlach, Masern, Flecktyphus.</p>
+
+<p>Wie unzulänglich aber solche Unterscheidungen sind, das zeigte sich
+schon früher darin, dass man sich zur Aufstellung einer Gruppe von
+contagiös-miasmatischen Krankheiten genöthigt sah; und seit von <i>R.
+Koch</i> eine Reihe von Krankheiten als Infectionen erkannt sind,
+deren <i>specifisch infectiösen Charakter</i> noch jetzt manche
+Leute in Frage stellen möchten, die Cholera, die Tuberkulose, die
+Pneumonie, der Tetanus, der Abdominaltyphus, da ist es bloss noch
+ein <i>Streit um Worte, ob man eine Krankheit, welche durch belebte
+und vermehrungsfähige Parasiten übertragen werden kann, deswegen als
+contagiös oder nicht contagiös bezeichnen will, weil der Krankheitskeim
+leichter oder schwerer haften bleibt</i>.</p>
+
+<p>Der die Diphtherie erzeugende Bacillus haftet im Allgemeinen ziemlich
+leicht, insbesondere bei jugendlichen Individuen und zumal in Zeiten,
+in welchen erfahrungsgemäss die zur Aufnahme der Bacillen befähigten
+Schleimhäute unter dem <i>Einfluss atmosphärischer Verhältnisse</i>
+stehen, welche Reizzustände derselben bedingen. Aber wie bei allen
+Infectionskrankheiten gehört zum Entstehen von Diphtherieepidemien
+ausser dem <i>specifischen Krankheitserreger</i> und ausser einer
+durch Witterungseinflüsse und andere Verhältnisse bedingten
+<i>Disponirung</i> <span class="pagenum" id="Page_199">[S. 199]</span>der Schleimhäute nach manches andere. Unter sonst
+gleichen Bedingungen wird das Umsichgreifen der Diphtherie um so
+leichter erfolgen, je <i>virulenter</i> die in einer Gegend, in einem
+Hause oder in einem bestimmten Zimmer deponirten Krankheitskeime sind.
+Es wird aber weniger leicht stattfinden, je mehr Individuen durch das
+<i>Ueberstehen der Krankheit</i> vor weiteren Infectionen geschützt
+sind.</p>
+
+<p>In dieser Richtung sind freilich die statistischen Erhebungen
+noch nicht ausreichend, um auch den bisherigen Zweiflern an der
+<i>Schutzkraft der einmaligen Erkrankung</i> zu beweisen, dass
+eine solche besteht. Aber ich habe in der ganzen Litteratur keinen
+nennenswerthen Autor gefunden, welcher nicht mindestens zugesteht, dass
+eine mehrmalige Infection zu den Ausnahmen gehört; und die wenigen
+beglaubigten Angaben darüber sind ausserdem noch einer verschiedenen
+Deutung fähig; so werden von <i>Millet</i> aus <i>Tours</i>, einem
+Schüler <i>Bretonneau</i>’s, in dessen Preisarbeit vom Jahre 1863
+(„Traité de la diphtherie“ [ouvrage couronné par la société des
+sciences de Bruxelles] Paris bei F. Savy) die oft citirten Fälle von
+mehrmaliger Tracheotomie bei denselben Individuen als <i>Recidive</i>
+gedeutet, nicht als <i>Neuinfectionen</i>, und ich möchte glauben,
+mit vollem Recht, wenn ich meine Erfahrungen in den Thierexperimenten
+berücksichtige. Dass Recidive bei der Diphtherie vorkommen, ebensogut
+wie bei der Syphilis, ohne dass man deswegen an der Schutzkraft des
+einmaligen Ueberstehens der letzteren zweifelt, ist ganz sicher;
+nur nehmen dann dieselben noch viel häufiger als bei der Syphilis
+<i>besondere Krankheitsformen</i> an. Sie documentiren sich als
+Lähmungen und Kachexien; ob aber solche Erkrankungen, die der
+<i>primären Diphtherie</i> gleichen, als Recidive aufzufassen sind oder
+nicht, das lässt sich hier nicht so leicht feststellen, wie bei der
+Syphilis, beim Typhus, bei der Malaria.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_200">[S. 200]</span></p>
+
+<p>Wie lange die Schutzkraft andauert, darüber wissen wir noch weniger
+Sicheres. Von grossem Interesse war es mir bei <i>Millet</i> davon zu
+lesen, dass man in <i>Tours</i>, wo <i>Bretonneau</i>’s Wirksamkeit
+naturgemäss die Augen für die epidemiologische Beobachtung geschärft
+hatte, sogar über das Individualleben hinaus für die Descendenten eine
+solche nicht ausschloss. Seite 358 (l. c.) sagt er: „A Tours, on dit
+que le croup suit le sang.“ Allerdings wird, wie der Krankheitsschutz,
+auch die <i>vermehrte Krankheitsdisposition</i> „im Blute“ liegen;
+für die hier angeregte Frage nach den Bedingungen des Zustandekommens
+von Diphtherieepidemien werden wir dadurch aber nur noch mehr darin
+bestärkt werden, auch <i>die Heredität</i> als einen wirksamen Factor
+in Rechnung zu ziehen.</p>
+
+<p>Wir sehen, es sind das die gleichen Probleme, die uns bei anderen
+verderblichen Krankheiten des Menschengeschlechts beschäftigen.</p>
+
+<p>Mehr, als je hat aber in neuerer Zeit die medicinische Forschung
+bewiesen, wie man aus der Klarlegung des Krankheitswesens <i>einer</i>
+Krankheit reichen Gewinn ziehen kann auch für das Verständniss vieler
+anderer.</p>
+
+<p>Nachdem für die Diphtherie auf’s strengste bewiesen ist, wie
+bei ätiologischer Einheit ein fast in’s Ungemessene gehender
+<i>Polymorphismus ihrer Erscheinungsformen</i>&#x2060;<a id="FNanchor_7_7" href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> bestehen kann, können
+wir mit gutem Muth auch an die Aufgabe herangehen, das vielgestaltige
+Bild der Streptococcenkrankheiten einheitlich zu betrachten, und
+welchen praktischen Werth eine solche Betrachtungsweise für die
+Verhütung und Heilung der Infectionen zur Folge haben kann, das können
+wir so recht erkennen, wenn wir die Tragweite berücksichtigen, welche
+<i>die auf dem Boden der ätiologischen Einheit <span class="pagenum" id="Page_201">[S. 201]</span>erwachsene Lehre von der
+Specificität des krankheitserzeugenden Diphtheriegiftes</i> bekommen
+hat.</p>
+
+<p>Es dürfte in der Geschichte der Medicin noch nicht dagewesen
+sein, dass in dem kurzen Zeitraum von wenigen Jahren sich eine so
+totale Umwälzung in der Krankheitslehre vollzogen hat, wie wir sie
+erlebten. Man lese <i>Hufeland</i>’s und <i>Schönlein</i>’s oder
+auch <i>Virchow</i>’s Darstellung solcher Krankheiten, die wir jetzt
+als tuberculöse, pneumonische, diphtherische u.&#8239;s.&#8239;w. bezeichnen,
+und vergleiche damit, was seit <i>R. Koch</i>’s Eintreten in die
+medicinische Forschung daraus geworden ist. Man vergegenwärtige
+sich den gegenwärtigen Stand unserer Kenntniss von der Natur der
+Krankheitsgifte, seitdem vor vier Jahren das Diphtheriegift entdeckt
+ist, und erinnere sich dabei an die vorher an die Herstellung der
+sogenannten Ptomaïne geknüpften Hoffnungen. Man berücksichtige die
+Thatsache, dass seit der Entdeckung von specifischen Krankheitsgiften
+es kaum noch eine Infection giebt, gegen welche man nicht willkürlich
+<i>unter Zuhülfenahme der Abschwächungsmethode Immunität</i> erzeugen
+kann, wo doch, nach den ersten Mittheilungen <i>Pasteur</i>’s
+darüber, auf Grund von epidemiologischen Erwägungen selbst die
+<i>Möglichkeit</i> der Schutzimpfung gegenüber der Mehrzahl der
+menschlichen Infectionskrankheiten in Abrede gestellt wurde. Man denke
+daran, dass noch vor wenigen Jahren auf medicinischen Congressen die
+versammelten Kliniker Europa’s kategorisch erklärten, dass <i>die
+Entgiftung im lebenden Organismus</i> in Ewigkeit ein frommer Wunsch
+bleiben werde, und dass <i>das Auffinden specifischer Heilmittel</i>
+nie und nimmer in irgend wie beschaffenen Laboratorien erwartet
+werden könne, während jetzt selbst die hartnäckigsten medicinischen
+Pessimisten zum mindesten eine wohlwollend abwartende Stellung
+gegenüber der <i>Blutserumtherapie</i> für angezeigt halten: und
+man wird zugeben, dass es der Mühe werth ist, sich in das Studium
+<span class="pagenum" id="Page_202">[S. 202]</span>
+<i>einer</i> Krankheit zu vertiefen. Denn in der That, diese
+Errungenschaften sind nicht das Verdienst der Encyclopädisten, die
+sich ein System zurecht machten, in welchem sie von allgemeinen
+Krankheitsbegriffen ausgehend die wissenschaftliche Medicin zu einer
+Sammlung von schönen Wortdefinitionen machten; sondern sie sind das
+Verdienst von Männern, die in einsamer Arbeit vom Kleinen und Kleinsten
+anfingen, und die sich nicht beirren liessen durch den Vorwurf, als
+ob sie bei ihren bacteriologischen Studien den Blick für’s Grosse und
+Ganze verloren hätten. All’ diese Errungenschaften sind schrittweise
+erworben worden in der Art, dass an einer kleinen Stelle zuerst Fuss
+gefasst und kein Schritt weiter gethan wurde, ehe nicht fester Boden
+für das weitere Vorschreiten gewonnen war.</p>
+
+<p>Diese Art des Vorgehens garantirt auch den neuen Lehren Dauer und
+Bestand. Wohl ist es verständlich, wenn die in der speculativen und
+systematisirenden Methode der medicinischen Wissenschaft alt gewordenen
+verdienstvollen Forscher skeptisch bleiben. Wer nicht mitten in der
+neuen Arbeit drin steht, kann ja über die Zuverlässigkeit der durch
+dieselbe gewonnenen Resultate sich ein eigenes Urtheil nicht bilden.</p>
+
+<p><i>Für die selbstthätig experimentell arbeitenden Mediciner ist es
+aber kein Zweifel mehr, dass diese Zuverlässigkeit eine ganz andere
+ist, in Bezug auf die Diagnose der Infectionskrankheiten sowohl, wie
+in Bezug auf ihre Heilung und Verhütung, als wie die, welche man
+früher durch die Statistik bekam.</i> Wir werden die Statistik auch
+jetzt noch als ein werthvolles Mittel benutzen, um uns Auskunft zu
+verschaffen über die Häufigkeit der Diphtherie und anderer Krankheiten
+in verschiedenen Klimaten und Lebensaltern, über ihre Prognose und über
+den Werth von Abwehrmaassregeln und Heilmitteln; wir werden uns dabei
+aber immer bewusst bleiben der ausserordentlich zahlreichen und meist
+unvermeidbaren Fehlerquellen, welche den aus <span class="pagenum" id="Page_203">[S. 203]</span>der Statistik gezogenen
+<i>Schlussfolgerungen</i> anhaften. Der Boden, auf welchem wir fussen,
+wenn wir zum Zweck der Beantwortung wissenschaftlicher Fragen den Weg
+der Statistik beschreiten, ist eben ein so schwankender, dass man da
+nicht weit kommt. <i>Ganz anders verhält es sich mit den experimentell
+gewonnenen, in jedem Einzelfall ausnahmslos wie ein Naturgesetz
+sich wiederholenden Ergebnissen, die zur Kenntniss der Specificität
+der Krankheitserreger, der Specificität der Krankheitsgifte, der
+Specificität der Immunisirungsmittel und der Specificität der
+Heilkörper im Blute immunisirter Thiere geführt haben.</i> Mit diesen
+Dingen wird gerechnet werden müssen, solange es eine medicinische
+Forschung giebt.</p>
+
+<p>Mehr noch als die Statistik muss die <i>Speculation</i> mit
+kritischem Auge betrachtet werden, wenn sie den Anspruch erhebt,
+auf unser medicinisches Handeln Einfluss zu gewinnen. <i>Die
+Krankheitstheorien</i> in der Medicin, die humoral-pathologische, die
+solidare und cellulare und alle ihre Unterarten und Abarten sind als
+speculative Constructionen von der Zeitmeinung und dem Stande unserer
+Kenntnisse abhängig; brauchbares Material enthalten sie alle, und jede
+von ihnen besitzt einen gewissen heuristischen Werth, den experimentell
+arbeitende Mediciner nicht hoch genug schätzen können; die
+Krankheitstheorien werden aber verderblich, wenn man sich ihnen nicht
+als <i>Kritiker</i> gegenüberstellt, sondern als <i>Dogmatiker</i>.</p>
+
+<p>Im Uebrigen giebt es über jede wichtigere medicinische Thatsache ebenso
+viele Theorien, als selbstständig darüber nachdenkende Mediciner;
+und es wäre ein vergebliches Bemühen, wenn ich in dieser Geschichte
+der Diphtherie den Spuren für das <i>Entstehen der individuellen
+Auffassungsweise von dem Wesen der Krankheit, ihrer Heilung und ihrer
+Verhütung</i> ebenso würde nachgehen wollen, wie ich es in Bezug auf
+feststehende Thatsachen und wichtige Probleme gethan habe.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_7_7" href="#FNanchor_7_7" class="label">[7]</a> Dieser Polymorphismus geht jedoch nicht so weit, wie
+ein Kliniker der Jetztzeit annimmt, der sogar eine <i>Diphtherie mit
+Tetanussymptomen</i> für möglich hält.</p></div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe10 padtop1" id="a007_deko_2a">
+ <img class="w100" src="images/a007_deko.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_204">[S. 204]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Namen-Register">
+ Namen-Register.
+ </h2>
+
+</div>
+
+<ul class="index">
+
+ <li class="ifrst">A.</li>
+
+ <li class="indx">Adamkiewicz <a href="#Page_87">87</a> (Reaction auf die Indolgruppe).</li>
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+ <li class="indx">Aetius <a href="#Page_19">19</a>.</li>
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+ <li class="indx">Alayma <a href="#Page_10">10</a> (Egyptisch. Geschwüre).</li>
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+ <li class="indx">Albers <a href="#Page_13">13</a> (Napoleons Crouppreis).</li>
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+ <a href="#Page_25">25</a>. <a href="#Page_26">26</a>. <a href="#Page_27">27</a>. <a href="#Page_28">28</a>. <a href="#Page_29">29</a>. <a href="#Page_30">30</a>. <a href="#Page_31">31</a>. <a href="#Page_32">32</a>. <a href="#Page_33">33</a>. <a href="#Page_34">34</a>. <a href="#Page_35">35</a>. <a href="#Page_36">36</a>. <a href="#Page_37">37</a>. <a href="#Page_38">38</a>. <a href="#Page_39">39</a>. <a href="#Page_40">40</a>.
+ <a href="#Page_41">41</a>. <a href="#Page_44">44</a>. <a href="#Page_48">48</a>. <a href="#Page_49">49</a>. <a href="#Page_52">52</a>. <a href="#Page_53">53</a>. <a href="#Page_54">54</a>. <a href="#Page_55">55</a>. <a href="#Page_57">57</a>. <a href="#Page_59">59</a>. <a href="#Page_72">72</a>. <a href="#Page_99">99</a>. <a href="#Page_100">100</a>. <a href="#Page_101">101</a>. <a href="#Page_102">102</a>.
+ <a href="#Page_104">104</a>. <a href="#Page_106">106</a>. <a href="#Page_107">107</a>. <a href="#Page_108">108</a>. <a href="#Page_109">109</a>. <a href="#Page_110">110</a>. <a href="#Page_111">111</a>. <a href="#Page_112">112</a>. <a href="#Page_116">116</a>. <a href="#Page_118">118</a>. <a href="#Page_119">119</a>. <a href="#Page_122">122</a>.
+ <a href="#Page_127">127</a>. <a href="#Page_132">132</a>. <a href="#Page_134">134</a>. <a href="#Page_135">135</a>. <a href="#Page_136">136</a>. <a href="#Page_197">197</a>. <a href="#Page_199">199</a>. <a href="#Page_200">200</a>.</li>
+
+ <li class="indx" id="Brieger">Brieger <a href="#Page_84">84</a> (— und <a href="#Fraenkel_C">Fraenkel</a>). <a href="#Page_97">97</a>. (Ptomaïne) <a href="#Page_171">171</a>. (— <a href="#Kitasato">Kitasato</a> u.
+ <a href="#Wassermann">Wassermann</a>) <a href="#Page_178">178</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Buchner <a href="#Page_94">94</a> (Alexine).</li>
+
+ <li class="indx">Buhl <a href="#Page_50">50</a> (Diphtherische Affection der peripherischen Nerven).</li>
+
+
+ <li class="ifrst">C.</li>
+
+ <li class="indx">Carnevale <a href="#Page_19">19</a>. <a href="#Page_134">134</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Caron <a href="#Page_111">111</a> (Tracheotomie).</li>
+
+ <li class="indx"><span class="pagenum" id="Page_205">[S. 205]</span>
+ Chamberland <a href="#Page_155">155</a> (— <a href="#Pasteur">Pasteur</a> und <a href="#Roux">Roux</a>).</li>
+
+ <li class="indx">Champagny <a href="#Page_58">58</a> (Napoleons Crouppreis).</li>
+
+ <li class="indx">Charcot <a href="#Page_50">50</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Charrin <a href="#Page_156">156</a>. <a href="#Page_171">171</a> (Pyocyaneus-Immunisirung).</li>
+
+ <li class="indx">Chassaignac <a href="#Page_113">113</a>. <a href="#Page_114">114</a>. <a href="#Page_116">116</a> (Tracheotomie).</li>
+
+ <li class="indx">Chaussier <a href="#Page_59">59</a> (Arteficielle Erzeugung von Croup).</li>
+
+ <li class="indx">Chauveau <a href="#Page_155">155</a> (Immunität, Vererbung derselben).</li>
+
+ <li class="indx" id="Chavanne">Chavanne <a href="#Page_55">55</a> (— u. Blin).</li>
+
+ <li class="indx">Chenusson <a href="#Page_30">30</a>. <a href="#Page_104">104</a> (Diphtherieepidemie).</li>
+
+ <li class="indx">Chomel <a href="#Page_48">48</a>. <a href="#Page_54">54</a> (Hautdiphtherie).</li>
+
+ <li class="indx" id="Christmas-Dirking-Holmfeld">Christmas-Dircking-Holmfeld <a href="#Page_80">80</a>. <a href="#Page_92">92</a> (Jecquiritygift).</li>
+
+ <li class="indx">Cohn <a href="#Page_67">67</a>. <a href="#Page_77">77</a>.</li>
+
+ <li class="indx">v. Coler <a href="#Page_191">191</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Corvisart <a href="#Page_14">14</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">D.</li>
+
+ <li class="indx">Deguise <a href="#Page_130">130</a> (Tracheotomie).</li>
+
+ <li class="indx">Déjérine <a href="#Page_50">50</a>. <a href="#Page_51">51</a> (Diphtherische Lähmung).</li>
+
+ <li class="indx">Dieffenbach <a href="#Page_118">118</a> (cathéterisme laryngien).</li>
+
+ <li class="indx">Duclaux <a href="#Page_85">85</a>. <a href="#Page_86">86</a>. <a href="#Page_91">91</a> (Eiweisskörper). <a href="#Page_156">156</a> (Brief <a href="#Pasteur">Pasteur</a>’s an —).</li>
+
+
+ <li class="ifrst">E.</li>
+
+ <li class="indx">Ehrlich <a href="#Page_195">195</a> (Vererbung erworbener Immunität).</li>
+
+
+ <li class="ifrst">F.</li>
+
+ <li class="indx">Fränkel, A., <a href="#Page_52">52</a> (Pneumoniebacillus).</li>
+
+ <li class="indx" id="Fraenkel_C">Fränkel, C., <a href="#Page_84">84</a>. <a href="#Page_147">147</a>. <a href="#Page_150">150</a>. <a href="#Page_151">151</a>. <a href="#Page_154">154</a>. <a href="#Page_156">156</a>. <a href="#Page_171">171</a>. <a href="#Page_173">173</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ferrichs <a href="#Page_120">120</a> (Inunctionscur bei Diphtherie).</li>
+
+ <li class="indx">Friedländer <a href="#Page_58">58</a> (<a href="#Napoleon">Napoleon</a>’s Crouppreis).</li>
+
+
+ <li class="ifrst">G.</li>
+
+ <li class="indx">Gadet de Gassicourt <a href="#Page_50">50</a> (Diphtherische Herzlähmung).</li>
+
+ <li class="indx">Galen <a href="#Page_12">12</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gamaleïa <a href="#Page_82">82</a>. <a href="#Page_84">84</a>. <a href="#Page_97">97</a> („Les poisons bactériens“).</li>
+
+ <li class="indx">Gaucher <a href="#Page_119">119</a> (Methodische Diphtheriebehandlung).</li>
+
+ <li class="indx">Gerhardt <a href="#Page_28">28</a> (Maligne Angina). <a href="#Page_31">31</a> (Scorbutische Gangrän). <a href="#Page_32">32</a>. <a href="#Page_34">34</a>
+ (Scarlatinöse Angina). <a href="#Page_53">53</a>. <a href="#Page_120">120</a>. <a href="#Page_121">121</a> (Kritik). <a href="#Page_132">132</a>. <a href="#Page_133">133</a>
+ (Contagiosiät).</li>
+
+ <li class="indx">Ghisi <a href="#Page_18">18</a>. <a href="#Page_19">19</a>. <a href="#Page_47">47</a>. <a href="#Page_48">48</a>. <a href="#Page_53">53</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gombault <a href="#Page_50">50</a> (Diphtherische Herzlähmung).</li>
+
+ <li class="indx">Gosselin <a href="#Page_130">130</a> (Tracheotomie).</li>
+
+ <li class="indx">Grimaux <a href="#Page_87">87</a> (Biuret-Reaction).</li>
+
+ <li class="indx">Günther <a href="#Page_129">129</a> (Operationslehre).</li>
+
+ <li class="indx">Guersant <a href="#Page_3">3</a>. <a href="#Page_39">39</a>. <a href="#Page_132">132</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Guimier <a href="#Page_49">49</a> (Diphtherische Lähmung).</li>
+
+ <li class="indx">Guinochet <a href="#Page_81">81</a> (Züchtung von Diphtheriebacillen im menschlichen Urin).</li>
+
+ <li class="indx">Gyoux <a href="#Page_55">55</a> (Hautdiphtherie).</li>
+
+
+ <li class="ifrst">H.</li>
+
+ <li class="indx" id="Habermann">Habermann <a href="#Page_86">86</a> (— u. Hlasiwetz, Eiweisskörper).</li>
+
+ <li class="indx">Hallier <a href="#Page_66">66</a>. <a href="#Page_67">67</a>. <a href="#Page_71">71</a>. <a href="#Page_77">77</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hansemann <a href="#Page_51">51</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Heine <a href="#Page_133">133</a> (Tod an Diphtherie).</li>
+
+ <li class="indx">Henoch <a href="#Page_34">34</a>. <a href="#Page_35">35</a>. <a href="#Page_40">40</a>. <a href="#Page_47">47</a>. <a href="#Page_49">49</a>. <a href="#Page_51">51</a>. <a href="#Page_52">52</a>.</li>
+
+ <li class="indx" id="Héricourt">Héricourt <a href="#Page_159">159</a>. <a href="#Page_160">160</a>. <a href="#Page_161">161</a> (u. <a href="#Richet">Richet</a>).</li>
+
+ <li class="indx">Herpin <a href="#Page_14">14</a> (Tod an diphtherischer Lähmung).</li>
+
+ <li class="indx">Hippocrates <a href="#Page_12">12</a>. <a href="#Page_138">138</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hlasiwetz <a href="#Page_86">86</a> (— u. <a href="#Habermann">Habermann</a>).</li>
+
+ <li class="indx">Hochhaus <a href="#Page_51">51</a> (Diphtherische Muskelentzündung).</li>
+
+ <li class="indx" id="Home"><span class="pagenum" id="Page_206">[S. 206]</span>
+ Home <a href="#Page_18">18</a>. <a href="#Page_19">19</a>. <a href="#Page_21">21</a>. <a href="#Page_111">111</a> (Croup).</li>
+
+ <li class="indx">Hortense <a href="#Page_13">13</a>. <a href="#Page_14">14</a> (Königin, Gingivitis diphtheritica).</li>
+
+ <li class="indx">Hufeland <a href="#Page_201">201</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Huguier <a href="#Page_130">130</a> (Tracheotomie).</li>
+
+ <li class="indx">Hunter <a href="#Page_41">41</a> (Immunität gegen Eiterungsprocesse).</li>
+
+ <li class="indx">Husson <a href="#Page_7">7</a> (Secretär des Pockenimpfungs-Comité).</li>
+
+
+ <li class="ifrst">I (J).</li>
+
+ <li class="indx">Jenner <a href="#Page_4">4</a>. <a href="#Page_154">154</a>. <a href="#Page_156">156</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Jobert de Lamballe <a href="#Page_55">55</a> (Diphtherie bei Urogenitalfisteln).</li>
+
+ <li class="indx">Josephine <a href="#Page_13">13</a> (Kaiserin, Tod an Croup).</li>
+
+ <li class="indx">Isambert <a href="#Page_113">113</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Jurine <a href="#Page_13">13</a>. <a href="#Page_111">111</a>. <a href="#Page_112">112</a> (Crouppreis).</li>
+
+
+ <li class="ifrst">K.</li>
+
+ <li class="indx" id="Kitasato">Kitasato <a href="#Page_98">98</a>. <a href="#Page_150">150</a>. <a href="#Page_151">151</a>. <a href="#Page_152">152</a>. <a href="#Page_154">154</a>. <a href="#Page_171">171</a>. <a href="#Page_177">177</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Klebs <a href="#Page_72">72</a>. <a href="#Page_73">73</a>. <a href="#Page_75">75</a> (Diphtheriebacillus).</li>
+
+ <li class="indx">Knorr <a href="#Page_165">165</a>. <a href="#Page_170">170</a>. <a href="#Page_175">175</a>. <a href="#Page_176">176</a>. <a href="#Page_178">178</a>. <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_193">193</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Koch, Robert <a href="#Page_37">37</a>. <a href="#Page_73">73</a>. <a href="#Page_76">76</a>. <a href="#Page_77">77</a>. <a href="#Page_78">78</a>. <a href="#Page_96">96</a>. <a href="#Page_97">97</a>. <a href="#Page_98">98</a>. <a href="#Page_134">134</a>. <a href="#Page_138">138</a>. <a href="#Page_147">147</a>. <a href="#Page_163">163</a>. <a href="#Page_169">169</a>.
+ <a href="#Page_189">189</a>. <a href="#Page_191">191</a>. <a href="#Page_198">198</a>. <a href="#Page_201">201</a>.</li>
+
+ <li class="indx">König <a href="#Page_114">114</a>. <a href="#Page_115">115</a>. <a href="#Page_116">116</a>. <a href="#Page_128">128</a> (Tracheotomie).</li>
+
+ <li class="indx" id="Kolisko">Kolisko <a href="#Page_34">34</a> (— u. <a href="#Paltauff">Paltauff</a>, scarlatinöse Angina).</li>
+
+ <li class="indx">Kühn <a href="#Page_129">129</a> (Tracheotomie).</li>
+
+
+ <li class="ifrst">L.</li>
+
+ <li class="indx">Laënnec <a href="#Page_16">16</a>. <a href="#Page_21">21</a> (Tuberculose). <a href="#Page_22">22</a>. <a href="#Page_58">58</a> (<a href="#Napoleon">Napoleon</a>’s Crouppreis,
+ Commission).</li>
+
+ <li class="indx">Lautenschläger <a href="#Page_193">193</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Lewin, G. <a href="#Page_120">120</a> (Inunctionscur bei Diphtherie). <a href="#Page_127">127</a> (Literatur über
+ Diphtherie).</li>
+
+ <li class="indx">Lichtheim <a href="#Page_61">61</a> (Diphtherie-Aetiologie).</li>
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+ <li class="indx">Löffler <a href="#Page_34">34</a>. <a href="#Page_72">72</a>. <a href="#Page_73">73</a>. <a href="#Page_75">75</a>. <a href="#Page_76">76</a>. <a href="#Page_77">77</a>. <a href="#Page_80">80</a>. <a href="#Page_81">81</a>. <a href="#Page_84">84</a>. <a href="#Page_92">92</a>. <a href="#Page_98">98</a>. <a href="#Page_156">156</a>. <a href="#Page_157">157</a>. <a href="#Page_158">158</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Loiseau <a href="#Page_118">118</a> (cathéterisme laryngien).</li>
+
+ <li class="indx">Löw <a href="#Page_87">87</a> (Biuret-Reactlon).</li>
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+ <li class="indx">Loyatete <a href="#Page_49">49</a> (Diphtherische Lähmung).</li>
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+ <li class="indx">Lübbert <a href="#Page_153">153</a> (Wasserstoffsuperoxydmethode).</li>
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+ <li class="ifrst">M.</li>
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+ <li class="indx">Maingault <a href="#Page_48">48</a>. <a href="#Page_49">49</a> (Monographie über diphtherische Lähmungen).</li>
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+ <li class="indx">Maisonneuve <a href="#Page_114">114</a> („Tracheotom“).</li>
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+ <li class="indx">Malgaigne <a href="#Page_117">117</a>. <a href="#Page_120">120</a> (Kritik des Werthes der Tracheotomie).</li>
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+ <li class="indx">Mead <a href="#Page_7">7</a> (Pockenerkrankung des Fötus ohne Erkrankung der Mutter).</li>
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+ <li class="indx">Meinhardt <a href="#Page_193">193</a>.</li>
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+ <li class="indx">Meister, Lucius &amp; Brüning <a href="#Page_191">191</a> (Farbwerke in Höchst a. M.).</li>
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+ <li class="indx">Mercatus <a href="#Page_19">19</a>.</li>
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+ <li class="indx">Meyer, P. <a href="#Page_50">50</a> (Parenchymatöse Neuritis nach Diphtherie).</li>
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+ <li class="indx">Millet <a href="#Page_113">113</a>. <a href="#Page_199">199</a>. <a href="#Page_200">200</a> (Traité de la diphthérie).</li>
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+ <li class="indx">Millon <a href="#Page_86">86</a> (Eiweissreaction).</li>
+
+ <li class="indx">Mohr <a href="#Page_18">18</a> (Uebersetzung von <a href="#Home">Home</a>’s Crouparbeit).</li>
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+ <li class="indx">Montague <a href="#Page_155">155</a> (lady; Pockenimpfung).</li>
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+ <li class="indx">Moore <a href="#Page_15">15</a> (Motto zu <a href="#Bretonneau">Bretonneau</a>’s traité de la diphthérite).</li>
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+ <li class="indx">Moreau <a href="#Page_58">58</a> (Commission für <a href="#Napoleon">Napoleon</a>’s Crouppreis).</li>
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+ <li class="indx">Moynier <a href="#Page_55">55</a> (Schüler <a href="#Trousseau">Trousseau</a>’s).</li>
+
+
+ <li class="ifrst">N.</li>
+
+ <li class="indx" id="Napoleon">Napoleon <a href="#Page_13">13</a> (Crouppreis).</li>
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+ <li class="indx">Naegeli <a href="#Page_67">67</a>. <a href="#Page_71">71</a>. <a href="#Page_77">77</a>.</li>
+
+ <li class="indx"><span class="pagenum" id="Page_207">[S. 207]</span>
+ Nasse <a href="#Page_90">90</a> (Fällungsreactionen für Eiweisskörper).</li>
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+ <li class="indx">Nencki <a href="#Page_97">97</a> (Ptomaïne).</li>
+
+ <li class="indx">Nola, Franciskus <a href="#Page_16">16</a>. <a href="#Page_17">17</a>. <a href="#Page_18">18</a> („Bodentheorie“ betreffend die Entstehung
+ der Diphtherie).</li>
+
+
+ <li class="ifrst">O.</li>
+
+ <li class="indx" id="Oertel">Oertel <a href="#Page_61">61</a>. <a href="#Page_62">62</a>. <a href="#Page_64">64</a>. <a href="#Page_71">71</a>. <a href="#Page_72">72</a>. <a href="#Page_77">77</a> (Aetiologie der Diphtherie).</li>
+
+ <li class="indx">Orillard <a href="#Page_49">49</a> (Taubheit und Sehstörungen nach Diphtherie).</li>
+
+ <li class="indx">Orth <a href="#Page_44">44</a>. <a href="#Page_45">45</a> (Pathologisch-anatomische Begriffsbestimmung der
+ Diphtherie).</li>
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+ <li class="indx">Ozanam <a href="#Page_49">49</a> (Diphtherische Lähmung).</li>
+
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+ <li class="ifrst">P.</li>
+
+ <li class="indx" id="Paltauff">Paltauff <a href="#Page_34">34</a> (— und <a href="#Kolisko">Kolisko</a>, Scharlach-Angina).</li>
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+ <li class="indx">Panum <a href="#Page_97">97</a> (Putrides Bacteriengift).</li>
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+ <li class="indx">Pariset <a href="#Page_58">58</a> (Croup-Commission).</li>
+
+ <li class="indx" id="Pasteur">Pasteur <a href="#Page_79">79</a>. <a href="#Page_140">140</a>. <a href="#Page_154">154</a>. <a href="#Page_155">155</a>. <a href="#Page_156">156</a>. <a href="#Page_162">162</a>. <a href="#Page_201">201</a>.</li>
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+ <li class="indx">Pauly <a href="#Page_117">117</a> (Granulations-Stenose nach der Tracheotomie).</li>
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+ <li class="indx">v. Pettenkofer <a href="#Page_135">135</a> (Contagiosität der Infectionskrankheiten).</li>
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+ <li class="indx">Pfeiffer <a href="#Page_73">73</a> (Influenzabacillus).</li>
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+ <li class="indx" id="Proskauer">Proskauer <a href="#Page_85">85</a> (— und <a href="#Wassermann">Wassermann</a>, Diphtheriegift).</li>
+
+ <li class="indx">Puységur <a href="#Page_107">107</a>. <a href="#Page_116">116</a> (Elisabeth de; <a href="#Page_3">3</a>. Tracheotomie <a href="#Bretonneau">Bretonneau</a>’s).</li>
+
+
+ <li class="ifrst">R.</li>
+
+ <li class="indx">Ramon <a href="#Page_11">11</a> (Tödtlich verlaufene Fälle von Diphtherie der Vulva).</li>
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+ <li class="indx">Rhasez <a href="#Page_6">6</a> (Teleologische Theorie betreffend die Entstehung der Pocken).</li>
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+ <li class="indx" id="Richet">Richet <a href="#Page_159">159</a>. <a href="#Page_160">160</a>. <a href="#Page_161">161</a> (— u. <a href="#Héricourt">Héricourt</a>).</li>
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+ <li class="indx">Robert <a href="#Page_55">55</a> (Wunddiphtherie).</li>
+
+ <li class="indx">Roger <a href="#Page_171">171</a> (Pyocyaneus-Immunisirung).</li>
+
+ <li class="indx" id="Roux">Roux <a href="#Page_46">46</a>. <a href="#Page_51">51</a>. <a href="#Page_79">79</a>. <a href="#Page_81">81</a>. <a href="#Page_82">82</a>. <a href="#Page_83">83</a>. <a href="#Page_84">84</a>. <a href="#Page_92">92</a>. <a href="#Page_98">98</a>. <a href="#Page_119">119</a>. <a href="#Page_155">155</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">S.</li>
+
+ <li class="indx" id="Salmon">Salmon <a href="#Page_156">156</a> (— und <a href="#Smith">Smith</a>).</li>
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+ <li class="indx">Salomonsen <a href="#Page_80">80</a>. <a href="#Page_92">92</a> (— u. <a href="#Christmas-Dirking-Holmfeld">Dirckink-Holmfeld</a>).</li>
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+ <li class="indx" id="Schmiedeberg">Schmiedeberg <a href="#Page_97">97</a> (— u. <a href="#Bergmann">Bergmann</a>).</li>
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+ <li class="indx">Schönlein <a href="#Page_201">201</a>.</li>
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+ <li class="indx">Schütz <a href="#Page_77">77</a>. <a href="#Page_170">170</a>. <a href="#Page_174">174</a> (Tetanus-Immunisirung).</li>
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+ <li class="indx">Schützenberger <a href="#Page_86">86</a> (Eiweisskörper).</li>
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+ <li class="indx">Schweninger <a href="#Page_62">62</a> (<a href="#Oertel">Oertel</a>’s Therapie der Circulationsstörungen).</li>
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+ <li class="indx">Schwilgué <a href="#Page_58">58</a> (Vorbericht für <a href="#Napoleon">Napoleon</a>’s Crouppreis).</li>
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+ <li class="indx">Scotti <a href="#Page_47">47</a> (Diphtherische Lähmung).</li>
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+ <li class="indx">Sedillot <a href="#Page_49">49</a> (Diphther. Lähmung).</li>
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+ <li class="indx">Selmi <a href="#Page_97">97</a> (Ptomaïne).</li>
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+ <li class="indx">Senator <a href="#Page_45">45</a> („Synanche“).</li>
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+ <li class="indx">Sestier <a href="#Page_129">129</a> (Tracheotomie-Statistik).</li>
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+ <li class="indx" id="Smith">Smith <a href="#Page_156">156</a> (— und <a href="#Salmon">Salmon</a>).</li>
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+ <li class="indx">Starr <a href="#Page_39">39</a> (Seltene Primäraffectionen bei Diphtherie).</li>
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+ <li class="indx">van Swieten <a href="#Page_104">104</a> (Salzsäurebehandlung der diphtherischen Angina).</li>
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+ <li class="ifrst">T.</li>
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+ <li class="indx">Thirial <a href="#Page_49">49</a> (Schüler <a href="#Trousseau">Trousseau</a>’s).</li>
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+ <li class="indx">Tissot <a href="#Page_8">8</a> (Fäden mit Pockeneiter imprägnirt).</li>
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+ <li class="indx">Tizzoni <a href="#Page_195">195</a> (Germinale Vererbung der erworbenen Immunität).</li>
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+ <li class="indx">Toussaint <a href="#Page_155">155</a> (Chemische Stoffe mit immunisirender Wirkung im
+ Milzbrandblut).</li>
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+ <li class="indx">Trendelenburg <a href="#Page_62">62</a>. <a href="#Page_69">69</a> (Diphtherie-Aetiologie). <a href="#Page_117">117</a> (Stimmbandlähmung).</li>
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+ Trousseau <a href="#Page_11">11</a>. <a href="#Page_49">49</a>. <a href="#Page_54">54</a>. <a href="#Page_55">55</a>. <a href="#Page_112">112</a>. <a href="#Page_114">114</a>. <a href="#Page_118">118</a>.</li>
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+ <li class="ifrst">W.</li>
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+ <li class="indx">Waldenburg <a href="#Page_20">20</a> (Citat).</li>
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+ <li class="indx">Wallach <a href="#Page_85">85</a> (Eiweiss).</li>
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+ <li class="indx" id="Wassermann">Wassermann <a href="#Page_85">85</a> (— u. <a href="#Proskauer">Proskauer</a>). <a href="#Page_154">154</a>. <a href="#Page_171">171</a>. <a href="#Page_177">177</a> (— und <a href="#Brieger">Brieger</a> und
+ <a href="#Kitasato">Kitasato</a>).</li>
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+ <li class="indx">Weber, O. <a href="#Page_133">133</a>.</li>
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+ <li class="indx" id="Wernicke">Wernicke <a href="#Page_151">151</a>. <a href="#Page_153">153</a>. <a href="#Page_174">174</a>. <a href="#Page_182">182</a>. <a href="#Page_183">183</a>. <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_185">185</a>. <a href="#Page_188">188</a>. <a href="#Page_190">190</a>. <a href="#Page_191">191</a>. <a href="#Page_195">195</a>.</li>
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+ <li class="ifrst">Y.</li>
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+ <li class="indx">Yersin <a href="#Page_46">46</a>. <a href="#Page_51">51</a>. <a href="#Page_79">79</a>. <a href="#Page_81">81</a>. <a href="#Page_82">82</a>. <a href="#Page_83">83</a>. <a href="#Page_84">84</a>. <a href="#Page_92">92</a>. <a href="#Page_98">98</a> (— und <a href="#Roux">Roux</a>).</li>
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+ <li class="indx">Zimmer <a href="#Page_151">151</a> (Diphtherie-Immunisirung).</li>
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+<p class="s5 center padtop5">Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin W.</p>
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