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index 0000000..5cf7f0d
--- /dev/null
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@@ -0,0 +1,2162 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77772 ***
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
+und _kursiv_ gedruckte so.
+
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+
+ [Illustration]
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+ Karl Immermann
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+ Münchhausen unter den Ziegen
+
+ Merkwürdige und boshafte Abenteuer
+ Münchhausen des Kindes auf
+ dem Helikon und in
+ Holland
+
+
+ Mit 12 farbigen Originallithographien
+ Buchschmuck und Einband von
+ ~Georg Poppe~
+
+ _1920_
+
+
+ [Illustration]
+
+
+ Frankfurter Verlags-Anstalt A.-G.
+ Frankfurt am Main
+
+
+
+
+ Herausgegeben von Adam Kuckhoff
+
+ Druck des Textes: Friedrich Wagner, Duderstadt
+ (Hannover); der Lithographien: C. Naumanns
+ Druckerei, Frankfurt am Main
+
+
+Mein sogenannter Vater, welcher den häuslichen Unfrieden, von dem ich
+die unschuldige Ursache war, nicht länger ertragen konnte, sagte zu
+meiner angeblichen Mutter: Desdemona, es muß geschieden sein. Ich habe
+es geduldet, daß du mir täglich einige- und dreißigmal sagtest, du
+seiest meine Gattin, nicht aus Liebe zu mir, sondern aus Achtung für
+meinen seligen Vater, den Lügner, geworden; geduldet sechzehn Jahr und
+neun Monate lang, aber daß du diesen armen Wurm, den ich mir habe sauer
+genug werden lassen, beständig knuffst, wo du ihn siehst, verletzt
+mein Gefühl allzusehr. Lebewohl, Desdemona, wir wollen einander nicht
+fluchen, wir wollen einander schreiben, aber miteinander leben können
+wir nicht länger.
+
+Er lockte mich mit einem Zuckerplatz zu sich, steckte mich, da ich noch
+nicht gehen und stehen konnte, obgleich ich übrigens bereits klüger
+war als mancher Dreißiger, in seine linke Rocktasche und stürzte ab,
+während die verlassene Gattin sich im Gefühle weiblicher Würde an das
+Fortepiano setzte und: Nach so viel Leiden usw. sang.
+
+Mein Vater stürzte die Dorfstraße hindurch, er stürzte auf die Straße
+nach Braunschweig. Ich bat ihn, langsamer zu gehen, die heftige
+Bewegung mache mir Schmerzen, und wirklich zerschlug ich mir beinahe
+die Nase an seinem Beine, gegen welches die linke Rocktasche flog. Er
+aber hörte nicht auf mich, sondern stürzte immer heftiger fort, unter
+Tränen rufend: Du solltest ein Opfer jenes bösen Weibes werden, du
+sauer zubereiteter Wurm? Dem sei nicht also. Du bist das Produkt meiner
+tiefsten Studien, mein liebstes Kleinod, mein teuerster Schatz! -- Ich
+litt unaussprechlich bei den Ausbrüchen dieser heftigen Zärtlichkeit
+und bei den durch sie hervorgebrachten stürmischen Bewegungen der
+Rocktasche. Damals schöpfte ich die erste Erfahrung von dem Satze, daß
+die Menschen, wenn ihre Liebe recht heiß ist, dem Gegenstande derselben
+hundsübel machen können.
+
+Zum Glück kam ein Postillon halben Weges mit einer leeren Extrachaise
+von Braunschweig retour gefahren, den bestach mein sogenannter Vater,
+der Schwager verriet für einen Spezies seine heiligsten Pflichten, nahm
+uns auf, kehrte um und setzte uns vor Braunschweig ab. Dort mietete
+mein Vater einen Hauderer, der uns über Scheppenstedt, Magdeburg, die
+Walachei hindurch nach Thessalonich fuhr. In Scheppenstedt sollte
+gerade damals eine allgemeine deutsche Akademie errichtet werden,
+in Magdeburg war Landestrauer, weil die Klöße in dem Jahre nicht
+geraten wollten, in der Walachei werden lauter Wallachen gezogen, bei
+Thessalonich kommt man schon in das Türkische.
+
+Wenn ich nur nicht immer in der Rocktasche hätte sitzen müssen! Ich
+hatte den brennendsten Drang nach Selbständigkeit, nach unumschränkter
+Beobachtung, und mußte da immer zwischen Schinken und Semmel und
+Sauerbraten verächtlich zubringen, denn mein Vater pflegte auch sein
+Frühstück in die linke Rocktasche zu senken, und ich durfte nur
+soeben aus der Schlitze gucken. Ich sagte zu meinem Vater in jedem
+Nachtquartiere: Papa, die Tasche steht mir nicht mehr an, lassen
+Sie mich neben Ihnen sitzen. Er aber gab mir dann jederzeit einen
+väterlichen Kuß und schlug mir meine Bitte ab, weil ich ihm, wie
+er sagte, außer der Tasche verloren gehen könne. Mein jugendlicher
+Frohsinn schwand in der Tasche, ich fühlte, daß ich mich selbst mündig
+sprechen müsse, und wartete auf die erste günstige Gelegenheit,
+diesen Entschluß auszuführen.
+
+ [Illustration]
+
+In Thessalonich machten wir Halt und bezahlten unsern Hauderer. Der
+Hauderer erhielt gute Rückfracht, nämlich einen gefühlvollen, liberalen
+Russen mit seinen vier frisch angekauften zirkassischen Sklavinnen.
+Bei Thessalonich geht, wie gesagt, schon das Türkische an. Mein Vater
+wollte dort ein Mittel gegen die Emanzipation der Frauen ausfindig
+machen, und ich sollte Kadett bei den Janitscharen werden, sobald ich
+gehen und stehen könne. Indessen wendete das Schicksal alles gar anders.
+
+Mein Vater (ich mag nicht immer das Beiwort: Sogenannt hinzufügen,
+versteht sich also in Zukunft von selbst) ging viel spazieren,
+hauptsächlich um meinetwillen, um, so sagte er, mir früh Empfindung
+für die schöne Natur beizubringen, überlegte nur nicht, daß ich in
+der linken Rocktasche von der schönen Natur wenig zu sehen bekam
+und ihm daher in meiner Finsternis auf das Wort glauben mußte,
+wenn er stillstehend, oder zwischen seinen Beinen durchguckend, in
+welcher Positur die Landschaft immer am reizendsten aussieht, von der
+göttlichen Aussicht, von der blauen, duftigen Ferne und dem goldenen
+Morgen- oder Abendrote laut schwärmte. Eine recht verkehrte Erziehung!
+Ich bat ihn flehentlich, er möge mich doch wenigstens in einen seiner
+Stiefeln stecken, wie die Samojeden ihre Kinder bei sich führen --
+er trug weite Schlappstiefeln mit seidenen Troddeln vorn -- jedoch
+vergebens. Auch aus den Stiefeln fürchtete er mich zu verlieren.
+Meine Lage wurde allgemach unerträglich und ich weinte oft die linke
+Rocktasche ganz naß.
+
+Eines Tages saß mein Vater mit dem Rücken gegen einen Oelbaum gelehnt,
+sah die Sonne untergehen und war außer sich über ihren purpurnen
+Widerschein im Meerbusen von Thessalonich. Sonst pflegte er bei allem
+Enthusiasmus die Hände in der Tasche zu halten, so daß kein Entrinnen
+gedenkbar war. Dieses Mal übermannte ihn aber seine Begeisterung, er
+schlug unter Interjektionen die Hände über dem Kopfe zusammen, und
+ich benutzte den Augenblick, um aus der Tasche zu schlüpfen: Da sah
+ich um mich, da atmete ich, da ward mir wohl nach langer Kerkerhaft.
+Ich kroch, ging, stolperte, lief ein wenig, wie es eben glücken
+wollte, während mein Vater seine Rede an Sonne und Meer fortsetzte.
+Ich war eben in der Furcht vor Schlägen auf dem Rückwege nach der
+Tasche -- denn mein Vater züchtigte mich ungeachtet aller Liebe sehr
+oft in der empfindlichsten Art -- als das Verhängnis mit mir die
+wunderlichen Spiele begann, welche sich so lange fortsetzen und mir
+die eigentümlichsten Erfahrungen geben sollten.
+
+Plötzlich fühlte ich mich nämlich von einem großen, dunkeln Etwas
+überschattet, höre einen Lärmen, wie wenn ein Baum knattert und fällt,
+fühle ein rauhes Gefieder und zwei scharfe Krallen an meinem Leibe,
+sehe mich pfeilschnell erfaßt, in die Lüfte geführt, wolkenhoch
+emporgetragen. Mit Entsetzen erkenne ich mein Los und rufe mir zu: Du
+bist in den Fängen eines Lämmergeiers, du armer, deinem Vater so sauer
+gewordener Wurm! Warum, Unglücklicher, verließest du die Tasche? --
+Die Lage des Kindes war schaudervoll! Ueber mir der goldgelbe Bauch
+und die korallenrot glühenden Augen des Ungeheuers, um mich Luft und
+Wolken, oder Schwärme folgenden und krächzenden Gefieders, welches
+dem Geier seine Beute mißgönnte, tief, schwindlicht tief unten Land
+und Meer wechselnd als dunkele und blanke Streifen! -- Der Geier
+fliegt und fliegt; er ist ein Geier, der auf Reisen geht und sich
+seinen Mundproviant hat mitnehmen wollen. Das Ungeheuer schreit
+beständig: Pfy! Pfy! -- Da rufe ich mit dem Witze der Verzweiflung:
+O, wenn du Pfy! schreien kannst, so rufe doch zuerst über dich Pfy!
+aus, abscheulicher Franz Moor der Lüfte; Pfy! über deine mehr als
+unredliche Handlungsweise! Nach der Naturgeschichte fällst du zuweilen
+ausnahmsweise Hirtenknaben an. Bin ich denn ein Hirtenknabe? Bin ich
+nicht das gebildete Kind gebildeter Eltern? Hast du nicht selbst
+Kinder, Barbar? Jammert dich der Vater nicht, der drunten mit dem
+Rücken gegen den Oelbaum gelehnt sitzt, vermutlich noch immer die Sonne
+sinken sieht, und an den Sohn in der Tasche glaubt?
+
+Ich war, man sieht es hieraus, über meine Jahre gereift. Der Geier
+kehrte sich aber an meine Reden nicht, sondern flog und flog.
+
+Ein Blitz, ein Knall, ein Fall! Aus unermeßlicher Höhe stürze ich
+hinab; mir vergeht Hören und Sehen. Als ich von meiner Betäubung
+erwache, liege ich weich gebettet, und ohne daß mich eines meiner
+Glieder schmerzt. Ich sehe mich auf dieser Lagerstätte um: sie ist ein
+Karbonaromantel von blauem Tuch, ausgespannt zwischen zwei Tamarisken.
+Ein langer, bleicher Mann steht neben den Bäumen, die abgeschossene
+Perkussionsflinte in der Hand, der fürchterliche Geier liegt einige
+Schritte davon blutig am Boden, schlägt mit den Flügeln und zuckt und
+schnappt in letzten Zügen. Etwas weiterhin graset, abgezäumt, ein
+Reitpferd.
+
++I killed the vulture+, sagte der großmütige Brite nachdenklich,
+hob mich vom Karbonaromantel herunter, hielt mir seine Hand zum Kusse
+hin und fuhr gleichgültig fort: +You shall stand indebted for it all
+your life, Sir. Adieu.+
+
+Er zäumte sein Pferd auf, schlug den Karbonaro malerisch um die
+Schultern, bestieg den Klepper und ritt fort. Um Gottes Willen, Mylord,
+habt Ihr mich darum gerettet, um mich in dieser Einöde dem Hunger, dem
+Durst, den wilden Tieren preiszugeben? rief ich. Bei der Gnade des
+Himmels! nehmt mich auf der Kruppe Eures Pferdes mit. +You would
+deprive me of my comfort+, versetzte der großmütige Engländer kalt
+und ritt wirklich fort, so daß ich ihn bald aus dem Gesichte verloren
+hatte. -- Elender, sagte ich dumpf, ist dieses die Großmut Albions?
+Du dachtest an dein Jagdvergnügen und nicht an das gebildete Kind
+gebildeter Eltern, an den sauer zubereiteten Wurm seines Vaters, als
+du schossest. Geh, falscher, heuchlerischer Brite, wir sind quitt!
+Bewaffne dich mit dem ganzen Stolze deines Englands, ich, ein deutscher
+Knabe, verwerfe dich!
+
+Durch diesen Monolog fühlte sich meine Seele erhoben und gekräftigt.
+Ich empfand zugleich, was ich meiner Ehre gegen den verruchten Geier
+schuldig war, der noch immer schnappte und jappte, trat daher zu ihm
+und sagte: Ein anderes Mal sehen Sie besser zu, wen Sie vor sich
+haben, Federvieh! Die Naturgeschichte erlaubt Ihnen, ausnahmsweise auf
+Hirtenknaben zu stoßen, nicht aber auf gebildete Kinder gebildeter
+Eltern. -- Der Geier drehte seinen borstigen Schnabel matt nach mir um
+und verschied sodann, wie es mir vorkam, mit einiger Reue in den Augen.
+
+ [Illustration]
+
+Ich betrachtete mir die Gegend. Nichts als Felsen und Klippen, eine
+über der andern, und in der Ferne noch höhere Kuppen! Flechten,
+Moose und Heiden bedeckten den Stein, Alpenröslein zeigten die roten
+Kronen, wilder Lorbeer, Tamarisken, Johannisbrotstauden standen
+in leichten, dünnen, malerischen Gruppen umher. Ich war auf einer
+bedeutenden Höhe, denn die Luft zog scharf und kühl, allem Vermuten
+nach auf einem der berühmten griechischen Berge, denn der Geier war
+mit mir südwestlich geflogen, aber auf welchem? Ich befand mich in
+der peinigendsten Ungewißheit über diesen Punkt, weil ich einsah,
+daß es vor allen Dingen nötig sei, mich örtlich zurecht zu finden,
+um den richtigen Weg nach Thessalonich und der linken Rocktasche
+einzuschlagen, die mir bei den schweren Erfahrungen, welche ich in so
+kurzer Zeit über den Geier und Engländer gemacht hatte, schon jetzt wie
+ein verlorenes Paradies vorkam.
+
+Aber wie diese Kenntnis erlangen? Die Gegend schien so einsam, daß
+kein Tier, geschweige denn ein Mensch sich erblicken ließ. Ich wollte
+anfangs das Geschick befragen und an meinen Jackenknöpfen abzählen, ob
+ich auf dem Oeta, Parnaß, Olymp, Pindus oder Helikon stehe? verwarf
+aber dieses Auskunftsmittel als zu kindisch und meiner nicht würdig.
+
+Das Dunkel nahte sich, die Kuppen der Berge wurden violett, Hunger
+und Durst begannen mich zu peinigen, und ich stand noch immer
+allein da droben, ich und der tote Geier, die einzigen lebenden
+Wesen in jener Einöde! Mich fror in meiner leichten türkischen
+Janitscharenkadettenuniform, die mir mein Vater schon hatte machen
+lassen! Sie bestand in weißen Pumphöschen, in einem auf europäische
+Art zugeschnittenen roten Kollett mit gelben Litzen und in dem Turban,
+der damals noch nicht abgeschafft war. Ein kleiner blecherner Säbel
+klirrte an meiner Seite und einen Schnurrbart trug ich auch, vorläufig
+einen mit Kohle gezeichneten.
+
+Um wenigstens meinen Durst zu löschen -- denn gegen den Hunger gab es
+da freilich nichts, als Stengel, Blätter und Alpenrosen -- kroch ich zu
+einer Quelle, welche zwischen grünlichen Klippen hervorsprudelte und an
+diesem ihrem Ursprunge von einigen der schönsten Lorbeeren überstanden
+war. Ich ahnete, daß es mit diesem Wasser eine eigene Bewandtnis haben
+müsse, denn Gewalt und Klarheit wohnten in ihm so nahe beieinander, daß
+es kein gewöhnlicher Spring sein konnte. Zischend und schäumend drang
+der Strahl unter dem moosigen bekräuterten Steine an das Licht, als
+koche er, und einen Schritt weiter floß schon das klarste beryllgrünste
+Naß ohne Unruhe, Schaumblasen, Wirbel in seinem Rinnsale.
+
+Ich bückte mich zur Quelle und netzte meine Lippen, aber wie wurde
+mir da! In meinen Eingeweiden tat es ein Grimmen, in meinem Blute ein
+Wallen, in meinen Gliedern ein Glühen, in meinem Herzen ein Klopfen, in
+meinem Haupte ein Schwärmen! Die wundersamsten Phantastereien begannen
+mir vor den Sinnen umherzugehen. Meine rote Janitscharenkadettenuniform
+kam mir vor wie das Rote Meer, meine weißen Pumphöschen leuchteten mir
+wie der Schnee der Alpen, und mein kleiner blecherner Säbel gemahnte
+mich wie das Schwert des Alexander. Ich öffnete die Lippen, und sie
+sprachen unwillkürlich:
+
+ Gesperret lange Zeit in eine Tasche,
+ Selbständigwerdenwollend ausgekrochen,
+ Nahm in die Krallen dich der Gei'r, der rasche,
+ Dem Albions Großmut drauf den Hals gebrochen,
+ Und als dir nun gesunken die Courage,
+ Fühlst du in Grimmen, Glühen, Wallen, Pochen
+ Dein Herz gelöset fluten gleich der Träne
+ Des Stocks im Lenz, am Born der Hippokrene!
+
+Ja, ich hatte unversehens aus der Hippokrene getrunken und war sonach
+am Helikon! Meine Lippen öffneten sich abermals und skandierten
+unwillkürlich:
+
+ Sauerbereiteter Wurm des gütigsten Vaters,
+ Für die Kadettenanstalt des größesten Sultans
+ Mit dem Säbel aus Blech bewaffneter Knabe,
+ Streife das rote Kollett und die weißen batistnen
+ Höschen vom Leibe dir ab und glänze in reiner Klassischer Nacktheit!
+
+Wirklich warf ich Säbel, Kollett, Turban, Pumphöschen, kurz alles und
+jedes ab, wälzte und kugelte mich wie toll umher, unwillkürlich, von
+dem Musenwasser getrieben. Schon hatten sich wieder neue Bilder in
+meine Seele und Weisen auf meine Lippen gedrängt; ich sang:
+
+ Feinsliebchen, wenn du suchest mich,
+ Trala!
+ Du findest mich ganz sicherlich
+ Sasa!
+ Wie bei der Lamp' ich sitz' und mach'
+ Ein Liedchen für den Almanach!
+
+ Feinsliebchen, weißt du, was das ist?
+ Trala!
+ Ein Büchlein voll von Jesuchrist
+ Sasa!
+ Und Blümelein und O! und Ach!
+ Das ist der Musenalmanach!
+
+Ich hatte rasch den Entschluß gefaßt, einen Musenalmanach zu schreiben,
+ganz allein ich selbst: um mir mein Brot zu verdienen, denn -- rief ich
+--
+
+ Warum denn andre brauchen und deren Instrumente?
+ Ein rechter Virtuose spielt jedes Instrumente.
+ Er bläst mit seinem Munde, dem Finger fünfe dienen,
+ Das Lippenhauchgenährte, das Flöteninstrumente,
+ Und streichelt mit dem Bogen, geknüpft am Ellenbogen,
+ Das Saitenstegbewehrte, das Geigeninstrumente,
+ Derweil an seinen Schenkeln sich hellen Schalles stößet
+ Das Kindern klingklangwerte, das Beckeninstrumente,
+ Und Klöpfel an den Knieen mit mut'ger Rührung rühren
+ Das Kesselbauchbeschwerte, das Paukeninstrumente,
+ Von seinem Haupte aber die Glöcklein schwingend bimmelt
+ Das Roßschweif' nie entbehrte, das Halbmondinstrumente.
+ So mit Gebläs' und Streichen, mit Stoßen, Rühren, Bimmeln
+ Sah ich, als sein der Meister fünf da der Instrumente,
+ 'nen einz'gen jüngst noch spielen am Markt das manigfalte
+ Flöt-, Geige-, Pauken- und Halbmondinstrumente.
+
+Damit war meine Begeisterung noch nicht erschöpft. Formen und Verse,
+Weisen und Reime, Laiche, Stollen, Stanzen, Assonanzen, Dissonanzen,
+Dezimen, Kanzonen, Terzinen, Handwerksburschenlieder, Sprichwörtliches,
+Afrikanisches, Madekassisches, an Personen, Gelegenheit, Denk- und
+Sendeblätter, Runenstäbe, Gepanzertes und Geharnischtes, Blätter und
+Blüten, Schutt -- alles dieses und noch unendlich viel mehr entquoll
+meinen unermüdlich vom Wasser bewegten Lippen, so daß ich glaube, ich
+armes, nacktes Kind habe da droben auf dem Helikon an jenem Abende
+in wenigstens sechs Dutzenden der verschiedensten Arten und Weisen
+meine Kindlichkeit lyrisch ausgesprochen. Ich weiß nicht, ob ich mich
+nicht totgeschrien haben würde und ein lyrisches Opfer geworden wäre,
+hätte nicht das Schicksal, welches mich schon aus den Fängen des
+Geiers rettete, nunmehr mich auch von den Folgen jenes hippokrenischen
+Sauerbrunnens befreit.
+
+Auf einmal nämlich, als ich eben ansetzte, meine Empfindungen im Geiste
+eines enthaupteten Hottentotten auszuströmen, fühlte ich mich von
+allen Seiten angerannt, übergerannt, beschnoppert, beleckt, befühlt,
+bestoßen, betrampelt. Zu Boden geworfen, sah ich nichts über mir und
+um mich als gelbe Augen, dürre Beine, rauche, bärtige Gesichter. Eine
+Herde wilder Ziegen war mit ihren Zicklein zum Orte gekommen und übte
+an mir diese etwas stürmische Bewillkommnung aus. Mein anfänglicher
+Schreck dauerte indessen nur wenige Augenblicke; ich erkannte sehr
+bald, daß ich gutmütigen Wesen in die Pfoten gefallen war, die nur
+durch ihre Individualität bestimmt wurden, so unbequem ihre Freude über
+den Fund des kleinen Lyrikers zu äußern. Das waren keine blutdürstigen
+Lämmergeier, es waren sanfte, milde Ziegen mit den besten Herzen. Sie
+riefen alle im Chore: Ach, der arme Kleine! der Verlassene! Da liegen
+seine Häute, er muß eine fürchterliche Krankheit gehabt haben, wovon
+sie sich abgeschält haben, nun sieht er wie geschunden aus. Laßt uns
+seine Wunden lecken! der Jammervolle! Ich mußte im stillen über diese
+unerfahrenen Ziegen lächeln, welche meine Janitscharenkadettenuniform
+für einen abgestreiften Balg, und meine heile, weiße Haut für
+geschunden ansahen, beschloß indessen Achtung vor dieser Volksmeinung
+zu haben und nicht übereilt mir durch Eröffnung einer höheren Wahrheit
+bei den Ziegen zu schaden. Indessen war ich doch bald genötigt,
+Einspruch zu tun, denn alle Ziegen leckten in ihrer wohltätigen Absicht
+so eifrig an mir umher, daß ich es vor Kitzel nicht länger aushalten
+konnte. Ich ergriff daher das rechte Vorderbein derjenigen Ziege,
+welche mir die älteste und verständigste zu sein schien, mit meinen
+kindlichen Händen, drückte es an mein Herz und sagte: Ehrwürdige
+Mutter, ich danke Ihnen. Genug nun des Leckens! Vertrauen Sie der
+Natur, und überlassen Sie ihr die Nachheilung meiner Ihrer Ansicht
+zufolge wunden und geschundenen Haut! -- Wirklich ließen die
+gutmütigen Ziegen, sobald sie meinen Wunsch vernommen hatten, von
+ihrer Leckkur ab.
+
+Die Zicklein, welche bisher diese Szene der Barmherzigkeit mit
+possierlichen Mienen und Gebärden umstanden hatten, drängten sich
+jetzt, entsetzt seitwärts blickend, den Müttern so innig an, wie
+die jüngste der Niobiden dem Schoße, der sie doch nicht vor den
+schrecklichen Pfeilen zu bergen imstande war. Sie schrien meckernd:
+Der Geier! der böse Geier! und zitterten und bebten, als ob jener
+tote Bösewicht sie noch fressen könnte. Anfangs schauerten auch die
+Mütter bei seinem Anblicke zusammen, indessen faßten sie sich bald
+und beruhigten die Zicklein mit verständigem Meckern. O, rief eine
+der Ziegen, wie vielen Dank sind wir diesem armen kleinen Findlinge
+schuldig! Ohne ihn würden wir wahrscheinlich den Verlust eines von
+euch, ihr teuren Kinder, zu beweinen haben! Der Lämmergeier sah aber
+ihn und nahm ihn an Eurer Statt in die Lüfte! -- Hier erwachte mein
+ganzer Stolz, und auf die Gefahr hin, es mit diesem Ziegenvolke auf der
+Schwelle unserer neuen Bekanntschaft zu verderben, sprach ich: Meine
+Damen, Sie sind im Irrtum. Daß jener Räuber mich für einen Hirtenknaben
+hielt, den er nach der Naturgeschichte ausnahmsweise zuweilen anfallen
+darf, war schon unverzeihlich von ihm, daß er mich aber gar für ein
+Ziegenlamm hätte halten sollen, dazu traue ich ihm denn doch zu viel
+Verstand zu. -- Das Wundfieber phantasiert aus ihm, riefen alle Ziegen,
+er weiß nicht, was er spricht. -- Meine Schwestern, hob die älteste der
+Ziegen an, uns dieses kleinen verlassenen Wesens anzunehmen, erfordert
+unsere Ziegenpflicht, um so mehr, da es ein Opfer für eines unserer
+Kinder geworden ist. Bringen wir denn es vor allem unter Obdach, und
+späterhin wollen wir überlegen, was von uns für ihn geschehen kann!
+
+Die Herde setzte sich in Bewegung, die Mütter voran, die Zicklein
+folgend. Die Mütter stießen mich mit ihren Köpfen vorwärts; ich weinte
+und schrie, daß ich erst meine Janitscharenkadettenuniform wieder
+anziehen wolle, denn die klassische Nacktheit beginne mir frostig zu
+werden, davon aber wollten die Ziegen nichts wissen, sondern hielten es
+für eine neue Fieberphantasie, daß ich in jene kranken Hüllen kriechen
+wolle. Ich mußte mich daher fügen, klammerte mich zwischen zweien der
+Gesetztesten mit den Händen an deren Zottelpelzen an, und konnte so
+notdürftig mit der Herde mich fortbewegen.
+
+An Abgründen vorbei, auf rauhen Pfaden, über welche meine tierische
+Gesellschaft sicher ging, gelangten wir zu einer großen Felsenhöhle,
+dem von der Natur gebildeten Stalle dieser wilden Ziegen. Räumlich
+und wohnlich war die Höhle, ein warmer Hauch schlug aus der tiefen
+Wölbung meinem frierenden Körper wohltuend entgegen, der Boden und die
+Seitenwände waren mit weichem Moose ausgepolstert, das ertastete ich,
+als wir hineingingen. Der süße aromatische Duft des Tymians, welcher
+auf jenem Gebirge überall blüht, drang in die Höhle, kurz, dieser
+Aufenthaltsort konnte nicht tröstlicher gedacht werden, wenn man einmal
+von der linken Rocktasche seines Vaters verbannt sein sollte.
+
+Die Ziegen streckten sich auf dem weichen Moose nieder und begannen ihr
+Wiederkäuungsgeschäft, die Zicklein legten sich ihnen an die Euter und
+sogen, aber was wurde aus mir, dem Fremdlinge ohne Familienverbindungen
+in diesem Kreise? Traurig saß ich in einer Ecke auf meinem Moosklumpen,
+hungerte und durstete. Endlich ersuchte ich bescheiden auch um einige
+Milchnahrung, wenn die Kinder des Hauses gesättigt sein möchten.
+Glaubst du denn, rief die älteste der Ziegen, welche die andern Sisi
+nannten, daß wir dich nicht längst auch zu unsern Nahrungsquellen
+herbeigelassen haben würden, wenn wir nicht wüßten, daß dein Wundfieber
+jede Ueberladung des Magens tödlich machen kann? -- Ich bat sie bei
+den Häuptern ihrer hoffnungsvollen Lämmer, es darauf zu wagen, ich
+verschmachte sonst, worauf sich unter der Herde eine ziemlich lebhafte
+Verhandlung über die Zulässigkeit oder Nichtzulässigkeit des Säugens
+in meinem Zustande ergab, welche in den Beschluß auslief, daß mir
+ein Weniges an Milch wohl verstattet werden möge. Froh über diese
+Entscheidung kroch ich zur barmherzigen Sisi und sog die ersehnte,
+heilsame Nahrung in mich. Als ich aber im besten Saugen war, wurde ich
+schon wieder abgestoßen, weil ein Mehreres, wie die um mich besorgten
+Ziegen ängstlich ausriefen, mir sicherlich schaden würde. Ich war
+daher nur halbsatt geworden, indessen doch vor dem Hungertode nunmehr
+geschützt.
+
+ [Illustration]
+
+Ueber meine Nachtruhe entstand darauf eine zweite Verhandlung, welche
+ein Streit zu werden drohte, denn die Ziegen waren gegen mich so
+liebevoll gesinnt, daß jede mich in ihren Pfoten erwärmen und keine
+mich der andern gönnen wollte. Ich mußte voraussehen, bei diesem
+Liebesfeuer die ganze Nacht über ungewärmt zu bleiben, rief daher:
+Wohltätige und rechtschaffene Ziegen, teilt euch in euren kleinen
+Lyriker, laßt ihn bei jeder von euch eine halbe Stunde liegen! --
+Dieser Vorschlag fand Beifall, zuerst nahm mich die alte Sisi in ihre
+Pfoten, dann die Riri, dann die Quiqui, dann die Nini, dann die Mimi,
+dann die Lili, dann die Pipi, dann die Fifi, dann die Bibi, dann die
+Didi, dann die Wiwi, dann die Kiki, endlich und zuletzt morgens
+gegen vier Uhr die Zizi, die jüngste dieser meckernden Grazien.
+Denn diese Namen, alle in i endigend, führten die zwölf Ziegen, aus
+denen die Herde bestand. Ich hatte sie durch ihre Gespräche zufällig
+erkundet. Was meine Nacht betraf, so war sie freilich unruhig, denn
+ich hatte fast nichts zu tun, als mich niederzulegen und wieder
+aufzustehen, indessen erfror ich doch nicht.
+
+Wundert Ihr Euch, daß ich das Gemecker der Ziegen sobald verstehen
+lernte? Ihr hättet Euch eher darüber verwundern sollen, daß ich den
+Engländer verstehen konnte.
+
+Betrachtungen über mein sonderbares Schicksal raubten mir den wenigen
+Schlaf, den mir der Wechsel meiner zwölf Wohltäterinnen allenfalls noch
+hätte verstatten mögen. So bist du denn, dachte ich, indem du deine
+Selbständigkeit erringen wolltest, in die Klauen eines Usurpators und
+darauf nach kurzem lyrischen Taumel unter das Vieh geraten, von welchem
+du nicht einmal für voll angesehen wirst ...
+
+In den nächsten Tagen besuchte ich mit den helikonischen Ziegen und
+ihren Zicklein die Weide. Ich muß ihnen das Zeugnis erteilen, daß sich
+die Ziegenmütter gegen mich immer gütig und liebevoll betrugen, und
+daß auch ihre Kinder nicht allzu arg mit mir umgingen, obschon diese
+freilich, mutwillig, wie die Jugend einmal ist, allerhand neckende
+Possen trieben, welche auf mich Bezug hatten, zum Beispiel sich gegen
+mich bäumten, mir über den Kopf wegsprangen, nach mir stießen, und was
+dergleichen Schalkstorheiten mehr waren, die ich als gebildetes Kind
+gebildeter Eltern nur verachten konnte. Du bist unter Ziegen, sagte
+ich zu mir selbst, wenn der Grimm in mir überwallen wollte, vergiß das
+nie kleiner Münchhausen, du sauer zubereiteter Wurm deines Vaters.
+Ich fühlte, daß ich mich dem Zustande, in den mich einmal die Fänge
+des Geiers und die Kugel des großmütigen Engländers geworfen hatten,
+anbequemen müsse, versuchte also zuvörderst auf allen vieren zu laufen,
+da ich ohnhin auf meinen beiden kleinen menschlichen Füßen noch
+nicht recht fortkommen konnte, und bestrebte mich außerdem, auf jene
+bäumenden, springenden, stoßenden Scherze einzugehen, freilich nicht
+ahnend, wohin dieses Anbequemungssystem führen sollte.
+
+Wenn die gütigen und liebevollen Ziegenmütter sich nur nicht
+von vorgefaßten Ideen so sehr hätten leiten lassen! Aber es
+war meinen Bitten unmöglich, sie zu bewegen, daß sie mir meine
+Janitscharenkadettenuniform zukommen ließen; sie blieben steif und fest
+dabei, daß dieses Kollett, diese Hosen, dieser Turban Ueberbleibsel
+krankhafter Häutungen seien. Nackt war ich also, und nackt blieb ich,
+so daß mich in den ersten Tagen meines ziegenhaften Lebens entsetzlich
+fror, bis die Haut eine Gegenwirkung zu entwickeln begann, welche den
+erkältenden Einfluß der Luft allgemach aufhob. Auch von der Milch
+bekam ich immer nur halbe Portionen, aus Sorge um mein angebliches
+Wundfieber. Oft knurrten meine Eingeweide vor Hunger. Bei allem dem
+war ich der Liebling der ganzen Herde und sämtliche zwölf Ziegen auf i
+nannten mich nur ihren herzigen Jungen. Ich hatte meine Verwunderung
+darüber, so viel Menschliches unter dem Volke zu finden, welches doch,
+wie ich aus allen Reden und Aeußerungen, die ich hörte, abnahm, in
+einer völligen Einsamkeit und Absonderung von der übrigen Welt auf
+diesen helikonischen Höhen erwachsen war und gegen die Menschen, von
+denen es nur durch Hörensagen wußte, eine so tiefe Verachtung hegte,
+wie die tugendhaften Houyhnhums des Dechanten Jonathan Swift gegen die
+sündlichen Yahoos.
+
+Das Leben einer Ziege, insonderheit einer wilden, hat sonst viel
+Schönes. Der erste Frühstrahl drang golden, wie ihn die Ebene nicht
+kennt, in unsere Höhle und beleuchtete ihre moosigen Klüfte, vor
+denen nach dem Tage zu leichte Geflechte wilden Weines und bunter
+Winden hingen. Rote Lichter und farbige Schatten umspielten die Herde,
+die umher an den Steinen und Mooswülsten noch lag und schlummerte,
+bald aber sich erhob und die Glieder dehnend, in den Morgenwind
+hinausschritt, der die Waldreben und Winden säuselnd bewegte. Wie
+herrlich glänzte dann der hohe Gebirgsrücken mit seinen tausend Zacken
+und Klippen vor uns, wie nagte geschäftig der scharfe Zahn an den
+würzigen Kräutern, die ihn bedeckten, wie leckmäulerig wurde, wenn
+diese Kost genossen war, emporstrebend, die aromatische Rinde der
+Stauden und Bäume abgeschält, wie labte nach solcher Speise die süße
+Kühle der göttlichen Quelle! Die Lüfte wehten erquicklich und labend
+über diese Gipfel hin. Sie waren mit keinem Dunste der Ebene befrachtet
+und erzählten die Sagen der alten schönen Götterwelt. Tief drunten
+in weiter Ferne lagen die Städte der Menschen mit dem gemeinen Wuste
+ihres Wesens; zu diesen seligen Höhen drang der Schrei des Bedürfnisses
+nicht, und nicht der Seufzer der Sorge. Bisweilen erklang aus dem
+Gestein, umsproßt von wilden Rosen und Feigen, der melodische Schall
+der Steindrossel oder tönte aus den Heiden und Thymusbüschen der
+goldene Laut der Zikade. Alles klang hier voller, reiner, unschuldiger
+in der Nähe des Bornes, den der Huf des heiligen Rosses aufriß, denn
+alles hatte aus ihm getrunken; selbst die Gräser, Blumen, Büsche,
+Bäume, welche das schäumende und doch so ruhige Naß benetzte, oder
+auch nur mit seinem feinen Dufte erreichte, standen stolzer und
+vornehmer da, als die Gewächse der Fläche. Wenn der Alpenhauch ihre
+Spitzen und Kronen rührte, beschrieben die Stengel und Zweige schöne,
+dem Auge wohltuende Linien in den Lüften. So war jegliches da droben
+verfeinert, abgeklärt und selbst im Kräftigen zart; Scheltworte, zu
+denen etwa einmal eines gegen das andere sich vergaß, adelten die Winde
+des Helikon in zierliche Epigramme um; dieses war, was die Nähe bot,
+die Ferne aber zeigte auch nur Erhabenes: Die göttlichen Häupter des
+Pindus, Parnassus und Kithäron.
+
+Mittags rasteten wir gewöhnlich auf einer sonnigen Halde. Dann aber
+kamen die Gatten der Ziegen zu einem kurzen, aber traulichen Besuche.
+Sie bewohnten eine andere Felsengrotte an der entgegengesetzten Seite
+des Berges und führten eine abgesonderte Wirtschaft, denn zwischen
+beiden Geschlechtern bestanden hier die edelsten und keuschesten
+Verhältnisse. Dann begannen die gymnischen Spiele der Jugend, welchen
+nur in dem niedern Zustande gemeiner, zahmer Ziegen die herabwürdigende
+Bezeichnung von Bockssprüngen zukommen kann. Hier war in diesen Spielen
+feurige Kraft und die Blume der komischen Grazie zu schauen. Rings
+im Kreise gelagert freuten sich die sanften Mütter und die ernsten,
+ehrwürdigen, bebarteten Väter der herrlichen, überquellenden Lust und
+dachten ihrer einstigen Zeit. Meldete sich nun wieder der Gläubiger
+unter dem Zwerchfell, der nie die Schuld einzufordern vergißt, das
+heißt wollten die Ziegen und ihre Gatten noch etwas fressen, so
+schied man mit herzlichem Gruße und dem frohen, getrosten Worte:
+Auf Wiedersehen! Beide Geschlechter gingen zu ihren Weideplätzen,
+und nun wurde noch ein leichteres Vesperfutter abgerupft. Wenn aber
+die dämmernde Eos mit Rosenfingern herabsank, und der Abendtau den
+klassischen Boden zu netzen begann, schritten wir lieblich meckernd
+heimwärts, erreichten vor der völligen Finsternis die bergende Höhle
+und streckten uns saugend oder wiederkäuend in ihrer behaglichen Wärme
+auf dem samtnen Moose aus. Bald goß ein leichter, träumeloser Schlummer
+seinen Balsam auf uns nieder, machte unserem Saugen und Wiederkäuen ein
+Ende.
+
+Ich sage: Wir, ich sage: Uns, ich sage: Unserem. Mit mir war nämlich
+eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Ich lernte von Tage zu
+Tage flinker auf allen vieren laufen, ich nahm an den gymnischen
+Spielen der Jugend, bei welchen ich mich anfangs höchst ungeschickt
+betragen hatte, allgemach immer dreister teil und rannte eines Tages
+erhobenen Leibes, Kopf gegen Kopf mit einem Böcklein, welches mich
+zu diesem Stoßkampfe herausgefordert hatte, so tapfer zusammen, daß
+das Böcklein stürzte, ich aber stehen blieb, worüber alle Ziegen und
+ihre Gatten ein herzlich meckerndes Gelächter aufschlugen. Ich hatte,
+da mir die Milchnahrung nicht genügte, mich an das Nagen von Gräsern
+und Knabbern von Baumrinde begeben, zuerst den heftigsten Widerwillen
+gegen diese Speise verspürt, allmählich aber ihn schwinden sehen und
+gefunden, oder zu finden gewähnt, daß Gras wie grüner Kohl und Rinde
+wie Krautsalat schmecke -- alles das war in mir vorgegangen, aber ich
+hatte dessen nicht geachtet, weil ich nicht über mich nachdachte. Ein
+unvorhergesehener Vorfall entzündete endlich in mir die Fackel der
+Selbsterkenntnis und lehrte mich meinen umgestalteten Zustand verstehen.
+
+Eines Abends liege ich in der Höhle neben der Ziege Quiqui. Die
+Zicklein sind von den Eutern abgegangen und schlafen schon, die Mütter
+käuen wieder und unterhalten sich von Freiheit und Notwendigkeit. Ich
+schlafe noch nicht. Es geht mir etwas im Kopfe umher, was ich nicht zu
+nennen weiß, es ist ein formloses Etwas, was sich nach und nach durch
+die Kehle in die unteren Regionen hinabsenkt und dort ein losgebundenes
+Leben für sich anfängt. Meine Kinnbacken beginnen sich kreuz und
+quer übereinander zu schieben, und ein sonderbares Nachschroten ohne
+Gegenstand auszuführen; bald ergreift die angrenzenden und dann die
+unteren Teile die Mitleidenschaft, mir wird sehr übel, Dinge, die ich
+für immer abgetan glaubte, steigen in mir auf, ich weiß nicht was
+das bedeuten soll, ich befürchte einen gefährlichen Magenkrampf zu
+haben, ich ächze, ich stöhne. Teilnehmend rutscht die Quiqui herzu und
+fragt, was mir fehle? So gut ich unter dem unaufhaltsamen Schieben und
+Schroten der Kinnbacken es vermag, schildere ich ihr den Zustand; und
+wer beschreibt meinen Schreck, als die sanfte Quiqui, Tränen vergießend
+und mich zärtlich an sich drückend, ausruft: Heil dir und Segen,
+herziger Junge! Du bist nun ganz der Unsere, du käust wieder! -- Ihr
+Götter! rufe ich (denn auf dem Helikon spricht man nur mythologisch)
+was ist aus mir geworden? Ich habe aber nicht Zeit, diese Ausrufungen
+fortzusetzen, denn alle elf anderen Ziegen, welche den Freudenschrei
+der Quiqui vernommen haben, drängen sich um mich, und sind wie außer
+sich, die Lili leckt mich, die Pipi neckt mich, die Riri schmiegt
+sich an, die Fifi riecht mich an, die Titi will mich küssen, die Wiwi
+hätte vor Liebe mich fast gebissen, Bibi, Didi, Kiki scherzen, Mimi,
+Nini herzen: von dem Jubel erwachen die Zicklein und Böcklein, hören
+halb schlaftrunken, was vorfiel, und nun verbrauset erst der rechte
+bacchische Taumel. Das springt, bockt, bäumt, stößt, rennt um mich
+her, das schüttelt sich, rüttelt sich, tänzelt, schwänzelt, hänselt,
+daß keine Phantasie, und wäre sie die kühnste und leichtfertigste,
+die tolle Szene, beleuchtet von einem zweifelhaften Mondschein, sich
+vorzustellen vermöchte. Nur die ehrwürdige Sisi behielt einigermaßen
+ihre Fassung, legte, als sie durch die Gewirre zu mir dringen konnte,
+ihre mütterliche Pfote segnend auf mein Haupt und sprach: Mögen dich
+Pan und alle Faunen beschützen, du junger Geretteter!
+
+Endlich legt sich der Sturm und alles lagert sich wieder zum Schlummer.
+Ich aber liege, halbtot von allen den Pfoten, Schnauzen, Köpfen,
+Bäuchen, die mir Liebe hatten erzeigen wollen. Der Schreck war freilich
+das meiste gewesen, denn keines der gutmütigen Tiere hatte mir wehe
+getan, sie hatten sich vor jeglicher Roheit zu hüten gewußt. Nur das
+Schieben und Schroten der Kinnbacken wollte nicht wieder geläufig
+in Gang kommen, dieser ganze Hergang war durch die Heftigkeit der
+Neigungen, die ich erdulden müssen, gehemmt worden, ich empfand einige
+Störungen im Verdauungsgeschäfte.
+
+Aber wie wenig bedeuten diese Unbequemlichkeiten gegen den
+Seelenschmerz und die geistige Unruhe, die ich in jener Nacht
+durchzudulden hatte! Ist es möglich, daß du unter Ziegen aufgehört
+haben solltest, ein Mensch zu sein? sprach ich zu mir selber. -- Warum
+hast du dich gehen lassen, warum deine angeborene Würde nicht im Auge
+behalten, nicht treu und fest im Auge behalten die schreckliche Gefahr
+herabziehenden Umgangs und erschlaffender Gewohnheit? Noch zitterte
+in mir ein schwacher Strahl der Hoffnung, daß alles nur Täuschung
+sein möge. Ungeduldig wachte ich dem Tage entgegen, der mir Gewißheit
+bringen mußte, wenn auch vielleicht eine schreckliche. Bei dem ersten
+Schimmer der Morgenröte schlüpfte ich, während die Herde noch ruhte,
+aus der Höhle, rief: Bedenke, daß du Mensch bist! und wollte aufrecht
+einherschreiten, aber, o ihr Himmlischen, es ging damit nicht; ich
+war genötigt, auf allen vieren zu laufen, auf allen vieren zur Quelle
+Hippokrene, welche mir die Wahrheit zeigen sollte.
+
+Ueber ihren klaren und göttlichen Spiegel gebeugt, sah ich nunmehr, daß
+alle schwarzen Ahnungen recht hatten, daß das Entsetzliche geschehen
+war. Ich sah aus ihrer Flut einen mit zottigem Vließ bedeckten Leib mir
+abschreckend entgegenstarren, dünn und knöchern gewordene Gliedmaßen,
+die, als ob sie Scham empfänden, sich in Fell hüllten, ich sah spitz
+und steifgewordene Ohren und ach! jene von meinem Umgange mit der Herde
+mir so bekannte Physiognomie, in welcher der Mund sich zum breiten
+Maule verzogen, die Nase die lächerliche Streckung nach vorn angenommen
+hatte, die Augen aber, erschreckt von diesen Verwandlungen, nach den
+Seitenbeinen des Schädels auseinander gewichen waren; mit ~einem~
+Worte, denn wozu so viele? im Spiegel der Poesie sah ich mich als
+jungen, wenigstens werdenden Bock.
+
+ [Illustration]
+
+Dahin also ist es gekommen! rief ich, und suchte zu verzweifeln. Bist
+du darum deinem Vater so sauer geworden, darum aus seiner Tasche
+gekrochen, um als Gehörnter und Beschweifter zu enden? -- Denn die
+Musenquelle hatte mir außer allem, was ich beschrieben, auch an Stirn
+und Rückgrat Keime gewiesen, welche mit den Jahren, wenn das Wetter
+günstig war, zu Horn und Schweif erblühen konnten.
+
+Ich war sehr angegriffen und bedurfte der Stärkung, oder tat es die
+Nüchternheit des Morgens? genug, ich mußte fressen, und schälte einen
+der Lorbeerbäume über der Hippokrene ab. Ich suchte jetzt abermals zu
+verzweifeln, oder, da dieses nicht gelingen wollte, mindestens mein
+Los zu bejammern. Auch das glückte nur zum Teil. Wie verstehe ich das?
+fragte ich mich. Du hast deine Menschheit zum größeren Teile eingebüßt,
+und kannst keine Verzweiflung, ja nicht einmal einen recht tüchtigen
+Jammer zuwege bringen?
+
+Da machte ich eine Entdeckung in meinem Inneren, die noch schlimmer
+war, als die äußeren Wahrnehmungen, welche mir die Quelle gegeben
+hatte. Ich merkte nämlich, als ich mich scharf prüfte, daß ich den
+Verlust meiner Humanität eigentlich nur der Form wegen und Ehren
+halber betrauere, im Grunde aber mit dem Fell an Leib und Gliedern,
+mit dem breiten Maule, der nach vorn gestreckten Nase, den seitwärts
+abgewichenen Augen, mit den Keimen an Stirn und Rückgrat wohl zufrieden
+sei. Meine Seele war, das empfand ich, auch bereits in der Verbockung
+begriffen. -- O Menschen! Menschen! Menschen! nehmt an dieser Tatsache
+ein warnendes Beispiel. Wahrlich, das Tier kommt rasch genug in euch
+zum Vorschein, wenn ihr nicht unablässig auf euch achtet.
+
+Ich graste und hing Betrachtungen dieser tiefsinnigen Art nach, als
+die Ankunft der Herde mich in derselben störte. Die guten Ziegen
+waren schon besorgt um mich gewesen und zeigten, als sie mich bei der
+Hippokrene denkend und grasend fanden, die unverstellteste Freude, so
+daß nicht viel an einer Wiederholung der nächtlichen Auftritte gefehlt
+haben würde, wenn ich nicht Rührung und Erschütterung über mein neues
+Glück vorgeschützt und sie ersucht hätte, meine durch das Wiederkäuen
+etwas angegriffene Gesundheit zu schonen. Ja, er bedarf der Ruhe,
+riefen die edeln Ziegen und entfernten ihre Pfoten und Mäuler von mir.
+Der Platz an der Hippokrene wurde für heute zur Weidestelle ersehen,
+und ich hörte sie lange, während sie fraßen, in erhöhter Stimmung und
+in einem sogenannten schönen Stile mein Glück preisen, daß ich endlich
+vernünftig und einer der Ihrigen geworden sei.
+
+So geht denn also durch das ganze Reich der Wesen derjenige Zug, von
+welchem ich glaubte, daß er nur meinen ehemaligen Kameraden, den
+Menschen, angehöre! dachte ich bei diesen Gesprächen. -- Erst wenn
+sie jemand zu sich heruntergezogen und ihn in seiner besten Eigenart
+vernichtet haben, glauben sie, daß er vernünftig geworden sei, und
+einer der Ihrigen zu heißen verdiene. So zerklopft der Wegewärter an
+der Chaussee die großen Steine und pflastert dann mit den kleinen
+Bröckelchen die gemeine Heerstraße des täglichen Verkehrs zu Fuß, zu
+Pferd und zu Wagen, mitunter auch zu Esel ....
+
+Ich war nun gleichsam Hahn im Korbe bei den guten und edeln Ziegen
+am Helikon. Sie liebten mich fast mehr, als ihre eigenen Kinder;
+natürlich, ich war ja das Kind ihrer Wahl und hatte für sie außerdem
+das besondere Interesse, daß noch einige Reste der Menschheit in mir
+staken, welche ihre fernere Erziehung ebenfalls auszutilgen berufen
+schien und hoffen durfte. Sie bildeten und besserten unaufhörlich
+an mir, das heißt sie leckten und putzten mich beständig, um den
+vollkommenen Bock aus mir herauszulecken und zu putzen, und jedes
+Fünkchen widerstrebender Menschheit mir abzulecken. Ich mußte mir das
+gefallen lassen, obgleich ich es gern gesehen hätte, ein Stückchen
+Mensch zu bleiben, der möglichen Fälle halber, in welchen ein zweites
+Metier von großem Nutzen sein kann. Auch meine Sprache war ihnen noch
+nicht akademisch genug; sie meinten, es sei nicht das reine toskanische
+Meckern. Ich muß hier einschalten, daß ich mich deshalb so rasch mit
+meinen Wohltäterinnen hatte verständigen können, weil meine erste
+Kindheit mir teilweise unter deutschen Kanzelrednern hingegangen war,
+und ich daher nur bekannte Töne hörte, als ich zu den Ziegen kam, nur
+bekannte Töne im Gespräch mit ihnen zu wiederholen brauchte. Indessen,
+wie gesagt, mein Meckern sollte doch noch nicht ganz rein sein, es
+mochte wohl noch in etwas den Kanzelredner verraten. Die gelehrte Ziege
+Pipi gab sich daher an das Werk und unterwies mich im Meckern nach den
+Regeln der Grammatik. Ich lernte rasch und fand, daß das Ziegen-Idiom
+einen großen Reichtum an eigentümlichen Wendungen für unklare
+Vorstellungen habe, weshalb es manchen Zeiten zu empfehlen sein dürfte,
+um darin die Geschäfte des öffentlichen Lebens abzuhandeln.
+
+Tage kamen und Tage gingen, und daraus wurden Wochen, und aus den
+Wochen stellten sich Monate zusammen, ohne daß unser idyllisches Leben
+auf dem Helikon irgend eine bedeutende Störung erlitten hätte, außer
+daß wir Zicklein mitunter von den Müttern zu sehr allein gelassen
+wurden und in einer dieser Verlassenheiten zwei junge Böcke einbüßten,
+welche, den ersten ein Steinadler, den anderen ein Goldadler auffraß.
+Unser Gefühl wurde von diesen Verlusten schmerzlich berührt, obschon
+die Ziegen Fifi und Riri durch glückliche Entbindungen für den Ersatz
+sorgten. Jenes nicht selten vorkommende Alleinsein und die Einbuße der
+beiden Böcklein machte die Reste der Menschheit in mir nachdenken.
+Ich fragte, wenn wir so uns selbst überlassen umherirrten, kein gutes
+Futter finden konnten, oder uns durch unüberlegte Sprünge die Füße
+verstauchten, oder auch wohl vom richtigen Pfade gänzlich abgekommen
+waren, wo denn die Mütter seien? und erhielt zur Antwort, daß sie ihre
+Sitzungen hielten. Fragte ich nun weiter, aus was Grund und zu was Ende
+diese Sitzungen stattfänden? so erwiderten mir meine Altersgenossen,
+es seien die Sitzungen des Wohltätigkeitsvereins. Freilich blieb ich
+durch solche Antworten so klug als vorher; ich schärfte indessen das
+Auge der Beobachtung und kam auch binnen kurzem der Sache auf den
+Grund. Leider entdeckten da meine Forschungen gewisse Schattenseiten
+an dem sonst so liebenswürdigen und vollkommenen Zustande der
+helikonischen Ziegenherde.
+
+Die wohltätigen und rechtschaffenen Mütter hatten nämlich einen
+Verein »zur Linderung des Elendes leidender Naturwesen« gestiftet.
+Dieser Verein war aus den Trümmern eines früheren, untergegangenen,
+entstanden, welcher auf die Verfeinerung ihrer Pelze abgezielt hatte.
+Ein reisender Waldesel war nämlich einstmals über den Helikon gekommen,
+hatte aus der Hippokrene gesoffen und darauf von dem wundervollen
+Gespinste der Tibetziege phantasiert, aus welchem in Kaschmir die
+herrlichen und kostbaren Schals gewebt werden. Der phantasierende
+Esel hatte weder Tibetziegen noch Kaschmierschals selbst gesehen,
+sondern im Walde einen armenischen Kaufmann davon reden hören, der zwar
+mit den Schals bekannt war, die Ziegen aber auch nie in Augenschein
+genommen hatte, sondern nur von seinem verstorbenen Bruder gehört haben
+wollte, es gebe dergleichen. Die Phantasie des Esels entzündete aber
+die Phantasie der Mütter und befruchtete ihren Geist mit dem Ideale
+einer tibetischen Hochgebirgsziege. Dieses ferne hohe Bild brachte
+in ihnen den Trieb der Nacheiferung hervor, ihre Pelze dünkten ihnen
+seit dem Tage roh und gemein, sie verbanden sich, durch ein Leben im
+höheren Sinne des Worts ihre Wolle zu verfeinern und es womöglich bis
+zur Kaschmirwolle zu bringen, denn der Pelz ist einer Ziege das, was
+schönen Seelen ihr Gemüt ist.
+
+Das Leben im höheren Sinne des Worts konnte aber nur dadurch in das
+Werk gerichtet werden, daß sie alle Gemeinschaft mit ihren Gatten
+abbrachen und die Milch bei sich behielten. Diese Schritte bedrohten
+nun die ganze Herde mit dem Untergange, und als die Seufzer der
+Gatten und das Wimmern der Zicklein ihnen die Gefahr einleuchtend
+gemacht hatten, so mußten sich die hochherzigen Ziegen entschließen,
+dem schönen Unternehmen zu entsagen; schmerzlich ergriffen, denn wie
+es ihnen vorkam, war während der wenigen Tage, wo Gatten und Kinder
+darbten, ihr Pelz schon merklich feiner geworden.
+
+Aus diesem Wolleverbesserungsvereine war der Verein zur Linderung des
+Elendes leidender Naturwesen hervorgegangen, weil das höhere Selbst
+der helikonischen Ziegen Befriedigung wollte, und für die Einbuße
+Ersatz heischte. Der neue Verein bekümmerte sich um jedes Unglück
+und half allen Insekten, Vögeln und kleinen Säugetieren, die in Not
+staken. Er hielt wöchentlich seine regelmäßigen Sitzungen; ich habe
+mehreren derselben beigewohnt, da man mich als Böcklein von guten
+Anlagen für würdig hielt, so edle und gemeinnützige Tathandlungen
+kennen zu lernen. Die Ziegen pflegten an einer beschatteten Stelle
+des Berges im Kreise umherzuliegen und wiederzukäuen; die verständige
+tugendhafte Sisi aber, welche auf einem erhöhten Steine in der Mitte
+des Kreises ruhte, führte in diesen Konferenzen das Präsidium. Während
+des Wiederkäuens wurden denn nun Notfälle der verschiedensten Art in
+barmherzige Erwägung gezogen, als zum Beispiel wie einer Hummel zu
+helfen sei, welche die Ziege Riri hatte in das Wasser fallen sehen? ob
+man nicht einer erlahmten und erstummten Grille eine Art Hackbrettlein
+aus Blättchen und Dörnchen zurichten lassen könne, um ihr die Ausübung
+ihrer Kunst für die Zukunft wenigstens einigermaßen möglich zu machen?
+oder in welcher Art einer in ihrem Loche darbenden Maus Futter für
+sich und ihre Jungen geschafft werden möge, von der die Ziegen
+wußten, daß sie ohne Verschulden in solche Nahrungslosigkeit geraten
+war, und was dergleichen wohltätige Maßnahmen mehr waren, welche den
+helikonischen Ziegen und ihrem Vereine einen fast göttlichen Namen bei
+allem notleidenden Geschmeiße zuwege gebracht hatten. Ich sage: Bei dem
+Geschmeiße, denn was die edleren Geschöpfe betrifft, so wollten die
+von dem Vereine und seinen Taten nichts wissen. Die Steindrossel hörte
+auf zu singen, wenn die Ziegen in der Nähe ihres Busches ratzuschlagen
+begannen: eine weiße Hinde, welche zuweilen Besucheshalber auf den
+Berg kam, wies, als die Ziegen ihr den Antrag machten, in den
+Wohltätigkeitsverein einzutreten, statt aller Antwort nur den stolzen
+Rücken, und die Lorbeerbäume, unter welchen die Sitzungen vor sich
+gingen, habe ich oft die Kronen hochmütig schütteln sehen, wenn die
+Reden der Ziegen im tönendsten Schwunge und ergiebigsten Flusse waren.
+Ja, einer jener geweihten Bäume mußte die Nähe der barmherzigen Ziegen
+selbst körperlich nicht vertragen können. Er bekam ein krankes Ansehen
+und ging endlich ganz aus.
+
+Auch erreichten die Mütter nicht in allen Fällen ihre tugendhaften
+Zwecke. Es war streng verboten, daß von irgend einer Ziege privatim,
+ohne Aufsehen, aus dem Stegreife, wie sie sie fand, Not gelindert
+werden durfte; nein, alle Wohltätigkeit sollte seit der Stiftung
+des Vereins im Geschäftswege verwaltet werden, und die Einzelziege
+war streng angewiesen, dem leidenden Wesen, welches sie traf,
+vorüberzugehen und über den Fund nur dem Vereine zu berichten.
+Auf diese Weise wollten die helikonischen Mütter die gemeine,
+instinktartige Milde ausrotten und an deren Statt die höhere,
+selbstbewußte, die administrierende Milde pflanzen. Da es nun aber
+immer mit einiger Weitläufigkeit verknüpft war, eine Sitzung zustande
+zu bringen, die Sitzungen selbst jedoch das Weitläuftigste bei der
+ganzen Sache wurden, indem die Ziegen meckernd und wieder meckernd
+gleichsam außer ihrem Futter auch die Barmherzigkeit wiederkäuten, so
+kam oft alle Hilfe zu spät. Die Hummel, welcher ein auf der Stelle
+zugeworfenes Blatt das Leben gerettet hätte, war während der Reden
+über die Pflicht, sie zu retten, untergegangen, und die Maus, der die
+vorübergehende Einzelziege ein paar Körner hätte zuscharren können,
+bis es zum Gesamtwirken für sie kam, Hungers gestorben.
+
+Mitunter war etwas unternommen worden, was gegen die Natur anging.
+So konnte fast keine der lahmen Grillen mit den Kunsthackbrettchen
+fertig werden. Am schlimmsten waren, wie ich schon angedeutet habe,
+die langen und weitläuftigen Sitzungen des helikonischen Ziegenvereins
+für uns Zicklein und Böcklein. Wenn wir während derselben ohne Weg
+und Steg und oft ohne Futter umherliefen, wenn Gefahren und Raubtiere
+uns außer acht Gelassenen drohten, da konnten wir armen Schluckerchen
+nicht selten unsere bitteren Tränen darüber vergießen, daß die Mütter
+an ertrinkende Hummeln, lahme Grillen und hungernde Mäuse dachten und
+uns vergaßen. Indessen waren solche Tränen und jene Mißglückungen im
+ganzen unwichtig. Die Helikonierinnen lernten sich durch den Verein in
+ihrer Vortrefflichkeit immer mehr fühlen und an ihrer eigenen Tugend
+begeistern, und darauf kam es doch hauptsächlich vor allem an.
+
+Ich habe lange nicht gewußt, auf was Art diese Stimmung, welche die
+eigene Familie um Geschmeiß hin und wieder vernachlässigen lehrte, und
+eine schlichte und unscheinbare Barmherzigkeit zu einem glänzenden
+Geschäfte aufzublasen antrieb, bei den Helikonierinnen entstanden war.
+Endlich konnte ich mir das Rätsel erklären. Die helikonische Herde soff
+nämlich, wie wir wissen, aus der Hippokrene. Diese Quelle wirkt nun bei
+allen, welche sie trinken, die gewaltigsten Dinge, jedoch nur bei den
+durch das Schicksal dazu Vorbestimmten jenen reizenden Wahnsinn, den
+wir kennen, bei vielen dagegen versetzt sich das Wasser und schafft
+entweder die abscheulichsten Würfelreime, wie bei mir der Fall war,
+so oft ich trank, oder einen sozusagen erhitzten und geschwollenen
+Zustand im Handeln und Empfinden, den man die blühende Prosa des Lebens
+nennen könnte.
+
+ [Illustration]
+
+Die helikonischen Ziegen gehörten nicht in die Reihe der zum reizenden
+Wahnsinn Vorbestimmten. Bei ihnen wirkte die Quelle den Drang zu
+unnötigen Tugenden und überflüssigen Wohltätigkeiten. Ihr Zustand war
+blühende Prosa. Dieser Zustand rührte von versetzter Hippokrene her.
+
+Wie oft mußte ich, als ich nachmals mehr unter Menschen kam, und
+ihre geschmacklosen Herrlichkeiten, ihre Aufspannungen für und um
+das Erbärmliche kennen lernte, still für mich ausrufen: Versetzte
+Hippokrene! -- Wo diese mit der blühenden Prosa in ihrem Gefolge
+auftritt, da stirbt das melodische Getön der Steindrossel, da weiset
+die stolze, weiße Hinde vornehm den Rücken, da schüttelt der Lorbeer
+zornig die Krone oder geht aus.
+
+Auch die Gatten der Ziegen soffen für gewöhnlich aus der Hippokrene
+und wollten hinter den Gattinnen nicht zurückbleiben. Sie gehörten
+ebenfalls nicht in die Reihe der zum reizenden Wahnsinn Vorbestimmten,
+was mir gewiß jeder, der einmal einen solchen Gatten gesehen hat,
+auf mein Wort glaubt. Da nun die Gattinnen ihnen schon das Elend
+des Geschmeißes weggenommen hatten, so waren sie auf dessen Laster
+beschränkt und stifteten unter sich einen Verein »zur Rettung sittlich
+verwahrloster Naturwesen«. Der Zweck desselben war: durch moralische
+Einwirkung, durch tugendhafte Anrede und herzliche Aufmunterung zum
+Guten alle die Tierlein, welche ihrer Natur nach stechen, beißen,
+kratzen, stehlen oder sich von schmutzigen Dingen nähren, zu einem
+unschädlicheren und reineren Leben anzuführen. Nach der Absicht der
+Stifter sollte, wenn der Verein wirklich durchgriffe, die Mücke ihrem
+Stachel und der Floh seinem Blutdurst entsagen lernen, die Elster auf
+den Diebstahl verzichten, Würmer und Maden aber von Unrat und Aas sich
+entwöhnen.
+
+Da ich mich allein bei den Ziegen aufhielt, so kann ich nicht sagen,
+wie weit der Besserungsverein mit seiner Tätigkeit gediehen war, als
+ich auf den Helikon kam. Ich weiß nur, daß allerhand Geziefer auch auf
+diesem heiligen Berge stach, biß, kratzte, stahl und Unaussprechbares
+fraß, weiß aber nicht, ob es gebessertes oder ungebessertes war.
+Einer einzigen Versittlichungsgeschichte Augen- und Ohrenzeuge bin
+ich geworden, von ihr will ich berichten, muß ich sogar berichten, da
+sich eine Katastrophe mit ihr verband, welche zu weiteren Schicksalen
+Münchhausens des Kindes, damals Böckchens, führte.
+
+Die vereinigten Böcke ... oder vielmehr die sittlichen Gatten der
+wohltätigen Ziegen waren an dem Tage, der meiner Auffindung folgte, an
+den Ort gekommen, wo der großmütige Engländer sein Pferd hatte grasen
+lassen und der tote Lämmergeier lag. Wo das Pferd gestanden, fanden sie
+einen Käfer mit schwarz glänzenden Flügeldecken, einen der Art, welche
+bei Aristophanes die Knechte des Trygäos dem Herrn für den Ritt zu Zeus
+auffüttern, und die Deutschen Mistkäfer nennen. An dem Halse des Geiers
+aber bemerkten sie die stahlblaue Fliege, Schmeißfliege geheißen,
+die ich, wie jenen das »Roß des Trygäos« aus Delikatesse »die blaue
+Schwärmerin« nennen will.
+
+Dreht sich einem nicht das reine Herz im Leibe um, rief einer der
+Gatten, zwei Mitwesen in solcher Niedertracht zu sehen? O Brüder, laßt
+uns hier helfend einschreiten, laßt uns diesen Gefallenen die rettende
+Klaue reichen, entwöhnen wir den Käfer von seinen üblen Neigungen, die
+Fliege von der Leidenschaft, selbst die ungeborne Zukunft ihres Stammes
+einem verdorbenen Elemente einzupflanzen, machen wir Käfer und Fliege
+zu anständigen Leuten, die in der guten Gesellschaft fortkommen können!
+
+Allgemeiner Beifall folgte dieser Rede. Einstimmig beschloß man,
+das Roß des Trygäos und die blaue Schwärmerin sollten sittlich und
+anständig werden, sie möchten wollen oder nicht. Vorsichtig scharrte
+der Redner, der Ziegengatte Solon (sie hatten sich lauter Namen von
+weisen und erhabenen Männern des Altertums beigelegt), den Käfer von
+seinem Mahle mit der Klaue hinweg und trieb ihn in eine Felsritze, die
+sofort durch einen vorgewälzten Kiesel zum Besserungsgemache erschaffen
+wurde. Diese Unternehmung hatte wenig Schwierigkeiten gehabt, denn ehe
+ein Käfer zum Fliegen gelangt, dauert es einige Zeit mit Bauchdehnen
+und Halsrecken. Schlauer mußte man mit der Fliege zu Werke gehen, der
+wohlbeschwingten Schwärmerin. Indessen gelang es dem jungen Plato,
+einem Ziegengatten von der unerreichbarsten Hoheit der Gedanken, die
+zu Bessernde zu beschleichen, sie mit seinen Lippen zu erschnappen und
+zwischen denselben nach dem Astloche eines Feigenbaumes zu tragen,
+worin sie durch einen vorgestopften Pflock verspündet wurde. Man teilte
+das freudige Ereignis bei der nächsten Zusammenkunft den Gattinnen mit,
+welche nicht verfehlten, an den Hoffnungen des Vereins den lebendigsten
+Anteil zu nehmen. Auf diese Weise erhielt ich von der Sache Kunde. Wir
+Zicklein und Böcklein mußten nun den Ort, wo das Pferd des großmütigen
+Engländers gestanden, rein scharren, die erwachsene Herde stürzte aber
+den Leichnam des toten Geiers in einen tiefen Abgrund, um von den
+beiden eingesperrten Zöglingen der Sittlichkeit alle Anreizungen zum
+Laster zu entfernen.
+
+In den folgenden Tagen begannen nun Solon und Plato, unterstützt
+jezuweilen von den übrigen Mitgliedern des Vereins, ihre Reden und
+Ermahnungen an das Trygäosroß und die blaue Schwärmerin. Solon lag
+vor der Felsritze und hielt seine Schnauze an ein federspulenkleines
+Löchlein, welches der Kiesel unbedeckt ließ; Plato stellte sich an
+dem Feigenbaume auf die Hinterfüße, hielt sich mit den Vorderfüßen
+am Stamme fest und legte das Honigmaul gegen das Astloch, um sich
+verständlich zu machen. In dieser Stellung oder Lage hielten die
+beiden Böcke ihre Besserungsreden, wenn sie nicht fraßen, der eine die
+Feigen des Baumes, der andere das junge Laubgesproß, welches an der
+Felsritze gerade in der wucherndsten und saftigsten Fülle wuchs.
+
+Ist es denn nicht besser, sich an reiner und reinlicher Nahrung zu
+sättigen? sprach Solon zum Käfer, wenn er von dem Genusse des Laubes
+ausruhte. -- Fühlst du denn nicht, du armer Gesunkener, daß uns alle,
+Ziegen, Käfer und Fliegen, Zeus der Vater in die Furchen der brütenden
+Mutter aussäte, die Speise aus der Hand der Götter, nicht aber sie aus
+der Pforte, die da stets nur ausläßt und nimmer ein, zu empfangen?
+Schreckliche, unbeschreibliche Verirrung, das, was Trift und Gefilde
+heilsam in das Reich der blonden Demeter emporschickt, zu verachten,
+und erst dann danach zu streben, wenn es, in den Hades gestoßen, dem
+gestaltenlosen Schattengebiete der traurigen Persephoneia angehört!
+Liebst du des Hafers goldenes Korn, warum frissest du nicht Hafer?
+Gelüstet dich nach dem Sproß des Grases, weshalb beißest du nicht
+in Gras? Was reizt, was verführt dich, das alles erst umgestimmt,
+entmischt, abgenützt zu mögen? Höre dieses freudige Knirschen und
+Rauschen vor deinem Kerker, vernimm, wie ich in dem saftigen, fetten
+Portulak, in der wilden, bittern Kresse, in dem erfrischenden Sauerklee
+schmause. Könntest du denn nicht, wenn du frei wärest, neben mir
+brüderlich sitzen und dieser von der Oreas uns verliehenen Blätter
+dich erfreuen, als einige Schritte weiter zurück, ein Helot und
+Barbar, zu harren, ob dir ein von der Harpyie besudeltes Mahl werde?
+Oder sagst du: Ich bin Käfer, du bist ein Ziegengatte? Nun so blicke
+auf deinesgleichen, sieh, wie der kleine, rote, zirpende Schelm das
+süßduftende Blatt der Lilie nagt, wie der Runde mit kupferbraunen
+Flügeln und grünem Schilde im Schoße der Rose schwelgt! Denen folge,
+denen schließe dich an, bei ihnen ist deine Stelle! Friß Lilien,
+wenn du nicht Hafer, friß Rosen, wenn du nicht Portulak, Kresse und
+Sauerklee fressen willst!
+
+Nach diesen Reden fühlte sich der edle Solon immer mit neuem Appetite
+versehen, und war zu erhöhter Tätigkeit an den Bergkräutern aufgelegt.
+Plato, wenn er vom Feigenfraß rastete, hielt Ermahnungen ungefähr des
+nämlichen Inhalts an seine Schülerin. -- Auch er riet der Fliege auf
+das Eindringlichste, verdorbenes Fleisch zu lassen, in Zukunft Feigen
+zu fressen und auf Feigen ihre Eier zu legen. Er suchte besonders auf
+das Muttergefühl zu wirken und in glänzenden Bildern ihr vorzustellen,
+welch ein begabteres Geschlecht ihre Brut werden würde, wenn sie statt
+in Duft und Dunst, da droben auf sonnebeschienenem, lüftegewiegtem
+Zweige auskäme. Auch er verzehrte nach seinen Reden immer wieder
+Feigen, so lange dergleichen noch am Baume hingen, dann nagte er die
+Zweige ab, so daß der Baum ein ziemlich verwüstetes Ansehen zu bekommen
+anfing.
+
+Das Roß des Trygäos und die blaue Schwärmerin lebten bei diesen
+Ermahnungen in ihren Besserungslöchern ein trauriges Leben. Sie waren
+beide schlichte, rohe Naturwesen ohne alle Theorie, praktischen Trieben
+ergeben. Anfangs rasten sie wie wahnwitzig brummend und schnurrend in
+den Kerkern umher, da ihnen dieses aber nichts half, so wurden sie
+still und hörten den Reden ihrer Verbesserer zu. Von denen verstanden
+sie nun aber nicht das mindeste, als, daß der Käfer Lilien und Rosen
+fressen, die Fliege sich zu Feigen wenden solle -- Zumutungen, die Roß
+und Schwärmerin außer sich setzten, weil sie ihnen das Beleidigendste
+dünkten, was ihnen nur gesagt werden konnte. Seelenverkäufer!
+Seelenverkäufer! brummte der Käfer. -- Warum soll denn unsereins nicht
+fressen, was unsereinem schmeckt? -- Ich such', such', such' Geruch!
+summte die Fliege. Am meisten ärgerte es die beiden Kandidaten der
+Sittlichkeit, daß sie ihre Besserer draußen behaglich in Laub und
+Feigen knarpen hörten und daß denen die tugendhaften ermahnenden Reden
+gleichsam nur dienten, sich der Verdauung halber nach dem Essen eine
+Bewegung zu machen. Indessen nahmen die Dinge für beide eine sehr
+ernste Gestalt an, denn sie bekamen natürlich nicht das Allergeringste
+zu essen und fielen daher während ihrer Bearbeitung zu einem reineren
+Leben jämmerlich ab. Das Trygäosroß wurde so matt, daß es kaum noch auf
+den Füßen stehen konnte; die blaue Schwärmerin ließ kraftlos die Flügel
+hängen.
+
+In dieser traurigen Verfassung überkam sie der den Tieren eingepflanzte
+schlaue Trieb der Selbsterhaltung. Sie setzten sich vor, zu heucheln,
+und gaben klägliche und melancholische Töne von sich. Höre! rief Solon
+dem Plato zu (denn Felsritze und Feigenbaum waren einander nahe); das
+Laster schlägt in sich, die ersten Kennzeichen der Reue sind zu spüren.
+-- Meine arme Gefallene ächzt auch schon über ihr Unheil, versetzte
+Plato. Nach einiger Zeit prüften die beiden ehrwürdigen Ziegengatten
+den Sinn der Bekehrten, indem Plato ein Stückchen Feige, welches noch
+am Baume gehangen hatte, vorsichtig in das Astloch schob, Solon aber
+ein Lilien- und Rosenblättchen unter den Kiesel in die Felsritze zu
+bringen wußte.
+
+Roß und Schwärmerin erbebten vor Grimm bei dieser Darlegung
+abscheulicher Anträge, wie sie ihnen vorkommen mußten. Die Schwärmerin
+entwich entsetzt vor dem Feigenstücklein in die letzte Ecke des
+Astloches zurück, das Roß stieß die Blätter deren Geruch ihm den Atem
+raubte und die Luft seines Wohnortes ihm zu verpesten schien, mit den
+kurzen, kräftigen Beinen von sich ab. -- Niederträchtiger Gestank!
+brummte es. -- Sollte man's glauben, daß es Narren gibt, die an dem
+greulichen Zeuge Behagen finden? Ich ersticke! O meine Ambrosia! --
+Feigen! Feigen! Feigen! Kinderpapp! Kinderpapp! tosete die Schwärmerin.
+
+Aber ihre Lage war zum äußersten gediehen. Die Besserer draußen, das
+begriffen die Opfer der Sittlichkeit drinnen, konnten es bei guter
+Nahrung mit ansehen, wenn sich das Geschäft auch noch so sehr in
+die Länge zog. Hunger tut weh, Verstellung tat not, die draußen zu
+täuschen. Der Käfer überwand sich und fraß unter Verwünschungen und
+Zuckungen etwas Lilien und Rosen, welches er aber alsobald wieder
+von sich gab, so übel bekam ihm der höhere und reinere Lebensgenuß!
+Die Fliege bezwang ihr schauderndes Gemüt und verrichtete über der
+Feige einigermaßen und gleichsam zur Probe das, was von ihr im Namen
+der Tugend gefordert wurde. Plato und Solon hatten gelauscht und an
+dem Geräusche, welches drinnen entstanden, abgenommen, daß etwas
+Entscheidendes vorgefallen sein müsse. Öffnend jetzt die beiden
+Verließe, sahen sie Lilien und Rosen angenagt, das Feigenstücklein
+beschmeißt, Roß und Schwärmerin aber halb ohnmächtig auf dem Rücken
+liegen. Solon und Plato umarmten einander mit den Vorderbeinen und
+riefen: Triumph! die Tugend hat gesiegt! Das Laster ist aus dem Busen
+dieser sittlich Verwahrlosten gewichen, sie werden nie wieder in ihre
+schimpflichen Angewöhnungen zurückfallen.
+
+Der Jubel drang zu den übrigen Ziegengatten, welche ungeachtet ihrer
+Ehrwürdigkeit den frohen Fall mit einem herrlichen Reigentanze in
+den kühnsten Sprüngen feierten. Auch die Mütter und uns Zicklein
+und Böcklein zog das Getöse herbei. Die Mütter wurden mit wenigen
+freudig-meckernden Worten von dem Gelingen der Versittlichung in
+Kenntnis gesetzt, sahen Roß und Schwärmerin die Füße von sich strecken
+und vergossen Tränen der Rührung. Wie die Frauen denn immer mit
+blitzschneller Ahnung das Höchste, Richtigste treffen, so ging auch in
+den helikonischen Ziegen damals die Blüte des versittlichenden Wirkens
+auf. -- Laßt uns aus diesen beiden der Tugend gewonnenen Wesen ein Paar
+machen! riefen die Ziegen begeistert. Verheiraten wir sie miteinander,
+und als Aussteuer geben wir ihnen so viele Lilien, Rosen und Feigen,
+als sie am Helikon finden können!
+
+Ein unglaublicher Sturm des Entzückens folgte diesem Vorschlage.
+Zwar wollte der ehrwürdige Moschus den Zweifel erheben, ob selbiges
+Ehebündnis wohl fruchtbar ausfallen möchte, und der kritische Bion
+erst die Neigungen von Braut und Bräutigam prüfen; aber die erwähnten
+Bedenken fanden keinen Anklang, vielmehr rief der Chorus der übrigen
+einhellig: Wo die Tugend zusammenführt, kommt es auf Neigung und
+Fruchtbarkeit nicht an!
+
+Man wollte sogleich zu diesen Hymenäen im Namen der Sittlichkeit
+schreiten. Plato und Solon nahmen das Trygäosroß und die blaue
+Schwärmerin auf ihren Rücken. Sie schritten voran, die ehrwürdigen
+Gatten folgten ihnen paarweise, denen folgten die rechtschaffenen
+und wohltätigen Mütter, hinter den Müttern sprangen wir Zicklein und
+Böcklein, und so setzte sich der Zug nach dem Platze an der Hippokrene
+in Bewegung, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte.
+
+Dort angekommen, nahm die alte verständige Sisi das Roß zwischen ihre
+Lippen, die gute Quiqui aber tat desgleichen mit der Schwärmerin. Sie
+trugen demnächst das Brautpaar zu einem hohen Steine, stellten die
+beiden jungen Leute, welche von der freien Luft erfrischt, wieder
+stehen konnten und überhaupt mit jedem Augenblicke munterer zu werden
+schienen, auf den Stein nebeneinander, und darauf schlossen wir
+alle, jung und alt, einen weiten Kreis um das Paar. Das in der Eile
+entworfene Programm der Festlichkeiten ordnete diese Reihenfolge
+derselben an: Strophe, Reden von Solon und Plato; Gegenstrophe;
+Zeremonie, Schlußgesang, gymnisches Spiel, Reigentanz, Festmahl.
+
+Eine der kleinen lahmen Grillen, die einzige, welche mit dem
+Kunsthackebrettlein aus Blättchen und Dörnchen hatte fertig werden
+können, war zur Festsängerin ernannt worden. Als daher der Kreis sich
+gebildet hatte, schritt oder hüpfelte vielmehr diese Dichterin des
+Wohltätigkeitsvereins zur heiligen Quelle, netzte darin ihre Freßzangen
+ein Weniges, verdrehte darauf die goldgelben Äuglein im Kopfe,
+erreichte mit einem lahmen Sprunge das Gezweig einer Tamariske, nach
+vergeblichen Bemühungen, auf einen der Lorbeerbäume, den niedrigsten
+unter allen, zu gelangen, stimmte das Hackebrettlein, putzte die
+Freßzangen an demselben ab, und sang nun, das Kunstinstrumentlein
+schlagend, begeistert folgende
+ Strophe:
+
+ Der Käfer ist ein Schweinichen,
+ Brumm! Brumm!
+ Die Fliege hat sechs Beinichen,
+ Summ! Summ!
+ Die Fliege hat den Käfer lieb,
+ Der Käfer ist ein Herzensdieb,
+ Summ! Summ! Brumm!
+ Brumm! Brumm! Brumm!
+
+Herrliche Poesie! Nahrung für Gemüt und Gefühl! meckerten die Ziegen.
+-- Reines Gefühl, mit keinem Gedanken belastet! Echt lyrisch! murmelten
+die Böcke. -- Solon und Plato traten in den Kreis vor das Brautpaar
+und redeten nacheinander. Sie hielten ihm in eindringlichen Worten die
+Schändlichkeit seines früheren Lebenswandels vor, dann führten sie aus,
+daß die Göttin der Tugend eine gute alte Mama sei, immer zum Verzeihen
+bereit, dann kamen sie auf Lilien und Rosen, Feigen, Felsritzen und
+Astlöcher. Im ersten Teile machten sie das Brautpaar herunter, im
+zweiten erhoben sie es, in der Nutzanwendung wußten sie selbst nicht
+mehr, was sie wollten -- ihre Sermone hätten gleich als Muster von
+Kasualreden abgedruckt werden können.
+
+Ich glaubte zu bemerken, daß das Brautpaar auf die Reden nicht achte,
+sondern nur Leib und Flügel einzuüben scheine, teilte diese Beobachtung
+meinen Nachbarn mit, die jedoch, ganz in die Würde des Festes versenkt,
+meiner Worte nicht achteten. Nach den Reden sang die Grille folgende
+
+ Gegenstrophe:
+
+ Und ist er denn ein Schweinichen,
+ Brumm! Brumm!
+ Und hat sie denn sechs Beinichen,
+ Summ! Summ!
+ So reicht einander jetzt die Füß'
+ Und sei der Ehestand euch süß!
+ Brumm! Brumm! Summ!
+ Summ! Summ! Summ!
+
+Indem es aber nun zur Zeremonie kommen sollte und die Ziegen Sisi
+und Quiqui das Paar ersuchten, einander die Füße zu geben, nahm die
+Feierlichkeit eine plötzliche unerwartete und unglückliche Wendung.
+Denn zur Rechten wurde in der Entfernung der Hufschlag eines Pferdes
+hörbar, und zur Linken kroch unten durch einen Bergspalt ein Fuchs
+oder ein Wolf oder ein anderes Raubtier. Ich weiß nicht, was dem
+Pferde begegnen mochte, das aber sah ich, weil ich auf der äußersten
+Linie des Kreises stand, daß das Raubtier ein Stück Fleisch im Rachen
+trug. Alsobald drang in die beiden jungen Leute auf dem Steine eine
+konvulsivische Bewegung, ihren scharfen Sinnen brachten die Lüfte von
+weitem verführerische Botschaft zu, Roß und Schwärmerin sammelten ihre
+letzten von der Sittlichkeit verschont gebliebenen Kräfte, spreiteten
+die Flügel aus, und mit dem Gebrumm: Mist! Mist! Mist! und mit dem
+Gesumm: Luder! Luder! Luder! flog der Bräutigam rechts, die Braut links
+davon, ungerührt von Besserungsversuchen, Reden, Rührungen, Strophen
+und Gegenstrophen das alte Lasterleben von vorn zu beginnen.
+
+Die entsetzliche Überraschung der Freier, als Odysseus plötzlich aus
+Bettlerlumpen mit sieghafter Hoheit hervorleuchtete und die tötenden
+Pfeile vor sich hinschoß, kann nicht größer gewesen sein, als der
+Schreck der Mütter und ihrer Gatten bei diesem Anblicke, welcher
+ebenfalls sozusagen die Hoheit der Natur aus Lumpen hervorscheinen
+machte. Anfangs standen sie da, stumm, starr, regungslos, gleichsam ein
+großes Viehstück aus Stein, dann aber ergriff sie der haltungsloseste
+Taumel, und sie rannten nach allen Richtungen ebenfalls auseinander,
+entweder, weil sie die sittlich Verwahrloseten wieder einfangen
+wollten, oder auch nur überschattet von dem Dämon, welcher sich
+ungeheurer Augenblicke zu bemächtigen pflegt. Die Zicklein und
+Böcklein folgten, so daß die den Gipfel hinan und hinunter rennenden,
+springenden, stolpernden, stürzenden Tiere demselben ein Ansehen gaben,
+wodurch er mehr der Kuppe eines thessalischen Zauberberges, als der
+heiteren musischen Höhe glich.
+
+Was mich betrifft, so war ich an der Quelle zurückgeblieben. Warum
+sollte ich hinter Käfer und Fliege herlaufen? Mein eignes Schicksal
+machte mir bange. Ich fürchtete die Rückkehr der Herde.
+
+ [Illustration]
+
+Die Mütter hatten mir nämlich schon vor einigen Tagen angekündigt,
+daß, um auch die letzten Reste der verhaßten Menschlichkeit in mir
+auszutilgen, ich nächstens aus der weiblichen Erziehung entlassen und
+den Händen der Gatten übergeben werden solle. Dagegen sträubten
+sich nun aber jene Reste mit aller Macht und vielleicht ebenso heftig,
+wie die Neigungen des Trygäosrosses gegen Lilien und Rosen. Denn mir
+blieb ein physischer Abscheu gegen die Gatten beiwohnen, so sehr
+ich ihre ehrwürdigen Eigenschaften achtete. Aber letztere hatten
+gewisse natürliche Begabungen an ihnen nicht zu tilgen vermocht, und
+ich empfand das innigste Grauen vor dem Augenblicke, der mich ihrer
+Atmosphäre so nahe bringen sollte. Indessen standen ganz andere Dinge
+in den Sternen geschrieben.
+
+Der Hufschlag des Pferdes näherte sich, und es kam ein ältlicher,
+dicker Mann, dem ein Dünner folgte, nach der Stelle zu geritten, wo ich
+stand. Der Mann trug einen gelben Hut, einen gelben Rock, eine gelbe
+Hose und eine gelbe Weste, sah sehr blaß und aufgedunsen und äußerst
+verdrießlich aus. Schon sein Ansehen und der völlig gleichgültige
+Blick, mit dem er die Gegend überschaute, würde mich gelehrt haben,
+von welchem Volke dieser Fremdling sei, wenn ich ihn auch nicht sobald
+hätte reden hören. Der Diener half seinem Herrn vom Pferde, führte ihn
+zu dem Steine, auf welchem das Brautpaar gestanden hatte, ließ ihn
+niedersitzen, gab ihm ein spanisches Rohr in die Hand, schob dessen
+Knopf unter sein Kinn, und richtete auf diese Weise gleichsam die
+Statue eines gefühllosen Naturbeschauers zu. Der Herr ließ nämlich
+alles phlegmatisch mit sich vornehmen und antwortete nur spärlich auf
+die Reden des Dieners, welcher ziemlich gesprächig war.
+
+Aus ihrer Unterhaltung erfuhr ich, daß der gelbe Dicke ein reicher, vom
+Geschäfte zurückgezogener Rentenierer war, welcher unweit Amsterdam
+und eine Stunde von Harlem auf seinem Landhause gelebt hatte. Da sich
+die Anfälle des Podagras bei ihm mehrten, und gewisse Vorboten der
+Wassersucht erschienen, so war ihm von seinem Arzte eine Reise in die
+südlichen Länder verordnet worden. Dazu wollte sich denn auch Mynheer
+van Streef verstehen und erklärte seine Bereitwilligkeit, bis in den
+Reichswald bei Cleve zu reisen. Der Arzt erklärte aber dagegen, er sei
+mißverstanden worden, und nannte ihm die ungeheure Meilenzahl, welche
+er wenigstens abzureisen habe. Der Holländer war hierüber anfangs,
+so weit sein Naturell dies zuließ, in einige Verzweiflung geraten,
+jedoch endlich, weil der Arzt ebenfalls ein ruhiger hartnäckiger
+Altniederländer war, und seinem Patienten mit größter Fassung Todestag,
+ja Todesstunde vorausgesagt hatte, wenn er nicht Folge leiste,
+genötigt gewesen, sich zu fügen und an die Reise zu denken, die er in
+südöstlicher Richtung vornehmen mußte, da er südlich auf der Karte die
+verordnete Meilenzahl nicht vor sich sah.
+
+Um dies zu verstehen, muß gesagt werden, was ich aus den Gesprächen
+heraushörte, daß nämlich Mynheer van Streef durchaus nur seine Meilen
+in gerader Richtung, ohne durch Umwege und Absprünge ihre Zahl zu
+erfüllen, verreisen wollte. Denn da ihm die Reise äußerst zuwider war,
+so haßte er alles, was ihr den Schein einer Wanderung zum Vergnügen
+hätte geben können. Er zog deshalb auf seiner Karte von Europa nach
+dem Lineal mit Bleistift einen Strich von Amsterdam nach Südosten, maß
+daran die Meilen, fand, daß ihre Zahl sich genau auf dem Gipfel des
+Helikon vollende, und war so, immer streng dem Striche nachreisend, und
+weder rechts noch links abweichend, allgemach auf den geheiligten Berg
+gekommen.
+
+Hier tröstete ihn nun der Diener, nachdem er ihm Vorstehendes in
+einzelnen Bemerkungen erinnerlich gemacht hatte, um ihn durch den
+Gedanken an die Notwendigkeit der Reise und ihre strenge Konsequenz
+aufzurichten, mit dem Ausrufe: Mynheer, wir sind am Ziel, und morgen
+geht es nach unserem schönen Welgelegen zurück.
+
+Gottlob, sagte der Holländer, der sich bei dem Gedanken an sein
+Landhaus ein wenig erheitert fühlte, und ich will, wenn wir nach Hause
+gekommen sind, ein Lusthaus anbauen und das soll heißen: Vreugde en
+Rast. Und aus der Ruhe will ich nicht wieder gehen, möchte auch meine
+Wassersucht so überhandnehmen, daß alle Teiche von Seeland bedroht
+wären. Ich kenne gar nichts Wahnschaffneres, als diese griechischen
+Gegenden, in denen ein beschwerlicher Berg nach dem andern kommt,
+wo man keine Aussicht auf Kanäle und Wiesen hat, und der Himmel die
+unnatürliche blaue Farbe nicht los wird.
+
+Es kann nicht überall Altniederland sein, versetzte der Diener
+und stopfte sich eine kleine tönerne Pfeife; es muß auch solche
+nichtsnutzige Striche Landes geben.
+
+Wenn ich da mein Landhaus Welgelegen betrachte, fuhr Mynheer van Streef
+fort, der jetzt etwas gesprächiger wurde, obgleich sein Gesicht so
+verdrießlich blieb, wie früher, was für eine andere Gegend ist das!
+Nebenan liegt Mynheer de Jonghes Schoone Zicht und auf der andern Seite
+Mynheer van Tolls Vrouw Elizabeth, und mitten inne liegt Welgelegen.
+Ich will nun gar nicht reden von meinen innerlichen Schönheiten und
+bequemen Dingen, von der Menagerie, von meinem mit bunten Steinen
+gepflasterten Hofe, vom Muschelhäuschen, von der Voliere, von den
+Goldfasanen und den Mistbeeten voll Hyazinthen, die hier elend wild
+wachsen -- aber, Sebulon, denke nur an die schöne Aussicht auf den
+Kanal, über den alle Tage die sechs braun angestrichenen Treckschuiten
+von den Jägerchen gezogen werden und auf die unabsehliche Wiese
+dahinter, in der denn doch auch nicht eine einzige Erhabenheit, so groß
+wie ein Maulwurfshügel ist, und den Hintergrund von zwölf Windmühlen
+im Gange! Und dann sieht man das nicht alle Tage, nein, einen um den
+andern Tag nebelt oder regnet es, so daß die Entbehrung das Glück, um
+sich blicken zu können, erhöht, und der Himmel bleibt immer, auch wenn
+es helles Wetter ist, bescheiden, mäßig und grau. Wie wird dir denn,
+Sebulon, wenn du an alles das denkst?
+
+Abscheulich wird mir zu Mute, rief Sebulon und warf zornig seine
+Pfeife an den Boden, daß sie zerbrach. Hole der böse Feind diese
+verdammten griechischen Wüsten!
+
+Ereifre dich nicht, Sebulon, sagte der Herr schläfrig, mit verdrossenem
+Mundhängen. Ein Holländer ereifert sich nicht, oder er prügelt
+wenigstens jemanden dabei, auf daß der Eifer einen Nutzen habe. Mache
+mir jetzt Tee, das Wasser dort scheint noch so ziemlich klar zu
+sein, wie es in diesem vermaledeiten Lande sein kann, denn freilich,
+Wasser von Utrecht ist es nicht. Ich will unterdessen in der Elektra
+unseres großen Vondel lesen. Er nahm ein Buch aus der Tasche, schlug
+es auf, und las halblaut mit sonderbarem Pathos die Anfangsverse der
+Vondelschen Elektra:
+
+ +O zoon van Atreus zoon, die't opperste gezagh,
+ In't Grieksche Leeger had, toen hy voor Troje lagh,
+ Nu zietge zelf het gée, daer staegh uw hart naer haeckte,
+ Dit's Argos, d'oude Stad, daer uw gemoed om blaeckte.
+ Dit'st woud van Jö zelf, dat dolgeprickelt dier.
+ Het wolfsveld van Apol, den wolvenschrick, is hier,
+ En dees vermaerde Kerck, die Argos Juno wydde
+ Rijst ginder hemelhoogh, aen uwe rechte zijde+ ...
+
+ [Illustration]
+
+Ja, ja, unterbrach sich Mynheer van Streef, das ist denn freilich etwas
+griechischer als diese helikonische Knüppeldammwirtschaft. Er summte
+sacht in seinem Vondel weiter.
+
+Sebulon hatte unterdessen die Reiseteemaschine, welche sein Herr
+überall mit hinnahm, aus dem Mantelsacke hervorgeholt, Feuer
+angezündet, Wasser aus der Hippokrene geschöpft, es gekocht und grünen
+Tee aufgeschüttet. Als das unentbehrliche Getränk bereitet war, reichte
+er seinem Herrn eine Tasse.
+
+Mynheer van Streef führte sie so langsam und mürrisch zum Munde, wie er
+in allen seinen Bewegungen bisher gewesen war. Er kostete und kostete,
+die schlaffen Lippen zogen sich ein wenig zusammen, dann schluckte er
+bedächtig den Inhalt der Tasse hinunter, und sagte: Sebulon, noch eine.
+-- Sebulon sah seinen Herrn bedenklich an und schüttelte den Kopf. Die
+zweite Tasse trank Mynheer van Streef, ohne zu kosten, aus. Seine Augen
+bekamen während des Trinkens eine Art von Glanz und er sagte: Sebulon,
+noch eine. -- Sebulon reichte ihm zitternd und eine große Unruhe in
+seinen Zügen die dritte Tasse. Diese stürzte Mynheer van Streef beinahe
+hastig hinunter und darauf sah er fast gen Himmel.
+
+Ach, Mynheer! rief der Diener besorgt, was ist Euch widerfahren? Sonst
+braucht Ihr ja auf drei Tassen Tee drei Viertelstunden, und hier geht
+es wie mit Extrapost in den Magen.
+
+Der alte Holländer sah sehr nachdenklich aus und sagte endlich nach
+langem Schweigen: Sebulon, dieser Tee hier schmeckt mir besser, als der
+auf meinem Landhause Welgelegen, eine Stunde von Amsterdam.
+
+Da raufte der treue Diener sein Haar, weinte und schrie: O wehe mir,
+wehe. Mynheer van Streef ist auf diesem nichtswürdigen Berge toll
+geworden: sein Tee schmeckt ihm dahaußen besser als daheim; er lobt die
+Fremde auf Kosten von Altniederland, er ist abgefallen von Oranjeboven
+und Altniederland.
+
+Sebulon, erhitze dich nicht, sagte der Herr gleichgültig und
+freundlich. Ich habe meinen Verstand nicht verloren. Weißt du, was
+Schwärmerei bedeutet? Es ist der Zustand, worin sich der Hanswurst von
+Franzosen, und der Bull von Engländer oft befindet, und der deutsche
+Muff fast immer, Altniederland aber niemals. Die Sache sollte aber zur
+Probe auch einmal an uns kommen, denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
+Ich liefere die Probe. Ich schwärme, Sebulon, das ist das Ganze. In dem
+Tee muß etwas sein; ich bin von dem Tee ein Schwärmer geworden, denn
+ich muß es noch einmal sagen: er schmeckt wahrhaftig besser, als der
+auf meinem Landgute Welgelegen. Es wird aber schon wieder vergehen.
+
+Nur mit Mühe gelang es dem schwärmerischen Holländer, seinen Diener
+zu beruhigen. Am meisten wirkte dazu die Versicherung, daß aller
+Wahrscheinlichkeit nach dieser exaltierte Zustand eine rettende Krise
+seines Uebels sei, daß die Wassersucht durch die Schwärmerei eine
+Stopfung erhalten habe. Der alte Schwärmer stand auf und schickte sich
+zum Rückwege an, Sebulon packte das Teegerät zusammen. Mynheer van
+Streef sah sich um und sagte: Ich möchte wohl ein Angedenken an diesen
+ziemlich erträglichen Platz und an die schöne Stunde, in welcher mir
+der Tee so wohl schmeckte, mitnehmen, ein Erinnerungszeichen an die
+hiesige Schwärmerei. -- Was sollen wir mitnehmen? versetzte Sebulon
+noch immer ziemlich kleinlaut, wir können doch nicht die Boompges (er
+meinte die Lorbeeren) oder die großen Klinker (er meinte die Klippen)
+einpacken. -- In diesem Augenblicke sah er mich, der ich hinter einem
+Felsen den schwärmerischen Auftritt belauscht hatte, zog mich hervor
+und rief: Was für eine Kreatur ist das? Der schwärmerische Holländer
+besah mich und sagte dann langsam: Wirf dem Vieh einen Strick um den
+Hals, Sebulon. Das will ich mitnehmen als Angedenken an diese schöne
+Stunde. Es scheint zu einer unbekannten Tierart zu gehören; Mynheer de
+Jonghe, der in Batavia gewesen ist, soll mir sagen, ob sie auch auf
+Java vorkommt.
+
+Was sollte ich machen? Ein Entrinnen war nicht möglich, auch muß ich
+bekennen, daß die Reste der Menschheit in mir einige Freude darüber
+empfanden, wieder unter ihresgleichen zu kommen; obgleich eine geheime,
+düstere Ahnung mir zuflüsterte, daß die Schwärmerei des Holländers mir
+drückend werden könne. -- Ich ließ mir das Fangseil geduldig um den
+Hals schlingen und verließ mit meinem neuen Herrn, der sacht voranritt,
+und Sebulon, der mich am Stricke hinter sich her führte, den Berg, auf
+welchem mir so vieles begegnet war. Vor unserem Abmarsche hatte Sebulon
+die Kantinen, die zu beiden Seiten des Pferdes hingen, mit Wasser der
+Hippokrene füllen müssen zu einem nochmaligen Tee auf dem Landhause
+Welgelegen.
+
+Am Fuße des Berges war Mynheer van Streef schon wieder ebenso
+verdrießlich, wie vorher, und diese Stimmung blieb ihm auch während der
+ganzen Reise. Wir setzten dieselbe, nachdem wir in ebenere Gegenden
+gekommen waren, zu Wagen fort, das heißt Herr und Diener saßen im
+Wagen, und ich lief nebenher -- Ihr mögt mir es glauben oder nicht,
+es liegt mir nichts daran, aber wahr muß wahr bleiben -- ich habe die
+paar hundert Meilen zu Fuß zurückgelegt, ausgenommen eine kurze Strecke
+des Adriatischen Meers, die wir auf einer slawonischen Schebecke
+durchschritten. Ja, neben holländischen Schwärmern läßt sich schon zu
+Fuß fortkommen!
+
+Bald genug aber sehnte ich mich auf den Helikon zurück. Denn die
+Herrschaft von Altniederland ist die härteste, die es gibt. Ich
+wurde behandelt wie eine Kolonie, für mein Futter mußte ich selbst
+sorgen, auf der slawonischen Schebecke bekam ich, Gott verdamme
+mich, nichts zu genießen, als den Duft von Hyazinthenzwiebeln, die
+Mynheer van Streef gekauft hatte, und welche neben meinem Verschlage
+lagen. Dazu die Einseitigkeit einer Reise nach dem Bleistiftstrich!
+denn nach diesem machte mein Herr auch seine Rückfahrt. Die meisten
+Merkwürdigkeiten der Örter lernt man oft nur zur Hälfte kennen. So zum
+Beispiel habe ich in Frankfurt das Inkompetenzgebäude[1] nicht zu sehen
+bekommen, weil unser Strich durch die Judengasse ging.
+
+[1] Tagungspalais der deutschen Bundesversammlung, die sich in den
+wichtigsten Fragen für inkompetent erklärte.
+
+ [Illustration]
+
+Nun, diese Unannehmlichkeiten hatten zuletzt auch ein Ende. Wir trafen
+in Amsterdam und eine Stunde später auf dem Landhause Welgelegen ein.
+Bei dem Anblicke des Kanals, der ebenen Wiese, der zwölf Windmühlen,
+endlich bei dem Anblicke seines stillen Hauses mit den herabgelassenen
+Fenstervorhängen, mit dem buntgepflasterten Hofe, mit der Voliere
+aus vergoldetem Draht und mit dem grünen, eingezäunten Flecke, auf
+welchem Gold- und Silberfasanen nebst anderem Getier spazieren gingen,
+vergoß Mynheer van Streef zwei runde Tränen und sagte zu Sebulon:
+O Welgelegen! weiter aber nichts. Sebulon schluchzte, beugte sich
+vor dem Tore zur Erde, gleichsam um sie zu küssen und versetzte:
+Welgelegen ist Welgelegen, Mynheer van Streef. In der Pforte standen
+sechs nordholländische Mägde mit goldenen Blechen in den Haaren, alle
+weiß und rund und sauber gekleidet, daß sie glänzten. Sie machten
+einen Knicks, küßten ihrem Herrn die Hand und sagten: Viel Glück und
+Heil zur Rückkunft, Mynheer. Ihren Kreis trennte ein kleiner Mann,
+roten Antlitzes, aber ganz weiß und ehrwürdig eingepudert, schüttelte
+dem Heimkehrenden die Hand und sprach: Ich habe davon erfahren, daß
+Ihr heute kommen würdet, da wollte ich gleich zusehen, ob die Kur
+angeschlagen habe. -- Doktor, ich schwärmte auf dem Helikon, danach
+wurde mir besser und ich bin völlig hergestellt, versetzte der Patient.
+Der Doktor hatte ihn inzwischen prüfend beschaut und erwiderte
+kaltblütig: Nein, Mynheer van Streef, Ihr seid noch ebenso krank, als
+da Ihr abreistet, Ihr müßt deshalb von neuem auf Reisen gehen, sonst
+sterbt Ihr dann und dann. Er nannte den Todestag.
+
+Hier aber sah und hörte ich, wenn ich früher holländische Schwärmerei
+kennen gelernt hatte, was holländische Wut heißen wolle. Denn das
+Gesicht von Mynheer van Streef wurde graubraun, die Stirnadern
+schwollen an, daß sie Baumwurzeln glichen, und er goß über den Doktor
+eine solche Flut von Scheltreden aus, daß ich über den Reichtum der
+Landessprache in derartigen Wendungen erstaunen mußte. Der Doktor
+seinerseits fühlte auch in sich eine niederländische Begeisterung
+erwachen und schimpfte den Patienten aus, Sebulon schimpfte auf den
+Doktor, die erste Nordholländerin schimpfte auf Sebulon, daß er sich
+in den Streit der Herren mische, die zweite auf die erste, daß sie auf
+Sebulon schimpfe, die dritte auf die zweite, daß sie auf die erste
+schimpfe, die vierte auf die dritte, daß sie auf die zweite schimpfe,
+die fünfte auf Sebulon, die erste, zweite, dritte und vierte insgesamt,
+die sechste schimpfte auf niemand insbesondere, sondern im allgemeinen.
+Es erinnerte mich dieses verwickelte Schimpfgemälde durchaus an den
+gegenwärtigen Zustand der deutschen Tagesliteratur.
+
+Auf so laute und stürmische Weise ging der Empfang des schwärmerischen
+Holländers in der Hofespforte seines stillen Landhauses vor sich. Die
+Goldfasanen, die Silberfasanen und einige indianische Raben der Voliere
+schrien in das allgemeine Geschrei auch hinein, und Gott weiß, ob nicht
+noch Tätlichkeiten das Fest gekrönt haben würden, wenn nicht plötzlich
+in der Entfernung das reitende Jägerchen, und hinter ihm am Seile vom
+Pferde gezogen, das braune Nationalfahrzeug sichtbar geworden wäre.
+Bei diesem Anblicke ebneten sich die zornigen Wellen, aller Antlitz
+begann friedlich und freundlich zu leuchten, und wie aus ~einem~
+Munde riefen Doktor, Patient und sechs Nordholländerinnen: Die fünfte
+Schuite! -- Kommt aber heute zwei Minuten zu spät, setzte Mynheer van
+Streef hinzu, indem er auf seine Uhr sah. -- Er ging freundlich in sein
+Landhaus; der Doktor bestieg besänftigt die Schuite nach Amsterdam.
+
+So schlichtete der Anblick der fünften Schuite von Harlem diese
+niederländischen Wirren. Ich war, als gehöre ich zur Familie, meinem
+Herrn bis auf den Hausflur gefolgt, aber eine Magd trieb mich ziemlich
+unsanft von den Stiegen und fing sogleich an, heftig nachzuscheuern,
+wo ich gestanden hatte, obgleich ich mir selbst das Zeugnis geben muß,
+daß ich mich sehr anständig auf dem Flure von Welgelegen benommen
+habe. Sebulon sperrte mich auf einem der grünen Plätze zu den Gold-
+und Silberfasanen ein, das heißt ich kam nicht zu diesem Gefieder
+unmittelbar, sondern erhielt einen eigenen kleinen Abschlag, wie
+denn auch jeder Goldfasan und jeder Silberfasan seinen besonders
+abgesteckten und eingefriedigten Platz hatte, vermutlich, weil Mynheer
+van Streef selbst bei den Tieren holländische Neigungen voraussetzte.
+Ich fand ziemlich gute Weide, wenn auch nicht so aromatische Kräuter,
+wie am Helikon, fraß mich endlich einmal in Muße wieder satt, und
+verschlief den meisten Teil der folgenden Tage aus übergroßer Ermüdung
+von dem langen großen Reisewege. Erst etwa eine Woche später bekam ich
+sonach die Fähigkeit wieder, aufzumerken, über meine Umgebung und mich
+nachzudenken.
+
+Als dieser Zeitpunkt eingetreten war, habe ich die Lebensweise eines
+holländischen Rentenierers, der sich vom Geschäfte zurückgezogen hat,
+gründlich kennen lernen. Denn mein Weide- und Wohnplatz lag hart
+unter den Fenstern des Lusthäuschens, welches durch den Hof von dem
+Haupthause getrennt, dem Herrn des Landhauses zu seinem täglichen
+Vergnügungsorte diente, es mochte Sonnenschein oder Nebel, Sturm oder
+Regen sein. Sebulon hatte mir einen Felsen von Klinkern etwa vier
+Fuß hoch aufgebaut, welcher Klein-Helikon genannt wurde. Auf diesen
+kletterte ich häufig und konnte von ihm aus alles sehen, was in dem
+Lusthäuschen vorging, das meiste auch hören, was darin gesprochen
+wurde, da die Fenster, wenn das Wetter nicht gar zu schlecht war, nach
+der Menagerieseite zu, offen zu stehen pflegten. Nach der Kanalseite
+aber waren sie stets geschlossen und auch verhängt bis auf eine kleine,
+zur Beobachtung der Treckschuiten notwendige Öffnung.
+
+ [Illustration]
+
+Des Morgens um acht Uhr kam Mynheer van Streef regelmäßig in sein
+Lusthaus gegangen. Er trug dann seinen Frühanzug von zeisiggrünem
+Kamelott und eine rote Mappe unter dem Arme. Mit der Pfeife und dem
+Teegeräte folgte ihm die erste Magd, denn zu Hause ließ er sich nur von
+den Frauenzimmern bedienen, Sebulon war nur auf der Reise zum Diener
+erhöht worden, in dem Landhause Welgelegen hatte er seine Stellung als
+Haus- oder Gartenknecht wieder eingenommen. Mynheer van Streef trank
+nun seinen Tee, nicht rasch, wie auf dem Helikon, sondern wirklich,
+wie Sebulon gesagt hatte, die Tasse in einer Viertelstunde, wozu er
+langsam den Rauch aus der angezündeten Pfeife blies und in geregelten
+Zeitabschnitten wechselsweise mit starrem Blicke nach dem Kanal und
+nach uns, seiner Menagerie, aussah. Sonst nahm er während dieser Zeit
+nichts vor, denn er war der Meinung, daß jedes Geschäft für sich
+betrieben werden müsse. Nach dem Frühstücksgeschäfte schickte er sich
+zu dem zweiten an, nämlich den Text seiner Kansbillets, die er in der
+roten Mappe verwahrte, Stück vor Stück, obgleich derartige Schriftwerke
+bekanntlich gleichlauten, nachzulesen. An den Zinstagen gesellte
+sich dazu die Arbeit, die Coupons abzuschneiden. Diese Mühen pflegten
+die zwölfte Tagesstunde heranzubringen. Dann erschien ein Diener aus
+dem Landhause Schoone Zicht und einer aus der Vrouw Elizabeth, brachte
+einen höflichen Gruß von Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und
+die Anfrage ihrer Herren: Wie Mynheer van Streef geschlafen habe und
+sich befinde? Mynheer van Streef antwortete nach langer Ueberlegung
+jeden Tag dasselbe: daß die Nacht ziemlich ruhig gewesen sei, und das
+Befinden, Gott sei Dank, sich leidlich verhalte. Wenn diese Boten
+abgefertigt waren, wurde Sebulon geklingelt und nach der Schoonen Zicht
+und der Vrouw Elizabeth entsendet mit höflichem Gruße von Mynheer van
+Streef an Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und seinerseitiger
+Anfrage, wie diese beiden Herren geschlafen hätten und sich befänden?
+
+Nach vorgedachten Anstrengungen wurde zur Herstellung der erschöpften
+Lebenskraft wieder Tee getrunken, geraucht und die Meldung des
+zurückkehrenden Sebulon entgegen genommen. Darauf ging Mynheer van
+Streef in das Haupthaus, kam angekleidet zurück in den Hof, stellte
+sich vor die Voliere und demnächst vor jeden Abschlag der Menagerie,
+sah die Einwohnerschaft der Voliere und dann jedes von uns eine geraume
+Zeitlang bedächtig an, schüttelte auf jeder dieser Stationen das Haupt
+und sagte, so oft er schüttelte: Unvernünftige Tiere! -- Dieses tat er
+jeden Tag, auch wenn es regnete, Sebulon hielt ihm dann nur während
+dieser geringschätzigen Betrachtungen den Regenschirm über.
+
+Waren die Allocutionen an die Voliere und Menagerie geendigt, so
+ging er wieder in das Haupthaus und speiste, es mochte dann etwa vier
+Uhr nachmittags sein, zu Mittag; hielt darauf seine Mittagsruhe und
+kehrte, abermals eine Mappe unter dem Arme, jetzt aber eine grüne,
+sechs Uhr abends in das Lusthaus zurück. Er trank nunmehr seinen
+dritten Tee, rauchte, wie sich von selbst versteht, abermals dazu und
+las dann Amsterdamer Stadtobligationen, die er in der grünen Mappe
+verwahrte. Darüber pflegte es dunkel zu werden; Mynheer van Streef
+klappte gähnend die Mappe zu, sah noch einmal nach dem Kanal, verließ
+hierauf das Lusthaus und zog sich in das Haupthaus zurück. Sobald
+es dunkel war, schloß Sebulon die Pforte; die Lichter, welche in
+den Fenstern des Hauses eine kurze Zeit lang leuchteten, erloschen
+allgemach -- ein Zeichen, daß Herr und Dienerschaft in ihren Betten
+von den Anstrengungen des Tages ausruhten. Das tiefste Schweigen und
+die lautloseste Stille senkten sich auf Welgelegen herab.
+
+Ich habe unter den Beschäftigungen des Tages anzumerken vergessen,
+daß Mynheer van Streef auch den Ankunftsaugenblick jeder der sechs
+Schuiten, welche täglich von Haarlem nach Amsterdam vorüberfuhren,
+auf einer schwarzen Tafel, welche im Lusthäuschen hing, zu notieren
+pflegte und aus den Unterschieden wöchentlich eine mittlere Zeit
+herausrechnete. Ich hörte ihn zuweilen sagen, es sei sein größter
+Kummer, daß diese Mittelzeiten nie stimmen wollten, auch wenn er sie
+auf Monate, ja selbst Jahre schlüge, und daß daher die rechte mittlere
+Ankunftszeit einer Treckschuite noch immer ein unlösbares Rätsel wäre.
+
+So ging ein Tag wie der andere hin.
+
+O Herr! seufzte ich bei diesem niederländischen Leben in Freude und
+Rast oft (denn ich bediente mich bei meinen Ausrufungen nun nicht mehr
+der Mythologie), was für eine Langeweile! Steht denn mein Herr nur
+eine Stufe über dem Faultier und nicht tief unter dem Elefanten, dem
+stolzempfindlichen Rosse, dem rührigen Hunde, obschon er Kansbillets
+und Amsterdamer Stadtobligationen liest? Und doch dünkt er sich
+was Rechtes, glaubt eine unsterbliche Seele zu besitzen, und doch
+behandelt der schwärmerische Barbar uns Tiere mit Verachtung! -- Es
+war natürlich, daß sich auf solchem Wege kein Verhältnis der Zuneigung
+zwischen mir und ihm entfalten konnte; dieser Holländer war nicht
+geeignet, Liebe zu erwecken. Ich drehte ihm daher auch immer den Rücken
+zu, wenn er vor meinen Verschlag trat. Um der Last der schrecklichen
+Langeweile von Welgelegen mich zu entziehen, suchte ich mit meinen
+Nachbarn in der Menagerie Umgang anzuknüpfen. Ich hatte recht leidliche
+Leute zu Nachbarn, links einen Goldfasan, hinter mir ein paar
+Schildkröten in einem großen Sandkasten und einen jungen Biber, dessen
+Schwanz im Wasser hing. Es wäre mir interessant gewesen, mit Vögeln,
+Amphibien und amphibienartigen Geschöpfen auch einmal meine Ideen
+auszutauschen, aber dazu wollte sich hier keine Gelegenheit finden.
+Diese Partikuliers waren von dem geistigen Drucke, der über Welgelegen
+lastete, so gebeugt, daß alle meine Versuche, ihnen näher zu treten,
+mein herzliches Meckern und so mancher treugemeinte Bockssprung keinen
+Anklang fanden. Die Fasanen lagen meistens, den Kopf unter die Flügel
+gesteckt, dumpf hinbrütend da, die Schildkröten zogen sich, sobald sie
+sich an ihrem Kohle satt geknabbert hatten, unter ihr Schild zurück,
+der Biber hatte für nichts Sinn, als für das kalte Wasser um seinen
+Schweif.
+
+Meine Pein zu schärfen, diente die berufene holländische Reinlichkeit.
+Es wurde nämlich auf uns Tiere eine besondere Kehrmagd gehalten,
+welche bei ihrem Mitgesinde Dreck-Griete hieß, weil ihr anbefohlen
+war, die äußerste Sauberkeit unserer Wohnstätten in Obacht zu nehmen.
+Sie brachte den Tag über in einer Art von Portierhäuschen am Eingange
+des Haupthauses zu und lugte beständig auf die Menagerie hinaus. Ließ
+nun ein Fasan eine Feder fallen, oder fiel sonst etwas vor, was nicht
+zu vermeiden stand -- lieber Gott, man bleibt denn doch Tier! --
+alsobald schoß diese ihrem Berufe fanatisch ergebene Reinigungsperson,
+bewaffnet mit einem langen Borstbesen, hervor, riß den betreffenden
+Verschlag auf und säuberte vermöge des Besens die Stelle. Meine
+Kollegen waren zu sehr Vieh, um sich hieraus etwas zu machen, aber
+in mir hatte der Mensch teil an dergleichen Vorkommenheiten, in mir
+schämte sich der Mensch vor einer solchen Überwachung seiner eigensten
+und innersten Angelegenheiten. Ich war oft in der größten Verlegenheit
+zwischen Müssen und nicht Mögen, zwischen natürlichen Wünschen und der
+Furcht vor der auflauernden und schon zum konventionellen Borstbesen
+greifenden Dreck-Griete!
+
+Die Langeweile -- die Isolierung -- die ewig drohende Kehrmagd --
+meine Lage wurde von Tage zu Tage fürchterlicher! Münchhausen war
+damals unglücklich, ganz unglücklich! Das Schicksal hatte mich zu hart
+angefaßt, ich war ein Opfer kalter Schwärmerei geworden; das ist das
+Schrecklichste, was es zwischen Himmel und Erde gibt.
+
+ [Illustration]
+
+Eine tragische Verzweiflung bemächtigte sich meiner. Ich sann auf
+Selbstmord. Ich wollte die Natur zwingen; wie andere sich der Speise
+enthalten, wollte ich dem Borstbesen der Reinigungsperson sein Opfer
+unterschlagen -- lange -- für immer! -- -- Denn ich fühlte, daß, mit
+Heldenmut den Entschluß durchgeführt, der Organismus untergehen müsse.
+Diese Weise, zu enden, dünkte mich die erhabenste, reinste, sie kam mir
+neu und unnachahmlich vor.
+
+Ich hielt mich still für mich. Zwei Tage lang rastete das Türschloß
+meines Verschlages. Die Reinigungsperson umschlich mich unheimlich
+spähend. Ich dachte: Schleich du; ich sterbe!
+
+Am dritten Tage ließ Mynheer van Streef die Späherin rufen und fragte
+sie, was mir fehle? ich stehe ja so verdrossen und ohrhängerig da?
+Griete berichtete dem Herrn, was sie wußte. -- So muß man abwarten, ob
+es sich bis morgen mit ihm bessert, sprach mein fühlloser Gebieter, und
+wenn das nicht geschieht, so gebt ihm -- -- Er verordnete das schnelle
+und unwiderstehliche Mittel, gegen welches in solchen Fällen selbst der
+Heldenmut eines Cato sich fruchtlos stemmen würde.
+
+Nein, es ist zuviel! meckerte ich ingrimmig und traurig zugleich; indem
+ich am Felsen Klein-Helikon niedersank und meine heiße Stirn wider
+diese Klinker stieß. Nicht leben können, und nicht sterben dürfen! --
+Ich sah schon im Geiste den Augenblick, der meinen Entschluß gewaltsam
+brechen würde, und das furchtbare Instrument in Grietens Hand, ich
+sah mich schon wieder schamrot, entwürdigt, in die alten Konflikte
+zurückgeworfen, denen meine Seele sich entronnen wähnte.
+
+Ach, der nämliche Tag sollte mich noch etwas ganz anderes sehen lassen!
+Wie schwach steht es um die sogenannten großen Vorsätze! Bittere und
+demütigende Erfahrung, die ich an mir selber machte!
+
+Mynheer van Streef empfing an diesem Tage einen Besuch von seinen
+Nachbarn de Jonghe und van Toll. Die Besitzer der drei Landhäuser
+Welgelegen, Schoone Zicht und Vrouw Elizabeth pflegten einander nur
+einmal im Jahre gegenseitig zu besuchen. Die Tage waren ein für allemal
+festgestellt, und sonst sahen einander die drei Holländer nicht,
+obgleich die Landhäuser kaum fünfhundert Schritte voneinander entfernt
+waren. Wenn sie zusammenkamen, so zeigte der Wirt seinen Gästen den
+Zuwachs vom letzten Jahre in dem, woran seine Seele hing. Mynheer van
+Toll hielt auf ein reiches Porzellankabinett, Mynheer de Jonghe auf
+eine Sammlung von Naturalien und Mynheer van Streef auf seine Menagerie
+am meisten.
+
+Nachdem die drei Freunde im Lusthäuschen Tee getrunken hatten, führte
+mein Gebieter seinen Besuch zu unseren Verschlägen und fragte de
+Jonghen, der, wie wir wissen, in Ostindien gewesen war, ob er eine
+Tiersorte, wie die meinige, auf Java kennen gelernt habe. Schon bei dem
+ersten flüchtigen Überblicke, den mir der Naturaliensammler widmete,
+fingen seine Augen an zu glänzen, und seine farblosen Wangen wurden
+von einer leichten Röte überflogen. Ich mußte mich erheben, Mynheer de
+Jonghe betrachtete mich von allen Seiten, hob meine Pfoten, die noch
+nicht ganz vergessen hatten, Menschenarme zu bedeuten, auf, untersuchte
+mein Vließ, guckte mir in den Rachen, befühlte meinen Schädel.
+
+Mynheer van Streef sah dieser Analyse mit dem ruhigen Stolze eines
+glücklichen Besitzers zu. Nach vielfältigem Anschauen und Tasten
+war Mynheer de Jonghe zu dem Bekenntnisse gedrungen: Nein, diese
+Tiersorte kommt nicht auf Java vor. Ich glaubte anfangs, es sei der
+kleine gefleckte Hirsch, +Moose-deer+, welchen man auf Ceylon
+findet, aber der Bau des Schädels widerspricht dieser Annahme. Der
+Schädel hat etwas vom Affen, der ganze übrige Teil gehört in das
+Ziegengeschlecht. Es hilft keine Menschenmacht dawider, wir müssen eine
+neue Spezies ernennen. Dieses Geschöpf, woran Ihr, Mynheer van Streef,
+eine gar große Seltenheit besitzt, muß der Bockaffe, +capra simiae
+proxima+, heißen.
+
+Ich fand ihn, versetzte Mynheer van Streef, auf einem griechischen
+Platze, in einer unvergeßlichen Stunde. Sebulon, sage zur Gertruid, daß
+wir heute von dem Wasser, welches du in den Kantinen mitbrachtest, den
+dritten Tee trinken wollen, wofern es sich frisch gehalten hat. Ich
+möchte sehen, wie es auf Mynheer van Toll und Mynheer de Jonghe wirkt.
+
+Er ging mit dem ersteren zu seinen Hyazinthen, welche die zweite Stelle
+in seinem Herzen einnahmen. Mynheer de Jonghe bat um die Erlaubnis, bei
+dem Bockaffen zurückbleiben zu dürfen. Als er sich mir gegenüber allein
+sah, sagte er: Daß Mynheer van Streef dich, du einziges Exemplar, mir
+abläßt, ist nicht zu denken, die Dienerschaft wird nicht zu bestechen
+sein, folglich muß ich dich stehlen lassen.
+
+Nach diesen unzweideutigen Worten kehrte mein Gebieter mit seinem
+zweiten Freunde von den Hyazinthen zurück. -- Wie ich Euch sagte,
+Mynheer van Streef, sprach Mynheer van Toll, es hält sich auf Vrouw
+Elizabeth seit einigen Tagen ein fremder Maler und Chemikus auf, der
+eine besondere Mischung der Farben entdeckt hat, wodurch auch auf dem
+Porzellan das vollkommene Helldunkel von Rembrandt sich erzielen läßt.
+Ich wollte durch ihn eine große Vase in dieser Manier malen lassen, und
+alle Anstalten des Glühens und Einbrennens sind auch schon gemacht,
+nur war ich über den Gegenstand noch verlegen, weil ich einen ganz
+neuen für die neue Manier zu haben wünschte. Gar gern möchte ich nun
+den sogenannten Bockaffen im Helldunkel auf meiner Vase sehen, weil
+den gewiß noch niemand hat, und ich bitte Euch daher, daß Ihr mir
+die nachbarliche Gefälligkeit erzeigen wollet, meinem Chemikus diese
+Nacht den Zugang zur Menagerie zu verstatten. Er soll an dem Tiere
+bei Laternenlicht seine Studien machen und in dieser Beleuchtung eine
+Farbenskizze von ihm entwerfen.
+
+Nein, Mynheer van Toll, das geht nicht an, versetzte der Hausherr. Die
+nächtliche Ruhe von Welgelegen darf unter keiner Bedingung gestört
+werden. Ihr könnet bei Tage dieses fremde Tier durch Euren Chemikus in
+Helldunkel abzeichnen lassen. -- Gertruid ging mit dem Teegeräte nach
+dem Lusthäuschen. -- Kommt hinein, fuhr Mynheer van Streef fort, ich
+will euch, meine Freunde und Nachbarn, eine neue Sorte Tee zu kosten
+geben.
+
+ [Illustration]
+
+Wieder also sollst du gestohlen werden! dachte ich für mich. Bist du
+denn so kostbar? -- Inzwischen war es im Lusthäuschen sehr lustig
+geworden, freilich nur auf niederländische Weise. Offenbar hatte das
+Wasser der Hippokrene durch die Reise seine Kraft nicht verloren. Die
+drei Freunde waren nach der ersten Tasse vom Teetisch aufgestanden
+und gingen phantastisch erregt, ohne sich umeinander zu bekümmern,
+im Stübchen auf und nieder. De Jonghe versuchte, während er ging,
+einen Pas aus der +Menuet à la Reine+ zu bewerkstelligen, van Toll
+sang in einem sonderbaren Falsett das Nationallied, van Streef zog den
+Vorhang des Kanalfensters auf, öffnete letzteres selbst und vergaß, die
+eben vorbeifahrende sechste Schuite am schwarzen Brette zu notieren.
+
+Statt ~eines~ drei holländische Schwärmer! Wunderbares Wasser!
+Selbst eine Stunde von Amsterdam wirktest du Zeichen, obschon zu Tee
+verkocht! -- Bald sollte die Schwärmerei wieder mich in ihre Kreise
+reißen, mich, den schicksalbezeichneten Helden der abenteuerlichsten
+Bildungsgeschichte, welche jemals die Erde sah. Van Toll trat an
+das Menageriefenster des Lusthäuschens und flüsterte hinunter: Nach
+Mitternacht schicke ich den Chemikus mit einem Nachschlüssel her,
+dich abzureißen. Du sollst, und du sollst mir auf die Vase im
+Rembrandtschen Helldunkel. -- Er trat zurück, de Jonghe näherte sich
+hierauf dem Fenster und rief, mit einem sehnsüchtigen Blicke auf mich,
+halblaut hinaus: Stehlen laß ich dich noch vor Mitternacht und dann auf
+der Stelle ausstopfen!
+
+Ausstopfen!? -- -- Nein, nein, das geht in das Ungeheure! +Du sublime
+au ridicule.+ -- -- Meine Sinne schwanden.
+
+Als ich nun wieder zu mir selbst kam, stand Mynheer van Streef allein
+vor meinem Verschlage und Sebulon neben ihm. -- Sebulon, sagte mein
+Gebieter, der Besuch ist nun fort, und da kann also etwas geschehen,
+was sich vor Fremden nicht ziemt. Ich bin durch das Teetrinken wieder
+in die helikonische Stimmung gekommen. Ich möchte der ganzen Welt
+helfen und rasch! Sage der Griete, sie könne auf der Stelle mit dem
+fremden Tiere hier verrichten, was nach meinem früheren Befehle erst
+morgen vorgenommen werden sollte.
+
+Wird wohl nicht mehr nötig tun, versetzte Sebulon trocken. Es scheint
+wieder munter zu sein, seht nur, Mynheer, welche lustige Sprünge es
+macht.
+
+Ach nein, es war nicht mehr nötig! -- Die gräßliche Perspektive,
+ausgestopft zu werden, hatte mit einem Schlage alle selbstmörderischen
+Gedanken in mir vernichtet, mich dem Leben in jeder Beziehung wieder
+gegeben und die gewaltigste Lebenslust in mir angefacht. Ich sprang wie
+unsinnig im Verschlage umher, das nannte jener holländische Hausknecht
+Lustigkeit, ich stieß entsetzliche Töne aus, mich verständlich zu
+machen, meinem Gebieter den Verlust seines Teuersten anzukündigen,
+darüber lachten die Blinden!
+
+Sie gingen, es wurde dunkel, Sebulon schloß die Pforte. Unglücklicher,
+lege auf die Mauer, über welche Mynheer de Jonghe seine Mordknechte
+steigen lassen wird, Selbstschüsse und Fußangeln! Durch die Pforte
+kommt höchstens der unschuldige Chemikus, Euren armen, kleinen
+Bockaffen im Helldunkel seiner harmlosen Laterne abzureißen! schluchzte
+ich. Wie wird er sich betrüben, der Getäuschte, wenn er statt seines
+Studienobjektes nur die leere Stätte findet! Jammer über dich,
+Welgelegen, wenn du morgen erwachest, und dein Kleinod dir gestohlen
+siehst! Traure, traure, Vrouw Elizabeth, deine Vase bleibt unbemalt!
+
+Warum kann der Chemikus nicht vor Mitternacht kommen, und die
+Bande de Jonghes nach Mitternacht? So würde der Chemikus noch bei
+Laternenlicht zeichnen, wenn die Bande anlangte, sie verscheuchen und
+diese Nacht wäre wenigstens gewonnen. Zufall, Zufall, du betrunkener
+Würfelspieler! Tolles Rätsel des Daseins grimmiger Wust chaotischer
+Verwirrung! O mein Vater, mein Vater, wo weilest du? Eile herbei,
+deinen dir so sauer gewordenen Wurm vor dem Letzten, Schrecklichsten
+zu erretten! Du bist wißbegierig und reisest viel, mein guter Vater,
+vielleicht besuchst du einmal auch das Kabinett von Mynheer de
+Jonghe, und welch ein Augenblick wird es dann sein, wenn du deinen
+unglücklichen Sohn vielleicht zwischen einer Fischotter und einem
+sibirischen Eichhorn siehst! -- Zwar ich vergesse, wer ich bin, ich
+rede irre -- du wirst mich nicht erkennen!
+
+Ausgestopft zu werden! -- Gedanke, der das Hirn sieden macht und alle
+Sehnen krachen! Nichts als Balg zu sein und Werg! Aus gläsernen Augen
+dumm und starr zu schauen, und ewig den Draht in Rücken und Beinen zu
+fühlen, als einzigen haltenden Grundsatz! Neben sich nur Bälge zu
+haben, und diese ganze trockene Unsterblichkeit lediglich auf Kampfer
+und Spieköl gegründet!
+
+In solchen jämmerlichen Betrachtungen ging mir ein Teil jener
+merkwürdigsten Nacht meines Lebens hin. Ich fühlte zugleich, daß die
+äußerste Beängstigung in meinem Körper Folgen hervorbrachte, denn
+ich konnte, da ich im Verlauf meines Kummers als Mensch mir vor die
+Stirn schlagen wollte, wunderbar genug, dies mit meinen Vorderbeinen
+bewerkstelligen, ich konnte an mein Fell fassen, und die Haare fielen
+ab, so wie ich sie nur berührte, endlich schien in meinem Antlitze ein
+förmliches Umziehen und Quartierverändern von Maul, Nase und Augen vor
+sich zu gehen, so rückten und knackten dort die Knochen. Aber auf alles
+dieses hatte ich weiter nicht acht, ganz verloren in die Furcht vor dem
+Ausstopfen.
+
+Gegen Mitternacht Geräusch draußen vor der Mauer, Klimmen, Herabwerfen
+einer Strickleiter! Ein Kerl steigt an ihr nieder, tappt zwischen Biber
+und Schildkröte vorsichtig hindurch -- -- Ich sitze (denn ich vermochte
+auch schon wieder zu sitzen) stumm da und raufe mir vollends alles
+Fell ab; seine rauhe Tatze ergreift mich -- hui und davon mit mir über
+die Mauer! Ich hange schlotternd und an allen Gliedern gebrochen in
+seinen Armen. -- Was, zum Teufel, habe ich denn da gefaßt? Das ist ja
+kein -- murrt er, während er einige Schritte längs des Kanals nach dem
+Landhause Schoone Zicht zu macht. Ehe er zu Ende gesprochen, stürzt
+ihm ein Mann entgegen, ruft mit einer von der Tugend selbst gebildeten
+Stimme heftig: Steh, du Dieb, ich sah dich über die Mauer steigen! und
+haut auf ihn mit einem Degen ein. Der Dieb, Sünde gibt keinen Mut
+-- läßt mich fallen und läuft davon. Ich falle in den Kanal, jener
+unbezahlbare Retter springt, immer den Degen in der Faust, mir nach,
+holt mich heraus, ruft: Wie, ein nacktes Kind? und trägt mich, dem von
+diesen jähen Abwechselungen das Haupt schwindelt, zu einer Laterne hin,
+die etwa hundert Schritte von der Stelle am Kanale brannte. Bei dem
+Schimmer dieser Blendlaterne sehe ich meinem Retter in das Antlitz, und
+-- wer faßt's, wer glaubt's, wer sagt's, was ich empfinde? -- Es ist --
+-- mein Vater, mein sogenannter Vater!
+
+Was die Furcht und der Jammer nicht gekonnt, die Freude vollbringt es.
+Ich finde die Sprache wieder, und, zwar noch immer etwas meckernd, aber
+doch verständlich, ist: Vater! Vater! Dein Kind! mein erstes Wort. Mit
+heißen Tränen stürze ich an seine Brust, er erkennt mich, wie ich
+ihn erkannt, und -- doch schweige Lippe! falle Vorhang, über diese
+unbeschreibliche Szene!
+
+ [Illustration]
+
+Stumm vor Rührung steckt er mich ohne weiteres wieder in seine linke
+Rocktasche. Darin finde ich ihn ganz. Alle lieben Erinnerungen gehen
+mir in jener Tasche auf; es ist noch ein Rest Frühstück darin; ich
+versuche, es zu essen. Es gelingt; ich kann wieder Brot und Wurst
+essen! Ich bin ein Mensch wieder, das gebildete Kind gebildeter
+Eltern! Aber wie ging das zu? Mein Vater trägt mich in das Lusthaus
+Vrouw Elizabeth. Er ist's, ja, er ist der gute Chemikus, der sich
+dort aufgehalten, der mit dem Nachschlüssel zu mir kommen, mich
+nach Mitternacht bei Laternenlicht abreißen wollte, aber von einer
+unerklärlichen Unruhe getrieben (sein Vaterherz war's, das so stürmisch
+geklopft hatte!), vor Mitternacht sich aufmachte, einen Degen zu sich
+steckte, weil das Abenteuer immer einige Gefahr hatte, und so am Kanal
+Zeuge des Diebstahls wurde.
+
+Wie ich diese ersten Erklärungen der wunderbaren Geschichte empfangen,
+ich weiß es nicht mehr zu sagen. Mein Vater stammelte nach der Tasche
+hinunter, worin ich saß, ich stammelte hinauf, wir begriffen uns
+durch Naturlaute. -- Aber warum machtest du nicht Lärmen, mein Vater,
+als du den Dieb über die Mauer steigen sahst? fragte ich in einem
+ruhigen Augenblicke. -- O Sohn, versetzte er, um einen Menschen zu
+retten, haben sich wohl schon größere Unwahrscheinlichkeiten begeben
+müssen, als daß man einen Dieb erst einsteigen und dann wieder
+herauskommen läßt. -- Du konntest nur gerettet werden, wenn diese
+Unwahrscheinlichkeit vorfiel, denn machte ich früher Lärmen, so
+erwachte das Landhaus Welgelegen, die Pforte wurde besetzt, du bliebst
+mir unsichtbar und in den Händen von Mynheer van Streef. -- Diese
+Antwort stellte mich vollkommen zufrieden.
+
+Wir waren unter solchen und ähnlichen Gesprächen vor Vrouw Elizabeth
+angekommen; mein Vater zog die Klingel und weckte dadurch den Portier,
+der ihm sein Zimmer auftat. In der Helligkeit, welche durch Wachskerzen
+und Alabasterlampen hervorgebracht wurde, umarmten wir uns nun erst bei
+voller Muße. Vater, wie sehe ich aus? war meine erste Frage.
+
+Abscheulich mein Sohn, versetzte er. Deine Züge sind in einer
+wunderbaren Unordnung, es ist, als wäre Nase, Mund und Augen bei
+dir berauscht gewesen und erwachten nun in Winkeln, wohin sie nicht
+gehören. Die Ohren müssen wir vor allen Dingen stutzen, sie haben
+sich etwas zu üppig gen Himmel erhoben, an den Extremitäten sind dir
+überflüssige Haarbüschel gewachsen, auch deine Sprache schmettert
+sonderbar; warst du etwa bei einem Trompeter in der Lehre? Du kommst
+mir vor, wie eine durcheinander geworfene Bibliothek oder Garderobe,
+die einzelnen Bestandteile deiner Totalität sind richtig vorhanden,
+aber es fehlt die Harmonie.
+
+Alles nichts, mein Vater, sagte ich, nachdem ich vor den Spiegel
+getreten war, und mich wieder so ziemlich menschlich gesehen hatte. --
+Er brannte, meine Geschichte zu vernehmen. Ich gab sie ihm in großen
+Umrissen. Er glaubte, ich habe geträumt. Sieh mich an, versetzte ich,
+und sage dann noch einmal, daß dies Träume gewesen seien. Das letzte
+Wunder, so schloß ich meinen Bericht, war das größte. Hat man auch nur
+noch ein Fünkchen Humanität in sich, und soll man ausgestopft werden,
+so nimmt sich bei diesem Gedanken jenes Fünkchen zusammen und man
+restauriert sich von innen heraus. In den Tiefen von Angst, Grauen,
+Verzweiflung habe ich mich sozusagen als Menschen zum zweitenmal
+geboren und die Tierhülle durch Seelenkämpfe abgestreift.
+
+Streife jetzt nur auch eine anständige Hülle über! rief mein Vater,
+ging zu einer Kommode und holte daraus die weißen Pumphöschen, das
+rote Kollett, den kleinen, blechernen Säbel und den Turban hervor.
+Großer Gott! die Janitscharenkadettenuniform war auch da! Wo fandest
+du sie? fragte ich ihn. Im griechischen Gebirge, welches ich nach
+dir verzweiflungsvoll, wie Ceres Proserpinen suchte, durchrannte,
+antwortete er. Ich fand die Stücke auf einem Felsenabhange und glaubte,
+daß dich ein Raubtier gefressen habe. -- Aber mein Vater, sagte
+ich, indem ich die Hosen anzog, an den Kleidungsstücken war ja kein
+Blut, woher also dieser Glaube? -- Konnte dich das Raubtier nicht
+rein herausgefressen haben? erwiderte er, etwas verstimmt über meine
+kritischen Zweifel. -- Er mußte mir nun auch seine Geschichte erzählen.
+Sie war einfach. Aus Schmerz über meinen Verlust hatte er, nachdem
+er jede Hoffnung aufgegeben, mich wiederzufinden, sich noch eifriger
+den chemischen und physikalischen Studien ergeben, wie früherhin, und
+unter anderem auch jenes Farbenbereitungsgeheimnis entdeckt, welches
+ihn dem Holländer van Toll so wert machte. In der Heimat litt ihn
+der Kummer nicht, er reiste durch die Lande Europas als düsterer,
+zerrissener Porzellanmaler. Unterwegs traf er mehrere Kollegen. Durch
+die allerseltsamste Fügung brachte uns das Schicksal wieder zusammen.
+Er ging bei Nacht aus, einen Bock zu zeichnen und traf seinen Sohn.
+
+Wir machten uns noch vor Tagesanbruch von Vrouw Elizabeth fort, denn
+mein Vater fühlte wohl, daß, da er dem Eigentümer das fremde Tier
+nicht auf die Vase liefern könne, seine Rolle im Landhause ausgespielt
+sei. Wir benutzten die erste Schuite nach Amsterdam, und dort die
+erste Gelegenheit nach Bodenwerder. Als wir im Wagen saßen, ich wie
+in den ersten Zeiten in der Tasche, fiel mir der Gedanke an Frau von
+Münchhausen, die Gemahlin meines Vaters, schwer auf das Herz. Ich
+teilte ihm die Besorgnis mit und setzte hinzu: Wird es uns nicht
+gehen, wie Mynheer van Streef, der in der Pforte seines Landhauses zum
+zweitenmal auf Reisen geschickt werden sollte?
+
+Nein, mein Sohn, erwiderte er, die vortreffliche Frau ist bereits
+vor sechs Monden gestorben, von mir begraben und hinlänglich beweint
+worden. -- Ich zollte ihrem Andenken ebenfalls einige nachträgliche
+Zähren.
+
+Auf Bodenwerder widmete sich mein Vater nun ganz dem Werke meiner
+Ausbildung. Denn obgleich ich, wie aus dem Verlaufe dieser Geschichte
+erhellt, schon als kleines Kind wie ein Buch sprach, so fehlte es doch
+meinem Wissen an Zusammenhang, der jetzt erzielt werden mußte ...
+
+Noch oft unterredeten wir uns über die Einzelheiten meiner
+außerordentlichen Geschichte. -- Sage mir nur, mein Sohn, sprach mein
+Vater eines Tages, welche historische Lehre ziehst du aus allen diesen
+unglaublichen Vorfällen? -- Vater, versetzte Münchhausen das Kind,
+die Geschichte ist erhaben über alle Lehren. Willst du aber aus der
+meinigen durchaus einen Satz ziehen, so ist es die einfache Wahrheit,
+welche jeder Student fühlt -- daß die Söhne auf die Taschen ihrer Väter
+angewiesen sind.
+
+
+
+
+ Nachwort des Herausgebers
+
+
+Das funkelnde Ding, das hier zu undurchkreuzterem Glanz aus einer
+Schatulle gleicher Kostbarkeiten hervorgehoben wird, hat Generationen
+hindurch, kaum beachtet, in unmittelbarer Nähe einer volkhaft
+begangenen Straße deutscher Dichtung gestanden. Während der »Oberhof«
+Karl Lebrecht Immermanns, anderer Teil der »Geschichte in Arabesken,
+Münchhausen« (1838) zum klassischen Bestand unseres volkstümlichen
+Erzählertums gehört, ist die Wirkung des eigentlichen »Münchhausen«
+von dem Erscheinen des Buches an auf einen engeren Kreis beschränkt
+geblieben. Sonderbares Schicksal einer bedeutenden Dichtung, durch
+ein merkwürdiges Zusammentreffen äußerer und innerer Umstände
+niemals zu ihrer vollen Auswirkung gekommen zu sein, im allgemeinen
+Volksbewußtsein nur zur Hälfte und unter dem anderen Namen dieser
+Hälfte fortzuleben, gleichsam nur mit einem Lungenflügel zu atmen,
+während der andere ursprünglich ebenso kräftige, zwar vom Blut des
+Schöpferherzens durchpulst lebendig bleibt, aber an den Rändern langsam
+verkümmern muß! Denn der eigentliche »Münchhausen« ist eine Zeitsatire
+großen Stils, wie alle Werke seiner Gattung bestimmt, vorzüglich in
+dieser Zeit selbst in ihren tausend Bezüglichkeiten verstanden und
+unterverstanden zu werden. Nun aber erhob sie sich gerade am endenden
+Rand dieser Zeit, der auslaufenden Romantik, nicht nur inhaltlich,
+auch formal aus ihr gestaltend: eine formfrei spielende Groteske,
+indes die aufsteigenden Generationen sich jenem künstlerischen
+Realismus zuwandten, deren erster Gaben eine seltsamer- und doch nicht
+seltsamerweise der andere Teil der Gesamtdichtung wurde. Denn jenem
+Zerrbild des Zeitgeistes, dem die »Münchhausen«groteske gilt, wollte
+Immermann im »Oberhof« in der Bodenständigkeit bäuerlichen Lebens, im
+reinen Bild der deutschen Liebe und Ehe »den wahren Geist der Zeit
+oder richtiger gesagt der Ewigkeit« entgegenstellen, der faulenden
+Schon-Vergangenheit die aufblühende Zukunft entwachsen lassen. Diese
+Zukunft aber hieß: Wirklichkeitsfreude, in der Weltbetrachtung wie in
+ihrer künstlerischen Formung. War nun die Fügung der beiden Gegenbilder
+dazu noch so locker, gleichsam nur scharnierhaft, wie zwischen dem
+»Oberhof« und dem eigentlichen »Münchhausen«, so geschah es fast
+selbstverständlich, daß man die zeitgemäßere Tafel mit sich forttrug,
+die andere aber unbeachtet liegen ließ.
+
+Heute hat das Rad der Zeit geistig wieder einmal eine halbe Drehung
+vollführt. Die Groteske ist aufs neue eine der Hauptformen komischer
+Darstellung geworden. Der Augenblick des ganzen »Münchhausen« könnte
+also gekommen sein, wenn anders es seinem Dichter gelang, nicht nur
+Zeitsatire zu schreiben, sondern in den satirisierten Zuständen der
+Zeit das bleibende Torentum einer Reihe von Generationen oder gar
+menschliches Torentum überhaupt zu erfühlen und zu gestalten.
+
+Kein geringes Unterfangen, an das Immermann sich wagte: den
+»nie gestorbenen nimmer verwelkten ehemaligen Jagd- und
+Pferdegeschichtenerzähler Freiherrn von Münchhausen auf und zu
+Bodenwerder«, dessen wunderbaren Abenteuern Gottfried Bürger einst die
+klassische Form gegeben hatte, ein anscheinend endgültig geformtes
+Symbol also von volkstümlicher Geltung zu »erhalten, restaurieren und
+nach Maßgabe der Zeiten zu metamorphosieren«. Diese Metamorphose aber
+bezweckte nichts minderes als »in diesem Erzwindbeutel einmal alle
+Winde des Zeitalters, den Spott ohne Gesinnung, die kalte Ironie,
+die gemütlose Phantasterei, den schwärmenden Verstand« einfangen zu
+wollen, »um sie, wenn der Kerl krepiert, auf eine Zeitlang für die Welt
+still gemacht zu haben«. Man weiß nicht, was mehr Gefahren barg, die
+Erhaltung der Gestalt oder ihre Metamorphose. Immermann hat sie beide
+überwunden. Erhalten ist das, worauf es ankommt, das schöpferische
+Lügengenie des freiherrlichen Urbilds, erhalten in einer Kraft, die
+es gestattet, auf jede Wiederholung oder Umdeutung seiner früheren
+Fabelmären zu verzichten. An deren Stelle tritt ein verschwenderisches
+Gewirr neuer Erfindungen, aus kongenialer Anschauung mit der gleichen
+Ruhe, Ueberzeugungskraft und grotesker Logik so hingestellt, »daß
+man in währender Erzählung den Erzähler für verrückt halten oder
+an seine Sachen, so unsinnig sie aussehen, auf eine Stunde glauben
+muß«. Nur bei solch überlegen schaltender, zugleich aber respektvoll
+einfühlender Verwendung der überlieferten Figur war es möglich, den
+neuen Helden zu seinem »eigenen Vater und Großvater« zu machen.
+Es ist unverkennbar der alte Münchhausen -- wer wäre sonst noch
+fähig so bunten Lügenfangballspiels! -- nur um mehrere Geschlechter
+weitergebildet: nicht mehr achtzehntes sondern neunzehntes Jahrhundert,
+etwas weniger aristokratisch, etwas sozial heruntergekommen, ja mit
+einem deutlichen Schuß vagabundierenden Hochstaplertums, daher auch
+nicht so spielerisch zwecklos in den Hervorbringungen seines seltsamen
+Genies, böse nicht gerade, aber von einer satirischen Boshaftigkeit,
+die sein erster Zustand nur erst im Keime enthielt. Geblieben aber ist
+ihm trotz solch merklicher Absenkung vom reinen Schwindel zum weniger
+reinen Schwindler der unwiderstehliche Charme seiner schillernden
+Persönlichkeit. Noch war es möglich, die auflösenden Kräfte des
+Jahrhunderts mit graziösem Humor und einem mehr pritschenden Geist an
+einer Gestalt darzustellen, die ihr Schöpfer am Ende selbst keiner
+eigentlich schlechten Tat für fähig hält. -- Um diese Mittelfigur
+aber, die alle Ausstrahlungen des Zeitgeistes mit grotesker Brechung
+in sich sammelt und komisch verzerrt wieder hinauswirft, bewegt sich
+ein menschliches Vierblatt, in dem seine Hauptzüge in voller Rundform
+dargestellt sind, gleichsam um sie auf diese Weise noch wirksamer und
+anschaulicher verpritschen zu können: die Adelslüge: der Baron von
+Schnuck, die Liebes- und Empfindsamkeitslüge: seine Tochter Emerentia,
+die Bildungslüge: der Schulmeister Agesel, und als Ergänzung zu allen
+dreien nicht die Lüge, sondern die materialistische Eigensucht in
+Gestalt des Münchhausenschen Bedienten Karl Buttervogel. Nichts bezeugt
+die dichterische Meisterschaft Immermanns stärker als die schier
+mühelose Lösung dessen, was die Dichter der jungen Generation heute
+mit heißem Bemühen zu bewältigen suchen: Ideen in lebendigen Gestalten
+zu formen, ohne daß dabei einerseits die Eindeutigkeit der Idee,
+anderseits der Schein konkreter menschlicher Existenz verloren ginge.
+Wie die schrulligen Bewohner des Schlosses Schnick-Schnack-Schnurr,
+das in seinem windschiefen Verfall schon eine Groteske für sich
+ist, jede einsam ihre Narrheit in dem Garten mit den nasenlosen
+Götterbildern spazieren führen, bis durch das scheinbar zufällige, aber
+innerlich notwendige Erscheinen Münchhausens alle Narrheit sich um
+ihn anschießend kristallisiert, das hat so unmittelbare Lebendigkeit
+und nicht geringere Realität als etwa die psychologisch-realistisch
+gegebene Darstellung der Oberhofgestalten und der bauernfesten
+Wirklichkeit, in der sie sich bewegen.
+
+Gestaltung! Nicht Etikettierung oder Spruchbänder, die aus dem Munde
+hängen. Das ist die schlichte Antwort, wieso diese Zeitsatire, die
+in der Auswahl ihrer Gegenstände keineswegs auf Nachwelt gearbeitet
+ist, ihre ursprüngliche Jugendkraft in kaum verminderter Frische
+bewahrt hat. So tief das alles in Zeit verhaftet ist: wo die reine
+Schöpferfreude am Geschaffenen waltet, erhebt sich das Zeitliche
+wie selbstverständlich in reine spielhafte Form. Manches zwar was
+uneingeschmolzen bleibt, nur zeithafte Beziehung, aber unendlich mehr
+zeithafte Beziehung, die als solche bedeutungslos wird, überflüssig für
+das naive Verständnis: Geist und Geistesreichheit, Groteske, Arabeske,
+eigenfunkelnd wie Mond ohne notwendiges Wissen um das Ursprungslicht.
+Lebendiger Beleg dessen das vorliegende Stück, das seine innere
+Abgeschlossenheit befähigte, für sich herausgehoben zu werden, und als
+blinkende Lockung zu der Gesamtdichtung zu dienen. In dieser Jugend-
+und Ziegengeschichte, mit der der angeblich von seinem »sogenannten«
+Vater chemisch erzeugte Freiherr, von früherer gefährdender Erfindung
+ablenkend, »einen Heroismus im Erzählen entfaltet«, wimmelt es vor
+Zeitanspielungen wie kaum an einer andern Stelle des Werkes: dennoch
+fast kein Wort, das für den ungelehrten Leser der Erläuterung bedürfte.
+All dies Zeithafte versickert gleichsam im Augenblick, wo es mit der
+lebendigen Gestalt des Helden in Berührung kommt, um bis auf wenige
+Rudimente als organischer Ausdruck, als formgewordener Einzelzug von
+seiner ursprünglichen Beziehung gelöst, blutvoll wieder aufzuquillen:
+Ganze Erscheinungskomplexe, Bildungsgehabe, Pädagogisches, Titelmoden;
+Menschen und Werke ferner, die gerade im Vordergrund des Interesses
+standen: der Reisegraf Pückler-Muskau, an dem Immermann sich mit
+besonderem Vergnügen reibt, Humboldts Naturschilderungen, die
+Klangspiele Rückertscher Ghaselen, eine Wunderkindsbiographie Karl
+Wittes, die heute niemand mehr kennt, ganz zu schweigen von tausend
+anderen Haupt- und Seitenhieben auf mehr oder minder Besonderes,
+Zustände, Menschen und Bücher der Zeit. Im Licht eines blendenden
+Geistes, der jeden Nebensatz noch mit feinsten Zügen überschenkt,
+werden sie zu ebenso vielen Fäden im Blitzgeflecht eines der
+meisterhaftesten satirisch-grotesken Prosastücke, die unsere Literatur
+besitzt.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77772 ***
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77772 ***</div>
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+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p class="s2 p2 center">Karl Immermann</p>
+
+<h1>Münchhausen unter den Ziegen</h1>
+
+<p class="s3 center">Merkwürdige und boshafte Abenteuer<br>
+Münchhausen des Kindes auf<br>
+dem Helikon und in<br>
+Holland</p><br>
+
+<p class="p3 s5 center">Mit 12 farbigen Originallithographien<br>
+Buchschmuck und Einband von<br>
+<em class="gesperrt">Georg Poppe</em></p>
+
+<p class="p3 s4 center"><i>1920</i></p>
+
+<hr class="r5">
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowe4" id="illu-001">
+ <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="signet">
+</figure>
+<p class="center">Frankfurter Verlags-Anstalt A.-G.<br>
+Frankfurt am Main</p>
+</div>
+
+<div class="newpage">
+<p class="p4 s5 center">Herausgegeben von Adam Kuckhoff</p>
+<p class="s5 mbot4 center">Druck des Textes: Friedrich Wagner, Duderstadt<br>
+(Hannover); der Lithographien: C. Naumanns<br>
+Druckerei, Frankfurt am Main</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p> </p>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p>
+
+<div class="dc">
+<img class="h4em" id="drop-m" src="images/drop-m.jpg" alt="M">
+</div>
+
+<p class="p0"><span class="hide-first">M</span>ein sogenannter Vater, welcher den häuslichen Unfrieden, von dem ich
+die unschuldige Ursache war, nicht länger ertragen konnte, sagte zu
+meiner angeblichen Mutter: Desdemona, es muß geschieden sein. Ich habe
+es geduldet, daß du mir täglich einige- und dreißigmal sagtest, du
+seiest meine Gattin, nicht aus Liebe zu mir, sondern aus Achtung für
+meinen seligen Vater, den Lügner, geworden; geduldet sechzehn Jahr und
+neun Monate lang, aber daß du diesen armen Wurm, den ich mir habe sauer
+genug werden lassen, beständig knuffst, wo du ihn siehst, verletzt
+mein Gefühl allzusehr. Lebewohl, Desdemona, wir wollen einander nicht
+fluchen, wir wollen einander schreiben, aber miteinander leben können
+wir nicht länger.</p>
+
+<p>Er lockte mich mit einem Zuckerplatz zu sich, steckte mich, da ich noch
+nicht gehen<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> und stehen konnte, obgleich ich übrigens bereits klüger
+war als mancher Dreißiger, in seine linke Rocktasche und stürzte ab,
+während die verlassene Gattin sich im Gefühle weiblicher Würde an das
+Fortepiano setzte und: Nach so viel Leiden usw. sang.</p>
+
+<p>Mein Vater stürzte die Dorfstraße hindurch, er stürzte auf die Straße
+nach Braunschweig. Ich bat ihn, langsamer zu gehen, die heftige
+Bewegung mache mir Schmerzen, und wirklich zerschlug ich mir beinahe
+die Nase an seinem Beine, gegen welches die linke Rocktasche flog. Er
+aber hörte nicht auf mich, sondern stürzte immer heftiger fort, unter
+Tränen rufend: Du solltest ein Opfer jenes bösen Weibes werden, du
+sauer zubereiteter Wurm? Dem sei nicht also. Du bist das Produkt meiner
+tiefsten Studien, mein liebstes Kleinod, mein teuerster Schatz! — Ich
+litt unaussprechlich bei den Ausbrüchen dieser heftigen Zärtlichkeit<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span>
+und bei den durch sie hervorgebrachten stürmischen Bewegungen der
+Rocktasche. Damals schöpfte ich die erste Erfahrung von dem Satze, daß
+die Menschen, wenn ihre Liebe recht heiß ist, dem Gegenstande derselben
+hundsübel machen können.</p>
+
+<p>Zum Glück kam ein Postillon halben Weges mit einer leeren Extrachaise
+von Braunschweig retour gefahren, den bestach mein sogenannter Vater,
+der Schwager verriet für einen Spezies seine heiligsten Pflichten, nahm
+uns auf, kehrte um und setzte uns vor Braunschweig ab. Dort mietete
+mein Vater einen Hauderer, der uns über Scheppenstedt, Magdeburg, die
+Walachei hindurch nach Thessalonich fuhr. In Scheppenstedt sollte
+gerade damals eine allgemeine deutsche Akademie errichtet werden,
+in Magdeburg war Landestrauer, weil die Klöße in dem Jahre nicht
+geraten wollten, in der Walachei werden lauter<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Wallachen gezogen, bei
+Thessalonich kommt man schon in das Türkische.</p>
+
+<p>Wenn ich nur nicht immer in der Rocktasche hätte sitzen müssen! Ich
+hatte den brennendsten Drang nach Selbständigkeit, nach unumschränkter
+Beobachtung, und mußte da immer zwischen Schinken und Semmel und
+Sauerbraten verächtlich zubringen, denn mein Vater pflegte auch sein
+Frühstück in die linke Rocktasche zu senken, und ich durfte nur
+soeben aus der Schlitze gucken. Ich sagte zu meinem Vater in jedem
+Nachtquartiere: Papa, die Tasche steht mir nicht mehr an, lassen
+Sie mich neben Ihnen sitzen. Er aber gab mir dann jederzeit einen
+väterlichen Kuß und schlug mir meine Bitte ab, weil ich ihm, wie
+er sagte, außer der Tasche verloren gehen könne. Mein jugendlicher
+Frohsinn schwand in der Tasche, ich fühlte, daß ich mich selbst mündig
+sprechen müsse, und wartete auf<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> die erste günstige Gelegenheit,
+diesen Entschluß auszuführen.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp45" id="illu-009" style="max-width: 38.3125em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-009.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p>In Thessalonich machten wir Halt und bezahlten unsern Hauderer. Der
+Hauderer erhielt gute Rückfracht, nämlich einen gefühlvollen, liberalen
+Russen mit seinen vier frisch angekauften zirkassischen Sklavinnen.
+Bei Thessalonich geht, wie gesagt, schon das Türkische an. Mein Vater
+wollte dort ein Mittel gegen die Emanzipation der Frauen ausfindig
+machen, und ich sollte Kadett bei den Janitscharen werden, sobald ich
+gehen und stehen könne. Indessen wendete das Schicksal alles gar anders.</p>
+
+<p>Mein Vater (ich mag nicht immer das Beiwort: Sogenannt hinzufügen,
+versteht sich also in Zukunft von selbst) ging viel spazieren,
+hauptsächlich um meinetwillen, um, so sagte er, mir früh Empfindung
+für die schöne Natur beizubringen, überlegte nur nicht, daß ich in
+der linken Rocktasche<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> von der schönen Natur wenig zu sehen bekam
+und ihm daher in meiner Finsternis auf das Wort glauben mußte,
+wenn er stillstehend, oder zwischen seinen Beinen durchguckend, in
+welcher Positur die Landschaft immer am reizendsten aussieht, von der
+göttlichen Aussicht, von der blauen, duftigen Ferne und dem goldenen
+Morgen- oder Abendrote laut schwärmte. Eine recht verkehrte Erziehung!
+Ich bat ihn flehentlich, er möge mich doch wenigstens in einen seiner
+Stiefeln stecken, wie die Samojeden ihre Kinder bei sich führen —
+er trug weite Schlappstiefeln mit seidenen Troddeln vorn — jedoch
+vergebens. Auch aus den Stiefeln fürchtete er mich zu verlieren.
+Meine Lage wurde allgemach unerträglich und ich weinte oft die linke
+Rocktasche ganz naß.</p>
+
+<p>Eines Tages saß mein Vater mit dem Rücken gegen einen Oelbaum gelehnt,
+sah<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> die Sonne untergehen und war außer sich über ihren purpurnen
+Widerschein im Meerbusen von Thessalonich. Sonst pflegte er bei allem
+Enthusiasmus die Hände in der Tasche zu halten, so daß kein Entrinnen
+gedenkbar war. Dieses Mal übermannte ihn aber seine Begeisterung, er
+schlug unter Interjektionen die Hände über dem Kopfe zusammen, und
+ich benutzte den Augenblick, um aus der Tasche zu schlüpfen: Da sah
+ich um mich, da atmete ich, da ward mir wohl nach langer Kerkerhaft.
+Ich kroch, ging, stolperte, lief ein wenig, wie es eben glücken
+wollte, während mein Vater seine Rede an Sonne und Meer fortsetzte.
+Ich war eben in der Furcht vor Schlägen auf dem Rückwege nach der
+Tasche — denn mein Vater züchtigte mich ungeachtet aller Liebe sehr
+oft in der empfindlichsten Art — als das Verhängnis mit mir die
+wunderlichen Spiele begann, welche sich so lange<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> fortsetzen und mir
+die eigentümlichsten Erfahrungen geben sollten.</p>
+
+<p>Plötzlich fühlte ich mich nämlich von einem großen, dunkeln Etwas
+überschattet, höre einen Lärmen, wie wenn ein Baum knattert und fällt,
+fühle ein rauhes Gefieder und zwei scharfe Krallen an meinem Leibe,
+sehe mich pfeilschnell erfaßt, in die Lüfte geführt, wolkenhoch
+emporgetragen. Mit Entsetzen erkenne ich mein Los und rufe mir zu: Du
+bist in den Fängen eines Lämmergeiers, du armer, deinem Vater so sauer
+gewordener Wurm! Warum, Unglücklicher, verließest du die Tasche? —
+Die Lage des Kindes war schaudervoll! Ueber mir der goldgelbe Bauch
+und die korallenrot glühenden Augen des Ungeheuers, um mich Luft und
+Wolken, oder Schwärme folgenden und krächzenden Gefieders, welches
+dem Geier seine Beute mißgönnte, tief, schwindlicht tief unten Land
+und Meer<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> wechselnd als dunkele und blanke Streifen! — Der Geier
+fliegt und fliegt; er ist ein Geier, der auf Reisen geht und sich
+seinen Mundproviant hat mitnehmen wollen. Das Ungeheuer schreit
+beständig: Pfy! Pfy! — Da rufe ich mit dem Witze der Verzweiflung:
+O, wenn du Pfy! schreien kannst, so rufe doch zuerst über dich Pfy!
+aus, abscheulicher Franz Moor der Lüfte; Pfy! über deine mehr als
+unredliche Handlungsweise! Nach der Naturgeschichte fällst du zuweilen
+ausnahmsweise Hirtenknaben an. Bin ich denn ein Hirtenknabe? Bin ich
+nicht das gebildete Kind gebildeter Eltern? Hast du nicht selbst
+Kinder, Barbar? Jammert dich der Vater nicht, der drunten mit dem
+Rücken gegen den Oelbaum gelehnt sitzt, vermutlich noch immer die Sonne
+sinken sieht, und an den Sohn in der Tasche glaubt?</p>
+
+<p>Ich war, man sieht es hieraus, über<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> meine Jahre gereift. Der Geier
+kehrte sich aber an meine Reden nicht, sondern flog und flog.</p>
+
+<p>Ein Blitz, ein Knall, ein Fall! Aus unermeßlicher Höhe stürze ich
+hinab; mir vergeht Hören und Sehen. Als ich von meiner Betäubung
+erwache, liege ich weich gebettet, und ohne daß mich eines meiner
+Glieder schmerzt. Ich sehe mich auf dieser Lagerstätte um: sie ist ein
+Karbonaromantel von blauem Tuch, ausgespannt zwischen zwei Tamarisken.
+Ein langer, bleicher Mann steht neben den Bäumen, die abgeschossene
+Perkussionsflinte in der Hand, der fürchterliche Geier liegt einige
+Schritte davon blutig am Boden, schlägt mit den Flügeln und zuckt und
+schnappt in letzten Zügen. Etwas weiterhin graset, abgezäumt, ein
+Reitpferd.</p>
+
+<p><span class="antiqua">I killed the vulture</span>, sagte der großmütige Brite nachdenklich,
+hob mich vom<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Karbonaromantel herunter, hielt mir seine Hand zum Kusse
+hin und fuhr gleichgültig fort: <span class="antiqua">You shall stand indebted for it all
+your life, Sir. Adieu.</span></p>
+
+<p>Er zäumte sein Pferd auf, schlug den Karbonaro malerisch um die
+Schultern, bestieg den Klepper und ritt fort. Um Gottes Willen, Mylord,
+habt Ihr mich darum gerettet, um mich in dieser Einöde dem Hunger, dem
+Durst, den wilden Tieren preiszugeben? rief ich. Bei der Gnade des
+Himmels! nehmt mich auf der Kruppe Eures Pferdes mit. <span class="antiqua">You would
+deprive me of my comfort</span>, versetzte der großmütige Engländer kalt
+und ritt wirklich fort, so daß ich ihn bald aus dem Gesichte verloren
+hatte. — Elender, sagte ich dumpf, ist dieses die Großmut Albions?
+Du dachtest an dein Jagdvergnügen und nicht an das gebildete Kind
+gebildeter Eltern, an den sauer zubereiteten Wurm seines Vaters,<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> als
+du schossest. Geh, falscher, heuchlerischer Brite, wir sind quitt!
+Bewaffne dich mit dem ganzen Stolze deines Englands, ich, ein deutscher
+Knabe, verwerfe dich!</p>
+
+<p>Durch diesen Monolog fühlte sich meine Seele erhoben und gekräftigt.
+Ich empfand zugleich, was ich meiner Ehre gegen den verruchten Geier
+schuldig war, der noch immer schnappte und jappte, trat daher zu ihm
+und sagte: Ein anderes Mal sehen Sie besser zu, wen Sie vor sich
+haben, Federvieh! Die Naturgeschichte erlaubt Ihnen, ausnahmsweise auf
+Hirtenknaben zu stoßen, nicht aber auf gebildete Kinder gebildeter
+Eltern. — Der Geier drehte seinen borstigen Schnabel matt nach mir um
+und verschied sodann, wie es mir vorkam, mit einiger Reue in den Augen.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp45" id="illu-019" style="max-width: 38.0625em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-019.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p>Ich betrachtete mir die Gegend. Nichts als Felsen und Klippen, eine
+über der andern, und in der Ferne noch höhere Kuppen!<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> Flechten,
+Moose und Heiden bedeckten den Stein, Alpenröslein zeigten die roten
+Kronen, wilder Lorbeer, Tamarisken, Johannisbrotstauden standen
+in leichten, dünnen, malerischen Gruppen umher. Ich war auf einer
+bedeutenden Höhe, denn die Luft zog scharf und kühl, allem Vermuten
+nach auf einem der berühmten griechischen Berge, denn der Geier war
+mit mir südwestlich geflogen, aber auf welchem? Ich befand mich in
+der peinigendsten Ungewißheit über diesen Punkt, weil ich einsah,
+daß es vor allen Dingen nötig sei, mich örtlich zurecht zu finden,
+um den richtigen Weg nach Thessalonich und der linken Rocktasche
+einzuschlagen, die mir bei den schweren Erfahrungen, welche ich in so
+kurzer Zeit über den Geier und Engländer gemacht hatte, schon jetzt wie
+ein verlorenes Paradies vorkam.</p>
+
+<p>Aber wie diese Kenntnis erlangen? Die<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> Gegend schien so einsam, daß
+kein Tier, geschweige denn ein Mensch sich erblicken ließ. Ich wollte
+anfangs das Geschick befragen und an meinen Jackenknöpfen abzählen, ob
+ich auf dem Oeta, Parnaß, Olymp, Pindus oder Helikon stehe? verwarf
+aber dieses Auskunftsmittel als zu kindisch und meiner nicht würdig.</p>
+
+<p>Das Dunkel nahte sich, die Kuppen der Berge wurden violett, Hunger
+und Durst begannen mich zu peinigen, und ich stand noch immer
+allein da droben, ich und der tote Geier, die einzigen lebenden
+Wesen in jener Einöde! Mich fror in meiner leichten türkischen
+Janitscharenkadettenuniform, die mir mein Vater schon hatte machen
+lassen! Sie bestand in weißen Pumphöschen, in einem auf europäische
+Art zugeschnittenen roten Kollett mit gelben Litzen und in dem Turban,
+der damals noch nicht abgeschafft war. Ein kleiner blecherner Säbel
+klirrte<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> an meiner Seite und einen Schnurrbart trug ich auch, vorläufig
+einen mit Kohle gezeichneten.</p>
+
+<p>Um wenigstens meinen Durst zu löschen — denn gegen den Hunger gab es
+da freilich nichts, als Stengel, Blätter und Alpenrosen — kroch ich zu
+einer Quelle, welche zwischen grünlichen Klippen hervorsprudelte und an
+diesem ihrem Ursprunge von einigen der schönsten Lorbeeren überstanden
+war. Ich ahnete, daß es mit diesem Wasser eine eigene Bewandtnis haben
+müsse, denn Gewalt und Klarheit wohnten in ihm so nahe beieinander, daß
+es kein gewöhnlicher Spring sein konnte. Zischend und schäumend drang
+der Strahl unter dem moosigen bekräuterten Steine an das Licht, als
+koche er, und einen Schritt weiter floß schon das klarste beryllgrünste
+Naß ohne Unruhe, Schaumblasen, Wirbel in seinem Rinnsale.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p>
+
+<p>Ich bückte mich zur Quelle und netzte meine Lippen, aber wie wurde
+mir da! In meinen Eingeweiden tat es ein Grimmen, in meinem Blute ein
+Wallen, in meinen Gliedern ein Glühen, in meinem Herzen ein Klopfen, in
+meinem Haupte ein Schwärmen! Die wundersamsten Phantastereien begannen
+mir vor den Sinnen umherzugehen. Meine rote Janitscharenkadettenuniform
+kam mir vor wie das Rote Meer, meine weißen Pumphöschen leuchteten mir
+wie der Schnee der Alpen, und mein kleiner blecherner Säbel gemahnte
+mich wie das Schwert des Alexander. Ich öffnete die Lippen, und sie
+sprachen unwillkürlich:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Gesperret lange Zeit in eine Tasche,</div>
+ <div class="verse indent2">Selbständigwerdenwollend ausgekrochen,</div>
+ <div class="verse indent2">Nahm in die Krallen dich der Gei'r, der rasche,</div>
+ <div class="verse indent2">Dem Albions Großmut drauf den Hals gebrochen,</div>
+ <div class="verse indent2">Und als dir nun gesunken die Courage,</div>
+ <div class="verse indent2">Fühlst du in Grimmen, Glühen, Wallen, Pochen</div><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>
+ <div class="verse indent2">Dein Herz gelöset fluten gleich der Träne</div>
+ <div class="verse indent2">Des Stocks im Lenz, am Born der Hippokrene!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Ja, ich hatte unversehens aus der Hippokrene getrunken und war sonach
+am Helikon! Meine Lippen öffneten sich abermals und skandierten
+unwillkürlich:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Sauerbereiteter Wurm des gütigsten Vaters,</div>
+ <div class="verse indent2">Für die Kadettenanstalt des größesten Sultans</div>
+ <div class="verse indent2">Mit dem Säbel aus Blech bewaffneter Knabe,</div>
+ <div class="verse indent2">Streife das rote Kollett und die weißen batistnen</div>
+ <div class="verse indent2">Höschen vom Leibe dir ab und glänze in reiner Klassischer Nacktheit!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Wirklich warf ich Säbel, Kollett, Turban, Pumphöschen, kurz alles und
+jedes ab, wälzte und kugelte mich wie toll umher, unwillkürlich, von
+dem Musenwasser getrieben. Schon hatten sich wieder neue Bilder in
+meine Seele und Weisen auf meine Lippen gedrängt; ich sang:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Feinsliebchen, wenn du suchest mich,</div>
+ <div class="verse indent2">Trala!</div>
+ <div class="verse indent2">Du findest mich ganz sicherlich</div>
+ <div class="verse indent2">Sasa!</div><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span>
+ <div class="verse indent2">Wie bei der Lamp' ich sitz' und mach'</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Liedchen für den Almanach!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Feinsliebchen, weißt du, was das ist?</div>
+ <div class="verse indent2">Trala!</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Büchlein voll von Jesuchrist</div>
+ <div class="verse indent2">Sasa!</div>
+ <div class="verse indent2">Und Blümelein und O! und Ach!</div>
+ <div class="verse indent2">Das ist der Musenalmanach!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Ich hatte rasch den Entschluß gefaßt, einen Musenalmanach zu schreiben,
+ganz allein ich selbst: um mir mein Brot zu verdienen, denn — rief ich
+—</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Warum denn andre brauchen und deren Instrumente?</div>
+ <div class="verse indent2">Ein rechter Virtuose spielt jedes Instrumente.</div>
+ <div class="verse indent2">Er bläst mit seinem Munde, dem Finger fünfe dienen,</div>
+ <div class="verse indent2">Das Lippenhauchgenährte, das Flöteninstrumente,</div>
+ <div class="verse indent2">Und streichelt mit dem Bogen, geknüpft am Ellenbogen,</div>
+ <div class="verse indent2">Das Saitenstegbewehrte, das Geigeninstrumente,</div>
+ <div class="verse indent2">Derweil an seinen Schenkeln sich hellen Schalles stößet</div>
+ <div class="verse indent2">Das Kindern klingklangwerte, das Beckeninstrumente,</div>
+ <div class="verse indent2">Und Klöpfel an den Knieen mit mut'ger Rührung rühren</div>
+ <div class="verse indent2">Das Kesselbauchbeschwerte, das Paukeninstrumente,</div><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span>
+ <div class="verse indent2">Von seinem Haupte aber die Glöcklein schwingend bimmelt</div>
+ <div class="verse indent2">Das Roßschweif' nie entbehrte, das Halbmondinstrumente.</div>
+ <div class="verse indent2">So mit Gebläs' und Streichen, mit Stoßen, Rühren, Bimmeln</div>
+ <div class="verse indent2">Sah ich, als sein der Meister fünf da der Instrumente,</div>
+ <div class="verse indent2">'nen einz'gen jüngst noch spielen am Markt das manigfalte</div>
+ <div class="verse indent2">Flöt-, Geige-, Pauken- und Halbmondinstrumente.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Damit war meine Begeisterung noch nicht erschöpft. Formen und Verse,
+Weisen und Reime, Laiche, Stollen, Stanzen, Assonanzen, Dissonanzen,
+Dezimen, Kanzonen, Terzinen, Handwerksburschenlieder, Sprichwörtliches,
+Afrikanisches, Madekassisches, an Personen, Gelegenheit, Denk- und
+Sendeblätter, Runenstäbe, Gepanzertes und Geharnischtes, Blätter und
+Blüten, Schutt — alles dieses und noch unendlich viel mehr entquoll
+meinen unermüdlich vom Wasser bewegten Lippen, so daß ich glaube, ich
+armes, nacktes Kind habe da<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> droben auf dem Helikon an jenem Abende
+in wenigstens sechs Dutzenden der verschiedensten Arten und Weisen
+meine Kindlichkeit lyrisch ausgesprochen. Ich weiß nicht, ob ich mich
+nicht totgeschrien haben würde und ein lyrisches Opfer geworden wäre,
+hätte nicht das Schicksal, welches mich schon aus den Fängen des
+Geiers rettete, nunmehr mich auch von den Folgen jenes hippokrenischen
+Sauerbrunnens befreit.</p>
+
+<p>Auf einmal nämlich, als ich eben ansetzte, meine Empfindungen im Geiste
+eines enthaupteten Hottentotten auszuströmen, fühlte ich mich von
+allen Seiten angerannt, übergerannt, beschnoppert, beleckt, befühlt,
+bestoßen, betrampelt. Zu Boden geworfen, sah ich nichts über mir und
+um mich als gelbe Augen, dürre Beine, rauche, bärtige Gesichter. Eine
+Herde wilder Ziegen war mit ihren Zicklein zum Orte gekommen<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> und übte
+an mir diese etwas stürmische Bewillkommnung aus. Mein anfänglicher
+Schreck dauerte indessen nur wenige Augenblicke; ich erkannte sehr
+bald, daß ich gutmütigen Wesen in die Pfoten gefallen war, die nur
+durch ihre Individualität bestimmt wurden, so unbequem ihre Freude über
+den Fund des kleinen Lyrikers zu äußern. Das waren keine blutdürstigen
+Lämmergeier, es waren sanfte, milde Ziegen mit den besten Herzen. Sie
+riefen alle im Chore: Ach, der arme Kleine! der Verlassene! Da liegen
+seine Häute, er muß eine fürchterliche Krankheit gehabt haben, wovon
+sie sich abgeschält haben, nun sieht er wie geschunden aus. Laßt uns
+seine Wunden lecken! der Jammervolle! Ich mußte im stillen über diese
+unerfahrenen Ziegen lächeln, welche meine Janitscharenkadettenuniform
+für einen abgestreiften Balg, und meine heile, weiße Haut für
+geschunden<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> ansahen, beschloß indessen Achtung vor dieser Volksmeinung
+zu haben und nicht übereilt mir durch Eröffnung einer höheren Wahrheit
+bei den Ziegen zu schaden. Indessen war ich doch bald genötigt,
+Einspruch zu tun, denn alle Ziegen leckten in ihrer wohltätigen Absicht
+so eifrig an mir umher, daß ich es vor Kitzel nicht länger aushalten
+konnte. Ich ergriff daher das rechte Vorderbein derjenigen Ziege,
+welche mir die älteste und verständigste zu sein schien, mit meinen
+kindlichen Händen, drückte es an mein Herz und sagte: Ehrwürdige
+Mutter, ich danke Ihnen. Genug nun des Leckens! Vertrauen Sie der
+Natur, und überlassen Sie ihr die Nachheilung meiner Ihrer Ansicht
+zufolge wunden und geschundenen Haut! — Wirklich ließen die gutmütigen
+Ziegen, sobald sie meinen Wunsch vernommen hatten, von ihrer Leckkur
+ab.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p>
+
+<p>Die Zicklein, welche bisher diese Szene der Barmherzigkeit mit
+possierlichen Mienen und Gebärden umstanden hatten, drängten sich
+jetzt, entsetzt seitwärts blickend, den Müttern so innig an, wie
+die jüngste der Niobiden dem Schoße, der sie doch nicht vor den
+schrecklichen Pfeilen zu bergen imstande war. Sie schrien meckernd:
+Der Geier! der böse Geier! und zitterten und bebten, als ob jener
+tote Bösewicht sie noch fressen könnte. Anfangs schauerten auch die
+Mütter bei seinem Anblicke zusammen, indessen faßten sie sich bald
+und beruhigten die Zicklein mit verständigem Meckern. O, rief eine
+der Ziegen, wie vielen Dank sind wir diesem armen kleinen Findlinge
+schuldig! Ohne ihn würden wir wahrscheinlich den Verlust eines von
+euch, ihr teuren Kinder, zu beweinen haben! Der Lämmergeier sah aber
+ihn und nahm ihn an Eurer Statt in die Lüfte! — Hier<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> erwachte mein
+ganzer Stolz, und auf die Gefahr hin, es mit diesem Ziegenvolke auf der
+Schwelle unserer neuen Bekanntschaft zu verderben, sprach ich: Meine
+Damen, Sie sind im Irrtum. Daß jener Räuber mich für einen Hirtenknaben
+hielt, den er nach der Naturgeschichte ausnahmsweise zuweilen anfallen
+darf, war schon unverzeihlich von ihm, daß er mich aber gar für ein
+Ziegenlamm hätte halten sollen, dazu traue ich ihm denn doch zu viel
+Verstand zu. — Das Wundfieber phantasiert aus ihm, riefen alle Ziegen,
+er weiß nicht, was er spricht. — Meine Schwestern, hob die älteste der
+Ziegen an, uns dieses kleinen verlassenen Wesens anzunehmen, erfordert
+unsere Ziegenpflicht, um so mehr, da es ein Opfer für eines unserer
+Kinder geworden ist. Bringen wir denn es vor allem unter Obdach, und
+späterhin wollen wir überlegen, was von uns für ihn geschehen kann!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p>
+
+<p>Die Herde setzte sich in Bewegung, die Mütter voran, die Zicklein
+folgend. Die Mütter stießen mich mit ihren Köpfen vorwärts; ich weinte
+und schrie, daß ich erst meine Janitscharenkadettenuniform wieder
+anziehen wolle, denn die klassische Nacktheit beginne mir frostig zu
+werden, davon aber wollten die Ziegen nichts wissen, sondern hielten es
+für eine neue Fieberphantasie, daß ich in jene kranken Hüllen kriechen
+wolle. Ich mußte mich daher fügen, klammerte mich zwischen zweien der
+Gesetztesten mit den Händen an deren Zottelpelzen an, und konnte so
+notdürftig mit der Herde mich fortbewegen.</p>
+
+<p>An Abgründen vorbei, auf rauhen Pfaden, über welche meine tierische
+Gesellschaft sicher ging, gelangten wir zu einer großen Felsenhöhle,
+dem von der Natur gebildeten Stalle dieser wilden Ziegen. Räumlich
+und wohnlich war die Höhle, ein warmer<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Hauch schlug aus der tiefen
+Wölbung meinem frierenden Körper wohltuend entgegen, der Boden und die
+Seitenwände waren mit weichem Moose ausgepolstert, das ertastete ich,
+als wir hineingingen. Der süße aromatische Duft des Tymians, welcher
+auf jenem Gebirge überall blüht, drang in die Höhle, kurz, dieser
+Aufenthaltsort konnte nicht tröstlicher gedacht werden, wenn man einmal
+von der linken Rocktasche seines Vaters verbannt sein sollte.</p>
+
+<p>Die Ziegen streckten sich auf dem weichen Moose nieder und begannen ihr
+Wiederkäuungsgeschäft, die Zicklein legten sich ihnen an die Euter und
+sogen, aber was wurde aus mir, dem Fremdlinge ohne Familienverbindungen
+in diesem Kreise? Traurig saß ich in einer Ecke auf meinem Moosklumpen,
+hungerte und durstete. Endlich ersuchte ich bescheiden auch um einige
+Milchnahrung, wenn die Kinder des Hauses<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> gesättigt sein möchten.
+Glaubst du denn, rief die älteste der Ziegen, welche die andern Sisi
+nannten, daß wir dich nicht längst auch zu unsern Nahrungsquellen
+herbeigelassen haben würden, wenn wir nicht wüßten, daß dein Wundfieber
+jede Ueberladung des Magens tödlich machen kann? — Ich bat sie bei
+den Häuptern ihrer hoffnungsvollen Lämmer, es darauf zu wagen, ich
+verschmachte sonst, worauf sich unter der Herde eine ziemlich lebhafte
+Verhandlung über die Zulässigkeit oder Nichtzulässigkeit des Säugens
+in meinem Zustande ergab, welche in den Beschluß auslief, daß mir
+ein Weniges an Milch wohl verstattet werden möge. Froh über diese
+Entscheidung kroch ich zur barmherzigen Sisi und sog die ersehnte,
+heilsame Nahrung in mich. Als ich aber im besten Saugen war, wurde ich
+schon wieder abgestoßen, weil ein Mehreres, wie die um mich besorgten<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span>
+Ziegen ängstlich ausriefen, mir sicherlich schaden würde. Ich war
+daher nur halbsatt geworden, indessen doch vor dem Hungertode nunmehr
+geschützt.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp46" id="illu-037" style="max-width: 38.375em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-037.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p>Ueber meine Nachtruhe entstand darauf eine zweite Verhandlung, welche
+ein Streit zu werden drohte, denn die Ziegen waren gegen mich so
+liebevoll gesinnt, daß jede mich in ihren Pfoten erwärmen und keine
+mich der andern gönnen wollte. Ich mußte voraussehen, bei diesem
+Liebesfeuer die ganze Nacht über ungewärmt zu bleiben, rief daher:
+Wohltätige und rechtschaffene Ziegen, teilt euch in euren kleinen
+Lyriker, laßt ihn bei jeder von euch eine halbe Stunde liegen! —
+Dieser Vorschlag fand Beifall, zuerst nahm mich die alte Sisi in ihre
+Pfoten, dann die Riri, dann die Quiqui, dann die Nini, dann die Mimi,
+dann die Lili, dann die Pipi, dann die Fifi, dann die Bibi, dann die
+Didi, dann die<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Wiwi, dann die Kiki, endlich und zuletzt morgens
+gegen vier Uhr die Zizi, die jüngste dieser meckernden Grazien.
+Denn diese Namen, alle in i endigend, führten die zwölf Ziegen, aus
+denen die Herde bestand. Ich hatte sie durch ihre Gespräche zufällig
+erkundet. Was meine Nacht betraf, so war sie freilich unruhig, denn
+ich hatte fast nichts zu tun, als mich niederzulegen und wieder
+aufzustehen, indessen erfror ich doch nicht.</p>
+
+<p>Wundert Ihr Euch, daß ich das Gemecker der Ziegen sobald verstehen
+lernte? Ihr hättet Euch eher darüber verwundern sollen, daß ich den
+Engländer verstehen konnte.</p>
+
+<p>Betrachtungen über mein sonderbares Schicksal raubten mir den wenigen
+Schlaf, den mir der Wechsel meiner zwölf Wohltäterinnen allenfalls noch
+hätte verstatten mögen. So bist du denn, dachte ich, indem du deine
+Selbständigkeit erringen<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> wolltest, in die Klauen eines Usurpators und
+darauf nach kurzem lyrischen Taumel unter das Vieh geraten, von welchem
+du nicht einmal für voll angesehen wirst ...</p>
+
+<p>In den nächsten Tagen besuchte ich mit den helikonischen Ziegen und
+ihren Zicklein die Weide. Ich muß ihnen das Zeugnis erteilen, daß sich
+die Ziegenmütter gegen mich immer gütig und liebevoll betrugen, und
+daß auch ihre Kinder nicht allzu arg mit mir umgingen, obschon diese
+freilich, mutwillig, wie die Jugend einmal ist, allerhand neckende
+Possen trieben, welche auf mich Bezug hatten, zum Beispiel sich gegen
+mich bäumten, mir über den Kopf wegsprangen, nach mir stießen, und was
+dergleichen Schalkstorheiten mehr waren, die ich als gebildetes Kind
+gebildeter Eltern nur verachten konnte. Du bist unter Ziegen, sagte
+ich zu mir selbst, wenn der Grimm in mir überwallen wollte, vergiß das
+nie<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> kleiner Münchhausen, du sauer zubereiteter Wurm deines Vaters.
+Ich fühlte, daß ich mich dem Zustande, in den mich einmal die Fänge
+des Geiers und die Kugel des großmütigen Engländers geworfen hatten,
+anbequemen müsse, versuchte also zuvörderst auf allen vieren zu laufen,
+da ich ohnhin auf meinen beiden kleinen menschlichen Füßen noch
+nicht recht fortkommen konnte, und bestrebte mich außerdem, auf jene
+bäumenden, springenden, stoßenden Scherze einzugehen, freilich nicht
+ahnend, wohin dieses Anbequemungssystem führen sollte.</p>
+
+<p>Wenn die gütigen und liebevollen Ziegenmütter sich nur nicht
+von vorgefaßten Ideen so sehr hätten leiten lassen! Aber es
+war meinen Bitten unmöglich, sie zu bewegen, daß sie mir meine
+Janitscharenkadettenuniform zukommen ließen; sie blieben steif und fest
+dabei, daß dieses Kollett, diese Hosen, dieser Turban Ueberbleibsel
+krankhafter<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> Häutungen seien. Nackt war ich also, und nackt blieb ich,
+so daß mich in den ersten Tagen meines ziegenhaften Lebens entsetzlich
+fror, bis die Haut eine Gegenwirkung zu entwickeln begann, welche den
+erkältenden Einfluß der Luft allgemach aufhob. Auch von der Milch
+bekam ich immer nur halbe Portionen, aus Sorge um mein angebliches
+Wundfieber. Oft knurrten meine Eingeweide vor Hunger. Bei allem dem
+war ich der Liebling der ganzen Herde und sämtliche zwölf Ziegen auf i
+nannten mich nur ihren herzigen Jungen. Ich hatte meine Verwunderung
+darüber, so viel Menschliches unter dem Volke zu finden, welches doch,
+wie ich aus allen Reden und Aeußerungen, die ich hörte, abnahm, in
+einer völligen Einsamkeit und Absonderung von der übrigen Welt auf
+diesen helikonischen Höhen erwachsen war und gegen die Menschen, von
+denen<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> es nur durch Hörensagen wußte, eine so tiefe Verachtung hegte,
+wie die tugendhaften Houyhnhums des Dechanten Jonathan Swift gegen die
+sündlichen Yahoos.</p>
+
+<p>Das Leben einer Ziege, insonderheit einer wilden, hat sonst viel
+Schönes. Der erste Frühstrahl drang golden, wie ihn die Ebene nicht
+kennt, in unsere Höhle und beleuchtete ihre moosigen Klüfte, vor
+denen nach dem Tage zu leichte Geflechte wilden Weines und bunter
+Winden hingen. Rote Lichter und farbige Schatten umspielten die Herde,
+die umher an den Steinen und Mooswülsten noch lag und schlummerte,
+bald aber sich erhob und die Glieder dehnend, in den Morgenwind
+hinausschritt, der die Waldreben und Winden säuselnd bewegte. Wie
+herrlich glänzte dann der hohe Gebirgsrücken mit seinen tausend Zacken
+und Klippen vor uns, wie nagte geschäftig der scharfe Zahn an den
+würzigen<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Kräutern, die ihn bedeckten, wie leckmäulerig wurde, wenn
+diese Kost genossen war, emporstrebend, die aromatische Rinde der
+Stauden und Bäume abgeschält, wie labte nach solcher Speise die süße
+Kühle der göttlichen Quelle! Die Lüfte wehten erquicklich und labend
+über diese Gipfel hin. Sie waren mit keinem Dunste der Ebene befrachtet
+und erzählten die Sagen der alten schönen Götterwelt. Tief drunten
+in weiter Ferne lagen die Städte der Menschen mit dem gemeinen Wuste
+ihres Wesens; zu diesen seligen Höhen drang der Schrei des Bedürfnisses
+nicht, und nicht der Seufzer der Sorge. Bisweilen erklang aus dem
+Gestein, umsproßt von wilden Rosen und Feigen, der melodische Schall
+der Steindrossel oder tönte aus den Heiden und Thymusbüschen der
+goldene Laut der Zikade. Alles klang hier voller, reiner, unschuldiger
+in der Nähe des<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> Bornes, den der Huf des heiligen Rosses aufriß, denn
+alles hatte aus ihm getrunken; selbst die Gräser, Blumen, Büsche,
+Bäume, welche das schäumende und doch so ruhige Naß benetzte, oder
+auch nur mit seinem feinen Dufte erreichte, standen stolzer und
+vornehmer da, als die Gewächse der Fläche. Wenn der Alpenhauch ihre
+Spitzen und Kronen rührte, beschrieben die Stengel und Zweige schöne,
+dem Auge wohltuende Linien in den Lüften. So war jegliches da droben
+verfeinert, abgeklärt und selbst im Kräftigen zart; Scheltworte, zu
+denen etwa einmal eines gegen das andere sich vergaß, adelten die Winde
+des Helikon in zierliche Epigramme um; dieses war, was die Nähe bot,
+die Ferne aber zeigte auch nur Erhabenes: Die göttlichen Häupter des
+Pindus, Parnassus und Kithäron.</p>
+
+<p>Mittags rasteten wir gewöhnlich auf einer sonnigen Halde. Dann aber
+kamen<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> die Gatten der Ziegen zu einem kurzen, aber traulichen Besuche.
+Sie bewohnten eine andere Felsengrotte an der entgegengesetzten Seite
+des Berges und führten eine abgesonderte Wirtschaft, denn zwischen
+beiden Geschlechtern bestanden hier die edelsten und keuschesten
+Verhältnisse. Dann begannen die gymnischen Spiele der Jugend, welchen
+nur in dem niedern Zustande gemeiner, zahmer Ziegen die herabwürdigende
+Bezeichnung von Bockssprüngen zukommen kann. Hier war in diesen Spielen
+feurige Kraft und die Blume der komischen Grazie zu schauen. Rings
+im Kreise gelagert freuten sich die sanften Mütter und die ernsten,
+ehrwürdigen, bebarteten Väter der herrlichen, überquellenden Lust und
+dachten ihrer einstigen Zeit. Meldete sich nun wieder der Gläubiger
+unter dem Zwerchfell, der nie die Schuld einzufordern vergißt, das
+heißt wollten die Ziegen und<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> ihre Gatten noch etwas fressen, so
+schied man mit herzlichem Gruße und dem frohen, getrosten Worte:
+Auf Wiedersehen! Beide Geschlechter gingen zu ihren Weideplätzen,
+und nun wurde noch ein leichteres Vesperfutter abgerupft. Wenn aber
+die dämmernde Eos mit Rosenfingern herabsank, und der Abendtau den
+klassischen Boden zu netzen begann, schritten wir lieblich meckernd
+heimwärts, erreichten vor der völligen Finsternis die bergende Höhle
+und streckten uns saugend oder wiederkäuend in ihrer behaglichen Wärme
+auf dem samtnen Moose aus. Bald goß ein leichter, träumeloser Schlummer
+seinen Balsam auf uns nieder, machte unserem Saugen und Wiederkäuen ein
+Ende.</p>
+
+<p>Ich sage: Wir, ich sage: Uns, ich sage: Unserem. Mit mir war nämlich
+eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Ich lernte von Tage zu
+Tage flinker auf allen<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> vieren laufen, ich nahm an den gymnischen
+Spielen der Jugend, bei welchen ich mich anfangs höchst ungeschickt
+betragen hatte, allgemach immer dreister teil und rannte eines Tages
+erhobenen Leibes, Kopf gegen Kopf mit einem Böcklein, welches mich
+zu diesem Stoßkampfe herausgefordert hatte, so tapfer zusammen, daß
+das Böcklein stürzte, ich aber stehen blieb, worüber alle Ziegen und
+ihre Gatten ein herzlich meckerndes Gelächter aufschlugen. Ich hatte,
+da mir die Milchnahrung nicht genügte, mich an das Nagen von Gräsern
+und Knabbern von Baumrinde begeben, zuerst den heftigsten Widerwillen
+gegen diese Speise verspürt, allmählich aber ihn schwinden sehen und
+gefunden, oder zu finden gewähnt, daß Gras wie grüner Kohl und Rinde
+wie Krautsalat schmecke — alles das war in mir vorgegangen, aber ich
+hatte dessen nicht geachtet, weil ich nicht über<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> mich nachdachte. Ein
+unvorhergesehener Vorfall entzündete endlich in mir die Fackel der
+Selbsterkenntnis und lehrte mich meinen umgestalteten Zustand verstehen.</p>
+
+<p>Eines Abends liege ich in der Höhle neben der Ziege Quiqui. Die
+Zicklein sind von den Eutern abgegangen und schlafen schon, die Mütter
+käuen wieder und unterhalten sich von Freiheit und Notwendigkeit. Ich
+schlafe noch nicht. Es geht mir etwas im Kopfe umher, was ich nicht zu
+nennen weiß, es ist ein formloses Etwas, was sich nach und nach durch
+die Kehle in die unteren Regionen hinabsenkt und dort ein losgebundenes
+Leben für sich anfängt. Meine Kinnbacken beginnen sich kreuz und
+quer übereinander zu schieben, und ein sonderbares Nachschroten ohne
+Gegenstand auszuführen; bald ergreift die angrenzenden und dann die
+unteren Teile die Mitleidenschaft, mir wird sehr übel, Dinge, die ich<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>
+für immer abgetan glaubte, steigen in mir auf, ich weiß nicht was
+das bedeuten soll, ich befürchte einen gefährlichen Magenkrampf zu
+haben, ich ächze, ich stöhne. Teilnehmend rutscht die Quiqui herzu und
+fragt, was mir fehle? So gut ich unter dem unaufhaltsamen Schieben und
+Schroten der Kinnbacken es vermag, schildere ich ihr den Zustand; und
+wer beschreibt meinen Schreck, als die sanfte Quiqui, Tränen vergießend
+und mich zärtlich an sich drückend, ausruft: Heil dir und Segen,
+herziger Junge! Du bist nun ganz der Unsere, du käust wieder! — Ihr
+Götter! rufe ich (denn auf dem Helikon spricht man nur mythologisch)
+was ist aus mir geworden? Ich habe aber nicht Zeit, diese Ausrufungen
+fortzusetzen, denn alle elf anderen Ziegen, welche den Freudenschrei
+der Quiqui vernommen haben, drängen sich um mich, und sind wie außer
+sich, die Lili leckt mich, die<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> Pipi neckt mich, die Riri schmiegt
+sich an, die Fifi riecht mich an, die Titi will mich küssen, die Wiwi
+hätte vor Liebe mich fast gebissen, Bibi, Didi, Kiki scherzen, Mimi,
+Nini herzen: von dem Jubel erwachen die Zicklein und Böcklein, hören
+halb schlaftrunken, was vorfiel, und nun verbrauset erst der rechte
+bacchische Taumel. Das springt, bockt, bäumt, stößt, rennt um mich
+her, das schüttelt sich, rüttelt sich, tänzelt, schwänzelt, hänselt,
+daß keine Phantasie, und wäre sie die kühnste und leichtfertigste,
+die tolle Szene, beleuchtet von einem zweifelhaften Mondschein, sich
+vorzustellen vermöchte. Nur die ehrwürdige Sisi behielt einigermaßen
+ihre Fassung, legte, als sie durch die Gewirre zu mir dringen konnte,
+ihre mütterliche Pfote segnend auf mein Haupt und sprach: Mögen dich
+Pan und alle Faunen beschützen, du junger Geretteter!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p>
+
+<p>Endlich legt sich der Sturm und alles lagert sich wieder zum Schlummer.
+Ich aber liege, halbtot von allen den Pfoten, Schnauzen, Köpfen,
+Bäuchen, die mir Liebe hatten erzeigen wollen. Der Schreck war freilich
+das meiste gewesen, denn keines der gutmütigen Tiere hatte mir wehe
+getan, sie hatten sich vor jeglicher Roheit zu hüten gewußt. Nur das
+Schieben und Schroten der Kinnbacken wollte nicht wieder geläufig
+in Gang kommen, dieser ganze Hergang war durch die Heftigkeit der
+Neigungen, die ich erdulden müssen, gehemmt worden, ich empfand einige
+Störungen im Verdauungsgeschäfte.</p>
+
+<p>Aber wie wenig bedeuten diese Unbequemlichkeiten gegen den
+Seelenschmerz und die geistige Unruhe, die ich in jener Nacht
+durchzudulden hatte! Ist es möglich, daß du unter Ziegen aufgehört
+haben solltest, ein Mensch zu sein? sprach ich zu mir<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> selber. — Warum
+hast du dich gehen lassen, warum deine angeborene Würde nicht im Auge
+behalten, nicht treu und fest im Auge behalten die schreckliche Gefahr
+herabziehenden Umgangs und erschlaffender Gewohnheit? Noch zitterte
+in mir ein schwacher Strahl der Hoffnung, daß alles nur Täuschung
+sein möge. Ungeduldig wachte ich dem Tage entgegen, der mir Gewißheit
+bringen mußte, wenn auch vielleicht eine schreckliche. Bei dem ersten
+Schimmer der Morgenröte schlüpfte ich, während die Herde noch ruhte,
+aus der Höhle, rief: Bedenke, daß du Mensch bist! und wollte aufrecht
+einherschreiten, aber, o ihr Himmlischen, es ging damit nicht; ich
+war genötigt, auf allen vieren zu laufen, auf allen vieren zur Quelle
+Hippokrene, welche mir die Wahrheit zeigen sollte.</p>
+
+<p>Ueber ihren klaren und göttlichen Spiegel gebeugt, sah ich nunmehr, daß
+alle schwarzen<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> Ahnungen recht hatten, daß das Entsetzliche geschehen
+war. Ich sah aus ihrer Flut einen mit zottigem Vließ bedeckten Leib mir
+abschreckend entgegenstarren, dünn und knöchern gewordene Gliedmaßen,
+die, als ob sie Scham empfänden, sich in Fell hüllten, ich sah spitz
+und steifgewordene Ohren und ach! jene von meinem Umgange mit der Herde
+mir so bekannte Physiognomie, in welcher der Mund sich zum breiten
+Maule verzogen, die Nase die lächerliche Streckung nach vorn angenommen
+hatte, die Augen aber, erschreckt von diesen Verwandlungen, nach den
+Seitenbeinen des Schädels auseinander gewichen waren; mit <em class="gesperrt">einem</em>
+Worte, denn wozu so viele? im Spiegel der Poesie sah ich mich als
+jungen, wenigstens werdenden Bock.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp44" id="illu-055" style="max-width: 37.375em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-055.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p>Dahin also ist es gekommen! rief ich, und suchte zu verzweifeln. Bist
+du darum deinem Vater so sauer geworden, darum<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> aus seiner Tasche
+gekrochen, um als Gehörnter und Beschweifter zu enden? — Denn die
+Musenquelle hatte mir außer allem, was ich beschrieben, auch an Stirn
+und Rückgrat Keime gewiesen, welche mit den Jahren, wenn das Wetter
+günstig war, zu Horn und Schweif erblühen konnten.</p>
+
+<p>Ich war sehr angegriffen und bedurfte der Stärkung, oder tat es die
+Nüchternheit des Morgens? genug, ich mußte fressen, und schälte einen
+der Lorbeerbäume über der Hippokrene ab. Ich suchte jetzt abermals zu
+verzweifeln, oder, da dieses nicht gelingen wollte, mindestens mein
+Los zu bejammern. Auch das glückte nur zum Teil. Wie verstehe ich das?
+fragte ich mich. Du hast deine Menschheit zum größeren Teile eingebüßt,
+und kannst keine Verzweiflung, ja nicht einmal einen recht tüchtigen
+Jammer zuwege bringen?</p>
+
+<p>Da machte ich eine Entdeckung in meinem<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Inneren, die noch schlimmer
+war, als die äußeren Wahrnehmungen, welche mir die Quelle gegeben
+hatte. Ich merkte nämlich, als ich mich scharf prüfte, daß ich den
+Verlust meiner Humanität eigentlich nur der Form wegen und Ehren
+halber betrauere, im Grunde aber mit dem Fell an Leib und Gliedern,
+mit dem breiten Maule, der nach vorn gestreckten Nase, den seitwärts
+abgewichenen Augen, mit den Keimen an Stirn und Rückgrat wohl zufrieden
+sei. Meine Seele war, das empfand ich, auch bereits in der Verbockung
+begriffen. — O Menschen! Menschen! Menschen! nehmt an dieser Tatsache
+ein warnendes Beispiel. Wahrlich, das Tier kommt rasch genug in euch
+zum Vorschein, wenn ihr nicht unablässig auf euch achtet.</p>
+
+<p>Ich graste und hing Betrachtungen dieser tiefsinnigen Art nach, als
+die Ankunft der Herde mich in derselben störte. Die guten<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Ziegen
+waren schon besorgt um mich gewesen und zeigten, als sie mich bei der
+Hippokrene denkend und grasend fanden, die unverstellteste Freude, so
+daß nicht viel an einer Wiederholung der nächtlichen Auftritte gefehlt
+haben würde, wenn ich nicht Rührung und Erschütterung über mein neues
+Glück vorgeschützt und sie ersucht hätte, meine durch das Wiederkäuen
+etwas angegriffene Gesundheit zu schonen. Ja, er bedarf der Ruhe,
+riefen die edeln Ziegen und entfernten ihre Pfoten und Mäuler von mir.
+Der Platz an der Hippokrene wurde für heute zur Weidestelle ersehen,
+und ich hörte sie lange, während sie fraßen, in erhöhter Stimmung und
+in einem sogenannten schönen Stile mein Glück preisen, daß ich endlich
+vernünftig und einer der Ihrigen geworden sei.</p>
+
+<p>So geht denn also durch das ganze Reich der Wesen derjenige Zug, von
+welchem ich<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> glaubte, daß er nur meinen ehemaligen Kameraden, den
+Menschen, angehöre! dachte ich bei diesen Gesprächen. — Erst wenn
+sie jemand zu sich heruntergezogen und ihn in seiner besten Eigenart
+vernichtet haben, glauben sie, daß er vernünftig geworden sei, und
+einer der Ihrigen zu heißen verdiene. So zerklopft der Wegewärter an
+der Chaussee die großen Steine und pflastert dann mit den kleinen
+Bröckelchen die gemeine Heerstraße des täglichen Verkehrs zu Fuß, zu
+Pferd und zu Wagen, mitunter auch zu Esel ....</p>
+
+<p>Ich war nun gleichsam Hahn im Korbe bei den guten und edeln Ziegen
+am Helikon. Sie liebten mich fast mehr, als ihre eigenen Kinder;
+natürlich, ich war ja das Kind ihrer Wahl und hatte für sie außerdem
+das besondere Interesse, daß noch einige Reste der Menschheit in mir
+staken, welche ihre fernere Erziehung ebenfalls auszutilgen<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> berufen
+schien und hoffen durfte. Sie bildeten und besserten unaufhörlich
+an mir, das heißt sie leckten und putzten mich beständig, um den
+vollkommenen Bock aus mir herauszulecken und zu putzen, und jedes
+Fünkchen widerstrebender Menschheit mir abzulecken. Ich mußte mir das
+gefallen lassen, obgleich ich es gern gesehen hätte, ein Stückchen
+Mensch zu bleiben, der möglichen Fälle halber, in welchen ein zweites
+Metier von großem Nutzen sein kann. Auch meine Sprache war ihnen noch
+nicht akademisch genug; sie meinten, es sei nicht das reine toskanische
+Meckern. Ich muß hier einschalten, daß ich mich deshalb so rasch mit
+meinen Wohltäterinnen hatte verständigen können, weil meine erste
+Kindheit mir teilweise unter deutschen Kanzelrednern hingegangen war,
+und ich daher nur bekannte Töne hörte, als ich zu den Ziegen kam, nur
+bekannte Töne im Gespräch mit<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> ihnen zu wiederholen brauchte. Indessen,
+wie gesagt, mein Meckern sollte doch noch nicht ganz rein sein, es
+mochte wohl noch in etwas den Kanzelredner verraten. Die gelehrte Ziege
+Pipi gab sich daher an das Werk und unterwies mich im Meckern nach den
+Regeln der Grammatik. Ich lernte rasch und fand, daß das Ziegen-Idiom
+einen großen Reichtum an eigentümlichen Wendungen für unklare
+Vorstellungen habe, weshalb es manchen Zeiten zu empfehlen sein dürfte,
+um darin die Geschäfte des öffentlichen Lebens abzuhandeln.</p>
+
+<p>Tage kamen und Tage gingen, und daraus wurden Wochen, und aus den
+Wochen stellten sich Monate zusammen, ohne daß unser idyllisches Leben
+auf dem Helikon irgend eine bedeutende Störung erlitten hätte, außer
+daß wir Zicklein mitunter von den Müttern zu sehr allein gelassen
+wurden und in einer dieser Verlassenheiten zwei<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> junge Böcke einbüßten,
+welche, den ersten ein Steinadler, den anderen ein Goldadler auffraß.
+Unser Gefühl wurde von diesen Verlusten schmerzlich berührt, obschon
+die Ziegen Fifi und Riri durch glückliche Entbindungen für den Ersatz
+sorgten. Jenes nicht selten vorkommende Alleinsein und die Einbuße der
+beiden Böcklein machte die Reste der Menschheit in mir nachdenken.
+Ich fragte, wenn wir so uns selbst überlassen umherirrten, kein gutes
+Futter finden konnten, oder uns durch unüberlegte Sprünge die Füße
+verstauchten, oder auch wohl vom richtigen Pfade gänzlich abgekommen
+waren, wo denn die Mütter seien? und erhielt zur Antwort, daß sie ihre
+Sitzungen hielten. Fragte ich nun weiter, aus was Grund und zu was Ende
+diese Sitzungen stattfänden? so erwiderten mir meine Altersgenossen,
+es seien die Sitzungen des Wohltätigkeitsvereins. Freilich<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> blieb ich
+durch solche Antworten so klug als vorher; ich schärfte indessen das
+Auge der Beobachtung und kam auch binnen kurzem der Sache auf den
+Grund. Leider entdeckten da meine Forschungen gewisse Schattenseiten
+an dem sonst so liebenswürdigen und vollkommenen Zustande der
+helikonischen Ziegenherde.</p>
+
+<p>Die wohltätigen und rechtschaffenen Mütter hatten nämlich einen
+Verein »zur Linderung des Elendes leidender Naturwesen« gestiftet.
+Dieser Verein war aus den Trümmern eines früheren, untergegangenen,
+entstanden, welcher auf die Verfeinerung ihrer Pelze abgezielt hatte.
+Ein reisender Waldesel war nämlich einstmals über den Helikon gekommen,
+hatte aus der Hippokrene gesoffen und darauf von dem wundervollen
+Gespinste der Tibetziege phantasiert, aus welchem in Kaschmir die
+herrlichen und kostbaren Schals gewebt<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> werden. Der phantasierende
+Esel hatte weder Tibetziegen noch Kaschmierschals selbst gesehen,
+sondern im Walde einen armenischen Kaufmann davon reden hören, der zwar
+mit den Schals bekannt war, die Ziegen aber auch nie in Augenschein
+genommen hatte, sondern nur von seinem verstorbenen Bruder gehört haben
+wollte, es gebe dergleichen. Die Phantasie des Esels entzündete aber
+die Phantasie der Mütter und befruchtete ihren Geist mit dem Ideale
+einer tibetischen Hochgebirgsziege. Dieses ferne hohe Bild brachte
+in ihnen den Trieb der Nacheiferung hervor, ihre Pelze dünkten ihnen
+seit dem Tage roh und gemein, sie verbanden sich, durch ein Leben im
+höheren Sinne des Worts ihre Wolle zu verfeinern und es womöglich bis
+zur Kaschmirwolle zu bringen, denn der Pelz ist einer Ziege das, was
+schönen Seelen ihr Gemüt ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p>
+
+<p>Das Leben im höheren Sinne des Worts konnte aber nur dadurch in das
+Werk gerichtet werden, daß sie alle Gemeinschaft mit ihren Gatten
+abbrachen und die Milch bei sich behielten. Diese Schritte bedrohten
+nun die ganze Herde mit dem Untergange, und als die Seufzer der
+Gatten und das Wimmern der Zicklein ihnen die Gefahr einleuchtend
+gemacht hatten, so mußten sich die hochherzigen Ziegen entschließen,
+dem schönen Unternehmen zu entsagen; schmerzlich ergriffen, denn wie
+es ihnen vorkam, war während der wenigen Tage, wo Gatten und Kinder
+darbten, ihr Pelz schon merklich feiner geworden.</p>
+
+<p>Aus diesem Wolleverbesserungsvereine war der Verein zur Linderung des
+Elendes leidender Naturwesen hervorgegangen, weil das höhere Selbst
+der helikonischen Ziegen Befriedigung wollte, und für die Einbuße
+Ersatz heischte. Der neue Verein bekümmerte<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> sich um jedes Unglück
+und half allen Insekten, Vögeln und kleinen Säugetieren, die in Not
+staken. Er hielt wöchentlich seine regelmäßigen Sitzungen; ich habe
+mehreren derselben beigewohnt, da man mich als Böcklein von guten
+Anlagen für würdig hielt, so edle und gemeinnützige Tathandlungen
+kennen zu lernen. Die Ziegen pflegten an einer beschatteten Stelle
+des Berges im Kreise umherzuliegen und wiederzukäuen; die verständige
+tugendhafte Sisi aber, welche auf einem erhöhten Steine in der Mitte
+des Kreises ruhte, führte in diesen Konferenzen das Präsidium. Während
+des Wiederkäuens wurden denn nun Notfälle der verschiedensten Art in
+barmherzige Erwägung gezogen, als zum Beispiel wie einer Hummel zu
+helfen sei, welche die Ziege Riri hatte in das Wasser fallen sehen? ob
+man nicht einer erlahmten und erstummten Grille eine Art Hackbrettlein<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span>
+aus Blättchen und Dörnchen zurichten lassen könne, um ihr die Ausübung
+ihrer Kunst für die Zukunft wenigstens einigermaßen möglich zu machen?
+oder in welcher Art einer in ihrem Loche darbenden Maus Futter für
+sich und ihre Jungen geschafft werden möge, von der die Ziegen
+wußten, daß sie ohne Verschulden in solche Nahrungslosigkeit geraten
+war, und was dergleichen wohltätige Maßnahmen mehr waren, welche den
+helikonischen Ziegen und ihrem Vereine einen fast göttlichen Namen bei
+allem notleidenden Geschmeiße zuwege gebracht hatten. Ich sage: Bei dem
+Geschmeiße, denn was die edleren Geschöpfe betrifft, so wollten die
+von dem Vereine und seinen Taten nichts wissen. Die Steindrossel hörte
+auf zu singen, wenn die Ziegen in der Nähe ihres Busches ratzuschlagen
+begannen: eine weiße Hinde, welche zuweilen Besucheshalber auf den
+Berg kam,<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> wies, als die Ziegen ihr den Antrag machten, in den
+Wohltätigkeitsverein einzutreten, statt aller Antwort nur den stolzen
+Rücken, und die Lorbeerbäume, unter welchen die Sitzungen vor sich
+gingen, habe ich oft die Kronen hochmütig schütteln sehen, wenn die
+Reden der Ziegen im tönendsten Schwunge und ergiebigsten Flusse waren.
+Ja, einer jener geweihten Bäume mußte die Nähe der barmherzigen Ziegen
+selbst körperlich nicht vertragen können. Er bekam ein krankes Ansehen
+und ging endlich ganz aus.</p>
+
+<p>Auch erreichten die Mütter nicht in allen Fällen ihre tugendhaften
+Zwecke. Es war streng verboten, daß von irgend einer Ziege privatim,
+ohne Aufsehen, aus dem Stegreife, wie sie sie fand, Not gelindert
+werden durfte; nein, alle Wohltätigkeit sollte seit der Stiftung
+des Vereins im Geschäftswege verwaltet werden, und die Einzelziege<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>
+war streng angewiesen, dem leidenden Wesen, welches sie traf,
+vorüberzugehen und über den Fund nur dem Vereine zu berichten.
+Auf diese Weise wollten die helikonischen Mütter die gemeine,
+instinktartige Milde ausrotten und an deren Statt die höhere,
+selbstbewußte, die administrierende Milde pflanzen. Da es nun aber
+immer mit einiger Weitläufigkeit verknüpft war, eine Sitzung zustande
+zu bringen, die Sitzungen selbst jedoch das Weitläuftigste bei der
+ganzen Sache wurden, indem die Ziegen meckernd und wieder meckernd
+gleichsam außer ihrem Futter auch die Barmherzigkeit wiederkäuten, so
+kam oft alle Hilfe zu spät. Die Hummel, welcher ein auf der Stelle
+zugeworfenes Blatt das Leben gerettet hätte, war während der Reden
+über die Pflicht, sie zu retten, untergegangen, und die Maus, der die
+vorübergehende Einzelziege ein paar Körner hätte<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> zuscharren können,
+bis es zum Gesamtwirken für sie kam, Hungers gestorben.</p>
+
+<p>Mitunter war etwas unternommen worden, was gegen die Natur anging.
+So konnte fast keine der lahmen Grillen mit den Kunsthackbrettchen
+fertig werden. Am schlimmsten waren, wie ich schon angedeutet habe,
+die langen und weitläuftigen Sitzungen des helikonischen Ziegenvereins
+für uns Zicklein und Böcklein. Wenn wir während derselben ohne Weg
+und Steg und oft ohne Futter umherliefen, wenn Gefahren und Raubtiere
+uns außer acht Gelassenen drohten, da konnten wir armen Schluckerchen
+nicht selten unsere bitteren Tränen darüber vergießen, daß die Mütter
+an ertrinkende Hummeln, lahme Grillen und hungernde Mäuse dachten und
+uns vergaßen. Indessen waren solche Tränen und jene Mißglückungen im
+ganzen unwichtig. Die Helikonierinnen lernten sich<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> durch den Verein in
+ihrer Vortrefflichkeit immer mehr fühlen und an ihrer eigenen Tugend
+begeistern, und darauf kam es doch hauptsächlich vor allem an.</p>
+
+<p>Ich habe lange nicht gewußt, auf was Art diese Stimmung, welche die
+eigene Familie um Geschmeiß hin und wieder vernachlässigen lehrte, und
+eine schlichte und unscheinbare Barmherzigkeit zu einem glänzenden
+Geschäfte aufzublasen antrieb, bei den Helikonierinnen entstanden war.
+Endlich konnte ich mir das Rätsel erklären. Die helikonische Herde soff
+nämlich, wie wir wissen, aus der Hippokrene. Diese Quelle wirkt nun bei
+allen, welche sie trinken, die gewaltigsten Dinge, jedoch nur bei den
+durch das Schicksal dazu Vorbestimmten jenen reizenden Wahnsinn, den
+wir kennen, bei vielen dagegen versetzt sich das Wasser und schafft
+entweder die abscheulichsten Würfelreime, wie bei mir der<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> Fall war,
+so oft ich trank, oder einen sozusagen erhitzten und geschwollenen
+Zustand im Handeln und Empfinden, den man die blühende Prosa des Lebens
+nennen könnte.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp44" id="illu-073" style="max-width: 37.375em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-073.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p>Die helikonischen Ziegen gehörten nicht in die Reihe der zum reizenden
+Wahnsinn Vorbestimmten. Bei ihnen wirkte die Quelle den Drang zu
+unnötigen Tugenden und überflüssigen Wohltätigkeiten. Ihr Zustand war
+blühende Prosa. Dieser Zustand rührte von versetzter Hippokrene her.</p>
+
+<p>Wie oft mußte ich, als ich nachmals mehr unter Menschen kam, und
+ihre geschmacklosen Herrlichkeiten, ihre Aufspannungen für und um
+das Erbärmliche kennen lernte, still für mich ausrufen: Versetzte
+Hippokrene! — Wo diese mit der blühenden Prosa in ihrem Gefolge
+auftritt, da stirbt das melodische Getön der Steindrossel, da weiset
+die stolze, weiße<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Hinde vornehm den Rücken, da schüttelt der Lorbeer
+zornig die Krone oder geht aus.</p>
+
+<p>Auch die Gatten der Ziegen soffen für gewöhnlich aus der Hippokrene
+und wollten hinter den Gattinnen nicht zurückbleiben. Sie gehörten
+ebenfalls nicht in die Reihe der zum reizenden Wahnsinn Vorbestimmten,
+was mir gewiß jeder, der einmal einen solchen Gatten gesehen hat,
+auf mein Wort glaubt. Da nun die Gattinnen ihnen schon das Elend
+des Geschmeißes weggenommen hatten, so waren sie auf dessen Laster
+beschränkt und stifteten unter sich einen Verein »zur Rettung sittlich
+verwahrloster Naturwesen«. Der Zweck desselben war: durch moralische
+Einwirkung, durch tugendhafte Anrede und herzliche Aufmunterung zum
+Guten alle die Tierlein, welche ihrer Natur nach stechen, beißen,
+kratzen, stehlen oder sich von<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> schmutzigen Dingen nähren, zu einem
+unschädlicheren und reineren Leben anzuführen. Nach der Absicht der
+Stifter sollte, wenn der Verein wirklich durchgriffe, die Mücke ihrem
+Stachel und der Floh seinem Blutdurst entsagen lernen, die Elster auf
+den Diebstahl verzichten, Würmer und Maden aber von Unrat und Aas sich
+entwöhnen.</p>
+
+<p>Da ich mich allein bei den Ziegen aufhielt, so kann ich nicht sagen,
+wie weit der Besserungsverein mit seiner Tätigkeit gediehen war, als
+ich auf den Helikon kam. Ich weiß nur, daß allerhand Geziefer auch auf
+diesem heiligen Berge stach, biß, kratzte, stahl und Unaussprechbares
+fraß, weiß aber nicht, ob es gebessertes oder ungebessertes war.
+Einer einzigen Versittlichungsgeschichte Augen- und Ohrenzeuge bin
+ich geworden, von ihr will ich berichten, muß ich sogar berichten, da
+sich eine Katastrophe<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> mit ihr verband, welche zu weiteren Schicksalen
+Münchhausens des Kindes, damals Böckchens, führte.</p>
+
+<p>Die vereinigten Böcke ... oder vielmehr die sittlichen Gatten der
+wohltätigen Ziegen waren an dem Tage, der meiner Auffindung folgte, an
+den Ort gekommen, wo der großmütige Engländer sein Pferd hatte grasen
+lassen und der tote Lämmergeier lag. Wo das Pferd gestanden, fanden sie
+einen Käfer mit schwarz glänzenden Flügeldecken, einen der Art, welche
+bei Aristophanes die Knechte des Trygäos dem Herrn für den Ritt zu Zeus
+auffüttern, und die Deutschen Mistkäfer nennen. An dem Halse des Geiers
+aber bemerkten sie die stahlblaue Fliege, Schmeißfliege geheißen,
+die ich, wie jenen das »Roß des Trygäos« aus Delikatesse »die blaue
+Schwärmerin« nennen will.</p>
+
+<p>Dreht sich einem nicht das reine Herz<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> im Leibe um, rief einer der
+Gatten, zwei Mitwesen in solcher Niedertracht zu sehen? O Brüder, laßt
+uns hier helfend einschreiten, laßt uns diesen Gefallenen die rettende
+Klaue reichen, entwöhnen wir den Käfer von seinen üblen Neigungen, die
+Fliege von der Leidenschaft, selbst die ungeborne Zukunft ihres Stammes
+einem verdorbenen Elemente einzupflanzen, machen wir Käfer und Fliege
+zu anständigen Leuten, die in der guten Gesellschaft fortkommen können!</p>
+
+<p>Allgemeiner Beifall folgte dieser Rede. Einstimmig beschloß man,
+das Roß des Trygäos und die blaue Schwärmerin sollten sittlich und
+anständig werden, sie möchten wollen oder nicht. Vorsichtig scharrte
+der Redner, der Ziegengatte Solon (sie hatten sich lauter Namen von
+weisen und erhabenen Männern des Altertums beigelegt), den Käfer von
+seinem Mahle mit<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> der Klaue hinweg und trieb ihn in eine Felsritze, die
+sofort durch einen vorgewälzten Kiesel zum Besserungsgemache erschaffen
+wurde. Diese Unternehmung hatte wenig Schwierigkeiten gehabt, denn ehe
+ein Käfer zum Fliegen gelangt, dauert es einige Zeit mit Bauchdehnen
+und Halsrecken. Schlauer mußte man mit der Fliege zu Werke gehen, der
+wohlbeschwingten Schwärmerin. Indessen gelang es dem jungen Plato,
+einem Ziegengatten von der unerreichbarsten Hoheit der Gedanken, die
+zu Bessernde zu beschleichen, sie mit seinen Lippen zu erschnappen und
+zwischen denselben nach dem Astloche eines Feigenbaumes zu tragen,
+worin sie durch einen vorgestopften Pflock verspündet wurde. Man teilte
+das freudige Ereignis bei der nächsten Zusammenkunft den Gattinnen mit,
+welche nicht verfehlten, an den Hoffnungen des Vereins den lebendigsten
+Anteil zu nehmen. Auf<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> diese Weise erhielt ich von der Sache Kunde. Wir
+Zicklein und Böcklein mußten nun den Ort, wo das Pferd des großmütigen
+Engländers gestanden, rein scharren, die erwachsene Herde stürzte aber
+den Leichnam des toten Geiers in einen tiefen Abgrund, um von den
+beiden eingesperrten Zöglingen der Sittlichkeit alle Anreizungen zum
+Laster zu entfernen.</p>
+
+<p>In den folgenden Tagen begannen nun Solon und Plato, unterstützt
+jezuweilen von den übrigen Mitgliedern des Vereins, ihre Reden und
+Ermahnungen an das Trygäosroß und die blaue Schwärmerin. Solon lag
+vor der Felsritze und hielt seine Schnauze an ein federspulenkleines
+Löchlein, welches der Kiesel unbedeckt ließ; Plato stellte sich an
+dem Feigenbaume auf die Hinterfüße, hielt sich mit den Vorderfüßen
+am Stamme fest und legte das Honigmaul gegen das Astloch, um sich
+verständlich<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> zu machen. In dieser Stellung oder Lage hielten die
+beiden Böcke ihre Besserungsreden, wenn sie nicht fraßen, der eine die
+Feigen des Baumes, der andere das junge Laubgesproß, welches an der
+Felsritze gerade in der wucherndsten und saftigsten Fülle wuchs.</p>
+
+<p>Ist es denn nicht besser, sich an reiner und reinlicher Nahrung zu
+sättigen? sprach Solon zum Käfer, wenn er von dem Genusse des Laubes
+ausruhte. — Fühlst du denn nicht, du armer Gesunkener, daß uns alle,
+Ziegen, Käfer und Fliegen, Zeus der Vater in die Furchen der brütenden
+Mutter aussäte, die Speise aus der Hand der Götter, nicht aber sie aus
+der Pforte, die da stets nur ausläßt und nimmer ein, zu empfangen?
+Schreckliche, unbeschreibliche Verirrung, das, was Trift und Gefilde
+heilsam in das Reich der blonden Demeter emporschickt, zu verachten,
+und erst dann<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> danach zu streben, wenn es, in den Hades gestoßen, dem
+gestaltenlosen Schattengebiete der traurigen Persephoneia angehört!
+Liebst du des Hafers goldenes Korn, warum frissest du nicht Hafer?
+Gelüstet dich nach dem Sproß des Grases, weshalb beißest du nicht
+in Gras? Was reizt, was verführt dich, das alles erst umgestimmt,
+entmischt, abgenützt zu mögen? Höre dieses freudige Knirschen und
+Rauschen vor deinem Kerker, vernimm, wie ich in dem saftigen, fetten
+Portulak, in der wilden, bittern Kresse, in dem erfrischenden Sauerklee
+schmause. Könntest du denn nicht, wenn du frei wärest, neben mir
+brüderlich sitzen und dieser von der Oreas uns verliehenen Blätter
+dich erfreuen, als einige Schritte weiter zurück, ein Helot und
+Barbar, zu harren, ob dir ein von der Harpyie besudeltes Mahl werde?
+Oder sagst du: Ich bin Käfer, du bist ein Ziegengatte?<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> Nun so blicke
+auf deinesgleichen, sieh, wie der kleine, rote, zirpende Schelm das
+süßduftende Blatt der Lilie nagt, wie der Runde mit kupferbraunen
+Flügeln und grünem Schilde im Schoße der Rose schwelgt! Denen folge,
+denen schließe dich an, bei ihnen ist deine Stelle! Friß Lilien,
+wenn du nicht Hafer, friß Rosen, wenn du nicht Portulak, Kresse und
+Sauerklee fressen willst!</p>
+
+<p>Nach diesen Reden fühlte sich der edle Solon immer mit neuem Appetite
+versehen, und war zu erhöhter Tätigkeit an den Bergkräutern aufgelegt.
+Plato, wenn er vom Feigenfraß rastete, hielt Ermahnungen ungefähr des
+nämlichen Inhalts an seine Schülerin. — Auch er riet der Fliege auf
+das Eindringlichste, verdorbenes Fleisch zu lassen, in Zukunft Feigen
+zu fressen und auf Feigen ihre Eier zu legen. Er suchte besonders auf
+das Muttergefühl zu wirken<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> und in glänzenden Bildern ihr vorzustellen,
+welch ein begabteres Geschlecht ihre Brut werden würde, wenn sie statt
+in Duft und Dunst, da droben auf sonnebeschienenem, lüftegewiegtem
+Zweige auskäme. Auch er verzehrte nach seinen Reden immer wieder
+Feigen, so lange dergleichen noch am Baume hingen, dann nagte er die
+Zweige ab, so daß der Baum ein ziemlich verwüstetes Ansehen zu bekommen
+anfing.</p>
+
+<p>Das Roß des Trygäos und die blaue Schwärmerin lebten bei diesen
+Ermahnungen in ihren Besserungslöchern ein trauriges Leben. Sie waren
+beide schlichte, rohe Naturwesen ohne alle Theorie, praktischen Trieben
+ergeben. Anfangs rasten sie wie wahnwitzig brummend und schnurrend in
+den Kerkern umher, da ihnen dieses aber nichts half, so wurden sie
+still und hörten den Reden ihrer Verbesserer zu. Von denen verstanden
+sie nun aber nicht<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> das mindeste, als, daß der Käfer Lilien und Rosen
+fressen, die Fliege sich zu Feigen wenden solle — Zumutungen, die Roß
+und Schwärmerin außer sich setzten, weil sie ihnen das Beleidigendste
+dünkten, was ihnen nur gesagt werden konnte. Seelenverkäufer!
+Seelenverkäufer! brummte der Käfer. — Warum soll denn unsereins nicht
+fressen, was unsereinem schmeckt? — Ich such', such', such' Geruch!
+summte die Fliege. Am meisten ärgerte es die beiden Kandidaten der
+Sittlichkeit, daß sie ihre Besserer draußen behaglich in Laub und
+Feigen knarpen hörten und daß denen die tugendhaften ermahnenden Reden
+gleichsam nur dienten, sich der Verdauung halber nach dem Essen eine
+Bewegung zu machen. Indessen nahmen die Dinge für beide eine sehr
+ernste Gestalt an, denn sie bekamen natürlich nicht das Allergeringste
+zu essen und fielen daher während ihrer Bearbeitung<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> zu einem reineren
+Leben jämmerlich ab. Das Trygäosroß wurde so matt, daß es kaum noch auf
+den Füßen stehen konnte; die blaue Schwärmerin ließ kraftlos die Flügel
+hängen.</p>
+
+<p>In dieser traurigen Verfassung überkam sie der den Tieren eingepflanzte
+schlaue Trieb der Selbsterhaltung. Sie setzten sich vor, zu heucheln,
+und gaben klägliche und melancholische Töne von sich. Höre! rief Solon
+dem Plato zu (denn Felsritze und Feigenbaum waren einander nahe); das
+Laster schlägt in sich, die ersten Kennzeichen der Reue sind zu spüren.
+— Meine arme Gefallene ächzt auch schon über ihr Unheil, versetzte
+Plato. Nach einiger Zeit prüften die beiden ehrwürdigen Ziegengatten
+den Sinn der Bekehrten, indem Plato ein Stückchen Feige, welches noch
+am Baume gehangen hatte, vorsichtig in das Astloch schob, Solon aber
+ein Lilien- und Rosenblättchen<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> unter den Kiesel in die Felsritze zu
+bringen wußte.</p>
+
+<p>Roß und Schwärmerin erbebten vor Grimm bei dieser Darlegung
+abscheulicher Anträge, wie sie ihnen vorkommen mußten. Die Schwärmerin
+entwich entsetzt vor dem Feigenstücklein in die letzte Ecke des
+Astloches zurück, das Roß stieß die Blätter deren Geruch ihm den Atem
+raubte und die Luft seines Wohnortes ihm zu verpesten schien, mit den
+kurzen, kräftigen Beinen von sich ab. — Niederträchtiger Gestank!
+brummte es. — Sollte man's glauben, daß es Narren gibt, die an dem
+greulichen Zeuge Behagen finden? Ich ersticke! O meine Ambrosia! —
+Feigen! Feigen! Feigen! Kinderpapp! Kinderpapp! tosete die Schwärmerin.</p>
+
+<p>Aber ihre Lage war zum äußersten gediehen. Die Besserer draußen, das
+begriffen die Opfer der Sittlichkeit drinnen,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> konnten es bei guter
+Nahrung mit ansehen, wenn sich das Geschäft auch noch so sehr in
+die Länge zog. Hunger tut weh, Verstellung tat not, die draußen zu
+täuschen. Der Käfer überwand sich und fraß unter Verwünschungen und
+Zuckungen etwas Lilien und Rosen, welches er aber alsobald wieder
+von sich gab, so übel bekam ihm der höhere und reinere Lebensgenuß!
+Die Fliege bezwang ihr schauderndes Gemüt und verrichtete über der
+Feige einigermaßen und gleichsam zur Probe das, was von ihr im Namen
+der Tugend gefordert wurde. Plato und Solon hatten gelauscht und an
+dem Geräusche, welches drinnen entstanden, abgenommen, daß etwas
+Entscheidendes vorgefallen sein müsse. Öffnend jetzt die beiden
+Verließe, sahen sie Lilien und Rosen angenagt, das Feigenstücklein
+beschmeißt, Roß und Schwärmerin aber halb ohnmächtig auf dem Rücken
+liegen. Solon<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> und Plato umarmten einander mit den Vorderbeinen und
+riefen: Triumph! die Tugend hat gesiegt! Das Laster ist aus dem Busen
+dieser sittlich Verwahrlosten gewichen, sie werden nie wieder in ihre
+schimpflichen Angewöhnungen zurückfallen.</p>
+
+<p>Der Jubel drang zu den übrigen Ziegengatten, welche ungeachtet ihrer
+Ehrwürdigkeit den frohen Fall mit einem herrlichen Reigentanze in
+den kühnsten Sprüngen feierten. Auch die Mütter und uns Zicklein
+und Böcklein zog das Getöse herbei. Die Mütter wurden mit wenigen
+freudig-meckernden Worten von dem Gelingen der Versittlichung in
+Kenntnis gesetzt, sahen Roß und Schwärmerin die Füße von sich strecken
+und vergossen Tränen der Rührung. Wie die Frauen denn immer mit
+blitzschneller Ahnung das Höchste, Richtigste treffen, so ging auch in
+den helikonischen Ziegen damals die Blüte des versittlichenden<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> Wirkens
+auf. — Laßt uns aus diesen beiden der Tugend gewonnenen Wesen ein Paar
+machen! riefen die Ziegen begeistert. Verheiraten wir sie miteinander,
+und als Aussteuer geben wir ihnen so viele Lilien, Rosen und Feigen,
+als sie am Helikon finden können!</p>
+
+<p>Ein unglaublicher Sturm des Entzückens folgte diesem Vorschlage.
+Zwar wollte der ehrwürdige Moschus den Zweifel erheben, ob selbiges
+Ehebündnis wohl fruchtbar ausfallen möchte, und der kritische Bion
+erst die Neigungen von Braut und Bräutigam prüfen; aber die erwähnten
+Bedenken fanden keinen Anklang, vielmehr rief der Chorus der übrigen
+einhellig: Wo die Tugend zusammenführt, kommt es auf Neigung und
+Fruchtbarkeit nicht an!</p>
+
+<p>Man wollte sogleich zu diesen Hymenäen im Namen der Sittlichkeit
+schreiten. Plato und Solon nahmen das Trygäosroß und<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> die blaue
+Schwärmerin auf ihren Rücken. Sie schritten voran, die ehrwürdigen
+Gatten folgten ihnen paarweise, denen folgten die rechtschaffenen
+und wohltätigen Mütter, hinter den Müttern sprangen wir Zicklein und
+Böcklein, und so setzte sich der Zug nach dem Platze an der Hippokrene
+in Bewegung, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte.</p>
+
+<p>Dort angekommen, nahm die alte verständige Sisi das Roß zwischen ihre
+Lippen, die gute Quiqui aber tat desgleichen mit der Schwärmerin. Sie
+trugen demnächst das Brautpaar zu einem hohen Steine, stellten die
+beiden jungen Leute, welche von der freien Luft erfrischt, wieder
+stehen konnten und überhaupt mit jedem Augenblicke munterer zu werden
+schienen, auf den Stein nebeneinander, und darauf schlossen wir
+alle, jung und alt, einen weiten Kreis um das Paar. Das in der<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> Eile
+entworfene Programm der Festlichkeiten ordnete diese Reihenfolge
+derselben an: Strophe, Reden von Solon und Plato; Gegenstrophe;
+Zeremonie, Schlußgesang, gymnisches Spiel, Reigentanz, Festmahl.</p>
+
+<p>Eine der kleinen lahmen Grillen, die einzige, welche mit dem
+Kunsthackebrettlein aus Blättchen und Dörnchen hatte fertig werden
+können, war zur Festsängerin ernannt worden. Als daher der Kreis sich
+gebildet hatte, schritt oder hüpfelte vielmehr diese Dichterin des
+Wohltätigkeitsvereins zur heiligen Quelle, netzte darin ihre Freßzangen
+ein Weniges, verdrehte darauf die goldgelben Äuglein im Kopfe,
+erreichte mit einem lahmen Sprunge das Gezweig einer Tamariske, nach
+vergeblichen Bemühungen, auf einen der Lorbeerbäume, den niedrigsten
+unter allen, zu gelangen, stimmte das Hackebrettlein, putzte die
+Freßzangen<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> an demselben ab, und sang nun, das Kunstinstrumentlein
+schlagend, begeistert folgende</p>
+<span style="margin-left: 6.0em;">Strophe:</span><br>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Der Käfer ist ein Schweinichen,</div>
+ <div class="verse indent2">Brumm! Brumm!</div>
+ <div class="verse indent2">Die Fliege hat sechs Beinichen,</div>
+ <div class="verse indent2">Summ! Summ!</div>
+ <div class="verse indent2">Die Fliege hat den Käfer lieb,</div>
+ <div class="verse indent2">Der Käfer ist ein Herzensdieb,</div>
+ <div class="verse indent2">Summ! Summ! Brumm!</div>
+ <div class="verse indent2">Brumm! Brumm! Brumm!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Herrliche Poesie! Nahrung für Gemüt und Gefühl! meckerten die Ziegen.
+— Reines Gefühl, mit keinem Gedanken belastet! Echt lyrisch! murmelten
+die Böcke. — Solon und Plato traten in den Kreis vor das Brautpaar
+und redeten nacheinander. Sie hielten ihm in eindringlichen Worten die
+Schändlichkeit seines früheren Lebenswandels vor, dann führten sie aus,
+daß die Göttin der Tugend eine gute alte Mama sei, immer zum Verzeihen
+bereit, dann kamen sie auf Lilien und Rosen,<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Feigen, Felsritzen und
+Astlöcher. Im ersten Teile machten sie das Brautpaar herunter, im
+zweiten erhoben sie es, in der Nutzanwendung wußten sie selbst nicht
+mehr, was sie wollten — ihre Sermone hätten gleich als Muster von
+Kasualreden abgedruckt werden können.</p>
+
+<p>Ich glaubte zu bemerken, daß das Brautpaar auf die Reden nicht achte,
+sondern nur Leib und Flügel einzuüben scheine, teilte diese Beobachtung
+meinen Nachbarn mit, die jedoch, ganz in die Würde des Festes versenkt,
+meiner Worte nicht achteten. Nach den Reden sang die Grille folgende</p>
+
+<span style="margin-left: 6.0em;">Gegenstrophe:</span><br>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Und ist er denn ein Schweinichen,</div>
+ <div class="verse indent2">Brumm! Brumm!</div>
+ <div class="verse indent2">Und hat sie denn sechs Beinichen,</div>
+ <div class="verse indent2">Summ! Summ!</div>
+ <div class="verse indent2">So reicht einander jetzt die Füß'</div>
+ <div class="verse indent2">Und sei der Ehestand euch süß!</div>
+ <div class="verse indent2">Brumm! Brumm! Summ!</div>
+ <div class="verse indent2">Summ! Summ! Summ!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p>
+<p>Indem es aber nun zur Zeremonie kommen sollte und die Ziegen Sisi
+und Quiqui das Paar ersuchten, einander die Füße zu geben, nahm die
+Feierlichkeit eine plötzliche unerwartete und unglückliche Wendung.
+Denn zur Rechten wurde in der Entfernung der Hufschlag eines Pferdes
+hörbar, und zur Linken kroch unten durch einen Bergspalt ein Fuchs
+oder ein Wolf oder ein anderes Raubtier. Ich weiß nicht, was dem
+Pferde begegnen mochte, das aber sah ich, weil ich auf der äußersten
+Linie des Kreises stand, daß das Raubtier ein Stück Fleisch im Rachen
+trug. Alsobald drang in die beiden jungen Leute auf dem Steine eine
+konvulsivische Bewegung, ihren scharfen Sinnen brachten die Lüfte von
+weitem verführerische Botschaft zu, Roß und Schwärmerin sammelten ihre
+letzten von der Sittlichkeit verschont gebliebenen Kräfte, spreiteten
+die Flügel aus,<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> und mit dem Gebrumm: Mist! Mist! Mist! und mit dem
+Gesumm: Luder! Luder! Luder! flog der Bräutigam rechts, die Braut links
+davon, ungerührt von Besserungsversuchen, Reden, Rührungen, Strophen
+und Gegenstrophen das alte Lasterleben von vorn zu beginnen.</p>
+
+<p>Die entsetzliche Überraschung der Freier, als Odysseus plötzlich aus
+Bettlerlumpen mit sieghafter Hoheit hervorleuchtete und die tötenden
+Pfeile vor sich hinschoß, kann nicht größer gewesen sein, als der
+Schreck der Mütter und ihrer Gatten bei diesem Anblicke, welcher
+ebenfalls sozusagen die Hoheit der Natur aus Lumpen hervorscheinen
+machte. Anfangs standen sie da, stumm, starr, regungslos, gleichsam ein
+großes Viehstück aus Stein, dann aber ergriff sie der haltungsloseste
+Taumel, und sie rannten nach allen Richtungen ebenfalls auseinander,
+entweder, weil sie die sittlich<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Verwahrloseten wieder einfangen
+wollten, oder auch nur überschattet von dem Dämon, welcher sich
+ungeheurer Augenblicke zu bemächtigen pflegt. Die Zicklein und
+Böcklein folgten, so daß die den Gipfel hinan und hinunter rennenden,
+springenden, stolpernden, stürzenden Tiere demselben ein Ansehen gaben,
+wodurch er mehr der Kuppe eines thessalischen Zauberberges, als der
+heiteren musischen Höhe glich.</p>
+
+<p>Was mich betrifft, so war ich an der Quelle zurückgeblieben. Warum
+sollte ich hinter Käfer und Fliege herlaufen? Mein eignes Schicksal
+machte mir bange. Ich fürchtete die Rückkehr der Herde.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp45" id="illu-099" style="max-width: 37.9375em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-099.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p>Die Mütter hatten mir nämlich schon vor einigen Tagen angekündigt,
+daß, um auch die letzten Reste der verhaßten Menschlichkeit in mir
+auszutilgen, ich nächstens aus der weiblichen Erziehung entlassen und
+den Händen der Gatten übergeben werden<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> solle. Dagegen sträubten
+sich nun aber jene Reste mit aller Macht und vielleicht ebenso heftig,
+wie die Neigungen des Trygäosrosses gegen Lilien und Rosen. Denn mir
+blieb ein physischer Abscheu gegen die Gatten beiwohnen, so sehr
+ich ihre ehrwürdigen Eigenschaften achtete. Aber letztere hatten
+gewisse natürliche Begabungen an ihnen nicht zu tilgen vermocht, und
+ich empfand das innigste Grauen vor dem Augenblicke, der mich ihrer
+Atmosphäre so nahe bringen sollte. Indessen standen ganz andere Dinge
+in den Sternen geschrieben.</p>
+
+<p>Der Hufschlag des Pferdes näherte sich, und es kam ein ältlicher,
+dicker Mann, dem ein Dünner folgte, nach der Stelle zu geritten, wo ich
+stand. Der Mann trug einen gelben Hut, einen gelben Rock, eine gelbe
+Hose und eine gelbe Weste, sah sehr blaß und aufgedunsen und äußerst
+verdrießlich aus. Schon sein Ansehen und<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> der völlig gleichgültige
+Blick, mit dem er die Gegend überschaute, würde mich gelehrt haben,
+von welchem Volke dieser Fremdling sei, wenn ich ihn auch nicht sobald
+hätte reden hören. Der Diener half seinem Herrn vom Pferde, führte ihn
+zu dem Steine, auf welchem das Brautpaar gestanden hatte, ließ ihn
+niedersitzen, gab ihm ein spanisches Rohr in die Hand, schob dessen
+Knopf unter sein Kinn, und richtete auf diese Weise gleichsam die
+Statue eines gefühllosen Naturbeschauers zu. Der Herr ließ nämlich
+alles phlegmatisch mit sich vornehmen und antwortete nur spärlich auf
+die Reden des Dieners, welcher ziemlich gesprächig war.</p>
+
+<p>Aus ihrer Unterhaltung erfuhr ich, daß der gelbe Dicke ein reicher, vom
+Geschäfte zurückgezogener Rentenierer war, welcher unweit Amsterdam
+und eine Stunde von Harlem auf seinem Landhause gelebt hatte.<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> Da sich
+die Anfälle des Podagras bei ihm mehrten, und gewisse Vorboten der
+Wassersucht erschienen, so war ihm von seinem Arzte eine Reise in die
+südlichen Länder verordnet worden. Dazu wollte sich denn auch Mynheer
+van Streef verstehen und erklärte seine Bereitwilligkeit, bis in den
+Reichswald bei Cleve zu reisen. Der Arzt erklärte aber dagegen, er sei
+mißverstanden worden, und nannte ihm die ungeheure Meilenzahl, welche
+er wenigstens abzureisen habe. Der Holländer war hierüber anfangs,
+so weit sein Naturell dies zuließ, in einige Verzweiflung geraten,
+jedoch endlich, weil der Arzt ebenfalls ein ruhiger hartnäckiger
+Altniederländer war, und seinem Patienten mit größter Fassung Todestag,
+ja Todesstunde vorausgesagt hatte, wenn er nicht Folge leiste,
+genötigt gewesen, sich zu fügen und an die Reise zu denken, die er in
+südöstlicher Richtung vornehmen mußte,<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> da er südlich auf der Karte die
+verordnete Meilenzahl nicht vor sich sah.</p>
+
+<p>Um dies zu verstehen, muß gesagt werden, was ich aus den Gesprächen
+heraushörte, daß nämlich Mynheer van Streef durchaus nur seine Meilen
+in gerader Richtung, ohne durch Umwege und Absprünge ihre Zahl zu
+erfüllen, verreisen wollte. Denn da ihm die Reise äußerst zuwider war,
+so haßte er alles, was ihr den Schein einer Wanderung zum Vergnügen
+hätte geben können. Er zog deshalb auf seiner Karte von Europa nach
+dem Lineal mit Bleistift einen Strich von Amsterdam nach Südosten, maß
+daran die Meilen, fand, daß ihre Zahl sich genau auf dem Gipfel des
+Helikon vollende, und war so, immer streng dem Striche nachreisend, und
+weder rechts noch links abweichend, allgemach auf den geheiligten Berg
+gekommen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p>
+
+<p>Hier tröstete ihn nun der Diener, nachdem er ihm Vorstehendes in
+einzelnen Bemerkungen erinnerlich gemacht hatte, um ihn durch den
+Gedanken an die Notwendigkeit der Reise und ihre strenge Konsequenz
+aufzurichten, mit dem Ausrufe: Mynheer, wir sind am Ziel, und morgen
+geht es nach unserem schönen Welgelegen zurück.</p>
+
+<p>Gottlob, sagte der Holländer, der sich bei dem Gedanken an sein
+Landhaus ein wenig erheitert fühlte, und ich will, wenn wir nach Hause
+gekommen sind, ein Lusthaus anbauen und das soll heißen: Vreugde en
+Rast. Und aus der Ruhe will ich nicht wieder gehen, möchte auch meine
+Wassersucht so überhandnehmen, daß alle Teiche von Seeland bedroht
+wären. Ich kenne gar nichts Wahnschaffneres, als diese griechischen
+Gegenden, in denen ein beschwerlicher Berg nach<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> dem andern kommt,
+wo man keine Aussicht auf Kanäle und Wiesen hat, und der Himmel die
+unnatürliche blaue Farbe nicht los wird.</p>
+
+<p>Es kann nicht überall Altniederland sein, versetzte der Diener
+und stopfte sich eine kleine tönerne Pfeife; es muß auch solche
+nichtsnutzige Striche Landes geben.</p>
+
+<p>Wenn ich da mein Landhaus Welgelegen betrachte, fuhr Mynheer van Streef
+fort, der jetzt etwas gesprächiger wurde, obgleich sein Gesicht so
+verdrießlich blieb, wie früher, was für eine andere Gegend ist das!
+Nebenan liegt Mynheer de Jonghes Schoone Zicht und auf der andern Seite
+Mynheer van Tolls Vrouw Elizabeth, und mitten inne liegt Welgelegen.
+Ich will nun gar nicht reden von meinen innerlichen Schönheiten und
+bequemen Dingen, von der Menagerie, von meinem mit bunten Steinen
+gepflasterten Hofe,<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> vom Muschelhäuschen, von der Voliere, von den
+Goldfasanen und den Mistbeeten voll Hyazinthen, die hier elend wild
+wachsen — aber, Sebulon, denke nur an die schöne Aussicht auf den
+Kanal, über den alle Tage die sechs braun angestrichenen Treckschuiten
+von den Jägerchen gezogen werden und auf die unabsehliche Wiese
+dahinter, in der denn doch auch nicht eine einzige Erhabenheit, so groß
+wie ein Maulwurfshügel ist, und den Hintergrund von zwölf Windmühlen
+im Gange! Und dann sieht man das nicht alle Tage, nein, einen um den
+andern Tag nebelt oder regnet es, so daß die Entbehrung das Glück, um
+sich blicken zu können, erhöht, und der Himmel bleibt immer, auch wenn
+es helles Wetter ist, bescheiden, mäßig und grau. Wie wird dir denn,
+Sebulon, wenn du an alles das denkst?</p>
+
+<p>Abscheulich wird mir zu Mute, rief<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> Sebulon und warf zornig seine
+Pfeife an den Boden, daß sie zerbrach. Hole der böse Feind diese
+verdammten griechischen Wüsten!</p>
+
+<p>Ereifre dich nicht, Sebulon, sagte der Herr schläfrig, mit verdrossenem
+Mundhängen. Ein Holländer ereifert sich nicht, oder er prügelt
+wenigstens jemanden dabei, auf daß der Eifer einen Nutzen habe. Mache
+mir jetzt Tee, das Wasser dort scheint noch so ziemlich klar zu
+sein, wie es in diesem vermaledeiten Lande sein kann, denn freilich,
+Wasser von Utrecht ist es nicht. Ich will unterdessen in der Elektra
+unseres großen Vondel lesen. Er nahm ein Buch aus der Tasche, schlug
+es auf, und las halblaut mit sonderbarem Pathos die Anfangsverse der
+Vondelschen Elektra:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">O zoon van Atreus zoon, die't opperste gezagh,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">In't Grieksche Leeger had, toen hy voor Troje lagh,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nu zietge zelf het gée, daer staegh uw hart naer haeckte,</span></div>
+ </div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p>
+
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Dit's Argos, d'oude Stad, daer uw gemoed om blaeckte.</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Dit'st woud van Jö zelf, dat dolgeprickelt dier.</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Het wolfsveld van Apol, den wolvenschrick, is hier,</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">En dees vermaerde Kerck, die Argos Juno wydde</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Rijst ginder hemelhoogh, aen uwe rechte zijde</span> ...</div>
+ </div>
+</div>
+<br>
+
+<figure class="figcenter illowp45" id="illu-109" style="max-width: 37.875em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-109.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p>Ja, ja, unterbrach sich Mynheer van Streef, das ist denn freilich etwas
+griechischer als diese helikonische Knüppeldammwirtschaft. Er summte
+sacht in seinem Vondel weiter.</p>
+
+<p>Sebulon hatte unterdessen die Reiseteemaschine, welche sein Herr
+überall mit hinnahm, aus dem Mantelsacke hervorgeholt, Feuer
+angezündet, Wasser aus der Hippokrene geschöpft, es gekocht und grünen
+Tee aufgeschüttet. Als das unentbehrliche Getränk bereitet war, reichte
+er seinem Herrn eine Tasse.</p>
+
+<p>Mynheer van Streef führte sie so langsam und mürrisch zum Munde, wie er
+in<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> allen seinen Bewegungen bisher gewesen war. Er kostete und kostete,
+die schlaffen Lippen zogen sich ein wenig zusammen, dann schluckte er
+bedächtig den Inhalt der Tasse hinunter, und sagte: Sebulon, noch eine.
+— Sebulon sah seinen Herrn bedenklich an und schüttelte den Kopf. Die
+zweite Tasse trank Mynheer van Streef, ohne zu kosten, aus. Seine Augen
+bekamen während des Trinkens eine Art von Glanz und er sagte: Sebulon,
+noch eine. — Sebulon reichte ihm zitternd und eine große Unruhe in
+seinen Zügen die dritte Tasse. Diese stürzte Mynheer van Streef beinahe
+hastig hinunter und darauf sah er fast gen Himmel.</p>
+
+<p>Ach, Mynheer! rief der Diener besorgt, was ist Euch widerfahren? Sonst
+braucht Ihr ja auf drei Tassen Tee drei Viertelstunden, und hier geht
+es wie mit Extrapost in den Magen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p>
+
+<p>Der alte Holländer sah sehr nachdenklich aus und sagte endlich nach
+langem Schweigen: Sebulon, dieser Tee hier schmeckt mir besser, als der
+auf meinem Landhause Welgelegen, eine Stunde von Amsterdam.</p>
+
+<p>Da raufte der treue Diener sein Haar, weinte und schrie: O wehe mir,
+wehe. Mynheer van Streef ist auf diesem nichtswürdigen Berge toll
+geworden: sein Tee schmeckt ihm dahaußen besser als daheim; er lobt die
+Fremde auf Kosten von Altniederland, er ist abgefallen von Oranjeboven
+und Altniederland.</p>
+
+<p>Sebulon, erhitze dich nicht, sagte der Herr gleichgültig und
+freundlich. Ich habe meinen Verstand nicht verloren. Weißt du, was
+Schwärmerei bedeutet? Es ist der Zustand, worin sich der Hanswurst von
+Franzosen, und der Bull von Engländer oft befindet, und der deutsche
+Muff fast immer, Altniederland aber niemals. Die<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Sache sollte aber zur
+Probe auch einmal an uns kommen, denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
+Ich liefere die Probe. Ich schwärme, Sebulon, das ist das Ganze. In dem
+Tee muß etwas sein; ich bin von dem Tee ein Schwärmer geworden, denn
+ich muß es noch einmal sagen: er schmeckt wahrhaftig besser, als der
+auf meinem Landgute Welgelegen. Es wird aber schon wieder vergehen.</p>
+
+<p>Nur mit Mühe gelang es dem schwärmerischen Holländer, seinen Diener
+zu beruhigen. Am meisten wirkte dazu die Versicherung, daß aller
+Wahrscheinlichkeit nach dieser exaltierte Zustand eine rettende Krise
+seines Uebels sei, daß die Wassersucht durch die Schwärmerei eine
+Stopfung erhalten habe. Der alte Schwärmer stand auf und schickte sich
+zum Rückwege an, Sebulon packte das Teegerät zusammen. Mynheer van
+Streef sah sich um und<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> sagte: Ich möchte wohl ein Angedenken an diesen
+ziemlich erträglichen Platz und an die schöne Stunde, in welcher mir
+der Tee so wohl schmeckte, mitnehmen, ein Erinnerungszeichen an die
+hiesige Schwärmerei. — Was sollen wir mitnehmen? versetzte Sebulon
+noch immer ziemlich kleinlaut, wir können doch nicht die Boompges (er
+meinte die Lorbeeren) oder die großen Klinker (er meinte die Klippen)
+einpacken. — In diesem Augenblicke sah er mich, der ich hinter einem
+Felsen den schwärmerischen Auftritt belauscht hatte, zog mich hervor
+und rief: Was für eine Kreatur ist das? Der schwärmerische Holländer
+besah mich und sagte dann langsam: Wirf dem Vieh einen Strick um den
+Hals, Sebulon. Das will ich mitnehmen als Angedenken an diese schöne
+Stunde. Es scheint zu einer unbekannten Tierart zu gehören; Mynheer de
+Jonghe, der in Batavia gewesen<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> ist, soll mir sagen, ob sie auch auf
+Java vorkommt.</p>
+
+<p>Was sollte ich machen? Ein Entrinnen war nicht möglich, auch muß ich
+bekennen, daß die Reste der Menschheit in mir einige Freude darüber
+empfanden, wieder unter ihresgleichen zu kommen; obgleich eine geheime,
+düstere Ahnung mir zuflüsterte, daß die Schwärmerei des Holländers mir
+drückend werden könne. — Ich ließ mir das Fangseil geduldig um den
+Hals schlingen und verließ mit meinem neuen Herrn, der sacht voranritt,
+und Sebulon, der mich am Stricke hinter sich her führte, den Berg, auf
+welchem mir so vieles begegnet war. Vor unserem Abmarsche hatte Sebulon
+die Kantinen, die zu beiden Seiten des Pferdes hingen, mit Wasser der
+Hippokrene füllen müssen zu einem nochmaligen Tee auf dem Landhause
+Welgelegen.</p>
+
+<p>Am Fuße des Berges war Mynheer<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> van Streef schon wieder ebenso
+verdrießlich, wie vorher, und diese Stimmung blieb ihm auch während der
+ganzen Reise. Wir setzten dieselbe, nachdem wir in ebenere Gegenden
+gekommen waren, zu Wagen fort, das heißt Herr und Diener saßen im
+Wagen, und ich lief nebenher — Ihr mögt mir es glauben oder nicht,
+es liegt mir nichts daran, aber wahr muß wahr bleiben — ich habe die
+paar hundert Meilen zu Fuß zurückgelegt, ausgenommen eine kurze Strecke
+des Adriatischen Meers, die wir auf einer slawonischen Schebecke
+durchschritten. Ja, neben holländischen Schwärmern läßt sich schon zu
+Fuß fortkommen!</p>
+
+<p>Bald genug aber sehnte ich mich auf den Helikon zurück. Denn die
+Herrschaft von Altniederland ist die härteste, die es gibt. Ich
+wurde behandelt wie eine Kolonie, für mein Futter mußte ich selbst
+sorgen, auf der slawonischen Schebecke bekam ich,<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> Gott verdamme
+mich, nichts zu genießen, als den Duft von Hyazinthenzwiebeln, die
+Mynheer van Streef gekauft hatte, und welche neben meinem Verschlage
+lagen. Dazu die Einseitigkeit einer Reise nach dem Bleistiftstrich!
+denn nach diesem machte mein Herr auch seine Rückfahrt. Die meisten
+Merkwürdigkeiten der Örter lernt man oft nur zur Hälfte kennen. So zum
+Beispiel habe ich in Frankfurt das Inkompetenzgebäude<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> nicht zu sehen
+bekommen, weil unser Strich durch die Judengasse ging.</p>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Tagungspalais der deutschen Bundesversammlung, die sich in
+den wichtigsten Fragen für inkompetent erklärte.</p><br>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp45" id="illu-119" style="max-width: 37.75em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-119.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p>Nun, diese Unannehmlichkeiten hatten zuletzt auch ein Ende. Wir trafen
+in Amsterdam und eine Stunde später auf dem Landhause Welgelegen ein.
+Bei dem Anblicke des Kanals, der ebenen Wiese, der<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> zwölf Windmühlen,
+endlich bei dem Anblicke seines stillen Hauses mit den herabgelassenen
+Fenstervorhängen, mit dem buntgepflasterten Hofe, mit der Voliere
+aus vergoldetem Draht und mit dem grünen, eingezäunten Flecke, auf
+welchem Gold- und Silberfasanen nebst anderem Getier spazieren gingen,
+vergoß Mynheer van Streef zwei runde Tränen und sagte zu Sebulon:
+O Welgelegen! weiter aber nichts. Sebulon schluchzte, beugte sich
+vor dem Tore zur Erde, gleichsam um sie zu küssen und versetzte:
+Welgelegen ist Welgelegen, Mynheer van Streef. In der Pforte standen
+sechs nordholländische Mägde mit goldenen Blechen in den Haaren, alle
+weiß und rund und sauber gekleidet, daß sie glänzten. Sie machten
+einen Knicks, küßten ihrem Herrn die Hand und sagten: Viel Glück und
+Heil zur Rückkunft, Mynheer. Ihren Kreis trennte ein kleiner<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> Mann,
+roten Antlitzes, aber ganz weiß und ehrwürdig eingepudert, schüttelte
+dem Heimkehrenden die Hand und sprach: Ich habe davon erfahren, daß
+Ihr heute kommen würdet, da wollte ich gleich zusehen, ob die Kur
+angeschlagen habe. — Doktor, ich schwärmte auf dem Helikon, danach
+wurde mir besser und ich bin völlig hergestellt, versetzte der Patient.
+Der Doktor hatte ihn inzwischen prüfend beschaut und erwiderte
+kaltblütig: Nein, Mynheer van Streef, Ihr seid noch ebenso krank, als
+da Ihr abreistet, Ihr müßt deshalb von neuem auf Reisen gehen, sonst
+sterbt Ihr dann und dann. Er nannte den Todestag.</p>
+
+<p>Hier aber sah und hörte ich, wenn ich früher holländische Schwärmerei
+kennen gelernt hatte, was holländische Wut heißen wolle. Denn das
+Gesicht von Mynheer van Streef wurde graubraun, die Stirnadern
+schwollen an, daß sie Baumwurzeln<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> glichen, und er goß über den Doktor
+eine solche Flut von Scheltreden aus, daß ich über den Reichtum der
+Landessprache in derartigen Wendungen erstaunen mußte. Der Doktor
+seinerseits fühlte auch in sich eine niederländische Begeisterung
+erwachen und schimpfte den Patienten aus, Sebulon schimpfte auf den
+Doktor, die erste Nordholländerin schimpfte auf Sebulon, daß er sich
+in den Streit der Herren mische, die zweite auf die erste, daß sie auf
+Sebulon schimpfe, die dritte auf die zweite, daß sie auf die erste
+schimpfe, die vierte auf die dritte, daß sie auf die zweite schimpfe,
+die fünfte auf Sebulon, die erste, zweite, dritte und vierte insgesamt,
+die sechste schimpfte auf niemand insbesondere, sondern im allgemeinen.
+Es erinnerte mich dieses verwickelte Schimpfgemälde durchaus an den
+gegenwärtigen Zustand der deutschen Tagesliteratur.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p>
+
+<p>Auf so laute und stürmische Weise ging der Empfang des schwärmerischen
+Holländers in der Hofespforte seines stillen Landhauses vor sich. Die
+Goldfasanen, die Silberfasanen und einige indianische Raben der Voliere
+schrien in das allgemeine Geschrei auch hinein, und Gott weiß, ob nicht
+noch Tätlichkeiten das Fest gekrönt haben würden, wenn nicht plötzlich
+in der Entfernung das reitende Jägerchen, und hinter ihm am Seile vom
+Pferde gezogen, das braune Nationalfahrzeug sichtbar geworden wäre.
+Bei diesem Anblicke ebneten sich die zornigen Wellen, aller Antlitz
+begann friedlich und freundlich zu leuchten, und wie aus <em class="gesperrt">einem</em>
+Munde riefen Doktor, Patient und sechs Nordholländerinnen: Die fünfte
+Schuite! — Kommt aber heute zwei Minuten zu spät, setzte Mynheer van
+Streef hinzu, indem er auf seine Uhr sah. — Er ging freundlich in sein
+Landhaus; der<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Doktor bestieg besänftigt die Schuite nach Amsterdam.</p>
+
+<p>So schlichtete der Anblick der fünften Schuite von Harlem diese
+niederländischen Wirren. Ich war, als gehöre ich zur Familie, meinem
+Herrn bis auf den Hausflur gefolgt, aber eine Magd trieb mich ziemlich
+unsanft von den Stiegen und fing sogleich an, heftig nachzuscheuern,
+wo ich gestanden hatte, obgleich ich mir selbst das Zeugnis geben muß,
+daß ich mich sehr anständig auf dem Flure von Welgelegen benommen
+habe. Sebulon sperrte mich auf einem der grünen Plätze zu den Gold-
+und Silberfasanen ein, das heißt ich kam nicht zu diesem Gefieder
+unmittelbar, sondern erhielt einen eigenen kleinen Abschlag, wie
+denn auch jeder Goldfasan und jeder Silberfasan seinen besonders
+abgesteckten und eingefriedigten Platz hatte, vermutlich, weil Mynheer
+van Streef selbst bei den Tieren<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> holländische Neigungen voraussetzte.
+Ich fand ziemlich gute Weide, wenn auch nicht so aromatische Kräuter,
+wie am Helikon, fraß mich endlich einmal in Muße wieder satt, und
+verschlief den meisten Teil der folgenden Tage aus übergroßer Ermüdung
+von dem langen großen Reisewege. Erst etwa eine Woche später bekam ich
+sonach die Fähigkeit wieder, aufzumerken, über meine Umgebung und mich
+nachzudenken.</p>
+
+<p>Als dieser Zeitpunkt eingetreten war, habe ich die Lebensweise eines
+holländischen Rentenierers, der sich vom Geschäfte zurückgezogen hat,
+gründlich kennen lernen. Denn mein Weide- und Wohnplatz lag hart
+unter den Fenstern des Lusthäuschens, welches durch den Hof von dem
+Haupthause getrennt, dem Herrn des Landhauses zu seinem täglichen
+Vergnügungsorte diente, es mochte Sonnenschein oder Nebel, Sturm oder
+Regen sein. Sebulon hatte mir einen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Felsen von Klinkern etwa vier
+Fuß hoch aufgebaut, welcher Klein-Helikon genannt wurde. Auf diesen
+kletterte ich häufig und konnte von ihm aus alles sehen, was in dem
+Lusthäuschen vorging, das meiste auch hören, was darin gesprochen
+wurde, da die Fenster, wenn das Wetter nicht gar zu schlecht war, nach
+der Menagerieseite zu, offen zu stehen pflegten. Nach der Kanalseite
+aber waren sie stets geschlossen und auch verhängt bis auf eine kleine,
+zur Beobachtung der Treckschuiten notwendige Öffnung.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp45" id="illu-129" style="max-width: 37.5625em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-129.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p>Des Morgens um acht Uhr kam Mynheer van Streef regelmäßig in sein
+Lusthaus gegangen. Er trug dann seinen Frühanzug von zeisiggrünem
+Kamelott und eine rote Mappe unter dem Arme. Mit der Pfeife und dem
+Teegeräte folgte ihm die erste Magd, denn zu Hause ließ er sich nur von
+den Frauenzimmern bedienen,<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Sebulon war nur auf der Reise zum Diener
+erhöht worden, in dem Landhause Welgelegen hatte er seine Stellung als
+Haus- oder Gartenknecht wieder eingenommen. Mynheer van Streef trank
+nun seinen Tee, nicht rasch, wie auf dem Helikon, sondern wirklich,
+wie Sebulon gesagt hatte, die Tasse in einer Viertelstunde, wozu er
+langsam den Rauch aus der angezündeten Pfeife blies und in geregelten
+Zeitabschnitten wechselsweise mit starrem Blicke nach dem Kanal und
+nach uns, seiner Menagerie, aussah. Sonst nahm er während dieser Zeit
+nichts vor, denn er war der Meinung, daß jedes Geschäft für sich
+betrieben werden müsse. Nach dem Frühstücksgeschäfte schickte er sich
+zu dem zweiten an, nämlich den Text seiner Kansbillets, die er in der
+roten Mappe verwahrte, Stück vor Stück, obgleich derartige Schriftwerke
+bekanntlich<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> gleichlauten, nachzulesen. An den Zinstagen gesellte
+sich dazu die Arbeit, die Coupons abzuschneiden. Diese Mühen pflegten
+die zwölfte Tagesstunde heranzubringen. Dann erschien ein Diener aus
+dem Landhause Schoone Zicht und einer aus der Vrouw Elizabeth, brachte
+einen höflichen Gruß von Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und
+die Anfrage ihrer Herren: Wie Mynheer van Streef geschlafen habe und
+sich befinde? Mynheer van Streef antwortete nach langer Ueberlegung
+jeden Tag dasselbe: daß die Nacht ziemlich ruhig gewesen sei, und das
+Befinden, Gott sei Dank, sich leidlich verhalte. Wenn diese Boten
+abgefertigt waren, wurde Sebulon geklingelt und nach der Schoonen Zicht
+und der Vrouw Elizabeth entsendet mit höflichem Gruße von Mynheer van
+Streef an Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und seinerseitiger<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span>
+Anfrage, wie diese beiden Herren geschlafen hätten und sich befänden?</p>
+
+<p>Nach vorgedachten Anstrengungen wurde zur Herstellung der erschöpften
+Lebenskraft wieder Tee getrunken, geraucht und die Meldung des
+zurückkehrenden Sebulon entgegen genommen. Darauf ging Mynheer van
+Streef in das Haupthaus, kam angekleidet zurück in den Hof, stellte
+sich vor die Voliere und demnächst vor jeden Abschlag der Menagerie,
+sah die Einwohnerschaft der Voliere und dann jedes von uns eine geraume
+Zeitlang bedächtig an, schüttelte auf jeder dieser Stationen das Haupt
+und sagte, so oft er schüttelte: Unvernünftige Tiere! — Dieses tat er
+jeden Tag, auch wenn es regnete, Sebulon hielt ihm dann nur während
+dieser geringschätzigen Betrachtungen den Regenschirm über.</p>
+
+<p>Waren die Allocutionen an die Voliere<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> und Menagerie geendigt, so
+ging er wieder in das Haupthaus und speiste, es mochte dann etwa vier
+Uhr nachmittags sein, zu Mittag; hielt darauf seine Mittagsruhe und
+kehrte, abermals eine Mappe unter dem Arme, jetzt aber eine grüne,
+sechs Uhr abends in das Lusthaus zurück. Er trank nunmehr seinen
+dritten Tee, rauchte, wie sich von selbst versteht, abermals dazu und
+las dann Amsterdamer Stadtobligationen, die er in der grünen Mappe
+verwahrte. Darüber pflegte es dunkel zu werden; Mynheer van Streef
+klappte gähnend die Mappe zu, sah noch einmal nach dem Kanal, verließ
+hierauf das Lusthaus und zog sich in das Haupthaus zurück. Sobald
+es dunkel war, schloß Sebulon die Pforte; die Lichter, welche in
+den Fenstern des Hauses eine kurze Zeit lang leuchteten, erloschen
+allgemach — ein Zeichen, daß Herr und Dienerschaft<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> in ihren Betten
+von den Anstrengungen des Tages ausruhten. Das tiefste Schweigen und
+die lautloseste Stille senkten sich auf Welgelegen herab.</p>
+
+<p>Ich habe unter den Beschäftigungen des Tages anzumerken vergessen,
+daß Mynheer van Streef auch den Ankunftsaugenblick jeder der sechs
+Schuiten, welche täglich von Haarlem nach Amsterdam vorüberfuhren,
+auf einer schwarzen Tafel, welche im Lusthäuschen hing, zu notieren
+pflegte und aus den Unterschieden wöchentlich eine mittlere Zeit
+herausrechnete. Ich hörte ihn zuweilen sagen, es sei sein größter
+Kummer, daß diese Mittelzeiten nie stimmen wollten, auch wenn er sie
+auf Monate, ja selbst Jahre schlüge, und daß daher die rechte mittlere
+Ankunftszeit einer Treckschuite noch immer ein unlösbares Rätsel wäre.</p>
+
+<p>So ging ein Tag wie der andere hin.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span></p>
+
+<p>O Herr! seufzte ich bei diesem niederländischen Leben in Freude und
+Rast oft (denn ich bediente mich bei meinen Ausrufungen nun nicht mehr
+der Mythologie), was für eine Langeweile! Steht denn mein Herr nur
+eine Stufe über dem Faultier und nicht tief unter dem Elefanten, dem
+stolzempfindlichen Rosse, dem rührigen Hunde, obschon er Kansbillets
+und Amsterdamer Stadtobligationen liest? Und doch dünkt er sich
+was Rechtes, glaubt eine unsterbliche Seele zu besitzen, und doch
+behandelt der schwärmerische Barbar uns Tiere mit Verachtung! — Es
+war natürlich, daß sich auf solchem Wege kein Verhältnis der Zuneigung
+zwischen mir und ihm entfalten konnte; dieser Holländer war nicht
+geeignet, Liebe zu erwecken. Ich drehte ihm daher auch immer den Rücken
+zu, wenn er vor meinen Verschlag trat. Um der Last der schrecklichen
+Langeweile<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> von Welgelegen mich zu entziehen, suchte ich mit meinen
+Nachbarn in der Menagerie Umgang anzuknüpfen. Ich hatte recht leidliche
+Leute zu Nachbarn, links einen Goldfasan, hinter mir ein paar
+Schildkröten in einem großen Sandkasten und einen jungen Biber, dessen
+Schwanz im Wasser hing. Es wäre mir interessant gewesen, mit Vögeln,
+Amphibien und amphibienartigen Geschöpfen auch einmal meine Ideen
+auszutauschen, aber dazu wollte sich hier keine Gelegenheit finden.
+Diese Partikuliers waren von dem geistigen Drucke, der über Welgelegen
+lastete, so gebeugt, daß alle meine Versuche, ihnen näher zu treten,
+mein herzliches Meckern und so mancher treugemeinte Bockssprung keinen
+Anklang fanden. Die Fasanen lagen meistens, den Kopf unter die Flügel
+gesteckt, dumpf hinbrütend da, die Schildkröten zogen sich, sobald sie
+sich an ihrem Kohle satt geknabbert<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> hatten, unter ihr Schild zurück,
+der Biber hatte für nichts Sinn, als für das kalte Wasser um seinen
+Schweif.</p>
+
+<p>Meine Pein zu schärfen, diente die berufene holländische Reinlichkeit.
+Es wurde nämlich auf uns Tiere eine besondere Kehrmagd gehalten,
+welche bei ihrem Mitgesinde Dreck-Griete hieß, weil ihr anbefohlen
+war, die äußerste Sauberkeit unserer Wohnstätten in Obacht zu nehmen.
+Sie brachte den Tag über in einer Art von Portierhäuschen am Eingange
+des Haupthauses zu und lugte beständig auf die Menagerie hinaus. Ließ
+nun ein Fasan eine Feder fallen, oder fiel sonst etwas vor, was nicht
+zu vermeiden stand — lieber Gott, man bleibt denn doch Tier! —
+alsobald schoß diese ihrem Berufe fanatisch ergebene Reinigungsperson,
+bewaffnet mit einem langen Borstbesen, hervor, riß den betreffenden
+Verschlag auf und säuberte<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> vermöge des Besens die Stelle. Meine
+Kollegen waren zu sehr Vieh, um sich hieraus etwas zu machen, aber
+in mir hatte der Mensch teil an dergleichen Vorkommenheiten, in mir
+schämte sich der Mensch vor einer solchen Überwachung seiner eigensten
+und innersten Angelegenheiten. Ich war oft in der größten Verlegenheit
+zwischen Müssen und nicht Mögen, zwischen natürlichen Wünschen und der
+Furcht vor der auflauernden und schon zum konventionellen Borstbesen
+greifenden Dreck-Griete!</p>
+
+<p>Die Langeweile — die Isolierung — die ewig drohende Kehrmagd —
+meine Lage wurde von Tage zu Tage fürchterlicher! Münchhausen war
+damals unglücklich, ganz unglücklich! Das Schicksal hatte mich zu hart
+angefaßt, ich war ein Opfer kalter Schwärmerei geworden; das ist das
+Schrecklichste, was es zwischen Himmel und Erde gibt.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp45" id="illu-139" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-139.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p>
+
+<p>Eine tragische Verzweiflung bemächtigte sich meiner. Ich sann auf
+Selbstmord. Ich wollte die Natur zwingen; wie andere sich der Speise
+enthalten, wollte ich dem Borstbesen der Reinigungsperson sein Opfer
+unterschlagen — lange — für immer! — — Denn ich fühlte, daß, mit
+Heldenmut den Entschluß durchgeführt, der Organismus untergehen müsse.
+Diese Weise, zu enden, dünkte mich die erhabenste, reinste, sie kam mir
+neu und unnachahmlich vor.</p>
+
+<p>Ich hielt mich still für mich. Zwei Tage lang rastete das Türschloß
+meines Verschlages. Die Reinigungsperson umschlich mich unheimlich
+spähend. Ich dachte: Schleich du; ich sterbe!</p>
+
+<p>Am dritten Tage ließ Mynheer van Streef die Späherin rufen und fragte
+sie, was mir fehle? ich stehe ja so verdrossen und ohrhängerig da?
+Griete berichtete dem Herrn, was sie wußte. — So muß man<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> abwarten, ob
+es sich bis morgen mit ihm bessert, sprach mein fühlloser Gebieter, und
+wenn das nicht geschieht, so gebt ihm — — Er verordnete das schnelle
+und unwiderstehliche Mittel, gegen welches in solchen Fällen selbst der
+Heldenmut eines Cato sich fruchtlos stemmen würde.</p>
+
+<p>Nein, es ist zuviel! meckerte ich ingrimmig und traurig zugleich; indem
+ich am Felsen Klein-Helikon niedersank und meine heiße Stirn wider
+diese Klinker stieß. Nicht leben können, und nicht sterben dürfen! —
+Ich sah schon im Geiste den Augenblick, der meinen Entschluß gewaltsam
+brechen würde, und das furchtbare Instrument in Grietens Hand, ich
+sah mich schon wieder schamrot, entwürdigt, in die alten Konflikte
+zurückgeworfen, denen meine Seele sich entronnen wähnte.</p>
+
+<p>Ach, der nämliche Tag sollte mich noch etwas ganz anderes sehen lassen!
+Wie<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> schwach steht es um die sogenannten großen Vorsätze! Bittere und
+demütigende Erfahrung, die ich an mir selber machte!</p>
+
+<p>Mynheer van Streef empfing an diesem Tage einen Besuch von seinen
+Nachbarn de Jonghe und van Toll. Die Besitzer der drei Landhäuser
+Welgelegen, Schoone Zicht und Vrouw Elizabeth pflegten einander nur
+einmal im Jahre gegenseitig zu besuchen. Die Tage waren ein für allemal
+festgestellt, und sonst sahen einander die drei Holländer nicht,
+obgleich die Landhäuser kaum fünfhundert Schritte voneinander entfernt
+waren. Wenn sie zusammenkamen, so zeigte der Wirt seinen Gästen den
+Zuwachs vom letzten Jahre in dem, woran seine Seele hing. Mynheer van
+Toll hielt auf ein reiches Porzellankabinett, Mynheer de Jonghe auf
+eine Sammlung von Naturalien und Mynheer van Streef auf seine Menagerie
+am meisten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p>
+
+<p>Nachdem die drei Freunde im Lusthäuschen Tee getrunken hatten, führte
+mein Gebieter seinen Besuch zu unseren Verschlägen und fragte de
+Jonghen, der, wie wir wissen, in Ostindien gewesen war, ob er eine
+Tiersorte, wie die meinige, auf Java kennen gelernt habe. Schon bei dem
+ersten flüchtigen Überblicke, den mir der Naturaliensammler widmete,
+fingen seine Augen an zu glänzen, und seine farblosen Wangen wurden
+von einer leichten Röte überflogen. Ich mußte mich erheben, Mynheer de
+Jonghe betrachtete mich von allen Seiten, hob meine Pfoten, die noch
+nicht ganz vergessen hatten, Menschenarme zu bedeuten, auf, untersuchte
+mein Vließ, guckte mir in den Rachen, befühlte meinen Schädel.</p>
+
+<p>Mynheer van Streef sah dieser Analyse mit dem ruhigen Stolze eines
+glücklichen Besitzers zu. Nach vielfältigem Anschauen und Tasten
+war Mynheer de Jonghe zu<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> dem Bekenntnisse gedrungen: Nein, diese
+Tiersorte kommt nicht auf Java vor. Ich glaubte anfangs, es sei der
+kleine gefleckte Hirsch, <span class="antiqua">Moose-deer</span>, welchen man auf Ceylon
+findet, aber der Bau des Schädels widerspricht dieser Annahme. Der
+Schädel hat etwas vom Affen, der ganze übrige Teil gehört in das
+Ziegengeschlecht. Es hilft keine Menschenmacht dawider, wir müssen eine
+neue Spezies ernennen. Dieses Geschöpf, woran Ihr, Mynheer van Streef,
+eine gar große Seltenheit besitzt, muß der Bockaffe, <span class="antiqua">capra simiae
+proxima</span>, heißen.</p>
+
+<p>Ich fand ihn, versetzte Mynheer van Streef, auf einem griechischen
+Platze, in einer unvergeßlichen Stunde. Sebulon, sage zur Gertruid, daß
+wir heute von dem Wasser, welches du in den Kantinen mitbrachtest, den
+dritten Tee trinken wollen, wofern es sich frisch gehalten hat. Ich<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span>
+möchte sehen, wie es auf Mynheer van Toll und Mynheer de Jonghe wirkt.</p>
+
+<p>Er ging mit dem ersteren zu seinen Hyazinthen, welche die zweite Stelle
+in seinem Herzen einnahmen. Mynheer de Jonghe bat um die Erlaubnis, bei
+dem Bockaffen zurückbleiben zu dürfen. Als er sich mir gegenüber allein
+sah, sagte er: Daß Mynheer van Streef dich, du einziges Exemplar, mir
+abläßt, ist nicht zu denken, die Dienerschaft wird nicht zu bestechen
+sein, folglich muß ich dich stehlen lassen.</p>
+
+<p>Nach diesen unzweideutigen Worten kehrte mein Gebieter mit seinem
+zweiten Freunde von den Hyazinthen zurück. — Wie ich Euch sagte,
+Mynheer van Streef, sprach Mynheer van Toll, es hält sich auf Vrouw
+Elizabeth seit einigen Tagen ein fremder Maler und Chemikus auf, der
+eine besondere Mischung der Farben entdeckt hat, wodurch auch auf dem
+Porzellan<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> das vollkommene Helldunkel von Rembrandt sich erzielen läßt.
+Ich wollte durch ihn eine große Vase in dieser Manier malen lassen, und
+alle Anstalten des Glühens und Einbrennens sind auch schon gemacht,
+nur war ich über den Gegenstand noch verlegen, weil ich einen ganz
+neuen für die neue Manier zu haben wünschte. Gar gern möchte ich nun
+den sogenannten Bockaffen im Helldunkel auf meiner Vase sehen, weil
+den gewiß noch niemand hat, und ich bitte Euch daher, daß Ihr mir
+die nachbarliche Gefälligkeit erzeigen wollet, meinem Chemikus diese
+Nacht den Zugang zur Menagerie zu verstatten. Er soll an dem Tiere
+bei Laternenlicht seine Studien machen und in dieser Beleuchtung eine
+Farbenskizze von ihm entwerfen.</p>
+
+<p>Nein, Mynheer van Toll, das geht nicht an, versetzte der Hausherr. Die
+nächtliche<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Ruhe von Welgelegen darf unter keiner Bedingung gestört
+werden. Ihr könnet bei Tage dieses fremde Tier durch Euren Chemikus in
+Helldunkel abzeichnen lassen. — Gertruid ging mit dem Teegeräte nach
+dem Lusthäuschen. — Kommt hinein, fuhr Mynheer van Streef fort, ich
+will euch, meine Freunde und Nachbarn, eine neue Sorte Tee zu kosten
+geben.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp45" id="illu-149" style="max-width: 38em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-149.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p>Wieder also sollst du gestohlen werden! dachte ich für mich. Bist du
+denn so kostbar? — Inzwischen war es im Lusthäuschen sehr lustig
+geworden, freilich nur auf niederländische Weise. Offenbar hatte das
+Wasser der Hippokrene durch die Reise seine Kraft nicht verloren. Die
+drei Freunde waren nach der ersten Tasse vom Teetisch aufgestanden
+und gingen phantastisch erregt, ohne sich umeinander zu bekümmern,
+im Stübchen auf und nieder.<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> De Jonghe versuchte, während er ging,
+einen Pas aus der <span class="antiqua">Menuet à la Reine</span> zu bewerkstelligen, van Toll
+sang in einem sonderbaren Falsett das Nationallied, van Streef zog den
+Vorhang des Kanalfensters auf, öffnete letzteres selbst und vergaß, die
+eben vorbeifahrende sechste Schuite am schwarzen Brette zu notieren.</p>
+
+<p>Statt <em class="gesperrt">eines</em> drei holländische Schwärmer! Wunderbares Wasser!
+Selbst eine Stunde von Amsterdam wirktest du Zeichen, obschon zu Tee
+verkocht! — Bald sollte die Schwärmerei wieder mich in ihre Kreise
+reißen, mich, den schicksalbezeichneten Helden der abenteuerlichsten
+Bildungsgeschichte, welche jemals die Erde sah. Van Toll trat an
+das Menageriefenster des Lusthäuschens und flüsterte hinunter: Nach
+Mitternacht schicke ich den Chemikus mit einem Nachschlüssel her,
+dich abzureißen. Du sollst, und du sollst mir auf die Vase<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> im
+Rembrandtschen Helldunkel. — Er trat zurück, de Jonghe näherte sich
+hierauf dem Fenster und rief, mit einem sehnsüchtigen Blicke auf mich,
+halblaut hinaus: Stehlen laß ich dich noch vor Mitternacht und dann auf
+der Stelle ausstopfen!</p>
+
+<p>Ausstopfen!? — — Nein, nein, das geht in das Ungeheure! <span class="antiqua">Du sublime
+au ridicule.</span> — — Meine Sinne schwanden.</p>
+
+<p>Als ich nun wieder zu mir selbst kam, stand Mynheer van Streef allein
+vor meinem Verschlage und Sebulon neben ihm. — Sebulon, sagte mein
+Gebieter, der Besuch ist nun fort, und da kann also etwas geschehen,
+was sich vor Fremden nicht ziemt. Ich bin durch das Teetrinken wieder
+in die helikonische Stimmung gekommen. Ich möchte der ganzen Welt
+helfen und rasch! Sage der Griete, sie könne auf der Stelle mit dem
+fremden Tiere hier verrichten, was nach meinem<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> früheren Befehle erst
+morgen vorgenommen werden sollte.</p>
+
+<p>Wird wohl nicht mehr nötig tun, versetzte Sebulon trocken. Es scheint
+wieder munter zu sein, seht nur, Mynheer, welche lustige Sprünge es
+macht.</p>
+
+<p>Ach nein, es war nicht mehr nötig! — Die gräßliche Perspektive,
+ausgestopft zu werden, hatte mit einem Schlage alle selbstmörderischen
+Gedanken in mir vernichtet, mich dem Leben in jeder Beziehung wieder
+gegeben und die gewaltigste Lebenslust in mir angefacht. Ich sprang wie
+unsinnig im Verschlage umher, das nannte jener holländische Hausknecht
+Lustigkeit, ich stieß entsetzliche Töne aus, mich verständlich zu
+machen, meinem Gebieter den Verlust seines Teuersten anzukündigen,
+darüber lachten die Blinden!</p>
+
+<p>Sie gingen, es wurde dunkel, Sebulon schloß die Pforte. Unglücklicher,
+lege auf<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> die Mauer, über welche Mynheer de Jonghe seine Mordknechte
+steigen lassen wird, Selbstschüsse und Fußangeln! Durch die Pforte
+kommt höchstens der unschuldige Chemikus, Euren armen, kleinen
+Bockaffen im Helldunkel seiner harmlosen Laterne abzureißen! schluchzte
+ich. Wie wird er sich betrüben, der Getäuschte, wenn er statt seines
+Studienobjektes nur die leere Stätte findet! Jammer über dich,
+Welgelegen, wenn du morgen erwachest, und dein Kleinod dir gestohlen
+siehst! Traure, traure, Vrouw Elizabeth, deine Vase bleibt unbemalt!</p>
+
+<p>Warum kann der Chemikus nicht vor Mitternacht kommen, und die
+Bande de Jonghes nach Mitternacht? So würde der Chemikus noch bei
+Laternenlicht zeichnen, wenn die Bande anlangte, sie verscheuchen und
+diese Nacht wäre wenigstens gewonnen. Zufall, Zufall, du betrunkener<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span>
+Würfelspieler! Tolles Rätsel des Daseins grimmiger Wust chaotischer
+Verwirrung! O mein Vater, mein Vater, wo weilest du? Eile herbei,
+deinen dir so sauer gewordenen Wurm vor dem Letzten, Schrecklichsten
+zu erretten! Du bist wißbegierig und reisest viel, mein guter Vater,
+vielleicht besuchst du einmal auch das Kabinett von Mynheer de
+Jonghe, und welch ein Augenblick wird es dann sein, wenn du deinen
+unglücklichen Sohn vielleicht zwischen einer Fischotter und einem
+sibirischen Eichhorn siehst! — Zwar ich vergesse, wer ich bin, ich
+rede irre — du wirst mich nicht erkennen!</p>
+
+<p>Ausgestopft zu werden! — Gedanke, der das Hirn sieden macht und alle
+Sehnen krachen! Nichts als Balg zu sein und Werg! Aus gläsernen Augen
+dumm und starr zu schauen, und ewig den Draht in Rücken und Beinen zu
+fühlen, als einzigen haltenden Grundsatz! Neben sich nur Bälge zu<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span>
+haben, und diese ganze trockene Unsterblichkeit lediglich auf Kampfer
+und Spieköl gegründet!</p>
+
+<p>In solchen jämmerlichen Betrachtungen ging mir ein Teil jener
+merkwürdigsten Nacht meines Lebens hin. Ich fühlte zugleich, daß die
+äußerste Beängstigung in meinem Körper Folgen hervorbrachte, denn
+ich konnte, da ich im Verlauf meines Kummers als Mensch mir vor die
+Stirn schlagen wollte, wunderbar genug, dies mit meinen Vorderbeinen
+bewerkstelligen, ich konnte an mein Fell fassen, und die Haare fielen
+ab, so wie ich sie nur berührte, endlich schien in meinem Antlitze ein
+förmliches Umziehen und Quartierverändern von Maul, Nase und Augen vor
+sich zu gehen, so rückten und knackten dort die Knochen. Aber auf alles
+dieses hatte ich weiter nicht acht, ganz verloren in die Furcht vor dem
+Ausstopfen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p>
+
+<p>Gegen Mitternacht Geräusch draußen vor der Mauer, Klimmen, Herabwerfen
+einer Strickleiter! Ein Kerl steigt an ihr nieder, tappt zwischen Biber
+und Schildkröte vorsichtig hindurch — — Ich sitze (denn ich vermochte
+auch schon wieder zu sitzen) stumm da und raufe mir vollends alles
+Fell ab; seine rauhe Tatze ergreift mich — hui und davon mit mir über
+die Mauer! Ich hange schlotternd und an allen Gliedern gebrochen in
+seinen Armen. — Was, zum Teufel, habe ich denn da gefaßt? Das ist ja
+kein — murrt er, während er einige Schritte längs des Kanals nach dem
+Landhause Schoone Zicht zu macht. Ehe er zu Ende gesprochen, stürzt
+ihm ein Mann entgegen, ruft mit einer von der Tugend selbst gebildeten
+Stimme heftig: Steh, du Dieb, ich sah dich über die Mauer steigen! und
+haut auf ihn mit einem Degen ein. Der Dieb, Sünde<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> gibt keinen Mut
+— läßt mich fallen und läuft davon. Ich falle in den Kanal, jener
+unbezahlbare Retter springt, immer den Degen in der Faust, mir nach,
+holt mich heraus, ruft: Wie, ein nacktes Kind? und trägt mich, dem von
+diesen jähen Abwechselungen das Haupt schwindelt, zu einer Laterne hin,
+die etwa hundert Schritte von der Stelle am Kanale brannte. Bei dem
+Schimmer dieser Blendlaterne sehe ich meinem Retter in das Antlitz, und
+— wer faßt's, wer glaubt's, wer sagt's, was ich empfinde? — Es ist —
+— mein Vater, mein sogenannter Vater!</p>
+
+<p>Was die Furcht und der Jammer nicht gekonnt, die Freude vollbringt es.
+Ich finde die Sprache wieder, und, zwar noch immer etwas meckernd, aber
+doch verständlich, ist: Vater! Vater! Dein Kind! mein erstes Wort. Mit
+heißen Tränen stürze ich an seine Brust, er erkennt mich,<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> wie ich
+ihn erkannt, und — doch schweige Lippe! falle Vorhang, über diese
+unbeschreibliche Szene!</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp45" id="illu-159" style="max-width: 37.875em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-159.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p>Stumm vor Rührung steckt er mich ohne weiteres wieder in seine linke
+Rocktasche. Darin finde ich ihn ganz. Alle lieben Erinnerungen gehen
+mir in jener Tasche auf; es ist noch ein Rest Frühstück darin; ich
+versuche, es zu essen. Es gelingt; ich kann wieder Brot und Wurst
+essen! Ich bin ein Mensch wieder, das gebildete Kind gebildeter
+Eltern! Aber wie ging das zu? Mein Vater trägt mich in das Lusthaus
+Vrouw Elizabeth. Er ist's, ja, er ist der gute Chemikus, der sich
+dort aufgehalten, der mit dem Nachschlüssel zu mir kommen, mich
+nach Mitternacht bei Laternenlicht abreißen wollte, aber von einer
+unerklärlichen Unruhe getrieben (sein Vaterherz war's, das so stürmisch
+geklopft hatte!), vor Mitternacht sich aufmachte, einen Degen<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> zu sich
+steckte, weil das Abenteuer immer einige Gefahr hatte, und so am Kanal
+Zeuge des Diebstahls wurde.</p>
+
+<p>Wie ich diese ersten Erklärungen der wunderbaren Geschichte empfangen,
+ich weiß es nicht mehr zu sagen. Mein Vater stammelte nach der Tasche
+hinunter, worin ich saß, ich stammelte hinauf, wir begriffen uns
+durch Naturlaute. — Aber warum machtest du nicht Lärmen, mein Vater,
+als du den Dieb über die Mauer steigen sahst? fragte ich in einem
+ruhigen Augenblicke. — O Sohn, versetzte er, um einen Menschen zu
+retten, haben sich wohl schon größere Unwahrscheinlichkeiten begeben
+müssen, als daß man einen Dieb erst einsteigen und dann wieder
+herauskommen läßt. — Du konntest nur gerettet werden, wenn diese
+Unwahrscheinlichkeit vorfiel, denn machte ich früher Lärmen, so
+erwachte das Landhaus Welgelegen, die Pforte wurde besetzt,<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> du bliebst
+mir unsichtbar und in den Händen von Mynheer van Streef. — Diese
+Antwort stellte mich vollkommen zufrieden.</p>
+
+<p>Wir waren unter solchen und ähnlichen Gesprächen vor Vrouw Elizabeth
+angekommen; mein Vater zog die Klingel und weckte dadurch den Portier,
+der ihm sein Zimmer auftat. In der Helligkeit, welche durch Wachskerzen
+und Alabasterlampen hervorgebracht wurde, umarmten wir uns nun erst bei
+voller Muße. Vater, wie sehe ich aus? war meine erste Frage.</p>
+
+<p>Abscheulich mein Sohn, versetzte er. Deine Züge sind in einer
+wunderbaren Unordnung, es ist, als wäre Nase, Mund und Augen bei
+dir berauscht gewesen und erwachten nun in Winkeln, wohin sie nicht
+gehören. Die Ohren müssen wir vor allen Dingen stutzen, sie haben
+sich etwas zu üppig gen Himmel erhoben, an den Extremitäten sind dir
+überflüssige Haarbüschel<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> gewachsen, auch deine Sprache schmettert
+sonderbar; warst du etwa bei einem Trompeter in der Lehre? Du kommst
+mir vor, wie eine durcheinander geworfene Bibliothek oder Garderobe,
+die einzelnen Bestandteile deiner Totalität sind richtig vorhanden,
+aber es fehlt die Harmonie.</p>
+
+<p>Alles nichts, mein Vater, sagte ich, nachdem ich vor den Spiegel
+getreten war, und mich wieder so ziemlich menschlich gesehen hatte. —
+Er brannte, meine Geschichte zu vernehmen. Ich gab sie ihm in großen
+Umrissen. Er glaubte, ich habe geträumt. Sieh mich an, versetzte ich,
+und sage dann noch einmal, daß dies Träume gewesen seien. Das letzte
+Wunder, so schloß ich meinen Bericht, war das größte. Hat man auch nur
+noch ein Fünkchen Humanität in sich, und soll man ausgestopft werden,
+so nimmt sich bei diesem Gedanken jenes Fünkchen zusammen und<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> man
+restauriert sich von innen heraus. In den Tiefen von Angst, Grauen,
+Verzweiflung habe ich mich sozusagen als Menschen zum zweitenmal
+geboren und die Tierhülle durch Seelenkämpfe abgestreift.</p>
+
+<p>Streife jetzt nur auch eine anständige Hülle über! rief mein Vater,
+ging zu einer Kommode und holte daraus die weißen Pumphöschen, das
+rote Kollett, den kleinen, blechernen Säbel und den Turban hervor.
+Großer Gott! die Janitscharenkadettenuniform war auch da! Wo fandest
+du sie? fragte ich ihn. Im griechischen Gebirge, welches ich nach
+dir verzweiflungsvoll, wie Ceres Proserpinen suchte, durchrannte,
+antwortete er. Ich fand die Stücke auf einem Felsenabhange und glaubte,
+daß dich ein Raubtier gefressen habe. — Aber mein Vater, sagte
+ich, indem ich die Hosen anzog, an den Kleidungsstücken war ja kein
+Blut, woher also dieser Glaube? — Konnte dich<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> das Raubtier nicht
+rein herausgefressen haben? erwiderte er, etwas verstimmt über meine
+kritischen Zweifel. — Er mußte mir nun auch seine Geschichte erzählen.
+Sie war einfach. Aus Schmerz über meinen Verlust hatte er, nachdem
+er jede Hoffnung aufgegeben, mich wiederzufinden, sich noch eifriger
+den chemischen und physikalischen Studien ergeben, wie früherhin, und
+unter anderem auch jenes Farbenbereitungsgeheimnis entdeckt, welches
+ihn dem Holländer van Toll so wert machte. In der Heimat litt ihn
+der Kummer nicht, er reiste durch die Lande Europas als düsterer,
+zerrissener Porzellanmaler. Unterwegs traf er mehrere Kollegen. Durch
+die allerseltsamste Fügung brachte uns das Schicksal wieder zusammen.
+Er ging bei Nacht aus, einen Bock zu zeichnen und traf seinen Sohn.</p>
+
+<p>Wir machten uns noch vor Tagesanbruch von Vrouw Elizabeth fort, denn
+mein<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> Vater fühlte wohl, daß, da er dem Eigentümer das fremde Tier
+nicht auf die Vase liefern könne, seine Rolle im Landhause ausgespielt
+sei. Wir benutzten die erste Schuite nach Amsterdam, und dort die
+erste Gelegenheit nach Bodenwerder. Als wir im Wagen saßen, ich wie
+in den ersten Zeiten in der Tasche, fiel mir der Gedanke an Frau von
+Münchhausen, die Gemahlin meines Vaters, schwer auf das Herz. Ich
+teilte ihm die Besorgnis mit und setzte hinzu: Wird es uns nicht
+gehen, wie Mynheer van Streef, der in der Pforte seines Landhauses zum
+zweitenmal auf Reisen geschickt werden sollte?</p>
+
+<p>Nein, mein Sohn, erwiderte er, die vortreffliche Frau ist bereits
+vor sechs Monden gestorben, von mir begraben und hinlänglich beweint
+worden. — Ich zollte ihrem Andenken ebenfalls einige nachträgliche
+Zähren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p>
+
+<p>Auf Bodenwerder widmete sich mein Vater nun ganz dem Werke meiner
+Ausbildung. Denn obgleich ich, wie aus dem Verlaufe dieser Geschichte
+erhellt, schon als kleines Kind wie ein Buch sprach, so fehlte es doch
+meinem Wissen an Zusammenhang, der jetzt erzielt werden mußte ...</p>
+
+<p>Noch oft unterredeten wir uns über die Einzelheiten meiner
+außerordentlichen Geschichte. — Sage mir nur, mein Sohn, sprach mein
+Vater eines Tages, welche historische Lehre ziehst du aus allen diesen
+unglaublichen Vorfällen? — Vater, versetzte Münchhausen das Kind,
+die Geschichte ist erhaben über alle Lehren. Willst du aber aus der
+meinigen durchaus einen Satz ziehen, so ist es die einfache Wahrheit,
+welche jeder Student fühlt — daß die Söhne auf die Taschen ihrer Väter
+angewiesen sind.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Nachwort_des_Herausgebers">Nachwort des Herausgebers</h2>
+</div>
+
+
+<p>Das funkelnde Ding, das hier zu undurchkreuzterem Glanz aus einer
+Schatulle gleicher Kostbarkeiten hervorgehoben wird, hat Generationen
+hindurch, kaum beachtet, in unmittelbarer Nähe einer volkhaft
+begangenen Straße deutscher Dichtung gestanden. Während der »Oberhof«
+Karl Lebrecht Immermanns, anderer Teil der »Geschichte in Arabesken,
+Münchhausen« (1838) zum klassischen Bestand unseres volkstümlichen
+Erzählertums gehört, ist die Wirkung des eigentlichen »Münchhausen«
+von dem Erscheinen des Buches an auf einen engeren Kreis beschränkt
+geblieben. Sonderbares Schicksal einer bedeutenden Dichtung, durch
+ein merkwürdiges Zusammentreffen äußerer und innerer Umstände
+niemals zu ihrer vollen Auswirkung gekommen zu sein, im allgemeinen
+Volksbewußtsein<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> nur zur Hälfte und unter dem anderen Namen dieser
+Hälfte fortzuleben, gleichsam nur mit einem Lungenflügel zu atmen,
+während der andere ursprünglich ebenso kräftige, zwar vom Blut des
+Schöpferherzens durchpulst lebendig bleibt, aber an den Rändern langsam
+verkümmern muß! Denn der eigentliche »Münchhausen« ist eine Zeitsatire
+großen Stils, wie alle Werke seiner Gattung bestimmt, vorzüglich in
+dieser Zeit selbst in ihren tausend Bezüglichkeiten verstanden und
+unterverstanden zu werden. Nun aber erhob sie sich gerade am endenden
+Rand dieser Zeit, der auslaufenden Romantik, nicht nur inhaltlich,
+auch formal aus ihr gestaltend: eine formfrei spielende Groteske,
+indes die aufsteigenden Generationen sich jenem künstlerischen
+Realismus zuwandten, deren erster Gaben eine seltsamer- und doch nicht
+seltsamerweise der andere Teil der Gesamtdichtung wurde.<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Denn jenem
+Zerrbild des Zeitgeistes, dem die »Münchhausen«groteske gilt, wollte
+Immermann im »Oberhof« in der Bodenständigkeit bäuerlichen Lebens, im
+reinen Bild der deutschen Liebe und Ehe »den wahren Geist der Zeit
+oder richtiger gesagt der Ewigkeit« entgegenstellen, der faulenden
+Schon-Vergangenheit die aufblühende Zukunft entwachsen lassen. Diese
+Zukunft aber hieß: Wirklichkeitsfreude, in der Weltbetrachtung wie in
+ihrer künstlerischen Formung. War nun die Fügung der beiden Gegenbilder
+dazu noch so locker, gleichsam nur scharnierhaft, wie zwischen dem
+»Oberhof« und dem eigentlichen »Münchhausen«, so geschah es fast
+selbstverständlich, daß man die zeitgemäßere Tafel mit sich forttrug,
+die andere aber unbeachtet liegen ließ.</p>
+
+<p>Heute hat das Rad der Zeit geistig wieder einmal eine halbe Drehung
+vollführt. Die Groteske ist aufs neue eine der<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> Hauptformen komischer
+Darstellung geworden. Der Augenblick des ganzen »Münchhausen« könnte
+also gekommen sein, wenn anders es seinem Dichter gelang, nicht nur
+Zeitsatire zu schreiben, sondern in den satirisierten Zuständen der
+Zeit das bleibende Torentum einer Reihe von Generationen oder gar
+menschliches Torentum überhaupt zu erfühlen und zu gestalten.</p>
+
+<p>Kein geringes Unterfangen, an das Immermann sich wagte: den
+»nie gestorbenen nimmer verwelkten ehemaligen Jagd- und
+Pferdegeschichtenerzähler Freiherrn von Münchhausen auf und zu
+Bodenwerder«, dessen wunderbaren Abenteuern Gottfried Bürger einst die
+klassische Form gegeben hatte, ein anscheinend endgültig geformtes
+Symbol also von volkstümlicher Geltung zu »erhalten, restaurieren und
+nach Maßgabe der Zeiten zu metamorphosieren«. Diese Metamorphose aber
+bezweckte nichts<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> minderes als »in diesem Erzwindbeutel einmal alle
+Winde des Zeitalters, den Spott ohne Gesinnung, die kalte Ironie,
+die gemütlose Phantasterei, den schwärmenden Verstand« einfangen zu
+wollen, »um sie, wenn der Kerl krepiert, auf eine Zeitlang für die Welt
+still gemacht zu haben«. Man weiß nicht, was mehr Gefahren barg, die
+Erhaltung der Gestalt oder ihre Metamorphose. Immermann hat sie beide
+überwunden. Erhalten ist das, worauf es ankommt, das schöpferische
+Lügengenie des freiherrlichen Urbilds, erhalten in einer Kraft, die
+es gestattet, auf jede Wiederholung oder Umdeutung seiner früheren
+Fabelmären zu verzichten. An deren Stelle tritt ein verschwenderisches
+Gewirr neuer Erfindungen, aus kongenialer Anschauung mit der gleichen
+Ruhe, Ueberzeugungskraft und grotesker Logik so hingestellt, »daß
+man in währender Erzählung den Erzähler für verrückt halten<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> oder
+an seine Sachen, so unsinnig sie aussehen, auf eine Stunde glauben
+muß«. Nur bei solch überlegen schaltender, zugleich aber respektvoll
+einfühlender Verwendung der überlieferten Figur war es möglich, den
+neuen Helden zu seinem »eigenen Vater und Großvater« zu machen.
+Es ist unverkennbar der alte Münchhausen — wer wäre sonst noch
+fähig so bunten Lügenfangballspiels! — nur um mehrere Geschlechter
+weitergebildet: nicht mehr achtzehntes sondern neunzehntes Jahrhundert,
+etwas weniger aristokratisch, etwas sozial heruntergekommen, ja mit
+einem deutlichen Schuß vagabundierenden Hochstaplertums, daher auch
+nicht so spielerisch zwecklos in den Hervorbringungen seines seltsamen
+Genies, böse nicht gerade, aber von einer satirischen Boshaftigkeit,
+die sein erster Zustand nur erst im Keime enthielt. Geblieben aber ist
+ihm trotz solch<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> merklicher Absenkung vom reinen Schwindel zum weniger
+reinen Schwindler der unwiderstehliche Charme seiner schillernden
+Persönlichkeit. Noch war es möglich, die auflösenden Kräfte des
+Jahrhunderts mit graziösem Humor und einem mehr pritschenden Geist an
+einer Gestalt darzustellen, die ihr Schöpfer am Ende selbst keiner
+eigentlich schlechten Tat für fähig hält. — Um diese Mittelfigur
+aber, die alle Ausstrahlungen des Zeitgeistes mit grotesker Brechung
+in sich sammelt und komisch verzerrt wieder hinauswirft, bewegt sich
+ein menschliches Vierblatt, in dem seine Hauptzüge in voller Rundform
+dargestellt sind, gleichsam um sie auf diese Weise noch wirksamer und
+anschaulicher verpritschen zu können: die Adelslüge: der Baron von
+Schnuck, die Liebes- und Empfindsamkeitslüge: seine Tochter Emerentia,
+die Bildungslüge: der Schulmeister Agesel, und als Ergänzung<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> zu allen
+dreien nicht die Lüge, sondern die materialistische Eigensucht in
+Gestalt des Münchhausenschen Bedienten Karl Buttervogel. Nichts bezeugt
+die dichterische Meisterschaft Immermanns stärker als die schier
+mühelose Lösung dessen, was die Dichter der jungen Generation heute
+mit heißem Bemühen zu bewältigen suchen: Ideen in lebendigen Gestalten
+zu formen, ohne daß dabei einerseits die Eindeutigkeit der Idee,
+anderseits der Schein konkreter menschlicher Existenz verloren ginge.
+Wie die schrulligen Bewohner des Schlosses Schnick-Schnack-Schnurr,
+das in seinem windschiefen Verfall schon eine Groteske für sich
+ist, jede einsam ihre Narrheit in dem Garten mit den nasenlosen
+Götterbildern spazieren führen, bis durch das scheinbar zufällige, aber
+innerlich notwendige Erscheinen Münchhausens alle Narrheit sich um
+ihn anschießend kristallisiert,<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> das hat so unmittelbare Lebendigkeit
+und nicht geringere Realität als etwa die psychologisch-realistisch
+gegebene Darstellung der Oberhofgestalten und der bauernfesten
+Wirklichkeit, in der sie sich bewegen.</p>
+
+<p>Gestaltung! Nicht Etikettierung oder Spruchbänder, die aus dem Munde
+hängen. Das ist die schlichte Antwort, wieso diese Zeitsatire, die
+in der Auswahl ihrer Gegenstände keineswegs auf Nachwelt gearbeitet
+ist, ihre ursprüngliche Jugendkraft in kaum verminderter Frische
+bewahrt hat. So tief das alles in Zeit verhaftet ist: wo die reine
+Schöpferfreude am Geschaffenen waltet, erhebt sich das Zeitliche
+wie selbstverständlich in reine spielhafte Form. Manches zwar was
+uneingeschmolzen bleibt, nur zeithafte Beziehung, aber unendlich mehr
+zeithafte Beziehung, die als solche bedeutungslos wird, überflüssig für
+das naive Verständnis: Geist und Geistesreichheit,<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> Groteske, Arabeske,
+eigenfunkelnd wie Mond ohne notwendiges Wissen um das Ursprungslicht.
+Lebendiger Beleg dessen das vorliegende Stück, das seine innere
+Abgeschlossenheit befähigte, für sich herausgehoben zu werden, und als
+blinkende Lockung zu der Gesamtdichtung zu dienen. In dieser Jugend-
+und Ziegengeschichte, mit der der angeblich von seinem »sogenannten«
+Vater chemisch erzeugte Freiherr, von früherer gefährdender Erfindung
+ablenkend, »einen Heroismus im Erzählen entfaltet«, wimmelt es vor
+Zeitanspielungen wie kaum an einer andern Stelle des Werkes: dennoch
+fast kein Wort, das für den ungelehrten Leser der Erläuterung bedürfte.
+All dies Zeithafte versickert gleichsam im Augenblick, wo es mit der
+lebendigen Gestalt des Helden in Berührung kommt, um bis auf wenige
+Rudimente als organischer Ausdruck, als formgewordener Einzelzug von
+seiner ursprünglichen<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Beziehung gelöst, blutvoll wieder aufzuquillen:
+Ganze Erscheinungskomplexe, Bildungsgehabe, Pädagogisches, Titelmoden;
+Menschen und Werke ferner, die gerade im Vordergrund des Interesses
+standen: der Reisegraf Pückler-Muskau, an dem Immermann sich mit
+besonderem Vergnügen reibt, Humboldts Naturschilderungen, die
+Klangspiele Rückertscher Ghaselen, eine Wunderkindsbiographie Karl
+Wittes, die heute niemand mehr kennt, ganz zu schweigen von tausend
+anderen Haupt- und Seitenhieben auf mehr oder minder Besonderes,
+Zustände, Menschen und Bücher der Zeit. Im Licht eines blendenden
+Geistes, der jeden Nebensatz noch mit feinsten Zügen überschenkt,
+werden sie zu ebenso vielen Fäden im Blitzgeflecht eines der
+meisterhaftesten satirisch-grotesken Prosastücke, die unsere Literatur
+besitzt.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77772 ***</div>
+</body>
+</html>
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