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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77625 ***
+
+ B. TRAVEN Die Brücke im Dschungel
+
+
+ BÜCHERGILDE GUTENBERG
+
+
+Satz und Druck von der Buchdruckwerkstätte GmbH., Berlin SW 61
+
+Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Nachdruck
+verboten. Copyright 1929 by B. Traven, Tamaulipas (Mexiko)
+
+
+
+
+ DIE
+ BRÜCKE
+ IM
+ DSCHUNGEL
+
+
+ Den Müttern!
+ jedes Volkes
+ jedes Landes
+ jeder Sprache
+ jeder Rasse
+ jeder Farbe
+ jeder Kreatur
+ die lebt!
+
+
+
+
+ 1
+
+
+Wann und wo ich Sleigh eigentlich zum erstenmal getroffen hatte, weiß
+ich so genau nicht mehr zu sagen. Doch wenn ich mich recht erinnere, so
+war es an einem moderigen Pfuhl im Dschungel, wo ich meine Pack-Mules
+tränken wollte. Ja, so war es. Es fällt mir jetzt ein, daß, als ich zum
+Pfuhl geritten kam, ich in die Mündung eines auf mich gerichteten
+Sixshooters sah. Sleigh hatte gehört, daß sich jemand nähert, und im
+Dschungel oder im Busch läßt man es nicht darauf ankommen, sondern man
+sieht sich rechtzeitig vor. Man weiß ja nicht, wer der Ankömmling ist
+und welche Absichten ihn leiten. Ich hätte es genau so gemacht.
+
+„Stick ’em up, boy! Die Flossen hoch!“
+
+Seelenruhig zog er mir meinen Shooter aus der Tasche des Patronengürtels
+und schob ihn in seinen Gurt. Wir wechselten ein paar Worte. Er erzählte
+mir, daß er auf weiter Fahrt sei.
+
+Als dann sein Pferd getränkt war und er den Wasserbeutel gefüllt hatte,
+saß er auf und sagte: „Zweihundert Schritt, da können Sie Ihren Klicker
+abholen; ich bin kein Bandit, aber ich weiß ja nicht, ob Sie vielleicht
+einer sind. Savvy?!“ Ich folgte ihm, und als zweihundert Schritte
+zwischen uns lagen, winkte er, ließ meinen Revolver fallen und sauste
+ab. Ich ging zurück zum Pfuhl, ohne ärgerlich auf ihn zu sein; denn ich
+hätte es ganz genau so gemacht. Er hatte das Trommelröhrchen nur früher
+hoch als ich, und das entschied, wer das Recht zum Kommandieren hatte.
+Daß er ein ehrlicher Bursche war, bewies er; denn er konnte mir meine
+Mules abnehmen und den letzten Faden vom Leibe ziehen. Dann hätte ich
+noch dankbar sein müssen, wenn er mir den Hut, meine Hose und meine
+Stiefel gelassen hätte, weil, würde einem auch dieses genommen, man im
+Dschungel schon lieber um den Gnadenschuß ersucht.
+
+Drei Monate später ritt ich, in einer ganz anderen Gegend, durch ein
+Indianerdorf. Vor einer grasgedeckten Lehmhütte sah ich einen Weißen
+stehen, den einzigen Weißen im Dorf. „Hallo!“ rief er herüber. Es war
+Sleigh.
+
+Ich mußte in seine Hütte kommen, um seine Familie kennenzulernen. Seine
+Frau war Vollblutindianerin, und sie hatten drei Kinder. Die Frau mußte
+mir ein Ei backen und etwas vorsetzen, das er Kaffee nannte.
+
+Seit zwanzig Jahren lebte er unter den Indianern oder zwischen ihnen. So
+genau ließ sich in der kurzen Zeit, die ich in seiner Hütte verbrachte,
+das wahre Verhältnis nicht feststellen.
+
+Ein Jahr darauf etwa machte ich von Matehuala über Tula eine ziemlich
+beschwerliche Reise, um an den Tamesi zu kommen mit der Absicht,
+Alligatoren zu jagen. Es war aber nicht viel los damit; teils war der
+Dschungel so dicht und undurchdringlich, daß man den Fluß nicht
+erreichen konnte, teils war die Gegend so sumpfig und morastig, daß man
+es aufgeben mußte, an die eigentlichen Jagdgebiete heranzukommen. Ich
+ritt deshalb weiter den Fluß hinunter, um die größeren Nebenflüsse
+abzusuchen.
+
+So kam ich eines Tages an eine kleine Pumpstation, die das Flußwasser
+viele Meilen weit zu einer anderen Station pumpt, von wo aus es wieder
+weitergepumpt wird, bis es die Eisenbahnlinie erreicht. Ein Teil des
+Wassers dient zur Auffüllung der Lokomotivkessel; der größere Teil des
+Wassers jedoch wird von der Bahn in Tankwagen zu einigen Dutzend von
+Dörfern und kleinen Städten, die an der Bahnlinie liegen, gefahren, um
+die Bevölkerung mit Wasser zu versorgen.
+
+Der Pumpmeister war ein Indianer. Mit Hilfe eines vierzehnjährigen
+indianischen Jungen bediente er die Pumpe. Der Kessel wurde mit Holz
+geheizt, und das Holz wurde von einem anderen Indianer mit Maultieren
+von der fernen Bahnlinie herangeschafft.
+
+Der Kessel machte den Eindruck, als ob er jeden Augenblick aus den
+Nähten gehen würde, und die Pumpe, die zweihundert Jahre alt zu sein
+schien, ächzte, stöhnte, schwitzte, quietschte, keuchte und blubberte,
+daß den Alligatoren und Jaguaren der Aufenthalt hier in der Nähe sicher
+nicht zum Paradiese wurde.
+
+Dem Pumpmeister konnte das nur angenehm sein, denn er wohnte ja hier
+dicht neben seiner Pumpe in einer Hütte, vereint mit seiner ganzen
+Familie. Je mehr die Pumpe stöhnte und ratterte, um so sicherer konnten
+seine Kinder sich hier herumtummeln und im Flusse schwimmen.
+
+In der Nähe der Pumpe führte eine Brücke über den Fluß. Die Brücke war
+breit genug, daß Wagen oder Autos sie benutzen konnten; aber sie hatte
+kein Geländer. Das wäre auch eine ganz überflüssige Geldausgabe gewesen.
+
+„Hay muchos caimans, Senjor“, sagte der Pumpmeister.
+
+„Wo?“ fragte ich.
+
+„Weiter rauf oder runter. Natürlich nicht gerade hier an meiner Pumpe.
+Das wäre mir gar nicht einmal lieb. Die würden mir die kleinen
+Schweinchen und die Hühner alle wegstehlen.“
+
+„Was ist denn da drüben auf der anderen Seite?“ fragte ich.
+
+„Da ist Prärie. Ein Cattle-Ranch. Eine Viehweide. Gehört einem
+Amerikaner. Dahinter kommt dann wieder Dschungel. Und dann etwa zwanzig
+Meilen durch den Dschungel, da kommt ein Camp, da bohren sie auf Öl. Die
+haben hier die Brücke gebaut. Die müssen ja hier rüber, wenn sie das
+Material von der Bahn holen.“
+
+„Wer ist denn auf dem Rancho?“
+
+„Ein Gringo.“
+
+„Ach was, ich meine, wer nach dem Vieh sieht?“
+
+„Das habe ich Ihnen doch soeben gesagt: Ein Gringo.“
+
+„Wo wohnt er denn?“
+
+„Gleich da hinter dem Busch.“
+
+„Muy bien! Da will ich doch mal rüber, sehen, wie es ihm geht.“
+
+Hinter dem Gebüsch waren sechs oder acht der üblichen Indianerhütten,
+rauchende Indianerfrauen und herumjagende nackte braune Kinder die
+Menge. Hier war Gras und Wasser im Überfluß; also fanden auch die
+Indianer ihren Lebensunterhalt. Die Weide gehörte ihnen zwar nicht, aber
+daran störten sie sich nicht. Jede Familie hatte ein paar Ziegen, einige
+Esel, ein Dutzend Hühner, und im Wasser waren so viele und so schwere
+Fische, daß die Leute um ihre Mahlzeiten nie verlegen zu sein brauchten.
+Ein umgebogener Nagel mit einem kleinen Fisch daran und einem Stück
+Schnur war das ganze Angelgerät. Die Männer arbeiteten bei den
+Ölsuchern, oder sie brannten Holzkohle, um die Bedürfnisse zu
+befriedigen, die ihnen die Zivilisation gebracht hatte. Aber diese
+Bedürfnisse beschränkten sie auf das Allernotwendigste. Weder die müßig
+auf dem Erdboden hockenden Frauen, noch die kreischenden Kinder ließen
+sich durch mich stören. Nach meinem Manne zu fragen, hielt ich für
+überflüssig, denn im Hintergrunde sah ich eine Hütte, die zwar nach
+Indianerart gebaut, jedoch größer und sorgfältiger angelegt war. Kein
+Zweifel, da wohnte mein Amerikaner.
+
+Ich ritt zur Hütte, bis ich in respektvoller Entfernung der Tür war, wo
+ich ruhig hielt, ohne die Bewohner durch Rufen zu stören. Eine Tür war
+es ja eigentlich nicht, sondern es war eine türgroße Öffnung in der
+Wand. Aber da die Leute eine solche Öffnung Tür nennen, fühle ich mich
+nicht berechtigt, ihr einen anderen Namen zu geben.
+
+Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, kam eine Frau, eine Indianerin,
+heraus und sagte: „Pase, Senjor!“
+
+Ich stieg ab, und als ich in die Hütte trat, fand ich, daß die Frau die
+Gattin meines alten Bekannten Sleigh war. Sie begrüßte mich mit großer
+Herzlichkeit, lud mich zum Niedersitzen auf einem ächzenden Korbstuhl
+ein und sagte mir, daß ihr Mann gleich kommen würde, er sei auf der
+Pastura, um einen Stier hereinzubringen, der gedoktert werden müsse, der
+Stier sei von einem anderen Stier gespießt worden, und nun könne man in
+die Wunde schon die ganze Faust tief hineinstecken, und es seien bereits
+fingerdicke Würmer drin.
+
+Es dauerte auch nicht allzulange, da kam Sleigh an mit seinem Stier, den
+er mit Hilfe eines Indianerjungen in den Korral trieb. Dann stieg er vom
+Pferde und schüttelte mir die Hand. „Haben Sie nicht vielleicht eine
+Zeitung bei sich?“ fragte er gleich darauf. „Ich habe seit acht Monaten
+kein Stück Zeitung in der Hand gehabt, und manchmal möchte man ja doch
+gern wissen, was los ist.“
+
+„Ich habe den Brooklyn Eagle hier, ist aber auch schon fünf Wochen alt,
+alles, was ich habe.“
+
+„Geben Sie her, der ist ja noch ganz warm von der Presse, wenn er erst
+fünf Wochen alt ist.“
+
+Er setzte sich seine Brille auf. Das tat er sehr bedächtig und
+umständlich, denn sie war – für ihn wenigstens – mehr wert als ein
+dicker Brillantring. Während er sie an den Ohren zurechtrückte, sagte
+er: „Rosita, gib dem Senjor etwas zu essen, er hat Hunger.“
+
+Von jeder Seite las er zwei Zeilen, dann nickte er, um seine volle
+Zustimmung mit dem darin Gedruckten zu bekunden, sehr nachdenklich,
+faltete die Zeitung zusammen, setzte die Brille ab und sagte
+gedankenschwer: „Es ist doch gut, daß man wieder einmal eine Zeitung
+gelesen hat.“
+
+Sein Wunsch nach einer Zeitung war nunmehr vollkommen befriedigt. Von
+den paar Zeilen, die er gelesen hatte, hatte er auch nicht einen
+einzigen Gedanken aufgenommen oder auch nur gefaßt. Was kümmerte ihn
+dieser Trubel der Welt, der sich in den Zeitungen austobte? Hätte er in
+der Zeitung gelesen, die ganzen Vereinigten Staaten und Kanada seien
+durch eine Wassersflut von der Erdoberfläche hinweggespült worden, so
+würde er gesagt haben: „Wer hätte so etwas denken können, wir haben hier
+gar nichts davon gemerkt. Ich wollte vorige Woche noch an meine
+Schwester schreiben, die ist Sekretärin bei einer Methodistengemeinde,
+aber das ist ja nun nicht mehr notwendig. Wer hätte auch so etwas denken
+können!“ Dabei würde er auch nicht eine Miene seines Gesichts verzogen
+haben.
+
+„Ich bin hier auf Alligatoren“, sagte ich.
+
+„Großartig, Mann! Massenhaft. Die können Sie hier herdenweise schießen.
+Aber wir könnten ja erst einmal auf einen Hirsch gehen.“
+
+„Warum nicht. Haben Sie denn viel Wild hier?“
+
+„Massenhaft! Bleiben Sie nur ein paar Tage hier und sehen Sie sich um.
+Was haben wir denn heute? Donnerstag. Da kommen Sie gut. Meine Frau geht
+morgen früh mit den Kindern auf Besuch zu ihrer Mutter. Ich bringe sie
+bis zur Station. Den Morgen darauf bin ich wieder zurück, dann sind wir
+hier ganz allein und haben die ganze Hütte für uns. Eines von den
+Nachbarmädchen kommt herüber zum Kochen. Da können wir hier ganz
+angenehm hausen.“
+
+
+
+
+ 2
+
+
+Am Samstag morgen kam Sleigh zurück. Ich hatte inzwischen ein wenig
+gefischt und alle Hütten gut versorgt.
+
+„Heute abend ist Tanz,“ sagte Sleigh, „drüben an der Pumpe. Der
+Pumpmeister hat Musik bestellt. Er hat auch einen Kasten Bier und zwei
+Kasten Limonade herangeschafft, damit er die Kosten für die Musik
+herauskriegt.“
+
+„Wie stark ist denn das Orchester?“
+
+„Ein Geiger und ein Gitarrespieler.“
+
+„Die können doch soviel nicht kosten.“
+
+„Ja, denken Sie denn, daß er an dem Bier und der Limonade viel
+verdient?“
+
+Das Indianermädchen kam, um für uns zu kochen. Sie brachte ihren
+Säugling mit, obgleich sie selber kaum aus den Säuglingsjahren heraus
+war.
+
+„Der Mann ist ihr davongelaufen, dem armen Ding“, sagte Sleigh.
+
+Sie war sehr häßlich, und das ist eine Ausnahme hier unter den
+indianischen Mädchen, die an Schönheit miteinander wetteifern.
+
+„Ihr Mann hat sie sicher nur des Nachts gesehen, und als er sie bei
+Tageslicht betrachtete, da ist er so aus allen Himmeln gefallen, daß er
+sich in Nebel verflüchtete, so will mir scheinen“, sagte ich. „Sie soll
+eigentlich jener Nacht dankbar sein, denn auf andere Weise wäre sie nie
+zu einem Kinde gekommen, und seit sie nun ein Kind hat, findet
+vielleicht ein anderer Gefallen an ihr, unter der Suggestion, daß sie
+verborgene Schönheiten haben müsse.“
+
+„Sie haben ganz recht“, erwiderte Sleigh. „Ihren Spaß hat sie gehabt,
+und sie ist eigentlich nicht darum mißgestimmt, daß der Bursche
+abgezogen ist, als vielmehr, daß der Spaß nicht dauernd ist.“
+
+Dann aßen wir unsere Tortillas und Frijoles.
+
+Nachmittags ritten wir auf die Prärie hinaus, um uns das Jungvieh
+anzusehen und nach frischen Antilopenfährten zu suchen.
+
+Am Abend, als wir wieder bei unseren Tortillas und Frijoles saßen,
+fragte ich Sleigh, ob an dem Tanzvergnügen nur die Leute teilnehmen, die
+hier herum wohnen. Er erklärte mir aber, daß wenigstens hundert oder
+hundertzwanzig Personen anwesend sein werden, die aus allen Richtungen
+herkommen, aus den verstecktesten Hütten im Dschungel und von den
+schmalen Flußarmen und Standpfuhlen, fünf bis acht Meilen im Umkreise.
+
+Wir gingen nun rüber zur Pumpstation. Als wir an einer der Nachbarhütten
+vorüberkamen, sahen wir, daß vor dem Eingang an einem Pfahl eine Laterne
+hing, die den sandigen Platz vor der Hütte hell erleuchtete. Auf einer
+rohen Bank saß ein etwa vierzigjähriger Indianer mit einem dünnen
+Vollbart und spielte auf einer Geige Tanzmusik. Er spielte herzlich
+schlecht, hielt aber gut den Takt.
+
+„Ja, ist denn der Tanz hier?“ fragte ich Sleigh.
+
+„Das glaube ich doch nicht.“
+
+„Die haben hier aber den Platz gefegt, und da hängt doch eine Laterne.
+So großartig gehen die nicht mit dem Petroleum um, daß sie aus purem
+Vergnügen hier Licht machen.“
+
+„Wir werden ja gleich beim Pumpmeister hören. Vielleicht machen die hier
+einen Tanz für sich. Da sind doch immer zwei oder drei Parteien. Kann
+sein, daß sie den Pumpmeister nicht mögen.“
+
+An der Pumpstation hing eine düstere verräucherte Laterne. Der Platz war
+gefegt. Ein paar Burschen saßen herum. Auf einer Bank quetschten sich
+einige Mädchen in bunten Musselinkleidern. Musik war keine da.
+
+„Was ist denn los?“ fragte Sleigh den Pumpmeister.
+
+„Ich weiß nicht,“ antwortete der, „die Musik ist nicht gekommen. Jetzt
+ist es zu finster, jetzt kommt sie nicht mehr, der ganze Weg geht ja
+durch Dschungel. Die haben es mir doch so bestimmt versprochen, aber
+vielleicht sind sie an der Station hängengeblieben und machen da Musik.“
+
+„Was ist denn drüben beim Garza los, macht der einen Extratanz?“
+
+„Möglich. Der große Junge ist heute abend auf Urlaub gekommen, er
+arbeitet in Texas. Der alte Garza sucht immer nach einer Gelegenheit, wo
+er seine musikalischen Talente zeigen kann.“
+
+Wir gingen nun wieder zurück zu Sleighs Hütte, denn er wollte sehen, ob
+eine bestimmte Kuh, die er am Nachmittag auf der Prärie nicht finden
+konnte, hereingekommen sei.
+
+Garza saß noch immer vor seinem Jacalito und wimmerte auf der Fiedel.
+Neben ihm hockte auf dem Erdboden „der große Junge von Texas“. Er war
+ein zwanzigjähriger Bursche, gut gewaschen und gekämmt, hatte ein neues
+Hemd an und fühlte sich sonnig, der verwöhnte Gast in seiner Familie zu
+sein. Auf dem linken Knie hatte er eine Tasse mit schwarzem Kaffee, und
+auf das rechte Knie stützte er den rechten Ellbogen. In der rechten Hand
+hatte er eine mit Queso und Chile gefüllte Tortilla. So, jede
+überflüssige Kraftverschwendung peinlichst vermeidend, führte er bald
+die linke, bald die rechte Hand, alles auf Kugellagern laufend, an den
+Mund, um sein Nachtmahl einzunehmen und sich für den anstrengenden
+Zehnstundentanz zu stärken. Irgendwie würde es ja wohl zum Tanzen
+kommen; denn wo eine Violine in der Nähe war, da war auch Tanzmusik
+möglich.
+
+„Bist du denn immer noch nicht fertig, Manuel?“ rief jetzt eine
+Kinderstimme. Und hinter der Hütte kam ein sechsjähriger Junge
+vorgesaust und sprang dem zufriedenen Manuel wie ein Panther auf den
+Nacken, so daß Kaffee und Tortilla, oder was davon noch übrig war, in
+den Sand kollerten.
+
+Der Kleine saß fest im Nacken, zerraufte dem armen Manuel das strähnige
+Haar und trommelte ihm mit den kleinen Fäusten auf den Kopf und die
+Schultern, daß Manuel endlich aufstehen mußte. Carlos rutschte den
+Rücken hinunter, stellte sich vor den großen Bruder hin und begann, ihn
+zum Boxkampf herauszufordern. Aber Carlos war nicht ganz auf der Höhe.
+Gewöhnt, immer barfüßig herumzulaufen, stand er jetzt nicht sicher auf
+den kleinen Füßen. Manuel hatte ihm von Texas ein Paar echt
+amerikanische Stiefelchen mitgebracht, und Carlos hatte sie natürlich
+sofort anziehen müssen, um seinen großen Bruder zu ehren.
+
+Garza, unbekümmert um die Dinge, die da in seiner Nähe sich abspielten,
+kratzte unermüdlich auf seiner Fiedel herum.
+
+„Der Kleine ist ganz verrückt nach seinem erwachsenen Bruder“, sagte
+Sleigh, während wir auf seine Behausung zugingen. „Eigentlich sind sie
+gar nicht einmal Brüder. Der Große ist von der ersten Frau, der und noch
+ein anderer Junge von fünfzehn. Der Junge von fünfzehn ist nicht ganz
+richtig im Kopf, er hat zuweilen ganz verrückte Tage. Der Kleine ist von
+der zweiten Frau des Garza, eine noch ziemlich junge Frau. Aber der
+Große und der Kleine würden sich am liebsten auffressen vor Liebe. Der
+Manuel ist nur des Kleinen wegen auf Urlaub gekommen. Er hat seinen
+ersparten Lohn auf der Bahn verfahren, um ihm die Schuhe zu bringen und
+eine kleine Gitarre. Der mittlere, der Halbverrückte, ist gegenüber
+beiden, und selbst gegenüber seinem Vater, völlig indifferent. Ich
+glaube, er haßt den Kleinen fürchterlich, und wenn er ihm irgend etwas
+Hinterlistiges antun kann, so läßt er es sich nicht entgehen.“
+
+Inzwischen waren wir zur Hütte gekommen, wo das Mädchen sich auf dem
+Erdboden ihr Lager zurechtmachte. Sleigh ging hinaus, um nach der Kuh zu
+sehen. Das Mädchen, ohne sich um meine Anwesenheit zu kümmern, streifte
+ihr Kleid von den Schultern herunter bis dicht an die Hüften und gab
+ihrem Säugling zu trinken. Dann schob sie das Kleid wieder hoch, kroch
+mit dem Würmchen im Arm unter das Moskitonetz und, wie ich an dem Gewoge
+des Netzes bemerken konnte, zog sie sich darunter aus. Darauf streckte
+sie, mit einem wohligen Seufzer, der dem vollbrachten Tageswerk galt,
+alle viere von sich. Ob diese kleine Welt da draußen vor der Hütte einer
+Tanzlustbarkeit oder einer mysteriösen Tragödie entgegeneilte, war ihr
+durchaus gleichgültig.
+
+Es fing an, langweilig zu werden. Das kleine rauchige Lämpchen – ein
+Stückchen Docht in einer kleinen Blechflasche mit Petroleum – machte die
+Hütte gespenstisch. Die Decke war trockenes Gras. Die Wände waren dünne
+Stämmchen, durch die man in die Nacht hinaussehen konnte. Käfer, Motten
+und Schmetterlinge, so groß wie beide ausgebreiteten Hände, kamen auf
+das flackernde und rußende Flämmchen zugeflogen. Hin und wieder gluckste
+es in dem nahen Flusse, wenn ein Fisch hochsprang oder ein Tierchen vom
+Ufer hineinplanschte. Der ganze Erdboden und die umgebende Atmosphäre
+war angefüllt mit einem nimmer ermüdenden Zirpen, Pfeifen, Quietschen,
+Winseln und Wimmern. Ein Esel begann kläglich zu trompeten, und einige
+andere antworteten ihm, um sich Mut gegen die Gefahren der Nacht
+einzuflößen. Dann brüllte eine Kuh. Ein Mule kam wild angetrabt, von
+einer eingebildeten oder wirklichen Bestie in Angst gejagt. Als es
+einige Schritte von der Hütte stand und jemand drin sitzen sah, war es
+beruhigt, schnüffelte eine Weile auf dem Boden herum und trottete
+gemächlich wieder hinaus in die Nacht. Abgebrochene Stücke menschlicher
+Reden und Laute klangen heran und wieder hinweg. Ein gelles Lachen, das
+scharf durch die Nacht schlug und alles andere übertönte, einen Moment
+schrill über dem Erdboden hing und sofort hinweggeschluckt wurde, schien
+die Dunkelheit aufzufärben. Aber als es so hart abgeschnitten verlöscht
+war, lastete die Dunkelheit schwärzer und wuchtiger als zuvor. Zuweilen
+wehten einige Noten von der Geige durch die Nacht. Sie schwirrten
+tänzelnd und krächzend, kamen und gingen, ohne eine Verbindung mit Musik
+zurückzulassen.
+
+Plötzlich stand Sleigh in dem türlosen Eingang wie ein Schatten. Alles,
+was man von dem Schatten sehen konnte, war das helle Gesicht.
+
+„Ob das Mädel noch einen Schluck Kaffee zurückgelassen hat?“ fragte er.
+„Ich habe Durst.“
+
+Das Mädchen verstand nicht Englisch, aber Kaffee hatte sie verstanden
+und aus dem fragenden Tonfall heraus instinktiv begriffen, was er
+meinte. Sie hatte geschlafen, denn ich hörte sie schnarchen. Aber das
+leise Herankommen Sleighs, das ich nicht gehört hatte, das hatte sie im
+Schlafe deutlich vernommen, und sie war dadurch wach geworden.
+
+„Da steht noch Kaffee auf dem Feuer“, rief sie unter ihrem Netz hervor.
+
+„De veras?“ sagte Sleigh. Dann ging er zum Feuer, wo die Kanne in den
+glimmenden Holzstückchen stand.
+
+Er goß sich eine Tasse voll.
+
+„Wollen Sie auch noch haben, Gale?“
+
+„No, thanks just the same.“
+
+Das Mädchen schnarchte bereits wieder.
+
+Sleigh setzte sich mir gegenüber und sagte nach einer Weile: „Blitz und
+Donner noch mal, ich habe das dreckverfluchte Luder von Kuh nicht
+gesehen. That fucking son of a bitch hat doch ein Kalb hier. Kommt jeden
+Abend herein, auch des Mittags. Das Kalb ist fest. Ich glaube, wir haben
+einen Löwen herum. Vielleicht gar ein Pärchen. Dann geht’s bitter. Dem
+Pena ist vor ein paar Nächten eine feine Milchziege ausgeblieben. Nie
+wiedergekommen. Die Kuh ist sonst sehr pünktlich.“
+
+„Wie alt ist denn das Kalb?“ fragte ich.
+
+„Acht Wochen. Aber die hängen hier bei uns vier, fünf Monate an der
+Milch herum. Da ist ganz bestimmt etwas nicht in Ordnung. Ich werde ja
+morgen sehen. Jetzt in der Nacht kann ich doch nichts tun. Wir wollen
+uns was erzählen.“
+
+Eine Minute darauf schlief er, nickte aber zu meinem Gespräch, runzelte
+die Stirn, zog den Mund zu einem Lächeln und machte vorschriftsmäßig
+alle die Gesten, die ich auf das, was ich sagte, von ihm erwartet hätte,
+wenn er völlig wach gewesen wäre. Aber er schlief seelenruhig.
+
+„He!“ rief ich plötzlich laut. „Wenn Sie schlafen, brauche ich doch
+nichts zu sagen.“
+
+„Schlafen?“ fragte er verwundert und mit einem beleidigten Ton in der
+Stimme. „Ich habe alles gehört, was Sie gesagt haben. Den Ladron Gomez
+kenne ich persönlich ganz gut, ich habe ja in Cuichapa Vanille gebaut,
+und in Huatusco war ich zwei Jahre mit einem Kakaofarmer.“
+
+„Was ist denn nun eigentlich mit der Tanzgeschichte? Wird getanzt oder
+wird nicht getanzt? Wenn nicht, dann fange ich jetzt an zu schlafen. Das
+ist ja zum Auswachsen.“ Ich wurde in der Tat ungeduldig.
+
+„Wir gehen jetzt wieder rüber zur Bomba, zur Pumpe. Da werden wir nun
+sehen, was los ist. Der Pumpmeister wird wohl Rat geschafft haben.“
+
+Er zog sich gemächlich die ledernen Cowboy-Hosen herunter, kramte
+irgendwo einen zerbrochenen Kamm hervor, kratzte sich damit durch das
+Haar, und dann gingen wir los.
+
+Als wir an der Hütte des Garza vorüberkamen, hing die Laterne noch vor
+dem Haus; aber Garza selbst saß nicht mehr da. Auch von den Jungen sahen
+wir keinen. In der Hütte war trübes Licht, und ich sah durch die
+Staketen, daß die Frau darin Toilette machte.
+
+„Scheint doch Tanz zu sein,“ sagte ich zu Sleigh, „die Senjora da drin
+zieht sich ihr Bestes an.“
+
+
+
+
+ 3
+
+
+Es war dicke schwarze Nacht. Der Himmel war klar, und die Sterne standen
+hell in der schweren Finsternis.
+
+Als wir zum Flußufer kamen, mußten wir nach der Brücke tasten. Drüben
+von der anderen Seite sahen wir die Laterne vom Pumpmeister
+herüberwinken. Endlich hatten wir die Brücke.
+
+„Ei verflucht noch mal!“ sagte ich. „Da muß man verteufelt vorsichtig
+sein. Jetzt wäre ich doch wahrhaftig gleich in den Fluß gestürzt. Ist
+der denn tief?“
+
+„Acht bis fünfzehn Fuß, an den Ufern ziemlich flach. Im Durchschnitt
+wohl sechs Fuß, an den tiefsten Stellen sicher nicht mehr als fünfzehn“,
+sagte Sleigh.
+
+„Das ist tief genug, um für immer zu verschwinden“, erwiderte ich.
+
+Ich war geradezu auf die Laterne des Pumpmeisters losgegangen, bis ich
+plötzlich dicht zu meinen Füßen Sterne funkeln sah. Darüber war ich so
+erstaunt, daß ich mit einem Ruck stehenblieb, um das Wunder zu
+betrachten. Aber diese Sterne, die da so merkwürdig glitzerten, war die
+Spiegelung des Flußwassers, das leise dahinwellte. Sleigh ging weiter
+rechts neben mir. Ich konnte ihn nur undeutlich sehen, hörte aber seine
+Tritte auf den Holzplanken der Brücke.
+
+Ganz verwundert war ich über mein Erlebnis, das mir beinahe ein
+unerwartetes Bad gebracht hätte. Zuerst konnte ich mir gar nicht
+erklären, wie ich so hatte drauflosdösen können. Aber als ich dann in
+Ruhe den Vorgang übersah, war es mir durchaus klar: die Brücke kreuzte
+rechtwinklig zum Flußufer das Wasser; aber in der schwer
+durchdringlichen Finsternis konnte ich den rechten Winkel nicht fühlen,
+weil ich weder die Richtung des Ufers noch die der Brücke erkennen
+konnte. Die Pumpe war nicht unmittelbar am Ausgang der Brücke, sondern
+etwa dreißig Schritte links vom Ende der Brücke. Vom diesseitigen Ufer
+aus konnte man nichts weiter erkennen als das Licht der Laterne, die auf
+dem Platz vor der Pumpe hing. Daß die Pumpe und also das Licht nicht
+gerade am Ende der Brücke war, hatte ich, ohne darüber nachzudenken, im
+Gefühl gehabt; was ich aber nicht richtig im Gefühl gehabt hatte, war
+die wahre seitliche Entfernung der Pumpe von der Brücke. Ich war viel zu
+scharf auf die Laterne losgegangen, und so war ich auf dem besten Wege,
+von der Brücke herunter glatt in den Fluß zu laufen. Ein Geländer
+grenzte sie ja nach den Seiten hin nicht ab. Die Täuschung war so
+vollkommen, daß, nachdem ich den Sachverhalt erkannt hatte, ich mich
+nach einigen Schritten schon wieder dicht am Rande befand, weil ich eben
+das Gefühl nicht los wurde, daß ich mehr auf die Laterne loszugehen
+habe, um nicht rechts über die Brückenkante zu fallen, wo ja
+tiefschwarze Nacht lag. Wäre drüben gar keine Laterne gewesen, würde man
+die Brücke viel sicherer gekreuzt haben. Als wir an das Ende der Brücke
+kamen, saßen da mehrere halbwüchsige Indianerburschen auf den Planken,
+ließen die Beine über den Seitenbalken herunterhängen und sangen. Sangen
+in jener, den Indianern so eigentümlichen Weise, immer innerhalb
+derselben sechs Töne bleibend, ab und zu aber unvermutet und ohne
+Übergang die Stimme hoch überschlagen lassend, so daß dieser Ton nicht
+in derselben Skala lag, wo die übrigen sechs oder sieben lagen, sondern
+zwei oder gar vier Oktaven höher. Dieser Ton, der den Gesängen die Farbe
+zu geben hatte, konnte nicht gesungen werden, sondern er wurde
+geschrillt. Irgendein anderer Gesang würde in den Nächten des Dschungels
+unnatürlich klingen. Hier tönte er in voller Harmonie nur so, wie er von
+den Indianern gesungen wird.
+
+Links am Ausgang der Brücke lag die Pumpstation. Rechts der Brücke war
+ein sandiger, mit dünnem harten Grase bewachsener Platz. Eine
+Packkarawane war angekommen, die wegen der Nähe des Flusses und der ganz
+unerwartet schweren Finsternis der Nacht hier Lager zu machen
+beschlossen hatte. Sie war etwa vierzehn Packesel und drei Reitesel
+stark. Sie brachte Ware nach den Dschungeldörfern. Die beiden Männer,
+natürlich auch Indianer, wie alle Leute, die hier herum waren, packten
+die Tiere ab, während der Junge, der mit ihnen war, ein Feuer anmachte.
+
+Bei der Pumpe sah es jetzt ein wenig bunter aus als eine Stunde vorher.
+Der Pumpmeister hatte noch eine zweite Laterne aufgehängt. Die Musik war
+immer noch nicht gekommen, und sie kam jetzt auch auf keinen Fall mehr.
+Dagegen waren inzwischen zahlreiche Männer, Frauen und Mädchen
+angekommen. Die Frauen und Mädchen in grünen, roten, blauen und gelben
+ganz dünnen Kleidchen aus den denkbar billigsten Stoffen. Alle hatten
+sie Strümpfe an und Schuhe. Keine hatte einen Hut, aber manche hatten
+ein schwarzes Baumwolltuch. Die Männer waren gekleidet wie immer, denn
+sie hatten meist ja nur ein Hemd und eine Hose, für Festtag und
+Arbeitstag dasselbe Zeug. Viele waren barfuß, manche hatten Stiefel, die
+Mehrzahl aber Sandalen, selbstgemachte. Wer Kinder besaß, hatte sie
+mitgebracht.
+
+Sie waren nun alle da, und irgend etwas mußte geschehen. Garza war mit
+seiner Geige herübergekommen und fiedelte unermüdlich darauf herum. Aber
+niemand nahm sich den Mut, nach dieser Fiedelei zu tanzen. Alles
+wartete, daß irgendein großer Musiker irgendwoher erscheinen würde, um
+in diese Zusammenkunft Sinn hineinzubringen. Denn bis jetzt waren die
+Menschen ganz zwecklos hier. Und wenn schon die bunten Gazelümpchen
+angezogen werden, wenn schon das Haar stundenlang durchgekämmt, eingeölt
+und dann sorgfältig auffrisiert worden ist, wenn man schon die schönsten
+Blumen zusammengesucht und in die schwarzen Strähnen geflochten hat,
+wenn man schon die kleinen Bälger gebadet, und wenn man endlich auf
+Eseln oder gar zu Fuß meilenweit durch den Dschungel gewandert ist, dann
+soll doch auch nachher etwas zu erzählen sein. Aber nun so gar nichts,
+nur weil die Musik nicht gekommen ist.
+
+Die Frauen und Mädchen sitzen herum und schwätzen; die jüngeren stecken
+die Köpfe zusammen und kichern oder stehen plötzlich zu zweien oder
+dreien auf, laufen ein wenig herum, kommen zurück und setzen sich
+wieder. Ein paar Bänke sind da, sehr roh gearbeitete, und drei arme
+Stühle aus des Pumpmeisters Hütte. Die Mehrzahl der Damen sitzt auf
+Baumstämmen, Holzklötzen und morschen Eisenbahnschwellen, dem
+Feuerungsmaterial für die Pumpe.
+
+Die Kinder balgen sich herum, wälzen sich auf der Erde, jagen sich,
+kreischen, schreien, heulen und quieken. Die größeren Burschen hocken
+gruppenweise zusammen auf dem Erdboden, prahlen sich gegenseitig etwas
+vor, hecken irgendwelche Streiche aus oder zeigen sich gegenseitig
+wichtige Kunststückchen, Talente und Fingerfertigkeiten, biegen sich
+Daumen um, recken sich die Knöchel aus, verrenken sich Gliedmaßen,
+Genick und Augen.
+
+Alles raucht Zigaretten. In Maisblätter gerollter Tabak. Alles raucht:
+Männer, Frauen, Mädchen, Burschen und die kleinsten Kinder. Während die
+Mütter die Säuglinge an der Brust haben, rauchen sie und blasen den
+kleinen Engerlingen den Rauch über das Gesicht. Auch schon der Moskitos
+wegen. Die Männer stehen auch in kleinen Gruppen zusammen und schwätzen
+und rauchen. Sie halten ihre Frauen unausgesetzt im Auge, um ihnen, wenn
+nötig, eine Mühe zu erleichtern.
+
+Ich stehe mit Sleigh, dem Pumpmeister und einem Indianer, der bei den
+Ölbohrern arbeitet, halbenwegs zwischen der Brücke und der Pumpe. Ich
+habe das Gesicht auf den Fluß zu gerichtet; aber ich kann natürlich
+weder die Brücke noch den Fluß erkennen.
+
+Bei den Eseltreibern glimmt das Feuer, und ich sehe, wie der Junge
+Kaffee in den Kessel schüttet, während sich die Männer die Tortillas
+wärmen, Käse schaben und Zwiebeln schneiden. Durch das Gebüsch am
+gegenüberliegenden Ufer sehe ich zwei dünne Lichtchen, die aus den
+Hütten herüberschimmern. Wenn sich das Gebüsch im leichten Winde bewegt,
+verschwinden die Fünkchen und tauchen wieder auf, gerade als ob jemand
+mit einer Laterne durch das Gebüsch hin und her huschte. Zuweilen
+täuscht es, und man sieht nicht die kleinen Lämpchen, sondern sieht die
+großen Glühkäfer, die, wenn sie entfernt genug sind, auch nicht größer
+erscheinen als die Lampen.
+
+
+
+
+ 4
+
+
+Die Burschen, die auf der Brücke sitzen, singen noch immer. Sie singen
+längst andere Lieder, aber für den Uneingeweihten scheint es stets die
+gleiche Melodie zu sein. Nicht aber für die Burschen. Rundherum ist
+Schwatzen, Lachen, Kichern und Quieken.
+
+„Und ich sage Ihnen, die werden gleich wieder zementieren“, spricht
+Ignacio, der Ölarbeiter, mit Wichtigkeit.
+
+„Wie tief seid ihr denn?“ fragt Sleigh.
+
+„Elfhundert Fuß.“
+
+„Da wird doch noch nicht zementiert,“ sagt der Pumpmeister, „da gibt es
+doch Bohrungen, wo sie bis auf viertausend Fuß hinuntergehen.“
+
+„Weiß ich doch am besten“, sagt darauf Ignacio mit fachmännischer
+Sicherheit, obgleich er erst seit fünf Wochen im Ölfeld arbeitet. „Aber
+ich sage Ihnen, die zementieren Montag oder Dienstag.“
+
+Garza fiedelt unermüdlich, aber keiner folgt seiner Lockung. Das Singen
+der Burschen ebbt ein wenig schwermütig ab, und in das laute Schwätzen
+und Lachen der Leute bricht ein verhaltenes Gähnen ein. Nur ein paar der
+Kinder quieken.
+
+„Warum die zementieren sollen bei elfhundert Fuß, sehe ich nicht ein“,
+sagt der Pumpmeister noch einmal.
+
+In dem Augenblick tönt vom Fluß, der die ganze Zeit hindurch schlief und
+schwieg, ein Platsch herüber.
+
+Der Platsch ist kurz und wird von niemand empfunden. Niemand achtete
+darauf. Und doch war er, als riefe der Fluß: „Vergeßt mich nicht, ich
+bin noch immer da und werde euch alle überleben!“
+
+Ich sehe Sleigh an, und er sieht mich an. Auch er hat den Platsch
+gehört, schenkt ihm aber keine Bedeutung.
+
+Es war, als ob von den Jungen, die da auf der Brücke saßen und sangen,
+einer aus Übermut hineingesprungen oder von andern hineingeschubst
+worden war. Aber nein, so war es nicht. Ich hörte kein folgendes
+Plätschern, kein Juchzen oder lachendes Zurufen. Das Wasser gab keinen
+weiteren, auch noch so leisen Laut von sich. Die Jungen ließen den
+abgeebbten Gesang wieder anschwellen. Sie waren von dem Platsch nicht
+beunruhigt worden. Es war also keiner der Jungen hineingesprungen.
+Wahrscheinlich hatte jemand einen Stein hineingeworfen; das war sicher
+ein dicker Stein gewesen. Doch wozu? Diese Mühe macht sich niemand.
+
+Garza fiedelt und fiedelt. Ich denke, die Finger müssen ihm ganz lahm
+sein.
+
+Es kann aber auch ein großer Fisch gewesen sein, der plötzlich
+hochschnellte und wieder zurückfiel ins Wasser. Nein, das war es nicht.
+So hatte es nicht geklungen.
+
+„Warum die zementieren werden“, antwortete Ignacio, „das werde ich Ihnen
+sagen. Die haben schon zwei zementiert, weiter drin. Die bohren so
+lange, bis sie Öl spüren, und dann zementieren sie sofort und sagen, sie
+haben nichts gefunden, die Biester.“
+
+Es kann ja auch ein Hund hineingesprungen oder hineingeworfen worden
+sein?
+
+Der Pumpmeister schüttelt den Kopf und sagt: „Das machen die Gringos
+nicht. Wenn die Öl finden, dann holen sie es auch raus bis auf das
+letzte Faß, das sie kriegen können. So eine Bohrung kostet doch
+wenigstens zwanzigtausend Dollar. Die schmeißen doch ihr Geld nicht weg
+und bohren da nur zum Spaß, bohren nur bis elfhundert und machen dann
+dicht, weil sie bis dahin nichts haben. Auf sechzehnhundert oder
+achtzehnhundert kann ja das dickste Öl liegen.“
+
+Ein Hund kann es auch nicht sein, der würde plätschern, um ans Ufer zu
+kommen. Aber da war kein Plätschern hinterher, kein Rufen, kein
+Kreischen, nichts. Nur der eine kurze Platsch und vorbei.
+
+Ignacio ist wissend. Er kennt die Geheimnisse der Ölmagnaten. „So können
+Sie nur reden,“ sagt er zum Pumpmeister, „weil Sie durchaus nichts von
+Öl verstehen. Wenn die nicht bis auf dreitausend Fuß bohren, sondern
+schon vorher zementieren, so beweist das gerade, daß sie auf Öl gestoßen
+sind, oder aber, daß sie es fühlen. Dann machen sie rasch dicht und
+sagen, es sei überhaupt kein Öl da.“
+
+Manuel steht bei einem Mädchen, schwatzt auf sie ein, und sie lacht,
+lacht in einem fort. Er ist doch ganz anders als die anderen Burschen
+hier herum. Das macht eben, er arbeitet in Texas, er sieht die Welt und
+lernt, die schönen Mädchen von den weniger schönen zu unterscheiden.
+
+„Das müssen Sie mir nun nicht einreden, Ignacio,“ antwortet der
+Pumpmeister, „die Gringos mag alle der Teufel holen, da kehre ich mich
+nicht darum, aber stupid sind sie nicht, das können Sie mir nicht
+erzählen.“
+
+„Das behaupte ich ja gar nicht,“ widerspricht Ignacio eifrig, „eben das
+ist es, sie machen ja gerade die Bohrlöcher dicht, weil sie nicht stupid
+sind. Sie zementieren nur deshalb, weil sie noch nicht das ganze Land
+hier herum in Vorpacht haben. Das machen sie, um die Bohrungspachten
+niedrig zu halten. Sobald sie alles Land in Pacht halten, dann kommen
+sie raus mit dem Öl, dann brechen sie die ganzen Zementierungen wieder
+aus, und dann sollen Sie mal sehen, wie das Öl hier flutet.“
+
+Weder Sleigh noch ich mischten uns in das Gespräch der beiden. Der
+Pumpmeister machte große Augen und sah Ignacio an wie einen Weltweisen.
+Dann sagte er in einem Ton, aus dem deutlich die Bewunderung vor der
+Klugheit des Ignacio herauszuhören war: „Ich glaube, Sie haben recht,
+Ignacio. Das sieht ihnen ganz ähnlich, diesen Americanos. Ich sage es
+ja, stupid sind die ganz gewiß nicht, wenn sie auch sonst
+niederträchtige Biester sind.“
+
+Darauf antwortete Ignacio triumphierend: „Ja, man muß nur die Augen und
+Ohren aufmachen, dann kann man schon etwas lernen und sehen, auf welche
+Weise die ihr Geld machen. Mir können die alle nichts vormachen, ich bin
+ihnen weit über, diesen Burschen.“
+
+Inzwischen hatte sich ein anderer Mann neben Garza gesetzt und ihm die
+Geige aus der Hand genommen. Die Mädchen sahen alle auf, weil er so tat,
+als ob er nun einmal zeigen wolle, wie man zum Tanze aufzuspielen habe.
+Ein paar Takte schien es auch, daß er wirklich hervorragend spielen
+könne, und die Mädchen zupften bereits an ihren Kleidern herum. Aber
+dann war es auch schon aus, und er spielte schlechter als Garza.
+
+Zwei Mädchen wagten es endlich, zu tanzen. Nach zehn Schritten aber
+setzen sie sich wieder. Wenn wenigstens eine Gitarre da wäre, dann ließe
+sich so etwas wie Musik zusammenstoppeln.
+
+Dennoch denkt niemand an Aufbruch. Man ist einmal hier, und irgend etwas
+wird ja wohl geschehen. Wo so viele Leute beieinander sind, geschieht
+immer etwas. Vielleicht kommt doch noch der große Musikmeister, auf den
+sie alle in einem unbestimmten Gefühl warten.
+
+Ignacio hat sich von uns entfernt. Er sucht sicher eine andere Gruppe
+auf, die er mit seiner großen Entdeckung auf die Knie zwingen kann.
+
+Eine junge, hübsche Frau kommt auf uns zu. Sie hat ein meergrünes
+Gazekleid an, durch das man den weißen Unterrock schimmern sieht. In dem
+schwarzen, sorgfältig durchgekämmten Haar hat sie zwei dicke rote
+Blumen, und sie trägt einen kleineren Blumenstrauß an die Brust gesteckt
+und einen mit dicken roten Blumen am Gürtel.
+
+„Haben Sie Carlos nicht gesehen?“ Sie fragt es ganz leichthin. „Er hat
+noch nicht sein Abendbrot gegessen. Er ist ja ganz aus dem Häuschen vor
+Aufregung, weil Manuel gekommen ist. Das geht in einem fort: „Buenas
+noches!“ und „Adios!“ und „Bonito!“ und „Bonita!“ und immer gleich
+wieder auf und davon.“
+
+„Hier war er nicht, ich habe ihn nicht gesehen“, sagt der Pumpmeister.
+
+„Kann sein, daß er hier war,“ sagt Sleigh, „aber ich habe nicht auf ihn
+geachtet.“
+
+Ein anderer Mann kommt auf uns zu, und wir reden von dem neuen
+Dampfkessel, der dem Pumpmeister schon seit zwei Jahren versprochen
+wurde, aber immer noch nicht angelangt ist.
+
+Die junge hübsche Frau sieht Manuel und geht zu ihm rüber. Ich sehe, wie
+er den Kopf schüttelt und dann wieder auf sein lachendes Mädchen
+einredet.
+
+Die Frau – es ist die Gattin Garzas und die Mutter des kleinen Carlos –
+geht nun zu ihrem Manne. Er dreht sich gerade eine Zigarette, hört
+gleichgültig zu und schüttelt dann mit dem Kopfe.
+
+Eine Weile steht die Frau unschlüssig und nachdenklich da. Dann sieht
+sie sich zwischen den Leuten und den Kindern um. Alle die Personen
+sitzen, stehen und laufen in dem trüben Licht herum wie bunte
+gespenstische Schatten. Die Gesichter, die alle tiefbraun, viele beinahe
+schwarz sind, sind weniger zu erkennen als die grellfarbigen Kleider der
+Mädchen und die hellen Hemden und Hosen der Männer. Zuweilen sieht es
+aus, als ob Kleidungsstücke herumlaufen, über denen ein großer Hut hängt
+und mitläuft, denn die Gesichter und Hände verlaufen in der Nacht.
+
+Einige Male sehe ich noch die Frau Garza zwischen den Gruppen hin und
+her streifen, dann aber achte ich nicht mehr auf sie.
+
+Garza hat die Fiedel wieder genommen. Man sieht ein, daß er von allen,
+die es nun versucht haben, immer noch am besten spielt.
+
+Aus irgendeinem Winkel der Nacht heraus bläst jemand auf einer
+Mundharmonika. Wieder versuchen einige Mädchen zu tanzen, und wieder
+stellen sie den Versuch nach einer Runde ein.
+
+Die Frau des Pumpmeisters steht auf, nimmt eine Laterne fort und geht
+damit ins Haus. Der Platz wird dadurch noch gespenstischer. Drüben bei
+den Eseltreibern ist das Feuer am Verlöschen, und die beiden Männer und
+der Junge kommen näher heran, um unter Menschen zu sein. Sie finden
+gleich Bekannte, stellen sich bei ihnen hin, spucken aus und mischen
+sich in das Gespräch.
+
+Da kommt die Garza in der Richtung von der Brücke auf uns zu. Sie geht
+sehr eilig und sagt, noch während sie geht: „Der Junge ist nicht da. Ich
+kann ihn nicht sehen. Wo steckt er nur?“ Ihr Gesicht, das vorhin noch
+nebensächlich, alltäglich geschäftig war, nimmt jetzt einen auffallend
+deutlichen Ausdruck der Besorgnis an. Sie zieht die Stirne hoch, öffnet
+ihre Augen weit und richtet sie fragend auf uns. In diesen Augen
+schimmert ein leiser Verdacht, gegen den sie sich noch zu wehren sucht.
+Und ein zweiter Verdacht glimmert hindurch, ob wir vielleicht etwas
+ahnen, aber unsere Ahnung vor ihr verbergen wollen. Hilflos sieht sie
+sich nach allen Seiten um, wo sie noch suchen könnte. Dann blickt sie
+uns wieder an. In ihren Augen ist eine Wandlung vor sich gegangen. Der
+Verdacht, die leise Ahnung fangen an, Gestalt anzunehmen.
+
+Der große Musikmeister ist erschienen! Der größte, den die Menschen
+haben. Gleich wird er zum Tanze aufspielen. Zu einem wirbelnden Tanze,
+bei dem die Fanfaren des letzten Tages der Welt zu hören sein werden.
+
+Die Tänzer beginnen sich langsam aufzustellen. Zuerst nur die, wie bei
+jedem Tanze, die gehört haben, daß die Musik eingesetzt hat.
+
+„Machen Sie sich doch keine Sorgen, Carmelita,“ sagt der Pumpmeister,
+„der Junge ist müde geworden und hat sich hingelegt zum Schlafen.“
+
+„Im Hause ist er nicht, ich habe jeden Winkel durchsucht.“
+
+„Er wird bei andern Leuten sein.“
+
+„Nein, auch nicht.“
+
+„Vielleicht irgendwo unter eine Decke gekrochen, oder er liegt auf einem
+Dache, wo er eingeschlafen ist, und wo es kühl ist“, sagt jetzt Sleigh.
+
+An das Dach hat die Frau nicht gedacht. Das kann sein, er schläft ja oft
+mit dem andern Jungen auf dem Dache, sie hat ihm ja oft den Fetzen Decke
+hinaufwerfen müssen. In ihre Augen kommt ein Schein von Hoffnung. Sie
+eilt davon. Wieder über die Brücke zurück.
+
+Die Pumpmeisterin ist mit der Laterne aus der Hütte zurückgekommen, und
+der Platz wird wieder ein wenig heller.
+
+
+
+
+ 5
+
+
+Garza fiedelt noch immer. Der Junge ist schon hundertmal nicht zum
+Abendessen gekommen, man hat ihn schon dutzende Male wer weiß wo suchen
+müssen, oft hat er sich einen Esel genommen und ist auf und davon
+geritten aus reinem Vergnügen. Die Frauen haben immer gleich den Sack
+voll Angst. Obgleich niemand zu tanzen versucht, er ist nicht beleidigt
+oder verärgert, unverdrossen spielt er weiter. Wenn einer besser spielen
+kann als er, so mag er sich doch melden, er will ihm gern seine Geige
+leihen. Aber da soll erst einmal einer kommen, der besser spielt. Das
+ist ja eben die Sache, man muß spielen können, und er kann spielen,
+besser als alle hier in der Runde. Die Onesteps, Twosteps, Walzer und
+Foxtrotts schieben sich ja alle ein wenig ineinander, so daß man immer
+erst eine Weile hinhören muß, was er eigentlich spielt; und wenn man
+dann überzeugt ist, daß er einen Foxtrott meint, dann ist es ein Walzer.
+
+Ab und zu spielt wieder einer auf der Mundharmonika, die von Hand zu
+Hand oder richtiger von Mund zu Mund zu gehen scheint, denn
+zwischendurch hört man immer sprechen und zuweilen etwas lauter: „Gib
+mir mal, du kannst ja nicht.“
+
+Die Jungen auf der Brücke singen nicht mehr. Vielleicht sitzen sie noch
+da und erzählen sich etwas, vielleicht auch haben sie sich zu den
+Mundharmonikaspielern gesellt oder zwischen die Gruppen hier gemischt.
+
+Die Garza kommt schon wieder zurück. Da wir ja am nächsten zur Brücke
+stehen, muß jeder, der zum Pumpplatz will, an uns vorbei.
+
+Sie kommt so natürlich zuerst auf uns zu. Ihr Gesicht hat den ersten
+Schimmer von Angst angenommen. Die Augen sind starr und weit auf uns
+gerichtet mit einer ganz stillen Hoffnung, daß wir, während sie drüben
+auf der anderen Seite des Flusses war, etwas erfahren haben könnten. Ihr
+Haar, das so sorgfältig geordnet war, ist an der einen Seite ein wenig
+aufgezaust. Sie ist auf das Dach geklettert, und sie hat zwischen
+Gestrüpp gesucht.
+
+„Er ist auch nicht auf dem Dache, Senjores. Die andern haben auch
+überall nachgesehen. Sie haben ihn nicht gefunden.“ Sie sagt es so, als
+ob die Worte Blei wären. „Drüben ist er nicht.“ Sie geht hinüber zu
+ihrem Manne. Während er ruhig weiterfiedelt, redet sie auf ihn ein. Dann
+schweigt sie plötzlich und sieht ihn groß fragend an, seine Meinung
+erwartend.
+
+Er zieht noch einen langen Strich, dann setzt er den Bogen ab und läßt
+die Hand aufs Knie fallen. Die Geige hat er noch an der Brust, denn kein
+Indianer hier hält die Geige gegen das Kinn. Über die Geige hinweg sieht
+er mit seinen schwermütigen Augen seiner jungen Frau ins Gesicht.
+Plötzlich ruckt er zusammen. Er hat mehr in den Augen gelesen, als sie
+für ihn hineingeschrieben hatte. Er öffnet den Mund weit, und der
+Unterkiefer scheint zu erschlaffen. Jetzt endlich nimmt er die Geige
+auch herunter und stützt sie aufs Knie; und während er den Kopf sinken
+läßt, übergibt er die Fiedel dem großen Meister, den er jetzt kommen
+sieht.
+
+Der Junge ist noch keine Stunde fort. Er ist dutzende Male halbe Tage
+fortgewesen und hat sich hunderte Male viele Stunden lang wer weiß wo
+herumgetrieben, aber noch nie hat Garza seine Frau so gesehen wie jetzt.
+
+„Manuel!“ ruft die Frau.
+
+Manuel kommt von seinem lachenden Mädchen, der er noch ein lustiges Wort
+zurückruft, langsam heran.
+
+Lachend sagt er: „Was ist denn, Mutter?“
+
+„Wir können Carlos nicht finden“, sagt sie, ängstlich in seinem Gesicht
+suchend, ob er nicht das erlösende Wort sprechen würde.
+
+Das Lächeln auf dem Munde Manuels wird um einen Grad leichter, und er
+sagt: „Ich habe ihn ja gerade eben noch gesehen.“
+
+„Wo?“ ruft die Mutter, während sich ihr Gesicht merkwürdig aufhellt, als
+wäre es plötzlich von strahlender Mittagssonne getroffen worden.
+
+„Ja, hier, er wollte sich an meinem neuen Taschentuch die Nase abputzen.
+Das tat er auch. Dann schob er mir das Tuch wieder in die Hosentasche.
+Da, hier ist es. Dann puffte er mich in die Seite, trat mich auf den
+Fuß, und fort war er wie ein Coyote.“
+
+„Du sagst, gerade eben noch?“ drängt die Mutter auf ihn ein.
+
+„Ja, natürlich, gerade eben noch. Oder –“
+
+„Was oder? Was oder?“ Die Mutter schüttelt ihn heftig an den Armen.
+
+„Oder – Warte mal, das kann auch schon zehn Minuten her sein.“
+
+Die Garza läßt kein Auge von seinen Lippen.
+
+„Laß mich mal denken. Es kann auch eine halbe Stunde her sein.
+Vielleicht noch mehr. Ja, ich glaube, es ist länger her. Seit dann habe
+ich ihn nicht mehr gesehen.“
+
+Das Gesicht der Garza verdunkelt sich mit einem Ruck. Die Stirne zieht
+sich über der Nasenwurzel zusammen wie in einem Krampf, und das ganze
+Gesicht scheint zusammenzuschrumpfen, als ob es verwelke.
+
+„Nachdem war er noch drüben bei mir. Er reichte mir den Faden, damit ich
+die Blumen zusammenbinden konnte. Das war nachher –“ Trotz ihrer
+fliegenden Angst rekapituliert die Frau so genau, als läse sie das aus
+einem Buche. „Das war nachher, denn er sagte mir, daß er dir das
+Taschentuch aus der Tasche gezogen habe, und wenn du nicht so ein guter
+Manuel wärest, dann würde er es dir sicher stehlen.“
+
+Nun sieht sich Manuel besorgt um, dreht sich und hofft augenscheinlich,
+den kleinen Bruder im selben Augenblick irgendwoher aus der Nacht
+auftauchen zu sehen, denn er hat ihn zu lebensdeutlich vor Augen.
+
+Garza ist aufgestanden und steht unschlüssig da, er weiß nicht, was er
+tun soll. Seine Geige hat er gedankenlos auf die Bank gelegt.
+
+Die Pumpmeisterin ist näher gekommen, mit ihr einige andere Frauen. Es
+kommen jetzt auch Männer näher heran, um zu hören, was hier los sei. Die
+Pumpmeisterin redet beruhigend auf die Garza ein, sie hat selbst Kinder,
+und die sind alle Augenblicke zu suchen, manchmal an Stellen, wo es kein
+Mensch vermuten würde. Auch die übrigen Frauen sprechen ihre Erfahrungen
+aus: „Das kleine Kroppzeug kommt immer wieder. Nur ja keine Angst,
+Carmelita. Wenn er Hunger hat oder sich irgendwo ausgeschlafen hat, dann
+werden Sie ihn schon erscheinen sehen.“
+
+Manuel hat sich entfernt. Nach einer Weile hört man ihn aus der
+Finsternis herausrufen: „Carlos! Carlos!“
+
+Alle, die hier herumstehen, hören auf zu sprechen und lauschen auf die
+Antwort. Aber man hört nur das Singen und Wimmern des Dschungels und das
+Sprechen der mehr abseits stehenden Gruppen.
+
+Durch das Rufen Manuels werden auch die übrigen Gruppen aufgescheucht,
+sie beginnen sich zu bewegen und an dem Tanze, dessen erste Takte sich
+noch schwerfällig hinschleppen, teilzunehmen.
+
+Der Pumpmeister geht zu dem offenen Schuppen, wo die Pumpe und der
+Kessel stehen, und leuchtet mit einigen Zündhölzern herum. Alle sehen
+hinter ihm her und erwarten, daß er den Jungen jetzt gleich da irgendwo
+am Arme hervorzerren wird. Als er aber wieder zurückkommt, sieht jeder
+ein, daß es unsinnig war, zu erwarten, der Junge würde sich zwischen dem
+verölten und verschmierten Eisengestrüpp verkrochen haben.
+
+Gequält sieht die Garza von einem zum andern. Sie hält eine Faust am
+Munde und nagt daran herum. Ihre Augen werden wie die eines Tieres, das
+instinktiv eine Gefahr herannahen fühlt. Ein Gedanke kommt ihr. Sie
+nimmt die Faust vom Munde fort, birgt sie in die linke Hand, hält so
+beide Hände eine Weile vor der Brust und dreht sich dann rasch
+entschlossen um. Sie geht schnell auf die Brücke zu. Nach wenigen
+Schritten bleibt sie stehen, läßt Kopf und Arme entmutigend sinken und
+kommt mit schweren schleppenden Schritten zurück zu der Gruppe.
+
+Garza weiß nicht, was er tun soll. Er dreht sich endlich gedankenlos
+eine Zigarette.
+
+„Carlos! Carlos!“ hört man hin und wieder aus verschiedenen Richtungen
+her Manuels Stimme. Das veranlaßt mehrere Burschen nach anderen
+Richtungen auszustreifen, und bald vernimmt man von überall her den Ruf
+„Carlos!“ Nach jedem Ruf folgt ein Schweigen, und manchmal scheint es,
+als ob selbst der Dschungel für kurze Momente mitschwiege, um ein
+Menschenkind retten zu helfen.
+
+
+
+
+ 6
+
+
+„Senjora! Senjora Garza!“ ertönt da die rufende Stimme zweier Jungen,
+die offenbar von drüben, von der anderen Seite herangesaust kommen.
+
+„Also, da ist er ja, der Junge“, ruft die Pumpmeisterin aus. Alle
+Gesichter entspannen sich, und eilige Worte fliegen hin und her, um
+rasch etwas zu sagen, ehe die heranspringende Neuigkeit einem die
+Möglichkeit nimmt, etwas ungemein Wichtiges auszusprechen.
+
+Ein paar Burschen und Mädchen entfernen sich von der Gruppe,
+gelangweilt. Es war ja die Aufregung wahrhaftig nicht wert. Wie kann
+denn der Junge verlorengehen.
+
+Die Garza schluckt, und sie leckt sich die trockenen Lippen. Dann holt
+sie tief Atem, als habe sie seit Stunden nicht geatmet. Dennoch läßt sie
+sich nicht überwältigen. Es steigt Hoffnung in ihrem Gesicht auf, aber
+der Zweifel bleibt die stärkere Empfindung. Sie hat sich so sehr in
+Gewißheit hineingearbeitet, daß sie nicht leicht herausfinden kann.
+
+Nun sind die Jungen heran. Atemlos reden sie drauflos: „Senjora, Sie
+suchen Ihren Chiquito, Ihren kleinen Carlos?“
+
+„Ja doch, wo ist er denn?“ rufen die Umstehenden, während die Mutter mit
+weiten verglasten Augen auf die Jungen starrt, als kämen sie aus einer
+andern Welt.
+
+„Aber der Carlos ist doch nach Magiscatzin geritten“, sagt der größere
+der beiden Jungen.
+
+„Ja, das ist er,“ bestätigt der kleinere, „das ist er ganz bestimmt.“
+
+„Na ja also“, sagt die Pumpmeisterin gedehnt und klopft der Garza
+freundschaftlich auf die Schulter.
+
+„Habe ich doch schon gesagt“, spricht eine andere Frau. „So ein Junge
+kann doch nicht so ganz einfach aus der Welt herausfallen.“
+
+Die Männer sagen nichts, und die meisten entfernen sich von der großen
+Gruppe, um wieder ihre unterbrochenen Gespräche aufzunehmen.
+
+Die Garza zieht die Stirne zusammen, als fiele ihr das Nachdenken sehr
+schwer. Sie hält beide Hände vor den Leib und sieht die Jungen an. Die
+Jungen wollen hinwegtrollen. Aber die Garza hält den einen am Arme fest,
+und dadurch bleibt der andere von selbst auch stehen.
+
+„Ihr sagt, er ist nach Magiscatzin geritten?“
+
+„Ja freilich.“
+
+„Worauf denn?“
+
+„Auf einem Pferd!“
+
+„Auf einem Pferd? Auf wessen Pferd denn eigentlich?“
+
+Ganz ruhig fragte die Garza das.
+
+„Ein großer Junge kam vorbei auf einem Pferde“, erwidert nun der ältere
+der beiden Burschen.
+
+„Ja, ein großer Junge“, mischt sich der Jüngere ein. „Und Carlos stand
+gerade hier, und da sagte –“
+
+„– und da sagte der Junge,“ nun redet wieder der Ältere, „willst du
+nicht mitkommen, Carlos, ich reite schnell.“
+
+„Was hat denn da der Carlos gesagt?“ fragt die Garza.
+
+„Reitest du nach Magiscatzin? hat Carlos gefragt. Da hat der große Junge
+genickt, und Carlos sagte, dann könne er sich ja in Magiscatzin Bonbons
+kaufen, er habe zwanzig Centavos. Und der Junge hat wieder genickt und
+gesagt, das könne er wohl, und sein Pferd sei ein sehr schnelles Pferd.“
+Wenn der eine der beiden Jungen aufhört zu reden, fängt jedesmal gleich
+der andere an. Die Geschichte scheint ganz wahr zu sein. Das können sich
+zwei Jungen nicht so gut von selber ausdenken.
+
+Die Leute sind wieder dichter herangekommen. Die Garza blickt eine Weile
+auf die Jungen, dann sieht sie sich um, blickt in die Gesichter der
+Umstehenden, die infolge des trüben Lichtes der verräucherten Laternen
+kaum richtig zu erkennen sind. Inzwischen ist Manuel näher gekommen,
+weil er hörte, daß hier eine Neuigkeit sei. Der Blick der Garza fällt
+jetzt auf Manuel und bleibt eine Weile darauf haften, als ob sie bei ihm
+Rat suche. Dann wendet sie sich rasch zurück zu den Jungen und sagt
+laut: „Das glaube ich nicht. Das glaube ich nicht. Carlos reitet nicht
+fort, wenn Manuel hier ist und Manuel Montag früh schon wieder abreisen
+muß. Und wenn er wirklich nach Magiscatzin geritten wäre, so hätte er es
+Manuel gesagt.“
+
+„Er ist aber doch mit dem großen Jungen geritten“, besteht der ältere
+Bursche auf seiner Behauptung.
+
+„Wer war denn der Junge?“ fragt die Garza.
+
+„Das wissen wir nicht, wie er heißt.“
+
+„So, das wißt ihr nicht?“ sagt die Garza. „Kennt ihr den Jungen?“
+
+„Nein, wir kennen ihn nicht“, sagt der Ältere, während der Jüngere
+behauptet: „Ich habe ihn aber schon einmal hier vorbeikommen sehen mit
+einem beladenen schwarzen Esel.“
+
+Nun mischt sich der Pumpmeister ein: „Wie sah denn der Junge aus?“
+
+Bisher haben die Jungen klar und sicher gesprochen. Als sie aber diese
+Frage beantworten sollen, fangen sie an, sich fortgesetzt zu
+widersprechen. Sie vermögen nicht genau anzugeben, wie der Junge
+ausgesehen hat. Sie können nicht einmal sagen, ob er auf einem Sattel
+saß oder nur auf einer Matte, und über die Farbe des Pferdes und das
+Brandzeichen wissen sie gar nichts. Dagegen stimmt die Zeit wieder, denn
+sie behaupten, es sei ungefähr etwas mehr als eine gute Stunde her, seit
+Carlos fortgeritten sei. Das wäre also um acht Uhr gewesen. Und um diese
+Zeit lief der Junge aus der Hütte fort, um rüber zur Pumpe zu rennen, wo
+Manuel war und der Vater die Geige spielte. Seitdem hat ihn die Mutter
+nicht mehr gesehen. Als alle Anwesenden, mit Ausnahme der Mutter,
+erklären, daß sie die Erzählung der beiden Jungen für glaubhaft halten,
+weil mehrere Männer und Burschen vorübergeritten seien und die Jungen
+gar keinen Grund hätten, zu schwindeln in einer so ernsten Sache, setzt
+sich Garza aufs Pferd und reitet nach Magiscatzin, um nach Carlos zu
+fragen. Es ist möglich, jener Junge auf dem Pferde ist nicht aus der
+Gegend hier, sondern macht eine Reise und hat Carlos in Magiscatzin
+abgesetzt, und Carlos kann nicht zurück. Der Junge ist doch nur sechs
+Jahre alt und mag leicht unüberlegte Streiche dieser Art machen. Nun
+sitzt er wahrscheinlich in jenem kleinen Dorf und heult, weil er nicht
+zurück kann in der Nacht. Durch die Beschäftigung des Aufsattelns, durch
+das Fortreiten ihres Mannes und infolge der Zuversicht aller übrigen
+Leute wird die Garza ein wenig von ihren schweren Befürchtungen
+abgelenkt. Sie fühlt sich leichter, setzt sich zu anderen Frauen auf
+eine Bank und mischt sich in deren alltägliches Geschwätz über
+alltägliche Dinge.
+
+Manuel steht gegen einen Baum gelehnt. Er weiß nicht recht, was er tun
+soll. Zu den Mädchen gehen, da herumsitzen und kichern, hat er keine
+Lust. Endlich aber macht er sich doch auf und geht langsam auf jenes
+hübsche Mädchen zu, mit der er schon früher am Abend geplaudert hatte.
+
+
+
+
+ 7
+
+
+Sleigh war an der ganzen Sache ziemlich uninteressiert gewesen. Was ihn
+überhaupt lebhaft in Bewegung bringen könnte, habe ich bis heute nicht
+erfahren können. Aber vielleicht lerne ich etwas mehr von ihm, besser
+über ihn, wenn ich ihn später wieder einmal treffe. Als die Aufregung
+sehr hoch ging, sagte er mir, daß er wieder rübergehen wolle, um zu
+sehen, ob die Kuh jetzt vielleicht hereingekommen sei. Nun ist er
+zurück. Die Kuh ist noch nicht da, und sein Gespräch dreht sich nur
+darum, wo die Kuh sein könne und warum sie nicht komme.
+
+Da kommt ein Junge an uns vorüber und geht zu Manuel. Ich folge ihm, um
+zu hören, was er will.
+
+„Das ist ja gar nicht wahr, daß der Carlos nach Magiscatzin geritten
+ist“, sagt er sehr laut zu Manuel. „Der Carlos ist mit einem Jungen nach
+Tamalan geritten, aber nicht auf einem Pferde, nein, auf einem Esel.“
+
+„Hast du es gesehen?“ fragt Manuel mißtrauisch.
+
+„Natürlich habe ich es gesehen, sonst würde ich es dir doch nicht
+sagen.“
+
+„Warum hast du denn das nicht früher gesagt?“
+
+„Ich habe doch nicht gewußt, daß die andern erzählt haben, Carlos sei
+nach Magiscatzin geritten“, sagte der Junge entschuldigend.
+
+Die Garza hat das alles gehört. Sie ist aufgeschnellt und kommt so rasch
+herbei, als sei sie in einem Satz hergesprungen.
+
+„Was sagst du da?“ schreit sie auf den Jungen ein und schüttelt ihn bei
+beiden Schultern.
+
+Der Junge wiederholt seine Rede und schwört bei allen Heiligen, daß er
+Carlos habe auf einem Esel fortreiten sehen, in der Richtung nach
+Ocampo.
+
+Die Garza läßt den Kopf tief zwischen ihren Schultern versinken, und sie
+erscheint plötzlich ganz klein und zusammengedrückt. Ihr Mund steht weit
+offen, und ihr Blick flackert irre hin und her.
+
+Der Pumpmeister rüttelt sie energisch am Arm. Er fürchtet, daß sie
+stehend sterben werde, wenn er sie nicht aufwecke. Dabei sagt er: „Regen
+Sie sich doch nicht auf, Carmelita, regen Sie sich doch nur nicht auf.
+Warten Sie doch erst einmal ruhig ab, bis Garza zurück ist.“
+
+Die Frau sagt nichts darauf. Sie hat augenscheinlich überhaupt nichts
+gehört. Der flackernde irre Blick schweift weiter ruhelos umher.
+
+Einer der Eseltreiber des Packzuges sagt nun: „Ich kenne den Weg nach
+Tamalan. Es ist ein ganz verfluchter Weg. Wenn man ihn nicht genau
+kennt, kommt man in der Nacht nicht mehr wieder. Habt ihr eine Mula oder
+einen Esel, dann will ich rüberreiten und nach dem Jungen herumhören.
+Meine Esel sind müde.“
+
+Sogleich wird ihm ein Esel angeboten. Als er abreitet, kommt noch ein
+Junge mit einem Esel an, um ihn zu begleiten.
+
+„Habt ihr auch Zündhölzer?“ ruft der Pumpmeister hinter ihnen her.
+
+„Wir haben genug“, wird ihm zurückgerufen.
+
+Die Garza wird immer aufgeregter. Die leise Hoffnung, die sie hatte, als
+die Leute alle so zuversichtlich waren, der Junge müsse in Magiscatzin
+sein, ist völlig verflogen. Stark war in ihr diese Hoffnung ja nie
+gewesen. Nun aber fällt die Frau zurück in jenen Zustand der Gewißheit,
+den sie besaß von jenem Augenblicke an, als sie den Kleinen vermißte.
+Was niemand sonst wissen kann, sie, die Mutter, weiß es: der Junge kommt
+nie wieder! Herz und Instinkt sagen ihr die Wahrheit. Alle mögen leugnen
+und zweifeln, sie zweifelt nicht. Sie hat ernsthaft keine Sekunde lang
+gezweifelt.
+
+Mit dieser endgültigen Wiederkehr der Gewißheit verfliegt der irre
+flackernde Blick aus ihren Augen. Sie rafft sich zusammen. Sie muß etwas
+tun für ihr Kind, wäre es auch nur, um seinen kleinen Körper noch einmal
+zu liebkosen.
+
+Sie eilt hinweg, zurück über die Brücke, heim in die häusliche Hütte.
+Eine Minute darauf sieht man sie auf der anderen Seite des Flusses mit
+einer Laterne durch die Gebüsche am Ufer streifen. Bald kriecht sie
+tiefer in den Dschungel, bald wieder kommt sie näher zum Ufer. Mit weit
+ausgestrecktem Arm leuchtet sie in das Wasser. Zuweilen ruft sie den
+Namen des Kindes. Es klingt gespensterhaft. Hier auf dieser Seite haben
+die Leute das Gefühl, als ob auf das Rufen eine Antwort folgen würde,
+die grauenhaft sein müsse.
+
+Eine Weile steht sie dann drüben am Ufer, überlegend, was wohl zu tun
+sei. Die Laterne hängt am Arme herunter und beleuchtet die so festlich
+gekleidete Frau. Das Gesicht aber, das von unten her sein Licht
+empfängt, während oben und von allen Seiten die tiefen schwarzen
+Schatten der Nacht liegen, ähnelt weder einem menschlichen, noch einem
+tierischen Antlitz. Es ist eine grausige Fratze und Maske, die sich mit
+keinem Dinge auf Erden vergleichen läßt.
+
+Hier, auf dieser Seite des Flusses, stehen die Leute in Gruppen und
+sehen hinüber zu der einsamen Mutter, die mit der Laterne am Ufer steht,
+um nach ihrem einzigen Kinde zu suchen. Zwei feindliche Lager, durch den
+Fluß getrennt; zwei gegenüberstehende Welten. Die eine Welt in ihrem
+tiefsten Schmerze, die andere hilfsbereit, aber doch im Herzen froh, daß
+es der andere ist, den es traf.
+
+Es gehen einige Männer hinüber, um der Frau beim Suchen zu helfen. Sie
+kriechen ziellos in dem Dornengebüsch herum. Daß sie den Jungen dort
+finden könnten, glaubt keiner von ihnen; sie wollen nur der Mutter
+zeigen, daß sie nicht allein sei, daß man alles tun wolle, was nur in
+der Macht der Menschen liegt, um ihr zu helfen.
+
+Die Frau bewegt sich langsam auf die Brücke zu. Während sie über die
+Brücke geht, leuchtet sie bei jedem Schritt in das Wasser hinunter. Aber
+das Wasser ist dick und gelb; der Schein der Laterne dringt nicht eine
+Handbreit unter die Oberfläche. Sie ist nun wieder auf dieser Seite. Die
+Pumpmeisterin legt ihr die Hand auf die Schulter und redet tröstend auf
+sie ein: „Wir wollen doch erst einmal sehen. Der Kleine ist wirklich mit
+den Jungen fortgeritten, das ist ganz sicher. Kommen Sie, setzen Sie
+sich auf die Bank und denken Sie jetzt nicht mehr daran; das können wir
+noch immer genug tun, wenn die Leute zurück sind.“
+
+„Carlos ist nicht fortgeritten“, die Garza sagt es mit fester
+Bestimmtheit. „Er reitet nicht fort, wenn Manuel hier ist.“
+
+„Ach, Kinder!“ erwidert die Pumpmeisterin. „Sie haben nur das eine, da
+wissen Sie nicht viel über Kinder. Ich weiß das besser von meinen Gören.
+Woran man gar nicht denkt, das tun sie gerade zuerst.“
+
+Die Garza hat die Laterne vor sich auf den Erdboden gestellt. Sie dreht
+sich um und blickt mit schweren müden Augen zum Fluß hinüber. Dann
+wendet sie ihr Gesicht wieder der Gruppe zu, in der sie steht.
+Unschlüssig und ratlos sieht sie alle der Reihe nach an. Den Kopf legt
+sie schwerfällig in den Nacken und schließt für eine Weile die Augen.
+Plötzlich aber reckt sie sich zusammen und ruft mit keuchender Stimme:
+„Der Junge ist im Fluß. Er ist ertrunken!“
+
+Erstarrt stehen die Anwesenden, als habe der Blitz zwischen sie
+eingeschlagen. Die Pumpmeisterin kann vor Entsetzen kaum schlucken.
+Endlich sagt sie: „Segne Sie Gott, Carmelita, wie können Sie nur so
+etwas Sündhaftes und Schauderhaftes sagen!“
+
+Die Garza jedoch stößt einen tiefen Seufzer aus. Sie fühlt sich erlöst
+von einem Klumpen, der ihr seit langem in der Kehle gelegen hat und sie
+zu ersticken drohte. Sie reckt und dehnt den Hals, und ihr Blick wird
+mit einem Male sachlich und brutal nüchtern. Alles Irre und Flackernde
+ist daraus verschwunden. Sie steht bewußt und sicher in der Welt wie
+vielleicht nie zuvor im Leben.
+
+Während die Leute noch wie entgeistert sind, nicht wissen, was sie tun
+oder sprechen sollen, redet die Garza frisch weg, um sich noch mehr Luft
+zu schaffen.
+
+„Der Junge war ja so wild und ausgelassen den ganzen Abend. Er wußte ja
+kaum, was er tat, und wo er rannte. Ich konnte ihn nicht halten im
+Hause, er mußte wieder hinüber zu Manuel und rannte fort wie ein
+Wirbelwind. Er kennt den Weg und die Brücke ganz genau. Aber da hat er
+die neuen Schuhe an und war nicht ganz sicher auf den Beinchen. Als ich
+vorhin zum ersten Male hier über die Brücke kam, wäre ich beinahe ins
+Wasser gefallen. Ich sah die Laterne hier hängen und ging drauf zu; erst
+als ich gegen den Balken stieß, fiel mir ein, daß die Brücke gar nicht
+auf die Laterne zuläuft, sondern weit ab. Und als ich das bemerkte, da
+kam mir der Gedanke, wenn der Junge so wild drauflosläuft, dann fällt er
+sicher ins Wasser. Und als ich dann hier drüben ankam, war meine erste
+Frage die nach dem Jungen. Ich würde sonst vielleicht gar nicht an ihn
+sofort gedacht haben. Aber ich wußte gleich, es ist schon zu spät, denn
+mein Herz war ganz voll Angst.“
+
+Niemand hat sie unterbrochen, und eine gute Weile spricht kein einziger
+der Zuhörenden. Dann aber sagt die Pumpmeisterin: „Aber das ist ja ganz
+unmöglich, man würde doch gehört haben, wenn der Junge in den Fluß
+stürzt.“
+
+Ich blicke seitwärts, und meine Augen treffen die des Sleigh, der im
+gleichen Moment aufschaut und mich ansieht. Weder er noch ich fühlen das
+Bedürfnis, irgend etwas zu sagen.
+
+„Nein, nein,“ sagt jetzt ein Mann, „das würde man sicher gehört haben.
+Das platscht doch, wenn so ein Junge in den Fluß fällt. Auch fällt so
+ein Junge nicht rein und ist gleich lautlos verschwunden. Der schreit
+und strampelt und macht Lärm.“
+
+„Natürlich“, mischt sich nun der Pumpmeister ins Gespräch. „Ich kenne
+doch den Jungen, es verging doch kein Tag, wo er nicht hier
+herumgeschwommen und herumgeplantscht hat im Wasser. Er ist wie ein
+Fisch. Der hätte sich schon herausgekrabbelt, und wenn er das nicht
+gekonnt hätte, dann hätte er geschrien. Er ist doch Wasser gewöhnt.“
+
+Die Garza hört dem allen zu, als ob über etwas gesprochen würde, das sie
+gar nicht berühre. Nun aber fühlt sie sich verpflichtet, ihren Jungen zu
+verteidigen: „Gewiß hätte er sich herausgearbeitet, oder hätte er
+geschrien, aber er konnte es ja nicht mehr. Er hatte doch die neuen
+Stiefelchen an. Er hat gewiß, als er so ausgelassen drauflostrabte, mit
+den Stiefeln gegen den Balken gestoßen. Wäre er barfuß gewesen, hätte er
+sich halten können. Aber die Sohlen waren spiegelglatt. Ehe er wußte,
+was überhaupt geschah, da war er übergekippt und hatte mit dem Kopf auf
+den Balken geschlagen, und ehe er zur Besinnung kam, war er schon unter
+dem Wasser. Er hat gar keine Zeit gehabt, zu strampeln oder zu
+schreien.“
+
+Mit dieser Rede schließt die Garza ihre Erzählung ab. Sie hat nichts
+mehr zu sagen, und niemand kann sie überzeugen, daß es anders wäre oder
+daß der Junge nicht im Flusse sei.
+
+
+
+
+ 8
+
+
+Die Leute freilich geben sich keineswegs zufrieden. Man erinnert sich
+der Jungen, die auf der Brücke saßen und sangen, gerade zu der Zeit, als
+das Unglück sich zugetragen haben solle. Aber die Jungen haben nichts
+gehört und nichts gesehen. Sie saßen am Ende der Brücke mit dem Gesicht
+zum Wasser und dachten nur an ihr Singen. Dicht in ihrer Nähe ist der
+Junge nicht hineingefallen. Außerdem ist es so schwarze Nacht, daß sie
+es auch kaum bemerkt haben würden, wenn sie die Brücke im Auge gehabt
+hätten. Einen Platsch haben sie auch nicht gehört. Wenn sie ihn gehört
+haben, so haben sie ihn nicht aufgenommen, denn hochspringende große
+Fische platschen ebenfalls. Aber daß diese Burschen, die am nächsten
+waren, nichts bemerkt haben, veranlaßt die Leute, der Garza einzureden,
+sie bilde sich Dinge ein, die gar nicht geschehen könnten.
+
+Die Garza sagt nichts darauf.
+
+Jeder der Anwesenden weiß einen neuen Gedanken aufzubringen, um zu
+beweisen, daß es so, wie die Garza annimmt, nie gewesen sein könne, daß
+es überhaupt ganz und gar ausgeschlossen sei, daß der Junge in den Fluß
+gefallen sei, und vor allen Dingen, daß es undenkbar wäre, daß er so
+geräuschlos in den Fluß gestürzt sein könne. Niemand unterstützt die
+Mutter in ihrer Meinung. Man glaubt den Jungen an den allerunmöglichsten
+Stellen, an denen ein Junge nur sein könne, selbst im Feuerloch des
+Dampfkessels der Pumpe, aber im Fluß glaubt ihn niemand.
+
+Schließlich wenden sich ein paar der Männer an mich, weil ich gar nichts
+sage, und fragen mich geradezu, was ich von der ganzen Sache denke. Ich
+weiß, wo der Junge ist, und Sleigh weiß es auch. Sleigh blickt mir
+gerade ins Gesicht, während ich gefragt werde von den Männern, die mir
+am nächsten stehen in der Gruppe. Ich sehe, daß Sleigh die Achseln
+zuckt, als ob man die Frage an ihn gerichtet hätte.
+
+Und ich antworte: „Was kann ich da sagen? Ich kenne ja nicht die
+Schlupfwinkel hier herum, in die sich der Junge verkriechen könnte.“
+
+Ja, ob ich denn glaube oder es für möglich halte, daß der Junge in den
+Fluß gefallen sei?
+
+„Möglich,“ sage ich, „möglich ist alles, und möglich ist durchaus, daß
+der Kleine ins Wasser gefallen ist. Wo Wasser ist, kann immer jemand
+hineinfallen, ob er will oder nicht.“
+
+„Der Senjor hat recht,“ antwortet einer der Männer, „im vorigen Jahr ist
+doch hier in demselben Wasser, nur weiter unten, der Ägypter ertrunken,
+der dort seine Hütte hatte und Gemüse pflanzte.“
+
+„Das lag aber ganz anders,“ erwidert einer, „der Ägypter badete und kam
+an eine tiefe Stelle, wo er versank und nicht wieder heraufkam.“
+
+Ein alter Indianer kommt etwas näher und fragt mich: „Was denken Sie
+denn, Senjor, was wir tun könnten?“
+
+„Ich denke, wir suchen den Fluß ab. Wenn der Junge im Fluß ist, müssen
+wir ihn ja finden, und dann wissen wir wenigstens, wo er ist. Wenn die
+Männer zurückkommen und haben ihn nicht gefunden, und wir finden ihn im
+Flusse auch nicht, dann müssen wir wohl den ganzen Dschungel absuchen.“
+
+Die Garza ist mit ihrer Laterne schweigend zur Brücke gegangen, sie hat
+die Brücke überquert, und sie steht jetzt an der anderen Seite der
+Brücke, nicht weit vom Ufer. Nach einer Weile leuchtet sie über den Rand
+in das Wasser hinunter, und dann stößt sie einen markerschütternden
+Schrei aus.
+
+Ein paar Jungen rennen hinüber und kommen zurück mit der Botschaft, daß
+die Frau durchaus nichts im Wasser gesehen hat. Es war kaum nötig, uns
+das zu sagen; denn jeder wußte, daß sie an jener Stelle nichts sehen
+konnte, selbst wenn der Junge dort versunken sein sollte.
+
+Nun beginnt die Frau unausgesetzt gellend zu schreien. Wenn der eine
+Schrei verklungen ist, ertönt gleich darauf der folgende. Es ist das
+Wehklagen indianischer Frauen, die einen Toten beweinen. Es klingt nicht
+wie Weinen, es klingt vielmehr wie ein den Himmel anklagendes
+langgezogenes Schreien. Viele große Säugetiere, denen der Gefährte oder
+das Junge erschossen, erschlagen oder geraubt wurde, schreien und klagen
+in genau der gleichen Weise. Hört man dieses wehklagende Schreien der
+Frauen zum ersten Male, glaubt man nicht, daß es ein Schreien des
+Trauerns wäre. Lebt man länger unter den Indianern, hört man den tiefen
+Schmerz aus dem Schreien so deutlich heraus wie aus dem stillen Weinen
+einer europäischen Frau.
+
+Wäre der Tod des Jungen gewiß oder hätte man gar seinen kleinen Leichnam
+gefunden, so würden sofort alle Frauen in dieses Schreien, das man
+kilometerweit hören kann, mit einstimmen. Einstimmen mit all dem
+Mitgefühl und der Mittrauer, die eine Mutter und eine Gattin der anderen
+aus der Tiefe eines warmen und stark empfindenden Herzens zeigen kann.
+
+Aber die Frauen, noch nicht überzeugt von dem Tod des Jungen, bleiben
+ruhig und tasten nur nach ihren Kindern und legen die Säuglinge sofort
+an die Brust als den sichersten Platz, den sie ihnen bieten können.
+
+Zwei Männer gehen hinüber und führen die unaufhörlich schreiende Frau
+zart und besorgt auf diese Seite des Flusses, um sie auf eine Bank zu
+setzen.
+
+Die Pumpmeisterin kommt sofort heran, gibt ihr Wasser zu trinken und
+streichelt sie mütterlich.
+
+Die Männer stehen eine Weile herum, nicht wissend, was zu tun. Sie
+fühlen sich unbehaglich in Anwesenheit der Mutter, die ihr Kind verloren
+hat und die, trotz der Zartheit, mit der sie behandelt wird, jetzt
+eigentlich ganz allein in der Welt ist. Es überkommt die Männer nach und
+nach ein Schuldbewußtsein, daß sie mehr für die Mutter hätten tun
+können. Sie stehen herum, drücken sich herum und reden kaum. Sie zwingen
+sich, nicht nach der Mutter zu sehen, und wenn die Frau hin und wieder
+aufschreit, werden ihre Gesichter zerquält. Das Unbehagen, das sie
+belästigt, wird endlich so stark, daß sie das einzige tun, was Männer
+auf der ganzen Erde tun, welche Hautfarbe sie auch immer haben mögen,
+sobald sie sich überflüssig zu fühlen beginnen. Sie fangen an, tätig zu
+werden, sich zu beschäftigen, nur um nicht in Gegenwart der Mutter so
+schuldbewußt dazustehen.
+
+Ohne viele Worte zu machen, ohne daß jemand die Führung übernimmt,
+beginnen sie zu arbeiten wie ein Ameisenvolk. Sie schleppen Holz herbei
+und zünden auf beiden Ufern große Feuer an, auf jedem Ufer zwei Feuer,
+so angelegt, daß die Längsseiten der Brücke beleuchtet werden. Einer
+entkleidet sich und geht in den Fluß. Er beginnt entlang der Brücke zu
+tauchen. Das ist ein Wagnis und kann das Leben kosten. Das Wasser ist,
+besonders auf dem Grunde, mit Dornengestrüpp, das sich von den Ufern
+losgerissen hat, bedeckt und kann sich leicht um die Füße oder Arme des
+Tauchenden schlingen. Da sind große, grausig aussehende Krebse auf dem
+Grunde, Schlangen und was sonst noch alles ein Fluß im tropischen
+Dschungel nur beherbergen mag.
+
+Ein anderer und wieder ein anderer springt in den Fluß. Und bald sind
+sechs tiefbraune Männer im Fluß. Die Mädchen und Frauen stehen auf der
+Brücke oder an den Ufern und sehen den Bemühungen der nackten Männer zu.
+
+Die sehnigen schlanken Körper der Männer, die alle so jünglingshaft
+erscheinen, haben einen stumpfen metallischen Glanz. Das lange
+strähnige, dichte Haar erscheint noch schwärzer und massiger, wenn die
+Köpfe auftauchen und von Wasser triefen. Während sie sich an den
+Brückenpfeilern anklammern, um neuen Atem zu schöpfen, blicken sie
+zuweilen hinauf zu den Frauen und Männern, die auf der Brücke stehen,
+und wenn sie auch nichts sagen, so steht doch in ihren traurigen Augen
+immer wieder die Nachricht: „Nada! Nada! Nichts! Nichts!“
+
+Ein uralter Indianer mit weißem Haar ist unter den tauchenden Männern.
+Seine Brust ist nicht mehr so voll wie die der jüngeren Männer, und er
+kann nicht so lange tauchen wie die übrigen, aber wenn die anderen
+aufgeben wollen, weil jetzt in der Nacht nicht viel zu erwarten sei,
+ermuntert er sie immer wieder zu neuer Tätigkeit.
+
+Der Pumpmeister kommt mit einem mächtigen Eisenhaken, den er an ein
+langes Tau gebunden hat, und schrittweise geht er an der Brücke entlang,
+wirft den Haken weit hinaus in den Fluß und zieht ihn langsam heran.
+Aber immer, wenn man glaubt, er hat den Körper gefunden, so ist es nur
+dickes moderiges Dschungelgebüsch, das der Haken gepackt hat.
+
+Von den Ufern lodern die Feuer, und auf der Brücke stehen Männer und
+Burschen, halten flammende Holzscheite hoch empor, um das Wasser zu
+erleuchten. Andere laufen mit brennenden Scheiten auf der Brücke
+entlang, andere an den Ufern, teils um ausgehende Leuchtscheite wieder
+anzuflammen, teils um dort das Wasser zu erleuchten, wo besonders
+gefährliche und unübersichtliche Stellen sind und von wo aus die
+tauchenden Männer nach Licht rufen.
+
+Ich sehe Sleigh an der Pumpe stehen und gehe hinüber zu ihm. „Hätte man
+ein Boot,“ sage ich, „könnte man mehr tun. Es ist schade, daß der
+Pumpmeister keines hat.“
+
+„Da ist ein Boot, weiter unten am Fluß,“ sagt Sleigh, „der Holländer hat
+eins. Das ist aber einige Meilen runter. Da können wir vor Sonnenaufgang
+nicht hin.“
+
+Er geht zu einer Gruppe von Männern, die über andere Dinge reden und
+augenblicklich keine Teilnahme an dem Ereignis nehmen, weil man ja nicht
+immerfort dasselbe tun kann.
+
+
+
+
+ 9
+
+
+Es ist ein Bild, unvergleichlich in seiner Großartigkeit. Da sind die
+lodernden Feuer. Dunkelrote und braune Burschen stehen herum, werfen
+neue Scheite auf oder stirren das Feuer, um ihm mehr Leuchtkraft zu
+geben. Auf der Brücke stehen Männer mit brennenden Ästen, die sie hoch
+empor halten, oder die sie, auf der Brücke kniend, zum Wasser richten,
+das die wechselnden Bilder widerspiegelt. Frauen und Mädchen, in ihren
+bunten Tanzkleidern und mit Blumen im Haar, Säuglinge im Arm oder Kinder
+an der Hand, stehen auf der Brücke oder wandern umher, sprechend zu
+anderen Frauen, oder in das Wasser blickend oder schnell zu einem Punkte
+laufend, wo gerufen worden ist, als habe man etwas gefunden oder
+entdeckt. Die flackernden, flammenden Scheite werfen das Licht bald
+hierhin, bald dorthin, wie der leichte Wind es weht. Die eine oder
+andere Gestalt, die man ins Auge fassen will, steht bald im vollsten
+Lichte da, bald im schwärzesten Schatten, bald im schwelenden Rauch
+halbverschleiert, bald in einer lächerlich grotesken Form,
+hervorgebracht durch wechselnde Streifen von hellem Licht, tiefem
+Schatten und wehendem Rauch.
+
+Dann tauchen die braunen nackten Gestalten im Wasser auf oder unter,
+klammern sich an den Brückenpfeilern fest, um sich für eine Weile
+auszuruhen oder die Pflanzen, die sich ihnen um die Beine geschlungen
+haben, abzuzerren. Hin und wieder kriecht einer an das Ufer und geht zum
+Feuer, um die erstarrten Hände anzuwärmen. Breitbeinig steht er am
+Feuer, den Rücken dem Flusse zugekehrt und streckt die offenen Hände
+vorwärts zum Feuer, während ihm ein Bursche eine angezündete Zigarette
+in den Mund schiebt.
+
+Hier drüben fängt ein Kind, das eingeschlafen war, zu weinen an, und ein
+zweites wacht davon auf und schreit. Schnell kommen die Mütter herbei
+und geben ihnen zu trinken. Die kleineren Kinder sind nun alle
+eingeschlafen und liegen zusammengekauert auf dem Erdboden. Manche sind
+eingewickelt in ein Tuch, manche in eine Decke, manche in eine
+Reitmatte, manche liegen auf einem leeren alten Sack, und wieder andere
+liegen auf dem nackten Erdboden. Die größeren Kinder, soweit sie nicht
+interessiert an dem Tauchen der Männer sind, wo sie sich in einem fort
+darüber streiten, ob Sanchez bis sechzig unter Wasser war oder ob Jose
+diesmal bis hundert unten bleiben würde, drücken sich herum und
+besprechen Streiche, die sie an anderen Jungen verüben wollen, oder sie
+probieren irgend eine neue Schleuder aus. Andere musizieren auf einer
+Mundharmonika.
+
+Die Esel des Packzuges grasen in der Nähe des Ufers, und wenn sie gerade
+nichts weiter wissen, trompeten sie in die Nacht. Sie fühlen sich
+außerordentlich wohl, in der Nähe so vieler lodernder Feuer und
+herumlaufender Menschen zu sein. Käme jetzt ein Jaguar vorüber, sie
+würden ihn dreist einladen, er möge ihnen doch ein wenig Gesellschaft
+leisten, denn sie haben gar keine Angst vor ihm.
+
+Die Pumpmeisterin steht in ihrer Küche und kocht Kaffee. Was sie Küche
+nennt, und was die Mehrzahl der anwesenden Leute eine großartige Küche
+nennen würden, ist ein offener Raum. Nein, Raum kann man nicht sagen.
+Die Küche hat nur eine Wand, und diese Wand ist gleichzeitig die Wand
+der Hütte. Das Grasdach der Hütte ist hier weit überhängend und bildet
+so die Küche. Damit das überhängende Dach infolge der Schwere nicht
+herunterbrechen kann, ist es an beiden Ecken sowie in der Mitte mit
+einem Stamm gestützt. Durch diese drei rohen Stämme wird die Küche
+abgegrenzt. Der Küchenofen ist eine große flache Kiste, die mit Erde
+ausgefüllt ist und auf vier Pfählen ruht in einer Höhe, daß sie recht
+handlich für die Frau ist. Auf dieser Erde in der Kiste brennt ein
+offenes Holzfeuer, dessen Flammen durch einige rohe Steine
+zusammengehalten werden, damit die Hitze dicht an die Blechkanne kommt,
+die unmittelbar auf dem brennenden Holze steht. In einem irdenen Topfe,
+der neben der Kanne auf dem Feuer steht, sind schwarze Bohnen zum Kochen
+aufgestellt, für den Fall, daß jemand Hunger bekommen sollte. Ein Blech
+steht bereit, auf dem die Pumpmeisterin Tortillas anzuwärmen gedenkt.
+Der Schilfkorb, in dem sie die Tortillas, die vom letzten Mahle
+übriggeblieben sind, aufbewahrt, hängt an einem Draht, der an einem der
+Stämme befestigt ist, die das Gras des Daches halten.
+
+Die Garza ist zu ihrer eigenen Hütte gegangen. Was sie dort sucht oder
+erwartet, weiß sie selbst nicht zu sagen. Sie kommt jetzt wieder über
+die Brücke zurück, die Laterne an der herunterhängenden Hand tragend.
+Eine Weile sieht sie den Tauchenden zu, dann geht sie weiter zur Pumpe,
+völlig gedankenlos und in einer Weise, als ginge sie das alles, was hier
+geschieht, nichts an.
+
+Manuel sitzt stumpf und brütend auf einer Bank. Als er die Garza
+plötzlich vor sich sieht, blickt er sie groß mit leeren Augen an wie
+irgendeine Fremde. Dann, als ob ihm etwas einfiele, steht er rasch auf,
+geht über die Brücke und wandert auf dem sandigen Wege, der auf der
+anderen Seite durch den Dschungel zu fernen Dörfern führt, in die Nacht
+hinaus.
+
+Der Pumpmeister wirft unermüdlich seinen schweren eisernen Haken hinaus
+in den Fluß und zieht ihn sorgfältig ein, manchmal leer, manchmal mit
+einer Last Wasserpflanzen und Gestrüpp beladen.
+
+Die Tauchenden fangen an müde zu werden. Immer seltener tauchen sie
+unter, und immer länger müssen sie sich an die Brückenpfeiler klammern
+oder in der Nähe des Ufers ausruhen, wo das Wasser weniger tief ist und
+wo sie stehen können. Da das Wasser nun kühler wird, fangen sie auch
+noch an zu frieren. Der weißhaarige Alte muß aufgeben. Bald schwimmen
+auch die jüngeren ans Ufer, holen sich ihre Hosen, Hemden und Sandalen
+und laufen zu den Feuern, die ebenfalls Zeichen von Müdigkeit zeigen und
+lange nicht mehr so lodernd und lebhaft brennen wie eine Stunde bevor.
+Denn die Burschen und Männer müssen immer weiter in den Dschungel
+kriechen, um das notwendige Holz heranzuschleppen.
+
+Schließlich fallen die Feuer gänzlich zusammen, und sie sind bald nur
+noch Gluthaufen. Die flammenden Äste und Scheite, die auf der Brücke als
+Fackeln dienten, sind nur noch funkensprühende Keulen, die ausgedient
+haben und wertlos sind, nun ins Wasser geschleudert oder in die
+Gluthaufen am Ufer geworfen werden.
+
+An der Pumpe ist eine der Laternen ausgegangen, und ein Junge läuft mit
+der Laterne zu den Hütten, um Petroleum zu borgen.
+
+Zwei der Taucher stehen an einem Gluthaufen auf dieser Seite und
+rauchen. Sie haben sich nicht angekleidet, sondern nur das Hemd um die
+Hüften gewickelt, um wieder bereit zu sein, sobald sie gerufen werden
+sollten. Denn es kann ja jemand einen neuen Gedanken haben.
+
+Die Leute alle, insbesondere die Männer, die im Fluß getaucht haben,
+halten nun die Geschichte, die die Garza erzählte, für wahrscheinlich,
+und dennoch glaubt niemand, daß der Junge im Wasser ist. Sie haben
+keinen andern Gegenbeweis als allein nur den, daß ein Mensch, auch wenn
+er nur ein Junge ist, nicht so leicht und geräuschlos stirbt. Der Tod
+ist ein so großer Vorgang, daß er nie schweigend sein kann. Da ist immer
+Geschrei damit verknüpft oder Schießen oder Stechen oder
+Mit-dem-Pferde-Stürzen oder der Krach eines gefällten Baumes oder das
+Plätschern und Kreischen eines ins Wasser Gefallenen oder das
+Herumwälzen des an den Blattern Erkrankten. Daß der Tod inmitten von
+sechzig oder mehr Menschen, die sich zum Tanze versammelt haben, so ganz
+still erscheinen kann, ohne daß sich auch nur die Luft bewegt, das
+begreift keiner von diesen Leuten. Man hat auch nur alles das getan, um
+der Mutter zu zeigen, daß sie nicht allein auf der Welt ist, und daß man
+das einzige Hemd, das man hat, hergeben würde, könnte man ihr dafür den
+Sohn zurückbringen.
+
+Nun beginnen einige Männer mit einer langen Stange, die sie sich
+geschaffen haben dadurch, daß sie zwei dünne Stämme mit Bast
+zusammenbanden, den Grund des Flusses an der Brücke entlang abzutasten,
+weil jemand den Gedanken hatte, man könne mit einer Stange den Körper
+deutlich fühlen, falls er überhaupt im Wasser sei.
+
+Das Bild hat sich inzwischen völlig verändert.
+
+An den glimmenden verlöschenden Feuern sitzen oder stehen die braunen
+Gestalten herum, rauchend und redend. Sie sind so ungewiß beleuchtet,
+daß man nur bewegende Schatten sieht. Ein erregtes Gespräch hebt an, das
+plötzlich abbricht, als habe es die Nacht verschlungen, um bei einer
+anderen Gruppe auszubrechen, als sei es unterirdisch hinübergekrochen.
+Dann hört man nur halblautes Reden, aber man sieht heftige und
+eindringliche Gesten. Auf der Brücke sitzen andere, kauern oder halten
+die Beine über den Rand der Brücke und schaukeln mit den Füßen. Andere
+wieder, die nichts Besseres zu tun wissen, wehen die verglimmenden Äste
+durch die schwarze Luft und zeichnen funkelnde Figuren.
+
+Irgendwo in einem Winkel der Nacht wird auf der Mundharmonika gespielt.
+Aus einem anderen Winkel der Finsternis hört man das Kichern eines
+Mädchens und das hastige, unterdrückte und erregte Sprechen eines
+Mannes. Dann wieder, von einem anderen Winkel her ein hartes,
+abweisendes Hin- und Herreden eines Paares, das sich verkrochen hat. Von
+ferner her tönt das unternehmende lustige Pfeifen eines Burschen, der in
+der Stimmung eines Siegers zu sein scheint. Auf dem Pumpplatze haben
+sich wieder Gruppen gebildet, die meist mit langen Pausen sprechen, weil
+schon alles zwanzigmal gesagt worden ist. Die Frauen und Mädchen sitzen
+herum oder gehen, ohne sich jedoch vorzudrängen, zur Küche der
+Pumpmeisterin, wo sie heißen Kaffee in kleinen Emailletassen erhalten.
+Der Kaffee ist schwarz, und jedesmal, wenn die Frau eine Tasse
+hinreicht, deutet sie auf eine Konservenbüchse, die mit Zucker gefüllt
+ist, und neben der ein kleiner Löffel liegt.
+
+Die Pumpmeisterin hat nur fünf Tassen, alle verschieden in Form und
+Farbe, und mit diesen fünf Tassen versorgt sie alle Frauen mit Kaffee.
+Aber der Kaffee ist bald alle, und die Pumpmeisterin beeilt sich,
+frischen zu kochen.
+
+Niemand trinkt mehr als eine kleine Tasse, manche der Frauen trinkt die
+Tasse nur halb und reicht die andere Hälfte ihrer Nachbarin; denn die
+Nacht ist nun recht hübsch kühl geworden, und jedem wird ein Schluck
+heißer Kaffee wohl tun.
+
+Auf der Brücke sind einige der Männer immer noch damit beschäftigt, die
+Längsseiten der Brücke Schritt für Schritt mit der Stange abzutasten.
+
+Jetzt krähen die Hähne zum erstenmal in der Nacht. Also ist es elf Uhr.
+
+
+
+
+ 10
+
+
+Der Pumpmeister hat sein Suchen und Fischen mit dem Haken aufgegeben.
+Der Haken liegt verlassen auf der Brücke, und der Pumpmeister steht nun
+auch bei den Gruppen in der Nähe der Pumpe. Er erzählt von einigen
+Todesfällen, die er erlebt hat, die aber in gar keiner Beziehung zu
+diesem Ereignis stehen.
+
+Die Garza war die erste, der Kaffee angeboten wurde. Sie ist der
+respektierte Ehrengast der Pumpmeisterin. Und die Pumpmeisterin ist hier
+in dieser Dschungelsiedlung ungefähr dasselbe, was eine Baronin in einem
+armseligen Bergdörfchen in einem europäischen Lande ist. Sie kann ein
+wenig lesen und ein wenig schreiben, und sie ist deshalb eine
+hochgebildete Frau, die in die Schule gegangen ist. Ihre Kinder haben
+keine Läuse oder nur hin und wieder ein paar, und sie laufen nur selten
+nackt herum. Wenn sie auch nicht gerade immer ein Hemd an haben, so doch
+wenigstens eine Hose oder ein Röckchen. Das kann man nicht einmal von
+den Kindern Sleighs sagen. Die Frau Pumpmeisterin selbst hat vier
+verschiedene Musselinkleider und wenigstens drei Hemden. Mehr hat sie
+nicht, das weiß jeder. Hosen hat sie sogar vier, von denen zwei aber
+nicht mehr ganz für voll gerechnet werden können. Sie hat Ohrringe,
+echtes Gold. Auch hat sie einen spanischen Kamm fürs Haar, der mit
+Perlchen besetzt ist. Diese Perlchen, weiß auch jeder, sind aber nicht
+echt. Der Pumpmeister hat einen Sonntagsanzug mit einer Jacke. Sie haben
+eine Uhr im Hause, eine Weckuhr, ferner einen Spiegel, sogar ein Messer,
+nicht zu reden von den beiden Gabeln, die sie haben. Und was das größte
+ist, ein eisernes Bett mit Drahtmatratze. Wer hat das sonst noch?
+Vielleicht der Präsident in der Hauptstadt. Aber kein Wunder, der
+Pumpmeister gehört ja zur Eisenbahn. Da ist nichts in der Welt, das
+größer wäre. Und was die Pumpmeisterin sagt, ist mehr wert, als was der
+Priester sagt, bei dem man nie weiß, was er meint und was er vielleicht
+hintennach beabsichtigen mag. Wenn man mit der Frau Pumpmeisterin gut
+befreundet ist, kann man die Königin von England leicht entbehren. Ob
+die Königin von England zwei Paar gelbseidene Strümpfe hat und drei
+Taschentücher, von denen eines gestickte Kanten hat, das soll erst noch
+bewiesen werden. Denn was die Leute so erzählen, darf man noch lange
+nicht immer glauben.
+
+In eine Gruppe, die weiter ab von der Pumpe steht, kommt plötzlich
+Bewegung. Man hört schnelles Sprechen und Fragen.
+
+„Der Junge war nicht da?“ klingt nun eine Stimme deutlich heraus.
+
+Der Eseltreiber und der ihn begleitende Junge sind von Tamalan
+zurückgekommen.
+
+„Nein, er war nicht dort.“
+
+„Habt ihr denn überall herumgefragt?“
+
+„Ganz natürlich. Alles schlief, und wir sind in jede Hütte gegangen,
+haben die Leute aufgeweckt und nach dem Kleinen gefragt.“
+
+„Habt ihr euch auch erkundigt, ob vielleicht der Kleine durchgekommen
+ist?“
+
+„Auch das haben wir getan. Es ist heute niemand aus Tamalan hier herum
+gewesen und auch niemand aus der hiesigen Gegend dort vorbeigekommen.
+Die Hunde würden gelärmt haben, wenn da jemand in der Nacht
+durchgeritten wäre.“
+
+„Und auf dem Wege?“
+
+„Auf dem Wege war keine frische Spur, wir haben abgeleuchtet. In der
+Richtung nach Tamalan sind die nicht geritten.“ Die redende Gruppe kommt
+näher heran, bis sie im Licht der Laterne steht. Das Gespräch ebbt ab,
+weil man nichts mehr zu fragen weiß.
+
+Die Garza steht auf von ihrem Sitz und sieht auf den Eseltreiber, der
+seine Augen verlegen von einem zum andern wandern läßt. Er will jetzt
+etwas zur Garza sagen. Aber in diesem Augenblick setzt sie sich wieder.
+Sie weiß es schon. Der Eseltreiber wendet sich langsam um. Er hat einen
+Ausdruck im Gesicht, als ob er am Tode oder wenigstens am Verschwinden
+des Kleinen schuld wäre. Erst als er ganz aus dem Gesichtskreis der Frau
+heraus ist, sich zwischen eine Gruppe von Männern gemischt hat und eine
+Zigarette raucht, fühlt er sich wieder wohler.
+
+Ich gehe zur Brücke, wo ein Indianer weiter mit der Stange tastet,
+während ein anderer dicht neben ihm auf der Brücke kniet und mit einer
+Laterne immer da ins Wasser leuchtet, wo der andere mit der Stange
+hineinfühlt.
+
+Da mit einemmal läßt der Mann die Stange auf dem Grunde, dreht sich um,
+sieht mich mit großen Augen an und sagt halblaut: „Senjor, ich habe ihn.
+Da fühlen Sie selbst.“
+
+„Seien Sie ganz ruhig, Perez,“ gebe ich zur Antwort, „sonst haben wir
+gleich alle Leute hier, und wir können nichts tun. Wir wollen erst
+durchaus sicher sein. Halten Sie die Stange ruhig an der Stelle.“
+
+Ich trete nun dicht an seine Seite und nehme ihm die Stange behutsam ab.
+Ich taste am Grunde und fühle in der Tat etwas, das ein menschlicher
+oder tierischer Körper sein könnte. Vorsichtig, um den Grund nicht
+aufzurühren und den Körper vielleicht fortschwemmen zu lassen, hebe ich
+die Stange und führe sie, leise suchend, wieder nach unten, um das
+Gefühl voll in die Fingerspitzen zu lenken. Und wieder fühle ich den
+Körper.
+
+„Na?“ fragt Perez.
+
+„Sicher bin ich noch nicht“, erwidere ich.
+
+Ich taste nun weiter, ob dieser Fund auch die Ausdehnung eines
+menschlichen Körpers hat, denn bis jetzt haben wir ja nur einen Ballen,
+der die Brust oder der Unterleib sein kann oder der Oberschenkel. Aber
+der Fund hat keine Ausdehnung in der Länge, sondern die Ausdehnung geht
+gleichmäßig nach jeder Richtung, und nach langem geduldigen Abfühlen
+komme ich zur Überzeugung, daß der vermeintliche Körper ein versandeter
+Ballen Gras oder dünner Strauchäste ist, der sich dort unten irgendwie
+festgehakt hat. Was immer es auch sein mag, der Körper eines Kindes ist
+es nicht. Perez sieht ein, daß er sich geirrt hatte. Er gibt jetzt auch
+auf, setzt sich auf die Brücke und dreht sich eine Zigarette.
+
+Nach einer Weile gehen wir zur Pumpe, und die Pumpmeisterin bietet uns
+Kaffee an, Bohnen und Tortillas; denn inzwischen waren die Männer an die
+Reihe gekommen, Kaffee trinken zu dürfen. Der Kaffee steht in den fünf
+Tassen eingegossen auf einem hölzernen Gegenstand, den die Pumpmeisterin
+ihren Küchentisch nennt. Wer von den Männern Durst auf Kaffee empfindet,
+kommt heran, nimmt sich eine Tasse, schüttet Zucker hinein, und wenn er
+sie ganz oder halb ausgetrunken hat, stellt er sie wieder auf das Brett,
+damit ein anderer trinken kann. Auf Frijoles und Tortillas habe ich
+augenblicklich keinen Appetit, dagegen tut der Schluck Kaffee mir so
+wohl, daß die Pumpmeisterin mir das Behagen ansieht und lächelnd fragt:
+„Mas?“ Da ich sehe, daß drei volle Tassen unberührt dastehen und die
+Männer offenbar alle schon getrunken haben in der Zeit, während ich mit
+Perez an der Brücke fischte, kann ich dem Angebot nicht widerstehen,
+wofür mich die Pumpmeisterin dankbar anblickt, daß ich ihren Kaffee für
+so gut befinde.
+
+Die Brücke ist nun ganz verlassen. Niemand ist in ihrer Nähe. Hier
+stehen die Leute wieder in Gruppen umher und schwatzen. Die Mädchen und
+Frauen sitzen herum, wo sie etwas zum Sitzen gefunden haben, und
+schwatzen und lachen. Durch den Kaffee ist alles mehr lebendig geworden.
+Die Welt scheint nicht mehr so düster auszusehen. Man hat vollständig
+vergessen, was während der letzten Stunden alle Anwesenden erfüllte. Die
+zunehmende Müdigkeit der Leute, die alle seit Sonnenaufgang auf den
+Beinen sind, läßt die Gefühle erschlaffen. Man sieht die Garza sogar
+zwei- oder dreimal lachen. Es hat sich dadurch, daß der Junge im Fluß
+nicht gefunden wurde, die Gewißheit festgesetzt, daß der Kleine nicht
+ins Wasser gefallen ist, sondern daß er entweder nach Magiscatzin
+geritten ist, wie die beiden Jungen behaupten, oder aber, daß er in
+irgendeinem Winkel sich hingelegt hat und eingeschlafen ist.
+
+Man hat sich darüber geeinigt, daß man warten wolle, bis Garza von
+Magiscatzin zurück ist. Sollte er den Jungen nicht bringen und auch
+nichts erfahren haben, so wolle man bis Sonnenaufgang hier beieinander
+sitzenbleiben und dann bei Tageslicht von neuem den Fluß absuchen. Die
+Stimmung ist im Grunde die gleiche, die bis zu jenem Augenblick
+herrschte, an dem der Junge vermißt wurde.
+
+Ein paar Männer, denen das Herumstehen zu langweilig wurde, haben sich
+wieder zur Brücke aufgemacht und fangen abermals an, mit der Stange zu
+tasten und mit dem Haken zu fischen. Plötzlich fängt auch die Garza
+wieder an zu schreien, und sie rennt wie rasend zu der Brücke und
+gebärdet sich, als ob sie hineinspringen wolle. Sie schwenkt die Laterne
+über das Wasser, während sie sich weit hinüberlehnt, und schreit
+unaufhörlich: „Mein Kleiner! Mein Liebling! Ninjo, ninjo mio!“ Der
+Pumpmeister und noch ein anderer Mann laufen herbei und halten sie fest.
+Sie wehrt sich, schlägt um sich und kreischt: „Laßt mich los! Was wollt
+ihr denn von mir?“
+
+
+
+
+ 11
+
+
+In der Nähe der Pumpe bildet sich jetzt eine Gruppe von Männern, die
+immer größer wird. Es wird lebhaft geredet, zugestimmt, genickt,
+gestikuliert. Der Wortführer ist jener weißhaarige alte Indianer, der
+mit den jungen Männern getaucht und endlich, ganz blau gefroren, hatte
+aufgeben müssen. Die Gruppe, den heftig redenden Alten in der Mitte,
+bewegt sich der Hütte des Pumpmeisters zu.
+
+Auch die Brücke wird wieder belebter, obgleich sich doch nichts Neues
+ereignet hat. Überall sieht man eine merkwürdige Geschäftigkeit. Hier
+auf der Brücke weiß man nicht, was jene Gruppe beabsichtigt. Aber man
+legt offenbar keinen Wert darauf, es zu erfahren. Es wird immer emsiger
+gefischt und getastet.
+
+Nun gehe ich hinüber zur Pumpe, und ich höre, wie der Alte zu der
+Pumpmeisterin sagt: „Eine starke Kerze, ja.“
+
+„Ich habe nur ein paar dünne im Hause“, antwortet die Frau.
+
+„Wer hat denn wohl hier eine dickere Kerze?“ fragt der Alte.
+
+„Ich glaube nicht, daß jemand hier überhaupt Kerzen hat, und wenn da
+noch welche sind, dann auch nur die dünnen. Aber die fallen ja immer
+zusammen“, erklärt die Pumpmeisterin.
+
+„Ja, wenn wir nur eine Kerze hätten“, wiederholt der Alte.
+
+„Oiga!“ sagt nun die Pumpmeisterin. „Ich habe noch eine Kerze, aber
+das ist eine geweihte, die ich noch hier habe von einem
+Corpus-Christi-Fest.“
+
+„Die ist um so besser,“ nickt der Alte, „bringen Sie die nur her.“
+
+Die Pumpmeisterin nimmt eine Laterne und verschwindet in ihrer Hütte.
+
+Der Alte sieht sich um und entdeckt eine Kiste, die bisher als Sitz
+diente. Er schleift die Kiste unter das Licht der Laterne und bricht ein
+Brett heraus. Es ist ein ganz dünnes Brett, etwas länger als breit. Er
+sieht über die Fläche und untersucht, ob das Brett auch ganz eben ist,
+ob auch alle vier Ecken gleichmäßig aufliegen.
+
+„Das Brett wird gehen“, sagt er zu den Umstehenden, die nicht wissen,
+was er vorhat.
+
+Nun kommt die Pumpmeisterin heraus, sie hat in der Hand eine
+halbabgebrannte Kerze, von der Art jener starken Kerzen, die von Kindern
+bei kirchlichen Festen getragen werden.
+
+Der Alte legt das Brett auf den Erdboden, hängt die Laterne ab, stellt
+sie neben das Brett und markiert mit dem Fingernagel die genaue Mitte
+des Brettes. Dann zündet er die Kerze an, tropft auf den markierten
+Mittelpunkt des Brettes Stearin und klebt die Kerze mit großer Sorgfalt
+auf dem Brette fest. Die Laterne hängt er nun wieder zurück an den
+Stamm.
+
+Die Männer, die herumstehen, sehen aufmerksam zu, wissen jedoch nicht,
+worauf das alles abzielt, fragen aber auch nicht, um den Alten nicht zu
+stören.
+
+Nun hebt der Alte das Brett mit dem brennenden Licht auf und trägt es
+vor sich zum Ufer des Flusses. Die Männer und auch eine Anzahl Frauen
+folgen ihm. Auf der Brücke wird man aufmerksam. Das Suchen und Fischen
+wird eingestellt, und auch diese Leute kommen näher, bleiben aber alle
+auf der Brücke stehen, um das Ereignis besser zu beobachten.
+
+Eine uralte Indianerin hockt auf der Brücke, sieht auch zu, ist aber
+nicht neugierig und viel weniger interessiert an den Vorgängen als sonst
+irgend jemand. Sie raucht und raucht. Immer wenn sie einen Zug getan
+hat, betrachtet sie die Zigarette und drückt das Maisblatt etwas fester
+zusammen. Ich habe das Empfinden, daß sie außer dem alten Manne die
+einzige Person hier ist, die weiß, was da vor sich gehen soll. Ich hocke
+mich neben sie und gehe geradeswegs auf den Kernpunkt los: „Was wollen
+denn die da tun?“
+
+„Die werden jetzt den Bastard suchen.“ Sie sagt das so leicht und so
+selbstverständlich, als ob sie an dem Erfolge nicht mit dem leisesten
+Gedanken zweifle.
+
+„Wie meinen Sie das, Senjora? Suchen?“
+
+„Ja suchen. Und nun werden sie ihn auch gleich haben, wenn er überhaupt
+im Wasser ist.“
+
+„Wir haben doch die ganze Zeit gesucht und haben ihn nicht gefunden“,
+sage ich, um sie mehr zum Reden und zum Erklären zu bringen.
+
+Sie grinst ironisch. „Wie das heutzutage die Esel tun, die ja so klug
+sind und alles besser wissen, so werden die das Böckchen nie finden. Da
+können sie alle miteinander suchen, vier Wochen lang. Und wenn er nicht
+von selber auftreibt und die Caimans und das Fisch- und Krabbenzeug noch
+etwas von ihm übriglassen, so kriegt ihn sein Vater nie mehr zu
+Gesicht.“
+
+„Aber was hat denn das Licht damit zu tun? Wir haben doch tausendmal und
+überall herumgeleuchtet, und das Licht ist doch nicht heller als die
+Fackeln und Feuer, die wir hatten.“
+
+„Ihr mit euren Laternen und Haken und Stangen. Das ist alles für den
+Hund, aber nicht für einen Menschen. Das Licht findet ihn ganz von
+selbst, wir brauchen nur aufzupassen, wo es hingeht.“
+
+„Wie kann denn das Licht ihn finden, wenn wir ihn nicht finden?“
+
+Auf diese Frage schweigt sie eine Weile, zieht ein paarmal an der
+Zigarette, betrachtet sich die Zigarette dann mit gedankenvollen Augen
+und sieht mich an, als ob sie überlegen wolle, ob ich einer Antwort wert
+sei.
+
+Ich dränge nicht, sondern blicke nur hinüber zu der Gruppe, die sich
+jetzt in einem Kreise um den Alten sammelt, der in der Mitte steht und
+das Brett mit dem Licht in halber Armeslänge vor sich hält. Er sieht
+jetzt aus wie ein alter heidnischer Priester, der eine geheimnisvolle
+religiöse Handlung vorzunehmen bereit ist.
+
+Die Alte betrachtet mich mit halbgeschlossenen Augen, und da sie
+offenbar bemerkt, daß ich sehr ernst bleibe und die Vorgänge am Ufer mit
+keiner Geste oder Miene abfällig beurteile, spricht sie, mich
+unausgesetzt im Auge behaltend: „Der Junge ruft doch unausgesetzt.“
+
+„Der Junge ruft?“ frage ich erstaunt. „Ich höre nichts.“
+
+„Freilich nicht“, sagt die Alte. „Ich kann das auch nicht hören. Kein
+Mensch kann das Rufen hören. Aber das Licht hört das Rufen.“
+
+„Das Licht?“ frage ich. Und weil ich glaube, nicht genau verstanden zu
+haben, was sie in ihrem vermischten Dialekt gesagt hat, frage ich noch
+einmal: „Sie wollen sagen, das Licht hört das Rufen!“
+
+„Wenn er überhaupt im Wasser ist, dann ruft er. Und er wird das Licht zu
+sich heranrufen. Und das Licht wird kommen. Das Licht wird zu ihm kommen
+und wird bei ihm stehenbleiben, weil es seiner Stimme folgen muß.“
+
+Es war Nacht. Beinahe Mitternacht. Und es war im Dschungel, und ich war
+mitten unter Indianern. Als die Alte das so erzählte, als ob es sich um
+irgend etwas ganz Alltägliches handele, kam mir der Gedanke, daß
+entweder sie irre ist, oder ich bin es. Aber ich hatte auch gleichzeitig
+das Gefühl, daß in dieser Umgebung, unter diesen Umständen und unter
+diesen Vorgängen, die sich seit nun etwa vier Stunden zugetragen hatten,
+alles andere, was die Alte mir erzählt haben würde, unnatürlich
+geklungen hätte, daß sie gar nicht anders reden konnte, als sie in
+Wirklichkeit tat.
+
+Ich blieb bei ihr hocken. Sie sagte nichts mehr, rauchte ruhig weiter
+und blickte gleichgültig zu der großen Gruppe hinüber. Der Alte hielt
+das Brett mit dem brennenden Licht noch weiter vor sich und begann nun
+laut zu reden. Es war wie eine Beschwörung. Nach einer langen Reihe von
+Worten folgte jedesmal ein Satz, der durch eine Pause eingeleitet wurde
+und mit gehobener Stimme gesprochen wurde. Dieser Satz wurde von allen
+Anwesenden in einem singenden getragenen Tone als Refrain
+nachgesprochen.
+
+Alle Männer hatten den Hut in der Hand und folgten der Zeremonie ernst
+und feierlich.
+
+Es kam häufig das Wort „Heilige Jungfrau“ darin vor, was als Refrain
+gesprochen wurde. Aber das Gefühl, daß, wenn die Indianer beten, sie
+zwar den Namen des christlichen Gottes und der christlichen Heiligen auf
+den Lippen tragen, jedoch in ihrer Vorstellung ihre alten heidnischen
+Götter haben, hatte ich vorher nie so stark und unabweisbar empfunden
+wie in dieser Nacht. Sie sprachen „Heilige Jungfrau“, aber sie meinten
+die indianische Göttin Cioacoatl. Wie kann ein zimtbrauner Indianer sich
+vorstellen, daß die gnadenreiche Göttin, die er bittet, in seinem Herzen
+zu wohnen, eine weiße Hautfarbe hat, die Farbe, die ihn an Leichen und
+an Aas erinnert, die Farbe einer Haut, deren Ausdünstung ihm unangenehm
+ist? Die Namen der Götter und Göttinnen hat er gewechselt, ihre Gestalt,
+ihre Hautfarbe, ihr Wesen nicht.
+
+Diese Beschwörung geht eine gute Weile nun vor sich. Endlich hebt der
+Alte das Brett sehr hoch, so hoch seine Arme reichen, so daß es sich im
+Wasser widerspiegelt, und spricht noch einen langen Satz, der mit einem
+von allen gesprochenen Refrain endet.
+
+Blitzschnell hat sich Perez ausgekleidet, und während er bis zu den
+Schenkeln im Wasser steht, reicht ihm der Alte das Brett mit der
+brennenden Kerze.
+
+Perez hält das Brett hoch über sich und watet in den Fluß, bis ihm das
+Wasser über die Hüften reicht. Jetzt wartet er eine Zeit, damit das
+Wasser, das durch sein Waten in Bewegung gekommen ist, sich beruhige.
+Dann setzt er ganz behutsam das Brett auf den Wasserspiegel und watet so
+ruhig als möglich zum Ufer zurück. Das Brett folgt ihm ein klein wenig,
+weil das Hinauswaten einige schwache Wellen zurückließ.
+
+
+
+
+ 12
+
+
+Nun steht das Brett ruhig im Wasser, als ob es entscheiden wolle, wohin
+es zu gehen habe.
+
+Perez wickelt sich sein Hemd um die Lenden und tritt vom Ufer zurück, um
+von der Brücke aus das Brett zu beobachten. Aller Leute, die anwesend
+sind, bemächtigt sich jetzt eine atemlose Spannung. Die Männer haben die
+Hüte noch in der Hand, oder sie haben sie irgendwo hingeworfen. Niemand
+raucht. Man hört nicht ein Wort. Nur das Singen und Tschirpen des
+Dschungels tönt in der Luft. Gebannt hängen alle Augen an dem Licht.
+Niemand weiß, ob das Wunder vor sich gehen werde, wie es Jahrhunderte,
+vielleicht Jahrtausende vor sich gegangen ist. Ein einziger Glaube
+erfüllt diese Versammlung von Menschen, und nicht einer denkt, daß jenes
+Licht versagen könne. Es muß versagen, wenn der Junge nicht im Wasser
+ist; denn wenn er nicht ertrunken ist, kann er nicht rufen, und das
+Licht kann nur dem Rufe folgen. Plötzlich ein unterdrückter Aufschrei
+und der gleichzeitige Atemzug eines vielköpfigen Körpers:
+
+Das Brett hat sich bewegt.
+
+Unendlich langsam schwimmt es vom Ufer fort nach der Mitte des Flusses
+zu. Es bleibt stehen, wiegt und wackelt ein wenig auf dem Wasser und
+rückt, kaum merklich, wieder weiter voran.
+
+Die ganze Front der geländerlosen Brücke ist mit Menschen besetzt, die
+auf dem Boden knien, die Hände auf den Balken stützen, den Kopf weit
+über den Rand der Brücke halten und mit stieren Augen auf das Brett
+starren. Niemand wagt zu atmen, teils aus Spannung, teils aus einem
+Gedanken heraus, daß der Atem den Lauf des Brettes beeinflussen könne.
+
+Ich sehe alle diese braunen, dunkelroten und dunkelgelben Gestalten der
+Reihe nach an. Die schwarzen Augen spiegeln in einem Funken das Licht
+auf dem Brette wider. Nackte Körper und von zerfetzten Hemden
+halbbedeckte Körper. Auf den Scheiteln und in den Nacken das dicke,
+schwarze, strähnige, ölig glänzende Haar. Die Füße nackt oder mit rohen
+Sandalen bekleidet. Dazwischen die Frauen mit ihren roten, grünen,
+blauen und gelben Gazekleidern und mit grellfarbenen Blumen im Haar,
+durch den Gegensatz ihrer europäisch erscheinenden, in modernen Fabriken
+hergestellten Kleidung viel unheimlicher wirkend als die Männer, deren
+halbe oder zerlumpte Kleidung natürlicher und harmonischer erscheint.
+
+Der Gedanke an die mysteriöse Handlung, die diese unheimlichen Gestalten
+vornehmen, ihre abergläubische Hoffnung, daß das Wunder sich vollziehen
+werde, das trübe Licht der Laternen von der Pumpe her, das flackernde
+Aufflammen eines der Uferfeuer, das wieder angefacht worden ist, das
+schwimmende Brett mit dem Licht im Wasser, das der Mittelpunkt aller
+Augen ist, das dumpfe Schweigen dieser Masse von Menschen und das Singen
+des Dschungels, beginnt so entsetzlich auf mir zu lasten, daß ich fühle,
+mich nur durch einen gewaltigen Schrei von dem Alpdruck, der mir die
+Kehle abschnürt, befreien zu können. Wo ist die Welt? Wo ist die
+Menschheit geblieben? Ich bin auf einem anderen Planeten, von dem ich
+nie mehr zurück kann, zu meiner Rasse, zu meinen Wiesen und meinen
+Wäldern und meinen Bergen. Ein einziger hier braucht jetzt nur
+aufzustehen, mit dem Finger auf mich zu weisen und zu sagen: „Der da,
+der Weiße, der Fremde, der ist schuld; der hat das Unglück über die
+Mutter und über uns alle gebracht. Er ist hierher gekommen, und sofort
+hat der Fluß, der ihn haßt, uns das Kind geraubt. Seht ihr es nicht an
+seinen Augen, mit denen er unsere Kinder vergiftet?“
+
+Ich wäre nicht der erste Weiße, der in ein Indianerdorf kam und mit
+seinen Augen ein oder zwei oder gar noch mehr Kinder mordete, gesunde
+Frauen tödlich erkranken, kräftige Männer im Busch verunglücken ließ,
+Hühnern die Eier aus dem Neste wegguckte und die Jaguare herbeisang, um
+die schönsten jungen Kühe zu schlagen. Und wenn sie mir hier meine
+Zauberei und Morderei heimzahlen und ich nicht wieder zurückkehre, wer
+wird je erfahren, wo ich geblieben bin, wo meine Gebeine faulen und
+meine Knochen bleichen? Die Geier arbeiten schneller als die Alligatoren
+und die Riesenkrebse. „Auf einer Reise durch den Dschungel umgekommen.“
+„Beim Fischen von Alligatoren gepackt worden.“
+
+Aber warum sollte ich Unbehagen empfinden? Da steht ja Sleigh, weiß am
+Körper wie ich, Gedanken, die ich denke, Sprache, die ich spreche. Er
+steht hinter den Knienden und blickt ebenfalls nach jenem Brette. Sollte
+diese Masse von einem dummen, ihr aber sehr vernünftig erscheinenden
+Gedanken ergriffen werden, Sleigh ist meine Rettung. Er würde an seinem
+großen Hute rücken und würde sagen: „Aber das dürft ihr doch nicht
+machen. Das ist ja dumm. Er hat den Jungen nicht ins Wasser geworfen.“
+Dann würde er sich zu mir wenden und sagen: „Ich muß nach der schwarzen
+Kuh sehen, vielleicht ist sie jetzt hereingekommen.“ Und dann würde er
+mich allein lassen. Wenn ich in Stücke gerissen bin, wird er
+zurückkommen und zu den Leuten sagen: „Wer hätte so etwas gedacht? Ich
+glaube nicht, daß er den Jungen ins Wasser geworfen hat.“ Sleigh! Wer
+ist Sleigh? Er lebt ein halbes Menschenalter unter diesen Indianern, er
+hat eine Indianerin zur Frau und hat Kinder mit ihr. Er ißt nur
+indianische Kost und fühlt sich in einem Hause, wie es hier Weiße haben,
+ungemütlich. Nicht der aus einer Kreuzung hervorgegangene Wolfshund ist
+er, nein, er ist der aus Bewußtsein und aus Gleichgültigkeit gegenüber
+dem zivilisierten Menschen sich selbst erzeugte Wolfshund. Ohne eine
+Miene zu verziehen, wird er dabeistehen, wenn diese erregte Masse
+plötzlich eine lächerliche Idee bekommt und mich zerfleischt.
+
+ * * * * *
+
+Das Brett ist jetzt etwa fünf Schritte vom Ufer entfernt. Es rastet
+wieder eine Weile, beginnt nun zu quirlen und gerät quirlend in die
+Strömung des Flusses. Die Strömung ist eine ganz leichte, sie ist kaum
+bemerkbar, aber doch vorhanden. Einen Schritt folgt das Brett der
+langsamen Strömung, dann bleibt es stehen und quirlt wieder auf der
+Stelle.
+
+Abermals folgt es der Strömung drei oder vier Schritte, was eine gute
+Weile in Anspruch nimmt. Und abermals steht es, quirlt herum und kommt
+nun ganz langsam zurück, der Strömung entgegen.
+
+Die Menge findet nichts Auffallendes oder gar Verwunderliches in der
+Tatsache, daß jenes Brett der Strömung entgegengleitet. Das erscheint
+diesen Leuten in dem Falle durchaus natürlich. Sie sind nunmehr
+überzeugt, daß der Junge im Wasser ist, daß er ruft, und daß er nicht
+die Strömung hinuntergeschwemmt ist.
+
+Das Brett kommt zurück, so langsam freilich, daß man sein Kommen nur
+bemerken kann, wenn man die Punkte markiert, wo es vor einer Weile war,
+und wo es jetzt ist.
+
+Nun hat es sich verfangen in dem Geäst eines irgendwo am Ufer
+abgerissenen Strauches, der sich in Wasserpflanzen festgehängt hat.
+
+Regungslos sieht die Menge zu, und auf den Gesichtern vieler zeigt sich
+Enttäuschung. Einer der Männer will hineinspringen, um das Brett zu
+befreien, aber der alte Indianer verbietet es ihm und sagt: „Kein
+Strauch und nichts kann das Brett festhalten. Laßt uns geduldig warten.“
+
+Und in der Tat, es dauert nicht allzulange, da quirlt das Brett wieder
+und dreht sich aus den umklammernden Ästen heraus. Es schwimmt weiter
+der Strömung entgegen, und langsam kommt es wieder auf die Brücke zu.
+
+Nun steht es am siebenten Pfeiler, stößt leicht gegen ihn und wird
+wieder abgestoßen. Es beginnt nunmehr auf den sechsten Pfeiler
+loszuwandern. Dort angekommen steht es lange und ganz ruhig.
+
+„Jetzt steht es! Da ist der Junge!“ wird von einem Dutzend Stimmen
+gleichzeitig gerufen.
+
+„Laßt uns warten!“ sagt der Alte. „Das Licht steht noch nicht.“
+
+Und kaum hat er das gesagt, da löst sich das Brett von dem Pfeiler los
+und wandert, immer längsseit der Brücke haltend, auf den fünften Pfeiler
+zu. Auf seinem Wege wird es wieder und wieder von der leisen Strömung
+getroffen, wodurch es mehrere Male von der Brücke einen Fuß oder einen
+halben abgetrieben wird. Aber immer kommt es zurück zur Brücke mit einer
+Beharrlichkeit, als würde es von einem festen Willen gelenkt.
+
+Es hängt nun wieder am fünften Pfeiler. Aber nicht lange. Dann dreht es
+sich um diesen Pfeiler und wandert schneckenlangsam unter die Brücke.
+
+Die Leute klammern sich mit den Händen fest an dem Balken und stecken
+die Köpfe weit herunter, um die Wanderung des Brettes besser verfolgen
+zu können. Ein großer Teil springt erregt auf und läuft auf die andere
+Längsseite der Brücke hinüber, weil man jetzt von der anderen Seite
+ebensoviel bereits sehen kann wie von dieser. Andere wieder haben sich
+in die Mitte der Brücke flach auf den Bauch gelegt und stieren durch die
+weiten Spalten der Bretter auf das Wasser hinunter. Das Brett ist immer
+dieser Pfeilerverstrebung entlang gekrochen, bis es endlich mitten unter
+der Brücke ist. Dort hält es eine Weile und wandert nun, immer genau
+mitten unter der Brücke haltend, auf den vierten Pfeiler zu, jedoch nur
+auf die Länge eines Fußes.
+
+Hier steht es nun. Und hier steht es jetzt wie genagelt. Es kehrt sich
+weder an Strömung noch an die leichte Brise, die über das Wasser fegt.
+
+Der Menschen bemächtigt sich eine ganz ungeheuerliche Erregung. Man hört
+ihr schweres Atmen. Den meisten bricht dicker perlender Schweiß aus. Das
+lastende Schweigen wird von einem gelegentlichen Flüstern unterbrochen,
+so schüchtern, als habe man Angst vor der eigenen Stimme.
+
+Das Brett beginnt nun, ohne sich auch nur einen Finger breit von der
+Stelle fortzubewegen, zu tänzeln und zu schaukeln und dreht sich dabei
+langsam im Kreise. Es macht den Eindruck, als wolle es nach unten gehen,
+auf den Grund des Flusses, und als sei auf der Unterseite des Brettes
+ein Haken, an dem es nach unten gezerrt würde.
+
+Der Alte beobachtet das Brett sehr scharf und ausdauernd. Endlich sagt
+er: „Da könnt ihr jetzt tauchen. Da liegt der Kleine.“
+
+Eine Stelle, an der ihn niemand gesucht, niemand vermutet hätte. Denn
+wie kann er, der über den Rand der Brücke gestolpert ist, unter der
+Brücke liegen?
+
+Perez ist schon im Wasser, und sofort folgen ihm zwei andere Männer.
+Perez ist der erste an der Stelle. Er schiebt das Licht beiseite und
+taucht unter.
+
+Nach wenigen Sekunden kommt er wieder hoch und ruft: „Der Junge ist da.
+Ich habe ihn gefühlt.“
+
+Die Leute auf der Brücke sind alle aufgestanden und sehen auf Perez, der
+von dem flackernden Licht trübe beleuchtet, ein unheimlich entsetztes
+Gesicht zeigt.
+
+Die Garza hat den Mund weit aufgerissen, kann aber nicht schreien. Sie
+ballt eine Faust und steckt sie in den Mund. In ihren Augen jagen
+Grauen, Angst vor der letzten brutalen Wahrheit und ein schwacher
+Glimmer von Zweifel und Hoffnung. Nicht wissend, wohin ihren Blick zu
+lenken, starrt sie mit einem Ruck nach der Richtung auf den Weg nach
+Magiscatzin, wo der letzte Funke der Hoffnung ruhen bleibt.
+
+Kein Wort fällt, man hört nur das leichte Scharren von Füßen auf der
+Brücke.
+
+Perez ist wieder getaucht und mit ihm einer der Männer.
+
+Sie kommen hoch mit den Händen voll faulen Ästen und Gestrüpp.
+
+Dann tauchen sie aufs neue. Es blubbert, abgerissene Pflanzen und
+kleines Gesträuch quirlen hoch. Triefend taucht einer der Männer auf,
+und drei oder vier Sekunden später erscheint auf der Wasserfläche etwas
+Schwarzes, das langsam hochkommt, bis man erkennt, es ist der dichte
+Haarschopf des Perez. Sein Kopf ist nun ganz über Wasser. Er schüttelt
+sich, prustet, atmet und schluckt und kommt nun weiter nach oben. In
+seinen Armen hat er den kleinen Carlos, dessen Beinchen, mit den neuen
+Stiefelchen an den Füßen, in einen unnatürlich spitzen Winkel
+eingekrümmt sind.
+
+„Chiquito mio!“ schreit die Garza und rennt zum Ufer, wo sie Perez
+erwartet.
+
+Perez kommt herangewatet und steigt die niedrige Uferböschung empor. Nun
+steht er vor der jungen Mutter, die in ihrem grünen flimsigen Tanzkleide
+und mit den glutroten Blumen im Haar ihn mit weit ausgestreckten Armen
+empfängt. Mit unsagbar trauriger Geste, wie sie nur Tiere und Menschen
+des Urwaldes und Dschungels ausdrücken können, legt er den kleinen
+Leichnam in die ausgestreckten Arme der Mutter. Er tut es mit solcher
+Zartheit, als wäre der Körper hauchdünnes Glas.
+
+In diesem Augenblick schreien die Pumpmeisterin und eine Anzahl anderer
+Frauen schrill auf, und der Schrei geht in das klagende Trauerschreien
+über, das eine Weile andauert und dann abebbt.
+
+Die Garza hat den Kleinen gegen ihre Brust gepreßt. Mit der einen freien
+Hand quetscht sie seine feuchten und geschrumpelten Händchen.
+
+Perez schleicht sich scheu hinweg, als habe er das ganze Herzeleid
+verursacht.
+
+
+
+
+ 13
+
+
+Ein älterer Indianer kommt herbei, redet auf die Mutter ein und nimmt
+ihr das Kind ab. Er hält den kleinen Körper an den Füßen hoch, und aus
+dem Munde fließt nichts als Blut und nur ganz wenig Wasser. An der Stirn
+wird jetzt eine dicke Beule sichtbar. Nase und Mund sind verquollen, und
+der Oberkiefer ist aufgeschlagen. Ich taste den nach unten hängenden
+Schädel ab und fühle ein kleines Loch. Eine Laterne ist jetzt zur Hand,
+und ich sehe, daß dieses Loch offenbar von einem Nagel herrührt.
+
+Ein anderer Mann preßt nun den Leib des Knaben, aber auch jetzt fließt
+nur wenig Wasser aus dem Munde, während immer noch Blut sickert.
+
+Der Garza laufen die Tränen dick aus den Augen, und sie schnüfft
+ruckweise und schwer mit der Nase, die sie einige Male mit dem Kleide
+abputzt. Sie versucht, die Knie des Kleinen durchzudrücken, damit die
+Beinchen, die so spitzwinklig in den Kniegelenken eingekrümmt sind, daß
+die Hacken beinahe die Oberschenkel berühren, gerade werden mögen. Trotz
+ihres Schmerzes denkt sie doch schon an die „schöne Leiche“, die das
+Kind sein soll, das letzte, was sie für ihren Kleinen tun kann. Und mit
+den spitzen Beinchen dürfte die Leiche wohl nie schön aussehen. Aber die
+Knie sind schon ganz starr, und es gelingt ihr nicht. Endlich versucht
+der Mann, der bisher den Leib auspreßte, die Knie durchzubiegen, und
+nach langem geduldigen Kneten, Drücken und Ziehen gelingt es ihm auch.
+Während der Mann an den Knien massiert, streichelt die Mutter die
+kleinen Stiefelchen, deren fabrikneuer Lackglanz an vielen Stellen der
+langen Einwirkung des Wassers widerstanden hat. Sie drückt und preßt die
+Stiefelchen, und während sie, zweifellos, dumpf die geheimnisvollen Wege
+des Schicksals empfindet, daß die aus inniger Bruderliebe dargebotene
+Gabe gleichzeitig die mittelbare Ursache des Todes des beschenkten
+Kindes wurde, beginnt das hineingewürgte Weinen sie zu ersticken und
+nun, zum erstenmal, seit der Kleine vor ihren Augen ist, stößt sie einen
+markerschütternden Schrei aus, der die tiefe Nacht des Dschungels
+aufzureißen scheint.
+
+Die wenigen Sekunden Schweigen, die diesem Wehschrei folgen, wirken so
+beklemmend, als versänke die Welt. Und abermals stößt die Garza einen
+Schrei aus. Diesmal ist er aber nicht so gell, jedoch mehr gezogen und
+klagend.
+
+Die Männer, die herumstehen, fühlen sich gedrückt und scheu. Sie
+schlagen die Augen nieder, tasten an ihrem Gesicht oder an ihren
+Kleidern verlegen hin und her. Angesichts des Schmerzes der Garza
+schrumpfen sie in sich zusammen und werden ganz klein und ärmlich. Sie
+ahnen den Schmerz der Mutter, denn sie alle haben eine Mutter gehabt,
+eine Mutter, die, wie alle Mütter nichteuropäischer Völker, ihre Kinder
+mit einer, uns tierisch anmutenden, Zärtlichkeit lieben und behandeln.
+Sie ahnen das Weh der Mutter, aber weil sie Männer sind, können sie das
+Weh nicht fühlen. Und weil sie in diesem Gefühl von der Natur
+benachteiligt wurden, kommen sie sich jetzt allesamt so arm, so
+erbärmlich und so schuldbewußt vor. Keiner wagt die Mutter zu berühren
+oder sie zu trösten, sie stehen da wie kleine Jungen, die sich schämen.
+
+Da kommt die Pumpmeisterin herbei, umarmt die Garza, als ob sie sie
+zerpressen wollte, und küßt sie wie wild auf den Mund, auf die Backen,
+auf die tränenden Augen. Sie hebt ihr feines Kleid auf und trocknet der
+Garza die Tränen und die Nase und küßt sie wieder und wieder. Dann haben
+sie beide ihren Kopf auf die Schulter der anderen gelegt, halten sich
+fest umarmt und schreien und schreien.
+
+Wer hätte geglaubt, daß die feine Pumpmeisterin sich je so gehen lassen
+würde. Die Mütter. Die Mütter. Und die Männer werden noch kleiner, noch
+beschämter, noch ärmer und haben nur einen Wunsch: Auch weinen zu
+können. Sie verzerren die Gesichter und möchten am liebsten zehn Meilen
+weit entfernt sein.
+
+Die Männer beneiden die beiden, die den kleinen Leichnam hochhalten und
+sich damit beschäftigen können. Nur etwas zu tun haben. Und die Männer
+fangen an, sich zu drehen und auf den Beinen hin und her zu treten, sie
+sehen sich um, ob nicht irgendwo eine Arbeit für sie wartet. Sie klauben
+Holz auf und werfen es wieder fort, weil es ja nun nicht mehr nötig ist,
+ein Feuer anzuzünden.
+
+Sleigh kommt heran, steht eine Weile unschlüssig da und sagt dann zu
+mir: „Ich werde Kaffee kochen gehen, damit die Garza was Warmes kriegt.“
+
+Die Pumpmeisterin löst sich nun aus den Armen der Garza und betrachtet
+den Kleinen, der immer noch mit den Füßen hochgehalten wird, weil man
+nicht weiß, was man Besseres tun soll. Sie hebt den Kopf an, streicht
+das Haar zurück und streichelt das Gesicht. Über ihre Hände läuft das
+wässerige Blut, und mit ihrem Kleide wischt sie dem Kleinen den
+blutenden Mund und die blutbeschmierte Nase ab. Das Blut läuft aber
+gleich wieder nach.
+
+Der Kleine hat die Stiefelchen an und kurze neue Strümpfchen. Das kurze
+Höschen ist alt, geflickt und hat eine Menge Löcher, wie die Hose eines
+jeden kleinen Jungen, der nur die eine Hose hat für den allgemeinen
+Gebrauch. Hosenträger hat er nicht. An deren Stelle ist eine Strippe,
+die von einem vorderen Knopf rechts nach einem hinteren Knopf links über
+die Schulter geht. Dann hat er noch ein weißes zerrissenes Hemdchen an.
+
+Während er jetzt so hoch hängt, rutscht aus einer der Hosentaschen ein
+kleines Holzpfeifchen hervor. Als es herunterfallen will, fängt es die
+Garza auf, und als sie es betrachtet, fängt sie an zu weinen, diesmal in
+einem stillen wehmütigen Zuge, der sie durch und durch schüttelt. Sie
+schiebt das Pfeifchen oben in ihre offene Brust.
+
+„Hat er keinen Hut gehabt?“ fragt einer der Männer.
+
+Erregt und als ob sie von einem Zauberbann erlöst wären, drängen die
+Männer, die diese Frage gehört haben, heran. Es gibt Arbeit. Sie dürfen
+ins Wasser springen, um den Hut zu suchen und herauszufischen.
+
+Aber die Hoffnung auf Tätigkeit war verfrüht, denn die Mutter sagt, daß
+der Hut im Hause sei. Das sei mit einer der Gründe gewesen, warum sie
+nicht geglaubt habe, daß er fortgeritten sei. Die Hälfte von dem, was
+sie sagt, muß man sich freilich selbst zusammenreimen.
+
+Wir stehen noch am Ufer, dicht neben dem Anfang der Brücke. Durch die
+Laterne, die hier einer hochhält, wird ein Teil der Brücke beleuchtet.
+Ich sehe auf, weil ich an Sleigh denke, der, wie mir erscheint, vor
+einer Woche zu mir gesagt hat, daß er Kaffee kochen gehen wolle.
+
+Da kommt einer von der anderen Seite des Flusses über die Brücke. Er
+geht schwer und schleppend wie ein sehr alter Mann. Wenn er den Fuß
+hebt, so ist es, als klebe der Fuß fest und als müsse er ihn erst
+jedesmal losreißen. Den Kopf hält er ganz tief gebeugt. Ehe ich sehe,
+wer es ist, kenne ich ihn an seinem städtischen Texashute. Manuel.
+
+Jetzt hat er den Anfang der Brücke hier erreicht. Eine Weile steht er
+still, dann kommt er langsam heran, ohne aufzusehen. Er ist bleich,
+soweit es die Farbe seiner Haut nur zuläßt. Sein Gesicht ist ganz schmal
+geworden. Seine Augen sind matt und müde.
+
+Die Garza sieht auf zu dem großen Jungen. Ihre Augen stehen dick mit
+Wasser. Sie öffnet den Mund und will etwas sagen. Aber dann läßt sie den
+Mund zuklappen wie ein Automat.
+
+Manuel steht nun ganz dicht vor den beiden Männern, die den Jungen
+halten. Den Kopf ganz tief auf die Brust gesenkt, hebt er langsam die
+Arme und streckt sie weit vor sich hin mit den offenen Handflächen nach
+oben.
+
+Der Indianer, der den Jungen hochhält, sieht Manuel an wie einen Geist,
+der plötzlich erschienen ist. Dann stützt er den Kopf des kleinen
+Leichnams mit der einen Hand, hält den Körper wagerecht und legt ihn
+schweigend in die hingestreckten Arme des großen Bruders.
+
+Niemand sagt ein Wort. Aber alle Männer und Burschen, die inzwischen
+ihre Hüte wieder aufgesetzt hatten, nehmen jetzt die Hüte ab, auch die
+beiden Männer, die sich bis zu diesem Augenblicke mit dem Kleinen
+beschäftigt hatten.
+
+Eine Weile steht Manuel jetzt so da, den Kopf immer noch tief auf die
+Brust gesenkt und den Kleinen in den vorgestreckten Armen haltend wie
+ein Opfer, das dargebracht werden soll. Er ist jetzt der einzige, der
+den Hut auf hat. Und dieser hellgraue, breitrandige, hohe Hut über dem
+tiefbraunen Gesicht, das man kaum als Gesicht erkennen kann, läßt den
+Vorgang unwahrscheinlicher erscheinen als einen fremdartigen Traum.
+
+Mir wird das Bild so unerträglich, daß ich dasselbe Angstgefühl bekomme,
+das ich für einige Sekunden empfand, während das Brett auf dem Wasser
+schwamm. Um dieses Gefühl zu zerstreuen, entschließe ich mich, zu
+handeln, irgend etwas zu tun. Ich gehe rasch auf Manuel zu, berühre
+seinen Arm und sage: „Bitte!“
+
+Ob Manuel es gehört hat oder nicht, weiß ich nicht. Er verrät durch
+keine Miene, daß er verstanden hat, was ich sagte. Ich aber lege meine
+Hand auf die Brust des Kleinen, schiebe das Hemdchen zurück und lege
+mein Ohr auf die Stelle, wo sein Herz ist. Ich weiß, daß der Junge so
+gut wie tot war, ehe er das Wasser berührt hatte, und daß er bestimmt
+tot war, fünf Minuten nachdem ich den Platsch – nein, nachdem ich den
+Fisch im Wasser hatte hochspringen hören. Denn es war ein Fisch.
+Zweifellos. Ich möchte nicht, daß dieser Platsch mir mein ganzes Leben
+hindurch im Ohr klinge, wenn ich für eine Sekunde meine Gedanken ruhen
+lasse.
+
+Der kleine Körper ist eiskalt, und auch nicht das leiseste Klopfen
+seines so fröhlichen Herzens ist zu vernehmen. Es hat auch niemand hier
+gehofft. Aber sie lassen mich handeln. Ich hebe den Kopf hoch, man sieht
+mich fragend an, und als ob ich nicht ganz sicher gewesen sei, lege ich
+mein Ohr ein zweites Mal auf die kleine Brust. Diesmal länger, und ich
+fühle die Kälte des Todes noch stärker als zuvor. Als ich nun wieder den
+Kopf hebe, wende ich mich ab, ohne jemand anzublicken, obgleich ich
+weiß, daß alle Augen auf mich gerichtet sind, als ob ich etwas
+Unerwartetes zu erzählen hätte. Aber man begreift durch mein Abwenden,
+daß Unerwartetes nun nicht mehr eintreten kann.
+
+Mein Angstgefühl ist verflogen. Durch diese Handlung bin ich in die
+Trauergemeinde aufgenommen worden, sie zählen mich zu den ihrigen, weil
+ich an ihrem Schmerze Anteil nehme.
+
+
+
+
+ 14
+
+
+Manuel schreitet langsam über die Brücke, mit dem Kleinen vor der Brust.
+Neben ihm geht die Garza, von einer Frau begleitet, die ihren Arm um die
+Schulter der trauernden Mutter geschlungen hat. Hinterher folgen alle
+Männer und Burschen, den Hut in der Hand. Als Manuel an der Stelle der
+Brücke angekommen ist, unter der Carlos gefunden wurde, bleibt er einen
+kurzen Moment stehen. Die Garza stößt einen klagenden Schrei aus, und
+die Frau schlingt sie fester in ihre Arme, um sie zu trösten. Einer der
+Männer tritt zur Seite, ergreift sein Machete und haut an dieser Stelle
+des Seitenbalkens eine tiefe Kerbe in das Holz als ein Denkmal. Der Zug
+geht weiter, erreicht das andere Ufer und kommt über die
+Dschungellichtung zu dem gekehrten Platze der Hütte, wo am Abend der
+Garza fiedelte und Carlos dem großen Bruder das Haar zerzauste.
+
+Wir kommen in die Hütte. In ihrem Innern ist sie eine der ärmlichsten
+Indianerhütten, die ich je gesehen habe. Weder Tisch noch Stühle noch
+Bank. Nicht einmal das einfache, zusammenklappbare Holzgestell mit einem
+darüber gespannten Segeltuch, das hier der Mehrzahl der Bevölkerung als
+Bett zu dienen hat, ist vorhanden. Ein Gerüst aus dünnen rohen
+Baumstämmchen, mit Bast und Bindfaden zusammengehalten, wird von dem
+Ehepaar als Bett benutzt. Eine alte Decke, als Kissen ein Bündel Gras.
+Der Schlafplatz der Jungen ist oben auf dem Grasdach der Hütte, mit dem
+Himmel als Decke und Moskitonetz.
+
+In der Hütte sind vorausgeeilte Frauen schon tätig gewesen. Sie haben
+Kerzen herbeigeschafft, sie in leere Flaschen gesteckt und auf Kisten
+aufgestellt. Die Hütte bekommt dadurch ein feierliches Aussehen, das die
+Garza, als sie beim Eintreten die Lichter erblickt, zu einem erneuten
+Ausbruch des Schmerzes hinreißt. Aber sie schüttelt den Schmerz diesmal
+rasch ab und fängt an, sehr geschäftig zu werden. Zuerst weiß sie nicht
+recht, wo beginnen. Sie rennt in diese Ecke, dann in jene, ergreift
+diesen Gegenstand, dann wieder einen andern und legt ihn wieder aus den
+Händen. Dann endlich geht sie zu einer Kiste, die auf dem Erdboden steht
+und die der Kleiderschrank der Familie ist, und nimmt einen völlig
+zerknitterten und verkrumpelten Ballen Stoff heraus. Sie hält ihn eine
+Weile in der Hand und dreht sich suchend um.
+
+Da sitzt Manuel hockend auf einem Sack, der zu einem Drittel mit
+Maiskolben gefüllt ist. Er sitzt da wie eine Bronzestatue, den Kopf noch
+immer gesenkt und auf den Armen den kleinen Bruder vor sich.
+
+Sleigh erscheint im Eingang des Jacalito. Auf dem Kopfe trägt er seinen
+Tisch, den einzigen, den er hat. Er läßt ihn jetzt herunter und bringt
+ihn in die Hütte, wo er ihn in der Mitte, dem Eingang gegenüber
+aufstellt. Gleich darauf kommt die Pumpmeisterin mit zwei weißen
+Bettüchern, die sie auf dem Tisch ausbreitet.
+
+Manuel steht auf und legt den Kleinen auf den Tisch. Er sieht auf ihn
+nieder, dann dreht er sich um und geht hinaus in die Nacht.
+
+Die Garza umklammert die kleinen Händchen, die zerweicht und alt
+aussehen, und preßt sie so hart, als wollte sie ihnen damit wieder Wärme
+einflößen. Nun sieht sie, daß der Kopf flach liegt und daß wieder Blut
+aus Mund und Nase sickert. Sie geht zu ihrer Bettstatt und kommt mit
+einer Handvoll Gras zurück, das sie ihm als Kissen unterlegen will. Auf
+halbem Wege bleibt sie stehen, sieht auf ihr Kind und läßt das Gras
+fallen. Eine Frau läuft fort und kommt im Augenblick zurück mit einem
+kleinen schmutzigen Kinderkopfkissen. Die Pumpmeisterin kramt in den
+Lumpen herum, sucht sich etwas zusammen, und sie näht mit flinken
+Fingern ein zweites Kissen.
+
+Die Kissen und die weißen Tücher bekommen große nasse blaßrote Flecken,
+die sich immer weiter ausdehnen.
+
+Die Garza zieht dem Kleinen nun die Stiefelchen aus, die Strümpfe, die
+zerflickte und zerlöcherte Hose und das zerrissene Hemdchen.
+
+Die Pumpmeisterin findet einen Kamm und kämmt dem Kleinen das Haar. Erst
+macht sie einen Scheitel links, dann gefällt er ihr nicht, und sie macht
+ihn rechts.
+
+Die Hähne krähen zum zweitenmal in der Nacht. Es ist ein Uhr.
+
+Die Garza hebt jetzt den zerknüllten Ballen Stoff von der Erde auf und
+verwandelt ihn zu einem ganz billigen blauen Matrosenanzug, den
+Sonntagsanzug des Kleinen und sein größter Stolz. Sie zieht ihm das
+Höschen und das Jäckchen an. Der große Matrosenkragen hat drei schmale
+weiße Kanten. In seinem geflickten Höschen, der quer über die Schulter
+gezogenen Strippe und dem zerrissenen Hemd sah der Junge schön aus, ein
+echtes Kind des Dschungels. Nun aber sieht er aus, als sei er in einer
+Fabrik in Manchester, Chemnitz oder New Jersey per Gros als Nr. 3½
+angefertigt worden. Immerhin, sein braunes, wenn auch verquollenes
+Gesichtchen, die strengen Züge seines reinen unvermischten
+Indianerblutes triumphieren über die blaßhäutigen Krämer, die eine Welt
+zu vergiften suchen. Über seinem Gesicht vergißt man die Peitschmeister
+und Schwitzhöhlen New Yorks, wo die weißen Sklaven sich die Schwindsucht
+anarbeiten, damit der Sohn des Dschungels in einem billigen
+Matrosenanzug, dessen Sinn hier niemand versteht, begraben werden kann.
+Denn zu seinen Lebzeiten hat der Junge den Anzug nur ein einziges Mal
+getragen, und das war, als er ein Jahr jünger war.
+
+Weder die Hosen noch die Jacke lassen sich zuknöpfen, weil der Anzug
+lange nicht mehr paßt, und weil der Körper nun auch noch aufgeschwollen
+ist. Die Garza versucht es immer wieder, und immer wieder ist es
+vergebens. Endlich preßt sie den Körper so fest zusammen, daß sie
+zuknöpfen kann, und nun sitzt der Anzug so prall, daß man meint, er
+müsse gleich platzen. Sie wringt die Strümpfe aus und hält sie gegen das
+kleine Feuer, das auf dem Erdboden in der Hütte brennt, und wo ein
+irdener Topf mit Wasser aufgestellt ist für Kaffee. Dann zieht sie dem
+Kleinen die Strümpfe an und endlich auch die neuen Stiefelchen.
+
+Während der ganzen Zeit schnaubt sie mit der Nase, ohne ein Taschentuch
+zu gebrauchen, das sie ja auch gar nicht besitzt. Wenn es ihr ein wenig
+zu viel wird, hebt sie ihr Kleid an und gebraucht es für diesen Zweck,
+oder sie nimmt einen Lumpen auf, der mit aus der Kiste gerissen wurde.
+
+An der einen Seite der Wand ist ein Brett befestigt dadurch, daß zwei
+Bindfaden nach je einer Ecke des Brettes gehen, während die Hinterkante
+des Brettes auf zwei kurzen Pflöcken aufliegt. Auf diesem Brett steht,
+gegen die Staketenwand gelehnt, ein Muttergottesbild ohne Rahmen.
+Daneben einige kleine Bildchen mit Heiligen und mit einem Spruch oder
+Gebet auf der Rückseite. Vor dem Muttergottesbilde steht ein Glas mit
+einem Lichtchen, das nie ausgehen darf. Aber wenn man kein Öl kaufen
+kann und auf Dinge zu achten hat, die wichtiger für das Leben sind, so
+geht das Lichtchen eben doch aus, wie es mit allen Sachen geht, die ewig
+sind. Aber die Pumpmeisterin hat auch dieses Lichtchen in Ordnung
+gebracht, und es glimmt wieder. Auf dem Brettchen stehen noch verwelkte
+Blumen in mehreren zerbrochenen Scherben. Außerdem lag das Nähzeug
+darauf, das die Pumpmeisterin für das Kissen gebrauchte, der Kamm,
+Haarnadeln, Streichhölzer und noch so allerlei andere Kleinigkeiten,
+darunter das Spielzeug des Kleinen: ein kleines, verbogenes und
+verschrammtes Blechauto, ein Angelhaken, eine Schleuder aus einem alten
+Autoreifen gefertigt, eine bunte Glaskugel, zwei Messingknöpfe, ein
+abgebrochener Flaschenkork, einige Zigarettenbildchen und die kleine
+Gitarre, die Manuel mitgebracht hat. An der Seite des Brettes, über die
+Ecke gehängt, ist ein ganz billiger Rosenkranz.
+
+Durch Aufstellen von dünnen Stämmchen, die mit Bast verbunden und oben
+am Dache befestigt sind, ist auf dreiviertel Breite der Hütte eine Wand
+geschaffen worden, die einen schmalen Raum der Hütte abtrennt, in dem
+alte Säcke liegen, Sattel- und Zaumzeug, ein alter Korb, in dem die
+Hühner die Eier hineinlegen und ausbrüten. Außerdem hängt hier das
+Wochentagskleid der Garza. Die paar Lebensmittel, die im Hause sind,
+etwas Kaffee, brauner Rohzucker, Reis, Fett und Bohnen sind in einem
+zerrissenen Schilfkorbe, der an einem Drahte in der Hütte hängt, damit
+die Ratten und Mäuse nicht heran können. Dieser Korb baumelt so im Wege,
+daß er immerfort in Bewegung ist, weil immerwährend von jemand, der
+größer ist als die Garza, mit dem Kopfe daran gestoßen wird. Aber
+niemand denkt daran, den Korb für diese Zeit anderswo hinzuhängen.
+Gegenüber dem Feuer auf der Erde, an der Wand, steht das Blech zum
+Backen der Tortillas, drei braune Tontöpfe, von denen einer halb
+zerbrochen ist, eine eiserne alte Pfanne und der große Stein, auf dem
+mit einem knüppelartigen kleineren Stein der Mais zermahlen wird.
+
+Es sind inzwischen noch mehr Kerzen gebracht worden, vier brennen neben
+dem Leichnam und zwei sind vor das Muttergottesbild gestellt worden.
+Durch diese brennenden Kerzen, durch die vielen Leute, die in der Hütte
+sind, aus- und eingehen und durch die Frauen, die alle ihre
+Sonntagskleider anhaben des Tanzes wegen, sieht der Jacalito, die Hütte,
+gar nicht mehr so arm aus. Er sieht wahrhaft festlich aus und reich, und
+man vergißt zuweilen ganz, weshalb diese festliche Stimmung hier in der
+Hütte lagert.
+
+
+
+
+ 15
+
+
+Die Mehrzahl der Leute ist vor der Hütte geblieben, wo sie auf dem
+Erdboden hocken, rauchen und schwätzen. Ab und zu kommen einige hinein,
+während andere wieder hinausgehen.
+
+Der mittlere Junge, der halbverrückte, hockt gleich rechts beim Eingang
+der Hütte auf dem Boden und heult still vor sich hin. Niemand achtet auf
+ihn, und er selbst macht sich nicht bemerkbar, faßt nirgends zu und
+kümmert sich um gar nichts. Ob er um den kleinen Stiefbruder weint, oder
+darum, weil er die Frauen weinen sieht, oder weil er nichts Besseres zu
+tun weiß, oder weil er glaubt, es sei seine Pflicht zu weinen, genau so
+gut wie es sonst seine Pflicht ist, zu essen, wenn er gerufen wird, das
+weiß niemand zu sagen. Aber niemand interessiert sich auch für ihn. Er
+ist der Fremde hier, der einzige Fremde seit dem Augenblicke, wo ich zur
+Trauergemeinde zähle.
+
+Manuel kommt jetzt still hereingeschlichen. Er sieht auf den Kleinen,
+geht dann zu dem Altarbrett, nimmt den halbabgebrochenen Blechkamm
+herunter und kämmt dem Kleinen den Scheitel wieder auf die andere Seite.
+Er gebraucht dazu eine unglaublich lange Zeit. Die Pumpmeisterin steht
+dicht daneben, zwischen dem Leichnam und dem Altarbrett, und näht aus
+Pappstreifen und aus goldenem, silbernem, rotem und blauem Papier, das
+sie sich zu verschaffen gewußt hat, eine Krone zusammen mit einem Kreuz
+darauf. Das Kreuz hat einer der Männer mit seinem Messer aus einer
+Konservenbüchse geschnitten und mit Hilfe tropfenden Stearins mit
+Goldpapier beklebt. Die Pumpmeisterin nimmt unzählige Male Maß rund um
+das Köpfchen herum, damit das Krönchen auch passen möge. Die Tränen
+kollern ihr immer über das bunte Papier, das sie verarbeitet; aber
+immer, wenn sie das Krönchen aufpaßt und es bei jedem Aufsetzen schöner
+aussieht, lächelt sie. Und jedesmal, wenn sie es zurückgenommen hat von
+dem Kopfe des Kleinen, kommt ihr eine neue Idee, um wieviel schöner und
+lieblicher noch sie das Krönchen gestalten könne. Zwei Männer sind damit
+beschäftigt, dem Kleinen die Knie, die noch immer zu spitz nach oben
+stehen und verkrampft aussehen, durchzubiegen. Nach einer Weile glückt
+es auch, und man legt ein Brettchen, das mit einem Steine belastet ist,
+über die Knie, um sie eine Zeit so zu halten, damit sie nicht wieder
+zurückknicken.
+
+Ich sehe, daß der Mund weit offen hängt. Es stört mich durchaus nicht,
+und ich finde, daß diese Geste für einen kleinen Jungen, der so
+plötzlich in eine neue Welt sieht, ganz natürlich ist und er gut seine
+Reise so antreten kann, ohne daß es ihm jemand übelnehmen wird. Aber die
+Mutter denkt anders darüber, und sie stellt sich eine schöne Leiche
+feierlicher vor. Sie versucht, den Mund zu schließen. Aber der Mund will
+nicht halten. Ich lasse mir einen Streifen von einem alten Hemd geben
+und binde ihn dem Kinde über den Unterkiefer und den Scheitel.
+
+Wenn irgendein Indianer sich an dem Jungen betätigt, so wird kaum darauf
+geachtet, und man sieht sehr gleichgültig zu. Sobald ich aber herankomme
+und das Kind auch nur berühre, drängen sie alle um mich herum, und was
+nur in der Hütte Platz findet, strömt von draußen herein. Es macht auf
+mich ganz den Eindruck, als ob sie alle von mir erwarten, daß ich ein
+großes Wunder verrichten, den Kleinen gar wieder ins Leben zurückrufen
+würde. Denn der Gedanke, daß ich dem Jungen etwa gar nachträglich noch
+etwas Böses durch den Blick meiner Augen oder durch die Berührung meiner
+Hände antun könnte oder möchte, ist lange verschwunden. Ich kenne die
+Leute hier nur seit drei Tagen, aber sie kennen mich alle. Mein Ruf ist
+bis hierher gedrungen, lange, ehe ich kam. Und dieser Ruf wurzelt in
+einer Geschichte, die sich in einem fern von hier liegenden
+Indianerdorfe, das aber zu demselben Flußgebiete gehört, vor längerer
+Zeit zugetragen hat. Im Mittelpunkt jener Geschichte war auch ein toter
+Indianer, den ich, nachdem er schon acht Stunden tot war, wieder zum
+Leben, oder richtiger, zum Atmen brachte, und den ich auch, das ist
+unerschütterlicher Glaube der Leute jenes Dorfes, ins Leben
+zurückgerufen haben würde, wenn sich nicht ein Teufel von einem
+nichtswürdigen Spanier hineingemischt hätte, der eine gegenteilige
+Behandlungsweise anordnete, der man folgte, und die den Indianer
+innerhalb von zwanzig Minuten, was alle Anwesenden mit eigenen Augen
+sahen, tötete. Daß jene Geschichte bis in dieses ferne Dschungeldorf
+schon gedrungen war, erfuhr ich erst einige Tage später.
+
+Jedenfalls wird dieses Hochbinden des Unterkiefers anerkennend
+beurteilt, und ich rutsche dadurch in den engeren Kreis der
+Trauergemeinde.
+
+Die Pumpmeisterin, mit Hilfe eines Mannes, biegt nun die Ärmchen über
+die Brust und bringt die kleinen Hände zum Falten. Weder die Arme, noch
+die Hände wollen halten. Deshalb werden sie nun mit einem Bindfaden, der
+in das Fleisch einschneidet, zusammengebunden.
+
+Dem Kleinen ist das Krönchen aufgesetzt worden. Verwunderlich, mit wie
+geringen Mitteln die Frau ein solches kleines Kunstwerk zuwege gebracht
+hat. Wenn man nicht ganz dicht dabeisteht, kommt man nicht auf die Idee,
+daß die Krone aus Papier ist. Würde der Kleine nicht diesen
+entsetzlichen Matrosenanzug aus New Jersey oder Crimmitschau anhaben,
+der einen mehr zum Weinen als zum Lachen bringen kann, würde das Kind
+aussehen wie der in einer armen Hütte aufgewachsene Sohn eines
+entthronten texkukischen Königs, der im Tode seine Würde zurückerhalten
+hat.
+
+Die Pumpmeisterin betrachtet den Knaben eine Weile lächelnd, und es
+kommt ihr ein neuer Gedanke. Der Kleine ist noch nicht schön genug. Sie
+geht hinaus, bricht einen dünnen Zweig von einem Strauche und beginnt
+nun, mit dem Papier, das sie noch zur Hand hat, jenen Zweig
+auszuschmücken. Und als es getan ist, da ist ein goldenes Zepter
+entstanden mit einem kleinen Kreuz am oberen Ende.
+
+Sie bindet dem Kleinen die Hände los. Die Arme spreizen ein wenig
+auseinander, und die Händchen, die dadurch auch auseinandergehen, stehen
+starr über der Brust frei in der Luft. Durch das Ineinanderfalten der
+Hände sind die Finger gespreizt worden. Sie sind in dieser Form erstarrt
+und sehen aus wie Krallen, die irgend etwas über der Brust packen
+wollen. Die Frau legt das Zepter in die kleinen Hände, schließt sie
+wieder, biegt sie abermals zum Falten ineinander und bindet sie endlich
+zusammen.
+
+Gerade als sie damit fertig ist, tritt Garza, der von Magiscatzin
+zurückgekommen ist, in den Eingang der Hütte.
+
+Er steht ganz still im Eingang. Dann blickt er, ohne mit der leisesten
+Geste in seinem Gesicht zu verraten, was in ihm vorgeht, auf seinen
+Prinzen und sein Nesthäkchen. Nun nimmt er langsam den Hut ab und kommt
+ganz nahe heran. Die Garza, die Pumpmeisterin und alle übrigen, die in
+der Hütte sind, sehen ihn an. Sie alle wissen, wie sehr er den Kleinen,
+das einzige Kind, das er von seiner jungen Frau hat, liebt.
+
+Mit leeren Augen, als ob da nichts wäre, sieht er auf den kleinen
+Leichnam. Er versteht das nicht und faßt es nicht. Es kommt ihm gar
+nicht zum Bewußtsein, daß der Junge tot ist, daß er ihn nie wieder
+herumlärmen hören wird. Nach einer Weile dreht er sich um und blickt auf
+den Boden, als ob er etwas suche. Als er wieder aufsieht, kollern ihm
+die Tränen aus den Augen wie kleine Kieselsteine. Er fragt nicht wann,
+er fragt nicht wo, er fragt nicht wie. Er ist ganz interesselos. Er
+wendet sich ab, macht eine scharrende Bewegung mit dem einen Fuß, steht
+dann eine Weile am Eingang, mit dem Kopf gegen den Stamm gelehnt, und
+geht hinaus.
+
+Ein paar Männer, seine näheren Freunde, kommen auf ihn zu. Er aber sieht
+sie nicht. Er verläßt den Hof, setzt sich wieder auf sein Pferd und
+reitet fort.
+
+Ich gehe nun hinüber zu Sleigh. Hier vor der Hütte liegen die Leute
+herum und schlafen. Andere sitzen und schwätzen. Wieder andere gehen
+oder kommen. Aus allen Hütten sieht man Licht schimmern. Die Esel
+schreien kläglich, und der Dschungel singt sein ewiges Lied,
+unbekümmert, was um ihn herum vor sich geht. Ihm gegenüber zählen die
+Menschen für nichts, er verachtet sogar ihren Dünger, den er gar nicht
+annimmt, sondern den Fliegen und Käfern überläßt.
+
+Sleigh pustet am Feuer und hat nun endlich den Kaffee fertig.
+
+„Wollen Sie eine Tasse trinken?“ fragt er mich.
+
+„Bringen Sie den nur erst einmal da rüber zu den Frauen, damit die etwas
+bekommen“, sage ich.
+
+„Gut,“ erwidert er, „ich koche gleich eine zweite Kanne, dann können Sie
+davon haben.“
+
+Das Mädchen schläft auf dem Boden unter ihrem Moskitonetz ruhig weiter.
+Wahrscheinlich hat ihr Sleigh das von dem Jungen erzählt. Aber das läßt
+sie kühl.
+
+„Wollen Sie nicht so gut sein und die Tassen bringen?“ Sleigh deutet auf
+das Brett, wo einige Emailletassen stehen. „Zwei lassen Sie nur hier für
+uns.“
+
+Ich nehme die Tassen, und wir ziehen ab, hinüber zu den Garzas. Sleigh
+stellt den Kaffee und die Tassen hin und bietet der Garza zu trinken an.
+Sie nimmt die Tasse und trinkt mechanisch den heißen Kaffee hinunter.
+Auch die Pumpmeisterin und einige andere Frauen kosten von dem Kaffee.
+Dann dreht sich die Pumpmeisterin eine Zigarette und reicht das
+Tabakbeutelchen der Garza, die auch zu rauchen beginnt, aber sich nicht
+setzt, sondern steht oder herumhantiert. Viel kann man jetzt nicht mehr
+tun. Endlich setzt sie sich doch, hält es aber nicht aus. Sie springt
+auf und läuft hin und her, bald dies in die Hand nehmend, bald jenes
+wieder fallen lassend. Die Kerzen biegen sich und müssen wieder gerade
+gestreckt werden, damit sie nicht so schnell verbrennen. Ein paar andere
+Kerzen liegen in einer Schüssel mit Wasser, um sie kühl zu halten. Dann
+fangen die Frauen an, aus den Lumpen, aus alten Kleidern und Hemden
+bunte Bänder, Stickereieinsätze und Häkelkanten abzutrennen, um das für
+den weiteren Aufputz des kleinen Leichnams zu verwenden.
+
+
+
+
+ 16
+
+
+Sleigh und ich, wir gehen wieder zurück zu seiner Hütte. Bei dem
+zylinderlosen rauchenden Blechlämpchen, das kaum Licht verbreitet,
+sitzen wir um den leeren Platz herum, wo sonst der Tisch steht, der ja
+jetzt einem anderen Zwecke dient. Wir blinzeln rüber in das offene
+Holzfeuer, wo die Kaffeekanne mit frischem Wasser aufgestellt ist, das
+Sleigh, wie ich gesehen habe, eben aus dem Fluß geschöpft hat.
+
+Daran denke ich jetzt gerade, und ich sage: „Hören Sie, Sleigh, wo
+bekommen Sie denn hier das Wasser her zum Trinken, Kochen und Waschen?“
+
+Er sieht mich erstaunt an und erwidert: „Ich denke, das ist doch groß
+genug, daß man es sehen kann, wo wir das Wasser herholen.“
+
+„Doch nicht vom Flusse?“ frage ich. Ich frage das keineswegs erschreckt,
+denn ich lebe zu lange in den Tropen, im Busch, im Dschungel und auf
+Dörfern, um zu wissen, was Wasser bedeutet.
+
+„Meinen Sie wirklich aus dem Flusse dort?“ wiederhole ich meine Frage,
+weil er ein ganz dummes Gesicht macht.
+
+„Ja denken Sie denn vielleicht, wir lassen uns das Wasser in zugekorkten
+Bierflaschen von Mexico City oder gar aus dem Yosemite-Tal per Post
+schicken? Sie sollten doch wahrhaftig nicht eine so unerlaubte Frage
+stellen. Haben Sie denn seinerzeit, als wir uns an dem Dreckpfuhl da
+oben trafen, nicht mit Wonne geschlürft, ohne zu fragen, wer eine halbe
+Stunde vorher reingespuckt hat?“
+
+„Was das Spucken anbelangt, da muß ich Ihnen schon sagen, daß ich noch
+nicht gesehen habe, daß ein Indianer ins Wasser spuckt, das andere Leute
+zum Trinken gebrauchen müssen. Amerikaner habe ich aber schon oft in
+Zisternen und Tanks spucken sehen. Brunnen im Kriege zu vergiften, das
+haben auch nur die Weißen erfunden; wenn die Indianer es rechtzeitig
+gelernt und getan hätten, wäre Mexiko nie spanisch geworden.“
+
+„So bös meint das einer auch nicht, wenn er schon mal ins Wasser spuckt.
+Er denkt sich nichts dabei. Ich freilich tu es nicht.“
+
+„Recht haben Sie, Sleigh,“ sage ich, „er denkt sich nichts dabei. Das
+ist eben die Sünde. Aber nun zu dem Wasser da aus dem Flusse –“
+
+Er sieht mich eine Weile grinsend an und antwortet: „Das Wasser, das Sie
+bisher getrunken haben, solange Sie hier in diesem Hause sind, war das
+Wasser aus dem Flusse. Sie glauben doch nicht, daß ich für Sie besonders
+das Wasser erst abkoche oder ehnt–ke–eime, wie Sie das nennen.“
+
+„Sie wissen ganz gut, was ich meine,“ antworte ich, „da ist doch nun
+gerade der Kleine darin ertrunken, kaum fünfzig Schritt von hier.“
+
+„Ja, das weiß ich. Na und was weiter? War der Kleine vielleicht ein
+Giftpilz?“
+
+Sleigh hat recht. Und daß da hin und wieder einer im Flusse ertrinken
+mag, ist schließlich auch nicht schlimmer, als wenn die Kühe, Pferde und
+Esel in das Wasser gehen, sich halbe Stunden lang darin aufhalten, um
+sich abzukühlen, Männer, Frauen und Kinder darin baden und Wäsche darin
+gewaschen wird.
+
+„Mich,“ sagt Sleigh nach einigen Minuten Schweigens, „mich interessiert
+viel mehr das mit dem Licht und dem Brett. Es ist doch eigentlich eine
+ganz merkwürdige Sache. Meine Frau hat mir schon davon erzählt. Die tun
+es daheim auch. Und das Licht findet den Ertrunkenen immer.“
+
+„Immer?“ frage ich zweifelnd.
+
+„Immer!“ bestätigt Sleigh. „Meine Frau hat mir erzählt, daß dieses Licht
+sogar in einer ganz starken Strömung stromauf geht, wenn der Ertrunkene
+in jener Richtung liegt.“
+
+„Das bezweifle ich ganz entschieden, ich glaube es einfach nicht und
+halte das für übertrieben.“
+
+„Meine Frau hat es selbst gesehen, und ich glaube es“, sagt Sleigh, ohne
+sich aufzuregen. „Diese Indianer können eben mehr als wir.“
+
+„Auch das bezweifle ich“, antworte ich und meine es so. „Der Indianer
+kann nicht mehr als wir und weiß viel weniger als wir. Kein Farbiger
+kann mehr, auch nicht ein Chinese oder ein Inder. Das sind alles
+Märchen, die man sich erzählt, weil man die Sprache nicht genügend
+kennt, weil einem die Sitten und Gebräuche fremd sind und darum
+geheimnisvoll anmuten. Ich kann Sie versichern, Mann, daß ich Durst und
+Hitze leicht ertrug, wenn Indianer umklappten oder vom Felde mußten.“
+
+„Das gebe ich zu,“ sagt Sleigh, „Sie und wir alle haben den Willen, das
+und das zu tun. Die Leute legen keinen Wert darauf, den Willen zu haben.
+Sie fragen sich: Wozu? Für den Weißen den Sklaven zu machen? Aber Sie
+wissen doch ebensogut, wie ich es weiß, daß die Indianer sich von einer
+Klapperschlange beißen oder einem Gift-Skorpion stechen lassen und es
+tut denen gar nichts, während unsereiner in ein paar Stunden alle ist
+auf Nimmerwiedersehen.“
+
+„Jeder von denen ist auch nicht immun“, widerspreche ich.
+
+„Sicher nicht, weil eben nicht jeder die Mittel kennt.“
+
+„Und die sterben an Fieber und an anderen dummen Sachen genau so gut wie
+wir.“
+
+„Natürlich, sie sind ja Menschen.“ Damit steht Sleigh auf und stirrt das
+Feuer, um den Kaffee zu beschleunigen.
+
+Nachdem er sich wieder gesetzt hat, sagt er: „Wenn Sie der Meinung sind,
+daß hier keine geheimen Naturkräfte, die nur die Eingeborenen kennen,
+mitwirken, dann geben Sie mir doch eine natürliche Erklärung.“
+
+„Das eben kann ich nicht. Die Erklärung finde ich nicht.“ Und in der
+Tat, ich wüßte nicht einmal, in welcher Richtung ich eine Erklärung für
+den merkwürdigen Vorgang suchen soll.
+
+Mir steigt eine Erinnerung an eine andere Methode auf, die ich einmal
+sah, und ich sage: „Ich habe einmal etwas gesehen, das zuerst sehr
+geheimnisvoll erschien, mir aber später, als ich darüber nachdachte,
+klar wurde. Ich habe einmal gesehen, wie ein Ertrunkener gefunden wurde
+dadurch, daß man Pulverladungen unter Wasser explodieren ließ und der
+Ertrunkene zum Vorschein kam. Aber das wirkt nur, wenn der Verunglückte
+schon einen Tag oder gar länger im Wasser ist. Durch die Explosionen
+wird das Wasser aufgerührt, und der Körper, der ja jetzt schon an und
+für sich versucht, hochzukommen, wird an die Oberfläche getrieben.“
+
+„Das ist natürlich“, erwidert Sleigh. „Aber so einfach liegt dieser
+Vorgang hier nicht. Ich lebe lange genug hier unter diesen Leuten, und
+ich habe so viele merkwürdige Dinge gesehen, daß ich sie Ihnen gar nicht
+erzählen will, weil es ja doch zwecklos wäre, denn Sie würden nichts
+davon glauben.“ Mit Sleigh sich in solche Gespräche einzulassen, führt
+zu nichts. Ich weiß es nicht seit heute nur, ich weiß es länger. Er
+glaubt es und sucht nicht nach irgendeiner Erklärung. Darum drehen sich
+Unterhaltungen dieser Art mit ihm immer im Kreise. Im Grunde genommen
+ist es mir auch gleichgültig. Ich habe es gesehen vom ersten Anbeginn
+bis zum letzten Ausgang. Die Handlungen waren durchaus klar. Unter einer
+Suggestion stand ich keineswegs, ich war nicht einmal schläfrig, sondern
+vollauf munter. Freilich, einen Zeugen, einen weißen Zeugen habe ich
+nicht. Sleigh ist kein Zeuge. Seine Kritik, wenn er überhaupt an
+irgendeinem Dinge in der Welt Kritik übt, was ihm nie einfällt, zählt
+nicht mit, wenn es sich um Angelegenheiten handelt, deren Mittelpunkt
+Indianer sind. In seiner Vorstellung sind die Indianer mit allen
+geheimnisvollen Kräften ausgestattet, von denen man nur je geträumt hat.
+Er glaubt alles und schließt jedes neue Kapitel ab mit dem, was seine
+Augen sahen, seine Ohren hörten und seine Frau ihm erzählte.
+
+Es macht vielleicht die Umgebung. Ich überrasche mich selbst damit, daß
+ich anfange, nach keiner Erklärung zu suchen, sondern es so hinzunehmen,
+wie ich es sah. Warum nicht? Es lebt sich hier leichter und schöner,
+harmonischer und beglückender, wenn man sein Hirn nicht mit Grübeleien
+belastet. Nimm es hin, wie es ist, freue dich darüber, liebe, tanze und
+sterbe. Das ist hier – vielleicht überall – der ganze Sinn des Lebens.
+Alles andere ist der Unsinn des Lebens, aus dem alles Unheil und
+Herzeleid entspringt.
+
+Ich sehe auf und bemerke, daß Sleigh die Hütte verlassen und das
+Lämpchen mitgenommen hat. Und auf dem krachenden Korbstuhl vor mir, von
+dem man sich nicht erklären kann, wie er überhaupt noch zusammenhalten
+mag, sitzt Perez. Perez, der Indianer, der den Kleinen aus dem Flusse
+brachte.
+
+„Hören Sie, Perez, Sie wollten mir doch zwei Gelbhauben besorgen, zwei
+junge?“
+
+„Ich bin jetzt lange nicht im Busch gewesen. Ich gehe auch vorläufig
+nicht rauf.“ Er sitzt breitbeinig auf dem Stuhl, dessen Sitzhöhle nur
+noch eine Handbreit über dem Erdboden ist. Die Hände hängen zwischen den
+Beinen weit herunter.
+
+„Warum gehen Sie denn nicht in den Busch? Brennen Sie keine Kohle mehr?“
+
+„Ja, sehen Sie, Senjor, der Gringo da oben sagt, ich hätte ihm sein
+Maultier gestohlen, ich sei ein Bandit.“
+
+„Das glaube ich nicht, daß Sie ein Bandit sind, ich glaube auch nicht,
+daß Sie die Mula gestohlen haben.“
+
+„Bestimmt nicht, Senjor, bei der Heiligen Jungfrau und dem Kinde nicht.
+Ich will doch hier gleich in die Hölle versinken, wenn ich ein Bandit
+bin. Der Gringo ist nicht ehrlich. Er sagt, er hätte meine Fußspuren
+neben denen seiner Mula außerhalb des Fences gesehen und durch den Busch
+verfolgt. Ich gehe da nie hin, wo er die Fußspuren gesehen hat.“
+
+„Ich habe davon gehört. Senjor Griggs sagt, die Mula sei hundertfünfzig
+Pesos wert gewesen.“
+
+„Esta bien, Senjor, da können Sie gleich sehen, daß der Gringo kein
+ehrlicher Mann ist. Achtzehn Pesos haben mir diese vereiterten
+Hundesöhne in Llerra für die Mula bezahlt, und dann sagt dieser Mann
+hundertfünfzig Pesos. Es ist ja zum Lachen. Und nun gar noch zu sagen,
+ich hätte das Tier gestohlen, das ist eine so niederträchtige Lüge.
+Anständig ist es nicht. Ganz gewiß nicht.“ Er ist aufgestanden und zum
+Feuer gegangen, um sich seine Zigarette anzuzünden.
+
+Sleigh kommt zurück mit dem Lämpchen und einem irdenen Topf voll
+frischgemolkener Milch.
+
+„Die Kuh ist jetzt hereingekommen. Ich weiß nicht, wo die gesteckt hat“,
+sagt er, schüttet Kaffee in das kochende Wasser und bringt die Kanne
+her.
+
+Er gießt mir Kaffee ein und dann sich selbst. „Sie bekommen gleich meine
+Tasse, Perez“, sagte er zu dem Indianer.
+
+„Schon gut“, erwidert der.
+
+„Lag der Kleine gleich so flach auf dem Boden?“ fragt Sleigh.
+
+„Nein, die Füße und die Hände waren in Wasserkraut verwickelt“, sagt
+Perez. „Ich glaube nicht, daß er je hochgekommen wäre, wenn wir ihn
+nicht geholt hätten.“
+
+„Wie wußten Sie denn, daß der Junge an dieser Stelle war?“ frage ich.
+
+„Das Licht stand doch über ihm. Das haben Sie ja selbst mit eigenen
+Augen gesehen.“
+
+„Allerdings. Aber wie kann denn das Licht wissen, wo der Junge ist, wenn
+es keiner von uns allen weiß?“
+
+„Aber das ist doch sehr einfach, Senjor. Er ruft das Licht heran, und
+das Licht muß kommen. Da ist durchaus nichts Unheimliches dabei.“
+
+Sleigh lacht: „Da hören Sie es. Es ist ganz einfach. Gar nichts
+Unheimliches dabei. Ich habe es Ihnen doch schon gesagt. Das ist das
+ganze Geheimnis. Zaubern können die so wenig wie wir. Der Junge ruft,
+und das Licht kommt. Alles sehr klar wie der helle Tag.“
+
+„Also, Perez, wie ist es mit den jungen Gelbhauben?“
+
+„Ich gehe nicht rauf in den Busch. Es hat keinen Zweck. Die haben kaum
+zu brüten angefangen. Warum soll ich da in dem Busch herumkriechen, wenn
+ich doch keine bringen kann, weil jetzt keine da sind. Zwei Monate
+später.“
+
+Er hat nun seinen Kaffee in der Hand und schlürft ihn langsam hinein.
+Sleigh gießt mir noch eine Tasse voll und trägt den Rest der Kanne rüber
+zu den Garzas.
+
+Nach einer Weile kommt er wieder. Er geht zum Feuer, um sich eine
+Zigarette anzuzünden. Dann hockt er sich nach Indianersitte auf den
+Boden, weil keine andere Sitzgelegenheit vorhanden ist. Das Mädchen
+unter dem Moskitonetz auf dem Boden hat vor einer Weile ihrem weinenden
+Kinde zu trinken gegeben und schnarcht jetzt, daß die Hütte bebt.
+
+Perez und Sleigh werden schläfrig, lassen den Kopf sinken und blinzeln
+schwer mit den Augen. Als Sleigh im Schlafe fühlt, daß die Zigarette
+ausgegangen ist, erhebt er sich und geht zum Feuer. Nachdem die
+Zigarette wieder glüht, steht er eine Weile mit dem Rücken gegen einen
+Pfosten gelehnt und nickt abermals ein. Er schläft jedoch nur einen
+Wink, dann wird er wach und geht zum Eingang. Er sieht zu dem klaren
+Nachthimmel auf und sagt: „Es ist zwei Uhr vorbei.“
+
+Ich ziehe meine Uhr und sage: „Zwanzig nach.“
+
+„Dann muß ich melken gehen“, erwidert er darauf. „Perez, kommen Sie
+mit?“
+
+„Freilich.“ Er schlief so fest, daß ihm die Zigarette aus der schlaffen
+Hand gefallen ist. Er ist aber sofort munter, sucht gleich die
+Zigarette, nimmt das Lämpchen, zündet die Zigarette daran an und folgt
+mit dem Lämpchen Sleigh, der mit einem Eimer zum Korral geht, wo die
+Kühe stehen.
+
+„Sie können sich hinlegen und ein wenig schlafen“, sagt Sleigh zu mir,
+ehe er in der Nacht verschwindet.
+
+
+
+
+ 17
+
+
+Da die Hütte nun stockfinster ist und ich wirklich nichts Besseres zu
+tun weiß, taste ich mich zu jener Ecke, wo das Bett steht. Das Bett?
+Hängematte wäre richtiger. Aber gegenüber dem Lattengestell, das die
+Garzas haben und Bett nennen, ist das hier ein Luxusbett.
+
+Stiefel aus, reinbalanciert, Moskitonetz dicht gezupft und
+losgeschlafen.
+
+Alligatoren, Brücken, Eseltreiber, Pumpen, Königinnen von England,
+Kinderleichen, nackte Indianer, brennende Kerzen unter Wasser, Kühe mit
+einem Jaguar im Genick, selbstspielende Mundharmonikas, auf Maultieren
+reitende Banditen, ein vom Erdboden verschwundenes Kanada,
+unausgebrütete Gelbhauben, geigensingende Muttergottesbilder, die mit
+Stahlfedermatratzen tanzen wollen – nein, ich kann nicht einschlafen. Es
+ist alles Wirbel und Dröhnen im Kopfe, aber kein Schlafen. Dann drösele
+ich doch ein, und Mister Griggs liegt im Wasser. Ich kann ihn deutlich
+liegen sehen, weil das Wasser ganz klar ist. Ich habe den Mann nie
+gesehen, weiß aber, daß er Griggs heißt und Gelbhauben auf Hufspuren
+ausbrütet. Niemand sieht ihn im Wasser, weil ich auf Griggs zeige und
+sage: Da liegen zwei neue Kinderstiefel. Die Chinesen lassen Pulver
+unter Wasser explodieren, um die Kaffeekanne, die in einem Maissack
+ertrunken ist und von Alligatoren festgehalten wird, hochzutreiben. Von
+der Explosion wache ich auf. Und wieder höre ich die Explosion und
+abermals, bis ich völlig wieder wach bin und höre, daß draußen
+geschossen wird.
+
+Ich stehe auf und ziehe mir wieder die Stiefel an. Schlafen kann ich ja
+doch nicht. Es ist noch schwarze Nacht. Ich sehe nach hinten durch das
+Geflecht der Hütte und bemerke das dünne Flämmchen der Blechlampe, das
+den melkenden Sleigh und den danebenhockenden Perez, dessen Geschwätz
+ich bis hier höre, ungewiß beleuchtet.
+
+Die Stiefel an und den Hut auf, gehe ich zum Eingang der Hütte. Drüben
+bei den Garzas ist helloderndes Feuer. Und beim Schein dieses Feuers
+sehe ich zahlreiche Männer, die von ihren Pferden steigen und ihre
+Revolver abfeuern. Ich hin. Die Mehrzahl der Männer kenne ich, alle
+Indianer.
+
+Ein hier im Lande geborener Spanier ist darunter, der in Quintero eine
+Tienda unterhält, einen Laden, in dem man alles bekommt. Die Kunde von
+dem Verschwinden des Jungen ist, schneller als die Post das könnte, auf
+zehn Meilen im Umkreise schon verbreitet. Trotz der Nacht. Und die Leute
+sind mit Pferden gekommen, um suchen zu helfen. Sie haben auch
+Feuerwerkskörper gleich mitgebracht für den Fall, daß der Junge nur tot
+gefunden wird.
+
+Wenn unter den Indianern ein Kind stirbt, so werden zahllose sehr
+krachende und knallende Feuerwerkskörper abgebrannt, um dem Himmel
+anzuzeigen, daß ein Engel ankommt. Bei Erwachsenen Feuerwerk
+abzubrennen, wäre verkehrt, weil man den Teufel nicht unnützerweise
+darauf aufmerksam machen soll, wenn ein alter Sündenknochen zum
+Verhandlungstermin erscheint. Deshalb geht die Bestattung von
+Erwachsenen geräuschlos vor sich. An kleinen Kindern ist der Höllenonkel
+nicht so sehr interessiert, da ärgert er sich, wenn er das Böllern hört,
+weil ihm eine zukunftsreiche Seele verlorengeht, während im Himmel sich
+alle festlich rüsten, sobald sie das Knallen hören, um den kleinen
+Engel, der unterwegs ist, herzlich empfangen zu können.
+
+Daß der Junge inzwischen gefunden ist, haben die neu angekommenen Leute
+schon vernommen. Die Feuerwerkskörper nimmt der fünfzehnjährige
+Stiefbruder, der Halbverrückte, gleich in Verwahr. Von diesem
+Augenblicke an hat er für nichts anderes mehr Sinn, als sich mit der
+Knallerei zu befassen. Einer muß es ja sowieso tun, und er ist der
+Nächste dazu. Zu weinen hat er längst aufgehört, und für ihn kommt nun
+der lustige Teil der Veranstaltung.
+
+Die Männer nehmen alle den Hut ab und gehen nacheinander in die Hütte,
+um sich den Kleinen anzusehen und die Garza dadurch von ihrem Kummer
+abzulenken, daß jeder fragt, wie es gekommen sei.
+
+Die Garza erzählt es wieder und immer wieder und natürlich immer mit den
+gleichen Worten. Durch dieses so häufige Wiederholen der traurigen
+Geschichte wird das Ereignis immer alltäglicher, immer nüchterner, immer
+sachlicher. Ihr selbst scheint es zuweilen, als sei das eine durchaus
+natürliche Begebenheit, an der gar nichts Außerordentliches zu sehen
+ist. Je häufiger die Geschichte erzählt wird, je mehr wird sie der
+Tragik entkleidet, je mehr wird sie zu einem bloßen Wortgeläute, zu
+einem Bericht, zu einem Ereignis, das irgendeiner anderen fremden Person
+geschehen ist. Die Begebenheit wird unpersönlich, sie wird
+geschichtlich, sie verläßt Herz, Seele und Geist und wird klingendes
+lautes Wort. Zu ihrem Erstaunen fühlt die Frau, daß sie jetzt schon
+manchmal auf den kleinen Leichnam blicken kann mit dem abrückenden
+Gedanken, daß er ihr Kind gar nicht sei. Ihr Kind war ein lustiger,
+munterer, immer geschwätziger Bub und nicht so ein kalter stumpfer
+Klumpen, wie er daliegt. Durch den Anzug und durch die Krone und das
+Zepter ist er überhaupt noch weiter von ihr abgerückt und ihr sehr fremd
+geworden. Und wenn sie wieder weint, so ist es eigentlich schon gar
+nicht mehr so oft des Jungen wegen. Sie weint ihretwegen, sie kommt sich
+so bemitleidenswert vor, daß sie nun kein Kind mehr hat, dem sie
+leibliche Mutter ist. Auf diesem Gefühlswege und wenn sie einige andere
+Frauen bemerkt, die herum sind, kommt es ihr zum Bewußtsein, daß sie
+nicht einmal eine Ausnahme ist, für die sie sich den ganzen Abend hielt.
+Sie ist nur die übliche Mutter. Was sie zu leiden hat, ist das Los einer
+jeden Mutter auf Erden. Aber es ist gewiß die Müdigkeit und die
+ungeheure Abspannung nach diesen entsetzlichen Stunden, daß sie jetzt
+gefaßter ist.
+
+Die Männer kommen wieder heraus und sitzen nun vor der Hütte herum, wo
+sich ein Heerlager aufgetan hat. Männer, Burschen, Frauen und Mädchen
+liegen herum und schlafen oder dröseln vor sich hin. Mehrere Burschen
+helfen dem Morano beim Knallen. Sie dürfen aber nur das Feuer schüren,
+an dem Morano die Körper entzündet, oder sie dürfen diejenigen Kracker
+in die Hand nehmen und noch mal versuchen, die nicht gezündet haben und
+die Morano fortgeworfen hat.
+
+Die Männer haben auch Tequila mitgebracht, und die Flasche geht rund.
+Auch der Garza wird die Flasche hineingebracht, und sie tut einen
+gesunden Zug von diesem feuerscharfen Schnaps, der normale Menschen mit
+einem Ruck auf die hinteren Kanten wirft. Aber diese mit Chile
+ausgeschwefelten Kehlen und Mäuler können noch ganz andere Dinge,
+unheimliche Dinge schlucken, ohne eine Muskel des Gesichts zu verziehen.
+
+Einer jener Männer, die jetzt gekommen sind, ein ganz armer Indianer,
+nimmt nun ein Buch aus der Hosentasche und blättert darin eine Weile
+herum. Und dann fängt er an zu singen. Lesen kann er nicht. Aber die
+gedruckten Worte geben ihm doch ein Bild, durch das er sich auf die
+Versanfänge leichter besinnen kann. Manche Strophe singt er dreimal oder
+noch öfter. Sobald er begonnen hat, fallen einige andere Männer in den
+Gesang mit ein.
+
+Nun beginnt er die zweite Strophe, und im Innern der Hütte fallen auch
+die dort herumsitzenden Frauen, darunter die Pumpmeisterin, in den
+Gesang mit ein, zuerst ein wenig zurückhaltend, dann kräftiger. Manchmal
+singt der Indianer allein, weil sich die übrigen Zigaretten drehen oder
+wieder einen Schluck aus der Flasche nehmen oder des Singens müde sind.
+
+Der Mann aber singt ununterbrochen. Er trinkt keinen Schnaps, denn er
+ist ein Kommunist und gehört zu den Agraristas, zu jener energischen
+Gruppe von indianischen Landarbeitern, die das alte indianische
+Gemeinde-Landrecht wieder einführen wollen, das die Spanier bei der
+Eroberung durch blutige Gewalttaten aufhoben und für ungültig erklärten.
+
+Der Sänger wird von niemand bezahlt, er singt aus reiner Menschenliebe,
+um der Mutter über den Schmerz hinwegzuhelfen, denn das Kind wird weder
+von einem Geistlichen in das Grab gebetet, noch von einem Arzt
+angesehen. Das kostet Geld, und weil Priester und Arzt zwei Tagereisen
+weit entfernt wohnen, würde es noch mehr kosten. Außerdem kann das
+Begräbnis so lange nicht aufgeschoben werden, denn trotzdem es noch
+kühle Nacht ist, stinkt der Junge schon außerhalb der Hütte.
+
+Gesungen werden Kirchenlieder. Ohne Zweifel. Denn ab und zu hört man
+etwas wie Heilige Jungfrau aus den Reimen heraus. Aber niemand, der
+Kirchenlieder kennt, würde glauben, man sänge hier jetzt solche Lieder.
+Denn der Gesang hat weder im Rhythmus noch in der Melodie auch nur die
+allerfernste Ähnlichkeit mit dem, was wir uns unter Kirchenchorälen
+vorstellen. Wahrscheinlich wurde so gesungen, als die ersten spanischen
+Mönche hier durch die Dschungel zogen. Niemand unter den lebenden
+Menschen weiß, wie Choräle vor vierhundert Jahren in Europa gesungen
+wurden, denn die geschriebenen Noten aus jener Zeit geben uns darüber
+nicht mehr Aufschluß als die ägyptischen Hieroglyphen uns etwas aussagen
+über die Aussprache und Betonung ägyptischer Worte. Ein- oder zweimal in
+ihrem ganzen Leben haben die Männer hier eine Kirche besucht, wo die
+Choräle mit der Orgel begleitet wurden. Drei- oder viermal im Jahre
+kommt ein Priester in eines der Dschungeldörfer, wo er die Beichte hört
+und Absolution erteilt. Dann wird gesungen ohne Musikbegleitung. So
+bleibt etwas von der wahren Melodie, wie sie die Orgel festhalten kann,
+im Gedächtnis der Leute haften. Das übrige verschwindet ganz aus dem
+Gedächtnis und wird nun mit Teilen aus anderen weltlichen Gesängen und
+Tänzen vermischt. Bei Totenfeiern wird dann gesungen, und jedesmal kommt
+eine neue Beimischung durch neue Sänger hinzu. Nun aber können die
+Eingeborenen überhaupt nicht so singen, wie wir meinen, daß gesungen
+werden muß. In ihren Gesängen klingt heute noch die schrille Note der
+Gesänge ihrer heidnischen Vorfahren durch, und diese Note ist so
+urmächtig, daß sie den ganzen Gesang allein zu tragen hat.
+
+Dieser Totensänger ist weit bekannt und gesucht als der beste Sänger.
+Man folgt seinem Gesange mit Andacht und Rührung, und glänzende Augen
+sind bewundernd auf seinen Mund gerichtet.
+
+Als die erste Strophe begann, fing die Garza in der Hütte an gellend zu
+schreien und zu jammern. Sie verfiel in eine Raserei des Schmerzes und
+hämmerte mit ihren beiden harten Fäusten auf ihren eigenen Schädel ein,
+als wollte sie ihn in Stücke zertrümmern. Sie warf sich über den
+Leichnam und schrie: „Mein Kleiner! Mein Kleiner! Warum? Warum?“ Und
+dann begann sie wahnsinnig zu fluchen in der gräßlichsten Art und Weise.
+Schließlich gab man ihr die Tequila-Flasche. Sie wehrte sich dagegen und
+versuchte, die Flasche herunterzuschlagen. Aber endlich hatte sie doch
+den Mund so voll mit dem Schnaps, daß sie schlucken mußte, und man hielt
+die Flasche an ihren Mund und goß immer noch hinterher. Das
+Betäubungsmittel half nicht viel. Sie wurde ein wenig müde und stumpf.
+Doch wenn sie des Gesanges gewahr wurde und die Frauen in der Hütte
+mitsangen, stieß sie aufs neue ihre erschütternden Schreie aus.
+
+Der Junge an dem großen Feuer läßt in kurzen Zeitunterbrechungen seine
+Raketen und Kracker knallen. Und hat der Gesang für eine Weile
+ausgesetzt, so wird die Garza durch das Knallen wieder daran erinnert,
+daß der Kleine oben als Engel erwartet wird.
+
+Der Gesang hat für eine Weile aufgemuntert, aber nun fallen die Leute
+doch wieder in ihre Müdigkeit zurück. Die meisten legen sich glatt auf
+die Erde, kauern sich ineinander wie Hunde und schlafen sofort. Andere
+halten den Tequila für den wertvolleren Teil des gegenwärtigen Lebens
+und schlafen darum nicht, weil sie fürchten, um einen Schluck zu kurz zu
+kommen.
+
+Auch drinnen in der Hütte sitzen die Frauen schläfrig, und zwei haben
+sich auf das Staketengestell gelegt, das den Garzas als Bett dient. Auf
+dem Erdboden glimmt das Feuer. Töpfe stehen daran, aber niemand kümmert
+sich darum, was darin ist, ob es kocht, ob es überflüssig ist oder ob
+man die Töpfe absetzen könne. Niemand weiß offenbar, wer die Töpfe
+angesetzt hat und zu welchem Zwecke. Aber es fragt auch niemand. Man ist
+ziemlich interesselos geworden.
+
+
+
+
+ 18
+
+
+Der Gesang hat nun aufgehört. Der Sänger hat die letzte Viertelstunde
+nur noch mit Mühe gesungen, so heiser war er geworden. Alle, die noch
+nicht schlafen, drücken sich jetzt herum und versuchen, sich zu
+entfernen, ohne die Garza zu beleidigen oder ihr wehe zu tun. Es wird
+geredet und gestanden und wieder gesetzt, bis die Männer, die
+nachträglich gekommen waren, um zu singen, zu ihren Pferden gehen,
+aufsitzen und unter auffallend vielem und auffallend lautem Reden
+davonreiten. Sie sind alle vorher noch einmal in die Hütte gegangen,
+haben sich den Kleinen noch mal angesehen und der Frau die Hand gegeben.
+Die Frau hatte zu jedem „Gracias!“ gesagt und war dann mitten in der
+Hütte stehengeblieben, ohne den Fortreitenden nachzublicken.
+
+Aber die Garza bleibt dennoch nicht allein.
+
+Inzwischen ist die Sonne aufgegangen, und der helle Tag ist erschienen
+wie mit einem Sprung. Er drängt sich in die Hütte, wo die Kerzen
+flackernd und rauchend weiter neben der Leiche brennen.
+
+Das helle Tageslicht gibt der Hütte wieder ein anderes Aussehen. Man
+hatte sich an die Nacht so gut gewöhnt, daß man nichts Unheimliches und
+nichts Außergewöhnliches während der letzten Stunden mehr empfunden
+hatte. Der Tag aber zerstört das mitleidslos. Eine neue Unheimlichkeit
+erfüllt die Hütte, und man muß sich in der neuen Unheimlichkeit erst
+wieder zurechtfinden.
+
+Jetzt erst, nicht in der Nacht, wirken die brennenden Kerzen
+gespensterhaft. Und gespensterhaft sieht die verweinte, verhärmte und
+hohläugige Garza jetzt aus. Sie hat noch immer das meergrüne Gazekleid
+an mit den völlig verwelkten Blumen im Gürtel. In der Nacht sah das
+Kleid natürlich aus, jetzt aber gehört es weder zu der Frau, noch zu der
+Hütte, noch zu dem kleinen Leichnam. Das Kleid hat sich ganz und gar von
+der Frau losgesagt, es hat keine Gemeinschaft mehr mit ihr. Die Frau ist
+die Mutter des Kleinen noch immer, aber das Kleid hüllt nicht länger
+mehr den Körper der Mutter ein. Es ist ein dreckiger Fleck, der der
+Mutter in jeden Winkel folgt. Und da der schmierige Fleck immer hinter
+ihr ist, kann die Mutter ihn nicht sehen und wegwischen.
+
+Der kleine Junge war schön, und er war er selbst in der Nacht. Jetzt ist
+er nicht mehr er selbst, nicht mehr schön, nicht mehr der kleine Junge.
+Der helle Tag hat ihn zu einem stinkenden Kadaver gemacht, der in einen
+Affenanzug gewickelt ist. Der Oberkiefer beginnt bereits zu verwesen,
+der Mund ist grünlich geworden, die Oberlippe ist aufgebrochen, und
+widerlicher gelbgrüner Eiter kriecht daraus hervor. Um die Gelenke der
+gefalteten Hände sieht man die tiefen Rinnen, die jener Bindfaden, der
+die Hände in faltender Geste zusammenhalten sollte, eingeschnitten hat,
+und die faltenden Hände sehen aus, als habe ein Folterknecht sie zur
+Strafe gefaltet.
+
+Der erste Strahl der Sonne fällt durch die dünnen zusammengebundenen
+Stämmchen der Wand in die Hütte. Die Garza folgt dem Strahl mit den
+Augen und blickt in die Sonne und dann auf den Jungen, und nun sieht
+auch sie zum erstenmal, daß der Junge gegangen ist, daß dort Aas liegt,
+das sie nicht mehr küssen kann, ohne sich zu schaudern und zu schütteln.
+Und der Morgenwind, der durch die Wände fegt, hebt eine dicke Wolke
+unerträglichen Gestanks von dem Aas auf und wirft sie ihr ins Gesicht.
+Die Mutter wendet sich ab und seufzt tief auf.
+
+Als sie wieder hinblickt zu dem Aas, sieht sie, daß zwei dicke grüne
+Fliegen auf der Oberlippe sitzen, und daß die Hütte von anderen Fliegen
+zu summen beginnt, die auf das Aas zufliegen. Und die Frau deckt ein
+Tuch über das Gesicht. Sie kann das Gesicht ihres Kindes nicht mehr
+sehen.
+
+Aber sie hat keine Gelegenheit, sich ihrem Schmerze hinzugeben oder sich
+hinzusetzen und zu brüten. Mit dem anbrechenden Tage sind Frauen und
+Männer angekommen von fernen Plätzen. Denn die Nachricht von dem Tode
+des Kleinen verbreitet sich immer weiter, und sobald die Leute davon
+hören, setzen sie sich auf ihre Esel oder Mulas und ziehen zu der
+beweinenswerten Mutter, ihr zu sagen, daß man sie liebe, und daß man mit
+ihr weine. Und da es Sonntag ist, fällt es den Leuten leichter, zu
+kommen.
+
+Die Männer steigen ab, helfen dann den Frauen und Kindern von den
+Tieren, drehen sich eine Zigarette und beginnen mit anderen Männern, die
+herumstehen, zu schwatzen.
+
+Die Frauen gehen nacheinander in die Hütte, bleiben eine Weile stehen,
+betrachten den Leichnam, und dann gehen sie zur Garza, umarmen und
+küssen sie. Dann fangen sie an zu weinen, und die Garza beginnt nun
+wieder zu schreien und nimmt das Tuch von dem Gesicht des Kleinen. Die
+Frauen, die Berge von Blumen mitgebracht haben, dicke Kränze und Gold-
+und Silberpapier, stellen das beiseite und gehen näher zu dem Leichnam,
+um ihn sich genau anzusehen.
+
+„Er sieht so schön aus, der kleine Carlos!“ sagt die eine Frau
+bewundernd und ehrlich. Sie wiederholt es noch einmal, um es zu
+bekräftigen.
+
+Aber die Garza hat es bereits beim ersten Male gehört, trotz ihres
+Schluchzens, und sofort hört sie auf zu weinen. Ein Lächeln des Stolzes
+huscht über ihr Gesicht, und sie sagt dankbar: „Muchas gracias,
+Senjoras! Muy muchas gracias!“ Sie bedankt sich überschwenglich für die
+Bewunderung der aufgeputzten Leiche, als habe man ihr persönlich eine
+Schmeichelei gesagt. Aber es ist keine Schmeichelei, die Frauen meinen
+es so. Die Leute sind alle bitterarm, und die angekommenen Frauen sind
+meist barfuß, haben nichts weiter als ein schwarzes Baumwolltuch um den
+Kopf gelegt, um die Sonne abzuhalten, und durchlöcherte und geflickte
+Kattunkleider verhüllen ihren Körper nicht überall. Diejenigen, die ihre
+Säuglinge mithaben, geben ihnen nun, neben dem Leichnam sitzend, zu
+trinken, wobei sie abwechselnd weinen und abwechselnd fragen, wie es
+gekommen sei.
+
+Die Garza hat das Gesicht des Kleinen sofort wieder zugedeckt. Der
+Gestank des Kadavers, der mit jeder Minute, mit der die Sonne höher
+kommt, immer unerträglicher wird, der Geruch der schwelenden Kerzen, das
+schwere Ausatmen der Tausende von Blumen, die so peinvoll sterben und
+nicht sterben wollen, der beißende Rauch des großen Feuers, wo die
+Kracker angezündet und abgeschossen werden, dieser beißende Rauch, der
+durch den Wind in die Hütte getrieben wird, der Geruch von Schnaps,
+Kaffee, Zigaretten und Schweiß lastet in der Hütte und zieht nicht ab,
+weil er sich unter dem Grasdach festnistet. In zwei Stunden wird die
+Morgenbrise vorüber sein, und dann wird bis elf Uhr kein winziger
+Lufthauch sein, und das Innere der Hütte wird schlimmer sein als das
+Innere eines Ofens, in dem Tierkadaver langsam verbrannt werden. Die
+Leute aber sitzen und tun so, als ob sie es nicht empfinden; die Garza
+muß dort sein, und also bleiben auch sie da.
+
+Die Männer haben ihre Zigaretten ausgeraucht. Sie nehmen nun ihre Hüte
+ab und kommen herein wie verlegene Schuljungen. Einer nimmt das Tuch vom
+Gesicht, die Männer kommen näher heran, stehen eine Weile, dann gehen
+sie wieder hinaus. Das Hinausgehen ist noch verlegener als das
+Hereinkommen. Sie wissen nicht, ob sie der Garza die Hand geben sollen
+oder nicht, ob sie etwas sagen oder fragen sollen oder ob sie besser
+ganz schweigen. Es sieht aus wie Verlegenheit, aber in Wahrheit sind die
+Leute nie verlegen. Ihr Benehmen wird nur geleitet von dem einen
+Gedanken: Was tun, um die Mutter ihren Schmerz vergessen zu lassen?
+
+Trotz ihrer unbeschreiblichen Armut, einer Armut, bei der Kartoffeln und
+Kaffee ein Festmahl sind, von dem sie tagelang, wenn nicht wochenlang
+sprechen, trotz ihrer Lumpen, trotz ihrer Unkenntnis des Lesens und
+Schreibens, sie alle sind von einer rührenden Höflichkeit. Ihre
+Zeremonien sind nicht leere Gesten, sie sind Teile ihres Wesens, eines
+Wesens, das in tausend Jahre alter Kultur wurzelt. Ihr Takt wird von
+ihrem Herzen bestimmt, nicht von Formeln, die ihnen eingetrommelt
+wurden.
+
+Ich sitze auf einer Kiste neben dem Ausgang. Die Männer müssen an mir
+vorüber, um hinauszugehen. Es ist soviel Platz, daß sie schlendernd
+vorübergehen können, ohne daß sie mich berühren müssen. Aber jeder
+einzelne, der an mir vorbeigehen will, bleibt erst stehen und sagt: „Con
+su permiso, Senjor! Mit Ihrer gütigen Erlaubnis!“ Worauf ich, der ich
+nur unter meinesgleichen unhöflich bin, weil man mich sonst für
+idiotisch halten würde, antworte: „Pase, Senjor!“, und der Mann sagt:
+„Gracias, Senjor! Ich danke!“ Nun erst geht er wirklich vorüber, denn
+meinen Blick und meinen Atem zu kreuzen, ohne ein höfliches Wort zu
+sagen, wäre ihm unerträglich. Aber wenn auf der Kiste nicht ich, der
+Weiße, sitzt, sondern ein verlumpter Indianer, so wird der
+Vorübergehende genau die gleichen Worte gebrauchen und sie mit einer
+Geste der Hand begleiten. Denn was bin ich in seinen Augen denn mehr als
+jener verlumpte Alte?
+
+So höflich und so taktvoll sind die Leute, und sie alle nennen sich
+Katholiken, aber ich habe nur einmal seit gestern abend gesehen, daß sie
+das Kreuz in die Luft malen, und das war nur, als der Alte ein Kreuz
+über das Brett machte, ehe es ins Wasser gesetzt wurde. Während den
+Leuten alle Gesten aus dem Herzen kommen, das Schlagen des Kreuzes und
+das Herumfingern am Rosenkranz sind ihnen eingedrillte Gesten, deren
+Sinn zu begreifen die vierhundert Jahre der Übung nicht gelangt haben,
+und die nun anfangen, ganz blaß und sinnlos zu werden. Jede Formel und
+jede Geste und somit auch jede Religion gehört zu ihrem eigenen Klima,
+zu ihrer eigenen Umgebung, zu ihrer eigenen Rasse. Verpflanzt man sie in
+eine andere Umgebung, so wird sie inhaltlos und verliert ihre
+Zeugungskraft; sie kann nicht mehr gebären, sich nicht mehr verjüngen,
+und nach einem qualvollen Degenerieren stirbt sie endlich aus.
+
+
+
+
+ 19
+
+
+Ich bin hungrig geworden und gehe hinüber zu Sleigh. Das Mädchen ist
+schon lange aufgestanden, hat den Mais gerieben, Tortillas gebacken,
+Bohnen gekocht und Kaffee aufgestellt. „Der Kaffee ist noch nicht
+fertig,“ sagt Sleigh, „wir müssen noch eine Weile warten. Verflucht noch
+mal, ich bin doch jetzt schläfrig.“
+
+Er nickt ein, fährt aber gleich wieder auf und fragt: „Haben Sie den
+Jungen nicht gesehen? Er hat doch die Milch fortzubringen.“
+
+„Der Junge steht drüben am Feuer und hilft knallen“, gebe ich zur
+Antwort.
+
+„Den will ich mir gleich heranholen.“ Er steht auf, und wir gehen wieder
+zurück zu den Garzas.
+
+Gerade kommt Garza von seinem Ritt heim. Er hat ein dickes Bündel
+Kerzen, ein Paket gemahlenen Kaffee und zwei kleine Kolben braunen
+Zucker. Außerdem hat er drei Flaschen Tequila, die er aus dem
+Basttäschchen zusammen mit den anderen Sachen herausholt. Die eine
+Flasche ist schon halb ausgekostet. Freilich, der Weg ist lang. Und wer
+die halbe Flasche ausgekostet hat, das sieht man. Garza hat sich einen
+ganz netten Flicker angesäuselt. Gleich geht die halbe Flasche rund.
+Garza hatte nur ein paar Pesos in der Tasche. Aber in der Tienda hat man
+sich, angesichts des traurigen Falles, nicht geweigert, ihm zu borgen.
+Wie sollte er denn das Begräbnis zustande bringen ohne Tequila, ohne
+Kerzen, ohne Kaffee, ohne Zucker? Jedoch in der Tienda weiß man genau:
+Diese Schuld wird bezahlt, wenn Garza sonst vielleicht auch nichts
+bezahlen würde. Etwas hat er ja gleich angezahlt, und da die Preise
+doppelt so hoch sind als in der Stadt, so hat der Besitzer der Tienda
+schon jetzt die Selbstkosten mit einem ansehnlichen Gewinn in der
+Tasche. Kein Schlachtfeld ist so traurig, so beweinenswert, daß nicht
+irgendeiner daran verdienen könnte. Alles läßt sich zu Geld machen,
+seien es Tränen oder sei es Lachen, sei es Freude oder sei es Weh; der
+Mensch muß seinen Kummer so gut bezahlen wie seinen Tanz, und selbst
+seine letzte Höhle unter der Erde, wo er niemand mehr im Wege ist, muß
+bezahlt werden.
+
+„Muchacho!“ ruft Sleigh. „Teufel noch mal, was ist denn mit der Milch?“
+
+„Vengo, Senjor.“
+
+„Aber sofort. Senjor Velasco wird einen Heidenlärm machen.“ Sehr
+aufgeregt ist Sleigh nicht. Es ist ihm ganz gleichgültig, ob Senjor
+Velasco, der Tiendabesitzer in dem näher zur Bahn gelegenen Dorfe, Lärm
+macht oder nicht. Sleigh hört den Lärm nicht, und wenn er zur Tienda
+kommt, um die Quittungen zu vergleichen, so daß er mit seinem Farmer
+abrechnen kann, und der Senjor Velasco sollte etwas sagen wegen der
+Milchverspätung, dann dreht ihm Sleigh den Rücken, geht raus und setzt
+sich aufs Pferd. Die Kühe liebt er, aber sein Farmer, der Velasco und
+die Milch interessieren ihn nicht besonders.
+
+Wir gehen wieder zu seiner Hütte und frühstücken auf einer Kiste, wo das
+Mädchen das Essen auf einer Zeitung ausgebreitet hat.
+
+Sleigh sieht über die Tafel hin und sagt dann zu dem Mädchen: „Backen
+Sie uns noch jedem ein Ei.“
+
+Das Mädchen geht zu einer Ecke, wo neben dem Bettgestell ein Korb steht,
+in dem eine Henne mit schläfrigen Augen sitzt. Als das Mädchen näher
+kommt, reißt die Henne die Augen weit auf. Aber das Mädchen läßt sich
+nicht einschüchtern. Mit einem Griff hat sie die Henne gepackt und aus
+dem Nest gepfeffert. Die Henne läuft gackernd und mit den Flügeln
+schlagend herum, fliegt auf unsere Tafel, wirft meine Kaffeetasse um,
+fliegt lärmend wieder herunter und wieder auf das Nest zu. Das Mädchen
+hat zwei Eier weggenommen, und die Henne setzt sich beruhigt wieder auf
+die übrigen zurückgebliebenen Eier. Gleich sitzt sie wieder so schläfrig
+und mit sich selbst zufrieden da, als ob sie nie gestört worden wäre.
+Sie nimmt es nicht sonderlich tragisch, weil sie nicht zählen kann; denn
+zählen können und sich erinnern können sind die einzigen echten Quellen
+der Tragik.
+
+Nachdem wir gefrühstückt haben, halten wir es für wünschenswert, zu
+schlafen.
+
+Musik weckt mich auf. Die zwei Musiker, die gestern abend kommen
+sollten, und die, wenn sie gestern abend gekommen wären, jetzt
+vielleicht nicht zum Begräbnis hier sein brauchten, spielen einen
+Foxtrott.
+
+Sleigh ist schon lange vor mir aufgewacht und kriecht durch das Gebüsch,
+weil sich ein Kalb losgerissen hat und er es suchen muß. Ich wasche
+mich, trinke einen Schluck Kaffee, esse einen Löffel voll schwarzer
+Bohnen in eine Tortilla gewickelt und gehe zu den Garzas.
+
+Hier ist nun eine große Versammlung. An jedem Baum und an jedem Pfahl
+ist ein Esel oder ein Maultier oder ein Pferd angebunden, gesattelte und
+ungelsattelte. Frauen in ihren Sonntagskleidern, viele Männer und eine
+Herde von nackten und halbnackten Kindern schwirren herum. Es sind mehr
+Feuerwerkskörper gebracht worden, und es wird in einem fort geknallt.
+Die Musik, die ja die ganze Nacht hindurch zum Tanze aufgespielt hat,
+hat schon wieder aufgehört, um die Kräfte für den langen Marsch zu
+sparen. Ein paar Männer liegen betrunken und schlafend herum, wo sie
+eben hingefallen sind. Niemand stört sie. Wenn ihnen die Sonne, die
+jetzt mit ihrer ganzen Kraft herunterglüht, zu heiß wird und sie davon
+aufwachen, kriechen sie zu einem Baum in den Schatten. Oft erreichen sie
+den Schatten nicht, sondern bleiben unterwegs liegen wie ein Klumpen.
+
+Ziegen und Schweine laufen zwischen den Leuten umher, Hunde beißen sich
+oder spielen herum, Hühner zanken sich mit Truthühnern um Würmer und
+weggeworfene Tortillas, die Esel trompeten und suchen dann wieder mit
+den Pferden und Maultieren auf dem Erdboden herum, ob noch ein
+Grashälmchen vergessen wurde. Denn gestern war hier alles grün, jetzt
+aber, seitdem so viele Pferde und Esel hier gestanden haben, ist der
+Boden wie abrasiert. Obgleich das Tierzeug den herumsitzenden und auf
+dem Boden hockenden Leuten in einem fort zwischen die Beine läuft, die
+Leute werden nie nervös oder wütend auf die Tiere. Ab und zu ruft mal
+eine Frau: „Perro! Hund!“ oder „Muchacho! Junge!“ (Kosename für das
+Schwein), wenn die Tiere es gar zu arg machen. Manchmal aber fliegt den
+Tieren doch ein Scheit Holz gegen den Kopf, wenn sie mit einem
+Basttäschchen mit Tortillas, das sie gestohlen haben, ausrücken wollen.
+
+Bei einigen Gruppen wird laut geschwatzt und noch lauter gelacht.
+Gruppen von jungen Burschen singen oder spielen auf der Mundharmonika.
+
+Man möchte nicht denken, daß da drinnen in der Hütte ein Leichnam liegt.
+Wenn es den Leuten plötzlich einfällt, hören sie auf zu lachen oder
+dämpfen ihr Geschwätz, während sie die singenden und musizierenden
+Burschen mit einem kurzen Wort zur Ruhe mahnen.
+
+Je näher man zur Hütte kommt, je ernster sind die Leute, und je leiser
+reden sie. Hier wird es eigentlich nur dann laut, wenn die Tiere zu
+aufdringlich werden.
+
+Vor dem Eingang der Hütte hat man mehrere Decken dachartig ausgespannt,
+damit die Leute unter diesem Dach im Schatten sitzen können, denn die
+Hitze lastet wuchtig und schwer. In den Tropen, in der Tierra Caliente,
+um ein Uhr mittags, und kein Wölkchen am Himmel, und die Elf-Uhr-Brise
+ist heute ausgeblieben. Gerade heute, während sie gestern ein guter Wind
+war, der bis fünf Uhr anhielt.
+
+Ich nehme den Hut ab und gehe in die Hütte. Die Hütte ist gefüllt mit
+Frauen, die sich mit ihren Pappfächern unermüdlich und rein mechanisch
+gleichmäßig kühle Luft zufächeln. Die Kerzen sind ganz zusammengebogen,
+und an jeder Kerze ist man tätig, um sie gerade zu halten. Die Mehrzahl
+der Kerzen stehen in Konservenbüchsen, die mit Wasser gefüllt sind. Die
+Flamme guckt nur ein kleines Stückchen aus dem Wasser heraus; sobald die
+Flamme einen Finger lang zuviel herausguckt, biegt sich die Kerze sofort
+in einen rechten Winkel um, als sei sie aus warmer Butter gemacht. Wenn
+die Flamme das Wasser erreicht, wird das Wasser wieder ein Stück
+abgegossen, und kommt die Flamme zu tief in die Blechbüchse, wird die
+Kerze herausgenommen und eine neue hineingesteckt. Die Kerzen liegen
+alle in einer großen Schüssel mit Wasser, aber das hält sie nur solange
+in der Form, solange sie im Wasser liegen, werden sie in die Hand
+genommen, legen sie sich gleich um. Es erfordert die ungeteilte
+Aufmerksamkeit mehrerer Burschen, um die Kerzen in Ordnung zu halten.
+
+Die Garza hat wieder einmal das Tuch vom Gesicht des Kleinen genommen.
+Sein Gesicht ist nicht mehr zu erkennen. Es fließt bereits wie Brei
+auseinander. Die kleine Wunde an der Oberlippe, die, als der Kleine aus
+dem Wasser kam, kaum zu sehen war, hat sich zu einer schwärenden großen
+Fläche erweitert infolge der raschen Verwesung. Beide Lippen sind schon
+fortgelaufen, und das Gebiß liegt offen da wie bei einem Skelett. Auch
+das Zahnfleisch ist eine breiartige eiterähnliche Masse, die seitlich an
+den Zähnen herunterläuft. Die Nase ist mehr als zur Hälfte
+fortgefressen, und von der kleinen Wunde, die am Kopfe war, hat sich
+eine andere zerfallende Fläche gebildet, die den Schädelknochen
+freigelegt hat. Unter dem Auge, wo die Beule war, hat der Zerfall auch
+begonnen, und das Auge, seiner Umkleidung beraubt, liegt starr und
+allein auf der Augenhöhle. Es ist nicht die tropische Hitze allein, die
+eine so grauenhafte Zerstörung in einer so kurzen Zeit anrichten konnte,
+sondern es ist die Hitze, vereint mit der Überfülle des Wassers, das der
+Körper im Flusse aufgenommen hatte.
+
+Der ganze kleine Körper ist nun in rockartige Gewänder von rotem, blauem
+und grünem Papier gehüllt. Die Gewänder sind mit Sternen und Kreuzen,
+die aus Gold- und Silberpapier geschnitten sind, übersät. Das Kunstwerk
+aus Kottbus oder Birmingham ist nicht mehr zu sehen. Papier ist nicht
+nur geduldig, es kann auch wohltätig sein. Hier ist es sogar erlösend,
+und von den vielen Sünden, die das Papier auf dem Gewissen hat, mögen
+ihm für diese Tat einige vergeben werden. Beinahe jede der Frauen hat
+sich daheim, noch in der Nacht, sobald sie von dem Tode des kleinen
+Jungen hörte, sofort hingesetzt und Papierröcke für den Jungen gemacht.
+Und da sich die Frauen ja nicht durch Draht miteinander verbinden
+können, so weiß keine, ob der Kleine auch ein schönes Papierkleidchen
+haben wird für seine letzte Reise. Deshalb hat jede Frau für den Kleinen
+ein Röckchen gemacht, und jede Frau hat es mitgebracht, und jede bringt
+es mit soviel Freude und soviel Liebe zu der weinenden Mutter, daß die
+Mutter nicht anders kann, als die Kleider anzunehmen und sie mit Hilfe
+der Geberin dem Kleinen anzuziehen. Glücklicherweise haben nicht alle
+Frauen nur Röckchen gebracht, sondern manche nur Sterne und andere nur
+Kreuze und wieder andere nur Bänder aus Gold- und Silberpapier.
+
+Nun kommt eine Frau herein, die ich kenne. Sie ist die Mutter jenes
+jungen Mannes, den ich beinahe zum Leben wiedererweckt hätte, wenn der
+Spanier nicht gekommen wäre. Ob ich in jenem Dorfe dasselbe Ansehen
+unter den Indianern genösse, wenn der Spanier nicht gekommen wäre und
+ich den jungen Mann hätte vom Tode auferwecken müssen, ist fraglich.
+Aber ich glaube, ich würde mich derselben Anerkennung trotzdem erfreuen,
+weil ich mich sechs Stunden mit Wiederbelebungsversuchen abgegeben
+hatte, was ja auch dann anerkannt werden muß, wenn es erfolglos sein
+sollte. Die Frau begrüßt mich vor allen anderen Anwesenden zuerst, und
+sie tut es sehr herzlich. Sie hat für den Kleinen auch eine Krone
+gemacht. Diese Krone ist nicht so geschmackvoll wie die Krone, die von
+der Pumpmeisterin noch in der Nacht gefertigt worden war. Aber diese
+Frau hält ihre Krone für schöner. Sie geht zu dem Leichnam, nimmt das
+Krönchen vom Kopfe des Kleinen und setzt ihm ihre Krone auf.
+
+Die Pumpmeisterin steht dabei, sieht es und läßt es geschehen. Ich sah
+in der Nacht, mit welcher Liebe die Pumpmeisterin das Krönchen machte
+und wie sehr sie sich freute, daß es so gut gelungen war und daß der
+Kleine so hübsch darin aussah. Sie sieht ihre Nebenbuhlerin eine Weile
+an und macht dann eine kurze Bewegung, als wolle sie es verhindern, daß
+ihre Krone so ohne Zeremonie ausgetauscht wird. Aber dann lächelt sie,
+legt ihre Hände über ihre Brust, sieht neidlos dem Vertauschen zu und
+ist zufrieden. Jeder will dem Kleinen und der Mutter ja nur Liebes tun
+und Liebe zeigen. Wozu also um das Krönchen einen Streit beginnen und
+das Prioritätsrecht geltend machen! Das erste Krönchen hat ja seinen
+Zweck völlig erfüllt, mag nun das zweite Krönchen an die Reihe kommen.
+
+Die Frau mit der zweiten Krone hat die erste Krone abgenommen und wirft
+sie beiseite mit einer Gebärde, als ob sie sagen wolle: „So ein Dreck!“
+
+Die Krone ist allerdings schon ein wenig beschmutzt von der zerfallenden
+Kopfhaut. Die Pumpmeisterin bückt sich, hebt ihre Krone vom Erdboden
+auf, zerknüllt sie zwischen den Fingern so unauffällig wie möglich, geht
+dann damit hinaus und wirft sie in das große Feuer, wo die Kracker
+angezündet werden.
+
+
+
+
+ 20
+
+
+Vor der Hütte hört man reden, und bald darauf kommt der Mann herein, der
+den Sarg bringt, den er selbst gemacht hat. Als dieser Mann hereinkommt
+und den Sarg, den er unter dem Arm trug, auf den Boden stellt, fängt die
+Garza entsetzlich zu schreien an. Alle Frauen in der Hütte beginnen
+ebenfalls gell zu schreien, und auch die Frauen, die vor der Hütte
+sitzen, schreien und klagen laut.
+
+Der Sargmann hat den Hut abgenommen und wischt sich den Schweiß mit dem
+Handrücken. Es kommen nun einige andere Männer herein, und man wird
+sofort geschäftig, ohne das Schreien der Frauen zu beachten. Auch Sleigh
+ist mit hereingekommen.
+
+Der Sarg wird nun auf eine Kiste gestellt. Er ist selbst nichts weiter
+als eine rohe längliche Kiste. Nichts daran ist gehobelt. Die Wände der
+Kiste sind außen mit blauem Papier beklebt, damit man das rohe Holz
+nicht sehen kann. Im Innern der Kiste ist trockenes Gras, und es sind
+trockene Maisblätter darin. Auf diesen Blättern ist eine Schicht
+zerbröckelter Kalkstücke.
+
+Vier Männer, darunter Sleigh, fassen den Körper an seinen vier Ecken an
+und versuchen, ihn in den Sarg zu heben. Während sie ihn hochheben,
+fällt der Kopf tief herunter, und es gewinnt den Anschein, als wolle er
+abbrechen. Ich springe rasch hinzu und halte ihn mit dem kleinen Kissen,
+auf dem er ruhte, in gleicher Lage mit dem Körper. Dabei läuft mir der
+Verwesungsbrei über die Hände. Die Papierkleider fallen auseinander, und
+der ganze schöne Aufputz wird eine heillose Manscherei. Endlich haben
+wir den Körper in dem Sarge, und die Pumpmeisterin ist sofort tätig, um
+die Kleider wieder in Ordnung zu bringen.
+
+Der Sarg ist nun auf den Tisch gestellt worden, und sobald er dort
+steht, wirft sich die Garza darüber, um das kleine Gesicht zu küssen.
+Aber als sie gerade ihren Mund auf die Lippen pressen will, sieht sie,
+daß keine Lippen mehr da sind, sondern nur Zähne, die aus einem
+grünlich-gelben Brei herausgrinsen, und daß der runde Augapfel, der
+losgelöst auf der Höhle liegt, sie fremd anstarrt. Eine dicke, durch die
+Bewegung des Körpers aufgerüttelte Wolke entsetzlichen Gestanks nimmt
+ihr den Atem und läßt sie mit einem Ruck zurückfallen. Dort steht sie,
+gierig nach frischer Luft ringend, und sie wirft ihre Arme so unsinnig
+und unnatürlich in der Luft umher, als seien sie plötzlich aus den
+Gelenken gefallen und gehörten nicht mehr ihr. Dann tastet sie mit
+flinken Fingern an ihrer Brust entlang und läßt die Hände wie von selbst
+über den Hals am Gesicht hinaufklettern, bis sie das Haar erreichen, das
+die Finger zerkrallen. Ihre Augen irren hilflos umher, ihre Arme fliegen
+mit einem Ruck hoch, und während sie einen grauenhaften Schrei ausstößt,
+bricht sie zusammen.
+
+Andere Frauen springen sofort hinzu, flößen ihr Wasser ein und
+Schnaps, sprengen ihr Wasser ins Gesicht, versuchen, ihre Hände
+auseinanderzureißen, klopfen ihr auf die Backen und auf den Rücken. Nach
+einer Weile ist sie wieder munter. Es war der letzte Abschied von ihrem
+Jungen.
+
+Ihr Mann, seit einiger Zeit schon völlig im Nebel, kommt nun torkelnd
+und stolpernd auf sie zu. Aus der hinteren Hosentasche zieht er die
+Tequilaflasche hervor und drückt sie ihr in die Hand. Die Frau nimmt die
+Flasche und verschwindet mit ihr in jenem engen Nebenraum. Durch die
+Stämmchen sehe ich, daß sie einen mordsmäßigen Zug tut, der einem
+frumben Raubritter die Augen auf Stiele setzen würde. Dann kommt sie
+wieder hervor, gibt ihrem Manne die Flasche zurück und wischt sich mit
+der Hand über den Mund. Der Mann nimmt die Gelegenheit, daß die Flasche
+nun doch einmal in der Hand ist, wahr und zieht sich einen wackeren Hieb
+durch die Kehle. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen.
+
+Der Sargmann holt einen Hammer aus der Hosentasche und aus der anderen
+zwei dicke Nägel. Er hält das für besser, als lange zu reden, was nun zu
+geschehen habe.
+
+Die Frau hat diese Ansprache auch sofort begriffen. Sie kommt heran,
+deckt das Tuch ab und sieht auf das, was vom Gesicht noch übrig ist.
+Sofort summen dicke grüne Fliegen herbei, die sich auf das Gesicht
+setzen. Die Frau läßt das Tuch wieder auf das Gesicht fallen und steht
+nun eine Weile da, als ob sie auf etwas warte. Dann dreht sie sich rasch
+um, nimmt die kleine Gitarre herunter und legt sie neben den Kleinen in
+den Sarg. Wieder sinnt sie einen Augenblick, und dann rafft sie das
+verschrammte Blechwägelchen und den übrigen Jungenkram zusammen und
+packt es auch noch in den Sarg. Und dann sagt sie ganz still und
+andächtig: „Adios, Carlos mio!“
+
+Niemand in der Hütte, wo alles dicht gedrängt steht, bewegt sich,
+niemand spricht etwas, niemand atmet.
+
+Die Garza läßt den Kopf sinken, dreht sich völlig um, bis sie mit dem
+Rücken zum Sarge steht, und geht einen Schritt vorwärts der Wand
+entgegen, durch deren Stäbe man das Feuer sieht.
+
+Mit flinken Händen hat der Sargmann den Deckel aufgesetzt, und er gibt
+zwei leichte Schläge auf die Köpfe der zwei Nägel, die er eingesteckt
+hat, leicht genug, daß man sie noch einmal herausziehen kann.
+
+Nun geht es rasch. Vier Burschen nehmen den Sarg auf die Schultern, und
+stolpernd wird losgezogen. Die Männer, Frauen und Kinder folgen. Sie
+gehen nicht in einem Zuge, sondern in einem Haufen.
+
+Garza torkelt zwischen zwei Männern, die nicht fähig sind, ihn gerade zu
+halten, weil sie mit sich selbst genug zu tun haben, um auf den Beinen
+zu bleiben.
+
+Die Mutter geht neben der Pumpmeisterin, in deren Arm sie eingehängt
+ist. Immer noch hat sie das meergrüne Kleid an. Das Kleid hat Streifen
+und Flecke von Blut und schmutzigem Wasser. Die Blumen sind abgefallen.
+
+Nach wenigen Augenblicken ist der Haufen bei der Brücke. Als der Sarg an
+der Stelle ist, wo die Kerbe eingehauen ist, bleiben die Träger stehen.
+Die Männer nehmen ihre Hüte ab. Die Garza beginnt herzzerbrechend zu
+weinen. Die Pumpmeisterin küßt sie und nimmt sie in ihre Arme.
+
+Die Träger haben sich wieder in Marsch gesetzt. Der Haufe trottet
+schwätzend hinterher.
+
+Sleigh bleibt eine Weile auf der Brücke stehen, dann dreht er sich um
+und geht heim.
+
+Jetzt hat man die Brücke verlassen, ist an der Pumpstation vorüber und
+wandert nun auf dem Dschungelwege zum Friedhof, der ein paar Stunden
+weit entfernt ist.
+
+Die Musik, ein Geiger und ein Gitarrespieler, fangen an, die Trauermusik
+zu machen. Daß es Trauermärsche gibt, wissen sie nicht, würden es auch
+nicht glauben, wenn man es ihnen erzählte. Daß es Choräle gibt, davon
+haben sie gehört, können aber keine spielen. Aber amerikanische Tänze,
+die können sie spielen. Und der kleine Junge soll doch mit Musik zu
+Grabe gebracht werden, weil er nun als kleiner Engel auf der Reise ist.
+
+So setzt die Musik lustig ein mit: „It ain’t goin’ t’rain no’ mo’ –.“
+Jene Kulturwelle, die in genau bestimmten Intervallen von der
+europäischen und von der amerikanischen Hochzivilisation erbrochen wird,
+die in „Puppchen, du bist mein Augenstern“ ihren glorreichen Anfang
+nahm, die mit „Yes, we have no bananas“ die bewohnte und die unbewohnte
+Erde so verschlammte, daß ich, selbst in den unzugänglichen Dschungeln
+von Chiapas, Guatemala und Honduras, diesem hehren Ausdruck einer
+angebeteten Zivilisation nicht entgehen konnte, jene Kulturwelle hat nun
+einen weiteren, in die fernsten Winkel des Weltalls strahlenden
+Höhepunkt erklommen mit „It ain’t goin’ t’rain no’ mo’–“. Man muß
+Amerikaner durch Geburt sein, um die Geistlosigkeit, die Sinnlosigkeit,
+die Seelenlosigkeit, die Brutalität dieses Tanz-Chorals der Zivilisation
+in ihrem vollen Umfange erfassen zu können; wie man geborener Deutscher
+sein muß, um zu begreifen, daß „Puppchen, du bist mein Augenstern“ das
+hüpfende Vorspiel werden mußte für eine Tragödie der Gehirnlähmung, die
+einen fünfjährigen Weltraubmord ermöglichte.
+
+Für den eingeborenen Bewohner der Tropen ist das Wasser etwas Heiliges,
+die köstlichste Gabe, die dem Menschen gegeben wurde. „Unser täglich
+Wasser gib uns heute!“ Flüsse und Seen sind schön, das gesegnetste
+Wasser aber sendet der Himmel herunter auf seine Kinder, wenn ihre Not
+am höchsten ist. „Es wird nun nie mehr regnen“ mag für den Herrn
+Gerichtsaktuar, der Angst um den neuen Hut seiner Gerichtsaktuarin hat,
+ein recht freudiger Gedanke sein. Aber der Fluch der Zivilisation und
+die Ursache, warum die nichtweißen Völker sich endlich zu rühren
+beginnen, beruhen darin, daß man die Weltanschauung europäischer und
+amerikanischer Gerichtsaktuare, Polizeiwachtmeister und Weißwarenhändler
+der ganzen übrigen Erde als Evangelium aufzwingt, an das alle Menschen
+zu glauben haben oder ausgerottet werden.
+
+Würden die Indianer, deren Sprache wie Gesang ist, weil sie Ehrfurcht
+vor der Sprache haben, erkennen, wie tief die weißen Kulturschöpfer ihre
+Sprache zu erniedrigen vermögen und wie gedankenlos sie diese
+Erniedrigung ihrer Sprache allein in jener einen Zeile in die Welt
+hinausschreien und hinausmusizieren und hinaustanzen, so würde ich mich
+schämen, einem Indianer ins Gesicht zu blicken, und ich würde mein
+Gesicht mit Zinnober bemalen, nur um nicht mit meiner Rasse
+identifiziert werden zu können. Aber sie verstehen weder den Sinn jener
+Zeile, noch verstehen sie die Erniedrigung der Sprache, die in jener
+Zeile zum Ausdruck kommt. Übrig bleibt nur die Musik. Und durch jene
+Musik, die der einen Zeile völlig ebenbürtig ist, dringt die Kultur der
+weißen Rasse, die ja in der Musik ihren empfindungsreichsten Ausdruck
+sucht, in das Leben der farbigen Völker ein. Und in dieser Musik lernt
+der Indianer, dessen Seele und Empfindung noch ursprünglich sind, die
+Kultur der weißen Herrenrasse in ihrem Wert erkennen.
+
+Daß dieser blöde Tanz hier als Begräbnismusik dient, offenbart, daß der
+Sinn der europäischen Musik hier seine Grenzen gefunden hat und genau
+wie die Religion, die von den Weißen gebracht wurde, auf eine
+undurchbrechliche Mauer stößt. Den Tod begreift der Mensch hier, aber
+die christliche Form des Begrabens ist ihm fremd. Sie ist ihm hohle
+Formel, die er rein äußerlich nachahmt. Und darum ist ihm die Tanzmusik
+bei dem Begräbnis nichts, das ihn stören könnte. Der Tod ist das Große,
+das Eigene; was darüber ist, das ist das Fremde. Die Tanzmusik ist am
+richtigen Platze. Wäre es anders, würde der Indianer in Verwirrung
+geraten.
+
+
+
+
+ 21
+
+
+Was schiert sich die Sonne hier um Leichen, um weinende Mütter, um
+Begräbnisse? Was schiert sich die Sonne um Zivilisationen, um echte
+Kultur, um unechte Kultur, um gute Musik, um schlechte Musik und um
+Ärger über Verpöbelung der Welt, der Rassen und der Seelen? Was immer es
+auch sei, das uns Weh bereitet, sie steht erhaben und mächtig im All.
+Sie ist der Gott, der alleinige, der sichtbare, der allgegenwärtige, der
+ewig junge und lachende Gott, wandernd am Firmament wie ein steter
+jubilierender Schöpfungsgesang. Sie ist Schöpfer und Erhalter und
+Erzeuger und Gebärer. Sie spendet und verschwendet, ist nimmer müde,
+fordert keine Gebete als Belohnung und droht nie mit höllischen Strafen.
+Was schiert sich die Sonne um ein Begräbnis? Steil steht sie hoch über
+uns, und ihre Glut brüllt. Und wir stolpern und staggern dahin, über
+Wurzeln, umgefallene Baumgiganten, über Löcher und ausgewaschene
+Furchen, wir drängen uns durch Gestrüpp, durch Dornengesträuch und durch
+hohes scharfes Gras. Schwätzend, lachend, rufend, kreischend, weinend
+und musizierend. Onesteps und Twosteps und Foxtrotts und immer, wenn den
+unermüdlichen Musikanten nichts einfällt, was sie spielen sollen, dann
+spielen sie das große Tedeum „It ain’t“. Der Sarg schaukelt bedenklich
+auf den Schultern der stolpernden Burschen, und wenn einer durch die
+trockene Erde in ein darunter ausgewaschenes oder von Tieren
+ausgegrabenes Loch bricht, schreit die ganze Herde, plötzlich aus dem
+stumpfen Dahinstolpern aufwachend: „La caja! Die Kiste!“ Und die am
+nächsten sind, springen hinzu, um die Kiste aufzuhalten, damit der
+Inhalt nicht vorzeitig verlorengeht und die Böschung hinunterschießt.
+Denn ehe man ihn in diesem Gewirr des Dschungels gefunden und
+herausgepellt hätte, würden die Geier, die an den Seiten des Weges
+lauern, wo sie von Baum zu Baum fliegen und die aussehen wie
+verwunschene Kapläne, ein Dutzend Fetzen herausgerissen haben, und es
+würde sich kaum noch recht lohnen, zum Friedhof zu ziehen.
+
+Vor dem Sarge geht Morano, der mittlere Bruder. Er ist von einer Schar
+schreiender und quiekender Jungen umgeben. Einer von den Jungen schwingt
+fortgesetzt ein angebranntes Holzscheit, um es glimmend zu halten. Und
+Morano zündet seine Kracker an und schleudert sie in die Lüfte, wo sie
+knallend explodieren. Bei den ersten Knallern erhoben sich die
+Schwarzröcke mit schweren mächtigen Schwingen in die Lüfte. Jetzt aber
+haben sie sich schon daran gewöhnt. Schwer rudern sie von Baum zu Baum,
+mit gierigen und wütenden Augen den Zug anstarrend. Die heiligen Vögel
+der Tropen, die nicht geschossen, nicht gejagt oder gefangen werden
+dürfen, denn sie sind legitimierte Beamte, die Gesundheitspolizei des
+Dschungels, des Busches, der Prärien und der Sandmeere.
+
+Manuel geht ganz für sich allein, als ob er nicht dazugehöre. Garza
+bleibt häufig stehen, zerrt die Flasche aus der hinteren Hosentasche und
+zieht einen Tüchtigen. Seine beiden Freunde helfen ihm dabei, und wer
+sonst gerade Lust hat, kommt herbei. Garza ist freigebig, und wenn diese
+Flasche leer ist, dann hat er in der linken hinteren Hosentasche eine
+andere Literflasche voll Leichenschmaus.
+
+Die Mutter geht in der Herde. Wer es nicht weiß, würde nicht vermuten,
+daß sie die Trauernde ist. Sie geht nicht mehr im Arm der Pumpmeisterin,
+weil die nahe Berührung wegen der Glut, in der wir marschieren,
+unerträglich geworden ist. Aber die Pumpmeisterin geht neben ihr, und
+einige andere Frauen sind in ihrer Nähe. Man spricht, um den Weg
+abzukürzen. Man redet von tausend Dingen, die Frauen interessieren
+können, nur nicht mehr von dem Kleinen. Der Marsch ist schon ein
+Zurückwandern in das alltägliche Leben. Die Burschen, die den Sarg
+tragen, streiten unausgesetzt miteinander; niemand will tragen, niemand
+will ablösen. Es stinkt unerträglich in der Nähe des Sarges, und die
+Burschen binden sich Taschentücher vor die Nasen. Das Tragen ist
+ermüdend, lästig und unbequem. Die schwarzen Vögel würden nicht von
+Gestank oder von Anstrengung sprechen, aber streiten würden sie sich
+noch viel mehr, und die Schwachen hätten zu warten, bis die Starken
+schwerfällig auf einen Ast zufliegen müssen, um zu verdauen.
+
+Es ist bewundernswert, wie die Musiker trotz der Gluthitze, trotz des
+Kletterns auf dem Dschungelwege – denn Wandern oder Gehen ist es nicht
+–, trotz einer langen Nacht unermüdlichen Zum-Tanz-Aufspielens
+unverdrossen und berufsfreudig den Trauermarsch spielen und dadurch der
+dahintrottenden Herde Sinn und Inhalt geben. Man würde sonst vergessen,
+warum man diese Reise überhaupt unternommen hat. Denn grün ist es
+rundherum und unter den Füßen, goldschimmernd blau ist der Himmel, die
+Sonne bläst schmetternde Fanfaren, die Vögel singen, von Blumen übersät
+und durchleuchtet ist der Dschungel, und Schmetterlinge, fächergroße und
+edelsteinkleine spielen jubelnde Farben durch die Luft. Es zirpt und
+geigt und flötet im Grase und im Laube.
+
+Es lebt die Welt. Was ist ihr das Stückchen zerfließende Verwesung?
+Nichts. Nicht einmal Dünger. So reich ist sie, so verschwenderisch, daß
+sie dieses Düngers nicht braucht und ihn den Schwarzröcken zum Festmahle
+preisgibt. O Mensch, wie wenig bist du, wie wenig dein Mühen und
+Streben! Freue dich, liebe, stirb und rufe die Geier, den Rest zu tun!
+
+Aber da ist das Dorf in Sicht. Hütten, Palmhütten und Grashütten. Nackte
+Kinder wimmeln herum die Menge; Hühner, Ziegen, Schweine, Esel und Hunde
+zwischen den Hütten, hinter den Hütten, in den Hütten, auf den Wegen.
+Die Leute kommen aus ihren Behausungen. Schweigend lassen sie den Zug
+herankommen und schweigend lassen sie ihn vorübergehen. Die Männer alle
+nehmen ihre Hüte ab, wenn der Zug an ihnen vorbeikommt. Selbst die
+nackten und zerlumpten braunen kleinen Wildlinge halten in ihrem
+Herumjagen inne, bleiben schweigend stehen und sehen dem Haufen mit
+weitaufgerissenen Augen nach. Eine Frau stößt einen gellenden Schrei
+aus, bückt sich, hebt ihr kleines Würmchen, das auf dem Boden strampelt
+auf und drückt es an ihre Brust, als wolle es jemand stehlen kommen.
+Dann bricht sie in langgezogenes Klagen aus, in das andere Frauen
+einstimmen und das aus dem Zuge heraus von der Garza und einigen anderen
+Frauen beantwortet wird.
+
+Aus der Tienda kommt ein Mann herausgetorkelt. Er hat einen billigen
+weißen Leinenanzug an mit einer Jacke. Einen dünnen Zweig hat er in der
+Hand, mit dem er kreuz und quer in der Luft herumfuchtelt. Er hat schwer
+Topgewicht und kann sich kaum auf den Beinen halten. Es ist der Lehrer
+aus dem nächsten Dorf, das näher zur Bahn liegt. Er ist nur für zwei
+Monate in jenem Dorf, weil die Regierung jenem Dorfe nur für zwei Monate
+Schullehrergehalt bewilligt hat. Mehr Geld ist nicht da. Und wenn die
+zwei Monate um sind, geht der Lehrer wieder heim zu seiner Familie, die
+in einem anderen Staate lebt, sechshundert Kilometer von hier entfernt.
+Das Geld für die Heimreise muß er sich in den Dörfern zusammenbetteln
+gehen, weil von dem Gehalt, nachdem er sein Kostgeld bezahlt und seiner
+Familie den Rest geschickt hat, nichts mehr übrig ist.
+
+Freunde der Garzas in dem Dorfe, wo er Schule hält, in einer Hütte, wo
+die Kinder keinen Tisch haben, um ihr Schreibheft oder ihr Lesebuch
+draufzulegen und sie deshalb auf den Knien schreiben müssen, haben ihn
+gebeten, hierher zu kommen und die Trauerrede für das Kind zu halten. Er
+hat sich sofort sehr früh aufgemacht, weil man ihm gesagt hatte, das
+Begräbnis sei um ein Uhr. Das war ein Mißverständnis. Es sollte heißen,
+daß der Zug um ein Uhr von Hause fortginge. Und jetzt ist es fünf Uhr.
+
+Ich kenne den Lehrer von früher her, als er in einer kleinen
+Indianerstadt Schule hielt. Damals habe ich mit ihm und seiner Schule
+Schulfeiern und Schulausflüge mitgemacht und habe mit den erwachsenen
+Indianern, die Lesen und Schreiben lernen wollten, weil jeden Sonntag
+die Kommunisten herauskamen und ihnen predigten, das sei wichtig, die
+Abendschule besucht, wo ich zwar nicht Lesen und Schreiben lernte, wo
+sich mir aber eine neue Welt erschloß.
+
+Der Lehrer ist kein Indianer, er hat nicht einen Tropfen indianischen
+Blutes; er sagte mir einmal, er sei Spanier. Ich glaubte es ihm aber
+nicht ganz, zur Hälfte hat er sicher maurisches Blut in sich, und wenn
+ich mich nicht täusche, ist er Ägypter. Er ist freilich hier im Lande
+geboren. Nun weiß ich, daß er ein sehr nüchterner Mensch ist. Aber da
+steht er nach einem langen anstrengenden Marsche hier vor der Tienda, wo
+es nicht nur Hosen, Stiefel und Laternen gibt, Mehl, eingemachte
+Pfirsiche, Kaffee, Hüte, Äxte und Revolverpatronen, sondern auch
+Tequila. Und dann kommt ein Indianer, der Vater eines oder mehrerer
+Kinder ist, die zu dem Lehrer in die Schule gehen, und er ersucht den
+Lehrer um die Ehre, einen Schnaps mit ihm zu trinken oder eine Flasche
+Bier. Der Lehrer möchte nicht nein sagen, um den Mann nicht zu
+beleidigen und um nicht den falschen Eindruck zu erwecken, daß er zu
+stolz sei, mit dem einfachen indianischen Arbeiter einen zu trinken. Und
+so trinkt er. Nach einer Weile kommt ein anderer Vater, und der Lehrer
+trinkt, weil er ja den zweiten unsagbar kränken würde, nicht mit ihm zu
+trinken, nachdem er doch mit dem ersten getrunken hat. Fünf Stunden sind
+lang, die Sonne glüht, das Wasser schmeckt lau wie Jauche, Kaffee ist
+nicht zu haben, Limonade, wenn zu viel getrunken, bläht auf, und den
+Schnaps kann man nicht ablehnen, und so ist der nüchterne Lehrer im
+Tran.
+
+Der Zug geht weiter. Aus dem Dorfe folgen viele nach. Hinten torkelt der
+Lehrer und braucht den ganzen Weg für sich. In seinen Arm eingehängt ist
+jener Freund der Garzas, der den Lehrer gebeten hat, die Rede zu halten.
+Jener Freund ist noch betrunkener als der Lehrer, dessen Willenskraft
+wohl geschwächt, aber nicht betäubt ist. Der Lehrer versucht immer
+wieder, sich gerade zu halten, aber sein Begleiter schleift auf dem
+Boden entlang und macht durch sein Zerren und Herumdrehen und Hinstürzen
+den Lehrer mehr berauscht, als er es sonst wäre, wenn er ganz allein
+sein könnte und nicht unter dieser Suggestion des Schwerbetrunkenen
+stünde, der sich durchaus gehen läßt.
+
+
+
+
+ 22
+
+
+Nun ist der Zug vor dem Friedhof. Die Männer nehmen ihre Hüte ab, und
+unter unaufhörlichem Knallen und Raketenfeuern wird der Leichnam durch
+die kleine Pforte getragen. So wenig wie dem Indianer diese Religion in
+sein Wesen gedrungen ist, so wenig wie er diese Form des Begrabenwerdens
+begreifen kann, so wenig klar ist ihm der Sinn eines christlichen
+Friedhofes. Ein Schindacker in einem europäischen Lande sieht besser
+aus.
+
+Da sind Hügel, und da sind Haufen. Da liegen verwelkte Kränze, und da
+stehen auf Gräbern Kreuze. Und es stehen viele Kreuze herum, wo man nur
+aus dem Kreuz schließt, daß hier ein Grab sei. Auf die Kreuze ist
+manchmal mit weißer Kreide, manchmal mit blauer Kreide, manchmal mit
+Tintenstift und manchmal mit Bleistift etwas geschrieben. Es soll der
+Name sein und das Datum. Es könnte aber auch etwas anderes sein, es kann
+auch eine Rechnung aus der Tienda sein. Nach dem Datum sind manche
+Gräber nur ein Jahr oder ein halbes Jahr alt, aber die Kreuze sind halb
+zerbrochen oder liegen gar in Stücken herum an ganz anderen Stellen, als
+wo sie eigentlich hingehören. Manche Grabplätze sind aufgewühlt von
+Hunden oder Schweinen oder Ziegen. Die Gräber liegen durcheinander.
+Dazwischen ist Dornengestrüpp, da sind Kakteen, und da ist Gras und
+Wüstenkraut. Alles ein Dschungel von schwarzen, weißen, blauen, roten
+und grünen Kreuzen und von zerbrochenen Kreuzen, als hätten die
+Höllenbewohner hier ein infernalisches Knüppelholzschlagen veranstaltet,
+ein Dschungel von Hügeln, Haufen, Löchern, Schutt, Papierblumen, dürren
+Kränzen, Sträuchern, Lehmklumpen, Kraut und Gras.
+
+Sieht man einen solchen Friedhof zum ersten Male und vergleicht man ihn
+bei diesem ersten Male mit jenen friedlichen, sauberen Kirchhöfen, die
+man in Europa gesehen hat, so möchte man fragen: Wie ist das denn
+möglich? Ich wollte eine solche Frage an mich stellen, als ich einen
+solchen Friedhof zum ersten Male sah. Aber ehe ich diese Frage zu Ende
+gedacht hatte, fand ich die Frage in dieser Betonung lächerlich. Denn
+das allein ist ja der Friedhof, den die Menschen haben sollten, wenn sie
+keine Heuchler wären. Aber sie müssen noch nach dem Tode heucheln und
+als Gespenster herumlaufen. Seit jenem Tage, wo ich zum ersten Male
+einen echten indianischen Friedhof im Dschungel sah, bin ich zu der
+Wahrheit gelangt: Steht das Kreuz ein halbes Jahr auf dem Hügel und ist
+der Hügel ein halbes Jahr sichtbar, so ist es in beiden Fällen sechs
+Monate zu lange. Das Kreuz und der Hügel verhindern, daß der Mensch im
+Herzen und im Geiste der Zurückgebliebenen weiterleben kann, darum ist
+er gezwungen, als Gespenst uns das Leben zu verbittern.
+
+Der Zug ist jetzt an dem Loche, wo der Kleine hineingebettet werden
+soll. Kein Totengräber gräbt die letzte Grube. Der Vater muß es tun oder
+der Bruder oder ein Freund. Manuel hat das Grab aus dem harten lehmigen
+Boden herausgehackt und herausgeschaufelt. Dann ist er auf dem Pferde
+zurückgeritten, um dem Sarge folgen zu können.
+
+Der Sarg wird hingestellt. Der Sargmacher zieht die Nägel heraus und
+hebt den Deckel ab, damit die Mutter Abschied nehmen kann.
+
+Man sieht die grellbunten Papierröcke, die goldene Krone, das Zepter und
+die goldenen und silbernen Sterne und Kreuze. Aber das Gesicht kann
+irgend etwas sein, nur kein Gesicht. Mit einem Schrei wirft sich die
+Garza über den Sarg, den sie fest umklammert. Ihr Schrei geht in Wimmern
+über.
+
+Garza kommt stolpernd heran. Er muß sich fest auf die Männer, die dicht
+dabei stehen, stützen, damit er nicht umfällt, denn die zweite
+Tequilaflasche ist inzwischen auch nahe zur Neige gegangen, und es sind
+gerade noch ein paar Trosttropfen für ihn und seine Frau drin. Aber es
+ist sein gutes Recht, hier dicht an dem offenen Sarge zu stehen, denn er
+ist der Vater. Er will etwas sagen, vielleicht will er auch nur einen
+Schmerzensschrei ausstoßen, aber er quiekst nur und wischt sich mit der
+Hand die Tränen von den Backen. So betrunken ist er lange nicht, daß er
+nicht weiß, was da von ihm genommen wird, daß sein Nesthäkchen nun für
+immer abgewandert ist.
+
+Die Pumpmeisterin und zwei andere Frauen, die laut schluchzen und
+schreien, als wäre es ihr Kind, heben die Garza auf. Sobald der Sarg
+auch nur ein wenig frei ist, zieht ihn der Sargmacher gleich unter der
+noch halb niedergebeugten Garza hervor. Ein anderer Mann hat schon den
+Deckel bereit, und im Augenblick ist der Sarg zugenagelt. Diesmal für
+immer. Dann trägt man ihn dicht an das Loch.
+
+Und nun drehen sich alle Leute um und warten auf den Lehrer. Der Lehrer
+ist noch draußen vor der Friedhofspforte. Er weigert sich, den Friedhof
+zu betreten, weil er genug Verstand behalten hat, um ganz genau zu
+wissen, was mit ihm los ist, und daß er, der weinenden Mutter wegen,
+nicht unter die Trauergemeinde treten kann und es auch nicht mag. Aber
+jener Freund der Garzas, der ihn eingeladen hat, zerrt ihn jetzt durch
+die Pforte und ruft noch einen anderen Mann herbei, um den Lehrer zum
+Grabe zu schleifen.
+
+Endlich steht er am Grabe, und alle Leute sehen ihn. Er schwankt
+bedenklich. Und mit einem Male geht er wieder fort vom Grabe und
+versucht, sich davonzuschleichen. Der Freund hat das trotz seiner
+Trunkenheit bemerkt und schreit wie besessen hinter ihm her. Es fängt
+an, ein lautes Begräbnis zu werden. Der Freund kann sich nicht beruhigen
+und schreit, es sei eine Schande, erst die Rede zu versprechen und sie
+dann nicht zu halten. Andere Männer reden auf den Wütenden ein, den
+Lehrer doch zu entschuldigen, aber das macht den Mann nur noch wütender.
+Er beginnt den Lehrer maßlos zu beschimpfen. Um den Mann zu beruhigen
+und den Streit, den andere Halbbetrunkene aufnehmen, zu beenden, wirken
+die Leute auf den Lehrer ein, doch zu reden. Aber der Lehrer lallt nur.
+Und während er sich umwendet, um die Leute abzuwehren und seiner Wege zu
+gehen, sieht er die weinende Mutter, die weder bittend, noch abweisend
+die Augen auf ihn gerichtet hält. Was die Mutter denken mag angesichts
+dieser Streiterei und der Unwilligkeit des Lehrers, ist aus ihrem Blick
+nicht zu erkennen. Aber es scheint, daß der Lehrer in seinem
+Nebelzustande etwas darin sieht, was wir anderen nicht zu sehen
+vermögen. Jedenfalls geht er plötzlich wieder auf das Grab zu.
+
+Er steht dicht am Rande der Grube und schwankt verdächtig hin und her.
+Mit beiden Armen gestikuliert er nun heftig in der Luft herum und öffnet
+den Mund. Da er in der einen Hand noch immer den abgeschnittenen Zweig
+hält, so sieht er aus, als ob er mit jemand kämpfen wolle. Seine Augen
+werden ganz stier und gläsern. Es spiegelt sich in seinem Blicke der
+Eindruck wider, daß alle die Gesichter, die auf ihn jetzt gerichtet
+sind, zu einer Einheit verschmelzen, die für ihn etwas Unheimliches
+haben muß; denn seine Gesichtszüge beginnen, sich in Angst zu verzerren.
+
+Ich habe ihn einmal am Unabhängigkeitstage reden hören, und ich weiß,
+daß er für Verhältnisse dieser Art als guter Redner gelten kann und daß
+er auch keine Redefurcht hat. Warum er die gräßliche Angst zeigt, ist
+mir unverständlich. Er fuchtelt jedoch immer heftiger mit den Armen
+durch die Luft, macht den Mund weit auf und klappt ihn wieder zu. Man
+könnte leicht annehmen, daß er glaubt, er rede bereits.
+
+Plötzlich aber schreit er ganz unvermittelt los: „Wir sind alle sehr
+traurig!“
+
+Er schreit das so gewaltig hinaus, als ob er zu fünftausend Menschen zu
+sprechen hätte, die auf weiter Ebene versammelt sind und ihn alle hören
+sollen.
+
+Dann brüllt er los, als ob er nun zu zwanzigtausend Leuten reden müßte:
+„Der kleine Junge ist tot!“
+
+Das alles war aber noch gar nichts, denn jetzt hebt ein Brüllen an, als
+ob der Himmel auseinandergerissen werden solle: „Auch die Mutter des
+kleinen Jungen ist sehr traurig. Sie weint.“
+
+„Auch die Mutter ist sehr traurig. Jawohl, das ist sie!“ wiederholt er
+mit diesem Brüllen, und dabei schlägt er mit dem Zweige so heftig durch
+die Luft, als ob er den, der etwa bezweifeln sollte, daß die Mutter auch
+sehr traurig sei, mit einem Hieb der Länge nach durchspalten wolle.
+
+Dieser Hieb war gut gemeint, und er war auch ehrlich gemeint, und
+vielleicht war er ein Trost für die Mutter, die sehr traurig ist. Aber
+der gutgemeinte Hieb war mehr, als das Gleichgewicht des Redners in
+diesem Augenblick vertragen konnte. Der gute Mann sauste über und sauste
+in das Grab hinein. Er kam aber nicht ganz bis auf den Boden des Grabes.
+Über dem offenen Grabe lagen zwei Baumstämme, auf denen der Sarg
+eigentlich stehen sollte, zum großen Glück des Redners aber noch nicht
+hingestellt worden war, weil man durch das Streiten diese Handlung
+vergessen hatte. Einen dieser Baumstämme hatte der Lehrer im Fallen
+gerade noch erwischt, und nun hing er, beide Arme vor sich hingestreckt,
+ebenso kläglich wie hilflos auf dem Stamm. Mit den Beinen angelte er nun
+seitlich aufwärts, um den Rand zu erklimmen und daran hochzuklettern.
+Aber seine Anstrengungen waren vergeblich, und hätte man ihm nicht
+brüderlich beigestanden, so wäre er in das Grab hinabgesunken, von wo
+er, wäre er allein hier gewesen, sich heute auf keinen Fall selbst
+wieder hätte herauskrabbeln können.
+
+Trotzdem diese Entgleisung des Redners recht lustig war, sah ich doch
+nicht einen einzigen unter allen, die anwesend waren, lachen. Und ich
+selbst, dem das Lachen für gewöhnlich verhängnisvoll nahe steht, fand
+auch nicht eine Spur von Komik in dem Vorgang. Damals auf keinen Fall,
+ich erinnere mich dessen noch sehr genau, und ich erinnere mich ebenso
+genau, daß mir in jenem Augenblick ein Weinkrampf näher war als das
+bescheidenste Lächeln. Heute, nachdem ich drei Monate Zeit hatte, mir
+jene einundzwanzig Stunden des wirbelnden Tanzes, zu dem der große
+Musikmeister aufspielte, einzeln zurückzurufen, sie wieder zu erleben
+und durch und durch zu erleben, weiß ich, daß niemand lachen konnte
+darum, weil alle, alle dasselbe fühlten, was ich in jenem Augenblick
+fühlte. Denn warum sollte ich ein Ausnahmemensch sein und etwas fühlen,
+was andere Menschen nicht fühlen können! Und ich fühlte: Der Lehrer ist,
+während er am Grabe steht, nichts als reine brüderliche Liebe für die
+weinende Mutter, nichts als hingebende Hilfsbereitschaft für den
+trauernden Mitmenschen. Und warum sollte einer von allen den Anwesenden
+etwas anderes empfunden haben als ich? Hat doch keiner gelacht! So wenig
+wie ich den Drang zum Lachen fühlte!
+
+Der Lehrer steht wieder an dem Rand der Grube. Den Zweig hat er noch
+immer in der Hand, er hat ihn nicht einmal in seiner höchsten Not fallen
+lassen. Er steht da mit einer Miene, als habe das, was eben geschehen
+sei, gar nicht ihm gegolten, sondern irgendeinem anderen, und er habe
+während dieses Zwischenfalles seine Rede unterbrochen, bis die Störung
+vorüber sei.
+
+Mit demselben Brüllen redet er nun wieder weiter: „Auch der Vater ist
+recht traurig. Jawohl!“ Und wieder wird der, der daran zweifelt, der
+ganzen Länge nach durchgespalten. Jetzt aber hat sich der Weise besser
+vorgesehen. Er steht nicht mehr so dicht an der Grube, daß er
+hineinfallen könnte. Dafür aber hat der Hieb, der bei dieser Redewendung
+seitlich weggeführt war, wie der Hieb eines Reiters vom Pferde herab, um
+nicht etwa abermals in die Grube zu lenken, das Gleichgewicht nach einer
+anderen Grundidee ausgeschwenkt. Denn nun, als die Schwungkraft dieses
+Hiebes sich auszuwirken bemüht, saust der Redner rechts herum wie ein
+Kreisel. Der Hieb war so kräftig geführt, daß eine ganze Drehung
+zustande kommt. Diese Drehung ist zwar nicht kerzengerade, weil das ja
+sowieso gegen die physikalischen Gesetze verstoßen würde und deshalb
+schon unzulässig wäre und mit Geldstrafe belegt werden kann. Nein, die
+Drehung ist schwankend schwenkend, etwa wie bei einem großen
+Blechkreisel, der seine letzten aushauchenden Tänze vollführt.
+
+Der Redner steht wieder in seiner Anfangsstellung, mit dem Gesicht den
+Leuten zugekehrt. Auch diesmal hat keiner gelacht. Wie könnte man auch
+lachen, wenn jemand seine Sympathie mit solchem Nachdruck äußert!
+
+„Der kleine gute Junge hat so früh sterben müssen“, brüllt der Lehrer
+und schlägt wieder zur Bestätigung mit dem Zweig. Nun aber hat sich der
+Körper an diese Beiprodukte der Rede gewöhnt und antwortet nicht mehr
+darauf.
+
+„Der gute Junge, den wir alle so lieb hatten, hat so rasch sterben
+müssen. Das tut uns allen so sehr leid. Nun wollen wir ihn begraben.
+Adios, mein lieber, kleiner Junge!“
+
+Verflucht noch mal und ausgespuckt, der Geier soll doch das ganze
+Begräbnis holen! Jetzt heule ich. Wahrhaftig, ich heule wie ein alter
+Schloßhund, dem die weiße Frau als Ameisenbär erscheint. Ich heule, und
+die ganze Gesellschaft, Männer, Weiber und zerbröckelnde Lehmkügelchen
+weinen und schluchzen. Es ist nicht mehr jenes gelle Schreien wie in der
+Nacht. Es ist ein stilles weinendes Trauern.
+
+Und was geht mich denn der Junge an! Ein Indianerjunge. Er ist doch gar
+nicht mein Junge. Aber ich heule. Vielleicht ist er doch mein Junge,
+ebensogut mein Junge, wie er der Junge aller dieser Leute hier, wie er
+der Junge aller Menschen ist. Mein Junge, mein Bruder, mein kleiner
+Mitmensch, ein Menschenkind, das leiden konnte wie ich, das lachen
+konnte wie ich, das sterben konnte, wie ich es muß.
+
+Man will den Sarg mit Stricken, die aus fünf verschiedenen Riemen,
+Stricken und Bindfaden zusammengeknüpft sind, herunterlassen. Aber die
+Stämme wackeln hin und her, und die Stricke lassen sich der vielen
+Knoten wegen nicht recht handhaben.
+
+Da springt ein Mann kurz entschlossen in die Grube.
+
+„Reich’ mir die Kiste zu.“
+
+Der Mann klimmt heraus.
+
+Mutter und Vater werfen Erde darauf.
+
+Dann fliegen die Hände voll Erde von allen Seiten polternd auf die
+Kiste.
+
+Die Musik hat sich da aufgestellt, wo der Lehrer, der sich unauffällig
+entfernt hat, während seiner Rede gestanden hatte. Die Musik wird nun
+spielen: „O heilige Jungfrau, voller Gnaden, du segensreiche Dulderin.“
+
+Ich bin erlöst. Die Musik hat Geschmack und Takt. Sie weiß den wahren
+Ton für die leidende Menschheit zu treffen. Sie heuchelt nicht und macht
+keine Heuchelei mit. Diese Todsünde begeht sie nicht. Sie ist echtes
+Geblüt des Dschungels. Sie hat den bewundernswerten Mut, die Dinge beim
+rechten Namen zu nennen, immer und überall; sie hat die unerschütterte
+Urkraft, den Dingen, deren Sinn von der Gedankenlosigkeit eines
+taumelnden Geschlechts verwirrt wurde, den ursprünglichen Sinn
+zurückzugeben, der die Gestalt und das Wesen des Dinges bestimmt.
+
+Und sie spielt den großen Trauermarsch der Menschheit: „It ain’t goin’
+t’rain no’ mo’ –.“
+
+Und als der Choral, der mit Ewigkeiten Marmeln spielt und mit dem
+Entsetzen des Weltalls Stiefel putzt, verklungen ist, mehrere Burschen
+emsig Erde in die Grube schaufeln, andere die Blumen und Kränze ordnen,
+die Mutter weinend in einem Knäuel weinender Frauen steht, die sie
+umarmen und küssen, die Männer ihre Hüte aufsetzen und sich Zigaretten
+drehen und niemand den Friedhof verläßt, bis die Mutter das Zeichen zum
+Aufbruch gibt, fühlt die Musik, noch immer am Kopf der Grube stehend,
+daß man noch etwas von ihr erwartet, weil sie erst die Hälfte ihrer
+Aufgabe erfüllt hat.
+
+Da besinnt sie sich auf den Trauermarsch von gestern, glorreich wie der
+beendete Fischzug von gestern, der die Säcke der Wissenden und
+Verständigen mit Gold füllte, und die Rippen der Begeisterten und
+Gläubigen mit Nickelstahl. Jener Trauermarsch, der die Faust, die sich
+erhob, während man die Säcke zählte, recht dienstbeflissen und geschickt
+mit Nagelputzcreme behandelte und zur selben Zeit den Unknown Warrior,
+den Unbekannten Krieger, zur Hilfe aufrief, um der Faust die Krallen zu
+stutzen. Jener Trauermarsch kam zur guten Stunde, um das herannahende
+Weltdonnerwetter abzuleiten in die goldbronzierte Inschrift: – Arbeiten,
+damit die andern nicht verzweifeln. Do It Now! –
+
+Und dieser Trauermarsch kommt auch jetzt zur guten Stunde und fällt den
+Musikern am rechten Platze ein: „Yes, we have no bananas, we have no
+bananas to-day.“
+
+Adios, mein lieber kleiner Junge! Adios! Es leben die Maden und Würmer!
+Adios! So wie du wurde noch kein König begraben!
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen, zum Teil basiert auf späteren Ausgaben, sind hier aufgeführt
+(vorher/nachher):
+
+ [S. 22]:
+ ... hinaus in die Nacht. Abgebrochene Stücken menschlicher ...
+ ... hinaus in die Nacht. Abgebrochene Stücke menschlicher ...
+
+ [S. 171]:
+ ... schämen, einen Indianer ins Gesicht zu blicken, und ich
+ würde ...
+ ... schämen, einem Indianer ins Gesicht zu blicken, und ich
+ würde ...
+
+ [S. 175]:
+ ... hätten zu warten, bis die Starken schwerfällig auf einem ...
+ ... hätten zu warten, bis die Starken schwerfällig auf einen ...
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77625 ***