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+<title>Die Brücke im Dschungel | Project Gutenberg</title>
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77625 ***</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<div class="centerpic">
+<img src="images/cover.jpg" alt=""></div>
+
+</div>
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+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="halftitle">
+B. TRAVEN Die Brücke im Dschungel
+</p>
+
+</div>
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+<div class="frontmatter chapter">
+<div class="centerpic logo">
+<img src="images/logo.jpg" alt=""></div>
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+<p class="pub">
+BÜCHERGILDE GUTENBERG
+</p>
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+<p class="cop">
+Satz und Druck von der Buchdruckwerkstätte GmbH., Berlin SW 61
+</p>
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+<p class="cop2">
+Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Nachdruck
+verboten. Copyright 1929 by B. Traven, Tamaulipas (Mexiko)
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<h1 class="title">
+DIE<br>
+BRÜCKE<br>
+IM<br>
+DSCHUNGEL
+</h1>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+ <div class="epi">
+ <div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Den Müttern!</p>
+ <p class="verse">jedes Volkes</p>
+ <p class="verse">jedes Landes</p>
+ <p class="verse">jeder Sprache</p>
+ <p class="verse">jeder Rasse</p>
+ <p class="verse">jeder Farbe</p>
+ <p class="verse">jeder Kreatur</p>
+ <p class="verse">die lebt!</p>
+ </div>
+ </div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-1">
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+1
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_w.jpg" alt="W"><span class="hidden">W</span></span><span class="postfirstchar">ann</span> und wo ich Sleigh eigentlich zum
+erstenmal getroffen hatte, weiß ich so
+genau nicht mehr zu sagen. Doch wenn
+ich mich recht erinnere, so war es an
+einem moderigen Pfuhl im Dschungel,
+wo ich meine Pack-Mules tränken
+wollte. Ja, so war es. Es fällt mir jetzt ein, daß, als ich zum
+Pfuhl geritten kam, ich in die Mündung eines auf mich gerichteten
+Sixshooters sah. Sleigh hatte gehört, daß sich jemand
+nähert, und im Dschungel oder im Busch läßt man es nicht
+darauf ankommen, sondern man sieht sich rechtzeitig vor.
+Man weiß ja nicht, wer der Ankömmling ist und welche Absichten
+ihn leiten. Ich hätte es genau so gemacht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+„Stick ’em up, boy! Die Flossen hoch!“
+</p>
+
+<p>
+Seelenruhig zog er mir meinen Shooter aus der Tasche des
+Patronengürtels und schob ihn in seinen Gurt. Wir wechselten
+ein paar Worte. Er erzählte mir, daß er auf weiter
+Fahrt sei.
+</p>
+
+<p>
+Als dann sein Pferd getränkt war und er den Wasserbeutel
+gefüllt hatte, saß er auf und sagte: „Zweihundert Schritt,
+da können Sie Ihren Klicker abholen; ich bin kein Bandit,
+aber ich weiß ja nicht, ob Sie vielleicht einer sind. Savvy?!“
+Ich folgte ihm, und als zweihundert Schritte zwischen uns
+lagen, winkte er, ließ meinen Revolver fallen und sauste ab.
+Ich ging zurück zum Pfuhl, ohne ärgerlich auf ihn zu sein;
+denn ich hätte es ganz genau so gemacht. Er hatte das
+Trommelröhrchen nur früher hoch als ich, und das entschied,
+wer das Recht zum Kommandieren hatte. Daß er ein ehrlicher
+Bursche war, bewies er; denn er konnte mir meine
+Mules abnehmen und den letzten Faden vom Leibe ziehen.
+Dann hätte ich noch dankbar sein müssen, wenn er mir den
+Hut, meine Hose und meine Stiefel gelassen hätte, weil,
+würde einem auch dieses genommen, man im Dschungel
+schon lieber um den Gnadenschuß ersucht.
+</p>
+
+<p>
+Drei Monate später ritt ich, in einer ganz anderen Gegend,
+durch ein Indianerdorf. Vor einer grasgedeckten Lehmhütte
+sah ich einen Weißen stehen, den einzigen Weißen im Dorf.
+„Hallo!“ rief er herüber. Es war Sleigh.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+Ich mußte in seine Hütte kommen, um seine Familie kennenzulernen.
+Seine Frau war Vollblutindianerin, und sie hatten
+drei Kinder. Die Frau mußte mir ein Ei backen und etwas
+vorsetzen, das er Kaffee nannte.
+</p>
+
+<p>
+Seit zwanzig Jahren lebte er unter den Indianern oder
+zwischen ihnen. So genau ließ sich in der kurzen Zeit, die ich
+in seiner Hütte verbrachte, das wahre Verhältnis nicht feststellen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Jahr darauf etwa machte ich von Matehuala über Tula
+eine ziemlich beschwerliche Reise, um an den Tamesi zu
+kommen mit der Absicht, Alligatoren zu jagen. Es war aber
+nicht viel los damit; teils war der Dschungel so dicht und
+undurchdringlich, daß man den Fluß nicht erreichen konnte,
+teils war die Gegend so sumpfig und morastig, daß man es
+aufgeben mußte, an die eigentlichen Jagdgebiete heranzukommen.
+Ich ritt deshalb weiter den Fluß hinunter, um
+die größeren Nebenflüsse abzusuchen.
+</p>
+
+<p>
+So kam ich eines Tages an eine kleine Pumpstation, die das
+Flußwasser viele Meilen weit zu einer anderen Station
+pumpt, von wo aus es wieder weitergepumpt wird, bis es die
+Eisenbahnlinie erreicht. Ein Teil des Wassers dient zur Auffüllung
+der Lokomotivkessel; der größere Teil des Wassers
+jedoch wird von der Bahn in Tankwagen zu einigen Dutzend
+von Dörfern und kleinen Städten, die an der Bahnlinie liegen,
+gefahren, um die Bevölkerung mit Wasser zu versorgen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+Der Pumpmeister war ein Indianer. Mit Hilfe eines vierzehnjährigen
+indianischen Jungen bediente er die Pumpe.
+Der Kessel wurde mit Holz geheizt, und das Holz wurde
+von einem anderen Indianer mit Maultieren von der fernen
+Bahnlinie herangeschafft.
+</p>
+
+<p>
+Der Kessel machte den Eindruck, als ob er jeden Augenblick
+aus den Nähten gehen würde, und die Pumpe, die zweihundert
+Jahre alt zu sein schien, ächzte, stöhnte, schwitzte,
+quietschte, keuchte und blubberte, daß den Alligatoren und
+Jaguaren der Aufenthalt hier in der Nähe sicher nicht zum
+Paradiese wurde.
+</p>
+
+<p>
+Dem Pumpmeister konnte das nur angenehm sein, denn er
+wohnte ja hier dicht neben seiner Pumpe in einer Hütte, vereint
+mit seiner ganzen Familie. Je mehr die Pumpe stöhnte
+und ratterte, um so sicherer konnten seine Kinder sich hier
+herumtummeln und im Flusse schwimmen.
+</p>
+
+<p>
+In der Nähe der Pumpe führte eine Brücke über den Fluß.
+Die Brücke war breit genug, daß Wagen oder Autos sie benutzen
+konnten; aber sie hatte kein Geländer. Das wäre auch
+eine ganz überflüssige Geldausgabe gewesen.
+</p>
+
+<p>
+„Hay muchos caimans, Senjor“, sagte der Pumpmeister.
+</p>
+
+<p>
+„Wo?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Weiter rauf oder runter. Natürlich nicht gerade hier an
+meiner Pumpe. Das wäre mir gar nicht einmal lieb. Die würden
+mir die kleinen Schweinchen und die Hühner alle wegstehlen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+„Was ist denn da drüben auf der anderen Seite?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Da ist Prärie. Ein Cattle-Ranch. Eine Viehweide. Gehört
+einem Amerikaner. Dahinter kommt dann wieder Dschungel.
+Und dann etwa zwanzig Meilen durch den Dschungel, da
+kommt ein Camp, da bohren sie auf Öl. Die haben hier die
+Brücke gebaut. Die müssen ja hier rüber, wenn sie das Material
+von der Bahn holen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wer ist denn auf dem Rancho?“
+</p>
+
+<p>
+„Ein Gringo.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach was, ich meine, wer nach dem Vieh sieht?“
+</p>
+
+<p>
+„Das habe ich Ihnen doch soeben gesagt: Ein Gringo.“
+</p>
+
+<p>
+„Wo wohnt er denn?“
+</p>
+
+<p>
+„Gleich da hinter dem Busch.“
+</p>
+
+<p>
+„Muy bien! Da will ich doch mal rüber, sehen, wie es ihm
+geht.“
+</p>
+
+<p>
+Hinter dem Gebüsch waren sechs oder acht der üblichen
+Indianerhütten, rauchende Indianerfrauen und herumjagende
+nackte braune Kinder die Menge. Hier war Gras
+und Wasser im Überfluß; also fanden auch die Indianer ihren
+Lebensunterhalt. Die Weide gehörte ihnen zwar nicht, aber
+daran störten sie sich nicht. Jede Familie hatte ein paar Ziegen,
+einige Esel, ein Dutzend Hühner, und im Wasser waren so
+viele und so schwere Fische, daß die Leute um ihre Mahlzeiten
+nie verlegen zu sein brauchten. Ein umgebogener Nagel
+mit einem kleinen Fisch daran und einem Stück Schnur war
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+das ganze Angelgerät. Die Männer arbeiteten bei den Ölsuchern,
+oder sie brannten Holzkohle, um die Bedürfnisse zu
+befriedigen, die ihnen die Zivilisation gebracht hatte. Aber
+diese Bedürfnisse beschränkten sie auf das Allernotwendigste.
+Weder die müßig auf dem Erdboden hockenden Frauen,
+noch die kreischenden Kinder ließen sich durch mich stören.
+Nach meinem Manne zu fragen, hielt ich für überflüssig, denn
+im Hintergrunde sah ich eine Hütte, die zwar nach Indianerart
+gebaut, jedoch größer und sorgfältiger angelegt war.
+Kein Zweifel, da wohnte mein Amerikaner.
+</p>
+
+<p>
+Ich ritt zur Hütte, bis ich in respektvoller Entfernung der
+Tür war, wo ich ruhig hielt, ohne die Bewohner durch Rufen
+zu stören. Eine Tür war es ja eigentlich nicht, sondern es war
+eine türgroße Öffnung in der Wand. Aber da die Leute eine
+solche Öffnung Tür nennen, fühle ich mich nicht berechtigt,
+ihr einen anderen Namen zu geben.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, kam eine Frau, eine
+Indianerin, heraus und sagte: „Pase, Senjor!“
+</p>
+
+<p>
+Ich stieg ab, und als ich in die Hütte trat, fand ich, daß die
+Frau die Gattin meines alten Bekannten Sleigh war. Sie begrüßte
+mich mit großer Herzlichkeit, lud mich zum Niedersitzen
+auf einem ächzenden Korbstuhl ein und sagte mir, daß
+ihr Mann gleich kommen würde, er sei auf der Pastura, um
+einen Stier hereinzubringen, der gedoktert werden müsse,
+der Stier sei von einem anderen Stier gespießt worden, und
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+nun könne man in die Wunde schon die ganze Faust tief hineinstecken,
+und es seien bereits fingerdicke Würmer drin.
+</p>
+
+<p>
+Es dauerte auch nicht allzulange, da kam Sleigh an mit seinem
+Stier, den er mit Hilfe eines Indianerjungen in den Korral
+trieb. Dann stieg er vom Pferde und schüttelte mir die Hand.
+„Haben Sie nicht vielleicht eine Zeitung bei sich?“ fragte er
+gleich darauf. „Ich habe seit acht Monaten kein Stück
+Zeitung in der Hand gehabt, und manchmal möchte man ja
+doch gern wissen, was los ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe den Brooklyn Eagle hier, ist aber auch schon fünf
+Wochen alt, alles, was ich habe.“
+</p>
+
+<p>
+„Geben Sie her, der ist ja noch ganz warm von der Presse,
+wenn er erst fünf Wochen alt ist.“
+</p>
+
+<p>
+Er setzte sich seine Brille auf. Das tat er sehr bedächtig und
+umständlich, denn sie war – für ihn wenigstens – mehr
+wert als ein dicker Brillantring. Während er sie an den Ohren
+zurechtrückte, sagte er: „Rosita, gib dem Senjor etwas zu
+essen, er hat Hunger.“
+</p>
+
+<p>
+Von jeder Seite las er zwei Zeilen, dann nickte er, um seine
+volle Zustimmung mit dem darin Gedruckten zu bekunden,
+sehr nachdenklich, faltete die Zeitung zusammen, setzte die
+Brille ab und sagte gedankenschwer: „Es ist doch gut, daß
+man wieder einmal eine Zeitung gelesen hat.“
+</p>
+
+<p>
+Sein Wunsch nach einer Zeitung war nunmehr vollkommen
+befriedigt. Von den paar Zeilen, die er gelesen hatte, hatte er
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+auch nicht einen einzigen Gedanken aufgenommen oder auch
+nur gefaßt. Was kümmerte ihn dieser Trubel der Welt, der
+sich in den Zeitungen austobte? Hätte er in der Zeitung gelesen,
+die ganzen Vereinigten Staaten und Kanada seien
+durch eine Wassersflut von der Erdoberfläche hinweggespült
+worden, so würde er gesagt haben: „Wer hätte so etwas
+denken können, wir haben hier gar nichts davon gemerkt.
+Ich wollte vorige Woche noch an meine Schwester schreiben,
+die ist Sekretärin bei einer Methodistengemeinde, aber das ist
+ja nun nicht mehr notwendig. Wer hätte auch so etwas
+denken können!“ Dabei würde er auch nicht eine Miene seines
+Gesichts verzogen haben.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin hier auf Alligatoren“, sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Großartig, Mann! Massenhaft. Die können Sie hier herdenweise
+schießen. Aber wir könnten ja erst einmal auf einen
+Hirsch gehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Warum nicht. Haben Sie denn viel Wild hier?“
+</p>
+
+<p>
+„Massenhaft! Bleiben Sie nur ein paar Tage hier und sehen
+Sie sich um. Was haben wir denn heute? Donnerstag. Da
+kommen Sie gut. Meine Frau geht morgen früh mit den
+Kindern auf Besuch zu ihrer Mutter. Ich bringe sie bis zur
+Station. Den Morgen darauf bin ich wieder zurück, dann
+sind wir hier ganz allein und haben die ganze Hütte für uns.
+Eines von den Nachbarmädchen kommt herüber zum
+Kochen. Da können wir hier ganz angenehm hausen.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-2">
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+2
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_a.jpg" alt="A"><span class="hidden">A</span></span><span class="postfirstchar">m</span> Samstag morgen kam Sleigh zurück. Ich
+hatte inzwischen ein wenig gefischt und alle
+Hütten gut versorgt.
+</p>
+
+<p>
+„Heute abend ist Tanz,“ sagte Sleigh,
+„drüben an der Pumpe. Der Pumpmeister
+hat Musik bestellt. Er hat auch einen Kasten
+Bier und zwei Kasten Limonade herangeschafft, damit er
+die Kosten für die Musik herauskriegt.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie stark ist denn das Orchester?“
+</p>
+
+<p>
+„Ein Geiger und ein Gitarrespieler.“
+</p>
+
+<p>
+„Die können doch soviel nicht kosten.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, denken Sie denn, daß er an dem Bier und der Limonade
+viel verdient?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+Das Indianermädchen kam, um für uns zu kochen. Sie
+brachte ihren Säugling mit, obgleich sie selber kaum aus den
+Säuglingsjahren heraus war.
+</p>
+
+<p>
+„Der Mann ist ihr davongelaufen, dem armen Ding“, sagte
+Sleigh.
+</p>
+
+<p>
+Sie war sehr häßlich, und das ist eine Ausnahme hier unter
+den indianischen Mädchen, die an Schönheit miteinander
+wetteifern.
+</p>
+
+<p>
+„Ihr Mann hat sie sicher nur des Nachts gesehen, und als er
+sie bei Tageslicht betrachtete, da ist er so aus allen Himmeln
+gefallen, daß er sich in Nebel verflüchtete, so will mir
+scheinen“, sagte ich. „Sie soll eigentlich jener Nacht dankbar
+sein, denn auf andere Weise wäre sie nie zu einem Kinde
+gekommen, und seit sie nun ein Kind hat, findet vielleicht
+ein anderer Gefallen an ihr, unter der Suggestion, daß sie
+verborgene Schönheiten haben müsse.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben ganz recht“, erwiderte Sleigh. „Ihren Spaß hat
+sie gehabt, und sie ist eigentlich nicht darum mißgestimmt,
+daß der Bursche abgezogen ist, als vielmehr, daß der Spaß
+nicht dauernd ist.“
+</p>
+
+<p>
+Dann aßen wir unsere Tortillas und Frijoles.
+</p>
+
+<p>
+Nachmittags ritten wir auf die Prärie hinaus, um uns das
+Jungvieh anzusehen und nach frischen Antilopenfährten zu
+suchen.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend, als wir wieder bei unseren Tortillas und Frijoles
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+saßen, fragte ich Sleigh, ob an dem Tanzvergnügen nur die
+Leute teilnehmen, die hier herum wohnen. Er erklärte mir
+aber, daß wenigstens hundert oder hundertzwanzig Personen
+anwesend sein werden, die aus allen Richtungen herkommen,
+aus den verstecktesten Hütten im Dschungel und
+von den schmalen Flußarmen und Standpfuhlen, fünf bis
+acht Meilen im Umkreise.
+</p>
+
+<p>
+Wir gingen nun rüber zur Pumpstation. Als wir an einer der
+Nachbarhütten vorüberkamen, sahen wir, daß vor dem
+Eingang an einem Pfahl eine Laterne hing, die den sandigen
+Platz vor der Hütte hell erleuchtete. Auf einer rohen Bank
+saß ein etwa vierzigjähriger Indianer mit einem dünnen
+Vollbart und spielte auf einer Geige Tanzmusik. Er spielte
+herzlich schlecht, hielt aber gut den Takt.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ist denn der Tanz hier?“ fragte ich Sleigh.
+</p>
+
+<p>
+„Das glaube ich doch nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Die haben hier aber den Platz gefegt, und da hängt doch
+eine Laterne. So großartig gehen die nicht mit dem Petroleum
+um, daß sie aus purem Vergnügen hier Licht machen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir werden ja gleich beim Pumpmeister hören. Vielleicht
+machen die hier einen Tanz für sich. Da sind doch immer
+zwei oder drei Parteien. Kann sein, daß sie den Pumpmeister
+nicht mögen.“
+</p>
+
+<p>
+An der Pumpstation hing eine düstere verräucherte Laterne.
+Der Platz war gefegt. Ein paar Burschen saßen herum. Auf
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+einer Bank quetschten sich einige Mädchen in bunten Musselinkleidern.
+Musik war keine da.
+</p>
+
+<p>
+„Was ist denn los?“ fragte Sleigh den Pumpmeister.
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß nicht,“ antwortete der, „die Musik ist nicht gekommen.
+Jetzt ist es zu finster, jetzt kommt sie nicht mehr,
+der ganze Weg geht ja durch Dschungel. Die haben es mir
+doch so bestimmt versprochen, aber vielleicht sind sie an der
+Station hängengeblieben und machen da Musik.“
+</p>
+
+<p>
+„Was ist denn drüben beim Garza los, macht der einen
+Extratanz?“
+</p>
+
+<p>
+„Möglich. Der große Junge ist heute abend auf Urlaub gekommen,
+er arbeitet in Texas. Der alte Garza sucht immer
+nach einer Gelegenheit, wo er seine musikalischen Talente
+zeigen kann.“
+</p>
+
+<p>
+Wir gingen nun wieder zurück zu Sleighs Hütte, denn er
+wollte sehen, ob eine bestimmte Kuh, die er am Nachmittag
+auf der Prärie nicht finden konnte, hereingekommen sei.
+</p>
+
+<p>
+Garza saß noch immer vor seinem Jacalito und wimmerte
+auf der Fiedel. Neben ihm hockte auf dem Erdboden „der
+große Junge von Texas“. Er war ein zwanzigjähriger
+Bursche, gut gewaschen und gekämmt, hatte ein neues Hemd
+an und fühlte sich sonnig, der verwöhnte Gast in seiner
+Familie zu sein. Auf dem linken Knie hatte er eine Tasse mit
+schwarzem Kaffee, und auf das rechte Knie stützte er den
+rechten Ellbogen. In der rechten Hand hatte er eine mit
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+Queso und Chile gefüllte Tortilla. So, jede überflüssige
+Kraftverschwendung peinlichst vermeidend, führte er bald
+die linke, bald die rechte Hand, alles auf Kugellagern
+laufend, an den Mund, um sein Nachtmahl einzunehmen
+und sich für den anstrengenden Zehnstundentanz zu stärken.
+Irgendwie würde es ja wohl zum Tanzen kommen; denn wo
+eine Violine in der Nähe war, da war auch Tanzmusik
+möglich.
+</p>
+
+<p>
+„Bist du denn immer noch nicht fertig, Manuel?“ rief jetzt
+eine Kinderstimme. Und hinter der Hütte kam ein sechsjähriger
+Junge vorgesaust und sprang dem zufriedenen Manuel
+wie ein Panther auf den Nacken, so daß Kaffee und Tortilla,
+oder was davon noch übrig war, in den Sand kollerten.
+</p>
+
+<p>
+Der Kleine saß fest im Nacken, zerraufte dem armen Manuel
+das strähnige Haar und trommelte ihm mit den kleinen
+Fäusten auf den Kopf und die Schultern, daß Manuel endlich
+aufstehen mußte. Carlos rutschte den Rücken hinunter, stellte
+sich vor den großen Bruder hin und begann, ihn zum Boxkampf
+herauszufordern. Aber Carlos war nicht ganz auf
+der Höhe. Gewöhnt, immer barfüßig herumzulaufen, stand
+er jetzt nicht sicher auf den kleinen Füßen. Manuel hatte ihm
+von Texas ein Paar echt amerikanische Stiefelchen mitgebracht,
+und Carlos hatte sie natürlich sofort anziehen
+müssen, um seinen großen Bruder zu ehren.
+</p>
+
+<p>
+Garza, unbekümmert um die Dinge, die da in seiner Nähe
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+sich abspielten, kratzte unermüdlich auf seiner Fiedel herum.
+</p>
+
+<p class="ibr">
+„Der Kleine ist ganz verrückt nach seinem erwachsenen
+Bruder“, sagte Sleigh, während wir auf seine Behausung zugingen.
+„Eigentlich sind sie gar nicht einmal Brüder. Der
+Große ist von der ersten Frau, der und noch ein anderer Junge
+von fünfzehn. Der Junge von fünfzehn ist nicht ganz richtig
+im Kopf, er hat zuweilen ganz verrückte Tage. Der Kleine
+ist von der zweiten Frau des Garza, eine noch ziemlich junge
+Frau. Aber der Große und der Kleine würden sich am liebsten
+auffressen vor Liebe. Der Manuel ist nur des Kleinen wegen
+auf Urlaub gekommen. Er hat seinen ersparten Lohn auf
+der Bahn verfahren, um ihm die Schuhe zu bringen und eine
+kleine Gitarre. Der mittlere, der Halbverrückte, ist gegenüber
+beiden, und selbst gegenüber seinem Vater, völlig indifferent.
+Ich glaube, er haßt den Kleinen fürchterlich, und
+wenn er ihm irgend etwas Hinterlistiges antun kann, so läßt
+er es sich nicht entgehen.“
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen waren wir zur Hütte gekommen, wo das Mädchen
+sich auf dem Erdboden ihr Lager zurechtmachte. Sleigh
+ging hinaus, um nach der Kuh zu sehen. Das Mädchen, ohne
+sich um meine Anwesenheit zu kümmern, streifte ihr Kleid
+von den Schultern herunter bis dicht an die Hüften und gab
+ihrem Säugling zu trinken. Dann schob sie das Kleid wieder
+hoch, kroch mit dem Würmchen im Arm unter das Moskitonetz
+und, wie ich an dem Gewoge des Netzes bemerken
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+konnte, zog sie sich darunter aus. Darauf streckte sie, mit
+einem wohligen Seufzer, der dem vollbrachten Tageswerk
+galt, alle viere von sich. Ob diese kleine Welt da draußen vor
+der Hütte einer Tanzlustbarkeit oder einer mysteriösen Tragödie
+entgegeneilte, war ihr durchaus gleichgültig.
+</p>
+
+<p>
+Es fing an, langweilig zu werden. Das kleine rauchige Lämpchen
+– ein Stückchen Docht in einer kleinen Blechflasche mit
+Petroleum – machte die Hütte gespenstisch. Die Decke war
+trockenes Gras. Die Wände waren dünne Stämmchen, durch
+die man in die Nacht hinaussehen konnte. Käfer, Motten und
+Schmetterlinge, so groß wie beide ausgebreiteten Hände,
+kamen auf das flackernde und rußende Flämmchen zugeflogen.
+Hin und wieder gluckste es in dem nahen Flusse,
+wenn ein Fisch hochsprang oder ein Tierchen vom Ufer
+hineinplanschte. Der ganze Erdboden und die umgebende
+Atmosphäre war angefüllt mit einem nimmer ermüdenden
+Zirpen, Pfeifen, Quietschen, Winseln und Wimmern. Ein
+Esel begann kläglich zu trompeten, und einige andere antworteten
+ihm, um sich Mut gegen die Gefahren der Nacht
+einzuflößen. Dann brüllte eine Kuh. Ein Mule kam wild angetrabt,
+von einer eingebildeten oder wirklichen Bestie in
+Angst gejagt. Als es einige Schritte von der Hütte stand und
+jemand drin sitzen sah, war es beruhigt, schnüffelte eine
+Weile auf dem Boden herum und trottete gemächlich wieder
+hinaus in die Nacht. Abgebrochene <a id="corr-0"></a>Stücke menschlicher
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+Reden und Laute klangen heran und wieder hinweg. Ein
+gelles Lachen, das scharf durch die Nacht schlug und alles
+andere übertönte, einen Moment schrill über dem Erdboden
+hing und sofort hinweggeschluckt wurde, schien die Dunkelheit
+aufzufärben. Aber als es so hart abgeschnitten verlöscht
+war, lastete die Dunkelheit schwärzer und wuchtiger als zuvor.
+Zuweilen wehten einige Noten von der Geige durch die
+Nacht. Sie schwirrten tänzelnd und krächzend, kamen und
+gingen, ohne eine Verbindung mit Musik zurückzulassen.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich stand Sleigh in dem türlosen Eingang wie ein
+Schatten. Alles, was man von dem Schatten sehen konnte,
+war das helle Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+„Ob das Mädel noch einen Schluck Kaffee zurückgelassen
+hat?“ fragte er. „Ich habe Durst.“
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen verstand nicht Englisch, aber Kaffee hatte sie
+verstanden und aus dem fragenden Tonfall heraus instinktiv
+begriffen, was er meinte. Sie hatte geschlafen, denn ich hörte
+sie schnarchen. Aber das leise Herankommen Sleighs, das ich
+nicht gehört hatte, das hatte sie im Schlafe deutlich vernommen,
+und sie war dadurch wach geworden.
+</p>
+
+<p>
+„Da steht noch Kaffee auf dem Feuer“, rief sie unter ihrem
+Netz hervor.
+</p>
+
+<p>
+„De veras?“ sagte Sleigh. Dann ging er zum Feuer, wo die
+Kanne in den glimmenden Holzstückchen stand.
+</p>
+
+<p>
+Er goß sich eine Tasse voll.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+„Wollen Sie auch noch haben, Gale?“
+</p>
+
+<p>
+„No, thanks just the same.“
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen schnarchte bereits wieder.
+</p>
+
+<p>
+Sleigh setzte sich mir gegenüber und sagte nach einer Weile:
+„Blitz und Donner noch mal, ich habe das dreckverfluchte
+Luder von Kuh nicht gesehen. That fucking son of a bitch
+hat doch ein Kalb hier. Kommt jeden Abend herein, auch des
+Mittags. Das Kalb ist fest. Ich glaube, wir haben einen Löwen
+herum. Vielleicht gar ein Pärchen. Dann geht’s bitter. Dem
+Pena ist vor ein paar Nächten eine feine Milchziege ausgeblieben.
+Nie wiedergekommen. Die Kuh ist sonst sehr
+pünktlich.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie alt ist denn das Kalb?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Acht Wochen. Aber die hängen hier bei uns vier, fünf
+Monate an der Milch herum. Da ist ganz bestimmt etwas
+nicht in Ordnung. Ich werde ja morgen sehen. Jetzt in der
+Nacht kann ich doch nichts tun. Wir wollen uns was erzählen.“
+</p>
+
+<p>
+Eine Minute darauf schlief er, nickte aber zu meinem Gespräch,
+runzelte die Stirn, zog den Mund zu einem Lächeln
+und machte vorschriftsmäßig alle die Gesten, die ich auf das,
+was ich sagte, von ihm erwartet hätte, wenn er völlig wach
+gewesen wäre. Aber er schlief seelenruhig.
+</p>
+
+<p>
+„He!“ rief ich plötzlich laut. „Wenn Sie schlafen, brauche
+ich doch nichts zu sagen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+„Schlafen?“ fragte er verwundert und mit einem beleidigten
+Ton in der Stimme. „Ich habe alles gehört, was Sie gesagt
+haben. Den Ladron Gomez kenne ich persönlich ganz gut,
+ich habe ja in Cuichapa Vanille gebaut, und in Huatusco
+war ich zwei Jahre mit einem Kakaofarmer.“
+</p>
+
+<p>
+„Was ist denn nun eigentlich mit der Tanzgeschichte? Wird
+getanzt oder wird nicht getanzt? Wenn nicht, dann fange ich
+jetzt an zu schlafen. Das ist ja zum Auswachsen.“ Ich wurde
+in der Tat ungeduldig.
+</p>
+
+<p>
+„Wir gehen jetzt wieder rüber zur Bomba, zur Pumpe. Da
+werden wir nun sehen, was los ist. Der Pumpmeister wird
+wohl Rat geschafft haben.“
+</p>
+
+<p>
+Er zog sich gemächlich die ledernen Cowboy-Hosen herunter,
+kramte irgendwo einen zerbrochenen Kamm hervor, kratzte
+sich damit durch das Haar, und dann gingen wir los.
+</p>
+
+<p>
+Als wir an der Hütte des Garza vorüberkamen, hing die
+Laterne noch vor dem Haus; aber Garza selbst saß nicht
+mehr da. Auch von den Jungen sahen wir keinen. In der
+Hütte war trübes Licht, und ich sah durch die Staketen, daß
+die Frau darin Toilette machte.
+</p>
+
+<p>
+„Scheint doch Tanz zu sein,“ sagte ich zu Sleigh, „die Senjora
+da drin zieht sich ihr Bestes an.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-3">
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+3
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar">s</span> war dicke schwarze Nacht. Der Himmel
+war klar, und die Sterne standen hell in der
+schweren Finsternis.
+</p>
+
+<p>
+Als wir zum Flußufer kamen, mußten wir
+nach der Brücke tasten. Drüben von der
+anderen Seite sahen wir die Laterne vom
+Pumpmeister herüberwinken. Endlich hatten wir die Brücke.
+</p>
+
+<p class="ibr">
+„Ei verflucht noch mal!“ sagte ich. „Da muß man verteufelt
+vorsichtig sein. Jetzt wäre ich doch wahrhaftig gleich in den
+Fluß gestürzt. Ist der denn tief?“
+</p>
+
+<p>
+„Acht bis fünfzehn Fuß, an den Ufern ziemlich flach. Im
+Durchschnitt wohl sechs Fuß, an den tiefsten Stellen sicher
+nicht mehr als fünfzehn“, sagte Sleigh.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+„Das ist tief genug, um für immer zu verschwinden“, erwiderte
+ich.
+</p>
+
+<p>
+Ich war geradezu auf die Laterne des Pumpmeisters losgegangen,
+bis ich plötzlich dicht zu meinen Füßen Sterne
+funkeln sah. Darüber war ich so erstaunt, daß ich mit einem
+Ruck stehenblieb, um das Wunder zu betrachten. Aber diese
+Sterne, die da so merkwürdig glitzerten, war die Spiegelung
+des Flußwassers, das leise dahinwellte. Sleigh ging weiter
+rechts neben mir. Ich konnte ihn nur undeutlich sehen, hörte
+aber seine Tritte auf den Holzplanken der Brücke.
+</p>
+
+<p>
+Ganz verwundert war ich über mein Erlebnis, das mir beinahe
+ein unerwartetes Bad gebracht hätte. Zuerst konnte ich
+mir gar nicht erklären, wie ich so hatte drauflosdösen
+können. Aber als ich dann in Ruhe den Vorgang übersah,
+war es mir durchaus klar: die Brücke kreuzte rechtwinklig
+zum Flußufer das Wasser; aber in der schwer durchdringlichen
+Finsternis konnte ich den rechten Winkel nicht fühlen,
+weil ich weder die Richtung des Ufers noch die der Brücke
+erkennen konnte. Die Pumpe war nicht unmittelbar am
+Ausgang der Brücke, sondern etwa dreißig Schritte links vom
+Ende der Brücke. Vom diesseitigen Ufer aus konnte man
+nichts weiter erkennen als das Licht der Laterne, die auf dem
+Platz vor der Pumpe hing. Daß die Pumpe und also das
+Licht nicht gerade am Ende der Brücke war, hatte ich, ohne
+darüber nachzudenken, im Gefühl gehabt; was ich aber nicht
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+richtig im Gefühl gehabt hatte, war die wahre seitliche Entfernung
+der Pumpe von der Brücke. Ich war viel zu scharf
+auf die Laterne losgegangen, und so war ich auf dem besten
+Wege, von der Brücke herunter glatt in den Fluß zu laufen.
+Ein Geländer grenzte sie ja nach den Seiten hin nicht ab. Die
+Täuschung war so vollkommen, daß, nachdem ich den Sachverhalt
+erkannt hatte, ich mich nach einigen Schritten schon
+wieder dicht am Rande befand, weil ich eben das Gefühl
+nicht los wurde, daß ich mehr auf die Laterne loszugehen
+habe, um nicht rechts über die Brückenkante zu fallen, wo ja
+tiefschwarze Nacht lag. Wäre drüben gar keine Laterne gewesen,
+würde man die Brücke viel sicherer gekreuzt haben.
+Als wir an das Ende der Brücke kamen, saßen da mehrere
+halbwüchsige Indianerburschen auf den Planken, ließen die
+Beine über den Seitenbalken herunterhängen und sangen.
+Sangen in jener, den Indianern so eigentümlichen Weise,
+immer innerhalb derselben sechs Töne bleibend, ab und zu aber
+unvermutet und ohne Übergang die Stimme hoch überschlagen
+lassend, so daß dieser Ton nicht in derselben Skala lag, wo die
+übrigen sechs oder sieben lagen, sondern zwei oder gar vier
+Oktaven höher. Dieser Ton, der den Gesängen die Farbe zu
+geben hatte, konnte nicht gesungen werden, sondern er wurde
+geschrillt. Irgendein anderer Gesang würde in den Nächten
+des Dschungels unnatürlich klingen. Hier tönte er in voller
+Harmonie nur so, wie er von den Indianern gesungen wird.
+</p>
+
+<p class="ibr">
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+Links am Ausgang der Brücke lag die Pumpstation. Rechts
+der Brücke war ein sandiger, mit dünnem harten Grase bewachsener
+Platz. Eine Packkarawane war angekommen, die
+wegen der Nähe des Flusses und der ganz unerwartet
+schweren Finsternis der Nacht hier Lager zu machen beschlossen
+hatte. Sie war etwa vierzehn Packesel und drei
+Reitesel stark. Sie brachte Ware nach den Dschungeldörfern.
+Die beiden Männer, natürlich auch Indianer, wie alle Leute,
+die hier herum waren, packten die Tiere ab, während der
+Junge, der mit ihnen war, ein Feuer anmachte.
+</p>
+
+<p>
+Bei der Pumpe sah es jetzt ein wenig bunter aus als eine
+Stunde vorher. Der Pumpmeister hatte noch eine zweite
+Laterne aufgehängt. Die Musik war immer noch nicht gekommen,
+und sie kam jetzt auch auf keinen Fall mehr. Dagegen
+waren inzwischen zahlreiche Männer, Frauen und
+Mädchen angekommen. Die Frauen und Mädchen in grünen,
+roten, blauen und gelben ganz dünnen Kleidchen aus den
+denkbar billigsten Stoffen. Alle hatten sie Strümpfe an und
+Schuhe. Keine hatte einen Hut, aber manche hatten ein
+schwarzes Baumwolltuch. Die Männer waren gekleidet wie
+immer, denn sie hatten meist ja nur ein Hemd und eine Hose,
+für Festtag und Arbeitstag dasselbe Zeug. Viele waren barfuß,
+manche hatten Stiefel, die Mehrzahl aber Sandalen,
+selbstgemachte. Wer Kinder besaß, hatte sie mitgebracht.
+</p>
+
+<p>
+Sie waren nun alle da, und irgend etwas mußte geschehen.
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+Garza war mit seiner Geige herübergekommen und fiedelte
+unermüdlich darauf herum. Aber niemand nahm sich den
+Mut, nach dieser Fiedelei zu tanzen. Alles wartete, daß
+irgendein großer Musiker irgendwoher erscheinen würde,
+um in diese Zusammenkunft Sinn hineinzubringen. Denn bis
+jetzt waren die Menschen ganz zwecklos hier. Und wenn
+schon die bunten Gazelümpchen angezogen werden, wenn
+schon das Haar stundenlang durchgekämmt, eingeölt und
+dann sorgfältig auffrisiert worden ist, wenn man schon die
+schönsten Blumen zusammengesucht und in die schwarzen
+Strähnen geflochten hat, wenn man schon die kleinen Bälger
+gebadet, und wenn man endlich auf Eseln oder gar zu Fuß
+meilenweit durch den Dschungel gewandert ist, dann soll
+doch auch nachher etwas zu erzählen sein. Aber nun so gar
+nichts, nur weil die Musik nicht gekommen ist.
+</p>
+
+<p>
+Die Frauen und Mädchen sitzen herum und schwätzen; die
+jüngeren stecken die Köpfe zusammen und kichern oder
+stehen plötzlich zu zweien oder dreien auf, laufen ein wenig
+herum, kommen zurück und setzen sich wieder. Ein paar
+Bänke sind da, sehr roh gearbeitete, und drei arme Stühle
+aus des Pumpmeisters Hütte. Die Mehrzahl der Damen sitzt
+auf Baumstämmen, Holzklötzen und morschen Eisenbahnschwellen,
+dem Feuerungsmaterial für die Pumpe.
+</p>
+
+<p>
+Die Kinder balgen sich herum, wälzen sich auf der Erde,
+jagen sich, kreischen, schreien, heulen und quieken. Die
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+größeren Burschen hocken gruppenweise zusammen auf dem
+Erdboden, prahlen sich gegenseitig etwas vor, hecken irgendwelche
+Streiche aus oder zeigen sich gegenseitig wichtige
+Kunststückchen, Talente und Fingerfertigkeiten, biegen sich
+Daumen um, recken sich die Knöchel aus, verrenken sich
+Gliedmaßen, Genick und Augen.
+</p>
+
+<p>
+Alles raucht Zigaretten. In Maisblätter gerollter Tabak.
+Alles raucht: Männer, Frauen, Mädchen, Burschen und die
+kleinsten Kinder. Während die Mütter die Säuglinge an der
+Brust haben, rauchen sie und blasen den kleinen Engerlingen
+den Rauch über das Gesicht. Auch schon der Moskitos wegen.
+Die Männer stehen auch in kleinen Gruppen zusammen und
+schwätzen und rauchen. Sie halten ihre Frauen unausgesetzt
+im Auge, um ihnen, wenn nötig, eine Mühe zu erleichtern.
+</p>
+
+<p>
+Ich stehe mit Sleigh, dem Pumpmeister und einem Indianer,
+der bei den Ölbohrern arbeitet, halbenwegs zwischen der
+Brücke und der Pumpe. Ich habe das Gesicht auf den Fluß
+zu gerichtet; aber ich kann natürlich weder die Brücke noch
+den Fluß erkennen.
+</p>
+
+<p>
+Bei den Eseltreibern glimmt das Feuer, und ich sehe, wie der
+Junge Kaffee in den Kessel schüttet, während sich die Männer
+die Tortillas wärmen, Käse schaben und Zwiebeln schneiden.
+Durch das Gebüsch am gegenüberliegenden Ufer sehe ich
+zwei dünne Lichtchen, die aus den Hütten herüberschimmern.
+Wenn sich das Gebüsch im leichten Winde bewegt, verschwinden
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+die Fünkchen und tauchen wieder auf, gerade als
+ob jemand mit einer Laterne durch das Gebüsch hin und her
+huschte. Zuweilen täuscht es, und man sieht nicht die kleinen
+Lämpchen, sondern sieht die großen Glühkäfer, die, wenn sie
+entfernt genug sind, auch nicht größer erscheinen als die
+Lampen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-4">
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+4
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D"><span class="hidden">D</span></span><span class="postfirstchar">ie</span> Burschen, die auf der Brücke sitzen,
+singen noch immer. Sie singen längst
+andere Lieder, aber für den Uneingeweihten
+scheint es stets die gleiche Melodie
+zu sein. Nicht aber für die Burschen.
+Rundherum ist Schwatzen, Lachen,
+Kichern und Quieken.
+</p>
+
+<p>
+„Und ich sage Ihnen, die werden gleich wieder zementieren“,
+spricht Ignacio, der Ölarbeiter, mit Wichtigkeit.
+</p>
+
+<p>
+„Wie tief seid ihr denn?“ fragt Sleigh.
+</p>
+
+<p>
+„Elfhundert Fuß.“
+</p>
+
+<p>
+„Da wird doch noch nicht zementiert,“ sagt der Pumpmeister,
+„da gibt es doch Bohrungen, wo sie bis auf viertausend
+Fuß hinuntergehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Weiß ich doch am besten“, sagt darauf Ignacio mit fachmännischer
+Sicherheit, obgleich er erst seit fünf Wochen im
+Ölfeld arbeitet. „Aber ich sage Ihnen, die zementieren Montag
+oder Dienstag.“
+</p>
+
+<p>
+Garza fiedelt unermüdlich, aber keiner folgt seiner Lockung.
+Das Singen der Burschen ebbt ein wenig schwermütig ab, und
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+in das laute Schwätzen und Lachen der Leute bricht ein verhaltenes
+Gähnen ein. Nur ein paar der Kinder quieken.
+</p>
+
+<p>
+„Warum die zementieren sollen bei elfhundert Fuß, sehe ich
+nicht ein“, sagt der Pumpmeister noch einmal.
+</p>
+
+<p>
+In dem Augenblick tönt vom Fluß, der die ganze Zeit hindurch
+schlief und schwieg, ein Platsch herüber.
+</p>
+
+<p>
+Der Platsch ist kurz und wird von niemand empfunden. Niemand
+achtete darauf. Und doch war er, als riefe der Fluß:
+„Vergeßt mich nicht, ich bin noch immer da und werde euch
+alle überleben!“
+</p>
+
+<p>
+Ich sehe Sleigh an, und er sieht mich an. Auch er hat den
+Platsch gehört, schenkt ihm aber keine Bedeutung.
+</p>
+
+<p>
+Es war, als ob von den Jungen, die da auf der Brücke saßen
+und sangen, einer aus Übermut hineingesprungen oder von
+andern hineingeschubst worden war. Aber nein, so war es
+nicht. Ich hörte kein folgendes Plätschern, kein Juchzen oder
+lachendes Zurufen. Das Wasser gab keinen weiteren, auch
+noch so leisen Laut von sich. Die Jungen ließen den abgeebbten
+Gesang wieder anschwellen. Sie waren von dem
+Platsch nicht beunruhigt worden. Es war also keiner der
+Jungen hineingesprungen. Wahrscheinlich hatte jemand
+einen Stein hineingeworfen; das war sicher ein dicker Stein
+gewesen. Doch wozu? Diese Mühe macht sich niemand.
+</p>
+
+<p>
+Garza fiedelt und fiedelt. Ich denke, die Finger müssen ihm
+ganz lahm sein.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+Es kann aber auch ein großer Fisch gewesen sein, der plötzlich
+hochschnellte und wieder zurückfiel ins Wasser. Nein,
+das war es nicht. So hatte es nicht geklungen.
+</p>
+
+<p>
+„Warum die zementieren werden“, antwortete Ignacio,
+„das werde ich Ihnen sagen. Die haben schon zwei zementiert,
+weiter drin. Die bohren so lange, bis sie Öl spüren, und
+dann zementieren sie sofort und sagen, sie haben nichts gefunden,
+die Biester.“
+</p>
+
+<p>
+Es kann ja auch ein Hund hineingesprungen oder hineingeworfen
+worden sein?
+</p>
+
+<p>
+Der Pumpmeister schüttelt den Kopf und sagt: „Das machen
+die Gringos nicht. Wenn die Öl finden, dann holen sie es auch
+raus bis auf das letzte Faß, das sie kriegen können. So eine
+Bohrung kostet doch wenigstens zwanzigtausend Dollar.
+Die schmeißen doch ihr Geld nicht weg und bohren da nur
+zum Spaß, bohren nur bis elfhundert und machen dann
+dicht, weil sie bis dahin nichts haben. Auf sechzehnhundert
+oder achtzehnhundert kann ja das dickste Öl liegen.“
+</p>
+
+<p>
+Ein Hund kann es auch nicht sein, der würde plätschern,
+um ans Ufer zu kommen. Aber da war kein Plätschern
+hinterher, kein Rufen, kein Kreischen, nichts. Nur der eine
+kurze Platsch und vorbei.
+</p>
+
+<p>
+Ignacio ist wissend. Er kennt die Geheimnisse der Ölmagnaten.
+„So können Sie nur reden,“ sagt er zum Pumpmeister,
+„weil Sie durchaus nichts von Öl verstehen. Wenn die nicht
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+bis auf dreitausend Fuß bohren, sondern schon vorher
+zementieren, so beweist das gerade, daß sie auf Öl gestoßen
+sind, oder aber, daß sie es fühlen. Dann machen sie rasch
+dicht und sagen, es sei überhaupt kein Öl da.“
+</p>
+
+<p>
+Manuel steht bei einem Mädchen, schwatzt auf sie ein, und
+sie lacht, lacht in einem fort. Er ist doch ganz anders als die
+anderen Burschen hier herum. Das macht eben, er arbeitet in
+Texas, er sieht die Welt und lernt, die schönen Mädchen von
+den weniger schönen zu unterscheiden.
+</p>
+
+<p>
+„Das müssen Sie mir nun nicht einreden, Ignacio,“ antwortet
+der Pumpmeister, „die Gringos mag alle der Teufel holen, da
+kehre ich mich nicht darum, aber stupid sind sie nicht, das
+können Sie mir nicht erzählen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das behaupte ich ja gar nicht,“ widerspricht Ignacio eifrig,
+„eben das ist es, sie machen ja gerade die Bohrlöcher dicht,
+weil sie nicht stupid sind. Sie zementieren nur deshalb, weil
+sie noch nicht das ganze Land hier herum in Vorpacht haben.
+Das machen sie, um die Bohrungspachten niedrig zu halten.
+Sobald sie alles Land in Pacht halten, dann kommen sie raus
+mit dem Öl, dann brechen sie die ganzen Zementierungen
+wieder aus, und dann sollen Sie mal sehen, wie das Öl hier
+flutet.“
+</p>
+
+<p>
+Weder Sleigh noch ich mischten uns in das Gespräch der beiden.
+Der Pumpmeister machte große Augen und sah Ignacio an
+wie einen Weltweisen. Dann sagte er in einem Ton, aus dem
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+deutlich die Bewunderung vor der Klugheit des Ignacio herauszuhören
+war: „Ich glaube, Sie haben recht, Ignacio. Das
+sieht ihnen ganz ähnlich, diesen Americanos. Ich sage es ja,
+stupid sind die ganz gewiß nicht, wenn sie auch sonst niederträchtige
+Biester sind.“
+</p>
+
+<p>
+Darauf antwortete Ignacio triumphierend: „Ja, man muß
+nur die Augen und Ohren aufmachen, dann kann man schon
+etwas lernen und sehen, auf welche Weise die ihr Geld
+machen. Mir können die alle nichts vormachen, ich bin ihnen
+weit über, diesen Burschen.“
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen hatte sich ein anderer Mann neben Garza gesetzt
+und ihm die Geige aus der Hand genommen. Die Mädchen
+sahen alle auf, weil er so tat, als ob er nun einmal zeigen
+wolle, wie man zum Tanze aufzuspielen habe. Ein paar
+Takte schien es auch, daß er wirklich hervorragend spielen
+könne, und die Mädchen zupften bereits an ihren Kleidern
+herum. Aber dann war es auch schon aus, und er spielte
+schlechter als Garza.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Mädchen wagten es endlich, zu tanzen. Nach zehn
+Schritten aber setzen sie sich wieder. Wenn wenigstens eine
+Gitarre da wäre, dann ließe sich so etwas wie Musik zusammenstoppeln.
+</p>
+
+<p>
+Dennoch denkt niemand an Aufbruch. Man ist einmal hier,
+und irgend etwas wird ja wohl geschehen. Wo so viele Leute
+beieinander sind, geschieht immer etwas. Vielleicht kommt
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+doch noch der große Musikmeister, auf den sie alle in einem
+unbestimmten Gefühl warten.
+</p>
+
+<p>
+Ignacio hat sich von uns entfernt. Er sucht sicher eine andere
+Gruppe auf, die er mit seiner großen Entdeckung auf die
+Knie zwingen kann.
+</p>
+
+<p>
+Eine junge, hübsche Frau kommt auf uns zu. Sie hat ein
+meergrünes Gazekleid an, durch das man den weißen Unterrock
+schimmern sieht. In dem schwarzen, sorgfältig durchgekämmten
+Haar hat sie zwei dicke rote Blumen, und sie
+trägt einen kleineren Blumenstrauß an die Brust gesteckt und
+einen mit dicken roten Blumen am Gürtel.
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie Carlos nicht gesehen?“ Sie fragt es ganz leichthin.
+„Er hat noch nicht sein Abendbrot gegessen. Er ist ja
+ganz aus dem Häuschen vor Aufregung, weil Manuel gekommen
+ist. Das geht in einem fort: „Buenas noches!“ und
+„Adios!“ und „Bonito!“ und „Bonita!“ und immer gleich
+wieder auf und davon.“
+</p>
+
+<p>
+„Hier war er nicht, ich habe ihn nicht gesehen“, sagt der
+Pumpmeister.
+</p>
+
+<p>
+„Kann sein, daß er hier war,“ sagt Sleigh, „aber ich habe
+nicht auf ihn geachtet.“
+</p>
+
+<p>
+Ein anderer Mann kommt auf uns zu, und wir reden von
+dem neuen Dampfkessel, der dem Pumpmeister schon seit
+zwei Jahren versprochen wurde, aber immer noch nicht angelangt
+ist.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+Die junge hübsche Frau sieht Manuel und geht zu ihm rüber.
+Ich sehe, wie er den Kopf schüttelt und dann wieder auf sein
+lachendes Mädchen einredet.
+</p>
+
+<p>
+Die Frau – es ist die Gattin Garzas und die Mutter des
+kleinen Carlos – geht nun zu ihrem Manne. Er dreht sich
+gerade eine Zigarette, hört gleichgültig zu und schüttelt dann
+mit dem Kopfe.
+</p>
+
+<p>
+Eine Weile steht die Frau unschlüssig und nachdenklich da.
+Dann sieht sie sich zwischen den Leuten und den Kindern um.
+Alle die Personen sitzen, stehen und laufen in dem trüben
+Licht herum wie bunte gespenstische Schatten. Die Gesichter,
+die alle tiefbraun, viele beinahe schwarz sind, sind weniger
+zu erkennen als die grellfarbigen Kleider der Mädchen und
+die hellen Hemden und Hosen der Männer. Zuweilen sieht
+es aus, als ob Kleidungsstücke herumlaufen, über denen ein
+großer Hut hängt und mitläuft, denn die Gesichter und
+Hände verlaufen in der Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Einige Male sehe ich noch die Frau Garza zwischen den
+Gruppen hin und her streifen, dann aber achte ich nicht mehr
+auf sie.
+</p>
+
+<p>
+Garza hat die Fiedel wieder genommen. Man sieht ein, daß
+er von allen, die es nun versucht haben, immer noch am
+besten spielt.
+</p>
+
+<p>
+Aus irgendeinem Winkel der Nacht heraus bläst jemand auf
+einer Mundharmonika. Wieder versuchen einige Mädchen
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+zu tanzen, und wieder stellen sie den Versuch nach einer
+Runde ein.
+</p>
+
+<p>
+Die Frau des Pumpmeisters steht auf, nimmt eine Laterne
+fort und geht damit ins Haus. Der Platz wird dadurch noch
+gespenstischer. Drüben bei den Eseltreibern ist das Feuer am
+Verlöschen, und die beiden Männer und der Junge kommen
+näher heran, um unter Menschen zu sein. Sie finden gleich
+Bekannte, stellen sich bei ihnen hin, spucken aus und mischen
+sich in das Gespräch.
+</p>
+
+<p>
+Da kommt die Garza in der Richtung von der Brücke auf
+uns zu. Sie geht sehr eilig und sagt, noch während sie geht:
+„Der Junge ist nicht da. Ich kann ihn nicht sehen. Wo steckt
+er nur?“ Ihr Gesicht, das vorhin noch nebensächlich, alltäglich
+geschäftig war, nimmt jetzt einen auffallend deutlichen
+Ausdruck der Besorgnis an. Sie zieht die Stirne hoch, öffnet
+ihre Augen weit und richtet sie fragend auf uns. In diesen
+Augen schimmert ein leiser Verdacht, gegen den sie sich noch
+zu wehren sucht. Und ein zweiter Verdacht glimmert hindurch,
+ob wir vielleicht etwas ahnen, aber unsere Ahnung
+vor ihr verbergen wollen. Hilflos sieht sie sich nach allen
+Seiten um, wo sie noch suchen könnte. Dann blickt sie uns
+wieder an. In ihren Augen ist eine Wandlung vor sich gegangen.
+Der Verdacht, die leise Ahnung fangen an, Gestalt
+anzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Der große Musikmeister ist erschienen! Der größte, den die
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+Menschen haben. Gleich wird er zum Tanze aufspielen. Zu
+einem wirbelnden Tanze, bei dem die Fanfaren des letzten
+Tages der Welt zu hören sein werden.
+</p>
+
+<p>
+Die Tänzer beginnen sich langsam aufzustellen. Zuerst nur
+die, wie bei jedem Tanze, die gehört haben, daß die Musik
+eingesetzt hat.
+</p>
+
+<p>
+„Machen Sie sich doch keine Sorgen, Carmelita,“ sagt der
+Pumpmeister, „der Junge ist müde geworden und hat sich
+hingelegt zum Schlafen.“
+</p>
+
+<p>
+„Im Hause ist er nicht, ich habe jeden Winkel durchsucht.“
+</p>
+
+<p>
+„Er wird bei andern Leuten sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, auch nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht irgendwo unter eine Decke gekrochen, oder er
+liegt auf einem Dache, wo er eingeschlafen ist, und wo es
+kühl ist“, sagt jetzt Sleigh.
+</p>
+
+<p>
+An das Dach hat die Frau nicht gedacht. Das kann sein, er
+schläft ja oft mit dem andern Jungen auf dem Dache, sie hat
+ihm ja oft den Fetzen Decke hinaufwerfen müssen. In ihre
+Augen kommt ein Schein von Hoffnung. Sie eilt davon.
+Wieder über die Brücke zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die Pumpmeisterin ist mit der Laterne aus der Hütte zurückgekommen,
+und der Platz wird wieder ein wenig heller.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-5">
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+5
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_g.jpg" alt="G"><span class="hidden">G</span></span><span class="postfirstchar">arza</span> fiedelt noch immer. Der Junge ist schon
+hundertmal nicht zum Abendessen gekommen,
+man hat ihn schon dutzende Male
+wer weiß wo suchen müssen, oft hat er sich
+einen Esel genommen und ist auf und davon
+geritten aus reinem Vergnügen. Die
+Frauen haben immer gleich den Sack voll Angst. Obgleich
+niemand zu tanzen versucht, er ist nicht beleidigt oder verärgert,
+unverdrossen spielt er weiter. Wenn einer besser
+spielen kann als er, so mag er sich doch melden, er will ihm
+gern seine Geige leihen. Aber da soll erst einmal einer kommen,
+der besser spielt. Das ist ja eben die Sache, man muß
+spielen können, und er kann spielen, besser als alle hier in
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+der Runde. Die Onesteps, Twosteps, Walzer und Foxtrotts
+schieben sich ja alle ein wenig ineinander, so daß man immer
+erst eine Weile hinhören muß, was er eigentlich spielt; und
+wenn man dann überzeugt ist, daß er einen Foxtrott meint,
+dann ist es ein Walzer.
+</p>
+
+<p>
+Ab und zu spielt wieder einer auf der Mundharmonika, die
+von Hand zu Hand oder richtiger von Mund zu Mund zu
+gehen scheint, denn zwischendurch hört man immer sprechen
+und zuweilen etwas lauter: „Gib mir mal, du kannst ja
+nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Die Jungen auf der Brücke singen nicht mehr. Vielleicht sitzen
+sie noch da und erzählen sich etwas, vielleicht auch haben sie
+sich zu den Mundharmonikaspielern gesellt oder zwischen
+die Gruppen hier gemischt.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza kommt schon wieder zurück. Da wir ja am nächsten
+zur Brücke stehen, muß jeder, der zum Pumpplatz will,
+an uns vorbei.
+</p>
+
+<p>
+Sie kommt so natürlich zuerst auf uns zu. Ihr Gesicht hat den
+ersten Schimmer von Angst angenommen. Die Augen sind starr
+und weit auf uns gerichtet mit einer ganz stillen Hoffnung,
+daß wir, während sie drüben auf der anderen Seite des
+Flusses war, etwas erfahren haben könnten. Ihr Haar, das
+so sorgfältig geordnet war, ist an der einen Seite ein wenig
+aufgezaust. Sie ist auf das Dach geklettert, und sie hat
+zwischen Gestrüpp gesucht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+„Er ist auch nicht auf dem Dache, Senjores. Die andern haben
+auch überall nachgesehen. Sie haben ihn nicht gefunden.“ Sie
+sagt es so, als ob die Worte Blei wären. „Drüben ist er nicht.“
+Sie geht hinüber zu ihrem Manne. Während er ruhig weiterfiedelt,
+redet sie auf ihn ein. Dann schweigt sie plötzlich und
+sieht ihn groß fragend an, seine Meinung erwartend.
+</p>
+
+<p>
+Er zieht noch einen langen Strich, dann setzt er den Bogen
+ab und läßt die Hand aufs Knie fallen. Die Geige hat er noch
+an der Brust, denn kein Indianer hier hält die Geige gegen
+das Kinn. Über die Geige hinweg sieht er mit seinen schwermütigen
+Augen seiner jungen Frau ins Gesicht. Plötzlich
+ruckt er zusammen. Er hat mehr in den Augen gelesen, als
+sie für ihn hineingeschrieben hatte. Er öffnet den Mund weit,
+und der Unterkiefer scheint zu erschlaffen. Jetzt endlich
+nimmt er die Geige auch herunter und stützt sie aufs Knie;
+und während er den Kopf sinken läßt, übergibt er die Fiedel
+dem großen Meister, den er jetzt kommen sieht.
+</p>
+
+<p>
+Der Junge ist noch keine Stunde fort. Er ist dutzende Male
+halbe Tage fortgewesen und hat sich hunderte Male viele
+Stunden lang wer weiß wo herumgetrieben, aber noch nie
+hat Garza seine Frau so gesehen wie jetzt.
+</p>
+
+<p>
+„Manuel!“ ruft die Frau.
+</p>
+
+<p>
+Manuel kommt von seinem lachenden Mädchen, der er noch
+ein lustiges Wort zurückruft, langsam heran.
+</p>
+
+<p>
+Lachend sagt er: „Was ist denn, Mutter?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+„Wir können Carlos nicht finden“, sagt sie, ängstlich in
+seinem Gesicht suchend, ob er nicht das erlösende Wort
+sprechen würde.
+</p>
+
+<p>
+Das Lächeln auf dem Munde Manuels wird um einen Grad
+leichter, und er sagt: „Ich habe ihn ja gerade eben noch
+gesehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wo?“ ruft die Mutter, während sich ihr Gesicht merkwürdig
+aufhellt, als wäre es plötzlich von strahlender Mittagssonne
+getroffen worden.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, hier, er wollte sich an meinem neuen Taschentuch die
+Nase abputzen. Das tat er auch. Dann schob er mir das Tuch
+wieder in die Hosentasche. Da, hier ist es. Dann puffte er
+mich in die Seite, trat mich auf den Fuß, und fort war er wie
+ein Coyote.“
+</p>
+
+<p>
+„Du sagst, gerade eben noch?“ drängt die Mutter auf ihn ein.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, natürlich, gerade eben noch. Oder –“
+</p>
+
+<p>
+„Was oder? Was oder?“ Die Mutter schüttelt ihn heftig an
+den Armen.
+</p>
+
+<p>
+„Oder – Warte mal, das kann auch schon zehn Minuten
+her sein.“
+</p>
+
+<p>
+Die Garza läßt kein Auge von seinen Lippen.
+</p>
+
+<p>
+„Laß mich mal denken. Es kann auch eine halbe Stunde her
+sein. Vielleicht noch mehr. Ja, ich glaube, es ist länger her.
+Seit dann habe ich ihn nicht mehr gesehen.“
+</p>
+
+<p>
+Das Gesicht der Garza verdunkelt sich mit einem Ruck. Die
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+Stirne zieht sich über der Nasenwurzel zusammen wie in
+einem Krampf, und das ganze Gesicht scheint zusammenzuschrumpfen,
+als ob es verwelke.
+</p>
+
+<p>
+„Nachdem war er noch drüben bei mir. Er reichte mir den
+Faden, damit ich die Blumen zusammenbinden konnte. Das
+war nachher –“ Trotz ihrer fliegenden Angst rekapituliert
+die Frau so genau, als läse sie das aus einem Buche. „Das war
+nachher, denn er sagte mir, daß er dir das Taschentuch aus der
+Tasche gezogen habe, und wenn du nicht so ein guter Manuel
+wärest, dann würde er es dir sicher stehlen.“
+</p>
+
+<p>
+Nun sieht sich Manuel besorgt um, dreht sich und hofft
+augenscheinlich, den kleinen Bruder im selben Augenblick
+irgendwoher aus der Nacht auftauchen zu sehen, denn er hat
+ihn zu lebensdeutlich vor Augen.
+</p>
+
+<p>
+Garza ist aufgestanden und steht unschlüssig da, er weiß
+nicht, was er tun soll. Seine Geige hat er gedankenlos auf die
+Bank gelegt.
+</p>
+
+<p>
+Die Pumpmeisterin ist näher gekommen, mit ihr einige
+andere Frauen. Es kommen jetzt auch Männer näher heran,
+um zu hören, was hier los sei. Die Pumpmeisterin redet beruhigend
+auf die Garza ein, sie hat selbst Kinder, und die sind
+alle Augenblicke zu suchen, manchmal an Stellen, wo es kein
+Mensch vermuten würde. Auch die übrigen Frauen sprechen
+ihre Erfahrungen aus: „Das kleine Kroppzeug kommt
+immer wieder. Nur ja keine Angst, Carmelita. Wenn er
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+Hunger hat oder sich irgendwo ausgeschlafen hat, dann
+werden Sie ihn schon erscheinen sehen.“
+</p>
+
+<p>
+Manuel hat sich entfernt. Nach einer Weile hört man ihn aus
+der Finsternis herausrufen: „Carlos! Carlos!“
+</p>
+
+<p>
+Alle, die hier herumstehen, hören auf zu sprechen und
+lauschen auf die Antwort. Aber man hört nur das Singen
+und Wimmern des Dschungels und das Sprechen der mehr
+abseits stehenden Gruppen.
+</p>
+
+<p>
+Durch das Rufen Manuels werden auch die übrigen Gruppen
+aufgescheucht, sie beginnen sich zu bewegen und an dem
+Tanze, dessen erste Takte sich noch schwerfällig hinschleppen,
+teilzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Der Pumpmeister geht zu dem offenen Schuppen, wo die
+Pumpe und der Kessel stehen, und leuchtet mit einigen Zündhölzern
+herum. Alle sehen hinter ihm her und erwarten,
+daß er den Jungen jetzt gleich da irgendwo am Arme hervorzerren
+wird. Als er aber wieder zurückkommt, sieht
+jeder ein, daß es unsinnig war, zu erwarten, der Junge
+würde sich zwischen dem verölten und verschmierten Eisengestrüpp
+verkrochen haben.
+</p>
+
+<p>
+Gequält sieht die Garza von einem zum andern. Sie hält
+eine Faust am Munde und nagt daran herum. Ihre Augen
+werden wie die eines Tieres, das instinktiv eine Gefahr herannahen
+fühlt. Ein Gedanke kommt ihr. Sie nimmt die Faust
+vom Munde fort, birgt sie in die linke Hand, hält so beide
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+Hände eine Weile vor der Brust und dreht sich dann rasch
+entschlossen um. Sie geht schnell auf die Brücke zu. Nach
+wenigen Schritten bleibt sie stehen, läßt Kopf und Arme
+entmutigend sinken und kommt mit schweren schleppenden
+Schritten zurück zu der Gruppe.
+</p>
+
+<p>
+Garza weiß nicht, was er tun soll. Er dreht sich endlich gedankenlos
+eine Zigarette.
+</p>
+
+<p>
+„Carlos! Carlos!“ hört man hin und wieder aus verschiedenen
+Richtungen her Manuels Stimme. Das veranlaßt
+mehrere Burschen nach anderen Richtungen auszustreifen,
+und bald vernimmt man von überall her den Ruf „Carlos!“
+Nach jedem Ruf folgt ein Schweigen, und manchmal scheint
+es, als ob selbst der Dschungel für kurze Momente mitschwiege,
+um ein Menschenkind retten zu helfen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-6">
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+6
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_s.jpg" alt="S"><span class="prefirstchar">„</span><span class="hidden">S</span></span><span class="postfirstchar">enjora!</span> Senjora Garza!“ ertönt da die rufende
+Stimme zweier Jungen, die offenbar von
+drüben, von der anderen Seite herangesaust
+kommen.
+</p>
+
+<p>
+„Also, da ist er ja, der Junge“, ruft die Pumpmeisterin
+aus. Alle Gesichter entspannen sich,
+und eilige Worte fliegen hin und her, um rasch etwas zu
+sagen, ehe die heranspringende Neuigkeit einem die Möglichkeit
+nimmt, etwas ungemein Wichtiges auszusprechen.
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Burschen und Mädchen entfernen sich von der
+Gruppe, gelangweilt. Es war ja die Aufregung wahrhaftig
+nicht wert. Wie kann denn der Junge verlorengehen.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza schluckt, und sie leckt sich die trockenen Lippen.
+Dann holt sie tief Atem, als habe sie seit Stunden nicht geatmet.
+Dennoch läßt sie sich nicht überwältigen. Es steigt
+Hoffnung in ihrem Gesicht auf, aber der Zweifel bleibt die
+stärkere Empfindung. Sie hat sich so sehr in Gewißheit hineingearbeitet,
+daß sie nicht leicht herausfinden kann.
+</p>
+
+<p>
+Nun sind die Jungen heran. Atemlos reden sie drauflos:
+„Senjora, Sie suchen Ihren Chiquito, Ihren kleinen Carlos?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja doch, wo ist er denn?“ rufen die Umstehenden, während
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+die Mutter mit weiten verglasten Augen auf die Jungen
+starrt, als kämen sie aus einer andern Welt.
+</p>
+
+<p>
+„Aber der Carlos ist doch nach Magiscatzin geritten“, sagt
+der größere der beiden Jungen.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das ist er,“ bestätigt der kleinere, „das ist er ganz bestimmt.“
+</p>
+
+<p>
+„Na ja also“, sagt die Pumpmeisterin gedehnt und klopft
+der Garza freundschaftlich auf die Schulter.
+</p>
+
+<p>
+„Habe ich doch schon gesagt“, spricht eine andere Frau. „So
+ein Junge kann doch nicht so ganz einfach aus der Welt herausfallen.“
+</p>
+
+<p>
+Die Männer sagen nichts, und die meisten entfernen sich von
+der großen Gruppe, um wieder ihre unterbrochenen Gespräche
+aufzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza zieht die Stirne zusammen, als fiele ihr das Nachdenken
+sehr schwer. Sie hält beide Hände vor den Leib und
+sieht die Jungen an. Die Jungen wollen hinwegtrollen. Aber
+die Garza hält den einen am Arme fest, und dadurch bleibt
+der andere von selbst auch stehen.
+</p>
+
+<p>
+„Ihr sagt, er ist nach Magiscatzin geritten?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja freilich.“
+</p>
+
+<p>
+„Worauf denn?“
+</p>
+
+<p>
+„Auf einem Pferd!“
+</p>
+
+<p>
+„Auf einem Pferd? Auf wessen Pferd denn eigentlich?“
+</p>
+
+<p>
+Ganz ruhig fragte die Garza das.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+„Ein großer Junge kam vorbei auf einem Pferde“, erwidert
+nun der ältere der beiden Burschen.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ein großer Junge“, mischt sich der Jüngere ein. „Und
+Carlos stand gerade hier, und da sagte –“
+</p>
+
+<p>
+„– und da sagte der Junge,“ nun redet wieder der Ältere,
+„willst du nicht mitkommen, Carlos, ich reite schnell.“
+</p>
+
+<p>
+„Was hat denn da der Carlos gesagt?“ fragt die Garza.
+</p>
+
+<p>
+„Reitest du nach Magiscatzin? hat Carlos gefragt. Da hat
+der große Junge genickt, und Carlos sagte, dann könne er
+sich ja in Magiscatzin Bonbons kaufen, er habe zwanzig
+Centavos. Und der Junge hat wieder genickt und gesagt,
+das könne er wohl, und sein Pferd sei ein sehr schnelles
+Pferd.“ Wenn der eine der beiden Jungen aufhört zu reden,
+fängt jedesmal gleich der andere an. Die Geschichte scheint
+ganz wahr zu sein. Das können sich zwei Jungen nicht so
+gut von selber ausdenken.
+</p>
+
+<p>
+Die Leute sind wieder dichter herangekommen. Die Garza
+blickt eine Weile auf die Jungen, dann sieht sie sich um, blickt in
+die Gesichter der Umstehenden, die infolge des trüben Lichtes
+der verräucherten Laternen kaum richtig zu erkennen sind.
+Inzwischen ist Manuel näher gekommen, weil er hörte, daß
+hier eine Neuigkeit sei. Der Blick der Garza fällt jetzt auf
+Manuel und bleibt eine Weile darauf haften, als ob sie bei
+ihm Rat suche. Dann wendet sie sich rasch zurück zu den
+Jungen und sagt laut: „Das glaube ich nicht. Das glaube ich
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+nicht. Carlos reitet nicht fort, wenn Manuel hier ist und
+Manuel Montag früh schon wieder abreisen muß. Und wenn
+er wirklich nach Magiscatzin geritten wäre, so hätte er es
+Manuel gesagt.“
+</p>
+
+<p>
+„Er ist aber doch mit dem großen Jungen geritten“, besteht
+der ältere Bursche auf seiner Behauptung.
+</p>
+
+<p>
+„Wer war denn der Junge?“ fragt die Garza.
+</p>
+
+<p>
+„Das wissen wir nicht, wie er heißt.“
+</p>
+
+<p>
+„So, das wißt ihr nicht?“ sagt die Garza. „Kennt ihr den
+Jungen?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, wir kennen ihn nicht“, sagt der Ältere, während der
+Jüngere behauptet: „Ich habe ihn aber schon einmal hier
+vorbeikommen sehen mit einem beladenen schwarzen Esel.“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Nun mischt sich der Pumpmeister ein: „Wie sah denn der
+Junge aus?“
+</p>
+
+<p>
+Bisher haben die Jungen klar und sicher gesprochen. Als sie
+aber diese Frage beantworten sollen, fangen sie an, sich fortgesetzt
+zu widersprechen. Sie vermögen nicht genau anzugeben,
+wie der Junge ausgesehen hat. Sie können nicht
+einmal sagen, ob er auf einem Sattel saß oder nur auf einer
+Matte, und über die Farbe des Pferdes und das Brandzeichen
+wissen sie gar nichts. Dagegen stimmt die Zeit wieder, denn
+sie behaupten, es sei ungefähr etwas mehr als eine gute Stunde
+her, seit Carlos fortgeritten sei. Das wäre also um acht Uhr
+gewesen. Und um diese Zeit lief der Junge aus der Hütte fort,
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+um rüber zur Pumpe zu rennen, wo Manuel war und der Vater
+die Geige spielte. Seitdem hat ihn die Mutter nicht mehr gesehen.
+Als alle Anwesenden, mit Ausnahme der Mutter, erklären,
+daß sie die Erzählung der beiden Jungen für glaubhaft
+halten, weil mehrere Männer und Burschen vorübergeritten
+seien und die Jungen gar keinen Grund hätten, zu schwindeln
+in einer so ernsten Sache, setzt sich Garza aufs Pferd
+und reitet nach Magiscatzin, um nach Carlos zu fragen. Es
+ist möglich, jener Junge auf dem Pferde ist nicht aus der
+Gegend hier, sondern macht eine Reise und hat Carlos in
+Magiscatzin abgesetzt, und Carlos kann nicht zurück. Der
+Junge ist doch nur sechs Jahre alt und mag leicht unüberlegte
+Streiche dieser Art machen. Nun sitzt er wahrscheinlich in jenem
+kleinen Dorf und heult, weil er nicht zurück kann in der Nacht.
+Durch die Beschäftigung des Aufsattelns, durch das Fortreiten
+ihres Mannes und infolge der Zuversicht aller übrigen
+Leute wird die Garza ein wenig von ihren schweren Befürchtungen
+abgelenkt. Sie fühlt sich leichter, setzt sich zu
+anderen Frauen auf eine Bank und mischt sich in deren alltägliches
+Geschwätz über alltägliche Dinge.
+</p>
+
+<p>
+Manuel steht gegen einen Baum gelehnt. Er weiß nicht recht,
+was er tun soll. Zu den Mädchen gehen, da herumsitzen und
+kichern, hat er keine Lust. Endlich aber macht er sich doch
+auf und geht langsam auf jenes hübsche Mädchen zu, mit
+der er schon früher am Abend geplaudert hatte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-7">
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+7
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_s.jpg" alt="S"><span class="hidden">S</span></span><span class="postfirstchar">leigh</span> war an der ganzen Sache ziemlich uninteressiert
+gewesen. Was ihn überhaupt lebhaft
+in Bewegung bringen könnte, habe ich bis
+heute nicht erfahren können. Aber vielleicht
+lerne ich etwas mehr von ihm, besser über ihn,
+wenn ich ihn später wieder einmal treffe. Als
+die Aufregung sehr hoch ging, sagte er mir, daß er wieder
+rübergehen wolle, um zu sehen, ob die Kuh jetzt vielleicht
+hereingekommen sei. Nun ist er zurück. Die Kuh ist noch
+nicht da, und sein Gespräch dreht sich nur darum, wo die
+Kuh sein könne und warum sie nicht komme.
+</p>
+
+<p>
+Da kommt ein Junge an uns vorüber und geht zu Manuel.
+Ich folge ihm, um zu hören, was er will.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+„Das ist ja gar nicht wahr, daß der Carlos nach Magiscatzin
+geritten ist“, sagt er sehr laut zu Manuel. „Der Carlos ist
+mit einem Jungen nach Tamalan geritten, aber nicht auf
+einem Pferde, nein, auf einem Esel.“
+</p>
+
+<p>
+„Hast du es gesehen?“ fragt Manuel mißtrauisch.
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich habe ich es gesehen, sonst würde ich es dir doch
+nicht sagen.“
+</p>
+
+<p>
+„Warum hast du denn das nicht früher gesagt?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe doch nicht gewußt, daß die andern erzählt haben,
+Carlos sei nach Magiscatzin geritten“, sagte der Junge entschuldigend.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza hat das alles gehört. Sie ist aufgeschnellt und
+kommt so rasch herbei, als sei sie in einem Satz hergesprungen.
+</p>
+
+<p>
+„Was sagst du da?“ schreit sie auf den Jungen ein und
+schüttelt ihn bei beiden Schultern.
+</p>
+
+<p>
+Der Junge wiederholt seine Rede und schwört bei allen
+Heiligen, daß er Carlos habe auf einem Esel fortreiten
+sehen, in der Richtung nach Ocampo.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza läßt den Kopf tief zwischen ihren Schultern versinken,
+und sie erscheint plötzlich ganz klein und zusammengedrückt.
+Ihr Mund steht weit offen, und ihr Blick flackert
+irre hin und her.
+</p>
+
+<p>
+Der Pumpmeister rüttelt sie energisch am Arm. Er fürchtet,
+daß sie stehend sterben werde, wenn er sie nicht aufwecke.
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+Dabei sagt er: „Regen Sie sich doch nicht auf, Carmelita,
+regen Sie sich doch nur nicht auf. Warten Sie doch erst einmal
+ruhig ab, bis Garza zurück ist.“
+</p>
+
+<p>
+Die Frau sagt nichts darauf. Sie hat augenscheinlich überhaupt
+nichts gehört. Der flackernde irre Blick schweift weiter
+ruhelos umher.
+</p>
+
+<p>
+Einer der Eseltreiber des Packzuges sagt nun: „Ich kenne
+den Weg nach Tamalan. Es ist ein ganz verfluchter Weg.
+Wenn man ihn nicht genau kennt, kommt man in der Nacht
+nicht mehr wieder. Habt ihr eine Mula oder einen Esel, dann
+will ich rüberreiten und nach dem Jungen herumhören.
+Meine Esel sind müde.“
+</p>
+
+<p>
+Sogleich wird ihm ein Esel angeboten. Als er abreitet, kommt
+noch ein Junge mit einem Esel an, um ihn zu begleiten.
+</p>
+
+<p>
+„Habt ihr auch Zündhölzer?“ ruft der Pumpmeister hinter
+ihnen her.
+</p>
+
+<p>
+„Wir haben genug“, wird ihm zurückgerufen.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza wird immer aufgeregter. Die leise Hoffnung, die
+sie hatte, als die Leute alle so zuversichtlich waren, der Junge
+müsse in Magiscatzin sein, ist völlig verflogen. Stark war in
+ihr diese Hoffnung ja nie gewesen. Nun aber fällt die Frau
+zurück in jenen Zustand der Gewißheit, den sie besaß von
+jenem Augenblicke an, als sie den Kleinen vermißte. Was
+niemand sonst wissen kann, sie, die Mutter, weiß es: der
+Junge kommt nie wieder! Herz und Instinkt sagen ihr die
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+Wahrheit. Alle mögen leugnen und zweifeln, sie zweifelt
+nicht. Sie hat ernsthaft keine Sekunde lang gezweifelt.
+</p>
+
+<p>
+Mit dieser endgültigen Wiederkehr der Gewißheit verfliegt
+der irre flackernde Blick aus ihren Augen. Sie rafft sich zusammen.
+Sie muß etwas tun für ihr Kind, wäre es auch nur,
+um seinen kleinen Körper noch einmal zu liebkosen.
+</p>
+
+<p>
+Sie eilt hinweg, zurück über die Brücke, heim in die häusliche
+Hütte. Eine Minute darauf sieht man sie auf der anderen
+Seite des Flusses mit einer Laterne durch die Gebüsche am
+Ufer streifen. Bald kriecht sie tiefer in den Dschungel, bald
+wieder kommt sie näher zum Ufer. Mit weit ausgestrecktem
+Arm leuchtet sie in das Wasser. Zuweilen ruft sie den Namen
+des Kindes. Es klingt gespensterhaft. Hier auf dieser Seite
+haben die Leute das Gefühl, als ob auf das Rufen eine Antwort
+folgen würde, die grauenhaft sein müsse.
+</p>
+
+<p>
+Eine Weile steht sie dann drüben am Ufer, überlegend, was
+wohl zu tun sei. Die Laterne hängt am Arme herunter und
+beleuchtet die so festlich gekleidete Frau. Das Gesicht aber,
+das von unten her sein Licht empfängt, während oben und
+von allen Seiten die tiefen schwarzen Schatten der Nacht
+liegen, ähnelt weder einem menschlichen, noch einem tierischen
+Antlitz. Es ist eine grausige Fratze und Maske, die sich
+mit keinem Dinge auf Erden vergleichen läßt.
+</p>
+
+<p>
+Hier, auf dieser Seite des Flusses, stehen die Leute in
+Gruppen und sehen hinüber zu der einsamen Mutter, die
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+mit der Laterne am Ufer steht, um nach ihrem einzigen
+Kinde zu suchen. Zwei feindliche Lager, durch den Fluß
+getrennt; zwei gegenüberstehende Welten. Die eine Welt in
+ihrem tiefsten Schmerze, die andere hilfsbereit, aber doch im
+Herzen froh, daß es der andere ist, den es traf.
+</p>
+
+<p>
+Es gehen einige Männer hinüber, um der Frau beim Suchen
+zu helfen. Sie kriechen ziellos in dem Dornengebüsch herum.
+Daß sie den Jungen dort finden könnten, glaubt keiner von
+ihnen; sie wollen nur der Mutter zeigen, daß sie nicht allein
+sei, daß man alles tun wolle, was nur in der Macht der
+Menschen liegt, um ihr zu helfen.
+</p>
+
+<p>
+Die Frau bewegt sich langsam auf die Brücke zu. Während
+sie über die Brücke geht, leuchtet sie bei jedem Schritt in das
+Wasser hinunter. Aber das Wasser ist dick und gelb; der Schein
+der Laterne dringt nicht eine Handbreit unter die Oberfläche.
+Sie ist nun wieder auf dieser Seite. Die Pumpmeisterin legt
+ihr die Hand auf die Schulter und redet tröstend auf sie ein:
+„Wir wollen doch erst einmal sehen. Der Kleine ist wirklich
+mit den Jungen fortgeritten, das ist ganz sicher. Kommen
+Sie, setzen Sie sich auf die Bank und denken Sie jetzt nicht
+mehr daran; das können wir noch immer genug tun, wenn
+die Leute zurück sind.“
+</p>
+
+<p>
+„Carlos ist nicht fortgeritten“, die Garza sagt es mit fester
+Bestimmtheit. „Er reitet nicht fort, wenn Manuel hier ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, Kinder!“ erwidert die Pumpmeisterin. „Sie haben nur
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+das eine, da wissen Sie nicht viel über Kinder. Ich weiß das
+besser von meinen Gören. Woran man gar nicht denkt, das
+tun sie gerade zuerst.“
+</p>
+
+<p>
+Die Garza hat die Laterne vor sich auf den Erdboden gestellt.
+Sie dreht sich um und blickt mit schweren müden
+Augen zum Fluß hinüber. Dann wendet sie ihr Gesicht
+wieder der Gruppe zu, in der sie steht. Unschlüssig und ratlos
+sieht sie alle der Reihe nach an. Den Kopf legt sie schwerfällig
+in den Nacken und schließt für eine Weile die Augen.
+Plötzlich aber reckt sie sich zusammen und ruft mit keuchender
+Stimme: „Der Junge ist im Fluß. Er ist ertrunken!“
+</p>
+
+<p>
+Erstarrt stehen die Anwesenden, als habe der Blitz zwischen
+sie eingeschlagen. Die Pumpmeisterin kann vor Entsetzen kaum
+schlucken. Endlich sagt sie: „Segne Sie Gott, Carmelita, wie
+können Sie nur so etwas Sündhaftes und Schauderhaftes sagen!“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Die Garza jedoch stößt einen tiefen Seufzer aus. Sie fühlt
+sich erlöst von einem Klumpen, der ihr seit langem in der
+Kehle gelegen hat und sie zu ersticken drohte. Sie reckt und
+dehnt den Hals, und ihr Blick wird mit einem Male sachlich
+und brutal nüchtern. Alles Irre und Flackernde ist daraus
+verschwunden. Sie steht bewußt und sicher in der Welt wie
+vielleicht nie zuvor im Leben.
+</p>
+
+<p>
+Während die Leute noch wie entgeistert sind, nicht wissen,
+was sie tun oder sprechen sollen, redet die Garza frisch weg,
+um sich noch mehr Luft zu schaffen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+„Der Junge war ja so wild und ausgelassen den ganzen
+Abend. Er wußte ja kaum, was er tat, und wo er rannte. Ich
+konnte ihn nicht halten im Hause, er mußte wieder hinüber
+zu Manuel und rannte fort wie ein Wirbelwind. Er kennt
+den Weg und die Brücke ganz genau. Aber da hat er die
+neuen Schuhe an und war nicht ganz sicher auf den Beinchen.
+Als ich vorhin zum ersten Male hier über die Brücke kam,
+wäre ich beinahe ins Wasser gefallen. Ich sah die Laterne
+hier hängen und ging drauf zu; erst als ich gegen den
+Balken stieß, fiel mir ein, daß die Brücke gar nicht auf die
+Laterne zuläuft, sondern weit ab. Und als ich das bemerkte,
+da kam mir der Gedanke, wenn der Junge so wild drauflosläuft,
+dann fällt er sicher ins Wasser. Und als ich dann hier
+drüben ankam, war meine erste Frage die nach dem Jungen.
+Ich würde sonst vielleicht gar nicht an ihn sofort gedacht
+haben. Aber ich wußte gleich, es ist schon zu spät, denn mein
+Herz war ganz voll Angst.“
+</p>
+
+<p>
+Niemand hat sie unterbrochen, und eine gute Weile spricht
+kein einziger der Zuhörenden. Dann aber sagt die Pumpmeisterin:
+„Aber das ist ja ganz unmöglich, man würde doch
+gehört haben, wenn der Junge in den Fluß stürzt.“
+</p>
+
+<p>
+Ich blicke seitwärts, und meine Augen treffen die des Sleigh,
+der im gleichen Moment aufschaut und mich ansieht. Weder
+er noch ich fühlen das Bedürfnis, irgend etwas zu sagen.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein,“ sagt jetzt ein Mann, „das würde man sicher
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+gehört haben. Das platscht doch, wenn so ein Junge in den
+Fluß fällt. Auch fällt so ein Junge nicht rein und ist gleich
+lautlos verschwunden. Der schreit und strampelt und macht
+Lärm.“
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich“, mischt sich nun der Pumpmeister ins Gespräch.
+„Ich kenne doch den Jungen, es verging doch kein Tag, wo
+er nicht hier herumgeschwommen und herumgeplantscht hat
+im Wasser. Er ist wie ein Fisch. Der hätte sich schon herausgekrabbelt,
+und wenn er das nicht gekonnt hätte, dann hätte
+er geschrien. Er ist doch Wasser gewöhnt.“
+</p>
+
+<p>
+Die Garza hört dem allen zu, als ob über etwas gesprochen
+würde, das sie gar nicht berühre. Nun aber fühlt sie sich verpflichtet,
+ihren Jungen zu verteidigen: „Gewiß hätte er sich
+herausgearbeitet, oder hätte er geschrien, aber er konnte es ja
+nicht mehr. Er hatte doch die neuen Stiefelchen an. Er hat
+gewiß, als er so ausgelassen drauflostrabte, mit den Stiefeln
+gegen den Balken gestoßen. Wäre er barfuß gewesen, hätte
+er sich halten können. Aber die Sohlen waren spiegelglatt.
+Ehe er wußte, was überhaupt geschah, da war er übergekippt
+und hatte mit dem Kopf auf den Balken geschlagen, und ehe
+er zur Besinnung kam, war er schon unter dem Wasser. Er
+hat gar keine Zeit gehabt, zu strampeln oder zu schreien.“
+</p>
+
+<p>
+Mit dieser Rede schließt die Garza ihre Erzählung ab. Sie hat
+nichts mehr zu sagen, und niemand kann sie überzeugen, daß
+es anders wäre oder daß der Junge nicht im Flusse sei.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-8">
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+8
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D"><span class="hidden">D</span></span><span class="postfirstchar">ie</span> Leute freilich geben sich keineswegs zufrieden.
+Man erinnert sich der Jungen,
+die auf der Brücke saßen und sangen,
+gerade zu der Zeit, als das Unglück sich
+zugetragen haben solle. Aber die Jungen
+haben nichts gehört und nichts gesehen.
+Sie saßen am Ende der Brücke mit dem Gesicht zum Wasser
+und dachten nur an ihr Singen. Dicht in ihrer Nähe ist der
+Junge nicht hineingefallen. Außerdem ist es so schwarze
+Nacht, daß sie es auch kaum bemerkt haben würden, wenn
+sie die Brücke im Auge gehabt hätten. Einen Platsch haben
+sie auch nicht gehört. Wenn sie ihn gehört haben, so haben
+sie ihn nicht aufgenommen, denn hochspringende große
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+Fische platschen ebenfalls. Aber daß diese Burschen, die am
+nächsten waren, nichts bemerkt haben, veranlaßt die Leute,
+der Garza einzureden, sie bilde sich Dinge ein, die gar nicht
+geschehen könnten.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza sagt nichts darauf.
+</p>
+
+<p>
+Jeder der Anwesenden weiß einen neuen Gedanken aufzubringen,
+um zu beweisen, daß es so, wie die Garza annimmt,
+nie gewesen sein könne, daß es überhaupt ganz und gar ausgeschlossen
+sei, daß der Junge in den Fluß gefallen sei, und
+vor allen Dingen, daß es undenkbar wäre, daß er so geräuschlos
+in den Fluß gestürzt sein könne. Niemand unterstützt
+die Mutter in ihrer Meinung. Man glaubt den Jungen
+an den allerunmöglichsten Stellen, an denen ein Junge nur
+sein könne, selbst im Feuerloch des Dampfkessels der Pumpe,
+aber im Fluß glaubt ihn niemand.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich wenden sich ein paar der Männer an mich, weil
+ich gar nichts sage, und fragen mich geradezu, was ich von
+der ganzen Sache denke. Ich weiß, wo der Junge ist, und
+Sleigh weiß es auch. Sleigh blickt mir gerade ins Gesicht,
+während ich gefragt werde von den Männern, die mir am
+nächsten stehen in der Gruppe. Ich sehe, daß Sleigh die
+Achseln zuckt, als ob man die Frage an ihn gerichtet hätte.
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Und ich antworte: „Was kann ich da sagen? Ich kenne ja
+nicht die Schlupfwinkel hier herum, in die sich der Junge verkriechen
+könnte.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+Ja, ob ich denn glaube oder es für möglich halte, daß
+der Junge in den Fluß gefallen sei?
+</p>
+
+<p>
+„Möglich,“ sage ich, „möglich ist alles, und möglich ist durchaus,
+daß der Kleine ins Wasser gefallen ist. Wo Wasser ist,
+kann immer jemand hineinfallen, ob er will oder nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Der Senjor hat recht,“ antwortet einer der Männer, „im
+vorigen Jahr ist doch hier in demselben Wasser, nur weiter
+unten, der Ägypter ertrunken, der dort seine Hütte hatte
+und Gemüse pflanzte.“
+</p>
+
+<p>
+„Das lag aber ganz anders,“ erwidert einer, „der Ägypter
+badete und kam an eine tiefe Stelle, wo er versank und nicht
+wieder heraufkam.“
+</p>
+
+<p>
+Ein alter Indianer kommt etwas näher und fragt mich: „Was
+denken Sie denn, Senjor, was wir tun könnten?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich denke, wir suchen den Fluß ab. Wenn der Junge im
+Fluß ist, müssen wir ihn ja finden, und dann wissen wir
+wenigstens, wo er ist. Wenn die Männer zurückkommen und
+haben ihn nicht gefunden, und wir finden ihn im Flusse auch
+nicht, dann müssen wir wohl den ganzen Dschungel absuchen.“
+</p>
+
+<p>
+Die Garza ist mit ihrer Laterne schweigend zur Brücke gegangen,
+sie hat die Brücke überquert, und sie steht jetzt an
+der anderen Seite der Brücke, nicht weit vom Ufer. Nach
+einer Weile leuchtet sie über den Rand in das Wasser hinunter,
+und dann stößt sie einen markerschütternden Schrei aus.
+</p>
+
+<p class="ibr">
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+Ein paar Jungen rennen hinüber und kommen zurück mit
+der Botschaft, daß die Frau durchaus nichts im Wasser gesehen
+hat. Es war kaum nötig, uns das zu sagen; denn jeder
+wußte, daß sie an jener Stelle nichts sehen konnte, selbst wenn
+der Junge dort versunken sein sollte.
+</p>
+
+<p>
+Nun beginnt die Frau unausgesetzt gellend zu schreien.
+Wenn der eine Schrei verklungen ist, ertönt gleich darauf
+der folgende. Es ist das Wehklagen indianischer Frauen, die
+einen Toten beweinen. Es klingt nicht wie Weinen, es klingt
+vielmehr wie ein den Himmel anklagendes langgezogenes
+Schreien. Viele große Säugetiere, denen der Gefährte oder
+das Junge erschossen, erschlagen oder geraubt wurde, schreien
+und klagen in genau der gleichen Weise. Hört man dieses
+wehklagende Schreien der Frauen zum ersten Male, glaubt
+man nicht, daß es ein Schreien des Trauerns wäre. Lebt man
+länger unter den Indianern, hört man den tiefen Schmerz
+aus dem Schreien so deutlich heraus wie aus dem stillen
+Weinen einer europäischen Frau.
+</p>
+
+<p>
+Wäre der Tod des Jungen gewiß oder hätte man gar seinen
+kleinen Leichnam gefunden, so würden sofort alle Frauen in
+dieses Schreien, das man kilometerweit hören kann, mit einstimmen.
+Einstimmen mit all dem Mitgefühl und der Mittrauer,
+die eine Mutter und eine Gattin der anderen aus der
+Tiefe eines warmen und stark empfindenden Herzens zeigen
+kann.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+Aber die Frauen, noch nicht überzeugt von dem Tod des
+Jungen, bleiben ruhig und tasten nur nach ihren Kindern und
+legen die Säuglinge sofort an die Brust als den sichersten
+Platz, den sie ihnen bieten können.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Männer gehen hinüber und führen die unaufhörlich
+schreiende Frau zart und besorgt auf diese Seite des Flusses,
+um sie auf eine Bank zu setzen.
+</p>
+
+<p>
+Die Pumpmeisterin kommt sofort heran, gibt ihr Wasser zu
+trinken und streichelt sie mütterlich.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer stehen eine Weile herum, nicht wissend, was zu
+tun. Sie fühlen sich unbehaglich in Anwesenheit der Mutter,
+die ihr Kind verloren hat und die, trotz der Zartheit, mit
+der sie behandelt wird, jetzt eigentlich ganz allein in der Welt
+ist. Es überkommt die Männer nach und nach ein Schuldbewußtsein,
+daß sie mehr für die Mutter hätten tun können.
+Sie stehen herum, drücken sich herum und reden kaum. Sie
+zwingen sich, nicht nach der Mutter zu sehen, und wenn die
+Frau hin und wieder aufschreit, werden ihre Gesichter zerquält.
+Das Unbehagen, das sie belästigt, wird endlich so
+stark, daß sie das einzige tun, was Männer auf der ganzen
+Erde tun, welche Hautfarbe sie auch immer haben mögen,
+sobald sie sich überflüssig zu fühlen beginnen. Sie fangen an,
+tätig zu werden, sich zu beschäftigen, nur um nicht in Gegenwart
+der Mutter so schuldbewußt dazustehen.
+</p>
+
+<p>
+Ohne viele Worte zu machen, ohne daß jemand die Führung
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+übernimmt, beginnen sie zu arbeiten wie ein Ameisenvolk.
+Sie schleppen Holz herbei und zünden auf beiden Ufern
+große Feuer an, auf jedem Ufer zwei Feuer, so angelegt, daß
+die Längsseiten der Brücke beleuchtet werden. Einer entkleidet
+sich und geht in den Fluß. Er beginnt entlang der
+Brücke zu tauchen. Das ist ein Wagnis und kann das Leben
+kosten. Das Wasser ist, besonders auf dem Grunde, mit
+Dornengestrüpp, das sich von den Ufern losgerissen hat,
+bedeckt und kann sich leicht um die Füße oder Arme des
+Tauchenden schlingen. Da sind große, grausig aussehende
+Krebse auf dem Grunde, Schlangen und was sonst noch alles
+ein Fluß im tropischen Dschungel nur beherbergen mag.
+</p>
+
+<p>
+Ein anderer und wieder ein anderer springt in den Fluß.
+Und bald sind sechs tiefbraune Männer im Fluß. Die Mädchen
+und Frauen stehen auf der Brücke oder an den Ufern
+und sehen den Bemühungen der nackten Männer zu.
+</p>
+
+<p>
+Die sehnigen schlanken Körper der Männer, die alle so
+jünglingshaft erscheinen, haben einen stumpfen metallischen
+Glanz. Das lange strähnige, dichte Haar erscheint noch
+schwärzer und massiger, wenn die Köpfe auftauchen und
+von Wasser triefen. Während sie sich an den Brückenpfeilern
+anklammern, um neuen Atem zu schöpfen, blicken sie zuweilen
+hinauf zu den Frauen und Männern, die auf der
+Brücke stehen, und wenn sie auch nichts sagen, so steht doch
+in ihren traurigen Augen immer wieder die Nachricht:
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+„Nada! Nada! Nichts! Nichts!“
+</p>
+
+<p>
+Ein uralter Indianer mit weißem Haar ist unter den
+tauchenden Männern. Seine Brust ist nicht mehr so voll wie
+die der jüngeren Männer, und er kann nicht so lange tauchen
+wie die übrigen, aber wenn die anderen aufgeben wollen,
+weil jetzt in der Nacht nicht viel zu erwarten sei, ermuntert
+er sie immer wieder zu neuer Tätigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Der Pumpmeister kommt mit einem mächtigen Eisenhaken,
+den er an ein langes Tau gebunden hat, und schrittweise geht
+er an der Brücke entlang, wirft den Haken weit hinaus in den
+Fluß und zieht ihn langsam heran. Aber immer, wenn man
+glaubt, er hat den Körper gefunden, so ist es nur dickes
+moderiges Dschungelgebüsch, das der Haken gepackt hat.
+</p>
+
+<p>
+Von den Ufern lodern die Feuer, und auf der Brücke stehen
+Männer und Burschen, halten flammende Holzscheite hoch
+empor, um das Wasser zu erleuchten. Andere laufen mit
+brennenden Scheiten auf der Brücke entlang, andere an den
+Ufern, teils um ausgehende Leuchtscheite wieder anzuflammen,
+teils um dort das Wasser zu erleuchten, wo besonders
+gefährliche und unübersichtliche Stellen sind und von wo
+aus die tauchenden Männer nach Licht rufen.
+</p>
+
+<p>
+Ich sehe Sleigh an der Pumpe stehen und gehe hinüber zu
+ihm. „Hätte man ein Boot,“ sage ich, „könnte man mehr
+tun. Es ist schade, daß der Pumpmeister keines hat.“
+</p>
+
+<p>
+„Da ist ein Boot, weiter unten am Fluß,“ sagt Sleigh, „der
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+Holländer hat eins. Das ist aber einige Meilen runter. Da
+können wir vor Sonnenaufgang nicht hin.“
+</p>
+
+<p>
+Er geht zu einer Gruppe von Männern, die über andere
+Dinge reden und augenblicklich keine Teilnahme an dem
+Ereignis nehmen, weil man ja nicht immerfort dasselbe tun
+kann.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-9">
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+9
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar">s</span> ist ein Bild, unvergleichlich in seiner Großartigkeit.
+Da sind die lodernden Feuer.
+Dunkelrote und braune Burschen stehen herum,
+werfen neue Scheite auf oder stirren das
+Feuer, um ihm mehr Leuchtkraft zu geben. Auf
+der Brücke stehen Männer mit brennenden
+Ästen, die sie hoch empor halten, oder die sie, auf der Brücke
+kniend, zum Wasser richten, das die wechselnden Bilder widerspiegelt.
+Frauen und Mädchen, in ihren bunten Tanzkleidern
+und mit Blumen im Haar, Säuglinge im Arm oder Kinder
+an der Hand, stehen auf der Brücke oder wandern umher,
+sprechend zu anderen Frauen, oder in das Wasser blickend
+oder schnell zu einem Punkte laufend, wo gerufen worden
+ist, als habe man etwas gefunden oder entdeckt. Die flackernden,
+flammenden Scheite werfen das Licht bald hierhin, bald
+dorthin, wie der leichte Wind es weht. Die eine oder andere
+Gestalt, die man ins Auge fassen will, steht bald im vollsten
+Lichte da, bald im schwärzesten Schatten, bald im schwelenden
+Rauch halbverschleiert, bald in einer lächerlich grotesken
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+Form, hervorgebracht durch wechselnde Streifen von hellem
+Licht, tiefem Schatten und wehendem Rauch.
+</p>
+
+<p>
+Dann tauchen die braunen nackten Gestalten im Wasser auf
+oder unter, klammern sich an den Brückenpfeilern fest, um
+sich für eine Weile auszuruhen oder die Pflanzen, die sich
+ihnen um die Beine geschlungen haben, abzuzerren. Hin und
+wieder kriecht einer an das Ufer und geht zum Feuer, um
+die erstarrten Hände anzuwärmen. Breitbeinig steht er am
+Feuer, den Rücken dem Flusse zugekehrt und streckt die
+offenen Hände vorwärts zum Feuer, während ihm ein
+Bursche eine angezündete Zigarette in den Mund schiebt.
+</p>
+
+<p>
+Hier drüben fängt ein Kind, das eingeschlafen war, zu
+weinen an, und ein zweites wacht davon auf und schreit.
+Schnell kommen die Mütter herbei und geben ihnen zu
+trinken. Die kleineren Kinder sind nun alle eingeschlafen
+und liegen zusammengekauert auf dem Erdboden. Manche
+sind eingewickelt in ein Tuch, manche in eine Decke, manche
+in eine Reitmatte, manche liegen auf einem leeren alten Sack,
+und wieder andere liegen auf dem nackten Erdboden. Die
+größeren Kinder, soweit sie nicht interessiert an dem Tauchen
+der Männer sind, wo sie sich in einem fort darüber streiten,
+ob Sanchez bis sechzig unter Wasser war oder ob Jose diesmal
+bis hundert unten bleiben würde, drücken sich herum
+und besprechen Streiche, die sie an anderen Jungen verüben
+wollen, oder sie probieren irgend eine neue Schleuder aus.
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+Andere musizieren auf einer Mundharmonika.
+</p>
+
+<p>
+Die Esel des Packzuges grasen in der Nähe des Ufers, und
+wenn sie gerade nichts weiter wissen, trompeten sie in die
+Nacht. Sie fühlen sich außerordentlich wohl, in der Nähe so
+vieler lodernder Feuer und herumlaufender Menschen zu
+sein. Käme jetzt ein Jaguar vorüber, sie würden ihn dreist
+einladen, er möge ihnen doch ein wenig Gesellschaft leisten,
+denn sie haben gar keine Angst vor ihm.
+</p>
+
+<p>
+Die Pumpmeisterin steht in ihrer Küche und kocht Kaffee.
+Was sie Küche nennt, und was die Mehrzahl der anwesenden
+Leute eine großartige Küche nennen würden, ist ein offener
+Raum. Nein, Raum kann man nicht sagen. Die Küche hat
+nur eine Wand, und diese Wand ist gleichzeitig die Wand
+der Hütte. Das Grasdach der Hütte ist hier weit überhängend
+und bildet so die Küche. Damit das überhängende Dach infolge
+der Schwere nicht herunterbrechen kann, ist es an beiden
+Ecken sowie in der Mitte mit einem Stamm gestützt. Durch
+diese drei rohen Stämme wird die Küche abgegrenzt. Der
+Küchenofen ist eine große flache Kiste, die mit Erde ausgefüllt
+ist und auf vier Pfählen ruht in einer Höhe, daß sie recht
+handlich für die Frau ist. Auf dieser Erde in der Kiste brennt
+ein offenes Holzfeuer, dessen Flammen durch einige rohe
+Steine zusammengehalten werden, damit die Hitze dicht an
+die Blechkanne kommt, die unmittelbar auf dem brennenden
+Holze steht. In einem irdenen Topfe, der neben der Kanne
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+auf dem Feuer steht, sind schwarze Bohnen zum Kochen aufgestellt,
+für den Fall, daß jemand Hunger bekommen sollte.
+Ein Blech steht bereit, auf dem die Pumpmeisterin Tortillas
+anzuwärmen gedenkt. Der Schilfkorb, in dem sie die Tortillas,
+die vom letzten Mahle übriggeblieben sind, aufbewahrt,
+hängt an einem Draht, der an einem der Stämme befestigt
+ist, die das Gras des Daches halten.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza ist zu ihrer eigenen Hütte gegangen. Was sie dort
+sucht oder erwartet, weiß sie selbst nicht zu sagen. Sie kommt
+jetzt wieder über die Brücke zurück, die Laterne an der herunterhängenden
+Hand tragend. Eine Weile sieht sie den
+Tauchenden zu, dann geht sie weiter zur Pumpe, völlig gedankenlos
+und in einer Weise, als ginge sie das alles, was hier
+geschieht, nichts an.
+</p>
+
+<p>
+Manuel sitzt stumpf und brütend auf einer Bank. Als er die
+Garza plötzlich vor sich sieht, blickt er sie groß mit leeren
+Augen an wie irgendeine Fremde. Dann, als ob ihm etwas
+einfiele, steht er rasch auf, geht über die Brücke und wandert
+auf dem sandigen Wege, der auf der anderen Seite durch den
+Dschungel zu fernen Dörfern führt, in die Nacht hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Der Pumpmeister wirft unermüdlich seinen schweren eisernen
+Haken hinaus in den Fluß und zieht ihn sorgfältig ein,
+manchmal leer, manchmal mit einer Last Wasserpflanzen
+und Gestrüpp beladen.
+</p>
+
+<p>
+Die Tauchenden fangen an müde zu werden. Immer seltener
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+tauchen sie unter, und immer länger müssen sie sich an die
+Brückenpfeiler klammern oder in der Nähe des Ufers ausruhen,
+wo das Wasser weniger tief ist und wo sie stehen
+können. Da das Wasser nun kühler wird, fangen sie auch noch
+an zu frieren. Der weißhaarige Alte muß aufgeben. Bald
+schwimmen auch die jüngeren ans Ufer, holen sich ihre Hosen,
+Hemden und Sandalen und laufen zu den Feuern, die ebenfalls
+Zeichen von Müdigkeit zeigen und lange nicht mehr so
+lodernd und lebhaft brennen wie eine Stunde bevor. Denn die
+Burschen und Männer müssen immer weiter in den Dschungel
+kriechen, um das notwendige Holz heranzuschleppen.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich fallen die Feuer gänzlich zusammen, und sie sind
+bald nur noch Gluthaufen. Die flammenden Äste und Scheite,
+die auf der Brücke als Fackeln dienten, sind nur noch funkensprühende
+Keulen, die ausgedient haben und wertlos sind,
+nun ins Wasser geschleudert oder in die Gluthaufen am Ufer
+geworfen werden.
+</p>
+
+<p>
+An der Pumpe ist eine der Laternen ausgegangen, und ein
+Junge läuft mit der Laterne zu den Hütten, um Petroleum
+zu borgen.
+</p>
+
+<p>
+Zwei der Taucher stehen an einem Gluthaufen auf dieser
+Seite und rauchen. Sie haben sich nicht angekleidet, sondern
+nur das Hemd um die Hüften gewickelt, um wieder bereit zu
+sein, sobald sie gerufen werden sollten. Denn es kann ja
+jemand einen neuen Gedanken haben.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+Die Leute alle, insbesondere die Männer, die im Fluß getaucht
+haben, halten nun die Geschichte, die die Garza erzählte, für
+wahrscheinlich, und dennoch glaubt niemand, daß der Junge
+im Wasser ist. Sie haben keinen andern Gegenbeweis als allein
+nur den, daß ein Mensch, auch wenn er nur ein Junge ist,
+nicht so leicht und geräuschlos stirbt. Der Tod ist ein so
+großer Vorgang, daß er nie schweigend sein kann. Da ist
+immer Geschrei damit verknüpft oder Schießen oder Stechen
+oder Mit-dem-Pferde-Stürzen oder der Krach eines gefällten
+Baumes oder das Plätschern und Kreischen eines ins Wasser
+Gefallenen oder das Herumwälzen des an den Blattern Erkrankten.
+Daß der Tod inmitten von sechzig oder mehr
+Menschen, die sich zum Tanze versammelt haben, so ganz
+still erscheinen kann, ohne daß sich auch nur die Luft bewegt,
+das begreift keiner von diesen Leuten. Man hat auch nur alles
+das getan, um der Mutter zu zeigen, daß sie nicht allein auf
+der Welt ist, und daß man das einzige Hemd, das man hat,
+hergeben würde, könnte man ihr dafür den Sohn zurückbringen.
+</p>
+
+<p>
+Nun beginnen einige Männer mit einer langen Stange, die sie
+sich geschaffen haben dadurch, daß sie zwei dünne Stämme
+mit Bast zusammenbanden, den Grund des Flusses an der
+Brücke entlang abzutasten, weil jemand den Gedanken hatte,
+man könne mit einer Stange den Körper deutlich fühlen,
+falls er überhaupt im Wasser sei.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+Das Bild hat sich inzwischen völlig verändert.
+</p>
+
+<p>
+An den glimmenden verlöschenden Feuern sitzen oder stehen
+die braunen Gestalten herum, rauchend und redend. Sie sind
+so ungewiß beleuchtet, daß man nur bewegende Schatten
+sieht. Ein erregtes Gespräch hebt an, das plötzlich abbricht,
+als habe es die Nacht verschlungen, um bei einer anderen
+Gruppe auszubrechen, als sei es unterirdisch hinübergekrochen.
+Dann hört man nur halblautes Reden, aber man
+sieht heftige und eindringliche Gesten. Auf der Brücke sitzen
+andere, kauern oder halten die Beine über den Rand der
+Brücke und schaukeln mit den Füßen. Andere wieder, die
+nichts Besseres zu tun wissen, wehen die verglimmenden Äste
+durch die schwarze Luft und zeichnen funkelnde Figuren.
+</p>
+
+<p>
+Irgendwo in einem Winkel der Nacht wird auf der Mundharmonika
+gespielt. Aus einem anderen Winkel der Finsternis
+hört man das Kichern eines Mädchens und das hastige,
+unterdrückte und erregte Sprechen eines Mannes. Dann
+wieder, von einem anderen Winkel her ein hartes, abweisendes
+Hin- und Herreden eines Paares, das sich verkrochen hat.
+Von ferner her tönt das unternehmende lustige Pfeifen eines
+Burschen, der in der Stimmung eines Siegers zu sein scheint.
+Auf dem Pumpplatze haben sich wieder Gruppen gebildet,
+die meist mit langen Pausen sprechen, weil schon alles
+zwanzigmal gesagt worden ist. Die Frauen und Mädchen
+sitzen herum oder gehen, ohne sich jedoch vorzudrängen,
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+zur Küche der Pumpmeisterin, wo sie heißen Kaffee in kleinen
+Emailletassen erhalten. Der Kaffee ist schwarz, und jedesmal,
+wenn die Frau eine Tasse hinreicht, deutet sie auf eine Konservenbüchse,
+die mit Zucker gefüllt ist, und neben der ein
+kleiner Löffel liegt.
+</p>
+
+<p>
+Die Pumpmeisterin hat nur fünf Tassen, alle verschieden in
+Form und Farbe, und mit diesen fünf Tassen versorgt sie alle
+Frauen mit Kaffee. Aber der Kaffee ist bald alle, und die
+Pumpmeisterin beeilt sich, frischen zu kochen.
+</p>
+
+<p>
+Niemand trinkt mehr als eine kleine Tasse, manche der
+Frauen trinkt die Tasse nur halb und reicht die andere Hälfte
+ihrer Nachbarin; denn die Nacht ist nun recht hübsch kühl
+geworden, und jedem wird ein Schluck heißer Kaffee wohl
+tun.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Brücke sind einige der Männer immer noch damit
+beschäftigt, die Längsseiten der Brücke Schritt für Schritt mit
+der Stange abzutasten.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt krähen die Hähne zum erstenmal in der Nacht. Also ist
+es elf Uhr.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-10">
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+10
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D"><span class="hidden">D</span></span><span class="postfirstchar">er</span> Pumpmeister hat sein Suchen und
+Fischen mit dem Haken aufgegeben. Der
+Haken liegt verlassen auf der Brücke,
+und der Pumpmeister steht nun auch bei
+den Gruppen in der Nähe der Pumpe.
+Er erzählt von einigen Todesfällen, die
+er erlebt hat, die aber in gar keiner Beziehung zu diesem
+Ereignis stehen.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza war die erste, der Kaffee angeboten wurde. Sie ist
+der respektierte Ehrengast der Pumpmeisterin. Und die
+Pumpmeisterin ist hier in dieser Dschungelsiedlung ungefähr
+dasselbe, was eine Baronin in einem armseligen Bergdörfchen
+in einem europäischen Lande ist. Sie kann ein wenig
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+lesen und ein wenig schreiben, und sie ist deshalb eine hochgebildete
+Frau, die in die Schule gegangen ist. Ihre Kinder
+haben keine Läuse oder nur hin und wieder ein paar, und sie
+laufen nur selten nackt herum. Wenn sie auch nicht gerade
+immer ein Hemd an haben, so doch wenigstens eine Hose
+oder ein Röckchen. Das kann man nicht einmal von den
+Kindern Sleighs sagen. Die Frau Pumpmeisterin selbst hat vier
+verschiedene Musselinkleider und wenigstens drei Hemden.
+Mehr hat sie nicht, das weiß jeder. Hosen hat sie sogar vier,
+von denen zwei aber nicht mehr ganz für voll gerechnet
+werden können. Sie hat Ohrringe, echtes Gold. Auch hat sie
+einen spanischen Kamm fürs Haar, der mit Perlchen besetzt
+ist. Diese Perlchen, weiß auch jeder, sind aber nicht echt. Der
+Pumpmeister hat einen Sonntagsanzug mit einer Jacke. Sie
+haben eine Uhr im Hause, eine Weckuhr, ferner einen
+Spiegel, sogar ein Messer, nicht zu reden von den beiden
+Gabeln, die sie haben. Und was das größte ist, ein eisernes
+Bett mit Drahtmatratze. Wer hat das sonst noch? Vielleicht
+der Präsident in der Hauptstadt. Aber kein Wunder, der
+Pumpmeister gehört ja zur Eisenbahn. Da ist nichts in der
+Welt, das größer wäre. Und was die Pumpmeisterin sagt,
+ist mehr wert, als was der Priester sagt, bei dem man nie
+weiß, was er meint und was er vielleicht hintennach beabsichtigen
+mag. Wenn man mit der Frau Pumpmeisterin gut befreundet
+ist, kann man die Königin von England leicht entbehren.
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+Ob die Königin von England zwei Paar gelbseidene
+Strümpfe hat und drei Taschentücher, von denen eines gestickte
+Kanten hat, das soll erst noch bewiesen werden. Denn
+was die Leute so erzählen, darf man noch lange nicht immer
+glauben.
+</p>
+
+<p>
+In eine Gruppe, die weiter ab von der Pumpe steht, kommt
+plötzlich Bewegung. Man hört schnelles Sprechen und
+Fragen.
+</p>
+
+<p>
+„Der Junge war nicht da?“ klingt nun eine Stimme deutlich
+heraus.
+</p>
+
+<p>
+Der Eseltreiber und der ihn begleitende Junge sind von
+Tamalan zurückgekommen.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, er war nicht dort.“
+</p>
+
+<p>
+„Habt ihr denn überall herumgefragt?“
+</p>
+
+<p>
+„Ganz natürlich. Alles schlief, und wir sind in jede Hütte
+gegangen, haben die Leute aufgeweckt und nach dem Kleinen
+gefragt.“
+</p>
+
+<p>
+„Habt ihr euch auch erkundigt, ob vielleicht der Kleine
+durchgekommen ist?“
+</p>
+
+<p>
+„Auch das haben wir getan. Es ist heute niemand aus Tamalan
+hier herum gewesen und auch niemand aus der hiesigen
+Gegend dort vorbeigekommen. Die Hunde würden gelärmt
+haben, wenn da jemand in der Nacht durchgeritten wäre.“
+</p>
+
+<p>
+„Und auf dem Wege?“
+</p>
+
+<p>
+„Auf dem Wege war keine frische Spur, wir haben abgeleuchtet.
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+In der Richtung nach Tamalan sind die nicht geritten.“
+Die redende Gruppe kommt näher heran, bis sie im Licht der
+Laterne steht. Das Gespräch ebbt ab, weil man nichts mehr
+zu fragen weiß.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza steht auf von ihrem Sitz und sieht auf den Eseltreiber,
+der seine Augen verlegen von einem zum andern
+wandern läßt. Er will jetzt etwas zur Garza sagen. Aber in
+diesem Augenblick setzt sie sich wieder. Sie weiß es schon.
+Der Eseltreiber wendet sich langsam um. Er hat einen Ausdruck
+im Gesicht, als ob er am Tode oder wenigstens am
+Verschwinden des Kleinen schuld wäre. Erst als er ganz aus
+dem Gesichtskreis der Frau heraus ist, sich zwischen eine
+Gruppe von Männern gemischt hat und eine Zigarette raucht,
+fühlt er sich wieder wohler.
+</p>
+
+<p>
+Ich gehe zur Brücke, wo ein Indianer weiter mit der Stange
+tastet, während ein anderer dicht neben ihm auf der Brücke
+kniet und mit einer Laterne immer da ins Wasser leuchtet,
+wo der andere mit der Stange hineinfühlt.
+</p>
+
+<p>
+Da mit einemmal läßt der Mann die Stange auf dem Grunde,
+dreht sich um, sieht mich mit großen Augen an und sagt
+halblaut: „Senjor, ich habe ihn. Da fühlen Sie selbst.“
+</p>
+
+<p>
+„Seien Sie ganz ruhig, Perez,“ gebe ich zur Antwort, „sonst
+haben wir gleich alle Leute hier, und wir können nichts tun.
+Wir wollen erst durchaus sicher sein. Halten Sie die Stange
+ruhig an der Stelle.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+Ich trete nun dicht an seine Seite und nehme ihm die Stange
+behutsam ab. Ich taste am Grunde und fühle in der Tat
+etwas, das ein menschlicher oder tierischer Körper sein
+könnte. Vorsichtig, um den Grund nicht aufzurühren und
+den Körper vielleicht fortschwemmen zu lassen, hebe ich die
+Stange und führe sie, leise suchend, wieder nach unten, um
+das Gefühl voll in die Fingerspitzen zu lenken. Und wieder
+fühle ich den Körper.
+</p>
+
+<p>
+„Na?“ fragt Perez.
+</p>
+
+<p>
+„Sicher bin ich noch nicht“, erwidere ich.
+</p>
+
+<p>
+Ich taste nun weiter, ob dieser Fund auch die Ausdehnung
+eines menschlichen Körpers hat, denn bis jetzt haben wir ja
+nur einen Ballen, der die Brust oder der Unterleib sein kann
+oder der Oberschenkel. Aber der Fund hat keine Ausdehnung
+in der Länge, sondern die Ausdehnung geht gleichmäßig
+nach jeder Richtung, und nach langem geduldigen
+Abfühlen komme ich zur Überzeugung, daß der vermeintliche
+Körper ein versandeter Ballen Gras oder dünner
+Strauchäste ist, der sich dort unten irgendwie festgehakt hat.
+Was immer es auch sein mag, der Körper eines Kindes ist es
+nicht. Perez sieht ein, daß er sich geirrt hatte. Er gibt jetzt
+auch auf, setzt sich auf die Brücke und dreht sich eine
+Zigarette.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile gehen wir zur Pumpe, und die Pumpmeisterin
+bietet uns Kaffee an, Bohnen und Tortillas; denn
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+inzwischen waren die Männer an die Reihe gekommen,
+Kaffee trinken zu dürfen. Der Kaffee steht in den fünf Tassen
+eingegossen auf einem hölzernen Gegenstand, den die Pumpmeisterin
+ihren Küchentisch nennt. Wer von den Männern
+Durst auf Kaffee empfindet, kommt heran, nimmt sich eine
+Tasse, schüttet Zucker hinein, und wenn er sie ganz oder halb
+ausgetrunken hat, stellt er sie wieder auf das Brett, damit ein
+anderer trinken kann. Auf Frijoles und Tortillas habe ich
+augenblicklich keinen Appetit, dagegen tut der Schluck
+Kaffee mir so wohl, daß die Pumpmeisterin mir das Behagen
+ansieht und lächelnd fragt: „Mas?“ Da ich sehe, daß drei
+volle Tassen unberührt dastehen und die Männer offenbar
+alle schon getrunken haben in der Zeit, während ich mit
+Perez an der Brücke fischte, kann ich dem Angebot nicht
+widerstehen, wofür mich die Pumpmeisterin dankbar anblickt,
+daß ich ihren Kaffee für so gut befinde.
+</p>
+
+<p>
+Die Brücke ist nun ganz verlassen. Niemand ist in ihrer Nähe.
+Hier stehen die Leute wieder in Gruppen umher und
+schwatzen. Die Mädchen und Frauen sitzen herum, wo sie
+etwas zum Sitzen gefunden haben, und schwatzen und lachen.
+Durch den Kaffee ist alles mehr lebendig geworden. Die Welt
+scheint nicht mehr so düster auszusehen. Man hat vollständig
+vergessen, was während der letzten Stunden alle Anwesenden
+erfüllte. Die zunehmende Müdigkeit der Leute, die alle
+seit Sonnenaufgang auf den Beinen sind, läßt die Gefühle
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+erschlaffen. Man sieht die Garza sogar zwei- oder dreimal
+lachen. Es hat sich dadurch, daß der Junge im Fluß nicht
+gefunden wurde, die Gewißheit festgesetzt, daß der Kleine
+nicht ins Wasser gefallen ist, sondern daß er entweder nach
+Magiscatzin geritten ist, wie die beiden Jungen behaupten,
+oder aber, daß er in irgendeinem Winkel sich hingelegt hat
+und eingeschlafen ist.
+</p>
+
+<p>
+Man hat sich darüber geeinigt, daß man warten wolle, bis
+Garza von Magiscatzin zurück ist. Sollte er den Jungen
+nicht bringen und auch nichts erfahren haben, so wolle man
+bis Sonnenaufgang hier beieinander sitzenbleiben und dann
+bei Tageslicht von neuem den Fluß absuchen. Die Stimmung
+ist im Grunde die gleiche, die bis zu jenem Augenblick
+herrschte, an dem der Junge vermißt wurde.
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Männer, denen das Herumstehen zu langweilig wurde,
+haben sich wieder zur Brücke aufgemacht und fangen abermals
+an, mit der Stange zu tasten und mit dem Haken zu fischen.
+Plötzlich fängt auch die Garza wieder an zu schreien, und sie
+rennt wie rasend zu der Brücke und gebärdet sich, als ob sie
+hineinspringen wolle. Sie schwenkt die Laterne über das
+Wasser, während sie sich weit hinüberlehnt, und schreit unaufhörlich:
+„Mein Kleiner! Mein Liebling! Ninjo, ninjo
+mio!“ Der Pumpmeister und noch ein anderer Mann laufen
+herbei und halten sie fest. Sie wehrt sich, schlägt um sich und
+kreischt: „Laßt mich los! Was wollt ihr denn von mir?“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-11">
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+11
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_i.jpg" alt="I"><span class="hidden">I</span></span><span class="postfirstchar">n</span> der Nähe der Pumpe bildet sich jetzt eine Gruppe von
+Männern, die immer größer wird. Es wird lebhaft geredet,
+zugestimmt, genickt, gestikuliert. Der Wortführer
+ist jener weißhaarige alte Indianer, der mit den jungen
+Männern getaucht und endlich, ganz blau gefroren, hatte
+aufgeben müssen. Die Gruppe, den heftig redenden Alten
+in der Mitte, bewegt sich der Hütte des Pumpmeisters zu.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Brücke wird wieder belebter, obgleich sich doch
+nichts Neues ereignet hat. Überall sieht man eine merkwürdige
+Geschäftigkeit. Hier auf der Brücke weiß man nicht,
+was jene Gruppe beabsichtigt. Aber man legt offenbar keinen
+Wert darauf, es zu erfahren. Es wird immer emsiger gefischt
+und getastet.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+Nun gehe ich hinüber zur Pumpe, und ich höre, wie der Alte
+zu der Pumpmeisterin sagt: „Eine starke Kerze, ja.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe nur ein paar dünne im Hause“, antwortet die
+Frau.
+</p>
+
+<p>
+„Wer hat denn wohl hier eine dickere Kerze?“ fragt der Alte.
+</p>
+
+<p>
+„Ich glaube nicht, daß jemand hier überhaupt Kerzen hat,
+und wenn da noch welche sind, dann auch nur die dünnen.
+Aber die fallen ja immer zusammen“, erklärt die Pumpmeisterin.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, wenn wir nur eine Kerze hätten“, wiederholt der Alte.
+</p>
+
+<p>
+„Oiga!“ sagt nun die Pumpmeisterin. „Ich habe noch eine
+Kerze, aber das ist eine geweihte, die ich noch hier habe von
+einem Corpus-Christi-Fest.“
+</p>
+
+<p>
+„Die ist um so besser,“ nickt der Alte, „bringen Sie die nur
+her.“
+</p>
+
+<p>
+Die Pumpmeisterin nimmt eine Laterne und verschwindet
+in ihrer Hütte.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte sieht sich um und entdeckt eine Kiste, die bisher als
+Sitz diente. Er schleift die Kiste unter das Licht der Laterne
+und bricht ein Brett heraus. Es ist ein ganz dünnes Brett,
+etwas länger als breit. Er sieht über die Fläche und untersucht,
+ob das Brett auch ganz eben ist, ob auch alle vier Ecken
+gleichmäßig aufliegen.
+</p>
+
+<p>
+„Das Brett wird gehen“, sagt er zu den Umstehenden, die
+nicht wissen, was er vorhat.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+Nun kommt die Pumpmeisterin heraus, sie hat in der Hand
+eine halbabgebrannte Kerze, von der Art jener starken
+Kerzen, die von Kindern bei kirchlichen Festen getragen
+werden.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte legt das Brett auf den Erdboden, hängt die Laterne
+ab, stellt sie neben das Brett und markiert mit dem Fingernagel
+die genaue Mitte des Brettes. Dann zündet er die Kerze
+an, tropft auf den markierten Mittelpunkt des Brettes Stearin
+und klebt die Kerze mit großer Sorgfalt auf dem Brette fest.
+Die Laterne hängt er nun wieder zurück an den Stamm.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer, die herumstehen, sehen aufmerksam zu, wissen
+jedoch nicht, worauf das alles abzielt, fragen aber auch nicht,
+um den Alten nicht zu stören.
+</p>
+
+<p>
+Nun hebt der Alte das Brett mit dem brennenden Licht auf
+und trägt es vor sich zum Ufer des Flusses. Die Männer und
+auch eine Anzahl Frauen folgen ihm. Auf der Brücke wird
+man aufmerksam. Das Suchen und Fischen wird eingestellt,
+und auch diese Leute kommen näher, bleiben aber alle auf
+der Brücke stehen, um das Ereignis besser zu beobachten.
+</p>
+
+<p>
+Eine uralte Indianerin hockt auf der Brücke, sieht auch zu,
+ist aber nicht neugierig und viel weniger interessiert an den
+Vorgängen als sonst irgend jemand. Sie raucht und raucht.
+Immer wenn sie einen Zug getan hat, betrachtet sie die
+Zigarette und drückt das Maisblatt etwas fester zusammen.
+Ich habe das Empfinden, daß sie außer dem alten Manne die
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+einzige Person hier ist, die weiß, was da vor sich gehen soll.
+Ich hocke mich neben sie und gehe geradeswegs auf den
+Kernpunkt los: „Was wollen denn die da tun?“
+</p>
+
+<p>
+„Die werden jetzt den Bastard suchen.“ Sie sagt das so leicht
+und so selbstverständlich, als ob sie an dem Erfolge nicht mit
+dem leisesten Gedanken zweifle.
+</p>
+
+<p>
+„Wie meinen Sie das, Senjora? Suchen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja suchen. Und nun werden sie ihn auch gleich haben, wenn
+er überhaupt im Wasser ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir haben doch die ganze Zeit gesucht und haben ihn nicht
+gefunden“, sage ich, um sie mehr zum Reden und zum Erklären
+zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Sie grinst ironisch. „Wie das heutzutage die Esel tun, die ja
+so klug sind und alles besser wissen, so werden die das Böckchen
+nie finden. Da können sie alle miteinander suchen, vier
+Wochen lang. Und wenn er nicht von selber auftreibt und
+die Caimans und das Fisch- und Krabbenzeug noch etwas von
+ihm übriglassen, so kriegt ihn sein Vater nie mehr zu Gesicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber was hat denn das Licht damit zu tun? Wir haben doch
+tausendmal und überall herumgeleuchtet, und das Licht ist
+doch nicht heller als die Fackeln und Feuer, die wir hatten.“
+</p>
+
+<p>
+„Ihr mit euren Laternen und Haken und Stangen. Das ist
+alles für den Hund, aber nicht für einen Menschen. Das Licht
+findet ihn ganz von selbst, wir brauchen nur aufzupassen, wo
+es hingeht.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+„Wie kann denn das Licht ihn finden, wenn wir ihn nicht
+finden?“
+</p>
+
+<p>
+Auf diese Frage schweigt sie eine Weile, zieht ein paarmal
+an der Zigarette, betrachtet sich die Zigarette dann mit gedankenvollen
+Augen und sieht mich an, als ob sie überlegen
+wolle, ob ich einer Antwort wert sei.
+</p>
+
+<p>
+Ich dränge nicht, sondern blicke nur hinüber zu der Gruppe,
+die sich jetzt in einem Kreise um den Alten sammelt, der in
+der Mitte steht und das Brett mit dem Licht in halber Armeslänge
+vor sich hält. Er sieht jetzt aus wie ein alter heidnischer
+Priester, der eine geheimnisvolle religiöse Handlung vorzunehmen
+bereit ist.
+</p>
+
+<p>
+Die Alte betrachtet mich mit halbgeschlossenen Augen, und
+da sie offenbar bemerkt, daß ich sehr ernst bleibe und
+die Vorgänge am Ufer mit keiner Geste oder Miene abfällig
+beurteile, spricht sie, mich unausgesetzt im Auge behaltend:
+„Der Junge ruft doch unausgesetzt.“
+</p>
+
+<p>
+„Der Junge ruft?“ frage ich erstaunt. „Ich höre nichts.“
+</p>
+
+<p>
+„Freilich nicht“, sagt die Alte. „Ich kann das auch nicht
+hören. Kein Mensch kann das Rufen hören. Aber das Licht
+hört das Rufen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das Licht?“ frage ich. Und weil ich glaube, nicht genau
+verstanden zu haben, was sie in ihrem vermischten Dialekt
+gesagt hat, frage ich noch einmal: „Sie wollen sagen, das
+Licht hört das Rufen!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+„Wenn er überhaupt im Wasser ist, dann ruft er. Und er
+wird das Licht zu sich heranrufen. Und das Licht wird kommen.
+Das Licht wird zu ihm kommen und wird bei ihm
+stehenbleiben, weil es seiner Stimme folgen muß.“
+</p>
+
+<p>
+Es war Nacht. Beinahe Mitternacht. Und es war im Dschungel,
+und ich war mitten unter Indianern. Als die Alte das so
+erzählte, als ob es sich um irgend etwas ganz Alltägliches
+handele, kam mir der Gedanke, daß entweder sie irre ist,
+oder ich bin es. Aber ich hatte auch gleichzeitig das Gefühl,
+daß in dieser Umgebung, unter diesen Umständen und unter
+diesen Vorgängen, die sich seit nun etwa vier Stunden zugetragen
+hatten, alles andere, was die Alte mir erzählt haben
+würde, unnatürlich geklungen hätte, daß sie gar nicht anders
+reden konnte, als sie in Wirklichkeit tat.
+</p>
+
+<p>
+Ich blieb bei ihr hocken. Sie sagte nichts mehr, rauchte ruhig
+weiter und blickte gleichgültig zu der großen Gruppe hinüber.
+Der Alte hielt das Brett mit dem brennenden Licht noch
+weiter vor sich und begann nun laut zu reden. Es war wie
+eine Beschwörung. Nach einer langen Reihe von Worten
+folgte jedesmal ein Satz, der durch eine Pause eingeleitet
+wurde und mit gehobener Stimme gesprochen wurde. Dieser
+Satz wurde von allen Anwesenden in einem singenden getragenen
+Tone als Refrain nachgesprochen.
+</p>
+
+<p>
+Alle Männer hatten den Hut in der Hand und folgten der
+Zeremonie ernst und feierlich.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
+Es kam häufig das Wort „Heilige Jungfrau“ darin vor, was
+als Refrain gesprochen wurde. Aber das Gefühl, daß, wenn
+die Indianer beten, sie zwar den Namen des christlichen Gottes
+und der christlichen Heiligen auf den Lippen tragen, jedoch
+in ihrer Vorstellung ihre alten heidnischen Götter haben,
+hatte ich vorher nie so stark und unabweisbar empfunden
+wie in dieser Nacht. Sie sprachen „Heilige Jungfrau“, aber
+sie meinten die indianische Göttin Cioacoatl. Wie kann ein
+zimtbrauner Indianer sich vorstellen, daß die gnadenreiche
+Göttin, die er bittet, in seinem Herzen zu wohnen,
+eine weiße Hautfarbe hat, die Farbe, die ihn an Leichen und
+an Aas erinnert, die Farbe einer Haut, deren Ausdünstung
+ihm unangenehm ist? Die Namen der Götter und Göttinnen
+hat er gewechselt, ihre Gestalt, ihre Hautfarbe, ihr Wesen
+nicht.
+</p>
+
+<p>
+Diese Beschwörung geht eine gute Weile nun vor sich. Endlich
+hebt der Alte das Brett sehr hoch, so hoch seine Arme
+reichen, so daß es sich im Wasser widerspiegelt, und spricht
+noch einen langen Satz, der mit einem von allen gesprochenen
+Refrain endet.
+</p>
+
+<p>
+Blitzschnell hat sich Perez ausgekleidet, und während er bis
+zu den Schenkeln im Wasser steht, reicht ihm der Alte das
+Brett mit der brennenden Kerze.
+</p>
+
+<p>
+Perez hält das Brett hoch über sich und watet in den Fluß,
+bis ihm das Wasser über die Hüften reicht. Jetzt wartet er
+<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
+eine Zeit, damit das Wasser, das durch sein Waten in Bewegung
+gekommen ist, sich beruhige. Dann setzt er ganz
+behutsam das Brett auf den Wasserspiegel und watet so
+ruhig als möglich zum Ufer zurück. Das Brett folgt ihm ein
+klein wenig, weil das Hinauswaten einige schwache Wellen
+zurückließ.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-12">
+<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
+12
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_n.jpg" alt="N"><span class="hidden">N</span></span><span class="postfirstchar">un</span> steht das Brett ruhig im Wasser, als ob
+es entscheiden wolle, wohin es zu gehen
+habe.
+</p>
+
+<p>
+Perez wickelt sich sein Hemd um die Lenden
+und tritt vom Ufer zurück, um von
+der Brücke aus das Brett zu beobachten.
+Aller Leute, die anwesend sind, bemächtigt sich jetzt eine
+atemlose Spannung. Die Männer haben die Hüte noch in der
+Hand, oder sie haben sie irgendwo hingeworfen. Niemand
+raucht. Man hört nicht ein Wort. Nur das Singen und
+Tschirpen des Dschungels tönt in der Luft. Gebannt hängen
+alle Augen an dem Licht. Niemand weiß, ob das Wunder
+vor sich gehen werde, wie es Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende
+vor sich gegangen ist. Ein einziger Glaube erfüllt
+diese Versammlung von Menschen, und nicht einer denkt,
+daß jenes Licht versagen könne. Es muß versagen, wenn der
+Junge nicht im Wasser ist; denn wenn er nicht ertrunken ist,
+kann er nicht rufen, und das Licht kann nur dem Rufe folgen.
+Plötzlich ein unterdrückter Aufschrei und der gleichzeitige
+Atemzug eines vielköpfigen Körpers:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
+Das Brett hat sich bewegt.
+</p>
+
+<p>
+Unendlich langsam schwimmt es vom Ufer fort nach der
+Mitte des Flusses zu. Es bleibt stehen, wiegt und wackelt ein
+wenig auf dem Wasser und rückt, kaum merklich, wieder
+weiter voran.
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Front der geländerlosen Brücke ist mit Menschen
+besetzt, die auf dem Boden knien, die Hände auf den Balken
+stützen, den Kopf weit über den Rand der Brücke halten und
+mit stieren Augen auf das Brett starren. Niemand wagt zu
+atmen, teils aus Spannung, teils aus einem Gedanken heraus,
+daß der Atem den Lauf des Brettes beeinflussen könne.
+</p>
+
+<p>
+Ich sehe alle diese braunen, dunkelroten und dunkelgelben
+Gestalten der Reihe nach an. Die schwarzen Augen spiegeln
+in einem Funken das Licht auf dem Brette wider. Nackte
+Körper und von zerfetzten Hemden halbbedeckte Körper.
+Auf den Scheiteln und in den Nacken das dicke, schwarze,
+strähnige, ölig glänzende Haar. Die Füße nackt oder mit
+rohen Sandalen bekleidet. Dazwischen die Frauen mit ihren
+roten, grünen, blauen und gelben Gazekleidern und mit
+grellfarbenen Blumen im Haar, durch den Gegensatz ihrer
+europäisch erscheinenden, in modernen Fabriken hergestellten
+Kleidung viel unheimlicher wirkend als die Männer,
+deren halbe oder zerlumpte Kleidung natürlicher und harmonischer
+erscheint.
+</p>
+
+<p>
+Der Gedanke an die mysteriöse Handlung, die diese unheimlichen
+<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
+Gestalten vornehmen, ihre abergläubische Hoffnung,
+daß das Wunder sich vollziehen werde, das trübe Licht
+der Laternen von der Pumpe her, das flackernde Aufflammen
+eines der Uferfeuer, das wieder angefacht worden ist, das
+schwimmende Brett mit dem Licht im Wasser, das der Mittelpunkt
+aller Augen ist, das dumpfe Schweigen dieser Masse
+von Menschen und das Singen des Dschungels, beginnt so
+entsetzlich auf mir zu lasten, daß ich fühle, mich nur durch
+einen gewaltigen Schrei von dem Alpdruck, der mir die
+Kehle abschnürt, befreien zu können. Wo ist die Welt? Wo
+ist die Menschheit geblieben? Ich bin auf einem anderen
+Planeten, von dem ich nie mehr zurück kann, zu meiner
+Rasse, zu meinen Wiesen und meinen Wäldern und meinen
+Bergen. Ein einziger hier braucht jetzt nur aufzustehen, mit
+dem Finger auf mich zu weisen und zu sagen: „Der da, der
+Weiße, der Fremde, der ist schuld; der hat das Unglück über
+die Mutter und über uns alle gebracht. Er ist hierher gekommen,
+und sofort hat der Fluß, der ihn haßt, uns das
+Kind geraubt. Seht ihr es nicht an seinen Augen, mit denen
+er unsere Kinder vergiftet?“
+</p>
+
+<p>
+Ich wäre nicht der erste Weiße, der in ein Indianerdorf kam
+und mit seinen Augen ein oder zwei oder gar noch mehr
+Kinder mordete, gesunde Frauen tödlich erkranken, kräftige
+Männer im Busch verunglücken ließ, Hühnern die Eier aus
+dem Neste wegguckte und die Jaguare herbeisang, um die
+<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
+schönsten jungen Kühe zu schlagen. Und wenn sie mir hier
+meine Zauberei und Morderei heimzahlen und ich nicht
+wieder zurückkehre, wer wird je erfahren, wo ich geblieben
+bin, wo meine Gebeine faulen und meine Knochen bleichen?
+Die Geier arbeiten schneller als die Alligatoren und die
+Riesenkrebse. „Auf einer Reise durch den Dschungel umgekommen.“
+„Beim Fischen von Alligatoren gepackt
+worden.“
+</p>
+
+<p>
+Aber warum sollte ich Unbehagen empfinden? Da steht ja
+Sleigh, weiß am Körper wie ich, Gedanken, die ich denke,
+Sprache, die ich spreche. Er steht hinter den Knienden und
+blickt ebenfalls nach jenem Brette. Sollte diese Masse von
+einem dummen, ihr aber sehr vernünftig erscheinenden Gedanken
+ergriffen werden, Sleigh ist meine Rettung. Er würde
+an seinem großen Hute rücken und würde sagen: „Aber das
+dürft ihr doch nicht machen. Das ist ja dumm. Er hat den
+Jungen nicht ins Wasser geworfen.“ Dann würde er sich zu
+mir wenden und sagen: „Ich muß nach der schwarzen Kuh
+sehen, vielleicht ist sie jetzt hereingekommen.“ Und dann
+würde er mich allein lassen. Wenn ich in Stücke gerissen bin,
+wird er zurückkommen und zu den Leuten sagen: „Wer
+hätte so etwas gedacht? Ich glaube nicht, daß er den Jungen
+ins Wasser geworfen hat.“ Sleigh! Wer ist Sleigh? Er lebt ein
+halbes Menschenalter unter diesen Indianern, er hat eine
+Indianerin zur Frau und hat Kinder mit ihr. Er ißt nur indianische
+<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
+Kost und fühlt sich in einem Hause, wie es hier Weiße
+haben, ungemütlich. Nicht der aus einer Kreuzung hervorgegangene
+Wolfshund ist er, nein, er ist der aus Bewußtsein
+und aus Gleichgültigkeit gegenüber dem zivilisierten Menschen
+sich selbst erzeugte Wolfshund. Ohne eine Miene zu
+verziehen, wird er dabeistehen, wenn diese erregte Masse
+plötzlich eine lächerliche Idee bekommt und mich zerfleischt.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das Brett ist jetzt etwa fünf Schritte vom Ufer entfernt. Es
+rastet wieder eine Weile, beginnt nun zu quirlen und gerät
+quirlend in die Strömung des Flusses. Die Strömung ist eine
+ganz leichte, sie ist kaum bemerkbar, aber doch vorhanden.
+Einen Schritt folgt das Brett der langsamen Strömung, dann
+bleibt es stehen und quirlt wieder auf der Stelle.
+</p>
+
+<p>
+Abermals folgt es der Strömung drei oder vier Schritte, was
+eine gute Weile in Anspruch nimmt. Und abermals steht es,
+quirlt herum und kommt nun ganz langsam zurück, der
+Strömung entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Die Menge findet nichts Auffallendes oder gar Verwunderliches
+in der Tatsache, daß jenes Brett der Strömung entgegengleitet.
+Das erscheint diesen Leuten in dem Falle durchaus
+natürlich. Sie sind nunmehr überzeugt, daß der Junge
+im Wasser ist, daß er ruft, und daß er nicht die Strömung hinuntergeschwemmt
+ist.
+</p>
+
+<p>
+Das Brett kommt zurück, so langsam freilich, daß man sein
+<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
+Kommen nur bemerken kann, wenn man die Punkte markiert,
+wo es vor einer Weile war, und wo es jetzt ist.
+</p>
+
+<p>
+Nun hat es sich verfangen in dem Geäst eines irgendwo am
+Ufer abgerissenen Strauches, der sich in Wasserpflanzen festgehängt
+hat.
+</p>
+
+<p>
+Regungslos sieht die Menge zu, und auf den Gesichtern vieler
+zeigt sich Enttäuschung. Einer der Männer will hineinspringen,
+um das Brett zu befreien, aber der alte Indianer
+verbietet es ihm und sagt: „Kein Strauch und nichts kann das
+Brett festhalten. Laßt uns geduldig warten.“
+</p>
+
+<p>
+Und in der Tat, es dauert nicht allzulange, da quirlt das
+Brett wieder und dreht sich aus den umklammernden Ästen
+heraus. Es schwimmt weiter der Strömung entgegen, und
+langsam kommt es wieder auf die Brücke zu.
+</p>
+
+<p>
+Nun steht es am siebenten Pfeiler, stößt leicht gegen ihn und
+wird wieder abgestoßen. Es beginnt nunmehr auf den sechsten
+Pfeiler loszuwandern. Dort angekommen steht es lange
+und ganz ruhig.
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt steht es! Da ist der Junge!“ wird von einem Dutzend
+Stimmen gleichzeitig gerufen.
+</p>
+
+<p>
+„Laßt uns warten!“ sagt der Alte. „Das Licht steht noch
+nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Und kaum hat er das gesagt, da löst sich das Brett von dem
+Pfeiler los und wandert, immer längsseit der Brücke haltend,
+auf den fünften Pfeiler zu. Auf seinem Wege wird es wieder
+<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
+und wieder von der leisen Strömung getroffen, wodurch es
+mehrere Male von der Brücke einen Fuß oder einen halben
+abgetrieben wird. Aber immer kommt es zurück zur Brücke
+mit einer Beharrlichkeit, als würde es von einem festen
+Willen gelenkt.
+</p>
+
+<p>
+Es hängt nun wieder am fünften Pfeiler. Aber nicht lange.
+Dann dreht es sich um diesen Pfeiler und wandert schneckenlangsam
+unter die Brücke.
+</p>
+
+<p>
+Die Leute klammern sich mit den Händen fest an dem Balken
+und stecken die Köpfe weit herunter, um die Wanderung des
+Brettes besser verfolgen zu können. Ein großer Teil springt
+erregt auf und läuft auf die andere Längsseite der Brücke
+hinüber, weil man jetzt von der anderen Seite ebensoviel bereits
+sehen kann wie von dieser. Andere wieder haben sich
+in die Mitte der Brücke flach auf den Bauch gelegt und stieren
+durch die weiten Spalten der Bretter auf das Wasser hinunter.
+Das Brett ist immer dieser Pfeilerverstrebung entlang gekrochen,
+bis es endlich mitten unter der Brücke ist. Dort hält
+es eine Weile und wandert nun, immer genau mitten unter
+der Brücke haltend, auf den vierten Pfeiler zu, jedoch nur
+auf die Länge eines Fußes.
+</p>
+
+<p>
+Hier steht es nun. Und hier steht es jetzt wie genagelt. Es
+kehrt sich weder an Strömung noch an die leichte Brise, die
+über das Wasser fegt.
+</p>
+
+<p>
+Der Menschen bemächtigt sich eine ganz ungeheuerliche Erregung.
+<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
+Man hört ihr schweres Atmen. Den meisten bricht
+dicker perlender Schweiß aus. Das lastende Schweigen wird
+von einem gelegentlichen Flüstern unterbrochen, so schüchtern,
+als habe man Angst vor der eigenen Stimme.
+</p>
+
+<p>
+Das Brett beginnt nun, ohne sich auch nur einen Finger breit
+von der Stelle fortzubewegen, zu tänzeln und zu schaukeln
+und dreht sich dabei langsam im Kreise. Es macht den Eindruck,
+als wolle es nach unten gehen, auf den Grund des
+Flusses, und als sei auf der Unterseite des Brettes ein Haken,
+an dem es nach unten gezerrt würde.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte beobachtet das Brett sehr scharf und ausdauernd.
+Endlich sagt er: „Da könnt ihr jetzt tauchen. Da liegt der
+Kleine.“
+</p>
+
+<p>
+Eine Stelle, an der ihn niemand gesucht, niemand vermutet
+hätte. Denn wie kann er, der über den Rand der Brücke gestolpert
+ist, unter der Brücke liegen?
+</p>
+
+<p>
+Perez ist schon im Wasser, und sofort folgen ihm zwei andere
+Männer. Perez ist der erste an der Stelle. Er schiebt das Licht
+beiseite und taucht unter.
+</p>
+
+<p>
+Nach wenigen Sekunden kommt er wieder hoch und ruft:
+„Der Junge ist da. Ich habe ihn gefühlt.“
+</p>
+
+<p>
+Die Leute auf der Brücke sind alle aufgestanden und sehen
+auf Perez, der von dem flackernden Licht trübe beleuchtet,
+ein unheimlich entsetztes Gesicht zeigt.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza hat den Mund weit aufgerissen, kann aber nicht
+<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
+schreien. Sie ballt eine Faust und steckt sie in den Mund. In
+ihren Augen jagen Grauen, Angst vor der letzten brutalen
+Wahrheit und ein schwacher Glimmer von Zweifel und
+Hoffnung. Nicht wissend, wohin ihren Blick zu lenken, starrt
+sie mit einem Ruck nach der Richtung auf den Weg nach
+Magiscatzin, wo der letzte Funke der Hoffnung ruhen
+bleibt.
+</p>
+
+<p>
+Kein Wort fällt, man hört nur das leichte Scharren von
+Füßen auf der Brücke.
+</p>
+
+<p>
+Perez ist wieder getaucht und mit ihm einer der Männer.
+</p>
+
+<p>
+Sie kommen hoch mit den Händen voll faulen Ästen und
+Gestrüpp.
+</p>
+
+<p>
+Dann tauchen sie aufs neue. Es blubbert, abgerissene Pflanzen
+und kleines Gesträuch quirlen hoch. Triefend taucht einer
+der Männer auf, und drei oder vier Sekunden später erscheint
+auf der Wasserfläche etwas Schwarzes, das langsam hochkommt,
+bis man erkennt, es ist der dichte Haarschopf des
+Perez. Sein Kopf ist nun ganz über Wasser. Er schüttelt sich,
+prustet, atmet und schluckt und kommt nun weiter nach
+oben. In seinen Armen hat er den kleinen Carlos, dessen
+Beinchen, mit den neuen Stiefelchen an den Füßen, in einen
+unnatürlich spitzen Winkel eingekrümmt sind.
+</p>
+
+<p>
+„Chiquito mio!“ schreit die Garza und rennt zum Ufer, wo
+sie Perez erwartet.
+</p>
+
+<p>
+Perez kommt herangewatet und steigt die niedrige Uferböschung
+<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
+empor. Nun steht er vor der jungen Mutter, die
+in ihrem grünen flimsigen Tanzkleide und mit den glutroten
+Blumen im Haar ihn mit weit ausgestreckten Armen empfängt.
+Mit unsagbar trauriger Geste, wie sie nur Tiere und
+Menschen des Urwaldes und Dschungels ausdrücken können,
+legt er den kleinen Leichnam in die ausgestreckten Arme
+der Mutter. Er tut es mit solcher Zartheit, als wäre der
+Körper hauchdünnes Glas.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick schreien die Pumpmeisterin und eine
+Anzahl anderer Frauen schrill auf, und der Schrei geht in
+das klagende Trauerschreien über, das eine Weile andauert
+und dann abebbt.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza hat den Kleinen gegen ihre Brust gepreßt. Mit
+der einen freien Hand quetscht sie seine feuchten und geschrumpelten
+Händchen.
+</p>
+
+<p>
+Perez schleicht sich scheu hinweg, als habe er das ganze
+Herzeleid verursacht.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-13">
+<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
+13
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar">in</span> älterer Indianer kommt herbei, redet auf
+die Mutter ein und nimmt ihr das Kind ab.
+Er hält den kleinen Körper an den Füßen
+hoch, und aus dem Munde fließt nichts als
+Blut und nur ganz wenig Wasser. An der
+Stirn wird jetzt eine dicke Beule sichtbar.
+Nase und Mund sind verquollen, und der Oberkiefer ist
+aufgeschlagen. Ich taste den nach unten hängenden Schädel
+ab und fühle ein kleines Loch. Eine Laterne ist jetzt zur
+Hand, und ich sehe, daß dieses Loch offenbar von einem
+Nagel herrührt.
+</p>
+
+<p>
+Ein anderer Mann preßt nun den Leib des Knaben, aber
+auch jetzt fließt nur wenig Wasser aus dem Munde, während
+immer noch Blut sickert.
+</p>
+
+<p>
+Der Garza laufen die Tränen dick aus den Augen, und sie
+schnüfft ruckweise und schwer mit der Nase, die sie einige
+<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
+Male mit dem Kleide abputzt. Sie versucht, die Knie des
+Kleinen durchzudrücken, damit die Beinchen, die so spitzwinklig
+in den Kniegelenken eingekrümmt sind, daß die
+Hacken beinahe die Oberschenkel berühren, gerade werden
+mögen. Trotz ihres Schmerzes denkt sie doch schon an die
+„schöne Leiche“, die das Kind sein soll, das letzte, was sie
+für ihren Kleinen tun kann. Und mit den spitzen Beinchen
+dürfte die Leiche wohl nie schön aussehen. Aber die Knie
+sind schon ganz starr, und es gelingt ihr nicht. Endlich versucht
+der Mann, der bisher den Leib auspreßte, die Knie
+durchzubiegen, und nach langem geduldigen Kneten,
+Drücken und Ziehen gelingt es ihm auch. Während der Mann
+an den Knien massiert, streichelt die Mutter die kleinen
+Stiefelchen, deren fabrikneuer Lackglanz an vielen Stellen
+der langen Einwirkung des Wassers widerstanden hat. Sie
+drückt und preßt die Stiefelchen, und während sie, zweifellos,
+dumpf die geheimnisvollen Wege des Schicksals empfindet,
+daß die aus inniger Bruderliebe dargebotene Gabe
+gleichzeitig die mittelbare Ursache des Todes des beschenkten
+Kindes wurde, beginnt das hineingewürgte Weinen sie zu
+ersticken und nun, zum erstenmal, seit der Kleine vor ihren
+Augen ist, stößt sie einen markerschütternden Schrei aus, der
+die tiefe Nacht des Dschungels aufzureißen scheint.
+</p>
+
+<p>
+Die wenigen Sekunden Schweigen, die diesem Wehschrei
+folgen, wirken so beklemmend, als versänke die Welt. Und
+<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
+abermals stößt die Garza einen Schrei aus. Diesmal ist er aber
+nicht so gell, jedoch mehr gezogen und klagend.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer, die herumstehen, fühlen sich gedrückt und
+scheu. Sie schlagen die Augen nieder, tasten an ihrem Gesicht
+oder an ihren Kleidern verlegen hin und her. Angesichts des
+Schmerzes der Garza schrumpfen sie in sich zusammen und
+werden ganz klein und ärmlich. Sie ahnen den Schmerz der
+Mutter, denn sie alle haben eine Mutter gehabt, eine Mutter,
+die, wie alle Mütter nichteuropäischer Völker, ihre Kinder
+mit einer, uns tierisch anmutenden, Zärtlichkeit lieben und
+behandeln. Sie ahnen das Weh der Mutter, aber weil sie
+Männer sind, können sie das Weh nicht fühlen. Und weil sie
+in diesem Gefühl von der Natur benachteiligt wurden, kommen
+sie sich jetzt allesamt so arm, so erbärmlich und so
+schuldbewußt vor. Keiner wagt die Mutter zu berühren
+oder sie zu trösten, sie stehen da wie kleine Jungen, die sich
+schämen.
+</p>
+
+<p>
+Da kommt die Pumpmeisterin herbei, umarmt die Garza,
+als ob sie sie zerpressen wollte, und küßt sie wie wild auf den
+Mund, auf die Backen, auf die tränenden Augen. Sie hebt
+ihr feines Kleid auf und trocknet der Garza die Tränen und
+die Nase und küßt sie wieder und wieder. Dann haben sie
+beide ihren Kopf auf die Schulter der anderen gelegt, halten
+sich fest umarmt und schreien und schreien.
+</p>
+
+<p>
+Wer hätte geglaubt, daß die feine Pumpmeisterin sich je so
+<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
+gehen lassen würde. Die Mütter. Die Mütter. Und die
+Männer werden noch kleiner, noch beschämter, noch ärmer
+und haben nur einen Wunsch: Auch weinen zu können. Sie
+verzerren die Gesichter und möchten am liebsten zehn Meilen
+weit entfernt sein.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer beneiden die beiden, die den kleinen Leichnam
+hochhalten und sich damit beschäftigen können. Nur etwas
+zu tun haben. Und die Männer fangen an, sich zu drehen und
+auf den Beinen hin und her zu treten, sie sehen sich um, ob
+nicht irgendwo eine Arbeit für sie wartet. Sie klauben Holz
+auf und werfen es wieder fort, weil es ja nun nicht mehr
+nötig ist, ein Feuer anzuzünden.
+</p>
+
+<p>
+Sleigh kommt heran, steht eine Weile unschlüssig da und sagt
+dann zu mir: „Ich werde Kaffee kochen gehen, damit die
+Garza was Warmes kriegt.“
+</p>
+
+<p>
+Die Pumpmeisterin löst sich nun aus den Armen der Garza
+und betrachtet den Kleinen, der immer noch mit den Füßen
+hochgehalten wird, weil man nicht weiß, was man Besseres
+tun soll. Sie hebt den Kopf an, streicht das Haar zurück und
+streichelt das Gesicht. Über ihre Hände läuft das wässerige
+Blut, und mit ihrem Kleide wischt sie dem Kleinen den
+blutenden Mund und die blutbeschmierte Nase ab. Das Blut
+läuft aber gleich wieder nach.
+</p>
+
+<p>
+Der Kleine hat die Stiefelchen an und kurze neue Strümpfchen.
+Das kurze Höschen ist alt, geflickt und hat eine Menge
+<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
+Löcher, wie die Hose eines jeden kleinen Jungen, der nur die
+eine Hose hat für den allgemeinen Gebrauch. Hosenträger
+hat er nicht. An deren Stelle ist eine Strippe, die von einem
+vorderen Knopf rechts nach einem hinteren Knopf links
+über die Schulter geht. Dann hat er noch ein weißes zerrissenes
+Hemdchen an.
+</p>
+
+<p>
+Während er jetzt so hoch hängt, rutscht aus einer der Hosentaschen
+ein kleines Holzpfeifchen hervor. Als es herunterfallen
+will, fängt es die Garza auf, und als sie es betrachtet,
+fängt sie an zu weinen, diesmal in einem stillen wehmütigen
+Zuge, der sie durch und durch schüttelt. Sie schiebt das Pfeifchen
+oben in ihre offene Brust.
+</p>
+
+<p>
+„Hat er keinen Hut gehabt?“ fragt einer der Männer.
+</p>
+
+<p>
+Erregt und als ob sie von einem Zauberbann erlöst wären,
+drängen die Männer, die diese Frage gehört haben, heran. Es
+gibt Arbeit. Sie dürfen ins Wasser springen, um den Hut zu
+suchen und herauszufischen.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Hoffnung auf Tätigkeit war verfrüht, denn die
+Mutter sagt, daß der Hut im Hause sei. Das sei mit einer der
+Gründe gewesen, warum sie nicht geglaubt habe, daß er fortgeritten
+sei. Die Hälfte von dem, was sie sagt, muß man sich
+freilich selbst zusammenreimen.
+</p>
+
+<p>
+Wir stehen noch am Ufer, dicht neben dem Anfang der
+Brücke. Durch die Laterne, die hier einer hochhält, wird ein
+Teil der Brücke beleuchtet. Ich sehe auf, weil ich an Sleigh
+<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
+denke, der, wie mir erscheint, vor einer Woche zu mir gesagt
+hat, daß er Kaffee kochen gehen wolle.
+</p>
+
+<p>
+Da kommt einer von der anderen Seite des Flusses über die
+Brücke. Er geht schwer und schleppend wie ein sehr alter
+Mann. Wenn er den Fuß hebt, so ist es, als klebe der Fuß fest
+und als müsse er ihn erst jedesmal losreißen. Den Kopf hält
+er ganz tief gebeugt. Ehe ich sehe, wer es ist, kenne ich ihn an
+seinem städtischen Texashute. Manuel.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt hat er den Anfang der Brücke hier erreicht. Eine Weile
+steht er still, dann kommt er langsam heran, ohne aufzusehen.
+Er ist bleich, soweit es die Farbe seiner Haut nur zuläßt.
+Sein Gesicht ist ganz schmal geworden. Seine Augen
+sind matt und müde.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza sieht auf zu dem großen Jungen. Ihre Augen stehen
+dick mit Wasser. Sie öffnet den Mund und will etwas sagen.
+Aber dann läßt sie den Mund zuklappen wie ein Automat.
+</p>
+
+<p>
+Manuel steht nun ganz dicht vor den beiden Männern, die
+den Jungen halten. Den Kopf ganz tief auf die Brust gesenkt,
+hebt er langsam die Arme und streckt sie weit vor sich hin
+mit den offenen Handflächen nach oben.
+</p>
+
+<p>
+Der Indianer, der den Jungen hochhält, sieht Manuel an wie
+einen Geist, der plötzlich erschienen ist. Dann stützt er den
+Kopf des kleinen Leichnams mit der einen Hand, hält den
+Körper wagerecht und legt ihn schweigend in die hingestreckten
+Arme des großen Bruders.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
+Niemand sagt ein Wort. Aber alle Männer und Burschen,
+die inzwischen ihre Hüte wieder aufgesetzt hatten, nehmen
+jetzt die Hüte ab, auch die beiden Männer, die sich bis zu
+diesem Augenblicke mit dem Kleinen beschäftigt hatten.
+</p>
+
+<p>
+Eine Weile steht Manuel jetzt so da, den Kopf immer noch
+tief auf die Brust gesenkt und den Kleinen in den vorgestreckten
+Armen haltend wie ein Opfer, das dargebracht werden
+soll. Er ist jetzt der einzige, der den Hut auf hat. Und dieser
+hellgraue, breitrandige, hohe Hut über dem tiefbraunen Gesicht,
+das man kaum als Gesicht erkennen kann, läßt den
+Vorgang unwahrscheinlicher erscheinen als einen fremdartigen
+Traum.
+</p>
+
+<p>
+Mir wird das Bild so unerträglich, daß ich dasselbe Angstgefühl
+bekomme, das ich für einige Sekunden empfand, während
+das Brett auf dem Wasser schwamm. Um dieses Gefühl
+zu zerstreuen, entschließe ich mich, zu handeln, irgend etwas
+zu tun. Ich gehe rasch auf Manuel zu, berühre seinen Arm
+und sage: „Bitte!“
+</p>
+
+<p>
+Ob Manuel es gehört hat oder nicht, weiß ich nicht. Er verrät
+durch keine Miene, daß er verstanden hat, was ich sagte.
+Ich aber lege meine Hand auf die Brust des Kleinen, schiebe
+das Hemdchen zurück und lege mein Ohr auf die Stelle, wo
+sein Herz ist. Ich weiß, daß der Junge so gut wie tot war, ehe
+er das Wasser berührt hatte, und daß er bestimmt tot war,
+fünf Minuten nachdem ich den Platsch – nein, nachdem ich
+<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
+den Fisch im Wasser hatte hochspringen hören. Denn es war
+ein Fisch. Zweifellos. Ich möchte nicht, daß dieser Platsch
+mir mein ganzes Leben hindurch im Ohr klinge, wenn ich für
+eine Sekunde meine Gedanken ruhen lasse.
+</p>
+
+<p>
+Der kleine Körper ist eiskalt, und auch nicht das leiseste
+Klopfen seines so fröhlichen Herzens ist zu vernehmen. Es
+hat auch niemand hier gehofft. Aber sie lassen mich handeln.
+Ich hebe den Kopf hoch, man sieht mich fragend an, und als
+ob ich nicht ganz sicher gewesen sei, lege ich mein Ohr ein
+zweites Mal auf die kleine Brust. Diesmal länger, und ich
+fühle die Kälte des Todes noch stärker als zuvor. Als ich nun
+wieder den Kopf hebe, wende ich mich ab, ohne jemand anzublicken,
+obgleich ich weiß, daß alle Augen auf mich gerichtet
+sind, als ob ich etwas Unerwartetes zu erzählen hätte.
+Aber man begreift durch mein Abwenden, daß Unerwartetes
+nun nicht mehr eintreten kann.
+</p>
+
+<p>
+Mein Angstgefühl ist verflogen. Durch diese Handlung
+bin ich in die Trauergemeinde aufgenommen worden, sie
+zählen mich zu den ihrigen, weil ich an ihrem Schmerze Anteil
+nehme.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-14">
+<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
+14
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_m.jpg" alt="M"><span class="hidden">M</span></span><span class="postfirstchar">anuel</span> schreitet langsam über die Brücke,
+mit dem Kleinen vor der Brust. Neben
+ihm geht die Garza, von einer Frau
+begleitet, die ihren Arm um die Schulter
+der trauernden Mutter geschlungen hat.
+Hinterher folgen alle Männer und
+Burschen, den Hut in der Hand. Als Manuel an der Stelle
+der Brücke angekommen ist, unter der Carlos gefunden
+wurde, bleibt er einen kurzen Moment stehen. Die Garza
+stößt einen klagenden Schrei aus, und die Frau schlingt sie
+fester in ihre Arme, um sie zu trösten. Einer der Männer tritt
+zur Seite, ergreift sein Machete und haut an dieser Stelle des
+Seitenbalkens eine tiefe Kerbe in das Holz als ein Denkmal.
+Der Zug geht weiter, erreicht das andere Ufer und kommt
+über die Dschungellichtung zu dem gekehrten Platze der
+Hütte, wo am Abend der Garza fiedelte und Carlos dem
+großen Bruder das Haar zerzauste.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
+Wir kommen in die Hütte. In ihrem Innern ist sie eine der
+ärmlichsten Indianerhütten, die ich je gesehen habe. Weder
+Tisch noch Stühle noch Bank. Nicht einmal das einfache, zusammenklappbare
+Holzgestell mit einem darüber gespannten
+Segeltuch, das hier der Mehrzahl der Bevölkerung als
+Bett zu dienen hat, ist vorhanden. Ein Gerüst aus dünnen
+rohen Baumstämmchen, mit Bast und Bindfaden zusammengehalten,
+wird von dem Ehepaar als Bett benutzt. Eine alte
+Decke, als Kissen ein Bündel Gras. Der Schlafplatz der
+Jungen ist oben auf dem Grasdach der Hütte, mit dem
+Himmel als Decke und Moskitonetz.
+</p>
+
+<p>
+In der Hütte sind vorausgeeilte Frauen schon tätig gewesen.
+Sie haben Kerzen herbeigeschafft, sie in leere Flaschen gesteckt
+und auf Kisten aufgestellt. Die Hütte bekommt dadurch
+ein feierliches Aussehen, das die Garza, als sie beim
+Eintreten die Lichter erblickt, zu einem erneuten Ausbruch
+des Schmerzes hinreißt. Aber sie schüttelt den Schmerz diesmal
+rasch ab und fängt an, sehr geschäftig zu werden. Zuerst
+weiß sie nicht recht, wo beginnen. Sie rennt in diese Ecke, dann
+in jene, ergreift diesen Gegenstand, dann wieder einen andern
+und legt ihn wieder aus den Händen. Dann endlich geht sie
+zu einer Kiste, die auf dem Erdboden steht und die der
+Kleiderschrank der Familie ist, und nimmt einen völlig zerknitterten
+und verkrumpelten Ballen Stoff heraus. Sie hält
+ihn eine Weile in der Hand und dreht sich suchend um.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
+Da sitzt Manuel hockend auf einem Sack, der zu einem
+Drittel mit Maiskolben gefüllt ist. Er sitzt da wie eine
+Bronzestatue, den Kopf noch immer gesenkt und auf den
+Armen den kleinen Bruder vor sich.
+</p>
+
+<p>
+Sleigh erscheint im Eingang des Jacalito. Auf dem Kopfe
+trägt er seinen Tisch, den einzigen, den er hat. Er läßt ihn
+jetzt herunter und bringt ihn in die Hütte, wo er ihn in der
+Mitte, dem Eingang gegenüber aufstellt. Gleich darauf
+kommt die Pumpmeisterin mit zwei weißen Bettüchern, die
+sie auf dem Tisch ausbreitet.
+</p>
+
+<p>
+Manuel steht auf und legt den Kleinen auf den Tisch. Er sieht
+auf ihn nieder, dann dreht er sich um und geht hinaus in die
+Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza umklammert die kleinen Händchen, die zerweicht
+und alt aussehen, und preßt sie so hart, als wollte sie
+ihnen damit wieder Wärme einflößen. Nun sieht sie, daß der
+Kopf flach liegt und daß wieder Blut aus Mund und Nase
+sickert. Sie geht zu ihrer Bettstatt und kommt mit einer
+Handvoll Gras zurück, das sie ihm als Kissen unterlegen will.
+Auf halbem Wege bleibt sie stehen, sieht auf ihr Kind und
+läßt das Gras fallen. Eine Frau läuft fort und kommt im
+Augenblick zurück mit einem kleinen schmutzigen Kinderkopfkissen.
+Die Pumpmeisterin kramt in den Lumpen herum,
+sucht sich etwas zusammen, und sie näht mit flinken Fingern
+ein zweites Kissen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
+Die Kissen und die weißen Tücher bekommen große nasse
+blaßrote Flecken, die sich immer weiter ausdehnen.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza zieht dem Kleinen nun die Stiefelchen aus, die
+Strümpfe, die zerflickte und zerlöcherte Hose und das zerrissene
+Hemdchen.
+</p>
+
+<p>
+Die Pumpmeisterin findet einen Kamm und kämmt dem
+Kleinen das Haar. Erst macht sie einen Scheitel links, dann
+gefällt er ihr nicht, und sie macht ihn rechts.
+</p>
+
+<p>
+Die Hähne krähen zum zweitenmal in der Nacht. Es ist ein
+Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza hebt jetzt den zerknüllten Ballen Stoff von der
+Erde auf und verwandelt ihn zu einem ganz billigen blauen
+Matrosenanzug, den Sonntagsanzug des Kleinen und sein
+größter Stolz. Sie zieht ihm das Höschen und das Jäckchen
+an. Der große Matrosenkragen hat drei schmale weiße
+Kanten. In seinem geflickten Höschen, der quer über die
+Schulter gezogenen Strippe und dem zerrissenen Hemd sah
+der Junge schön aus, ein echtes Kind des Dschungels. Nun
+aber sieht er aus, als sei er in einer Fabrik in Manchester,
+Chemnitz oder New Jersey per Gros als Nr. 3½ angefertigt
+worden. Immerhin, sein braunes, wenn auch verquollenes
+Gesichtchen, die strengen Züge seines reinen unvermischten
+Indianerblutes triumphieren über die blaßhäutigen Krämer,
+die eine Welt zu vergiften suchen. Über seinem Gesicht vergißt
+man die Peitschmeister und Schwitzhöhlen New Yorks,
+<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
+wo die weißen Sklaven sich die Schwindsucht anarbeiten,
+damit der Sohn des Dschungels in einem billigen Matrosenanzug,
+dessen Sinn hier niemand versteht, begraben werden
+kann. Denn zu seinen Lebzeiten hat der Junge den Anzug
+nur ein einziges Mal getragen, und das war, als er ein Jahr
+jünger war.
+</p>
+
+<p>
+Weder die Hosen noch die Jacke lassen sich zuknöpfen, weil
+der Anzug lange nicht mehr paßt, und weil der Körper nun
+auch noch aufgeschwollen ist. Die Garza versucht es immer
+wieder, und immer wieder ist es vergebens. Endlich preßt sie
+den Körper so fest zusammen, daß sie zuknöpfen kann, und
+nun sitzt der Anzug so prall, daß man meint, er müsse gleich
+platzen. Sie wringt die Strümpfe aus und hält sie gegen das
+kleine Feuer, das auf dem Erdboden in der Hütte brennt,
+und wo ein irdener Topf mit Wasser aufgestellt ist für Kaffee.
+Dann zieht sie dem Kleinen die Strümpfe an und endlich auch
+die neuen Stiefelchen.
+</p>
+
+<p>
+Während der ganzen Zeit schnaubt sie mit der Nase, ohne
+ein Taschentuch zu gebrauchen, das sie ja auch gar nicht besitzt.
+Wenn es ihr ein wenig zu viel wird, hebt sie ihr Kleid
+an und gebraucht es für diesen Zweck, oder sie nimmt einen
+Lumpen auf, der mit aus der Kiste gerissen wurde.
+</p>
+
+<p>
+An der einen Seite der Wand ist ein Brett befestigt dadurch,
+daß zwei Bindfaden nach je einer Ecke des Brettes gehen,
+während die Hinterkante des Brettes auf zwei kurzen
+<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
+Pflöcken aufliegt. Auf diesem Brett steht, gegen die Staketenwand
+gelehnt, ein Muttergottesbild ohne Rahmen. Daneben
+einige kleine Bildchen mit Heiligen und mit einem Spruch
+oder Gebet auf der Rückseite. Vor dem Muttergottesbilde
+steht ein Glas mit einem Lichtchen, das nie ausgehen darf.
+Aber wenn man kein Öl kaufen kann und auf Dinge zu
+achten hat, die wichtiger für das Leben sind, so geht das Lichtchen
+eben doch aus, wie es mit allen Sachen geht, die ewig
+sind. Aber die Pumpmeisterin hat auch dieses Lichtchen in
+Ordnung gebracht, und es glimmt wieder. Auf dem Brettchen
+stehen noch verwelkte Blumen in mehreren zerbrochenen
+Scherben. Außerdem lag das Nähzeug darauf, das die Pumpmeisterin
+für das Kissen gebrauchte, der Kamm, Haarnadeln,
+Streichhölzer und noch so allerlei andere Kleinigkeiten, darunter
+das Spielzeug des Kleinen: ein kleines, verbogenes und
+verschrammtes Blechauto, ein Angelhaken, eine Schleuder
+aus einem alten Autoreifen gefertigt, eine bunte Glaskugel,
+zwei Messingknöpfe, ein abgebrochener Flaschenkork, einige
+Zigarettenbildchen und die kleine Gitarre, die Manuel mitgebracht
+hat. An der Seite des Brettes, über die Ecke gehängt,
+ist ein ganz billiger Rosenkranz.
+</p>
+
+<p>
+Durch Aufstellen von dünnen Stämmchen, die mit Bast verbunden
+und oben am Dache befestigt sind, ist auf dreiviertel
+Breite der Hütte eine Wand geschaffen worden, die einen
+schmalen Raum der Hütte abtrennt, in dem alte Säcke liegen,
+<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
+Sattel- und Zaumzeug, ein alter Korb, in dem die Hühner
+die Eier hineinlegen und ausbrüten. Außerdem hängt hier
+das Wochentagskleid der Garza. Die paar Lebensmittel, die
+im Hause sind, etwas Kaffee, brauner Rohzucker, Reis, Fett
+und Bohnen sind in einem zerrissenen Schilfkorbe, der an
+einem Drahte in der Hütte hängt, damit die Ratten und
+Mäuse nicht heran können. Dieser Korb baumelt so im
+Wege, daß er immerfort in Bewegung ist, weil immerwährend
+von jemand, der größer ist als die Garza, mit dem
+Kopfe daran gestoßen wird. Aber niemand denkt daran,
+den Korb für diese Zeit anderswo hinzuhängen. Gegenüber
+dem Feuer auf der Erde, an der Wand, steht das Blech
+zum Backen der Tortillas, drei braune Tontöpfe, von denen
+einer halb zerbrochen ist, eine eiserne alte Pfanne und der
+große Stein, auf dem mit einem knüppelartigen kleineren
+Stein der Mais zermahlen wird.
+</p>
+
+<p>
+Es sind inzwischen noch mehr Kerzen gebracht worden, vier
+brennen neben dem Leichnam und zwei sind vor das Muttergottesbild
+gestellt worden. Durch diese brennenden Kerzen,
+durch die vielen Leute, die in der Hütte sind, aus- und eingehen
+und durch die Frauen, die alle ihre Sonntagskleider
+anhaben des Tanzes wegen, sieht der Jacalito, die Hütte, gar
+nicht mehr so arm aus. Er sieht wahrhaft festlich aus und
+reich, und man vergißt zuweilen ganz, weshalb diese festliche
+Stimmung hier in der Hütte lagert.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-15">
+<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
+15
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D"><span class="hidden">D</span></span><span class="postfirstchar">ie</span> Mehrzahl der Leute ist vor der Hütte
+geblieben, wo sie auf dem Erdboden
+hocken, rauchen und schwätzen. Ab und
+zu kommen einige hinein, während
+andere wieder hinausgehen.
+</p>
+
+<p>
+Der mittlere Junge, der halbverrückte,
+hockt gleich rechts beim Eingang der Hütte auf dem Boden
+und heult still vor sich hin. Niemand achtet auf ihn, und er
+selbst macht sich nicht bemerkbar, faßt nirgends zu und kümmert
+sich um gar nichts. Ob er um den kleinen Stiefbruder
+weint, oder darum, weil er die Frauen weinen sieht, oder
+weil er nichts Besseres zu tun weiß, oder weil er glaubt, es
+sei seine Pflicht zu weinen, genau so gut wie es sonst seine
+<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
+Pflicht ist, zu essen, wenn er gerufen wird, das weiß niemand
+zu sagen. Aber niemand interessiert sich auch für ihn. Er ist
+der Fremde hier, der einzige Fremde seit dem Augenblicke,
+wo ich zur Trauergemeinde zähle.
+</p>
+
+<p>
+Manuel kommt jetzt still hereingeschlichen. Er sieht auf den
+Kleinen, geht dann zu dem Altarbrett, nimmt den halbabgebrochenen
+Blechkamm herunter und kämmt dem Kleinen
+den Scheitel wieder auf die andere Seite. Er gebraucht dazu
+eine unglaublich lange Zeit. Die Pumpmeisterin steht dicht
+daneben, zwischen dem Leichnam und dem Altarbrett, und
+näht aus Pappstreifen und aus goldenem, silbernem, rotem
+und blauem Papier, das sie sich zu verschaffen gewußt hat,
+eine Krone zusammen mit einem Kreuz darauf. Das Kreuz
+hat einer der Männer mit seinem Messer aus einer Konservenbüchse
+geschnitten und mit Hilfe tropfenden Stearins mit
+Goldpapier beklebt. Die Pumpmeisterin nimmt unzählige
+Male Maß rund um das Köpfchen herum, damit das Krönchen
+auch passen möge. Die Tränen kollern ihr immer über
+das bunte Papier, das sie verarbeitet; aber immer, wenn sie das
+Krönchen aufpaßt und es bei jedem Aufsetzen schöner aussieht,
+lächelt sie. Und jedesmal, wenn sie es zurückgenommen hat von
+dem Kopfe des Kleinen, kommt ihr eine neue Idee, um wieviel
+schöner und lieblicher noch sie das Krönchen gestalten könne.
+Zwei Männer sind damit beschäftigt, dem Kleinen die Knie,
+die noch immer zu spitz nach oben stehen und verkrampft
+<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
+aussehen, durchzubiegen. Nach einer Weile glückt es auch,
+und man legt ein Brettchen, das mit einem Steine belastet ist,
+über die Knie, um sie eine Zeit so zu halten, damit sie nicht
+wieder zurückknicken.
+</p>
+
+<p>
+Ich sehe, daß der Mund weit offen hängt. Es stört mich
+durchaus nicht, und ich finde, daß diese Geste für einen
+kleinen Jungen, der so plötzlich in eine neue Welt sieht, ganz
+natürlich ist und er gut seine Reise so antreten kann, ohne
+daß es ihm jemand übelnehmen wird. Aber die Mutter denkt
+anders darüber, und sie stellt sich eine schöne Leiche feierlicher
+vor. Sie versucht, den Mund zu schließen. Aber der
+Mund will nicht halten. Ich lasse mir einen Streifen von
+einem alten Hemd geben und binde ihn dem Kinde über den
+Unterkiefer und den Scheitel.
+</p>
+
+<p>
+Wenn irgendein Indianer sich an dem Jungen betätigt, so
+wird kaum darauf geachtet, und man sieht sehr gleichgültig
+zu. Sobald ich aber herankomme und das Kind auch nur berühre,
+drängen sie alle um mich herum, und was nur in der
+Hütte Platz findet, strömt von draußen herein. Es macht auf
+mich ganz den Eindruck, als ob sie alle von mir erwarten,
+daß ich ein großes Wunder verrichten, den Kleinen gar
+wieder ins Leben zurückrufen würde. Denn der Gedanke,
+daß ich dem Jungen etwa gar nachträglich noch etwas Böses
+durch den Blick meiner Augen oder durch die Berührung
+meiner Hände antun könnte oder möchte, ist lange verschwunden.
+<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
+Ich kenne die Leute hier nur seit drei Tagen,
+aber sie kennen mich alle. Mein Ruf ist bis hierher gedrungen,
+lange, ehe ich kam. Und dieser Ruf wurzelt in einer Geschichte,
+die sich in einem fern von hier liegenden Indianerdorfe,
+das aber zu demselben Flußgebiete gehört, vor
+längerer Zeit zugetragen hat. Im Mittelpunkt jener Geschichte
+war auch ein toter Indianer, den ich, nachdem er
+schon acht Stunden tot war, wieder zum Leben, oder richtiger,
+zum Atmen brachte, und den ich auch, das ist unerschütterlicher
+Glaube der Leute jenes Dorfes, ins Leben zurückgerufen
+haben würde, wenn sich nicht ein Teufel von
+einem nichtswürdigen Spanier hineingemischt hätte, der eine
+gegenteilige Behandlungsweise anordnete, der man folgte,
+und die den Indianer innerhalb von zwanzig Minuten, was
+alle Anwesenden mit eigenen Augen sahen, tötete. Daß jene
+Geschichte bis in dieses ferne Dschungeldorf schon gedrungen
+war, erfuhr ich erst einige Tage später.
+</p>
+
+<p>
+Jedenfalls wird dieses Hochbinden des Unterkiefers anerkennend
+beurteilt, und ich rutsche dadurch in den engeren
+Kreis der Trauergemeinde.
+</p>
+
+<p>
+Die Pumpmeisterin, mit Hilfe eines Mannes, biegt nun die
+Ärmchen über die Brust und bringt die kleinen Hände zum
+Falten. Weder die Arme, noch die Hände wollen halten.
+Deshalb werden sie nun mit einem Bindfaden, der in das
+Fleisch einschneidet, zusammengebunden.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
+Dem Kleinen ist das Krönchen aufgesetzt worden. Verwunderlich,
+mit wie geringen Mitteln die Frau ein solches
+kleines Kunstwerk zuwege gebracht hat. Wenn man nicht
+ganz dicht dabeisteht, kommt man nicht auf die Idee, daß
+die Krone aus Papier ist. Würde der Kleine nicht diesen entsetzlichen
+Matrosenanzug aus New Jersey oder Crimmitschau
+anhaben, der einen mehr zum Weinen als zum Lachen
+bringen kann, würde das Kind aussehen wie der in einer
+armen Hütte aufgewachsene Sohn eines entthronten texkukischen
+Königs, der im Tode seine Würde zurückerhalten
+hat.
+</p>
+
+<p>
+Die Pumpmeisterin betrachtet den Knaben eine Weile
+lächelnd, und es kommt ihr ein neuer Gedanke. Der Kleine
+ist noch nicht schön genug. Sie geht hinaus, bricht einen
+dünnen Zweig von einem Strauche und beginnt nun, mit
+dem Papier, das sie noch zur Hand hat, jenen Zweig auszuschmücken.
+Und als es getan ist, da ist ein goldenes Zepter
+entstanden mit einem kleinen Kreuz am oberen Ende.
+</p>
+
+<p>
+Sie bindet dem Kleinen die Hände los. Die Arme spreizen
+ein wenig auseinander, und die Händchen, die dadurch auch
+auseinandergehen, stehen starr über der Brust frei in der
+Luft. Durch das Ineinanderfalten der Hände sind die Finger
+gespreizt worden. Sie sind in dieser Form erstarrt und sehen
+aus wie Krallen, die irgend etwas über der Brust packen
+wollen. Die Frau legt das Zepter in die kleinen Hände,
+<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
+schließt sie wieder, biegt sie abermals zum Falten ineinander
+und bindet sie endlich zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Gerade als sie damit fertig ist, tritt Garza, der von Magiscatzin
+zurückgekommen ist, in den Eingang der Hütte.
+</p>
+
+<p>
+Er steht ganz still im Eingang. Dann blickt er, ohne mit der
+leisesten Geste in seinem Gesicht zu verraten, was in ihm
+vorgeht, auf seinen Prinzen und sein Nesthäkchen. Nun
+nimmt er langsam den Hut ab und kommt ganz nahe heran.
+Die Garza, die Pumpmeisterin und alle übrigen, die in der
+Hütte sind, sehen ihn an. Sie alle wissen, wie sehr er den
+Kleinen, das einzige Kind, das er von seiner jungen Frau
+hat, liebt.
+</p>
+
+<p>
+Mit leeren Augen, als ob da nichts wäre, sieht er auf den
+kleinen Leichnam. Er versteht das nicht und faßt es nicht.
+Es kommt ihm gar nicht zum Bewußtsein, daß der Junge tot
+ist, daß er ihn nie wieder herumlärmen hören wird. Nach
+einer Weile dreht er sich um und blickt auf den Boden, als ob
+er etwas suche. Als er wieder aufsieht, kollern ihm die
+Tränen aus den Augen wie kleine Kieselsteine. Er fragt nicht
+wann, er fragt nicht wo, er fragt nicht wie. Er ist ganz
+interesselos. Er wendet sich ab, macht eine scharrende Bewegung
+mit dem einen Fuß, steht dann eine Weile am Eingang,
+mit dem Kopf gegen den Stamm gelehnt, und geht
+hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Männer, seine näheren Freunde, kommen auf ihn
+<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
+zu. Er aber sieht sie nicht. Er verläßt den Hof, setzt sich
+wieder auf sein Pferd und reitet fort.
+</p>
+
+<p>
+Ich gehe nun hinüber zu Sleigh. Hier vor der Hütte liegen
+die Leute herum und schlafen. Andere sitzen und schwätzen.
+Wieder andere gehen oder kommen. Aus allen Hütten sieht
+man Licht schimmern. Die Esel schreien kläglich, und der
+Dschungel singt sein ewiges Lied, unbekümmert, was um ihn
+herum vor sich geht. Ihm gegenüber zählen die Menschen für
+nichts, er verachtet sogar ihren Dünger, den er gar nicht annimmt,
+sondern den Fliegen und Käfern überläßt.
+</p>
+
+<p>
+Sleigh pustet am Feuer und hat nun endlich den Kaffee
+fertig.
+</p>
+
+<p>
+„Wollen Sie eine Tasse trinken?“ fragt er mich.
+</p>
+
+<p>
+„Bringen Sie den nur erst einmal da rüber zu den Frauen,
+damit die etwas bekommen“, sage ich.
+</p>
+
+<p>
+„Gut,“ erwidert er, „ich koche gleich eine zweite Kanne,
+dann können Sie davon haben.“
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen schläft auf dem Boden unter ihrem Moskitonetz
+ruhig weiter. Wahrscheinlich hat ihr Sleigh das von dem
+Jungen erzählt. Aber das läßt sie kühl.
+</p>
+
+<p>
+„Wollen Sie nicht so gut sein und die Tassen bringen?“ Sleigh
+deutet auf das Brett, wo einige Emailletassen stehen. „Zwei
+lassen Sie nur hier für uns.“
+</p>
+
+<p>
+Ich nehme die Tassen, und wir ziehen ab, hinüber zu den
+Garzas. Sleigh stellt den Kaffee und die Tassen hin und bietet
+<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
+der Garza zu trinken an. Sie nimmt die Tasse und trinkt
+mechanisch den heißen Kaffee hinunter. Auch die Pumpmeisterin
+und einige andere Frauen kosten von dem Kaffee.
+Dann dreht sich die Pumpmeisterin eine Zigarette und reicht
+das Tabakbeutelchen der Garza, die auch zu rauchen beginnt,
+aber sich nicht setzt, sondern steht oder herumhantiert.
+Viel kann man jetzt nicht mehr tun. Endlich setzt
+sie sich doch, hält es aber nicht aus. Sie springt auf und läuft
+hin und her, bald dies in die Hand nehmend, bald jenes
+wieder fallen lassend. Die Kerzen biegen sich und müssen
+wieder gerade gestreckt werden, damit sie nicht so schnell
+verbrennen. Ein paar andere Kerzen liegen in einer Schüssel
+mit Wasser, um sie kühl zu halten. Dann fangen die Frauen
+an, aus den Lumpen, aus alten Kleidern und Hemden bunte
+Bänder, Stickereieinsätze und Häkelkanten abzutrennen,
+um das für den weiteren Aufputz des kleinen Leichnams zu
+verwenden.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-16">
+<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
+16
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_s.jpg" alt="S"><span class="hidden">S</span></span><span class="postfirstchar">leigh</span> und ich, wir gehen wieder zurück zu
+seiner Hütte. Bei dem zylinderlosen rauchenden
+Blechlämpchen, das kaum Licht verbreitet,
+sitzen wir um den leeren Platz herum, wo sonst
+der Tisch steht, der ja jetzt einem anderen
+Zwecke dient. Wir blinzeln rüber in das offene
+Holzfeuer, wo die Kaffeekanne mit frischem Wasser aufgestellt
+ist, das Sleigh, wie ich gesehen habe, eben aus dem
+Fluß geschöpft hat.
+</p>
+
+<p>
+Daran denke ich jetzt gerade, und ich sage: „Hören Sie,
+Sleigh, wo bekommen Sie denn hier das Wasser her zum
+Trinken, Kochen und Waschen?“
+</p>
+
+<p>
+Er sieht mich erstaunt an und erwidert: „Ich denke, das ist
+<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
+doch groß genug, daß man es sehen kann, wo wir das Wasser
+herholen.“
+</p>
+
+<p>
+„Doch nicht vom Flusse?“ frage ich. Ich frage das keineswegs
+erschreckt, denn ich lebe zu lange in den Tropen, im
+Busch, im Dschungel und auf Dörfern, um zu wissen, was
+Wasser bedeutet.
+</p>
+
+<p>
+„Meinen Sie wirklich aus dem Flusse dort?“ wiederhole ich
+meine Frage, weil er ein ganz dummes Gesicht macht.
+</p>
+
+<p>
+„Ja denken Sie denn vielleicht, wir lassen uns das Wasser in
+zugekorkten Bierflaschen von Mexico City oder gar aus dem
+Yosemite-Tal per Post schicken? Sie sollten doch wahrhaftig
+nicht eine so unerlaubte Frage stellen. Haben Sie denn seinerzeit,
+als wir uns an dem Dreckpfuhl da oben trafen, nicht
+mit Wonne geschlürft, ohne zu fragen, wer eine halbe Stunde
+vorher reingespuckt hat?“
+</p>
+
+<p>
+„Was das Spucken anbelangt, da muß ich Ihnen schon sagen,
+daß ich noch nicht gesehen habe, daß ein Indianer ins Wasser
+spuckt, das andere Leute zum Trinken gebrauchen müssen.
+Amerikaner habe ich aber schon oft in Zisternen und Tanks
+spucken sehen. Brunnen im Kriege zu vergiften, das haben auch
+nur die Weißen erfunden; wenn die Indianer es rechtzeitig gelernt
+und getan hätten, wäre Mexiko nie spanisch geworden.“
+</p>
+
+<p>
+„So bös meint das einer auch nicht, wenn er schon mal ins
+Wasser spuckt. Er denkt sich nichts dabei. Ich freilich tu es
+nicht.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
+„Recht haben Sie, Sleigh,“ sage ich, „er denkt sich nichts
+dabei. Das ist eben die Sünde. Aber nun zu dem Wasser da
+aus dem Flusse –“
+</p>
+
+<p>
+Er sieht mich eine Weile grinsend an und antwortet: „Das
+Wasser, das Sie bisher getrunken haben, solange Sie hier in
+diesem Hause sind, war das Wasser aus dem Flusse. Sie
+glauben doch nicht, daß ich für Sie besonders das Wasser
+erst abkoche oder ehnt–ke–eime, wie Sie das nennen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie wissen ganz gut, was ich meine,“ antworte ich, „da ist
+doch nun gerade der Kleine darin ertrunken, kaum fünfzig
+Schritt von hier.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das weiß ich. Na und was weiter? War der Kleine vielleicht
+ein Giftpilz?“
+</p>
+
+<p>
+Sleigh hat recht. Und daß da hin und wieder einer im Flusse
+ertrinken mag, ist schließlich auch nicht schlimmer, als wenn
+die Kühe, Pferde und Esel in das Wasser gehen, sich halbe
+Stunden lang darin aufhalten, um sich abzukühlen, Männer,
+Frauen und Kinder darin baden und Wäsche darin gewaschen
+wird.
+</p>
+
+<p>
+„Mich,“ sagt Sleigh nach einigen Minuten Schweigens, „mich
+interessiert viel mehr das mit dem Licht und dem Brett. Es
+ist doch eigentlich eine ganz merkwürdige Sache. Meine Frau
+hat mir schon davon erzählt. Die tun es daheim auch. Und
+das Licht findet den Ertrunkenen immer.“
+</p>
+
+<p>
+„Immer?“ frage ich zweifelnd.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
+„Immer!“ bestätigt Sleigh. „Meine Frau hat mir erzählt,
+daß dieses Licht sogar in einer ganz starken Strömung stromauf
+geht, wenn der Ertrunkene in jener Richtung liegt.“
+</p>
+
+<p>
+„Das bezweifle ich ganz entschieden, ich glaube es einfach
+nicht und halte das für übertrieben.“
+</p>
+
+<p>
+„Meine Frau hat es selbst gesehen, und ich glaube es“, sagt
+Sleigh, ohne sich aufzuregen. „Diese Indianer können eben
+mehr als wir.“
+</p>
+
+<p>
+„Auch das bezweifle ich“, antworte ich und meine es so.
+„Der Indianer kann nicht mehr als wir und weiß viel weniger
+als wir. Kein Farbiger kann mehr, auch nicht ein Chinese
+oder ein Inder. Das sind alles Märchen, die man sich erzählt,
+weil man die Sprache nicht genügend kennt, weil einem die
+Sitten und Gebräuche fremd sind und darum geheimnisvoll
+anmuten. Ich kann Sie versichern, Mann, daß ich Durst und
+Hitze leicht ertrug, wenn Indianer umklappten oder vom
+Felde mußten.“
+</p>
+
+<p>
+„Das gebe ich zu,“ sagt Sleigh, „Sie und wir alle haben den
+Willen, das und das zu tun. Die Leute legen keinen Wert
+darauf, den Willen zu haben. Sie fragen sich: Wozu? Für
+den Weißen den Sklaven zu machen? Aber Sie wissen doch
+ebensogut, wie ich es weiß, daß die Indianer sich von einer
+Klapperschlange beißen oder einem Gift-Skorpion stechen
+lassen und es tut denen gar nichts, während unsereiner in ein
+paar Stunden alle ist auf Nimmerwiedersehen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
+„Jeder von denen ist auch nicht immun“, widerspreche ich.
+</p>
+
+<p>
+„Sicher nicht, weil eben nicht jeder die Mittel kennt.“
+</p>
+
+<p>
+„Und die sterben an Fieber und an anderen dummen Sachen
+genau so gut wie wir.“
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich, sie sind ja Menschen.“ Damit steht Sleigh auf
+und stirrt das Feuer, um den Kaffee zu beschleunigen.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem er sich wieder gesetzt hat, sagt er: „Wenn Sie der
+Meinung sind, daß hier keine geheimen Naturkräfte, die nur
+die Eingeborenen kennen, mitwirken, dann geben Sie mir
+doch eine natürliche Erklärung.“
+</p>
+
+<p>
+„Das eben kann ich nicht. Die Erklärung finde ich nicht.“
+Und in der Tat, ich wüßte nicht einmal, in welcher Richtung
+ich eine Erklärung für den merkwürdigen Vorgang suchen
+soll.
+</p>
+
+<p>
+Mir steigt eine Erinnerung an eine andere Methode auf, die
+ich einmal sah, und ich sage: „Ich habe einmal etwas gesehen,
+das zuerst sehr geheimnisvoll erschien, mir aber später, als
+ich darüber nachdachte, klar wurde. Ich habe einmal gesehen,
+wie ein Ertrunkener gefunden wurde dadurch, daß man
+Pulverladungen unter Wasser explodieren ließ und der Ertrunkene
+zum Vorschein kam. Aber das wirkt nur, wenn der
+Verunglückte schon einen Tag oder gar länger im Wasser ist.
+Durch die Explosionen wird das Wasser aufgerührt, und der
+Körper, der ja jetzt schon an und für sich versucht, hochzukommen,
+wird an die Oberfläche getrieben.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
+„Das ist natürlich“, erwidert Sleigh. „Aber so einfach liegt
+dieser Vorgang hier nicht. Ich lebe lange genug hier unter
+diesen Leuten, und ich habe so viele merkwürdige Dinge gesehen,
+daß ich sie Ihnen gar nicht erzählen will, weil es ja
+doch zwecklos wäre, denn Sie würden nichts davon glauben.“
+Mit Sleigh sich in solche Gespräche einzulassen, führt zu
+nichts. Ich weiß es nicht seit heute nur, ich weiß es länger.
+Er glaubt es und sucht nicht nach irgendeiner Erklärung.
+Darum drehen sich Unterhaltungen dieser Art mit ihm
+immer im Kreise. Im Grunde genommen ist es mir auch
+gleichgültig. Ich habe es gesehen vom ersten Anbeginn bis
+zum letzten Ausgang. Die Handlungen waren durchaus klar.
+Unter einer Suggestion stand ich keineswegs, ich war nicht
+einmal schläfrig, sondern vollauf munter. Freilich, einen
+Zeugen, einen weißen Zeugen habe ich nicht. Sleigh ist kein
+Zeuge. Seine Kritik, wenn er überhaupt an irgendeinem
+Dinge in der Welt Kritik übt, was ihm nie einfällt, zählt nicht
+mit, wenn es sich um Angelegenheiten handelt, deren Mittelpunkt
+Indianer sind. In seiner Vorstellung sind die Indianer
+mit allen geheimnisvollen Kräften ausgestattet, von denen
+man nur je geträumt hat. Er glaubt alles und schließt jedes
+neue Kapitel ab mit dem, was seine Augen sahen, seine
+Ohren hörten und seine Frau ihm erzählte.
+</p>
+
+<p>
+Es macht vielleicht die Umgebung. Ich überrasche mich selbst
+damit, daß ich anfange, nach keiner Erklärung zu suchen,
+<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
+sondern es so hinzunehmen, wie ich es sah. Warum nicht?
+Es lebt sich hier leichter und schöner, harmonischer und beglückender,
+wenn man sein Hirn nicht mit Grübeleien belastet.
+Nimm es hin, wie es ist, freue dich darüber, liebe, tanze
+und sterbe. Das ist hier – vielleicht überall – der ganze
+Sinn des Lebens. Alles andere ist der Unsinn des Lebens, aus
+dem alles Unheil und Herzeleid entspringt.
+</p>
+
+<p>
+Ich sehe auf und bemerke, daß Sleigh die Hütte verlassen
+und das Lämpchen mitgenommen hat. Und auf dem
+krachenden Korbstuhl vor mir, von dem man sich nicht erklären
+kann, wie er überhaupt noch zusammenhalten mag,
+sitzt Perez. Perez, der Indianer, der den Kleinen aus dem
+Flusse brachte.
+</p>
+
+<p>
+„Hören Sie, Perez, Sie wollten mir doch zwei Gelbhauben
+besorgen, zwei junge?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin jetzt lange nicht im Busch gewesen. Ich gehe auch
+vorläufig nicht rauf.“ Er sitzt breitbeinig auf dem Stuhl,
+dessen Sitzhöhle nur noch eine Handbreit über dem Erdboden
+ist. Die Hände hängen zwischen den Beinen weit herunter.
+</p>
+
+<p class="ibr">
+„Warum gehen Sie denn nicht in den Busch? Brennen Sie
+keine Kohle mehr?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, sehen Sie, Senjor, der Gringo da oben sagt, ich hätte
+ihm sein Maultier gestohlen, ich sei ein Bandit.“
+</p>
+
+<p>
+„Das glaube ich nicht, daß Sie ein Bandit sind, ich glaube auch
+nicht, daß Sie die Mula gestohlen haben.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
+„Bestimmt nicht, Senjor, bei der Heiligen Jungfrau und dem
+Kinde nicht. Ich will doch hier gleich in die Hölle versinken,
+wenn ich ein Bandit bin. Der Gringo ist nicht ehrlich. Er sagt,
+er hätte meine Fußspuren neben denen seiner Mula außerhalb
+des Fences gesehen und durch den Busch verfolgt. Ich
+gehe da nie hin, wo er die Fußspuren gesehen hat.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe davon gehört. Senjor Griggs sagt, die Mula sei
+hundertfünfzig Pesos wert gewesen.“
+</p>
+
+<p>
+„Esta bien, Senjor, da können Sie gleich sehen, daß der
+Gringo kein ehrlicher Mann ist. Achtzehn Pesos haben mir
+diese vereiterten Hundesöhne in Llerra für die Mula bezahlt,
+und dann sagt dieser Mann hundertfünfzig Pesos. Es ist ja
+zum Lachen. Und nun gar noch zu sagen, ich hätte das Tier
+gestohlen, das ist eine so niederträchtige Lüge. Anständig ist
+es nicht. Ganz gewiß nicht.“ Er ist aufgestanden und zum
+Feuer gegangen, um sich seine Zigarette anzuzünden.
+</p>
+
+<p>
+Sleigh kommt zurück mit dem Lämpchen und einem irdenen
+Topf voll frischgemolkener Milch.
+</p>
+
+<p>
+„Die Kuh ist jetzt hereingekommen. Ich weiß nicht, wo die
+gesteckt hat“, sagt er, schüttet Kaffee in das kochende
+Wasser und bringt die Kanne her.
+</p>
+
+<p>
+Er gießt mir Kaffee ein und dann sich selbst. „Sie bekommen
+gleich meine Tasse, Perez“, sagte er zu dem Indianer.
+</p>
+
+<p>
+„Schon gut“, erwidert der.
+</p>
+
+<p>
+„Lag der Kleine gleich so flach auf dem Boden?“ fragt Sleigh.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
+„Nein, die Füße und die Hände waren in Wasserkraut verwickelt“,
+sagt Perez. „Ich glaube nicht, daß er je hochgekommen
+wäre, wenn wir ihn nicht geholt hätten.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie wußten Sie denn, daß der Junge an dieser Stelle war?“
+frage ich.
+</p>
+
+<p>
+„Das Licht stand doch über ihm. Das haben Sie ja selbst mit
+eigenen Augen gesehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Allerdings. Aber wie kann denn das Licht wissen, wo der
+Junge ist, wenn es keiner von uns allen weiß?“
+</p>
+
+<p>
+„Aber das ist doch sehr einfach, Senjor. Er ruft das Licht heran,
+und das Licht muß kommen. Da ist durchaus nichts Unheimliches
+dabei.“
+</p>
+
+<p>
+Sleigh lacht: „Da hören Sie es. Es ist ganz einfach. Gar nichts
+Unheimliches dabei. Ich habe es Ihnen doch schon gesagt.
+Das ist das ganze Geheimnis. Zaubern können die so wenig
+wie wir. Der Junge ruft, und das Licht kommt. Alles sehr
+klar wie der helle Tag.“
+</p>
+
+<p>
+„Also, Perez, wie ist es mit den jungen Gelbhauben?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich gehe nicht rauf in den Busch. Es hat keinen Zweck. Die
+haben kaum zu brüten angefangen. Warum soll ich da in
+dem Busch herumkriechen, wenn ich doch keine bringen
+kann, weil jetzt keine da sind. Zwei Monate später.“
+</p>
+
+<p>
+Er hat nun seinen Kaffee in der Hand und schlürft ihn langsam
+hinein. Sleigh gießt mir noch eine Tasse voll und trägt
+den Rest der Kanne rüber zu den Garzas.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
+Nach einer Weile kommt er wieder. Er geht zum Feuer, um
+sich eine Zigarette anzuzünden. Dann hockt er sich nach
+Indianersitte auf den Boden, weil keine andere Sitzgelegenheit
+vorhanden ist. Das Mädchen unter dem Moskitonetz auf
+dem Boden hat vor einer Weile ihrem weinenden Kinde zu
+trinken gegeben und schnarcht jetzt, daß die Hütte bebt.
+</p>
+
+<p>
+Perez und Sleigh werden schläfrig, lassen den Kopf sinken
+und blinzeln schwer mit den Augen. Als Sleigh im Schlafe
+fühlt, daß die Zigarette ausgegangen ist, erhebt er sich und
+geht zum Feuer. Nachdem die Zigarette wieder glüht, steht
+er eine Weile mit dem Rücken gegen einen Pfosten gelehnt
+und nickt abermals ein. Er schläft jedoch nur einen Wink,
+dann wird er wach und geht zum Eingang. Er sieht zu dem
+klaren Nachthimmel auf und sagt: „Es ist zwei Uhr vorbei.“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Ich ziehe meine Uhr und sage: „Zwanzig nach.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann muß ich melken gehen“, erwidert er darauf. „Perez,
+kommen Sie mit?“
+</p>
+
+<p>
+„Freilich.“ Er schlief so fest, daß ihm die Zigarette aus der
+schlaffen Hand gefallen ist. Er ist aber sofort munter, sucht
+gleich die Zigarette, nimmt das Lämpchen, zündet die Zigarette
+daran an und folgt mit dem Lämpchen Sleigh, der mit
+einem Eimer zum Korral geht, wo die Kühe stehen.
+</p>
+
+<p>
+„Sie können sich hinlegen und ein wenig schlafen“, sagt
+Sleigh zu mir, ehe er in der Nacht verschwindet.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-17">
+<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
+17
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D"><span class="hidden">D</span></span><span class="postfirstchar">a</span> die Hütte nun stockfinster ist und ich
+wirklich nichts Besseres zu tun weiß,
+taste ich mich zu jener Ecke, wo das Bett
+steht. Das Bett? Hängematte wäre richtiger.
+Aber gegenüber dem Lattengestell,
+das die Garzas haben und Bett nennen,
+ist das hier ein Luxusbett.
+</p>
+
+<p>
+Stiefel aus, reinbalanciert, Moskitonetz dicht gezupft und
+losgeschlafen.
+</p>
+
+<p>
+Alligatoren, Brücken, Eseltreiber, Pumpen, Königinnen von
+England, Kinderleichen, nackte Indianer, brennende Kerzen
+unter Wasser, Kühe mit einem Jaguar im Genick, selbstspielende
+Mundharmonikas, auf Maultieren reitende Banditen,
+<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
+ein vom Erdboden verschwundenes Kanada, unausgebrütete
+Gelbhauben, geigensingende Muttergottesbilder,
+die mit Stahlfedermatratzen tanzen wollen – nein, ich kann
+nicht einschlafen. Es ist alles Wirbel und Dröhnen im Kopfe,
+aber kein Schlafen. Dann drösele ich doch ein, und Mister
+Griggs liegt im Wasser. Ich kann ihn deutlich liegen sehen,
+weil das Wasser ganz klar ist. Ich habe den Mann nie gesehen,
+weiß aber, daß er Griggs heißt und Gelbhauben auf
+Hufspuren ausbrütet. Niemand sieht ihn im Wasser, weil ich
+auf Griggs zeige und sage: Da liegen zwei neue Kinderstiefel.
+Die Chinesen lassen Pulver unter Wasser explodieren,
+um die Kaffeekanne, die in einem Maissack ertrunken ist und
+von Alligatoren festgehalten wird, hochzutreiben. Von der
+Explosion wache ich auf. Und wieder höre ich die Explosion
+und abermals, bis ich völlig wieder wach bin und höre, daß
+draußen geschossen wird.
+</p>
+
+<p>
+Ich stehe auf und ziehe mir wieder die Stiefel an. Schlafen
+kann ich ja doch nicht. Es ist noch schwarze Nacht. Ich sehe
+nach hinten durch das Geflecht der Hütte und bemerke das
+dünne Flämmchen der Blechlampe, das den melkenden Sleigh
+und den danebenhockenden Perez, dessen Geschwätz ich bis
+hier höre, ungewiß beleuchtet.
+</p>
+
+<p>
+Die Stiefel an und den Hut auf, gehe ich zum Eingang der
+Hütte. Drüben bei den Garzas ist helloderndes Feuer. Und
+beim Schein dieses Feuers sehe ich zahlreiche Männer, die von
+<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
+ihren Pferden steigen und ihre Revolver abfeuern. Ich hin.
+Die Mehrzahl der Männer kenne ich, alle Indianer.
+</p>
+
+<p>
+Ein hier im Lande geborener Spanier ist darunter, der in
+Quintero eine Tienda unterhält, einen Laden, in dem man
+alles bekommt. Die Kunde von dem Verschwinden des
+Jungen ist, schneller als die Post das könnte, auf zehn Meilen
+im Umkreise schon verbreitet. Trotz der Nacht. Und die
+Leute sind mit Pferden gekommen, um suchen zu helfen. Sie
+haben auch Feuerwerkskörper gleich mitgebracht für den
+Fall, daß der Junge nur tot gefunden wird.
+</p>
+
+<p>
+Wenn unter den Indianern ein Kind stirbt, so werden zahllose
+sehr krachende und knallende Feuerwerkskörper abgebrannt,
+um dem Himmel anzuzeigen, daß ein Engel ankommt.
+Bei Erwachsenen Feuerwerk abzubrennen, wäre
+verkehrt, weil man den Teufel nicht unnützerweise darauf
+aufmerksam machen soll, wenn ein alter Sündenknochen zum
+Verhandlungstermin erscheint. Deshalb geht die Bestattung
+von Erwachsenen geräuschlos vor sich. An kleinen Kindern
+ist der Höllenonkel nicht so sehr interessiert, da ärgert er
+sich, wenn er das Böllern hört, weil ihm eine zukunftsreiche
+Seele verlorengeht, während im Himmel sich alle festlich
+rüsten, sobald sie das Knallen hören, um den kleinen Engel,
+der unterwegs ist, herzlich empfangen zu können.
+</p>
+
+<p>
+Daß der Junge inzwischen gefunden ist, haben die neu angekommenen
+Leute schon vernommen. Die Feuerwerkskörper
+<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
+nimmt der fünfzehnjährige Stiefbruder, der Halbverrückte,
+gleich in Verwahr. Von diesem Augenblicke an
+hat er für nichts anderes mehr Sinn, als sich mit der Knallerei
+zu befassen. Einer muß es ja sowieso tun, und er ist der
+Nächste dazu. Zu weinen hat er längst aufgehört, und für ihn
+kommt nun der lustige Teil der Veranstaltung.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer nehmen alle den Hut ab und gehen nacheinander
+in die Hütte, um sich den Kleinen anzusehen und die Garza
+dadurch von ihrem Kummer abzulenken, daß jeder fragt,
+wie es gekommen sei.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza erzählt es wieder und immer wieder und natürlich
+immer mit den gleichen Worten. Durch dieses so häufige
+Wiederholen der traurigen Geschichte wird das Ereignis
+immer alltäglicher, immer nüchterner, immer sachlicher. Ihr
+selbst scheint es zuweilen, als sei das eine durchaus natürliche
+Begebenheit, an der gar nichts Außerordentliches zu sehen
+ist. Je häufiger die Geschichte erzählt wird, je mehr wird sie
+der Tragik entkleidet, je mehr wird sie zu einem bloßen
+Wortgeläute, zu einem Bericht, zu einem Ereignis, das irgendeiner
+anderen fremden Person geschehen ist. Die Begebenheit
+wird unpersönlich, sie wird geschichtlich, sie verläßt Herz,
+Seele und Geist und wird klingendes lautes Wort. Zu ihrem
+Erstaunen fühlt die Frau, daß sie jetzt schon manchmal auf
+den kleinen Leichnam blicken kann mit dem abrückenden
+Gedanken, daß er ihr Kind gar nicht sei. Ihr Kind war ein
+<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
+lustiger, munterer, immer geschwätziger Bub und nicht so
+ein kalter stumpfer Klumpen, wie er daliegt. Durch den
+Anzug und durch die Krone und das Zepter ist er überhaupt
+noch weiter von ihr abgerückt und ihr sehr fremd geworden.
+Und wenn sie wieder weint, so ist es eigentlich schon gar
+nicht mehr so oft des Jungen wegen. Sie weint ihretwegen,
+sie kommt sich so bemitleidenswert vor, daß sie nun kein
+Kind mehr hat, dem sie leibliche Mutter ist. Auf diesem Gefühlswege
+und wenn sie einige andere Frauen bemerkt, die
+herum sind, kommt es ihr zum Bewußtsein, daß sie nicht einmal
+eine Ausnahme ist, für die sie sich den ganzen Abend
+hielt. Sie ist nur die übliche Mutter. Was sie zu leiden hat,
+ist das Los einer jeden Mutter auf Erden. Aber es ist gewiß die
+Müdigkeit und die ungeheure Abspannung nach diesen entsetzlichen
+Stunden, daß sie jetzt gefaßter ist.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer kommen wieder heraus und sitzen nun vor der
+Hütte herum, wo sich ein Heerlager aufgetan hat. Männer,
+Burschen, Frauen und Mädchen liegen herum und schlafen
+oder dröseln vor sich hin. Mehrere Burschen helfen dem
+Morano beim Knallen. Sie dürfen aber nur das Feuer
+schüren, an dem Morano die Körper entzündet, oder sie
+dürfen diejenigen Kracker in die Hand nehmen und noch mal
+versuchen, die nicht gezündet haben und die Morano fortgeworfen
+hat.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer haben auch Tequila mitgebracht, und die Flasche
+<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
+geht rund. Auch der Garza wird die Flasche hineingebracht,
+und sie tut einen gesunden Zug von diesem feuerscharfen
+Schnaps, der normale Menschen mit einem Ruck auf die
+hinteren Kanten wirft. Aber diese mit Chile ausgeschwefelten
+Kehlen und Mäuler können noch ganz andere Dinge,
+unheimliche Dinge schlucken, ohne eine Muskel des Gesichts
+zu verziehen.
+</p>
+
+<p>
+Einer jener Männer, die jetzt gekommen sind, ein ganz armer
+Indianer, nimmt nun ein Buch aus der Hosentasche und
+blättert darin eine Weile herum. Und dann fängt er an zu
+singen. Lesen kann er nicht. Aber die gedruckten Worte
+geben ihm doch ein Bild, durch das er sich auf die Versanfänge
+leichter besinnen kann. Manche Strophe singt er dreimal
+oder noch öfter. Sobald er begonnen hat, fallen einige
+andere Männer in den Gesang mit ein.
+</p>
+
+<p>
+Nun beginnt er die zweite Strophe, und im Innern der Hütte
+fallen auch die dort herumsitzenden Frauen, darunter die
+Pumpmeisterin, in den Gesang mit ein, zuerst ein wenig zurückhaltend,
+dann kräftiger. Manchmal singt der Indianer
+allein, weil sich die übrigen Zigaretten drehen oder wieder
+einen Schluck aus der Flasche nehmen oder des Singens müde
+sind.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann aber singt ununterbrochen. Er trinkt keinen
+Schnaps, denn er ist ein Kommunist und gehört zu den Agraristas,
+zu jener energischen Gruppe von indianischen Landarbeitern,
+<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
+die das alte indianische Gemeinde-Landrecht
+wieder einführen wollen, das die Spanier bei der Eroberung
+durch blutige Gewalttaten aufhoben und für ungültig erklärten.
+</p>
+
+<p>
+Der Sänger wird von niemand bezahlt, er singt aus reiner
+Menschenliebe, um der Mutter über den Schmerz hinwegzuhelfen,
+denn das Kind wird weder von einem Geistlichen
+in das Grab gebetet, noch von einem Arzt angesehen. Das
+kostet Geld, und weil Priester und Arzt zwei Tagereisen
+weit entfernt wohnen, würde es noch mehr kosten. Außerdem
+kann das Begräbnis so lange nicht aufgeschoben werden,
+denn trotzdem es noch kühle Nacht ist, stinkt der Junge
+schon außerhalb der Hütte.
+</p>
+
+<p>
+Gesungen werden Kirchenlieder. Ohne Zweifel. Denn ab und
+zu hört man etwas wie Heilige Jungfrau aus den Reimen
+heraus. Aber niemand, der Kirchenlieder kennt, würde
+glauben, man sänge hier jetzt solche Lieder. Denn der Gesang
+hat weder im Rhythmus noch in der Melodie auch nur
+die allerfernste Ähnlichkeit mit dem, was wir uns unter
+Kirchenchorälen vorstellen. Wahrscheinlich wurde so gesungen,
+als die ersten spanischen Mönche hier durch die
+Dschungel zogen. Niemand unter den lebenden Menschen
+weiß, wie Choräle vor vierhundert Jahren in Europa gesungen
+wurden, denn die geschriebenen Noten aus jener Zeit
+geben uns darüber nicht mehr Aufschluß als die ägyptischen
+<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
+Hieroglyphen uns etwas aussagen über die Aussprache und
+Betonung ägyptischer Worte. Ein- oder zweimal in ihrem
+ganzen Leben haben die Männer hier eine Kirche besucht,
+wo die Choräle mit der Orgel begleitet wurden. Drei- oder
+viermal im Jahre kommt ein Priester in eines der Dschungeldörfer,
+wo er die Beichte hört und Absolution erteilt. Dann
+wird gesungen ohne Musikbegleitung. So bleibt etwas von
+der wahren Melodie, wie sie die Orgel festhalten kann, im
+Gedächtnis der Leute haften. Das übrige verschwindet ganz
+aus dem Gedächtnis und wird nun mit Teilen aus anderen
+weltlichen Gesängen und Tänzen vermischt. Bei Totenfeiern
+wird dann gesungen, und jedesmal kommt eine neue Beimischung
+durch neue Sänger hinzu. Nun aber können die
+Eingeborenen überhaupt nicht so singen, wie wir meinen,
+daß gesungen werden muß. In ihren Gesängen klingt heute
+noch die schrille Note der Gesänge ihrer heidnischen Vorfahren
+durch, und diese Note ist so urmächtig, daß sie den
+ganzen Gesang allein zu tragen hat.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Totensänger ist weit bekannt und gesucht als der
+beste Sänger. Man folgt seinem Gesange mit Andacht und
+Rührung, und glänzende Augen sind bewundernd auf seinen
+Mund gerichtet.
+</p>
+
+<p>
+Als die erste Strophe begann, fing die Garza in der Hütte an
+gellend zu schreien und zu jammern. Sie verfiel in eine
+Raserei des Schmerzes und hämmerte mit ihren beiden harten
+<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
+Fäusten auf ihren eigenen Schädel ein, als wollte sie ihn in
+Stücke zertrümmern. Sie warf sich über den Leichnam und
+schrie: „Mein Kleiner! Mein Kleiner! Warum? Warum?“
+Und dann begann sie wahnsinnig zu fluchen in der gräßlichsten
+Art und Weise. Schließlich gab man ihr die Tequila-Flasche.
+Sie wehrte sich dagegen und versuchte, die Flasche
+herunterzuschlagen. Aber endlich hatte sie doch den Mund
+so voll mit dem Schnaps, daß sie schlucken mußte, und man
+hielt die Flasche an ihren Mund und goß immer noch hinterher.
+Das Betäubungsmittel half nicht viel. Sie wurde ein
+wenig müde und stumpf. Doch wenn sie des Gesanges gewahr
+wurde und die Frauen in der Hütte mitsangen, stieß sie aufs
+neue ihre erschütternden Schreie aus.
+</p>
+
+<p>
+Der Junge an dem großen Feuer läßt in kurzen Zeitunterbrechungen
+seine Raketen und Kracker knallen. Und hat
+der Gesang für eine Weile ausgesetzt, so wird die Garza
+durch das Knallen wieder daran erinnert, daß der Kleine
+oben als Engel erwartet wird.
+</p>
+
+<p>
+Der Gesang hat für eine Weile aufgemuntert, aber nun fallen
+die Leute doch wieder in ihre Müdigkeit zurück. Die meisten
+legen sich glatt auf die Erde, kauern sich ineinander wie
+Hunde und schlafen sofort. Andere halten den Tequila für
+den wertvolleren Teil des gegenwärtigen Lebens und
+schlafen darum nicht, weil sie fürchten, um einen Schluck
+zu kurz zu kommen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
+Auch drinnen in der Hütte sitzen die Frauen schläfrig, und
+zwei haben sich auf das Staketengestell gelegt, das den Garzas
+als Bett dient. Auf dem Erdboden glimmt das Feuer. Töpfe
+stehen daran, aber niemand kümmert sich darum, was darin
+ist, ob es kocht, ob es überflüssig ist oder ob man die Töpfe
+absetzen könne. Niemand weiß offenbar, wer die Töpfe
+angesetzt hat und zu welchem Zwecke. Aber es fragt auch
+niemand. Man ist ziemlich interesselos geworden.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-18">
+<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
+18
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D"><span class="hidden">D</span></span><span class="postfirstchar">er</span> Gesang hat nun aufgehört. Der Sänger
+hat die letzte Viertelstunde nur noch mit
+Mühe gesungen, so heiser war er geworden.
+Alle, die noch nicht schlafen,
+drücken sich jetzt herum und versuchen,
+sich zu entfernen, ohne die Garza zu
+beleidigen oder ihr wehe zu tun. Es wird geredet und gestanden
+und wieder gesetzt, bis die Männer, die nachträglich
+gekommen waren, um zu singen, zu ihren Pferden gehen,
+aufsitzen und unter auffallend vielem und auffallend lautem
+Reden davonreiten. Sie sind alle vorher noch einmal in die
+Hütte gegangen, haben sich den Kleinen noch mal angesehen
+und der Frau die Hand gegeben. Die Frau hatte zu jedem
+„Gracias!“ gesagt und war dann mitten in der Hütte stehengeblieben,
+ohne den Fortreitenden nachzublicken.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Garza bleibt dennoch nicht allein.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen ist die Sonne aufgegangen, und der helle Tag ist
+<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
+erschienen wie mit einem Sprung. Er drängt sich in die Hütte,
+wo die Kerzen flackernd und rauchend weiter neben der
+Leiche brennen.
+</p>
+
+<p>
+Das helle Tageslicht gibt der Hütte wieder ein anderes Aussehen.
+Man hatte sich an die Nacht so gut gewöhnt, daß man
+nichts Unheimliches und nichts Außergewöhnliches während
+der letzten Stunden mehr empfunden hatte. Der Tag aber
+zerstört das mitleidslos. Eine neue Unheimlichkeit erfüllt die
+Hütte, und man muß sich in der neuen Unheimlichkeit erst
+wieder zurechtfinden.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt erst, nicht in der Nacht, wirken die brennenden Kerzen
+gespensterhaft. Und gespensterhaft sieht die verweinte, verhärmte
+und hohläugige Garza jetzt aus. Sie hat noch immer
+das meergrüne Gazekleid an mit den völlig verwelkten
+Blumen im Gürtel. In der Nacht sah das Kleid natürlich aus,
+jetzt aber gehört es weder zu der Frau, noch zu der Hütte,
+noch zu dem kleinen Leichnam. Das Kleid hat sich ganz und
+gar von der Frau losgesagt, es hat keine Gemeinschaft mehr
+mit ihr. Die Frau ist die Mutter des Kleinen noch immer, aber
+das Kleid hüllt nicht länger mehr den Körper der Mutter
+ein. Es ist ein dreckiger Fleck, der der Mutter in jeden Winkel
+folgt. Und da der schmierige Fleck immer hinter ihr ist, kann
+die Mutter ihn nicht sehen und wegwischen.
+</p>
+
+<p>
+Der kleine Junge war schön, und er war er selbst in der
+Nacht. Jetzt ist er nicht mehr er selbst, nicht mehr schön,
+<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
+nicht mehr der kleine Junge. Der helle Tag hat ihn zu einem
+stinkenden Kadaver gemacht, der in einen Affenanzug gewickelt
+ist. Der Oberkiefer beginnt bereits zu verwesen, der
+Mund ist grünlich geworden, die Oberlippe ist aufgebrochen,
+und widerlicher gelbgrüner Eiter kriecht daraus hervor. Um
+die Gelenke der gefalteten Hände sieht man die tiefen
+Rinnen, die jener Bindfaden, der die Hände in faltender
+Geste zusammenhalten sollte, eingeschnitten hat, und die
+faltenden Hände sehen aus, als habe ein Folterknecht sie zur
+Strafe gefaltet.
+</p>
+
+<p>
+Der erste Strahl der Sonne fällt durch die dünnen zusammengebundenen
+Stämmchen der Wand in die Hütte. Die Garza
+folgt dem Strahl mit den Augen und blickt in die Sonne und
+dann auf den Jungen, und nun sieht auch sie zum erstenmal,
+daß der Junge gegangen ist, daß dort Aas liegt, das sie nicht
+mehr küssen kann, ohne sich zu schaudern und zu schütteln.
+Und der Morgenwind, der durch die Wände fegt, hebt eine
+dicke Wolke unerträglichen Gestanks von dem Aas auf und
+wirft sie ihr ins Gesicht. Die Mutter wendet sich ab und seufzt
+tief auf.
+</p>
+
+<p>
+Als sie wieder hinblickt zu dem Aas, sieht sie, daß zwei dicke
+grüne Fliegen auf der Oberlippe sitzen, und daß die Hütte von
+anderen Fliegen zu summen beginnt, die auf das Aas zufliegen.
+Und die Frau deckt ein Tuch über das Gesicht. Sie kann das
+Gesicht ihres Kindes nicht mehr sehen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
+Aber sie hat keine Gelegenheit, sich ihrem Schmerze hinzugeben
+oder sich hinzusetzen und zu brüten. Mit dem anbrechenden
+Tage sind Frauen und Männer angekommen von
+fernen Plätzen. Denn die Nachricht von dem Tode des
+Kleinen verbreitet sich immer weiter, und sobald die Leute
+davon hören, setzen sie sich auf ihre Esel oder Mulas und
+ziehen zu der beweinenswerten Mutter, ihr zu sagen, daß
+man sie liebe, und daß man mit ihr weine. Und da es Sonntag
+ist, fällt es den Leuten leichter, zu kommen.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer steigen ab, helfen dann den Frauen und Kindern
+von den Tieren, drehen sich eine Zigarette und beginnen mit
+anderen Männern, die herumstehen, zu schwatzen.
+</p>
+
+<p>
+Die Frauen gehen nacheinander in die Hütte, bleiben eine
+Weile stehen, betrachten den Leichnam, und dann gehen sie
+zur Garza, umarmen und küssen sie. Dann fangen sie an zu
+weinen, und die Garza beginnt nun wieder zu schreien und
+nimmt das Tuch von dem Gesicht des Kleinen. Die Frauen,
+die Berge von Blumen mitgebracht haben, dicke Kränze und
+Gold- und Silberpapier, stellen das beiseite und gehen näher
+zu dem Leichnam, um ihn sich genau anzusehen.
+</p>
+
+<p>
+„Er sieht so schön aus, der kleine Carlos!“ sagt die eine Frau
+bewundernd und ehrlich. Sie wiederholt es noch einmal, um
+es zu bekräftigen.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Garza hat es bereits beim ersten Male gehört, trotz
+ihres Schluchzens, und sofort hört sie auf zu weinen. Ein
+<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
+Lächeln des Stolzes huscht über ihr Gesicht, und sie sagt
+dankbar: „Muchas gracias, Senjoras! Muy muchas gracias!“
+Sie bedankt sich überschwenglich für die Bewunderung der aufgeputzten
+Leiche, als habe man ihr persönlich eine Schmeichelei
+gesagt. Aber es ist keine Schmeichelei, die Frauen meinen es so.
+Die Leute sind alle bitterarm, und die angekommenen Frauen
+sind meist barfuß, haben nichts weiter als ein schwarzes
+Baumwolltuch um den Kopf gelegt, um die Sonne abzuhalten,
+und durchlöcherte und geflickte Kattunkleider verhüllen
+ihren Körper nicht überall. Diejenigen, die ihre Säuglinge
+mithaben, geben ihnen nun, neben dem Leichnam sitzend,
+zu trinken, wobei sie abwechselnd weinen und abwechselnd
+fragen, wie es gekommen sei.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza hat das Gesicht des Kleinen sofort wieder zugedeckt.
+Der Gestank des Kadavers, der mit jeder Minute, mit
+der die Sonne höher kommt, immer unerträglicher wird, der
+Geruch der schwelenden Kerzen, das schwere Ausatmen der
+Tausende von Blumen, die so peinvoll sterben und nicht
+sterben wollen, der beißende Rauch des großen Feuers, wo
+die Kracker angezündet und abgeschossen werden, dieser
+beißende Rauch, der durch den Wind in die Hütte getrieben
+wird, der Geruch von Schnaps, Kaffee, Zigaretten und
+Schweiß lastet in der Hütte und zieht nicht ab, weil er sich
+unter dem Grasdach festnistet. In zwei Stunden wird die
+Morgenbrise vorüber sein, und dann wird bis elf Uhr kein
+<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
+winziger Lufthauch sein, und das Innere der Hütte wird
+schlimmer sein als das Innere eines Ofens, in dem Tierkadaver
+langsam verbrannt werden. Die Leute aber sitzen
+und tun so, als ob sie es nicht empfinden; die Garza muß dort
+sein, und also bleiben auch sie da.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer haben ihre Zigaretten ausgeraucht. Sie nehmen
+nun ihre Hüte ab und kommen herein wie verlegene Schuljungen.
+Einer nimmt das Tuch vom Gesicht, die Männer
+kommen näher heran, stehen eine Weile, dann gehen sie
+wieder hinaus. Das Hinausgehen ist noch verlegener als das
+Hereinkommen. Sie wissen nicht, ob sie der Garza die Hand
+geben sollen oder nicht, ob sie etwas sagen oder fragen sollen
+oder ob sie besser ganz schweigen. Es sieht aus wie Verlegenheit,
+aber in Wahrheit sind die Leute nie verlegen. Ihr Benehmen
+wird nur geleitet von dem einen Gedanken: Was
+tun, um die Mutter ihren Schmerz vergessen zu lassen?
+</p>
+
+<p>
+Trotz ihrer unbeschreiblichen Armut, einer Armut, bei der
+Kartoffeln und Kaffee ein Festmahl sind, von dem sie tagelang,
+wenn nicht wochenlang sprechen, trotz ihrer Lumpen,
+trotz ihrer Unkenntnis des Lesens und Schreibens, sie alle
+sind von einer rührenden Höflichkeit. Ihre Zeremonien sind
+nicht leere Gesten, sie sind Teile ihres Wesens, eines Wesens,
+das in tausend Jahre alter Kultur wurzelt. Ihr Takt wird
+von ihrem Herzen bestimmt, nicht von Formeln, die ihnen
+eingetrommelt wurden.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
+Ich sitze auf einer Kiste neben dem Ausgang. Die Männer
+müssen an mir vorüber, um hinauszugehen. Es ist soviel
+Platz, daß sie schlendernd vorübergehen können, ohne daß
+sie mich berühren müssen. Aber jeder einzelne, der an mir
+vorbeigehen will, bleibt erst stehen und sagt: „Con su
+permiso, Senjor! Mit Ihrer gütigen Erlaubnis!“ Worauf ich,
+der ich nur unter meinesgleichen unhöflich bin, weil man
+mich sonst für idiotisch halten würde, antworte: „Pase,
+Senjor!“, und der Mann sagt: „Gracias, Senjor! Ich danke!“
+Nun erst geht er wirklich vorüber, denn meinen Blick und
+meinen Atem zu kreuzen, ohne ein höfliches Wort zu sagen,
+wäre ihm unerträglich. Aber wenn auf der Kiste nicht ich,
+der Weiße, sitzt, sondern ein verlumpter Indianer, so wird
+der Vorübergehende genau die gleichen Worte gebrauchen
+und sie mit einer Geste der Hand begleiten. Denn was bin
+ich in seinen Augen denn mehr als jener verlumpte Alte?
+</p>
+
+<p>
+So höflich und so taktvoll sind die Leute, und sie alle nennen
+sich Katholiken, aber ich habe nur einmal seit gestern abend
+gesehen, daß sie das Kreuz in die Luft malen, und das war
+nur, als der Alte ein Kreuz über das Brett machte, ehe es ins
+Wasser gesetzt wurde. Während den Leuten alle Gesten aus
+dem Herzen kommen, das Schlagen des Kreuzes und das
+Herumfingern am Rosenkranz sind ihnen eingedrillte Gesten,
+deren Sinn zu begreifen die vierhundert Jahre der Übung
+nicht gelangt haben, und die nun anfangen, ganz blaß und
+<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
+sinnlos zu werden. Jede Formel und jede Geste und somit
+auch jede Religion gehört zu ihrem eigenen Klima, zu ihrer
+eigenen Umgebung, zu ihrer eigenen Rasse. Verpflanzt man
+sie in eine andere Umgebung, so wird sie inhaltlos und verliert
+ihre Zeugungskraft; sie kann nicht mehr gebären, sich
+nicht mehr verjüngen, und nach einem qualvollen Degenerieren
+stirbt sie endlich aus.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-19">
+<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
+19
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_i.jpg" alt="I"><span class="hidden">I</span></span><span class="postfirstchar">ch</span> bin hungrig geworden und gehe hinüber zu Sleigh.
+Das Mädchen ist schon lange aufgestanden, hat den
+Mais gerieben, Tortillas gebacken, Bohnen gekocht und
+Kaffee aufgestellt. „Der Kaffee ist noch nicht fertig,“
+sagt Sleigh, „wir müssen noch eine Weile warten. Verflucht
+noch mal, ich bin doch jetzt schläfrig.“
+</p>
+
+<p>
+Er nickt ein, fährt aber gleich wieder auf und fragt: „Haben
+Sie den Jungen nicht gesehen? Er hat doch die Milch fortzubringen.“
+</p>
+
+<p>
+„Der Junge steht drüben am Feuer und hilft knallen“, gebe
+ich zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+„Den will ich mir gleich heranholen.“ Er steht auf, und wir
+gehen wieder zurück zu den Garzas.
+</p>
+
+<p>
+Gerade kommt Garza von seinem Ritt heim. Er hat ein
+dickes Bündel Kerzen, ein Paket gemahlenen Kaffee und
+zwei kleine Kolben braunen Zucker. Außerdem hat er drei
+Flaschen Tequila, die er aus dem Basttäschchen zusammen
+<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
+mit den anderen Sachen herausholt. Die eine Flasche ist schon
+halb ausgekostet. Freilich, der Weg ist lang. Und wer die
+halbe Flasche ausgekostet hat, das sieht man. Garza hat sich
+einen ganz netten Flicker angesäuselt. Gleich geht die halbe
+Flasche rund. Garza hatte nur ein paar Pesos in der Tasche.
+Aber in der Tienda hat man sich, angesichts des traurigen
+Falles, nicht geweigert, ihm zu borgen. Wie sollte er denn
+das Begräbnis zustande bringen ohne Tequila, ohne Kerzen,
+ohne Kaffee, ohne Zucker? Jedoch in der Tienda weiß man
+genau: Diese Schuld wird bezahlt, wenn Garza sonst vielleicht
+auch nichts bezahlen würde. Etwas hat er ja gleich angezahlt,
+und da die Preise doppelt so hoch sind als in der
+Stadt, so hat der Besitzer der Tienda schon jetzt die Selbstkosten
+mit einem ansehnlichen Gewinn in der Tasche. Kein
+Schlachtfeld ist so traurig, so beweinenswert, daß nicht
+irgendeiner daran verdienen könnte. Alles läßt sich zu Geld
+machen, seien es Tränen oder sei es Lachen, sei es Freude
+oder sei es Weh; der Mensch muß seinen Kummer so gut bezahlen
+wie seinen Tanz, und selbst seine letzte Höhle unter
+der Erde, wo er niemand mehr im Wege ist, muß bezahlt
+werden.
+</p>
+
+<p>
+„Muchacho!“ ruft Sleigh. „Teufel noch mal, was ist denn mit
+der Milch?“
+</p>
+
+<p>
+„Vengo, Senjor.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber sofort. Senjor Velasco wird einen Heidenlärm
+<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
+machen.“ Sehr aufgeregt ist Sleigh nicht. Es ist ihm ganz
+gleichgültig, ob Senjor Velasco, der Tiendabesitzer in dem
+näher zur Bahn gelegenen Dorfe, Lärm macht oder nicht.
+Sleigh hört den Lärm nicht, und wenn er zur Tienda kommt,
+um die Quittungen zu vergleichen, so daß er mit seinem
+Farmer abrechnen kann, und der Senjor Velasco sollte etwas
+sagen wegen der Milchverspätung, dann dreht ihm Sleigh den
+Rücken, geht raus und setzt sich aufs Pferd. Die Kühe liebt
+er, aber sein Farmer, der Velasco und die Milch interessieren
+ihn nicht besonders.
+</p>
+
+<p>
+Wir gehen wieder zu seiner Hütte und frühstücken auf einer
+Kiste, wo das Mädchen das Essen auf einer Zeitung ausgebreitet
+hat.
+</p>
+
+<p>
+Sleigh sieht über die Tafel hin und sagt dann zu dem Mädchen:
+„Backen Sie uns noch jedem ein Ei.“
+</p>
+
+<p>
+Das Mädchen geht zu einer Ecke, wo neben dem Bettgestell
+ein Korb steht, in dem eine Henne mit schläfrigen Augen
+sitzt. Als das Mädchen näher kommt, reißt die Henne die
+Augen weit auf. Aber das Mädchen läßt sich nicht einschüchtern.
+Mit einem Griff hat sie die Henne gepackt und aus dem
+Nest gepfeffert. Die Henne läuft gackernd und mit den
+Flügeln schlagend herum, fliegt auf unsere Tafel, wirft meine
+Kaffeetasse um, fliegt lärmend wieder herunter und wieder
+auf das Nest zu. Das Mädchen hat zwei Eier weggenommen,
+und die Henne setzt sich beruhigt wieder auf die übrigen zurückgebliebenen
+<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
+Eier. Gleich sitzt sie wieder so schläfrig und
+mit sich selbst zufrieden da, als ob sie nie gestört worden
+wäre. Sie nimmt es nicht sonderlich tragisch, weil sie nicht
+zählen kann; denn zählen können und sich erinnern können
+sind die einzigen echten Quellen der Tragik.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem wir gefrühstückt haben, halten wir es für wünschenswert,
+zu schlafen.
+</p>
+
+<p>
+Musik weckt mich auf. Die zwei Musiker, die gestern abend
+kommen sollten, und die, wenn sie gestern abend gekommen
+wären, jetzt vielleicht nicht zum Begräbnis hier sein brauchten,
+spielen einen Foxtrott.
+</p>
+
+<p>
+Sleigh ist schon lange vor mir aufgewacht und kriecht durch
+das Gebüsch, weil sich ein Kalb losgerissen hat und er es
+suchen muß. Ich wasche mich, trinke einen Schluck Kaffee,
+esse einen Löffel voll schwarzer Bohnen in eine Tortilla gewickelt
+und gehe zu den Garzas.
+</p>
+
+<p>
+Hier ist nun eine große Versammlung. An jedem Baum und
+an jedem Pfahl ist ein Esel oder ein Maultier oder ein Pferd
+angebunden, gesattelte und ungelsattelte. Frauen in ihren
+Sonntagskleidern, viele Männer und eine Herde von nackten
+und halbnackten Kindern schwirren herum. Es sind mehr
+Feuerwerkskörper gebracht worden, und es wird in einem
+fort geknallt. Die Musik, die ja die ganze Nacht hindurch
+zum Tanze aufgespielt hat, hat schon wieder aufgehört, um
+die Kräfte für den langen Marsch zu sparen. Ein paar
+<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
+Männer liegen betrunken und schlafend herum, wo sie eben
+hingefallen sind. Niemand stört sie. Wenn ihnen die Sonne,
+die jetzt mit ihrer ganzen Kraft herunterglüht, zu heiß wird
+und sie davon aufwachen, kriechen sie zu einem Baum in den
+Schatten. Oft erreichen sie den Schatten nicht, sondern bleiben
+unterwegs liegen wie ein Klumpen.
+</p>
+
+<p>
+Ziegen und Schweine laufen zwischen den Leuten umher,
+Hunde beißen sich oder spielen herum, Hühner zanken sich
+mit Truthühnern um Würmer und weggeworfene Tortillas,
+die Esel trompeten und suchen dann wieder mit den Pferden
+und Maultieren auf dem Erdboden herum, ob noch ein Grashälmchen
+vergessen wurde. Denn gestern war hier alles grün,
+jetzt aber, seitdem so viele Pferde und Esel hier gestanden
+haben, ist der Boden wie abrasiert. Obgleich das Tierzeug
+den herumsitzenden und auf dem Boden hockenden Leuten
+in einem fort zwischen die Beine läuft, die Leute werden nie
+nervös oder wütend auf die Tiere. Ab und zu ruft mal eine
+Frau: „Perro! Hund!“ oder „Muchacho! Junge!“ (Kosename
+für das Schwein), wenn die Tiere es gar zu arg machen.
+Manchmal aber fliegt den Tieren doch ein Scheit Holz gegen
+den Kopf, wenn sie mit einem Basttäschchen mit Tortillas,
+das sie gestohlen haben, ausrücken wollen.
+</p>
+
+<p>
+Bei einigen Gruppen wird laut geschwatzt und noch lauter
+gelacht. Gruppen von jungen Burschen singen oder spielen
+auf der Mundharmonika.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
+Man möchte nicht denken, daß da drinnen in der Hütte ein
+Leichnam liegt. Wenn es den Leuten plötzlich einfällt, hören
+sie auf zu lachen oder dämpfen ihr Geschwätz, während sie
+die singenden und musizierenden Burschen mit einem kurzen
+Wort zur Ruhe mahnen.
+</p>
+
+<p>
+Je näher man zur Hütte kommt, je ernster sind die Leute,
+und je leiser reden sie. Hier wird es eigentlich nur dann laut,
+wenn die Tiere zu aufdringlich werden.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Eingang der Hütte hat man mehrere Decken dachartig
+ausgespannt, damit die Leute unter diesem Dach im
+Schatten sitzen können, denn die Hitze lastet wuchtig und
+schwer. In den Tropen, in der Tierra Caliente, um ein Uhr
+mittags, und kein Wölkchen am Himmel, und die Elf-Uhr-Brise
+ist heute ausgeblieben. Gerade heute, während sie
+gestern ein guter Wind war, der bis fünf Uhr anhielt.
+</p>
+
+<p>
+Ich nehme den Hut ab und gehe in die Hütte. Die Hütte ist
+gefüllt mit Frauen, die sich mit ihren Pappfächern unermüdlich
+und rein mechanisch gleichmäßig kühle Luft zufächeln.
+Die Kerzen sind ganz zusammengebogen, und an jeder
+Kerze ist man tätig, um sie gerade zu halten. Die Mehrzahl
+der Kerzen stehen in Konservenbüchsen, die mit Wasser gefüllt
+sind. Die Flamme guckt nur ein kleines Stückchen aus
+dem Wasser heraus; sobald die Flamme einen Finger lang
+zuviel herausguckt, biegt sich die Kerze sofort in einen rechten
+Winkel um, als sei sie aus warmer Butter gemacht. Wenn
+<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
+die Flamme das Wasser erreicht, wird das Wasser wieder ein
+Stück abgegossen, und kommt die Flamme zu tief in die
+Blechbüchse, wird die Kerze herausgenommen und eine neue
+hineingesteckt. Die Kerzen liegen alle in einer großen
+Schüssel mit Wasser, aber das hält sie nur solange in der
+Form, solange sie im Wasser liegen, werden sie in die Hand
+genommen, legen sie sich gleich um. Es erfordert die ungeteilte
+Aufmerksamkeit mehrerer Burschen, um die Kerzen
+in Ordnung zu halten.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza hat wieder einmal das Tuch vom Gesicht des
+Kleinen genommen. Sein Gesicht ist nicht mehr zu erkennen.
+Es fließt bereits wie Brei auseinander. Die kleine Wunde an
+der Oberlippe, die, als der Kleine aus dem Wasser kam, kaum
+zu sehen war, hat sich zu einer schwärenden großen Fläche
+erweitert infolge der raschen Verwesung. Beide Lippen sind
+schon fortgelaufen, und das Gebiß liegt offen da wie bei
+einem Skelett. Auch das Zahnfleisch ist eine breiartige eiterähnliche
+Masse, die seitlich an den Zähnen herunterläuft. Die
+Nase ist mehr als zur Hälfte fortgefressen, und von der
+kleinen Wunde, die am Kopfe war, hat sich eine andere zerfallende
+Fläche gebildet, die den Schädelknochen freigelegt
+hat. Unter dem Auge, wo die Beule war, hat der Zerfall auch
+begonnen, und das Auge, seiner Umkleidung beraubt, liegt
+starr und allein auf der Augenhöhle. Es ist nicht die tropische
+Hitze allein, die eine so grauenhafte Zerstörung in einer so
+<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
+kurzen Zeit anrichten konnte, sondern es ist die Hitze, vereint
+mit der Überfülle des Wassers, das der Körper im Flusse
+aufgenommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Der ganze kleine Körper ist nun in rockartige Gewänder von
+rotem, blauem und grünem Papier gehüllt. Die Gewänder
+sind mit Sternen und Kreuzen, die aus Gold- und Silberpapier
+geschnitten sind, übersät. Das Kunstwerk aus Kottbus
+oder Birmingham ist nicht mehr zu sehen. Papier ist nicht nur
+geduldig, es kann auch wohltätig sein. Hier ist es sogar erlösend,
+und von den vielen Sünden, die das Papier auf dem Gewissen
+hat, mögen ihm für diese Tat einige vergeben werden.
+Beinahe jede der Frauen hat sich daheim, noch in der Nacht,
+sobald sie von dem Tode des kleinen Jungen hörte, sofort
+hingesetzt und Papierröcke für den Jungen gemacht. Und da
+sich die Frauen ja nicht durch Draht miteinander verbinden
+können, so weiß keine, ob der Kleine auch ein schönes Papierkleidchen
+haben wird für seine letzte Reise. Deshalb hat jede
+Frau für den Kleinen ein Röckchen gemacht, und jede Frau
+hat es mitgebracht, und jede bringt es mit soviel Freude und
+soviel Liebe zu der weinenden Mutter, daß die Mutter nicht
+anders kann, als die Kleider anzunehmen und sie mit Hilfe
+der Geberin dem Kleinen anzuziehen. Glücklicherweise
+haben nicht alle Frauen nur Röckchen gebracht, sondern
+manche nur Sterne und andere nur Kreuze und wieder andere
+nur Bänder aus Gold- und Silberpapier.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
+Nun kommt eine Frau herein, die ich kenne. Sie ist die Mutter
+jenes jungen Mannes, den ich beinahe zum Leben wiedererweckt
+hätte, wenn der Spanier nicht gekommen wäre. Ob
+ich in jenem Dorfe dasselbe Ansehen unter den Indianern
+genösse, wenn der Spanier nicht gekommen wäre und ich
+den jungen Mann hätte vom Tode auferwecken müssen, ist
+fraglich. Aber ich glaube, ich würde mich derselben Anerkennung
+trotzdem erfreuen, weil ich mich sechs Stunden mit
+Wiederbelebungsversuchen abgegeben hatte, was ja auch
+dann anerkannt werden muß, wenn es erfolglos sein sollte.
+Die Frau begrüßt mich vor allen anderen Anwesenden zuerst,
+und sie tut es sehr herzlich. Sie hat für den Kleinen auch eine
+Krone gemacht. Diese Krone ist nicht so geschmackvoll wie
+die Krone, die von der Pumpmeisterin noch in der Nacht gefertigt
+worden war. Aber diese Frau hält ihre Krone für
+schöner. Sie geht zu dem Leichnam, nimmt das Krönchen
+vom Kopfe des Kleinen und setzt ihm ihre Krone auf.
+</p>
+
+<p>
+Die Pumpmeisterin steht dabei, sieht es und läßt es geschehen.
+Ich sah in der Nacht, mit welcher Liebe die Pumpmeisterin
+das Krönchen machte und wie sehr sie sich freute, daß es so
+gut gelungen war und daß der Kleine so hübsch darin aussah.
+Sie sieht ihre Nebenbuhlerin eine Weile an und macht dann
+eine kurze Bewegung, als wolle sie es verhindern, daß ihre
+Krone so ohne Zeremonie ausgetauscht wird. Aber dann
+lächelt sie, legt ihre Hände über ihre Brust, sieht neidlos dem
+<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
+Vertauschen zu und ist zufrieden. Jeder will dem Kleinen
+und der Mutter ja nur Liebes tun und Liebe zeigen. Wozu
+also um das Krönchen einen Streit beginnen und das Prioritätsrecht
+geltend machen! Das erste Krönchen hat ja seinen
+Zweck völlig erfüllt, mag nun das zweite Krönchen an die
+Reihe kommen.
+</p>
+
+<p>
+Die Frau mit der zweiten Krone hat die erste Krone abgenommen
+und wirft sie beiseite mit einer Gebärde, als ob sie
+sagen wolle: „So ein Dreck!“
+</p>
+
+<p>
+Die Krone ist allerdings schon ein wenig beschmutzt von der
+zerfallenden Kopfhaut. Die Pumpmeisterin bückt sich, hebt
+ihre Krone vom Erdboden auf, zerknüllt sie zwischen den
+Fingern so unauffällig wie möglich, geht dann damit hinaus
+und wirft sie in das große Feuer, wo die Kracker angezündet
+werden.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-20">
+<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
+20
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_v.jpg" alt="V"><span class="hidden">V</span></span><span class="postfirstchar">or</span> der Hütte hört man reden, und bald darauf
+kommt der Mann herein, der den Sarg bringt,
+den er selbst gemacht hat. Als dieser Mann hereinkommt
+und den Sarg, den er unter dem Arm
+trug, auf den Boden stellt, fängt die Garza entsetzlich
+zu schreien an. Alle Frauen in der Hütte
+beginnen ebenfalls gell zu schreien, und auch die Frauen, die
+vor der Hütte sitzen, schreien und klagen laut.
+</p>
+
+<p>
+Der Sargmann hat den Hut abgenommen und wischt sich den
+Schweiß mit dem Handrücken. Es kommen nun einige andere
+Männer herein, und man wird sofort geschäftig, ohne das
+Schreien der Frauen zu beachten. Auch Sleigh ist mit hereingekommen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
+Der Sarg wird nun auf eine Kiste gestellt. Er ist selbst nichts
+weiter als eine rohe längliche Kiste. Nichts daran ist gehobelt.
+Die Wände der Kiste sind außen mit blauem Papier beklebt,
+damit man das rohe Holz nicht sehen kann. Im Innern der
+Kiste ist trockenes Gras, und es sind trockene Maisblätter
+darin. Auf diesen Blättern ist eine Schicht zerbröckelter
+Kalkstücke.
+</p>
+
+<p>
+Vier Männer, darunter Sleigh, fassen den Körper an seinen
+vier Ecken an und versuchen, ihn in den Sarg zu heben. Während
+sie ihn hochheben, fällt der Kopf tief herunter, und es
+gewinnt den Anschein, als wolle er abbrechen. Ich springe
+rasch hinzu und halte ihn mit dem kleinen Kissen, auf dem
+er ruhte, in gleicher Lage mit dem Körper. Dabei läuft mir
+der Verwesungsbrei über die Hände. Die Papierkleider
+fallen auseinander, und der ganze schöne Aufputz wird eine
+heillose Manscherei. Endlich haben wir den Körper in dem
+Sarge, und die Pumpmeisterin ist sofort tätig, um die Kleider
+wieder in Ordnung zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Der Sarg ist nun auf den Tisch gestellt worden, und sobald
+er dort steht, wirft sich die Garza darüber, um das kleine Gesicht
+zu küssen. Aber als sie gerade ihren Mund auf die Lippen
+pressen will, sieht sie, daß keine Lippen mehr da sind, sondern
+nur Zähne, die aus einem grünlich-gelben Brei herausgrinsen,
+und daß der runde Augapfel, der losgelöst auf der Höhle
+liegt, sie fremd anstarrt. Eine dicke, durch die Bewegung des
+<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
+Körpers aufgerüttelte Wolke entsetzlichen Gestanks nimmt
+ihr den Atem und läßt sie mit einem Ruck zurückfallen. Dort
+steht sie, gierig nach frischer Luft ringend, und sie wirft ihre
+Arme so unsinnig und unnatürlich in der Luft umher, als
+seien sie plötzlich aus den Gelenken gefallen und gehörten
+nicht mehr ihr. Dann tastet sie mit flinken Fingern an ihrer
+Brust entlang und läßt die Hände wie von selbst über den
+Hals am Gesicht hinaufklettern, bis sie das Haar erreichen,
+das die Finger zerkrallen. Ihre Augen irren hilflos umher,
+ihre Arme fliegen mit einem Ruck hoch, und während sie
+einen grauenhaften Schrei ausstößt, bricht sie zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Andere Frauen springen sofort hinzu, flößen ihr Wasser ein
+und Schnaps, sprengen ihr Wasser ins Gesicht, versuchen,
+ihre Hände auseinanderzureißen, klopfen ihr auf die Backen
+und auf den Rücken. Nach einer Weile ist sie wieder munter.
+Es war der letzte Abschied von ihrem Jungen.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Mann, seit einiger Zeit schon völlig im Nebel, kommt
+nun torkelnd und stolpernd auf sie zu. Aus der hinteren
+Hosentasche zieht er die Tequilaflasche hervor und drückt sie
+ihr in die Hand. Die Frau nimmt die Flasche und verschwindet
+mit ihr in jenem engen Nebenraum. Durch die Stämmchen
+sehe ich, daß sie einen mordsmäßigen Zug tut, der einem
+frumben Raubritter die Augen auf Stiele setzen würde. Dann
+kommt sie wieder hervor, gibt ihrem Manne die Flasche zurück
+und wischt sich mit der Hand über den Mund. Der
+<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
+Mann nimmt die Gelegenheit, daß die Flasche nun doch einmal
+in der Hand ist, wahr und zieht sich einen wackeren
+Hieb durch die Kehle. Man muß die Feste feiern, wie sie
+fallen.
+</p>
+
+<p>
+Der Sargmann holt einen Hammer aus der Hosentasche und
+aus der anderen zwei dicke Nägel. Er hält das für besser, als
+lange zu reden, was nun zu geschehen habe.
+</p>
+
+<p>
+Die Frau hat diese Ansprache auch sofort begriffen. Sie
+kommt heran, deckt das Tuch ab und sieht auf das, was vom
+Gesicht noch übrig ist. Sofort summen dicke grüne Fliegen
+herbei, die sich auf das Gesicht setzen. Die Frau läßt das
+Tuch wieder auf das Gesicht fallen und steht nun eine Weile
+da, als ob sie auf etwas warte. Dann dreht sie sich rasch um,
+nimmt die kleine Gitarre herunter und legt sie neben den
+Kleinen in den Sarg. Wieder sinnt sie einen Augenblick, und
+dann rafft sie das verschrammte Blechwägelchen und den
+übrigen Jungenkram zusammen und packt es auch noch in
+den Sarg. Und dann sagt sie ganz still und andächtig: „Adios,
+Carlos mio!“
+</p>
+
+<p>
+Niemand in der Hütte, wo alles dicht gedrängt steht, bewegt
+sich, niemand spricht etwas, niemand atmet.
+</p>
+
+<p>
+Die Garza läßt den Kopf sinken, dreht sich völlig um, bis sie
+mit dem Rücken zum Sarge steht, und geht einen Schritt vorwärts
+der Wand entgegen, durch deren Stäbe man das Feuer
+sieht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
+Mit flinken Händen hat der Sargmann den Deckel aufgesetzt,
+und er gibt zwei leichte Schläge auf die Köpfe der zwei
+Nägel, die er eingesteckt hat, leicht genug, daß man sie noch
+einmal herausziehen kann.
+</p>
+
+<p>
+Nun geht es rasch. Vier Burschen nehmen den Sarg auf die
+Schultern, und stolpernd wird losgezogen. Die Männer,
+Frauen und Kinder folgen. Sie gehen nicht in einem Zuge,
+sondern in einem Haufen.
+</p>
+
+<p>
+Garza torkelt zwischen zwei Männern, die nicht fähig sind,
+ihn gerade zu halten, weil sie mit sich selbst genug zu tun
+haben, um auf den Beinen zu bleiben.
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter geht neben der Pumpmeisterin, in deren Arm
+sie eingehängt ist. Immer noch hat sie das meergrüne Kleid
+an. Das Kleid hat Streifen und Flecke von Blut und
+schmutzigem Wasser. Die Blumen sind abgefallen.
+</p>
+
+<p>
+Nach wenigen Augenblicken ist der Haufen bei der Brücke.
+Als der Sarg an der Stelle ist, wo die Kerbe eingehauen ist,
+bleiben die Träger stehen. Die Männer nehmen ihre Hüte
+ab. Die Garza beginnt herzzerbrechend zu weinen. Die
+Pumpmeisterin küßt sie und nimmt sie in ihre Arme.
+</p>
+
+<p>
+Die Träger haben sich wieder in Marsch gesetzt. Der Haufe
+trottet schwätzend hinterher.
+</p>
+
+<p>
+Sleigh bleibt eine Weile auf der Brücke stehen, dann dreht
+er sich um und geht heim.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt hat man die Brücke verlassen, ist an der Pumpstation
+<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
+vorüber und wandert nun auf dem Dschungelwege zum
+Friedhof, der ein paar Stunden weit entfernt ist.
+</p>
+
+<p>
+Die Musik, ein Geiger und ein Gitarrespieler, fangen an,
+die Trauermusik zu machen. Daß es Trauermärsche gibt,
+wissen sie nicht, würden es auch nicht glauben, wenn man es
+ihnen erzählte. Daß es Choräle gibt, davon haben sie gehört,
+können aber keine spielen. Aber amerikanische Tänze, die
+können sie spielen. Und der kleine Junge soll doch mit Musik
+zu Grabe gebracht werden, weil er nun als kleiner Engel auf
+der Reise ist.
+</p>
+
+<p>
+So setzt die Musik lustig ein mit: „It ain’t goin’ t’rain no’
+mo’ –.“ Jene Kulturwelle, die in genau bestimmten Intervallen
+von der europäischen und von der amerikanischen
+Hochzivilisation erbrochen wird, die in „Puppchen, du bist
+mein Augenstern“ ihren glorreichen Anfang nahm, die mit
+„Yes, we have no bananas“ die bewohnte und die unbewohnte
+Erde so verschlammte, daß ich, selbst in den unzugänglichen
+Dschungeln von Chiapas, Guatemala und Honduras,
+diesem hehren Ausdruck einer angebeteten Zivilisation
+nicht entgehen konnte, jene Kulturwelle hat nun einen
+weiteren, in die fernsten Winkel des Weltalls strahlenden
+Höhepunkt erklommen mit „It ain’t goin’ t’rain no’ mo’–“.
+Man muß Amerikaner durch Geburt sein, um die Geistlosigkeit,
+die Sinnlosigkeit, die Seelenlosigkeit, die Brutalität
+dieses Tanz-Chorals der Zivilisation in ihrem vollen Umfange
+<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
+erfassen zu können; wie man geborener Deutscher
+sein muß, um zu begreifen, daß „Puppchen, du bist mein
+Augenstern“ das hüpfende Vorspiel werden mußte für eine
+Tragödie der Gehirnlähmung, die einen fünfjährigen Weltraubmord
+ermöglichte.
+</p>
+
+<p>
+Für den eingeborenen Bewohner der Tropen ist das Wasser
+etwas Heiliges, die köstlichste Gabe, die dem Menschen gegeben
+wurde. „Unser täglich Wasser gib uns heute!“ Flüsse
+und Seen sind schön, das gesegnetste Wasser aber sendet
+der Himmel herunter auf seine Kinder, wenn ihre Not am
+höchsten ist. „Es wird nun nie mehr regnen“ mag für den
+Herrn Gerichtsaktuar, der Angst um den neuen Hut seiner
+Gerichtsaktuarin hat, ein recht freudiger Gedanke sein. Aber
+der Fluch der Zivilisation und die Ursache, warum die nichtweißen
+Völker sich endlich zu rühren beginnen, beruhen
+darin, daß man die Weltanschauung europäischer und
+amerikanischer Gerichtsaktuare, Polizeiwachtmeister und
+Weißwarenhändler der ganzen übrigen Erde als Evangelium
+aufzwingt, an das alle Menschen zu glauben haben oder
+ausgerottet werden.
+</p>
+
+<p>
+Würden die Indianer, deren Sprache wie Gesang ist, weil
+sie Ehrfurcht vor der Sprache haben, erkennen, wie tief die
+weißen Kulturschöpfer ihre Sprache zu erniedrigen vermögen
+und wie gedankenlos sie diese Erniedrigung ihrer
+Sprache allein in jener einen Zeile in die Welt hinausschreien
+<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
+und hinausmusizieren und hinaustanzen, so würde ich mich
+schämen, <a id="corr-1"></a>einem Indianer ins Gesicht zu blicken, und ich würde
+mein Gesicht mit Zinnober bemalen, nur um nicht mit meiner
+Rasse identifiziert werden zu können. Aber sie verstehen
+weder den Sinn jener Zeile, noch verstehen sie die Erniedrigung
+der Sprache, die in jener Zeile zum Ausdruck kommt.
+Übrig bleibt nur die Musik. Und durch jene Musik, die der
+einen Zeile völlig ebenbürtig ist, dringt die Kultur der weißen
+Rasse, die ja in der Musik ihren empfindungsreichsten Ausdruck
+sucht, in das Leben der farbigen Völker ein. Und in
+dieser Musik lernt der Indianer, dessen Seele und Empfindung
+noch ursprünglich sind, die Kultur der weißen Herrenrasse
+in ihrem Wert erkennen.
+</p>
+
+<p>
+Daß dieser blöde Tanz hier als Begräbnismusik dient, offenbart,
+daß der Sinn der europäischen Musik hier seine Grenzen
+gefunden hat und genau wie die Religion, die von den
+Weißen gebracht wurde, auf eine undurchbrechliche Mauer
+stößt. Den Tod begreift der Mensch hier, aber die christliche
+Form des Begrabens ist ihm fremd. Sie ist ihm hohle Formel,
+die er rein äußerlich nachahmt. Und darum ist ihm die Tanzmusik
+bei dem Begräbnis nichts, das ihn stören könnte. Der
+Tod ist das Große, das Eigene; was darüber ist, das ist das
+Fremde. Die Tanzmusik ist am richtigen Platze. Wäre es
+anders, würde der Indianer in Verwirrung geraten.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-21">
+<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
+21
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_w.jpg" alt="W"><span class="hidden">W</span></span><span class="postfirstchar">as</span> schiert sich die Sonne hier um Leichen,
+um weinende Mütter, um Begräbnisse?
+Was schiert sich die Sonne um Zivilisationen,
+um echte Kultur, um unechte
+Kultur, um gute Musik, um schlechte
+Musik und um Ärger über Verpöbelung
+der Welt, der Rassen und der Seelen? Was immer es auch sei,
+das uns Weh bereitet, sie steht erhaben und mächtig im All.
+Sie ist der Gott, der alleinige, der sichtbare, der allgegenwärtige,
+der ewig junge und lachende Gott, wandernd am
+Firmament wie ein steter jubilierender Schöpfungsgesang.
+Sie ist Schöpfer und Erhalter und Erzeuger und Gebärer. Sie
+spendet und verschwendet, ist nimmer müde, fordert keine
+<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
+Gebete als Belohnung und droht nie mit höllischen Strafen.
+Was schiert sich die Sonne um ein Begräbnis? Steil steht sie
+hoch über uns, und ihre Glut brüllt. Und wir stolpern und
+staggern dahin, über Wurzeln, umgefallene Baumgiganten,
+über Löcher und ausgewaschene Furchen, wir drängen uns
+durch Gestrüpp, durch Dornengesträuch und durch hohes
+scharfes Gras. Schwätzend, lachend, rufend, kreischend,
+weinend und musizierend. Onesteps und Twosteps und Foxtrotts
+und immer, wenn den unermüdlichen Musikanten
+nichts einfällt, was sie spielen sollen, dann spielen sie das
+große Tedeum „It ain’t“. Der Sarg schaukelt bedenklich auf
+den Schultern der stolpernden Burschen, und wenn einer
+durch die trockene Erde in ein darunter ausgewaschenes oder
+von Tieren ausgegrabenes Loch bricht, schreit die ganze
+Herde, plötzlich aus dem stumpfen Dahinstolpern aufwachend:
+„La caja! Die Kiste!“ Und die am nächsten sind,
+springen hinzu, um die Kiste aufzuhalten, damit der Inhalt
+nicht vorzeitig verlorengeht und die Böschung hinunterschießt.
+Denn ehe man ihn in diesem Gewirr des Dschungels
+gefunden und herausgepellt hätte, würden die Geier, die an
+den Seiten des Weges lauern, wo sie von Baum zu Baum
+fliegen und die aussehen wie verwunschene Kapläne, ein
+Dutzend Fetzen herausgerissen haben, und es würde sich
+kaum noch recht lohnen, zum Friedhof zu ziehen.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Sarge geht Morano, der mittlere Bruder. Er ist von
+<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
+einer Schar schreiender und quiekender Jungen umgeben.
+Einer von den Jungen schwingt fortgesetzt ein angebranntes
+Holzscheit, um es glimmend zu halten. Und Morano zündet
+seine Kracker an und schleudert sie in die Lüfte, wo sie
+knallend explodieren. Bei den ersten Knallern erhoben sich
+die Schwarzröcke mit schweren mächtigen Schwingen in die
+Lüfte. Jetzt aber haben sie sich schon daran gewöhnt. Schwer
+rudern sie von Baum zu Baum, mit gierigen und wütenden
+Augen den Zug anstarrend. Die heiligen Vögel der Tropen,
+die nicht geschossen, nicht gejagt oder gefangen werden
+dürfen, denn sie sind legitimierte Beamte, die Gesundheitspolizei
+des Dschungels, des Busches, der Prärien und der
+Sandmeere.
+</p>
+
+<p>
+Manuel geht ganz für sich allein, als ob er nicht dazugehöre.
+Garza bleibt häufig stehen, zerrt die Flasche aus der hinteren
+Hosentasche und zieht einen Tüchtigen. Seine beiden
+Freunde helfen ihm dabei, und wer sonst gerade Lust hat,
+kommt herbei. Garza ist freigebig, und wenn diese Flasche
+leer ist, dann hat er in der linken hinteren Hosentasche eine
+andere Literflasche voll Leichenschmaus.
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter geht in der Herde. Wer es nicht weiß, würde
+nicht vermuten, daß sie die Trauernde ist. Sie geht nicht mehr
+im Arm der Pumpmeisterin, weil die nahe Berührung wegen
+der Glut, in der wir marschieren, unerträglich geworden ist.
+Aber die Pumpmeisterin geht neben ihr, und einige andere
+<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
+Frauen sind in ihrer Nähe. Man spricht, um den Weg abzukürzen.
+Man redet von tausend Dingen, die Frauen interessieren
+können, nur nicht mehr von dem Kleinen. Der
+Marsch ist schon ein Zurückwandern in das alltägliche Leben.
+Die Burschen, die den Sarg tragen, streiten unausgesetzt miteinander;
+niemand will tragen, niemand will ablösen. Es
+stinkt unerträglich in der Nähe des Sarges, und die Burschen
+binden sich Taschentücher vor die Nasen. Das Tragen ist
+ermüdend, lästig und unbequem. Die schwarzen Vögel würden
+nicht von Gestank oder von Anstrengung sprechen, aber
+streiten würden sie sich noch viel mehr, und die Schwachen
+hätten zu warten, bis die Starken schwerfällig auf <a id="corr-2"></a>einen
+Ast zufliegen müssen, um zu verdauen.
+</p>
+
+<p>
+Es ist bewundernswert, wie die Musiker trotz der Gluthitze,
+trotz des Kletterns auf dem Dschungelwege – denn Wandern
+oder Gehen ist es nicht –, trotz einer langen Nacht
+unermüdlichen Zum-Tanz-Aufspielens unverdrossen und
+berufsfreudig den Trauermarsch spielen und dadurch der
+dahintrottenden Herde Sinn und Inhalt geben. Man würde
+sonst vergessen, warum man diese Reise überhaupt unternommen
+hat. Denn grün ist es rundherum und unter den
+Füßen, goldschimmernd blau ist der Himmel, die Sonne
+bläst schmetternde Fanfaren, die Vögel singen, von Blumen
+übersät und durchleuchtet ist der Dschungel, und Schmetterlinge,
+fächergroße und edelsteinkleine spielen jubelnde Farben
+<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
+durch die Luft. Es zirpt und geigt und flötet im Grase
+und im Laube.
+</p>
+
+<p>
+Es lebt die Welt. Was ist ihr das Stückchen zerfließende Verwesung?
+Nichts. Nicht einmal Dünger. So reich ist sie, so verschwenderisch,
+daß sie dieses Düngers nicht braucht und ihn
+den Schwarzröcken zum Festmahle preisgibt. O Mensch, wie
+wenig bist du, wie wenig dein Mühen und Streben! Freue
+dich, liebe, stirb und rufe die Geier, den Rest zu tun!
+</p>
+
+<p>
+Aber da ist das Dorf in Sicht. Hütten, Palmhütten und Grashütten.
+Nackte Kinder wimmeln herum die Menge; Hühner,
+Ziegen, Schweine, Esel und Hunde zwischen den Hütten,
+hinter den Hütten, in den Hütten, auf den Wegen. Die Leute
+kommen aus ihren Behausungen. Schweigend lassen sie den
+Zug herankommen und schweigend lassen sie ihn vorübergehen.
+Die Männer alle nehmen ihre Hüte ab, wenn der Zug
+an ihnen vorbeikommt. Selbst die nackten und zerlumpten
+braunen kleinen Wildlinge halten in ihrem Herumjagen inne,
+bleiben schweigend stehen und sehen dem Haufen mit weitaufgerissenen
+Augen nach. Eine Frau stößt einen gellenden
+Schrei aus, bückt sich, hebt ihr kleines Würmchen, das auf
+dem Boden strampelt auf und drückt es an ihre Brust, als
+wolle es jemand stehlen kommen. Dann bricht sie in langgezogenes
+Klagen aus, in das andere Frauen einstimmen und
+das aus dem Zuge heraus von der Garza und einigen anderen
+Frauen beantwortet wird.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
+Aus der Tienda kommt ein Mann herausgetorkelt. Er hat
+einen billigen weißen Leinenanzug an mit einer Jacke. Einen
+dünnen Zweig hat er in der Hand, mit dem er kreuz und
+quer in der Luft herumfuchtelt. Er hat schwer Topgewicht
+und kann sich kaum auf den Beinen halten. Es ist der Lehrer
+aus dem nächsten Dorf, das näher zur Bahn liegt. Er ist nur
+für zwei Monate in jenem Dorf, weil die Regierung jenem
+Dorfe nur für zwei Monate Schullehrergehalt bewilligt hat.
+Mehr Geld ist nicht da. Und wenn die zwei Monate um sind,
+geht der Lehrer wieder heim zu seiner Familie, die in einem
+anderen Staate lebt, sechshundert Kilometer von hier entfernt.
+Das Geld für die Heimreise muß er sich in den Dörfern
+zusammenbetteln gehen, weil von dem Gehalt, nachdem
+er sein Kostgeld bezahlt und seiner Familie den Rest
+geschickt hat, nichts mehr übrig ist.
+</p>
+
+<p>
+Freunde der Garzas in dem Dorfe, wo er Schule hält, in einer
+Hütte, wo die Kinder keinen Tisch haben, um ihr Schreibheft
+oder ihr Lesebuch draufzulegen und sie deshalb auf den
+Knien schreiben müssen, haben ihn gebeten, hierher zu kommen
+und die Trauerrede für das Kind zu halten. Er hat sich
+sofort sehr früh aufgemacht, weil man ihm gesagt hatte, das
+Begräbnis sei um ein Uhr. Das war ein Mißverständnis. Es
+sollte heißen, daß der Zug um ein Uhr von Hause fortginge.
+Und jetzt ist es fünf Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Ich kenne den Lehrer von früher her, als er in einer kleinen
+<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
+Indianerstadt Schule hielt. Damals habe ich mit ihm und
+seiner Schule Schulfeiern und Schulausflüge mitgemacht und
+habe mit den erwachsenen Indianern, die Lesen und Schreiben
+lernen wollten, weil jeden Sonntag die Kommunisten
+herauskamen und ihnen predigten, das sei wichtig, die
+Abendschule besucht, wo ich zwar nicht Lesen und Schreiben
+lernte, wo sich mir aber eine neue Welt erschloß.
+</p>
+
+<p>
+Der Lehrer ist kein Indianer, er hat nicht einen Tropfen
+indianischen Blutes; er sagte mir einmal, er sei Spanier. Ich
+glaubte es ihm aber nicht ganz, zur Hälfte hat er sicher
+maurisches Blut in sich, und wenn ich mich nicht täusche, ist
+er Ägypter. Er ist freilich hier im Lande geboren. Nun weiß
+ich, daß er ein sehr nüchterner Mensch ist. Aber da steht er
+nach einem langen anstrengenden Marsche hier vor der
+Tienda, wo es nicht nur Hosen, Stiefel und Laternen gibt,
+Mehl, eingemachte Pfirsiche, Kaffee, Hüte, Äxte und Revolverpatronen,
+sondern auch Tequila. Und dann kommt
+ein Indianer, der Vater eines oder mehrerer Kinder ist, die
+zu dem Lehrer in die Schule gehen, und er ersucht den Lehrer
+um die Ehre, einen Schnaps mit ihm zu trinken oder eine
+Flasche Bier. Der Lehrer möchte nicht nein sagen, um den
+Mann nicht zu beleidigen und um nicht den falschen Eindruck
+zu erwecken, daß er zu stolz sei, mit dem einfachen
+indianischen Arbeiter einen zu trinken. Und so trinkt er.
+Nach einer Weile kommt ein anderer Vater, und der Lehrer
+<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
+trinkt, weil er ja den zweiten unsagbar kränken würde,
+nicht mit ihm zu trinken, nachdem er doch mit dem ersten
+getrunken hat. Fünf Stunden sind lang, die Sonne glüht, das
+Wasser schmeckt lau wie Jauche, Kaffee ist nicht zu haben,
+Limonade, wenn zu viel getrunken, bläht auf, und den
+Schnaps kann man nicht ablehnen, und so ist der nüchterne
+Lehrer im Tran.
+</p>
+
+<p>
+Der Zug geht weiter. Aus dem Dorfe folgen viele nach.
+Hinten torkelt der Lehrer und braucht den ganzen Weg für
+sich. In seinen Arm eingehängt ist jener Freund der Garzas,
+der den Lehrer gebeten hat, die Rede zu halten. Jener
+Freund ist noch betrunkener als der Lehrer, dessen Willenskraft
+wohl geschwächt, aber nicht betäubt ist. Der Lehrer
+versucht immer wieder, sich gerade zu halten, aber sein Begleiter
+schleift auf dem Boden entlang und macht durch sein
+Zerren und Herumdrehen und Hinstürzen den Lehrer mehr
+berauscht, als er es sonst wäre, wenn er ganz allein sein
+könnte und nicht unter dieser Suggestion des Schwerbetrunkenen
+stünde, der sich durchaus gehen läßt.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-22">
+<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
+22
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar"><img src="images/drop_n.jpg" alt="N"><span class="hidden">N</span></span><span class="postfirstchar">un</span> ist der Zug vor dem Friedhof. Die
+Männer nehmen ihre Hüte ab, und unter
+unaufhörlichem Knallen und Raketenfeuern
+wird der Leichnam durch die
+kleine Pforte getragen. So wenig wie dem
+Indianer diese Religion in sein Wesen
+gedrungen ist, so wenig wie er diese Form des Begrabenwerdens
+begreifen kann, so wenig klar ist ihm der Sinn eines
+christlichen Friedhofes. Ein Schindacker in einem europäischen
+Lande sieht besser aus.
+</p>
+
+<p>
+Da sind Hügel, und da sind Haufen. Da liegen verwelkte
+Kränze, und da stehen auf Gräbern Kreuze. Und es stehen
+viele Kreuze herum, wo man nur aus dem Kreuz schließt,
+<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
+daß hier ein Grab sei. Auf die Kreuze ist manchmal mit
+weißer Kreide, manchmal mit blauer Kreide, manchmal mit
+Tintenstift und manchmal mit Bleistift etwas geschrieben. Es
+soll der Name sein und das Datum. Es könnte aber auch
+etwas anderes sein, es kann auch eine Rechnung aus der
+Tienda sein. Nach dem Datum sind manche Gräber nur ein
+Jahr oder ein halbes Jahr alt, aber die Kreuze sind halb
+zerbrochen oder liegen gar in Stücken herum an ganz anderen
+Stellen, als wo sie eigentlich hingehören. Manche Grabplätze
+sind aufgewühlt von Hunden oder Schweinen oder Ziegen.
+Die Gräber liegen durcheinander. Dazwischen ist Dornengestrüpp,
+da sind Kakteen, und da ist Gras und Wüstenkraut.
+Alles ein Dschungel von schwarzen, weißen, blauen, roten
+und grünen Kreuzen und von zerbrochenen Kreuzen, als
+hätten die Höllenbewohner hier ein infernalisches Knüppelholzschlagen
+veranstaltet, ein Dschungel von Hügeln, Haufen,
+Löchern, Schutt, Papierblumen, dürren Kränzen, Sträuchern,
+Lehmklumpen, Kraut und Gras.
+</p>
+
+<p>
+Sieht man einen solchen Friedhof zum ersten Male und
+vergleicht man ihn bei diesem ersten Male mit jenen friedlichen,
+sauberen Kirchhöfen, die man in Europa gesehen hat,
+so möchte man fragen: Wie ist das denn möglich? Ich wollte
+eine solche Frage an mich stellen, als ich einen solchen Friedhof
+zum ersten Male sah. Aber ehe ich diese Frage zu Ende
+gedacht hatte, fand ich die Frage in dieser Betonung lächerlich.
+<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
+Denn das allein ist ja der Friedhof, den die Menschen
+haben sollten, wenn sie keine Heuchler wären. Aber sie
+müssen noch nach dem Tode heucheln und als Gespenster
+herumlaufen. Seit jenem Tage, wo ich zum ersten Male einen
+echten indianischen Friedhof im Dschungel sah, bin ich zu
+der Wahrheit gelangt: Steht das Kreuz ein halbes Jahr auf
+dem Hügel und ist der Hügel ein halbes Jahr sichtbar, so ist
+es in beiden Fällen sechs Monate zu lange. Das Kreuz und
+der Hügel verhindern, daß der Mensch im Herzen und im
+Geiste der Zurückgebliebenen weiterleben kann, darum ist er
+gezwungen, als Gespenst uns das Leben zu verbittern.
+</p>
+
+<p>
+Der Zug ist jetzt an dem Loche, wo der Kleine hineingebettet
+werden soll. Kein Totengräber gräbt die letzte Grube. Der
+Vater muß es tun oder der Bruder oder ein Freund. Manuel
+hat das Grab aus dem harten lehmigen Boden herausgehackt
+und herausgeschaufelt. Dann ist er auf dem Pferde zurückgeritten,
+um dem Sarge folgen zu können.
+</p>
+
+<p>
+Der Sarg wird hingestellt. Der Sargmacher zieht die Nägel
+heraus und hebt den Deckel ab, damit die Mutter Abschied
+nehmen kann.
+</p>
+
+<p>
+Man sieht die grellbunten Papierröcke, die goldene Krone, das
+Zepter und die goldenen und silbernen Sterne und Kreuze.
+Aber das Gesicht kann irgend etwas sein, nur kein Gesicht.
+Mit einem Schrei wirft sich die Garza über den Sarg, den sie
+fest umklammert. Ihr Schrei geht in Wimmern über.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
+Garza kommt stolpernd heran. Er muß sich fest auf die Männer,
+die dicht dabei stehen, stützen, damit er nicht umfällt,
+denn die zweite Tequilaflasche ist inzwischen auch nahe zur
+Neige gegangen, und es sind gerade noch ein paar Trosttropfen
+für ihn und seine Frau drin. Aber es ist sein gutes
+Recht, hier dicht an dem offenen Sarge zu stehen, denn er ist
+der Vater. Er will etwas sagen, vielleicht will er auch nur
+einen Schmerzensschrei ausstoßen, aber er quiekst nur und
+wischt sich mit der Hand die Tränen von den Backen. So
+betrunken ist er lange nicht, daß er nicht weiß, was da von
+ihm genommen wird, daß sein Nesthäkchen nun für immer
+abgewandert ist.
+</p>
+
+<p>
+Die Pumpmeisterin und zwei andere Frauen, die laut schluchzen
+und schreien, als wäre es ihr Kind, heben die Garza auf.
+Sobald der Sarg auch nur ein wenig frei ist, zieht ihn der
+Sargmacher gleich unter der noch halb niedergebeugten Garza
+hervor. Ein anderer Mann hat schon den Deckel bereit, und
+im Augenblick ist der Sarg zugenagelt. Diesmal für immer.
+Dann trägt man ihn dicht an das Loch.
+</p>
+
+<p>
+Und nun drehen sich alle Leute um und warten auf den
+Lehrer. Der Lehrer ist noch draußen vor der Friedhofspforte.
+Er weigert sich, den Friedhof zu betreten, weil er genug Verstand
+behalten hat, um ganz genau zu wissen, was mit ihm
+los ist, und daß er, der weinenden Mutter wegen, nicht unter
+die Trauergemeinde treten kann und es auch nicht mag. Aber
+<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
+jener Freund der Garzas, der ihn eingeladen hat, zerrt ihn
+jetzt durch die Pforte und ruft noch einen anderen Mann
+herbei, um den Lehrer zum Grabe zu schleifen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich steht er am Grabe, und alle Leute sehen ihn. Er
+schwankt bedenklich. Und mit einem Male geht er wieder
+fort vom Grabe und versucht, sich davonzuschleichen. Der
+Freund hat das trotz seiner Trunkenheit bemerkt und schreit
+wie besessen hinter ihm her. Es fängt an, ein lautes Begräbnis
+zu werden. Der Freund kann sich nicht beruhigen und schreit,
+es sei eine Schande, erst die Rede zu versprechen und sie dann
+nicht zu halten. Andere Männer reden auf den Wütenden
+ein, den Lehrer doch zu entschuldigen, aber das macht den
+Mann nur noch wütender. Er beginnt den Lehrer maßlos zu
+beschimpfen. Um den Mann zu beruhigen und den Streit, den
+andere Halbbetrunkene aufnehmen, zu beenden, wirken die
+Leute auf den Lehrer ein, doch zu reden. Aber der Lehrer
+lallt nur. Und während er sich umwendet, um die Leute abzuwehren
+und seiner Wege zu gehen, sieht er die weinende
+Mutter, die weder bittend, noch abweisend die Augen auf
+ihn gerichtet hält. Was die Mutter denken mag angesichts
+dieser Streiterei und der Unwilligkeit des Lehrers, ist aus
+ihrem Blick nicht zu erkennen. Aber es scheint, daß der
+Lehrer in seinem Nebelzustande etwas darin sieht, was wir
+anderen nicht zu sehen vermögen. Jedenfalls geht er plötzlich
+wieder auf das Grab zu.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
+Er steht dicht am Rande der Grube und schwankt verdächtig
+hin und her. Mit beiden Armen gestikuliert er nun heftig in
+der Luft herum und öffnet den Mund. Da er in der einen
+Hand noch immer den abgeschnittenen Zweig hält, so sieht
+er aus, als ob er mit jemand kämpfen wolle. Seine Augen
+werden ganz stier und gläsern. Es spiegelt sich in seinem
+Blicke der Eindruck wider, daß alle die Gesichter, die auf
+ihn jetzt gerichtet sind, zu einer Einheit verschmelzen, die
+für ihn etwas Unheimliches haben muß; denn seine Gesichtszüge
+beginnen, sich in Angst zu verzerren.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe ihn einmal am Unabhängigkeitstage reden hören,
+und ich weiß, daß er für Verhältnisse dieser Art als guter
+Redner gelten kann und daß er auch keine Redefurcht hat.
+Warum er die gräßliche Angst zeigt, ist mir unverständlich.
+Er fuchtelt jedoch immer heftiger mit den Armen durch die
+Luft, macht den Mund weit auf und klappt ihn wieder zu.
+Man könnte leicht annehmen, daß er glaubt, er rede bereits.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich aber schreit er ganz unvermittelt los: „Wir sind
+alle sehr traurig!“
+</p>
+
+<p>
+Er schreit das so gewaltig hinaus, als ob er zu fünftausend
+Menschen zu sprechen hätte, die auf weiter Ebene versammelt
+sind und ihn alle hören sollen.
+</p>
+
+<p>
+Dann brüllt er los, als ob er nun zu zwanzigtausend Leuten
+reden müßte: „Der kleine Junge ist tot!“
+</p>
+
+<p>
+Das alles war aber noch gar nichts, denn jetzt hebt ein Brüllen
+<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
+an, als ob der Himmel auseinandergerissen werden solle:
+„Auch die Mutter des kleinen Jungen ist sehr traurig. Sie
+weint.“
+</p>
+
+<p>
+„Auch die Mutter ist sehr traurig. Jawohl, das ist sie!“
+wiederholt er mit diesem Brüllen, und dabei schlägt er mit
+dem Zweige so heftig durch die Luft, als ob er den, der etwa
+bezweifeln sollte, daß die Mutter auch sehr traurig sei, mit
+einem Hieb der Länge nach durchspalten wolle.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Hieb war gut gemeint, und er war auch ehrlich gemeint,
+und vielleicht war er ein Trost für die Mutter, die
+sehr traurig ist. Aber der gutgemeinte Hieb war mehr, als das
+Gleichgewicht des Redners in diesem Augenblick vertragen
+konnte. Der gute Mann sauste über und sauste in das Grab
+hinein. Er kam aber nicht ganz bis auf den Boden des Grabes.
+Über dem offenen Grabe lagen zwei Baumstämme, auf denen
+der Sarg eigentlich stehen sollte, zum großen Glück des
+Redners aber noch nicht hingestellt worden war, weil man
+durch das Streiten diese Handlung vergessen hatte. Einen
+dieser Baumstämme hatte der Lehrer im Fallen gerade noch
+erwischt, und nun hing er, beide Arme vor sich hingestreckt,
+ebenso kläglich wie hilflos auf dem Stamm. Mit den Beinen
+angelte er nun seitlich aufwärts, um den Rand zu erklimmen
+und daran hochzuklettern. Aber seine Anstrengungen waren
+vergeblich, und hätte man ihm nicht brüderlich beigestanden,
+so wäre er in das Grab hinabgesunken, von wo er, wäre er
+<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
+allein hier gewesen, sich heute auf keinen Fall selbst wieder
+hätte herauskrabbeln können.
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem diese Entgleisung des Redners recht lustig war,
+sah ich doch nicht einen einzigen unter allen, die anwesend
+waren, lachen. Und ich selbst, dem das Lachen für gewöhnlich
+verhängnisvoll nahe steht, fand auch nicht eine Spur von
+Komik in dem Vorgang. Damals auf keinen Fall, ich erinnere
+mich dessen noch sehr genau, und ich erinnere mich
+ebenso genau, daß mir in jenem Augenblick ein Weinkrampf
+näher war als das bescheidenste Lächeln. Heute, nachdem
+ich drei Monate Zeit hatte, mir jene einundzwanzig Stunden
+des wirbelnden Tanzes, zu dem der große Musikmeister aufspielte,
+einzeln zurückzurufen, sie wieder zu erleben und
+durch und durch zu erleben, weiß ich, daß niemand lachen
+konnte darum, weil alle, alle dasselbe fühlten, was ich in
+jenem Augenblick fühlte. Denn warum sollte ich ein Ausnahmemensch
+sein und etwas fühlen, was andere Menschen
+nicht fühlen können! Und ich fühlte: Der Lehrer ist, während
+er am Grabe steht, nichts als reine brüderliche Liebe für die
+weinende Mutter, nichts als hingebende Hilfsbereitschaft für
+den trauernden Mitmenschen. Und warum sollte einer von
+allen den Anwesenden etwas anderes empfunden haben als
+ich? Hat doch keiner gelacht! So wenig wie ich den Drang
+zum Lachen fühlte!
+</p>
+
+<p>
+Der Lehrer steht wieder an dem Rand der Grube. Den Zweig
+<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
+hat er noch immer in der Hand, er hat ihn nicht einmal in
+seiner höchsten Not fallen lassen. Er steht da mit einer Miene,
+als habe das, was eben geschehen sei, gar nicht ihm gegolten,
+sondern irgendeinem anderen, und er habe während dieses
+Zwischenfalles seine Rede unterbrochen, bis die Störung vorüber
+sei.
+</p>
+
+<p>
+Mit demselben Brüllen redet er nun wieder weiter: „Auch
+der Vater ist recht traurig. Jawohl!“ Und wieder wird der,
+der daran zweifelt, der ganzen Länge nach durchgespalten.
+Jetzt aber hat sich der Weise besser vorgesehen. Er steht nicht
+mehr so dicht an der Grube, daß er hineinfallen könnte. Dafür
+aber hat der Hieb, der bei dieser Redewendung seitlich
+weggeführt war, wie der Hieb eines Reiters vom Pferde
+herab, um nicht etwa abermals in die Grube zu lenken, das
+Gleichgewicht nach einer anderen Grundidee ausgeschwenkt.
+Denn nun, als die Schwungkraft dieses Hiebes sich auszuwirken
+bemüht, saust der Redner rechts herum wie ein
+Kreisel. Der Hieb war so kräftig geführt, daß eine ganze
+Drehung zustande kommt. Diese Drehung ist zwar nicht
+kerzengerade, weil das ja sowieso gegen die physikalischen
+Gesetze verstoßen würde und deshalb schon unzulässig wäre
+und mit Geldstrafe belegt werden kann. Nein, die Drehung
+ist schwankend schwenkend, etwa wie bei einem großen
+Blechkreisel, der seine letzten aushauchenden Tänze vollführt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
+Der Redner steht wieder in seiner Anfangsstellung, mit dem
+Gesicht den Leuten zugekehrt. Auch diesmal hat keiner gelacht.
+Wie könnte man auch lachen, wenn jemand seine
+Sympathie mit solchem Nachdruck äußert!
+</p>
+
+<p>
+„Der kleine gute Junge hat so früh sterben müssen“, brüllt
+der Lehrer und schlägt wieder zur Bestätigung mit dem
+Zweig. Nun aber hat sich der Körper an diese Beiprodukte
+der Rede gewöhnt und antwortet nicht mehr darauf.
+</p>
+
+<p>
+„Der gute Junge, den wir alle so lieb hatten, hat so rasch
+sterben müssen. Das tut uns allen so sehr leid. Nun wollen wir
+ihn begraben. Adios, mein lieber, kleiner Junge!“
+</p>
+
+<p>
+Verflucht noch mal und ausgespuckt, der Geier soll doch das
+ganze Begräbnis holen! Jetzt heule ich. Wahrhaftig, ich heule
+wie ein alter Schloßhund, dem die weiße Frau als Ameisenbär
+erscheint. Ich heule, und die ganze Gesellschaft, Männer,
+Weiber und zerbröckelnde Lehmkügelchen weinen und
+schluchzen. Es ist nicht mehr jenes gelle Schreien wie in der
+Nacht. Es ist ein stilles weinendes Trauern.
+</p>
+
+<p>
+Und was geht mich denn der Junge an! Ein Indianerjunge.
+Er ist doch gar nicht mein Junge. Aber ich heule. Vielleicht ist
+er doch mein Junge, ebensogut mein Junge, wie er der Junge
+aller dieser Leute hier, wie er der Junge aller Menschen ist.
+Mein Junge, mein Bruder, mein kleiner Mitmensch, ein Menschenkind,
+das leiden konnte wie ich, das lachen konnte wie
+ich, das sterben konnte, wie ich es muß.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
+Man will den Sarg mit Stricken, die aus fünf verschiedenen
+Riemen, Stricken und Bindfaden zusammengeknüpft sind,
+herunterlassen. Aber die Stämme wackeln hin und her, und
+die Stricke lassen sich der vielen Knoten wegen nicht recht
+handhaben.
+</p>
+
+<p>
+Da springt ein Mann kurz entschlossen in die Grube.
+</p>
+
+<p>
+„Reich’ mir die Kiste zu.“
+</p>
+
+<p>
+Der Mann klimmt heraus.
+</p>
+
+<p>
+Mutter und Vater werfen Erde darauf.
+</p>
+
+<p>
+Dann fliegen die Hände voll Erde von allen Seiten polternd
+auf die Kiste.
+</p>
+
+<p>
+Die Musik hat sich da aufgestellt, wo der Lehrer, der sich unauffällig
+entfernt hat, während seiner Rede gestanden hatte.
+Die Musik wird nun spielen: „O heilige Jungfrau, voller
+Gnaden, du segensreiche Dulderin.“
+</p>
+
+<p>
+Ich bin erlöst. Die Musik hat Geschmack und Takt. Sie weiß
+den wahren Ton für die leidende Menschheit zu treffen. Sie
+heuchelt nicht und macht keine Heuchelei mit. Diese Todsünde
+begeht sie nicht. Sie ist echtes Geblüt des Dschungels.
+Sie hat den bewundernswerten Mut, die Dinge beim rechten
+Namen zu nennen, immer und überall; sie hat die unerschütterte
+Urkraft, den Dingen, deren Sinn von der Gedankenlosigkeit
+eines taumelnden Geschlechts verwirrt wurde, den
+ursprünglichen Sinn zurückzugeben, der die Gestalt und das
+Wesen des Dinges bestimmt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
+Und sie spielt den großen Trauermarsch der Menschheit: „It
+ain’t goin’ t’rain no’ mo’ –.“
+</p>
+
+<p>
+Und als der Choral, der mit Ewigkeiten Marmeln spielt und
+mit dem Entsetzen des Weltalls Stiefel putzt, verklungen ist,
+mehrere Burschen emsig Erde in die Grube schaufeln, andere
+die Blumen und Kränze ordnen, die Mutter weinend in einem
+Knäuel weinender Frauen steht, die sie umarmen und küssen,
+die Männer ihre Hüte aufsetzen und sich Zigaretten drehen
+und niemand den Friedhof verläßt, bis die Mutter das
+Zeichen zum Aufbruch gibt, fühlt die Musik, noch immer am
+Kopf der Grube stehend, daß man noch etwas von ihr erwartet,
+weil sie erst die Hälfte ihrer Aufgabe erfüllt hat.
+</p>
+
+<p>
+Da besinnt sie sich auf den Trauermarsch von gestern, glorreich
+wie der beendete Fischzug von gestern, der die Säcke der
+Wissenden und Verständigen mit Gold füllte, und die Rippen
+der Begeisterten und Gläubigen mit Nickelstahl. Jener
+Trauermarsch, der die Faust, die sich erhob, während man
+die Säcke zählte, recht dienstbeflissen und geschickt mit Nagelputzcreme
+behandelte und zur selben Zeit den Unknown
+Warrior, den Unbekannten Krieger, zur Hilfe aufrief, um
+der Faust die Krallen zu stutzen. Jener Trauermarsch kam
+zur guten Stunde, um das herannahende Weltdonnerwetter
+abzuleiten in die goldbronzierte Inschrift: – Arbeiten,
+damit die andern nicht verzweifeln. Do It Now! –
+</p>
+
+<p>
+Und dieser Trauermarsch kommt auch jetzt zur guten Stunde
+<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
+und fällt den Musikern am rechten Platze ein: „Yes, we have
+no bananas, we have no bananas to-day.“
+</p>
+
+<p>
+Adios, mein lieber kleiner Junge! Adios! Es leben die
+Maden und Würmer! Adios! So wie du wurde noch kein
+König begraben!
+</p>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p>
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Weitere Änderungen, zum Teil basiert auf späteren Ausgaben,
+sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+</p>
+
+
+
+<ul>
+
+<li>
+... hinaus in die Nacht. Abgebrochene <span class="underline">Stücken</span> menschlicher ...<br>
+... hinaus in die Nacht. Abgebrochene <a href="#corr-0"><span class="underline">Stücke</span></a> menschlicher ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... schämen, <span class="underline">einen</span> Indianer ins Gesicht zu blicken, und ich würde ...<br>
+... schämen, <a href="#corr-1"><span class="underline">einem</span></a> Indianer ins Gesicht zu blicken, und ich würde ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... hätten zu warten, bis die Starken schwerfällig auf <span class="underline">einem</span> ...<br>
+... hätten zu warten, bis die Starken schwerfällig auf <a href="#corr-2"><span class="underline">einen</span></a> ...<br>
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77625 ***</div>
+</body>
+</html>
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