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diff --git a/77625-0.txt b/77625-0.txt new file mode 100644 index 0000000..624ac3e --- /dev/null +++ b/77625-0.txt @@ -0,0 +1,4374 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77625 *** + + B. TRAVEN Die Brücke im Dschungel + + + BÜCHERGILDE GUTENBERG + + +Satz und Druck von der Buchdruckwerkstätte GmbH., Berlin SW 61 + +Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Nachdruck +verboten. Copyright 1929 by B. Traven, Tamaulipas (Mexiko) + + + + + DIE + BRÜCKE + IM + DSCHUNGEL + + + Den Müttern! + jedes Volkes + jedes Landes + jeder Sprache + jeder Rasse + jeder Farbe + jeder Kreatur + die lebt! + + + + + 1 + + +Wann und wo ich Sleigh eigentlich zum erstenmal getroffen hatte, weiß +ich so genau nicht mehr zu sagen. Doch wenn ich mich recht erinnere, so +war es an einem moderigen Pfuhl im Dschungel, wo ich meine Pack-Mules +tränken wollte. Ja, so war es. Es fällt mir jetzt ein, daß, als ich zum +Pfuhl geritten kam, ich in die Mündung eines auf mich gerichteten +Sixshooters sah. Sleigh hatte gehört, daß sich jemand nähert, und im +Dschungel oder im Busch läßt man es nicht darauf ankommen, sondern man +sieht sich rechtzeitig vor. Man weiß ja nicht, wer der Ankömmling ist +und welche Absichten ihn leiten. Ich hätte es genau so gemacht. + +„Stick ’em up, boy! Die Flossen hoch!“ + +Seelenruhig zog er mir meinen Shooter aus der Tasche des Patronengürtels +und schob ihn in seinen Gurt. Wir wechselten ein paar Worte. Er erzählte +mir, daß er auf weiter Fahrt sei. + +Als dann sein Pferd getränkt war und er den Wasserbeutel gefüllt hatte, +saß er auf und sagte: „Zweihundert Schritt, da können Sie Ihren Klicker +abholen; ich bin kein Bandit, aber ich weiß ja nicht, ob Sie vielleicht +einer sind. Savvy?!“ Ich folgte ihm, und als zweihundert Schritte +zwischen uns lagen, winkte er, ließ meinen Revolver fallen und sauste +ab. Ich ging zurück zum Pfuhl, ohne ärgerlich auf ihn zu sein; denn ich +hätte es ganz genau so gemacht. Er hatte das Trommelröhrchen nur früher +hoch als ich, und das entschied, wer das Recht zum Kommandieren hatte. +Daß er ein ehrlicher Bursche war, bewies er; denn er konnte mir meine +Mules abnehmen und den letzten Faden vom Leibe ziehen. Dann hätte ich +noch dankbar sein müssen, wenn er mir den Hut, meine Hose und meine +Stiefel gelassen hätte, weil, würde einem auch dieses genommen, man im +Dschungel schon lieber um den Gnadenschuß ersucht. + +Drei Monate später ritt ich, in einer ganz anderen Gegend, durch ein +Indianerdorf. Vor einer grasgedeckten Lehmhütte sah ich einen Weißen +stehen, den einzigen Weißen im Dorf. „Hallo!“ rief er herüber. Es war +Sleigh. + +Ich mußte in seine Hütte kommen, um seine Familie kennenzulernen. Seine +Frau war Vollblutindianerin, und sie hatten drei Kinder. Die Frau mußte +mir ein Ei backen und etwas vorsetzen, das er Kaffee nannte. + +Seit zwanzig Jahren lebte er unter den Indianern oder zwischen ihnen. So +genau ließ sich in der kurzen Zeit, die ich in seiner Hütte verbrachte, +das wahre Verhältnis nicht feststellen. + +Ein Jahr darauf etwa machte ich von Matehuala über Tula eine ziemlich +beschwerliche Reise, um an den Tamesi zu kommen mit der Absicht, +Alligatoren zu jagen. Es war aber nicht viel los damit; teils war der +Dschungel so dicht und undurchdringlich, daß man den Fluß nicht +erreichen konnte, teils war die Gegend so sumpfig und morastig, daß man +es aufgeben mußte, an die eigentlichen Jagdgebiete heranzukommen. Ich +ritt deshalb weiter den Fluß hinunter, um die größeren Nebenflüsse +abzusuchen. + +So kam ich eines Tages an eine kleine Pumpstation, die das Flußwasser +viele Meilen weit zu einer anderen Station pumpt, von wo aus es wieder +weitergepumpt wird, bis es die Eisenbahnlinie erreicht. Ein Teil des +Wassers dient zur Auffüllung der Lokomotivkessel; der größere Teil des +Wassers jedoch wird von der Bahn in Tankwagen zu einigen Dutzend von +Dörfern und kleinen Städten, die an der Bahnlinie liegen, gefahren, um +die Bevölkerung mit Wasser zu versorgen. + +Der Pumpmeister war ein Indianer. Mit Hilfe eines vierzehnjährigen +indianischen Jungen bediente er die Pumpe. Der Kessel wurde mit Holz +geheizt, und das Holz wurde von einem anderen Indianer mit Maultieren +von der fernen Bahnlinie herangeschafft. + +Der Kessel machte den Eindruck, als ob er jeden Augenblick aus den +Nähten gehen würde, und die Pumpe, die zweihundert Jahre alt zu sein +schien, ächzte, stöhnte, schwitzte, quietschte, keuchte und blubberte, +daß den Alligatoren und Jaguaren der Aufenthalt hier in der Nähe sicher +nicht zum Paradiese wurde. + +Dem Pumpmeister konnte das nur angenehm sein, denn er wohnte ja hier +dicht neben seiner Pumpe in einer Hütte, vereint mit seiner ganzen +Familie. Je mehr die Pumpe stöhnte und ratterte, um so sicherer konnten +seine Kinder sich hier herumtummeln und im Flusse schwimmen. + +In der Nähe der Pumpe führte eine Brücke über den Fluß. Die Brücke war +breit genug, daß Wagen oder Autos sie benutzen konnten; aber sie hatte +kein Geländer. Das wäre auch eine ganz überflüssige Geldausgabe gewesen. + +„Hay muchos caimans, Senjor“, sagte der Pumpmeister. + +„Wo?“ fragte ich. + +„Weiter rauf oder runter. Natürlich nicht gerade hier an meiner Pumpe. +Das wäre mir gar nicht einmal lieb. Die würden mir die kleinen +Schweinchen und die Hühner alle wegstehlen.“ + +„Was ist denn da drüben auf der anderen Seite?“ fragte ich. + +„Da ist Prärie. Ein Cattle-Ranch. Eine Viehweide. Gehört einem +Amerikaner. Dahinter kommt dann wieder Dschungel. Und dann etwa zwanzig +Meilen durch den Dschungel, da kommt ein Camp, da bohren sie auf Öl. Die +haben hier die Brücke gebaut. Die müssen ja hier rüber, wenn sie das +Material von der Bahn holen.“ + +„Wer ist denn auf dem Rancho?“ + +„Ein Gringo.“ + +„Ach was, ich meine, wer nach dem Vieh sieht?“ + +„Das habe ich Ihnen doch soeben gesagt: Ein Gringo.“ + +„Wo wohnt er denn?“ + +„Gleich da hinter dem Busch.“ + +„Muy bien! Da will ich doch mal rüber, sehen, wie es ihm geht.“ + +Hinter dem Gebüsch waren sechs oder acht der üblichen Indianerhütten, +rauchende Indianerfrauen und herumjagende nackte braune Kinder die +Menge. Hier war Gras und Wasser im Überfluß; also fanden auch die +Indianer ihren Lebensunterhalt. Die Weide gehörte ihnen zwar nicht, aber +daran störten sie sich nicht. Jede Familie hatte ein paar Ziegen, einige +Esel, ein Dutzend Hühner, und im Wasser waren so viele und so schwere +Fische, daß die Leute um ihre Mahlzeiten nie verlegen zu sein brauchten. +Ein umgebogener Nagel mit einem kleinen Fisch daran und einem Stück +Schnur war das ganze Angelgerät. Die Männer arbeiteten bei den +Ölsuchern, oder sie brannten Holzkohle, um die Bedürfnisse zu +befriedigen, die ihnen die Zivilisation gebracht hatte. Aber diese +Bedürfnisse beschränkten sie auf das Allernotwendigste. Weder die müßig +auf dem Erdboden hockenden Frauen, noch die kreischenden Kinder ließen +sich durch mich stören. Nach meinem Manne zu fragen, hielt ich für +überflüssig, denn im Hintergrunde sah ich eine Hütte, die zwar nach +Indianerart gebaut, jedoch größer und sorgfältiger angelegt war. Kein +Zweifel, da wohnte mein Amerikaner. + +Ich ritt zur Hütte, bis ich in respektvoller Entfernung der Tür war, wo +ich ruhig hielt, ohne die Bewohner durch Rufen zu stören. Eine Tür war +es ja eigentlich nicht, sondern es war eine türgroße Öffnung in der +Wand. Aber da die Leute eine solche Öffnung Tür nennen, fühle ich mich +nicht berechtigt, ihr einen anderen Namen zu geben. + +Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, kam eine Frau, eine Indianerin, +heraus und sagte: „Pase, Senjor!“ + +Ich stieg ab, und als ich in die Hütte trat, fand ich, daß die Frau die +Gattin meines alten Bekannten Sleigh war. Sie begrüßte mich mit großer +Herzlichkeit, lud mich zum Niedersitzen auf einem ächzenden Korbstuhl +ein und sagte mir, daß ihr Mann gleich kommen würde, er sei auf der +Pastura, um einen Stier hereinzubringen, der gedoktert werden müsse, der +Stier sei von einem anderen Stier gespießt worden, und nun könne man in +die Wunde schon die ganze Faust tief hineinstecken, und es seien bereits +fingerdicke Würmer drin. + +Es dauerte auch nicht allzulange, da kam Sleigh an mit seinem Stier, den +er mit Hilfe eines Indianerjungen in den Korral trieb. Dann stieg er vom +Pferde und schüttelte mir die Hand. „Haben Sie nicht vielleicht eine +Zeitung bei sich?“ fragte er gleich darauf. „Ich habe seit acht Monaten +kein Stück Zeitung in der Hand gehabt, und manchmal möchte man ja doch +gern wissen, was los ist.“ + +„Ich habe den Brooklyn Eagle hier, ist aber auch schon fünf Wochen alt, +alles, was ich habe.“ + +„Geben Sie her, der ist ja noch ganz warm von der Presse, wenn er erst +fünf Wochen alt ist.“ + +Er setzte sich seine Brille auf. Das tat er sehr bedächtig und +umständlich, denn sie war – für ihn wenigstens – mehr wert als ein +dicker Brillantring. Während er sie an den Ohren zurechtrückte, sagte +er: „Rosita, gib dem Senjor etwas zu essen, er hat Hunger.“ + +Von jeder Seite las er zwei Zeilen, dann nickte er, um seine volle +Zustimmung mit dem darin Gedruckten zu bekunden, sehr nachdenklich, +faltete die Zeitung zusammen, setzte die Brille ab und sagte +gedankenschwer: „Es ist doch gut, daß man wieder einmal eine Zeitung +gelesen hat.“ + +Sein Wunsch nach einer Zeitung war nunmehr vollkommen befriedigt. Von +den paar Zeilen, die er gelesen hatte, hatte er auch nicht einen +einzigen Gedanken aufgenommen oder auch nur gefaßt. Was kümmerte ihn +dieser Trubel der Welt, der sich in den Zeitungen austobte? Hätte er in +der Zeitung gelesen, die ganzen Vereinigten Staaten und Kanada seien +durch eine Wassersflut von der Erdoberfläche hinweggespült worden, so +würde er gesagt haben: „Wer hätte so etwas denken können, wir haben hier +gar nichts davon gemerkt. Ich wollte vorige Woche noch an meine +Schwester schreiben, die ist Sekretärin bei einer Methodistengemeinde, +aber das ist ja nun nicht mehr notwendig. Wer hätte auch so etwas denken +können!“ Dabei würde er auch nicht eine Miene seines Gesichts verzogen +haben. + +„Ich bin hier auf Alligatoren“, sagte ich. + +„Großartig, Mann! Massenhaft. Die können Sie hier herdenweise schießen. +Aber wir könnten ja erst einmal auf einen Hirsch gehen.“ + +„Warum nicht. Haben Sie denn viel Wild hier?“ + +„Massenhaft! Bleiben Sie nur ein paar Tage hier und sehen Sie sich um. +Was haben wir denn heute? Donnerstag. Da kommen Sie gut. Meine Frau geht +morgen früh mit den Kindern auf Besuch zu ihrer Mutter. Ich bringe sie +bis zur Station. Den Morgen darauf bin ich wieder zurück, dann sind wir +hier ganz allein und haben die ganze Hütte für uns. Eines von den +Nachbarmädchen kommt herüber zum Kochen. Da können wir hier ganz +angenehm hausen.“ + + + + + 2 + + +Am Samstag morgen kam Sleigh zurück. Ich hatte inzwischen ein wenig +gefischt und alle Hütten gut versorgt. + +„Heute abend ist Tanz,“ sagte Sleigh, „drüben an der Pumpe. Der +Pumpmeister hat Musik bestellt. Er hat auch einen Kasten Bier und zwei +Kasten Limonade herangeschafft, damit er die Kosten für die Musik +herauskriegt.“ + +„Wie stark ist denn das Orchester?“ + +„Ein Geiger und ein Gitarrespieler.“ + +„Die können doch soviel nicht kosten.“ + +„Ja, denken Sie denn, daß er an dem Bier und der Limonade viel +verdient?“ + +Das Indianermädchen kam, um für uns zu kochen. Sie brachte ihren +Säugling mit, obgleich sie selber kaum aus den Säuglingsjahren heraus +war. + +„Der Mann ist ihr davongelaufen, dem armen Ding“, sagte Sleigh. + +Sie war sehr häßlich, und das ist eine Ausnahme hier unter den +indianischen Mädchen, die an Schönheit miteinander wetteifern. + +„Ihr Mann hat sie sicher nur des Nachts gesehen, und als er sie bei +Tageslicht betrachtete, da ist er so aus allen Himmeln gefallen, daß er +sich in Nebel verflüchtete, so will mir scheinen“, sagte ich. „Sie soll +eigentlich jener Nacht dankbar sein, denn auf andere Weise wäre sie nie +zu einem Kinde gekommen, und seit sie nun ein Kind hat, findet +vielleicht ein anderer Gefallen an ihr, unter der Suggestion, daß sie +verborgene Schönheiten haben müsse.“ + +„Sie haben ganz recht“, erwiderte Sleigh. „Ihren Spaß hat sie gehabt, +und sie ist eigentlich nicht darum mißgestimmt, daß der Bursche +abgezogen ist, als vielmehr, daß der Spaß nicht dauernd ist.“ + +Dann aßen wir unsere Tortillas und Frijoles. + +Nachmittags ritten wir auf die Prärie hinaus, um uns das Jungvieh +anzusehen und nach frischen Antilopenfährten zu suchen. + +Am Abend, als wir wieder bei unseren Tortillas und Frijoles saßen, +fragte ich Sleigh, ob an dem Tanzvergnügen nur die Leute teilnehmen, die +hier herum wohnen. Er erklärte mir aber, daß wenigstens hundert oder +hundertzwanzig Personen anwesend sein werden, die aus allen Richtungen +herkommen, aus den verstecktesten Hütten im Dschungel und von den +schmalen Flußarmen und Standpfuhlen, fünf bis acht Meilen im Umkreise. + +Wir gingen nun rüber zur Pumpstation. Als wir an einer der Nachbarhütten +vorüberkamen, sahen wir, daß vor dem Eingang an einem Pfahl eine Laterne +hing, die den sandigen Platz vor der Hütte hell erleuchtete. Auf einer +rohen Bank saß ein etwa vierzigjähriger Indianer mit einem dünnen +Vollbart und spielte auf einer Geige Tanzmusik. Er spielte herzlich +schlecht, hielt aber gut den Takt. + +„Ja, ist denn der Tanz hier?“ fragte ich Sleigh. + +„Das glaube ich doch nicht.“ + +„Die haben hier aber den Platz gefegt, und da hängt doch eine Laterne. +So großartig gehen die nicht mit dem Petroleum um, daß sie aus purem +Vergnügen hier Licht machen.“ + +„Wir werden ja gleich beim Pumpmeister hören. Vielleicht machen die hier +einen Tanz für sich. Da sind doch immer zwei oder drei Parteien. Kann +sein, daß sie den Pumpmeister nicht mögen.“ + +An der Pumpstation hing eine düstere verräucherte Laterne. Der Platz war +gefegt. Ein paar Burschen saßen herum. Auf einer Bank quetschten sich +einige Mädchen in bunten Musselinkleidern. Musik war keine da. + +„Was ist denn los?“ fragte Sleigh den Pumpmeister. + +„Ich weiß nicht,“ antwortete der, „die Musik ist nicht gekommen. Jetzt +ist es zu finster, jetzt kommt sie nicht mehr, der ganze Weg geht ja +durch Dschungel. Die haben es mir doch so bestimmt versprochen, aber +vielleicht sind sie an der Station hängengeblieben und machen da Musik.“ + +„Was ist denn drüben beim Garza los, macht der einen Extratanz?“ + +„Möglich. Der große Junge ist heute abend auf Urlaub gekommen, er +arbeitet in Texas. Der alte Garza sucht immer nach einer Gelegenheit, wo +er seine musikalischen Talente zeigen kann.“ + +Wir gingen nun wieder zurück zu Sleighs Hütte, denn er wollte sehen, ob +eine bestimmte Kuh, die er am Nachmittag auf der Prärie nicht finden +konnte, hereingekommen sei. + +Garza saß noch immer vor seinem Jacalito und wimmerte auf der Fiedel. +Neben ihm hockte auf dem Erdboden „der große Junge von Texas“. Er war +ein zwanzigjähriger Bursche, gut gewaschen und gekämmt, hatte ein neues +Hemd an und fühlte sich sonnig, der verwöhnte Gast in seiner Familie zu +sein. Auf dem linken Knie hatte er eine Tasse mit schwarzem Kaffee, und +auf das rechte Knie stützte er den rechten Ellbogen. In der rechten Hand +hatte er eine mit Queso und Chile gefüllte Tortilla. So, jede +überflüssige Kraftverschwendung peinlichst vermeidend, führte er bald +die linke, bald die rechte Hand, alles auf Kugellagern laufend, an den +Mund, um sein Nachtmahl einzunehmen und sich für den anstrengenden +Zehnstundentanz zu stärken. Irgendwie würde es ja wohl zum Tanzen +kommen; denn wo eine Violine in der Nähe war, da war auch Tanzmusik +möglich. + +„Bist du denn immer noch nicht fertig, Manuel?“ rief jetzt eine +Kinderstimme. Und hinter der Hütte kam ein sechsjähriger Junge +vorgesaust und sprang dem zufriedenen Manuel wie ein Panther auf den +Nacken, so daß Kaffee und Tortilla, oder was davon noch übrig war, in +den Sand kollerten. + +Der Kleine saß fest im Nacken, zerraufte dem armen Manuel das strähnige +Haar und trommelte ihm mit den kleinen Fäusten auf den Kopf und die +Schultern, daß Manuel endlich aufstehen mußte. Carlos rutschte den +Rücken hinunter, stellte sich vor den großen Bruder hin und begann, ihn +zum Boxkampf herauszufordern. Aber Carlos war nicht ganz auf der Höhe. +Gewöhnt, immer barfüßig herumzulaufen, stand er jetzt nicht sicher auf +den kleinen Füßen. Manuel hatte ihm von Texas ein Paar echt +amerikanische Stiefelchen mitgebracht, und Carlos hatte sie natürlich +sofort anziehen müssen, um seinen großen Bruder zu ehren. + +Garza, unbekümmert um die Dinge, die da in seiner Nähe sich abspielten, +kratzte unermüdlich auf seiner Fiedel herum. + +„Der Kleine ist ganz verrückt nach seinem erwachsenen Bruder“, sagte +Sleigh, während wir auf seine Behausung zugingen. „Eigentlich sind sie +gar nicht einmal Brüder. Der Große ist von der ersten Frau, der und noch +ein anderer Junge von fünfzehn. Der Junge von fünfzehn ist nicht ganz +richtig im Kopf, er hat zuweilen ganz verrückte Tage. Der Kleine ist von +der zweiten Frau des Garza, eine noch ziemlich junge Frau. Aber der +Große und der Kleine würden sich am liebsten auffressen vor Liebe. Der +Manuel ist nur des Kleinen wegen auf Urlaub gekommen. Er hat seinen +ersparten Lohn auf der Bahn verfahren, um ihm die Schuhe zu bringen und +eine kleine Gitarre. Der mittlere, der Halbverrückte, ist gegenüber +beiden, und selbst gegenüber seinem Vater, völlig indifferent. Ich +glaube, er haßt den Kleinen fürchterlich, und wenn er ihm irgend etwas +Hinterlistiges antun kann, so läßt er es sich nicht entgehen.“ + +Inzwischen waren wir zur Hütte gekommen, wo das Mädchen sich auf dem +Erdboden ihr Lager zurechtmachte. Sleigh ging hinaus, um nach der Kuh zu +sehen. Das Mädchen, ohne sich um meine Anwesenheit zu kümmern, streifte +ihr Kleid von den Schultern herunter bis dicht an die Hüften und gab +ihrem Säugling zu trinken. Dann schob sie das Kleid wieder hoch, kroch +mit dem Würmchen im Arm unter das Moskitonetz und, wie ich an dem Gewoge +des Netzes bemerken konnte, zog sie sich darunter aus. Darauf streckte +sie, mit einem wohligen Seufzer, der dem vollbrachten Tageswerk galt, +alle viere von sich. Ob diese kleine Welt da draußen vor der Hütte einer +Tanzlustbarkeit oder einer mysteriösen Tragödie entgegeneilte, war ihr +durchaus gleichgültig. + +Es fing an, langweilig zu werden. Das kleine rauchige Lämpchen – ein +Stückchen Docht in einer kleinen Blechflasche mit Petroleum – machte die +Hütte gespenstisch. Die Decke war trockenes Gras. Die Wände waren dünne +Stämmchen, durch die man in die Nacht hinaussehen konnte. Käfer, Motten +und Schmetterlinge, so groß wie beide ausgebreiteten Hände, kamen auf +das flackernde und rußende Flämmchen zugeflogen. Hin und wieder gluckste +es in dem nahen Flusse, wenn ein Fisch hochsprang oder ein Tierchen vom +Ufer hineinplanschte. Der ganze Erdboden und die umgebende Atmosphäre +war angefüllt mit einem nimmer ermüdenden Zirpen, Pfeifen, Quietschen, +Winseln und Wimmern. Ein Esel begann kläglich zu trompeten, und einige +andere antworteten ihm, um sich Mut gegen die Gefahren der Nacht +einzuflößen. Dann brüllte eine Kuh. Ein Mule kam wild angetrabt, von +einer eingebildeten oder wirklichen Bestie in Angst gejagt. Als es +einige Schritte von der Hütte stand und jemand drin sitzen sah, war es +beruhigt, schnüffelte eine Weile auf dem Boden herum und trottete +gemächlich wieder hinaus in die Nacht. Abgebrochene Stücke menschlicher +Reden und Laute klangen heran und wieder hinweg. Ein gelles Lachen, das +scharf durch die Nacht schlug und alles andere übertönte, einen Moment +schrill über dem Erdboden hing und sofort hinweggeschluckt wurde, schien +die Dunkelheit aufzufärben. Aber als es so hart abgeschnitten verlöscht +war, lastete die Dunkelheit schwärzer und wuchtiger als zuvor. Zuweilen +wehten einige Noten von der Geige durch die Nacht. Sie schwirrten +tänzelnd und krächzend, kamen und gingen, ohne eine Verbindung mit Musik +zurückzulassen. + +Plötzlich stand Sleigh in dem türlosen Eingang wie ein Schatten. Alles, +was man von dem Schatten sehen konnte, war das helle Gesicht. + +„Ob das Mädel noch einen Schluck Kaffee zurückgelassen hat?“ fragte er. +„Ich habe Durst.“ + +Das Mädchen verstand nicht Englisch, aber Kaffee hatte sie verstanden +und aus dem fragenden Tonfall heraus instinktiv begriffen, was er +meinte. Sie hatte geschlafen, denn ich hörte sie schnarchen. Aber das +leise Herankommen Sleighs, das ich nicht gehört hatte, das hatte sie im +Schlafe deutlich vernommen, und sie war dadurch wach geworden. + +„Da steht noch Kaffee auf dem Feuer“, rief sie unter ihrem Netz hervor. + +„De veras?“ sagte Sleigh. Dann ging er zum Feuer, wo die Kanne in den +glimmenden Holzstückchen stand. + +Er goß sich eine Tasse voll. + +„Wollen Sie auch noch haben, Gale?“ + +„No, thanks just the same.“ + +Das Mädchen schnarchte bereits wieder. + +Sleigh setzte sich mir gegenüber und sagte nach einer Weile: „Blitz und +Donner noch mal, ich habe das dreckverfluchte Luder von Kuh nicht +gesehen. That fucking son of a bitch hat doch ein Kalb hier. Kommt jeden +Abend herein, auch des Mittags. Das Kalb ist fest. Ich glaube, wir haben +einen Löwen herum. Vielleicht gar ein Pärchen. Dann geht’s bitter. Dem +Pena ist vor ein paar Nächten eine feine Milchziege ausgeblieben. Nie +wiedergekommen. Die Kuh ist sonst sehr pünktlich.“ + +„Wie alt ist denn das Kalb?“ fragte ich. + +„Acht Wochen. Aber die hängen hier bei uns vier, fünf Monate an der +Milch herum. Da ist ganz bestimmt etwas nicht in Ordnung. Ich werde ja +morgen sehen. Jetzt in der Nacht kann ich doch nichts tun. Wir wollen +uns was erzählen.“ + +Eine Minute darauf schlief er, nickte aber zu meinem Gespräch, runzelte +die Stirn, zog den Mund zu einem Lächeln und machte vorschriftsmäßig +alle die Gesten, die ich auf das, was ich sagte, von ihm erwartet hätte, +wenn er völlig wach gewesen wäre. Aber er schlief seelenruhig. + +„He!“ rief ich plötzlich laut. „Wenn Sie schlafen, brauche ich doch +nichts zu sagen.“ + +„Schlafen?“ fragte er verwundert und mit einem beleidigten Ton in der +Stimme. „Ich habe alles gehört, was Sie gesagt haben. Den Ladron Gomez +kenne ich persönlich ganz gut, ich habe ja in Cuichapa Vanille gebaut, +und in Huatusco war ich zwei Jahre mit einem Kakaofarmer.“ + +„Was ist denn nun eigentlich mit der Tanzgeschichte? Wird getanzt oder +wird nicht getanzt? Wenn nicht, dann fange ich jetzt an zu schlafen. Das +ist ja zum Auswachsen.“ Ich wurde in der Tat ungeduldig. + +„Wir gehen jetzt wieder rüber zur Bomba, zur Pumpe. Da werden wir nun +sehen, was los ist. Der Pumpmeister wird wohl Rat geschafft haben.“ + +Er zog sich gemächlich die ledernen Cowboy-Hosen herunter, kramte +irgendwo einen zerbrochenen Kamm hervor, kratzte sich damit durch das +Haar, und dann gingen wir los. + +Als wir an der Hütte des Garza vorüberkamen, hing die Laterne noch vor +dem Haus; aber Garza selbst saß nicht mehr da. Auch von den Jungen sahen +wir keinen. In der Hütte war trübes Licht, und ich sah durch die +Staketen, daß die Frau darin Toilette machte. + +„Scheint doch Tanz zu sein,“ sagte ich zu Sleigh, „die Senjora da drin +zieht sich ihr Bestes an.“ + + + + + 3 + + +Es war dicke schwarze Nacht. Der Himmel war klar, und die Sterne standen +hell in der schweren Finsternis. + +Als wir zum Flußufer kamen, mußten wir nach der Brücke tasten. Drüben +von der anderen Seite sahen wir die Laterne vom Pumpmeister +herüberwinken. Endlich hatten wir die Brücke. + +„Ei verflucht noch mal!“ sagte ich. „Da muß man verteufelt vorsichtig +sein. Jetzt wäre ich doch wahrhaftig gleich in den Fluß gestürzt. Ist +der denn tief?“ + +„Acht bis fünfzehn Fuß, an den Ufern ziemlich flach. Im Durchschnitt +wohl sechs Fuß, an den tiefsten Stellen sicher nicht mehr als fünfzehn“, +sagte Sleigh. + +„Das ist tief genug, um für immer zu verschwinden“, erwiderte ich. + +Ich war geradezu auf die Laterne des Pumpmeisters losgegangen, bis ich +plötzlich dicht zu meinen Füßen Sterne funkeln sah. Darüber war ich so +erstaunt, daß ich mit einem Ruck stehenblieb, um das Wunder zu +betrachten. Aber diese Sterne, die da so merkwürdig glitzerten, war die +Spiegelung des Flußwassers, das leise dahinwellte. Sleigh ging weiter +rechts neben mir. Ich konnte ihn nur undeutlich sehen, hörte aber seine +Tritte auf den Holzplanken der Brücke. + +Ganz verwundert war ich über mein Erlebnis, das mir beinahe ein +unerwartetes Bad gebracht hätte. Zuerst konnte ich mir gar nicht +erklären, wie ich so hatte drauflosdösen können. Aber als ich dann in +Ruhe den Vorgang übersah, war es mir durchaus klar: die Brücke kreuzte +rechtwinklig zum Flußufer das Wasser; aber in der schwer +durchdringlichen Finsternis konnte ich den rechten Winkel nicht fühlen, +weil ich weder die Richtung des Ufers noch die der Brücke erkennen +konnte. Die Pumpe war nicht unmittelbar am Ausgang der Brücke, sondern +etwa dreißig Schritte links vom Ende der Brücke. Vom diesseitigen Ufer +aus konnte man nichts weiter erkennen als das Licht der Laterne, die auf +dem Platz vor der Pumpe hing. Daß die Pumpe und also das Licht nicht +gerade am Ende der Brücke war, hatte ich, ohne darüber nachzudenken, im +Gefühl gehabt; was ich aber nicht richtig im Gefühl gehabt hatte, war +die wahre seitliche Entfernung der Pumpe von der Brücke. Ich war viel zu +scharf auf die Laterne losgegangen, und so war ich auf dem besten Wege, +von der Brücke herunter glatt in den Fluß zu laufen. Ein Geländer +grenzte sie ja nach den Seiten hin nicht ab. Die Täuschung war so +vollkommen, daß, nachdem ich den Sachverhalt erkannt hatte, ich mich +nach einigen Schritten schon wieder dicht am Rande befand, weil ich eben +das Gefühl nicht los wurde, daß ich mehr auf die Laterne loszugehen +habe, um nicht rechts über die Brückenkante zu fallen, wo ja +tiefschwarze Nacht lag. Wäre drüben gar keine Laterne gewesen, würde man +die Brücke viel sicherer gekreuzt haben. Als wir an das Ende der Brücke +kamen, saßen da mehrere halbwüchsige Indianerburschen auf den Planken, +ließen die Beine über den Seitenbalken herunterhängen und sangen. Sangen +in jener, den Indianern so eigentümlichen Weise, immer innerhalb +derselben sechs Töne bleibend, ab und zu aber unvermutet und ohne +Übergang die Stimme hoch überschlagen lassend, so daß dieser Ton nicht +in derselben Skala lag, wo die übrigen sechs oder sieben lagen, sondern +zwei oder gar vier Oktaven höher. Dieser Ton, der den Gesängen die Farbe +zu geben hatte, konnte nicht gesungen werden, sondern er wurde +geschrillt. Irgendein anderer Gesang würde in den Nächten des Dschungels +unnatürlich klingen. Hier tönte er in voller Harmonie nur so, wie er von +den Indianern gesungen wird. + +Links am Ausgang der Brücke lag die Pumpstation. Rechts der Brücke war +ein sandiger, mit dünnem harten Grase bewachsener Platz. Eine +Packkarawane war angekommen, die wegen der Nähe des Flusses und der ganz +unerwartet schweren Finsternis der Nacht hier Lager zu machen +beschlossen hatte. Sie war etwa vierzehn Packesel und drei Reitesel +stark. Sie brachte Ware nach den Dschungeldörfern. Die beiden Männer, +natürlich auch Indianer, wie alle Leute, die hier herum waren, packten +die Tiere ab, während der Junge, der mit ihnen war, ein Feuer anmachte. + +Bei der Pumpe sah es jetzt ein wenig bunter aus als eine Stunde vorher. +Der Pumpmeister hatte noch eine zweite Laterne aufgehängt. Die Musik war +immer noch nicht gekommen, und sie kam jetzt auch auf keinen Fall mehr. +Dagegen waren inzwischen zahlreiche Männer, Frauen und Mädchen +angekommen. Die Frauen und Mädchen in grünen, roten, blauen und gelben +ganz dünnen Kleidchen aus den denkbar billigsten Stoffen. Alle hatten +sie Strümpfe an und Schuhe. Keine hatte einen Hut, aber manche hatten +ein schwarzes Baumwolltuch. Die Männer waren gekleidet wie immer, denn +sie hatten meist ja nur ein Hemd und eine Hose, für Festtag und +Arbeitstag dasselbe Zeug. Viele waren barfuß, manche hatten Stiefel, die +Mehrzahl aber Sandalen, selbstgemachte. Wer Kinder besaß, hatte sie +mitgebracht. + +Sie waren nun alle da, und irgend etwas mußte geschehen. Garza war mit +seiner Geige herübergekommen und fiedelte unermüdlich darauf herum. Aber +niemand nahm sich den Mut, nach dieser Fiedelei zu tanzen. Alles +wartete, daß irgendein großer Musiker irgendwoher erscheinen würde, um +in diese Zusammenkunft Sinn hineinzubringen. Denn bis jetzt waren die +Menschen ganz zwecklos hier. Und wenn schon die bunten Gazelümpchen +angezogen werden, wenn schon das Haar stundenlang durchgekämmt, eingeölt +und dann sorgfältig auffrisiert worden ist, wenn man schon die schönsten +Blumen zusammengesucht und in die schwarzen Strähnen geflochten hat, +wenn man schon die kleinen Bälger gebadet, und wenn man endlich auf +Eseln oder gar zu Fuß meilenweit durch den Dschungel gewandert ist, dann +soll doch auch nachher etwas zu erzählen sein. Aber nun so gar nichts, +nur weil die Musik nicht gekommen ist. + +Die Frauen und Mädchen sitzen herum und schwätzen; die jüngeren stecken +die Köpfe zusammen und kichern oder stehen plötzlich zu zweien oder +dreien auf, laufen ein wenig herum, kommen zurück und setzen sich +wieder. Ein paar Bänke sind da, sehr roh gearbeitete, und drei arme +Stühle aus des Pumpmeisters Hütte. Die Mehrzahl der Damen sitzt auf +Baumstämmen, Holzklötzen und morschen Eisenbahnschwellen, dem +Feuerungsmaterial für die Pumpe. + +Die Kinder balgen sich herum, wälzen sich auf der Erde, jagen sich, +kreischen, schreien, heulen und quieken. Die größeren Burschen hocken +gruppenweise zusammen auf dem Erdboden, prahlen sich gegenseitig etwas +vor, hecken irgendwelche Streiche aus oder zeigen sich gegenseitig +wichtige Kunststückchen, Talente und Fingerfertigkeiten, biegen sich +Daumen um, recken sich die Knöchel aus, verrenken sich Gliedmaßen, +Genick und Augen. + +Alles raucht Zigaretten. In Maisblätter gerollter Tabak. Alles raucht: +Männer, Frauen, Mädchen, Burschen und die kleinsten Kinder. Während die +Mütter die Säuglinge an der Brust haben, rauchen sie und blasen den +kleinen Engerlingen den Rauch über das Gesicht. Auch schon der Moskitos +wegen. Die Männer stehen auch in kleinen Gruppen zusammen und schwätzen +und rauchen. Sie halten ihre Frauen unausgesetzt im Auge, um ihnen, wenn +nötig, eine Mühe zu erleichtern. + +Ich stehe mit Sleigh, dem Pumpmeister und einem Indianer, der bei den +Ölbohrern arbeitet, halbenwegs zwischen der Brücke und der Pumpe. Ich +habe das Gesicht auf den Fluß zu gerichtet; aber ich kann natürlich +weder die Brücke noch den Fluß erkennen. + +Bei den Eseltreibern glimmt das Feuer, und ich sehe, wie der Junge +Kaffee in den Kessel schüttet, während sich die Männer die Tortillas +wärmen, Käse schaben und Zwiebeln schneiden. Durch das Gebüsch am +gegenüberliegenden Ufer sehe ich zwei dünne Lichtchen, die aus den +Hütten herüberschimmern. Wenn sich das Gebüsch im leichten Winde bewegt, +verschwinden die Fünkchen und tauchen wieder auf, gerade als ob jemand +mit einer Laterne durch das Gebüsch hin und her huschte. Zuweilen +täuscht es, und man sieht nicht die kleinen Lämpchen, sondern sieht die +großen Glühkäfer, die, wenn sie entfernt genug sind, auch nicht größer +erscheinen als die Lampen. + + + + + 4 + + +Die Burschen, die auf der Brücke sitzen, singen noch immer. Sie singen +längst andere Lieder, aber für den Uneingeweihten scheint es stets die +gleiche Melodie zu sein. Nicht aber für die Burschen. Rundherum ist +Schwatzen, Lachen, Kichern und Quieken. + +„Und ich sage Ihnen, die werden gleich wieder zementieren“, spricht +Ignacio, der Ölarbeiter, mit Wichtigkeit. + +„Wie tief seid ihr denn?“ fragt Sleigh. + +„Elfhundert Fuß.“ + +„Da wird doch noch nicht zementiert,“ sagt der Pumpmeister, „da gibt es +doch Bohrungen, wo sie bis auf viertausend Fuß hinuntergehen.“ + +„Weiß ich doch am besten“, sagt darauf Ignacio mit fachmännischer +Sicherheit, obgleich er erst seit fünf Wochen im Ölfeld arbeitet. „Aber +ich sage Ihnen, die zementieren Montag oder Dienstag.“ + +Garza fiedelt unermüdlich, aber keiner folgt seiner Lockung. Das Singen +der Burschen ebbt ein wenig schwermütig ab, und in das laute Schwätzen +und Lachen der Leute bricht ein verhaltenes Gähnen ein. Nur ein paar der +Kinder quieken. + +„Warum die zementieren sollen bei elfhundert Fuß, sehe ich nicht ein“, +sagt der Pumpmeister noch einmal. + +In dem Augenblick tönt vom Fluß, der die ganze Zeit hindurch schlief und +schwieg, ein Platsch herüber. + +Der Platsch ist kurz und wird von niemand empfunden. Niemand achtete +darauf. Und doch war er, als riefe der Fluß: „Vergeßt mich nicht, ich +bin noch immer da und werde euch alle überleben!“ + +Ich sehe Sleigh an, und er sieht mich an. Auch er hat den Platsch +gehört, schenkt ihm aber keine Bedeutung. + +Es war, als ob von den Jungen, die da auf der Brücke saßen und sangen, +einer aus Übermut hineingesprungen oder von andern hineingeschubst +worden war. Aber nein, so war es nicht. Ich hörte kein folgendes +Plätschern, kein Juchzen oder lachendes Zurufen. Das Wasser gab keinen +weiteren, auch noch so leisen Laut von sich. Die Jungen ließen den +abgeebbten Gesang wieder anschwellen. Sie waren von dem Platsch nicht +beunruhigt worden. Es war also keiner der Jungen hineingesprungen. +Wahrscheinlich hatte jemand einen Stein hineingeworfen; das war sicher +ein dicker Stein gewesen. Doch wozu? Diese Mühe macht sich niemand. + +Garza fiedelt und fiedelt. Ich denke, die Finger müssen ihm ganz lahm +sein. + +Es kann aber auch ein großer Fisch gewesen sein, der plötzlich +hochschnellte und wieder zurückfiel ins Wasser. Nein, das war es nicht. +So hatte es nicht geklungen. + +„Warum die zementieren werden“, antwortete Ignacio, „das werde ich Ihnen +sagen. Die haben schon zwei zementiert, weiter drin. Die bohren so +lange, bis sie Öl spüren, und dann zementieren sie sofort und sagen, sie +haben nichts gefunden, die Biester.“ + +Es kann ja auch ein Hund hineingesprungen oder hineingeworfen worden +sein? + +Der Pumpmeister schüttelt den Kopf und sagt: „Das machen die Gringos +nicht. Wenn die Öl finden, dann holen sie es auch raus bis auf das +letzte Faß, das sie kriegen können. So eine Bohrung kostet doch +wenigstens zwanzigtausend Dollar. Die schmeißen doch ihr Geld nicht weg +und bohren da nur zum Spaß, bohren nur bis elfhundert und machen dann +dicht, weil sie bis dahin nichts haben. Auf sechzehnhundert oder +achtzehnhundert kann ja das dickste Öl liegen.“ + +Ein Hund kann es auch nicht sein, der würde plätschern, um ans Ufer zu +kommen. Aber da war kein Plätschern hinterher, kein Rufen, kein +Kreischen, nichts. Nur der eine kurze Platsch und vorbei. + +Ignacio ist wissend. Er kennt die Geheimnisse der Ölmagnaten. „So können +Sie nur reden,“ sagt er zum Pumpmeister, „weil Sie durchaus nichts von +Öl verstehen. Wenn die nicht bis auf dreitausend Fuß bohren, sondern +schon vorher zementieren, so beweist das gerade, daß sie auf Öl gestoßen +sind, oder aber, daß sie es fühlen. Dann machen sie rasch dicht und +sagen, es sei überhaupt kein Öl da.“ + +Manuel steht bei einem Mädchen, schwatzt auf sie ein, und sie lacht, +lacht in einem fort. Er ist doch ganz anders als die anderen Burschen +hier herum. Das macht eben, er arbeitet in Texas, er sieht die Welt und +lernt, die schönen Mädchen von den weniger schönen zu unterscheiden. + +„Das müssen Sie mir nun nicht einreden, Ignacio,“ antwortet der +Pumpmeister, „die Gringos mag alle der Teufel holen, da kehre ich mich +nicht darum, aber stupid sind sie nicht, das können Sie mir nicht +erzählen.“ + +„Das behaupte ich ja gar nicht,“ widerspricht Ignacio eifrig, „eben das +ist es, sie machen ja gerade die Bohrlöcher dicht, weil sie nicht stupid +sind. Sie zementieren nur deshalb, weil sie noch nicht das ganze Land +hier herum in Vorpacht haben. Das machen sie, um die Bohrungspachten +niedrig zu halten. Sobald sie alles Land in Pacht halten, dann kommen +sie raus mit dem Öl, dann brechen sie die ganzen Zementierungen wieder +aus, und dann sollen Sie mal sehen, wie das Öl hier flutet.“ + +Weder Sleigh noch ich mischten uns in das Gespräch der beiden. Der +Pumpmeister machte große Augen und sah Ignacio an wie einen Weltweisen. +Dann sagte er in einem Ton, aus dem deutlich die Bewunderung vor der +Klugheit des Ignacio herauszuhören war: „Ich glaube, Sie haben recht, +Ignacio. Das sieht ihnen ganz ähnlich, diesen Americanos. Ich sage es +ja, stupid sind die ganz gewiß nicht, wenn sie auch sonst +niederträchtige Biester sind.“ + +Darauf antwortete Ignacio triumphierend: „Ja, man muß nur die Augen und +Ohren aufmachen, dann kann man schon etwas lernen und sehen, auf welche +Weise die ihr Geld machen. Mir können die alle nichts vormachen, ich bin +ihnen weit über, diesen Burschen.“ + +Inzwischen hatte sich ein anderer Mann neben Garza gesetzt und ihm die +Geige aus der Hand genommen. Die Mädchen sahen alle auf, weil er so tat, +als ob er nun einmal zeigen wolle, wie man zum Tanze aufzuspielen habe. +Ein paar Takte schien es auch, daß er wirklich hervorragend spielen +könne, und die Mädchen zupften bereits an ihren Kleidern herum. Aber +dann war es auch schon aus, und er spielte schlechter als Garza. + +Zwei Mädchen wagten es endlich, zu tanzen. Nach zehn Schritten aber +setzen sie sich wieder. Wenn wenigstens eine Gitarre da wäre, dann ließe +sich so etwas wie Musik zusammenstoppeln. + +Dennoch denkt niemand an Aufbruch. Man ist einmal hier, und irgend etwas +wird ja wohl geschehen. Wo so viele Leute beieinander sind, geschieht +immer etwas. Vielleicht kommt doch noch der große Musikmeister, auf den +sie alle in einem unbestimmten Gefühl warten. + +Ignacio hat sich von uns entfernt. Er sucht sicher eine andere Gruppe +auf, die er mit seiner großen Entdeckung auf die Knie zwingen kann. + +Eine junge, hübsche Frau kommt auf uns zu. Sie hat ein meergrünes +Gazekleid an, durch das man den weißen Unterrock schimmern sieht. In dem +schwarzen, sorgfältig durchgekämmten Haar hat sie zwei dicke rote +Blumen, und sie trägt einen kleineren Blumenstrauß an die Brust gesteckt +und einen mit dicken roten Blumen am Gürtel. + +„Haben Sie Carlos nicht gesehen?“ Sie fragt es ganz leichthin. „Er hat +noch nicht sein Abendbrot gegessen. Er ist ja ganz aus dem Häuschen vor +Aufregung, weil Manuel gekommen ist. Das geht in einem fort: „Buenas +noches!“ und „Adios!“ und „Bonito!“ und „Bonita!“ und immer gleich +wieder auf und davon.“ + +„Hier war er nicht, ich habe ihn nicht gesehen“, sagt der Pumpmeister. + +„Kann sein, daß er hier war,“ sagt Sleigh, „aber ich habe nicht auf ihn +geachtet.“ + +Ein anderer Mann kommt auf uns zu, und wir reden von dem neuen +Dampfkessel, der dem Pumpmeister schon seit zwei Jahren versprochen +wurde, aber immer noch nicht angelangt ist. + +Die junge hübsche Frau sieht Manuel und geht zu ihm rüber. Ich sehe, wie +er den Kopf schüttelt und dann wieder auf sein lachendes Mädchen +einredet. + +Die Frau – es ist die Gattin Garzas und die Mutter des kleinen Carlos – +geht nun zu ihrem Manne. Er dreht sich gerade eine Zigarette, hört +gleichgültig zu und schüttelt dann mit dem Kopfe. + +Eine Weile steht die Frau unschlüssig und nachdenklich da. Dann sieht +sie sich zwischen den Leuten und den Kindern um. Alle die Personen +sitzen, stehen und laufen in dem trüben Licht herum wie bunte +gespenstische Schatten. Die Gesichter, die alle tiefbraun, viele beinahe +schwarz sind, sind weniger zu erkennen als die grellfarbigen Kleider der +Mädchen und die hellen Hemden und Hosen der Männer. Zuweilen sieht es +aus, als ob Kleidungsstücke herumlaufen, über denen ein großer Hut hängt +und mitläuft, denn die Gesichter und Hände verlaufen in der Nacht. + +Einige Male sehe ich noch die Frau Garza zwischen den Gruppen hin und +her streifen, dann aber achte ich nicht mehr auf sie. + +Garza hat die Fiedel wieder genommen. Man sieht ein, daß er von allen, +die es nun versucht haben, immer noch am besten spielt. + +Aus irgendeinem Winkel der Nacht heraus bläst jemand auf einer +Mundharmonika. Wieder versuchen einige Mädchen zu tanzen, und wieder +stellen sie den Versuch nach einer Runde ein. + +Die Frau des Pumpmeisters steht auf, nimmt eine Laterne fort und geht +damit ins Haus. Der Platz wird dadurch noch gespenstischer. Drüben bei +den Eseltreibern ist das Feuer am Verlöschen, und die beiden Männer und +der Junge kommen näher heran, um unter Menschen zu sein. Sie finden +gleich Bekannte, stellen sich bei ihnen hin, spucken aus und mischen +sich in das Gespräch. + +Da kommt die Garza in der Richtung von der Brücke auf uns zu. Sie geht +sehr eilig und sagt, noch während sie geht: „Der Junge ist nicht da. Ich +kann ihn nicht sehen. Wo steckt er nur?“ Ihr Gesicht, das vorhin noch +nebensächlich, alltäglich geschäftig war, nimmt jetzt einen auffallend +deutlichen Ausdruck der Besorgnis an. Sie zieht die Stirne hoch, öffnet +ihre Augen weit und richtet sie fragend auf uns. In diesen Augen +schimmert ein leiser Verdacht, gegen den sie sich noch zu wehren sucht. +Und ein zweiter Verdacht glimmert hindurch, ob wir vielleicht etwas +ahnen, aber unsere Ahnung vor ihr verbergen wollen. Hilflos sieht sie +sich nach allen Seiten um, wo sie noch suchen könnte. Dann blickt sie +uns wieder an. In ihren Augen ist eine Wandlung vor sich gegangen. Der +Verdacht, die leise Ahnung fangen an, Gestalt anzunehmen. + +Der große Musikmeister ist erschienen! Der größte, den die Menschen +haben. Gleich wird er zum Tanze aufspielen. Zu einem wirbelnden Tanze, +bei dem die Fanfaren des letzten Tages der Welt zu hören sein werden. + +Die Tänzer beginnen sich langsam aufzustellen. Zuerst nur die, wie bei +jedem Tanze, die gehört haben, daß die Musik eingesetzt hat. + +„Machen Sie sich doch keine Sorgen, Carmelita,“ sagt der Pumpmeister, +„der Junge ist müde geworden und hat sich hingelegt zum Schlafen.“ + +„Im Hause ist er nicht, ich habe jeden Winkel durchsucht.“ + +„Er wird bei andern Leuten sein.“ + +„Nein, auch nicht.“ + +„Vielleicht irgendwo unter eine Decke gekrochen, oder er liegt auf einem +Dache, wo er eingeschlafen ist, und wo es kühl ist“, sagt jetzt Sleigh. + +An das Dach hat die Frau nicht gedacht. Das kann sein, er schläft ja oft +mit dem andern Jungen auf dem Dache, sie hat ihm ja oft den Fetzen Decke +hinaufwerfen müssen. In ihre Augen kommt ein Schein von Hoffnung. Sie +eilt davon. Wieder über die Brücke zurück. + +Die Pumpmeisterin ist mit der Laterne aus der Hütte zurückgekommen, und +der Platz wird wieder ein wenig heller. + + + + + 5 + + +Garza fiedelt noch immer. Der Junge ist schon hundertmal nicht zum +Abendessen gekommen, man hat ihn schon dutzende Male wer weiß wo suchen +müssen, oft hat er sich einen Esel genommen und ist auf und davon +geritten aus reinem Vergnügen. Die Frauen haben immer gleich den Sack +voll Angst. Obgleich niemand zu tanzen versucht, er ist nicht beleidigt +oder verärgert, unverdrossen spielt er weiter. Wenn einer besser spielen +kann als er, so mag er sich doch melden, er will ihm gern seine Geige +leihen. Aber da soll erst einmal einer kommen, der besser spielt. Das +ist ja eben die Sache, man muß spielen können, und er kann spielen, +besser als alle hier in der Runde. Die Onesteps, Twosteps, Walzer und +Foxtrotts schieben sich ja alle ein wenig ineinander, so daß man immer +erst eine Weile hinhören muß, was er eigentlich spielt; und wenn man +dann überzeugt ist, daß er einen Foxtrott meint, dann ist es ein Walzer. + +Ab und zu spielt wieder einer auf der Mundharmonika, die von Hand zu +Hand oder richtiger von Mund zu Mund zu gehen scheint, denn +zwischendurch hört man immer sprechen und zuweilen etwas lauter: „Gib +mir mal, du kannst ja nicht.“ + +Die Jungen auf der Brücke singen nicht mehr. Vielleicht sitzen sie noch +da und erzählen sich etwas, vielleicht auch haben sie sich zu den +Mundharmonikaspielern gesellt oder zwischen die Gruppen hier gemischt. + +Die Garza kommt schon wieder zurück. Da wir ja am nächsten zur Brücke +stehen, muß jeder, der zum Pumpplatz will, an uns vorbei. + +Sie kommt so natürlich zuerst auf uns zu. Ihr Gesicht hat den ersten +Schimmer von Angst angenommen. Die Augen sind starr und weit auf uns +gerichtet mit einer ganz stillen Hoffnung, daß wir, während sie drüben +auf der anderen Seite des Flusses war, etwas erfahren haben könnten. Ihr +Haar, das so sorgfältig geordnet war, ist an der einen Seite ein wenig +aufgezaust. Sie ist auf das Dach geklettert, und sie hat zwischen +Gestrüpp gesucht. + +„Er ist auch nicht auf dem Dache, Senjores. Die andern haben auch +überall nachgesehen. Sie haben ihn nicht gefunden.“ Sie sagt es so, als +ob die Worte Blei wären. „Drüben ist er nicht.“ Sie geht hinüber zu +ihrem Manne. Während er ruhig weiterfiedelt, redet sie auf ihn ein. Dann +schweigt sie plötzlich und sieht ihn groß fragend an, seine Meinung +erwartend. + +Er zieht noch einen langen Strich, dann setzt er den Bogen ab und läßt +die Hand aufs Knie fallen. Die Geige hat er noch an der Brust, denn kein +Indianer hier hält die Geige gegen das Kinn. Über die Geige hinweg sieht +er mit seinen schwermütigen Augen seiner jungen Frau ins Gesicht. +Plötzlich ruckt er zusammen. Er hat mehr in den Augen gelesen, als sie +für ihn hineingeschrieben hatte. Er öffnet den Mund weit, und der +Unterkiefer scheint zu erschlaffen. Jetzt endlich nimmt er die Geige +auch herunter und stützt sie aufs Knie; und während er den Kopf sinken +läßt, übergibt er die Fiedel dem großen Meister, den er jetzt kommen +sieht. + +Der Junge ist noch keine Stunde fort. Er ist dutzende Male halbe Tage +fortgewesen und hat sich hunderte Male viele Stunden lang wer weiß wo +herumgetrieben, aber noch nie hat Garza seine Frau so gesehen wie jetzt. + +„Manuel!“ ruft die Frau. + +Manuel kommt von seinem lachenden Mädchen, der er noch ein lustiges Wort +zurückruft, langsam heran. + +Lachend sagt er: „Was ist denn, Mutter?“ + +„Wir können Carlos nicht finden“, sagt sie, ängstlich in seinem Gesicht +suchend, ob er nicht das erlösende Wort sprechen würde. + +Das Lächeln auf dem Munde Manuels wird um einen Grad leichter, und er +sagt: „Ich habe ihn ja gerade eben noch gesehen.“ + +„Wo?“ ruft die Mutter, während sich ihr Gesicht merkwürdig aufhellt, als +wäre es plötzlich von strahlender Mittagssonne getroffen worden. + +„Ja, hier, er wollte sich an meinem neuen Taschentuch die Nase abputzen. +Das tat er auch. Dann schob er mir das Tuch wieder in die Hosentasche. +Da, hier ist es. Dann puffte er mich in die Seite, trat mich auf den +Fuß, und fort war er wie ein Coyote.“ + +„Du sagst, gerade eben noch?“ drängt die Mutter auf ihn ein. + +„Ja, natürlich, gerade eben noch. Oder –“ + +„Was oder? Was oder?“ Die Mutter schüttelt ihn heftig an den Armen. + +„Oder – Warte mal, das kann auch schon zehn Minuten her sein.“ + +Die Garza läßt kein Auge von seinen Lippen. + +„Laß mich mal denken. Es kann auch eine halbe Stunde her sein. +Vielleicht noch mehr. Ja, ich glaube, es ist länger her. Seit dann habe +ich ihn nicht mehr gesehen.“ + +Das Gesicht der Garza verdunkelt sich mit einem Ruck. Die Stirne zieht +sich über der Nasenwurzel zusammen wie in einem Krampf, und das ganze +Gesicht scheint zusammenzuschrumpfen, als ob es verwelke. + +„Nachdem war er noch drüben bei mir. Er reichte mir den Faden, damit ich +die Blumen zusammenbinden konnte. Das war nachher –“ Trotz ihrer +fliegenden Angst rekapituliert die Frau so genau, als läse sie das aus +einem Buche. „Das war nachher, denn er sagte mir, daß er dir das +Taschentuch aus der Tasche gezogen habe, und wenn du nicht so ein guter +Manuel wärest, dann würde er es dir sicher stehlen.“ + +Nun sieht sich Manuel besorgt um, dreht sich und hofft augenscheinlich, +den kleinen Bruder im selben Augenblick irgendwoher aus der Nacht +auftauchen zu sehen, denn er hat ihn zu lebensdeutlich vor Augen. + +Garza ist aufgestanden und steht unschlüssig da, er weiß nicht, was er +tun soll. Seine Geige hat er gedankenlos auf die Bank gelegt. + +Die Pumpmeisterin ist näher gekommen, mit ihr einige andere Frauen. Es +kommen jetzt auch Männer näher heran, um zu hören, was hier los sei. Die +Pumpmeisterin redet beruhigend auf die Garza ein, sie hat selbst Kinder, +und die sind alle Augenblicke zu suchen, manchmal an Stellen, wo es kein +Mensch vermuten würde. Auch die übrigen Frauen sprechen ihre Erfahrungen +aus: „Das kleine Kroppzeug kommt immer wieder. Nur ja keine Angst, +Carmelita. Wenn er Hunger hat oder sich irgendwo ausgeschlafen hat, dann +werden Sie ihn schon erscheinen sehen.“ + +Manuel hat sich entfernt. Nach einer Weile hört man ihn aus der +Finsternis herausrufen: „Carlos! Carlos!“ + +Alle, die hier herumstehen, hören auf zu sprechen und lauschen auf die +Antwort. Aber man hört nur das Singen und Wimmern des Dschungels und das +Sprechen der mehr abseits stehenden Gruppen. + +Durch das Rufen Manuels werden auch die übrigen Gruppen aufgescheucht, +sie beginnen sich zu bewegen und an dem Tanze, dessen erste Takte sich +noch schwerfällig hinschleppen, teilzunehmen. + +Der Pumpmeister geht zu dem offenen Schuppen, wo die Pumpe und der +Kessel stehen, und leuchtet mit einigen Zündhölzern herum. Alle sehen +hinter ihm her und erwarten, daß er den Jungen jetzt gleich da irgendwo +am Arme hervorzerren wird. Als er aber wieder zurückkommt, sieht jeder +ein, daß es unsinnig war, zu erwarten, der Junge würde sich zwischen dem +verölten und verschmierten Eisengestrüpp verkrochen haben. + +Gequält sieht die Garza von einem zum andern. Sie hält eine Faust am +Munde und nagt daran herum. Ihre Augen werden wie die eines Tieres, das +instinktiv eine Gefahr herannahen fühlt. Ein Gedanke kommt ihr. Sie +nimmt die Faust vom Munde fort, birgt sie in die linke Hand, hält so +beide Hände eine Weile vor der Brust und dreht sich dann rasch +entschlossen um. Sie geht schnell auf die Brücke zu. Nach wenigen +Schritten bleibt sie stehen, läßt Kopf und Arme entmutigend sinken und +kommt mit schweren schleppenden Schritten zurück zu der Gruppe. + +Garza weiß nicht, was er tun soll. Er dreht sich endlich gedankenlos +eine Zigarette. + +„Carlos! Carlos!“ hört man hin und wieder aus verschiedenen Richtungen +her Manuels Stimme. Das veranlaßt mehrere Burschen nach anderen +Richtungen auszustreifen, und bald vernimmt man von überall her den Ruf +„Carlos!“ Nach jedem Ruf folgt ein Schweigen, und manchmal scheint es, +als ob selbst der Dschungel für kurze Momente mitschwiege, um ein +Menschenkind retten zu helfen. + + + + + 6 + + +„Senjora! Senjora Garza!“ ertönt da die rufende Stimme zweier Jungen, +die offenbar von drüben, von der anderen Seite herangesaust kommen. + +„Also, da ist er ja, der Junge“, ruft die Pumpmeisterin aus. Alle +Gesichter entspannen sich, und eilige Worte fliegen hin und her, um +rasch etwas zu sagen, ehe die heranspringende Neuigkeit einem die +Möglichkeit nimmt, etwas ungemein Wichtiges auszusprechen. + +Ein paar Burschen und Mädchen entfernen sich von der Gruppe, +gelangweilt. Es war ja die Aufregung wahrhaftig nicht wert. Wie kann +denn der Junge verlorengehen. + +Die Garza schluckt, und sie leckt sich die trockenen Lippen. Dann holt +sie tief Atem, als habe sie seit Stunden nicht geatmet. Dennoch läßt sie +sich nicht überwältigen. Es steigt Hoffnung in ihrem Gesicht auf, aber +der Zweifel bleibt die stärkere Empfindung. Sie hat sich so sehr in +Gewißheit hineingearbeitet, daß sie nicht leicht herausfinden kann. + +Nun sind die Jungen heran. Atemlos reden sie drauflos: „Senjora, Sie +suchen Ihren Chiquito, Ihren kleinen Carlos?“ + +„Ja doch, wo ist er denn?“ rufen die Umstehenden, während die Mutter mit +weiten verglasten Augen auf die Jungen starrt, als kämen sie aus einer +andern Welt. + +„Aber der Carlos ist doch nach Magiscatzin geritten“, sagt der größere +der beiden Jungen. + +„Ja, das ist er,“ bestätigt der kleinere, „das ist er ganz bestimmt.“ + +„Na ja also“, sagt die Pumpmeisterin gedehnt und klopft der Garza +freundschaftlich auf die Schulter. + +„Habe ich doch schon gesagt“, spricht eine andere Frau. „So ein Junge +kann doch nicht so ganz einfach aus der Welt herausfallen.“ + +Die Männer sagen nichts, und die meisten entfernen sich von der großen +Gruppe, um wieder ihre unterbrochenen Gespräche aufzunehmen. + +Die Garza zieht die Stirne zusammen, als fiele ihr das Nachdenken sehr +schwer. Sie hält beide Hände vor den Leib und sieht die Jungen an. Die +Jungen wollen hinwegtrollen. Aber die Garza hält den einen am Arme fest, +und dadurch bleibt der andere von selbst auch stehen. + +„Ihr sagt, er ist nach Magiscatzin geritten?“ + +„Ja freilich.“ + +„Worauf denn?“ + +„Auf einem Pferd!“ + +„Auf einem Pferd? Auf wessen Pferd denn eigentlich?“ + +Ganz ruhig fragte die Garza das. + +„Ein großer Junge kam vorbei auf einem Pferde“, erwidert nun der ältere +der beiden Burschen. + +„Ja, ein großer Junge“, mischt sich der Jüngere ein. „Und Carlos stand +gerade hier, und da sagte –“ + +„– und da sagte der Junge,“ nun redet wieder der Ältere, „willst du +nicht mitkommen, Carlos, ich reite schnell.“ + +„Was hat denn da der Carlos gesagt?“ fragt die Garza. + +„Reitest du nach Magiscatzin? hat Carlos gefragt. Da hat der große Junge +genickt, und Carlos sagte, dann könne er sich ja in Magiscatzin Bonbons +kaufen, er habe zwanzig Centavos. Und der Junge hat wieder genickt und +gesagt, das könne er wohl, und sein Pferd sei ein sehr schnelles Pferd.“ +Wenn der eine der beiden Jungen aufhört zu reden, fängt jedesmal gleich +der andere an. Die Geschichte scheint ganz wahr zu sein. Das können sich +zwei Jungen nicht so gut von selber ausdenken. + +Die Leute sind wieder dichter herangekommen. Die Garza blickt eine Weile +auf die Jungen, dann sieht sie sich um, blickt in die Gesichter der +Umstehenden, die infolge des trüben Lichtes der verräucherten Laternen +kaum richtig zu erkennen sind. Inzwischen ist Manuel näher gekommen, +weil er hörte, daß hier eine Neuigkeit sei. Der Blick der Garza fällt +jetzt auf Manuel und bleibt eine Weile darauf haften, als ob sie bei ihm +Rat suche. Dann wendet sie sich rasch zurück zu den Jungen und sagt +laut: „Das glaube ich nicht. Das glaube ich nicht. Carlos reitet nicht +fort, wenn Manuel hier ist und Manuel Montag früh schon wieder abreisen +muß. Und wenn er wirklich nach Magiscatzin geritten wäre, so hätte er es +Manuel gesagt.“ + +„Er ist aber doch mit dem großen Jungen geritten“, besteht der ältere +Bursche auf seiner Behauptung. + +„Wer war denn der Junge?“ fragt die Garza. + +„Das wissen wir nicht, wie er heißt.“ + +„So, das wißt ihr nicht?“ sagt die Garza. „Kennt ihr den Jungen?“ + +„Nein, wir kennen ihn nicht“, sagt der Ältere, während der Jüngere +behauptet: „Ich habe ihn aber schon einmal hier vorbeikommen sehen mit +einem beladenen schwarzen Esel.“ + +Nun mischt sich der Pumpmeister ein: „Wie sah denn der Junge aus?“ + +Bisher haben die Jungen klar und sicher gesprochen. Als sie aber diese +Frage beantworten sollen, fangen sie an, sich fortgesetzt zu +widersprechen. Sie vermögen nicht genau anzugeben, wie der Junge +ausgesehen hat. Sie können nicht einmal sagen, ob er auf einem Sattel +saß oder nur auf einer Matte, und über die Farbe des Pferdes und das +Brandzeichen wissen sie gar nichts. Dagegen stimmt die Zeit wieder, denn +sie behaupten, es sei ungefähr etwas mehr als eine gute Stunde her, seit +Carlos fortgeritten sei. Das wäre also um acht Uhr gewesen. Und um diese +Zeit lief der Junge aus der Hütte fort, um rüber zur Pumpe zu rennen, wo +Manuel war und der Vater die Geige spielte. Seitdem hat ihn die Mutter +nicht mehr gesehen. Als alle Anwesenden, mit Ausnahme der Mutter, +erklären, daß sie die Erzählung der beiden Jungen für glaubhaft halten, +weil mehrere Männer und Burschen vorübergeritten seien und die Jungen +gar keinen Grund hätten, zu schwindeln in einer so ernsten Sache, setzt +sich Garza aufs Pferd und reitet nach Magiscatzin, um nach Carlos zu +fragen. Es ist möglich, jener Junge auf dem Pferde ist nicht aus der +Gegend hier, sondern macht eine Reise und hat Carlos in Magiscatzin +abgesetzt, und Carlos kann nicht zurück. Der Junge ist doch nur sechs +Jahre alt und mag leicht unüberlegte Streiche dieser Art machen. Nun +sitzt er wahrscheinlich in jenem kleinen Dorf und heult, weil er nicht +zurück kann in der Nacht. Durch die Beschäftigung des Aufsattelns, durch +das Fortreiten ihres Mannes und infolge der Zuversicht aller übrigen +Leute wird die Garza ein wenig von ihren schweren Befürchtungen +abgelenkt. Sie fühlt sich leichter, setzt sich zu anderen Frauen auf +eine Bank und mischt sich in deren alltägliches Geschwätz über +alltägliche Dinge. + +Manuel steht gegen einen Baum gelehnt. Er weiß nicht recht, was er tun +soll. Zu den Mädchen gehen, da herumsitzen und kichern, hat er keine +Lust. Endlich aber macht er sich doch auf und geht langsam auf jenes +hübsche Mädchen zu, mit der er schon früher am Abend geplaudert hatte. + + + + + 7 + + +Sleigh war an der ganzen Sache ziemlich uninteressiert gewesen. Was ihn +überhaupt lebhaft in Bewegung bringen könnte, habe ich bis heute nicht +erfahren können. Aber vielleicht lerne ich etwas mehr von ihm, besser +über ihn, wenn ich ihn später wieder einmal treffe. Als die Aufregung +sehr hoch ging, sagte er mir, daß er wieder rübergehen wolle, um zu +sehen, ob die Kuh jetzt vielleicht hereingekommen sei. Nun ist er +zurück. Die Kuh ist noch nicht da, und sein Gespräch dreht sich nur +darum, wo die Kuh sein könne und warum sie nicht komme. + +Da kommt ein Junge an uns vorüber und geht zu Manuel. Ich folge ihm, um +zu hören, was er will. + +„Das ist ja gar nicht wahr, daß der Carlos nach Magiscatzin geritten +ist“, sagt er sehr laut zu Manuel. „Der Carlos ist mit einem Jungen nach +Tamalan geritten, aber nicht auf einem Pferde, nein, auf einem Esel.“ + +„Hast du es gesehen?“ fragt Manuel mißtrauisch. + +„Natürlich habe ich es gesehen, sonst würde ich es dir doch nicht +sagen.“ + +„Warum hast du denn das nicht früher gesagt?“ + +„Ich habe doch nicht gewußt, daß die andern erzählt haben, Carlos sei +nach Magiscatzin geritten“, sagte der Junge entschuldigend. + +Die Garza hat das alles gehört. Sie ist aufgeschnellt und kommt so rasch +herbei, als sei sie in einem Satz hergesprungen. + +„Was sagst du da?“ schreit sie auf den Jungen ein und schüttelt ihn bei +beiden Schultern. + +Der Junge wiederholt seine Rede und schwört bei allen Heiligen, daß er +Carlos habe auf einem Esel fortreiten sehen, in der Richtung nach +Ocampo. + +Die Garza läßt den Kopf tief zwischen ihren Schultern versinken, und sie +erscheint plötzlich ganz klein und zusammengedrückt. Ihr Mund steht weit +offen, und ihr Blick flackert irre hin und her. + +Der Pumpmeister rüttelt sie energisch am Arm. Er fürchtet, daß sie +stehend sterben werde, wenn er sie nicht aufwecke. Dabei sagt er: „Regen +Sie sich doch nicht auf, Carmelita, regen Sie sich doch nur nicht auf. +Warten Sie doch erst einmal ruhig ab, bis Garza zurück ist.“ + +Die Frau sagt nichts darauf. Sie hat augenscheinlich überhaupt nichts +gehört. Der flackernde irre Blick schweift weiter ruhelos umher. + +Einer der Eseltreiber des Packzuges sagt nun: „Ich kenne den Weg nach +Tamalan. Es ist ein ganz verfluchter Weg. Wenn man ihn nicht genau +kennt, kommt man in der Nacht nicht mehr wieder. Habt ihr eine Mula oder +einen Esel, dann will ich rüberreiten und nach dem Jungen herumhören. +Meine Esel sind müde.“ + +Sogleich wird ihm ein Esel angeboten. Als er abreitet, kommt noch ein +Junge mit einem Esel an, um ihn zu begleiten. + +„Habt ihr auch Zündhölzer?“ ruft der Pumpmeister hinter ihnen her. + +„Wir haben genug“, wird ihm zurückgerufen. + +Die Garza wird immer aufgeregter. Die leise Hoffnung, die sie hatte, als +die Leute alle so zuversichtlich waren, der Junge müsse in Magiscatzin +sein, ist völlig verflogen. Stark war in ihr diese Hoffnung ja nie +gewesen. Nun aber fällt die Frau zurück in jenen Zustand der Gewißheit, +den sie besaß von jenem Augenblicke an, als sie den Kleinen vermißte. +Was niemand sonst wissen kann, sie, die Mutter, weiß es: der Junge kommt +nie wieder! Herz und Instinkt sagen ihr die Wahrheit. Alle mögen leugnen +und zweifeln, sie zweifelt nicht. Sie hat ernsthaft keine Sekunde lang +gezweifelt. + +Mit dieser endgültigen Wiederkehr der Gewißheit verfliegt der irre +flackernde Blick aus ihren Augen. Sie rafft sich zusammen. Sie muß etwas +tun für ihr Kind, wäre es auch nur, um seinen kleinen Körper noch einmal +zu liebkosen. + +Sie eilt hinweg, zurück über die Brücke, heim in die häusliche Hütte. +Eine Minute darauf sieht man sie auf der anderen Seite des Flusses mit +einer Laterne durch die Gebüsche am Ufer streifen. Bald kriecht sie +tiefer in den Dschungel, bald wieder kommt sie näher zum Ufer. Mit weit +ausgestrecktem Arm leuchtet sie in das Wasser. Zuweilen ruft sie den +Namen des Kindes. Es klingt gespensterhaft. Hier auf dieser Seite haben +die Leute das Gefühl, als ob auf das Rufen eine Antwort folgen würde, +die grauenhaft sein müsse. + +Eine Weile steht sie dann drüben am Ufer, überlegend, was wohl zu tun +sei. Die Laterne hängt am Arme herunter und beleuchtet die so festlich +gekleidete Frau. Das Gesicht aber, das von unten her sein Licht +empfängt, während oben und von allen Seiten die tiefen schwarzen +Schatten der Nacht liegen, ähnelt weder einem menschlichen, noch einem +tierischen Antlitz. Es ist eine grausige Fratze und Maske, die sich mit +keinem Dinge auf Erden vergleichen läßt. + +Hier, auf dieser Seite des Flusses, stehen die Leute in Gruppen und +sehen hinüber zu der einsamen Mutter, die mit der Laterne am Ufer steht, +um nach ihrem einzigen Kinde zu suchen. Zwei feindliche Lager, durch den +Fluß getrennt; zwei gegenüberstehende Welten. Die eine Welt in ihrem +tiefsten Schmerze, die andere hilfsbereit, aber doch im Herzen froh, daß +es der andere ist, den es traf. + +Es gehen einige Männer hinüber, um der Frau beim Suchen zu helfen. Sie +kriechen ziellos in dem Dornengebüsch herum. Daß sie den Jungen dort +finden könnten, glaubt keiner von ihnen; sie wollen nur der Mutter +zeigen, daß sie nicht allein sei, daß man alles tun wolle, was nur in +der Macht der Menschen liegt, um ihr zu helfen. + +Die Frau bewegt sich langsam auf die Brücke zu. Während sie über die +Brücke geht, leuchtet sie bei jedem Schritt in das Wasser hinunter. Aber +das Wasser ist dick und gelb; der Schein der Laterne dringt nicht eine +Handbreit unter die Oberfläche. Sie ist nun wieder auf dieser Seite. Die +Pumpmeisterin legt ihr die Hand auf die Schulter und redet tröstend auf +sie ein: „Wir wollen doch erst einmal sehen. Der Kleine ist wirklich mit +den Jungen fortgeritten, das ist ganz sicher. Kommen Sie, setzen Sie +sich auf die Bank und denken Sie jetzt nicht mehr daran; das können wir +noch immer genug tun, wenn die Leute zurück sind.“ + +„Carlos ist nicht fortgeritten“, die Garza sagt es mit fester +Bestimmtheit. „Er reitet nicht fort, wenn Manuel hier ist.“ + +„Ach, Kinder!“ erwidert die Pumpmeisterin. „Sie haben nur das eine, da +wissen Sie nicht viel über Kinder. Ich weiß das besser von meinen Gören. +Woran man gar nicht denkt, das tun sie gerade zuerst.“ + +Die Garza hat die Laterne vor sich auf den Erdboden gestellt. Sie dreht +sich um und blickt mit schweren müden Augen zum Fluß hinüber. Dann +wendet sie ihr Gesicht wieder der Gruppe zu, in der sie steht. +Unschlüssig und ratlos sieht sie alle der Reihe nach an. Den Kopf legt +sie schwerfällig in den Nacken und schließt für eine Weile die Augen. +Plötzlich aber reckt sie sich zusammen und ruft mit keuchender Stimme: +„Der Junge ist im Fluß. Er ist ertrunken!“ + +Erstarrt stehen die Anwesenden, als habe der Blitz zwischen sie +eingeschlagen. Die Pumpmeisterin kann vor Entsetzen kaum schlucken. +Endlich sagt sie: „Segne Sie Gott, Carmelita, wie können Sie nur so +etwas Sündhaftes und Schauderhaftes sagen!“ + +Die Garza jedoch stößt einen tiefen Seufzer aus. Sie fühlt sich erlöst +von einem Klumpen, der ihr seit langem in der Kehle gelegen hat und sie +zu ersticken drohte. Sie reckt und dehnt den Hals, und ihr Blick wird +mit einem Male sachlich und brutal nüchtern. Alles Irre und Flackernde +ist daraus verschwunden. Sie steht bewußt und sicher in der Welt wie +vielleicht nie zuvor im Leben. + +Während die Leute noch wie entgeistert sind, nicht wissen, was sie tun +oder sprechen sollen, redet die Garza frisch weg, um sich noch mehr Luft +zu schaffen. + +„Der Junge war ja so wild und ausgelassen den ganzen Abend. Er wußte ja +kaum, was er tat, und wo er rannte. Ich konnte ihn nicht halten im +Hause, er mußte wieder hinüber zu Manuel und rannte fort wie ein +Wirbelwind. Er kennt den Weg und die Brücke ganz genau. Aber da hat er +die neuen Schuhe an und war nicht ganz sicher auf den Beinchen. Als ich +vorhin zum ersten Male hier über die Brücke kam, wäre ich beinahe ins +Wasser gefallen. Ich sah die Laterne hier hängen und ging drauf zu; erst +als ich gegen den Balken stieß, fiel mir ein, daß die Brücke gar nicht +auf die Laterne zuläuft, sondern weit ab. Und als ich das bemerkte, da +kam mir der Gedanke, wenn der Junge so wild drauflosläuft, dann fällt er +sicher ins Wasser. Und als ich dann hier drüben ankam, war meine erste +Frage die nach dem Jungen. Ich würde sonst vielleicht gar nicht an ihn +sofort gedacht haben. Aber ich wußte gleich, es ist schon zu spät, denn +mein Herz war ganz voll Angst.“ + +Niemand hat sie unterbrochen, und eine gute Weile spricht kein einziger +der Zuhörenden. Dann aber sagt die Pumpmeisterin: „Aber das ist ja ganz +unmöglich, man würde doch gehört haben, wenn der Junge in den Fluß +stürzt.“ + +Ich blicke seitwärts, und meine Augen treffen die des Sleigh, der im +gleichen Moment aufschaut und mich ansieht. Weder er noch ich fühlen das +Bedürfnis, irgend etwas zu sagen. + +„Nein, nein,“ sagt jetzt ein Mann, „das würde man sicher gehört haben. +Das platscht doch, wenn so ein Junge in den Fluß fällt. Auch fällt so +ein Junge nicht rein und ist gleich lautlos verschwunden. Der schreit +und strampelt und macht Lärm.“ + +„Natürlich“, mischt sich nun der Pumpmeister ins Gespräch. „Ich kenne +doch den Jungen, es verging doch kein Tag, wo er nicht hier +herumgeschwommen und herumgeplantscht hat im Wasser. Er ist wie ein +Fisch. Der hätte sich schon herausgekrabbelt, und wenn er das nicht +gekonnt hätte, dann hätte er geschrien. Er ist doch Wasser gewöhnt.“ + +Die Garza hört dem allen zu, als ob über etwas gesprochen würde, das sie +gar nicht berühre. Nun aber fühlt sie sich verpflichtet, ihren Jungen zu +verteidigen: „Gewiß hätte er sich herausgearbeitet, oder hätte er +geschrien, aber er konnte es ja nicht mehr. Er hatte doch die neuen +Stiefelchen an. Er hat gewiß, als er so ausgelassen drauflostrabte, mit +den Stiefeln gegen den Balken gestoßen. Wäre er barfuß gewesen, hätte er +sich halten können. Aber die Sohlen waren spiegelglatt. Ehe er wußte, +was überhaupt geschah, da war er übergekippt und hatte mit dem Kopf auf +den Balken geschlagen, und ehe er zur Besinnung kam, war er schon unter +dem Wasser. Er hat gar keine Zeit gehabt, zu strampeln oder zu +schreien.“ + +Mit dieser Rede schließt die Garza ihre Erzählung ab. Sie hat nichts +mehr zu sagen, und niemand kann sie überzeugen, daß es anders wäre oder +daß der Junge nicht im Flusse sei. + + + + + 8 + + +Die Leute freilich geben sich keineswegs zufrieden. Man erinnert sich +der Jungen, die auf der Brücke saßen und sangen, gerade zu der Zeit, als +das Unglück sich zugetragen haben solle. Aber die Jungen haben nichts +gehört und nichts gesehen. Sie saßen am Ende der Brücke mit dem Gesicht +zum Wasser und dachten nur an ihr Singen. Dicht in ihrer Nähe ist der +Junge nicht hineingefallen. Außerdem ist es so schwarze Nacht, daß sie +es auch kaum bemerkt haben würden, wenn sie die Brücke im Auge gehabt +hätten. Einen Platsch haben sie auch nicht gehört. Wenn sie ihn gehört +haben, so haben sie ihn nicht aufgenommen, denn hochspringende große +Fische platschen ebenfalls. Aber daß diese Burschen, die am nächsten +waren, nichts bemerkt haben, veranlaßt die Leute, der Garza einzureden, +sie bilde sich Dinge ein, die gar nicht geschehen könnten. + +Die Garza sagt nichts darauf. + +Jeder der Anwesenden weiß einen neuen Gedanken aufzubringen, um zu +beweisen, daß es so, wie die Garza annimmt, nie gewesen sein könne, daß +es überhaupt ganz und gar ausgeschlossen sei, daß der Junge in den Fluß +gefallen sei, und vor allen Dingen, daß es undenkbar wäre, daß er so +geräuschlos in den Fluß gestürzt sein könne. Niemand unterstützt die +Mutter in ihrer Meinung. Man glaubt den Jungen an den allerunmöglichsten +Stellen, an denen ein Junge nur sein könne, selbst im Feuerloch des +Dampfkessels der Pumpe, aber im Fluß glaubt ihn niemand. + +Schließlich wenden sich ein paar der Männer an mich, weil ich gar nichts +sage, und fragen mich geradezu, was ich von der ganzen Sache denke. Ich +weiß, wo der Junge ist, und Sleigh weiß es auch. Sleigh blickt mir +gerade ins Gesicht, während ich gefragt werde von den Männern, die mir +am nächsten stehen in der Gruppe. Ich sehe, daß Sleigh die Achseln +zuckt, als ob man die Frage an ihn gerichtet hätte. + +Und ich antworte: „Was kann ich da sagen? Ich kenne ja nicht die +Schlupfwinkel hier herum, in die sich der Junge verkriechen könnte.“ + +Ja, ob ich denn glaube oder es für möglich halte, daß der Junge in den +Fluß gefallen sei? + +„Möglich,“ sage ich, „möglich ist alles, und möglich ist durchaus, daß +der Kleine ins Wasser gefallen ist. Wo Wasser ist, kann immer jemand +hineinfallen, ob er will oder nicht.“ + +„Der Senjor hat recht,“ antwortet einer der Männer, „im vorigen Jahr ist +doch hier in demselben Wasser, nur weiter unten, der Ägypter ertrunken, +der dort seine Hütte hatte und Gemüse pflanzte.“ + +„Das lag aber ganz anders,“ erwidert einer, „der Ägypter badete und kam +an eine tiefe Stelle, wo er versank und nicht wieder heraufkam.“ + +Ein alter Indianer kommt etwas näher und fragt mich: „Was denken Sie +denn, Senjor, was wir tun könnten?“ + +„Ich denke, wir suchen den Fluß ab. Wenn der Junge im Fluß ist, müssen +wir ihn ja finden, und dann wissen wir wenigstens, wo er ist. Wenn die +Männer zurückkommen und haben ihn nicht gefunden, und wir finden ihn im +Flusse auch nicht, dann müssen wir wohl den ganzen Dschungel absuchen.“ + +Die Garza ist mit ihrer Laterne schweigend zur Brücke gegangen, sie hat +die Brücke überquert, und sie steht jetzt an der anderen Seite der +Brücke, nicht weit vom Ufer. Nach einer Weile leuchtet sie über den Rand +in das Wasser hinunter, und dann stößt sie einen markerschütternden +Schrei aus. + +Ein paar Jungen rennen hinüber und kommen zurück mit der Botschaft, daß +die Frau durchaus nichts im Wasser gesehen hat. Es war kaum nötig, uns +das zu sagen; denn jeder wußte, daß sie an jener Stelle nichts sehen +konnte, selbst wenn der Junge dort versunken sein sollte. + +Nun beginnt die Frau unausgesetzt gellend zu schreien. Wenn der eine +Schrei verklungen ist, ertönt gleich darauf der folgende. Es ist das +Wehklagen indianischer Frauen, die einen Toten beweinen. Es klingt nicht +wie Weinen, es klingt vielmehr wie ein den Himmel anklagendes +langgezogenes Schreien. Viele große Säugetiere, denen der Gefährte oder +das Junge erschossen, erschlagen oder geraubt wurde, schreien und klagen +in genau der gleichen Weise. Hört man dieses wehklagende Schreien der +Frauen zum ersten Male, glaubt man nicht, daß es ein Schreien des +Trauerns wäre. Lebt man länger unter den Indianern, hört man den tiefen +Schmerz aus dem Schreien so deutlich heraus wie aus dem stillen Weinen +einer europäischen Frau. + +Wäre der Tod des Jungen gewiß oder hätte man gar seinen kleinen Leichnam +gefunden, so würden sofort alle Frauen in dieses Schreien, das man +kilometerweit hören kann, mit einstimmen. Einstimmen mit all dem +Mitgefühl und der Mittrauer, die eine Mutter und eine Gattin der anderen +aus der Tiefe eines warmen und stark empfindenden Herzens zeigen kann. + +Aber die Frauen, noch nicht überzeugt von dem Tod des Jungen, bleiben +ruhig und tasten nur nach ihren Kindern und legen die Säuglinge sofort +an die Brust als den sichersten Platz, den sie ihnen bieten können. + +Zwei Männer gehen hinüber und führen die unaufhörlich schreiende Frau +zart und besorgt auf diese Seite des Flusses, um sie auf eine Bank zu +setzen. + +Die Pumpmeisterin kommt sofort heran, gibt ihr Wasser zu trinken und +streichelt sie mütterlich. + +Die Männer stehen eine Weile herum, nicht wissend, was zu tun. Sie +fühlen sich unbehaglich in Anwesenheit der Mutter, die ihr Kind verloren +hat und die, trotz der Zartheit, mit der sie behandelt wird, jetzt +eigentlich ganz allein in der Welt ist. Es überkommt die Männer nach und +nach ein Schuldbewußtsein, daß sie mehr für die Mutter hätten tun +können. Sie stehen herum, drücken sich herum und reden kaum. Sie zwingen +sich, nicht nach der Mutter zu sehen, und wenn die Frau hin und wieder +aufschreit, werden ihre Gesichter zerquält. Das Unbehagen, das sie +belästigt, wird endlich so stark, daß sie das einzige tun, was Männer +auf der ganzen Erde tun, welche Hautfarbe sie auch immer haben mögen, +sobald sie sich überflüssig zu fühlen beginnen. Sie fangen an, tätig zu +werden, sich zu beschäftigen, nur um nicht in Gegenwart der Mutter so +schuldbewußt dazustehen. + +Ohne viele Worte zu machen, ohne daß jemand die Führung übernimmt, +beginnen sie zu arbeiten wie ein Ameisenvolk. Sie schleppen Holz herbei +und zünden auf beiden Ufern große Feuer an, auf jedem Ufer zwei Feuer, +so angelegt, daß die Längsseiten der Brücke beleuchtet werden. Einer +entkleidet sich und geht in den Fluß. Er beginnt entlang der Brücke zu +tauchen. Das ist ein Wagnis und kann das Leben kosten. Das Wasser ist, +besonders auf dem Grunde, mit Dornengestrüpp, das sich von den Ufern +losgerissen hat, bedeckt und kann sich leicht um die Füße oder Arme des +Tauchenden schlingen. Da sind große, grausig aussehende Krebse auf dem +Grunde, Schlangen und was sonst noch alles ein Fluß im tropischen +Dschungel nur beherbergen mag. + +Ein anderer und wieder ein anderer springt in den Fluß. Und bald sind +sechs tiefbraune Männer im Fluß. Die Mädchen und Frauen stehen auf der +Brücke oder an den Ufern und sehen den Bemühungen der nackten Männer zu. + +Die sehnigen schlanken Körper der Männer, die alle so jünglingshaft +erscheinen, haben einen stumpfen metallischen Glanz. Das lange +strähnige, dichte Haar erscheint noch schwärzer und massiger, wenn die +Köpfe auftauchen und von Wasser triefen. Während sie sich an den +Brückenpfeilern anklammern, um neuen Atem zu schöpfen, blicken sie +zuweilen hinauf zu den Frauen und Männern, die auf der Brücke stehen, +und wenn sie auch nichts sagen, so steht doch in ihren traurigen Augen +immer wieder die Nachricht: „Nada! Nada! Nichts! Nichts!“ + +Ein uralter Indianer mit weißem Haar ist unter den tauchenden Männern. +Seine Brust ist nicht mehr so voll wie die der jüngeren Männer, und er +kann nicht so lange tauchen wie die übrigen, aber wenn die anderen +aufgeben wollen, weil jetzt in der Nacht nicht viel zu erwarten sei, +ermuntert er sie immer wieder zu neuer Tätigkeit. + +Der Pumpmeister kommt mit einem mächtigen Eisenhaken, den er an ein +langes Tau gebunden hat, und schrittweise geht er an der Brücke entlang, +wirft den Haken weit hinaus in den Fluß und zieht ihn langsam heran. +Aber immer, wenn man glaubt, er hat den Körper gefunden, so ist es nur +dickes moderiges Dschungelgebüsch, das der Haken gepackt hat. + +Von den Ufern lodern die Feuer, und auf der Brücke stehen Männer und +Burschen, halten flammende Holzscheite hoch empor, um das Wasser zu +erleuchten. Andere laufen mit brennenden Scheiten auf der Brücke +entlang, andere an den Ufern, teils um ausgehende Leuchtscheite wieder +anzuflammen, teils um dort das Wasser zu erleuchten, wo besonders +gefährliche und unübersichtliche Stellen sind und von wo aus die +tauchenden Männer nach Licht rufen. + +Ich sehe Sleigh an der Pumpe stehen und gehe hinüber zu ihm. „Hätte man +ein Boot,“ sage ich, „könnte man mehr tun. Es ist schade, daß der +Pumpmeister keines hat.“ + +„Da ist ein Boot, weiter unten am Fluß,“ sagt Sleigh, „der Holländer hat +eins. Das ist aber einige Meilen runter. Da können wir vor Sonnenaufgang +nicht hin.“ + +Er geht zu einer Gruppe von Männern, die über andere Dinge reden und +augenblicklich keine Teilnahme an dem Ereignis nehmen, weil man ja nicht +immerfort dasselbe tun kann. + + + + + 9 + + +Es ist ein Bild, unvergleichlich in seiner Großartigkeit. Da sind die +lodernden Feuer. Dunkelrote und braune Burschen stehen herum, werfen +neue Scheite auf oder stirren das Feuer, um ihm mehr Leuchtkraft zu +geben. Auf der Brücke stehen Männer mit brennenden Ästen, die sie hoch +empor halten, oder die sie, auf der Brücke kniend, zum Wasser richten, +das die wechselnden Bilder widerspiegelt. Frauen und Mädchen, in ihren +bunten Tanzkleidern und mit Blumen im Haar, Säuglinge im Arm oder Kinder +an der Hand, stehen auf der Brücke oder wandern umher, sprechend zu +anderen Frauen, oder in das Wasser blickend oder schnell zu einem Punkte +laufend, wo gerufen worden ist, als habe man etwas gefunden oder +entdeckt. Die flackernden, flammenden Scheite werfen das Licht bald +hierhin, bald dorthin, wie der leichte Wind es weht. Die eine oder +andere Gestalt, die man ins Auge fassen will, steht bald im vollsten +Lichte da, bald im schwärzesten Schatten, bald im schwelenden Rauch +halbverschleiert, bald in einer lächerlich grotesken Form, +hervorgebracht durch wechselnde Streifen von hellem Licht, tiefem +Schatten und wehendem Rauch. + +Dann tauchen die braunen nackten Gestalten im Wasser auf oder unter, +klammern sich an den Brückenpfeilern fest, um sich für eine Weile +auszuruhen oder die Pflanzen, die sich ihnen um die Beine geschlungen +haben, abzuzerren. Hin und wieder kriecht einer an das Ufer und geht zum +Feuer, um die erstarrten Hände anzuwärmen. Breitbeinig steht er am +Feuer, den Rücken dem Flusse zugekehrt und streckt die offenen Hände +vorwärts zum Feuer, während ihm ein Bursche eine angezündete Zigarette +in den Mund schiebt. + +Hier drüben fängt ein Kind, das eingeschlafen war, zu weinen an, und ein +zweites wacht davon auf und schreit. Schnell kommen die Mütter herbei +und geben ihnen zu trinken. Die kleineren Kinder sind nun alle +eingeschlafen und liegen zusammengekauert auf dem Erdboden. Manche sind +eingewickelt in ein Tuch, manche in eine Decke, manche in eine +Reitmatte, manche liegen auf einem leeren alten Sack, und wieder andere +liegen auf dem nackten Erdboden. Die größeren Kinder, soweit sie nicht +interessiert an dem Tauchen der Männer sind, wo sie sich in einem fort +darüber streiten, ob Sanchez bis sechzig unter Wasser war oder ob Jose +diesmal bis hundert unten bleiben würde, drücken sich herum und +besprechen Streiche, die sie an anderen Jungen verüben wollen, oder sie +probieren irgend eine neue Schleuder aus. Andere musizieren auf einer +Mundharmonika. + +Die Esel des Packzuges grasen in der Nähe des Ufers, und wenn sie gerade +nichts weiter wissen, trompeten sie in die Nacht. Sie fühlen sich +außerordentlich wohl, in der Nähe so vieler lodernder Feuer und +herumlaufender Menschen zu sein. Käme jetzt ein Jaguar vorüber, sie +würden ihn dreist einladen, er möge ihnen doch ein wenig Gesellschaft +leisten, denn sie haben gar keine Angst vor ihm. + +Die Pumpmeisterin steht in ihrer Küche und kocht Kaffee. Was sie Küche +nennt, und was die Mehrzahl der anwesenden Leute eine großartige Küche +nennen würden, ist ein offener Raum. Nein, Raum kann man nicht sagen. +Die Küche hat nur eine Wand, und diese Wand ist gleichzeitig die Wand +der Hütte. Das Grasdach der Hütte ist hier weit überhängend und bildet +so die Küche. Damit das überhängende Dach infolge der Schwere nicht +herunterbrechen kann, ist es an beiden Ecken sowie in der Mitte mit +einem Stamm gestützt. Durch diese drei rohen Stämme wird die Küche +abgegrenzt. Der Küchenofen ist eine große flache Kiste, die mit Erde +ausgefüllt ist und auf vier Pfählen ruht in einer Höhe, daß sie recht +handlich für die Frau ist. Auf dieser Erde in der Kiste brennt ein +offenes Holzfeuer, dessen Flammen durch einige rohe Steine +zusammengehalten werden, damit die Hitze dicht an die Blechkanne kommt, +die unmittelbar auf dem brennenden Holze steht. In einem irdenen Topfe, +der neben der Kanne auf dem Feuer steht, sind schwarze Bohnen zum Kochen +aufgestellt, für den Fall, daß jemand Hunger bekommen sollte. Ein Blech +steht bereit, auf dem die Pumpmeisterin Tortillas anzuwärmen gedenkt. +Der Schilfkorb, in dem sie die Tortillas, die vom letzten Mahle +übriggeblieben sind, aufbewahrt, hängt an einem Draht, der an einem der +Stämme befestigt ist, die das Gras des Daches halten. + +Die Garza ist zu ihrer eigenen Hütte gegangen. Was sie dort sucht oder +erwartet, weiß sie selbst nicht zu sagen. Sie kommt jetzt wieder über +die Brücke zurück, die Laterne an der herunterhängenden Hand tragend. +Eine Weile sieht sie den Tauchenden zu, dann geht sie weiter zur Pumpe, +völlig gedankenlos und in einer Weise, als ginge sie das alles, was hier +geschieht, nichts an. + +Manuel sitzt stumpf und brütend auf einer Bank. Als er die Garza +plötzlich vor sich sieht, blickt er sie groß mit leeren Augen an wie +irgendeine Fremde. Dann, als ob ihm etwas einfiele, steht er rasch auf, +geht über die Brücke und wandert auf dem sandigen Wege, der auf der +anderen Seite durch den Dschungel zu fernen Dörfern führt, in die Nacht +hinaus. + +Der Pumpmeister wirft unermüdlich seinen schweren eisernen Haken hinaus +in den Fluß und zieht ihn sorgfältig ein, manchmal leer, manchmal mit +einer Last Wasserpflanzen und Gestrüpp beladen. + +Die Tauchenden fangen an müde zu werden. Immer seltener tauchen sie +unter, und immer länger müssen sie sich an die Brückenpfeiler klammern +oder in der Nähe des Ufers ausruhen, wo das Wasser weniger tief ist und +wo sie stehen können. Da das Wasser nun kühler wird, fangen sie auch +noch an zu frieren. Der weißhaarige Alte muß aufgeben. Bald schwimmen +auch die jüngeren ans Ufer, holen sich ihre Hosen, Hemden und Sandalen +und laufen zu den Feuern, die ebenfalls Zeichen von Müdigkeit zeigen und +lange nicht mehr so lodernd und lebhaft brennen wie eine Stunde bevor. +Denn die Burschen und Männer müssen immer weiter in den Dschungel +kriechen, um das notwendige Holz heranzuschleppen. + +Schließlich fallen die Feuer gänzlich zusammen, und sie sind bald nur +noch Gluthaufen. Die flammenden Äste und Scheite, die auf der Brücke als +Fackeln dienten, sind nur noch funkensprühende Keulen, die ausgedient +haben und wertlos sind, nun ins Wasser geschleudert oder in die +Gluthaufen am Ufer geworfen werden. + +An der Pumpe ist eine der Laternen ausgegangen, und ein Junge läuft mit +der Laterne zu den Hütten, um Petroleum zu borgen. + +Zwei der Taucher stehen an einem Gluthaufen auf dieser Seite und +rauchen. Sie haben sich nicht angekleidet, sondern nur das Hemd um die +Hüften gewickelt, um wieder bereit zu sein, sobald sie gerufen werden +sollten. Denn es kann ja jemand einen neuen Gedanken haben. + +Die Leute alle, insbesondere die Männer, die im Fluß getaucht haben, +halten nun die Geschichte, die die Garza erzählte, für wahrscheinlich, +und dennoch glaubt niemand, daß der Junge im Wasser ist. Sie haben +keinen andern Gegenbeweis als allein nur den, daß ein Mensch, auch wenn +er nur ein Junge ist, nicht so leicht und geräuschlos stirbt. Der Tod +ist ein so großer Vorgang, daß er nie schweigend sein kann. Da ist immer +Geschrei damit verknüpft oder Schießen oder Stechen oder +Mit-dem-Pferde-Stürzen oder der Krach eines gefällten Baumes oder das +Plätschern und Kreischen eines ins Wasser Gefallenen oder das +Herumwälzen des an den Blattern Erkrankten. Daß der Tod inmitten von +sechzig oder mehr Menschen, die sich zum Tanze versammelt haben, so ganz +still erscheinen kann, ohne daß sich auch nur die Luft bewegt, das +begreift keiner von diesen Leuten. Man hat auch nur alles das getan, um +der Mutter zu zeigen, daß sie nicht allein auf der Welt ist, und daß man +das einzige Hemd, das man hat, hergeben würde, könnte man ihr dafür den +Sohn zurückbringen. + +Nun beginnen einige Männer mit einer langen Stange, die sie sich +geschaffen haben dadurch, daß sie zwei dünne Stämme mit Bast +zusammenbanden, den Grund des Flusses an der Brücke entlang abzutasten, +weil jemand den Gedanken hatte, man könne mit einer Stange den Körper +deutlich fühlen, falls er überhaupt im Wasser sei. + +Das Bild hat sich inzwischen völlig verändert. + +An den glimmenden verlöschenden Feuern sitzen oder stehen die braunen +Gestalten herum, rauchend und redend. Sie sind so ungewiß beleuchtet, +daß man nur bewegende Schatten sieht. Ein erregtes Gespräch hebt an, das +plötzlich abbricht, als habe es die Nacht verschlungen, um bei einer +anderen Gruppe auszubrechen, als sei es unterirdisch hinübergekrochen. +Dann hört man nur halblautes Reden, aber man sieht heftige und +eindringliche Gesten. Auf der Brücke sitzen andere, kauern oder halten +die Beine über den Rand der Brücke und schaukeln mit den Füßen. Andere +wieder, die nichts Besseres zu tun wissen, wehen die verglimmenden Äste +durch die schwarze Luft und zeichnen funkelnde Figuren. + +Irgendwo in einem Winkel der Nacht wird auf der Mundharmonika gespielt. +Aus einem anderen Winkel der Finsternis hört man das Kichern eines +Mädchens und das hastige, unterdrückte und erregte Sprechen eines +Mannes. Dann wieder, von einem anderen Winkel her ein hartes, +abweisendes Hin- und Herreden eines Paares, das sich verkrochen hat. Von +ferner her tönt das unternehmende lustige Pfeifen eines Burschen, der in +der Stimmung eines Siegers zu sein scheint. Auf dem Pumpplatze haben +sich wieder Gruppen gebildet, die meist mit langen Pausen sprechen, weil +schon alles zwanzigmal gesagt worden ist. Die Frauen und Mädchen sitzen +herum oder gehen, ohne sich jedoch vorzudrängen, zur Küche der +Pumpmeisterin, wo sie heißen Kaffee in kleinen Emailletassen erhalten. +Der Kaffee ist schwarz, und jedesmal, wenn die Frau eine Tasse +hinreicht, deutet sie auf eine Konservenbüchse, die mit Zucker gefüllt +ist, und neben der ein kleiner Löffel liegt. + +Die Pumpmeisterin hat nur fünf Tassen, alle verschieden in Form und +Farbe, und mit diesen fünf Tassen versorgt sie alle Frauen mit Kaffee. +Aber der Kaffee ist bald alle, und die Pumpmeisterin beeilt sich, +frischen zu kochen. + +Niemand trinkt mehr als eine kleine Tasse, manche der Frauen trinkt die +Tasse nur halb und reicht die andere Hälfte ihrer Nachbarin; denn die +Nacht ist nun recht hübsch kühl geworden, und jedem wird ein Schluck +heißer Kaffee wohl tun. + +Auf der Brücke sind einige der Männer immer noch damit beschäftigt, die +Längsseiten der Brücke Schritt für Schritt mit der Stange abzutasten. + +Jetzt krähen die Hähne zum erstenmal in der Nacht. Also ist es elf Uhr. + + + + + 10 + + +Der Pumpmeister hat sein Suchen und Fischen mit dem Haken aufgegeben. +Der Haken liegt verlassen auf der Brücke, und der Pumpmeister steht nun +auch bei den Gruppen in der Nähe der Pumpe. Er erzählt von einigen +Todesfällen, die er erlebt hat, die aber in gar keiner Beziehung zu +diesem Ereignis stehen. + +Die Garza war die erste, der Kaffee angeboten wurde. Sie ist der +respektierte Ehrengast der Pumpmeisterin. Und die Pumpmeisterin ist hier +in dieser Dschungelsiedlung ungefähr dasselbe, was eine Baronin in einem +armseligen Bergdörfchen in einem europäischen Lande ist. Sie kann ein +wenig lesen und ein wenig schreiben, und sie ist deshalb eine +hochgebildete Frau, die in die Schule gegangen ist. Ihre Kinder haben +keine Läuse oder nur hin und wieder ein paar, und sie laufen nur selten +nackt herum. Wenn sie auch nicht gerade immer ein Hemd an haben, so doch +wenigstens eine Hose oder ein Röckchen. Das kann man nicht einmal von +den Kindern Sleighs sagen. Die Frau Pumpmeisterin selbst hat vier +verschiedene Musselinkleider und wenigstens drei Hemden. Mehr hat sie +nicht, das weiß jeder. Hosen hat sie sogar vier, von denen zwei aber +nicht mehr ganz für voll gerechnet werden können. Sie hat Ohrringe, +echtes Gold. Auch hat sie einen spanischen Kamm fürs Haar, der mit +Perlchen besetzt ist. Diese Perlchen, weiß auch jeder, sind aber nicht +echt. Der Pumpmeister hat einen Sonntagsanzug mit einer Jacke. Sie haben +eine Uhr im Hause, eine Weckuhr, ferner einen Spiegel, sogar ein Messer, +nicht zu reden von den beiden Gabeln, die sie haben. Und was das größte +ist, ein eisernes Bett mit Drahtmatratze. Wer hat das sonst noch? +Vielleicht der Präsident in der Hauptstadt. Aber kein Wunder, der +Pumpmeister gehört ja zur Eisenbahn. Da ist nichts in der Welt, das +größer wäre. Und was die Pumpmeisterin sagt, ist mehr wert, als was der +Priester sagt, bei dem man nie weiß, was er meint und was er vielleicht +hintennach beabsichtigen mag. Wenn man mit der Frau Pumpmeisterin gut +befreundet ist, kann man die Königin von England leicht entbehren. Ob +die Königin von England zwei Paar gelbseidene Strümpfe hat und drei +Taschentücher, von denen eines gestickte Kanten hat, das soll erst noch +bewiesen werden. Denn was die Leute so erzählen, darf man noch lange +nicht immer glauben. + +In eine Gruppe, die weiter ab von der Pumpe steht, kommt plötzlich +Bewegung. Man hört schnelles Sprechen und Fragen. + +„Der Junge war nicht da?“ klingt nun eine Stimme deutlich heraus. + +Der Eseltreiber und der ihn begleitende Junge sind von Tamalan +zurückgekommen. + +„Nein, er war nicht dort.“ + +„Habt ihr denn überall herumgefragt?“ + +„Ganz natürlich. Alles schlief, und wir sind in jede Hütte gegangen, +haben die Leute aufgeweckt und nach dem Kleinen gefragt.“ + +„Habt ihr euch auch erkundigt, ob vielleicht der Kleine durchgekommen +ist?“ + +„Auch das haben wir getan. Es ist heute niemand aus Tamalan hier herum +gewesen und auch niemand aus der hiesigen Gegend dort vorbeigekommen. +Die Hunde würden gelärmt haben, wenn da jemand in der Nacht +durchgeritten wäre.“ + +„Und auf dem Wege?“ + +„Auf dem Wege war keine frische Spur, wir haben abgeleuchtet. In der +Richtung nach Tamalan sind die nicht geritten.“ Die redende Gruppe kommt +näher heran, bis sie im Licht der Laterne steht. Das Gespräch ebbt ab, +weil man nichts mehr zu fragen weiß. + +Die Garza steht auf von ihrem Sitz und sieht auf den Eseltreiber, der +seine Augen verlegen von einem zum andern wandern läßt. Er will jetzt +etwas zur Garza sagen. Aber in diesem Augenblick setzt sie sich wieder. +Sie weiß es schon. Der Eseltreiber wendet sich langsam um. Er hat einen +Ausdruck im Gesicht, als ob er am Tode oder wenigstens am Verschwinden +des Kleinen schuld wäre. Erst als er ganz aus dem Gesichtskreis der Frau +heraus ist, sich zwischen eine Gruppe von Männern gemischt hat und eine +Zigarette raucht, fühlt er sich wieder wohler. + +Ich gehe zur Brücke, wo ein Indianer weiter mit der Stange tastet, +während ein anderer dicht neben ihm auf der Brücke kniet und mit einer +Laterne immer da ins Wasser leuchtet, wo der andere mit der Stange +hineinfühlt. + +Da mit einemmal läßt der Mann die Stange auf dem Grunde, dreht sich um, +sieht mich mit großen Augen an und sagt halblaut: „Senjor, ich habe ihn. +Da fühlen Sie selbst.“ + +„Seien Sie ganz ruhig, Perez,“ gebe ich zur Antwort, „sonst haben wir +gleich alle Leute hier, und wir können nichts tun. Wir wollen erst +durchaus sicher sein. Halten Sie die Stange ruhig an der Stelle.“ + +Ich trete nun dicht an seine Seite und nehme ihm die Stange behutsam ab. +Ich taste am Grunde und fühle in der Tat etwas, das ein menschlicher +oder tierischer Körper sein könnte. Vorsichtig, um den Grund nicht +aufzurühren und den Körper vielleicht fortschwemmen zu lassen, hebe ich +die Stange und führe sie, leise suchend, wieder nach unten, um das +Gefühl voll in die Fingerspitzen zu lenken. Und wieder fühle ich den +Körper. + +„Na?“ fragt Perez. + +„Sicher bin ich noch nicht“, erwidere ich. + +Ich taste nun weiter, ob dieser Fund auch die Ausdehnung eines +menschlichen Körpers hat, denn bis jetzt haben wir ja nur einen Ballen, +der die Brust oder der Unterleib sein kann oder der Oberschenkel. Aber +der Fund hat keine Ausdehnung in der Länge, sondern die Ausdehnung geht +gleichmäßig nach jeder Richtung, und nach langem geduldigen Abfühlen +komme ich zur Überzeugung, daß der vermeintliche Körper ein versandeter +Ballen Gras oder dünner Strauchäste ist, der sich dort unten irgendwie +festgehakt hat. Was immer es auch sein mag, der Körper eines Kindes ist +es nicht. Perez sieht ein, daß er sich geirrt hatte. Er gibt jetzt auch +auf, setzt sich auf die Brücke und dreht sich eine Zigarette. + +Nach einer Weile gehen wir zur Pumpe, und die Pumpmeisterin bietet uns +Kaffee an, Bohnen und Tortillas; denn inzwischen waren die Männer an die +Reihe gekommen, Kaffee trinken zu dürfen. Der Kaffee steht in den fünf +Tassen eingegossen auf einem hölzernen Gegenstand, den die Pumpmeisterin +ihren Küchentisch nennt. Wer von den Männern Durst auf Kaffee empfindet, +kommt heran, nimmt sich eine Tasse, schüttet Zucker hinein, und wenn er +sie ganz oder halb ausgetrunken hat, stellt er sie wieder auf das Brett, +damit ein anderer trinken kann. Auf Frijoles und Tortillas habe ich +augenblicklich keinen Appetit, dagegen tut der Schluck Kaffee mir so +wohl, daß die Pumpmeisterin mir das Behagen ansieht und lächelnd fragt: +„Mas?“ Da ich sehe, daß drei volle Tassen unberührt dastehen und die +Männer offenbar alle schon getrunken haben in der Zeit, während ich mit +Perez an der Brücke fischte, kann ich dem Angebot nicht widerstehen, +wofür mich die Pumpmeisterin dankbar anblickt, daß ich ihren Kaffee für +so gut befinde. + +Die Brücke ist nun ganz verlassen. Niemand ist in ihrer Nähe. Hier +stehen die Leute wieder in Gruppen umher und schwatzen. Die Mädchen und +Frauen sitzen herum, wo sie etwas zum Sitzen gefunden haben, und +schwatzen und lachen. Durch den Kaffee ist alles mehr lebendig geworden. +Die Welt scheint nicht mehr so düster auszusehen. Man hat vollständig +vergessen, was während der letzten Stunden alle Anwesenden erfüllte. Die +zunehmende Müdigkeit der Leute, die alle seit Sonnenaufgang auf den +Beinen sind, läßt die Gefühle erschlaffen. Man sieht die Garza sogar +zwei- oder dreimal lachen. Es hat sich dadurch, daß der Junge im Fluß +nicht gefunden wurde, die Gewißheit festgesetzt, daß der Kleine nicht +ins Wasser gefallen ist, sondern daß er entweder nach Magiscatzin +geritten ist, wie die beiden Jungen behaupten, oder aber, daß er in +irgendeinem Winkel sich hingelegt hat und eingeschlafen ist. + +Man hat sich darüber geeinigt, daß man warten wolle, bis Garza von +Magiscatzin zurück ist. Sollte er den Jungen nicht bringen und auch +nichts erfahren haben, so wolle man bis Sonnenaufgang hier beieinander +sitzenbleiben und dann bei Tageslicht von neuem den Fluß absuchen. Die +Stimmung ist im Grunde die gleiche, die bis zu jenem Augenblick +herrschte, an dem der Junge vermißt wurde. + +Ein paar Männer, denen das Herumstehen zu langweilig wurde, haben sich +wieder zur Brücke aufgemacht und fangen abermals an, mit der Stange zu +tasten und mit dem Haken zu fischen. Plötzlich fängt auch die Garza +wieder an zu schreien, und sie rennt wie rasend zu der Brücke und +gebärdet sich, als ob sie hineinspringen wolle. Sie schwenkt die Laterne +über das Wasser, während sie sich weit hinüberlehnt, und schreit +unaufhörlich: „Mein Kleiner! Mein Liebling! Ninjo, ninjo mio!“ Der +Pumpmeister und noch ein anderer Mann laufen herbei und halten sie fest. +Sie wehrt sich, schlägt um sich und kreischt: „Laßt mich los! Was wollt +ihr denn von mir?“ + + + + + 11 + + +In der Nähe der Pumpe bildet sich jetzt eine Gruppe von Männern, die +immer größer wird. Es wird lebhaft geredet, zugestimmt, genickt, +gestikuliert. Der Wortführer ist jener weißhaarige alte Indianer, der +mit den jungen Männern getaucht und endlich, ganz blau gefroren, hatte +aufgeben müssen. Die Gruppe, den heftig redenden Alten in der Mitte, +bewegt sich der Hütte des Pumpmeisters zu. + +Auch die Brücke wird wieder belebter, obgleich sich doch nichts Neues +ereignet hat. Überall sieht man eine merkwürdige Geschäftigkeit. Hier +auf der Brücke weiß man nicht, was jene Gruppe beabsichtigt. Aber man +legt offenbar keinen Wert darauf, es zu erfahren. Es wird immer emsiger +gefischt und getastet. + +Nun gehe ich hinüber zur Pumpe, und ich höre, wie der Alte zu der +Pumpmeisterin sagt: „Eine starke Kerze, ja.“ + +„Ich habe nur ein paar dünne im Hause“, antwortet die Frau. + +„Wer hat denn wohl hier eine dickere Kerze?“ fragt der Alte. + +„Ich glaube nicht, daß jemand hier überhaupt Kerzen hat, und wenn da +noch welche sind, dann auch nur die dünnen. Aber die fallen ja immer +zusammen“, erklärt die Pumpmeisterin. + +„Ja, wenn wir nur eine Kerze hätten“, wiederholt der Alte. + +„Oiga!“ sagt nun die Pumpmeisterin. „Ich habe noch eine Kerze, aber +das ist eine geweihte, die ich noch hier habe von einem +Corpus-Christi-Fest.“ + +„Die ist um so besser,“ nickt der Alte, „bringen Sie die nur her.“ + +Die Pumpmeisterin nimmt eine Laterne und verschwindet in ihrer Hütte. + +Der Alte sieht sich um und entdeckt eine Kiste, die bisher als Sitz +diente. Er schleift die Kiste unter das Licht der Laterne und bricht ein +Brett heraus. Es ist ein ganz dünnes Brett, etwas länger als breit. Er +sieht über die Fläche und untersucht, ob das Brett auch ganz eben ist, +ob auch alle vier Ecken gleichmäßig aufliegen. + +„Das Brett wird gehen“, sagt er zu den Umstehenden, die nicht wissen, +was er vorhat. + +Nun kommt die Pumpmeisterin heraus, sie hat in der Hand eine +halbabgebrannte Kerze, von der Art jener starken Kerzen, die von Kindern +bei kirchlichen Festen getragen werden. + +Der Alte legt das Brett auf den Erdboden, hängt die Laterne ab, stellt +sie neben das Brett und markiert mit dem Fingernagel die genaue Mitte +des Brettes. Dann zündet er die Kerze an, tropft auf den markierten +Mittelpunkt des Brettes Stearin und klebt die Kerze mit großer Sorgfalt +auf dem Brette fest. Die Laterne hängt er nun wieder zurück an den +Stamm. + +Die Männer, die herumstehen, sehen aufmerksam zu, wissen jedoch nicht, +worauf das alles abzielt, fragen aber auch nicht, um den Alten nicht zu +stören. + +Nun hebt der Alte das Brett mit dem brennenden Licht auf und trägt es +vor sich zum Ufer des Flusses. Die Männer und auch eine Anzahl Frauen +folgen ihm. Auf der Brücke wird man aufmerksam. Das Suchen und Fischen +wird eingestellt, und auch diese Leute kommen näher, bleiben aber alle +auf der Brücke stehen, um das Ereignis besser zu beobachten. + +Eine uralte Indianerin hockt auf der Brücke, sieht auch zu, ist aber +nicht neugierig und viel weniger interessiert an den Vorgängen als sonst +irgend jemand. Sie raucht und raucht. Immer wenn sie einen Zug getan +hat, betrachtet sie die Zigarette und drückt das Maisblatt etwas fester +zusammen. Ich habe das Empfinden, daß sie außer dem alten Manne die +einzige Person hier ist, die weiß, was da vor sich gehen soll. Ich hocke +mich neben sie und gehe geradeswegs auf den Kernpunkt los: „Was wollen +denn die da tun?“ + +„Die werden jetzt den Bastard suchen.“ Sie sagt das so leicht und so +selbstverständlich, als ob sie an dem Erfolge nicht mit dem leisesten +Gedanken zweifle. + +„Wie meinen Sie das, Senjora? Suchen?“ + +„Ja suchen. Und nun werden sie ihn auch gleich haben, wenn er überhaupt +im Wasser ist.“ + +„Wir haben doch die ganze Zeit gesucht und haben ihn nicht gefunden“, +sage ich, um sie mehr zum Reden und zum Erklären zu bringen. + +Sie grinst ironisch. „Wie das heutzutage die Esel tun, die ja so klug +sind und alles besser wissen, so werden die das Böckchen nie finden. Da +können sie alle miteinander suchen, vier Wochen lang. Und wenn er nicht +von selber auftreibt und die Caimans und das Fisch- und Krabbenzeug noch +etwas von ihm übriglassen, so kriegt ihn sein Vater nie mehr zu +Gesicht.“ + +„Aber was hat denn das Licht damit zu tun? Wir haben doch tausendmal und +überall herumgeleuchtet, und das Licht ist doch nicht heller als die +Fackeln und Feuer, die wir hatten.“ + +„Ihr mit euren Laternen und Haken und Stangen. Das ist alles für den +Hund, aber nicht für einen Menschen. Das Licht findet ihn ganz von +selbst, wir brauchen nur aufzupassen, wo es hingeht.“ + +„Wie kann denn das Licht ihn finden, wenn wir ihn nicht finden?“ + +Auf diese Frage schweigt sie eine Weile, zieht ein paarmal an der +Zigarette, betrachtet sich die Zigarette dann mit gedankenvollen Augen +und sieht mich an, als ob sie überlegen wolle, ob ich einer Antwort wert +sei. + +Ich dränge nicht, sondern blicke nur hinüber zu der Gruppe, die sich +jetzt in einem Kreise um den Alten sammelt, der in der Mitte steht und +das Brett mit dem Licht in halber Armeslänge vor sich hält. Er sieht +jetzt aus wie ein alter heidnischer Priester, der eine geheimnisvolle +religiöse Handlung vorzunehmen bereit ist. + +Die Alte betrachtet mich mit halbgeschlossenen Augen, und da sie +offenbar bemerkt, daß ich sehr ernst bleibe und die Vorgänge am Ufer mit +keiner Geste oder Miene abfällig beurteile, spricht sie, mich +unausgesetzt im Auge behaltend: „Der Junge ruft doch unausgesetzt.“ + +„Der Junge ruft?“ frage ich erstaunt. „Ich höre nichts.“ + +„Freilich nicht“, sagt die Alte. „Ich kann das auch nicht hören. Kein +Mensch kann das Rufen hören. Aber das Licht hört das Rufen.“ + +„Das Licht?“ frage ich. Und weil ich glaube, nicht genau verstanden zu +haben, was sie in ihrem vermischten Dialekt gesagt hat, frage ich noch +einmal: „Sie wollen sagen, das Licht hört das Rufen!“ + +„Wenn er überhaupt im Wasser ist, dann ruft er. Und er wird das Licht zu +sich heranrufen. Und das Licht wird kommen. Das Licht wird zu ihm kommen +und wird bei ihm stehenbleiben, weil es seiner Stimme folgen muß.“ + +Es war Nacht. Beinahe Mitternacht. Und es war im Dschungel, und ich war +mitten unter Indianern. Als die Alte das so erzählte, als ob es sich um +irgend etwas ganz Alltägliches handele, kam mir der Gedanke, daß +entweder sie irre ist, oder ich bin es. Aber ich hatte auch gleichzeitig +das Gefühl, daß in dieser Umgebung, unter diesen Umständen und unter +diesen Vorgängen, die sich seit nun etwa vier Stunden zugetragen hatten, +alles andere, was die Alte mir erzählt haben würde, unnatürlich +geklungen hätte, daß sie gar nicht anders reden konnte, als sie in +Wirklichkeit tat. + +Ich blieb bei ihr hocken. Sie sagte nichts mehr, rauchte ruhig weiter +und blickte gleichgültig zu der großen Gruppe hinüber. Der Alte hielt +das Brett mit dem brennenden Licht noch weiter vor sich und begann nun +laut zu reden. Es war wie eine Beschwörung. Nach einer langen Reihe von +Worten folgte jedesmal ein Satz, der durch eine Pause eingeleitet wurde +und mit gehobener Stimme gesprochen wurde. Dieser Satz wurde von allen +Anwesenden in einem singenden getragenen Tone als Refrain +nachgesprochen. + +Alle Männer hatten den Hut in der Hand und folgten der Zeremonie ernst +und feierlich. + +Es kam häufig das Wort „Heilige Jungfrau“ darin vor, was als Refrain +gesprochen wurde. Aber das Gefühl, daß, wenn die Indianer beten, sie +zwar den Namen des christlichen Gottes und der christlichen Heiligen auf +den Lippen tragen, jedoch in ihrer Vorstellung ihre alten heidnischen +Götter haben, hatte ich vorher nie so stark und unabweisbar empfunden +wie in dieser Nacht. Sie sprachen „Heilige Jungfrau“, aber sie meinten +die indianische Göttin Cioacoatl. Wie kann ein zimtbrauner Indianer sich +vorstellen, daß die gnadenreiche Göttin, die er bittet, in seinem Herzen +zu wohnen, eine weiße Hautfarbe hat, die Farbe, die ihn an Leichen und +an Aas erinnert, die Farbe einer Haut, deren Ausdünstung ihm unangenehm +ist? Die Namen der Götter und Göttinnen hat er gewechselt, ihre Gestalt, +ihre Hautfarbe, ihr Wesen nicht. + +Diese Beschwörung geht eine gute Weile nun vor sich. Endlich hebt der +Alte das Brett sehr hoch, so hoch seine Arme reichen, so daß es sich im +Wasser widerspiegelt, und spricht noch einen langen Satz, der mit einem +von allen gesprochenen Refrain endet. + +Blitzschnell hat sich Perez ausgekleidet, und während er bis zu den +Schenkeln im Wasser steht, reicht ihm der Alte das Brett mit der +brennenden Kerze. + +Perez hält das Brett hoch über sich und watet in den Fluß, bis ihm das +Wasser über die Hüften reicht. Jetzt wartet er eine Zeit, damit das +Wasser, das durch sein Waten in Bewegung gekommen ist, sich beruhige. +Dann setzt er ganz behutsam das Brett auf den Wasserspiegel und watet so +ruhig als möglich zum Ufer zurück. Das Brett folgt ihm ein klein wenig, +weil das Hinauswaten einige schwache Wellen zurückließ. + + + + + 12 + + +Nun steht das Brett ruhig im Wasser, als ob es entscheiden wolle, wohin +es zu gehen habe. + +Perez wickelt sich sein Hemd um die Lenden und tritt vom Ufer zurück, um +von der Brücke aus das Brett zu beobachten. Aller Leute, die anwesend +sind, bemächtigt sich jetzt eine atemlose Spannung. Die Männer haben die +Hüte noch in der Hand, oder sie haben sie irgendwo hingeworfen. Niemand +raucht. Man hört nicht ein Wort. Nur das Singen und Tschirpen des +Dschungels tönt in der Luft. Gebannt hängen alle Augen an dem Licht. +Niemand weiß, ob das Wunder vor sich gehen werde, wie es Jahrhunderte, +vielleicht Jahrtausende vor sich gegangen ist. Ein einziger Glaube +erfüllt diese Versammlung von Menschen, und nicht einer denkt, daß jenes +Licht versagen könne. Es muß versagen, wenn der Junge nicht im Wasser +ist; denn wenn er nicht ertrunken ist, kann er nicht rufen, und das +Licht kann nur dem Rufe folgen. Plötzlich ein unterdrückter Aufschrei +und der gleichzeitige Atemzug eines vielköpfigen Körpers: + +Das Brett hat sich bewegt. + +Unendlich langsam schwimmt es vom Ufer fort nach der Mitte des Flusses +zu. Es bleibt stehen, wiegt und wackelt ein wenig auf dem Wasser und +rückt, kaum merklich, wieder weiter voran. + +Die ganze Front der geländerlosen Brücke ist mit Menschen besetzt, die +auf dem Boden knien, die Hände auf den Balken stützen, den Kopf weit +über den Rand der Brücke halten und mit stieren Augen auf das Brett +starren. Niemand wagt zu atmen, teils aus Spannung, teils aus einem +Gedanken heraus, daß der Atem den Lauf des Brettes beeinflussen könne. + +Ich sehe alle diese braunen, dunkelroten und dunkelgelben Gestalten der +Reihe nach an. Die schwarzen Augen spiegeln in einem Funken das Licht +auf dem Brette wider. Nackte Körper und von zerfetzten Hemden +halbbedeckte Körper. Auf den Scheiteln und in den Nacken das dicke, +schwarze, strähnige, ölig glänzende Haar. Die Füße nackt oder mit rohen +Sandalen bekleidet. Dazwischen die Frauen mit ihren roten, grünen, +blauen und gelben Gazekleidern und mit grellfarbenen Blumen im Haar, +durch den Gegensatz ihrer europäisch erscheinenden, in modernen Fabriken +hergestellten Kleidung viel unheimlicher wirkend als die Männer, deren +halbe oder zerlumpte Kleidung natürlicher und harmonischer erscheint. + +Der Gedanke an die mysteriöse Handlung, die diese unheimlichen Gestalten +vornehmen, ihre abergläubische Hoffnung, daß das Wunder sich vollziehen +werde, das trübe Licht der Laternen von der Pumpe her, das flackernde +Aufflammen eines der Uferfeuer, das wieder angefacht worden ist, das +schwimmende Brett mit dem Licht im Wasser, das der Mittelpunkt aller +Augen ist, das dumpfe Schweigen dieser Masse von Menschen und das Singen +des Dschungels, beginnt so entsetzlich auf mir zu lasten, daß ich fühle, +mich nur durch einen gewaltigen Schrei von dem Alpdruck, der mir die +Kehle abschnürt, befreien zu können. Wo ist die Welt? Wo ist die +Menschheit geblieben? Ich bin auf einem anderen Planeten, von dem ich +nie mehr zurück kann, zu meiner Rasse, zu meinen Wiesen und meinen +Wäldern und meinen Bergen. Ein einziger hier braucht jetzt nur +aufzustehen, mit dem Finger auf mich zu weisen und zu sagen: „Der da, +der Weiße, der Fremde, der ist schuld; der hat das Unglück über die +Mutter und über uns alle gebracht. Er ist hierher gekommen, und sofort +hat der Fluß, der ihn haßt, uns das Kind geraubt. Seht ihr es nicht an +seinen Augen, mit denen er unsere Kinder vergiftet?“ + +Ich wäre nicht der erste Weiße, der in ein Indianerdorf kam und mit +seinen Augen ein oder zwei oder gar noch mehr Kinder mordete, gesunde +Frauen tödlich erkranken, kräftige Männer im Busch verunglücken ließ, +Hühnern die Eier aus dem Neste wegguckte und die Jaguare herbeisang, um +die schönsten jungen Kühe zu schlagen. Und wenn sie mir hier meine +Zauberei und Morderei heimzahlen und ich nicht wieder zurückkehre, wer +wird je erfahren, wo ich geblieben bin, wo meine Gebeine faulen und +meine Knochen bleichen? Die Geier arbeiten schneller als die Alligatoren +und die Riesenkrebse. „Auf einer Reise durch den Dschungel umgekommen.“ +„Beim Fischen von Alligatoren gepackt worden.“ + +Aber warum sollte ich Unbehagen empfinden? Da steht ja Sleigh, weiß am +Körper wie ich, Gedanken, die ich denke, Sprache, die ich spreche. Er +steht hinter den Knienden und blickt ebenfalls nach jenem Brette. Sollte +diese Masse von einem dummen, ihr aber sehr vernünftig erscheinenden +Gedanken ergriffen werden, Sleigh ist meine Rettung. Er würde an seinem +großen Hute rücken und würde sagen: „Aber das dürft ihr doch nicht +machen. Das ist ja dumm. Er hat den Jungen nicht ins Wasser geworfen.“ +Dann würde er sich zu mir wenden und sagen: „Ich muß nach der schwarzen +Kuh sehen, vielleicht ist sie jetzt hereingekommen.“ Und dann würde er +mich allein lassen. Wenn ich in Stücke gerissen bin, wird er +zurückkommen und zu den Leuten sagen: „Wer hätte so etwas gedacht? Ich +glaube nicht, daß er den Jungen ins Wasser geworfen hat.“ Sleigh! Wer +ist Sleigh? Er lebt ein halbes Menschenalter unter diesen Indianern, er +hat eine Indianerin zur Frau und hat Kinder mit ihr. Er ißt nur +indianische Kost und fühlt sich in einem Hause, wie es hier Weiße haben, +ungemütlich. Nicht der aus einer Kreuzung hervorgegangene Wolfshund ist +er, nein, er ist der aus Bewußtsein und aus Gleichgültigkeit gegenüber +dem zivilisierten Menschen sich selbst erzeugte Wolfshund. Ohne eine +Miene zu verziehen, wird er dabeistehen, wenn diese erregte Masse +plötzlich eine lächerliche Idee bekommt und mich zerfleischt. + + * * * * * + +Das Brett ist jetzt etwa fünf Schritte vom Ufer entfernt. Es rastet +wieder eine Weile, beginnt nun zu quirlen und gerät quirlend in die +Strömung des Flusses. Die Strömung ist eine ganz leichte, sie ist kaum +bemerkbar, aber doch vorhanden. Einen Schritt folgt das Brett der +langsamen Strömung, dann bleibt es stehen und quirlt wieder auf der +Stelle. + +Abermals folgt es der Strömung drei oder vier Schritte, was eine gute +Weile in Anspruch nimmt. Und abermals steht es, quirlt herum und kommt +nun ganz langsam zurück, der Strömung entgegen. + +Die Menge findet nichts Auffallendes oder gar Verwunderliches in der +Tatsache, daß jenes Brett der Strömung entgegengleitet. Das erscheint +diesen Leuten in dem Falle durchaus natürlich. Sie sind nunmehr +überzeugt, daß der Junge im Wasser ist, daß er ruft, und daß er nicht +die Strömung hinuntergeschwemmt ist. + +Das Brett kommt zurück, so langsam freilich, daß man sein Kommen nur +bemerken kann, wenn man die Punkte markiert, wo es vor einer Weile war, +und wo es jetzt ist. + +Nun hat es sich verfangen in dem Geäst eines irgendwo am Ufer +abgerissenen Strauches, der sich in Wasserpflanzen festgehängt hat. + +Regungslos sieht die Menge zu, und auf den Gesichtern vieler zeigt sich +Enttäuschung. Einer der Männer will hineinspringen, um das Brett zu +befreien, aber der alte Indianer verbietet es ihm und sagt: „Kein +Strauch und nichts kann das Brett festhalten. Laßt uns geduldig warten.“ + +Und in der Tat, es dauert nicht allzulange, da quirlt das Brett wieder +und dreht sich aus den umklammernden Ästen heraus. Es schwimmt weiter +der Strömung entgegen, und langsam kommt es wieder auf die Brücke zu. + +Nun steht es am siebenten Pfeiler, stößt leicht gegen ihn und wird +wieder abgestoßen. Es beginnt nunmehr auf den sechsten Pfeiler +loszuwandern. Dort angekommen steht es lange und ganz ruhig. + +„Jetzt steht es! Da ist der Junge!“ wird von einem Dutzend Stimmen +gleichzeitig gerufen. + +„Laßt uns warten!“ sagt der Alte. „Das Licht steht noch nicht.“ + +Und kaum hat er das gesagt, da löst sich das Brett von dem Pfeiler los +und wandert, immer längsseit der Brücke haltend, auf den fünften Pfeiler +zu. Auf seinem Wege wird es wieder und wieder von der leisen Strömung +getroffen, wodurch es mehrere Male von der Brücke einen Fuß oder einen +halben abgetrieben wird. Aber immer kommt es zurück zur Brücke mit einer +Beharrlichkeit, als würde es von einem festen Willen gelenkt. + +Es hängt nun wieder am fünften Pfeiler. Aber nicht lange. Dann dreht es +sich um diesen Pfeiler und wandert schneckenlangsam unter die Brücke. + +Die Leute klammern sich mit den Händen fest an dem Balken und stecken +die Köpfe weit herunter, um die Wanderung des Brettes besser verfolgen +zu können. Ein großer Teil springt erregt auf und läuft auf die andere +Längsseite der Brücke hinüber, weil man jetzt von der anderen Seite +ebensoviel bereits sehen kann wie von dieser. Andere wieder haben sich +in die Mitte der Brücke flach auf den Bauch gelegt und stieren durch die +weiten Spalten der Bretter auf das Wasser hinunter. Das Brett ist immer +dieser Pfeilerverstrebung entlang gekrochen, bis es endlich mitten unter +der Brücke ist. Dort hält es eine Weile und wandert nun, immer genau +mitten unter der Brücke haltend, auf den vierten Pfeiler zu, jedoch nur +auf die Länge eines Fußes. + +Hier steht es nun. Und hier steht es jetzt wie genagelt. Es kehrt sich +weder an Strömung noch an die leichte Brise, die über das Wasser fegt. + +Der Menschen bemächtigt sich eine ganz ungeheuerliche Erregung. Man hört +ihr schweres Atmen. Den meisten bricht dicker perlender Schweiß aus. Das +lastende Schweigen wird von einem gelegentlichen Flüstern unterbrochen, +so schüchtern, als habe man Angst vor der eigenen Stimme. + +Das Brett beginnt nun, ohne sich auch nur einen Finger breit von der +Stelle fortzubewegen, zu tänzeln und zu schaukeln und dreht sich dabei +langsam im Kreise. Es macht den Eindruck, als wolle es nach unten gehen, +auf den Grund des Flusses, und als sei auf der Unterseite des Brettes +ein Haken, an dem es nach unten gezerrt würde. + +Der Alte beobachtet das Brett sehr scharf und ausdauernd. Endlich sagt +er: „Da könnt ihr jetzt tauchen. Da liegt der Kleine.“ + +Eine Stelle, an der ihn niemand gesucht, niemand vermutet hätte. Denn +wie kann er, der über den Rand der Brücke gestolpert ist, unter der +Brücke liegen? + +Perez ist schon im Wasser, und sofort folgen ihm zwei andere Männer. +Perez ist der erste an der Stelle. Er schiebt das Licht beiseite und +taucht unter. + +Nach wenigen Sekunden kommt er wieder hoch und ruft: „Der Junge ist da. +Ich habe ihn gefühlt.“ + +Die Leute auf der Brücke sind alle aufgestanden und sehen auf Perez, der +von dem flackernden Licht trübe beleuchtet, ein unheimlich entsetztes +Gesicht zeigt. + +Die Garza hat den Mund weit aufgerissen, kann aber nicht schreien. Sie +ballt eine Faust und steckt sie in den Mund. In ihren Augen jagen +Grauen, Angst vor der letzten brutalen Wahrheit und ein schwacher +Glimmer von Zweifel und Hoffnung. Nicht wissend, wohin ihren Blick zu +lenken, starrt sie mit einem Ruck nach der Richtung auf den Weg nach +Magiscatzin, wo der letzte Funke der Hoffnung ruhen bleibt. + +Kein Wort fällt, man hört nur das leichte Scharren von Füßen auf der +Brücke. + +Perez ist wieder getaucht und mit ihm einer der Männer. + +Sie kommen hoch mit den Händen voll faulen Ästen und Gestrüpp. + +Dann tauchen sie aufs neue. Es blubbert, abgerissene Pflanzen und +kleines Gesträuch quirlen hoch. Triefend taucht einer der Männer auf, +und drei oder vier Sekunden später erscheint auf der Wasserfläche etwas +Schwarzes, das langsam hochkommt, bis man erkennt, es ist der dichte +Haarschopf des Perez. Sein Kopf ist nun ganz über Wasser. Er schüttelt +sich, prustet, atmet und schluckt und kommt nun weiter nach oben. In +seinen Armen hat er den kleinen Carlos, dessen Beinchen, mit den neuen +Stiefelchen an den Füßen, in einen unnatürlich spitzen Winkel +eingekrümmt sind. + +„Chiquito mio!“ schreit die Garza und rennt zum Ufer, wo sie Perez +erwartet. + +Perez kommt herangewatet und steigt die niedrige Uferböschung empor. Nun +steht er vor der jungen Mutter, die in ihrem grünen flimsigen Tanzkleide +und mit den glutroten Blumen im Haar ihn mit weit ausgestreckten Armen +empfängt. Mit unsagbar trauriger Geste, wie sie nur Tiere und Menschen +des Urwaldes und Dschungels ausdrücken können, legt er den kleinen +Leichnam in die ausgestreckten Arme der Mutter. Er tut es mit solcher +Zartheit, als wäre der Körper hauchdünnes Glas. + +In diesem Augenblick schreien die Pumpmeisterin und eine Anzahl anderer +Frauen schrill auf, und der Schrei geht in das klagende Trauerschreien +über, das eine Weile andauert und dann abebbt. + +Die Garza hat den Kleinen gegen ihre Brust gepreßt. Mit der einen freien +Hand quetscht sie seine feuchten und geschrumpelten Händchen. + +Perez schleicht sich scheu hinweg, als habe er das ganze Herzeleid +verursacht. + + + + + 13 + + +Ein älterer Indianer kommt herbei, redet auf die Mutter ein und nimmt +ihr das Kind ab. Er hält den kleinen Körper an den Füßen hoch, und aus +dem Munde fließt nichts als Blut und nur ganz wenig Wasser. An der Stirn +wird jetzt eine dicke Beule sichtbar. Nase und Mund sind verquollen, und +der Oberkiefer ist aufgeschlagen. Ich taste den nach unten hängenden +Schädel ab und fühle ein kleines Loch. Eine Laterne ist jetzt zur Hand, +und ich sehe, daß dieses Loch offenbar von einem Nagel herrührt. + +Ein anderer Mann preßt nun den Leib des Knaben, aber auch jetzt fließt +nur wenig Wasser aus dem Munde, während immer noch Blut sickert. + +Der Garza laufen die Tränen dick aus den Augen, und sie schnüfft +ruckweise und schwer mit der Nase, die sie einige Male mit dem Kleide +abputzt. Sie versucht, die Knie des Kleinen durchzudrücken, damit die +Beinchen, die so spitzwinklig in den Kniegelenken eingekrümmt sind, daß +die Hacken beinahe die Oberschenkel berühren, gerade werden mögen. Trotz +ihres Schmerzes denkt sie doch schon an die „schöne Leiche“, die das +Kind sein soll, das letzte, was sie für ihren Kleinen tun kann. Und mit +den spitzen Beinchen dürfte die Leiche wohl nie schön aussehen. Aber die +Knie sind schon ganz starr, und es gelingt ihr nicht. Endlich versucht +der Mann, der bisher den Leib auspreßte, die Knie durchzubiegen, und +nach langem geduldigen Kneten, Drücken und Ziehen gelingt es ihm auch. +Während der Mann an den Knien massiert, streichelt die Mutter die +kleinen Stiefelchen, deren fabrikneuer Lackglanz an vielen Stellen der +langen Einwirkung des Wassers widerstanden hat. Sie drückt und preßt die +Stiefelchen, und während sie, zweifellos, dumpf die geheimnisvollen Wege +des Schicksals empfindet, daß die aus inniger Bruderliebe dargebotene +Gabe gleichzeitig die mittelbare Ursache des Todes des beschenkten +Kindes wurde, beginnt das hineingewürgte Weinen sie zu ersticken und +nun, zum erstenmal, seit der Kleine vor ihren Augen ist, stößt sie einen +markerschütternden Schrei aus, der die tiefe Nacht des Dschungels +aufzureißen scheint. + +Die wenigen Sekunden Schweigen, die diesem Wehschrei folgen, wirken so +beklemmend, als versänke die Welt. Und abermals stößt die Garza einen +Schrei aus. Diesmal ist er aber nicht so gell, jedoch mehr gezogen und +klagend. + +Die Männer, die herumstehen, fühlen sich gedrückt und scheu. Sie +schlagen die Augen nieder, tasten an ihrem Gesicht oder an ihren +Kleidern verlegen hin und her. Angesichts des Schmerzes der Garza +schrumpfen sie in sich zusammen und werden ganz klein und ärmlich. Sie +ahnen den Schmerz der Mutter, denn sie alle haben eine Mutter gehabt, +eine Mutter, die, wie alle Mütter nichteuropäischer Völker, ihre Kinder +mit einer, uns tierisch anmutenden, Zärtlichkeit lieben und behandeln. +Sie ahnen das Weh der Mutter, aber weil sie Männer sind, können sie das +Weh nicht fühlen. Und weil sie in diesem Gefühl von der Natur +benachteiligt wurden, kommen sie sich jetzt allesamt so arm, so +erbärmlich und so schuldbewußt vor. Keiner wagt die Mutter zu berühren +oder sie zu trösten, sie stehen da wie kleine Jungen, die sich schämen. + +Da kommt die Pumpmeisterin herbei, umarmt die Garza, als ob sie sie +zerpressen wollte, und küßt sie wie wild auf den Mund, auf die Backen, +auf die tränenden Augen. Sie hebt ihr feines Kleid auf und trocknet der +Garza die Tränen und die Nase und küßt sie wieder und wieder. Dann haben +sie beide ihren Kopf auf die Schulter der anderen gelegt, halten sich +fest umarmt und schreien und schreien. + +Wer hätte geglaubt, daß die feine Pumpmeisterin sich je so gehen lassen +würde. Die Mütter. Die Mütter. Und die Männer werden noch kleiner, noch +beschämter, noch ärmer und haben nur einen Wunsch: Auch weinen zu +können. Sie verzerren die Gesichter und möchten am liebsten zehn Meilen +weit entfernt sein. + +Die Männer beneiden die beiden, die den kleinen Leichnam hochhalten und +sich damit beschäftigen können. Nur etwas zu tun haben. Und die Männer +fangen an, sich zu drehen und auf den Beinen hin und her zu treten, sie +sehen sich um, ob nicht irgendwo eine Arbeit für sie wartet. Sie klauben +Holz auf und werfen es wieder fort, weil es ja nun nicht mehr nötig ist, +ein Feuer anzuzünden. + +Sleigh kommt heran, steht eine Weile unschlüssig da und sagt dann zu +mir: „Ich werde Kaffee kochen gehen, damit die Garza was Warmes kriegt.“ + +Die Pumpmeisterin löst sich nun aus den Armen der Garza und betrachtet +den Kleinen, der immer noch mit den Füßen hochgehalten wird, weil man +nicht weiß, was man Besseres tun soll. Sie hebt den Kopf an, streicht +das Haar zurück und streichelt das Gesicht. Über ihre Hände läuft das +wässerige Blut, und mit ihrem Kleide wischt sie dem Kleinen den +blutenden Mund und die blutbeschmierte Nase ab. Das Blut läuft aber +gleich wieder nach. + +Der Kleine hat die Stiefelchen an und kurze neue Strümpfchen. Das kurze +Höschen ist alt, geflickt und hat eine Menge Löcher, wie die Hose eines +jeden kleinen Jungen, der nur die eine Hose hat für den allgemeinen +Gebrauch. Hosenträger hat er nicht. An deren Stelle ist eine Strippe, +die von einem vorderen Knopf rechts nach einem hinteren Knopf links über +die Schulter geht. Dann hat er noch ein weißes zerrissenes Hemdchen an. + +Während er jetzt so hoch hängt, rutscht aus einer der Hosentaschen ein +kleines Holzpfeifchen hervor. Als es herunterfallen will, fängt es die +Garza auf, und als sie es betrachtet, fängt sie an zu weinen, diesmal in +einem stillen wehmütigen Zuge, der sie durch und durch schüttelt. Sie +schiebt das Pfeifchen oben in ihre offene Brust. + +„Hat er keinen Hut gehabt?“ fragt einer der Männer. + +Erregt und als ob sie von einem Zauberbann erlöst wären, drängen die +Männer, die diese Frage gehört haben, heran. Es gibt Arbeit. Sie dürfen +ins Wasser springen, um den Hut zu suchen und herauszufischen. + +Aber die Hoffnung auf Tätigkeit war verfrüht, denn die Mutter sagt, daß +der Hut im Hause sei. Das sei mit einer der Gründe gewesen, warum sie +nicht geglaubt habe, daß er fortgeritten sei. Die Hälfte von dem, was +sie sagt, muß man sich freilich selbst zusammenreimen. + +Wir stehen noch am Ufer, dicht neben dem Anfang der Brücke. Durch die +Laterne, die hier einer hochhält, wird ein Teil der Brücke beleuchtet. +Ich sehe auf, weil ich an Sleigh denke, der, wie mir erscheint, vor +einer Woche zu mir gesagt hat, daß er Kaffee kochen gehen wolle. + +Da kommt einer von der anderen Seite des Flusses über die Brücke. Er +geht schwer und schleppend wie ein sehr alter Mann. Wenn er den Fuß +hebt, so ist es, als klebe der Fuß fest und als müsse er ihn erst +jedesmal losreißen. Den Kopf hält er ganz tief gebeugt. Ehe ich sehe, +wer es ist, kenne ich ihn an seinem städtischen Texashute. Manuel. + +Jetzt hat er den Anfang der Brücke hier erreicht. Eine Weile steht er +still, dann kommt er langsam heran, ohne aufzusehen. Er ist bleich, +soweit es die Farbe seiner Haut nur zuläßt. Sein Gesicht ist ganz schmal +geworden. Seine Augen sind matt und müde. + +Die Garza sieht auf zu dem großen Jungen. Ihre Augen stehen dick mit +Wasser. Sie öffnet den Mund und will etwas sagen. Aber dann läßt sie den +Mund zuklappen wie ein Automat. + +Manuel steht nun ganz dicht vor den beiden Männern, die den Jungen +halten. Den Kopf ganz tief auf die Brust gesenkt, hebt er langsam die +Arme und streckt sie weit vor sich hin mit den offenen Handflächen nach +oben. + +Der Indianer, der den Jungen hochhält, sieht Manuel an wie einen Geist, +der plötzlich erschienen ist. Dann stützt er den Kopf des kleinen +Leichnams mit der einen Hand, hält den Körper wagerecht und legt ihn +schweigend in die hingestreckten Arme des großen Bruders. + +Niemand sagt ein Wort. Aber alle Männer und Burschen, die inzwischen +ihre Hüte wieder aufgesetzt hatten, nehmen jetzt die Hüte ab, auch die +beiden Männer, die sich bis zu diesem Augenblicke mit dem Kleinen +beschäftigt hatten. + +Eine Weile steht Manuel jetzt so da, den Kopf immer noch tief auf die +Brust gesenkt und den Kleinen in den vorgestreckten Armen haltend wie +ein Opfer, das dargebracht werden soll. Er ist jetzt der einzige, der +den Hut auf hat. Und dieser hellgraue, breitrandige, hohe Hut über dem +tiefbraunen Gesicht, das man kaum als Gesicht erkennen kann, läßt den +Vorgang unwahrscheinlicher erscheinen als einen fremdartigen Traum. + +Mir wird das Bild so unerträglich, daß ich dasselbe Angstgefühl bekomme, +das ich für einige Sekunden empfand, während das Brett auf dem Wasser +schwamm. Um dieses Gefühl zu zerstreuen, entschließe ich mich, zu +handeln, irgend etwas zu tun. Ich gehe rasch auf Manuel zu, berühre +seinen Arm und sage: „Bitte!“ + +Ob Manuel es gehört hat oder nicht, weiß ich nicht. Er verrät durch +keine Miene, daß er verstanden hat, was ich sagte. Ich aber lege meine +Hand auf die Brust des Kleinen, schiebe das Hemdchen zurück und lege +mein Ohr auf die Stelle, wo sein Herz ist. Ich weiß, daß der Junge so +gut wie tot war, ehe er das Wasser berührt hatte, und daß er bestimmt +tot war, fünf Minuten nachdem ich den Platsch – nein, nachdem ich den +Fisch im Wasser hatte hochspringen hören. Denn es war ein Fisch. +Zweifellos. Ich möchte nicht, daß dieser Platsch mir mein ganzes Leben +hindurch im Ohr klinge, wenn ich für eine Sekunde meine Gedanken ruhen +lasse. + +Der kleine Körper ist eiskalt, und auch nicht das leiseste Klopfen +seines so fröhlichen Herzens ist zu vernehmen. Es hat auch niemand hier +gehofft. Aber sie lassen mich handeln. Ich hebe den Kopf hoch, man sieht +mich fragend an, und als ob ich nicht ganz sicher gewesen sei, lege ich +mein Ohr ein zweites Mal auf die kleine Brust. Diesmal länger, und ich +fühle die Kälte des Todes noch stärker als zuvor. Als ich nun wieder den +Kopf hebe, wende ich mich ab, ohne jemand anzublicken, obgleich ich +weiß, daß alle Augen auf mich gerichtet sind, als ob ich etwas +Unerwartetes zu erzählen hätte. Aber man begreift durch mein Abwenden, +daß Unerwartetes nun nicht mehr eintreten kann. + +Mein Angstgefühl ist verflogen. Durch diese Handlung bin ich in die +Trauergemeinde aufgenommen worden, sie zählen mich zu den ihrigen, weil +ich an ihrem Schmerze Anteil nehme. + + + + + 14 + + +Manuel schreitet langsam über die Brücke, mit dem Kleinen vor der Brust. +Neben ihm geht die Garza, von einer Frau begleitet, die ihren Arm um die +Schulter der trauernden Mutter geschlungen hat. Hinterher folgen alle +Männer und Burschen, den Hut in der Hand. Als Manuel an der Stelle der +Brücke angekommen ist, unter der Carlos gefunden wurde, bleibt er einen +kurzen Moment stehen. Die Garza stößt einen klagenden Schrei aus, und +die Frau schlingt sie fester in ihre Arme, um sie zu trösten. Einer der +Männer tritt zur Seite, ergreift sein Machete und haut an dieser Stelle +des Seitenbalkens eine tiefe Kerbe in das Holz als ein Denkmal. Der Zug +geht weiter, erreicht das andere Ufer und kommt über die +Dschungellichtung zu dem gekehrten Platze der Hütte, wo am Abend der +Garza fiedelte und Carlos dem großen Bruder das Haar zerzauste. + +Wir kommen in die Hütte. In ihrem Innern ist sie eine der ärmlichsten +Indianerhütten, die ich je gesehen habe. Weder Tisch noch Stühle noch +Bank. Nicht einmal das einfache, zusammenklappbare Holzgestell mit einem +darüber gespannten Segeltuch, das hier der Mehrzahl der Bevölkerung als +Bett zu dienen hat, ist vorhanden. Ein Gerüst aus dünnen rohen +Baumstämmchen, mit Bast und Bindfaden zusammengehalten, wird von dem +Ehepaar als Bett benutzt. Eine alte Decke, als Kissen ein Bündel Gras. +Der Schlafplatz der Jungen ist oben auf dem Grasdach der Hütte, mit dem +Himmel als Decke und Moskitonetz. + +In der Hütte sind vorausgeeilte Frauen schon tätig gewesen. Sie haben +Kerzen herbeigeschafft, sie in leere Flaschen gesteckt und auf Kisten +aufgestellt. Die Hütte bekommt dadurch ein feierliches Aussehen, das die +Garza, als sie beim Eintreten die Lichter erblickt, zu einem erneuten +Ausbruch des Schmerzes hinreißt. Aber sie schüttelt den Schmerz diesmal +rasch ab und fängt an, sehr geschäftig zu werden. Zuerst weiß sie nicht +recht, wo beginnen. Sie rennt in diese Ecke, dann in jene, ergreift +diesen Gegenstand, dann wieder einen andern und legt ihn wieder aus den +Händen. Dann endlich geht sie zu einer Kiste, die auf dem Erdboden steht +und die der Kleiderschrank der Familie ist, und nimmt einen völlig +zerknitterten und verkrumpelten Ballen Stoff heraus. Sie hält ihn eine +Weile in der Hand und dreht sich suchend um. + +Da sitzt Manuel hockend auf einem Sack, der zu einem Drittel mit +Maiskolben gefüllt ist. Er sitzt da wie eine Bronzestatue, den Kopf noch +immer gesenkt und auf den Armen den kleinen Bruder vor sich. + +Sleigh erscheint im Eingang des Jacalito. Auf dem Kopfe trägt er seinen +Tisch, den einzigen, den er hat. Er läßt ihn jetzt herunter und bringt +ihn in die Hütte, wo er ihn in der Mitte, dem Eingang gegenüber +aufstellt. Gleich darauf kommt die Pumpmeisterin mit zwei weißen +Bettüchern, die sie auf dem Tisch ausbreitet. + +Manuel steht auf und legt den Kleinen auf den Tisch. Er sieht auf ihn +nieder, dann dreht er sich um und geht hinaus in die Nacht. + +Die Garza umklammert die kleinen Händchen, die zerweicht und alt +aussehen, und preßt sie so hart, als wollte sie ihnen damit wieder Wärme +einflößen. Nun sieht sie, daß der Kopf flach liegt und daß wieder Blut +aus Mund und Nase sickert. Sie geht zu ihrer Bettstatt und kommt mit +einer Handvoll Gras zurück, das sie ihm als Kissen unterlegen will. Auf +halbem Wege bleibt sie stehen, sieht auf ihr Kind und läßt das Gras +fallen. Eine Frau läuft fort und kommt im Augenblick zurück mit einem +kleinen schmutzigen Kinderkopfkissen. Die Pumpmeisterin kramt in den +Lumpen herum, sucht sich etwas zusammen, und sie näht mit flinken +Fingern ein zweites Kissen. + +Die Kissen und die weißen Tücher bekommen große nasse blaßrote Flecken, +die sich immer weiter ausdehnen. + +Die Garza zieht dem Kleinen nun die Stiefelchen aus, die Strümpfe, die +zerflickte und zerlöcherte Hose und das zerrissene Hemdchen. + +Die Pumpmeisterin findet einen Kamm und kämmt dem Kleinen das Haar. Erst +macht sie einen Scheitel links, dann gefällt er ihr nicht, und sie macht +ihn rechts. + +Die Hähne krähen zum zweitenmal in der Nacht. Es ist ein Uhr. + +Die Garza hebt jetzt den zerknüllten Ballen Stoff von der Erde auf und +verwandelt ihn zu einem ganz billigen blauen Matrosenanzug, den +Sonntagsanzug des Kleinen und sein größter Stolz. Sie zieht ihm das +Höschen und das Jäckchen an. Der große Matrosenkragen hat drei schmale +weiße Kanten. In seinem geflickten Höschen, der quer über die Schulter +gezogenen Strippe und dem zerrissenen Hemd sah der Junge schön aus, ein +echtes Kind des Dschungels. Nun aber sieht er aus, als sei er in einer +Fabrik in Manchester, Chemnitz oder New Jersey per Gros als Nr. 3½ +angefertigt worden. Immerhin, sein braunes, wenn auch verquollenes +Gesichtchen, die strengen Züge seines reinen unvermischten +Indianerblutes triumphieren über die blaßhäutigen Krämer, die eine Welt +zu vergiften suchen. Über seinem Gesicht vergißt man die Peitschmeister +und Schwitzhöhlen New Yorks, wo die weißen Sklaven sich die Schwindsucht +anarbeiten, damit der Sohn des Dschungels in einem billigen +Matrosenanzug, dessen Sinn hier niemand versteht, begraben werden kann. +Denn zu seinen Lebzeiten hat der Junge den Anzug nur ein einziges Mal +getragen, und das war, als er ein Jahr jünger war. + +Weder die Hosen noch die Jacke lassen sich zuknöpfen, weil der Anzug +lange nicht mehr paßt, und weil der Körper nun auch noch aufgeschwollen +ist. Die Garza versucht es immer wieder, und immer wieder ist es +vergebens. Endlich preßt sie den Körper so fest zusammen, daß sie +zuknöpfen kann, und nun sitzt der Anzug so prall, daß man meint, er +müsse gleich platzen. Sie wringt die Strümpfe aus und hält sie gegen das +kleine Feuer, das auf dem Erdboden in der Hütte brennt, und wo ein +irdener Topf mit Wasser aufgestellt ist für Kaffee. Dann zieht sie dem +Kleinen die Strümpfe an und endlich auch die neuen Stiefelchen. + +Während der ganzen Zeit schnaubt sie mit der Nase, ohne ein Taschentuch +zu gebrauchen, das sie ja auch gar nicht besitzt. Wenn es ihr ein wenig +zu viel wird, hebt sie ihr Kleid an und gebraucht es für diesen Zweck, +oder sie nimmt einen Lumpen auf, der mit aus der Kiste gerissen wurde. + +An der einen Seite der Wand ist ein Brett befestigt dadurch, daß zwei +Bindfaden nach je einer Ecke des Brettes gehen, während die Hinterkante +des Brettes auf zwei kurzen Pflöcken aufliegt. Auf diesem Brett steht, +gegen die Staketenwand gelehnt, ein Muttergottesbild ohne Rahmen. +Daneben einige kleine Bildchen mit Heiligen und mit einem Spruch oder +Gebet auf der Rückseite. Vor dem Muttergottesbilde steht ein Glas mit +einem Lichtchen, das nie ausgehen darf. Aber wenn man kein Öl kaufen +kann und auf Dinge zu achten hat, die wichtiger für das Leben sind, so +geht das Lichtchen eben doch aus, wie es mit allen Sachen geht, die ewig +sind. Aber die Pumpmeisterin hat auch dieses Lichtchen in Ordnung +gebracht, und es glimmt wieder. Auf dem Brettchen stehen noch verwelkte +Blumen in mehreren zerbrochenen Scherben. Außerdem lag das Nähzeug +darauf, das die Pumpmeisterin für das Kissen gebrauchte, der Kamm, +Haarnadeln, Streichhölzer und noch so allerlei andere Kleinigkeiten, +darunter das Spielzeug des Kleinen: ein kleines, verbogenes und +verschrammtes Blechauto, ein Angelhaken, eine Schleuder aus einem alten +Autoreifen gefertigt, eine bunte Glaskugel, zwei Messingknöpfe, ein +abgebrochener Flaschenkork, einige Zigarettenbildchen und die kleine +Gitarre, die Manuel mitgebracht hat. An der Seite des Brettes, über die +Ecke gehängt, ist ein ganz billiger Rosenkranz. + +Durch Aufstellen von dünnen Stämmchen, die mit Bast verbunden und oben +am Dache befestigt sind, ist auf dreiviertel Breite der Hütte eine Wand +geschaffen worden, die einen schmalen Raum der Hütte abtrennt, in dem +alte Säcke liegen, Sattel- und Zaumzeug, ein alter Korb, in dem die +Hühner die Eier hineinlegen und ausbrüten. Außerdem hängt hier das +Wochentagskleid der Garza. Die paar Lebensmittel, die im Hause sind, +etwas Kaffee, brauner Rohzucker, Reis, Fett und Bohnen sind in einem +zerrissenen Schilfkorbe, der an einem Drahte in der Hütte hängt, damit +die Ratten und Mäuse nicht heran können. Dieser Korb baumelt so im Wege, +daß er immerfort in Bewegung ist, weil immerwährend von jemand, der +größer ist als die Garza, mit dem Kopfe daran gestoßen wird. Aber +niemand denkt daran, den Korb für diese Zeit anderswo hinzuhängen. +Gegenüber dem Feuer auf der Erde, an der Wand, steht das Blech zum +Backen der Tortillas, drei braune Tontöpfe, von denen einer halb +zerbrochen ist, eine eiserne alte Pfanne und der große Stein, auf dem +mit einem knüppelartigen kleineren Stein der Mais zermahlen wird. + +Es sind inzwischen noch mehr Kerzen gebracht worden, vier brennen neben +dem Leichnam und zwei sind vor das Muttergottesbild gestellt worden. +Durch diese brennenden Kerzen, durch die vielen Leute, die in der Hütte +sind, aus- und eingehen und durch die Frauen, die alle ihre +Sonntagskleider anhaben des Tanzes wegen, sieht der Jacalito, die Hütte, +gar nicht mehr so arm aus. Er sieht wahrhaft festlich aus und reich, und +man vergißt zuweilen ganz, weshalb diese festliche Stimmung hier in der +Hütte lagert. + + + + + 15 + + +Die Mehrzahl der Leute ist vor der Hütte geblieben, wo sie auf dem +Erdboden hocken, rauchen und schwätzen. Ab und zu kommen einige hinein, +während andere wieder hinausgehen. + +Der mittlere Junge, der halbverrückte, hockt gleich rechts beim Eingang +der Hütte auf dem Boden und heult still vor sich hin. Niemand achtet auf +ihn, und er selbst macht sich nicht bemerkbar, faßt nirgends zu und +kümmert sich um gar nichts. Ob er um den kleinen Stiefbruder weint, oder +darum, weil er die Frauen weinen sieht, oder weil er nichts Besseres zu +tun weiß, oder weil er glaubt, es sei seine Pflicht zu weinen, genau so +gut wie es sonst seine Pflicht ist, zu essen, wenn er gerufen wird, das +weiß niemand zu sagen. Aber niemand interessiert sich auch für ihn. Er +ist der Fremde hier, der einzige Fremde seit dem Augenblicke, wo ich zur +Trauergemeinde zähle. + +Manuel kommt jetzt still hereingeschlichen. Er sieht auf den Kleinen, +geht dann zu dem Altarbrett, nimmt den halbabgebrochenen Blechkamm +herunter und kämmt dem Kleinen den Scheitel wieder auf die andere Seite. +Er gebraucht dazu eine unglaublich lange Zeit. Die Pumpmeisterin steht +dicht daneben, zwischen dem Leichnam und dem Altarbrett, und näht aus +Pappstreifen und aus goldenem, silbernem, rotem und blauem Papier, das +sie sich zu verschaffen gewußt hat, eine Krone zusammen mit einem Kreuz +darauf. Das Kreuz hat einer der Männer mit seinem Messer aus einer +Konservenbüchse geschnitten und mit Hilfe tropfenden Stearins mit +Goldpapier beklebt. Die Pumpmeisterin nimmt unzählige Male Maß rund um +das Köpfchen herum, damit das Krönchen auch passen möge. Die Tränen +kollern ihr immer über das bunte Papier, das sie verarbeitet; aber +immer, wenn sie das Krönchen aufpaßt und es bei jedem Aufsetzen schöner +aussieht, lächelt sie. Und jedesmal, wenn sie es zurückgenommen hat von +dem Kopfe des Kleinen, kommt ihr eine neue Idee, um wieviel schöner und +lieblicher noch sie das Krönchen gestalten könne. Zwei Männer sind damit +beschäftigt, dem Kleinen die Knie, die noch immer zu spitz nach oben +stehen und verkrampft aussehen, durchzubiegen. Nach einer Weile glückt +es auch, und man legt ein Brettchen, das mit einem Steine belastet ist, +über die Knie, um sie eine Zeit so zu halten, damit sie nicht wieder +zurückknicken. + +Ich sehe, daß der Mund weit offen hängt. Es stört mich durchaus nicht, +und ich finde, daß diese Geste für einen kleinen Jungen, der so +plötzlich in eine neue Welt sieht, ganz natürlich ist und er gut seine +Reise so antreten kann, ohne daß es ihm jemand übelnehmen wird. Aber die +Mutter denkt anders darüber, und sie stellt sich eine schöne Leiche +feierlicher vor. Sie versucht, den Mund zu schließen. Aber der Mund will +nicht halten. Ich lasse mir einen Streifen von einem alten Hemd geben +und binde ihn dem Kinde über den Unterkiefer und den Scheitel. + +Wenn irgendein Indianer sich an dem Jungen betätigt, so wird kaum darauf +geachtet, und man sieht sehr gleichgültig zu. Sobald ich aber herankomme +und das Kind auch nur berühre, drängen sie alle um mich herum, und was +nur in der Hütte Platz findet, strömt von draußen herein. Es macht auf +mich ganz den Eindruck, als ob sie alle von mir erwarten, daß ich ein +großes Wunder verrichten, den Kleinen gar wieder ins Leben zurückrufen +würde. Denn der Gedanke, daß ich dem Jungen etwa gar nachträglich noch +etwas Böses durch den Blick meiner Augen oder durch die Berührung meiner +Hände antun könnte oder möchte, ist lange verschwunden. Ich kenne die +Leute hier nur seit drei Tagen, aber sie kennen mich alle. Mein Ruf ist +bis hierher gedrungen, lange, ehe ich kam. Und dieser Ruf wurzelt in +einer Geschichte, die sich in einem fern von hier liegenden +Indianerdorfe, das aber zu demselben Flußgebiete gehört, vor längerer +Zeit zugetragen hat. Im Mittelpunkt jener Geschichte war auch ein toter +Indianer, den ich, nachdem er schon acht Stunden tot war, wieder zum +Leben, oder richtiger, zum Atmen brachte, und den ich auch, das ist +unerschütterlicher Glaube der Leute jenes Dorfes, ins Leben +zurückgerufen haben würde, wenn sich nicht ein Teufel von einem +nichtswürdigen Spanier hineingemischt hätte, der eine gegenteilige +Behandlungsweise anordnete, der man folgte, und die den Indianer +innerhalb von zwanzig Minuten, was alle Anwesenden mit eigenen Augen +sahen, tötete. Daß jene Geschichte bis in dieses ferne Dschungeldorf +schon gedrungen war, erfuhr ich erst einige Tage später. + +Jedenfalls wird dieses Hochbinden des Unterkiefers anerkennend +beurteilt, und ich rutsche dadurch in den engeren Kreis der +Trauergemeinde. + +Die Pumpmeisterin, mit Hilfe eines Mannes, biegt nun die Ärmchen über +die Brust und bringt die kleinen Hände zum Falten. Weder die Arme, noch +die Hände wollen halten. Deshalb werden sie nun mit einem Bindfaden, der +in das Fleisch einschneidet, zusammengebunden. + +Dem Kleinen ist das Krönchen aufgesetzt worden. Verwunderlich, mit wie +geringen Mitteln die Frau ein solches kleines Kunstwerk zuwege gebracht +hat. Wenn man nicht ganz dicht dabeisteht, kommt man nicht auf die Idee, +daß die Krone aus Papier ist. Würde der Kleine nicht diesen +entsetzlichen Matrosenanzug aus New Jersey oder Crimmitschau anhaben, +der einen mehr zum Weinen als zum Lachen bringen kann, würde das Kind +aussehen wie der in einer armen Hütte aufgewachsene Sohn eines +entthronten texkukischen Königs, der im Tode seine Würde zurückerhalten +hat. + +Die Pumpmeisterin betrachtet den Knaben eine Weile lächelnd, und es +kommt ihr ein neuer Gedanke. Der Kleine ist noch nicht schön genug. Sie +geht hinaus, bricht einen dünnen Zweig von einem Strauche und beginnt +nun, mit dem Papier, das sie noch zur Hand hat, jenen Zweig +auszuschmücken. Und als es getan ist, da ist ein goldenes Zepter +entstanden mit einem kleinen Kreuz am oberen Ende. + +Sie bindet dem Kleinen die Hände los. Die Arme spreizen ein wenig +auseinander, und die Händchen, die dadurch auch auseinandergehen, stehen +starr über der Brust frei in der Luft. Durch das Ineinanderfalten der +Hände sind die Finger gespreizt worden. Sie sind in dieser Form erstarrt +und sehen aus wie Krallen, die irgend etwas über der Brust packen +wollen. Die Frau legt das Zepter in die kleinen Hände, schließt sie +wieder, biegt sie abermals zum Falten ineinander und bindet sie endlich +zusammen. + +Gerade als sie damit fertig ist, tritt Garza, der von Magiscatzin +zurückgekommen ist, in den Eingang der Hütte. + +Er steht ganz still im Eingang. Dann blickt er, ohne mit der leisesten +Geste in seinem Gesicht zu verraten, was in ihm vorgeht, auf seinen +Prinzen und sein Nesthäkchen. Nun nimmt er langsam den Hut ab und kommt +ganz nahe heran. Die Garza, die Pumpmeisterin und alle übrigen, die in +der Hütte sind, sehen ihn an. Sie alle wissen, wie sehr er den Kleinen, +das einzige Kind, das er von seiner jungen Frau hat, liebt. + +Mit leeren Augen, als ob da nichts wäre, sieht er auf den kleinen +Leichnam. Er versteht das nicht und faßt es nicht. Es kommt ihm gar +nicht zum Bewußtsein, daß der Junge tot ist, daß er ihn nie wieder +herumlärmen hören wird. Nach einer Weile dreht er sich um und blickt auf +den Boden, als ob er etwas suche. Als er wieder aufsieht, kollern ihm +die Tränen aus den Augen wie kleine Kieselsteine. Er fragt nicht wann, +er fragt nicht wo, er fragt nicht wie. Er ist ganz interesselos. Er +wendet sich ab, macht eine scharrende Bewegung mit dem einen Fuß, steht +dann eine Weile am Eingang, mit dem Kopf gegen den Stamm gelehnt, und +geht hinaus. + +Ein paar Männer, seine näheren Freunde, kommen auf ihn zu. Er aber sieht +sie nicht. Er verläßt den Hof, setzt sich wieder auf sein Pferd und +reitet fort. + +Ich gehe nun hinüber zu Sleigh. Hier vor der Hütte liegen die Leute +herum und schlafen. Andere sitzen und schwätzen. Wieder andere gehen +oder kommen. Aus allen Hütten sieht man Licht schimmern. Die Esel +schreien kläglich, und der Dschungel singt sein ewiges Lied, +unbekümmert, was um ihn herum vor sich geht. Ihm gegenüber zählen die +Menschen für nichts, er verachtet sogar ihren Dünger, den er gar nicht +annimmt, sondern den Fliegen und Käfern überläßt. + +Sleigh pustet am Feuer und hat nun endlich den Kaffee fertig. + +„Wollen Sie eine Tasse trinken?“ fragt er mich. + +„Bringen Sie den nur erst einmal da rüber zu den Frauen, damit die etwas +bekommen“, sage ich. + +„Gut,“ erwidert er, „ich koche gleich eine zweite Kanne, dann können Sie +davon haben.“ + +Das Mädchen schläft auf dem Boden unter ihrem Moskitonetz ruhig weiter. +Wahrscheinlich hat ihr Sleigh das von dem Jungen erzählt. Aber das läßt +sie kühl. + +„Wollen Sie nicht so gut sein und die Tassen bringen?“ Sleigh deutet auf +das Brett, wo einige Emailletassen stehen. „Zwei lassen Sie nur hier für +uns.“ + +Ich nehme die Tassen, und wir ziehen ab, hinüber zu den Garzas. Sleigh +stellt den Kaffee und die Tassen hin und bietet der Garza zu trinken an. +Sie nimmt die Tasse und trinkt mechanisch den heißen Kaffee hinunter. +Auch die Pumpmeisterin und einige andere Frauen kosten von dem Kaffee. +Dann dreht sich die Pumpmeisterin eine Zigarette und reicht das +Tabakbeutelchen der Garza, die auch zu rauchen beginnt, aber sich nicht +setzt, sondern steht oder herumhantiert. Viel kann man jetzt nicht mehr +tun. Endlich setzt sie sich doch, hält es aber nicht aus. Sie springt +auf und läuft hin und her, bald dies in die Hand nehmend, bald jenes +wieder fallen lassend. Die Kerzen biegen sich und müssen wieder gerade +gestreckt werden, damit sie nicht so schnell verbrennen. Ein paar andere +Kerzen liegen in einer Schüssel mit Wasser, um sie kühl zu halten. Dann +fangen die Frauen an, aus den Lumpen, aus alten Kleidern und Hemden +bunte Bänder, Stickereieinsätze und Häkelkanten abzutrennen, um das für +den weiteren Aufputz des kleinen Leichnams zu verwenden. + + + + + 16 + + +Sleigh und ich, wir gehen wieder zurück zu seiner Hütte. Bei dem +zylinderlosen rauchenden Blechlämpchen, das kaum Licht verbreitet, +sitzen wir um den leeren Platz herum, wo sonst der Tisch steht, der ja +jetzt einem anderen Zwecke dient. Wir blinzeln rüber in das offene +Holzfeuer, wo die Kaffeekanne mit frischem Wasser aufgestellt ist, das +Sleigh, wie ich gesehen habe, eben aus dem Fluß geschöpft hat. + +Daran denke ich jetzt gerade, und ich sage: „Hören Sie, Sleigh, wo +bekommen Sie denn hier das Wasser her zum Trinken, Kochen und Waschen?“ + +Er sieht mich erstaunt an und erwidert: „Ich denke, das ist doch groß +genug, daß man es sehen kann, wo wir das Wasser herholen.“ + +„Doch nicht vom Flusse?“ frage ich. Ich frage das keineswegs erschreckt, +denn ich lebe zu lange in den Tropen, im Busch, im Dschungel und auf +Dörfern, um zu wissen, was Wasser bedeutet. + +„Meinen Sie wirklich aus dem Flusse dort?“ wiederhole ich meine Frage, +weil er ein ganz dummes Gesicht macht. + +„Ja denken Sie denn vielleicht, wir lassen uns das Wasser in zugekorkten +Bierflaschen von Mexico City oder gar aus dem Yosemite-Tal per Post +schicken? Sie sollten doch wahrhaftig nicht eine so unerlaubte Frage +stellen. Haben Sie denn seinerzeit, als wir uns an dem Dreckpfuhl da +oben trafen, nicht mit Wonne geschlürft, ohne zu fragen, wer eine halbe +Stunde vorher reingespuckt hat?“ + +„Was das Spucken anbelangt, da muß ich Ihnen schon sagen, daß ich noch +nicht gesehen habe, daß ein Indianer ins Wasser spuckt, das andere Leute +zum Trinken gebrauchen müssen. Amerikaner habe ich aber schon oft in +Zisternen und Tanks spucken sehen. Brunnen im Kriege zu vergiften, das +haben auch nur die Weißen erfunden; wenn die Indianer es rechtzeitig +gelernt und getan hätten, wäre Mexiko nie spanisch geworden.“ + +„So bös meint das einer auch nicht, wenn er schon mal ins Wasser spuckt. +Er denkt sich nichts dabei. Ich freilich tu es nicht.“ + +„Recht haben Sie, Sleigh,“ sage ich, „er denkt sich nichts dabei. Das +ist eben die Sünde. Aber nun zu dem Wasser da aus dem Flusse –“ + +Er sieht mich eine Weile grinsend an und antwortet: „Das Wasser, das Sie +bisher getrunken haben, solange Sie hier in diesem Hause sind, war das +Wasser aus dem Flusse. Sie glauben doch nicht, daß ich für Sie besonders +das Wasser erst abkoche oder ehnt–ke–eime, wie Sie das nennen.“ + +„Sie wissen ganz gut, was ich meine,“ antworte ich, „da ist doch nun +gerade der Kleine darin ertrunken, kaum fünfzig Schritt von hier.“ + +„Ja, das weiß ich. Na und was weiter? War der Kleine vielleicht ein +Giftpilz?“ + +Sleigh hat recht. Und daß da hin und wieder einer im Flusse ertrinken +mag, ist schließlich auch nicht schlimmer, als wenn die Kühe, Pferde und +Esel in das Wasser gehen, sich halbe Stunden lang darin aufhalten, um +sich abzukühlen, Männer, Frauen und Kinder darin baden und Wäsche darin +gewaschen wird. + +„Mich,“ sagt Sleigh nach einigen Minuten Schweigens, „mich interessiert +viel mehr das mit dem Licht und dem Brett. Es ist doch eigentlich eine +ganz merkwürdige Sache. Meine Frau hat mir schon davon erzählt. Die tun +es daheim auch. Und das Licht findet den Ertrunkenen immer.“ + +„Immer?“ frage ich zweifelnd. + +„Immer!“ bestätigt Sleigh. „Meine Frau hat mir erzählt, daß dieses Licht +sogar in einer ganz starken Strömung stromauf geht, wenn der Ertrunkene +in jener Richtung liegt.“ + +„Das bezweifle ich ganz entschieden, ich glaube es einfach nicht und +halte das für übertrieben.“ + +„Meine Frau hat es selbst gesehen, und ich glaube es“, sagt Sleigh, ohne +sich aufzuregen. „Diese Indianer können eben mehr als wir.“ + +„Auch das bezweifle ich“, antworte ich und meine es so. „Der Indianer +kann nicht mehr als wir und weiß viel weniger als wir. Kein Farbiger +kann mehr, auch nicht ein Chinese oder ein Inder. Das sind alles +Märchen, die man sich erzählt, weil man die Sprache nicht genügend +kennt, weil einem die Sitten und Gebräuche fremd sind und darum +geheimnisvoll anmuten. Ich kann Sie versichern, Mann, daß ich Durst und +Hitze leicht ertrug, wenn Indianer umklappten oder vom Felde mußten.“ + +„Das gebe ich zu,“ sagt Sleigh, „Sie und wir alle haben den Willen, das +und das zu tun. Die Leute legen keinen Wert darauf, den Willen zu haben. +Sie fragen sich: Wozu? Für den Weißen den Sklaven zu machen? Aber Sie +wissen doch ebensogut, wie ich es weiß, daß die Indianer sich von einer +Klapperschlange beißen oder einem Gift-Skorpion stechen lassen und es +tut denen gar nichts, während unsereiner in ein paar Stunden alle ist +auf Nimmerwiedersehen.“ + +„Jeder von denen ist auch nicht immun“, widerspreche ich. + +„Sicher nicht, weil eben nicht jeder die Mittel kennt.“ + +„Und die sterben an Fieber und an anderen dummen Sachen genau so gut wie +wir.“ + +„Natürlich, sie sind ja Menschen.“ Damit steht Sleigh auf und stirrt das +Feuer, um den Kaffee zu beschleunigen. + +Nachdem er sich wieder gesetzt hat, sagt er: „Wenn Sie der Meinung sind, +daß hier keine geheimen Naturkräfte, die nur die Eingeborenen kennen, +mitwirken, dann geben Sie mir doch eine natürliche Erklärung.“ + +„Das eben kann ich nicht. Die Erklärung finde ich nicht.“ Und in der +Tat, ich wüßte nicht einmal, in welcher Richtung ich eine Erklärung für +den merkwürdigen Vorgang suchen soll. + +Mir steigt eine Erinnerung an eine andere Methode auf, die ich einmal +sah, und ich sage: „Ich habe einmal etwas gesehen, das zuerst sehr +geheimnisvoll erschien, mir aber später, als ich darüber nachdachte, +klar wurde. Ich habe einmal gesehen, wie ein Ertrunkener gefunden wurde +dadurch, daß man Pulverladungen unter Wasser explodieren ließ und der +Ertrunkene zum Vorschein kam. Aber das wirkt nur, wenn der Verunglückte +schon einen Tag oder gar länger im Wasser ist. Durch die Explosionen +wird das Wasser aufgerührt, und der Körper, der ja jetzt schon an und +für sich versucht, hochzukommen, wird an die Oberfläche getrieben.“ + +„Das ist natürlich“, erwidert Sleigh. „Aber so einfach liegt dieser +Vorgang hier nicht. Ich lebe lange genug hier unter diesen Leuten, und +ich habe so viele merkwürdige Dinge gesehen, daß ich sie Ihnen gar nicht +erzählen will, weil es ja doch zwecklos wäre, denn Sie würden nichts +davon glauben.“ Mit Sleigh sich in solche Gespräche einzulassen, führt +zu nichts. Ich weiß es nicht seit heute nur, ich weiß es länger. Er +glaubt es und sucht nicht nach irgendeiner Erklärung. Darum drehen sich +Unterhaltungen dieser Art mit ihm immer im Kreise. Im Grunde genommen +ist es mir auch gleichgültig. Ich habe es gesehen vom ersten Anbeginn +bis zum letzten Ausgang. Die Handlungen waren durchaus klar. Unter einer +Suggestion stand ich keineswegs, ich war nicht einmal schläfrig, sondern +vollauf munter. Freilich, einen Zeugen, einen weißen Zeugen habe ich +nicht. Sleigh ist kein Zeuge. Seine Kritik, wenn er überhaupt an +irgendeinem Dinge in der Welt Kritik übt, was ihm nie einfällt, zählt +nicht mit, wenn es sich um Angelegenheiten handelt, deren Mittelpunkt +Indianer sind. In seiner Vorstellung sind die Indianer mit allen +geheimnisvollen Kräften ausgestattet, von denen man nur je geträumt hat. +Er glaubt alles und schließt jedes neue Kapitel ab mit dem, was seine +Augen sahen, seine Ohren hörten und seine Frau ihm erzählte. + +Es macht vielleicht die Umgebung. Ich überrasche mich selbst damit, daß +ich anfange, nach keiner Erklärung zu suchen, sondern es so hinzunehmen, +wie ich es sah. Warum nicht? Es lebt sich hier leichter und schöner, +harmonischer und beglückender, wenn man sein Hirn nicht mit Grübeleien +belastet. Nimm es hin, wie es ist, freue dich darüber, liebe, tanze und +sterbe. Das ist hier – vielleicht überall – der ganze Sinn des Lebens. +Alles andere ist der Unsinn des Lebens, aus dem alles Unheil und +Herzeleid entspringt. + +Ich sehe auf und bemerke, daß Sleigh die Hütte verlassen und das +Lämpchen mitgenommen hat. Und auf dem krachenden Korbstuhl vor mir, von +dem man sich nicht erklären kann, wie er überhaupt noch zusammenhalten +mag, sitzt Perez. Perez, der Indianer, der den Kleinen aus dem Flusse +brachte. + +„Hören Sie, Perez, Sie wollten mir doch zwei Gelbhauben besorgen, zwei +junge?“ + +„Ich bin jetzt lange nicht im Busch gewesen. Ich gehe auch vorläufig +nicht rauf.“ Er sitzt breitbeinig auf dem Stuhl, dessen Sitzhöhle nur +noch eine Handbreit über dem Erdboden ist. Die Hände hängen zwischen den +Beinen weit herunter. + +„Warum gehen Sie denn nicht in den Busch? Brennen Sie keine Kohle mehr?“ + +„Ja, sehen Sie, Senjor, der Gringo da oben sagt, ich hätte ihm sein +Maultier gestohlen, ich sei ein Bandit.“ + +„Das glaube ich nicht, daß Sie ein Bandit sind, ich glaube auch nicht, +daß Sie die Mula gestohlen haben.“ + +„Bestimmt nicht, Senjor, bei der Heiligen Jungfrau und dem Kinde nicht. +Ich will doch hier gleich in die Hölle versinken, wenn ich ein Bandit +bin. Der Gringo ist nicht ehrlich. Er sagt, er hätte meine Fußspuren +neben denen seiner Mula außerhalb des Fences gesehen und durch den Busch +verfolgt. Ich gehe da nie hin, wo er die Fußspuren gesehen hat.“ + +„Ich habe davon gehört. Senjor Griggs sagt, die Mula sei hundertfünfzig +Pesos wert gewesen.“ + +„Esta bien, Senjor, da können Sie gleich sehen, daß der Gringo kein +ehrlicher Mann ist. Achtzehn Pesos haben mir diese vereiterten +Hundesöhne in Llerra für die Mula bezahlt, und dann sagt dieser Mann +hundertfünfzig Pesos. Es ist ja zum Lachen. Und nun gar noch zu sagen, +ich hätte das Tier gestohlen, das ist eine so niederträchtige Lüge. +Anständig ist es nicht. Ganz gewiß nicht.“ Er ist aufgestanden und zum +Feuer gegangen, um sich seine Zigarette anzuzünden. + +Sleigh kommt zurück mit dem Lämpchen und einem irdenen Topf voll +frischgemolkener Milch. + +„Die Kuh ist jetzt hereingekommen. Ich weiß nicht, wo die gesteckt hat“, +sagt er, schüttet Kaffee in das kochende Wasser und bringt die Kanne +her. + +Er gießt mir Kaffee ein und dann sich selbst. „Sie bekommen gleich meine +Tasse, Perez“, sagte er zu dem Indianer. + +„Schon gut“, erwidert der. + +„Lag der Kleine gleich so flach auf dem Boden?“ fragt Sleigh. + +„Nein, die Füße und die Hände waren in Wasserkraut verwickelt“, sagt +Perez. „Ich glaube nicht, daß er je hochgekommen wäre, wenn wir ihn +nicht geholt hätten.“ + +„Wie wußten Sie denn, daß der Junge an dieser Stelle war?“ frage ich. + +„Das Licht stand doch über ihm. Das haben Sie ja selbst mit eigenen +Augen gesehen.“ + +„Allerdings. Aber wie kann denn das Licht wissen, wo der Junge ist, wenn +es keiner von uns allen weiß?“ + +„Aber das ist doch sehr einfach, Senjor. Er ruft das Licht heran, und +das Licht muß kommen. Da ist durchaus nichts Unheimliches dabei.“ + +Sleigh lacht: „Da hören Sie es. Es ist ganz einfach. Gar nichts +Unheimliches dabei. Ich habe es Ihnen doch schon gesagt. Das ist das +ganze Geheimnis. Zaubern können die so wenig wie wir. Der Junge ruft, +und das Licht kommt. Alles sehr klar wie der helle Tag.“ + +„Also, Perez, wie ist es mit den jungen Gelbhauben?“ + +„Ich gehe nicht rauf in den Busch. Es hat keinen Zweck. Die haben kaum +zu brüten angefangen. Warum soll ich da in dem Busch herumkriechen, wenn +ich doch keine bringen kann, weil jetzt keine da sind. Zwei Monate +später.“ + +Er hat nun seinen Kaffee in der Hand und schlürft ihn langsam hinein. +Sleigh gießt mir noch eine Tasse voll und trägt den Rest der Kanne rüber +zu den Garzas. + +Nach einer Weile kommt er wieder. Er geht zum Feuer, um sich eine +Zigarette anzuzünden. Dann hockt er sich nach Indianersitte auf den +Boden, weil keine andere Sitzgelegenheit vorhanden ist. Das Mädchen +unter dem Moskitonetz auf dem Boden hat vor einer Weile ihrem weinenden +Kinde zu trinken gegeben und schnarcht jetzt, daß die Hütte bebt. + +Perez und Sleigh werden schläfrig, lassen den Kopf sinken und blinzeln +schwer mit den Augen. Als Sleigh im Schlafe fühlt, daß die Zigarette +ausgegangen ist, erhebt er sich und geht zum Feuer. Nachdem die +Zigarette wieder glüht, steht er eine Weile mit dem Rücken gegen einen +Pfosten gelehnt und nickt abermals ein. Er schläft jedoch nur einen +Wink, dann wird er wach und geht zum Eingang. Er sieht zu dem klaren +Nachthimmel auf und sagt: „Es ist zwei Uhr vorbei.“ + +Ich ziehe meine Uhr und sage: „Zwanzig nach.“ + +„Dann muß ich melken gehen“, erwidert er darauf. „Perez, kommen Sie +mit?“ + +„Freilich.“ Er schlief so fest, daß ihm die Zigarette aus der schlaffen +Hand gefallen ist. Er ist aber sofort munter, sucht gleich die +Zigarette, nimmt das Lämpchen, zündet die Zigarette daran an und folgt +mit dem Lämpchen Sleigh, der mit einem Eimer zum Korral geht, wo die +Kühe stehen. + +„Sie können sich hinlegen und ein wenig schlafen“, sagt Sleigh zu mir, +ehe er in der Nacht verschwindet. + + + + + 17 + + +Da die Hütte nun stockfinster ist und ich wirklich nichts Besseres zu +tun weiß, taste ich mich zu jener Ecke, wo das Bett steht. Das Bett? +Hängematte wäre richtiger. Aber gegenüber dem Lattengestell, das die +Garzas haben und Bett nennen, ist das hier ein Luxusbett. + +Stiefel aus, reinbalanciert, Moskitonetz dicht gezupft und +losgeschlafen. + +Alligatoren, Brücken, Eseltreiber, Pumpen, Königinnen von England, +Kinderleichen, nackte Indianer, brennende Kerzen unter Wasser, Kühe mit +einem Jaguar im Genick, selbstspielende Mundharmonikas, auf Maultieren +reitende Banditen, ein vom Erdboden verschwundenes Kanada, +unausgebrütete Gelbhauben, geigensingende Muttergottesbilder, die mit +Stahlfedermatratzen tanzen wollen – nein, ich kann nicht einschlafen. Es +ist alles Wirbel und Dröhnen im Kopfe, aber kein Schlafen. Dann drösele +ich doch ein, und Mister Griggs liegt im Wasser. Ich kann ihn deutlich +liegen sehen, weil das Wasser ganz klar ist. Ich habe den Mann nie +gesehen, weiß aber, daß er Griggs heißt und Gelbhauben auf Hufspuren +ausbrütet. Niemand sieht ihn im Wasser, weil ich auf Griggs zeige und +sage: Da liegen zwei neue Kinderstiefel. Die Chinesen lassen Pulver +unter Wasser explodieren, um die Kaffeekanne, die in einem Maissack +ertrunken ist und von Alligatoren festgehalten wird, hochzutreiben. Von +der Explosion wache ich auf. Und wieder höre ich die Explosion und +abermals, bis ich völlig wieder wach bin und höre, daß draußen +geschossen wird. + +Ich stehe auf und ziehe mir wieder die Stiefel an. Schlafen kann ich ja +doch nicht. Es ist noch schwarze Nacht. Ich sehe nach hinten durch das +Geflecht der Hütte und bemerke das dünne Flämmchen der Blechlampe, das +den melkenden Sleigh und den danebenhockenden Perez, dessen Geschwätz +ich bis hier höre, ungewiß beleuchtet. + +Die Stiefel an und den Hut auf, gehe ich zum Eingang der Hütte. Drüben +bei den Garzas ist helloderndes Feuer. Und beim Schein dieses Feuers +sehe ich zahlreiche Männer, die von ihren Pferden steigen und ihre +Revolver abfeuern. Ich hin. Die Mehrzahl der Männer kenne ich, alle +Indianer. + +Ein hier im Lande geborener Spanier ist darunter, der in Quintero eine +Tienda unterhält, einen Laden, in dem man alles bekommt. Die Kunde von +dem Verschwinden des Jungen ist, schneller als die Post das könnte, auf +zehn Meilen im Umkreise schon verbreitet. Trotz der Nacht. Und die Leute +sind mit Pferden gekommen, um suchen zu helfen. Sie haben auch +Feuerwerkskörper gleich mitgebracht für den Fall, daß der Junge nur tot +gefunden wird. + +Wenn unter den Indianern ein Kind stirbt, so werden zahllose sehr +krachende und knallende Feuerwerkskörper abgebrannt, um dem Himmel +anzuzeigen, daß ein Engel ankommt. Bei Erwachsenen Feuerwerk +abzubrennen, wäre verkehrt, weil man den Teufel nicht unnützerweise +darauf aufmerksam machen soll, wenn ein alter Sündenknochen zum +Verhandlungstermin erscheint. Deshalb geht die Bestattung von +Erwachsenen geräuschlos vor sich. An kleinen Kindern ist der Höllenonkel +nicht so sehr interessiert, da ärgert er sich, wenn er das Böllern hört, +weil ihm eine zukunftsreiche Seele verlorengeht, während im Himmel sich +alle festlich rüsten, sobald sie das Knallen hören, um den kleinen +Engel, der unterwegs ist, herzlich empfangen zu können. + +Daß der Junge inzwischen gefunden ist, haben die neu angekommenen Leute +schon vernommen. Die Feuerwerkskörper nimmt der fünfzehnjährige +Stiefbruder, der Halbverrückte, gleich in Verwahr. Von diesem +Augenblicke an hat er für nichts anderes mehr Sinn, als sich mit der +Knallerei zu befassen. Einer muß es ja sowieso tun, und er ist der +Nächste dazu. Zu weinen hat er längst aufgehört, und für ihn kommt nun +der lustige Teil der Veranstaltung. + +Die Männer nehmen alle den Hut ab und gehen nacheinander in die Hütte, +um sich den Kleinen anzusehen und die Garza dadurch von ihrem Kummer +abzulenken, daß jeder fragt, wie es gekommen sei. + +Die Garza erzählt es wieder und immer wieder und natürlich immer mit den +gleichen Worten. Durch dieses so häufige Wiederholen der traurigen +Geschichte wird das Ereignis immer alltäglicher, immer nüchterner, immer +sachlicher. Ihr selbst scheint es zuweilen, als sei das eine durchaus +natürliche Begebenheit, an der gar nichts Außerordentliches zu sehen +ist. Je häufiger die Geschichte erzählt wird, je mehr wird sie der +Tragik entkleidet, je mehr wird sie zu einem bloßen Wortgeläute, zu +einem Bericht, zu einem Ereignis, das irgendeiner anderen fremden Person +geschehen ist. Die Begebenheit wird unpersönlich, sie wird +geschichtlich, sie verläßt Herz, Seele und Geist und wird klingendes +lautes Wort. Zu ihrem Erstaunen fühlt die Frau, daß sie jetzt schon +manchmal auf den kleinen Leichnam blicken kann mit dem abrückenden +Gedanken, daß er ihr Kind gar nicht sei. Ihr Kind war ein lustiger, +munterer, immer geschwätziger Bub und nicht so ein kalter stumpfer +Klumpen, wie er daliegt. Durch den Anzug und durch die Krone und das +Zepter ist er überhaupt noch weiter von ihr abgerückt und ihr sehr fremd +geworden. Und wenn sie wieder weint, so ist es eigentlich schon gar +nicht mehr so oft des Jungen wegen. Sie weint ihretwegen, sie kommt sich +so bemitleidenswert vor, daß sie nun kein Kind mehr hat, dem sie +leibliche Mutter ist. Auf diesem Gefühlswege und wenn sie einige andere +Frauen bemerkt, die herum sind, kommt es ihr zum Bewußtsein, daß sie +nicht einmal eine Ausnahme ist, für die sie sich den ganzen Abend hielt. +Sie ist nur die übliche Mutter. Was sie zu leiden hat, ist das Los einer +jeden Mutter auf Erden. Aber es ist gewiß die Müdigkeit und die +ungeheure Abspannung nach diesen entsetzlichen Stunden, daß sie jetzt +gefaßter ist. + +Die Männer kommen wieder heraus und sitzen nun vor der Hütte herum, wo +sich ein Heerlager aufgetan hat. Männer, Burschen, Frauen und Mädchen +liegen herum und schlafen oder dröseln vor sich hin. Mehrere Burschen +helfen dem Morano beim Knallen. Sie dürfen aber nur das Feuer schüren, +an dem Morano die Körper entzündet, oder sie dürfen diejenigen Kracker +in die Hand nehmen und noch mal versuchen, die nicht gezündet haben und +die Morano fortgeworfen hat. + +Die Männer haben auch Tequila mitgebracht, und die Flasche geht rund. +Auch der Garza wird die Flasche hineingebracht, und sie tut einen +gesunden Zug von diesem feuerscharfen Schnaps, der normale Menschen mit +einem Ruck auf die hinteren Kanten wirft. Aber diese mit Chile +ausgeschwefelten Kehlen und Mäuler können noch ganz andere Dinge, +unheimliche Dinge schlucken, ohne eine Muskel des Gesichts zu verziehen. + +Einer jener Männer, die jetzt gekommen sind, ein ganz armer Indianer, +nimmt nun ein Buch aus der Hosentasche und blättert darin eine Weile +herum. Und dann fängt er an zu singen. Lesen kann er nicht. Aber die +gedruckten Worte geben ihm doch ein Bild, durch das er sich auf die +Versanfänge leichter besinnen kann. Manche Strophe singt er dreimal oder +noch öfter. Sobald er begonnen hat, fallen einige andere Männer in den +Gesang mit ein. + +Nun beginnt er die zweite Strophe, und im Innern der Hütte fallen auch +die dort herumsitzenden Frauen, darunter die Pumpmeisterin, in den +Gesang mit ein, zuerst ein wenig zurückhaltend, dann kräftiger. Manchmal +singt der Indianer allein, weil sich die übrigen Zigaretten drehen oder +wieder einen Schluck aus der Flasche nehmen oder des Singens müde sind. + +Der Mann aber singt ununterbrochen. Er trinkt keinen Schnaps, denn er +ist ein Kommunist und gehört zu den Agraristas, zu jener energischen +Gruppe von indianischen Landarbeitern, die das alte indianische +Gemeinde-Landrecht wieder einführen wollen, das die Spanier bei der +Eroberung durch blutige Gewalttaten aufhoben und für ungültig erklärten. + +Der Sänger wird von niemand bezahlt, er singt aus reiner Menschenliebe, +um der Mutter über den Schmerz hinwegzuhelfen, denn das Kind wird weder +von einem Geistlichen in das Grab gebetet, noch von einem Arzt +angesehen. Das kostet Geld, und weil Priester und Arzt zwei Tagereisen +weit entfernt wohnen, würde es noch mehr kosten. Außerdem kann das +Begräbnis so lange nicht aufgeschoben werden, denn trotzdem es noch +kühle Nacht ist, stinkt der Junge schon außerhalb der Hütte. + +Gesungen werden Kirchenlieder. Ohne Zweifel. Denn ab und zu hört man +etwas wie Heilige Jungfrau aus den Reimen heraus. Aber niemand, der +Kirchenlieder kennt, würde glauben, man sänge hier jetzt solche Lieder. +Denn der Gesang hat weder im Rhythmus noch in der Melodie auch nur die +allerfernste Ähnlichkeit mit dem, was wir uns unter Kirchenchorälen +vorstellen. Wahrscheinlich wurde so gesungen, als die ersten spanischen +Mönche hier durch die Dschungel zogen. Niemand unter den lebenden +Menschen weiß, wie Choräle vor vierhundert Jahren in Europa gesungen +wurden, denn die geschriebenen Noten aus jener Zeit geben uns darüber +nicht mehr Aufschluß als die ägyptischen Hieroglyphen uns etwas aussagen +über die Aussprache und Betonung ägyptischer Worte. Ein- oder zweimal in +ihrem ganzen Leben haben die Männer hier eine Kirche besucht, wo die +Choräle mit der Orgel begleitet wurden. Drei- oder viermal im Jahre +kommt ein Priester in eines der Dschungeldörfer, wo er die Beichte hört +und Absolution erteilt. Dann wird gesungen ohne Musikbegleitung. So +bleibt etwas von der wahren Melodie, wie sie die Orgel festhalten kann, +im Gedächtnis der Leute haften. Das übrige verschwindet ganz aus dem +Gedächtnis und wird nun mit Teilen aus anderen weltlichen Gesängen und +Tänzen vermischt. Bei Totenfeiern wird dann gesungen, und jedesmal kommt +eine neue Beimischung durch neue Sänger hinzu. Nun aber können die +Eingeborenen überhaupt nicht so singen, wie wir meinen, daß gesungen +werden muß. In ihren Gesängen klingt heute noch die schrille Note der +Gesänge ihrer heidnischen Vorfahren durch, und diese Note ist so +urmächtig, daß sie den ganzen Gesang allein zu tragen hat. + +Dieser Totensänger ist weit bekannt und gesucht als der beste Sänger. +Man folgt seinem Gesange mit Andacht und Rührung, und glänzende Augen +sind bewundernd auf seinen Mund gerichtet. + +Als die erste Strophe begann, fing die Garza in der Hütte an gellend zu +schreien und zu jammern. Sie verfiel in eine Raserei des Schmerzes und +hämmerte mit ihren beiden harten Fäusten auf ihren eigenen Schädel ein, +als wollte sie ihn in Stücke zertrümmern. Sie warf sich über den +Leichnam und schrie: „Mein Kleiner! Mein Kleiner! Warum? Warum?“ Und +dann begann sie wahnsinnig zu fluchen in der gräßlichsten Art und Weise. +Schließlich gab man ihr die Tequila-Flasche. Sie wehrte sich dagegen und +versuchte, die Flasche herunterzuschlagen. Aber endlich hatte sie doch +den Mund so voll mit dem Schnaps, daß sie schlucken mußte, und man hielt +die Flasche an ihren Mund und goß immer noch hinterher. Das +Betäubungsmittel half nicht viel. Sie wurde ein wenig müde und stumpf. +Doch wenn sie des Gesanges gewahr wurde und die Frauen in der Hütte +mitsangen, stieß sie aufs neue ihre erschütternden Schreie aus. + +Der Junge an dem großen Feuer läßt in kurzen Zeitunterbrechungen seine +Raketen und Kracker knallen. Und hat der Gesang für eine Weile +ausgesetzt, so wird die Garza durch das Knallen wieder daran erinnert, +daß der Kleine oben als Engel erwartet wird. + +Der Gesang hat für eine Weile aufgemuntert, aber nun fallen die Leute +doch wieder in ihre Müdigkeit zurück. Die meisten legen sich glatt auf +die Erde, kauern sich ineinander wie Hunde und schlafen sofort. Andere +halten den Tequila für den wertvolleren Teil des gegenwärtigen Lebens +und schlafen darum nicht, weil sie fürchten, um einen Schluck zu kurz zu +kommen. + +Auch drinnen in der Hütte sitzen die Frauen schläfrig, und zwei haben +sich auf das Staketengestell gelegt, das den Garzas als Bett dient. Auf +dem Erdboden glimmt das Feuer. Töpfe stehen daran, aber niemand kümmert +sich darum, was darin ist, ob es kocht, ob es überflüssig ist oder ob +man die Töpfe absetzen könne. Niemand weiß offenbar, wer die Töpfe +angesetzt hat und zu welchem Zwecke. Aber es fragt auch niemand. Man ist +ziemlich interesselos geworden. + + + + + 18 + + +Der Gesang hat nun aufgehört. Der Sänger hat die letzte Viertelstunde +nur noch mit Mühe gesungen, so heiser war er geworden. Alle, die noch +nicht schlafen, drücken sich jetzt herum und versuchen, sich zu +entfernen, ohne die Garza zu beleidigen oder ihr wehe zu tun. Es wird +geredet und gestanden und wieder gesetzt, bis die Männer, die +nachträglich gekommen waren, um zu singen, zu ihren Pferden gehen, +aufsitzen und unter auffallend vielem und auffallend lautem Reden +davonreiten. Sie sind alle vorher noch einmal in die Hütte gegangen, +haben sich den Kleinen noch mal angesehen und der Frau die Hand gegeben. +Die Frau hatte zu jedem „Gracias!“ gesagt und war dann mitten in der +Hütte stehengeblieben, ohne den Fortreitenden nachzublicken. + +Aber die Garza bleibt dennoch nicht allein. + +Inzwischen ist die Sonne aufgegangen, und der helle Tag ist erschienen +wie mit einem Sprung. Er drängt sich in die Hütte, wo die Kerzen +flackernd und rauchend weiter neben der Leiche brennen. + +Das helle Tageslicht gibt der Hütte wieder ein anderes Aussehen. Man +hatte sich an die Nacht so gut gewöhnt, daß man nichts Unheimliches und +nichts Außergewöhnliches während der letzten Stunden mehr empfunden +hatte. Der Tag aber zerstört das mitleidslos. Eine neue Unheimlichkeit +erfüllt die Hütte, und man muß sich in der neuen Unheimlichkeit erst +wieder zurechtfinden. + +Jetzt erst, nicht in der Nacht, wirken die brennenden Kerzen +gespensterhaft. Und gespensterhaft sieht die verweinte, verhärmte und +hohläugige Garza jetzt aus. Sie hat noch immer das meergrüne Gazekleid +an mit den völlig verwelkten Blumen im Gürtel. In der Nacht sah das +Kleid natürlich aus, jetzt aber gehört es weder zu der Frau, noch zu der +Hütte, noch zu dem kleinen Leichnam. Das Kleid hat sich ganz und gar von +der Frau losgesagt, es hat keine Gemeinschaft mehr mit ihr. Die Frau ist +die Mutter des Kleinen noch immer, aber das Kleid hüllt nicht länger +mehr den Körper der Mutter ein. Es ist ein dreckiger Fleck, der der +Mutter in jeden Winkel folgt. Und da der schmierige Fleck immer hinter +ihr ist, kann die Mutter ihn nicht sehen und wegwischen. + +Der kleine Junge war schön, und er war er selbst in der Nacht. Jetzt ist +er nicht mehr er selbst, nicht mehr schön, nicht mehr der kleine Junge. +Der helle Tag hat ihn zu einem stinkenden Kadaver gemacht, der in einen +Affenanzug gewickelt ist. Der Oberkiefer beginnt bereits zu verwesen, +der Mund ist grünlich geworden, die Oberlippe ist aufgebrochen, und +widerlicher gelbgrüner Eiter kriecht daraus hervor. Um die Gelenke der +gefalteten Hände sieht man die tiefen Rinnen, die jener Bindfaden, der +die Hände in faltender Geste zusammenhalten sollte, eingeschnitten hat, +und die faltenden Hände sehen aus, als habe ein Folterknecht sie zur +Strafe gefaltet. + +Der erste Strahl der Sonne fällt durch die dünnen zusammengebundenen +Stämmchen der Wand in die Hütte. Die Garza folgt dem Strahl mit den +Augen und blickt in die Sonne und dann auf den Jungen, und nun sieht +auch sie zum erstenmal, daß der Junge gegangen ist, daß dort Aas liegt, +das sie nicht mehr küssen kann, ohne sich zu schaudern und zu schütteln. +Und der Morgenwind, der durch die Wände fegt, hebt eine dicke Wolke +unerträglichen Gestanks von dem Aas auf und wirft sie ihr ins Gesicht. +Die Mutter wendet sich ab und seufzt tief auf. + +Als sie wieder hinblickt zu dem Aas, sieht sie, daß zwei dicke grüne +Fliegen auf der Oberlippe sitzen, und daß die Hütte von anderen Fliegen +zu summen beginnt, die auf das Aas zufliegen. Und die Frau deckt ein +Tuch über das Gesicht. Sie kann das Gesicht ihres Kindes nicht mehr +sehen. + +Aber sie hat keine Gelegenheit, sich ihrem Schmerze hinzugeben oder sich +hinzusetzen und zu brüten. Mit dem anbrechenden Tage sind Frauen und +Männer angekommen von fernen Plätzen. Denn die Nachricht von dem Tode +des Kleinen verbreitet sich immer weiter, und sobald die Leute davon +hören, setzen sie sich auf ihre Esel oder Mulas und ziehen zu der +beweinenswerten Mutter, ihr zu sagen, daß man sie liebe, und daß man mit +ihr weine. Und da es Sonntag ist, fällt es den Leuten leichter, zu +kommen. + +Die Männer steigen ab, helfen dann den Frauen und Kindern von den +Tieren, drehen sich eine Zigarette und beginnen mit anderen Männern, die +herumstehen, zu schwatzen. + +Die Frauen gehen nacheinander in die Hütte, bleiben eine Weile stehen, +betrachten den Leichnam, und dann gehen sie zur Garza, umarmen und +küssen sie. Dann fangen sie an zu weinen, und die Garza beginnt nun +wieder zu schreien und nimmt das Tuch von dem Gesicht des Kleinen. Die +Frauen, die Berge von Blumen mitgebracht haben, dicke Kränze und Gold- +und Silberpapier, stellen das beiseite und gehen näher zu dem Leichnam, +um ihn sich genau anzusehen. + +„Er sieht so schön aus, der kleine Carlos!“ sagt die eine Frau +bewundernd und ehrlich. Sie wiederholt es noch einmal, um es zu +bekräftigen. + +Aber die Garza hat es bereits beim ersten Male gehört, trotz ihres +Schluchzens, und sofort hört sie auf zu weinen. Ein Lächeln des Stolzes +huscht über ihr Gesicht, und sie sagt dankbar: „Muchas gracias, +Senjoras! Muy muchas gracias!“ Sie bedankt sich überschwenglich für die +Bewunderung der aufgeputzten Leiche, als habe man ihr persönlich eine +Schmeichelei gesagt. Aber es ist keine Schmeichelei, die Frauen meinen +es so. Die Leute sind alle bitterarm, und die angekommenen Frauen sind +meist barfuß, haben nichts weiter als ein schwarzes Baumwolltuch um den +Kopf gelegt, um die Sonne abzuhalten, und durchlöcherte und geflickte +Kattunkleider verhüllen ihren Körper nicht überall. Diejenigen, die ihre +Säuglinge mithaben, geben ihnen nun, neben dem Leichnam sitzend, zu +trinken, wobei sie abwechselnd weinen und abwechselnd fragen, wie es +gekommen sei. + +Die Garza hat das Gesicht des Kleinen sofort wieder zugedeckt. Der +Gestank des Kadavers, der mit jeder Minute, mit der die Sonne höher +kommt, immer unerträglicher wird, der Geruch der schwelenden Kerzen, das +schwere Ausatmen der Tausende von Blumen, die so peinvoll sterben und +nicht sterben wollen, der beißende Rauch des großen Feuers, wo die +Kracker angezündet und abgeschossen werden, dieser beißende Rauch, der +durch den Wind in die Hütte getrieben wird, der Geruch von Schnaps, +Kaffee, Zigaretten und Schweiß lastet in der Hütte und zieht nicht ab, +weil er sich unter dem Grasdach festnistet. In zwei Stunden wird die +Morgenbrise vorüber sein, und dann wird bis elf Uhr kein winziger +Lufthauch sein, und das Innere der Hütte wird schlimmer sein als das +Innere eines Ofens, in dem Tierkadaver langsam verbrannt werden. Die +Leute aber sitzen und tun so, als ob sie es nicht empfinden; die Garza +muß dort sein, und also bleiben auch sie da. + +Die Männer haben ihre Zigaretten ausgeraucht. Sie nehmen nun ihre Hüte +ab und kommen herein wie verlegene Schuljungen. Einer nimmt das Tuch vom +Gesicht, die Männer kommen näher heran, stehen eine Weile, dann gehen +sie wieder hinaus. Das Hinausgehen ist noch verlegener als das +Hereinkommen. Sie wissen nicht, ob sie der Garza die Hand geben sollen +oder nicht, ob sie etwas sagen oder fragen sollen oder ob sie besser +ganz schweigen. Es sieht aus wie Verlegenheit, aber in Wahrheit sind die +Leute nie verlegen. Ihr Benehmen wird nur geleitet von dem einen +Gedanken: Was tun, um die Mutter ihren Schmerz vergessen zu lassen? + +Trotz ihrer unbeschreiblichen Armut, einer Armut, bei der Kartoffeln und +Kaffee ein Festmahl sind, von dem sie tagelang, wenn nicht wochenlang +sprechen, trotz ihrer Lumpen, trotz ihrer Unkenntnis des Lesens und +Schreibens, sie alle sind von einer rührenden Höflichkeit. Ihre +Zeremonien sind nicht leere Gesten, sie sind Teile ihres Wesens, eines +Wesens, das in tausend Jahre alter Kultur wurzelt. Ihr Takt wird von +ihrem Herzen bestimmt, nicht von Formeln, die ihnen eingetrommelt +wurden. + +Ich sitze auf einer Kiste neben dem Ausgang. Die Männer müssen an mir +vorüber, um hinauszugehen. Es ist soviel Platz, daß sie schlendernd +vorübergehen können, ohne daß sie mich berühren müssen. Aber jeder +einzelne, der an mir vorbeigehen will, bleibt erst stehen und sagt: „Con +su permiso, Senjor! Mit Ihrer gütigen Erlaubnis!“ Worauf ich, der ich +nur unter meinesgleichen unhöflich bin, weil man mich sonst für +idiotisch halten würde, antworte: „Pase, Senjor!“, und der Mann sagt: +„Gracias, Senjor! Ich danke!“ Nun erst geht er wirklich vorüber, denn +meinen Blick und meinen Atem zu kreuzen, ohne ein höfliches Wort zu +sagen, wäre ihm unerträglich. Aber wenn auf der Kiste nicht ich, der +Weiße, sitzt, sondern ein verlumpter Indianer, so wird der +Vorübergehende genau die gleichen Worte gebrauchen und sie mit einer +Geste der Hand begleiten. Denn was bin ich in seinen Augen denn mehr als +jener verlumpte Alte? + +So höflich und so taktvoll sind die Leute, und sie alle nennen sich +Katholiken, aber ich habe nur einmal seit gestern abend gesehen, daß sie +das Kreuz in die Luft malen, und das war nur, als der Alte ein Kreuz +über das Brett machte, ehe es ins Wasser gesetzt wurde. Während den +Leuten alle Gesten aus dem Herzen kommen, das Schlagen des Kreuzes und +das Herumfingern am Rosenkranz sind ihnen eingedrillte Gesten, deren +Sinn zu begreifen die vierhundert Jahre der Übung nicht gelangt haben, +und die nun anfangen, ganz blaß und sinnlos zu werden. Jede Formel und +jede Geste und somit auch jede Religion gehört zu ihrem eigenen Klima, +zu ihrer eigenen Umgebung, zu ihrer eigenen Rasse. Verpflanzt man sie in +eine andere Umgebung, so wird sie inhaltlos und verliert ihre +Zeugungskraft; sie kann nicht mehr gebären, sich nicht mehr verjüngen, +und nach einem qualvollen Degenerieren stirbt sie endlich aus. + + + + + 19 + + +Ich bin hungrig geworden und gehe hinüber zu Sleigh. Das Mädchen ist +schon lange aufgestanden, hat den Mais gerieben, Tortillas gebacken, +Bohnen gekocht und Kaffee aufgestellt. „Der Kaffee ist noch nicht +fertig,“ sagt Sleigh, „wir müssen noch eine Weile warten. Verflucht noch +mal, ich bin doch jetzt schläfrig.“ + +Er nickt ein, fährt aber gleich wieder auf und fragt: „Haben Sie den +Jungen nicht gesehen? Er hat doch die Milch fortzubringen.“ + +„Der Junge steht drüben am Feuer und hilft knallen“, gebe ich zur +Antwort. + +„Den will ich mir gleich heranholen.“ Er steht auf, und wir gehen wieder +zurück zu den Garzas. + +Gerade kommt Garza von seinem Ritt heim. Er hat ein dickes Bündel +Kerzen, ein Paket gemahlenen Kaffee und zwei kleine Kolben braunen +Zucker. Außerdem hat er drei Flaschen Tequila, die er aus dem +Basttäschchen zusammen mit den anderen Sachen herausholt. Die eine +Flasche ist schon halb ausgekostet. Freilich, der Weg ist lang. Und wer +die halbe Flasche ausgekostet hat, das sieht man. Garza hat sich einen +ganz netten Flicker angesäuselt. Gleich geht die halbe Flasche rund. +Garza hatte nur ein paar Pesos in der Tasche. Aber in der Tienda hat man +sich, angesichts des traurigen Falles, nicht geweigert, ihm zu borgen. +Wie sollte er denn das Begräbnis zustande bringen ohne Tequila, ohne +Kerzen, ohne Kaffee, ohne Zucker? Jedoch in der Tienda weiß man genau: +Diese Schuld wird bezahlt, wenn Garza sonst vielleicht auch nichts +bezahlen würde. Etwas hat er ja gleich angezahlt, und da die Preise +doppelt so hoch sind als in der Stadt, so hat der Besitzer der Tienda +schon jetzt die Selbstkosten mit einem ansehnlichen Gewinn in der +Tasche. Kein Schlachtfeld ist so traurig, so beweinenswert, daß nicht +irgendeiner daran verdienen könnte. Alles läßt sich zu Geld machen, +seien es Tränen oder sei es Lachen, sei es Freude oder sei es Weh; der +Mensch muß seinen Kummer so gut bezahlen wie seinen Tanz, und selbst +seine letzte Höhle unter der Erde, wo er niemand mehr im Wege ist, muß +bezahlt werden. + +„Muchacho!“ ruft Sleigh. „Teufel noch mal, was ist denn mit der Milch?“ + +„Vengo, Senjor.“ + +„Aber sofort. Senjor Velasco wird einen Heidenlärm machen.“ Sehr +aufgeregt ist Sleigh nicht. Es ist ihm ganz gleichgültig, ob Senjor +Velasco, der Tiendabesitzer in dem näher zur Bahn gelegenen Dorfe, Lärm +macht oder nicht. Sleigh hört den Lärm nicht, und wenn er zur Tienda +kommt, um die Quittungen zu vergleichen, so daß er mit seinem Farmer +abrechnen kann, und der Senjor Velasco sollte etwas sagen wegen der +Milchverspätung, dann dreht ihm Sleigh den Rücken, geht raus und setzt +sich aufs Pferd. Die Kühe liebt er, aber sein Farmer, der Velasco und +die Milch interessieren ihn nicht besonders. + +Wir gehen wieder zu seiner Hütte und frühstücken auf einer Kiste, wo das +Mädchen das Essen auf einer Zeitung ausgebreitet hat. + +Sleigh sieht über die Tafel hin und sagt dann zu dem Mädchen: „Backen +Sie uns noch jedem ein Ei.“ + +Das Mädchen geht zu einer Ecke, wo neben dem Bettgestell ein Korb steht, +in dem eine Henne mit schläfrigen Augen sitzt. Als das Mädchen näher +kommt, reißt die Henne die Augen weit auf. Aber das Mädchen läßt sich +nicht einschüchtern. Mit einem Griff hat sie die Henne gepackt und aus +dem Nest gepfeffert. Die Henne läuft gackernd und mit den Flügeln +schlagend herum, fliegt auf unsere Tafel, wirft meine Kaffeetasse um, +fliegt lärmend wieder herunter und wieder auf das Nest zu. Das Mädchen +hat zwei Eier weggenommen, und die Henne setzt sich beruhigt wieder auf +die übrigen zurückgebliebenen Eier. Gleich sitzt sie wieder so schläfrig +und mit sich selbst zufrieden da, als ob sie nie gestört worden wäre. +Sie nimmt es nicht sonderlich tragisch, weil sie nicht zählen kann; denn +zählen können und sich erinnern können sind die einzigen echten Quellen +der Tragik. + +Nachdem wir gefrühstückt haben, halten wir es für wünschenswert, zu +schlafen. + +Musik weckt mich auf. Die zwei Musiker, die gestern abend kommen +sollten, und die, wenn sie gestern abend gekommen wären, jetzt +vielleicht nicht zum Begräbnis hier sein brauchten, spielen einen +Foxtrott. + +Sleigh ist schon lange vor mir aufgewacht und kriecht durch das Gebüsch, +weil sich ein Kalb losgerissen hat und er es suchen muß. Ich wasche +mich, trinke einen Schluck Kaffee, esse einen Löffel voll schwarzer +Bohnen in eine Tortilla gewickelt und gehe zu den Garzas. + +Hier ist nun eine große Versammlung. An jedem Baum und an jedem Pfahl +ist ein Esel oder ein Maultier oder ein Pferd angebunden, gesattelte und +ungelsattelte. Frauen in ihren Sonntagskleidern, viele Männer und eine +Herde von nackten und halbnackten Kindern schwirren herum. Es sind mehr +Feuerwerkskörper gebracht worden, und es wird in einem fort geknallt. +Die Musik, die ja die ganze Nacht hindurch zum Tanze aufgespielt hat, +hat schon wieder aufgehört, um die Kräfte für den langen Marsch zu +sparen. Ein paar Männer liegen betrunken und schlafend herum, wo sie +eben hingefallen sind. Niemand stört sie. Wenn ihnen die Sonne, die +jetzt mit ihrer ganzen Kraft herunterglüht, zu heiß wird und sie davon +aufwachen, kriechen sie zu einem Baum in den Schatten. Oft erreichen sie +den Schatten nicht, sondern bleiben unterwegs liegen wie ein Klumpen. + +Ziegen und Schweine laufen zwischen den Leuten umher, Hunde beißen sich +oder spielen herum, Hühner zanken sich mit Truthühnern um Würmer und +weggeworfene Tortillas, die Esel trompeten und suchen dann wieder mit +den Pferden und Maultieren auf dem Erdboden herum, ob noch ein +Grashälmchen vergessen wurde. Denn gestern war hier alles grün, jetzt +aber, seitdem so viele Pferde und Esel hier gestanden haben, ist der +Boden wie abrasiert. Obgleich das Tierzeug den herumsitzenden und auf +dem Boden hockenden Leuten in einem fort zwischen die Beine läuft, die +Leute werden nie nervös oder wütend auf die Tiere. Ab und zu ruft mal +eine Frau: „Perro! Hund!“ oder „Muchacho! Junge!“ (Kosename für das +Schwein), wenn die Tiere es gar zu arg machen. Manchmal aber fliegt den +Tieren doch ein Scheit Holz gegen den Kopf, wenn sie mit einem +Basttäschchen mit Tortillas, das sie gestohlen haben, ausrücken wollen. + +Bei einigen Gruppen wird laut geschwatzt und noch lauter gelacht. +Gruppen von jungen Burschen singen oder spielen auf der Mundharmonika. + +Man möchte nicht denken, daß da drinnen in der Hütte ein Leichnam liegt. +Wenn es den Leuten plötzlich einfällt, hören sie auf zu lachen oder +dämpfen ihr Geschwätz, während sie die singenden und musizierenden +Burschen mit einem kurzen Wort zur Ruhe mahnen. + +Je näher man zur Hütte kommt, je ernster sind die Leute, und je leiser +reden sie. Hier wird es eigentlich nur dann laut, wenn die Tiere zu +aufdringlich werden. + +Vor dem Eingang der Hütte hat man mehrere Decken dachartig ausgespannt, +damit die Leute unter diesem Dach im Schatten sitzen können, denn die +Hitze lastet wuchtig und schwer. In den Tropen, in der Tierra Caliente, +um ein Uhr mittags, und kein Wölkchen am Himmel, und die Elf-Uhr-Brise +ist heute ausgeblieben. Gerade heute, während sie gestern ein guter Wind +war, der bis fünf Uhr anhielt. + +Ich nehme den Hut ab und gehe in die Hütte. Die Hütte ist gefüllt mit +Frauen, die sich mit ihren Pappfächern unermüdlich und rein mechanisch +gleichmäßig kühle Luft zufächeln. Die Kerzen sind ganz zusammengebogen, +und an jeder Kerze ist man tätig, um sie gerade zu halten. Die Mehrzahl +der Kerzen stehen in Konservenbüchsen, die mit Wasser gefüllt sind. Die +Flamme guckt nur ein kleines Stückchen aus dem Wasser heraus; sobald die +Flamme einen Finger lang zuviel herausguckt, biegt sich die Kerze sofort +in einen rechten Winkel um, als sei sie aus warmer Butter gemacht. Wenn +die Flamme das Wasser erreicht, wird das Wasser wieder ein Stück +abgegossen, und kommt die Flamme zu tief in die Blechbüchse, wird die +Kerze herausgenommen und eine neue hineingesteckt. Die Kerzen liegen +alle in einer großen Schüssel mit Wasser, aber das hält sie nur solange +in der Form, solange sie im Wasser liegen, werden sie in die Hand +genommen, legen sie sich gleich um. Es erfordert die ungeteilte +Aufmerksamkeit mehrerer Burschen, um die Kerzen in Ordnung zu halten. + +Die Garza hat wieder einmal das Tuch vom Gesicht des Kleinen genommen. +Sein Gesicht ist nicht mehr zu erkennen. Es fließt bereits wie Brei +auseinander. Die kleine Wunde an der Oberlippe, die, als der Kleine aus +dem Wasser kam, kaum zu sehen war, hat sich zu einer schwärenden großen +Fläche erweitert infolge der raschen Verwesung. Beide Lippen sind schon +fortgelaufen, und das Gebiß liegt offen da wie bei einem Skelett. Auch +das Zahnfleisch ist eine breiartige eiterähnliche Masse, die seitlich an +den Zähnen herunterläuft. Die Nase ist mehr als zur Hälfte +fortgefressen, und von der kleinen Wunde, die am Kopfe war, hat sich +eine andere zerfallende Fläche gebildet, die den Schädelknochen +freigelegt hat. Unter dem Auge, wo die Beule war, hat der Zerfall auch +begonnen, und das Auge, seiner Umkleidung beraubt, liegt starr und +allein auf der Augenhöhle. Es ist nicht die tropische Hitze allein, die +eine so grauenhafte Zerstörung in einer so kurzen Zeit anrichten konnte, +sondern es ist die Hitze, vereint mit der Überfülle des Wassers, das der +Körper im Flusse aufgenommen hatte. + +Der ganze kleine Körper ist nun in rockartige Gewänder von rotem, blauem +und grünem Papier gehüllt. Die Gewänder sind mit Sternen und Kreuzen, +die aus Gold- und Silberpapier geschnitten sind, übersät. Das Kunstwerk +aus Kottbus oder Birmingham ist nicht mehr zu sehen. Papier ist nicht +nur geduldig, es kann auch wohltätig sein. Hier ist es sogar erlösend, +und von den vielen Sünden, die das Papier auf dem Gewissen hat, mögen +ihm für diese Tat einige vergeben werden. Beinahe jede der Frauen hat +sich daheim, noch in der Nacht, sobald sie von dem Tode des kleinen +Jungen hörte, sofort hingesetzt und Papierröcke für den Jungen gemacht. +Und da sich die Frauen ja nicht durch Draht miteinander verbinden +können, so weiß keine, ob der Kleine auch ein schönes Papierkleidchen +haben wird für seine letzte Reise. Deshalb hat jede Frau für den Kleinen +ein Röckchen gemacht, und jede Frau hat es mitgebracht, und jede bringt +es mit soviel Freude und soviel Liebe zu der weinenden Mutter, daß die +Mutter nicht anders kann, als die Kleider anzunehmen und sie mit Hilfe +der Geberin dem Kleinen anzuziehen. Glücklicherweise haben nicht alle +Frauen nur Röckchen gebracht, sondern manche nur Sterne und andere nur +Kreuze und wieder andere nur Bänder aus Gold- und Silberpapier. + +Nun kommt eine Frau herein, die ich kenne. Sie ist die Mutter jenes +jungen Mannes, den ich beinahe zum Leben wiedererweckt hätte, wenn der +Spanier nicht gekommen wäre. Ob ich in jenem Dorfe dasselbe Ansehen +unter den Indianern genösse, wenn der Spanier nicht gekommen wäre und +ich den jungen Mann hätte vom Tode auferwecken müssen, ist fraglich. +Aber ich glaube, ich würde mich derselben Anerkennung trotzdem erfreuen, +weil ich mich sechs Stunden mit Wiederbelebungsversuchen abgegeben +hatte, was ja auch dann anerkannt werden muß, wenn es erfolglos sein +sollte. Die Frau begrüßt mich vor allen anderen Anwesenden zuerst, und +sie tut es sehr herzlich. Sie hat für den Kleinen auch eine Krone +gemacht. Diese Krone ist nicht so geschmackvoll wie die Krone, die von +der Pumpmeisterin noch in der Nacht gefertigt worden war. Aber diese +Frau hält ihre Krone für schöner. Sie geht zu dem Leichnam, nimmt das +Krönchen vom Kopfe des Kleinen und setzt ihm ihre Krone auf. + +Die Pumpmeisterin steht dabei, sieht es und läßt es geschehen. Ich sah +in der Nacht, mit welcher Liebe die Pumpmeisterin das Krönchen machte +und wie sehr sie sich freute, daß es so gut gelungen war und daß der +Kleine so hübsch darin aussah. Sie sieht ihre Nebenbuhlerin eine Weile +an und macht dann eine kurze Bewegung, als wolle sie es verhindern, daß +ihre Krone so ohne Zeremonie ausgetauscht wird. Aber dann lächelt sie, +legt ihre Hände über ihre Brust, sieht neidlos dem Vertauschen zu und +ist zufrieden. Jeder will dem Kleinen und der Mutter ja nur Liebes tun +und Liebe zeigen. Wozu also um das Krönchen einen Streit beginnen und +das Prioritätsrecht geltend machen! Das erste Krönchen hat ja seinen +Zweck völlig erfüllt, mag nun das zweite Krönchen an die Reihe kommen. + +Die Frau mit der zweiten Krone hat die erste Krone abgenommen und wirft +sie beiseite mit einer Gebärde, als ob sie sagen wolle: „So ein Dreck!“ + +Die Krone ist allerdings schon ein wenig beschmutzt von der zerfallenden +Kopfhaut. Die Pumpmeisterin bückt sich, hebt ihre Krone vom Erdboden +auf, zerknüllt sie zwischen den Fingern so unauffällig wie möglich, geht +dann damit hinaus und wirft sie in das große Feuer, wo die Kracker +angezündet werden. + + + + + 20 + + +Vor der Hütte hört man reden, und bald darauf kommt der Mann herein, der +den Sarg bringt, den er selbst gemacht hat. Als dieser Mann hereinkommt +und den Sarg, den er unter dem Arm trug, auf den Boden stellt, fängt die +Garza entsetzlich zu schreien an. Alle Frauen in der Hütte beginnen +ebenfalls gell zu schreien, und auch die Frauen, die vor der Hütte +sitzen, schreien und klagen laut. + +Der Sargmann hat den Hut abgenommen und wischt sich den Schweiß mit dem +Handrücken. Es kommen nun einige andere Männer herein, und man wird +sofort geschäftig, ohne das Schreien der Frauen zu beachten. Auch Sleigh +ist mit hereingekommen. + +Der Sarg wird nun auf eine Kiste gestellt. Er ist selbst nichts weiter +als eine rohe längliche Kiste. Nichts daran ist gehobelt. Die Wände der +Kiste sind außen mit blauem Papier beklebt, damit man das rohe Holz +nicht sehen kann. Im Innern der Kiste ist trockenes Gras, und es sind +trockene Maisblätter darin. Auf diesen Blättern ist eine Schicht +zerbröckelter Kalkstücke. + +Vier Männer, darunter Sleigh, fassen den Körper an seinen vier Ecken an +und versuchen, ihn in den Sarg zu heben. Während sie ihn hochheben, +fällt der Kopf tief herunter, und es gewinnt den Anschein, als wolle er +abbrechen. Ich springe rasch hinzu und halte ihn mit dem kleinen Kissen, +auf dem er ruhte, in gleicher Lage mit dem Körper. Dabei läuft mir der +Verwesungsbrei über die Hände. Die Papierkleider fallen auseinander, und +der ganze schöne Aufputz wird eine heillose Manscherei. Endlich haben +wir den Körper in dem Sarge, und die Pumpmeisterin ist sofort tätig, um +die Kleider wieder in Ordnung zu bringen. + +Der Sarg ist nun auf den Tisch gestellt worden, und sobald er dort +steht, wirft sich die Garza darüber, um das kleine Gesicht zu küssen. +Aber als sie gerade ihren Mund auf die Lippen pressen will, sieht sie, +daß keine Lippen mehr da sind, sondern nur Zähne, die aus einem +grünlich-gelben Brei herausgrinsen, und daß der runde Augapfel, der +losgelöst auf der Höhle liegt, sie fremd anstarrt. Eine dicke, durch die +Bewegung des Körpers aufgerüttelte Wolke entsetzlichen Gestanks nimmt +ihr den Atem und läßt sie mit einem Ruck zurückfallen. Dort steht sie, +gierig nach frischer Luft ringend, und sie wirft ihre Arme so unsinnig +und unnatürlich in der Luft umher, als seien sie plötzlich aus den +Gelenken gefallen und gehörten nicht mehr ihr. Dann tastet sie mit +flinken Fingern an ihrer Brust entlang und läßt die Hände wie von selbst +über den Hals am Gesicht hinaufklettern, bis sie das Haar erreichen, das +die Finger zerkrallen. Ihre Augen irren hilflos umher, ihre Arme fliegen +mit einem Ruck hoch, und während sie einen grauenhaften Schrei ausstößt, +bricht sie zusammen. + +Andere Frauen springen sofort hinzu, flößen ihr Wasser ein und +Schnaps, sprengen ihr Wasser ins Gesicht, versuchen, ihre Hände +auseinanderzureißen, klopfen ihr auf die Backen und auf den Rücken. Nach +einer Weile ist sie wieder munter. Es war der letzte Abschied von ihrem +Jungen. + +Ihr Mann, seit einiger Zeit schon völlig im Nebel, kommt nun torkelnd +und stolpernd auf sie zu. Aus der hinteren Hosentasche zieht er die +Tequilaflasche hervor und drückt sie ihr in die Hand. Die Frau nimmt die +Flasche und verschwindet mit ihr in jenem engen Nebenraum. Durch die +Stämmchen sehe ich, daß sie einen mordsmäßigen Zug tut, der einem +frumben Raubritter die Augen auf Stiele setzen würde. Dann kommt sie +wieder hervor, gibt ihrem Manne die Flasche zurück und wischt sich mit +der Hand über den Mund. Der Mann nimmt die Gelegenheit, daß die Flasche +nun doch einmal in der Hand ist, wahr und zieht sich einen wackeren Hieb +durch die Kehle. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen. + +Der Sargmann holt einen Hammer aus der Hosentasche und aus der anderen +zwei dicke Nägel. Er hält das für besser, als lange zu reden, was nun zu +geschehen habe. + +Die Frau hat diese Ansprache auch sofort begriffen. Sie kommt heran, +deckt das Tuch ab und sieht auf das, was vom Gesicht noch übrig ist. +Sofort summen dicke grüne Fliegen herbei, die sich auf das Gesicht +setzen. Die Frau läßt das Tuch wieder auf das Gesicht fallen und steht +nun eine Weile da, als ob sie auf etwas warte. Dann dreht sie sich rasch +um, nimmt die kleine Gitarre herunter und legt sie neben den Kleinen in +den Sarg. Wieder sinnt sie einen Augenblick, und dann rafft sie das +verschrammte Blechwägelchen und den übrigen Jungenkram zusammen und +packt es auch noch in den Sarg. Und dann sagt sie ganz still und +andächtig: „Adios, Carlos mio!“ + +Niemand in der Hütte, wo alles dicht gedrängt steht, bewegt sich, +niemand spricht etwas, niemand atmet. + +Die Garza läßt den Kopf sinken, dreht sich völlig um, bis sie mit dem +Rücken zum Sarge steht, und geht einen Schritt vorwärts der Wand +entgegen, durch deren Stäbe man das Feuer sieht. + +Mit flinken Händen hat der Sargmann den Deckel aufgesetzt, und er gibt +zwei leichte Schläge auf die Köpfe der zwei Nägel, die er eingesteckt +hat, leicht genug, daß man sie noch einmal herausziehen kann. + +Nun geht es rasch. Vier Burschen nehmen den Sarg auf die Schultern, und +stolpernd wird losgezogen. Die Männer, Frauen und Kinder folgen. Sie +gehen nicht in einem Zuge, sondern in einem Haufen. + +Garza torkelt zwischen zwei Männern, die nicht fähig sind, ihn gerade zu +halten, weil sie mit sich selbst genug zu tun haben, um auf den Beinen +zu bleiben. + +Die Mutter geht neben der Pumpmeisterin, in deren Arm sie eingehängt +ist. Immer noch hat sie das meergrüne Kleid an. Das Kleid hat Streifen +und Flecke von Blut und schmutzigem Wasser. Die Blumen sind abgefallen. + +Nach wenigen Augenblicken ist der Haufen bei der Brücke. Als der Sarg an +der Stelle ist, wo die Kerbe eingehauen ist, bleiben die Träger stehen. +Die Männer nehmen ihre Hüte ab. Die Garza beginnt herzzerbrechend zu +weinen. Die Pumpmeisterin küßt sie und nimmt sie in ihre Arme. + +Die Träger haben sich wieder in Marsch gesetzt. Der Haufe trottet +schwätzend hinterher. + +Sleigh bleibt eine Weile auf der Brücke stehen, dann dreht er sich um +und geht heim. + +Jetzt hat man die Brücke verlassen, ist an der Pumpstation vorüber und +wandert nun auf dem Dschungelwege zum Friedhof, der ein paar Stunden +weit entfernt ist. + +Die Musik, ein Geiger und ein Gitarrespieler, fangen an, die Trauermusik +zu machen. Daß es Trauermärsche gibt, wissen sie nicht, würden es auch +nicht glauben, wenn man es ihnen erzählte. Daß es Choräle gibt, davon +haben sie gehört, können aber keine spielen. Aber amerikanische Tänze, +die können sie spielen. Und der kleine Junge soll doch mit Musik zu +Grabe gebracht werden, weil er nun als kleiner Engel auf der Reise ist. + +So setzt die Musik lustig ein mit: „It ain’t goin’ t’rain no’ mo’ –.“ +Jene Kulturwelle, die in genau bestimmten Intervallen von der +europäischen und von der amerikanischen Hochzivilisation erbrochen wird, +die in „Puppchen, du bist mein Augenstern“ ihren glorreichen Anfang +nahm, die mit „Yes, we have no bananas“ die bewohnte und die unbewohnte +Erde so verschlammte, daß ich, selbst in den unzugänglichen Dschungeln +von Chiapas, Guatemala und Honduras, diesem hehren Ausdruck einer +angebeteten Zivilisation nicht entgehen konnte, jene Kulturwelle hat nun +einen weiteren, in die fernsten Winkel des Weltalls strahlenden +Höhepunkt erklommen mit „It ain’t goin’ t’rain no’ mo’–“. Man muß +Amerikaner durch Geburt sein, um die Geistlosigkeit, die Sinnlosigkeit, +die Seelenlosigkeit, die Brutalität dieses Tanz-Chorals der Zivilisation +in ihrem vollen Umfange erfassen zu können; wie man geborener Deutscher +sein muß, um zu begreifen, daß „Puppchen, du bist mein Augenstern“ das +hüpfende Vorspiel werden mußte für eine Tragödie der Gehirnlähmung, die +einen fünfjährigen Weltraubmord ermöglichte. + +Für den eingeborenen Bewohner der Tropen ist das Wasser etwas Heiliges, +die köstlichste Gabe, die dem Menschen gegeben wurde. „Unser täglich +Wasser gib uns heute!“ Flüsse und Seen sind schön, das gesegnetste +Wasser aber sendet der Himmel herunter auf seine Kinder, wenn ihre Not +am höchsten ist. „Es wird nun nie mehr regnen“ mag für den Herrn +Gerichtsaktuar, der Angst um den neuen Hut seiner Gerichtsaktuarin hat, +ein recht freudiger Gedanke sein. Aber der Fluch der Zivilisation und +die Ursache, warum die nichtweißen Völker sich endlich zu rühren +beginnen, beruhen darin, daß man die Weltanschauung europäischer und +amerikanischer Gerichtsaktuare, Polizeiwachtmeister und Weißwarenhändler +der ganzen übrigen Erde als Evangelium aufzwingt, an das alle Menschen +zu glauben haben oder ausgerottet werden. + +Würden die Indianer, deren Sprache wie Gesang ist, weil sie Ehrfurcht +vor der Sprache haben, erkennen, wie tief die weißen Kulturschöpfer ihre +Sprache zu erniedrigen vermögen und wie gedankenlos sie diese +Erniedrigung ihrer Sprache allein in jener einen Zeile in die Welt +hinausschreien und hinausmusizieren und hinaustanzen, so würde ich mich +schämen, einem Indianer ins Gesicht zu blicken, und ich würde mein +Gesicht mit Zinnober bemalen, nur um nicht mit meiner Rasse +identifiziert werden zu können. Aber sie verstehen weder den Sinn jener +Zeile, noch verstehen sie die Erniedrigung der Sprache, die in jener +Zeile zum Ausdruck kommt. Übrig bleibt nur die Musik. Und durch jene +Musik, die der einen Zeile völlig ebenbürtig ist, dringt die Kultur der +weißen Rasse, die ja in der Musik ihren empfindungsreichsten Ausdruck +sucht, in das Leben der farbigen Völker ein. Und in dieser Musik lernt +der Indianer, dessen Seele und Empfindung noch ursprünglich sind, die +Kultur der weißen Herrenrasse in ihrem Wert erkennen. + +Daß dieser blöde Tanz hier als Begräbnismusik dient, offenbart, daß der +Sinn der europäischen Musik hier seine Grenzen gefunden hat und genau +wie die Religion, die von den Weißen gebracht wurde, auf eine +undurchbrechliche Mauer stößt. Den Tod begreift der Mensch hier, aber +die christliche Form des Begrabens ist ihm fremd. Sie ist ihm hohle +Formel, die er rein äußerlich nachahmt. Und darum ist ihm die Tanzmusik +bei dem Begräbnis nichts, das ihn stören könnte. Der Tod ist das Große, +das Eigene; was darüber ist, das ist das Fremde. Die Tanzmusik ist am +richtigen Platze. Wäre es anders, würde der Indianer in Verwirrung +geraten. + + + + + 21 + + +Was schiert sich die Sonne hier um Leichen, um weinende Mütter, um +Begräbnisse? Was schiert sich die Sonne um Zivilisationen, um echte +Kultur, um unechte Kultur, um gute Musik, um schlechte Musik und um +Ärger über Verpöbelung der Welt, der Rassen und der Seelen? Was immer es +auch sei, das uns Weh bereitet, sie steht erhaben und mächtig im All. +Sie ist der Gott, der alleinige, der sichtbare, der allgegenwärtige, der +ewig junge und lachende Gott, wandernd am Firmament wie ein steter +jubilierender Schöpfungsgesang. Sie ist Schöpfer und Erhalter und +Erzeuger und Gebärer. Sie spendet und verschwendet, ist nimmer müde, +fordert keine Gebete als Belohnung und droht nie mit höllischen Strafen. +Was schiert sich die Sonne um ein Begräbnis? Steil steht sie hoch über +uns, und ihre Glut brüllt. Und wir stolpern und staggern dahin, über +Wurzeln, umgefallene Baumgiganten, über Löcher und ausgewaschene +Furchen, wir drängen uns durch Gestrüpp, durch Dornengesträuch und durch +hohes scharfes Gras. Schwätzend, lachend, rufend, kreischend, weinend +und musizierend. Onesteps und Twosteps und Foxtrotts und immer, wenn den +unermüdlichen Musikanten nichts einfällt, was sie spielen sollen, dann +spielen sie das große Tedeum „It ain’t“. Der Sarg schaukelt bedenklich +auf den Schultern der stolpernden Burschen, und wenn einer durch die +trockene Erde in ein darunter ausgewaschenes oder von Tieren +ausgegrabenes Loch bricht, schreit die ganze Herde, plötzlich aus dem +stumpfen Dahinstolpern aufwachend: „La caja! Die Kiste!“ Und die am +nächsten sind, springen hinzu, um die Kiste aufzuhalten, damit der +Inhalt nicht vorzeitig verlorengeht und die Böschung hinunterschießt. +Denn ehe man ihn in diesem Gewirr des Dschungels gefunden und +herausgepellt hätte, würden die Geier, die an den Seiten des Weges +lauern, wo sie von Baum zu Baum fliegen und die aussehen wie +verwunschene Kapläne, ein Dutzend Fetzen herausgerissen haben, und es +würde sich kaum noch recht lohnen, zum Friedhof zu ziehen. + +Vor dem Sarge geht Morano, der mittlere Bruder. Er ist von einer Schar +schreiender und quiekender Jungen umgeben. Einer von den Jungen schwingt +fortgesetzt ein angebranntes Holzscheit, um es glimmend zu halten. Und +Morano zündet seine Kracker an und schleudert sie in die Lüfte, wo sie +knallend explodieren. Bei den ersten Knallern erhoben sich die +Schwarzröcke mit schweren mächtigen Schwingen in die Lüfte. Jetzt aber +haben sie sich schon daran gewöhnt. Schwer rudern sie von Baum zu Baum, +mit gierigen und wütenden Augen den Zug anstarrend. Die heiligen Vögel +der Tropen, die nicht geschossen, nicht gejagt oder gefangen werden +dürfen, denn sie sind legitimierte Beamte, die Gesundheitspolizei des +Dschungels, des Busches, der Prärien und der Sandmeere. + +Manuel geht ganz für sich allein, als ob er nicht dazugehöre. Garza +bleibt häufig stehen, zerrt die Flasche aus der hinteren Hosentasche und +zieht einen Tüchtigen. Seine beiden Freunde helfen ihm dabei, und wer +sonst gerade Lust hat, kommt herbei. Garza ist freigebig, und wenn diese +Flasche leer ist, dann hat er in der linken hinteren Hosentasche eine +andere Literflasche voll Leichenschmaus. + +Die Mutter geht in der Herde. Wer es nicht weiß, würde nicht vermuten, +daß sie die Trauernde ist. Sie geht nicht mehr im Arm der Pumpmeisterin, +weil die nahe Berührung wegen der Glut, in der wir marschieren, +unerträglich geworden ist. Aber die Pumpmeisterin geht neben ihr, und +einige andere Frauen sind in ihrer Nähe. Man spricht, um den Weg +abzukürzen. Man redet von tausend Dingen, die Frauen interessieren +können, nur nicht mehr von dem Kleinen. Der Marsch ist schon ein +Zurückwandern in das alltägliche Leben. Die Burschen, die den Sarg +tragen, streiten unausgesetzt miteinander; niemand will tragen, niemand +will ablösen. Es stinkt unerträglich in der Nähe des Sarges, und die +Burschen binden sich Taschentücher vor die Nasen. Das Tragen ist +ermüdend, lästig und unbequem. Die schwarzen Vögel würden nicht von +Gestank oder von Anstrengung sprechen, aber streiten würden sie sich +noch viel mehr, und die Schwachen hätten zu warten, bis die Starken +schwerfällig auf einen Ast zufliegen müssen, um zu verdauen. + +Es ist bewundernswert, wie die Musiker trotz der Gluthitze, trotz des +Kletterns auf dem Dschungelwege – denn Wandern oder Gehen ist es nicht +–, trotz einer langen Nacht unermüdlichen Zum-Tanz-Aufspielens +unverdrossen und berufsfreudig den Trauermarsch spielen und dadurch der +dahintrottenden Herde Sinn und Inhalt geben. Man würde sonst vergessen, +warum man diese Reise überhaupt unternommen hat. Denn grün ist es +rundherum und unter den Füßen, goldschimmernd blau ist der Himmel, die +Sonne bläst schmetternde Fanfaren, die Vögel singen, von Blumen übersät +und durchleuchtet ist der Dschungel, und Schmetterlinge, fächergroße und +edelsteinkleine spielen jubelnde Farben durch die Luft. Es zirpt und +geigt und flötet im Grase und im Laube. + +Es lebt die Welt. Was ist ihr das Stückchen zerfließende Verwesung? +Nichts. Nicht einmal Dünger. So reich ist sie, so verschwenderisch, daß +sie dieses Düngers nicht braucht und ihn den Schwarzröcken zum Festmahle +preisgibt. O Mensch, wie wenig bist du, wie wenig dein Mühen und +Streben! Freue dich, liebe, stirb und rufe die Geier, den Rest zu tun! + +Aber da ist das Dorf in Sicht. Hütten, Palmhütten und Grashütten. Nackte +Kinder wimmeln herum die Menge; Hühner, Ziegen, Schweine, Esel und Hunde +zwischen den Hütten, hinter den Hütten, in den Hütten, auf den Wegen. +Die Leute kommen aus ihren Behausungen. Schweigend lassen sie den Zug +herankommen und schweigend lassen sie ihn vorübergehen. Die Männer alle +nehmen ihre Hüte ab, wenn der Zug an ihnen vorbeikommt. Selbst die +nackten und zerlumpten braunen kleinen Wildlinge halten in ihrem +Herumjagen inne, bleiben schweigend stehen und sehen dem Haufen mit +weitaufgerissenen Augen nach. Eine Frau stößt einen gellenden Schrei +aus, bückt sich, hebt ihr kleines Würmchen, das auf dem Boden strampelt +auf und drückt es an ihre Brust, als wolle es jemand stehlen kommen. +Dann bricht sie in langgezogenes Klagen aus, in das andere Frauen +einstimmen und das aus dem Zuge heraus von der Garza und einigen anderen +Frauen beantwortet wird. + +Aus der Tienda kommt ein Mann herausgetorkelt. Er hat einen billigen +weißen Leinenanzug an mit einer Jacke. Einen dünnen Zweig hat er in der +Hand, mit dem er kreuz und quer in der Luft herumfuchtelt. Er hat schwer +Topgewicht und kann sich kaum auf den Beinen halten. Es ist der Lehrer +aus dem nächsten Dorf, das näher zur Bahn liegt. Er ist nur für zwei +Monate in jenem Dorf, weil die Regierung jenem Dorfe nur für zwei Monate +Schullehrergehalt bewilligt hat. Mehr Geld ist nicht da. Und wenn die +zwei Monate um sind, geht der Lehrer wieder heim zu seiner Familie, die +in einem anderen Staate lebt, sechshundert Kilometer von hier entfernt. +Das Geld für die Heimreise muß er sich in den Dörfern zusammenbetteln +gehen, weil von dem Gehalt, nachdem er sein Kostgeld bezahlt und seiner +Familie den Rest geschickt hat, nichts mehr übrig ist. + +Freunde der Garzas in dem Dorfe, wo er Schule hält, in einer Hütte, wo +die Kinder keinen Tisch haben, um ihr Schreibheft oder ihr Lesebuch +draufzulegen und sie deshalb auf den Knien schreiben müssen, haben ihn +gebeten, hierher zu kommen und die Trauerrede für das Kind zu halten. Er +hat sich sofort sehr früh aufgemacht, weil man ihm gesagt hatte, das +Begräbnis sei um ein Uhr. Das war ein Mißverständnis. Es sollte heißen, +daß der Zug um ein Uhr von Hause fortginge. Und jetzt ist es fünf Uhr. + +Ich kenne den Lehrer von früher her, als er in einer kleinen +Indianerstadt Schule hielt. Damals habe ich mit ihm und seiner Schule +Schulfeiern und Schulausflüge mitgemacht und habe mit den erwachsenen +Indianern, die Lesen und Schreiben lernen wollten, weil jeden Sonntag +die Kommunisten herauskamen und ihnen predigten, das sei wichtig, die +Abendschule besucht, wo ich zwar nicht Lesen und Schreiben lernte, wo +sich mir aber eine neue Welt erschloß. + +Der Lehrer ist kein Indianer, er hat nicht einen Tropfen indianischen +Blutes; er sagte mir einmal, er sei Spanier. Ich glaubte es ihm aber +nicht ganz, zur Hälfte hat er sicher maurisches Blut in sich, und wenn +ich mich nicht täusche, ist er Ägypter. Er ist freilich hier im Lande +geboren. Nun weiß ich, daß er ein sehr nüchterner Mensch ist. Aber da +steht er nach einem langen anstrengenden Marsche hier vor der Tienda, wo +es nicht nur Hosen, Stiefel und Laternen gibt, Mehl, eingemachte +Pfirsiche, Kaffee, Hüte, Äxte und Revolverpatronen, sondern auch +Tequila. Und dann kommt ein Indianer, der Vater eines oder mehrerer +Kinder ist, die zu dem Lehrer in die Schule gehen, und er ersucht den +Lehrer um die Ehre, einen Schnaps mit ihm zu trinken oder eine Flasche +Bier. Der Lehrer möchte nicht nein sagen, um den Mann nicht zu +beleidigen und um nicht den falschen Eindruck zu erwecken, daß er zu +stolz sei, mit dem einfachen indianischen Arbeiter einen zu trinken. Und +so trinkt er. Nach einer Weile kommt ein anderer Vater, und der Lehrer +trinkt, weil er ja den zweiten unsagbar kränken würde, nicht mit ihm zu +trinken, nachdem er doch mit dem ersten getrunken hat. Fünf Stunden sind +lang, die Sonne glüht, das Wasser schmeckt lau wie Jauche, Kaffee ist +nicht zu haben, Limonade, wenn zu viel getrunken, bläht auf, und den +Schnaps kann man nicht ablehnen, und so ist der nüchterne Lehrer im +Tran. + +Der Zug geht weiter. Aus dem Dorfe folgen viele nach. Hinten torkelt der +Lehrer und braucht den ganzen Weg für sich. In seinen Arm eingehängt ist +jener Freund der Garzas, der den Lehrer gebeten hat, die Rede zu halten. +Jener Freund ist noch betrunkener als der Lehrer, dessen Willenskraft +wohl geschwächt, aber nicht betäubt ist. Der Lehrer versucht immer +wieder, sich gerade zu halten, aber sein Begleiter schleift auf dem +Boden entlang und macht durch sein Zerren und Herumdrehen und Hinstürzen +den Lehrer mehr berauscht, als er es sonst wäre, wenn er ganz allein +sein könnte und nicht unter dieser Suggestion des Schwerbetrunkenen +stünde, der sich durchaus gehen läßt. + + + + + 22 + + +Nun ist der Zug vor dem Friedhof. Die Männer nehmen ihre Hüte ab, und +unter unaufhörlichem Knallen und Raketenfeuern wird der Leichnam durch +die kleine Pforte getragen. So wenig wie dem Indianer diese Religion in +sein Wesen gedrungen ist, so wenig wie er diese Form des Begrabenwerdens +begreifen kann, so wenig klar ist ihm der Sinn eines christlichen +Friedhofes. Ein Schindacker in einem europäischen Lande sieht besser +aus. + +Da sind Hügel, und da sind Haufen. Da liegen verwelkte Kränze, und da +stehen auf Gräbern Kreuze. Und es stehen viele Kreuze herum, wo man nur +aus dem Kreuz schließt, daß hier ein Grab sei. Auf die Kreuze ist +manchmal mit weißer Kreide, manchmal mit blauer Kreide, manchmal mit +Tintenstift und manchmal mit Bleistift etwas geschrieben. Es soll der +Name sein und das Datum. Es könnte aber auch etwas anderes sein, es kann +auch eine Rechnung aus der Tienda sein. Nach dem Datum sind manche +Gräber nur ein Jahr oder ein halbes Jahr alt, aber die Kreuze sind halb +zerbrochen oder liegen gar in Stücken herum an ganz anderen Stellen, als +wo sie eigentlich hingehören. Manche Grabplätze sind aufgewühlt von +Hunden oder Schweinen oder Ziegen. Die Gräber liegen durcheinander. +Dazwischen ist Dornengestrüpp, da sind Kakteen, und da ist Gras und +Wüstenkraut. Alles ein Dschungel von schwarzen, weißen, blauen, roten +und grünen Kreuzen und von zerbrochenen Kreuzen, als hätten die +Höllenbewohner hier ein infernalisches Knüppelholzschlagen veranstaltet, +ein Dschungel von Hügeln, Haufen, Löchern, Schutt, Papierblumen, dürren +Kränzen, Sträuchern, Lehmklumpen, Kraut und Gras. + +Sieht man einen solchen Friedhof zum ersten Male und vergleicht man ihn +bei diesem ersten Male mit jenen friedlichen, sauberen Kirchhöfen, die +man in Europa gesehen hat, so möchte man fragen: Wie ist das denn +möglich? Ich wollte eine solche Frage an mich stellen, als ich einen +solchen Friedhof zum ersten Male sah. Aber ehe ich diese Frage zu Ende +gedacht hatte, fand ich die Frage in dieser Betonung lächerlich. Denn +das allein ist ja der Friedhof, den die Menschen haben sollten, wenn sie +keine Heuchler wären. Aber sie müssen noch nach dem Tode heucheln und +als Gespenster herumlaufen. Seit jenem Tage, wo ich zum ersten Male +einen echten indianischen Friedhof im Dschungel sah, bin ich zu der +Wahrheit gelangt: Steht das Kreuz ein halbes Jahr auf dem Hügel und ist +der Hügel ein halbes Jahr sichtbar, so ist es in beiden Fällen sechs +Monate zu lange. Das Kreuz und der Hügel verhindern, daß der Mensch im +Herzen und im Geiste der Zurückgebliebenen weiterleben kann, darum ist +er gezwungen, als Gespenst uns das Leben zu verbittern. + +Der Zug ist jetzt an dem Loche, wo der Kleine hineingebettet werden +soll. Kein Totengräber gräbt die letzte Grube. Der Vater muß es tun oder +der Bruder oder ein Freund. Manuel hat das Grab aus dem harten lehmigen +Boden herausgehackt und herausgeschaufelt. Dann ist er auf dem Pferde +zurückgeritten, um dem Sarge folgen zu können. + +Der Sarg wird hingestellt. Der Sargmacher zieht die Nägel heraus und +hebt den Deckel ab, damit die Mutter Abschied nehmen kann. + +Man sieht die grellbunten Papierröcke, die goldene Krone, das Zepter und +die goldenen und silbernen Sterne und Kreuze. Aber das Gesicht kann +irgend etwas sein, nur kein Gesicht. Mit einem Schrei wirft sich die +Garza über den Sarg, den sie fest umklammert. Ihr Schrei geht in Wimmern +über. + +Garza kommt stolpernd heran. Er muß sich fest auf die Männer, die dicht +dabei stehen, stützen, damit er nicht umfällt, denn die zweite +Tequilaflasche ist inzwischen auch nahe zur Neige gegangen, und es sind +gerade noch ein paar Trosttropfen für ihn und seine Frau drin. Aber es +ist sein gutes Recht, hier dicht an dem offenen Sarge zu stehen, denn er +ist der Vater. Er will etwas sagen, vielleicht will er auch nur einen +Schmerzensschrei ausstoßen, aber er quiekst nur und wischt sich mit der +Hand die Tränen von den Backen. So betrunken ist er lange nicht, daß er +nicht weiß, was da von ihm genommen wird, daß sein Nesthäkchen nun für +immer abgewandert ist. + +Die Pumpmeisterin und zwei andere Frauen, die laut schluchzen und +schreien, als wäre es ihr Kind, heben die Garza auf. Sobald der Sarg +auch nur ein wenig frei ist, zieht ihn der Sargmacher gleich unter der +noch halb niedergebeugten Garza hervor. Ein anderer Mann hat schon den +Deckel bereit, und im Augenblick ist der Sarg zugenagelt. Diesmal für +immer. Dann trägt man ihn dicht an das Loch. + +Und nun drehen sich alle Leute um und warten auf den Lehrer. Der Lehrer +ist noch draußen vor der Friedhofspforte. Er weigert sich, den Friedhof +zu betreten, weil er genug Verstand behalten hat, um ganz genau zu +wissen, was mit ihm los ist, und daß er, der weinenden Mutter wegen, +nicht unter die Trauergemeinde treten kann und es auch nicht mag. Aber +jener Freund der Garzas, der ihn eingeladen hat, zerrt ihn jetzt durch +die Pforte und ruft noch einen anderen Mann herbei, um den Lehrer zum +Grabe zu schleifen. + +Endlich steht er am Grabe, und alle Leute sehen ihn. Er schwankt +bedenklich. Und mit einem Male geht er wieder fort vom Grabe und +versucht, sich davonzuschleichen. Der Freund hat das trotz seiner +Trunkenheit bemerkt und schreit wie besessen hinter ihm her. Es fängt +an, ein lautes Begräbnis zu werden. Der Freund kann sich nicht beruhigen +und schreit, es sei eine Schande, erst die Rede zu versprechen und sie +dann nicht zu halten. Andere Männer reden auf den Wütenden ein, den +Lehrer doch zu entschuldigen, aber das macht den Mann nur noch wütender. +Er beginnt den Lehrer maßlos zu beschimpfen. Um den Mann zu beruhigen +und den Streit, den andere Halbbetrunkene aufnehmen, zu beenden, wirken +die Leute auf den Lehrer ein, doch zu reden. Aber der Lehrer lallt nur. +Und während er sich umwendet, um die Leute abzuwehren und seiner Wege zu +gehen, sieht er die weinende Mutter, die weder bittend, noch abweisend +die Augen auf ihn gerichtet hält. Was die Mutter denken mag angesichts +dieser Streiterei und der Unwilligkeit des Lehrers, ist aus ihrem Blick +nicht zu erkennen. Aber es scheint, daß der Lehrer in seinem +Nebelzustande etwas darin sieht, was wir anderen nicht zu sehen +vermögen. Jedenfalls geht er plötzlich wieder auf das Grab zu. + +Er steht dicht am Rande der Grube und schwankt verdächtig hin und her. +Mit beiden Armen gestikuliert er nun heftig in der Luft herum und öffnet +den Mund. Da er in der einen Hand noch immer den abgeschnittenen Zweig +hält, so sieht er aus, als ob er mit jemand kämpfen wolle. Seine Augen +werden ganz stier und gläsern. Es spiegelt sich in seinem Blicke der +Eindruck wider, daß alle die Gesichter, die auf ihn jetzt gerichtet +sind, zu einer Einheit verschmelzen, die für ihn etwas Unheimliches +haben muß; denn seine Gesichtszüge beginnen, sich in Angst zu verzerren. + +Ich habe ihn einmal am Unabhängigkeitstage reden hören, und ich weiß, +daß er für Verhältnisse dieser Art als guter Redner gelten kann und daß +er auch keine Redefurcht hat. Warum er die gräßliche Angst zeigt, ist +mir unverständlich. Er fuchtelt jedoch immer heftiger mit den Armen +durch die Luft, macht den Mund weit auf und klappt ihn wieder zu. Man +könnte leicht annehmen, daß er glaubt, er rede bereits. + +Plötzlich aber schreit er ganz unvermittelt los: „Wir sind alle sehr +traurig!“ + +Er schreit das so gewaltig hinaus, als ob er zu fünftausend Menschen zu +sprechen hätte, die auf weiter Ebene versammelt sind und ihn alle hören +sollen. + +Dann brüllt er los, als ob er nun zu zwanzigtausend Leuten reden müßte: +„Der kleine Junge ist tot!“ + +Das alles war aber noch gar nichts, denn jetzt hebt ein Brüllen an, als +ob der Himmel auseinandergerissen werden solle: „Auch die Mutter des +kleinen Jungen ist sehr traurig. Sie weint.“ + +„Auch die Mutter ist sehr traurig. Jawohl, das ist sie!“ wiederholt er +mit diesem Brüllen, und dabei schlägt er mit dem Zweige so heftig durch +die Luft, als ob er den, der etwa bezweifeln sollte, daß die Mutter auch +sehr traurig sei, mit einem Hieb der Länge nach durchspalten wolle. + +Dieser Hieb war gut gemeint, und er war auch ehrlich gemeint, und +vielleicht war er ein Trost für die Mutter, die sehr traurig ist. Aber +der gutgemeinte Hieb war mehr, als das Gleichgewicht des Redners in +diesem Augenblick vertragen konnte. Der gute Mann sauste über und sauste +in das Grab hinein. Er kam aber nicht ganz bis auf den Boden des Grabes. +Über dem offenen Grabe lagen zwei Baumstämme, auf denen der Sarg +eigentlich stehen sollte, zum großen Glück des Redners aber noch nicht +hingestellt worden war, weil man durch das Streiten diese Handlung +vergessen hatte. Einen dieser Baumstämme hatte der Lehrer im Fallen +gerade noch erwischt, und nun hing er, beide Arme vor sich hingestreckt, +ebenso kläglich wie hilflos auf dem Stamm. Mit den Beinen angelte er nun +seitlich aufwärts, um den Rand zu erklimmen und daran hochzuklettern. +Aber seine Anstrengungen waren vergeblich, und hätte man ihm nicht +brüderlich beigestanden, so wäre er in das Grab hinabgesunken, von wo +er, wäre er allein hier gewesen, sich heute auf keinen Fall selbst +wieder hätte herauskrabbeln können. + +Trotzdem diese Entgleisung des Redners recht lustig war, sah ich doch +nicht einen einzigen unter allen, die anwesend waren, lachen. Und ich +selbst, dem das Lachen für gewöhnlich verhängnisvoll nahe steht, fand +auch nicht eine Spur von Komik in dem Vorgang. Damals auf keinen Fall, +ich erinnere mich dessen noch sehr genau, und ich erinnere mich ebenso +genau, daß mir in jenem Augenblick ein Weinkrampf näher war als das +bescheidenste Lächeln. Heute, nachdem ich drei Monate Zeit hatte, mir +jene einundzwanzig Stunden des wirbelnden Tanzes, zu dem der große +Musikmeister aufspielte, einzeln zurückzurufen, sie wieder zu erleben +und durch und durch zu erleben, weiß ich, daß niemand lachen konnte +darum, weil alle, alle dasselbe fühlten, was ich in jenem Augenblick +fühlte. Denn warum sollte ich ein Ausnahmemensch sein und etwas fühlen, +was andere Menschen nicht fühlen können! Und ich fühlte: Der Lehrer ist, +während er am Grabe steht, nichts als reine brüderliche Liebe für die +weinende Mutter, nichts als hingebende Hilfsbereitschaft für den +trauernden Mitmenschen. Und warum sollte einer von allen den Anwesenden +etwas anderes empfunden haben als ich? Hat doch keiner gelacht! So wenig +wie ich den Drang zum Lachen fühlte! + +Der Lehrer steht wieder an dem Rand der Grube. Den Zweig hat er noch +immer in der Hand, er hat ihn nicht einmal in seiner höchsten Not fallen +lassen. Er steht da mit einer Miene, als habe das, was eben geschehen +sei, gar nicht ihm gegolten, sondern irgendeinem anderen, und er habe +während dieses Zwischenfalles seine Rede unterbrochen, bis die Störung +vorüber sei. + +Mit demselben Brüllen redet er nun wieder weiter: „Auch der Vater ist +recht traurig. Jawohl!“ Und wieder wird der, der daran zweifelt, der +ganzen Länge nach durchgespalten. Jetzt aber hat sich der Weise besser +vorgesehen. Er steht nicht mehr so dicht an der Grube, daß er +hineinfallen könnte. Dafür aber hat der Hieb, der bei dieser Redewendung +seitlich weggeführt war, wie der Hieb eines Reiters vom Pferde herab, um +nicht etwa abermals in die Grube zu lenken, das Gleichgewicht nach einer +anderen Grundidee ausgeschwenkt. Denn nun, als die Schwungkraft dieses +Hiebes sich auszuwirken bemüht, saust der Redner rechts herum wie ein +Kreisel. Der Hieb war so kräftig geführt, daß eine ganze Drehung +zustande kommt. Diese Drehung ist zwar nicht kerzengerade, weil das ja +sowieso gegen die physikalischen Gesetze verstoßen würde und deshalb +schon unzulässig wäre und mit Geldstrafe belegt werden kann. Nein, die +Drehung ist schwankend schwenkend, etwa wie bei einem großen +Blechkreisel, der seine letzten aushauchenden Tänze vollführt. + +Der Redner steht wieder in seiner Anfangsstellung, mit dem Gesicht den +Leuten zugekehrt. Auch diesmal hat keiner gelacht. Wie könnte man auch +lachen, wenn jemand seine Sympathie mit solchem Nachdruck äußert! + +„Der kleine gute Junge hat so früh sterben müssen“, brüllt der Lehrer +und schlägt wieder zur Bestätigung mit dem Zweig. Nun aber hat sich der +Körper an diese Beiprodukte der Rede gewöhnt und antwortet nicht mehr +darauf. + +„Der gute Junge, den wir alle so lieb hatten, hat so rasch sterben +müssen. Das tut uns allen so sehr leid. Nun wollen wir ihn begraben. +Adios, mein lieber, kleiner Junge!“ + +Verflucht noch mal und ausgespuckt, der Geier soll doch das ganze +Begräbnis holen! Jetzt heule ich. Wahrhaftig, ich heule wie ein alter +Schloßhund, dem die weiße Frau als Ameisenbär erscheint. Ich heule, und +die ganze Gesellschaft, Männer, Weiber und zerbröckelnde Lehmkügelchen +weinen und schluchzen. Es ist nicht mehr jenes gelle Schreien wie in der +Nacht. Es ist ein stilles weinendes Trauern. + +Und was geht mich denn der Junge an! Ein Indianerjunge. Er ist doch gar +nicht mein Junge. Aber ich heule. Vielleicht ist er doch mein Junge, +ebensogut mein Junge, wie er der Junge aller dieser Leute hier, wie er +der Junge aller Menschen ist. Mein Junge, mein Bruder, mein kleiner +Mitmensch, ein Menschenkind, das leiden konnte wie ich, das lachen +konnte wie ich, das sterben konnte, wie ich es muß. + +Man will den Sarg mit Stricken, die aus fünf verschiedenen Riemen, +Stricken und Bindfaden zusammengeknüpft sind, herunterlassen. Aber die +Stämme wackeln hin und her, und die Stricke lassen sich der vielen +Knoten wegen nicht recht handhaben. + +Da springt ein Mann kurz entschlossen in die Grube. + +„Reich’ mir die Kiste zu.“ + +Der Mann klimmt heraus. + +Mutter und Vater werfen Erde darauf. + +Dann fliegen die Hände voll Erde von allen Seiten polternd auf die +Kiste. + +Die Musik hat sich da aufgestellt, wo der Lehrer, der sich unauffällig +entfernt hat, während seiner Rede gestanden hatte. Die Musik wird nun +spielen: „O heilige Jungfrau, voller Gnaden, du segensreiche Dulderin.“ + +Ich bin erlöst. Die Musik hat Geschmack und Takt. Sie weiß den wahren +Ton für die leidende Menschheit zu treffen. Sie heuchelt nicht und macht +keine Heuchelei mit. Diese Todsünde begeht sie nicht. Sie ist echtes +Geblüt des Dschungels. Sie hat den bewundernswerten Mut, die Dinge beim +rechten Namen zu nennen, immer und überall; sie hat die unerschütterte +Urkraft, den Dingen, deren Sinn von der Gedankenlosigkeit eines +taumelnden Geschlechts verwirrt wurde, den ursprünglichen Sinn +zurückzugeben, der die Gestalt und das Wesen des Dinges bestimmt. + +Und sie spielt den großen Trauermarsch der Menschheit: „It ain’t goin’ +t’rain no’ mo’ –.“ + +Und als der Choral, der mit Ewigkeiten Marmeln spielt und mit dem +Entsetzen des Weltalls Stiefel putzt, verklungen ist, mehrere Burschen +emsig Erde in die Grube schaufeln, andere die Blumen und Kränze ordnen, +die Mutter weinend in einem Knäuel weinender Frauen steht, die sie +umarmen und küssen, die Männer ihre Hüte aufsetzen und sich Zigaretten +drehen und niemand den Friedhof verläßt, bis die Mutter das Zeichen zum +Aufbruch gibt, fühlt die Musik, noch immer am Kopf der Grube stehend, +daß man noch etwas von ihr erwartet, weil sie erst die Hälfte ihrer +Aufgabe erfüllt hat. + +Da besinnt sie sich auf den Trauermarsch von gestern, glorreich wie der +beendete Fischzug von gestern, der die Säcke der Wissenden und +Verständigen mit Gold füllte, und die Rippen der Begeisterten und +Gläubigen mit Nickelstahl. Jener Trauermarsch, der die Faust, die sich +erhob, während man die Säcke zählte, recht dienstbeflissen und geschickt +mit Nagelputzcreme behandelte und zur selben Zeit den Unknown Warrior, +den Unbekannten Krieger, zur Hilfe aufrief, um der Faust die Krallen zu +stutzen. Jener Trauermarsch kam zur guten Stunde, um das herannahende +Weltdonnerwetter abzuleiten in die goldbronzierte Inschrift: – Arbeiten, +damit die andern nicht verzweifeln. Do It Now! – + +Und dieser Trauermarsch kommt auch jetzt zur guten Stunde und fällt den +Musikern am rechten Platze ein: „Yes, we have no bananas, we have no +bananas to-day.“ + +Adios, mein lieber kleiner Junge! Adios! Es leben die Maden und Würmer! +Adios! So wie du wurde noch kein König begraben! + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen, zum Teil basiert auf späteren Ausgaben, sind hier aufgeführt +(vorher/nachher): + + [S. 22]: + ... hinaus in die Nacht. Abgebrochene Stücken menschlicher ... + ... hinaus in die Nacht. Abgebrochene Stücke menschlicher ... + + [S. 171]: + ... schämen, einen Indianer ins Gesicht zu blicken, und ich + würde ... + ... schämen, einem Indianer ins Gesicht zu blicken, und ich + würde ... + + [S. 175]: + ... hätten zu warten, bis die Starken schwerfällig auf einem ... + ... hätten zu warten, bis die Starken schwerfällig auf einen ... + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77625 *** |
