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Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt +worden: + + ~gesperrt gedruckter Text~ + =antiqua gedruckter Text= + + + + + Dr. Kurt Floericke + + Aussterbende + Tiere + + [Illustration] + + Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde + Franckh'sche Verlagshandlung / Stuttgart + + + + + KOSMOS-BÄNDCHEN + + + AUSSTERBENDE TIERE + + + + + KOSMOS + + Gesellschaft der Naturfreunde in Stuttgart + + +Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften +und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer +Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten. +-- Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter +naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im + + + KOSMOS + + Handweiser für Naturfreunde + + Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen + +Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten +Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. +Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1927 festgelegt (Reihenfolge und +Änderungen auch im Text vorbehalten): + +~Dr. Kurt Floericke, Aussterbende Tiere~ +~Wilh. Bölsche, Im Bernsteinwald~ +~H. Günther, Was ist Magnetismus~? +~W. Flaig u. Dr. L. Lang, Der Gletscher~ + + Jedes Bändchen reich illustriert + +Diese Veröffentlichungen sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen; +daselbst werden Beitrittserklärungen entgegengenommen. Auch die früher +erschienenen Jahrgänge sind noch erhältlich. + + +Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart + + + + + Aussterbende Tiere + + Biber / Nerz / Luchs / Uhu + + Von + + Dr. Kurt Floericke + + + + + [Illustration] + + + Stuttgart + Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde + Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung + 1927 + + + + + Mit 17 Abbildungen und einem farbigen + Umschlagbild + + Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten + Nachdruck verboten + + +Copyright 1927 + by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart + Printed in Germany+ + + + Druck von Holzinger & Co. Stuttgart + + + + + Einleitung + + +Wer gleich dem Verfasser die freilebende Tierwelt unseres Vaterlandes +vier Jahrzehnte lang fleißig und liebevoll beobachtet hat, der wird +tief erschrocken sein darüber, wie furchtbar sie innerhalb dieser +Zeitspanne, die doch vom naturgeschichtlichen Standpunkte aus nur als +winzig bezeichnet werden kann, verarmt und verödet ist. Wir wissen +alle, daß die sogenannte menschliche Kultur mit ihren mancherlei +unangenehmen Begleiterscheinungen und Auswüchsen die Hauptschuld an +dieser unaufhaltsam sich vollziehenden Veränderung trägt, und zur +Abwendung des Schlimmsten ist ja als notwendiges Gegengewicht gegen +den Siegeszug von Industrie und Technik die Naturschutzbewegung ins +Leben getreten, die erfreulicherweise bereits weite Kreise unseres +Volkes erfaßt hat. Es ist dringend zu wünschen und zu hoffen, daß es +ihr gelingen möge, wenigstens kärgliche Reste einstiger Herrlichkeit +in großen Naturschutzparken oder durch strenge und vernünftige +Gesetzesvorschriften, die aber nicht nur auf dem Papier stehen +dürfen, in letzter Stunde zu retten und den kommenden Geschlechtern +zu erhalten. Nun wird von mancher Seite den Naturschützern +entgegengehalten, daß zwar die rastlos fortschreitende Kultur manche +Tiere, die sog. Kulturflüchter nämlich, ausgerottet oder in ihre +entlegensten Schlupfwinkel verdrängt, daß sie aber dafür andere Arten, +denen gerade die Beschaffenheit der neuzeitlichen Kultursteppe zusagt, +zur Einwanderung veranlaßt oder ihre Vermehrung und Ausbreitung +weitgehend begünstigt habe. Das ist auch gar nicht zu leugnen und +wenigstens bis zu einem gewissen Grade richtig. Aber der Tausch, den +der Naturfreund dabei gemacht hat, ist doch ein herzlich schlechter. +Verschwunden sind die urwüchsigen und reckenhaften Gestalten des +altgermanischen Waldgebiets, eingezogen sind kleine und unansehnliche +Formen, die unserem Gemüt wenig zu sagen haben, zumal sie teilweise +gar nicht alteingesessene Arten sind, sondern ursprüngliche Bewohner +der Mittelmeerländer. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der uns +erst recht klar wird, wenn wir die betreffenden Tiere einmal näher +betrachten. Ich möchte deshalb zunächst in diesem Kosmosbändchen einige +wenige Vertreter dieser Tiere unseren Lesern eingehender vorführen, +um ihnen zu zeigen, welch unersetzliche Naturschätze wir schon +verloren haben oder zu verlieren im Begriff stehen. Ich möchte weiter +dartun, in welcher Schnelligkeit und in welcher Weise die Ausrottung +vor sich ging und welche Hoffnungen noch bestehen auf Erhaltung der +Überbleibsel. Wenn dadurch die Teilnahme weiterer Kreise für solche +schwer bedrohten »Naturdenkmäler« wachgehalten und das Interesse für +die Schaffung großer Naturschutzparke (vgl. S. 78) zu ihrer Erhaltung +gesteigert würde, so wäre der vornehmste Zweck dieses Büchleins +erreicht. + + + + + Die letzten deutschen Biber + + +Ein einziges deutsches Säugetier kannte ich bisher noch nicht +aus freier Natur: unseren größten und gescheitesten Nager, den +sagenumwobenen Biber. Im Sommer 1924 war es mir endlich zu meiner +großen Freude vergönnt, diese Lücke bei einem zweitägigen Aufenthalt +in Aaken a. d. Elbe auszufüllen. Wenn ich trotz der bedauerlichen +Kürze der Beobachtungszeit hier einiges Neue und Wissenswerte über +den Biber und seinen gegenwärtigen Bestand mitzuteilen vermag, so +verdanke ich dies in erster Reihe der großen Liebenswürdigkeit +einiger ortsansässiger Biberfreunde, die mir nicht nur in geradezu +mustergültiger Weise als sachkundige Führer dienten, sondern mir +auch aus dem reichen Schatze ihrer langjährigen Erfahrungen viele +hochinteressante Eigenbeobachtungen zur Verfügung stellten. Besonders +gebührt dieser Dank, dem ich hierdurch auch öffentlich Ausdruck geben +möchte, Herrn Karl ~Krietzsch~ in Dessau, Herrn Oberpostsekretär +~Winkelmann~ in Aaken und Herrn Amtmann ~Behr~ in Steckby. +So schrieb mir z. B. Herr Krietzsch kurz vorher nach Magdeburg: »Punkt +4 Uhr früh schwimmt der Biber bei Aaken über die Elbe, bezieht seinen +Bau im Hornhafen und wird dabei photographiert.« Und genau nach diesem +Programm verlief die Sache, nur daß sich die Beleuchtung in der frühen +Morgenstunde noch als zu schwach für gute photographische Aufnahmen +erwies. Es ist eine Lust, unter so ausgezeichneter Führung Naturstudien +und Beobachtungen zu machen; der Ortsunkundige wird wohl manchen +vergeblichen Gang tun müssen, bis es ihm glückt, eines Bibers ansichtig +zu werden, obwohl die vielen Schleif- und Hauspuren des Tieres einem +aufmerksamen Auge kaum entgehen können. Für mich war es ein geradezu +weihevoller Augenblick, und das Herz schlug mir rascher, als nach einer +Viertelstunde bangen Wartens der große Rattenkopf des schwimmenden +Bibers in den Elbefluten auftauchte und wir nun rasch einen Kahn +bestiegen und auf bequemste Beobachtungsentfernung dem seltenen Wilde +bis zu seinem Baue folgten. + +Früher war der europäische Biber, +Castor fiber L.+ (der +nordamerikanische ist von neueren Forschern unter dem Namen canadensis +als besondere Form abgetrennt worden) weit verbreitet und insbesondere +in Deutschland durchaus keine Seltenheit, worauf schon Ortsnamen +wie Biberach und Bebra hinweisen. Die Stadt Biebrich am Rhein führt +einen Biber im Wappen, der aber fälschlich einen Fisch im Maule hält, +während in Wirklichkeit der Biber niemals an Fischen oder anderem +Getier sich vergreift, sondern ausschließlich Pflanzenfresser ist. Doch +wird schon im Mittelalter über rasche Abnahme der Biber an Rhein und +Donau geklagt, weil das Tier sich nicht mit dem regen Schiffsverkehr +auf diesen Strömen vertrage. Das ganze Mittelalter hindurch spielte +der Biber als geschätzter Fastenbraten eine große Rolle, und als +besonderer Leckerbissen galt der Biberschwanz, für den man gern den in +damaliger Zeit erstaunlichen Preis von 6 Gulden zahlte, und nach dessen +absonderlicher Gestalt ja heute noch eine bestimmte Dachziegelart +ihren Namen führt. Von Quacksalbern aller Art sehr begehrt war das +sog. Bibergeil (man zahlte beim Seltenerwerden des Tieres zeitweise +bis zu 180 Gulden für die Geilsäcke eines alten Männchens!), das +gegen alle erdenklichen Übel helfen sollte, hauptsächlich aber als +Beruhigungsmittel bei Krampfzuständen galt. Großer Wertschätzung +erfreute sich auch der feine und leichte Biberpelz, nach welchem +ja Gerhart Hauptmann seine prächtige Diebskomödie mit den vielen +politischen Spitzen benannt hat. Der mollige Biberpelz, dem die +langen Grannenhaare abgeschoren wurden, schützt vortrefflich gegen +rauhe Winde und scharfen Frost, während die minderwertigen Felle zu +teuren Filzhüten verarbeitet wurden. Da also der erlegte Biber einen +erheblichen Geldwert darstellte, kann es nicht wundernehmen, daß die +Zahl der Tiere infolge unablässiger und schonungsloser Verfolgung rasch +und dauernd zurückging. Zuerst wurde der Biber, wie so viele Tiere, in +dem schießwütigen England ausgerottet. + +Gegenwärtig ist der europäische Biber nur in Sibirien noch in größerer +Menge zu finden, während er in Europa selbst fast völlig ausgerottet +und auch an seinen letzten Zufluchtstätten mit dem Untergange bedroht +ist. Heute kommt er in Europa nur noch an vier Stellen vor, nämlich +1. im weiten Urstromtale der Elbe zwischen Wittenberg und Magdeburg, +2. im südfranzösischen Rhonedelta, 3. im südlichen Norwegen gegenüber +dem Skagerrak, 4. im russischen Sumpfgebiet Polesje, das vom Prijpet +durchflossen wird. Allerdings sind schon Stimmen laut geworden, daß +der Biber durch die Kriegs- und Revolutionszustände dort ausgerottet +worden sei; wer aber die Unzugänglichkeit dieser Gegend sowie die große +Menschenscheu der dortigen Biber kennt, wird gleich mir nicht recht +daran glauben. Ferner findet sich in »Brehms Tierleben« und anderen +Werken die Angabe, daß der Biber auch auf der Balkanhalbinsel noch +vorkomme und in Bosnien »besonders häufig« sei. Da ich aber dort nie +die geringste Spur des großen Nagers gefunden habe, wandte ich mich um +nähere Auskunft an meinen alten Freund, den bekannten Balkanforscher +Othmar Reiser, der so freundlich war, mir folgendes zu antworten: »Ich +habe schon vor Jahren festgestellt, daß es sich bei diesen Angaben +um Verwechslungen mit dem Fischotter oder sogar mit dahintreibenden +Baumstämmen handelte. Lange kann es freilich noch nicht her sein, daß +der Biber von dort verschwunden ist, denn Knochenreste sind vielfach +gefunden worden, und ich selbst war einmal zufällig Zeuge, wie bei +einer prähistorischen Grabung am Trebewitsch bei Sarajevo ein gut +erhaltenes Kieferstück des Bibers zutage gefördert wurde. Außerdem +hat sich der slawische Name des Tieres ›Dabar‹ im Dabar-Polje in der +Herzegowina, an das Du Dich wohl noch erinnern wirst, und im Namen des +Dorfes Dabar im Bezirke Sanskimost erhalten. Als einzigen greifbaren +Beweis aus diesen Gegenden kenne ich aber nur die traurigen Überreste +eines ausgestopften Bibers in der unbedeutenden zoologischen Sammlung +in Belgrad, der in den 60er Jahren in der Drina gefangen worden sein +soll.« + +Fast alles, was wir über die Naturgeschichte des europäischen Bibers +wissen, ist an den Elbebibern beobachtet worden, über die erst +neuerdings (1922) wieder Mertens eine sorgfältige und ausführliche +Arbeit veröffentlicht hat. Das Wohngebiet des Bibers an der Elbe und +ihren Nebenflüssen ist landschaftlich von hohem Reiz und auch sonst +für den Tier- und namentlich für den Vogelforscher von hervorragender +Anziehungskraft. Dichte Auwaldungen mit üppigem Unterwuchs und +eingebetteten Wiesen und kleinen, schilf- und rohrbewachsenen Seen +geben der überaus wechselvollen Landschaft das Gepräge. Selten sah +ich irgendwo in Deutschland so viel Tagschmetterlinge wie hier, +und in hoher Luft entzückte mich das herrliche Flugbild des edlen +Wanderfalken. Der Biber liebt besonders die Altwässer der Elbe mit +ihren vielen Lachen und Tümpeln, Seerosen, Igelkolben, Schwertlilien +und Schachtelhalmen (auch die Wassernuß kommt hier noch vor), +mit ihrem stattlichen Wuchs von Weichhölzern und den zahlreichen +Weidenhegern am Rande und mit ihren undurchdringlichen, von Brennesseln +und wildem Hopfen durchwucherten Dorndickichten. Daß sich der Biber +gerade hier in der Nähe großer Industrien und an der durch eine +starke Schiffahrt beständig beunruhigten Elbe erhalten konnte, +dürfte auf verschiedene Umstände zurückzuführen sein. Vor allem sind +diese sumpfigen Geländestreifen verhältnismäßig spät vom Menschen +besiedelt worden, denn man scheute die Mühe ihrer Urbarmachung und +den Kampf mit dem Hochwasser, der die Errichtung kostspieliger Dämme +und Deiche erforderte. Erst in neuerer Zeit ist diese Besiedlung +in stärkerem Maße erfolgt, und damit begann auch das allmähliche +Erlöschen des Biberbestandes, der bis dahin ein ziemlich ungestörtes +Dasein hatte führen können. Ein weiterer glücklicher Zufall war es, +daß dieses Gebiet in fast ununterbrochenem Zusammenhange Domänen- oder +Regierungsbesitz darstellte, und daß die Fürsten und Herzöge von Anhalt +von jeher weidgerechte Jäger und große Naturfreunde waren, ebenso ihre +Forstbeamten. Die Biberjagd an sich hatte ja überhaupt für die Fürsten +und großen Herren wenig Reiz, denn sie brachte keine stolzen Trophäen, +keine Gehörne und Geweihe; sie reizte auch nicht durch die Gefahr, die +in der Bekämpfung des Bären oder des grimmen Bassen lag, gab auch keine +Gelegenheit zur Entfaltung höfischen Prunkes wie etwa die Reiherbeize. +War also auch Aasjägerei ausgeschlossen, so konnte doch die +Wilddieberei auf den wertvollen Biber niemals ganz unterdrückt werden, +und in der Zeit des Umsturzes ist sie natürlich wieder besonders üppig +ins Kraut geschossen. Auch die hohen Steilufer waren dem Biber günstig, +denn sie ermöglichten es ihm, seine Baue so anzulegen, daß er jederzeit +unter Wasser ausfahren konnte, während der üppige Pflanzenwuchs stets +genügende Äsung bot. Alle diese Umstände haben zusammengewirkt, um den +Bestand der Elbebiber bis auf die heutige Zeit zu erhalten. Wie lange +noch? + +Die heutige Anzahl der Biber einigermaßen zuverlässig festzustellen, +ist sehr schwer und erfordert unermüdliche Ausdauer neben großer +Begeisterung für die Sache. Herr Amtmann Behr brauchte dazu im Jahre +1913 vom September bis Dezember volle 43 Tage. Er führt insgesamt 188 +Biber auf. Davon kamen auf preußisches Gebiet 82 Baue mit 114 und +auf anhaltinisches 59 Baue mit 74 Bibern. Das bedeutete schon eine +wesentliche Abnahme, denn um die Jahrhundertwende herum hatte der +verstorbene Forstmeister Freiherr von Nordenflycht in Lödderitz, +der sich auch als Jagdschriftsteller einen Namen gemacht hat, den +Gesamtbestand der Elbebiber auf 250 Stück angegeben. Leider ist auch +seit der Behrschen Zählung eine unverkennbare weitere Verringerung +des Biberbestandes eingetreten, und Professor Mertens urteilt +sicherlich viel zu optimistisch, wenn er die heutige Kopfzahl auf rund +200 schätzt. Im September 1924 gab mir Herr Krietzsch eine genaue +Aufstellung der nach seinen Beobachtungen noch vorhandenen Biber. +Darnach wohnten an der Elbe von Wittenberg bis zum Wellmitzhafen bei +Dessau vor dem Kriege 92 Biber, heute dagegen nur noch 14 Alte und +4 Junge; an der Mulde von Dessau bis Raguhn früher 81 Biber, heute +noch 6 Alte; an der Elbe von Wallmitzhafen bis Magdeburg früher 48 +Stück, heute noch 13. Die Gesamtzahl betrug also 1913 immerhin 222 +Biber, heute nur noch 37, darunter 6 Junge. Das wäre allerdings ein +ganz erschreckendes Zusammenschmelzen innerhalb 12 Jahren, das für +die Zukunft des Biberbestandes das Schlimmste befürchten ließe. Es +mag sein, daß diese Schätzung etwas zu niedrig gegriffen ist, zumal +neuerdings von zuverlässiger Seite eine Zunahme der Biber in der +Kreuzhorst bei Magdeburg gemeldet wird, aber immerhin dürfte sie +gegenwärtig der Wahrheit näher kommen als die Mertenssche Angabe. Von +diesen 37 einwandfrei festgestellten Bibern leben 15 auf preußischem +und 22 auf anhaltinischem Gebiet. Amtmann Behr nimmt den heutigen +Bestand doch als wesentlich höher an. Wie weit das Hochwasser 1926 +geschadet hat, entzieht sich noch meiner Kenntnis. + +Im allgemeinen läßt sich in neuerer Zeit eine Verschiebung des +Verbreitungsbezirkes nach Norden feststellen; namentlich in der +teilweise abgesperrten Kreuzhorst bei Magdeburg scheint infolge +Neueinwanderung eine Zunahme des Bestandes stattzufinden. + +Außerdem lebte von 1917 bis 1924 noch ein Biber als Einsiedler +im Mühlteich bei Mosigkau. Wie der dorthin gekommen sein mag? Er +errichtete nicht nur einen Bau, sondern auch eine Burg und ging zur +Ranzzeit oft aus dem Wasser heraus aufs Feld. Seit April 1924 ist das +Tier spurlos verschwunden, aber anscheinend nicht gewilddiebt worden, +sondern liegt wahrscheinlich infolge Äsung von Eichenrinde verendet in +seinem Bau. Wo die Biber nämlich an ihren Bauen gestört werden und der +eine Teil zugrunde geht, bekommt der andere in der Ranzzeit Sehnsucht +nach seinesgleichen, sucht nach einem neuen Gatten, findet ihn nicht +und treibt sich deshalb ruhelos in der Gegend umher, wobei er in die +Nebenlöcher der Elbe und Mulde gerät, vereinzelt sogar schon weit in +die Havel hinaufgeschwommen ist. Weiden gibt es an solchen Plätzen +gewöhnlich nicht; die Tiere äsen deshalb aus Not Eichenrinde, deren +Gerbsäuregehalt schwere Verdauungsstörungen bei ihnen hervorzurufen +scheint. Ein alterfahrener Waldläufer versicherte meinem Gewährsmann, +daß viele Biber auf diese Weise umkämen und daß man sein blaues Wunder +erleben würde, wenn man einmal alle Baue öffnen wollte. Eine gewisse +Bestätigung erfährt diese auch von Krietzsch geteilte Ansicht durch +die Sektion eines Bibers, der in den ersten Tagen des Februar 1925 +in stark abgemagertem, aber sonst unverletztem und gut erhaltenem +Zustande verendet in der Elbe bei Trochheim gefunden und dem Zerbster +Museum eingeliefert wurde. Die ganzen Därme waren voll großer Klunkern +und die Leber tuberkulös. Auch ein im November 1924 in einem Graben +bei Groß-Rosenburg tot aufgefundener Biber wies keine Schußverletzung +oder sonstige Spuren von Gewaltsamkeit auf. Das schon recht alte Tier +war bereits einige Wochen vorher in offenbar krankem Zustande an der +Modderschleuse beobachtet worden. + +Durch allerlei dumme Zufälle gehen alljährlich mehrere Biber zugrunde. +So ergab die Untersuchung eines wahren Prachtstückes, das am 3. März +1925 im Luch am Elbeufer verendet angetrieben wurde, daß das Tier +nicht von Menschenhand getötet, sondern wahrscheinlich von einem +Dampfer gerammt worden war. Einige Wochen vorher wurde bei Vogerode ein +toter Biber angeschwemmt, der mit dem linken Vorderfuß in einer neuen +Bügelfalle hing. Durch das Auslegen von Ottereisen, das im Biberbezirk +ganz verboten werden müßte, werden die Biber überhaupt sehr gefährdet, +wenn auch meist unabsichtlich. Dazu kommt die immer noch nicht völlig +unterdrückte Wilddieberei. So ging im Frühjahr 1924 durch die Zeitungen +die Nachricht, der »letzte« Biberbau an der Saale sei von Wilddieben +zerstört und seine Bewohner erschlagen worden. Laut brieflicher +Mitteilung des Herrn Winkelmann verhielt sich die Sache aber doch +etwas anders. Ein berüchtigter Wilddieb hatte während des Frostes den +kleineren Biberbau am Goldberger See im Lödderitzforst mit dem Spaten +angegraben und dann in die Öffnung hineingeschossen, wobei er von einem +Bauern aus der Umgegend beobachtet wurde. Der eine Biber war daraufhin +unter das Eis geflüchtet, ist hier elend umgekommen, wurde im Frühjahr +beim Fischen gefunden und der Oberförsterei übergeben, die das Skelett +aufgestellt hat. Harte Winter sind überhaupt für den Biber insofern +schlimm, als dann die Strolche auf dem Eise an jeden Bau herankommen, +die Biber selbst aber wegen des Eises schwer flüchten können. So kommen +viele um und werden erschossen oder erschlagen. Wie mir Herr Maler +Zehle mitteilt, wurde noch im letzten Winter versucht, die Biberburg +im Krügersee niederzubrennen und so die Tiere herauszutreiben. Zum +Glück brannte aber das Schilf nur auf der einen Seite an, ohne den Bau +wesentlich zu beschädigen. + +Ferner gehen leider auch ohne besonderes Zutun des Menschen viele +Biber dadurch verloren, daß sie in die Reusen und Netze der Fischer +geraten und ertrinken, wenn sie sich nicht durch Zerreißen der Netze +befreien können. Da das zuweilen geschieht, freuen sich die dadurch +geschädigten Fischer über jeden umgekommenen Biber, dreifach aber, +wenn sie sich durch heimliche Aneignung des Tieres mit dem wertvollen +Pelze, dem teuren Bibergeil und dem schmackhaften Fleisch bereichern +können. Besonders gefährlich sind auch die Nachstellungen, die durch +die Mordlust der Schiffer drohen, die mit ihren Kähnen zeitweise +innerhalb der Biberreviere ankern. Während der Schutzbeamte auf dem +Lande sich bewegen muß, kann der Schiffer vom Wasser aus im kleinen +Kahne den Biberbauen ungesehen sich nähern, und so wird manches Stück +heimlich umgebracht oder angeschossen und später verludert im Bau +gefunden. Manchmal werden die Tiere auch bei der Fischerei mit dem +Netz ans Land gezogen, denn sie sind zu dumm oder zu träge, um über +das Netz hinwegzuspringen. Ein auf diese Weise gefangener Biber benahm +sich so zutraulich und täppisch, daß er mit der Rute wieder ins Wasser +zurückgejagt werden mußte. Der schlimmste Feind des aussterbenden +Tieres ist aber doch plötzlich einsetzendes Hochwasser, namentlich +wenn es noch Eisschollen mit sich führt. Die Biber flüchten dann aus +ihren Bauen auf die Deichkronen oder andere erhöhte und trockene +Plätze und sind hier natürlich allen Zufälligkeiten und Nachstellungen +preisgegeben. Bei solchen Gelegenheiten weit sich verirrende Biber +werden oft aus bloßer Unkenntnis umgebracht, weil man sie irrtümlich +für Fischottern hält. Aber auch für den friedlichen Beobachter ergibt +das schöne Gelegenheiten. + +So schreibt mir Herr Winkelmann: »Vor zwei Jahren saßen zwei Biber +beim Frühlingshochwasser, als der Damm nur 1-1/2 Meter aus der Flut +hervorragte, unterhalb des Wachthauses auf dem Damme und versuchten +wiederholt, sich in die Deichkrone einzugraben. Dies mußte jedesmal +von der Deichwachmannschaft, die dort während des Hochwassers Tag und +Nacht in Bereitschaft lag, verhindert werden. Schließlich nahmen die +Tiere davon Abstand, hielten sich aber noch tagelang auf der Deichkrone +auf. Beim Herannahen von Menschen plumpsten sie jedesmal ins Wasser, +schwammen zwischen den Bäumen herum und kehrten nach Vorübergang der +Störenfriede auf ihre alten Plätze zurück. Als später das Wasser fiel, +suchten sie ihre Baue wieder auf.« Es sei aber ausdrücklich betont, daß +auch in solchen Fällen ernsthafte Dammbeschädigungen durch den Biber +höchstens bei ganz mangelhafter Aufsicht verursacht werden könnten. Die +Tiere kommen auf die Dämme ja überhaupt nur, wenn diese unmittelbar +ans Wasser stoßen und kein anderes erhöhtes Ufer zur Verfügung steht. +Deshalb erscheint schon aus rein praktischen Gründen der Vorschlag von +Mertens sehr beachtenswert, für solche Fälle besondere Biberschutzhügel +anzulegen. Auf der Straße von Aaken nach Steutz liegt ein Wirtshaus, +das jenseits der Straße noch eine Veranda für die Gäste hat. Bei +Hochwasser fährt das Motorboot des Fährmanns bis an die Treppenstufen +des Gasthauses. Als Herr Winkelmann einmal das Fährboot benutzte, +saßen die beiden am Hornhafen heimischen Biber auf einem Bündel selbst +zusammengeschleppten Reisigs unmittelbar hinter der Veranda. Beim +Heranfahren des Bootes plumpste der eine ins Wasser, der andere aber +blieb ruhig sitzen und äugte die Menschen nur neugierig an. Daraufhin +kam auch der andere Biber sofort wieder auf die Sasse zurück, und +beide ließen sich nun in aller Ruhe und Bequemlichkeit beliebig lange +beobachten. + + [Illustration: Abb. 1. Elbebiber, an einer Sandbank ruhend + (Naturaufnahme von Amtmann Behr)] + +Der am Ufer ruhende Biber macht einen gedrungenen Eindruck und erinnert +stark an eine riesenhafte Ratte, nur daß die Hinterfront abgestutzt +erscheint, weil die Kelle im Ruhezustande unter den Leib geschlagen +wird, also überhaupt nicht sichtbar ist (Abb. 1). Von weitem sieht ein +solcher ruhender Biber wie ein am Ufer liegender Stein aus und wird +deshalb trotz seiner Größe in seiner Unbeweglichkeit vom Unkundigen +leicht übersehen. Selbst bei der Anlage ihrer Baue kümmern sich die +Biber bisweilen herzlich wenig um die unmittelbare Nachbarschaft des +Menschen. So ist im Aakener Hornhafen von jeher ein Biberbau gewesen, +und die Tiere haben sich durch das beständige Hämmern und Klopfen der +Schiffsbauer eigentlich nie stören lassen. Brieflicher Mitteilung des +Herrn Behr zufolge lag früher am hochbewaldeten Ufer der Elbe bei +Steckby hinter einem Buhnenwinkel ein weitverzweigter Biberbau, der +zuweilen auch von Dächsen und Füchsen befahren wurde. Hochwässer hatten +hier einen tiefen Kolk gerissen, der durch eine schmale Rinne mit der +Elbe in Verbindung stand, aber bei niedrigem Wasserstande trocken lag, +so daß der Biber, um zu seinem Bau zu gelangen, über Land wechseln +mußte. Die Zugangsröhren lagen bis auf einige vom Dachs angelegte unter +Wasser, wie dies bei Biberbauen stets der Fall zu sein pflegt. Da die +Strömung weitere Landmassen wegriß, wurde von der Strombauverwaltung +ein Deckwerk aus Faschinen und Steinpflaster angelegt, wobei die tief +liegenden Eingänge verschüttet wurden. Diese geräuschvollen Arbeiten +konnten aber das hier hausende Biberpaar nicht zum Verlassen seines +Heims bewegen, sondern die Tiere benutzten nun eine hochliegende +Dachsröhre als Einschlupf, wobei sie eine Strecke von 12 Metern den +Hang hinauf zurückzulegen hatten und sich dabei oft prächtig beobachten +ließen. + +Werden die Biber an solchen Plätzen vom Menschen überrascht, so zeigen +sie sich recht blöde und unbeholfen, aber nicht eben furchtsam. Das +Tollste in dieser Beziehung hat Herr Amtmann Behr erlebt. Er teilte mir +darüber brieflich folgendes mit: »Im Sommer 1922 war der Wasserstand +der Elbe überaus niedrig, so daß die Sandbänke, die die Tiere passieren +mußten, bis weit ins Flußbett hineinliefen. Des Abends erfolgte der +Auswechsel, wenn das Büchsenlicht längst geschwunden war, während +sich des Morgens die Heimkehr oft stark verspätete, namentlich wenn +Fischer oder Schiffer hier tätig waren. So lag ich einmal im Juli +vor Tagesgrauen in meinem Versteck und harrte der Heimkehr meiner +Freunde. Auf der Sandbank hatte Herr Hermann Hähnle aus Stuttgart einen +Kino-Apparat aufgestellt, um die Tiere zu filmen, was auch tadellos +gelang. Da die ständig vorüberfahrenden Kähne ein zeitiges Einwechseln +verhinderten, erfolgte dieses erst um 8 Uhr morgens, als die Sandbank +schon stark von der Sonne beschienen wurde. Langsam, Schritt für +Schritt, stieg der erste Biber schwerfällig über die dünenartige +Fläche, wobei er die Kelle nachschleifen ließ (Abb. 2). Am Kolk +angelangt, schob er sich ebenso schwerfällig ins Wasser und schwamm, +nur den Kopf zeigend, zur anderen Seite hinüber, um hier ebenso +täppisch auszusteigen. Als er so ziemlich an das Rohr angelangt war, +sprang ich ihm entgegen und stellte mich auf den Wechsel, um ihn wieder +in den Tümpel zurückzutreiben. Doch diesen Scherz faßte er falsch auf, +ging zum Angriff über und biß mit seinen langen Nagezähnen durch den +Schaft meines Wasserstiefels, auch noch durch Beinkleid, Unterbeinkleid +und Strümpfe, und erst als ich ihm einen leichten Schlag auf den Kopf +versetzte, ließ er los, kehrte um und machte denselben Weg zurück.« + + [Illustration: Abb. 2. Elbebiber, über eine Grasfläche wechselnd + (Naturaufnahme von Amtmann Behr)] + +Noch ein anderes hübsches Biberstückchen vom Januar 1913 aus Dessau! +Damals kam ein Biber in die sog. Wasservorstadt, nachdem er sich +schon im Herbst öfters dort hatte blicken lassen. Er entwickelte +eine ganz verblüffende Dreistigkeit und unternahm öfters am hellen +Tage Spaziergänge über den Wasserwall hinweg in die eingefriedigten +Gärten, um dort mit großem Behagen die Kohlköpfe zu verspeisen. +Auch zugeworfene Apfelstückchen nahm er gerne an und ließ sich bei +seinen Schmausereien durch Zuschauer nicht im geringsten stören, +obgleich einmal ein ganzes Mädchenpensionat um ihn versammelt war. Den +Schaden an den Kohlstrünken hätte man ihm gern verziehen, aber leider +benagte er auch die Obstbäume, und es wurde deshalb beschlossen, ihn +einzufangen und an die Forstverwaltung abzuliefern. Bald war zur +Ausführung dieser schwarzen Tat ein Mann mit einem großen Sack zur +Stelle. Der Biber aber setzte sich ruhig hin und harrte der Dinge, die +da kommen sollten. Es sah aus, als wäre es eine Kleinigkeit, ihm den +Sack überzustülpen, aber sobald ihm der Mann den Sack vorhielt, sprang +der Biber mit Fauchen und Knurren nicht etwa in den Sack, sondern auf +den Mann. Sack und Mann verschwanden jedesmal nach der glänzenden +Attacke des Bibers, und schallendes Gelächter der Zuschauer belohnte +den Sieger. Dieses Schauspiel wiederholte sich einigemal, aber der +Biber ließ sich das wenig verdrießen, denn nachdem er seinen Gegner +schneidig abgewiesen hatte, ging er in aller Seelenruhe wieder an +seinen Kohl und labte sich. Schließlich sah man ein, daß dem Biber bei +seiner Tapferkeit und überlegenen Ruhe nicht beizukommen sei und ließ +ihn ungestört seines Weges ins nahe Wasser ziehen. + + [Illustration: Abb. 3. Biberwechsel über eine Sandbank + (Naturaufnahme von Amtmann Behr)] + +Sportsegler, die im Sommer die Wasserreise von Dresden nach Potsdam +zu machen pflegen, haben mir oft versichert, daß sie auch bei Tag +auf Reisighaufen oder Weidenköpfen ruhende Biber antrafen, die sich +um die lautlos vorbeisegelnden Boote kaum kümmerten, sondern ruhig +weiter dösten, um erst im Wasser zu verschwinden, wenn man Lärm machte +oder ihnen gar zu nahe auf den Leib rückte. Besonders menschenscheu +kann man nach alledem den Elbebiber also unmöglich nennen, wenn er +auch unter gewöhnlichen Umständen immer genügend auf seine Sicherheit +bedacht bleibt. Erschwert wird seine Beobachtung aber durch seine +nächtliche Lebensweise und durch die sumpfige Beschaffenheit des +Geländes, in dem man es an Sommerabenden vor Stechmücken kaum aushalten +kann. Die unverkennbaren Spuren seiner Anwesenheit müssen schon jedem +halbwegs aufmerksamen Spaziergänger auffallen, am meisten natürlich +die Burgen und abgeschnittenen Hölzer mit der sanduhrartig gestalteten +Schnittfläche und die herumliegenden Späne, auf denen sich der Eindruck +der großen Nagezähne deutlich erkennen läßt. Aber auch die regelmäßig +begangenen Wechsel stechen sehr ins Auge, sei es als deutliche Straßen +im hohen Wiesengrase, sei es als glatte Rutschbahnen am abschüssigen +Ufer, sei es als scharf ausgeprägte Fährte auf einer Sandbank. An +solchen Stellen kann man sowohl die Schwimmhäute der Hinterbeine wie +die Zehen der Vorderfüße deutlich erkennen, wenn auch alles durch den +nachschleifenden Schwanz etwas verwischt erscheint (Abb. 3). Stellt man +sich an einem solchen Wechsel etwas gedeckt an und verhält man sich nur +bewegungslos, so wird man namentlich an schönen, stillen Sommerabenden +oft die Freude haben, den Biber im nahen Wasser unter der Oberfläche +entlang schwimmen zu sehen, wobei er nur die Nasenspitze herausstreckt, +während sich zwei feine Striche im Wasserspiegel abzeichnen. Wo das +Tier sich ganz sicher fühlt, taucht es auch weiter aus dem Wasser +hervor, so daß der halbe Kopf und der Rücken hervorragen (Abb. 4). +Schließlich steigt der Biber an Land, schiebt sich schwerfällig die +Böschung hinauf, schüttelt sich das Wasser aus dem Pelz und trottet +langsam am Ufer entlang, bis er nach einiger Zeit mit weithin hörbarem +Plumps wieder ins Wasser zurückfällt. War er irgendwie erschreckt +worden, so stößt er mit seinen breitruderigen Hinterfüßen kräftig +nach oben aus, schlägt gleichzeitig mit dem Schwanze laut klatschend +auf die Wasseroberfläche, was wohl ein Warnungszeichen für seine +Kameraden sein soll, und sinkt dann fast senkrecht in die Tiefe. Oft +aber gleitet er auch völlig lautlos ins feuchte Element, wenn nämlich +ringsum alles ruhig blieb. Beim Tauchen werden die auch auf der +Innenseite dicht behaarten Ohrmuscheln zusammengefaltet und so der +Gehörgang verschlossen, die durchsichtige Nickhaut über die kleinen +Rundaugen gezogen und die Nasenflügel mit Hilfe besonderer Muskeln fest +zusammengepreßt. Die Lehrbücher geben übereinstimmend an, daß der Biber +etwa zwei Minuten unter Wasser bleiben könne, dann aber zum Atemholen +wieder an die Oberfläche kommen müsse. Indessen ist diese Zeitangabe +sicherlich viel zu niedrig gegriffen. Ich selbst konnte mit der Uhr in +der Hand an einem in Gefangenschaft gehaltenen Biber feststellen, daß +er volle 10 Minuten unter Wasser blieb, und Behr sah in einem kleinen, +klaren Tümpel bei Steckby einen Biber sogar 14 Minuten lang ruhig auf +dem Grunde liegen, ehe er von neuem Atem schöpfte. Ein Förster und ein +Bühnenarbeiter wollen dasselbe 15 bis 20 Minuten lang beobachtet haben. +Die außergewöhnlich großen Lungen des Tieres vermögen ja auch eine ganz +bedeutende Luftmenge zu fassen. Das Geruchsvermögen des Bibers ist +gut entwickelt, während die etwas blöde dreinblickenden Augen stark +kurzsichtig sind. Die selten zu hörende Stimme ist leise knurrend, bei +Ärger zornig fauchend. Die noch im Bau liegenden Jungen wimmern nach +Mertens wie kleine Kinder. + + [Illustration: Abb. 4. Elbebiber ruhig schwimmend + (Naturaufnahme von Amtmann Behr)] + + [Illustration: Abb. 5. Biberschnitte von Erlen bei Törten, + unweit der Mulde + (Naturaufnahme von Amtmann Behr)] + +Wenn man unsere Abb. 5 betrachtet, wird man sehr geneigt sein, den +Biber für einen argen Waldverwüster zu halten, denn er hat hier in +der Tat ganz greulich gewirtschaftet. Unser Erstaunen wird noch +wachsen, wenn wir hören, daß hier die Arbeit eines einzigen Bibers +vorliegt, der sich im Frühjahr 1913 als Einzelgänger bei Törten a. d. +Mulde aufhielt. Er war zugewandert, als an seinem alten Wohnorte die +Weidenanpflanzungen immer seltener wurden und hatte nun seinen Stand +in hohes Laubholz verlegt, wo er Espen fällte, darunter Stämme bis +zu 40 +cm+ Durchmesser. Der Schlag erreichte schließlich eine Größe +von 3/4 Morgen. Der Übeltäter war ein ungewöhnlich starkes Tier und +wurde von Förster Radtke, der ihn öfters beobachtete, auf 80, von +anderen sogar auf 90 Pfund geschätzt (Brehm gibt das Gewicht des +Bibers mit 20 bis 30 +kg+ sicher zu niedrig an), ein Zeichen dafür, +daß trotz unvermeidlicher Inzucht noch keine Entartung des deutschen +Biberbestandes eingetreten ist. Trotz unserer lehrreichen Bilder +ist der forstliche Schaden des Bibers nicht so groß, wie vielfach +angenommen wird, und wird eigentlich nur dann wirklich empfindlich, +wenn man den Tieren ihre natürliche Hauptnahrung, nämlich Weiden- +und Wurzelwerk von Wasserpflanzen, schmälert. Es sind ja immer nur +einzelne Stücke, die dazu neigen, übermäßig zu schneiden und auch +stärkere Bäume anzugehen. Man sollte also die Schädlichkeit des +Bibers nicht noch aufbauschen, wie es leider vielfach geschieht, um +Freund Bockert »interessanter« zu machen; es fehlt ohnehin nicht +an Stimmen, die den Abschuß der letzten Elbebiber immer und immer +wieder verlangen. Seine Arbeiten verrichtet der Biber nur des Nachts +bei völlig hereingebrochener Dunkelheit und läßt sich dabei nicht +gerne belauschen. Dies war sogar im Hamburger Tiergarten der Fall, +wo das Bibergehege einen besonderen Anziehungspunkt bildet. Selbst +in mondhellen Nächten konnten die Tiere nicht beim Fällen der für +sie eingepflanzten Pappelstümpfe beobachtet werden. Sie brauchten 29 +Tage zum Fällen eines 36 +cm+ starken Baumes, weil sie offenbar nur +mit großen Unterbrechungen daran arbeiteten, da sie ja anderweitige +Nahrung im Überfluß hatten. Die von Brehm gepflegten Biber zeigten +sich etwas umgänglicher und schnitten schließlich auch in den späteren +Nachmittagsstunden. Zum Umlegen einer 8 +cm+ dicken Weide brauchten sie +nur fünf Minuten. In Steckby vom Biber abgeschnittene Stämme hatten +gewöhnlich eine Dicke von 15 bis 30, manchmal aber auch 40 und selbst +60 +cm+, und zwar handelte es sich in diesem Falle stets um Schwarz- +oder Silberpappeln. Nach einem Berichte Friedrichs wurde am Kühnauer +See bei Dessau eine Pappel von 192 +cm+ Umfang in mehrjähriger, von +großen Pausen unterbrochener Arbeit umgelegt. Für mich unterliegt es +gar keinem Zweifel, daß solche starke Bäume nicht zu Nahrungszwecken, +sondern lediglich zum Schärfen der Schneidezähne angenommen werden, oft +wohl auch nur aus Langeweile und Spielerei. So sah ich im Gasthause +in Aaken die Photographie einer riesenhaften Pappel, die aus vier +Stämmen zusammengewachsen war. An diesem gewaltigen Baum hatten fünf +Biber jahrelang genagt, natürlich nur ab und zu. Dieses Biberfraßstück +sollte auf eine Ausstellung nach Leipzig geschickt werden, aber sein +Umfang erwies sich als so groß, daß der Transport unterbleiben mußte. +Ein halbes Jahr später riß ein Sturm den mächtigen Baum um, und zwar an +der angefressenen Stelle. Schneereiche Winter bereiten dem Schneiden +mancherlei Schwierigkeiten. So sah ich einen Stamm, der vom Biber +zunächst in der gewöhnlichen Weise unten angeschnitten war. Tiefer +Schnee hatte ihn dann genötigt, die Arbeit an einer höheren Stelle von +neuem zu beginnen. Hier wiederum durch stärkeren Schneefall vertrieben, +hat er endlich in großer Höhe nochmals angefangen und nun den Baum +wirklich gefällt, der also unterhalb der Bruchstelle noch zwei weitere +tiefe Einschnitte zeigt. Pappeln und Weiden sind die Lieblingsbäume des +Bibers, er geht aber auch alle anderen Weichhölzer des Auenwaldes an, +mit Vorliebe Ahorn, Wildbirne, Holzapfel und Haselstrauch, seltener +die bitteren Schwarzerlen und Eichen, nur ausnahmsweise die Birke und +die Kiefer, die er aber nicht entrindet, weil ihm wahrscheinlich ihr +Harzgehalt zuwider ist. Sehr gern werden neu auftauchende Baumarten +heimgesucht, wie dies ja auch von den Spechten bekannt ist. So erzählt +Mertens, daß auf dem Klostergut Prester eine ganze Reihe frisch +gesetzter Apfelstämmchen in wenigen Nächten abgeschnitten und ins +Wasser geschleppt wurde. + + [Illustration: Abb. 6. Biber zum Schneiden in einen + Weidenbaum kriechend + (Blitzlichtaufnahme von Amtmann Behr)] + +Seinem Schneideplatze nähert sich der Biber erst nach völlig +hereingebrochener Dunkelheit und mit erhöhter Vorsicht, wie sich dies +sehr hübsch auf unserer nach einer Blitzlichtaufnahme hergestellten +Abb. 6 sehen läßt, wo das Tier gerade in den zum Schneiden bestimmten +Weidenstrauch kriecht. Beim Schneiden nimmt es eine eichhörnchenartig +hockende Stellung an, und in den Erholungspausen setzt es sich fast +aufrecht, wobei es sich fest auf die Kelle stützt. Durch das schnelle +Schneiden entsteht ein schnarrendes Geräusch, und dünne Stangen fallen +schon nach Verlauf weniger Minuten. Während dünne Weidenzweige glatt +durchgenagt werden, erhält die Schnittfläche bei stärkeren Stämmen +schließlich das sanduhrartige Aussehen, das wir auf den Abb. 5 und 7 +gut bemerken können. Auf Abb. 7 sehen wir zugleich, daß Meister Bockert +manchmal auch vergeblich arbeitet, indem der Baum zwar fällt, aber +mit seinem Wipfel in den Nachbarbäumen hängen bleibt. Kommt der Stamm +dabei recht schräg zu liegen, so besteigt der Biber ihn wenigstens, +um die Rinde zu äsen. Am Schneideplatz liegen massenhaft Späne bis zu +10 +cm+ Länge herum, denen die Spur der Nagezähne so deutlich +aufgeprägt ist, daß man nach ihrer größeren oder geringeren Breite +leicht das ungefähre Alter des Bibers bestimmen kann. Nähert sich die +Arbeit ihrem Ende, so rückt der Biber von Zeit zu Zeit von dem Stamm ab +und blickt spähend zum Wipfel empor, als ob er sich vergewissern wolle, +nach welcher Richtung hin der Baum wohl fallen wird. Er muß in dieser +Beziehung ein sehr gutes Urteilsvermögen besitzen, denn nur äußerst +selten kommt es vor, daß ein Biber von dem fallenden Baum erschlagen +wird. Mir ist diesbezüglich nur ein gut beglaubigter Fall zu Ohren +gekommen. Mertens geht also immerhin zu weit, wenn er angibt, daß es +überhaupt niemals vorkäme. Ich vermute, daß auch die eigentümliche +sanduhrartige Form des Schnitte die Fallrichtung in bestimmter Weise +beeinflußt, aber über diesen Punkt wären noch weitere und gründlichere +Untersuchungen notwendig. Die beim Schneiden gewonnene Rinde wird +gleich an Ort und Stelle behaglich zerschrotet. Die gefällten Bäume +werden dann nach und nach in »handliche« Stücke zerschnitten, aber +nicht entrindet, und allmählich ins Wasser geschleppt, besonders +die Weiden. Muß das Tier dabei über Sandbänke hinweg, so entstehen +auf diesen förmliche Schleifbahnen (Abb. 8). Das Hinabschaffen der +Zweige an den mit Gestrüpp bewachsenen Steilufern wäre nicht leicht, +wenn jedesmal eine andere Stelle benützt werden sollte, und deshalb +schafft sich Meister Bockert durch beständige Benutzung der gleichen +Stelle eine Schlittenbahn, auf der er mit seinen Vorräten leicht und +vergnüglich hinabrutscht. Die eingesammelten Hölzer bilden schließlich +ein Floß vor dem Eingang zum Biberbau, und im Wasser erhält sich die +Rinde namentlich der Weidenzweige frisch und schmackhaft und kann dann +an ungemütlichen Wintertagen als Nahrungsvorrat dienen. Der Biber +futtert ja am liebsten naß. Aus dem Gesagten erhellt schon, daß die +Anlage von Weidenpflanzungen die erste Vorbedingung für das Gedeihen +dieser Tiere ist. Exinger beobachtete an seinen gefangenen Bibern, die +er auf einem ziemlich großen Teiche hielt, daß sie ein feines Vorgefühl +für die kommende Witterung haben und sich nach ihr zu richten wissen. +Eines Abends machten sie sich bei schönem Wetter plötzlich mit großer +Hast an die Arbeit, Stämme in ihren Teich zu schleppen. Binnen einer +einzigen Nacht hatten sie 186 Stämme von 2 bis 3 +m+ Länge und +8 bis 11 +cm+ Dicke ins Wasser geschafft, und wirklich trat ein +Witterungsumschlag ein, und 24 Stunden später war der ganze Teich fest +zugefroren und mit einer 7 +cm+ dicken Eiskruste bedeckt. + + [Illustration: Abb. 7. Vom Biber angeschnittene und oben hängen + gebliebene Rüster] + + [Illustration: Abb. 8. Holzschleife des Bibers nach dem Wasser (Elbe) + bei Steckby] + +Neben Weidenzweigen bilden die Wurzeln von allerlei Sumpf- und +Wasserpflanzen die Hauptnahrung des Bibers, wodurch sich auch seine +Vorliebe für die alten und toten Elbearme und die kleinen Seen im +Urstrombette erklärt. Bevorzugt werden die süßen Wurzelknollen vom +Rohr, Schilf und namentlich der beiden Wasserrosen. Der Biber beißt +sie unter Wasser ab, so daß sie zur Oberfläche emporsteigen, oft viele +an einer Stelle. Wo Zuckerrübenfelder in der Nähe des Wassers sich +befinden, werden sie auch nächtlicherweile vom Biber gern heimgesucht. +Während der schönen Jahreszeit werden als Zukost auch die zartesten +Blätter und Blüten der Wasserpflanzen verspeist, junges Gras auch +nicht verschmäht und sogar Seerosenfrüchte aufgenommen, deren harte +Samenschalen unverdaut wieder abgehen. Mertens hatte einmal einen +merkwürdigen Anblick, indem auf der von leichtem Nebel verschleierten +Wasserfläche eine weiße Welle sich zu nähern schien. In Wirklichkeit +war es ein Biber, der Seerosenblüten in großer Zahl gepflückt und in +den Fang genommen hatte, so daß sie rechts und links wie ein Strauß +heraushingen. + +Die gewöhnlichen Wohnbaue der Biber werden ganz nach Art des +Fischotters im Steilufer des Flusses angelegt, womöglich der größeren +Festigkeit halber im Wurzelgeflecht einer alten Eiche, Rüster oder +Weide, immer so, daß das Tier auch bei niedrigem Wasserstande unter +Wasser in seine Behausung gelangen kann. Bisweilen wird dabei der +schützende Baum derartig unterwühlt, daß er schließlich zum Umstürzen +gebracht wird, wie dies im Aakener Hornhafen vorgekommen ist. Auch am +Nordufer des Steinsees haben die Biber eine 80 +cm+ starke Eiche +durch Unterwühlen des Erdreichs zu Fall gebracht. Alte Baue können im +Laufe der Zeit einen recht beträchtlichen Umfang annehmen, und manche +Röhren führen dann so niedrig unter der Erdoberfläche entlang, daß +das Begehen oder Befahren solcher Uferstrecken geradezu gefährlich +wird und namentlich bei der Heuernte gar nicht selten Menschen oder +Pferde durchbrechen. Der Biber fährt dann erschrocken aus seinem Bau +und flüchtet ins Wasser. Noch schlimmer wird die Sache, wenn die Biber +in den Deichen wühlen, was glücklicherweise selten vorkommt. Doch muß +die Strombauverwaltung in dieser Beziehung immer ein scharfes Auge +auf sie haben. Auch in solchen Fällen ist es nicht nötig, die Tiere +abzuschießen, weil sie sich auch durch andere Mittel leicht vergrämen +lassen. Mertens gibt an, daß der Damm bei Ranies in den Jahren 1920 +und 1921 stark unterwühlt war und deshalb mit großen Kosten wieder +ausgebessert werden mußte; die Gesamtlänge der damals aufgegrabenen +Röhren soll nicht weniger als 86 +m+ betragen haben. In den +Wohnkessel des Baus werden einige derbe Holzprügel eingetragen und zu +ganz feinen Spänchen zernagt, wodurch eine weiche Unterlage geschaffen +wird. + +Wo Ruhe im Revier herrscht und der Biber sich unbehelligt weiß, +errichtet er außer diesen Bauen, die dann nur als Notwohnungen dienen, +auch noch sog. Burgen, wie ich selbst eine am Schmiedersee besichtigen +konnte. Sie sind oberirdisch sichtbar und haben backofenförmige +Gestalt (Abb. 9). Diese Burg fiel schon von weitem durch die teilweise +entrindeten und deshalb weißen Weidenzweige auf, die zu ihrer +Herstellung verwendet waren. Obenauf lagen lange, trockene Rohr- und +Schilfhalme. Die Baustoffe werden nicht etwa sorgfältig angeordnet, +sondern liegen wirr, kreuz und quer durcheinander, so daß der ganze +Bau ein sehr sparriges Aussehen erhält. Früher befand sich dort mitten +im Wiesengelände eine zweite Biberburg dicht beim sog. Försterfriedhof +auf einer kleinen Erhebung, die den winzigen Rest der sog. Schmiedburg, +eines alten Bollwerks der Sachsen gegen die Wenden, darstellt. Im +Goldberger See bei Lödderitz befindet sich gleichfalls im Schilf und +Rohr versteckt eine regelrechte Biberburg, die ziemlich hoch und +etwa 3 +m+ breit ist. Zu den Burgen führen im tieferen Wasser +mündende Geschleife. Ändern sich die Örtlichkeitsverhältnisse in +unerwünschter Weise, so verlegen die Biber ihren Wohnsitz. So lebte +vor einigen Jahren ein Paar im sog. Kuhlenhagen. Da aber dieser Teil +der alten Elbe Fischreichtum aufwies und infolgedessen immer stärker +befischt wurde, haben sich die ruheliebenden Tiere nach dem nördlichen +Teile der Kreuzhorst verzogen, wo sie unter Naturschutz stehen und +deshalb weniger gestört werden. Fortwährend haben die Tiere an ihren +Burgen herumzubasteln, zu ändern, zu vergrößern und zu verbessern. +Alle erforderlichen Dichtungsstoffe, wie Gras, Erde, Sand, Lehm und +Schlamm, werden (wie auch bei den Dammbauten) nur mit dem Maule und mit +den Händen bewegt und ausschließlich mit letzteren verarbeitet, also +nicht mit der Kelle, welches unausrottbare Märchen sich immer wieder +in den Büchern fortpflanzt. An schönen, ruhigen Tagen sonnt sich der +Biber gerne auf dem Dache seiner Burg oder auf in der Nähe befindlichen +Kopfweiden, oder er richtet sich als lauschige Ruheplätzchen besondere +Sassen her. Die Sasse, von der ich selbst einen Biber aufscheuchte, +war in den lehmigen Morast eingetieft und mit trockenem Gras und Laub +gepolstert, übrigens so angelegt, daß bei nahender Gefahr ein einziger +Satz das Entkommen ins Wasser ermöglichte. + + [Illustration: Abb. 9. Biberburg am Schmiedersee + Naturaufnahme von Oberpostsekretär Winkelmann)] + +In Amerika, wo es noch viele Biber gibt, vermögen die in +großen Siedlungen hausenden Tiere durch ihre Arbeiten geradezu +landschaftgestaltend zu wirken, indem sie durch Aufführung von oft +100 +m+ langen und 2 bis 3 +m+ hohen Dämmen weite Strecken +der Flußläufe in eine Seenkette verwandeln und durch ihre Holzschläge +in den benachbarten Waldungen ausgedehnte Lichtungen, die sog. +Biberwiesen, schaffen. Damit ist es für Deutschland natürlich längst +vorbei. Immerhin legen auch die wenigen Elbebiber bei niedrigem +Wasserstand hier und da einmal Stauwerke an, die wegen der planvollen +Umsicht der vierbeinigen Ingenieure immer wieder unsere Bewunderung +herausfordern. Ist ja doch der Biber in dieser Beziehung geradezu der +Lehrmeister des Menschen gewesen! So hatten vor einigen Jahren die +Biber unterhalb Breitenhagen ein Wasserloch vollständig abgedämmt. +Als im Forstamt Witlingkau ein Teich abgelassen und auch der dazu +gehörige Bach trocken gelegt wurde, fanden die Biber bald die Ursache +des Wassermangels heraus und verbauten daher das Zapfenhaus mit Schilf +und Schlamm derart, daß kein Tropfen mehr durchkam. Auf diese Weise +wollten sie sich das Wasser erhalten, und es kostete nicht geringe +Mühe, die Verdämmung zu beseitigen. Einen regelrechten Biberdamm, der +quer über einen Arm der Altelbe bei Wartenburg gezogen war, sehen +wir auf Abb. 10. Einen anderen Damm hatten die Biber nach Friedrich +1891 im Bruchgraben beim Kühnauer See aufgeführt. Er war geradlinig, +1-1/2 +m+ hoch und 3 +m+ breit. Zur Verwendung gelangten +meterlange Knüppel von 10 bis 15 +cm+ Dicke, die Zwischenräume +waren mit Haselreisig ausgefüllt und schließlich das Ganze mit +schlammigen Rasenstücken so gut abgedichtet, daß es für Wasser +vollkommen undurchlässig und fest genug war, um einem erwachsenen +Menschen das Begehen des Dammes zu ermöglichen. Mertens erwähnt zwei +weitere Dammbauten, die aber des hier besonders reißenden Wassers wegen +nicht gerade verliefen, sondern halbmondförmig ausgebuchtet waren. Die +durch sie bewirkte Hebung des Wasserspiegels betrug etwa 30 +cm+. +Beschädigungen durch Menschenhand an den Biberdämmen werden von den +Tieren sehr rasch wieder ausgebessert. Bei dem abgebildeten Damm z. +B. hatten Fischer ein großes Loch hineingerissen, um mit ihrem Kahn +hindurchfahren zu können, aber schon am nächsten Morgen war die Lücke +aufs gründlichste wieder verschlossen. Endlich schafft sich der Biber, +der ja viel lieber und sicherer schwimmt als geht, auch noch besondere +Schwimmkanäle, wenn das Gelände zu sehr versumpft, indem er die Rinnen +durch fortgesetzte Benützung vertieft, auch wohl durch Herausheben von +Schlammerde mit den Pfoten nachhilft. + +[Illustration: Abb. 10. Biberdamm bei Wartenburg in einem alten Elbearm + (Naturaufnahme von Amtmann Beyr)] + +Die gewöhnliche Zahl der Jungen beträgt vier, entsprechend den vier +Zitzen des Muttertieres; drei oder gar nur zwei Junge kommen öfters +vor, während mir ein Wurf von fünf Jungen nur in einem einzigen Fall +bekannt geworden ist. Amtmann Behr hatte einmal das große Glück, +Jungbiber im Bau zu beobachten. Er schreibt mir darüber: »Im Juni +1908 war Hochwasser eingetreten und hatte die Biber aus der Saale ins +Binnenland getrieben. Da bekam ich von Patretz Drahtnachricht, es sei +ein Biberbau mit Jungen gefunden. Schnell wurde der Photoapparat und +ein halbes Schock Kassetten gepackt, und fort ging's, dem Ziele zu. Es +herrschte glühende Hitze, und die Tierwelt schien wie ausgestorben. +Nur Tausende und aber Tausende von Mücken und Stechfliegen erhoben +sich aus den üppigen Wiesen, Weidenbüschen und Sumpflachen. Endlich +zeigte mein Führer lautlos nach einer Kopfweide, die an einem mit +hohen Ufern versehenen Bächlein stand. Ich kroch lautlos durch ein +Weizenstück, das teilweise unter Wasser stand. Vorsichtig hob ich +dann den ausgestreckten Kopf, auf dem bereits unzählige Mücken und +Stechfliegen Platz genommen hatten. Da bot sich mir ein unvergeßlicher +Anblick: eine starke Bibermutter mit vier Jungen lag am jenseitigen +Grabenufer in einer Erdhöhle unter Weidengestrüpp, Rohr und +schilfartigem Gras! Offenbar handelte es sich hier um einen Notbau, +denn es war lediglich eine kesselförmige Vertiefung unter dem dichten +Weidenstrauch. Die Jungen erkletterten den Rücken der Alten, purzelten +wieder herunter und ließen ein lautes Fauchen hören. Auch die Alte +wälzte sich öfters herum, geplagt durch unzählige Fliegen, und hatte +offenbar keine Ahnung von meiner Gegenwart. Leider war die Beleuchtung +in der Höhle so schlecht und die Unruhe in der Familie so groß, daß +nur Momentaufnahmen gemacht werden konnten, die zur Reproduktion nicht +scharf genug sind, aber immerhin wertvolle Natururkunden bilden. Als +mein Begleiter näher kam, erhob sich langsam die Mutter, um gleich +darauf blitzschnell im Wasser zu verschwinden. Ein undeutlicher Strich +zeigt auf der Aufnahme den Weg an, den sie genommen, und einige +Luftbläschen stiegen aus dem ruhig dahinfließenden Wasser empor. +Schließlich stieg ich zu den Jungen hinüber und gewahrte nun erst, +daß zwei davon verendet und mit Schmeißfliegen bedeckt am Rande der +backofenförmigen Vertiefung lagen, während die beiden Überlebenden +den Eindringling mit ihren kleinen blauen Augen erstaunt ansahen und +fauchende Töne ausstießen. Schnell wurden einige Aufnahmen mit der +Handkamera gemacht, und zurück ging's auf den alten Platz. Immer noch +ließ sich die Alte nicht sehen. Da kam der eine Jungbiber auf den +Ausstieg der Mutter und fuhr gleichfalls zu Wasser, wohin ihm der +andere sofort folgte. Nun konnte auch ich nach 3-1/2stündiger Arbeit, +die eine große Reihe von Aufnahmen geliefert hatte, den Heimweg wieder +antreten, voller Holzläuse und anderem Ungeziefer, gründlich von den +Mücken zerstochen, zu Tode erschöpft, aber von dem Gedanken beseligt, +der Wissenschaft einen Dienst erwiesen zu haben.« + +Wie unheimlich rasch die Abnahme der Biber an manchen Örtlichkeiten +vor sich geht, erhellt aus einer Zuschrift des Herrn Winkelmann, der +beispielsweise an einer langgestreckten Wasserlache, die zwischen +Fährbuhne und Badeanstalt bei Aaken sich hinzieht und nach dem Walde +zu Steilufer hat, im Jahre 1915 noch zwölf Baue zählte. »Jetzt sind +diese Baue sämtlich verlassen, die Biber teils von Wilddieben gefangen, +teils ausgewandert. Wenn man in Aaken Sonntags die Kirchgänger mustert, +kann man oft Leute in Biberpelzen sehen, womit man die einfachste +Erklärung für das Verschwinden der Biber vor sich hat. Jetzt haben +die Kürschner in Köthen und Dessau strenge Anweisung, Überbringer von +frischen Biberpelzen festzustellen und zur Anzeige zu bringen.« Diese +Bestimmung ist sehr wichtig und erfreulich, sie müßte aber vor allem +noch durch eine scharfe Beaufsichtigung der wandernden Fellhändler +ergänzt werden. Auch die Kürschner, die frische Biberfelle aufkaufen, +müßten als Hehler bestraft werden, denn sie wissen ganz genau, daß +solche Felle nicht rechtmäßig erworben sein können. Noch ist es +nicht zu spät, einschneidende Maßregeln für die dauernde Erhaltung +unseres letzten, hartbedrängten Biberstandes zu treffen, aber es ist +höchste, ja allerhöchste Zeit! Neuerdings hat sich namentlich Herr +Zehle, der sich als Maler und Bildhauer die künstlerische Darstellung +des Bibers zur besonderen Aufgabe gemacht hat, in Wort und Schrift +des Bibers warmherzig und nachdrücklich angenommen, und es wäre nur +dringend zu wünschen, daß seine hauptsächlich in den Jagdzeitungen +erscheinenden Aufrufe nicht ungehört verhallen. Er fordert vor allem +eine entsprechende Vermehrung der Aufsichtsbeamten, und da die wenigen, +überdies sonst stark in Anspruch genommenen Forstleute für den +Biberschutz nicht ausreichen, solle man dazu in passender Weise auch +die Fährmeister heranziehen, vielleicht auch geeignete Privatpersonen. +Für die Abfassung oder Ermittlung von Lumpen, die den Bibern +nachstellen oder ihre Baue und Burgen zerstören, müßten Geldbelohnungen +öffentlich ausgeschrieben werden. Die Strafen wären so scharf als +möglich zu fassen. Mit Unkenntnis kann sich niemand entschuldigen, +denn im Bibergebiet weiß jeder Mensch, wie der Biber aussieht und daß +er gesetzlich geschützt ist. Weiter müßten die Weiden erhalten oder +neu angepflanzt werden. In dieser Beziehung wird noch viel gesündigt. +Man nimmt dem Biber seine natürliche Äsung und schreit dann Zeter und +Mordio, wenn er aus Not und Hunger bei den angepflanzten Nutzhölzern +Ersatz sucht. Bei Bemessung der Pachtpreise für die Weidengehege sollte +eben von vornherein auf den unvermeidlichen Biberschaden Rücksicht +genommen werden. Die Weidenpächter wären streng zu verpflichten, die +Biber in Ruhe zu lassen und insbesondere keine Biberburgen abzubrennen, +wie sie dies gerne tun. Ähnliches gilt für die Fischereipächter. Am +besten würde man die Fischwässer im Bibergebiet überhaupt nur an +Forstbeamte verpachten, die dann keine Stellnetze und Flügelreusen +verwenden und in unmittelbarer Nähe der Biberbaue gar nicht fischen +dürften. Wichtig wäre es auch, den Jägern das Auslegen von Tellereisen +für Fischottern zu verbieten und bei Hochwasser Zufluchtstätten für die +Biber zu errichten. + +Herr Zehle ruft zur Gründung eines Biberschutz-Vereins nach Art des +Wisentschutz-Vereins auf, und wir wollen nur hoffen und wünschen, +daß er damit Erfolg hat. Er ist der Meinung, daß bei nachdrücklicher +Durchführung der Schutz- und Hegemaßnahmen der Elbebiber seinen +jetzigen Bestand nicht nur wahren, sondern auch mehren und sein +Verbreitungsgebiet weiter ausdehnen würde, so daß er im Laufe der Zeit +wieder als wertvolles Jagdwild in Betracht kommen könnte, zumal er +sich von der Elbe aus auch leicht wieder in der Romintener Heide, im +Zehlau-Bruch und an anderen geeigneten Orten einbürgern ließe. Ich +selbst denke allerdings nicht so optimistisch, sondern glaube, daß alle +Ausdehnungsversuche an der leidigen Habsucht der heutigen Menschheit +scheitern werden. Immerhin wird sich der Biber bei genügendem Schutz an +der Elbe wohl noch einige Jahrzehnte halten, aber es wäre angezeigt, +auch für die Zukunft und damit für eine dauernde Erhaltung vorzusorgen. +Mit vollem Recht ist deshalb schon der Vorschlag gemacht worden, einige +Biber einzufangen und auf den Besitzungen des »Vereins Naturschutzpark« +in der Lüneburger Heide anzusiedeln. + + + + + Der Nerz + + +Ob man den Nerz, dieses merkwürdige Zwischenglied zwischen Fischotter +und Marder, heute wohl überhaupt noch in einem Verzeichnis deutscher +Säugetiere mit aufführen darf? Es gibt viele Tierkundige, die diese +Frage verneinen. Unser Jagdgesetz ist anderer Ansicht, denn es nennt +den Nerz immer noch in der Liste der jagdbaren Tiere. Ich selbst kann +mir auch nicht gut denken, daß der Schwimmarder, wie man ihn treffend +nennen könnte, bei uns schon gänzlich ausgestorben sein soll, denn +trotz aller öden Gleichmacherei der Natur durch die sog. Kultur gibt +es doch im ostpreußischen Memeldelta und an den Masurischen Seen, an +den verschilften Teichen der schlesischen Bartschniederung, an den +brandenburgischen Luchen und beim mecklenburgischen Großgrundbesitz +noch verschwiegene Winkel genug, die allen Anforderungen dieses +Seltlings durchaus entsprechen und wo immer noch das eine oder andere +Pärchen unbeachtet oder unerkannt sein Dasein fristen mag. Allerdings +war der Nerz (Abbildung 11) von jeher ein nordöstliches Tier und als +solches in Süddeutschland wohl überhaupt nie heimisch, wenigstens nicht +in geschichtlicher Zeit, auch in Norddeutschland nie eigentlich häufig, +sondern immer nur in einzelnen Gegenden, gewissermaßen in versprengten +Stämmen vorhanden. Schon Wildungen klagt 1799, daß der Nerz so selten +und manchem wackeren Weidmann überhaupt unbekannt sei. Vor allem muß +betont werden, daß der Nerz wegen seiner ausgesprochenen Menschenscheu +und seiner streng nächtlichen Lebensweise an seinen versteckten und +schwer zugänglichen Aufenthaltsorten überaus schwer zu beobachten ist +und von Unkundigen gewöhnlich mit dem Iltis oder mit einem jungen +Fischotter verwechselt wird. Sein sumpfiges Wohngebiet ist oft so +unzugänglich, daß es überhaupt nur im Winter bei Frost betreten werden +kann. + +Dann eine Frage: Wie viele Jäger oder Naturforscher gibt es denn +in ganz Deutschland, die imstande sind, bei fahlem Mondschein das +undeutliche Etwas auf der Wasserfläche richtig als das Köpfchen eines +schwimmenden Nerzes anzusprechen? Nur höchst selten fügt es einmal der +Zufall, daß ein Nerz von scharfen Teckeln oder Foxterriers aus dem +Wurzelgeflecht am Steilhang eines Baches oder Teiches aufgestöbert +wird, aber der Herr des Hundes hält dann, selbst wenn er den grünen +Rock trägt, also eigentlich in der heimischen Tierwelt gründlich +Bescheid wissen sollte, das herausgejagte flinke Tierchen in der Regel +für einen Iltis und wundert sich höchstens darüber, daß dieser »Iltis« +so gut schwimmen und auch ebenso gut tauchen kann. + + [Illustration: Abb. 11. +Zuchtnerz der Hirschegg-Riezlern-Pelztierfarm, in der unter Leitung von +Dr. Fritz Schmidt mit aus Kanada eingeführtem Zuchtmaterial recht gute + Erfolge erzielt werden + +(Nach einer von der Deutschen Versuchszüchterei edler Pelztiere +G. m. b. H. & Co., Leipzig zur Verfügung gestellten photographischen + Aufnahme)] + +Selbst die sorgfältigste Untersuchung der Fährte gibt keine volle +Sicherheit, da die kurze, charakteristische Schwimmhaut zwischen den +Zehen des Nerz bei gewöhnlicher Gangart selbst in weichem Boden sich +nicht mit abdrückt. Und doch sind beide Tiere für den aufmerksamen +Beobachter kaum zu verwechseln. Flüchtet das aufgescheuchte Geschöpf +sofort ins Wasser und taucht es hier gar anhaltend, so handelt es sich +sicher um den Nerz, denn der Iltis ist durchaus kein Freund der Nässe, +sondern entfleucht stets aufs feste Land und sucht hier womöglich einen +erhöhten Standpunkt zu gewinnen. Ich trete der Auffassung Schlotfelds +bei, wenn er z. B. sagt: »Unsere hannoverschen Bültenmoore, der +Schrecken und andrerseits wieder die Freude der Jäger, sind nur unter +den größten Anstrengungen zu bejagen und oft lange Zeit hindurch ganz +unzugänglich. Hier herrscht absolute Ruhe, und mancher Nerz mag hier +noch in aller Beschaulichkeit hausen, von dessen Vorhandensein kein +Mensch eine Ahnung hat.« Auch Ziegler schrieb schon 1848, daß der Nerz +sicherlich viel häufiger sei, als man allgemein glaube. + +Die Gegend von Bremen war oder ist der westlichste Verbreitungspunkt +des Nerz, und von hier aus erstreckt sich sein Gebiet durch die +baltischen Länder nach dem nördlichen und mittleren Rußland, während +er z. B. in der Krim fehlt, ebenso wie seine Lieblingsnahrung, die +Krebse. Noch häufiger wird der Nerz in Sibirien, China und Japan, in +welchen Ländern eigene geographische Rassen sich herausgebildet haben, +wogegen der nordamerikanische Nerz, der sog. Mink, eine besondere Art +vorzustellen scheint. Um die Jahrhundertwende herum kamen jährlich +etwa 370000 Minkfelle gegenüber 55000 meist sibirischen Nerzfellen in +den Handel. Da also der Mink noch viel häufiger ist, sind wir auch +über seine Lebensweise ungleich besser unterrichtet als über die +des echten Nerz, von der wir eigentlich verblüffend wenig wissen. +Die Kenntnis seiner Fortpflanzungsgeschichte z. B. beschränkt sich +fast nur auf Vermutungen, und es wäre dringend zu wünschen, diese +beschämende Lücke auszufüllen, ehe es dazu durch völliges Aussterben +des Tieres zu spät wird. Hoffentlich bewahrheitet sich aber auch +beim Nerz das alte Sprichwort, daß die Totgesagten noch recht lange +leben. Ihm vor allen sollte auch in den großen Naturschutzparken eine +letzte Zufluchtstätte gewährt werden. Schon in Livland kommt er noch +regelmäßig vor, wenn auch sehr selten; immerhin wird alljährlich hier +und da einer geschossen, namentlich in den östlichen und nördlichen +Landesteilen, wo nach Mitteilung des Barons von Loewis Händler immer +noch eine Anzahl Felle von den unwissenden Bauern als Iltisfelle +aufkaufen. Ende März 1905 ging ein dortiger Oberförster aus dem Walde +heimwärts, als seine Teckel bei einem Bruch und einer Holzbrücke +unruhig wurden und hitzig verbellten. Herausgestöbert wurde ein starker +männlicher Nerz und glücklich erlegt. Trotzdem arbeiteten die Hunde +weiter fort, und bald darauf kam schwimmend im Wasser ein zweiter Nerz +zum Vorschein, der leider angeschossen verloren ging. In Siebenbürgen +soll der Nerz heute auf einen winzigen Platz im sumpfigen Maroschtale +beschränkt sein; Skelettfunde beweisen aber, daß er früher in diesem +Lande viel weiter verbreitet war. Für Schlesien wird der Nerz noch +von Gloger angeführt, der aber bereits darüber klagt, daß das Tier +überall da rasch verschwinde, wo Entwässerungsarbeiten vorgenommen +werden. Auch Brehm kannte schlesische Nerze aus eigener Anschauung, +und nach Schlotfeld erhielten die Schweidnitzer Kürschner noch in den +80er Jahren öfters Nerzfelle durch die Bauern, die sie für besonders +dunkle Iltisse hielten. In der Provinz Posen wurde 1892 ein Nerz +erlegt. Am hoffnungsvollsten lauten wieder einmal die Nachrichten +aus dem tierreichen Ostpreußen. Hier führt Rathke 1846 den Nerz noch +als sicheres Standwild auf, ohne allerdings selbst einen gesehen zu +haben. Zwar entpuppte sich ein später in der Oberförsterei Johannisburg +erlegter angeblicher Nerz bei näherer Untersuchung durch von Hippel +als Iltis, aber doch liegen auch aus neuerer Zeit sichere Beweise +seines Vorkommens vor. So erlegte Förster Gerhardt in Skirwieth +(Kreis Heidekrug) am 6. August 1902 ein Stück, dessen Schädel dem +Ostpreußischen Fischereiverein übergeben wurde und durch diesen in das +Königsberger Museum gelangte. Endlich wurde am 3. April 1908 im Kreise +Ortelsburg ein Nerz geschossen und an das Berliner Museum eingeliefert. +Es ist dies meines Wissens der vorläufig letzte sichere Nerz, der +auf deutschem Boden erbeutet wurde. Wenn seitdem auch aus Ostpreußen +nichts mehr über Nerze verlautete, so ist dies bei der Unbekanntheit +des Tieres und der großen Schwierigkeit seiner Beobachtung noch lange +kein Beweis für sein völliges Ausgestorbensein.[A] In Pommern scheint +es dagegen schon seit längerer Zeit tatsächlich keine Nerze mehr zu +geben. Länger hat sich der Nerz im seenreichen Mecklenburg und im +Lauenburgischen gehalten, wo er namentlich von Ludwigslust, Wismar und +vom Müritzsee sowie aus der Umgebung von Lübeck öfters erwähnt wird. +Diese Angaben reichen bis zum Jahre 1896, und es ist durchaus nicht +ausgeschlossen, daß das Tier in einsamen Brüchen auch heute noch dort +vorkommt, wenn auch nur als große Seltenheit. Besondere Verdienste +um die Beobachtung der dortigen Nerze hat sich Förster Claudius +erworben, der darüber eingehend an Brehm berichtete. Danach umfaßte +das Verbreitungsgebiet bei Lübeck zwar nur wenige Quadratmeilen, aber +in diesem war das Tier keineswegs besonders selten und jedem Jäger +unter dem Namen Ottermenk bekannt. Sonst heißt er im Volksmunde auch +noch Krebsotter, Steinhund, Schwimmarder, Wasserwiesel, Wassermenk +und Sumpfotter -- alles recht bezeichnende Namen --, während ihn +baltische Jäger unter dem Namen Norke kennen. Claudius, der 1868 +selbst ein lebendes Nerzweibchen fing und an Brehm schickte, während +1878 ein Jungnerz von einem scharfen Hühnerhund erwürgt wurde, traf +das Tier namentlich an der Wagenitz, dem zwei Meilen langen Abfluß +des Ratzeburger Sees in die Trave bei Lübeck. Hornung hält allerdings +alle diese Angaben für veraltet und ist der Ansicht, daß der Nerz bald +darauf dort völlig ausgestorben sei, aber dem steht entgegen, daß +auch Schlotfeld im Hochsommer 1906 den Nerz im Wietzebruch antraf, +einem früher durch die weit ausgelegten Geweihe seiner Rothirsche +jagdlich berühmten Revier. Eine Verwechslung mit Iltis oder Fischotter +hält er für ausgeschlossen, obwohl er nicht schießen konnte, da der +aufgestöberte kleine Räuber sich mutig in die Lefzen seines Hundes +verbissen hatte. Bei Plön wurden 1864 zwei Nerze gefangen, und es hat +den Anschein, als ob sie damals im östlichen Holstein noch ziemlich +verbreitet waren. Im Blockland von Bremen wurde in den 80er Jahren ein +Nerz geschossen und gelangte in das Städtische Museum. Dies ist also +der bisher westlichste Verbreitungspunkt, da angebliche Beobachtungen +aus der Gegend von Emden nicht durch ein Belegstück erhärtet werden +konnten. Nach Bechstein kam der Nerz Ende des 18. Jahrhunderts noch +vereinzelt an der Leine bei Göttingen vor, Anfang des 19. Jahrhunderts +wurde ein Stück an der Werra erlegt, 1852 nach Blasius eines im Harz +in der Grafschaft Stolberg und 1858 eines an den Riddagshausener +Teichen, also unmittelbar vor den Toren Braunschweigs. Vielleicht ist +dieses Stück identisch mit dem Nerz, den Forstrat Hattich als 1859 +im Forstgarten bei Braunschweig erlegt meldet. Gewisse Stellen der +Lüneburger Heide scheinen noch bis in die neueste Zeit hinein Nerze +beherbergt zu haben. Wenigstens meldet Merk-Buchberg aus anscheinend +zuverlässiger Quelle, daß bei Wilsede kurz vor Erwerbung der dortigen +Ländereien durch den »Verein Naturschutzpark« noch zwei Nerze +geschossen worden seien. Diese auch mir mündlich von dortigen Anwohnern +gemachte Mitteilung erscheint mir um so glaubwürdiger, als ich selbst +bei meinem ersten Besuche dieser Gegend das seltene Glück hatte, einen +vom Hunde aufgestöberten Nerz ins Wasser plumpsen und wegtauchen zu +sehen. Es wäre herrlich, wenn gerade hier unter dem tatkräftigen +Schutze des Vereins der Nerz auch heute noch lebte, was nicht unmöglich +ist, obschon Nachrichten aus neuester Zeit fehlen. Außerdem bin ich +in meinem ganzen Leben nur noch einmal flüchtig mit dem Seltling +zusammengetroffen: es war anfangs der 90er Jahre auf dem ornithologisch +berühmten Möwenbruch bei Rossitten auf der Kurischen Nehrung. + +[Illustration: Abb. 12. Nerz beim Beschleichen von Beute auf dem Lande] + +Bruchartige, verschilfte Teiche und Seen oder ganz langsam schleichende +Flüsse und Kanäle mit von Baumwurzeln durchsetzten Ufern bilden den +Lieblingsaufenthalt unseres Schwimmarders, der also kein Freund +starker und reißender Strömungen ist. Je stiller, einsamer und +unzugänglicher eine Gegend ist, desto angenehmer ist sie diesem +menschenscheuen Sonderling. Hier ruht er tagsüber faul und verschlafen +im Wurzelgeflecht der Uferbäume oder in einer Baumhöhlung oder auf +einem geköpften Weidenstumpf oder auch nur im hohen Riedgras und zieht +erst nach Sonnenuntergang still und verschwiegen auf Beute aus, und +es ist dann natürlich ungeheuer schwer, im Dunkel der Nacht und im +unzugänglichen Sumpfe das lautlos herumhuschende, schlanke Tierchen +zu erkennen. Nach den sorgsamen Beobachtungen von Claudius schleicht +es mehr als es läuft (Abb. 12), gleitet rasch und behende über alle +Unebenheiten hinweg, hält sich aber stets auf dem Boden und strebt +nicht nach der Höhe. Das sehr klug aussehende Köpfchen hält dabei +nicht einen Augenblick still, die scharfen Seher durchmustern ohne +Unterlaß die Umgebung, und die kleinen Lauscher spitzen sich so weit +als möglich, damit ihnen nur ja kein Geräusch entgehe. Meist wird +beim Laufen der Rücken mehr oder minder gekrümmt, und kein noch so +verborgenes Winkelchen bleibt undurchschnüffelt. Das Klettervermögen +ist nur mäßig, aber dafür zeigt sich der Nerz als ein tüchtiger +Schwimmer und versteht es, sehr gewandt und anhaltend zu tauchen. Er +besitzt alle Gewandtheit der Marder, aber nicht ihre Kletterfähigkeit +und Rastlosigkeit. Beim Schwimmen rudert er nicht abwechselnd mit +den Beinen, sondern schnellt sich stoßweise fort, und zwar mit +überraschender Geschwindigkeit. Im Winter sah ihn Claudius bisweilen an +den Aussteigstellen auf dem Eise sitzen, fast unkenntlich vor Schlamm. +Im übrigen stellt das ganze Wesen des Nerz ein sonderbares Gemisch +von Marder und Fischotter vor. Mit beiden hat er Schlauheit, Raubgier +und Blutdurst gemeinsam. Unter den Sinnen dürften Geruch und Gesicht +obenan stehen. Der häßliche Gestank, den die Marder- und Iltisarten +ausströmen, fehlt dem Nerz völlig, denn er ist fast geruchlos. + +Krebse bilden seine Lieblingsspeise. Außerdem jagt er noch Fische, +Frösche, Molche und größere Wasserinsekten, raubt die Nester der +Wasservögel aus und würgt auch wohl junge Enten und Gänse ab. Mäuse und +Kleinvögel werden gleichfalls gern genommen. Bisweilen bricht er auch +in die Geflügelställe ein, aber doch nur auf einsamen Fischergehöften +oder Förstereien, nicht aber in geschlossenen Siedlungen. Die +Fischer an der Wagenitz haben nach Claudius die Gewohnheit, ihren +täglichen Fang nicht in Behältern, sondern in offenen Weidekörben +an Inselchen in der Nähe ihrer Hütten aufzubewahren, und solchen +Stellen stattet der Nerz gern unerwünschte Besuche ab, wobei er sich +namentlich dadurch unbeliebt macht, daß er lieber die oft daumendicken +Weidenruten durchbeißt, als daß er über den Rand des offenen Korbes +klettert. Brehms gekäfigter Nerz verschmähte auffallenderweise +hartnäckig die ihm vorgelegten Hühnereier, aber ich glaube trotzdem +nicht, daß er in freier Natur den Gelegen der Wasservögel gegenüber +gleichgültig bleibt. Die Krebse haben jedenfalls mit dem Aussterben +des Nerz einen Hauptfeind verloren. Aber ob ihnen dadurch nicht +auch der naturgemäße Bestandsregler genommen und den verheerenden +Krebsseuchen Tür und Tor geöffnet wurde? Umgekehrt könnte man auch +daran denken, daß die reißende Abnahme der bei uns ihrer unzugänglichen +Wohnorte halber eigentlich doch nur wenig verfolgten Nerze mit +dem Verschwinden ihrer Lieblingsnahrung zusammenhängt? Was bisher +über die Fortpflanzungsgeschichte des Nerz veröffentlicht wurde, +beruht größtenteils eigentlich nur auf Vermutungen, denn nur ganz +ausnahmsweise hat man einmal Junge unter Baumwurzeln oder auf einer +trockenen Kaupe im Sumpfe gefunden. Sie sollen im April oder Mai +blind geboren werden, während die Rollzeit in den Februar oder März +fällt. Die Jagd auf den Nerz, dessen schönes Pelzwerk mit Recht großer +Beliebtheit sich erfreut, ist für Mitteleuropa reine Zufallssache. +Nur höchst selten kommt oder kam einmal einer bei der Birkhahnbalz +oder auf der Entenjagd zu Schuß. Leichter läßt sich der mißtrauische +Seltling durch Fallen berücken, selbst durch solche einfachster Art. +In der Gefangenschaft zeigt sich der Nerz nicht gerade von seiner +liebenswürdigsten Seite, zumal er tagsüber entsetzlich verschlafen ist +und selbst durch das Vorhalten der schönsten Leckerbissen sich nicht +zum Aufstehen bewegen läßt. Ohne sich boshaft oder bissig zu zeigen, +lehnt er doch jedes nähere Verhältnis zum Menschen hartnäckig ab und +wird niemals wirklich zahm. -- Das ist so ziemlich alles, was wir über +die Naturgeschichte dieses in mehrfacher Beziehung hochinteressanten +Tieres wissen, und es ist eigentlich geradezu beschämend wenig. Hier +sind noch große Lücken auszufüllen! + + +Fußnote: + +[A] Eben erfahre ich -- beim Lesen der Korrektur --, daß +Kürschnermeister Götz in Elbing Anfang April 1926 ein ganz frisch +abgezogenes Nerzfell erhielt und ausstopfte. Das Tier war in der +nächsten Umgebung von Elbing im Eisen gefangen worden und soll an den +vorhergehenden Tagen mehrere Hühner geraubt haben. Vor zwei Jahren +soll ein Landwirt in der gleichen Gegend ebenfalls einen Nerz in der +Falle gefangen haben, und die Richtigkeit der Bestimmung wurde von +wissenschaftlicher Seite bestätigt. Es gibt also noch deutsche Nerze! + + + + + Der Luchs + + +Es kann einigermaßen fraglich erscheinen, ob man den Luchs in einem +Verzeichnis deutscher Tiere überhaupt noch mit aufführen darf. +Standwild ist diese menschenscheue und listige Großkatze bei uns +ja schon seit Menschengedenken nicht mehr, aber immerhin wechselt +doch noch ab und zu ein Stück über die Grenzen und wird dann auf +deutschem Boden erlegt, namentlich in Ostpreußen, so daß wir den +Luchs auch für Deutschland noch nicht gänzlich und endgültig aus dem +Buche der Lebenden zu streichen brauchen. Vor dem Dreißigjährigen +Kriege war das prachtvolle Tier in unserem Vaterlande durchaus keine +seltene Erscheinung, wie schon daraus hervorgeht, daß allein im +Albertinischen Sachsen von 1611 bis 1665 305 Luchse erlegt werden +konnten. In der Götterlehre der alten Germanen spielte der Luchs eine +beträchtliche Rolle, und wahrscheinlich ist er es und nicht die Katze, +der als Tier der Freia aufgefaßt werden muß und ihren Wagen zieht. +Bei den großartigen Zirkusspielen der Römer wurden allerdings Luchse +ungleich seltener vorgeführt als Löwen oder Leoparden, aber dies ist +wohl dadurch zu erklären, daß der Luchs nicht leicht zu fangen ist +und sich in der Gefangenschaft schlecht hält. Die Verdrängung des +Tieres aus Mitteleuropa muß hauptsächlich in der zweiten Hälfte des +17. Jahrhunderts erfolgt sein und ist in der Hauptsache wohl auf die +gleichzeitige große Vervollkommnung der Schußwaffen zurückzuführen. +Das Vernichtungswerk ging deshalb mit überraschender Schnelligkeit +vor sich, und schon etwa 1710 war das Verbreitungsgebiet des Luchses +derart durchlöchert, daß überall nur noch von vereinzeltem Vorkommen +die Rede sein kann. In den flachen Teilen Mitteldeutschlands fehlt der +Luchs bereits von 1820 an völlig. Am 17. März 1818 wurde noch einer bei +Seesen erlegt, der jetzt ausgestopft im Braunschweiger Museum steht. +Spätere Nachrichten sind irrtümlich, so über ein angebliches Vorkommen +im März 1898 in Anhalt, wo es sich in Wirklichkeit um verwilderte +Hunde handelte. In Pommern wurde der Luchs schon 1738 ausgerottet, +und im allgemeinen war er wohl schon beim Tode Friedrichs des Großen +nicht mehr Standwild in den preußischen Staaten, während für diese in +den Jahren 1723 bis 1737 immerhin noch 229 erlegte Luchse verzeichnet +wurden. König Friedrich Wilhelm I. legte großen Wert auf die pünktliche +Einlieferung aller Luchs- und Biberfelle. »Die Lux Heutte will vor +mir haben,« verordnete er. Nur einmal (1720) wollte ein Hauptmann von +Driessen einen von ihm geschossenen Luchs durchaus nicht herausrücken +und erhielt ihn schließlich auch wirklich zum Geschenk, denn für +seine »blauen Kinder« hatte der »Soldatenkönig« ja immer etwas übrig. +Bei Potsdam war der Luchs 1680 noch häufig, 1696 gab es noch welche +bei Ruppin, 1702 bei Luckenwalde, 1734 bei Liebenwalde, und zwischen +1750 und 1760 wurden noch einige bei Gardelegen zur Strecke gebracht. +Sehr auffällig ist es, daß sogar 1875 ein Luchs auf der Insel Wollin +erschossen wurde, der aber vielleicht einer Menagerie entsprungen war. +In Westfalen fiel der letzte Luchs 1745. + +Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in Sachsen, wo in den Schußlisten +des prunkliebenden Kurfürsten Johann Georg II. (1656 bis 1680) auch +noch 191 Luchse aufgeführt werden. Damals hatte ja das Raubzeug noch +gute Tage, denn der gewaltige Wildstand deckte ihm reichlich den +Tisch, und auch Haustiere waren leicht zu ergattern, da sich das Vieh +den größten Teil des Jahres über auf freier Weide erging und die +Stallfütterung noch wenig üblich war. Zwar reizte gerade der Luchs +die Jagdlust des Menschen von jeher in besonderem Maße, teils seiner +großen Schädlichkeit, teils seines hochgeschätzten Pelzes halber, +aber seine Schlauheit und Gewandtheit sowie die Unvollkommenheit +der damaligen Jagdwaffen brachten es doch mit sich, daß er sich der +Vernichtung lange zu entziehen vermochte und noch um 1700 herum in +allen Teilen des Landes regelmäßig anzutreffen war. Erst als im 18. +Jahrhundert die steigende Volksvermehrung eine stärkere Ausnutzung +von Grund und Boden bedingte, als Axt und Säge auch in die tiefsten +Wälder und in die verstecktesten Schluchten eindrangen und zugleich +die verbesserten Feuerwaffen zur vollen Auswirkung gelangten, schlug +auch dem Luchs gleich Wolf und Bär die Todesstunde. Zwar wird der +Luchs noch 1717 unter den jagdbaren Tieren Sachsens angeführt, aber +er muß damals doch schon recht selten gewesen sein, da man es nach +Robert Berger der Mühe für wert hielt, einen bei Zittau geschossenen +Luchs abmalen zu lassen und das Bild der dortigen Ratsbücherei +einzuverleiben. Im Elbsandsteingebirge erlegte Förster Puttrich unweit +der böhmischen Grenze 1743 einen Luchs, und man verewigte dieses +Ereignis dadurch, daß an der betreffenden Stelle ein Luchsbild nebst +erklärender Unterschrift in die Felswand eingehauen wurde. Einzelne +Überläufer mögen auch noch später die sächsische Grenze überschritten +haben, da der Luchs im benachbarten Böhmen sowie im Thüringer Wald und +im Harz erst im 19. Jahrhundert ausgerottet wurde. Im Fichtelgebirge +wird der letzte Luchs dagegen schon 1774 verzeichnet, im Frankenwald +1730. Im Thüringer Wald und im Harz erfolgte die Ausrottung dieser +dem Wildstand so gefährlichen Katzenart fast gleichzeitig. Für den +Harz werden 1814, 1816, 1817 und 1818 als letzte Erlegungsdaten +angegeben, für den Thüringer Wald 1819 und 1820; dann folgt aber nach +langer Pause noch ein Nachzügler, der 1842 im Gothaischen zur Strecke +gelangte. Der letzte Harzluchs, den man schon seit 1814 gespürt, aber +irrtümlicherweise für einen Wolf gehalten hatte, befindet sich heute +ausgestopft in der gräflich Stolbergschen Bücherei in Wernigerode. +Allerdings soll nach Forstmeister von Seelen noch 1911 und nach anderen +Quellen sogar noch 1917 ein Luchs im Harz geschossen bezüglich gesehen +worden sein, indessen vermochte ich diese sehr unwahrscheinlich +klingenden Angaben nicht näher nachzuprüfen. + +In der Oberpfalz wurde noch 1814 ein Luchs von 65 Pfund geschossen, +während im Elsaß der letzte schon im Dezember 1640 erlegt worden sein +soll. In Baden kam der letzte Luchs 1834 bei Wertheim auf der Halde +eines alten Steinbruchs durch einen Förster zur Strecke. Noch länger +hielt sich der Luchs in Württemberg, denn nach einem ausführlichen +Bericht des Herrn Dr. Metzger traf der Förster Martz am 15. Februar +1846 von der Ruine Reußenstein bei Wiesensteig unweit Geislingen aus +mit sicherer Kugel ein schwaches Männchen. Das Raubtier hatte schon +seit längerer Zeit den Schafherden und dem Rehbestand der dortigen +Gegend übel mitgespielt, war aber auf allen Treibjagden immer glücklich +durchgekommen. Ein die Erlegung darstellendes Ölbild befindet sich +noch im Besitz der Familie Metzger in Stuttgart, und eine Kopie davon +wurde neuerdings auch im Rathause zu Wiesensteig aufgehängt. Der tote +Luchs wurde auf einem Wagen nach Stuttgart gefahren und unterwegs +überall von der Schuljugend bestaunt; er steht jetzt ausgestopft in +der Stuttgarter Naturaliensammlung als der Letzte seines Geschlechts. +Allerdings meldeten im Dezember 1922 die Stuttgarter Tageszeitungen, +daß auf einer Treibjagd im Schwarzwald (Oberamt Villingen) wieder ein +Luchs von 1,3 m Länge geschossen worden sei. Meine sofortige briefliche +Anfrage beim Jagdpächter blieb aber bezeichnenderweise unbeantwortet; +auch über den Verbleib des wertvollen Stückes habe ich niemals das +Geringste gehört, und so wird dieser allerletzte Schwarzwald-Luchs wohl +eine Ente gewesen sein. Was Bayern anbelangt, so konnten nach Brehm +zwei Jäger, Vater und Sohn, in den Jahren 1790 bis 1838 immerhin noch +30 Stück der gehaßten Raubtiere im Eisen fangen. Dann aber ging es +schnell bergab mit dem Luchsbestand. 1832 wurden im Revier Immenstadt +noch drei Luchse geschossen, aber schon anderthalb Jahre später der +letzte dort gefangen. Ähnlich war es im Revier Marquartstein, wo 1830 +noch vier Luchse zur Strecke kamen, darunter ein sehr altes Männchen +von 67 Pfund, das keinen ganzen Zahn mehr besaß. Bei Berchtesgaden +war der Luchs im Beginn des 19. Jahrhunderts noch Standwild, und 1826 +werden sieben erlegte Stücke gemeldet, seitdem aber keiner mehr. +Etwas länger hielt sich der Luchs im Retterschwanger Tal, wo 1838 der +letzte gestreckt wurde. Langkovel erzählt, daß über der niedrigen +Tür des Forsthauses im Hindelanger Tal zwölf Luchsköpfe hingen als +Jagdtrophäen der dort seit langem ansässigen Försterfamilie. Einer +dieser Luchse war 1830 auf der Zipfelalp geschossen worden, zwei +andere 1850 und der letzte am 25. Mai 1872 bei Partenkirchen. Auch +im bayrischen Allgäu sollen noch 1850 Luchse gespürt worden sein, +kamen aber nicht zum Schuß. Als der letzte bayrische Luchs darf wohl +der 1888 bei Rot am See erlegte gelten, der wahrscheinlich aus dem +Österreichischen eingewechselt war. Im Bregenzer Wald ging es mit dem +Luchs 1855 zu Ende, in Tirol 1872, wo am 3. Mai ein Stück bei Stauders +angeschossen, aber erst eine Woche später verludert aufgefunden und +für die Gymnasialsammlung in Chur ausgestopft wurde; trotz seiner +tödlichen Verwundung hatte dieser Luchs noch einen Hasen gerissen. Im +gleichen Jahre wurde auf dem Friedhof in Schlanders ein angeblicher +Wolf erschlagen, dessen zur Einlösung des Schußgeldes eingeschickte +Vorderpfoten sich aber als solche vom Luchs erwiesen. Früher war +gerade in Tirol und Vorarlberg der Luchs das verhältnismäßig häufigste +Raubtier, und die Bauern im Bregenzer Wald erzählen sich noch heute +mit Schaudern davon, daß durch ihn einmal eine ganze Schafherde von +600 Stück in einen Abgrund gejagt wurde, wodurch der Besitzer völlig +verarmte. Im Stubachtal, wo heute der Naturschutzpark sich befindet, +taten die Luchse noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts großen +Schaden am Wild. In Steiermark war der Luchs von jeher häufiger als +Bär oder Wolf, und die Nachrichten über ihn reichen bis zum Ausgang +des 19. Jahrhunderts. In Sulzbach wurden in einem Jahre 90 Schafe von +ihm zerrissen, in Weißwasser an einem Tage 9. Bei Völkermarkt und bei +Windischgrätz wurden 1887 noch Luchse gespürt und 1892 sogar einer +geschossen. In Krain tritt der Luchs heute noch regelmäßig, wenn +auch selten, auf, und in Kärnten wenigstens ab und zu, soweit dort +noch schwer zugängliche, aber wildreiche Waldungen mit ausgedehnten +Dichtungen vorhanden sind. In der Schweiz waren noch um 1838 herum +Luchse keine besondere Seltenheit, so daß allein in Graubünden jährlich +7-8 zur Ablieferung gelangten, aber schon 1850 beschränkte sich die +Gesamtstrecke der ganzen Schweiz auf die gleiche Zahl. Möglich, daß +auch heute noch dieser oder jener Luchs versteckt in den Einöden des +Berner Oberlandes oder im Gebiete der alten Rätier lebt, aber erlegt +worden ist seit 1878 keiner mehr. Zwar werden diesbezügliche Fälle noch +1887 aus Wallis und Graubünden gemeldet, aber sie erscheinen nicht +genügend beglaubigt und sonderbarerweise ist das hohe Schußgeld von +100 Franken nicht für sie in Anspruch genommen worden. Glaubwürdigere +Nachrichten liegen aus Oberösterreich vor, wo im November 1902 eine +vierköpfige Luchsfamilie sich in den schluchtenreichen, düstern und +wenig betretenen Waldungen an der Ybbs zeigte und in erschreckender +Weise unter dem Wildstand wütete. Die Jägerei fand über 30 zerrissene +Rehe, denen ausnahmslos in der für den Luchs so bezeichnenden Weise der +Kopf vom Rumpfe getrennt war. Trotz eifriger Nachstellungen konnte man +der Räuber nicht habhaft werden, die nach einiger Zeit spurlos wieder +verschwanden, also offenbar nur eine Gastrolle gegeben haben. + +Aus Italien habe ich sichere Daten über das Vorkommen des Luchses +überhaupt nicht erhalten können. In Frankreich kam er früher +namentlich am nördlichen Hange des Zentralplateaus vor, wo noch 1865 +ein stattliches Exemplar im Departement Puy de Dôme erlegt wurde. +Merkwürdig ist das rasche Verschwinden des Luchses aus Bosnien. Daß er +früher dort keine Seltenheit war, beweisen eine Reihe von Ortsnamen, +aber seine Ausrottung liegt doch schon lange zurück. Wie mir Othmar +Reiser freundlichst mitteilte, wechselte anfangs der 90er Jahre ein +Luchs aus Montenegro in den Bezirk Gacko ein, hielt sich dort aber nur +kurze Zeit auf. Andere Stücke wurden in Montenegro selbst 1890 und +1894 bei Jagden des Fürsten Nikita erlegt. In Mazedonien und Arkadien +gibt's noch jetzt Luchse. Dasselbe gilt für die Karpathen, wo unserem +Räuber namentlich die Vermehrung des Rehstandes zustatten gekommen +ist. In den oberungarischen Revieren des Zaren Ferdinand von Bulgarien +bei Lentschau und Igelo wurden 1905 innerhalb eines Vierteljahres fünf +Luchse abgeschossen, da sie großen Schaden am Edelwild taten. Aus +ganz Ungarn wurden 1873 bis 1887 über 100 erlegte Luchse gemeldet, +doch waren es in Wirklichkeit wohl erheblich mehr, da viele Fälle +den Behörden überhaupt nicht angezeigt werden. Wurden doch nach +sorgfältigerer Buchführung nur in den ungarischen Kronforsten von 1884 +bis 1893 333 Luchse geschossen oder gefangen. Die meisten Vorkommnisse +beziehen sich auf die nördlichen und nordöstlichen Teile des alten +Ungarn. In den Beskiden ist unsere räuberische Großkatze auch heute +noch ein regelmäßiges Standwild, ebenso in den wildesten Teilen der +siebenbürgischen Randgebirge. Hier gelangen jährlich noch 6-8 Stück +zum Abschuß, der aber gänzlich dem Zufall anheimgegeben ist. Selbst in +der Umgebung von Hermannstadt und Kronstadt wurden in den 90er Jahren +noch prachtvolle Luchse erlegt. Während des Krieges wurde ein Luchs im +Rotenturmpaß von Pionieren aufgestöbert und erbeutet. Die Bukowina +verzeichnet 1892 vier erlegte Luchse; also auch hier ist das Tier noch +seltenes Standwild. Oberjäger Moser hat in seinem früheren Revier im +Bezirk Watra und in seinem jetzigen im Bezirk Gurahumora im Laufe der +Jahre je fünf Luchse im Eisen gefangen. Das ebene Ostgalizien hatte +auffallenderweise im März 1895 fünf erlegte Luchse zu verzeichnen, +und sogar auf der westgalizischen Herrschaft Saybusch wurde im +Oktober des gleichen Jahres ein Exemplar mit wundervoller Zeichnung +geschossen. Alle diese Luchse waren Männchen, und man darf sie wohl +für Flüchtlinge aus den Mittelkarpathen halten, aus denen sie durch +ungewöhnlich starke Abholzungen vertrieben worden waren. Nach einer +Mitteilung von Rittmeister Schlickriede wurde während des Krieges auf +einer kleinen Treibjagd in Wolhynien am 2. März 1916 ein Luchs von +1,4 +m+ Länge auf 27 Schritt durch einen Schrotschuß zur Strecke +gebracht. In Österr.-Schlesien hatte man schon lange nichts mehr von +Luchsen gehört, bis sie sich in den 80er Jahren wieder spürten und dann +auch 1889, 1891, 1893 und 1894 einzelne, aus dem Trentschiner Komitat +eingewechselte Stücke in der Nähe der ungarischen Grenze unschädlich +gemacht wurden, das letzte, ein Weibchen, 1914 bei Althammer. Auch in +Böhmen und Mähren hielt sich der Luchs verhältnismäßig lange, denn +noch 1890 wurde er im Böhmer Wald erlegt und im November 1894 ein +Weibchen in Mähren, während das zugehörige Männchen entkam. In der +Dukla-Senke wurden am 25. November 1893 zwei Luchse geschossen, während +vier weitere entwischten, und einen Monat später fiel in derselben +Gegend noch einer. In Slawonien soll es noch überall Luchse geben, aber +nirgends häufig. + +Innerhalb Deutschlands läßt sich der Luchs heutzutage am ehesten noch +einmal in Ostpreußen blicken, freilich auch nur auf recht seltenen +Gastspielreisen. Nachstehend das Verzeichnis der im letzten Jahrhundert +in Ostpreußen geschossenen Luchse, so weit es sich heute noch mit +Sicherheit feststellen läßt: + + 1. 1820 bei Gumbinnen. + + 2. 1832 in der Romintener Heide. + + 3. 1846 bei Gilgindischken (Museum Eberswalde). + + 4. 10. Februar 1861 ein Weibchen im Nassowener Forst, Kreis Goldap + (Museum Eberswalde). + + 5. 1868 in der Puppener Forst (Museum Minden). + + 6. 1. September 1870 im Forst Heidwalde, Kreis Angerburg. + + 7. 20. Januar 1872 im Laukenwald, Kreis Mohrungen. + + 8. 1873 bei Rastenburg. Nicht ganz sicher verbürgter Fall. + + 9. 25. Januar 1879 in der Puppener Forst. + + 10. März 1898 bei Seetz (?). + + 11. 25. November 1901 bei Schorellen (Museum Berlin). + + 12. 21. September 1915 ein Männchen bei Ortelsburg + (Museum Oldenburg). + + 13. 10. März 1924 im gräflich Eulenburgschen Forst Bettnarken ein + schwaches Stück von 1,19 +m+ Länge und 43 Pfund Gewicht. + Hilfsförster Kaluza war der glückliche Schütze. Es dürfte dies + der bisher letzte sichere Luchs sein, der auf deutschem Boden + geschossen wurde. + +In Westpreußen wurden die letzten beiden Luchse 1870 erlegt. In Kurland +war der Luchs um 1830 herum derart verbreitet, daß er stellenweise den +ganzen Rehstand vernichtete. Wie rasch dann aber seine Ausrottung vor +sich ging, zeigen die Abschußlisten der großen Herrschaft Dodangen: im +Winter 1844/45 17 Stück, 1845/46 12, 1846/47 7, 1847/48 5, 1848/49 4, +1849/50 2 und 1850/51 nur noch ein einziger. Nach Grevé wurde noch im +Januar 1907 ein Luchs im Revier Schlüterhof geschossen und ein anderer +in Poppen, nachdem beide schon den ganzen Sommer über gespürt worden +waren. Auf der Insel Ösel soll der letzte Luchs 1877 erbeutet worden +sein. Auch in Livland ist nach den Berichten des Herrn von Middendorf +der Luchs jetzt schon sehr selten geworden. Im Kreise Dorpat wurde +der letzte 1867 erlegt, und im September 1904 wurde wieder einer +beobachtet. Im Rigaer Kreis zeigte sich der letzte 1900, und im Kreis +Wenden wurde noch im Jahre 1911 einer erlegt. Eine selten erfolgreiche +Luchsjagd fand Anfang November 1910 im Walkschen Kreise statt, wo +an zwei Jagdtagen neun Luchse zur Strecke kamen. In Estland wurden +noch im Winter 1908/09 mehrere Luchse erbeutet und andere gespürt. +Einer sprang in der Nähe von Mecks über einen hohen Drahtzaun in den +Damhirschpark und richtete dort greuliche Verwüstungen an, ohne daß er +erwischt werden konnte. Zusammenfassend kann man über das Vorkommen des +Luchses im Baltikum sagen, daß er für Kurland noch an den äußersten +Punkten im Westen und Osten zu verzeichnen ist, in Livland in den +Kreisen Walk, Wera und Dorpat, in den großen Forsten von Pernau und in +den Strandwäldern des Rigaischen Meerbusens und endlich für die ganze +östliche Hälfte Estlands. Nach dem Innern Rußlands zu wird er dann +zahlreicher, und in Sibirien, von wo alljährlich etwa 9000 Luchsfelle +in den Pelzhandel kommen, ist er noch häufig. + +In Norwegen ist der Luchs noch spärliches Standwild, wird aber seltener +geschossen als der Bär, und die Abschußziffern halten sich seit 1889 +auf etwa gleicher Höhe, nämlich 50-70 Stück jährlich. In Schweden war +der pinselohrige Geselle früher eines der bekanntesten, aber seiner +unersättlichen Raubgier halber auch verhaßtesten Raubtiere, dessen +Verbreitungsbezirk bis nach Wermeland und Dalekarnien herunterreichte. +Bei seinem rastlosen Herumschweifen in den ungeheuren Wäldern fiel er +nur dem erfahrenen Berufsjäger zum Opfer, während er dem gewöhnlichen +Bauernjäger höchstens zufallsweise zum Schuß kam. Es soll aber einzelne +Jäger gegeben haben, die in ihrem Leben 137, ja sogar 183 Luchse erlegt +hatten, und daß ein einzelner Schütze jeden Winter zehn bis zwölf +streckte, kam noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts vor. Von 1835 +bis 1839 wurden in ganz Schweden 1324 erlegte Luchse angemeldet, also +rund 265 Stück jährlich. Dagegen betrug die Gesamtstrecke des Jahres +1894 nur 35, 1905 nur noch zwei Stück. Das seitherige Schußgeld von 25 +Kronen für jeden erlegten Luchs wurde daher 1913 aufgehoben, wogegen +aber zwei Jahre später die lappländische Nomadenbevölkerung Verwahrung +einlegte, weil innerhalb zwei Monaten 15 Renntiere von Luchsen +zerrissen worden waren. Besser vermochte sich der Luchs im benachbarten +Finnland zu halten, wo aber sein Verbreitungsgebiet nach Norden kaum +bis zum Polarkreis reichte. Südlich davon war er noch in den 70er und +80er Jahren so häufig, daß man fast in jedem Kirchspiel Luchse erlegte, +in manchen sogar in beträchtlicher Anzahl. Um die Jahrhundertwende +herum schmolz dann der Bestand stark zusammen, und heute kommen im +westlichen Finnland südlich Uleaburg Luchse nur noch ausnahmsweise vor, +während sie in den östlichen Landesteilen häufiger sind. Die meisten +Luchse, die wir in den Tiergärten zu sehen bekommen, stammen aus +Finnland. Es heißt dort, daß Wolf und Luchs Todfeinde sind und sich in +ihrer Verbreitung gegenseitig fast ausschließen. In der Tat trifft man +da kaum Luchse an, wo es viele Wölfe gibt, und umgekehrt. + +Der gedrungene Körperbau, die hohen Läufe, der kurze, wie abgehackt +aussehende Schwanz, die abenteuerlichen Pinselohren und die gemessenen, +fast ein wenig plump und eckig anmutenden Bewegungen machen den Luchs +zu einer höchst eigentümlichen Erscheinung, aber er ist trotzdem in +jeder Beziehung vom Scheitel bis zur Sohle eine echte Katze. Er steht +höher auf den Beinen als ein Panther, ist aber trotzdem viel kürzer +gebaut, zumal ihm ja der lange Schwanz anderer Großkatzen abgeht. +Die kraftstrotzende Muskulatur, das scharfe Gebiß und die gewaltigen +Pranken machen ihn zu einem in seiner Art furchtbaren Räuber, obschon +er an Größe einen starken Hühnerhund kaum übertrifft. Das Gewicht eines +ausgewachsenen Männchens beträgt 30-35 +kg+. Döbner erhielt aus +Norwegen einen Luchskopf von einem offenbar sehr alten Tier, da der +erste Backenzahn im Oberkiefer jederseits bereits ausgefallen war. +Bei Herrichtung des Schädels ergab sich die auffallende Tatsache, daß +auch auf jeder Seite des Unterkiefers hinter dem Reißzahn ein kleiner +Höckerzahn sich befand und daher sowohl unten wie oben jederseits +vier Backenzähne vorhanden waren, während sonst die katzenartigen +Tiere im Unterkiefer jederseits nur drei haben. Größe und Färbung +schwanken beim Luchs sehr, und man hat deshalb eine ganze Reihe von +Abarten aufgestellt, die sich aber nicht aufrecht erhalten lassen, da +die angeblichen Unterschiede sich im allgemeinen als solche lediglich +individueller Art erwiesen haben. Höchstens kann man zugeben, daß +die nordischen Luchse durchschnittlich etwas stärker sind als die +aus dem Alpengebiet oder dem südöstlichen Europa. Nach Färbung und +Zeichnung unterscheiden die Jäger Hirsch-, Wolf-, Kalb-, Pardel- und +Katzenluchse, und auch der schwedische Tierforscher Nilsson hat früher +ähnliche Ansichten vertreten, mußte sich dann aber selbst berichtigen, +als er aus dem gleichen Gewölf ganz verschieden gezeichnete Tiere +erhielt. Die Fährte des Luchses, den die Russen Rys, die Letten Luhsis +oder Luhsa und die Esten Ilvis nennen, ist reichlich doppelt so groß +wie die einer starken Katze, ja noch etwas größer als die des Wolfes, +unterscheidet sich aber von dieser sofort dadurch, daß sie keine +Kralleneindrücke hinterläßt. Da der Luchs beim ruhigen Gehen schnürt, +gleicht die ganze Fährte einer aufgereihten Perlenkette. Die Losung +wird stets an ganz bestimmten Steinen oder Baumstümpfen hinterlassen, +und wenn der Luchs wieder des Weges kommt, versäumt er es nie, seine +Visitenkarte behaglich zu beschnüffeln, ein Umstand, den erfahrene +Fallensteller sehr wohl auszunützen wissen. + +Ich selbst habe nur einmal im Leben einen Luchs in freier Natur zu +sehen bekommen. Es war in einem entlegenen Balkanwinkel, als ich +abends auf den Rehbock ansaß. Plötzlich rührte sich auf dem mir +gegenüberliegenden Hange in etwa 160-170 +m+ Luftlinie etwas +Rotgelbes, das ich zunächst für einen guten Bock ansprach. Aber +genaueres Hinsehen durch das Jagdglas zeigte mir einen starken Luchs, +der in vorsichtig geduckter Haltung ganz langsam bergauf schlich, den +Kopf immer nach einer ganz bestimmten Stelle gerichtet. Dort bemerkte +ich denn schließlich auch ein Schmalreh, das etwa 70-80 +m+ über +dem Luchs stand -- ein unvergeßlich schöner Anblick. Bald verschwand +der Luchs ganz hinter Felsblöcken, bald zeigte er sich mir, der ich +leider nur die Schrotflinte führte, völlig frei. Für diesmal erreichte +der Räuber seinen Zweck jedoch nicht, denn das Reh bekam offenbar +Witterung von ihm und ging schon auf große Entfernung flüchtig ab. +Die Großkatze verfolgte nicht, sondern drückte sich im Gefels und +wurde bald unsichtbar. -- Der sehr ungesellig lebende Luchs ist ein +ausgesprochenes Waldtier, fühlt sich aber nur in sehr ausgedehnten, +urigen, dicht verwachsenen und schluchtenreichen Waldungen auf die +Dauer wohl, die er nachts unermüdlich durchstreift und dabei oft weite +Entfernungen zurücklegt, gern die Holzabfuhrwege benutzend. Doch weiß +er sich immer überaus heimlich zu halten, und nur zur Ranzzeit verrät +ihn sein durchdringendes Geschrei dem nächtlichen Wanderer. Selbst in +noch dicht von Luchsen besiedelten Gegenden beansprucht jeder einzelne +ein Jagdgebiet von mindestens 6-8 +km+^2. Bei ausgedehnten +Waldbränden flüchten die entsetzten Luchse unter Umständen bis in die +Obstgärten der Dörfer, wie dies z. B. 1868 im Petersburger Gouvernement +der Fall war. Auch starker Hunger treibt ihn im Winter bisweilen in die +unmittelbare Nähe der menschlichen Gehöfte. In mehrfacher Beziehung +interessant ist diesbezüglich der folgende Fall, den Hochgreve erzählt: +»Ich fand frische Spuren unmittelbar am Gutshof, wohin die Luchse wohl +durch den Geruch einer Schafherde angelockt wurden, die tagsüber in +einem Gatter untergebracht war und abends in eine geräumige Scheune +getrieben wurde .... In der nächsten Nacht beobachtete ich den Luchs, +wie er das Gehöft umkreiste, um einen Eingang zu suchen. Als er einen +solchen gefunden hatte, sprang er plötzlich mit mächtigem Satz auf das +Dach der Scheune, rollte aber mit einer sich loslösenden Schneelawine +wieder herab. Er sprang wütend zum zweiten Male hinauf, krallte sich +an den Holzschindeln fest und begann das Dach grimmig zu bearbeiten, +während die Schafe sowie die Hühner im Stall durch Blöken und Gackern +die Nähe der Gefahr verrieten .... Auf dem Dach bot der Luchs ein +besseres Ziel, aber im trügerischen Mondschein fuhr die Kugel an seinem +starken Kopf vorbei, und ehe ich imstande war, neu zu laden, hatte +sich der Luchs mit einem gewaltigen Sprung in Sicherheit gebracht. Am +nächsten Morgen entdeckte ich zu meiner Überraschung noch die Fährte +eines zweiten Luchses, wahrscheinlich des Weibchens, das sich scheu +im tiefen Schatten gehalten haben mußte. Im nahen Walde fand ich die +Federn einer Birkhenne als Beweis, daß das Raubtier doch etwas zur +Stillung seines Heißhungers gefunden hatte. ... Einige Tage später +erhielten wir die Nachricht, daß der Hühnerstall eines in der Nähe +wohnenden Arbeiters vollständig ausgeräubert worden sei und daß die +Fährten auf Luchse als auf die Übeltäter hinwiesen. ... Ich legte +ein Eisen, und in diesem fing sich auch in der nächsten Nacht ein +männlicher Luchs mit der Vorderpranke. Zu meinem Erstaunen war er tot +und der Balg wies starke Bißwunden auf, während im Schnee deutlich die +Spuren eines heftigen Kampfes zu sehen waren. Da keine anderen Fährten +festzustellen waren als diejenige eines zweiten Luchses, hatte offenbar +dieser in seinem Heißhunger dem Gefangenen die tödlichen Verletzungen +beigebracht.« + + [Illustration: Abb. 13. Luchs in Ruhestellung + +(Nach einer photographischen Aufnahme aus dem Zoologischen Garten in +London)] + + [Illustration: Abb. 14. Luchs in Lauerstellung + (Nach einer photographischen Aufnahme aus dem Zoologischen + Garten in London)] + +Seine Wechsel hält der Luchs genau ein, ja er tritt sogar beim Rückweg +wieder in die eigenen Spuren, und wenn die Familie gemeinsam jagt, +setzt jeder die Läufe in die Fährte seines Vordermannes, wie die +Indianer auf dem Kriegspfade. Läßt er sich mit schlaffen Gliedmaßen +an einem Baum mit grobem, flechtenbehangenem Gezweig nieder, so +verschwimmt er für das menschliche Auge so vollkommen mit seinem +Hintergrunde, daß selbst im beschränkten Raum des Tiergartenkäfigs +es dem ungeschulten Beschauer schwer fällt, das große Tier sofort +zu entdecken. Die Klause des blutdürstigen Einsiedlers ist in den +Urwäldern sehr oft eine alte, hohle Weißtanne, die nur durch ein +Astloch zugänglich ist. Das sind natürlich Riesenbäume von mindestens +1-1/2 +m+ Durchmesser, durch deren ausgefaulte Astlöcher auch ein +Mensch sich würde hindurchzwängen können, falls er nicht mit einem +Schmerbauch gesegnet ist. Für den pinselohrigen Raubritter aber ist ein +solcher Einschlupf mehr als bequem. Derartige Schlupfwinkel bevorzugt +er bei nassem und unfreundlichem Wetter, bei warmem und freundlichem +aber liegt er lieber zwischen Felsklippen oder in jungen Dickichten, um +sich die liebe Sonne auf den Balg scheinen zu lassen (Abb. 13), denn +das liebt er sehr, wie ja alle Katzenarten. Obschon durchaus Nachttier, +streift er doch gelegentlich auch am Tage herum, wenn es hübsch ruhig +und still im Revier ist. Seine Bewegungen vereinigen Geschmeidigkeit +mit Kraft, Anmut mit Wildheit, unheimliche Schnelligkeit mit eiserner +Ruhe, würdevollen Ernst mit rastloser Gier. Faul liegt die große +Katze halbe Tage lang wie ein aus Erz gegossenes Standbild ohne +Bewegung auf dem gleichen Ast oder auf demselben Felsblock. Nur +leises Zucken der langen Lauscher, Blinzeln der grünlichen Lichter, +Rümpfen der schnurrbärtigen Lefzen und gelegentliches Stelzen oder +Wedeln der kurzen Lunte verraten, daß, Leben in ihm ist. Der Schlaf +ist außerordentlich leise; beim geringsten Geräusch spitzen sich die +gepinselten Ohren, und die funkelnden Raubtieraugen richten sich +aufmerksam nach der verdächtigen Gegend (Abb. 14). Erst wenn das +letzte Vogelgezwitscher verstummte und die Schatten der Nacht tiefer +herabsanken auf den schweigenden Wald, erhebt sich der Luchs und begibt +sich mit weit ausgreifenden, federnden Schritten geräuschlos auf seinen +Jagdzug. Im Vergleich zu ihm sind Bär und Wolf Stümper im Pirschen +und Schafe an Mordlust. In allen älteren Naturgeschichtsbüchern wird +übereinstimmend die hervorragende Kletterkunst des Luchses gerühmt. +Seine für eine Katzenart sehr hohen Läufe lassen aber eigentlich nicht +auf einen vorzüglichen Kletterer schließen. In neueren Lehrbüchern +heißt es auch nur, daß der Luchs ziemlich gut klettere, wenn auch +andrerseits Schäff sicherlich zu weit geht mit der Behauptung, +daß der Luchs freiwillig überhaupt nicht klettere und seine Beute +niemals von Baumästen aus anspringe. Erwähnt doch von Hippel bei +einem in Ostpreußen geschossenen Luchs ausdrücklich, daß er gerade +in dem Augenblick getroffen wurde, als er vom Baume aus auf ein Reh +herabsprang. Immerhin ist dies nicht seine gewöhnliche Jagdmethode. +Wird der Luchs von scharfen Hunden gehetzt, so baumt er fast regelmäßig +auf. Zweifellos ist dagegen der Luchs ein Meister im Springen, der +mit einem einzigen Satz eine 15 Fuß breite Schneise überfällt oder +einen 10 Fuß hohen Felsblock besteigt. Da hilft dem armen Lampe kein +noch so fixes Hakenschlagen, der ungeheure Sprung des furchtbaren +Räubers trifft ihn mit tödlicher Sicherheit. Gewässer werden ohne +Bedenken kräftig und geschickt durchschwommen. Während der Luchs wie +alle Katzenarten schlecht wittert und deshalb niemals der Fährte +eines Beutetieres mit der Nase folgt, ist sein Auge scharf und sein +Tastsinn hoch entwickelt. Alles, mit dem er sich näher befassen will, +wird erst mit den Schnurrhaaren betastet. Sein schärfster Sinn ist +aber zweifellos das Gehör, und die langen Pinselohren sind nicht etwa +nur eine bloße Zierde des ausdrucksvollen Kopfes. Der Luchs hört das +leise Nagen des Hasen an der Espenrinde und geht dann diesem Geräusch +vorsichtig nach, bis er seiner Beute ansichtig wird. Obwohl Oberförster +Dohrandt auf Grund seiner in Rußland gemachten Erfahrungen den Luchs +als dumm bezeichnet, möchte ich es doch mit Brehm halten, der in ihm +ein geistig hochstehendes Geschöpf und jedenfalls eines der klügsten +Raubtiere erblickt. Schon die Naturforscher des Mittelalters nennen den +Luchs mit Recht ein überlegendes und listiges Tier. + +Schon aus dem Gesagten geht zur Genüge hervor, daß der Luchs seiner +Beutetiere in der Regel durch katzenartiges Beschleichen Herr wird. +Grevé sagt sogar: »Daß er vom Baume herab auf seine Beute springt +oder in dieser Art gar Elche überfällt, ist eine noch immer gern +geglaubte Fabel, die durch Bilder von Jagdmalern, die nie einen +Luchs in freier Wildbahn beobachtet haben und sich auf das Latein +lustiger Hubertusjünger verlassen, unterstützt wird, ebenso wie +der stereotype, den Schützen auf den Hinterpranken annehmende Bär +nicht von der Bildfläche verschwinden will, trotz des beständigen +Protestes erfahrener Bärenjäger.« Völlig kann ich nun zwar Grevé +weder hinsichtlich des Luchses noch des Bären beipflichten, aber für +die große Mehrzahl der Fälle hat er sicherlich recht. Auf flacher +Erde erreicht der Luchs das geduldig beschlichene Opfer mit zwei bis +drei Riesensprüngen von je 4 +m+ Weite und wirft es nieder, um +ihm die Pulsader aufzureißen oder das Genick zu durchbeißen und es +so augenblicklich zu töten. Durch Spuren im frisch gefallenen Schnee +konnte nach Brehm festgestellt werden, wie ein Luchs einen Hasen +durch neun ungeheure Sprünge von durchschnittlich 13 Fuß Weite ereilt +hatte. Geht der entscheidende Sprung fehl, so wendet sich der Luchs +in der Regel mürrisch ab und sucht verdrießlich nach einem neuen +Wild. Ist er aber sehr hungrig, so verfolgt er seine Beute auch wohl +kilometerweit laufend wie ein Wolf, und man hat dies sogar schon am +hellen Tage beobachtet. Hasen bzw. Schneehasen und Rehe bilden wohl +sein Hauptwild, aber vom Hirsch bis zur Maus, vom Auerhahn bis zum +Zaunkönig ist überhaupt nichts vor ihm sicher. Solange er Wild haben +kann, zieht er dieses den Haustieren entschieden vor, und da er +äußerst lecker ist und nur die besten Stücke verzehrt, kann er als +furchtbarer Jagdschädling in gepflegter Wildbahn unmöglich geduldet +werden. Hat er Überfluß, so schwelgt er im Blutrausch und wird zum +Massenmörder. So erzählt Vater Bechstein, daß ein Luchs, der sich 1772 +im Thüringer Wald aufhielt, in einer einzigen Nacht über 30 Schafe +erwürgte. Trotzdem frißt der Luchs mäßig und gelassen und kehrt nach +Stillung seines Hungers den Überbleibseln verächtlich den Rücken. +Größere Tiere bedeckt er allerdings mit Laub oder Erde und kommt dann +in der nächsten Nacht nochmals zu dem Braten zurück, während er nicht +von ihm selbst gerissenes Aas niemals berührt. Tiere von Hasengröße +an aufwärts sind ihm immer lieber, und mit Eichhörnchen oder gar +Mäusen befaßt er sich nur im Notfall, wenn Schmalhans für längere Zeit +Küchenmeister geworden ist. Doch erregt jedes vorüberhuschende Mäuschen +schon seine Mordlust, und den vorüberflatternden Singvogel schlägt er +mit sicherem Prankenhiebe aus der Luft herunter. Die brütende Auerhenne +oder die dösende Lagerschnepfe sind für ihn in des Wortes wahrster +Bedeutung ein gefundenes Fressen. Die häßliche Katzengewohnheit, mit +gefangenen Kleintieren noch zu spielen und sie angesichts des Todes +zu quälen und zu ängstigen, besitzt auch er, bleibt aber dabei immer +ruhig und gelassen. Was er einmal gepackt hat, läßt er nicht so +leicht wieder los und zerreißt den Beutetieren die Decke mit seinen +nadelscharfen Krallen ganz erbärmlich. In Norwegen wurde ein junger +Luchs, dessen Raubgier stärker gewesen war als seine Klugheit, von +einer angesprungenen Ziege bis in den Hof des Besitzers geschleppt und +dort erschlagen. Einem alten Luchs wäre das sicherlich nicht passiert. +Tschudi erzählt, daß der Luchs in der Schweiz sich bisweilen unter +der Erde nach den Schaf- und Ziegenställen durchzugraben versuche, +wobei einmal ein mutiger Ziegenbock den unterirdischen Feind bemerkte, +als er eben den Kopf aus der Erde hob, und ihn mit seinen Hörnern so +derb bearbeitete, daß der Räuber tot in seinem Tunnel liegen blieb. +Mit Vorliebe stellt der Luchs den Gemsen nach, die ihm aber infolge +ihres scharfen Witterungsvermögens oft entgehen; häufiger fallen ihm +Murmeltiere zum Opfer. An Hirsche, Sauen oder gar Elche dürften sich +nur ausnahmsweise ganz starke Luchse wagen. Die stärkste Kraft dieser +Großkatze, die sich ihre Jagden gern möglichst bequem gestaltet, liegt +in den Füßen, in der Kinnlade und im Nacken. Der Luchs ist nicht so +schlau wie der Fuchs, aber geduldiger, nicht so frech wie der Wolf, +aber ausdauernder, nicht so stark wie der Bär, aber scharfsinniger. +Erbeuteten Rehen oder ähnlichen Tieren wird regelmäßig der Kopf vom +Rumpfe getrennt, und wo man öfters im finsteren Gebirgstann derartig +geköpfte Rehe findet, kann man mit einiger Sicherheit darauf schließen, +daß hier der »Blutschreck«, wie der Luchs früher bei den Tiroler Bauern +hieß, sein unheimliches Wesen treibt. Im übrigen tafelt der Luchs wie +ein richtiger Feinschmecker, saugt sein Opfer fast blutleer und wählt +nur die zartesten Stücke zum Fraße, während alles übrige neidlos dem +Waldpöbel überlassen wird. Gerade durch diese wenig haushälterischen +Eigenschaften wird er ja zu einem so argen Wildverwüster. + +Die Ranzzeit europäischer Luchse fällt in den Januar und Februar, und +die Kater kämpfen dann nachts um der Minne Lohn mit so greulichem +Geschrei, daß dem unerfahrenen Wanderer die Haare zu Berge stehen. +Keine Zigeunergeige und kein Zimbal kann so herzzerbrechend schluchzen +wie diese Teufelsbiester. »Erst klingt es,« schreibt Fritz Bley, +»wie süße Sehnsucht von Verliebten, dann wie das Angstgeschrei eines +Gefolterten und schließlich wie das letzte Röcheln eines Gehenkten. +Dann wieder plärrt und keift eine scheußliche Hexe dazwischen oder +ein alter Urteufel grunzt vor Lüsternheit im tiefsten Basse.« Werden +die Kämpfer handgreiflich, so knurren und fauchen sie ingrimmig und +lassen dann ein plärrendes Gebrüll hören, hoch und fein anfangend +und mit tiefen, dumpfen Tönen endigend. Die Luchsin miaut dazu wie +eine Hauskatze, aber mit tiefer Baßstimme. In merkwürdigem Gegensatz +zu alledem heißt es bei Brehm, daß die Begattung ohne das übliche +abscheuliche Katzengeschrei erfolge. Außerhalb der Ranzzeit sind die +Luchse allerdings sehr schweigsam und schreien nur bei Hunger oder +Langeweile in dumpf plärrenden oder bärenartig brüllenden Tönen. Im +Laufe des März trennt das Weibchen sich dann wieder vom Männchen und +bezieht an einer recht einsamen und schwer zugänglichen Stelle, etwa +in einer durch Windbrüche und Baumwurzeln gebildeten Höhlung oder +auch in einem alten Dachsbau ihr Wochenbett, wo sie nach zehnwöchiger +Tragzeit, also etwa Anfang Mai, zwei bis drei, selten vier Junge wirft, +die anfangs von ganz heller Farbe sind, neun Tage lang blind bleiben, +und die sie als fürsorgliche Mutter mit zartestem Geflügel füttert. +Glückselig schnurrend ruht sie dann auf weichem Pfühle und bietet den +leise maunzenden Sprößlingen geduldig die Zitzen, nimmt es auch mit +stillem Behagen hin, daß die kleinen Rüpel das Gesäuge mit ihren derben +Pfoten recht unsanft kneten. Im Juni nimmt sie ihre Kinder schon auf +kürzere Streifzüge mit und bummelt nun bis zum Eintritt der nächsten +Ranzzeit mit ihnen gemeinsam herum. Merkt sie Gefahr für die Jungen, +so stößt sie in oftmaliger Wiederholung einen groben Nasenlaut aus, +der wohl ein Warnungssignal sein soll. Im übrigen wissen wir über +das Familienleben dieser einsiedlerischen und menschenscheuen Tiere +herzlich wenig, doch behaupten manche Beobachter, daß die geile Luchsin +sich nicht mit einem Gatten begnüge, sondern alljährlich ihre Gunst an +mehrere Liebhaber verschenke. + +Es gibt in europäischen Jagdgründen kein Wild, das so schwierig zu +bejagen und zu erlegen ist wie der Luchs. Seine argwöhnische Schlauheit +vereitelt die besten Anschläge, und gewöhnlich ist es nur ein seltener +Zufall, der ihn einmal vors Rohr bringt. Auf Treibjagden bleibt er +seelenruhig in seiner Baum- oder Felsenhöhle liegen und läßt Treiber +und Hunde vorbeiziehen, oder er baumt beim ersten Lärm auf, rührt +sich nicht mehr und wird dann gewöhnlich übersehen. Nur wenn er im +niedrigen Dickicht ruhte, vermögen ihn sehr schnelle und scharfe +Hunde herauszutreiben, zum Aufbaumen zu zwingen und zu verbellen, wo +ihn dann die herbeieilenden Jäger leicht herunterschießen können. +So sehr der Luchs den Menschen fürchtet und meidet, so wenig macht +er sich doch aus bloßem Lärm und liegt deshalb gar nicht selten in +unmittelbarer Nähe viel benutzter Waldwege. In Rußland bildet man +bei Luchsjagden mit wenigen, aber sicheren Schützen und ortskundigen +Treibern einen möglichst engen Kreis und läßt dann die Bracken in +den Trieb, die das Raubtier rasch aufstöbern und im Falle eines +Durchbruchs unter Lautgeben verfolgen. Der Luchs zeigt auch vor großen +Hunden keine sonderliche Furcht, denn er ist sich seiner Überlegenheit +über sie wohl bewußt. Im Nahkampf wirft er sich gern auf den Rücken +und gebraucht seine furchtbaren Tatzen in der nachdrücklichsten +Weise. Dann muß der Hund unterliegen, und der Jäger tut deshalb gut +daran, schleunigst herbeizueilen, wenn er nicht seinen vierbeinigen +Jagdgehilfen verlieren will. Die Hunde zeigen deshalb auch wenig +Neigung, mit einem so gefährlichen Gegner ernstlich anzubinden. Recht +wenig aussichtsreich ist das Ausgehen der Fährte bei Neuschnee, da der +Luchs in einer Nacht ganz gewaltige Wegstrecken zurückzulegen pflegt. +Stößt er dabei auf eine frische Menschenspur, so trollt er sich sofort +mißtrauisch in eine andere Gegend. Die Luchsjagd ist aber nicht nur +unergiebig und beschwerlich, sondern sie kann unter Umständen sogar +gelegentlich einmal gefährlich werden. Dies gilt besonders für den +Fall, daß der aufgebaumte und vom Hunde verbellte Luchs zunächst nur +angeschossen wird. Dann kann es vorkommen, daß das schwer gereizte +und vor Schmerz halb wahnsinnige Tier mit einem gewaltigen Satze auf +seinen Peiniger herunterstürzt und ihm die scharfen Krallen tief in +die Brust schlägt. Allerdings springt er gewöhnlich zuerst den Hund +an, so daß der Jäger Zeit gewinnt, neu zu laden und den Kampf durch +eine besser gezielte Kugel aus nächster Nähe zu entscheiden. Gut +beglaubigt ist der Fall eines schwedischen Jägers, der mitsamt seinem +Hunde von einem angeschossenen Luchs derart zugerichtet wurde, daß +beiden die Lust zur Luchsjagd für immer verging. Überhaupt erzählt +man sich in Skandinavien manche Geschichten von Luchsjagden, bei +denen der, der auf der Strecke blieb, nicht immer Meister Pinselohr +war. Es braucht das meines Erachtens nicht immer Jägerlatein zu sein, +obschon zahlreiche und grobe Übertreibungen dabei mit unterlaufen +sein mögen. Die baltischen Herrenjäger bekunden übereinstimmend, daß +ihnen niemals etwas von Angriffen des Luchses auf den Menschen bekannt +geworden sei, daß vielmehr jener seiner völligen Ohnmacht gegenüber +dem Herrn der Schöpfung sich stets bewußt bleibe. Gewöhnlich bleibt +der aufgebaumte Luchs ruhig auf seinem Aste liegen und starrt den sich +nahenden Menschen unverwandt an, ja es gibt sogar erfahrene Jäger, die +behaupten, daß man die Aufmerksamkeit des Räubers durch aufgepflanzte +Kleidungsstücke stundenlang fesseln und derweil seine Flinte holen +könne, falls man ihm zufällig und waffenlos begegnet sei. Daß dem Luchs +bei aller Menschenscheu doch auch ein gut Teil Frechheit innewohnt, +geht daraus hervor, daß einmal ein Luchs während einer Treibjagd sich +einen der aufgescheuchten Hasen fing, welche Keckheit er allerdings mit +dem Leben bezahlen mußte. + +Aussichtsvoller als die Jagd auf den Luchs ist der Fang mit dem +Tellereisen, allerdings immer noch viel schwieriger, umständlicher und +mühseliger als etwa beim Fuchs. Um Fangbrocken und Luder, selbst um +frische Pferdekadaver kümmert sich der Luchs nicht; ihm schmeckt nur +selbst erlegte Beute, und auch die nur, solange sie frisch ist. Man +kann also nur dann auf Erfolg rechnen, wenn man Gelegenheit hatte, +das Eisen bei einem vom Luchs selbst gerissenen Reh oder dergleichen +auszulegen. Der in Eisen sitzende Luchs gebärdet sich namentlich beim +Erscheinen des Jägers wie rasend. Seine Wut kennt keine Grenzen, und +er macht mit bewundernswerter Kraft die verzweifeltsten Anstrengungen, +um freizukommen, wobei er sich nicht selten die Krallen ausreißt oder +die Fangzähne abbricht. Ein gefangener Luchs war mit dem schweren +Eisen an einer Tatze auf einen hohen Baum geklettert und blinzelte +von da tückisch auf seinen Verfolger herab. Es erschien rätselhaft, +wie er mit dem stark verletzten Fuß und dem gewichtigen Eisen an +dem steilen und glatten Stamm hatte hochkommen können. Nur einer +fabelhaften Gewandtheit in Verbindung mit unglaublicher Muskelkraft +und Willensstärke konnte ein solches Unternehmen gelingen. Ein anderer +Luchs hatte das Eisen eine tiefe Schlucht hinunter und auf der anderen +Seite wieder in die Höhe geschleppt. An den Spuren im Schnee ließ sich +feststellen, daß das Raubtier die ganze Zeit über, während das Eisen +an einer gerissenen Ricke gestellt worden war, kaum 30 Schritte davon +auf einer dicht beasteten Fichte gelegen und ruhig zugesehen hatte. +Ratz hatte einmal einen hohen Felsen erklettert und wollte sich gerade +zum Ausruhen niedersetzen, als plötzlich zehn Schritte vor ihm ein +Luchs absprang. Er beschoß ihn auf sechzig Schritte mit Hasenschrot, +fand auch Schweißspuren und ein gerissenes Reh, aber der Luchs selbst +blieb verschwunden. Am nächsten Morgen fing er sich in dem bei seinem +Opfer gestellten Eisen, mit dem er sich dann zwischen zwei dicht +beieinanderstehenden Baumstämmen derartig einklemmte, daß er leicht +den Gnadenschuß erhalten konnte. Vorher war er noch mitsamt dem Eisen +einen hohen Felsen herabgesprungen, und es war nur zu verwundern, daß +er sich dabei nicht den Schädel zerschmettert hatte. -- Der Balg des +Luchses gibt ein geschätztes Pelzwerk ab, das namentlich in China sehr +beliebt ist, weshalb die große Mehrzahl der sibirischen Luchsfelle nach +dort ausgeführt wird. In Europa gelten die nordischen Luchsfelle für +besser als solche aus südlichen Ländern. Luchsbraten galt früher als +ein Leckerbissen oder doch wenigstens als ein begehrtes Schaugericht +für die Tafel der Vornehmsten. Noch auf dem Wiener Kongreß soll +mehrfach Luchsbraten aufgetischt worden sein. Je seltener dieses +Gericht wurde, um so mehr kam es in den Geruch der Heilkräftigkeit +und Wundertätigkeit. 1819 erhielt die bayrische Jägerei den Auftrag, +unter allen Umständen einen Luchs zur Strecke zu bringen, da dessen +Wildbret dem bayrischen König als Mittel gegen Schwindelanfälle +dienen sollte. Neuerdings hat Baron von Loewis einer Gesellschaft +baltischer Feinschmecker Luchsbraten vorgesetzt, der allgemein für +Truthahn gehalten und mit Vergnügen verspeist wurde. Dagegen fand +Baron von Krüdener, daß geräuchertes Luchsfleisch unangenehm süßlich +schmecke. In Estland wird heute noch Luchsfleisch von hoch und niedrig +gern gegessen; es sei zart und hellfarbig, ohne jeden unangenehmen +Wildgeschmack und dem besten Kalbfleische gleich. Die Krallen des +erlegten Luchses, die sog. »Luchskräneln«, läßt sich der glückliche +Schütze in der Regel in Silber fassen und trägt sie mit berechtigtem +Stolze an der Uhrkette. + +Gefangene Luchse, die in den Tiergärten nicht eben häufig zu sehen +sind, verlangen sorgfältigste Pflege. Wenn sie sich auch aus +Witterungsunbilden nicht viel machen, so beanspruchen sie doch große +Abwechslung in der Nahrung und nur frisches Fleisch bester Sorte. +Alte Luchse bleiben immer mürrisch und eigensinnig und lehnen jeden +näheren Anschluß an den Menschen fauchend und übellaunig ab. Dagegen +werden Junge, die aber schwer aufzutreiben sind, überraschend zahm +und zeigen sich dem Pfleger gegenüber von ihrer liebenswürdigsten +Seite. Grill war so glücklich, einen etwa zweitägigen Jungluchs zu +erwerben. Seine Hauskatze mußte das kleine Waisenkind großsäugen und +tat dies mit all der unerschöpflichen Zärtlichkeit, die Katzenmütter +hilflosen Jungtieren gegenüber an den Tag legen. Dieser Jungluchs +bekam auch später nur Milch, Brei, Kartoffeln u. dgl. und blieb wohl +deshalb so zahm wie eine Hauskatze. Auch in einem andern Falle diente +eine Katze als Amme. Der Pflegling gedieh dabei prächtig und wurde +bald zum Liebling der ganzen Familie, obgleich er gelegentlich durch +seine übergroße Neugier lästig fiel. Als er schon doppelt so groß war +wie seine Pflegemutter, leckte diese den Rüpel immer noch zärtlich. +Wenn er aber dann in seiner groben Art mit ihr spielen wollte, wurde +Mieze ungemütlich, sprang ihm auf den Rücken und backpfeifte ihn, daß +es nur so rauchte. Zu einer gewissen Berühmtheit hat es der zahme +Luchs des Barons von Loewis gebracht. Dieses Tier war so gehorsam, +daß ein drohender Zuruf genügte, um es augenblicklich von Hasen, +Hühnern oder Schafen abzuhalten. Es hörte genau auf seinen Namen und +durfte deshalb sogar seinen Herrn zu den Treibjagden begleiten, auf +denen es sich damit vergnügte, Hasen abzufangen. Nachdem Sprünge auf +am Boden sitzende Tauben mehrmals mißglückt waren, lernte »Luzy« +sehr geschickt, sie mit einem Prankenhiebe beim Auffliegen aus der +Luft herunterzuschlagen. Fuhren Herr von Loewis und sein Bruder auf +einen Tag in die Nachbarschaft, so konnte niemand »Luzy« bändigen, +und dann wehe jedem unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans! +Rollte dann spät in der Nacht der Wagen wieder vor das Wohnhaus, so +war Luzy im Nu vom Dach, wo sie sich neben dem Schornstein zur Ruhe +niedergetan hatte, herunter und flog mit weiten Sätzen ihrem Herrn an +die Brust, seinen Hals mit ihren starken Vorderpranken umschlingend, +laut schnurrend und mit dem Kopf nach Katzenart stoßend und reibend. +So folgte sie in die Stube, um auf dem Sofa oder neben dem Ofen ihr +Nachtlager aufzuschlagen. Einige Male durfte sie auch das Bett mit +ihrem Herrn teilen, legte sich dann aber gern quer über dessen Hals und +verursachte dadurch Alpdrücken und beunruhigende Träume. Als einmal +die Gebrüder Loewis für eine ganze Woche verreisten, geriet der Luchs +in große Unruhe, suchte schreiend nach seinem Herrn, verweigerte die +Annahme von Nahrung und übersiedelte schon am zweiten Tage in ein +nahes Birkenwäldchen, von wo er nur zum Übernachten auf sein gewohntes +Plätzchen neben dem Schornstein zurückkehrte. Seine Freude bei der +endlichen Wiederkehr der beiden Barone kannte keine Grenzen. Scham- +und Ehrgefühl waren stark entwickelt, wie es sich z. B. zeigte, als +die Luchsin einmal beim Beschleichen von Gänsen ins Wasser geplumpst +war. Durchaus Feinschmecker, nahm auch dieser Luchs nur ganz frisches +Fleisch, am liebsten Wild und Geflügel. Eigentümlich war sein glühender +Haß gegen Hauskatzen, die er mit gräßlicher Wut zerfleischte. In kurzer +Zeit hatte er sämtliche Katzen auf dem Gute ausgerottet, obwohl man +sie sorgsam vor ihm verborgen hielt. Nur einmal wagte es Herr von +Loewis, Luzy zu einem Besuch auf ein Nachbargut mitzunehmen. Kaum aber +war man eine Stunde dort, so meldete auch schon der Diener, daß die +Lieblingskatze der Hausfrau von dem Luchs zerrissen worden sei. + +Zuchterfolge mit gefangenen Luchsen sind namentlich im Stockholmer +Tiergarten erzielt worden. Anfang März 1905 bemerkte der Direktor +Alarik Behm, daß ein Pärchen Luchse sich für einander interessierte. +Oft saßen die Tiere dicht aneinandergeschmiegt auf den großen +Felsblöcken ihres Käfigs, und der Kater leckte nicht selten Wangen, +Ohren und Schnauze der Luchskatze. Am 22. Mai wurden zwei Junge +geboren, starben aber nach fünf Monaten an Rachitis, und auch der Vater +ging bald darauf an Spulwürmern zugrunde. Dem Weibchen wurde nun ein +anderes Männchen beigesellt und auch am 14. März 1906 eine Paarung +beobachtet, die aber keine Folgen hatte. Im nächsten Jahre erfolgte +die Paarung am 9. März, und am 17. Mai wurden drei Junge geboren. +Leider blieben auch diese nicht lange am Leben; zwei gingen im Oktober +ein, und das dritte im Dezember, alle mit Spulwürmern behaftet. Der +15. Mai 1908 brachte wieder zwei Junge, die erst am 16. Lebenstage +die Augen öffneten, den Winter gut überstanden und gesund und munter +blieben. Während ihrer ersten Lebensmonate ließen die jungen Luchse +oft ein leises Piepen hören. Im gleichen Wurf fanden sich verschiedene +Spielarten, und sowohl Wolf- wie Fuchs- wie Katzenluchse sind von dem +gleichen Elternpaar gezogen worden. Das Wachstum der Jungen vollzieht +sich sehr langsam; im Dezember waren sie erst halbwüchsig. Die +Luchsmutter pflegt ihre Kleinen mit unübertrefflicher Zärtlichkeit und +trägt sie bei der geringsten Beunruhigung in die Höhle zurück; später +verwendete sie viel Zeit auf das Spielen mit ihren niedlichen Kindern. +Der Luchskater war während der Geburt 1905 auch im Käfig anwesend und +schlief in der ersten Zeit mit seiner Familie zusammen. Als die Jungen +größer wurden, beschäftigte er sich fast ebensoviel mit ihnen wie +die Luchsmutter und ließ die übermütigen Kleinen geduldig über sich +hinweg klettern und tollen oder sich von ihnen am Schwanz und an den +Ohren reißen. Bei den späteren Würfen wurde der Kater aber doch vorher +entfernt, weil er nach Aussage der Wärter dem Weibchen und den Jungen +zu viel von dem guten Wochenstubenfutter (Kaninchen, Tauben, Sperber) +wegfraß. + + + + + Der Uhu + + +Finsterling Uhu, der stärkste Vertreter des Eulengeschlechts, teilt +mit dem Steinadler den gefährlichen Ruhm, der gewaltigste Räuber +unserer heimischen Vogelwelt zu sein. Gibt doch das Uhuweibchen dem +Steinadler an Größe tatsächlich nur wenig nach, ja, wenn es im Zorne +alle seine Federn sträubt, die übrigens bei manchen Völkerschaften +Mittelasiens als geschätzte Schmuckfedern gelten, dann erscheint es +fast noch größer. Die Flügellänge europäischer Uhuweibchen, die auch +an dem stärkeren Schnabel und den längeren Zehen von den kleineren +und schwächeren Männchen zu unterscheiden sind, beträgt 465-490 ++mm+, die der Männchen 430-465 +mm+. Das durchschnittliche +Gewicht der Weibchen beträgt 3-1/2, das der Männchen nur etwa 3 ++kg+. Anscheinend kann der Vogel ein ziemliches Alter erreichen; +wenigstens lebte ein ungarischer Hüttenuhu volle 32 Jahre in +seinem Verschlag, und in freier Natur dürfte diese Zahl wohl noch +wesentlich überschritten werden, wenn nicht Pfahleisen oder Blei ein +verfrühtes Ende herbeiführen. Je nach Grundfärbung, Fleckung und +Schwingenverhältnissen unterscheiden die Vogelforscher beim Uhu eine +ganze Reihe geographischer Rassen, jedoch ist Hartert der Ansicht, +daß ganz Europa von Skandinavien und Nordrußland bis zu den Pyrenäen, +Italien und Griechenland von einer einheitlichen Form bewohnt wird, +während Reichenow auch diese noch in mehrere Rassen aufsplittern +möchte. Ich selbst kann allerdings skandinavische Uhus von deutschen +unterscheiden, nicht aber diese von ungarischen. Gut kenntliche Rassen +sind jedenfalls der turkmenische und der nordafrikanische Uhu. + +Macht der Uhu auf den ersten Blick auch einen etwas abenteuerlichen +Eindruck, so muß man ihn bei näherer Betrachtung doch entschieden +als schön erklären. Man schaue ihm nur einmal in die prachtvollen, +goldgelben, feuersprühenden Glotzaugen mit ihrem magischen +Phosphorglanz, denen weder bei Tag noch im Dunkel der Winternacht +die kleinste Beute entgeht; man bedenke, daß die absonderlichen +Ohrbüschel auf unglaubliche Entfernung hin das leiseste Geräusch +auffangen, man betrachte das weiche, üppige Gefieder mit seiner +feingemusterten Zeichnung und großartigen Schutzfarbe, die gewaltigen, +breiten Fittiche, die furchtbaren Waffen, die unheimliche Kraft und +Sicherheit, mit der sie geschwungen werden, -- und dann wird man +zugeben müssen, daß die Natur im Uhu nicht einen häßlichen Kobold, +sondern ein Meisterwerk von höchster Vollendung und eigenartiger +Schönheit schuf. Frau Sage hat ein düsteres Märchengewebe um den +geheimnisvollen Sonderling gewoben. Jedes Kind kennt ja den Uhu, aber +nur die allerwenigsten Menschen haben ihn in freier Natur wirklich +gesehen. Aber sein abenteuerliches Aussehen, seine nächtlichen +Raubritterstreiche, sein waghalsiger Mut und seine unheimliche +Stimme haben ihm im Verein mit allerlei gespenstischen Sagen zu +einer gewissen Berühmtheit verholfen, die durch alle Schichten des +Volkes reicht. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Uhu mit +am meisten zur Entstehung der weitverbreiteten Sage vom wilden Jäger +beigetragen hat. Man begreift das, wenn man einmal in einer stürmischen +Frühlingsnacht zwei eifersüchtige Uhumännchen sich balgen sah. Heftige +Schwingenschläge, wütendes Fauchen, Zischen und Schnabelknappen, +freches Kichern und heiseres Kreischen! Die dumpfen Rufe durchlaufen +dabei alle Stufen von Zorn und Wut, Ingrimm und Ärger, Bosheit und +Tücke und endigen schließlich in einem entsetzlichen Siegesgeheul. Wenn +der erregte Vogel sein üppig volles Gefieder zu einem unförmlichen +Federball aufbläst, wenn gleichzeitig seine riesigen Augen wie zwei +Feuerräder grünlich geisterhaften Phosphorglanz sprühen, wenn sein +schauerliches Rufen im Verein mit Schlangengezisch und Gefauche +die Abendstille durch eine gräßliche Musik unterbricht, dann denken +ängstliche und abergläubische Gemüter wohl leicht an das Konzert +rasselnder Totengerippe zur Mitternachtsstunde auf dem alten Friedhof, +wie es in der dörflichen Spinnstube so oft und so anschaulich +geschildert worden ist. Dann gruselt's solche Menschen! + +Die Forscher aus der klassischen Zeit der deutschen Vogelkunde, auch +noch Eugen von Homeyer und Altum, kennen den Uhu alle noch als einen +ganz regelmäßigen Brutvogel in den weitaus meisten Gegenden unseres +Vaterlandes, obgleich sich schon ein Rückgang bemerklich machte. So +schreibt Gloger in seiner 1834 erschienenen »Naturgeschichte der +Vögel«: »In Deutschland, etwa das Saaletal ausgenommen, fängt der +Uhu, wie in allen kultivierten Staaten, bereits an, ~etwas~ +selten zu werden.« Noch in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts +war der Uhu in vielen Gegenden eine durchaus nicht besonders seltene +Erscheinung. Das ist leider ganz anders geworden, und namentlich seit +der Jahrhundertwende hat nahezu überall eine geradezu erschreckend +rasche Abnahme des »Königs der Nacht« eingesetzt, die sein völliges +Aussterben in sehr absehbarer Zeit befürchten läßt. Schonungslose +Verfolgung hat die majestätische Eule schon heute in den meisten +Gegenden Mitteleuropas völlig vernichtet und die spärlichen Reste +in die finstersten Waldungen der Ebene oder in die abgelegensten +Felsengebiete der Gebirge zurückgedrängt, wo der Vogel vollends zum +menschenscheuen Einsiedler geworden ist. Das Herz krampft sich einem +förmlich zusammen und die Schamröte steigt einem ins Gesicht, wenn man +dieses widerwärtige Trauerspiel in seinen Einzelheiten näher verfolgt, +wenn man etwa in den letzten 25 Jahrgängen der Jagdzeitschriften all +diese selbstgefälligen, schieß- und fangwütigen Ausrottungsberichte +zusammenstellt. Es ist immer und überall dieselbe lausige Geschichte: +Irgendwo haust noch in stiller Abgeschiedenheit ein einsames Uhupaar. +Es wird ausfindig gemacht, und alljährlich werden ihm nun schonungslos +sämtliche Eier oder Junge weggenommen, bis schließlich auch die alten +Brutvögel kaltblütig abgeknallt werden. Schluß! Wieder ein deutscher +Uhubrutplatz weniger! Wen kümmert's groß? Das ist selbst in neuester +Zeit kaum anders geworden, obwohl der aussterbende »König der Nacht« +heute als Naturdenkmal gesetzlich geschützt ist. Aber solche Gesetze +stehen ja bekanntlich nur auf dem Papier, und die große Mehrzahl der +Auchjäger schert sich den Teufel darum. + +Vergegenwärtigen wir uns nun einmal an der Hand der Jagd- und +Fachpresse, wie sich die Ausrottung des Vogels in den früher +uhureichsten Gegenden vollzogen hat, und suchen wir zugleich +festzuzustellen, wo heute in Mitteleuropa Uhus überhaupt noch brüten. +In Mecklenburg war der Uhu früher namentlich in den südlichen und +südöstlichen Teilen des Landes verbreitet, zählt aber heute gleich dem +Steinadler zu den ausgestorbenen Vogelarten. Selbst aus den großen +Waldungen der Rostocker Heide ist er heute völlig verschwunden. Die +letzten Brutpaare horsteten zu Beginn dieses Jahrhunderts bei Speek in +der Nähe von Röbel, bei Testorf und bei Ankershagen. An letztgenanntem +Platze wurde noch Anfang 1916 ein Uhu erlegt, der aber wohl nur ein +gattenlos herumstreichender Durchzügler war. In Pommern war der Uhu +nach E. F. v. Homeyer in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts +»nicht selten« und kam namentlich in den großen Kiefernwäldern der +östlichen Landesteile noch »oft genug« vor. Heute hört man so gut wie +nichts mehr von pommerschen Uhus. Auch in Ostpreußen war der Uhu noch +zu Ende des vorigen Jahrhunderts durchaus keine Seltenheit. Bekannte +Horstplätze waren z. B. die Oberförsterei Fritzen im Samland, ferner +die Gegenden von Memel, Heydekrug, Sorquitten, Ibenhorst, Trygallen, +Norkitten, Wehlau u. a. Auf den Treibjagden wurden häufig nebenbei +auch Uhus erlegt, und der bekannte Königsberger Präparator Künow hatte +oft ein halbes Dutzend und mehr gleichzeitig zum Abbalgen daliegen. +Ich selbst kannte einen Horst, der auf einem gar nicht besonders hohen +Baume stand. Damals wurden immer nur zufällig Uhus geschossen oder +gefangen, die alteingesessenen Brutpaare dagegen sorgfältig geschont, +schon der wertvollen Jungen wegen. Oberst Biclitz schreibt, daß +dies auch heute noch so sei und daß infolgedessen ein wesentlicher +Rückgang der ostpreußischen Uhubestände nicht eingetreten sei, zumal +in den endlosen, einsamen Waldungen so mancher Horst überhaupt nicht +aufgefunden werde. Neuerdings gibt der bekannte Oologe Szielasko an, +daß der Uhu in Masuren und Litauen noch regelmäßiger Brutvogel sei, +besonders aber in der »Niederung«, wo er geradezu als häufig gelten +könne. Tischler schätzt den gegenwärtigen Uhubestand Ostpreußens auf +19 bis 20 Horstpaare. Nach alledem scheint es also, als ob wir in +Ostpreußen die uhureichste Provinz Deutschlands vor uns haben, wenn +auch in neuester Zeit ein bedenklicher Rückgang, namentlich in Masuren, +leider nicht zu verkennen ist. + +Als eine besonders uhureiche Gegend galt früher auch der Harz, dessen +natürliche Beschaffenheit sich ja hervorragend für diesen Vogel +eignet. Aber es ist zu unruhig in dem schönen Gebirge geworden, und +so wird auch hier dem Finsterling bald die Todesstunde geschlagen +haben, wie ja allen großen und eigenartigen Vögeln von der sogenannten +Kultur bald der Garaus gemacht wird. Im Oberharz ist der Uhu heute +bereits ausgerottet und im Unterharz horstet noch ein einziges Paar, +dessen Standort sich nach Smalian in schwer zugänglichen Felsen bei +Schloß Falkenstein befindet. Von einem der letzten Horste berichtet +Oberförster Robitzsch aus Ballenstedt. Der Horst stand in einer tiefen +Felsspalte eines seit Jahren unbenutzten Steinbruchs etwa 15 +m+ +über der Steinbruchsohle. 1912 wurde der Steinbruch vorübergehend +wieder in Betrieb genommen, aber erst als die Arbeit schon mehrere +Wochen gedauert hatte, verriet einer der alten Uhus den Horst dadurch, +daß er einmal bei verfrühtem Eintreffen der Leute aus der Felsplatte +heraus abstrich. Das Gefieder der Uhus stimmte nämlich in seiner +rostbraunen Farbe so vorzüglich mit dem Grauwackengestein überein, daß +man von der Steinbruchsohle aus selbst mit dem Jagdglase die Vögel +nicht von ihrer Umgebung unterscheiden konnte. Die jungen Uhus saßen +etwa 1-1/2 +m+ tief in der Spalte und mußten erst mit Hilfe +eines Spatens aus ihrem Versteck hervorgeholt werden. Oberförster +Robitzsch schenkte ihnen erfreulicherweise die Freiheit. Auch Wichfeld +erzählt noch 1916 von einem Harzer Uhuhorst, der gleichfalls in einem +alten Steinbruch unter einem überhängenden mächtigen Felsblock sich +befand und nur mit Hilfe des Seiles zu erreichen war. Er enthielt +drei Junge, die den Kletterer mit wütendem Schnabelknappen begrüßten, +übrigens ohne jede Nestunterlage in einer flachen Geröllmulde saßen +und einen Hamster, eine Fasanenhenne sowie mehrere Karnickel und +Igel zur gefälligen Auswahl vor sich liegen hatten. Der alte Uhu +hakte gewöhnlich in einer hohen alten Fichte auf, die dem Steinbruch +gegenüberstand, und ließ von hier aus seinen dumpfen Ruf erschallen. +Auch im nächsten Jahre enthielt der Horst wieder zwei Eier, aber +seitdem scheint er verlassen zu sein, und man hat über das Schicksal +dieses Paares nichts mehr gehört. + +Ähnlich günstige Verhältnisse wie im Harz boten sich dem Uhu in +der Sächsischen Schweiz mit ihren steilen und stark zerklüfteten +Sandsteinfelsen. Bei der schweren Zugänglichkeit dieser Felswände hat +sich der Uhu hier etwas besser gehalten, und es brüten auch heute +noch alljährlich mehrere Paare zwischen Schandau und Pirna. In den +Schrammsteinen wurde 1889 ein junger Uhu aufgefunden, der aus dem +Horste herausgefallen war. Loos sah 1904 drei Jungvögel, die im +Schulzengrunde ausgehoben worden waren. Im übrigen Sachsen aber ist +der Uhu als Brutvogel heute ausgestorben, auch im Erzgebirge sowie +bei Zittau, wo früher (bis 1889) in den Wänden des Oybin immer zwei +bis drei Paare horsteten. Nur als Strichvogel wird hier und da noch +einmal ein Stück erlegt. -- Im Fichtelgebirge sollen noch 1914 zwei +Jungvögel einem Horste entnommen worden sein. Im Spessart kam der Uhu +nach Behlen schon 1843 nur noch in vereinzelten Paaren vor, während er +früher in den einsamen Waldungen dieses Gebirgszuges geradezu häufig +genannt werden konnte. Die zunehmende Beunruhigung der Forsten und +die rücksichtslose Waldverwüstung haben ihn ebenso vertrieben wie den +Schwarzstorch, und die Naturschutzbewegung kam im Spessart zu spät. +In den 70er Jahren war der Uhu noch Standwild in den Kalkfelsen bei +Mühlbach, wo jetzt Zementfabriken ihre Steinbrüche haben. 1875 brütete +der Uhu noch auf der Benediktenhöhe und in den 80er Jahren zwischen +Mittelstadt und Karlstadt, bei Wertheim und sogar auf der Marienfeste +in Würzburg. Alle diese Paare wurden durch Abschuß des einen Gatten +vertrieben, und heute ist der Uhu aus der Liste der Spessart-Brutvögel +zu streichen. Hoffmann sah den letzten 1918 bei Eusenheim im Werratal. + +Ein weiterer bevorzugter Wohnplatz des Uhus war von jeher das +obere Saaletal, und der herrliche Vogel kommt dort auch heute noch +horstend vor. So nistet ein Paar regelmäßig auf dem Weißenfelsen am +rechten Saaleufer unweit Rudolstadt und wird dort erfreulicherweise +geschont. Ein anderer Horst steht unter hängendem Gestein in den +Klippen des Thälendorfer Reviers und enthielt am 19. Juni 1915 drei +kräftige Dunenjunge. Ebenso werden Dornburg und bis 1893 auch der +Kobersfelsen bei Burgk a. d. Saale als Brutplätze genannt. Auch der +»Uhustein« an der Saale trägt seinen Namen nicht umsonst. Ja selbst +in der unmittelbaren Nähe von Jena befand sich bis in die neueste +Zeit hinein ein besetzter Uhuhorst, aber leider wurde das Brutpärchen +von den Jagdpächtern hart verfolgt, obwohl es ausschließlich auf der +Hochebene jagte und hier fast nur Kaninchen und Hamster schlug, die +dort eine wahre Landplage bilden. -- Auch am Rhein haben sich noch +spärliche Restbestände des Uhus erhalten, da, wo der Strom die ihm den +Weg versperrenden Gebirge durchbricht und infolgedessen Steilabstürze +vorhanden sind. Altbekannt ist z. B. ein Uhuhorst bei St. Goarshausen, +der schon seit vielen Jahren von der Forstverwaltung als Naturdenkmal +beschützt wird. Auch am Loreleifelsen kann man noch ab und zu Uhus +sehen, die vielleicht dort horsten. Ein anderer Felsvorsprung am Rhein +heißt im Volksmunde geradezu »Uhusnack«. Auch auf steilen Felswänden +bei Bacharach hat sich der Uhu lange gehalten, bis 1916 das Weibchen +des Horstpaares abgeschossen wurde. Genau ebenso ging es um die gleiche +Zeit dem seit vielen Jahren bei Münstermaifeld brütenden Uhupaar. +Auf einem fast unzugänglichen Hang bei Mayschoß im Ahrtal stand ein +Uhuhorst, dem 1910 und 1913 ein Farnkrautsammler je zwei fast flügge +Junge entnahm, um sie an Elberfelder Hüttenjäger zu verkaufen. Ein seit +mehreren Jahren verlassener Uhuhorst bei Altenahr wurde 1912 wieder +bezogen, mußte aber gleichfalls seine beiden Jungvögel hergeben. Er +steht auf einem hohen Basaltfelsen im Denntale, einem Nebental des +Ahrtales. Der bekannte Ornithologe König in Bonn erhielt Uhueier aus +dem Ahrtale und vermutet dort noch mehrere Brutpaare. Im Sauerlande +und auch im Roertale, wo er sich bis 1890 hielt, ist der Uhu heute +als Brutvogel ausgestorben, wenn auch ab und zu noch herumstreichende +Stücke erlegt werden. Dagegen finden sich auf den Hängen der Eifel nach +dem Moseltale zu noch besetzte Uhuhorste. Le Roi nennt solche von Burg +Eltz, Karden, Kochem und Trarbach. + +Im Thüringer Wald ist der Uhu wenigstens noch nicht gänzlich +ausgestorben. Annenhöfer schreibt 1913: »Schon seit Jahren war einem +Teil der hiesigen Jägerei das Vorhandensein eines Uhupaares sowie +dessen Horst im ›Zeiher‹, einem schroffen Talkessel mit 50 bis 100 ++m+ hohen Hängen an den Nordfuß der Reinsberge grenzend, bekannt. +Die beiden Jungen wurden voriges Jahr geraubt und sind dieses Jahr für +gutes Geld als fertige lebende Jagduhus in die Welt gewandert. Leider +fiel letztes Jahr das Weibchen den Schroten eines Jägers in Dosdorf +zum Opfer. Trotzdem scheint es dem Männchen gelungen zu sein, wieder +eine Gefährtin zu finden, denn vorige Woche haben Bekannte von mir zwei +Arbeiter getroffen, die wieder zwei Uhus ausgenommen hatten.« Neueren +Nachrichten zufolge war dieser Arnstadter Horst auch in den letzten +Jahren noch besetzt. An der Heilsberger Felswand bei Stadt Remda +horstete nach elf Jahren 1910 zum ersten Male wieder ein Uhupaar, das +leider ungastlichen Empfang fand, da man ihm die Jungen aus dem Neste +raubte. Die altbekannten Horstplätze am Iltenberg bei Themar und im +Melkerser Felsen bei Meiningen sind längst verödet. In ganz Hessen +und dem angrenzenden Waldeck gibt es nur noch ein bis zwei Brutpaare, +die aber baldigem Untergang geweiht sind. Aus der Provinz Hannover +war der Uhu nach Löns schon vor dem Weltkriege völlig verschwunden. +Dagegen hat die wild- und waldreiche Mark Brandenburg immer noch eine +Reihe Uhuhorste aufzuweisen, namentlich in der stillen Neumark. Förster +Rüdiger schickte mir von dort eine Anzahl Gewölle, die von einem Horste +stammten, der merkwürdigerweise inmitten einer bewohnten Reihersiedlung +errichtet war. In Schlesien gab es früher Uhus genug im Riesengebirge, +Altvater, Heuscheuer, Oberschlesien usw., aber die Bestände haben sich +seit Mitte des vorigen Jahrhunderts mit so rasender Schnelligkeit +vermindert, daß heute in der ganzen, sonst so vogelreichen Provinz kein +einziger sicherer Uhuhorst sich mehr nachweisen läßt. Allerdings werden +noch ab und zu einzelne herumstrolchende Uhus erlegt, aber es handelt +sich dabei wohl allermeist um Zuzügler aus den Karpathen. + +Dagegen ist der Uhu nach Gengler trotz aller Verfolgungen immer noch +vereinzelter Brutvogel in Mittelfranken. Es kommt ihm zustatten, daß +die Krähenhütte dort wenig betrieben und gewöhnlich ein ausgestopfter, +mechanisch bewegter Uhu dabei verwendet wird. Ich selbst erhielt bis +in die neueste Zeit öfters Uhugewölle aus der Fränkischen Schweiz +zur Untersuchung. Gengler führt die Gegenden von Altdorf, Hersbruck +und Hartenstein als noch heute besetzte Brutplätze an. Früher war +der Uhu in dem bergigen und felsigen Altmühltal verhältnismäßig +häufig anzutreffen und horstete ständig bei Arnsberg und bei +Kipfenberg, ist aber jetzt dort ausgestorben. Der letzte wurde nach +Graf Geldern 1890 dort geschossen. Ein schönes, altbekanntes Pärchen +starb 1910 durch Berührung mit dem Leitungsdraht eines Kraftwerkes, +den es sich zum Hochzeitsbette auserkoren hatte. In der Oberpfalz +soll bei Breitenbrunn noch ein vereinzeltes Uhupaar horsten. Aus +den südbayrischen Mösern ist der schöne Vogel leider schon völlig +verschwunden; nur selten noch verstreicht sich einer vom Gebirge her +in die Randmöser. Im bayrischen Hochgebirge ist der Uhu zwar noch +regelmäßiger Brutvogel, aber doch schon überall eine bemerkenswerte +Seltenheit. Glücklicherweise wird er in manchen Gegenden jetzt +wirklich geschont. Über das Vorkommen des Uhus in Württemberg sind +wir neuerdings durch eine sorgfältige Arbeit Pfeiffers vorzüglich +unterrichtet worden. In dem durch seine großen Waldungen und schönen +Felsentäler für ihn sehr geeigneten Schwabenländle bewohnte die +große Eule noch beim Ausgang des vorigen Jahrhunderts die gesamte +Alb sowie beträchtliche Teile des Schwarzwaldes. In diesem kommt sie +heute als Brutvogel nicht mehr vor. Über das Schicksal der letzten +Paare hören wir: Auf der Schloßruine von Nagold hausten bis 1896 zwei +Paare, bei Teinach in der Ruine Waldeck bis 1900 ein Paar, von dem +dann der eine Gatte durch einen Bauern abgeknallt wurde. Ein dritter +Schwarzwaldbrutplatz befand sich bis 1894 auf einem Felsen im Enztale +bei Sprollenhausen, wo die Brutvögel von Bauern getötet und die Brut +selbst vernichtet wurde. Im Alpirsbacher Stadtwald hielt sich der +Finsterling am Beilstein bis 1885 und verschwand dann nach erfolgter +Plünderung des Horstes auf Nimmerwiedersehen. Der Rottweiler Stadtwald +hat sogar bis 1910 den Uhu beherbergt, obwohl ihm alljährlich die +Jungen weggenommen wurden. Leider wurde dann der eine Vogel zufällig +auf einer Treibjagd abgeschossen, und so wurde auch dieser letzte +Brutplatz im württembergischen Schwarzwald verlassen. Häufiger war +der Uhu von jeher auf der Schwäbischen Alb, ganz besonders aber im +oberen Donautal mit seinen großartigen Felswänden. Freilich ist +es auch hier mit dem Bestande rasend schnell bergab gegangen, und +die mittlere sowie die östliche Alb, wo früher der Vogel geradezu +häufig war, sind heute uhufrei. Aber wenigstens in der westlichen +Alb ist er heute noch Brutvogel, und zwar nicht mit einem einzigen +Paare, wie man in den Kreisen der Vogelfreunde allgemein annahm, +sondern die genauen Nachforschungen Pfeiffers haben die erfreuliche +Tatsache ergeben, daß immerhin noch fünf Horstpaare vorhanden sind +(Zwiefalten, Balingen, Sulz, Ebingen, Donauschleife zwischen Fridingen +und Mühlheim). 1890 freilich waren es mindestens 55, 1907 immerhin +noch 20. Der Bestand ist also innerhalb 35 Jahren auf den elften Teil +zusammengeschmolzen! Verwundern kann das freilich nicht, wenn man +hört, daß noch 1903 im Lenninger Tal nicht weniger als sechs Uhus im +Pfahleisen gefangen wurden. Allein das herrlich gelegene Urach hatte +um die Jahrhundertwende noch drei bis vier Brutpaare aufzuweisen. +Einer der alten Horste stand bei Bierlingen ganz bequem zugänglich +auf einer Geröllhalde und wurde natürlich alljährlich ausgeplündert, +bis die Vögel die Sache doch schließlich satt bekamen. Als besonders +empfindlich erwies sich das Brutpaar am Lichtenstein, denn es +verschwand 1908, als man einen Gehweg am Fuße des Horstfelsens angelegt +hatte. + +Ebenso genau wie über die Uhus Württembergs sind wir über diejenigen +Böhmens unterrichtet durch eine eingehende Arbeit des Forstmeisters +Kurt Loos. Während vor wenigen Jahrzehnten noch mindestens 50 +Uhupärchen in Böhmen horsteten, konnte er 1907 nur noch 18 aufführen +mit der Bemerkung, daß auch dieser geringe Bestand sich beständig +vermindere, da alljährlich etwa zehn alte Vögel abgeschossen oder +im Pfahleisen gefangen und etwa 35 Jungvögel für die Krähenhütte +ausgehoben würden. Am zahlreichsten fand Loos den Uhu noch in der +Gegend von Aussig. Wiederansiedelungsversuche bei Horowitz hatten +leider nur vorübergehenden Erfolg, da die Schießlust der »Jäger« +nicht zu bändigen war. Neuere Nachrichten führen gar nur noch zwei +böhmische Uhuhorste auf am Stellnitzer Berg und am Schlagniger Berg +bei Bilin. -- In den Gebirgsgegenden Deutsch-Österreichs liegen die +Verhältnisse ähnlich wie in Oberbayern, d. h. der Uhu kommt zwar noch +horstend vor, ist aber überall eine Seltenheit und in weiterer Abnahme +begriffen. Bekannte Horstplätze befinden sich z. B. im Thayatal, im +Zillertal, im Kremstal, bei Gastein usw. Auf den Besitzungen des +»Vereins Naturschutzpark« im Stubachtal hat der König der Nacht nunmehr +eine geschützte Zufluchtstätte gefunden, aber leider wird so mancher +jenseits der Grenzen in den widerwärtigen Pfahleisen weggefangen, die +unbedingt gesetzlich verboten werden sollten. In der Statistik des +österreichischen Ackerbauministeriums für 1896 werden allerdings noch +1902 in den cisleithanischen Provinzen erlegte Uhus aufgezählt, aber +es steht zu vermuten, daß ein großer Teil dieser angeblichen Uhus ganz +gewöhnliche Waldohreulen gewesen sind. Zahlreicher wird der Vogel dann +in den heute zu Jugoslawien gehörigen Teilen von Kärnten und Krain +sowie in Dalmatien, wo er sich auch auf manchen Inseln ansiedelt, +selbst auf unmittelbar zum Meer abstürzenden Felsen. Im Balkan, z. B. +in Montenegro, ist er noch eine häufige Erscheinung, wovon ich mich +erst im Frühjahr 1926 wieder selbst überzeugen konnte. Es kümmert sich +dort eben niemand groß um den Finsterling, und das ist die Hauptsache +für sein Gedeihen. Ludwig von Führer konnte in Montenegro innerhalb +eines Jahres 16 Uhus erlegen. Auch in den Karpathen gibt es noch Uhus +genug, obschon dort bereits die Verfolgung eingesetzt hat, ebenso +in Galizien und Ungarn, wo sie mit Vorliebe auf den vogelreichen +Donauinseln brüten. Daß es den endlosen Waldungen des inneren Rußlands +nicht an Uhus fehlt, bedarf wohl kaum besonderer Erwähnung. In England +ist unser Vogel längst ausgerottet, das felsenlose und baumarme +Holland bietet ihm keine geeignete Stätte und in Frankreich ist er +eine große Seltenheit. In der Schweiz ist er aus den Ebenen und +dem Vorgebirge, wo die Niederjagd eine Rolle spielt, in die höheren +Lagen zurückgedrängt worden. Verhältnismäßig zahlreich soll er in den +südlichen Kantonen vorkommen, während er im Solothurner Jura nach von +Burg heute ausgestorben ist. Im Kanton Graubünden sollen von 1900 bis +1904 zwölf Uhus geschossen worden sein. + +Fragen wir nach den Gründen des fast allenthalben sich bemerkbar +machenden Rückgangs, so ist neben der fortschreitenden Kultur, der +Beunruhigung der Berge und der Lichtung der Wälder vor allem die +unersättliche Habgier des Menschen anzuführen. Es ist weniger der +gelegentliche Abschuß, insofern er nicht zur Brutzeit geschieht, +der den Uhubestand so schädigt, sondern vielmehr der, wenn auch +unbeabsichtigte, Fang in den dreimal verfluchten Pfahleisen, am +allermeisten aber das unausgesetzte Wegnehmen der ein gut Stück +Geld einbringenden Jungvögel für die Krähenhütte, soweit sie nur +irgend erreichbar sind. Auch fanatische Eiersammler haben manchen +deutschen Uhuhorst auf dem Gewissen, ohne ihr frevelhaftes Tun durch +»wissenschaftliche« Gründe rechtfertigen zu können. Wenn man doch in +solchen Fällen dem Uhu wenigstens ein Junges zur Aufzucht überlassen +wollte! Aber freilich, drei junge Uhus bringen mehr Geld als zwei, +und Götze Mammon ist heute unbeschränkter Beherrscher des Erdenballs. +Da fällt mir ein kleines Erlebnis aus dem Balkan ein, wo bekanntlich +Adler noch recht häufig vorkommen. Ich hatte einen Adlerhorst mit +zwei Jungen entdeckt und schickte einen Eingeborenen als Kletterer +hinauf, um die beiden jungen Adler herunterzuholen. Er brachte aber +nur einen, und auf meine erstaunte Frage, wo denn der andere bliebe, +meinte er mit vorwurfsvoller Verlegenheit: »Aber der arme Adler muß +doch wenigstens ein Kind behalten.« Das sagte dieser einfache Hirte, +der nie etwas von Naturschutzpredigten gehört hatte, lediglich aus +seinem unverdorbenen Gefühl heraus, obwohl ihm der Adler sicherlich +manches Lämmlein oder Zicklein aus der Herde geraubt hatte. Ich +habe mich in diesem Augenblick recht geschämt, trotzdem ich ja im +Interesse der Wissenschaft handelte. Können denn wir Europäer, die wir +so furchtbar stolz sind auf unsere Scheinkultur, uns wirklich nicht +mehr zu ähnlichen Anschauungen aufschwingen? Aber nein, da muß alles +restlos vernichtet und mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden! Einen +besonderen Ansporn empfing dieser traurige Vernichtungskrieg durch +die leidigen Schuß- und Fanggelder, die ja jetzt glücklicherweise +aufgehoben sind. Um das drohende Aussterben des Uhus zu verhindern, +ist er neuerdings sogar zum »Naturdenkmal« (ein unglückseliger +Ausdruck!) erklärt und unter gesetzlichen Schutz gestellt worden. +Wirksamer noch dürften Schonprämien an das Forstpersonal sein für +jede glücklich ausgekommene Uhubrut. Leider gibt es kaum eine +Vogelart, die sich so schwer schützen läßt wie der Uhu, da er seine +nächtlichen Beutezüge auf 30 +km+ und mehr im Umkreise ausdehnt +und deshalb nur zu leicht den Pfahleisen der Nachbarreviere zum Opfer +fällt. Daran sind bisher auch alle noch so sorgfältig vorbereiteten +Wiedereinbürgerungsversuche gescheitert, auch wenn sie anfänglich +vollen Erfolg hatten. Nur ein völliges Verbot der Pfahleisen, in +denen auch unzählige andere Eulen und harmlose Bussarde sich zu Tode +schinden, könnte da helfen. Hoffen wir, daß den opfer- und mühevollen +Einbürgerungsversuchen Dr. Pfeiffers in der Schwäbischen Alb ein +besserer Erfolg beschieden sein möge (Abb. 15)! Meiner Ansicht nach +läßt sich ein wirklich wirksamer Schutz des Uhus nur in großen +Naturschutzparken durchführen, nicht aber in kleinen Banngebieten. Auch +die Starkstromleitungen fordern manches Opfer. So wurde im Oktober +1912 bei Meran ein in der Starkstromleitung hängender Uhu verendet +aufgefunden. Ein Fang war völlig verbrannt, während der andere, +der gleichfalls starke Brandwunden aufwies, noch den Leitungsdraht +umklammert hielt. Ein ganz ähnlicher Fall ereignete sich kurz darauf +bei Schlanders. + + [Illustration: Abb. 15. Einer der von Dr. Pfeiffer in der + Schwäbischen Alb ausgesetzten Uhus] + +Gewöhnlich sucht man die rücksichtslose Verfolgung des Uhus mit seiner +angeblich sehr großen Schädlichkeit zu rechtfertigen. In Wirklichkeit +ist diese aber gar nicht so arg, wenn auch nicht geleugnet werden kann, +daß der Uhu ein gewaltiger Räuber ist und namentlich zur Brutzeit die +Niederjagd gehörig zehntet. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß +der angerichtete Schaden bei dem Einsiedlerleben des Finsterlings +und bei der großen Ausdehnung seiner Streifzüge, auf denen er immer +wieder andere Gegenden aufsucht, auf weite Strecken sich verteilt +und deshalb für die einzelnen kleinen Niederjagdreviere nicht eben +viel bedeutet. Greschik untersuchte zwölf ungarische Uhumägen und +fand darin zwei Igel, zwei Wanderratten, 2 Wiesel, elf Mäuse, zweimal +Federn, einmal Fuchsknochen: also ein ziemlich harmloses Ergebnis. +Ich selbst habe im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Uhugewöllen +untersucht, im allgemeinen mit ähnlichem Erfolg. Aus den letzten +acht, die ich durch Förster Rüdiger aus der Neumark erhielt, konnte +ich herausschälen: 1. drei Wühlmäuse und die Reste eines Igels, +darunter auch einige Stacheln, 2. das dicht zusammengefilzte Haar +einer schwarzen Katze, die offenbar auf einem verbotenen Abendbummel +zu ihrem Unglück dem König der Nacht begegnet war, 3. einen Schädel +sowie viele zertrümmerte Knochen und verfilzte Haare von Wasserratten, +4. eine Wasserratte und die Reste einer Drossel, 5. nur Reste von +Feldmäusen, 6. nur verfilzte Haare der Waldwühlmaus, 7. ebenso, 8. +Schnabel und Federn eines Stars sowie zwei Wühlmäuse. Nach Größe und +Form sind solche Gewölle sehr verschieden. Ich ermittelte ihr Gewicht +mit 30-55 +g+. Sie sehen meist schokolade- bis eisenfarbig aus, +und öfters ragen größere Knochensplitter aus der Masse heraus. Der +Uhu muß ein stärkeres Verdauungsvermögen haben als andere Eulen, +denn in der Regel sind die vorhandenen Tierreste recht undeutlich +und die Schädel arg zertrümmert. Im übrigen ist er hinsichtlich +seiner Ernährung weder wählerisch noch verschwenderisch, und auch +dieser Umstand vermindert seine Schädlichkeit erheblich. Ein größeres +Beutetier, das er nicht in der gleichen Nacht bewältigen kann, wird +sorgsam in seine Decke eingeschlagen und dann am nächsten Abend wieder +aufgesucht. Im äußersten Notfall wird sogar Aas angenommen. Ferner +behaupten viele Jäger, daß der Uhu in unmittelbarer Nähe seines Horstes +überhaupt nicht raube, und es mag wohl etwas Wahres daran sein. +Igel gelten ihm wie den Zigeunern offenbar als ein ganz besonderer +Leckerbissen. Die meisten Beobachter geben zwar an, daß er das Fleisch +aus der stacheligen Rückenhaut herausfresse und diese selbst liegen +lasse, aber ich habe oft genug auch Igelstacheln in den Gewöllen +gefunden, bei solchen aus der Fränkischen Schweiz fast regelmäßig. +Schade, daß noch niemand näher beobachtet hat, wie der Uhu den +Stachelhelden eigentlich überwältigt. Vermutlich greift er mit seinen +langen Fängen und gewaltigen Klauen einfach durch den Stachelpanzer +hindurch. Schlafende Vögel bringt er wahrscheinlich erst durch Rufen, +Schnabelknacken und Schwingenklatschen zum Auffliegen, um sie dann in +der Luft mit unfehlbarer Sicherheit zu ergreifen. Das brütende Weibchen +sowie die Jungen werden fast überreichlich mit Nahrung versorgt, so +daß der Horstrand eine wahre Schlachtbank darstellt und allerdings +oft ein wesentlich anderes und ungünstigeres Bild darbietet als die +Magen- und Gewöllinhalte aus anderen Jahreszeiten. An dem erwähnten +Horste bei Rudolstadt fand Schrader zahlreiche Kaninchenreste, auch +einige von Hasen sowie eine Unmenge Krähenfedern. In einem anderen +Horste wurden dem brütenden Weibchen von dem aufmerksamen Gatten die +auserlesensten Leckerbissen überbracht, also hauptsächlich zarte +Junghasen und köstliche Igel, und ein zärtlicher Blick aus den großen +Kulleraugen war dann jedesmal sein Lohn. Ein Uhufelsen war ganz mit +Dohlenfedern bedeckt, da das Brutpaar hauptsächlich von einer in der +Nähe befindlichen Dohlenkolonie lebte. In einem Horste bei Nakel war +an geschlagenem Raub vorhanden: Kaninchen, Hasen, Enten, Taucher, zwei +Birkhühner und nicht weniger als 30 Köpfe von Wasserhühnern. Graf +Wodcicki entdeckte in einem galizischen Horste zwei halbwüchsige Hasen, +zwei Ratten, einen Kiebitz und eine Bekassine. Loos sah einen Horst mit +fünf ausgefressenen Igelbälgen und einen anderen mit frischen Resten +von elf Rebhühnern, sieben Junghasen, drei Kaninchen, sieben Fasanen, +einer Wildtaube, drei Krähen, einem Eichhörnchen. Pfiffige Bauern +haben sich die haushälterischen Anlagen des Uhus von jeher zunutze zu +machen gewußt. So lebte eine Fischerfamilie in den Sümpfen Galiziens +geraume Zeit von einem Uhuhorste. Die Ratten, Igel, Ziesel und Mäuse +überließ der Fischer seinem gefiederten Freund; Enten, Waldhühner und +Hasen dagegen nahm er mit nach Hause und stand sich gut dabei. Auch aus +einem Horste bei St. Goar konnte sich nach Altum ein schlauer Bauer +fast jeden Morgen einen Hasen holen. Auch die gefangene Gattin oder die +ausgehobenen Jungen werden vom Uhu weiter gefüttert, falls man ihm +Gelegenheit dazu gibt. Große Tiere werden an Ort und Stelle verzehrt +und förmlich aus dem Felle herausgeschält, kleine aber zu bestimmten +Fraßplätzen getragen und hier ganz verschluckt, nachdem ihnen vorher +mit dem Schnabel der Kopf eingedrückt wurde. Das feine Gehör und +das scharfe Gesicht leiten den Uhu auf seinen Beutezügen, wobei er +seine Opfer meist im Schlaf überfällt. Fitzinger erzählt, daß der Uhu +bisweilen in der Dämmerung anderen Raubvögeln ihre Beute abjagt, indem +er von oben her auf sie stößt. So viel ist sicher, daß der kraftvolle +Uhu selbst eine gelegentliche Rauferei mit dem kühnen Stein- oder dem +mächtigen Seeadler nicht scheut und überhaupt kaum einen natürlichen +Feind zu fürchten hat. Mit dem Fuchs wird er mühelos fertig. Was er +einmal mit seinen nadelscharfen Krallen gepackt hat, läßt er so leicht +nicht wieder los. Auch Rehkitze sind nicht vor ihm sicher, obgleich +man seine Schädlichkeit in dieser Beziehung stark übertrieben hat. +Planke beobachtete beim abendlichen Enteneinfall einen Uhu, der wie ein +Habicht nach einer Stockente stieß; da er sie aber nicht erwischte, +begnügte er sich mit einer Wasserratte. Stecher sah, wie ein Uhu einen +balzenden Auerhahn schlagen wollte und nur durch das Dazwischentreten +des Jägers daran verhindert wurde. Eine Abnahme des Auer- und +Birkwildes im Revier war aber nicht festzustellen. Zur Abwechslung hat +der Uhu gern auch mal ein Fischgericht, versieht es aber bisweilen bei +seiner Fischerei; mir sind im Laufe der Jahre zwei Fälle von dabei +ertrunkenen Uhus bekannt geworden. Zur Not begnügt er sich aber auch +mit Fröschen. Während des Krieges sah ich in der Dobrudscha mehrfach +von unseren Soldaten gehaltene Uhus, die hauptsächlich mit den dort +massenhaft vorhandenen Fröschen ernährt wurden und sich ganz wohl +befanden. Forellen sind ihm freilich lieber. Auch kannibalische Gelüste +sind dem Uhu nicht fremd. Seine kleineren Verwandten murkst er ohne +weiteres ab, und Grevé erlebte es sogar, daß sein zahmes Uhuweibchen +das schwächere Männchen ermordete und teilweise auffraß. Von der Stärke +des Vogels kann man sich einen Begriff machen, wenn man erfährt, daß +ein im Pfahleisen gefangener Uhu das schwere Eisen samt einem langen +Stück starken Drahtes über 5 +km+ weit forttrug und erst 14 Tage +später gelegentlich einer Treibjagd erlegt werden konnte. Gefangene +Uhus verlieren in der engen Haft meist ihre angeborene Geschicklichkeit +und Schneidigkeit und werden dadurch unbeholfen und feige. Kehrberg +setzte zu seinen nahezu erwachsenen Uhus einen Steinkauz. Einer der +Uhus wollte ihn greifen, stellte sich aber dabei so tolpatschig an, +daß der Kauz Gelegenheit zu einem ungestümen Angriff auf den Kopf des +Gegners bekam und dieser vor Schreck darüber auf den Rücken fiel. Sowie +er sich wieder aufrichten wollte, ging der Kauz erneut zum Angriff +über, und in einem wahren Siegesrausch jagte der kleine tolle Kerl die +drei entsetzt fliehenden Uhubrüder im Käfig herum, daß die Federn nur +so stoben. Solche jung aufgezogenen Uhus haben eben nicht gelernt, +ihre natürlichen Waffen zu gebrauchen. Ein anderer Uhu bekam eine +geflügelte Elster als Futter, wurde aber von dieser durch einen tiefen +Schnabelhieb ins Herz derartig verletzt, daß er am nächsten Morgen tot +war. Förster Gerlach verabreichte seinem Uhu eine leicht geflügelte +Krähe. Zu seiner Verwunderung war sie am nächsten Morgen noch am Leben, +und der »Auf«, ein 20jähriges Weibchen, ließ sie ruhig an seinem Fraße +teilnehmen. Bald saßen sie einträchtiglich dicht nebeneinander auf der +Stange. Dies blieb auch in Zukunft so, ja der Uhu ließ sich gutmütig +von dem frechen Rabenvieh die besten Bissen wegstehlen. Ziehen wir +nun aus alledem die Schlußfolgerung, so ergibt sich, daß der Uhu zwar +mancherlei Schaden verursacht, namentlich der Niederjagd gegenüber, +daß er ihn aber durch fleißiges Vertilgen von Krähen, Elstern, Hähern, +Eichhörnchen, Hamstern, Ratten und Mäusen zum großen Teile wieder +ausgleicht. Sehr treffend urteilt Forstmeister Moosmaier: »Merklicher +Schaden entstand nicht durch den Uhu. Als wir Uhus und viel Füchse +hatten, gab es auch viel Hasen und Rehe. Unser Wildstand wurde vom +großen Räuber, dem sog. Jäger, vernichtet und nicht vom Uhu.« + +Viel Vergnügen gewährt es, die verschiedenen, überaus eindrucksvollen +Stellungen des Uhus zu beobachten. In der Ruhestellung (Abb. 16) hat +er bei niedergelegten Ohren, halb geschlossenen Augen und locker +gehaltenem Gefieder ein eigentümlich gedunsenes Aussehen. Erregt aber +irgend etwas Ungewöhnliches die Aufmerksamkeit des feinhörigen Vogels, +so geht er sofort in die Hab-Acht-Stellung (Abb. 17) über, wobei die +Federn knapp angelegt, der Kopf aufgerichtet und die großen gelben +Kulleraugen weit aufgerissen werden, während gleichzeitig auch die +Federohren in steigendem Maße sich heben. Rückt ihm aber eine Gefahr +wirklich auf den Leib, dann nimmt er seine Droh- und Schreckstellung +ein, wo er infolge des zornig gesträubten Gefieders fast doppelt so +groß aussieht wie sonst, mit dem Schnabel knackt, den Schwanz fächert, +die Flügel hebt oder zu Boden senkt und erregt von einem Fuß auf den +anderen tritt. Dann macht er in der Tat einen ganz furchterweckenden +Eindruck. + + [Illustration: Abb. 16. Uhu in Ruhestellung + (Aufnahme aus dem Zoologischen Garten in London)] + +Am liebsten brütet der Uhu auf steilen, unzugänglichen Felswänden +inmitten großer Gebirgswaldungen, wo ihn dann ausgedehnte Abholzungen +leicht zum Verlassen der Gegend bewegen. In Ausnahmefällen ist der +Horst aber auch so leicht zugänglich, daß sein Inhalt bald dem Dachse +oder der Schuljugend zum Opfer fällt. In den Wäldern der Ebene muß +der Uhu natürlich auf oder in Bäumen brüten, und gern benutzt er dann +einen alten Bussardhorst. In großen, vogelreichen Sümpfen fand ich +das Uhuheim sogar schon bodenständig auf einem trockenen Inselchen. +Altes Gemäuer zerfallender Burgen ist ihm auch sehr erwünscht, ja +im Orient, wo ihm niemand etwas zuleide tut, errichtet er sein Heim +sogar inmitten volkreicher Städte. So konnte man ihn wenigstens +früher in Sarajevo und Mostar öfters vom Fenster aus beobachten. Für +Konstantinopel gehört der Uhu noch heute geradezu zu den Kennvögeln. +Brehm fand ihn in den Ringmauern der spanischen Stadt Jativa brütend, +und Lenz erhielt junge Uhus vom Dachboden einer tief im Thüringer Wald +versteckten Fabrik. Der Horst ist mit etwa 1 +m+ Durchmesser zwar +ziemlich umfangreich, aber mit sehr wenig Kunst erbaut, ja häufig legt +der Vogel seine Eier ohne jede Unterlage einfach auf den nackten Fels. +Während der Paarungszeit macht er sich durch vieles Rufen und die +grimmigen Katzbalgereien der eifersüchtig ihre Reviergrenzen wahrenden +Männchen recht bemerkbar, aber während der eigentlichen Brutzeit, +die 30-35 Tage dauert, verhält er sich ziemlich still. Die Eier sind +von rundlicher Form und rein weißer Farbe, an Zahl gewöhnlich zwei +bis drei, aber auch nur eines oder vier bis fünf. Dombrowski möchte +dieses starke Schwanken der Eierzahl auf das verschiedene Alter der +Brutvögel zurückführen. Die Jungen verraten sich leider leicht durch +beständiges Zischen und Pfeifen. Die halbflügge Brut klettert schon auf +den Horstrand, um gierend und klagend die futterbringenden Alten zu +erwarten. Diese hängen mit großer Liebe an ihrer Nachkommenschaft und +führen auch miteinander ein musterhaftes, sehr zärtliches Eheleben. Bei +ihren Kindern läßt Frau Uhu ein sanftes »Tuck tuck« hören und füttert +die Kleinen anfangs aus dem Kropf, bis sie imstande sind, selbst +kleine Fleischstücke aus den überbrachten Beutetieren herauszureißen. +Man kennt Beispiele, wo die Alten ihre Jungen in einen andern Horst +schleppten, wenn der erste zu stark beunruhigt wurde. + + [Illustration: Abb. 17. Uhu in Hab-Acht-Stellung + (Aufnahme aus Hagenbecks Tierpark in Stellingen)] + +Mohr besaß ein Uhuweibchen, das ein Ei legte, worauf er ihm zwei +Hühnereier zum Bebrüten unterschob. Der Uhu brütete diese auch wirklich +aus und nahm sich mit mütterlicher Sorgfalt der geschlüpften Kücken an. +Noch als sie schon drei Wochen alt waren, betreute er sie mit größter +Zärtlichkeit, gluckste wie eine Henne und ließ nur ausnahmsweise sein +»Uhu« hören. Das ihm vorgesetzte Fleisch zerbröckelte er in ganz kleine +Stückchen und legte diese dann den Küchlein vor. Gegen jeden, der sich +den Kücken nähern wollte, nahm er sofort Kampfstellung ein. In einem +ähnlichen Falle brütete der Uhu zwar Enteneier aus, kröpfte aber dann +ganz behaglich die jungen Entchen. Gefangene Uhus sind im Käfig schon +häufig zur Fortpflanzung gebracht worden, selbst unter ganz primitiven +Verhältnissen. Berühmt geworden ist namentlich die ergiebige, lange +Jahre hindurch fortgesetzte Uhuzucht des Stockholmer Tiergartens. +Ich entnehme darüber dem Berichte Dr. Alarik Behms folgendes: Die +erste Paarung wurde am 1. April beobachtet und dann bis zum 11. an +jedem Abend. Das Männchen sträubte vorher das Gefieder, breitete den +Schwanz fächerförmig aus und erinnerte in seinen Bewegungen an einen +balzenden Birkhahn. Sein Ruf war tief und grob, der des Weibchens +dagegen eine halbe Oktave höher und heller. Die Paarung wurde unter +mächtigem Flügelschlagen und lautem Geschrei vollzogen; namentlich +das Weibchen pfiff dabei stark. Auch beim Eintragen der Baustoffe, +das schon am 2. April begann und bei dem auch das Männchen mithalf, +stieß es pfeifende Laute aus, die wie das Geräusch einer ungeschmierten +Schiebkarre klangen. Eingetragen wurden: Sägespäne, Rindenstücke und +Kies. Am 14. lag das erste, am 20. das zweite und am 28. das dritte Ei +im Horste. Das Weibchen begann aber mit dem Brutgeschäft gleich beim +ersten Ei. Das Männchen zeigte sich als idealer Ehemann und fütterte +seine Gemahlin fleißig mit Katzenfleisch, Hühnerköpfen und anderen +Leckerbissen. Auf einem Ast gegenüber der Bruthöhle verkürzte es durch +fleißiges »Singen« dem Weibchen die langen Tage des Wartens. Menschen +gegenüber zeigte es sich um diese Zeit sehr bösartig und zerriß einmal +dem Wärter die Mütze, so daß dieser nicht mehr zum Betreten des Käfigs +zu bewegen war und infolgedessen in diesem bald eine fürchterliche +Schweinerei herrschte. Das erste Junge schlüpfte am 20., das zweite am +22. Mai aus, während das dritte Ei sich als unbefruchtet erwies. Die +Jungen waren beim Ausschlüpfen nicht größer als Küchlein, wuchsen aber +erstaunlich schnell. Schon nach acht Tagen krochen sie unter den Federn +der Mutter hervor, um wenigstens mit den Köpfen draußen zu liegen. Der +Vater trug die Atzung in die Bruthöhle, aber das wirkliche Füttern +besorgte nur die Mutter. + + + + + Inhalt + + + Einleitung 5 + + Die letzten deutschen Biber 5 + + Der Nerz 30 + + Der Luchs 37 + + Der Uhu 59 + + + + + Der Verein Naturschutzpark + + +hat die Absicht, in der Lüneburger Heide und in den Salzburger +Hohen Tauern zwei Gebiete zu schaffen, in denen Pflanze und Tier +vollständigen Schutz vor dem menschlichen Zugriff haben sollen und +in dem die volle Harmonie der Kräfte in der Natur wiederhergestellt +werden soll, die der Mensch durch seinen Erwerb fast überall zu stören +gezwungen ist. Die Gebiete sind so groß, daß die ursprüngliche Tier- +und Pflanzenwelt erhalten wird. Durch den Verein soll zunächst an zwei +Stellen ein Stück deutscher Erde in vollkommener Unberührtheit und +Schönheit künftigen Zeiten erhalten werden. + +Der Verein bittet alle, die mit seinen Zielen übereinstimmen, um ihre +Mitgliedschaft, die jährlich RM 3.-- (Mindestbeitrag) kostet. Für +körperschaftliche Mitgliedschaft von Vereinen sind RM 20.-- angesetzt. +Die Mitglieder erhalten die Mitteilungshefte des Vereins unberechnet. + +Der Verein besitzt folgende ~Lichtbilder-Vorträge~: + + +A.+ Die Naturschutzbewegung + +B.+ Der Naturschutzpark in der Lüneburger Heide + +C.+ Der Naturschutzpark in den Salzburger Alpen + +D.+ Naturschutzgebiete außerdeutscher Länder + +E.+ Aussterbende und ausgestorbene Tiere + +Die Vorträge können jederzeit nur gegen Erstattung der Versand- +und Verpackungskosten vom Verein leihweise bezogen werden. +Mitteilungshefte, in zwangloser Folge, unterrichten unsere Mitglieder +über das Neueste der Naturschutzparkbewegung. Ansichtspostkarten +unserer Parke, Vereinsnadeln, Plakate, Werbemarken und Prospekte stehen +zu geringsten Preisen zur Verfügung + + +Verein Naturschutzpark E. V. + +Geschäftsstelle Stuttgart, Pfizerstraße 2 +D+ + + + + + Freude am Leben + + und sichere Grundlagen für eine moderne + + Weltanschauung + + findet jeder in der + + Natur + + + + + Zum Beitritt in den + + KOSMOS + + Gesellschaft der Naturfreunde + + laden wir + + alle Naturfreunde + +jedes Standes, sowie alle Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw. ein + + +Die Mitglieder erhalten laut § 5 der Satzung als Gegenleistung ~für +ihren Jahresbeitrag im Jahre 1927 kostenlos~: + + I. Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. Reich + bebildert. 12 Hefte im Jahr + + II. Die ordentlichen Veröffentlichungen. 4 Buchbeilagen. 1927 sind + vorgesehen: Dr. Kurt Floericke, Aussterbende Tiere :: Wilh. + Bölsche, Im Bernsteinwald :: H. Günther, Was ist Magnetismus? + :: W. Flaig und Dr. Lang, Der Gletscher + + III. Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden + naturwissenschaftlichen Werken + +Jedermann kann jederzeit Mitglied werden. Bereits Erschienenes wird +nachgeliefert + + +Anmeldungen bei jeder Buchhandlung oder durch die Geschäftsstelle des + ~Kosmos~. Stuttgart, Pfizerstraße 5 + + + + +Folgende seit Bestehen des Kosmos erschienene Buchbeilagen + +erhalten Mitglieder, solange vorrätig, zu ~Ausnahmepreisen~: + + +[Sidenote: 1904] + +Bölsche, W., Abstammung des Menschen. -- Meyer, Dr. M. W., +Weltuntergang. -- Zell, Ist das Tier unvernünftig? (Dopp.-Bd.). -- +Meyer, Dr. M. W., Weltschöpfung. + +[Sidenote: 1905] + +Bölsche, Stammbaum d. Tiere. -- Francé, Sinnesleben d. Pflanzen. -- +Zell, Tierfabeln. -- Teichmann, Dr. E., Leben u. Tod. -- Meyer, Dr. M. +W., Sonne u. Sterne. + +[Sidenote: 1906] + +Francé, Liebesleben d. Pflanzen. -- Meyer, Rätsel d. Erdpole. -- Zell, +Streifzüge d. d. Tierwelt. -- Bölsche, Im Steinkohlenwald. -- Ament, +Seele d. Kindes. + +[Sidenote: 1907] + +Francé, Streifzüge im Wassertropfen. -- Zell, Dr. Th., Straußenpolitik. +-- Meyer, Dr. M. W., Kometen und Meteore. -- Teichmann, Fortpflanzung +und Zeugung. -- Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes. + +[Sidenote: 1908] + +Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane. -- Teichmann, Dr. E., Die +Vererbung. -- Sajó, Krieg und Frieden im Ameisenstaat. -- Dekker, +Naturgeschichte des Kindes. -- Floericke, Dr. K., Säugetiere des +deutschen Waldes. + +[Sidenote: 1909] + +Francé, Bilder aus dem Leben des Waldes. -- Meyer, Dr. M. W., Der Mond. +-- Sajó, Prof. K., Die Honigbiene. -- Floericke, Kriechtiere und Lurche +Deutschlands. -- Bölsche, W., Der Mensch in der Tertiärzeit. + +[Sidenote: 1910] + +Koelsch, Pflanzen zw. Dorf u. Trift. -- Dekker, Fühlen u. Hören. -- +Meyer, Welt d. Planeten. -- Floericke, Säugetiere fremd. Länder. -- +Weule, Kultur d. Kulturlosen. + +[Sidenote: 1911] + +Koelsch, Durch Heide und Moor. -- Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken. +-- Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit. -- Floericke, Vögel fremder +Länder. -- Weule, Kulturelemente der Menschheit. + +[Sidenote: 1912] + +Gibson-Günther, Was ist Elektrizität? -- Dannemann, Wie unser Weltbild +entstand. -- Floericke, Fremde Kriechtiere und Lurche. -- Weule, +Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge. -- Koelsch, Würger im +Pflanzenreich. + +[Sidenote: 1913] + +Bölsche, Festländer u. Meere. -- Floericke, Einheimische Fische. -- +Koelsch, Der blühende See. -- Zart, Bausteine des Weltalls. -- Dekker, +Vom siegh. Zellenstaat. + +[Sidenote: 1914] + +Bölsche, W., Tierwanderungen in der Urwelt. -- Floericke, Dr. Kurt, +Meeresfische. -- Lipschütz, Dr. A., Warum wir sterben. -- Kahn, Dr. +Fritz, Die Milchstraße. -- Nagel, Dr. Osk., Romantik der Chemie. + +[Sidenote: 1915] + +Bölsche, W., Der Mensch der Zukunft. -- Floericke, Dr. K., Gepanzerte +Ritter. -- Weule, Prof. Dr. K., Vom Kerbstock zum Alphabet. -- Müller, +A. L., Gedächtnis und seine Pflege. -- Besser, H., Raubwild und +Dickhäuter. + +[Sidenote: 1916] + +Bölsche, Stammbaum der Insekten. -- Sieberg, Wetterbüchlein. -- Zell, +Pferd als Steppentier. -- Weule, Krieg in den Tiefen der Menschheit +(Dopp.-Bd.). + +[Sidenote: 1917] + +Besser, Natur- u. Jagdstud. i. Deutsch-Ostafrika. -- Floericke, Dr., +Plagegeister. -- Hasterlik, Dr., Speise u. Trank. -- Bölsche, Schutz- +u. Trutzbündnisse i. d. Natur. + +[Sidenote: 1918] + +Bölsche, Sieg des Lebens. -- Fischer-Defoy, Schlafen und Träumen. +-- Kurth, Zwischen Keller u. Dach. -- Hasterlik, Dr., Von Reiz- u. +Rauschmitteln. + +[Sidenote: 1919] + +Bölsche, Eiszeit und Klimawechsel. -- Floericke, Spinnen und +Spinnenleben. -- Zell, Neue Tierbeobachtungen. -- Kahn, Die Zelle. + +[Sidenote: 1920] + +Fischer-Defoy, Lebensgefahr in Haus u. Hof. -- Francé, Die pflanze als +Erfinder. -- Floericke, Schnecken und Muscheln. -- Lämmel, Wege zur +Relativitätstheorie. + +[Sidenote: 1921] + +Weule, Naturbeherrschung I. -- Floericke, Gewürm. -- Günther, +Radiotechnik. -- Sanders, Hypnose und Suggestion. + +[Sidenote: 1922] + +Weule, Naturbeherrschung II. -- Francé, Leben im Ackerboden. -- +Floericke, Heuschrecken und Libellen. -- Lotze, Jahreszahlen der +Erdgeschichte. + +[Sidenote: 1923] + +Flaig, Kampf um Tschomo-lungma. -- Floericke, Falterleben. -- Francé, +Entdeckung der Heimat. -- Behm, Kleidung und Gewebe. + +[Sidenote: 1924] + +Floericke, Käfervolk. -- Henseling, Astrologie. -- Bölsche, Tierseele +und Menschenseele. -- Behm, Von der Faser zum Gewand. + +[Sidenote: 1925] + +Lämmel, Sozialphysik. -- Floericke, Wundertiere des Meeres. -- +Henseling, Mars. -- Behm, Kolloidchemie. + +[Sidenote: 1926] + +Francé, Die Harmonie in der Natur. -- Floericke, Zwischen Pol und +Äquator. -- Bölsche, Abstammung d. Kunst. -- Dekker, Planeten und +Menschen. + + + Preise: Einzeln bezogen kostet jeder Band brosch. RM 1.20, geb. RM 1.80 + Für Nichtmitglieder des Kosmos je RM 1.50 bzw. RM 2.40 + +_Besonders niedrige Preise_ bei Gruppenbezug nach Wahl des +Bestellers + + 10 Bände geb. für nur RM 14.50 + 10 Bände brosch. für nur RM 10.-- + + 20 Bände geb. für nur RM 27.-- + 20 Bände brosch. für nur RM 18.50 + + 50 Bände geb. für nur RM 62.-- + 50 Bände brosch. für nur RM 42.-- + +Auf Wunsch können größere Beträge nach vorhergehender Vereinbarung auch +in _Teilzahlungen_ entrichtet werden. + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77785 *** diff --git a/77785-h/77785-h.htm b/77785-h/77785-h.htm new file mode 100644 index 0000000..0a535a9 --- /dev/null +++ b/77785-h/77785-h.htm @@ -0,0 +1,3283 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Dr. Kurt Floericke | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3 { + text-align: center; + clear: both; +} + h1,h2 { + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; 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Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter padbot2 illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<figure class="figcenter padtop2 illowp50" id="illu-001" style="max-width: 42.1875em;"> + <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="deckblatt"> +</figure> + +<div class="new-page"> +<p class="p4 s3 center">KOSMOS-BÄNDCHEN</p> +<p class="p2 s4 center">AUSSTERBENDE TIERE</p> +</div> + +<div class="chapter"> +<p class="p4 s2 center">KOSMOS</p> +<p class="s5 center">Gesellschaft der Naturfreunde in Stuttgart</p> +<p class="p0 s5">Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften +und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer +Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten. +— Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter +naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im</p> + +<p class="s2 center">KOSMOS</p> +<p class="center">Handweiser für Naturfreunde</p> +<p class="s5 center">Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen</p> +<p class="p0 s5">Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten +Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. +Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1927 festgelegt (Reihenfolge und +Änderungen auch im Text vorbehalten):</p> + +<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Dr. Kurt Floericke, Aussterbende Tiere,<br> +Wilh. Bölsche, Im Bernsteinwald,<br> H. Günther, Was ist Magnetismus?,<br> +W. Flaig u. Dr. L. Lang, Der Gletscher</em></p> + +<p class="s5 center">Jedes Bändchen reich illustriert</p> + +<p class="p0 p2 s5">Diese Veröffentlichungen sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen; +daselbst werden Beitrittserklärungen entgegengenommen. Auch die früher +erschienenen Jahrgänge sind noch erhältlich.</p> +<p class="s5 center">Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart</p> + +<hr class="full"> +</div> + +<div class="chapter"> +<h1>Aussterbende Tiere<br> +<span class="s5a">Biber / Nerz / Luchs / Uhu</span></h1> +<p class="p2 s5 center">Von</p> +<p class="p2 s2 center">Dr. Kurt Floericke</p> + +<figure class="figcenter padtop4 illowe4" id="signet"> + <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="signet"> +</figure> + +<p class="p2 s5 center">Stuttgart</p> +<p class="center">Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde<br> +<span class="s5 center">Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung<br> +1927</span></p> +</div> + +<div class="chapter"> +<p class="p2 s5 center">Mit 17 Abbildungen und einem farbigen<br> +Umschlagbild</p> +<p class="p6 s5 center">Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten<br> +Nachdruck verboten</p> +<p class="p2 s5 center"><span class="antiqua">Copyright 1927<br> +by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart<br> +Printed in Germany</span></p> +<p class="p4 s5 center">Druck von Holzinger & Co. Stuttgart</p> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p> + +<h2>Einleitung</h2> + +<p>Wer gleich dem Verfasser die freilebende Tierwelt unseres Vaterlandes +vier Jahrzehnte lang fleißig und liebevoll beobachtet hat, der wird +tief erschrocken sein darüber, wie furchtbar sie innerhalb dieser +Zeitspanne, die doch vom naturgeschichtlichen Standpunkte aus nur als +winzig bezeichnet werden kann, verarmt und verödet ist. Wir wissen +alle, daß die sogenannte menschliche Kultur mit ihren mancherlei +unangenehmen Begleiterscheinungen und Auswüchsen die Hauptschuld an +dieser unaufhaltsam sich vollziehenden Veränderung trägt, und zur +Abwendung des Schlimmsten ist ja als notwendiges Gegengewicht gegen +den Siegeszug von Industrie und Technik die Naturschutzbewegung ins +Leben getreten, die erfreulicherweise bereits weite Kreise unseres +Volkes erfaßt hat. Es ist dringend zu wünschen und zu hoffen, daß es +ihr gelingen möge, wenigstens kärgliche Reste einstiger Herrlichkeit +in großen Naturschutzparken oder durch strenge und vernünftige +Gesetzesvorschriften, die aber nicht nur auf dem Papier stehen +dürfen, in letzter Stunde zu retten und den kommenden Geschlechtern +zu erhalten. Nun wird von mancher Seite den Naturschützern +entgegengehalten, daß zwar die rastlos fortschreitende Kultur manche +Tiere, die sog. Kulturflüchter nämlich, ausgerottet oder in ihre +entlegensten Schlupfwinkel verdrängt, daß sie aber dafür andere Arten, +denen gerade die Beschaffenheit der neuzeitlichen Kultursteppe zusagt, +zur Einwanderung veranlaßt oder ihre Vermehrung und Ausbreitung +weitgehend begünstigt habe. Das ist auch gar nicht zu leugnen und +wenigstens bis zu einem gewissen Grade richtig. Aber der Tausch, den +der Naturfreund dabei gemacht hat, ist doch ein herzlich schlechter. +Verschwunden sind die urwüchsigen und reckenhaften Gestalten des +altgermanischen Waldgebiets, eingezogen sind kleine und unansehnliche +Formen, die unserem Gemüt wenig zu sagen haben, zumal sie teilweise +gar nicht alteingesessene Arten sind, sondern ursprüngliche Bewohner +der Mittelmeerländer. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der uns +erst recht klar wird, wenn wir die betreffenden Tiere einmal näher +betrachten. Ich möchte deshalb zunächst in diesem Kosmosbändchen einige +wenige Vertreter dieser Tiere unseren Lesern eingehender vorführen, +um ihnen zu zeigen, welch unersetzliche Naturschätze wir schon +verloren haben oder zu verlieren im Begriff stehen.<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> Ich möchte weiter +dartun, in welcher Schnelligkeit und in welcher Weise die Ausrottung +vor sich ging und welche Hoffnungen noch bestehen auf Erhaltung der +Überbleibsel. Wenn dadurch die Teilnahme weiterer Kreise für solche +schwer bedrohten »Naturdenkmäler« wachgehalten und das Interesse für +die Schaffung großer Naturschutzparke (vgl. S. 78) zu ihrer Erhaltung +gesteigert würde, so wäre der vornehmste Zweck dieses Büchleins +erreicht.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Die_letzten_deutschen_Biber">Die letzten deutschen Biber</h2> +</div> + +<p>Ein einziges deutsches Säugetier kannte ich bisher noch nicht +aus freier Natur: unseren größten und gescheitesten Nager, den +sagenumwobenen Biber. Im Sommer 1924 war es mir endlich zu meiner +großen Freude vergönnt, diese Lücke bei einem zweitägigen Aufenthalt +in Aaken a. d. Elbe auszufüllen. Wenn ich trotz der bedauerlichen +Kürze der Beobachtungszeit hier einiges Neue und Wissenswerte über +den Biber und seinen gegenwärtigen Bestand mitzuteilen vermag, so +verdanke ich dies in erster Reihe der großen Liebenswürdigkeit +einiger ortsansässiger Biberfreunde, die mir nicht nur in geradezu +mustergültiger Weise als sachkundige Führer dienten, sondern mir +auch aus dem reichen Schatze ihrer langjährigen Erfahrungen viele +hochinteressante Eigenbeobachtungen zur Verfügung stellten. Besonders +gebührt dieser Dank, dem ich hierdurch auch öffentlich Ausdruck geben +möchte, Herrn Karl <em class="gesperrt">Krietzsch</em> in Dessau, Herrn Oberpostsekretär +<em class="gesperrt">Winkelmann</em> in Aaken und Herrn Amtmann <em class="gesperrt">Behr</em> in Steckby. +So schrieb mir z. B. Herr Krietzsch kurz vorher nach Magdeburg: »Punkt +4 Uhr früh schwimmt der Biber bei Aaken über die Elbe, bezieht seinen +Bau im Hornhafen und wird dabei photographiert.« Und genau nach diesem +Programm verlief die Sache, nur daß sich die Beleuchtung in der frühen +Morgenstunde noch als zu schwach für gute photographische Aufnahmen +erwies. Es ist eine Lust, unter so ausgezeichneter Führung Naturstudien +und Beobachtungen zu machen; der Ortsunkundige wird wohl manchen +vergeblichen Gang tun müssen, bis es ihm glückt, eines Bibers ansichtig +zu werden, obwohl die vielen Schleif- und Hauspuren des Tieres einem +aufmerksamen Auge kaum entgehen können. Für mich war es ein geradezu +weihevoller Augenblick, und das Herz schlug mir rascher, als nach einer +Viertelstunde bangen Wartens der große Rattenkopf des schwimmenden +Bibers in den Elbefluten auftauchte<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> und wir nun rasch einen Kahn +bestiegen und auf bequemste Beobachtungsentfernung dem seltenen Wilde +bis zu seinem Baue folgten.</p> + +<p>Früher war der europäische Biber, <span class="antiqua">Castor fiber L.</span> (der +nordamerikanische ist von neueren Forschern unter dem Namen canadensis +als besondere Form abgetrennt worden) weit verbreitet und insbesondere +in Deutschland durchaus keine Seltenheit, worauf schon Ortsnamen +wie Biberach und Bebra hinweisen. Die Stadt Biebrich am Rhein führt +einen Biber im Wappen, der aber fälschlich einen Fisch im Maule hält, +während in Wirklichkeit der Biber niemals an Fischen oder anderem +Getier sich vergreift, sondern ausschließlich Pflanzenfresser ist. Doch +wird schon im Mittelalter über rasche Abnahme der Biber an Rhein und +Donau geklagt, weil das Tier sich nicht mit dem regen Schiffsverkehr +auf diesen Strömen vertrage. Das ganze Mittelalter hindurch spielte +der Biber als geschätzter Fastenbraten eine große Rolle, und als +besonderer Leckerbissen galt der Biberschwanz, für den man gern den in +damaliger Zeit erstaunlichen Preis von 6 Gulden zahlte, und nach dessen +absonderlicher Gestalt ja heute noch eine bestimmte Dachziegelart +ihren Namen führt. Von Quacksalbern aller Art sehr begehrt war das +sog. Bibergeil (man zahlte beim Seltenerwerden des Tieres zeitweise +bis zu 180 Gulden für die Geilsäcke eines alten Männchens!), das +gegen alle erdenklichen Übel helfen sollte, hauptsächlich aber als +Beruhigungsmittel bei Krampfzuständen galt. Großer Wertschätzung +erfreute sich auch der feine und leichte Biberpelz, nach welchem +ja Gerhart Hauptmann seine prächtige Diebskomödie mit den vielen +politischen Spitzen benannt hat. Der mollige Biberpelz, dem die +langen Grannenhaare abgeschoren wurden, schützt vortrefflich gegen +rauhe Winde und scharfen Frost, während die minderwertigen Felle zu +teuren Filzhüten verarbeitet wurden. Da also der erlegte Biber einen +erheblichen Geldwert darstellte, kann es nicht wundernehmen, daß die +Zahl der Tiere infolge unablässiger und schonungsloser Verfolgung rasch +und dauernd zurückging. Zuerst wurde der Biber, wie so viele Tiere, in +dem schießwütigen England ausgerottet.</p> + +<p>Gegenwärtig ist der europäische Biber nur in Sibirien noch in größerer +Menge zu finden, während er in Europa selbst fast völlig ausgerottet +und auch an seinen letzten Zufluchtstätten mit dem Untergange bedroht +ist. Heute kommt er in Europa nur noch an vier Stellen vor, nämlich +1. im weiten Urstromtale der Elbe zwischen Wittenberg und Magdeburg, +2. im südfranzösischen Rhonedelta, 3. im südlichen Norwegen gegenüber +dem Skagerrak, 4. im russischen<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Sumpfgebiet Polesje, das vom Prijpet +durchflossen wird. Allerdings sind schon Stimmen laut geworden, daß +der Biber durch die Kriegs- und Revolutionszustände dort ausgerottet +worden sei; wer aber die Unzugänglichkeit dieser Gegend sowie die große +Menschenscheu der dortigen Biber kennt, wird gleich mir nicht recht +daran glauben. Ferner findet sich in »Brehms Tierleben« und anderen +Werken die Angabe, daß der Biber auch auf der Balkanhalbinsel noch +vorkomme und in Bosnien »besonders häufig« sei. Da ich aber dort nie +die geringste Spur des großen Nagers gefunden habe, wandte ich mich um +nähere Auskunft an meinen alten Freund, den bekannten Balkanforscher +Othmar Reiser, der so freundlich war, mir folgendes zu antworten: »Ich +habe schon vor Jahren festgestellt, daß es sich bei diesen Angaben +um Verwechslungen mit dem Fischotter oder sogar mit dahintreibenden +Baumstämmen handelte. Lange kann es freilich noch nicht her sein, daß +der Biber von dort verschwunden ist, denn Knochenreste sind vielfach +gefunden worden, und ich selbst war einmal zufällig Zeuge, wie bei +einer prähistorischen Grabung am Trebewitsch bei Sarajevo ein gut +erhaltenes Kieferstück des Bibers zutage gefördert wurde. Außerdem +hat sich der slawische Name des Tieres ›Dabar‹ im Dabar-Polje in der +Herzegowina, an das Du Dich wohl noch erinnern wirst, und im Namen des +Dorfes Dabar im Bezirke Sanskimost erhalten. Als einzigen greifbaren +Beweis aus diesen Gegenden kenne ich aber nur die traurigen Überreste +eines ausgestopften Bibers in der unbedeutenden zoologischen Sammlung +in Belgrad, der in den 60er Jahren in der Drina gefangen worden sein +soll.«</p> + +<p>Fast alles, was wir über die Naturgeschichte des europäischen Bibers +wissen, ist an den Elbebibern beobachtet worden, über die erst +neuerdings (1922) wieder Mertens eine sorgfältige und ausführliche +Arbeit veröffentlicht hat. Das Wohngebiet des Bibers an der Elbe und +ihren Nebenflüssen ist landschaftlich von hohem Reiz und auch sonst +für den Tier- und namentlich für den Vogelforscher von hervorragender +Anziehungskraft. Dichte Auwaldungen mit üppigem Unterwuchs und +eingebetteten Wiesen und kleinen, schilf- und rohrbewachsenen Seen +geben der überaus wechselvollen Landschaft das Gepräge. Selten sah +ich irgendwo in Deutschland so viel Tagschmetterlinge wie hier, +und in hoher Luft entzückte mich das herrliche Flugbild des edlen +Wanderfalken. Der Biber liebt besonders die Altwässer der Elbe mit +ihren vielen Lachen und Tümpeln, Seerosen, Igelkolben, Schwertlilien +und Schachtelhalmen (auch die<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Wassernuß kommt hier noch vor), +mit ihrem stattlichen Wuchs von Weichhölzern und den zahlreichen +Weidenhegern am Rande und mit ihren undurchdringlichen, von Brennesseln +und wildem Hopfen durchwucherten Dorndickichten. Daß sich der Biber +gerade hier in der Nähe großer Industrien und an der durch eine +starke Schiffahrt beständig beunruhigten Elbe erhalten konnte, +dürfte auf verschiedene Umstände zurückzuführen sein. Vor allem sind +diese sumpfigen Geländestreifen verhältnismäßig spät vom Menschen +besiedelt worden, denn man scheute die Mühe ihrer Urbarmachung und +den Kampf mit dem Hochwasser, der die Errichtung kostspieliger Dämme +und Deiche erforderte. Erst in neuerer Zeit ist diese Besiedlung +in stärkerem Maße erfolgt, und damit begann auch das allmähliche +Erlöschen des Biberbestandes, der bis dahin ein ziemlich ungestörtes +Dasein hatte führen können. Ein weiterer glücklicher Zufall war es, +daß dieses Gebiet in fast ununterbrochenem Zusammenhange Domänen- oder +Regierungsbesitz darstellte, und daß die Fürsten und Herzöge von Anhalt +von jeher weidgerechte Jäger und große Naturfreunde waren, ebenso ihre +Forstbeamten. Die Biberjagd an sich hatte ja überhaupt für die Fürsten +und großen Herren wenig Reiz, denn sie brachte keine stolzen Trophäen, +keine Gehörne und Geweihe; sie reizte auch nicht durch die Gefahr, die +in der Bekämpfung des Bären oder des grimmen Bassen lag, gab auch keine +Gelegenheit zur Entfaltung höfischen Prunkes wie etwa die Reiherbeize. +War also auch Aasjägerei ausgeschlossen, so konnte doch die +Wilddieberei auf den wertvollen Biber niemals ganz unterdrückt werden, +und in der Zeit des Umsturzes ist sie natürlich wieder besonders üppig +ins Kraut geschossen. Auch die hohen Steilufer waren dem Biber günstig, +denn sie ermöglichten es ihm, seine Baue so anzulegen, daß er jederzeit +unter Wasser ausfahren konnte, während der üppige Pflanzenwuchs stets +genügende Äsung bot. Alle diese Umstände haben zusammengewirkt, um den +Bestand der Elbebiber bis auf die heutige Zeit zu erhalten. Wie lange +noch?</p> + +<p>Die heutige Anzahl der Biber einigermaßen zuverlässig festzustellen, +ist sehr schwer und erfordert unermüdliche Ausdauer neben großer +Begeisterung für die Sache. Herr Amtmann Behr brauchte dazu im Jahre +1913 vom September bis Dezember volle 43 Tage. Er führt insgesamt 188 +Biber auf. Davon kamen auf preußisches Gebiet 82 Baue mit 114 und +auf anhaltinisches 59 Baue mit 74 Bibern. Das bedeutete schon eine +wesentliche Abnahme, denn um die Jahrhundertwende herum hatte der +verstorbene Forstmeister Freiherr<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> von Nordenflycht in Lödderitz, +der sich auch als Jagdschriftsteller einen Namen gemacht hat, den +Gesamtbestand der Elbebiber auf 250 Stück angegeben. Leider ist auch +seit der Behrschen Zählung eine unverkennbare weitere Verringerung +des Biberbestandes eingetreten, und Professor Mertens urteilt +sicherlich viel zu optimistisch, wenn er die heutige Kopfzahl auf rund +200 schätzt. Im September 1924 gab mir Herr Krietzsch eine genaue +Aufstellung der nach seinen Beobachtungen noch vorhandenen Biber. +Darnach wohnten an der Elbe von Wittenberg bis zum Wellmitzhafen bei +Dessau vor dem Kriege 92 Biber, heute dagegen nur noch 14 Alte und +4 Junge; an der Mulde von Dessau bis Raguhn früher 81 Biber, heute +noch 6 Alte; an der Elbe von Wallmitzhafen bis Magdeburg früher 48 +Stück, heute noch 13. Die Gesamtzahl betrug also 1913 immerhin 222 +Biber, heute nur noch 37, darunter 6 Junge. Das wäre allerdings ein +ganz erschreckendes Zusammenschmelzen innerhalb 12 Jahren, das für +die Zukunft des Biberbestandes das Schlimmste befürchten ließe. Es +mag sein, daß diese Schätzung etwas zu niedrig gegriffen ist, zumal +neuerdings von zuverlässiger Seite eine Zunahme der Biber in der +Kreuzhorst bei Magdeburg gemeldet wird, aber immerhin dürfte sie +gegenwärtig der Wahrheit näher kommen als die Mertenssche Angabe. Von +diesen 37 einwandfrei festgestellten Bibern leben 15 auf preußischem +und 22 auf anhaltinischem Gebiet. Amtmann Behr nimmt den heutigen +Bestand doch als wesentlich höher an. Wie weit das Hochwasser 1926 +geschadet hat, entzieht sich noch meiner Kenntnis.</p> + +<p>Im allgemeinen läßt sich in neuerer Zeit eine Verschiebung des +Verbreitungsbezirkes nach Norden feststellen; namentlich in der +teilweise abgesperrten Kreuzhorst bei Magdeburg scheint infolge +Neueinwanderung eine Zunahme des Bestandes stattzufinden.</p> + +<p>Außerdem lebte von 1917 bis 1924 noch ein Biber als Einsiedler +im Mühlteich bei Mosigkau. Wie der dorthin gekommen sein mag? Er +errichtete nicht nur einen Bau, sondern auch eine Burg und ging zur +Ranzzeit oft aus dem Wasser heraus aufs Feld. Seit April 1924 ist das +Tier spurlos verschwunden, aber anscheinend nicht gewilddiebt worden, +sondern liegt wahrscheinlich infolge Äsung von Eichenrinde verendet in +seinem Bau. Wo die Biber nämlich an ihren Bauen gestört werden und der +eine Teil zugrunde geht, bekommt der andere in der Ranzzeit Sehnsucht +nach seinesgleichen, sucht nach einem neuen Gatten, findet ihn nicht +und treibt sich deshalb ruhelos in der Gegend umher, wobei er in die +Nebenlöcher der Elbe und<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Mulde gerät, vereinzelt sogar schon weit in +die Havel hinaufgeschwommen ist. Weiden gibt es an solchen Plätzen +gewöhnlich nicht; die Tiere äsen deshalb aus Not Eichenrinde, deren +Gerbsäuregehalt schwere Verdauungsstörungen bei ihnen hervorzurufen +scheint. Ein alterfahrener Waldläufer versicherte meinem Gewährsmann, +daß viele Biber auf diese Weise umkämen und daß man sein blaues Wunder +erleben würde, wenn man einmal alle Baue öffnen wollte. Eine gewisse +Bestätigung erfährt diese auch von Krietzsch geteilte Ansicht durch +die Sektion eines Bibers, der in den ersten Tagen des Februar 1925 +in stark abgemagertem, aber sonst unverletztem und gut erhaltenem +Zustande verendet in der Elbe bei Trochheim gefunden und dem Zerbster +Museum eingeliefert wurde. Die ganzen Därme waren voll großer Klunkern +und die Leber tuberkulös. Auch ein im November 1924 in einem Graben +bei Groß-Rosenburg tot aufgefundener Biber wies keine Schußverletzung +oder sonstige Spuren von Gewaltsamkeit auf. Das schon recht alte Tier +war bereits einige Wochen vorher in offenbar krankem Zustande an der +Modderschleuse beobachtet worden.</p> + +<p>Durch allerlei dumme Zufälle gehen alljährlich mehrere Biber zugrunde. +So ergab die Untersuchung eines wahren Prachtstückes, das am 3. März +1925 im Luch am Elbeufer verendet angetrieben wurde, daß das Tier +nicht von Menschenhand getötet, sondern wahrscheinlich von einem +Dampfer gerammt worden war. Einige Wochen vorher wurde bei Vogerode ein +toter Biber angeschwemmt, der mit dem linken Vorderfuß in einer neuen +Bügelfalle hing. Durch das Auslegen von Ottereisen, das im Biberbezirk +ganz verboten werden müßte, werden die Biber überhaupt sehr gefährdet, +wenn auch meist unabsichtlich. Dazu kommt die immer noch nicht völlig +unterdrückte Wilddieberei. So ging im Frühjahr 1924 durch die Zeitungen +die Nachricht, der »letzte« Biberbau an der Saale sei von Wilddieben +zerstört und seine Bewohner erschlagen worden. Laut brieflicher +Mitteilung des Herrn Winkelmann verhielt sich die Sache aber doch +etwas anders. Ein berüchtigter Wilddieb hatte während des Frostes den +kleineren Biberbau am Goldberger See im Lödderitzforst mit dem Spaten +angegraben und dann in die Öffnung hineingeschossen, wobei er von einem +Bauern aus der Umgegend beobachtet wurde. Der eine Biber war daraufhin +unter das Eis geflüchtet, ist hier elend umgekommen, wurde im Frühjahr +beim Fischen gefunden und der Oberförsterei übergeben, die das Skelett +aufgestellt hat. Harte Winter sind überhaupt für den Biber insofern +schlimm, als<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> dann die Strolche auf dem Eise an jeden Bau herankommen, +die Biber selbst aber wegen des Eises schwer flüchten können. So kommen +viele um und werden erschossen oder erschlagen. Wie mir Herr Maler +Zehle mitteilt, wurde noch im letzten Winter versucht, die Biberburg +im Krügersee niederzubrennen und so die Tiere herauszutreiben. Zum +Glück brannte aber das Schilf nur auf der einen Seite an, ohne den Bau +wesentlich zu beschädigen.</p> + +<p>Ferner gehen leider auch ohne besonderes Zutun des Menschen viele +Biber dadurch verloren, daß sie in die Reusen und Netze der Fischer +geraten und ertrinken, wenn sie sich nicht durch Zerreißen der Netze +befreien können. Da das zuweilen geschieht, freuen sich die dadurch +geschädigten Fischer über jeden umgekommenen Biber, dreifach aber, +wenn sie sich durch heimliche Aneignung des Tieres mit dem wertvollen +Pelze, dem teuren Bibergeil und dem schmackhaften Fleisch bereichern +können. Besonders gefährlich sind auch die Nachstellungen, die durch +die Mordlust der Schiffer drohen, die mit ihren Kähnen zeitweise +innerhalb der Biberreviere ankern. Während der Schutzbeamte auf dem +Lande sich bewegen muß, kann der Schiffer vom Wasser aus im kleinen +Kahne den Biberbauen ungesehen sich nähern, und so wird manches Stück +heimlich umgebracht oder angeschossen und später verludert im Bau +gefunden. Manchmal werden die Tiere auch bei der Fischerei mit dem +Netz ans Land gezogen, denn sie sind zu dumm oder zu träge, um über +das Netz hinwegzuspringen. Ein auf diese Weise gefangener Biber benahm +sich so zutraulich und täppisch, daß er mit der Rute wieder ins Wasser +zurückgejagt werden mußte. Der schlimmste Feind des aussterbenden +Tieres ist aber doch plötzlich einsetzendes Hochwasser, namentlich +wenn es noch Eisschollen mit sich führt. Die Biber flüchten dann aus +ihren Bauen auf die Deichkronen oder andere erhöhte und trockene +Plätze und sind hier natürlich allen Zufälligkeiten und Nachstellungen +preisgegeben. Bei solchen Gelegenheiten weit sich verirrende Biber +werden oft aus bloßer Unkenntnis umgebracht, weil man sie irrtümlich +für Fischottern hält. Aber auch für den friedlichen Beobachter ergibt +das schöne Gelegenheiten.</p> + +<p>So schreibt mir Herr Winkelmann: »Vor zwei Jahren saßen zwei Biber +beim Frühlingshochwasser, als der Damm nur 1-½ Meter aus der Flut +hervorragte, unterhalb des Wachthauses auf dem Damme und versuchten +wiederholt, sich in die Deichkrone einzugraben. Dies mußte jedesmal +von der Deichwachmannschaft, die dort während des Hochwassers Tag und +Nacht in Bereitschaft lag, verhindert<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> werden. Schließlich nahmen die +Tiere davon Abstand, hielten sich aber noch tagelang auf der Deichkrone +auf. Beim Herannahen von Menschen plumpsten sie jedesmal ins Wasser, +schwammen zwischen den Bäumen herum und kehrten nach Vorübergang der +Störenfriede auf ihre alten Plätze zurück. Als später das Wasser fiel, +suchten sie ihre Baue wieder auf.« Es sei aber ausdrücklich betont, daß +auch in solchen Fällen ernsthafte Dammbeschädigungen durch den Biber +höchstens bei ganz mangelhafter Aufsicht verursacht werden könnten. Die +Tiere kommen auf die Dämme ja überhaupt nur, wenn diese unmittelbar +ans Wasser stoßen und kein anderes erhöhtes Ufer zur Verfügung steht. +Deshalb erscheint schon aus rein praktischen Gründen der Vorschlag von +Mertens sehr beachtenswert, für solche Fälle besondere Biberschutzhügel +anzulegen. Auf der Straße von Aaken nach Steutz liegt ein Wirtshaus, +das jenseits der Straße noch eine Veranda für die Gäste hat. Bei +Hochwasser fährt das Motorboot des Fährmanns bis an die Treppenstufen +des Gasthauses. Als Herr Winkelmann einmal das Fährboot benutzte, +saßen die beiden am Hornhafen heimischen Biber auf einem Bündel selbst +zusammengeschleppten Reisigs unmittelbar hinter der Veranda. Beim +Heranfahren des Bootes plumpste der eine ins Wasser, der andere aber +blieb ruhig sitzen und äugte die Menschen nur neugierig an. Daraufhin +kam auch der andere Biber sofort wieder auf die Sasse zurück, und +beide ließen sich nun in aller Ruhe und Bequemlichkeit beliebig lange +beobachten.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp96" id="illu-015" style="max-width: 48.75em;"> + <img class="w100" src="images/illu-015.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 1. Elbebiber, an einer Sandbank ruhend</b><br> +(Naturaufnahme von Amtmann Behr)</figcaption> +</figure> + +<p>Der am Ufer ruhende Biber macht einen gedrungenen Eindruck und erinnert +stark an eine riesenhafte Ratte, nur daß die Hinterfront abgestutzt +erscheint, weil die Kelle im Ruhezustande unter den Leib geschlagen +wird, also überhaupt nicht sichtbar ist (Abb. 1). Von weitem sieht ein +solcher ruhender Biber wie ein am Ufer liegender<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> Stein aus und wird +deshalb trotz seiner Größe in seiner Unbeweglichkeit vom Unkundigen +leicht übersehen. Selbst bei der Anlage ihrer Baue kümmern sich die +Biber bisweilen herzlich wenig um die unmittelbare Nachbarschaft des +Menschen. So ist im Aakener Hornhafen von jeher ein Biberbau gewesen, +und die Tiere haben sich durch das beständige Hämmern und Klopfen der +Schiffsbauer eigentlich nie stören lassen. Brieflicher Mitteilung des +Herrn Behr zufolge lag früher am hochbewaldeten Ufer der Elbe bei +Steckby hinter einem Buhnenwinkel ein weitverzweigter Biberbau, der +zuweilen auch von Dächsen und Füchsen befahren wurde. Hochwässer hatten +hier einen tiefen Kolk gerissen, der durch eine schmale Rinne mit der +Elbe in Verbindung stand, aber bei niedrigem Wasserstande trocken lag, +so daß der Biber, um zu seinem Bau zu gelangen, über Land wechseln +mußte. Die Zugangsröhren lagen bis auf einige vom Dachs angelegte unter +Wasser, wie dies bei Biberbauen stets der Fall zu sein pflegt. Da die +Strömung weitere Landmassen wegriß, wurde von der Strombauverwaltung +ein Deckwerk aus Faschinen und Steinpflaster angelegt, wobei die tief +liegenden Eingänge verschüttet wurden. Diese geräuschvollen Arbeiten +konnten aber das hier hausende Biberpaar nicht zum Verlassen seines +Heims bewegen, sondern die Tiere benutzten nun eine hochliegende +Dachsröhre als Einschlupf, wobei sie eine Strecke von 12 Metern den +Hang hinauf zurückzulegen hatten und sich dabei oft prächtig beobachten +ließen.</p> + +<p>Werden die Biber an solchen Plätzen vom Menschen überrascht, so zeigen +sie sich recht blöde und unbeholfen, aber nicht eben furchtsam. Das +Tollste in dieser Beziehung hat Herr Amtmann Behr erlebt. Er teilte mir +darüber brieflich folgendes mit: »Im Sommer 1922 war der Wasserstand +der Elbe überaus niedrig, so daß die Sandbänke, die die Tiere passieren +mußten, bis weit ins Flußbett hineinliefen. Des Abends erfolgte der +Auswechsel, wenn das Büchsenlicht längst geschwunden war, während +sich des Morgens die Heimkehr oft stark verspätete, namentlich wenn +Fischer oder Schiffer hier tätig waren. So lag ich einmal im Juli +vor Tagesgrauen in meinem Versteck und harrte der Heimkehr meiner +Freunde. Auf der Sandbank hatte Herr Hermann Hähnle aus Stuttgart einen +Kino-Apparat aufgestellt, um die Tiere zu filmen, was auch tadellos +gelang. Da die ständig vorüberfahrenden Kähne ein zeitiges Einwechseln +verhinderten, erfolgte dieses erst um 8 Uhr morgens, als die Sandbank +schon stark von der Sonne beschienen wurde. Langsam,<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Schritt für +Schritt, stieg der erste Biber schwerfällig über die dünenartige +Fläche, wobei er die Kelle nachschleifen ließ (Abb. 2). Am Kolk +angelangt, schob er sich ebenso schwerfällig ins Wasser und schwamm, +nur den Kopf zeigend, zur anderen Seite hinüber, um hier ebenso +täppisch auszusteigen. Als er so ziemlich an das Rohr angelangt war, +sprang ich ihm entgegen und stellte mich auf den Wechsel, um ihn wieder +in den Tümpel zurückzutreiben. Doch diesen Scherz faßte er falsch auf, +ging zum Angriff über und biß mit seinen langen Nagezähnen durch den +Schaft meines Wasserstiefels, auch noch durch Beinkleid, Unterbeinkleid +und Strümpfe, und erst als ich ihm einen leichten Schlag auf den Kopf +versetzte, ließ er los, kehrte um und machte denselben Weg zurück.«</p><br> + +<figure class="figcenter illowp50" id="illu-017" style="max-width: 42.1875em;"> + <img class="w100" src="images/illu-017.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 2. Elbebiber, über eine Grasfläche wechselnd</b><br> +(Naturaufnahme von Amtmann Behr)</figcaption> +</figure> + +<p>Noch ein anderes hübsches Biberstückchen vom Januar 1913 aus Dessau! +Damals kam ein Biber in die sog. Wasservorstadt, nachdem er sich +schon im Herbst öfters dort hatte blicken lassen. Er entwickelte +eine ganz verblüffende Dreistigkeit und unternahm öfters am hellen +Tage Spaziergänge über den Wasserwall hinweg in die eingefriedigten +Gärten, um dort mit großem Behagen die Kohlköpfe zu verspeisen. +Auch zugeworfene Apfelstückchen nahm er gerne an und ließ sich bei +seinen Schmausereien durch Zuschauer nicht im geringsten stören, +obgleich einmal ein ganzes Mädchenpensionat um ihn versammelt war. Den +Schaden an den Kohlstrünken hätte man ihm gern verziehen, aber leider +benagte er auch die Obstbäume, und es wurde deshalb beschlossen, ihn +einzufangen und an die Forstverwaltung<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> abzuliefern. Bald war zur +Ausführung dieser schwarzen Tat ein Mann mit einem großen Sack zur +Stelle. Der Biber aber setzte sich ruhig hin und harrte der Dinge, die +da kommen sollten. Es sah aus, als wäre es eine Kleinigkeit, ihm den +Sack überzustülpen, aber sobald ihm der Mann den Sack vorhielt, sprang +der Biber mit Fauchen und Knurren nicht etwa in den Sack, sondern auf +den Mann. Sack und Mann verschwanden jedesmal nach der glänzenden +Attacke des Bibers, und schallendes Gelächter der Zuschauer belohnte +den Sieger. Dieses Schauspiel wiederholte sich einigemal, aber der +Biber ließ sich das wenig verdrießen, denn nachdem er seinen Gegner +schneidig abgewiesen hatte, ging er in aller Seelenruhe wieder an +seinen Kohl und labte sich. Schließlich sah man ein, daß dem Biber bei +seiner Tapferkeit und überlegenen Ruhe nicht beizukommen sei und ließ +ihn ungestört seines Weges ins nahe Wasser ziehen.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp96" id="illu-018" style="max-width: 48.75em;"> + <img class="w100" src="images/illu-018.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 3. Biberwechsel über eine Sandbank</b><br> +(Naturaufnahme von Amtmann Behr)</figcaption> +</figure> + +<p>Sportsegler, die im Sommer die Wasserreise von Dresden nach Potsdam +zu machen pflegen, haben mir oft versichert, daß sie auch bei Tag +auf Reisighaufen oder Weidenköpfen ruhende Biber antrafen, die sich +um die lautlos vorbeisegelnden Boote kaum kümmerten, sondern ruhig +weiter dösten, um erst im Wasser zu verschwinden, wenn man Lärm machte +oder ihnen gar zu nahe auf den Leib rückte. Besonders menschenscheu +kann man nach alledem den Elbebiber also unmöglich nennen, wenn er +auch unter gewöhnlichen Umständen immer genügend auf seine Sicherheit +bedacht bleibt. Erschwert wird<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> seine Beobachtung aber durch seine +nächtliche Lebensweise und durch die sumpfige Beschaffenheit des +Geländes, in dem man es an Sommerabenden vor Stechmücken kaum aushalten +kann. Die unverkennbaren Spuren seiner Anwesenheit müssen schon jedem +halbwegs aufmerksamen Spaziergänger auffallen, am meisten natürlich +die Burgen und abgeschnittenen Hölzer mit der sanduhrartig gestalteten +Schnittfläche und die herumliegenden Späne, auf denen sich der Eindruck +der großen Nagezähne deutlich erkennen läßt. Aber auch die regelmäßig +begangenen Wechsel stechen sehr ins Auge, sei es als deutliche Straßen +im hohen Wiesengrase, sei es als glatte Rutschbahnen am abschüssigen +Ufer, sei es als scharf ausgeprägte Fährte auf einer Sandbank. An +solchen Stellen kann man sowohl die Schwimmhäute der Hinterbeine wie +die Zehen der Vorderfüße deutlich erkennen, wenn auch alles durch den +nachschleifenden Schwanz etwas verwischt erscheint (Abb. 3). Stellt man +sich an einem solchen Wechsel etwas gedeckt an und verhält man sich nur +bewegungslos, so wird man namentlich an schönen, stillen Sommerabenden +oft die Freude haben, den Biber im nahen Wasser unter der Oberfläche +entlang schwimmen zu sehen, wobei er nur die Nasenspitze herausstreckt, +während sich zwei feine Striche im Wasserspiegel abzeichnen. Wo das +Tier sich ganz sicher fühlt, taucht es auch weiter aus dem Wasser +hervor, so daß der halbe Kopf und der Rücken hervorragen (Abb. 4). +Schließlich steigt der Biber an Land, schiebt sich schwerfällig die +Böschung hinauf, schüttelt sich das Wasser aus dem Pelz und trottet +langsam<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> am Ufer entlang, bis er nach einiger Zeit mit weithin hörbarem +Plumps wieder ins Wasser zurückfällt. War er irgendwie erschreckt +worden, so stößt er mit seinen breitruderigen Hinterfüßen kräftig +nach oben aus, schlägt gleichzeitig mit dem Schwanze laut klatschend +auf die Wasseroberfläche, was wohl ein Warnungszeichen für seine +Kameraden sein soll, und sinkt dann fast senkrecht in die Tiefe. Oft +aber gleitet er auch völlig lautlos ins feuchte Element, wenn nämlich +ringsum alles ruhig blieb. Beim Tauchen werden die auch auf der +Innenseite dicht behaarten Ohrmuscheln zusammengefaltet und so der +Gehörgang verschlossen, die durchsichtige Nickhaut über die kleinen +Rundaugen gezogen und die Nasenflügel mit Hilfe besonderer Muskeln fest +zusammengepreßt. Die Lehrbücher geben übereinstimmend an, daß der Biber +etwa zwei Minuten unter Wasser bleiben könne, dann aber zum Atemholen +wieder an die Oberfläche kommen müsse. Indessen ist diese Zeitangabe +sicherlich viel zu niedrig gegriffen. Ich selbst konnte mit der Uhr in +der Hand an einem in Gefangenschaft gehaltenen Biber feststellen, daß +er volle 10 Minuten unter Wasser blieb, und Behr sah in einem kleinen, +klaren Tümpel bei Steckby einen Biber sogar 14 Minuten lang ruhig auf +dem Grunde liegen, ehe er von neuem Atem schöpfte. Ein Förster und ein +Bühnenarbeiter wollen dasselbe 15 bis 20 Minuten lang beobachtet haben. +Die außergewöhnlich großen Lungen des Tieres vermögen ja auch eine ganz +bedeutende Luftmenge zu fassen. Das Geruchsvermögen des Bibers ist +gut entwickelt, während die etwas blöde dreinblickenden Augen stark +kurzsichtig sind. Die selten zu hörende Stimme ist leise knurrend, bei +Ärger zornig fauchend. Die noch im Bau liegenden Jungen wimmern nach +Mertens wie kleine Kinder.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-019" style="max-width: 58.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-019.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 4. Elbebiber ruhig schwimmend</b><br> +(Naturaufnahme von Amtmann Behr)</figcaption> +</figure> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-021" style="max-width: 59.25em;"> + <img class="w100" src="images/illu-021.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 5. Biberschnitte von Erlen bei Törten, unweit der +Mulde</b> + +<p class="s5 center">(Naturaufnahme von Amtmann Behr)</p></figcaption> +</figure> + +<p>Wenn man unsere Abb. 5 betrachtet, wird man sehr geneigt sein, den +Biber für einen argen Waldverwüster zu halten, denn er hat hier in +der Tat ganz greulich gewirtschaftet. Unser Erstaunen wird noch +wachsen, wenn wir hören, daß hier die Arbeit eines einzigen Bibers +vorliegt, der sich im Frühjahr 1913 als Einzelgänger bei Törten a. d. +Mulde aufhielt. Er war zugewandert, als an seinem alten Wohnorte die +Weidenanpflanzungen immer seltener wurden und hatte nun seinen Stand in +hohes Laubholz verlegt, wo er Espen fällte, darunter Stämme bis zu 40 +<span class="antiqua">cm</span> Durchmesser. Der Schlag erreichte schließlich eine Größe von +3/4 Morgen. Der Übeltäter war ein ungewöhnlich starkes Tier und wurde +von Förster Radtke, der ihn öfters beobachtete, auf 80, von anderen +sogar auf 90 Pfund<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> +geschätzt (Brehm gibt das Gewicht des Bibers mit 20 bis 30 <span class="antiqua">kg</span> +sicher zu niedrig an), ein Zeichen dafür, daß trotz unvermeidlicher +Inzucht noch keine Entartung des deutschen Biberbestandes eingetreten +ist. Trotz unserer lehrreichen Bilder ist der forstliche Schaden des +Bibers nicht so groß, wie vielfach angenommen wird, und wird eigentlich +nur dann wirklich empfindlich, wenn man den Tieren ihre natürliche +Hauptnahrung, nämlich Weiden- und Wurzelwerk von Wasserpflanzen, +schmälert. Es sind ja immer nur einzelne Stücke, die dazu neigen, +übermäßig zu schneiden und auch stärkere Bäume anzugehen. Man sollte +also die Schädlichkeit des Bibers nicht noch aufbauschen, wie es leider +vielfach geschieht, um Freund Bockert »interessanter« zu machen; es +fehlt ohnehin nicht an Stimmen, die den Abschuß der letzten Elbebiber +immer und immer wieder verlangen. Seine Arbeiten verrichtet der Biber +nur des Nachts bei völlig hereingebrochener Dunkelheit und läßt sich +dabei nicht gerne belauschen. Dies war sogar im Hamburger Tiergarten +der Fall, wo das Bibergehege einen besonderen Anziehungspunkt bildet. +Selbst in mondhellen Nächten konnten die Tiere nicht beim Fällen der +für sie eingepflanzten Pappelstümpfe beobachtet werden. Sie brauchten +29 Tage<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> zum Fällen eines 36 <span class="antiqua">cm</span> starken Baumes, weil sie +offenbar nur mit großen Unterbrechungen daran arbeiteten, da sie ja +anderweitige Nahrung im Überfluß hatten. Die von Brehm gepflegten Biber +zeigten sich etwas umgänglicher und schnitten schließlich auch in den +späteren Nachmittagsstunden. Zum Umlegen einer 8 <span class="antiqua">cm</span> dicken Weide +brauchten sie nur fünf Minuten. In Steckby vom Biber abgeschnittene +Stämme hatten gewöhnlich eine Dicke von 15 bis 30, manchmal aber auch +40 und selbst 60 <span class="antiqua">cm</span>, und zwar handelte es sich in diesem Falle +stets um Schwarz- oder Silberpappeln. Nach einem Berichte Friedrichs +wurde am Kühnauer See bei Dessau eine Pappel von 192 <span class="antiqua">cm</span> Umfang +in mehrjähriger, von großen Pausen unterbrochener Arbeit umgelegt. Für +mich unterliegt es gar keinem Zweifel, daß solche starke Bäume nicht +zu Nahrungszwecken, sondern lediglich zum Schärfen der Schneidezähne +angenommen werden, oft wohl auch nur aus Langeweile und Spielerei. +So sah ich im Gasthause in Aaken die Photographie einer riesenhaften +Pappel, die aus vier Stämmen zusammengewachsen war. An diesem +gewaltigen Baum hatten fünf Biber jahrelang genagt, natürlich nur ab +und zu. Dieses Biberfraßstück sollte auf eine Ausstellung nach Leipzig +geschickt werden, aber sein Umfang erwies sich als so groß, daß der +Transport unterbleiben mußte. Ein halbes Jahr später riß ein Sturm den +mächtigen Baum um, und zwar an der angefressenen Stelle. Schneereiche +Winter bereiten dem Schneiden mancherlei Schwierigkeiten. So sah ich +einen Stamm, der vom Biber zunächst in der gewöhnlichen Weise unten +angeschnitten war. Tiefer Schnee hatte ihn dann genötigt, die Arbeit +an einer höheren Stelle von neuem zu beginnen. Hier wiederum durch +stärkeren Schneefall vertrieben, hat er endlich in großer Höhe nochmals +angefangen und nun den Baum wirklich gefällt, der also unterhalb der +Bruchstelle noch zwei weitere tiefe Einschnitte zeigt. Pappeln und +Weiden sind die Lieblingsbäume des Bibers, er geht aber auch alle +anderen Weichhölzer des Auenwaldes an, mit Vorliebe Ahorn, Wildbirne, +Holzapfel und Haselstrauch, seltener die bitteren Schwarzerlen und +Eichen, nur ausnahmsweise die Birke und die Kiefer, die er aber +nicht entrindet, weil ihm wahrscheinlich ihr Harzgehalt zuwider ist. +Sehr gern werden neu auftauchende Baumarten heimgesucht, wie dies ja +auch von den Spechten bekannt ist. So erzählt Mertens, daß auf dem +Klostergut Prester eine ganze Reihe frisch gesetzter Apfelstämmchen in +wenigen Nächten abgeschnitten und ins Wasser geschleppt wurde.</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-023" style="max-width: 61.375em;"> + <img class="w100" src="images/illu-023.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 6. Biber zum Schneiden in einen Weidenbaum kriechend</b> +<p class="s5 center">(Blitzlichtaufnahme von Amtmann Behr)</p></figcaption> +</figure> + +<p>Seinem Schneideplatze nähert sich der Biber erst nach völlig +hereingebrochener Dunkelheit und mit erhöhter Vorsicht, wie sich dies +sehr hübsch auf unserer nach einer Blitzlichtaufnahme hergestellten +Abb. 6 sehen läßt, wo das Tier gerade in den zum Schneiden bestimmten +Weidenstrauch kriecht. Beim Schneiden nimmt es eine eichhörnchenartig +hockende Stellung an, und in den Erholungspausen setzt es sich fast +aufrecht, wobei es sich fest auf die Kelle stützt. Durch das schnelle +Schneiden entsteht ein schnarrendes Geräusch, und dünne Stangen fallen +schon nach Verlauf weniger Minuten. Während dünne Weidenzweige glatt +durchgenagt werden, erhält die Schnittfläche bei stärkeren Stämmen +schließlich das sanduhrartige Aussehen, das wir auf den Abb. 5 und 7 +gut bemerken können. Auf Abb. 7 sehen wir zugleich, daß Meister Bockert +manchmal auch vergeblich arbeitet, indem der Baum zwar fällt, aber +mit seinem Wipfel in den Nachbarbäumen hängen bleibt. Kommt der Stamm +dabei recht schräg zu liegen, so besteigt der Biber ihn wenigstens, +um die Rinde zu äsen. Am Schneideplatz liegen massenhaft Späne bis zu +10 <span class="antiqua">cm</span> Länge herum, denen die Spur der Nagezähne so deutlich +aufgeprägt ist, daß man nach ihrer größeren oder geringeren Breite +leicht das ungefähre Alter des Bibers bestimmen kann. Nähert sich die +Arbeit ihrem Ende, so rückt der Biber von Zeit zu Zeit von dem Stamm ab +und blickt spähend zum Wipfel empor, als ob er sich vergewissern wolle, +nach welcher Richtung hin der Baum wohl fallen wird. Er muß in dieser +Beziehung ein sehr gutes Urteilsvermögen besitzen,<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> denn nur äußerst +selten kommt es vor, daß ein Biber von dem fallenden Baum erschlagen +wird. Mir ist diesbezüglich nur ein gut beglaubigter Fall zu Ohren +gekommen. Mertens geht also immerhin zu weit, wenn er angibt, daß es +überhaupt niemals vorkäme. Ich vermute, daß auch die eigentümliche +sanduhrartige Form des Schnitte die Fallrichtung in bestimmter Weise +beeinflußt, aber über diesen Punkt wären noch weitere und gründlichere +Untersuchungen notwendig. Die beim Schneiden gewonnene Rinde wird +gleich an Ort und Stelle behaglich zerschrotet. Die gefällten Bäume +werden dann nach und nach in »handliche« Stücke zerschnitten, aber +nicht entrindet, und allmählich ins Wasser geschleppt, besonders +die Weiden. Muß das Tier dabei über Sandbänke hinweg, so entstehen +auf diesen förmliche Schleifbahnen (Abb. 8). Das Hinabschaffen der +Zweige an den mit Gestrüpp bewachsenen Steilufern wäre nicht leicht, +wenn jedesmal eine andere Stelle benützt werden sollte, und deshalb +schafft sich Meister Bockert durch beständige Benutzung der gleichen +Stelle eine Schlittenbahn, auf der er mit seinen Vorräten leicht und +vergnüglich hinabrutscht. Die eingesammelten Hölzer bilden schließlich +ein Floß vor dem Eingang zum Biberbau, und im Wasser erhält sich die +Rinde namentlich der Weidenzweige frisch und schmackhaft und kann dann +an ungemütlichen Wintertagen als Nahrungsvorrat dienen. Der Biber +futtert ja am liebsten naß. Aus dem Gesagten erhellt schon, daß die +Anlage von Weidenpflanzungen die erste Vorbedingung für das Gedeihen +dieser Tiere ist. Exinger beobachtete an seinen gefangenen Bibern, die +er auf einem ziemlich großen Teiche hielt, daß sie ein feines Vorgefühl +für die kommende Witterung haben und sich nach ihr zu richten wissen. +Eines Abends<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> machten sie sich bei schönem Wetter plötzlich mit großer +Hast an die Arbeit, Stämme in ihren Teich zu schleppen. Binnen einer +einzigen Nacht hatten sie 186 Stämme von 2 bis 3 <span class="antiqua">m</span> Länge und +8 bis 11 <span class="antiqua">cm</span> Dicke ins Wasser geschafft, und wirklich trat ein +Witterungsumschlag ein, und 24 Stunden später war der ganze Teich fest +zugefroren und mit einer 7 <span class="antiqua">cm</span> dicken Eiskruste bedeckt.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-024" style="max-width: 61.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-024.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 7. Vom Biber angeschnittene und oben hängen +gebliebene Rüster</b></figcaption> +</figure> + +<figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="illu-025" style="max-width: 59.25em;"> + <img class="w100" src="images/illu-025.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 8. Holzschleife des Bibers nach dem Wasser (Elbe) +bei Steckby</b></figcaption> +</figure> + +<p>Neben Weidenzweigen bilden die Wurzeln von allerlei Sumpf- und +Wasserpflanzen die Hauptnahrung des Bibers, wodurch sich auch seine +Vorliebe für die alten und toten Elbearme und die kleinen Seen im +Urstrombette erklärt. Bevorzugt werden die süßen Wurzelknollen vom +Rohr, Schilf und namentlich der beiden Wasserrosen. Der Biber beißt +sie unter Wasser ab, so daß sie zur Oberfläche emporsteigen, oft viele +an einer Stelle. Wo Zuckerrübenfelder in der Nähe des Wassers sich +befinden, werden sie auch nächtlicherweile vom Biber gern heimgesucht. +Während der schönen Jahreszeit werden als Zukost auch die zartesten +Blätter und Blüten der Wasserpflanzen verspeist, junges Gras auch +nicht verschmäht und sogar Seerosenfrüchte aufgenommen, deren harte +Samenschalen unverdaut wieder abgehen. Mertens hatte einmal einen +merkwürdigen Anblick, indem auf der von leichtem Nebel verschleierten +Wasserfläche eine weiße Welle sich zu nähern schien. In Wirklichkeit +war es ein Biber, der Seerosenblüten in großer Zahl gepflückt und in +den Fang genommen hatte, so daß sie rechts und links wie ein Strauß +heraushingen.</p> + +<p>Die gewöhnlichen Wohnbaue der Biber werden ganz nach Art des +Fischotters im Steilufer des Flusses angelegt, womöglich der größeren +Festigkeit halber im Wurzelgeflecht einer alten Eiche, Rüster oder +Weide, immer so, daß das Tier auch bei niedrigem Wasserstande<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> unter +Wasser in seine Behausung gelangen kann. Bisweilen wird dabei der +schützende Baum derartig unterwühlt, daß er schließlich zum Umstürzen +gebracht wird, wie dies im Aakener Hornhafen vorgekommen ist. Auch am +Nordufer des Steinsees haben die Biber eine 80 <span class="antiqua">cm</span> starke Eiche +durch Unterwühlen des Erdreichs zu Fall gebracht. Alte Baue können im +Laufe der Zeit einen recht beträchtlichen Umfang annehmen, und manche +Röhren führen dann so niedrig unter der Erdoberfläche entlang, daß +das Begehen oder Befahren solcher Uferstrecken geradezu gefährlich +wird und namentlich bei der Heuernte gar nicht selten Menschen oder +Pferde durchbrechen. Der Biber fährt dann erschrocken aus seinem Bau +und flüchtet ins Wasser. Noch schlimmer wird die Sache, wenn die Biber +in den Deichen wühlen, was glücklicherweise selten vorkommt. Doch muß +die Strombauverwaltung in dieser Beziehung immer ein scharfes Auge +auf sie haben. Auch in solchen Fällen ist es nicht nötig, die Tiere +abzuschießen, weil sie sich auch durch andere Mittel leicht vergrämen +lassen. Mertens gibt an, daß der Damm bei Ranies in den Jahren 1920 +und 1921 stark unterwühlt war und deshalb mit großen Kosten wieder +ausgebessert werden mußte; die Gesamtlänge der damals aufgegrabenen +Röhren soll nicht weniger als 86 <span class="antiqua">m</span> betragen haben. In den +Wohnkessel des Baus werden einige derbe Holzprügel eingetragen und zu +ganz feinen Spänchen zernagt, wodurch eine weiche Unterlage geschaffen +wird.</p> + +<p>Wo Ruhe im Revier herrscht und der Biber sich unbehelligt weiß, +errichtet er außer diesen Bauen, die dann nur als Notwohnungen dienen, +auch noch sog. Burgen, wie ich selbst eine am Schmiedersee besichtigen +konnte. Sie sind oberirdisch sichtbar und haben backofenförmige +Gestalt (Abb. 9). Diese Burg fiel schon von weitem durch die teilweise +entrindeten und deshalb weißen Weidenzweige auf, die zu ihrer +Herstellung verwendet waren. Obenauf lagen lange, trockene Rohr- und +Schilfhalme. Die Baustoffe werden nicht etwa sorgfältig angeordnet, +sondern liegen wirr, kreuz und quer durcheinander, so daß der ganze +Bau ein sehr sparriges Aussehen erhält. Früher befand sich dort mitten +im Wiesengelände eine zweite Biberburg dicht beim sog. Försterfriedhof +auf einer kleinen Erhebung, die den winzigen Rest der sog. Schmiedburg, +eines alten Bollwerks der Sachsen gegen die Wenden, darstellt. Im +Goldberger See bei Lödderitz befindet sich gleichfalls im Schilf und +Rohr versteckt eine regelrechte Biberburg, die ziemlich hoch und +etwa 3 <span class="antiqua">m</span> breit ist. Zu den Burgen führen im tieferen Wasser +mündende Geschleife.<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> Ändern sich die Örtlichkeitsverhältnisse in +unerwünschter Weise, so verlegen die Biber ihren Wohnsitz. So lebte +vor einigen Jahren ein Paar im sog. Kuhlenhagen. Da aber dieser Teil +der alten Elbe Fischreichtum aufwies und infolgedessen immer stärker +befischt wurde, haben sich die ruheliebenden Tiere nach dem nördlichen +Teile der Kreuzhorst verzogen, wo sie unter Naturschutz stehen und +deshalb weniger gestört werden. Fortwährend haben die Tiere an ihren +Burgen herumzubasteln, zu ändern, zu vergrößern und zu verbessern. +Alle erforderlichen Dichtungsstoffe, wie Gras, Erde, Sand, Lehm und +Schlamm, werden (wie auch bei den Dammbauten) nur mit dem Maule und mit +den Händen bewegt und ausschließlich mit letzteren verarbeitet, also +nicht mit der Kelle, welches unausrottbare Märchen sich immer wieder +in den Büchern fortpflanzt. An schönen, ruhigen Tagen sonnt sich der +Biber gerne auf dem Dache seiner Burg oder auf in der Nähe befindlichen +Kopfweiden, oder er richtet sich als lauschige Ruheplätzchen besondere +Sassen her. Die Sasse, von der ich selbst einen Biber aufscheuchte, +war in den lehmigen Morast eingetieft und mit trockenem Gras und Laub +gepolstert, übrigens so angelegt, daß bei nahender Gefahr ein einziger +Satz das Entkommen ins Wasser ermöglichte.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp58" id="illu-027" style="max-width: 42.1875em;"> + <img class="w100" src="images/illu-027.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 9. Biberburg am Schmiedersee</b> +<p class="s5 center">(Naturaufnahme von Oberpostsekretär Winkelmann)</p></figcaption> +</figure> + +<p>In Amerika, wo es noch viele Biber gibt, vermögen die in +großen Siedlungen hausenden Tiere durch ihre Arbeiten geradezu +landschaftgestaltend zu wirken, indem sie durch Aufführung von oft +100 <span class="antiqua">m</span> langen und 2 bis 3 <span class="antiqua">m</span> hohen Dämmen weite Strecken<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> +der Flußläufe in eine Seenkette verwandeln und durch ihre Holzschläge +in den benachbarten Waldungen ausgedehnte Lichtungen, die sog. +Biberwiesen, schaffen. Damit ist es für Deutschland natürlich längst +vorbei. Immerhin legen auch die wenigen Elbebiber bei niedrigem +Wasserstand hier und da einmal Stauwerke an, die wegen der planvollen +Umsicht der vierbeinigen Ingenieure immer wieder unsere Bewunderung +herausfordern. Ist ja doch der Biber in dieser Beziehung geradezu der +Lehrmeister des Menschen gewesen! So hatten vor einigen Jahren die +Biber unterhalb Breitenhagen ein Wasserloch vollständig abgedämmt. +Als im Forstamt Witlingkau ein Teich abgelassen und auch der dazu +gehörige Bach trocken gelegt wurde, fanden die Biber bald die Ursache +des Wassermangels heraus und verbauten daher das Zapfenhaus mit Schilf +und Schlamm derart, daß kein Tropfen mehr durchkam. Auf diese Weise +wollten sie sich das Wasser erhalten, und es kostete nicht geringe +Mühe, die Verdämmung zu beseitigen. Einen regelrechten Biberdamm, der +quer über einen Arm der Altelbe bei Wartenburg gezogen war, sehen +wir auf Abb. 10. Einen anderen Damm hatten die Biber nach Friedrich +1891 im Bruchgraben beim Kühnauer See aufgeführt. Er war geradlinig, +1-1/2 <span class="antiqua">m</span> hoch und 3 <span class="antiqua">m</span> breit. Zur Verwendung gelangten +meterlange Knüppel von 10 bis 15 <span class="antiqua">cm</span> Dicke, die Zwischenräume +waren mit Haselreisig ausgefüllt und schließlich das Ganze mit +schlammigen Rasenstücken so gut abgedichtet, daß es für Wasser +vollkommen undurchlässig und fest genug war, um einem erwachsenen +Menschen das Begehen des Dammes zu ermöglichen. Mertens erwähnt zwei +weitere Dammbauten, die aber des hier besonders reißenden Wassers wegen +nicht gerade verliefen, sondern halbmondförmig ausgebuchtet waren. Die +durch sie bewirkte Hebung des Wasserspiegels betrug etwa 30 <span class="antiqua">cm</span>. +Beschädigungen durch Menschenhand an den Biberdämmen werden von den +Tieren sehr rasch wieder ausgebessert. Bei dem abgebildeten Damm z. +B. hatten Fischer ein großes Loch hineingerissen, um mit ihrem Kahn +hindurchfahren zu können, aber schon am nächsten Morgen war die Lücke +aufs gründlichste wieder verschlossen. Endlich schafft sich der Biber, +der ja viel lieber und sicherer schwimmt als geht, auch noch besondere +Schwimmkanäle, wenn das Gelände zu sehr versumpft, indem er die Rinnen +durch fortgesetzte Benützung vertieft, auch wohl durch Herausheben von +Schlammerde mit den Pfoten nachhilft.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp65" id="illu-0298" style="max-width: 46.9375em;"> + <img class="w100" src="images/illu-029.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 10. Biberdamm bei Wartenburg in einem alten Elbearm</b> +<p class="s5 center">(Naturaufnahme von Amtmann Beyr)</p></figcaption> +</figure> + +<p>Die gewöhnliche Zahl der Jungen beträgt vier, entsprechend den vier +Zitzen des Muttertieres; drei oder gar nur zwei Junge<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> kommen öfters +vor, während mir ein Wurf von fünf Jungen nur in einem einzigen Fall +bekannt geworden ist. Amtmann Behr hatte einmal das große Glück, +Jungbiber im Bau zu beobachten. Er schreibt mir darüber: »Im Juni +1908 war Hochwasser eingetreten und hatte die Biber aus der Saale ins +Binnenland getrieben. Da bekam ich von Patretz Drahtnachricht, es sei +ein Biberbau mit Jungen gefunden. Schnell wurde der Photoapparat und +ein halbes Schock Kassetten gepackt, und fort ging's, dem Ziele zu. Es +herrschte glühende Hitze, und die Tierwelt schien wie ausgestorben. +Nur Tausende und aber Tausende von Mücken und Stechfliegen erhoben +sich aus den üppigen Wiesen, Weidenbüschen und Sumpflachen. Endlich +zeigte mein Führer lautlos nach einer Kopfweide, die an einem mit +hohen Ufern versehenen Bächlein stand. Ich kroch lautlos durch ein +Weizenstück, das teilweise unter Wasser stand. Vorsichtig hob ich +dann den ausgestreckten Kopf, auf dem bereits unzählige Mücken und +Stechfliegen Platz genommen hatten. Da bot sich mir ein unvergeßlicher +Anblick: eine starke Bibermutter mit vier Jungen lag am jenseitigen +Grabenufer in einer Erdhöhle unter Weidengestrüpp, Rohr und +schilfartigem Gras! Offenbar handelte es sich hier um einen Notbau, +denn es war lediglich eine kesselförmige Vertiefung unter dem dichten +Weidenstrauch. Die Jungen erkletterten den Rücken der Alten, purzelten +wieder herunter und ließen ein lautes Fauchen hören. Auch die Alte +wälzte sich öfters herum, geplagt durch unzählige Fliegen, und hatte +offenbar keine Ahnung von meiner Gegenwart. Leider war die Beleuchtung +in der Höhle so schlecht und die Unruhe in der<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Familie so groß, daß +nur Momentaufnahmen gemacht werden konnten, die zur Reproduktion nicht +scharf genug sind, aber immerhin wertvolle Natururkunden bilden. Als +mein Begleiter näher kam, erhob sich langsam die Mutter, um gleich +darauf blitzschnell im Wasser zu verschwinden. Ein undeutlicher Strich +zeigt auf der Aufnahme den Weg an, den sie genommen, und einige +Luftbläschen stiegen aus dem ruhig dahinfließenden Wasser empor. +Schließlich stieg ich zu den Jungen hinüber und gewahrte nun erst, +daß zwei davon verendet und mit Schmeißfliegen bedeckt am Rande der +backofenförmigen Vertiefung lagen, während die beiden Überlebenden +den Eindringling mit ihren kleinen blauen Augen erstaunt ansahen und +fauchende Töne ausstießen. Schnell wurden einige Aufnahmen mit der +Handkamera gemacht, und zurück ging's auf den alten Platz. Immer noch +ließ sich die Alte nicht sehen. Da kam der eine Jungbiber auf den +Ausstieg der Mutter und fuhr gleichfalls zu Wasser, wohin ihm der +andere sofort folgte. Nun konnte auch ich nach 3-½stündiger Arbeit, +die eine große Reihe von Aufnahmen geliefert hatte, den Heimweg wieder +antreten, voller Holzläuse und anderem Ungeziefer, gründlich von den +Mücken zerstochen, zu Tode erschöpft, aber von dem Gedanken beseligt, +der Wissenschaft einen Dienst erwiesen zu haben.«</p> + +<p>Wie unheimlich rasch die Abnahme der Biber an manchen Örtlichkeiten +vor sich geht, erhellt aus einer Zuschrift des Herrn Winkelmann, der +beispielsweise an einer langgestreckten Wasserlache, die zwischen +Fährbuhne und Badeanstalt bei Aaken sich hinzieht und nach dem Walde +zu Steilufer hat, im Jahre 1915 noch zwölf Baue zählte. »Jetzt sind +diese Baue sämtlich verlassen, die Biber teils von Wilddieben gefangen, +teils ausgewandert. Wenn man in Aaken Sonntags die Kirchgänger mustert, +kann man oft Leute in Biberpelzen sehen, womit man die einfachste +Erklärung für das Verschwinden der Biber vor sich hat. Jetzt haben +die Kürschner in Köthen und Dessau strenge Anweisung, Überbringer von +frischen Biberpelzen festzustellen und zur Anzeige zu bringen.« Diese +Bestimmung ist sehr wichtig und erfreulich, sie müßte aber vor allem +noch durch eine scharfe Beaufsichtigung der wandernden Fellhändler +ergänzt werden. Auch die Kürschner, die frische Biberfelle aufkaufen, +müßten als Hehler bestraft werden, denn sie wissen ganz genau, daß +solche Felle nicht rechtmäßig erworben sein können. Noch ist es +nicht zu spät, einschneidende Maßregeln für die dauernde Erhaltung +unseres letzten, hartbedrängten Biberstandes zu treffen, aber es ist +höchste, ja allerhöchste<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Zeit! Neuerdings hat sich namentlich Herr +Zehle, der sich als Maler und Bildhauer die künstlerische Darstellung +des Bibers zur besonderen Aufgabe gemacht hat, in Wort und Schrift +des Bibers warmherzig und nachdrücklich angenommen, und es wäre nur +dringend zu wünschen, daß seine hauptsächlich in den Jagdzeitungen +erscheinenden Aufrufe nicht ungehört verhallen. Er fordert vor allem +eine entsprechende Vermehrung der Aufsichtsbeamten, und da die wenigen, +überdies sonst stark in Anspruch genommenen Forstleute für den +Biberschutz nicht ausreichen, solle man dazu in passender Weise auch +die Fährmeister heranziehen, vielleicht auch geeignete Privatpersonen. +Für die Abfassung oder Ermittlung von Lumpen, die den Bibern +nachstellen oder ihre Baue und Burgen zerstören, müßten Geldbelohnungen +öffentlich ausgeschrieben werden. Die Strafen wären so scharf als +möglich zu fassen. Mit Unkenntnis kann sich niemand entschuldigen, +denn im Bibergebiet weiß jeder Mensch, wie der Biber aussieht und daß +er gesetzlich geschützt ist. Weiter müßten die Weiden erhalten oder +neu angepflanzt werden. In dieser Beziehung wird noch viel gesündigt. +Man nimmt dem Biber seine natürliche Äsung und schreit dann Zeter und +Mordio, wenn er aus Not und Hunger bei den angepflanzten Nutzhölzern +Ersatz sucht. Bei Bemessung der Pachtpreise für die Weidengehege sollte +eben von vornherein auf den unvermeidlichen Biberschaden Rücksicht +genommen werden. Die Weidenpächter wären streng zu verpflichten, die +Biber in Ruhe zu lassen und insbesondere keine Biberburgen abzubrennen, +wie sie dies gerne tun. Ähnliches gilt für die Fischereipächter. Am +besten würde man die Fischwässer im Bibergebiet überhaupt nur an +Forstbeamte verpachten, die dann keine Stellnetze und Flügelreusen +verwenden und in unmittelbarer Nähe der Biberbaue gar nicht fischen +dürften. Wichtig wäre es auch, den Jägern das Auslegen von Tellereisen +für Fischottern zu verbieten und bei Hochwasser Zufluchtstätten für die +Biber zu errichten.</p> + +<p>Herr Zehle ruft zur Gründung eines Biberschutz-Vereins nach Art des +Wisentschutz-Vereins auf, und wir wollen nur hoffen und wünschen, +daß er damit Erfolg hat. Er ist der Meinung, daß bei nachdrücklicher +Durchführung der Schutz- und Hegemaßnahmen der Elbebiber seinen +jetzigen Bestand nicht nur wahren, sondern auch mehren und sein +Verbreitungsgebiet weiter ausdehnen würde, so daß er im Laufe der Zeit +wieder als wertvolles Jagdwild in Betracht kommen könnte, zumal er +sich von der Elbe aus auch leicht wieder in der Romintener Heide, im +Zehlau-Bruch und an anderen geeigneten<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Orten einbürgern ließe. Ich +selbst denke allerdings nicht so optimistisch, sondern glaube, daß alle +Ausdehnungsversuche an der leidigen Habsucht der heutigen Menschheit +scheitern werden. Immerhin wird sich der Biber bei genügendem Schutz an +der Elbe wohl noch einige Jahrzehnte halten, aber es wäre angezeigt, +auch für die Zukunft und damit für eine dauernde Erhaltung vorzusorgen. +Mit vollem Recht ist deshalb schon der Vorschlag gemacht worden, einige +Biber einzufangen und auf den Besitzungen des »Vereins Naturschutzpark« +in der Lüneburger Heide anzusiedeln.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Der_Nerz">Der Nerz</h2> +</div> + +<p>Ob man den Nerz, dieses merkwürdige Zwischenglied zwischen Fischotter +und Marder, heute wohl überhaupt noch in einem Verzeichnis deutscher +Säugetiere mit aufführen darf? Es gibt viele Tierkundige, die diese +Frage verneinen. Unser Jagdgesetz ist anderer Ansicht, denn es nennt +den Nerz immer noch in der Liste der jagdbaren Tiere. Ich selbst kann +mir auch nicht gut denken, daß der Schwimmarder, wie man ihn treffend +nennen könnte, bei uns schon gänzlich ausgestorben sein soll, denn +trotz aller öden Gleichmacherei der Natur durch die sog. Kultur gibt +es doch im ostpreußischen Memeldelta und an den Masurischen Seen, an +den verschilften Teichen der schlesischen Bartschniederung, an den +brandenburgischen Luchen und beim mecklenburgischen Großgrundbesitz +noch verschwiegene Winkel genug, die allen Anforderungen dieses +Seltlings durchaus entsprechen und wo immer noch das eine oder andere +Pärchen unbeachtet oder unerkannt sein Dasein fristen mag. Allerdings +war der Nerz (Abbildung 11) von jeher ein nordöstliches Tier und als +solches in Süddeutschland wohl überhaupt nie heimisch, wenigstens nicht +in geschichtlicher Zeit, auch in Norddeutschland nie eigentlich häufig, +sondern immer nur in einzelnen Gegenden, gewissermaßen in versprengten +Stämmen vorhanden. Schon Wildungen klagt 1799, daß der Nerz so selten +und manchem wackeren Weidmann überhaupt unbekannt sei. Vor allem muß +betont werden, daß der Nerz wegen seiner ausgesprochenen Menschenscheu +und seiner streng nächtlichen Lebensweise an seinen versteckten und +schwer zugänglichen Aufenthaltsorten überaus schwer zu beobachten ist +und von Unkundigen gewöhnlich mit dem Iltis oder mit einem jungen +Fischotter verwechselt wird. Sein<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> sumpfiges Wohngebiet ist oft so +unzugänglich, daß es überhaupt nur im Winter bei Frost betreten werden +kann.</p> + +<p>Dann eine Frage: Wie viele Jäger oder Naturforscher gibt es denn +in ganz Deutschland, die imstande sind, bei fahlem Mondschein das +undeutliche Etwas auf der Wasserfläche richtig als das Köpfchen eines +schwimmenden Nerzes anzusprechen? Nur höchst selten fügt es einmal der +Zufall, daß ein Nerz von scharfen Teckeln oder Foxterriers aus dem +Wurzelgeflecht am Steilhang eines Baches oder Teiches aufgestöbert +wird, aber der Herr des Hundes hält dann, selbst wenn er den grünen +Rock trägt, also eigentlich in der heimischen Tierwelt gründlich +Bescheid wissen sollte, das herausgejagte flinke Tierchen in der Regel +für einen Iltis und wundert sich höchstens darüber, daß dieser »Iltis« +so gut schwimmen und auch ebenso gut tauchen kann.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-033" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-033.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 11.<br> +Zuchtnerz der Hirschegg-Riezlern-Pelztierfarm, in der unter Leitung von<br> +Dr. Fritz Schmidt mit aus Kanada eingeführtem Zuchtmaterial recht gute<br> +Erfolge erzielt werden</b> +<p class="s5">(Nach einer von der Deutschen Versuchszüchterei edler Pelztiere G. +m. b. H. & Co., Leipzig zur Verfügung gestellten photographischen +Aufnahme)</p></figcaption> +</figure> + +<p>Selbst die sorgfältigste Untersuchung der Fährte gibt keine volle +Sicherheit, da die kurze, charakteristische Schwimmhaut zwischen den +Zehen des Nerz bei gewöhnlicher Gangart selbst in weichem Boden sich +nicht mit abdrückt. Und doch sind beide Tiere für den aufmerksamen +Beobachter kaum zu verwechseln. Flüchtet das aufgescheuchte Geschöpf +sofort ins Wasser und taucht es hier gar anhaltend,<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> so handelt es sich +sicher um den Nerz, denn der Iltis ist durchaus kein Freund der Nässe, +sondern entfleucht stets aufs feste Land und sucht hier womöglich einen +erhöhten Standpunkt zu gewinnen. Ich trete der Auffassung Schlotfelds +bei, wenn er z. B. sagt: »Unsere hannoverschen Bültenmoore, der +Schrecken und andrerseits wieder die Freude der Jäger, sind nur unter +den größten Anstrengungen zu bejagen und oft lange Zeit hindurch ganz +unzugänglich. Hier herrscht absolute Ruhe, und mancher Nerz mag hier +noch in aller Beschaulichkeit hausen, von dessen Vorhandensein kein +Mensch eine Ahnung hat.« Auch Ziegler schrieb schon 1848, daß der Nerz +sicherlich viel häufiger sei, als man allgemein glaube.</p> + +<p>Die Gegend von Bremen war oder ist der westlichste Verbreitungspunkt +des Nerz, und von hier aus erstreckt sich sein Gebiet durch die +baltischen Länder nach dem nördlichen und mittleren Rußland, während +er z. B. in der Krim fehlt, ebenso wie seine Lieblingsnahrung, die +Krebse. Noch häufiger wird der Nerz in Sibirien, China und Japan, in +welchen Ländern eigene geographische Rassen sich herausgebildet haben, +wogegen der nordamerikanische Nerz, der sog. Mink, eine besondere Art +vorzustellen scheint. Um die Jahrhundertwende herum kamen jährlich +etwa 370000 Minkfelle gegenüber 55000 meist sibirischen Nerzfellen in +den Handel. Da also der Mink noch viel häufiger ist, sind wir auch +über seine Lebensweise ungleich besser unterrichtet als über die +des echten Nerz, von der wir eigentlich verblüffend wenig wissen. +Die Kenntnis seiner Fortpflanzungsgeschichte z. B. beschränkt sich +fast nur auf Vermutungen, und es wäre dringend zu wünschen, diese +beschämende Lücke auszufüllen, ehe es dazu durch völliges Aussterben +des Tieres zu spät wird. Hoffentlich bewahrheitet sich aber auch +beim Nerz das alte Sprichwort, daß die Totgesagten noch recht lange +leben. Ihm vor allen sollte auch in den großen Naturschutzparken eine +letzte Zufluchtstätte gewährt werden. Schon in Livland kommt er noch +regelmäßig vor, wenn auch sehr selten; immerhin wird alljährlich hier +und da einer geschossen, namentlich in den östlichen und nördlichen +Landesteilen, wo nach Mitteilung des Barons von Loewis Händler immer +noch eine Anzahl Felle von den unwissenden Bauern als Iltisfelle +aufkaufen. Ende März 1905 ging ein dortiger Oberförster aus dem Walde +heimwärts, als seine Teckel bei einem Bruch und einer Holzbrücke +unruhig wurden und hitzig verbellten. Herausgestöbert wurde ein starker +männlicher Nerz und glücklich erlegt. Trotzdem arbeiteten die Hunde +weiter fort, und bald darauf kam schwimmend im Wasser<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> ein zweiter Nerz +zum Vorschein, der leider angeschossen verloren ging. In Siebenbürgen +soll der Nerz heute auf einen winzigen Platz im sumpfigen Maroschtale +beschränkt sein; Skelettfunde beweisen aber, daß er früher in diesem +Lande viel weiter verbreitet war. Für Schlesien wird der Nerz noch +von Gloger angeführt, der aber bereits darüber klagt, daß das Tier +überall da rasch verschwinde, wo Entwässerungsarbeiten vorgenommen +werden. Auch Brehm kannte schlesische Nerze aus eigener Anschauung, +und nach Schlotfeld erhielten die Schweidnitzer Kürschner noch in den +80er Jahren öfters Nerzfelle durch die Bauern, die sie für besonders +dunkle Iltisse hielten. In der Provinz Posen wurde 1892 ein Nerz +erlegt. Am hoffnungsvollsten lauten wieder einmal die Nachrichten +aus dem tierreichen Ostpreußen. Hier führt Rathke 1846 den Nerz noch +als sicheres Standwild auf, ohne allerdings selbst einen gesehen zu +haben. Zwar entpuppte sich ein später in der Oberförsterei Johannisburg +erlegter angeblicher Nerz bei näherer Untersuchung durch von Hippel +als Iltis, aber doch liegen auch aus neuerer Zeit sichere Beweise +seines Vorkommens vor. So erlegte Förster Gerhardt in Skirwieth +(Kreis Heidekrug) am 6. August 1902 ein Stück, dessen Schädel dem +Ostpreußischen Fischereiverein übergeben wurde und durch diesen in das +Königsberger Museum gelangte. Endlich wurde am 3. April 1908 im Kreise +Ortelsburg ein Nerz geschossen und an das Berliner Museum eingeliefert. +Es ist dies meines Wissens der vorläufig letzte sichere Nerz, der +auf deutschem Boden erbeutet wurde. Wenn seitdem auch aus Ostpreußen +nichts mehr über Nerze verlautete, so ist dies bei der Unbekanntheit +des Tieres und der großen Schwierigkeit seiner Beobachtung noch lange +kein Beweis für sein völliges Ausgestorbensein.<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[A]</a> In Pommern scheint +es dagegen schon seit längerer Zeit tatsächlich keine Nerze mehr zu +geben. Länger hat sich der Nerz im seenreichen Mecklenburg und im +Lauenburgischen gehalten, wo er namentlich von Ludwigslust, Wismar und +vom Müritzsee sowie aus der Umgebung von Lübeck öfters erwähnt wird. +Diese Angaben reichen bis zum Jahre 1896, und es ist durchaus nicht +ausgeschlossen,<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> daß das Tier in einsamen Brüchen auch heute noch dort +vorkommt, wenn auch nur als große Seltenheit. Besondere Verdienste +um die Beobachtung der dortigen Nerze hat sich Förster Claudius +erworben, der darüber eingehend an Brehm berichtete. Danach umfaßte +das Verbreitungsgebiet bei Lübeck zwar nur wenige Quadratmeilen, aber +in diesem war das Tier keineswegs besonders selten und jedem Jäger +unter dem Namen Ottermenk bekannt. Sonst heißt er im Volksmunde auch +noch Krebsotter, Steinhund, Schwimmarder, Wasserwiesel, Wassermenk +und Sumpfotter — alles recht bezeichnende Namen —, während ihn +baltische Jäger unter dem Namen Norke kennen. Claudius, der 1868 +selbst ein lebendes Nerzweibchen fing und an Brehm schickte, während +1878 ein Jungnerz von einem scharfen Hühnerhund erwürgt wurde, traf +das Tier namentlich an der Wagenitz, dem zwei Meilen langen Abfluß +des Ratzeburger Sees in die Trave bei Lübeck. Hornung hält allerdings +alle diese Angaben für veraltet und ist der Ansicht, daß der Nerz bald +darauf dort völlig ausgestorben sei, aber dem steht entgegen, daß +auch Schlotfeld im Hochsommer 1906 den Nerz im Wietzebruch antraf, +einem früher durch die weit ausgelegten Geweihe seiner Rothirsche +jagdlich berühmten Revier. Eine Verwechslung mit Iltis oder Fischotter +hält er für ausgeschlossen, obwohl er nicht schießen konnte, da der +aufgestöberte kleine Räuber sich mutig in die Lefzen seines Hundes +verbissen hatte. Bei Plön wurden 1864 zwei Nerze gefangen, und es hat +den Anschein, als ob sie damals im östlichen Holstein noch ziemlich +verbreitet waren. Im Blockland von Bremen wurde in den 80er Jahren ein +Nerz geschossen und gelangte in das Städtische Museum. Dies ist also +der bisher westlichste Verbreitungspunkt, da angebliche Beobachtungen +aus der Gegend von Emden nicht durch ein Belegstück erhärtet werden +konnten. Nach Bechstein kam der Nerz Ende des 18. Jahrhunderts noch +vereinzelt an der Leine bei Göttingen vor, Anfang des 19. Jahrhunderts +wurde ein Stück an der Werra erlegt, 1852 nach Blasius eines im Harz +in der Grafschaft Stolberg und 1858 eines an den Riddagshausener +Teichen, also unmittelbar vor den Toren Braunschweigs. Vielleicht ist +dieses Stück identisch mit dem Nerz, den Forstrat Hattich als 1859 +im Forstgarten bei Braunschweig erlegt meldet. Gewisse Stellen der +Lüneburger Heide scheinen noch bis in die neueste Zeit hinein Nerze +beherbergt zu haben. Wenigstens meldet Merk-Buchberg aus anscheinend +zuverlässiger Quelle, daß bei Wilsede kurz vor Erwerbung der dortigen +Ländereien durch den »Verein Naturschutzpark«<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> noch zwei Nerze +geschossen worden seien. Diese auch mir mündlich von dortigen Anwohnern +gemachte Mitteilung erscheint mir um so glaubwürdiger, als ich selbst +bei meinem ersten Besuche dieser Gegend das seltene Glück hatte, einen +vom Hunde aufgestöberten Nerz ins Wasser plumpsen und wegtauchen zu +sehen. Es wäre herrlich, wenn gerade hier unter dem tatkräftigen +Schutze des Vereins der Nerz auch heute noch lebte, was nicht unmöglich +ist, obschon Nachrichten aus neuester Zeit fehlen. Außerdem bin ich +in meinem ganzen Leben nur noch einmal flüchtig mit dem Seltling +zusammengetroffen: es war anfangs der 90er Jahre auf dem ornithologisch +berühmten Möwenbruch bei Rossitten auf der Kurischen Nehrung.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp86" id="illu-0037" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-037.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 12. Nerz beim Beschleichen von Beute auf dem Lande</b></figcaption> +</figure> + +<p>Bruchartige, verschilfte Teiche und Seen oder ganz langsam schleichende +Flüsse und Kanäle mit von Baumwurzeln durchsetzten Ufern bilden den +Lieblingsaufenthalt unseres Schwimmarders, der also kein Freund +starker und reißender Strömungen ist. Je stiller, einsamer und +unzugänglicher eine Gegend ist, desto angenehmer ist sie diesem +menschenscheuen Sonderling. Hier ruht er tagsüber faul und verschlafen +im Wurzelgeflecht der Uferbäume oder in einer Baumhöhlung oder auf +einem geköpften Weidenstumpf oder auch nur im hohen Riedgras und zieht +erst nach Sonnenuntergang still und verschwiegen auf Beute aus, und +es ist dann natürlich ungeheuer schwer, im Dunkel der Nacht und im +unzugänglichen Sumpfe<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> das lautlos herumhuschende, schlanke Tierchen +zu erkennen. Nach den sorgsamen Beobachtungen von Claudius schleicht +es mehr als es läuft (Abb. 12), gleitet rasch und behende über alle +Unebenheiten hinweg, hält sich aber stets auf dem Boden und strebt +nicht nach der Höhe. Das sehr klug aussehende Köpfchen hält dabei +nicht einen Augenblick still, die scharfen Seher durchmustern ohne +Unterlaß die Umgebung, und die kleinen Lauscher spitzen sich so weit +als möglich, damit ihnen nur ja kein Geräusch entgehe. Meist wird +beim Laufen der Rücken mehr oder minder gekrümmt, und kein noch so +verborgenes Winkelchen bleibt undurchschnüffelt. Das Klettervermögen +ist nur mäßig, aber dafür zeigt sich der Nerz als ein tüchtiger +Schwimmer und versteht es, sehr gewandt und anhaltend zu tauchen. Er +besitzt alle Gewandtheit der Marder, aber nicht ihre Kletterfähigkeit +und Rastlosigkeit. Beim Schwimmen rudert er nicht abwechselnd mit +den Beinen, sondern schnellt sich stoßweise fort, und zwar mit +überraschender Geschwindigkeit. Im Winter sah ihn Claudius bisweilen an +den Aussteigstellen auf dem Eise sitzen, fast unkenntlich vor Schlamm. +Im übrigen stellt das ganze Wesen des Nerz ein sonderbares Gemisch +von Marder und Fischotter vor. Mit beiden hat er Schlauheit, Raubgier +und Blutdurst gemeinsam. Unter den Sinnen dürften Geruch und Gesicht +obenan stehen. Der häßliche Gestank, den die Marder- und Iltisarten +ausströmen, fehlt dem Nerz völlig, denn er ist fast geruchlos.</p> + +<p>Krebse bilden seine Lieblingsspeise. Außerdem jagt er noch Fische, +Frösche, Molche und größere Wasserinsekten, raubt die Nester der +Wasservögel aus und würgt auch wohl junge Enten und Gänse ab. Mäuse und +Kleinvögel werden gleichfalls gern genommen. Bisweilen bricht er auch +in die Geflügelställe ein, aber doch nur auf einsamen Fischergehöften +oder Förstereien, nicht aber in geschlossenen Siedlungen. Die +Fischer an der Wagenitz haben nach Claudius die Gewohnheit, ihren +täglichen Fang nicht in Behältern, sondern in offenen Weidekörben +an Inselchen in der Nähe ihrer Hütten aufzubewahren, und solchen +Stellen stattet der Nerz gern unerwünschte Besuche ab, wobei er sich +namentlich dadurch unbeliebt macht, daß er lieber die oft daumendicken +Weidenruten durchbeißt, als daß er über den Rand des offenen Korbes +klettert. Brehms gekäfigter Nerz verschmähte auffallenderweise +hartnäckig die ihm vorgelegten Hühnereier, aber ich glaube trotzdem +nicht, daß er in freier Natur den Gelegen der Wasservögel gegenüber +gleichgültig bleibt. Die Krebse haben jedenfalls mit dem Aussterben +des Nerz einen Hauptfeind<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> verloren. Aber ob ihnen dadurch nicht +auch der naturgemäße Bestandsregler genommen und den verheerenden +Krebsseuchen Tür und Tor geöffnet wurde? Umgekehrt könnte man auch +daran denken, daß die reißende Abnahme der bei uns ihrer unzugänglichen +Wohnorte halber eigentlich doch nur wenig verfolgten Nerze mit +dem Verschwinden ihrer Lieblingsnahrung zusammenhängt? Was bisher +über die Fortpflanzungsgeschichte des Nerz veröffentlicht wurde, +beruht größtenteils eigentlich nur auf Vermutungen, denn nur ganz +ausnahmsweise hat man einmal Junge unter Baumwurzeln oder auf einer +trockenen Kaupe im Sumpfe gefunden. Sie sollen im April oder Mai +blind geboren werden, während die Rollzeit in den Februar oder März +fällt. Die Jagd auf den Nerz, dessen schönes Pelzwerk mit Recht großer +Beliebtheit sich erfreut, ist für Mitteleuropa reine Zufallssache. +Nur höchst selten kommt oder kam einmal einer bei der Birkhahnbalz +oder auf der Entenjagd zu Schuß. Leichter läßt sich der mißtrauische +Seltling durch Fallen berücken, selbst durch solche einfachster Art. +In der Gefangenschaft zeigt sich der Nerz nicht gerade von seiner +liebenswürdigsten Seite, zumal er tagsüber entsetzlich verschlafen ist +und selbst durch das Vorhalten der schönsten Leckerbissen sich nicht +zum Aufstehen bewegen läßt. Ohne sich boshaft oder bissig zu zeigen, +lehnt er doch jedes nähere Verhältnis zum Menschen hartnäckig ab und +wird niemals wirklich zahm. — Das ist so ziemlich alles, was wir über +die Naturgeschichte dieses in mehrfacher Beziehung hochinteressanten +Tieres wissen, und es ist eigentlich geradezu beschämend wenig. Hier +sind noch große Lücken auszufüllen!</p> + +<div class="footnotes"><h3>Fußnote:</h3> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[A]</a> Eben erfahre ich — beim Lesen der Korrektur —, daß +Kürschnermeister Götz in Elbing Anfang April 1926 ein ganz frisch +abgezogenes Nerzfell erhielt und ausstopfte. Das Tier war in der +nächsten Umgebung von Elbing im Eisen gefangen worden und soll an den +vorhergehenden Tagen mehrere Hühner geraubt haben. Vor zwei Jahren +soll ein Landwirt in der gleichen Gegend ebenfalls einen Nerz in der +Falle gefangen haben, und die Richtigkeit der Bestimmung wurde von +wissenschaftlicher Seite bestätigt. Es gibt also noch deutsche Nerze!</p> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Der_Luchs">Der Luchs</h2> +</div> + +<p>Es kann einigermaßen fraglich erscheinen, ob man den Luchs in einem +Verzeichnis deutscher Tiere überhaupt noch mit aufführen darf. +Standwild ist diese menschenscheue und listige Großkatze bei uns +ja schon seit Menschengedenken nicht mehr, aber immerhin wechselt +doch noch ab und zu ein Stück über die Grenzen und wird dann auf +deutschem Boden erlegt, namentlich in Ostpreußen, so daß wir den +Luchs auch für Deutschland noch nicht gänzlich und endgültig aus dem +Buche der Lebenden zu streichen brauchen. Vor dem Dreißigjährigen +Kriege war das prachtvolle Tier in unserem Vaterlande durchaus keine +seltene Erscheinung, wie schon daraus hervorgeht,<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> daß allein im +Albertinischen Sachsen von 1611 bis 1665 305 Luchse erlegt werden +konnten. In der Götterlehre der alten Germanen spielte der Luchs eine +beträchtliche Rolle, und wahrscheinlich ist er es und nicht die Katze, +der als Tier der Freia aufgefaßt werden muß und ihren Wagen zieht. +Bei den großartigen Zirkusspielen der Römer wurden allerdings Luchse +ungleich seltener vorgeführt als Löwen oder Leoparden, aber dies ist +wohl dadurch zu erklären, daß der Luchs nicht leicht zu fangen ist +und sich in der Gefangenschaft schlecht hält. Die Verdrängung des +Tieres aus Mitteleuropa muß hauptsächlich in der zweiten Hälfte des +17. Jahrhunderts erfolgt sein und ist in der Hauptsache wohl auf die +gleichzeitige große Vervollkommnung der Schußwaffen zurückzuführen. +Das Vernichtungswerk ging deshalb mit überraschender Schnelligkeit +vor sich, und schon etwa 1710 war das Verbreitungsgebiet des Luchses +derart durchlöchert, daß überall nur noch von vereinzeltem Vorkommen +die Rede sein kann. In den flachen Teilen Mitteldeutschlands fehlt der +Luchs bereits von 1820 an völlig. Am 17. März 1818 wurde noch einer bei +Seesen erlegt, der jetzt ausgestopft im Braunschweiger Museum steht. +Spätere Nachrichten sind irrtümlich, so über ein angebliches Vorkommen +im März 1898 in Anhalt, wo es sich in Wirklichkeit um verwilderte +Hunde handelte. In Pommern wurde der Luchs schon 1738 ausgerottet, +und im allgemeinen war er wohl schon beim Tode Friedrichs des Großen +nicht mehr Standwild in den preußischen Staaten, während für diese in +den Jahren 1723 bis 1737 immerhin noch 229 erlegte Luchse verzeichnet +wurden. König Friedrich Wilhelm I. legte großen Wert auf die pünktliche +Einlieferung aller Luchs- und Biberfelle. »Die Lux Heutte will vor +mir haben,« verordnete er. Nur einmal (1720) wollte ein Hauptmann von +Driessen einen von ihm geschossenen Luchs durchaus nicht herausrücken +und erhielt ihn schließlich auch wirklich zum Geschenk, denn für +seine »blauen Kinder« hatte der »Soldatenkönig« ja immer etwas übrig. +Bei Potsdam war der Luchs 1680 noch häufig, 1696 gab es noch welche +bei Ruppin, 1702 bei Luckenwalde, 1734 bei Liebenwalde, und zwischen +1750 und 1760 wurden noch einige bei Gardelegen zur Strecke gebracht. +Sehr auffällig ist es, daß sogar 1875 ein Luchs auf der Insel Wollin +erschossen wurde, der aber vielleicht einer Menagerie entsprungen war. +In Westfalen fiel der letzte Luchs 1745.</p> + +<p>Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in Sachsen, wo in den Schußlisten +des prunkliebenden Kurfürsten Johann Georg II. (1656<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> bis 1680) auch +noch 191 Luchse aufgeführt werden. Damals hatte ja das Raubzeug noch +gute Tage, denn der gewaltige Wildstand deckte ihm reichlich den +Tisch, und auch Haustiere waren leicht zu ergattern, da sich das Vieh +den größten Teil des Jahres über auf freier Weide erging und die +Stallfütterung noch wenig üblich war. Zwar reizte gerade der Luchs +die Jagdlust des Menschen von jeher in besonderem Maße, teils seiner +großen Schädlichkeit, teils seines hochgeschätzten Pelzes halber, +aber seine Schlauheit und Gewandtheit sowie die Unvollkommenheit +der damaligen Jagdwaffen brachten es doch mit sich, daß er sich der +Vernichtung lange zu entziehen vermochte und noch um 1700 herum in +allen Teilen des Landes regelmäßig anzutreffen war. Erst als im 18. +Jahrhundert die steigende Volksvermehrung eine stärkere Ausnutzung +von Grund und Boden bedingte, als Axt und Säge auch in die tiefsten +Wälder und in die verstecktesten Schluchten eindrangen und zugleich +die verbesserten Feuerwaffen zur vollen Auswirkung gelangten, schlug +auch dem Luchs gleich Wolf und Bär die Todesstunde. Zwar wird der +Luchs noch 1717 unter den jagdbaren Tieren Sachsens angeführt, aber +er muß damals doch schon recht selten gewesen sein, da man es nach +Robert Berger der Mühe für wert hielt, einen bei Zittau geschossenen +Luchs abmalen zu lassen und das Bild der dortigen Ratsbücherei +einzuverleiben. Im Elbsandsteingebirge erlegte Förster Puttrich unweit +der böhmischen Grenze 1743 einen Luchs, und man verewigte dieses +Ereignis dadurch, daß an der betreffenden Stelle ein Luchsbild nebst +erklärender Unterschrift in die Felswand eingehauen wurde. Einzelne +Überläufer mögen auch noch später die sächsische Grenze überschritten +haben, da der Luchs im benachbarten Böhmen sowie im Thüringer Wald und +im Harz erst im 19. Jahrhundert ausgerottet wurde. Im Fichtelgebirge +wird der letzte Luchs dagegen schon 1774 verzeichnet, im Frankenwald +1730. Im Thüringer Wald und im Harz erfolgte die Ausrottung dieser +dem Wildstand so gefährlichen Katzenart fast gleichzeitig. Für den +Harz werden 1814, 1816, 1817 und 1818 als letzte Erlegungsdaten +angegeben, für den Thüringer Wald 1819 und 1820; dann folgt aber nach +langer Pause noch ein Nachzügler, der 1842 im Gothaischen zur Strecke +gelangte. Der letzte Harzluchs, den man schon seit 1814 gespürt, aber +irrtümlicherweise für einen Wolf gehalten hatte, befindet sich heute +ausgestopft in der gräflich Stolbergschen Bücherei in Wernigerode. +Allerdings soll nach Forstmeister von Seelen noch 1911 und nach anderen +Quellen sogar noch 1917 ein Luchs im Harz geschossen<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> bezüglich gesehen +worden sein, indessen vermochte ich diese sehr unwahrscheinlich +klingenden Angaben nicht näher nachzuprüfen.</p> + +<p>In der Oberpfalz wurde noch 1814 ein Luchs von 65 Pfund geschossen, +während im Elsaß der letzte schon im Dezember 1640 erlegt worden sein +soll. In Baden kam der letzte Luchs 1834 bei Wertheim auf der Halde +eines alten Steinbruchs durch einen Förster zur Strecke. Noch länger +hielt sich der Luchs in Württemberg, denn nach einem ausführlichen +Bericht des Herrn Dr. Metzger traf der Förster Martz am 15. Februar +1846 von der Ruine Reußenstein bei Wiesensteig unweit Geislingen aus +mit sicherer Kugel ein schwaches Männchen. Das Raubtier hatte schon +seit längerer Zeit den Schafherden und dem Rehbestand der dortigen +Gegend übel mitgespielt, war aber auf allen Treibjagden immer glücklich +durchgekommen. Ein die Erlegung darstellendes Ölbild befindet sich +noch im Besitz der Familie Metzger in Stuttgart, und eine Kopie davon +wurde neuerdings auch im Rathause zu Wiesensteig aufgehängt. Der tote +Luchs wurde auf einem Wagen nach Stuttgart gefahren und unterwegs +überall von der Schuljugend bestaunt; er steht jetzt ausgestopft in +der Stuttgarter Naturaliensammlung als der Letzte seines Geschlechts. +Allerdings meldeten im Dezember 1922 die Stuttgarter Tageszeitungen, +daß auf einer Treibjagd im Schwarzwald (Oberamt Villingen) wieder ein +Luchs von 1,3 m Länge geschossen worden sei. Meine sofortige briefliche +Anfrage beim Jagdpächter blieb aber bezeichnenderweise unbeantwortet; +auch über den Verbleib des wertvollen Stückes habe ich niemals das +Geringste gehört, und so wird dieser allerletzte Schwarzwald-Luchs wohl +eine Ente gewesen sein. Was Bayern anbelangt, so konnten nach Brehm +zwei Jäger, Vater und Sohn, in den Jahren 1790 bis 1838 immerhin noch +30 Stück der gehaßten Raubtiere im Eisen fangen. Dann aber ging es +schnell bergab mit dem Luchsbestand. 1832 wurden im Revier Immenstadt +noch drei Luchse geschossen, aber schon anderthalb Jahre später der +letzte dort gefangen. Ähnlich war es im Revier Marquartstein, wo 1830 +noch vier Luchse zur Strecke kamen, darunter ein sehr altes Männchen +von 67 Pfund, das keinen ganzen Zahn mehr besaß. Bei Berchtesgaden +war der Luchs im Beginn des 19. Jahrhunderts noch Standwild, und 1826 +werden sieben erlegte Stücke gemeldet, seitdem aber keiner mehr. +Etwas länger hielt sich der Luchs im Retterschwanger Tal, wo 1838 der +letzte gestreckt wurde. Langkovel erzählt, daß über der niedrigen +Tür des Forsthauses im Hindelanger Tal zwölf Luchsköpfe hingen als +Jagdtrophäen der dort seit langem<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> ansässigen Försterfamilie. Einer +dieser Luchse war 1830 auf der Zipfelalp geschossen worden, zwei +andere 1850 und der letzte am 25. Mai 1872 bei Partenkirchen. Auch +im bayrischen Allgäu sollen noch 1850 Luchse gespürt worden sein, +kamen aber nicht zum Schuß. Als der letzte bayrische Luchs darf wohl +der 1888 bei Rot am See erlegte gelten, der wahrscheinlich aus dem +Österreichischen eingewechselt war. Im Bregenzer Wald ging es mit dem +Luchs 1855 zu Ende, in Tirol 1872, wo am 3. Mai ein Stück bei Stauders +angeschossen, aber erst eine Woche später verludert aufgefunden und +für die Gymnasialsammlung in Chur ausgestopft wurde; trotz seiner +tödlichen Verwundung hatte dieser Luchs noch einen Hasen gerissen. Im +gleichen Jahre wurde auf dem Friedhof in Schlanders ein angeblicher +Wolf erschlagen, dessen zur Einlösung des Schußgeldes eingeschickte +Vorderpfoten sich aber als solche vom Luchs erwiesen. Früher war +gerade in Tirol und Vorarlberg der Luchs das verhältnismäßig häufigste +Raubtier, und die Bauern im Bregenzer Wald erzählen sich noch heute +mit Schaudern davon, daß durch ihn einmal eine ganze Schafherde von +600 Stück in einen Abgrund gejagt wurde, wodurch der Besitzer völlig +verarmte. Im Stubachtal, wo heute der Naturschutzpark sich befindet, +taten die Luchse noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts großen +Schaden am Wild. In Steiermark war der Luchs von jeher häufiger als +Bär oder Wolf, und die Nachrichten über ihn reichen bis zum Ausgang +des 19. Jahrhunderts. In Sulzbach wurden in einem Jahre 90 Schafe von +ihm zerrissen, in Weißwasser an einem Tage 9. Bei Völkermarkt und bei +Windischgrätz wurden 1887 noch Luchse gespürt und 1892 sogar einer +geschossen. In Krain tritt der Luchs heute noch regelmäßig, wenn +auch selten, auf, und in Kärnten wenigstens ab und zu, soweit dort +noch schwer zugängliche, aber wildreiche Waldungen mit ausgedehnten +Dichtungen vorhanden sind. In der Schweiz waren noch um 1838 herum +Luchse keine besondere Seltenheit, so daß allein in Graubünden jährlich +7-8 zur Ablieferung gelangten, aber schon 1850 beschränkte sich die +Gesamtstrecke der ganzen Schweiz auf die gleiche Zahl. Möglich, daß +auch heute noch dieser oder jener Luchs versteckt in den Einöden des +Berner Oberlandes oder im Gebiete der alten Rätier lebt, aber erlegt +worden ist seit 1878 keiner mehr. Zwar werden diesbezügliche Fälle noch +1887 aus Wallis und Graubünden gemeldet, aber sie erscheinen nicht +genügend beglaubigt und sonderbarerweise ist das hohe Schußgeld von +100 Franken nicht für sie in Anspruch genommen worden. Glaubwürdigere +Nachrichten liegen<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> aus Oberösterreich vor, wo im November 1902 eine +vierköpfige Luchsfamilie sich in den schluchtenreichen, düstern und +wenig betretenen Waldungen an der Ybbs zeigte und in erschreckender +Weise unter dem Wildstand wütete. Die Jägerei fand über 30 zerrissene +Rehe, denen ausnahmslos in der für den Luchs so bezeichnenden Weise der +Kopf vom Rumpfe getrennt war. Trotz eifriger Nachstellungen konnte man +der Räuber nicht habhaft werden, die nach einiger Zeit spurlos wieder +verschwanden, also offenbar nur eine Gastrolle gegeben haben.</p> + +<p>Aus Italien habe ich sichere Daten über das Vorkommen des Luchses +überhaupt nicht erhalten können. In Frankreich kam er früher +namentlich am nördlichen Hange des Zentralplateaus vor, wo noch 1865 +ein stattliches Exemplar im Departement Puy de Dôme erlegt wurde. +Merkwürdig ist das rasche Verschwinden des Luchses aus Bosnien. Daß er +früher dort keine Seltenheit war, beweisen eine Reihe von Ortsnamen, +aber seine Ausrottung liegt doch schon lange zurück. Wie mir Othmar +Reiser freundlichst mitteilte, wechselte anfangs der 90er Jahre ein +Luchs aus Montenegro in den Bezirk Gacko ein, hielt sich dort aber nur +kurze Zeit auf. Andere Stücke wurden in Montenegro selbst 1890 und +1894 bei Jagden des Fürsten Nikita erlegt. In Mazedonien und Arkadien +gibt's noch jetzt Luchse. Dasselbe gilt für die Karpathen, wo unserem +Räuber namentlich die Vermehrung des Rehstandes zustatten gekommen +ist. In den oberungarischen Revieren des Zaren Ferdinand von Bulgarien +bei Lentschau und Igelo wurden 1905 innerhalb eines Vierteljahres fünf +Luchse abgeschossen, da sie großen Schaden am Edelwild taten. Aus +ganz Ungarn wurden 1873 bis 1887 über 100 erlegte Luchse gemeldet, +doch waren es in Wirklichkeit wohl erheblich mehr, da viele Fälle +den Behörden überhaupt nicht angezeigt werden. Wurden doch nach +sorgfältigerer Buchführung nur in den ungarischen Kronforsten von 1884 +bis 1893 333 Luchse geschossen oder gefangen. Die meisten Vorkommnisse +beziehen sich auf die nördlichen und nordöstlichen Teile des alten +Ungarn. In den Beskiden ist unsere räuberische Großkatze auch heute +noch ein regelmäßiges Standwild, ebenso in den wildesten Teilen der +siebenbürgischen Randgebirge. Hier gelangen jährlich noch 6-8 Stück +zum Abschuß, der aber gänzlich dem Zufall anheimgegeben ist. Selbst in +der Umgebung von Hermannstadt und Kronstadt wurden in den 90er Jahren +noch prachtvolle Luchse erlegt. Während des Krieges wurde ein Luchs im +Rotenturmpaß von Pionieren aufgestöbert<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> und erbeutet. Die Bukowina +verzeichnet 1892 vier erlegte Luchse; also auch hier ist das Tier noch +seltenes Standwild. Oberjäger Moser hat in seinem früheren Revier im +Bezirk Watra und in seinem jetzigen im Bezirk Gurahumora im Laufe der +Jahre je fünf Luchse im Eisen gefangen. Das ebene Ostgalizien hatte +auffallenderweise im März 1895 fünf erlegte Luchse zu verzeichnen, +und sogar auf der westgalizischen Herrschaft Saybusch wurde im +Oktober des gleichen Jahres ein Exemplar mit wundervoller Zeichnung +geschossen. Alle diese Luchse waren Männchen, und man darf sie wohl +für Flüchtlinge aus den Mittelkarpathen halten, aus denen sie durch +ungewöhnlich starke Abholzungen vertrieben worden waren. Nach einer +Mitteilung von Rittmeister Schlickriede wurde während des Krieges auf +einer kleinen Treibjagd in Wolhynien am 2. März 1916 ein Luchs von +1,4 <span class="antiqua">m</span> Länge auf 27 Schritt durch einen Schrotschuß zur Strecke +gebracht. In Österr.-Schlesien hatte man schon lange nichts mehr von +Luchsen gehört, bis sie sich in den 80er Jahren wieder spürten und dann +auch 1889, 1891, 1893 und 1894 einzelne, aus dem Trentschiner Komitat +eingewechselte Stücke in der Nähe der ungarischen Grenze unschädlich +gemacht wurden, das letzte, ein Weibchen, 1914 bei Althammer. Auch in +Böhmen und Mähren hielt sich der Luchs verhältnismäßig lange, denn +noch 1890 wurde er im Böhmer Wald erlegt und im November 1894 ein +Weibchen in Mähren, während das zugehörige Männchen entkam. In der +Dukla-Senke wurden am 25. November 1893 zwei Luchse geschossen, während +vier weitere entwischten, und einen Monat später fiel in derselben +Gegend noch einer. In Slawonien soll es noch überall Luchse geben, aber +nirgends häufig.</p> + +<p>Innerhalb Deutschlands läßt sich der Luchs heutzutage am ehesten noch +einmal in Ostpreußen blicken, freilich auch nur auf recht seltenen +Gastspielreisen. Nachstehend das Verzeichnis der im letzten Jahrhundert +in Ostpreußen geschossenen Luchse, so weit es sich heute noch mit +Sicherheit feststellen läßt:</p> + +<div class="blockquot"> + +<p> 1. 1820 bei Gumbinnen.</p> +<p> 2. 1832 in der Romintener Heide.</p> +<p> 3. 1846 bei Gilgindischken (Museum Eberswalde).</p> +<p> 4. 10. Februar 1861 ein Weibchen im Nassowener Forst, Kreis Goldap + (Museum Eberswalde).</p> +<p> 5. 1868 in der Puppener Forst (Museum Minden).</p> +<p> 6. 1. September 1870 im Forst Heidwalde, Kreis Angerburg.</p> +<p> 7. 20. Januar 1872 im Laukenwald, Kreis Mohrungen.</p> +<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p> +<p> 8. 1873 bei Rastenburg. Nicht ganz sicher verbürgter Fall.</p> +<p> 9. 25. Januar 1879 in der Puppener Forst.</p> +<p>10. März 1898 bei Seetz (?).</p> +<p>11. 25. November 1901 bei Schorellen (Museum Berlin).</p> +<p>12. 21. September 1915 ein Männchen bei Ortelsburg (Museum Oldenburg).</p> +<p>13.10. März 1924 im gräflich Eulenburgschen Forst Bettnarken ein +schwaches Stück von 1,19 <span class="antiqua">m</span> Länge + und 43 Pfund Gewicht. Hilfsförster Kaluza war der glückliche Schütze. +Es dürfte dies der bisher letzte sichere Luchs sein, der auf deutschem Boden geschossen wurde.</p> +</div> + +<p>In Westpreußen wurden die letzten beiden Luchse 1870 erlegt. In Kurland +war der Luchs um 1830 herum derart verbreitet, daß er stellenweise den +ganzen Rehstand vernichtete. Wie rasch dann aber seine Ausrottung vor +sich ging, zeigen die Abschußlisten der großen Herrschaft Dodangen: im +Winter 1844/45 17 Stück, 1845/46 12, 1846/47 7, 1847/48 5, 1848/49 4, +1849/50 2 und 1850/51 nur noch ein einziger. Nach Grevé wurde noch im +Januar 1907 ein Luchs im Revier Schlüterhof geschossen und ein anderer +in Poppen, nachdem beide schon den ganzen Sommer über gespürt worden +waren. Auf der Insel Ösel soll der letzte Luchs 1877 erbeutet worden +sein. Auch in Livland ist nach den Berichten des Herrn von Middendorf +der Luchs jetzt schon sehr selten geworden. Im Kreise Dorpat wurde +der letzte 1867 erlegt, und im September 1904 wurde wieder einer +beobachtet. Im Rigaer Kreis zeigte sich der letzte 1900, und im Kreis +Wenden wurde noch im Jahre 1911 einer erlegt. Eine selten erfolgreiche +Luchsjagd fand Anfang November 1910 im Walkschen Kreise statt, wo +an zwei Jagdtagen neun Luchse zur Strecke kamen. In Estland wurden +noch im Winter 1908/09 mehrere Luchse erbeutet und andere gespürt. +Einer sprang in der Nähe von Mecks über einen hohen Drahtzaun in den +Damhirschpark und richtete dort greuliche Verwüstungen an, ohne daß er +erwischt werden konnte. Zusammenfassend kann man über das Vorkommen des +Luchses im Baltikum sagen, daß er für Kurland noch an den äußersten +Punkten im Westen und Osten zu verzeichnen ist, in Livland in den +Kreisen Walk, Wera und Dorpat, in den großen Forsten von Pernau und in +den Strandwäldern des Rigaischen Meerbusens und endlich für die ganze +östliche Hälfte Estlands. Nach dem Innern Rußlands zu wird er dann +zahlreicher, und in Sibirien, von wo alljährlich etwa 9000 Luchsfelle +<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> in den Pelzhandel +kommen, ist er noch häufig.</p> + +<p>In Norwegen ist der Luchs noch spärliches Standwild, wird aber seltener +geschossen als der Bär, und die Abschußziffern halten sich seit 1889 +auf etwa gleicher Höhe, nämlich 50-70 Stück jährlich. In Schweden war +der pinselohrige Geselle früher eines der bekanntesten, aber seiner +unersättlichen Raubgier halber auch verhaßtesten Raubtiere, dessen +Verbreitungsbezirk bis nach Wermeland und Dalekarnien herunterreichte. +Bei seinem rastlosen Herumschweifen in den ungeheuren Wäldern fiel er +nur dem erfahrenen Berufsjäger zum Opfer, während er dem gewöhnlichen +Bauernjäger höchstens zufallsweise zum Schuß kam. Es soll aber einzelne +Jäger gegeben haben, die in ihrem Leben 137, ja sogar 183 Luchse erlegt +hatten, und daß ein einzelner Schütze jeden Winter zehn bis zwölf +streckte, kam noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts vor. Von 1835 +bis 1839 wurden in ganz Schweden 1324 erlegte Luchse angemeldet, also +rund 265 Stück jährlich. Dagegen betrug die Gesamtstrecke des Jahres +1894 nur 35, 1905 nur noch zwei Stück. Das seitherige Schußgeld von 25 +Kronen für jeden erlegten Luchs wurde daher 1913 aufgehoben, wogegen +aber zwei Jahre später die lappländische Nomadenbevölkerung Verwahrung +einlegte, weil innerhalb zwei Monaten 15 Renntiere von Luchsen +zerrissen worden waren. Besser vermochte sich der Luchs im benachbarten +Finnland zu halten, wo aber sein Verbreitungsgebiet nach Norden kaum +bis zum Polarkreis reichte. Südlich davon war er noch in den 70er und +80er Jahren so häufig, daß man fast in jedem Kirchspiel Luchse erlegte, +in manchen sogar in beträchtlicher Anzahl. Um die Jahrhundertwende +herum schmolz dann der Bestand stark zusammen, und heute kommen im +westlichen Finnland südlich Uleaburg Luchse nur noch ausnahmsweise vor, +während sie in den östlichen Landesteilen häufiger sind. Die meisten +Luchse, die wir in den Tiergärten zu sehen bekommen, stammen aus +Finnland. Es heißt dort, daß Wolf und Luchs Todfeinde sind und sich in +ihrer Verbreitung gegenseitig fast ausschließen. In der Tat trifft man +da kaum Luchse an, wo es viele Wölfe gibt, und umgekehrt.</p> + +<p>Der gedrungene Körperbau, die hohen Läufe, der kurze, wie abgehackt +aussehende Schwanz, die abenteuerlichen Pinselohren und die gemessenen, +fast ein wenig plump und eckig anmutenden Bewegungen machen den Luchs +zu einer höchst eigentümlichen Erscheinung, aber er ist trotzdem in +jeder Beziehung vom Scheitel bis zur<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Sohle eine echte Katze. Er steht +höher auf den Beinen als ein Panther, ist aber trotzdem viel kürzer +gebaut, zumal ihm ja der lange Schwanz anderer Großkatzen abgeht. +Die kraftstrotzende Muskulatur, das scharfe Gebiß und die gewaltigen +Pranken machen ihn zu einem in seiner Art furchtbaren Räuber, obschon +er an Größe einen starken Hühnerhund kaum übertrifft. Das Gewicht eines +ausgewachsenen Männchens beträgt 30-35 <span class="antiqua">kg</span>. Döbner erhielt aus +Norwegen einen Luchskopf von einem offenbar sehr alten Tier, da der +erste Backenzahn im Oberkiefer jederseits bereits ausgefallen war. +Bei Herrichtung des Schädels ergab sich die auffallende Tatsache, daß +auch auf jeder Seite des Unterkiefers hinter dem Reißzahn ein kleiner +Höckerzahn sich befand und daher sowohl unten wie oben jederseits +vier Backenzähne vorhanden waren, während sonst die katzenartigen +Tiere im Unterkiefer jederseits nur drei haben. Größe und Färbung +schwanken beim Luchs sehr, und man hat deshalb eine ganze Reihe von +Abarten aufgestellt, die sich aber nicht aufrecht erhalten lassen, da +die angeblichen Unterschiede sich im allgemeinen als solche lediglich +individueller Art erwiesen haben. Höchstens kann man zugeben, daß +die nordischen Luchse durchschnittlich etwas stärker sind als die +aus dem Alpengebiet oder dem südöstlichen Europa. Nach Färbung und +Zeichnung unterscheiden die Jäger Hirsch-, Wolf-, Kalb-, Pardel- und +Katzenluchse, und auch der schwedische Tierforscher Nilsson hat früher +ähnliche Ansichten vertreten, mußte sich dann aber selbst berichtigen, +als er aus dem gleichen Gewölf ganz verschieden gezeichnete Tiere +erhielt. Die Fährte des Luchses, den die Russen Rys, die Letten Luhsis +oder Luhsa und die Esten Ilvis nennen, ist reichlich doppelt so groß +wie die einer starken Katze, ja noch etwas größer als die des Wolfes, +unterscheidet sich aber von dieser sofort dadurch, daß sie keine +Kralleneindrücke hinterläßt. Da der Luchs beim ruhigen Gehen schnürt, +gleicht die ganze Fährte einer aufgereihten Perlenkette. Die Losung +wird stets an ganz bestimmten Steinen oder Baumstümpfen hinterlassen, +und wenn der Luchs wieder des Weges kommt, versäumt er es nie, seine +Visitenkarte behaglich zu beschnüffeln, ein Umstand, den erfahrene +Fallensteller sehr wohl auszunützen wissen.</p> + +<p>Ich selbst habe nur einmal im Leben einen Luchs in freier Natur zu +sehen bekommen. Es war in einem entlegenen Balkanwinkel, als ich +abends auf den Rehbock ansaß. Plötzlich rührte sich auf dem mir +gegenüberliegenden Hange in etwa 160-170 <span class="antiqua">m</span> Luftlinie etwas +Rotgelbes, das ich zunächst für einen guten Bock ansprach. Aber<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> +genaueres Hinsehen durch das Jagdglas zeigte mir einen starken Luchs, +der in vorsichtig geduckter Haltung ganz langsam bergauf schlich, den +Kopf immer nach einer ganz bestimmten Stelle gerichtet. Dort bemerkte +ich denn schließlich auch ein Schmalreh, das etwa 70-80 <span class="antiqua">m</span> über +dem Luchs stand — ein unvergeßlich schöner Anblick. Bald verschwand +der Luchs ganz hinter Felsblöcken, bald zeigte er sich mir, der ich +leider nur die Schrotflinte führte, völlig frei. Für diesmal erreichte +der Räuber seinen Zweck jedoch nicht, denn das Reh bekam offenbar +Witterung von ihm und ging schon auf große Entfernung flüchtig ab. +Die Großkatze verfolgte nicht, sondern drückte sich im Gefels und +wurde bald unsichtbar. — Der sehr ungesellig lebende Luchs ist ein +ausgesprochenes Waldtier, fühlt sich aber nur in sehr ausgedehnten, +urigen, dicht verwachsenen und schluchtenreichen Waldungen auf die +Dauer wohl, die er nachts unermüdlich durchstreift und dabei oft weite +Entfernungen zurücklegt, gern die Holzabfuhrwege benutzend. Doch weiß +er sich immer überaus heimlich zu halten, und nur zur Ranzzeit verrät +ihn sein durchdringendes Geschrei dem nächtlichen Wanderer. Selbst in +noch dicht von Luchsen besiedelten Gegenden beansprucht jeder einzelne +ein Jagdgebiet von mindestens 6-8 <span class="antiqua">km</span><sup>2</sup>. Bei ausgedehnten +Waldbränden flüchten die entsetzten Luchse unter Umständen bis in die +Obstgärten der Dörfer, wie dies z. B. 1868 im Petersburger Gouvernement +der Fall war. Auch starker Hunger treibt ihn im Winter bisweilen in die +unmittelbare Nähe der menschlichen Gehöfte. In mehrfacher Beziehung +interessant ist diesbezüglich der folgende Fall, den Hochgreve erzählt: +»Ich fand frische Spuren unmittelbar am Gutshof, wohin die Luchse wohl +durch den Geruch einer Schafherde angelockt wurden, die tagsüber in +einem Gatter untergebracht war und abends in eine geräumige Scheune +getrieben wurde .... In der nächsten Nacht beobachtete ich den Luchs, +wie er das Gehöft umkreiste, um einen Eingang zu suchen. Als er einen +solchen gefunden hatte, sprang er plötzlich mit mächtigem Satz auf das +Dach der Scheune, rollte aber mit einer sich loslösenden Schneelawine +wieder herab. Er sprang wütend zum zweiten Male hinauf, krallte sich +an den Holzschindeln fest und begann das Dach grimmig zu bearbeiten, +während die Schafe sowie die Hühner im Stall durch Blöken und Gackern +die Nähe der Gefahr verrieten .... Auf dem Dach bot der Luchs ein +besseres Ziel, aber im trügerischen Mondschein fuhr die Kugel an seinem +starken Kopf vorbei, und ehe ich imstande war, neu zu laden, hatte +sich der Luchs mit einem gewaltigen Sprung in Sicherheit<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> gebracht. Am +nächsten Morgen entdeckte ich zu meiner Überraschung noch die Fährte +eines zweiten Luchses, wahrscheinlich des Weibchens, das sich scheu +im tiefen Schatten gehalten haben mußte. Im nahen Walde fand ich die +Federn einer Birkhenne als Beweis, daß das Raubtier doch etwas zur +Stillung seines Heißhungers gefunden hatte. ... Einige Tage später +erhielten wir die Nachricht, daß der Hühnerstall eines in der Nähe +wohnenden Arbeiters vollständig ausgeräubert worden sei und daß die +Fährten auf Luchse als auf die Übeltäter hinwiesen. ... Ich legte +ein Eisen, und in diesem fing sich auch in der nächsten Nacht ein +männlicher Luchs mit der Vorderpranke. Zu meinem Erstaunen war er tot +und der Balg wies starke Bißwunden auf, während im Schnee deutlich die +Spuren eines heftigen Kampfes zu sehen waren. Da keine anderen Fährten +festzustellen waren als diejenige eines zweiten Luchses, hatte offenbar +dieser in seinem Heißhunger dem Gefangenen die tödlichen Verletzungen +beigebracht.«</p><br> + +<figure class="figcenter illowp41" id="illu-050" style="max-width: 34.6875em;"> + <img class="w100" src="images/illu-050.jpg" alt=""> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 13. Luchs in Ruhestellung</b> +<p class="s5 center">(Nach einer photographischen Aufnahme aus dem<br> + Zoologischen Garten in London)</p></figcaption> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p> + +<figure class="figcenter padtop2 illowp83" id="illu-051" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-051.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 14. Luchs in Lauerstellung</b> +<p class="center">(Nach einer photographischen Aufnahme aus dem Zoologischen Garten in +London)</p></figcaption> +</figure> + +<p>Seine Wechsel hält der Luchs genau ein, ja er tritt sogar beim Rückweg +wieder in die eigenen Spuren, und wenn die Familie gemeinsam jagt, +setzt jeder die Läufe in die Fährte seines Vordermannes, wie die +Indianer auf dem Kriegspfade. Läßt er sich mit schlaffen Gliedmaßen +an einem Baum mit grobem, flechtenbehangenem Gezweig nieder, so +verschwimmt er für das menschliche Auge so vollkommen mit seinem +Hintergrunde, daß selbst im beschränkten Raum des Tiergartenkäfigs +es dem ungeschulten Beschauer schwer fällt, das große Tier sofort +zu entdecken. Die Klause des blutdürstigen Einsiedlers ist in den +Urwäldern sehr oft eine alte, hohle Weißtanne, die nur durch ein +Astloch zugänglich ist. Das sind natürlich Riesenbäume von mindestens +1-½ <span class="antiqua">m</span> Durchmesser, durch deren ausgefaulte Astlöcher auch ein +Mensch sich würde hindurchzwängen können, falls er nicht mit einem +Schmerbauch gesegnet ist. Für den pinselohrigen Raubritter aber ist ein +solcher Einschlupf mehr als bequem. Derartige<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Schlupfwinkel bevorzugt +er bei nassem und unfreundlichem Wetter, bei warmem und freundlichem +aber liegt er lieber zwischen Felsklippen oder in jungen Dickichten, um +sich die liebe Sonne auf den Balg scheinen zu lassen (Abb. 13), denn +das liebt er sehr, wie ja alle Katzenarten. Obschon durchaus Nachttier, +streift er doch gelegentlich auch am Tage herum, wenn es hübsch ruhig +und still im Revier ist. Seine Bewegungen vereinigen Geschmeidigkeit +mit Kraft, Anmut mit Wildheit, unheimliche Schnelligkeit mit eiserner +Ruhe, würdevollen Ernst mit rastloser Gier. Faul liegt die große +Katze halbe Tage lang wie ein aus Erz gegossenes Standbild ohne +Bewegung auf dem gleichen Ast oder auf demselben Felsblock. Nur +leises Zucken der langen Lauscher, Blinzeln der grünlichen Lichter, +Rümpfen der schnurrbärtigen Lefzen und gelegentliches Stelzen oder +Wedeln der kurzen Lunte verraten, daß, Leben in ihm ist. Der Schlaf +ist außerordentlich leise; beim geringsten Geräusch spitzen sich die +gepinselten Ohren, und die funkelnden Raubtieraugen richten sich +aufmerksam nach der verdächtigen Gegend (Abb. 14). Erst wenn das +letzte Vogelgezwitscher verstummte und die Schatten der Nacht tiefer +herabsanken auf den schweigenden Wald, erhebt sich der Luchs und begibt +sich mit weit ausgreifenden, federnden Schritten geräuschlos auf seinen +Jagdzug. Im Vergleich zu ihm sind Bär und Wolf Stümper im Pirschen +und Schafe an Mordlust. In allen älteren Naturgeschichtsbüchern wird +übereinstimmend die hervorragende Kletterkunst des Luchses gerühmt. +Seine für eine Katzenart sehr hohen Läufe lassen aber eigentlich nicht +auf einen vorzüglichen Kletterer schließen. In neueren Lehrbüchern +heißt es auch nur, daß der Luchs ziemlich gut klettere, wenn auch +andrerseits Schäff sicherlich zu weit geht mit der Behauptung, +daß der Luchs freiwillig überhaupt nicht klettere und seine Beute +niemals von Baumästen aus anspringe. Erwähnt doch von Hippel bei +einem in Ostpreußen geschossenen Luchs ausdrücklich, daß er gerade +in dem Augenblick getroffen wurde, als er vom Baume aus auf ein Reh +herabsprang. Immerhin ist dies nicht seine gewöhnliche Jagdmethode. +Wird der Luchs von scharfen Hunden gehetzt, so baumt er fast regelmäßig +auf. Zweifellos ist dagegen der Luchs ein Meister im Springen, der +mit einem einzigen Satz eine 15 Fuß breite Schneise überfällt oder +einen 10 Fuß hohen Felsblock besteigt. Da hilft dem armen Lampe kein +noch so fixes Hakenschlagen, der ungeheure Sprung des furchtbaren +Räubers trifft ihn mit tödlicher Sicherheit. Gewässer werden ohne +Bedenken kräftig und geschickt durchschwommen. Während der Luchs wie +alle Katzenarten<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> schlecht wittert und deshalb niemals der Fährte +eines Beutetieres mit der Nase folgt, ist sein Auge scharf und sein +Tastsinn hoch entwickelt. Alles, mit dem er sich näher befassen will, +wird erst mit den Schnurrhaaren betastet. Sein schärfster Sinn ist +aber zweifellos das Gehör, und die langen Pinselohren sind nicht etwa +nur eine bloße Zierde des ausdrucksvollen Kopfes. Der Luchs hört das +leise Nagen des Hasen an der Espenrinde und geht dann diesem Geräusch +vorsichtig nach, bis er seiner Beute ansichtig wird. Obwohl Oberförster +Dohrandt auf Grund seiner in Rußland gemachten Erfahrungen den Luchs +als dumm bezeichnet, möchte ich es doch mit Brehm halten, der in ihm +ein geistig hochstehendes Geschöpf und jedenfalls eines der klügsten +Raubtiere erblickt. Schon die Naturforscher des Mittelalters nennen den +Luchs mit Recht ein überlegendes und listiges Tier.</p> + +<p>Schon aus dem Gesagten geht zur Genüge hervor, daß der Luchs seiner +Beutetiere in der Regel durch katzenartiges Beschleichen Herr wird. +Grevé sagt sogar: »Daß er vom Baume herab auf seine Beute springt +oder in dieser Art gar Elche überfällt, ist eine noch immer gern +geglaubte Fabel, die durch Bilder von Jagdmalern, die nie einen +Luchs in freier Wildbahn beobachtet haben und sich auf das Latein +lustiger Hubertusjünger verlassen, unterstützt wird, ebenso wie +der stereotype, den Schützen auf den Hinterpranken annehmende Bär +nicht von der Bildfläche verschwinden will, trotz des beständigen +Protestes erfahrener Bärenjäger.« Völlig kann ich nun zwar Grevé +weder hinsichtlich des Luchses noch des Bären beipflichten, aber für +die große Mehrzahl der Fälle hat er sicherlich recht. Auf flacher +Erde erreicht der Luchs das geduldig beschlichene Opfer mit zwei bis +drei Riesensprüngen von je 4 <span class="antiqua">m</span> Weite und wirft es nieder, um +ihm die Pulsader aufzureißen oder das Genick zu durchbeißen und es +so augenblicklich zu töten. Durch Spuren im frisch gefallenen Schnee +konnte nach Brehm festgestellt werden, wie ein Luchs einen Hasen +durch neun ungeheure Sprünge von durchschnittlich 13 Fuß Weite ereilt +hatte. Geht der entscheidende Sprung fehl, so wendet sich der Luchs +in der Regel mürrisch ab und sucht verdrießlich nach einem neuen +Wild. Ist er aber sehr hungrig, so verfolgt er seine Beute auch wohl +kilometerweit laufend wie ein Wolf, und man hat dies sogar schon am +hellen Tage beobachtet. Hasen bzw. Schneehasen und Rehe bilden wohl +sein Hauptwild, aber vom Hirsch bis zur Maus, vom Auerhahn bis zum +Zaunkönig ist überhaupt nichts vor ihm sicher. Solange er Wild haben +kann, zieht er dieses den Haustieren<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> entschieden vor, und da er +äußerst lecker ist und nur die besten Stücke verzehrt, kann er als +furchtbarer Jagdschädling in gepflegter Wildbahn unmöglich geduldet +werden. Hat er Überfluß, so schwelgt er im Blutrausch und wird zum +Massenmörder. So erzählt Vater Bechstein, daß ein Luchs, der sich 1772 +im Thüringer Wald aufhielt, in einer einzigen Nacht über 30 Schafe +erwürgte. Trotzdem frißt der Luchs mäßig und gelassen und kehrt nach +Stillung seines Hungers den Überbleibseln verächtlich den Rücken. +Größere Tiere bedeckt er allerdings mit Laub oder Erde und kommt dann +in der nächsten Nacht nochmals zu dem Braten zurück, während er nicht +von ihm selbst gerissenes Aas niemals berührt. Tiere von Hasengröße +an aufwärts sind ihm immer lieber, und mit Eichhörnchen oder gar +Mäusen befaßt er sich nur im Notfall, wenn Schmalhans für längere Zeit +Küchenmeister geworden ist. Doch erregt jedes vorüberhuschende Mäuschen +schon seine Mordlust, und den vorüberflatternden Singvogel schlägt er +mit sicherem Prankenhiebe aus der Luft herunter. Die brütende Auerhenne +oder die dösende Lagerschnepfe sind für ihn in des Wortes wahrster +Bedeutung ein gefundenes Fressen. Die häßliche Katzengewohnheit, mit +gefangenen Kleintieren noch zu spielen und sie angesichts des Todes +zu quälen und zu ängstigen, besitzt auch er, bleibt aber dabei immer +ruhig und gelassen. Was er einmal gepackt hat, läßt er nicht so +leicht wieder los und zerreißt den Beutetieren die Decke mit seinen +nadelscharfen Krallen ganz erbärmlich. In Norwegen wurde ein junger +Luchs, dessen Raubgier stärker gewesen war als seine Klugheit, von +einer angesprungenen Ziege bis in den Hof des Besitzers geschleppt und +dort erschlagen. Einem alten Luchs wäre das sicherlich nicht passiert. +Tschudi erzählt, daß der Luchs in der Schweiz sich bisweilen unter +der Erde nach den Schaf- und Ziegenställen durchzugraben versuche, +wobei einmal ein mutiger Ziegenbock den unterirdischen Feind bemerkte, +als er eben den Kopf aus der Erde hob, und ihn mit seinen Hörnern so +derb bearbeitete, daß der Räuber tot in seinem Tunnel liegen blieb. +Mit Vorliebe stellt der Luchs den Gemsen nach, die ihm aber infolge +ihres scharfen Witterungsvermögens oft entgehen; häufiger fallen ihm +Murmeltiere zum Opfer. An Hirsche, Sauen oder gar Elche dürften sich +nur ausnahmsweise ganz starke Luchse wagen. Die stärkste Kraft dieser +Großkatze, die sich ihre Jagden gern möglichst bequem gestaltet, liegt +in den Füßen, in der Kinnlade und im Nacken. Der Luchs ist nicht so +schlau wie der Fuchs, aber geduldiger, nicht so frech wie der Wolf, +aber ausdauernder, nicht so stark wie der Bär,<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> aber scharfsinniger. +Erbeuteten Rehen oder ähnlichen Tieren wird regelmäßig der Kopf vom +Rumpfe getrennt, und wo man öfters im finsteren Gebirgstann derartig +geköpfte Rehe findet, kann man mit einiger Sicherheit darauf schließen, +daß hier der »Blutschreck«, wie der Luchs früher bei den Tiroler Bauern +hieß, sein unheimliches Wesen treibt. Im übrigen tafelt der Luchs wie +ein richtiger Feinschmecker, saugt sein Opfer fast blutleer und wählt +nur die zartesten Stücke zum Fraße, während alles übrige neidlos dem +Waldpöbel überlassen wird. Gerade durch diese wenig haushälterischen +Eigenschaften wird er ja zu einem so argen Wildverwüster.</p> + +<p>Die Ranzzeit europäischer Luchse fällt in den Januar und Februar, und +die Kater kämpfen dann nachts um der Minne Lohn mit so greulichem +Geschrei, daß dem unerfahrenen Wanderer die Haare zu Berge stehen. +Keine Zigeunergeige und kein Zimbal kann so herzzerbrechend schluchzen +wie diese Teufelsbiester. »Erst klingt es,« schreibt Fritz Bley, +»wie süße Sehnsucht von Verliebten, dann wie das Angstgeschrei eines +Gefolterten und schließlich wie das letzte Röcheln eines Gehenkten. +Dann wieder plärrt und keift eine scheußliche Hexe dazwischen oder +ein alter Urteufel grunzt vor Lüsternheit im tiefsten Basse.« Werden +die Kämpfer handgreiflich, so knurren und fauchen sie ingrimmig und +lassen dann ein plärrendes Gebrüll hören, hoch und fein anfangend +und mit tiefen, dumpfen Tönen endigend. Die Luchsin miaut dazu wie +eine Hauskatze, aber mit tiefer Baßstimme. In merkwürdigem Gegensatz +zu alledem heißt es bei Brehm, daß die Begattung ohne das übliche +abscheuliche Katzengeschrei erfolge. Außerhalb der Ranzzeit sind die +Luchse allerdings sehr schweigsam und schreien nur bei Hunger oder +Langeweile in dumpf plärrenden oder bärenartig brüllenden Tönen. Im +Laufe des März trennt das Weibchen sich dann wieder vom Männchen und +bezieht an einer recht einsamen und schwer zugänglichen Stelle, etwa +in einer durch Windbrüche und Baumwurzeln gebildeten Höhlung oder +auch in einem alten Dachsbau ihr Wochenbett, wo sie nach zehnwöchiger +Tragzeit, also etwa Anfang Mai, zwei bis drei, selten vier Junge wirft, +die anfangs von ganz heller Farbe sind, neun Tage lang blind bleiben, +und die sie als fürsorgliche Mutter mit zartestem Geflügel füttert. +Glückselig schnurrend ruht sie dann auf weichem Pfühle und bietet den +leise maunzenden Sprößlingen geduldig die Zitzen, nimmt es auch mit +stillem Behagen hin, daß die kleinen Rüpel das Gesäuge mit ihren derben +Pfoten recht unsanft kneten. Im Juni nimmt sie ihre Kinder schon auf +kürzere Streifzüge mit und<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> bummelt nun bis zum Eintritt der nächsten +Ranzzeit mit ihnen gemeinsam herum. Merkt sie Gefahr für die Jungen, +so stößt sie in oftmaliger Wiederholung einen groben Nasenlaut aus, +der wohl ein Warnungssignal sein soll. Im übrigen wissen wir über +das Familienleben dieser einsiedlerischen und menschenscheuen Tiere +herzlich wenig, doch behaupten manche Beobachter, daß die geile Luchsin +sich nicht mit einem Gatten begnüge, sondern alljährlich ihre Gunst an +mehrere Liebhaber verschenke.</p> + +<p>Es gibt in europäischen Jagdgründen kein Wild, das so schwierig zu +bejagen und zu erlegen ist wie der Luchs. Seine argwöhnische Schlauheit +vereitelt die besten Anschläge, und gewöhnlich ist es nur ein seltener +Zufall, der ihn einmal vors Rohr bringt. Auf Treibjagden bleibt er +seelenruhig in seiner Baum- oder Felsenhöhle liegen und läßt Treiber +und Hunde vorbeiziehen, oder er baumt beim ersten Lärm auf, rührt +sich nicht mehr und wird dann gewöhnlich übersehen. Nur wenn er im +niedrigen Dickicht ruhte, vermögen ihn sehr schnelle und scharfe +Hunde herauszutreiben, zum Aufbaumen zu zwingen und zu verbellen, wo +ihn dann die herbeieilenden Jäger leicht herunterschießen können. +So sehr der Luchs den Menschen fürchtet und meidet, so wenig macht +er sich doch aus bloßem Lärm und liegt deshalb gar nicht selten in +unmittelbarer Nähe viel benutzter Waldwege. In Rußland bildet man +bei Luchsjagden mit wenigen, aber sicheren Schützen und ortskundigen +Treibern einen möglichst engen Kreis und läßt dann die Bracken in +den Trieb, die das Raubtier rasch aufstöbern und im Falle eines +Durchbruchs unter Lautgeben verfolgen. Der Luchs zeigt auch vor großen +Hunden keine sonderliche Furcht, denn er ist sich seiner Überlegenheit +über sie wohl bewußt. Im Nahkampf wirft er sich gern auf den Rücken +und gebraucht seine furchtbaren Tatzen in der nachdrücklichsten +Weise. Dann muß der Hund unterliegen, und der Jäger tut deshalb gut +daran, schleunigst herbeizueilen, wenn er nicht seinen vierbeinigen +Jagdgehilfen verlieren will. Die Hunde zeigen deshalb auch wenig +Neigung, mit einem so gefährlichen Gegner ernstlich anzubinden. Recht +wenig aussichtsreich ist das Ausgehen der Fährte bei Neuschnee, da der +Luchs in einer Nacht ganz gewaltige Wegstrecken zurückzulegen pflegt. +Stößt er dabei auf eine frische Menschenspur, so trollt er sich sofort +mißtrauisch in eine andere Gegend. Die Luchsjagd ist aber nicht nur +unergiebig und beschwerlich, sondern sie kann unter Umständen sogar +gelegentlich einmal gefährlich werden. Dies gilt besonders für den +Fall, daß der aufgebaumte und vom Hunde<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> verbellte Luchs zunächst nur +angeschossen wird. Dann kann es vorkommen, daß das schwer gereizte +und vor Schmerz halb wahnsinnige Tier mit einem gewaltigen Satze auf +seinen Peiniger herunterstürzt und ihm die scharfen Krallen tief in +die Brust schlägt. Allerdings springt er gewöhnlich zuerst den Hund +an, so daß der Jäger Zeit gewinnt, neu zu laden und den Kampf durch +eine besser gezielte Kugel aus nächster Nähe zu entscheiden. Gut +beglaubigt ist der Fall eines schwedischen Jägers, der mitsamt seinem +Hunde von einem angeschossenen Luchs derart zugerichtet wurde, daß +beiden die Lust zur Luchsjagd für immer verging. Überhaupt erzählt +man sich in Skandinavien manche Geschichten von Luchsjagden, bei +denen der, der auf der Strecke blieb, nicht immer Meister Pinselohr +war. Es braucht das meines Erachtens nicht immer Jägerlatein zu sein, +obschon zahlreiche und grobe Übertreibungen dabei mit unterlaufen +sein mögen. Die baltischen Herrenjäger bekunden übereinstimmend, daß +ihnen niemals etwas von Angriffen des Luchses auf den Menschen bekannt +geworden sei, daß vielmehr jener seiner völligen Ohnmacht gegenüber +dem Herrn der Schöpfung sich stets bewußt bleibe. Gewöhnlich bleibt +der aufgebaumte Luchs ruhig auf seinem Aste liegen und starrt den sich +nahenden Menschen unverwandt an, ja es gibt sogar erfahrene Jäger, die +behaupten, daß man die Aufmerksamkeit des Räubers durch aufgepflanzte +Kleidungsstücke stundenlang fesseln und derweil seine Flinte holen +könne, falls man ihm zufällig und waffenlos begegnet sei. Daß dem Luchs +bei aller Menschenscheu doch auch ein gut Teil Frechheit innewohnt, +geht daraus hervor, daß einmal ein Luchs während einer Treibjagd sich +einen der aufgescheuchten Hasen fing, welche Keckheit er allerdings mit +dem Leben bezahlen mußte.</p> + +<p>Aussichtsvoller als die Jagd auf den Luchs ist der Fang mit dem +Tellereisen, allerdings immer noch viel schwieriger, umständlicher und +mühseliger als etwa beim Fuchs. Um Fangbrocken und Luder, selbst um +frische Pferdekadaver kümmert sich der Luchs nicht; ihm schmeckt nur +selbst erlegte Beute, und auch die nur, solange sie frisch ist. Man +kann also nur dann auf Erfolg rechnen, wenn man Gelegenheit hatte, +das Eisen bei einem vom Luchs selbst gerissenen Reh oder dergleichen +auszulegen. Der in Eisen sitzende Luchs gebärdet sich namentlich beim +Erscheinen des Jägers wie rasend. Seine Wut kennt keine Grenzen, und +er macht mit bewundernswerter Kraft die verzweifeltsten Anstrengungen, +um freizukommen, wobei er sich nicht selten die Krallen ausreißt oder +die Fangzähne abbricht. Ein gefangener<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> Luchs war mit dem schweren +Eisen an einer Tatze auf einen hohen Baum geklettert und blinzelte +von da tückisch auf seinen Verfolger herab. Es erschien rätselhaft, +wie er mit dem stark verletzten Fuß und dem gewichtigen Eisen an +dem steilen und glatten Stamm hatte hochkommen können. Nur einer +fabelhaften Gewandtheit in Verbindung mit unglaublicher Muskelkraft +und Willensstärke konnte ein solches Unternehmen gelingen. Ein anderer +Luchs hatte das Eisen eine tiefe Schlucht hinunter und auf der anderen +Seite wieder in die Höhe geschleppt. An den Spuren im Schnee ließ sich +feststellen, daß das Raubtier die ganze Zeit über, während das Eisen +an einer gerissenen Ricke gestellt worden war, kaum 30 Schritte davon +auf einer dicht beasteten Fichte gelegen und ruhig zugesehen hatte. +Ratz hatte einmal einen hohen Felsen erklettert und wollte sich gerade +zum Ausruhen niedersetzen, als plötzlich zehn Schritte vor ihm ein +Luchs absprang. Er beschoß ihn auf sechzig Schritte mit Hasenschrot, +fand auch Schweißspuren und ein gerissenes Reh, aber der Luchs selbst +blieb verschwunden. Am nächsten Morgen fing er sich in dem bei seinem +Opfer gestellten Eisen, mit dem er sich dann zwischen zwei dicht +beieinanderstehenden Baumstämmen derartig einklemmte, daß er leicht +den Gnadenschuß erhalten konnte. Vorher war er noch mitsamt dem Eisen +einen hohen Felsen herabgesprungen, und es war nur zu verwundern, daß +er sich dabei nicht den Schädel zerschmettert hatte. — Der Balg des +Luchses gibt ein geschätztes Pelzwerk ab, das namentlich in China sehr +beliebt ist, weshalb die große Mehrzahl der sibirischen Luchsfelle nach +dort ausgeführt wird. In Europa gelten die nordischen Luchsfelle für +besser als solche aus südlichen Ländern. Luchsbraten galt früher als +ein Leckerbissen oder doch wenigstens als ein begehrtes Schaugericht +für die Tafel der Vornehmsten. Noch auf dem Wiener Kongreß soll +mehrfach Luchsbraten aufgetischt worden sein. Je seltener dieses +Gericht wurde, um so mehr kam es in den Geruch der Heilkräftigkeit +und Wundertätigkeit. 1819 erhielt die bayrische Jägerei den Auftrag, +unter allen Umständen einen Luchs zur Strecke zu bringen, da dessen +Wildbret dem bayrischen König als Mittel gegen Schwindelanfälle +dienen sollte. Neuerdings hat Baron von Loewis einer Gesellschaft +baltischer Feinschmecker Luchsbraten vorgesetzt, der allgemein für +Truthahn gehalten und mit Vergnügen verspeist wurde. Dagegen fand +Baron von Krüdener, daß geräuchertes Luchsfleisch unangenehm süßlich +schmecke. In Estland wird heute noch Luchsfleisch von hoch und niedrig +gern gegessen; es sei zart und hellfarbig, ohne jeden unangenehmen +Wildgeschmack<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> und dem besten Kalbfleische gleich. Die Krallen des +erlegten Luchses, die sog. »Luchskräneln«, läßt sich der glückliche +Schütze in der Regel in Silber fassen und trägt sie mit berechtigtem +Stolze an der Uhrkette.</p> + +<p>Gefangene Luchse, die in den Tiergärten nicht eben häufig zu sehen +sind, verlangen sorgfältigste Pflege. Wenn sie sich auch aus +Witterungsunbilden nicht viel machen, so beanspruchen sie doch große +Abwechslung in der Nahrung und nur frisches Fleisch bester Sorte. +Alte Luchse bleiben immer mürrisch und eigensinnig und lehnen jeden +näheren Anschluß an den Menschen fauchend und übellaunig ab. Dagegen +werden Junge, die aber schwer aufzutreiben sind, überraschend zahm +und zeigen sich dem Pfleger gegenüber von ihrer liebenswürdigsten +Seite. Grill war so glücklich, einen etwa zweitägigen Jungluchs zu +erwerben. Seine Hauskatze mußte das kleine Waisenkind großsäugen und +tat dies mit all der unerschöpflichen Zärtlichkeit, die Katzenmütter +hilflosen Jungtieren gegenüber an den Tag legen. Dieser Jungluchs +bekam auch später nur Milch, Brei, Kartoffeln u. dgl. und blieb wohl +deshalb so zahm wie eine Hauskatze. Auch in einem andern Falle diente +eine Katze als Amme. Der Pflegling gedieh dabei prächtig und wurde +bald zum Liebling der ganzen Familie, obgleich er gelegentlich durch +seine übergroße Neugier lästig fiel. Als er schon doppelt so groß war +wie seine Pflegemutter, leckte diese den Rüpel immer noch zärtlich. +Wenn er aber dann in seiner groben Art mit ihr spielen wollte, wurde +Mieze ungemütlich, sprang ihm auf den Rücken und backpfeifte ihn, daß +es nur so rauchte. Zu einer gewissen Berühmtheit hat es der zahme +Luchs des Barons von Loewis gebracht. Dieses Tier war so gehorsam, +daß ein drohender Zuruf genügte, um es augenblicklich von Hasen, +Hühnern oder Schafen abzuhalten. Es hörte genau auf seinen Namen und +durfte deshalb sogar seinen Herrn zu den Treibjagden begleiten, auf +denen es sich damit vergnügte, Hasen abzufangen. Nachdem Sprünge auf +am Boden sitzende Tauben mehrmals mißglückt waren, lernte »Luzy« +sehr geschickt, sie mit einem Prankenhiebe beim Auffliegen aus der +Luft herunterzuschlagen. Fuhren Herr von Loewis und sein Bruder auf +einen Tag in die Nachbarschaft, so konnte niemand »Luzy« bändigen, +und dann wehe jedem unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans! +Rollte dann spät in der Nacht der Wagen wieder vor das Wohnhaus, so +war Luzy im Nu vom Dach, wo sie sich neben dem Schornstein zur Ruhe +niedergetan hatte, herunter und flog mit weiten Sätzen ihrem Herrn<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> an +die Brust, seinen Hals mit ihren starken Vorderpranken umschlingend, +laut schnurrend und mit dem Kopf nach Katzenart stoßend und reibend. +So folgte sie in die Stube, um auf dem Sofa oder neben dem Ofen ihr +Nachtlager aufzuschlagen. Einige Male durfte sie auch das Bett mit +ihrem Herrn teilen, legte sich dann aber gern quer über dessen Hals und +verursachte dadurch Alpdrücken und beunruhigende Träume. Als einmal +die Gebrüder Loewis für eine ganze Woche verreisten, geriet der Luchs +in große Unruhe, suchte schreiend nach seinem Herrn, verweigerte die +Annahme von Nahrung und übersiedelte schon am zweiten Tage in ein +nahes Birkenwäldchen, von wo er nur zum Übernachten auf sein gewohntes +Plätzchen neben dem Schornstein zurückkehrte. Seine Freude bei der +endlichen Wiederkehr der beiden Barone kannte keine Grenzen. Scham- +und Ehrgefühl waren stark entwickelt, wie es sich z. B. zeigte, als +die Luchsin einmal beim Beschleichen von Gänsen ins Wasser geplumpst +war. Durchaus Feinschmecker, nahm auch dieser Luchs nur ganz frisches +Fleisch, am liebsten Wild und Geflügel. Eigentümlich war sein glühender +Haß gegen Hauskatzen, die er mit gräßlicher Wut zerfleischte. In kurzer +Zeit hatte er sämtliche Katzen auf dem Gute ausgerottet, obwohl man +sie sorgsam vor ihm verborgen hielt. Nur einmal wagte es Herr von +Loewis, Luzy zu einem Besuch auf ein Nachbargut mitzunehmen. Kaum aber +war man eine Stunde dort, so meldete auch schon der Diener, daß die +Lieblingskatze der Hausfrau von dem Luchs zerrissen worden sei.</p> + +<p>Zuchterfolge mit gefangenen Luchsen sind namentlich im Stockholmer +Tiergarten erzielt worden. Anfang März 1905 bemerkte der Direktor +Alarik Behm, daß ein Pärchen Luchse sich für einander interessierte. +Oft saßen die Tiere dicht aneinandergeschmiegt auf den großen +Felsblöcken ihres Käfigs, und der Kater leckte nicht selten Wangen, +Ohren und Schnauze der Luchskatze. Am 22. Mai wurden zwei Junge +geboren, starben aber nach fünf Monaten an Rachitis, und auch der Vater +ging bald darauf an Spulwürmern zugrunde. Dem Weibchen wurde nun ein +anderes Männchen beigesellt und auch am 14. März 1906 eine Paarung +beobachtet, die aber keine Folgen hatte. Im nächsten Jahre erfolgte +die Paarung am 9. März, und am 17. Mai wurden drei Junge geboren. +Leider blieben auch diese nicht lange am Leben; zwei gingen im Oktober +ein, und das dritte im Dezember, alle mit Spulwürmern behaftet. Der +15. Mai 1908 brachte wieder zwei Junge, die erst am 16. Lebenstage +die Augen öffneten, den Winter gut überstanden und gesund<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> und munter +blieben. Während ihrer ersten Lebensmonate ließen die jungen Luchse +oft ein leises Piepen hören. Im gleichen Wurf fanden sich verschiedene +Spielarten, und sowohl Wolf- wie Fuchs- wie Katzenluchse sind von dem +gleichen Elternpaar gezogen worden. Das Wachstum der Jungen vollzieht +sich sehr langsam; im Dezember waren sie erst halbwüchsig. Die +Luchsmutter pflegt ihre Kleinen mit unübertrefflicher Zärtlichkeit und +trägt sie bei der geringsten Beunruhigung in die Höhle zurück; später +verwendete sie viel Zeit auf das Spielen mit ihren niedlichen Kindern. +Der Luchskater war während der Geburt 1905 auch im Käfig anwesend und +schlief in der ersten Zeit mit seiner Familie zusammen. Als die Jungen +größer wurden, beschäftigte er sich fast ebensoviel mit ihnen wie +die Luchsmutter und ließ die übermütigen Kleinen geduldig über sich +hinweg klettern und tollen oder sich von ihnen am Schwanz und an den +Ohren reißen. Bei den späteren Würfen wurde der Kater aber doch vorher +entfernt, weil er nach Aussage der Wärter dem Weibchen und den Jungen +zu viel von dem guten Wochenstubenfutter (Kaninchen, Tauben, Sperber) +wegfraß.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Der_Uhu">Der Uhu</h2> +</div> + +<p>Finsterling Uhu, der stärkste Vertreter des Eulengeschlechts, teilt +mit dem Steinadler den gefährlichen Ruhm, der gewaltigste Räuber +unserer heimischen Vogelwelt zu sein. Gibt doch das Uhuweibchen dem +Steinadler an Größe tatsächlich nur wenig nach, ja, wenn es im Zorne +alle seine Federn sträubt, die übrigens bei manchen Völkerschaften +Mittelasiens als geschätzte Schmuckfedern gelten, dann erscheint es +fast noch größer. Die Flügellänge europäischer Uhuweibchen, die auch +an dem stärkeren Schnabel und den längeren Zehen von den kleineren +und schwächeren Männchen zu unterscheiden sind, beträgt 465-490 +<span class="antiqua">mm</span>, die der Männchen 430-465 <span class="antiqua">mm</span>. Das durchschnittliche +Gewicht der Weibchen beträgt 3-½, das der Männchen nur etwa 3 +<span class="antiqua">kg</span>. Anscheinend kann der Vogel ein ziemliches Alter erreichen; +wenigstens lebte ein ungarischer Hüttenuhu volle 32 Jahre in +seinem Verschlag, und in freier Natur dürfte diese Zahl wohl noch +wesentlich überschritten werden, wenn nicht Pfahleisen oder Blei ein +verfrühtes Ende herbeiführen. Je nach Grundfärbung, Fleckung und +Schwingenverhältnissen unterscheiden die Vogelforscher beim Uhu eine +ganze Reihe geographischer Rassen, jedoch ist Hartert<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> der Ansicht, +daß ganz Europa von Skandinavien und Nordrußland bis zu den Pyrenäen, +Italien und Griechenland von einer einheitlichen Form bewohnt wird, +während Reichenow auch diese noch in mehrere Rassen aufsplittern +möchte. Ich selbst kann allerdings skandinavische Uhus von deutschen +unterscheiden, nicht aber diese von ungarischen. Gut kenntliche Rassen +sind jedenfalls der turkmenische und der nordafrikanische Uhu.</p> + +<p>Macht der Uhu auf den ersten Blick auch einen etwas abenteuerlichen +Eindruck, so muß man ihn bei näherer Betrachtung doch entschieden +als schön erklären. Man schaue ihm nur einmal in die prachtvollen, +goldgelben, feuersprühenden Glotzaugen mit ihrem magischen +Phosphorglanz, denen weder bei Tag noch im Dunkel der Winternacht +die kleinste Beute entgeht; man bedenke, daß die absonderlichen +Ohrbüschel auf unglaubliche Entfernung hin das leiseste Geräusch +auffangen, man betrachte das weiche, üppige Gefieder mit seiner +feingemusterten Zeichnung und großartigen Schutzfarbe, die gewaltigen, +breiten Fittiche, die furchtbaren Waffen, die unheimliche Kraft und +Sicherheit, mit der sie geschwungen werden, — und dann wird man +zugeben müssen, daß die Natur im Uhu nicht einen häßlichen Kobold, +sondern ein Meisterwerk von höchster Vollendung und eigenartiger +Schönheit schuf. Frau Sage hat ein düsteres Märchengewebe um den +geheimnisvollen Sonderling gewoben. Jedes Kind kennt ja den Uhu, aber +nur die allerwenigsten Menschen haben ihn in freier Natur wirklich +gesehen. Aber sein abenteuerliches Aussehen, seine nächtlichen +Raubritterstreiche, sein waghalsiger Mut und seine unheimliche +Stimme haben ihm im Verein mit allerlei gespenstischen Sagen zu +einer gewissen Berühmtheit verholfen, die durch alle Schichten des +Volkes reicht. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Uhu mit +am meisten zur Entstehung der weitverbreiteten Sage vom wilden Jäger +beigetragen hat. Man begreift das, wenn man einmal in einer stürmischen +Frühlingsnacht zwei eifersüchtige Uhumännchen sich balgen sah. Heftige +Schwingenschläge, wütendes Fauchen, Zischen und Schnabelknappen, +freches Kichern und heiseres Kreischen! Die dumpfen Rufe durchlaufen +dabei alle Stufen von Zorn und Wut, Ingrimm und Ärger, Bosheit und +Tücke und endigen schließlich in einem entsetzlichen Siegesgeheul. Wenn +der erregte Vogel sein üppig volles Gefieder zu einem unförmlichen +Federball aufbläst, wenn gleichzeitig seine riesigen Augen wie zwei +Feuerräder grünlich geisterhaften Phosphorglanz sprühen, wenn sein +schauerliches Rufen im Verein mit<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Schlangengezisch und Gefauche +die Abendstille durch eine gräßliche Musik unterbricht, dann denken +ängstliche und abergläubische Gemüter wohl leicht an das Konzert +rasselnder Totengerippe zur Mitternachtsstunde auf dem alten Friedhof, +wie es in der dörflichen Spinnstube so oft und so anschaulich +geschildert worden ist. Dann gruselt's solche Menschen!</p> + +<p>Die Forscher aus der klassischen Zeit der deutschen Vogelkunde, auch +noch Eugen von Homeyer und Altum, kennen den Uhu alle noch als einen +ganz regelmäßigen Brutvogel in den weitaus meisten Gegenden unseres +Vaterlandes, obgleich sich schon ein Rückgang bemerklich machte. So +schreibt Gloger in seiner 1834 erschienenen »Naturgeschichte der +Vögel«: »In Deutschland, etwa das Saaletal ausgenommen, fängt der +Uhu, wie in allen kultivierten Staaten, bereits an, <em class="gesperrt">etwas</em> +selten zu werden.« Noch in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts +war der Uhu in vielen Gegenden eine durchaus nicht besonders seltene +Erscheinung. Das ist leider ganz anders geworden, und namentlich seit +der Jahrhundertwende hat nahezu überall eine geradezu erschreckend +rasche Abnahme des »Königs der Nacht« eingesetzt, die sein völliges +Aussterben in sehr absehbarer Zeit befürchten läßt. Schonungslose +Verfolgung hat die majestätische Eule schon heute in den meisten +Gegenden Mitteleuropas völlig vernichtet und die spärlichen Reste +in die finstersten Waldungen der Ebene oder in die abgelegensten +Felsengebiete der Gebirge zurückgedrängt, wo der Vogel vollends zum +menschenscheuen Einsiedler geworden ist. Das Herz krampft sich einem +förmlich zusammen und die Schamröte steigt einem ins Gesicht, wenn man +dieses widerwärtige Trauerspiel in seinen Einzelheiten näher verfolgt, +wenn man etwa in den letzten 25 Jahrgängen der Jagdzeitschriften all +diese selbstgefälligen, schieß- und fangwütigen Ausrottungsberichte +zusammenstellt. Es ist immer und überall dieselbe lausige Geschichte: +Irgendwo haust noch in stiller Abgeschiedenheit ein einsames Uhupaar. +Es wird ausfindig gemacht, und alljährlich werden ihm nun schonungslos +sämtliche Eier oder Junge weggenommen, bis schließlich auch die alten +Brutvögel kaltblütig abgeknallt werden. Schluß! Wieder ein deutscher +Uhubrutplatz weniger! Wen kümmert's groß? Das ist selbst in neuester +Zeit kaum anders geworden, obwohl der aussterbende »König der Nacht« +heute als Naturdenkmal gesetzlich geschützt ist. Aber solche Gesetze +stehen ja bekanntlich nur auf dem Papier, und die große Mehrzahl der +Auchjäger schert sich den Teufel darum.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p> + +<p>Vergegenwärtigen wir uns nun einmal an der Hand der Jagd- und +Fachpresse, wie sich die Ausrottung des Vogels in den früher +uhureichsten Gegenden vollzogen hat, und suchen wir zugleich +festzuzustellen, wo heute in Mitteleuropa Uhus überhaupt noch brüten. +In Mecklenburg war der Uhu früher namentlich in den südlichen und +südöstlichen Teilen des Landes verbreitet, zählt aber heute gleich dem +Steinadler zu den ausgestorbenen Vogelarten. Selbst aus den großen +Waldungen der Rostocker Heide ist er heute völlig verschwunden. Die +letzten Brutpaare horsteten zu Beginn dieses Jahrhunderts bei Speek in +der Nähe von Röbel, bei Testorf und bei Ankershagen. An letztgenanntem +Platze wurde noch Anfang 1916 ein Uhu erlegt, der aber wohl nur ein +gattenlos herumstreichender Durchzügler war. In Pommern war der Uhu +nach E. F. v. Homeyer in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts +»nicht selten« und kam namentlich in den großen Kiefernwäldern der +östlichen Landesteile noch »oft genug« vor. Heute hört man so gut wie +nichts mehr von pommerschen Uhus. Auch in Ostpreußen war der Uhu noch +zu Ende des vorigen Jahrhunderts durchaus keine Seltenheit. Bekannte +Horstplätze waren z. B. die Oberförsterei Fritzen im Samland, ferner +die Gegenden von Memel, Heydekrug, Sorquitten, Ibenhorst, Trygallen, +Norkitten, Wehlau u. a. Auf den Treibjagden wurden häufig nebenbei +auch Uhus erlegt, und der bekannte Königsberger Präparator Künow hatte +oft ein halbes Dutzend und mehr gleichzeitig zum Abbalgen daliegen. +Ich selbst kannte einen Horst, der auf einem gar nicht besonders hohen +Baume stand. Damals wurden immer nur zufällig Uhus geschossen oder +gefangen, die alteingesessenen Brutpaare dagegen sorgfältig geschont, +schon der wertvollen Jungen wegen. Oberst Biclitz schreibt, daß +dies auch heute noch so sei und daß infolgedessen ein wesentlicher +Rückgang der ostpreußischen Uhubestände nicht eingetreten sei, zumal +in den endlosen, einsamen Waldungen so mancher Horst überhaupt nicht +aufgefunden werde. Neuerdings gibt der bekannte Oologe Szielasko an, +daß der Uhu in Masuren und Litauen noch regelmäßiger Brutvogel sei, +besonders aber in der »Niederung«, wo er geradezu als häufig gelten +könne. Tischler schätzt den gegenwärtigen Uhubestand Ostpreußens auf +19 bis 20 Horstpaare. Nach alledem scheint es also, als ob wir in +Ostpreußen die uhureichste Provinz Deutschlands vor uns haben, wenn +auch in neuester Zeit ein bedenklicher Rückgang, namentlich in Masuren, +leider nicht zu verkennen ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p> + +<p>Als eine besonders uhureiche Gegend galt früher auch der Harz, dessen +natürliche Beschaffenheit sich ja hervorragend für diesen Vogel +eignet. Aber es ist zu unruhig in dem schönen Gebirge geworden, und +so wird auch hier dem Finsterling bald die Todesstunde geschlagen +haben, wie ja allen großen und eigenartigen Vögeln von der sogenannten +Kultur bald der Garaus gemacht wird. Im Oberharz ist der Uhu heute +bereits ausgerottet und im Unterharz horstet noch ein einziges Paar, +dessen Standort sich nach Smalian in schwer zugänglichen Felsen bei +Schloß Falkenstein befindet. Von einem der letzten Horste berichtet +Oberförster Robitzsch aus Ballenstedt. Der Horst stand in einer tiefen +Felsspalte eines seit Jahren unbenutzten Steinbruchs etwa 15 <span class="antiqua">m</span> +über der Steinbruchsohle. 1912 wurde der Steinbruch vorübergehend +wieder in Betrieb genommen, aber erst als die Arbeit schon mehrere +Wochen gedauert hatte, verriet einer der alten Uhus den Horst dadurch, +daß er einmal bei verfrühtem Eintreffen der Leute aus der Felsplatte +heraus abstrich. Das Gefieder der Uhus stimmte nämlich in seiner +rostbraunen Farbe so vorzüglich mit dem Grauwackengestein überein, daß +man von der Steinbruchsohle aus selbst mit dem Jagdglase die Vögel +nicht von ihrer Umgebung unterscheiden konnte. Die jungen Uhus saßen +etwa 1-½ <span class="antiqua">m</span> tief in der Spalte und mußten erst mit Hilfe +eines Spatens aus ihrem Versteck hervorgeholt werden. Oberförster +Robitzsch schenkte ihnen erfreulicherweise die Freiheit. Auch Wichfeld +erzählt noch 1916 von einem Harzer Uhuhorst, der gleichfalls in einem +alten Steinbruch unter einem überhängenden mächtigen Felsblock sich +befand und nur mit Hilfe des Seiles zu erreichen war. Er enthielt +drei Junge, die den Kletterer mit wütendem Schnabelknappen begrüßten, +übrigens ohne jede Nestunterlage in einer flachen Geröllmulde saßen +und einen Hamster, eine Fasanenhenne sowie mehrere Karnickel und +Igel zur gefälligen Auswahl vor sich liegen hatten. Der alte Uhu +hakte gewöhnlich in einer hohen alten Fichte auf, die dem Steinbruch +gegenüberstand, und ließ von hier aus seinen dumpfen Ruf erschallen. +Auch im nächsten Jahre enthielt der Horst wieder zwei Eier, aber +seitdem scheint er verlassen zu sein, und man hat über das Schicksal +dieses Paares nichts mehr gehört.</p> + +<p>Ähnlich günstige Verhältnisse wie im Harz boten sich dem Uhu in +der Sächsischen Schweiz mit ihren steilen und stark zerklüfteten +Sandsteinfelsen. Bei der schweren Zugänglichkeit dieser Felswände hat +sich der Uhu hier etwas besser gehalten, und es brüten auch heute +noch alljährlich mehrere Paare zwischen Schandau und Pirna. In<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> den +Schrammsteinen wurde 1889 ein junger Uhu aufgefunden, der aus dem +Horste herausgefallen war. Loos sah 1904 drei Jungvögel, die im +Schulzengrunde ausgehoben worden waren. Im übrigen Sachsen aber ist +der Uhu als Brutvogel heute ausgestorben, auch im Erzgebirge sowie +bei Zittau, wo früher (bis 1889) in den Wänden des Oybin immer zwei +bis drei Paare horsteten. Nur als Strichvogel wird hier und da noch +einmal ein Stück erlegt. — Im Fichtelgebirge sollen noch 1914 zwei +Jungvögel einem Horste entnommen worden sein. Im Spessart kam der Uhu +nach Behlen schon 1843 nur noch in vereinzelten Paaren vor, während er +früher in den einsamen Waldungen dieses Gebirgszuges geradezu häufig +genannt werden konnte. Die zunehmende Beunruhigung der Forsten und +die rücksichtslose Waldverwüstung haben ihn ebenso vertrieben wie den +Schwarzstorch, und die Naturschutzbewegung kam im Spessart zu spät. +In den 70er Jahren war der Uhu noch Standwild in den Kalkfelsen bei +Mühlbach, wo jetzt Zementfabriken ihre Steinbrüche haben. 1875 brütete +der Uhu noch auf der Benediktenhöhe und in den 80er Jahren zwischen +Mittelstadt und Karlstadt, bei Wertheim und sogar auf der Marienfeste +in Würzburg. Alle diese Paare wurden durch Abschuß des einen Gatten +vertrieben, und heute ist der Uhu aus der Liste der Spessart-Brutvögel +zu streichen. Hoffmann sah den letzten 1918 bei Eusenheim im Werratal.</p> + +<p>Ein weiterer bevorzugter Wohnplatz des Uhus war von jeher das +obere Saaletal, und der herrliche Vogel kommt dort auch heute noch +horstend vor. So nistet ein Paar regelmäßig auf dem Weißenfelsen am +rechten Saaleufer unweit Rudolstadt und wird dort erfreulicherweise +geschont. Ein anderer Horst steht unter hängendem Gestein in den +Klippen des Thälendorfer Reviers und enthielt am 19. Juni 1915 drei +kräftige Dunenjunge. Ebenso werden Dornburg und bis 1893 auch der +Kobersfelsen bei Burgk a. d. Saale als Brutplätze genannt. Auch der +»Uhustein« an der Saale trägt seinen Namen nicht umsonst. Ja selbst +in der unmittelbaren Nähe von Jena befand sich bis in die neueste +Zeit hinein ein besetzter Uhuhorst, aber leider wurde das Brutpärchen +von den Jagdpächtern hart verfolgt, obwohl es ausschließlich auf der +Hochebene jagte und hier fast nur Kaninchen und Hamster schlug, die +dort eine wahre Landplage bilden. — Auch am Rhein haben sich noch +spärliche Restbestände des Uhus erhalten, da, wo der Strom die ihm den +Weg versperrenden Gebirge durchbricht und infolgedessen Steilabstürze +vorhanden sind. Altbekannt ist z. B. ein Uhuhorst bei St. Goarshausen,<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> +der schon seit vielen Jahren von der Forstverwaltung als Naturdenkmal +beschützt wird. Auch am Loreleifelsen kann man noch ab und zu Uhus +sehen, die vielleicht dort horsten. Ein anderer Felsvorsprung am Rhein +heißt im Volksmunde geradezu »Uhusnack«. Auch auf steilen Felswänden +bei Bacharach hat sich der Uhu lange gehalten, bis 1916 das Weibchen +des Horstpaares abgeschossen wurde. Genau ebenso ging es um die gleiche +Zeit dem seit vielen Jahren bei Münstermaifeld brütenden Uhupaar. +Auf einem fast unzugänglichen Hang bei Mayschoß im Ahrtal stand ein +Uhuhorst, dem 1910 und 1913 ein Farnkrautsammler je zwei fast flügge +Junge entnahm, um sie an Elberfelder Hüttenjäger zu verkaufen. Ein seit +mehreren Jahren verlassener Uhuhorst bei Altenahr wurde 1912 wieder +bezogen, mußte aber gleichfalls seine beiden Jungvögel hergeben. Er +steht auf einem hohen Basaltfelsen im Denntale, einem Nebental des +Ahrtales. Der bekannte Ornithologe König in Bonn erhielt Uhueier aus +dem Ahrtale und vermutet dort noch mehrere Brutpaare. Im Sauerlande +und auch im Roertale, wo er sich bis 1890 hielt, ist der Uhu heute +als Brutvogel ausgestorben, wenn auch ab und zu noch herumstreichende +Stücke erlegt werden. Dagegen finden sich auf den Hängen der Eifel nach +dem Moseltale zu noch besetzte Uhuhorste. Le Roi nennt solche von Burg +Eltz, Karden, Kochem und Trarbach.</p> + +<p>Im Thüringer Wald ist der Uhu wenigstens noch nicht gänzlich +ausgestorben. Annenhöfer schreibt 1913: »Schon seit Jahren war einem +Teil der hiesigen Jägerei das Vorhandensein eines Uhupaares sowie +dessen Horst im ›Zeiher‹, einem schroffen Talkessel mit 50 bis 100 +<span class="antiqua">m</span> hohen Hängen an den Nordfuß der Reinsberge grenzend, bekannt. +Die beiden Jungen wurden voriges Jahr geraubt und sind dieses Jahr für +gutes Geld als fertige lebende Jagduhus in die Welt gewandert. Leider +fiel letztes Jahr das Weibchen den Schroten eines Jägers in Dosdorf +zum Opfer. Trotzdem scheint es dem Männchen gelungen zu sein, wieder +eine Gefährtin zu finden, denn vorige Woche haben Bekannte von mir zwei +Arbeiter getroffen, die wieder zwei Uhus ausgenommen hatten.« Neueren +Nachrichten zufolge war dieser Arnstadter Horst auch in den letzten +Jahren noch besetzt. An der Heilsberger Felswand bei Stadt Remda +horstete nach elf Jahren 1910 zum ersten Male wieder ein Uhupaar, das +leider ungastlichen Empfang fand, da man ihm die Jungen aus dem Neste +raubte. Die altbekannten Horstplätze am Iltenberg bei Themar und im +Melkerser Felsen bei Meiningen sind längst verödet. In ganz<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Hessen +und dem angrenzenden Waldeck gibt es nur noch ein bis zwei Brutpaare, +die aber baldigem Untergang geweiht sind. Aus der Provinz Hannover +war der Uhu nach Löns schon vor dem Weltkriege völlig verschwunden. +Dagegen hat die wild- und waldreiche Mark Brandenburg immer noch eine +Reihe Uhuhorste aufzuweisen, namentlich in der stillen Neumark. Förster +Rüdiger schickte mir von dort eine Anzahl Gewölle, die von einem Horste +stammten, der merkwürdigerweise inmitten einer bewohnten Reihersiedlung +errichtet war. In Schlesien gab es früher Uhus genug im Riesengebirge, +Altvater, Heuscheuer, Oberschlesien usw., aber die Bestände haben sich +seit Mitte des vorigen Jahrhunderts mit so rasender Schnelligkeit +vermindert, daß heute in der ganzen, sonst so vogelreichen Provinz kein +einziger sicherer Uhuhorst sich mehr nachweisen läßt. Allerdings werden +noch ab und zu einzelne herumstrolchende Uhus erlegt, aber es handelt +sich dabei wohl allermeist um Zuzügler aus den Karpathen.</p> + +<p>Dagegen ist der Uhu nach Gengler trotz aller Verfolgungen immer noch +vereinzelter Brutvogel in Mittelfranken. Es kommt ihm zustatten, daß +die Krähenhütte dort wenig betrieben und gewöhnlich ein ausgestopfter, +mechanisch bewegter Uhu dabei verwendet wird. Ich selbst erhielt bis +in die neueste Zeit öfters Uhugewölle aus der Fränkischen Schweiz +zur Untersuchung. Gengler führt die Gegenden von Altdorf, Hersbruck +und Hartenstein als noch heute besetzte Brutplätze an. Früher war +der Uhu in dem bergigen und felsigen Altmühltal verhältnismäßig +häufig anzutreffen und horstete ständig bei Arnsberg und bei +Kipfenberg, ist aber jetzt dort ausgestorben. Der letzte wurde nach +Graf Geldern 1890 dort geschossen. Ein schönes, altbekanntes Pärchen +starb 1910 durch Berührung mit dem Leitungsdraht eines Kraftwerkes, +den es sich zum Hochzeitsbette auserkoren hatte. In der Oberpfalz +soll bei Breitenbrunn noch ein vereinzeltes Uhupaar horsten. Aus +den südbayrischen Mösern ist der schöne Vogel leider schon völlig +verschwunden; nur selten noch verstreicht sich einer vom Gebirge her +in die Randmöser. Im bayrischen Hochgebirge ist der Uhu zwar noch +regelmäßiger Brutvogel, aber doch schon überall eine bemerkenswerte +Seltenheit. Glücklicherweise wird er in manchen Gegenden jetzt +wirklich geschont. Über das Vorkommen des Uhus in Württemberg sind +wir neuerdings durch eine sorgfältige Arbeit Pfeiffers vorzüglich +unterrichtet worden. In dem durch seine großen Waldungen und schönen +Felsentäler für ihn sehr geeigneten Schwabenländle bewohnte die +große Eule noch beim Ausgang<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> des vorigen Jahrhunderts die gesamte +Alb sowie beträchtliche Teile des Schwarzwaldes. In diesem kommt sie +heute als Brutvogel nicht mehr vor. Über das Schicksal der letzten +Paare hören wir: Auf der Schloßruine von Nagold hausten bis 1896 zwei +Paare, bei Teinach in der Ruine Waldeck bis 1900 ein Paar, von dem +dann der eine Gatte durch einen Bauern abgeknallt wurde. Ein dritter +Schwarzwaldbrutplatz befand sich bis 1894 auf einem Felsen im Enztale +bei Sprollenhausen, wo die Brutvögel von Bauern getötet und die Brut +selbst vernichtet wurde. Im Alpirsbacher Stadtwald hielt sich der +Finsterling am Beilstein bis 1885 und verschwand dann nach erfolgter +Plünderung des Horstes auf Nimmerwiedersehen. Der Rottweiler Stadtwald +hat sogar bis 1910 den Uhu beherbergt, obwohl ihm alljährlich die +Jungen weggenommen wurden. Leider wurde dann der eine Vogel zufällig +auf einer Treibjagd abgeschossen, und so wurde auch dieser letzte +Brutplatz im württembergischen Schwarzwald verlassen. Häufiger war +der Uhu von jeher auf der Schwäbischen Alb, ganz besonders aber im +oberen Donautal mit seinen großartigen Felswänden. Freilich ist +es auch hier mit dem Bestande rasend schnell bergab gegangen, und +die mittlere sowie die östliche Alb, wo früher der Vogel geradezu +häufig war, sind heute uhufrei. Aber wenigstens in der westlichen +Alb ist er heute noch Brutvogel, und zwar nicht mit einem einzigen +Paare, wie man in den Kreisen der Vogelfreunde allgemein annahm, +sondern die genauen Nachforschungen Pfeiffers haben die erfreuliche +Tatsache ergeben, daß immerhin noch fünf Horstpaare vorhanden sind +(Zwiefalten, Balingen, Sulz, Ebingen, Donauschleife zwischen Fridingen +und Mühlheim). 1890 freilich waren es mindestens 55, 1907 immerhin +noch 20. Der Bestand ist also innerhalb 35 Jahren auf den elften Teil +zusammengeschmolzen! Verwundern kann das freilich nicht, wenn man +hört, daß noch 1903 im Lenninger Tal nicht weniger als sechs Uhus im +Pfahleisen gefangen wurden. Allein das herrlich gelegene Urach hatte +um die Jahrhundertwende noch drei bis vier Brutpaare aufzuweisen. +Einer der alten Horste stand bei Bierlingen ganz bequem zugänglich +auf einer Geröllhalde und wurde natürlich alljährlich ausgeplündert, +bis die Vögel die Sache doch schließlich satt bekamen. Als besonders +empfindlich erwies sich das Brutpaar am Lichtenstein, denn es +verschwand 1908, als man einen Gehweg am Fuße des Horstfelsens angelegt +hatte.</p> + +<p>Ebenso genau wie über die Uhus Württembergs sind wir über diejenigen +Böhmens unterrichtet durch eine eingehende Arbeit des<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Forstmeisters +Kurt Loos. Während vor wenigen Jahrzehnten noch mindestens 50 +Uhupärchen in Böhmen horsteten, konnte er 1907 nur noch 18 aufführen +mit der Bemerkung, daß auch dieser geringe Bestand sich beständig +vermindere, da alljährlich etwa zehn alte Vögel abgeschossen oder +im Pfahleisen gefangen und etwa 35 Jungvögel für die Krähenhütte +ausgehoben würden. Am zahlreichsten fand Loos den Uhu noch in der +Gegend von Aussig. Wiederansiedelungsversuche bei Horowitz hatten +leider nur vorübergehenden Erfolg, da die Schießlust der »Jäger« +nicht zu bändigen war. Neuere Nachrichten führen gar nur noch zwei +böhmische Uhuhorste auf am Stellnitzer Berg und am Schlagniger Berg +bei Bilin. — In den Gebirgsgegenden Deutsch-Österreichs liegen die +Verhältnisse ähnlich wie in Oberbayern, d. h. der Uhu kommt zwar noch +horstend vor, ist aber überall eine Seltenheit und in weiterer Abnahme +begriffen. Bekannte Horstplätze befinden sich z. B. im Thayatal, im +Zillertal, im Kremstal, bei Gastein usw. Auf den Besitzungen des +»Vereins Naturschutzpark« im Stubachtal hat der König der Nacht nunmehr +eine geschützte Zufluchtstätte gefunden, aber leider wird so mancher +jenseits der Grenzen in den widerwärtigen Pfahleisen weggefangen, die +unbedingt gesetzlich verboten werden sollten. In der Statistik des +österreichischen Ackerbauministeriums für 1896 werden allerdings noch +1902 in den cisleithanischen Provinzen erlegte Uhus aufgezählt, aber +es steht zu vermuten, daß ein großer Teil dieser angeblichen Uhus ganz +gewöhnliche Waldohreulen gewesen sind. Zahlreicher wird der Vogel dann +in den heute zu Jugoslawien gehörigen Teilen von Kärnten und Krain +sowie in Dalmatien, wo er sich auch auf manchen Inseln ansiedelt, +selbst auf unmittelbar zum Meer abstürzenden Felsen. Im Balkan, z. B. +in Montenegro, ist er noch eine häufige Erscheinung, wovon ich mich +erst im Frühjahr 1926 wieder selbst überzeugen konnte. Es kümmert sich +dort eben niemand groß um den Finsterling, und das ist die Hauptsache +für sein Gedeihen. Ludwig von Führer konnte in Montenegro innerhalb +eines Jahres 16 Uhus erlegen. Auch in den Karpathen gibt es noch Uhus +genug, obschon dort bereits die Verfolgung eingesetzt hat, ebenso +in Galizien und Ungarn, wo sie mit Vorliebe auf den vogelreichen +Donauinseln brüten. Daß es den endlosen Waldungen des inneren Rußlands +nicht an Uhus fehlt, bedarf wohl kaum besonderer Erwähnung. In England +ist unser Vogel längst ausgerottet, das felsenlose und baumarme +Holland bietet ihm keine geeignete Stätte und in Frankreich ist er +eine große Seltenheit. In der<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> Schweiz ist er aus den Ebenen und +dem Vorgebirge, wo die Niederjagd eine Rolle spielt, in die höheren +Lagen zurückgedrängt worden. Verhältnismäßig zahlreich soll er in den +südlichen Kantonen vorkommen, während er im Solothurner Jura nach von +Burg heute ausgestorben ist. Im Kanton Graubünden sollen von 1900 bis +1904 zwölf Uhus geschossen worden sein.</p> + +<p>Fragen wir nach den Gründen des fast allenthalben sich bemerkbar +machenden Rückgangs, so ist neben der fortschreitenden Kultur, der +Beunruhigung der Berge und der Lichtung der Wälder vor allem die +unersättliche Habgier des Menschen anzuführen. Es ist weniger der +gelegentliche Abschuß, insofern er nicht zur Brutzeit geschieht, +der den Uhubestand so schädigt, sondern vielmehr der, wenn auch +unbeabsichtigte, Fang in den dreimal verfluchten Pfahleisen, am +allermeisten aber das unausgesetzte Wegnehmen der ein gut Stück +Geld einbringenden Jungvögel für die Krähenhütte, soweit sie nur +irgend erreichbar sind. Auch fanatische Eiersammler haben manchen +deutschen Uhuhorst auf dem Gewissen, ohne ihr frevelhaftes Tun durch +»wissenschaftliche« Gründe rechtfertigen zu können. Wenn man doch in +solchen Fällen dem Uhu wenigstens ein Junges zur Aufzucht überlassen +wollte! Aber freilich, drei junge Uhus bringen mehr Geld als zwei, +und Götze Mammon ist heute unbeschränkter Beherrscher des Erdenballs. +Da fällt mir ein kleines Erlebnis aus dem Balkan ein, wo bekanntlich +Adler noch recht häufig vorkommen. Ich hatte einen Adlerhorst mit +zwei Jungen entdeckt und schickte einen Eingeborenen als Kletterer +hinauf, um die beiden jungen Adler herunterzuholen. Er brachte aber +nur einen, und auf meine erstaunte Frage, wo denn der andere bliebe, +meinte er mit vorwurfsvoller Verlegenheit: »Aber der arme Adler muß +doch wenigstens ein Kind behalten.« Das sagte dieser einfache Hirte, +der nie etwas von Naturschutzpredigten gehört hatte, lediglich aus +seinem unverdorbenen Gefühl heraus, obwohl ihm der Adler sicherlich +manches Lämmlein oder Zicklein aus der Herde geraubt hatte. Ich +habe mich in diesem Augenblick recht geschämt, trotzdem ich ja im +Interesse der Wissenschaft handelte. Können denn wir Europäer, die wir +so furchtbar stolz sind auf unsere Scheinkultur, uns wirklich nicht +mehr zu ähnlichen Anschauungen aufschwingen? Aber nein, da muß alles +restlos vernichtet und mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden! Einen +besonderen Ansporn empfing dieser traurige Vernichtungskrieg durch +die leidigen Schuß- und Fanggelder, die ja jetzt glücklicherweise +aufgehoben sind. Um das drohende Aussterben<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> des Uhus zu verhindern, +ist er neuerdings sogar zum »Naturdenkmal« (ein unglückseliger +Ausdruck!) erklärt und unter gesetzlichen Schutz gestellt worden. +Wirksamer noch dürften Schonprämien an das Forstpersonal sein für +jede glücklich ausgekommene Uhubrut. Leider gibt es kaum eine +Vogelart, die sich so schwer schützen läßt wie der Uhu, da er seine +nächtlichen Beutezüge auf 30 <span class="antiqua">km</span> und mehr im Umkreise ausdehnt +und deshalb nur zu leicht den Pfahleisen der Nachbarreviere zum Opfer +fällt. Daran sind bisher auch alle noch so sorgfältig vorbereiteten +Wiedereinbürgerungsversuche gescheitert, auch wenn sie anfänglich +vollen Erfolg hatten. Nur ein völliges Verbot der Pfahleisen, in +denen auch unzählige andere Eulen und harmlose Bussarde sich zu Tode +schinden, könnte da helfen. Hoffen wir, daß den opfer- und mühevollen +Einbürgerungsversuchen Dr. Pfeiffers in der Schwäbischen Alb ein +besserer Erfolg beschieden sein möge (Abb. 15)! Meiner Ansicht nach +läßt sich ein wirklich wirksamer Schutz des Uhus nur in großen +Naturschutzparken durchführen, nicht aber in kleinen Banngebieten. Auch +die Starkstromleitungen fordern manches Opfer. So wurde im Oktober +1912 bei Meran ein in der Starkstromleitung hängender Uhu verendet +aufgefunden. Ein Fang war völlig verbrannt, während der andere, +der gleichfalls starke Brandwunden aufwies, noch den Leitungsdraht +umklammert hielt. Ein ganz ähnlicher Fall ereignete sich kurz darauf +bei Schlanders.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp41" id="illu-073" style="max-width: 24.3125em;"> + <img class="w100" src="images/illu-073.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><p><b>Abb. 15. Einer der von Dr. Pfeiffer in der<br> +   Schwäbischen Alb ausgesetzten Uhus</b></p></figcaption> +</figure> + +<p>Gewöhnlich sucht man die rücksichtslose Verfolgung des Uhus mit seiner +angeblich sehr großen Schädlichkeit zu rechtfertigen. In Wirklichkeit +ist diese aber gar nicht so arg, wenn auch nicht geleugnet werden kann, +daß der Uhu ein gewaltiger Räuber ist und namentlich zur Brutzeit die +Niederjagd gehörig zehntet. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß +der angerichtete Schaden bei dem Einsiedlerleben des Finsterlings +und bei der großen Ausdehnung seiner Streifzüge, auf denen er immer +wieder andere Gegenden aufsucht, auf weite Strecken sich verteilt +und deshalb für die einzelnen kleinen Niederjagdreviere nicht eben +viel bedeutet. Greschik untersuchte zwölf ungarische Uhumägen und +fand darin zwei Igel, zwei Wanderratten, 2 Wiesel, elf Mäuse, zweimal +Federn, einmal Fuchsknochen: also ein ziemlich harmloses Ergebnis. +Ich selbst habe im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Uhugewöllen +untersucht, im allgemeinen mit ähnlichem Erfolg. Aus den letzten +acht, die ich durch Förster Rüdiger aus der Neumark erhielt, konnte +ich herausschälen: 1. drei Wühlmäuse und die Reste eines Igels, +darunter auch einige Stacheln,<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> 2. das dicht zusammengefilzte Haar +einer schwarzen Katze, die offenbar auf einem verbotenen Abendbummel +zu ihrem Unglück dem König der Nacht begegnet war, 3. einen Schädel +sowie viele zertrümmerte Knochen und verfilzte Haare von Wasserratten, +4. eine Wasserratte und die Reste einer Drossel, 5. nur Reste von +Feldmäusen, 6. nur verfilzte Haare der Waldwühlmaus, 7. ebenso, 8. +Schnabel und Federn eines Stars sowie zwei Wühlmäuse. Nach Größe und +Form sind solche Gewölle sehr verschieden. Ich ermittelte ihr Gewicht +mit 30-55 <span class="antiqua">g</span>. Sie sehen meist schokolade- bis eisenfarbig aus, +und öfters ragen größere Knochensplitter aus der Masse heraus. Der +Uhu muß ein stärkeres Verdauungsvermögen haben als andere Eulen, +denn in der Regel sind die vorhandenen Tierreste recht undeutlich +und die Schädel arg zertrümmert. Im übrigen ist er hinsichtlich +seiner Ernährung weder wählerisch noch verschwenderisch, und auch +dieser Umstand vermindert seine Schädlichkeit erheblich. Ein größeres +Beutetier, das er nicht in der gleichen Nacht bewältigen kann, wird +sorgsam in seine Decke eingeschlagen und dann am nächsten Abend wieder +aufgesucht. Im äußersten Notfall wird sogar Aas angenommen. Ferner +behaupten viele Jäger, daß der Uhu in unmittelbarer Nähe seines Horstes +überhaupt nicht raube, und es mag wohl etwas Wahres daran sein. +Igel gelten ihm wie<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> den Zigeunern offenbar als ein ganz besonderer +Leckerbissen. Die meisten Beobachter geben zwar an, daß er das Fleisch +aus der stacheligen Rückenhaut herausfresse und diese selbst liegen +lasse, aber ich habe oft genug auch Igelstacheln in den Gewöllen +gefunden, bei solchen aus der Fränkischen Schweiz fast regelmäßig. +Schade, daß noch niemand näher beobachtet hat, wie der Uhu den +Stachelhelden eigentlich überwältigt. Vermutlich greift er mit seinen +langen Fängen und gewaltigen Klauen einfach durch den Stachelpanzer +hindurch. Schlafende Vögel bringt er wahrscheinlich erst durch Rufen, +Schnabelknacken und Schwingenklatschen zum Auffliegen, um sie dann in +der Luft mit unfehlbarer Sicherheit zu ergreifen. Das brütende Weibchen +sowie die Jungen werden fast überreichlich mit Nahrung versorgt, so +daß der Horstrand eine wahre Schlachtbank darstellt und allerdings +oft ein wesentlich anderes und ungünstigeres Bild darbietet als die +Magen- und Gewöllinhalte aus anderen Jahreszeiten. An dem erwähnten +Horste bei Rudolstadt fand Schrader zahlreiche Kaninchenreste, auch +einige von Hasen sowie eine Unmenge Krähenfedern. In einem anderen +Horste wurden dem brütenden Weibchen von dem aufmerksamen Gatten die +auserlesensten Leckerbissen überbracht, also hauptsächlich zarte +Junghasen und köstliche Igel, und ein zärtlicher Blick aus den großen +Kulleraugen war dann jedesmal sein Lohn. Ein Uhufelsen war ganz mit +Dohlenfedern bedeckt, da das Brutpaar hauptsächlich von einer in der +Nähe befindlichen Dohlenkolonie lebte. In einem Horste bei Nakel war +an geschlagenem Raub vorhanden: Kaninchen, Hasen, Enten, Taucher, zwei +Birkhühner und nicht weniger als 30 Köpfe von Wasserhühnern. Graf +Wodcicki entdeckte in einem galizischen Horste zwei halbwüchsige Hasen, +zwei Ratten, einen Kiebitz und eine Bekassine. Loos sah einen Horst mit +fünf ausgefressenen Igelbälgen und einen anderen mit frischen Resten +von elf Rebhühnern, sieben Junghasen, drei Kaninchen, sieben Fasanen, +einer Wildtaube, drei Krähen, einem Eichhörnchen. Pfiffige Bauern +haben sich die haushälterischen Anlagen des Uhus von jeher zunutze zu +machen gewußt. So lebte eine Fischerfamilie in den Sümpfen Galiziens +geraume Zeit von einem Uhuhorste. Die Ratten, Igel, Ziesel und Mäuse +überließ der Fischer seinem gefiederten Freund; Enten, Waldhühner und +Hasen dagegen nahm er mit nach Hause und stand sich gut dabei. Auch aus +einem Horste bei St. Goar konnte sich nach Altum ein schlauer Bauer +fast jeden Morgen einen Hasen holen. Auch die gefangene Gattin oder die +ausgehobenen Jungen werden vom Uhu<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> weiter gefüttert, falls man ihm +Gelegenheit dazu gibt. Große Tiere werden an Ort und Stelle verzehrt +und förmlich aus dem Felle herausgeschält, kleine aber zu bestimmten +Fraßplätzen getragen und hier ganz verschluckt, nachdem ihnen vorher +mit dem Schnabel der Kopf eingedrückt wurde. Das feine Gehör und +das scharfe Gesicht leiten den Uhu auf seinen Beutezügen, wobei er +seine Opfer meist im Schlaf überfällt. Fitzinger erzählt, daß der Uhu +bisweilen in der Dämmerung anderen Raubvögeln ihre Beute abjagt, indem +er von oben her auf sie stößt. So viel ist sicher, daß der kraftvolle +Uhu selbst eine gelegentliche Rauferei mit dem kühnen Stein- oder dem +mächtigen Seeadler nicht scheut und überhaupt kaum einen natürlichen +Feind zu fürchten hat. Mit dem Fuchs wird er mühelos fertig. Was er +einmal mit seinen nadelscharfen Krallen gepackt hat, läßt er so leicht +nicht wieder los. Auch Rehkitze sind nicht vor ihm sicher, obgleich +man seine Schädlichkeit in dieser Beziehung stark übertrieben hat. +Planke beobachtete beim abendlichen Enteneinfall einen Uhu, der wie ein +Habicht nach einer Stockente stieß; da er sie aber nicht erwischte, +begnügte er sich mit einer Wasserratte. Stecher sah, wie ein Uhu einen +balzenden Auerhahn schlagen wollte und nur durch das Dazwischentreten +des Jägers daran verhindert wurde. Eine Abnahme des Auer- und +Birkwildes im Revier war aber nicht festzustellen. Zur Abwechslung hat +der Uhu gern auch mal ein Fischgericht, versieht es aber bisweilen bei +seiner Fischerei; mir sind im Laufe der Jahre zwei Fälle von dabei +ertrunkenen Uhus bekannt geworden. Zur Not begnügt er sich aber auch +mit Fröschen. Während des Krieges sah ich in der Dobrudscha mehrfach +von unseren Soldaten gehaltene Uhus, die hauptsächlich mit den dort +massenhaft vorhandenen Fröschen ernährt wurden und sich ganz wohl +befanden. Forellen sind ihm freilich lieber. Auch kannibalische Gelüste +sind dem Uhu nicht fremd. Seine kleineren Verwandten murkst er ohne +weiteres ab, und Grevé erlebte es sogar, daß sein zahmes Uhuweibchen +das schwächere Männchen ermordete und teilweise auffraß. Von der Stärke +des Vogels kann man sich einen Begriff machen, wenn man erfährt, daß +ein im Pfahleisen gefangener Uhu das schwere Eisen samt einem langen +Stück starken Drahtes über 5 <span class="antiqua">km</span> weit forttrug und erst 14 Tage +später gelegentlich einer Treibjagd erlegt werden konnte. Gefangene +Uhus verlieren in der engen Haft meist ihre angeborene Geschicklichkeit +und Schneidigkeit und werden dadurch unbeholfen und feige. Kehrberg +setzte zu seinen nahezu erwachsenen Uhus einen Steinkauz. Einer der +Uhus wollte ihn<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> greifen, stellte sich aber dabei so tolpatschig an, +daß der Kauz Gelegenheit zu einem ungestümen Angriff auf den Kopf des +Gegners bekam und dieser vor Schreck darüber auf den Rücken fiel. Sowie +er sich wieder aufrichten wollte, ging der Kauz erneut zum Angriff +über, und in einem wahren Siegesrausch jagte der kleine tolle Kerl die +drei entsetzt fliehenden Uhubrüder im Käfig herum, daß die Federn nur +so stoben. Solche jung aufgezogenen Uhus haben eben nicht gelernt, +ihre natürlichen Waffen zu gebrauchen. Ein anderer Uhu bekam eine +geflügelte Elster als Futter, wurde aber von dieser durch einen tiefen +Schnabelhieb ins Herz derartig verletzt, daß er am nächsten Morgen tot +war. Förster Gerlach verabreichte seinem Uhu eine leicht geflügelte +Krähe. Zu seiner Verwunderung war sie am nächsten Morgen noch am Leben, +und der »Auf«, ein 20jähriges Weibchen, ließ sie ruhig an seinem Fraße +teilnehmen. Bald saßen sie einträchtiglich dicht nebeneinander auf der +Stange. Dies blieb auch in Zukunft so, ja der Uhu ließ sich gutmütig +von dem frechen Rabenvieh die besten Bissen wegstehlen. Ziehen wir +nun aus alledem die Schlußfolgerung, so ergibt sich, daß der Uhu zwar +mancherlei Schaden verursacht, namentlich der Niederjagd gegenüber, +daß er ihn aber durch fleißiges Vertilgen von Krähen, Elstern, Hähern, +Eichhörnchen, Hamstern, Ratten und Mäusen zum großen Teile wieder +ausgleicht. Sehr treffend urteilt Forstmeister Moosmaier: »Merklicher +Schaden entstand nicht durch den Uhu. Als wir Uhus und viel Füchse +hatten, gab es auch viel Hasen und Rehe. Unser Wildstand wurde vom +großen Räuber, dem sog. Jäger, vernichtet und nicht vom Uhu.«</p> + +<p>Viel Vergnügen gewährt es, die verschiedenen, überaus eindrucksvollen +Stellungen des Uhus zu beobachten. In der Ruhestellung (Abb. 16) hat +er bei niedergelegten Ohren, halb geschlossenen Augen und locker +gehaltenem Gefieder ein eigentümlich gedunsenes Aussehen. Erregt aber +irgend etwas Ungewöhnliches die Aufmerksamkeit des feinhörigen Vogels, +so geht er sofort in die Hab-Acht-Stellung (Abb. 17) über, wobei die +Federn knapp angelegt, der Kopf aufgerichtet und die großen gelben +Kulleraugen weit aufgerissen werden, während gleichzeitig auch die +Federohren in steigendem Maße sich heben. Rückt ihm aber eine Gefahr +wirklich auf den Leib, dann nimmt er seine Droh- und Schreckstellung +ein, wo er infolge des zornig gesträubten Gefieders fast doppelt so +groß aussieht wie sonst, mit dem Schnabel knackt, den Schwanz fächert, +die Flügel hebt oder zu Boden senkt und erregt von einem Fuß auf<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> den +anderen tritt. Dann macht er in der Tat einen ganz furchterweckenden +Eindruck.</p> + +<figure class="figcenter illowp49" id="illu-077" style="max-width: 29.125em;"> + <img class="w100" src="images/illu-077.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 16. Uhu in Ruhestellung</b><br> +<span class="s5">(Aufnahme aus dem Zoologischen Garten in London)</span></figcaption> +</figure> + +<p>Am liebsten brütet der Uhu auf steilen, unzugänglichen Felswänden +inmitten großer Gebirgswaldungen, wo ihn dann ausgedehnte Abholzungen +leicht zum Verlassen der Gegend bewegen. In Ausnahmefällen ist der +Horst aber auch so leicht zugänglich, daß sein Inhalt bald dem Dachse +oder der Schuljugend zum Opfer fällt. In den Wäldern der Ebene muß +der Uhu natürlich auf oder in Bäumen brüten, und gern benutzt er dann +einen alten Bussardhorst. In großen, vogelreichen Sümpfen fand ich +das Uhuheim sogar schon bodenständig auf einem trockenen Inselchen. +Altes Gemäuer zerfallender Burgen ist ihm auch sehr erwünscht, ja +im Orient, wo ihm niemand etwas zuleide tut, errichtet er sein Heim +sogar inmitten volkreicher Städte. So konnte man ihn wenigstens +früher in Sarajevo und Mostar öfters vom Fenster aus beobachten. Für +Konstantinopel gehört der Uhu noch heute geradezu zu den Kennvögeln. +Brehm fand ihn in den Ringmauern der spanischen Stadt Jativa brütend, +und Lenz erhielt junge Uhus vom Dachboden einer tief im Thüringer Wald +versteckten Fabrik. Der Horst ist mit etwa 1 <span class="antiqua">m</span> Durchmesser zwar +ziemlich umfangreich, aber mit sehr wenig Kunst erbaut, ja häufig legt +der Vogel seine Eier ohne jede Unterlage einfach auf den nackten Fels. +Während der Paarungszeit macht er sich durch vieles Rufen und die +grimmigen Katzbalgereien der eifersüchtig ihre Reviergrenzen wahrenden +Männchen recht bemerkbar,<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> aber während der eigentlichen Brutzeit, +die 30-35 Tage dauert, verhält er sich ziemlich still. Die Eier sind +von rundlicher Form und rein weißer Farbe, an Zahl gewöhnlich zwei +bis drei, aber auch nur eines oder vier bis fünf. Dombrowski möchte +dieses starke Schwanken der Eierzahl auf das verschiedene Alter der +Brutvögel zurückführen. Die Jungen verraten sich leider leicht durch +beständiges Zischen und Pfeifen. Die halbflügge Brut klettert schon auf +den Horstrand, um gierend und klagend die futterbringenden Alten zu +erwarten. Diese hängen mit großer Liebe an ihrer Nachkommenschaft und +führen auch miteinander ein musterhaftes, sehr zärtliches Eheleben. Bei +ihren Kindern läßt Frau Uhu ein sanftes »Tuck tuck« hören und füttert +die Kleinen anfangs aus dem Kropf, bis sie imstande sind, selbst +kleine Fleischstücke aus den überbrachten Beutetieren herauszureißen. +Man kennt Beispiele, wo die Alten ihre Jungen in einen andern Horst +schleppten, wenn der erste zu stark beunruhigt wurde.</p> + +<figure class="figcenter illowp51" id="illu-079" style="max-width:33.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-079.jpg" alt="bild"> + <figcaption class="caption"><b>Abb. 17. Uhu in Hab-Acht-Stellung</b><br> +<span class="s5">(Aufnahme aus Hagenbecks Tierpark in Stellingen)</span></figcaption> +</figure> + +<p>Mohr besaß ein Uhuweibchen, das ein Ei legte, worauf er ihm zwei +Hühnereier zum Bebrüten unterschob. Der Uhu brütete diese auch wirklich +aus und nahm sich mit mütterlicher Sorgfalt der geschlüpften Kücken an. +Noch als sie schon drei Wochen alt waren, betreute er sie mit größter +Zärtlichkeit, gluckste wie eine Henne und ließ nur ausnahmsweise sein +»Uhu« hören. Das ihm vorgesetzte Fleisch zerbröckelte er in ganz kleine +Stückchen und legte diese dann den Küchlein vor. Gegen jeden, der sich +den Kücken nähern wollte, nahm er sofort Kampfstellung ein. In einem +ähnlichen Falle brütete der Uhu zwar Enteneier aus, kröpfte aber dann +ganz behaglich die jungen Entchen. Gefangene Uhus sind im Käfig schon +häufig zur Fortpflanzung gebracht worden, selbst unter ganz primitiven +Verhältnissen. Berühmt geworden ist namentlich die ergiebige, lange +Jahre hindurch fortgesetzte Uhuzucht des Stockholmer Tiergartens. +Ich entnehme darüber dem Berichte Dr. Alarik Behms folgendes: Die +erste Paarung wurde am 1. April beobachtet und dann bis zum 11. an +jedem Abend. Das Männchen sträubte vorher das Gefieder, breitete den +Schwanz fächerförmig aus und erinnerte in seinen Bewegungen an einen +balzenden Birkhahn. Sein Ruf war tief und grob, der des Weibchens +dagegen eine halbe Oktave höher und heller. Die Paarung wurde unter +mächtigem Flügelschlagen und lautem Geschrei vollzogen; namentlich +das Weibchen pfiff dabei stark. Auch beim Eintragen der Baustoffe, +das schon am 2. April begann<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> und bei dem auch das Männchen mithalf, +stieß es pfeifende Laute aus, die wie das Geräusch einer ungeschmierten +Schiebkarre klangen. Eingetragen wurden: Sägespäne, Rindenstücke und +Kies. Am 14. lag das erste, am 20. das zweite und am 28. das dritte Ei +im Horste. Das Weibchen begann aber mit dem Brutgeschäft gleich beim +ersten Ei. Das Männchen zeigte sich als idealer Ehemann und fütterte +seine Gemahlin fleißig mit Katzenfleisch, Hühnerköpfen und anderen +Leckerbissen. Auf einem Ast gegenüber der Bruthöhle verkürzte es durch +fleißiges »Singen« dem Weibchen die langen Tage des Wartens. Menschen +gegenüber zeigte es sich um diese Zeit sehr bösartig und zerriß einmal +dem Wärter die Mütze, so daß dieser nicht mehr zum Betreten des Käfigs +zu bewegen war und infolgedessen in diesem bald eine fürchterliche +Schweinerei herrschte. Das erste Junge schlüpfte am 20., das zweite am +22. Mai aus, während das dritte Ei sich als unbefruchtet erwies. Die +Jungen waren beim Ausschlüpfen nicht größer als Küchlein, wuchsen aber +erstaunlich schnell. Schon nach acht Tagen krochen sie unter den Federn +der Mutter hervor, um wenigstens mit den Köpfen draußen zu liegen. Der +Vater trug die Atzung in die Bruthöhle, aber das wirkliche Füttern +besorgte nur die Mutter.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2> +</div> + +<table class="autotable"> +<tr> +<td class="tdl"><a href="#Seite_5">Einleitung</a></td> +<td class="tdr">5</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"> <a href="#Seite_6">Die letzten deutschen Biber</a></td> +<td class="tdr">6</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"><a href="#Seite_30">Der Nerz</a></td> +<td class="tdr">30</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"><a href="#Seite_37">Der Luchs</a></td> +<td class="tdr">37</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"><a href="#Seite_59">Der Uhu</a></td> +<td class="tdr">59</td> +</tr> +</table> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="bbox"> +<p class="s3 center">Der Verein Naturschutzpark</p> + +<div class="adv"> + +<p>hat die Absicht, in der Lüneburger Heide und in den Salzburger +Hohen Tauern zwei Gebiete zu schaffen, in denen Pflanze und Tier +vollständigen Schutz vor dem menschlichen Zugriff haben sollen und +in dem die volle Harmonie der Kräfte in der Natur wiederhergestellt +werden soll, die der Mensch durch seinen Erwerb fast überall zu stören +gezwungen ist. Die Gebiete sind so groß, daß die ursprüngliche Tier- +und Pflanzenwelt erhalten wird. Durch den Verein soll zunächst an zwei +Stellen ein Stück deutscher Erde in vollkommener Unberührtheit und +Schönheit künftigen Zeiten erhalten werden.</p> + +<p>Der Verein bittet alle, die mit seinen Zielen übereinstimmen, um ihre +Mitgliedschaft, die jährlich RM 3.— (Mindestbeitrag) kostet. Für +körperschaftliche Mitgliedschaft von Vereinen sind RM 20.— angesetzt. +Die Mitglieder erhalten die Mitteilungshefte des Vereins unberechnet.</p> + +<p>Der Verein besitzt folgende <em class="gesperrt">Lichtbilder-Vorträge</em>:</p> + +<div class="blockquot"> +<p><span class="antiqua">A.</span> Die Naturschutzbewegung</p> +<p><span class="antiqua">B.</span> Der Naturschutzpark in der Lüneburger Heide</p> +<p><span class="antiqua">C.</span> Der Naturschutzpark in den Salzburger Alpen</p> +<p><span class="antiqua">D.</span> Naturschutzgebiete außerdeutscher Länder</p> +<p><span class="antiqua">E.</span> Aussterbende und ausgestorbene Tiere</p> +</div> + +<p>Die Vorträge können jederzeit nur gegen Erstattung der Versand- +und Verpackungskosten vom Verein leihweise bezogen werden. +Mitteilungshefte, in zwangloser Folge, unterrichten unsere Mitglieder +über das Neueste der Naturschutzparkbewegung. Ansichtspostkarten +unserer Parke, Vereinsnadeln, Plakate, Werbemarken und Prospekte stehen +zu geringsten Preisen zur Verfügung</p> + +<p class="s3 center">Verein Naturschutzpark E. V.</p> +<p class="center">Geschäftsstelle Stuttgart, Pfizerstraße 2 <span class="antiqua">D</span></p> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p> + +<p class="p2 s3 center">Freude am Leben<br> +<span class="s5a">und sichere Grundlagen für eine moderne</span><br> +<span class="s4">Weltanschauung</span><br> +<span class="s5a">findet jeder in der</span><br> +<span class="s4">Natur</span></p> + +<p class="p2 center"><span class="s5">Zum Beitritt in den</span><br> +<span class="s3 center">KOSMOS</span><br> +<span class="s5 center">Gesellschaft der Naturfreunde</span><br> +<span class="s5 center">laden wir</span><br> +<span class="s4 center">alle Naturfreunde</span></p> +<p class="center"><span class="s5 center">jedes Standes, sowie alle Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw. ein</span></p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> + +<p class="s5 center">Die Mitglieder erhalten laut § 5 der Satzung als Gegenleistung<br> +<em class="gesperrt">für ihren Jahresbeitrag im Jahre 1927 kostenlos</em>:</p> + +<div class="blockquot"> +<p> I. Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. Reich +bebildert. 12 Hefte im Jahr</p> + +<p> II. Die ordentlichen Veröffentlichungen. 4 Buchbeilagen. 1927 sind vorgesehen:<br> + Dr. Kurt Floericke, Aussterbende Tiere :: Wilh. Bölsche, +Im Bernsteinwald<br> +   H. Günther, Was ist Magnetismus? :: W. Flaig und Dr. Lang, Der Gletscher</p> + +<p>III. Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden naturwissenschaftlichen Werken</p> +</div> +</div> + +<p class="s5 center">Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.<br> + Bereits Erschienenes wird nachgeliefert</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<p class="s5 center">Anmeldungen bei jeder Buchhandlung oder<br> + durch die Geschäftsstelle des +<em class="gesperrt">Kosmos</em>. Stuttgart, Pfizerstraße 5</p><br> +</div> + +<div class="bbox"> + +<p class="s4 center">Folgende seit Bestehen des Kosmos erschienene Buchbeilagen<br> +<span class="s5">erhalten Mitglieder, solange vorrätig, zu <em class="gesperrt">Ausnahmepreisen</em>:</span></p> +</div> + +<div class="bbox"> + +<div class="adv"> +<div class="sidenote">1904</div> + +<p>Bölsche, W., Abstammung des Menschen. — Meyer, Dr. M. W., +Weltuntergang. — Zell, Ist das Tier unvernünftig? (Dopp.-Bd.). — +Meyer, Dr. M. W., Weltschöpfung.</p> + +<div class="sidenote">1905</div> + +<p>Bölsche, Stammbaum d. Tiere. — Francé, Sinnesleben d. Pflanzen. — +Zell, Tierfabeln. — Teichmann, Dr. E., Leben u. Tod. — Meyer, Dr. M. +W., Sonne u. Sterne.</p> + +<div class="sidenote">1906</div> + +<p>Francé, Liebesleben d. Pflanzen. — Meyer, Rätsel d. Erdpole. — Zell, +Streifzüge d. d. Tierwelt. — Bölsche, Im Steinkohlenwald. — Ament, +Seele d. Kindes.</p> + +<div class="sidenote">1907</div> + +<p>Francé, Streifzüge im Wassertropfen. — Zell, Dr. Th., Straußenpolitik. +— Meyer, Dr. M. W., Kometen und Meteore. — Teichmann, Fortpflanzung +und Zeugung. — Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes.</p> + +<div class="sidenote">1908</div> + +<p>Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane. — Teichmann, Dr. E., Die +Vererbung. — Sajó, Krieg und Frieden im Ameisenstaat. — Dekker, +Naturgeschichte des Kindes. — Floericke, Dr. K., Säugetiere des +deutschen Waldes.</p> + +<div class="sidenote">1909</div> + +<p>Francé, Bilder aus dem Leben des Waldes. — Meyer, Dr. M. W., Der Mond. +— Sajó, Prof. K., Die Honigbiene. — Floericke, Kriechtiere und Lurche +Deutschlands. — Bölsche, W., Der Mensch in der Tertiärzeit.</p> + +<div class="sidenote">1910</div> + +<p>Koelsch, Pflanzen zw. Dorf u. Trift. — Dekker, Fühlen u. Hören. — +Meyer, Welt d. Planeten. — Floericke, Säugetiere fremd. Länder. — +Weule, Kultur d. Kulturlosen.</p> + +<div class="sidenote">1911</div> + +<p>Koelsch, Durch Heide und Moor. — Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken. +— Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit. — Floericke, Vögel fremder +Länder. — Weule, Kulturelemente der Menschheit.</p> + +<div class="sidenote">1912</div> + +<p>Gibson-Günther, Was ist Elektrizität? — Dannemann, Wie unser Weltbild +entstand. — Floericke, Fremde Kriechtiere und Lurche. — Weule, +Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge. — Koelsch, Würger im +Pflanzenreich.</p> + +<div class="sidenote">1913</div> + +<p>Bölsche, Festländer u. Meere. — Floericke, Einheimische Fische. — +Koelsch, Der blühende See. — Zart, Bausteine des Weltalls. — Dekker, +Vom siegh. Zellenstaat.</p> + +<div class="sidenote">1914</div> + +<p>Bölsche, W., Tierwanderungen in der Urwelt. — Floericke, Dr. Kurt, +Meeresfische. — Lipschütz, Dr. A., Warum wir sterben. — Kahn, Dr. +Fritz, Die Milchstraße. — Nagel, Dr. Osk., Romantik der Chemie.</p> + +<div class="sidenote">1915</div> + +<p>Bölsche, W., Der Mensch der Zukunft. — Floericke, Dr. K., Gepanzerte +Ritter. — Weule, Prof. Dr. K., Vom Kerbstock zum Alphabet. — Müller, +A. L., Gedächtnis und seine Pflege. — Besser, H., Raubwild und +Dickhäuter.</p> + +<div class="sidenote">1916</div> + +<p>Bölsche, Stammbaum der Insekten. — Sieberg, Wetterbüchlein. — Zell, +Pferd als Steppentier. — Weule, Krieg in den Tiefen der Menschheit +(Dopp.-Bd.).</p> + +<div class="sidenote">1917</div> + +<p>Besser, Natur- u. Jagdstud. i. Deutsch-Ostafrika. — Floericke, Dr., +Plagegeister. — Hasterlik, Dr., Speise u. Trank. — Bölsche, Schutz- +u. Trutzbündnisse i. d. Natur.</p> + +<div class="sidenote">1918</div> + +<p>Bölsche, Sieg des Lebens. — Fischer-Defoy, Schlafen und Träumen. +— Kurth, Zwischen Keller u. Dach. — Hasterlik, Dr., Von Reiz- u. +Rauschmitteln.</p> + +<div class="sidenote">1919</div> + +<p>Bölsche, Eiszeit und Klimawechsel. — Floericke, Spinnen und +Spinnenleben. — Zell, Neue Tierbeobachtungen. — Kahn, Die Zelle.</p> + +<div class="sidenote">1920</div> + +<p>Fischer-Defoy, Lebensgefahr in Haus u. Hof. — Francé, Die pflanze als +Erfinder. — Floericke, Schnecken und Muscheln. — Lämmel, Wege zur +Relativitätstheorie.</p> + +<div class="sidenote">1921</div> + +<p>Weule, Naturbeherrschung I. — Floericke, Gewürm. — Günther, +Radiotechnik. — Sanders, Hypnose und Suggestion.</p> + +<div class="sidenote">1922</div> + +<p>Weule, Naturbeherrschung II. — Francé, Leben im Ackerboden. — +Floericke, Heuschrecken und Libellen. — Lotze, Jahreszahlen der +Erdgeschichte.</p> + +<div class="sidenote">1923</div> + +<p>Flaig, Kampf um Tschomo-lungma. — Floericke, Falterleben. — Francé, +Entdeckung der Heimat. — Behm, Kleidung und Gewebe.</p> + +<div class="sidenote">1924</div> + +<p>Floericke, Käfervolk. — Henseling, Astrologie. — Bölsche, Tierseele +und Menschenseele. — Behm, Von der Faser zum Gewand.</p> + +<div class="sidenote">1925</div> + +<p>Lämmel, Sozialphysik. — Floericke, Wundertiere des Meeres. — +Henseling, Mars. — Behm, Kolloidchemie.</p> + +<div class="sidenote">1926</div> + +<p>Francé, Die Harmonie in der Natur. — Floericke, Zwischen Pol und +Äquator. — Bölsche, Abstammung d. Kunst. — Dekker, Planeten und +Menschen.</p> +</div> +</div> + +<div class="bbox"> +<div class="adv"> +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Preise: Einzeln bezogen kostet jeder Band brosch. RM 1.20, geb. RM 1.80</span><br> +<span style="margin-left: 5em;">Für Nichtmitglieder des Kosmos je RM 1.50 bzw. RM 2.40</span><br> +</p> + +<p><u>Besonders niedrige Preise</u> bei Gruppenbezug nach Wahl des +Bestellers</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>10 Bände geb. für nur RM 14.50<br> +  10 Bände brosch. für nur RM 10.—</p> + +<p>20 Bände geb. für nur RM 27.—<br> +  20 Bände brosch. für nur RM 18.50</p> + +<p>50 Bände geb. für nur RM 62.—<br> +  50 Bände brosch. für nur RM 42.—</p> +</div> +</div></div> + +<p class="s5 center">Auf Wunsch können größere Beträge nach vorhergehender Vereinbarung auch +in <u><i>Teilzahlungen</i></u> entrichtet werden.</p> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77785 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/77785-h/images/cover.jpg b/77785-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..19b743c --- /dev/null +++ b/77785-h/images/cover.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-001.jpg b/77785-h/images/illu-001.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..413d370 --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-001.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-015.jpg b/77785-h/images/illu-015.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..593ea31 --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-015.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-017.jpg b/77785-h/images/illu-017.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8f2aa92 --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-017.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-018.jpg b/77785-h/images/illu-018.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..34c5e77 --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-018.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-019.jpg b/77785-h/images/illu-019.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b3cde8b --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-019.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-021.jpg b/77785-h/images/illu-021.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2fab9be --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-021.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-023.jpg b/77785-h/images/illu-023.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b54d991 --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-023.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-024.jpg b/77785-h/images/illu-024.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..09ccf45 --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-024.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-025.jpg b/77785-h/images/illu-025.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..68ed045 --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-025.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-027.jpg b/77785-h/images/illu-027.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..41e3b72 --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-027.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-029.jpg b/77785-h/images/illu-029.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c0f2943 --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-029.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-033.jpg b/77785-h/images/illu-033.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..039a2ea --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-033.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-037.jpg b/77785-h/images/illu-037.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..aa3aaf5 --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-037.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-050.jpg b/77785-h/images/illu-050.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ac0153c --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-050.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-051.jpg b/77785-h/images/illu-051.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..252db94 --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-051.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-073.jpg b/77785-h/images/illu-073.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4d0952b --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-073.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-077.jpg b/77785-h/images/illu-077.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3e16dab --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-077.jpg diff --git a/77785-h/images/illu-079.jpg b/77785-h/images/illu-079.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2187100 --- /dev/null +++ b/77785-h/images/illu-079.jpg diff --git a/77785-h/images/signet.jpg b/77785-h/images/signet.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..83e818f --- /dev/null +++ b/77785-h/images/signet.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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