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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77607 ***
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+
+ Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter,
+ kursiver oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_.
+ Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im
+ Original fetter Text ist =so dargestellt=.
+
+ Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+ Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere von Namen, wurden
+ wie im Original beibehalten.
+
+
+
+
+ Landesverein Sächsischer
+ Heimatschutz
+ Dresden
+
+ Mitteilungen
+ Heft
+ 1 bis 2
+
+ Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
+
+ Band XVI
+
+ _Inhalt_: Vom Fischerdorf zum Königsschloß – Gedenkbäume und
+ andere Erinnerungsmale in Sachsen – Köhler, Flößer und Pecher
+ im Erzgebirge – Der Dresdner Saugarten in der Dresdner Heide –
+ Zur Geschichte unserer Moore – Die Gefahren der Vogelbruten –
+ Die Elster, ein volkstümlicher Bösewicht im schmucken Gewand.
+
+ Einzelpreis dieses Heftes 3 Reichsmark
+
+ Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
+
+ Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835
+ Stadtbank Dresden 610
+
+ Bankkonto: Commerz- und Privatbank,
+ Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden
+ Bassenge & Fritzsche, Dresden
+
+ Dresden 1927
+
+
+
+
+Kauft Lose!
+
+Ziehung _bestimmt_ am 9. und 11. April 1927
+
+3. Geldlotterie
+
+für die Erhaltung des Dresdner Zwingers
+
+500000 Lose
+
+54643 Gewinne und 1 Prämie im Gesamtwerte von 160000 Reichsmark
+
+
+Gewinnplan
+
+ Höchstgewinn im günstigsten Falle 50000 Reichsmark
+ 1 Prämie 30000 "
+ 1 Hauptgewinn 20000 "
+ 1 Hauptgewinn 10000 "
+ 1 Hauptgewinn 5000 "
+ 5 Gewinne je 1000 Reichsmark = 5000 "
+ 10 Gewinne je 500 " = 5000 "
+ 25 Gewinne je 200 " = 5000 "
+ 50 Gewinne je 100 " = 5000 "
+ 100 Gewinne je 50 " = 5000 "
+ 150 Gewinne je 20 " = 3000 "
+ 300 Gewinne je 10 " = 3000 "
+ 1000 Gewinne je 5 " = 5000 "
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+ ---------------- -----------------
+ 54643 Gewinne und 1 Prämie 160000 Reichsmark
+
+
+Gewinne in barem Gelde ohne Abzug
+
+ Bestellungen erfolgen am besten
+ auf Abschnitt einer Postanweisung
+ oder durch Postscheckkonto
+ Dresden 15835
+
+ Preis des Loses
+ 1.— Reichsmark
+ Gewinnliste 10 Pfg.
+
+ Bei Postversand ist das gesetzliche
+ Porto besonders beizufügen
+
+Wir erbitten Bestellung durch beigefügte Karte
+
+Landesverein Sächsischer Heimatschutz
+
+Dresden-A., Schießgasse 24
+
+
+
+
+ Band XVI Heft 1/2 1927
+
+[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]
+
+Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern
+herausgegeben
+
+Abgeschlossen am 20. März 1927
+
+
+
+
+Vom Fischerdorf zum Königsschloß
+
+Ein Gang durch die Geschichte von Pillnitz
+
+Von Professor Dr. _Alfred Meiche_, Dresden
+
+Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
+
+
+Wie ein Kranz von Perlen um einen edlen Ringstein, so lagern
+sich Meißen, Moritzburg, Pillnitz, Pirna und Tharandt um die
+Landeshauptstadt Sachsens. Eine der kostbarsten Perlen ist unser
+Pillnitz, leuchtend in landschaftlicher Schöne, hervorragend als
+Denkmal altsächsischer Kultur in Schloß und Garten, bedeutsam als
+Schauplatz einer welthistorischen Begebenheit, der Pillnitzer
+Konvention von 1791. Auch die Landesgeschichte ist hier mit starken
+Fäden angeknüpft; war doch Pillnitz zwei Jahrhunderte lang der
+bevorzugte Sommersitz unseres alten Fürstenhauses, dessen Glück und
+Glanz, dessen Schuld und Leid sich in den Wellen des rauschenden
+Elbstromes spiegelten.
+
+[Illustration: Abb. 1. =Elbansicht des Schlosses Pillnitz=]
+
+Früher glaubte man (und manche meinen es noch heute), daß Pillnitz und
+Dresden gemeinsam in derselben Urkunde zum ersten Male genannt würden;
+nämlich Dresden als Ausstellungsort eines Grenzschiedes vom 31. März
+1206 und Pillnitz als Sitz eines der damaligen Urkundenzeugen, eines
+»Henricus de Beuelnewitz«. Allein das im sächsischen Hauptstaatsarchiv
+ruhende Originaldokument (Faksimile in den Dresdner Geschichtsblättern
+1906 Nr. 2) zeigt klar und zweifelsohne die Namensform »Becelnewiz«,
+was mit Pillnitz sprachlich nicht zusammenstimmt. Wohl aber gleichen
+die Anfänge des Ortes dem Ursprunge der Hauptstadt. Wie diese zunächst
+ein sorbenwendisches Fischerdorf am Sumpfwalde der Elbaue war
+(oberwendisch Draždźany = Waldsassen), so hatten sich auch am Fuße des
+Borsberges Elbfischer derselben Nation angesiedelt, die anscheinend
+der Sippe eines gewissen Bělan angehörten, weshalb ihr Wohnplatz nach
+slawischer Art Bělanovici (d. h. eben Sippe des Bělan) genannt wurde.
+Der Personenname ist eine Kurzform von Bělomir und bedeutet etwa »der
+durch seine weiße (běły), glänzende Hautfarbe Berühmte«.
+
+[Illustration: Abb. 2. =Fränkisches Haus mit Vorbau in Pillnitz=]
+
+Diese Namenserklärung muß der bisher fast allgemein angenommenen
+als »Schneidemühl« (von altslaw. pila »Säge, Sägemühle«) vorgezogen
+werden, trotz der am Nordrande des Dorfes gelegenen Piel-, Pielz- oder
+Pilzmühle, weil einerseits ein höheres Alter dieser Mühlstelle nicht
+nachweisbar ist und ihr Name aus »Pillnitzer Mühle« verstümmelt sein
+oder nur zufällig anklingen kann, andererseits aber die hier zum ersten
+Male dargebotenen ältesten Urkundenformen (1335: Belennewitz; 1350:
+Belanicz) nachdrücklich auf das Stammwort běły »weiß« zurückleiten.
+(Vgl. auch: Über Berg und Tal. VII, 135). Noch ein zweiter Flurname
+führt uns in die Wendenzeit hinauf und lehrt uns, daß die Pillnitzer
+Dorfgenossen vom Elbstrom abhängig waren. Zwischen hier und Söbrigen
+befand sich früher ein Floßplatz, der noch vor einem Menschenalter
+»der Plauen« hieß (v. Minckwitz, Geschichte von Pillnitz. Dresden
+1895. Seite 2. Fußnote 1). Das Wort stammt vom altslawischen plavŭ
+»das Flößen«; Plauen an der Weißeritz, Plauen an der Weißen Elster
+und Plaue an der Zschopau gehören gleichfalls in diese weitverzweigte
+Ortsnamengruppe.
+
+Nach einem altslawischen Worte chizŭ, »Fischerhütte«, pflegt man solche
+Fischer- und Schifferwohnplätze »Kitzen« zu nennen. Sie ziehen sich
+als einfache Häuserzeilen, die ihre Giebel dem Flusse zuwenden, an
+diesem hin; wo es »der Platz erlaubt, mit einer hakigen Abbiegung in
+eine Seitenschlucht. Das ist die Grundform aller Talsiedlungen in der
+Sächsischen Schweiz«. Man trifft sie auch unterhalb Dresdens in großer
+Anzahl.
+
+[Illustration: Abb. 3. =Das Haus Nr. 47 in Pillnitz=]
+
+In Pillnitz hat der Herrenwille der Rittergutsbesitzer dieses
+ursprüngliche Ortsbild fast ganz verwischt. Nur östlich vom Schloß
+stehen noch einige der malerischen Holzhäuser, nicht mehr in den
+altwendischen Bauformen, aber sicher noch an der Stelle alter »Kitzen«.
+Wenn an schönen Sommertagen der Schwarm plaudernder Großstädter vom
+Dampfschifflandeplatz nach der Schloßrestauration hier vorüberflutet,
+dann gönnt wohl mancher ihren altfränkischen Vorbauten einen flüchtigen
+Blick, und sinnige Menschen lesen wohl auch am Hause Nummer 47 den
+frommen Spruch:
+
+ Mein Jesu, schmücke mich
+ Mit Weisheit und mit Liebe,
+ Mit Keuschheit und Geduld
+ Durch Deines Geistes Triebe.
+ Auch mit der Demuth mich vor allen kleide an,
+ So bin ich wohl geschmückt und köstlich angethan.
+
+Wann jene Ursiedelung am Elbufer abgebrochen wurde, sagt uns keine
+Urkunde. Wahrscheinlich aber geschah es damals, als die ritterlichen
+Herren über Pillnitz von ihrem ersten Sitz an der Berglehne, dem
+alten Schloß, ins Tal hinabzogen und dort einen neuen stattlichen
+Wohnbau errichteten. Das mag wohl schon vor fünfhundert und mehr
+Jahren geschehen sein. Viel später erzählen uns Akten von dem Aufgehen
+anderer Flurteile in den Schloßbereich. So wurden 1721 nördlich vom
+Bergpalais fünf Häusler- und Gärtner-Nahrungen ausgekauft und zum
+Schloßpark geschlagen, und 1785 und 1790 mußten abermals neun Häusler
+ihre Heimstätten verlassen, die dem mit Treibhäusern ausgestatteten
+»Holländischen Garten« angegliedert wurden.
+
+[Illustration: Abb. 4. =Inschrift am Hause Nr. 47 in Pillnitz=]
+
+Es mag wohl ein thüringisches oder fränkisches Vasallengeschlecht
+gewesen sein, das im Gefolge der Markgrafen von Meißen ins slawische
+Elbtal gekommen war und zum Lohn für seine Mitarbeit an der
+Wiedergewinnung altgermanischen Volksbodens in dem späteren Slawengau
+Nisani den Herrensitz unterm Borsberge mit seinem Zubehör an wendischen
+Frönern zu Lehen bekam; leider wissen wir nicht, welcher Familie sie
+entstammten.
+
+Der erste aktenmäßig nachweisbare Gutsherr ist ein »Ludewicus«, der
+sich nach seinem Besitze »de Belennewitz« nennt und am 4. April 1335
+als Urkundenzeuge in Stolpen auftritt. 1350 aber besitzen unmündige
+Söhne aus der Familie »de Belanicz« Zinsen im benachbarten Söbrigen,
+und als Vormünder für sie schalten ein »Hartungus de Nimans« (aus dem
+Geschlechte, das schon im dreizehnten Jahrhundert auf Königstein und
+Rathen haust) und »Ludolfus Karaz de Belanicz«. Letzterer zeigt uns,
+daß die Gutsherren von Pillnitz wenigstens z. T. mit der um Dresden und
+im Meißner Hochlande vielfach begüterten Familie von Karrasz identisch
+waren. Und noch am 5. August 1403 begnadet Markgraf Wilhelm die
+Ehefrau eines Heinrich Karrasz, Femika = Euphemia genannt, mit ihrem
+Leibgedinge zu Pillnitz. Es war ein ganz hübscher Besitz: allodium
+(Vorwerk), villa (Dorf), et curia inferior et superior (Ober- und
+Niederhof) – in Bilnicz mit der Fischerei, den Weinbergen, den Gehölzen
+im Frundirsperge, vallis (Tal) dicta Michcz (Meix) cum molendino
+(Mühle) et nemore (Hain), das Dorf Kribischendorf (Krieschendorf) nebst
+Zubehörungen und zwei zinspflichtige Bauern im Dorfe Borsberg.
+
+Die lateinisch geschriebene Urkunde wirkt wie eine Offenbarung; in das
+Dunkel der Vergangenheit fällt ein helles Licht. Zwar dürfte es heute
+Mühe kosten festzustellen, welcher Höhenzug mit dem »Frundirsberge«
+gemeint ist, aber zum ersten Male erfahren wir etwas vom Weinbau um
+Pillnitz herum, zum ersten Male hören wir vom Friedrichsgrunde und
+der an seinem Ausgang liegenden _Meixmühle_, zum ersten Male werden
+uns _zwei_ Höfe (Wirtschaftshöfe) im Orte genannt. Man sucht den
+niederen an der Stelle der noch jetzt bestehenden Gutsgebäude, den
+oberen dort, wo später die Schäferei stand. Aus dem Vorhandensein
+der beiden Höfe aber darf man den Schluß ziehen, daß schon damals,
+also vor fünfhundert Jahren, auch zwei Herrensitze vorhanden waren.
+Das »alte Schloß« (wie es um 1600 auf einem im Hauptstaatsarchive
+befindlichen Vermessungsblatt von Math. Öders Hand heißt) lag dort, wo
+1785 die künstliche Ruine erbaut wurde. Beim Grundgraben soll man auf
+sein Mauerwerk gestoßen sein und solches dann zum Bau der Ruine mit
+gebraucht haben. Da in der Nähe der »Ruine« übrigens ein »Hausberg«
+liegt, so bleibt es ungewiß, ob nicht auf diesem ein noch älteres
+Schloß (mhd. hûs) oder schon ein zweiter Herrensitz zu suchen ist.
+
+Was wir als »Neues Schloß« kennen, lag höchstwahrscheinlich der Insel
+gerade gegenüber. Man mag es sich als eine bescheidene Wasserburg
+vorstellen; Spuren des Wallgrabens und einer Zugbrücke fanden sich noch
+1818 beim Grundgraben zu dem heutigen Bauwerke.
+
+Als Lehnsinhaber von Pillnitz begegnet uns bald nach Beginn des
+fünfzehnten Jahrhunderts die Familie Karlowitz. Schon am 8. Mai 1420
+wird »Frederich Karlewicz zcu Bilnicz gesessen« als Leibgedingevormund
+genannt. Sein Geschlecht ist damals im Elbgau und Meißner Hochland
+weithin begütert. Friedrich von Karlowitz besaß Pillnitz offenbar
+ungeteilt. Nach seinem Tode belehnte 1438 der Landesherr die Gebrüder
+»Bathe, Lawatzsch, Friderich, Jan, Otto, Jurge und Mulich von
+Karlowitz« mit »Bilnicz dorff und vorwerg« samt allem Zubehör sowie den
+Dörfern Zschachwitz, Dobritz, (Ober-)Poyritz, Zinsen auf der Wüstung
+Kloden (am Pillnitzer Tännicht gelegen) und zu Graupa, dem Dorfe
+Bonnewitz und einem Steinbruche mit der Fischerei unter Liebethal.
+Das wüste Kloden sollen die Karlowitze schon im folgenden Jahr an die
+Kreuzkirche zu Dresden veräußert haben. Als anderweitiges Zubehör von
+Pillnitz (Karlowitzischen Anteils) werden 1476 September 18. erwähnt:
+»die mol, der werd in der Elben mit der fachstat doran, eine freie
+schafftrifft doselbist (zu Pillnitz) und die leite, die Karis gewest.«
+Das ist das älteste schriftliche Zeugnis sowohl für die Pillnitzer
+Mühle wie für die Insel.
+
+Von den obengenannten Brüdern hatten wenig später Friedrich und
+Otto den niederen Hof inne, Lawacz (Labaczsch) dagegen den Oberhof.
+Letzteren nimmt 1465 Friedrich Karlowitze (wohl der Sohn des Lawacz) zu
+Lehn, der ihn jedoch 1477 an Caspar Kundig (aus dem Geschlechte, nach
+dem die heutige Breite Straße in Dresden früher Kundigengasse genannt
+wurde) verkaufte. Dazu gehörten (manches wohl nur anteilig) »der wird
+(= Insel) in der Elben«. eine »vachstat (= Fischfang) in der Elben«,
+fünf Gärtner im Dorfe Pillnitz, das halbe Dorf Wachwitz (und zwar die
+Niederseite nach der Elbe zu) mit der Rehejagd u. a. m. Spätestens 1486
+aber ist dieser Oberteil von Pillnitz mit dessen Unterhälfte wieder
+vereinigt worden.
+
+Letztere war schon 1443 durch Friedrich und Otto von Karlowitz
+an Wygand und Nickel Ziegler (Angehörige des reichen
+Patriziergeschlechtes) verkauft worden. Schon bei diesem Anteil wird
+das »fach uff der Elben« erwähnt; desgleichen der Werder (die Insel).
+Ebenfalls 1443 erhält Ursula, Wygands Witwe, den »vorderen Sitz zu
+Bilnicz« als Leibgut, während 1445 ein anderer »Wigand Czigeler
+(vermutlich der Sohn des ersten) und Lawacz Carlewicz, bede zu Bilnicz«
+zusammen mit einem Ritterpferde unter der »Erbarmannschaft« der Pflege
+Dresden aufgezählt werden, weil sie (gemeinsam) »das vorwerg doselbst
+haben und darzcu vier schock geldis«.
+
+1486 stehen, wie schon erwähnt, beide Hälften von Pillnitz in _einer_
+Hand. Am 6. November dieses Jahres wird abermals ein Wygand Ziegler mit
+beiden Anteilen belehnt. Als Lehnstücke gehörten damals zum Gute: das
+Dorf, die Insel, die Fachstatt in der Elbe und die Dörfer Krieschendorf
+und Borsberg.
+
+Um jene Zeit (um 1500) hören wir zum ersten Male auch vom _Gasthofe_
+zu Pillnitz. Das Schankrecht war auch hier, wie meist in den Dörfern
+unserer Gegend, mit dem Erbgericht verbunden. Nun beschwert sich damals
+der Rat zu Pirna, der allzeit scharf auf seinem Privileg der Bannmeile
+bestand, daß »der richter zcu Bilnicz (under Cristoff Czigeler) eyne
+meyle von Pirna gelegen, seyns junckherrn bier geschanckt« habe.
+Demnach scheint mit dem Pillnitzer Wirtschaftshof auch schon eine
+Brauerei verbunden gewesen zu sein.
+
+1513 werden anläßlich einer Messestiftung im St. Afrakloster zu Meißen
+auch die Namen einiger Ortsbewohner genannt: Andreas Strausz, Georg
+Schmidt und Johann Weidicht heißen diese Pillnitzer Erzväter; 1529 wird
+auch ein Halbhüfner Johann Sauppe dortselbst erwähnt.
+
+Von einem _Weinberge_, dem »hinderbergk sampt dem preszhaus« hören wir
+aus dem Lehnbriefe für Caspar Ziegler vom Jahre 1534.
+
+Bald danach, 1538, wird uns eine Nachricht überliefert, die uns
+Heimatschutzfreunden, besonders den Botanikern der Abteilung ~C~
+(Naturschutz) hochinteressant sein müßte, wenn sie – ohne Bedenken
+– auf die Pillnitzer Elbinsel bezogen werden dürfte. In jenem Jahre
+weilte, vom 18. bis 20. Mai, König Ferdinand zum Besuche Herzog Georgs
+in Dresden. Ein zeitgenössischer Bericht schildert seinen Einzug in
+Sachsen auf dem Elbstrom und die Festlichkeiten in der Residenz. Darin
+heißt es: Der König sei nach einem Nachtlager zu Pirna früh »auff das
+schyff geczogen und wider (weiter) nach Dreßten gefahren«; während der
+Fahrt seien »etliche fas mit schussen auf ein wert der mitten in der
+Elben leyt, (do es) sandick, ganz blos ist, gesetzt, die viel schusse
+gethan, da die schieff nohent voruber haben gehen mussen, darczu k. m.
+trommetter lostick geblasen haben.« (Ermisch, N. Archiv für sächsische
+Geschichte. III. S. 242.)
+
+Wäre damit unsere Pillnitzer Naturschutzinsel gemeint, so müßte die
+Vorstellung, daß wir auf ihr noch einen von Menschenhand ungestörten,
+sich selbst verjüngenden Auenwald aus vorgeschichtlicher Zeit besäßen,
+eingeschränkt werden, weil dann der jetzige Pflanzenwuchs auf dem »ganz
+blosen, sandigcken werd« von 1538 erst aus späteren Tagen stammen
+dürfte und wohl gar der Unterstützung durch Menschenhand sein Dasein
+verdanken könnte. Allein damals gab es einen solchen »werder« auch
+bei Birkwitz vor der Müglitzmündung, der heute völlig verschwunden
+ist, den aber noch die große Landesaufnahme Mathias Öders um 1600
+(Hauptstaatsarchiv Dresden. Blatt 180) verzeichnet. Wir haben also
+die Wahl, neigen uns aber gern nach der Seite derjenigen, die den
+ehemaligen Birkwitzer Werder als den Platz annehmen möchten, wo 1538
+Salut geschossen wurde. Und in jedem Falle bleibt die Pillnitzer Insel
+ein Naturdenkmal, das unseres unentwegten Schutzes würdig ist.
+
+Unter den Zieglern ist das Zubehör von Pillnitz vermehrt worden. Im
+Lehnbrief von 1514 stehen die von Hans Kundigen erkauften Güter und
+Dörfer Papperitz und Wachwitz; 1535 wurde von Wilhelm von Karlowitz
+Ober-Poyritz hinzuerworben, das ja schon früher einmal mit Pillnitz
+verbunden war. 1542 erlangte Caspar Ziegler gegen Abtretung der Reh-
+und Schweinejagd auf seinen Gehölzen von Herzog Moritz die Ober- und
+Niedergerichtsbarkeit auf seinem ganzen Besitztum. Caspar Ziegler starb
+am 27. April 1547 und wurde in der Frauenkirche zu Dresden begraben.
+
+Aus seinem Todesjahre liegt uns die älteste statistische Angabe über
+Pillnitz vor. Der Ort hatte damals zwölf besessene (= ansässige)
+Männer, deren Grundbesitz auf zusammen drei Hufen geschätzt wurde,
+und sieben Gärtner. Auf den Dorfgenossen ruhten vielerlei Lasten. So
+mußten alle, ausgenommen der Müller (von dem wir also wieder einmal
+hören), auf die Hasenjagd gehen, wobei sie allerdings für jeden Hasen
+einen Groschen bekamen; gefangene Füchse durften sie selbst verkaufen.
+Sie mußten für den Gutsherrn ferner Heu dörren, Flachs jäten, raufen,
+riffeln und brechen, Mist breiten, Kraut stecken, Schafe waschen (d.
+h. sie ein- oder zweimal des Jahres baden), den Weinberg lesen helfen,
+Weinpfähle ausziehen, Hafer rechen usw.
+
+Der letzte Ziegler auf Pillnitz war Christoph Ziegler. Er verkaufte das
+Gut samt allem Zubehör an Christoph von Losz, der die Lehen darüber
+am 18. März 1569 empfing. Auf dessen Schultern ruhten viele Würden.
+Er war des heiligen römischen Reiches Pfennigmeister, Oberschenk des
+Kurfürsten Christian I., später Chef der Haushaltung der Kurfürstin
+Mutter und Geheimer Rat.
+
+Schon unter ihm haben einmal (1578) Verhandlungen über den Ankauf
+von Pillnitz durch den Landesherrn geschwebt. Man kam aber zu keiner
+Einigung, vermutlich weil die Ansichten über den Wert des Gutes zu sehr
+auseinandergingen. Christoph von Losz veranschlagte ihn auf 25734 fl.
+13 Groschen 9 Pfennige, während die kurfürstliche Rentkammer Pillnitz
+nur auf 14445 fl. 14 Groschen 1 Pfennig schätzte.
+
+Diese Wertanschläge enthalten nun auch _die erste Nachricht_ über die
+_Schloßgebäude_. Losz selber sagt: »Die Gebäude seind ziemlich, doch zu
+einer Bewohnung nottdurftig angerichtet, wie im Augenschein vorhanden,«
+und er berechnet sie samt Scheunen und Ställen auf 1000 Gulden. Die
+kurfürstlichen Kommissare dagegen bemerken: »Die Gebäude sind gar
+geringe und über fünfhundert Gulden nicht würdig.«
+
+Wie schon gesagt, der Handel zerschlug sich, und Christoph von Losz
+vergrößerte nun in den folgenden Jahren sein Besitztum durch den Ankauf
+weiterer Dörfer und Rechte. Zuletzt (1607) schenkte ihm der Kurfürst
+noch die Dörfer Wünschendorf und Bonnewitz.
+
+Neue Unterhandlungen der Kammer wegen Erwerbung von Pillnitz für Herzog
+Johann Georg zeitigten wiederum kein Ergebnis.
+
+Unterdessen hatte Christoph von Losz mancherlei bauliche Veränderungen
+an seinem Rittersitze vorgenommen; die Tradition nennt besonders einen
+zweiten Turm an der nach Abend zu gelegenen Hauptfront, sowie den gegen
+Mittag gekehrten Seitenflügel.
+
+Am bedeutsamsten war aber sein von Erfolg gekröntes Bemühen, die
+kirchlichen Verhältnisse seines Besitztums neu zu ordnen. Bis zur
+Einführung der Reformation hatte Pillnitz zu der großen Kirchfahrt
+Dohna gehört, deren Mittelpunkt aber doch so weit von Pillnitz entfernt
+lag, daß sich daraus allerhand Unzuträglichkeiten ergaben, allein schon
+wegen des zur Winterszeit oft unmöglichen Verkehrs über den Elbstrom.
+Deshalb wurden 1539 Rittergut und Dorf Pillnitz samt Ober-Poyritz
+und Söbrigen zur Pfarre in Hosterwitz geschlagen. Streitigkeiten mit
+dem dortigen Geistlichen wegen Unterhaltung der kirchlichen Gebäude
+riefen in Christoph von Losz den Plan hervor, eine eigene Kirche und
+Pfarrwohnung in Pillnitz zu schaffen. Nach mancherlei Verhandlungen
+wurde am 8. Mai 1593 der Grundstein zur Schloßkirche gelegt; im April
+1597 war der Bau vollendet, und der hochangesehene Superintendent
+Polycarp Leyser vollzog am Sonntag Jubilate (17. April) seine
+Einweihung, während am Montag darauf der neuernannte Schloßprediger
+Magister Jacob Daniel Starke seine Antrittspredigt hielt.
+
+[Illustration: Abb. 5. =Das alte Schloß Pillnitz, Ansicht von
+Nordwesten=
+
+Aus: Bau- und Kunstdenkmäler, Heft XXVI.]
+
+Zu dem Vorhaben des von Losz: »nicht allein eine neue Kirche zu
+Pillnicz zu erbauen, sondern auch einen Pfarrherrn und Schulmeister
+dahin zu verordnen,« hatte schon 1595 die Kurfürstinwitwe Sophie
+geborene Markgräfin von Brandenburg 500 fl. Beisteuer bewilligt, was
+vielleicht die Vermutung rechtfertigt, daß der sächsische Hof seine
+Absicht auf Erwerb des Gutes noch immer festhielt. Tatsächlich bot
+der Kurfürst 1608 das Amt Senftenberg zum Tausch gegen Pillnitz an.
+Letzteres war dabei auf 59345 Gulden geschätzt worden. Auch diesmal kam
+der Handel nicht zustande. Übrigens hat dieser Widerstand gegen die
+Wünsche des Hofes weder dem Christoph von Losz noch seinem Erben die
+Gunst des Kurfürsten gemindert, da beide auch weiterhin mit allerhand
+Gnadenbeweisen bedacht wurden.
+
+Zu jener Zeit sah Pillnitz schon einmal, wohl zum ersten Male, eine
+große Hofgesellschaft. 1607 weilte nämlich Kaiser Matthias zu Besuch
+in Dresden, und Johann Georg I. veranstaltete ihm zu Ehren eine Jagd
+am Oberen Hasengehege bei Pillnitz, der von Losz aber bewirtete die
+hohen Gäste in seinem damals schon vielgerühmten herrlichen Lustgarten
+(Dresdner Geschichtsblätter Band V. Jahrgang XVIII, S. 27).
+
+Am 4. April 1609 starb Christoph von Losz und wurde in seiner
+neuerbauten Schloßkirche beigesetzt. Sein Sohn Joachim folgte ihm
+nach einem (1610 abgeschlossenen) Erbvergleich mit seinen Brüdern als
+Besitzer von Pillnitz. Von seinen Maßnahmen als Gutsherr sei hier
+nur hervorgehoben, daß er _die Schenke_ zu Pillnitz nebst der dazu
+gehörigen Hufe Landes von Georg Ramisch kaufte und daß er im Jahre
+1624 (Februar 22.) die landesherrliche Begnadung erlangte, über seine
+Güter (Lehngüter) Pillnitz, Graupe und Jessen nebst allen Zubehörungen
+»libere wie mit erb- und eigentümlichen Gütern« zu verfahren. Joachim
+von Losz war ein umsichtiger Geschäftsmann, der seinem kurfürstlichen
+Herrn in manchen Finanzangelegenheiten einer geldarmen Zeit wertvolle
+Dienste leistete. Seinen Untertanen gegenüber erwies er sich jedoch als
+ein harter und strenger Mann. Die Volkssage, die oft das Volksgericht
+ist, läßt den »bösen Losz« darum noch heute zuweilen als schwarzen Hund
+bellend und heulend auf dem Hofe zu Pillnitz erscheinen.
+
+1633, am 5. Oktober, war er aus dem Leben geschieden. Nur drei
+unmündige Töchter standen an seiner Bahre. Auf die älteste, Sophie
+Sibylle, kam infolge der Erbteilung vom 13. Juni 1636 das Rittergut mit
+den Dörfern Pillnitz, Borsberg, Papperitz, Krieschendorf, Ober-Poyritz,
+Söbrigen und Hosterwitz nebst den beiden Vorwerken zu Ober-Poyritz und
+allen Zugehörungen. Der Wert dieses Erbteils betrug 92102 Gulden 16
+Groschen 3 Pfennige. Im November desselben Jahres vermählte sich Sophie
+Sibylle mit Günther von Bünau aus dem Hause Tetschen, starb aber schon
+nach kaum vierjähriger Ehe (6. Oktober 1640). Ihr letzter Wille setzte
+den Gatten als Herrn von Pillnitz ein. Wenige Wochen später mußte
+dieser der Kriegsunruhen halber »Schiff, Kahn und Gefäße« aus Pillnitz
+nach Dresden in Sicherheit bringen. Am 17. April 1643 aber wurde
+Günther von Bünau mit dem Gute feierlich belehnt. Als er 1659 die Augen
+für immer schloß, blieb es zunächst längere Zeit im gemeinsamen Erbe
+seiner zwei Söhne aus verschiedenen Ehen, bis 1681 Heinrich von Bünau,
+der Sohn der ersten Gattin Christine Elisabeth Löser, durch Vergleich
+den Anteil seines Stiefbruders Rudolph ebenfalls erwarb.
+
+Wieder einmal taucht _die Schenke_ zu Pillnitz in der Überlieferung
+auf. Ihr Inhaber, Johann Weißkopf, kauft 1687 ein Bauerngut in
+Hosterwitz. (Dresdner Geschichtsbl. Jahrgang XVIII, Seite 50.)
+
+Unter Heinrich von Bünau gelangt nun endlich – 116 Jahre nach dem
+ersten Versuch es zu erwerben – Pillnitz in kurfürstliche Hand.
+
+Es kam nach längeren Verhandlungen am 31. Januar 1694 zu einem
+Vertrage, laut dessen Kurfürst Johann Georg IV. Pillnitz gegen Schloß
+und Amt Lichtenwalde sowie eine Barsumme von 20000 Gulden eintauschte.
+Der Gesamtwert des Schlosses am Elbstrome war dabei nach Abzug der
+Lasten auf 72895 Gulden 18 Groschen 1 Pfennig veranschlagt worden.
+
+Sehr rasch erkannte man im Lande, welche Absicht der Kurfürst mit
+Pillnitz gehabt hatte. Am 24. Februar 1694 schenkte er den kostbaren
+Besitz seiner Geliebten, der Gräfin Sibylle von Rochlitz, geborenen
+von Neitschütz. Es kam darüber (am 6. März) zu einem »unerhörten und
+gefärlichen ~rencontre~ mit der Gemahlin« des Kurfürsten, die dieser
+zu erstechen drohte; in seinem Wutanfall wäre es wohl zu einer solchen
+Freveltat gekommen, wenn nicht sein starker Bruder, Herzog Friedrich
+August, dazwischen getreten wäre, der ihm »drei Degen nacheinander aus
+der Hand gerissen«. (Vgl. Haake, August der Starke im Urteil seiner
+Zeit. Dresden 1922. Seite 14.) Man weiß, wie bald jener Liebestaumel
+sein Ende fand. Schon im April desselben Jahres starb die schöne
+Buhlerin an den Blattern und riß den verblendeten Liebhaber mit sich
+in das Grab. Ihr Nachlaß wurde beschlagnahmt; die Familie Neitschütz
+und ihr Anhang in einen peinlichen Prozeß verwickelt. Pillnitz nahm
+der Regierungsnachfolger Friedrich August (nachmals der Starke
+genannt) wieder zurück und ließ es durch die Kammer an Wolf Rudolph
+von Carlowitz verpachten. Im Jahre 1701 betrug die Pachtsumme für das
+Vorwerk 2300 fl. jährlich. Aber August der Starke brauchte, um seine
+Pläne auf die polnische Königskrone zu verfolgen, gewaltige Summen,
+und diesem Bedürfnisse mußte nun anscheinend auch Pillnitz dienen. So
+verpfändete es der Fürst schon am 12. Juni 1697 seiner Mutter Anna
+Sophie für 30000 rh. fl., wobei noch besonders betont wurde, daß
+Pillnitz kein der Kammer einverleibtes Domanialgut sei, sondern des
+Kurfürsten ererbtes Allodialeigentum.
+
+Nach seiner Erwählung zum König von Polen löste August der Starke
+Pillnitz 1702 wieder ein, indem er seiner Mutter statt dessen das
+Ostravorwerk einräumte. Pillnitz selbst aber verkaufte der Landesherr
+am 11. Juli dieses Jahres um 60000 Meißn. fl. an die sehr wohlhabende
+Witwe Anna Sophie von Einsiedel, deren Mann der Oberhofmeister der
+Kurfürstin-Mutter gewesen war. Letztere nahm am 1. August 1706 das
+Gut um 52500 Taler zurück, und schon am 12. Oktober 1707 gab sie es
+wiederum für 60000 Taler in die Hand des Kurfürsten-Königs.
+
+Es handelt sich hier seit 1697 offenbar um eine Reihe von Scheinkäufen,
+deren Zweck nicht mehr recht durchsichtig ist. Dagegen zeigt sich bald
+sehr deutlich, welcher Absicht der letzte Handel dienen sollte. Zum
+zweiten Male legte ein Wettiner das schöne Besitztum einer Gunstdame
+in den Schoß. Gräfin Anna Constantia von Cosel war die Empfängerin.
+Der Öffentlichkeit gegenüber ward die Schenkung in einen Kaufkontrakt
+gekleidet, der am 21. November 1707 abgeschlossen wurde und einen
+Kaufpreis von 60000 Talern angab. Wahrscheinlich ist die eigentliche
+Schenkung schon im Jahre vorher erfolgt und nur durch die kriegerischen
+Ereignisse von 1706 und vor allem durch den im Herbst dieses Jahres
+erfolgten Einfall der Schweden in Sachsen die formelle Übergabe
+verzögert worden.
+
+Welchen Einfluß die Cosel auf die äußere Gestaltung von Pillnitz
+ausgeübt hat, entzieht sich unserer Kenntnis; nachwirkend scheint
+er nicht gewesen zu sein. Ihre Biographen schildern diese Frau als
+»habsüchtig, eigennützig und geizig,« und die gewaltigen Summen,
+die ihr fürstlicher Gönner für den Glanz ihres Auftretens opferte,
+sind offenbar an andere Güter und Paläste gewendet worden. Denn die
+eigentliche Baugeschichte von Pillnitz unter dem genialen Fürsten setzt
+erst nach der Verbannung der Favoritin vom Hof und aus dem Herzen
+des Königs ein. Zweifelsohne hat aber das Schloß zu Zeiten der Cosel
+manches glänzende Fest in seinen Räumen, auf dem Strome und der Insel
+und in dem ausgedehnten Parke gesehen. August der Starke verbrachte
+den Sommer 1708 zumeist in Pillnitz bei der Geliebten; von hier aus
+unternahmen beide am 16. Juli einen Ausflug nach Stolpen, das wenige
+Jahre später ihr Gefängnis und zuletzt ihr Sterbeplatz werden sollte,
+und von hier aus trat am 30. Juli 1708 der König jene Reise nach den
+Niederlanden an, die er in einem Schreiben an seine Kabinettminister
+bezeichnete als »~un voyage de plaisir pour me désennuyer des chagrins,
+que je supporte pendant un certain temps~« (v. Weber, Arch. f. Sächs.
+Gesch. IX, 19).
+
+In Pillnitz saß Gräfin Cosel auch noch in den Jahren 1713 und 1714, als
+ihr Liebes- und Herrschaftstraum in Sachsen seinem Ende entgegenging:
+Pläne brütend, wie sie »die verlorene Gunst des Königs wieder erlangen,
+die verhaßte Nebenbuhlerin (Gräfin Dönhoff) verdrängen und an ihren
+Feinden Rache nehmen« könne. Wie einst die Generalin von Neitschütz
+(die Mutter der schönen Sibylle, der Cosel Vorgängerin als Schloßfrau
+in Pillnitz) versuchte sie dabei Mittel, die nur der blinde Aberglaube
+jener Tage für wirksam halten konnte. So ließ sie damals wiederholt
+Zigeunerweiber nach Pillnitz kommen, mit denen sie im Ofen ihrer
+Silberkammer geheimnisvolle Droguen braute; einen Schiffsmann im Dorfe
+beauftragte sie, einen klugen Mann in Böhmen aufzusuchen, dem sie viel
+Geld in Aussicht stellte, wenn er ihr die Liebe des Königs wieder
+zuwege bringen könne; den Wagner Georg Krausze in Pillnitz bewog sie
+1714, ihr in der Nacht einen Totenkopf vom Kirchhof in Klotzsche zu
+holen, speiste ihn freilich statt der zugesagten hohen Belohnung mit
+nur einem Groschen ab; anderer Sinnlosigkeiten nicht zu gedenken.
+Vielleicht hätte ihr ein würdiges, maßvolles Auftreten, wenn auch
+nicht die Liebe des Herrschers zurückgewonnen, so doch seine Achtung
+gesichert. Ihr Starrsinn aber trieb sie dem bitteren Ende entgegen.
+Am 12. Dezember 1715 entfernte sich die Cosel heimlich aus Pillnitz;
+nur ihren dreijährigen Sohn ließ sie dort zurück. Über Berlin, Halle,
+Nossen führte ihr Leidensweg nach Stolpen.
+
+[Illustration: Abb. 6. =Blick auf Pillnitz von der Bergkirche aus=]
+
+In der ersten Zeit ihrer Haft wurde Pillnitz noch durch den Verwalter
+der Cosel administriert; dann unterband man ihre geheime Verbindung mit
+diesem. Der König aber beschloß am 14. April 1718, Pillnitz wieder an
+sich zu nehmen, allerdings unter Berücksichtigung der Rechtsansprüche
+der Cosel. Man bot ihr einen Tausch gegen Lohmen oder Zabeltitz an; da
+sie jedoch darauf nicht einging und hartnäckig 5000 Taler jährlich oder
+eine Abstandssumme von 80000 Talern verlangte, so wurde ihr schließlich
+durch Reskript vom 21. Juli 1729 der Betrag der jährlichen Einkünfte
+des Gutes, den man mit 3206 Talern 15 Groschen 9½ Pfennig ermittelt
+hatte, auf Lebenszeit ausgesetzt. Später wurde der Kaufpreis ihrem
+Sohne, dem General Friedrich August Graf Cosel, vergütet.
+
+So ist denn Pillnitz vom Jahre 1718 an genau zweihundert Jahre lang
+ohne Unterbrechung im Besitze des Königshauses geblieben.
+
+[Illustration: Abb. 7. =Pillnitz, Bergpalais, Ansicht von der
+Gartenseite=]
+
+Nun entfaltete hier August der Starke seine hochfliegenden Pläne
+als Baumeister. Auch in Pillnitz wirkten in seinem Sinne seine
+Meisterarchitekten Pöppelmann und Longuelune und deren erprobte
+Gehilfen. Die Bauleitung wurde dem in solcher Tätigkeit wohl
+bewährten General Grafen Wackerbarth übertragen. Eine Darstellung
+der Baugeschichte in allen ihren Einzelheiten kann nicht unsere
+Aufgabe sein. Wir verweisen auf die mit Plänen und Ansichten reich
+ausgestatteten Arbeiten von A. v. Minckwitz und Cornelius Gurlitt.
+Die Bautätigkeit begann mit dem Abbruch der Schloßkirche. Das neue
+Gotteshaus wurde 1723 bis 1725 an der Weinbergslehne errichtet;
+zu seiner Ausstattung dienten Einrichtungsgegenstände des älteren
+Gebäudes. Noch heute sind in der »Weinbergskirche« die schönen
+Grabdenkmäler einiger Mitglieder der Familien Losz und Bünau zu sehen.
+1925 beging die Gemeinde Pillnitz das zweihundertjährige Jubiläum
+ihres Gotteshauses, das am 11. November 1725 eingeweiht worden war.
+1720 bis 1721 entstand auch das sogenannte _Wasserpalais_, das damals
+als orientalisches oder indianisches Lustgebäude bezeichnet wurde.
+Es ist jenes noch heute von allen Dampfschiffreisenden angestaunte
+Bauwerk in einem pseudo-ostasiatischen Stil mit der großartigen
+Hafentreppe. An ihr schaukelten sich einstmals, freilich erst seit 1744
+nachweisbar, die künstlerisch ausgestatteten Gondeln mit ihren bunt
+gekleideten Führern; mit dem Weggange der fürstlichen Herrschaften
+von Pillnitz sind sie wohl für immer verschwunden. Dagegen grüßt uns
+an der Elbseite noch einer der wenigen Überreste aus dem älteren
+Schlosse, nämlich jener Sandsteinobelisk aus der Zeit um 1650, der
+mit einem verlorengegangenen zweiten Obelisken einst vor der Ostfront
+des Loszschen Bauwerks stand und nach dem Brande von 1818 auf den
+»Löwenkopf«, den Unterbau eines früheren Lusthauses an der Elbe,
+gebracht wurde, der seinen Namen von einem an der Stromseite in das
+Mauerwerk eingelassenen Löwenhaupte, auch aus der Mitte des 17.
+Jahrhunderts, bekommen hat. 1722 und 1723 wurde auf der nördlichen
+Seite des Lustgartens, symmetrisch zum Wasserpalais und ebenfalls im
+chinesischen Stil, das _Bergpalais_ errichtet.
+
+[Illustration: Abb. 8. =Pillnitz, Bergpalais, Ansicht von der
+Gartenseite=]
+
+An den Bau beider Palais schloß sich 1723 der des _Venustempels_ an,
+der als großer Speisesaal diente. Seinen Namen verdankt er einer
+Galerie weiblicher Schönheiten, namentlich vom Hofe des fürstlichen
+Bauherrn selbst, die den mächtigen achteckigen Saal schmückten.
+
+Heute sind die Wände, ach, so kahl; denn auch gemalte Schönheit
+vergeht. Viele Porträts sind beim Brande von 1818 verlorengegangen;
+manche wurden schon 1791 nach Dresden gebracht; andere befinden sich
+noch im Wasserpalais.
+
+Von der inneren Einrichtung des neuen Schlosses wie des
+zweiten Neubaues vor hundert Jahren brauchen wir hier nicht zu
+sprechen, da ihrer in einem Parallelaufsatz eines hervorragenden
+Kunstschriftstellers später gedacht wird.
+
+Gleichzeitig mit den vorhin genannten Bauten entstanden vielerlei
+Nebengebäude, die zum Teil wirtschaftlichen Zwecken oder als Wohnhäuser
+für Beamte dienten. Hervorgehoben sei die _Schloßwache_ für das seit
+1723 hierher verlegte Wachkommando. Das Gebäude ist 1824 vollständig
+umgestaltet worden. – Unter August dem Starken erlebte auch der
+Pillnitzer Schloßgarten eine neue Blütezeit. Da seine Entwicklung
+ebenfalls demnächst in den Mitteilungen von berufener Feder geschildert
+wird, erübrigt sich hier eine besondere Darstellung.
+
+Ein südöstlicher Anbau am Venustempel wurde 1724 als katholische
+Kapelle geweiht, die nach unerwiesener Tradition früher ein Altarbild
+von Lukas Cranach enthalten haben soll. Um jene Zeit ist wohl auch die
+Schloßrestauration entstanden; jedenfalls wird sie 1724 in Akten zum
+ersten Male erwähnt. In dem Gebäude hatten auch der Hoftraiteur und der
+Hofmundbäcker ihren Sitz; nachdem die Hofmundbäckerei 1876 aufgehoben
+worden war, wurde die Schloßapotheke hierher verlegt.
+
+Den kostbaren Rahmen, den August der Starke hier in Pillnitz
+geschaffen hatte, füllten nun immer neue Bilder rauschenden Hoflebens.
+Oberstaatsarchivar Dr. H. Beschorner hat einen solchen Pillnitzer
+Festmonat auf Grund der Akten geschildert (Über Berg und Tal. Bd. VII,
+Seite 430). Es handelt sich um die Hochzeitsfeier der Gräfin Augusta
+Constantia von Cosel, der ältesten Tochter des Kurfürsten-Königs von
+seiner in Stolpen schmachtenden Geliebten, mit dem Ober-Falkenmeister
+Heinrich Friedrich Grafen von Friesen, die der fürstliche Brautvater
+höchst persönlich ausrüstete. Vom 3. bis 22. Juni 1725 dauerten die
+Lustbarkeiten, die aus Festtafeln und -bällen, Bauernkomödien im
+sogenannten Französischen Dorf zu beiden Seiten der Maillebahn, Vogel-
+und Scheibenschießen, Zigeuner- und Drescheraufzügen, Tauben- und
+Fasanenjagden, Ringrennen, einem Ausfluge nach dem Königstein und
+einem Schlußfeuerwerk für 795 Taler 19 Groschen bestanden. August
+der Starke verband aber in seiner originellen Art damit auch eine
+fortifikatorische Übung großen Stiles, die zwar zur Erheiterung der
+Hochzeitsgäste manchen humoristischen Einschlag bekam, der aber doch
+ein ernster militärischer Zweck zu Grunde lag, wozu starke Aufgebote
+von Infanterie und Artillerie unter Mitwirkung einer Stromflotte viele
+Tage lang um ein dazu besonders errichtetes Festungswerk auf dem linken
+Elbufer, Pillnitz gerade gegenüber, und um die Insel ringen mußten.
+Dieses Pillnitzer Manöver von 1725 ist somit als ein Vorläufer des fünf
+Jahre später folgenden berühmten Zeithainer Lagers anzusehen.
+
+Bekanntlich starb August der Starke 1733. Die Beziehungen seines Sohnes
+zu Pillnitz scheinen nur oberflächlicher Art gewesen zu sein.
+
+Seit 1765 aber benutzte die kurfürstliche Familie Pillnitz vielfach als
+Sommeraufenthalt, weshalb das Schloß durch weitere Anbauten, namentlich
+durch die noch jetzt stehenden Flügelgebäude am Bergpalais (1788)
+und am Wasserpalais (1789 und 1791) ansehnlich erweitert wurde. Der
+westliche Flügel führte später den Namen Kaiserflügel (Kaiser Leopold
+weilte 1791 hier als Gast), der östliche den Namen Königsflügel (er
+beherbergte gleichzeitig den König Friedrich Wilhelm von Preußen). Der
+bei all diesen Arbeiten tätige Architekt scheint der Oberlandbaumeister
+Chr. Fr. Exner gewesen zu sein. In jene Bauperiode fallen auch die
+Errichtung des sogenannten _Chinesischen Pavillons_ im Baumgarten
+hinter der Orangerie und die Erschließung des _Friedrichsgrundes_ durch
+Anlegung von Wegen, Schmuckplätzen und Wasserfällen (1780 bis 1783),
+sowie der Bau der _künstlichen Ruine_ (1785) am Ausgang dieses Grundes.
+
+[Illustration: Abb. 9. =Blick von der Hafentreppe auf die Pillnitzer
+Elbinsel=]
+
+Endlich hängt mit der Erhebung von Pillnitz zum ständigen Sommersitz
+des Hofes auch die dauernde Einrichtung der _fliegenden Fähre_ im Jahre
+1765 zusammen. Von einer älteren »fliegenden Brücke« hören wir zuerst
+1727. Es ist aber ein Irrtum des Pillnitzer Chronisten A. v. Minckwitz,
+wenn er (S. 77 seiner Geschichte von Pillnitz) die »vachstat« von
+1443 (s. o.) als eine Fähre deutet; man hat darunter vielmehr eine
+aus Steinen, Holz und Flechtwerk durch den Strom gezogene Mauer zu
+verstehen, die dem Fischfang diente.
+
+Im Jahre 1834 wurde den zur Dienstleistung auf der Fähre kommandierten
+Pontonniers gleichzeitig mit dem zur Bewachung von Pillnitz bestimmten
+Kommando der Leibgrenadiergarde das Pillnitz gegenübergelegene
+Jagdhaus zum Unterkommen überwiesen und im Jahre 1860 für dieselben
+eine besondere Kaserne am linken Elbufer hergestellt.
+
+Das einfach stille Leben, das der sächsische Hof hier in Pillnitz
+führte, ward nun im Sommer 1791 durch jene Fürstenzusammenkunft
+unterbrochen, die damals die Augen von ganz Europa auf sich zog
+und deren Ergebnis als _Pillnitzer Deklaration_ in den Tafeln der
+Weltgeschichte steht.
+
+In den Tagen vom 25. bis 27. August trafen sich hier Kaiser Leopold
+II., König Friedrich Wilhelm III. von Preußen und der Graf von Artois
+(der spätere König Karl X. von Frankreich) als Gäste des Kurfürsten
+August III. Der Gedanke dieser Fürstenzusammenkunft war vom Kaiser
+ausgegangen; Graf Marcolini, der Vertraute des Kurfürsten, hatte
+ihn eifrig gefördert. Zunächst bezweckte man durch eine persönliche
+Aussprache der Herrscher die seit den Schlesischen Kriegen noch
+bestehende Spannung zwischen den Höfen von Wien und Berlin zu
+beseitigen; ferner wollte man die polnische Erbfolgefrage, die damals
+die politische Welt bewegte, durch freundschaftliche Besprechung lösen,
+wobei die Person des Kurfürsten im Mittelpunkte stand, da diesem vom
+polnischen Reichstage die Königskrone angeboten worden war; endlich
+hoffte der Kaiser, den von ihm angeregten Bund der europäischen Mächte
+zur Beruhigung Frankreichs und zur kraftvollen Wiederherstellung der
+Monarchie ins Leben zu rufen.
+
+Mehr als Eindringlinge denn als erwünschte Gäste nahmen die
+französischen Emigranten, unter denen der übelberüchtigte Herr von
+Calonne hervortrat, an der Zusammenkunft teil. Aus den Verhandlungen
+zwischen den beiden mächtigsten Fürsten Deutschlands und dem Grafen
+von Artois ging jene Erklärung hervor, die nachmals als Pillnitzer
+Deklaration so berühmt geworden ist. Ihr Hauptinhalt war folgender:
+
+»Die Fürsten bezeichnen die augenblickliche Lage des Königs von
+Frankreich als einen Gegenstand der allgemeinen Teilnahme und sprechen
+die Hoffnung aus, daß das Interesse von denjenigen Mächten nicht
+verkannt werde, deren Beistand man anrufe. Man erwartet von ihnen,
+daß sie nicht anstehen werden, im Verein mit Österreich und Preußen
+nach Maßgabe ihrer Kräfte ausreichende Mittel anzuwenden, um den König
+von Frankreich in die Lage zu versetzen, in vollkommener Freiheit
+die Grundlage einer Regierungsform zu befestigen, welche den Rechten
+der Souveräne und dem Wohle Frankreichs entspräche. Der Kaiser und
+der König seien in diesem Falle entschlossen, im wechselseitigen
+Einvernehmen rasch vorzugehen und mit den notwendigen Mitteln das
+vorgesteckte Ziel anzustreben. Mittlerweile werden sie ihren Truppen
+die nötigen Befehle erteilen, durch welche sie in den Stand kommen,
+sich in Bewegung zu setzen.« Der Wunsch des Grafen Artois, daß die
+Monarchen sofort einen Winterfeldzug gegen Frankreich unternehmen
+sollten, wurde nicht erfüllt. Trotzdem hat man später die Pillnitzer
+Deklaration als eine Art Kriegserklärung gegen Frankreich aufgefaßt,
+und sie erregte dort eine gewaltige Empörung. (Nach P. Rachel in den
+Dresdner Geschichtsblättern, XX. Jahrgang, Nr. 1 und 2.)
+
+Die Pillnitzer Verhandlungen wurden umrahmt und halb verdeckt durch
+allerhand rauschende Festlichkeiten: prunkvolle Tafeln und Opernspiele,
+feenhafte Beleuchtung des inneren Schloßhofes und der schönen Alleen
+mit 45000 oder gar 60000 Lampen und ein prächtiges Feuerwerk auf der
+Insel, zu dem nicht nur aus Dresden gewaltige Menschenmengen sondern
+auch Neugierige aus Leipzig (allein 300 Studenten), Dessau, Berlin,
+Prag und Wien herbeigeströmt waren. Aber wie dieses pyrotechnische
+Spiel, so verpuffte rasch auch das Spiel der Pillnitzer Diplomatie.
+»Eine ehrliche innere Annäherung Preußens und Österreichs ist nicht
+erfolgt; der Kurfürst von Sachsen hat die polnische Krone nicht
+angenommen; der europäische Verein, der sich gegen die demokratischen
+Umtriebe bilden sollte, ist nicht zustande gekommen. Vielmehr ist der
+Gedanke, irgend etwas für die Wiederherstellung der alten Verhältnisse
+in Frankreich zu tun, sehr bald fallen gelassen worden, als sich Ludwig
+XVI. noch im September 1791 entschlossen hatte, die seit 1789 beratene
+Verfassung anzunehmen.
+
+Wohl aber ist aus der Anwesenheit des Grafen Artois in Dresden und
+Pillnitz und aus der Pillnitzer Deklaration die Auffassung entstanden,
+als wenn damals die erste Koalition der europäischen Mächte zum Angriff
+gegen die französische Revolution gestiftet worden sei.« (Rachel, a. a.
+O.)
+
+Die Erinnerung an den glänzenden Rahmen der Pillnitzer
+Fürstenzusammenkunft ist im Lande und besonders in der Dresdner
+Bürgerschaft noch lange lebendig geblieben, und der einst viel gelesene
+und in manchen Kreisen selbst heute noch beliebte Jugendschriftsteller
+Gustav Nieritz schildert das Riesenfeuerwerk recht anschaulich im
+letzten Kapitel seiner Erzählung: Der Johannistopf.
+
+Ein noch gewaltigeres Feuerwerk entzündete sich zur Mittagsstunde
+des 1. Mai 1818, dem alles, was noch vom alten Schloß erhalten war,
+dazu auch der Venustempel, innerhalb weniger Stunden zum Opfer fiel.
+Nachmittags einhalb drei Uhr stürzte der Schloßturm zusammen. Als
+Ursache der Feuersbrunst wurde Fahrlässigkeit bei einer Essenreparatur
+angesehen. Gerade hatte der Hof nach Pillnitz übersiedeln wollen. Schon
+am folgenden Tage boten die eben zu Dresden versammelten Landstände
+ihrem geliebten Fürsten 60000 Taler zum Wiederaufbau des Schlosses
+an, und nachdem die Abräumungsarbeiten alsbald in Angriff genommen
+worden waren, konnte schon am 29. Oktober 1818 der Grundstein zum
+Neubau gelegt werden. Im Herbst 1822 war der Mittelbau, der den
+großen Speisesaal enthält, vollendet; 1822 und 1823 entstand der
+Küchenflügel, der seine Front dem Elbstrome zuwendet; erst 1826 ward
+der gegenüberliegende Kapellenflügel fertig gestellt. Die Einweihung
+der Kapelle erfolgte sogar erst 1830. Oberlandbaumeister Christian
+Friedrich Schuricht war der leitende Architekt.
+
+Seit jener Zeit sind wesentliche Um- und Neubauten beim Schlosse nicht
+mehr vorgenommen worden.
+
+Dagegen erfuhr der Wirtschaftsbetrieb bald nachher einen Wandel. 1832
+begann nämlich die Ablösung der Grunddienstbarkeiten, Naturalzinsen und
+Geldgefälle der Gutsuntertanen, die erst 1846 zum Abschluß gelangten.
+Das Kgl. Kammergut erhielt dabei insgesamt 91235 Mark als Entschädigung.
+
+Pillnitz blieb auch ferner die bevorzugte Sommerresidenz der Wettiner,
+und zwei derselben haben in seinen Mauern ihre Augen zum letzten
+Schlafe geschlossen. Am 29. Oktober 1873 erlöste hier ein sanfter Tod
+König Johann, den Danteforscher, von seinem schweren Herzübel. Am
+Abend des 30. Oktober wurde der allverehrte Tote auf einem schwarz
+ausgeschlagenen, mit Fackeln erleuchteten Dampfer unter dem Geläute der
+Glocken nach Dresden gebracht. Und ein Menschenalter später, wieder
+an einem Herbsttage, trugen die Wellen des Elbstromes abermals die
+sterblichen Überreste eines Sachsenherrschers zu seiner Gruftkammer
+unter der katholischen Hofkirche. König Georg war in der Nacht vom 14.
+zum 15. Oktober 1904 in Pillnitz verstorben.
+
+Von den Fürsten, die gern hier weilten, sei noch Friedrich Augusts
+II. (1836 bis 1854) gedacht, des Botanikers, dem der Schloßgarten
+und die Gewächshäuser manches seltene Stück verdanken. Doch ist als
+der eigentliche Gründer der botanischen Anlagen Friedrich August der
+Gerechte anzusehen. Seit der Umwälzung von 1918 ist Pillnitz in das
+Eigentum des Staates übergegangen. Eine Zeitlang schien es, als ob
+das Schloß industriellen und Wohnzwecken dienstbar gemacht werden,
+der herrliche Park aber aufgelassen werden sollte. So wünschenswert
+jede Lösung unserer gegenwärtigen Wohnungsnot sein muß, der nur
+bescheidene Erfolg hätte in keinem Verhältnis zu dem Verluste
+gestanden, den wir und die Nachwelt erlitten hätten, wenn diese bau-
+und gartenkünstlerisch hervorragende und auch historisch bedeutsame
+Stätte der Allgemeinheit entzogen worden wäre. Dem wiederholt
+aufgetauchten Plane, die Geleise der Elektrischen durch den Park von
+Pillnitz hindurchzuführen, ist unser Verein bisher noch immer mit
+Erfolg entgegengetreten. Zwar hat ein für Sachsen neuer Gewerbebetrieb,
+eine Teppichweberei, Unterkunft in einem Nebenraume des Schlosses
+gefunden; sie ist aber bisher nicht störend empfunden worden, und die
+»Höhere Staatslehranstalt für Gartenbau«, die im alten Marstallgebäude
+ihren Sitz aufgeschlagen hat, fügt sich sehr passend zu dem Pillnitzer
+Schloßgarten und zu der ganzen Landschaft.
+
+Durch den noch immer wohlgepflegten Park aber lustwandelt heute die
+erholungsbedürftige, schönheitsfreudige Volksmenge, und viele der
+Besucher pilgern auch durch die Schloßräume und lassen die historischen
+Erinnerungen, die aus den Sälen und Kabinetten, in Ausstattungsstücken
+und Bildern vor ihre Seele treten, auf sich wirken – falls ihnen der
+eilige Führer Zeit zur Betrachtung gewährt und gedankenlose Mitläufer
+ihr Schwatzen und Kichern einstellen. Und in der Schloßwirtschaft und
+in der Mühle, im Goldenen Löwen und im Dampfschiffrestaurant staut sich
+das Volk wie einst in der guten alten Zeit vor 1914.
+
+[Illustration: Abb. 10. =Pillnitz, im Schloßgarten=]
+
+Das _Dorf_ Pillnitz hat sich seit Menschenaltern nur wenig verändert.
+Die _Schenke_, die schon vor hundert Jahren als »Gasthof zum goldenen
+Löwen« bezeichnet wurde, ist am 11. April 1835 vom Gute Pillnitz
+wieder abgetrennt und für 5850 Taler an Christian Friedrich Görner
+veräußert worden; auch die _Mühle_ ging 1835 in den erblichen Besitz
+des zeitherigen Pächters Joh. Gottlieb Wendisch über. Viel früher,
+schon 1752, war die _Schmiede_, die übrigens erst seit 1720 belegt ist
+(damals Schmied Christian Großer), vom Kammergut gelöst worden.
+
+[Illustration: Abb. 11. =Pillnitz, Schloßpark, Rundtempel=]
+
+Zu den alten Gärtner- und Häuslernahrungen sind nun eine Anzahl
+schmucker Landhäuser getreten. Mancher Dresdner von Ruf hat seinen
+Musensitz am Fuße der Weinberge aufgeschlagen. In einem kleinen
+Häuschen unweit der Ortsgrenze an der Pillnitz-Hosterwitzer Straße
+komponierte Carl Maria von Weber seinen Freischütz, die Euryanthe und
+den Oberon, und zu Pillnitz lebte und starb der feinsinnige Dichter
+Julius Hammer, dessen Denkmal vor der hiesigen Schule steht. Pillnitzer
+Luft weht in seinem schönen Liede »Vertraue dich dem Licht der Sterne«,
+und es waren wohl die Waldwege seiner Umgebung, die ihm solchen Trost
+gewährten, daß er singen konnte:
+
+ »Verdammt die Welt dich in Verblendung,
+ So such auf stillem Waldespfad
+ Dir neuen Mut für deine Sendung,
+ Für starke Treu und freie Tat.«
+
+Noch einmal schauen wir von der aussichtsreichen Terrasse des
+Dampfschiffrestaurants auf die Pillnitzer Insel. Ihrer ersten
+urkundlichen Erwähnung im Jahre 1443 gedachten wir schon, desgleichen
+ihrer Verwendung bei den großen Pillnitzer Festlichkeiten. Später
+diente sie der Fasanenzucht; jetzt ist die Zahl dieser stolzen Vögel,
+wie überhaupt der Wildstand, auf dem Werder stark herabgemindert. Auch
+mit den ältesten Erinnerungen der Dresdner an den Luftverkehr ist
+die Insel verknüpft. Hier ließ sich 1834 der Luftschiffer Professor
+Reichardt mit seiner Tochter nieder. Für die königliche Familie wurde
+Ende des achtzehnten Jahrhunderts ein Bad bei der Insel angelegt,
+das aber schon längst wieder eingegangen ist. Dafür tummelten sich
+auf ihrem Strande in den bewegten Tagen, die dem Zusammenbruch der
+deutschen Fürstenthrone folgten, Männlein und Weiblein aus der
+Nachbarschaft wie aus Dresden, die Rousseaus Ruf: »~retour à la
+nature~« so gern mit »Pflege der Nacktkultur« übersetzen. Aber der
+Plan, hier ein großes Freiluftfamilienbad zu gründen, scheiterte.
+Die Insel ward zum Naturschutzgebiet erklärt und ist nunmehr dem
+allgemeinen Besuch verschlossen. Dafür wird sie unter solchem Schutze
+noch vielen Geschlechtern, die nach uns kommen, das Bild eines
+selbstgewachsenen Auenwaldes zeigen, ein seltenes Naturdenkmal vor den
+Toren einer Großstadt. – Mit diesem Wunsche besteigen wir den Dampfer,
+der uns elbabwärts trägt; hinter uns verschwimmen Königsschloß und
+Fischerdorf im Abendnebel.
+
+ * * * * *
+
+Der vorliegende Aufsatz beruht im wesentlichen auf eigenen Studien
+im Dresdner Hauptstaatsarchiv (= Zettelsammlung zum Historischen
+Ortsverzeichnis von Sachsen) sowie auf A. von Minckwitz, Geschichte
+von Pillnitz; Dresden, 1893 und C. Gurlitt, Beschreibende Darstellung
+der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. Heft XXVI.
+Dresden, 1904, S. 159 ff. Daneben sind eine Anzahl von Führern (Mayer,
+Schäfer, Gottschalk) und verschiedene Pillnitz betreffende Artikel in
+Zeitschriften benutzt worden, auf die an den betreffenden Textstellen
+verwiesen ist.
+
+
+
+
+Gedenkbäume und andere Erinnerungsmale in Sachsen
+
+Von Dr. _Stephan_, Freiberg
+
+
+Der Verein Sächsischer Heimatschutz hat sich schon oft der Bäume
+angenommen, die durch ihr Alter ehrwürdig sind oder durch ihren Wuchs
+eine hervorragende Zierde einer Landschaft bilden, auch wohl durch
+den ihnen beigelegten Namen sich vor anderen auszeichnen. Seine
+Aufmerksamkeit verdient aber auch die reiche Anzahl der Bäume, die zum
+Andenken an bestimmte geschichtliche Ereignisse oder an hervorragende
+Persönlichkeiten gepflanzt worden sind, die Gedenkbäume. Es gibt
+in unserem Vaterlande keine Stadt und kein größeres Kirchdorf, wo
+nicht auf dem Friedhofe oder vor ihm, auf einem öffentlichen Platze,
+innerhalb gärtnerischer Anlagen, hier und da auch auf Bergeshöhen ein
+solches Erinnerungsmal den Vorübergehenden grüßte; und gar mancher
+dieser Gedenkbäume erregt durch seine Größe und die Stattlichkeit
+seines Wuchses Staunen und Bewunderung. Die Ortsverwaltungen hegen und
+pflegen ihn; sie haben seinen Stamm mit einem Holz- oder Eisengitter
+umgeben, einen kleinen Ziergarten um ihn herum angelegt, am Fuße einen
+Stein mit Inschrift errichtet, um allen, die sich an ihm erfreuen, zu
+sagen, wessen Gedächtnis er lebendig erhalten, an welche allgemein-
+oder ortsgeschichtliche Tatsache er erinnern soll.
+
+Leider ist solche liebevolle Pflege und solche Sorge für die Erhaltung
+der Gedenkbäume nicht überall zu finden. In einem Dorfe, wenige
+Wegstunden von der Residenz entfernt, steht an der Hauptstraße noch
+das alte, kleine Schulhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert. Neben der
+Haustür befindet sich in einem gemalten Kranze aus Eichenzweigen die
+Inschrift: »Zum Denkmal des 3. Reformations-Jubiläi d. 31. Oktbr.
+1817 wurde dieser Stein von der hiesigen Schuljugend errichtet und 2
+Linden und 1 Eiche allhier gepflanzet.« Nebeneinander standen bis vor
+wenig Jahren die drei Bäume vor dem schlichten Hause, es mit ihren
+schönen Kronen beschattend. Heute sind die Zeugen der Begeisterung,
+die vor hundert Jahren die Herzen der Evangelischen allüberall im
+Sachsenlande erfüllte, verschwunden. Weil sie alt und morsch geworden
+seien, hat man sie umgeschlagen. Sie sahen noch vor sechs bis zehn
+Jahren wahrlich nicht so aus. Die Inschrift steht aber noch da.
+Nicht anders ist es mit der Buche auf der Rittergutsflur Neusorge
+bei Mittweida, die dankbare Hände im Jahre 1763 aus Freude über den
+Frieden zu Hubertusburg gepflanzt hatten, der den siebenjährigen
+schweren Kriegsleiden unseres Volkes ein Ende machte. Sie war zu
+einem prächtigen Baumriesen mit einem Stammdurchmesser von einem
+Meter siebzig Zentimeter emporgewachsen. Zu Beginn dieses Jahres ist
+sie unter den Äxten von Arbeitern gefallen. Auch sie soll morsch und
+»eine Gefahr für Vorübergehende geworden« sein. Kenner bezweifeln das,
+und Natur- und Heimatfreunde beklagen das Vorgehen des Besitzers,
+des Fürsorgeverbandes Leipzig, auf das tiefste. Anderwärts mußte,
+wie es heißt, einem Gedenkbaume die Krone abgesägt werden, weil er
+einem Neubau im Wege stand oder weil ein neuer Weg angelegt werden
+sollte; die schönsten Äste eines andern entfernte man, um Fernsprech-
+oder Lichtleitungen bequemer führen zu können. Hier und da liegt der
+Verdacht nahe, daß ein Gedenkbaum nur deshalb hat fallen müssen, weil
+aus seinem Holze ein hübsches Stück Geld zu lösen war.
+
+Begünstigt wird die Unüberlegtheit und Rücksichtslosigkeit den
+Gedenkbäumen gegenüber vielfach dadurch, daß sie sich äußerlich gar
+nicht oder gar nicht mehr von anderen Bäumen im Orte unterscheiden.
+Die Tafel, die verkünden sollte, zu wessen Ehren die Ortsbewohner
+eine Eiche oder Linde gepflanzt haben, ist schon lange verschwunden;
+Bubenhände haben sie abgerissen oder so beschädigt, daß sie entfernt
+werden mußte; das Gitter um den Stamm ist verfault oder verrostet, der
+Stein an seinem Fuße verwittert oder nicht mehr vorhanden. Nicht zu
+selten hat man überhaupt versäumt, den Gedenkbaum mit einem Kennzeichen
+zu versehen; seine Bedeutung sei ja allgemein bekannt, heißt es. Fragt
+nun aber ein Freund der Heimatgeschichte einen Knaben oder jüngeren
+Erwachsenen, warum und wann ein schöner, meist an hervorragender Stelle
+stehender Baum gesetzt worden sei, so bekommt man fast regelmäßig ein
+Achselzucken als Antwort; ältere Leute glauben zwar zu wissen, daß
+ihn die Eltern oder Großeltern an einem besonderen Festtage gepflanzt
+haben, aber an welchem, können sie nicht sagen. Was Wunder, wenn er,
+vielleicht schon nach einem halben Jahrhundert, als ein Baum gilt wie
+jeder andere und daher auch keiner besonderen Schonung und Pflege wert
+erscheint.
+
+Es möchte daher den Gemeindebehörden auch vom Verein Sächsischer
+Heimatschutz angelegentlich empfohlen werden, sich der in ihrem
+Geschäftsbereiche vorhandenen Gedenkbäume anzunehmen.
+
+Es ist erstaunlich, wie groß der Reichtum an Gedenkbäumen in unserem
+Vaterlande ist, wenn sich auch die Sitte, solche zu setzen, erst mit
+Beginn des vorigen Jahrhunderts allgemein durchgesetzt hat. Doch fehlt
+es auch nicht ganz an ihnen aus früherer Zeit. Sehen wir von den alten
+Linden ab, unter denen der Überlieferung nach Luther gepredigt hat
+(Prießnitz bei Borna, Ringetal bei Mittweida, hier leider nur noch ein
+Stumpf) und der sogenannten Lotterlinde in Augustusburg aus dem Jahre
+1584, so dürfte als ältester noch vorhandener Gedenkbaum die Linde
+anzusprechen sein, die bei der zu Niederzwönitz gehörigen Brettmühle am
+hundertsten Todestage Luthers (1646) gesetzt worden ist. Ihr folgen im
+Alter die Linde, die nach mehrfachen Zeugnissen im Jahre 1655 an dem
+hundert Jahre zuvor geschlossenen Augsburger Religionsfrieden, und die
+Linde, die aus demselben Anlaß ein Jahrhundert später in dem kleinen
+Dörfchen Ölsnitz in der Amtshauptmannschaft Großenhain gepflanzt
+wurde. Nachdem die Hubertusburger Friedenslinde in Neusorge gefallen
+ist, erinnert kein Baum mehr an das Jahr, in dem der Siebenjährige
+Krieg zu Ende ging; denn auch die Friedenslinde in Löthain bei Meißen
+aus demselben Jahre ist vor nicht zu langer Zeit durch Blitzschlag
+zerstört worden. Um so stattlicher ist die Zahl der Gedenkbäume, die
+dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert angehören. Die Rückkehr des
+Königs Friedrich August des Gerechten aus der Gefangenschaft (1815) gab
+den ersten Anlaß zur Pflanzung von Linden und Eichen, so in Deutzen
+(A. H. Borna) und Friedrichswalde (A. H. Pirna), und von da an gibt es
+bis in unsere Tage kein Ereignis von geschichtlicher Bedeutung, das
+nicht durch Gedenkbäume ausgezeichnet wäre, so das Reformationsjubiläum
+1817 (Annaberg, Auerbach, Blankenstein bei Wilsdruff, Konstappel,
+Heynitz, Gatzen bei Groitzsch, Höckendorf, Possendorf, Röhrsdorf bei
+Maxen, Struppen, Tharandt – die letzten fünf Orte gleich mit je drei
+Linden), das fünfzigjährige Regierungsjubiläum des Königs Friedrich
+August I. 1818 (die »Königseichen« in Borna-Stadt, Chemnitz-Schloß,
+Olbernhau, Bockendorf, Reichenbrand bei Chemnitz, Neustädtel, Gelenau,
+Zethau und die »Königslinden« in Zöblitz, Markersbach bei Mittweida),
+die Dreihundertjahrfeier der Übergabe der Augsburgischen Konfession
+von 1530 (Erdmannsdorf, Gleisberg bei Roßwein, Meißen, Kleinschirma
+bei Freiberg, Hermsdorf bei Frauenstein, Vielau bei Zwickau), ferner
+die der Einführung der Reformation im Herzogtum Sachsen, die 1539
+erfolgte (Pegau, Regis, Thiemendorf bei Öderan), des Todestags
+Luthers (Bubendorf bei Frohburg, Gostewitz bei Riesa, Hohenkirchen,
+Kötzschenbroda, Neukirchen bei Borna), des Augsburger Religionsfriedens
+1555 (Euba bei Chemnitz, Großnaundorf), die fünfzigjährige Wiederkehr
+der Leipziger Schlacht, vor allem aber die Friedensfeier 1871, der
+vierhundertste Geburtstag Luthers 1883 und das Wettinjubiläum 1889.
+Dem Verfasser sind jetzt schon gegen dreihundert sächsische Gemeinden
+bekannt, die am 10. November 1883 eine Eiche oder Linde, eine Buche,
+einen Ahorn- oder einen Apfelbaum gepflanzt haben. Ebenso zahlreich
+vertreten sind die Kaiser Wilhelm (I.)-, Albert-, Bismarck- und
+Moltke-Gedenkbäume, als Zeichen der Verehrung für diese Schöpfer der
+deutschen Einheit gepflanzt, sei es zur Feier ihres Geburtstages, ihrer
+silbernen Hochzeit, ihres Regierungsjubiläums oder auch zum Andenken
+an ihren Tod. Weiter haben die Jahre 1859 und 1905 Anlaß zur Pflanzung
+von Schillerlinden, 1863 und 1913 zu der von Körnereichen gegeben. Das
+Gedächtnis Heinrich Cottas, des genialen Forstmannes, lebte fort in
+Eichen in Werdau, Rauschenbach, Borstendorf und in ganzen Baumgruppen
+im Tharandter und im Zschopauer Walde, das des Turnvaters Jahn in
+einer Eiche in Großschönau und Ernst Moritz Arndts in einer solchen in
+Rabenstein. Endlich: wollte eine Gemeinde bei ihren Kindern und Enkeln
+das Andenken an ein Ereignis lebendig erhalten, das ihr bedeutungsvoll
+war, an ein verheerendes Schadenfeuer, die Weihe der neuerbauten Kirche
+oder Schule, oder an einen Mitbürger, der sich große Verdienste um sie
+erworben, oder an einen Wohltäter der Armen des Ortes, so pflanzte
+sie einen Gedenkbaum; ja auch Vereine taten das an dem Tage, da sie
+ihr fünfundzwanzig- oder fünfzigjähriges Bestehen feierten. Und es sei
+wiederholt, es sind oft Prachtstücke, diese Gedenkbäume, die allein
+um ihrer Schönheit willen gehegt und gehütet zu werden verdienen, wie
+vielmehr ihrer geschichtlichen Bedeutung wegen, wenn auch nur der für
+einen einzelnen Ort.
+
+Schutz und Pflege, wie die Gedenkbäume, verdienen aber auch und haben
+vielfach nötig die anderen Erinnerungsmale in Sachsen, die Denkmäler,
+Denksteine und die Gedenktafeln. Ihre Zahl übertrifft die der
+Gedenkbäume bei weitem.
+
+Die Denkmäler in unseren Städten sind meist von Künstlern geschaffen,
+also Kunstwerke, und sind schon um deswillen wertzuhalten, mögen sie
+auch an frühere Herrscher und beseitigte Staatsformen erinnern. Nur
+Unverständige können sie beseitigen, Rohlinge sie beschädigen wollen.
+Aber auch die Denkmäler, denen der Kunstwert abgeht, wie die überaus
+zahlreichen Obelisken und Pyramiden, die nach dem deutsch-französischen
+Kriege auf den Friedhöfen oder öffentlichen Plätzen unserer Land- und
+kleineren Stadtgemeinden errichtet worden sind, sollten nicht mißachtet
+und vernachlässigt werden. Wenn in den letzten Jahren allüberall
+Ehrenmale für die im Weltkriege gefallenen Krieger entstanden sind,
+so ist das doch ausnahmslos in der Erwartung geschehen, daß nicht
+nur das gegenwärtige Geschlecht, sondern auch die kommenden sich
+bei ihrem Anblicke dankbar der schweren Opfer erinnern, die das
+deutsche Volk in Millionen seiner besten Söhne für des Vaterlandes
+Erhaltung und Freiheit gebracht hat, und angespornt werden zu gleicher
+Opferfreudigkeit, wenn es not tun sollte. Ganz dasselbe haben aber auch
+die Volksgenossen erwartet, die vor fünfzig Jahren ihren gefallenen
+Brüdern ein Dankesmal aufrichteten, und ein jedes von diesen verdient
+denselben Schutz, den die in unseren Tagen geschaffenen beanspruchen.
+
+Am leichtesten scheinen Gedenktafeln zu verschwinden. Eine
+Gedenktafel soll dem Vorübergehenden künden, daß in dem Hause,
+über dessen Eingangstür oder Mittelfenster sie angebracht ist, ein
+berühmter oder doch weit bekannter Dichter, Komponist, Gelehrter,
+oder ein hervorragender Vertreter der Industrie, des Handels, der
+Landwirtschaft, ein Wohltäter für die Gemeinde, ein hochherziger
+Förderer von Kunst und Wissenschaft geboren oder gestorben ist, oder
+doch längere Zeit gewohnt und gewirkt hat, wohl auch, daß ein Napoleon,
+Alexander I., Friedrich der Große, ein Bismarck oder Moltke in Kriegs-
+oder Friedenszeiten dort abgestiegen ist, usw. Aber das durch diese
+Bewohner geweihte Haus, vielleicht aus der Biedermeierzeit stammend,
+oder noch höheren Alters, will nicht mehr in seine Umgebung passen,
+der Grund und Boden, auf dem es steht, kann gewinnreicher durch die
+Errichtung eines Kaufhauses oder eines vielstöckigen Mietgebäudes
+gemacht werden. Deshalb wird es abgebrochen, und damit verliert
+sich seine Gedenktafel. So sucht man z. B. in Leipzig die Tafel,
+die Gellerts Wohnung in der Rittergasse bezeichnete, und die am
+Geburtshause des Mathematikers Kästner auf der Petersstraße angebracht
+gewesene, in Dresden die dem Erbauer der Frauenkirche, George Bähr,
+an dem Eckhause Seestraße und An der Mauer gewidmete vergeblich. Es
+würde dem Bauherrn des neuen Hauses gewiß keine besonderen Mehrkosten
+verursachen, wenn er an ihm die Gedenktafel des alten wieder anbringen
+oder, wenn das wegen ihres Textes nicht angängig ist, eine andere
+gießen läßt, auf die statt des »In diesem Hause« ein bloßes »Hier«
+gesetzt wird oder auf der es nur heißt: Geburtsstätte des Dichters –.
+Selbst der Ausweg, die Gedenktafel irgendwo im Inneren des neuen Hauses
+anzubringen, oder doch wenigstens statt ihrer eine Inschrift, die auf
+die Bedeutung des Hauses hinweist, das dem Neubau hat weichen müssen,
+wie dies geschehen ist, im Hofe des Hauses Brühl Nummer 3 in Leipzig,
+an dessen Stelle Richard Wagners Geburtshaus stand, ist der pietätlosen
+Beseitigung des Erinnerungsmales vorzuziehen.
+
+Viele Erinnerungsmale sind schon verloren gegangen. Daher wollen
+wir die noch vorhandenen heilig halten. Sie für das Gebiet unseres
+Sachsenlandes festzustellen und zu verzeichnen, bemüht sich der
+Verfasser seit Jahren. Vielleicht trägt seine Arbeit nach ihrer
+Vollendung dazu bei, daß die Zahl derer recht groß wird, die gern
+mithelfen, das, was unsern Eltern lieb und wert war, also auch die von
+ihnen gepflanzten Gedenkbäume, die von ihnen errichteten Denkmäler und
+die Gedenktafeln, mit denen sie ihre hervorragenden Zeitgenossen ehren
+wollten, sorglich zu schützen und zu pflegen.
+
+
+
+
+Köhler, Flößer und Pecher im Erzgebirge
+
+Von Dr. _Siegfried Sieber_, Aue
+
+
+Der staatlich angestellte Waldarbeiter von heute, der in einem hübschen
+Heimatschutzhäuschen wohnt, seinen Gehalt nach dem Dienstalter erhält,
+dazu Ortszuschläge, Kinderzulage und Altersrente beanspruchen kann, ist
+der Nachfahre der ehedem erbärmlich im Walde hausenden Köhler, Pecher
+und Flößer.
+
+»Wild, wüst, wölfisch«, sagt der Erzgebirgschronist Lehmann, war
+damals weitum der Wald, drin der Kohlenbrenner schürgte. Einst grub er
+Erdmulden, warf Holz und Reisig hinein, überdeckte dies mit Erde und
+ließ den Brand darunter langsam schwälen, bis die Grubenkohle fertig
+gebrannt war. Später lernte er den kunstvollen Meiler bauen.
+
+Auf ebenem lehmigem Boden, locker mit Rindenstückchen und Fichtennadeln
+bedeckt, damit Wasser durchsickern konnte, grenzte er kreisrund die
+Kohlstatt. Eine Stange, das Quendelholz, stieß durch die Mitte,
+trocknes, mürbes Brennholz ward herumgehäuft und die Zündrute daran
+geschnürt. In vier Stockwerken schichtete das Kohlholz sich hoch
+zur Form eines gewölbten Backofens. Fichtenreisig, Erde und Rasen
+vermummten den Meiler luftdicht, ließen nur die Zündstelle und ein
+paar Zuglöcher nahe am Boden offen. Gegen den Wind baute der Köhler
+eine Wand von Wurzelstöcken. Dann ward der Aufbau nach fünf oder sechs
+Tagen strenger Arbeit vollendet, und mit den Worten: »Walts Gott!«
+ließ der Meister die Flamme zur Mitte des breiten Rundbaues laufen.
+Der grobe Schürbaum stieß während des zehn Tage langen Brandes weitere
+Löcher in die Decke. Auch wurde von oben aus noch eine ganze Menge Holz
+nachgeschüttet, wenn das Kohlholz im Meiler sich langsam verzehrte.
+Besonders gefährlich war es, wenn der Köhler auf einem Stamm, dessen
+Äste als Leitersprossen zugestutzt waren, zum Kranz des Meilers
+emporkletterte, um Luft zu schaffen oder den Kranz abzudecken. Wie
+oft brach der einsame Wäldner dabei durch und verbrannte elendiglich
+im eigenen Meiler! Dann konnten Plattenschmieden und Hammerwerke
+vergeblich harren, wer ihnen die rauchende Ware ins Kohlhaus brächte.
+
+So lange die schwarze Kuppe rauchte, mußte der Köhler im niedrigen
+Kohlkram hockend bei ihr wachen. Tagsüber hackte er Holz für den
+nächsten Brand zurecht. Zum Abdecken holte er sich einen Gehilfen,
+sofern er nicht schon für die anstrengenden Nachtwachen einen bei sich
+hatte. Ins nächste Dorf kam er selten hinunter. Man glaube nicht, daß
+die Köhlerei längst vorüber sei. Im neunzehnten Jahrhundert war sie
+noch gar lebhaft. Die größte Holzverkohlung Sachsens lag im Bereich der
+Blumenau-Görsdorfer Flöße an der Flöha. Gegen dreißig Männer kohlten
+dort im Walde. Freilich seit Stein- und Braunkohlen auf Eisenbahnen ins
+Erzgebirge rollten, schrumpfte die Köhlerei, und gegen 1900 rauchten
+nur noch wenige Meiler bei Zöblitz und Hirschenstand, bei Morgenröthe
+und Carlsfeld. Jetzt kann man Köhler noch bei der Arbeit sehen hinter
+Sosa im Walde am Auersberg. Sie liefern für bestimmte Gießereizwecke
+Holzkohlen nach Aue.
+
+Noch schneller strandete die Flößerei. Einst wiegten alle
+Erzgebirgsflüsse das Holz der Wälder ins Niederland. An den
+Steilhängen der Waldufer blinkten die Scheite und Schnittflächen der
+frischgeschälten Stämme wie Silberanbrüche. Eichen erseufzten unter der
+Axt, graue Tannen rutschten in Runsen bergein. Auf dem Kälberplan bei
+Crottendorf gab eine Tanne allein dreizehn Klafter Holz, und nahebei
+am Katzenstein fällten sie eine Fichte, die über vierzig Meter hoch
+ragte. Geschworene Holzschläger hafteten für Auswahl und Aufbereitung
+der Stämme. Brettbäume, zu Bauholz geeignet, kamen ins Wasser, dagegen
+schlechte Stämme wurden der Köhlerei überwiesen. Windbruch, Leseholz
+und Gnadenholz für Bäcker, Schulmeister und arme Leute wurden an ihre
+Bestimmungsorte geschleift. So schrieb es Vater Augusts berühmte
+Holzordnung aus dem Jahre 1560 genau vor.
+
+Glashütten und Hammerwerke fraßen ihre Nachbarwälder kahl. Noch ärger
+wüstete der holzhungrige Bergbau. Drum bauten die großen Bergstädte
+lange, künstliche Floßgräben, um Grubenholz aus entfernten Wäldern
+heranzuschwemmen. Schneeberg begann damit 1546. Noch heute ist
+der wundervolle Flößgrabenweg von Bockau über Aue nach Schneeberg
+ein beliebtes Ziel der Wanderer. Nächst ihm ist unter den vielen
+sächsischen Floßgräben der Aschergraben bei Altenberg der bekannteste.
+Für Annaberg legte Senator Georg Öder 1564 eine Holzflöße an. Der
+Graben ward allmählich bis zum Bärenstein verlängert. Er endete auf
+dem Floßhof, im jetzigen Stadtpark am Fuße des Pöhlberges. Außerdem
+zogen die Annaberger jährlich dreitausend Klafter aus dem Pöhlbach,
+während auf der Sehma das Holz vom Nachbar des Fichtelberges, dem
+Eisenberg, herabbefördert wurde. Auf der Mittweida stießen sich in
+jeder Flößzeit eintausend Klafter nach Crottendorf und Scheibenberg.
+Flöha und Zschopau, Schwarzwasser und Mulde legten ihren Holztribut
+auf Floßplätzen und Holzangern nieder. Im sechzehnten Jahrhundert
+verpachtete der Kurfürst noch den Flößbetrieb, später saßen
+staatliche Floßmeister zu Lauter, Olbernhau oder Eibenstock, ja in
+Mittweida-Markersbach haftete der Schulmeister für den Floßanger. Der
+Name Floßplatz bei Wolkenstein erinnert ebenfalls an die Flößerei.
+Bisweilen gab es wohl auch Kämpfe um die Flöße, wenn z. B. adelige
+Herren den Holztransport auf der Mulde nach Zwickau nicht gestatten
+wollten und von Schloß Stein oder Wiesenburg die Floßknechte
+beschossen. Doch im neunzehnten Jahrhundert entkräfteten Eisenbahnen
+mit billigen Frachten sowie Fabriken, die den Flüssen für ihre
+Betriebsgräben Wasser entzogen, die alte Flößerei. 1872 ging die letzte
+Floßanstalt, 1878 der letzte Holzhof ein.
+
+Pecher sind bis in unser Jahrhundert im Erzgebirge tätig gewesen. Um
+Crottendorf und Grünhain, besonders aber zwischen Schwarzenberg und
+dem Vogtlande lagen die großen Pechwälder, die besonders geschützt und
+bei Waldbränden sogar mit Aufgebot von Hilfskräften aus dem Niederland
+gesichert wurden. Für das Gebiet um den Auersberg hatten im fünfzehnten
+Jahrhundert die ritterlichen Herren von Tettau auf Schloß Schwarzenberg
+besondere Pechlehnbriefe ausgegeben und Gewerkschaften nach dem Muster
+des Bergbaues mit Pechsteigern, Mutzetteln und Kuxen zur Pechnutzung
+ermächtigt. Die größte Gesellschaft, Flötzmaul nach einer berühmten
+alten Grube benannt, hatte im Walde um Eibenstock zu harzen, sechs
+andere an der Wilzsch und im Schönheider Waldland. Nach den Tettaus
+übernahm der Kurfürst die Belehnung, ward selbst Gewerke, gab aber auch
+Vorschriften, daß junge Hölzer zu schonen und jeder entharzte Stamm
+drei Jahre zu meiden sei. Denn der Harzer schnitt etliche Risse breit
+und lang in den Baum, schabte im nächsten Jahre das Harz und trug es
+zur Pechhütte, einer verschalten Grube nebst einem Kupferkessel, den
+ein Rindendach schützte. Das gesottene Pech schöpfte der Pecher mit
+langer Kelle in die Grube und brach es nach Erkalten heraus. Seit 1740
+erzielte man in Holzformen gleichmäßige Pechtafeln.
+
+In vierzig solcher Pechhütten dienten einsame Wäldner auf Tagelohn.
+Pechsteiger beaufsichtigten ihre mühsame Arbeit und pürschten mit
+den Forstbeamten den Harzdieben nach, die in Banden von zwanzig und
+dreißig Mann aus Böhmen kamen, um das Harz der sächsischen Wälder
+zu stehlen. Dreihundert Zentner Pech schmolzen die Gewerkschaften
+des Schwarzenberger Gebietes alljährlich und verkauften sie an die
+Brauhäuser, an Handwerker und Apotheker. 1845 übernahm der Staat die
+Pechweide, unterhielt bei Tannenbergstal und im Wiesenhause Pechhütten,
+stellte aber 1894 die Nutzung ein. Nur in Schwarzenberg blieben
+Pechbetriebe bis nach dem Weltkrieg erhalten. Sie verwendeten Pech von
+auswärts, bestehen aber heute auch nicht mehr.
+
+
+
+
+Der Dresdner Saugarten in der Dresdner Heide
+
+Von _Oskar Pusch_, Dresden
+
+
+Der Kahlschlag in Abteilung 6 des Dresdner Reviers, der »Sausechs« im
+Munde der Waldarbeiter, im Jahre 1924 bis 1925 ließ einen tiefen Blick
+in die Geschichte der Dresdner Heide tun. Es ist wohl noch bekannt,
+daß Professor Deichmüller dank dieser Rodung unweit der Radeberger
+Landstraße ein bronzezeitliches Gräberfeld mit etwa sechzig Urnen
+bloßlegen konnte. Waldarbeiter waren auf Steinsetzungen und Urnenreste
+gestoßen. Ein Jahr später brachte man ein ungefähr dreitausend Jahre
+jüngeres Werk unserer Vorfahren ans Tageslicht. Außerordentlich
+feste Mauerreste, ein wohlerhaltener Plattenbelag, ein Pflaster nach
+Katzenkopfart, Reste von Ziegeln, Glassplittern und Tonpfeifchen waren
+die letzten Zeugen einer vergangenen höfischen Jagdbetätigung. »Ein
+verschollenes Dorf« meinten die Waldarbeiter, der »Dresdner Saugarten«
+aber war es in Wirklichkeit.
+
+[Illustration: Abb. 1.]
+
+Es lohnt, einmal kurz die Geschichte des Dresdner Saugartens, die
+völlig aus der Überlieferung der Heidebewohner verschwunden war, wie
+sie aber dank dem Aktenmaterial des Hauptstaatsarchives und des
+Denkmalamtes festgelegt werden konnte, aufzurollen.
+
+Von der Zeit seiner Entstehung ist nichts bekannt. Die unmittelbare
+Nähe des bronzezeitlichen Gräberfeldes läßt die Vermutung aufkommen,
+im Saugarten einen germanischen Kultplatz zu sehen. Jedenfalls war der
+Platz durch die unmittelbare Nähe zweier Quellen zu jeder Zeit für
+menschlichen Aufenthalt besonders geeignet.
+
+Kurfürst Vater August (1553 bis 1611) ließ bei Beginn seiner Regierung
+vom Magister Humelius aus Leipzig die erste Heidevermessung vornehmen.
+Mathias Oeder führte eine genauere um 1570 aus. Oeders Plan bildet noch
+heute eine Zier des großen Kartensaales des Hauptstaatsarchives.
+
+Beide Männer kannten schon den »Treybegarten« oder kurz »Garten«, d. i.
+eben unser Saugarten. Humelius orientiert sogar die Kartenbeschriftung
+nach der Gartenmitte. Man darf wohl annehmen, daß das System der Wege
+1–8, die strahlenförmig vom Saugarten ausgingen, erst von Vater August
+angelegt worden ist. Er selbst war ein großer Landmesser und es werden
+sogar von ihm eigenhändig gezeichnete Karten im Hauptstaatsarchiv
+aufbewahrt. Die Hauptstrahlen des mittelalterlichen Gartens sind trotz
+Einführung des Schneisensystems im Jahre 1833 noch heute erhalten. Die
+Radeberger Straße z. B., die vom Linckeschen Bad nach dem Jägerpark
+führt, ist der alte Jagdflügel 4, der in der alten 8 seine Fortsetzung
+findet und bei Radeberg endet. Die alte 5 »fehet sich an« beim
+Rabenstein, d. i. das heutige Bilzsanatorium in der Lößnitz, setzt
+sich über dem Garten in der alten 1 fort und »endet sich« an der
+Wesenitzbrücke bei Rennersdorf »unter dem Stolpen«. Die Anlage diente
+nur jagdlichen Zwecken. Hatten die Strahlen bei Oeder bereits Zahlen,
+so waren die Sehnen, die die Strahlen spinnennetzartig miteinander
+verbanden, noch namenlos. Unter August dem Starken (1694 bis 1733)
+erschienen sie als Kreuz 4, Kreuz 5, Kreuz 6 usw. und sind zum Teil
+heute noch als solche bekannt. Die Strahlen gingen damals nicht bis zum
+Gartenmittelpunkt, sondern ließen einen Kreis von zirka sechshundert
+Metern Durchmesser, die »Hellen«, offen.
+
+In Moritzburg befand sich eine ebensolche Anlage; dort steht in der
+Hellen das Hellenhaus, ein reizendes Schlößchen mit Ausblick nach allen
+»Flügeln«. In den Hellen fanden die »Jagden auf dem Lauf«, das sind
+Jagden, die mit Netzen und hohen Tüchern umstellt waren, statt. –
+
+Über die Stärke und Anzahl des Wildes der Zeit Vater Augusts gibt
+ein Jagdbuch im Hauptstaatsarchiv Auskunft. Beispielsweise fing er
+(wahrscheinlich mit der Saufeder) 1585 1608 wilde Sauen. 1583 erlegte
+er ein hauendes Schwein von 737 Pfund. In der Weidenhainschen Heide
+streckte er einen Hirsch von 705 Pfund.
+
+Die runde Steinsäule des heutigen Dresdner Saugartens mit den Zahlen
+der Flügel ist nicht der Mittelpunkt des Gartens. Sie wurde 1920 an
+Stelle einer morschen Holzsäule, deren gut erhaltene Fußnägel höchstens
+vierzig Jahre alt sein konnten, gesetzt und ist ein Prellstein des
+ehemaligen Prinz-Max-Palais der Ostra-Allee. Der Mittelpunkt des
+Flügelsystems lag im »Rückhäusgen«.
+
+[Illustration: Abb. 2. =Ein eingestelltes Jagen auf dem Dresdner
+Saugarten im Jahre 1656=
+
+(Nach einem Ölbild im Jagdschloß Moritzburg)]
+
+Kurfürst Christian II. gibt 1601 den Befehl »an Schosser
+(Steuerbeamter) und Oberförster zu Dresden«, »auf Dreßnischer Heide
+einen neuen Saugarten beim Ascherofen« zu erbauen. Oberförster zu
+Dresden war Günter. Sein Revierteil hieß »Klugenorth«. Am heutigen
+Weißen Hirsch lag Hermannsorth und bei Klotzsche Rohrorth.
+
+[Illustration: ~„Das Haus auf dem Saugarten in der Dreßdenischen Heide
+erbaut 1710 von Kurfürst Friedrich August I. durch Landbaumeister
+Pöppelmann Versuch eine Wiederherstellung auf Grund aufgenommener
+Mauerreste.~
+
+ ~O. Pusch 1926.~
+
+Abb. 3]
+
+Ein Ölgemälde im Schloß Moritzburg mit der Jahreszahl 1656 stellt
+ein eingestelltes Jagen auf dem Dresdner Saugarten mit den Gebäuden
+Christians dar. Die Jagd ergab eine Strecke von 250 Sauen und war zu
+Ehren des schwedischen Gesandten abgehalten worden (siehe Abbildung).
+
+»1706 haben die Schweden als Feind im Lande gestanden«. Die Ausführung
+des Befehls des Kurfürsten Friedrich August I. (als König von Polen
+August II.), an den Landbaumeister Karcher ein »neu Gebäude auff dem
+in hiesiger Dreßdner Heyde gelegenen Saugarten aufführen zu lassen«,
+muß auf bessere Zeiten verschoben werden. 1710 erhält Landbaumeister
+Pöppelmann denselben Befehl und erbaut das Herrenhaus mit
+»Jagtmaurermeister« Caspar Haußwald und Zimmermeister Georg Dünnebier
+für 2156 Thaler 21 gl. und 9 Pfg. – Nach aufgefundenen Stuckresten mag
+das Herrenhaus auch verwöhnteren Ansprüchen genügt haben: es enthielt
+unter anderem »Zimmer vor Staatsdamen und polnische (fremde) Damen.«
+
+Die anderwärts erwähnten Stallungen müssen hölzerne gewesen sein und
+ihren Standort in einiger Entfernung vom Herrenhaus gehabt haben. Hin
+und wieder findet man im Verlaufe des achtzehnten Jahrhunderts eine
+Aktennotiz über den Dresdner Saugarten.
+
+Ein Plan von 1728 im Landesamt für Denkmalpflege ist zwar nach
+damaliger Sitte nicht als Plan des Saugartens bezeichnet, stellt aber,
+wie man nunmehr sicher weiß, eine Lustjagd unter August dem Starken
+dar. 1758 soll eine warme Stube am Saugarten vorhanden sein, um »die
+Wolffsspuhren daselbst observieren zu können«.
+
+(Die eben beendeten Schlesischen Kriege und der beginnende
+Siebenjährige Krieg mögen der Vermehrung der Wölfe sehr gedient haben.
+Das Wolfsdenkmal am Auer bei Moritzburg stammt aus dem Jahre 1618, doch
+wohl aus einer Zeit, in der Wölfe schon selten waren.)
+
+1804 findet man das Herrenhaus noch auf alten Karten. Die große
+Forstvermessung unter Cotta 1815 kennt nur noch den Ruhegarten, das
+Schlößchen ist nicht mehr. Wahrscheinlich haben die hundert Jahre
+Waldleben in ziemlich feuchter Gegend dem Bau so zugesetzt, daß er
+abgebrochen werden mußte. Brandreste sind nirgends zu finden. Um die
+Mitte des neunzehnten Jahrhunderts verschwinden auch die Mauern des
+Ruhegartens. Die lange Mauer, an den Albrechtsschlössern entlang der
+Bautzener Straße, der früheren »Stolpischen Straße«, soll die Reste des
+Saugartens enthalten. 1924 standen auf dem Saugartengelände bereits
+wieder hundertjährige Eichen und Fichten und kein Mensch hatte mehr
+eine Ahnung von dem einstmals hier gelegenen Hoflager.
+
+Nur ein kleiner Brunnen, der Kaltenborn, hatte seine Gewölbe aus jener
+Zeit in die Neuzeit gerettet. Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz
+besserte ihn vor kurzem aus und ließ die am Boden liegenden Grundmauern
+des Saugartens genau vermessen und einen Gedenkstein »an die Zeit der
+Hohen Jagd in der Dresdner Heide« errichten.
+
+Erwähnt mag zum Schluß noch werden, daß die Heide noch die Spuren
+von (z. T. erhaltenen) weiteren Saugärten aufzuweisen hat: Lausaer,
+Liegauer, Langebrücker und Rossendorfer Saugarten. Oeder kennt noch
+einen »Garten« am Schnittpunkt von Bautzener Straße und Prießnitzbach.
+
+
+
+
+[Illustration: Abb. 1. =Eingang zum Naturschutzgebiet: »Georgenfelder
+Hochmoor«=]
+
+
+
+
+Zur Geschichte unserer Moore
+
+Von Prof. Dr. _A. Naumann_
+
+Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
+
+
+Von einer neuen erfreulichen Tat des Landesvereins Sächsischer
+Heimatschutz ist zu berichten: »Das Georgenfelder Krummholz-Moor am
+Lugstein ist von dem Verein erworben und zu einem Naturschutzgebiet
+gemacht worden«. (Abb. 1–3.) Durch die fleißigen und verständnisvollen
+Bemühungen des Herrn Georg Marschner, Dresden, ist aber dieses elf
+Hektar umfassende Moorgebiet nicht bloß geschützt, sondern auch durch
+geeignete Wege, durch Bohlenpfade und Überbrückungen der Allgemeinheit
+zugänglich gemacht. Dies ist um so erfreulicher, als dieses Hochmoor
+in leicht erreichbarer Nähe Dresdens das einzige einigermaßen
+wohlerhaltene Moor des östlichen Erzgebirges darstellt. Gerade dieses
+Moor zeigt, wie nötig ein Schutz der Moorpflanzen für unsere sächsische
+Heimat geworden ist, denn, so ursprünglich uns der geschützte Teil des
+Georgenfelder Moores erscheint, so sind durch Entwässern und Abbau
+bisher doch einige der auf Abbildung 10 dargestellten Charakterpflanzen
+verschwunden; darunter das Schlammried (~Carex limosa~), das sich
+vereinzelt noch am Galgenteich entdecken läßt, die Krähenbeere
+(~Empetrum nigrum~), die noch den benachbarten Kahlen Berg besiedelt,
+und die Rosmarinheide (~Andromeda polifolia~), die bisher von uns nicht
+wieder aufgefunden wurde.
+
+[Illustration: Abb. 2. =Nebeltreiben im Georgenfelder Hochmoor=]
+
+Dafür ist uns durch Frau Marschner eine floristisch wichtige
+Wiederentdeckung geworden: Der herbduftende, weißblühende Strauch
+des Sumpfporstes (wilden Rosmarins) ~Ledum palustre~ ist im neuen
+Schutzgebiet vorhanden. An den Sandsteinklippen des Winterberggebietes
+in der Sächsischen Schweiz gedeiht er noch in erfreulicher Menge,
+da er sich dort durch seine Unzugänglichkeit schützt (vgl.
+Heimatschutzmitteilungen Bd. I, Heft 12, Abb. 14). In meiner
+Isisabhandlung: Die Vegetationsverhältnisse des östlichen Erzgebirges,
+habe ich auf dieses Moorvorkommnis mit folgenden Worten hingewiesen:
+»Nach einer Mitteilung des Prager Professors Domin ist in Zinnwald
+auch ~Ledum palustre~ vorgekommen. Ausgeschlossen wäre dies nicht, da
+Filzteich (bei Schneeberg) und die Johanngeorgenstädter Moordistrikte,
+auch Satzung und Seeheide bei Neuhaus diese ostbaltische Moorpflanze
+sicher enthalten.« Gerade diesem Strauch, der infolge des sogenannten
+Ledumkampfers bitteraromatisch schmeckt und narkotisch wirkt, mag viel
+nachgestellt worden sein, denn vielfältig ist seine Volksnutzung.
+Seine Zweige, zwischen Wäsche und Pelzwerk gelegt, vertreiben die
+Motten (Mottenkraut!); die Bienen lieben den Strauch, darum reiben
+die Bienenväter ihre Stöcke und Körbe damit aus (Zeidheide!); auch
+die Brauer bedienten sich in Ermangelung des Hopfens dieses Strauches
+zum Bittermachen des Bieres, teilten ihm aber gleichzeitig eine
+nachteilige, berauschende Wirkung mit. In Rußland wird übrigens ein
+daraus destilliertes Öl zur Juchtenbereitung verwendet.
+
+[Illustration: Abb. 3. =Grenzgraben im geschützten Georgenfelder
+Hochmoor=]
+
+Im westlichen Teile des Erzgebirges ist der große Kranichsee, ein
+Hochmoorgebiet nahe Carlsfeld, bereits seit dem Jahre 1912 ein
+sächsischer Schutzbezirk (Abb. 4)[1].
+
+[Illustration: Abb. 4. =Verlandung eines Moorauges im großen
+Kranichseemoor=]
+
+Ein weiterer geschützter Moorteil auf dem Erzgebirgskamm ist die
+nördlich von Reitzenhain gelegene, vorweltlich anmutende Mothhäuser
+Heide (Abb. 5). Dieselbe wurde im November 1915 durch das
+Finanzministerium in entgegenkommender Weise als Naturschutzbezirk
+erklärt. Gerade dieser Teil unserer Kammoore zeigt die Moorkiefer
+nicht nur in der niederliegenden, nach außen aufstrebenden Form,
+sondern, wie Abbildung 6 erkennen läßt, auch die »Spirke« genannte
+_hochstämmige_ Hakenkiefer, wie sie in den trockenen Randgehängen der
+Sebastiansberger Moore so schön und eigenartig in Erscheinung tritt und
+bis zur Höhe von sechs Metern heranwächst. Auch im westlichen Teil des
+Erzgebirgskammes tritt uns diese hochwüchsige Form entgegen, und zwar
+in der Nähe des bekannten, leider stark abgebauten Filzteichmoores,
+nicht weit von der Forstmeisterei Hundshübel (Abb. 7 und 8). Wir
+sehen eine vom Torfstechen noch unberührte Waldecke, die aus dieser
+aufrechten Form gebildet ist und im Vordergrund einen schönen Bestand
+von Moorheidelbeeren (Trunkelsbeere) und Krähenbeere darbietet. Diese
+beiden Charakterpflanzen unserer Kammoore finden sich auch auf dem
+Mothhäuser Schutzgebiet wieder und werden dort erfreulicherweise noch
+durch die Rosmarinheide (~Andromeda polifolia~) wirksam ergänzt.
+
+[Illustration: Abb. 5. =Mothhäuser Heide=]
+
+Meist sind in einem einzigen Moore nicht alle moorbotanischen Schätze
+vorhanden, besonders die seltenen Arten, zumal arktische Relikte, wie
+Zwergbirke, Moltebeere und manche Seggenarten suchen wir vergeblich.
+Auf dem sächsischen Anteil unserer Erzgebirgsmoore z. B. findet sich
+die reizvolle nordische Zwergbirke mit ihren lederigen rundlichen
+Kleinblättern nicht mehr, aber sowohl das Gottesgaber Moor, als auch
+die Sebastiansberger Moore zeigen davon noch ausgedehnte Bestände (Abb.
+9).
+
+[Illustration: Abb. 6. =Mothhäuser Heide: Spirke neben Krummholz=]
+
+Auch in dieser Hinsicht will der Heimatschutz im Georgenfelder Moor
+belehrend wirken, indem er bestrebt ist, an besonders geeigneter,
+eingezäunter Stelle die diesem Moore mangelnden moorgewohnten
+Pflanzen zur Schau zu stellen und dem Besucher ein möglichstes
+Gesamtbild deutscher Moorflora zu gewähren. In diesem »Moorgarten«
+Georgenfelds sollen zugleich Moorprofile mit kurzen Hinweisen auf die
+Entstehungsgeschichte dieser Jahrtausende alten Pflanzenformation
+aufgestellt werden (Abb. 11).
+
+[Illustration: Abb. 7. =Spirke am Hundshübler Torfstich nahe dem
+Schneeberger Filzteich-Moor=]
+
+Ohne naturwissenschaftliche Vorkenntnisse und Führung wird der
+Laienbesucher eines Moores im ersten Augenblick enttäuscht sein:
+Das wilde, unwirtliche, nur mit niedriger Sumpfkiefer bewachsene
+Gelände will ihm nicht des Besuches wert erscheinen; aber bei
+naturwissenschaftlicher Belehrung wird ihm dieses letzte Stück Urwelt,
+diese im Witterungskampfe gestählte Vegetation, diese wundersame
+Kleinwelt der Moose und Flechten immer mehr ans Herz wachsen; immer
+mehr der verborgenen Schönheiten werden sich ihm entschleiern.
+Wunderbar wechselnde Landschaftszüge weiß dieses Moorgelände
+anzunehmen. Ich habe seine verschiedenen Jahresstimmungen kennen
+gelernt: im klaren Glanze des blauenden Frühlingstages, noch immer
+verbrämt mit dem Schneehermelin des Winters, im düstern Grau des
+Regenhimmels, beim Fauchen des Gebirgswindes, der Schauer auf
+Schauer heranwirft und die Sumpfkiefern mit Nebelschleiern umspinnt,
+im Farbenbunt des Herbstes, wenn die Torfmoospolster leuchten vom
+frischen Altgold bis zum sattesten Purpur und tiefsten Violett. Immer
+war es gleich eindrucksvoll – ein Stück Urweltschönheit mit einem müden
+Greisenlächeln. Ja, altersmüde sind unsere Moore geworden, nicht nur
+durch Zutun der Menschen! Sind doch seit ihrer Entstehung Jahrtausende
+verflossen. Der Mensch, jener Allherrscher auf Erden, hat sich dieser
+alternden Bodendecke genaht, um Torf zu gewinnen, und hat ihr durch
+Gräben und Anstichflächen schwer vernarbende Wunden beigebracht
+(Schlußvignette).
+
+[Illustration: Abb. 8. =Krähenbeere und Moorheidelbeere unter
+Moorkiefern (Moor bei Hundshübel)=]
+
+Über die _Entstehung dieser Torflager_ ist viel gegrübelt worden, und
+noch immer gibt es ungelöste Probleme in Aufbau, Schichtenfolge und
+Alter dieser angehäuften Moorlager.
+
+[Illustration: Abb. 9. =Zwergbirke im Gottesgaber Moor mit Aussicht auf
+Gottesgab und den Fichtelberg=]
+
+Der Hauptbestandteil aller Moorböden ist Humus. Derselbe entsteht
+durch Zersetzung absterbender Pflanzensubstanz, alterstoter Tierleiber
+und Kotausscheidungen; sei es in dem _Röhrichtgürtel_ stehender
+Gewässer als _Faulschlamm_ oder in dem _aufgeschichteten Blättermeer_
+abgefallenen Laubes als _Moder_, sei es in der sich ansammelnden
+_Nadelstreu der Wälder_ oder in dem _wurzeldurchsetzten Boden_
+sumpfiger _Sauerwiesen_, sei es endlich in _torfmoosbestandenen
+quelligen Mulden_ unserer Gebirge. Wenn abgestorbene Pflanzensubstanz
+reichlich durchlüftet wird, so verwest sie, d. h. sie verbrennt durch
+den Sauerstoff der Luft langsam zu Asche. Dort aber, wo bei angehäuften
+Pflanzenmassen der Luftzutritt gehemmt ist, findet eine Art Verkohlung
+statt, die sich durch Bräunung oder Schwärzung, also durch dunkle Farbe
+und durch teilweisen Verlust einer deutlichen Pflanzenstruktur kund
+gibt.
+
+Solche Verhältnisse aber finden sich nicht bloß infolge dichter
+Lagerschichten, sondern auch bei reichlichem Durchtränken der
+absterbenden Pflanzen mit luftabschließendem Wasser, am besten
+natürlich, wenn beides zusammen wirkt. Gewöhnlich treten bei diesem
+Prozeß der Vertorfung Humussäuren auf, die bei mineralreichen Böden
+_gebunden_ werden, aber bei mineralarmen, zumal kalkarmen Böden, als
+_freie_ Säuren den meisten Pflanzen schädlich sind. Besonders schädlich
+erweist sich solch saurer Humus dann, wenn gleichzeitig mangelhafte
+Durchlüftung wurzelschädigend wirkt. Auch die Wurzel will bei ihrem
+Wachstum atmen, d. h. durch Sauerstoffaufnahme Verbrennungswärme und
+in ihr die nötige Betriebskraft zum Leben gewinnen. Da Trockenperioden
+durch die allzureichliche Wasserverdunstung jeglicher Humusbildung
+feindlich sind, so werden sich Moore nur in kühleren und feuchten
+Erdgebieten vorfinden können, oder dort, wo durch Nebel oder Schatten
+die Verdunstung gehindert wird. In den Tropen ist daher Moorbildung
+selten und Schimper meint, daß dort erst von zwölfhundert Metern Höhe
+an Rohhumus und Torf auftritt.
+
+Über den Begriff des _Rohhumus_ gehen noch immer die Ansichten
+auseinander. Er ist ein Produkt aus der Streudecke von Wäldern, das
+allmählich in den eigentlichen Mineralboden übergeht. Buchen-Rohhumus
+besteht oben aus dichtem _Trockentorf_, während sich darunter eine
+_Moder_schicht ausbildet. Rohhumus bildet sich bei kühler Temperatur
+und bei durch den Wald zurückgehaltener, also _geringerer Feuchtigkeit_.
+
+Dies Wenige über Rohhumus und Trockentorf! Für uns geht es nur um
+_Vertorfung der Moore_ und um _ihre Ursachen_.
+
+Bei der überreichen Feuchtigkeit, bei der geringen Durchlüftung und
+bei dem Säuregehalt können im Moore nur ganz bestimmte Pflanzenarten
+gedeihen (Abb. 10). Solche Pflanzen sind unter den Holzgewächsen
+die flachwurzelnden und wenig unter dem Boden hinstreichenden
+Heidesträucher, welche auch durch ein Zusammenwirtschaften mit
+Pilzmyzelien (~Mycorrhiza~)[2] zum Nahrungserwerb aus solch
+humusreichen Böden befähigt sind. Außerdem gehören hierzu mit inneren
+Luftreservoiren versehene Sauergräser, Binsenarten und Schachtelhalme
+und die nur mit feinen Haftfäden die Bodenoberfläche durchdringende
+Kleinwelt der Moose. Unter letzteren seien die Braumoose (~Hypnum~),
+die Haarmoose (~Polytrichum~) und ganz besonders die Torfmoose
+(~Sphagnum~) hervorgehoben. Bei den Sauergräsern möchte ich an die
+sumpfgewohnten Riedgräser (~Carex~) mit ihrer Ausläuferbildung, und an
+die Wollgräser (~Eriophorum~) mit ihrer Blatthorstbildung (Abb. 11)
+erinnern. Gerade die Wollgräser verraten ja mit dem reinen Weiß ihrer
+wehenden Fruchtfahnen besonders eindringlich mooriges Gelände (Abb. 12,
+aus Naumann, A.: Praktische Wege des Heimatschutzes S. 14).
+
+Bei _beginnender_ Moorbildung aus stehenden Gewässern nehmen lebhaften
+Anteil die _Röhrichtpflanzen_, die fußtiefes Wasser vertragen können,
+hierzu gehören Schilfrohr (~Phragmites~), Rohr- und Igelkolben
+(~Typha~, ~Sparganium~) und die nordische Dreizackpflanze der
+~Scheuchzeria~, ferner die Sumpfschachtelhalme, besonders ~Equisetum
+limosum~. Die meisten der bisher aufgeführten Gewächse lassen die
+jährlich absterbenden Blattreste oder Ausläufersprosse infolge
+Luftabschlusses durch Wasser vertorfen, während sie von innen heraus
+neue Sprosse treiben, wie die horst- und ausläuferbildenden Riedgräser;
+wieder andere sterben im ganzen unteren Teil ab, um am oberen Ende
+weiter zu wachsen, wie die vorher genannten Moose. Während die
+letzteren das Moorgelände immer höher aufbauen müssen, also _Hochmoore_
+(Moosmoore) entstehen lassen, werden die anderen Gewächse sich mehr in
+die Fläche, also horizontal ausbreiten und mit ihren Ausläufertrieben
+Neuboden in Besitz nehmen. Es werden _Flachmoore_ (Niederungsmoore,
+Riedmoore, Grünmoore) gebildet.
+
+[Illustration: Abb. 10. =Charakterpflanzen der Erzgebirgs-Hochmoore.=
+(Skizzen von Theodor Landgraf)]
+
+In _Deutschland_ nehmen die _Moorflächen_ noch immer einen großen Raum
+ein. Von _Hochmooren_ seien hervorgehoben das _Bourtanger Moor_ (etwa
+dreitausend Quadratkilometer), das _Teufelsmoor bei Bremen_, und
+in Ostpreußen das etwa einhundert Quadratkilometer bedeckende _große
+Moosbruch_.
+
+[Illustration: Abb. 11. =Blatthorst des Scheidenwollgrases im
+Gottesgaber Moor=]
+
+_Flachmoore_ begleiten meist Stromtäler. Zu ihnen darf man rechnen
+den _Spreewald_, das _Oderbruch_, das _Lebamoor_ in Pommern und
+die ausgedehnten _Erlenmoore am kurischen Haff_. Sie alle werden
+teils abgebaut auf Brenntorf oder wurden und werden umgewandelt in
+Kulturland. Austrocknende Moore werden meist in Besitz genommen von
+Sträuchern: in Norddeutschland östlich der Elbe von Strauchbirke
+(~Betula humilis~), von Gagelstrauch ~Myrica Gale~, von Sumpfporst;
+oder von Zwergsträuchern: Trunkelsbeere ~Vaccinium uliginosum~, Heidel-
+und Preißelbeere, auch von Krähenbeere ~Empetrum nigrum~ (Abb. 13). Vor
+allem das Heidekraut (~Calluna vulgaris~) mit seiner unverwüstlichen
+Lebenskraft überzieht schließlich jene Moorgebiete besonders bei
+sandig-grusigem Untergrund, während in bruchigem Gelände, zumal im
+Nordwesten unseres Vaterlandes, in der Lüneburger Heide, die reizvolle
+Glockenheide ~Erica tetralix~ sich ansiedelt, und der Wacholder
+(Machandelbaum, Knisterbusch) ~Juniperus communis~ seine dunklen
+Säulenpyramiden baut, um der Landschaft einen lieblich herben Reiz zu
+verleihen.
+
+[Illustration:
+
+ Aufnahme von J. Ostermaier, Dresden-Blasewitz
+
+Abb. 12. =Erzgebirgshochmoor mit fruchtendem Wollgras= (~Eriophorum
+vaginatum~)]
+
+Wir lernen hieraus, daß _bei klimatischen Veränderungen_, _bei
+Trockenperioden_ oder _bei künstlicher Trockenlegung_ ursprüngliche
+Pflanzenbestände bis zum Verschwinden unterdrückt werden können
+durch andere Pflanzengenossenschaften. Das ganze Landschaftsbild
+verändert sich: auf das feuchte Moor folgte die trockene Heide;
+_eine_ Vegetationsformation löst die _andere_ ab. Folgeformationen
+bezeichnet man mit dem Namen Sukzessionen (Nachfolge). Kaum _eine_
+natürliche Pflanzenformation ist eine Dauerformation. Im Laufe
+geringerer oder gewaltigerer Zeiträume erschöpfen sie sich selbst,
+und Pflanzenbestände, die vorher unterdrückt waren, entfalten sich zu
+formationsmäßigen Beständen. Professor Schimper schildert anschaulich
+den in allen Klimaten angesagten Kampf zwischen Gehölzflur und
+Grasflur, bei uns zwischen Wald und Wiese und zwischen Moor und Wald.
+Auch die _Entstehungsgeschichte der Moore_ zeigt solche natürliche
+Sukzessionsglieder. Aus einem stehenden Gewässer wird allmählich ein
+Flachmoor. Mit ihm wechselt Bruchwald und Trockenwald, bis schließlich
+ein Hochmoor entsteht, das wiederum neuen Formationen, beispielsweise
+der Heide, Platz macht. Daher deckt sich auch i. a. das Gebiet der
+größten Hochmoorflächen in Norddeutschland nahezu mit dem Gebiet der
+norddeutschen Heide.
+
+[Illustration: Abb. 13. =Krähenbeerenbestand im Gottesgaber Moor=]
+
+Von solchem Formationswechsel, herbeigeführt durch den Wechsel
+klimatisch feuchter und trockener, kühler und wärmerer Erdperioden,
+gibt uns das _Anstichbild eines Moores_, das sogenannte _Moorprofil_
+(Abb. 14), anschauliche Kunde.
+
+[Illustration: Abb. 14. _Aufbau der Kamm-Moore des Erzgebirges._
+
+(Moorprofil nach Prof. Schreiber, Sebastiansberg)]
+
+Es gab eine Erdperiode mit derartigem Kälterückschlag, daß von den
+schottischen und skandinavischen Gebirgen breite Gletscherströme
+sich in das Herz Mitteleuropas ergossen und eine gewaltige Decke
+von Inlandeis bildeten. Blockwälle wurden von den Gletscherstirnen
+vorausgeschoben und führten nordische Pflanzen, darunter auch viele
+unsrer jetzigen Moorgewächse, mit sich. Viel Jahrtausende lastete
+dieses Eisschild über dem nördlichen Mitteleuropa – freilich auch hier
+bei klimatischen Schwankungen bald vorstoßend, bald sich zurückziehend
+– bis schließlich die Wärmelage der Jetztzeit das Abschmelzen des
+Eises bewirkte. Dort, wo die nordischen Verhältnisse annähernd auch
+bei uns herrschen, also Kälte und Feuchtigkeit, konnte sich diese
+nordische Flora erhalten, und zu ihr gesellten sich alte kühlegewohnte
+Pflanzenbürger Mitteleuropas. Solche Zufluchtsorte waren die Moore,
+die sich daher in dem feuchtkühlen Seeklima Deutschlands mit seinen
+restlichen Binnenseen und ferner auf den feuchtkühlen Kammhöhen unserer
+Mittelgebirge mit ihren quelligen Hängen häufen mußten. Jedenfalls
+gab die gewaltige Durchfeuchtung des eisfreien Diluvialbodens
+durch die Schmelzwässer des Inlandeises den Mooren die günstigsten
+Entwicklungsbedingungen, sei es aus durch die Schmelze entstandenen
+Binnenseen, sei es längs der durchnäßten Uferlandschaft der Urströme.
+Daher sind auch unsere meisten Moore auf Diluvialboden erwachsen[3],
+so daß in den _Mooranstichen_, welche bis tief hinab zum gewachsenen
+Diluvialboden reichen, geradezu ein _erdgeschichtliches Archiv_
+geöffnet wird. Die ältesten Moore finden wir in Norddeutschland, und
+Dr. C. Weber hat von ihnen ein Normalmoorprofil entworfen, welches auf
+die Entstehung aus Binnengewässern gegründet ist. Solche Moore sind
+lakustrisch, d. h. seenbürtig, entstanden. Die Entstehungsgeschichte
+der Einzelschichten ist lehrreich: Absterbende pflanzliche und
+tierische Organismen des Sees, zumal der reichen Uferflora und -fauna,
+erhöhen allmählich den Seegrund und bilden eine sich verdichtende
+Schlammschicht, _Mudde_ genannt, die zu unterst ton- und kalkreich
+ist: _Ton-_ und _Kalkmudde_. Die höheren Schichten zeigen fast reine
+organische Substanz in gallertartig vertorftem Zustande. Weber
+nennt diese Schicht _Lebermudde_ oder _Lebertorf_ (_Sapropel_). Auf
+diesen sich erhöhenden Schlammschichten siedelte sich immer wieder
+neues Röhricht an, besonders das Schilfrohr, sowie ausläufer- und
+horstbildende Seggen (~Carices~), so daß sich darauf die _Torfmudde_
+schichtet. Immer seichter wird durch diese Auflagerung der Moorsee,
+immer weiter vom Ufer aus rückt diese Röhrichtformation aus Schilf,
+Rohrkolben, Schwertlilie, Riedgräser und Straußselberich (~Lysimachia
+thyrsiflora~) in die Seemitte vor, bis schließlich unter Mithilfe von
+Laichkräutern Froschbiß, Krebsscheere (~Stratiotes~) der See völlig
+verlandet, anfangs noch mit trügerischer Decke, als »Schwingmoor«,
+später sich zum »Standmoor« festigend. Ein muldenförmiges =Flachmoor=
+oder =Niederungsmoor= ist auf diese Weise entstanden. Der durch
+diese Verlandung gebildete Torf heißt _Schilf-_ und _Seggentorf_.
+Vom erzgebirgischen Moorforscher Schreiber wird er als _Riedtorf_
+bezeichnet, denn bei den Erzgebirgsmooren ist die Verlandung unter
+Anteilnahme des untergetauchte Polster bildenden Torfmooses (~Sphagnum
+molluscum~) und vorrückende Ausläufer bildende, riedartige Pflanzen
+z. B. Schlammried und Scheuchzerie zustande gekommen (Abb. 15).
+Auf diese Weise überziehen sich die Moortümpel, vom Volke poetisch
+Mooraugen genannt, mit einer trügerischen unter den Tritten des
+Besuchers schwankenden Moos- und Rieddecke, wie wir sie besonders schön
+am Kranichseemoor und an einzelnen Stellen des Gottesgaber Moores
+studieren können (Abb. 16). Gerade diese Verlandungsbilder geben der
+Hochmoorlandschaft unseres Erzgebirges ein besonders charakteristisches
+Gepräge.
+
+[Illustration: Abb. 15. =Erste Verlandungsphase im großen
+Kranichseemoor=. Unter Wasser vorgeschobene Torfmoosrasen von ~Sphagnum
+molluscum~, durchspickt mit Schlammried und Scheuchzeria]
+
+Auf den schließlich entstehenden Standmooren war neue
+Siedelungsmöglichkeit geschaffen. Strauchvegetation aus niedrigen
+Weiden, auch die Erle faßten Fuß, und Bruchwälder entstanden, die mit
+ihrem feuchtkühlen Schatten dem Mooswachstum Vorschub leisteten, bis
+schließlich der Bruchwald unter dem Moosansturm erstickte, umbrach
+und der Vertorfung anheimfiel. Wieder erhöhte sich dadurch der Boden
+und der _Bruchwaldtorf_ entstand. Neue Pflanzensiedlungen konnten
+natürlich mit ihren Wurzeln nicht mehr zu dem nährstoffreichen
+Grundwasser gelangen, denn die aufgehäuften Schichten hinderten daran.
+_Es mußte das nährstoffarme Niederschlagswasser zum Leben und Wachstum
+genügen._ Solche genügsame Holzgewächse waren Kiefer und Birken.
+Es entstand ein Übergangswald, beziehungsweise ein =Zwischenmoor=,
+dessen Vorhandensein nicht in allen Moorprofilen nachweisbar ist.
+Auch dieser Wald wurde von Scheuchzeria- und Riedgrasbeständen, sowie
+durch Moossiedelungen besiegt und schließlich herrschte das Torfmoos,
+welches schon bei einer Schichthöhe von dreißig Zentimetern Kiefernwald
+ersticken kann. Es herrschte durch seinen porösen Bau in Blatt und
+Stengel (Abb. 17), welcher imstande war, große Niederschlagsmengen
+festzuhalten, Ammoniakgase in sich zu verdichten, vor allem aber _trotz
+des vertorfenden unteren Teiles oben freudig weiterzuwachsen_. Derart
+bildete sich ein uhrglasförmig gewölbtes =Hochmoor= mit trocknerem
+Randgehänge und seeartigen Blänken (Mooraugen), die sich aus den vom
+wassersatten Moose nicht aufgenommenen Niederschlägen sammelten. An
+dem trockneren Randgehänge erheben sich vielfach kleine, oft nur
+quadratmetergroße Heidehügel, sogenannte _Bulte_. In den dadurch
+entstehenden Tälchen sammelt sich ebenfalls Ablaufwasser an, sie werden
+zu _Schlenken_. Oft auch bilden sich zum Rande gehende tiefere und
+längere Rüllen, in welchen bräunliches Moorwasser abfließt. Fließendes
+Wasser aber versorgt die Rüllenränder mit immer neuen Nährstoffen, so
+daß sich hier eine anspruchsvollere Hochstaudenflur ansiedelt.
+
+[Illustration: Abb. 16. =Verlandungsbild aus dem Kranichseemoor=]
+
+Ein solches Hochmoor gedieh, so lange die jährlichen
+Niederschlagsmengen reichlich flossen. Ziemlich unvermittelt
+scheint aber in ganz Mitteleuropa eine Trockenperiode, vielleicht
+eine Steppenzeit, eingetreten zu sein. Das Wachstum des Moosmoores
+stockte, und der Moostorf zersetzte sich durch Lufteintritt zu einer
+dunkelbraunen, strukturarmen Masse. Wie lange diese Trockenheit
+angehalten hat, ist nicht zu ermitteln. Sicher ist aber, daß auf dem
+trocken gelegten Moore Heidekraut und Wollgras Platz fanden, die
+allmählich, wahrscheinlich bei Wiedereintritt reicher Niederschläge,
+zu einer mulmigen Torfschicht zusammenschwanden. Dieser stark zersetzte
+Torf wird von Weber _Grenzhorizont_ genannt und findet sich nicht bloß
+in den norddeutschen und schwedischen Mooren, sondern auch in den
+Höhenmooren der Mittelgebirge und des Alpenlandes. Bei den Höhenmooren,
+also auch im sächsischen Erzgebirge, scheint aber anstelle von Heide-
+und Wollgras ein Trockenwald von Birken aus der Umgebung eingedrungen
+zu sein, so daß Schreiber, der Erforscher erzgebirgischer Moore, diese
+Grenzschicht als _jüngeren Waldtorf_ bezeichnet. Auf diese Schicht baut
+sich, begünstigt durch einsetzende Niederschlagsperiode, ein neues
+Hochmoor mit fast reinem Sphagnumbestand, aus dem der gelbgefärbte,
+wenig zersetzte _jüngere Moostorf_ hervorging, dessen Entstehung
+überall dort noch andauert, wo nicht aus natürlichen Gründen, oder,
+durch Menschenhand verursacht, Austrocknung die Moosbildung verhindert.
+An den trockneren Randgehängen unserer Erzgebirgsmoore finden wir als
+Charakterstrauch die vielästig vom Boden aufstrebende Moorkiefer, eine
+Unterart ~uncinata~ der eigentlichen Bergkiefer ~Pinus montana~ (Abb.
+18), während in den norddeutschen Zwischenmooren die Krüppelkiefer
+~Pinus silvestris forma turfosa~ erscheint.
+
+[Illustration: Abb. 17. =Blattgewebe des Torfmooses= (~Sphagnum~) mit
+den schmalen blattgrünhaltigen und den breiten, porösen Zellen (stark
+vergrößert)]
+
+Wir fassen noch einmal die Schichtenfolge eines Moorprofils kurz
+zusammen: Zu unterst Diluvialboden, dann die Muddeschichten, Schilf-
+bzw. Seggentorf, Bruchtorf oder älterer Waldtorf, älterer Moostorf,
+Webers Grenzhorizont, bzw. jüngerer Waldtorf, jüngerer Moostorf und
+rezenter Moostorf. Diese Schichten erreichen in den Mooren der
+norddeutschen Niederung über dem Diluvialboden eine Mächtigkeit von
+mehr als zehn Metern, in den Erzgebirgshochmooren bis zu fünf Meter.
+In der Höhe der Moorschichten hat man ein Mittel, schätzungsweise das
+Alter des Moores zu bestimmen. Halbreifer Moostorf bildet in hundert
+Jahren eine Schicht von etwa acht Zentimetern, reifer Moostorf dagegen
+in derselben Zeitspanne eine Schicht von zwei bis drei Zentimetern,
+so daß ein sechs bis sieben Meter mächtiges Moorlager einer
+Entstehungszeit von mindestens zehntausend Jahren bedarf.
+
+[Illustration: Abb. 18. =Moorkiefer (Krummholz) im Georgenfelder Moor=]
+
+Bei der inneren Verschiedenheit der genannten Moorschichten ist es
+klar, daß die wirtschaftliche Verwendung des Torfes nur an bestimmte
+Schichten gebunden ist, und zwar vornehmlich an die Moostorfschichten.
+Der braunschwarze, _ältere Moostorf_ ist im nassen Zustande eine
+schwarzbraune, breiige Masse, die beim Austrocknen steinhart wird und
+das Aufsaugungsvermögen für Wasser verliert. Er liefert den wertvollen
+_Brenntorf_! Der _jüngere hellbraune_ Moostorf (gegenüber dem schwarzen
+Torf auch _Weißtorf_ genannt) bleibt immer elastisch und kann auch
+nach Austrocknen das zwanzigfache seines Volumens an Wasser aufnehmen.
+Er kann mit Vorteil zu _Torfstreu_ und _Torfmull_ verarbeitet und
+in Ballen gepreßt in den Handel gebracht werden. Er ist es, der
+im Gartenbau so geschätzt wird, besonders wenn er durch Lagerung,
+Umstechen oder Behandlung mit Kalkwasser entsäuert ist. Er vereinigt
+in sich noch immer all die wertvollen Eigenschaften des Humus, die
+ich folgendermaßen gekennzeichnet habe[4]. Er hält die Nährstoffe
+im Boden fest, er macht die Böden warm und feucht, er lockert zähe
+Tonböden auf und macht durch die Humuskolloide Sandböden krümelig, er
+löst als Kohlensäurequelle die Mineralteilchen und führt unverwertbare
+Stickstoffverbindungen schließlich in Salpeterstickstoff über. Was
+Jahrtausende im ewigen Wechsel der Zeiten aufgebaut haben, wird, gleich
+der vor Jahrmillionen aus einer vergangenen Pflanzenwelt aufgebauten
+Kohle, dem jetzigen Geschlechte zu Nutzen und Segen.
+
+Ein _volkswirtschaftlicher Gewinn_ ist weiterhin die erwähnte
+Umwandlung der ausgedehnten norddeutschen Moorflächen in wertvolle
+Kulturböden, wie sie durch die Moorkulturstationen geübt wird. Gewarnt
+aber muß werden vor dem _rücksichtslosen Abbau der Kammoore unserer
+Mittelgebirge_, also auch unseres sächsischen Erzgebirges. Sie sind
+meist Plateau- und Hangmoore und leisten für uns das, was für die
+Schweiz die Gletscher schaffen: _Sie regulieren in rationeller Weise
+die reichen Niederschläge der Gebirgshöhen._ Manche Wasserkatastrophe
+wäre vermieden, manche kostspielige naturmordende Talsperre wäre
+erspart worden, hätte man die Moorflächen, welche etwa vier Prozent der
+Gesamtfläche von Sachsen einnehmen, nicht durch Abbau, Aufforstung und
+Trockenlegung verringert. Welche gewaltigen Wassermengen von unseren
+Moosmooren aufgesaugt werden können, erhellt eine Mitteilung des
+Professors Delitzsch, Leipzig, über den Kranichsee. Nach ihm enthält
+der Kranichsee nahe Karlsfeld bei vollständiger Sättigung soviel
+Wasser, daß er ein ganzes Jahr lang in jeder Sekunde fünfhundert Liter
+Wasser liefern könnte. In dem »Kranichsee« ist wohl das ausgedehnteste
+sächsische Kammoor des Erzgebirges geschützt, und wir dürfen dies als
+eine Großtat unserer Heimatschutzbestrebungen buchen.
+
+[Illustration: Abb. 19. =Blütenstaub unserer Wildbäume (400fach
+vergrößert) nach Rudolph und Firbas=]
+
+Gerade in jüngster Zeit hat Professor Karl Rudolph von der Deutschen
+Universität Prag im Verein mit Dr. Firbas einen wertvollen Beitrag zur
+Erforschung unserer Erzgebirgsmoore geliefert. Diese Veröffentlichung
+führt den Titel: Die Hochmoore des Erzgebirges, ein Beitrag zur
+postglazialen Waldgeschichte Böhmens. In dieser anregenden Schrift
+wird, nach dem Vorbild schwedischer Moorforscher, versucht, einen
+Einblick zu gewinnen in die Wälder der Moorumgebung, wie sie nach
+der Eiszeit, also »postglazial«, _in wechselnden Beständen_ den
+Erzgebirgskamm schmückten. Wenn wir die seit dem Diluvium (Eiszeitalter
+der Erde) verflossene Zeit auf etwa fünfzigtausend Jahre schätzen,
+so muß es uns Wunder nehmen, wie man Schlüsse wagen will auf die
+Waldumgebung unserer Moore vor vielen Jahrtausenden.
+
+Hierzu befähigt uns eine genaue Kenntnis des Blütenstaubes (Pollen)
+unserer hauptsächlichsten Waldbäume, sowohl der Nadel- als auch der
+Laubbäume. (Abb. 19.) Diese Blütenstaubzellen sind äußerst kleine
+Gebilde. Wir messen sie in Tausendstel eines Millimeters, des
+sogenannten Mikro, als Maßeinheit und bezeichnen dieses Kleinmaß
+mit dem griechischen Buchstaben µ. Den Pollen unserer wichtigsten
+Nadelbäume: Kiefer, Fichte und Tanne kann man von dem Laubbaum-Pollen
+sofort unterscheiden durch die ihm beiderseits anhängenden zu weiter
+Verbreitung dienenden Flugblasen, außerdem auch durch die erheblichere
+Größe. Den kleinsten Pollen unter den Nadelhölzern besitzt die Kiefer
+mit 60 µ, das Mittelmaß des Fichtenpollens beträgt 100, das der
+Tannen 140 µ. Die dreieckigen Pollen von Birke und Hasel messen beide
+etwa 25 µ, und sind schwer zu unterscheiden; von etwa gleicher Größe
+ist der fünfeckige Pollen der Erle. 30 µ im Durchmesser halten die
+einander sehr ähnlichen kugeligen Pollenzellen von Buche und Eiche. Den
+kleinsten Pollen von etwa 15 µ besitzt die Weide.
+
+Der Blütenstaub der das Moor umgebenden Waldbäume wurde, wie noch
+heute, so vor Jahrtausenden alljährlich in ungeheurer Menge erzeugt,
+so daß er, von den Bergwäldern verweht, aus ziemlicher Ferne auf
+die Moorfläche gelangen konnte. Werden doch von der Fichte auf eine
+Entfernung von vier Kilometern noch vierzehn Prozent, bei Birke noch
+elf Prozent des Gesamtpollens durch den Wind vertragen. Auf den
+baumlosen Farör-Inseln hat man sogar Baumpollen beobachtet, der aus
+einer Entfernung von vierhundert Kilometern stammen mußte.
+
+Nun wird in jedem Denkenden die Frage auftauchen, ob sich diese zarten
+und winzigen Gebilde in den vor Jahrtausenden gebildeten Moorschichten
+auch unversehrt oder wenigstens kenntlich erhalten haben, besonders
+wenn wir den Druck der Schichten und die Wirkung der Humussäuren in
+Betracht ziehen. Gewiß! Nicht alle Pollenarten sind uns überliefert,
+der Blütenstaub mancher Bäume, z. B. Ahorn und Pappel, ist unter
+solchen Bedingungen zugrunde gegangen. Aber bei den oben genannten
+Holzgewächsen ist die meist wunderbar ornamentierte wachsartige
+Außenhaut der Pollenzellen durch die Jahrtausende hindurch wohl
+erhalten geblieben. Zwar sind gegen den Pollen von heutzutage die Maße
+etwas zurückgeschwunden, aber Form und Ziselierung sind unversehrt. Wir
+werden also _aus den Verhältniszahlen der in den Schichten befindlichen
+Pollenarten zueinander ein ungefähres Bild von der Waldbedeckung jener
+Zeit_ gewinnen können, während welcher jene Schichten entstanden.
+
+In dem Vorherrschen einer Baumart besitzen wir außerdem gewisse
+Anhaltspunkte, um auf die _Klimalage_ jener weit zurückliegenden
+Waldperioden rückschließen zu können. Wir wissen, daß die
+feuchtgewohnten Weiden und Erlen starke Niederschläge gebrauchen, daß
+dagegen Birke und Kiefer mit geringen Niederschlägen und wenig Wärme
+fürlieb nehmen. Die Fichte dagegen bedarf bei kühler Temperatur einer
+mittleren Bodenfeuchtigkeit, während die Tannen starke Luftfeuchtigkeit
+und die Buche eine nicht zu tiefe Wintertemperatur erfordern; die
+Eiche hingegen braucht zu freudigem Gedeihen eine erhöhte Sommerwärme.
+Alle diese Erwägungen zusammengefaßt, berechtigten uns recht wohl,
+Schlüsse zu machen auf die seit der Eiszeit periodisch erfolgten
+_Klimaschwankungen_ in unsern Breiten.
+
+Noch einige Worte über die _Methodik der Pollenuntersuchungen_
+in unsern Mooren. Die Methode, welche die obengenannten Forscher
+angewandt haben, lehnt sich an die vom schwedischen Staatsgeologen Post
+eingeschlagene an. Aus der Stichwand eines Moores werden von unten
+nach oben in Abständen von zehn bis fünfzehn Zentimetern Schichtproben
+entnommen. Diese Proben (etwa ein bis zwei Kubikdezimeter Torf, für
+mikroskopische Untersuchungen höchstens fünfzig Kubikzentimeter) werden
+zerkleinert und mit fünfzehnprozentiger Salpetersäure aufgeschlämmt.
+Nicht völlig ausgetrocknete Torfproben zerfallen alsdann in ein bis
+zwei Tagen in die einzelnen Pflanzenbestandteile und werden dabei
+gleichzeitig aufgehellt. Das Ganze wird alsdann durch ein Haarsieb
+geschickt und der Siebrückstand wird makroskopisch untersucht.
+Mittelst dieser Untersuchungen können wir die jeweilig moorbildenden
+Großpflanzen und Moose herausfinden. Beispielsweise ergab eine Probe
+des Reißzechenmoores bei Gottesgab in ein Meter vierzig Zentimeter Höhe
+über dem Diluvialgrund folgenden Pflanzenbestand: Sumpfschachtelhalm,
+Schlammried (~Carex limosa~), Schilfrohr und die früher erwähnte
+Scheuchzerie. Von den hier genannten Pflanzen kommt das Schilfrohr
+heute in diesen Gegenden nicht mehr vor, und die Scheuchzerie ist jetzt
+eine Seltenheit geworden.
+
+Der durch das Sieb gegangene Feinschlamm soll uns zur mikroskopischen
+Bestimmung, _besonders des Waldpollens_, dienen. Natürlich finden sich
+auch Blütenstaubzellen von Heidegewächsen, Binsen- und Riedgräsern
+darin, aber _gezählt_ werden auf den in Glyzerin-Gelatine ausgeführten
+Präparaten nur die Anteile der verschiedenen Baumpollen, so daß wir
+nicht nur eine qualitative, sondern auch eine quantitative Analyse der
+Pollenschicht gewinnen. In jedem Präparate zählen wir nicht mehr als
+einhundertfünfzig der darauf befindlichen Pollenkörner aus, notieren
+dabei die Anzahl der einzelnen Pollenarten und gewinnen dadurch das
+sogenannte _Pollenspektrum_. Dieses möge lauten: Kiefer einhundertelf,
+Birke dreißig, Fichte sechs, Weide drei. Daneben haben wir noch
+siebenundzwanzig Haselpollen gezählt, die wir im Pollenspektrum
+ausschalten. Diese Ausschaltung geschieht nach dem Beispiel von Post,
+der die Hasel, weil Unterholz, den eigentlichen waldbildenden Bäumen
+nicht gleichstellen will.
+
+[Illustration: Abb. 20 =Übersichtliche Darstellung der Ergebnisse von
+Pollenanalysen nach Rudolph und Firbas=]
+
+Für jede der untersuchten Höhenschichten erhalten wir ein solches in
+Artprozenten angegebenes Pollenspektrum und können das Gesamtergebnis
+unserer Untersuchungen für die betreffende Stichwand unter
+Zugrundelegung eines Koordinatensystems zu lehrreichen Diagrammen
+zusammenstellen, wie es in beigegebener Abb. 20 für Fichte und
+Buche geschehen ist. Auf der wagerechten Linie ist die Anzahl der
+errechneten Pollenprozente, auf der senkrechten die Schichthöhe der
+untersuchten Proben über dem Diluvialboden aufgetragen. Aus den beiden
+Pollenkurven kann man folgende Tatsachen herauslesen: Die Fichte zeigt
+sich zuerst im Riedtorf und dominiert zur Zeit des Scheuchzeriatorfes
+über alle anderen Waldbäume, geht alsdann zurück, um in der Jetztzeit
+(wahrscheinlich infolge der Forstkultur) wieder herrschend zu werden.
+Erst während der Fichtenherrschaft erscheint die Buche (mit ihr die
+Tanne), welche – wir dürfen annehmen aus klimatischen Gründen – den
+rasch abnehmenden Fichtenwäldern als Waldanteil gleichkommt und im
+jüngeren Moostorf eine dominierende Stellung erringt. In ähnlicher
+Weise läßt sich die Geschichte der anderen Waldbäume während der
+Moorbildungszeit verfolgen. Für das Erzgebirge fassen Rudolph und
+Firbas die Waldgeschichte des Kammes folgendermaßen zusammen:
+
+ 1. _Kiefernzeit_ mit Birke und Weide;
+
+ 2. _Kiefern-Haselzeit._ Massenausbreitung der jetzt fehlenden
+ Hasel auf dem Erzgebirgskamm und wachsende Ausbreitung des
+ Eichenmischwaldes mit Ulme und Linde;
+
+ 3. _Eichen-Fichtenzeit._ Neben der Eiche Vorherrschaft der
+ Fichte und Einwanderung der Buchen;
+
+ 4. _Buchen-Fichtenzeit._ Wachsende Ausbreitung der Buche,
+ Abklingen der Eiche und Hasel. Einwanderung der Tanne und
+ deren Ausbreitung während der Grenzhorizontzeit;
+
+ 5. _Buchen-Tannenzeit._ Vorherrschen von Buche und Tanne;
+
+ 6. _Jetztzeit._ Neuerliche Ausbreitung der Fichte, wohl durch
+ die Forstkultur.
+
+Diese Waldgeschichte haben wir gelesen aus einem Buche, dessen Blätter
+die Moorschichten, dessen Buchstaben die Pollenkörner waren. Und wie
+sich in einem Buche Unrichtigkeiten und Druckfehler einstellen, so
+werden sich auch in der Methode der Pollenuntersuchungen Irrtümer
+und Fehlerquellen finden, aber alle Bemängelungen können nicht den
+großzügigen Inhalt dieses Naturbuches verwischen. Wir dürfen somit,
+wie Rudolph sagt, die Pollendiagramme auffassen als den Ausdruck der
+wechselnden Waldgeschichte unseres Erzgebirges seit der Eiszeit. _Wir
+werden es dadurch umsomehr verstehen, daß sich der Heimatschutz auf die
+Moore als Urkunden der Vorzeit erstrecken muß._ Wir werden mit einem
+ehrfürchtigen Schauer die geschützten sächsischen Moore durchwandern,
+und die scheinbare Eintönigkeit der Landschaft wird schwinden in dem
+Lichte, welches diese vergangene und vergehende Pflanzenwelt auf die
+Vorzeit wirft. Die einsame Größe dieser Landschaft macht uns klein und
+läßt uns so recht das Dichterwort empfinden:
+
+ »Manchen Flug wagt menschliches Wissen, das doch
+ Kaum ein Blatt aufschlägt in dem Buch des Weltalls.«
+
+[Illustration: Abb. 21. =Spitzberg mit Torfstich bei Gottesgab=]
+
+
+Fußnoten:
+
+ [1] Vergleiche 10. Flugschrift des Heimatschutzes. Prof. Dr. A.
+ Naumann: Das Kranichseemoor bei Carlsfeld im Erzgebirge,
+ ein Naturschutzbezirk Sachsens.
+
+ [2] Bei vielen Pflanzen auf Humusboden finden wir anstatt der
+ Wurzelhaare einen Überzug von Pilzgeflecht an der Wurzel.
+ Solche verpilzte Wurzel heißt ~Mycorrhiza~. Man nimmt
+ an, daß das Pilzgeflecht (~Myzel~) _von der Wurzel_ zu
+ seinem Aufbau die Kohlehydrate erhält, während das den
+ Boden durchspinnende Myzel _für die Wurzel_ von weither
+ die nötigen Nährsalze, vielleicht auch stickstoffhaltige
+ Humusstoffe herbeiführt. Ein solches Zusammenwirtschaften
+ zu gegenseitigem Nutzen bezeichnen wir als Symbiose.
+
+ [3] Wir kennen auch voreiszeitliche (präglaziale Moore).
+ Sie zeigen durch ihre Pflanzenreste, darunter ein der
+ serbischen Fichte (~Picea Omorica~) ähnliches Nadelholz,
+ ein subalpines Klima an.
+
+ [4] _Naumann_, Dr. A.: Bau und Leben der Pflanze, eine Botanik
+ des Praktikers. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.
+
+
+
+
+Die Gefahren der Vogelbruten
+
+Von _Rud. Zimmermann_, Dresden
+
+Mit drei Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers
+
+
+Wenn das Nest der Dorngrasmücke in dem Rosenbusch unseres Gartens,
+dessen Werden wir fast von seinen ersten Anfängen an verfolgt haben,
+auf dem wir das Weibchen brütend über den fünf grau und bräunlich
+gesprenkelten Eiern sitzen sahen und in dem wir dann auch schon die
+geschlüpften Jungen schauen durften, eines Morgens zerrissen im
+Gezweige hängt und sein lebendiger Inhalt verschwunden, das Opfer
+irgendeines Räubers geworden ist – wir betrachten in derartigen Fällen
+fast immer eine Katze als den Frevler, ohne daß es eine solche immer
+gewesen zu sein braucht –, so ist mit Recht unser Bedauern groß und
+das Mitgefühl mit dem seines Familienglückes beraubten Vogelpaare ein
+lebhaftes. –
+
+Wie viele von denen aber, die schon einmal Zeugen eines derartigen
+Vorganges gewesen sind, ahnen es, daß er eine ganz regelmäßige
+Erscheinung im Naturleben darstellt, wissen es, daß er sich tagtäglich
+hundertfältig ereignet und auch ereignen muß. Die Natur bringt ja alles
+im Überfluß hervor, rechnet mit derartigen Verlusten, die uns ja auch
+gar nicht zum Bewußtsein kommen überall dort, wo das Naturleben noch in
+normalen Grenzen sich abspielt. Würden alle Vogelnester ihre Bestimmung
+erfüllen, die Eier ausfallen und alle erbrüteten Jungen hochkommen
+und diese dann wieder in der gleichen Weise sich fortpflanzen, so
+würde schon innerhalb weniger Jahre eine derartige Übervölkerung in
+der Vogelwelt eingetreten sein, daß nicht nur diese sich gegenseitig
+selbst zugrunde richten würde, sondern daß darunter auch die übrige
+Natur leiden müßte und zum Teil wohl auch rettungslos vernichtet
+werden würde. Nur wo sich das Naturleben – fast ausschließlich nur
+unter dem Einfluß des Menschen und seiner Kultur – wesentlich geändert
+hat und ein ärmeres geworden ist, wo – um bei unserem Beispiel
+aus der Vogelwelt zu bleiben – der Vogelbestand einer Gegend eine
+gewisse untere Grenze erreicht hat oder gar bereits schon unter sie
+herabgesunken ist, wo umgekehrt aber auch wieder die die Vogelwelt
+bedrohenden Gefahren – und das ist eine weitere Begleiterscheinung
+des Menschen und seiner Kultur – größere geworden und vielleicht
+gar noch im Anschwellen begriffen sind, äußeren sich diese in einer
+verhängnisvolleren und den Bestand direkt bedrohenden Weise. Sache des
+Menschen ist es dann und zu seiner Pflicht wird es, die Gefahren nach
+Möglichkeit zu verringern und damit einen gefährdeten Vogelbestand
+wieder zu erhöhen und zu erhalten versuchen. Die Folgen seines
+Unterganges würden in den meisten Fällen den Folgen einer Übervölkerung
+ähnlich oder ihnen gleichbedeutend sein. Freilich ist der Versuch einer
+Vermehrung eines geschwächten Vogelbestandes eine Aufgabe, die nicht
+immer leicht ist und der auch oft genug der Erfolg versagt bleiben
+wird. – Um nun aber Gefahren von einem Naturgeschöpf abwenden zu
+können, ist es notwendig, diese Gefahren auch zu kennen, und so sei
+es mir denn heute an dieser Stelle gestattet, gestützt auf eigenes,
+persönliches Erleben, einmal von den Gefahren zu reden, die unsere
+Vogelwelt in der wichtigsten Zeitspanne ihres Lebens, zur Brutzeit
+bedrohen. Freilich, bei der Unerschöpflichkeit dieses Kapitels in nur
+wenigen, dem Leser aber vielleicht doch ein einigermaßen umfassendes
+Bild aufzeichnenden Beispielen. –
+
+Völlig machtlos steht der Mensch den schädigenden Einflüssen
+ungünstigen Wetters gegenüber, das – glücklicherweise in nur seltener
+sich ereignenden Fällen – mitunter von geradezu katastrophalen
+Wirkungen auf den Vogelbestand kleinerer oder größerer Gebiete werden
+und vielleicht wohl auch einmal eine bereits stark gelichtete Vogelart
+einer Gegend restlos vernichten kann. In den erfreulicherweise
+überwiegenden günstigeren Fällen spürt man die Folgen ungünstigen
+Wetters – meist Kälte und Nässe, doch kann auch übermäßige Trockenheit
+ähnliche Wirkungen haben – auf das Brutleben eines Vogels in einer
+Verminderung dieser Vogelart im folgenden oder in den folgenden Jahren.
+Sie gleicht sich allerdings in der Regel auch wieder aus. Ich habe
+derartige Fälle wiederholt schon beobachten und sie namentlich an den
+Rohrsängern verfolgen können, deren Bestandsmengen in den verschiedenen
+Teichgebieten sich meistens ja recht gut kontrollieren lassen. Ich
+kenne aber auch Fälle, in denen die erwarteten Wirkungen ausblieben.
+In einer Trauerseeschwalbenkolonie in der sächsischen Oberlausitz,
+die ich 1925 unter ständiger Kontrolle hatte, fiel das Ausfallen und
+Heranwachsen der Jungen in den im genannten Jahre ja ganz besonders
+kalten und nassen Juni, so daß diese unter den Folgen der Nässe und
+Kälte in geradezu erschreckender Zahl zugrunde gingen. Im Frühjahr 1926
+erschienen die Vögel aber nicht in der erwarteten verminderten Menge an
+ihrem vorjährigen Brutplatz, sondern in sichtlich stärker gewordener
+Zahl, und wenn sie schließlich auch nicht wieder an ihm brüteten, so
+lagen dem andere Ursachen zugrunde. Wahrscheinlich hatten sich in dem
+vorbeobachteten Falle Vögel verschiedener Kolonien zusammengefunden
+oder aber ihre Menge war durch den Brutüberschuß aus einer anderen
+Gegend aufgefüllt worden.
+
+In Ausmaßen, wie ich sie in den vielen Jahren meiner
+Beobachtertätigkeit noch nie erlebt habe, wirkten sich in meinem
+Lausitzer Beobachtungsgebiet im Frühjahr 1926 die Wetterkatastrophen
+dieses Jahres aus. Besonders die Zeit der sich wiederholenden
+Überschwemmungen im Juni, die hier im Flachlande ganz andere
+Strecken unter Wasser setzten als in höher gelegenen Hügel- und
+Berglandschaften und deren Folgen nicht nur wochen-, sondern monatelang
+in den wasserbestandenen Feldern und weiten Wiesenflächen sichtbare
+blieben, sind tausende von Nestern vor allem bodenbrütender Arten, wie
+Feldlerche, Schafstelze, Wiesenpieper, Bekassine und so viele andere
+mehr zum Opfer gefallen. Der Dauerzustand der Überschwemmungen hatte
+dann noch die weitere Folge, daß von den unter ihnen gelittenen Vögeln,
+von denen vielleicht die meisten bei einem rascheren Ablauf des Wassers
+zu Ersatzbruten verschritten wären, nur wenige zu solchen gekommen
+zu sein scheinen, wie das nach dieser Zeit vielfach zu beobachtende
+ziellose Umherstreichen dieser Vögel anzudeuten schien. Aber auch
+das Wassergeflügel litt ähnlich; während die Jungen frühgebrüteter
+Arten (Stockente usw.) sich in dem sehr warmen April ungewöhnlich
+günstig entwickelten, trat bei allen Spätbrütern und solchen, die
+sich durch Ursachen irgendwelcher Art im Brüten verspätet hatten,
+das gerade Gegenteil ein – ich entsinne mich keines Frühjahres, in
+dem ich beim Abwaten von Teichen so viele eingegangene Jungvögel
+gefunden hätte, wie 1926 etwa von ausgangs Mai an bis weit in den Juli
+hinein. Rohrsängernester wurden vielfach die Opfer der fast alltäglich
+auftretenden und meist von stürmischen Winden begleiteten Gewitter. Ihr
+Inhalt endete im Wasser, und in denen, die diese Fährnisse glücklich
+überstanden, gingen dann später häufig die Jungen (an Nässe und
+Kälte? oder aus Nahrungsmangel?) zugrunde; besonders in der ersten
+Juli-Hälfte war die Zahl der verlassenen Teichrohrsänger-Nester mit
+mehr oder weniger weit entwickelten toten Jungen eine große, und
+übertraf fast noch die Zahl der unversehrt gebliebenen. Auch die Busch-
+und Baumbrüter zeigten größere Verlustziffern als in normalen Jahren,
+vielfach wurden in den nassen, vom Wasser vollgesogenen Nestern die
+Gelege einfach verlassen, während in anderen die Jungen unter den
+Wirkungen der Kälte und Nässe oder aus Nahrungsmangel – der andauernde
+Regen verhinderte die normalen Fütterungen – hinstarben. Man darf
+gespannt darauf sein, wie sich die hier nur in ihren gröberen Umrissen
+aufgezeichneten Erscheinungen im Bestandsbilde der Lausitzer Vogelwelt
+in den kommenden Jahren widerspiegeln werden.
+
+ * * * * *
+
+Während Schädigungen der brütenden Vogelwelt durch Witterungseinflüsse
+in größeren Ausmaßen aber nur recht unregelmäßige Erscheinungen sind
+– in kleinerem Umfange lassen sie sich alljährlich beobachten – und
+namentlich solche wie die hier geschilderten im vergangenen Frühjahre
+zu den schon selteneren Erscheinungen gehören, treten andere Gefahren
+mit einer viel größeren Gleichmäßigkeit auf. Es sind namentlich die,
+die den Vogelbruten von seiten der vielen tierischen Feinde drohen;
+gelegentliche Schwankungen und Verschiebungen, bedingt durch das
+zeitweise stärkere oder schwächere Auftreten einer bestimmten Feindart,
+äußern sich mehr örtlich auf kleinerem Raume und ändern am Gesamtbild
+nichts. Gar nicht gering ist die Zahl dieser tierischen Feinde, und
+wir begegnen ihnen in allen Tiergruppen, vom Kleinlebewesen angefangen
+bis herauf zur höchstorganisierten Klasse, zu den Säugetieren.
+Die Kleinwelt stellt in Milben, Flöhen, Zecken und dergleichen
+zahlreiche Schmarotzer, denen sich noch Larven parasitärer Fliegen
+usw. zugesellen. Mir will es scheinen, als ob die an den menschlichen
+Wohnstätten lebenden Vögel besonders stark unter Schmarotzern zu leiden
+hätten und als ob unter diesen wieder der Mauersegler und unsere
+Schwalben am häufigsten von ihnen heimgesucht würden. An Schmarotzern
+eingegangene Schwalben und Segler sind mir besonders viel schon
+gebracht worden; vor einigen Jahren erhielt ich in Moritzburg einen
+eben verendeten jungen Mauersegler, der von Milben strotzte und dessen
+Kopffedern fast völlig fehlten oder nur noch in (abgefressenen?)
+Stummeln vorhanden waren. Sein Tod ist sicherlich durch die ihn
+heimgesuchten Schmarotzer hervorgerufen worden. Im vergangenen Frühjahr
+fand ich dann weiter, um noch ein Beispiel zu nennen, in Königswartha
+einen frischverendeten jungen, noch warmen Feldsperling, von dessen
+Kopf ich zweiunddreißig (!) Zecken ablas. Und zwei Tage später sah ich
+einen weiteren jungen Feldspatz, der in der Schar seiner Geschwister
+mir sofort durch seine taumelnden Bewegungen auffiel und den ich in
+meine Hände bringen konnte; auch von seinem Kopf und Hals las ich
+siebzehn Zecken ab. Sehr viel Nestjunge fallen auch den Ameisen zum
+Opfer; manche von ihnen vernichtete Brut habe ich schon gefunden und
+wie selten einmal geflucht und gewettert – die verehrte Leserin möge es
+mir verzeihen, wenn ich mit diesem Ausdruck etwas »aus der Rolle falle«
+– als an jenem Tage, an dem ich mit der Kamera zu meinem gefundenen
+ersten Ziegenmelker-Nistplatz pilgerte, und dann die am Tage zuvor noch
+während des Ausschlüpfens beobachteten Jungen von Ameisen angegangen
+tot vorfand.
+
+Die höhere Tierwelt stellt Feinde aus allen Klassen; selbst unter den
+Fischen gibt es Arten, denen junges Wassergeflügel zum Opfer fällt.
+Der Hecht schnappt manchen, das Nest verlassenen und auf dem Wasser
+sich tummelnden Jungvogel, und einem Hechte wohl auch wurde jenes junge
+Teichhuhn Beute, das 1911 auf einem Teiche bei Königswusterhausen vor
+meinen Augen trotz seines Sträubens von einem mir unbekannt gebliebenen
+Etwas unter das Wasser gezogen wurde. Unter den Kriechtieren sind
+es die Schlangen – die Kreuzotter vor allem und vielleicht öfters
+auch, wie ich dies bereits vor Jahren an anderer Stelle nachzuweisen
+versucht habe, die Glatte Natter – die Interesse an dem lebendigen
+Inhalt des Vogelnestes zeigen können, und von den Lurchen vergreifen
+sich, wie dies der als Tierphotograph bekannte Amtmann Behr in Cöthen
+photographisch festhalten konnte, der Teich- und Seefrosch gelegentlich
+einmal auch an den Jungen eines ihnen erreichbaren Vogelnestes.
+
+Von den Säugern sind Feinde der Vogelbruten zunächst alle unsere
+Raubtiere, ferner die meisten Nager und von den Insektenfressern der
+Igel und die Spitzmäuse.
+
+[Illustration: Abb. 1. =Igel plündert ein Rebhuhngelege=]
+
+Von den Raubsäugern fallen nach meinen Erfahrungen, wenigstens bei
+uns, den marderähnlichen auch relativ die meisten Bruten zum Opfer;
+namentlich der überall noch vorhandene Iltis und die ebenfalls wohl
+nirgends noch fehlenden beiden Wiesel können es zu ganz erstaunlichen
+Leistungen bringen. Und manches in unseren Gärten verschwundene Nest,
+dessen Verlust wir dem Schuldkonto der Katze zuschreiben, muß – ich
+habe dies oft aus noch vorhandenen Spuren nachweisen können – einem
+dieser kleinen blutdürstigen Raubritter, denen ich deswegen aber noch
+niemals gram geworden bin, angekreidet werden. Das kleine Wiesel als
+Nesträuber kennen zu lernen, hatte ich 1924 in Königswartha in geradezu
+hervorragender Weise Gelegenheit. Es trieb sich in diesem Jahre so
+häufig auf den Teichdämmen umher, daß kaum ein Tag verging, an dem
+ich nicht einen oder einigen dieser geschmeidigen Tiere begegnet
+wäre. Öfter sah ich Wiesel im Wasser, wie sie gewandt namentlich die
+vegetationsreichen Uferstrecken abschwammen und nach Nestern der
+hier brütenden Vögel durchsuchten, und die großen Verluste, die ich
+gerade in diesem Jahre an den Nestern namentlich der Taucher und der
+Zwergrohrdommel, aber auch von Enten, Wasserhühnern usw. zu verzeichnen
+hatte, mögen größtenteils »Arbeit« des Wiesels gewesen sein. In einer
+kleineren Schwarzhalstaucherkolonie von zwölf bis fünfzehn Paaren
+wurden sämtliche Nester von ihm geplündert, auf einem derselben fand
+ich, das Gelege noch bedeckend, den weiblichen Taucher tot und im
+Nacken angefressen vor, der Überfall und das Töten des brütenden Vogels
+muß so rasch vor sich gegangen sein, daß dieser nicht einmal mehr Zeit
+zur geringsten Bewegung gehabt hat. Trotz der starken Nestplünderungen
+aber ließen sich 1925 wesentliche Veränderungen im Bestande der von
+den Plünderungen betroffenen Vögel kaum feststellen; und daß ein
+gelegentliches stärkeres, durch irgendwelche günstigen Umstände
+gefördertes Auftreten irgendeines Räubers auch wieder normale Formen
+annehmen kann und annehmen wird, bewiesen die beiden letzten Jahre, in
+denen ich trotz fast noch häufigerer Anwesenheit in Königswartha das
+Wiesel erheblich seltener antraf und die Begegnungen mit ihm fast an
+den Fingern herzählen kann.
+
+[Illustration: Abb. 2. =Siebenschläfer beim Plündern eines
+Hausrotschwanznestes=]
+
+Von den Nagern ist das Eichhörnchen als Nestplünderer ja ganz allgemein
+bekannt; ihm fallen vor allem die offenen Nester der baumbrütenden
+Arten, wie der Ringeltaube mit ihren zwei weißen, weithin leuchtenden
+Eiern und viele andere mehr zum Opfer. Ist es nur ein Zufall gewesen,
+daß ich auf dem Rochlitzer Berge die Taubennester gerade in den
+Brutbezirken des Hühnerhabichts, die das Eichhörnchen nach Möglichkeit
+mied, antraf? Oder lag die Möglichkeit vor, daß die Tauben, trotzdem
+auch der Hühnerhabicht einer ihrer ärgsten (allerdings die Nester kaum
+heimsuchenden) Feinde ist, diese Stellen bevorzugten, weil sie an
+ihnen vor den Nachstellungen durch das Eichhörnchen verschont blieben?
+Es ist schwer, dies zu entscheiden. – Von den Schlafmäusen sind
+Nestfeinde die beiden größeren einheimischen Arten, der Siebenschläfer
+und der Gartenschläfer. Den ersteren konnte ich in meinem früheren
+Rochlitzer Beobachtungs- und Arbeitsgebiet Nesträubereien mehrfach
+nachweisen, eine meiner photographischen Zufallsaufnahmen zeigt ihn
+ja auch bei dieser Tätigkeit. Und vom Gartenschläfer berichtete mir
+unter anderen Freund Keiler-Pfaffenstein, daß er vor Jahren dem Nager
+einmal ganz energisch nachzustellen und seinen Bestand einzuschränken
+gezwungen war, weil in der Umgebung seines Wohnhauses infolge der
+Räubereien durch den Schläfer Singvogelbruten nicht mehr hoch kamen.
+Man wird derartige örtliche Abwehrmaßnahmen auch nie verurteilen
+können, wie dies mehrfach auf die Bekanntgabe dieser Tatsache in
+einer meiner Schlafmausarbeiten hin geschah: meine Untersuchungen
+haben den jedenfalls einwandfreien Nachweis erbracht, daß Garten- und
+Siebenschläfer in unserem Vaterlande durchaus noch nicht selten,
+stellenweise sogar sehr häufig sind, und daß die vielfach hier und
+da einmal gebotenen energischeren örtlichen Nachstellungen nie ihren
+Bestand ernstlich gefährden können. Die mir wiederholt um den Bestand
+unserer Tiere ausgesprochenen Befürchtungen entbehren wirklich jeder
+tatsächlichen Grundlage. – Auch unsere Mäuse und der Hamster kommen
+als Nesträuber in Betracht; die ersteren scheinen aber den Eiern
+ein größeres Interesse als den später im Neste befindlichen Jungen
+entgegenzubringen, so daß sich die Schäden, die sie der Vogelwelt
+zufügen, durch die größere Möglichkeit von Ersatzbruten wieder etwas
+ausgleichen. Dem Hamster dagegen scheinen Eier in gleicher Weise wie
+Nestjunge zum Opfer zu fallen, doch möchte ich mit meinem Urteil hier
+noch zurückhalten, da meine persönlichen Erfahrungen darüber noch
+geringe sind. Spitzmäuse sind nach meinen hier allerdings auch nur
+spärlichen Beobachtungen mehr Eier- als Vogeldiebe, scheinen für Eier
+aber manchesmal eine direkte Leidenschaft zu entwickeln. Dem Igel
+möchte ich ebenfalls eine größere Vorliebe für die Gelege als für die
+späteren Jungen zuschreiben, die ihm aber auch zum Opfer fallen können.
+Seine Nestplünderungen abzuleugnen oder sie als ganz unbedeutende
+hinzustellen, wie man dies angesichts der allerdings oft auch wieder
+stark übertriebenen Anschuldigungen besonders von seiten des Jägers
+getan hat und noch tut, geht jedenfalls nicht an, wie man umgekehrt
+ihretwegen aber auch kein Recht zu einer schonungslosen Verfolgung des
+Igels herleiten kann. Seine Nesträubereien fallen durchaus noch in
+den Rahmen des normalen, natürlichen, und wenn sie ja einmal örtlich
+(in Fasanerien usw.) einen etwas größeren Umfang annehmen sollten, so
+genügen auch rein örtliche Abwehrmaßnahmen. In meinem Elternhaus auf
+dem Rochlitzer Berg hatte einst ein Haushuhn sich einen Eiervorrat
+an einer stillen Stätte im Freien angesammelt und diesen zu bebrüten
+begonnen. Eines Morgens lief es mit ausgerissenem Schwanze umher,
+während sein Eierschatz zerbrochen und ausgefressen über den Boden
+zerstreut war – ein Igel hatte, wie die Spuren ergaben, dem brütenden
+Huhn nachts einen Besuch abgestattet und die Verwüstungen angerichtet.
+
+[Illustration: Abb. 3. =Waldwühlmaus beim Plündern eines
+Goldammernnestes=]
+
+Viel schwerer als die Schädigungen der Vogelbruten durch freilebende
+Säuger wiegen in der Umgebung unserer Ortschaften, besonders derjenigen
+ländlichen Charakters, in der Regel die, die zwei unserer Haussäuger,
+die Katze und der Hund, verursachen können. Über die der Katze bestehen
+unter den Einsichtigen kaum größere Meinungsverschiedenheiten, die des
+Hundes aber werden nur zu oft unterschätzt. Streunenden Dorfkötern
+können unzählige Nester bodenbrütender Arten zum Opfer fallen und
+der Schaden, den sie dadurch der Vogelwelt zufügen, bleibt oft kaum
+hinter dem durch die Katze angerichteten zurück. Um des letzteren
+willen ist schon viel Tinte geflossen und Druckerschwärze verbraucht
+worden; Berufene und Unberufene haben sich zu ihm geäußert, die
+letzteren meistens mit dem größten Stimmaufwand. Und doch sind wir
+noch weit von einer zufriedenstellenden Lösung der immer brennender
+werdenden Katzenfrage entfernt, den oft weit über das Ziel schießenden
+Forderungen der Katzengegner gegenüber verfallen die Katzenfreunde dann
+regelmäßig in das entgegengesetzte Extrem. Und doch müßte bei gutem
+Willen auf beiden Seiten – der vor einiger Zeit gegründete »Bund der
+Katzenfreunde« (war er notwendig) könnte hier das Seine dazu beitragen
+– sich auch in der Katzenfrage manches erreichen lassen, könnten die
+oft so erheblichen Schädigungen der Vogelwelt durch die Katze, wenn
+auch niemals ganz beseitigt, so doch wesentlich herabgemindert werden.
+Einen Weg hierzu habe ich vor einigen Jahren an anderer Stelle zu
+zeigen versucht (Naturschutz 3, Berlin 1922, S. 100–107).
+
+Schließlich sind es auch eine ganze Anzahl Vögel selbst, die sich
+Nestplünderungen zuschulden kommen lassen und die Gelege und
+Bruten des eigenen Geschlechts zehnten. Und es gibt unter ihnen
+manche Art, die darin ganz »Hervorragendes« leistet und unter der
+eigenen Sippe oft ärger wüten kann, als z. B. manch einer der
+übelberüchtigsten vierfüßigen Räuber. Besonders die Krähenvögel
+tun sich in Nesträubereien hervor, und unter ihnen wieder sind es
+vor allem Raben- und Nebelkrähe, die sich oft den hemmungslosesten
+Nestplünderungen widmen. Wenn man ihre Tätigkeit einmal beobachtet und
+solche Verheerungen unter dem Brutvogelbestand einer Gegend gesehen
+hat, wie ich sie nun schon manches Mal verfolgen konnte, wird man bei
+aller Achtung auch ihrer Rechte an das Leben doch auch dafür eintreten,
+daß sie nach Möglichkeit kurz gehalten und ihrer von tierischen Feinden
+wenig bedrohten Vermehrung Schranken gesetzt werden. In der Lewitz
+in Mecklenburg z. B. fand ich an einem einzigen Morgen längs eines
+Dammes auf einer Strecke von höchstens hundertfünfzig Metern gegen
+vierzig bis fünfzig von Krähen ausgefressene Enteneier, ein Fall, den
+ich aus eigenen Erlebnissen noch manchen anderen, ähnlichen angliedern
+könnte. Das tollste in dieser Beziehung jedoch erlebte ich 1925 in
+meinem Lausitzer Beobachtungsgebiet, wo Krähen eine gegen zweihundert
+Brutpaare zählende Lachmöwenkolonie in noch nicht zwei Wochen
+restlos vernichteten. Ich halte es daher auch für eine unbedingte
+Notwendigkeit, Krähen (und unter Umständen auch noch einige andere
+Vögel) von Vogelschutzgebieten fern zu halten. Sie sind von der Kultur
+begünstigte Vögel; in den Naturschutzgebieten aber wollen wir vor allem
+doch die Arten schützen und erhalten, die unter der Kultur leiden und
+durch sie in ihrem Bestande bedroht sind, und für die im Gegensatz zu
+den Krähen und einigen anderen, sich der Kultur vorzüglich angepaßten
+Arten der Lebensraum in der Kulturlandschaft aufs äußerste eingeengt
+worden ist. Der Gedanke, Stätten zu schaffen und Stätten zu besitzen,
+an denen man der Natur allein das Wort lassen kann, ist gewiß ein sehr
+schöner. Aber wir können uns seine Erfüllung nicht leisten, wenn wir
+an solchen Stätten eben etwas mehr noch erhalten und schützen wollen,
+als das, was hundertfach in unserer Kulturlandschaft Platz findet.
+Diesen Gedanken hier weiter auszuspinnen, muß ich mir jedoch versagen,
+es würde dies eine besondere Arbeit erfordern, für die mir die
+Schriftleitung der Heimatschutzmitteilungen vielleicht später einmal
+den nötigen Raum bewilligt.
+
+Starke Nestplünderungen läßt sich auch der aus Sachsen allerdings
+längst verschwundene Kolkrabe zuschulden kommen, ihm sind nicht
+einmal die Nester vieler größerer Raubvogelarten heilig. Manche im
+vogelkundlichen Schrifttum niedergelegte Beobachtung erzählt davon,
+und ich selbst hatte in Bialowies Gelegenheit, das große Interesse
+des Kolkraben für Raubvogelhorste kennen zu lernen; ein Paar unseres
+Vogels vereitelte mir durch seine Raubzüge meine sicheren Aussichten
+auf photographische Aufnahmen an einem Milanhorst und kurz darauf
+ertappte ich es bei Auseinandersetzungen mit einem Schreiadlerpaar um
+die Rechte an dessen Horst. Übrigens machen auch unsere beiden eben
+genannten Krähen vor Raubvogelhorsten ebenfalls nicht Halt; von den
+hierher gehörenden, von mir oder anderen beobachteten Fällen sei nur
+der erwähnt, in dem im vergangenen Frühjahr in meinem Königswarthaer
+Beobachtungsgebiet der Horst eines Rohrweihenpaares, das seinerseits
+wiederum stark die Nester des Wassergeflügels zehntete und von
+mir dabei wiederholt auch, einmal sogar aus nur wenigen Metern
+Entfernung, beobachtet wurde, einer Anzahl im Teichgebiet plündernd
+umherstreifender Nebelkrähen zum Opfer fiel.
+
+Auch die sonst so schmucke und jeder Landschaft zur Zier gereichende
+Elster erhebt von den Nestern kleinerer Vögel einen recht hohen Tribut;
+dort, wo sie sich häufiger findet, bleiben die durch sie bewirkten
+Schädigungen der Kleinvogelwelt in keiner Weise hinter den durch Krähen
+verursachten zurück, so daß auch ihr gegenüber oft ein regelndes
+Eingreifen durch den Menschen ratsam erscheint, und ebenso fällt in
+unseren Wäldern dem forstlich oft recht nützlichen Eichelhäher manches
+Singvogelnest zum Opfer. Die Würgerarten weiter gehören ebenfalls zu
+den Nestplünderern; der häufigste und verbreitetste von ihnen, der
+Rotrückige oder Neuntöter, steht in dieser Hinsicht sogar in einem oft
+recht üblen Rufe. Auf der kürzlichen Tagung des Vereins sächsischer
+Ornithologen in Plauen wurde sogar von einem anwesenden Gaste die
+Forderung erhoben, daß sich der Verein für eine Vertilgung des Vogels
+im großen einsetzen solle! Eine derartige, selbstverständlicherweise
+auch nirgends Gegenliebe gefundene Forderung geht natürlich weit
+über das Ziel hinaus; wir wissen aus vielen Einzelbeobachtungen und
+Untersuchungen, daß stärkere Schädigungen der Kleinvogelwelt durch den
+Rotrückigen Würger Erscheinungen mehr örtlicher Natur sind und daß dann
+in Fällen, in denen diese Schädigungen der Kleinvogelwelt durch unseren
+Vogel das normale Maß übersteigen und daher das regelnde Eingreifen des
+Menschen notwendig machen, eine Niederhaltung des Würgers durch das
+Zerstören von dessen ja leicht zu findenden Nestern möglich ist.
+
+Leicht ließe sich die Liste nestplündernder Vögel weiter fortsetzen,
+die hier genannten stellen ja nur einen kleineren Teil aus einer weit
+größeren Schar dar. Und jenen Arten, die den Nestplünderungen mehr
+oder weniger regelmäßig huldigen, schließen sich dann noch diejenigen
+an, die sich nur gelegentlich einmal den Inhalt eines Nestes zu Gemüte
+führen, bei denen die Vorliebe dafür mehr individuellen Neigungen
+entspringt. Die Amsel z. B. gehört hierher. Über ihre räuberischen
+Gelüste ist ja auch schon sehr viel geschrieben, sind Urteile gefällt
+worden, die zu oft nur jede Spur von Sachlichkeit und Gerechtigkeit
+vermissen lassen. Es geht nicht an, wie ich dies erst kürzlich wieder
+las, Nesträubereien durch die Amsel einfach abzuleugnen nur, weil sie
+ein Beobachter aus eigener Erfahrung nicht kennen gelernt hat und die
+Beobachtungen anderer einfach übergeht oder gar ableugnet, es ist
+aber umgekehrt noch viel vermessener, wenn festgestellte Einzelfälle
+verallgemeinert und für Entartungen einzelner Vögel – und um solche
+handelt es sich hierbei – die ganze Sippe verantwortlich gemacht und
+die Forderung zu einer Allgemeinverfolgung der Amsel hergeleitet
+wird. Lokal (und zum Teil aus ganz anderen Gründen) wird man sich in
+Einzelfällen einmal mit einer weisen Beschränkung des Amselbestandes
+eines Ortes einverstanden erklären, nie aber die so oft geforderte, in
+die Hände der unverständigen Masse gelegte Allgemeinbekämpfung unseres
+Vogels befürworten können. Selbst Arten, wie unsere Meisen, können
+einmal Gefallen an dem Inhalt fremder Nester finden; ich selbst sah
+Kohlmeise sowohl wie auch Blaumeise die Eier in Nestern freibrütender
+Finkenvögel angehen.
+
+Auch im Kampfe um das Nest gehen oft Gelege oder Bruten zugrunde. Der
+Star hat gar manches Mal Ursache, seinen Nistkasten von einem fremden
+Eindringling zu säubern, er setzt den Spatz, der sich darin häuslich
+eingerichtet hat, vor die Tür und wirft sein Nest heraus oder überbaut
+es kurzerhand, und er selbst wieder muß dann oft einer anderen Art,
+dem Segler, dem Wendehals usw. das Feld räumen und sein Gelege oder
+die schon ausgeschlüpften Jungen durch die neuen Wohnungsinhaber
+vernichten lassen, Vorgänge, wie sie sich auch um den Besitz anderer
+Nisthöhlen und selbst freistehender Nester abspielen können. Alle diese
+Erscheinungen aber bewegen sich in der Regel noch im Rahmen normalen
+Naturgeschehens; ihre Wirkungen werden folgenschwer erst dort, wo
+Umstände äußerer Art, wo namentlich unsere Kultur gewisse Nestfeinde
+begünstigt und sie ein Übergewicht über die ihr tributpflichtigen hat
+erlangen lassen und wo auf diese Weise das regelnde Walten der Natur
+ausgeschaltet worden ist.
+
+Viel schwerer ins Gewicht fallen zumeist die Schäden, die die Kultur
+im Gefolge hat und die auf direktes Eingreifen durch den Menschen
+zurückgehen. Wilde Nesträubereien durch den letzteren um der Eier
+mancher Vogelarten willen – das normale, in den gebotenen Grenzen sich
+haltende Einsammeln der Eier einiger freilebender Vögel (Lachmöwe
+usw.) bedeutet noch keine Schädigung dieser Vögel – können oft von
+den verhängnisvollsten Folgen für die davon betroffenen Vogelarten
+begleitet sein – 1925 z. B. gingen auf diese Weise die großen
+Lachmöwensiedlungen auf den Koblenzer Teichen in der Lausitz zugrunde
+– und nicht minder verhängnisvoll kann in manchen Einzelfällen das
+Vernichten von einzelnen Nestern aus bloßer Freude am Zerstören
+werden. Durch seine mannigfachen Arbeiten aber vernichtet der Mensch
+auch ungewollt viele Nester und Bruten, muß sie vernichten. Im Walde
+werden beim Fällen von Bäumen die auf ihnen befindlichen Nester
+mit zu Boden geworfen, beim Abfahren von aufgeschichtetem Holz die
+darin befindlichen zerstört, auf den Wiesen und Feldern die Gelege
+bodenbrütender Arten ausgemäht und was dergleichen Dinge mehr sind.
+
+In sehr vielen Fällen ist es auch der Vogel selbst, der – natürlich
+ohne dies selbst zu empfinden – die Gefahren, die sein Nest bedrohen,
+dadurch erhöht, daß er zur Anlage desselben sich Orte aussucht, die
+von vornherein allen nur erdenklichen Unfällen ausgesetzt sind.
+Dieses Kapitel ließe sich durch unendlich viele Beispiele belegen,
+und sicherlich auch könnte mancher Leser noch dieses oder jene eigene
+Erlebnis dazu beisteuern. Besonders sind es die an oder in der Nähe
+der menschlichen Wohnstätten brütenden Vogelarten, die hierbei in
+Frage kommen. Es sei nur an die vom Hausrotschwanz und der weißen
+Bachstelze im Bereiche unserer Bahnhöfe so gern gewählte Nestanlage an
+den ganz oder auch nur zeitweise außer Betrieb gesetzten Eisenbahnwagen
+erinnert. In den wenigsten Fällen wohl wird dann bei der Inbetriebnahme
+eines derartigen Wagens eine Vogelbrut so günstig abschneiden, wie
+in jenem, mir aus meiner Rochlitzer Heimat bekannten, in dem ein
+Bachstelzenpaar mit seinem Nest täglich zweimal die Fahrt auf der
+siebzehn Kilometer langen Strecke Rochlitz–Großbothen mitmachte und
+seine Jungen glücklich hoch brachte, oder jenem anderen, aus dem
+Vogtlande bekannt gegebenen, in dem ein Rotschwanzpaar mit seinem Nest
+ungefährdet eine vierzehn Kilometer lange Strecke täglich gar sechsmal
+durchfuhr. Ich habe regelmäßig Nester und Nestanfänge von Orten,
+an denen ihr sicherer Untergang vorauszusehen war, entfernt; eine
+Maßnahme, die durchaus nichts »barbarisches« an sich hat, wie mir dabei
+manches Mal von empfindsamer Seite im Tone größter Entrüstung erklärt
+worden ist. Denn auf diese Weise veranlaßte ich die Vögel, ihre Nester
+nochmals an anderen (und vielleicht auch viel geschützteren) Orten zu
+errichten, was sie auch bestimmt tun werden, wenn die Entfernung des
+Nestes entweder noch vor der Ablage der Eier oder doch während der
+Bebrütung erfolgt, während anderen Falles, in dem das Nest verunglückt,
+wenn in ihm bereits die Jungen vorhanden sind, es vielfach nicht
+wieder zu einer Ersatzbrut kommt. Und so glaube ich denn trotz meiner
+»Barbarei« manche Vogelbrut schon gerettet zu haben. Daß ein Vogel die
+sein Nest bedrohenden Gefahren erkennen und sie umgehen lernt, ist eine
+oft schon mitgeteilte und auch von mir wiederholt beobachtete Tatsache.
+Ein hierher gehörender, besonders interessanter Fall, den ich einer
+Anzahl Dresdner Vogelkundiger auch an Ort und Stelle vorführen konnte,
+ist folgender: In einer Straßenüberführung der seit undenklichen Zeiten
+schon im Bau befindlichen, aber nie fertig werdenden Bahnstrecke
+Radeburg–Priestewitz hatte ein Steinschmätzerpaar in einer der vier
+Abflußröhren etwa dreißig Zentimeter von der Ausflußöffnung entfernt
+sein Nest untergebracht. Das Gelege ging ebenso wie das zweite in einem
+neuen, in gleicher Weise in einer anderen der vier Röhren errichteten
+Neste zugrunde, worauf die Vögel zum Bau eines dritten Nestes in der
+dritten Röhre verschritten, das sie aber nicht mehr so kurz hinter
+der Abflußöffnung, sondern in der Röhre so weit hinten anlegten, daß
+die volle Armlänge knapp genügte, es zu erreichen. Und in diesem,
+nunmehr vor den Eingriffen des Menschen geschützten Nest kamen denn
+auch die Jungen glücklich hoch. Für Höhlenbrüter, deren Bruten sonst im
+allgemeinen geschützter als die der Freibrüter sind, entstehen Gefahren
+oft durch die Benutzung zu enger Höhlen. Im vogelkundlichen Schrifttum
+z. B. sind Fälle mitgeteilt worden, in denen brütende Mauersegler in
+derartigen Höhlen dadurch zugrunde gingen, daß die langen Schwanz-
+und Flügelfedern des brütenden Vogels sich sichelförmig nach oben
+gekrümmt und ihn auf diese Weise am Wiederausfliegen gehindert und
+dem Hungertod überliefert hatten. Ich selbst konnte wiederholt enge
+Höhlen untersuchen, die von Meisen bezogen worden waren und in denen
+nach dem Ausfliegen eines Teiles der Jungen ein anderer Teil tot in
+ihnen zurückgeblieben war, Fälle, die wohl ausnahmslos ihre Erklärung
+darin finden, daß für die heranwachsenden Jungen allmählich der Raum zu
+enge wurde und die schwächeren Vögel dann von den stärkeren erdrückt
+worden waren. In künstlichen Höhlen scheinen sich derartige Fälle, wie
+ich es mehrfach feststellen konnte und wie es mir wiederholt auch von
+anderer Seite bestätigt worden ist, verhältnismäßig oft zu ereignen;
+die Berlepsche ~A~-Höhle (für Meisen) in ihrer bisherigen Form z. B.
+ist in ihren Innenmaßen entschieden zu klein, und es erscheint geradezu
+unverständlich, daß v. Berlepsch erst jetzt zu einer Überzeugung
+gekommen ist, die Vogelkundige schon seit langem immer wieder von neuem
+ausgesprochen und wiederholt haben. Im fünfzehnten und sechzehnten
+Jahresbericht seiner Versuchs- und Musterstation schreibt er: »Ich
+habe deshalb seit Herbst 1922 den Nestraum der Höhle ~A~ von bisher im
+Durchmesser fünfundachtzig bis fünfundneunzig Millimeter auf hundert
+bis hundertfünfzehn Millimeter erweitern lassen. Hierdurch bietet
+nun auch diese kleinste Höhle ausgiebigst Platz, und so ist kein
+Grund mehr vorhanden, auch für die vielköpfigste Meisenfamilie die
+kostspieligere ~B~-Flughöhle mit ~A~-Flugloch verwenden zu wollen«
+und fährt dann weiter fort: »Der Fabrik Scheid aber ist es erlaubt,
+ihren Vorrat der ~A~-Höhlen der bisherigen Abmessungen auszuverkaufen.
+Neue ~A~-Höhlen bitte ich dagegen bezüglich dieser Nestraumweite einer
+strengen Kontrolle zu unterziehen.« Kopfschüttelnd nur wird man diese
+Worte lesen können und dem Münchener Ornithologen Laubmann beipflichten
+müssen, der dazu bemerkt: »Ein Kaufmann, der eine von ihm feilgebotene
+Ware als unbrauchbar erkannt hat, sie aber dennoch weiter verkauft, ist
+unreell … Ein solches Vorgehen, das gleichbedeutend ist mit »Geld zum
+Fenster hinauswerfen lassen« (und das auch erkannte Gefahren für die
+die Höhlen benutzenden Vögel bewußt weiter zu erhöhen heißt. Der Verf.)
+ist unverantwortlich, doppelt unverantwortlich in einer Zeit, wie die
+ist, in der wir heute leben müssen.« –
+
+Einen etwas eigenartigen, eine natürliche Höhle betroffenen Unfall
+hatte ich vor Jahren zu beobachten Gelegenheit. Die etwas enge
+Eingangsöffnung dieser, Jahre hindurch von Kohlmeisen benutzten Höhle
+überwucherte ein Pilz (eine Polyporus-Art?) und als einige Wochen
+später von einem Sturme der Stamm über der Höhle geknickt wurde, fand
+ich in ihr die vertrockneten Kadaver von acht jungen und einer alten
+Kohlmeise; der Pilz hatte wahrscheinlich in einer Nacht, in der der
+alte Vogel schirmend über den noch kleinen Jungen gesessen hatte, sich
+derart entwickelt, daß am Morgen die Meise nicht mehr ausfliegen konnte.
+
+Mit der Mitteilung dieser letzten Beobachtung seien meine Ausführungen
+beendet; sie zeigen jedenfalls aufs deutlichste die ungeheure Menge
+der unsere Vogelwelt zur Brutzeit bedrohenden Gefahren, die bereits
+unter völlig normalen Verhältnissen weit, viel weit mehr Vögel
+vernichten, als es zum Beispiel durch den trotzdem aber auch von mir
+nicht gebilligten und aufs schärfste verurteilten und bekämpften
+ziellosen Abschuß einzelner Vogelarten durch unweidmännisch denkende
+und handelnde Jäger geschieht. Und lediglich über die Höhe dieser
+Verluste nun am Schlusse noch ein paar nüchtern redende Zahlen! 1913
+gingen in neun Tagen von dreizehn von mir auf dem Rochlitzer Berge
+kontrollierten Nestern (zwei von der Singdrossel, drei von der Amsel,
+je eins vom Hausrotschwanz, Weidenlaubvogel und Buchfink sowie vier
+von der Gartengrasmücke) noch vor dem Ausfliegen der Jungen sieben
+zugrunde und von neun im gleichen Jahre am Sebischteich bei Frohburg
+beobachteten Nestern (zwei vom Rotrückigen Würger, eins vom Hänfling,
+drei von der Garten- und eins von der Dorngrasmücke sowie zwei von der
+Amsel) waren nach Wochenfrist vier Unfällen zum Opfer geworden. Im
+folgenden Jahre notierte ich, wiederum in meiner Rochlitzer Heimat,
+innerhalb zwei Wochen von sechzehn Nestern sieben zugrunde gegangen.
+Und das in allen drei Fällen an Orten, an denen menschliche Eingriffe
+kaum in Frage kamen. Ähnlich hoch sind auch die Verlustziffern, die ich
+nach dem Kriege in Moritzburg und in der Oberlausitz beobachtet habe,
+die ich augenblicklich aber nicht aus meinen Tagebüchern ausziehen
+kann. Daß sie trotz ihrer scheinbar erschreckenden Höhe dabei aber
+nicht über das normale Maß hinausgehen, bezeugen entsprechende Zahlen
+eines amerikanischen Vogelkundigen, die Erwin Stresemann in den
+Ornithologischen Monatsberichten (34, 1926, S. 148/149) mitteilt.
+Danach kamen in achtunddreißig Nestern mit hundertsiebenundachtzig
+Eiern nur hundertdrei Eier (= 55%) aus und von den ausgefallenen
+Jungen verließen sechsundsiebzig (= 74%) das Nest. 1925 kamen in
+neununddreißig Nestern von hundertachtundsechzig Eiern hundertvier
+Eier (= 62%) aus, während von den Jungen achtundsechzig (= 65%) das
+Nest verließen. Die Vernichtungsziffer betrug also in der Zeitspanne
+von der Eiablage bis zum Verlassen des Nestes durch die Jungen 1924
+59%, 1925 59,5%. Zu diesen Verlusten kommen dann aber auch noch die
+gleichfalls noch ganz erheblichen, die die flüggen Jungen namentlich
+in den ersten Tagen und Wochen ihres Freilebens betreffen. Sie sind
+notwendige Erscheinungen im Normalkreislauf des Naturgeschehens, werden
+verhängnisvoll aber dort, wo dieser Normalkreislauf erheblich gestört
+worden ist. Und daher ergibt sich für uns die schon oben betonte
+Pflicht, in unseren Kulturländern mit ihrer gewaltigen Unterdrückung
+der Natur durch die Kultur, alles zu tun, was nur irgendwie geeignet
+ist, Gefahren von der Vogelwelt abzuwenden und die Verlustziffern zu
+verringern.
+
+
+
+
+Die Elster
+
+Ein volkstümlicher Bösewicht im schmucken Gewand
+
+Von _Martin Braeß_
+
+
+Wer _nur_ die Frage nach Nutzen und Schaden im Auge hat, der wird es
+nicht verstehen, wenn ich die Männer vom grünen Tuch bitte, der Elster
+gegenüber, wenigstens unter gewissen Umständen, einige Rücksicht walten
+zu lassen. Aber auch der Freund der Natur, der von höherer Warte aus
+an der Vogelwelt seine Freude hat, wird es schwer begreifen, daß ich
+es über’s Herz bringe, ein Wort für die Elster einzulegen, statt
+ihre Ausrottung zu beantragen. Denn gerade dieser Vogel ist _einer
+der schlimmsten Buschklepper_ unter dem gefiederten Raubgesindel; er
+durchsucht im Frühjahr Bäume und Sträucher in den Feldgehölzen und
+Obstgärten nach Vogelnestern – kein Mitleid, kein Pardon! Gierig zerrt
+der räuberische Tagedieb das hilflose Junge aus dem Nest und stopft es
+seiner nimmersatten Brut in den Rachen, als ob es ein Engerling wäre.
+Zumal wenn die Elsternkinder flügge sind und sich nun auch an dem
+Räuberhandwerk der Eltern beteiligen, dann bleiben in weitem Umkreis
+nur die verstecktesten Nester verschont. Selbst Höhlenbrüter sind
+nicht immer sicher. Ich habe es gesehen, wie eine Elster vor einem
+Starenkasten Posto gefaßt hatte und nun trotz allen Schreiens und
+Flatterns der Hausbewohner ein Starenkind unbarmherzig herauszog.
+
+Die Elster verschmäht keinen Bissen, dessen sie habhaft werden, kein
+Tier, das sie bewältigen kann. Wieviele Tragödien mögen sich Jahr
+für Jahr an den Nestern unsrer lieblichen Grasmücken, Drosseln,
+Finken abspielen; wieviele junge Rebhühner und Fasanen mögen in den
+nimmersatten Rachen des schwarz-weißen Strauchdiebs wandern! Aber
+selbst erwachsene Vögel sind vor den Räubern nicht sicher. Ich habe
+beobachtet, wie zwei Elstern gemeinschaftlich auf der Landstraße nach
+Feldsperlingen und Goldammern jagten und zwar mit Erfolg, und daß sie,
+bisweilen in Gesellschaft von Krähen, der Rebhuhnjagd pflegen, wird
+man gern glauben, wenn man weiß, wie gefährlich die Elster auch dem
+zahmen Federvieh werden kann. Hühner- und Entenkücken greift sie an,
+und wo sie sich sicher fühlt, holt sie wohl auch Jungtauben aus den
+Schlägen; selbst beim Fischdiebstahl hat man die Elster ertappt. Daß
+sie gelegentlich auch auf die Mäusejagd geht, ebenso Kerbtiere, Würmer
+und Schnecken frißt, wollen wir der Gerechtigkeit wegen nicht unerwähnt
+lassen, doch müssen wir sofort hinzufügen, daß die Elster durch ihre
+Vorliebe für Kirschen, Birnen und dergleichen auch dem Obstzüchter
+lästig wird.
+
+Trotz dieses Sündenregisters bitte ich aus verschiedenen Gründen um
+_etwas Nachsicht_. Die Elster gehört nun einmal zu unsrer heimatlichen
+Vogelwelt, und zwar ist sie nicht nur der schönste Vertreter der
+Rabensippe, sondern _eine der prächtigsten Erscheinungen_ innerhalb der
+mitteleuropäischen Ornis. Freilich, der Farbenreichtum, mit welchem
+die Natur das Gefieder des Eisvogels oder der Mandelkrähe ausgestattet
+hat, so märchenhaft schön, daß man glauben möchte, tropische Vögel vor
+sich zu haben, fehlt dem Kleide der Elster. Ihre Toilette erscheint
+lediglich schwarz und weiß; aber welch reines Weiß und welch tiefes
+Schwarz! Ich möchte die Wäscherin oder Plätterin kennen, die einem
+Oberhemd solch’ schneeige Weiße geben könnte, wie sie die Brust
+unsers Vogels vom Kropfe bis hinab an den Bauch auszeichnet; auch
+die Schultern sind weiß gefärbt. Und welchen Gegensatz bildet hierzu
+das tiefe Schwarz des übrigen Gefieders, gegen das selbst die beste
+chinesische Tusche matt und grau erscheint! Man beobachte auch die
+Elster, wenn sie niedrig über dem Boden dahinstreicht oder, auf einem
+Strauch sitzend, sich im Gefieder nestelt und ihre Schwingen glättet.
+Da werden an den großen Schwungfedern auch die inneren weißen Fahnen
+sichtbar, so daß der Flügel jetzt längsgestreift erscheint, schwarz
+und weiß, wie die Decke des Zebras, nur tausendmal schöner. Doch den
+herrlichsten Schmuck des Kleides bildet der wunderbare Metallschimmer,
+der über den größten Teil des Gefieders, soweit es schwarz, ausgegossen
+ist. Hals und Rücken erglänzen blau, die Flügel grün, die kleinen
+Schwungfedern dritter Ordnung goldig oder tiefblau oder spangrün. Und
+dann der lange, keilförmig abgestufte Schwanz! Seine Gestalt schon
+gereicht dem Vogel zum herrlichsten Schmuck; gleich einer Schleppe
+zieht er ihn im Fluge nach sich – das beste Erkennungszeichen der
+Elster auf weite Entfernung. Und hüpft der Vogel am Boden oder
+fußt er auf einem Ast, so verleiht der Schwanz jeder Seelenstimmung
+seines Besitzers den beredtesten Ausdruck. Dazu der Farbenschmelz
+gerade dieses Schmuckstücks, wie die Palette des Malers ihn nicht
+wiederzugeben vermag: vom Grunde bis zur Mitte blaugrün, dann bis nahe
+dem Ende goldiggrün; nun folgt ein schmaler violetter Querstreifen, und
+an diesen schließt sich die stahlblaue Spitze.
+
+Am besten gefällt mir die _Elster im Winter_; da bringt sie Leben und
+Bewegung in das Landschaftsbild. Mit etwas schwerfälligem Flug schwingt
+sie sich auf den Wipfel eines einsamen Baums, lüftet die Flügel, wippt
+mit dem Schwanz und ruft ihr bekanntes »schack, schack!« über die
+beschneite Flur, bald übermütig, bald ängstlich und warnend. Auch im
+Fluge läßt sie oft ihre schackernde Stimme hören, und stört man sie an
+der Niststelle, so will das ängstliche »schackschackschack« gar kein
+Ende nehmen. »Schackelster« nennt sie der Volksmund. So ganz ohne die
+edle Gabe Apolls ist unser Vogel aber doch nicht. Im zeitigen Frühjahr
+schon beginnt die Elster mit ihrem _Gesang_, einem geschwätzigen
+Plaudern, dem auch einige pfeifende Töne beigemischt sind. Das ist ihr
+Liebeslied, an dem sich beide Geschlechter beteiligen, am anhaltendsten
+in den Flitterwochen und fast nur in der Nähe ihres kleinen Horstes.
+Daß sie fremde Laute mit einflechten, bedarf kaum der Erwähnung; das
+treiben alle rabenartigen Vögel so, namentlich auch Vetter Markolf,
+der Eichelhäher. Schon der alte _Geßner_ sagt von der »Aegersten« oder
+»Azel«, sie verändere stets ihre Stimme, »also / dz sy schier alle tag
+ein andere hat«; sie ahme die Stimme der Zicklein, Kälber und Schafe
+nach, selbst die des Jägers, wie er den Hunden ruft, und das Pfeifen
+des Hirten.
+
+Das _Verbreitungsgebiet der Elster_ ist sehr groß. Es gibt kein Land
+in Europa, dem sie fehlte; auch das nördliche Asien bewohnt sie bis
+hin zum japanischen Inselreich. Die meisten Elstern habe ich in den
+Städten des Orients angetroffen. Der Türke scheut sich, ihnen ein Leids
+anzutun, und dank der türkischen Wirtschaft sättigt sich der Vogel
+gleich den herrenlosen Hunden auf den belebtesten Straßen. In dieser
+Beziehung ist mir der Blick auf Sarajewo, wie er sich vom Festungsberg
+aus bietet, unvergeßlich. Da war kaum ein Dachfirst, auf dem nicht ein
+paar Elstern saßen. Viele flogen auch durch die Luft und ließen sich
+dann auf den hohen italienischen Pappeln am Ufer der Miljačka nieder,
+wo sie von ihresgleichen mit heiserem Geschrei begrüßt wurden. Auch
+sonst traf ich den bei uns doch recht scheuen Vogel überall innerhalb
+der minarettgeschmückten Ortschaften an, ein Zeichen, wie die Elster
+dort, wo man sie schont, die Nähe des Menschen mit Vorliebe aufsucht.
+In _Deutschland_ findet sie sich fast überall, allerdings in manchen
+Gegenden recht häufig, in anderen nur vereinzelt. Im allgemeinen
+aber scheint ihr Bestand, wenigstens in Mitteldeutschland, in den
+letzten Jahrzehnten stark _zurückgegangen_ zu sein, wohl infolge der
+Nachstellungen, denen die Raubgesellen mit Recht ausgesetzt sind.
+Das gilt z. B. von unserer Dresdner Umgebung. Am Rande der Dresdner
+Heide, am Blasewitzer Elbufer, in der Gegend von Pillnitz und Pirna,
+auch elbabwärts nach Meißen zu noch vor wenig Jahren eine alltägliche
+Erscheinung, begegnet man heute der Elster viel seltener, obgleich sie
+nirgends völlig fehlt. In noch erhöhtem Maße gilt dies vom Leipziger
+Gebiet. So schreibt _Richard Schlegel_ in den Mitteilungen, Band XV.,
+S. 347: »Auch unsere schmucke, einst in Stadtnähe brütende Elster ist
+selten geworden und scheinbar noch völliger Vernichtung preisgegeben;
+schade um den reizenden Burschen. Mir ist sie unter solchen Umständen
+auch als Weidmann heilig.« Ich wünschte, daß diese Worte überall dort
+Gehör fänden, wo die Elster heute nur noch _vereinzelt_ auftritt.
+
+Sie gehört in Sachsen zu den _jagdbaren Vögeln_, denen das Gesetz
+allerdings keine Schonzeit zugebilligt hat, während sie z. B. in
+Preußen »vogelfrei« ist, demnach von jedermann gefangen, getötet oder
+ihrer Eier beraubt werden darf. Ich wende mich also an den _Forstmann_
+und den _Jagdberechtigten_, die in Sachsen _allein_ ein Anrecht auf die
+Elster und ihren Horst haben, mit der Bitte, dort wo der schmucke Vogel
+nur vereinzelt auftritt, unter Umständen einmal Gnade für Recht walten
+zu lassen. Und zwar veranlaßt mich hierzu nicht nur die Schönheit der
+Elster, ihr Prachtgewand und ihre ganze elegante Erscheinung, sowie die
+ästhetische Bedeutung namentlich für das winterliche Landschaftsbild,
+sondern auch die _Volkstümlichkeit_, deren sich die Elster in deutschen
+Landen überall erfreut. Es ist besonders schmerzlich, wenn man sieht,
+wie gerade so viele volkstümliche Tiere, um die unsre Altvordern
+einen reichen Kranz von Märchen, Sagen, abergläubischen Vorstellungen
+gewunden haben, immer mehr aus unserer Heimat schwinden. Wir wollen in
+folgendem einiges anführen, _was sich das Volk von der Elster erzählt_.
+
+Im _Aberglauben_ spielt sie eine hervorragende Rolle, dem Raben und der
+Krähe ähnlich, und sie verdankt diesem Umstande bald besonderen Schutz,
+bald schonungslose Verfolgung. Die Elster ist ein _Hexentier_, das
+heißt ein Vogel, in den sich die Hexen gern verwandeln; diese benutzen
+neben Ofen- und Heugabeln, Deichseln, Butterfässern, Dreibeinen,
+Kochlöffeln usw. auch Elsternschwänze, wenn sie in der Walpurgisnacht
+durch die Luft reiten. Weil die Elster verflucht ist, sagt man im
+Oldenburgischen, muß sie sich erst neunmal an einem Zweige aufhängen,
+ehe sie ein Ei legen kann, und weiter heißt es, wenn man in die Rinde
+ihres Horstbaums ein Kreuz schneidet, das Sinnbild des Christentums, so
+verläßt die Elster ihre Brutstätte; man hat damit die Hexe vertrieben.
+Mit diesem Glauben an die dämonische Natur der Elster hängt auch der
+in Tirol, Thüringen, Sachsen, Oldenburg und anderwärts geübte Gebrauch
+zusammen, eine Elster mit ausgebreiteten Flügeln an die Türe des
+Viehstalls zu nageln, um dessen Bewohner vor Zauber zu schützen. Gewiß
+soll das gekreuzigte Hexentier die Gespenster abschrecken, indem es
+ihnen meldet, wie unsanft der Hofbesitzer solch nächtliches Gelichter
+behandelt, das sich seinem Gute nähert. Andere wollen durch die
+angenagelte Elster die Fliegen vom Vieh abwehren.
+
+Unter solchen Umständen gilt die Elster, ähnlich wie die Eule, als
+_Unglücksbotin_. Zank und Streit verkündet sie dem Hause, in dessen
+Nähe sie schackert, und setzt sie sich gar auf das Dach, so stirbt in
+drei Tagen ein Bewohner. Fliegt sie quer über das Dorf, so zeigt sie in
+der Wetterau ein Leichenbegängnis an, Krieg aber, wenn sie haufenweise
+erscheint. Hört man eine Elster auf der Reise, ohne sie zu sehen, so
+bedeutet das schlimme Gesellschaft; läuft sie einem aber gar über den
+Weg, so ist es besser umzukehren, denn es droht Unglück. Vielfach gilt
+es als eine frevelnde Herausforderung des Schicksals, eine Elster zu
+schießen oder ihren Horst zu zerstören, z. B. in der Lausitz, auch in
+Norddeutschland, und nur dann ist es keine Sünde, den Vogel zu töten,
+wenn man seiner zur Heilung von Krankheiten bedarf.
+
+In der alten ~materia medica~ spukt die Elster vielfach herum; ja
+noch heute lebt der Glaube an ihre _heilende Kraft_ in unserm Volke
+fort. Namentlich bei Augenkrankheiten und bei Epilepsie leisteten die
+Elstern vortreffliche Dienste. Das scharfe Gesicht des Vogels, der so
+lüstern auf blitzende Gegenstände ist, daß er nicht selten zum Dieb
+wird, diente wohl den alten ~medicis~ als »Signatur«. Man brannte die
+Elster zu Asche, indem man sie in wohlverschlossenem Gefäß der Glut
+aussetzte; die Asche pulverte man und rührte sie mit Fenchelwasser an
+oder bereitete eine Augensalbe daraus. Aus jungen Elstern destillierte
+man auch ein berühmtes Wasser, »~aqua picarum~«, das die Röte von den
+Augen nahm, zugleich aber auch sonst bei verschiedenen Gebrechen gute
+Dienste leistete. Wer _Kügelgens_ »Jugenderinnerungen eines alten
+Mannes« gelesen hat, der wird sich mit Vergnügen des originellen
+Pfarrherrn _Roller_ zu Lausa erinnern, der alljährlich an die hundert
+Elstern im Backofen verkohlte und das so gewonnene schwarze Pulver als
+Medizin weithin versandte, nachdem er es an seinem Bruder ausprobiert
+hatte. Dieser litt an epileptischen Krämpfen; nach ein paar Monaten
+war er geheilt. Von seinen Patienten verlangte Roller übrigens nichts
+anderes, als einen gewissenhaften Bericht, wie die Medizin bekommen
+sei. Noch heute gilt »gebrannte Elster« hie und da als volkstümliches
+Mittel gegen die »fallende Sucht«. Allerdings, so meinen manche,
+müßten die Vögel »in den Zwölfen«, das ist zwischen Weihnachten und
+Heiligdreikönig, geschossen sein; denn nur um diese Zeit habe die
+Natur ihre ganze Kraft zusammen. Vielleicht glaubte man, daß die
+Elster selbst mit der »schweren Krankheit« behaftet sei und deshalb
+ein Heilmittel biete nach dem Grundsatz »Gleiches durch Gleiches«. Ob
+das unruhige, allzeit quecksilberne Wesen der Elster die Veranlassung
+gewesen, bei ihr epileptische Zustände vorauszusetzen, oder ob nicht
+der einzige Grund der ist, daß Veitstanz und Fallsucht vom Volk für
+Krankheiten gehalten wurden, mit welchen dämonische Mächte den Menschen
+heimsuchen, weiß ich freilich nicht.
+
+In einer Menge von sprichwörtlichen Redensarten macht sich unser Volk
+über die _Schwatzhaftigkeit_ der Elster lustig, über ihr inhaltleeres,
+verständnisloses Nachplappern. Da sagt man: »So lange die Elstern
+schwatzen, singen die Schwäne nicht«, das heißt, wo unwissende
+Schwätzer sich breit machen, schweigen die Verständigen. »Er hat von
+der Elster gegessen«, sagt man dem seichten Schwätzer nach; auch läßt
+die Fabel Elster und Nachtigall wettsingen zur Belustigung aller Tiere
+des Waldes, während im Märchen die Elster mit den Worten begrüßt wird:
+»Frau Elster, hat sie Plapperwasser getrunken?« _Hans Sachs_ verspottet
+die schwatzhaften Dummköpfe mit folgenden Worten:
+
+ »bei jedermann an allen Orten
+ konnten sie von der Weisheit schwetzen,
+ gleichwie die Elstern und die Hetzen« (Häher).
+
+Auch auf die Ankunft von Gästen weiß das Volk der Elstern Geschwätz
+zu deuten: »Ich habe die Elster vernommen – es werden Gäste kommen«,
+oder man schließt aus ihrem Plappern auf anhaltend schönes Wetter.
+Man denke auch daran, daß jung dem Horst entnommene Elstern Worte und
+ganze Sätzchen nachzuplappern lernen. Schon _Plinius_ weiß davon. »Die
+Elster,« sagt er, »ist weniger berühmt als der Papagei, weil sie nicht
+ausländisch ist, spricht aber noch ausdrucksvoller. Die Worte, die sie
+spricht, hat sie ordentlich lieb.« Auch der römische Dichter _Martial_,
+der »Verwegene«, wie ihn Goethe nennt, erwähnt die Elster in folgendem
+Epigramm:
+
+ »Deutlich begrüße ich dich mit ›Herr‹, ich schwatzhafte Elster;
+ Sieht man mich nicht, wer glaubt’s, daß nur ein Vogel ich sei!«
+
+_Ovid_ erzählt, wie die neun Töchter des Königs Pieros in
+»allnachahmende Elstern« verwandelt wurden, weil sie die Musen
+geschmäht hatten.
+
+Eine christliche Sage knüpft an den Erlösertod des Heilands an; sie
+berichtet, unter allen Vögeln seien die Elstern die einzigen gewesen,
+die beim Verscheiden Christi nicht getrauert, sondern gespottet und
+gelacht hätten; zur Strafe müßten sie nun zeitlebens ihr unschönes
+»Schackern« hören lassen.
+
+Auch _diebisch_ heißt der Volksmund die Elster, nicht ohne
+Berechtigung. Auffallende, glitzernde Gegenstände erregen die
+Aufmerksamkeit unsers Vogels in hohem Grade; er verschleppt solche
+Dinge gern in irgendeinen Winkel oder in seinen Horst. Ich weiß einen
+Fall, wo ein Elsternnest folgendes Stilleben aufwies: siebenundzwanzig
+blanke Knöpfe, fünfzehn farbige Glasscherben, viele bunte und glänzende
+Steinchen, acht Nickel- und Kupfermünzen, ein Trompetenmundstück und
+eine Brille. Die Redensart: »stehlen wie eine Elster« hat also ihre
+Begründung.
+
+Es ist wenig Erfreuliches, was das Volk von der Elster erzählt,
+aber daß es so viel von ihr berichtet, ist doch ein Beweis für ihre
+_Volkstümlichkeit_. Dieser Umstand gibt mir eine gewisse Berechtigung
+zu der Bitte, der Elster nicht gerade den Vernichtungskrieg zu
+erklären. Man schieße zwei oder drei Nebel- bzw. Rabenkrähen mehr
+ab, aber schone das Elsternpaar, wenn es das letzte im Revier ist –
+volkswirtschaftlich wird es auf eins herauskommen.
+
+
+ Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt –
+ Druck: Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden
+ Photographische Platten »Perutz« –
+ Photographische Aufnahmen: Max Nowak – Auflage 50000
+
+Diesem Hefte liegt eine Ankündigung der Dürr’schen Buchhandlung,
+Leipzig, bei, die wir der Beachtung empfehlen.
+
+
+
+
+Einbanddecken
+
+Jahrgang 1926 (Band XV)
+
+in Leinen =Mark 1.50=
+
+und 30 Pfg. Postgeld und Verpackung
+
+
+Besucht unser
+
+Erholungsheim Bienhof
+
+bei Gottleuba
+
+in herrlichster, nervenberuhigender Lage unweit unserer
+Naturschutzgebiete _Sattelbergwiesen_
+
+Preis für das Bett 75 Pfg. die Nacht in Einzelzimmern
+
+Gute Verpflegung täglich M. 3.50
+
+Anmeldungen an unsere
+
+Geschäftsstelle, Dresden-A.
+
+Schießgasse 24
+
+(Für die Sommerferien erbitten wir umgehende Bestellung!)
+
+
+3. Zwingerlotterie
+
+zur Erhaltung des weltberühmten Dresdner Zwingers
+
+Geldgewinne RM 160000
+
+Los RM 1.—
+
+ Ziehung bestimmt
+ 9. und 11. April
+
+ Lose
+ bei allen Kollekteuren
+
+
+Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-N.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77607 ***
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+<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
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+<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
+Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
+Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.
+</p>
+
+<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere von Namen, wurden
+wie im Original beibehalten.</p>
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+<p class="h2">Landesverein Sächsischer<br>
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+Dresden</p>
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+<h1>Mitteilungen<br>
+Heft<br>
+1 <span class="smaller">bis</span> 2</h1>
+
+<p class="center">Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege</p>
+
+<p class="h2">Band XVI</p>
+
+<p class="noind"><em class="gesperrt">Inhalt</em>:
+<a href="#Vom_Fischerdorf_zum_Konigsschloss">Vom Fischerdorf zum Königsschloß</a> –
+<a href="#Gedenkbaume_und_andere_Erinnerungsmale_in_Sachsen">Gedenkbäume und andere Erinnerungsmale
+in Sachsen</a> –
+<a href="#Kohler_Flosser_und_Pecher_im_Erzgebirge">Köhler, Flößer und Pecher im Erzgebirge</a> –
+<a href="#Der_Dresdner_Saugarten_in_der_Dresdner_Heide">Der Dresdner Saugarten in der Dresdner Heide</a> –
+<a href="#Zur_Geschichte_unserer_Moore">Zur Geschichte unserer Moore</a> –
+<a href="#Die_Gefahren_der_Vogelbruten">Die Gefahren der Vogelbruten</a> –
+<a href="#Die_Elster">Die Elster, ein volkstümlicher Bösewicht im schmucken Gewand</a>.</p>
+
+<p class="center">Einzelpreis dieses Heftes 3 Reichsmark</p>
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+<p class="center">Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24</p>
+<div class="s90">
+<div class="bleft">Postscheckkonto: Leipzig 13 987, Dresden 15 835</div>
+<div class="bright right">Stadtbank Dresden 610</div>
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+<div class="center s90">
+Bankkonto: Commerz- und Privatbank, Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden<br>
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+<p class="center">Dresden 1927</p>
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+<div class="chapter">
+<p class="h3">Kauft Lose!</p>
+<p class="center">Ziehung <span class="u">bestimmt</span> am 9. und 11. April 1927</p>
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+<p class="h2">3. Geldlotterie</p>
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+<p class="center">für die Erhaltung des Dresdner Zwingers</p>
+<p class="center s90">500 000 Lose<br>
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+<div class="bbox">
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+<tr><td colspan="6" class="tdc">Gewinnplan</td></tr>
+<tr><td colspan="4"><b>Höchstgewinn</b> im günstigsten Falle</td>
+<td class="tdr">50 000</td><td>Reichsmark</td></tr>
+<tr><td colspan="4"><b>1 Prämie</b></td>
+<td class="tdr">30 000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td colspan="4"><b>1 Hauptgewinn</b></td>
+ <td class="tdr">20 000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td colspan="4"><b>1 Hauptgewinn</b></td>
+ <td class="tdr">10 000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td colspan="4">1 Hauptgewinn</td>
+ <td class="tdr">5000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td class="tdr">5</td><td>Gewinne je</td><td class="tdr">1000</td><td class="tdc">Reichsmark</td>
+ <td class="tdr">= 5000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td class="tdr">10</td><td>Gewinne je</td><td class="tdr">500</td>
+ <td class="tdc">"</td><td class="tdr">= 5 000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td class="tdr">25</td><td>Gewinne je</td><td class="tdr">200</td>
+ <td class="tdc">"</td><td class="tdr">= 5 000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td class="tdr">50</td><td>Gewinne je</td><td class="tdr">100</td>
+ <td class="tdc">"</td><td class="tdr">= 5 000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td class="tdr">100</td><td>Gewinne je</td><td class="tdr">50</td>
+ <td class="tdc">"</td><td class="tdr">= 5 000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td class="tdr">150</td><td>Gewinne je</td><td class="tdr">20</td>
+ <td class="tdc">"</td><td class="tdr">= 3 000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td class="tdr">300</td><td>Gewinne je</td><td class="tdr">10</td>
+ <td class="tdc">"</td><td class="tdr">= 3 000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td class="tdr">1 000</td><td>Gewinne je</td><td class="tdr">5</td>
+ <td class="tdc">"</td><td class="tdr">= 5 000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td class="tdr">3 000</td><td>Gewinne je</td><td class="tdr">3</td>
+ <td class="tdc">"</td><td class="tdr">= 9 000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td class="tdr">50 000</td><td>Gewinne je</td><td class="tdr">1</td>
+ <td class="tdc">"</td><td class="tdr">= 50 000</td><td class="tdc">"</td></tr>
+<tr><td colspan="2" class="bb"></td><td colspan="2"></td><td colspan="2" class="bb"></td></tr>
+<tr><td class="tdr">54 643</td><td colspan="3">Gewinne und 1 Prämie</td>
+ <td class="tdc">160 000</td><td>Reichsmark</td></tr>
+</table>
+</div>
+<p class="h3">Gewinne in barem Gelde ohne Abzug</p>
+
+<div class="bbox">
+<div class="b33 center ht">
+Bestellungen erfolgen am besten
+auf Abschnitt einer Postanweisung
+oder durch Postscheckkonto
+Dresden 15 835
+</div>
+<div class="b33 center ht">
+<b>Preis des Loses<br>
+1.— Reichsmark</b><br>
+Gewinnliste 10 Pfg.
+</div>
+<div class="b33 center ht">
+Bei Postversand ist das gesetzliche
+Porto besonders beizufügen
+</div>
+</div>
+
+<p class="center">Wir erbitten Bestellung durch beigefügte Karte</p>
+
+<p class="h3">Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p>
+
+<p class="center">Dresden-A., Schießgasse 24</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+</div>
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Page_1">[1]</span></p>
+
+<div>
+<div class="bleft">Band XVI Heft 1/2</div>
+<div class="bright right">1927</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-003">
+ <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="Landesverein Sächsischer Heimatschutz
+Dresden">
+</figure>
+
+<p class="center">Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben</p>
+
+<p class="center">Abgeschlossen am 20. März 1927</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Vom_Fischerdorf_zum_Konigsschloss">
+ Vom Fischerdorf zum Königsschloß</h2>
+
+ <p class="center">Ein Gang durch die Geschichte von Pillnitz</p>
+
+ <p class="center">Von Professor Dr. <em class="gesperrt">Alfred Meiche</em>, Dresden</p>
+
+ <p class="center s90">Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz</p>
+</div>
+
+<p>Wie ein Kranz von Perlen um einen edlen Ringstein, so lagern sich Meißen,
+Moritzburg, Pillnitz, Pirna und Tharandt um die Landeshauptstadt Sachsens.
+Eine der kostbarsten Perlen ist unser Pillnitz, leuchtend in landschaftlicher
+Schöne, hervorragend als Denkmal altsächsischer Kultur in Schloß und Garten,
+bedeutsam als Schauplatz einer welthistorischen Begebenheit, der Pillnitzer
+Konvention von 1791. Auch die Landesgeschichte ist hier mit starken Fäden
+angeknüpft; war doch Pillnitz zwei Jahrhunderte lang der bevorzugte Sommersitz
+unseres alten Fürstenhauses, dessen Glück und Glanz, dessen Schuld und Leid
+sich in den Wellen des rauschenden Elbstromes spiegelten.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-004">
+ <img class="w100" src="images/illu-004.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 1. <b>Elbansicht des Schlosses Pillnitz</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Früher glaubte man (und manche meinen es noch heute), daß Pillnitz
+und Dresden gemeinsam in derselben Urkunde zum ersten Male genannt
+würden; nämlich Dresden als Ausstellungsort eines Grenzschiedes vom
+31. März 1206 und Pillnitz als Sitz eines der damaligen Urkundenzeugen,
+eines »Henricus de Beuelnewitz«. Allein das im sächsischen Hauptstaatsarchiv
+ruhende Originaldokument (Faksimile in den Dresdner Geschichtsblättern 1906
+Nr. 2) zeigt klar und zweifelsohne die Namensform »Becelnewiz«, was
+<span class="pagenum"><a id="Page_2"></a><a id="Page_3"></a>[3]</span>mit Pillnitz sprachlich nicht zusammenstimmt. Wohl aber gleichen die Anfänge
+des Ortes dem Ursprunge der Hauptstadt. Wie diese zunächst ein sorbenwendisches
+Fischerdorf am Sumpfwalde der Elbaue war (oberwendisch Draždźany
+= Waldsassen), so hatten sich auch am Fuße des Borsberges Elbfischer derselben
+Nation angesiedelt, die anscheinend der Sippe eines gewissen Bělan
+angehörten, weshalb ihr Wohnplatz nach slawischer Art Bělanovici (d. h. eben
+Sippe des Bělan) genannt wurde. Der Personenname ist eine Kurzform von
+Bělomir und bedeutet etwa »der durch seine weiße (běły), glänzende Hautfarbe
+Berühmte«.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-005">
+ <img class="w100" src="images/illu-005.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 2. <b>Fränkisches Haus mit Vorbau in Pillnitz</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Diese Namenserklärung muß der bisher fast allgemein angenommenen
+als »Schneidemühl« (von altslaw. pila »Säge, Sägemühle«) vorgezogen werden,
+trotz der am Nordrande des Dorfes gelegenen Piel-, Pielz- oder Pilzmühle,
+weil einerseits ein höheres Alter dieser Mühlstelle nicht nachweisbar ist und
+ihr Name aus »Pillnitzer Mühle« verstümmelt sein oder nur zufällig anklingen
+kann, andererseits aber die hier zum ersten Male dargebotenen ältesten Urkundenformen
+(1335: Belennewitz; 1350: Belanicz) nachdrücklich auf das
+Stammwort běły »weiß« zurückleiten. (Vgl. auch: Über Berg und Tal. VII,
+135). Noch ein zweiter Flurname führt uns in die Wendenzeit hinauf und
+lehrt uns, daß die Pillnitzer Dorfgenossen vom Elbstrom abhängig waren.
+Zwischen hier und Söbrigen befand sich früher ein Floßplatz, der noch vor
+<span class="pagenum" id="Page_4">[4]</span>einem Menschenalter »der Plauen« hieß (v. Minckwitz, Geschichte von Pillnitz.
+Dresden 1895. Seite 2. Fußnote 1). Das Wort stammt vom altslawischen
+plavŭ »das Flößen«; Plauen an der Weißeritz, Plauen an der Weißen Elster
+und Plaue an der Zschopau gehören gleichfalls in diese weitverzweigte Ortsnamengruppe.</p>
+
+<p>Nach einem altslawischen Worte chizŭ, »Fischerhütte«, pflegt man solche
+Fischer- und Schifferwohnplätze »Kitzen« zu nennen. Sie ziehen sich als einfache
+Häuserzeilen, die ihre Giebel dem Flusse zuwenden, an diesem hin; wo es »der
+Platz erlaubt, mit einer hakigen Abbiegung in eine Seitenschlucht. Das ist
+die Grundform aller Talsiedlungen in der Sächsischen Schweiz«. Man trifft
+sie auch unterhalb Dresdens in großer Anzahl.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-006">
+ <img class="w100" src="images/illu-006.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 3. <b>Das Haus Nr. 47 in Pillnitz</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>In Pillnitz hat der Herrenwille der Rittergutsbesitzer dieses ursprüngliche
+Ortsbild fast ganz verwischt. Nur östlich vom Schloß stehen noch einige der
+malerischen Holzhäuser, nicht mehr in den altwendischen Bauformen, aber
+sicher noch an der Stelle alter »Kitzen«. Wenn an schönen Sommertagen der
+Schwarm plaudernder Großstädter vom Dampfschifflandeplatz nach der Schloßrestauration
+hier vorüberflutet, dann gönnt wohl mancher ihren altfränkischen
+Vorbauten einen flüchtigen Blick, und sinnige Menschen lesen wohl auch am
+Hause Nummer 47 den frommen Spruch:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_5">[5]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent8">Mein Jesu, schmücke mich</div>
+ <div class="verse indent8">Mit Weisheit und mit Liebe,</div>
+ <div class="verse indent8">Mit Keuschheit und Geduld</div>
+ <div class="verse indent8">Durch Deines Geistes Triebe.</div>
+ <div class="verse indent0">Auch mit der Demuth mich vor allen kleide an,</div>
+ <div class="verse indent0">So bin ich wohl geschmückt und köstlich angethan.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Wann jene Ursiedelung am Elbufer abgebrochen wurde, sagt uns keine
+Urkunde. Wahrscheinlich aber geschah es damals, als die ritterlichen Herren
+über Pillnitz von ihrem ersten Sitz an der Berglehne, dem alten Schloß, ins
+Tal hinabzogen und dort einen neuen stattlichen Wohnbau errichteten. Das
+mag wohl schon vor fünfhundert und mehr Jahren geschehen sein. Viel später
+erzählen uns Akten von dem Aufgehen anderer Flurteile in den Schloßbereich.
+So wurden 1721 nördlich vom Bergpalais fünf Häusler- und Gärtner-Nahrungen
+ausgekauft und zum Schloßpark geschlagen, und 1785 und 1790 mußten
+abermals neun Häusler ihre Heimstätten verlassen, die dem mit Treibhäusern
+ausgestatteten »Holländischen Garten« angegliedert wurden.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-007">
+ <img class="w100" src="images/illu-007.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 4. <b>Inschrift am Hause Nr. 47 in Pillnitz</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_6">[6]</span></p>
+
+<p>Es mag wohl ein thüringisches oder fränkisches Vasallengeschlecht gewesen
+sein, das im Gefolge der Markgrafen von Meißen ins slawische Elbtal gekommen
+war und zum Lohn für seine Mitarbeit an der Wiedergewinnung
+altgermanischen Volksbodens in dem späteren Slawengau Nisani den Herrensitz
+unterm Borsberge mit seinem Zubehör an wendischen Frönern zu Lehen bekam;
+leider wissen wir nicht, welcher Familie sie entstammten.</p>
+
+<p>Der erste aktenmäßig nachweisbare Gutsherr ist ein »Ludewicus«, der
+sich nach seinem Besitze »de Belennewitz« nennt und am 4. April 1335 als Urkundenzeuge
+in Stolpen auftritt. 1350 aber besitzen unmündige Söhne aus
+der Familie »de Belanicz« Zinsen im benachbarten Söbrigen, und als Vormünder
+für sie schalten ein »Hartungus de Nimans« (aus dem Geschlechte, das
+schon im dreizehnten Jahrhundert auf Königstein und Rathen haust) und »Ludolfus
+Karaz de Belanicz«. Letzterer zeigt uns, daß die Gutsherren von Pillnitz
+wenigstens z. T. mit der um Dresden und im Meißner Hochlande vielfach begüterten
+Familie von Karrasz identisch waren. Und noch am 5. August 1403 begnadet
+Markgraf Wilhelm die Ehefrau eines Heinrich Karrasz, Femika = Euphemia
+genannt, mit ihrem Leibgedinge zu Pillnitz. Es war ein ganz hübscher Besitz:
+allodium (Vorwerk), villa (Dorf), et curia inferior et superior (Ober- und
+Niederhof) – in Bilnicz mit der Fischerei, den Weinbergen, den Gehölzen im
+Frundirsperge, vallis (Tal) dicta Michcz (Meix) cum molendino (Mühle) et
+nemore (Hain), das Dorf Kribischendorf (Krieschendorf) nebst Zubehörungen
+und zwei zinspflichtige Bauern im Dorfe Borsberg.</p>
+
+<p>Die lateinisch geschriebene Urkunde wirkt wie eine Offenbarung; in das
+Dunkel der Vergangenheit fällt ein helles Licht. Zwar dürfte es heute Mühe
+kosten festzustellen, welcher Höhenzug mit dem »Frundirsberge« gemeint ist, aber
+zum ersten Male erfahren wir etwas vom Weinbau um Pillnitz herum, zum
+ersten Male hören wir vom Friedrichsgrunde und der an seinem Ausgang
+liegenden <em class="gesperrt">Meixmühle</em>, zum ersten Male werden uns <em class="gesperrt">zwei</em> Höfe (Wirtschaftshöfe)
+im Orte genannt. Man sucht den niederen an der Stelle der noch
+jetzt bestehenden Gutsgebäude, den oberen dort, wo später die Schäferei stand.
+Aus dem Vorhandensein der beiden Höfe aber darf man den Schluß ziehen, daß
+schon damals, also vor fünfhundert Jahren, auch zwei Herrensitze vorhanden
+waren. Das »alte Schloß« (wie es um 1600 auf einem im Hauptstaatsarchive
+befindlichen Vermessungsblatt von Math. Öders Hand heißt) lag dort, wo
+1785 die künstliche Ruine erbaut wurde. Beim Grundgraben soll man auf sein
+Mauerwerk gestoßen sein und solches dann zum Bau der Ruine mit gebraucht
+haben. Da in der Nähe der »Ruine« übrigens ein »Hausberg« liegt, so bleibt
+es ungewiß, ob nicht auf diesem ein noch älteres Schloß (mhd. hûs) oder schon
+ein zweiter Herrensitz zu suchen ist.</p>
+
+<p>Was wir als »Neues Schloß« kennen, lag höchstwahrscheinlich der Insel
+gerade gegenüber. Man mag es sich als eine bescheidene Wasserburg vorstellen;
+Spuren des Wallgrabens und einer Zugbrücke fanden sich noch 1818
+beim Grundgraben zu dem heutigen Bauwerke.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_7">[7]</span></p>
+
+<p>Als Lehnsinhaber von Pillnitz begegnet uns bald nach Beginn des fünfzehnten
+Jahrhunderts die Familie Karlowitz. Schon am 8. Mai 1420 wird »Frederich
+Karlewicz zcu Bilnicz gesessen« als Leibgedingevormund genannt. Sein
+Geschlecht ist damals im Elbgau und Meißner Hochland weithin begütert.
+Friedrich von Karlowitz besaß Pillnitz offenbar ungeteilt. Nach seinem Tode
+belehnte 1438 der Landesherr die Gebrüder »Bathe, Lawatzsch, Friderich, Jan,
+Otto, Jurge und Mulich von Karlowitz« mit »Bilnicz dorff und vorwerg« samt
+allem Zubehör sowie den Dörfern Zschachwitz, Dobritz, (Ober-)Poyritz, Zinsen
+auf der Wüstung Kloden (am Pillnitzer Tännicht gelegen) und zu Graupa, dem
+Dorfe Bonnewitz und einem Steinbruche mit der Fischerei unter Liebethal.
+Das wüste Kloden sollen die Karlowitze schon im folgenden Jahr an die Kreuzkirche
+zu Dresden veräußert haben. Als anderweitiges Zubehör von Pillnitz
+(Karlowitzischen Anteils) werden 1476 September 18. erwähnt: »die mol, der
+werd in der Elben mit der fachstat doran, eine freie schafftrifft doselbist (zu
+Pillnitz) und die leite, die Karis gewest.« Das ist das älteste schriftliche
+Zeugnis sowohl für die Pillnitzer Mühle wie für die Insel.</p>
+
+<p>Von den obengenannten Brüdern hatten wenig später Friedrich und Otto
+den niederen Hof inne, Lawacz (Labaczsch) dagegen den Oberhof. Letzteren
+nimmt 1465 Friedrich Karlowitze (wohl der Sohn des Lawacz) zu Lehn, der ihn
+jedoch 1477 an Caspar Kundig (aus dem Geschlechte, nach dem die heutige
+Breite Straße in Dresden früher Kundigengasse genannt wurde) verkaufte.
+Dazu gehörten (manches wohl nur anteilig) »der wird (= Insel) in der Elben«.
+eine »vachstat (= Fischfang) in der Elben«, fünf Gärtner im Dorfe Pillnitz,
+das halbe Dorf Wachwitz (und zwar die Niederseite nach der Elbe zu) mit der
+Rehejagd u. a. m. Spätestens 1486 aber ist dieser Oberteil von Pillnitz mit
+dessen Unterhälfte wieder vereinigt worden.</p>
+
+<p>Letztere war schon 1443 durch Friedrich und Otto von Karlowitz an Wygand
+und Nickel Ziegler (Angehörige des reichen Patriziergeschlechtes) verkauft
+worden. Schon bei diesem Anteil wird das »fach uff der Elben« erwähnt;
+desgleichen der Werder (die Insel). Ebenfalls 1443 erhält Ursula, Wygands
+Witwe, den »vorderen Sitz zu Bilnicz« als Leibgut, während 1445 ein anderer
+»Wigand Czigeler (vermutlich der Sohn des ersten) und Lawacz Carlewicz,
+bede zu Bilnicz« zusammen mit einem Ritterpferde unter der »Erbarmannschaft«
+der Pflege Dresden aufgezählt werden, weil sie (gemeinsam) »das
+vorwerg doselbst haben und darzcu vier schock geldis«.</p>
+
+<p>1486 stehen, wie schon erwähnt, beide Hälften von Pillnitz in <em class="gesperrt">einer</em>
+Hand. Am 6. November dieses Jahres wird abermals ein Wygand Ziegler
+mit beiden Anteilen belehnt. Als Lehnstücke gehörten damals zum Gute: das
+Dorf, die Insel, die Fachstatt in der Elbe und die Dörfer Krieschendorf und
+Borsberg.</p>
+
+<p>Um jene Zeit (um 1500) hören wir zum ersten Male auch vom <em class="gesperrt">Gasthofe</em>
+zu Pillnitz. Das Schankrecht war auch hier, wie meist in den Dörfern
+unserer Gegend, mit dem Erbgericht verbunden. Nun beschwert sich damals
+der Rat zu Pirna, der allzeit scharf auf seinem Privileg der Bannmeile bestand,
+<span class="pagenum" id="Page_8">[8]</span>daß »der richter zcu Bilnicz (under Cristoff Czigeler) eyne meyle von Pirna
+gelegen, seyns junckherrn bier geschanckt« habe. Demnach scheint mit dem
+Pillnitzer Wirtschaftshof auch schon eine Brauerei verbunden gewesen zu sein.</p>
+
+<p>1513 werden anläßlich einer Messestiftung im St. Afrakloster zu Meißen
+auch die Namen einiger Ortsbewohner genannt: Andreas Strausz, Georg
+Schmidt und Johann Weidicht heißen diese Pillnitzer Erzväter; 1529 wird auch
+ein Halbhüfner Johann Sauppe dortselbst erwähnt.</p>
+
+<p>Von einem <em class="gesperrt">Weinberge</em>, dem »hinderbergk sampt dem preszhaus«
+hören wir aus dem Lehnbriefe für Caspar Ziegler vom Jahre 1534.</p>
+
+<p>Bald danach, 1538, wird uns eine Nachricht überliefert, die uns Heimatschutzfreunden,
+besonders den Botanikern der Abteilung <em class="antiqua">C</em> (Naturschutz) hochinteressant
+sein müßte, wenn sie – ohne Bedenken – auf die Pillnitzer Elbinsel
+bezogen werden dürfte. In jenem Jahre weilte, vom 18. bis 20. Mai, König
+Ferdinand zum Besuche Herzog Georgs in Dresden. Ein zeitgenössischer Bericht
+schildert seinen Einzug in Sachsen auf dem Elbstrom und die Festlichkeiten in
+der Residenz. Darin heißt es: Der König sei nach einem Nachtlager zu Pirna
+früh »auff das schyff geczogen und wider (weiter) nach Dreßten gefahren«;
+während der Fahrt seien »etliche fas mit schussen auf ein wert der mitten in
+der Elben leyt, (do es) sandick, ganz blos ist, gesetzt, die viel schusse gethan, da
+die schieff nohent voruber haben gehen mussen, darczu k. m. trommetter lostick
+geblasen haben.« (Ermisch, N. Archiv für sächsische Geschichte. III. S. 242.)</p>
+
+<p>Wäre damit unsere Pillnitzer Naturschutzinsel gemeint, so müßte die Vorstellung,
+daß wir auf ihr noch einen von Menschenhand ungestörten, sich selbst
+verjüngenden Auenwald aus vorgeschichtlicher Zeit besäßen, eingeschränkt
+werden, weil dann der jetzige Pflanzenwuchs auf dem »ganz blosen, sandigcken
+werd« von 1538 erst aus späteren Tagen stammen dürfte und wohl gar der
+Unterstützung durch Menschenhand sein Dasein verdanken könnte. Allein
+damals gab es einen solchen »werder« auch bei Birkwitz vor der Müglitzmündung,
+der heute völlig verschwunden ist, den aber noch die große Landesaufnahme
+Mathias Öders um 1600 (Hauptstaatsarchiv Dresden. Blatt 180)
+verzeichnet. Wir haben also die Wahl, neigen uns aber gern nach der Seite
+derjenigen, die den ehemaligen Birkwitzer Werder als den Platz annehmen
+möchten, wo 1538 Salut geschossen wurde. Und in jedem Falle bleibt die
+Pillnitzer Insel ein Naturdenkmal, das unseres unentwegten Schutzes
+würdig ist.</p>
+
+<p>Unter den Zieglern ist das Zubehör von Pillnitz vermehrt worden. Im
+Lehnbrief von 1514 stehen die von Hans Kundigen erkauften Güter und Dörfer
+Papperitz und Wachwitz; 1535 wurde von Wilhelm von Karlowitz Ober-Poyritz
+hinzuerworben, das ja schon früher einmal mit Pillnitz verbunden war.
+1542 erlangte Caspar Ziegler gegen Abtretung der Reh- und Schweinejagd
+auf seinen Gehölzen von Herzog Moritz die Ober- und Niedergerichtsbarkeit
+auf seinem ganzen Besitztum. Caspar Ziegler starb am 27. April 1547 und
+wurde in der Frauenkirche zu Dresden begraben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_9">[9]</span></p>
+
+<p>Aus seinem Todesjahre liegt uns die älteste statistische Angabe über
+Pillnitz vor. Der Ort hatte damals zwölf besessene (= ansässige) Männer,
+deren Grundbesitz auf zusammen drei Hufen geschätzt wurde, und sieben Gärtner.
+Auf den Dorfgenossen ruhten vielerlei Lasten. So mußten alle, ausgenommen
+der Müller (von dem wir also wieder einmal hören), auf die Hasenjagd gehen,
+wobei sie allerdings für jeden Hasen einen Groschen bekamen; gefangene Füchse
+durften sie selbst verkaufen. Sie mußten für den Gutsherrn ferner Heu dörren,
+Flachs jäten, raufen, riffeln und brechen, Mist breiten, Kraut stecken, Schafe
+waschen (d. h. sie ein- oder zweimal des Jahres baden), den Weinberg lesen
+helfen, Weinpfähle ausziehen, Hafer rechen usw.</p>
+
+<p>Der letzte Ziegler auf Pillnitz war Christoph Ziegler. Er verkaufte das
+Gut samt allem Zubehör an Christoph von Losz, der die Lehen darüber am
+18. März 1569 empfing. Auf dessen Schultern ruhten viele Würden. Er war
+des heiligen römischen Reiches Pfennigmeister, Oberschenk des Kurfürsten
+Christian I., später Chef der Haushaltung der Kurfürstin Mutter und
+Geheimer Rat.</p>
+
+<p>Schon unter ihm haben einmal (1578) Verhandlungen über den Ankauf
+von Pillnitz durch den Landesherrn geschwebt. Man kam aber zu keiner
+Einigung, vermutlich weil die Ansichten über den Wert des Gutes zu sehr auseinandergingen.
+Christoph von Losz veranschlagte ihn auf 25 734 fl.
+13 Groschen 9 Pfennige, während die kurfürstliche Rentkammer Pillnitz nur
+auf 14 445 fl. 14 Groschen 1 Pfennig schätzte.</p>
+
+<p>Diese Wertanschläge enthalten nun auch <em class="gesperrt">die erste Nachricht</em> über
+die <em class="gesperrt">Schloßgebäude</em>. Losz selber sagt: »Die Gebäude seind ziemlich, doch
+zu einer Bewohnung nottdurftig angerichtet, wie im Augenschein vorhanden,«
+und er berechnet sie samt Scheunen und Ställen auf 1000 Gulden. Die kurfürstlichen
+Kommissare dagegen bemerken: »Die Gebäude sind gar geringe und
+über fünfhundert Gulden nicht würdig.«</p>
+
+<p>Wie schon gesagt, der Handel zerschlug sich, und Christoph von Losz vergrößerte
+nun in den folgenden Jahren sein Besitztum durch den Ankauf
+weiterer Dörfer und Rechte. Zuletzt (1607) schenkte ihm der Kurfürst noch die
+Dörfer Wünschendorf und Bonnewitz.</p>
+
+<p>Neue Unterhandlungen der Kammer wegen Erwerbung von Pillnitz für
+Herzog Johann Georg zeitigten wiederum kein Ergebnis.</p>
+
+<p>Unterdessen hatte Christoph von Losz mancherlei bauliche Veränderungen
+an seinem Rittersitze vorgenommen; die Tradition nennt besonders einen
+zweiten Turm an der nach Abend zu gelegenen Hauptfront, sowie den gegen
+Mittag gekehrten Seitenflügel.</p>
+
+<p>Am bedeutsamsten war aber sein von Erfolg gekröntes Bemühen, die
+kirchlichen Verhältnisse seines Besitztums neu zu ordnen. Bis zur Einführung
+der Reformation hatte Pillnitz zu der großen Kirchfahrt Dohna gehört, deren
+Mittelpunkt aber doch so weit von Pillnitz entfernt lag, daß sich daraus allerhand
+Unzuträglichkeiten ergaben, allein schon wegen des zur Winterszeit oft
+unmöglichen Verkehrs über den Elbstrom. Deshalb wurden 1539 Rittergut
+<span class="pagenum" id="Page_10">[10]</span>und Dorf Pillnitz samt Ober-Poyritz und Söbrigen zur Pfarre in Hosterwitz geschlagen.
+Streitigkeiten mit dem dortigen Geistlichen wegen Unterhaltung
+der kirchlichen Gebäude riefen in Christoph von Losz den Plan hervor, eine
+eigene Kirche und Pfarrwohnung in Pillnitz zu schaffen. Nach mancherlei Verhandlungen
+wurde am 8. Mai 1593 der Grundstein zur Schloßkirche gelegt;
+im April 1597 war der Bau vollendet, und der hochangesehene Superintendent
+Polycarp Leyser vollzog am Sonntag Jubilate (17. April) seine Einweihung,
+während am Montag darauf der neuernannte Schloßprediger Magister Jacob
+Daniel Starke seine Antrittspredigt hielt.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-012">
+ <img class="w100" src="images/illu-012.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 5. <b>Das alte Schloß Pillnitz, Ansicht von Nordwesten</b><br>
+ Aus: Bau- und Kunstdenkmäler, Heft XXVI.
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Zu dem Vorhaben des von Losz: »nicht allein eine neue Kirche zu Pillnicz
+zu erbauen, sondern auch einen Pfarrherrn und Schulmeister dahin zu verordnen,«
+hatte schon 1595 die Kurfürstinwitwe Sophie geborene Markgräfin
+von Brandenburg 500 fl. Beisteuer bewilligt, was vielleicht die Vermutung
+rechtfertigt, daß der sächsische Hof seine Absicht auf Erwerb des Gutes noch
+immer festhielt. Tatsächlich bot der Kurfürst 1608 das Amt Senftenberg zum
+Tausch gegen Pillnitz an. Letzteres war dabei auf 59 345 Gulden geschätzt
+worden. Auch diesmal kam der Handel nicht zustande. Übrigens hat dieser
+Widerstand gegen die Wünsche des Hofes weder dem Christoph von Losz noch
+seinem Erben die Gunst des Kurfürsten gemindert, da beide auch weiterhin
+mit allerhand Gnadenbeweisen bedacht wurden.</p>
+
+<p>Zu jener Zeit sah Pillnitz schon einmal, wohl zum ersten Male, eine große
+Hofgesellschaft. 1607 weilte nämlich Kaiser Matthias zu Besuch in Dresden,
+und Johann Georg I. veranstaltete ihm zu Ehren eine Jagd am Oberen Hasengehege
+<span class="pagenum" id="Page_11">[11]</span>bei Pillnitz, der von Losz aber bewirtete die hohen Gäste in seinem
+damals schon vielgerühmten herrlichen Lustgarten (Dresdner Geschichtsblätter
+Band V. Jahrgang XVIII, S. 27).</p>
+
+<p>Am 4. April 1609 starb Christoph von Losz und wurde in seiner neuerbauten
+Schloßkirche beigesetzt. Sein Sohn Joachim folgte ihm nach einem
+(1610 abgeschlossenen) Erbvergleich mit seinen Brüdern als Besitzer von
+Pillnitz. Von seinen Maßnahmen als Gutsherr sei hier nur hervorgehoben,
+daß er <em class="gesperrt">die Schenke</em> zu Pillnitz nebst der dazu gehörigen Hufe Landes von
+Georg Ramisch kaufte und daß er im Jahre 1624 (Februar 22.) die landesherrliche
+Begnadung erlangte, über seine Güter (Lehngüter) Pillnitz, Graupe
+und Jessen nebst allen Zubehörungen »libere wie mit erb- und eigentümlichen
+Gütern« zu verfahren. Joachim von Losz war ein umsichtiger Geschäftsmann,
+der seinem kurfürstlichen Herrn in manchen Finanzangelegenheiten einer
+geldarmen Zeit wertvolle Dienste leistete. Seinen Untertanen gegenüber
+erwies er sich jedoch als ein harter und strenger Mann. Die Volkssage, die
+oft das Volksgericht ist, läßt den »bösen Losz« darum noch heute zuweilen
+als schwarzen Hund bellend und heulend auf dem Hofe zu Pillnitz erscheinen.</p>
+
+<p>1633, am 5. Oktober, war er aus dem Leben geschieden. Nur drei unmündige
+Töchter standen an seiner Bahre. Auf die älteste, Sophie Sibylle,
+kam infolge der Erbteilung vom 13. Juni 1636 das Rittergut mit den Dörfern
+Pillnitz, Borsberg, Papperitz, Krieschendorf, Ober-Poyritz, Söbrigen und
+Hosterwitz nebst den beiden Vorwerken zu Ober-Poyritz und allen Zugehörungen.
+Der Wert dieses Erbteils betrug 92 102 Gulden 16 Groschen
+3 Pfennige. Im November desselben Jahres vermählte sich Sophie Sibylle
+mit Günther von Bünau aus dem Hause Tetschen, starb aber schon nach kaum
+vierjähriger Ehe (6. Oktober 1640). Ihr letzter Wille setzte den Gatten als
+Herrn von Pillnitz ein. Wenige Wochen später mußte dieser der Kriegsunruhen
+halber »Schiff, Kahn und Gefäße« aus Pillnitz nach Dresden in
+Sicherheit bringen. Am 17. April 1643 aber wurde Günther von Bünau mit
+dem Gute feierlich belehnt. Als er 1659 die Augen für immer schloß, blieb es
+zunächst längere Zeit im gemeinsamen Erbe seiner zwei Söhne aus verschiedenen
+Ehen, bis 1681 Heinrich von Bünau, der Sohn der ersten Gattin Christine
+Elisabeth Löser, durch Vergleich den Anteil seines Stiefbruders Rudolph
+ebenfalls erwarb.</p>
+
+<p>Wieder einmal taucht <em class="gesperrt">die Schenke</em> zu Pillnitz in der Überlieferung
+auf. Ihr Inhaber, Johann Weißkopf, kauft 1687 ein Bauerngut in Hosterwitz.
+(Dresdner Geschichtsbl. Jahrgang XVIII, Seite 50.)</p>
+
+<p>Unter Heinrich von Bünau gelangt nun endlich – 116 Jahre nach dem
+ersten Versuch es zu erwerben – Pillnitz in kurfürstliche Hand.</p>
+
+<p>Es kam nach längeren Verhandlungen am 31. Januar 1694 zu einem Vertrage,
+laut dessen Kurfürst Johann Georg IV. Pillnitz gegen Schloß und Amt
+Lichtenwalde sowie eine Barsumme von 20 000 Gulden eintauschte. Der
+Gesamtwert des Schlosses am Elbstrome war dabei nach Abzug der Lasten auf
+72 895 Gulden 18 Groschen 1 Pfennig veranschlagt worden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_12">[12]</span></p>
+
+<p>Sehr rasch erkannte man im Lande, welche Absicht der Kurfürst mit
+Pillnitz gehabt hatte. Am 24. Februar 1694 schenkte er den kostbaren Besitz
+seiner Geliebten, der Gräfin Sibylle von Rochlitz, geborenen von Neitschütz.
+Es kam darüber (am 6. März) zu einem »unerhörten und gefärlichen
+<em class="antiqua">rencontre</em> mit der Gemahlin« des Kurfürsten, die dieser zu erstechen drohte;
+in seinem Wutanfall wäre es wohl zu einer solchen Freveltat gekommen,
+wenn nicht sein starker Bruder, Herzog Friedrich August, dazwischen getreten
+wäre, der ihm »drei Degen nacheinander aus der Hand gerissen«. (Vgl. Haake,
+August der Starke im Urteil seiner Zeit. Dresden 1922. Seite 14.) Man
+weiß, wie bald jener Liebestaumel sein Ende fand. Schon im April desselben
+Jahres starb die schöne Buhlerin an den Blattern und riß den verblendeten
+Liebhaber mit sich in das Grab. Ihr Nachlaß wurde beschlagnahmt; die Familie
+Neitschütz und ihr Anhang in einen peinlichen Prozeß verwickelt. Pillnitz
+nahm der Regierungsnachfolger Friedrich August (nachmals der Starke
+genannt) wieder zurück und ließ es durch die Kammer an Wolf Rudolph
+von Carlowitz verpachten. Im Jahre 1701 betrug die Pachtsumme für das
+Vorwerk 2300 fl. jährlich. Aber August der Starke brauchte, um seine Pläne
+auf die polnische Königskrone zu verfolgen, gewaltige Summen, und diesem
+Bedürfnisse mußte nun anscheinend auch Pillnitz dienen. So verpfändete es
+der Fürst schon am 12. Juni 1697 seiner Mutter Anna Sophie für 30 000 rh. fl.,
+wobei noch besonders betont wurde, daß Pillnitz kein der Kammer einverleibtes
+Domanialgut sei, sondern des Kurfürsten ererbtes Allodialeigentum.</p>
+
+<p>Nach seiner Erwählung zum König von Polen löste August der Starke
+Pillnitz 1702 wieder ein, indem er seiner Mutter statt dessen das Ostravorwerk
+einräumte. Pillnitz selbst aber verkaufte der Landesherr am 11. Juli dieses
+Jahres um 60 000 Meißn. fl. an die sehr wohlhabende Witwe Anna Sophie
+von Einsiedel, deren Mann der Oberhofmeister der Kurfürstin-Mutter gewesen
+war. Letztere nahm am 1. August 1706 das Gut um 52 500 Taler zurück, und
+schon am 12. Oktober 1707 gab sie es wiederum für 60 000 Taler in die Hand
+des Kurfürsten-Königs.</p>
+
+<p>Es handelt sich hier seit 1697 offenbar um eine Reihe von Scheinkäufen,
+deren Zweck nicht mehr recht durchsichtig ist. Dagegen zeigt sich bald sehr
+deutlich, welcher Absicht der letzte Handel dienen sollte. Zum zweiten Male
+legte ein Wettiner das schöne Besitztum einer Gunstdame in den Schoß. Gräfin
+Anna Constantia von Cosel war die Empfängerin. Der Öffentlichkeit gegenüber
+ward die Schenkung in einen Kaufkontrakt gekleidet, der am 21. November
+1707 abgeschlossen wurde und einen Kaufpreis von 60 000 Talern
+angab. Wahrscheinlich ist die eigentliche Schenkung schon im Jahre vorher
+erfolgt und nur durch die kriegerischen Ereignisse von 1706 und vor allem
+durch den im Herbst dieses Jahres erfolgten Einfall der Schweden in Sachsen
+die formelle Übergabe verzögert worden.</p>
+
+<p>Welchen Einfluß die Cosel auf die äußere Gestaltung von Pillnitz ausgeübt
+hat, entzieht sich unserer Kenntnis; nachwirkend scheint er nicht gewesen
+<span class="pagenum" id="Page_13">[13]</span>zu sein. Ihre Biographen schildern diese Frau als »habsüchtig, eigennützig
+und geizig,« und die gewaltigen Summen, die ihr fürstlicher Gönner für den
+Glanz ihres Auftretens opferte, sind offenbar an andere Güter und Paläste
+gewendet worden. Denn die eigentliche Baugeschichte von Pillnitz unter dem
+genialen Fürsten setzt erst nach der Verbannung der Favoritin vom Hof und
+aus dem Herzen des Königs ein. Zweifelsohne hat aber das Schloß zu Zeiten
+der Cosel manches glänzende Fest in seinen Räumen, auf dem Strome und der
+Insel und in dem ausgedehnten Parke gesehen. August der Starke verbrachte
+den Sommer 1708 zumeist in Pillnitz bei der Geliebten; von hier aus unternahmen
+beide am 16. Juli einen Ausflug nach Stolpen, das wenige Jahre
+später ihr Gefängnis und zuletzt ihr Sterbeplatz werden sollte, und von hier
+aus trat am 30. Juli 1708 der König jene Reise nach den Niederlanden an,
+die er in einem Schreiben an seine Kabinettminister bezeichnete als »<em class="antiqua">un voyage
+de plaisir pour me désennuyer des chagrins, que je supporte pendant un certain
+temps</em>« (v. Weber, Arch. f. Sächs. Gesch. IX, 19).</p>
+
+<p>In Pillnitz saß Gräfin Cosel auch noch in den Jahren 1713 und 1714, als
+ihr Liebes- und Herrschaftstraum in Sachsen seinem Ende entgegenging: Pläne
+brütend, wie sie »die verlorene Gunst des Königs wieder erlangen, die verhaßte
+Nebenbuhlerin (Gräfin Dönhoff) verdrängen und an ihren Feinden
+Rache nehmen« könne. Wie einst die Generalin von Neitschütz (die Mutter der
+schönen Sibylle, der Cosel Vorgängerin als Schloßfrau in Pillnitz) versuchte
+sie dabei Mittel, die nur der blinde Aberglaube jener Tage für wirksam halten
+konnte. So ließ sie damals wiederholt Zigeunerweiber nach Pillnitz kommen,
+mit denen sie im Ofen ihrer Silberkammer geheimnisvolle Droguen braute;
+einen Schiffsmann im Dorfe beauftragte sie, einen klugen Mann in Böhmen
+aufzusuchen, dem sie viel Geld in Aussicht stellte, wenn er ihr die Liebe des
+Königs wieder zuwege bringen könne; den Wagner Georg Krausze in Pillnitz
+bewog sie 1714, ihr in der Nacht einen Totenkopf vom Kirchhof in Klotzsche zu
+holen, speiste ihn freilich statt der zugesagten hohen Belohnung mit nur einem
+Groschen ab; anderer Sinnlosigkeiten nicht zu gedenken. Vielleicht hätte ihr
+ein würdiges, maßvolles Auftreten, wenn auch nicht die Liebe des Herrschers
+zurückgewonnen, so doch seine Achtung gesichert. Ihr Starrsinn aber trieb sie
+dem bitteren Ende entgegen. Am 12. Dezember 1715 entfernte sich die Cosel
+heimlich aus Pillnitz; nur ihren dreijährigen Sohn ließ sie dort zurück. Über
+Berlin, Halle, Nossen führte ihr Leidensweg nach Stolpen.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-016">
+ <img class="w100" src="images/illu-016.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 6. <b>Blick auf Pillnitz von der Bergkirche aus</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>In der ersten Zeit ihrer Haft wurde Pillnitz noch durch den Verwalter der
+Cosel administriert; dann unterband man ihre geheime Verbindung mit
+diesem. Der König aber beschloß am 14. April 1718, Pillnitz wieder an sich zu
+nehmen, allerdings unter Berücksichtigung der Rechtsansprüche der Cosel.
+Man bot ihr einen Tausch gegen Lohmen oder Zabeltitz an; da sie jedoch darauf
+nicht einging und hartnäckig 5000 Taler jährlich oder eine Abstandssumme
+von 80 000 Talern verlangte, so wurde ihr schließlich durch Reskript vom
+21. Juli 1729 der Betrag der jährlichen Einkünfte des Gutes, den man mit
+3206 Talern 15 Groschen 9½ Pfennig ermittelt hatte, auf Lebenszeit ausgesetzt.
+<span class="pagenum"><a id="Page_14"></a><a id="Page_15"></a>[15]</span>Später wurde der Kaufpreis ihrem Sohne, dem General Friedrich August Graf
+Cosel, vergütet.</p>
+
+<p>So ist denn Pillnitz vom Jahre 1718 an genau zweihundert Jahre lang
+ohne Unterbrechung im Besitze des Königshauses geblieben.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-017">
+ <img class="w100" src="images/illu-017.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 7. <b>Pillnitz, Bergpalais, Ansicht von der Gartenseite</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Nun entfaltete hier August der Starke seine hochfliegenden Pläne als
+Baumeister. Auch in Pillnitz wirkten in seinem Sinne seine Meisterarchitekten
+Pöppelmann und Longuelune und deren erprobte Gehilfen. Die Bauleitung
+wurde dem in solcher Tätigkeit wohl bewährten General Grafen Wackerbarth
+übertragen. Eine Darstellung der Baugeschichte in allen ihren Einzelheiten
+kann nicht unsere Aufgabe sein. Wir verweisen auf die mit Plänen und Ansichten
+reich ausgestatteten Arbeiten von A. v. Minckwitz und Cornelius Gurlitt.
+Die Bautätigkeit begann mit dem Abbruch der Schloßkirche. Das neue Gotteshaus
+wurde 1723 bis 1725 an der Weinbergslehne errichtet; zu seiner Ausstattung
+dienten Einrichtungsgegenstände des älteren Gebäudes. Noch heute
+sind in der »Weinbergskirche« die schönen Grabdenkmäler einiger Mitglieder
+der Familien Losz und Bünau zu sehen. 1925 beging die Gemeinde Pillnitz
+das zweihundertjährige Jubiläum ihres Gotteshauses, das am 11. November
+1725 eingeweiht worden war. 1720 bis 1721 entstand auch das sogenannte
+<em class="gesperrt">Wasserpalais</em>, das damals als orientalisches oder indianisches
+Lustgebäude bezeichnet wurde. Es ist jenes noch heute von allen Dampfschiffreisenden
+<span class="pagenum" id="Page_16">[16]</span>angestaunte Bauwerk in einem pseudo-ostasiatischen Stil mit der
+großartigen Hafentreppe. An ihr schaukelten sich einstmals, freilich erst seit
+1744 nachweisbar, die künstlerisch ausgestatteten Gondeln mit ihren bunt
+gekleideten Führern; mit dem Weggange der fürstlichen Herrschaften von
+Pillnitz sind sie wohl für immer verschwunden. Dagegen grüßt uns an der
+Elbseite noch einer der wenigen Überreste aus dem älteren Schlosse, nämlich
+jener Sandsteinobelisk aus der Zeit um 1650, der mit einem verlorengegangenen
+zweiten Obelisken einst vor der Ostfront des Loszschen Bauwerks
+stand und nach dem Brande von 1818 auf den »Löwenkopf«, den Unterbau
+eines früheren Lusthauses an der Elbe, gebracht wurde, der seinen Namen von
+einem an der Stromseite in das Mauerwerk eingelassenen Löwenhaupte, auch
+aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, bekommen hat. 1722 und 1723 wurde
+auf der nördlichen Seite des Lustgartens, symmetrisch zum Wasserpalais und
+ebenfalls im chinesischen Stil, das <em class="gesperrt">Bergpalais</em> errichtet.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-018">
+ <img class="w100" src="images/illu-018.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 8. <b>Pillnitz, Bergpalais, Ansicht von der Gartenseite</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>An den Bau beider Palais schloß sich 1723 der des <em class="gesperrt">Venustempels</em>
+an, der als großer Speisesaal diente. Seinen Namen verdankt er einer Galerie
+weiblicher Schönheiten, namentlich vom Hofe des fürstlichen Bauherrn selbst,
+die den mächtigen achteckigen Saal schmückten.</p>
+
+<p>Heute sind die Wände, ach, so kahl; denn auch gemalte Schönheit vergeht.
+Viele Porträts sind beim Brande von 1818 verlorengegangen; manche wurden
+schon 1791 nach Dresden gebracht; andere befinden sich noch im Wasserpalais.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_17">[17]</span></p>
+
+<p>Von der inneren Einrichtung des neuen Schlosses wie des zweiten Neubaues
+vor hundert Jahren brauchen wir hier nicht zu sprechen, da ihrer in
+einem Parallelaufsatz eines hervorragenden Kunstschriftstellers später
+gedacht wird.</p>
+
+<p>Gleichzeitig mit den vorhin genannten Bauten entstanden vielerlei Nebengebäude,
+die zum Teil wirtschaftlichen Zwecken oder als Wohnhäuser für
+Beamte dienten. Hervorgehoben sei die <em class="gesperrt">Schloßwache</em> für das seit 1723
+hierher verlegte Wachkommando. Das Gebäude ist 1824 vollständig umgestaltet
+worden. – Unter August dem Starken erlebte auch der Pillnitzer Schloßgarten
+eine neue Blütezeit. Da seine Entwicklung ebenfalls demnächst in den
+Mitteilungen von berufener Feder geschildert wird, erübrigt sich hier eine
+besondere Darstellung.</p>
+
+<p>Ein südöstlicher Anbau am Venustempel wurde 1724 als katholische
+Kapelle geweiht, die nach unerwiesener Tradition früher ein Altarbild von
+Lukas Cranach enthalten haben soll. Um jene Zeit ist wohl auch die Schloßrestauration
+entstanden; jedenfalls wird sie 1724 in Akten zum ersten Male
+erwähnt. In dem Gebäude hatten auch der Hoftraiteur und der Hofmundbäcker
+ihren Sitz; nachdem die Hofmundbäckerei 1876 aufgehoben worden war,
+wurde die Schloßapotheke hierher verlegt.</p>
+
+<p>Den kostbaren Rahmen, den August der Starke hier in Pillnitz geschaffen
+hatte, füllten nun immer neue Bilder rauschenden Hoflebens. Oberstaatsarchivar
+Dr. H. Beschorner hat einen solchen Pillnitzer Festmonat auf Grund
+der Akten geschildert (Über Berg und Tal. Bd. VII, Seite 430). Es handelt
+sich um die Hochzeitsfeier der Gräfin Augusta Constantia von Cosel, der ältesten
+Tochter des Kurfürsten-Königs von seiner in Stolpen schmachtenden Geliebten,
+mit dem Ober-Falkenmeister Heinrich Friedrich Grafen von Friesen, die der
+fürstliche Brautvater höchst persönlich ausrüstete. Vom 3. bis 22. Juni 1725
+dauerten die Lustbarkeiten, die aus Festtafeln und -bällen, Bauernkomödien
+im sogenannten Französischen Dorf zu beiden Seiten der Maillebahn, Vogel-
+und Scheibenschießen, Zigeuner- und Drescheraufzügen, Tauben- und Fasanenjagden,
+Ringrennen, einem Ausfluge nach dem Königstein und einem Schlußfeuerwerk
+für 795 Taler 19 Groschen bestanden. August der Starke verband
+aber in seiner originellen Art damit auch eine fortifikatorische Übung großen
+Stiles, die zwar zur Erheiterung der Hochzeitsgäste manchen humoristischen
+Einschlag bekam, der aber doch ein ernster militärischer Zweck zu Grunde lag,
+wozu starke Aufgebote von Infanterie und Artillerie unter Mitwirkung einer
+Stromflotte viele Tage lang um ein dazu besonders errichtetes Festungswerk
+auf dem linken Elbufer, Pillnitz gerade gegenüber, und um die Insel ringen
+mußten. Dieses Pillnitzer Manöver von 1725 ist somit als ein Vorläufer des
+fünf Jahre später folgenden berühmten Zeithainer Lagers anzusehen.</p>
+
+<p>Bekanntlich starb August der Starke 1733. Die Beziehungen seines
+Sohnes zu Pillnitz scheinen nur oberflächlicher Art gewesen zu sein.</p>
+
+<p>Seit 1765 aber benutzte die kurfürstliche Familie Pillnitz vielfach als
+Sommeraufenthalt, weshalb das Schloß durch weitere Anbauten, namentlich
+<span class="pagenum" id="Page_18">[18]</span>durch die noch jetzt stehenden Flügelgebäude am Bergpalais (1788) und am
+Wasserpalais (1789 und 1791) ansehnlich erweitert wurde. Der westliche
+Flügel führte später den Namen Kaiserflügel (Kaiser Leopold weilte 1791 hier
+als Gast), der östliche den Namen Königsflügel (er beherbergte gleichzeitig den
+König Friedrich Wilhelm von Preußen). Der bei all diesen Arbeiten tätige
+Architekt scheint der Oberlandbaumeister Chr. Fr. Exner gewesen zu sein. In
+jene Bauperiode fallen auch die Errichtung des sogenannten <em class="gesperrt">Chinesischen
+Pavillons</em> im Baumgarten hinter der Orangerie und die Erschließung des
+<em class="gesperrt">Friedrichsgrundes</em> durch Anlegung von Wegen, Schmuckplätzen und
+Wasserfällen (1780 bis 1783), sowie der Bau der <em class="gesperrt">künstlichen Ruine</em>
+(1785) am Ausgang dieses Grundes.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-020">
+ <img class="w100" src="images/illu-020.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 9. <b>Blick von der Hafentreppe auf die Pillnitzer Elbinsel</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Endlich hängt mit der Erhebung von Pillnitz zum ständigen Sommersitz
+des Hofes auch die dauernde Einrichtung der <em class="gesperrt">fliegenden Fähre</em> im Jahre
+1765 zusammen. Von einer älteren »fliegenden Brücke« hören wir zuerst
+1727. Es ist aber ein Irrtum des Pillnitzer Chronisten A. v. Minckwitz, wenn
+er (S. 77 seiner Geschichte von Pillnitz) die »vachstat« von 1443 (s. o.) als eine
+Fähre deutet; man hat darunter vielmehr eine aus Steinen, Holz und Flechtwerk
+durch den Strom gezogene Mauer zu verstehen, die dem Fischfang diente.</p>
+
+<p>Im Jahre 1834 wurde den zur Dienstleistung auf der Fähre kommandierten
+Pontonniers gleichzeitig mit dem zur Bewachung von Pillnitz bestimmten
+<span class="pagenum" id="Page_19">[19]</span>Kommando der Leibgrenadiergarde das Pillnitz gegenübergelegene
+Jagdhaus zum Unterkommen überwiesen und im Jahre 1860 für dieselben eine
+besondere Kaserne am linken Elbufer hergestellt.</p>
+
+<p>Das einfach stille Leben, das der sächsische Hof hier in Pillnitz führte, ward
+nun im Sommer 1791 durch jene Fürstenzusammenkunft unterbrochen, die
+damals die Augen von ganz Europa auf sich zog und deren Ergebnis als
+<em class="gesperrt">Pillnitzer Deklaration</em> in den Tafeln der Weltgeschichte steht.</p>
+
+<p>In den Tagen vom 25. bis 27. August trafen sich hier Kaiser Leopold II.,
+König Friedrich Wilhelm III. von Preußen und der Graf von Artois (der
+spätere König Karl X. von Frankreich) als Gäste des Kurfürsten August III.
+Der Gedanke dieser Fürstenzusammenkunft war vom Kaiser ausgegangen;
+Graf Marcolini, der Vertraute des Kurfürsten, hatte ihn eifrig gefördert.
+Zunächst bezweckte man durch eine persönliche Aussprache der Herrscher die seit
+den Schlesischen Kriegen noch bestehende Spannung zwischen den Höfen von
+Wien und Berlin zu beseitigen; ferner wollte man die polnische Erbfolgefrage,
+die damals die politische Welt bewegte, durch freundschaftliche Besprechung
+lösen, wobei die Person des Kurfürsten im Mittelpunkte stand, da diesem vom
+polnischen Reichstage die Königskrone angeboten worden war; endlich hoffte
+der Kaiser, den von ihm angeregten Bund der europäischen Mächte zur Beruhigung
+Frankreichs und zur kraftvollen Wiederherstellung der Monarchie
+ins Leben zu rufen.</p>
+
+<p>Mehr als Eindringlinge denn als erwünschte Gäste nahmen die französischen
+Emigranten, unter denen der übelberüchtigte Herr von Calonne hervortrat,
+an der Zusammenkunft teil. Aus den Verhandlungen zwischen den
+beiden mächtigsten Fürsten Deutschlands und dem Grafen von Artois ging jene
+Erklärung hervor, die nachmals als Pillnitzer Deklaration so berühmt geworden
+ist. Ihr Hauptinhalt war folgender:</p>
+
+<p>»Die Fürsten bezeichnen die augenblickliche Lage des Königs von Frankreich
+als einen Gegenstand der allgemeinen Teilnahme und sprechen die
+Hoffnung aus, daß das Interesse von denjenigen Mächten nicht verkannt werde,
+deren Beistand man anrufe. Man erwartet von ihnen, daß sie nicht anstehen
+werden, im Verein mit Österreich und Preußen nach Maßgabe ihrer Kräfte
+ausreichende Mittel anzuwenden, um den König von Frankreich in die Lage zu
+versetzen, in vollkommener Freiheit die Grundlage einer Regierungsform zu
+befestigen, welche den Rechten der Souveräne und dem Wohle Frankreichs entspräche.
+Der Kaiser und der König seien in diesem Falle entschlossen, im
+wechselseitigen Einvernehmen rasch vorzugehen und mit den notwendigen
+Mitteln das vorgesteckte Ziel anzustreben. Mittlerweile werden sie ihren
+Truppen die nötigen Befehle erteilen, durch welche sie in den Stand kommen,
+sich in Bewegung zu setzen.« Der Wunsch des Grafen Artois, daß die Monarchen
+sofort einen Winterfeldzug gegen Frankreich unternehmen sollten, wurde nicht
+erfüllt. Trotzdem hat man später die Pillnitzer Deklaration als eine Art
+Kriegserklärung gegen Frankreich aufgefaßt, und sie erregte dort eine gewaltige
+<span class="pagenum" id="Page_20">[20]</span>Empörung. (Nach P. Rachel in den Dresdner Geschichtsblättern,
+XX. Jahrgang, Nr. 1 und 2.)</p>
+
+<p>Die Pillnitzer Verhandlungen wurden umrahmt und halb verdeckt durch
+allerhand rauschende Festlichkeiten: prunkvolle Tafeln und Opernspiele, feenhafte
+Beleuchtung des inneren Schloßhofes und der schönen Alleen mit 45 000
+oder gar 60 000 Lampen und ein prächtiges Feuerwerk auf der Insel, zu dem
+nicht nur aus Dresden gewaltige Menschenmengen sondern auch Neugierige
+aus Leipzig (allein 300 Studenten), Dessau, Berlin, Prag und Wien herbeigeströmt
+waren. Aber wie dieses pyrotechnische Spiel, so verpuffte rasch auch
+das Spiel der Pillnitzer Diplomatie. »Eine ehrliche innere Annäherung
+Preußens und Österreichs ist nicht erfolgt; der Kurfürst von Sachsen hat die
+polnische Krone nicht angenommen; der europäische Verein, der sich gegen die
+demokratischen Umtriebe bilden sollte, ist nicht zustande gekommen. Vielmehr
+ist der Gedanke, irgend etwas für die Wiederherstellung der alten Verhältnisse
+in Frankreich zu tun, sehr bald fallen gelassen worden, als sich Ludwig XVI.
+noch im September 1791 entschlossen hatte, die seit 1789 beratene Verfassung
+anzunehmen.</p>
+
+<p>Wohl aber ist aus der Anwesenheit des Grafen Artois in Dresden und
+Pillnitz und aus der Pillnitzer Deklaration die Auffassung entstanden, als wenn
+damals die erste Koalition der europäischen Mächte zum Angriff gegen die
+französische Revolution gestiftet worden sei.« (Rachel, a. a. O.)</p>
+
+<p>Die Erinnerung an den glänzenden Rahmen der Pillnitzer Fürstenzusammenkunft
+ist im Lande und besonders in der Dresdner Bürgerschaft noch
+lange lebendig geblieben, und der einst viel gelesene und in manchen Kreisen
+selbst heute noch beliebte Jugendschriftsteller Gustav Nieritz schildert das Riesenfeuerwerk
+recht anschaulich im letzten Kapitel seiner Erzählung: Der
+Johannistopf.</p>
+
+<p>Ein noch gewaltigeres Feuerwerk entzündete sich zur Mittagsstunde des
+1. Mai 1818, dem alles, was noch vom alten Schloß erhalten war, dazu auch
+der Venustempel, innerhalb weniger Stunden zum Opfer fiel. Nachmittags
+einhalb drei Uhr stürzte der Schloßturm zusammen. Als Ursache der Feuersbrunst
+wurde Fahrlässigkeit bei einer Essenreparatur angesehen. Gerade hatte
+der Hof nach Pillnitz übersiedeln wollen. Schon am folgenden Tage boten die
+eben zu Dresden versammelten Landstände ihrem geliebten Fürsten
+60 000 Taler zum Wiederaufbau des Schlosses an, und nachdem die Abräumungsarbeiten
+alsbald in Angriff genommen worden waren, konnte schon
+am 29. Oktober 1818 der Grundstein zum Neubau gelegt werden. Im Herbst
+1822 war der Mittelbau, der den großen Speisesaal enthält, vollendet; 1822
+und 1823 entstand der Küchenflügel, der seine Front dem Elbstrome zuwendet;
+erst 1826 ward der gegenüberliegende Kapellenflügel fertig gestellt. Die Einweihung
+der Kapelle erfolgte sogar erst 1830. Oberlandbaumeister Christian
+Friedrich Schuricht war der leitende Architekt.</p>
+
+<p>Seit jener Zeit sind wesentliche Um- und Neubauten beim Schlosse nicht
+mehr vorgenommen worden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_21">[21]</span></p>
+
+<p>Dagegen erfuhr der Wirtschaftsbetrieb bald nachher einen Wandel.
+1832 begann nämlich die Ablösung der Grunddienstbarkeiten, Naturalzinsen
+und Geldgefälle der Gutsuntertanen, die erst 1846 zum Abschluß gelangten.
+Das Kgl. Kammergut erhielt dabei insgesamt 91 235 Mark als Entschädigung.</p>
+
+<p>Pillnitz blieb auch ferner die bevorzugte Sommerresidenz der Wettiner,
+und zwei derselben haben in seinen Mauern ihre Augen zum letzten Schlafe
+geschlossen. Am 29. Oktober 1873 erlöste hier ein sanfter Tod König Johann,
+den Danteforscher, von seinem schweren Herzübel. Am Abend des 30. Oktober
+wurde der allverehrte Tote auf einem schwarz ausgeschlagenen, mit Fackeln
+erleuchteten Dampfer unter dem Geläute der Glocken nach Dresden gebracht.
+Und ein Menschenalter später, wieder an einem Herbsttage, trugen die Wellen
+des Elbstromes abermals die sterblichen Überreste eines Sachsenherrschers zu
+seiner Gruftkammer unter der katholischen Hofkirche. König Georg war in der
+Nacht vom 14. zum 15. Oktober 1904 in Pillnitz verstorben.</p>
+
+<p>Von den Fürsten, die gern hier weilten, sei noch Friedrich Augusts II.
+(1836 bis 1854) gedacht, des Botanikers, dem der Schloßgarten und die Gewächshäuser
+manches seltene Stück verdanken. Doch ist als der eigentliche
+Gründer der botanischen Anlagen Friedrich August der Gerechte anzusehen.
+Seit der Umwälzung von 1918 ist Pillnitz in das Eigentum des Staates übergegangen.
+Eine Zeitlang schien es, als ob das Schloß industriellen und Wohnzwecken
+dienstbar gemacht werden, der herrliche Park aber aufgelassen werden
+sollte. So wünschenswert jede Lösung unserer gegenwärtigen Wohnungsnot
+sein muß, der nur bescheidene Erfolg hätte in keinem Verhältnis zu dem Verluste
+gestanden, den wir und die Nachwelt erlitten hätten, wenn diese bau- und
+gartenkünstlerisch hervorragende und auch historisch bedeutsame Stätte der Allgemeinheit
+entzogen worden wäre. Dem wiederholt aufgetauchten Plane,
+die Geleise der Elektrischen durch den Park von Pillnitz hindurchzuführen, ist
+unser Verein bisher noch immer mit Erfolg entgegengetreten. Zwar hat ein
+für Sachsen neuer Gewerbebetrieb, eine Teppichweberei, Unterkunft in einem
+Nebenraume des Schlosses gefunden; sie ist aber bisher nicht störend empfunden
+worden, und die »Höhere Staatslehranstalt für Gartenbau«, die im alten
+Marstallgebäude ihren Sitz aufgeschlagen hat, fügt sich sehr passend zu dem
+Pillnitzer Schloßgarten und zu der ganzen Landschaft.</p>
+
+<p>Durch den noch immer wohlgepflegten Park aber lustwandelt heute die
+erholungsbedürftige, schönheitsfreudige Volksmenge, und viele der Besucher
+pilgern auch durch die Schloßräume und lassen die historischen Erinnerungen,
+die aus den Sälen und Kabinetten, in Ausstattungsstücken und Bildern vor
+ihre Seele treten, auf sich wirken – falls ihnen der eilige Führer Zeit zur
+Betrachtung gewährt und gedankenlose Mitläufer ihr Schwatzen und Kichern
+einstellen. Und in der Schloßwirtschaft und in der Mühle, im Goldenen Löwen
+und im Dampfschiffrestaurant staut sich das Volk wie einst in der guten alten
+Zeit vor 1914.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-024">
+ <img class="w100" src="images/illu-024.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 10. <b>Pillnitz, im Schloßgarten</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Das <em class="gesperrt">Dorf</em> Pillnitz hat sich seit Menschenaltern nur wenig verändert. Die
+<em class="gesperrt">Schenke</em>, die schon vor hundert Jahren als »Gasthof zum goldenen Löwen«
+<span class="pagenum"><a id="Page_22"></a><a id="Page_23"></a><a id="Page_24"></a>[24]</span>bezeichnet wurde, ist am 11. April 1835 vom Gute Pillnitz wieder abgetrennt
+und für 5850 Taler an Christian Friedrich Görner veräußert worden; auch die
+<em class="gesperrt">Mühle</em> ging 1835 in den erblichen Besitz des zeitherigen Pächters Joh. Gottlieb
+Wendisch über. Viel früher, schon 1752, war die <em class="gesperrt">Schmiede</em>, die übrigens
+erst seit 1720 belegt ist (damals Schmied Christian Großer), vom Kammergut
+gelöst worden.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp70" id="illu-025">
+ <img class="w100" src="images/illu-025.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 11. <b>Pillnitz, Schloßpark, Rundtempel</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Zu den alten Gärtner- und Häuslernahrungen sind nun eine Anzahl
+schmucker Landhäuser getreten. Mancher Dresdner von Ruf hat seinen Musensitz
+am Fuße der Weinberge aufgeschlagen. In einem kleinen Häuschen unweit
+der Ortsgrenze an der Pillnitz-Hosterwitzer Straße komponierte Carl
+Maria von Weber seinen Freischütz, die Euryanthe und den Oberon, und zu
+Pillnitz lebte und starb der feinsinnige Dichter Julius Hammer, dessen Denkmal
+vor der hiesigen Schule steht. Pillnitzer Luft weht in seinem schönen Liede
+»Vertraue dich dem Licht der Sterne«, und es waren wohl die Waldwege seiner
+Umgebung, die ihm solchen Trost gewährten, daß er singen konnte:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Verdammt die Welt dich in Verblendung,</div>
+ <div class="verse indent0">So such auf stillem Waldespfad</div>
+ <div class="verse indent0">Dir neuen Mut für deine Sendung,</div>
+ <div class="verse indent0">Für starke Treu und freie Tat.«</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Noch einmal schauen wir von der aussichtsreichen Terrasse des Dampfschiffrestaurants
+auf die Pillnitzer Insel. Ihrer ersten urkundlichen Erwähnung
+im Jahre 1443 gedachten wir schon, desgleichen ihrer Verwendung bei
+den großen Pillnitzer Festlichkeiten. Später diente sie der Fasanenzucht; jetzt
+ist die Zahl dieser stolzen Vögel, wie überhaupt der Wildstand, auf dem Werder
+stark herabgemindert. Auch mit den ältesten Erinnerungen der Dresdner an
+den Luftverkehr ist die Insel verknüpft. Hier ließ sich 1834 der Luftschiffer
+Professor Reichardt mit seiner Tochter nieder. Für die königliche Familie
+wurde Ende des achtzehnten Jahrhunderts ein Bad bei der Insel angelegt, das
+aber schon längst wieder eingegangen ist. Dafür tummelten sich auf ihrem
+Strande in den bewegten Tagen, die dem Zusammenbruch der deutschen
+Fürstenthrone folgten, Männlein und Weiblein aus der Nachbarschaft wie aus
+Dresden, die Rousseaus Ruf: »<em class="antiqua">retour à la nature</em>« so gern mit »Pflege der
+Nacktkultur« übersetzen. Aber der Plan, hier ein großes Freiluftfamilienbad
+zu gründen, scheiterte. Die Insel ward zum Naturschutzgebiet erklärt und ist
+nunmehr dem allgemeinen Besuch verschlossen. Dafür wird sie unter solchem
+Schutze noch vielen Geschlechtern, die nach uns kommen, das Bild eines selbstgewachsenen
+Auenwaldes zeigen, ein seltenes Naturdenkmal vor den Toren
+einer Großstadt. – Mit diesem Wunsche besteigen wir den Dampfer, der uns
+elbabwärts trägt; hinter uns verschwimmen Königsschloß und Fischerdorf im
+Abendnebel.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der vorliegende Aufsatz beruht im wesentlichen auf eigenen Studien im
+Dresdner Hauptstaatsarchiv (= Zettelsammlung zum Historischen Ortsverzeichnis
+<span class="pagenum" id="Page_25">[25]</span>von Sachsen) sowie auf A. von Minckwitz, Geschichte von Pillnitz;
+Dresden, 1893 und C. Gurlitt, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und
+Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. Heft XXVI. Dresden, 1904, S. 159 ff.
+Daneben sind eine Anzahl von Führern (Mayer, Schäfer, Gottschalk) und verschiedene
+Pillnitz betreffende Artikel in Zeitschriften benutzt worden, auf die
+an den betreffenden Textstellen verwiesen ist.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Gedenkbaume_und_andere_Erinnerungsmale_in_Sachsen">
+ Gedenkbäume und andere Erinnerungsmale in Sachsen</h2>
+ <p class="center">Von Dr. <em class="gesperrt">Stephan</em>, Freiberg</p>
+</div>
+
+<p>Der Verein Sächsischer Heimatschutz hat sich schon oft der Bäume angenommen,
+die durch ihr Alter ehrwürdig sind oder durch ihren Wuchs eine hervorragende
+Zierde einer Landschaft bilden, auch wohl durch den ihnen beigelegten
+Namen sich vor anderen auszeichnen. Seine Aufmerksamkeit verdient
+aber auch die reiche Anzahl der Bäume, die zum Andenken an bestimmte geschichtliche
+Ereignisse oder an hervorragende Persönlichkeiten gepflanzt worden
+sind, die Gedenkbäume. Es gibt in unserem Vaterlande keine Stadt und kein
+größeres Kirchdorf, wo nicht auf dem Friedhofe oder vor ihm, auf einem öffentlichen
+Platze, innerhalb gärtnerischer Anlagen, hier und da auch auf Bergeshöhen
+ein solches Erinnerungsmal den Vorübergehenden grüßte; und gar
+mancher dieser Gedenkbäume erregt durch seine Größe und die Stattlichkeit
+seines Wuchses Staunen und Bewunderung. Die Ortsverwaltungen hegen und
+pflegen ihn; sie haben seinen Stamm mit einem Holz- oder Eisengitter umgeben,
+einen kleinen Ziergarten um ihn herum angelegt, am Fuße einen Stein
+mit Inschrift errichtet, um allen, die sich an ihm erfreuen, zu sagen, wessen Gedächtnis
+er lebendig erhalten, an welche allgemein- oder ortsgeschichtliche Tatsache
+er erinnern soll.</p>
+
+<p>Leider ist solche liebevolle Pflege und solche Sorge für die Erhaltung der
+Gedenkbäume nicht überall zu finden. In einem Dorfe, wenige Wegstunden
+von der Residenz entfernt, steht an der Hauptstraße noch das alte, kleine Schulhaus
+aus dem achtzehnten Jahrhundert. Neben der Haustür befindet sich in
+einem gemalten Kranze aus Eichenzweigen die Inschrift: »Zum Denkmal des
+3. Reformations-Jubiläi d. 31. Oktbr. 1817 wurde dieser Stein von der hiesigen
+Schuljugend errichtet und 2 Linden und 1 Eiche allhier gepflanzet.« Nebeneinander
+standen bis vor wenig Jahren die drei Bäume vor dem schlichten
+Hause, es mit ihren schönen Kronen beschattend. Heute sind die Zeugen der
+Begeisterung, die vor hundert Jahren die Herzen der Evangelischen allüberall
+im Sachsenlande erfüllte, verschwunden. Weil sie alt und morsch geworden
+seien, hat man sie umgeschlagen. Sie sahen noch vor sechs bis zehn Jahren
+wahrlich nicht so aus. Die Inschrift steht aber noch da. Nicht anders ist es
+mit der Buche auf der Rittergutsflur Neusorge bei Mittweida, die dankbare
+Hände im Jahre 1763 aus Freude über den Frieden zu Hubertusburg gepflanzt
+<span class="pagenum" id="Page_26">[26]</span>hatten, der den siebenjährigen schweren Kriegsleiden unseres Volkes ein Ende
+machte. Sie war zu einem prächtigen Baumriesen mit einem Stammdurchmesser
+von einem Meter siebzig Zentimeter emporgewachsen. Zu Beginn dieses
+Jahres ist sie unter den Äxten von Arbeitern gefallen. Auch sie soll morsch
+und »eine Gefahr für Vorübergehende geworden« sein. Kenner bezweifeln
+das, und Natur- und Heimatfreunde beklagen das Vorgehen des Besitzers, des
+Fürsorgeverbandes Leipzig, auf das tiefste. Anderwärts mußte, wie es heißt,
+einem Gedenkbaume die Krone abgesägt werden, weil er einem Neubau im
+Wege stand oder weil ein neuer Weg angelegt werden sollte; die schönsten Äste
+eines andern entfernte man, um Fernsprech- oder Lichtleitungen bequemer
+führen zu können. Hier und da liegt der Verdacht nahe, daß ein Gedenkbaum
+nur deshalb hat fallen müssen, weil aus seinem Holze ein hübsches Stück Geld
+zu lösen war.</p>
+
+<p>Begünstigt wird die Unüberlegtheit und Rücksichtslosigkeit den Gedenkbäumen
+gegenüber vielfach dadurch, daß sie sich äußerlich gar nicht oder gar
+nicht mehr von anderen Bäumen im Orte unterscheiden. Die Tafel, die verkünden
+sollte, zu wessen Ehren die Ortsbewohner eine Eiche oder Linde gepflanzt
+haben, ist schon lange verschwunden; Bubenhände haben sie abgerissen
+oder so beschädigt, daß sie entfernt werden mußte; das Gitter um den Stamm
+ist verfault oder verrostet, der Stein an seinem Fuße verwittert oder nicht mehr
+vorhanden. Nicht zu selten hat man überhaupt versäumt, den Gedenkbaum
+mit einem Kennzeichen zu versehen; seine Bedeutung sei ja allgemein bekannt,
+heißt es. Fragt nun aber ein Freund der Heimatgeschichte einen Knaben oder
+jüngeren Erwachsenen, warum und wann ein schöner, meist an hervorragender
+Stelle stehender Baum gesetzt worden sei, so bekommt man fast regelmäßig ein
+Achselzucken als Antwort; ältere Leute glauben zwar zu wissen, daß ihn die
+Eltern oder Großeltern an einem besonderen Festtage gepflanzt haben, aber
+an welchem, können sie nicht sagen. Was Wunder, wenn er, vielleicht schon
+nach einem halben Jahrhundert, als ein Baum gilt wie jeder andere und daher
+auch keiner besonderen Schonung und Pflege wert erscheint.</p>
+
+<p>Es möchte daher den Gemeindebehörden auch vom Verein Sächsischer
+Heimatschutz angelegentlich empfohlen werden, sich der in ihrem Geschäftsbereiche
+vorhandenen Gedenkbäume anzunehmen.</p>
+
+<p>Es ist erstaunlich, wie groß der Reichtum an Gedenkbäumen in unserem
+Vaterlande ist, wenn sich auch die Sitte, solche zu setzen, erst mit Beginn des
+vorigen Jahrhunderts allgemein durchgesetzt hat. Doch fehlt es auch nicht ganz
+an ihnen aus früherer Zeit. Sehen wir von den alten Linden ab, unter denen
+der Überlieferung nach Luther gepredigt hat (Prießnitz bei Borna, Ringetal
+bei Mittweida, hier leider nur noch ein Stumpf) und der sogenannten Lotterlinde
+in Augustusburg aus dem Jahre 1584, so dürfte als ältester noch vorhandener
+Gedenkbaum die Linde anzusprechen sein, die bei der zu Niederzwönitz
+gehörigen Brettmühle am hundertsten Todestage Luthers (1646) gesetzt
+worden ist. Ihr folgen im Alter die Linde, die nach mehrfachen Zeugnissen im
+Jahre 1655 an dem hundert Jahre zuvor geschlossenen Augsburger Religionsfrieden,
+<span class="pagenum" id="Page_27">[27]</span>und die Linde, die aus demselben Anlaß ein Jahrhundert später in dem
+kleinen Dörfchen Ölsnitz in der Amtshauptmannschaft Großenhain gepflanzt
+wurde. Nachdem die Hubertusburger Friedenslinde in Neusorge gefallen ist,
+erinnert kein Baum mehr an das Jahr, in dem der Siebenjährige Krieg zu
+Ende ging; denn auch die Friedenslinde in Löthain bei Meißen aus demselben
+Jahre ist vor nicht zu langer Zeit durch Blitzschlag zerstört worden. Um so
+stattlicher ist die Zahl der Gedenkbäume, die dem neunzehnten und zwanzigsten
+Jahrhundert angehören. Die Rückkehr des Königs Friedrich August des Gerechten
+aus der Gefangenschaft (1815) gab den ersten Anlaß zur Pflanzung von
+Linden und Eichen, so in Deutzen (A. H. Borna) und Friedrichswalde (A. H.
+Pirna), und von da an gibt es bis in unsere Tage kein Ereignis von geschichtlicher
+Bedeutung, das nicht durch Gedenkbäume ausgezeichnet wäre, so das
+Reformationsjubiläum 1817 (Annaberg, Auerbach, Blankenstein bei Wilsdruff,
+Konstappel, Heynitz, Gatzen bei Groitzsch, Höckendorf, Possendorf, Röhrsdorf
+bei Maxen, Struppen, Tharandt – die letzten fünf Orte gleich mit je drei
+Linden), das fünfzigjährige Regierungsjubiläum des Königs Friedrich
+August I. 1818 (die »Königseichen« in Borna-Stadt, Chemnitz-Schloß, Olbernhau,
+Bockendorf, Reichenbrand bei Chemnitz, Neustädtel, Gelenau, Zethau und
+die »Königslinden« in Zöblitz, Markersbach bei Mittweida), die Dreihundertjahrfeier
+der Übergabe der Augsburgischen Konfession von 1530 (Erdmannsdorf,
+Gleisberg bei Roßwein, Meißen, Kleinschirma bei Freiberg, Hermsdorf
+bei Frauenstein, Vielau bei Zwickau), ferner die der Einführung der Reformation
+im Herzogtum Sachsen, die 1539 erfolgte (Pegau, Regis, Thiemendorf
+bei Öderan), des Todestags Luthers (Bubendorf bei Frohburg, Gostewitz bei
+Riesa, Hohenkirchen, Kötzschenbroda, Neukirchen bei Borna), des Augsburger
+Religionsfriedens 1555 (Euba bei Chemnitz, Großnaundorf), die fünfzigjährige
+Wiederkehr der Leipziger Schlacht, vor allem aber die Friedensfeier 1871, der
+vierhundertste Geburtstag Luthers 1883 und das Wettinjubiläum 1889. Dem
+Verfasser sind jetzt schon gegen dreihundert sächsische Gemeinden bekannt, die
+am 10. November 1883 eine Eiche oder Linde, eine Buche, einen Ahorn- oder
+einen Apfelbaum gepflanzt haben. Ebenso zahlreich vertreten sind die Kaiser
+Wilhelm (I.)-, Albert-, Bismarck- und Moltke-Gedenkbäume, als Zeichen der
+Verehrung für diese Schöpfer der deutschen Einheit gepflanzt, sei es zur Feier
+ihres Geburtstages, ihrer silbernen Hochzeit, ihres Regierungsjubiläums oder
+auch zum Andenken an ihren Tod. Weiter haben die Jahre 1859 und 1905
+Anlaß zur Pflanzung von Schillerlinden, 1863 und 1913 zu der von Körnereichen
+gegeben. Das Gedächtnis Heinrich Cottas, des genialen Forstmannes,
+lebte fort in Eichen in Werdau, Rauschenbach, Borstendorf und in ganzen
+Baumgruppen im Tharandter und im Zschopauer Walde, das des Turnvaters
+Jahn in einer Eiche in Großschönau und Ernst Moritz Arndts in einer solchen
+in Rabenstein. Endlich: wollte eine Gemeinde bei ihren Kindern und Enkeln
+das Andenken an ein Ereignis lebendig erhalten, das ihr bedeutungsvoll war,
+an ein verheerendes Schadenfeuer, die Weihe der neuerbauten Kirche oder
+Schule, oder an einen Mitbürger, der sich große Verdienste um sie erworben,
+<span class="pagenum" id="Page_28">[28]</span>oder an einen Wohltäter der Armen des Ortes, so pflanzte sie einen Gedenkbaum;
+ja auch Vereine taten das an dem Tage, da sie ihr fünfundzwanzig- oder
+fünfzigjähriges Bestehen feierten. Und es sei wiederholt, es sind oft Prachtstücke,
+diese Gedenkbäume, die allein um ihrer Schönheit willen gehegt und
+gehütet zu werden verdienen, wie vielmehr ihrer geschichtlichen Bedeutung
+wegen, wenn auch nur der für einen einzelnen Ort.</p>
+
+<p>Schutz und Pflege, wie die Gedenkbäume, verdienen aber auch und haben
+vielfach nötig die anderen Erinnerungsmale in Sachsen, die Denkmäler, Denksteine
+und die Gedenktafeln. Ihre Zahl übertrifft die der Gedenkbäume bei
+weitem.</p>
+
+<p>Die Denkmäler in unseren Städten sind meist von Künstlern geschaffen,
+also Kunstwerke, und sind schon um deswillen wertzuhalten, mögen sie auch an
+frühere Herrscher und beseitigte Staatsformen erinnern. Nur Unverständige
+können sie beseitigen, Rohlinge sie beschädigen wollen. Aber auch die Denkmäler,
+denen der Kunstwert abgeht, wie die überaus zahlreichen Obelisken und
+Pyramiden, die nach dem deutsch-französischen Kriege auf den Friedhöfen oder
+öffentlichen Plätzen unserer Land- und kleineren Stadtgemeinden errichtet
+worden sind, sollten nicht mißachtet und vernachlässigt werden. Wenn in den
+letzten Jahren allüberall Ehrenmale für die im Weltkriege gefallenen Krieger
+entstanden sind, so ist das doch ausnahmslos in der Erwartung geschehen, daß
+nicht nur das gegenwärtige Geschlecht, sondern auch die kommenden sich bei
+ihrem Anblicke dankbar der schweren Opfer erinnern, die das deutsche Volk in
+Millionen seiner besten Söhne für des Vaterlandes Erhaltung und Freiheit
+gebracht hat, und angespornt werden zu gleicher Opferfreudigkeit, wenn es
+not tun sollte. Ganz dasselbe haben aber auch die Volksgenossen erwartet, die
+vor fünfzig Jahren ihren gefallenen Brüdern ein Dankesmal aufrichteten,
+und ein jedes von diesen verdient denselben Schutz, den die in unseren Tagen
+geschaffenen beanspruchen.</p>
+
+<p>Am leichtesten scheinen Gedenktafeln zu verschwinden. Eine Gedenktafel
+soll dem Vorübergehenden künden, daß in dem Hause, über dessen Eingangstür
+oder Mittelfenster sie angebracht ist, ein berühmter oder doch weit bekannter
+Dichter, Komponist, Gelehrter, oder ein hervorragender Vertreter der
+Industrie, des Handels, der Landwirtschaft, ein Wohltäter für die Gemeinde,
+ein hochherziger Förderer von Kunst und Wissenschaft geboren oder gestorben
+ist, oder doch längere Zeit gewohnt und gewirkt hat, wohl auch, daß ein
+Napoleon, Alexander I., Friedrich der Große, ein Bismarck oder Moltke in
+Kriegs- oder Friedenszeiten dort abgestiegen ist, usw. Aber das durch diese
+Bewohner geweihte Haus, vielleicht aus der Biedermeierzeit stammend, oder
+noch höheren Alters, will nicht mehr in seine Umgebung passen, der Grund und
+Boden, auf dem es steht, kann gewinnreicher durch die Errichtung eines Kaufhauses
+oder eines vielstöckigen Mietgebäudes gemacht werden. Deshalb wird
+es abgebrochen, und damit verliert sich seine Gedenktafel. So sucht man z. B.
+in Leipzig die Tafel, die Gellerts Wohnung in der Rittergasse bezeichnete, und
+die am Geburtshause des Mathematikers Kästner auf der Petersstraße angebracht
+<span class="pagenum" id="Page_29">[29]</span>gewesene, in Dresden die dem Erbauer der Frauenkirche, George Bähr,
+an dem Eckhause Seestraße und An der Mauer gewidmete vergeblich. Es würde
+dem Bauherrn des neuen Hauses gewiß keine besonderen Mehrkosten verursachen,
+wenn er an ihm die Gedenktafel des alten wieder anbringen oder,
+wenn das wegen ihres Textes nicht angängig ist, eine andere gießen läßt, auf
+die statt des »In diesem Hause« ein bloßes »Hier« gesetzt wird oder auf der es
+nur heißt: Geburtsstätte des Dichters –. Selbst der Ausweg, die Gedenktafel
+irgendwo im Inneren des neuen Hauses anzubringen, oder doch wenigstens statt
+ihrer eine Inschrift, die auf die Bedeutung des Hauses hinweist, das dem Neubau
+hat weichen müssen, wie dies geschehen ist, im Hofe des Hauses Brühl
+Nummer 3 in Leipzig, an dessen Stelle Richard Wagners Geburtshaus stand, ist
+der pietätlosen Beseitigung des Erinnerungsmales vorzuziehen.</p>
+
+<p>Viele Erinnerungsmale sind schon verloren gegangen. Daher wollen wir
+die noch vorhandenen heilig halten. Sie für das Gebiet unseres Sachsenlandes
+festzustellen und zu verzeichnen, bemüht sich der Verfasser seit Jahren. Vielleicht
+trägt seine Arbeit nach ihrer Vollendung dazu bei, daß die Zahl derer recht
+groß wird, die gern mithelfen, das, was unsern Eltern lieb und wert war, also
+auch die von ihnen gepflanzten Gedenkbäume, die von ihnen errichteten Denkmäler
+und die Gedenktafeln, mit denen sie ihre hervorragenden Zeitgenossen
+ehren wollten, sorglich zu schützen und zu pflegen.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Kohler_Flosser_und_Pecher_im_Erzgebirge">
+ Köhler, Flößer und Pecher im Erzgebirge</h2>
+ <p class="center">Von Dr. <em class="gesperrt">Siegfried Sieber</em>, Aue</p>
+</div>
+
+
+<p>Der staatlich angestellte Waldarbeiter von heute, der in einem hübschen
+Heimatschutzhäuschen wohnt, seinen Gehalt nach dem Dienstalter erhält, dazu
+Ortszuschläge, Kinderzulage und Altersrente beanspruchen kann, ist der Nachfahre
+der ehedem erbärmlich im Walde hausenden Köhler, Pecher und Flößer.</p>
+
+<p>»Wild, wüst, wölfisch«, sagt der Erzgebirgschronist Lehmann, war damals
+weitum der Wald, drin der Kohlenbrenner schürgte. Einst grub er Erdmulden,
+warf Holz und Reisig hinein, überdeckte dies mit Erde und ließ den Brand
+darunter langsam schwälen, bis die Grubenkohle fertig gebrannt war. Später
+lernte er den kunstvollen Meiler bauen.</p>
+
+<p>Auf ebenem lehmigem Boden, locker mit Rindenstückchen und Fichtennadeln
+bedeckt, damit Wasser durchsickern konnte, grenzte er kreisrund die
+Kohlstatt. Eine Stange, das Quendelholz, stieß durch die Mitte, trocknes,
+mürbes Brennholz ward herumgehäuft und die Zündrute daran geschnürt. In
+vier Stockwerken schichtete das Kohlholz sich hoch zur Form eines gewölbten
+Backofens. Fichtenreisig, Erde und Rasen vermummten den Meiler luftdicht,
+ließen nur die Zündstelle und ein paar Zuglöcher nahe am Boden offen. Gegen
+den Wind baute der Köhler eine Wand von Wurzelstöcken. Dann ward der
+Aufbau nach fünf oder sechs Tagen strenger Arbeit vollendet, und mit den
+Worten: »Walts Gott!« ließ der Meister die Flamme zur Mitte des breiten
+<span class="pagenum" id="Page_30">[30]</span>Rundbaues laufen. Der grobe Schürbaum stieß während des zehn Tage langen
+Brandes weitere Löcher in die Decke. Auch wurde von oben aus noch eine
+ganze Menge Holz nachgeschüttet, wenn das Kohlholz im Meiler sich langsam
+verzehrte. Besonders gefährlich war es, wenn der Köhler auf einem Stamm,
+dessen Äste als Leitersprossen zugestutzt waren, zum Kranz des Meilers emporkletterte,
+um Luft zu schaffen oder den Kranz abzudecken. Wie oft brach der
+einsame Wäldner dabei durch und verbrannte elendiglich im eigenen Meiler!
+Dann konnten Plattenschmieden und Hammerwerke vergeblich harren, wer
+ihnen die rauchende Ware ins Kohlhaus brächte.</p>
+
+<p>So lange die schwarze Kuppe rauchte, mußte der Köhler im niedrigen
+Kohlkram hockend bei ihr wachen. Tagsüber hackte er Holz für den nächsten
+Brand zurecht. Zum Abdecken holte er sich einen Gehilfen, sofern er nicht
+schon für die anstrengenden Nachtwachen einen bei sich hatte. Ins nächste Dorf
+kam er selten hinunter. Man glaube nicht, daß die Köhlerei längst vorüber
+sei. Im neunzehnten Jahrhundert war sie noch gar lebhaft. Die größte Holzverkohlung
+Sachsens lag im Bereich der Blumenau-Görsdorfer Flöße an der
+Flöha. Gegen dreißig Männer kohlten dort im Walde. Freilich seit Stein-
+und Braunkohlen auf Eisenbahnen ins Erzgebirge rollten, schrumpfte die
+Köhlerei, und gegen 1900 rauchten nur noch wenige Meiler bei Zöblitz und
+Hirschenstand, bei Morgenröthe und Carlsfeld. Jetzt kann man Köhler noch
+bei der Arbeit sehen hinter Sosa im Walde am Auersberg. Sie liefern für bestimmte
+Gießereizwecke Holzkohlen nach Aue.</p>
+
+<p>Noch schneller strandete die Flößerei. Einst wiegten alle Erzgebirgsflüsse
+das Holz der Wälder ins Niederland. An den Steilhängen der Waldufer
+blinkten die Scheite und Schnittflächen der frischgeschälten Stämme wie Silberanbrüche.
+Eichen erseufzten unter der Axt, graue Tannen rutschten in Runsen
+bergein. Auf dem Kälberplan bei Crottendorf gab eine Tanne allein dreizehn
+Klafter Holz, und nahebei am Katzenstein fällten sie eine Fichte, die über vierzig
+Meter hoch ragte. Geschworene Holzschläger hafteten für Auswahl und Aufbereitung
+der Stämme. Brettbäume, zu Bauholz geeignet, kamen ins Wasser,
+dagegen schlechte Stämme wurden der Köhlerei überwiesen. Windbruch, Leseholz
+und Gnadenholz für Bäcker, Schulmeister und arme Leute wurden an ihre
+Bestimmungsorte geschleift. So schrieb es Vater Augusts berühmte Holzordnung
+aus dem Jahre 1560 genau vor.</p>
+
+<p>Glashütten und Hammerwerke fraßen ihre Nachbarwälder kahl. Noch
+ärger wüstete der holzhungrige Bergbau. Drum bauten die großen Bergstädte
+lange, künstliche Floßgräben, um Grubenholz aus entfernten Wäldern heranzuschwemmen.
+Schneeberg begann damit 1546. Noch heute ist der wundervolle
+Flößgrabenweg von Bockau über Aue nach Schneeberg ein beliebtes Ziel der
+Wanderer. Nächst ihm ist unter den vielen sächsischen Floßgräben der Aschergraben
+bei Altenberg der bekannteste. Für Annaberg legte Senator Georg
+Öder 1564 eine Holzflöße an. Der Graben ward allmählich bis zum Bärenstein
+verlängert. Er endete auf dem Floßhof, im jetzigen Stadtpark am Fuße des
+Pöhlberges. Außerdem zogen die Annaberger jährlich dreitausend Klafter
+<span class="pagenum" id="Page_31">[31]</span>aus dem Pöhlbach, während auf der Sehma das Holz vom Nachbar des Fichtelberges,
+dem Eisenberg, herabbefördert wurde. Auf der Mittweida stießen sich
+in jeder Flößzeit eintausend Klafter nach Crottendorf und Scheibenberg. Flöha
+und Zschopau, Schwarzwasser und Mulde legten ihren Holztribut auf Floßplätzen
+und Holzangern nieder. Im sechzehnten Jahrhundert verpachtete der
+Kurfürst noch den Flößbetrieb, später saßen staatliche Floßmeister zu Lauter,
+Olbernhau oder Eibenstock, ja in Mittweida-Markersbach haftete der Schulmeister
+für den Floßanger. Der Name Floßplatz bei Wolkenstein erinnert ebenfalls an die
+Flößerei. Bisweilen gab es wohl auch Kämpfe um die Flöße, wenn z. B. adelige
+Herren den Holztransport auf der Mulde nach Zwickau nicht gestatten wollten
+und von Schloß Stein oder Wiesenburg die Floßknechte beschossen. Doch im
+neunzehnten Jahrhundert entkräfteten Eisenbahnen mit billigen Frachten
+sowie Fabriken, die den Flüssen für ihre Betriebsgräben Wasser entzogen, die
+alte Flößerei. 1872 ging die letzte Floßanstalt, 1878 der letzte Holzhof ein.</p>
+
+<p>Pecher sind bis in unser Jahrhundert im Erzgebirge tätig gewesen. Um
+Crottendorf und Grünhain, besonders aber zwischen Schwarzenberg und dem
+Vogtlande lagen die großen Pechwälder, die besonders geschützt und bei Waldbränden
+sogar mit Aufgebot von Hilfskräften aus dem Niederland gesichert
+wurden. Für das Gebiet um den Auersberg hatten im fünfzehnten Jahrhundert
+die ritterlichen Herren von Tettau auf Schloß Schwarzenberg besondere
+Pechlehnbriefe ausgegeben und Gewerkschaften nach dem Muster des Bergbaues
+mit Pechsteigern, Mutzetteln und Kuxen zur Pechnutzung ermächtigt.
+Die größte Gesellschaft, Flötzmaul nach einer berühmten alten Grube benannt,
+hatte im Walde um Eibenstock zu harzen, sechs andere an der Wilzsch und im
+Schönheider Waldland. Nach den Tettaus übernahm der Kurfürst die Belehnung,
+ward selbst Gewerke, gab aber auch Vorschriften, daß junge Hölzer
+zu schonen und jeder entharzte Stamm drei Jahre zu meiden sei. Denn der
+Harzer schnitt etliche Risse breit und lang in den Baum, schabte im nächsten
+Jahre das Harz und trug es zur Pechhütte, einer verschalten Grube nebst einem
+Kupferkessel, den ein Rindendach schützte. Das gesottene Pech schöpfte der
+Pecher mit langer Kelle in die Grube und brach es nach Erkalten heraus. Seit
+1740 erzielte man in Holzformen gleichmäßige Pechtafeln.</p>
+
+<p>In vierzig solcher Pechhütten dienten einsame Wäldner auf Tagelohn.
+Pechsteiger beaufsichtigten ihre mühsame Arbeit und pürschten mit den Forstbeamten
+den Harzdieben nach, die in Banden von zwanzig und dreißig Mann
+aus Böhmen kamen, um das Harz der sächsischen Wälder zu stehlen. Dreihundert
+Zentner Pech schmolzen die Gewerkschaften des Schwarzenberger Gebietes
+alljährlich und verkauften sie an die Brauhäuser, an Handwerker und
+Apotheker. 1845 übernahm der Staat die Pechweide, unterhielt bei Tannenbergstal
+und im Wiesenhause Pechhütten, stellte aber 1894 die Nutzung ein.
+Nur in Schwarzenberg blieben Pechbetriebe bis nach dem Weltkrieg erhalten.
+Sie verwendeten Pech von auswärts, bestehen aber heute auch nicht mehr.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_32">[32]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Der_Dresdner_Saugarten_in_der_Dresdner_Heide">
+ Der Dresdner Saugarten in der Dresdner Heide</h2>
+ <p class="center">Von <em class="gesperrt">Oskar Pusch</em>, Dresden</p>
+</div>
+
+
+<p>Der Kahlschlag in Abteilung 6 des Dresdner Reviers, der »Sausechs« im
+Munde der Waldarbeiter, im Jahre 1924 bis 1925 ließ einen tiefen Blick in die
+Geschichte der Dresdner Heide tun. Es ist wohl noch bekannt, daß Professor
+Deichmüller dank dieser Rodung unweit der Radeberger Landstraße ein bronzezeitliches
+Gräberfeld mit etwa sechzig Urnen bloßlegen konnte. Waldarbeiter
+waren auf Steinsetzungen und Urnenreste gestoßen. Ein Jahr später brachte
+man ein ungefähr dreitausend Jahre jüngeres Werk unserer Vorfahren ans
+Tageslicht. Außerordentlich feste Mauerreste, ein wohlerhaltener Plattenbelag,
+ein Pflaster nach Katzenkopfart, Reste von Ziegeln, Glassplittern und
+Tonpfeifchen waren die letzten Zeugen einer vergangenen höfischen Jagdbetätigung.
+»Ein verschollenes Dorf« meinten die Waldarbeiter, der »Dresdner
+Saugarten« aber war es in Wirklichkeit.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-034">
+ <img class="w100" src="images/illu-034.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 1.<br>
+ <a href="images/illu-034-l.jpg">Details</a>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Es lohnt, einmal kurz die Geschichte des Dresdner Saugartens, die völlig
+aus der Überlieferung der Heidebewohner verschwunden war, wie sie aber dank
+<span class="pagenum" id="Page_33">[33]</span>dem Aktenmaterial des Hauptstaatsarchives und des Denkmalamtes festgelegt
+werden konnte, aufzurollen.</p>
+
+<p>Von der Zeit seiner Entstehung ist nichts bekannt. Die unmittelbare Nähe
+des bronzezeitlichen Gräberfeldes läßt die Vermutung aufkommen, im
+Saugarten einen germanischen Kultplatz zu sehen. Jedenfalls war der Platz
+durch die unmittelbare Nähe zweier Quellen zu jeder Zeit für menschlichen
+Aufenthalt besonders geeignet.</p>
+
+<p>Kurfürst Vater August (1553 bis 1611) ließ bei Beginn seiner Regierung
+vom Magister Humelius aus Leipzig die erste Heidevermessung vornehmen.
+Mathias Oeder führte eine genauere um 1570 aus. Oeders Plan bildet noch
+heute eine Zier des großen Kartensaales des Hauptstaatsarchives.</p>
+
+<p>Beide Männer kannten schon den »Treybegarten« oder kurz »Garten«,
+d. i. eben unser Saugarten. Humelius orientiert sogar die Kartenbeschriftung
+nach der Gartenmitte. Man darf wohl annehmen, daß das System der Wege
+1–8, die strahlenförmig vom Saugarten ausgingen, erst von Vater August
+angelegt worden ist. Er selbst war ein großer Landmesser und es werden sogar
+von ihm eigenhändig gezeichnete Karten im Hauptstaatsarchiv aufbewahrt.
+Die Hauptstrahlen des mittelalterlichen Gartens sind trotz Einführung des
+Schneisensystems im Jahre 1833 noch heute erhalten. Die Radeberger Straße
+z. B., die vom Linckeschen Bad nach dem Jägerpark führt, ist der alte Jagdflügel
+4, der in der alten 8 seine Fortsetzung findet und bei Radeberg endet.
+Die alte 5 »fehet sich an« beim Rabenstein, d. i. das heutige Bilzsanatorium in
+der Lößnitz, setzt sich über dem Garten in der alten 1 fort und »endet sich« an
+der Wesenitzbrücke bei Rennersdorf »unter dem Stolpen«. Die Anlage diente
+nur jagdlichen Zwecken. Hatten die Strahlen bei Oeder bereits Zahlen, so
+waren die Sehnen, die die Strahlen spinnennetzartig miteinander verbanden,
+noch namenlos. Unter August dem Starken (1694 bis 1733) erschienen sie als
+Kreuz 4, Kreuz 5, Kreuz 6 usw. und sind zum Teil heute noch als solche bekannt.
+Die Strahlen gingen damals nicht bis zum Gartenmittelpunkt, sondern
+ließen einen Kreis von zirka sechshundert Metern Durchmesser, die »Hellen«,
+offen.</p>
+
+<p>In Moritzburg befand sich eine ebensolche Anlage; dort steht in der Hellen
+das Hellenhaus, ein reizendes Schlößchen mit Ausblick nach allen »Flügeln«.
+In den Hellen fanden die »Jagden auf dem Lauf«, das sind Jagden, die mit
+Netzen und hohen Tüchern umstellt waren, statt. –</p>
+
+<p>Über die Stärke und Anzahl des Wildes der Zeit Vater Augusts gibt ein
+Jagdbuch im Hauptstaatsarchiv Auskunft. Beispielsweise fing er (wahrscheinlich
+mit der Saufeder) 1585 1608 wilde Sauen. 1583 erlegte er ein hauendes
+Schwein von 737 Pfund. In der Weidenhainschen Heide streckte er einen
+Hirsch von 705 Pfund.</p>
+
+<p>Die runde Steinsäule des heutigen Dresdner Saugartens mit den Zahlen
+der Flügel ist nicht der Mittelpunkt des Gartens. Sie wurde 1920 an Stelle
+einer morschen Holzsäule, deren gut erhaltene Fußnägel höchstens vierzig Jahre
+alt sein konnten, gesetzt und ist ein Prellstein des ehemaligen Prinz-Max-Palais
+<span class="pagenum"><a id="Page_34"></a><a id="Page_35"></a>[35]</span>der Ostra-Allee. Der Mittelpunkt des Flügelsystems lag im »Rückhäusgen«.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-036">
+ <img class="w100" src="images/illu-036.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 2. <b>Ein eingestelltes Jagen auf dem Dresdner Saugarten im Jahre 1656</b><br>
+(Nach einem Ölbild im Jagdschloß Moritzburg)<br>
+<a href="images/illu-036-l.jpg">Details</a>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Kurfürst Christian II. gibt 1601 den Befehl »an Schosser (Steuerbeamter)
+und Oberförster zu Dresden«, »auf Dreßnischer Heide einen neuen Saugarten
+beim Ascherofen« zu erbauen. Oberförster zu Dresden war Günter. Sein
+Revierteil hieß »Klugenorth«. Am heutigen Weißen Hirsch lag Hermannsorth
+und bei Klotzsche Rohrorth.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp70" id="illu-037">
+ <img class="w100" src="images/illu-037.jpg" alt="Das Haus auf dem Saugarten in der Dreßdenischen Heide erbaut 1710 von Kurfürst Friedrich August I. durch Landbaumeister Pöppelmann Versuch eine Wiederherstellung auf Grund aufgenommener Mauerreste. O. Pusch 1926.">
+ <figcaption>
+ Abb. 3
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Ein Ölgemälde im Schloß Moritzburg mit der Jahreszahl 1656 stellt ein
+eingestelltes Jagen auf dem Dresdner Saugarten mit den Gebäuden Christians
+dar. Die Jagd ergab eine Strecke von 250 Sauen und war zu Ehren des
+schwedischen Gesandten abgehalten worden (siehe <a href="#illu-036">Abbildung</a>).</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_36">[36]</span></p>
+
+<p>»1706 haben die Schweden als Feind im Lande gestanden«. Die Ausführung
+des Befehls des Kurfürsten Friedrich August I. (als König von Polen August II.),
+an den Landbaumeister Karcher ein »neu Gebäude auff dem in hiesiger Dreßdner
+Heyde gelegenen Saugarten aufführen zu lassen«, muß auf bessere Zeiten verschoben
+werden. 1710 erhält Landbaumeister Pöppelmann denselben Befehl und
+erbaut das Herrenhaus mit »Jagtmaurermeister« Caspar Haußwald und Zimmermeister
+Georg Dünnebier für 2156 Thaler 21 gl. und 9 Pfg. – Nach aufgefundenen
+Stuckresten mag das Herrenhaus auch verwöhnteren Ansprüchen genügt
+haben: es enthielt unter anderem »Zimmer vor Staatsdamen und polnische
+(fremde) Damen.«</p>
+
+<p>Die anderwärts erwähnten Stallungen müssen hölzerne gewesen sein und
+ihren Standort in einiger Entfernung vom Herrenhaus gehabt haben. Hin
+und wieder findet man im Verlaufe des achtzehnten Jahrhunderts eine Aktennotiz
+über den Dresdner Saugarten.</p>
+
+<p>Ein Plan von 1728 im Landesamt für Denkmalpflege ist zwar nach
+damaliger Sitte nicht als Plan des Saugartens bezeichnet, stellt aber, wie man
+nunmehr sicher weiß, eine Lustjagd unter August dem Starken dar. 1758 soll
+eine warme Stube am Saugarten vorhanden sein, um »die Wolffsspuhren
+daselbst observieren zu können«.</p>
+
+<p>(Die eben beendeten Schlesischen Kriege und der beginnende Siebenjährige
+Krieg mögen der Vermehrung der Wölfe sehr gedient haben. Das Wolfsdenkmal
+am Auer bei Moritzburg stammt aus dem Jahre 1618, doch wohl aus
+einer Zeit, in der Wölfe schon selten waren.)</p>
+
+<p>1804 findet man das Herrenhaus noch auf alten Karten. Die große Forstvermessung
+unter Cotta 1815 kennt nur noch den Ruhegarten, das Schlößchen
+ist nicht mehr. Wahrscheinlich haben die hundert Jahre Waldleben in ziemlich
+feuchter Gegend dem Bau so zugesetzt, daß er abgebrochen werden mußte.
+Brandreste sind nirgends zu finden. Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts
+verschwinden auch die Mauern des Ruhegartens. Die lange Mauer,
+an den Albrechtsschlössern entlang der Bautzener Straße, der früheren »Stolpischen
+Straße«, soll die Reste des Saugartens enthalten. 1924 standen auf
+dem Saugartengelände bereits wieder hundertjährige Eichen und Fichten und
+kein Mensch hatte mehr eine Ahnung von dem einstmals hier gelegenen
+Hoflager.</p>
+
+<p>Nur ein kleiner Brunnen, der Kaltenborn, hatte seine Gewölbe aus jener
+Zeit in die Neuzeit gerettet. Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz besserte
+ihn vor kurzem aus und ließ die am Boden liegenden Grundmauern des Saugartens
+genau vermessen und einen Gedenkstein »an die Zeit der Hohen Jagd
+in der Dresdner Heide« errichten.</p>
+
+<p>Erwähnt mag zum Schluß noch werden, daß die Heide noch die Spuren von
+(z. T. erhaltenen) weiteren Saugärten aufzuweisen hat: Lausaer, Liegauer,
+Langebrücker und Rossendorfer Saugarten. Oeder kennt noch einen »Garten«
+am Schnittpunkt von Bautzener Straße und Prießnitzbach.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_37">[37]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-039">
+ <img class="w100" src="images/illu-039.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 1. <b>Eingang zum Naturschutzgebiet: »Georgenfelder Hochmoor«</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Zur_Geschichte_unserer_Moore">
+ Zur Geschichte unserer Moore</h2>
+ <p class="center">Von Prof. Dr. <em class="gesperrt">A. Naumann</em></p>
+ <p class="center s90">Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz</p>
+</div>
+
+<p>Von einer neuen erfreulichen Tat des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
+ist zu berichten: »Das Georgenfelder Krummholz-Moor am Lugstein
+ist von dem Verein erworben und zu einem Naturschutzgebiet gemacht worden«.
+(<a href="#illu-039">Abb. 1</a>–<a href="#illu-040b">3</a>.) Durch die fleißigen und verständnisvollen Bemühungen des Herrn
+Georg Marschner, Dresden, ist aber dieses elf Hektar umfassende Moorgebiet
+nicht bloß geschützt, sondern auch durch geeignete Wege, durch Bohlenpfade
+und Überbrückungen der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Dies ist um so
+erfreulicher, als dieses Hochmoor in leicht erreichbarer Nähe Dresdens das
+einzige einigermaßen wohlerhaltene Moor des östlichen Erzgebirges darstellt.
+Gerade dieses Moor zeigt, wie nötig ein Schutz der Moorpflanzen für unsere
+sächsische Heimat geworden ist, denn, so ursprünglich uns der geschützte Teil
+des Georgenfelder Moores erscheint, so sind durch Entwässern und Abbau
+bisher doch einige der auf <a href="#illu-048">Abbildung 10</a> dargestellten Charakterpflanzen
+verschwunden; darunter das Schlammried (<em class="antiqua">Carex limosa</em>), das sich vereinzelt
+noch am Galgenteich entdecken läßt, die Krähenbeere (<em class="antiqua">Empetrum nigrum</em>), die
+noch den benachbarten Kahlen Berg besiedelt, und die Rosmarinheide (<em class="antiqua">Andromeda
+polifolia</em>), die bisher von uns nicht wieder aufgefunden wurde.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-040a">
+ <img class="w100" src="images/illu-040a.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 2. <b>Nebeltreiben im Georgenfelder Hochmoor</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Dafür ist uns durch Frau Marschner eine floristisch wichtige Wiederentdeckung
+geworden: Der herbduftende, weißblühende Strauch des Sumpfporstes
+<span class="pagenum" id="Page_38">[38]</span>(wilden Rosmarins) <em class="antiqua">Ledum palustre</em> ist im neuen Schutzgebiet vorhanden. An
+den Sandsteinklippen des Winterberggebietes in der Sächsischen Schweiz gedeiht
+er noch in erfreulicher Menge, da er sich dort durch seine Unzugänglichkeit schützt
+(vgl. Heimatschutzmitteilungen Bd. I, Heft 12, Abb. 14). In meiner Isisabhandlung:
+Die Vegetationsverhältnisse des östlichen Erzgebirges, habe ich auf dieses Moorvorkommnis
+<span class="pagenum" id="Page_39">[39]</span>mit folgenden Worten hingewiesen: »Nach einer Mitteilung des
+Prager Professors Domin ist in Zinnwald auch <em class="antiqua">Ledum palustre</em> vorgekommen.
+Ausgeschlossen wäre dies nicht, da Filzteich (bei Schneeberg) und die Johanngeorgenstädter
+Moordistrikte, auch Satzung und Seeheide bei Neuhaus diese
+ostbaltische Moorpflanze sicher enthalten.« Gerade diesem Strauch, der infolge
+des sogenannten Ledumkampfers bitteraromatisch schmeckt und narkotisch
+wirkt, mag viel nachgestellt worden sein, denn vielfältig ist seine Volksnutzung.
+Seine Zweige, zwischen Wäsche und Pelzwerk gelegt, vertreiben
+die Motten (Mottenkraut!); die Bienen lieben den Strauch, darum reiben
+die Bienenväter ihre Stöcke und Körbe damit aus (Zeidheide!); auch die
+Brauer bedienten sich in Ermangelung des Hopfens dieses Strauches zum
+Bittermachen des Bieres, teilten ihm aber gleichzeitig eine nachteilige, berauschende
+Wirkung mit. In Rußland wird übrigens ein daraus destilliertes
+Öl zur Juchtenbereitung verwendet.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-040b">
+ <img class="w100" src="images/illu-040b.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 3. <b>Grenzgraben im geschützten Georgenfelder Hochmoor</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Im westlichen Teile des Erzgebirges ist der große Kranichsee, ein Hochmoorgebiet
+nahe Carlsfeld, bereits seit dem Jahre 1912 ein sächsischer Schutzbezirk
+(<a href="#illu-041">Abb. 4</a>)&#x2060;<a id="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-041">
+ <img class="w100" src="images/illu-041.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 4. <b>Verlandung eines Moorauges im großen Kranichseemoor</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Ein weiterer geschützter Moorteil auf dem Erzgebirgskamm ist die nördlich
+von Reitzenhain gelegene, vorweltlich anmutende Mothhäuser Heide (<a href="#illu-042">Abb. 5</a>).
+<span class="pagenum" id="Page_40">[40]</span>Dieselbe wurde im November 1915 durch das Finanzministerium in entgegenkommender
+Weise als Naturschutzbezirk erklärt. Gerade dieser Teil unserer
+Kammoore zeigt die Moorkiefer nicht nur in der niederliegenden, nach außen
+aufstrebenden Form, sondern, wie <a href="#illu-043">Abbildung 6</a> erkennen läßt, auch die »Spirke«
+genannte <em class="gesperrt">hochstämmige</em> Hakenkiefer, wie sie in den trockenen Randgehängen
+der Sebastiansberger Moore so schön und eigenartig in Erscheinung tritt
+und bis zur Höhe von sechs Metern heranwächst. Auch im westlichen Teil
+des Erzgebirgskammes tritt uns diese hochwüchsige Form entgegen, und zwar
+in der Nähe des bekannten, leider stark abgebauten Filzteichmoores, nicht
+weit von der Forstmeisterei Hundshübel (<a href="#illu-044">Abb. 7</a> und
+<a href="#illu-045a">8</a>). Wir sehen eine vom
+Torfstechen noch unberührte Waldecke, die aus dieser aufrechten Form gebildet
+ist und im Vordergrund einen schönen Bestand von Moorheidelbeeren (Trunkelsbeere)
+und Krähenbeere darbietet. Diese beiden Charakterpflanzen unserer
+Kammoore finden sich auch auf dem Mothhäuser Schutzgebiet wieder und werden
+dort erfreulicherweise noch durch die Rosmarinheide (<em class="antiqua">Andromeda polifolia</em>)
+wirksam ergänzt.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-042">
+ <img class="w100" src="images/illu-042.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 5. <b>Mothhäuser Heide</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Meist sind in einem einzigen Moore nicht alle moorbotanischen Schätze
+vorhanden, besonders die seltenen Arten, zumal arktische Relikte, wie Zwergbirke,
+Moltebeere und manche Seggenarten suchen wir vergeblich. Auf dem
+sächsischen Anteil unserer Erzgebirgsmoore z. B. findet sich die reizvolle nordische
+Zwergbirke mit ihren lederigen rundlichen Kleinblättern nicht mehr, aber
+<span class="pagenum" id="Page_41">[41]</span>sowohl das Gottesgaber Moor, als auch die Sebastiansberger Moore zeigen
+davon noch ausgedehnte Bestände (<a href="#illu-045b">Abb. 9</a>).</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-043">
+ <img class="w100" src="images/illu-043.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 6. <b>Mothhäuser Heide: Spirke neben Krummholz</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Auch in dieser Hinsicht will der Heimatschutz im Georgenfelder Moor
+belehrend wirken, indem er bestrebt ist, an besonders geeigneter, eingezäunter
+Stelle die diesem Moore mangelnden moorgewohnten Pflanzen zur Schau zu
+stellen und dem Besucher ein möglichstes Gesamtbild deutscher Moorflora zu
+gewähren. In diesem »Moorgarten« Georgenfelds sollen zugleich Moorprofile
+mit kurzen Hinweisen auf die Entstehungsgeschichte dieser Jahrtausende alten
+Pflanzenformation aufgestellt werden (<a href="#illu-049">Abb. 11</a>).</p>
+
+<figure class="figcenter illowp70" id="illu-044">
+ <img class="w100" src="images/illu-044.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 7. <b>Spirke am Hundshübler Torfstich nahe dem Schneeberger Filzteich-Moor</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Ohne naturwissenschaftliche Vorkenntnisse und Führung wird der Laienbesucher
+eines Moores im ersten Augenblick enttäuscht sein: Das wilde, unwirtliche,
+nur mit niedriger Sumpfkiefer bewachsene Gelände will ihm nicht
+des Besuches wert erscheinen; aber bei naturwissenschaftlicher Belehrung
+wird ihm dieses letzte Stück Urwelt, diese im Witterungskampfe gestählte
+Vegetation, diese wundersame Kleinwelt der Moose und Flechten immer
+mehr ans Herz wachsen; immer mehr der verborgenen Schönheiten
+werden sich ihm entschleiern. Wunderbar wechselnde Landschaftszüge weiß
+dieses Moorgelände anzunehmen. Ich habe seine verschiedenen Jahresstimmungen
+kennen gelernt: im klaren Glanze des blauenden Frühlingstages,
+noch immer verbrämt mit dem Schneehermelin des Winters, im
+düstern Grau des Regenhimmels, beim Fauchen des Gebirgswindes, der
+<span class="pagenum"><a id="Page_42"></a><a id="Page_43"></a><a id="Page_44"></a>[44]</span>Schauer auf Schauer heranwirft und die Sumpfkiefern mit Nebelschleiern
+umspinnt, im Farbenbunt des Herbstes, wenn die Torfmoospolster
+leuchten vom frischen Altgold bis zum sattesten Purpur und tiefsten Violett.
+Immer war es gleich eindrucksvoll – ein Stück Urweltschönheit mit einem
+müden Greisenlächeln. Ja, altersmüde sind unsere Moore geworden, nicht nur
+durch Zutun der Menschen! Sind doch seit ihrer Entstehung Jahrtausende verflossen.
+Der Mensch, jener Allherrscher auf Erden, hat sich dieser alternden
+Bodendecke genaht, um Torf zu gewinnen, und hat ihr durch Gräben und
+Anstichflächen schwer vernarbende Wunden beigebracht (<a href="#illu-063">Schlußvignette</a>).</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-045a">
+ <img class="w100" src="images/illu-045a.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 8. <b>Krähenbeere und Moorheidelbeere unter Moorkiefern (Moor bei Hundshübel)</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Über die <em class="gesperrt">Entstehung dieser Torflager</em> ist viel gegrübelt worden,
+und noch immer gibt es ungelöste Probleme in Aufbau, Schichtenfolge und
+Alter dieser angehäuften Moorlager.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-045b">
+ <img class="w100" src="images/illu-045b.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 9. <b>Zwergbirke im Gottesgaber Moor mit Aussicht auf Gottesgab und den Fichtelberg</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Der Hauptbestandteil aller Moorböden ist Humus. Derselbe entsteht durch
+Zersetzung absterbender Pflanzensubstanz, alterstoter Tierleiber und Kotausscheidungen;
+sei es in dem <em class="gesperrt">Röhrichtgürtel</em> stehender Gewässer als <em class="gesperrt">Faulschlamm</em>
+oder in dem <em class="gesperrt">aufgeschichteten Blättermeer</em> abgefallenen Laubes
+als <em class="gesperrt">Moder</em>, sei es in der sich ansammelnden <em class="gesperrt">Nadelstreu der Wälder</em>
+oder in dem <em class="gesperrt">wurzeldurchsetzten Boden</em> sumpfiger <em class="gesperrt">Sauerwiesen</em>,
+sei es endlich in <em class="gesperrt">torfmoosbestandenen quelligen Mulden</em> unserer
+Gebirge. Wenn abgestorbene Pflanzensubstanz reichlich durchlüftet wird, so
+verwest sie, d. h. sie verbrennt durch den Sauerstoff der Luft langsam zu Asche.
+Dort aber, wo bei angehäuften Pflanzenmassen der Luftzutritt gehemmt ist,
+findet eine Art Verkohlung statt, die sich durch Bräunung oder Schwärzung,
+also durch dunkle Farbe und durch teilweisen Verlust einer deutlichen Pflanzenstruktur
+kund gibt.</p>
+
+<p>Solche Verhältnisse aber finden sich nicht bloß infolge dichter Lagerschichten,
+sondern auch bei reichlichem Durchtränken der absterbenden Pflanzen
+mit luftabschließendem Wasser, am besten natürlich, wenn beides zusammen
+wirkt. Gewöhnlich treten bei diesem Prozeß der Vertorfung Humussäuren
+auf, die bei mineralreichen Böden <em class="gesperrt">gebunden</em> werden, aber bei mineralarmen,
+zumal kalkarmen Böden, als <em class="gesperrt">freie</em> Säuren den meisten Pflanzen
+schädlich sind. Besonders schädlich erweist sich solch saurer Humus dann, wenn
+gleichzeitig mangelhafte Durchlüftung wurzelschädigend wirkt. Auch die
+Wurzel will bei ihrem Wachstum atmen, d. h. durch Sauerstoffaufnahme
+Verbrennungswärme und in ihr die nötige Betriebskraft zum Leben gewinnen.
+Da Trockenperioden durch die allzureichliche Wasserverdunstung jeglicher
+Humusbildung feindlich sind, so werden sich Moore nur in kühleren
+und feuchten Erdgebieten vorfinden können, oder dort, wo durch Nebel oder
+Schatten die Verdunstung gehindert wird. In den Tropen ist daher Moorbildung
+selten und Schimper meint, daß dort erst von zwölfhundert Metern
+Höhe an Rohhumus und Torf auftritt.</p>
+
+<p>Über den Begriff des <em class="gesperrt">Rohhumus</em> gehen noch immer die Ansichten auseinander.
+Er ist ein Produkt aus der Streudecke von Wäldern, das allmählich
+in den eigentlichen Mineralboden übergeht. Buchen-Rohhumus besteht oben
+<span class="pagenum" id="Page_45">[45]</span>aus dichtem <em class="gesperrt">Trockentorf</em>, während sich darunter eine <em class="gesperrt">Moder</em>schicht
+ausbildet. Rohhumus bildet sich bei kühler Temperatur und bei durch den
+Wald zurückgehaltener, also <em class="gesperrt">geringerer Feuchtigkeit</em>.</p>
+
+<p>Dies Wenige über Rohhumus und Trockentorf! Für uns geht es nur
+um <em class="gesperrt">Vertorfung der Moore</em> und um <em class="gesperrt">ihre Ursachen</em>.</p>
+
+<p>Bei der überreichen Feuchtigkeit, bei der geringen Durchlüftung und bei
+dem Säuregehalt können im Moore nur ganz bestimmte Pflanzenarten gedeihen
+(<a href="#illu-048">Abb. 10</a>). Solche Pflanzen sind unter den Holzgewächsen die flachwurzelnden
+und wenig unter dem Boden hinstreichenden Heidesträucher, welche auch durch
+ein Zusammenwirtschaften mit Pilzmyzelien (<em class="antiqua">Mycorrhiza</em>)&#x2060;<a id="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> zum Nahrungserwerb
+aus solch humusreichen Böden befähigt sind. Außerdem gehören hierzu
+mit inneren Luftreservoiren versehene Sauergräser, Binsenarten und Schachtelhalme
+und die nur mit feinen Haftfäden die Bodenoberfläche durchdringende
+Kleinwelt der Moose. Unter letzteren seien die Braumoose (<em class="antiqua">Hypnum</em>), die
+Haarmoose (<em class="antiqua">Polytrichum</em>) und ganz besonders die Torfmoose (<em class="antiqua">Sphagnum</em>) hervorgehoben.
+Bei den Sauergräsern möchte ich an die sumpfgewohnten Riedgräser
+(<em class="antiqua">Carex</em>) mit ihrer Ausläuferbildung, und an die Wollgräser (<em class="antiqua">Eriophorum</em>)
+mit ihrer Blatthorstbildung (<a href="#illu-049">Abb. 11</a>) erinnern. Gerade die Wollgräser verraten
+ja mit dem reinen Weiß ihrer wehenden Fruchtfahnen besonders eindringlich
+mooriges Gelände (<a href="#illu-050">Abb. 12</a>, aus Naumann, A.: Praktische Wege
+des Heimatschutzes S. 14).</p>
+
+<p>Bei <em class="gesperrt">beginnender</em> Moorbildung aus stehenden Gewässern nehmen lebhaften
+Anteil die <em class="gesperrt">Röhrichtpflanzen</em>, die fußtiefes Wasser vertragen
+können, hierzu gehören Schilfrohr (<em class="antiqua">Phragmites</em>), Rohr- und Igelkolben (<em class="antiqua">Typha</em>,
+<em class="antiqua">Sparganium</em>) und die nordische Dreizackpflanze der <em class="antiqua">Scheuchzeria</em>, ferner die
+Sumpfschachtelhalme, besonders <em class="antiqua">Equisetum limosum</em>. Die meisten der bisher
+aufgeführten Gewächse lassen die jährlich absterbenden Blattreste oder Ausläufersprosse
+infolge Luftabschlusses durch Wasser vertorfen, während sie von innen
+heraus neue Sprosse treiben, wie die horst- und ausläuferbildenden Riedgräser;
+wieder andere sterben im ganzen unteren Teil ab, um am oberen Ende weiter
+zu wachsen, wie die vorher genannten Moose. Während die letzteren das
+Moorgelände immer höher aufbauen müssen, also <em class="gesperrt">Hochmoore</em> (Moosmoore)
+entstehen lassen, werden die anderen Gewächse sich mehr in die Fläche, also
+horizontal ausbreiten und mit ihren Ausläufertrieben Neuboden in Besitz nehmen.
+Es werden <em class="gesperrt">Flachmoore</em> (Niederungsmoore, Riedmoore, Grünmoore) gebildet.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-048">
+ <img class="w100" src="images/illu-048.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 10. <b>Charakterpflanzen der Erzgebirgs-Hochmoore.</b> (Skizzen von Theodor Landgraf)
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>In <em class="gesperrt">Deutschland</em> nehmen die <em class="gesperrt">Moorflächen</em> noch immer einen
+großen Raum ein. Von <em class="gesperrt">Hochmooren</em> seien hervorgehoben das <em class="gesperrt">Bourtanger
+Moor</em> (etwa dreitausend Quadratkilometer), das <em class="gesperrt">Teufelsmoor
+<span class="pagenum"><a id="Page_46"></a><a id="Page_47"></a>[47]</span>bei Bremen</em>, und in Ostpreußen das etwa einhundert Quadratkilometer
+bedeckende <em class="gesperrt">große Moosbruch</em>.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp70" id="illu-049">
+ <img class="w100" src="images/illu-049.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 11. <b>Blatthorst des Scheidenwollgrases im Gottesgaber Moor</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p><em class="gesperrt">Flachmoore</em> begleiten meist Stromtäler. Zu ihnen darf man rechnen den
+<em class="gesperrt">Spreewald</em>, das <em class="gesperrt">Oderbruch</em>, das <em class="gesperrt">Lebamoor</em> in Pommern und die
+ausgedehnten <em class="gesperrt">Erlenmoore am kurischen Haff</em>. Sie alle werden teils
+abgebaut auf Brenntorf oder wurden und werden umgewandelt in Kulturland.
+Austrocknende Moore werden meist in Besitz genommen von Sträuchern: in
+Norddeutschland östlich der Elbe von Strauchbirke (<em class="antiqua">Betula humilis</em>), von Gagelstrauch
+<span class="pagenum"><a id="Page_48"></a><a id="Page_49"></a>[49]</span><em class="antiqua">Myrica Gale</em>, von Sumpfporst; oder von Zwergsträuchern: Trunkelsbeere
+<em class="antiqua">Vaccinium uliginosum</em>, Heidel- und Preißelbeere, auch von Krähenbeere
+<em class="antiqua">Empetrum nigrum</em> (<a href="#illu-051">Abb. 13</a>). Vor allem das Heidekraut (<em class="antiqua">Calluna vulgaris</em>) mit
+seiner unverwüstlichen Lebenskraft überzieht schließlich jene Moorgebiete
+besonders bei sandig-grusigem Untergrund, während in bruchigem Gelände,
+zumal im Nordwesten unseres Vaterlandes, in der Lüneburger Heide, die reizvolle
+Glockenheide <em class="antiqua">Erica tetralix</em> sich ansiedelt, und der Wacholder (Machandelbaum,
+Knisterbusch) <em class="antiqua">Juniperus communis</em> seine dunklen Säulenpyramiden
+baut, um der Landschaft einen lieblich herben Reiz zu verleihen.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp70" id="illu-050">
+ <img class="w100" src="images/illu-050.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ <div class="right smaller">
+ Aufnahme von J. Ostermaier, Dresden-Blasewitz</div>
+ <div>Abb. 12. <b>Erzgebirgshochmoor mit fruchtendem Wollgras</b> (<em class="antiqua">Eriophorum vaginatum</em>)</div>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Wir lernen hieraus, daß <em class="gesperrt">bei klimatischen Veränderungen</em>,
+<em class="gesperrt">bei Trockenperioden</em> oder <em class="gesperrt">bei künstlicher Trockenlegung</em>
+ursprüngliche Pflanzenbestände bis zum Verschwinden unterdrückt werden
+können durch andere Pflanzengenossenschaften. Das ganze Landschaftsbild
+verändert sich: auf das feuchte Moor folgte die trockene Heide; <em class="gesperrt">eine</em> Vegetationsformation
+löst die <em class="gesperrt">andere</em> ab. Folgeformationen bezeichnet man
+mit dem Namen Sukzessionen (Nachfolge). Kaum <em class="gesperrt">eine</em> natürliche Pflanzenformation
+ist eine Dauerformation. Im Laufe geringerer oder gewaltigerer
+Zeiträume erschöpfen sie sich selbst, und Pflanzenbestände, die vorher unterdrückt
+waren, entfalten sich zu formationsmäßigen Beständen. Professor Schimper
+schildert anschaulich den in allen Klimaten angesagten Kampf zwischen Gehölzflur
+und Grasflur, bei uns zwischen Wald und Wiese und zwischen Moor und
+<span class="pagenum" id="Page_50">[50]</span>Wald. Auch die <em class="gesperrt">Entstehungsgeschichte der Moore</em> zeigt solche natürliche
+Sukzessionsglieder. Aus einem stehenden Gewässer wird allmählich ein Flachmoor.
+Mit ihm wechselt Bruchwald und Trockenwald, bis schließlich ein Hochmoor
+entsteht, das wiederum neuen Formationen, beispielsweise der Heide,
+Platz macht. Daher deckt sich auch i. a. das Gebiet der größten Hochmoorflächen
+in Norddeutschland nahezu mit dem Gebiet der norddeutschen Heide.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-051">
+ <img class="w100" src="images/illu-051.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 13. <b>Krähenbeerenbestand im Gottesgaber Moor</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Von solchem Formationswechsel, herbeigeführt durch den Wechsel klimatisch
+feuchter und trockener, kühler und wärmerer Erdperioden, gibt uns das
+<em class="gesperrt">Anstichbild eines Moores</em>, das sogenannte <em class="gesperrt">Moorprofil</em>
+(<a href="#illu-053">Abb. 14</a>), anschauliche Kunde.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-053">
+ <img class="w100" src="images/illu-053.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 14. <i>Aufbau der Kamm-Moore des Erzgebirges.</i><br>
+ (Moorprofil nach Prof. Schreiber, Sebastiansberg)
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Es gab eine Erdperiode mit derartigem Kälterückschlag, daß von den
+schottischen und skandinavischen Gebirgen breite Gletscherströme sich in
+das Herz Mitteleuropas ergossen und eine gewaltige Decke von Inlandeis
+bildeten. Blockwälle wurden von den Gletscherstirnen vorausgeschoben und
+führten nordische Pflanzen, darunter auch viele unsrer jetzigen Moorgewächse,
+mit sich. Viel Jahrtausende lastete dieses Eisschild über dem nördlichen Mitteleuropa
+– freilich auch hier bei klimatischen Schwankungen bald vorstoßend, bald
+sich zurückziehend – bis schließlich die Wärmelage der Jetztzeit das Abschmelzen
+des Eises bewirkte. Dort, wo die nordischen Verhältnisse annähernd auch bei
+uns herrschen, also Kälte und Feuchtigkeit, konnte sich diese nordische Flora
+erhalten, und zu ihr gesellten sich alte kühlegewohnte Pflanzenbürger Mitteleuropas.
+Solche Zufluchtsorte waren die Moore, die sich daher in dem feuchtkühlen
+Seeklima Deutschlands mit seinen restlichen Binnenseen und ferner auf
+den feuchtkühlen Kammhöhen unserer Mittelgebirge mit ihren quelligen Hängen
+häufen mußten. Jedenfalls gab die gewaltige Durchfeuchtung des eisfreien Diluvialbodens
+durch die Schmelzwässer des Inlandeises den Mooren die günstigsten
+Entwicklungsbedingungen, sei es aus durch die Schmelze entstandenen Binnenseen,
+sei es längs der durchnäßten Uferlandschaft der Urströme. Daher sind
+auch unsere meisten Moore auf Diluvialboden erwachsen&#x2060;<a id="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>, so daß in den <em class="gesperrt">Mooranstichen</em>,
+welche bis tief hinab zum gewachsenen Diluvialboden reichen, geradezu
+ein <em class="gesperrt">erdgeschichtliches Archiv</em> geöffnet wird. Die ältesten Moore
+finden wir in Norddeutschland, und Dr. C. Weber hat von ihnen ein Normalmoorprofil
+entworfen, welches auf die Entstehung aus Binnengewässern gegründet ist.
+Solche Moore sind lakustrisch, d. h. seenbürtig, entstanden. Die Entstehungsgeschichte
+der Einzelschichten ist lehrreich: Absterbende pflanzliche und tierische
+Organismen des Sees, zumal der reichen Uferflora und -fauna, erhöhen allmählich
+den Seegrund und bilden eine sich verdichtende Schlammschicht, <em class="gesperrt">Mudde</em>
+genannt, die zu unterst ton- und kalkreich ist: <em class="gesperrt">Ton-</em> und <em class="gesperrt">Kalkmudde</em>.
+Die höheren Schichten zeigen fast reine organische Substanz in gallertartig vertorftem
+Zustande. Weber nennt diese Schicht <em class="gesperrt">Lebermudde</em> oder <em class="gesperrt">Lebertorf</em>
+(<em class="gesperrt">Sapropel</em>). Auf diesen sich erhöhenden Schlammschichten siedelte sich
+<span class="pagenum"><a id="Page_51"></a><a id="Page_52"></a>[52]</span>immer wieder neues Röhricht an, besonders das Schilfrohr, sowie ausläufer-
+und horstbildende Seggen (<em class="antiqua">Carices</em>), so daß sich darauf die <em class="gesperrt">Torfmudde</em>
+schichtet. Immer seichter wird durch diese Auflagerung der Moorsee, immer
+weiter vom Ufer aus rückt diese Röhrichtformation aus Schilf, Rohrkolben,
+Schwertlilie, Riedgräser und Straußselberich (<em class="antiqua">Lysimachia thyrsiflora</em>) in
+die Seemitte vor, bis schließlich unter Mithilfe von Laichkräutern Froschbiß,
+Krebsscheere (<em class="antiqua">Stratiotes</em>) der See völlig verlandet, anfangs noch mit trügerischer
+Decke, als »Schwingmoor«, später sich zum »Standmoor« festigend. Ein
+muldenförmiges <b>Flachmoor</b> oder <b>Niederungsmoor</b> ist auf diese Weise entstanden.
+Der durch diese Verlandung gebildete Torf heißt <em class="gesperrt">Schilf-</em> und
+<em class="gesperrt">Seggentorf</em>. Vom erzgebirgischen Moorforscher Schreiber wird er als
+<em class="gesperrt">Riedtorf</em> bezeichnet, denn bei den Erzgebirgsmooren ist die Verlandung
+unter Anteilnahme des untergetauchte Polster bildenden Torfmooses (<em class="antiqua">Sphagnum
+<span class="pagenum" id="Page_53">[53]</span>molluscum</em>) und vorrückende Ausläufer bildende, riedartige Pflanzen
+z. B. Schlammried und Scheuchzerie zustande gekommen (<a href="#illu-054">Abb. 15</a>). Auf
+diese Weise überziehen sich die Moortümpel, vom Volke poetisch Mooraugen
+genannt, mit einer trügerischen unter den Tritten des Besuchers schwankenden
+Moos- und Rieddecke, wie wir sie besonders schön am Kranichseemoor
+und an einzelnen Stellen des Gottesgaber Moores studieren können (<a href="#illu-055">Abb. 16</a>).
+Gerade diese Verlandungsbilder geben der Hochmoorlandschaft unseres Erzgebirges
+ein besonders charakteristisches Gepräge.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-054">
+ <img class="w100" src="images/illu-054.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 15. <b>Erste Verlandungsphase im großen Kranichseemoor</b>. Unter Wasser vorgeschobene
+ Torfmoosrasen von <em class="antiqua">Sphagnum molluscum</em>, durchspickt mit Schlammried und Scheuchzeria
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Auf den schließlich entstehenden Standmooren war neue Siedelungsmöglichkeit
+geschaffen. Strauchvegetation aus niedrigen Weiden, auch die
+Erle faßten Fuß, und Bruchwälder entstanden, die mit ihrem feuchtkühlen
+Schatten dem Mooswachstum Vorschub leisteten, bis schließlich der
+Bruchwald unter dem Moosansturm erstickte, umbrach und der Vertorfung
+anheimfiel. Wieder erhöhte sich dadurch der Boden und der <em class="gesperrt">Bruchwaldtorf</em>
+entstand. Neue Pflanzensiedlungen konnten natürlich mit ihren
+Wurzeln nicht mehr zu dem nährstoffreichen Grundwasser gelangen, denn
+die aufgehäuften Schichten hinderten daran. <em class="gesperrt">Es mußte das nährstoffarme
+Niederschlagswasser zum Leben und Wachstum
+genügen.</em> Solche genügsame Holzgewächse waren Kiefer und Birken. Es
+entstand ein Übergangswald, beziehungsweise ein <b>Zwischenmoor</b>, dessen Vorhandensein
+<span class="pagenum" id="Page_54">[54]</span>nicht in allen Moorprofilen nachweisbar ist. Auch dieser Wald
+wurde von Scheuchzeria- und Riedgrasbeständen, sowie durch Moossiedelungen
+besiegt und schließlich herrschte das Torfmoos, welches schon bei einer Schichthöhe
+von dreißig Zentimetern Kiefernwald ersticken kann. Es herrschte durch
+seinen porösen Bau in Blatt und Stengel (<a href="#illu-056">Abb. 17</a>), welcher imstande war,
+große Niederschlagsmengen festzuhalten, Ammoniakgase in sich zu verdichten,
+vor allem aber <em class="gesperrt">trotz des vertorfenden unteren Teiles oben freudig
+weiterzuwachsen</em>. Derart bildete sich ein uhrglasförmig gewölbtes
+<b>Hochmoor</b> mit trocknerem Randgehänge und seeartigen Blänken (Mooraugen),
+die sich aus den vom wassersatten Moose nicht aufgenommenen Niederschlägen
+sammelten. An dem trockneren Randgehänge erheben sich vielfach kleine,
+oft nur quadratmetergroße Heidehügel, sogenannte <em class="gesperrt">Bulte</em>. In den dadurch
+entstehenden Tälchen sammelt sich ebenfalls Ablaufwasser an, sie werden zu
+<em class="gesperrt">Schlenken</em>. Oft auch bilden sich zum Rande gehende tiefere und längere
+Rüllen, in welchen bräunliches Moorwasser abfließt. Fließendes Wasser aber
+versorgt die Rüllenränder mit immer neuen Nährstoffen, so daß sich hier
+eine anspruchsvollere Hochstaudenflur ansiedelt.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-055">
+ <img class="w100" src="images/illu-055.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 16. <b>Verlandungsbild aus dem Kranichseemoor</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Ein solches Hochmoor gedieh, so lange die jährlichen Niederschlagsmengen
+reichlich flossen. Ziemlich unvermittelt scheint aber in ganz Mitteleuropa eine
+Trockenperiode, vielleicht eine Steppenzeit, eingetreten zu sein. Das Wachstum
+des Moosmoores stockte, und der Moostorf zersetzte sich durch Lufteintritt zu einer
+dunkelbraunen, strukturarmen Masse. Wie lange diese Trockenheit angehalten
+hat, ist nicht zu ermitteln. Sicher ist aber, daß auf dem trocken gelegten
+Moore Heidekraut und Wollgras Platz fanden, die allmählich, wahrscheinlich
+<span class="pagenum" id="Page_55">[55]</span>bei Wiedereintritt reicher Niederschläge, zu einer mulmigen Torfschicht zusammenschwanden.
+Dieser stark zersetzte Torf wird von Weber <em class="gesperrt">Grenzhorizont</em>
+genannt und findet sich nicht bloß in den norddeutschen und schwedischen
+Mooren, sondern auch in den Höhenmooren der Mittelgebirge und des Alpenlandes.
+Bei den Höhenmooren, also auch im sächsischen Erzgebirge, scheint aber
+anstelle von Heide- und Wollgras ein Trockenwald von Birken aus der Umgebung
+eingedrungen zu sein, so daß Schreiber, der Erforscher erzgebirgischer
+Moore, diese Grenzschicht als <em class="gesperrt">jüngeren Waldtorf</em> bezeichnet. Auf diese
+Schicht baut sich, begünstigt durch einsetzende Niederschlagsperiode, ein neues Hochmoor
+mit fast reinem Sphagnumbestand, aus dem der gelbgefärbte, wenig zersetzte
+<em class="gesperrt">jüngere Moostorf</em> hervorging, dessen Entstehung überall dort noch
+andauert, wo nicht aus natürlichen Gründen, oder, durch Menschenhand verursacht,
+Austrocknung die Moosbildung verhindert. An den trockneren Randgehängen
+unserer Erzgebirgsmoore finden wir als Charakterstrauch die vielästig
+vom Boden aufstrebende Moorkiefer, eine Unterart <em class="antiqua">uncinata</em> der eigentlichen
+Bergkiefer <em class="antiqua">Pinus montana</em> (<a href="#illu-057">Abb. 18</a>), während in den norddeutschen
+Zwischenmooren die Krüppelkiefer <em class="antiqua">Pinus silvestris forma turfosa</em> erscheint.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp60" id="illu-056">
+ <img class="w100" src="images/illu-056.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 17. <b>Blattgewebe des Torfmooses</b>
+ (<em class="antiqua">Sphagnum</em>) mit den schmalen blattgrünhaltigen
+ und den breiten, porösen Zellen
+ (stark vergrößert)
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Wir fassen noch einmal die Schichtenfolge eines Moorprofils kurz zusammen:
+Zu unterst Diluvialboden, dann die Muddeschichten, Schilf- bzw.
+Seggentorf, Bruchtorf oder älterer Waldtorf, älterer Moostorf, Webers Grenzhorizont,
+bzw. jüngerer Waldtorf, jüngerer Moostorf und rezenter Moostorf.
+<span class="pagenum" id="Page_56">[56]</span>Diese Schichten erreichen in den Mooren der norddeutschen Niederung über dem
+Diluvialboden eine Mächtigkeit von mehr als zehn Metern, in den Erzgebirgshochmooren
+bis zu fünf Meter. In der Höhe der Moorschichten hat man ein
+Mittel, schätzungsweise das Alter des Moores zu bestimmen. Halbreifer
+Moostorf bildet in hundert Jahren eine Schicht von etwa acht Zentimetern,
+reifer Moostorf dagegen in derselben Zeitspanne eine Schicht von zwei bis
+drei Zentimetern, so daß ein sechs bis sieben Meter mächtiges Moorlager einer
+Entstehungszeit von mindestens zehntausend Jahren bedarf.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-057">
+ <img class="w100" src="images/illu-057.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 18. <b>Moorkiefer (Krummholz) im Georgenfelder Moor</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Bei der inneren Verschiedenheit der genannten Moorschichten ist es klar,
+daß die wirtschaftliche Verwendung des Torfes nur an bestimmte Schichten
+gebunden ist, und zwar vornehmlich an die Moostorfschichten. Der braunschwarze,
+<em class="gesperrt">ältere Moostorf</em> ist im nassen Zustande eine schwarzbraune,
+breiige Masse, die beim Austrocknen steinhart wird und das Aufsaugungsvermögen
+für Wasser verliert. Er liefert den wertvollen <em class="gesperrt">Brenntorf</em>! Der
+<em class="gesperrt">jüngere hellbraune</em> Moostorf (gegenüber dem schwarzen Torf auch
+<em class="gesperrt">Weißtorf</em> genannt) bleibt immer elastisch und kann auch nach Austrocknen
+das zwanzigfache seines Volumens an Wasser aufnehmen. Er kann mit
+Vorteil zu <em class="gesperrt">Torfstreu</em> und <em class="gesperrt">Torfmull</em> verarbeitet und in Ballen gepreßt
+in den Handel gebracht werden. Er ist es, der im Gartenbau so geschätzt wird,
+besonders wenn er durch Lagerung, Umstechen oder Behandlung mit Kalkwasser
+entsäuert ist. Er vereinigt in sich noch immer all die wertvollen Eigenschaften
+des Humus, die ich folgendermaßen gekennzeichnet habe&#x2060;<a id="FNanchor_4_4" href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a>. Er hält die Nährstoffe
+im Boden fest, er macht die Böden warm und feucht, er lockert zähe Tonböden
+auf und macht durch die Humuskolloide Sandböden krümelig, er löst als
+Kohlensäurequelle die Mineralteilchen und führt unverwertbare Stickstoffverbindungen
+schließlich in Salpeterstickstoff über. Was Jahrtausende im
+ewigen Wechsel der Zeiten aufgebaut haben, wird, gleich der vor Jahrmillionen
+aus einer vergangenen Pflanzenwelt aufgebauten Kohle, dem jetzigen Geschlechte
+zu Nutzen und Segen.</p>
+
+<p>Ein <em class="gesperrt">volkswirtschaftlicher Gewinn</em> ist weiterhin die erwähnte
+Umwandlung der ausgedehnten norddeutschen Moorflächen in wertvolle
+Kulturböden, wie sie durch die Moorkulturstationen geübt wird. Gewarnt
+aber muß werden vor dem <em class="gesperrt">rücksichtslosen Abbau der Kammoore
+unserer Mittelgebirge</em>, also auch unseres sächsischen Erzgebirges.
+Sie sind meist Plateau- und Hangmoore und leisten für uns das, was
+für die Schweiz die Gletscher schaffen: <em class="gesperrt">Sie regulieren in rationeller Weise
+die reichen Niederschläge der Gebirgshöhen.</em> Manche Wasserkatastrophe
+wäre vermieden, manche kostspielige naturmordende Talsperre wäre erspart
+worden, hätte man die Moorflächen, welche etwa vier Prozent der Gesamtfläche
+von Sachsen einnehmen, nicht durch Abbau, Aufforstung und Trockenlegung verringert.
+Welche gewaltigen Wassermengen von unseren Moosmooren aufgesaugt
+<span class="pagenum" id="Page_57">[57]</span>werden können, erhellt eine Mitteilung des Professors Delitzsch, Leipzig,
+über den Kranichsee. Nach ihm enthält der Kranichsee nahe Karlsfeld bei vollständiger
+Sättigung soviel Wasser, daß er ein ganzes Jahr lang in jeder
+Sekunde fünfhundert Liter Wasser liefern könnte. In dem »Kranichsee« ist
+wohl das ausgedehnteste sächsische Kammoor des Erzgebirges geschützt, und wir
+dürfen dies als eine Großtat unserer Heimatschutzbestrebungen buchen.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-059">
+ <img class="w100" src="images/illu-059.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 19. <b>Blütenstaub unserer Wildbäume (400fach vergrößert) nach Rudolph und Firbas</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Gerade in jüngster Zeit hat Professor Karl Rudolph von der Deutschen
+Universität Prag im Verein mit Dr. Firbas einen wertvollen Beitrag zur Erforschung
+unserer Erzgebirgsmoore geliefert. Diese Veröffentlichung führt den
+Titel: Die Hochmoore des Erzgebirges, ein Beitrag zur postglazialen Waldgeschichte
+Böhmens. In dieser anregenden Schrift wird, nach dem Vorbild
+schwedischer Moorforscher, versucht, einen Einblick zu gewinnen in die Wälder
+der Moorumgebung, wie sie nach der Eiszeit, also »postglazial«, <em class="gesperrt">in wechselnden
+Beständen</em> den Erzgebirgskamm schmückten. Wenn wir die
+seit dem Diluvium (Eiszeitalter der Erde) verflossene Zeit auf etwa fünfzigtausend
+Jahre schätzen, so muß es uns Wunder nehmen, wie man Schlüsse wagen
+will auf die Waldumgebung unserer Moore vor vielen Jahrtausenden.</p>
+
+<p>Hierzu befähigt uns eine genaue Kenntnis des Blütenstaubes (Pollen)
+unserer hauptsächlichsten Waldbäume, sowohl der Nadel- als auch der Laubbäume.
+(<a href="#illu-059">Abb. 19.</a>) Diese Blütenstaubzellen sind äußerst kleine Gebilde. Wir messen
+sie in Tausendstel eines Millimeters, des sogenannten Mikro, als Maßeinheit und
+bezeichnen dieses Kleinmaß mit dem griechischen Buchstaben µ. Den Pollen
+unserer wichtigsten Nadelbäume: Kiefer, Fichte und Tanne kann man von dem
+Laubbaum-Pollen sofort unterscheiden durch die ihm beiderseits anhängenden
+<span class="pagenum" id="Page_58">[58]</span>zu weiter Verbreitung dienenden Flugblasen, außerdem auch durch die erheblichere
+Größe. Den kleinsten Pollen unter den Nadelhölzern besitzt die Kiefer
+mit 60 µ, das Mittelmaß des Fichtenpollens beträgt 100, das der Tannen
+140 µ. Die dreieckigen Pollen von Birke und Hasel messen beide etwa 25 µ,
+und sind schwer zu unterscheiden; von etwa gleicher Größe ist der fünfeckige
+Pollen der Erle. 30 µ im Durchmesser halten die einander sehr ähnlichen
+kugeligen Pollenzellen von Buche und Eiche. Den kleinsten Pollen von etwa
+15 µ besitzt die Weide.</p>
+
+<p>Der Blütenstaub der das Moor umgebenden Waldbäume wurde, wie noch
+heute, so vor Jahrtausenden alljährlich in ungeheurer Menge erzeugt, so daß
+er, von den Bergwäldern verweht, aus ziemlicher Ferne auf die Moorfläche gelangen
+konnte. Werden doch von der Fichte auf eine Entfernung von vier Kilometern
+noch vierzehn Prozent, bei Birke noch elf Prozent des Gesamtpollens
+durch den Wind vertragen. Auf den baumlosen Farör-Inseln hat man sogar
+Baumpollen beobachtet, der aus einer Entfernung von vierhundert Kilometern
+stammen mußte.</p>
+
+<p>Nun wird in jedem Denkenden die Frage auftauchen, ob sich diese zarten
+und winzigen Gebilde in den vor Jahrtausenden gebildeten Moorschichten auch
+unversehrt oder wenigstens kenntlich erhalten haben, besonders wenn wir den
+Druck der Schichten und die Wirkung der Humussäuren in Betracht ziehen.
+Gewiß! Nicht alle Pollenarten sind uns überliefert, der Blütenstaub mancher
+Bäume, z. B. Ahorn und Pappel, ist unter solchen Bedingungen zugrunde gegangen.
+Aber bei den oben genannten Holzgewächsen ist die meist wunderbar
+ornamentierte wachsartige Außenhaut der Pollenzellen durch die Jahrtausende
+hindurch wohl erhalten geblieben. Zwar sind gegen den Pollen von heutzutage
+die Maße etwas zurückgeschwunden, aber Form und Ziselierung sind unversehrt.
+Wir werden also <em class="gesperrt">aus den Verhältniszahlen der in den
+Schichten befindlichen Pollenarten zueinander ein ungefähres
+Bild von der Waldbedeckung jener Zeit</em> gewinnen können, während
+welcher jene Schichten entstanden.</p>
+
+<p>In dem Vorherrschen einer Baumart besitzen wir außerdem gewisse Anhaltspunkte,
+um auf die <em class="gesperrt">Klimalage</em> jener weit zurückliegenden Waldperioden
+rückschließen zu können. Wir wissen, daß die feuchtgewohnten Weiden und
+Erlen starke Niederschläge gebrauchen, daß dagegen Birke und Kiefer mit geringen
+Niederschlägen und wenig Wärme fürlieb nehmen. Die Fichte dagegen
+bedarf bei kühler Temperatur einer mittleren Bodenfeuchtigkeit, während die
+Tannen starke Luftfeuchtigkeit und die Buche eine nicht zu tiefe Wintertemperatur
+erfordern; die Eiche hingegen braucht zu freudigem Gedeihen eine erhöhte
+Sommerwärme. Alle diese Erwägungen zusammengefaßt, berechtigten uns
+recht wohl, Schlüsse zu machen auf die seit der Eiszeit periodisch erfolgten
+<em class="gesperrt">Klimaschwankungen</em> in unsern Breiten.</p>
+
+<p>Noch einige Worte über die <em class="gesperrt">Methodik der Pollenuntersuchungen</em> in
+unsern Mooren. Die Methode, welche die obengenannten Forscher angewandt haben,
+lehnt sich an die vom schwedischen Staatsgeologen Post eingeschlagene an. Aus
+<span class="pagenum" id="Page_59">[59]</span>der Stichwand eines Moores werden von unten nach oben in Abständen von zehn
+bis fünfzehn Zentimetern Schichtproben entnommen. Diese Proben (etwa
+ein bis zwei Kubikdezimeter Torf, für mikroskopische Untersuchungen höchstens
+fünfzig Kubikzentimeter) werden zerkleinert und mit fünfzehnprozentiger
+Salpetersäure aufgeschlämmt. Nicht völlig ausgetrocknete Torfproben zerfallen
+alsdann in ein bis zwei Tagen in die einzelnen Pflanzenbestandteile und
+werden dabei gleichzeitig aufgehellt. Das Ganze wird alsdann durch ein Haarsieb
+geschickt und der Siebrückstand wird makroskopisch untersucht. Mittelst
+dieser Untersuchungen können wir die jeweilig moorbildenden Großpflanzen
+und Moose herausfinden. Beispielsweise ergab eine Probe des Reißzechenmoores
+bei Gottesgab in ein Meter vierzig Zentimeter Höhe über dem Diluvialgrund
+folgenden Pflanzenbestand: Sumpfschachtelhalm, Schlammried (<em class="antiqua">Carex
+limosa</em>), Schilfrohr und die früher erwähnte Scheuchzerie. Von den hier genannten
+Pflanzen kommt das Schilfrohr heute in diesen Gegenden nicht mehr
+vor, und die Scheuchzerie ist jetzt eine Seltenheit geworden.</p>
+
+<p>Der durch das Sieb gegangene Feinschlamm soll uns zur mikroskopischen
+Bestimmung, <em class="gesperrt">besonders des Waldpollens</em>, dienen. Natürlich finden sich
+auch Blütenstaubzellen von Heidegewächsen, Binsen- und Riedgräsern darin, aber
+<em class="gesperrt">gezählt</em> werden auf den in Glyzerin-Gelatine ausgeführten Präparaten nur
+die Anteile der verschiedenen Baumpollen, so daß wir nicht nur eine qualitative,
+sondern auch eine quantitative Analyse der Pollenschicht gewinnen. In
+jedem Präparate zählen wir nicht mehr als einhundertfünfzig der darauf befindlichen
+Pollenkörner aus, notieren dabei die Anzahl der einzelnen Pollenarten
+und gewinnen dadurch das sogenannte <em class="gesperrt">Pollenspektrum</em>. Dieses möge
+lauten: Kiefer einhundertelf, Birke dreißig, Fichte sechs, Weide drei. Daneben
+haben wir noch siebenundzwanzig Haselpollen gezählt, die wir im Pollenspektrum
+ausschalten. Diese Ausschaltung geschieht nach dem Beispiel von Post,
+der die Hasel, weil Unterholz, den eigentlichen waldbildenden Bäumen nicht
+gleichstellen will.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp70" id="illu-062">
+ <img class="w100" src="images/illu-062.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 20 <b>Übersichtliche Darstellung der Ergebnisse von Pollenanalysen
+ nach Rudolph und Firbas</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Für jede der untersuchten Höhenschichten erhalten wir ein solches in Artprozenten
+angegebenes Pollenspektrum und können das Gesamtergebnis
+unserer Untersuchungen für die betreffende Stichwand unter Zugrundelegung
+eines Koordinatensystems zu lehrreichen Diagrammen zusammenstellen, wie es
+in beigegebener <a href="#illu-062">Abb. 20</a> für Fichte und Buche geschehen ist. Auf der wagerechten
+Linie ist die Anzahl der errechneten Pollenprozente, auf der senkrechten die
+Schichthöhe der untersuchten Proben über dem Diluvialboden aufgetragen.
+Aus den beiden Pollenkurven kann man folgende Tatsachen herauslesen: Die
+Fichte zeigt sich zuerst im Riedtorf und dominiert zur Zeit des Scheuchzeriatorfes
+über alle anderen Waldbäume, geht alsdann zurück, um in der Jetztzeit
+(wahrscheinlich infolge der Forstkultur) wieder herrschend zu werden. Erst
+während der Fichtenherrschaft erscheint die Buche (mit ihr die Tanne), welche
+– wir dürfen annehmen aus klimatischen Gründen – den rasch abnehmenden
+Fichtenwäldern als Waldanteil gleichkommt und im jüngeren Moostorf eine
+dominierende Stellung erringt. In ähnlicher Weise läßt sich die Geschichte der
+<span class="pagenum"><a id="Page_60"></a><a id="Page_61"></a>[61]</span>anderen Waldbäume während der Moorbildungszeit verfolgen. Für das Erzgebirge
+fassen Rudolph und Firbas die Waldgeschichte des Kammes folgendermaßen
+zusammen:</p>
+
+<div class="hang">
+<p>1. <em class="gesperrt">Kiefernzeit</em> mit Birke und Weide;</p>
+
+<p>2. <em class="gesperrt">Kiefern-Haselzeit.</em> Massenausbreitung der jetzt fehlenden
+Hasel auf dem Erzgebirgskamm und wachsende Ausbreitung des Eichenmischwaldes
+mit Ulme und Linde;</p>
+
+<p>3. <em class="gesperrt">Eichen-Fichtenzeit.</em> Neben der Eiche Vorherrschaft der Fichte
+und Einwanderung der Buchen;</p>
+
+<p>4. <em class="gesperrt">Buchen-Fichtenzeit.</em> Wachsende Ausbreitung der Buche, Abklingen
+der Eiche und Hasel. Einwanderung der Tanne und deren
+Ausbreitung während der Grenzhorizontzeit;</p>
+
+<p>5. <em class="gesperrt">Buchen-Tannenzeit.</em> Vorherrschen von Buche und Tanne;</p>
+
+<p>6. <em class="gesperrt">Jetztzeit.</em> Neuerliche Ausbreitung der Fichte, wohl durch die
+Forstkultur.</p>
+</div>
+
+<p>Diese Waldgeschichte haben wir gelesen aus einem Buche, dessen Blätter
+die Moorschichten, dessen Buchstaben die Pollenkörner waren. Und wie sich in
+einem Buche Unrichtigkeiten und Druckfehler einstellen, so werden sich auch in
+der Methode der Pollenuntersuchungen Irrtümer und Fehlerquellen finden,
+aber alle Bemängelungen können nicht den großzügigen Inhalt dieses Naturbuches
+verwischen. Wir dürfen somit, wie Rudolph sagt, die Pollendiagramme
+auffassen als den Ausdruck der wechselnden Waldgeschichte unseres Erzgebirges
+seit der Eiszeit. <em class="gesperrt">Wir werden es dadurch umsomehr verstehen,
+daß sich der Heimatschutz auf die Moore als Urkunden der
+Vorzeit erstrecken muß.</em> Wir werden mit einem ehrfürchtigen Schauer
+die geschützten sächsischen Moore durchwandern, und die scheinbare Eintönigkeit
+der Landschaft wird schwinden in dem Lichte, welches diese vergangene
+und vergehende Pflanzenwelt auf die Vorzeit wirft. Die einsame Größe
+dieser Landschaft macht uns klein und läßt uns so recht das Dichterwort
+empfinden:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Manchen Flug wagt menschliches Wissen, das doch</div>
+ <div class="verse indent0">Kaum ein Blatt aufschlägt in dem Buch des Weltalls.«</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-063">
+ <img class="w100" src="images/illu-063.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 21. <b>Spitzberg mit Torfstich bei Gottesgab</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_62">[62]</span></p>
+
+<div class="footnotes">
+<p class="h3">Fußnoten:</p>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> Vergleiche 10. Flugschrift des Heimatschutzes. Prof. Dr. A. Naumann: Das Kranichseemoor
+bei Carlsfeld im Erzgebirge, ein Naturschutzbezirk Sachsens.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> Bei vielen Pflanzen auf Humusboden finden wir anstatt der Wurzelhaare einen
+Überzug von Pilzgeflecht an der Wurzel. Solche verpilzte Wurzel heißt <em class="antiqua">Mycorrhiza</em>. Man
+nimmt an, daß das Pilzgeflecht (<em class="antiqua">Myzel</em>) <em class="gesperrt">von der Wurzel</em> zu seinem Aufbau die Kohlehydrate
+erhält, während das den Boden durchspinnende Myzel <em class="gesperrt">für die Wurzel</em> von weither
+die nötigen Nährsalze, vielleicht auch stickstoffhaltige Humusstoffe herbeiführt. Ein solches
+Zusammenwirtschaften zu gegenseitigem Nutzen bezeichnen wir als Symbiose.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> Wir kennen auch voreiszeitliche (präglaziale Moore). Sie zeigen durch ihre Pflanzenreste,
+darunter ein der serbischen Fichte (<em class="antiqua">Picea Omorica</em>) ähnliches Nadelholz, ein subalpines
+Klima an.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_4_4" href="#FNanchor_4_4" class="label">[4]</a> <em class="gesperrt">Naumann</em>, Dr. A.: Bau und Leben der Pflanze, eine Botanik des Praktikers.
+Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.</p></div>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Die_Gefahren_der_Vogelbruten">Die Gefahren der Vogelbruten</h2>
+
+<p class="center">Von <em class="gesperrt">Rud. Zimmermann</em>, Dresden</p>
+
+<p class="center s90">Mit drei Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers</p>
+</div>
+
+<p>Wenn das Nest der Dorngrasmücke in dem Rosenbusch unseres Gartens,
+dessen Werden wir fast von seinen ersten Anfängen an verfolgt haben, auf
+dem wir das Weibchen brütend über den fünf grau und bräunlich gesprenkelten
+Eiern sitzen sahen und in dem wir dann auch schon die geschlüpften
+Jungen schauen durften, eines Morgens zerrissen im Gezweige hängt und
+sein lebendiger Inhalt verschwunden, das Opfer irgendeines Räubers geworden
+ist – wir betrachten in derartigen Fällen fast immer eine Katze als
+den Frevler, ohne daß es eine solche immer gewesen zu sein braucht –, so
+ist mit Recht unser Bedauern groß und das Mitgefühl mit dem seines Familienglückes
+beraubten Vogelpaare ein lebhaftes. –</p>
+
+<p>Wie viele von denen aber, die schon einmal Zeugen eines derartigen
+Vorganges gewesen sind, ahnen es, daß er eine ganz regelmäßige Erscheinung
+im Naturleben darstellt, wissen es, daß er sich tagtäglich hundertfältig ereignet
+und auch ereignen muß. Die Natur bringt ja alles im Überfluß hervor,
+rechnet mit derartigen Verlusten, die uns ja auch gar nicht zum Bewußtsein
+kommen überall dort, wo das Naturleben noch in normalen Grenzen sich
+abspielt. Würden alle Vogelnester ihre Bestimmung erfüllen, die Eier
+ausfallen und alle erbrüteten Jungen hochkommen und diese dann wieder in
+der gleichen Weise sich fortpflanzen, so würde schon innerhalb weniger Jahre
+eine derartige Übervölkerung in der Vogelwelt eingetreten sein, daß nicht
+nur diese sich gegenseitig selbst zugrunde richten würde, sondern daß darunter
+auch die übrige Natur leiden müßte und zum Teil wohl auch rettungslos
+vernichtet werden würde. Nur wo sich das Naturleben – fast ausschließlich
+nur unter dem Einfluß des Menschen und seiner Kultur – wesentlich geändert
+hat und ein ärmeres geworden ist, wo – um bei unserem Beispiel aus der
+Vogelwelt zu bleiben – der Vogelbestand einer Gegend eine gewisse untere
+Grenze erreicht hat oder gar bereits schon unter sie herabgesunken ist, wo
+umgekehrt aber auch wieder die die Vogelwelt bedrohenden Gefahren – und
+das ist eine weitere Begleiterscheinung des Menschen und seiner Kultur –
+größere geworden und vielleicht gar noch im Anschwellen begriffen sind,
+äußeren sich diese in einer verhängnisvolleren und den Bestand direkt bedrohenden
+Weise. Sache des Menschen ist es dann und zu seiner Pflicht wird
+es, die Gefahren nach Möglichkeit zu verringern und damit einen gefährdeten
+Vogelbestand wieder zu erhöhen und zu erhalten versuchen. Die Folgen
+seines Unterganges würden in den meisten Fällen den Folgen einer Übervölkerung
+ähnlich oder ihnen gleichbedeutend sein. Freilich ist der Versuch
+einer Vermehrung eines geschwächten Vogelbestandes eine Aufgabe, die nicht
+immer leicht ist und der auch oft genug der Erfolg versagt bleiben wird. –
+Um nun aber Gefahren von einem Naturgeschöpf abwenden zu können, ist
+es notwendig, diese Gefahren auch zu kennen, und so sei es mir denn heute
+<span class="pagenum" id="Page_63">[63]</span>an dieser Stelle gestattet, gestützt auf eigenes, persönliches Erleben, einmal
+von den Gefahren zu reden, die unsere Vogelwelt in der wichtigsten Zeitspanne
+ihres Lebens, zur Brutzeit bedrohen. Freilich, bei der Unerschöpflichkeit
+dieses Kapitels in nur wenigen, dem Leser aber vielleicht doch ein
+einigermaßen umfassendes Bild aufzeichnenden Beispielen. –</p>
+
+<p>Völlig machtlos steht der Mensch den schädigenden Einflüssen ungünstigen
+Wetters gegenüber, das – glücklicherweise in nur seltener sich ereignenden
+Fällen – mitunter von geradezu katastrophalen Wirkungen auf den Vogelbestand
+kleinerer oder größerer Gebiete werden und vielleicht wohl auch einmal
+eine bereits stark gelichtete Vogelart einer Gegend restlos vernichten
+kann. In den erfreulicherweise überwiegenden günstigeren Fällen spürt
+man die Folgen ungünstigen Wetters – meist Kälte und Nässe, doch kann
+auch übermäßige Trockenheit ähnliche Wirkungen haben – auf das Brutleben
+eines Vogels in einer Verminderung dieser Vogelart im folgenden oder
+in den folgenden Jahren. Sie gleicht sich allerdings in der Regel auch wieder
+aus. Ich habe derartige Fälle wiederholt schon beobachten und sie namentlich
+an den Rohrsängern verfolgen können, deren Bestandsmengen in den
+verschiedenen Teichgebieten sich meistens ja recht gut kontrollieren lassen.
+Ich kenne aber auch Fälle, in denen die erwarteten Wirkungen ausblieben.
+In einer Trauerseeschwalbenkolonie in der sächsischen Oberlausitz, die ich 1925
+unter ständiger Kontrolle hatte, fiel das Ausfallen und Heranwachsen der
+Jungen in den im genannten Jahre ja ganz besonders kalten und nassen
+Juni, so daß diese unter den Folgen der Nässe und Kälte in geradezu erschreckender
+Zahl zugrunde gingen. Im Frühjahr 1926 erschienen die Vögel
+aber nicht in der erwarteten verminderten Menge an ihrem vorjährigen
+Brutplatz, sondern in sichtlich stärker gewordener Zahl, und wenn sie schließlich
+auch nicht wieder an ihm brüteten, so lagen dem andere Ursachen zugrunde.
+Wahrscheinlich hatten sich in dem vorbeobachteten Falle Vögel verschiedener
+Kolonien zusammengefunden oder aber ihre Menge war durch den
+Brutüberschuß aus einer anderen Gegend aufgefüllt worden.</p>
+
+<p>In Ausmaßen, wie ich sie in den vielen Jahren meiner Beobachtertätigkeit
+noch nie erlebt habe, wirkten sich in meinem Lausitzer Beobachtungsgebiet
+im Frühjahr 1926 die Wetterkatastrophen dieses Jahres aus. Besonders
+die Zeit der sich wiederholenden Überschwemmungen im Juni, die hier
+im Flachlande ganz andere Strecken unter Wasser setzten als in höher gelegenen
+Hügel- und Berglandschaften und deren Folgen nicht nur wochen-,
+sondern monatelang in den wasserbestandenen Feldern und weiten Wiesenflächen
+sichtbare blieben, sind tausende von Nestern vor allem bodenbrütender
+Arten, wie Feldlerche, Schafstelze, Wiesenpieper, Bekassine und so viele andere
+mehr zum Opfer gefallen. Der Dauerzustand der Überschwemmungen hatte
+dann noch die weitere Folge, daß von den unter ihnen gelittenen Vögeln,
+von denen vielleicht die meisten bei einem rascheren Ablauf des Wassers zu
+Ersatzbruten verschritten wären, nur wenige zu solchen gekommen zu sein
+scheinen, wie das nach dieser Zeit vielfach zu beobachtende ziellose Umherstreichen
+<span class="pagenum" id="Page_64">[64]</span>dieser Vögel anzudeuten schien. Aber auch das Wassergeflügel litt
+ähnlich; während die Jungen frühgebrüteter Arten (Stockente usw.) sich in
+dem sehr warmen April ungewöhnlich günstig entwickelten, trat bei allen
+Spätbrütern und solchen, die sich durch Ursachen irgendwelcher Art im Brüten
+verspätet hatten, das gerade Gegenteil ein – ich entsinne mich keines Frühjahres,
+in dem ich beim Abwaten von Teichen so viele eingegangene Jungvögel
+gefunden hätte, wie 1926 etwa von ausgangs Mai an bis weit in den
+Juli hinein. Rohrsängernester wurden vielfach die Opfer der fast alltäglich
+auftretenden und meist von stürmischen Winden begleiteten Gewitter. Ihr
+Inhalt endete im Wasser, und in denen, die diese Fährnisse glücklich überstanden,
+gingen dann später häufig die Jungen (an Nässe und Kälte? oder
+aus Nahrungsmangel?) zugrunde; besonders in der ersten Juli-Hälfte war
+die Zahl der verlassenen Teichrohrsänger-Nester mit mehr oder weniger weit
+entwickelten toten Jungen eine große, und übertraf fast noch die Zahl der
+unversehrt gebliebenen. Auch die Busch- und Baumbrüter zeigten größere
+Verlustziffern als in normalen Jahren, vielfach wurden in den nassen, vom
+Wasser vollgesogenen Nestern die Gelege einfach verlassen, während in anderen
+die Jungen unter den Wirkungen der Kälte und Nässe oder aus Nahrungsmangel
+– der andauernde Regen verhinderte die normalen Fütterungen –
+hinstarben. Man darf gespannt darauf sein, wie sich die hier nur in ihren
+gröberen Umrissen aufgezeichneten Erscheinungen im Bestandsbilde der Lausitzer
+Vogelwelt in den kommenden Jahren widerspiegeln werden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Während Schädigungen der brütenden Vogelwelt durch Witterungseinflüsse
+in größeren Ausmaßen aber nur recht unregelmäßige Erscheinungen
+sind – in kleinerem Umfange lassen sie sich alljährlich beobachten – und
+namentlich solche wie die hier geschilderten im vergangenen Frühjahre zu den
+schon selteneren Erscheinungen gehören, treten andere Gefahren mit einer viel
+größeren Gleichmäßigkeit auf. Es sind namentlich die, die den Vogelbruten
+von seiten der vielen tierischen Feinde drohen; gelegentliche Schwankungen
+und Verschiebungen, bedingt durch das zeitweise stärkere oder schwächere Auftreten
+einer bestimmten Feindart, äußern sich mehr örtlich auf kleinerem
+Raume und ändern am Gesamtbild nichts. Gar nicht gering ist die
+Zahl dieser tierischen Feinde, und wir begegnen ihnen in allen Tiergruppen,
+vom Kleinlebewesen angefangen bis herauf zur höchstorganisierten Klasse, zu
+den Säugetieren. Die Kleinwelt stellt in Milben, Flöhen, Zecken und dergleichen
+zahlreiche Schmarotzer, denen sich noch Larven parasitärer Fliegen usw.
+zugesellen. Mir will es scheinen, als ob die an den menschlichen Wohnstätten
+lebenden Vögel besonders stark unter Schmarotzern zu leiden hätten und als
+ob unter diesen wieder der Mauersegler und unsere Schwalben am häufigsten
+von ihnen heimgesucht würden. An Schmarotzern eingegangene Schwalben
+und Segler sind mir besonders viel schon gebracht worden; vor einigen Jahren
+erhielt ich in Moritzburg einen eben verendeten jungen Mauersegler, der von
+Milben strotzte und dessen Kopffedern fast völlig fehlten oder nur noch in
+<span class="pagenum" id="Page_65">[65]</span>(abgefressenen?) Stummeln vorhanden waren. Sein Tod ist sicherlich durch
+die ihn heimgesuchten Schmarotzer hervorgerufen worden. Im vergangenen
+Frühjahr fand ich dann weiter, um noch ein Beispiel zu nennen, in Königswartha
+einen frischverendeten jungen, noch warmen Feldsperling, von dessen
+Kopf ich zweiunddreißig (!) Zecken ablas. Und zwei Tage später sah ich einen
+weiteren jungen Feldspatz, der in der Schar seiner Geschwister mir sofort durch
+seine taumelnden Bewegungen auffiel und den ich in meine Hände bringen
+konnte; auch von seinem Kopf und Hals las ich siebzehn Zecken ab. Sehr
+viel Nestjunge fallen auch den Ameisen zum Opfer; manche von ihnen vernichtete
+Brut habe ich schon gefunden und wie selten einmal geflucht und
+gewettert – die verehrte Leserin möge es mir verzeihen, wenn ich mit diesem
+Ausdruck etwas »aus der Rolle falle« – als an jenem Tage, an dem ich
+mit der Kamera zu meinem gefundenen ersten Ziegenmelker-Nistplatz pilgerte,
+und dann die am Tage zuvor noch während des Ausschlüpfens beobachteten
+Jungen von Ameisen angegangen tot vorfand.</p>
+
+<p>Die höhere Tierwelt stellt Feinde aus allen Klassen; selbst unter den
+Fischen gibt es Arten, denen junges Wassergeflügel zum Opfer fällt. Der Hecht
+schnappt manchen, das Nest verlassenen und auf dem Wasser sich tummelnden
+Jungvogel, und einem Hechte wohl auch wurde jenes junge Teichhuhn Beute,
+das 1911 auf einem Teiche bei Königswusterhausen vor meinen Augen trotz
+seines Sträubens von einem mir unbekannt gebliebenen Etwas unter das
+Wasser gezogen wurde. Unter den Kriechtieren sind es die Schlangen – die
+Kreuzotter vor allem und vielleicht öfters auch, wie ich dies bereits vor
+Jahren an anderer Stelle nachzuweisen versucht habe, die Glatte Natter –
+die Interesse an dem lebendigen Inhalt des Vogelnestes zeigen können, und
+von den Lurchen vergreifen sich, wie dies der als Tierphotograph bekannte
+Amtmann Behr in Cöthen photographisch festhalten konnte, der Teich-
+und Seefrosch gelegentlich einmal auch an den Jungen eines ihnen erreichbaren
+Vogelnestes.</p>
+
+<p>Von den Säugern sind Feinde der Vogelbruten zunächst alle unsere Raubtiere,
+ferner die meisten Nager und von den Insektenfressern der Igel und
+die Spitzmäuse.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-068">
+ <img class="w100" src="images/illu-068.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 1. <b>Igel plündert ein Rebhuhngelege</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Von den Raubsäugern fallen nach meinen Erfahrungen, wenigstens bei
+uns, den marderähnlichen auch relativ die meisten Bruten zum Opfer; namentlich
+der überall noch vorhandene Iltis und die ebenfalls wohl nirgends noch
+fehlenden beiden Wiesel können es zu ganz erstaunlichen Leistungen bringen.
+Und manches in unseren Gärten verschwundene Nest, dessen Verlust wir dem
+Schuldkonto der Katze zuschreiben, muß – ich habe dies oft aus noch vorhandenen
+Spuren nachweisen können – einem dieser kleinen blutdürstigen
+Raubritter, denen ich deswegen aber noch niemals gram geworden bin, angekreidet
+werden. Das kleine Wiesel als Nesträuber kennen zu lernen, hatte
+ich 1924 in Königswartha in geradezu hervorragender Weise Gelegenheit.
+Es trieb sich in diesem Jahre so häufig auf den Teichdämmen umher, daß
+kaum ein Tag verging, an dem ich nicht einen oder einigen dieser geschmeidigen
+<span class="pagenum" id="Page_66">[66]</span>Tiere begegnet wäre. Öfter sah ich Wiesel im Wasser, wie sie gewandt
+namentlich die vegetationsreichen Uferstrecken abschwammen und nach Nestern
+der hier brütenden Vögel durchsuchten, und die großen Verluste, die ich gerade
+in diesem Jahre an den Nestern namentlich der Taucher und der Zwergrohrdommel,
+aber auch von Enten, Wasserhühnern usw. zu verzeichnen hatte,
+mögen größtenteils »Arbeit« des Wiesels gewesen sein. In einer kleineren
+Schwarzhalstaucherkolonie von zwölf bis fünfzehn Paaren wurden sämtliche
+Nester von ihm geplündert, auf einem derselben fand ich, das Gelege noch
+bedeckend, den weiblichen Taucher tot und im Nacken angefressen vor, der
+Überfall und das Töten des brütenden Vogels muß so rasch vor sich gegangen
+sein, daß dieser nicht einmal mehr Zeit zur geringsten Bewegung gehabt hat.
+Trotz der starken Nestplünderungen aber ließen sich 1925 wesentliche Veränderungen
+im Bestande der von den Plünderungen betroffenen Vögel kaum
+feststellen; und daß ein gelegentliches stärkeres, durch irgendwelche günstigen
+Umstände gefördertes Auftreten irgendeines Räubers auch wieder normale
+Formen annehmen kann und annehmen wird, bewiesen die beiden letzten
+Jahre, in denen ich trotz fast noch häufigerer Anwesenheit in Königswartha
+das Wiesel erheblich seltener antraf und die Begegnungen mit ihm fast an
+den Fingern herzählen kann.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-069">
+ <img class="w100" src="images/illu-069.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 2. <b>Siebenschläfer beim Plündern eines Hausrotschwanznestes</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Von den Nagern ist das Eichhörnchen als Nestplünderer ja ganz allgemein
+bekannt; ihm fallen vor allem die offenen Nester der baumbrütenden
+<span class="pagenum" id="Page_67">[67]</span>Arten, wie der Ringeltaube mit ihren zwei weißen, weithin leuchtenden Eiern
+und viele andere mehr zum Opfer. Ist es nur ein Zufall gewesen, daß ich
+auf dem Rochlitzer Berge die Taubennester gerade in den Brutbezirken des
+Hühnerhabichts, die das Eichhörnchen nach Möglichkeit mied, antraf? Oder
+lag die Möglichkeit vor, daß die Tauben, trotzdem auch der Hühnerhabicht
+einer ihrer ärgsten (allerdings die Nester kaum heimsuchenden) Feinde ist,
+diese Stellen bevorzugten, weil sie an ihnen vor den Nachstellungen durch
+das Eichhörnchen verschont blieben? Es ist schwer, dies zu entscheiden. –
+Von den Schlafmäusen sind Nestfeinde die beiden größeren einheimischen Arten,
+der Siebenschläfer und der Gartenschläfer. Den ersteren konnte ich in meinem
+früheren Rochlitzer Beobachtungs- und Arbeitsgebiet Nesträubereien mehrfach
+nachweisen, eine meiner photographischen Zufallsaufnahmen zeigt ihn ja auch
+bei dieser Tätigkeit. Und vom Gartenschläfer berichtete mir unter anderen
+Freund Keiler-Pfaffenstein, daß er vor Jahren dem Nager einmal ganz
+energisch nachzustellen und seinen Bestand einzuschränken gezwungen war, weil
+in der Umgebung seines Wohnhauses infolge der Räubereien durch den Schläfer
+Singvogelbruten nicht mehr hoch kamen. Man wird derartige örtliche Abwehrmaßnahmen
+auch nie verurteilen können, wie dies mehrfach auf die Bekanntgabe
+dieser Tatsache in einer meiner Schlafmausarbeiten hin geschah:
+meine Untersuchungen haben den jedenfalls einwandfreien Nachweis erbracht,
+daß Garten- und Siebenschläfer in unserem Vaterlande durchaus noch nicht
+<span class="pagenum" id="Page_68">[68]</span>selten, stellenweise sogar sehr häufig sind, und daß die vielfach hier und da
+einmal gebotenen energischeren örtlichen Nachstellungen nie ihren Bestand
+ernstlich gefährden können. Die mir wiederholt um den Bestand unserer Tiere
+ausgesprochenen Befürchtungen entbehren wirklich jeder tatsächlichen Grundlage.
+– Auch unsere Mäuse und der Hamster kommen als Nesträuber in
+Betracht; die ersteren scheinen aber den Eiern ein größeres Interesse als den
+später im Neste befindlichen Jungen entgegenzubringen, so daß sich die Schäden,
+die sie der Vogelwelt zufügen, durch die größere Möglichkeit von Ersatzbruten
+wieder etwas ausgleichen. Dem Hamster dagegen scheinen Eier in gleicher
+Weise wie Nestjunge zum Opfer zu fallen, doch möchte ich mit meinem Urteil
+hier noch zurückhalten, da meine persönlichen Erfahrungen darüber noch geringe
+sind. Spitzmäuse sind nach meinen hier allerdings auch nur spärlichen
+Beobachtungen mehr Eier- als Vogeldiebe, scheinen für Eier aber manchesmal
+eine direkte Leidenschaft zu entwickeln. Dem Igel möchte ich ebenfalls
+eine größere Vorliebe für die Gelege als für die späteren Jungen zuschreiben,
+die ihm aber auch zum Opfer fallen können. Seine Nestplünderungen abzuleugnen
+oder sie als ganz unbedeutende hinzustellen, wie man dies angesichts
+der allerdings oft auch wieder stark übertriebenen Anschuldigungen besonders
+von seiten des Jägers getan hat und noch tut, geht jedenfalls nicht an, wie
+man umgekehrt ihretwegen aber auch kein Recht zu einer schonungslosen
+Verfolgung des Igels herleiten kann. Seine Nesträubereien fallen durchaus
+<span class="pagenum" id="Page_69">[69]</span>noch in den Rahmen des normalen, natürlichen, und wenn sie ja einmal
+örtlich (in Fasanerien usw.) einen etwas größeren Umfang annehmen sollten,
+so genügen auch rein örtliche Abwehrmaßnahmen. In meinem Elternhaus
+auf dem Rochlitzer Berg hatte einst ein Haushuhn sich einen Eiervorrat an
+einer stillen Stätte im Freien angesammelt und diesen zu bebrüten begonnen.
+Eines Morgens lief es mit ausgerissenem Schwanze umher, während sein
+Eierschatz zerbrochen und ausgefressen über den Boden zerstreut war – ein
+Igel hatte, wie die Spuren ergaben, dem brütenden Huhn nachts einen Besuch
+abgestattet und die Verwüstungen angerichtet.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-070">
+ <img class="w100" src="images/illu-070.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ Abb. 3. <b>Waldwühlmaus beim Plündern eines Goldammernnestes</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p>Viel schwerer als die Schädigungen der Vogelbruten durch freilebende
+Säuger wiegen in der Umgebung unserer Ortschaften, besonders derjenigen
+ländlichen Charakters, in der Regel die, die zwei unserer Haussäuger, die
+Katze und der Hund, verursachen können. Über die der Katze bestehen unter
+den Einsichtigen kaum größere Meinungsverschiedenheiten, die des Hundes
+aber werden nur zu oft unterschätzt. Streunenden Dorfkötern können unzählige
+Nester bodenbrütender Arten zum Opfer fallen und der Schaden, den
+sie dadurch der Vogelwelt zufügen, bleibt oft kaum hinter dem durch die
+Katze angerichteten zurück. Um des letzteren willen ist schon viel Tinte
+geflossen und Druckerschwärze verbraucht worden; Berufene und Unberufene
+haben sich zu ihm geäußert, die letzteren meistens mit dem größten Stimmaufwand.
+Und doch sind wir noch weit von einer zufriedenstellenden Lösung
+der immer brennender werdenden Katzenfrage entfernt, den oft weit über
+das Ziel schießenden Forderungen der Katzengegner gegenüber verfallen die
+Katzenfreunde dann regelmäßig in das entgegengesetzte Extrem. Und doch
+müßte bei gutem Willen auf beiden Seiten – der vor einiger Zeit gegründete
+»Bund der Katzenfreunde« (war er notwendig) könnte hier das Seine
+dazu beitragen – sich auch in der Katzenfrage manches erreichen lassen,
+könnten die oft so erheblichen Schädigungen der Vogelwelt durch die Katze,
+wenn auch niemals ganz beseitigt, so doch wesentlich herabgemindert werden.
+Einen Weg hierzu habe ich vor einigen Jahren an anderer Stelle zu zeigen
+versucht (Naturschutz 3, Berlin 1922, S. 100–107).</p>
+
+<p>Schließlich sind es auch eine ganze Anzahl Vögel selbst, die sich Nestplünderungen
+zuschulden kommen lassen und die Gelege und Bruten des
+eigenen Geschlechts zehnten. Und es gibt unter ihnen manche Art, die darin
+ganz »Hervorragendes« leistet und unter der eigenen Sippe oft ärger wüten
+kann, als z. B. manch einer der übelberüchtigsten vierfüßigen Räuber. Besonders
+die Krähenvögel tun sich in Nesträubereien hervor, und unter ihnen
+wieder sind es vor allem Raben- und Nebelkrähe, die sich oft den hemmungslosesten
+Nestplünderungen widmen. Wenn man ihre Tätigkeit einmal beobachtet
+und solche Verheerungen unter dem Brutvogelbestand einer Gegend
+gesehen hat, wie ich sie nun schon manches Mal verfolgen konnte, wird man
+bei aller Achtung auch ihrer Rechte an das Leben doch auch dafür eintreten,
+daß sie nach Möglichkeit kurz gehalten und ihrer von tierischen Feinden
+wenig bedrohten Vermehrung Schranken gesetzt werden. In der Lewitz in
+<span class="pagenum" id="Page_70">[70]</span>Mecklenburg z. B. fand ich an einem einzigen Morgen längs eines Dammes
+auf einer Strecke von höchstens hundertfünfzig Metern gegen vierzig bis
+fünfzig von Krähen ausgefressene Enteneier, ein Fall, den ich aus eigenen
+Erlebnissen noch manchen anderen, ähnlichen angliedern könnte. Das tollste
+in dieser Beziehung jedoch erlebte ich 1925 in meinem Lausitzer Beobachtungsgebiet,
+wo Krähen eine gegen zweihundert Brutpaare zählende Lachmöwenkolonie
+in noch nicht zwei Wochen restlos vernichteten. Ich halte es daher
+auch für eine unbedingte Notwendigkeit, Krähen (und unter Umständen auch
+noch einige andere Vögel) von Vogelschutzgebieten fern zu halten. Sie sind
+von der Kultur begünstigte Vögel; in den Naturschutzgebieten aber wollen
+wir vor allem doch die Arten schützen und erhalten, die unter der Kultur
+leiden und durch sie in ihrem Bestande bedroht sind, und für die im Gegensatz
+zu den Krähen und einigen anderen, sich der Kultur vorzüglich angepaßten
+Arten der Lebensraum in der Kulturlandschaft aufs äußerste eingeengt
+worden ist. Der Gedanke, Stätten zu schaffen und Stätten zu besitzen, an
+denen man der Natur allein das Wort lassen kann, ist gewiß ein sehr schöner.
+Aber wir können uns seine Erfüllung nicht leisten, wenn wir an solchen
+Stätten eben etwas mehr noch erhalten und schützen wollen, als das, was
+hundertfach in unserer Kulturlandschaft Platz findet. Diesen Gedanken hier
+weiter auszuspinnen, muß ich mir jedoch versagen, es würde dies eine besondere
+Arbeit erfordern, für die mir die Schriftleitung der Heimatschutzmitteilungen
+vielleicht später einmal den nötigen Raum bewilligt.</p>
+
+<p>Starke Nestplünderungen läßt sich auch der aus Sachsen allerdings längst
+verschwundene Kolkrabe zuschulden kommen, ihm sind nicht einmal die Nester
+vieler größerer Raubvogelarten heilig. Manche im vogelkundlichen Schrifttum
+niedergelegte Beobachtung erzählt davon, und ich selbst hatte in Bialowies
+Gelegenheit, das große Interesse des Kolkraben für Raubvogelhorste kennen
+zu lernen; ein Paar unseres Vogels vereitelte mir durch seine Raubzüge
+meine sicheren Aussichten auf photographische Aufnahmen an einem Milanhorst
+und kurz darauf ertappte ich es bei Auseinandersetzungen mit einem
+Schreiadlerpaar um die Rechte an dessen Horst. Übrigens machen auch unsere
+beiden eben genannten Krähen vor Raubvogelhorsten ebenfalls nicht Halt;
+von den hierher gehörenden, von mir oder anderen beobachteten Fällen sei
+nur der erwähnt, in dem im vergangenen Frühjahr in meinem Königswarthaer
+Beobachtungsgebiet der Horst eines Rohrweihenpaares, das seinerseits
+wiederum stark die Nester des Wassergeflügels zehntete und von mir
+dabei wiederholt auch, einmal sogar aus nur wenigen Metern Entfernung,
+beobachtet wurde, einer Anzahl im Teichgebiet plündernd umherstreifender
+Nebelkrähen zum Opfer fiel.</p>
+
+<p>Auch die sonst so schmucke und jeder Landschaft zur Zier gereichende
+Elster erhebt von den Nestern kleinerer Vögel einen recht hohen Tribut;
+dort, wo sie sich häufiger findet, bleiben die durch sie bewirkten Schädigungen der
+Kleinvogelwelt in keiner Weise hinter den durch Krähen verursachten zurück,
+so daß auch ihr gegenüber oft ein regelndes Eingreifen durch den Menschen
+<span class="pagenum" id="Page_71">[71]</span>ratsam erscheint, und ebenso fällt in unseren Wäldern dem forstlich oft recht
+nützlichen Eichelhäher manches Singvogelnest zum Opfer. Die Würgerarten
+weiter gehören ebenfalls zu den Nestplünderern; der häufigste und verbreitetste
+von ihnen, der Rotrückige oder Neuntöter, steht in dieser Hinsicht sogar in
+einem oft recht üblen Rufe. Auf der kürzlichen Tagung des Vereins sächsischer
+Ornithologen in Plauen wurde sogar von einem anwesenden Gaste die
+Forderung erhoben, daß sich der Verein für eine Vertilgung des Vogels im
+großen einsetzen solle! Eine derartige, selbstverständlicherweise auch nirgends
+Gegenliebe gefundene Forderung geht natürlich weit über das Ziel hinaus;
+wir wissen aus vielen Einzelbeobachtungen und Untersuchungen, daß stärkere
+Schädigungen der Kleinvogelwelt durch den Rotrückigen Würger Erscheinungen
+mehr örtlicher Natur sind und daß dann in Fällen, in denen diese
+Schädigungen der Kleinvogelwelt durch unseren Vogel das normale Maß
+übersteigen und daher das regelnde Eingreifen des Menschen notwendig
+machen, eine Niederhaltung des Würgers durch das Zerstören von dessen ja
+leicht zu findenden Nestern möglich ist.</p>
+
+<p>Leicht ließe sich die Liste nestplündernder Vögel weiter fortsetzen, die
+hier genannten stellen ja nur einen kleineren Teil aus einer weit größeren
+Schar dar. Und jenen Arten, die den Nestplünderungen mehr oder weniger
+regelmäßig huldigen, schließen sich dann noch diejenigen an, die sich nur gelegentlich
+einmal den Inhalt eines Nestes zu Gemüte führen, bei denen die
+Vorliebe dafür mehr individuellen Neigungen entspringt. Die Amsel z. B.
+gehört hierher. Über ihre räuberischen Gelüste ist ja auch schon sehr viel
+geschrieben, sind Urteile gefällt worden, die zu oft nur jede Spur von Sachlichkeit
+und Gerechtigkeit vermissen lassen. Es geht nicht an, wie ich dies
+erst kürzlich wieder las, Nesträubereien durch die Amsel einfach abzuleugnen
+nur, weil sie ein Beobachter aus eigener Erfahrung nicht kennen gelernt
+hat und die Beobachtungen anderer einfach übergeht oder gar ableugnet, es
+ist aber umgekehrt noch viel vermessener, wenn festgestellte Einzelfälle verallgemeinert
+und für Entartungen einzelner Vögel – und um solche handelt
+es sich hierbei – die ganze Sippe verantwortlich gemacht und die Forderung
+zu einer Allgemeinverfolgung der Amsel hergeleitet wird. Lokal (und zum
+Teil aus ganz anderen Gründen) wird man sich in Einzelfällen einmal mit
+einer weisen Beschränkung des Amselbestandes eines Ortes einverstanden
+erklären, nie aber die so oft geforderte, in die Hände der unverständigen
+Masse gelegte Allgemeinbekämpfung unseres Vogels befürworten können.
+Selbst Arten, wie unsere Meisen, können einmal Gefallen an dem Inhalt
+fremder Nester finden; ich selbst sah Kohlmeise sowohl wie auch Blaumeise
+die Eier in Nestern freibrütender Finkenvögel angehen.</p>
+
+<p>Auch im Kampfe um das Nest gehen oft Gelege oder Bruten zugrunde.
+Der Star hat gar manches Mal Ursache, seinen Nistkasten von einem fremden
+Eindringling zu säubern, er setzt den Spatz, der sich darin häuslich eingerichtet
+hat, vor die Tür und wirft sein Nest heraus oder überbaut es
+kurzerhand, und er selbst wieder muß dann oft einer anderen Art, dem
+<span class="pagenum" id="Page_72">[72]</span>Segler, dem Wendehals usw. das Feld räumen und sein Gelege oder die schon
+ausgeschlüpften Jungen durch die neuen Wohnungsinhaber vernichten lassen,
+Vorgänge, wie sie sich auch um den Besitz anderer Nisthöhlen und selbst freistehender
+Nester abspielen können. Alle diese Erscheinungen aber bewegen
+sich in der Regel noch im Rahmen normalen Naturgeschehens; ihre Wirkungen
+werden folgenschwer erst dort, wo Umstände äußerer Art, wo namentlich
+unsere Kultur gewisse Nestfeinde begünstigt und sie ein Übergewicht
+über die ihr tributpflichtigen hat erlangen lassen und wo auf diese Weise
+das regelnde Walten der Natur ausgeschaltet worden ist.</p>
+
+<p>Viel schwerer ins Gewicht fallen zumeist die Schäden, die die Kultur im
+Gefolge hat und die auf direktes Eingreifen durch den Menschen zurückgehen.
+Wilde Nesträubereien durch den letzteren um der Eier mancher Vogelarten
+willen – das normale, in den gebotenen Grenzen sich haltende Einsammeln
+der Eier einiger freilebender Vögel (Lachmöwe usw.) bedeutet noch keine
+Schädigung dieser Vögel – können oft von den verhängnisvollsten Folgen
+für die davon betroffenen Vogelarten begleitet sein – 1925 z. B. gingen
+auf diese Weise die großen Lachmöwensiedlungen auf den Koblenzer Teichen
+in der Lausitz zugrunde – und nicht minder verhängnisvoll kann in manchen
+Einzelfällen das Vernichten von einzelnen Nestern aus bloßer Freude am
+Zerstören werden. Durch seine mannigfachen Arbeiten aber vernichtet der
+Mensch auch ungewollt viele Nester und Bruten, muß sie vernichten. Im
+Walde werden beim Fällen von Bäumen die auf ihnen befindlichen Nester
+mit zu Boden geworfen, beim Abfahren von aufgeschichtetem Holz die darin
+befindlichen zerstört, auf den Wiesen und Feldern die Gelege bodenbrütender
+Arten ausgemäht und was dergleichen Dinge mehr sind.</p>
+
+<p>In sehr vielen Fällen ist es auch der Vogel selbst, der – natürlich ohne
+dies selbst zu empfinden – die Gefahren, die sein Nest bedrohen, dadurch
+erhöht, daß er zur Anlage desselben sich Orte aussucht, die von vornherein
+allen nur erdenklichen Unfällen ausgesetzt sind. Dieses Kapitel ließe sich
+durch unendlich viele Beispiele belegen, und sicherlich auch könnte mancher
+Leser noch dieses oder jene eigene Erlebnis dazu beisteuern. Besonders sind
+es die an oder in der Nähe der menschlichen Wohnstätten brütenden Vogelarten,
+die hierbei in Frage kommen. Es sei nur an die vom Hausrotschwanz
+und der weißen Bachstelze im Bereiche unserer Bahnhöfe so gern gewählte
+Nestanlage an den ganz oder auch nur zeitweise außer Betrieb gesetzten Eisenbahnwagen
+erinnert. In den wenigsten Fällen wohl wird dann bei der Inbetriebnahme
+eines derartigen Wagens eine Vogelbrut so günstig abschneiden,
+wie in jenem, mir aus meiner Rochlitzer Heimat bekannten, in dem ein Bachstelzenpaar
+mit seinem Nest täglich zweimal die Fahrt auf der siebzehn Kilometer
+langen Strecke Rochlitz–Großbothen mitmachte und seine Jungen glücklich
+hoch brachte, oder jenem anderen, aus dem Vogtlande bekannt gegebenen,
+in dem ein Rotschwanzpaar mit seinem Nest ungefährdet eine vierzehn Kilometer
+lange Strecke täglich gar sechsmal durchfuhr. Ich habe regelmäßig
+Nester und Nestanfänge von Orten, an denen ihr sicherer Untergang vorauszusehen
+<span class="pagenum" id="Page_73">[73]</span>war, entfernt; eine Maßnahme, die durchaus nichts »barbarisches«
+an sich hat, wie mir dabei manches Mal von empfindsamer Seite im Tone
+größter Entrüstung erklärt worden ist. Denn auf diese Weise veranlaßte
+ich die Vögel, ihre Nester nochmals an anderen (und vielleicht auch viel
+geschützteren) Orten zu errichten, was sie auch bestimmt tun werden, wenn
+die Entfernung des Nestes entweder noch vor der Ablage der Eier oder doch
+während der Bebrütung erfolgt, während anderen Falles, in dem das Nest
+verunglückt, wenn in ihm bereits die Jungen vorhanden sind, es vielfach
+nicht wieder zu einer Ersatzbrut kommt. Und so glaube ich denn trotz meiner
+»Barbarei« manche Vogelbrut schon gerettet zu haben. Daß ein Vogel die
+sein Nest bedrohenden Gefahren erkennen und sie umgehen lernt, ist eine oft
+schon mitgeteilte und auch von mir wiederholt beobachtete Tatsache. Ein
+hierher gehörender, besonders interessanter Fall, den ich einer Anzahl Dresdner
+Vogelkundiger auch an Ort und Stelle vorführen konnte, ist folgender: In
+einer Straßenüberführung der seit undenklichen Zeiten schon im Bau befindlichen,
+aber nie fertig werdenden Bahnstrecke Radeburg–Priestewitz hatte
+ein Steinschmätzerpaar in einer der vier Abflußröhren etwa dreißig Zentimeter
+von der Ausflußöffnung entfernt sein Nest untergebracht. Das Gelege
+ging ebenso wie das zweite in einem neuen, in gleicher Weise in einer anderen
+der vier Röhren errichteten Neste zugrunde, worauf die Vögel zum
+Bau eines dritten Nestes in der dritten Röhre verschritten, das sie aber
+nicht mehr so kurz hinter der Abflußöffnung, sondern in der Röhre so weit
+hinten anlegten, daß die volle Armlänge knapp genügte, es zu erreichen. Und
+in diesem, nunmehr vor den Eingriffen des Menschen geschützten Nest kamen
+denn auch die Jungen glücklich hoch. Für Höhlenbrüter, deren Bruten
+sonst im allgemeinen geschützter als die der Freibrüter sind, entstehen Gefahren
+oft durch die Benutzung zu enger Höhlen. Im vogelkundlichen Schrifttum
+z. B. sind Fälle mitgeteilt worden, in denen brütende Mauersegler in derartigen
+Höhlen dadurch zugrunde gingen, daß die langen Schwanz- und
+Flügelfedern des brütenden Vogels sich sichelförmig nach oben gekrümmt
+und ihn auf diese Weise am Wiederausfliegen gehindert und dem Hungertod
+überliefert hatten. Ich selbst konnte wiederholt enge Höhlen untersuchen,
+die von Meisen bezogen worden waren und in denen nach dem Ausfliegen
+eines Teiles der Jungen ein anderer Teil tot in ihnen zurückgeblieben war,
+Fälle, die wohl ausnahmslos ihre Erklärung darin finden, daß für die heranwachsenden
+Jungen allmählich der Raum zu enge wurde und die schwächeren
+Vögel dann von den stärkeren erdrückt worden waren. In künstlichen Höhlen
+scheinen sich derartige Fälle, wie ich es mehrfach feststellen konnte und wie
+es mir wiederholt auch von anderer Seite bestätigt worden ist, verhältnismäßig
+oft zu ereignen; die Berlepsche <em class="antiqua">A</em>-Höhle (für Meisen) in ihrer bisherigen
+Form z. B. ist in ihren Innenmaßen entschieden zu klein, und es
+erscheint geradezu unverständlich, daß v. Berlepsch erst jetzt zu einer Überzeugung
+gekommen ist, die Vogelkundige schon seit langem immer wieder
+von neuem ausgesprochen und wiederholt haben. Im fünfzehnten und sechzehnten
+<span class="pagenum" id="Page_74">[74]</span>Jahresbericht seiner Versuchs- und Musterstation schreibt er: »Ich
+habe deshalb seit Herbst 1922 den Nestraum der Höhle <em class="antiqua">A</em> von bisher im
+Durchmesser fünfundachtzig bis fünfundneunzig Millimeter auf hundert bis
+hundertfünfzehn Millimeter erweitern lassen. Hierdurch bietet nun auch diese
+kleinste Höhle ausgiebigst Platz, und so ist kein Grund mehr vorhanden,
+auch für die vielköpfigste Meisenfamilie die kostspieligere <em class="antiqua">B</em>-Flughöhle mit
+<em class="antiqua">A</em>-Flugloch verwenden zu wollen« und fährt dann weiter fort: »Der Fabrik
+Scheid aber ist es erlaubt, ihren Vorrat der <em class="antiqua">A</em>-Höhlen der bisherigen Abmessungen
+auszuverkaufen. Neue <em class="antiqua">A</em>-Höhlen bitte ich dagegen bezüglich dieser
+Nestraumweite einer strengen Kontrolle zu unterziehen.« Kopfschüttelnd
+nur wird man diese Worte lesen können und dem Münchener Ornithologen
+Laubmann beipflichten müssen, der dazu bemerkt: »Ein Kaufmann, der eine
+von ihm feilgebotene Ware als unbrauchbar erkannt hat, sie aber dennoch
+weiter verkauft, ist unreell … Ein solches Vorgehen, das gleichbedeutend
+ist mit »Geld zum Fenster hinauswerfen lassen« (und das auch erkannte
+Gefahren für die die Höhlen benutzenden Vögel bewußt weiter zu erhöhen
+heißt. Der Verf.) ist unverantwortlich, doppelt unverantwortlich in einer
+Zeit, wie die ist, in der wir heute leben müssen.« –</p>
+
+<p>Einen etwas eigenartigen, eine natürliche Höhle betroffenen Unfall hatte
+ich vor Jahren zu beobachten Gelegenheit. Die etwas enge Eingangsöffnung
+dieser, Jahre hindurch von Kohlmeisen benutzten Höhle überwucherte ein Pilz
+(eine Polyporus-Art?) und als einige Wochen später von einem Sturme der
+Stamm über der Höhle geknickt wurde, fand ich in ihr die vertrockneten
+Kadaver von acht jungen und einer alten Kohlmeise; der Pilz hatte wahrscheinlich
+in einer Nacht, in der der alte Vogel schirmend über den noch
+kleinen Jungen gesessen hatte, sich derart entwickelt, daß am Morgen die
+Meise nicht mehr ausfliegen konnte.</p>
+
+<p>Mit der Mitteilung dieser letzten Beobachtung seien meine Ausführungen
+beendet; sie zeigen jedenfalls aufs deutlichste die ungeheure Menge der unsere
+Vogelwelt zur Brutzeit bedrohenden Gefahren, die bereits unter völlig normalen
+Verhältnissen weit, viel weit mehr Vögel vernichten, als es zum Beispiel
+durch den trotzdem aber auch von mir nicht gebilligten und aufs schärfste
+verurteilten und bekämpften ziellosen Abschuß einzelner Vogelarten durch
+unweidmännisch denkende und handelnde Jäger geschieht. Und lediglich über
+die Höhe dieser Verluste nun am Schlusse noch ein paar nüchtern redende
+Zahlen! 1913 gingen in neun Tagen von dreizehn von mir auf dem Rochlitzer
+Berge kontrollierten Nestern (zwei von der Singdrossel, drei von der
+Amsel, je eins vom Hausrotschwanz, Weidenlaubvogel und Buchfink sowie
+vier von der Gartengrasmücke) noch vor dem Ausfliegen der Jungen sieben
+zugrunde und von neun im gleichen Jahre am Sebischteich bei Frohburg
+beobachteten Nestern (zwei vom Rotrückigen Würger, eins vom Hänfling,
+drei von der Garten- und eins von der Dorngrasmücke sowie zwei von der
+Amsel) waren nach Wochenfrist vier Unfällen zum Opfer geworden. Im folgenden
+Jahre notierte ich, wiederum in meiner Rochlitzer Heimat, innerhalb
+<span class="pagenum" id="Page_75">[75]</span>zwei Wochen von sechzehn Nestern sieben zugrunde gegangen. Und das in
+allen drei Fällen an Orten, an denen menschliche Eingriffe kaum in Frage
+kamen. Ähnlich hoch sind auch die Verlustziffern, die ich nach dem Kriege
+in Moritzburg und in der Oberlausitz beobachtet habe, die ich augenblicklich
+aber nicht aus meinen Tagebüchern ausziehen kann. Daß sie trotz ihrer
+scheinbar erschreckenden Höhe dabei aber nicht über das normale Maß hinausgehen,
+bezeugen entsprechende Zahlen eines amerikanischen Vogelkundigen,
+die Erwin Stresemann in den Ornithologischen Monatsberichten (34, 1926,
+S. 148/149) mitteilt. Danach kamen in achtunddreißig Nestern mit hundertsiebenundachtzig
+Eiern nur hundertdrei Eier (= 55%) aus und von den ausgefallenen
+Jungen verließen sechsundsiebzig (= 74%) das Nest. 1925 kamen
+in neununddreißig Nestern von hundertachtundsechzig Eiern hundertvier Eier
+(= 62%) aus, während von den Jungen achtundsechzig (= 65%) das Nest
+verließen. Die Vernichtungsziffer betrug also in der Zeitspanne von der Eiablage
+bis zum Verlassen des Nestes durch die Jungen 1924 59%, 1925
+59,5%. Zu diesen Verlusten kommen dann aber auch noch die gleichfalls
+noch ganz erheblichen, die die flüggen Jungen namentlich in den ersten Tagen
+und Wochen ihres Freilebens betreffen. Sie sind notwendige Erscheinungen
+im Normalkreislauf des Naturgeschehens, werden verhängnisvoll aber dort,
+wo dieser Normalkreislauf erheblich gestört worden ist. Und daher ergibt
+sich für uns die schon oben betonte Pflicht, in unseren Kulturländern mit
+ihrer gewaltigen Unterdrückung der Natur durch die Kultur, alles zu tun,
+was nur irgendwie geeignet ist, Gefahren von der Vogelwelt abzuwenden
+und die Verlustziffern zu verringern.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Die_Elster">
+ Die Elster</h2>
+ <p class="h3">Ein volkstümlicher Bösewicht im schmucken Gewand</p>
+ <p class="center">Von <em class="gesperrt">Martin Braeß</em></p>
+</div>
+
+
+<p>Wer <em class="gesperrt">nur</em> die Frage nach Nutzen und Schaden im Auge hat, der wird
+es nicht verstehen, wenn ich die Männer vom grünen Tuch bitte, der Elster
+gegenüber, wenigstens unter gewissen Umständen, einige Rücksicht walten zu
+lassen. Aber auch der Freund der Natur, der von höherer Warte aus an
+der Vogelwelt seine Freude hat, wird es schwer begreifen, daß ich es über’s
+Herz bringe, ein Wort für die Elster einzulegen, statt ihre Ausrottung zu
+beantragen. Denn gerade dieser Vogel ist <em class="gesperrt">einer der schlimmsten Buschklepper</em>
+unter dem gefiederten Raubgesindel; er durchsucht im Frühjahr
+Bäume und Sträucher in den Feldgehölzen und Obstgärten nach Vogelnestern
+– kein Mitleid, kein Pardon! Gierig zerrt der räuberische Tagedieb das
+hilflose Junge aus dem Nest und stopft es seiner nimmersatten Brut in den
+Rachen, als ob es ein Engerling wäre. Zumal wenn die Elsternkinder flügge
+sind und sich nun auch an dem Räuberhandwerk der Eltern beteiligen, dann
+bleiben in weitem Umkreis nur die verstecktesten Nester verschont. Selbst
+Höhlenbrüter sind nicht immer sicher. Ich habe es gesehen, wie eine Elster
+<span class="pagenum" id="Page_76">[76]</span>vor einem Starenkasten Posto gefaßt hatte und nun trotz allen Schreiens
+und Flatterns der Hausbewohner ein Starenkind unbarmherzig herauszog.</p>
+
+<p>Die Elster verschmäht keinen Bissen, dessen sie habhaft werden, kein Tier,
+das sie bewältigen kann. Wieviele Tragödien mögen sich Jahr für Jahr an
+den Nestern unsrer lieblichen Grasmücken, Drosseln, Finken abspielen; wieviele
+junge Rebhühner und Fasanen mögen in den nimmersatten Rachen des
+schwarz-weißen Strauchdiebs wandern! Aber selbst erwachsene Vögel sind
+vor den Räubern nicht sicher. Ich habe beobachtet, wie zwei Elstern gemeinschaftlich
+auf der Landstraße nach Feldsperlingen und Goldammern jagten
+und zwar mit Erfolg, und daß sie, bisweilen in Gesellschaft von Krähen,
+der Rebhuhnjagd pflegen, wird man gern glauben, wenn man weiß, wie gefährlich
+die Elster auch dem zahmen Federvieh werden kann. Hühner- und
+Entenkücken greift sie an, und wo sie sich sicher fühlt, holt sie wohl auch
+Jungtauben aus den Schlägen; selbst beim Fischdiebstahl hat man die Elster
+ertappt. Daß sie gelegentlich auch auf die Mäusejagd geht, ebenso Kerbtiere,
+Würmer und Schnecken frißt, wollen wir der Gerechtigkeit wegen nicht unerwähnt
+lassen, doch müssen wir sofort hinzufügen, daß die Elster durch ihre
+Vorliebe für Kirschen, Birnen und dergleichen auch dem Obstzüchter lästig wird.</p>
+
+<p>Trotz dieses Sündenregisters bitte ich aus verschiedenen Gründen um
+<em class="gesperrt">etwas Nachsicht</em>. Die Elster gehört nun einmal zu unsrer heimatlichen
+Vogelwelt, und zwar ist sie nicht nur der schönste Vertreter der Rabensippe,
+sondern <em class="gesperrt">eine der prächtigsten Erscheinungen</em> innerhalb der mitteleuropäischen
+Ornis. Freilich, der Farbenreichtum, mit welchem die Natur
+das Gefieder des Eisvogels oder der Mandelkrähe ausgestattet hat, so märchenhaft
+schön, daß man glauben möchte, tropische Vögel vor sich zu haben, fehlt
+dem Kleide der Elster. Ihre Toilette erscheint lediglich schwarz und weiß;
+aber welch reines Weiß und welch tiefes Schwarz! Ich möchte die Wäscherin
+oder Plätterin kennen, die einem Oberhemd solch’ schneeige Weiße geben
+könnte, wie sie die Brust unsers Vogels vom Kropfe bis hinab an den Bauch
+auszeichnet; auch die Schultern sind weiß gefärbt. Und welchen Gegensatz
+bildet hierzu das tiefe Schwarz des übrigen Gefieders, gegen das selbst die
+beste chinesische Tusche matt und grau erscheint! Man beobachte auch die
+Elster, wenn sie niedrig über dem Boden dahinstreicht oder, auf einem Strauch
+sitzend, sich im Gefieder nestelt und ihre Schwingen glättet. Da werden an
+den großen Schwungfedern auch die inneren weißen Fahnen sichtbar, so daß
+der Flügel jetzt längsgestreift erscheint, schwarz und weiß, wie die Decke des
+Zebras, nur tausendmal schöner. Doch den herrlichsten Schmuck des Kleides
+bildet der wunderbare Metallschimmer, der über den größten Teil des Gefieders,
+soweit es schwarz, ausgegossen ist. Hals und Rücken erglänzen blau,
+die Flügel grün, die kleinen Schwungfedern dritter Ordnung goldig oder
+tiefblau oder spangrün. Und dann der lange, keilförmig abgestufte Schwanz!
+Seine Gestalt schon gereicht dem Vogel zum herrlichsten Schmuck; gleich
+einer Schleppe zieht er ihn im Fluge nach sich – das beste Erkennungszeichen
+der Elster auf weite Entfernung. Und hüpft der Vogel am Boden
+<span class="pagenum" id="Page_77">[77]</span>oder fußt er auf einem Ast, so verleiht der Schwanz jeder Seelenstimmung
+seines Besitzers den beredtesten Ausdruck. Dazu der Farbenschmelz gerade
+dieses Schmuckstücks, wie die Palette des Malers ihn nicht wiederzugeben
+vermag: vom Grunde bis zur Mitte blaugrün, dann bis nahe dem Ende
+goldiggrün; nun folgt ein schmaler violetter Querstreifen, und an diesen
+schließt sich die stahlblaue Spitze.</p>
+
+<p>Am besten gefällt mir die <em class="gesperrt">Elster im Winter</em>; da bringt sie Leben
+und Bewegung in das Landschaftsbild. Mit etwas schwerfälligem Flug
+schwingt sie sich auf den Wipfel eines einsamen Baums, lüftet die Flügel,
+wippt mit dem Schwanz und ruft ihr bekanntes »schack, schack!« über die
+beschneite Flur, bald übermütig, bald ängstlich und warnend. Auch im Fluge
+läßt sie oft ihre schackernde Stimme hören, und stört man sie an der Niststelle,
+so will das ängstliche »schackschackschack« gar kein Ende nehmen.
+»Schackelster« nennt sie der Volksmund. So ganz ohne die edle Gabe Apolls
+ist unser Vogel aber doch nicht. Im zeitigen Frühjahr schon beginnt die
+Elster mit ihrem <em class="gesperrt">Gesang</em>, einem geschwätzigen Plaudern, dem auch einige
+pfeifende Töne beigemischt sind. Das ist ihr Liebeslied, an dem sich beide
+Geschlechter beteiligen, am anhaltendsten in den Flitterwochen und fast nur
+in der Nähe ihres kleinen Horstes. Daß sie fremde Laute mit einflechten,
+bedarf kaum der Erwähnung; das treiben alle rabenartigen Vögel so,
+namentlich auch Vetter Markolf, der Eichelhäher. Schon der alte <em class="gesperrt">Geßner</em>
+sagt von der »Aegersten« oder »Azel«, sie verändere stets ihre Stimme,
+»also / dz sy schier alle tag ein andere hat«; sie ahme die Stimme der Zicklein,
+Kälber und Schafe nach, selbst die des Jägers, wie er den Hunden ruft,
+und das Pfeifen des Hirten.</p>
+
+<p>Das <em class="gesperrt">Verbreitungsgebiet der Elster</em> ist sehr groß. Es gibt kein
+Land in Europa, dem sie fehlte; auch das nördliche Asien bewohnt sie bis
+hin zum japanischen Inselreich. Die meisten Elstern habe ich in den Städten
+des Orients angetroffen. Der Türke scheut sich, ihnen ein Leids anzutun,
+und dank der türkischen Wirtschaft sättigt sich der Vogel gleich den herrenlosen
+Hunden auf den belebtesten Straßen. In dieser Beziehung ist mir der
+Blick auf Sarajewo, wie er sich vom Festungsberg aus bietet, unvergeßlich.
+Da war kaum ein Dachfirst, auf dem nicht ein paar Elstern saßen. Viele
+flogen auch durch die Luft und ließen sich dann auf den hohen italienischen
+Pappeln am Ufer der Miljačka nieder, wo sie von ihresgleichen mit heiserem
+Geschrei begrüßt wurden. Auch sonst traf ich den bei uns doch recht scheuen
+Vogel überall innerhalb der minarettgeschmückten Ortschaften an, ein Zeichen,
+wie die Elster dort, wo man sie schont, die Nähe des Menschen mit Vorliebe
+aufsucht. In <em class="gesperrt">Deutschland</em> findet sie sich fast überall, allerdings in manchen
+Gegenden recht häufig, in anderen nur vereinzelt. Im allgemeinen aber
+scheint ihr Bestand, wenigstens in Mitteldeutschland, in den letzten Jahrzehnten
+stark <em class="gesperrt">zurückgegangen</em> zu sein, wohl infolge der Nachstellungen,
+denen die Raubgesellen mit Recht ausgesetzt sind. Das gilt z. B. von unserer
+Dresdner Umgebung. Am Rande der Dresdner Heide, am Blasewitzer Elbufer,
+<span class="pagenum" id="Page_78">[78]</span>in der Gegend von Pillnitz und Pirna, auch elbabwärts nach Meißen
+zu noch vor wenig Jahren eine alltägliche Erscheinung, begegnet man heute
+der Elster viel seltener, obgleich sie nirgends völlig fehlt. In noch erhöhtem
+Maße gilt dies vom Leipziger Gebiet. So schreibt <em class="gesperrt">Richard Schlegel</em> in
+den Mitteilungen, Band XV., S. 347: »Auch unsere schmucke, einst in Stadtnähe
+brütende Elster ist selten geworden und scheinbar noch völliger Vernichtung
+preisgegeben; schade um den reizenden Burschen. Mir ist sie unter
+solchen Umständen auch als Weidmann heilig.« Ich wünschte, daß diese Worte
+überall dort Gehör fänden, wo die Elster heute nur noch <em class="gesperrt">vereinzelt</em>
+auftritt.</p>
+
+<p>Sie gehört in Sachsen zu den <em class="gesperrt">jagdbaren Vögeln</em>, denen das Gesetz
+allerdings keine Schonzeit zugebilligt hat, während sie z. B. in Preußen
+»vogelfrei« ist, demnach von jedermann gefangen, getötet oder ihrer Eier
+beraubt werden darf. Ich wende mich also an den <em class="gesperrt">Forstmann</em> und den
+<em class="gesperrt">Jagdberechtigten</em>, die in Sachsen <em class="gesperrt">allein</em> ein Anrecht auf die Elster und
+ihren Horst haben, mit der Bitte, dort wo der schmucke Vogel nur vereinzelt
+auftritt, unter Umständen einmal Gnade für Recht walten zu lassen. Und
+zwar veranlaßt mich hierzu nicht nur die Schönheit der Elster, ihr Prachtgewand
+und ihre ganze elegante Erscheinung, sowie die ästhetische Bedeutung
+namentlich für das winterliche Landschaftsbild, sondern auch die <em class="gesperrt">Volkstümlichkeit</em>,
+deren sich die Elster in deutschen Landen überall erfreut.
+Es ist besonders schmerzlich, wenn man sieht, wie gerade so viele volkstümliche
+Tiere, um die unsre Altvordern einen reichen Kranz von Märchen,
+Sagen, abergläubischen Vorstellungen gewunden haben, immer mehr aus
+unserer Heimat schwinden. Wir wollen in folgendem einiges anführen,
+<em class="gesperrt">was sich das Volk von der Elster erzählt</em>.</p>
+
+<p>Im <em class="gesperrt">Aberglauben</em> spielt sie eine hervorragende Rolle, dem Raben
+und der Krähe ähnlich, und sie verdankt diesem Umstande bald besonderen
+Schutz, bald schonungslose Verfolgung. Die Elster ist ein <em class="gesperrt">Hexentier</em>, das
+heißt ein Vogel, in den sich die Hexen gern verwandeln; diese benutzen neben
+Ofen- und Heugabeln, Deichseln, Butterfässern, Dreibeinen, Kochlöffeln usw.
+auch Elsternschwänze, wenn sie in der Walpurgisnacht durch die Luft reiten.
+Weil die Elster verflucht ist, sagt man im Oldenburgischen, muß sie sich erst
+neunmal an einem Zweige aufhängen, ehe sie ein Ei legen kann, und weiter
+heißt es, wenn man in die Rinde ihres Horstbaums ein Kreuz schneidet,
+das Sinnbild des Christentums, so verläßt die Elster ihre Brutstätte; man
+hat damit die Hexe vertrieben. Mit diesem Glauben an die dämonische
+Natur der Elster hängt auch der in Tirol, Thüringen, Sachsen, Oldenburg
+und anderwärts geübte Gebrauch zusammen, eine Elster mit ausgebreiteten
+Flügeln an die Türe des Viehstalls zu nageln, um dessen Bewohner vor
+Zauber zu schützen. Gewiß soll das gekreuzigte Hexentier die Gespenster
+abschrecken, indem es ihnen meldet, wie unsanft der Hofbesitzer solch nächtliches
+Gelichter behandelt, das sich seinem Gute nähert. Andere wollen durch
+die angenagelte Elster die Fliegen vom Vieh abwehren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_79">[79]</span></p>
+
+<p>Unter solchen Umständen gilt die Elster, ähnlich wie die Eule, als
+<em class="gesperrt">Unglücksbotin</em>. Zank und Streit verkündet sie dem Hause, in dessen
+Nähe sie schackert, und setzt sie sich gar auf das Dach, so stirbt in drei Tagen
+ein Bewohner. Fliegt sie quer über das Dorf, so zeigt sie in der Wetterau
+ein Leichenbegängnis an, Krieg aber, wenn sie haufenweise erscheint. Hört
+man eine Elster auf der Reise, ohne sie zu sehen, so bedeutet das schlimme
+Gesellschaft; läuft sie einem aber gar über den Weg, so ist es besser umzukehren,
+denn es droht Unglück. Vielfach gilt es als eine frevelnde Herausforderung
+des Schicksals, eine Elster zu schießen oder ihren Horst zu zerstören,
+z. B. in der Lausitz, auch in Norddeutschland, und nur dann ist es keine
+Sünde, den Vogel zu töten, wenn man seiner zur Heilung von Krankheiten
+bedarf.</p>
+
+<p>In der alten <em class="antiqua">materia medica</em> spukt die Elster vielfach herum; ja noch
+heute lebt der Glaube an ihre <em class="gesperrt">heilende Kraft</em> in unserm Volke fort.
+Namentlich bei Augenkrankheiten und bei Epilepsie leisteten die Elstern vortreffliche
+Dienste. Das scharfe Gesicht des Vogels, der so lüstern auf blitzende
+Gegenstände ist, daß er nicht selten zum Dieb wird, diente wohl den alten
+<em class="antiqua">medicis</em> als »Signatur«. Man brannte die Elster zu Asche, indem man sie
+in wohlverschlossenem Gefäß der Glut aussetzte; die Asche pulverte man und
+rührte sie mit Fenchelwasser an oder bereitete eine Augensalbe daraus. Aus
+jungen Elstern destillierte man auch ein berühmtes Wasser, »<em class="antiqua">aqua picarum</em>«,
+das die Röte von den Augen nahm, zugleich aber auch sonst bei verschiedenen
+Gebrechen gute Dienste leistete. Wer <em class="gesperrt">Kügelgens</em> »Jugenderinnerungen
+eines alten Mannes« gelesen hat, der wird sich mit Vergnügen des originellen
+Pfarrherrn <em class="gesperrt">Roller</em> zu Lausa erinnern, der alljährlich an die hundert Elstern
+im Backofen verkohlte und das so gewonnene schwarze Pulver als Medizin weithin
+versandte, nachdem er es an seinem Bruder ausprobiert hatte. Dieser litt
+an epileptischen Krämpfen; nach ein paar Monaten war er geheilt. Von
+seinen Patienten verlangte Roller übrigens nichts anderes, als einen gewissenhaften
+Bericht, wie die Medizin bekommen sei. Noch heute gilt »gebrannte
+Elster« hie und da als volkstümliches Mittel gegen die »fallende
+Sucht«. Allerdings, so meinen manche, müßten die Vögel »in den Zwölfen«,
+das ist zwischen Weihnachten und Heiligdreikönig, geschossen sein; denn nur
+um diese Zeit habe die Natur ihre ganze Kraft zusammen. Vielleicht glaubte
+man, daß die Elster selbst mit der »schweren Krankheit« behaftet sei und
+deshalb ein Heilmittel biete nach dem Grundsatz »Gleiches durch Gleiches«.
+Ob das unruhige, allzeit quecksilberne Wesen der Elster die Veranlassung
+gewesen, bei ihr epileptische Zustände vorauszusetzen, oder ob nicht der einzige
+Grund der ist, daß Veitstanz und Fallsucht vom Volk für Krankheiten
+gehalten wurden, mit welchen dämonische Mächte den Menschen heimsuchen,
+weiß ich freilich nicht.</p>
+
+<p>In einer Menge von sprichwörtlichen Redensarten macht sich unser Volk
+über die <em class="gesperrt">Schwatzhaftigkeit</em> der Elster lustig, über ihr inhaltleeres, verständnisloses
+Nachplappern. Da sagt man: »So lange die Elstern schwatzen,
+<span class="pagenum" id="Page_80">[80]</span>singen die Schwäne nicht«, das heißt, wo unwissende Schwätzer sich breit
+machen, schweigen die Verständigen. »Er hat von der Elster gegessen«, sagt
+man dem seichten Schwätzer nach; auch läßt die Fabel Elster und Nachtigall
+wettsingen zur Belustigung aller Tiere des Waldes, während im Märchen
+die Elster mit den Worten begrüßt wird: »Frau Elster, hat sie Plapperwasser
+getrunken?« <em class="gesperrt">Hans Sachs</em> verspottet die schwatzhaften Dummköpfe mit folgenden
+Worten:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»bei jedermann an allen Orten</div>
+ <div class="verse indent0">konnten sie von der Weisheit schwetzen,</div>
+ <div class="verse indent0">gleichwie die Elstern und die Hetzen« (Häher).</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Auch auf die Ankunft von Gästen weiß das Volk der Elstern Geschwätz
+zu deuten: »Ich habe die Elster vernommen – es werden Gäste kommen«,
+oder man schließt aus ihrem Plappern auf anhaltend schönes Wetter. Man
+denke auch daran, daß jung dem Horst entnommene Elstern Worte und ganze
+Sätzchen nachzuplappern lernen. Schon <em class="gesperrt">Plinius</em> weiß davon. »Die Elster,«
+sagt er, »ist weniger berühmt als der Papagei, weil sie nicht ausländisch
+ist, spricht aber noch ausdrucksvoller. Die Worte, die sie spricht, hat sie
+ordentlich lieb.« Auch der römische Dichter <em class="gesperrt">Martial</em>, der »Verwegene«,
+wie ihn Goethe nennt, erwähnt die Elster in folgendem Epigramm:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Deutlich begrüße ich dich mit ›Herr‹, ich schwatzhafte Elster;</div>
+ <div class="verse indent0">Sieht man mich nicht, wer glaubt’s, daß nur ein Vogel ich sei!«</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p><em class="gesperrt">Ovid</em> erzählt, wie die neun Töchter des Königs Pieros in »allnachahmende
+Elstern« verwandelt wurden, weil sie die Musen geschmäht hatten.</p>
+
+<p>Eine christliche Sage knüpft an den Erlösertod des Heilands an; sie
+berichtet, unter allen Vögeln seien die Elstern die einzigen gewesen, die beim
+Verscheiden Christi nicht getrauert, sondern gespottet und gelacht hätten;
+zur Strafe müßten sie nun zeitlebens ihr unschönes »Schackern« hören lassen.</p>
+
+<p>Auch <em class="gesperrt">diebisch</em> heißt der Volksmund die Elster, nicht ohne Berechtigung.
+Auffallende, glitzernde Gegenstände erregen die Aufmerksamkeit unsers Vogels
+in hohem Grade; er verschleppt solche Dinge gern in irgendeinen Winkel
+oder in seinen Horst. Ich weiß einen Fall, wo ein Elsternnest folgendes
+Stilleben aufwies: siebenundzwanzig blanke Knöpfe, fünfzehn farbige Glasscherben,
+viele bunte und glänzende Steinchen, acht Nickel- und Kupfermünzen,
+ein Trompetenmundstück und eine Brille. Die Redensart: »stehlen wie eine
+Elster« hat also ihre Begründung.</p>
+
+<p>Es ist wenig Erfreuliches, was das Volk von der Elster erzählt, aber daß
+es so viel von ihr berichtet, ist doch ein Beweis für ihre <em class="gesperrt">Volkstümlichkeit</em>.
+Dieser Umstand gibt mir eine gewisse Berechtigung zu der Bitte, der Elster nicht
+gerade den Vernichtungskrieg zu erklären. Man schieße zwei oder drei Nebel-
+bzw. Rabenkrähen mehr ab, aber schone das Elsternpaar, wenn es das letzte
+im Revier ist – volkswirtschaftlich wird es auf eins herauskommen.</p>
+
+
+<p class="center p2 s90">
+Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden<br>
+Photographische Platten »Perutz« – Photographische Aufnahmen: Max Nowak – Auflage 50 000<br>
+Diesem Hefte liegt eine Ankündigung der Dürr’schen Buchhandlung, Leipzig, bei, die wir der Beachtung empfehlen.
+</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+ <p class="h2">Einbanddecken</p>
+
+<p class="center">Jahrgang 1926 (Band XV)
+ <br>
+ in Leinen <b>Mark 1.50</b>
+ <br>
+ und 30 Pfg. Postgeld und Verpackung
+ </p>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<p class="h3 p2">Besucht unser</p>
+
+<p class="h2">Erholungsheim Bienhof</p>
+
+<p class="center larger">bei Gottleuba</p>
+
+<p class="center">in herrlichster, nervenberuhigender Lage unweit<br>
+unserer Naturschutzgebiete <em class="gesperrt">Sattelbergwiesen</em></p>
+
+<p class="center p2">Preis für das Bett 75 Pfg. die Nacht in Einzelzimmern</p>
+
+<p class="center">Gute Verpflegung täglich M. 3.50</p>
+
+<p class="center">Anmeldungen an unsere</p>
+
+<p class="h3">Geschäftsstelle, Dresden-A.</p>
+
+<p class="center">Schießgasse 24</p>
+
+<p class="center">(Für die Sommerferien erbitten wir umgehende Bestellung!)</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+ <p class="h2">3. Zwingerlotterie</p>
+
+<p class="center">zur Erhaltung<br>
+des weltberühmten Dresdner Zwingers</p>
+
+<p class="center"><b>Geldgewinne RM 160 000</b></p>
+
+<p class="h2">Los RM 1.—</p>
+</div>
+
+<p class="h2">
+Ziehung bestimmt<br>
+9. und 11. April
+</p>
+<p class="center larger">Lose<br>
+bei allen Kollekteuren
+</p>
+
+
+<p class="center p2 s90">Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-N.</p>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77607 ***</div>
+</body>
+</html>
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