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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77785 ***
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt
+worden:
+
+ ~gesperrt gedruckter Text~
+ =antiqua gedruckter Text=
+
+
+
+
+ Dr. Kurt Floericke
+
+ Aussterbende
+ Tiere
+
+ [Illustration]
+
+ Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
+ Franckh'sche Verlagshandlung / Stuttgart
+
+
+
+
+ KOSMOS-BÄNDCHEN
+
+
+ AUSSTERBENDE TIERE
+
+
+
+
+ KOSMOS
+
+ Gesellschaft der Naturfreunde in Stuttgart
+
+
+Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften
+und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer
+Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten.
+-- Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter
+naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im
+
+
+ KOSMOS
+
+ Handweiser für Naturfreunde
+
+ Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen
+
+Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten
+Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts.
+Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1927 festgelegt (Reihenfolge und
+Änderungen auch im Text vorbehalten):
+
+~Dr. Kurt Floericke, Aussterbende Tiere~
+~Wilh. Bölsche, Im Bernsteinwald~
+~H. Günther, Was ist Magnetismus~?
+~W. Flaig u. Dr. L. Lang, Der Gletscher~
+
+ Jedes Bändchen reich illustriert
+
+Diese Veröffentlichungen sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen;
+daselbst werden Beitrittserklärungen entgegengenommen. Auch die früher
+erschienenen Jahrgänge sind noch erhältlich.
+
+
+Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart
+
+
+
+
+ Aussterbende Tiere
+
+ Biber / Nerz / Luchs / Uhu
+
+ Von
+
+ Dr. Kurt Floericke
+
+
+
+
+ [Illustration]
+
+
+ Stuttgart
+ Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
+ Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung
+ 1927
+
+
+
+
+ Mit 17 Abbildungen und einem farbigen
+ Umschlagbild
+
+ Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten
+ Nachdruck verboten
+
+ +Copyright 1927
+ by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart
+ Printed in Germany+
+
+
+ Druck von Holzinger & Co. Stuttgart
+
+
+
+
+ Einleitung
+
+
+Wer gleich dem Verfasser die freilebende Tierwelt unseres Vaterlandes
+vier Jahrzehnte lang fleißig und liebevoll beobachtet hat, der wird
+tief erschrocken sein darüber, wie furchtbar sie innerhalb dieser
+Zeitspanne, die doch vom naturgeschichtlichen Standpunkte aus nur als
+winzig bezeichnet werden kann, verarmt und verödet ist. Wir wissen
+alle, daß die sogenannte menschliche Kultur mit ihren mancherlei
+unangenehmen Begleiterscheinungen und Auswüchsen die Hauptschuld an
+dieser unaufhaltsam sich vollziehenden Veränderung trägt, und zur
+Abwendung des Schlimmsten ist ja als notwendiges Gegengewicht gegen
+den Siegeszug von Industrie und Technik die Naturschutzbewegung ins
+Leben getreten, die erfreulicherweise bereits weite Kreise unseres
+Volkes erfaßt hat. Es ist dringend zu wünschen und zu hoffen, daß es
+ihr gelingen möge, wenigstens kärgliche Reste einstiger Herrlichkeit
+in großen Naturschutzparken oder durch strenge und vernünftige
+Gesetzesvorschriften, die aber nicht nur auf dem Papier stehen
+dürfen, in letzter Stunde zu retten und den kommenden Geschlechtern
+zu erhalten. Nun wird von mancher Seite den Naturschützern
+entgegengehalten, daß zwar die rastlos fortschreitende Kultur manche
+Tiere, die sog. Kulturflüchter nämlich, ausgerottet oder in ihre
+entlegensten Schlupfwinkel verdrängt, daß sie aber dafür andere Arten,
+denen gerade die Beschaffenheit der neuzeitlichen Kultursteppe zusagt,
+zur Einwanderung veranlaßt oder ihre Vermehrung und Ausbreitung
+weitgehend begünstigt habe. Das ist auch gar nicht zu leugnen und
+wenigstens bis zu einem gewissen Grade richtig. Aber der Tausch, den
+der Naturfreund dabei gemacht hat, ist doch ein herzlich schlechter.
+Verschwunden sind die urwüchsigen und reckenhaften Gestalten des
+altgermanischen Waldgebiets, eingezogen sind kleine und unansehnliche
+Formen, die unserem Gemüt wenig zu sagen haben, zumal sie teilweise
+gar nicht alteingesessene Arten sind, sondern ursprüngliche Bewohner
+der Mittelmeerländer. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der uns
+erst recht klar wird, wenn wir die betreffenden Tiere einmal näher
+betrachten. Ich möchte deshalb zunächst in diesem Kosmosbändchen einige
+wenige Vertreter dieser Tiere unseren Lesern eingehender vorführen,
+um ihnen zu zeigen, welch unersetzliche Naturschätze wir schon
+verloren haben oder zu verlieren im Begriff stehen. Ich möchte weiter
+dartun, in welcher Schnelligkeit und in welcher Weise die Ausrottung
+vor sich ging und welche Hoffnungen noch bestehen auf Erhaltung der
+Überbleibsel. Wenn dadurch die Teilnahme weiterer Kreise für solche
+schwer bedrohten »Naturdenkmäler« wachgehalten und das Interesse für
+die Schaffung großer Naturschutzparke (vgl. S. 78) zu ihrer Erhaltung
+gesteigert würde, so wäre der vornehmste Zweck dieses Büchleins
+erreicht.
+
+
+
+
+ Die letzten deutschen Biber
+
+
+Ein einziges deutsches Säugetier kannte ich bisher noch nicht
+aus freier Natur: unseren größten und gescheitesten Nager, den
+sagenumwobenen Biber. Im Sommer 1924 war es mir endlich zu meiner
+großen Freude vergönnt, diese Lücke bei einem zweitägigen Aufenthalt
+in Aaken a. d. Elbe auszufüllen. Wenn ich trotz der bedauerlichen
+Kürze der Beobachtungszeit hier einiges Neue und Wissenswerte über
+den Biber und seinen gegenwärtigen Bestand mitzuteilen vermag, so
+verdanke ich dies in erster Reihe der großen Liebenswürdigkeit
+einiger ortsansässiger Biberfreunde, die mir nicht nur in geradezu
+mustergültiger Weise als sachkundige Führer dienten, sondern mir
+auch aus dem reichen Schatze ihrer langjährigen Erfahrungen viele
+hochinteressante Eigenbeobachtungen zur Verfügung stellten. Besonders
+gebührt dieser Dank, dem ich hierdurch auch öffentlich Ausdruck geben
+möchte, Herrn Karl ~Krietzsch~ in Dessau, Herrn Oberpostsekretär
+~Winkelmann~ in Aaken und Herrn Amtmann ~Behr~ in Steckby.
+So schrieb mir z. B. Herr Krietzsch kurz vorher nach Magdeburg: »Punkt
+4 Uhr früh schwimmt der Biber bei Aaken über die Elbe, bezieht seinen
+Bau im Hornhafen und wird dabei photographiert.« Und genau nach diesem
+Programm verlief die Sache, nur daß sich die Beleuchtung in der frühen
+Morgenstunde noch als zu schwach für gute photographische Aufnahmen
+erwies. Es ist eine Lust, unter so ausgezeichneter Führung Naturstudien
+und Beobachtungen zu machen; der Ortsunkundige wird wohl manchen
+vergeblichen Gang tun müssen, bis es ihm glückt, eines Bibers ansichtig
+zu werden, obwohl die vielen Schleif- und Hauspuren des Tieres einem
+aufmerksamen Auge kaum entgehen können. Für mich war es ein geradezu
+weihevoller Augenblick, und das Herz schlug mir rascher, als nach einer
+Viertelstunde bangen Wartens der große Rattenkopf des schwimmenden
+Bibers in den Elbefluten auftauchte und wir nun rasch einen Kahn
+bestiegen und auf bequemste Beobachtungsentfernung dem seltenen Wilde
+bis zu seinem Baue folgten.
+
+Früher war der europäische Biber, +Castor fiber L.+ (der
+nordamerikanische ist von neueren Forschern unter dem Namen canadensis
+als besondere Form abgetrennt worden) weit verbreitet und insbesondere
+in Deutschland durchaus keine Seltenheit, worauf schon Ortsnamen
+wie Biberach und Bebra hinweisen. Die Stadt Biebrich am Rhein führt
+einen Biber im Wappen, der aber fälschlich einen Fisch im Maule hält,
+während in Wirklichkeit der Biber niemals an Fischen oder anderem
+Getier sich vergreift, sondern ausschließlich Pflanzenfresser ist. Doch
+wird schon im Mittelalter über rasche Abnahme der Biber an Rhein und
+Donau geklagt, weil das Tier sich nicht mit dem regen Schiffsverkehr
+auf diesen Strömen vertrage. Das ganze Mittelalter hindurch spielte
+der Biber als geschätzter Fastenbraten eine große Rolle, und als
+besonderer Leckerbissen galt der Biberschwanz, für den man gern den in
+damaliger Zeit erstaunlichen Preis von 6 Gulden zahlte, und nach dessen
+absonderlicher Gestalt ja heute noch eine bestimmte Dachziegelart
+ihren Namen führt. Von Quacksalbern aller Art sehr begehrt war das
+sog. Bibergeil (man zahlte beim Seltenerwerden des Tieres zeitweise
+bis zu 180 Gulden für die Geilsäcke eines alten Männchens!), das
+gegen alle erdenklichen Übel helfen sollte, hauptsächlich aber als
+Beruhigungsmittel bei Krampfzuständen galt. Großer Wertschätzung
+erfreute sich auch der feine und leichte Biberpelz, nach welchem
+ja Gerhart Hauptmann seine prächtige Diebskomödie mit den vielen
+politischen Spitzen benannt hat. Der mollige Biberpelz, dem die
+langen Grannenhaare abgeschoren wurden, schützt vortrefflich gegen
+rauhe Winde und scharfen Frost, während die minderwertigen Felle zu
+teuren Filzhüten verarbeitet wurden. Da also der erlegte Biber einen
+erheblichen Geldwert darstellte, kann es nicht wundernehmen, daß die
+Zahl der Tiere infolge unablässiger und schonungsloser Verfolgung rasch
+und dauernd zurückging. Zuerst wurde der Biber, wie so viele Tiere, in
+dem schießwütigen England ausgerottet.
+
+Gegenwärtig ist der europäische Biber nur in Sibirien noch in größerer
+Menge zu finden, während er in Europa selbst fast völlig ausgerottet
+und auch an seinen letzten Zufluchtstätten mit dem Untergange bedroht
+ist. Heute kommt er in Europa nur noch an vier Stellen vor, nämlich
+1. im weiten Urstromtale der Elbe zwischen Wittenberg und Magdeburg,
+2. im südfranzösischen Rhonedelta, 3. im südlichen Norwegen gegenüber
+dem Skagerrak, 4. im russischen Sumpfgebiet Polesje, das vom Prijpet
+durchflossen wird. Allerdings sind schon Stimmen laut geworden, daß
+der Biber durch die Kriegs- und Revolutionszustände dort ausgerottet
+worden sei; wer aber die Unzugänglichkeit dieser Gegend sowie die große
+Menschenscheu der dortigen Biber kennt, wird gleich mir nicht recht
+daran glauben. Ferner findet sich in »Brehms Tierleben« und anderen
+Werken die Angabe, daß der Biber auch auf der Balkanhalbinsel noch
+vorkomme und in Bosnien »besonders häufig« sei. Da ich aber dort nie
+die geringste Spur des großen Nagers gefunden habe, wandte ich mich um
+nähere Auskunft an meinen alten Freund, den bekannten Balkanforscher
+Othmar Reiser, der so freundlich war, mir folgendes zu antworten: »Ich
+habe schon vor Jahren festgestellt, daß es sich bei diesen Angaben
+um Verwechslungen mit dem Fischotter oder sogar mit dahintreibenden
+Baumstämmen handelte. Lange kann es freilich noch nicht her sein, daß
+der Biber von dort verschwunden ist, denn Knochenreste sind vielfach
+gefunden worden, und ich selbst war einmal zufällig Zeuge, wie bei
+einer prähistorischen Grabung am Trebewitsch bei Sarajevo ein gut
+erhaltenes Kieferstück des Bibers zutage gefördert wurde. Außerdem
+hat sich der slawische Name des Tieres ›Dabar‹ im Dabar-Polje in der
+Herzegowina, an das Du Dich wohl noch erinnern wirst, und im Namen des
+Dorfes Dabar im Bezirke Sanskimost erhalten. Als einzigen greifbaren
+Beweis aus diesen Gegenden kenne ich aber nur die traurigen Überreste
+eines ausgestopften Bibers in der unbedeutenden zoologischen Sammlung
+in Belgrad, der in den 60er Jahren in der Drina gefangen worden sein
+soll.«
+
+Fast alles, was wir über die Naturgeschichte des europäischen Bibers
+wissen, ist an den Elbebibern beobachtet worden, über die erst
+neuerdings (1922) wieder Mertens eine sorgfältige und ausführliche
+Arbeit veröffentlicht hat. Das Wohngebiet des Bibers an der Elbe und
+ihren Nebenflüssen ist landschaftlich von hohem Reiz und auch sonst
+für den Tier- und namentlich für den Vogelforscher von hervorragender
+Anziehungskraft. Dichte Auwaldungen mit üppigem Unterwuchs und
+eingebetteten Wiesen und kleinen, schilf- und rohrbewachsenen Seen
+geben der überaus wechselvollen Landschaft das Gepräge. Selten sah
+ich irgendwo in Deutschland so viel Tagschmetterlinge wie hier,
+und in hoher Luft entzückte mich das herrliche Flugbild des edlen
+Wanderfalken. Der Biber liebt besonders die Altwässer der Elbe mit
+ihren vielen Lachen und Tümpeln, Seerosen, Igelkolben, Schwertlilien
+und Schachtelhalmen (auch die Wassernuß kommt hier noch vor),
+mit ihrem stattlichen Wuchs von Weichhölzern und den zahlreichen
+Weidenhegern am Rande und mit ihren undurchdringlichen, von Brennesseln
+und wildem Hopfen durchwucherten Dorndickichten. Daß sich der Biber
+gerade hier in der Nähe großer Industrien und an der durch eine
+starke Schiffahrt beständig beunruhigten Elbe erhalten konnte,
+dürfte auf verschiedene Umstände zurückzuführen sein. Vor allem sind
+diese sumpfigen Geländestreifen verhältnismäßig spät vom Menschen
+besiedelt worden, denn man scheute die Mühe ihrer Urbarmachung und
+den Kampf mit dem Hochwasser, der die Errichtung kostspieliger Dämme
+und Deiche erforderte. Erst in neuerer Zeit ist diese Besiedlung
+in stärkerem Maße erfolgt, und damit begann auch das allmähliche
+Erlöschen des Biberbestandes, der bis dahin ein ziemlich ungestörtes
+Dasein hatte führen können. Ein weiterer glücklicher Zufall war es,
+daß dieses Gebiet in fast ununterbrochenem Zusammenhange Domänen- oder
+Regierungsbesitz darstellte, und daß die Fürsten und Herzöge von Anhalt
+von jeher weidgerechte Jäger und große Naturfreunde waren, ebenso ihre
+Forstbeamten. Die Biberjagd an sich hatte ja überhaupt für die Fürsten
+und großen Herren wenig Reiz, denn sie brachte keine stolzen Trophäen,
+keine Gehörne und Geweihe; sie reizte auch nicht durch die Gefahr, die
+in der Bekämpfung des Bären oder des grimmen Bassen lag, gab auch keine
+Gelegenheit zur Entfaltung höfischen Prunkes wie etwa die Reiherbeize.
+War also auch Aasjägerei ausgeschlossen, so konnte doch die
+Wilddieberei auf den wertvollen Biber niemals ganz unterdrückt werden,
+und in der Zeit des Umsturzes ist sie natürlich wieder besonders üppig
+ins Kraut geschossen. Auch die hohen Steilufer waren dem Biber günstig,
+denn sie ermöglichten es ihm, seine Baue so anzulegen, daß er jederzeit
+unter Wasser ausfahren konnte, während der üppige Pflanzenwuchs stets
+genügende Äsung bot. Alle diese Umstände haben zusammengewirkt, um den
+Bestand der Elbebiber bis auf die heutige Zeit zu erhalten. Wie lange
+noch?
+
+Die heutige Anzahl der Biber einigermaßen zuverlässig festzustellen,
+ist sehr schwer und erfordert unermüdliche Ausdauer neben großer
+Begeisterung für die Sache. Herr Amtmann Behr brauchte dazu im Jahre
+1913 vom September bis Dezember volle 43 Tage. Er führt insgesamt 188
+Biber auf. Davon kamen auf preußisches Gebiet 82 Baue mit 114 und
+auf anhaltinisches 59 Baue mit 74 Bibern. Das bedeutete schon eine
+wesentliche Abnahme, denn um die Jahrhundertwende herum hatte der
+verstorbene Forstmeister Freiherr von Nordenflycht in Lödderitz,
+der sich auch als Jagdschriftsteller einen Namen gemacht hat, den
+Gesamtbestand der Elbebiber auf 250 Stück angegeben. Leider ist auch
+seit der Behrschen Zählung eine unverkennbare weitere Verringerung
+des Biberbestandes eingetreten, und Professor Mertens urteilt
+sicherlich viel zu optimistisch, wenn er die heutige Kopfzahl auf rund
+200 schätzt. Im September 1924 gab mir Herr Krietzsch eine genaue
+Aufstellung der nach seinen Beobachtungen noch vorhandenen Biber.
+Darnach wohnten an der Elbe von Wittenberg bis zum Wellmitzhafen bei
+Dessau vor dem Kriege 92 Biber, heute dagegen nur noch 14 Alte und
+4 Junge; an der Mulde von Dessau bis Raguhn früher 81 Biber, heute
+noch 6 Alte; an der Elbe von Wallmitzhafen bis Magdeburg früher 48
+Stück, heute noch 13. Die Gesamtzahl betrug also 1913 immerhin 222
+Biber, heute nur noch 37, darunter 6 Junge. Das wäre allerdings ein
+ganz erschreckendes Zusammenschmelzen innerhalb 12 Jahren, das für
+die Zukunft des Biberbestandes das Schlimmste befürchten ließe. Es
+mag sein, daß diese Schätzung etwas zu niedrig gegriffen ist, zumal
+neuerdings von zuverlässiger Seite eine Zunahme der Biber in der
+Kreuzhorst bei Magdeburg gemeldet wird, aber immerhin dürfte sie
+gegenwärtig der Wahrheit näher kommen als die Mertenssche Angabe. Von
+diesen 37 einwandfrei festgestellten Bibern leben 15 auf preußischem
+und 22 auf anhaltinischem Gebiet. Amtmann Behr nimmt den heutigen
+Bestand doch als wesentlich höher an. Wie weit das Hochwasser 1926
+geschadet hat, entzieht sich noch meiner Kenntnis.
+
+Im allgemeinen läßt sich in neuerer Zeit eine Verschiebung des
+Verbreitungsbezirkes nach Norden feststellen; namentlich in der
+teilweise abgesperrten Kreuzhorst bei Magdeburg scheint infolge
+Neueinwanderung eine Zunahme des Bestandes stattzufinden.
+
+Außerdem lebte von 1917 bis 1924 noch ein Biber als Einsiedler
+im Mühlteich bei Mosigkau. Wie der dorthin gekommen sein mag? Er
+errichtete nicht nur einen Bau, sondern auch eine Burg und ging zur
+Ranzzeit oft aus dem Wasser heraus aufs Feld. Seit April 1924 ist das
+Tier spurlos verschwunden, aber anscheinend nicht gewilddiebt worden,
+sondern liegt wahrscheinlich infolge Äsung von Eichenrinde verendet in
+seinem Bau. Wo die Biber nämlich an ihren Bauen gestört werden und der
+eine Teil zugrunde geht, bekommt der andere in der Ranzzeit Sehnsucht
+nach seinesgleichen, sucht nach einem neuen Gatten, findet ihn nicht
+und treibt sich deshalb ruhelos in der Gegend umher, wobei er in die
+Nebenlöcher der Elbe und Mulde gerät, vereinzelt sogar schon weit in
+die Havel hinaufgeschwommen ist. Weiden gibt es an solchen Plätzen
+gewöhnlich nicht; die Tiere äsen deshalb aus Not Eichenrinde, deren
+Gerbsäuregehalt schwere Verdauungsstörungen bei ihnen hervorzurufen
+scheint. Ein alterfahrener Waldläufer versicherte meinem Gewährsmann,
+daß viele Biber auf diese Weise umkämen und daß man sein blaues Wunder
+erleben würde, wenn man einmal alle Baue öffnen wollte. Eine gewisse
+Bestätigung erfährt diese auch von Krietzsch geteilte Ansicht durch
+die Sektion eines Bibers, der in den ersten Tagen des Februar 1925
+in stark abgemagertem, aber sonst unverletztem und gut erhaltenem
+Zustande verendet in der Elbe bei Trochheim gefunden und dem Zerbster
+Museum eingeliefert wurde. Die ganzen Därme waren voll großer Klunkern
+und die Leber tuberkulös. Auch ein im November 1924 in einem Graben
+bei Groß-Rosenburg tot aufgefundener Biber wies keine Schußverletzung
+oder sonstige Spuren von Gewaltsamkeit auf. Das schon recht alte Tier
+war bereits einige Wochen vorher in offenbar krankem Zustande an der
+Modderschleuse beobachtet worden.
+
+Durch allerlei dumme Zufälle gehen alljährlich mehrere Biber zugrunde.
+So ergab die Untersuchung eines wahren Prachtstückes, das am 3. März
+1925 im Luch am Elbeufer verendet angetrieben wurde, daß das Tier
+nicht von Menschenhand getötet, sondern wahrscheinlich von einem
+Dampfer gerammt worden war. Einige Wochen vorher wurde bei Vogerode ein
+toter Biber angeschwemmt, der mit dem linken Vorderfuß in einer neuen
+Bügelfalle hing. Durch das Auslegen von Ottereisen, das im Biberbezirk
+ganz verboten werden müßte, werden die Biber überhaupt sehr gefährdet,
+wenn auch meist unabsichtlich. Dazu kommt die immer noch nicht völlig
+unterdrückte Wilddieberei. So ging im Frühjahr 1924 durch die Zeitungen
+die Nachricht, der »letzte« Biberbau an der Saale sei von Wilddieben
+zerstört und seine Bewohner erschlagen worden. Laut brieflicher
+Mitteilung des Herrn Winkelmann verhielt sich die Sache aber doch
+etwas anders. Ein berüchtigter Wilddieb hatte während des Frostes den
+kleineren Biberbau am Goldberger See im Lödderitzforst mit dem Spaten
+angegraben und dann in die Öffnung hineingeschossen, wobei er von einem
+Bauern aus der Umgegend beobachtet wurde. Der eine Biber war daraufhin
+unter das Eis geflüchtet, ist hier elend umgekommen, wurde im Frühjahr
+beim Fischen gefunden und der Oberförsterei übergeben, die das Skelett
+aufgestellt hat. Harte Winter sind überhaupt für den Biber insofern
+schlimm, als dann die Strolche auf dem Eise an jeden Bau herankommen,
+die Biber selbst aber wegen des Eises schwer flüchten können. So kommen
+viele um und werden erschossen oder erschlagen. Wie mir Herr Maler
+Zehle mitteilt, wurde noch im letzten Winter versucht, die Biberburg
+im Krügersee niederzubrennen und so die Tiere herauszutreiben. Zum
+Glück brannte aber das Schilf nur auf der einen Seite an, ohne den Bau
+wesentlich zu beschädigen.
+
+Ferner gehen leider auch ohne besonderes Zutun des Menschen viele
+Biber dadurch verloren, daß sie in die Reusen und Netze der Fischer
+geraten und ertrinken, wenn sie sich nicht durch Zerreißen der Netze
+befreien können. Da das zuweilen geschieht, freuen sich die dadurch
+geschädigten Fischer über jeden umgekommenen Biber, dreifach aber,
+wenn sie sich durch heimliche Aneignung des Tieres mit dem wertvollen
+Pelze, dem teuren Bibergeil und dem schmackhaften Fleisch bereichern
+können. Besonders gefährlich sind auch die Nachstellungen, die durch
+die Mordlust der Schiffer drohen, die mit ihren Kähnen zeitweise
+innerhalb der Biberreviere ankern. Während der Schutzbeamte auf dem
+Lande sich bewegen muß, kann der Schiffer vom Wasser aus im kleinen
+Kahne den Biberbauen ungesehen sich nähern, und so wird manches Stück
+heimlich umgebracht oder angeschossen und später verludert im Bau
+gefunden. Manchmal werden die Tiere auch bei der Fischerei mit dem
+Netz ans Land gezogen, denn sie sind zu dumm oder zu träge, um über
+das Netz hinwegzuspringen. Ein auf diese Weise gefangener Biber benahm
+sich so zutraulich und täppisch, daß er mit der Rute wieder ins Wasser
+zurückgejagt werden mußte. Der schlimmste Feind des aussterbenden
+Tieres ist aber doch plötzlich einsetzendes Hochwasser, namentlich
+wenn es noch Eisschollen mit sich führt. Die Biber flüchten dann aus
+ihren Bauen auf die Deichkronen oder andere erhöhte und trockene
+Plätze und sind hier natürlich allen Zufälligkeiten und Nachstellungen
+preisgegeben. Bei solchen Gelegenheiten weit sich verirrende Biber
+werden oft aus bloßer Unkenntnis umgebracht, weil man sie irrtümlich
+für Fischottern hält. Aber auch für den friedlichen Beobachter ergibt
+das schöne Gelegenheiten.
+
+So schreibt mir Herr Winkelmann: »Vor zwei Jahren saßen zwei Biber
+beim Frühlingshochwasser, als der Damm nur 1-1/2 Meter aus der Flut
+hervorragte, unterhalb des Wachthauses auf dem Damme und versuchten
+wiederholt, sich in die Deichkrone einzugraben. Dies mußte jedesmal
+von der Deichwachmannschaft, die dort während des Hochwassers Tag und
+Nacht in Bereitschaft lag, verhindert werden. Schließlich nahmen die
+Tiere davon Abstand, hielten sich aber noch tagelang auf der Deichkrone
+auf. Beim Herannahen von Menschen plumpsten sie jedesmal ins Wasser,
+schwammen zwischen den Bäumen herum und kehrten nach Vorübergang der
+Störenfriede auf ihre alten Plätze zurück. Als später das Wasser fiel,
+suchten sie ihre Baue wieder auf.« Es sei aber ausdrücklich betont, daß
+auch in solchen Fällen ernsthafte Dammbeschädigungen durch den Biber
+höchstens bei ganz mangelhafter Aufsicht verursacht werden könnten. Die
+Tiere kommen auf die Dämme ja überhaupt nur, wenn diese unmittelbar
+ans Wasser stoßen und kein anderes erhöhtes Ufer zur Verfügung steht.
+Deshalb erscheint schon aus rein praktischen Gründen der Vorschlag von
+Mertens sehr beachtenswert, für solche Fälle besondere Biberschutzhügel
+anzulegen. Auf der Straße von Aaken nach Steutz liegt ein Wirtshaus,
+das jenseits der Straße noch eine Veranda für die Gäste hat. Bei
+Hochwasser fährt das Motorboot des Fährmanns bis an die Treppenstufen
+des Gasthauses. Als Herr Winkelmann einmal das Fährboot benutzte,
+saßen die beiden am Hornhafen heimischen Biber auf einem Bündel selbst
+zusammengeschleppten Reisigs unmittelbar hinter der Veranda. Beim
+Heranfahren des Bootes plumpste der eine ins Wasser, der andere aber
+blieb ruhig sitzen und äugte die Menschen nur neugierig an. Daraufhin
+kam auch der andere Biber sofort wieder auf die Sasse zurück, und
+beide ließen sich nun in aller Ruhe und Bequemlichkeit beliebig lange
+beobachten.
+
+ [Illustration: Abb. 1. Elbebiber, an einer Sandbank ruhend
+ (Naturaufnahme von Amtmann Behr)]
+
+Der am Ufer ruhende Biber macht einen gedrungenen Eindruck und erinnert
+stark an eine riesenhafte Ratte, nur daß die Hinterfront abgestutzt
+erscheint, weil die Kelle im Ruhezustande unter den Leib geschlagen
+wird, also überhaupt nicht sichtbar ist (Abb. 1). Von weitem sieht ein
+solcher ruhender Biber wie ein am Ufer liegender Stein aus und wird
+deshalb trotz seiner Größe in seiner Unbeweglichkeit vom Unkundigen
+leicht übersehen. Selbst bei der Anlage ihrer Baue kümmern sich die
+Biber bisweilen herzlich wenig um die unmittelbare Nachbarschaft des
+Menschen. So ist im Aakener Hornhafen von jeher ein Biberbau gewesen,
+und die Tiere haben sich durch das beständige Hämmern und Klopfen der
+Schiffsbauer eigentlich nie stören lassen. Brieflicher Mitteilung des
+Herrn Behr zufolge lag früher am hochbewaldeten Ufer der Elbe bei
+Steckby hinter einem Buhnenwinkel ein weitverzweigter Biberbau, der
+zuweilen auch von Dächsen und Füchsen befahren wurde. Hochwässer hatten
+hier einen tiefen Kolk gerissen, der durch eine schmale Rinne mit der
+Elbe in Verbindung stand, aber bei niedrigem Wasserstande trocken lag,
+so daß der Biber, um zu seinem Bau zu gelangen, über Land wechseln
+mußte. Die Zugangsröhren lagen bis auf einige vom Dachs angelegte unter
+Wasser, wie dies bei Biberbauen stets der Fall zu sein pflegt. Da die
+Strömung weitere Landmassen wegriß, wurde von der Strombauverwaltung
+ein Deckwerk aus Faschinen und Steinpflaster angelegt, wobei die tief
+liegenden Eingänge verschüttet wurden. Diese geräuschvollen Arbeiten
+konnten aber das hier hausende Biberpaar nicht zum Verlassen seines
+Heims bewegen, sondern die Tiere benutzten nun eine hochliegende
+Dachsröhre als Einschlupf, wobei sie eine Strecke von 12 Metern den
+Hang hinauf zurückzulegen hatten und sich dabei oft prächtig beobachten
+ließen.
+
+Werden die Biber an solchen Plätzen vom Menschen überrascht, so zeigen
+sie sich recht blöde und unbeholfen, aber nicht eben furchtsam. Das
+Tollste in dieser Beziehung hat Herr Amtmann Behr erlebt. Er teilte mir
+darüber brieflich folgendes mit: »Im Sommer 1922 war der Wasserstand
+der Elbe überaus niedrig, so daß die Sandbänke, die die Tiere passieren
+mußten, bis weit ins Flußbett hineinliefen. Des Abends erfolgte der
+Auswechsel, wenn das Büchsenlicht längst geschwunden war, während
+sich des Morgens die Heimkehr oft stark verspätete, namentlich wenn
+Fischer oder Schiffer hier tätig waren. So lag ich einmal im Juli
+vor Tagesgrauen in meinem Versteck und harrte der Heimkehr meiner
+Freunde. Auf der Sandbank hatte Herr Hermann Hähnle aus Stuttgart einen
+Kino-Apparat aufgestellt, um die Tiere zu filmen, was auch tadellos
+gelang. Da die ständig vorüberfahrenden Kähne ein zeitiges Einwechseln
+verhinderten, erfolgte dieses erst um 8 Uhr morgens, als die Sandbank
+schon stark von der Sonne beschienen wurde. Langsam, Schritt für
+Schritt, stieg der erste Biber schwerfällig über die dünenartige
+Fläche, wobei er die Kelle nachschleifen ließ (Abb. 2). Am Kolk
+angelangt, schob er sich ebenso schwerfällig ins Wasser und schwamm,
+nur den Kopf zeigend, zur anderen Seite hinüber, um hier ebenso
+täppisch auszusteigen. Als er so ziemlich an das Rohr angelangt war,
+sprang ich ihm entgegen und stellte mich auf den Wechsel, um ihn wieder
+in den Tümpel zurückzutreiben. Doch diesen Scherz faßte er falsch auf,
+ging zum Angriff über und biß mit seinen langen Nagezähnen durch den
+Schaft meines Wasserstiefels, auch noch durch Beinkleid, Unterbeinkleid
+und Strümpfe, und erst als ich ihm einen leichten Schlag auf den Kopf
+versetzte, ließ er los, kehrte um und machte denselben Weg zurück.«
+
+ [Illustration: Abb. 2. Elbebiber, über eine Grasfläche wechselnd
+ (Naturaufnahme von Amtmann Behr)]
+
+Noch ein anderes hübsches Biberstückchen vom Januar 1913 aus Dessau!
+Damals kam ein Biber in die sog. Wasservorstadt, nachdem er sich
+schon im Herbst öfters dort hatte blicken lassen. Er entwickelte
+eine ganz verblüffende Dreistigkeit und unternahm öfters am hellen
+Tage Spaziergänge über den Wasserwall hinweg in die eingefriedigten
+Gärten, um dort mit großem Behagen die Kohlköpfe zu verspeisen.
+Auch zugeworfene Apfelstückchen nahm er gerne an und ließ sich bei
+seinen Schmausereien durch Zuschauer nicht im geringsten stören,
+obgleich einmal ein ganzes Mädchenpensionat um ihn versammelt war. Den
+Schaden an den Kohlstrünken hätte man ihm gern verziehen, aber leider
+benagte er auch die Obstbäume, und es wurde deshalb beschlossen, ihn
+einzufangen und an die Forstverwaltung abzuliefern. Bald war zur
+Ausführung dieser schwarzen Tat ein Mann mit einem großen Sack zur
+Stelle. Der Biber aber setzte sich ruhig hin und harrte der Dinge, die
+da kommen sollten. Es sah aus, als wäre es eine Kleinigkeit, ihm den
+Sack überzustülpen, aber sobald ihm der Mann den Sack vorhielt, sprang
+der Biber mit Fauchen und Knurren nicht etwa in den Sack, sondern auf
+den Mann. Sack und Mann verschwanden jedesmal nach der glänzenden
+Attacke des Bibers, und schallendes Gelächter der Zuschauer belohnte
+den Sieger. Dieses Schauspiel wiederholte sich einigemal, aber der
+Biber ließ sich das wenig verdrießen, denn nachdem er seinen Gegner
+schneidig abgewiesen hatte, ging er in aller Seelenruhe wieder an
+seinen Kohl und labte sich. Schließlich sah man ein, daß dem Biber bei
+seiner Tapferkeit und überlegenen Ruhe nicht beizukommen sei und ließ
+ihn ungestört seines Weges ins nahe Wasser ziehen.
+
+ [Illustration: Abb. 3. Biberwechsel über eine Sandbank
+ (Naturaufnahme von Amtmann Behr)]
+
+Sportsegler, die im Sommer die Wasserreise von Dresden nach Potsdam
+zu machen pflegen, haben mir oft versichert, daß sie auch bei Tag
+auf Reisighaufen oder Weidenköpfen ruhende Biber antrafen, die sich
+um die lautlos vorbeisegelnden Boote kaum kümmerten, sondern ruhig
+weiter dösten, um erst im Wasser zu verschwinden, wenn man Lärm machte
+oder ihnen gar zu nahe auf den Leib rückte. Besonders menschenscheu
+kann man nach alledem den Elbebiber also unmöglich nennen, wenn er
+auch unter gewöhnlichen Umständen immer genügend auf seine Sicherheit
+bedacht bleibt. Erschwert wird seine Beobachtung aber durch seine
+nächtliche Lebensweise und durch die sumpfige Beschaffenheit des
+Geländes, in dem man es an Sommerabenden vor Stechmücken kaum aushalten
+kann. Die unverkennbaren Spuren seiner Anwesenheit müssen schon jedem
+halbwegs aufmerksamen Spaziergänger auffallen, am meisten natürlich
+die Burgen und abgeschnittenen Hölzer mit der sanduhrartig gestalteten
+Schnittfläche und die herumliegenden Späne, auf denen sich der Eindruck
+der großen Nagezähne deutlich erkennen läßt. Aber auch die regelmäßig
+begangenen Wechsel stechen sehr ins Auge, sei es als deutliche Straßen
+im hohen Wiesengrase, sei es als glatte Rutschbahnen am abschüssigen
+Ufer, sei es als scharf ausgeprägte Fährte auf einer Sandbank. An
+solchen Stellen kann man sowohl die Schwimmhäute der Hinterbeine wie
+die Zehen der Vorderfüße deutlich erkennen, wenn auch alles durch den
+nachschleifenden Schwanz etwas verwischt erscheint (Abb. 3). Stellt man
+sich an einem solchen Wechsel etwas gedeckt an und verhält man sich nur
+bewegungslos, so wird man namentlich an schönen, stillen Sommerabenden
+oft die Freude haben, den Biber im nahen Wasser unter der Oberfläche
+entlang schwimmen zu sehen, wobei er nur die Nasenspitze herausstreckt,
+während sich zwei feine Striche im Wasserspiegel abzeichnen. Wo das
+Tier sich ganz sicher fühlt, taucht es auch weiter aus dem Wasser
+hervor, so daß der halbe Kopf und der Rücken hervorragen (Abb. 4).
+Schließlich steigt der Biber an Land, schiebt sich schwerfällig die
+Böschung hinauf, schüttelt sich das Wasser aus dem Pelz und trottet
+langsam am Ufer entlang, bis er nach einiger Zeit mit weithin hörbarem
+Plumps wieder ins Wasser zurückfällt. War er irgendwie erschreckt
+worden, so stößt er mit seinen breitruderigen Hinterfüßen kräftig
+nach oben aus, schlägt gleichzeitig mit dem Schwanze laut klatschend
+auf die Wasseroberfläche, was wohl ein Warnungszeichen für seine
+Kameraden sein soll, und sinkt dann fast senkrecht in die Tiefe. Oft
+aber gleitet er auch völlig lautlos ins feuchte Element, wenn nämlich
+ringsum alles ruhig blieb. Beim Tauchen werden die auch auf der
+Innenseite dicht behaarten Ohrmuscheln zusammengefaltet und so der
+Gehörgang verschlossen, die durchsichtige Nickhaut über die kleinen
+Rundaugen gezogen und die Nasenflügel mit Hilfe besonderer Muskeln fest
+zusammengepreßt. Die Lehrbücher geben übereinstimmend an, daß der Biber
+etwa zwei Minuten unter Wasser bleiben könne, dann aber zum Atemholen
+wieder an die Oberfläche kommen müsse. Indessen ist diese Zeitangabe
+sicherlich viel zu niedrig gegriffen. Ich selbst konnte mit der Uhr in
+der Hand an einem in Gefangenschaft gehaltenen Biber feststellen, daß
+er volle 10 Minuten unter Wasser blieb, und Behr sah in einem kleinen,
+klaren Tümpel bei Steckby einen Biber sogar 14 Minuten lang ruhig auf
+dem Grunde liegen, ehe er von neuem Atem schöpfte. Ein Förster und ein
+Bühnenarbeiter wollen dasselbe 15 bis 20 Minuten lang beobachtet haben.
+Die außergewöhnlich großen Lungen des Tieres vermögen ja auch eine ganz
+bedeutende Luftmenge zu fassen. Das Geruchsvermögen des Bibers ist
+gut entwickelt, während die etwas blöde dreinblickenden Augen stark
+kurzsichtig sind. Die selten zu hörende Stimme ist leise knurrend, bei
+Ärger zornig fauchend. Die noch im Bau liegenden Jungen wimmern nach
+Mertens wie kleine Kinder.
+
+ [Illustration: Abb. 4. Elbebiber ruhig schwimmend
+ (Naturaufnahme von Amtmann Behr)]
+
+ [Illustration: Abb. 5. Biberschnitte von Erlen bei Törten,
+ unweit der Mulde
+ (Naturaufnahme von Amtmann Behr)]
+
+Wenn man unsere Abb. 5 betrachtet, wird man sehr geneigt sein, den
+Biber für einen argen Waldverwüster zu halten, denn er hat hier in
+der Tat ganz greulich gewirtschaftet. Unser Erstaunen wird noch
+wachsen, wenn wir hören, daß hier die Arbeit eines einzigen Bibers
+vorliegt, der sich im Frühjahr 1913 als Einzelgänger bei Törten a. d.
+Mulde aufhielt. Er war zugewandert, als an seinem alten Wohnorte die
+Weidenanpflanzungen immer seltener wurden und hatte nun seinen Stand
+in hohes Laubholz verlegt, wo er Espen fällte, darunter Stämme bis
+zu 40 +cm+ Durchmesser. Der Schlag erreichte schließlich eine Größe
+von 3/4 Morgen. Der Übeltäter war ein ungewöhnlich starkes Tier und
+wurde von Förster Radtke, der ihn öfters beobachtete, auf 80, von
+anderen sogar auf 90 Pfund geschätzt (Brehm gibt das Gewicht des
+Bibers mit 20 bis 30 +kg+ sicher zu niedrig an), ein Zeichen dafür,
+daß trotz unvermeidlicher Inzucht noch keine Entartung des deutschen
+Biberbestandes eingetreten ist. Trotz unserer lehrreichen Bilder
+ist der forstliche Schaden des Bibers nicht so groß, wie vielfach
+angenommen wird, und wird eigentlich nur dann wirklich empfindlich,
+wenn man den Tieren ihre natürliche Hauptnahrung, nämlich Weiden-
+und Wurzelwerk von Wasserpflanzen, schmälert. Es sind ja immer nur
+einzelne Stücke, die dazu neigen, übermäßig zu schneiden und auch
+stärkere Bäume anzugehen. Man sollte also die Schädlichkeit des
+Bibers nicht noch aufbauschen, wie es leider vielfach geschieht, um
+Freund Bockert »interessanter« zu machen; es fehlt ohnehin nicht
+an Stimmen, die den Abschuß der letzten Elbebiber immer und immer
+wieder verlangen. Seine Arbeiten verrichtet der Biber nur des Nachts
+bei völlig hereingebrochener Dunkelheit und läßt sich dabei nicht
+gerne belauschen. Dies war sogar im Hamburger Tiergarten der Fall,
+wo das Bibergehege einen besonderen Anziehungspunkt bildet. Selbst
+in mondhellen Nächten konnten die Tiere nicht beim Fällen der für
+sie eingepflanzten Pappelstümpfe beobachtet werden. Sie brauchten 29
+Tage zum Fällen eines 36 +cm+ starken Baumes, weil sie offenbar nur
+mit großen Unterbrechungen daran arbeiteten, da sie ja anderweitige
+Nahrung im Überfluß hatten. Die von Brehm gepflegten Biber zeigten
+sich etwas umgänglicher und schnitten schließlich auch in den späteren
+Nachmittagsstunden. Zum Umlegen einer 8 +cm+ dicken Weide brauchten sie
+nur fünf Minuten. In Steckby vom Biber abgeschnittene Stämme hatten
+gewöhnlich eine Dicke von 15 bis 30, manchmal aber auch 40 und selbst
+60 +cm+, und zwar handelte es sich in diesem Falle stets um Schwarz-
+oder Silberpappeln. Nach einem Berichte Friedrichs wurde am Kühnauer
+See bei Dessau eine Pappel von 192 +cm+ Umfang in mehrjähriger, von
+großen Pausen unterbrochener Arbeit umgelegt. Für mich unterliegt es
+gar keinem Zweifel, daß solche starke Bäume nicht zu Nahrungszwecken,
+sondern lediglich zum Schärfen der Schneidezähne angenommen werden, oft
+wohl auch nur aus Langeweile und Spielerei. So sah ich im Gasthause
+in Aaken die Photographie einer riesenhaften Pappel, die aus vier
+Stämmen zusammengewachsen war. An diesem gewaltigen Baum hatten fünf
+Biber jahrelang genagt, natürlich nur ab und zu. Dieses Biberfraßstück
+sollte auf eine Ausstellung nach Leipzig geschickt werden, aber sein
+Umfang erwies sich als so groß, daß der Transport unterbleiben mußte.
+Ein halbes Jahr später riß ein Sturm den mächtigen Baum um, und zwar an
+der angefressenen Stelle. Schneereiche Winter bereiten dem Schneiden
+mancherlei Schwierigkeiten. So sah ich einen Stamm, der vom Biber
+zunächst in der gewöhnlichen Weise unten angeschnitten war. Tiefer
+Schnee hatte ihn dann genötigt, die Arbeit an einer höheren Stelle von
+neuem zu beginnen. Hier wiederum durch stärkeren Schneefall vertrieben,
+hat er endlich in großer Höhe nochmals angefangen und nun den Baum
+wirklich gefällt, der also unterhalb der Bruchstelle noch zwei weitere
+tiefe Einschnitte zeigt. Pappeln und Weiden sind die Lieblingsbäume des
+Bibers, er geht aber auch alle anderen Weichhölzer des Auenwaldes an,
+mit Vorliebe Ahorn, Wildbirne, Holzapfel und Haselstrauch, seltener
+die bitteren Schwarzerlen und Eichen, nur ausnahmsweise die Birke und
+die Kiefer, die er aber nicht entrindet, weil ihm wahrscheinlich ihr
+Harzgehalt zuwider ist. Sehr gern werden neu auftauchende Baumarten
+heimgesucht, wie dies ja auch von den Spechten bekannt ist. So erzählt
+Mertens, daß auf dem Klostergut Prester eine ganze Reihe frisch
+gesetzter Apfelstämmchen in wenigen Nächten abgeschnitten und ins
+Wasser geschleppt wurde.
+
+ [Illustration: Abb. 6. Biber zum Schneiden in einen
+ Weidenbaum kriechend
+ (Blitzlichtaufnahme von Amtmann Behr)]
+
+Seinem Schneideplatze nähert sich der Biber erst nach völlig
+hereingebrochener Dunkelheit und mit erhöhter Vorsicht, wie sich dies
+sehr hübsch auf unserer nach einer Blitzlichtaufnahme hergestellten
+Abb. 6 sehen läßt, wo das Tier gerade in den zum Schneiden bestimmten
+Weidenstrauch kriecht. Beim Schneiden nimmt es eine eichhörnchenartig
+hockende Stellung an, und in den Erholungspausen setzt es sich fast
+aufrecht, wobei es sich fest auf die Kelle stützt. Durch das schnelle
+Schneiden entsteht ein schnarrendes Geräusch, und dünne Stangen fallen
+schon nach Verlauf weniger Minuten. Während dünne Weidenzweige glatt
+durchgenagt werden, erhält die Schnittfläche bei stärkeren Stämmen
+schließlich das sanduhrartige Aussehen, das wir auf den Abb. 5 und 7
+gut bemerken können. Auf Abb. 7 sehen wir zugleich, daß Meister Bockert
+manchmal auch vergeblich arbeitet, indem der Baum zwar fällt, aber
+mit seinem Wipfel in den Nachbarbäumen hängen bleibt. Kommt der Stamm
+dabei recht schräg zu liegen, so besteigt der Biber ihn wenigstens,
+um die Rinde zu äsen. Am Schneideplatz liegen massenhaft Späne bis zu
+10 +cm+ Länge herum, denen die Spur der Nagezähne so deutlich
+aufgeprägt ist, daß man nach ihrer größeren oder geringeren Breite
+leicht das ungefähre Alter des Bibers bestimmen kann. Nähert sich die
+Arbeit ihrem Ende, so rückt der Biber von Zeit zu Zeit von dem Stamm ab
+und blickt spähend zum Wipfel empor, als ob er sich vergewissern wolle,
+nach welcher Richtung hin der Baum wohl fallen wird. Er muß in dieser
+Beziehung ein sehr gutes Urteilsvermögen besitzen, denn nur äußerst
+selten kommt es vor, daß ein Biber von dem fallenden Baum erschlagen
+wird. Mir ist diesbezüglich nur ein gut beglaubigter Fall zu Ohren
+gekommen. Mertens geht also immerhin zu weit, wenn er angibt, daß es
+überhaupt niemals vorkäme. Ich vermute, daß auch die eigentümliche
+sanduhrartige Form des Schnitte die Fallrichtung in bestimmter Weise
+beeinflußt, aber über diesen Punkt wären noch weitere und gründlichere
+Untersuchungen notwendig. Die beim Schneiden gewonnene Rinde wird
+gleich an Ort und Stelle behaglich zerschrotet. Die gefällten Bäume
+werden dann nach und nach in »handliche« Stücke zerschnitten, aber
+nicht entrindet, und allmählich ins Wasser geschleppt, besonders
+die Weiden. Muß das Tier dabei über Sandbänke hinweg, so entstehen
+auf diesen förmliche Schleifbahnen (Abb. 8). Das Hinabschaffen der
+Zweige an den mit Gestrüpp bewachsenen Steilufern wäre nicht leicht,
+wenn jedesmal eine andere Stelle benützt werden sollte, und deshalb
+schafft sich Meister Bockert durch beständige Benutzung der gleichen
+Stelle eine Schlittenbahn, auf der er mit seinen Vorräten leicht und
+vergnüglich hinabrutscht. Die eingesammelten Hölzer bilden schließlich
+ein Floß vor dem Eingang zum Biberbau, und im Wasser erhält sich die
+Rinde namentlich der Weidenzweige frisch und schmackhaft und kann dann
+an ungemütlichen Wintertagen als Nahrungsvorrat dienen. Der Biber
+futtert ja am liebsten naß. Aus dem Gesagten erhellt schon, daß die
+Anlage von Weidenpflanzungen die erste Vorbedingung für das Gedeihen
+dieser Tiere ist. Exinger beobachtete an seinen gefangenen Bibern, die
+er auf einem ziemlich großen Teiche hielt, daß sie ein feines Vorgefühl
+für die kommende Witterung haben und sich nach ihr zu richten wissen.
+Eines Abends machten sie sich bei schönem Wetter plötzlich mit großer
+Hast an die Arbeit, Stämme in ihren Teich zu schleppen. Binnen einer
+einzigen Nacht hatten sie 186 Stämme von 2 bis 3 +m+ Länge und
+8 bis 11 +cm+ Dicke ins Wasser geschafft, und wirklich trat ein
+Witterungsumschlag ein, und 24 Stunden später war der ganze Teich fest
+zugefroren und mit einer 7 +cm+ dicken Eiskruste bedeckt.
+
+ [Illustration: Abb. 7. Vom Biber angeschnittene und oben hängen
+ gebliebene Rüster]
+
+ [Illustration: Abb. 8. Holzschleife des Bibers nach dem Wasser (Elbe)
+ bei Steckby]
+
+Neben Weidenzweigen bilden die Wurzeln von allerlei Sumpf- und
+Wasserpflanzen die Hauptnahrung des Bibers, wodurch sich auch seine
+Vorliebe für die alten und toten Elbearme und die kleinen Seen im
+Urstrombette erklärt. Bevorzugt werden die süßen Wurzelknollen vom
+Rohr, Schilf und namentlich der beiden Wasserrosen. Der Biber beißt
+sie unter Wasser ab, so daß sie zur Oberfläche emporsteigen, oft viele
+an einer Stelle. Wo Zuckerrübenfelder in der Nähe des Wassers sich
+befinden, werden sie auch nächtlicherweile vom Biber gern heimgesucht.
+Während der schönen Jahreszeit werden als Zukost auch die zartesten
+Blätter und Blüten der Wasserpflanzen verspeist, junges Gras auch
+nicht verschmäht und sogar Seerosenfrüchte aufgenommen, deren harte
+Samenschalen unverdaut wieder abgehen. Mertens hatte einmal einen
+merkwürdigen Anblick, indem auf der von leichtem Nebel verschleierten
+Wasserfläche eine weiße Welle sich zu nähern schien. In Wirklichkeit
+war es ein Biber, der Seerosenblüten in großer Zahl gepflückt und in
+den Fang genommen hatte, so daß sie rechts und links wie ein Strauß
+heraushingen.
+
+Die gewöhnlichen Wohnbaue der Biber werden ganz nach Art des
+Fischotters im Steilufer des Flusses angelegt, womöglich der größeren
+Festigkeit halber im Wurzelgeflecht einer alten Eiche, Rüster oder
+Weide, immer so, daß das Tier auch bei niedrigem Wasserstande unter
+Wasser in seine Behausung gelangen kann. Bisweilen wird dabei der
+schützende Baum derartig unterwühlt, daß er schließlich zum Umstürzen
+gebracht wird, wie dies im Aakener Hornhafen vorgekommen ist. Auch am
+Nordufer des Steinsees haben die Biber eine 80 +cm+ starke Eiche
+durch Unterwühlen des Erdreichs zu Fall gebracht. Alte Baue können im
+Laufe der Zeit einen recht beträchtlichen Umfang annehmen, und manche
+Röhren führen dann so niedrig unter der Erdoberfläche entlang, daß
+das Begehen oder Befahren solcher Uferstrecken geradezu gefährlich
+wird und namentlich bei der Heuernte gar nicht selten Menschen oder
+Pferde durchbrechen. Der Biber fährt dann erschrocken aus seinem Bau
+und flüchtet ins Wasser. Noch schlimmer wird die Sache, wenn die Biber
+in den Deichen wühlen, was glücklicherweise selten vorkommt. Doch muß
+die Strombauverwaltung in dieser Beziehung immer ein scharfes Auge
+auf sie haben. Auch in solchen Fällen ist es nicht nötig, die Tiere
+abzuschießen, weil sie sich auch durch andere Mittel leicht vergrämen
+lassen. Mertens gibt an, daß der Damm bei Ranies in den Jahren 1920
+und 1921 stark unterwühlt war und deshalb mit großen Kosten wieder
+ausgebessert werden mußte; die Gesamtlänge der damals aufgegrabenen
+Röhren soll nicht weniger als 86 +m+ betragen haben. In den
+Wohnkessel des Baus werden einige derbe Holzprügel eingetragen und zu
+ganz feinen Spänchen zernagt, wodurch eine weiche Unterlage geschaffen
+wird.
+
+Wo Ruhe im Revier herrscht und der Biber sich unbehelligt weiß,
+errichtet er außer diesen Bauen, die dann nur als Notwohnungen dienen,
+auch noch sog. Burgen, wie ich selbst eine am Schmiedersee besichtigen
+konnte. Sie sind oberirdisch sichtbar und haben backofenförmige
+Gestalt (Abb. 9). Diese Burg fiel schon von weitem durch die teilweise
+entrindeten und deshalb weißen Weidenzweige auf, die zu ihrer
+Herstellung verwendet waren. Obenauf lagen lange, trockene Rohr- und
+Schilfhalme. Die Baustoffe werden nicht etwa sorgfältig angeordnet,
+sondern liegen wirr, kreuz und quer durcheinander, so daß der ganze
+Bau ein sehr sparriges Aussehen erhält. Früher befand sich dort mitten
+im Wiesengelände eine zweite Biberburg dicht beim sog. Försterfriedhof
+auf einer kleinen Erhebung, die den winzigen Rest der sog. Schmiedburg,
+eines alten Bollwerks der Sachsen gegen die Wenden, darstellt. Im
+Goldberger See bei Lödderitz befindet sich gleichfalls im Schilf und
+Rohr versteckt eine regelrechte Biberburg, die ziemlich hoch und
+etwa 3 +m+ breit ist. Zu den Burgen führen im tieferen Wasser
+mündende Geschleife. Ändern sich die Örtlichkeitsverhältnisse in
+unerwünschter Weise, so verlegen die Biber ihren Wohnsitz. So lebte
+vor einigen Jahren ein Paar im sog. Kuhlenhagen. Da aber dieser Teil
+der alten Elbe Fischreichtum aufwies und infolgedessen immer stärker
+befischt wurde, haben sich die ruheliebenden Tiere nach dem nördlichen
+Teile der Kreuzhorst verzogen, wo sie unter Naturschutz stehen und
+deshalb weniger gestört werden. Fortwährend haben die Tiere an ihren
+Burgen herumzubasteln, zu ändern, zu vergrößern und zu verbessern.
+Alle erforderlichen Dichtungsstoffe, wie Gras, Erde, Sand, Lehm und
+Schlamm, werden (wie auch bei den Dammbauten) nur mit dem Maule und mit
+den Händen bewegt und ausschließlich mit letzteren verarbeitet, also
+nicht mit der Kelle, welches unausrottbare Märchen sich immer wieder
+in den Büchern fortpflanzt. An schönen, ruhigen Tagen sonnt sich der
+Biber gerne auf dem Dache seiner Burg oder auf in der Nähe befindlichen
+Kopfweiden, oder er richtet sich als lauschige Ruheplätzchen besondere
+Sassen her. Die Sasse, von der ich selbst einen Biber aufscheuchte,
+war in den lehmigen Morast eingetieft und mit trockenem Gras und Laub
+gepolstert, übrigens so angelegt, daß bei nahender Gefahr ein einziger
+Satz das Entkommen ins Wasser ermöglichte.
+
+ [Illustration: Abb. 9. Biberburg am Schmiedersee
+ Naturaufnahme von Oberpostsekretär Winkelmann)]
+
+In Amerika, wo es noch viele Biber gibt, vermögen die in
+großen Siedlungen hausenden Tiere durch ihre Arbeiten geradezu
+landschaftgestaltend zu wirken, indem sie durch Aufführung von oft
+100 +m+ langen und 2 bis 3 +m+ hohen Dämmen weite Strecken
+der Flußläufe in eine Seenkette verwandeln und durch ihre Holzschläge
+in den benachbarten Waldungen ausgedehnte Lichtungen, die sog.
+Biberwiesen, schaffen. Damit ist es für Deutschland natürlich längst
+vorbei. Immerhin legen auch die wenigen Elbebiber bei niedrigem
+Wasserstand hier und da einmal Stauwerke an, die wegen der planvollen
+Umsicht der vierbeinigen Ingenieure immer wieder unsere Bewunderung
+herausfordern. Ist ja doch der Biber in dieser Beziehung geradezu der
+Lehrmeister des Menschen gewesen! So hatten vor einigen Jahren die
+Biber unterhalb Breitenhagen ein Wasserloch vollständig abgedämmt.
+Als im Forstamt Witlingkau ein Teich abgelassen und auch der dazu
+gehörige Bach trocken gelegt wurde, fanden die Biber bald die Ursache
+des Wassermangels heraus und verbauten daher das Zapfenhaus mit Schilf
+und Schlamm derart, daß kein Tropfen mehr durchkam. Auf diese Weise
+wollten sie sich das Wasser erhalten, und es kostete nicht geringe
+Mühe, die Verdämmung zu beseitigen. Einen regelrechten Biberdamm, der
+quer über einen Arm der Altelbe bei Wartenburg gezogen war, sehen
+wir auf Abb. 10. Einen anderen Damm hatten die Biber nach Friedrich
+1891 im Bruchgraben beim Kühnauer See aufgeführt. Er war geradlinig,
+1-1/2 +m+ hoch und 3 +m+ breit. Zur Verwendung gelangten
+meterlange Knüppel von 10 bis 15 +cm+ Dicke, die Zwischenräume
+waren mit Haselreisig ausgefüllt und schließlich das Ganze mit
+schlammigen Rasenstücken so gut abgedichtet, daß es für Wasser
+vollkommen undurchlässig und fest genug war, um einem erwachsenen
+Menschen das Begehen des Dammes zu ermöglichen. Mertens erwähnt zwei
+weitere Dammbauten, die aber des hier besonders reißenden Wassers wegen
+nicht gerade verliefen, sondern halbmondförmig ausgebuchtet waren. Die
+durch sie bewirkte Hebung des Wasserspiegels betrug etwa 30 +cm+.
+Beschädigungen durch Menschenhand an den Biberdämmen werden von den
+Tieren sehr rasch wieder ausgebessert. Bei dem abgebildeten Damm z.
+B. hatten Fischer ein großes Loch hineingerissen, um mit ihrem Kahn
+hindurchfahren zu können, aber schon am nächsten Morgen war die Lücke
+aufs gründlichste wieder verschlossen. Endlich schafft sich der Biber,
+der ja viel lieber und sicherer schwimmt als geht, auch noch besondere
+Schwimmkanäle, wenn das Gelände zu sehr versumpft, indem er die Rinnen
+durch fortgesetzte Benützung vertieft, auch wohl durch Herausheben von
+Schlammerde mit den Pfoten nachhilft.
+
+[Illustration: Abb. 10. Biberdamm bei Wartenburg in einem alten Elbearm
+ (Naturaufnahme von Amtmann Beyr)]
+
+Die gewöhnliche Zahl der Jungen beträgt vier, entsprechend den vier
+Zitzen des Muttertieres; drei oder gar nur zwei Junge kommen öfters
+vor, während mir ein Wurf von fünf Jungen nur in einem einzigen Fall
+bekannt geworden ist. Amtmann Behr hatte einmal das große Glück,
+Jungbiber im Bau zu beobachten. Er schreibt mir darüber: »Im Juni
+1908 war Hochwasser eingetreten und hatte die Biber aus der Saale ins
+Binnenland getrieben. Da bekam ich von Patretz Drahtnachricht, es sei
+ein Biberbau mit Jungen gefunden. Schnell wurde der Photoapparat und
+ein halbes Schock Kassetten gepackt, und fort ging's, dem Ziele zu. Es
+herrschte glühende Hitze, und die Tierwelt schien wie ausgestorben.
+Nur Tausende und aber Tausende von Mücken und Stechfliegen erhoben
+sich aus den üppigen Wiesen, Weidenbüschen und Sumpflachen. Endlich
+zeigte mein Führer lautlos nach einer Kopfweide, die an einem mit
+hohen Ufern versehenen Bächlein stand. Ich kroch lautlos durch ein
+Weizenstück, das teilweise unter Wasser stand. Vorsichtig hob ich
+dann den ausgestreckten Kopf, auf dem bereits unzählige Mücken und
+Stechfliegen Platz genommen hatten. Da bot sich mir ein unvergeßlicher
+Anblick: eine starke Bibermutter mit vier Jungen lag am jenseitigen
+Grabenufer in einer Erdhöhle unter Weidengestrüpp, Rohr und
+schilfartigem Gras! Offenbar handelte es sich hier um einen Notbau,
+denn es war lediglich eine kesselförmige Vertiefung unter dem dichten
+Weidenstrauch. Die Jungen erkletterten den Rücken der Alten, purzelten
+wieder herunter und ließen ein lautes Fauchen hören. Auch die Alte
+wälzte sich öfters herum, geplagt durch unzählige Fliegen, und hatte
+offenbar keine Ahnung von meiner Gegenwart. Leider war die Beleuchtung
+in der Höhle so schlecht und die Unruhe in der Familie so groß, daß
+nur Momentaufnahmen gemacht werden konnten, die zur Reproduktion nicht
+scharf genug sind, aber immerhin wertvolle Natururkunden bilden. Als
+mein Begleiter näher kam, erhob sich langsam die Mutter, um gleich
+darauf blitzschnell im Wasser zu verschwinden. Ein undeutlicher Strich
+zeigt auf der Aufnahme den Weg an, den sie genommen, und einige
+Luftbläschen stiegen aus dem ruhig dahinfließenden Wasser empor.
+Schließlich stieg ich zu den Jungen hinüber und gewahrte nun erst,
+daß zwei davon verendet und mit Schmeißfliegen bedeckt am Rande der
+backofenförmigen Vertiefung lagen, während die beiden Überlebenden
+den Eindringling mit ihren kleinen blauen Augen erstaunt ansahen und
+fauchende Töne ausstießen. Schnell wurden einige Aufnahmen mit der
+Handkamera gemacht, und zurück ging's auf den alten Platz. Immer noch
+ließ sich die Alte nicht sehen. Da kam der eine Jungbiber auf den
+Ausstieg der Mutter und fuhr gleichfalls zu Wasser, wohin ihm der
+andere sofort folgte. Nun konnte auch ich nach 3-1/2stündiger Arbeit,
+die eine große Reihe von Aufnahmen geliefert hatte, den Heimweg wieder
+antreten, voller Holzläuse und anderem Ungeziefer, gründlich von den
+Mücken zerstochen, zu Tode erschöpft, aber von dem Gedanken beseligt,
+der Wissenschaft einen Dienst erwiesen zu haben.«
+
+Wie unheimlich rasch die Abnahme der Biber an manchen Örtlichkeiten
+vor sich geht, erhellt aus einer Zuschrift des Herrn Winkelmann, der
+beispielsweise an einer langgestreckten Wasserlache, die zwischen
+Fährbuhne und Badeanstalt bei Aaken sich hinzieht und nach dem Walde
+zu Steilufer hat, im Jahre 1915 noch zwölf Baue zählte. »Jetzt sind
+diese Baue sämtlich verlassen, die Biber teils von Wilddieben gefangen,
+teils ausgewandert. Wenn man in Aaken Sonntags die Kirchgänger mustert,
+kann man oft Leute in Biberpelzen sehen, womit man die einfachste
+Erklärung für das Verschwinden der Biber vor sich hat. Jetzt haben
+die Kürschner in Köthen und Dessau strenge Anweisung, Überbringer von
+frischen Biberpelzen festzustellen und zur Anzeige zu bringen.« Diese
+Bestimmung ist sehr wichtig und erfreulich, sie müßte aber vor allem
+noch durch eine scharfe Beaufsichtigung der wandernden Fellhändler
+ergänzt werden. Auch die Kürschner, die frische Biberfelle aufkaufen,
+müßten als Hehler bestraft werden, denn sie wissen ganz genau, daß
+solche Felle nicht rechtmäßig erworben sein können. Noch ist es
+nicht zu spät, einschneidende Maßregeln für die dauernde Erhaltung
+unseres letzten, hartbedrängten Biberstandes zu treffen, aber es ist
+höchste, ja allerhöchste Zeit! Neuerdings hat sich namentlich Herr
+Zehle, der sich als Maler und Bildhauer die künstlerische Darstellung
+des Bibers zur besonderen Aufgabe gemacht hat, in Wort und Schrift
+des Bibers warmherzig und nachdrücklich angenommen, und es wäre nur
+dringend zu wünschen, daß seine hauptsächlich in den Jagdzeitungen
+erscheinenden Aufrufe nicht ungehört verhallen. Er fordert vor allem
+eine entsprechende Vermehrung der Aufsichtsbeamten, und da die wenigen,
+überdies sonst stark in Anspruch genommenen Forstleute für den
+Biberschutz nicht ausreichen, solle man dazu in passender Weise auch
+die Fährmeister heranziehen, vielleicht auch geeignete Privatpersonen.
+Für die Abfassung oder Ermittlung von Lumpen, die den Bibern
+nachstellen oder ihre Baue und Burgen zerstören, müßten Geldbelohnungen
+öffentlich ausgeschrieben werden. Die Strafen wären so scharf als
+möglich zu fassen. Mit Unkenntnis kann sich niemand entschuldigen,
+denn im Bibergebiet weiß jeder Mensch, wie der Biber aussieht und daß
+er gesetzlich geschützt ist. Weiter müßten die Weiden erhalten oder
+neu angepflanzt werden. In dieser Beziehung wird noch viel gesündigt.
+Man nimmt dem Biber seine natürliche Äsung und schreit dann Zeter und
+Mordio, wenn er aus Not und Hunger bei den angepflanzten Nutzhölzern
+Ersatz sucht. Bei Bemessung der Pachtpreise für die Weidengehege sollte
+eben von vornherein auf den unvermeidlichen Biberschaden Rücksicht
+genommen werden. Die Weidenpächter wären streng zu verpflichten, die
+Biber in Ruhe zu lassen und insbesondere keine Biberburgen abzubrennen,
+wie sie dies gerne tun. Ähnliches gilt für die Fischereipächter. Am
+besten würde man die Fischwässer im Bibergebiet überhaupt nur an
+Forstbeamte verpachten, die dann keine Stellnetze und Flügelreusen
+verwenden und in unmittelbarer Nähe der Biberbaue gar nicht fischen
+dürften. Wichtig wäre es auch, den Jägern das Auslegen von Tellereisen
+für Fischottern zu verbieten und bei Hochwasser Zufluchtstätten für die
+Biber zu errichten.
+
+Herr Zehle ruft zur Gründung eines Biberschutz-Vereins nach Art des
+Wisentschutz-Vereins auf, und wir wollen nur hoffen und wünschen,
+daß er damit Erfolg hat. Er ist der Meinung, daß bei nachdrücklicher
+Durchführung der Schutz- und Hegemaßnahmen der Elbebiber seinen
+jetzigen Bestand nicht nur wahren, sondern auch mehren und sein
+Verbreitungsgebiet weiter ausdehnen würde, so daß er im Laufe der Zeit
+wieder als wertvolles Jagdwild in Betracht kommen könnte, zumal er
+sich von der Elbe aus auch leicht wieder in der Romintener Heide, im
+Zehlau-Bruch und an anderen geeigneten Orten einbürgern ließe. Ich
+selbst denke allerdings nicht so optimistisch, sondern glaube, daß alle
+Ausdehnungsversuche an der leidigen Habsucht der heutigen Menschheit
+scheitern werden. Immerhin wird sich der Biber bei genügendem Schutz an
+der Elbe wohl noch einige Jahrzehnte halten, aber es wäre angezeigt,
+auch für die Zukunft und damit für eine dauernde Erhaltung vorzusorgen.
+Mit vollem Recht ist deshalb schon der Vorschlag gemacht worden, einige
+Biber einzufangen und auf den Besitzungen des »Vereins Naturschutzpark«
+in der Lüneburger Heide anzusiedeln.
+
+
+
+
+ Der Nerz
+
+
+Ob man den Nerz, dieses merkwürdige Zwischenglied zwischen Fischotter
+und Marder, heute wohl überhaupt noch in einem Verzeichnis deutscher
+Säugetiere mit aufführen darf? Es gibt viele Tierkundige, die diese
+Frage verneinen. Unser Jagdgesetz ist anderer Ansicht, denn es nennt
+den Nerz immer noch in der Liste der jagdbaren Tiere. Ich selbst kann
+mir auch nicht gut denken, daß der Schwimmarder, wie man ihn treffend
+nennen könnte, bei uns schon gänzlich ausgestorben sein soll, denn
+trotz aller öden Gleichmacherei der Natur durch die sog. Kultur gibt
+es doch im ostpreußischen Memeldelta und an den Masurischen Seen, an
+den verschilften Teichen der schlesischen Bartschniederung, an den
+brandenburgischen Luchen und beim mecklenburgischen Großgrundbesitz
+noch verschwiegene Winkel genug, die allen Anforderungen dieses
+Seltlings durchaus entsprechen und wo immer noch das eine oder andere
+Pärchen unbeachtet oder unerkannt sein Dasein fristen mag. Allerdings
+war der Nerz (Abbildung 11) von jeher ein nordöstliches Tier und als
+solches in Süddeutschland wohl überhaupt nie heimisch, wenigstens nicht
+in geschichtlicher Zeit, auch in Norddeutschland nie eigentlich häufig,
+sondern immer nur in einzelnen Gegenden, gewissermaßen in versprengten
+Stämmen vorhanden. Schon Wildungen klagt 1799, daß der Nerz so selten
+und manchem wackeren Weidmann überhaupt unbekannt sei. Vor allem muß
+betont werden, daß der Nerz wegen seiner ausgesprochenen Menschenscheu
+und seiner streng nächtlichen Lebensweise an seinen versteckten und
+schwer zugänglichen Aufenthaltsorten überaus schwer zu beobachten ist
+und von Unkundigen gewöhnlich mit dem Iltis oder mit einem jungen
+Fischotter verwechselt wird. Sein sumpfiges Wohngebiet ist oft so
+unzugänglich, daß es überhaupt nur im Winter bei Frost betreten werden
+kann.
+
+Dann eine Frage: Wie viele Jäger oder Naturforscher gibt es denn
+in ganz Deutschland, die imstande sind, bei fahlem Mondschein das
+undeutliche Etwas auf der Wasserfläche richtig als das Köpfchen eines
+schwimmenden Nerzes anzusprechen? Nur höchst selten fügt es einmal der
+Zufall, daß ein Nerz von scharfen Teckeln oder Foxterriers aus dem
+Wurzelgeflecht am Steilhang eines Baches oder Teiches aufgestöbert
+wird, aber der Herr des Hundes hält dann, selbst wenn er den grünen
+Rock trägt, also eigentlich in der heimischen Tierwelt gründlich
+Bescheid wissen sollte, das herausgejagte flinke Tierchen in der Regel
+für einen Iltis und wundert sich höchstens darüber, daß dieser »Iltis«
+so gut schwimmen und auch ebenso gut tauchen kann.
+
+ [Illustration: Abb. 11.
+Zuchtnerz der Hirschegg-Riezlern-Pelztierfarm, in der unter Leitung von
+Dr. Fritz Schmidt mit aus Kanada eingeführtem Zuchtmaterial recht gute
+ Erfolge erzielt werden
+
+(Nach einer von der Deutschen Versuchszüchterei edler Pelztiere
+G. m. b. H. & Co., Leipzig zur Verfügung gestellten photographischen
+ Aufnahme)]
+
+Selbst die sorgfältigste Untersuchung der Fährte gibt keine volle
+Sicherheit, da die kurze, charakteristische Schwimmhaut zwischen den
+Zehen des Nerz bei gewöhnlicher Gangart selbst in weichem Boden sich
+nicht mit abdrückt. Und doch sind beide Tiere für den aufmerksamen
+Beobachter kaum zu verwechseln. Flüchtet das aufgescheuchte Geschöpf
+sofort ins Wasser und taucht es hier gar anhaltend, so handelt es sich
+sicher um den Nerz, denn der Iltis ist durchaus kein Freund der Nässe,
+sondern entfleucht stets aufs feste Land und sucht hier womöglich einen
+erhöhten Standpunkt zu gewinnen. Ich trete der Auffassung Schlotfelds
+bei, wenn er z. B. sagt: »Unsere hannoverschen Bültenmoore, der
+Schrecken und andrerseits wieder die Freude der Jäger, sind nur unter
+den größten Anstrengungen zu bejagen und oft lange Zeit hindurch ganz
+unzugänglich. Hier herrscht absolute Ruhe, und mancher Nerz mag hier
+noch in aller Beschaulichkeit hausen, von dessen Vorhandensein kein
+Mensch eine Ahnung hat.« Auch Ziegler schrieb schon 1848, daß der Nerz
+sicherlich viel häufiger sei, als man allgemein glaube.
+
+Die Gegend von Bremen war oder ist der westlichste Verbreitungspunkt
+des Nerz, und von hier aus erstreckt sich sein Gebiet durch die
+baltischen Länder nach dem nördlichen und mittleren Rußland, während
+er z. B. in der Krim fehlt, ebenso wie seine Lieblingsnahrung, die
+Krebse. Noch häufiger wird der Nerz in Sibirien, China und Japan, in
+welchen Ländern eigene geographische Rassen sich herausgebildet haben,
+wogegen der nordamerikanische Nerz, der sog. Mink, eine besondere Art
+vorzustellen scheint. Um die Jahrhundertwende herum kamen jährlich
+etwa 370000 Minkfelle gegenüber 55000 meist sibirischen Nerzfellen in
+den Handel. Da also der Mink noch viel häufiger ist, sind wir auch
+über seine Lebensweise ungleich besser unterrichtet als über die
+des echten Nerz, von der wir eigentlich verblüffend wenig wissen.
+Die Kenntnis seiner Fortpflanzungsgeschichte z. B. beschränkt sich
+fast nur auf Vermutungen, und es wäre dringend zu wünschen, diese
+beschämende Lücke auszufüllen, ehe es dazu durch völliges Aussterben
+des Tieres zu spät wird. Hoffentlich bewahrheitet sich aber auch
+beim Nerz das alte Sprichwort, daß die Totgesagten noch recht lange
+leben. Ihm vor allen sollte auch in den großen Naturschutzparken eine
+letzte Zufluchtstätte gewährt werden. Schon in Livland kommt er noch
+regelmäßig vor, wenn auch sehr selten; immerhin wird alljährlich hier
+und da einer geschossen, namentlich in den östlichen und nördlichen
+Landesteilen, wo nach Mitteilung des Barons von Loewis Händler immer
+noch eine Anzahl Felle von den unwissenden Bauern als Iltisfelle
+aufkaufen. Ende März 1905 ging ein dortiger Oberförster aus dem Walde
+heimwärts, als seine Teckel bei einem Bruch und einer Holzbrücke
+unruhig wurden und hitzig verbellten. Herausgestöbert wurde ein starker
+männlicher Nerz und glücklich erlegt. Trotzdem arbeiteten die Hunde
+weiter fort, und bald darauf kam schwimmend im Wasser ein zweiter Nerz
+zum Vorschein, der leider angeschossen verloren ging. In Siebenbürgen
+soll der Nerz heute auf einen winzigen Platz im sumpfigen Maroschtale
+beschränkt sein; Skelettfunde beweisen aber, daß er früher in diesem
+Lande viel weiter verbreitet war. Für Schlesien wird der Nerz noch
+von Gloger angeführt, der aber bereits darüber klagt, daß das Tier
+überall da rasch verschwinde, wo Entwässerungsarbeiten vorgenommen
+werden. Auch Brehm kannte schlesische Nerze aus eigener Anschauung,
+und nach Schlotfeld erhielten die Schweidnitzer Kürschner noch in den
+80er Jahren öfters Nerzfelle durch die Bauern, die sie für besonders
+dunkle Iltisse hielten. In der Provinz Posen wurde 1892 ein Nerz
+erlegt. Am hoffnungsvollsten lauten wieder einmal die Nachrichten
+aus dem tierreichen Ostpreußen. Hier führt Rathke 1846 den Nerz noch
+als sicheres Standwild auf, ohne allerdings selbst einen gesehen zu
+haben. Zwar entpuppte sich ein später in der Oberförsterei Johannisburg
+erlegter angeblicher Nerz bei näherer Untersuchung durch von Hippel
+als Iltis, aber doch liegen auch aus neuerer Zeit sichere Beweise
+seines Vorkommens vor. So erlegte Förster Gerhardt in Skirwieth
+(Kreis Heidekrug) am 6. August 1902 ein Stück, dessen Schädel dem
+Ostpreußischen Fischereiverein übergeben wurde und durch diesen in das
+Königsberger Museum gelangte. Endlich wurde am 3. April 1908 im Kreise
+Ortelsburg ein Nerz geschossen und an das Berliner Museum eingeliefert.
+Es ist dies meines Wissens der vorläufig letzte sichere Nerz, der
+auf deutschem Boden erbeutet wurde. Wenn seitdem auch aus Ostpreußen
+nichts mehr über Nerze verlautete, so ist dies bei der Unbekanntheit
+des Tieres und der großen Schwierigkeit seiner Beobachtung noch lange
+kein Beweis für sein völliges Ausgestorbensein.[A] In Pommern scheint
+es dagegen schon seit längerer Zeit tatsächlich keine Nerze mehr zu
+geben. Länger hat sich der Nerz im seenreichen Mecklenburg und im
+Lauenburgischen gehalten, wo er namentlich von Ludwigslust, Wismar und
+vom Müritzsee sowie aus der Umgebung von Lübeck öfters erwähnt wird.
+Diese Angaben reichen bis zum Jahre 1896, und es ist durchaus nicht
+ausgeschlossen, daß das Tier in einsamen Brüchen auch heute noch dort
+vorkommt, wenn auch nur als große Seltenheit. Besondere Verdienste
+um die Beobachtung der dortigen Nerze hat sich Förster Claudius
+erworben, der darüber eingehend an Brehm berichtete. Danach umfaßte
+das Verbreitungsgebiet bei Lübeck zwar nur wenige Quadratmeilen, aber
+in diesem war das Tier keineswegs besonders selten und jedem Jäger
+unter dem Namen Ottermenk bekannt. Sonst heißt er im Volksmunde auch
+noch Krebsotter, Steinhund, Schwimmarder, Wasserwiesel, Wassermenk
+und Sumpfotter -- alles recht bezeichnende Namen --, während ihn
+baltische Jäger unter dem Namen Norke kennen. Claudius, der 1868
+selbst ein lebendes Nerzweibchen fing und an Brehm schickte, während
+1878 ein Jungnerz von einem scharfen Hühnerhund erwürgt wurde, traf
+das Tier namentlich an der Wagenitz, dem zwei Meilen langen Abfluß
+des Ratzeburger Sees in die Trave bei Lübeck. Hornung hält allerdings
+alle diese Angaben für veraltet und ist der Ansicht, daß der Nerz bald
+darauf dort völlig ausgestorben sei, aber dem steht entgegen, daß
+auch Schlotfeld im Hochsommer 1906 den Nerz im Wietzebruch antraf,
+einem früher durch die weit ausgelegten Geweihe seiner Rothirsche
+jagdlich berühmten Revier. Eine Verwechslung mit Iltis oder Fischotter
+hält er für ausgeschlossen, obwohl er nicht schießen konnte, da der
+aufgestöberte kleine Räuber sich mutig in die Lefzen seines Hundes
+verbissen hatte. Bei Plön wurden 1864 zwei Nerze gefangen, und es hat
+den Anschein, als ob sie damals im östlichen Holstein noch ziemlich
+verbreitet waren. Im Blockland von Bremen wurde in den 80er Jahren ein
+Nerz geschossen und gelangte in das Städtische Museum. Dies ist also
+der bisher westlichste Verbreitungspunkt, da angebliche Beobachtungen
+aus der Gegend von Emden nicht durch ein Belegstück erhärtet werden
+konnten. Nach Bechstein kam der Nerz Ende des 18. Jahrhunderts noch
+vereinzelt an der Leine bei Göttingen vor, Anfang des 19. Jahrhunderts
+wurde ein Stück an der Werra erlegt, 1852 nach Blasius eines im Harz
+in der Grafschaft Stolberg und 1858 eines an den Riddagshausener
+Teichen, also unmittelbar vor den Toren Braunschweigs. Vielleicht ist
+dieses Stück identisch mit dem Nerz, den Forstrat Hattich als 1859
+im Forstgarten bei Braunschweig erlegt meldet. Gewisse Stellen der
+Lüneburger Heide scheinen noch bis in die neueste Zeit hinein Nerze
+beherbergt zu haben. Wenigstens meldet Merk-Buchberg aus anscheinend
+zuverlässiger Quelle, daß bei Wilsede kurz vor Erwerbung der dortigen
+Ländereien durch den »Verein Naturschutzpark« noch zwei Nerze
+geschossen worden seien. Diese auch mir mündlich von dortigen Anwohnern
+gemachte Mitteilung erscheint mir um so glaubwürdiger, als ich selbst
+bei meinem ersten Besuche dieser Gegend das seltene Glück hatte, einen
+vom Hunde aufgestöberten Nerz ins Wasser plumpsen und wegtauchen zu
+sehen. Es wäre herrlich, wenn gerade hier unter dem tatkräftigen
+Schutze des Vereins der Nerz auch heute noch lebte, was nicht unmöglich
+ist, obschon Nachrichten aus neuester Zeit fehlen. Außerdem bin ich
+in meinem ganzen Leben nur noch einmal flüchtig mit dem Seltling
+zusammengetroffen: es war anfangs der 90er Jahre auf dem ornithologisch
+berühmten Möwenbruch bei Rossitten auf der Kurischen Nehrung.
+
+[Illustration: Abb. 12. Nerz beim Beschleichen von Beute auf dem Lande]
+
+Bruchartige, verschilfte Teiche und Seen oder ganz langsam schleichende
+Flüsse und Kanäle mit von Baumwurzeln durchsetzten Ufern bilden den
+Lieblingsaufenthalt unseres Schwimmarders, der also kein Freund
+starker und reißender Strömungen ist. Je stiller, einsamer und
+unzugänglicher eine Gegend ist, desto angenehmer ist sie diesem
+menschenscheuen Sonderling. Hier ruht er tagsüber faul und verschlafen
+im Wurzelgeflecht der Uferbäume oder in einer Baumhöhlung oder auf
+einem geköpften Weidenstumpf oder auch nur im hohen Riedgras und zieht
+erst nach Sonnenuntergang still und verschwiegen auf Beute aus, und
+es ist dann natürlich ungeheuer schwer, im Dunkel der Nacht und im
+unzugänglichen Sumpfe das lautlos herumhuschende, schlanke Tierchen
+zu erkennen. Nach den sorgsamen Beobachtungen von Claudius schleicht
+es mehr als es läuft (Abb. 12), gleitet rasch und behende über alle
+Unebenheiten hinweg, hält sich aber stets auf dem Boden und strebt
+nicht nach der Höhe. Das sehr klug aussehende Köpfchen hält dabei
+nicht einen Augenblick still, die scharfen Seher durchmustern ohne
+Unterlaß die Umgebung, und die kleinen Lauscher spitzen sich so weit
+als möglich, damit ihnen nur ja kein Geräusch entgehe. Meist wird
+beim Laufen der Rücken mehr oder minder gekrümmt, und kein noch so
+verborgenes Winkelchen bleibt undurchschnüffelt. Das Klettervermögen
+ist nur mäßig, aber dafür zeigt sich der Nerz als ein tüchtiger
+Schwimmer und versteht es, sehr gewandt und anhaltend zu tauchen. Er
+besitzt alle Gewandtheit der Marder, aber nicht ihre Kletterfähigkeit
+und Rastlosigkeit. Beim Schwimmen rudert er nicht abwechselnd mit
+den Beinen, sondern schnellt sich stoßweise fort, und zwar mit
+überraschender Geschwindigkeit. Im Winter sah ihn Claudius bisweilen an
+den Aussteigstellen auf dem Eise sitzen, fast unkenntlich vor Schlamm.
+Im übrigen stellt das ganze Wesen des Nerz ein sonderbares Gemisch
+von Marder und Fischotter vor. Mit beiden hat er Schlauheit, Raubgier
+und Blutdurst gemeinsam. Unter den Sinnen dürften Geruch und Gesicht
+obenan stehen. Der häßliche Gestank, den die Marder- und Iltisarten
+ausströmen, fehlt dem Nerz völlig, denn er ist fast geruchlos.
+
+Krebse bilden seine Lieblingsspeise. Außerdem jagt er noch Fische,
+Frösche, Molche und größere Wasserinsekten, raubt die Nester der
+Wasservögel aus und würgt auch wohl junge Enten und Gänse ab. Mäuse und
+Kleinvögel werden gleichfalls gern genommen. Bisweilen bricht er auch
+in die Geflügelställe ein, aber doch nur auf einsamen Fischergehöften
+oder Förstereien, nicht aber in geschlossenen Siedlungen. Die
+Fischer an der Wagenitz haben nach Claudius die Gewohnheit, ihren
+täglichen Fang nicht in Behältern, sondern in offenen Weidekörben
+an Inselchen in der Nähe ihrer Hütten aufzubewahren, und solchen
+Stellen stattet der Nerz gern unerwünschte Besuche ab, wobei er sich
+namentlich dadurch unbeliebt macht, daß er lieber die oft daumendicken
+Weidenruten durchbeißt, als daß er über den Rand des offenen Korbes
+klettert. Brehms gekäfigter Nerz verschmähte auffallenderweise
+hartnäckig die ihm vorgelegten Hühnereier, aber ich glaube trotzdem
+nicht, daß er in freier Natur den Gelegen der Wasservögel gegenüber
+gleichgültig bleibt. Die Krebse haben jedenfalls mit dem Aussterben
+des Nerz einen Hauptfeind verloren. Aber ob ihnen dadurch nicht
+auch der naturgemäße Bestandsregler genommen und den verheerenden
+Krebsseuchen Tür und Tor geöffnet wurde? Umgekehrt könnte man auch
+daran denken, daß die reißende Abnahme der bei uns ihrer unzugänglichen
+Wohnorte halber eigentlich doch nur wenig verfolgten Nerze mit
+dem Verschwinden ihrer Lieblingsnahrung zusammenhängt? Was bisher
+über die Fortpflanzungsgeschichte des Nerz veröffentlicht wurde,
+beruht größtenteils eigentlich nur auf Vermutungen, denn nur ganz
+ausnahmsweise hat man einmal Junge unter Baumwurzeln oder auf einer
+trockenen Kaupe im Sumpfe gefunden. Sie sollen im April oder Mai
+blind geboren werden, während die Rollzeit in den Februar oder März
+fällt. Die Jagd auf den Nerz, dessen schönes Pelzwerk mit Recht großer
+Beliebtheit sich erfreut, ist für Mitteleuropa reine Zufallssache.
+Nur höchst selten kommt oder kam einmal einer bei der Birkhahnbalz
+oder auf der Entenjagd zu Schuß. Leichter läßt sich der mißtrauische
+Seltling durch Fallen berücken, selbst durch solche einfachster Art.
+In der Gefangenschaft zeigt sich der Nerz nicht gerade von seiner
+liebenswürdigsten Seite, zumal er tagsüber entsetzlich verschlafen ist
+und selbst durch das Vorhalten der schönsten Leckerbissen sich nicht
+zum Aufstehen bewegen läßt. Ohne sich boshaft oder bissig zu zeigen,
+lehnt er doch jedes nähere Verhältnis zum Menschen hartnäckig ab und
+wird niemals wirklich zahm. -- Das ist so ziemlich alles, was wir über
+die Naturgeschichte dieses in mehrfacher Beziehung hochinteressanten
+Tieres wissen, und es ist eigentlich geradezu beschämend wenig. Hier
+sind noch große Lücken auszufüllen!
+
+
+Fußnote:
+
+[A] Eben erfahre ich -- beim Lesen der Korrektur --, daß
+Kürschnermeister Götz in Elbing Anfang April 1926 ein ganz frisch
+abgezogenes Nerzfell erhielt und ausstopfte. Das Tier war in der
+nächsten Umgebung von Elbing im Eisen gefangen worden und soll an den
+vorhergehenden Tagen mehrere Hühner geraubt haben. Vor zwei Jahren
+soll ein Landwirt in der gleichen Gegend ebenfalls einen Nerz in der
+Falle gefangen haben, und die Richtigkeit der Bestimmung wurde von
+wissenschaftlicher Seite bestätigt. Es gibt also noch deutsche Nerze!
+
+
+
+
+ Der Luchs
+
+
+Es kann einigermaßen fraglich erscheinen, ob man den Luchs in einem
+Verzeichnis deutscher Tiere überhaupt noch mit aufführen darf.
+Standwild ist diese menschenscheue und listige Großkatze bei uns
+ja schon seit Menschengedenken nicht mehr, aber immerhin wechselt
+doch noch ab und zu ein Stück über die Grenzen und wird dann auf
+deutschem Boden erlegt, namentlich in Ostpreußen, so daß wir den
+Luchs auch für Deutschland noch nicht gänzlich und endgültig aus dem
+Buche der Lebenden zu streichen brauchen. Vor dem Dreißigjährigen
+Kriege war das prachtvolle Tier in unserem Vaterlande durchaus keine
+seltene Erscheinung, wie schon daraus hervorgeht, daß allein im
+Albertinischen Sachsen von 1611 bis 1665 305 Luchse erlegt werden
+konnten. In der Götterlehre der alten Germanen spielte der Luchs eine
+beträchtliche Rolle, und wahrscheinlich ist er es und nicht die Katze,
+der als Tier der Freia aufgefaßt werden muß und ihren Wagen zieht.
+Bei den großartigen Zirkusspielen der Römer wurden allerdings Luchse
+ungleich seltener vorgeführt als Löwen oder Leoparden, aber dies ist
+wohl dadurch zu erklären, daß der Luchs nicht leicht zu fangen ist
+und sich in der Gefangenschaft schlecht hält. Die Verdrängung des
+Tieres aus Mitteleuropa muß hauptsächlich in der zweiten Hälfte des
+17. Jahrhunderts erfolgt sein und ist in der Hauptsache wohl auf die
+gleichzeitige große Vervollkommnung der Schußwaffen zurückzuführen.
+Das Vernichtungswerk ging deshalb mit überraschender Schnelligkeit
+vor sich, und schon etwa 1710 war das Verbreitungsgebiet des Luchses
+derart durchlöchert, daß überall nur noch von vereinzeltem Vorkommen
+die Rede sein kann. In den flachen Teilen Mitteldeutschlands fehlt der
+Luchs bereits von 1820 an völlig. Am 17. März 1818 wurde noch einer bei
+Seesen erlegt, der jetzt ausgestopft im Braunschweiger Museum steht.
+Spätere Nachrichten sind irrtümlich, so über ein angebliches Vorkommen
+im März 1898 in Anhalt, wo es sich in Wirklichkeit um verwilderte
+Hunde handelte. In Pommern wurde der Luchs schon 1738 ausgerottet,
+und im allgemeinen war er wohl schon beim Tode Friedrichs des Großen
+nicht mehr Standwild in den preußischen Staaten, während für diese in
+den Jahren 1723 bis 1737 immerhin noch 229 erlegte Luchse verzeichnet
+wurden. König Friedrich Wilhelm I. legte großen Wert auf die pünktliche
+Einlieferung aller Luchs- und Biberfelle. »Die Lux Heutte will vor
+mir haben,« verordnete er. Nur einmal (1720) wollte ein Hauptmann von
+Driessen einen von ihm geschossenen Luchs durchaus nicht herausrücken
+und erhielt ihn schließlich auch wirklich zum Geschenk, denn für
+seine »blauen Kinder« hatte der »Soldatenkönig« ja immer etwas übrig.
+Bei Potsdam war der Luchs 1680 noch häufig, 1696 gab es noch welche
+bei Ruppin, 1702 bei Luckenwalde, 1734 bei Liebenwalde, und zwischen
+1750 und 1760 wurden noch einige bei Gardelegen zur Strecke gebracht.
+Sehr auffällig ist es, daß sogar 1875 ein Luchs auf der Insel Wollin
+erschossen wurde, der aber vielleicht einer Menagerie entsprungen war.
+In Westfalen fiel der letzte Luchs 1745.
+
+Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in Sachsen, wo in den Schußlisten
+des prunkliebenden Kurfürsten Johann Georg II. (1656 bis 1680) auch
+noch 191 Luchse aufgeführt werden. Damals hatte ja das Raubzeug noch
+gute Tage, denn der gewaltige Wildstand deckte ihm reichlich den
+Tisch, und auch Haustiere waren leicht zu ergattern, da sich das Vieh
+den größten Teil des Jahres über auf freier Weide erging und die
+Stallfütterung noch wenig üblich war. Zwar reizte gerade der Luchs
+die Jagdlust des Menschen von jeher in besonderem Maße, teils seiner
+großen Schädlichkeit, teils seines hochgeschätzten Pelzes halber,
+aber seine Schlauheit und Gewandtheit sowie die Unvollkommenheit
+der damaligen Jagdwaffen brachten es doch mit sich, daß er sich der
+Vernichtung lange zu entziehen vermochte und noch um 1700 herum in
+allen Teilen des Landes regelmäßig anzutreffen war. Erst als im 18.
+Jahrhundert die steigende Volksvermehrung eine stärkere Ausnutzung
+von Grund und Boden bedingte, als Axt und Säge auch in die tiefsten
+Wälder und in die verstecktesten Schluchten eindrangen und zugleich
+die verbesserten Feuerwaffen zur vollen Auswirkung gelangten, schlug
+auch dem Luchs gleich Wolf und Bär die Todesstunde. Zwar wird der
+Luchs noch 1717 unter den jagdbaren Tieren Sachsens angeführt, aber
+er muß damals doch schon recht selten gewesen sein, da man es nach
+Robert Berger der Mühe für wert hielt, einen bei Zittau geschossenen
+Luchs abmalen zu lassen und das Bild der dortigen Ratsbücherei
+einzuverleiben. Im Elbsandsteingebirge erlegte Förster Puttrich unweit
+der böhmischen Grenze 1743 einen Luchs, und man verewigte dieses
+Ereignis dadurch, daß an der betreffenden Stelle ein Luchsbild nebst
+erklärender Unterschrift in die Felswand eingehauen wurde. Einzelne
+Überläufer mögen auch noch später die sächsische Grenze überschritten
+haben, da der Luchs im benachbarten Böhmen sowie im Thüringer Wald und
+im Harz erst im 19. Jahrhundert ausgerottet wurde. Im Fichtelgebirge
+wird der letzte Luchs dagegen schon 1774 verzeichnet, im Frankenwald
+1730. Im Thüringer Wald und im Harz erfolgte die Ausrottung dieser
+dem Wildstand so gefährlichen Katzenart fast gleichzeitig. Für den
+Harz werden 1814, 1816, 1817 und 1818 als letzte Erlegungsdaten
+angegeben, für den Thüringer Wald 1819 und 1820; dann folgt aber nach
+langer Pause noch ein Nachzügler, der 1842 im Gothaischen zur Strecke
+gelangte. Der letzte Harzluchs, den man schon seit 1814 gespürt, aber
+irrtümlicherweise für einen Wolf gehalten hatte, befindet sich heute
+ausgestopft in der gräflich Stolbergschen Bücherei in Wernigerode.
+Allerdings soll nach Forstmeister von Seelen noch 1911 und nach anderen
+Quellen sogar noch 1917 ein Luchs im Harz geschossen bezüglich gesehen
+worden sein, indessen vermochte ich diese sehr unwahrscheinlich
+klingenden Angaben nicht näher nachzuprüfen.
+
+In der Oberpfalz wurde noch 1814 ein Luchs von 65 Pfund geschossen,
+während im Elsaß der letzte schon im Dezember 1640 erlegt worden sein
+soll. In Baden kam der letzte Luchs 1834 bei Wertheim auf der Halde
+eines alten Steinbruchs durch einen Förster zur Strecke. Noch länger
+hielt sich der Luchs in Württemberg, denn nach einem ausführlichen
+Bericht des Herrn Dr. Metzger traf der Förster Martz am 15. Februar
+1846 von der Ruine Reußenstein bei Wiesensteig unweit Geislingen aus
+mit sicherer Kugel ein schwaches Männchen. Das Raubtier hatte schon
+seit längerer Zeit den Schafherden und dem Rehbestand der dortigen
+Gegend übel mitgespielt, war aber auf allen Treibjagden immer glücklich
+durchgekommen. Ein die Erlegung darstellendes Ölbild befindet sich
+noch im Besitz der Familie Metzger in Stuttgart, und eine Kopie davon
+wurde neuerdings auch im Rathause zu Wiesensteig aufgehängt. Der tote
+Luchs wurde auf einem Wagen nach Stuttgart gefahren und unterwegs
+überall von der Schuljugend bestaunt; er steht jetzt ausgestopft in
+der Stuttgarter Naturaliensammlung als der Letzte seines Geschlechts.
+Allerdings meldeten im Dezember 1922 die Stuttgarter Tageszeitungen,
+daß auf einer Treibjagd im Schwarzwald (Oberamt Villingen) wieder ein
+Luchs von 1,3 m Länge geschossen worden sei. Meine sofortige briefliche
+Anfrage beim Jagdpächter blieb aber bezeichnenderweise unbeantwortet;
+auch über den Verbleib des wertvollen Stückes habe ich niemals das
+Geringste gehört, und so wird dieser allerletzte Schwarzwald-Luchs wohl
+eine Ente gewesen sein. Was Bayern anbelangt, so konnten nach Brehm
+zwei Jäger, Vater und Sohn, in den Jahren 1790 bis 1838 immerhin noch
+30 Stück der gehaßten Raubtiere im Eisen fangen. Dann aber ging es
+schnell bergab mit dem Luchsbestand. 1832 wurden im Revier Immenstadt
+noch drei Luchse geschossen, aber schon anderthalb Jahre später der
+letzte dort gefangen. Ähnlich war es im Revier Marquartstein, wo 1830
+noch vier Luchse zur Strecke kamen, darunter ein sehr altes Männchen
+von 67 Pfund, das keinen ganzen Zahn mehr besaß. Bei Berchtesgaden
+war der Luchs im Beginn des 19. Jahrhunderts noch Standwild, und 1826
+werden sieben erlegte Stücke gemeldet, seitdem aber keiner mehr.
+Etwas länger hielt sich der Luchs im Retterschwanger Tal, wo 1838 der
+letzte gestreckt wurde. Langkovel erzählt, daß über der niedrigen
+Tür des Forsthauses im Hindelanger Tal zwölf Luchsköpfe hingen als
+Jagdtrophäen der dort seit langem ansässigen Försterfamilie. Einer
+dieser Luchse war 1830 auf der Zipfelalp geschossen worden, zwei
+andere 1850 und der letzte am 25. Mai 1872 bei Partenkirchen. Auch
+im bayrischen Allgäu sollen noch 1850 Luchse gespürt worden sein,
+kamen aber nicht zum Schuß. Als der letzte bayrische Luchs darf wohl
+der 1888 bei Rot am See erlegte gelten, der wahrscheinlich aus dem
+Österreichischen eingewechselt war. Im Bregenzer Wald ging es mit dem
+Luchs 1855 zu Ende, in Tirol 1872, wo am 3. Mai ein Stück bei Stauders
+angeschossen, aber erst eine Woche später verludert aufgefunden und
+für die Gymnasialsammlung in Chur ausgestopft wurde; trotz seiner
+tödlichen Verwundung hatte dieser Luchs noch einen Hasen gerissen. Im
+gleichen Jahre wurde auf dem Friedhof in Schlanders ein angeblicher
+Wolf erschlagen, dessen zur Einlösung des Schußgeldes eingeschickte
+Vorderpfoten sich aber als solche vom Luchs erwiesen. Früher war
+gerade in Tirol und Vorarlberg der Luchs das verhältnismäßig häufigste
+Raubtier, und die Bauern im Bregenzer Wald erzählen sich noch heute
+mit Schaudern davon, daß durch ihn einmal eine ganze Schafherde von
+600 Stück in einen Abgrund gejagt wurde, wodurch der Besitzer völlig
+verarmte. Im Stubachtal, wo heute der Naturschutzpark sich befindet,
+taten die Luchse noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts großen
+Schaden am Wild. In Steiermark war der Luchs von jeher häufiger als
+Bär oder Wolf, und die Nachrichten über ihn reichen bis zum Ausgang
+des 19. Jahrhunderts. In Sulzbach wurden in einem Jahre 90 Schafe von
+ihm zerrissen, in Weißwasser an einem Tage 9. Bei Völkermarkt und bei
+Windischgrätz wurden 1887 noch Luchse gespürt und 1892 sogar einer
+geschossen. In Krain tritt der Luchs heute noch regelmäßig, wenn
+auch selten, auf, und in Kärnten wenigstens ab und zu, soweit dort
+noch schwer zugängliche, aber wildreiche Waldungen mit ausgedehnten
+Dichtungen vorhanden sind. In der Schweiz waren noch um 1838 herum
+Luchse keine besondere Seltenheit, so daß allein in Graubünden jährlich
+7-8 zur Ablieferung gelangten, aber schon 1850 beschränkte sich die
+Gesamtstrecke der ganzen Schweiz auf die gleiche Zahl. Möglich, daß
+auch heute noch dieser oder jener Luchs versteckt in den Einöden des
+Berner Oberlandes oder im Gebiete der alten Rätier lebt, aber erlegt
+worden ist seit 1878 keiner mehr. Zwar werden diesbezügliche Fälle noch
+1887 aus Wallis und Graubünden gemeldet, aber sie erscheinen nicht
+genügend beglaubigt und sonderbarerweise ist das hohe Schußgeld von
+100 Franken nicht für sie in Anspruch genommen worden. Glaubwürdigere
+Nachrichten liegen aus Oberösterreich vor, wo im November 1902 eine
+vierköpfige Luchsfamilie sich in den schluchtenreichen, düstern und
+wenig betretenen Waldungen an der Ybbs zeigte und in erschreckender
+Weise unter dem Wildstand wütete. Die Jägerei fand über 30 zerrissene
+Rehe, denen ausnahmslos in der für den Luchs so bezeichnenden Weise der
+Kopf vom Rumpfe getrennt war. Trotz eifriger Nachstellungen konnte man
+der Räuber nicht habhaft werden, die nach einiger Zeit spurlos wieder
+verschwanden, also offenbar nur eine Gastrolle gegeben haben.
+
+Aus Italien habe ich sichere Daten über das Vorkommen des Luchses
+überhaupt nicht erhalten können. In Frankreich kam er früher
+namentlich am nördlichen Hange des Zentralplateaus vor, wo noch 1865
+ein stattliches Exemplar im Departement Puy de Dôme erlegt wurde.
+Merkwürdig ist das rasche Verschwinden des Luchses aus Bosnien. Daß er
+früher dort keine Seltenheit war, beweisen eine Reihe von Ortsnamen,
+aber seine Ausrottung liegt doch schon lange zurück. Wie mir Othmar
+Reiser freundlichst mitteilte, wechselte anfangs der 90er Jahre ein
+Luchs aus Montenegro in den Bezirk Gacko ein, hielt sich dort aber nur
+kurze Zeit auf. Andere Stücke wurden in Montenegro selbst 1890 und
+1894 bei Jagden des Fürsten Nikita erlegt. In Mazedonien und Arkadien
+gibt's noch jetzt Luchse. Dasselbe gilt für die Karpathen, wo unserem
+Räuber namentlich die Vermehrung des Rehstandes zustatten gekommen
+ist. In den oberungarischen Revieren des Zaren Ferdinand von Bulgarien
+bei Lentschau und Igelo wurden 1905 innerhalb eines Vierteljahres fünf
+Luchse abgeschossen, da sie großen Schaden am Edelwild taten. Aus
+ganz Ungarn wurden 1873 bis 1887 über 100 erlegte Luchse gemeldet,
+doch waren es in Wirklichkeit wohl erheblich mehr, da viele Fälle
+den Behörden überhaupt nicht angezeigt werden. Wurden doch nach
+sorgfältigerer Buchführung nur in den ungarischen Kronforsten von 1884
+bis 1893 333 Luchse geschossen oder gefangen. Die meisten Vorkommnisse
+beziehen sich auf die nördlichen und nordöstlichen Teile des alten
+Ungarn. In den Beskiden ist unsere räuberische Großkatze auch heute
+noch ein regelmäßiges Standwild, ebenso in den wildesten Teilen der
+siebenbürgischen Randgebirge. Hier gelangen jährlich noch 6-8 Stück
+zum Abschuß, der aber gänzlich dem Zufall anheimgegeben ist. Selbst in
+der Umgebung von Hermannstadt und Kronstadt wurden in den 90er Jahren
+noch prachtvolle Luchse erlegt. Während des Krieges wurde ein Luchs im
+Rotenturmpaß von Pionieren aufgestöbert und erbeutet. Die Bukowina
+verzeichnet 1892 vier erlegte Luchse; also auch hier ist das Tier noch
+seltenes Standwild. Oberjäger Moser hat in seinem früheren Revier im
+Bezirk Watra und in seinem jetzigen im Bezirk Gurahumora im Laufe der
+Jahre je fünf Luchse im Eisen gefangen. Das ebene Ostgalizien hatte
+auffallenderweise im März 1895 fünf erlegte Luchse zu verzeichnen,
+und sogar auf der westgalizischen Herrschaft Saybusch wurde im
+Oktober des gleichen Jahres ein Exemplar mit wundervoller Zeichnung
+geschossen. Alle diese Luchse waren Männchen, und man darf sie wohl
+für Flüchtlinge aus den Mittelkarpathen halten, aus denen sie durch
+ungewöhnlich starke Abholzungen vertrieben worden waren. Nach einer
+Mitteilung von Rittmeister Schlickriede wurde während des Krieges auf
+einer kleinen Treibjagd in Wolhynien am 2. März 1916 ein Luchs von
+1,4 +m+ Länge auf 27 Schritt durch einen Schrotschuß zur Strecke
+gebracht. In Österr.-Schlesien hatte man schon lange nichts mehr von
+Luchsen gehört, bis sie sich in den 80er Jahren wieder spürten und dann
+auch 1889, 1891, 1893 und 1894 einzelne, aus dem Trentschiner Komitat
+eingewechselte Stücke in der Nähe der ungarischen Grenze unschädlich
+gemacht wurden, das letzte, ein Weibchen, 1914 bei Althammer. Auch in
+Böhmen und Mähren hielt sich der Luchs verhältnismäßig lange, denn
+noch 1890 wurde er im Böhmer Wald erlegt und im November 1894 ein
+Weibchen in Mähren, während das zugehörige Männchen entkam. In der
+Dukla-Senke wurden am 25. November 1893 zwei Luchse geschossen, während
+vier weitere entwischten, und einen Monat später fiel in derselben
+Gegend noch einer. In Slawonien soll es noch überall Luchse geben, aber
+nirgends häufig.
+
+Innerhalb Deutschlands läßt sich der Luchs heutzutage am ehesten noch
+einmal in Ostpreußen blicken, freilich auch nur auf recht seltenen
+Gastspielreisen. Nachstehend das Verzeichnis der im letzten Jahrhundert
+in Ostpreußen geschossenen Luchse, so weit es sich heute noch mit
+Sicherheit feststellen läßt:
+
+ 1. 1820 bei Gumbinnen.
+
+ 2. 1832 in der Romintener Heide.
+
+ 3. 1846 bei Gilgindischken (Museum Eberswalde).
+
+ 4. 10. Februar 1861 ein Weibchen im Nassowener Forst, Kreis Goldap
+ (Museum Eberswalde).
+
+ 5. 1868 in der Puppener Forst (Museum Minden).
+
+ 6. 1. September 1870 im Forst Heidwalde, Kreis Angerburg.
+
+ 7. 20. Januar 1872 im Laukenwald, Kreis Mohrungen.
+
+ 8. 1873 bei Rastenburg. Nicht ganz sicher verbürgter Fall.
+
+ 9. 25. Januar 1879 in der Puppener Forst.
+
+ 10. März 1898 bei Seetz (?).
+
+ 11. 25. November 1901 bei Schorellen (Museum Berlin).
+
+ 12. 21. September 1915 ein Männchen bei Ortelsburg
+ (Museum Oldenburg).
+
+ 13. 10. März 1924 im gräflich Eulenburgschen Forst Bettnarken ein
+ schwaches Stück von 1,19 +m+ Länge und 43 Pfund Gewicht.
+ Hilfsförster Kaluza war der glückliche Schütze. Es dürfte dies
+ der bisher letzte sichere Luchs sein, der auf deutschem Boden
+ geschossen wurde.
+
+In Westpreußen wurden die letzten beiden Luchse 1870 erlegt. In Kurland
+war der Luchs um 1830 herum derart verbreitet, daß er stellenweise den
+ganzen Rehstand vernichtete. Wie rasch dann aber seine Ausrottung vor
+sich ging, zeigen die Abschußlisten der großen Herrschaft Dodangen: im
+Winter 1844/45 17 Stück, 1845/46 12, 1846/47 7, 1847/48 5, 1848/49 4,
+1849/50 2 und 1850/51 nur noch ein einziger. Nach Grevé wurde noch im
+Januar 1907 ein Luchs im Revier Schlüterhof geschossen und ein anderer
+in Poppen, nachdem beide schon den ganzen Sommer über gespürt worden
+waren. Auf der Insel Ösel soll der letzte Luchs 1877 erbeutet worden
+sein. Auch in Livland ist nach den Berichten des Herrn von Middendorf
+der Luchs jetzt schon sehr selten geworden. Im Kreise Dorpat wurde
+der letzte 1867 erlegt, und im September 1904 wurde wieder einer
+beobachtet. Im Rigaer Kreis zeigte sich der letzte 1900, und im Kreis
+Wenden wurde noch im Jahre 1911 einer erlegt. Eine selten erfolgreiche
+Luchsjagd fand Anfang November 1910 im Walkschen Kreise statt, wo
+an zwei Jagdtagen neun Luchse zur Strecke kamen. In Estland wurden
+noch im Winter 1908/09 mehrere Luchse erbeutet und andere gespürt.
+Einer sprang in der Nähe von Mecks über einen hohen Drahtzaun in den
+Damhirschpark und richtete dort greuliche Verwüstungen an, ohne daß er
+erwischt werden konnte. Zusammenfassend kann man über das Vorkommen des
+Luchses im Baltikum sagen, daß er für Kurland noch an den äußersten
+Punkten im Westen und Osten zu verzeichnen ist, in Livland in den
+Kreisen Walk, Wera und Dorpat, in den großen Forsten von Pernau und in
+den Strandwäldern des Rigaischen Meerbusens und endlich für die ganze
+östliche Hälfte Estlands. Nach dem Innern Rußlands zu wird er dann
+zahlreicher, und in Sibirien, von wo alljährlich etwa 9000 Luchsfelle
+in den Pelzhandel kommen, ist er noch häufig.
+
+In Norwegen ist der Luchs noch spärliches Standwild, wird aber seltener
+geschossen als der Bär, und die Abschußziffern halten sich seit 1889
+auf etwa gleicher Höhe, nämlich 50-70 Stück jährlich. In Schweden war
+der pinselohrige Geselle früher eines der bekanntesten, aber seiner
+unersättlichen Raubgier halber auch verhaßtesten Raubtiere, dessen
+Verbreitungsbezirk bis nach Wermeland und Dalekarnien herunterreichte.
+Bei seinem rastlosen Herumschweifen in den ungeheuren Wäldern fiel er
+nur dem erfahrenen Berufsjäger zum Opfer, während er dem gewöhnlichen
+Bauernjäger höchstens zufallsweise zum Schuß kam. Es soll aber einzelne
+Jäger gegeben haben, die in ihrem Leben 137, ja sogar 183 Luchse erlegt
+hatten, und daß ein einzelner Schütze jeden Winter zehn bis zwölf
+streckte, kam noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts vor. Von 1835
+bis 1839 wurden in ganz Schweden 1324 erlegte Luchse angemeldet, also
+rund 265 Stück jährlich. Dagegen betrug die Gesamtstrecke des Jahres
+1894 nur 35, 1905 nur noch zwei Stück. Das seitherige Schußgeld von 25
+Kronen für jeden erlegten Luchs wurde daher 1913 aufgehoben, wogegen
+aber zwei Jahre später die lappländische Nomadenbevölkerung Verwahrung
+einlegte, weil innerhalb zwei Monaten 15 Renntiere von Luchsen
+zerrissen worden waren. Besser vermochte sich der Luchs im benachbarten
+Finnland zu halten, wo aber sein Verbreitungsgebiet nach Norden kaum
+bis zum Polarkreis reichte. Südlich davon war er noch in den 70er und
+80er Jahren so häufig, daß man fast in jedem Kirchspiel Luchse erlegte,
+in manchen sogar in beträchtlicher Anzahl. Um die Jahrhundertwende
+herum schmolz dann der Bestand stark zusammen, und heute kommen im
+westlichen Finnland südlich Uleaburg Luchse nur noch ausnahmsweise vor,
+während sie in den östlichen Landesteilen häufiger sind. Die meisten
+Luchse, die wir in den Tiergärten zu sehen bekommen, stammen aus
+Finnland. Es heißt dort, daß Wolf und Luchs Todfeinde sind und sich in
+ihrer Verbreitung gegenseitig fast ausschließen. In der Tat trifft man
+da kaum Luchse an, wo es viele Wölfe gibt, und umgekehrt.
+
+Der gedrungene Körperbau, die hohen Läufe, der kurze, wie abgehackt
+aussehende Schwanz, die abenteuerlichen Pinselohren und die gemessenen,
+fast ein wenig plump und eckig anmutenden Bewegungen machen den Luchs
+zu einer höchst eigentümlichen Erscheinung, aber er ist trotzdem in
+jeder Beziehung vom Scheitel bis zur Sohle eine echte Katze. Er steht
+höher auf den Beinen als ein Panther, ist aber trotzdem viel kürzer
+gebaut, zumal ihm ja der lange Schwanz anderer Großkatzen abgeht.
+Die kraftstrotzende Muskulatur, das scharfe Gebiß und die gewaltigen
+Pranken machen ihn zu einem in seiner Art furchtbaren Räuber, obschon
+er an Größe einen starken Hühnerhund kaum übertrifft. Das Gewicht eines
+ausgewachsenen Männchens beträgt 30-35 +kg+. Döbner erhielt aus
+Norwegen einen Luchskopf von einem offenbar sehr alten Tier, da der
+erste Backenzahn im Oberkiefer jederseits bereits ausgefallen war.
+Bei Herrichtung des Schädels ergab sich die auffallende Tatsache, daß
+auch auf jeder Seite des Unterkiefers hinter dem Reißzahn ein kleiner
+Höckerzahn sich befand und daher sowohl unten wie oben jederseits
+vier Backenzähne vorhanden waren, während sonst die katzenartigen
+Tiere im Unterkiefer jederseits nur drei haben. Größe und Färbung
+schwanken beim Luchs sehr, und man hat deshalb eine ganze Reihe von
+Abarten aufgestellt, die sich aber nicht aufrecht erhalten lassen, da
+die angeblichen Unterschiede sich im allgemeinen als solche lediglich
+individueller Art erwiesen haben. Höchstens kann man zugeben, daß
+die nordischen Luchse durchschnittlich etwas stärker sind als die
+aus dem Alpengebiet oder dem südöstlichen Europa. Nach Färbung und
+Zeichnung unterscheiden die Jäger Hirsch-, Wolf-, Kalb-, Pardel- und
+Katzenluchse, und auch der schwedische Tierforscher Nilsson hat früher
+ähnliche Ansichten vertreten, mußte sich dann aber selbst berichtigen,
+als er aus dem gleichen Gewölf ganz verschieden gezeichnete Tiere
+erhielt. Die Fährte des Luchses, den die Russen Rys, die Letten Luhsis
+oder Luhsa und die Esten Ilvis nennen, ist reichlich doppelt so groß
+wie die einer starken Katze, ja noch etwas größer als die des Wolfes,
+unterscheidet sich aber von dieser sofort dadurch, daß sie keine
+Kralleneindrücke hinterläßt. Da der Luchs beim ruhigen Gehen schnürt,
+gleicht die ganze Fährte einer aufgereihten Perlenkette. Die Losung
+wird stets an ganz bestimmten Steinen oder Baumstümpfen hinterlassen,
+und wenn der Luchs wieder des Weges kommt, versäumt er es nie, seine
+Visitenkarte behaglich zu beschnüffeln, ein Umstand, den erfahrene
+Fallensteller sehr wohl auszunützen wissen.
+
+Ich selbst habe nur einmal im Leben einen Luchs in freier Natur zu
+sehen bekommen. Es war in einem entlegenen Balkanwinkel, als ich
+abends auf den Rehbock ansaß. Plötzlich rührte sich auf dem mir
+gegenüberliegenden Hange in etwa 160-170 +m+ Luftlinie etwas
+Rotgelbes, das ich zunächst für einen guten Bock ansprach. Aber
+genaueres Hinsehen durch das Jagdglas zeigte mir einen starken Luchs,
+der in vorsichtig geduckter Haltung ganz langsam bergauf schlich, den
+Kopf immer nach einer ganz bestimmten Stelle gerichtet. Dort bemerkte
+ich denn schließlich auch ein Schmalreh, das etwa 70-80 +m+ über
+dem Luchs stand -- ein unvergeßlich schöner Anblick. Bald verschwand
+der Luchs ganz hinter Felsblöcken, bald zeigte er sich mir, der ich
+leider nur die Schrotflinte führte, völlig frei. Für diesmal erreichte
+der Räuber seinen Zweck jedoch nicht, denn das Reh bekam offenbar
+Witterung von ihm und ging schon auf große Entfernung flüchtig ab.
+Die Großkatze verfolgte nicht, sondern drückte sich im Gefels und
+wurde bald unsichtbar. -- Der sehr ungesellig lebende Luchs ist ein
+ausgesprochenes Waldtier, fühlt sich aber nur in sehr ausgedehnten,
+urigen, dicht verwachsenen und schluchtenreichen Waldungen auf die
+Dauer wohl, die er nachts unermüdlich durchstreift und dabei oft weite
+Entfernungen zurücklegt, gern die Holzabfuhrwege benutzend. Doch weiß
+er sich immer überaus heimlich zu halten, und nur zur Ranzzeit verrät
+ihn sein durchdringendes Geschrei dem nächtlichen Wanderer. Selbst in
+noch dicht von Luchsen besiedelten Gegenden beansprucht jeder einzelne
+ein Jagdgebiet von mindestens 6-8 +km+^2. Bei ausgedehnten
+Waldbränden flüchten die entsetzten Luchse unter Umständen bis in die
+Obstgärten der Dörfer, wie dies z. B. 1868 im Petersburger Gouvernement
+der Fall war. Auch starker Hunger treibt ihn im Winter bisweilen in die
+unmittelbare Nähe der menschlichen Gehöfte. In mehrfacher Beziehung
+interessant ist diesbezüglich der folgende Fall, den Hochgreve erzählt:
+»Ich fand frische Spuren unmittelbar am Gutshof, wohin die Luchse wohl
+durch den Geruch einer Schafherde angelockt wurden, die tagsüber in
+einem Gatter untergebracht war und abends in eine geräumige Scheune
+getrieben wurde .... In der nächsten Nacht beobachtete ich den Luchs,
+wie er das Gehöft umkreiste, um einen Eingang zu suchen. Als er einen
+solchen gefunden hatte, sprang er plötzlich mit mächtigem Satz auf das
+Dach der Scheune, rollte aber mit einer sich loslösenden Schneelawine
+wieder herab. Er sprang wütend zum zweiten Male hinauf, krallte sich
+an den Holzschindeln fest und begann das Dach grimmig zu bearbeiten,
+während die Schafe sowie die Hühner im Stall durch Blöken und Gackern
+die Nähe der Gefahr verrieten .... Auf dem Dach bot der Luchs ein
+besseres Ziel, aber im trügerischen Mondschein fuhr die Kugel an seinem
+starken Kopf vorbei, und ehe ich imstande war, neu zu laden, hatte
+sich der Luchs mit einem gewaltigen Sprung in Sicherheit gebracht. Am
+nächsten Morgen entdeckte ich zu meiner Überraschung noch die Fährte
+eines zweiten Luchses, wahrscheinlich des Weibchens, das sich scheu
+im tiefen Schatten gehalten haben mußte. Im nahen Walde fand ich die
+Federn einer Birkhenne als Beweis, daß das Raubtier doch etwas zur
+Stillung seines Heißhungers gefunden hatte. ... Einige Tage später
+erhielten wir die Nachricht, daß der Hühnerstall eines in der Nähe
+wohnenden Arbeiters vollständig ausgeräubert worden sei und daß die
+Fährten auf Luchse als auf die Übeltäter hinwiesen. ... Ich legte
+ein Eisen, und in diesem fing sich auch in der nächsten Nacht ein
+männlicher Luchs mit der Vorderpranke. Zu meinem Erstaunen war er tot
+und der Balg wies starke Bißwunden auf, während im Schnee deutlich die
+Spuren eines heftigen Kampfes zu sehen waren. Da keine anderen Fährten
+festzustellen waren als diejenige eines zweiten Luchses, hatte offenbar
+dieser in seinem Heißhunger dem Gefangenen die tödlichen Verletzungen
+beigebracht.«
+
+ [Illustration: Abb. 13. Luchs in Ruhestellung
+
+(Nach einer photographischen Aufnahme aus dem Zoologischen Garten in
+London)]
+
+ [Illustration: Abb. 14. Luchs in Lauerstellung
+ (Nach einer photographischen Aufnahme aus dem Zoologischen
+ Garten in London)]
+
+Seine Wechsel hält der Luchs genau ein, ja er tritt sogar beim Rückweg
+wieder in die eigenen Spuren, und wenn die Familie gemeinsam jagt,
+setzt jeder die Läufe in die Fährte seines Vordermannes, wie die
+Indianer auf dem Kriegspfade. Läßt er sich mit schlaffen Gliedmaßen
+an einem Baum mit grobem, flechtenbehangenem Gezweig nieder, so
+verschwimmt er für das menschliche Auge so vollkommen mit seinem
+Hintergrunde, daß selbst im beschränkten Raum des Tiergartenkäfigs
+es dem ungeschulten Beschauer schwer fällt, das große Tier sofort
+zu entdecken. Die Klause des blutdürstigen Einsiedlers ist in den
+Urwäldern sehr oft eine alte, hohle Weißtanne, die nur durch ein
+Astloch zugänglich ist. Das sind natürlich Riesenbäume von mindestens
+1-1/2 +m+ Durchmesser, durch deren ausgefaulte Astlöcher auch ein
+Mensch sich würde hindurchzwängen können, falls er nicht mit einem
+Schmerbauch gesegnet ist. Für den pinselohrigen Raubritter aber ist ein
+solcher Einschlupf mehr als bequem. Derartige Schlupfwinkel bevorzugt
+er bei nassem und unfreundlichem Wetter, bei warmem und freundlichem
+aber liegt er lieber zwischen Felsklippen oder in jungen Dickichten, um
+sich die liebe Sonne auf den Balg scheinen zu lassen (Abb. 13), denn
+das liebt er sehr, wie ja alle Katzenarten. Obschon durchaus Nachttier,
+streift er doch gelegentlich auch am Tage herum, wenn es hübsch ruhig
+und still im Revier ist. Seine Bewegungen vereinigen Geschmeidigkeit
+mit Kraft, Anmut mit Wildheit, unheimliche Schnelligkeit mit eiserner
+Ruhe, würdevollen Ernst mit rastloser Gier. Faul liegt die große
+Katze halbe Tage lang wie ein aus Erz gegossenes Standbild ohne
+Bewegung auf dem gleichen Ast oder auf demselben Felsblock. Nur
+leises Zucken der langen Lauscher, Blinzeln der grünlichen Lichter,
+Rümpfen der schnurrbärtigen Lefzen und gelegentliches Stelzen oder
+Wedeln der kurzen Lunte verraten, daß, Leben in ihm ist. Der Schlaf
+ist außerordentlich leise; beim geringsten Geräusch spitzen sich die
+gepinselten Ohren, und die funkelnden Raubtieraugen richten sich
+aufmerksam nach der verdächtigen Gegend (Abb. 14). Erst wenn das
+letzte Vogelgezwitscher verstummte und die Schatten der Nacht tiefer
+herabsanken auf den schweigenden Wald, erhebt sich der Luchs und begibt
+sich mit weit ausgreifenden, federnden Schritten geräuschlos auf seinen
+Jagdzug. Im Vergleich zu ihm sind Bär und Wolf Stümper im Pirschen
+und Schafe an Mordlust. In allen älteren Naturgeschichtsbüchern wird
+übereinstimmend die hervorragende Kletterkunst des Luchses gerühmt.
+Seine für eine Katzenart sehr hohen Läufe lassen aber eigentlich nicht
+auf einen vorzüglichen Kletterer schließen. In neueren Lehrbüchern
+heißt es auch nur, daß der Luchs ziemlich gut klettere, wenn auch
+andrerseits Schäff sicherlich zu weit geht mit der Behauptung,
+daß der Luchs freiwillig überhaupt nicht klettere und seine Beute
+niemals von Baumästen aus anspringe. Erwähnt doch von Hippel bei
+einem in Ostpreußen geschossenen Luchs ausdrücklich, daß er gerade
+in dem Augenblick getroffen wurde, als er vom Baume aus auf ein Reh
+herabsprang. Immerhin ist dies nicht seine gewöhnliche Jagdmethode.
+Wird der Luchs von scharfen Hunden gehetzt, so baumt er fast regelmäßig
+auf. Zweifellos ist dagegen der Luchs ein Meister im Springen, der
+mit einem einzigen Satz eine 15 Fuß breite Schneise überfällt oder
+einen 10 Fuß hohen Felsblock besteigt. Da hilft dem armen Lampe kein
+noch so fixes Hakenschlagen, der ungeheure Sprung des furchtbaren
+Räubers trifft ihn mit tödlicher Sicherheit. Gewässer werden ohne
+Bedenken kräftig und geschickt durchschwommen. Während der Luchs wie
+alle Katzenarten schlecht wittert und deshalb niemals der Fährte
+eines Beutetieres mit der Nase folgt, ist sein Auge scharf und sein
+Tastsinn hoch entwickelt. Alles, mit dem er sich näher befassen will,
+wird erst mit den Schnurrhaaren betastet. Sein schärfster Sinn ist
+aber zweifellos das Gehör, und die langen Pinselohren sind nicht etwa
+nur eine bloße Zierde des ausdrucksvollen Kopfes. Der Luchs hört das
+leise Nagen des Hasen an der Espenrinde und geht dann diesem Geräusch
+vorsichtig nach, bis er seiner Beute ansichtig wird. Obwohl Oberförster
+Dohrandt auf Grund seiner in Rußland gemachten Erfahrungen den Luchs
+als dumm bezeichnet, möchte ich es doch mit Brehm halten, der in ihm
+ein geistig hochstehendes Geschöpf und jedenfalls eines der klügsten
+Raubtiere erblickt. Schon die Naturforscher des Mittelalters nennen den
+Luchs mit Recht ein überlegendes und listiges Tier.
+
+Schon aus dem Gesagten geht zur Genüge hervor, daß der Luchs seiner
+Beutetiere in der Regel durch katzenartiges Beschleichen Herr wird.
+Grevé sagt sogar: »Daß er vom Baume herab auf seine Beute springt
+oder in dieser Art gar Elche überfällt, ist eine noch immer gern
+geglaubte Fabel, die durch Bilder von Jagdmalern, die nie einen
+Luchs in freier Wildbahn beobachtet haben und sich auf das Latein
+lustiger Hubertusjünger verlassen, unterstützt wird, ebenso wie
+der stereotype, den Schützen auf den Hinterpranken annehmende Bär
+nicht von der Bildfläche verschwinden will, trotz des beständigen
+Protestes erfahrener Bärenjäger.« Völlig kann ich nun zwar Grevé
+weder hinsichtlich des Luchses noch des Bären beipflichten, aber für
+die große Mehrzahl der Fälle hat er sicherlich recht. Auf flacher
+Erde erreicht der Luchs das geduldig beschlichene Opfer mit zwei bis
+drei Riesensprüngen von je 4 +m+ Weite und wirft es nieder, um
+ihm die Pulsader aufzureißen oder das Genick zu durchbeißen und es
+so augenblicklich zu töten. Durch Spuren im frisch gefallenen Schnee
+konnte nach Brehm festgestellt werden, wie ein Luchs einen Hasen
+durch neun ungeheure Sprünge von durchschnittlich 13 Fuß Weite ereilt
+hatte. Geht der entscheidende Sprung fehl, so wendet sich der Luchs
+in der Regel mürrisch ab und sucht verdrießlich nach einem neuen
+Wild. Ist er aber sehr hungrig, so verfolgt er seine Beute auch wohl
+kilometerweit laufend wie ein Wolf, und man hat dies sogar schon am
+hellen Tage beobachtet. Hasen bzw. Schneehasen und Rehe bilden wohl
+sein Hauptwild, aber vom Hirsch bis zur Maus, vom Auerhahn bis zum
+Zaunkönig ist überhaupt nichts vor ihm sicher. Solange er Wild haben
+kann, zieht er dieses den Haustieren entschieden vor, und da er
+äußerst lecker ist und nur die besten Stücke verzehrt, kann er als
+furchtbarer Jagdschädling in gepflegter Wildbahn unmöglich geduldet
+werden. Hat er Überfluß, so schwelgt er im Blutrausch und wird zum
+Massenmörder. So erzählt Vater Bechstein, daß ein Luchs, der sich 1772
+im Thüringer Wald aufhielt, in einer einzigen Nacht über 30 Schafe
+erwürgte. Trotzdem frißt der Luchs mäßig und gelassen und kehrt nach
+Stillung seines Hungers den Überbleibseln verächtlich den Rücken.
+Größere Tiere bedeckt er allerdings mit Laub oder Erde und kommt dann
+in der nächsten Nacht nochmals zu dem Braten zurück, während er nicht
+von ihm selbst gerissenes Aas niemals berührt. Tiere von Hasengröße
+an aufwärts sind ihm immer lieber, und mit Eichhörnchen oder gar
+Mäusen befaßt er sich nur im Notfall, wenn Schmalhans für längere Zeit
+Küchenmeister geworden ist. Doch erregt jedes vorüberhuschende Mäuschen
+schon seine Mordlust, und den vorüberflatternden Singvogel schlägt er
+mit sicherem Prankenhiebe aus der Luft herunter. Die brütende Auerhenne
+oder die dösende Lagerschnepfe sind für ihn in des Wortes wahrster
+Bedeutung ein gefundenes Fressen. Die häßliche Katzengewohnheit, mit
+gefangenen Kleintieren noch zu spielen und sie angesichts des Todes
+zu quälen und zu ängstigen, besitzt auch er, bleibt aber dabei immer
+ruhig und gelassen. Was er einmal gepackt hat, läßt er nicht so
+leicht wieder los und zerreißt den Beutetieren die Decke mit seinen
+nadelscharfen Krallen ganz erbärmlich. In Norwegen wurde ein junger
+Luchs, dessen Raubgier stärker gewesen war als seine Klugheit, von
+einer angesprungenen Ziege bis in den Hof des Besitzers geschleppt und
+dort erschlagen. Einem alten Luchs wäre das sicherlich nicht passiert.
+Tschudi erzählt, daß der Luchs in der Schweiz sich bisweilen unter
+der Erde nach den Schaf- und Ziegenställen durchzugraben versuche,
+wobei einmal ein mutiger Ziegenbock den unterirdischen Feind bemerkte,
+als er eben den Kopf aus der Erde hob, und ihn mit seinen Hörnern so
+derb bearbeitete, daß der Räuber tot in seinem Tunnel liegen blieb.
+Mit Vorliebe stellt der Luchs den Gemsen nach, die ihm aber infolge
+ihres scharfen Witterungsvermögens oft entgehen; häufiger fallen ihm
+Murmeltiere zum Opfer. An Hirsche, Sauen oder gar Elche dürften sich
+nur ausnahmsweise ganz starke Luchse wagen. Die stärkste Kraft dieser
+Großkatze, die sich ihre Jagden gern möglichst bequem gestaltet, liegt
+in den Füßen, in der Kinnlade und im Nacken. Der Luchs ist nicht so
+schlau wie der Fuchs, aber geduldiger, nicht so frech wie der Wolf,
+aber ausdauernder, nicht so stark wie der Bär, aber scharfsinniger.
+Erbeuteten Rehen oder ähnlichen Tieren wird regelmäßig der Kopf vom
+Rumpfe getrennt, und wo man öfters im finsteren Gebirgstann derartig
+geköpfte Rehe findet, kann man mit einiger Sicherheit darauf schließen,
+daß hier der »Blutschreck«, wie der Luchs früher bei den Tiroler Bauern
+hieß, sein unheimliches Wesen treibt. Im übrigen tafelt der Luchs wie
+ein richtiger Feinschmecker, saugt sein Opfer fast blutleer und wählt
+nur die zartesten Stücke zum Fraße, während alles übrige neidlos dem
+Waldpöbel überlassen wird. Gerade durch diese wenig haushälterischen
+Eigenschaften wird er ja zu einem so argen Wildverwüster.
+
+Die Ranzzeit europäischer Luchse fällt in den Januar und Februar, und
+die Kater kämpfen dann nachts um der Minne Lohn mit so greulichem
+Geschrei, daß dem unerfahrenen Wanderer die Haare zu Berge stehen.
+Keine Zigeunergeige und kein Zimbal kann so herzzerbrechend schluchzen
+wie diese Teufelsbiester. »Erst klingt es,« schreibt Fritz Bley,
+»wie süße Sehnsucht von Verliebten, dann wie das Angstgeschrei eines
+Gefolterten und schließlich wie das letzte Röcheln eines Gehenkten.
+Dann wieder plärrt und keift eine scheußliche Hexe dazwischen oder
+ein alter Urteufel grunzt vor Lüsternheit im tiefsten Basse.« Werden
+die Kämpfer handgreiflich, so knurren und fauchen sie ingrimmig und
+lassen dann ein plärrendes Gebrüll hören, hoch und fein anfangend
+und mit tiefen, dumpfen Tönen endigend. Die Luchsin miaut dazu wie
+eine Hauskatze, aber mit tiefer Baßstimme. In merkwürdigem Gegensatz
+zu alledem heißt es bei Brehm, daß die Begattung ohne das übliche
+abscheuliche Katzengeschrei erfolge. Außerhalb der Ranzzeit sind die
+Luchse allerdings sehr schweigsam und schreien nur bei Hunger oder
+Langeweile in dumpf plärrenden oder bärenartig brüllenden Tönen. Im
+Laufe des März trennt das Weibchen sich dann wieder vom Männchen und
+bezieht an einer recht einsamen und schwer zugänglichen Stelle, etwa
+in einer durch Windbrüche und Baumwurzeln gebildeten Höhlung oder
+auch in einem alten Dachsbau ihr Wochenbett, wo sie nach zehnwöchiger
+Tragzeit, also etwa Anfang Mai, zwei bis drei, selten vier Junge wirft,
+die anfangs von ganz heller Farbe sind, neun Tage lang blind bleiben,
+und die sie als fürsorgliche Mutter mit zartestem Geflügel füttert.
+Glückselig schnurrend ruht sie dann auf weichem Pfühle und bietet den
+leise maunzenden Sprößlingen geduldig die Zitzen, nimmt es auch mit
+stillem Behagen hin, daß die kleinen Rüpel das Gesäuge mit ihren derben
+Pfoten recht unsanft kneten. Im Juni nimmt sie ihre Kinder schon auf
+kürzere Streifzüge mit und bummelt nun bis zum Eintritt der nächsten
+Ranzzeit mit ihnen gemeinsam herum. Merkt sie Gefahr für die Jungen,
+so stößt sie in oftmaliger Wiederholung einen groben Nasenlaut aus,
+der wohl ein Warnungssignal sein soll. Im übrigen wissen wir über
+das Familienleben dieser einsiedlerischen und menschenscheuen Tiere
+herzlich wenig, doch behaupten manche Beobachter, daß die geile Luchsin
+sich nicht mit einem Gatten begnüge, sondern alljährlich ihre Gunst an
+mehrere Liebhaber verschenke.
+
+Es gibt in europäischen Jagdgründen kein Wild, das so schwierig zu
+bejagen und zu erlegen ist wie der Luchs. Seine argwöhnische Schlauheit
+vereitelt die besten Anschläge, und gewöhnlich ist es nur ein seltener
+Zufall, der ihn einmal vors Rohr bringt. Auf Treibjagden bleibt er
+seelenruhig in seiner Baum- oder Felsenhöhle liegen und läßt Treiber
+und Hunde vorbeiziehen, oder er baumt beim ersten Lärm auf, rührt
+sich nicht mehr und wird dann gewöhnlich übersehen. Nur wenn er im
+niedrigen Dickicht ruhte, vermögen ihn sehr schnelle und scharfe
+Hunde herauszutreiben, zum Aufbaumen zu zwingen und zu verbellen, wo
+ihn dann die herbeieilenden Jäger leicht herunterschießen können.
+So sehr der Luchs den Menschen fürchtet und meidet, so wenig macht
+er sich doch aus bloßem Lärm und liegt deshalb gar nicht selten in
+unmittelbarer Nähe viel benutzter Waldwege. In Rußland bildet man
+bei Luchsjagden mit wenigen, aber sicheren Schützen und ortskundigen
+Treibern einen möglichst engen Kreis und läßt dann die Bracken in
+den Trieb, die das Raubtier rasch aufstöbern und im Falle eines
+Durchbruchs unter Lautgeben verfolgen. Der Luchs zeigt auch vor großen
+Hunden keine sonderliche Furcht, denn er ist sich seiner Überlegenheit
+über sie wohl bewußt. Im Nahkampf wirft er sich gern auf den Rücken
+und gebraucht seine furchtbaren Tatzen in der nachdrücklichsten
+Weise. Dann muß der Hund unterliegen, und der Jäger tut deshalb gut
+daran, schleunigst herbeizueilen, wenn er nicht seinen vierbeinigen
+Jagdgehilfen verlieren will. Die Hunde zeigen deshalb auch wenig
+Neigung, mit einem so gefährlichen Gegner ernstlich anzubinden. Recht
+wenig aussichtsreich ist das Ausgehen der Fährte bei Neuschnee, da der
+Luchs in einer Nacht ganz gewaltige Wegstrecken zurückzulegen pflegt.
+Stößt er dabei auf eine frische Menschenspur, so trollt er sich sofort
+mißtrauisch in eine andere Gegend. Die Luchsjagd ist aber nicht nur
+unergiebig und beschwerlich, sondern sie kann unter Umständen sogar
+gelegentlich einmal gefährlich werden. Dies gilt besonders für den
+Fall, daß der aufgebaumte und vom Hunde verbellte Luchs zunächst nur
+angeschossen wird. Dann kann es vorkommen, daß das schwer gereizte
+und vor Schmerz halb wahnsinnige Tier mit einem gewaltigen Satze auf
+seinen Peiniger herunterstürzt und ihm die scharfen Krallen tief in
+die Brust schlägt. Allerdings springt er gewöhnlich zuerst den Hund
+an, so daß der Jäger Zeit gewinnt, neu zu laden und den Kampf durch
+eine besser gezielte Kugel aus nächster Nähe zu entscheiden. Gut
+beglaubigt ist der Fall eines schwedischen Jägers, der mitsamt seinem
+Hunde von einem angeschossenen Luchs derart zugerichtet wurde, daß
+beiden die Lust zur Luchsjagd für immer verging. Überhaupt erzählt
+man sich in Skandinavien manche Geschichten von Luchsjagden, bei
+denen der, der auf der Strecke blieb, nicht immer Meister Pinselohr
+war. Es braucht das meines Erachtens nicht immer Jägerlatein zu sein,
+obschon zahlreiche und grobe Übertreibungen dabei mit unterlaufen
+sein mögen. Die baltischen Herrenjäger bekunden übereinstimmend, daß
+ihnen niemals etwas von Angriffen des Luchses auf den Menschen bekannt
+geworden sei, daß vielmehr jener seiner völligen Ohnmacht gegenüber
+dem Herrn der Schöpfung sich stets bewußt bleibe. Gewöhnlich bleibt
+der aufgebaumte Luchs ruhig auf seinem Aste liegen und starrt den sich
+nahenden Menschen unverwandt an, ja es gibt sogar erfahrene Jäger, die
+behaupten, daß man die Aufmerksamkeit des Räubers durch aufgepflanzte
+Kleidungsstücke stundenlang fesseln und derweil seine Flinte holen
+könne, falls man ihm zufällig und waffenlos begegnet sei. Daß dem Luchs
+bei aller Menschenscheu doch auch ein gut Teil Frechheit innewohnt,
+geht daraus hervor, daß einmal ein Luchs während einer Treibjagd sich
+einen der aufgescheuchten Hasen fing, welche Keckheit er allerdings mit
+dem Leben bezahlen mußte.
+
+Aussichtsvoller als die Jagd auf den Luchs ist der Fang mit dem
+Tellereisen, allerdings immer noch viel schwieriger, umständlicher und
+mühseliger als etwa beim Fuchs. Um Fangbrocken und Luder, selbst um
+frische Pferdekadaver kümmert sich der Luchs nicht; ihm schmeckt nur
+selbst erlegte Beute, und auch die nur, solange sie frisch ist. Man
+kann also nur dann auf Erfolg rechnen, wenn man Gelegenheit hatte,
+das Eisen bei einem vom Luchs selbst gerissenen Reh oder dergleichen
+auszulegen. Der in Eisen sitzende Luchs gebärdet sich namentlich beim
+Erscheinen des Jägers wie rasend. Seine Wut kennt keine Grenzen, und
+er macht mit bewundernswerter Kraft die verzweifeltsten Anstrengungen,
+um freizukommen, wobei er sich nicht selten die Krallen ausreißt oder
+die Fangzähne abbricht. Ein gefangener Luchs war mit dem schweren
+Eisen an einer Tatze auf einen hohen Baum geklettert und blinzelte
+von da tückisch auf seinen Verfolger herab. Es erschien rätselhaft,
+wie er mit dem stark verletzten Fuß und dem gewichtigen Eisen an
+dem steilen und glatten Stamm hatte hochkommen können. Nur einer
+fabelhaften Gewandtheit in Verbindung mit unglaublicher Muskelkraft
+und Willensstärke konnte ein solches Unternehmen gelingen. Ein anderer
+Luchs hatte das Eisen eine tiefe Schlucht hinunter und auf der anderen
+Seite wieder in die Höhe geschleppt. An den Spuren im Schnee ließ sich
+feststellen, daß das Raubtier die ganze Zeit über, während das Eisen
+an einer gerissenen Ricke gestellt worden war, kaum 30 Schritte davon
+auf einer dicht beasteten Fichte gelegen und ruhig zugesehen hatte.
+Ratz hatte einmal einen hohen Felsen erklettert und wollte sich gerade
+zum Ausruhen niedersetzen, als plötzlich zehn Schritte vor ihm ein
+Luchs absprang. Er beschoß ihn auf sechzig Schritte mit Hasenschrot,
+fand auch Schweißspuren und ein gerissenes Reh, aber der Luchs selbst
+blieb verschwunden. Am nächsten Morgen fing er sich in dem bei seinem
+Opfer gestellten Eisen, mit dem er sich dann zwischen zwei dicht
+beieinanderstehenden Baumstämmen derartig einklemmte, daß er leicht
+den Gnadenschuß erhalten konnte. Vorher war er noch mitsamt dem Eisen
+einen hohen Felsen herabgesprungen, und es war nur zu verwundern, daß
+er sich dabei nicht den Schädel zerschmettert hatte. -- Der Balg des
+Luchses gibt ein geschätztes Pelzwerk ab, das namentlich in China sehr
+beliebt ist, weshalb die große Mehrzahl der sibirischen Luchsfelle nach
+dort ausgeführt wird. In Europa gelten die nordischen Luchsfelle für
+besser als solche aus südlichen Ländern. Luchsbraten galt früher als
+ein Leckerbissen oder doch wenigstens als ein begehrtes Schaugericht
+für die Tafel der Vornehmsten. Noch auf dem Wiener Kongreß soll
+mehrfach Luchsbraten aufgetischt worden sein. Je seltener dieses
+Gericht wurde, um so mehr kam es in den Geruch der Heilkräftigkeit
+und Wundertätigkeit. 1819 erhielt die bayrische Jägerei den Auftrag,
+unter allen Umständen einen Luchs zur Strecke zu bringen, da dessen
+Wildbret dem bayrischen König als Mittel gegen Schwindelanfälle
+dienen sollte. Neuerdings hat Baron von Loewis einer Gesellschaft
+baltischer Feinschmecker Luchsbraten vorgesetzt, der allgemein für
+Truthahn gehalten und mit Vergnügen verspeist wurde. Dagegen fand
+Baron von Krüdener, daß geräuchertes Luchsfleisch unangenehm süßlich
+schmecke. In Estland wird heute noch Luchsfleisch von hoch und niedrig
+gern gegessen; es sei zart und hellfarbig, ohne jeden unangenehmen
+Wildgeschmack und dem besten Kalbfleische gleich. Die Krallen des
+erlegten Luchses, die sog. »Luchskräneln«, läßt sich der glückliche
+Schütze in der Regel in Silber fassen und trägt sie mit berechtigtem
+Stolze an der Uhrkette.
+
+Gefangene Luchse, die in den Tiergärten nicht eben häufig zu sehen
+sind, verlangen sorgfältigste Pflege. Wenn sie sich auch aus
+Witterungsunbilden nicht viel machen, so beanspruchen sie doch große
+Abwechslung in der Nahrung und nur frisches Fleisch bester Sorte.
+Alte Luchse bleiben immer mürrisch und eigensinnig und lehnen jeden
+näheren Anschluß an den Menschen fauchend und übellaunig ab. Dagegen
+werden Junge, die aber schwer aufzutreiben sind, überraschend zahm
+und zeigen sich dem Pfleger gegenüber von ihrer liebenswürdigsten
+Seite. Grill war so glücklich, einen etwa zweitägigen Jungluchs zu
+erwerben. Seine Hauskatze mußte das kleine Waisenkind großsäugen und
+tat dies mit all der unerschöpflichen Zärtlichkeit, die Katzenmütter
+hilflosen Jungtieren gegenüber an den Tag legen. Dieser Jungluchs
+bekam auch später nur Milch, Brei, Kartoffeln u. dgl. und blieb wohl
+deshalb so zahm wie eine Hauskatze. Auch in einem andern Falle diente
+eine Katze als Amme. Der Pflegling gedieh dabei prächtig und wurde
+bald zum Liebling der ganzen Familie, obgleich er gelegentlich durch
+seine übergroße Neugier lästig fiel. Als er schon doppelt so groß war
+wie seine Pflegemutter, leckte diese den Rüpel immer noch zärtlich.
+Wenn er aber dann in seiner groben Art mit ihr spielen wollte, wurde
+Mieze ungemütlich, sprang ihm auf den Rücken und backpfeifte ihn, daß
+es nur so rauchte. Zu einer gewissen Berühmtheit hat es der zahme
+Luchs des Barons von Loewis gebracht. Dieses Tier war so gehorsam,
+daß ein drohender Zuruf genügte, um es augenblicklich von Hasen,
+Hühnern oder Schafen abzuhalten. Es hörte genau auf seinen Namen und
+durfte deshalb sogar seinen Herrn zu den Treibjagden begleiten, auf
+denen es sich damit vergnügte, Hasen abzufangen. Nachdem Sprünge auf
+am Boden sitzende Tauben mehrmals mißglückt waren, lernte »Luzy«
+sehr geschickt, sie mit einem Prankenhiebe beim Auffliegen aus der
+Luft herunterzuschlagen. Fuhren Herr von Loewis und sein Bruder auf
+einen Tag in die Nachbarschaft, so konnte niemand »Luzy« bändigen,
+und dann wehe jedem unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans!
+Rollte dann spät in der Nacht der Wagen wieder vor das Wohnhaus, so
+war Luzy im Nu vom Dach, wo sie sich neben dem Schornstein zur Ruhe
+niedergetan hatte, herunter und flog mit weiten Sätzen ihrem Herrn an
+die Brust, seinen Hals mit ihren starken Vorderpranken umschlingend,
+laut schnurrend und mit dem Kopf nach Katzenart stoßend und reibend.
+So folgte sie in die Stube, um auf dem Sofa oder neben dem Ofen ihr
+Nachtlager aufzuschlagen. Einige Male durfte sie auch das Bett mit
+ihrem Herrn teilen, legte sich dann aber gern quer über dessen Hals und
+verursachte dadurch Alpdrücken und beunruhigende Träume. Als einmal
+die Gebrüder Loewis für eine ganze Woche verreisten, geriet der Luchs
+in große Unruhe, suchte schreiend nach seinem Herrn, verweigerte die
+Annahme von Nahrung und übersiedelte schon am zweiten Tage in ein
+nahes Birkenwäldchen, von wo er nur zum Übernachten auf sein gewohntes
+Plätzchen neben dem Schornstein zurückkehrte. Seine Freude bei der
+endlichen Wiederkehr der beiden Barone kannte keine Grenzen. Scham-
+und Ehrgefühl waren stark entwickelt, wie es sich z. B. zeigte, als
+die Luchsin einmal beim Beschleichen von Gänsen ins Wasser geplumpst
+war. Durchaus Feinschmecker, nahm auch dieser Luchs nur ganz frisches
+Fleisch, am liebsten Wild und Geflügel. Eigentümlich war sein glühender
+Haß gegen Hauskatzen, die er mit gräßlicher Wut zerfleischte. In kurzer
+Zeit hatte er sämtliche Katzen auf dem Gute ausgerottet, obwohl man
+sie sorgsam vor ihm verborgen hielt. Nur einmal wagte es Herr von
+Loewis, Luzy zu einem Besuch auf ein Nachbargut mitzunehmen. Kaum aber
+war man eine Stunde dort, so meldete auch schon der Diener, daß die
+Lieblingskatze der Hausfrau von dem Luchs zerrissen worden sei.
+
+Zuchterfolge mit gefangenen Luchsen sind namentlich im Stockholmer
+Tiergarten erzielt worden. Anfang März 1905 bemerkte der Direktor
+Alarik Behm, daß ein Pärchen Luchse sich für einander interessierte.
+Oft saßen die Tiere dicht aneinandergeschmiegt auf den großen
+Felsblöcken ihres Käfigs, und der Kater leckte nicht selten Wangen,
+Ohren und Schnauze der Luchskatze. Am 22. Mai wurden zwei Junge
+geboren, starben aber nach fünf Monaten an Rachitis, und auch der Vater
+ging bald darauf an Spulwürmern zugrunde. Dem Weibchen wurde nun ein
+anderes Männchen beigesellt und auch am 14. März 1906 eine Paarung
+beobachtet, die aber keine Folgen hatte. Im nächsten Jahre erfolgte
+die Paarung am 9. März, und am 17. Mai wurden drei Junge geboren.
+Leider blieben auch diese nicht lange am Leben; zwei gingen im Oktober
+ein, und das dritte im Dezember, alle mit Spulwürmern behaftet. Der
+15. Mai 1908 brachte wieder zwei Junge, die erst am 16. Lebenstage
+die Augen öffneten, den Winter gut überstanden und gesund und munter
+blieben. Während ihrer ersten Lebensmonate ließen die jungen Luchse
+oft ein leises Piepen hören. Im gleichen Wurf fanden sich verschiedene
+Spielarten, und sowohl Wolf- wie Fuchs- wie Katzenluchse sind von dem
+gleichen Elternpaar gezogen worden. Das Wachstum der Jungen vollzieht
+sich sehr langsam; im Dezember waren sie erst halbwüchsig. Die
+Luchsmutter pflegt ihre Kleinen mit unübertrefflicher Zärtlichkeit und
+trägt sie bei der geringsten Beunruhigung in die Höhle zurück; später
+verwendete sie viel Zeit auf das Spielen mit ihren niedlichen Kindern.
+Der Luchskater war während der Geburt 1905 auch im Käfig anwesend und
+schlief in der ersten Zeit mit seiner Familie zusammen. Als die Jungen
+größer wurden, beschäftigte er sich fast ebensoviel mit ihnen wie
+die Luchsmutter und ließ die übermütigen Kleinen geduldig über sich
+hinweg klettern und tollen oder sich von ihnen am Schwanz und an den
+Ohren reißen. Bei den späteren Würfen wurde der Kater aber doch vorher
+entfernt, weil er nach Aussage der Wärter dem Weibchen und den Jungen
+zu viel von dem guten Wochenstubenfutter (Kaninchen, Tauben, Sperber)
+wegfraß.
+
+
+
+
+ Der Uhu
+
+
+Finsterling Uhu, der stärkste Vertreter des Eulengeschlechts, teilt
+mit dem Steinadler den gefährlichen Ruhm, der gewaltigste Räuber
+unserer heimischen Vogelwelt zu sein. Gibt doch das Uhuweibchen dem
+Steinadler an Größe tatsächlich nur wenig nach, ja, wenn es im Zorne
+alle seine Federn sträubt, die übrigens bei manchen Völkerschaften
+Mittelasiens als geschätzte Schmuckfedern gelten, dann erscheint es
+fast noch größer. Die Flügellänge europäischer Uhuweibchen, die auch
+an dem stärkeren Schnabel und den längeren Zehen von den kleineren
+und schwächeren Männchen zu unterscheiden sind, beträgt 465-490
++mm+, die der Männchen 430-465 +mm+. Das durchschnittliche
+Gewicht der Weibchen beträgt 3-1/2, das der Männchen nur etwa 3
++kg+. Anscheinend kann der Vogel ein ziemliches Alter erreichen;
+wenigstens lebte ein ungarischer Hüttenuhu volle 32 Jahre in
+seinem Verschlag, und in freier Natur dürfte diese Zahl wohl noch
+wesentlich überschritten werden, wenn nicht Pfahleisen oder Blei ein
+verfrühtes Ende herbeiführen. Je nach Grundfärbung, Fleckung und
+Schwingenverhältnissen unterscheiden die Vogelforscher beim Uhu eine
+ganze Reihe geographischer Rassen, jedoch ist Hartert der Ansicht,
+daß ganz Europa von Skandinavien und Nordrußland bis zu den Pyrenäen,
+Italien und Griechenland von einer einheitlichen Form bewohnt wird,
+während Reichenow auch diese noch in mehrere Rassen aufsplittern
+möchte. Ich selbst kann allerdings skandinavische Uhus von deutschen
+unterscheiden, nicht aber diese von ungarischen. Gut kenntliche Rassen
+sind jedenfalls der turkmenische und der nordafrikanische Uhu.
+
+Macht der Uhu auf den ersten Blick auch einen etwas abenteuerlichen
+Eindruck, so muß man ihn bei näherer Betrachtung doch entschieden
+als schön erklären. Man schaue ihm nur einmal in die prachtvollen,
+goldgelben, feuersprühenden Glotzaugen mit ihrem magischen
+Phosphorglanz, denen weder bei Tag noch im Dunkel der Winternacht
+die kleinste Beute entgeht; man bedenke, daß die absonderlichen
+Ohrbüschel auf unglaubliche Entfernung hin das leiseste Geräusch
+auffangen, man betrachte das weiche, üppige Gefieder mit seiner
+feingemusterten Zeichnung und großartigen Schutzfarbe, die gewaltigen,
+breiten Fittiche, die furchtbaren Waffen, die unheimliche Kraft und
+Sicherheit, mit der sie geschwungen werden, -- und dann wird man
+zugeben müssen, daß die Natur im Uhu nicht einen häßlichen Kobold,
+sondern ein Meisterwerk von höchster Vollendung und eigenartiger
+Schönheit schuf. Frau Sage hat ein düsteres Märchengewebe um den
+geheimnisvollen Sonderling gewoben. Jedes Kind kennt ja den Uhu, aber
+nur die allerwenigsten Menschen haben ihn in freier Natur wirklich
+gesehen. Aber sein abenteuerliches Aussehen, seine nächtlichen
+Raubritterstreiche, sein waghalsiger Mut und seine unheimliche
+Stimme haben ihm im Verein mit allerlei gespenstischen Sagen zu
+einer gewissen Berühmtheit verholfen, die durch alle Schichten des
+Volkes reicht. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Uhu mit
+am meisten zur Entstehung der weitverbreiteten Sage vom wilden Jäger
+beigetragen hat. Man begreift das, wenn man einmal in einer stürmischen
+Frühlingsnacht zwei eifersüchtige Uhumännchen sich balgen sah. Heftige
+Schwingenschläge, wütendes Fauchen, Zischen und Schnabelknappen,
+freches Kichern und heiseres Kreischen! Die dumpfen Rufe durchlaufen
+dabei alle Stufen von Zorn und Wut, Ingrimm und Ärger, Bosheit und
+Tücke und endigen schließlich in einem entsetzlichen Siegesgeheul. Wenn
+der erregte Vogel sein üppig volles Gefieder zu einem unförmlichen
+Federball aufbläst, wenn gleichzeitig seine riesigen Augen wie zwei
+Feuerräder grünlich geisterhaften Phosphorglanz sprühen, wenn sein
+schauerliches Rufen im Verein mit Schlangengezisch und Gefauche
+die Abendstille durch eine gräßliche Musik unterbricht, dann denken
+ängstliche und abergläubische Gemüter wohl leicht an das Konzert
+rasselnder Totengerippe zur Mitternachtsstunde auf dem alten Friedhof,
+wie es in der dörflichen Spinnstube so oft und so anschaulich
+geschildert worden ist. Dann gruselt's solche Menschen!
+
+Die Forscher aus der klassischen Zeit der deutschen Vogelkunde, auch
+noch Eugen von Homeyer und Altum, kennen den Uhu alle noch als einen
+ganz regelmäßigen Brutvogel in den weitaus meisten Gegenden unseres
+Vaterlandes, obgleich sich schon ein Rückgang bemerklich machte. So
+schreibt Gloger in seiner 1834 erschienenen »Naturgeschichte der
+Vögel«: »In Deutschland, etwa das Saaletal ausgenommen, fängt der
+Uhu, wie in allen kultivierten Staaten, bereits an, ~etwas~
+selten zu werden.« Noch in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts
+war der Uhu in vielen Gegenden eine durchaus nicht besonders seltene
+Erscheinung. Das ist leider ganz anders geworden, und namentlich seit
+der Jahrhundertwende hat nahezu überall eine geradezu erschreckend
+rasche Abnahme des »Königs der Nacht« eingesetzt, die sein völliges
+Aussterben in sehr absehbarer Zeit befürchten läßt. Schonungslose
+Verfolgung hat die majestätische Eule schon heute in den meisten
+Gegenden Mitteleuropas völlig vernichtet und die spärlichen Reste
+in die finstersten Waldungen der Ebene oder in die abgelegensten
+Felsengebiete der Gebirge zurückgedrängt, wo der Vogel vollends zum
+menschenscheuen Einsiedler geworden ist. Das Herz krampft sich einem
+förmlich zusammen und die Schamröte steigt einem ins Gesicht, wenn man
+dieses widerwärtige Trauerspiel in seinen Einzelheiten näher verfolgt,
+wenn man etwa in den letzten 25 Jahrgängen der Jagdzeitschriften all
+diese selbstgefälligen, schieß- und fangwütigen Ausrottungsberichte
+zusammenstellt. Es ist immer und überall dieselbe lausige Geschichte:
+Irgendwo haust noch in stiller Abgeschiedenheit ein einsames Uhupaar.
+Es wird ausfindig gemacht, und alljährlich werden ihm nun schonungslos
+sämtliche Eier oder Junge weggenommen, bis schließlich auch die alten
+Brutvögel kaltblütig abgeknallt werden. Schluß! Wieder ein deutscher
+Uhubrutplatz weniger! Wen kümmert's groß? Das ist selbst in neuester
+Zeit kaum anders geworden, obwohl der aussterbende »König der Nacht«
+heute als Naturdenkmal gesetzlich geschützt ist. Aber solche Gesetze
+stehen ja bekanntlich nur auf dem Papier, und die große Mehrzahl der
+Auchjäger schert sich den Teufel darum.
+
+Vergegenwärtigen wir uns nun einmal an der Hand der Jagd- und
+Fachpresse, wie sich die Ausrottung des Vogels in den früher
+uhureichsten Gegenden vollzogen hat, und suchen wir zugleich
+festzuzustellen, wo heute in Mitteleuropa Uhus überhaupt noch brüten.
+In Mecklenburg war der Uhu früher namentlich in den südlichen und
+südöstlichen Teilen des Landes verbreitet, zählt aber heute gleich dem
+Steinadler zu den ausgestorbenen Vogelarten. Selbst aus den großen
+Waldungen der Rostocker Heide ist er heute völlig verschwunden. Die
+letzten Brutpaare horsteten zu Beginn dieses Jahrhunderts bei Speek in
+der Nähe von Röbel, bei Testorf und bei Ankershagen. An letztgenanntem
+Platze wurde noch Anfang 1916 ein Uhu erlegt, der aber wohl nur ein
+gattenlos herumstreichender Durchzügler war. In Pommern war der Uhu
+nach E. F. v. Homeyer in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
+»nicht selten« und kam namentlich in den großen Kiefernwäldern der
+östlichen Landesteile noch »oft genug« vor. Heute hört man so gut wie
+nichts mehr von pommerschen Uhus. Auch in Ostpreußen war der Uhu noch
+zu Ende des vorigen Jahrhunderts durchaus keine Seltenheit. Bekannte
+Horstplätze waren z. B. die Oberförsterei Fritzen im Samland, ferner
+die Gegenden von Memel, Heydekrug, Sorquitten, Ibenhorst, Trygallen,
+Norkitten, Wehlau u. a. Auf den Treibjagden wurden häufig nebenbei
+auch Uhus erlegt, und der bekannte Königsberger Präparator Künow hatte
+oft ein halbes Dutzend und mehr gleichzeitig zum Abbalgen daliegen.
+Ich selbst kannte einen Horst, der auf einem gar nicht besonders hohen
+Baume stand. Damals wurden immer nur zufällig Uhus geschossen oder
+gefangen, die alteingesessenen Brutpaare dagegen sorgfältig geschont,
+schon der wertvollen Jungen wegen. Oberst Biclitz schreibt, daß
+dies auch heute noch so sei und daß infolgedessen ein wesentlicher
+Rückgang der ostpreußischen Uhubestände nicht eingetreten sei, zumal
+in den endlosen, einsamen Waldungen so mancher Horst überhaupt nicht
+aufgefunden werde. Neuerdings gibt der bekannte Oologe Szielasko an,
+daß der Uhu in Masuren und Litauen noch regelmäßiger Brutvogel sei,
+besonders aber in der »Niederung«, wo er geradezu als häufig gelten
+könne. Tischler schätzt den gegenwärtigen Uhubestand Ostpreußens auf
+19 bis 20 Horstpaare. Nach alledem scheint es also, als ob wir in
+Ostpreußen die uhureichste Provinz Deutschlands vor uns haben, wenn
+auch in neuester Zeit ein bedenklicher Rückgang, namentlich in Masuren,
+leider nicht zu verkennen ist.
+
+Als eine besonders uhureiche Gegend galt früher auch der Harz, dessen
+natürliche Beschaffenheit sich ja hervorragend für diesen Vogel
+eignet. Aber es ist zu unruhig in dem schönen Gebirge geworden, und
+so wird auch hier dem Finsterling bald die Todesstunde geschlagen
+haben, wie ja allen großen und eigenartigen Vögeln von der sogenannten
+Kultur bald der Garaus gemacht wird. Im Oberharz ist der Uhu heute
+bereits ausgerottet und im Unterharz horstet noch ein einziges Paar,
+dessen Standort sich nach Smalian in schwer zugänglichen Felsen bei
+Schloß Falkenstein befindet. Von einem der letzten Horste berichtet
+Oberförster Robitzsch aus Ballenstedt. Der Horst stand in einer tiefen
+Felsspalte eines seit Jahren unbenutzten Steinbruchs etwa 15 +m+
+über der Steinbruchsohle. 1912 wurde der Steinbruch vorübergehend
+wieder in Betrieb genommen, aber erst als die Arbeit schon mehrere
+Wochen gedauert hatte, verriet einer der alten Uhus den Horst dadurch,
+daß er einmal bei verfrühtem Eintreffen der Leute aus der Felsplatte
+heraus abstrich. Das Gefieder der Uhus stimmte nämlich in seiner
+rostbraunen Farbe so vorzüglich mit dem Grauwackengestein überein, daß
+man von der Steinbruchsohle aus selbst mit dem Jagdglase die Vögel
+nicht von ihrer Umgebung unterscheiden konnte. Die jungen Uhus saßen
+etwa 1-1/2 +m+ tief in der Spalte und mußten erst mit Hilfe
+eines Spatens aus ihrem Versteck hervorgeholt werden. Oberförster
+Robitzsch schenkte ihnen erfreulicherweise die Freiheit. Auch Wichfeld
+erzählt noch 1916 von einem Harzer Uhuhorst, der gleichfalls in einem
+alten Steinbruch unter einem überhängenden mächtigen Felsblock sich
+befand und nur mit Hilfe des Seiles zu erreichen war. Er enthielt
+drei Junge, die den Kletterer mit wütendem Schnabelknappen begrüßten,
+übrigens ohne jede Nestunterlage in einer flachen Geröllmulde saßen
+und einen Hamster, eine Fasanenhenne sowie mehrere Karnickel und
+Igel zur gefälligen Auswahl vor sich liegen hatten. Der alte Uhu
+hakte gewöhnlich in einer hohen alten Fichte auf, die dem Steinbruch
+gegenüberstand, und ließ von hier aus seinen dumpfen Ruf erschallen.
+Auch im nächsten Jahre enthielt der Horst wieder zwei Eier, aber
+seitdem scheint er verlassen zu sein, und man hat über das Schicksal
+dieses Paares nichts mehr gehört.
+
+Ähnlich günstige Verhältnisse wie im Harz boten sich dem Uhu in
+der Sächsischen Schweiz mit ihren steilen und stark zerklüfteten
+Sandsteinfelsen. Bei der schweren Zugänglichkeit dieser Felswände hat
+sich der Uhu hier etwas besser gehalten, und es brüten auch heute
+noch alljährlich mehrere Paare zwischen Schandau und Pirna. In den
+Schrammsteinen wurde 1889 ein junger Uhu aufgefunden, der aus dem
+Horste herausgefallen war. Loos sah 1904 drei Jungvögel, die im
+Schulzengrunde ausgehoben worden waren. Im übrigen Sachsen aber ist
+der Uhu als Brutvogel heute ausgestorben, auch im Erzgebirge sowie
+bei Zittau, wo früher (bis 1889) in den Wänden des Oybin immer zwei
+bis drei Paare horsteten. Nur als Strichvogel wird hier und da noch
+einmal ein Stück erlegt. -- Im Fichtelgebirge sollen noch 1914 zwei
+Jungvögel einem Horste entnommen worden sein. Im Spessart kam der Uhu
+nach Behlen schon 1843 nur noch in vereinzelten Paaren vor, während er
+früher in den einsamen Waldungen dieses Gebirgszuges geradezu häufig
+genannt werden konnte. Die zunehmende Beunruhigung der Forsten und
+die rücksichtslose Waldverwüstung haben ihn ebenso vertrieben wie den
+Schwarzstorch, und die Naturschutzbewegung kam im Spessart zu spät.
+In den 70er Jahren war der Uhu noch Standwild in den Kalkfelsen bei
+Mühlbach, wo jetzt Zementfabriken ihre Steinbrüche haben. 1875 brütete
+der Uhu noch auf der Benediktenhöhe und in den 80er Jahren zwischen
+Mittelstadt und Karlstadt, bei Wertheim und sogar auf der Marienfeste
+in Würzburg. Alle diese Paare wurden durch Abschuß des einen Gatten
+vertrieben, und heute ist der Uhu aus der Liste der Spessart-Brutvögel
+zu streichen. Hoffmann sah den letzten 1918 bei Eusenheim im Werratal.
+
+Ein weiterer bevorzugter Wohnplatz des Uhus war von jeher das
+obere Saaletal, und der herrliche Vogel kommt dort auch heute noch
+horstend vor. So nistet ein Paar regelmäßig auf dem Weißenfelsen am
+rechten Saaleufer unweit Rudolstadt und wird dort erfreulicherweise
+geschont. Ein anderer Horst steht unter hängendem Gestein in den
+Klippen des Thälendorfer Reviers und enthielt am 19. Juni 1915 drei
+kräftige Dunenjunge. Ebenso werden Dornburg und bis 1893 auch der
+Kobersfelsen bei Burgk a. d. Saale als Brutplätze genannt. Auch der
+»Uhustein« an der Saale trägt seinen Namen nicht umsonst. Ja selbst
+in der unmittelbaren Nähe von Jena befand sich bis in die neueste
+Zeit hinein ein besetzter Uhuhorst, aber leider wurde das Brutpärchen
+von den Jagdpächtern hart verfolgt, obwohl es ausschließlich auf der
+Hochebene jagte und hier fast nur Kaninchen und Hamster schlug, die
+dort eine wahre Landplage bilden. -- Auch am Rhein haben sich noch
+spärliche Restbestände des Uhus erhalten, da, wo der Strom die ihm den
+Weg versperrenden Gebirge durchbricht und infolgedessen Steilabstürze
+vorhanden sind. Altbekannt ist z. B. ein Uhuhorst bei St. Goarshausen,
+der schon seit vielen Jahren von der Forstverwaltung als Naturdenkmal
+beschützt wird. Auch am Loreleifelsen kann man noch ab und zu Uhus
+sehen, die vielleicht dort horsten. Ein anderer Felsvorsprung am Rhein
+heißt im Volksmunde geradezu »Uhusnack«. Auch auf steilen Felswänden
+bei Bacharach hat sich der Uhu lange gehalten, bis 1916 das Weibchen
+des Horstpaares abgeschossen wurde. Genau ebenso ging es um die gleiche
+Zeit dem seit vielen Jahren bei Münstermaifeld brütenden Uhupaar.
+Auf einem fast unzugänglichen Hang bei Mayschoß im Ahrtal stand ein
+Uhuhorst, dem 1910 und 1913 ein Farnkrautsammler je zwei fast flügge
+Junge entnahm, um sie an Elberfelder Hüttenjäger zu verkaufen. Ein seit
+mehreren Jahren verlassener Uhuhorst bei Altenahr wurde 1912 wieder
+bezogen, mußte aber gleichfalls seine beiden Jungvögel hergeben. Er
+steht auf einem hohen Basaltfelsen im Denntale, einem Nebental des
+Ahrtales. Der bekannte Ornithologe König in Bonn erhielt Uhueier aus
+dem Ahrtale und vermutet dort noch mehrere Brutpaare. Im Sauerlande
+und auch im Roertale, wo er sich bis 1890 hielt, ist der Uhu heute
+als Brutvogel ausgestorben, wenn auch ab und zu noch herumstreichende
+Stücke erlegt werden. Dagegen finden sich auf den Hängen der Eifel nach
+dem Moseltale zu noch besetzte Uhuhorste. Le Roi nennt solche von Burg
+Eltz, Karden, Kochem und Trarbach.
+
+Im Thüringer Wald ist der Uhu wenigstens noch nicht gänzlich
+ausgestorben. Annenhöfer schreibt 1913: »Schon seit Jahren war einem
+Teil der hiesigen Jägerei das Vorhandensein eines Uhupaares sowie
+dessen Horst im ›Zeiher‹, einem schroffen Talkessel mit 50 bis 100
++m+ hohen Hängen an den Nordfuß der Reinsberge grenzend, bekannt.
+Die beiden Jungen wurden voriges Jahr geraubt und sind dieses Jahr für
+gutes Geld als fertige lebende Jagduhus in die Welt gewandert. Leider
+fiel letztes Jahr das Weibchen den Schroten eines Jägers in Dosdorf
+zum Opfer. Trotzdem scheint es dem Männchen gelungen zu sein, wieder
+eine Gefährtin zu finden, denn vorige Woche haben Bekannte von mir zwei
+Arbeiter getroffen, die wieder zwei Uhus ausgenommen hatten.« Neueren
+Nachrichten zufolge war dieser Arnstadter Horst auch in den letzten
+Jahren noch besetzt. An der Heilsberger Felswand bei Stadt Remda
+horstete nach elf Jahren 1910 zum ersten Male wieder ein Uhupaar, das
+leider ungastlichen Empfang fand, da man ihm die Jungen aus dem Neste
+raubte. Die altbekannten Horstplätze am Iltenberg bei Themar und im
+Melkerser Felsen bei Meiningen sind längst verödet. In ganz Hessen
+und dem angrenzenden Waldeck gibt es nur noch ein bis zwei Brutpaare,
+die aber baldigem Untergang geweiht sind. Aus der Provinz Hannover
+war der Uhu nach Löns schon vor dem Weltkriege völlig verschwunden.
+Dagegen hat die wild- und waldreiche Mark Brandenburg immer noch eine
+Reihe Uhuhorste aufzuweisen, namentlich in der stillen Neumark. Förster
+Rüdiger schickte mir von dort eine Anzahl Gewölle, die von einem Horste
+stammten, der merkwürdigerweise inmitten einer bewohnten Reihersiedlung
+errichtet war. In Schlesien gab es früher Uhus genug im Riesengebirge,
+Altvater, Heuscheuer, Oberschlesien usw., aber die Bestände haben sich
+seit Mitte des vorigen Jahrhunderts mit so rasender Schnelligkeit
+vermindert, daß heute in der ganzen, sonst so vogelreichen Provinz kein
+einziger sicherer Uhuhorst sich mehr nachweisen läßt. Allerdings werden
+noch ab und zu einzelne herumstrolchende Uhus erlegt, aber es handelt
+sich dabei wohl allermeist um Zuzügler aus den Karpathen.
+
+Dagegen ist der Uhu nach Gengler trotz aller Verfolgungen immer noch
+vereinzelter Brutvogel in Mittelfranken. Es kommt ihm zustatten, daß
+die Krähenhütte dort wenig betrieben und gewöhnlich ein ausgestopfter,
+mechanisch bewegter Uhu dabei verwendet wird. Ich selbst erhielt bis
+in die neueste Zeit öfters Uhugewölle aus der Fränkischen Schweiz
+zur Untersuchung. Gengler führt die Gegenden von Altdorf, Hersbruck
+und Hartenstein als noch heute besetzte Brutplätze an. Früher war
+der Uhu in dem bergigen und felsigen Altmühltal verhältnismäßig
+häufig anzutreffen und horstete ständig bei Arnsberg und bei
+Kipfenberg, ist aber jetzt dort ausgestorben. Der letzte wurde nach
+Graf Geldern 1890 dort geschossen. Ein schönes, altbekanntes Pärchen
+starb 1910 durch Berührung mit dem Leitungsdraht eines Kraftwerkes,
+den es sich zum Hochzeitsbette auserkoren hatte. In der Oberpfalz
+soll bei Breitenbrunn noch ein vereinzeltes Uhupaar horsten. Aus
+den südbayrischen Mösern ist der schöne Vogel leider schon völlig
+verschwunden; nur selten noch verstreicht sich einer vom Gebirge her
+in die Randmöser. Im bayrischen Hochgebirge ist der Uhu zwar noch
+regelmäßiger Brutvogel, aber doch schon überall eine bemerkenswerte
+Seltenheit. Glücklicherweise wird er in manchen Gegenden jetzt
+wirklich geschont. Über das Vorkommen des Uhus in Württemberg sind
+wir neuerdings durch eine sorgfältige Arbeit Pfeiffers vorzüglich
+unterrichtet worden. In dem durch seine großen Waldungen und schönen
+Felsentäler für ihn sehr geeigneten Schwabenländle bewohnte die
+große Eule noch beim Ausgang des vorigen Jahrhunderts die gesamte
+Alb sowie beträchtliche Teile des Schwarzwaldes. In diesem kommt sie
+heute als Brutvogel nicht mehr vor. Über das Schicksal der letzten
+Paare hören wir: Auf der Schloßruine von Nagold hausten bis 1896 zwei
+Paare, bei Teinach in der Ruine Waldeck bis 1900 ein Paar, von dem
+dann der eine Gatte durch einen Bauern abgeknallt wurde. Ein dritter
+Schwarzwaldbrutplatz befand sich bis 1894 auf einem Felsen im Enztale
+bei Sprollenhausen, wo die Brutvögel von Bauern getötet und die Brut
+selbst vernichtet wurde. Im Alpirsbacher Stadtwald hielt sich der
+Finsterling am Beilstein bis 1885 und verschwand dann nach erfolgter
+Plünderung des Horstes auf Nimmerwiedersehen. Der Rottweiler Stadtwald
+hat sogar bis 1910 den Uhu beherbergt, obwohl ihm alljährlich die
+Jungen weggenommen wurden. Leider wurde dann der eine Vogel zufällig
+auf einer Treibjagd abgeschossen, und so wurde auch dieser letzte
+Brutplatz im württembergischen Schwarzwald verlassen. Häufiger war
+der Uhu von jeher auf der Schwäbischen Alb, ganz besonders aber im
+oberen Donautal mit seinen großartigen Felswänden. Freilich ist
+es auch hier mit dem Bestande rasend schnell bergab gegangen, und
+die mittlere sowie die östliche Alb, wo früher der Vogel geradezu
+häufig war, sind heute uhufrei. Aber wenigstens in der westlichen
+Alb ist er heute noch Brutvogel, und zwar nicht mit einem einzigen
+Paare, wie man in den Kreisen der Vogelfreunde allgemein annahm,
+sondern die genauen Nachforschungen Pfeiffers haben die erfreuliche
+Tatsache ergeben, daß immerhin noch fünf Horstpaare vorhanden sind
+(Zwiefalten, Balingen, Sulz, Ebingen, Donauschleife zwischen Fridingen
+und Mühlheim). 1890 freilich waren es mindestens 55, 1907 immerhin
+noch 20. Der Bestand ist also innerhalb 35 Jahren auf den elften Teil
+zusammengeschmolzen! Verwundern kann das freilich nicht, wenn man
+hört, daß noch 1903 im Lenninger Tal nicht weniger als sechs Uhus im
+Pfahleisen gefangen wurden. Allein das herrlich gelegene Urach hatte
+um die Jahrhundertwende noch drei bis vier Brutpaare aufzuweisen.
+Einer der alten Horste stand bei Bierlingen ganz bequem zugänglich
+auf einer Geröllhalde und wurde natürlich alljährlich ausgeplündert,
+bis die Vögel die Sache doch schließlich satt bekamen. Als besonders
+empfindlich erwies sich das Brutpaar am Lichtenstein, denn es
+verschwand 1908, als man einen Gehweg am Fuße des Horstfelsens angelegt
+hatte.
+
+Ebenso genau wie über die Uhus Württembergs sind wir über diejenigen
+Böhmens unterrichtet durch eine eingehende Arbeit des Forstmeisters
+Kurt Loos. Während vor wenigen Jahrzehnten noch mindestens 50
+Uhupärchen in Böhmen horsteten, konnte er 1907 nur noch 18 aufführen
+mit der Bemerkung, daß auch dieser geringe Bestand sich beständig
+vermindere, da alljährlich etwa zehn alte Vögel abgeschossen oder
+im Pfahleisen gefangen und etwa 35 Jungvögel für die Krähenhütte
+ausgehoben würden. Am zahlreichsten fand Loos den Uhu noch in der
+Gegend von Aussig. Wiederansiedelungsversuche bei Horowitz hatten
+leider nur vorübergehenden Erfolg, da die Schießlust der »Jäger«
+nicht zu bändigen war. Neuere Nachrichten führen gar nur noch zwei
+böhmische Uhuhorste auf am Stellnitzer Berg und am Schlagniger Berg
+bei Bilin. -- In den Gebirgsgegenden Deutsch-Österreichs liegen die
+Verhältnisse ähnlich wie in Oberbayern, d. h. der Uhu kommt zwar noch
+horstend vor, ist aber überall eine Seltenheit und in weiterer Abnahme
+begriffen. Bekannte Horstplätze befinden sich z. B. im Thayatal, im
+Zillertal, im Kremstal, bei Gastein usw. Auf den Besitzungen des
+»Vereins Naturschutzpark« im Stubachtal hat der König der Nacht nunmehr
+eine geschützte Zufluchtstätte gefunden, aber leider wird so mancher
+jenseits der Grenzen in den widerwärtigen Pfahleisen weggefangen, die
+unbedingt gesetzlich verboten werden sollten. In der Statistik des
+österreichischen Ackerbauministeriums für 1896 werden allerdings noch
+1902 in den cisleithanischen Provinzen erlegte Uhus aufgezählt, aber
+es steht zu vermuten, daß ein großer Teil dieser angeblichen Uhus ganz
+gewöhnliche Waldohreulen gewesen sind. Zahlreicher wird der Vogel dann
+in den heute zu Jugoslawien gehörigen Teilen von Kärnten und Krain
+sowie in Dalmatien, wo er sich auch auf manchen Inseln ansiedelt,
+selbst auf unmittelbar zum Meer abstürzenden Felsen. Im Balkan, z. B.
+in Montenegro, ist er noch eine häufige Erscheinung, wovon ich mich
+erst im Frühjahr 1926 wieder selbst überzeugen konnte. Es kümmert sich
+dort eben niemand groß um den Finsterling, und das ist die Hauptsache
+für sein Gedeihen. Ludwig von Führer konnte in Montenegro innerhalb
+eines Jahres 16 Uhus erlegen. Auch in den Karpathen gibt es noch Uhus
+genug, obschon dort bereits die Verfolgung eingesetzt hat, ebenso
+in Galizien und Ungarn, wo sie mit Vorliebe auf den vogelreichen
+Donauinseln brüten. Daß es den endlosen Waldungen des inneren Rußlands
+nicht an Uhus fehlt, bedarf wohl kaum besonderer Erwähnung. In England
+ist unser Vogel längst ausgerottet, das felsenlose und baumarme
+Holland bietet ihm keine geeignete Stätte und in Frankreich ist er
+eine große Seltenheit. In der Schweiz ist er aus den Ebenen und
+dem Vorgebirge, wo die Niederjagd eine Rolle spielt, in die höheren
+Lagen zurückgedrängt worden. Verhältnismäßig zahlreich soll er in den
+südlichen Kantonen vorkommen, während er im Solothurner Jura nach von
+Burg heute ausgestorben ist. Im Kanton Graubünden sollen von 1900 bis
+1904 zwölf Uhus geschossen worden sein.
+
+Fragen wir nach den Gründen des fast allenthalben sich bemerkbar
+machenden Rückgangs, so ist neben der fortschreitenden Kultur, der
+Beunruhigung der Berge und der Lichtung der Wälder vor allem die
+unersättliche Habgier des Menschen anzuführen. Es ist weniger der
+gelegentliche Abschuß, insofern er nicht zur Brutzeit geschieht,
+der den Uhubestand so schädigt, sondern vielmehr der, wenn auch
+unbeabsichtigte, Fang in den dreimal verfluchten Pfahleisen, am
+allermeisten aber das unausgesetzte Wegnehmen der ein gut Stück
+Geld einbringenden Jungvögel für die Krähenhütte, soweit sie nur
+irgend erreichbar sind. Auch fanatische Eiersammler haben manchen
+deutschen Uhuhorst auf dem Gewissen, ohne ihr frevelhaftes Tun durch
+»wissenschaftliche« Gründe rechtfertigen zu können. Wenn man doch in
+solchen Fällen dem Uhu wenigstens ein Junges zur Aufzucht überlassen
+wollte! Aber freilich, drei junge Uhus bringen mehr Geld als zwei,
+und Götze Mammon ist heute unbeschränkter Beherrscher des Erdenballs.
+Da fällt mir ein kleines Erlebnis aus dem Balkan ein, wo bekanntlich
+Adler noch recht häufig vorkommen. Ich hatte einen Adlerhorst mit
+zwei Jungen entdeckt und schickte einen Eingeborenen als Kletterer
+hinauf, um die beiden jungen Adler herunterzuholen. Er brachte aber
+nur einen, und auf meine erstaunte Frage, wo denn der andere bliebe,
+meinte er mit vorwurfsvoller Verlegenheit: »Aber der arme Adler muß
+doch wenigstens ein Kind behalten.« Das sagte dieser einfache Hirte,
+der nie etwas von Naturschutzpredigten gehört hatte, lediglich aus
+seinem unverdorbenen Gefühl heraus, obwohl ihm der Adler sicherlich
+manches Lämmlein oder Zicklein aus der Herde geraubt hatte. Ich
+habe mich in diesem Augenblick recht geschämt, trotzdem ich ja im
+Interesse der Wissenschaft handelte. Können denn wir Europäer, die wir
+so furchtbar stolz sind auf unsere Scheinkultur, uns wirklich nicht
+mehr zu ähnlichen Anschauungen aufschwingen? Aber nein, da muß alles
+restlos vernichtet und mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden! Einen
+besonderen Ansporn empfing dieser traurige Vernichtungskrieg durch
+die leidigen Schuß- und Fanggelder, die ja jetzt glücklicherweise
+aufgehoben sind. Um das drohende Aussterben des Uhus zu verhindern,
+ist er neuerdings sogar zum »Naturdenkmal« (ein unglückseliger
+Ausdruck!) erklärt und unter gesetzlichen Schutz gestellt worden.
+Wirksamer noch dürften Schonprämien an das Forstpersonal sein für
+jede glücklich ausgekommene Uhubrut. Leider gibt es kaum eine
+Vogelart, die sich so schwer schützen läßt wie der Uhu, da er seine
+nächtlichen Beutezüge auf 30 +km+ und mehr im Umkreise ausdehnt
+und deshalb nur zu leicht den Pfahleisen der Nachbarreviere zum Opfer
+fällt. Daran sind bisher auch alle noch so sorgfältig vorbereiteten
+Wiedereinbürgerungsversuche gescheitert, auch wenn sie anfänglich
+vollen Erfolg hatten. Nur ein völliges Verbot der Pfahleisen, in
+denen auch unzählige andere Eulen und harmlose Bussarde sich zu Tode
+schinden, könnte da helfen. Hoffen wir, daß den opfer- und mühevollen
+Einbürgerungsversuchen Dr. Pfeiffers in der Schwäbischen Alb ein
+besserer Erfolg beschieden sein möge (Abb. 15)! Meiner Ansicht nach
+läßt sich ein wirklich wirksamer Schutz des Uhus nur in großen
+Naturschutzparken durchführen, nicht aber in kleinen Banngebieten. Auch
+die Starkstromleitungen fordern manches Opfer. So wurde im Oktober
+1912 bei Meran ein in der Starkstromleitung hängender Uhu verendet
+aufgefunden. Ein Fang war völlig verbrannt, während der andere,
+der gleichfalls starke Brandwunden aufwies, noch den Leitungsdraht
+umklammert hielt. Ein ganz ähnlicher Fall ereignete sich kurz darauf
+bei Schlanders.
+
+ [Illustration: Abb. 15. Einer der von Dr. Pfeiffer in der
+ Schwäbischen Alb ausgesetzten Uhus]
+
+Gewöhnlich sucht man die rücksichtslose Verfolgung des Uhus mit seiner
+angeblich sehr großen Schädlichkeit zu rechtfertigen. In Wirklichkeit
+ist diese aber gar nicht so arg, wenn auch nicht geleugnet werden kann,
+daß der Uhu ein gewaltiger Räuber ist und namentlich zur Brutzeit die
+Niederjagd gehörig zehntet. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß
+der angerichtete Schaden bei dem Einsiedlerleben des Finsterlings
+und bei der großen Ausdehnung seiner Streifzüge, auf denen er immer
+wieder andere Gegenden aufsucht, auf weite Strecken sich verteilt
+und deshalb für die einzelnen kleinen Niederjagdreviere nicht eben
+viel bedeutet. Greschik untersuchte zwölf ungarische Uhumägen und
+fand darin zwei Igel, zwei Wanderratten, 2 Wiesel, elf Mäuse, zweimal
+Federn, einmal Fuchsknochen: also ein ziemlich harmloses Ergebnis.
+Ich selbst habe im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Uhugewöllen
+untersucht, im allgemeinen mit ähnlichem Erfolg. Aus den letzten
+acht, die ich durch Förster Rüdiger aus der Neumark erhielt, konnte
+ich herausschälen: 1. drei Wühlmäuse und die Reste eines Igels,
+darunter auch einige Stacheln, 2. das dicht zusammengefilzte Haar
+einer schwarzen Katze, die offenbar auf einem verbotenen Abendbummel
+zu ihrem Unglück dem König der Nacht begegnet war, 3. einen Schädel
+sowie viele zertrümmerte Knochen und verfilzte Haare von Wasserratten,
+4. eine Wasserratte und die Reste einer Drossel, 5. nur Reste von
+Feldmäusen, 6. nur verfilzte Haare der Waldwühlmaus, 7. ebenso, 8.
+Schnabel und Federn eines Stars sowie zwei Wühlmäuse. Nach Größe und
+Form sind solche Gewölle sehr verschieden. Ich ermittelte ihr Gewicht
+mit 30-55 +g+. Sie sehen meist schokolade- bis eisenfarbig aus,
+und öfters ragen größere Knochensplitter aus der Masse heraus. Der
+Uhu muß ein stärkeres Verdauungsvermögen haben als andere Eulen,
+denn in der Regel sind die vorhandenen Tierreste recht undeutlich
+und die Schädel arg zertrümmert. Im übrigen ist er hinsichtlich
+seiner Ernährung weder wählerisch noch verschwenderisch, und auch
+dieser Umstand vermindert seine Schädlichkeit erheblich. Ein größeres
+Beutetier, das er nicht in der gleichen Nacht bewältigen kann, wird
+sorgsam in seine Decke eingeschlagen und dann am nächsten Abend wieder
+aufgesucht. Im äußersten Notfall wird sogar Aas angenommen. Ferner
+behaupten viele Jäger, daß der Uhu in unmittelbarer Nähe seines Horstes
+überhaupt nicht raube, und es mag wohl etwas Wahres daran sein.
+Igel gelten ihm wie den Zigeunern offenbar als ein ganz besonderer
+Leckerbissen. Die meisten Beobachter geben zwar an, daß er das Fleisch
+aus der stacheligen Rückenhaut herausfresse und diese selbst liegen
+lasse, aber ich habe oft genug auch Igelstacheln in den Gewöllen
+gefunden, bei solchen aus der Fränkischen Schweiz fast regelmäßig.
+Schade, daß noch niemand näher beobachtet hat, wie der Uhu den
+Stachelhelden eigentlich überwältigt. Vermutlich greift er mit seinen
+langen Fängen und gewaltigen Klauen einfach durch den Stachelpanzer
+hindurch. Schlafende Vögel bringt er wahrscheinlich erst durch Rufen,
+Schnabelknacken und Schwingenklatschen zum Auffliegen, um sie dann in
+der Luft mit unfehlbarer Sicherheit zu ergreifen. Das brütende Weibchen
+sowie die Jungen werden fast überreichlich mit Nahrung versorgt, so
+daß der Horstrand eine wahre Schlachtbank darstellt und allerdings
+oft ein wesentlich anderes und ungünstigeres Bild darbietet als die
+Magen- und Gewöllinhalte aus anderen Jahreszeiten. An dem erwähnten
+Horste bei Rudolstadt fand Schrader zahlreiche Kaninchenreste, auch
+einige von Hasen sowie eine Unmenge Krähenfedern. In einem anderen
+Horste wurden dem brütenden Weibchen von dem aufmerksamen Gatten die
+auserlesensten Leckerbissen überbracht, also hauptsächlich zarte
+Junghasen und köstliche Igel, und ein zärtlicher Blick aus den großen
+Kulleraugen war dann jedesmal sein Lohn. Ein Uhufelsen war ganz mit
+Dohlenfedern bedeckt, da das Brutpaar hauptsächlich von einer in der
+Nähe befindlichen Dohlenkolonie lebte. In einem Horste bei Nakel war
+an geschlagenem Raub vorhanden: Kaninchen, Hasen, Enten, Taucher, zwei
+Birkhühner und nicht weniger als 30 Köpfe von Wasserhühnern. Graf
+Wodcicki entdeckte in einem galizischen Horste zwei halbwüchsige Hasen,
+zwei Ratten, einen Kiebitz und eine Bekassine. Loos sah einen Horst mit
+fünf ausgefressenen Igelbälgen und einen anderen mit frischen Resten
+von elf Rebhühnern, sieben Junghasen, drei Kaninchen, sieben Fasanen,
+einer Wildtaube, drei Krähen, einem Eichhörnchen. Pfiffige Bauern
+haben sich die haushälterischen Anlagen des Uhus von jeher zunutze zu
+machen gewußt. So lebte eine Fischerfamilie in den Sümpfen Galiziens
+geraume Zeit von einem Uhuhorste. Die Ratten, Igel, Ziesel und Mäuse
+überließ der Fischer seinem gefiederten Freund; Enten, Waldhühner und
+Hasen dagegen nahm er mit nach Hause und stand sich gut dabei. Auch aus
+einem Horste bei St. Goar konnte sich nach Altum ein schlauer Bauer
+fast jeden Morgen einen Hasen holen. Auch die gefangene Gattin oder die
+ausgehobenen Jungen werden vom Uhu weiter gefüttert, falls man ihm
+Gelegenheit dazu gibt. Große Tiere werden an Ort und Stelle verzehrt
+und förmlich aus dem Felle herausgeschält, kleine aber zu bestimmten
+Fraßplätzen getragen und hier ganz verschluckt, nachdem ihnen vorher
+mit dem Schnabel der Kopf eingedrückt wurde. Das feine Gehör und
+das scharfe Gesicht leiten den Uhu auf seinen Beutezügen, wobei er
+seine Opfer meist im Schlaf überfällt. Fitzinger erzählt, daß der Uhu
+bisweilen in der Dämmerung anderen Raubvögeln ihre Beute abjagt, indem
+er von oben her auf sie stößt. So viel ist sicher, daß der kraftvolle
+Uhu selbst eine gelegentliche Rauferei mit dem kühnen Stein- oder dem
+mächtigen Seeadler nicht scheut und überhaupt kaum einen natürlichen
+Feind zu fürchten hat. Mit dem Fuchs wird er mühelos fertig. Was er
+einmal mit seinen nadelscharfen Krallen gepackt hat, läßt er so leicht
+nicht wieder los. Auch Rehkitze sind nicht vor ihm sicher, obgleich
+man seine Schädlichkeit in dieser Beziehung stark übertrieben hat.
+Planke beobachtete beim abendlichen Enteneinfall einen Uhu, der wie ein
+Habicht nach einer Stockente stieß; da er sie aber nicht erwischte,
+begnügte er sich mit einer Wasserratte. Stecher sah, wie ein Uhu einen
+balzenden Auerhahn schlagen wollte und nur durch das Dazwischentreten
+des Jägers daran verhindert wurde. Eine Abnahme des Auer- und
+Birkwildes im Revier war aber nicht festzustellen. Zur Abwechslung hat
+der Uhu gern auch mal ein Fischgericht, versieht es aber bisweilen bei
+seiner Fischerei; mir sind im Laufe der Jahre zwei Fälle von dabei
+ertrunkenen Uhus bekannt geworden. Zur Not begnügt er sich aber auch
+mit Fröschen. Während des Krieges sah ich in der Dobrudscha mehrfach
+von unseren Soldaten gehaltene Uhus, die hauptsächlich mit den dort
+massenhaft vorhandenen Fröschen ernährt wurden und sich ganz wohl
+befanden. Forellen sind ihm freilich lieber. Auch kannibalische Gelüste
+sind dem Uhu nicht fremd. Seine kleineren Verwandten murkst er ohne
+weiteres ab, und Grevé erlebte es sogar, daß sein zahmes Uhuweibchen
+das schwächere Männchen ermordete und teilweise auffraß. Von der Stärke
+des Vogels kann man sich einen Begriff machen, wenn man erfährt, daß
+ein im Pfahleisen gefangener Uhu das schwere Eisen samt einem langen
+Stück starken Drahtes über 5 +km+ weit forttrug und erst 14 Tage
+später gelegentlich einer Treibjagd erlegt werden konnte. Gefangene
+Uhus verlieren in der engen Haft meist ihre angeborene Geschicklichkeit
+und Schneidigkeit und werden dadurch unbeholfen und feige. Kehrberg
+setzte zu seinen nahezu erwachsenen Uhus einen Steinkauz. Einer der
+Uhus wollte ihn greifen, stellte sich aber dabei so tolpatschig an,
+daß der Kauz Gelegenheit zu einem ungestümen Angriff auf den Kopf des
+Gegners bekam und dieser vor Schreck darüber auf den Rücken fiel. Sowie
+er sich wieder aufrichten wollte, ging der Kauz erneut zum Angriff
+über, und in einem wahren Siegesrausch jagte der kleine tolle Kerl die
+drei entsetzt fliehenden Uhubrüder im Käfig herum, daß die Federn nur
+so stoben. Solche jung aufgezogenen Uhus haben eben nicht gelernt,
+ihre natürlichen Waffen zu gebrauchen. Ein anderer Uhu bekam eine
+geflügelte Elster als Futter, wurde aber von dieser durch einen tiefen
+Schnabelhieb ins Herz derartig verletzt, daß er am nächsten Morgen tot
+war. Förster Gerlach verabreichte seinem Uhu eine leicht geflügelte
+Krähe. Zu seiner Verwunderung war sie am nächsten Morgen noch am Leben,
+und der »Auf«, ein 20jähriges Weibchen, ließ sie ruhig an seinem Fraße
+teilnehmen. Bald saßen sie einträchtiglich dicht nebeneinander auf der
+Stange. Dies blieb auch in Zukunft so, ja der Uhu ließ sich gutmütig
+von dem frechen Rabenvieh die besten Bissen wegstehlen. Ziehen wir
+nun aus alledem die Schlußfolgerung, so ergibt sich, daß der Uhu zwar
+mancherlei Schaden verursacht, namentlich der Niederjagd gegenüber,
+daß er ihn aber durch fleißiges Vertilgen von Krähen, Elstern, Hähern,
+Eichhörnchen, Hamstern, Ratten und Mäusen zum großen Teile wieder
+ausgleicht. Sehr treffend urteilt Forstmeister Moosmaier: »Merklicher
+Schaden entstand nicht durch den Uhu. Als wir Uhus und viel Füchse
+hatten, gab es auch viel Hasen und Rehe. Unser Wildstand wurde vom
+großen Räuber, dem sog. Jäger, vernichtet und nicht vom Uhu.«
+
+Viel Vergnügen gewährt es, die verschiedenen, überaus eindrucksvollen
+Stellungen des Uhus zu beobachten. In der Ruhestellung (Abb. 16) hat
+er bei niedergelegten Ohren, halb geschlossenen Augen und locker
+gehaltenem Gefieder ein eigentümlich gedunsenes Aussehen. Erregt aber
+irgend etwas Ungewöhnliches die Aufmerksamkeit des feinhörigen Vogels,
+so geht er sofort in die Hab-Acht-Stellung (Abb. 17) über, wobei die
+Federn knapp angelegt, der Kopf aufgerichtet und die großen gelben
+Kulleraugen weit aufgerissen werden, während gleichzeitig auch die
+Federohren in steigendem Maße sich heben. Rückt ihm aber eine Gefahr
+wirklich auf den Leib, dann nimmt er seine Droh- und Schreckstellung
+ein, wo er infolge des zornig gesträubten Gefieders fast doppelt so
+groß aussieht wie sonst, mit dem Schnabel knackt, den Schwanz fächert,
+die Flügel hebt oder zu Boden senkt und erregt von einem Fuß auf den
+anderen tritt. Dann macht er in der Tat einen ganz furchterweckenden
+Eindruck.
+
+ [Illustration: Abb. 16. Uhu in Ruhestellung
+ (Aufnahme aus dem Zoologischen Garten in London)]
+
+Am liebsten brütet der Uhu auf steilen, unzugänglichen Felswänden
+inmitten großer Gebirgswaldungen, wo ihn dann ausgedehnte Abholzungen
+leicht zum Verlassen der Gegend bewegen. In Ausnahmefällen ist der
+Horst aber auch so leicht zugänglich, daß sein Inhalt bald dem Dachse
+oder der Schuljugend zum Opfer fällt. In den Wäldern der Ebene muß
+der Uhu natürlich auf oder in Bäumen brüten, und gern benutzt er dann
+einen alten Bussardhorst. In großen, vogelreichen Sümpfen fand ich
+das Uhuheim sogar schon bodenständig auf einem trockenen Inselchen.
+Altes Gemäuer zerfallender Burgen ist ihm auch sehr erwünscht, ja
+im Orient, wo ihm niemand etwas zuleide tut, errichtet er sein Heim
+sogar inmitten volkreicher Städte. So konnte man ihn wenigstens
+früher in Sarajevo und Mostar öfters vom Fenster aus beobachten. Für
+Konstantinopel gehört der Uhu noch heute geradezu zu den Kennvögeln.
+Brehm fand ihn in den Ringmauern der spanischen Stadt Jativa brütend,
+und Lenz erhielt junge Uhus vom Dachboden einer tief im Thüringer Wald
+versteckten Fabrik. Der Horst ist mit etwa 1 +m+ Durchmesser zwar
+ziemlich umfangreich, aber mit sehr wenig Kunst erbaut, ja häufig legt
+der Vogel seine Eier ohne jede Unterlage einfach auf den nackten Fels.
+Während der Paarungszeit macht er sich durch vieles Rufen und die
+grimmigen Katzbalgereien der eifersüchtig ihre Reviergrenzen wahrenden
+Männchen recht bemerkbar, aber während der eigentlichen Brutzeit,
+die 30-35 Tage dauert, verhält er sich ziemlich still. Die Eier sind
+von rundlicher Form und rein weißer Farbe, an Zahl gewöhnlich zwei
+bis drei, aber auch nur eines oder vier bis fünf. Dombrowski möchte
+dieses starke Schwanken der Eierzahl auf das verschiedene Alter der
+Brutvögel zurückführen. Die Jungen verraten sich leider leicht durch
+beständiges Zischen und Pfeifen. Die halbflügge Brut klettert schon auf
+den Horstrand, um gierend und klagend die futterbringenden Alten zu
+erwarten. Diese hängen mit großer Liebe an ihrer Nachkommenschaft und
+führen auch miteinander ein musterhaftes, sehr zärtliches Eheleben. Bei
+ihren Kindern läßt Frau Uhu ein sanftes »Tuck tuck« hören und füttert
+die Kleinen anfangs aus dem Kropf, bis sie imstande sind, selbst
+kleine Fleischstücke aus den überbrachten Beutetieren herauszureißen.
+Man kennt Beispiele, wo die Alten ihre Jungen in einen andern Horst
+schleppten, wenn der erste zu stark beunruhigt wurde.
+
+ [Illustration: Abb. 17. Uhu in Hab-Acht-Stellung
+ (Aufnahme aus Hagenbecks Tierpark in Stellingen)]
+
+Mohr besaß ein Uhuweibchen, das ein Ei legte, worauf er ihm zwei
+Hühnereier zum Bebrüten unterschob. Der Uhu brütete diese auch wirklich
+aus und nahm sich mit mütterlicher Sorgfalt der geschlüpften Kücken an.
+Noch als sie schon drei Wochen alt waren, betreute er sie mit größter
+Zärtlichkeit, gluckste wie eine Henne und ließ nur ausnahmsweise sein
+»Uhu« hören. Das ihm vorgesetzte Fleisch zerbröckelte er in ganz kleine
+Stückchen und legte diese dann den Küchlein vor. Gegen jeden, der sich
+den Kücken nähern wollte, nahm er sofort Kampfstellung ein. In einem
+ähnlichen Falle brütete der Uhu zwar Enteneier aus, kröpfte aber dann
+ganz behaglich die jungen Entchen. Gefangene Uhus sind im Käfig schon
+häufig zur Fortpflanzung gebracht worden, selbst unter ganz primitiven
+Verhältnissen. Berühmt geworden ist namentlich die ergiebige, lange
+Jahre hindurch fortgesetzte Uhuzucht des Stockholmer Tiergartens.
+Ich entnehme darüber dem Berichte Dr. Alarik Behms folgendes: Die
+erste Paarung wurde am 1. April beobachtet und dann bis zum 11. an
+jedem Abend. Das Männchen sträubte vorher das Gefieder, breitete den
+Schwanz fächerförmig aus und erinnerte in seinen Bewegungen an einen
+balzenden Birkhahn. Sein Ruf war tief und grob, der des Weibchens
+dagegen eine halbe Oktave höher und heller. Die Paarung wurde unter
+mächtigem Flügelschlagen und lautem Geschrei vollzogen; namentlich
+das Weibchen pfiff dabei stark. Auch beim Eintragen der Baustoffe,
+das schon am 2. April begann und bei dem auch das Männchen mithalf,
+stieß es pfeifende Laute aus, die wie das Geräusch einer ungeschmierten
+Schiebkarre klangen. Eingetragen wurden: Sägespäne, Rindenstücke und
+Kies. Am 14. lag das erste, am 20. das zweite und am 28. das dritte Ei
+im Horste. Das Weibchen begann aber mit dem Brutgeschäft gleich beim
+ersten Ei. Das Männchen zeigte sich als idealer Ehemann und fütterte
+seine Gemahlin fleißig mit Katzenfleisch, Hühnerköpfen und anderen
+Leckerbissen. Auf einem Ast gegenüber der Bruthöhle verkürzte es durch
+fleißiges »Singen« dem Weibchen die langen Tage des Wartens. Menschen
+gegenüber zeigte es sich um diese Zeit sehr bösartig und zerriß einmal
+dem Wärter die Mütze, so daß dieser nicht mehr zum Betreten des Käfigs
+zu bewegen war und infolgedessen in diesem bald eine fürchterliche
+Schweinerei herrschte. Das erste Junge schlüpfte am 20., das zweite am
+22. Mai aus, während das dritte Ei sich als unbefruchtet erwies. Die
+Jungen waren beim Ausschlüpfen nicht größer als Küchlein, wuchsen aber
+erstaunlich schnell. Schon nach acht Tagen krochen sie unter den Federn
+der Mutter hervor, um wenigstens mit den Köpfen draußen zu liegen. Der
+Vater trug die Atzung in die Bruthöhle, aber das wirkliche Füttern
+besorgte nur die Mutter.
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+
+ Einleitung 5
+
+ Die letzten deutschen Biber 5
+
+ Der Nerz 30
+
+ Der Luchs 37
+
+ Der Uhu 59
+
+
+
+
+ Der Verein Naturschutzpark
+
+
+hat die Absicht, in der Lüneburger Heide und in den Salzburger
+Hohen Tauern zwei Gebiete zu schaffen, in denen Pflanze und Tier
+vollständigen Schutz vor dem menschlichen Zugriff haben sollen und
+in dem die volle Harmonie der Kräfte in der Natur wiederhergestellt
+werden soll, die der Mensch durch seinen Erwerb fast überall zu stören
+gezwungen ist. Die Gebiete sind so groß, daß die ursprüngliche Tier-
+und Pflanzenwelt erhalten wird. Durch den Verein soll zunächst an zwei
+Stellen ein Stück deutscher Erde in vollkommener Unberührtheit und
+Schönheit künftigen Zeiten erhalten werden.
+
+Der Verein bittet alle, die mit seinen Zielen übereinstimmen, um ihre
+Mitgliedschaft, die jährlich RM 3.-- (Mindestbeitrag) kostet. Für
+körperschaftliche Mitgliedschaft von Vereinen sind RM 20.-- angesetzt.
+Die Mitglieder erhalten die Mitteilungshefte des Vereins unberechnet.
+
+Der Verein besitzt folgende ~Lichtbilder-Vorträge~:
+
+ +A.+ Die Naturschutzbewegung
+ +B.+ Der Naturschutzpark in der Lüneburger Heide
+ +C.+ Der Naturschutzpark in den Salzburger Alpen
+ +D.+ Naturschutzgebiete außerdeutscher Länder
+ +E.+ Aussterbende und ausgestorbene Tiere
+
+Die Vorträge können jederzeit nur gegen Erstattung der Versand-
+und Verpackungskosten vom Verein leihweise bezogen werden.
+Mitteilungshefte, in zwangloser Folge, unterrichten unsere Mitglieder
+über das Neueste der Naturschutzparkbewegung. Ansichtspostkarten
+unserer Parke, Vereinsnadeln, Plakate, Werbemarken und Prospekte stehen
+zu geringsten Preisen zur Verfügung
+
+
+Verein Naturschutzpark E. V.
+
+Geschäftsstelle Stuttgart, Pfizerstraße 2 +D+
+
+
+
+
+ Freude am Leben
+
+ und sichere Grundlagen für eine moderne
+
+ Weltanschauung
+
+ findet jeder in der
+
+ Natur
+
+
+
+
+ Zum Beitritt in den
+
+ KOSMOS
+
+ Gesellschaft der Naturfreunde
+
+ laden wir
+
+ alle Naturfreunde
+
+jedes Standes, sowie alle Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw. ein
+
+
+Die Mitglieder erhalten laut § 5 der Satzung als Gegenleistung ~für
+ihren Jahresbeitrag im Jahre 1927 kostenlos~:
+
+ I. Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. Reich
+ bebildert. 12 Hefte im Jahr
+
+ II. Die ordentlichen Veröffentlichungen. 4 Buchbeilagen. 1927 sind
+ vorgesehen: Dr. Kurt Floericke, Aussterbende Tiere :: Wilh.
+ Bölsche, Im Bernsteinwald :: H. Günther, Was ist Magnetismus?
+ :: W. Flaig und Dr. Lang, Der Gletscher
+
+ III. Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden
+ naturwissenschaftlichen Werken
+
+Jedermann kann jederzeit Mitglied werden. Bereits Erschienenes wird
+nachgeliefert
+
+
+Anmeldungen bei jeder Buchhandlung oder durch die Geschäftsstelle des
+ ~Kosmos~. Stuttgart, Pfizerstraße 5
+
+
+
+
+Folgende seit Bestehen des Kosmos erschienene Buchbeilagen
+
+erhalten Mitglieder, solange vorrätig, zu ~Ausnahmepreisen~:
+
+
+[Sidenote: 1904]
+
+Bölsche, W., Abstammung des Menschen. -- Meyer, Dr. M. W.,
+Weltuntergang. -- Zell, Ist das Tier unvernünftig? (Dopp.-Bd.). --
+Meyer, Dr. M. W., Weltschöpfung.
+
+[Sidenote: 1905]
+
+Bölsche, Stammbaum d. Tiere. -- Francé, Sinnesleben d. Pflanzen. --
+Zell, Tierfabeln. -- Teichmann, Dr. E., Leben u. Tod. -- Meyer, Dr. M.
+W., Sonne u. Sterne.
+
+[Sidenote: 1906]
+
+Francé, Liebesleben d. Pflanzen. -- Meyer, Rätsel d. Erdpole. -- Zell,
+Streifzüge d. d. Tierwelt. -- Bölsche, Im Steinkohlenwald. -- Ament,
+Seele d. Kindes.
+
+[Sidenote: 1907]
+
+Francé, Streifzüge im Wassertropfen. -- Zell, Dr. Th., Straußenpolitik.
+-- Meyer, Dr. M. W., Kometen und Meteore. -- Teichmann, Fortpflanzung
+und Zeugung. -- Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes.
+
+[Sidenote: 1908]
+
+Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane. -- Teichmann, Dr. E., Die
+Vererbung. -- Sajó, Krieg und Frieden im Ameisenstaat. -- Dekker,
+Naturgeschichte des Kindes. -- Floericke, Dr. K., Säugetiere des
+deutschen Waldes.
+
+[Sidenote: 1909]
+
+Francé, Bilder aus dem Leben des Waldes. -- Meyer, Dr. M. W., Der Mond.
+-- Sajó, Prof. K., Die Honigbiene. -- Floericke, Kriechtiere und Lurche
+Deutschlands. -- Bölsche, W., Der Mensch in der Tertiärzeit.
+
+[Sidenote: 1910]
+
+Koelsch, Pflanzen zw. Dorf u. Trift. -- Dekker, Fühlen u. Hören. --
+Meyer, Welt d. Planeten. -- Floericke, Säugetiere fremd. Länder. --
+Weule, Kultur d. Kulturlosen.
+
+[Sidenote: 1911]
+
+Koelsch, Durch Heide und Moor. -- Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken.
+-- Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit. -- Floericke, Vögel fremder
+Länder. -- Weule, Kulturelemente der Menschheit.
+
+[Sidenote: 1912]
+
+Gibson-Günther, Was ist Elektrizität? -- Dannemann, Wie unser Weltbild
+entstand. -- Floericke, Fremde Kriechtiere und Lurche. -- Weule,
+Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge. -- Koelsch, Würger im
+Pflanzenreich.
+
+[Sidenote: 1913]
+
+Bölsche, Festländer u. Meere. -- Floericke, Einheimische Fische. --
+Koelsch, Der blühende See. -- Zart, Bausteine des Weltalls. -- Dekker,
+Vom siegh. Zellenstaat.
+
+[Sidenote: 1914]
+
+Bölsche, W., Tierwanderungen in der Urwelt. -- Floericke, Dr. Kurt,
+Meeresfische. -- Lipschütz, Dr. A., Warum wir sterben. -- Kahn, Dr.
+Fritz, Die Milchstraße. -- Nagel, Dr. Osk., Romantik der Chemie.
+
+[Sidenote: 1915]
+
+Bölsche, W., Der Mensch der Zukunft. -- Floericke, Dr. K., Gepanzerte
+Ritter. -- Weule, Prof. Dr. K., Vom Kerbstock zum Alphabet. -- Müller,
+A. L., Gedächtnis und seine Pflege. -- Besser, H., Raubwild und
+Dickhäuter.
+
+[Sidenote: 1916]
+
+Bölsche, Stammbaum der Insekten. -- Sieberg, Wetterbüchlein. -- Zell,
+Pferd als Steppentier. -- Weule, Krieg in den Tiefen der Menschheit
+(Dopp.-Bd.).
+
+[Sidenote: 1917]
+
+Besser, Natur- u. Jagdstud. i. Deutsch-Ostafrika. -- Floericke, Dr.,
+Plagegeister. -- Hasterlik, Dr., Speise u. Trank. -- Bölsche, Schutz-
+u. Trutzbündnisse i. d. Natur.
+
+[Sidenote: 1918]
+
+Bölsche, Sieg des Lebens. -- Fischer-Defoy, Schlafen und Träumen.
+-- Kurth, Zwischen Keller u. Dach. -- Hasterlik, Dr., Von Reiz- u.
+Rauschmitteln.
+
+[Sidenote: 1919]
+
+Bölsche, Eiszeit und Klimawechsel. -- Floericke, Spinnen und
+Spinnenleben. -- Zell, Neue Tierbeobachtungen. -- Kahn, Die Zelle.
+
+[Sidenote: 1920]
+
+Fischer-Defoy, Lebensgefahr in Haus u. Hof. -- Francé, Die pflanze als
+Erfinder. -- Floericke, Schnecken und Muscheln. -- Lämmel, Wege zur
+Relativitätstheorie.
+
+[Sidenote: 1921]
+
+Weule, Naturbeherrschung I. -- Floericke, Gewürm. -- Günther,
+Radiotechnik. -- Sanders, Hypnose und Suggestion.
+
+[Sidenote: 1922]
+
+Weule, Naturbeherrschung II. -- Francé, Leben im Ackerboden. --
+Floericke, Heuschrecken und Libellen. -- Lotze, Jahreszahlen der
+Erdgeschichte.
+
+[Sidenote: 1923]
+
+Flaig, Kampf um Tschomo-lungma. -- Floericke, Falterleben. -- Francé,
+Entdeckung der Heimat. -- Behm, Kleidung und Gewebe.
+
+[Sidenote: 1924]
+
+Floericke, Käfervolk. -- Henseling, Astrologie. -- Bölsche, Tierseele
+und Menschenseele. -- Behm, Von der Faser zum Gewand.
+
+[Sidenote: 1925]
+
+Lämmel, Sozialphysik. -- Floericke, Wundertiere des Meeres. --
+Henseling, Mars. -- Behm, Kolloidchemie.
+
+[Sidenote: 1926]
+
+Francé, Die Harmonie in der Natur. -- Floericke, Zwischen Pol und
+Äquator. -- Bölsche, Abstammung d. Kunst. -- Dekker, Planeten und
+Menschen.
+
+
+ Preise: Einzeln bezogen kostet jeder Band brosch. RM 1.20, geb. RM 1.80
+ Für Nichtmitglieder des Kosmos je RM 1.50 bzw. RM 2.40
+
+_Besonders niedrige Preise_ bei Gruppenbezug nach Wahl des
+Bestellers
+
+ 10 Bände geb. für nur RM 14.50
+ 10 Bände brosch. für nur RM 10.--
+
+ 20 Bände geb. für nur RM 27.--
+ 20 Bände brosch. für nur RM 18.50
+
+ 50 Bände geb. für nur RM 62.--
+ 50 Bände brosch. für nur RM 42.--
+
+Auf Wunsch können größere Beträge nach vorhergehender Vereinbarung auch
+in _Teilzahlungen_ entrichtet werden.
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77785 ***
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77785 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter padbot2 illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;">
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+
+<div class="new-page">
+<p class="p4 s3 center">KOSMOS-BÄNDCHEN</p>
+<p class="p2 s4 center">AUSSTERBENDE TIERE</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="p4 s2 center">KOSMOS</p>
+<p class="s5 center">Gesellschaft der Naturfreunde in Stuttgart</p>
+<p class="p0 s5">Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften
+und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer
+Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten.
+— Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter
+naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im</p>
+
+<p class="s2 center">KOSMOS</p>
+<p class="center">Handweiser für Naturfreunde</p>
+<p class="s5 center">Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen</p>
+<p class="p0 s5">Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten
+Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts.
+Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1927 festgelegt (Reihenfolge und
+Änderungen auch im Text vorbehalten):</p>
+
+<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Dr. Kurt Floericke, Aussterbende Tiere,<br>
+Wilh. Bölsche, Im Bernsteinwald,<br> H. Günther, Was ist Magnetismus?,<br>
+W. Flaig u. Dr. L. Lang, Der Gletscher</em></p>
+
+<p class="s5 center">Jedes Bändchen reich illustriert</p>
+
+<p class="p0 p2 s5">Diese Veröffentlichungen sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen;
+daselbst werden Beitrittserklärungen entgegengenommen. Auch die früher
+erschienenen Jahrgänge sind noch erhältlich.</p>
+<p class="s5 center">Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart</p>
+
+<hr class="full">
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<h1>Aussterbende Tiere<br>
+<span class="s5a">Biber / Nerz / Luchs / Uhu</span></h1>
+<p class="p2 s5 center">Von</p>
+<p class="p2 s2 center">Dr. Kurt Floericke</p>
+
+<figure class="figcenter padtop4 illowe4" id="signet">
+ <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="signet">
+</figure>
+
+<p class="p2 s5 center">Stuttgart</p>
+<p class="center">Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde<br>
+<span class="s5 center">Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung<br>
+1927</span></p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="p2 s5 center">Mit 17 Abbildungen und einem farbigen<br>
+Umschlagbild</p>
+<p class="p6 s5 center">Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten<br>
+Nachdruck verboten</p>
+<p class="p2 s5 center"><span class="antiqua">Copyright 1927<br>
+by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart<br>
+Printed in Germany</span></p>
+<p class="p4 s5 center">Druck von Holzinger &amp; Co. Stuttgart</p>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p>
+
+<h2>Einleitung</h2>
+
+<p>Wer gleich dem Verfasser die freilebende Tierwelt unseres Vaterlandes
+vier Jahrzehnte lang fleißig und liebevoll beobachtet hat, der wird
+tief erschrocken sein darüber, wie furchtbar sie innerhalb dieser
+Zeitspanne, die doch vom naturgeschichtlichen Standpunkte aus nur als
+winzig bezeichnet werden kann, verarmt und verödet ist. Wir wissen
+alle, daß die sogenannte menschliche Kultur mit ihren mancherlei
+unangenehmen Begleiterscheinungen und Auswüchsen die Hauptschuld an
+dieser unaufhaltsam sich vollziehenden Veränderung trägt, und zur
+Abwendung des Schlimmsten ist ja als notwendiges Gegengewicht gegen
+den Siegeszug von Industrie und Technik die Naturschutzbewegung ins
+Leben getreten, die erfreulicherweise bereits weite Kreise unseres
+Volkes erfaßt hat. Es ist dringend zu wünschen und zu hoffen, daß es
+ihr gelingen möge, wenigstens kärgliche Reste einstiger Herrlichkeit
+in großen Naturschutzparken oder durch strenge und vernünftige
+Gesetzesvorschriften, die aber nicht nur auf dem Papier stehen
+dürfen, in letzter Stunde zu retten und den kommenden Geschlechtern
+zu erhalten. Nun wird von mancher Seite den Naturschützern
+entgegengehalten, daß zwar die rastlos fortschreitende Kultur manche
+Tiere, die sog. Kulturflüchter nämlich, ausgerottet oder in ihre
+entlegensten Schlupfwinkel verdrängt, daß sie aber dafür andere Arten,
+denen gerade die Beschaffenheit der neuzeitlichen Kultursteppe zusagt,
+zur Einwanderung veranlaßt oder ihre Vermehrung und Ausbreitung
+weitgehend begünstigt habe. Das ist auch gar nicht zu leugnen und
+wenigstens bis zu einem gewissen Grade richtig. Aber der Tausch, den
+der Naturfreund dabei gemacht hat, ist doch ein herzlich schlechter.
+Verschwunden sind die urwüchsigen und reckenhaften Gestalten des
+altgermanischen Waldgebiets, eingezogen sind kleine und unansehnliche
+Formen, die unserem Gemüt wenig zu sagen haben, zumal sie teilweise
+gar nicht alteingesessene Arten sind, sondern ursprüngliche Bewohner
+der Mittelmeerländer. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der uns
+erst recht klar wird, wenn wir die betreffenden Tiere einmal näher
+betrachten. Ich möchte deshalb zunächst in diesem Kosmosbändchen einige
+wenige Vertreter dieser Tiere unseren Lesern eingehender vorführen,
+um ihnen zu zeigen, welch unersetzliche Naturschätze wir schon
+verloren haben oder zu verlieren im Begriff stehen.<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> Ich möchte weiter
+dartun, in welcher Schnelligkeit und in welcher Weise die Ausrottung
+vor sich ging und welche Hoffnungen noch bestehen auf Erhaltung der
+Überbleibsel. Wenn dadurch die Teilnahme weiterer Kreise für solche
+schwer bedrohten »Naturdenkmäler« wachgehalten und das Interesse für
+die Schaffung großer Naturschutzparke (vgl. S. 78) zu ihrer Erhaltung
+gesteigert würde, so wäre der vornehmste Zweck dieses Büchleins
+erreicht.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Die_letzten_deutschen_Biber">Die letzten deutschen Biber</h2>
+</div>
+
+<p>Ein einziges deutsches Säugetier kannte ich bisher noch nicht
+aus freier Natur: unseren größten und gescheitesten Nager, den
+sagenumwobenen Biber. Im Sommer 1924 war es mir endlich zu meiner
+großen Freude vergönnt, diese Lücke bei einem zweitägigen Aufenthalt
+in Aaken a. d. Elbe auszufüllen. Wenn ich trotz der bedauerlichen
+Kürze der Beobachtungszeit hier einiges Neue und Wissenswerte über
+den Biber und seinen gegenwärtigen Bestand mitzuteilen vermag, so
+verdanke ich dies in erster Reihe der großen Liebenswürdigkeit
+einiger ortsansässiger Biberfreunde, die mir nicht nur in geradezu
+mustergültiger Weise als sachkundige Führer dienten, sondern mir
+auch aus dem reichen Schatze ihrer langjährigen Erfahrungen viele
+hochinteressante Eigenbeobachtungen zur Verfügung stellten. Besonders
+gebührt dieser Dank, dem ich hierdurch auch öffentlich Ausdruck geben
+möchte, Herrn Karl <em class="gesperrt">Krietzsch</em> in Dessau, Herrn Oberpostsekretär
+<em class="gesperrt">Winkelmann</em> in Aaken und Herrn Amtmann <em class="gesperrt">Behr</em> in Steckby.
+So schrieb mir z. B. Herr Krietzsch kurz vorher nach Magdeburg: »Punkt
+4 Uhr früh schwimmt der Biber bei Aaken über die Elbe, bezieht seinen
+Bau im Hornhafen und wird dabei photographiert.« Und genau nach diesem
+Programm verlief die Sache, nur daß sich die Beleuchtung in der frühen
+Morgenstunde noch als zu schwach für gute photographische Aufnahmen
+erwies. Es ist eine Lust, unter so ausgezeichneter Führung Naturstudien
+und Beobachtungen zu machen; der Ortsunkundige wird wohl manchen
+vergeblichen Gang tun müssen, bis es ihm glückt, eines Bibers ansichtig
+zu werden, obwohl die vielen Schleif- und Hauspuren des Tieres einem
+aufmerksamen Auge kaum entgehen können. Für mich war es ein geradezu
+weihevoller Augenblick, und das Herz schlug mir rascher, als nach einer
+Viertelstunde bangen Wartens der große Rattenkopf des schwimmenden
+Bibers in den Elbefluten auftauchte<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> und wir nun rasch einen Kahn
+bestiegen und auf bequemste Beobachtungsentfernung dem seltenen Wilde
+bis zu seinem Baue folgten.</p>
+
+<p>Früher war der europäische Biber, <span class="antiqua">Castor fiber L.</span> (der
+nordamerikanische ist von neueren Forschern unter dem Namen canadensis
+als besondere Form abgetrennt worden) weit verbreitet und insbesondere
+in Deutschland durchaus keine Seltenheit, worauf schon Ortsnamen
+wie Biberach und Bebra hinweisen. Die Stadt Biebrich am Rhein führt
+einen Biber im Wappen, der aber fälschlich einen Fisch im Maule hält,
+während in Wirklichkeit der Biber niemals an Fischen oder anderem
+Getier sich vergreift, sondern ausschließlich Pflanzenfresser ist. Doch
+wird schon im Mittelalter über rasche Abnahme der Biber an Rhein und
+Donau geklagt, weil das Tier sich nicht mit dem regen Schiffsverkehr
+auf diesen Strömen vertrage. Das ganze Mittelalter hindurch spielte
+der Biber als geschätzter Fastenbraten eine große Rolle, und als
+besonderer Leckerbissen galt der Biberschwanz, für den man gern den in
+damaliger Zeit erstaunlichen Preis von 6 Gulden zahlte, und nach dessen
+absonderlicher Gestalt ja heute noch eine bestimmte Dachziegelart
+ihren Namen führt. Von Quacksalbern aller Art sehr begehrt war das
+sog. Bibergeil (man zahlte beim Seltenerwerden des Tieres zeitweise
+bis zu 180 Gulden für die Geilsäcke eines alten Männchens!), das
+gegen alle erdenklichen Übel helfen sollte, hauptsächlich aber als
+Beruhigungsmittel bei Krampfzuständen galt. Großer Wertschätzung
+erfreute sich auch der feine und leichte Biberpelz, nach welchem
+ja Gerhart Hauptmann seine prächtige Diebskomödie mit den vielen
+politischen Spitzen benannt hat. Der mollige Biberpelz, dem die
+langen Grannenhaare abgeschoren wurden, schützt vortrefflich gegen
+rauhe Winde und scharfen Frost, während die minderwertigen Felle zu
+teuren Filzhüten verarbeitet wurden. Da also der erlegte Biber einen
+erheblichen Geldwert darstellte, kann es nicht wundernehmen, daß die
+Zahl der Tiere infolge unablässiger und schonungsloser Verfolgung rasch
+und dauernd zurückging. Zuerst wurde der Biber, wie so viele Tiere, in
+dem schießwütigen England ausgerottet.</p>
+
+<p>Gegenwärtig ist der europäische Biber nur in Sibirien noch in größerer
+Menge zu finden, während er in Europa selbst fast völlig ausgerottet
+und auch an seinen letzten Zufluchtstätten mit dem Untergange bedroht
+ist. Heute kommt er in Europa nur noch an vier Stellen vor, nämlich
+1. im weiten Urstromtale der Elbe zwischen Wittenberg und Magdeburg,
+2. im südfranzösischen Rhonedelta, 3. im südlichen Norwegen gegenüber
+dem Skagerrak, 4. im russischen<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Sumpfgebiet Polesje, das vom Prijpet
+durchflossen wird. Allerdings sind schon Stimmen laut geworden, daß
+der Biber durch die Kriegs- und Revolutionszustände dort ausgerottet
+worden sei; wer aber die Unzugänglichkeit dieser Gegend sowie die große
+Menschenscheu der dortigen Biber kennt, wird gleich mir nicht recht
+daran glauben. Ferner findet sich in »Brehms Tierleben« und anderen
+Werken die Angabe, daß der Biber auch auf der Balkanhalbinsel noch
+vorkomme und in Bosnien »besonders häufig« sei. Da ich aber dort nie
+die geringste Spur des großen Nagers gefunden habe, wandte ich mich um
+nähere Auskunft an meinen alten Freund, den bekannten Balkanforscher
+Othmar Reiser, der so freundlich war, mir folgendes zu antworten: »Ich
+habe schon vor Jahren festgestellt, daß es sich bei diesen Angaben
+um Verwechslungen mit dem Fischotter oder sogar mit dahintreibenden
+Baumstämmen handelte. Lange kann es freilich noch nicht her sein, daß
+der Biber von dort verschwunden ist, denn Knochenreste sind vielfach
+gefunden worden, und ich selbst war einmal zufällig Zeuge, wie bei
+einer prähistorischen Grabung am Trebewitsch bei Sarajevo ein gut
+erhaltenes Kieferstück des Bibers zutage gefördert wurde. Außerdem
+hat sich der slawische Name des Tieres ›Dabar‹ im Dabar-Polje in der
+Herzegowina, an das Du Dich wohl noch erinnern wirst, und im Namen des
+Dorfes Dabar im Bezirke Sanskimost erhalten. Als einzigen greifbaren
+Beweis aus diesen Gegenden kenne ich aber nur die traurigen Überreste
+eines ausgestopften Bibers in der unbedeutenden zoologischen Sammlung
+in Belgrad, der in den 60er Jahren in der Drina gefangen worden sein
+soll.«</p>
+
+<p>Fast alles, was wir über die Naturgeschichte des europäischen Bibers
+wissen, ist an den Elbebibern beobachtet worden, über die erst
+neuerdings (1922) wieder Mertens eine sorgfältige und ausführliche
+Arbeit veröffentlicht hat. Das Wohngebiet des Bibers an der Elbe und
+ihren Nebenflüssen ist landschaftlich von hohem Reiz und auch sonst
+für den Tier- und namentlich für den Vogelforscher von hervorragender
+Anziehungskraft. Dichte Auwaldungen mit üppigem Unterwuchs und
+eingebetteten Wiesen und kleinen, schilf- und rohrbewachsenen Seen
+geben der überaus wechselvollen Landschaft das Gepräge. Selten sah
+ich irgendwo in Deutschland so viel Tagschmetterlinge wie hier,
+und in hoher Luft entzückte mich das herrliche Flugbild des edlen
+Wanderfalken. Der Biber liebt besonders die Altwässer der Elbe mit
+ihren vielen Lachen und Tümpeln, Seerosen, Igelkolben, Schwertlilien
+und Schachtelhalmen (auch die<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Wassernuß kommt hier noch vor),
+mit ihrem stattlichen Wuchs von Weichhölzern und den zahlreichen
+Weidenhegern am Rande und mit ihren undurchdringlichen, von Brennesseln
+und wildem Hopfen durchwucherten Dorndickichten. Daß sich der Biber
+gerade hier in der Nähe großer Industrien und an der durch eine
+starke Schiffahrt beständig beunruhigten Elbe erhalten konnte,
+dürfte auf verschiedene Umstände zurückzuführen sein. Vor allem sind
+diese sumpfigen Geländestreifen verhältnismäßig spät vom Menschen
+besiedelt worden, denn man scheute die Mühe ihrer Urbarmachung und
+den Kampf mit dem Hochwasser, der die Errichtung kostspieliger Dämme
+und Deiche erforderte. Erst in neuerer Zeit ist diese Besiedlung
+in stärkerem Maße erfolgt, und damit begann auch das allmähliche
+Erlöschen des Biberbestandes, der bis dahin ein ziemlich ungestörtes
+Dasein hatte führen können. Ein weiterer glücklicher Zufall war es,
+daß dieses Gebiet in fast ununterbrochenem Zusammenhange Domänen- oder
+Regierungsbesitz darstellte, und daß die Fürsten und Herzöge von Anhalt
+von jeher weidgerechte Jäger und große Naturfreunde waren, ebenso ihre
+Forstbeamten. Die Biberjagd an sich hatte ja überhaupt für die Fürsten
+und großen Herren wenig Reiz, denn sie brachte keine stolzen Trophäen,
+keine Gehörne und Geweihe; sie reizte auch nicht durch die Gefahr, die
+in der Bekämpfung des Bären oder des grimmen Bassen lag, gab auch keine
+Gelegenheit zur Entfaltung höfischen Prunkes wie etwa die Reiherbeize.
+War also auch Aasjägerei ausgeschlossen, so konnte doch die
+Wilddieberei auf den wertvollen Biber niemals ganz unterdrückt werden,
+und in der Zeit des Umsturzes ist sie natürlich wieder besonders üppig
+ins Kraut geschossen. Auch die hohen Steilufer waren dem Biber günstig,
+denn sie ermöglichten es ihm, seine Baue so anzulegen, daß er jederzeit
+unter Wasser ausfahren konnte, während der üppige Pflanzenwuchs stets
+genügende Äsung bot. Alle diese Umstände haben zusammengewirkt, um den
+Bestand der Elbebiber bis auf die heutige Zeit zu erhalten. Wie lange
+noch?</p>
+
+<p>Die heutige Anzahl der Biber einigermaßen zuverlässig festzustellen,
+ist sehr schwer und erfordert unermüdliche Ausdauer neben großer
+Begeisterung für die Sache. Herr Amtmann Behr brauchte dazu im Jahre
+1913 vom September bis Dezember volle 43 Tage. Er führt insgesamt 188
+Biber auf. Davon kamen auf preußisches Gebiet 82 Baue mit 114 und
+auf anhaltinisches 59 Baue mit 74 Bibern. Das bedeutete schon eine
+wesentliche Abnahme, denn um die Jahrhundertwende herum hatte der
+verstorbene Forstmeister Freiherr<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> von Nordenflycht in Lödderitz,
+der sich auch als Jagdschriftsteller einen Namen gemacht hat, den
+Gesamtbestand der Elbebiber auf 250 Stück angegeben. Leider ist auch
+seit der Behrschen Zählung eine unverkennbare weitere Verringerung
+des Biberbestandes eingetreten, und Professor Mertens urteilt
+sicherlich viel zu optimistisch, wenn er die heutige Kopfzahl auf rund
+200 schätzt. Im September 1924 gab mir Herr Krietzsch eine genaue
+Aufstellung der nach seinen Beobachtungen noch vorhandenen Biber.
+Darnach wohnten an der Elbe von Wittenberg bis zum Wellmitzhafen bei
+Dessau vor dem Kriege 92 Biber, heute dagegen nur noch 14 Alte und
+4 Junge; an der Mulde von Dessau bis Raguhn früher 81 Biber, heute
+noch 6 Alte; an der Elbe von Wallmitzhafen bis Magdeburg früher 48
+Stück, heute noch 13. Die Gesamtzahl betrug also 1913 immerhin 222
+Biber, heute nur noch 37, darunter 6 Junge. Das wäre allerdings ein
+ganz erschreckendes Zusammenschmelzen innerhalb 12 Jahren, das für
+die Zukunft des Biberbestandes das Schlimmste befürchten ließe. Es
+mag sein, daß diese Schätzung etwas zu niedrig gegriffen ist, zumal
+neuerdings von zuverlässiger Seite eine Zunahme der Biber in der
+Kreuzhorst bei Magdeburg gemeldet wird, aber immerhin dürfte sie
+gegenwärtig der Wahrheit näher kommen als die Mertenssche Angabe. Von
+diesen 37 einwandfrei festgestellten Bibern leben 15 auf preußischem
+und 22 auf anhaltinischem Gebiet. Amtmann Behr nimmt den heutigen
+Bestand doch als wesentlich höher an. Wie weit das Hochwasser 1926
+geschadet hat, entzieht sich noch meiner Kenntnis.</p>
+
+<p>Im allgemeinen läßt sich in neuerer Zeit eine Verschiebung des
+Verbreitungsbezirkes nach Norden feststellen; namentlich in der
+teilweise abgesperrten Kreuzhorst bei Magdeburg scheint infolge
+Neueinwanderung eine Zunahme des Bestandes stattzufinden.</p>
+
+<p>Außerdem lebte von 1917 bis 1924 noch ein Biber als Einsiedler
+im Mühlteich bei Mosigkau. Wie der dorthin gekommen sein mag? Er
+errichtete nicht nur einen Bau, sondern auch eine Burg und ging zur
+Ranzzeit oft aus dem Wasser heraus aufs Feld. Seit April 1924 ist das
+Tier spurlos verschwunden, aber anscheinend nicht gewilddiebt worden,
+sondern liegt wahrscheinlich infolge Äsung von Eichenrinde verendet in
+seinem Bau. Wo die Biber nämlich an ihren Bauen gestört werden und der
+eine Teil zugrunde geht, bekommt der andere in der Ranzzeit Sehnsucht
+nach seinesgleichen, sucht nach einem neuen Gatten, findet ihn nicht
+und treibt sich deshalb ruhelos in der Gegend umher, wobei er in die
+Nebenlöcher der Elbe und<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Mulde gerät, vereinzelt sogar schon weit in
+die Havel hinaufgeschwommen ist. Weiden gibt es an solchen Plätzen
+gewöhnlich nicht; die Tiere äsen deshalb aus Not Eichenrinde, deren
+Gerbsäuregehalt schwere Verdauungsstörungen bei ihnen hervorzurufen
+scheint. Ein alterfahrener Waldläufer versicherte meinem Gewährsmann,
+daß viele Biber auf diese Weise umkämen und daß man sein blaues Wunder
+erleben würde, wenn man einmal alle Baue öffnen wollte. Eine gewisse
+Bestätigung erfährt diese auch von Krietzsch geteilte Ansicht durch
+die Sektion eines Bibers, der in den ersten Tagen des Februar 1925
+in stark abgemagertem, aber sonst unverletztem und gut erhaltenem
+Zustande verendet in der Elbe bei Trochheim gefunden und dem Zerbster
+Museum eingeliefert wurde. Die ganzen Därme waren voll großer Klunkern
+und die Leber tuberkulös. Auch ein im November 1924 in einem Graben
+bei Groß-Rosenburg tot aufgefundener Biber wies keine Schußverletzung
+oder sonstige Spuren von Gewaltsamkeit auf. Das schon recht alte Tier
+war bereits einige Wochen vorher in offenbar krankem Zustande an der
+Modderschleuse beobachtet worden.</p>
+
+<p>Durch allerlei dumme Zufälle gehen alljährlich mehrere Biber zugrunde.
+So ergab die Untersuchung eines wahren Prachtstückes, das am 3. März
+1925 im Luch am Elbeufer verendet angetrieben wurde, daß das Tier
+nicht von Menschenhand getötet, sondern wahrscheinlich von einem
+Dampfer gerammt worden war. Einige Wochen vorher wurde bei Vogerode ein
+toter Biber angeschwemmt, der mit dem linken Vorderfuß in einer neuen
+Bügelfalle hing. Durch das Auslegen von Ottereisen, das im Biberbezirk
+ganz verboten werden müßte, werden die Biber überhaupt sehr gefährdet,
+wenn auch meist unabsichtlich. Dazu kommt die immer noch nicht völlig
+unterdrückte Wilddieberei. So ging im Frühjahr 1924 durch die Zeitungen
+die Nachricht, der »letzte« Biberbau an der Saale sei von Wilddieben
+zerstört und seine Bewohner erschlagen worden. Laut brieflicher
+Mitteilung des Herrn Winkelmann verhielt sich die Sache aber doch
+etwas anders. Ein berüchtigter Wilddieb hatte während des Frostes den
+kleineren Biberbau am Goldberger See im Lödderitzforst mit dem Spaten
+angegraben und dann in die Öffnung hineingeschossen, wobei er von einem
+Bauern aus der Umgegend beobachtet wurde. Der eine Biber war daraufhin
+unter das Eis geflüchtet, ist hier elend umgekommen, wurde im Frühjahr
+beim Fischen gefunden und der Oberförsterei übergeben, die das Skelett
+aufgestellt hat. Harte Winter sind überhaupt für den Biber insofern
+schlimm, als<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> dann die Strolche auf dem Eise an jeden Bau herankommen,
+die Biber selbst aber wegen des Eises schwer flüchten können. So kommen
+viele um und werden erschossen oder erschlagen. Wie mir Herr Maler
+Zehle mitteilt, wurde noch im letzten Winter versucht, die Biberburg
+im Krügersee niederzubrennen und so die Tiere herauszutreiben. Zum
+Glück brannte aber das Schilf nur auf der einen Seite an, ohne den Bau
+wesentlich zu beschädigen.</p>
+
+<p>Ferner gehen leider auch ohne besonderes Zutun des Menschen viele
+Biber dadurch verloren, daß sie in die Reusen und Netze der Fischer
+geraten und ertrinken, wenn sie sich nicht durch Zerreißen der Netze
+befreien können. Da das zuweilen geschieht, freuen sich die dadurch
+geschädigten Fischer über jeden umgekommenen Biber, dreifach aber,
+wenn sie sich durch heimliche Aneignung des Tieres mit dem wertvollen
+Pelze, dem teuren Bibergeil und dem schmackhaften Fleisch bereichern
+können. Besonders gefährlich sind auch die Nachstellungen, die durch
+die Mordlust der Schiffer drohen, die mit ihren Kähnen zeitweise
+innerhalb der Biberreviere ankern. Während der Schutzbeamte auf dem
+Lande sich bewegen muß, kann der Schiffer vom Wasser aus im kleinen
+Kahne den Biberbauen ungesehen sich nähern, und so wird manches Stück
+heimlich umgebracht oder angeschossen und später verludert im Bau
+gefunden. Manchmal werden die Tiere auch bei der Fischerei mit dem
+Netz ans Land gezogen, denn sie sind zu dumm oder zu träge, um über
+das Netz hinwegzuspringen. Ein auf diese Weise gefangener Biber benahm
+sich so zutraulich und täppisch, daß er mit der Rute wieder ins Wasser
+zurückgejagt werden mußte. Der schlimmste Feind des aussterbenden
+Tieres ist aber doch plötzlich einsetzendes Hochwasser, namentlich
+wenn es noch Eisschollen mit sich führt. Die Biber flüchten dann aus
+ihren Bauen auf die Deichkronen oder andere erhöhte und trockene
+Plätze und sind hier natürlich allen Zufälligkeiten und Nachstellungen
+preisgegeben. Bei solchen Gelegenheiten weit sich verirrende Biber
+werden oft aus bloßer Unkenntnis umgebracht, weil man sie irrtümlich
+für Fischottern hält. Aber auch für den friedlichen Beobachter ergibt
+das schöne Gelegenheiten.</p>
+
+<p>So schreibt mir Herr Winkelmann: »Vor zwei Jahren saßen zwei Biber
+beim Frühlingshochwasser, als der Damm nur 1-½ Meter aus der Flut
+hervorragte, unterhalb des Wachthauses auf dem Damme und versuchten
+wiederholt, sich in die Deichkrone einzugraben. Dies mußte jedesmal
+von der Deichwachmannschaft, die dort während des Hochwassers Tag und
+Nacht in Bereitschaft lag, verhindert<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> werden. Schließlich nahmen die
+Tiere davon Abstand, hielten sich aber noch tagelang auf der Deichkrone
+auf. Beim Herannahen von Menschen plumpsten sie jedesmal ins Wasser,
+schwammen zwischen den Bäumen herum und kehrten nach Vorübergang der
+Störenfriede auf ihre alten Plätze zurück. Als später das Wasser fiel,
+suchten sie ihre Baue wieder auf.« Es sei aber ausdrücklich betont, daß
+auch in solchen Fällen ernsthafte Dammbeschädigungen durch den Biber
+höchstens bei ganz mangelhafter Aufsicht verursacht werden könnten. Die
+Tiere kommen auf die Dämme ja überhaupt nur, wenn diese unmittelbar
+ans Wasser stoßen und kein anderes erhöhtes Ufer zur Verfügung steht.
+Deshalb erscheint schon aus rein praktischen Gründen der Vorschlag von
+Mertens sehr beachtenswert, für solche Fälle besondere Biberschutzhügel
+anzulegen. Auf der Straße von Aaken nach Steutz liegt ein Wirtshaus,
+das jenseits der Straße noch eine Veranda für die Gäste hat. Bei
+Hochwasser fährt das Motorboot des Fährmanns bis an die Treppenstufen
+des Gasthauses. Als Herr Winkelmann einmal das Fährboot benutzte,
+saßen die beiden am Hornhafen heimischen Biber auf einem Bündel selbst
+zusammengeschleppten Reisigs unmittelbar hinter der Veranda. Beim
+Heranfahren des Bootes plumpste der eine ins Wasser, der andere aber
+blieb ruhig sitzen und äugte die Menschen nur neugierig an. Daraufhin
+kam auch der andere Biber sofort wieder auf die Sasse zurück, und
+beide ließen sich nun in aller Ruhe und Bequemlichkeit beliebig lange
+beobachten.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp96" id="illu-015" style="max-width: 48.75em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-015.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 1. Elbebiber, an einer Sandbank ruhend</b><br>
+(Naturaufnahme von Amtmann Behr)</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Der am Ufer ruhende Biber macht einen gedrungenen Eindruck und erinnert
+stark an eine riesenhafte Ratte, nur daß die Hinterfront abgestutzt
+erscheint, weil die Kelle im Ruhezustande unter den Leib geschlagen
+wird, also überhaupt nicht sichtbar ist (Abb. 1). Von weitem sieht ein
+solcher ruhender Biber wie ein am Ufer liegender<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> Stein aus und wird
+deshalb trotz seiner Größe in seiner Unbeweglichkeit vom Unkundigen
+leicht übersehen. Selbst bei der Anlage ihrer Baue kümmern sich die
+Biber bisweilen herzlich wenig um die unmittelbare Nachbarschaft des
+Menschen. So ist im Aakener Hornhafen von jeher ein Biberbau gewesen,
+und die Tiere haben sich durch das beständige Hämmern und Klopfen der
+Schiffsbauer eigentlich nie stören lassen. Brieflicher Mitteilung des
+Herrn Behr zufolge lag früher am hochbewaldeten Ufer der Elbe bei
+Steckby hinter einem Buhnenwinkel ein weitverzweigter Biberbau, der
+zuweilen auch von Dächsen und Füchsen befahren wurde. Hochwässer hatten
+hier einen tiefen Kolk gerissen, der durch eine schmale Rinne mit der
+Elbe in Verbindung stand, aber bei niedrigem Wasserstande trocken lag,
+so daß der Biber, um zu seinem Bau zu gelangen, über Land wechseln
+mußte. Die Zugangsröhren lagen bis auf einige vom Dachs angelegte unter
+Wasser, wie dies bei Biberbauen stets der Fall zu sein pflegt. Da die
+Strömung weitere Landmassen wegriß, wurde von der Strombauverwaltung
+ein Deckwerk aus Faschinen und Steinpflaster angelegt, wobei die tief
+liegenden Eingänge verschüttet wurden. Diese geräuschvollen Arbeiten
+konnten aber das hier hausende Biberpaar nicht zum Verlassen seines
+Heims bewegen, sondern die Tiere benutzten nun eine hochliegende
+Dachsröhre als Einschlupf, wobei sie eine Strecke von 12 Metern den
+Hang hinauf zurückzulegen hatten und sich dabei oft prächtig beobachten
+ließen.</p>
+
+<p>Werden die Biber an solchen Plätzen vom Menschen überrascht, so zeigen
+sie sich recht blöde und unbeholfen, aber nicht eben furchtsam. Das
+Tollste in dieser Beziehung hat Herr Amtmann Behr erlebt. Er teilte mir
+darüber brieflich folgendes mit: »Im Sommer 1922 war der Wasserstand
+der Elbe überaus niedrig, so daß die Sandbänke, die die Tiere passieren
+mußten, bis weit ins Flußbett hineinliefen. Des Abends erfolgte der
+Auswechsel, wenn das Büchsenlicht längst geschwunden war, während
+sich des Morgens die Heimkehr oft stark verspätete, namentlich wenn
+Fischer oder Schiffer hier tätig waren. So lag ich einmal im Juli
+vor Tagesgrauen in meinem Versteck und harrte der Heimkehr meiner
+Freunde. Auf der Sandbank hatte Herr Hermann Hähnle aus Stuttgart einen
+Kino-Apparat aufgestellt, um die Tiere zu filmen, was auch tadellos
+gelang. Da die ständig vorüberfahrenden Kähne ein zeitiges Einwechseln
+verhinderten, erfolgte dieses erst um 8 Uhr morgens, als die Sandbank
+schon stark von der Sonne beschienen wurde. Langsam,<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Schritt für
+Schritt, stieg der erste Biber schwerfällig über die dünenartige
+Fläche, wobei er die Kelle nachschleifen ließ (Abb. 2). Am Kolk
+angelangt, schob er sich ebenso schwerfällig ins Wasser und schwamm,
+nur den Kopf zeigend, zur anderen Seite hinüber, um hier ebenso
+täppisch auszusteigen. Als er so ziemlich an das Rohr angelangt war,
+sprang ich ihm entgegen und stellte mich auf den Wechsel, um ihn wieder
+in den Tümpel zurückzutreiben. Doch diesen Scherz faßte er falsch auf,
+ging zum Angriff über und biß mit seinen langen Nagezähnen durch den
+Schaft meines Wasserstiefels, auch noch durch Beinkleid, Unterbeinkleid
+und Strümpfe, und erst als ich ihm einen leichten Schlag auf den Kopf
+versetzte, ließ er los, kehrte um und machte denselben Weg zurück.«</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp50" id="illu-017" style="max-width: 42.1875em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-017.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 2. Elbebiber, über eine Grasfläche wechselnd</b><br>
+(Naturaufnahme von Amtmann Behr)</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Noch ein anderes hübsches Biberstückchen vom Januar 1913 aus Dessau!
+Damals kam ein Biber in die sog. Wasservorstadt, nachdem er sich
+schon im Herbst öfters dort hatte blicken lassen. Er entwickelte
+eine ganz verblüffende Dreistigkeit und unternahm öfters am hellen
+Tage Spaziergänge über den Wasserwall hinweg in die eingefriedigten
+Gärten, um dort mit großem Behagen die Kohlköpfe zu verspeisen.
+Auch zugeworfene Apfelstückchen nahm er gerne an und ließ sich bei
+seinen Schmausereien durch Zuschauer nicht im geringsten stören,
+obgleich einmal ein ganzes Mädchenpensionat um ihn versammelt war. Den
+Schaden an den Kohlstrünken hätte man ihm gern verziehen, aber leider
+benagte er auch die Obstbäume, und es wurde deshalb beschlossen, ihn
+einzufangen und an die Forstverwaltung<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> abzuliefern. Bald war zur
+Ausführung dieser schwarzen Tat ein Mann mit einem großen Sack zur
+Stelle. Der Biber aber setzte sich ruhig hin und harrte der Dinge, die
+da kommen sollten. Es sah aus, als wäre es eine Kleinigkeit, ihm den
+Sack überzustülpen, aber sobald ihm der Mann den Sack vorhielt, sprang
+der Biber mit Fauchen und Knurren nicht etwa in den Sack, sondern auf
+den Mann. Sack und Mann verschwanden jedesmal nach der glänzenden
+Attacke des Bibers, und schallendes Gelächter der Zuschauer belohnte
+den Sieger. Dieses Schauspiel wiederholte sich einigemal, aber der
+Biber ließ sich das wenig verdrießen, denn nachdem er seinen Gegner
+schneidig abgewiesen hatte, ging er in aller Seelenruhe wieder an
+seinen Kohl und labte sich. Schließlich sah man ein, daß dem Biber bei
+seiner Tapferkeit und überlegenen Ruhe nicht beizukommen sei und ließ
+ihn ungestört seines Weges ins nahe Wasser ziehen.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp96" id="illu-018" style="max-width: 48.75em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-018.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 3. Biberwechsel über eine Sandbank</b><br>
+(Naturaufnahme von Amtmann Behr)</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Sportsegler, die im Sommer die Wasserreise von Dresden nach Potsdam
+zu machen pflegen, haben mir oft versichert, daß sie auch bei Tag
+auf Reisighaufen oder Weidenköpfen ruhende Biber antrafen, die sich
+um die lautlos vorbeisegelnden Boote kaum kümmerten, sondern ruhig
+weiter dösten, um erst im Wasser zu verschwinden, wenn man Lärm machte
+oder ihnen gar zu nahe auf den Leib rückte. Besonders menschenscheu
+kann man nach alledem den Elbebiber also unmöglich nennen, wenn er
+auch unter gewöhnlichen Umständen immer genügend auf seine Sicherheit
+bedacht bleibt. Erschwert wird<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> seine Beobachtung aber durch seine
+nächtliche Lebensweise und durch die sumpfige Beschaffenheit des
+Geländes, in dem man es an Sommerabenden vor Stechmücken kaum aushalten
+kann. Die unverkennbaren Spuren seiner Anwesenheit müssen schon jedem
+halbwegs aufmerksamen Spaziergänger auffallen, am meisten natürlich
+die Burgen und abgeschnittenen Hölzer mit der sanduhrartig gestalteten
+Schnittfläche und die herumliegenden Späne, auf denen sich der Eindruck
+der großen Nagezähne deutlich erkennen läßt. Aber auch die regelmäßig
+begangenen Wechsel stechen sehr ins Auge, sei es als deutliche Straßen
+im hohen Wiesengrase, sei es als glatte Rutschbahnen am abschüssigen
+Ufer, sei es als scharf ausgeprägte Fährte auf einer Sandbank. An
+solchen Stellen kann man sowohl die Schwimmhäute der Hinterbeine wie
+die Zehen der Vorderfüße deutlich erkennen, wenn auch alles durch den
+nachschleifenden Schwanz etwas verwischt erscheint (Abb. 3). Stellt man
+sich an einem solchen Wechsel etwas gedeckt an und verhält man sich nur
+bewegungslos, so wird man namentlich an schönen, stillen Sommerabenden
+oft die Freude haben, den Biber im nahen Wasser unter der Oberfläche
+entlang schwimmen zu sehen, wobei er nur die Nasenspitze herausstreckt,
+während sich zwei feine Striche im Wasserspiegel abzeichnen. Wo das
+Tier sich ganz sicher fühlt, taucht es auch weiter aus dem Wasser
+hervor, so daß der halbe Kopf und der Rücken hervorragen (Abb. 4).
+Schließlich steigt der Biber an Land, schiebt sich schwerfällig die
+Böschung hinauf, schüttelt sich das Wasser aus dem Pelz und trottet
+langsam<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> am Ufer entlang, bis er nach einiger Zeit mit weithin hörbarem
+Plumps wieder ins Wasser zurückfällt. War er irgendwie erschreckt
+worden, so stößt er mit seinen breitruderigen Hinterfüßen kräftig
+nach oben aus, schlägt gleichzeitig mit dem Schwanze laut klatschend
+auf die Wasseroberfläche, was wohl ein Warnungszeichen für seine
+Kameraden sein soll, und sinkt dann fast senkrecht in die Tiefe. Oft
+aber gleitet er auch völlig lautlos ins feuchte Element, wenn nämlich
+ringsum alles ruhig blieb. Beim Tauchen werden die auch auf der
+Innenseite dicht behaarten Ohrmuscheln zusammengefaltet und so der
+Gehörgang verschlossen, die durchsichtige Nickhaut über die kleinen
+Rundaugen gezogen und die Nasenflügel mit Hilfe besonderer Muskeln fest
+zusammengepreßt. Die Lehrbücher geben übereinstimmend an, daß der Biber
+etwa zwei Minuten unter Wasser bleiben könne, dann aber zum Atemholen
+wieder an die Oberfläche kommen müsse. Indessen ist diese Zeitangabe
+sicherlich viel zu niedrig gegriffen. Ich selbst konnte mit der Uhr in
+der Hand an einem in Gefangenschaft gehaltenen Biber feststellen, daß
+er volle 10 Minuten unter Wasser blieb, und Behr sah in einem kleinen,
+klaren Tümpel bei Steckby einen Biber sogar 14 Minuten lang ruhig auf
+dem Grunde liegen, ehe er von neuem Atem schöpfte. Ein Förster und ein
+Bühnenarbeiter wollen dasselbe 15 bis 20 Minuten lang beobachtet haben.
+Die außergewöhnlich großen Lungen des Tieres vermögen ja auch eine ganz
+bedeutende Luftmenge zu fassen. Das Geruchsvermögen des Bibers ist
+gut entwickelt, während die etwas blöde dreinblickenden Augen stark
+kurzsichtig sind. Die selten zu hörende Stimme ist leise knurrend, bei
+Ärger zornig fauchend. Die noch im Bau liegenden Jungen wimmern nach
+Mertens wie kleine Kinder.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-019" style="max-width: 58.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-019.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 4. Elbebiber ruhig schwimmend</b><br>
+(Naturaufnahme von Amtmann Behr)</figcaption>
+</figure>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-021" style="max-width: 59.25em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-021.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 5. Biberschnitte von Erlen bei Törten, unweit der
+Mulde</b>
+
+<p class="s5 center">(Naturaufnahme von Amtmann Behr)</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Wenn man unsere Abb. 5 betrachtet, wird man sehr geneigt sein, den
+Biber für einen argen Waldverwüster zu halten, denn er hat hier in
+der Tat ganz greulich gewirtschaftet. Unser Erstaunen wird noch
+wachsen, wenn wir hören, daß hier die Arbeit eines einzigen Bibers
+vorliegt, der sich im Frühjahr 1913 als Einzelgänger bei Törten a. d.
+Mulde aufhielt. Er war zugewandert, als an seinem alten Wohnorte die
+Weidenanpflanzungen immer seltener wurden und hatte nun seinen Stand in
+hohes Laubholz verlegt, wo er Espen fällte, darunter Stämme bis zu 40
+<span class="antiqua">cm</span> Durchmesser. Der Schlag erreichte schließlich eine Größe von
+3/4 Morgen. Der Übeltäter war ein ungewöhnlich starkes Tier und wurde
+von Förster Radtke, der ihn öfters beobachtete, auf 80, von anderen
+sogar auf 90 Pfund<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span>
+geschätzt (Brehm gibt das Gewicht des Bibers mit 20 bis 30 <span class="antiqua">kg</span>
+sicher zu niedrig an), ein Zeichen dafür, daß trotz unvermeidlicher
+Inzucht noch keine Entartung des deutschen Biberbestandes eingetreten
+ist. Trotz unserer lehrreichen Bilder ist der forstliche Schaden des
+Bibers nicht so groß, wie vielfach angenommen wird, und wird eigentlich
+nur dann wirklich empfindlich, wenn man den Tieren ihre natürliche
+Hauptnahrung, nämlich Weiden- und Wurzelwerk von Wasserpflanzen,
+schmälert. Es sind ja immer nur einzelne Stücke, die dazu neigen,
+übermäßig zu schneiden und auch stärkere Bäume anzugehen. Man sollte
+also die Schädlichkeit des Bibers nicht noch aufbauschen, wie es leider
+vielfach geschieht, um Freund Bockert »interessanter« zu machen; es
+fehlt ohnehin nicht an Stimmen, die den Abschuß der letzten Elbebiber
+immer und immer wieder verlangen. Seine Arbeiten verrichtet der Biber
+nur des Nachts bei völlig hereingebrochener Dunkelheit und läßt sich
+dabei nicht gerne belauschen. Dies war sogar im Hamburger Tiergarten
+der Fall, wo das Bibergehege einen besonderen Anziehungspunkt bildet.
+Selbst in mondhellen Nächten konnten die Tiere nicht beim Fällen der
+für sie eingepflanzten Pappelstümpfe beobachtet werden. Sie brauchten
+29 Tage<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> zum Fällen eines 36 <span class="antiqua">cm</span> starken Baumes, weil sie
+offenbar nur mit großen Unterbrechungen daran arbeiteten, da sie ja
+anderweitige Nahrung im Überfluß hatten. Die von Brehm gepflegten Biber
+zeigten sich etwas umgänglicher und schnitten schließlich auch in den
+späteren Nachmittagsstunden. Zum Umlegen einer 8 <span class="antiqua">cm</span> dicken Weide
+brauchten sie nur fünf Minuten. In Steckby vom Biber abgeschnittene
+Stämme hatten gewöhnlich eine Dicke von 15 bis 30, manchmal aber auch
+40 und selbst 60 <span class="antiqua">cm</span>, und zwar handelte es sich in diesem Falle
+stets um Schwarz- oder Silberpappeln. Nach einem Berichte Friedrichs
+wurde am Kühnauer See bei Dessau eine Pappel von 192 <span class="antiqua">cm</span> Umfang
+in mehrjähriger, von großen Pausen unterbrochener Arbeit umgelegt. Für
+mich unterliegt es gar keinem Zweifel, daß solche starke Bäume nicht
+zu Nahrungszwecken, sondern lediglich zum Schärfen der Schneidezähne
+angenommen werden, oft wohl auch nur aus Langeweile und Spielerei.
+So sah ich im Gasthause in Aaken die Photographie einer riesenhaften
+Pappel, die aus vier Stämmen zusammengewachsen war. An diesem
+gewaltigen Baum hatten fünf Biber jahrelang genagt, natürlich nur ab
+und zu. Dieses Biberfraßstück sollte auf eine Ausstellung nach Leipzig
+geschickt werden, aber sein Umfang erwies sich als so groß, daß der
+Transport unterbleiben mußte. Ein halbes Jahr später riß ein Sturm den
+mächtigen Baum um, und zwar an der angefressenen Stelle. Schneereiche
+Winter bereiten dem Schneiden mancherlei Schwierigkeiten. So sah ich
+einen Stamm, der vom Biber zunächst in der gewöhnlichen Weise unten
+angeschnitten war. Tiefer Schnee hatte ihn dann genötigt, die Arbeit
+an einer höheren Stelle von neuem zu beginnen. Hier wiederum durch
+stärkeren Schneefall vertrieben, hat er endlich in großer Höhe nochmals
+angefangen und nun den Baum wirklich gefällt, der also unterhalb der
+Bruchstelle noch zwei weitere tiefe Einschnitte zeigt. Pappeln und
+Weiden sind die Lieblingsbäume des Bibers, er geht aber auch alle
+anderen Weichhölzer des Auenwaldes an, mit Vorliebe Ahorn, Wildbirne,
+Holzapfel und Haselstrauch, seltener die bitteren Schwarzerlen und
+Eichen, nur ausnahmsweise die Birke und die Kiefer, die er aber
+nicht entrindet, weil ihm wahrscheinlich ihr Harzgehalt zuwider ist.
+Sehr gern werden neu auftauchende Baumarten heimgesucht, wie dies ja
+auch von den Spechten bekannt ist. So erzählt Mertens, daß auf dem
+Klostergut Prester eine ganze Reihe frisch gesetzter Apfelstämmchen in
+wenigen Nächten abgeschnitten und ins Wasser geschleppt wurde.</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-023" style="max-width: 61.375em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-023.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 6. Biber zum Schneiden in einen Weidenbaum kriechend</b>
+<p class="s5 center">(Blitzlichtaufnahme von Amtmann Behr)</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Seinem Schneideplatze nähert sich der Biber erst nach völlig
+hereingebrochener Dunkelheit und mit erhöhter Vorsicht, wie sich dies
+sehr hübsch auf unserer nach einer Blitzlichtaufnahme hergestellten
+Abb. 6 sehen läßt, wo das Tier gerade in den zum Schneiden bestimmten
+Weidenstrauch kriecht. Beim Schneiden nimmt es eine eichhörnchenartig
+hockende Stellung an, und in den Erholungspausen setzt es sich fast
+aufrecht, wobei es sich fest auf die Kelle stützt. Durch das schnelle
+Schneiden entsteht ein schnarrendes Geräusch, und dünne Stangen fallen
+schon nach Verlauf weniger Minuten. Während dünne Weidenzweige glatt
+durchgenagt werden, erhält die Schnittfläche bei stärkeren Stämmen
+schließlich das sanduhrartige Aussehen, das wir auf den Abb. 5 und 7
+gut bemerken können. Auf Abb. 7 sehen wir zugleich, daß Meister Bockert
+manchmal auch vergeblich arbeitet, indem der Baum zwar fällt, aber
+mit seinem Wipfel in den Nachbarbäumen hängen bleibt. Kommt der Stamm
+dabei recht schräg zu liegen, so besteigt der Biber ihn wenigstens,
+um die Rinde zu äsen. Am Schneideplatz liegen massenhaft Späne bis zu
+10 <span class="antiqua">cm</span> Länge herum, denen die Spur der Nagezähne so deutlich
+aufgeprägt ist, daß man nach ihrer größeren oder geringeren Breite
+leicht das ungefähre Alter des Bibers bestimmen kann. Nähert sich die
+Arbeit ihrem Ende, so rückt der Biber von Zeit zu Zeit von dem Stamm ab
+und blickt spähend zum Wipfel empor, als ob er sich vergewissern wolle,
+nach welcher Richtung hin der Baum wohl fallen wird. Er muß in dieser
+Beziehung ein sehr gutes Urteilsvermögen besitzen,<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> denn nur äußerst
+selten kommt es vor, daß ein Biber von dem fallenden Baum erschlagen
+wird. Mir ist diesbezüglich nur ein gut beglaubigter Fall zu Ohren
+gekommen. Mertens geht also immerhin zu weit, wenn er angibt, daß es
+überhaupt niemals vorkäme. Ich vermute, daß auch die eigentümliche
+sanduhrartige Form des Schnitte die Fallrichtung in bestimmter Weise
+beeinflußt, aber über diesen Punkt wären noch weitere und gründlichere
+Untersuchungen notwendig. Die beim Schneiden gewonnene Rinde wird
+gleich an Ort und Stelle behaglich zerschrotet. Die gefällten Bäume
+werden dann nach und nach in »handliche« Stücke zerschnitten, aber
+nicht entrindet, und allmählich ins Wasser geschleppt, besonders
+die Weiden. Muß das Tier dabei über Sandbänke hinweg, so entstehen
+auf diesen förmliche Schleifbahnen (Abb. 8). Das Hinabschaffen der
+Zweige an den mit Gestrüpp bewachsenen Steilufern wäre nicht leicht,
+wenn jedesmal eine andere Stelle benützt werden sollte, und deshalb
+schafft sich Meister Bockert durch beständige Benutzung der gleichen
+Stelle eine Schlittenbahn, auf der er mit seinen Vorräten leicht und
+vergnüglich hinabrutscht. Die eingesammelten Hölzer bilden schließlich
+ein Floß vor dem Eingang zum Biberbau, und im Wasser erhält sich die
+Rinde namentlich der Weidenzweige frisch und schmackhaft und kann dann
+an ungemütlichen Wintertagen als Nahrungsvorrat dienen. Der Biber
+futtert ja am liebsten naß. Aus dem Gesagten erhellt schon, daß die
+Anlage von Weidenpflanzungen die erste Vorbedingung für das Gedeihen
+dieser Tiere ist. Exinger beobachtete an seinen gefangenen Bibern, die
+er auf einem ziemlich großen Teiche hielt, daß sie ein feines Vorgefühl
+für die kommende Witterung haben und sich nach ihr zu richten wissen.
+Eines Abends<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> machten sie sich bei schönem Wetter plötzlich mit großer
+Hast an die Arbeit, Stämme in ihren Teich zu schleppen. Binnen einer
+einzigen Nacht hatten sie 186 Stämme von 2 bis 3 <span class="antiqua">m</span> Länge und
+8 bis 11 <span class="antiqua">cm</span> Dicke ins Wasser geschafft, und wirklich trat ein
+Witterungsumschlag ein, und 24 Stunden später war der ganze Teich fest
+zugefroren und mit einer 7 <span class="antiqua">cm</span> dicken Eiskruste bedeckt.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-024" style="max-width: 61.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-024.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 7. Vom Biber angeschnittene und oben hängen
+gebliebene Rüster</b></figcaption>
+</figure>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="illu-025" style="max-width: 59.25em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-025.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 8. Holzschleife des Bibers nach dem Wasser (Elbe)
+bei Steckby</b></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Neben Weidenzweigen bilden die Wurzeln von allerlei Sumpf- und
+Wasserpflanzen die Hauptnahrung des Bibers, wodurch sich auch seine
+Vorliebe für die alten und toten Elbearme und die kleinen Seen im
+Urstrombette erklärt. Bevorzugt werden die süßen Wurzelknollen vom
+Rohr, Schilf und namentlich der beiden Wasserrosen. Der Biber beißt
+sie unter Wasser ab, so daß sie zur Oberfläche emporsteigen, oft viele
+an einer Stelle. Wo Zuckerrübenfelder in der Nähe des Wassers sich
+befinden, werden sie auch nächtlicherweile vom Biber gern heimgesucht.
+Während der schönen Jahreszeit werden als Zukost auch die zartesten
+Blätter und Blüten der Wasserpflanzen verspeist, junges Gras auch
+nicht verschmäht und sogar Seerosenfrüchte aufgenommen, deren harte
+Samenschalen unverdaut wieder abgehen. Mertens hatte einmal einen
+merkwürdigen Anblick, indem auf der von leichtem Nebel verschleierten
+Wasserfläche eine weiße Welle sich zu nähern schien. In Wirklichkeit
+war es ein Biber, der Seerosenblüten in großer Zahl gepflückt und in
+den Fang genommen hatte, so daß sie rechts und links wie ein Strauß
+heraushingen.</p>
+
+<p>Die gewöhnlichen Wohnbaue der Biber werden ganz nach Art des
+Fischotters im Steilufer des Flusses angelegt, womöglich der größeren
+Festigkeit halber im Wurzelgeflecht einer alten Eiche, Rüster oder
+Weide, immer so, daß das Tier auch bei niedrigem Wasserstande<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> unter
+Wasser in seine Behausung gelangen kann. Bisweilen wird dabei der
+schützende Baum derartig unterwühlt, daß er schließlich zum Umstürzen
+gebracht wird, wie dies im Aakener Hornhafen vorgekommen ist. Auch am
+Nordufer des Steinsees haben die Biber eine 80 <span class="antiqua">cm</span> starke Eiche
+durch Unterwühlen des Erdreichs zu Fall gebracht. Alte Baue können im
+Laufe der Zeit einen recht beträchtlichen Umfang annehmen, und manche
+Röhren führen dann so niedrig unter der Erdoberfläche entlang, daß
+das Begehen oder Befahren solcher Uferstrecken geradezu gefährlich
+wird und namentlich bei der Heuernte gar nicht selten Menschen oder
+Pferde durchbrechen. Der Biber fährt dann erschrocken aus seinem Bau
+und flüchtet ins Wasser. Noch schlimmer wird die Sache, wenn die Biber
+in den Deichen wühlen, was glücklicherweise selten vorkommt. Doch muß
+die Strombauverwaltung in dieser Beziehung immer ein scharfes Auge
+auf sie haben. Auch in solchen Fällen ist es nicht nötig, die Tiere
+abzuschießen, weil sie sich auch durch andere Mittel leicht vergrämen
+lassen. Mertens gibt an, daß der Damm bei Ranies in den Jahren 1920
+und 1921 stark unterwühlt war und deshalb mit großen Kosten wieder
+ausgebessert werden mußte; die Gesamtlänge der damals aufgegrabenen
+Röhren soll nicht weniger als 86 <span class="antiqua">m</span> betragen haben. In den
+Wohnkessel des Baus werden einige derbe Holzprügel eingetragen und zu
+ganz feinen Spänchen zernagt, wodurch eine weiche Unterlage geschaffen
+wird.</p>
+
+<p>Wo Ruhe im Revier herrscht und der Biber sich unbehelligt weiß,
+errichtet er außer diesen Bauen, die dann nur als Notwohnungen dienen,
+auch noch sog. Burgen, wie ich selbst eine am Schmiedersee besichtigen
+konnte. Sie sind oberirdisch sichtbar und haben backofenförmige
+Gestalt (Abb. 9). Diese Burg fiel schon von weitem durch die teilweise
+entrindeten und deshalb weißen Weidenzweige auf, die zu ihrer
+Herstellung verwendet waren. Obenauf lagen lange, trockene Rohr- und
+Schilfhalme. Die Baustoffe werden nicht etwa sorgfältig angeordnet,
+sondern liegen wirr, kreuz und quer durcheinander, so daß der ganze
+Bau ein sehr sparriges Aussehen erhält. Früher befand sich dort mitten
+im Wiesengelände eine zweite Biberburg dicht beim sog. Försterfriedhof
+auf einer kleinen Erhebung, die den winzigen Rest der sog. Schmiedburg,
+eines alten Bollwerks der Sachsen gegen die Wenden, darstellt. Im
+Goldberger See bei Lödderitz befindet sich gleichfalls im Schilf und
+Rohr versteckt eine regelrechte Biberburg, die ziemlich hoch und
+etwa 3 <span class="antiqua">m</span> breit ist. Zu den Burgen führen im tieferen Wasser
+mündende Geschleife.<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> Ändern sich die Örtlichkeitsverhältnisse in
+unerwünschter Weise, so verlegen die Biber ihren Wohnsitz. So lebte
+vor einigen Jahren ein Paar im sog. Kuhlenhagen. Da aber dieser Teil
+der alten Elbe Fischreichtum aufwies und infolgedessen immer stärker
+befischt wurde, haben sich die ruheliebenden Tiere nach dem nördlichen
+Teile der Kreuzhorst verzogen, wo sie unter Naturschutz stehen und
+deshalb weniger gestört werden. Fortwährend haben die Tiere an ihren
+Burgen herumzubasteln, zu ändern, zu vergrößern und zu verbessern.
+Alle erforderlichen Dichtungsstoffe, wie Gras, Erde, Sand, Lehm und
+Schlamm, werden (wie auch bei den Dammbauten) nur mit dem Maule und mit
+den Händen bewegt und ausschließlich mit letzteren verarbeitet, also
+nicht mit der Kelle, welches unausrottbare Märchen sich immer wieder
+in den Büchern fortpflanzt. An schönen, ruhigen Tagen sonnt sich der
+Biber gerne auf dem Dache seiner Burg oder auf in der Nähe befindlichen
+Kopfweiden, oder er richtet sich als lauschige Ruheplätzchen besondere
+Sassen her. Die Sasse, von der ich selbst einen Biber aufscheuchte,
+war in den lehmigen Morast eingetieft und mit trockenem Gras und Laub
+gepolstert, übrigens so angelegt, daß bei nahender Gefahr ein einziger
+Satz das Entkommen ins Wasser ermöglichte.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp58" id="illu-027" style="max-width: 42.1875em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-027.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 9. Biberburg am Schmiedersee</b>
+<p class="s5 center">(Naturaufnahme von Oberpostsekretär Winkelmann)</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>In Amerika, wo es noch viele Biber gibt, vermögen die in
+großen Siedlungen hausenden Tiere durch ihre Arbeiten geradezu
+landschaftgestaltend zu wirken, indem sie durch Aufführung von oft
+100 <span class="antiqua">m</span> langen und 2 bis 3 <span class="antiqua">m</span> hohen Dämmen weite Strecken<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span>
+der Flußläufe in eine Seenkette verwandeln und durch ihre Holzschläge
+in den benachbarten Waldungen ausgedehnte Lichtungen, die sog.
+Biberwiesen, schaffen. Damit ist es für Deutschland natürlich längst
+vorbei. Immerhin legen auch die wenigen Elbebiber bei niedrigem
+Wasserstand hier und da einmal Stauwerke an, die wegen der planvollen
+Umsicht der vierbeinigen Ingenieure immer wieder unsere Bewunderung
+herausfordern. Ist ja doch der Biber in dieser Beziehung geradezu der
+Lehrmeister des Menschen gewesen! So hatten vor einigen Jahren die
+Biber unterhalb Breitenhagen ein Wasserloch vollständig abgedämmt.
+Als im Forstamt Witlingkau ein Teich abgelassen und auch der dazu
+gehörige Bach trocken gelegt wurde, fanden die Biber bald die Ursache
+des Wassermangels heraus und verbauten daher das Zapfenhaus mit Schilf
+und Schlamm derart, daß kein Tropfen mehr durchkam. Auf diese Weise
+wollten sie sich das Wasser erhalten, und es kostete nicht geringe
+Mühe, die Verdämmung zu beseitigen. Einen regelrechten Biberdamm, der
+quer über einen Arm der Altelbe bei Wartenburg gezogen war, sehen
+wir auf Abb. 10. Einen anderen Damm hatten die Biber nach Friedrich
+1891 im Bruchgraben beim Kühnauer See aufgeführt. Er war geradlinig,
+1-1/2 <span class="antiqua">m</span> hoch und 3 <span class="antiqua">m</span> breit. Zur Verwendung gelangten
+meterlange Knüppel von 10 bis 15 <span class="antiqua">cm</span> Dicke, die Zwischenräume
+waren mit Haselreisig ausgefüllt und schließlich das Ganze mit
+schlammigen Rasenstücken so gut abgedichtet, daß es für Wasser
+vollkommen undurchlässig und fest genug war, um einem erwachsenen
+Menschen das Begehen des Dammes zu ermöglichen. Mertens erwähnt zwei
+weitere Dammbauten, die aber des hier besonders reißenden Wassers wegen
+nicht gerade verliefen, sondern halbmondförmig ausgebuchtet waren. Die
+durch sie bewirkte Hebung des Wasserspiegels betrug etwa 30 <span class="antiqua">cm</span>.
+Beschädigungen durch Menschenhand an den Biberdämmen werden von den
+Tieren sehr rasch wieder ausgebessert. Bei dem abgebildeten Damm z.
+B. hatten Fischer ein großes Loch hineingerissen, um mit ihrem Kahn
+hindurchfahren zu können, aber schon am nächsten Morgen war die Lücke
+aufs gründlichste wieder verschlossen. Endlich schafft sich der Biber,
+der ja viel lieber und sicherer schwimmt als geht, auch noch besondere
+Schwimmkanäle, wenn das Gelände zu sehr versumpft, indem er die Rinnen
+durch fortgesetzte Benützung vertieft, auch wohl durch Herausheben von
+Schlammerde mit den Pfoten nachhilft.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp65" id="illu-0298" style="max-width: 46.9375em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-029.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 10. Biberdamm bei Wartenburg in einem alten Elbearm</b>
+<p class="s5 center">(Naturaufnahme von Amtmann Beyr)</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Die gewöhnliche Zahl der Jungen beträgt vier, entsprechend den vier
+Zitzen des Muttertieres; drei oder gar nur zwei Junge<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> kommen öfters
+vor, während mir ein Wurf von fünf Jungen nur in einem einzigen Fall
+bekannt geworden ist. Amtmann Behr hatte einmal das große Glück,
+Jungbiber im Bau zu beobachten. Er schreibt mir darüber: »Im Juni
+1908 war Hochwasser eingetreten und hatte die Biber aus der Saale ins
+Binnenland getrieben. Da bekam ich von Patretz Drahtnachricht, es sei
+ein Biberbau mit Jungen gefunden. Schnell wurde der Photoapparat und
+ein halbes Schock Kassetten gepackt, und fort ging's, dem Ziele zu. Es
+herrschte glühende Hitze, und die Tierwelt schien wie ausgestorben.
+Nur Tausende und aber Tausende von Mücken und Stechfliegen erhoben
+sich aus den üppigen Wiesen, Weidenbüschen und Sumpflachen. Endlich
+zeigte mein Führer lautlos nach einer Kopfweide, die an einem mit
+hohen Ufern versehenen Bächlein stand. Ich kroch lautlos durch ein
+Weizenstück, das teilweise unter Wasser stand. Vorsichtig hob ich
+dann den ausgestreckten Kopf, auf dem bereits unzählige Mücken und
+Stechfliegen Platz genommen hatten. Da bot sich mir ein unvergeßlicher
+Anblick: eine starke Bibermutter mit vier Jungen lag am jenseitigen
+Grabenufer in einer Erdhöhle unter Weidengestrüpp, Rohr und
+schilfartigem Gras! Offenbar handelte es sich hier um einen Notbau,
+denn es war lediglich eine kesselförmige Vertiefung unter dem dichten
+Weidenstrauch. Die Jungen erkletterten den Rücken der Alten, purzelten
+wieder herunter und ließen ein lautes Fauchen hören. Auch die Alte
+wälzte sich öfters herum, geplagt durch unzählige Fliegen, und hatte
+offenbar keine Ahnung von meiner Gegenwart. Leider war die Beleuchtung
+in der Höhle so schlecht und die Unruhe in der<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Familie so groß, daß
+nur Momentaufnahmen gemacht werden konnten, die zur Reproduktion nicht
+scharf genug sind, aber immerhin wertvolle Natururkunden bilden. Als
+mein Begleiter näher kam, erhob sich langsam die Mutter, um gleich
+darauf blitzschnell im Wasser zu verschwinden. Ein undeutlicher Strich
+zeigt auf der Aufnahme den Weg an, den sie genommen, und einige
+Luftbläschen stiegen aus dem ruhig dahinfließenden Wasser empor.
+Schließlich stieg ich zu den Jungen hinüber und gewahrte nun erst,
+daß zwei davon verendet und mit Schmeißfliegen bedeckt am Rande der
+backofenförmigen Vertiefung lagen, während die beiden Überlebenden
+den Eindringling mit ihren kleinen blauen Augen erstaunt ansahen und
+fauchende Töne ausstießen. Schnell wurden einige Aufnahmen mit der
+Handkamera gemacht, und zurück ging's auf den alten Platz. Immer noch
+ließ sich die Alte nicht sehen. Da kam der eine Jungbiber auf den
+Ausstieg der Mutter und fuhr gleichfalls zu Wasser, wohin ihm der
+andere sofort folgte. Nun konnte auch ich nach 3-½stündiger Arbeit,
+die eine große Reihe von Aufnahmen geliefert hatte, den Heimweg wieder
+antreten, voller Holzläuse und anderem Ungeziefer, gründlich von den
+Mücken zerstochen, zu Tode erschöpft, aber von dem Gedanken beseligt,
+der Wissenschaft einen Dienst erwiesen zu haben.«</p>
+
+<p>Wie unheimlich rasch die Abnahme der Biber an manchen Örtlichkeiten
+vor sich geht, erhellt aus einer Zuschrift des Herrn Winkelmann, der
+beispielsweise an einer langgestreckten Wasserlache, die zwischen
+Fährbuhne und Badeanstalt bei Aaken sich hinzieht und nach dem Walde
+zu Steilufer hat, im Jahre 1915 noch zwölf Baue zählte. »Jetzt sind
+diese Baue sämtlich verlassen, die Biber teils von Wilddieben gefangen,
+teils ausgewandert. Wenn man in Aaken Sonntags die Kirchgänger mustert,
+kann man oft Leute in Biberpelzen sehen, womit man die einfachste
+Erklärung für das Verschwinden der Biber vor sich hat. Jetzt haben
+die Kürschner in Köthen und Dessau strenge Anweisung, Überbringer von
+frischen Biberpelzen festzustellen und zur Anzeige zu bringen.« Diese
+Bestimmung ist sehr wichtig und erfreulich, sie müßte aber vor allem
+noch durch eine scharfe Beaufsichtigung der wandernden Fellhändler
+ergänzt werden. Auch die Kürschner, die frische Biberfelle aufkaufen,
+müßten als Hehler bestraft werden, denn sie wissen ganz genau, daß
+solche Felle nicht rechtmäßig erworben sein können. Noch ist es
+nicht zu spät, einschneidende Maßregeln für die dauernde Erhaltung
+unseres letzten, hartbedrängten Biberstandes zu treffen, aber es ist
+höchste, ja allerhöchste<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Zeit! Neuerdings hat sich namentlich Herr
+Zehle, der sich als Maler und Bildhauer die künstlerische Darstellung
+des Bibers zur besonderen Aufgabe gemacht hat, in Wort und Schrift
+des Bibers warmherzig und nachdrücklich angenommen, und es wäre nur
+dringend zu wünschen, daß seine hauptsächlich in den Jagdzeitungen
+erscheinenden Aufrufe nicht ungehört verhallen. Er fordert vor allem
+eine entsprechende Vermehrung der Aufsichtsbeamten, und da die wenigen,
+überdies sonst stark in Anspruch genommenen Forstleute für den
+Biberschutz nicht ausreichen, solle man dazu in passender Weise auch
+die Fährmeister heranziehen, vielleicht auch geeignete Privatpersonen.
+Für die Abfassung oder Ermittlung von Lumpen, die den Bibern
+nachstellen oder ihre Baue und Burgen zerstören, müßten Geldbelohnungen
+öffentlich ausgeschrieben werden. Die Strafen wären so scharf als
+möglich zu fassen. Mit Unkenntnis kann sich niemand entschuldigen,
+denn im Bibergebiet weiß jeder Mensch, wie der Biber aussieht und daß
+er gesetzlich geschützt ist. Weiter müßten die Weiden erhalten oder
+neu angepflanzt werden. In dieser Beziehung wird noch viel gesündigt.
+Man nimmt dem Biber seine natürliche Äsung und schreit dann Zeter und
+Mordio, wenn er aus Not und Hunger bei den angepflanzten Nutzhölzern
+Ersatz sucht. Bei Bemessung der Pachtpreise für die Weidengehege sollte
+eben von vornherein auf den unvermeidlichen Biberschaden Rücksicht
+genommen werden. Die Weidenpächter wären streng zu verpflichten, die
+Biber in Ruhe zu lassen und insbesondere keine Biberburgen abzubrennen,
+wie sie dies gerne tun. Ähnliches gilt für die Fischereipächter. Am
+besten würde man die Fischwässer im Bibergebiet überhaupt nur an
+Forstbeamte verpachten, die dann keine Stellnetze und Flügelreusen
+verwenden und in unmittelbarer Nähe der Biberbaue gar nicht fischen
+dürften. Wichtig wäre es auch, den Jägern das Auslegen von Tellereisen
+für Fischottern zu verbieten und bei Hochwasser Zufluchtstätten für die
+Biber zu errichten.</p>
+
+<p>Herr Zehle ruft zur Gründung eines Biberschutz-Vereins nach Art des
+Wisentschutz-Vereins auf, und wir wollen nur hoffen und wünschen,
+daß er damit Erfolg hat. Er ist der Meinung, daß bei nachdrücklicher
+Durchführung der Schutz- und Hegemaßnahmen der Elbebiber seinen
+jetzigen Bestand nicht nur wahren, sondern auch mehren und sein
+Verbreitungsgebiet weiter ausdehnen würde, so daß er im Laufe der Zeit
+wieder als wertvolles Jagdwild in Betracht kommen könnte, zumal er
+sich von der Elbe aus auch leicht wieder in der Romintener Heide, im
+Zehlau-Bruch und an anderen geeigneten<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Orten einbürgern ließe. Ich
+selbst denke allerdings nicht so optimistisch, sondern glaube, daß alle
+Ausdehnungsversuche an der leidigen Habsucht der heutigen Menschheit
+scheitern werden. Immerhin wird sich der Biber bei genügendem Schutz an
+der Elbe wohl noch einige Jahrzehnte halten, aber es wäre angezeigt,
+auch für die Zukunft und damit für eine dauernde Erhaltung vorzusorgen.
+Mit vollem Recht ist deshalb schon der Vorschlag gemacht worden, einige
+Biber einzufangen und auf den Besitzungen des »Vereins Naturschutzpark«
+in der Lüneburger Heide anzusiedeln.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Der_Nerz">Der Nerz</h2>
+</div>
+
+<p>Ob man den Nerz, dieses merkwürdige Zwischenglied zwischen Fischotter
+und Marder, heute wohl überhaupt noch in einem Verzeichnis deutscher
+Säugetiere mit aufführen darf? Es gibt viele Tierkundige, die diese
+Frage verneinen. Unser Jagdgesetz ist anderer Ansicht, denn es nennt
+den Nerz immer noch in der Liste der jagdbaren Tiere. Ich selbst kann
+mir auch nicht gut denken, daß der Schwimmarder, wie man ihn treffend
+nennen könnte, bei uns schon gänzlich ausgestorben sein soll, denn
+trotz aller öden Gleichmacherei der Natur durch die sog. Kultur gibt
+es doch im ostpreußischen Memeldelta und an den Masurischen Seen, an
+den verschilften Teichen der schlesischen Bartschniederung, an den
+brandenburgischen Luchen und beim mecklenburgischen Großgrundbesitz
+noch verschwiegene Winkel genug, die allen Anforderungen dieses
+Seltlings durchaus entsprechen und wo immer noch das eine oder andere
+Pärchen unbeachtet oder unerkannt sein Dasein fristen mag. Allerdings
+war der Nerz (Abbildung 11) von jeher ein nordöstliches Tier und als
+solches in Süddeutschland wohl überhaupt nie heimisch, wenigstens nicht
+in geschichtlicher Zeit, auch in Norddeutschland nie eigentlich häufig,
+sondern immer nur in einzelnen Gegenden, gewissermaßen in versprengten
+Stämmen vorhanden. Schon Wildungen klagt 1799, daß der Nerz so selten
+und manchem wackeren Weidmann überhaupt unbekannt sei. Vor allem muß
+betont werden, daß der Nerz wegen seiner ausgesprochenen Menschenscheu
+und seiner streng nächtlichen Lebensweise an seinen versteckten und
+schwer zugänglichen Aufenthaltsorten überaus schwer zu beobachten ist
+und von Unkundigen gewöhnlich mit dem Iltis oder mit einem jungen
+Fischotter verwechselt wird. Sein<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> sumpfiges Wohngebiet ist oft so
+unzugänglich, daß es überhaupt nur im Winter bei Frost betreten werden
+kann.</p>
+
+<p>Dann eine Frage: Wie viele Jäger oder Naturforscher gibt es denn
+in ganz Deutschland, die imstande sind, bei fahlem Mondschein das
+undeutliche Etwas auf der Wasserfläche richtig als das Köpfchen eines
+schwimmenden Nerzes anzusprechen? Nur höchst selten fügt es einmal der
+Zufall, daß ein Nerz von scharfen Teckeln oder Foxterriers aus dem
+Wurzelgeflecht am Steilhang eines Baches oder Teiches aufgestöbert
+wird, aber der Herr des Hundes hält dann, selbst wenn er den grünen
+Rock trägt, also eigentlich in der heimischen Tierwelt gründlich
+Bescheid wissen sollte, das herausgejagte flinke Tierchen in der Regel
+für einen Iltis und wundert sich höchstens darüber, daß dieser »Iltis«
+so gut schwimmen und auch ebenso gut tauchen kann.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-033" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-033.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 11.<br>
+Zuchtnerz der Hirschegg-Riezlern-Pelztierfarm, in der unter Leitung von<br>
+Dr. Fritz Schmidt mit aus Kanada eingeführtem Zuchtmaterial recht gute<br>
+Erfolge erzielt werden</b>
+<p class="s5">(Nach einer von der Deutschen Versuchszüchterei edler Pelztiere G.
+m. b. H. &amp; Co., Leipzig zur Verfügung gestellten photographischen
+Aufnahme)</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Selbst die sorgfältigste Untersuchung der Fährte gibt keine volle
+Sicherheit, da die kurze, charakteristische Schwimmhaut zwischen den
+Zehen des Nerz bei gewöhnlicher Gangart selbst in weichem Boden sich
+nicht mit abdrückt. Und doch sind beide Tiere für den aufmerksamen
+Beobachter kaum zu verwechseln. Flüchtet das aufgescheuchte Geschöpf
+sofort ins Wasser und taucht es hier gar anhaltend,<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> so handelt es sich
+sicher um den Nerz, denn der Iltis ist durchaus kein Freund der Nässe,
+sondern entfleucht stets aufs feste Land und sucht hier womöglich einen
+erhöhten Standpunkt zu gewinnen. Ich trete der Auffassung Schlotfelds
+bei, wenn er z. B. sagt: »Unsere hannoverschen Bültenmoore, der
+Schrecken und andrerseits wieder die Freude der Jäger, sind nur unter
+den größten Anstrengungen zu bejagen und oft lange Zeit hindurch ganz
+unzugänglich. Hier herrscht absolute Ruhe, und mancher Nerz mag hier
+noch in aller Beschaulichkeit hausen, von dessen Vorhandensein kein
+Mensch eine Ahnung hat.« Auch Ziegler schrieb schon 1848, daß der Nerz
+sicherlich viel häufiger sei, als man allgemein glaube.</p>
+
+<p>Die Gegend von Bremen war oder ist der westlichste Verbreitungspunkt
+des Nerz, und von hier aus erstreckt sich sein Gebiet durch die
+baltischen Länder nach dem nördlichen und mittleren Rußland, während
+er z. B. in der Krim fehlt, ebenso wie seine Lieblingsnahrung, die
+Krebse. Noch häufiger wird der Nerz in Sibirien, China und Japan, in
+welchen Ländern eigene geographische Rassen sich herausgebildet haben,
+wogegen der nordamerikanische Nerz, der sog. Mink, eine besondere Art
+vorzustellen scheint. Um die Jahrhundertwende herum kamen jährlich
+etwa 370000 Minkfelle gegenüber 55000 meist sibirischen Nerzfellen in
+den Handel. Da also der Mink noch viel häufiger ist, sind wir auch
+über seine Lebensweise ungleich besser unterrichtet als über die
+des echten Nerz, von der wir eigentlich verblüffend wenig wissen.
+Die Kenntnis seiner Fortpflanzungsgeschichte z. B. beschränkt sich
+fast nur auf Vermutungen, und es wäre dringend zu wünschen, diese
+beschämende Lücke auszufüllen, ehe es dazu durch völliges Aussterben
+des Tieres zu spät wird. Hoffentlich bewahrheitet sich aber auch
+beim Nerz das alte Sprichwort, daß die Totgesagten noch recht lange
+leben. Ihm vor allen sollte auch in den großen Naturschutzparken eine
+letzte Zufluchtstätte gewährt werden. Schon in Livland kommt er noch
+regelmäßig vor, wenn auch sehr selten; immerhin wird alljährlich hier
+und da einer geschossen, namentlich in den östlichen und nördlichen
+Landesteilen, wo nach Mitteilung des Barons von Loewis Händler immer
+noch eine Anzahl Felle von den unwissenden Bauern als Iltisfelle
+aufkaufen. Ende März 1905 ging ein dortiger Oberförster aus dem Walde
+heimwärts, als seine Teckel bei einem Bruch und einer Holzbrücke
+unruhig wurden und hitzig verbellten. Herausgestöbert wurde ein starker
+männlicher Nerz und glücklich erlegt. Trotzdem arbeiteten die Hunde
+weiter fort, und bald darauf kam schwimmend im Wasser<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> ein zweiter Nerz
+zum Vorschein, der leider angeschossen verloren ging. In Siebenbürgen
+soll der Nerz heute auf einen winzigen Platz im sumpfigen Maroschtale
+beschränkt sein; Skelettfunde beweisen aber, daß er früher in diesem
+Lande viel weiter verbreitet war. Für Schlesien wird der Nerz noch
+von Gloger angeführt, der aber bereits darüber klagt, daß das Tier
+überall da rasch verschwinde, wo Entwässerungsarbeiten vorgenommen
+werden. Auch Brehm kannte schlesische Nerze aus eigener Anschauung,
+und nach Schlotfeld erhielten die Schweidnitzer Kürschner noch in den
+80er Jahren öfters Nerzfelle durch die Bauern, die sie für besonders
+dunkle Iltisse hielten. In der Provinz Posen wurde 1892 ein Nerz
+erlegt. Am hoffnungsvollsten lauten wieder einmal die Nachrichten
+aus dem tierreichen Ostpreußen. Hier führt Rathke 1846 den Nerz noch
+als sicheres Standwild auf, ohne allerdings selbst einen gesehen zu
+haben. Zwar entpuppte sich ein später in der Oberförsterei Johannisburg
+erlegter angeblicher Nerz bei näherer Untersuchung durch von Hippel
+als Iltis, aber doch liegen auch aus neuerer Zeit sichere Beweise
+seines Vorkommens vor. So erlegte Förster Gerhardt in Skirwieth
+(Kreis Heidekrug) am 6. August 1902 ein Stück, dessen Schädel dem
+Ostpreußischen Fischereiverein übergeben wurde und durch diesen in das
+Königsberger Museum gelangte. Endlich wurde am 3. April 1908 im Kreise
+Ortelsburg ein Nerz geschossen und an das Berliner Museum eingeliefert.
+Es ist dies meines Wissens der vorläufig letzte sichere Nerz, der
+auf deutschem Boden erbeutet wurde. Wenn seitdem auch aus Ostpreußen
+nichts mehr über Nerze verlautete, so ist dies bei der Unbekanntheit
+des Tieres und der großen Schwierigkeit seiner Beobachtung noch lange
+kein Beweis für sein völliges Ausgestorbensein.<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[A]</a> In Pommern scheint
+es dagegen schon seit längerer Zeit tatsächlich keine Nerze mehr zu
+geben. Länger hat sich der Nerz im seenreichen Mecklenburg und im
+Lauenburgischen gehalten, wo er namentlich von Ludwigslust, Wismar und
+vom Müritzsee sowie aus der Umgebung von Lübeck öfters erwähnt wird.
+Diese Angaben reichen bis zum Jahre 1896, und es ist durchaus nicht
+ausgeschlossen,<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> daß das Tier in einsamen Brüchen auch heute noch dort
+vorkommt, wenn auch nur als große Seltenheit. Besondere Verdienste
+um die Beobachtung der dortigen Nerze hat sich Förster Claudius
+erworben, der darüber eingehend an Brehm berichtete. Danach umfaßte
+das Verbreitungsgebiet bei Lübeck zwar nur wenige Quadratmeilen, aber
+in diesem war das Tier keineswegs besonders selten und jedem Jäger
+unter dem Namen Ottermenk bekannt. Sonst heißt er im Volksmunde auch
+noch Krebsotter, Steinhund, Schwimmarder, Wasserwiesel, Wassermenk
+und Sumpfotter — alles recht bezeichnende Namen —, während ihn
+baltische Jäger unter dem Namen Norke kennen. Claudius, der 1868
+selbst ein lebendes Nerzweibchen fing und an Brehm schickte, während
+1878 ein Jungnerz von einem scharfen Hühnerhund erwürgt wurde, traf
+das Tier namentlich an der Wagenitz, dem zwei Meilen langen Abfluß
+des Ratzeburger Sees in die Trave bei Lübeck. Hornung hält allerdings
+alle diese Angaben für veraltet und ist der Ansicht, daß der Nerz bald
+darauf dort völlig ausgestorben sei, aber dem steht entgegen, daß
+auch Schlotfeld im Hochsommer 1906 den Nerz im Wietzebruch antraf,
+einem früher durch die weit ausgelegten Geweihe seiner Rothirsche
+jagdlich berühmten Revier. Eine Verwechslung mit Iltis oder Fischotter
+hält er für ausgeschlossen, obwohl er nicht schießen konnte, da der
+aufgestöberte kleine Räuber sich mutig in die Lefzen seines Hundes
+verbissen hatte. Bei Plön wurden 1864 zwei Nerze gefangen, und es hat
+den Anschein, als ob sie damals im östlichen Holstein noch ziemlich
+verbreitet waren. Im Blockland von Bremen wurde in den 80er Jahren ein
+Nerz geschossen und gelangte in das Städtische Museum. Dies ist also
+der bisher westlichste Verbreitungspunkt, da angebliche Beobachtungen
+aus der Gegend von Emden nicht durch ein Belegstück erhärtet werden
+konnten. Nach Bechstein kam der Nerz Ende des 18. Jahrhunderts noch
+vereinzelt an der Leine bei Göttingen vor, Anfang des 19. Jahrhunderts
+wurde ein Stück an der Werra erlegt, 1852 nach Blasius eines im Harz
+in der Grafschaft Stolberg und 1858 eines an den Riddagshausener
+Teichen, also unmittelbar vor den Toren Braunschweigs. Vielleicht ist
+dieses Stück identisch mit dem Nerz, den Forstrat Hattich als 1859
+im Forstgarten bei Braunschweig erlegt meldet. Gewisse Stellen der
+Lüneburger Heide scheinen noch bis in die neueste Zeit hinein Nerze
+beherbergt zu haben. Wenigstens meldet Merk-Buchberg aus anscheinend
+zuverlässiger Quelle, daß bei Wilsede kurz vor Erwerbung der dortigen
+Ländereien durch den »Verein Naturschutzpark«<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> noch zwei Nerze
+geschossen worden seien. Diese auch mir mündlich von dortigen Anwohnern
+gemachte Mitteilung erscheint mir um so glaubwürdiger, als ich selbst
+bei meinem ersten Besuche dieser Gegend das seltene Glück hatte, einen
+vom Hunde aufgestöberten Nerz ins Wasser plumpsen und wegtauchen zu
+sehen. Es wäre herrlich, wenn gerade hier unter dem tatkräftigen
+Schutze des Vereins der Nerz auch heute noch lebte, was nicht unmöglich
+ist, obschon Nachrichten aus neuester Zeit fehlen. Außerdem bin ich
+in meinem ganzen Leben nur noch einmal flüchtig mit dem Seltling
+zusammengetroffen: es war anfangs der 90er Jahre auf dem ornithologisch
+berühmten Möwenbruch bei Rossitten auf der Kurischen Nehrung.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp86" id="illu-0037" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-037.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 12. Nerz beim Beschleichen von Beute auf dem Lande</b></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Bruchartige, verschilfte Teiche und Seen oder ganz langsam schleichende
+Flüsse und Kanäle mit von Baumwurzeln durchsetzten Ufern bilden den
+Lieblingsaufenthalt unseres Schwimmarders, der also kein Freund
+starker und reißender Strömungen ist. Je stiller, einsamer und
+unzugänglicher eine Gegend ist, desto angenehmer ist sie diesem
+menschenscheuen Sonderling. Hier ruht er tagsüber faul und verschlafen
+im Wurzelgeflecht der Uferbäume oder in einer Baumhöhlung oder auf
+einem geköpften Weidenstumpf oder auch nur im hohen Riedgras und zieht
+erst nach Sonnenuntergang still und verschwiegen auf Beute aus, und
+es ist dann natürlich ungeheuer schwer, im Dunkel der Nacht und im
+unzugänglichen Sumpfe<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> das lautlos herumhuschende, schlanke Tierchen
+zu erkennen. Nach den sorgsamen Beobachtungen von Claudius schleicht
+es mehr als es läuft (Abb. 12), gleitet rasch und behende über alle
+Unebenheiten hinweg, hält sich aber stets auf dem Boden und strebt
+nicht nach der Höhe. Das sehr klug aussehende Köpfchen hält dabei
+nicht einen Augenblick still, die scharfen Seher durchmustern ohne
+Unterlaß die Umgebung, und die kleinen Lauscher spitzen sich so weit
+als möglich, damit ihnen nur ja kein Geräusch entgehe. Meist wird
+beim Laufen der Rücken mehr oder minder gekrümmt, und kein noch so
+verborgenes Winkelchen bleibt undurchschnüffelt. Das Klettervermögen
+ist nur mäßig, aber dafür zeigt sich der Nerz als ein tüchtiger
+Schwimmer und versteht es, sehr gewandt und anhaltend zu tauchen. Er
+besitzt alle Gewandtheit der Marder, aber nicht ihre Kletterfähigkeit
+und Rastlosigkeit. Beim Schwimmen rudert er nicht abwechselnd mit
+den Beinen, sondern schnellt sich stoßweise fort, und zwar mit
+überraschender Geschwindigkeit. Im Winter sah ihn Claudius bisweilen an
+den Aussteigstellen auf dem Eise sitzen, fast unkenntlich vor Schlamm.
+Im übrigen stellt das ganze Wesen des Nerz ein sonderbares Gemisch
+von Marder und Fischotter vor. Mit beiden hat er Schlauheit, Raubgier
+und Blutdurst gemeinsam. Unter den Sinnen dürften Geruch und Gesicht
+obenan stehen. Der häßliche Gestank, den die Marder- und Iltisarten
+ausströmen, fehlt dem Nerz völlig, denn er ist fast geruchlos.</p>
+
+<p>Krebse bilden seine Lieblingsspeise. Außerdem jagt er noch Fische,
+Frösche, Molche und größere Wasserinsekten, raubt die Nester der
+Wasservögel aus und würgt auch wohl junge Enten und Gänse ab. Mäuse und
+Kleinvögel werden gleichfalls gern genommen. Bisweilen bricht er auch
+in die Geflügelställe ein, aber doch nur auf einsamen Fischergehöften
+oder Förstereien, nicht aber in geschlossenen Siedlungen. Die
+Fischer an der Wagenitz haben nach Claudius die Gewohnheit, ihren
+täglichen Fang nicht in Behältern, sondern in offenen Weidekörben
+an Inselchen in der Nähe ihrer Hütten aufzubewahren, und solchen
+Stellen stattet der Nerz gern unerwünschte Besuche ab, wobei er sich
+namentlich dadurch unbeliebt macht, daß er lieber die oft daumendicken
+Weidenruten durchbeißt, als daß er über den Rand des offenen Korbes
+klettert. Brehms gekäfigter Nerz verschmähte auffallenderweise
+hartnäckig die ihm vorgelegten Hühnereier, aber ich glaube trotzdem
+nicht, daß er in freier Natur den Gelegen der Wasservögel gegenüber
+gleichgültig bleibt. Die Krebse haben jedenfalls mit dem Aussterben
+des Nerz einen Hauptfeind<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> verloren. Aber ob ihnen dadurch nicht
+auch der naturgemäße Bestandsregler genommen und den verheerenden
+Krebsseuchen Tür und Tor geöffnet wurde? Umgekehrt könnte man auch
+daran denken, daß die reißende Abnahme der bei uns ihrer unzugänglichen
+Wohnorte halber eigentlich doch nur wenig verfolgten Nerze mit
+dem Verschwinden ihrer Lieblingsnahrung zusammenhängt? Was bisher
+über die Fortpflanzungsgeschichte des Nerz veröffentlicht wurde,
+beruht größtenteils eigentlich nur auf Vermutungen, denn nur ganz
+ausnahmsweise hat man einmal Junge unter Baumwurzeln oder auf einer
+trockenen Kaupe im Sumpfe gefunden. Sie sollen im April oder Mai
+blind geboren werden, während die Rollzeit in den Februar oder März
+fällt. Die Jagd auf den Nerz, dessen schönes Pelzwerk mit Recht großer
+Beliebtheit sich erfreut, ist für Mitteleuropa reine Zufallssache.
+Nur höchst selten kommt oder kam einmal einer bei der Birkhahnbalz
+oder auf der Entenjagd zu Schuß. Leichter läßt sich der mißtrauische
+Seltling durch Fallen berücken, selbst durch solche einfachster Art.
+In der Gefangenschaft zeigt sich der Nerz nicht gerade von seiner
+liebenswürdigsten Seite, zumal er tagsüber entsetzlich verschlafen ist
+und selbst durch das Vorhalten der schönsten Leckerbissen sich nicht
+zum Aufstehen bewegen läßt. Ohne sich boshaft oder bissig zu zeigen,
+lehnt er doch jedes nähere Verhältnis zum Menschen hartnäckig ab und
+wird niemals wirklich zahm. — Das ist so ziemlich alles, was wir über
+die Naturgeschichte dieses in mehrfacher Beziehung hochinteressanten
+Tieres wissen, und es ist eigentlich geradezu beschämend wenig. Hier
+sind noch große Lücken auszufüllen!</p>
+
+<div class="footnotes"><h3>Fußnote:</h3>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[A]</a> Eben erfahre ich — beim Lesen der Korrektur —, daß
+Kürschnermeister Götz in Elbing Anfang April 1926 ein ganz frisch
+abgezogenes Nerzfell erhielt und ausstopfte. Das Tier war in der
+nächsten Umgebung von Elbing im Eisen gefangen worden und soll an den
+vorhergehenden Tagen mehrere Hühner geraubt haben. Vor zwei Jahren
+soll ein Landwirt in der gleichen Gegend ebenfalls einen Nerz in der
+Falle gefangen haben, und die Richtigkeit der Bestimmung wurde von
+wissenschaftlicher Seite bestätigt. Es gibt also noch deutsche Nerze!</p>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Der_Luchs">Der Luchs</h2>
+</div>
+
+<p>Es kann einigermaßen fraglich erscheinen, ob man den Luchs in einem
+Verzeichnis deutscher Tiere überhaupt noch mit aufführen darf.
+Standwild ist diese menschenscheue und listige Großkatze bei uns
+ja schon seit Menschengedenken nicht mehr, aber immerhin wechselt
+doch noch ab und zu ein Stück über die Grenzen und wird dann auf
+deutschem Boden erlegt, namentlich in Ostpreußen, so daß wir den
+Luchs auch für Deutschland noch nicht gänzlich und endgültig aus dem
+Buche der Lebenden zu streichen brauchen. Vor dem Dreißigjährigen
+Kriege war das prachtvolle Tier in unserem Vaterlande durchaus keine
+seltene Erscheinung, wie schon daraus hervorgeht,<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> daß allein im
+Albertinischen Sachsen von 1611 bis 1665 305 Luchse erlegt werden
+konnten. In der Götterlehre der alten Germanen spielte der Luchs eine
+beträchtliche Rolle, und wahrscheinlich ist er es und nicht die Katze,
+der als Tier der Freia aufgefaßt werden muß und ihren Wagen zieht.
+Bei den großartigen Zirkusspielen der Römer wurden allerdings Luchse
+ungleich seltener vorgeführt als Löwen oder Leoparden, aber dies ist
+wohl dadurch zu erklären, daß der Luchs nicht leicht zu fangen ist
+und sich in der Gefangenschaft schlecht hält. Die Verdrängung des
+Tieres aus Mitteleuropa muß hauptsächlich in der zweiten Hälfte des
+17. Jahrhunderts erfolgt sein und ist in der Hauptsache wohl auf die
+gleichzeitige große Vervollkommnung der Schußwaffen zurückzuführen.
+Das Vernichtungswerk ging deshalb mit überraschender Schnelligkeit
+vor sich, und schon etwa 1710 war das Verbreitungsgebiet des Luchses
+derart durchlöchert, daß überall nur noch von vereinzeltem Vorkommen
+die Rede sein kann. In den flachen Teilen Mitteldeutschlands fehlt der
+Luchs bereits von 1820 an völlig. Am 17. März 1818 wurde noch einer bei
+Seesen erlegt, der jetzt ausgestopft im Braunschweiger Museum steht.
+Spätere Nachrichten sind irrtümlich, so über ein angebliches Vorkommen
+im März 1898 in Anhalt, wo es sich in Wirklichkeit um verwilderte
+Hunde handelte. In Pommern wurde der Luchs schon 1738 ausgerottet,
+und im allgemeinen war er wohl schon beim Tode Friedrichs des Großen
+nicht mehr Standwild in den preußischen Staaten, während für diese in
+den Jahren 1723 bis 1737 immerhin noch 229 erlegte Luchse verzeichnet
+wurden. König Friedrich Wilhelm I. legte großen Wert auf die pünktliche
+Einlieferung aller Luchs- und Biberfelle. »Die Lux Heutte will vor
+mir haben,« verordnete er. Nur einmal (1720) wollte ein Hauptmann von
+Driessen einen von ihm geschossenen Luchs durchaus nicht herausrücken
+und erhielt ihn schließlich auch wirklich zum Geschenk, denn für
+seine »blauen Kinder« hatte der »Soldatenkönig« ja immer etwas übrig.
+Bei Potsdam war der Luchs 1680 noch häufig, 1696 gab es noch welche
+bei Ruppin, 1702 bei Luckenwalde, 1734 bei Liebenwalde, und zwischen
+1750 und 1760 wurden noch einige bei Gardelegen zur Strecke gebracht.
+Sehr auffällig ist es, daß sogar 1875 ein Luchs auf der Insel Wollin
+erschossen wurde, der aber vielleicht einer Menagerie entsprungen war.
+In Westfalen fiel der letzte Luchs 1745.</p>
+
+<p>Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in Sachsen, wo in den Schußlisten
+des prunkliebenden Kurfürsten Johann Georg II. (1656<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> bis 1680) auch
+noch 191 Luchse aufgeführt werden. Damals hatte ja das Raubzeug noch
+gute Tage, denn der gewaltige Wildstand deckte ihm reichlich den
+Tisch, und auch Haustiere waren leicht zu ergattern, da sich das Vieh
+den größten Teil des Jahres über auf freier Weide erging und die
+Stallfütterung noch wenig üblich war. Zwar reizte gerade der Luchs
+die Jagdlust des Menschen von jeher in besonderem Maße, teils seiner
+großen Schädlichkeit, teils seines hochgeschätzten Pelzes halber,
+aber seine Schlauheit und Gewandtheit sowie die Unvollkommenheit
+der damaligen Jagdwaffen brachten es doch mit sich, daß er sich der
+Vernichtung lange zu entziehen vermochte und noch um 1700 herum in
+allen Teilen des Landes regelmäßig anzutreffen war. Erst als im 18.
+Jahrhundert die steigende Volksvermehrung eine stärkere Ausnutzung
+von Grund und Boden bedingte, als Axt und Säge auch in die tiefsten
+Wälder und in die verstecktesten Schluchten eindrangen und zugleich
+die verbesserten Feuerwaffen zur vollen Auswirkung gelangten, schlug
+auch dem Luchs gleich Wolf und Bär die Todesstunde. Zwar wird der
+Luchs noch 1717 unter den jagdbaren Tieren Sachsens angeführt, aber
+er muß damals doch schon recht selten gewesen sein, da man es nach
+Robert Berger der Mühe für wert hielt, einen bei Zittau geschossenen
+Luchs abmalen zu lassen und das Bild der dortigen Ratsbücherei
+einzuverleiben. Im Elbsandsteingebirge erlegte Förster Puttrich unweit
+der böhmischen Grenze 1743 einen Luchs, und man verewigte dieses
+Ereignis dadurch, daß an der betreffenden Stelle ein Luchsbild nebst
+erklärender Unterschrift in die Felswand eingehauen wurde. Einzelne
+Überläufer mögen auch noch später die sächsische Grenze überschritten
+haben, da der Luchs im benachbarten Böhmen sowie im Thüringer Wald und
+im Harz erst im 19. Jahrhundert ausgerottet wurde. Im Fichtelgebirge
+wird der letzte Luchs dagegen schon 1774 verzeichnet, im Frankenwald
+1730. Im Thüringer Wald und im Harz erfolgte die Ausrottung dieser
+dem Wildstand so gefährlichen Katzenart fast gleichzeitig. Für den
+Harz werden 1814, 1816, 1817 und 1818 als letzte Erlegungsdaten
+angegeben, für den Thüringer Wald 1819 und 1820; dann folgt aber nach
+langer Pause noch ein Nachzügler, der 1842 im Gothaischen zur Strecke
+gelangte. Der letzte Harzluchs, den man schon seit 1814 gespürt, aber
+irrtümlicherweise für einen Wolf gehalten hatte, befindet sich heute
+ausgestopft in der gräflich Stolbergschen Bücherei in Wernigerode.
+Allerdings soll nach Forstmeister von Seelen noch 1911 und nach anderen
+Quellen sogar noch 1917 ein Luchs im Harz geschossen<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> bezüglich gesehen
+worden sein, indessen vermochte ich diese sehr unwahrscheinlich
+klingenden Angaben nicht näher nachzuprüfen.</p>
+
+<p>In der Oberpfalz wurde noch 1814 ein Luchs von 65 Pfund geschossen,
+während im Elsaß der letzte schon im Dezember 1640 erlegt worden sein
+soll. In Baden kam der letzte Luchs 1834 bei Wertheim auf der Halde
+eines alten Steinbruchs durch einen Förster zur Strecke. Noch länger
+hielt sich der Luchs in Württemberg, denn nach einem ausführlichen
+Bericht des Herrn Dr. Metzger traf der Förster Martz am 15. Februar
+1846 von der Ruine Reußenstein bei Wiesensteig unweit Geislingen aus
+mit sicherer Kugel ein schwaches Männchen. Das Raubtier hatte schon
+seit längerer Zeit den Schafherden und dem Rehbestand der dortigen
+Gegend übel mitgespielt, war aber auf allen Treibjagden immer glücklich
+durchgekommen. Ein die Erlegung darstellendes Ölbild befindet sich
+noch im Besitz der Familie Metzger in Stuttgart, und eine Kopie davon
+wurde neuerdings auch im Rathause zu Wiesensteig aufgehängt. Der tote
+Luchs wurde auf einem Wagen nach Stuttgart gefahren und unterwegs
+überall von der Schuljugend bestaunt; er steht jetzt ausgestopft in
+der Stuttgarter Naturaliensammlung als der Letzte seines Geschlechts.
+Allerdings meldeten im Dezember 1922 die Stuttgarter Tageszeitungen,
+daß auf einer Treibjagd im Schwarzwald (Oberamt Villingen) wieder ein
+Luchs von 1,3 m Länge geschossen worden sei. Meine sofortige briefliche
+Anfrage beim Jagdpächter blieb aber bezeichnenderweise unbeantwortet;
+auch über den Verbleib des wertvollen Stückes habe ich niemals das
+Geringste gehört, und so wird dieser allerletzte Schwarzwald-Luchs wohl
+eine Ente gewesen sein. Was Bayern anbelangt, so konnten nach Brehm
+zwei Jäger, Vater und Sohn, in den Jahren 1790 bis 1838 immerhin noch
+30 Stück der gehaßten Raubtiere im Eisen fangen. Dann aber ging es
+schnell bergab mit dem Luchsbestand. 1832 wurden im Revier Immenstadt
+noch drei Luchse geschossen, aber schon anderthalb Jahre später der
+letzte dort gefangen. Ähnlich war es im Revier Marquartstein, wo 1830
+noch vier Luchse zur Strecke kamen, darunter ein sehr altes Männchen
+von 67 Pfund, das keinen ganzen Zahn mehr besaß. Bei Berchtesgaden
+war der Luchs im Beginn des 19. Jahrhunderts noch Standwild, und 1826
+werden sieben erlegte Stücke gemeldet, seitdem aber keiner mehr.
+Etwas länger hielt sich der Luchs im Retterschwanger Tal, wo 1838 der
+letzte gestreckt wurde. Langkovel erzählt, daß über der niedrigen
+Tür des Forsthauses im Hindelanger Tal zwölf Luchsköpfe hingen als
+Jagdtrophäen der dort seit langem<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> ansässigen Försterfamilie. Einer
+dieser Luchse war 1830 auf der Zipfelalp geschossen worden, zwei
+andere 1850 und der letzte am 25. Mai 1872 bei Partenkirchen. Auch
+im bayrischen Allgäu sollen noch 1850 Luchse gespürt worden sein,
+kamen aber nicht zum Schuß. Als der letzte bayrische Luchs darf wohl
+der 1888 bei Rot am See erlegte gelten, der wahrscheinlich aus dem
+Österreichischen eingewechselt war. Im Bregenzer Wald ging es mit dem
+Luchs 1855 zu Ende, in Tirol 1872, wo am 3. Mai ein Stück bei Stauders
+angeschossen, aber erst eine Woche später verludert aufgefunden und
+für die Gymnasialsammlung in Chur ausgestopft wurde; trotz seiner
+tödlichen Verwundung hatte dieser Luchs noch einen Hasen gerissen. Im
+gleichen Jahre wurde auf dem Friedhof in Schlanders ein angeblicher
+Wolf erschlagen, dessen zur Einlösung des Schußgeldes eingeschickte
+Vorderpfoten sich aber als solche vom Luchs erwiesen. Früher war
+gerade in Tirol und Vorarlberg der Luchs das verhältnismäßig häufigste
+Raubtier, und die Bauern im Bregenzer Wald erzählen sich noch heute
+mit Schaudern davon, daß durch ihn einmal eine ganze Schafherde von
+600 Stück in einen Abgrund gejagt wurde, wodurch der Besitzer völlig
+verarmte. Im Stubachtal, wo heute der Naturschutzpark sich befindet,
+taten die Luchse noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts großen
+Schaden am Wild. In Steiermark war der Luchs von jeher häufiger als
+Bär oder Wolf, und die Nachrichten über ihn reichen bis zum Ausgang
+des 19. Jahrhunderts. In Sulzbach wurden in einem Jahre 90 Schafe von
+ihm zerrissen, in Weißwasser an einem Tage 9. Bei Völkermarkt und bei
+Windischgrätz wurden 1887 noch Luchse gespürt und 1892 sogar einer
+geschossen. In Krain tritt der Luchs heute noch regelmäßig, wenn
+auch selten, auf, und in Kärnten wenigstens ab und zu, soweit dort
+noch schwer zugängliche, aber wildreiche Waldungen mit ausgedehnten
+Dichtungen vorhanden sind. In der Schweiz waren noch um 1838 herum
+Luchse keine besondere Seltenheit, so daß allein in Graubünden jährlich
+7-8 zur Ablieferung gelangten, aber schon 1850 beschränkte sich die
+Gesamtstrecke der ganzen Schweiz auf die gleiche Zahl. Möglich, daß
+auch heute noch dieser oder jener Luchs versteckt in den Einöden des
+Berner Oberlandes oder im Gebiete der alten Rätier lebt, aber erlegt
+worden ist seit 1878 keiner mehr. Zwar werden diesbezügliche Fälle noch
+1887 aus Wallis und Graubünden gemeldet, aber sie erscheinen nicht
+genügend beglaubigt und sonderbarerweise ist das hohe Schußgeld von
+100 Franken nicht für sie in Anspruch genommen worden. Glaubwürdigere
+Nachrichten liegen<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> aus Oberösterreich vor, wo im November 1902 eine
+vierköpfige Luchsfamilie sich in den schluchtenreichen, düstern und
+wenig betretenen Waldungen an der Ybbs zeigte und in erschreckender
+Weise unter dem Wildstand wütete. Die Jägerei fand über 30 zerrissene
+Rehe, denen ausnahmslos in der für den Luchs so bezeichnenden Weise der
+Kopf vom Rumpfe getrennt war. Trotz eifriger Nachstellungen konnte man
+der Räuber nicht habhaft werden, die nach einiger Zeit spurlos wieder
+verschwanden, also offenbar nur eine Gastrolle gegeben haben.</p>
+
+<p>Aus Italien habe ich sichere Daten über das Vorkommen des Luchses
+überhaupt nicht erhalten können. In Frankreich kam er früher
+namentlich am nördlichen Hange des Zentralplateaus vor, wo noch 1865
+ein stattliches Exemplar im Departement Puy de Dôme erlegt wurde.
+Merkwürdig ist das rasche Verschwinden des Luchses aus Bosnien. Daß er
+früher dort keine Seltenheit war, beweisen eine Reihe von Ortsnamen,
+aber seine Ausrottung liegt doch schon lange zurück. Wie mir Othmar
+Reiser freundlichst mitteilte, wechselte anfangs der 90er Jahre ein
+Luchs aus Montenegro in den Bezirk Gacko ein, hielt sich dort aber nur
+kurze Zeit auf. Andere Stücke wurden in Montenegro selbst 1890 und
+1894 bei Jagden des Fürsten Nikita erlegt. In Mazedonien und Arkadien
+gibt's noch jetzt Luchse. Dasselbe gilt für die Karpathen, wo unserem
+Räuber namentlich die Vermehrung des Rehstandes zustatten gekommen
+ist. In den oberungarischen Revieren des Zaren Ferdinand von Bulgarien
+bei Lentschau und Igelo wurden 1905 innerhalb eines Vierteljahres fünf
+Luchse abgeschossen, da sie großen Schaden am Edelwild taten. Aus
+ganz Ungarn wurden 1873 bis 1887 über 100 erlegte Luchse gemeldet,
+doch waren es in Wirklichkeit wohl erheblich mehr, da viele Fälle
+den Behörden überhaupt nicht angezeigt werden. Wurden doch nach
+sorgfältigerer Buchführung nur in den ungarischen Kronforsten von 1884
+bis 1893 333 Luchse geschossen oder gefangen. Die meisten Vorkommnisse
+beziehen sich auf die nördlichen und nordöstlichen Teile des alten
+Ungarn. In den Beskiden ist unsere räuberische Großkatze auch heute
+noch ein regelmäßiges Standwild, ebenso in den wildesten Teilen der
+siebenbürgischen Randgebirge. Hier gelangen jährlich noch 6-8 Stück
+zum Abschuß, der aber gänzlich dem Zufall anheimgegeben ist. Selbst in
+der Umgebung von Hermannstadt und Kronstadt wurden in den 90er Jahren
+noch prachtvolle Luchse erlegt. Während des Krieges wurde ein Luchs im
+Rotenturmpaß von Pionieren aufgestöbert<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> und erbeutet. Die Bukowina
+verzeichnet 1892 vier erlegte Luchse; also auch hier ist das Tier noch
+seltenes Standwild. Oberjäger Moser hat in seinem früheren Revier im
+Bezirk Watra und in seinem jetzigen im Bezirk Gurahumora im Laufe der
+Jahre je fünf Luchse im Eisen gefangen. Das ebene Ostgalizien hatte
+auffallenderweise im März 1895 fünf erlegte Luchse zu verzeichnen,
+und sogar auf der westgalizischen Herrschaft Saybusch wurde im
+Oktober des gleichen Jahres ein Exemplar mit wundervoller Zeichnung
+geschossen. Alle diese Luchse waren Männchen, und man darf sie wohl
+für Flüchtlinge aus den Mittelkarpathen halten, aus denen sie durch
+ungewöhnlich starke Abholzungen vertrieben worden waren. Nach einer
+Mitteilung von Rittmeister Schlickriede wurde während des Krieges auf
+einer kleinen Treibjagd in Wolhynien am 2. März 1916 ein Luchs von
+1,4 <span class="antiqua">m</span> Länge auf 27 Schritt durch einen Schrotschuß zur Strecke
+gebracht. In Österr.-Schlesien hatte man schon lange nichts mehr von
+Luchsen gehört, bis sie sich in den 80er Jahren wieder spürten und dann
+auch 1889, 1891, 1893 und 1894 einzelne, aus dem Trentschiner Komitat
+eingewechselte Stücke in der Nähe der ungarischen Grenze unschädlich
+gemacht wurden, das letzte, ein Weibchen, 1914 bei Althammer. Auch in
+Böhmen und Mähren hielt sich der Luchs verhältnismäßig lange, denn
+noch 1890 wurde er im Böhmer Wald erlegt und im November 1894 ein
+Weibchen in Mähren, während das zugehörige Männchen entkam. In der
+Dukla-Senke wurden am 25. November 1893 zwei Luchse geschossen, während
+vier weitere entwischten, und einen Monat später fiel in derselben
+Gegend noch einer. In Slawonien soll es noch überall Luchse geben, aber
+nirgends häufig.</p>
+
+<p>Innerhalb Deutschlands läßt sich der Luchs heutzutage am ehesten noch
+einmal in Ostpreußen blicken, freilich auch nur auf recht seltenen
+Gastspielreisen. Nachstehend das Verzeichnis der im letzten Jahrhundert
+in Ostpreußen geschossenen Luchse, so weit es sich heute noch mit
+Sicherheit feststellen läßt:</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>&nbsp;&nbsp;1. 1820 bei Gumbinnen.</p>
+<p>&nbsp;&nbsp;2. 1832 in der Romintener Heide.</p>
+<p>&nbsp;&nbsp;3. 1846 bei Gilgindischken (Museum Eberswalde).</p>
+<p>&nbsp;&nbsp;4. 10. Februar 1861 ein Weibchen im Nassowener Forst, Kreis Goldap
+ &nbsp;&nbsp;(Museum Eberswalde).</p>
+<p>&nbsp;&nbsp;5. 1868 in der Puppener Forst (Museum Minden).</p>
+<p>&nbsp;&nbsp;6. 1. September 1870 im Forst Heidwalde, Kreis Angerburg.</p>
+<p>&nbsp;&nbsp;7. 20. Januar 1872 im Laukenwald, Kreis Mohrungen.</p>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p>
+<p>&nbsp;&nbsp;8. 1873 bei Rastenburg. Nicht ganz sicher verbürgter Fall.</p>
+<p>&nbsp;&nbsp;9. 25. Januar 1879 in der Puppener Forst.</p>
+<p>10. März 1898 bei Seetz (?).</p>
+<p>11. 25. November 1901 bei Schorellen (Museum Berlin).</p>
+<p>12. 21. September 1915 ein Männchen bei Ortelsburg (Museum Oldenburg).</p>
+<p>13.10. März 1924 im gräflich Eulenburgschen Forst Bettnarken ein
+schwaches Stück von 1,19 <span class="antiqua">m</span> Länge
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;und 43 Pfund Gewicht. Hilfsförster Kaluza war der glückliche Schütze.
+Es dürfte dies der bisher&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;letzte sichere Luchs sein, der auf deutschem Boden geschossen wurde.</p>
+</div>
+
+<p>In Westpreußen wurden die letzten beiden Luchse 1870 erlegt. In Kurland
+war der Luchs um 1830 herum derart verbreitet, daß er stellenweise den
+ganzen Rehstand vernichtete. Wie rasch dann aber seine Ausrottung vor
+sich ging, zeigen die Abschußlisten der großen Herrschaft Dodangen: im
+Winter 1844/45 17 Stück, 1845/46 12, 1846/47 7, 1847/48 5, 1848/49 4,
+1849/50 2 und 1850/51 nur noch ein einziger. Nach Grevé wurde noch im
+Januar 1907 ein Luchs im Revier Schlüterhof geschossen und ein anderer
+in Poppen, nachdem beide schon den ganzen Sommer über gespürt worden
+waren. Auf der Insel Ösel soll der letzte Luchs 1877 erbeutet worden
+sein. Auch in Livland ist nach den Berichten des Herrn von Middendorf
+der Luchs jetzt schon sehr selten geworden. Im Kreise Dorpat wurde
+der letzte 1867 erlegt, und im September 1904 wurde wieder einer
+beobachtet. Im Rigaer Kreis zeigte sich der letzte 1900, und im Kreis
+Wenden wurde noch im Jahre 1911 einer erlegt. Eine selten erfolgreiche
+Luchsjagd fand Anfang November 1910 im Walkschen Kreise statt, wo
+an zwei Jagdtagen neun Luchse zur Strecke kamen. In Estland wurden
+noch im Winter 1908/09 mehrere Luchse erbeutet und andere gespürt.
+Einer sprang in der Nähe von Mecks über einen hohen Drahtzaun in den
+Damhirschpark und richtete dort greuliche Verwüstungen an, ohne daß er
+erwischt werden konnte. Zusammenfassend kann man über das Vorkommen des
+Luchses im Baltikum sagen, daß er für Kurland noch an den äußersten
+Punkten im Westen und Osten zu verzeichnen ist, in Livland in den
+Kreisen Walk, Wera und Dorpat, in den großen Forsten von Pernau und in
+den Strandwäldern des Rigaischen Meerbusens und endlich für die ganze
+östliche Hälfte Estlands. Nach dem Innern Rußlands zu wird er dann
+zahlreicher, und in Sibirien, von wo alljährlich etwa 9000 Luchsfelle
+<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> in den Pelzhandel
+kommen, ist er noch häufig.</p>
+
+<p>In Norwegen ist der Luchs noch spärliches Standwild, wird aber seltener
+geschossen als der Bär, und die Abschußziffern halten sich seit 1889
+auf etwa gleicher Höhe, nämlich 50-70 Stück jährlich. In Schweden war
+der pinselohrige Geselle früher eines der bekanntesten, aber seiner
+unersättlichen Raubgier halber auch verhaßtesten Raubtiere, dessen
+Verbreitungsbezirk bis nach Wermeland und Dalekarnien herunterreichte.
+Bei seinem rastlosen Herumschweifen in den ungeheuren Wäldern fiel er
+nur dem erfahrenen Berufsjäger zum Opfer, während er dem gewöhnlichen
+Bauernjäger höchstens zufallsweise zum Schuß kam. Es soll aber einzelne
+Jäger gegeben haben, die in ihrem Leben 137, ja sogar 183 Luchse erlegt
+hatten, und daß ein einzelner Schütze jeden Winter zehn bis zwölf
+streckte, kam noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts vor. Von 1835
+bis 1839 wurden in ganz Schweden 1324 erlegte Luchse angemeldet, also
+rund 265 Stück jährlich. Dagegen betrug die Gesamtstrecke des Jahres
+1894 nur 35, 1905 nur noch zwei Stück. Das seitherige Schußgeld von 25
+Kronen für jeden erlegten Luchs wurde daher 1913 aufgehoben, wogegen
+aber zwei Jahre später die lappländische Nomadenbevölkerung Verwahrung
+einlegte, weil innerhalb zwei Monaten 15 Renntiere von Luchsen
+zerrissen worden waren. Besser vermochte sich der Luchs im benachbarten
+Finnland zu halten, wo aber sein Verbreitungsgebiet nach Norden kaum
+bis zum Polarkreis reichte. Südlich davon war er noch in den 70er und
+80er Jahren so häufig, daß man fast in jedem Kirchspiel Luchse erlegte,
+in manchen sogar in beträchtlicher Anzahl. Um die Jahrhundertwende
+herum schmolz dann der Bestand stark zusammen, und heute kommen im
+westlichen Finnland südlich Uleaburg Luchse nur noch ausnahmsweise vor,
+während sie in den östlichen Landesteilen häufiger sind. Die meisten
+Luchse, die wir in den Tiergärten zu sehen bekommen, stammen aus
+Finnland. Es heißt dort, daß Wolf und Luchs Todfeinde sind und sich in
+ihrer Verbreitung gegenseitig fast ausschließen. In der Tat trifft man
+da kaum Luchse an, wo es viele Wölfe gibt, und umgekehrt.</p>
+
+<p>Der gedrungene Körperbau, die hohen Läufe, der kurze, wie abgehackt
+aussehende Schwanz, die abenteuerlichen Pinselohren und die gemessenen,
+fast ein wenig plump und eckig anmutenden Bewegungen machen den Luchs
+zu einer höchst eigentümlichen Erscheinung, aber er ist trotzdem in
+jeder Beziehung vom Scheitel bis zur<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Sohle eine echte Katze. Er steht
+höher auf den Beinen als ein Panther, ist aber trotzdem viel kürzer
+gebaut, zumal ihm ja der lange Schwanz anderer Großkatzen abgeht.
+Die kraftstrotzende Muskulatur, das scharfe Gebiß und die gewaltigen
+Pranken machen ihn zu einem in seiner Art furchtbaren Räuber, obschon
+er an Größe einen starken Hühnerhund kaum übertrifft. Das Gewicht eines
+ausgewachsenen Männchens beträgt 30-35 <span class="antiqua">kg</span>. Döbner erhielt aus
+Norwegen einen Luchskopf von einem offenbar sehr alten Tier, da der
+erste Backenzahn im Oberkiefer jederseits bereits ausgefallen war.
+Bei Herrichtung des Schädels ergab sich die auffallende Tatsache, daß
+auch auf jeder Seite des Unterkiefers hinter dem Reißzahn ein kleiner
+Höckerzahn sich befand und daher sowohl unten wie oben jederseits
+vier Backenzähne vorhanden waren, während sonst die katzenartigen
+Tiere im Unterkiefer jederseits nur drei haben. Größe und Färbung
+schwanken beim Luchs sehr, und man hat deshalb eine ganze Reihe von
+Abarten aufgestellt, die sich aber nicht aufrecht erhalten lassen, da
+die angeblichen Unterschiede sich im allgemeinen als solche lediglich
+individueller Art erwiesen haben. Höchstens kann man zugeben, daß
+die nordischen Luchse durchschnittlich etwas stärker sind als die
+aus dem Alpengebiet oder dem südöstlichen Europa. Nach Färbung und
+Zeichnung unterscheiden die Jäger Hirsch-, Wolf-, Kalb-, Pardel- und
+Katzenluchse, und auch der schwedische Tierforscher Nilsson hat früher
+ähnliche Ansichten vertreten, mußte sich dann aber selbst berichtigen,
+als er aus dem gleichen Gewölf ganz verschieden gezeichnete Tiere
+erhielt. Die Fährte des Luchses, den die Russen Rys, die Letten Luhsis
+oder Luhsa und die Esten Ilvis nennen, ist reichlich doppelt so groß
+wie die einer starken Katze, ja noch etwas größer als die des Wolfes,
+unterscheidet sich aber von dieser sofort dadurch, daß sie keine
+Kralleneindrücke hinterläßt. Da der Luchs beim ruhigen Gehen schnürt,
+gleicht die ganze Fährte einer aufgereihten Perlenkette. Die Losung
+wird stets an ganz bestimmten Steinen oder Baumstümpfen hinterlassen,
+und wenn der Luchs wieder des Weges kommt, versäumt er es nie, seine
+Visitenkarte behaglich zu beschnüffeln, ein Umstand, den erfahrene
+Fallensteller sehr wohl auszunützen wissen.</p>
+
+<p>Ich selbst habe nur einmal im Leben einen Luchs in freier Natur zu
+sehen bekommen. Es war in einem entlegenen Balkanwinkel, als ich
+abends auf den Rehbock ansaß. Plötzlich rührte sich auf dem mir
+gegenüberliegenden Hange in etwa 160-170 <span class="antiqua">m</span> Luftlinie etwas
+Rotgelbes, das ich zunächst für einen guten Bock ansprach. Aber<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span>
+genaueres Hinsehen durch das Jagdglas zeigte mir einen starken Luchs,
+der in vorsichtig geduckter Haltung ganz langsam bergauf schlich, den
+Kopf immer nach einer ganz bestimmten Stelle gerichtet. Dort bemerkte
+ich denn schließlich auch ein Schmalreh, das etwa 70-80 <span class="antiqua">m</span> über
+dem Luchs stand — ein unvergeßlich schöner Anblick. Bald verschwand
+der Luchs ganz hinter Felsblöcken, bald zeigte er sich mir, der ich
+leider nur die Schrotflinte führte, völlig frei. Für diesmal erreichte
+der Räuber seinen Zweck jedoch nicht, denn das Reh bekam offenbar
+Witterung von ihm und ging schon auf große Entfernung flüchtig ab.
+Die Großkatze verfolgte nicht, sondern drückte sich im Gefels und
+wurde bald unsichtbar. — Der sehr ungesellig lebende Luchs ist ein
+ausgesprochenes Waldtier, fühlt sich aber nur in sehr ausgedehnten,
+urigen, dicht verwachsenen und schluchtenreichen Waldungen auf die
+Dauer wohl, die er nachts unermüdlich durchstreift und dabei oft weite
+Entfernungen zurücklegt, gern die Holzabfuhrwege benutzend. Doch weiß
+er sich immer überaus heimlich zu halten, und nur zur Ranzzeit verrät
+ihn sein durchdringendes Geschrei dem nächtlichen Wanderer. Selbst in
+noch dicht von Luchsen besiedelten Gegenden beansprucht jeder einzelne
+ein Jagdgebiet von mindestens 6-8 <span class="antiqua">km</span><sup>2</sup>. Bei ausgedehnten
+Waldbränden flüchten die entsetzten Luchse unter Umständen bis in die
+Obstgärten der Dörfer, wie dies z. B. 1868 im Petersburger Gouvernement
+der Fall war. Auch starker Hunger treibt ihn im Winter bisweilen in die
+unmittelbare Nähe der menschlichen Gehöfte. In mehrfacher Beziehung
+interessant ist diesbezüglich der folgende Fall, den Hochgreve erzählt:
+»Ich fand frische Spuren unmittelbar am Gutshof, wohin die Luchse wohl
+durch den Geruch einer Schafherde angelockt wurden, die tagsüber in
+einem Gatter untergebracht war und abends in eine geräumige Scheune
+getrieben wurde .... In der nächsten Nacht beobachtete ich den Luchs,
+wie er das Gehöft umkreiste, um einen Eingang zu suchen. Als er einen
+solchen gefunden hatte, sprang er plötzlich mit mächtigem Satz auf das
+Dach der Scheune, rollte aber mit einer sich loslösenden Schneelawine
+wieder herab. Er sprang wütend zum zweiten Male hinauf, krallte sich
+an den Holzschindeln fest und begann das Dach grimmig zu bearbeiten,
+während die Schafe sowie die Hühner im Stall durch Blöken und Gackern
+die Nähe der Gefahr verrieten .... Auf dem Dach bot der Luchs ein
+besseres Ziel, aber im trügerischen Mondschein fuhr die Kugel an seinem
+starken Kopf vorbei, und ehe ich imstande war, neu zu laden, hatte
+sich der Luchs mit einem gewaltigen Sprung in Sicherheit<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> gebracht. Am
+nächsten Morgen entdeckte ich zu meiner Überraschung noch die Fährte
+eines zweiten Luchses, wahrscheinlich des Weibchens, das sich scheu
+im tiefen Schatten gehalten haben mußte. Im nahen Walde fand ich die
+Federn einer Birkhenne als Beweis, daß das Raubtier doch etwas zur
+Stillung seines Heißhungers gefunden hatte. ... Einige Tage später
+erhielten wir die Nachricht, daß der Hühnerstall eines in der Nähe
+wohnenden Arbeiters vollständig ausgeräubert worden sei und daß die
+Fährten auf Luchse als auf die Übeltäter hinwiesen. ... Ich legte
+ein Eisen, und in diesem fing sich auch in der nächsten Nacht ein
+männlicher Luchs mit der Vorderpranke. Zu meinem Erstaunen war er tot
+und der Balg wies starke Bißwunden auf, während im Schnee deutlich die
+Spuren eines heftigen Kampfes zu sehen waren. Da keine anderen Fährten
+festzustellen waren als diejenige eines zweiten Luchses, hatte offenbar
+dieser in seinem Heißhunger dem Gefangenen die tödlichen Verletzungen
+beigebracht.«</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp41" id="illu-050" style="max-width: 34.6875em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-050.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 13. Luchs in Ruhestellung</b>
+<p class="s5 center">(Nach einer photographischen Aufnahme aus dem<br>
+ Zoologischen Garten in London)</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowp83" id="illu-051" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-051.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 14. Luchs in Lauerstellung</b>
+<p class="center">(Nach einer photographischen Aufnahme aus dem Zoologischen Garten in
+London)</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Seine Wechsel hält der Luchs genau ein, ja er tritt sogar beim Rückweg
+wieder in die eigenen Spuren, und wenn die Familie gemeinsam jagt,
+setzt jeder die Läufe in die Fährte seines Vordermannes, wie die
+Indianer auf dem Kriegspfade. Läßt er sich mit schlaffen Gliedmaßen
+an einem Baum mit grobem, flechtenbehangenem Gezweig nieder, so
+verschwimmt er für das menschliche Auge so vollkommen mit seinem
+Hintergrunde, daß selbst im beschränkten Raum des Tiergartenkäfigs
+es dem ungeschulten Beschauer schwer fällt, das große Tier sofort
+zu entdecken. Die Klause des blutdürstigen Einsiedlers ist in den
+Urwäldern sehr oft eine alte, hohle Weißtanne, die nur durch ein
+Astloch zugänglich ist. Das sind natürlich Riesenbäume von mindestens
+1-½ <span class="antiqua">m</span> Durchmesser, durch deren ausgefaulte Astlöcher auch ein
+Mensch sich würde hindurchzwängen können, falls er nicht mit einem
+Schmerbauch gesegnet ist. Für den pinselohrigen Raubritter aber ist ein
+solcher Einschlupf mehr als bequem. Derartige<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Schlupfwinkel bevorzugt
+er bei nassem und unfreundlichem Wetter, bei warmem und freundlichem
+aber liegt er lieber zwischen Felsklippen oder in jungen Dickichten, um
+sich die liebe Sonne auf den Balg scheinen zu lassen (Abb. 13), denn
+das liebt er sehr, wie ja alle Katzenarten. Obschon durchaus Nachttier,
+streift er doch gelegentlich auch am Tage herum, wenn es hübsch ruhig
+und still im Revier ist. Seine Bewegungen vereinigen Geschmeidigkeit
+mit Kraft, Anmut mit Wildheit, unheimliche Schnelligkeit mit eiserner
+Ruhe, würdevollen Ernst mit rastloser Gier. Faul liegt die große
+Katze halbe Tage lang wie ein aus Erz gegossenes Standbild ohne
+Bewegung auf dem gleichen Ast oder auf demselben Felsblock. Nur
+leises Zucken der langen Lauscher, Blinzeln der grünlichen Lichter,
+Rümpfen der schnurrbärtigen Lefzen und gelegentliches Stelzen oder
+Wedeln der kurzen Lunte verraten, daß, Leben in ihm ist. Der Schlaf
+ist außerordentlich leise; beim geringsten Geräusch spitzen sich die
+gepinselten Ohren, und die funkelnden Raubtieraugen richten sich
+aufmerksam nach der verdächtigen Gegend (Abb. 14). Erst wenn das
+letzte Vogelgezwitscher verstummte und die Schatten der Nacht tiefer
+herabsanken auf den schweigenden Wald, erhebt sich der Luchs und begibt
+sich mit weit ausgreifenden, federnden Schritten geräuschlos auf seinen
+Jagdzug. Im Vergleich zu ihm sind Bär und Wolf Stümper im Pirschen
+und Schafe an Mordlust. In allen älteren Naturgeschichtsbüchern wird
+übereinstimmend die hervorragende Kletterkunst des Luchses gerühmt.
+Seine für eine Katzenart sehr hohen Läufe lassen aber eigentlich nicht
+auf einen vorzüglichen Kletterer schließen. In neueren Lehrbüchern
+heißt es auch nur, daß der Luchs ziemlich gut klettere, wenn auch
+andrerseits Schäff sicherlich zu weit geht mit der Behauptung,
+daß der Luchs freiwillig überhaupt nicht klettere und seine Beute
+niemals von Baumästen aus anspringe. Erwähnt doch von Hippel bei
+einem in Ostpreußen geschossenen Luchs ausdrücklich, daß er gerade
+in dem Augenblick getroffen wurde, als er vom Baume aus auf ein Reh
+herabsprang. Immerhin ist dies nicht seine gewöhnliche Jagdmethode.
+Wird der Luchs von scharfen Hunden gehetzt, so baumt er fast regelmäßig
+auf. Zweifellos ist dagegen der Luchs ein Meister im Springen, der
+mit einem einzigen Satz eine 15 Fuß breite Schneise überfällt oder
+einen 10 Fuß hohen Felsblock besteigt. Da hilft dem armen Lampe kein
+noch so fixes Hakenschlagen, der ungeheure Sprung des furchtbaren
+Räubers trifft ihn mit tödlicher Sicherheit. Gewässer werden ohne
+Bedenken kräftig und geschickt durchschwommen. Während der Luchs wie
+alle Katzenarten<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> schlecht wittert und deshalb niemals der Fährte
+eines Beutetieres mit der Nase folgt, ist sein Auge scharf und sein
+Tastsinn hoch entwickelt. Alles, mit dem er sich näher befassen will,
+wird erst mit den Schnurrhaaren betastet. Sein schärfster Sinn ist
+aber zweifellos das Gehör, und die langen Pinselohren sind nicht etwa
+nur eine bloße Zierde des ausdrucksvollen Kopfes. Der Luchs hört das
+leise Nagen des Hasen an der Espenrinde und geht dann diesem Geräusch
+vorsichtig nach, bis er seiner Beute ansichtig wird. Obwohl Oberförster
+Dohrandt auf Grund seiner in Rußland gemachten Erfahrungen den Luchs
+als dumm bezeichnet, möchte ich es doch mit Brehm halten, der in ihm
+ein geistig hochstehendes Geschöpf und jedenfalls eines der klügsten
+Raubtiere erblickt. Schon die Naturforscher des Mittelalters nennen den
+Luchs mit Recht ein überlegendes und listiges Tier.</p>
+
+<p>Schon aus dem Gesagten geht zur Genüge hervor, daß der Luchs seiner
+Beutetiere in der Regel durch katzenartiges Beschleichen Herr wird.
+Grevé sagt sogar: »Daß er vom Baume herab auf seine Beute springt
+oder in dieser Art gar Elche überfällt, ist eine noch immer gern
+geglaubte Fabel, die durch Bilder von Jagdmalern, die nie einen
+Luchs in freier Wildbahn beobachtet haben und sich auf das Latein
+lustiger Hubertusjünger verlassen, unterstützt wird, ebenso wie
+der stereotype, den Schützen auf den Hinterpranken annehmende Bär
+nicht von der Bildfläche verschwinden will, trotz des beständigen
+Protestes erfahrener Bärenjäger.« Völlig kann ich nun zwar Grevé
+weder hinsichtlich des Luchses noch des Bären beipflichten, aber für
+die große Mehrzahl der Fälle hat er sicherlich recht. Auf flacher
+Erde erreicht der Luchs das geduldig beschlichene Opfer mit zwei bis
+drei Riesensprüngen von je 4 <span class="antiqua">m</span> Weite und wirft es nieder, um
+ihm die Pulsader aufzureißen oder das Genick zu durchbeißen und es
+so augenblicklich zu töten. Durch Spuren im frisch gefallenen Schnee
+konnte nach Brehm festgestellt werden, wie ein Luchs einen Hasen
+durch neun ungeheure Sprünge von durchschnittlich 13 Fuß Weite ereilt
+hatte. Geht der entscheidende Sprung fehl, so wendet sich der Luchs
+in der Regel mürrisch ab und sucht verdrießlich nach einem neuen
+Wild. Ist er aber sehr hungrig, so verfolgt er seine Beute auch wohl
+kilometerweit laufend wie ein Wolf, und man hat dies sogar schon am
+hellen Tage beobachtet. Hasen bzw. Schneehasen und Rehe bilden wohl
+sein Hauptwild, aber vom Hirsch bis zur Maus, vom Auerhahn bis zum
+Zaunkönig ist überhaupt nichts vor ihm sicher. Solange er Wild haben
+kann, zieht er dieses den Haustieren<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> entschieden vor, und da er
+äußerst lecker ist und nur die besten Stücke verzehrt, kann er als
+furchtbarer Jagdschädling in gepflegter Wildbahn unmöglich geduldet
+werden. Hat er Überfluß, so schwelgt er im Blutrausch und wird zum
+Massenmörder. So erzählt Vater Bechstein, daß ein Luchs, der sich 1772
+im Thüringer Wald aufhielt, in einer einzigen Nacht über 30 Schafe
+erwürgte. Trotzdem frißt der Luchs mäßig und gelassen und kehrt nach
+Stillung seines Hungers den Überbleibseln verächtlich den Rücken.
+Größere Tiere bedeckt er allerdings mit Laub oder Erde und kommt dann
+in der nächsten Nacht nochmals zu dem Braten zurück, während er nicht
+von ihm selbst gerissenes Aas niemals berührt. Tiere von Hasengröße
+an aufwärts sind ihm immer lieber, und mit Eichhörnchen oder gar
+Mäusen befaßt er sich nur im Notfall, wenn Schmalhans für längere Zeit
+Küchenmeister geworden ist. Doch erregt jedes vorüberhuschende Mäuschen
+schon seine Mordlust, und den vorüberflatternden Singvogel schlägt er
+mit sicherem Prankenhiebe aus der Luft herunter. Die brütende Auerhenne
+oder die dösende Lagerschnepfe sind für ihn in des Wortes wahrster
+Bedeutung ein gefundenes Fressen. Die häßliche Katzengewohnheit, mit
+gefangenen Kleintieren noch zu spielen und sie angesichts des Todes
+zu quälen und zu ängstigen, besitzt auch er, bleibt aber dabei immer
+ruhig und gelassen. Was er einmal gepackt hat, läßt er nicht so
+leicht wieder los und zerreißt den Beutetieren die Decke mit seinen
+nadelscharfen Krallen ganz erbärmlich. In Norwegen wurde ein junger
+Luchs, dessen Raubgier stärker gewesen war als seine Klugheit, von
+einer angesprungenen Ziege bis in den Hof des Besitzers geschleppt und
+dort erschlagen. Einem alten Luchs wäre das sicherlich nicht passiert.
+Tschudi erzählt, daß der Luchs in der Schweiz sich bisweilen unter
+der Erde nach den Schaf- und Ziegenställen durchzugraben versuche,
+wobei einmal ein mutiger Ziegenbock den unterirdischen Feind bemerkte,
+als er eben den Kopf aus der Erde hob, und ihn mit seinen Hörnern so
+derb bearbeitete, daß der Räuber tot in seinem Tunnel liegen blieb.
+Mit Vorliebe stellt der Luchs den Gemsen nach, die ihm aber infolge
+ihres scharfen Witterungsvermögens oft entgehen; häufiger fallen ihm
+Murmeltiere zum Opfer. An Hirsche, Sauen oder gar Elche dürften sich
+nur ausnahmsweise ganz starke Luchse wagen. Die stärkste Kraft dieser
+Großkatze, die sich ihre Jagden gern möglichst bequem gestaltet, liegt
+in den Füßen, in der Kinnlade und im Nacken. Der Luchs ist nicht so
+schlau wie der Fuchs, aber geduldiger, nicht so frech wie der Wolf,
+aber ausdauernder, nicht so stark wie der Bär,<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> aber scharfsinniger.
+Erbeuteten Rehen oder ähnlichen Tieren wird regelmäßig der Kopf vom
+Rumpfe getrennt, und wo man öfters im finsteren Gebirgstann derartig
+geköpfte Rehe findet, kann man mit einiger Sicherheit darauf schließen,
+daß hier der »Blutschreck«, wie der Luchs früher bei den Tiroler Bauern
+hieß, sein unheimliches Wesen treibt. Im übrigen tafelt der Luchs wie
+ein richtiger Feinschmecker, saugt sein Opfer fast blutleer und wählt
+nur die zartesten Stücke zum Fraße, während alles übrige neidlos dem
+Waldpöbel überlassen wird. Gerade durch diese wenig haushälterischen
+Eigenschaften wird er ja zu einem so argen Wildverwüster.</p>
+
+<p>Die Ranzzeit europäischer Luchse fällt in den Januar und Februar, und
+die Kater kämpfen dann nachts um der Minne Lohn mit so greulichem
+Geschrei, daß dem unerfahrenen Wanderer die Haare zu Berge stehen.
+Keine Zigeunergeige und kein Zimbal kann so herzzerbrechend schluchzen
+wie diese Teufelsbiester. »Erst klingt es,« schreibt Fritz Bley,
+»wie süße Sehnsucht von Verliebten, dann wie das Angstgeschrei eines
+Gefolterten und schließlich wie das letzte Röcheln eines Gehenkten.
+Dann wieder plärrt und keift eine scheußliche Hexe dazwischen oder
+ein alter Urteufel grunzt vor Lüsternheit im tiefsten Basse.« Werden
+die Kämpfer handgreiflich, so knurren und fauchen sie ingrimmig und
+lassen dann ein plärrendes Gebrüll hören, hoch und fein anfangend
+und mit tiefen, dumpfen Tönen endigend. Die Luchsin miaut dazu wie
+eine Hauskatze, aber mit tiefer Baßstimme. In merkwürdigem Gegensatz
+zu alledem heißt es bei Brehm, daß die Begattung ohne das übliche
+abscheuliche Katzengeschrei erfolge. Außerhalb der Ranzzeit sind die
+Luchse allerdings sehr schweigsam und schreien nur bei Hunger oder
+Langeweile in dumpf plärrenden oder bärenartig brüllenden Tönen. Im
+Laufe des März trennt das Weibchen sich dann wieder vom Männchen und
+bezieht an einer recht einsamen und schwer zugänglichen Stelle, etwa
+in einer durch Windbrüche und Baumwurzeln gebildeten Höhlung oder
+auch in einem alten Dachsbau ihr Wochenbett, wo sie nach zehnwöchiger
+Tragzeit, also etwa Anfang Mai, zwei bis drei, selten vier Junge wirft,
+die anfangs von ganz heller Farbe sind, neun Tage lang blind bleiben,
+und die sie als fürsorgliche Mutter mit zartestem Geflügel füttert.
+Glückselig schnurrend ruht sie dann auf weichem Pfühle und bietet den
+leise maunzenden Sprößlingen geduldig die Zitzen, nimmt es auch mit
+stillem Behagen hin, daß die kleinen Rüpel das Gesäuge mit ihren derben
+Pfoten recht unsanft kneten. Im Juni nimmt sie ihre Kinder schon auf
+kürzere Streifzüge mit und<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> bummelt nun bis zum Eintritt der nächsten
+Ranzzeit mit ihnen gemeinsam herum. Merkt sie Gefahr für die Jungen,
+so stößt sie in oftmaliger Wiederholung einen groben Nasenlaut aus,
+der wohl ein Warnungssignal sein soll. Im übrigen wissen wir über
+das Familienleben dieser einsiedlerischen und menschenscheuen Tiere
+herzlich wenig, doch behaupten manche Beobachter, daß die geile Luchsin
+sich nicht mit einem Gatten begnüge, sondern alljährlich ihre Gunst an
+mehrere Liebhaber verschenke.</p>
+
+<p>Es gibt in europäischen Jagdgründen kein Wild, das so schwierig zu
+bejagen und zu erlegen ist wie der Luchs. Seine argwöhnische Schlauheit
+vereitelt die besten Anschläge, und gewöhnlich ist es nur ein seltener
+Zufall, der ihn einmal vors Rohr bringt. Auf Treibjagden bleibt er
+seelenruhig in seiner Baum- oder Felsenhöhle liegen und läßt Treiber
+und Hunde vorbeiziehen, oder er baumt beim ersten Lärm auf, rührt
+sich nicht mehr und wird dann gewöhnlich übersehen. Nur wenn er im
+niedrigen Dickicht ruhte, vermögen ihn sehr schnelle und scharfe
+Hunde herauszutreiben, zum Aufbaumen zu zwingen und zu verbellen, wo
+ihn dann die herbeieilenden Jäger leicht herunterschießen können.
+So sehr der Luchs den Menschen fürchtet und meidet, so wenig macht
+er sich doch aus bloßem Lärm und liegt deshalb gar nicht selten in
+unmittelbarer Nähe viel benutzter Waldwege. In Rußland bildet man
+bei Luchsjagden mit wenigen, aber sicheren Schützen und ortskundigen
+Treibern einen möglichst engen Kreis und läßt dann die Bracken in
+den Trieb, die das Raubtier rasch aufstöbern und im Falle eines
+Durchbruchs unter Lautgeben verfolgen. Der Luchs zeigt auch vor großen
+Hunden keine sonderliche Furcht, denn er ist sich seiner Überlegenheit
+über sie wohl bewußt. Im Nahkampf wirft er sich gern auf den Rücken
+und gebraucht seine furchtbaren Tatzen in der nachdrücklichsten
+Weise. Dann muß der Hund unterliegen, und der Jäger tut deshalb gut
+daran, schleunigst herbeizueilen, wenn er nicht seinen vierbeinigen
+Jagdgehilfen verlieren will. Die Hunde zeigen deshalb auch wenig
+Neigung, mit einem so gefährlichen Gegner ernstlich anzubinden. Recht
+wenig aussichtsreich ist das Ausgehen der Fährte bei Neuschnee, da der
+Luchs in einer Nacht ganz gewaltige Wegstrecken zurückzulegen pflegt.
+Stößt er dabei auf eine frische Menschenspur, so trollt er sich sofort
+mißtrauisch in eine andere Gegend. Die Luchsjagd ist aber nicht nur
+unergiebig und beschwerlich, sondern sie kann unter Umständen sogar
+gelegentlich einmal gefährlich werden. Dies gilt besonders für den
+Fall, daß der aufgebaumte und vom Hunde<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> verbellte Luchs zunächst nur
+angeschossen wird. Dann kann es vorkommen, daß das schwer gereizte
+und vor Schmerz halb wahnsinnige Tier mit einem gewaltigen Satze auf
+seinen Peiniger herunterstürzt und ihm die scharfen Krallen tief in
+die Brust schlägt. Allerdings springt er gewöhnlich zuerst den Hund
+an, so daß der Jäger Zeit gewinnt, neu zu laden und den Kampf durch
+eine besser gezielte Kugel aus nächster Nähe zu entscheiden. Gut
+beglaubigt ist der Fall eines schwedischen Jägers, der mitsamt seinem
+Hunde von einem angeschossenen Luchs derart zugerichtet wurde, daß
+beiden die Lust zur Luchsjagd für immer verging. Überhaupt erzählt
+man sich in Skandinavien manche Geschichten von Luchsjagden, bei
+denen der, der auf der Strecke blieb, nicht immer Meister Pinselohr
+war. Es braucht das meines Erachtens nicht immer Jägerlatein zu sein,
+obschon zahlreiche und grobe Übertreibungen dabei mit unterlaufen
+sein mögen. Die baltischen Herrenjäger bekunden übereinstimmend, daß
+ihnen niemals etwas von Angriffen des Luchses auf den Menschen bekannt
+geworden sei, daß vielmehr jener seiner völligen Ohnmacht gegenüber
+dem Herrn der Schöpfung sich stets bewußt bleibe. Gewöhnlich bleibt
+der aufgebaumte Luchs ruhig auf seinem Aste liegen und starrt den sich
+nahenden Menschen unverwandt an, ja es gibt sogar erfahrene Jäger, die
+behaupten, daß man die Aufmerksamkeit des Räubers durch aufgepflanzte
+Kleidungsstücke stundenlang fesseln und derweil seine Flinte holen
+könne, falls man ihm zufällig und waffenlos begegnet sei. Daß dem Luchs
+bei aller Menschenscheu doch auch ein gut Teil Frechheit innewohnt,
+geht daraus hervor, daß einmal ein Luchs während einer Treibjagd sich
+einen der aufgescheuchten Hasen fing, welche Keckheit er allerdings mit
+dem Leben bezahlen mußte.</p>
+
+<p>Aussichtsvoller als die Jagd auf den Luchs ist der Fang mit dem
+Tellereisen, allerdings immer noch viel schwieriger, umständlicher und
+mühseliger als etwa beim Fuchs. Um Fangbrocken und Luder, selbst um
+frische Pferdekadaver kümmert sich der Luchs nicht; ihm schmeckt nur
+selbst erlegte Beute, und auch die nur, solange sie frisch ist. Man
+kann also nur dann auf Erfolg rechnen, wenn man Gelegenheit hatte,
+das Eisen bei einem vom Luchs selbst gerissenen Reh oder dergleichen
+auszulegen. Der in Eisen sitzende Luchs gebärdet sich namentlich beim
+Erscheinen des Jägers wie rasend. Seine Wut kennt keine Grenzen, und
+er macht mit bewundernswerter Kraft die verzweifeltsten Anstrengungen,
+um freizukommen, wobei er sich nicht selten die Krallen ausreißt oder
+die Fangzähne abbricht. Ein gefangener<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> Luchs war mit dem schweren
+Eisen an einer Tatze auf einen hohen Baum geklettert und blinzelte
+von da tückisch auf seinen Verfolger herab. Es erschien rätselhaft,
+wie er mit dem stark verletzten Fuß und dem gewichtigen Eisen an
+dem steilen und glatten Stamm hatte hochkommen können. Nur einer
+fabelhaften Gewandtheit in Verbindung mit unglaublicher Muskelkraft
+und Willensstärke konnte ein solches Unternehmen gelingen. Ein anderer
+Luchs hatte das Eisen eine tiefe Schlucht hinunter und auf der anderen
+Seite wieder in die Höhe geschleppt. An den Spuren im Schnee ließ sich
+feststellen, daß das Raubtier die ganze Zeit über, während das Eisen
+an einer gerissenen Ricke gestellt worden war, kaum 30 Schritte davon
+auf einer dicht beasteten Fichte gelegen und ruhig zugesehen hatte.
+Ratz hatte einmal einen hohen Felsen erklettert und wollte sich gerade
+zum Ausruhen niedersetzen, als plötzlich zehn Schritte vor ihm ein
+Luchs absprang. Er beschoß ihn auf sechzig Schritte mit Hasenschrot,
+fand auch Schweißspuren und ein gerissenes Reh, aber der Luchs selbst
+blieb verschwunden. Am nächsten Morgen fing er sich in dem bei seinem
+Opfer gestellten Eisen, mit dem er sich dann zwischen zwei dicht
+beieinanderstehenden Baumstämmen derartig einklemmte, daß er leicht
+den Gnadenschuß erhalten konnte. Vorher war er noch mitsamt dem Eisen
+einen hohen Felsen herabgesprungen, und es war nur zu verwundern, daß
+er sich dabei nicht den Schädel zerschmettert hatte. — Der Balg des
+Luchses gibt ein geschätztes Pelzwerk ab, das namentlich in China sehr
+beliebt ist, weshalb die große Mehrzahl der sibirischen Luchsfelle nach
+dort ausgeführt wird. In Europa gelten die nordischen Luchsfelle für
+besser als solche aus südlichen Ländern. Luchsbraten galt früher als
+ein Leckerbissen oder doch wenigstens als ein begehrtes Schaugericht
+für die Tafel der Vornehmsten. Noch auf dem Wiener Kongreß soll
+mehrfach Luchsbraten aufgetischt worden sein. Je seltener dieses
+Gericht wurde, um so mehr kam es in den Geruch der Heilkräftigkeit
+und Wundertätigkeit. 1819 erhielt die bayrische Jägerei den Auftrag,
+unter allen Umständen einen Luchs zur Strecke zu bringen, da dessen
+Wildbret dem bayrischen König als Mittel gegen Schwindelanfälle
+dienen sollte. Neuerdings hat Baron von Loewis einer Gesellschaft
+baltischer Feinschmecker Luchsbraten vorgesetzt, der allgemein für
+Truthahn gehalten und mit Vergnügen verspeist wurde. Dagegen fand
+Baron von Krüdener, daß geräuchertes Luchsfleisch unangenehm süßlich
+schmecke. In Estland wird heute noch Luchsfleisch von hoch und niedrig
+gern gegessen; es sei zart und hellfarbig, ohne jeden unangenehmen
+Wildgeschmack<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> und dem besten Kalbfleische gleich. Die Krallen des
+erlegten Luchses, die sog. »Luchskräneln«, läßt sich der glückliche
+Schütze in der Regel in Silber fassen und trägt sie mit berechtigtem
+Stolze an der Uhrkette.</p>
+
+<p>Gefangene Luchse, die in den Tiergärten nicht eben häufig zu sehen
+sind, verlangen sorgfältigste Pflege. Wenn sie sich auch aus
+Witterungsunbilden nicht viel machen, so beanspruchen sie doch große
+Abwechslung in der Nahrung und nur frisches Fleisch bester Sorte.
+Alte Luchse bleiben immer mürrisch und eigensinnig und lehnen jeden
+näheren Anschluß an den Menschen fauchend und übellaunig ab. Dagegen
+werden Junge, die aber schwer aufzutreiben sind, überraschend zahm
+und zeigen sich dem Pfleger gegenüber von ihrer liebenswürdigsten
+Seite. Grill war so glücklich, einen etwa zweitägigen Jungluchs zu
+erwerben. Seine Hauskatze mußte das kleine Waisenkind großsäugen und
+tat dies mit all der unerschöpflichen Zärtlichkeit, die Katzenmütter
+hilflosen Jungtieren gegenüber an den Tag legen. Dieser Jungluchs
+bekam auch später nur Milch, Brei, Kartoffeln u. dgl. und blieb wohl
+deshalb so zahm wie eine Hauskatze. Auch in einem andern Falle diente
+eine Katze als Amme. Der Pflegling gedieh dabei prächtig und wurde
+bald zum Liebling der ganzen Familie, obgleich er gelegentlich durch
+seine übergroße Neugier lästig fiel. Als er schon doppelt so groß war
+wie seine Pflegemutter, leckte diese den Rüpel immer noch zärtlich.
+Wenn er aber dann in seiner groben Art mit ihr spielen wollte, wurde
+Mieze ungemütlich, sprang ihm auf den Rücken und backpfeifte ihn, daß
+es nur so rauchte. Zu einer gewissen Berühmtheit hat es der zahme
+Luchs des Barons von Loewis gebracht. Dieses Tier war so gehorsam,
+daß ein drohender Zuruf genügte, um es augenblicklich von Hasen,
+Hühnern oder Schafen abzuhalten. Es hörte genau auf seinen Namen und
+durfte deshalb sogar seinen Herrn zu den Treibjagden begleiten, auf
+denen es sich damit vergnügte, Hasen abzufangen. Nachdem Sprünge auf
+am Boden sitzende Tauben mehrmals mißglückt waren, lernte »Luzy«
+sehr geschickt, sie mit einem Prankenhiebe beim Auffliegen aus der
+Luft herunterzuschlagen. Fuhren Herr von Loewis und sein Bruder auf
+einen Tag in die Nachbarschaft, so konnte niemand »Luzy« bändigen,
+und dann wehe jedem unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans!
+Rollte dann spät in der Nacht der Wagen wieder vor das Wohnhaus, so
+war Luzy im Nu vom Dach, wo sie sich neben dem Schornstein zur Ruhe
+niedergetan hatte, herunter und flog mit weiten Sätzen ihrem Herrn<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> an
+die Brust, seinen Hals mit ihren starken Vorderpranken umschlingend,
+laut schnurrend und mit dem Kopf nach Katzenart stoßend und reibend.
+So folgte sie in die Stube, um auf dem Sofa oder neben dem Ofen ihr
+Nachtlager aufzuschlagen. Einige Male durfte sie auch das Bett mit
+ihrem Herrn teilen, legte sich dann aber gern quer über dessen Hals und
+verursachte dadurch Alpdrücken und beunruhigende Träume. Als einmal
+die Gebrüder Loewis für eine ganze Woche verreisten, geriet der Luchs
+in große Unruhe, suchte schreiend nach seinem Herrn, verweigerte die
+Annahme von Nahrung und übersiedelte schon am zweiten Tage in ein
+nahes Birkenwäldchen, von wo er nur zum Übernachten auf sein gewohntes
+Plätzchen neben dem Schornstein zurückkehrte. Seine Freude bei der
+endlichen Wiederkehr der beiden Barone kannte keine Grenzen. Scham-
+und Ehrgefühl waren stark entwickelt, wie es sich z. B. zeigte, als
+die Luchsin einmal beim Beschleichen von Gänsen ins Wasser geplumpst
+war. Durchaus Feinschmecker, nahm auch dieser Luchs nur ganz frisches
+Fleisch, am liebsten Wild und Geflügel. Eigentümlich war sein glühender
+Haß gegen Hauskatzen, die er mit gräßlicher Wut zerfleischte. In kurzer
+Zeit hatte er sämtliche Katzen auf dem Gute ausgerottet, obwohl man
+sie sorgsam vor ihm verborgen hielt. Nur einmal wagte es Herr von
+Loewis, Luzy zu einem Besuch auf ein Nachbargut mitzunehmen. Kaum aber
+war man eine Stunde dort, so meldete auch schon der Diener, daß die
+Lieblingskatze der Hausfrau von dem Luchs zerrissen worden sei.</p>
+
+<p>Zuchterfolge mit gefangenen Luchsen sind namentlich im Stockholmer
+Tiergarten erzielt worden. Anfang März 1905 bemerkte der Direktor
+Alarik Behm, daß ein Pärchen Luchse sich für einander interessierte.
+Oft saßen die Tiere dicht aneinandergeschmiegt auf den großen
+Felsblöcken ihres Käfigs, und der Kater leckte nicht selten Wangen,
+Ohren und Schnauze der Luchskatze. Am 22. Mai wurden zwei Junge
+geboren, starben aber nach fünf Monaten an Rachitis, und auch der Vater
+ging bald darauf an Spulwürmern zugrunde. Dem Weibchen wurde nun ein
+anderes Männchen beigesellt und auch am 14. März 1906 eine Paarung
+beobachtet, die aber keine Folgen hatte. Im nächsten Jahre erfolgte
+die Paarung am 9. März, und am 17. Mai wurden drei Junge geboren.
+Leider blieben auch diese nicht lange am Leben; zwei gingen im Oktober
+ein, und das dritte im Dezember, alle mit Spulwürmern behaftet. Der
+15. Mai 1908 brachte wieder zwei Junge, die erst am 16. Lebenstage
+die Augen öffneten, den Winter gut überstanden und gesund<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> und munter
+blieben. Während ihrer ersten Lebensmonate ließen die jungen Luchse
+oft ein leises Piepen hören. Im gleichen Wurf fanden sich verschiedene
+Spielarten, und sowohl Wolf- wie Fuchs- wie Katzenluchse sind von dem
+gleichen Elternpaar gezogen worden. Das Wachstum der Jungen vollzieht
+sich sehr langsam; im Dezember waren sie erst halbwüchsig. Die
+Luchsmutter pflegt ihre Kleinen mit unübertrefflicher Zärtlichkeit und
+trägt sie bei der geringsten Beunruhigung in die Höhle zurück; später
+verwendete sie viel Zeit auf das Spielen mit ihren niedlichen Kindern.
+Der Luchskater war während der Geburt 1905 auch im Käfig anwesend und
+schlief in der ersten Zeit mit seiner Familie zusammen. Als die Jungen
+größer wurden, beschäftigte er sich fast ebensoviel mit ihnen wie
+die Luchsmutter und ließ die übermütigen Kleinen geduldig über sich
+hinweg klettern und tollen oder sich von ihnen am Schwanz und an den
+Ohren reißen. Bei den späteren Würfen wurde der Kater aber doch vorher
+entfernt, weil er nach Aussage der Wärter dem Weibchen und den Jungen
+zu viel von dem guten Wochenstubenfutter (Kaninchen, Tauben, Sperber)
+wegfraß.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Der_Uhu">Der Uhu</h2>
+</div>
+
+<p>Finsterling Uhu, der stärkste Vertreter des Eulengeschlechts, teilt
+mit dem Steinadler den gefährlichen Ruhm, der gewaltigste Räuber
+unserer heimischen Vogelwelt zu sein. Gibt doch das Uhuweibchen dem
+Steinadler an Größe tatsächlich nur wenig nach, ja, wenn es im Zorne
+alle seine Federn sträubt, die übrigens bei manchen Völkerschaften
+Mittelasiens als geschätzte Schmuckfedern gelten, dann erscheint es
+fast noch größer. Die Flügellänge europäischer Uhuweibchen, die auch
+an dem stärkeren Schnabel und den längeren Zehen von den kleineren
+und schwächeren Männchen zu unterscheiden sind, beträgt 465-490
+<span class="antiqua">mm</span>, die der Männchen 430-465 <span class="antiqua">mm</span>. Das durchschnittliche
+Gewicht der Weibchen beträgt 3-½, das der Männchen nur etwa 3
+<span class="antiqua">kg</span>. Anscheinend kann der Vogel ein ziemliches Alter erreichen;
+wenigstens lebte ein ungarischer Hüttenuhu volle 32 Jahre in
+seinem Verschlag, und in freier Natur dürfte diese Zahl wohl noch
+wesentlich überschritten werden, wenn nicht Pfahleisen oder Blei ein
+verfrühtes Ende herbeiführen. Je nach Grundfärbung, Fleckung und
+Schwingenverhältnissen unterscheiden die Vogelforscher beim Uhu eine
+ganze Reihe geographischer Rassen, jedoch ist Hartert<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> der Ansicht,
+daß ganz Europa von Skandinavien und Nordrußland bis zu den Pyrenäen,
+Italien und Griechenland von einer einheitlichen Form bewohnt wird,
+während Reichenow auch diese noch in mehrere Rassen aufsplittern
+möchte. Ich selbst kann allerdings skandinavische Uhus von deutschen
+unterscheiden, nicht aber diese von ungarischen. Gut kenntliche Rassen
+sind jedenfalls der turkmenische und der nordafrikanische Uhu.</p>
+
+<p>Macht der Uhu auf den ersten Blick auch einen etwas abenteuerlichen
+Eindruck, so muß man ihn bei näherer Betrachtung doch entschieden
+als schön erklären. Man schaue ihm nur einmal in die prachtvollen,
+goldgelben, feuersprühenden Glotzaugen mit ihrem magischen
+Phosphorglanz, denen weder bei Tag noch im Dunkel der Winternacht
+die kleinste Beute entgeht; man bedenke, daß die absonderlichen
+Ohrbüschel auf unglaubliche Entfernung hin das leiseste Geräusch
+auffangen, man betrachte das weiche, üppige Gefieder mit seiner
+feingemusterten Zeichnung und großartigen Schutzfarbe, die gewaltigen,
+breiten Fittiche, die furchtbaren Waffen, die unheimliche Kraft und
+Sicherheit, mit der sie geschwungen werden, — und dann wird man
+zugeben müssen, daß die Natur im Uhu nicht einen häßlichen Kobold,
+sondern ein Meisterwerk von höchster Vollendung und eigenartiger
+Schönheit schuf. Frau Sage hat ein düsteres Märchengewebe um den
+geheimnisvollen Sonderling gewoben. Jedes Kind kennt ja den Uhu, aber
+nur die allerwenigsten Menschen haben ihn in freier Natur wirklich
+gesehen. Aber sein abenteuerliches Aussehen, seine nächtlichen
+Raubritterstreiche, sein waghalsiger Mut und seine unheimliche
+Stimme haben ihm im Verein mit allerlei gespenstischen Sagen zu
+einer gewissen Berühmtheit verholfen, die durch alle Schichten des
+Volkes reicht. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Uhu mit
+am meisten zur Entstehung der weitverbreiteten Sage vom wilden Jäger
+beigetragen hat. Man begreift das, wenn man einmal in einer stürmischen
+Frühlingsnacht zwei eifersüchtige Uhumännchen sich balgen sah. Heftige
+Schwingenschläge, wütendes Fauchen, Zischen und Schnabelknappen,
+freches Kichern und heiseres Kreischen! Die dumpfen Rufe durchlaufen
+dabei alle Stufen von Zorn und Wut, Ingrimm und Ärger, Bosheit und
+Tücke und endigen schließlich in einem entsetzlichen Siegesgeheul. Wenn
+der erregte Vogel sein üppig volles Gefieder zu einem unförmlichen
+Federball aufbläst, wenn gleichzeitig seine riesigen Augen wie zwei
+Feuerräder grünlich geisterhaften Phosphorglanz sprühen, wenn sein
+schauerliches Rufen im Verein mit<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Schlangengezisch und Gefauche
+die Abendstille durch eine gräßliche Musik unterbricht, dann denken
+ängstliche und abergläubische Gemüter wohl leicht an das Konzert
+rasselnder Totengerippe zur Mitternachtsstunde auf dem alten Friedhof,
+wie es in der dörflichen Spinnstube so oft und so anschaulich
+geschildert worden ist. Dann gruselt's solche Menschen!</p>
+
+<p>Die Forscher aus der klassischen Zeit der deutschen Vogelkunde, auch
+noch Eugen von Homeyer und Altum, kennen den Uhu alle noch als einen
+ganz regelmäßigen Brutvogel in den weitaus meisten Gegenden unseres
+Vaterlandes, obgleich sich schon ein Rückgang bemerklich machte. So
+schreibt Gloger in seiner 1834 erschienenen »Naturgeschichte der
+Vögel«: »In Deutschland, etwa das Saaletal ausgenommen, fängt der
+Uhu, wie in allen kultivierten Staaten, bereits an, <em class="gesperrt">etwas</em>
+selten zu werden.« Noch in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts
+war der Uhu in vielen Gegenden eine durchaus nicht besonders seltene
+Erscheinung. Das ist leider ganz anders geworden, und namentlich seit
+der Jahrhundertwende hat nahezu überall eine geradezu erschreckend
+rasche Abnahme des »Königs der Nacht« eingesetzt, die sein völliges
+Aussterben in sehr absehbarer Zeit befürchten läßt. Schonungslose
+Verfolgung hat die majestätische Eule schon heute in den meisten
+Gegenden Mitteleuropas völlig vernichtet und die spärlichen Reste
+in die finstersten Waldungen der Ebene oder in die abgelegensten
+Felsengebiete der Gebirge zurückgedrängt, wo der Vogel vollends zum
+menschenscheuen Einsiedler geworden ist. Das Herz krampft sich einem
+förmlich zusammen und die Schamröte steigt einem ins Gesicht, wenn man
+dieses widerwärtige Trauerspiel in seinen Einzelheiten näher verfolgt,
+wenn man etwa in den letzten 25 Jahrgängen der Jagdzeitschriften all
+diese selbstgefälligen, schieß- und fangwütigen Ausrottungsberichte
+zusammenstellt. Es ist immer und überall dieselbe lausige Geschichte:
+Irgendwo haust noch in stiller Abgeschiedenheit ein einsames Uhupaar.
+Es wird ausfindig gemacht, und alljährlich werden ihm nun schonungslos
+sämtliche Eier oder Junge weggenommen, bis schließlich auch die alten
+Brutvögel kaltblütig abgeknallt werden. Schluß! Wieder ein deutscher
+Uhubrutplatz weniger! Wen kümmert's groß? Das ist selbst in neuester
+Zeit kaum anders geworden, obwohl der aussterbende »König der Nacht«
+heute als Naturdenkmal gesetzlich geschützt ist. Aber solche Gesetze
+stehen ja bekanntlich nur auf dem Papier, und die große Mehrzahl der
+Auchjäger schert sich den Teufel darum.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p>
+
+<p>Vergegenwärtigen wir uns nun einmal an der Hand der Jagd- und
+Fachpresse, wie sich die Ausrottung des Vogels in den früher
+uhureichsten Gegenden vollzogen hat, und suchen wir zugleich
+festzuzustellen, wo heute in Mitteleuropa Uhus überhaupt noch brüten.
+In Mecklenburg war der Uhu früher namentlich in den südlichen und
+südöstlichen Teilen des Landes verbreitet, zählt aber heute gleich dem
+Steinadler zu den ausgestorbenen Vogelarten. Selbst aus den großen
+Waldungen der Rostocker Heide ist er heute völlig verschwunden. Die
+letzten Brutpaare horsteten zu Beginn dieses Jahrhunderts bei Speek in
+der Nähe von Röbel, bei Testorf und bei Ankershagen. An letztgenanntem
+Platze wurde noch Anfang 1916 ein Uhu erlegt, der aber wohl nur ein
+gattenlos herumstreichender Durchzügler war. In Pommern war der Uhu
+nach E. F. v. Homeyer in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
+»nicht selten« und kam namentlich in den großen Kiefernwäldern der
+östlichen Landesteile noch »oft genug« vor. Heute hört man so gut wie
+nichts mehr von pommerschen Uhus. Auch in Ostpreußen war der Uhu noch
+zu Ende des vorigen Jahrhunderts durchaus keine Seltenheit. Bekannte
+Horstplätze waren z. B. die Oberförsterei Fritzen im Samland, ferner
+die Gegenden von Memel, Heydekrug, Sorquitten, Ibenhorst, Trygallen,
+Norkitten, Wehlau u. a. Auf den Treibjagden wurden häufig nebenbei
+auch Uhus erlegt, und der bekannte Königsberger Präparator Künow hatte
+oft ein halbes Dutzend und mehr gleichzeitig zum Abbalgen daliegen.
+Ich selbst kannte einen Horst, der auf einem gar nicht besonders hohen
+Baume stand. Damals wurden immer nur zufällig Uhus geschossen oder
+gefangen, die alteingesessenen Brutpaare dagegen sorgfältig geschont,
+schon der wertvollen Jungen wegen. Oberst Biclitz schreibt, daß
+dies auch heute noch so sei und daß infolgedessen ein wesentlicher
+Rückgang der ostpreußischen Uhubestände nicht eingetreten sei, zumal
+in den endlosen, einsamen Waldungen so mancher Horst überhaupt nicht
+aufgefunden werde. Neuerdings gibt der bekannte Oologe Szielasko an,
+daß der Uhu in Masuren und Litauen noch regelmäßiger Brutvogel sei,
+besonders aber in der »Niederung«, wo er geradezu als häufig gelten
+könne. Tischler schätzt den gegenwärtigen Uhubestand Ostpreußens auf
+19 bis 20 Horstpaare. Nach alledem scheint es also, als ob wir in
+Ostpreußen die uhureichste Provinz Deutschlands vor uns haben, wenn
+auch in neuester Zeit ein bedenklicher Rückgang, namentlich in Masuren,
+leider nicht zu verkennen ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p>
+
+<p>Als eine besonders uhureiche Gegend galt früher auch der Harz, dessen
+natürliche Beschaffenheit sich ja hervorragend für diesen Vogel
+eignet. Aber es ist zu unruhig in dem schönen Gebirge geworden, und
+so wird auch hier dem Finsterling bald die Todesstunde geschlagen
+haben, wie ja allen großen und eigenartigen Vögeln von der sogenannten
+Kultur bald der Garaus gemacht wird. Im Oberharz ist der Uhu heute
+bereits ausgerottet und im Unterharz horstet noch ein einziges Paar,
+dessen Standort sich nach Smalian in schwer zugänglichen Felsen bei
+Schloß Falkenstein befindet. Von einem der letzten Horste berichtet
+Oberförster Robitzsch aus Ballenstedt. Der Horst stand in einer tiefen
+Felsspalte eines seit Jahren unbenutzten Steinbruchs etwa 15 <span class="antiqua">m</span>
+über der Steinbruchsohle. 1912 wurde der Steinbruch vorübergehend
+wieder in Betrieb genommen, aber erst als die Arbeit schon mehrere
+Wochen gedauert hatte, verriet einer der alten Uhus den Horst dadurch,
+daß er einmal bei verfrühtem Eintreffen der Leute aus der Felsplatte
+heraus abstrich. Das Gefieder der Uhus stimmte nämlich in seiner
+rostbraunen Farbe so vorzüglich mit dem Grauwackengestein überein, daß
+man von der Steinbruchsohle aus selbst mit dem Jagdglase die Vögel
+nicht von ihrer Umgebung unterscheiden konnte. Die jungen Uhus saßen
+etwa 1-½ <span class="antiqua">m</span> tief in der Spalte und mußten erst mit Hilfe
+eines Spatens aus ihrem Versteck hervorgeholt werden. Oberförster
+Robitzsch schenkte ihnen erfreulicherweise die Freiheit. Auch Wichfeld
+erzählt noch 1916 von einem Harzer Uhuhorst, der gleichfalls in einem
+alten Steinbruch unter einem überhängenden mächtigen Felsblock sich
+befand und nur mit Hilfe des Seiles zu erreichen war. Er enthielt
+drei Junge, die den Kletterer mit wütendem Schnabelknappen begrüßten,
+übrigens ohne jede Nestunterlage in einer flachen Geröllmulde saßen
+und einen Hamster, eine Fasanenhenne sowie mehrere Karnickel und
+Igel zur gefälligen Auswahl vor sich liegen hatten. Der alte Uhu
+hakte gewöhnlich in einer hohen alten Fichte auf, die dem Steinbruch
+gegenüberstand, und ließ von hier aus seinen dumpfen Ruf erschallen.
+Auch im nächsten Jahre enthielt der Horst wieder zwei Eier, aber
+seitdem scheint er verlassen zu sein, und man hat über das Schicksal
+dieses Paares nichts mehr gehört.</p>
+
+<p>Ähnlich günstige Verhältnisse wie im Harz boten sich dem Uhu in
+der Sächsischen Schweiz mit ihren steilen und stark zerklüfteten
+Sandsteinfelsen. Bei der schweren Zugänglichkeit dieser Felswände hat
+sich der Uhu hier etwas besser gehalten, und es brüten auch heute
+noch alljährlich mehrere Paare zwischen Schandau und Pirna. In<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> den
+Schrammsteinen wurde 1889 ein junger Uhu aufgefunden, der aus dem
+Horste herausgefallen war. Loos sah 1904 drei Jungvögel, die im
+Schulzengrunde ausgehoben worden waren. Im übrigen Sachsen aber ist
+der Uhu als Brutvogel heute ausgestorben, auch im Erzgebirge sowie
+bei Zittau, wo früher (bis 1889) in den Wänden des Oybin immer zwei
+bis drei Paare horsteten. Nur als Strichvogel wird hier und da noch
+einmal ein Stück erlegt. — Im Fichtelgebirge sollen noch 1914 zwei
+Jungvögel einem Horste entnommen worden sein. Im Spessart kam der Uhu
+nach Behlen schon 1843 nur noch in vereinzelten Paaren vor, während er
+früher in den einsamen Waldungen dieses Gebirgszuges geradezu häufig
+genannt werden konnte. Die zunehmende Beunruhigung der Forsten und
+die rücksichtslose Waldverwüstung haben ihn ebenso vertrieben wie den
+Schwarzstorch, und die Naturschutzbewegung kam im Spessart zu spät.
+In den 70er Jahren war der Uhu noch Standwild in den Kalkfelsen bei
+Mühlbach, wo jetzt Zementfabriken ihre Steinbrüche haben. 1875 brütete
+der Uhu noch auf der Benediktenhöhe und in den 80er Jahren zwischen
+Mittelstadt und Karlstadt, bei Wertheim und sogar auf der Marienfeste
+in Würzburg. Alle diese Paare wurden durch Abschuß des einen Gatten
+vertrieben, und heute ist der Uhu aus der Liste der Spessart-Brutvögel
+zu streichen. Hoffmann sah den letzten 1918 bei Eusenheim im Werratal.</p>
+
+<p>Ein weiterer bevorzugter Wohnplatz des Uhus war von jeher das
+obere Saaletal, und der herrliche Vogel kommt dort auch heute noch
+horstend vor. So nistet ein Paar regelmäßig auf dem Weißenfelsen am
+rechten Saaleufer unweit Rudolstadt und wird dort erfreulicherweise
+geschont. Ein anderer Horst steht unter hängendem Gestein in den
+Klippen des Thälendorfer Reviers und enthielt am 19. Juni 1915 drei
+kräftige Dunenjunge. Ebenso werden Dornburg und bis 1893 auch der
+Kobersfelsen bei Burgk a. d. Saale als Brutplätze genannt. Auch der
+»Uhustein« an der Saale trägt seinen Namen nicht umsonst. Ja selbst
+in der unmittelbaren Nähe von Jena befand sich bis in die neueste
+Zeit hinein ein besetzter Uhuhorst, aber leider wurde das Brutpärchen
+von den Jagdpächtern hart verfolgt, obwohl es ausschließlich auf der
+Hochebene jagte und hier fast nur Kaninchen und Hamster schlug, die
+dort eine wahre Landplage bilden. — Auch am Rhein haben sich noch
+spärliche Restbestände des Uhus erhalten, da, wo der Strom die ihm den
+Weg versperrenden Gebirge durchbricht und infolgedessen Steilabstürze
+vorhanden sind. Altbekannt ist z. B. ein Uhuhorst bei St. Goarshausen,<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span>
+der schon seit vielen Jahren von der Forstverwaltung als Naturdenkmal
+beschützt wird. Auch am Loreleifelsen kann man noch ab und zu Uhus
+sehen, die vielleicht dort horsten. Ein anderer Felsvorsprung am Rhein
+heißt im Volksmunde geradezu »Uhusnack«. Auch auf steilen Felswänden
+bei Bacharach hat sich der Uhu lange gehalten, bis 1916 das Weibchen
+des Horstpaares abgeschossen wurde. Genau ebenso ging es um die gleiche
+Zeit dem seit vielen Jahren bei Münstermaifeld brütenden Uhupaar.
+Auf einem fast unzugänglichen Hang bei Mayschoß im Ahrtal stand ein
+Uhuhorst, dem 1910 und 1913 ein Farnkrautsammler je zwei fast flügge
+Junge entnahm, um sie an Elberfelder Hüttenjäger zu verkaufen. Ein seit
+mehreren Jahren verlassener Uhuhorst bei Altenahr wurde 1912 wieder
+bezogen, mußte aber gleichfalls seine beiden Jungvögel hergeben. Er
+steht auf einem hohen Basaltfelsen im Denntale, einem Nebental des
+Ahrtales. Der bekannte Ornithologe König in Bonn erhielt Uhueier aus
+dem Ahrtale und vermutet dort noch mehrere Brutpaare. Im Sauerlande
+und auch im Roertale, wo er sich bis 1890 hielt, ist der Uhu heute
+als Brutvogel ausgestorben, wenn auch ab und zu noch herumstreichende
+Stücke erlegt werden. Dagegen finden sich auf den Hängen der Eifel nach
+dem Moseltale zu noch besetzte Uhuhorste. Le Roi nennt solche von Burg
+Eltz, Karden, Kochem und Trarbach.</p>
+
+<p>Im Thüringer Wald ist der Uhu wenigstens noch nicht gänzlich
+ausgestorben. Annenhöfer schreibt 1913: »Schon seit Jahren war einem
+Teil der hiesigen Jägerei das Vorhandensein eines Uhupaares sowie
+dessen Horst im ›Zeiher‹, einem schroffen Talkessel mit 50 bis 100
+<span class="antiqua">m</span> hohen Hängen an den Nordfuß der Reinsberge grenzend, bekannt.
+Die beiden Jungen wurden voriges Jahr geraubt und sind dieses Jahr für
+gutes Geld als fertige lebende Jagduhus in die Welt gewandert. Leider
+fiel letztes Jahr das Weibchen den Schroten eines Jägers in Dosdorf
+zum Opfer. Trotzdem scheint es dem Männchen gelungen zu sein, wieder
+eine Gefährtin zu finden, denn vorige Woche haben Bekannte von mir zwei
+Arbeiter getroffen, die wieder zwei Uhus ausgenommen hatten.« Neueren
+Nachrichten zufolge war dieser Arnstadter Horst auch in den letzten
+Jahren noch besetzt. An der Heilsberger Felswand bei Stadt Remda
+horstete nach elf Jahren 1910 zum ersten Male wieder ein Uhupaar, das
+leider ungastlichen Empfang fand, da man ihm die Jungen aus dem Neste
+raubte. Die altbekannten Horstplätze am Iltenberg bei Themar und im
+Melkerser Felsen bei Meiningen sind längst verödet. In ganz<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Hessen
+und dem angrenzenden Waldeck gibt es nur noch ein bis zwei Brutpaare,
+die aber baldigem Untergang geweiht sind. Aus der Provinz Hannover
+war der Uhu nach Löns schon vor dem Weltkriege völlig verschwunden.
+Dagegen hat die wild- und waldreiche Mark Brandenburg immer noch eine
+Reihe Uhuhorste aufzuweisen, namentlich in der stillen Neumark. Förster
+Rüdiger schickte mir von dort eine Anzahl Gewölle, die von einem Horste
+stammten, der merkwürdigerweise inmitten einer bewohnten Reihersiedlung
+errichtet war. In Schlesien gab es früher Uhus genug im Riesengebirge,
+Altvater, Heuscheuer, Oberschlesien usw., aber die Bestände haben sich
+seit Mitte des vorigen Jahrhunderts mit so rasender Schnelligkeit
+vermindert, daß heute in der ganzen, sonst so vogelreichen Provinz kein
+einziger sicherer Uhuhorst sich mehr nachweisen läßt. Allerdings werden
+noch ab und zu einzelne herumstrolchende Uhus erlegt, aber es handelt
+sich dabei wohl allermeist um Zuzügler aus den Karpathen.</p>
+
+<p>Dagegen ist der Uhu nach Gengler trotz aller Verfolgungen immer noch
+vereinzelter Brutvogel in Mittelfranken. Es kommt ihm zustatten, daß
+die Krähenhütte dort wenig betrieben und gewöhnlich ein ausgestopfter,
+mechanisch bewegter Uhu dabei verwendet wird. Ich selbst erhielt bis
+in die neueste Zeit öfters Uhugewölle aus der Fränkischen Schweiz
+zur Untersuchung. Gengler führt die Gegenden von Altdorf, Hersbruck
+und Hartenstein als noch heute besetzte Brutplätze an. Früher war
+der Uhu in dem bergigen und felsigen Altmühltal verhältnismäßig
+häufig anzutreffen und horstete ständig bei Arnsberg und bei
+Kipfenberg, ist aber jetzt dort ausgestorben. Der letzte wurde nach
+Graf Geldern 1890 dort geschossen. Ein schönes, altbekanntes Pärchen
+starb 1910 durch Berührung mit dem Leitungsdraht eines Kraftwerkes,
+den es sich zum Hochzeitsbette auserkoren hatte. In der Oberpfalz
+soll bei Breitenbrunn noch ein vereinzeltes Uhupaar horsten. Aus
+den südbayrischen Mösern ist der schöne Vogel leider schon völlig
+verschwunden; nur selten noch verstreicht sich einer vom Gebirge her
+in die Randmöser. Im bayrischen Hochgebirge ist der Uhu zwar noch
+regelmäßiger Brutvogel, aber doch schon überall eine bemerkenswerte
+Seltenheit. Glücklicherweise wird er in manchen Gegenden jetzt
+wirklich geschont. Über das Vorkommen des Uhus in Württemberg sind
+wir neuerdings durch eine sorgfältige Arbeit Pfeiffers vorzüglich
+unterrichtet worden. In dem durch seine großen Waldungen und schönen
+Felsentäler für ihn sehr geeigneten Schwabenländle bewohnte die
+große Eule noch beim Ausgang<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> des vorigen Jahrhunderts die gesamte
+Alb sowie beträchtliche Teile des Schwarzwaldes. In diesem kommt sie
+heute als Brutvogel nicht mehr vor. Über das Schicksal der letzten
+Paare hören wir: Auf der Schloßruine von Nagold hausten bis 1896 zwei
+Paare, bei Teinach in der Ruine Waldeck bis 1900 ein Paar, von dem
+dann der eine Gatte durch einen Bauern abgeknallt wurde. Ein dritter
+Schwarzwaldbrutplatz befand sich bis 1894 auf einem Felsen im Enztale
+bei Sprollenhausen, wo die Brutvögel von Bauern getötet und die Brut
+selbst vernichtet wurde. Im Alpirsbacher Stadtwald hielt sich der
+Finsterling am Beilstein bis 1885 und verschwand dann nach erfolgter
+Plünderung des Horstes auf Nimmerwiedersehen. Der Rottweiler Stadtwald
+hat sogar bis 1910 den Uhu beherbergt, obwohl ihm alljährlich die
+Jungen weggenommen wurden. Leider wurde dann der eine Vogel zufällig
+auf einer Treibjagd abgeschossen, und so wurde auch dieser letzte
+Brutplatz im württembergischen Schwarzwald verlassen. Häufiger war
+der Uhu von jeher auf der Schwäbischen Alb, ganz besonders aber im
+oberen Donautal mit seinen großartigen Felswänden. Freilich ist
+es auch hier mit dem Bestande rasend schnell bergab gegangen, und
+die mittlere sowie die östliche Alb, wo früher der Vogel geradezu
+häufig war, sind heute uhufrei. Aber wenigstens in der westlichen
+Alb ist er heute noch Brutvogel, und zwar nicht mit einem einzigen
+Paare, wie man in den Kreisen der Vogelfreunde allgemein annahm,
+sondern die genauen Nachforschungen Pfeiffers haben die erfreuliche
+Tatsache ergeben, daß immerhin noch fünf Horstpaare vorhanden sind
+(Zwiefalten, Balingen, Sulz, Ebingen, Donauschleife zwischen Fridingen
+und Mühlheim). 1890 freilich waren es mindestens 55, 1907 immerhin
+noch 20. Der Bestand ist also innerhalb 35 Jahren auf den elften Teil
+zusammengeschmolzen! Verwundern kann das freilich nicht, wenn man
+hört, daß noch 1903 im Lenninger Tal nicht weniger als sechs Uhus im
+Pfahleisen gefangen wurden. Allein das herrlich gelegene Urach hatte
+um die Jahrhundertwende noch drei bis vier Brutpaare aufzuweisen.
+Einer der alten Horste stand bei Bierlingen ganz bequem zugänglich
+auf einer Geröllhalde und wurde natürlich alljährlich ausgeplündert,
+bis die Vögel die Sache doch schließlich satt bekamen. Als besonders
+empfindlich erwies sich das Brutpaar am Lichtenstein, denn es
+verschwand 1908, als man einen Gehweg am Fuße des Horstfelsens angelegt
+hatte.</p>
+
+<p>Ebenso genau wie über die Uhus Württembergs sind wir über diejenigen
+Böhmens unterrichtet durch eine eingehende Arbeit des<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Forstmeisters
+Kurt Loos. Während vor wenigen Jahrzehnten noch mindestens 50
+Uhupärchen in Böhmen horsteten, konnte er 1907 nur noch 18 aufführen
+mit der Bemerkung, daß auch dieser geringe Bestand sich beständig
+vermindere, da alljährlich etwa zehn alte Vögel abgeschossen oder
+im Pfahleisen gefangen und etwa 35 Jungvögel für die Krähenhütte
+ausgehoben würden. Am zahlreichsten fand Loos den Uhu noch in der
+Gegend von Aussig. Wiederansiedelungsversuche bei Horowitz hatten
+leider nur vorübergehenden Erfolg, da die Schießlust der »Jäger«
+nicht zu bändigen war. Neuere Nachrichten führen gar nur noch zwei
+böhmische Uhuhorste auf am Stellnitzer Berg und am Schlagniger Berg
+bei Bilin. — In den Gebirgsgegenden Deutsch-Österreichs liegen die
+Verhältnisse ähnlich wie in Oberbayern, d. h. der Uhu kommt zwar noch
+horstend vor, ist aber überall eine Seltenheit und in weiterer Abnahme
+begriffen. Bekannte Horstplätze befinden sich z. B. im Thayatal, im
+Zillertal, im Kremstal, bei Gastein usw. Auf den Besitzungen des
+»Vereins Naturschutzpark« im Stubachtal hat der König der Nacht nunmehr
+eine geschützte Zufluchtstätte gefunden, aber leider wird so mancher
+jenseits der Grenzen in den widerwärtigen Pfahleisen weggefangen, die
+unbedingt gesetzlich verboten werden sollten. In der Statistik des
+österreichischen Ackerbauministeriums für 1896 werden allerdings noch
+1902 in den cisleithanischen Provinzen erlegte Uhus aufgezählt, aber
+es steht zu vermuten, daß ein großer Teil dieser angeblichen Uhus ganz
+gewöhnliche Waldohreulen gewesen sind. Zahlreicher wird der Vogel dann
+in den heute zu Jugoslawien gehörigen Teilen von Kärnten und Krain
+sowie in Dalmatien, wo er sich auch auf manchen Inseln ansiedelt,
+selbst auf unmittelbar zum Meer abstürzenden Felsen. Im Balkan, z. B.
+in Montenegro, ist er noch eine häufige Erscheinung, wovon ich mich
+erst im Frühjahr 1926 wieder selbst überzeugen konnte. Es kümmert sich
+dort eben niemand groß um den Finsterling, und das ist die Hauptsache
+für sein Gedeihen. Ludwig von Führer konnte in Montenegro innerhalb
+eines Jahres 16 Uhus erlegen. Auch in den Karpathen gibt es noch Uhus
+genug, obschon dort bereits die Verfolgung eingesetzt hat, ebenso
+in Galizien und Ungarn, wo sie mit Vorliebe auf den vogelreichen
+Donauinseln brüten. Daß es den endlosen Waldungen des inneren Rußlands
+nicht an Uhus fehlt, bedarf wohl kaum besonderer Erwähnung. In England
+ist unser Vogel längst ausgerottet, das felsenlose und baumarme
+Holland bietet ihm keine geeignete Stätte und in Frankreich ist er
+eine große Seltenheit. In der<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> Schweiz ist er aus den Ebenen und
+dem Vorgebirge, wo die Niederjagd eine Rolle spielt, in die höheren
+Lagen zurückgedrängt worden. Verhältnismäßig zahlreich soll er in den
+südlichen Kantonen vorkommen, während er im Solothurner Jura nach von
+Burg heute ausgestorben ist. Im Kanton Graubünden sollen von 1900 bis
+1904 zwölf Uhus geschossen worden sein.</p>
+
+<p>Fragen wir nach den Gründen des fast allenthalben sich bemerkbar
+machenden Rückgangs, so ist neben der fortschreitenden Kultur, der
+Beunruhigung der Berge und der Lichtung der Wälder vor allem die
+unersättliche Habgier des Menschen anzuführen. Es ist weniger der
+gelegentliche Abschuß, insofern er nicht zur Brutzeit geschieht,
+der den Uhubestand so schädigt, sondern vielmehr der, wenn auch
+unbeabsichtigte, Fang in den dreimal verfluchten Pfahleisen, am
+allermeisten aber das unausgesetzte Wegnehmen der ein gut Stück
+Geld einbringenden Jungvögel für die Krähenhütte, soweit sie nur
+irgend erreichbar sind. Auch fanatische Eiersammler haben manchen
+deutschen Uhuhorst auf dem Gewissen, ohne ihr frevelhaftes Tun durch
+»wissenschaftliche« Gründe rechtfertigen zu können. Wenn man doch in
+solchen Fällen dem Uhu wenigstens ein Junges zur Aufzucht überlassen
+wollte! Aber freilich, drei junge Uhus bringen mehr Geld als zwei,
+und Götze Mammon ist heute unbeschränkter Beherrscher des Erdenballs.
+Da fällt mir ein kleines Erlebnis aus dem Balkan ein, wo bekanntlich
+Adler noch recht häufig vorkommen. Ich hatte einen Adlerhorst mit
+zwei Jungen entdeckt und schickte einen Eingeborenen als Kletterer
+hinauf, um die beiden jungen Adler herunterzuholen. Er brachte aber
+nur einen, und auf meine erstaunte Frage, wo denn der andere bliebe,
+meinte er mit vorwurfsvoller Verlegenheit: »Aber der arme Adler muß
+doch wenigstens ein Kind behalten.« Das sagte dieser einfache Hirte,
+der nie etwas von Naturschutzpredigten gehört hatte, lediglich aus
+seinem unverdorbenen Gefühl heraus, obwohl ihm der Adler sicherlich
+manches Lämmlein oder Zicklein aus der Herde geraubt hatte. Ich
+habe mich in diesem Augenblick recht geschämt, trotzdem ich ja im
+Interesse der Wissenschaft handelte. Können denn wir Europäer, die wir
+so furchtbar stolz sind auf unsere Scheinkultur, uns wirklich nicht
+mehr zu ähnlichen Anschauungen aufschwingen? Aber nein, da muß alles
+restlos vernichtet und mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden! Einen
+besonderen Ansporn empfing dieser traurige Vernichtungskrieg durch
+die leidigen Schuß- und Fanggelder, die ja jetzt glücklicherweise
+aufgehoben sind. Um das drohende Aussterben<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> des Uhus zu verhindern,
+ist er neuerdings sogar zum »Naturdenkmal« (ein unglückseliger
+Ausdruck!) erklärt und unter gesetzlichen Schutz gestellt worden.
+Wirksamer noch dürften Schonprämien an das Forstpersonal sein für
+jede glücklich ausgekommene Uhubrut. Leider gibt es kaum eine
+Vogelart, die sich so schwer schützen läßt wie der Uhu, da er seine
+nächtlichen Beutezüge auf 30 <span class="antiqua">km</span> und mehr im Umkreise ausdehnt
+und deshalb nur zu leicht den Pfahleisen der Nachbarreviere zum Opfer
+fällt. Daran sind bisher auch alle noch so sorgfältig vorbereiteten
+Wiedereinbürgerungsversuche gescheitert, auch wenn sie anfänglich
+vollen Erfolg hatten. Nur ein völliges Verbot der Pfahleisen, in
+denen auch unzählige andere Eulen und harmlose Bussarde sich zu Tode
+schinden, könnte da helfen. Hoffen wir, daß den opfer- und mühevollen
+Einbürgerungsversuchen Dr. Pfeiffers in der Schwäbischen Alb ein
+besserer Erfolg beschieden sein möge (Abb. 15)! Meiner Ansicht nach
+läßt sich ein wirklich wirksamer Schutz des Uhus nur in großen
+Naturschutzparken durchführen, nicht aber in kleinen Banngebieten. Auch
+die Starkstromleitungen fordern manches Opfer. So wurde im Oktober
+1912 bei Meran ein in der Starkstromleitung hängender Uhu verendet
+aufgefunden. Ein Fang war völlig verbrannt, während der andere,
+der gleichfalls starke Brandwunden aufwies, noch den Leitungsdraht
+umklammert hielt. Ein ganz ähnlicher Fall ereignete sich kurz darauf
+bei Schlanders.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp41" id="illu-073" style="max-width: 24.3125em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-073.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><p><b>Abb. 15. Einer der von Dr. Pfeiffer in der<br>
+ &#8194;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Schwäbischen Alb ausgesetzten Uhus</b></p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Gewöhnlich sucht man die rücksichtslose Verfolgung des Uhus mit seiner
+angeblich sehr großen Schädlichkeit zu rechtfertigen. In Wirklichkeit
+ist diese aber gar nicht so arg, wenn auch nicht geleugnet werden kann,
+daß der Uhu ein gewaltiger Räuber ist und namentlich zur Brutzeit die
+Niederjagd gehörig zehntet. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß
+der angerichtete Schaden bei dem Einsiedlerleben des Finsterlings
+und bei der großen Ausdehnung seiner Streifzüge, auf denen er immer
+wieder andere Gegenden aufsucht, auf weite Strecken sich verteilt
+und deshalb für die einzelnen kleinen Niederjagdreviere nicht eben
+viel bedeutet. Greschik untersuchte zwölf ungarische Uhumägen und
+fand darin zwei Igel, zwei Wanderratten, 2 Wiesel, elf Mäuse, zweimal
+Federn, einmal Fuchsknochen: also ein ziemlich harmloses Ergebnis.
+Ich selbst habe im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Uhugewöllen
+untersucht, im allgemeinen mit ähnlichem Erfolg. Aus den letzten
+acht, die ich durch Förster Rüdiger aus der Neumark erhielt, konnte
+ich herausschälen: 1. drei Wühlmäuse und die Reste eines Igels,
+darunter auch einige Stacheln,<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> 2. das dicht zusammengefilzte Haar
+einer schwarzen Katze, die offenbar auf einem verbotenen Abendbummel
+zu ihrem Unglück dem König der Nacht begegnet war, 3. einen Schädel
+sowie viele zertrümmerte Knochen und verfilzte Haare von Wasserratten,
+4. eine Wasserratte und die Reste einer Drossel, 5. nur Reste von
+Feldmäusen, 6. nur verfilzte Haare der Waldwühlmaus, 7. ebenso, 8.
+Schnabel und Federn eines Stars sowie zwei Wühlmäuse. Nach Größe und
+Form sind solche Gewölle sehr verschieden. Ich ermittelte ihr Gewicht
+mit 30-55 <span class="antiqua">g</span>. Sie sehen meist schokolade- bis eisenfarbig aus,
+und öfters ragen größere Knochensplitter aus der Masse heraus. Der
+Uhu muß ein stärkeres Verdauungsvermögen haben als andere Eulen,
+denn in der Regel sind die vorhandenen Tierreste recht undeutlich
+und die Schädel arg zertrümmert. Im übrigen ist er hinsichtlich
+seiner Ernährung weder wählerisch noch verschwenderisch, und auch
+dieser Umstand vermindert seine Schädlichkeit erheblich. Ein größeres
+Beutetier, das er nicht in der gleichen Nacht bewältigen kann, wird
+sorgsam in seine Decke eingeschlagen und dann am nächsten Abend wieder
+aufgesucht. Im äußersten Notfall wird sogar Aas angenommen. Ferner
+behaupten viele Jäger, daß der Uhu in unmittelbarer Nähe seines Horstes
+überhaupt nicht raube, und es mag wohl etwas Wahres daran sein.
+Igel gelten ihm wie<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> den Zigeunern offenbar als ein ganz besonderer
+Leckerbissen. Die meisten Beobachter geben zwar an, daß er das Fleisch
+aus der stacheligen Rückenhaut herausfresse und diese selbst liegen
+lasse, aber ich habe oft genug auch Igelstacheln in den Gewöllen
+gefunden, bei solchen aus der Fränkischen Schweiz fast regelmäßig.
+Schade, daß noch niemand näher beobachtet hat, wie der Uhu den
+Stachelhelden eigentlich überwältigt. Vermutlich greift er mit seinen
+langen Fängen und gewaltigen Klauen einfach durch den Stachelpanzer
+hindurch. Schlafende Vögel bringt er wahrscheinlich erst durch Rufen,
+Schnabelknacken und Schwingenklatschen zum Auffliegen, um sie dann in
+der Luft mit unfehlbarer Sicherheit zu ergreifen. Das brütende Weibchen
+sowie die Jungen werden fast überreichlich mit Nahrung versorgt, so
+daß der Horstrand eine wahre Schlachtbank darstellt und allerdings
+oft ein wesentlich anderes und ungünstigeres Bild darbietet als die
+Magen- und Gewöllinhalte aus anderen Jahreszeiten. An dem erwähnten
+Horste bei Rudolstadt fand Schrader zahlreiche Kaninchenreste, auch
+einige von Hasen sowie eine Unmenge Krähenfedern. In einem anderen
+Horste wurden dem brütenden Weibchen von dem aufmerksamen Gatten die
+auserlesensten Leckerbissen überbracht, also hauptsächlich zarte
+Junghasen und köstliche Igel, und ein zärtlicher Blick aus den großen
+Kulleraugen war dann jedesmal sein Lohn. Ein Uhufelsen war ganz mit
+Dohlenfedern bedeckt, da das Brutpaar hauptsächlich von einer in der
+Nähe befindlichen Dohlenkolonie lebte. In einem Horste bei Nakel war
+an geschlagenem Raub vorhanden: Kaninchen, Hasen, Enten, Taucher, zwei
+Birkhühner und nicht weniger als 30 Köpfe von Wasserhühnern. Graf
+Wodcicki entdeckte in einem galizischen Horste zwei halbwüchsige Hasen,
+zwei Ratten, einen Kiebitz und eine Bekassine. Loos sah einen Horst mit
+fünf ausgefressenen Igelbälgen und einen anderen mit frischen Resten
+von elf Rebhühnern, sieben Junghasen, drei Kaninchen, sieben Fasanen,
+einer Wildtaube, drei Krähen, einem Eichhörnchen. Pfiffige Bauern
+haben sich die haushälterischen Anlagen des Uhus von jeher zunutze zu
+machen gewußt. So lebte eine Fischerfamilie in den Sümpfen Galiziens
+geraume Zeit von einem Uhuhorste. Die Ratten, Igel, Ziesel und Mäuse
+überließ der Fischer seinem gefiederten Freund; Enten, Waldhühner und
+Hasen dagegen nahm er mit nach Hause und stand sich gut dabei. Auch aus
+einem Horste bei St. Goar konnte sich nach Altum ein schlauer Bauer
+fast jeden Morgen einen Hasen holen. Auch die gefangene Gattin oder die
+ausgehobenen Jungen werden vom Uhu<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> weiter gefüttert, falls man ihm
+Gelegenheit dazu gibt. Große Tiere werden an Ort und Stelle verzehrt
+und förmlich aus dem Felle herausgeschält, kleine aber zu bestimmten
+Fraßplätzen getragen und hier ganz verschluckt, nachdem ihnen vorher
+mit dem Schnabel der Kopf eingedrückt wurde. Das feine Gehör und
+das scharfe Gesicht leiten den Uhu auf seinen Beutezügen, wobei er
+seine Opfer meist im Schlaf überfällt. Fitzinger erzählt, daß der Uhu
+bisweilen in der Dämmerung anderen Raubvögeln ihre Beute abjagt, indem
+er von oben her auf sie stößt. So viel ist sicher, daß der kraftvolle
+Uhu selbst eine gelegentliche Rauferei mit dem kühnen Stein- oder dem
+mächtigen Seeadler nicht scheut und überhaupt kaum einen natürlichen
+Feind zu fürchten hat. Mit dem Fuchs wird er mühelos fertig. Was er
+einmal mit seinen nadelscharfen Krallen gepackt hat, läßt er so leicht
+nicht wieder los. Auch Rehkitze sind nicht vor ihm sicher, obgleich
+man seine Schädlichkeit in dieser Beziehung stark übertrieben hat.
+Planke beobachtete beim abendlichen Enteneinfall einen Uhu, der wie ein
+Habicht nach einer Stockente stieß; da er sie aber nicht erwischte,
+begnügte er sich mit einer Wasserratte. Stecher sah, wie ein Uhu einen
+balzenden Auerhahn schlagen wollte und nur durch das Dazwischentreten
+des Jägers daran verhindert wurde. Eine Abnahme des Auer- und
+Birkwildes im Revier war aber nicht festzustellen. Zur Abwechslung hat
+der Uhu gern auch mal ein Fischgericht, versieht es aber bisweilen bei
+seiner Fischerei; mir sind im Laufe der Jahre zwei Fälle von dabei
+ertrunkenen Uhus bekannt geworden. Zur Not begnügt er sich aber auch
+mit Fröschen. Während des Krieges sah ich in der Dobrudscha mehrfach
+von unseren Soldaten gehaltene Uhus, die hauptsächlich mit den dort
+massenhaft vorhandenen Fröschen ernährt wurden und sich ganz wohl
+befanden. Forellen sind ihm freilich lieber. Auch kannibalische Gelüste
+sind dem Uhu nicht fremd. Seine kleineren Verwandten murkst er ohne
+weiteres ab, und Grevé erlebte es sogar, daß sein zahmes Uhuweibchen
+das schwächere Männchen ermordete und teilweise auffraß. Von der Stärke
+des Vogels kann man sich einen Begriff machen, wenn man erfährt, daß
+ein im Pfahleisen gefangener Uhu das schwere Eisen samt einem langen
+Stück starken Drahtes über 5 <span class="antiqua">km</span> weit forttrug und erst 14 Tage
+später gelegentlich einer Treibjagd erlegt werden konnte. Gefangene
+Uhus verlieren in der engen Haft meist ihre angeborene Geschicklichkeit
+und Schneidigkeit und werden dadurch unbeholfen und feige. Kehrberg
+setzte zu seinen nahezu erwachsenen Uhus einen Steinkauz. Einer der
+Uhus wollte ihn<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> greifen, stellte sich aber dabei so tolpatschig an,
+daß der Kauz Gelegenheit zu einem ungestümen Angriff auf den Kopf des
+Gegners bekam und dieser vor Schreck darüber auf den Rücken fiel. Sowie
+er sich wieder aufrichten wollte, ging der Kauz erneut zum Angriff
+über, und in einem wahren Siegesrausch jagte der kleine tolle Kerl die
+drei entsetzt fliehenden Uhubrüder im Käfig herum, daß die Federn nur
+so stoben. Solche jung aufgezogenen Uhus haben eben nicht gelernt,
+ihre natürlichen Waffen zu gebrauchen. Ein anderer Uhu bekam eine
+geflügelte Elster als Futter, wurde aber von dieser durch einen tiefen
+Schnabelhieb ins Herz derartig verletzt, daß er am nächsten Morgen tot
+war. Förster Gerlach verabreichte seinem Uhu eine leicht geflügelte
+Krähe. Zu seiner Verwunderung war sie am nächsten Morgen noch am Leben,
+und der »Auf«, ein 20jähriges Weibchen, ließ sie ruhig an seinem Fraße
+teilnehmen. Bald saßen sie einträchtiglich dicht nebeneinander auf der
+Stange. Dies blieb auch in Zukunft so, ja der Uhu ließ sich gutmütig
+von dem frechen Rabenvieh die besten Bissen wegstehlen. Ziehen wir
+nun aus alledem die Schlußfolgerung, so ergibt sich, daß der Uhu zwar
+mancherlei Schaden verursacht, namentlich der Niederjagd gegenüber,
+daß er ihn aber durch fleißiges Vertilgen von Krähen, Elstern, Hähern,
+Eichhörnchen, Hamstern, Ratten und Mäusen zum großen Teile wieder
+ausgleicht. Sehr treffend urteilt Forstmeister Moosmaier: »Merklicher
+Schaden entstand nicht durch den Uhu. Als wir Uhus und viel Füchse
+hatten, gab es auch viel Hasen und Rehe. Unser Wildstand wurde vom
+großen Räuber, dem sog. Jäger, vernichtet und nicht vom Uhu.«</p>
+
+<p>Viel Vergnügen gewährt es, die verschiedenen, überaus eindrucksvollen
+Stellungen des Uhus zu beobachten. In der Ruhestellung (Abb. 16) hat
+er bei niedergelegten Ohren, halb geschlossenen Augen und locker
+gehaltenem Gefieder ein eigentümlich gedunsenes Aussehen. Erregt aber
+irgend etwas Ungewöhnliches die Aufmerksamkeit des feinhörigen Vogels,
+so geht er sofort in die Hab-Acht-Stellung (Abb. 17) über, wobei die
+Federn knapp angelegt, der Kopf aufgerichtet und die großen gelben
+Kulleraugen weit aufgerissen werden, während gleichzeitig auch die
+Federohren in steigendem Maße sich heben. Rückt ihm aber eine Gefahr
+wirklich auf den Leib, dann nimmt er seine Droh- und Schreckstellung
+ein, wo er infolge des zornig gesträubten Gefieders fast doppelt so
+groß aussieht wie sonst, mit dem Schnabel knackt, den Schwanz fächert,
+die Flügel hebt oder zu Boden senkt und erregt von einem Fuß auf<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> den
+anderen tritt. Dann macht er in der Tat einen ganz furchterweckenden
+Eindruck.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp49" id="illu-077" style="max-width: 29.125em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-077.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 16. Uhu in Ruhestellung</b><br>
+<span class="s5">(Aufnahme aus dem Zoologischen Garten in London)</span></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Am liebsten brütet der Uhu auf steilen, unzugänglichen Felswänden
+inmitten großer Gebirgswaldungen, wo ihn dann ausgedehnte Abholzungen
+leicht zum Verlassen der Gegend bewegen. In Ausnahmefällen ist der
+Horst aber auch so leicht zugänglich, daß sein Inhalt bald dem Dachse
+oder der Schuljugend zum Opfer fällt. In den Wäldern der Ebene muß
+der Uhu natürlich auf oder in Bäumen brüten, und gern benutzt er dann
+einen alten Bussardhorst. In großen, vogelreichen Sümpfen fand ich
+das Uhuheim sogar schon bodenständig auf einem trockenen Inselchen.
+Altes Gemäuer zerfallender Burgen ist ihm auch sehr erwünscht, ja
+im Orient, wo ihm niemand etwas zuleide tut, errichtet er sein Heim
+sogar inmitten volkreicher Städte. So konnte man ihn wenigstens
+früher in Sarajevo und Mostar öfters vom Fenster aus beobachten. Für
+Konstantinopel gehört der Uhu noch heute geradezu zu den Kennvögeln.
+Brehm fand ihn in den Ringmauern der spanischen Stadt Jativa brütend,
+und Lenz erhielt junge Uhus vom Dachboden einer tief im Thüringer Wald
+versteckten Fabrik. Der Horst ist mit etwa 1 <span class="antiqua">m</span> Durchmesser zwar
+ziemlich umfangreich, aber mit sehr wenig Kunst erbaut, ja häufig legt
+der Vogel seine Eier ohne jede Unterlage einfach auf den nackten Fels.
+Während der Paarungszeit macht er sich durch vieles Rufen und die
+grimmigen Katzbalgereien der eifersüchtig ihre Reviergrenzen wahrenden
+Männchen recht bemerkbar,<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> aber während der eigentlichen Brutzeit,
+die 30-35 Tage dauert, verhält er sich ziemlich still. Die Eier sind
+von rundlicher Form und rein weißer Farbe, an Zahl gewöhnlich zwei
+bis drei, aber auch nur eines oder vier bis fünf. Dombrowski möchte
+dieses starke Schwanken der Eierzahl auf das verschiedene Alter der
+Brutvögel zurückführen. Die Jungen verraten sich leider leicht durch
+beständiges Zischen und Pfeifen. Die halbflügge Brut klettert schon auf
+den Horstrand, um gierend und klagend die futterbringenden Alten zu
+erwarten. Diese hängen mit großer Liebe an ihrer Nachkommenschaft und
+führen auch miteinander ein musterhaftes, sehr zärtliches Eheleben. Bei
+ihren Kindern läßt Frau Uhu ein sanftes »Tuck tuck« hören und füttert
+die Kleinen anfangs aus dem Kropf, bis sie imstande sind, selbst
+kleine Fleischstücke aus den überbrachten Beutetieren herauszureißen.
+Man kennt Beispiele, wo die Alten ihre Jungen in einen andern Horst
+schleppten, wenn der erste zu stark beunruhigt wurde.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp51" id="illu-079" style="max-width:33.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-079.jpg" alt="bild">
+ <figcaption class="caption"><b>Abb. 17. Uhu in Hab-Acht-Stellung</b><br>
+<span class="s5">(Aufnahme aus Hagenbecks Tierpark in Stellingen)</span></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Mohr besaß ein Uhuweibchen, das ein Ei legte, worauf er ihm zwei
+Hühnereier zum Bebrüten unterschob. Der Uhu brütete diese auch wirklich
+aus und nahm sich mit mütterlicher Sorgfalt der geschlüpften Kücken an.
+Noch als sie schon drei Wochen alt waren, betreute er sie mit größter
+Zärtlichkeit, gluckste wie eine Henne und ließ nur ausnahmsweise sein
+»Uhu« hören. Das ihm vorgesetzte Fleisch zerbröckelte er in ganz kleine
+Stückchen und legte diese dann den Küchlein vor. Gegen jeden, der sich
+den Kücken nähern wollte, nahm er sofort Kampfstellung ein. In einem
+ähnlichen Falle brütete der Uhu zwar Enteneier aus, kröpfte aber dann
+ganz behaglich die jungen Entchen. Gefangene Uhus sind im Käfig schon
+häufig zur Fortpflanzung gebracht worden, selbst unter ganz primitiven
+Verhältnissen. Berühmt geworden ist namentlich die ergiebige, lange
+Jahre hindurch fortgesetzte Uhuzucht des Stockholmer Tiergartens.
+Ich entnehme darüber dem Berichte Dr. Alarik Behms folgendes: Die
+erste Paarung wurde am 1. April beobachtet und dann bis zum 11. an
+jedem Abend. Das Männchen sträubte vorher das Gefieder, breitete den
+Schwanz fächerförmig aus und erinnerte in seinen Bewegungen an einen
+balzenden Birkhahn. Sein Ruf war tief und grob, der des Weibchens
+dagegen eine halbe Oktave höher und heller. Die Paarung wurde unter
+mächtigem Flügelschlagen und lautem Geschrei vollzogen; namentlich
+das Weibchen pfiff dabei stark. Auch beim Eintragen der Baustoffe,
+das schon am 2. April begann<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> und bei dem auch das Männchen mithalf,
+stieß es pfeifende Laute aus, die wie das Geräusch einer ungeschmierten
+Schiebkarre klangen. Eingetragen wurden: Sägespäne, Rindenstücke und
+Kies. Am 14. lag das erste, am 20. das zweite und am 28. das dritte Ei
+im Horste. Das Weibchen begann aber mit dem Brutgeschäft gleich beim
+ersten Ei. Das Männchen zeigte sich als idealer Ehemann und fütterte
+seine Gemahlin fleißig mit Katzenfleisch, Hühnerköpfen und anderen
+Leckerbissen. Auf einem Ast gegenüber der Bruthöhle verkürzte es durch
+fleißiges »Singen« dem Weibchen die langen Tage des Wartens. Menschen
+gegenüber zeigte es sich um diese Zeit sehr bösartig und zerriß einmal
+dem Wärter die Mütze, so daß dieser nicht mehr zum Betreten des Käfigs
+zu bewegen war und infolgedessen in diesem bald eine fürchterliche
+Schweinerei herrschte. Das erste Junge schlüpfte am 20., das zweite am
+22. Mai aus, während das dritte Ei sich als unbefruchtet erwies. Die
+Jungen waren beim Ausschlüpfen nicht größer als Küchlein, wuchsen aber
+erstaunlich schnell. Schon nach acht Tagen krochen sie unter den Federn
+der Mutter hervor, um wenigstens mit den Köpfen draußen zu liegen. Der
+Vater trug die Atzung in die Bruthöhle, aber das wirkliche Füttern
+besorgte nur die Mutter.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2>
+</div>
+
+<table class="autotable">
+<tr>
+<td class="tdl"><a href="#Seite_5">Einleitung</a></td>
+<td class="tdr">5</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"> <a href="#Seite_6">Die letzten deutschen Biber</a></td>
+<td class="tdr">6</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"><a href="#Seite_30">Der Nerz</a></td>
+<td class="tdr">30</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"><a href="#Seite_37">Der Luchs</a></td>
+<td class="tdr">37</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"><a href="#Seite_59">Der Uhu</a></td>
+<td class="tdr">59</td>
+</tr>
+</table>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="bbox">
+<p class="s3 center">Der Verein Naturschutzpark</p>
+
+<div class="adv">
+
+<p>hat die Absicht, in der Lüneburger Heide und in den Salzburger
+Hohen Tauern zwei Gebiete zu schaffen, in denen Pflanze und Tier
+vollständigen Schutz vor dem menschlichen Zugriff haben sollen und
+in dem die volle Harmonie der Kräfte in der Natur wiederhergestellt
+werden soll, die der Mensch durch seinen Erwerb fast überall zu stören
+gezwungen ist. Die Gebiete sind so groß, daß die ursprüngliche Tier-
+und Pflanzenwelt erhalten wird. Durch den Verein soll zunächst an zwei
+Stellen ein Stück deutscher Erde in vollkommener Unberührtheit und
+Schönheit künftigen Zeiten erhalten werden.</p>
+
+<p>Der Verein bittet alle, die mit seinen Zielen übereinstimmen, um ihre
+Mitgliedschaft, die jährlich RM 3.— (Mindestbeitrag) kostet. Für
+körperschaftliche Mitgliedschaft von Vereinen sind RM 20.— angesetzt.
+Die Mitglieder erhalten die Mitteilungshefte des Vereins unberechnet.</p>
+
+<p>Der Verein besitzt folgende <em class="gesperrt">Lichtbilder-Vorträge</em>:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p><span class="antiqua">A.</span> Die Naturschutzbewegung</p>
+<p><span class="antiqua">B.</span> Der Naturschutzpark in der Lüneburger Heide</p>
+<p><span class="antiqua">C.</span> Der Naturschutzpark in den Salzburger Alpen</p>
+<p><span class="antiqua">D.</span> Naturschutzgebiete außerdeutscher Länder</p>
+<p><span class="antiqua">E.</span> Aussterbende und ausgestorbene Tiere</p>
+</div>
+
+<p>Die Vorträge können jederzeit nur gegen Erstattung der Versand-
+und Verpackungskosten vom Verein leihweise bezogen werden.
+Mitteilungshefte, in zwangloser Folge, unterrichten unsere Mitglieder
+über das Neueste der Naturschutzparkbewegung. Ansichtspostkarten
+unserer Parke, Vereinsnadeln, Plakate, Werbemarken und Prospekte stehen
+zu geringsten Preisen zur Verfügung</p>
+
+<p class="s3 center">Verein Naturschutzpark E. V.</p>
+<p class="center">Geschäftsstelle Stuttgart, Pfizerstraße 2 <span class="antiqua">D</span></p>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p>
+
+<p class="p2 s3 center">Freude am Leben<br>
+<span class="s5a">und sichere Grundlagen für eine moderne</span><br>
+<span class="s4">Weltanschauung</span><br>
+<span class="s5a">findet jeder in der</span><br>
+<span class="s4">Natur</span></p>
+
+<p class="p2 center"><span class="s5">Zum Beitritt in den</span><br>
+<span class="s3 center">KOSMOS</span><br>
+<span class="s5 center">Gesellschaft der Naturfreunde</span><br>
+<span class="s5 center">laden wir</span><br>
+<span class="s4 center">alle Naturfreunde</span></p>
+<p class="center"><span class="s5 center">jedes Standes, sowie alle Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw. ein</span></p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="s5 center">Die Mitglieder erhalten laut § 5 der Satzung als Gegenleistung<br>
+<em class="gesperrt">für ihren Jahresbeitrag im Jahre 1927 kostenlos</em>:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>&nbsp;&nbsp; I. Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. Reich
+bebildert. 12 Hefte im Jahr</p>
+
+<p>&nbsp; II. Die ordentlichen Veröffentlichungen. 4 Buchbeilagen. 1927 sind vorgesehen:<br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Dr. Kurt Floericke, Aussterbende Tiere :: Wilh. Bölsche,
+Im Bernsteinwald<br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8194; H. Günther, Was ist Magnetismus? :: W. Flaig und Dr. Lang, Der Gletscher</p>
+
+<p>III. Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden naturwissenschaftlichen Werken</p>
+</div>
+</div>
+
+<p class="s5 center">Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.<br>
+ Bereits Erschienenes wird nachgeliefert</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="s5 center">Anmeldungen bei jeder Buchhandlung oder<br>
+ durch die Geschäftsstelle des
+<em class="gesperrt">Kosmos</em>. Stuttgart, Pfizerstraße 5</p><br>
+</div>
+
+<div class="bbox">
+
+<p class="s4 center">Folgende seit Bestehen des Kosmos erschienene Buchbeilagen<br>
+<span class="s5">erhalten Mitglieder, solange vorrätig, zu <em class="gesperrt">Ausnahmepreisen</em>:</span></p>
+</div>
+
+<div class="bbox">
+
+<div class="adv">
+<div class="sidenote">1904</div>
+
+<p>Bölsche, W., Abstammung des Menschen. — Meyer, Dr. M. W.,
+Weltuntergang. — Zell, Ist das Tier unvernünftig? (Dopp.-Bd.). —
+Meyer, Dr. M. W., Weltschöpfung.</p>
+
+<div class="sidenote">1905</div>
+
+<p>Bölsche, Stammbaum d. Tiere. — Francé, Sinnesleben d. Pflanzen. —
+Zell, Tierfabeln. — Teichmann, Dr. E., Leben u. Tod. — Meyer, Dr. M.
+W., Sonne u. Sterne.</p>
+
+<div class="sidenote">1906</div>
+
+<p>Francé, Liebesleben d. Pflanzen. — Meyer, Rätsel d. Erdpole. — Zell,
+Streifzüge d. d. Tierwelt. — Bölsche, Im Steinkohlenwald. — Ament,
+Seele d. Kindes.</p>
+
+<div class="sidenote">1907</div>
+
+<p>Francé, Streifzüge im Wassertropfen. — Zell, Dr. Th., Straußenpolitik.
+— Meyer, Dr. M. W., Kometen und Meteore. — Teichmann, Fortpflanzung
+und Zeugung. — Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes.</p>
+
+<div class="sidenote">1908</div>
+
+<p>Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane. — Teichmann, Dr. E., Die
+Vererbung. — Sajó, Krieg und Frieden im Ameisenstaat. — Dekker,
+Naturgeschichte des Kindes. — Floericke, Dr. K., Säugetiere des
+deutschen Waldes.</p>
+
+<div class="sidenote">1909</div>
+
+<p>Francé, Bilder aus dem Leben des Waldes. — Meyer, Dr. M. W., Der Mond.
+— Sajó, Prof. K., Die Honigbiene. — Floericke, Kriechtiere und Lurche
+Deutschlands. — Bölsche, W., Der Mensch in der Tertiärzeit.</p>
+
+<div class="sidenote">1910</div>
+
+<p>Koelsch, Pflanzen zw. Dorf u. Trift. — Dekker, Fühlen u. Hören. —
+Meyer, Welt d. Planeten. — Floericke, Säugetiere fremd. Länder. —
+Weule, Kultur d. Kulturlosen.</p>
+
+<div class="sidenote">1911</div>
+
+<p>Koelsch, Durch Heide und Moor. — Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken.
+— Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit. — Floericke, Vögel fremder
+Länder. — Weule, Kulturelemente der Menschheit.</p>
+
+<div class="sidenote">1912</div>
+
+<p>Gibson-Günther, Was ist Elektrizität? — Dannemann, Wie unser Weltbild
+entstand. — Floericke, Fremde Kriechtiere und Lurche. — Weule,
+Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge. — Koelsch, Würger im
+Pflanzenreich.</p>
+
+<div class="sidenote">1913</div>
+
+<p>Bölsche, Festländer u. Meere. — Floericke, Einheimische Fische. —
+Koelsch, Der blühende See. — Zart, Bausteine des Weltalls. — Dekker,
+Vom siegh. Zellenstaat.</p>
+
+<div class="sidenote">1914</div>
+
+<p>Bölsche, W., Tierwanderungen in der Urwelt. — Floericke, Dr. Kurt,
+Meeresfische. — Lipschütz, Dr. A., Warum wir sterben. — Kahn, Dr.
+Fritz, Die Milchstraße. — Nagel, Dr. Osk., Romantik der Chemie.</p>
+
+<div class="sidenote">1915</div>
+
+<p>Bölsche, W., Der Mensch der Zukunft. — Floericke, Dr. K., Gepanzerte
+Ritter. — Weule, Prof. Dr. K., Vom Kerbstock zum Alphabet. — Müller,
+A. L., Gedächtnis und seine Pflege. — Besser, H., Raubwild und
+Dickhäuter.</p>
+
+<div class="sidenote">1916</div>
+
+<p>Bölsche, Stammbaum der Insekten. — Sieberg, Wetterbüchlein. — Zell,
+Pferd als Steppentier. — Weule, Krieg in den Tiefen der Menschheit
+(Dopp.-Bd.).</p>
+
+<div class="sidenote">1917</div>
+
+<p>Besser, Natur- u. Jagdstud. i. Deutsch-Ostafrika. — Floericke, Dr.,
+Plagegeister. — Hasterlik, Dr., Speise u. Trank. — Bölsche, Schutz-
+u. Trutzbündnisse i. d. Natur.</p>
+
+<div class="sidenote">1918</div>
+
+<p>Bölsche, Sieg des Lebens. — Fischer-Defoy, Schlafen und Träumen.
+— Kurth, Zwischen Keller u. Dach. — Hasterlik, Dr., Von Reiz- u.
+Rauschmitteln.</p>
+
+<div class="sidenote">1919</div>
+
+<p>Bölsche, Eiszeit und Klimawechsel. — Floericke, Spinnen und
+Spinnenleben. — Zell, Neue Tierbeobachtungen. — Kahn, Die Zelle.</p>
+
+<div class="sidenote">1920</div>
+
+<p>Fischer-Defoy, Lebensgefahr in Haus u. Hof. — Francé, Die pflanze als
+Erfinder. — Floericke, Schnecken und Muscheln. — Lämmel, Wege zur
+Relativitätstheorie.</p>
+
+<div class="sidenote">1921</div>
+
+<p>Weule, Naturbeherrschung I. — Floericke, Gewürm. — Günther,
+Radiotechnik. — Sanders, Hypnose und Suggestion.</p>
+
+<div class="sidenote">1922</div>
+
+<p>Weule, Naturbeherrschung II. — Francé, Leben im Ackerboden. —
+Floericke, Heuschrecken und Libellen. — Lotze, Jahreszahlen der
+Erdgeschichte.</p>
+
+<div class="sidenote">1923</div>
+
+<p>Flaig, Kampf um Tschomo-lungma. — Floericke, Falterleben. — Francé,
+Entdeckung der Heimat. — Behm, Kleidung und Gewebe.</p>
+
+<div class="sidenote">1924</div>
+
+<p>Floericke, Käfervolk. — Henseling, Astrologie. — Bölsche, Tierseele
+und Menschenseele. — Behm, Von der Faser zum Gewand.</p>
+
+<div class="sidenote">1925</div>
+
+<p>Lämmel, Sozialphysik. — Floericke, Wundertiere des Meeres. —
+Henseling, Mars. — Behm, Kolloidchemie.</p>
+
+<div class="sidenote">1926</div>
+
+<p>Francé, Die Harmonie in der Natur. — Floericke, Zwischen Pol und
+Äquator. — Bölsche, Abstammung d. Kunst. — Dekker, Planeten und
+Menschen.</p>
+</div>
+</div>
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+<div class="bbox">
+<div class="adv">
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Preise: Einzeln bezogen kostet jeder Band brosch. RM 1.20, geb. RM 1.80</span><br>
+<span style="margin-left: 5em;">Für Nichtmitglieder des Kosmos &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; je RM 1.50&nbsp; bzw. RM 2.40</span><br>
+</p>
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+<p><u>Besonders niedrige Preise</u> bei Gruppenbezug nach Wahl des
+Bestellers</p>
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+<div class="blockquot">
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+<p>10 Bände geb. &nbsp;&nbsp; &nbsp; für nur RM 14.50<br>
+&#8201;&nbsp;&nbsp;&nbsp;10 Bände brosch. für nur RM 10.—</p>
+
+<p>20 Bände geb. &nbsp;&nbsp; &nbsp; für nur RM 27.—<br>
+&#8201;&nbsp;&nbsp;&nbsp;20 Bände brosch. für nur RM 18.50</p>
+
+<p>50 Bände geb. &nbsp;&nbsp; &nbsp; für nur RM 62.—<br>
+&#8201;&nbsp;&nbsp;&nbsp;50 Bände brosch. für nur RM 42.—</p>
+</div>
+</div></div>
+
+<p class="s5 center">Auf Wunsch können größere Beträge nach vorhergehender Vereinbarung auch
+in <u><i>Teilzahlungen</i></u> entrichtet werden.</p>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77785 ***</div>
+</body>
+</html>
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+This book, including all associated images, markup, improvements,
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+++ b/README.md
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