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Naumanns + Druckerei, Frankfurt am Main + + +Mein sogenannter Vater, welcher den häuslichen Unfrieden, von dem ich +die unschuldige Ursache war, nicht länger ertragen konnte, sagte zu +meiner angeblichen Mutter: Desdemona, es muß geschieden sein. Ich habe +es geduldet, daß du mir täglich einige- und dreißigmal sagtest, du +seiest meine Gattin, nicht aus Liebe zu mir, sondern aus Achtung für +meinen seligen Vater, den Lügner, geworden; geduldet sechzehn Jahr und +neun Monate lang, aber daß du diesen armen Wurm, den ich mir habe sauer +genug werden lassen, beständig knuffst, wo du ihn siehst, verletzt +mein Gefühl allzusehr. Lebewohl, Desdemona, wir wollen einander nicht +fluchen, wir wollen einander schreiben, aber miteinander leben können +wir nicht länger. + +Er lockte mich mit einem Zuckerplatz zu sich, steckte mich, da ich noch +nicht gehen und stehen konnte, obgleich ich übrigens bereits klüger +war als mancher Dreißiger, in seine linke Rocktasche und stürzte ab, +während die verlassene Gattin sich im Gefühle weiblicher Würde an das +Fortepiano setzte und: Nach so viel Leiden usw. sang. + +Mein Vater stürzte die Dorfstraße hindurch, er stürzte auf die Straße +nach Braunschweig. Ich bat ihn, langsamer zu gehen, die heftige +Bewegung mache mir Schmerzen, und wirklich zerschlug ich mir beinahe +die Nase an seinem Beine, gegen welches die linke Rocktasche flog. Er +aber hörte nicht auf mich, sondern stürzte immer heftiger fort, unter +Tränen rufend: Du solltest ein Opfer jenes bösen Weibes werden, du +sauer zubereiteter Wurm? Dem sei nicht also. Du bist das Produkt meiner +tiefsten Studien, mein liebstes Kleinod, mein teuerster Schatz! -- Ich +litt unaussprechlich bei den Ausbrüchen dieser heftigen Zärtlichkeit +und bei den durch sie hervorgebrachten stürmischen Bewegungen der +Rocktasche. Damals schöpfte ich die erste Erfahrung von dem Satze, daß +die Menschen, wenn ihre Liebe recht heiß ist, dem Gegenstande derselben +hundsübel machen können. + +Zum Glück kam ein Postillon halben Weges mit einer leeren Extrachaise +von Braunschweig retour gefahren, den bestach mein sogenannter Vater, +der Schwager verriet für einen Spezies seine heiligsten Pflichten, nahm +uns auf, kehrte um und setzte uns vor Braunschweig ab. Dort mietete +mein Vater einen Hauderer, der uns über Scheppenstedt, Magdeburg, die +Walachei hindurch nach Thessalonich fuhr. In Scheppenstedt sollte +gerade damals eine allgemeine deutsche Akademie errichtet werden, +in Magdeburg war Landestrauer, weil die Klöße in dem Jahre nicht +geraten wollten, in der Walachei werden lauter Wallachen gezogen, bei +Thessalonich kommt man schon in das Türkische. + +Wenn ich nur nicht immer in der Rocktasche hätte sitzen müssen! Ich +hatte den brennendsten Drang nach Selbständigkeit, nach unumschränkter +Beobachtung, und mußte da immer zwischen Schinken und Semmel und +Sauerbraten verächtlich zubringen, denn mein Vater pflegte auch sein +Frühstück in die linke Rocktasche zu senken, und ich durfte nur +soeben aus der Schlitze gucken. Ich sagte zu meinem Vater in jedem +Nachtquartiere: Papa, die Tasche steht mir nicht mehr an, lassen +Sie mich neben Ihnen sitzen. Er aber gab mir dann jederzeit einen +väterlichen Kuß und schlug mir meine Bitte ab, weil ich ihm, wie +er sagte, außer der Tasche verloren gehen könne. Mein jugendlicher +Frohsinn schwand in der Tasche, ich fühlte, daß ich mich selbst mündig +sprechen müsse, und wartete auf die erste günstige Gelegenheit, +diesen Entschluß auszuführen. + + [Illustration] + +In Thessalonich machten wir Halt und bezahlten unsern Hauderer. Der +Hauderer erhielt gute Rückfracht, nämlich einen gefühlvollen, liberalen +Russen mit seinen vier frisch angekauften zirkassischen Sklavinnen. +Bei Thessalonich geht, wie gesagt, schon das Türkische an. Mein Vater +wollte dort ein Mittel gegen die Emanzipation der Frauen ausfindig +machen, und ich sollte Kadett bei den Janitscharen werden, sobald ich +gehen und stehen könne. Indessen wendete das Schicksal alles gar anders. + +Mein Vater (ich mag nicht immer das Beiwort: Sogenannt hinzufügen, +versteht sich also in Zukunft von selbst) ging viel spazieren, +hauptsächlich um meinetwillen, um, so sagte er, mir früh Empfindung +für die schöne Natur beizubringen, überlegte nur nicht, daß ich in +der linken Rocktasche von der schönen Natur wenig zu sehen bekam +und ihm daher in meiner Finsternis auf das Wort glauben mußte, +wenn er stillstehend, oder zwischen seinen Beinen durchguckend, in +welcher Positur die Landschaft immer am reizendsten aussieht, von der +göttlichen Aussicht, von der blauen, duftigen Ferne und dem goldenen +Morgen- oder Abendrote laut schwärmte. Eine recht verkehrte Erziehung! +Ich bat ihn flehentlich, er möge mich doch wenigstens in einen seiner +Stiefeln stecken, wie die Samojeden ihre Kinder bei sich führen -- +er trug weite Schlappstiefeln mit seidenen Troddeln vorn -- jedoch +vergebens. Auch aus den Stiefeln fürchtete er mich zu verlieren. +Meine Lage wurde allgemach unerträglich und ich weinte oft die linke +Rocktasche ganz naß. + +Eines Tages saß mein Vater mit dem Rücken gegen einen Oelbaum gelehnt, +sah die Sonne untergehen und war außer sich über ihren purpurnen +Widerschein im Meerbusen von Thessalonich. Sonst pflegte er bei allem +Enthusiasmus die Hände in der Tasche zu halten, so daß kein Entrinnen +gedenkbar war. Dieses Mal übermannte ihn aber seine Begeisterung, er +schlug unter Interjektionen die Hände über dem Kopfe zusammen, und +ich benutzte den Augenblick, um aus der Tasche zu schlüpfen: Da sah +ich um mich, da atmete ich, da ward mir wohl nach langer Kerkerhaft. +Ich kroch, ging, stolperte, lief ein wenig, wie es eben glücken +wollte, während mein Vater seine Rede an Sonne und Meer fortsetzte. +Ich war eben in der Furcht vor Schlägen auf dem Rückwege nach der +Tasche -- denn mein Vater züchtigte mich ungeachtet aller Liebe sehr +oft in der empfindlichsten Art -- als das Verhängnis mit mir die +wunderlichen Spiele begann, welche sich so lange fortsetzen und mir +die eigentümlichsten Erfahrungen geben sollten. + +Plötzlich fühlte ich mich nämlich von einem großen, dunkeln Etwas +überschattet, höre einen Lärmen, wie wenn ein Baum knattert und fällt, +fühle ein rauhes Gefieder und zwei scharfe Krallen an meinem Leibe, +sehe mich pfeilschnell erfaßt, in die Lüfte geführt, wolkenhoch +emporgetragen. Mit Entsetzen erkenne ich mein Los und rufe mir zu: Du +bist in den Fängen eines Lämmergeiers, du armer, deinem Vater so sauer +gewordener Wurm! Warum, Unglücklicher, verließest du die Tasche? -- +Die Lage des Kindes war schaudervoll! Ueber mir der goldgelbe Bauch +und die korallenrot glühenden Augen des Ungeheuers, um mich Luft und +Wolken, oder Schwärme folgenden und krächzenden Gefieders, welches +dem Geier seine Beute mißgönnte, tief, schwindlicht tief unten Land +und Meer wechselnd als dunkele und blanke Streifen! -- Der Geier +fliegt und fliegt; er ist ein Geier, der auf Reisen geht und sich +seinen Mundproviant hat mitnehmen wollen. Das Ungeheuer schreit +beständig: Pfy! Pfy! -- Da rufe ich mit dem Witze der Verzweiflung: +O, wenn du Pfy! schreien kannst, so rufe doch zuerst über dich Pfy! +aus, abscheulicher Franz Moor der Lüfte; Pfy! über deine mehr als +unredliche Handlungsweise! Nach der Naturgeschichte fällst du zuweilen +ausnahmsweise Hirtenknaben an. Bin ich denn ein Hirtenknabe? Bin ich +nicht das gebildete Kind gebildeter Eltern? Hast du nicht selbst +Kinder, Barbar? Jammert dich der Vater nicht, der drunten mit dem +Rücken gegen den Oelbaum gelehnt sitzt, vermutlich noch immer die Sonne +sinken sieht, und an den Sohn in der Tasche glaubt? + +Ich war, man sieht es hieraus, über meine Jahre gereift. Der Geier +kehrte sich aber an meine Reden nicht, sondern flog und flog. + +Ein Blitz, ein Knall, ein Fall! Aus unermeßlicher Höhe stürze ich +hinab; mir vergeht Hören und Sehen. Als ich von meiner Betäubung +erwache, liege ich weich gebettet, und ohne daß mich eines meiner +Glieder schmerzt. Ich sehe mich auf dieser Lagerstätte um: sie ist ein +Karbonaromantel von blauem Tuch, ausgespannt zwischen zwei Tamarisken. +Ein langer, bleicher Mann steht neben den Bäumen, die abgeschossene +Perkussionsflinte in der Hand, der fürchterliche Geier liegt einige +Schritte davon blutig am Boden, schlägt mit den Flügeln und zuckt und +schnappt in letzten Zügen. Etwas weiterhin graset, abgezäumt, ein +Reitpferd. + ++I killed the vulture+, sagte der großmütige Brite nachdenklich, +hob mich vom Karbonaromantel herunter, hielt mir seine Hand zum Kusse +hin und fuhr gleichgültig fort: +You shall stand indebted for it all +your life, Sir. Adieu.+ + +Er zäumte sein Pferd auf, schlug den Karbonaro malerisch um die +Schultern, bestieg den Klepper und ritt fort. Um Gottes Willen, Mylord, +habt Ihr mich darum gerettet, um mich in dieser Einöde dem Hunger, dem +Durst, den wilden Tieren preiszugeben? rief ich. Bei der Gnade des +Himmels! nehmt mich auf der Kruppe Eures Pferdes mit. +You would +deprive me of my comfort+, versetzte der großmütige Engländer kalt +und ritt wirklich fort, so daß ich ihn bald aus dem Gesichte verloren +hatte. -- Elender, sagte ich dumpf, ist dieses die Großmut Albions? +Du dachtest an dein Jagdvergnügen und nicht an das gebildete Kind +gebildeter Eltern, an den sauer zubereiteten Wurm seines Vaters, als +du schossest. Geh, falscher, heuchlerischer Brite, wir sind quitt! +Bewaffne dich mit dem ganzen Stolze deines Englands, ich, ein deutscher +Knabe, verwerfe dich! + +Durch diesen Monolog fühlte sich meine Seele erhoben und gekräftigt. +Ich empfand zugleich, was ich meiner Ehre gegen den verruchten Geier +schuldig war, der noch immer schnappte und jappte, trat daher zu ihm +und sagte: Ein anderes Mal sehen Sie besser zu, wen Sie vor sich +haben, Federvieh! Die Naturgeschichte erlaubt Ihnen, ausnahmsweise auf +Hirtenknaben zu stoßen, nicht aber auf gebildete Kinder gebildeter +Eltern. -- Der Geier drehte seinen borstigen Schnabel matt nach mir um +und verschied sodann, wie es mir vorkam, mit einiger Reue in den Augen. + + [Illustration] + +Ich betrachtete mir die Gegend. Nichts als Felsen und Klippen, eine +über der andern, und in der Ferne noch höhere Kuppen! Flechten, +Moose und Heiden bedeckten den Stein, Alpenröslein zeigten die roten +Kronen, wilder Lorbeer, Tamarisken, Johannisbrotstauden standen +in leichten, dünnen, malerischen Gruppen umher. Ich war auf einer +bedeutenden Höhe, denn die Luft zog scharf und kühl, allem Vermuten +nach auf einem der berühmten griechischen Berge, denn der Geier war +mit mir südwestlich geflogen, aber auf welchem? Ich befand mich in +der peinigendsten Ungewißheit über diesen Punkt, weil ich einsah, +daß es vor allen Dingen nötig sei, mich örtlich zurecht zu finden, +um den richtigen Weg nach Thessalonich und der linken Rocktasche +einzuschlagen, die mir bei den schweren Erfahrungen, welche ich in so +kurzer Zeit über den Geier und Engländer gemacht hatte, schon jetzt wie +ein verlorenes Paradies vorkam. + +Aber wie diese Kenntnis erlangen? Die Gegend schien so einsam, daß +kein Tier, geschweige denn ein Mensch sich erblicken ließ. Ich wollte +anfangs das Geschick befragen und an meinen Jackenknöpfen abzählen, ob +ich auf dem Oeta, Parnaß, Olymp, Pindus oder Helikon stehe? verwarf +aber dieses Auskunftsmittel als zu kindisch und meiner nicht würdig. + +Das Dunkel nahte sich, die Kuppen der Berge wurden violett, Hunger +und Durst begannen mich zu peinigen, und ich stand noch immer +allein da droben, ich und der tote Geier, die einzigen lebenden +Wesen in jener Einöde! Mich fror in meiner leichten türkischen +Janitscharenkadettenuniform, die mir mein Vater schon hatte machen +lassen! Sie bestand in weißen Pumphöschen, in einem auf europäische +Art zugeschnittenen roten Kollett mit gelben Litzen und in dem Turban, +der damals noch nicht abgeschafft war. Ein kleiner blecherner Säbel +klirrte an meiner Seite und einen Schnurrbart trug ich auch, vorläufig +einen mit Kohle gezeichneten. + +Um wenigstens meinen Durst zu löschen -- denn gegen den Hunger gab es +da freilich nichts, als Stengel, Blätter und Alpenrosen -- kroch ich zu +einer Quelle, welche zwischen grünlichen Klippen hervorsprudelte und an +diesem ihrem Ursprunge von einigen der schönsten Lorbeeren überstanden +war. Ich ahnete, daß es mit diesem Wasser eine eigene Bewandtnis haben +müsse, denn Gewalt und Klarheit wohnten in ihm so nahe beieinander, daß +es kein gewöhnlicher Spring sein konnte. Zischend und schäumend drang +der Strahl unter dem moosigen bekräuterten Steine an das Licht, als +koche er, und einen Schritt weiter floß schon das klarste beryllgrünste +Naß ohne Unruhe, Schaumblasen, Wirbel in seinem Rinnsale. + +Ich bückte mich zur Quelle und netzte meine Lippen, aber wie wurde +mir da! In meinen Eingeweiden tat es ein Grimmen, in meinem Blute ein +Wallen, in meinen Gliedern ein Glühen, in meinem Herzen ein Klopfen, in +meinem Haupte ein Schwärmen! Die wundersamsten Phantastereien begannen +mir vor den Sinnen umherzugehen. Meine rote Janitscharenkadettenuniform +kam mir vor wie das Rote Meer, meine weißen Pumphöschen leuchteten mir +wie der Schnee der Alpen, und mein kleiner blecherner Säbel gemahnte +mich wie das Schwert des Alexander. Ich öffnete die Lippen, und sie +sprachen unwillkürlich: + + Gesperret lange Zeit in eine Tasche, + Selbständigwerdenwollend ausgekrochen, + Nahm in die Krallen dich der Gei'r, der rasche, + Dem Albions Großmut drauf den Hals gebrochen, + Und als dir nun gesunken die Courage, + Fühlst du in Grimmen, Glühen, Wallen, Pochen + Dein Herz gelöset fluten gleich der Träne + Des Stocks im Lenz, am Born der Hippokrene! + +Ja, ich hatte unversehens aus der Hippokrene getrunken und war sonach +am Helikon! Meine Lippen öffneten sich abermals und skandierten +unwillkürlich: + + Sauerbereiteter Wurm des gütigsten Vaters, + Für die Kadettenanstalt des größesten Sultans + Mit dem Säbel aus Blech bewaffneter Knabe, + Streife das rote Kollett und die weißen batistnen + Höschen vom Leibe dir ab und glänze in reiner Klassischer Nacktheit! + +Wirklich warf ich Säbel, Kollett, Turban, Pumphöschen, kurz alles und +jedes ab, wälzte und kugelte mich wie toll umher, unwillkürlich, von +dem Musenwasser getrieben. Schon hatten sich wieder neue Bilder in +meine Seele und Weisen auf meine Lippen gedrängt; ich sang: + + Feinsliebchen, wenn du suchest mich, + Trala! + Du findest mich ganz sicherlich + Sasa! + Wie bei der Lamp' ich sitz' und mach' + Ein Liedchen für den Almanach! + + Feinsliebchen, weißt du, was das ist? + Trala! + Ein Büchlein voll von Jesuchrist + Sasa! + Und Blümelein und O! und Ach! + Das ist der Musenalmanach! + +Ich hatte rasch den Entschluß gefaßt, einen Musenalmanach zu schreiben, +ganz allein ich selbst: um mir mein Brot zu verdienen, denn -- rief ich +-- + + Warum denn andre brauchen und deren Instrumente? + Ein rechter Virtuose spielt jedes Instrumente. + Er bläst mit seinem Munde, dem Finger fünfe dienen, + Das Lippenhauchgenährte, das Flöteninstrumente, + Und streichelt mit dem Bogen, geknüpft am Ellenbogen, + Das Saitenstegbewehrte, das Geigeninstrumente, + Derweil an seinen Schenkeln sich hellen Schalles stößet + Das Kindern klingklangwerte, das Beckeninstrumente, + Und Klöpfel an den Knieen mit mut'ger Rührung rühren + Das Kesselbauchbeschwerte, das Paukeninstrumente, + Von seinem Haupte aber die Glöcklein schwingend bimmelt + Das Roßschweif' nie entbehrte, das Halbmondinstrumente. + So mit Gebläs' und Streichen, mit Stoßen, Rühren, Bimmeln + Sah ich, als sein der Meister fünf da der Instrumente, + 'nen einz'gen jüngst noch spielen am Markt das manigfalte + Flöt-, Geige-, Pauken- und Halbmondinstrumente. + +Damit war meine Begeisterung noch nicht erschöpft. Formen und Verse, +Weisen und Reime, Laiche, Stollen, Stanzen, Assonanzen, Dissonanzen, +Dezimen, Kanzonen, Terzinen, Handwerksburschenlieder, Sprichwörtliches, +Afrikanisches, Madekassisches, an Personen, Gelegenheit, Denk- und +Sendeblätter, Runenstäbe, Gepanzertes und Geharnischtes, Blätter und +Blüten, Schutt -- alles dieses und noch unendlich viel mehr entquoll +meinen unermüdlich vom Wasser bewegten Lippen, so daß ich glaube, ich +armes, nacktes Kind habe da droben auf dem Helikon an jenem Abende +in wenigstens sechs Dutzenden der verschiedensten Arten und Weisen +meine Kindlichkeit lyrisch ausgesprochen. Ich weiß nicht, ob ich mich +nicht totgeschrien haben würde und ein lyrisches Opfer geworden wäre, +hätte nicht das Schicksal, welches mich schon aus den Fängen des +Geiers rettete, nunmehr mich auch von den Folgen jenes hippokrenischen +Sauerbrunnens befreit. + +Auf einmal nämlich, als ich eben ansetzte, meine Empfindungen im Geiste +eines enthaupteten Hottentotten auszuströmen, fühlte ich mich von +allen Seiten angerannt, übergerannt, beschnoppert, beleckt, befühlt, +bestoßen, betrampelt. Zu Boden geworfen, sah ich nichts über mir und +um mich als gelbe Augen, dürre Beine, rauche, bärtige Gesichter. Eine +Herde wilder Ziegen war mit ihren Zicklein zum Orte gekommen und übte +an mir diese etwas stürmische Bewillkommnung aus. Mein anfänglicher +Schreck dauerte indessen nur wenige Augenblicke; ich erkannte sehr +bald, daß ich gutmütigen Wesen in die Pfoten gefallen war, die nur +durch ihre Individualität bestimmt wurden, so unbequem ihre Freude über +den Fund des kleinen Lyrikers zu äußern. Das waren keine blutdürstigen +Lämmergeier, es waren sanfte, milde Ziegen mit den besten Herzen. Sie +riefen alle im Chore: Ach, der arme Kleine! der Verlassene! Da liegen +seine Häute, er muß eine fürchterliche Krankheit gehabt haben, wovon +sie sich abgeschält haben, nun sieht er wie geschunden aus. Laßt uns +seine Wunden lecken! der Jammervolle! Ich mußte im stillen über diese +unerfahrenen Ziegen lächeln, welche meine Janitscharenkadettenuniform +für einen abgestreiften Balg, und meine heile, weiße Haut für +geschunden ansahen, beschloß indessen Achtung vor dieser Volksmeinung +zu haben und nicht übereilt mir durch Eröffnung einer höheren Wahrheit +bei den Ziegen zu schaden. Indessen war ich doch bald genötigt, +Einspruch zu tun, denn alle Ziegen leckten in ihrer wohltätigen Absicht +so eifrig an mir umher, daß ich es vor Kitzel nicht länger aushalten +konnte. Ich ergriff daher das rechte Vorderbein derjenigen Ziege, +welche mir die älteste und verständigste zu sein schien, mit meinen +kindlichen Händen, drückte es an mein Herz und sagte: Ehrwürdige +Mutter, ich danke Ihnen. Genug nun des Leckens! Vertrauen Sie der +Natur, und überlassen Sie ihr die Nachheilung meiner Ihrer Ansicht +zufolge wunden und geschundenen Haut! -- Wirklich ließen die +gutmütigen Ziegen, sobald sie meinen Wunsch vernommen hatten, von +ihrer Leckkur ab. + +Die Zicklein, welche bisher diese Szene der Barmherzigkeit mit +possierlichen Mienen und Gebärden umstanden hatten, drängten sich +jetzt, entsetzt seitwärts blickend, den Müttern so innig an, wie +die jüngste der Niobiden dem Schoße, der sie doch nicht vor den +schrecklichen Pfeilen zu bergen imstande war. Sie schrien meckernd: +Der Geier! der böse Geier! und zitterten und bebten, als ob jener +tote Bösewicht sie noch fressen könnte. Anfangs schauerten auch die +Mütter bei seinem Anblicke zusammen, indessen faßten sie sich bald +und beruhigten die Zicklein mit verständigem Meckern. O, rief eine +der Ziegen, wie vielen Dank sind wir diesem armen kleinen Findlinge +schuldig! Ohne ihn würden wir wahrscheinlich den Verlust eines von +euch, ihr teuren Kinder, zu beweinen haben! Der Lämmergeier sah aber +ihn und nahm ihn an Eurer Statt in die Lüfte! -- Hier erwachte mein +ganzer Stolz, und auf die Gefahr hin, es mit diesem Ziegenvolke auf der +Schwelle unserer neuen Bekanntschaft zu verderben, sprach ich: Meine +Damen, Sie sind im Irrtum. Daß jener Räuber mich für einen Hirtenknaben +hielt, den er nach der Naturgeschichte ausnahmsweise zuweilen anfallen +darf, war schon unverzeihlich von ihm, daß er mich aber gar für ein +Ziegenlamm hätte halten sollen, dazu traue ich ihm denn doch zu viel +Verstand zu. -- Das Wundfieber phantasiert aus ihm, riefen alle Ziegen, +er weiß nicht, was er spricht. -- Meine Schwestern, hob die älteste der +Ziegen an, uns dieses kleinen verlassenen Wesens anzunehmen, erfordert +unsere Ziegenpflicht, um so mehr, da es ein Opfer für eines unserer +Kinder geworden ist. Bringen wir denn es vor allem unter Obdach, und +späterhin wollen wir überlegen, was von uns für ihn geschehen kann! + +Die Herde setzte sich in Bewegung, die Mütter voran, die Zicklein +folgend. Die Mütter stießen mich mit ihren Köpfen vorwärts; ich weinte +und schrie, daß ich erst meine Janitscharenkadettenuniform wieder +anziehen wolle, denn die klassische Nacktheit beginne mir frostig zu +werden, davon aber wollten die Ziegen nichts wissen, sondern hielten es +für eine neue Fieberphantasie, daß ich in jene kranken Hüllen kriechen +wolle. Ich mußte mich daher fügen, klammerte mich zwischen zweien der +Gesetztesten mit den Händen an deren Zottelpelzen an, und konnte so +notdürftig mit der Herde mich fortbewegen. + +An Abgründen vorbei, auf rauhen Pfaden, über welche meine tierische +Gesellschaft sicher ging, gelangten wir zu einer großen Felsenhöhle, +dem von der Natur gebildeten Stalle dieser wilden Ziegen. Räumlich +und wohnlich war die Höhle, ein warmer Hauch schlug aus der tiefen +Wölbung meinem frierenden Körper wohltuend entgegen, der Boden und die +Seitenwände waren mit weichem Moose ausgepolstert, das ertastete ich, +als wir hineingingen. Der süße aromatische Duft des Tymians, welcher +auf jenem Gebirge überall blüht, drang in die Höhle, kurz, dieser +Aufenthaltsort konnte nicht tröstlicher gedacht werden, wenn man einmal +von der linken Rocktasche seines Vaters verbannt sein sollte. + +Die Ziegen streckten sich auf dem weichen Moose nieder und begannen ihr +Wiederkäuungsgeschäft, die Zicklein legten sich ihnen an die Euter und +sogen, aber was wurde aus mir, dem Fremdlinge ohne Familienverbindungen +in diesem Kreise? Traurig saß ich in einer Ecke auf meinem Moosklumpen, +hungerte und durstete. Endlich ersuchte ich bescheiden auch um einige +Milchnahrung, wenn die Kinder des Hauses gesättigt sein möchten. +Glaubst du denn, rief die älteste der Ziegen, welche die andern Sisi +nannten, daß wir dich nicht längst auch zu unsern Nahrungsquellen +herbeigelassen haben würden, wenn wir nicht wüßten, daß dein Wundfieber +jede Ueberladung des Magens tödlich machen kann? -- Ich bat sie bei +den Häuptern ihrer hoffnungsvollen Lämmer, es darauf zu wagen, ich +verschmachte sonst, worauf sich unter der Herde eine ziemlich lebhafte +Verhandlung über die Zulässigkeit oder Nichtzulässigkeit des Säugens +in meinem Zustande ergab, welche in den Beschluß auslief, daß mir +ein Weniges an Milch wohl verstattet werden möge. Froh über diese +Entscheidung kroch ich zur barmherzigen Sisi und sog die ersehnte, +heilsame Nahrung in mich. Als ich aber im besten Saugen war, wurde ich +schon wieder abgestoßen, weil ein Mehreres, wie die um mich besorgten +Ziegen ängstlich ausriefen, mir sicherlich schaden würde. Ich war +daher nur halbsatt geworden, indessen doch vor dem Hungertode nunmehr +geschützt. + + [Illustration] + +Ueber meine Nachtruhe entstand darauf eine zweite Verhandlung, welche +ein Streit zu werden drohte, denn die Ziegen waren gegen mich so +liebevoll gesinnt, daß jede mich in ihren Pfoten erwärmen und keine +mich der andern gönnen wollte. Ich mußte voraussehen, bei diesem +Liebesfeuer die ganze Nacht über ungewärmt zu bleiben, rief daher: +Wohltätige und rechtschaffene Ziegen, teilt euch in euren kleinen +Lyriker, laßt ihn bei jeder von euch eine halbe Stunde liegen! -- +Dieser Vorschlag fand Beifall, zuerst nahm mich die alte Sisi in ihre +Pfoten, dann die Riri, dann die Quiqui, dann die Nini, dann die Mimi, +dann die Lili, dann die Pipi, dann die Fifi, dann die Bibi, dann die +Didi, dann die Wiwi, dann die Kiki, endlich und zuletzt morgens +gegen vier Uhr die Zizi, die jüngste dieser meckernden Grazien. +Denn diese Namen, alle in i endigend, führten die zwölf Ziegen, aus +denen die Herde bestand. Ich hatte sie durch ihre Gespräche zufällig +erkundet. Was meine Nacht betraf, so war sie freilich unruhig, denn +ich hatte fast nichts zu tun, als mich niederzulegen und wieder +aufzustehen, indessen erfror ich doch nicht. + +Wundert Ihr Euch, daß ich das Gemecker der Ziegen sobald verstehen +lernte? Ihr hättet Euch eher darüber verwundern sollen, daß ich den +Engländer verstehen konnte. + +Betrachtungen über mein sonderbares Schicksal raubten mir den wenigen +Schlaf, den mir der Wechsel meiner zwölf Wohltäterinnen allenfalls noch +hätte verstatten mögen. So bist du denn, dachte ich, indem du deine +Selbständigkeit erringen wolltest, in die Klauen eines Usurpators und +darauf nach kurzem lyrischen Taumel unter das Vieh geraten, von welchem +du nicht einmal für voll angesehen wirst ... + +In den nächsten Tagen besuchte ich mit den helikonischen Ziegen und +ihren Zicklein die Weide. Ich muß ihnen das Zeugnis erteilen, daß sich +die Ziegenmütter gegen mich immer gütig und liebevoll betrugen, und +daß auch ihre Kinder nicht allzu arg mit mir umgingen, obschon diese +freilich, mutwillig, wie die Jugend einmal ist, allerhand neckende +Possen trieben, welche auf mich Bezug hatten, zum Beispiel sich gegen +mich bäumten, mir über den Kopf wegsprangen, nach mir stießen, und was +dergleichen Schalkstorheiten mehr waren, die ich als gebildetes Kind +gebildeter Eltern nur verachten konnte. Du bist unter Ziegen, sagte +ich zu mir selbst, wenn der Grimm in mir überwallen wollte, vergiß das +nie kleiner Münchhausen, du sauer zubereiteter Wurm deines Vaters. +Ich fühlte, daß ich mich dem Zustande, in den mich einmal die Fänge +des Geiers und die Kugel des großmütigen Engländers geworfen hatten, +anbequemen müsse, versuchte also zuvörderst auf allen vieren zu laufen, +da ich ohnhin auf meinen beiden kleinen menschlichen Füßen noch +nicht recht fortkommen konnte, und bestrebte mich außerdem, auf jene +bäumenden, springenden, stoßenden Scherze einzugehen, freilich nicht +ahnend, wohin dieses Anbequemungssystem führen sollte. + +Wenn die gütigen und liebevollen Ziegenmütter sich nur nicht +von vorgefaßten Ideen so sehr hätten leiten lassen! Aber es +war meinen Bitten unmöglich, sie zu bewegen, daß sie mir meine +Janitscharenkadettenuniform zukommen ließen; sie blieben steif und fest +dabei, daß dieses Kollett, diese Hosen, dieser Turban Ueberbleibsel +krankhafter Häutungen seien. Nackt war ich also, und nackt blieb ich, +so daß mich in den ersten Tagen meines ziegenhaften Lebens entsetzlich +fror, bis die Haut eine Gegenwirkung zu entwickeln begann, welche den +erkältenden Einfluß der Luft allgemach aufhob. Auch von der Milch +bekam ich immer nur halbe Portionen, aus Sorge um mein angebliches +Wundfieber. Oft knurrten meine Eingeweide vor Hunger. Bei allem dem +war ich der Liebling der ganzen Herde und sämtliche zwölf Ziegen auf i +nannten mich nur ihren herzigen Jungen. Ich hatte meine Verwunderung +darüber, so viel Menschliches unter dem Volke zu finden, welches doch, +wie ich aus allen Reden und Aeußerungen, die ich hörte, abnahm, in +einer völligen Einsamkeit und Absonderung von der übrigen Welt auf +diesen helikonischen Höhen erwachsen war und gegen die Menschen, von +denen es nur durch Hörensagen wußte, eine so tiefe Verachtung hegte, +wie die tugendhaften Houyhnhums des Dechanten Jonathan Swift gegen die +sündlichen Yahoos. + +Das Leben einer Ziege, insonderheit einer wilden, hat sonst viel +Schönes. Der erste Frühstrahl drang golden, wie ihn die Ebene nicht +kennt, in unsere Höhle und beleuchtete ihre moosigen Klüfte, vor +denen nach dem Tage zu leichte Geflechte wilden Weines und bunter +Winden hingen. Rote Lichter und farbige Schatten umspielten die Herde, +die umher an den Steinen und Mooswülsten noch lag und schlummerte, +bald aber sich erhob und die Glieder dehnend, in den Morgenwind +hinausschritt, der die Waldreben und Winden säuselnd bewegte. Wie +herrlich glänzte dann der hohe Gebirgsrücken mit seinen tausend Zacken +und Klippen vor uns, wie nagte geschäftig der scharfe Zahn an den +würzigen Kräutern, die ihn bedeckten, wie leckmäulerig wurde, wenn +diese Kost genossen war, emporstrebend, die aromatische Rinde der +Stauden und Bäume abgeschält, wie labte nach solcher Speise die süße +Kühle der göttlichen Quelle! Die Lüfte wehten erquicklich und labend +über diese Gipfel hin. Sie waren mit keinem Dunste der Ebene befrachtet +und erzählten die Sagen der alten schönen Götterwelt. Tief drunten +in weiter Ferne lagen die Städte der Menschen mit dem gemeinen Wuste +ihres Wesens; zu diesen seligen Höhen drang der Schrei des Bedürfnisses +nicht, und nicht der Seufzer der Sorge. Bisweilen erklang aus dem +Gestein, umsproßt von wilden Rosen und Feigen, der melodische Schall +der Steindrossel oder tönte aus den Heiden und Thymusbüschen der +goldene Laut der Zikade. Alles klang hier voller, reiner, unschuldiger +in der Nähe des Bornes, den der Huf des heiligen Rosses aufriß, denn +alles hatte aus ihm getrunken; selbst die Gräser, Blumen, Büsche, +Bäume, welche das schäumende und doch so ruhige Naß benetzte, oder +auch nur mit seinem feinen Dufte erreichte, standen stolzer und +vornehmer da, als die Gewächse der Fläche. Wenn der Alpenhauch ihre +Spitzen und Kronen rührte, beschrieben die Stengel und Zweige schöne, +dem Auge wohltuende Linien in den Lüften. So war jegliches da droben +verfeinert, abgeklärt und selbst im Kräftigen zart; Scheltworte, zu +denen etwa einmal eines gegen das andere sich vergaß, adelten die Winde +des Helikon in zierliche Epigramme um; dieses war, was die Nähe bot, +die Ferne aber zeigte auch nur Erhabenes: Die göttlichen Häupter des +Pindus, Parnassus und Kithäron. + +Mittags rasteten wir gewöhnlich auf einer sonnigen Halde. Dann aber +kamen die Gatten der Ziegen zu einem kurzen, aber traulichen Besuche. +Sie bewohnten eine andere Felsengrotte an der entgegengesetzten Seite +des Berges und führten eine abgesonderte Wirtschaft, denn zwischen +beiden Geschlechtern bestanden hier die edelsten und keuschesten +Verhältnisse. Dann begannen die gymnischen Spiele der Jugend, welchen +nur in dem niedern Zustande gemeiner, zahmer Ziegen die herabwürdigende +Bezeichnung von Bockssprüngen zukommen kann. Hier war in diesen Spielen +feurige Kraft und die Blume der komischen Grazie zu schauen. Rings +im Kreise gelagert freuten sich die sanften Mütter und die ernsten, +ehrwürdigen, bebarteten Väter der herrlichen, überquellenden Lust und +dachten ihrer einstigen Zeit. Meldete sich nun wieder der Gläubiger +unter dem Zwerchfell, der nie die Schuld einzufordern vergißt, das +heißt wollten die Ziegen und ihre Gatten noch etwas fressen, so +schied man mit herzlichem Gruße und dem frohen, getrosten Worte: +Auf Wiedersehen! Beide Geschlechter gingen zu ihren Weideplätzen, +und nun wurde noch ein leichteres Vesperfutter abgerupft. Wenn aber +die dämmernde Eos mit Rosenfingern herabsank, und der Abendtau den +klassischen Boden zu netzen begann, schritten wir lieblich meckernd +heimwärts, erreichten vor der völligen Finsternis die bergende Höhle +und streckten uns saugend oder wiederkäuend in ihrer behaglichen Wärme +auf dem samtnen Moose aus. Bald goß ein leichter, träumeloser Schlummer +seinen Balsam auf uns nieder, machte unserem Saugen und Wiederkäuen ein +Ende. + +Ich sage: Wir, ich sage: Uns, ich sage: Unserem. Mit mir war nämlich +eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Ich lernte von Tage zu +Tage flinker auf allen vieren laufen, ich nahm an den gymnischen +Spielen der Jugend, bei welchen ich mich anfangs höchst ungeschickt +betragen hatte, allgemach immer dreister teil und rannte eines Tages +erhobenen Leibes, Kopf gegen Kopf mit einem Böcklein, welches mich +zu diesem Stoßkampfe herausgefordert hatte, so tapfer zusammen, daß +das Böcklein stürzte, ich aber stehen blieb, worüber alle Ziegen und +ihre Gatten ein herzlich meckerndes Gelächter aufschlugen. Ich hatte, +da mir die Milchnahrung nicht genügte, mich an das Nagen von Gräsern +und Knabbern von Baumrinde begeben, zuerst den heftigsten Widerwillen +gegen diese Speise verspürt, allmählich aber ihn schwinden sehen und +gefunden, oder zu finden gewähnt, daß Gras wie grüner Kohl und Rinde +wie Krautsalat schmecke -- alles das war in mir vorgegangen, aber ich +hatte dessen nicht geachtet, weil ich nicht über mich nachdachte. Ein +unvorhergesehener Vorfall entzündete endlich in mir die Fackel der +Selbsterkenntnis und lehrte mich meinen umgestalteten Zustand verstehen. + +Eines Abends liege ich in der Höhle neben der Ziege Quiqui. Die +Zicklein sind von den Eutern abgegangen und schlafen schon, die Mütter +käuen wieder und unterhalten sich von Freiheit und Notwendigkeit. Ich +schlafe noch nicht. Es geht mir etwas im Kopfe umher, was ich nicht zu +nennen weiß, es ist ein formloses Etwas, was sich nach und nach durch +die Kehle in die unteren Regionen hinabsenkt und dort ein losgebundenes +Leben für sich anfängt. Meine Kinnbacken beginnen sich kreuz und +quer übereinander zu schieben, und ein sonderbares Nachschroten ohne +Gegenstand auszuführen; bald ergreift die angrenzenden und dann die +unteren Teile die Mitleidenschaft, mir wird sehr übel, Dinge, die ich +für immer abgetan glaubte, steigen in mir auf, ich weiß nicht was +das bedeuten soll, ich befürchte einen gefährlichen Magenkrampf zu +haben, ich ächze, ich stöhne. Teilnehmend rutscht die Quiqui herzu und +fragt, was mir fehle? So gut ich unter dem unaufhaltsamen Schieben und +Schroten der Kinnbacken es vermag, schildere ich ihr den Zustand; und +wer beschreibt meinen Schreck, als die sanfte Quiqui, Tränen vergießend +und mich zärtlich an sich drückend, ausruft: Heil dir und Segen, +herziger Junge! Du bist nun ganz der Unsere, du käust wieder! -- Ihr +Götter! rufe ich (denn auf dem Helikon spricht man nur mythologisch) +was ist aus mir geworden? Ich habe aber nicht Zeit, diese Ausrufungen +fortzusetzen, denn alle elf anderen Ziegen, welche den Freudenschrei +der Quiqui vernommen haben, drängen sich um mich, und sind wie außer +sich, die Lili leckt mich, die Pipi neckt mich, die Riri schmiegt +sich an, die Fifi riecht mich an, die Titi will mich küssen, die Wiwi +hätte vor Liebe mich fast gebissen, Bibi, Didi, Kiki scherzen, Mimi, +Nini herzen: von dem Jubel erwachen die Zicklein und Böcklein, hören +halb schlaftrunken, was vorfiel, und nun verbrauset erst der rechte +bacchische Taumel. Das springt, bockt, bäumt, stößt, rennt um mich +her, das schüttelt sich, rüttelt sich, tänzelt, schwänzelt, hänselt, +daß keine Phantasie, und wäre sie die kühnste und leichtfertigste, +die tolle Szene, beleuchtet von einem zweifelhaften Mondschein, sich +vorzustellen vermöchte. Nur die ehrwürdige Sisi behielt einigermaßen +ihre Fassung, legte, als sie durch die Gewirre zu mir dringen konnte, +ihre mütterliche Pfote segnend auf mein Haupt und sprach: Mögen dich +Pan und alle Faunen beschützen, du junger Geretteter! + +Endlich legt sich der Sturm und alles lagert sich wieder zum Schlummer. +Ich aber liege, halbtot von allen den Pfoten, Schnauzen, Köpfen, +Bäuchen, die mir Liebe hatten erzeigen wollen. Der Schreck war freilich +das meiste gewesen, denn keines der gutmütigen Tiere hatte mir wehe +getan, sie hatten sich vor jeglicher Roheit zu hüten gewußt. Nur das +Schieben und Schroten der Kinnbacken wollte nicht wieder geläufig +in Gang kommen, dieser ganze Hergang war durch die Heftigkeit der +Neigungen, die ich erdulden müssen, gehemmt worden, ich empfand einige +Störungen im Verdauungsgeschäfte. + +Aber wie wenig bedeuten diese Unbequemlichkeiten gegen den +Seelenschmerz und die geistige Unruhe, die ich in jener Nacht +durchzudulden hatte! Ist es möglich, daß du unter Ziegen aufgehört +haben solltest, ein Mensch zu sein? sprach ich zu mir selber. -- Warum +hast du dich gehen lassen, warum deine angeborene Würde nicht im Auge +behalten, nicht treu und fest im Auge behalten die schreckliche Gefahr +herabziehenden Umgangs und erschlaffender Gewohnheit? Noch zitterte +in mir ein schwacher Strahl der Hoffnung, daß alles nur Täuschung +sein möge. Ungeduldig wachte ich dem Tage entgegen, der mir Gewißheit +bringen mußte, wenn auch vielleicht eine schreckliche. Bei dem ersten +Schimmer der Morgenröte schlüpfte ich, während die Herde noch ruhte, +aus der Höhle, rief: Bedenke, daß du Mensch bist! und wollte aufrecht +einherschreiten, aber, o ihr Himmlischen, es ging damit nicht; ich +war genötigt, auf allen vieren zu laufen, auf allen vieren zur Quelle +Hippokrene, welche mir die Wahrheit zeigen sollte. + +Ueber ihren klaren und göttlichen Spiegel gebeugt, sah ich nunmehr, daß +alle schwarzen Ahnungen recht hatten, daß das Entsetzliche geschehen +war. Ich sah aus ihrer Flut einen mit zottigem Vließ bedeckten Leib mir +abschreckend entgegenstarren, dünn und knöchern gewordene Gliedmaßen, +die, als ob sie Scham empfänden, sich in Fell hüllten, ich sah spitz +und steifgewordene Ohren und ach! jene von meinem Umgange mit der Herde +mir so bekannte Physiognomie, in welcher der Mund sich zum breiten +Maule verzogen, die Nase die lächerliche Streckung nach vorn angenommen +hatte, die Augen aber, erschreckt von diesen Verwandlungen, nach den +Seitenbeinen des Schädels auseinander gewichen waren; mit ~einem~ +Worte, denn wozu so viele? im Spiegel der Poesie sah ich mich als +jungen, wenigstens werdenden Bock. + + [Illustration] + +Dahin also ist es gekommen! rief ich, und suchte zu verzweifeln. Bist +du darum deinem Vater so sauer geworden, darum aus seiner Tasche +gekrochen, um als Gehörnter und Beschweifter zu enden? -- Denn die +Musenquelle hatte mir außer allem, was ich beschrieben, auch an Stirn +und Rückgrat Keime gewiesen, welche mit den Jahren, wenn das Wetter +günstig war, zu Horn und Schweif erblühen konnten. + +Ich war sehr angegriffen und bedurfte der Stärkung, oder tat es die +Nüchternheit des Morgens? genug, ich mußte fressen, und schälte einen +der Lorbeerbäume über der Hippokrene ab. Ich suchte jetzt abermals zu +verzweifeln, oder, da dieses nicht gelingen wollte, mindestens mein +Los zu bejammern. Auch das glückte nur zum Teil. Wie verstehe ich das? +fragte ich mich. Du hast deine Menschheit zum größeren Teile eingebüßt, +und kannst keine Verzweiflung, ja nicht einmal einen recht tüchtigen +Jammer zuwege bringen? + +Da machte ich eine Entdeckung in meinem Inneren, die noch schlimmer +war, als die äußeren Wahrnehmungen, welche mir die Quelle gegeben +hatte. Ich merkte nämlich, als ich mich scharf prüfte, daß ich den +Verlust meiner Humanität eigentlich nur der Form wegen und Ehren +halber betrauere, im Grunde aber mit dem Fell an Leib und Gliedern, +mit dem breiten Maule, der nach vorn gestreckten Nase, den seitwärts +abgewichenen Augen, mit den Keimen an Stirn und Rückgrat wohl zufrieden +sei. Meine Seele war, das empfand ich, auch bereits in der Verbockung +begriffen. -- O Menschen! Menschen! Menschen! nehmt an dieser Tatsache +ein warnendes Beispiel. Wahrlich, das Tier kommt rasch genug in euch +zum Vorschein, wenn ihr nicht unablässig auf euch achtet. + +Ich graste und hing Betrachtungen dieser tiefsinnigen Art nach, als +die Ankunft der Herde mich in derselben störte. Die guten Ziegen +waren schon besorgt um mich gewesen und zeigten, als sie mich bei der +Hippokrene denkend und grasend fanden, die unverstellteste Freude, so +daß nicht viel an einer Wiederholung der nächtlichen Auftritte gefehlt +haben würde, wenn ich nicht Rührung und Erschütterung über mein neues +Glück vorgeschützt und sie ersucht hätte, meine durch das Wiederkäuen +etwas angegriffene Gesundheit zu schonen. Ja, er bedarf der Ruhe, +riefen die edeln Ziegen und entfernten ihre Pfoten und Mäuler von mir. +Der Platz an der Hippokrene wurde für heute zur Weidestelle ersehen, +und ich hörte sie lange, während sie fraßen, in erhöhter Stimmung und +in einem sogenannten schönen Stile mein Glück preisen, daß ich endlich +vernünftig und einer der Ihrigen geworden sei. + +So geht denn also durch das ganze Reich der Wesen derjenige Zug, von +welchem ich glaubte, daß er nur meinen ehemaligen Kameraden, den +Menschen, angehöre! dachte ich bei diesen Gesprächen. -- Erst wenn +sie jemand zu sich heruntergezogen und ihn in seiner besten Eigenart +vernichtet haben, glauben sie, daß er vernünftig geworden sei, und +einer der Ihrigen zu heißen verdiene. So zerklopft der Wegewärter an +der Chaussee die großen Steine und pflastert dann mit den kleinen +Bröckelchen die gemeine Heerstraße des täglichen Verkehrs zu Fuß, zu +Pferd und zu Wagen, mitunter auch zu Esel .... + +Ich war nun gleichsam Hahn im Korbe bei den guten und edeln Ziegen +am Helikon. Sie liebten mich fast mehr, als ihre eigenen Kinder; +natürlich, ich war ja das Kind ihrer Wahl und hatte für sie außerdem +das besondere Interesse, daß noch einige Reste der Menschheit in mir +staken, welche ihre fernere Erziehung ebenfalls auszutilgen berufen +schien und hoffen durfte. Sie bildeten und besserten unaufhörlich +an mir, das heißt sie leckten und putzten mich beständig, um den +vollkommenen Bock aus mir herauszulecken und zu putzen, und jedes +Fünkchen widerstrebender Menschheit mir abzulecken. Ich mußte mir das +gefallen lassen, obgleich ich es gern gesehen hätte, ein Stückchen +Mensch zu bleiben, der möglichen Fälle halber, in welchen ein zweites +Metier von großem Nutzen sein kann. Auch meine Sprache war ihnen noch +nicht akademisch genug; sie meinten, es sei nicht das reine toskanische +Meckern. Ich muß hier einschalten, daß ich mich deshalb so rasch mit +meinen Wohltäterinnen hatte verständigen können, weil meine erste +Kindheit mir teilweise unter deutschen Kanzelrednern hingegangen war, +und ich daher nur bekannte Töne hörte, als ich zu den Ziegen kam, nur +bekannte Töne im Gespräch mit ihnen zu wiederholen brauchte. Indessen, +wie gesagt, mein Meckern sollte doch noch nicht ganz rein sein, es +mochte wohl noch in etwas den Kanzelredner verraten. Die gelehrte Ziege +Pipi gab sich daher an das Werk und unterwies mich im Meckern nach den +Regeln der Grammatik. Ich lernte rasch und fand, daß das Ziegen-Idiom +einen großen Reichtum an eigentümlichen Wendungen für unklare +Vorstellungen habe, weshalb es manchen Zeiten zu empfehlen sein dürfte, +um darin die Geschäfte des öffentlichen Lebens abzuhandeln. + +Tage kamen und Tage gingen, und daraus wurden Wochen, und aus den +Wochen stellten sich Monate zusammen, ohne daß unser idyllisches Leben +auf dem Helikon irgend eine bedeutende Störung erlitten hätte, außer +daß wir Zicklein mitunter von den Müttern zu sehr allein gelassen +wurden und in einer dieser Verlassenheiten zwei junge Böcke einbüßten, +welche, den ersten ein Steinadler, den anderen ein Goldadler auffraß. +Unser Gefühl wurde von diesen Verlusten schmerzlich berührt, obschon +die Ziegen Fifi und Riri durch glückliche Entbindungen für den Ersatz +sorgten. Jenes nicht selten vorkommende Alleinsein und die Einbuße der +beiden Böcklein machte die Reste der Menschheit in mir nachdenken. +Ich fragte, wenn wir so uns selbst überlassen umherirrten, kein gutes +Futter finden konnten, oder uns durch unüberlegte Sprünge die Füße +verstauchten, oder auch wohl vom richtigen Pfade gänzlich abgekommen +waren, wo denn die Mütter seien? und erhielt zur Antwort, daß sie ihre +Sitzungen hielten. Fragte ich nun weiter, aus was Grund und zu was Ende +diese Sitzungen stattfänden? so erwiderten mir meine Altersgenossen, +es seien die Sitzungen des Wohltätigkeitsvereins. Freilich blieb ich +durch solche Antworten so klug als vorher; ich schärfte indessen das +Auge der Beobachtung und kam auch binnen kurzem der Sache auf den +Grund. Leider entdeckten da meine Forschungen gewisse Schattenseiten +an dem sonst so liebenswürdigen und vollkommenen Zustande der +helikonischen Ziegenherde. + +Die wohltätigen und rechtschaffenen Mütter hatten nämlich einen +Verein »zur Linderung des Elendes leidender Naturwesen« gestiftet. +Dieser Verein war aus den Trümmern eines früheren, untergegangenen, +entstanden, welcher auf die Verfeinerung ihrer Pelze abgezielt hatte. +Ein reisender Waldesel war nämlich einstmals über den Helikon gekommen, +hatte aus der Hippokrene gesoffen und darauf von dem wundervollen +Gespinste der Tibetziege phantasiert, aus welchem in Kaschmir die +herrlichen und kostbaren Schals gewebt werden. Der phantasierende +Esel hatte weder Tibetziegen noch Kaschmierschals selbst gesehen, +sondern im Walde einen armenischen Kaufmann davon reden hören, der zwar +mit den Schals bekannt war, die Ziegen aber auch nie in Augenschein +genommen hatte, sondern nur von seinem verstorbenen Bruder gehört haben +wollte, es gebe dergleichen. Die Phantasie des Esels entzündete aber +die Phantasie der Mütter und befruchtete ihren Geist mit dem Ideale +einer tibetischen Hochgebirgsziege. Dieses ferne hohe Bild brachte +in ihnen den Trieb der Nacheiferung hervor, ihre Pelze dünkten ihnen +seit dem Tage roh und gemein, sie verbanden sich, durch ein Leben im +höheren Sinne des Worts ihre Wolle zu verfeinern und es womöglich bis +zur Kaschmirwolle zu bringen, denn der Pelz ist einer Ziege das, was +schönen Seelen ihr Gemüt ist. + +Das Leben im höheren Sinne des Worts konnte aber nur dadurch in das +Werk gerichtet werden, daß sie alle Gemeinschaft mit ihren Gatten +abbrachen und die Milch bei sich behielten. Diese Schritte bedrohten +nun die ganze Herde mit dem Untergange, und als die Seufzer der +Gatten und das Wimmern der Zicklein ihnen die Gefahr einleuchtend +gemacht hatten, so mußten sich die hochherzigen Ziegen entschließen, +dem schönen Unternehmen zu entsagen; schmerzlich ergriffen, denn wie +es ihnen vorkam, war während der wenigen Tage, wo Gatten und Kinder +darbten, ihr Pelz schon merklich feiner geworden. + +Aus diesem Wolleverbesserungsvereine war der Verein zur Linderung des +Elendes leidender Naturwesen hervorgegangen, weil das höhere Selbst +der helikonischen Ziegen Befriedigung wollte, und für die Einbuße +Ersatz heischte. Der neue Verein bekümmerte sich um jedes Unglück +und half allen Insekten, Vögeln und kleinen Säugetieren, die in Not +staken. Er hielt wöchentlich seine regelmäßigen Sitzungen; ich habe +mehreren derselben beigewohnt, da man mich als Böcklein von guten +Anlagen für würdig hielt, so edle und gemeinnützige Tathandlungen +kennen zu lernen. Die Ziegen pflegten an einer beschatteten Stelle +des Berges im Kreise umherzuliegen und wiederzukäuen; die verständige +tugendhafte Sisi aber, welche auf einem erhöhten Steine in der Mitte +des Kreises ruhte, führte in diesen Konferenzen das Präsidium. Während +des Wiederkäuens wurden denn nun Notfälle der verschiedensten Art in +barmherzige Erwägung gezogen, als zum Beispiel wie einer Hummel zu +helfen sei, welche die Ziege Riri hatte in das Wasser fallen sehen? ob +man nicht einer erlahmten und erstummten Grille eine Art Hackbrettlein +aus Blättchen und Dörnchen zurichten lassen könne, um ihr die Ausübung +ihrer Kunst für die Zukunft wenigstens einigermaßen möglich zu machen? +oder in welcher Art einer in ihrem Loche darbenden Maus Futter für +sich und ihre Jungen geschafft werden möge, von der die Ziegen +wußten, daß sie ohne Verschulden in solche Nahrungslosigkeit geraten +war, und was dergleichen wohltätige Maßnahmen mehr waren, welche den +helikonischen Ziegen und ihrem Vereine einen fast göttlichen Namen bei +allem notleidenden Geschmeiße zuwege gebracht hatten. Ich sage: Bei dem +Geschmeiße, denn was die edleren Geschöpfe betrifft, so wollten die +von dem Vereine und seinen Taten nichts wissen. Die Steindrossel hörte +auf zu singen, wenn die Ziegen in der Nähe ihres Busches ratzuschlagen +begannen: eine weiße Hinde, welche zuweilen Besucheshalber auf den +Berg kam, wies, als die Ziegen ihr den Antrag machten, in den +Wohltätigkeitsverein einzutreten, statt aller Antwort nur den stolzen +Rücken, und die Lorbeerbäume, unter welchen die Sitzungen vor sich +gingen, habe ich oft die Kronen hochmütig schütteln sehen, wenn die +Reden der Ziegen im tönendsten Schwunge und ergiebigsten Flusse waren. +Ja, einer jener geweihten Bäume mußte die Nähe der barmherzigen Ziegen +selbst körperlich nicht vertragen können. Er bekam ein krankes Ansehen +und ging endlich ganz aus. + +Auch erreichten die Mütter nicht in allen Fällen ihre tugendhaften +Zwecke. Es war streng verboten, daß von irgend einer Ziege privatim, +ohne Aufsehen, aus dem Stegreife, wie sie sie fand, Not gelindert +werden durfte; nein, alle Wohltätigkeit sollte seit der Stiftung +des Vereins im Geschäftswege verwaltet werden, und die Einzelziege +war streng angewiesen, dem leidenden Wesen, welches sie traf, +vorüberzugehen und über den Fund nur dem Vereine zu berichten. +Auf diese Weise wollten die helikonischen Mütter die gemeine, +instinktartige Milde ausrotten und an deren Statt die höhere, +selbstbewußte, die administrierende Milde pflanzen. Da es nun aber +immer mit einiger Weitläufigkeit verknüpft war, eine Sitzung zustande +zu bringen, die Sitzungen selbst jedoch das Weitläuftigste bei der +ganzen Sache wurden, indem die Ziegen meckernd und wieder meckernd +gleichsam außer ihrem Futter auch die Barmherzigkeit wiederkäuten, so +kam oft alle Hilfe zu spät. Die Hummel, welcher ein auf der Stelle +zugeworfenes Blatt das Leben gerettet hätte, war während der Reden +über die Pflicht, sie zu retten, untergegangen, und die Maus, der die +vorübergehende Einzelziege ein paar Körner hätte zuscharren können, +bis es zum Gesamtwirken für sie kam, Hungers gestorben. + +Mitunter war etwas unternommen worden, was gegen die Natur anging. +So konnte fast keine der lahmen Grillen mit den Kunsthackbrettchen +fertig werden. Am schlimmsten waren, wie ich schon angedeutet habe, +die langen und weitläuftigen Sitzungen des helikonischen Ziegenvereins +für uns Zicklein und Böcklein. Wenn wir während derselben ohne Weg +und Steg und oft ohne Futter umherliefen, wenn Gefahren und Raubtiere +uns außer acht Gelassenen drohten, da konnten wir armen Schluckerchen +nicht selten unsere bitteren Tränen darüber vergießen, daß die Mütter +an ertrinkende Hummeln, lahme Grillen und hungernde Mäuse dachten und +uns vergaßen. Indessen waren solche Tränen und jene Mißglückungen im +ganzen unwichtig. Die Helikonierinnen lernten sich durch den Verein in +ihrer Vortrefflichkeit immer mehr fühlen und an ihrer eigenen Tugend +begeistern, und darauf kam es doch hauptsächlich vor allem an. + +Ich habe lange nicht gewußt, auf was Art diese Stimmung, welche die +eigene Familie um Geschmeiß hin und wieder vernachlässigen lehrte, und +eine schlichte und unscheinbare Barmherzigkeit zu einem glänzenden +Geschäfte aufzublasen antrieb, bei den Helikonierinnen entstanden war. +Endlich konnte ich mir das Rätsel erklären. Die helikonische Herde soff +nämlich, wie wir wissen, aus der Hippokrene. Diese Quelle wirkt nun bei +allen, welche sie trinken, die gewaltigsten Dinge, jedoch nur bei den +durch das Schicksal dazu Vorbestimmten jenen reizenden Wahnsinn, den +wir kennen, bei vielen dagegen versetzt sich das Wasser und schafft +entweder die abscheulichsten Würfelreime, wie bei mir der Fall war, +so oft ich trank, oder einen sozusagen erhitzten und geschwollenen +Zustand im Handeln und Empfinden, den man die blühende Prosa des Lebens +nennen könnte. + + [Illustration] + +Die helikonischen Ziegen gehörten nicht in die Reihe der zum reizenden +Wahnsinn Vorbestimmten. Bei ihnen wirkte die Quelle den Drang zu +unnötigen Tugenden und überflüssigen Wohltätigkeiten. Ihr Zustand war +blühende Prosa. Dieser Zustand rührte von versetzter Hippokrene her. + +Wie oft mußte ich, als ich nachmals mehr unter Menschen kam, und +ihre geschmacklosen Herrlichkeiten, ihre Aufspannungen für und um +das Erbärmliche kennen lernte, still für mich ausrufen: Versetzte +Hippokrene! -- Wo diese mit der blühenden Prosa in ihrem Gefolge +auftritt, da stirbt das melodische Getön der Steindrossel, da weiset +die stolze, weiße Hinde vornehm den Rücken, da schüttelt der Lorbeer +zornig die Krone oder geht aus. + +Auch die Gatten der Ziegen soffen für gewöhnlich aus der Hippokrene +und wollten hinter den Gattinnen nicht zurückbleiben. Sie gehörten +ebenfalls nicht in die Reihe der zum reizenden Wahnsinn Vorbestimmten, +was mir gewiß jeder, der einmal einen solchen Gatten gesehen hat, +auf mein Wort glaubt. Da nun die Gattinnen ihnen schon das Elend +des Geschmeißes weggenommen hatten, so waren sie auf dessen Laster +beschränkt und stifteten unter sich einen Verein »zur Rettung sittlich +verwahrloster Naturwesen«. Der Zweck desselben war: durch moralische +Einwirkung, durch tugendhafte Anrede und herzliche Aufmunterung zum +Guten alle die Tierlein, welche ihrer Natur nach stechen, beißen, +kratzen, stehlen oder sich von schmutzigen Dingen nähren, zu einem +unschädlicheren und reineren Leben anzuführen. Nach der Absicht der +Stifter sollte, wenn der Verein wirklich durchgriffe, die Mücke ihrem +Stachel und der Floh seinem Blutdurst entsagen lernen, die Elster auf +den Diebstahl verzichten, Würmer und Maden aber von Unrat und Aas sich +entwöhnen. + +Da ich mich allein bei den Ziegen aufhielt, so kann ich nicht sagen, +wie weit der Besserungsverein mit seiner Tätigkeit gediehen war, als +ich auf den Helikon kam. Ich weiß nur, daß allerhand Geziefer auch auf +diesem heiligen Berge stach, biß, kratzte, stahl und Unaussprechbares +fraß, weiß aber nicht, ob es gebessertes oder ungebessertes war. +Einer einzigen Versittlichungsgeschichte Augen- und Ohrenzeuge bin +ich geworden, von ihr will ich berichten, muß ich sogar berichten, da +sich eine Katastrophe mit ihr verband, welche zu weiteren Schicksalen +Münchhausens des Kindes, damals Böckchens, führte. + +Die vereinigten Böcke ... oder vielmehr die sittlichen Gatten der +wohltätigen Ziegen waren an dem Tage, der meiner Auffindung folgte, an +den Ort gekommen, wo der großmütige Engländer sein Pferd hatte grasen +lassen und der tote Lämmergeier lag. Wo das Pferd gestanden, fanden sie +einen Käfer mit schwarz glänzenden Flügeldecken, einen der Art, welche +bei Aristophanes die Knechte des Trygäos dem Herrn für den Ritt zu Zeus +auffüttern, und die Deutschen Mistkäfer nennen. An dem Halse des Geiers +aber bemerkten sie die stahlblaue Fliege, Schmeißfliege geheißen, +die ich, wie jenen das »Roß des Trygäos« aus Delikatesse »die blaue +Schwärmerin« nennen will. + +Dreht sich einem nicht das reine Herz im Leibe um, rief einer der +Gatten, zwei Mitwesen in solcher Niedertracht zu sehen? O Brüder, laßt +uns hier helfend einschreiten, laßt uns diesen Gefallenen die rettende +Klaue reichen, entwöhnen wir den Käfer von seinen üblen Neigungen, die +Fliege von der Leidenschaft, selbst die ungeborne Zukunft ihres Stammes +einem verdorbenen Elemente einzupflanzen, machen wir Käfer und Fliege +zu anständigen Leuten, die in der guten Gesellschaft fortkommen können! + +Allgemeiner Beifall folgte dieser Rede. Einstimmig beschloß man, +das Roß des Trygäos und die blaue Schwärmerin sollten sittlich und +anständig werden, sie möchten wollen oder nicht. Vorsichtig scharrte +der Redner, der Ziegengatte Solon (sie hatten sich lauter Namen von +weisen und erhabenen Männern des Altertums beigelegt), den Käfer von +seinem Mahle mit der Klaue hinweg und trieb ihn in eine Felsritze, die +sofort durch einen vorgewälzten Kiesel zum Besserungsgemache erschaffen +wurde. Diese Unternehmung hatte wenig Schwierigkeiten gehabt, denn ehe +ein Käfer zum Fliegen gelangt, dauert es einige Zeit mit Bauchdehnen +und Halsrecken. Schlauer mußte man mit der Fliege zu Werke gehen, der +wohlbeschwingten Schwärmerin. Indessen gelang es dem jungen Plato, +einem Ziegengatten von der unerreichbarsten Hoheit der Gedanken, die +zu Bessernde zu beschleichen, sie mit seinen Lippen zu erschnappen und +zwischen denselben nach dem Astloche eines Feigenbaumes zu tragen, +worin sie durch einen vorgestopften Pflock verspündet wurde. Man teilte +das freudige Ereignis bei der nächsten Zusammenkunft den Gattinnen mit, +welche nicht verfehlten, an den Hoffnungen des Vereins den lebendigsten +Anteil zu nehmen. Auf diese Weise erhielt ich von der Sache Kunde. Wir +Zicklein und Böcklein mußten nun den Ort, wo das Pferd des großmütigen +Engländers gestanden, rein scharren, die erwachsene Herde stürzte aber +den Leichnam des toten Geiers in einen tiefen Abgrund, um von den +beiden eingesperrten Zöglingen der Sittlichkeit alle Anreizungen zum +Laster zu entfernen. + +In den folgenden Tagen begannen nun Solon und Plato, unterstützt +jezuweilen von den übrigen Mitgliedern des Vereins, ihre Reden und +Ermahnungen an das Trygäosroß und die blaue Schwärmerin. Solon lag +vor der Felsritze und hielt seine Schnauze an ein federspulenkleines +Löchlein, welches der Kiesel unbedeckt ließ; Plato stellte sich an +dem Feigenbaume auf die Hinterfüße, hielt sich mit den Vorderfüßen +am Stamme fest und legte das Honigmaul gegen das Astloch, um sich +verständlich zu machen. In dieser Stellung oder Lage hielten die +beiden Böcke ihre Besserungsreden, wenn sie nicht fraßen, der eine die +Feigen des Baumes, der andere das junge Laubgesproß, welches an der +Felsritze gerade in der wucherndsten und saftigsten Fülle wuchs. + +Ist es denn nicht besser, sich an reiner und reinlicher Nahrung zu +sättigen? sprach Solon zum Käfer, wenn er von dem Genusse des Laubes +ausruhte. -- Fühlst du denn nicht, du armer Gesunkener, daß uns alle, +Ziegen, Käfer und Fliegen, Zeus der Vater in die Furchen der brütenden +Mutter aussäte, die Speise aus der Hand der Götter, nicht aber sie aus +der Pforte, die da stets nur ausläßt und nimmer ein, zu empfangen? +Schreckliche, unbeschreibliche Verirrung, das, was Trift und Gefilde +heilsam in das Reich der blonden Demeter emporschickt, zu verachten, +und erst dann danach zu streben, wenn es, in den Hades gestoßen, dem +gestaltenlosen Schattengebiete der traurigen Persephoneia angehört! +Liebst du des Hafers goldenes Korn, warum frissest du nicht Hafer? +Gelüstet dich nach dem Sproß des Grases, weshalb beißest du nicht +in Gras? Was reizt, was verführt dich, das alles erst umgestimmt, +entmischt, abgenützt zu mögen? Höre dieses freudige Knirschen und +Rauschen vor deinem Kerker, vernimm, wie ich in dem saftigen, fetten +Portulak, in der wilden, bittern Kresse, in dem erfrischenden Sauerklee +schmause. Könntest du denn nicht, wenn du frei wärest, neben mir +brüderlich sitzen und dieser von der Oreas uns verliehenen Blätter +dich erfreuen, als einige Schritte weiter zurück, ein Helot und +Barbar, zu harren, ob dir ein von der Harpyie besudeltes Mahl werde? +Oder sagst du: Ich bin Käfer, du bist ein Ziegengatte? Nun so blicke +auf deinesgleichen, sieh, wie der kleine, rote, zirpende Schelm das +süßduftende Blatt der Lilie nagt, wie der Runde mit kupferbraunen +Flügeln und grünem Schilde im Schoße der Rose schwelgt! Denen folge, +denen schließe dich an, bei ihnen ist deine Stelle! Friß Lilien, +wenn du nicht Hafer, friß Rosen, wenn du nicht Portulak, Kresse und +Sauerklee fressen willst! + +Nach diesen Reden fühlte sich der edle Solon immer mit neuem Appetite +versehen, und war zu erhöhter Tätigkeit an den Bergkräutern aufgelegt. +Plato, wenn er vom Feigenfraß rastete, hielt Ermahnungen ungefähr des +nämlichen Inhalts an seine Schülerin. -- Auch er riet der Fliege auf +das Eindringlichste, verdorbenes Fleisch zu lassen, in Zukunft Feigen +zu fressen und auf Feigen ihre Eier zu legen. Er suchte besonders auf +das Muttergefühl zu wirken und in glänzenden Bildern ihr vorzustellen, +welch ein begabteres Geschlecht ihre Brut werden würde, wenn sie statt +in Duft und Dunst, da droben auf sonnebeschienenem, lüftegewiegtem +Zweige auskäme. Auch er verzehrte nach seinen Reden immer wieder +Feigen, so lange dergleichen noch am Baume hingen, dann nagte er die +Zweige ab, so daß der Baum ein ziemlich verwüstetes Ansehen zu bekommen +anfing. + +Das Roß des Trygäos und die blaue Schwärmerin lebten bei diesen +Ermahnungen in ihren Besserungslöchern ein trauriges Leben. Sie waren +beide schlichte, rohe Naturwesen ohne alle Theorie, praktischen Trieben +ergeben. Anfangs rasten sie wie wahnwitzig brummend und schnurrend in +den Kerkern umher, da ihnen dieses aber nichts half, so wurden sie +still und hörten den Reden ihrer Verbesserer zu. Von denen verstanden +sie nun aber nicht das mindeste, als, daß der Käfer Lilien und Rosen +fressen, die Fliege sich zu Feigen wenden solle -- Zumutungen, die Roß +und Schwärmerin außer sich setzten, weil sie ihnen das Beleidigendste +dünkten, was ihnen nur gesagt werden konnte. Seelenverkäufer! +Seelenverkäufer! brummte der Käfer. -- Warum soll denn unsereins nicht +fressen, was unsereinem schmeckt? -- Ich such', such', such' Geruch! +summte die Fliege. Am meisten ärgerte es die beiden Kandidaten der +Sittlichkeit, daß sie ihre Besserer draußen behaglich in Laub und +Feigen knarpen hörten und daß denen die tugendhaften ermahnenden Reden +gleichsam nur dienten, sich der Verdauung halber nach dem Essen eine +Bewegung zu machen. Indessen nahmen die Dinge für beide eine sehr +ernste Gestalt an, denn sie bekamen natürlich nicht das Allergeringste +zu essen und fielen daher während ihrer Bearbeitung zu einem reineren +Leben jämmerlich ab. Das Trygäosroß wurde so matt, daß es kaum noch auf +den Füßen stehen konnte; die blaue Schwärmerin ließ kraftlos die Flügel +hängen. + +In dieser traurigen Verfassung überkam sie der den Tieren eingepflanzte +schlaue Trieb der Selbsterhaltung. Sie setzten sich vor, zu heucheln, +und gaben klägliche und melancholische Töne von sich. Höre! rief Solon +dem Plato zu (denn Felsritze und Feigenbaum waren einander nahe); das +Laster schlägt in sich, die ersten Kennzeichen der Reue sind zu spüren. +-- Meine arme Gefallene ächzt auch schon über ihr Unheil, versetzte +Plato. Nach einiger Zeit prüften die beiden ehrwürdigen Ziegengatten +den Sinn der Bekehrten, indem Plato ein Stückchen Feige, welches noch +am Baume gehangen hatte, vorsichtig in das Astloch schob, Solon aber +ein Lilien- und Rosenblättchen unter den Kiesel in die Felsritze zu +bringen wußte. + +Roß und Schwärmerin erbebten vor Grimm bei dieser Darlegung +abscheulicher Anträge, wie sie ihnen vorkommen mußten. Die Schwärmerin +entwich entsetzt vor dem Feigenstücklein in die letzte Ecke des +Astloches zurück, das Roß stieß die Blätter deren Geruch ihm den Atem +raubte und die Luft seines Wohnortes ihm zu verpesten schien, mit den +kurzen, kräftigen Beinen von sich ab. -- Niederträchtiger Gestank! +brummte es. -- Sollte man's glauben, daß es Narren gibt, die an dem +greulichen Zeuge Behagen finden? Ich ersticke! O meine Ambrosia! -- +Feigen! Feigen! Feigen! Kinderpapp! Kinderpapp! tosete die Schwärmerin. + +Aber ihre Lage war zum äußersten gediehen. Die Besserer draußen, das +begriffen die Opfer der Sittlichkeit drinnen, konnten es bei guter +Nahrung mit ansehen, wenn sich das Geschäft auch noch so sehr in +die Länge zog. Hunger tut weh, Verstellung tat not, die draußen zu +täuschen. Der Käfer überwand sich und fraß unter Verwünschungen und +Zuckungen etwas Lilien und Rosen, welches er aber alsobald wieder +von sich gab, so übel bekam ihm der höhere und reinere Lebensgenuß! +Die Fliege bezwang ihr schauderndes Gemüt und verrichtete über der +Feige einigermaßen und gleichsam zur Probe das, was von ihr im Namen +der Tugend gefordert wurde. Plato und Solon hatten gelauscht und an +dem Geräusche, welches drinnen entstanden, abgenommen, daß etwas +Entscheidendes vorgefallen sein müsse. Öffnend jetzt die beiden +Verließe, sahen sie Lilien und Rosen angenagt, das Feigenstücklein +beschmeißt, Roß und Schwärmerin aber halb ohnmächtig auf dem Rücken +liegen. Solon und Plato umarmten einander mit den Vorderbeinen und +riefen: Triumph! die Tugend hat gesiegt! Das Laster ist aus dem Busen +dieser sittlich Verwahrlosten gewichen, sie werden nie wieder in ihre +schimpflichen Angewöhnungen zurückfallen. + +Der Jubel drang zu den übrigen Ziegengatten, welche ungeachtet ihrer +Ehrwürdigkeit den frohen Fall mit einem herrlichen Reigentanze in +den kühnsten Sprüngen feierten. Auch die Mütter und uns Zicklein +und Böcklein zog das Getöse herbei. Die Mütter wurden mit wenigen +freudig-meckernden Worten von dem Gelingen der Versittlichung in +Kenntnis gesetzt, sahen Roß und Schwärmerin die Füße von sich strecken +und vergossen Tränen der Rührung. Wie die Frauen denn immer mit +blitzschneller Ahnung das Höchste, Richtigste treffen, so ging auch in +den helikonischen Ziegen damals die Blüte des versittlichenden Wirkens +auf. -- Laßt uns aus diesen beiden der Tugend gewonnenen Wesen ein Paar +machen! riefen die Ziegen begeistert. Verheiraten wir sie miteinander, +und als Aussteuer geben wir ihnen so viele Lilien, Rosen und Feigen, +als sie am Helikon finden können! + +Ein unglaublicher Sturm des Entzückens folgte diesem Vorschlage. +Zwar wollte der ehrwürdige Moschus den Zweifel erheben, ob selbiges +Ehebündnis wohl fruchtbar ausfallen möchte, und der kritische Bion +erst die Neigungen von Braut und Bräutigam prüfen; aber die erwähnten +Bedenken fanden keinen Anklang, vielmehr rief der Chorus der übrigen +einhellig: Wo die Tugend zusammenführt, kommt es auf Neigung und +Fruchtbarkeit nicht an! + +Man wollte sogleich zu diesen Hymenäen im Namen der Sittlichkeit +schreiten. Plato und Solon nahmen das Trygäosroß und die blaue +Schwärmerin auf ihren Rücken. Sie schritten voran, die ehrwürdigen +Gatten folgten ihnen paarweise, denen folgten die rechtschaffenen +und wohltätigen Mütter, hinter den Müttern sprangen wir Zicklein und +Böcklein, und so setzte sich der Zug nach dem Platze an der Hippokrene +in Bewegung, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte. + +Dort angekommen, nahm die alte verständige Sisi das Roß zwischen ihre +Lippen, die gute Quiqui aber tat desgleichen mit der Schwärmerin. Sie +trugen demnächst das Brautpaar zu einem hohen Steine, stellten die +beiden jungen Leute, welche von der freien Luft erfrischt, wieder +stehen konnten und überhaupt mit jedem Augenblicke munterer zu werden +schienen, auf den Stein nebeneinander, und darauf schlossen wir +alle, jung und alt, einen weiten Kreis um das Paar. Das in der Eile +entworfene Programm der Festlichkeiten ordnete diese Reihenfolge +derselben an: Strophe, Reden von Solon und Plato; Gegenstrophe; +Zeremonie, Schlußgesang, gymnisches Spiel, Reigentanz, Festmahl. + +Eine der kleinen lahmen Grillen, die einzige, welche mit dem +Kunsthackebrettlein aus Blättchen und Dörnchen hatte fertig werden +können, war zur Festsängerin ernannt worden. Als daher der Kreis sich +gebildet hatte, schritt oder hüpfelte vielmehr diese Dichterin des +Wohltätigkeitsvereins zur heiligen Quelle, netzte darin ihre Freßzangen +ein Weniges, verdrehte darauf die goldgelben Äuglein im Kopfe, +erreichte mit einem lahmen Sprunge das Gezweig einer Tamariske, nach +vergeblichen Bemühungen, auf einen der Lorbeerbäume, den niedrigsten +unter allen, zu gelangen, stimmte das Hackebrettlein, putzte die +Freßzangen an demselben ab, und sang nun, das Kunstinstrumentlein +schlagend, begeistert folgende + Strophe: + + Der Käfer ist ein Schweinichen, + Brumm! Brumm! + Die Fliege hat sechs Beinichen, + Summ! Summ! + Die Fliege hat den Käfer lieb, + Der Käfer ist ein Herzensdieb, + Summ! Summ! Brumm! + Brumm! Brumm! Brumm! + +Herrliche Poesie! Nahrung für Gemüt und Gefühl! meckerten die Ziegen. +-- Reines Gefühl, mit keinem Gedanken belastet! Echt lyrisch! murmelten +die Böcke. -- Solon und Plato traten in den Kreis vor das Brautpaar +und redeten nacheinander. Sie hielten ihm in eindringlichen Worten die +Schändlichkeit seines früheren Lebenswandels vor, dann führten sie aus, +daß die Göttin der Tugend eine gute alte Mama sei, immer zum Verzeihen +bereit, dann kamen sie auf Lilien und Rosen, Feigen, Felsritzen und +Astlöcher. Im ersten Teile machten sie das Brautpaar herunter, im +zweiten erhoben sie es, in der Nutzanwendung wußten sie selbst nicht +mehr, was sie wollten -- ihre Sermone hätten gleich als Muster von +Kasualreden abgedruckt werden können. + +Ich glaubte zu bemerken, daß das Brautpaar auf die Reden nicht achte, +sondern nur Leib und Flügel einzuüben scheine, teilte diese Beobachtung +meinen Nachbarn mit, die jedoch, ganz in die Würde des Festes versenkt, +meiner Worte nicht achteten. Nach den Reden sang die Grille folgende + + Gegenstrophe: + + Und ist er denn ein Schweinichen, + Brumm! Brumm! + Und hat sie denn sechs Beinichen, + Summ! Summ! + So reicht einander jetzt die Füß' + Und sei der Ehestand euch süß! + Brumm! Brumm! Summ! + Summ! Summ! Summ! + +Indem es aber nun zur Zeremonie kommen sollte und die Ziegen Sisi +und Quiqui das Paar ersuchten, einander die Füße zu geben, nahm die +Feierlichkeit eine plötzliche unerwartete und unglückliche Wendung. +Denn zur Rechten wurde in der Entfernung der Hufschlag eines Pferdes +hörbar, und zur Linken kroch unten durch einen Bergspalt ein Fuchs +oder ein Wolf oder ein anderes Raubtier. Ich weiß nicht, was dem +Pferde begegnen mochte, das aber sah ich, weil ich auf der äußersten +Linie des Kreises stand, daß das Raubtier ein Stück Fleisch im Rachen +trug. Alsobald drang in die beiden jungen Leute auf dem Steine eine +konvulsivische Bewegung, ihren scharfen Sinnen brachten die Lüfte von +weitem verführerische Botschaft zu, Roß und Schwärmerin sammelten ihre +letzten von der Sittlichkeit verschont gebliebenen Kräfte, spreiteten +die Flügel aus, und mit dem Gebrumm: Mist! Mist! Mist! und mit dem +Gesumm: Luder! Luder! Luder! flog der Bräutigam rechts, die Braut links +davon, ungerührt von Besserungsversuchen, Reden, Rührungen, Strophen +und Gegenstrophen das alte Lasterleben von vorn zu beginnen. + +Die entsetzliche Überraschung der Freier, als Odysseus plötzlich aus +Bettlerlumpen mit sieghafter Hoheit hervorleuchtete und die tötenden +Pfeile vor sich hinschoß, kann nicht größer gewesen sein, als der +Schreck der Mütter und ihrer Gatten bei diesem Anblicke, welcher +ebenfalls sozusagen die Hoheit der Natur aus Lumpen hervorscheinen +machte. Anfangs standen sie da, stumm, starr, regungslos, gleichsam ein +großes Viehstück aus Stein, dann aber ergriff sie der haltungsloseste +Taumel, und sie rannten nach allen Richtungen ebenfalls auseinander, +entweder, weil sie die sittlich Verwahrloseten wieder einfangen +wollten, oder auch nur überschattet von dem Dämon, welcher sich +ungeheurer Augenblicke zu bemächtigen pflegt. Die Zicklein und +Böcklein folgten, so daß die den Gipfel hinan und hinunter rennenden, +springenden, stolpernden, stürzenden Tiere demselben ein Ansehen gaben, +wodurch er mehr der Kuppe eines thessalischen Zauberberges, als der +heiteren musischen Höhe glich. + +Was mich betrifft, so war ich an der Quelle zurückgeblieben. Warum +sollte ich hinter Käfer und Fliege herlaufen? Mein eignes Schicksal +machte mir bange. Ich fürchtete die Rückkehr der Herde. + + [Illustration] + +Die Mütter hatten mir nämlich schon vor einigen Tagen angekündigt, +daß, um auch die letzten Reste der verhaßten Menschlichkeit in mir +auszutilgen, ich nächstens aus der weiblichen Erziehung entlassen und +den Händen der Gatten übergeben werden solle. Dagegen sträubten +sich nun aber jene Reste mit aller Macht und vielleicht ebenso heftig, +wie die Neigungen des Trygäosrosses gegen Lilien und Rosen. Denn mir +blieb ein physischer Abscheu gegen die Gatten beiwohnen, so sehr +ich ihre ehrwürdigen Eigenschaften achtete. Aber letztere hatten +gewisse natürliche Begabungen an ihnen nicht zu tilgen vermocht, und +ich empfand das innigste Grauen vor dem Augenblicke, der mich ihrer +Atmosphäre so nahe bringen sollte. Indessen standen ganz andere Dinge +in den Sternen geschrieben. + +Der Hufschlag des Pferdes näherte sich, und es kam ein ältlicher, +dicker Mann, dem ein Dünner folgte, nach der Stelle zu geritten, wo ich +stand. Der Mann trug einen gelben Hut, einen gelben Rock, eine gelbe +Hose und eine gelbe Weste, sah sehr blaß und aufgedunsen und äußerst +verdrießlich aus. Schon sein Ansehen und der völlig gleichgültige +Blick, mit dem er die Gegend überschaute, würde mich gelehrt haben, +von welchem Volke dieser Fremdling sei, wenn ich ihn auch nicht sobald +hätte reden hören. Der Diener half seinem Herrn vom Pferde, führte ihn +zu dem Steine, auf welchem das Brautpaar gestanden hatte, ließ ihn +niedersitzen, gab ihm ein spanisches Rohr in die Hand, schob dessen +Knopf unter sein Kinn, und richtete auf diese Weise gleichsam die +Statue eines gefühllosen Naturbeschauers zu. Der Herr ließ nämlich +alles phlegmatisch mit sich vornehmen und antwortete nur spärlich auf +die Reden des Dieners, welcher ziemlich gesprächig war. + +Aus ihrer Unterhaltung erfuhr ich, daß der gelbe Dicke ein reicher, vom +Geschäfte zurückgezogener Rentenierer war, welcher unweit Amsterdam +und eine Stunde von Harlem auf seinem Landhause gelebt hatte. Da sich +die Anfälle des Podagras bei ihm mehrten, und gewisse Vorboten der +Wassersucht erschienen, so war ihm von seinem Arzte eine Reise in die +südlichen Länder verordnet worden. Dazu wollte sich denn auch Mynheer +van Streef verstehen und erklärte seine Bereitwilligkeit, bis in den +Reichswald bei Cleve zu reisen. Der Arzt erklärte aber dagegen, er sei +mißverstanden worden, und nannte ihm die ungeheure Meilenzahl, welche +er wenigstens abzureisen habe. Der Holländer war hierüber anfangs, +so weit sein Naturell dies zuließ, in einige Verzweiflung geraten, +jedoch endlich, weil der Arzt ebenfalls ein ruhiger hartnäckiger +Altniederländer war, und seinem Patienten mit größter Fassung Todestag, +ja Todesstunde vorausgesagt hatte, wenn er nicht Folge leiste, +genötigt gewesen, sich zu fügen und an die Reise zu denken, die er in +südöstlicher Richtung vornehmen mußte, da er südlich auf der Karte die +verordnete Meilenzahl nicht vor sich sah. + +Um dies zu verstehen, muß gesagt werden, was ich aus den Gesprächen +heraushörte, daß nämlich Mynheer van Streef durchaus nur seine Meilen +in gerader Richtung, ohne durch Umwege und Absprünge ihre Zahl zu +erfüllen, verreisen wollte. Denn da ihm die Reise äußerst zuwider war, +so haßte er alles, was ihr den Schein einer Wanderung zum Vergnügen +hätte geben können. Er zog deshalb auf seiner Karte von Europa nach +dem Lineal mit Bleistift einen Strich von Amsterdam nach Südosten, maß +daran die Meilen, fand, daß ihre Zahl sich genau auf dem Gipfel des +Helikon vollende, und war so, immer streng dem Striche nachreisend, und +weder rechts noch links abweichend, allgemach auf den geheiligten Berg +gekommen. + +Hier tröstete ihn nun der Diener, nachdem er ihm Vorstehendes in +einzelnen Bemerkungen erinnerlich gemacht hatte, um ihn durch den +Gedanken an die Notwendigkeit der Reise und ihre strenge Konsequenz +aufzurichten, mit dem Ausrufe: Mynheer, wir sind am Ziel, und morgen +geht es nach unserem schönen Welgelegen zurück. + +Gottlob, sagte der Holländer, der sich bei dem Gedanken an sein +Landhaus ein wenig erheitert fühlte, und ich will, wenn wir nach Hause +gekommen sind, ein Lusthaus anbauen und das soll heißen: Vreugde en +Rast. Und aus der Ruhe will ich nicht wieder gehen, möchte auch meine +Wassersucht so überhandnehmen, daß alle Teiche von Seeland bedroht +wären. Ich kenne gar nichts Wahnschaffneres, als diese griechischen +Gegenden, in denen ein beschwerlicher Berg nach dem andern kommt, +wo man keine Aussicht auf Kanäle und Wiesen hat, und der Himmel die +unnatürliche blaue Farbe nicht los wird. + +Es kann nicht überall Altniederland sein, versetzte der Diener +und stopfte sich eine kleine tönerne Pfeife; es muß auch solche +nichtsnutzige Striche Landes geben. + +Wenn ich da mein Landhaus Welgelegen betrachte, fuhr Mynheer van Streef +fort, der jetzt etwas gesprächiger wurde, obgleich sein Gesicht so +verdrießlich blieb, wie früher, was für eine andere Gegend ist das! +Nebenan liegt Mynheer de Jonghes Schoone Zicht und auf der andern Seite +Mynheer van Tolls Vrouw Elizabeth, und mitten inne liegt Welgelegen. +Ich will nun gar nicht reden von meinen innerlichen Schönheiten und +bequemen Dingen, von der Menagerie, von meinem mit bunten Steinen +gepflasterten Hofe, vom Muschelhäuschen, von der Voliere, von den +Goldfasanen und den Mistbeeten voll Hyazinthen, die hier elend wild +wachsen -- aber, Sebulon, denke nur an die schöne Aussicht auf den +Kanal, über den alle Tage die sechs braun angestrichenen Treckschuiten +von den Jägerchen gezogen werden und auf die unabsehliche Wiese +dahinter, in der denn doch auch nicht eine einzige Erhabenheit, so groß +wie ein Maulwurfshügel ist, und den Hintergrund von zwölf Windmühlen +im Gange! Und dann sieht man das nicht alle Tage, nein, einen um den +andern Tag nebelt oder regnet es, so daß die Entbehrung das Glück, um +sich blicken zu können, erhöht, und der Himmel bleibt immer, auch wenn +es helles Wetter ist, bescheiden, mäßig und grau. Wie wird dir denn, +Sebulon, wenn du an alles das denkst? + +Abscheulich wird mir zu Mute, rief Sebulon und warf zornig seine +Pfeife an den Boden, daß sie zerbrach. Hole der böse Feind diese +verdammten griechischen Wüsten! + +Ereifre dich nicht, Sebulon, sagte der Herr schläfrig, mit verdrossenem +Mundhängen. Ein Holländer ereifert sich nicht, oder er prügelt +wenigstens jemanden dabei, auf daß der Eifer einen Nutzen habe. Mache +mir jetzt Tee, das Wasser dort scheint noch so ziemlich klar zu +sein, wie es in diesem vermaledeiten Lande sein kann, denn freilich, +Wasser von Utrecht ist es nicht. Ich will unterdessen in der Elektra +unseres großen Vondel lesen. Er nahm ein Buch aus der Tasche, schlug +es auf, und las halblaut mit sonderbarem Pathos die Anfangsverse der +Vondelschen Elektra: + + +O zoon van Atreus zoon, die't opperste gezagh, + In't Grieksche Leeger had, toen hy voor Troje lagh, + Nu zietge zelf het gée, daer staegh uw hart naer haeckte, + Dit's Argos, d'oude Stad, daer uw gemoed om blaeckte. + Dit'st woud van Jö zelf, dat dolgeprickelt dier. + Het wolfsveld van Apol, den wolvenschrick, is hier, + En dees vermaerde Kerck, die Argos Juno wydde + Rijst ginder hemelhoogh, aen uwe rechte zijde+ ... + + [Illustration] + +Ja, ja, unterbrach sich Mynheer van Streef, das ist denn freilich etwas +griechischer als diese helikonische Knüppeldammwirtschaft. Er summte +sacht in seinem Vondel weiter. + +Sebulon hatte unterdessen die Reiseteemaschine, welche sein Herr +überall mit hinnahm, aus dem Mantelsacke hervorgeholt, Feuer +angezündet, Wasser aus der Hippokrene geschöpft, es gekocht und grünen +Tee aufgeschüttet. Als das unentbehrliche Getränk bereitet war, reichte +er seinem Herrn eine Tasse. + +Mynheer van Streef führte sie so langsam und mürrisch zum Munde, wie er +in allen seinen Bewegungen bisher gewesen war. Er kostete und kostete, +die schlaffen Lippen zogen sich ein wenig zusammen, dann schluckte er +bedächtig den Inhalt der Tasse hinunter, und sagte: Sebulon, noch eine. +-- Sebulon sah seinen Herrn bedenklich an und schüttelte den Kopf. Die +zweite Tasse trank Mynheer van Streef, ohne zu kosten, aus. Seine Augen +bekamen während des Trinkens eine Art von Glanz und er sagte: Sebulon, +noch eine. -- Sebulon reichte ihm zitternd und eine große Unruhe in +seinen Zügen die dritte Tasse. Diese stürzte Mynheer van Streef beinahe +hastig hinunter und darauf sah er fast gen Himmel. + +Ach, Mynheer! rief der Diener besorgt, was ist Euch widerfahren? Sonst +braucht Ihr ja auf drei Tassen Tee drei Viertelstunden, und hier geht +es wie mit Extrapost in den Magen. + +Der alte Holländer sah sehr nachdenklich aus und sagte endlich nach +langem Schweigen: Sebulon, dieser Tee hier schmeckt mir besser, als der +auf meinem Landhause Welgelegen, eine Stunde von Amsterdam. + +Da raufte der treue Diener sein Haar, weinte und schrie: O wehe mir, +wehe. Mynheer van Streef ist auf diesem nichtswürdigen Berge toll +geworden: sein Tee schmeckt ihm dahaußen besser als daheim; er lobt die +Fremde auf Kosten von Altniederland, er ist abgefallen von Oranjeboven +und Altniederland. + +Sebulon, erhitze dich nicht, sagte der Herr gleichgültig und +freundlich. Ich habe meinen Verstand nicht verloren. Weißt du, was +Schwärmerei bedeutet? Es ist der Zustand, worin sich der Hanswurst von +Franzosen, und der Bull von Engländer oft befindet, und der deutsche +Muff fast immer, Altniederland aber niemals. Die Sache sollte aber zur +Probe auch einmal an uns kommen, denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. +Ich liefere die Probe. Ich schwärme, Sebulon, das ist das Ganze. In dem +Tee muß etwas sein; ich bin von dem Tee ein Schwärmer geworden, denn +ich muß es noch einmal sagen: er schmeckt wahrhaftig besser, als der +auf meinem Landgute Welgelegen. Es wird aber schon wieder vergehen. + +Nur mit Mühe gelang es dem schwärmerischen Holländer, seinen Diener +zu beruhigen. Am meisten wirkte dazu die Versicherung, daß aller +Wahrscheinlichkeit nach dieser exaltierte Zustand eine rettende Krise +seines Uebels sei, daß die Wassersucht durch die Schwärmerei eine +Stopfung erhalten habe. Der alte Schwärmer stand auf und schickte sich +zum Rückwege an, Sebulon packte das Teegerät zusammen. Mynheer van +Streef sah sich um und sagte: Ich möchte wohl ein Angedenken an diesen +ziemlich erträglichen Platz und an die schöne Stunde, in welcher mir +der Tee so wohl schmeckte, mitnehmen, ein Erinnerungszeichen an die +hiesige Schwärmerei. -- Was sollen wir mitnehmen? versetzte Sebulon +noch immer ziemlich kleinlaut, wir können doch nicht die Boompges (er +meinte die Lorbeeren) oder die großen Klinker (er meinte die Klippen) +einpacken. -- In diesem Augenblicke sah er mich, der ich hinter einem +Felsen den schwärmerischen Auftritt belauscht hatte, zog mich hervor +und rief: Was für eine Kreatur ist das? Der schwärmerische Holländer +besah mich und sagte dann langsam: Wirf dem Vieh einen Strick um den +Hals, Sebulon. Das will ich mitnehmen als Angedenken an diese schöne +Stunde. Es scheint zu einer unbekannten Tierart zu gehören; Mynheer de +Jonghe, der in Batavia gewesen ist, soll mir sagen, ob sie auch auf +Java vorkommt. + +Was sollte ich machen? Ein Entrinnen war nicht möglich, auch muß ich +bekennen, daß die Reste der Menschheit in mir einige Freude darüber +empfanden, wieder unter ihresgleichen zu kommen; obgleich eine geheime, +düstere Ahnung mir zuflüsterte, daß die Schwärmerei des Holländers mir +drückend werden könne. -- Ich ließ mir das Fangseil geduldig um den +Hals schlingen und verließ mit meinem neuen Herrn, der sacht voranritt, +und Sebulon, der mich am Stricke hinter sich her führte, den Berg, auf +welchem mir so vieles begegnet war. Vor unserem Abmarsche hatte Sebulon +die Kantinen, die zu beiden Seiten des Pferdes hingen, mit Wasser der +Hippokrene füllen müssen zu einem nochmaligen Tee auf dem Landhause +Welgelegen. + +Am Fuße des Berges war Mynheer van Streef schon wieder ebenso +verdrießlich, wie vorher, und diese Stimmung blieb ihm auch während der +ganzen Reise. Wir setzten dieselbe, nachdem wir in ebenere Gegenden +gekommen waren, zu Wagen fort, das heißt Herr und Diener saßen im +Wagen, und ich lief nebenher -- Ihr mögt mir es glauben oder nicht, +es liegt mir nichts daran, aber wahr muß wahr bleiben -- ich habe die +paar hundert Meilen zu Fuß zurückgelegt, ausgenommen eine kurze Strecke +des Adriatischen Meers, die wir auf einer slawonischen Schebecke +durchschritten. Ja, neben holländischen Schwärmern läßt sich schon zu +Fuß fortkommen! + +Bald genug aber sehnte ich mich auf den Helikon zurück. Denn die +Herrschaft von Altniederland ist die härteste, die es gibt. Ich +wurde behandelt wie eine Kolonie, für mein Futter mußte ich selbst +sorgen, auf der slawonischen Schebecke bekam ich, Gott verdamme +mich, nichts zu genießen, als den Duft von Hyazinthenzwiebeln, die +Mynheer van Streef gekauft hatte, und welche neben meinem Verschlage +lagen. Dazu die Einseitigkeit einer Reise nach dem Bleistiftstrich! +denn nach diesem machte mein Herr auch seine Rückfahrt. Die meisten +Merkwürdigkeiten der Örter lernt man oft nur zur Hälfte kennen. So zum +Beispiel habe ich in Frankfurt das Inkompetenzgebäude[1] nicht zu sehen +bekommen, weil unser Strich durch die Judengasse ging. + +[1] Tagungspalais der deutschen Bundesversammlung, die sich in den +wichtigsten Fragen für inkompetent erklärte. + + [Illustration] + +Nun, diese Unannehmlichkeiten hatten zuletzt auch ein Ende. Wir trafen +in Amsterdam und eine Stunde später auf dem Landhause Welgelegen ein. +Bei dem Anblicke des Kanals, der ebenen Wiese, der zwölf Windmühlen, +endlich bei dem Anblicke seines stillen Hauses mit den herabgelassenen +Fenstervorhängen, mit dem buntgepflasterten Hofe, mit der Voliere +aus vergoldetem Draht und mit dem grünen, eingezäunten Flecke, auf +welchem Gold- und Silberfasanen nebst anderem Getier spazieren gingen, +vergoß Mynheer van Streef zwei runde Tränen und sagte zu Sebulon: +O Welgelegen! weiter aber nichts. Sebulon schluchzte, beugte sich +vor dem Tore zur Erde, gleichsam um sie zu küssen und versetzte: +Welgelegen ist Welgelegen, Mynheer van Streef. In der Pforte standen +sechs nordholländische Mägde mit goldenen Blechen in den Haaren, alle +weiß und rund und sauber gekleidet, daß sie glänzten. Sie machten +einen Knicks, küßten ihrem Herrn die Hand und sagten: Viel Glück und +Heil zur Rückkunft, Mynheer. Ihren Kreis trennte ein kleiner Mann, +roten Antlitzes, aber ganz weiß und ehrwürdig eingepudert, schüttelte +dem Heimkehrenden die Hand und sprach: Ich habe davon erfahren, daß +Ihr heute kommen würdet, da wollte ich gleich zusehen, ob die Kur +angeschlagen habe. -- Doktor, ich schwärmte auf dem Helikon, danach +wurde mir besser und ich bin völlig hergestellt, versetzte der Patient. +Der Doktor hatte ihn inzwischen prüfend beschaut und erwiderte +kaltblütig: Nein, Mynheer van Streef, Ihr seid noch ebenso krank, als +da Ihr abreistet, Ihr müßt deshalb von neuem auf Reisen gehen, sonst +sterbt Ihr dann und dann. Er nannte den Todestag. + +Hier aber sah und hörte ich, wenn ich früher holländische Schwärmerei +kennen gelernt hatte, was holländische Wut heißen wolle. Denn das +Gesicht von Mynheer van Streef wurde graubraun, die Stirnadern +schwollen an, daß sie Baumwurzeln glichen, und er goß über den Doktor +eine solche Flut von Scheltreden aus, daß ich über den Reichtum der +Landessprache in derartigen Wendungen erstaunen mußte. Der Doktor +seinerseits fühlte auch in sich eine niederländische Begeisterung +erwachen und schimpfte den Patienten aus, Sebulon schimpfte auf den +Doktor, die erste Nordholländerin schimpfte auf Sebulon, daß er sich +in den Streit der Herren mische, die zweite auf die erste, daß sie auf +Sebulon schimpfe, die dritte auf die zweite, daß sie auf die erste +schimpfe, die vierte auf die dritte, daß sie auf die zweite schimpfe, +die fünfte auf Sebulon, die erste, zweite, dritte und vierte insgesamt, +die sechste schimpfte auf niemand insbesondere, sondern im allgemeinen. +Es erinnerte mich dieses verwickelte Schimpfgemälde durchaus an den +gegenwärtigen Zustand der deutschen Tagesliteratur. + +Auf so laute und stürmische Weise ging der Empfang des schwärmerischen +Holländers in der Hofespforte seines stillen Landhauses vor sich. Die +Goldfasanen, die Silberfasanen und einige indianische Raben der Voliere +schrien in das allgemeine Geschrei auch hinein, und Gott weiß, ob nicht +noch Tätlichkeiten das Fest gekrönt haben würden, wenn nicht plötzlich +in der Entfernung das reitende Jägerchen, und hinter ihm am Seile vom +Pferde gezogen, das braune Nationalfahrzeug sichtbar geworden wäre. +Bei diesem Anblicke ebneten sich die zornigen Wellen, aller Antlitz +begann friedlich und freundlich zu leuchten, und wie aus ~einem~ +Munde riefen Doktor, Patient und sechs Nordholländerinnen: Die fünfte +Schuite! -- Kommt aber heute zwei Minuten zu spät, setzte Mynheer van +Streef hinzu, indem er auf seine Uhr sah. -- Er ging freundlich in sein +Landhaus; der Doktor bestieg besänftigt die Schuite nach Amsterdam. + +So schlichtete der Anblick der fünften Schuite von Harlem diese +niederländischen Wirren. Ich war, als gehöre ich zur Familie, meinem +Herrn bis auf den Hausflur gefolgt, aber eine Magd trieb mich ziemlich +unsanft von den Stiegen und fing sogleich an, heftig nachzuscheuern, +wo ich gestanden hatte, obgleich ich mir selbst das Zeugnis geben muß, +daß ich mich sehr anständig auf dem Flure von Welgelegen benommen +habe. Sebulon sperrte mich auf einem der grünen Plätze zu den Gold- +und Silberfasanen ein, das heißt ich kam nicht zu diesem Gefieder +unmittelbar, sondern erhielt einen eigenen kleinen Abschlag, wie +denn auch jeder Goldfasan und jeder Silberfasan seinen besonders +abgesteckten und eingefriedigten Platz hatte, vermutlich, weil Mynheer +van Streef selbst bei den Tieren holländische Neigungen voraussetzte. +Ich fand ziemlich gute Weide, wenn auch nicht so aromatische Kräuter, +wie am Helikon, fraß mich endlich einmal in Muße wieder satt, und +verschlief den meisten Teil der folgenden Tage aus übergroßer Ermüdung +von dem langen großen Reisewege. Erst etwa eine Woche später bekam ich +sonach die Fähigkeit wieder, aufzumerken, über meine Umgebung und mich +nachzudenken. + +Als dieser Zeitpunkt eingetreten war, habe ich die Lebensweise eines +holländischen Rentenierers, der sich vom Geschäfte zurückgezogen hat, +gründlich kennen lernen. Denn mein Weide- und Wohnplatz lag hart +unter den Fenstern des Lusthäuschens, welches durch den Hof von dem +Haupthause getrennt, dem Herrn des Landhauses zu seinem täglichen +Vergnügungsorte diente, es mochte Sonnenschein oder Nebel, Sturm oder +Regen sein. Sebulon hatte mir einen Felsen von Klinkern etwa vier +Fuß hoch aufgebaut, welcher Klein-Helikon genannt wurde. Auf diesen +kletterte ich häufig und konnte von ihm aus alles sehen, was in dem +Lusthäuschen vorging, das meiste auch hören, was darin gesprochen +wurde, da die Fenster, wenn das Wetter nicht gar zu schlecht war, nach +der Menagerieseite zu, offen zu stehen pflegten. Nach der Kanalseite +aber waren sie stets geschlossen und auch verhängt bis auf eine kleine, +zur Beobachtung der Treckschuiten notwendige Öffnung. + + [Illustration] + +Des Morgens um acht Uhr kam Mynheer van Streef regelmäßig in sein +Lusthaus gegangen. Er trug dann seinen Frühanzug von zeisiggrünem +Kamelott und eine rote Mappe unter dem Arme. Mit der Pfeife und dem +Teegeräte folgte ihm die erste Magd, denn zu Hause ließ er sich nur von +den Frauenzimmern bedienen, Sebulon war nur auf der Reise zum Diener +erhöht worden, in dem Landhause Welgelegen hatte er seine Stellung als +Haus- oder Gartenknecht wieder eingenommen. Mynheer van Streef trank +nun seinen Tee, nicht rasch, wie auf dem Helikon, sondern wirklich, +wie Sebulon gesagt hatte, die Tasse in einer Viertelstunde, wozu er +langsam den Rauch aus der angezündeten Pfeife blies und in geregelten +Zeitabschnitten wechselsweise mit starrem Blicke nach dem Kanal und +nach uns, seiner Menagerie, aussah. Sonst nahm er während dieser Zeit +nichts vor, denn er war der Meinung, daß jedes Geschäft für sich +betrieben werden müsse. Nach dem Frühstücksgeschäfte schickte er sich +zu dem zweiten an, nämlich den Text seiner Kansbillets, die er in der +roten Mappe verwahrte, Stück vor Stück, obgleich derartige Schriftwerke +bekanntlich gleichlauten, nachzulesen. An den Zinstagen gesellte +sich dazu die Arbeit, die Coupons abzuschneiden. Diese Mühen pflegten +die zwölfte Tagesstunde heranzubringen. Dann erschien ein Diener aus +dem Landhause Schoone Zicht und einer aus der Vrouw Elizabeth, brachte +einen höflichen Gruß von Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und +die Anfrage ihrer Herren: Wie Mynheer van Streef geschlafen habe und +sich befinde? Mynheer van Streef antwortete nach langer Ueberlegung +jeden Tag dasselbe: daß die Nacht ziemlich ruhig gewesen sei, und das +Befinden, Gott sei Dank, sich leidlich verhalte. Wenn diese Boten +abgefertigt waren, wurde Sebulon geklingelt und nach der Schoonen Zicht +und der Vrouw Elizabeth entsendet mit höflichem Gruße von Mynheer van +Streef an Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und seinerseitiger +Anfrage, wie diese beiden Herren geschlafen hätten und sich befänden? + +Nach vorgedachten Anstrengungen wurde zur Herstellung der erschöpften +Lebenskraft wieder Tee getrunken, geraucht und die Meldung des +zurückkehrenden Sebulon entgegen genommen. Darauf ging Mynheer van +Streef in das Haupthaus, kam angekleidet zurück in den Hof, stellte +sich vor die Voliere und demnächst vor jeden Abschlag der Menagerie, +sah die Einwohnerschaft der Voliere und dann jedes von uns eine geraume +Zeitlang bedächtig an, schüttelte auf jeder dieser Stationen das Haupt +und sagte, so oft er schüttelte: Unvernünftige Tiere! -- Dieses tat er +jeden Tag, auch wenn es regnete, Sebulon hielt ihm dann nur während +dieser geringschätzigen Betrachtungen den Regenschirm über. + +Waren die Allocutionen an die Voliere und Menagerie geendigt, so +ging er wieder in das Haupthaus und speiste, es mochte dann etwa vier +Uhr nachmittags sein, zu Mittag; hielt darauf seine Mittagsruhe und +kehrte, abermals eine Mappe unter dem Arme, jetzt aber eine grüne, +sechs Uhr abends in das Lusthaus zurück. Er trank nunmehr seinen +dritten Tee, rauchte, wie sich von selbst versteht, abermals dazu und +las dann Amsterdamer Stadtobligationen, die er in der grünen Mappe +verwahrte. Darüber pflegte es dunkel zu werden; Mynheer van Streef +klappte gähnend die Mappe zu, sah noch einmal nach dem Kanal, verließ +hierauf das Lusthaus und zog sich in das Haupthaus zurück. Sobald +es dunkel war, schloß Sebulon die Pforte; die Lichter, welche in +den Fenstern des Hauses eine kurze Zeit lang leuchteten, erloschen +allgemach -- ein Zeichen, daß Herr und Dienerschaft in ihren Betten +von den Anstrengungen des Tages ausruhten. Das tiefste Schweigen und +die lautloseste Stille senkten sich auf Welgelegen herab. + +Ich habe unter den Beschäftigungen des Tages anzumerken vergessen, +daß Mynheer van Streef auch den Ankunftsaugenblick jeder der sechs +Schuiten, welche täglich von Haarlem nach Amsterdam vorüberfuhren, +auf einer schwarzen Tafel, welche im Lusthäuschen hing, zu notieren +pflegte und aus den Unterschieden wöchentlich eine mittlere Zeit +herausrechnete. Ich hörte ihn zuweilen sagen, es sei sein größter +Kummer, daß diese Mittelzeiten nie stimmen wollten, auch wenn er sie +auf Monate, ja selbst Jahre schlüge, und daß daher die rechte mittlere +Ankunftszeit einer Treckschuite noch immer ein unlösbares Rätsel wäre. + +So ging ein Tag wie der andere hin. + +O Herr! seufzte ich bei diesem niederländischen Leben in Freude und +Rast oft (denn ich bediente mich bei meinen Ausrufungen nun nicht mehr +der Mythologie), was für eine Langeweile! Steht denn mein Herr nur +eine Stufe über dem Faultier und nicht tief unter dem Elefanten, dem +stolzempfindlichen Rosse, dem rührigen Hunde, obschon er Kansbillets +und Amsterdamer Stadtobligationen liest? Und doch dünkt er sich +was Rechtes, glaubt eine unsterbliche Seele zu besitzen, und doch +behandelt der schwärmerische Barbar uns Tiere mit Verachtung! -- Es +war natürlich, daß sich auf solchem Wege kein Verhältnis der Zuneigung +zwischen mir und ihm entfalten konnte; dieser Holländer war nicht +geeignet, Liebe zu erwecken. Ich drehte ihm daher auch immer den Rücken +zu, wenn er vor meinen Verschlag trat. Um der Last der schrecklichen +Langeweile von Welgelegen mich zu entziehen, suchte ich mit meinen +Nachbarn in der Menagerie Umgang anzuknüpfen. Ich hatte recht leidliche +Leute zu Nachbarn, links einen Goldfasan, hinter mir ein paar +Schildkröten in einem großen Sandkasten und einen jungen Biber, dessen +Schwanz im Wasser hing. Es wäre mir interessant gewesen, mit Vögeln, +Amphibien und amphibienartigen Geschöpfen auch einmal meine Ideen +auszutauschen, aber dazu wollte sich hier keine Gelegenheit finden. +Diese Partikuliers waren von dem geistigen Drucke, der über Welgelegen +lastete, so gebeugt, daß alle meine Versuche, ihnen näher zu treten, +mein herzliches Meckern und so mancher treugemeinte Bockssprung keinen +Anklang fanden. Die Fasanen lagen meistens, den Kopf unter die Flügel +gesteckt, dumpf hinbrütend da, die Schildkröten zogen sich, sobald sie +sich an ihrem Kohle satt geknabbert hatten, unter ihr Schild zurück, +der Biber hatte für nichts Sinn, als für das kalte Wasser um seinen +Schweif. + +Meine Pein zu schärfen, diente die berufene holländische Reinlichkeit. +Es wurde nämlich auf uns Tiere eine besondere Kehrmagd gehalten, +welche bei ihrem Mitgesinde Dreck-Griete hieß, weil ihr anbefohlen +war, die äußerste Sauberkeit unserer Wohnstätten in Obacht zu nehmen. +Sie brachte den Tag über in einer Art von Portierhäuschen am Eingange +des Haupthauses zu und lugte beständig auf die Menagerie hinaus. Ließ +nun ein Fasan eine Feder fallen, oder fiel sonst etwas vor, was nicht +zu vermeiden stand -- lieber Gott, man bleibt denn doch Tier! -- +alsobald schoß diese ihrem Berufe fanatisch ergebene Reinigungsperson, +bewaffnet mit einem langen Borstbesen, hervor, riß den betreffenden +Verschlag auf und säuberte vermöge des Besens die Stelle. Meine +Kollegen waren zu sehr Vieh, um sich hieraus etwas zu machen, aber +in mir hatte der Mensch teil an dergleichen Vorkommenheiten, in mir +schämte sich der Mensch vor einer solchen Überwachung seiner eigensten +und innersten Angelegenheiten. Ich war oft in der größten Verlegenheit +zwischen Müssen und nicht Mögen, zwischen natürlichen Wünschen und der +Furcht vor der auflauernden und schon zum konventionellen Borstbesen +greifenden Dreck-Griete! + +Die Langeweile -- die Isolierung -- die ewig drohende Kehrmagd -- +meine Lage wurde von Tage zu Tage fürchterlicher! Münchhausen war +damals unglücklich, ganz unglücklich! Das Schicksal hatte mich zu hart +angefaßt, ich war ein Opfer kalter Schwärmerei geworden; das ist das +Schrecklichste, was es zwischen Himmel und Erde gibt. + + [Illustration] + +Eine tragische Verzweiflung bemächtigte sich meiner. Ich sann auf +Selbstmord. Ich wollte die Natur zwingen; wie andere sich der Speise +enthalten, wollte ich dem Borstbesen der Reinigungsperson sein Opfer +unterschlagen -- lange -- für immer! -- -- Denn ich fühlte, daß, mit +Heldenmut den Entschluß durchgeführt, der Organismus untergehen müsse. +Diese Weise, zu enden, dünkte mich die erhabenste, reinste, sie kam mir +neu und unnachahmlich vor. + +Ich hielt mich still für mich. Zwei Tage lang rastete das Türschloß +meines Verschlages. Die Reinigungsperson umschlich mich unheimlich +spähend. Ich dachte: Schleich du; ich sterbe! + +Am dritten Tage ließ Mynheer van Streef die Späherin rufen und fragte +sie, was mir fehle? ich stehe ja so verdrossen und ohrhängerig da? +Griete berichtete dem Herrn, was sie wußte. -- So muß man abwarten, ob +es sich bis morgen mit ihm bessert, sprach mein fühlloser Gebieter, und +wenn das nicht geschieht, so gebt ihm -- -- Er verordnete das schnelle +und unwiderstehliche Mittel, gegen welches in solchen Fällen selbst der +Heldenmut eines Cato sich fruchtlos stemmen würde. + +Nein, es ist zuviel! meckerte ich ingrimmig und traurig zugleich; indem +ich am Felsen Klein-Helikon niedersank und meine heiße Stirn wider +diese Klinker stieß. Nicht leben können, und nicht sterben dürfen! -- +Ich sah schon im Geiste den Augenblick, der meinen Entschluß gewaltsam +brechen würde, und das furchtbare Instrument in Grietens Hand, ich +sah mich schon wieder schamrot, entwürdigt, in die alten Konflikte +zurückgeworfen, denen meine Seele sich entronnen wähnte. + +Ach, der nämliche Tag sollte mich noch etwas ganz anderes sehen lassen! +Wie schwach steht es um die sogenannten großen Vorsätze! Bittere und +demütigende Erfahrung, die ich an mir selber machte! + +Mynheer van Streef empfing an diesem Tage einen Besuch von seinen +Nachbarn de Jonghe und van Toll. Die Besitzer der drei Landhäuser +Welgelegen, Schoone Zicht und Vrouw Elizabeth pflegten einander nur +einmal im Jahre gegenseitig zu besuchen. Die Tage waren ein für allemal +festgestellt, und sonst sahen einander die drei Holländer nicht, +obgleich die Landhäuser kaum fünfhundert Schritte voneinander entfernt +waren. Wenn sie zusammenkamen, so zeigte der Wirt seinen Gästen den +Zuwachs vom letzten Jahre in dem, woran seine Seele hing. Mynheer van +Toll hielt auf ein reiches Porzellankabinett, Mynheer de Jonghe auf +eine Sammlung von Naturalien und Mynheer van Streef auf seine Menagerie +am meisten. + +Nachdem die drei Freunde im Lusthäuschen Tee getrunken hatten, führte +mein Gebieter seinen Besuch zu unseren Verschlägen und fragte de +Jonghen, der, wie wir wissen, in Ostindien gewesen war, ob er eine +Tiersorte, wie die meinige, auf Java kennen gelernt habe. Schon bei dem +ersten flüchtigen Überblicke, den mir der Naturaliensammler widmete, +fingen seine Augen an zu glänzen, und seine farblosen Wangen wurden +von einer leichten Röte überflogen. Ich mußte mich erheben, Mynheer de +Jonghe betrachtete mich von allen Seiten, hob meine Pfoten, die noch +nicht ganz vergessen hatten, Menschenarme zu bedeuten, auf, untersuchte +mein Vließ, guckte mir in den Rachen, befühlte meinen Schädel. + +Mynheer van Streef sah dieser Analyse mit dem ruhigen Stolze eines +glücklichen Besitzers zu. Nach vielfältigem Anschauen und Tasten +war Mynheer de Jonghe zu dem Bekenntnisse gedrungen: Nein, diese +Tiersorte kommt nicht auf Java vor. Ich glaubte anfangs, es sei der +kleine gefleckte Hirsch, +Moose-deer+, welchen man auf Ceylon +findet, aber der Bau des Schädels widerspricht dieser Annahme. Der +Schädel hat etwas vom Affen, der ganze übrige Teil gehört in das +Ziegengeschlecht. Es hilft keine Menschenmacht dawider, wir müssen eine +neue Spezies ernennen. Dieses Geschöpf, woran Ihr, Mynheer van Streef, +eine gar große Seltenheit besitzt, muß der Bockaffe, +capra simiae +proxima+, heißen. + +Ich fand ihn, versetzte Mynheer van Streef, auf einem griechischen +Platze, in einer unvergeßlichen Stunde. Sebulon, sage zur Gertruid, daß +wir heute von dem Wasser, welches du in den Kantinen mitbrachtest, den +dritten Tee trinken wollen, wofern es sich frisch gehalten hat. Ich +möchte sehen, wie es auf Mynheer van Toll und Mynheer de Jonghe wirkt. + +Er ging mit dem ersteren zu seinen Hyazinthen, welche die zweite Stelle +in seinem Herzen einnahmen. Mynheer de Jonghe bat um die Erlaubnis, bei +dem Bockaffen zurückbleiben zu dürfen. Als er sich mir gegenüber allein +sah, sagte er: Daß Mynheer van Streef dich, du einziges Exemplar, mir +abläßt, ist nicht zu denken, die Dienerschaft wird nicht zu bestechen +sein, folglich muß ich dich stehlen lassen. + +Nach diesen unzweideutigen Worten kehrte mein Gebieter mit seinem +zweiten Freunde von den Hyazinthen zurück. -- Wie ich Euch sagte, +Mynheer van Streef, sprach Mynheer van Toll, es hält sich auf Vrouw +Elizabeth seit einigen Tagen ein fremder Maler und Chemikus auf, der +eine besondere Mischung der Farben entdeckt hat, wodurch auch auf dem +Porzellan das vollkommene Helldunkel von Rembrandt sich erzielen läßt. +Ich wollte durch ihn eine große Vase in dieser Manier malen lassen, und +alle Anstalten des Glühens und Einbrennens sind auch schon gemacht, +nur war ich über den Gegenstand noch verlegen, weil ich einen ganz +neuen für die neue Manier zu haben wünschte. Gar gern möchte ich nun +den sogenannten Bockaffen im Helldunkel auf meiner Vase sehen, weil +den gewiß noch niemand hat, und ich bitte Euch daher, daß Ihr mir +die nachbarliche Gefälligkeit erzeigen wollet, meinem Chemikus diese +Nacht den Zugang zur Menagerie zu verstatten. Er soll an dem Tiere +bei Laternenlicht seine Studien machen und in dieser Beleuchtung eine +Farbenskizze von ihm entwerfen. + +Nein, Mynheer van Toll, das geht nicht an, versetzte der Hausherr. Die +nächtliche Ruhe von Welgelegen darf unter keiner Bedingung gestört +werden. Ihr könnet bei Tage dieses fremde Tier durch Euren Chemikus in +Helldunkel abzeichnen lassen. -- Gertruid ging mit dem Teegeräte nach +dem Lusthäuschen. -- Kommt hinein, fuhr Mynheer van Streef fort, ich +will euch, meine Freunde und Nachbarn, eine neue Sorte Tee zu kosten +geben. + + [Illustration] + +Wieder also sollst du gestohlen werden! dachte ich für mich. Bist du +denn so kostbar? -- Inzwischen war es im Lusthäuschen sehr lustig +geworden, freilich nur auf niederländische Weise. Offenbar hatte das +Wasser der Hippokrene durch die Reise seine Kraft nicht verloren. Die +drei Freunde waren nach der ersten Tasse vom Teetisch aufgestanden +und gingen phantastisch erregt, ohne sich umeinander zu bekümmern, +im Stübchen auf und nieder. De Jonghe versuchte, während er ging, +einen Pas aus der +Menuet à la Reine+ zu bewerkstelligen, van Toll +sang in einem sonderbaren Falsett das Nationallied, van Streef zog den +Vorhang des Kanalfensters auf, öffnete letzteres selbst und vergaß, die +eben vorbeifahrende sechste Schuite am schwarzen Brette zu notieren. + +Statt ~eines~ drei holländische Schwärmer! Wunderbares Wasser! +Selbst eine Stunde von Amsterdam wirktest du Zeichen, obschon zu Tee +verkocht! -- Bald sollte die Schwärmerei wieder mich in ihre Kreise +reißen, mich, den schicksalbezeichneten Helden der abenteuerlichsten +Bildungsgeschichte, welche jemals die Erde sah. Van Toll trat an +das Menageriefenster des Lusthäuschens und flüsterte hinunter: Nach +Mitternacht schicke ich den Chemikus mit einem Nachschlüssel her, +dich abzureißen. Du sollst, und du sollst mir auf die Vase im +Rembrandtschen Helldunkel. -- Er trat zurück, de Jonghe näherte sich +hierauf dem Fenster und rief, mit einem sehnsüchtigen Blicke auf mich, +halblaut hinaus: Stehlen laß ich dich noch vor Mitternacht und dann auf +der Stelle ausstopfen! + +Ausstopfen!? -- -- Nein, nein, das geht in das Ungeheure! +Du sublime +au ridicule.+ -- -- Meine Sinne schwanden. + +Als ich nun wieder zu mir selbst kam, stand Mynheer van Streef allein +vor meinem Verschlage und Sebulon neben ihm. -- Sebulon, sagte mein +Gebieter, der Besuch ist nun fort, und da kann also etwas geschehen, +was sich vor Fremden nicht ziemt. Ich bin durch das Teetrinken wieder +in die helikonische Stimmung gekommen. Ich möchte der ganzen Welt +helfen und rasch! Sage der Griete, sie könne auf der Stelle mit dem +fremden Tiere hier verrichten, was nach meinem früheren Befehle erst +morgen vorgenommen werden sollte. + +Wird wohl nicht mehr nötig tun, versetzte Sebulon trocken. Es scheint +wieder munter zu sein, seht nur, Mynheer, welche lustige Sprünge es +macht. + +Ach nein, es war nicht mehr nötig! -- Die gräßliche Perspektive, +ausgestopft zu werden, hatte mit einem Schlage alle selbstmörderischen +Gedanken in mir vernichtet, mich dem Leben in jeder Beziehung wieder +gegeben und die gewaltigste Lebenslust in mir angefacht. Ich sprang wie +unsinnig im Verschlage umher, das nannte jener holländische Hausknecht +Lustigkeit, ich stieß entsetzliche Töne aus, mich verständlich zu +machen, meinem Gebieter den Verlust seines Teuersten anzukündigen, +darüber lachten die Blinden! + +Sie gingen, es wurde dunkel, Sebulon schloß die Pforte. Unglücklicher, +lege auf die Mauer, über welche Mynheer de Jonghe seine Mordknechte +steigen lassen wird, Selbstschüsse und Fußangeln! Durch die Pforte +kommt höchstens der unschuldige Chemikus, Euren armen, kleinen +Bockaffen im Helldunkel seiner harmlosen Laterne abzureißen! schluchzte +ich. Wie wird er sich betrüben, der Getäuschte, wenn er statt seines +Studienobjektes nur die leere Stätte findet! Jammer über dich, +Welgelegen, wenn du morgen erwachest, und dein Kleinod dir gestohlen +siehst! Traure, traure, Vrouw Elizabeth, deine Vase bleibt unbemalt! + +Warum kann der Chemikus nicht vor Mitternacht kommen, und die +Bande de Jonghes nach Mitternacht? So würde der Chemikus noch bei +Laternenlicht zeichnen, wenn die Bande anlangte, sie verscheuchen und +diese Nacht wäre wenigstens gewonnen. Zufall, Zufall, du betrunkener +Würfelspieler! Tolles Rätsel des Daseins grimmiger Wust chaotischer +Verwirrung! O mein Vater, mein Vater, wo weilest du? Eile herbei, +deinen dir so sauer gewordenen Wurm vor dem Letzten, Schrecklichsten +zu erretten! Du bist wißbegierig und reisest viel, mein guter Vater, +vielleicht besuchst du einmal auch das Kabinett von Mynheer de +Jonghe, und welch ein Augenblick wird es dann sein, wenn du deinen +unglücklichen Sohn vielleicht zwischen einer Fischotter und einem +sibirischen Eichhorn siehst! -- Zwar ich vergesse, wer ich bin, ich +rede irre -- du wirst mich nicht erkennen! + +Ausgestopft zu werden! -- Gedanke, der das Hirn sieden macht und alle +Sehnen krachen! Nichts als Balg zu sein und Werg! Aus gläsernen Augen +dumm und starr zu schauen, und ewig den Draht in Rücken und Beinen zu +fühlen, als einzigen haltenden Grundsatz! Neben sich nur Bälge zu +haben, und diese ganze trockene Unsterblichkeit lediglich auf Kampfer +und Spieköl gegründet! + +In solchen jämmerlichen Betrachtungen ging mir ein Teil jener +merkwürdigsten Nacht meines Lebens hin. Ich fühlte zugleich, daß die +äußerste Beängstigung in meinem Körper Folgen hervorbrachte, denn +ich konnte, da ich im Verlauf meines Kummers als Mensch mir vor die +Stirn schlagen wollte, wunderbar genug, dies mit meinen Vorderbeinen +bewerkstelligen, ich konnte an mein Fell fassen, und die Haare fielen +ab, so wie ich sie nur berührte, endlich schien in meinem Antlitze ein +förmliches Umziehen und Quartierverändern von Maul, Nase und Augen vor +sich zu gehen, so rückten und knackten dort die Knochen. Aber auf alles +dieses hatte ich weiter nicht acht, ganz verloren in die Furcht vor dem +Ausstopfen. + +Gegen Mitternacht Geräusch draußen vor der Mauer, Klimmen, Herabwerfen +einer Strickleiter! Ein Kerl steigt an ihr nieder, tappt zwischen Biber +und Schildkröte vorsichtig hindurch -- -- Ich sitze (denn ich vermochte +auch schon wieder zu sitzen) stumm da und raufe mir vollends alles +Fell ab; seine rauhe Tatze ergreift mich -- hui und davon mit mir über +die Mauer! Ich hange schlotternd und an allen Gliedern gebrochen in +seinen Armen. -- Was, zum Teufel, habe ich denn da gefaßt? Das ist ja +kein -- murrt er, während er einige Schritte längs des Kanals nach dem +Landhause Schoone Zicht zu macht. Ehe er zu Ende gesprochen, stürzt +ihm ein Mann entgegen, ruft mit einer von der Tugend selbst gebildeten +Stimme heftig: Steh, du Dieb, ich sah dich über die Mauer steigen! und +haut auf ihn mit einem Degen ein. Der Dieb, Sünde gibt keinen Mut +-- läßt mich fallen und läuft davon. Ich falle in den Kanal, jener +unbezahlbare Retter springt, immer den Degen in der Faust, mir nach, +holt mich heraus, ruft: Wie, ein nacktes Kind? und trägt mich, dem von +diesen jähen Abwechselungen das Haupt schwindelt, zu einer Laterne hin, +die etwa hundert Schritte von der Stelle am Kanale brannte. Bei dem +Schimmer dieser Blendlaterne sehe ich meinem Retter in das Antlitz, und +-- wer faßt's, wer glaubt's, wer sagt's, was ich empfinde? -- Es ist -- +-- mein Vater, mein sogenannter Vater! + +Was die Furcht und der Jammer nicht gekonnt, die Freude vollbringt es. +Ich finde die Sprache wieder, und, zwar noch immer etwas meckernd, aber +doch verständlich, ist: Vater! Vater! Dein Kind! mein erstes Wort. Mit +heißen Tränen stürze ich an seine Brust, er erkennt mich, wie ich +ihn erkannt, und -- doch schweige Lippe! falle Vorhang, über diese +unbeschreibliche Szene! + + [Illustration] + +Stumm vor Rührung steckt er mich ohne weiteres wieder in seine linke +Rocktasche. Darin finde ich ihn ganz. Alle lieben Erinnerungen gehen +mir in jener Tasche auf; es ist noch ein Rest Frühstück darin; ich +versuche, es zu essen. Es gelingt; ich kann wieder Brot und Wurst +essen! Ich bin ein Mensch wieder, das gebildete Kind gebildeter +Eltern! Aber wie ging das zu? Mein Vater trägt mich in das Lusthaus +Vrouw Elizabeth. Er ist's, ja, er ist der gute Chemikus, der sich +dort aufgehalten, der mit dem Nachschlüssel zu mir kommen, mich +nach Mitternacht bei Laternenlicht abreißen wollte, aber von einer +unerklärlichen Unruhe getrieben (sein Vaterherz war's, das so stürmisch +geklopft hatte!), vor Mitternacht sich aufmachte, einen Degen zu sich +steckte, weil das Abenteuer immer einige Gefahr hatte, und so am Kanal +Zeuge des Diebstahls wurde. + +Wie ich diese ersten Erklärungen der wunderbaren Geschichte empfangen, +ich weiß es nicht mehr zu sagen. Mein Vater stammelte nach der Tasche +hinunter, worin ich saß, ich stammelte hinauf, wir begriffen uns +durch Naturlaute. -- Aber warum machtest du nicht Lärmen, mein Vater, +als du den Dieb über die Mauer steigen sahst? fragte ich in einem +ruhigen Augenblicke. -- O Sohn, versetzte er, um einen Menschen zu +retten, haben sich wohl schon größere Unwahrscheinlichkeiten begeben +müssen, als daß man einen Dieb erst einsteigen und dann wieder +herauskommen läßt. -- Du konntest nur gerettet werden, wenn diese +Unwahrscheinlichkeit vorfiel, denn machte ich früher Lärmen, so +erwachte das Landhaus Welgelegen, die Pforte wurde besetzt, du bliebst +mir unsichtbar und in den Händen von Mynheer van Streef. -- Diese +Antwort stellte mich vollkommen zufrieden. + +Wir waren unter solchen und ähnlichen Gesprächen vor Vrouw Elizabeth +angekommen; mein Vater zog die Klingel und weckte dadurch den Portier, +der ihm sein Zimmer auftat. In der Helligkeit, welche durch Wachskerzen +und Alabasterlampen hervorgebracht wurde, umarmten wir uns nun erst bei +voller Muße. Vater, wie sehe ich aus? war meine erste Frage. + +Abscheulich mein Sohn, versetzte er. Deine Züge sind in einer +wunderbaren Unordnung, es ist, als wäre Nase, Mund und Augen bei +dir berauscht gewesen und erwachten nun in Winkeln, wohin sie nicht +gehören. Die Ohren müssen wir vor allen Dingen stutzen, sie haben +sich etwas zu üppig gen Himmel erhoben, an den Extremitäten sind dir +überflüssige Haarbüschel gewachsen, auch deine Sprache schmettert +sonderbar; warst du etwa bei einem Trompeter in der Lehre? Du kommst +mir vor, wie eine durcheinander geworfene Bibliothek oder Garderobe, +die einzelnen Bestandteile deiner Totalität sind richtig vorhanden, +aber es fehlt die Harmonie. + +Alles nichts, mein Vater, sagte ich, nachdem ich vor den Spiegel +getreten war, und mich wieder so ziemlich menschlich gesehen hatte. -- +Er brannte, meine Geschichte zu vernehmen. Ich gab sie ihm in großen +Umrissen. Er glaubte, ich habe geträumt. Sieh mich an, versetzte ich, +und sage dann noch einmal, daß dies Träume gewesen seien. Das letzte +Wunder, so schloß ich meinen Bericht, war das größte. Hat man auch nur +noch ein Fünkchen Humanität in sich, und soll man ausgestopft werden, +so nimmt sich bei diesem Gedanken jenes Fünkchen zusammen und man +restauriert sich von innen heraus. In den Tiefen von Angst, Grauen, +Verzweiflung habe ich mich sozusagen als Menschen zum zweitenmal +geboren und die Tierhülle durch Seelenkämpfe abgestreift. + +Streife jetzt nur auch eine anständige Hülle über! rief mein Vater, +ging zu einer Kommode und holte daraus die weißen Pumphöschen, das +rote Kollett, den kleinen, blechernen Säbel und den Turban hervor. +Großer Gott! die Janitscharenkadettenuniform war auch da! Wo fandest +du sie? fragte ich ihn. Im griechischen Gebirge, welches ich nach +dir verzweiflungsvoll, wie Ceres Proserpinen suchte, durchrannte, +antwortete er. Ich fand die Stücke auf einem Felsenabhange und glaubte, +daß dich ein Raubtier gefressen habe. -- Aber mein Vater, sagte +ich, indem ich die Hosen anzog, an den Kleidungsstücken war ja kein +Blut, woher also dieser Glaube? -- Konnte dich das Raubtier nicht +rein herausgefressen haben? erwiderte er, etwas verstimmt über meine +kritischen Zweifel. -- Er mußte mir nun auch seine Geschichte erzählen. +Sie war einfach. Aus Schmerz über meinen Verlust hatte er, nachdem +er jede Hoffnung aufgegeben, mich wiederzufinden, sich noch eifriger +den chemischen und physikalischen Studien ergeben, wie früherhin, und +unter anderem auch jenes Farbenbereitungsgeheimnis entdeckt, welches +ihn dem Holländer van Toll so wert machte. In der Heimat litt ihn +der Kummer nicht, er reiste durch die Lande Europas als düsterer, +zerrissener Porzellanmaler. Unterwegs traf er mehrere Kollegen. Durch +die allerseltsamste Fügung brachte uns das Schicksal wieder zusammen. +Er ging bei Nacht aus, einen Bock zu zeichnen und traf seinen Sohn. + +Wir machten uns noch vor Tagesanbruch von Vrouw Elizabeth fort, denn +mein Vater fühlte wohl, daß, da er dem Eigentümer das fremde Tier +nicht auf die Vase liefern könne, seine Rolle im Landhause ausgespielt +sei. Wir benutzten die erste Schuite nach Amsterdam, und dort die +erste Gelegenheit nach Bodenwerder. Als wir im Wagen saßen, ich wie +in den ersten Zeiten in der Tasche, fiel mir der Gedanke an Frau von +Münchhausen, die Gemahlin meines Vaters, schwer auf das Herz. Ich +teilte ihm die Besorgnis mit und setzte hinzu: Wird es uns nicht +gehen, wie Mynheer van Streef, der in der Pforte seines Landhauses zum +zweitenmal auf Reisen geschickt werden sollte? + +Nein, mein Sohn, erwiderte er, die vortreffliche Frau ist bereits +vor sechs Monden gestorben, von mir begraben und hinlänglich beweint +worden. -- Ich zollte ihrem Andenken ebenfalls einige nachträgliche +Zähren. + +Auf Bodenwerder widmete sich mein Vater nun ganz dem Werke meiner +Ausbildung. Denn obgleich ich, wie aus dem Verlaufe dieser Geschichte +erhellt, schon als kleines Kind wie ein Buch sprach, so fehlte es doch +meinem Wissen an Zusammenhang, der jetzt erzielt werden mußte ... + +Noch oft unterredeten wir uns über die Einzelheiten meiner +außerordentlichen Geschichte. -- Sage mir nur, mein Sohn, sprach mein +Vater eines Tages, welche historische Lehre ziehst du aus allen diesen +unglaublichen Vorfällen? -- Vater, versetzte Münchhausen das Kind, +die Geschichte ist erhaben über alle Lehren. Willst du aber aus der +meinigen durchaus einen Satz ziehen, so ist es die einfache Wahrheit, +welche jeder Student fühlt -- daß die Söhne auf die Taschen ihrer Väter +angewiesen sind. + + + + + Nachwort des Herausgebers + + +Das funkelnde Ding, das hier zu undurchkreuzterem Glanz aus einer +Schatulle gleicher Kostbarkeiten hervorgehoben wird, hat Generationen +hindurch, kaum beachtet, in unmittelbarer Nähe einer volkhaft +begangenen Straße deutscher Dichtung gestanden. Während der »Oberhof« +Karl Lebrecht Immermanns, anderer Teil der »Geschichte in Arabesken, +Münchhausen« (1838) zum klassischen Bestand unseres volkstümlichen +Erzählertums gehört, ist die Wirkung des eigentlichen »Münchhausen« +von dem Erscheinen des Buches an auf einen engeren Kreis beschränkt +geblieben. Sonderbares Schicksal einer bedeutenden Dichtung, durch +ein merkwürdiges Zusammentreffen äußerer und innerer Umstände +niemals zu ihrer vollen Auswirkung gekommen zu sein, im allgemeinen +Volksbewußtsein nur zur Hälfte und unter dem anderen Namen dieser +Hälfte fortzuleben, gleichsam nur mit einem Lungenflügel zu atmen, +während der andere ursprünglich ebenso kräftige, zwar vom Blut des +Schöpferherzens durchpulst lebendig bleibt, aber an den Rändern langsam +verkümmern muß! Denn der eigentliche »Münchhausen« ist eine Zeitsatire +großen Stils, wie alle Werke seiner Gattung bestimmt, vorzüglich in +dieser Zeit selbst in ihren tausend Bezüglichkeiten verstanden und +unterverstanden zu werden. Nun aber erhob sie sich gerade am endenden +Rand dieser Zeit, der auslaufenden Romantik, nicht nur inhaltlich, +auch formal aus ihr gestaltend: eine formfrei spielende Groteske, +indes die aufsteigenden Generationen sich jenem künstlerischen +Realismus zuwandten, deren erster Gaben eine seltsamer- und doch nicht +seltsamerweise der andere Teil der Gesamtdichtung wurde. Denn jenem +Zerrbild des Zeitgeistes, dem die »Münchhausen«groteske gilt, wollte +Immermann im »Oberhof« in der Bodenständigkeit bäuerlichen Lebens, im +reinen Bild der deutschen Liebe und Ehe »den wahren Geist der Zeit +oder richtiger gesagt der Ewigkeit« entgegenstellen, der faulenden +Schon-Vergangenheit die aufblühende Zukunft entwachsen lassen. Diese +Zukunft aber hieß: Wirklichkeitsfreude, in der Weltbetrachtung wie in +ihrer künstlerischen Formung. War nun die Fügung der beiden Gegenbilder +dazu noch so locker, gleichsam nur scharnierhaft, wie zwischen dem +»Oberhof« und dem eigentlichen »Münchhausen«, so geschah es fast +selbstverständlich, daß man die zeitgemäßere Tafel mit sich forttrug, +die andere aber unbeachtet liegen ließ. + +Heute hat das Rad der Zeit geistig wieder einmal eine halbe Drehung +vollführt. Die Groteske ist aufs neue eine der Hauptformen komischer +Darstellung geworden. Der Augenblick des ganzen »Münchhausen« könnte +also gekommen sein, wenn anders es seinem Dichter gelang, nicht nur +Zeitsatire zu schreiben, sondern in den satirisierten Zuständen der +Zeit das bleibende Torentum einer Reihe von Generationen oder gar +menschliches Torentum überhaupt zu erfühlen und zu gestalten. + +Kein geringes Unterfangen, an das Immermann sich wagte: den +»nie gestorbenen nimmer verwelkten ehemaligen Jagd- und +Pferdegeschichtenerzähler Freiherrn von Münchhausen auf und zu +Bodenwerder«, dessen wunderbaren Abenteuern Gottfried Bürger einst die +klassische Form gegeben hatte, ein anscheinend endgültig geformtes +Symbol also von volkstümlicher Geltung zu »erhalten, restaurieren und +nach Maßgabe der Zeiten zu metamorphosieren«. Diese Metamorphose aber +bezweckte nichts minderes als »in diesem Erzwindbeutel einmal alle +Winde des Zeitalters, den Spott ohne Gesinnung, die kalte Ironie, +die gemütlose Phantasterei, den schwärmenden Verstand« einfangen zu +wollen, »um sie, wenn der Kerl krepiert, auf eine Zeitlang für die Welt +still gemacht zu haben«. Man weiß nicht, was mehr Gefahren barg, die +Erhaltung der Gestalt oder ihre Metamorphose. Immermann hat sie beide +überwunden. Erhalten ist das, worauf es ankommt, das schöpferische +Lügengenie des freiherrlichen Urbilds, erhalten in einer Kraft, die +es gestattet, auf jede Wiederholung oder Umdeutung seiner früheren +Fabelmären zu verzichten. An deren Stelle tritt ein verschwenderisches +Gewirr neuer Erfindungen, aus kongenialer Anschauung mit der gleichen +Ruhe, Ueberzeugungskraft und grotesker Logik so hingestellt, »daß +man in währender Erzählung den Erzähler für verrückt halten oder +an seine Sachen, so unsinnig sie aussehen, auf eine Stunde glauben +muß«. Nur bei solch überlegen schaltender, zugleich aber respektvoll +einfühlender Verwendung der überlieferten Figur war es möglich, den +neuen Helden zu seinem »eigenen Vater und Großvater« zu machen. +Es ist unverkennbar der alte Münchhausen -- wer wäre sonst noch +fähig so bunten Lügenfangballspiels! -- nur um mehrere Geschlechter +weitergebildet: nicht mehr achtzehntes sondern neunzehntes Jahrhundert, +etwas weniger aristokratisch, etwas sozial heruntergekommen, ja mit +einem deutlichen Schuß vagabundierenden Hochstaplertums, daher auch +nicht so spielerisch zwecklos in den Hervorbringungen seines seltsamen +Genies, böse nicht gerade, aber von einer satirischen Boshaftigkeit, +die sein erster Zustand nur erst im Keime enthielt. Geblieben aber ist +ihm trotz solch merklicher Absenkung vom reinen Schwindel zum weniger +reinen Schwindler der unwiderstehliche Charme seiner schillernden +Persönlichkeit. Noch war es möglich, die auflösenden Kräfte des +Jahrhunderts mit graziösem Humor und einem mehr pritschenden Geist an +einer Gestalt darzustellen, die ihr Schöpfer am Ende selbst keiner +eigentlich schlechten Tat für fähig hält. -- Um diese Mittelfigur +aber, die alle Ausstrahlungen des Zeitgeistes mit grotesker Brechung +in sich sammelt und komisch verzerrt wieder hinauswirft, bewegt sich +ein menschliches Vierblatt, in dem seine Hauptzüge in voller Rundform +dargestellt sind, gleichsam um sie auf diese Weise noch wirksamer und +anschaulicher verpritschen zu können: die Adelslüge: der Baron von +Schnuck, die Liebes- und Empfindsamkeitslüge: seine Tochter Emerentia, +die Bildungslüge: der Schulmeister Agesel, und als Ergänzung zu allen +dreien nicht die Lüge, sondern die materialistische Eigensucht in +Gestalt des Münchhausenschen Bedienten Karl Buttervogel. Nichts bezeugt +die dichterische Meisterschaft Immermanns stärker als die schier +mühelose Lösung dessen, was die Dichter der jungen Generation heute +mit heißem Bemühen zu bewältigen suchen: Ideen in lebendigen Gestalten +zu formen, ohne daß dabei einerseits die Eindeutigkeit der Idee, +anderseits der Schein konkreter menschlicher Existenz verloren ginge. +Wie die schrulligen Bewohner des Schlosses Schnick-Schnack-Schnurr, +das in seinem windschiefen Verfall schon eine Groteske für sich +ist, jede einsam ihre Narrheit in dem Garten mit den nasenlosen +Götterbildern spazieren führen, bis durch das scheinbar zufällige, aber +innerlich notwendige Erscheinen Münchhausens alle Narrheit sich um +ihn anschießend kristallisiert, das hat so unmittelbare Lebendigkeit +und nicht geringere Realität als etwa die psychologisch-realistisch +gegebene Darstellung der Oberhofgestalten und der bauernfesten +Wirklichkeit, in der sie sich bewegen. + +Gestaltung! Nicht Etikettierung oder Spruchbänder, die aus dem Munde +hängen. Das ist die schlichte Antwort, wieso diese Zeitsatire, die +in der Auswahl ihrer Gegenstände keineswegs auf Nachwelt gearbeitet +ist, ihre ursprüngliche Jugendkraft in kaum verminderter Frische +bewahrt hat. So tief das alles in Zeit verhaftet ist: wo die reine +Schöpferfreude am Geschaffenen waltet, erhebt sich das Zeitliche +wie selbstverständlich in reine spielhafte Form. Manches zwar was +uneingeschmolzen bleibt, nur zeithafte Beziehung, aber unendlich mehr +zeithafte Beziehung, die als solche bedeutungslos wird, überflüssig für +das naive Verständnis: Geist und Geistesreichheit, Groteske, Arabeske, +eigenfunkelnd wie Mond ohne notwendiges Wissen um das Ursprungslicht. +Lebendiger Beleg dessen das vorliegende Stück, das seine innere +Abgeschlossenheit befähigte, für sich herausgehoben zu werden, und als +blinkende Lockung zu der Gesamtdichtung zu dienen. In dieser Jugend- +und Ziegengeschichte, mit der der angeblich von seinem »sogenannten« +Vater chemisch erzeugte Freiherr, von früherer gefährdender Erfindung +ablenkend, »einen Heroismus im Erzählen entfaltet«, wimmelt es vor +Zeitanspielungen wie kaum an einer andern Stelle des Werkes: dennoch +fast kein Wort, das für den ungelehrten Leser der Erläuterung bedürfte. +All dies Zeithafte versickert gleichsam im Augenblick, wo es mit der +lebendigen Gestalt des Helden in Berührung kommt, um bis auf wenige +Rudimente als organischer Ausdruck, als formgewordener Einzelzug von +seiner ursprünglichen Beziehung gelöst, blutvoll wieder aufzuquillen: +Ganze Erscheinungskomplexe, Bildungsgehabe, Pädagogisches, Titelmoden; +Menschen und Werke ferner, die gerade im Vordergrund des Interesses +standen: der Reisegraf Pückler-Muskau, an dem Immermann sich mit +besonderem Vergnügen reibt, Humboldts Naturschilderungen, die +Klangspiele Rückertscher Ghaselen, eine Wunderkindsbiographie Karl +Wittes, die heute niemand mehr kennt, ganz zu schweigen von tausend +anderen Haupt- und Seitenhieben auf mehr oder minder Besonderes, +Zustände, Menschen und Bücher der Zeit. Im Licht eines blendenden +Geistes, der jeden Nebensatz noch mit feinsten Zügen überschenkt, +werden sie zu ebenso vielen Fäden im Blitzgeflecht eines der +meisterhaftesten satirisch-grotesken Prosastücke, die unsere Literatur +besitzt. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77772 *** diff --git a/77772-h/77772-h.htm b/77772-h/77772-h.htm new file mode 100644 index 0000000..77917b5 --- /dev/null +++ b/77772-h/77772-h.htm @@ -0,0 +1,2451 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Münchhausen unter den Ziegen | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2 { + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; +} + +h1 {font-size: 220%} +h2,.s2 {font-size: 180%} +.s3 {font-size: 130%} +.s4 {font-size: 110%} +.s5 {font-size: 90%;} + + +h2 { + padding-top: 1.5em; + margin-bottom: 1.5em; + page-break-before: avoid; + font-weight: normal; 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Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p class="s2 p2 center">Karl Immermann</p> + +<h1>Münchhausen unter den Ziegen</h1> + +<p class="s3 center">Merkwürdige und boshafte Abenteuer<br> +Münchhausen des Kindes auf<br> +dem Helikon und in<br> +Holland</p><br> + +<p class="p3 s5 center">Mit 12 farbigen Originallithographien<br> +Buchschmuck und Einband von<br> +<em class="gesperrt">Georg Poppe</em></p> + +<p class="p3 s4 center"><i>1920</i></p> + +<hr class="r5"> + +<figure class="figcenter padtop2 illowe4" id="illu-001"> + <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="signet"> +</figure> +<p class="center">Frankfurter Verlags-Anstalt A.-G.<br> +Frankfurt am Main</p> +</div> + +<div class="newpage"> +<p class="p4 s5 center">Herausgegeben von Adam Kuckhoff</p> +<p class="s5 mbot4 center">Druck des Textes: Friedrich Wagner, Duderstadt<br> +(Hannover); der Lithographien: C. Naumanns<br> +Druckerei, Frankfurt am Main</p> +</div> + +<div class="chapter"> +<p> </p> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p> + +<div class="dc"> +<img class="h4em" id="drop-m" src="images/drop-m.jpg" alt="M"> +</div> + +<p class="p0"><span class="hide-first">M</span>ein sogenannter Vater, welcher den häuslichen Unfrieden, von dem ich +die unschuldige Ursache war, nicht länger ertragen konnte, sagte zu +meiner angeblichen Mutter: Desdemona, es muß geschieden sein. Ich habe +es geduldet, daß du mir täglich einige- und dreißigmal sagtest, du +seiest meine Gattin, nicht aus Liebe zu mir, sondern aus Achtung für +meinen seligen Vater, den Lügner, geworden; geduldet sechzehn Jahr und +neun Monate lang, aber daß du diesen armen Wurm, den ich mir habe sauer +genug werden lassen, beständig knuffst, wo du ihn siehst, verletzt +mein Gefühl allzusehr. Lebewohl, Desdemona, wir wollen einander nicht +fluchen, wir wollen einander schreiben, aber miteinander leben können +wir nicht länger.</p> + +<p>Er lockte mich mit einem Zuckerplatz zu sich, steckte mich, da ich noch +nicht gehen<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> und stehen konnte, obgleich ich übrigens bereits klüger +war als mancher Dreißiger, in seine linke Rocktasche und stürzte ab, +während die verlassene Gattin sich im Gefühle weiblicher Würde an das +Fortepiano setzte und: Nach so viel Leiden usw. sang.</p> + +<p>Mein Vater stürzte die Dorfstraße hindurch, er stürzte auf die Straße +nach Braunschweig. Ich bat ihn, langsamer zu gehen, die heftige +Bewegung mache mir Schmerzen, und wirklich zerschlug ich mir beinahe +die Nase an seinem Beine, gegen welches die linke Rocktasche flog. Er +aber hörte nicht auf mich, sondern stürzte immer heftiger fort, unter +Tränen rufend: Du solltest ein Opfer jenes bösen Weibes werden, du +sauer zubereiteter Wurm? Dem sei nicht also. Du bist das Produkt meiner +tiefsten Studien, mein liebstes Kleinod, mein teuerster Schatz! — Ich +litt unaussprechlich bei den Ausbrüchen dieser heftigen Zärtlichkeit<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> +und bei den durch sie hervorgebrachten stürmischen Bewegungen der +Rocktasche. Damals schöpfte ich die erste Erfahrung von dem Satze, daß +die Menschen, wenn ihre Liebe recht heiß ist, dem Gegenstande derselben +hundsübel machen können.</p> + +<p>Zum Glück kam ein Postillon halben Weges mit einer leeren Extrachaise +von Braunschweig retour gefahren, den bestach mein sogenannter Vater, +der Schwager verriet für einen Spezies seine heiligsten Pflichten, nahm +uns auf, kehrte um und setzte uns vor Braunschweig ab. Dort mietete +mein Vater einen Hauderer, der uns über Scheppenstedt, Magdeburg, die +Walachei hindurch nach Thessalonich fuhr. In Scheppenstedt sollte +gerade damals eine allgemeine deutsche Akademie errichtet werden, +in Magdeburg war Landestrauer, weil die Klöße in dem Jahre nicht +geraten wollten, in der Walachei werden lauter<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Wallachen gezogen, bei +Thessalonich kommt man schon in das Türkische.</p> + +<p>Wenn ich nur nicht immer in der Rocktasche hätte sitzen müssen! Ich +hatte den brennendsten Drang nach Selbständigkeit, nach unumschränkter +Beobachtung, und mußte da immer zwischen Schinken und Semmel und +Sauerbraten verächtlich zubringen, denn mein Vater pflegte auch sein +Frühstück in die linke Rocktasche zu senken, und ich durfte nur +soeben aus der Schlitze gucken. Ich sagte zu meinem Vater in jedem +Nachtquartiere: Papa, die Tasche steht mir nicht mehr an, lassen +Sie mich neben Ihnen sitzen. Er aber gab mir dann jederzeit einen +väterlichen Kuß und schlug mir meine Bitte ab, weil ich ihm, wie +er sagte, außer der Tasche verloren gehen könne. Mein jugendlicher +Frohsinn schwand in der Tasche, ich fühlte, daß ich mich selbst mündig +sprechen müsse, und wartete auf<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> die erste günstige Gelegenheit, +diesen Entschluß auszuführen.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp45" id="illu-009" style="max-width: 38.3125em;"> + <img class="w100" src="images/illu-009.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>In Thessalonich machten wir Halt und bezahlten unsern Hauderer. Der +Hauderer erhielt gute Rückfracht, nämlich einen gefühlvollen, liberalen +Russen mit seinen vier frisch angekauften zirkassischen Sklavinnen. +Bei Thessalonich geht, wie gesagt, schon das Türkische an. Mein Vater +wollte dort ein Mittel gegen die Emanzipation der Frauen ausfindig +machen, und ich sollte Kadett bei den Janitscharen werden, sobald ich +gehen und stehen könne. Indessen wendete das Schicksal alles gar anders.</p> + +<p>Mein Vater (ich mag nicht immer das Beiwort: Sogenannt hinzufügen, +versteht sich also in Zukunft von selbst) ging viel spazieren, +hauptsächlich um meinetwillen, um, so sagte er, mir früh Empfindung +für die schöne Natur beizubringen, überlegte nur nicht, daß ich in +der linken Rocktasche<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> von der schönen Natur wenig zu sehen bekam +und ihm daher in meiner Finsternis auf das Wort glauben mußte, +wenn er stillstehend, oder zwischen seinen Beinen durchguckend, in +welcher Positur die Landschaft immer am reizendsten aussieht, von der +göttlichen Aussicht, von der blauen, duftigen Ferne und dem goldenen +Morgen- oder Abendrote laut schwärmte. Eine recht verkehrte Erziehung! +Ich bat ihn flehentlich, er möge mich doch wenigstens in einen seiner +Stiefeln stecken, wie die Samojeden ihre Kinder bei sich führen — +er trug weite Schlappstiefeln mit seidenen Troddeln vorn — jedoch +vergebens. Auch aus den Stiefeln fürchtete er mich zu verlieren. +Meine Lage wurde allgemach unerträglich und ich weinte oft die linke +Rocktasche ganz naß.</p> + +<p>Eines Tages saß mein Vater mit dem Rücken gegen einen Oelbaum gelehnt, +sah<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> die Sonne untergehen und war außer sich über ihren purpurnen +Widerschein im Meerbusen von Thessalonich. Sonst pflegte er bei allem +Enthusiasmus die Hände in der Tasche zu halten, so daß kein Entrinnen +gedenkbar war. Dieses Mal übermannte ihn aber seine Begeisterung, er +schlug unter Interjektionen die Hände über dem Kopfe zusammen, und +ich benutzte den Augenblick, um aus der Tasche zu schlüpfen: Da sah +ich um mich, da atmete ich, da ward mir wohl nach langer Kerkerhaft. +Ich kroch, ging, stolperte, lief ein wenig, wie es eben glücken +wollte, während mein Vater seine Rede an Sonne und Meer fortsetzte. +Ich war eben in der Furcht vor Schlägen auf dem Rückwege nach der +Tasche — denn mein Vater züchtigte mich ungeachtet aller Liebe sehr +oft in der empfindlichsten Art — als das Verhängnis mit mir die +wunderlichen Spiele begann, welche sich so lange<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> fortsetzen und mir +die eigentümlichsten Erfahrungen geben sollten.</p> + +<p>Plötzlich fühlte ich mich nämlich von einem großen, dunkeln Etwas +überschattet, höre einen Lärmen, wie wenn ein Baum knattert und fällt, +fühle ein rauhes Gefieder und zwei scharfe Krallen an meinem Leibe, +sehe mich pfeilschnell erfaßt, in die Lüfte geführt, wolkenhoch +emporgetragen. Mit Entsetzen erkenne ich mein Los und rufe mir zu: Du +bist in den Fängen eines Lämmergeiers, du armer, deinem Vater so sauer +gewordener Wurm! Warum, Unglücklicher, verließest du die Tasche? — +Die Lage des Kindes war schaudervoll! Ueber mir der goldgelbe Bauch +und die korallenrot glühenden Augen des Ungeheuers, um mich Luft und +Wolken, oder Schwärme folgenden und krächzenden Gefieders, welches +dem Geier seine Beute mißgönnte, tief, schwindlicht tief unten Land +und Meer<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> wechselnd als dunkele und blanke Streifen! — Der Geier +fliegt und fliegt; er ist ein Geier, der auf Reisen geht und sich +seinen Mundproviant hat mitnehmen wollen. Das Ungeheuer schreit +beständig: Pfy! Pfy! — Da rufe ich mit dem Witze der Verzweiflung: +O, wenn du Pfy! schreien kannst, so rufe doch zuerst über dich Pfy! +aus, abscheulicher Franz Moor der Lüfte; Pfy! über deine mehr als +unredliche Handlungsweise! Nach der Naturgeschichte fällst du zuweilen +ausnahmsweise Hirtenknaben an. Bin ich denn ein Hirtenknabe? Bin ich +nicht das gebildete Kind gebildeter Eltern? Hast du nicht selbst +Kinder, Barbar? Jammert dich der Vater nicht, der drunten mit dem +Rücken gegen den Oelbaum gelehnt sitzt, vermutlich noch immer die Sonne +sinken sieht, und an den Sohn in der Tasche glaubt?</p> + +<p>Ich war, man sieht es hieraus, über<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> meine Jahre gereift. Der Geier +kehrte sich aber an meine Reden nicht, sondern flog und flog.</p> + +<p>Ein Blitz, ein Knall, ein Fall! Aus unermeßlicher Höhe stürze ich +hinab; mir vergeht Hören und Sehen. Als ich von meiner Betäubung +erwache, liege ich weich gebettet, und ohne daß mich eines meiner +Glieder schmerzt. Ich sehe mich auf dieser Lagerstätte um: sie ist ein +Karbonaromantel von blauem Tuch, ausgespannt zwischen zwei Tamarisken. +Ein langer, bleicher Mann steht neben den Bäumen, die abgeschossene +Perkussionsflinte in der Hand, der fürchterliche Geier liegt einige +Schritte davon blutig am Boden, schlägt mit den Flügeln und zuckt und +schnappt in letzten Zügen. Etwas weiterhin graset, abgezäumt, ein +Reitpferd.</p> + +<p><span class="antiqua">I killed the vulture</span>, sagte der großmütige Brite nachdenklich, +hob mich vom<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Karbonaromantel herunter, hielt mir seine Hand zum Kusse +hin und fuhr gleichgültig fort: <span class="antiqua">You shall stand indebted for it all +your life, Sir. Adieu.</span></p> + +<p>Er zäumte sein Pferd auf, schlug den Karbonaro malerisch um die +Schultern, bestieg den Klepper und ritt fort. Um Gottes Willen, Mylord, +habt Ihr mich darum gerettet, um mich in dieser Einöde dem Hunger, dem +Durst, den wilden Tieren preiszugeben? rief ich. Bei der Gnade des +Himmels! nehmt mich auf der Kruppe Eures Pferdes mit. <span class="antiqua">You would +deprive me of my comfort</span>, versetzte der großmütige Engländer kalt +und ritt wirklich fort, so daß ich ihn bald aus dem Gesichte verloren +hatte. — Elender, sagte ich dumpf, ist dieses die Großmut Albions? +Du dachtest an dein Jagdvergnügen und nicht an das gebildete Kind +gebildeter Eltern, an den sauer zubereiteten Wurm seines Vaters,<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> als +du schossest. Geh, falscher, heuchlerischer Brite, wir sind quitt! +Bewaffne dich mit dem ganzen Stolze deines Englands, ich, ein deutscher +Knabe, verwerfe dich!</p> + +<p>Durch diesen Monolog fühlte sich meine Seele erhoben und gekräftigt. +Ich empfand zugleich, was ich meiner Ehre gegen den verruchten Geier +schuldig war, der noch immer schnappte und jappte, trat daher zu ihm +und sagte: Ein anderes Mal sehen Sie besser zu, wen Sie vor sich +haben, Federvieh! Die Naturgeschichte erlaubt Ihnen, ausnahmsweise auf +Hirtenknaben zu stoßen, nicht aber auf gebildete Kinder gebildeter +Eltern. — Der Geier drehte seinen borstigen Schnabel matt nach mir um +und verschied sodann, wie es mir vorkam, mit einiger Reue in den Augen.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp45" id="illu-019" style="max-width: 38.0625em;"> + <img class="w100" src="images/illu-019.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>Ich betrachtete mir die Gegend. Nichts als Felsen und Klippen, eine +über der andern, und in der Ferne noch höhere Kuppen!<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> Flechten, +Moose und Heiden bedeckten den Stein, Alpenröslein zeigten die roten +Kronen, wilder Lorbeer, Tamarisken, Johannisbrotstauden standen +in leichten, dünnen, malerischen Gruppen umher. Ich war auf einer +bedeutenden Höhe, denn die Luft zog scharf und kühl, allem Vermuten +nach auf einem der berühmten griechischen Berge, denn der Geier war +mit mir südwestlich geflogen, aber auf welchem? Ich befand mich in +der peinigendsten Ungewißheit über diesen Punkt, weil ich einsah, +daß es vor allen Dingen nötig sei, mich örtlich zurecht zu finden, +um den richtigen Weg nach Thessalonich und der linken Rocktasche +einzuschlagen, die mir bei den schweren Erfahrungen, welche ich in so +kurzer Zeit über den Geier und Engländer gemacht hatte, schon jetzt wie +ein verlorenes Paradies vorkam.</p> + +<p>Aber wie diese Kenntnis erlangen? Die<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> Gegend schien so einsam, daß +kein Tier, geschweige denn ein Mensch sich erblicken ließ. Ich wollte +anfangs das Geschick befragen und an meinen Jackenknöpfen abzählen, ob +ich auf dem Oeta, Parnaß, Olymp, Pindus oder Helikon stehe? verwarf +aber dieses Auskunftsmittel als zu kindisch und meiner nicht würdig.</p> + +<p>Das Dunkel nahte sich, die Kuppen der Berge wurden violett, Hunger +und Durst begannen mich zu peinigen, und ich stand noch immer +allein da droben, ich und der tote Geier, die einzigen lebenden +Wesen in jener Einöde! Mich fror in meiner leichten türkischen +Janitscharenkadettenuniform, die mir mein Vater schon hatte machen +lassen! Sie bestand in weißen Pumphöschen, in einem auf europäische +Art zugeschnittenen roten Kollett mit gelben Litzen und in dem Turban, +der damals noch nicht abgeschafft war. Ein kleiner blecherner Säbel +klirrte<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> an meiner Seite und einen Schnurrbart trug ich auch, vorläufig +einen mit Kohle gezeichneten.</p> + +<p>Um wenigstens meinen Durst zu löschen — denn gegen den Hunger gab es +da freilich nichts, als Stengel, Blätter und Alpenrosen — kroch ich zu +einer Quelle, welche zwischen grünlichen Klippen hervorsprudelte und an +diesem ihrem Ursprunge von einigen der schönsten Lorbeeren überstanden +war. Ich ahnete, daß es mit diesem Wasser eine eigene Bewandtnis haben +müsse, denn Gewalt und Klarheit wohnten in ihm so nahe beieinander, daß +es kein gewöhnlicher Spring sein konnte. Zischend und schäumend drang +der Strahl unter dem moosigen bekräuterten Steine an das Licht, als +koche er, und einen Schritt weiter floß schon das klarste beryllgrünste +Naß ohne Unruhe, Schaumblasen, Wirbel in seinem Rinnsale.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p> + +<p>Ich bückte mich zur Quelle und netzte meine Lippen, aber wie wurde +mir da! In meinen Eingeweiden tat es ein Grimmen, in meinem Blute ein +Wallen, in meinen Gliedern ein Glühen, in meinem Herzen ein Klopfen, in +meinem Haupte ein Schwärmen! Die wundersamsten Phantastereien begannen +mir vor den Sinnen umherzugehen. Meine rote Janitscharenkadettenuniform +kam mir vor wie das Rote Meer, meine weißen Pumphöschen leuchteten mir +wie der Schnee der Alpen, und mein kleiner blecherner Säbel gemahnte +mich wie das Schwert des Alexander. Ich öffnete die Lippen, und sie +sprachen unwillkürlich:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Gesperret lange Zeit in eine Tasche,</div> + <div class="verse indent2">Selbständigwerdenwollend ausgekrochen,</div> + <div class="verse indent2">Nahm in die Krallen dich der Gei'r, der rasche,</div> + <div class="verse indent2">Dem Albions Großmut drauf den Hals gebrochen,</div> + <div class="verse indent2">Und als dir nun gesunken die Courage,</div> + <div class="verse indent2">Fühlst du in Grimmen, Glühen, Wallen, Pochen</div><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> + <div class="verse indent2">Dein Herz gelöset fluten gleich der Träne</div> + <div class="verse indent2">Des Stocks im Lenz, am Born der Hippokrene!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Ja, ich hatte unversehens aus der Hippokrene getrunken und war sonach +am Helikon! Meine Lippen öffneten sich abermals und skandierten +unwillkürlich:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Sauerbereiteter Wurm des gütigsten Vaters,</div> + <div class="verse indent2">Für die Kadettenanstalt des größesten Sultans</div> + <div class="verse indent2">Mit dem Säbel aus Blech bewaffneter Knabe,</div> + <div class="verse indent2">Streife das rote Kollett und die weißen batistnen</div> + <div class="verse indent2">Höschen vom Leibe dir ab und glänze in reiner Klassischer Nacktheit!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Wirklich warf ich Säbel, Kollett, Turban, Pumphöschen, kurz alles und +jedes ab, wälzte und kugelte mich wie toll umher, unwillkürlich, von +dem Musenwasser getrieben. Schon hatten sich wieder neue Bilder in +meine Seele und Weisen auf meine Lippen gedrängt; ich sang:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Feinsliebchen, wenn du suchest mich,</div> + <div class="verse indent2">Trala!</div> + <div class="verse indent2">Du findest mich ganz sicherlich</div> + <div class="verse indent2">Sasa!</div><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> + <div class="verse indent2">Wie bei der Lamp' ich sitz' und mach'</div> + <div class="verse indent2">Ein Liedchen für den Almanach!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Feinsliebchen, weißt du, was das ist?</div> + <div class="verse indent2">Trala!</div> + <div class="verse indent2">Ein Büchlein voll von Jesuchrist</div> + <div class="verse indent2">Sasa!</div> + <div class="verse indent2">Und Blümelein und O! und Ach!</div> + <div class="verse indent2">Das ist der Musenalmanach!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Ich hatte rasch den Entschluß gefaßt, einen Musenalmanach zu schreiben, +ganz allein ich selbst: um mir mein Brot zu verdienen, denn — rief ich +—</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Warum denn andre brauchen und deren Instrumente?</div> + <div class="verse indent2">Ein rechter Virtuose spielt jedes Instrumente.</div> + <div class="verse indent2">Er bläst mit seinem Munde, dem Finger fünfe dienen,</div> + <div class="verse indent2">Das Lippenhauchgenährte, das Flöteninstrumente,</div> + <div class="verse indent2">Und streichelt mit dem Bogen, geknüpft am Ellenbogen,</div> + <div class="verse indent2">Das Saitenstegbewehrte, das Geigeninstrumente,</div> + <div class="verse indent2">Derweil an seinen Schenkeln sich hellen Schalles stößet</div> + <div class="verse indent2">Das Kindern klingklangwerte, das Beckeninstrumente,</div> + <div class="verse indent2">Und Klöpfel an den Knieen mit mut'ger Rührung rühren</div> + <div class="verse indent2">Das Kesselbauchbeschwerte, das Paukeninstrumente,</div><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> + <div class="verse indent2">Von seinem Haupte aber die Glöcklein schwingend bimmelt</div> + <div class="verse indent2">Das Roßschweif' nie entbehrte, das Halbmondinstrumente.</div> + <div class="verse indent2">So mit Gebläs' und Streichen, mit Stoßen, Rühren, Bimmeln</div> + <div class="verse indent2">Sah ich, als sein der Meister fünf da der Instrumente,</div> + <div class="verse indent2">'nen einz'gen jüngst noch spielen am Markt das manigfalte</div> + <div class="verse indent2">Flöt-, Geige-, Pauken- und Halbmondinstrumente.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Damit war meine Begeisterung noch nicht erschöpft. Formen und Verse, +Weisen und Reime, Laiche, Stollen, Stanzen, Assonanzen, Dissonanzen, +Dezimen, Kanzonen, Terzinen, Handwerksburschenlieder, Sprichwörtliches, +Afrikanisches, Madekassisches, an Personen, Gelegenheit, Denk- und +Sendeblätter, Runenstäbe, Gepanzertes und Geharnischtes, Blätter und +Blüten, Schutt — alles dieses und noch unendlich viel mehr entquoll +meinen unermüdlich vom Wasser bewegten Lippen, so daß ich glaube, ich +armes, nacktes Kind habe da<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> droben auf dem Helikon an jenem Abende +in wenigstens sechs Dutzenden der verschiedensten Arten und Weisen +meine Kindlichkeit lyrisch ausgesprochen. Ich weiß nicht, ob ich mich +nicht totgeschrien haben würde und ein lyrisches Opfer geworden wäre, +hätte nicht das Schicksal, welches mich schon aus den Fängen des +Geiers rettete, nunmehr mich auch von den Folgen jenes hippokrenischen +Sauerbrunnens befreit.</p> + +<p>Auf einmal nämlich, als ich eben ansetzte, meine Empfindungen im Geiste +eines enthaupteten Hottentotten auszuströmen, fühlte ich mich von +allen Seiten angerannt, übergerannt, beschnoppert, beleckt, befühlt, +bestoßen, betrampelt. Zu Boden geworfen, sah ich nichts über mir und +um mich als gelbe Augen, dürre Beine, rauche, bärtige Gesichter. Eine +Herde wilder Ziegen war mit ihren Zicklein zum Orte gekommen<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> und übte +an mir diese etwas stürmische Bewillkommnung aus. Mein anfänglicher +Schreck dauerte indessen nur wenige Augenblicke; ich erkannte sehr +bald, daß ich gutmütigen Wesen in die Pfoten gefallen war, die nur +durch ihre Individualität bestimmt wurden, so unbequem ihre Freude über +den Fund des kleinen Lyrikers zu äußern. Das waren keine blutdürstigen +Lämmergeier, es waren sanfte, milde Ziegen mit den besten Herzen. Sie +riefen alle im Chore: Ach, der arme Kleine! der Verlassene! Da liegen +seine Häute, er muß eine fürchterliche Krankheit gehabt haben, wovon +sie sich abgeschält haben, nun sieht er wie geschunden aus. Laßt uns +seine Wunden lecken! der Jammervolle! Ich mußte im stillen über diese +unerfahrenen Ziegen lächeln, welche meine Janitscharenkadettenuniform +für einen abgestreiften Balg, und meine heile, weiße Haut für +geschunden<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> ansahen, beschloß indessen Achtung vor dieser Volksmeinung +zu haben und nicht übereilt mir durch Eröffnung einer höheren Wahrheit +bei den Ziegen zu schaden. Indessen war ich doch bald genötigt, +Einspruch zu tun, denn alle Ziegen leckten in ihrer wohltätigen Absicht +so eifrig an mir umher, daß ich es vor Kitzel nicht länger aushalten +konnte. Ich ergriff daher das rechte Vorderbein derjenigen Ziege, +welche mir die älteste und verständigste zu sein schien, mit meinen +kindlichen Händen, drückte es an mein Herz und sagte: Ehrwürdige +Mutter, ich danke Ihnen. Genug nun des Leckens! Vertrauen Sie der +Natur, und überlassen Sie ihr die Nachheilung meiner Ihrer Ansicht +zufolge wunden und geschundenen Haut! — Wirklich ließen die gutmütigen +Ziegen, sobald sie meinen Wunsch vernommen hatten, von ihrer Leckkur +ab.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p> + +<p>Die Zicklein, welche bisher diese Szene der Barmherzigkeit mit +possierlichen Mienen und Gebärden umstanden hatten, drängten sich +jetzt, entsetzt seitwärts blickend, den Müttern so innig an, wie +die jüngste der Niobiden dem Schoße, der sie doch nicht vor den +schrecklichen Pfeilen zu bergen imstande war. Sie schrien meckernd: +Der Geier! der böse Geier! und zitterten und bebten, als ob jener +tote Bösewicht sie noch fressen könnte. Anfangs schauerten auch die +Mütter bei seinem Anblicke zusammen, indessen faßten sie sich bald +und beruhigten die Zicklein mit verständigem Meckern. O, rief eine +der Ziegen, wie vielen Dank sind wir diesem armen kleinen Findlinge +schuldig! Ohne ihn würden wir wahrscheinlich den Verlust eines von +euch, ihr teuren Kinder, zu beweinen haben! Der Lämmergeier sah aber +ihn und nahm ihn an Eurer Statt in die Lüfte! — Hier<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> erwachte mein +ganzer Stolz, und auf die Gefahr hin, es mit diesem Ziegenvolke auf der +Schwelle unserer neuen Bekanntschaft zu verderben, sprach ich: Meine +Damen, Sie sind im Irrtum. Daß jener Räuber mich für einen Hirtenknaben +hielt, den er nach der Naturgeschichte ausnahmsweise zuweilen anfallen +darf, war schon unverzeihlich von ihm, daß er mich aber gar für ein +Ziegenlamm hätte halten sollen, dazu traue ich ihm denn doch zu viel +Verstand zu. — Das Wundfieber phantasiert aus ihm, riefen alle Ziegen, +er weiß nicht, was er spricht. — Meine Schwestern, hob die älteste der +Ziegen an, uns dieses kleinen verlassenen Wesens anzunehmen, erfordert +unsere Ziegenpflicht, um so mehr, da es ein Opfer für eines unserer +Kinder geworden ist. Bringen wir denn es vor allem unter Obdach, und +späterhin wollen wir überlegen, was von uns für ihn geschehen kann!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p> + +<p>Die Herde setzte sich in Bewegung, die Mütter voran, die Zicklein +folgend. Die Mütter stießen mich mit ihren Köpfen vorwärts; ich weinte +und schrie, daß ich erst meine Janitscharenkadettenuniform wieder +anziehen wolle, denn die klassische Nacktheit beginne mir frostig zu +werden, davon aber wollten die Ziegen nichts wissen, sondern hielten es +für eine neue Fieberphantasie, daß ich in jene kranken Hüllen kriechen +wolle. Ich mußte mich daher fügen, klammerte mich zwischen zweien der +Gesetztesten mit den Händen an deren Zottelpelzen an, und konnte so +notdürftig mit der Herde mich fortbewegen.</p> + +<p>An Abgründen vorbei, auf rauhen Pfaden, über welche meine tierische +Gesellschaft sicher ging, gelangten wir zu einer großen Felsenhöhle, +dem von der Natur gebildeten Stalle dieser wilden Ziegen. Räumlich +und wohnlich war die Höhle, ein warmer<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Hauch schlug aus der tiefen +Wölbung meinem frierenden Körper wohltuend entgegen, der Boden und die +Seitenwände waren mit weichem Moose ausgepolstert, das ertastete ich, +als wir hineingingen. Der süße aromatische Duft des Tymians, welcher +auf jenem Gebirge überall blüht, drang in die Höhle, kurz, dieser +Aufenthaltsort konnte nicht tröstlicher gedacht werden, wenn man einmal +von der linken Rocktasche seines Vaters verbannt sein sollte.</p> + +<p>Die Ziegen streckten sich auf dem weichen Moose nieder und begannen ihr +Wiederkäuungsgeschäft, die Zicklein legten sich ihnen an die Euter und +sogen, aber was wurde aus mir, dem Fremdlinge ohne Familienverbindungen +in diesem Kreise? Traurig saß ich in einer Ecke auf meinem Moosklumpen, +hungerte und durstete. Endlich ersuchte ich bescheiden auch um einige +Milchnahrung, wenn die Kinder des Hauses<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> gesättigt sein möchten. +Glaubst du denn, rief die älteste der Ziegen, welche die andern Sisi +nannten, daß wir dich nicht längst auch zu unsern Nahrungsquellen +herbeigelassen haben würden, wenn wir nicht wüßten, daß dein Wundfieber +jede Ueberladung des Magens tödlich machen kann? — Ich bat sie bei +den Häuptern ihrer hoffnungsvollen Lämmer, es darauf zu wagen, ich +verschmachte sonst, worauf sich unter der Herde eine ziemlich lebhafte +Verhandlung über die Zulässigkeit oder Nichtzulässigkeit des Säugens +in meinem Zustande ergab, welche in den Beschluß auslief, daß mir +ein Weniges an Milch wohl verstattet werden möge. Froh über diese +Entscheidung kroch ich zur barmherzigen Sisi und sog die ersehnte, +heilsame Nahrung in mich. Als ich aber im besten Saugen war, wurde ich +schon wieder abgestoßen, weil ein Mehreres, wie die um mich besorgten<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> +Ziegen ängstlich ausriefen, mir sicherlich schaden würde. Ich war +daher nur halbsatt geworden, indessen doch vor dem Hungertode nunmehr +geschützt.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp46" id="illu-037" style="max-width: 38.375em;"> + <img class="w100" src="images/illu-037.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>Ueber meine Nachtruhe entstand darauf eine zweite Verhandlung, welche +ein Streit zu werden drohte, denn die Ziegen waren gegen mich so +liebevoll gesinnt, daß jede mich in ihren Pfoten erwärmen und keine +mich der andern gönnen wollte. Ich mußte voraussehen, bei diesem +Liebesfeuer die ganze Nacht über ungewärmt zu bleiben, rief daher: +Wohltätige und rechtschaffene Ziegen, teilt euch in euren kleinen +Lyriker, laßt ihn bei jeder von euch eine halbe Stunde liegen! — +Dieser Vorschlag fand Beifall, zuerst nahm mich die alte Sisi in ihre +Pfoten, dann die Riri, dann die Quiqui, dann die Nini, dann die Mimi, +dann die Lili, dann die Pipi, dann die Fifi, dann die Bibi, dann die +Didi, dann die<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Wiwi, dann die Kiki, endlich und zuletzt morgens +gegen vier Uhr die Zizi, die jüngste dieser meckernden Grazien. +Denn diese Namen, alle in i endigend, führten die zwölf Ziegen, aus +denen die Herde bestand. Ich hatte sie durch ihre Gespräche zufällig +erkundet. Was meine Nacht betraf, so war sie freilich unruhig, denn +ich hatte fast nichts zu tun, als mich niederzulegen und wieder +aufzustehen, indessen erfror ich doch nicht.</p> + +<p>Wundert Ihr Euch, daß ich das Gemecker der Ziegen sobald verstehen +lernte? Ihr hättet Euch eher darüber verwundern sollen, daß ich den +Engländer verstehen konnte.</p> + +<p>Betrachtungen über mein sonderbares Schicksal raubten mir den wenigen +Schlaf, den mir der Wechsel meiner zwölf Wohltäterinnen allenfalls noch +hätte verstatten mögen. So bist du denn, dachte ich, indem du deine +Selbständigkeit erringen<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> wolltest, in die Klauen eines Usurpators und +darauf nach kurzem lyrischen Taumel unter das Vieh geraten, von welchem +du nicht einmal für voll angesehen wirst ...</p> + +<p>In den nächsten Tagen besuchte ich mit den helikonischen Ziegen und +ihren Zicklein die Weide. Ich muß ihnen das Zeugnis erteilen, daß sich +die Ziegenmütter gegen mich immer gütig und liebevoll betrugen, und +daß auch ihre Kinder nicht allzu arg mit mir umgingen, obschon diese +freilich, mutwillig, wie die Jugend einmal ist, allerhand neckende +Possen trieben, welche auf mich Bezug hatten, zum Beispiel sich gegen +mich bäumten, mir über den Kopf wegsprangen, nach mir stießen, und was +dergleichen Schalkstorheiten mehr waren, die ich als gebildetes Kind +gebildeter Eltern nur verachten konnte. Du bist unter Ziegen, sagte +ich zu mir selbst, wenn der Grimm in mir überwallen wollte, vergiß das +nie<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> kleiner Münchhausen, du sauer zubereiteter Wurm deines Vaters. +Ich fühlte, daß ich mich dem Zustande, in den mich einmal die Fänge +des Geiers und die Kugel des großmütigen Engländers geworfen hatten, +anbequemen müsse, versuchte also zuvörderst auf allen vieren zu laufen, +da ich ohnhin auf meinen beiden kleinen menschlichen Füßen noch +nicht recht fortkommen konnte, und bestrebte mich außerdem, auf jene +bäumenden, springenden, stoßenden Scherze einzugehen, freilich nicht +ahnend, wohin dieses Anbequemungssystem führen sollte.</p> + +<p>Wenn die gütigen und liebevollen Ziegenmütter sich nur nicht +von vorgefaßten Ideen so sehr hätten leiten lassen! Aber es +war meinen Bitten unmöglich, sie zu bewegen, daß sie mir meine +Janitscharenkadettenuniform zukommen ließen; sie blieben steif und fest +dabei, daß dieses Kollett, diese Hosen, dieser Turban Ueberbleibsel +krankhafter<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> Häutungen seien. Nackt war ich also, und nackt blieb ich, +so daß mich in den ersten Tagen meines ziegenhaften Lebens entsetzlich +fror, bis die Haut eine Gegenwirkung zu entwickeln begann, welche den +erkältenden Einfluß der Luft allgemach aufhob. Auch von der Milch +bekam ich immer nur halbe Portionen, aus Sorge um mein angebliches +Wundfieber. Oft knurrten meine Eingeweide vor Hunger. Bei allem dem +war ich der Liebling der ganzen Herde und sämtliche zwölf Ziegen auf i +nannten mich nur ihren herzigen Jungen. Ich hatte meine Verwunderung +darüber, so viel Menschliches unter dem Volke zu finden, welches doch, +wie ich aus allen Reden und Aeußerungen, die ich hörte, abnahm, in +einer völligen Einsamkeit und Absonderung von der übrigen Welt auf +diesen helikonischen Höhen erwachsen war und gegen die Menschen, von +denen<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> es nur durch Hörensagen wußte, eine so tiefe Verachtung hegte, +wie die tugendhaften Houyhnhums des Dechanten Jonathan Swift gegen die +sündlichen Yahoos.</p> + +<p>Das Leben einer Ziege, insonderheit einer wilden, hat sonst viel +Schönes. Der erste Frühstrahl drang golden, wie ihn die Ebene nicht +kennt, in unsere Höhle und beleuchtete ihre moosigen Klüfte, vor +denen nach dem Tage zu leichte Geflechte wilden Weines und bunter +Winden hingen. Rote Lichter und farbige Schatten umspielten die Herde, +die umher an den Steinen und Mooswülsten noch lag und schlummerte, +bald aber sich erhob und die Glieder dehnend, in den Morgenwind +hinausschritt, der die Waldreben und Winden säuselnd bewegte. Wie +herrlich glänzte dann der hohe Gebirgsrücken mit seinen tausend Zacken +und Klippen vor uns, wie nagte geschäftig der scharfe Zahn an den +würzigen<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Kräutern, die ihn bedeckten, wie leckmäulerig wurde, wenn +diese Kost genossen war, emporstrebend, die aromatische Rinde der +Stauden und Bäume abgeschält, wie labte nach solcher Speise die süße +Kühle der göttlichen Quelle! Die Lüfte wehten erquicklich und labend +über diese Gipfel hin. Sie waren mit keinem Dunste der Ebene befrachtet +und erzählten die Sagen der alten schönen Götterwelt. Tief drunten +in weiter Ferne lagen die Städte der Menschen mit dem gemeinen Wuste +ihres Wesens; zu diesen seligen Höhen drang der Schrei des Bedürfnisses +nicht, und nicht der Seufzer der Sorge. Bisweilen erklang aus dem +Gestein, umsproßt von wilden Rosen und Feigen, der melodische Schall +der Steindrossel oder tönte aus den Heiden und Thymusbüschen der +goldene Laut der Zikade. Alles klang hier voller, reiner, unschuldiger +in der Nähe des<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> Bornes, den der Huf des heiligen Rosses aufriß, denn +alles hatte aus ihm getrunken; selbst die Gräser, Blumen, Büsche, +Bäume, welche das schäumende und doch so ruhige Naß benetzte, oder +auch nur mit seinem feinen Dufte erreichte, standen stolzer und +vornehmer da, als die Gewächse der Fläche. Wenn der Alpenhauch ihre +Spitzen und Kronen rührte, beschrieben die Stengel und Zweige schöne, +dem Auge wohltuende Linien in den Lüften. So war jegliches da droben +verfeinert, abgeklärt und selbst im Kräftigen zart; Scheltworte, zu +denen etwa einmal eines gegen das andere sich vergaß, adelten die Winde +des Helikon in zierliche Epigramme um; dieses war, was die Nähe bot, +die Ferne aber zeigte auch nur Erhabenes: Die göttlichen Häupter des +Pindus, Parnassus und Kithäron.</p> + +<p>Mittags rasteten wir gewöhnlich auf einer sonnigen Halde. Dann aber +kamen<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> die Gatten der Ziegen zu einem kurzen, aber traulichen Besuche. +Sie bewohnten eine andere Felsengrotte an der entgegengesetzten Seite +des Berges und führten eine abgesonderte Wirtschaft, denn zwischen +beiden Geschlechtern bestanden hier die edelsten und keuschesten +Verhältnisse. Dann begannen die gymnischen Spiele der Jugend, welchen +nur in dem niedern Zustande gemeiner, zahmer Ziegen die herabwürdigende +Bezeichnung von Bockssprüngen zukommen kann. Hier war in diesen Spielen +feurige Kraft und die Blume der komischen Grazie zu schauen. Rings +im Kreise gelagert freuten sich die sanften Mütter und die ernsten, +ehrwürdigen, bebarteten Väter der herrlichen, überquellenden Lust und +dachten ihrer einstigen Zeit. Meldete sich nun wieder der Gläubiger +unter dem Zwerchfell, der nie die Schuld einzufordern vergißt, das +heißt wollten die Ziegen und<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> ihre Gatten noch etwas fressen, so +schied man mit herzlichem Gruße und dem frohen, getrosten Worte: +Auf Wiedersehen! Beide Geschlechter gingen zu ihren Weideplätzen, +und nun wurde noch ein leichteres Vesperfutter abgerupft. Wenn aber +die dämmernde Eos mit Rosenfingern herabsank, und der Abendtau den +klassischen Boden zu netzen begann, schritten wir lieblich meckernd +heimwärts, erreichten vor der völligen Finsternis die bergende Höhle +und streckten uns saugend oder wiederkäuend in ihrer behaglichen Wärme +auf dem samtnen Moose aus. Bald goß ein leichter, träumeloser Schlummer +seinen Balsam auf uns nieder, machte unserem Saugen und Wiederkäuen ein +Ende.</p> + +<p>Ich sage: Wir, ich sage: Uns, ich sage: Unserem. Mit mir war nämlich +eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Ich lernte von Tage zu +Tage flinker auf allen<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> vieren laufen, ich nahm an den gymnischen +Spielen der Jugend, bei welchen ich mich anfangs höchst ungeschickt +betragen hatte, allgemach immer dreister teil und rannte eines Tages +erhobenen Leibes, Kopf gegen Kopf mit einem Böcklein, welches mich +zu diesem Stoßkampfe herausgefordert hatte, so tapfer zusammen, daß +das Böcklein stürzte, ich aber stehen blieb, worüber alle Ziegen und +ihre Gatten ein herzlich meckerndes Gelächter aufschlugen. Ich hatte, +da mir die Milchnahrung nicht genügte, mich an das Nagen von Gräsern +und Knabbern von Baumrinde begeben, zuerst den heftigsten Widerwillen +gegen diese Speise verspürt, allmählich aber ihn schwinden sehen und +gefunden, oder zu finden gewähnt, daß Gras wie grüner Kohl und Rinde +wie Krautsalat schmecke — alles das war in mir vorgegangen, aber ich +hatte dessen nicht geachtet, weil ich nicht über<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> mich nachdachte. Ein +unvorhergesehener Vorfall entzündete endlich in mir die Fackel der +Selbsterkenntnis und lehrte mich meinen umgestalteten Zustand verstehen.</p> + +<p>Eines Abends liege ich in der Höhle neben der Ziege Quiqui. Die +Zicklein sind von den Eutern abgegangen und schlafen schon, die Mütter +käuen wieder und unterhalten sich von Freiheit und Notwendigkeit. Ich +schlafe noch nicht. Es geht mir etwas im Kopfe umher, was ich nicht zu +nennen weiß, es ist ein formloses Etwas, was sich nach und nach durch +die Kehle in die unteren Regionen hinabsenkt und dort ein losgebundenes +Leben für sich anfängt. Meine Kinnbacken beginnen sich kreuz und +quer übereinander zu schieben, und ein sonderbares Nachschroten ohne +Gegenstand auszuführen; bald ergreift die angrenzenden und dann die +unteren Teile die Mitleidenschaft, mir wird sehr übel, Dinge, die ich<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> +für immer abgetan glaubte, steigen in mir auf, ich weiß nicht was +das bedeuten soll, ich befürchte einen gefährlichen Magenkrampf zu +haben, ich ächze, ich stöhne. Teilnehmend rutscht die Quiqui herzu und +fragt, was mir fehle? So gut ich unter dem unaufhaltsamen Schieben und +Schroten der Kinnbacken es vermag, schildere ich ihr den Zustand; und +wer beschreibt meinen Schreck, als die sanfte Quiqui, Tränen vergießend +und mich zärtlich an sich drückend, ausruft: Heil dir und Segen, +herziger Junge! Du bist nun ganz der Unsere, du käust wieder! — Ihr +Götter! rufe ich (denn auf dem Helikon spricht man nur mythologisch) +was ist aus mir geworden? Ich habe aber nicht Zeit, diese Ausrufungen +fortzusetzen, denn alle elf anderen Ziegen, welche den Freudenschrei +der Quiqui vernommen haben, drängen sich um mich, und sind wie außer +sich, die Lili leckt mich, die<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> Pipi neckt mich, die Riri schmiegt +sich an, die Fifi riecht mich an, die Titi will mich küssen, die Wiwi +hätte vor Liebe mich fast gebissen, Bibi, Didi, Kiki scherzen, Mimi, +Nini herzen: von dem Jubel erwachen die Zicklein und Böcklein, hören +halb schlaftrunken, was vorfiel, und nun verbrauset erst der rechte +bacchische Taumel. Das springt, bockt, bäumt, stößt, rennt um mich +her, das schüttelt sich, rüttelt sich, tänzelt, schwänzelt, hänselt, +daß keine Phantasie, und wäre sie die kühnste und leichtfertigste, +die tolle Szene, beleuchtet von einem zweifelhaften Mondschein, sich +vorzustellen vermöchte. Nur die ehrwürdige Sisi behielt einigermaßen +ihre Fassung, legte, als sie durch die Gewirre zu mir dringen konnte, +ihre mütterliche Pfote segnend auf mein Haupt und sprach: Mögen dich +Pan und alle Faunen beschützen, du junger Geretteter!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p> + +<p>Endlich legt sich der Sturm und alles lagert sich wieder zum Schlummer. +Ich aber liege, halbtot von allen den Pfoten, Schnauzen, Köpfen, +Bäuchen, die mir Liebe hatten erzeigen wollen. Der Schreck war freilich +das meiste gewesen, denn keines der gutmütigen Tiere hatte mir wehe +getan, sie hatten sich vor jeglicher Roheit zu hüten gewußt. Nur das +Schieben und Schroten der Kinnbacken wollte nicht wieder geläufig +in Gang kommen, dieser ganze Hergang war durch die Heftigkeit der +Neigungen, die ich erdulden müssen, gehemmt worden, ich empfand einige +Störungen im Verdauungsgeschäfte.</p> + +<p>Aber wie wenig bedeuten diese Unbequemlichkeiten gegen den +Seelenschmerz und die geistige Unruhe, die ich in jener Nacht +durchzudulden hatte! Ist es möglich, daß du unter Ziegen aufgehört +haben solltest, ein Mensch zu sein? sprach ich zu mir<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> selber. — Warum +hast du dich gehen lassen, warum deine angeborene Würde nicht im Auge +behalten, nicht treu und fest im Auge behalten die schreckliche Gefahr +herabziehenden Umgangs und erschlaffender Gewohnheit? Noch zitterte +in mir ein schwacher Strahl der Hoffnung, daß alles nur Täuschung +sein möge. Ungeduldig wachte ich dem Tage entgegen, der mir Gewißheit +bringen mußte, wenn auch vielleicht eine schreckliche. Bei dem ersten +Schimmer der Morgenröte schlüpfte ich, während die Herde noch ruhte, +aus der Höhle, rief: Bedenke, daß du Mensch bist! und wollte aufrecht +einherschreiten, aber, o ihr Himmlischen, es ging damit nicht; ich +war genötigt, auf allen vieren zu laufen, auf allen vieren zur Quelle +Hippokrene, welche mir die Wahrheit zeigen sollte.</p> + +<p>Ueber ihren klaren und göttlichen Spiegel gebeugt, sah ich nunmehr, daß +alle schwarzen<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> Ahnungen recht hatten, daß das Entsetzliche geschehen +war. Ich sah aus ihrer Flut einen mit zottigem Vließ bedeckten Leib mir +abschreckend entgegenstarren, dünn und knöchern gewordene Gliedmaßen, +die, als ob sie Scham empfänden, sich in Fell hüllten, ich sah spitz +und steifgewordene Ohren und ach! jene von meinem Umgange mit der Herde +mir so bekannte Physiognomie, in welcher der Mund sich zum breiten +Maule verzogen, die Nase die lächerliche Streckung nach vorn angenommen +hatte, die Augen aber, erschreckt von diesen Verwandlungen, nach den +Seitenbeinen des Schädels auseinander gewichen waren; mit <em class="gesperrt">einem</em> +Worte, denn wozu so viele? im Spiegel der Poesie sah ich mich als +jungen, wenigstens werdenden Bock.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp44" id="illu-055" style="max-width: 37.375em;"> + <img class="w100" src="images/illu-055.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>Dahin also ist es gekommen! rief ich, und suchte zu verzweifeln. Bist +du darum deinem Vater so sauer geworden, darum<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> aus seiner Tasche +gekrochen, um als Gehörnter und Beschweifter zu enden? — Denn die +Musenquelle hatte mir außer allem, was ich beschrieben, auch an Stirn +und Rückgrat Keime gewiesen, welche mit den Jahren, wenn das Wetter +günstig war, zu Horn und Schweif erblühen konnten.</p> + +<p>Ich war sehr angegriffen und bedurfte der Stärkung, oder tat es die +Nüchternheit des Morgens? genug, ich mußte fressen, und schälte einen +der Lorbeerbäume über der Hippokrene ab. Ich suchte jetzt abermals zu +verzweifeln, oder, da dieses nicht gelingen wollte, mindestens mein +Los zu bejammern. Auch das glückte nur zum Teil. Wie verstehe ich das? +fragte ich mich. Du hast deine Menschheit zum größeren Teile eingebüßt, +und kannst keine Verzweiflung, ja nicht einmal einen recht tüchtigen +Jammer zuwege bringen?</p> + +<p>Da machte ich eine Entdeckung in meinem<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Inneren, die noch schlimmer +war, als die äußeren Wahrnehmungen, welche mir die Quelle gegeben +hatte. Ich merkte nämlich, als ich mich scharf prüfte, daß ich den +Verlust meiner Humanität eigentlich nur der Form wegen und Ehren +halber betrauere, im Grunde aber mit dem Fell an Leib und Gliedern, +mit dem breiten Maule, der nach vorn gestreckten Nase, den seitwärts +abgewichenen Augen, mit den Keimen an Stirn und Rückgrat wohl zufrieden +sei. Meine Seele war, das empfand ich, auch bereits in der Verbockung +begriffen. — O Menschen! Menschen! Menschen! nehmt an dieser Tatsache +ein warnendes Beispiel. Wahrlich, das Tier kommt rasch genug in euch +zum Vorschein, wenn ihr nicht unablässig auf euch achtet.</p> + +<p>Ich graste und hing Betrachtungen dieser tiefsinnigen Art nach, als +die Ankunft der Herde mich in derselben störte. Die guten<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Ziegen +waren schon besorgt um mich gewesen und zeigten, als sie mich bei der +Hippokrene denkend und grasend fanden, die unverstellteste Freude, so +daß nicht viel an einer Wiederholung der nächtlichen Auftritte gefehlt +haben würde, wenn ich nicht Rührung und Erschütterung über mein neues +Glück vorgeschützt und sie ersucht hätte, meine durch das Wiederkäuen +etwas angegriffene Gesundheit zu schonen. Ja, er bedarf der Ruhe, +riefen die edeln Ziegen und entfernten ihre Pfoten und Mäuler von mir. +Der Platz an der Hippokrene wurde für heute zur Weidestelle ersehen, +und ich hörte sie lange, während sie fraßen, in erhöhter Stimmung und +in einem sogenannten schönen Stile mein Glück preisen, daß ich endlich +vernünftig und einer der Ihrigen geworden sei.</p> + +<p>So geht denn also durch das ganze Reich der Wesen derjenige Zug, von +welchem ich<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> glaubte, daß er nur meinen ehemaligen Kameraden, den +Menschen, angehöre! dachte ich bei diesen Gesprächen. — Erst wenn +sie jemand zu sich heruntergezogen und ihn in seiner besten Eigenart +vernichtet haben, glauben sie, daß er vernünftig geworden sei, und +einer der Ihrigen zu heißen verdiene. So zerklopft der Wegewärter an +der Chaussee die großen Steine und pflastert dann mit den kleinen +Bröckelchen die gemeine Heerstraße des täglichen Verkehrs zu Fuß, zu +Pferd und zu Wagen, mitunter auch zu Esel ....</p> + +<p>Ich war nun gleichsam Hahn im Korbe bei den guten und edeln Ziegen +am Helikon. Sie liebten mich fast mehr, als ihre eigenen Kinder; +natürlich, ich war ja das Kind ihrer Wahl und hatte für sie außerdem +das besondere Interesse, daß noch einige Reste der Menschheit in mir +staken, welche ihre fernere Erziehung ebenfalls auszutilgen<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> berufen +schien und hoffen durfte. Sie bildeten und besserten unaufhörlich +an mir, das heißt sie leckten und putzten mich beständig, um den +vollkommenen Bock aus mir herauszulecken und zu putzen, und jedes +Fünkchen widerstrebender Menschheit mir abzulecken. Ich mußte mir das +gefallen lassen, obgleich ich es gern gesehen hätte, ein Stückchen +Mensch zu bleiben, der möglichen Fälle halber, in welchen ein zweites +Metier von großem Nutzen sein kann. Auch meine Sprache war ihnen noch +nicht akademisch genug; sie meinten, es sei nicht das reine toskanische +Meckern. Ich muß hier einschalten, daß ich mich deshalb so rasch mit +meinen Wohltäterinnen hatte verständigen können, weil meine erste +Kindheit mir teilweise unter deutschen Kanzelrednern hingegangen war, +und ich daher nur bekannte Töne hörte, als ich zu den Ziegen kam, nur +bekannte Töne im Gespräch mit<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> ihnen zu wiederholen brauchte. Indessen, +wie gesagt, mein Meckern sollte doch noch nicht ganz rein sein, es +mochte wohl noch in etwas den Kanzelredner verraten. Die gelehrte Ziege +Pipi gab sich daher an das Werk und unterwies mich im Meckern nach den +Regeln der Grammatik. Ich lernte rasch und fand, daß das Ziegen-Idiom +einen großen Reichtum an eigentümlichen Wendungen für unklare +Vorstellungen habe, weshalb es manchen Zeiten zu empfehlen sein dürfte, +um darin die Geschäfte des öffentlichen Lebens abzuhandeln.</p> + +<p>Tage kamen und Tage gingen, und daraus wurden Wochen, und aus den +Wochen stellten sich Monate zusammen, ohne daß unser idyllisches Leben +auf dem Helikon irgend eine bedeutende Störung erlitten hätte, außer +daß wir Zicklein mitunter von den Müttern zu sehr allein gelassen +wurden und in einer dieser Verlassenheiten zwei<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> junge Böcke einbüßten, +welche, den ersten ein Steinadler, den anderen ein Goldadler auffraß. +Unser Gefühl wurde von diesen Verlusten schmerzlich berührt, obschon +die Ziegen Fifi und Riri durch glückliche Entbindungen für den Ersatz +sorgten. Jenes nicht selten vorkommende Alleinsein und die Einbuße der +beiden Böcklein machte die Reste der Menschheit in mir nachdenken. +Ich fragte, wenn wir so uns selbst überlassen umherirrten, kein gutes +Futter finden konnten, oder uns durch unüberlegte Sprünge die Füße +verstauchten, oder auch wohl vom richtigen Pfade gänzlich abgekommen +waren, wo denn die Mütter seien? und erhielt zur Antwort, daß sie ihre +Sitzungen hielten. Fragte ich nun weiter, aus was Grund und zu was Ende +diese Sitzungen stattfänden? so erwiderten mir meine Altersgenossen, +es seien die Sitzungen des Wohltätigkeitsvereins. Freilich<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> blieb ich +durch solche Antworten so klug als vorher; ich schärfte indessen das +Auge der Beobachtung und kam auch binnen kurzem der Sache auf den +Grund. Leider entdeckten da meine Forschungen gewisse Schattenseiten +an dem sonst so liebenswürdigen und vollkommenen Zustande der +helikonischen Ziegenherde.</p> + +<p>Die wohltätigen und rechtschaffenen Mütter hatten nämlich einen +Verein »zur Linderung des Elendes leidender Naturwesen« gestiftet. +Dieser Verein war aus den Trümmern eines früheren, untergegangenen, +entstanden, welcher auf die Verfeinerung ihrer Pelze abgezielt hatte. +Ein reisender Waldesel war nämlich einstmals über den Helikon gekommen, +hatte aus der Hippokrene gesoffen und darauf von dem wundervollen +Gespinste der Tibetziege phantasiert, aus welchem in Kaschmir die +herrlichen und kostbaren Schals gewebt<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> werden. Der phantasierende +Esel hatte weder Tibetziegen noch Kaschmierschals selbst gesehen, +sondern im Walde einen armenischen Kaufmann davon reden hören, der zwar +mit den Schals bekannt war, die Ziegen aber auch nie in Augenschein +genommen hatte, sondern nur von seinem verstorbenen Bruder gehört haben +wollte, es gebe dergleichen. Die Phantasie des Esels entzündete aber +die Phantasie der Mütter und befruchtete ihren Geist mit dem Ideale +einer tibetischen Hochgebirgsziege. Dieses ferne hohe Bild brachte +in ihnen den Trieb der Nacheiferung hervor, ihre Pelze dünkten ihnen +seit dem Tage roh und gemein, sie verbanden sich, durch ein Leben im +höheren Sinne des Worts ihre Wolle zu verfeinern und es womöglich bis +zur Kaschmirwolle zu bringen, denn der Pelz ist einer Ziege das, was +schönen Seelen ihr Gemüt ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p> + +<p>Das Leben im höheren Sinne des Worts konnte aber nur dadurch in das +Werk gerichtet werden, daß sie alle Gemeinschaft mit ihren Gatten +abbrachen und die Milch bei sich behielten. Diese Schritte bedrohten +nun die ganze Herde mit dem Untergange, und als die Seufzer der +Gatten und das Wimmern der Zicklein ihnen die Gefahr einleuchtend +gemacht hatten, so mußten sich die hochherzigen Ziegen entschließen, +dem schönen Unternehmen zu entsagen; schmerzlich ergriffen, denn wie +es ihnen vorkam, war während der wenigen Tage, wo Gatten und Kinder +darbten, ihr Pelz schon merklich feiner geworden.</p> + +<p>Aus diesem Wolleverbesserungsvereine war der Verein zur Linderung des +Elendes leidender Naturwesen hervorgegangen, weil das höhere Selbst +der helikonischen Ziegen Befriedigung wollte, und für die Einbuße +Ersatz heischte. Der neue Verein bekümmerte<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> sich um jedes Unglück +und half allen Insekten, Vögeln und kleinen Säugetieren, die in Not +staken. Er hielt wöchentlich seine regelmäßigen Sitzungen; ich habe +mehreren derselben beigewohnt, da man mich als Böcklein von guten +Anlagen für würdig hielt, so edle und gemeinnützige Tathandlungen +kennen zu lernen. Die Ziegen pflegten an einer beschatteten Stelle +des Berges im Kreise umherzuliegen und wiederzukäuen; die verständige +tugendhafte Sisi aber, welche auf einem erhöhten Steine in der Mitte +des Kreises ruhte, führte in diesen Konferenzen das Präsidium. Während +des Wiederkäuens wurden denn nun Notfälle der verschiedensten Art in +barmherzige Erwägung gezogen, als zum Beispiel wie einer Hummel zu +helfen sei, welche die Ziege Riri hatte in das Wasser fallen sehen? ob +man nicht einer erlahmten und erstummten Grille eine Art Hackbrettlein<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> +aus Blättchen und Dörnchen zurichten lassen könne, um ihr die Ausübung +ihrer Kunst für die Zukunft wenigstens einigermaßen möglich zu machen? +oder in welcher Art einer in ihrem Loche darbenden Maus Futter für +sich und ihre Jungen geschafft werden möge, von der die Ziegen +wußten, daß sie ohne Verschulden in solche Nahrungslosigkeit geraten +war, und was dergleichen wohltätige Maßnahmen mehr waren, welche den +helikonischen Ziegen und ihrem Vereine einen fast göttlichen Namen bei +allem notleidenden Geschmeiße zuwege gebracht hatten. Ich sage: Bei dem +Geschmeiße, denn was die edleren Geschöpfe betrifft, so wollten die +von dem Vereine und seinen Taten nichts wissen. Die Steindrossel hörte +auf zu singen, wenn die Ziegen in der Nähe ihres Busches ratzuschlagen +begannen: eine weiße Hinde, welche zuweilen Besucheshalber auf den +Berg kam,<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> wies, als die Ziegen ihr den Antrag machten, in den +Wohltätigkeitsverein einzutreten, statt aller Antwort nur den stolzen +Rücken, und die Lorbeerbäume, unter welchen die Sitzungen vor sich +gingen, habe ich oft die Kronen hochmütig schütteln sehen, wenn die +Reden der Ziegen im tönendsten Schwunge und ergiebigsten Flusse waren. +Ja, einer jener geweihten Bäume mußte die Nähe der barmherzigen Ziegen +selbst körperlich nicht vertragen können. Er bekam ein krankes Ansehen +und ging endlich ganz aus.</p> + +<p>Auch erreichten die Mütter nicht in allen Fällen ihre tugendhaften +Zwecke. Es war streng verboten, daß von irgend einer Ziege privatim, +ohne Aufsehen, aus dem Stegreife, wie sie sie fand, Not gelindert +werden durfte; nein, alle Wohltätigkeit sollte seit der Stiftung +des Vereins im Geschäftswege verwaltet werden, und die Einzelziege<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> +war streng angewiesen, dem leidenden Wesen, welches sie traf, +vorüberzugehen und über den Fund nur dem Vereine zu berichten. +Auf diese Weise wollten die helikonischen Mütter die gemeine, +instinktartige Milde ausrotten und an deren Statt die höhere, +selbstbewußte, die administrierende Milde pflanzen. Da es nun aber +immer mit einiger Weitläufigkeit verknüpft war, eine Sitzung zustande +zu bringen, die Sitzungen selbst jedoch das Weitläuftigste bei der +ganzen Sache wurden, indem die Ziegen meckernd und wieder meckernd +gleichsam außer ihrem Futter auch die Barmherzigkeit wiederkäuten, so +kam oft alle Hilfe zu spät. Die Hummel, welcher ein auf der Stelle +zugeworfenes Blatt das Leben gerettet hätte, war während der Reden +über die Pflicht, sie zu retten, untergegangen, und die Maus, der die +vorübergehende Einzelziege ein paar Körner hätte<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> zuscharren können, +bis es zum Gesamtwirken für sie kam, Hungers gestorben.</p> + +<p>Mitunter war etwas unternommen worden, was gegen die Natur anging. +So konnte fast keine der lahmen Grillen mit den Kunsthackbrettchen +fertig werden. Am schlimmsten waren, wie ich schon angedeutet habe, +die langen und weitläuftigen Sitzungen des helikonischen Ziegenvereins +für uns Zicklein und Böcklein. Wenn wir während derselben ohne Weg +und Steg und oft ohne Futter umherliefen, wenn Gefahren und Raubtiere +uns außer acht Gelassenen drohten, da konnten wir armen Schluckerchen +nicht selten unsere bitteren Tränen darüber vergießen, daß die Mütter +an ertrinkende Hummeln, lahme Grillen und hungernde Mäuse dachten und +uns vergaßen. Indessen waren solche Tränen und jene Mißglückungen im +ganzen unwichtig. Die Helikonierinnen lernten sich<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> durch den Verein in +ihrer Vortrefflichkeit immer mehr fühlen und an ihrer eigenen Tugend +begeistern, und darauf kam es doch hauptsächlich vor allem an.</p> + +<p>Ich habe lange nicht gewußt, auf was Art diese Stimmung, welche die +eigene Familie um Geschmeiß hin und wieder vernachlässigen lehrte, und +eine schlichte und unscheinbare Barmherzigkeit zu einem glänzenden +Geschäfte aufzublasen antrieb, bei den Helikonierinnen entstanden war. +Endlich konnte ich mir das Rätsel erklären. Die helikonische Herde soff +nämlich, wie wir wissen, aus der Hippokrene. Diese Quelle wirkt nun bei +allen, welche sie trinken, die gewaltigsten Dinge, jedoch nur bei den +durch das Schicksal dazu Vorbestimmten jenen reizenden Wahnsinn, den +wir kennen, bei vielen dagegen versetzt sich das Wasser und schafft +entweder die abscheulichsten Würfelreime, wie bei mir der<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> Fall war, +so oft ich trank, oder einen sozusagen erhitzten und geschwollenen +Zustand im Handeln und Empfinden, den man die blühende Prosa des Lebens +nennen könnte.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp44" id="illu-073" style="max-width: 37.375em;"> + <img class="w100" src="images/illu-073.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>Die helikonischen Ziegen gehörten nicht in die Reihe der zum reizenden +Wahnsinn Vorbestimmten. Bei ihnen wirkte die Quelle den Drang zu +unnötigen Tugenden und überflüssigen Wohltätigkeiten. Ihr Zustand war +blühende Prosa. Dieser Zustand rührte von versetzter Hippokrene her.</p> + +<p>Wie oft mußte ich, als ich nachmals mehr unter Menschen kam, und +ihre geschmacklosen Herrlichkeiten, ihre Aufspannungen für und um +das Erbärmliche kennen lernte, still für mich ausrufen: Versetzte +Hippokrene! — Wo diese mit der blühenden Prosa in ihrem Gefolge +auftritt, da stirbt das melodische Getön der Steindrossel, da weiset +die stolze, weiße<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Hinde vornehm den Rücken, da schüttelt der Lorbeer +zornig die Krone oder geht aus.</p> + +<p>Auch die Gatten der Ziegen soffen für gewöhnlich aus der Hippokrene +und wollten hinter den Gattinnen nicht zurückbleiben. Sie gehörten +ebenfalls nicht in die Reihe der zum reizenden Wahnsinn Vorbestimmten, +was mir gewiß jeder, der einmal einen solchen Gatten gesehen hat, +auf mein Wort glaubt. Da nun die Gattinnen ihnen schon das Elend +des Geschmeißes weggenommen hatten, so waren sie auf dessen Laster +beschränkt und stifteten unter sich einen Verein »zur Rettung sittlich +verwahrloster Naturwesen«. Der Zweck desselben war: durch moralische +Einwirkung, durch tugendhafte Anrede und herzliche Aufmunterung zum +Guten alle die Tierlein, welche ihrer Natur nach stechen, beißen, +kratzen, stehlen oder sich von<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> schmutzigen Dingen nähren, zu einem +unschädlicheren und reineren Leben anzuführen. Nach der Absicht der +Stifter sollte, wenn der Verein wirklich durchgriffe, die Mücke ihrem +Stachel und der Floh seinem Blutdurst entsagen lernen, die Elster auf +den Diebstahl verzichten, Würmer und Maden aber von Unrat und Aas sich +entwöhnen.</p> + +<p>Da ich mich allein bei den Ziegen aufhielt, so kann ich nicht sagen, +wie weit der Besserungsverein mit seiner Tätigkeit gediehen war, als +ich auf den Helikon kam. Ich weiß nur, daß allerhand Geziefer auch auf +diesem heiligen Berge stach, biß, kratzte, stahl und Unaussprechbares +fraß, weiß aber nicht, ob es gebessertes oder ungebessertes war. +Einer einzigen Versittlichungsgeschichte Augen- und Ohrenzeuge bin +ich geworden, von ihr will ich berichten, muß ich sogar berichten, da +sich eine Katastrophe<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> mit ihr verband, welche zu weiteren Schicksalen +Münchhausens des Kindes, damals Böckchens, führte.</p> + +<p>Die vereinigten Böcke ... oder vielmehr die sittlichen Gatten der +wohltätigen Ziegen waren an dem Tage, der meiner Auffindung folgte, an +den Ort gekommen, wo der großmütige Engländer sein Pferd hatte grasen +lassen und der tote Lämmergeier lag. Wo das Pferd gestanden, fanden sie +einen Käfer mit schwarz glänzenden Flügeldecken, einen der Art, welche +bei Aristophanes die Knechte des Trygäos dem Herrn für den Ritt zu Zeus +auffüttern, und die Deutschen Mistkäfer nennen. An dem Halse des Geiers +aber bemerkten sie die stahlblaue Fliege, Schmeißfliege geheißen, +die ich, wie jenen das »Roß des Trygäos« aus Delikatesse »die blaue +Schwärmerin« nennen will.</p> + +<p>Dreht sich einem nicht das reine Herz<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> im Leibe um, rief einer der +Gatten, zwei Mitwesen in solcher Niedertracht zu sehen? O Brüder, laßt +uns hier helfend einschreiten, laßt uns diesen Gefallenen die rettende +Klaue reichen, entwöhnen wir den Käfer von seinen üblen Neigungen, die +Fliege von der Leidenschaft, selbst die ungeborne Zukunft ihres Stammes +einem verdorbenen Elemente einzupflanzen, machen wir Käfer und Fliege +zu anständigen Leuten, die in der guten Gesellschaft fortkommen können!</p> + +<p>Allgemeiner Beifall folgte dieser Rede. Einstimmig beschloß man, +das Roß des Trygäos und die blaue Schwärmerin sollten sittlich und +anständig werden, sie möchten wollen oder nicht. Vorsichtig scharrte +der Redner, der Ziegengatte Solon (sie hatten sich lauter Namen von +weisen und erhabenen Männern des Altertums beigelegt), den Käfer von +seinem Mahle mit<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> der Klaue hinweg und trieb ihn in eine Felsritze, die +sofort durch einen vorgewälzten Kiesel zum Besserungsgemache erschaffen +wurde. Diese Unternehmung hatte wenig Schwierigkeiten gehabt, denn ehe +ein Käfer zum Fliegen gelangt, dauert es einige Zeit mit Bauchdehnen +und Halsrecken. Schlauer mußte man mit der Fliege zu Werke gehen, der +wohlbeschwingten Schwärmerin. Indessen gelang es dem jungen Plato, +einem Ziegengatten von der unerreichbarsten Hoheit der Gedanken, die +zu Bessernde zu beschleichen, sie mit seinen Lippen zu erschnappen und +zwischen denselben nach dem Astloche eines Feigenbaumes zu tragen, +worin sie durch einen vorgestopften Pflock verspündet wurde. Man teilte +das freudige Ereignis bei der nächsten Zusammenkunft den Gattinnen mit, +welche nicht verfehlten, an den Hoffnungen des Vereins den lebendigsten +Anteil zu nehmen. Auf<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> diese Weise erhielt ich von der Sache Kunde. Wir +Zicklein und Böcklein mußten nun den Ort, wo das Pferd des großmütigen +Engländers gestanden, rein scharren, die erwachsene Herde stürzte aber +den Leichnam des toten Geiers in einen tiefen Abgrund, um von den +beiden eingesperrten Zöglingen der Sittlichkeit alle Anreizungen zum +Laster zu entfernen.</p> + +<p>In den folgenden Tagen begannen nun Solon und Plato, unterstützt +jezuweilen von den übrigen Mitgliedern des Vereins, ihre Reden und +Ermahnungen an das Trygäosroß und die blaue Schwärmerin. Solon lag +vor der Felsritze und hielt seine Schnauze an ein federspulenkleines +Löchlein, welches der Kiesel unbedeckt ließ; Plato stellte sich an +dem Feigenbaume auf die Hinterfüße, hielt sich mit den Vorderfüßen +am Stamme fest und legte das Honigmaul gegen das Astloch, um sich +verständlich<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> zu machen. In dieser Stellung oder Lage hielten die +beiden Böcke ihre Besserungsreden, wenn sie nicht fraßen, der eine die +Feigen des Baumes, der andere das junge Laubgesproß, welches an der +Felsritze gerade in der wucherndsten und saftigsten Fülle wuchs.</p> + +<p>Ist es denn nicht besser, sich an reiner und reinlicher Nahrung zu +sättigen? sprach Solon zum Käfer, wenn er von dem Genusse des Laubes +ausruhte. — Fühlst du denn nicht, du armer Gesunkener, daß uns alle, +Ziegen, Käfer und Fliegen, Zeus der Vater in die Furchen der brütenden +Mutter aussäte, die Speise aus der Hand der Götter, nicht aber sie aus +der Pforte, die da stets nur ausläßt und nimmer ein, zu empfangen? +Schreckliche, unbeschreibliche Verirrung, das, was Trift und Gefilde +heilsam in das Reich der blonden Demeter emporschickt, zu verachten, +und erst dann<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> danach zu streben, wenn es, in den Hades gestoßen, dem +gestaltenlosen Schattengebiete der traurigen Persephoneia angehört! +Liebst du des Hafers goldenes Korn, warum frissest du nicht Hafer? +Gelüstet dich nach dem Sproß des Grases, weshalb beißest du nicht +in Gras? Was reizt, was verführt dich, das alles erst umgestimmt, +entmischt, abgenützt zu mögen? Höre dieses freudige Knirschen und +Rauschen vor deinem Kerker, vernimm, wie ich in dem saftigen, fetten +Portulak, in der wilden, bittern Kresse, in dem erfrischenden Sauerklee +schmause. Könntest du denn nicht, wenn du frei wärest, neben mir +brüderlich sitzen und dieser von der Oreas uns verliehenen Blätter +dich erfreuen, als einige Schritte weiter zurück, ein Helot und +Barbar, zu harren, ob dir ein von der Harpyie besudeltes Mahl werde? +Oder sagst du: Ich bin Käfer, du bist ein Ziegengatte?<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> Nun so blicke +auf deinesgleichen, sieh, wie der kleine, rote, zirpende Schelm das +süßduftende Blatt der Lilie nagt, wie der Runde mit kupferbraunen +Flügeln und grünem Schilde im Schoße der Rose schwelgt! Denen folge, +denen schließe dich an, bei ihnen ist deine Stelle! Friß Lilien, +wenn du nicht Hafer, friß Rosen, wenn du nicht Portulak, Kresse und +Sauerklee fressen willst!</p> + +<p>Nach diesen Reden fühlte sich der edle Solon immer mit neuem Appetite +versehen, und war zu erhöhter Tätigkeit an den Bergkräutern aufgelegt. +Plato, wenn er vom Feigenfraß rastete, hielt Ermahnungen ungefähr des +nämlichen Inhalts an seine Schülerin. — Auch er riet der Fliege auf +das Eindringlichste, verdorbenes Fleisch zu lassen, in Zukunft Feigen +zu fressen und auf Feigen ihre Eier zu legen. Er suchte besonders auf +das Muttergefühl zu wirken<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> und in glänzenden Bildern ihr vorzustellen, +welch ein begabteres Geschlecht ihre Brut werden würde, wenn sie statt +in Duft und Dunst, da droben auf sonnebeschienenem, lüftegewiegtem +Zweige auskäme. Auch er verzehrte nach seinen Reden immer wieder +Feigen, so lange dergleichen noch am Baume hingen, dann nagte er die +Zweige ab, so daß der Baum ein ziemlich verwüstetes Ansehen zu bekommen +anfing.</p> + +<p>Das Roß des Trygäos und die blaue Schwärmerin lebten bei diesen +Ermahnungen in ihren Besserungslöchern ein trauriges Leben. Sie waren +beide schlichte, rohe Naturwesen ohne alle Theorie, praktischen Trieben +ergeben. Anfangs rasten sie wie wahnwitzig brummend und schnurrend in +den Kerkern umher, da ihnen dieses aber nichts half, so wurden sie +still und hörten den Reden ihrer Verbesserer zu. Von denen verstanden +sie nun aber nicht<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> das mindeste, als, daß der Käfer Lilien und Rosen +fressen, die Fliege sich zu Feigen wenden solle — Zumutungen, die Roß +und Schwärmerin außer sich setzten, weil sie ihnen das Beleidigendste +dünkten, was ihnen nur gesagt werden konnte. Seelenverkäufer! +Seelenverkäufer! brummte der Käfer. — Warum soll denn unsereins nicht +fressen, was unsereinem schmeckt? — Ich such', such', such' Geruch! +summte die Fliege. Am meisten ärgerte es die beiden Kandidaten der +Sittlichkeit, daß sie ihre Besserer draußen behaglich in Laub und +Feigen knarpen hörten und daß denen die tugendhaften ermahnenden Reden +gleichsam nur dienten, sich der Verdauung halber nach dem Essen eine +Bewegung zu machen. Indessen nahmen die Dinge für beide eine sehr +ernste Gestalt an, denn sie bekamen natürlich nicht das Allergeringste +zu essen und fielen daher während ihrer Bearbeitung<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> zu einem reineren +Leben jämmerlich ab. Das Trygäosroß wurde so matt, daß es kaum noch auf +den Füßen stehen konnte; die blaue Schwärmerin ließ kraftlos die Flügel +hängen.</p> + +<p>In dieser traurigen Verfassung überkam sie der den Tieren eingepflanzte +schlaue Trieb der Selbsterhaltung. Sie setzten sich vor, zu heucheln, +und gaben klägliche und melancholische Töne von sich. Höre! rief Solon +dem Plato zu (denn Felsritze und Feigenbaum waren einander nahe); das +Laster schlägt in sich, die ersten Kennzeichen der Reue sind zu spüren. +— Meine arme Gefallene ächzt auch schon über ihr Unheil, versetzte +Plato. Nach einiger Zeit prüften die beiden ehrwürdigen Ziegengatten +den Sinn der Bekehrten, indem Plato ein Stückchen Feige, welches noch +am Baume gehangen hatte, vorsichtig in das Astloch schob, Solon aber +ein Lilien- und Rosenblättchen<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> unter den Kiesel in die Felsritze zu +bringen wußte.</p> + +<p>Roß und Schwärmerin erbebten vor Grimm bei dieser Darlegung +abscheulicher Anträge, wie sie ihnen vorkommen mußten. Die Schwärmerin +entwich entsetzt vor dem Feigenstücklein in die letzte Ecke des +Astloches zurück, das Roß stieß die Blätter deren Geruch ihm den Atem +raubte und die Luft seines Wohnortes ihm zu verpesten schien, mit den +kurzen, kräftigen Beinen von sich ab. — Niederträchtiger Gestank! +brummte es. — Sollte man's glauben, daß es Narren gibt, die an dem +greulichen Zeuge Behagen finden? Ich ersticke! O meine Ambrosia! — +Feigen! Feigen! Feigen! Kinderpapp! Kinderpapp! tosete die Schwärmerin.</p> + +<p>Aber ihre Lage war zum äußersten gediehen. Die Besserer draußen, das +begriffen die Opfer der Sittlichkeit drinnen,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> konnten es bei guter +Nahrung mit ansehen, wenn sich das Geschäft auch noch so sehr in +die Länge zog. Hunger tut weh, Verstellung tat not, die draußen zu +täuschen. Der Käfer überwand sich und fraß unter Verwünschungen und +Zuckungen etwas Lilien und Rosen, welches er aber alsobald wieder +von sich gab, so übel bekam ihm der höhere und reinere Lebensgenuß! +Die Fliege bezwang ihr schauderndes Gemüt und verrichtete über der +Feige einigermaßen und gleichsam zur Probe das, was von ihr im Namen +der Tugend gefordert wurde. Plato und Solon hatten gelauscht und an +dem Geräusche, welches drinnen entstanden, abgenommen, daß etwas +Entscheidendes vorgefallen sein müsse. Öffnend jetzt die beiden +Verließe, sahen sie Lilien und Rosen angenagt, das Feigenstücklein +beschmeißt, Roß und Schwärmerin aber halb ohnmächtig auf dem Rücken +liegen. Solon<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> und Plato umarmten einander mit den Vorderbeinen und +riefen: Triumph! die Tugend hat gesiegt! Das Laster ist aus dem Busen +dieser sittlich Verwahrlosten gewichen, sie werden nie wieder in ihre +schimpflichen Angewöhnungen zurückfallen.</p> + +<p>Der Jubel drang zu den übrigen Ziegengatten, welche ungeachtet ihrer +Ehrwürdigkeit den frohen Fall mit einem herrlichen Reigentanze in +den kühnsten Sprüngen feierten. Auch die Mütter und uns Zicklein +und Böcklein zog das Getöse herbei. Die Mütter wurden mit wenigen +freudig-meckernden Worten von dem Gelingen der Versittlichung in +Kenntnis gesetzt, sahen Roß und Schwärmerin die Füße von sich strecken +und vergossen Tränen der Rührung. Wie die Frauen denn immer mit +blitzschneller Ahnung das Höchste, Richtigste treffen, so ging auch in +den helikonischen Ziegen damals die Blüte des versittlichenden<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> Wirkens +auf. — Laßt uns aus diesen beiden der Tugend gewonnenen Wesen ein Paar +machen! riefen die Ziegen begeistert. Verheiraten wir sie miteinander, +und als Aussteuer geben wir ihnen so viele Lilien, Rosen und Feigen, +als sie am Helikon finden können!</p> + +<p>Ein unglaublicher Sturm des Entzückens folgte diesem Vorschlage. +Zwar wollte der ehrwürdige Moschus den Zweifel erheben, ob selbiges +Ehebündnis wohl fruchtbar ausfallen möchte, und der kritische Bion +erst die Neigungen von Braut und Bräutigam prüfen; aber die erwähnten +Bedenken fanden keinen Anklang, vielmehr rief der Chorus der übrigen +einhellig: Wo die Tugend zusammenführt, kommt es auf Neigung und +Fruchtbarkeit nicht an!</p> + +<p>Man wollte sogleich zu diesen Hymenäen im Namen der Sittlichkeit +schreiten. Plato und Solon nahmen das Trygäosroß und<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> die blaue +Schwärmerin auf ihren Rücken. Sie schritten voran, die ehrwürdigen +Gatten folgten ihnen paarweise, denen folgten die rechtschaffenen +und wohltätigen Mütter, hinter den Müttern sprangen wir Zicklein und +Böcklein, und so setzte sich der Zug nach dem Platze an der Hippokrene +in Bewegung, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte.</p> + +<p>Dort angekommen, nahm die alte verständige Sisi das Roß zwischen ihre +Lippen, die gute Quiqui aber tat desgleichen mit der Schwärmerin. Sie +trugen demnächst das Brautpaar zu einem hohen Steine, stellten die +beiden jungen Leute, welche von der freien Luft erfrischt, wieder +stehen konnten und überhaupt mit jedem Augenblicke munterer zu werden +schienen, auf den Stein nebeneinander, und darauf schlossen wir +alle, jung und alt, einen weiten Kreis um das Paar. Das in der<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> Eile +entworfene Programm der Festlichkeiten ordnete diese Reihenfolge +derselben an: Strophe, Reden von Solon und Plato; Gegenstrophe; +Zeremonie, Schlußgesang, gymnisches Spiel, Reigentanz, Festmahl.</p> + +<p>Eine der kleinen lahmen Grillen, die einzige, welche mit dem +Kunsthackebrettlein aus Blättchen und Dörnchen hatte fertig werden +können, war zur Festsängerin ernannt worden. Als daher der Kreis sich +gebildet hatte, schritt oder hüpfelte vielmehr diese Dichterin des +Wohltätigkeitsvereins zur heiligen Quelle, netzte darin ihre Freßzangen +ein Weniges, verdrehte darauf die goldgelben Äuglein im Kopfe, +erreichte mit einem lahmen Sprunge das Gezweig einer Tamariske, nach +vergeblichen Bemühungen, auf einen der Lorbeerbäume, den niedrigsten +unter allen, zu gelangen, stimmte das Hackebrettlein, putzte die +Freßzangen<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> an demselben ab, und sang nun, das Kunstinstrumentlein +schlagend, begeistert folgende</p> +<span style="margin-left: 6.0em;">Strophe:</span><br> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Der Käfer ist ein Schweinichen,</div> + <div class="verse indent2">Brumm! Brumm!</div> + <div class="verse indent2">Die Fliege hat sechs Beinichen,</div> + <div class="verse indent2">Summ! Summ!</div> + <div class="verse indent2">Die Fliege hat den Käfer lieb,</div> + <div class="verse indent2">Der Käfer ist ein Herzensdieb,</div> + <div class="verse indent2">Summ! Summ! Brumm!</div> + <div class="verse indent2">Brumm! Brumm! Brumm!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Herrliche Poesie! Nahrung für Gemüt und Gefühl! meckerten die Ziegen. +— Reines Gefühl, mit keinem Gedanken belastet! Echt lyrisch! murmelten +die Böcke. — Solon und Plato traten in den Kreis vor das Brautpaar +und redeten nacheinander. Sie hielten ihm in eindringlichen Worten die +Schändlichkeit seines früheren Lebenswandels vor, dann führten sie aus, +daß die Göttin der Tugend eine gute alte Mama sei, immer zum Verzeihen +bereit, dann kamen sie auf Lilien und Rosen,<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Feigen, Felsritzen und +Astlöcher. Im ersten Teile machten sie das Brautpaar herunter, im +zweiten erhoben sie es, in der Nutzanwendung wußten sie selbst nicht +mehr, was sie wollten — ihre Sermone hätten gleich als Muster von +Kasualreden abgedruckt werden können.</p> + +<p>Ich glaubte zu bemerken, daß das Brautpaar auf die Reden nicht achte, +sondern nur Leib und Flügel einzuüben scheine, teilte diese Beobachtung +meinen Nachbarn mit, die jedoch, ganz in die Würde des Festes versenkt, +meiner Worte nicht achteten. Nach den Reden sang die Grille folgende</p> + +<span style="margin-left: 6.0em;">Gegenstrophe:</span><br> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Und ist er denn ein Schweinichen,</div> + <div class="verse indent2">Brumm! Brumm!</div> + <div class="verse indent2">Und hat sie denn sechs Beinichen,</div> + <div class="verse indent2">Summ! Summ!</div> + <div class="verse indent2">So reicht einander jetzt die Füß'</div> + <div class="verse indent2">Und sei der Ehestand euch süß!</div> + <div class="verse indent2">Brumm! Brumm! Summ!</div> + <div class="verse indent2">Summ! Summ! Summ!</div> + </div> +</div> +</div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p> +<p>Indem es aber nun zur Zeremonie kommen sollte und die Ziegen Sisi +und Quiqui das Paar ersuchten, einander die Füße zu geben, nahm die +Feierlichkeit eine plötzliche unerwartete und unglückliche Wendung. +Denn zur Rechten wurde in der Entfernung der Hufschlag eines Pferdes +hörbar, und zur Linken kroch unten durch einen Bergspalt ein Fuchs +oder ein Wolf oder ein anderes Raubtier. Ich weiß nicht, was dem +Pferde begegnen mochte, das aber sah ich, weil ich auf der äußersten +Linie des Kreises stand, daß das Raubtier ein Stück Fleisch im Rachen +trug. Alsobald drang in die beiden jungen Leute auf dem Steine eine +konvulsivische Bewegung, ihren scharfen Sinnen brachten die Lüfte von +weitem verführerische Botschaft zu, Roß und Schwärmerin sammelten ihre +letzten von der Sittlichkeit verschont gebliebenen Kräfte, spreiteten +die Flügel aus,<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> und mit dem Gebrumm: Mist! Mist! Mist! und mit dem +Gesumm: Luder! Luder! Luder! flog der Bräutigam rechts, die Braut links +davon, ungerührt von Besserungsversuchen, Reden, Rührungen, Strophen +und Gegenstrophen das alte Lasterleben von vorn zu beginnen.</p> + +<p>Die entsetzliche Überraschung der Freier, als Odysseus plötzlich aus +Bettlerlumpen mit sieghafter Hoheit hervorleuchtete und die tötenden +Pfeile vor sich hinschoß, kann nicht größer gewesen sein, als der +Schreck der Mütter und ihrer Gatten bei diesem Anblicke, welcher +ebenfalls sozusagen die Hoheit der Natur aus Lumpen hervorscheinen +machte. Anfangs standen sie da, stumm, starr, regungslos, gleichsam ein +großes Viehstück aus Stein, dann aber ergriff sie der haltungsloseste +Taumel, und sie rannten nach allen Richtungen ebenfalls auseinander, +entweder, weil sie die sittlich<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Verwahrloseten wieder einfangen +wollten, oder auch nur überschattet von dem Dämon, welcher sich +ungeheurer Augenblicke zu bemächtigen pflegt. Die Zicklein und +Böcklein folgten, so daß die den Gipfel hinan und hinunter rennenden, +springenden, stolpernden, stürzenden Tiere demselben ein Ansehen gaben, +wodurch er mehr der Kuppe eines thessalischen Zauberberges, als der +heiteren musischen Höhe glich.</p> + +<p>Was mich betrifft, so war ich an der Quelle zurückgeblieben. Warum +sollte ich hinter Käfer und Fliege herlaufen? Mein eignes Schicksal +machte mir bange. Ich fürchtete die Rückkehr der Herde.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp45" id="illu-099" style="max-width: 37.9375em;"> + <img class="w100" src="images/illu-099.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>Die Mütter hatten mir nämlich schon vor einigen Tagen angekündigt, +daß, um auch die letzten Reste der verhaßten Menschlichkeit in mir +auszutilgen, ich nächstens aus der weiblichen Erziehung entlassen und +den Händen der Gatten übergeben werden<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> solle. Dagegen sträubten +sich nun aber jene Reste mit aller Macht und vielleicht ebenso heftig, +wie die Neigungen des Trygäosrosses gegen Lilien und Rosen. Denn mir +blieb ein physischer Abscheu gegen die Gatten beiwohnen, so sehr +ich ihre ehrwürdigen Eigenschaften achtete. Aber letztere hatten +gewisse natürliche Begabungen an ihnen nicht zu tilgen vermocht, und +ich empfand das innigste Grauen vor dem Augenblicke, der mich ihrer +Atmosphäre so nahe bringen sollte. Indessen standen ganz andere Dinge +in den Sternen geschrieben.</p> + +<p>Der Hufschlag des Pferdes näherte sich, und es kam ein ältlicher, +dicker Mann, dem ein Dünner folgte, nach der Stelle zu geritten, wo ich +stand. Der Mann trug einen gelben Hut, einen gelben Rock, eine gelbe +Hose und eine gelbe Weste, sah sehr blaß und aufgedunsen und äußerst +verdrießlich aus. Schon sein Ansehen und<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> der völlig gleichgültige +Blick, mit dem er die Gegend überschaute, würde mich gelehrt haben, +von welchem Volke dieser Fremdling sei, wenn ich ihn auch nicht sobald +hätte reden hören. Der Diener half seinem Herrn vom Pferde, führte ihn +zu dem Steine, auf welchem das Brautpaar gestanden hatte, ließ ihn +niedersitzen, gab ihm ein spanisches Rohr in die Hand, schob dessen +Knopf unter sein Kinn, und richtete auf diese Weise gleichsam die +Statue eines gefühllosen Naturbeschauers zu. Der Herr ließ nämlich +alles phlegmatisch mit sich vornehmen und antwortete nur spärlich auf +die Reden des Dieners, welcher ziemlich gesprächig war.</p> + +<p>Aus ihrer Unterhaltung erfuhr ich, daß der gelbe Dicke ein reicher, vom +Geschäfte zurückgezogener Rentenierer war, welcher unweit Amsterdam +und eine Stunde von Harlem auf seinem Landhause gelebt hatte.<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> Da sich +die Anfälle des Podagras bei ihm mehrten, und gewisse Vorboten der +Wassersucht erschienen, so war ihm von seinem Arzte eine Reise in die +südlichen Länder verordnet worden. Dazu wollte sich denn auch Mynheer +van Streef verstehen und erklärte seine Bereitwilligkeit, bis in den +Reichswald bei Cleve zu reisen. Der Arzt erklärte aber dagegen, er sei +mißverstanden worden, und nannte ihm die ungeheure Meilenzahl, welche +er wenigstens abzureisen habe. Der Holländer war hierüber anfangs, +so weit sein Naturell dies zuließ, in einige Verzweiflung geraten, +jedoch endlich, weil der Arzt ebenfalls ein ruhiger hartnäckiger +Altniederländer war, und seinem Patienten mit größter Fassung Todestag, +ja Todesstunde vorausgesagt hatte, wenn er nicht Folge leiste, +genötigt gewesen, sich zu fügen und an die Reise zu denken, die er in +südöstlicher Richtung vornehmen mußte,<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> da er südlich auf der Karte die +verordnete Meilenzahl nicht vor sich sah.</p> + +<p>Um dies zu verstehen, muß gesagt werden, was ich aus den Gesprächen +heraushörte, daß nämlich Mynheer van Streef durchaus nur seine Meilen +in gerader Richtung, ohne durch Umwege und Absprünge ihre Zahl zu +erfüllen, verreisen wollte. Denn da ihm die Reise äußerst zuwider war, +so haßte er alles, was ihr den Schein einer Wanderung zum Vergnügen +hätte geben können. Er zog deshalb auf seiner Karte von Europa nach +dem Lineal mit Bleistift einen Strich von Amsterdam nach Südosten, maß +daran die Meilen, fand, daß ihre Zahl sich genau auf dem Gipfel des +Helikon vollende, und war so, immer streng dem Striche nachreisend, und +weder rechts noch links abweichend, allgemach auf den geheiligten Berg +gekommen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> + +<p>Hier tröstete ihn nun der Diener, nachdem er ihm Vorstehendes in +einzelnen Bemerkungen erinnerlich gemacht hatte, um ihn durch den +Gedanken an die Notwendigkeit der Reise und ihre strenge Konsequenz +aufzurichten, mit dem Ausrufe: Mynheer, wir sind am Ziel, und morgen +geht es nach unserem schönen Welgelegen zurück.</p> + +<p>Gottlob, sagte der Holländer, der sich bei dem Gedanken an sein +Landhaus ein wenig erheitert fühlte, und ich will, wenn wir nach Hause +gekommen sind, ein Lusthaus anbauen und das soll heißen: Vreugde en +Rast. Und aus der Ruhe will ich nicht wieder gehen, möchte auch meine +Wassersucht so überhandnehmen, daß alle Teiche von Seeland bedroht +wären. Ich kenne gar nichts Wahnschaffneres, als diese griechischen +Gegenden, in denen ein beschwerlicher Berg nach<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> dem andern kommt, +wo man keine Aussicht auf Kanäle und Wiesen hat, und der Himmel die +unnatürliche blaue Farbe nicht los wird.</p> + +<p>Es kann nicht überall Altniederland sein, versetzte der Diener +und stopfte sich eine kleine tönerne Pfeife; es muß auch solche +nichtsnutzige Striche Landes geben.</p> + +<p>Wenn ich da mein Landhaus Welgelegen betrachte, fuhr Mynheer van Streef +fort, der jetzt etwas gesprächiger wurde, obgleich sein Gesicht so +verdrießlich blieb, wie früher, was für eine andere Gegend ist das! +Nebenan liegt Mynheer de Jonghes Schoone Zicht und auf der andern Seite +Mynheer van Tolls Vrouw Elizabeth, und mitten inne liegt Welgelegen. +Ich will nun gar nicht reden von meinen innerlichen Schönheiten und +bequemen Dingen, von der Menagerie, von meinem mit bunten Steinen +gepflasterten Hofe,<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> vom Muschelhäuschen, von der Voliere, von den +Goldfasanen und den Mistbeeten voll Hyazinthen, die hier elend wild +wachsen — aber, Sebulon, denke nur an die schöne Aussicht auf den +Kanal, über den alle Tage die sechs braun angestrichenen Treckschuiten +von den Jägerchen gezogen werden und auf die unabsehliche Wiese +dahinter, in der denn doch auch nicht eine einzige Erhabenheit, so groß +wie ein Maulwurfshügel ist, und den Hintergrund von zwölf Windmühlen +im Gange! Und dann sieht man das nicht alle Tage, nein, einen um den +andern Tag nebelt oder regnet es, so daß die Entbehrung das Glück, um +sich blicken zu können, erhöht, und der Himmel bleibt immer, auch wenn +es helles Wetter ist, bescheiden, mäßig und grau. Wie wird dir denn, +Sebulon, wenn du an alles das denkst?</p> + +<p>Abscheulich wird mir zu Mute, rief<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> Sebulon und warf zornig seine +Pfeife an den Boden, daß sie zerbrach. Hole der böse Feind diese +verdammten griechischen Wüsten!</p> + +<p>Ereifre dich nicht, Sebulon, sagte der Herr schläfrig, mit verdrossenem +Mundhängen. Ein Holländer ereifert sich nicht, oder er prügelt +wenigstens jemanden dabei, auf daß der Eifer einen Nutzen habe. Mache +mir jetzt Tee, das Wasser dort scheint noch so ziemlich klar zu +sein, wie es in diesem vermaledeiten Lande sein kann, denn freilich, +Wasser von Utrecht ist es nicht. Ich will unterdessen in der Elektra +unseres großen Vondel lesen. Er nahm ein Buch aus der Tasche, schlug +es auf, und las halblaut mit sonderbarem Pathos die Anfangsverse der +Vondelschen Elektra:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">O zoon van Atreus zoon, die't opperste gezagh,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">In't Grieksche Leeger had, toen hy voor Troje lagh,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nu zietge zelf het gée, daer staegh uw hart naer haeckte,</span></div> + </div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p> + + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Dit's Argos, d'oude Stad, daer uw gemoed om blaeckte.</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Dit'st woud van Jö zelf, dat dolgeprickelt dier.</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Het wolfsveld van Apol, den wolvenschrick, is hier,</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">En dees vermaerde Kerck, die Argos Juno wydde</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Rijst ginder hemelhoogh, aen uwe rechte zijde</span> ...</div> + </div> +</div> +<br> + +<figure class="figcenter illowp45" id="illu-109" style="max-width: 37.875em;"> + <img class="w100" src="images/illu-109.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>Ja, ja, unterbrach sich Mynheer van Streef, das ist denn freilich etwas +griechischer als diese helikonische Knüppeldammwirtschaft. Er summte +sacht in seinem Vondel weiter.</p> + +<p>Sebulon hatte unterdessen die Reiseteemaschine, welche sein Herr +überall mit hinnahm, aus dem Mantelsacke hervorgeholt, Feuer +angezündet, Wasser aus der Hippokrene geschöpft, es gekocht und grünen +Tee aufgeschüttet. Als das unentbehrliche Getränk bereitet war, reichte +er seinem Herrn eine Tasse.</p> + +<p>Mynheer van Streef führte sie so langsam und mürrisch zum Munde, wie er +in<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> allen seinen Bewegungen bisher gewesen war. Er kostete und kostete, +die schlaffen Lippen zogen sich ein wenig zusammen, dann schluckte er +bedächtig den Inhalt der Tasse hinunter, und sagte: Sebulon, noch eine. +— Sebulon sah seinen Herrn bedenklich an und schüttelte den Kopf. Die +zweite Tasse trank Mynheer van Streef, ohne zu kosten, aus. Seine Augen +bekamen während des Trinkens eine Art von Glanz und er sagte: Sebulon, +noch eine. — Sebulon reichte ihm zitternd und eine große Unruhe in +seinen Zügen die dritte Tasse. Diese stürzte Mynheer van Streef beinahe +hastig hinunter und darauf sah er fast gen Himmel.</p> + +<p>Ach, Mynheer! rief der Diener besorgt, was ist Euch widerfahren? Sonst +braucht Ihr ja auf drei Tassen Tee drei Viertelstunden, und hier geht +es wie mit Extrapost in den Magen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p> + +<p>Der alte Holländer sah sehr nachdenklich aus und sagte endlich nach +langem Schweigen: Sebulon, dieser Tee hier schmeckt mir besser, als der +auf meinem Landhause Welgelegen, eine Stunde von Amsterdam.</p> + +<p>Da raufte der treue Diener sein Haar, weinte und schrie: O wehe mir, +wehe. Mynheer van Streef ist auf diesem nichtswürdigen Berge toll +geworden: sein Tee schmeckt ihm dahaußen besser als daheim; er lobt die +Fremde auf Kosten von Altniederland, er ist abgefallen von Oranjeboven +und Altniederland.</p> + +<p>Sebulon, erhitze dich nicht, sagte der Herr gleichgültig und +freundlich. Ich habe meinen Verstand nicht verloren. Weißt du, was +Schwärmerei bedeutet? Es ist der Zustand, worin sich der Hanswurst von +Franzosen, und der Bull von Engländer oft befindet, und der deutsche +Muff fast immer, Altniederland aber niemals. Die<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Sache sollte aber zur +Probe auch einmal an uns kommen, denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. +Ich liefere die Probe. Ich schwärme, Sebulon, das ist das Ganze. In dem +Tee muß etwas sein; ich bin von dem Tee ein Schwärmer geworden, denn +ich muß es noch einmal sagen: er schmeckt wahrhaftig besser, als der +auf meinem Landgute Welgelegen. Es wird aber schon wieder vergehen.</p> + +<p>Nur mit Mühe gelang es dem schwärmerischen Holländer, seinen Diener +zu beruhigen. Am meisten wirkte dazu die Versicherung, daß aller +Wahrscheinlichkeit nach dieser exaltierte Zustand eine rettende Krise +seines Uebels sei, daß die Wassersucht durch die Schwärmerei eine +Stopfung erhalten habe. Der alte Schwärmer stand auf und schickte sich +zum Rückwege an, Sebulon packte das Teegerät zusammen. Mynheer van +Streef sah sich um und<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> sagte: Ich möchte wohl ein Angedenken an diesen +ziemlich erträglichen Platz und an die schöne Stunde, in welcher mir +der Tee so wohl schmeckte, mitnehmen, ein Erinnerungszeichen an die +hiesige Schwärmerei. — Was sollen wir mitnehmen? versetzte Sebulon +noch immer ziemlich kleinlaut, wir können doch nicht die Boompges (er +meinte die Lorbeeren) oder die großen Klinker (er meinte die Klippen) +einpacken. — In diesem Augenblicke sah er mich, der ich hinter einem +Felsen den schwärmerischen Auftritt belauscht hatte, zog mich hervor +und rief: Was für eine Kreatur ist das? Der schwärmerische Holländer +besah mich und sagte dann langsam: Wirf dem Vieh einen Strick um den +Hals, Sebulon. Das will ich mitnehmen als Angedenken an diese schöne +Stunde. Es scheint zu einer unbekannten Tierart zu gehören; Mynheer de +Jonghe, der in Batavia gewesen<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> ist, soll mir sagen, ob sie auch auf +Java vorkommt.</p> + +<p>Was sollte ich machen? Ein Entrinnen war nicht möglich, auch muß ich +bekennen, daß die Reste der Menschheit in mir einige Freude darüber +empfanden, wieder unter ihresgleichen zu kommen; obgleich eine geheime, +düstere Ahnung mir zuflüsterte, daß die Schwärmerei des Holländers mir +drückend werden könne. — Ich ließ mir das Fangseil geduldig um den +Hals schlingen und verließ mit meinem neuen Herrn, der sacht voranritt, +und Sebulon, der mich am Stricke hinter sich her führte, den Berg, auf +welchem mir so vieles begegnet war. Vor unserem Abmarsche hatte Sebulon +die Kantinen, die zu beiden Seiten des Pferdes hingen, mit Wasser der +Hippokrene füllen müssen zu einem nochmaligen Tee auf dem Landhause +Welgelegen.</p> + +<p>Am Fuße des Berges war Mynheer<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> van Streef schon wieder ebenso +verdrießlich, wie vorher, und diese Stimmung blieb ihm auch während der +ganzen Reise. Wir setzten dieselbe, nachdem wir in ebenere Gegenden +gekommen waren, zu Wagen fort, das heißt Herr und Diener saßen im +Wagen, und ich lief nebenher — Ihr mögt mir es glauben oder nicht, +es liegt mir nichts daran, aber wahr muß wahr bleiben — ich habe die +paar hundert Meilen zu Fuß zurückgelegt, ausgenommen eine kurze Strecke +des Adriatischen Meers, die wir auf einer slawonischen Schebecke +durchschritten. Ja, neben holländischen Schwärmern läßt sich schon zu +Fuß fortkommen!</p> + +<p>Bald genug aber sehnte ich mich auf den Helikon zurück. Denn die +Herrschaft von Altniederland ist die härteste, die es gibt. Ich +wurde behandelt wie eine Kolonie, für mein Futter mußte ich selbst +sorgen, auf der slawonischen Schebecke bekam ich,<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> Gott verdamme +mich, nichts zu genießen, als den Duft von Hyazinthenzwiebeln, die +Mynheer van Streef gekauft hatte, und welche neben meinem Verschlage +lagen. Dazu die Einseitigkeit einer Reise nach dem Bleistiftstrich! +denn nach diesem machte mein Herr auch seine Rückfahrt. Die meisten +Merkwürdigkeiten der Örter lernt man oft nur zur Hälfte kennen. So zum +Beispiel habe ich in Frankfurt das Inkompetenzgebäude<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> nicht zu sehen +bekommen, weil unser Strich durch die Judengasse ging.</p> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Tagungspalais der deutschen Bundesversammlung, die sich in +den wichtigsten Fragen für inkompetent erklärte.</p><br> +</div> + +<figure class="figcenter illowp45" id="illu-119" style="max-width: 37.75em;"> + <img class="w100" src="images/illu-119.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>Nun, diese Unannehmlichkeiten hatten zuletzt auch ein Ende. Wir trafen +in Amsterdam und eine Stunde später auf dem Landhause Welgelegen ein. +Bei dem Anblicke des Kanals, der ebenen Wiese, der<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> zwölf Windmühlen, +endlich bei dem Anblicke seines stillen Hauses mit den herabgelassenen +Fenstervorhängen, mit dem buntgepflasterten Hofe, mit der Voliere +aus vergoldetem Draht und mit dem grünen, eingezäunten Flecke, auf +welchem Gold- und Silberfasanen nebst anderem Getier spazieren gingen, +vergoß Mynheer van Streef zwei runde Tränen und sagte zu Sebulon: +O Welgelegen! weiter aber nichts. Sebulon schluchzte, beugte sich +vor dem Tore zur Erde, gleichsam um sie zu küssen und versetzte: +Welgelegen ist Welgelegen, Mynheer van Streef. In der Pforte standen +sechs nordholländische Mägde mit goldenen Blechen in den Haaren, alle +weiß und rund und sauber gekleidet, daß sie glänzten. Sie machten +einen Knicks, küßten ihrem Herrn die Hand und sagten: Viel Glück und +Heil zur Rückkunft, Mynheer. Ihren Kreis trennte ein kleiner<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> Mann, +roten Antlitzes, aber ganz weiß und ehrwürdig eingepudert, schüttelte +dem Heimkehrenden die Hand und sprach: Ich habe davon erfahren, daß +Ihr heute kommen würdet, da wollte ich gleich zusehen, ob die Kur +angeschlagen habe. — Doktor, ich schwärmte auf dem Helikon, danach +wurde mir besser und ich bin völlig hergestellt, versetzte der Patient. +Der Doktor hatte ihn inzwischen prüfend beschaut und erwiderte +kaltblütig: Nein, Mynheer van Streef, Ihr seid noch ebenso krank, als +da Ihr abreistet, Ihr müßt deshalb von neuem auf Reisen gehen, sonst +sterbt Ihr dann und dann. Er nannte den Todestag.</p> + +<p>Hier aber sah und hörte ich, wenn ich früher holländische Schwärmerei +kennen gelernt hatte, was holländische Wut heißen wolle. Denn das +Gesicht von Mynheer van Streef wurde graubraun, die Stirnadern +schwollen an, daß sie Baumwurzeln<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> glichen, und er goß über den Doktor +eine solche Flut von Scheltreden aus, daß ich über den Reichtum der +Landessprache in derartigen Wendungen erstaunen mußte. Der Doktor +seinerseits fühlte auch in sich eine niederländische Begeisterung +erwachen und schimpfte den Patienten aus, Sebulon schimpfte auf den +Doktor, die erste Nordholländerin schimpfte auf Sebulon, daß er sich +in den Streit der Herren mische, die zweite auf die erste, daß sie auf +Sebulon schimpfe, die dritte auf die zweite, daß sie auf die erste +schimpfe, die vierte auf die dritte, daß sie auf die zweite schimpfe, +die fünfte auf Sebulon, die erste, zweite, dritte und vierte insgesamt, +die sechste schimpfte auf niemand insbesondere, sondern im allgemeinen. +Es erinnerte mich dieses verwickelte Schimpfgemälde durchaus an den +gegenwärtigen Zustand der deutschen Tagesliteratur.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p> + +<p>Auf so laute und stürmische Weise ging der Empfang des schwärmerischen +Holländers in der Hofespforte seines stillen Landhauses vor sich. Die +Goldfasanen, die Silberfasanen und einige indianische Raben der Voliere +schrien in das allgemeine Geschrei auch hinein, und Gott weiß, ob nicht +noch Tätlichkeiten das Fest gekrönt haben würden, wenn nicht plötzlich +in der Entfernung das reitende Jägerchen, und hinter ihm am Seile vom +Pferde gezogen, das braune Nationalfahrzeug sichtbar geworden wäre. +Bei diesem Anblicke ebneten sich die zornigen Wellen, aller Antlitz +begann friedlich und freundlich zu leuchten, und wie aus <em class="gesperrt">einem</em> +Munde riefen Doktor, Patient und sechs Nordholländerinnen: Die fünfte +Schuite! — Kommt aber heute zwei Minuten zu spät, setzte Mynheer van +Streef hinzu, indem er auf seine Uhr sah. — Er ging freundlich in sein +Landhaus; der<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Doktor bestieg besänftigt die Schuite nach Amsterdam.</p> + +<p>So schlichtete der Anblick der fünften Schuite von Harlem diese +niederländischen Wirren. Ich war, als gehöre ich zur Familie, meinem +Herrn bis auf den Hausflur gefolgt, aber eine Magd trieb mich ziemlich +unsanft von den Stiegen und fing sogleich an, heftig nachzuscheuern, +wo ich gestanden hatte, obgleich ich mir selbst das Zeugnis geben muß, +daß ich mich sehr anständig auf dem Flure von Welgelegen benommen +habe. Sebulon sperrte mich auf einem der grünen Plätze zu den Gold- +und Silberfasanen ein, das heißt ich kam nicht zu diesem Gefieder +unmittelbar, sondern erhielt einen eigenen kleinen Abschlag, wie +denn auch jeder Goldfasan und jeder Silberfasan seinen besonders +abgesteckten und eingefriedigten Platz hatte, vermutlich, weil Mynheer +van Streef selbst bei den Tieren<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> holländische Neigungen voraussetzte. +Ich fand ziemlich gute Weide, wenn auch nicht so aromatische Kräuter, +wie am Helikon, fraß mich endlich einmal in Muße wieder satt, und +verschlief den meisten Teil der folgenden Tage aus übergroßer Ermüdung +von dem langen großen Reisewege. Erst etwa eine Woche später bekam ich +sonach die Fähigkeit wieder, aufzumerken, über meine Umgebung und mich +nachzudenken.</p> + +<p>Als dieser Zeitpunkt eingetreten war, habe ich die Lebensweise eines +holländischen Rentenierers, der sich vom Geschäfte zurückgezogen hat, +gründlich kennen lernen. Denn mein Weide- und Wohnplatz lag hart +unter den Fenstern des Lusthäuschens, welches durch den Hof von dem +Haupthause getrennt, dem Herrn des Landhauses zu seinem täglichen +Vergnügungsorte diente, es mochte Sonnenschein oder Nebel, Sturm oder +Regen sein. Sebulon hatte mir einen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Felsen von Klinkern etwa vier +Fuß hoch aufgebaut, welcher Klein-Helikon genannt wurde. Auf diesen +kletterte ich häufig und konnte von ihm aus alles sehen, was in dem +Lusthäuschen vorging, das meiste auch hören, was darin gesprochen +wurde, da die Fenster, wenn das Wetter nicht gar zu schlecht war, nach +der Menagerieseite zu, offen zu stehen pflegten. Nach der Kanalseite +aber waren sie stets geschlossen und auch verhängt bis auf eine kleine, +zur Beobachtung der Treckschuiten notwendige Öffnung.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp45" id="illu-129" style="max-width: 37.5625em;"> + <img class="w100" src="images/illu-129.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>Des Morgens um acht Uhr kam Mynheer van Streef regelmäßig in sein +Lusthaus gegangen. Er trug dann seinen Frühanzug von zeisiggrünem +Kamelott und eine rote Mappe unter dem Arme. Mit der Pfeife und dem +Teegeräte folgte ihm die erste Magd, denn zu Hause ließ er sich nur von +den Frauenzimmern bedienen,<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Sebulon war nur auf der Reise zum Diener +erhöht worden, in dem Landhause Welgelegen hatte er seine Stellung als +Haus- oder Gartenknecht wieder eingenommen. Mynheer van Streef trank +nun seinen Tee, nicht rasch, wie auf dem Helikon, sondern wirklich, +wie Sebulon gesagt hatte, die Tasse in einer Viertelstunde, wozu er +langsam den Rauch aus der angezündeten Pfeife blies und in geregelten +Zeitabschnitten wechselsweise mit starrem Blicke nach dem Kanal und +nach uns, seiner Menagerie, aussah. Sonst nahm er während dieser Zeit +nichts vor, denn er war der Meinung, daß jedes Geschäft für sich +betrieben werden müsse. Nach dem Frühstücksgeschäfte schickte er sich +zu dem zweiten an, nämlich den Text seiner Kansbillets, die er in der +roten Mappe verwahrte, Stück vor Stück, obgleich derartige Schriftwerke +bekanntlich<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> gleichlauten, nachzulesen. An den Zinstagen gesellte +sich dazu die Arbeit, die Coupons abzuschneiden. Diese Mühen pflegten +die zwölfte Tagesstunde heranzubringen. Dann erschien ein Diener aus +dem Landhause Schoone Zicht und einer aus der Vrouw Elizabeth, brachte +einen höflichen Gruß von Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und +die Anfrage ihrer Herren: Wie Mynheer van Streef geschlafen habe und +sich befinde? Mynheer van Streef antwortete nach langer Ueberlegung +jeden Tag dasselbe: daß die Nacht ziemlich ruhig gewesen sei, und das +Befinden, Gott sei Dank, sich leidlich verhalte. Wenn diese Boten +abgefertigt waren, wurde Sebulon geklingelt und nach der Schoonen Zicht +und der Vrouw Elizabeth entsendet mit höflichem Gruße von Mynheer van +Streef an Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und seinerseitiger<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> +Anfrage, wie diese beiden Herren geschlafen hätten und sich befänden?</p> + +<p>Nach vorgedachten Anstrengungen wurde zur Herstellung der erschöpften +Lebenskraft wieder Tee getrunken, geraucht und die Meldung des +zurückkehrenden Sebulon entgegen genommen. Darauf ging Mynheer van +Streef in das Haupthaus, kam angekleidet zurück in den Hof, stellte +sich vor die Voliere und demnächst vor jeden Abschlag der Menagerie, +sah die Einwohnerschaft der Voliere und dann jedes von uns eine geraume +Zeitlang bedächtig an, schüttelte auf jeder dieser Stationen das Haupt +und sagte, so oft er schüttelte: Unvernünftige Tiere! — Dieses tat er +jeden Tag, auch wenn es regnete, Sebulon hielt ihm dann nur während +dieser geringschätzigen Betrachtungen den Regenschirm über.</p> + +<p>Waren die Allocutionen an die Voliere<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> und Menagerie geendigt, so +ging er wieder in das Haupthaus und speiste, es mochte dann etwa vier +Uhr nachmittags sein, zu Mittag; hielt darauf seine Mittagsruhe und +kehrte, abermals eine Mappe unter dem Arme, jetzt aber eine grüne, +sechs Uhr abends in das Lusthaus zurück. Er trank nunmehr seinen +dritten Tee, rauchte, wie sich von selbst versteht, abermals dazu und +las dann Amsterdamer Stadtobligationen, die er in der grünen Mappe +verwahrte. Darüber pflegte es dunkel zu werden; Mynheer van Streef +klappte gähnend die Mappe zu, sah noch einmal nach dem Kanal, verließ +hierauf das Lusthaus und zog sich in das Haupthaus zurück. Sobald +es dunkel war, schloß Sebulon die Pforte; die Lichter, welche in +den Fenstern des Hauses eine kurze Zeit lang leuchteten, erloschen +allgemach — ein Zeichen, daß Herr und Dienerschaft<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> in ihren Betten +von den Anstrengungen des Tages ausruhten. Das tiefste Schweigen und +die lautloseste Stille senkten sich auf Welgelegen herab.</p> + +<p>Ich habe unter den Beschäftigungen des Tages anzumerken vergessen, +daß Mynheer van Streef auch den Ankunftsaugenblick jeder der sechs +Schuiten, welche täglich von Haarlem nach Amsterdam vorüberfuhren, +auf einer schwarzen Tafel, welche im Lusthäuschen hing, zu notieren +pflegte und aus den Unterschieden wöchentlich eine mittlere Zeit +herausrechnete. Ich hörte ihn zuweilen sagen, es sei sein größter +Kummer, daß diese Mittelzeiten nie stimmen wollten, auch wenn er sie +auf Monate, ja selbst Jahre schlüge, und daß daher die rechte mittlere +Ankunftszeit einer Treckschuite noch immer ein unlösbares Rätsel wäre.</p> + +<p>So ging ein Tag wie der andere hin.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span></p> + +<p>O Herr! seufzte ich bei diesem niederländischen Leben in Freude und +Rast oft (denn ich bediente mich bei meinen Ausrufungen nun nicht mehr +der Mythologie), was für eine Langeweile! Steht denn mein Herr nur +eine Stufe über dem Faultier und nicht tief unter dem Elefanten, dem +stolzempfindlichen Rosse, dem rührigen Hunde, obschon er Kansbillets +und Amsterdamer Stadtobligationen liest? Und doch dünkt er sich +was Rechtes, glaubt eine unsterbliche Seele zu besitzen, und doch +behandelt der schwärmerische Barbar uns Tiere mit Verachtung! — Es +war natürlich, daß sich auf solchem Wege kein Verhältnis der Zuneigung +zwischen mir und ihm entfalten konnte; dieser Holländer war nicht +geeignet, Liebe zu erwecken. Ich drehte ihm daher auch immer den Rücken +zu, wenn er vor meinen Verschlag trat. Um der Last der schrecklichen +Langeweile<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> von Welgelegen mich zu entziehen, suchte ich mit meinen +Nachbarn in der Menagerie Umgang anzuknüpfen. Ich hatte recht leidliche +Leute zu Nachbarn, links einen Goldfasan, hinter mir ein paar +Schildkröten in einem großen Sandkasten und einen jungen Biber, dessen +Schwanz im Wasser hing. Es wäre mir interessant gewesen, mit Vögeln, +Amphibien und amphibienartigen Geschöpfen auch einmal meine Ideen +auszutauschen, aber dazu wollte sich hier keine Gelegenheit finden. +Diese Partikuliers waren von dem geistigen Drucke, der über Welgelegen +lastete, so gebeugt, daß alle meine Versuche, ihnen näher zu treten, +mein herzliches Meckern und so mancher treugemeinte Bockssprung keinen +Anklang fanden. Die Fasanen lagen meistens, den Kopf unter die Flügel +gesteckt, dumpf hinbrütend da, die Schildkröten zogen sich, sobald sie +sich an ihrem Kohle satt geknabbert<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> hatten, unter ihr Schild zurück, +der Biber hatte für nichts Sinn, als für das kalte Wasser um seinen +Schweif.</p> + +<p>Meine Pein zu schärfen, diente die berufene holländische Reinlichkeit. +Es wurde nämlich auf uns Tiere eine besondere Kehrmagd gehalten, +welche bei ihrem Mitgesinde Dreck-Griete hieß, weil ihr anbefohlen +war, die äußerste Sauberkeit unserer Wohnstätten in Obacht zu nehmen. +Sie brachte den Tag über in einer Art von Portierhäuschen am Eingange +des Haupthauses zu und lugte beständig auf die Menagerie hinaus. Ließ +nun ein Fasan eine Feder fallen, oder fiel sonst etwas vor, was nicht +zu vermeiden stand — lieber Gott, man bleibt denn doch Tier! — +alsobald schoß diese ihrem Berufe fanatisch ergebene Reinigungsperson, +bewaffnet mit einem langen Borstbesen, hervor, riß den betreffenden +Verschlag auf und säuberte<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> vermöge des Besens die Stelle. Meine +Kollegen waren zu sehr Vieh, um sich hieraus etwas zu machen, aber +in mir hatte der Mensch teil an dergleichen Vorkommenheiten, in mir +schämte sich der Mensch vor einer solchen Überwachung seiner eigensten +und innersten Angelegenheiten. Ich war oft in der größten Verlegenheit +zwischen Müssen und nicht Mögen, zwischen natürlichen Wünschen und der +Furcht vor der auflauernden und schon zum konventionellen Borstbesen +greifenden Dreck-Griete!</p> + +<p>Die Langeweile — die Isolierung — die ewig drohende Kehrmagd — +meine Lage wurde von Tage zu Tage fürchterlicher! Münchhausen war +damals unglücklich, ganz unglücklich! Das Schicksal hatte mich zu hart +angefaßt, ich war ein Opfer kalter Schwärmerei geworden; das ist das +Schrecklichste, was es zwischen Himmel und Erde gibt.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp45" id="illu-139" style="max-width: 50em;"> + <img class="w100" src="images/illu-139.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p> + +<p>Eine tragische Verzweiflung bemächtigte sich meiner. Ich sann auf +Selbstmord. Ich wollte die Natur zwingen; wie andere sich der Speise +enthalten, wollte ich dem Borstbesen der Reinigungsperson sein Opfer +unterschlagen — lange — für immer! — — Denn ich fühlte, daß, mit +Heldenmut den Entschluß durchgeführt, der Organismus untergehen müsse. +Diese Weise, zu enden, dünkte mich die erhabenste, reinste, sie kam mir +neu und unnachahmlich vor.</p> + +<p>Ich hielt mich still für mich. Zwei Tage lang rastete das Türschloß +meines Verschlages. Die Reinigungsperson umschlich mich unheimlich +spähend. Ich dachte: Schleich du; ich sterbe!</p> + +<p>Am dritten Tage ließ Mynheer van Streef die Späherin rufen und fragte +sie, was mir fehle? ich stehe ja so verdrossen und ohrhängerig da? +Griete berichtete dem Herrn, was sie wußte. — So muß man<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> abwarten, ob +es sich bis morgen mit ihm bessert, sprach mein fühlloser Gebieter, und +wenn das nicht geschieht, so gebt ihm — — Er verordnete das schnelle +und unwiderstehliche Mittel, gegen welches in solchen Fällen selbst der +Heldenmut eines Cato sich fruchtlos stemmen würde.</p> + +<p>Nein, es ist zuviel! meckerte ich ingrimmig und traurig zugleich; indem +ich am Felsen Klein-Helikon niedersank und meine heiße Stirn wider +diese Klinker stieß. Nicht leben können, und nicht sterben dürfen! — +Ich sah schon im Geiste den Augenblick, der meinen Entschluß gewaltsam +brechen würde, und das furchtbare Instrument in Grietens Hand, ich +sah mich schon wieder schamrot, entwürdigt, in die alten Konflikte +zurückgeworfen, denen meine Seele sich entronnen wähnte.</p> + +<p>Ach, der nämliche Tag sollte mich noch etwas ganz anderes sehen lassen! +Wie<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> schwach steht es um die sogenannten großen Vorsätze! Bittere und +demütigende Erfahrung, die ich an mir selber machte!</p> + +<p>Mynheer van Streef empfing an diesem Tage einen Besuch von seinen +Nachbarn de Jonghe und van Toll. Die Besitzer der drei Landhäuser +Welgelegen, Schoone Zicht und Vrouw Elizabeth pflegten einander nur +einmal im Jahre gegenseitig zu besuchen. Die Tage waren ein für allemal +festgestellt, und sonst sahen einander die drei Holländer nicht, +obgleich die Landhäuser kaum fünfhundert Schritte voneinander entfernt +waren. Wenn sie zusammenkamen, so zeigte der Wirt seinen Gästen den +Zuwachs vom letzten Jahre in dem, woran seine Seele hing. Mynheer van +Toll hielt auf ein reiches Porzellankabinett, Mynheer de Jonghe auf +eine Sammlung von Naturalien und Mynheer van Streef auf seine Menagerie +am meisten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p> + +<p>Nachdem die drei Freunde im Lusthäuschen Tee getrunken hatten, führte +mein Gebieter seinen Besuch zu unseren Verschlägen und fragte de +Jonghen, der, wie wir wissen, in Ostindien gewesen war, ob er eine +Tiersorte, wie die meinige, auf Java kennen gelernt habe. Schon bei dem +ersten flüchtigen Überblicke, den mir der Naturaliensammler widmete, +fingen seine Augen an zu glänzen, und seine farblosen Wangen wurden +von einer leichten Röte überflogen. Ich mußte mich erheben, Mynheer de +Jonghe betrachtete mich von allen Seiten, hob meine Pfoten, die noch +nicht ganz vergessen hatten, Menschenarme zu bedeuten, auf, untersuchte +mein Vließ, guckte mir in den Rachen, befühlte meinen Schädel.</p> + +<p>Mynheer van Streef sah dieser Analyse mit dem ruhigen Stolze eines +glücklichen Besitzers zu. Nach vielfältigem Anschauen und Tasten +war Mynheer de Jonghe zu<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> dem Bekenntnisse gedrungen: Nein, diese +Tiersorte kommt nicht auf Java vor. Ich glaubte anfangs, es sei der +kleine gefleckte Hirsch, <span class="antiqua">Moose-deer</span>, welchen man auf Ceylon +findet, aber der Bau des Schädels widerspricht dieser Annahme. Der +Schädel hat etwas vom Affen, der ganze übrige Teil gehört in das +Ziegengeschlecht. Es hilft keine Menschenmacht dawider, wir müssen eine +neue Spezies ernennen. Dieses Geschöpf, woran Ihr, Mynheer van Streef, +eine gar große Seltenheit besitzt, muß der Bockaffe, <span class="antiqua">capra simiae +proxima</span>, heißen.</p> + +<p>Ich fand ihn, versetzte Mynheer van Streef, auf einem griechischen +Platze, in einer unvergeßlichen Stunde. Sebulon, sage zur Gertruid, daß +wir heute von dem Wasser, welches du in den Kantinen mitbrachtest, den +dritten Tee trinken wollen, wofern es sich frisch gehalten hat. Ich<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> +möchte sehen, wie es auf Mynheer van Toll und Mynheer de Jonghe wirkt.</p> + +<p>Er ging mit dem ersteren zu seinen Hyazinthen, welche die zweite Stelle +in seinem Herzen einnahmen. Mynheer de Jonghe bat um die Erlaubnis, bei +dem Bockaffen zurückbleiben zu dürfen. Als er sich mir gegenüber allein +sah, sagte er: Daß Mynheer van Streef dich, du einziges Exemplar, mir +abläßt, ist nicht zu denken, die Dienerschaft wird nicht zu bestechen +sein, folglich muß ich dich stehlen lassen.</p> + +<p>Nach diesen unzweideutigen Worten kehrte mein Gebieter mit seinem +zweiten Freunde von den Hyazinthen zurück. — Wie ich Euch sagte, +Mynheer van Streef, sprach Mynheer van Toll, es hält sich auf Vrouw +Elizabeth seit einigen Tagen ein fremder Maler und Chemikus auf, der +eine besondere Mischung der Farben entdeckt hat, wodurch auch auf dem +Porzellan<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> das vollkommene Helldunkel von Rembrandt sich erzielen läßt. +Ich wollte durch ihn eine große Vase in dieser Manier malen lassen, und +alle Anstalten des Glühens und Einbrennens sind auch schon gemacht, +nur war ich über den Gegenstand noch verlegen, weil ich einen ganz +neuen für die neue Manier zu haben wünschte. Gar gern möchte ich nun +den sogenannten Bockaffen im Helldunkel auf meiner Vase sehen, weil +den gewiß noch niemand hat, und ich bitte Euch daher, daß Ihr mir +die nachbarliche Gefälligkeit erzeigen wollet, meinem Chemikus diese +Nacht den Zugang zur Menagerie zu verstatten. Er soll an dem Tiere +bei Laternenlicht seine Studien machen und in dieser Beleuchtung eine +Farbenskizze von ihm entwerfen.</p> + +<p>Nein, Mynheer van Toll, das geht nicht an, versetzte der Hausherr. Die +nächtliche<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Ruhe von Welgelegen darf unter keiner Bedingung gestört +werden. Ihr könnet bei Tage dieses fremde Tier durch Euren Chemikus in +Helldunkel abzeichnen lassen. — Gertruid ging mit dem Teegeräte nach +dem Lusthäuschen. — Kommt hinein, fuhr Mynheer van Streef fort, ich +will euch, meine Freunde und Nachbarn, eine neue Sorte Tee zu kosten +geben.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp45" id="illu-149" style="max-width: 38em;"> + <img class="w100" src="images/illu-149.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>Wieder also sollst du gestohlen werden! dachte ich für mich. Bist du +denn so kostbar? — Inzwischen war es im Lusthäuschen sehr lustig +geworden, freilich nur auf niederländische Weise. Offenbar hatte das +Wasser der Hippokrene durch die Reise seine Kraft nicht verloren. Die +drei Freunde waren nach der ersten Tasse vom Teetisch aufgestanden +und gingen phantastisch erregt, ohne sich umeinander zu bekümmern, +im Stübchen auf und nieder.<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> De Jonghe versuchte, während er ging, +einen Pas aus der <span class="antiqua">Menuet à la Reine</span> zu bewerkstelligen, van Toll +sang in einem sonderbaren Falsett das Nationallied, van Streef zog den +Vorhang des Kanalfensters auf, öffnete letzteres selbst und vergaß, die +eben vorbeifahrende sechste Schuite am schwarzen Brette zu notieren.</p> + +<p>Statt <em class="gesperrt">eines</em> drei holländische Schwärmer! Wunderbares Wasser! +Selbst eine Stunde von Amsterdam wirktest du Zeichen, obschon zu Tee +verkocht! — Bald sollte die Schwärmerei wieder mich in ihre Kreise +reißen, mich, den schicksalbezeichneten Helden der abenteuerlichsten +Bildungsgeschichte, welche jemals die Erde sah. Van Toll trat an +das Menageriefenster des Lusthäuschens und flüsterte hinunter: Nach +Mitternacht schicke ich den Chemikus mit einem Nachschlüssel her, +dich abzureißen. Du sollst, und du sollst mir auf die Vase<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> im +Rembrandtschen Helldunkel. — Er trat zurück, de Jonghe näherte sich +hierauf dem Fenster und rief, mit einem sehnsüchtigen Blicke auf mich, +halblaut hinaus: Stehlen laß ich dich noch vor Mitternacht und dann auf +der Stelle ausstopfen!</p> + +<p>Ausstopfen!? — — Nein, nein, das geht in das Ungeheure! <span class="antiqua">Du sublime +au ridicule.</span> — — Meine Sinne schwanden.</p> + +<p>Als ich nun wieder zu mir selbst kam, stand Mynheer van Streef allein +vor meinem Verschlage und Sebulon neben ihm. — Sebulon, sagte mein +Gebieter, der Besuch ist nun fort, und da kann also etwas geschehen, +was sich vor Fremden nicht ziemt. Ich bin durch das Teetrinken wieder +in die helikonische Stimmung gekommen. Ich möchte der ganzen Welt +helfen und rasch! Sage der Griete, sie könne auf der Stelle mit dem +fremden Tiere hier verrichten, was nach meinem<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> früheren Befehle erst +morgen vorgenommen werden sollte.</p> + +<p>Wird wohl nicht mehr nötig tun, versetzte Sebulon trocken. Es scheint +wieder munter zu sein, seht nur, Mynheer, welche lustige Sprünge es +macht.</p> + +<p>Ach nein, es war nicht mehr nötig! — Die gräßliche Perspektive, +ausgestopft zu werden, hatte mit einem Schlage alle selbstmörderischen +Gedanken in mir vernichtet, mich dem Leben in jeder Beziehung wieder +gegeben und die gewaltigste Lebenslust in mir angefacht. Ich sprang wie +unsinnig im Verschlage umher, das nannte jener holländische Hausknecht +Lustigkeit, ich stieß entsetzliche Töne aus, mich verständlich zu +machen, meinem Gebieter den Verlust seines Teuersten anzukündigen, +darüber lachten die Blinden!</p> + +<p>Sie gingen, es wurde dunkel, Sebulon schloß die Pforte. Unglücklicher, +lege auf<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> die Mauer, über welche Mynheer de Jonghe seine Mordknechte +steigen lassen wird, Selbstschüsse und Fußangeln! Durch die Pforte +kommt höchstens der unschuldige Chemikus, Euren armen, kleinen +Bockaffen im Helldunkel seiner harmlosen Laterne abzureißen! schluchzte +ich. Wie wird er sich betrüben, der Getäuschte, wenn er statt seines +Studienobjektes nur die leere Stätte findet! Jammer über dich, +Welgelegen, wenn du morgen erwachest, und dein Kleinod dir gestohlen +siehst! Traure, traure, Vrouw Elizabeth, deine Vase bleibt unbemalt!</p> + +<p>Warum kann der Chemikus nicht vor Mitternacht kommen, und die +Bande de Jonghes nach Mitternacht? So würde der Chemikus noch bei +Laternenlicht zeichnen, wenn die Bande anlangte, sie verscheuchen und +diese Nacht wäre wenigstens gewonnen. Zufall, Zufall, du betrunkener<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> +Würfelspieler! Tolles Rätsel des Daseins grimmiger Wust chaotischer +Verwirrung! O mein Vater, mein Vater, wo weilest du? Eile herbei, +deinen dir so sauer gewordenen Wurm vor dem Letzten, Schrecklichsten +zu erretten! Du bist wißbegierig und reisest viel, mein guter Vater, +vielleicht besuchst du einmal auch das Kabinett von Mynheer de +Jonghe, und welch ein Augenblick wird es dann sein, wenn du deinen +unglücklichen Sohn vielleicht zwischen einer Fischotter und einem +sibirischen Eichhorn siehst! — Zwar ich vergesse, wer ich bin, ich +rede irre — du wirst mich nicht erkennen!</p> + +<p>Ausgestopft zu werden! — Gedanke, der das Hirn sieden macht und alle +Sehnen krachen! Nichts als Balg zu sein und Werg! Aus gläsernen Augen +dumm und starr zu schauen, und ewig den Draht in Rücken und Beinen zu +fühlen, als einzigen haltenden Grundsatz! Neben sich nur Bälge zu<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> +haben, und diese ganze trockene Unsterblichkeit lediglich auf Kampfer +und Spieköl gegründet!</p> + +<p>In solchen jämmerlichen Betrachtungen ging mir ein Teil jener +merkwürdigsten Nacht meines Lebens hin. Ich fühlte zugleich, daß die +äußerste Beängstigung in meinem Körper Folgen hervorbrachte, denn +ich konnte, da ich im Verlauf meines Kummers als Mensch mir vor die +Stirn schlagen wollte, wunderbar genug, dies mit meinen Vorderbeinen +bewerkstelligen, ich konnte an mein Fell fassen, und die Haare fielen +ab, so wie ich sie nur berührte, endlich schien in meinem Antlitze ein +förmliches Umziehen und Quartierverändern von Maul, Nase und Augen vor +sich zu gehen, so rückten und knackten dort die Knochen. Aber auf alles +dieses hatte ich weiter nicht acht, ganz verloren in die Furcht vor dem +Ausstopfen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p> + +<p>Gegen Mitternacht Geräusch draußen vor der Mauer, Klimmen, Herabwerfen +einer Strickleiter! Ein Kerl steigt an ihr nieder, tappt zwischen Biber +und Schildkröte vorsichtig hindurch — — Ich sitze (denn ich vermochte +auch schon wieder zu sitzen) stumm da und raufe mir vollends alles +Fell ab; seine rauhe Tatze ergreift mich — hui und davon mit mir über +die Mauer! Ich hange schlotternd und an allen Gliedern gebrochen in +seinen Armen. — Was, zum Teufel, habe ich denn da gefaßt? Das ist ja +kein — murrt er, während er einige Schritte längs des Kanals nach dem +Landhause Schoone Zicht zu macht. Ehe er zu Ende gesprochen, stürzt +ihm ein Mann entgegen, ruft mit einer von der Tugend selbst gebildeten +Stimme heftig: Steh, du Dieb, ich sah dich über die Mauer steigen! und +haut auf ihn mit einem Degen ein. Der Dieb, Sünde<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> gibt keinen Mut +— läßt mich fallen und läuft davon. Ich falle in den Kanal, jener +unbezahlbare Retter springt, immer den Degen in der Faust, mir nach, +holt mich heraus, ruft: Wie, ein nacktes Kind? und trägt mich, dem von +diesen jähen Abwechselungen das Haupt schwindelt, zu einer Laterne hin, +die etwa hundert Schritte von der Stelle am Kanale brannte. Bei dem +Schimmer dieser Blendlaterne sehe ich meinem Retter in das Antlitz, und +— wer faßt's, wer glaubt's, wer sagt's, was ich empfinde? — Es ist — +— mein Vater, mein sogenannter Vater!</p> + +<p>Was die Furcht und der Jammer nicht gekonnt, die Freude vollbringt es. +Ich finde die Sprache wieder, und, zwar noch immer etwas meckernd, aber +doch verständlich, ist: Vater! Vater! Dein Kind! mein erstes Wort. Mit +heißen Tränen stürze ich an seine Brust, er erkennt mich,<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> wie ich +ihn erkannt, und — doch schweige Lippe! falle Vorhang, über diese +unbeschreibliche Szene!</p><br> + +<figure class="figcenter illowp45" id="illu-159" style="max-width: 37.875em;"> + <img class="w100" src="images/illu-159.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>Stumm vor Rührung steckt er mich ohne weiteres wieder in seine linke +Rocktasche. Darin finde ich ihn ganz. Alle lieben Erinnerungen gehen +mir in jener Tasche auf; es ist noch ein Rest Frühstück darin; ich +versuche, es zu essen. Es gelingt; ich kann wieder Brot und Wurst +essen! Ich bin ein Mensch wieder, das gebildete Kind gebildeter +Eltern! Aber wie ging das zu? Mein Vater trägt mich in das Lusthaus +Vrouw Elizabeth. Er ist's, ja, er ist der gute Chemikus, der sich +dort aufgehalten, der mit dem Nachschlüssel zu mir kommen, mich +nach Mitternacht bei Laternenlicht abreißen wollte, aber von einer +unerklärlichen Unruhe getrieben (sein Vaterherz war's, das so stürmisch +geklopft hatte!), vor Mitternacht sich aufmachte, einen Degen<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> zu sich +steckte, weil das Abenteuer immer einige Gefahr hatte, und so am Kanal +Zeuge des Diebstahls wurde.</p> + +<p>Wie ich diese ersten Erklärungen der wunderbaren Geschichte empfangen, +ich weiß es nicht mehr zu sagen. Mein Vater stammelte nach der Tasche +hinunter, worin ich saß, ich stammelte hinauf, wir begriffen uns +durch Naturlaute. — Aber warum machtest du nicht Lärmen, mein Vater, +als du den Dieb über die Mauer steigen sahst? fragte ich in einem +ruhigen Augenblicke. — O Sohn, versetzte er, um einen Menschen zu +retten, haben sich wohl schon größere Unwahrscheinlichkeiten begeben +müssen, als daß man einen Dieb erst einsteigen und dann wieder +herauskommen läßt. — Du konntest nur gerettet werden, wenn diese +Unwahrscheinlichkeit vorfiel, denn machte ich früher Lärmen, so +erwachte das Landhaus Welgelegen, die Pforte wurde besetzt,<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> du bliebst +mir unsichtbar und in den Händen von Mynheer van Streef. — Diese +Antwort stellte mich vollkommen zufrieden.</p> + +<p>Wir waren unter solchen und ähnlichen Gesprächen vor Vrouw Elizabeth +angekommen; mein Vater zog die Klingel und weckte dadurch den Portier, +der ihm sein Zimmer auftat. In der Helligkeit, welche durch Wachskerzen +und Alabasterlampen hervorgebracht wurde, umarmten wir uns nun erst bei +voller Muße. Vater, wie sehe ich aus? war meine erste Frage.</p> + +<p>Abscheulich mein Sohn, versetzte er. Deine Züge sind in einer +wunderbaren Unordnung, es ist, als wäre Nase, Mund und Augen bei +dir berauscht gewesen und erwachten nun in Winkeln, wohin sie nicht +gehören. Die Ohren müssen wir vor allen Dingen stutzen, sie haben +sich etwas zu üppig gen Himmel erhoben, an den Extremitäten sind dir +überflüssige Haarbüschel<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> gewachsen, auch deine Sprache schmettert +sonderbar; warst du etwa bei einem Trompeter in der Lehre? Du kommst +mir vor, wie eine durcheinander geworfene Bibliothek oder Garderobe, +die einzelnen Bestandteile deiner Totalität sind richtig vorhanden, +aber es fehlt die Harmonie.</p> + +<p>Alles nichts, mein Vater, sagte ich, nachdem ich vor den Spiegel +getreten war, und mich wieder so ziemlich menschlich gesehen hatte. — +Er brannte, meine Geschichte zu vernehmen. Ich gab sie ihm in großen +Umrissen. Er glaubte, ich habe geträumt. Sieh mich an, versetzte ich, +und sage dann noch einmal, daß dies Träume gewesen seien. Das letzte +Wunder, so schloß ich meinen Bericht, war das größte. Hat man auch nur +noch ein Fünkchen Humanität in sich, und soll man ausgestopft werden, +so nimmt sich bei diesem Gedanken jenes Fünkchen zusammen und<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> man +restauriert sich von innen heraus. In den Tiefen von Angst, Grauen, +Verzweiflung habe ich mich sozusagen als Menschen zum zweitenmal +geboren und die Tierhülle durch Seelenkämpfe abgestreift.</p> + +<p>Streife jetzt nur auch eine anständige Hülle über! rief mein Vater, +ging zu einer Kommode und holte daraus die weißen Pumphöschen, das +rote Kollett, den kleinen, blechernen Säbel und den Turban hervor. +Großer Gott! die Janitscharenkadettenuniform war auch da! Wo fandest +du sie? fragte ich ihn. Im griechischen Gebirge, welches ich nach +dir verzweiflungsvoll, wie Ceres Proserpinen suchte, durchrannte, +antwortete er. Ich fand die Stücke auf einem Felsenabhange und glaubte, +daß dich ein Raubtier gefressen habe. — Aber mein Vater, sagte +ich, indem ich die Hosen anzog, an den Kleidungsstücken war ja kein +Blut, woher also dieser Glaube? — Konnte dich<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> das Raubtier nicht +rein herausgefressen haben? erwiderte er, etwas verstimmt über meine +kritischen Zweifel. — Er mußte mir nun auch seine Geschichte erzählen. +Sie war einfach. Aus Schmerz über meinen Verlust hatte er, nachdem +er jede Hoffnung aufgegeben, mich wiederzufinden, sich noch eifriger +den chemischen und physikalischen Studien ergeben, wie früherhin, und +unter anderem auch jenes Farbenbereitungsgeheimnis entdeckt, welches +ihn dem Holländer van Toll so wert machte. In der Heimat litt ihn +der Kummer nicht, er reiste durch die Lande Europas als düsterer, +zerrissener Porzellanmaler. Unterwegs traf er mehrere Kollegen. Durch +die allerseltsamste Fügung brachte uns das Schicksal wieder zusammen. +Er ging bei Nacht aus, einen Bock zu zeichnen und traf seinen Sohn.</p> + +<p>Wir machten uns noch vor Tagesanbruch von Vrouw Elizabeth fort, denn +mein<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> Vater fühlte wohl, daß, da er dem Eigentümer das fremde Tier +nicht auf die Vase liefern könne, seine Rolle im Landhause ausgespielt +sei. Wir benutzten die erste Schuite nach Amsterdam, und dort die +erste Gelegenheit nach Bodenwerder. Als wir im Wagen saßen, ich wie +in den ersten Zeiten in der Tasche, fiel mir der Gedanke an Frau von +Münchhausen, die Gemahlin meines Vaters, schwer auf das Herz. Ich +teilte ihm die Besorgnis mit und setzte hinzu: Wird es uns nicht +gehen, wie Mynheer van Streef, der in der Pforte seines Landhauses zum +zweitenmal auf Reisen geschickt werden sollte?</p> + +<p>Nein, mein Sohn, erwiderte er, die vortreffliche Frau ist bereits +vor sechs Monden gestorben, von mir begraben und hinlänglich beweint +worden. — Ich zollte ihrem Andenken ebenfalls einige nachträgliche +Zähren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p> + +<p>Auf Bodenwerder widmete sich mein Vater nun ganz dem Werke meiner +Ausbildung. Denn obgleich ich, wie aus dem Verlaufe dieser Geschichte +erhellt, schon als kleines Kind wie ein Buch sprach, so fehlte es doch +meinem Wissen an Zusammenhang, der jetzt erzielt werden mußte ...</p> + +<p>Noch oft unterredeten wir uns über die Einzelheiten meiner +außerordentlichen Geschichte. — Sage mir nur, mein Sohn, sprach mein +Vater eines Tages, welche historische Lehre ziehst du aus allen diesen +unglaublichen Vorfällen? — Vater, versetzte Münchhausen das Kind, +die Geschichte ist erhaben über alle Lehren. Willst du aber aus der +meinigen durchaus einen Satz ziehen, so ist es die einfache Wahrheit, +welche jeder Student fühlt — daß die Söhne auf die Taschen ihrer Väter +angewiesen sind.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Nachwort_des_Herausgebers">Nachwort des Herausgebers</h2> +</div> + + +<p>Das funkelnde Ding, das hier zu undurchkreuzterem Glanz aus einer +Schatulle gleicher Kostbarkeiten hervorgehoben wird, hat Generationen +hindurch, kaum beachtet, in unmittelbarer Nähe einer volkhaft +begangenen Straße deutscher Dichtung gestanden. Während der »Oberhof« +Karl Lebrecht Immermanns, anderer Teil der »Geschichte in Arabesken, +Münchhausen« (1838) zum klassischen Bestand unseres volkstümlichen +Erzählertums gehört, ist die Wirkung des eigentlichen »Münchhausen« +von dem Erscheinen des Buches an auf einen engeren Kreis beschränkt +geblieben. Sonderbares Schicksal einer bedeutenden Dichtung, durch +ein merkwürdiges Zusammentreffen äußerer und innerer Umstände +niemals zu ihrer vollen Auswirkung gekommen zu sein, im allgemeinen +Volksbewußtsein<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> nur zur Hälfte und unter dem anderen Namen dieser +Hälfte fortzuleben, gleichsam nur mit einem Lungenflügel zu atmen, +während der andere ursprünglich ebenso kräftige, zwar vom Blut des +Schöpferherzens durchpulst lebendig bleibt, aber an den Rändern langsam +verkümmern muß! Denn der eigentliche »Münchhausen« ist eine Zeitsatire +großen Stils, wie alle Werke seiner Gattung bestimmt, vorzüglich in +dieser Zeit selbst in ihren tausend Bezüglichkeiten verstanden und +unterverstanden zu werden. Nun aber erhob sie sich gerade am endenden +Rand dieser Zeit, der auslaufenden Romantik, nicht nur inhaltlich, +auch formal aus ihr gestaltend: eine formfrei spielende Groteske, +indes die aufsteigenden Generationen sich jenem künstlerischen +Realismus zuwandten, deren erster Gaben eine seltsamer- und doch nicht +seltsamerweise der andere Teil der Gesamtdichtung wurde.<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Denn jenem +Zerrbild des Zeitgeistes, dem die »Münchhausen«groteske gilt, wollte +Immermann im »Oberhof« in der Bodenständigkeit bäuerlichen Lebens, im +reinen Bild der deutschen Liebe und Ehe »den wahren Geist der Zeit +oder richtiger gesagt der Ewigkeit« entgegenstellen, der faulenden +Schon-Vergangenheit die aufblühende Zukunft entwachsen lassen. Diese +Zukunft aber hieß: Wirklichkeitsfreude, in der Weltbetrachtung wie in +ihrer künstlerischen Formung. War nun die Fügung der beiden Gegenbilder +dazu noch so locker, gleichsam nur scharnierhaft, wie zwischen dem +»Oberhof« und dem eigentlichen »Münchhausen«, so geschah es fast +selbstverständlich, daß man die zeitgemäßere Tafel mit sich forttrug, +die andere aber unbeachtet liegen ließ.</p> + +<p>Heute hat das Rad der Zeit geistig wieder einmal eine halbe Drehung +vollführt. Die Groteske ist aufs neue eine der<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> Hauptformen komischer +Darstellung geworden. Der Augenblick des ganzen »Münchhausen« könnte +also gekommen sein, wenn anders es seinem Dichter gelang, nicht nur +Zeitsatire zu schreiben, sondern in den satirisierten Zuständen der +Zeit das bleibende Torentum einer Reihe von Generationen oder gar +menschliches Torentum überhaupt zu erfühlen und zu gestalten.</p> + +<p>Kein geringes Unterfangen, an das Immermann sich wagte: den +»nie gestorbenen nimmer verwelkten ehemaligen Jagd- und +Pferdegeschichtenerzähler Freiherrn von Münchhausen auf und zu +Bodenwerder«, dessen wunderbaren Abenteuern Gottfried Bürger einst die +klassische Form gegeben hatte, ein anscheinend endgültig geformtes +Symbol also von volkstümlicher Geltung zu »erhalten, restaurieren und +nach Maßgabe der Zeiten zu metamorphosieren«. Diese Metamorphose aber +bezweckte nichts<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> minderes als »in diesem Erzwindbeutel einmal alle +Winde des Zeitalters, den Spott ohne Gesinnung, die kalte Ironie, +die gemütlose Phantasterei, den schwärmenden Verstand« einfangen zu +wollen, »um sie, wenn der Kerl krepiert, auf eine Zeitlang für die Welt +still gemacht zu haben«. Man weiß nicht, was mehr Gefahren barg, die +Erhaltung der Gestalt oder ihre Metamorphose. Immermann hat sie beide +überwunden. Erhalten ist das, worauf es ankommt, das schöpferische +Lügengenie des freiherrlichen Urbilds, erhalten in einer Kraft, die +es gestattet, auf jede Wiederholung oder Umdeutung seiner früheren +Fabelmären zu verzichten. An deren Stelle tritt ein verschwenderisches +Gewirr neuer Erfindungen, aus kongenialer Anschauung mit der gleichen +Ruhe, Ueberzeugungskraft und grotesker Logik so hingestellt, »daß +man in währender Erzählung den Erzähler für verrückt halten<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> oder +an seine Sachen, so unsinnig sie aussehen, auf eine Stunde glauben +muß«. Nur bei solch überlegen schaltender, zugleich aber respektvoll +einfühlender Verwendung der überlieferten Figur war es möglich, den +neuen Helden zu seinem »eigenen Vater und Großvater« zu machen. +Es ist unverkennbar der alte Münchhausen — wer wäre sonst noch +fähig so bunten Lügenfangballspiels! — nur um mehrere Geschlechter +weitergebildet: nicht mehr achtzehntes sondern neunzehntes Jahrhundert, +etwas weniger aristokratisch, etwas sozial heruntergekommen, ja mit +einem deutlichen Schuß vagabundierenden Hochstaplertums, daher auch +nicht so spielerisch zwecklos in den Hervorbringungen seines seltsamen +Genies, böse nicht gerade, aber von einer satirischen Boshaftigkeit, +die sein erster Zustand nur erst im Keime enthielt. Geblieben aber ist +ihm trotz solch<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> merklicher Absenkung vom reinen Schwindel zum weniger +reinen Schwindler der unwiderstehliche Charme seiner schillernden +Persönlichkeit. Noch war es möglich, die auflösenden Kräfte des +Jahrhunderts mit graziösem Humor und einem mehr pritschenden Geist an +einer Gestalt darzustellen, die ihr Schöpfer am Ende selbst keiner +eigentlich schlechten Tat für fähig hält. — Um diese Mittelfigur +aber, die alle Ausstrahlungen des Zeitgeistes mit grotesker Brechung +in sich sammelt und komisch verzerrt wieder hinauswirft, bewegt sich +ein menschliches Vierblatt, in dem seine Hauptzüge in voller Rundform +dargestellt sind, gleichsam um sie auf diese Weise noch wirksamer und +anschaulicher verpritschen zu können: die Adelslüge: der Baron von +Schnuck, die Liebes- und Empfindsamkeitslüge: seine Tochter Emerentia, +die Bildungslüge: der Schulmeister Agesel, und als Ergänzung<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> zu allen +dreien nicht die Lüge, sondern die materialistische Eigensucht in +Gestalt des Münchhausenschen Bedienten Karl Buttervogel. Nichts bezeugt +die dichterische Meisterschaft Immermanns stärker als die schier +mühelose Lösung dessen, was die Dichter der jungen Generation heute +mit heißem Bemühen zu bewältigen suchen: Ideen in lebendigen Gestalten +zu formen, ohne daß dabei einerseits die Eindeutigkeit der Idee, +anderseits der Schein konkreter menschlicher Existenz verloren ginge. +Wie die schrulligen Bewohner des Schlosses Schnick-Schnack-Schnurr, +das in seinem windschiefen Verfall schon eine Groteske für sich +ist, jede einsam ihre Narrheit in dem Garten mit den nasenlosen +Götterbildern spazieren führen, bis durch das scheinbar zufällige, aber +innerlich notwendige Erscheinen Münchhausens alle Narrheit sich um +ihn anschießend kristallisiert,<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> das hat so unmittelbare Lebendigkeit +und nicht geringere Realität als etwa die psychologisch-realistisch +gegebene Darstellung der Oberhofgestalten und der bauernfesten +Wirklichkeit, in der sie sich bewegen.</p> + +<p>Gestaltung! Nicht Etikettierung oder Spruchbänder, die aus dem Munde +hängen. Das ist die schlichte Antwort, wieso diese Zeitsatire, die +in der Auswahl ihrer Gegenstände keineswegs auf Nachwelt gearbeitet +ist, ihre ursprüngliche Jugendkraft in kaum verminderter Frische +bewahrt hat. So tief das alles in Zeit verhaftet ist: wo die reine +Schöpferfreude am Geschaffenen waltet, erhebt sich das Zeitliche +wie selbstverständlich in reine spielhafte Form. Manches zwar was +uneingeschmolzen bleibt, nur zeithafte Beziehung, aber unendlich mehr +zeithafte Beziehung, die als solche bedeutungslos wird, überflüssig für +das naive Verständnis: Geist und Geistesreichheit,<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> Groteske, Arabeske, +eigenfunkelnd wie Mond ohne notwendiges Wissen um das Ursprungslicht. +Lebendiger Beleg dessen das vorliegende Stück, das seine innere +Abgeschlossenheit befähigte, für sich herausgehoben zu werden, und als +blinkende Lockung zu der Gesamtdichtung zu dienen. In dieser Jugend- +und Ziegengeschichte, mit der der angeblich von seinem »sogenannten« +Vater chemisch erzeugte Freiherr, von früherer gefährdender Erfindung +ablenkend, »einen Heroismus im Erzählen entfaltet«, wimmelt es vor +Zeitanspielungen wie kaum an einer andern Stelle des Werkes: dennoch +fast kein Wort, das für den ungelehrten Leser der Erläuterung bedürfte. +All dies Zeithafte versickert gleichsam im Augenblick, wo es mit der +lebendigen Gestalt des Helden in Berührung kommt, um bis auf wenige +Rudimente als organischer Ausdruck, als formgewordener Einzelzug von +seiner ursprünglichen<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Beziehung gelöst, blutvoll wieder aufzuquillen: +Ganze Erscheinungskomplexe, Bildungsgehabe, Pädagogisches, Titelmoden; +Menschen und Werke ferner, die gerade im Vordergrund des Interesses +standen: der Reisegraf Pückler-Muskau, an dem Immermann sich mit +besonderem Vergnügen reibt, Humboldts Naturschilderungen, die +Klangspiele Rückertscher Ghaselen, eine Wunderkindsbiographie Karl +Wittes, die heute niemand mehr kennt, ganz zu schweigen von tausend +anderen Haupt- und Seitenhieben auf mehr oder minder Besonderes, +Zustände, Menschen und Bücher der Zeit. Im Licht eines blendenden +Geistes, der jeden Nebensatz noch mit feinsten Zügen überschenkt, +werden sie zu ebenso vielen Fäden im Blitzgeflecht eines der +meisterhaftesten satirisch-grotesken Prosastücke, die unsere Literatur +besitzt.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77772 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/77772-h/images/cover.jpg b/77772-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..86f6488 --- /dev/null +++ b/77772-h/images/cover.jpg diff --git a/77772-h/images/drop-m.jpg b/77772-h/images/drop-m.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..35851d0 --- /dev/null +++ b/77772-h/images/drop-m.jpg diff --git a/77772-h/images/illu-001.jpg b/77772-h/images/illu-001.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..afafdc5 --- /dev/null +++ b/77772-h/images/illu-001.jpg diff --git a/77772-h/images/illu-009.jpg b/77772-h/images/illu-009.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4092a1e --- /dev/null +++ b/77772-h/images/illu-009.jpg diff --git a/77772-h/images/illu-019.jpg b/77772-h/images/illu-019.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9b612e4 --- /dev/null +++ b/77772-h/images/illu-019.jpg diff --git a/77772-h/images/illu-037.jpg b/77772-h/images/illu-037.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..af7134e --- /dev/null +++ b/77772-h/images/illu-037.jpg diff --git a/77772-h/images/illu-055.jpg b/77772-h/images/illu-055.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d27e3cc --- /dev/null +++ b/77772-h/images/illu-055.jpg diff --git a/77772-h/images/illu-073.jpg b/77772-h/images/illu-073.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c5c53a0 --- /dev/null +++ b/77772-h/images/illu-073.jpg diff --git a/77772-h/images/illu-099.jpg b/77772-h/images/illu-099.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f91807e --- /dev/null +++ b/77772-h/images/illu-099.jpg diff --git a/77772-h/images/illu-109.jpg b/77772-h/images/illu-109.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..cfba33b --- /dev/null +++ b/77772-h/images/illu-109.jpg diff --git a/77772-h/images/illu-119.jpg b/77772-h/images/illu-119.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5dcae2b --- /dev/null +++ b/77772-h/images/illu-119.jpg diff --git a/77772-h/images/illu-129.jpg b/77772-h/images/illu-129.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5cdb140 --- /dev/null +++ b/77772-h/images/illu-129.jpg diff --git a/77772-h/images/illu-139.jpg b/77772-h/images/illu-139.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3d69195 --- /dev/null +++ b/77772-h/images/illu-139.jpg diff --git a/77772-h/images/illu-149.jpg b/77772-h/images/illu-149.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..71d91c2 --- /dev/null +++ b/77772-h/images/illu-149.jpg diff --git a/77772-h/images/illu-159.jpg b/77772-h/images/illu-159.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..909a8ae --- /dev/null +++ b/77772-h/images/illu-159.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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